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Vor zwei Jahren liess sie sich ihre rostroten Locken radikal abscheren. Nicht etwa, weil sie das schöner oder praktischer fand – sie wollte ein Zeichen setzen gegen den den Klimawandel. So ist sie und so war sie: Eine, die nicht nur schöne Kleider machen will, sich auch für den Rest der Welt brennend interessiert.
Sie kämpfte für indigene Völker, hat Pelze aus ihren Kollektionen verbannt, sie machte sich stark für Assange und Wikileaks, und ihre Laufstegpräsentationen sind immer auch politische Statements. Die Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2008 etwa nannte sie «56» aus Protest gegen die Initiative von Premierminister Gordon Brown. Der wollte die Zeit, während der Verdächtige ohne Anklage inhaftiert werden können, auf 56 Tage erhöhen.
Zunächst aber war sie ein typisches Working Class Girl, die Mutter arbeitete als Weberin in der Baumwollspinnerei in Westwoods Geburtsort Glossup, einem Kaff in Mittelengland, der Vater entstammte einer Schuhmacherfamilie. Nach einem Abstecher an die Harrow Art School wurde Westwood Primalehrerin. Die erste, 1962 geschlossene Ehe mit einem Werkzeugmacher war nach drei Jahren geschieden. Sohn Benjamin «Ben» Arthur blieb bei ihr.
Noch als Lehrerin lernte sie Malcolm McLaren kennen (gestorben 2010), den Künstler und späteren «Godfather of Punk». Der brillante Kopf faszinierte sie, sie bekam mit ihm einen weiteren Sohn, Joseph Ferdinand Corré (der Gründer des Dessous-Labels Agent Provocateur). Die Kleidung für die Buben schneiderte Westwood selbst.
Mit McLaren gründete sie 1971 ihre erste Boutique. «Let it rock at Paradise Garage». Die Shops wurden immer wieder umbenannt, Ende 1974 änderte man den Namen in «Sex» und verkaufte Erotikwäsche und S&M-Artikel. Zu der Zeit übernahm McLaren das Management der Punkband «The Sex Pistols». Das Paar erfand die Punkmode mit Stachelhalsbändern, Sicherheitsnadeln und Löchern in den Klamotten. 1983 trennten sich Westwood und McLaren.
Heute hasst sie es, wenn man sie als «Queen of Punk» bezeichnet. Denn auch wenn vor 40 Jahren die Sex-Pistols, «Anarchy in the UK» grölend, dem Establishment den Stinkefinger zeigten – im oberen Segment der Gesellschaft reüssierte die kreative Querdenkerin schnell. Sie entwarf am Wiener Burgtheater für die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht die Kostüme. Lehrte Modedesign an der Universität der Künste Berlin. Neben Teegeschirr für Wedgwood entwarf sie Swatch-Uhren und lancierte ihre Duftmarken «Boudoir» und «Libertine». Das Fachblatt Women's Wear Daily wählte sie neben Yves Saint Laurent, Emanuel Ungaro, Giorgio Armani, Karl Lagerfeld und Christian Lacroix zu einem der sechs wichtigsten Modemacher unserer Zeit. Ach ja, und die Queen ernannte sie zur «Dame», ein Ritterschlag.
Ihren Stil erkennt auch der Laie auf Anhieb: Kostüme mit Schösschen, die an höfische Mode erinnern, ein exzentrischer Mix aus Farb- und Webmustern, manchmal etwas frivol mit hochgeschnürten Korsagen, betonten Hüften und schwindelnd hohen Plateauschuhen, die sie auch selbst noch trägt. Auch im Privatleben macht sie nicht, was die meisten anderen tun. Sie hasst Kino und Fernsehen, liest stattdessen kluge Bücher wie Aldous Huxleys «Brave New World» oder werkelt im Garten. Der ist jetzt grösser als früher. Noch 1993 wohnte sie in einer Sozialwohnung, bis ihr jetziger Mann Andreas Kronthaler, ein bärtiger Tiroler und 25 Jahre jünger, sie dazu animierte umzuziehen in ein 300 Jahre altes Anwesen im Queen Anne Style.Publiziert am 08.04.2016 | Aktualisiert am 08.04.2016