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Nicht nur mit der Benennung der Agenturen tat sich der erste Verwaltungsrat schwer. Zu einem eigentlichen Machtkampf entglitt die Einteilung der Agenturgebiete. Auf der einen Seite drückte der Kantönligeist durch, auf der anderen Seite wurden föderalistische Stellvertreter-Kriege auf dem Buckel der Versicherungsanstalt ausgetragen. Sogar zwei Kantonsregierungen schalteten sich ein und sorgten für erhebliche Verstimmung.
Mit der Einteilung der Schweiz in Agenturgebiete verfolgte die Versicherungsanstalt von Anfang an zwei Ziele: Erstens wollte sie das operative Geschäft aus der Zentralverwaltung herauslösen, um möglichst nahe an den Versicherten und den Unternehmen zu sein. Zweitens wollte sie Rücksicht nehmen auf die föderalistischen Strukturen der Schweiz.
So war auch der Verwaltungsrat nach föderalistischen Prinzipien zusammengesetzt und einzelne Mitglieder trugen diese Begehrlichkeiten unverblümt in den Rat. Schon in der dritten Sitzung, im Januar 1913, begann das Lobbying um die Agenturstandorte.
Zunächst aber musste die Anstalt bestimmten, welche Struktur sich für das Versicherungsgeschäft eignete.
Paul Usteri, der vor seiner Zeit als Verwaltungsratspräsident die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt in Zürich geleitet hatte, schlug das in der Branche übliche Modell von regionalen Generalagenturen vor. Dabei war laut Gesetz auch die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen möglich.
Natürlich werde die Anstalt «darnach trachten, ihre Agenturen den Krankenkassen zu übertragen», sagte Usteri am 13. März 1913.
Nur die wenigsten Kassen würden aber in der Lage sein, «die zahlreichen, mit dem Betrieb des Unfallversicherungs-Geschäfts verbundenen Obliegenheiten zu erfüllen, … da ihre Leitung gewöhnlich von den damit betrauten Personen im Nebenamt besorgt wird».
Aus der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen wurde nichts.
Vielmehr entschied sich die Versicherungsanstalt für ein eigenes, dreistufiges Agenturmodell, das gemäss Antrag der Direktion aus Generalagenturen, Hauptagenturen und gewöhnliche Agenturen bestand. Sie sollten eine «sammelnde, ordnende und zum Teil erledigende Mittelinstanz» sein, zuständig für das Studium der Risiken, die Überwachung der Betriebe mit Blick auf die Einteilung in die Gefahrenklassen und die Tarifierung, das Inkasso- und Betreibungswesen, die Prüfung der Lohnlisten, die Aufnahme der Unfalltatbestände, die Ausrichtung der Versicherungsleistungen und die Vorbereitung der Rentenanträge – ein umfassendes Aufgabengebiet also.
Wie heikel der Aufbau des Agenturnetzes in der Anfangsphase war, zeigen nur schon die Diskussionen um die Namensgebung. Kaum ein anderes Geschäft sorgte im Verwaltungsrat für mehr Kontroversen als die Debatte am 27. Mai 1914 um die Benennung der Agenturen: «Hauptagentur» statt «Generalagentur», «Grossagentur» statt «Hauptagentur», «Kreisdirektion» statt «Generalagentur», «Agentur I. Klasse», «Agentur II. Klasse» und «Agentur III. Klasse», «Kreisagentur» statt «Generalagentur», «Oberagentur» statt «Hauptagentur», «Unteragentur statt «Agentur» - am Schluss hatte der Verwaltungsrat über zehn verschiedene Anträge abzustimmen.
Er entschied sich nicht für die Version der Direktion, sondern für die Bezeichnungen «Kreisagentur», «Hauptagentur» und «Agentur». Diese Bezeichnungen hielten sich bis 1975, als die Agenturen in «Lokalagenturen» umbenannt wurden. Bereits 1960 und 1965 waren die Hauptagenturen zu Kreisagenturen aufgewertet worden. Seit 1990 wird nicht mehr zwischen Kreisagenturen und Lokalagenturen unterschieden. Alle Einrichtungen heissen seither «Agenturen».
Während die Debatte um die Namensgebung eher symptomatischen Charakter hatte, tobten die wahren Auseinandersetzungen um die geografische Einteilung der Agenturbezirke und die Zuteilung der Hauptagenturen.
