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Ettikettenschwindel
Unser Bildungswesen mit seinen LehrerInnen, seinem grossen Verwaltungsapparat und seinen heiligen Schriften, den Lehrbüchern der Mathematik und der Biologie, der Geschichte und der Physik und all der anderen modernen Wissenschaften, ist die aktuelle Version der mittelalterlichen Kirche mit ihren Priestern und Bischöfen, ihrer Gelehrsamkeit, der "heiligen Schrift" und all den daraus abgeleiteten Lehren und Gesetzen.
So wie die in der Primar- und Sekundarschule vermittelten Kenntnisse waren auch die Wahrheiten, welche dem gewöhnlichen Volk von der Kirche vermittelt wurden, von scheinbar absoluter Gültigkeit. Diejenigen, die sich früher auf diese und jene Bibelstelle oder auf die Lehren dieses oder jenen Theologen beriefen, berufen sich heute auf diese oder jene wissenschaftliche Studie oder auf diese oder jene Berühmtheit im Gebiet der Ökonomie, der Medizin oder eines anderen Faches. KritikerInnen wurden mit allerlei Privilegien geködert oder auf mer oder weniger subtile Weise eingeschüchtert und ins gesellschaftliche Off-Side gedrängt. Auch gezielte Morde oder militärische Massnahmen und ähnlich derbe und kostspielige Methoden wurden angewandt. In den meisten Fällen reichten allerdings ein paar ernste Worte, ein wenig Prunk und hie und da ein strenger Verweis oder ein paar Schläge, um das Volk bei der Stange zu halten. Natürlich sprach man bei alle dem nicht von unterdrückung oder Versklavung. Solche Worte waren verpönt, denn das Volk sollte doch an die Güte seiner Herrscher glauben. Man bevorzugte deshalb Begriffe wie "göttliche Ordnung" "göttliche Wahrheit", "heilige Erkenntnis" und "obrigkeitliche Fürsorge" oder "natürliche Ordnung der Dinge".
Wie in den modernen Wissenschaften gab es auch im Bereich der kirchlichen Lehre stets verschiedene, miteinander konkurierende Auffassungen. Welche von ihnen von der Kirche unterstützt und welche von ihr abgelehnt wurden, war weniger eine Frage ihrer "Wahrheit" oder ihrer Nachvollziehbarkeit. Solche Dinge mochten eine gewisse Rolle spielen, doch entscheidend war letztlich, ob eine bestimmte Wahrheit und die daraus abgeleiteten Konsequenzen genügend politische Freunde fand oder nicht. Dabei standen die verschiedensten Interessen gegeneinander. Eitelkeiten und Karriereabsichten einzelner Menschen -, die Machtpolitik bestimmter Familien -, die Interessen rivalisierender Abteien und Herrscherhäuser oder Handelsgesellschaften ... Alle waren daran interessiert, dass in den vielen von der römischen Kirche gebauten und unterhaltenen Gotteshäusern keine Dinge gepredigt werden, die ihnen Schwierigkeiten machen konnten.
Das war nicht immer so einfach, denn schon damals war die Welt nicht besonders gerecht. Wie sollte man einem sizilianischen Leibeigenen beispielsweise begreiflich machen, dass es ein Glück und ein Ausdruck göttlicher Gnade war, sich für die Herrschaften im Schloss abrackern zu dürfen. Solche Dinge erforderten schon damals ein beträchtliches Mass an intellektueller und moralischer Beweglichkeit und eine gewisse Dreistigkeit bei denen, die mit der Verkündung und Begründung der entsprechenden Wahrheiten betraut waren. Das Ganze funktionierte nicht zuletzt deshalb, weil die Apostel der kirchlichen Lehren in der Regel gut gekleidet waren, und weil sie ihre Behauptungen meist in solch abstrakte und fremdartige Worte kleideten, dass das gemeine Volk eigentlich nicht begriff, was hier gesagt wurde. Es fühlte nur, dass es etwas grosses und wichtiges sein müsse, und es wusste aus Erfahrung, dass man von ihm erwartete, den Lehren mit Respekt zu begegnen. Wer in dieser Hinsicht zu unvorsichtig war und seinen kritischen Verstand mit zu viel Leidenschaft einsetzte, der geriet leicht in Schwierigkeiten. Statt die Ernsthaftigkeit zu loben, mit welcher er sich um das Verständnis dessen bemühte, was andere ihm vortrugen, hiess man ihn zumeist frech und vorwitzig und bestrafte seinen Eifer, je nach Alter und je nach lokaler Sitte, mit Knien auf dem Scheit, Kopfnüssen und Ohrwatschen, Prügeln und Peitschenhieben und ähnlich unerfreulichen Dingen. Das erinnerte die Menschen andauernd daran, dass es besser sei, sich dumm zu stellen und zu allem, was einer der Herren sagte, ehrfurchtsvoll zu schweigen, oder, wenn man denn nicht anders konnte, ein anerkennendes "o gewiss" oder etwas von ähnlich harmloser Weise verlauten zu lassen. Dieses sich Dummstellen wurde den armen und machtlosen Menschen meist so sehr zur zweiten Natur, dass man sietatsächlich hätte für dumm halten müssen, wenn nich immer wieder einmal eine Helligkeit in diesen Köpfen auftauchte, die man ihnen niemals zugetraut hätte.