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Behalte im Gedächtnis Jesus Christus, der von den Toten auferweckt worden ist, aus der Nachkommenschaft Davids, nach meinem Evangelium. (2. Timotheus 2,8)
Als Student musste ich mal eine Arbeit schreiben über den Kirchenvater Tertullian. Er lebte am Übergang vom zweiten zum dritten Jahrhundert in Nordafrika. Er war von grossen Gaben bewegt, aber auch von schweren Irrtümern getrieben. Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Entsprechend zweischneidig war sein Einfluss, eben gut und weniger gut zugleich. Geistreich war er zweifellos. Eine seiner Schriften beginnt mit dem Satz: «Der Glaube der Christen ist die Auferstehung der Toten.» Also nicht: Wir glauben auch an die Auferstehung der Toten, oder: Zum christlichen Glauben gehört auch die Auferstehung, sondern ganz steil und einseitig: «Der Glaube der Christen ist die Auferstehung der Toten.» Christlicher Glaube ist demnach nichts anderes als eine Erscheinungsform der Auferstehung Jesu Christi.
Liest man im Neuen Testament, so muss man dem Tertullian recht geben. Alles fliesst aus einer Quelle, und diese Quelle ist die Überzeugung, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Auch in der späteren Kirchengeschichte, bis zum heutigen Tag, gilt dasselbe: Wo immer eine Spur Glauben wirksam war, wo immer Menschen aus dem Glauben gelebt und gehandelt haben, da waren es lauter Funken von jenem Feuer, das bei der Auferstehung Jesu Christi entzündet wurde.
Tertullian hat diesem ersten einen zweiten Satz angefügt: «Indem wir an die Auferstehung der Toten glauben, sind wir.» – Dieser Satz ist geradezu philosophisch. Das Verb SEIN ohne Prädikat sticht ins Ohr. Wir sind gewöhnt zu sagen: Ich bin müde, er ist freundlich, ihr seid Polizisten, sie sind rebellisch, und ähnliches. Aber «Ich bin» oder «wir sind» ist wie eine abgebrochene Aussage. Und doch ist es die grundlegenste Aussage, die man überhaupt machen kann. Ich bin. Wir sind.
Die Aussage des Tertullian ist noch gewagter. Ist es wahr, dass wir durch unseren Glauben an die Auferstehung SIND? Andere Leute, denen die Auferstehung egal ist, sind ja auch. Tatsächlich führt uns Tertullian auf ein interessantes Gelände. Er würde nicht bestreiten, dass auch diejenigen, die nicht an die Auferstehung glauben, leben und existieren. Sogar dass sie gut leben und auf ihre Weise auch SIND. Aber er macht uns darauf aufmerksam, dass die Auferstehung der Toten uns eine besondere Art des Seins eröffnet. Und wenn das zutrifft, so befinden wir uns zu Ostern im Zentrum dessen, was christliches Sein ausmacht. Das haben die Christen schon immer so empfunden und bewertet, deshalb wurde der Auferstehungstag zum wöchentlichen Feiertag.
Unlängst las ich eine Osterpredigt aus dem Jahr 1943. Der damalige Prediger kam nicht darum herum, auch vom Krieg zu sprechen. Die Kirche war vermutlich gut besucht. Der Krieg mit seinen fürchterlichen Begleiterscheinungen, denen sich 1943 niemand verschliessen konnte, bildete den Hintergrund jener Predigt. Und da dachte ich: Der hatte es in einem gewissen Sinne einfacher als wir heute. Denn durch den Krieg, auch wenn die Schweiz verschont wurde, waren Tod und Verderben allgegenwärtig. Die Leute suchten nach einer Hoffnung, die sich dem Krieg entgegenstellte. Und manche fanden sie in der Auferstehung der Toten. Die Kirche konnte in einer Welt der Hoffnungslosigkeit Hoffnung verbreiten.
