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Es war der 27. März 1968, als der Mensch vom Himmel fiel, der als Erster überhaupt zu den Sternen geflogen war: Juri Gagarin. Vor 50 Jahren verunglückte er zusammen mit seinem Ausbildner während eines Trainingsfluges. Sein Militärjet stürzte ab.
Staatstrauer für ersten Nicht-Politiker
Drei Tage später wurden seine sterblichen Überreste in Moskau in der Kremlmauer auf dem roten Platz bestattet. Für ihn waren, erstmals für einen Nicht-Politiker überhaupt, Staatstrauer und ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren angeordnet worden.
Abertausende Menschen säumten die Moskauer Strassen. Sein Sarg, der von einem Panzer gezogen wurde, war mit weissen Blumen übersät. Im Trauerzug lief die gesamte sowjetische Führungsriege mit. Auf der ganzen Welt waren die Menschen traurig.
Juri Alexejewitsch Gagarin war zum Zeitpunkt seines Todes längst in die Geschichte eingegangen, als erster Mensch im Kosmos. Dmitri Welitschko, Gagarin-Kenner und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim kosmonautischen Museum in Moskau spricht im Interview über den Menschen Gagarin, die Ikone, seinen Wagemut, über sein Zweifeln, seine unerfüllten Wünsche – und seinen frühen Tod.
SRF News: Was genau steckt hinter dem Idol einer ganzen Nation, das heute noch verehrt und geliebt wird?
Dmitri Welitschko: Juri Gagarin ist durch seinen Flug ins Weltall verewigt, seinen Namen kennen natürlich alle. Wenn man die Russen fragt, wem die erste Raumfahrt gehört, antworten sie ohne nachzudenken: Juri Gagarin. Er hat wirklich eine wichtige Stellung, nach wie vor. Die zwei Errungenschaften der Sowjetunion im Bereich der Weltraumforschung sind auch heute noch: Der Start des ersten Sputniks – und der Flug in das All von Juri Gagarin.
Diese 108 Minuten machten ihn zur Legende
Mit einem energischen «Pajechali» («Auf geht’s») beginnt Juri Gagarins Flug in den Kosmos an Bord des Raumschiffs Wastok 1 am 12. April 1961. Eine Viertelstunde später erreicht Gagarin in seinem Raumschiff die Erdumlaufbahn.
Später wird Gagarin erzählen, er habe während seines Weltraumfluges ein Gedicht gesungen, das der russische Komponisten Dmitri Schostakowitsch vertont hatte: «Die Heimat hört, die Heimat weiss, wo ihr Sohn im Himmel fliegt». Ob das wirklich wahr ist, werden wir nie erfahren – aber es passt perfekt in die Geschichtsschreibung zu diesem Himmelsflug.
Die Flugzeit wird nach der Landung mit 108 Minuten angegeben. Eine Landung, die eine unglaublich grosse Euphorie auslöst in der gesamten Sowjetunion.
Der erste Sowjetmensch im Kosmos bedeutet: Man hat gewonnen, mitten im Kalten Krieg. Man hat die US-Amerikaner im Wettlauf besiegt. Der russische Bär erlegt den amerikanischen Adler.
Der Triumph auf dieser Seite des Eisernen Vorhangs ist gross. Auf der anderen Seite, im Westen, ebenso gross das Entsetzen.
Juri Gagarin wird ein paar Tage später in Moskau höchstpersönlich von Regierungschef Nikita Chruschtschow empfangen. Die Bilder eines lächelnden Juri Gagarin gehen um die Welt. Und es wird dieses Lächeln sein, zusammen mit der Heldentat, die ihn zum perfekten Abbild des tatkräftigen, wagemutigen, optimistischen sowjetischen Menschen macht, weit über seinen Tod hinaus.
War sein Weltraum-Flug der Höhepunkt der Weltraumforschung?
Gagarin verkörpert mit seinem Pionier-Flug die Spitze der sowjetischen Wissenschaft. Der erste Satellitenstart steht für den Beginn einer Ära – und Gagarins Fahrt war da wie noch eine Kategorie mehr, wie die Kirsche auf der Torte.
Er wurde und wird als Held wahrgenommen. Oft geht vergessen: Vor ihm wurden zwei Hündinnen in den Weltraum geschickt, also waren eigentlich sie die ersten Erdenbewohner dort oben, sie waren also auch so etwas wie die ersten Kosmonautinnen.
Gagarin, als erster Mensch, übernahm die ganze Last des Ruhmes. Er war der erste – aber klar, danach gab es weitere bemannte Raumfahrten und die Wissenschaft entwickelte sich weiter.
