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Von Hildebrand spricht von zwei Urmodi, also zwei ursprüngliche Formen, der geistigen Berührung, die sich auf verschiedenen Stufen entwickeln können: die Ich-Du-Berührung und die Wir-Berührung.
Wenn die geistige Berührung auf der Ebene der sozialen Akte stattfindet, kommt es normalerweise zu einer Interaktion: Wenn ich jemandem eine Frage stelle, ihm etwas verspreche, ihn um etwas bitte, der andere geht darauf ein – antwortend, hörend, auf jeden Fall reagierend -, denn er ist nicht nur Objekt meiner intentionalen Haltung, sondern selber ein mir gegenüber stehendes Subjekt. Bei solchen Akten „nehme ich den anderen als Subjekt in Anspruch“, d.h. als jemanden und nicht etwas, der sich genauso wie ich in ‚geistigen Räumen‘ bewegt. Nach Hildebrand entsteht also, durch diese Art der Berührung, ein Raum, den er interpersonalen Raum[iii] bezeichnet. Aber weil wir mit mehreren Menschen in einer Beziehung stehen, leben wir in genauso viele Räumen und sie sind, im Blick auf die Außenwelt, keine abgeschlossenen Gebilde, sondern bilden etwas wie die Zimmer eines Hauses, in dem sich die Person allein aufhalten kann oder eben gemeinsam mit anderen Personen, denen sie Zutritt gewährt. Mit anderen Worten: Der geistige Raum ist der Ort, wo Begegnung, Berührung, Beziehung stattfinden kann. Ohne diesen Ort wäre der Mensch nur eine ‚Welt-für-sich‘ und würde sich von anderen Lebewesen nicht mehr so sehr unterscheiden. Die Räume dieses Hauses stellen die unterschiedlichen interpersonalen Räume dar, wie der Innenraum des Liebespaares, oder die interpersonalen Räume der Familie, der Freundschaft, des Milieus usw.
In der Liebe, eine bestimmte und einzigartige Beziehung zum anderen aufgrund der tiefsten Hingabe an den anderen, macht der Mensch die größte erlebbare Erfahrung der menschlichen Transzendenz, speziell wenn Liebe dem anderen verlautbart wird und er sie bewusst aufnimmt. In diesem Fall muss der andere nicht nur Kenntnis nehmen von der Intention, sondern wirklich vom Inhalt der Stellungnahme getroffen werden. Durch diese Verlautbarung können bestimmte Beziehungen entstehen, die das Leben einer Person gänzlich verändern. Der andere kann nämlich von meinen verlautbarten Gefühlen nur Kenntnis nehmen, ohne davon wirklich berührt zu werden beziehungsweise ohne sie aufzunehmen, so als ob es sich um eine bloße Mitteilung handeln würde. Oder er kann auf meine Stellungnahme eingehen, indem er die verlautbarten Gefühle voll annimmt und mit ihnen meine ganze Person. Deswegen geschieht im Akt der Verlautbarung nach meiner Auffassung eine Art unwiderruflicher Entblößung des eigenen Ichs, die uns ganz in die Hände des anderen ausliefert[iv]. Egal wie er/sie reagiert, immer wird mein Leben eine Veränderung haben und einen neuen Kurs nehmen, denn auch die Enttäuschung einer Zurückweisung kommt an mir nicht einfach vorbei, ohne mein Leben samt aller ihr zugehörigen Beziehungen zu beeinflussen. Warum das? Weil, wie Hildebrand erkläret, „jeder Mensch hat ein ‚Eigenleben‘ im Sinne aller der Inhalte, die sich auf ihn, auf seine ‚Angelegenheiten‘ und insbesondere auf sein Glück beziehen. In diesem Sinne […] bezieht sich das nur auf diejenigen Dinge, die ihn als individuelle Person in besonderer Weise angehen.“[v] Zum Eigenleben gehören all die Dinge, die uns sehr wichtig sind, die wir lieben, alles, was uns persönlich angeht und betrifft. Wenn der Mensch liebt überschreitet er sein Eigenleben und gerade in diesem Akt des Überschreitens des Eigenlebens – gegen alle individualistischen Positionen – kann sich er am meisten verwirklichen als das bestimmte Individuum, die bestimmte Person. Nicht im Festhalten-Wollen am Eigenen, sondern im ‘Abgeben‘ besteht die Vollendung des Menschen; es ist ein Abgeben, das aber kein Aufgeben, kein definitiver Verlust darstellt.
Das kann in einer Ich-Du-Beziehung stattfinden, also in einer Liebesform wie die Partnerschaft oder eine Freundschaft, oder aber auch in der persönlichen Mutter-Kind und Vater-Kind Beziehung. Aber auch der Wir-Modus erscheint unter verschiedenen Aspekten. Man kann zum Beispiel etwas gemeinsam mit jemandem erleben: Ich weiß, der andere ist da, ich bin nicht allein in dieser Situation. Wenn aber beide voneinander wissen, besteht eine noch tiefere Berührung: Sie stehen nebeneinander in der gleichen Situation. Eine weitere Steigerung bildet das gemeinsame Ausgerichtet-Sein auf ein bestimmtes Objekt, wie die Mitglieder eines Vereins, die sich für den Frieden einsetzen.
Diese Abstufungen formen eine Stufenleiter hin zur Gemeinschaft im engeren Sinne, denn das Wort Gemeinschaft kann auf die verschiedenen Formen des Miteinanders unter Personen deuten, aber auch auf bestimmte Formen dieser Zusammengehörigkeit, wie Familie, Nation, Volk, allerdings mit einer tieferen Intensität wenn die Liebe die Menschen bindet.
[i] Hildebrand, Dietrich von, Die Metaphysik der Gemeinschaft. Untersuchungen über Wesen und Wert in der Gemeinschaft, Habbel Verlag, Regensburg 1955, 17.
[ii] Ibid., 20.
[iii] Cf. Ibid., 181-195.
[iv] Cf. Gaudiano, Valentina, Die Liebesphilosophie Dietrich von Hildebrands. Ansätze einer Ontologie der Liebe, Alber Thesen, Freiburg-München 2013.
[v] Hildebrand, Dietrich von, Das Wesen der Liebe. GW III, Habbel Verlag, Regensburg 1971, 267.
Über die Autorin
Beitrag von Frau Dr. Valentina Gaudiano, sie ist Philosophin und Trainerin des philosophischen Dialogs mit Kindern und Jugendlichen. Sie lehrt Erkenntnistheorie am Sophia University Institute (bei Florenz) und arbeitet als freie Mitarbeiterin bei der Akademie Kinder Philosophieren (München).