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Es ist in jeder Situation wichtig, dass die Prioritäten von Anfang an klar festgelegt sind. So auch bei dieser donnerstäglichen Debatte in der Oxford Union. «Es ist mir eine Freude», hebt der Sekretär an, nachdem er die Glocke geschlagen hat, «die Cocktails vorzustellen, die in unserer Bar in dieser Woche zum speziellen Aktionspreis von 2 Pfund 50 erhältlich sind, nämlich Hawaiian Heat und Berry Fizz.» Die Debattierkammer, nach dem Muster der englischen Parlamentskammer angelegt, hat etwas Kirchenhaftes. Nur sitzt man nicht auf Holz, sondern auf Leder. Die Bänke formen ein Hufeisen.
Auf dem linken Flügel lassen sich die Befürworter des Antrags nieder, auf dem rechten die Gegner, und dazwischen sind die Schlachtenbummler, die sich auf einen regen Schlagabtausch freuen. Am offenen Hufeisenende haben sich auf einem kleinen Podest die Würdenträger der Union aufgebaut: Bibliothekarin, Schatzmeister und Präsident. Davor sitzt an einem Tischchen der Sekretär. Wie die anderen geladenen Herren trägt er einen schwarzen Frack mit weisser Weste und weisser Fliege. Auch die Damen sind in ihre besten Stücke gehüllt, die – das überrascht doch ein bisschen – durchaus sexy geschnitten sein dürfen.
Das Thema der heutigen Diskussion lautet: «This House Believes Oxbridge is Failing Britain», zu deutsch: «Dieses Haus glaubt, dass Oxbridge seine Aufgabe für Grossbritannien nicht erfüllt.» Oxbridge steht für die beiden Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge. Zuerst bittet der Sekretär mit eleganter Geste einen Befürworter des Antrages ans Rednerpult. Es handelt sich um einen Jurastudenten im zweiten Jahr. Er spricht mit der Hand in der Hosentasche, viel zu schnell und nuschelnd. Aber seine Botschaft kommt beim Publikum gut an: Die Studenten hätten es zu schwer in Oxbridge, sie stünden massiv unter Druck.
Die Aufklärung machte aus dem Debattieren in Grossbritannien einen Publikumssport. Die sogenannte Glorreiche Revolution von 1688/89 hatte der absoluten Macht des Königshauses ein Ende bereitet. Die daraus resultierende «Bill of Rights» sorgte dafür, dass kein königlicher Beschluss ohne die Einwilligung des Parlaments durchgesetzt werden konnte. Dadurch wurde die Position der Grossgrundbesitzer und des Bürgertums gestärkt. Die neuen Machtverhältnisse lösten einen Debattierboom aus. Denn die Vorteile waren augenscheinlich geworden, die aus der Fähigkeit erwuchsen, eine Meinung überzeugend genug vorzutragen, um ein Parlament oder wenigstens einen Stammtisch für die Sache zu gewinnen.
Ende des 18.Jahrhunderts existierten in London 35 kommerzielle Debattierclubs. In St.Andrews, der ältesten und prestigereichsten Universität in Schottland, wurde 1794 die erste Debattierunion aus der Taufe gehoben. Die Cambridge Union Society folgte 1815. Acht Jahre später trat die Oxford Union auf den Plan. Sie ist ein architektonisches Kleinod. In einer unauffälligen Seitenstrasse findet sich ein diskretes Eisentor mit Messingschild: «Oxford Union – Members Only». Dabei ist es erstaunlich einfach, Mitglied zu werden. Die einzige Aufnahmebedingung besteht darin, dass man in Oxford studiert und sich den einmaligen Betrag von 269 Pfund und 86 Pence leisten kann. Damit sichert man sich die lebenslange Mitgliedschaft. Derzeit verzeichnet die Union um die 14000 Mitglieder jeglichen Alters und Status.
Die Union operiert unabhängig von der Universität – so soll die Meinungsfreiheit gewahrt werden. Das Hauptgebäude wurde 1857 im düsteren Imponierstil jener Zeit erbaut. An den Wänden der alten Bibliothek hängen Gemälde von Dante Gabriel Rossetti, William Morris und Edward Burne-Jones. In der Bar prangen Fotos von prominenten Menschen, die hier Cocktails geschlürft haben, darunter Nelson Mandela, Michael Jackson oder Marine Le Pen. Im Haus gibt es zudem einen Esssaal, einen Fernseh- und einen Snookerraum. Das Kernstück der Union ist jedoch das separate Gebäude, eingeweiht 1879, in dem die Debattierkammer samt Balkon untergebracht ist.
Nervös wie ihr Vorredner ist auch die zweite Sprecherin, die gegen den Antrag antreten muss. Mit brüchiger Stimme und starkem amerikanischem Akzent argumentiert sie, Oxbridge, das immerhin 149 Nobelpreisträger hervorgebracht habe, könne in keiner Weise als «Failing» beschrieben werden. Auch sie bekommt viel Applaus – Sympathieapplaus wahrscheinlich, denn es ist ihr erster Auftritt bei einer solchen Debatte.
Die Union führt zwei verschiedene Arten von Debatten durch, einerseits die Donnerstagsdebatten, in denen es primär um Meinungen geht, andererseits Wettbewerbsdebatten, in denen die Rhetorik zählt. Vor jedem Trimester verbringt das von den Mitgliedern frisch gewählte Vorstandskomitee die Ferien damit, Themen für die Donnerstagsdebatten festzulegen und Redner einzuladen, von denen man sich einen wohlinformierten Beitrag für oder gegen den jeweiligen Antrag erhofft. Ebenfalls am Donnerstag finden im kleineren Rahmen sogenannte Emergency Debates statt, in denen sich weniger selbstsichere Studenten Mut anreden können. Bei den Wettbewerbsdebatten dagegen wird den Teilnehmern eine Pro- oder Contraposition zugeteilt, die sie ungeachtet ihrer eigenen Meinung vertreten müssen. Die Union bietet Workshops an, in denen man das trainieren kann, und ermöglicht die Teilnahme an internationalen Debattierwettbewerben.