Die Direktion schlug die Schaffung von neun General- beziehungsweise Kreisagenturen (Lausanne, La Chaux-de-Fonds, Bern, Basel, Aarau, Luzern, Zürich, Winterthur und St. Gallen) und von drei Hauptagenturen (Genf, Bellinzona, Chur) vor. Dabei musste Genf «wegen seiner peripherischen Lage … vor dem zentraler gelegenen Lausanne zurücktreten», was auch Bedenken auslöste. Das Verhältnis zwischen Genf und Lausanne werde sich «sehr unerquicklich gestalten», befürchtete Herman Greulich am 27. Mai 1914.
Hitzig wurde der Kampf um Gebiete, deren Zuteilung sich nicht an Kantonsgrenzen, sondern an Wirtschaftsbeziehungen orientierte. Dies betraf die Gaster, Uznach, Weesen und Ausserschwyz, die Zürich unterstellt wurden. Es betraf das Fricktal, das Basel zugeschlagen wurde. Und es betraf den Kanton Bern, der an seinen Rändern im bernischen Oberaargau und in den Jura-Gebieten aufgeteilt wurde. Unbestritten waren die Zuteilungen der nördlichen Gebiete des Kantons Solothurn zu Basel und des Misox zu Bellinzona. In seiner Beschlussfassung hielt der Verwaltungsrat an allen Vorschlägen der Direktion fest – mit Ausnahme des bernischen Oberaargaus, der von Aarau an Bern zurückging.
Unversöhnlich waren die Fronten aber in der Auseinandersetzung um das deutschsprachige Oberwallis und um Deutsch-Freiburg. Beide Regionen sollten der Kreisagentur Bern unterstellt werden. Das war ein Affront für zwei Verwaltungsratsmitglieder der Anstalt – Joseph Kuntschen, Staatsrat des Kantons Wallis, sowie Josef Beck, Wortführer der katholisch-konservativen Schweiz aus Freiburg.
Beide argumentierten mit der Einheit ihrer Kantone. Das Wallis bilde «ein einziges Volk mit den gleichen Interessen und Bedürfnissen», sagte Kuntschen, die Sprache sei sekundär. Das ganze Wallis müsse Lausanne zugeteilt werden. Beck doppelte nach:
«Gerade verschiedene Sprachgebiete eines Kantons sollten möglichst zusammengehalten werden, weil in der Vereinigung der Sprachstämme und in dem dadurch gestärkten Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Angehörigen die beste Gewähr gegen die Entstehung einer Sprachenfrage in der Schweiz liegt.»
Turbulent verlief nicht nur die Debatte, sondern auch die Abstimmung. Deutsch-Freiburg wurde bei Bern belassen, das Oberwallis wurde aber Lausanne zugeteilt – mit 17 gegen 16 Stimmen. Dies liessen die Berner Vertreter nicht auf sich sitzen und siegten mit einem Überraschungsantrag, der La Chaux-de-Fonds von einer Kreis- zu einer Hauptagentur degradierte, die Bern unterstellt war. Dies wiederum bewog die Westschweizer Vertreter zu einem Wiedererwägungsgesuch, was das Oberwallis betraf. Dieses wurde daraufhin bei Bern belassen.
Doch damit war die Geschichte nicht ausgestanden. Acht Monate später, am 27. Januar 1915, nahm der Verwaltungsrat seine Entscheide zu Deutsch-Freiburg und zum Oberwallis zurück. Er unterstellte sie der Kreisagentur Lausanne – zähneknirschend, denn er war vom Bundesrat zu diesem Sinneswandel genötigt worden, auf Druck der Kantonsregierungen in Freiburg und Sitten.
Der Verwaltungsausschuss wählte deutliche Worte für das Vorgehen von Kuntschen und Beck: «Bedenklich bleibt allerdings, dass eine im Rate unterlegene Minderheit vermittelst des Bundesrates der Mehrheit ihren Willen aufzwingen kann.» Paul Usteri warnte aus grundsätzlichen Überlegungen:
«Es geht nicht an, dass der Bundesrat sich mit Detailfragen der Anstaltsorganisation abgebe, da ihm die Kenntnis der Einzelheiten abgeht.»
Als die Betriebsaufnahme der Unfallversicherungsanstalt bevorstand, legte der Verwaltungsrat am 6. Oktober 1917 die definitiven Sitze der 9 Kreisagenturen, 3 Hauptagenturen und 16 Agenturen fest. Es waren dies: Kreisagentur Lausanne mit Hauptagentur Genf und Agenturen Sitten und Freiburg; Kreisagentur La Chaux-de-Fonds mit den Agenturen Neuenburg und Delsberg; Kreisagentur Bern mit der Agentur Biel, Kreisagentur Basel mit der Agentur Liestal; Kreisagentur Aarau mit der Agentur Solothurn; Kreisagentur Luzern mit der Hauptagentur Bellinzona und den Agenturen Zug, Sarnen, Schwyz und Altdorf; Kreisagentur Zürich mit der Agentur: Glarus; Kreisagentur Winterthur mit denAgenturen Frauenfeld und Schaffhausen; Kreisagentur St. Gallen mit der Hauptagentur Chur und den Agenturen Appenzell und Trogen.
