Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/502

Frau Leuthard, erinnern Sie sich noch, wie Sie von den Ereignissen in Fukushima erfuhren?
Es war gegen den Abend, als ich von einer Naturkatastrophe an der Ostküste von Japan hörte. Was diese Ereignisse für die Kernkraftwerke bedeutete, war da noch unklar. Ich wusste von einem Erdbeben und einem Tsunami, die viel Verwüstung angerichtet hatten. Erst in den nächsten Tagen stellte sich heraus, dass es an dem Daiichi-Kernkraftwerk zu grossen Schäden gekommen ist.
Bereits zwei Tage nach der Katastrophe forderte SP-Nationalrat Roger Nordmann: «Entweder Energieministerin Doris Leuthard leitet den Atomausstieg ein oder tritt als Bundesrätin zurück.» Wie erlebten Sie diese turbulente Zeit?
Rücktrittsforderungen werden in der Politik immer wieder gestellt. Das beobachtet man auch jetzt während der Pandemie. Die SP forderte schon seit vielen Jahren den Ausstieg aus der Atomenergie. Sie lancierte mehrere Volksinitiativen und scheiterte bis dahin damit. Dass sie nach Fukushima die Gelegenheit nutzte und den Ausstieg wieder aufs Tapet brachte, war wenig überraschend.
Wann realisierten Sie, dass die Fukushima-Katastrophe Konsequenzen für die Schweiz haben könnte?
Es dauerte eine Weile. Man erfuhr, dass es Schäden am Kernkraftwerk gab. Aber noch nicht genau, wie gross diese sind, ob Radioaktivität entwichen ist und wenn ja, wie viel. Der damalige Ensi-Direktor (Eidgenössisches Nuklearinspektorat) Hans Wanner hatte gute Beziehungen nach Japan und zur IAEA in Wien (Internationale Atomenergie-Behörde). Und so wurde uns nach ein paar Tagen klar, dass der Schaden gröber ist.
Was taten Sie dann?
Der erste politische Entscheid war, dass ich das Verfahren für den Bau eines neuen AKW sistierte. Es machte zu dem Zeitpunkt keinen Sinn mehr, einfach weiterzumachen. Nun musste zuerst genau analysiert werden, was die Ereignisse in Japan für uns bedeuten, ob die Atomenergie-Technologie noch zukunftsfähig ist. Darum sagte ich: Jetzt müssen wir die Grundlagen neu anschauen.
Boulevard-Medien nannten sie «Atom»-Doris, als Sie nur fünf Monate vor der Katastrophe das Energiedepartement übernahmen. Dies weil Sie Kernkraft stets unterstützten. Wie änderte Fukushima ihre Haltung?
Es stimmt, ich war immer Atomenergie-freundlich. Weil ein Kernkraftwerk den grossen Vorteil hat, CO2-frei zu sein. Während unsere Nachbarländer, darunter Deutschland, schon lange Strom mit einem grossen fossilen Anteil produzierten, setzte die Schweiz auf die CO2-freie Variante mit Atomstrom. Aber Fukushima war ein Game Changer.
Inwiefern?
Es veränderte die Ausgangslage. Nicht punkto CO2, das ist auch heute noch ein grosser Vorteil. Aber insbesondere die Sicherheit und damit verbunden die Kosten waren Faktoren, die sich stark geändert hatten. Fukushima machte deutlich, dass es keine Garantie für eine 100-prozentige Sicherheit gibt. Es können auch menschliche Fehler passieren. Ausserdem war klar, dass nach so einem Unfall in allen Ländern die AKWs überprüft und die Anforderungen an die Sicherheit erhöht werden. Das wirkt sich auf den Preis jeder Kilowattstunde aus. Deswegen war klar, dass wir neu evaluieren müssen, was es jetzt bedeutet, neue AKW zu bauen.
Als Reaktion auf die Katastrophe entschied der Bundesrat später den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie. Wie kam es zu diesem Entscheid?
In einem Bericht hat das Bundesamt für Energie die Perspektiven ausgearbeitet. Wir wollten wissen, welche Möglichkeiten es für die Stromversorgung in der Schweiz gibt und was die Vor- und Nachteile sind von jedem Szenario. Hinzu kam eine technische Analyse der ETH Zürich, die aufzeigen sollte, ob wir unsere Stromversorgung auch mit erneuerbaren Energien sicherstellen können.
Und das Ergebnis dieser Untersuchungen überzeugte Sie offenbar.
Ja, diese Berechnungen zeigten, dass der Ausstieg aus der Atomenergie technisch machbar ist. Wir wussten, dass es uns etwas kosten würde und dass es längerfristig ein Risiko bei der Versorgungssicherheit geben könnte. Aber für den Bundesrat wurde klar, dass die Vorteile überwogen.
Auslöser der Katastrophe in Fukushima waren ein Erdbeben und Tsunami. Doch Tsunamis wird es in der Schweiz nie geben und starke Erdbeben sind hier äusserst selten. Hat man mit der Ausstiegsstrategie überreagiert?
Nein, es war der richtige Entscheid. Sicherheitsrisiken gibt es nicht nur wegen Tsunamis. Erdbeben gibt es in der Schweiz auch. Zwar nicht so starke, aber alle hundert Jahre rechnet man auch bei uns mit einem grösseren Beben. Vor allem im Raum Basel und im Wallis. Und wenn Sie bedenken: Gösgen und Leibstadt sind nicht so weit weg von Basel. Zudem gibt es Flugzeugabstürze oder terroristische Angriffe, die ein Risiko bleiben.