Warum wurde gerade Gagarin aus allen Kandidaten für diesen ersten Weltraumflug ausgewählt?
Dazu gibt es viele Versionen. Einige glaubten, das habe Sergej Koroliow entschieden, der grosse Raketen-Konstrukteur. Andere behaupteten, Nikita Chruschtschow höchstpersönlich habe das entschieden. In der Tat aber war es eine spezielle Kommission, die darüber urteilte. Da waren Ärzte und andere Experten, die aufgrund objektiver Kriterien entschieden.
Alle möglichen Details wurden berücksichtigt: der Gesundheitszustand der Kandidaten, ihre Lernfähigkeit – ganz viele verschiedene Faktoren. Und da landete Gagarin bei den Übungen auf Platz eins. Sein Freund Herman Titow, der auch in die engeren Ränge kam, landete direkt hinter ihm auf dem zweiten Platz. Es waren also objektive, wissenschaftliche Faktoren, die entscheidend waren.
Doch der Ruhm, der mit seinem ersten Weltraumflug über Gagarin hereinbrach, hatte auch seinen Preis. Juri Gagarin wurde zum Propaganda-Instrument, er war so etwas wie der Poster-Boy der Sowjetunion.
Natürlich musste der erste Kosmonaut eine enorme öffentlich-politische Arbeit durchführen. Das wurde geschätzt und spielte eine wichtige Rolle. Er wurde nicht nur zum ersten Kosmonauten, er wurde zum Gesicht der Sowjetunion. Als er auf Auslandstournee war, war er bereits eine wichtige politische Figur.
Was an Juri Gagarin verwunderte, war seine Bescheidenheit. Nie entwickelte er Star-Allüren. Man erzählt sich heute noch, wie höflich er mit einfachen Leuten war und wie er sich in eine Warteschlange einreihen konnte, ohne seine Position des ersten Kosmonauten auszunutzen. Viele merkten sich also vor allem seine menschlichen Eigenschaften: seine Bescheidenheit und sein Lächeln.
Gagarin war unbestritten das Aushängeschild der sowjetischen Raumfahrt. Warum hat man ihn nie mehr, wie er es so gerne gewollt hätte, ins All geschickt?
Gagarin wurde zu einer Ikone. Er vertrat die Sowjetunion auf der Weltbühne, und die Staatsführung wollte ihn schonen. Es wurde ihm sogar verboten, Flugzeuge zu steuern, obwohl er eigentlich ein Militärpilot war. Seine Rolle wurde allmählich zu einer rein politischen: Er wurde Abgeordneter des Obersten Rats der Sowjetunion. Und er reiste sehr viel, nicht nur ins Ausland, sondern auch innerhalb der Sowjetunion, um Propaganda zu machen.
Aber natürlich wollte er wieder in den Weltraum, das war sein Wunsch. Schlussendlich konnte er durchsetzen, dass er seine Pilotenausbildung weiterführen konnte und sich so auf eine zweite Raumfahrt vorbereiten durfte.
Aber da kam er während seiner Vorbereitung ums Leben. Wenn diese Tragödie nicht passiert wäre, wäre er auch ein zweites Mal in den Weltraum gefahren, das ist ganz sicher.
Gagarins unerfüllter Herzenswunsch
Gagarins Lächeln ging um die Welt. Die sowjetische Führung entsandte ihn auf eine regelrechte Tournee, nicht nur in die sozialistischen Bruderstaaten, sondern auch zum westlichen Jetset. 40 Länder empfingen ihn, er traf Fidel Castro (und tausche mit ihm den Hut) in Kuba und wurde in Rom vom damaligen Filmstar Gina Lollobrigida geküsst.
Gagarin war die perfekte Werbeikone. Ein Umstand, der ihm gleichzeitig etwas verwehrte: Noch einmal ins Weltall fliegen zu dürfen. Denn das war tatsächlich Gagarins grösster Wunsch, der sich aber nicht erfüllen sollte. Die Sowjetische Führung liess ihn nicht, er war zu wertvoll geworden, als Propaganda-Instrument.
Wie sehr er damit gerungen hat, ist nicht belegt. Es gibt Berichte von zunehmenden Alkoholproblemen, von einer persönlichen Krise.
Die genaue Ursache seines Todes bei einem Flugzeugabsturz ist unklar. Erst 50 Jahre später gibt das russische Präsidentenarchiv bislang unveröffentlichte Dokumente frei, die damals unter Verschluss gehalten worden waren. Warum diese Geheimnistuerei?