Auf die Studenten folgen die Debattierprofis. Ein früherer Bildungsminister formuliert ein starkes Argument gegen den Antrag: Ein halbes Jahr nach dem Studienabschluss hätten 95 Prozent der Oxbridge-Absolventen einen Job gefunden – da könne man doch nicht von einem Versagen der Institutionen sprechen. Er streut ein paar lustige Pointen ein und klopft nebenbei noch einen sarkastischen Spruch über Theresa May. Ähnlich geschliffen attackiert der frühere Chefredaktor des «Independent» den Antrag.
Dann ist die Reihe am Publikum. Der Sekretär wählt aus den hochgereckten Händen je drei Redner für beide Seiten aus. Drei Minuten stehen ihnen zur Verfügung. Der erste Sprecher legt ein Geständnis ab: der Druck von Oxbridge habe ihm so zugesetzt, dass er psychiatrische Hilfe gebraucht habe. Mit dieser emotionsgeladenen Darbietung wird er sich hier keinen Preis holen. Ein zorniger älterer Herr erzählt stockend, er habe trotz Oxbridge nicht die Karriere gemacht, die er sich erhofft habe. Auch er wird keinen Preis bekommen, denn er verwechselt persönlichen Groll mit fundierter Kritik. Den Preis trägt schliesslich ein schneidiger junger Mann davon, der mit bewundernswertem Schwung, verbaler Präzision und einer selbstbewussten Körpersprache die kulturelle Einspurigkeit der Institution verdammt. Er gewinnt ein Dinner für zwei Personen in einem feinen Restaurant.
Der Weltruf der Oxford Union beruht indes weniger auf diesen Debatten als auf dem Kaliber der Gäste, die alle gratis erscheinen, um eine Rede zu halten oder ein Podiumsgespräch zu führen und Fragen der Studenten zu beantworten. Die Palette allein im Mai 2018 reicht von der belgischen Tennisspielerin Kim Clijsters über den Präsidenten von Ghana, Nana Akufo-Addo, und den als «radikalen Anarcho-Kapitalisten» angekündigten David Friedman bis hin zu Bianca Jagger und der Modedesignerin Vera Wang.
Auch unter den früheren Präsidenten der Union finden sich Prominente. Zum Beispiel der Aussenminister Boris Johnson, der dank seiner trickreichen Argumentierkunst nach der Brexit-Abstimmung ins Kreuzfeuer geriet. Er hatte zu den lautstärksten Befürwortern des Brexit gezählt. Dann stellte sich heraus, dass er für den «Daily Telegraph» gleichzeitig zwei Kolumnen geschrieben hatte: eine, in der er für den Brexit, eine zweite, in der er genauso überzeugend dagegen argumentierte. In letzter Minute erst soll er sich für die erste Version entschieden haben. Johnson erklärte dazu unwirsch, die Anti-Brexit-Version sei eine «halbe Parodie» gewesen. Der Vorfall löste eine öffentliche Debatte aus. Die Pro-Johnson-Fraktion argumentierte, er habe ganz im Sinn einer intelligenten Debatte Pro und Contra genau unter die Lupe genommen – und dann die vernünftigere Wahl getroffen.
Absolventen vor allem der privaten britischen Schulen und Internate wird das öffentliche Debattieren sozusagen in die Wiege gelegt. Fast an jeder solchen Schule gibt es einen Debattierclub. «Das Selbstvertrauen, öffentlich eine Meinung und ein Argument zu vertreten, gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, die man sich aneignen kann», heisst es beispielsweise auf der Homepage der Highgate School in London.
Es ist kein Zufall, dass die britische Werbeindustrie genauso boomt wie die Comedy-Szene. Für beides braucht es die Fähigkeit, aus dem Nichts eine vielleicht absurde Geschichte glaubwürdig zu inszenieren.
Nach den sogenannten «floor speakers» aus dem Publikum sind nun wieder die Profis dran. Von jeder Seite ist eine zusammenfassende Glanzrede zu vernehmen. Der frühere Generalsekretär der Rektorenvereinigung spricht im Namen der «Ayes», der Befürworter des Antrages. Die «Ayes» traben einem scheinbar sicheren Sieg entgegen, haben sie doch gekonnt Beispiele aufgezählt für die negativen Auswirkungen der exklusiven Universitätskultur von Oxford und Cambridge. Zuletzt jedoch spricht für die «Nos» ein gewisser James Iwu, vor zehn Jahren der erste schwarze Präsident der Studentenvereinigung von Oxford. Mit viel Witz und – dies ist sein Zaubermittel – Charme legt er fulminant dar, dass das Problem nicht bei diesen Institutionen selber liege, sondern begründet sei in einer Klassengesellschaft, die noch immer fest an solche Hierarchien glaube. Und bei all den grossen Unternehmen, die mit ihrer Anstellungspolitik diese Klassenunterschiede weiterhin festigten. Tosender Applaus belohnt den virtuosen Auftritt. Wer mit dem Antrag einverstanden ist, verlässt die Debattierkammer durch den rechten Teil der Tür, wer ihn ablehnt durch den linken. Das Resultat der Abstimmung wird später zum Sound von klimpernden Gläsern in der Bar ausgerufen: 127 Studenten waren dagegen, 99 dafür. Iwu hat gewonnen.
Hanspeter Künzler ist freier Journalist; er lebt in London.