Dazu kamen zwei Sonderagenturen der Bundesbahnen und der Postverwaltung, zu der im Sommer 1918 auch die Telegraphen- und Telephonverwaltung stiess.
Von den geplanten Agenturen wurden diejenigen in Sarnen, Schwyz, Altdorf und Appenzell nie eröffnet, dafür kamen Agenturen in Stans und Lugano dazu. Die Planung ging darauf zurück, dass jeder Kanton ein gesetzmässiges Anrecht auf eine Agentur hatte.
Bald stellte sich heraus, dass das Agenturnetz zu dicht war. 1922 wurden die Agenturen in Zug und Delsberg geschlossen, 1923 folgte Liestal. 1924 wurde die Agentur von Frauenfeld nach Weinfelden verlegt. 1925 kam die Schliessung der Agentur in Neuenburg, 1926 waren Lugano und Solothurn an der Reihe und 1933 folgte Biel. Stans wurde nach 1938 aufgehoben, Trogen erst 1949.
Eine erste Neugründung gab es erst in der Hochkonjunktur der Sechzigerjahre: 1965 in Wetzikon. Solothurn wurde 1970 wiedereröffnet, Delsberg wurde 1982 wieder in Betrieb genommen. 1991 entstand eine neue Agentur in Regensdorf, 1992 eine Zweigstelle in Samedan. Doch dann folgten Schliessungen: 2001 in Weinfelden und Schaffhausen, 2005 in Regensdorf und 2011 in Samedan.
1997 und 1999 wurden ausserdem die Post- beziehungsweise die SBB-Agentur von der Suva übernommen.
Heute besteht das Netz aus 18 Agenturen: Aarau, Basel, Bellinzona, Bern, Chur, Delsberg, Freiburg, Genf, La Chaux-de-Fonds, Lausanne, Linth (1995 von Glarus nach Ziegelbrücke umgezogen), Sitten, Solothurn, St. Gallen, Wetzikon, Winterthur, Zentralschweiz (bis 1995 mit Luzern bezeichnet) und Zürich.
Eine organisatorische Veränderung, die ohne Auswirkungen auf die Anzahl und die Standorte der Agenturen blieb, wurde auf den 1. Januar 2018 vollzogen. Einerseits wurden die Agenturen in Chur und Ziegelbrücke in eine gemeinsame Organisation überführt. Andererseits wurden die Agenturen in Delsberg (für den Kanton Jura) und in La Chaux-de-Fonds (für den Kanton Neuenburg und den Berner Jura) zusammengefasst.
In der Anfangsphase besass die Anstalt – ausser in Luzern – keine eigenen Liegenschaften. Dies änderte 1925, als man das Gebäude an der Unterstrasse 15 in St. Gallen kaufte.
Das alte Stickereigebäude, das von 1997 bis 1999 und wiederum 2014 aufwendig umgebaut wurde, ist noch heute der Sitz der Agentur.
1929 kam die zweite Liegenschaft dazu – der Agentursitz an der Turnerstrasse 1 in Winterthur. Dieser wurde erst 1994 durch den Neubau an der Lagerhausstrasse abgelöst.
Immer noch am ursprünglichen Standort befindet sich die Agentur Bern. 1930 erwarb die Versicherungsanstalt dort das markante Grundstück an der Laupen-/Seilerstrasse in Bern und erstellte das Gebäude, das 1992 renoviert wurde.
1932, bei der Abnahme der Bauabrechnung, hielt der Verwaltungsrat noch fest, «dass der Bau eines Hauses durch die Anstalt selbst stets die Ausnahme bleiben soll».
Diese Haltung änderte vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Anstalt weitere Liegenschaften erwarb. 1939 kaufte man einen Bauplatz an der Piazza Simen in Bellinzona, wo der Neubau im November 1940 vollendet wurde.
1958 zog die Hauptagentur in den heutigen Sitz, den eigenen Neubau an der Piazza del Sole, um. Bereits damals hielt das Protokoll des Verwaltungsrates nach einem Besuch in Bellinzona fest: «Es wird behauptet, Bellinzona habe nun die schönste Agentur.»