Warum hat man die Energie-Kehrtwende nicht schon früher eingeleitet? Die Tschernobyl-Katastrophe betraf die Schweizer Bevölkerung mit einer verseuchten Ernte und grossen Ängsten viel unmittelbarer als Fukushima.
Tschernobyl war russische Technologie und eine russische Handhabung der Krise. Das Vertrauen war kleiner. Ausserdem waren die Schweizer Kernkraftwerke damals viel jünger. Sie galten als sicher. Gute Alternativen für die Stromproduktion gab es noch keine.
Nach Tschernobyl sagte man: So etwas kann bei uns nicht passieren.
Das war bei Fukushima anders. Das Vertrauen in Japan war gross. Und dass in einem solchen Land eine solche Katastrophe möglich ist, war zuvor nicht vorstellbar. Ausserdem gewannen die erneuerbaren Energien im letzten Jahrzehnt massiv an Fahrt. Die Preise kamen runter, die Technologie hat sich weiterentwickelt, insbesondere bei der Photovoltaik. Das ebnete den Weg für einen Atomenergieausstieg.
Was bedeutete der Entscheid für den Ausstieg aus der Atomenergie für die Klimapolitik?
Mit 60 Prozent Wasserkraftenergie und 38 Prozent Atomenergie war unsere Stromproduktion bei dem Entscheid CO2-frei. Damit das so bleibt, mussten wir Wege finden, AKW durch erneuerbare Energieproduzenten zu ersetzen. Wir wussten, es ist möglich, wir wussten aber auch, dass es Risiken birgt. Damit sind wir heute konfrontiert. Der Aufbau der Photovoltaik läuft gut, doch bei der Windenergie gibt es viel Widerstand aus der Bevölkerung. Die geplanten Wasserausbauten sind noch immer nicht realisiert worden. Im Winter kann das je nach Temperaturen zu Versorgungsengpässen führen.
Gerade im Vergleich mit anderen europäischen Ländern fällt die Schweiz bei den erneuerbaren Energien heute weit zurück. Warum eigentlich?
Entsprechende Projekte gäbe es ja. So wäre Windenergie im Winter extrem hilfreich. Ich verstehe, wenn jemand nicht neben einem Windpark wohnen möchte. Doch der Bund muss Wege finden, darüber mit der Bevölkerung zu diskutieren. Am Schluss nützt es nichts, wenn alle sagen: «Erneuerbare Energien ja, aber bitte nicht in meinem Garten.» Ansonsten muss man Farbe bekennen und sagen, gut dann bauen wir halt ein Gaskraftwerk.
Das würden Sie begrüssen?
Im Gegenteil. Schweizer Stromproduktion mit fossiler Energie wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Aber wenn wir bei den Erneuerbaren nicht vorwärts machen, bleibt uns nichts anderes übrig. Ausser noch den Import von Strom aus der EU. Doch dazu braucht es ein Stromabkommen, das allerdings erst abgeschlossen werden kann, wenn das Rahmenabkommen unter Dach und Fach ist. Sie sehen also: Es gibt da noch einige knifflige offene Fragen, die die Politik und letztlich auch das Volk lösen müssen.
Hat sich die Schweiz mit dem Entscheid für den Ausstieg aus der Atomenergie in die Bredouille geritten? Insbesondere mit Blick auf die dringend nötige Reduktion des CO2-Austosses?
Wichtig für die Klimapolitik ist, den CO2-Ausstoss dort zu senken, wo er hoch ist. Und das ist bei der Mobilität, den Haushalten und der Industrie der Fall – nicht aber bei der Stromproduktion. Und nein, ich glaube nicht, dass der Atomausstieg falsch war. Das Schweizer Volk hat die Energiestrategie 2050 und damit auch den Ausstieg aus der Atomenergie mit 58 Prozent an der Urne angenommen. Der Entscheid ist also tief verankert. Der Bau von neuen Kernkraftwerken würde neue Probleme auftun. Ich glaube, mit viel Überzeugungsarbeit könnte es möglich sein, das eine oder andere Wind- und Wasserprojekt in der Schweiz durchzubringen. Dann sähe alles schon ganz anders aus. Denn eigentlich fehlt nicht viel.
Was wäre, wenn es Fukushima nie gegeben hätte? Welchen Stellenwert hätte Atomenergie heute?
Es ist gut möglich, dass man dann entschieden hätte, die drei alten KKW durch ein neues, modernes zu ersetzen. So lautete ursprünglich der Plan. Dann wären wir jetzt wohl schon am Bauen. Rückblickend muss ich sagen: So tragisch das Unglück in Fukushima war, es hat uns bei der Frage der Stromversorgung weitergebracht.
Wie schauen Sie als Alt-Bundesrätin auf diese Zeit zurück?
Es war sehr intensiv. Ich war und bin keine Nuklearexpertin und es gab viele schlaflose Nächte, in denen ich mich fragte: «Mach ich es richtig?» Gerade als Aargauerin gab es Phasen, wo ich angefeindet wurde. Ich würde Arbeitsplätze vernichten. Die Wirtschaft hat zu Beginn stark gegen mich lobbyiert. Das war ein schwieriger Prozess. Aber als Bundesrätin trug ich die Verantwortung für ein Land und deren Bevölkerung. Für mich hiess das, wenn ich das Gefühl habe, das Richtige zu tun, dann muss ich die unschönen Seiten ertragen können. Ich musste durchhalten und am Schluss hat es sich gelohnt.
Sie würden also alles nochmals gleich machen?
Jawohl, mit voller Überzeugung.