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Die Besitzerin hat einen stechenden Geruch bemerkt und festgestellt, dass eine Glasflasche mit Pflanzenschutzmittel aus dem Regal gefallen und am Boden zerschellt ist. Kurz darauf stellt sie fest, dass "Tiger" einen von den Chemikalien benetzten Bauch aufweist und sich intensiv putzt.
Geistesgegenwärtig stellt die Besitzerin die Katze unter die Dusche, shampooniert sie, und bringt sie anschliessend als Notfall in die Praxis.
Die Katze ist noch etwas feucht und zittert; die Körpertemperatur ist mit knapp 37 °C denn auch etwas erniedrigt. Glücklicherweise zeigt "Tiger" ansonsten aber keine Anzeichen einer Vergiftung und riecht aufgrund der vorausgehenden Dusche auch nicht mehr stark nach dem Pflanzenschutzmittel.
Da es sich beim betreffenden Pflanzenschutzmittel (Alaxon D) um ein Präparat handelt, dass schwere Probleme auslösen kann, wird trotz des guten Allgemeinzustandes eine erweiterte Toxinbekämpfung durchgeführt.
"Tiger" wird ein zweites Mal mit einem milden Tiershampoo gründlich geduscht, frottiert und geföhnt. Diese Prozedur lässt die Katze erstaunlicherweise geduldig über sich ergehen - normalerweise ist das Wasser nämlich ein eher ungeliebtes Element. Anschliessend wird ein Venenkatheter gelegt und eine Infusion verabreicht, um durch Anregung der Nierentätigkeit eine gesteigerte Ausscheidung von schon aufgenommenen Chemikalien zu erreichen. Schliesslich wird der Katze noch Aktivkohle in flüssiger Form verabreicht - dieses Medikament bindet im Magen-Darmtrakt allenfalls oral aufgenommene Chemikalien und macht sie unschädlich.
Die Katze wird tagsüber in der Praxis beobachtet, zeigt einen guten Appetit und ein ungestörtes Allgemeinbefinden und wird deshalb abends nach Hause entlassen. Die Besitzerin meldet keine Spätfolgen des Abenteuers...
Beim involvierten Pflanzenschutzmittel handelt es sich um eine Chemikalie aus der Familie der Organophosphate. Das Präparat ist wirksam gegen eine Reihe von Frass-Schädlingen wie Blattläuse und Raupen. Der Inhaltsstoff Diazinon (Dimpylat) wirkt bei Hunden und Katzen auch gegen Ektoparasiten wie Flöhe - deshalb sind auch Halsbänder mit diesem Inhaltsstoff als Flohhalsbänder im Verkauf. Wird der Stoff aber im Übermass aufgenommen (z.B. geschluckt) oder ist ein Jungtier betroffen, so können Vergiftungen bis hin zum Atemstillstand vorkommen. Die Chemikalie bewirkt eine veränderte Leitfähigkeit der Nervenendigungen an den Muskelfasern und kann im schlimmsten Fall zu einer Atemlähmung führen. Andere Symptome sind vermehrtes Speicheln, ein verlangsamter Puls, Krämpfe, Erbrechen und verengerte Pupillen.
Glücklicherweise hat die Besitzerin mit ihrer raschen Badeaktion offenbar die Chemikalie weitestgehend aus dem Fell von Tiger entfernen können, bevor er durch Belecken und Aufnahme über die Haut grössere Mengen des Präparats in seinen Körper aufgenommen hatte.