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Geschichte und historische Bedeutung der Kirche San Niclà
Kirche San Niclà, Gemeinde Valsot
1. Zur Entstehungs- und Baugeschichte
Die Fraktion San Niclà mit seiner eindrucksvollen Kirche gehört zur Gemeinde Valsot. Sie liegt gegenüber Strada auf der rechten Seite des Inn, unmittelbar neben dem Auenwald Ischla da Strada, ein wertvolles Naturschutzgebiet mit vielen verschiedenen Vogel-, Amphibien- und Insektenarten. Die romanische Kirche wurde dem Sankt Nikolaus geweiht. Von Nikolaus wissen wir, dass er um das Jahr 270 in Patras in Kleinasien geboren wurde und Bischof von Myra war. Sein Vater soll Euphemius und seine Mutter Anna geheissen haben. Er war ihr einziges Kind und viele Jahre nach ihrer Hochzeit zur Welt gekommen. Sie nannten ihn Nikolaus. Das bedeutet „Sieg des Volkes“. Er wurde von seinen christlichen Eltern auf gute Schulen geschickt und zum Priester ausgebildet. Als seine Eltern starben, hinterliessen sie ihrem Sohn ein grosses Vermögen.
Als Niklaus Bischoff von Myra war, lebte in seiner Nachbarschaft ein verarmter Edelmann. Dieser hatte drei Töchter. Weil er ihnen aber keine Mitgift geben konnte, war niemand bereit, sie zu heiraten. In der Verzweiflung dachte der Vater, es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als sie wie Bettlerinnen auf die Strasse zu schicken. Niklaus der von der Not der Familie hörte, empfand Mitleid und beschloss, ihnen auf seine Weise zu helfen. Eines Abends fand die ältere Tochter einen Beutel voller Goldstücke in ihrer Schlafkammer. Niklaus hatte ihr die Gabe durch das offene Fenster geworfen. Nun konnte sie sich eine Aussteuer kaufen und Hochzeit feiern. Einige Tage später fand das zweitälteste Mädchen das gleiche Geschenk vor ihrem Bett. „Wer mag uns gerettet haben?“ fragte sich der Vater. Neugierig geworden, passte er von jetzt an gut auf. Als nun Nikolaus auch sein jüngstes Kind heimlich bescheren wollte, erkannte er ihn. Dankbar fiel er vor ihm auf die Knie, um seine Füsse zu küssen. Niklaus verwehrte es ihm erschrocken. „Verrate niemanden, wer dir geholfen hat“, bat er. Und als der Edelmann verwundert schwieg, fuhr er fort: „Nicht mir, sondern dem lieben Gott sollst du danken. Ich bin nur sein Vertreter.“
Ein Schiff war in Seenot geraten. Da riefen die Matrosen in ihrer Todesangst: „Heiliger Nikolaus, wir haben von dir so viel Gutes gehört. Hilf uns.“ Kaum hatten sie diese Worte ausgesprochen, stand ein Fremder auf dem Deck und sagte: „Ihr ruft mich. Hier bin ich.“ Er nahm das Steuer in die Hand und führte das Schiff sicher durch die Wellen. Erst als der Sturm sich gelegt hatte, verschwand er wieder. Als die Seeleute wohlbehalten im Hafen von Bari angekommen waren, eilten sie in die Kirche, um Nikolaus für das Wunder zu danken. In der Kirche von Bari lagen die Reliquien des Heiligen. Die Männer knieten vor seinem Grab nieder und fingen an zu beten. Da hörten sie abermals eine Stimme, die sagte: „Nicht ich, sondern eurer Gott hat euch geholfen“.
Niklaus starb um 350. Erst nach seinem Tod wurde offenbar, wieviel Gutes er getan hatte. Um seine Gestalt bildeten sich viele Legenden, zuerst in Griechenland und im Süden Italiens. Im Frühling des Jahres 1087 wurden die Reliquien des Heiligen von Myra na Bari gebracht. Die Leute von Bari feiern ihn jeweils am 9. Mai mit einem grossen Fest. Von Italien aus kamen die Geschichten um Nikolaus zu uns in den Norden. Viele Kirchen bekamen seinen Namen. Auch die Kirche von San Niclà wurde dem Heiligen Niklaus geweiht. Klaus-jagden, Umzüge und andere Niklaus-bräuche sind bis auf den heutigen Tag erhalten. Wenn der Niklaus um den 6. Dezember herum im Bischoffs-gewand mit seinem Knecht Ruprecht durch die Strassen zieht, ist er für die Kinder wieder lebendig geworden.
