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Von «Utopia» zum Grundeinkommen. Ein Treffen mit dem Philosophen Philip Kovce
Schöne ferne Welt
Erik Ebneter, Basler Zeitung
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«Philip Kovce weiss, wo er sitzen will. «Ich zeige Ihnen jetzt den besten Platz hier.» Wir stehen im Unternehmen Mitte, einem Kaffeehaus in Basel, und Kovce zeigt auf zwei Stühle in der Fluchtlinie des Eingangs. Er erinnert in diesem Moment ein wenig an Sheldon Cooper, den genialischen jungen Physiker aus der amerikanischen Fernsehserie «The Big Bang Theory», der immer erst berechnen muss, welcher der beste Platz im Raum ist. «Big Bang Theory? Ich weiss, dass es die Serie gibt, habe sie aber nie gesehen», sagt Kovce. Der Philosoph, so könnte man sagen, ist ein Mensch, der viel weiss und wenig kennt.»
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«Der Unternehmer Daniel Häni, der ehemalige Vizekanzler Oswald Sigg und der Philosoph Philip Kovce sind die Promoter der Initiative. Ihre Rollenteilung wirkt, als hätte Johann Heinrich Pestalozzi sie erdacht: Häni ist die Hand, Sigg das Herz, Kovce das Hirn der Kampagne. Häni flutet den Bundesplatz mit Fünfräpplern, Sigg redet mit Beamten und Politikern, Kovce liefert den intellektuellen Überbau.
Dieser Überbau ist in luftigen Höhen errichtet worden. Im Herbst 2015 haben Kovce und Häni ein Buch zum Grundeinkommen publiziert, darin findet sich unter anderem ein Zitat des Schriftstellers Adolf Muschg. Er sagt: «Das Abendland hat mit der Frageform des Sokrates angefangen.» Und: «Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Erleichterung der Bereitschaft zu einem neuen Fragezeitalter.» Und: «Es ist eine Fantasie und Vorstellungsmitgift, die neue Antworten ermöglicht.»
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«Wir sitzen am besten Platz im Unternehmen Mitte, trinken Cola, Saft und Kaffee, und Kovce erklärt, warum das Grundeinkommen eine Idee sei, deren Zeit gekommen ist. Er verfolgt dabei zwei Argumentationsmuster: hier normativ (oder moralisch), dort deskriptiv (oder prag matisch). Das moralische Argument besagt, dass sich eine liberale Überflussgesellschaft ein bedingungsloses Grundeinkommen leisten muss, um dem Einzelnen ein grösstmögliches Mass an Freiheit zu garantieren. Das pragmatische Argument besagt, dass Automatisierung und Rationalisierung der Wirtschaft eine gigantische strukturelle Arbeitslosigkeit zur Folge haben werden, die ein Grundeinkommen nötig macht, sofern man eine Massenverelendung verhindern will. Klingt das gross? Soll es auch! Im Buch heisst es: «Das bedingungslose Grundeinkommen fordert einen Systemwechsel im Kopf.» Kovce ist ein Agent dieses Systemwechsels, aber er hört es nicht so gern. Als politischer Aktivist formuliert er eindeutige Sätze, als philosophischer Debattierer überführt er diese Sätze in ein dialektisches Ungefähr.»
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«Die Initianten des Grundeinkommens wollen die Gesellschaft dem Zwang der Freiheit aussetzen: Was tun? Dass der kreative Imperativ unserer Zeit, wie er hier und dort beklagt wird, unter solchen Bedingungen stärker und stärker würde, ist eine mögliche Prognose, aber vorerst eine überflüssige.
Die Abstimmung wird ein Nein ergeben (ein Ja wäre die grösste Sensation seit Einführung des Initiativrechts im Jahr 1891). Philip Kovce bekümmert es nicht: «Wir werden am 5. Juni gewinnen», sagt er, «aber nicht die Mehrheit.» Die harte Währung ist für ihn Aufmerksamkeit. Die Idee des Grundeinkommens soll nun in die Gesellschaft sickern. Das ist tatsächlich kein utopisches Ziel. Der Schriftsteller Oscar Wilde schrieb: «Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre es nicht wert, dass man einen Blick auf sie wirft, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet.» Das Buch des Philosophen Philip Kovce zum Grundeinkommen ist inzwischen auf Englisch erschienen, es folgen Ausgaben auf Französisch und Koreanisch. Seine Entdeckungsfahrt hat eben erst begonnen.»
«Was fehlt, wenn alles da ist?»
Daniel Häni und Philip Kovce,
Orell Füssli Verlag, 3. Auflage 2016,
192 Seiten, ca. Fr. 19.90.