Geheime Archive werden nur ungern freigegeben. Je mehr Zeit aber seit eines gewissen Ereignisses vergangen ist, desto wahrscheinlicher ist, dass der Geheimhaltungsrad geschwächt wird, oder die Dokumente sogar freigegeben werden.
Was Gagarins Unfall angeht, so hat eine offizielle Kommission festgestellt, dass das Kampfflugzeug von Juri Gagarin und seinem Instrukteur Wladimir Serjogin plötzlich sehr stark an Flughöhe verlor, und die notwenige Höhe auch nicht mehr erreichen konnte. Es bleibt nach wie vor unklar, weshalb das Flugzeug in dieses Trudeln kam, weshalb es die Höhe verlor. Laut der offiziellen Version sollen die Piloten irgendein Hindernis vor sich gesehen haben oder möglicherweise einen Wolkenrand oder irgendeinen Ballon, dem sie akut ausweichen wollten.
Es gab und gibt immer noch viele Spekulationen darüber. Es ist zum Beispiel auch bekannt, dass der betroffene Flugzeugtyp, die MiG–15, während Übungsflügen keine Blackbox an Bord hatte. So fehlte es der untersuchenden Kommission an Daten, um genau eruieren zu können, warum diese Katastrophe passiert ist.
Und was ist von den Verschwörungstheorien zu halten?
Viele Leute glaubten die Verschwörungstheorien dazu. Ich denke, das ist etwas, das in der Psyche vieler Menschen schnell passiert. Um legendäre Persönlichkeiten ranken sich immer mehr Legenden – und niemand will glauben, dass die Unglücksursache so profan, so einfach sein könnte. Natürlich hat die Tatsache, dass alles über Gagarins Tod als streng geheim behandelt wurde, noch dazu beigetragen.
Eigentlich war die ganze sowjetische Weltraumforschung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Geheimnis. Und wenn den Leuten Informationen fehlen, gibt das den Gerüchten Boden.
Die Tragödie
Am 27. März 1968 vormittags startet Gagarin zusammen mit seinem Fluglehrer Vladimir Serjogin zu einem Übungsflug auf. Irgendeinmal bricht der Funkkontakt ab. Man findet das Wrack seines verunglückten Militärjets erst Stunden später. Offiziell wird von einer unglücklichen Verkettung verhängnisvoller Umstände als Unglücksursache gesprochen, was die Verbreitung von Verschwörungstheorien anheizt.
Nicht nur die Umstände seines Todes, sogar schon sein erster Weltraumflug wurden geheim gehalten. Es gab also sehr viele Geheimnisse rund um Gagarin. Wären solche geheimen Missionen heute noch möglich?
Das heutige Russland unterscheidet sich sehr stark von der Sowjetunion. Damals gab es den eisernen Vorhang und kein Internet. Es war viel einfacher, die Informationsverbreitung zu kontrollieren, und die Information gelangten nur stückweise ins Ausland.
Es war also viel einfacher, etwas geheim zu halten. Heute gibt es natürlich immer noch geheime Weltraumprojekte, sowohl in Russland als auch in den USA, das betrifft vor allem verschiedene Militärsatellitenstarte. Aber in der zivilen Raumforschung gibt es heute keine Geheimnisse mehr, alles ist offen. Ergebnisse von Experimenten, welche auf der internationalen Weltraumstation durchgeführt werden, werden veröffentlicht. Die militärische und die zivile Weltraumforschung unterscheiden sich heute also durch solches Herangehen.
Und im Gegensatz zur Zeit des Kalten Krieges wird heute im Weltraum international kooperiert. Wissenschaftler aus mehreren Ländern arbeiten gemeinsam an Projekten. Die Wissenschaft hat verstanden, dass Zusammenarbeit in der Weltraumforschung mehr Früchte trägt. Es ist wohl für kein Land alleine möglich, Menschen auf den Mars zu schicken. Da müssen sich mehrere Länder in ihren Bemühungen vereinen.
Die Weltraumforschung hat in den letzten 50 Jahren Riesenschritte gemacht. Die Welt ist ganz eine andere. Etwas aber bleibt gleich: der Kult, Juri Gagarin als Pop-Idol.
Wenn eine Person zur Legende wird, gehört sie nicht mehr sich selbst. Das sehen wir ja auch bei einem anderen Beispiel, bei Che Guevara. Auch mit Gagarin ist das passiert. Er verkörpert das Eindringen des Menschen ins Unbekannte, in den Weltraum. Dadurch wurde er zu einer symbolischen Figur und gehört nicht mehr sich allein. Dass er so oft auf T-Shirts etc. zu sehen ist, ist der Beweis seiner Popularität, auch unter einfachsten Menschen – und das ist eigentlich gut.
Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.