Die Kirche mit halbrundem Chor wurde im späten 12. Jahrhundert gebaut. Die Bauform der Kirche, weist in die romanische Zeit. Auch im Buch „DESCRIPZIUN TOPOGRAFICA DA LA REZIA ALPINA (1573)“ von Durich Chiampell wird auf Seite 39 auf die Zugehörigkeit von einer Kapelle San Niclà geschrieben, die zur Kirche von Ramosch gehörte. Der Turm wurde zu einem späteren Zeitpunkt an der Süd-Westfront angebaut. Er weist unregelmässiges Mauerwerk mit Kellenfugen auf. Im vierten und im obersten Geschoss öffnen sich nach jeder Richtung gekuppelte rundbogige Fenster, z. T. mit gefassten Teilstützen. Das gekuppelte Rundbogenfenster der Nordseite ist aus der Achse verschoben. Auch das Mauerwerk des obersten Geschosses ist anders strukturiert als der untere Teil, was auf eine nachträgliche Erhöhung des Turmes deutet.
San Niclà liegt an einer uralten Strasse, wo der Inn zuerst durch eine Furt und, wahrscheinlich schon sehr früh im Mittelalter, über eine Brücke überquert werden konnte. Dass noch im ausgehenden Mittelalter der Talweg von Ramosch über Raschvella nach San Niclà führte, beweist die stark beschädigte Monumentaldarstellung des St. Christophorus (Schutzheiliger aller Reisenden) in kurzem, roten Wams und gelben Mantel, das Kind auf der linken Schulter tragend (Oberitalienisch oder südtirolisch; um 1500 erstellt). Links davon zwei Wappen, das eine (Torturm) vielleicht à Porta, das andere von Matsch. Rechts Reste eines Bildes des St. Antonius, Abt in bläulichem Gewand. Es wurde den Reisenden nur sichtbar, wenn sie diesen rechtsseitigen Talweg über Raschvella benutzten.
Als etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts der linksseitige Talweg durch Plattamala gebaut wurde, verlor die Kirche von San Niclà ihre regionale Bedeutung. Als Folge davon, wurde die Kirche profaniert und über Jahre als Bauernhaus benutzt. Der nachfolgende Auszug aus dem "Anzeiger für schweizerische Altertumskunde" (Quelle: J. R. Rahn, ASA. 1876, S. 717) widerspiegelt die Situation und der Zustand der Kirche im Jahre 1874. Auch Erwin Pöschel weist auf die gleiche Quelle hin und erwähnt, dass die Kirche etwa seit dem Jahre 1840 nicht mehr in kirchlichem Gebrauch und als bäuerliche Behausung benützt wurde.
"Schleins, Unterengadin. Die weit unterhalb des Bergdorfes auf dem anderen (rechten) Innufer wenig oberhalb Strada gelegene Kirche S. Nicolaus ist heute in ein Bauernhaus verwandelt. An der S.-W.-Ecke des Schiffes, und theilweise in dasselbe hineingebaut, steht der schmucklose roman. Thurm, in den beiden oberen Geschossen mit je zwei gekuppelten Rundbogenfenstern versehen und mit einem niedrigen Zeltdache bedeckt. Die halbrunde Apsis an der Ostseite ist zum Theil zerstört und jetzt mit einem Satteldach versehen. 1874."
Dass die Kirche San Niclà aber mindestens bis zum Bau der Kirche von Strada (1750) benutzt wurde, beweist das im Jahre 1718 eingebaute, noch gut erhaltene Tonnengewölbes des Schiffes und die Veränderung der Fenster (siehe die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, von Erwin Pöschel, Band III S. 467 ff.). Das eingezogene Schiffsgewölbe (Datum über dem Scheitel der Apsis) hat die Form einer durch Gurt geteilten, auf Vorlagen ruhenden Tonne. Der ursprüngliche Bestand war trotz des profanen Umbaus noch deutlich zu erkennen. An ein ehemals sicher flach mit Holz gedecktes Schiff schloss sich gegen Nordosten die halbrunde, überwölbte Apsis, die von der Scheunentür durchbrochen war. In der Apsis befindet sich eine Nische die auf ein vermauertes Schmalfenster gegen Osten hindeutet. In den Langseiten des Schiffes sind, gegen Norden zwei, gegen Süden ein Fenster mit barock geschweiften Leibungen und auch gegen Süden eine Runde Nische für die Kanzel vorhanden.
Um zu verhindern, dass die Kirche zu einem Ferienhaus oder etwas ähnlichem umgestaltet würde, gründeten einige initiative Leute aus der Region im Jahre 1982 die Stiftung pro Baselgia San Niclà, mit dem Ziel, die Kirche in ihrem ursprünglichen Zustand zu versetzen und zu erhalten. Seit 1987 organisiert der Verein „Center cultural Baselgia San Niclà“ im Auftrag der Stiftung dort regelmässig kulturelle Veranstaltungen durch. Alternierend mit der Fraktion Tschlin organisiert der Verein „Bun Tschlin“ im Herbst auch ein Markt in San Niclà.
Das gesetzte Ziel wurde erreicht und es freut uns ganz besonders, dass seit 1987 in San Niclà regelmässig kirchliche wie auch kulturelle Veranstaltungen aller Art stattfinden.
WP_20150909_001 (2) (Foto: Fundaziun Baselgia San Niclà): Ostfassade mit beschädigter Apsis
P5087220 (Foto: Fundaziun Baselgia San Niclà)
Bild Ruedi Mauch (Foto: Fundaziun Baselgia San Niclà)