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Zwei berühmt gewordene Dokumentarfilme zeigten die Ausnahmepianistin von einer ganz anderen Seite, zeigten ihre verletzliche Persönlichkeit. Etwa in «Bloody Daughter», den ihre jüngste Tochter Stéphanie aus familieninternen Videoaufnahmen collagierte.
Wenn sie sich dort mit ihren drei Töchtern an einem unbeschwerten Nachmittag im Freien die Fussnägel lackiert, erlebt man die private und wohl die wahre Martha Argerich. Fern von allem Bühnenglamour, fern von der Divenhaftigkeit anderer (Klassik)stars, zutiefst menschlich, zerbrechlich, sympathisch.
Sie erzählt in diesem spektakulär persönlichen Film ausserdem, dass sie eigentlich lieber Ärztin geworden wäre. Und wenn sie versucht, verschlafen und noch im Bett liegend, ihre innige Liebe zur Musik von Robert Schumann in Worte zu fassen, wird klar, dass sie lieber durch ihre Musik spricht, als sich mit musiktheoretischen Termini zu erklären.
Glanzvolle Karriere mit Unterbrüchen
Nach dem Studium in Wien bei ihrem wichtigsten Mentor Friedrich Gulda sowie Unterricht beim grossen Arturo Benedetti Michelangeli war ihre Weltkarriere nicht mehr aufzuhalten.
Einzig durch private Krisen und Verunsicherungen gab es Unterbrüche in der glanzvollen Laufbahn. So zog sich die damals 16-jährige Argerich nach ihrem Triumph am Concours de Genève für mehrere Jahre vom Konzertbetrieb zurück.
Der Sieg beim renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau im Jahr 1965 gab ihrer Karriere schliesslich den entscheidenden Impuls und katapultierte sie definitiv auf die grossen Bühnen der Welt.
Überschaubar, aber fantastisch
Als Solistin pflegte sie ein eher überschaubares Repertoire, bestehend aus Hauptwerken des klassisch-romantischen Kanons. Eine verhältnismässig kleine Anzahl an Klavierkonzerten, von Mozart über Beethoven, Chopin, Schumann, Tschaikowsky bis Prokofjew, spielt sie seit Jahrzehnten, aber sie konnte ihre Interpretationen trotzdem immer natürlich, frisch und lebendig halten. Neue Klaviermusik hört man von ihr höchst selten.
Zunehmend vermied sie es, geplagt durch Lampenfieber wie so viele Musiker und Musikerinnen, Solo-Rezitals zu spielen. Sie bevorzugte mehr und mehr das Spiel mit Orchester und die Kammermusik, das Auftreten mit renommierten Musizierenden aus ihrem grossen Freundeskreis.
Dafür, und zur Förderung des musikalischen Nachwuchses, rief sie im Jahr 2002 das Festival Progetto Martha Argerich in Lugano ins Leben und ab 2018 das Martha Argerich Festival in Hamburg.
Klavier für die Corona-Seele
In den ersten Monaten der Corona-Pandemie gab sie doch wieder einmal eine seltene Kostprobe ihres Solo-Spiels: Ohne Publikum vor Ort erreichte sie via Stream in dieser schwierigen Zeit mit einer ergreifenden Interpretation der späten Sonate in h-Moll von Frédéric Chopin Zuschauende und Zuhörende in aller Welt. Und unterstrich damit ganz unprätentiös, dass sie nach wie vor eine der führenden Persönlichkeiten im Klavieruniversum ist.