1939 zog die Kreisagentur Lausanne in die Maison de Commerce, einen Neubau an der Place de la Riponne, ein. 1940 kaufte die Suva das Gebäude.
1942 nahm man die Planung für einen Neubau in Chur auf. Zu diesem Zweck erwarb man Bauland von der bischöflichen Verwaltung. Ausgelöst wurde das Bauprojekt allerdings erst 1946, die Einweihung fand am 8. April 1947 statt.
Zwei Monate zuvor, im Februar 1947, hatte man bereits die Liegenschaft in Schaffhausen gekauft. Man wäre sonst «ausgemietet worden».
Gleichzeitig investierte die Suva in Sitten. Dort kaufte man Bauland in der Nähe des Bahnhofs und erstellte einen Neubau, der am 12. Mai 1949 eingeweiht wurde. Auf den gleichen Tag wurde die Agentur Sitten zu einer Hauptagentur aufgewertet. 1957 wurde der Bau erweitert, der heutige Standort wurde erst 1997 bezogen.
1949 erfolgte ein wichtiger Schritt in Basel. Die Suva kaufte die Liegenschaft am heutigen Standort der Agentur, an der Ecke der St. Jakob- und Gartenstrasse. Im Juni 1951 wurde der Neubau eröffnet, von 1988 bis 1993 wurde er von den Architekten Herzog & De Meuron umgebaut und erweitert.
In Lausanne kaufte die Suva eine Liegenschaft auf Vorrat – nicht irgendeine Liegenschaft, sondern ein Hotel, das Hotel Byron an der Avenue Tissot.
Der bisherige Sitz an der Place de la Riponne war «auf lange Sicht keine befriedigende Lösung», deshalb erwarb man 1957 das Hotel, schloss mit der Hotelführung aber einen langfristigen Mietvertrag ab – bis mindestens 1964, nach der Landesausstellung. Den Neubau nahm man dann erst zu Beginn der Siebzigerjahre in Angriff und bezog ihn 1973.
Bewegt ist die Geschichte des Agenturstandortes in Zürich. Er befand sich bis 1923 im alten Seidenhof an der Sihlstrasse, dann zog die Agentur in das Walche-Gebäude der kantonalen Verwaltung um. Dort erfuhr man, wie den Verhandlungen des Verwaltungsrates zu entnehmen ist, immer wieder Geringschätzung und mietete sich deshalb 1950 in den neu erstellten «Thalhof» am Talacker ein. Weil dort der Platz eng wurde, kaufte man 1957 die Liegenschaft der Briefumschlagfabrik Goessler & Co. AG an der Ecke Glärnischstrasse/Schanzengraben, um dort einen Neubau zu planen. 1958 stand das Bauprojekt am heutigen Sitz an der Dreikönigsstrasse, doch das benachbarte Hotel Baur au Lac reichte Beschwerde ein. Dadurch wurde der Baubeginn um ein Jahr verzögert.
Die Hotelführung zog die Einsprache erst zurück, als sich die Suva bereit erklärte, ein Nebengebäude des Hotels, das sich auf einem angrenzenden Grundstück befand, auf Kosten der Versicherungsanstalt abzureissen und eine Zahlung von 300 000 Franken zu leisten. «Wie kompliziert die Auseinandersetzungen mit dem Baur au Lac waren, beweist die Tatsache, dass der zwischen den Parteien abgeschlossene Vertrag 15 Seiten umfasst!», beklagte sich der Verwaltungsrat am 10. Juli 1959. Der Neubau wurde schliesslich im Herbst 1961 fertiggestellt.
In den folgenden Jahren wurde der Kauf von Liegenschaften für die Eigennutzung der Agenturen zum Normalfall – 1963 in Genf und La Chaux-de-Fonds (Neubau erst 1969), 1964 in Aarau und Baden (wo einst eine Agentur geplant war), 1969 in Solothurn und Weinfelden, 1970 und 1974 am Löwenplatz in Luzern (Neubau erst 1997) und 1984 an der Rue de Locarno in Freiburg.
1987 wurde nach zweijähriger Bauzeit der heutige Agentursitz in Aarau am Rain 35 (gegenüber dem Kunsthaus) vollendet, 1990 zog die Agentur in Wetzikon von einem ehemaligen Wohnhaus an der Schlossbachstrasse in einen eigenen Neubau an der Spitalstrasse um (seit 2008 befindet sich der Sitz in einem Neubau an der Guyer-Zeller-Strasse 27), und 1997 zog auch die Agentur Solothurn in einen Neubau ein.
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