Nach dem Krieg atmete ein ganzer Kontinent auf. Aber die Kirche geriet durch den Frieden in eine schwierige Lage. Ihre Predigt von der Hoffnung war nicht mehr gefragt. Es gab zwar stets neue Brennpunkte des Leides und der Brutalität und gibt sie heute noch. Aber sie waren nicht vergleichbar mit dem Krieg. Sobald die Menschen ihre Hoffnungen in der Welt erfüllt sehen, dann vergessen sie die Hoffnung, die das Evangelium bereithält. Hier liegt für alle kirchliche Arbeit eine Herausforderung. Die Bevölkerung gesteht der Kirche weitgehend zu, dass sie eine Funktion habe. Zwar nehmen nur wenige am Gottesdienst teil, aber sie nehmen kirchliche Dienste nach Bedarf in Anspruch. In diesen Momenten erwarten sie, dass sie bei der Sache ist.
Es gibt ein Bilderbuch von einer Maus namens Frédéric. Alle Mäuse arbeiteten und sammelten Vorräte für den Winter. Nur Frédéric half nicht bei den Arbeiten, und auf die kritische Frage, weshalb er bloss herumsitze, gab er Bescheid, er sammle eben Farben, um dann im Winter, wenn alles grau und schwarz ist, und wenn die Bedrückung um sich greift, die anderen Mäuse mit den Farben erfreuen zu können. Als dann im Winter die Vorräte zur Neige gingen und die Stimmung sank, da erinnerten sie sich und fragten ihn: Frédéric, wo sind nun deine Vorräte? Und Frédéric hob an und begann zu erzählen, so anschaulich, dass seine Hörer die Farben förmlich vor sich sahen. Er verbreitete Freude und Hoffnung.
Die Maus Frédéric bekam einen Spezialjob zugebilligt, um einen kulturellen Auftrag zu erfüllen. Für die Kirche und ihre Mitarbeiter gilt etwas ähnliches: Sie sind freigestellt, um Vorräte aus der Bibel und aus der Erfahrungswelt des Glaubens herauszuarbeiten und verständlich zu machen. Im Moment sieht es so aus, als ob die Welt diese Vorräte nicht brauche. Aber das kann ändern. Und wenn sie sie braucht, kommt es darauf an, dass die Kirche ihre Farben und ihre Hoffnung nicht vergessen hat.
«Behalte im Gedächtnis Jesus Christus, der von den Toten auferweckt worden ist,» schreibt Paulus. Er wollte dem Timotheus Mut machen. Unter dem dem Tagesgeschwätz vergisst man leicht das Wichtigste. Es ist ähnlich wie mit interessanten Stellen auf einer Wanderung. Blumen, Steine, Bäche machen die Wanderung reizvoll. Es ist jedoch nötig, dass man sich den Weg merkt. Die wichtigsten Daten der Orientierung sollen im Gedächtnis bleiben.
«Behalte im Gedächtnis Jesus Christus, der von den Toten auferweckt worden ist, aus der Nachkommenschaft Davids, nach meinem Evangelium.» – Das ist das Wichtigste. Zuerst die Auferstehung Jesu Christi. Sie ist die Antwort Gottes auf unsere vordringlichste Frage: Wo bleibt Gott inmitten der rätselhaften Welt, in der wir so viel anderes spüren und erleben? In der Tat tut sich da ein Graben auf. Aber die Bibel redet in vielen Erzählungen sehr nah und authentisch aus den Niederungen menschlichen Daseins heraus.
Behalte im Gedächtnis Jesus Christus – das heisst mehr als «erinnere dich». Es heisst: Lass ihn zu dir reden! Es reden so viele Stimmen durcheinander, und zweifellos wollen wir auch viele hören. Wir sind neugierig. Die Welt ist reich und unser Leben ist kurz. Obwohl wir ungern etwas verpassen, können wir nicht alles hören, das zeigt sich je länger desto deutlicher. Aber eines müssen wir hören: Jesus Christus ist von den Toten auferstanden! Manche denken, wenn sie das hören: Das kann ich nicht glauben. Lassen wir die Forderung auf Glauben beiseite. Hören können wir es in jedem Fall. Aus dem Gehör dringt es ins Gedächtnis und von dort in unser Wesen. Der österliche Ton begleitet uns in die Zukunft und erfüllt uns mit Hoffnung für uns und andere.
Erschienen im Zürcher Boten zu Ostern 2016