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Medienmitteilung Schweizerischer Nationalpark vom 16. Juli 2009
Am Mittwochabend hat Jean-Marc Weber, Leiter des Wolfprojekts Schweiz, über den Stand der Wiedereinwanderung des Wolfs in die Alpen und die Schweiz berichtet. Heute leben in der Schweiz etwa 5 bis 8 Wölfe, in den Westalpen rund 200. Seit 1992 hat die Zahl der Wölfe in der Schweiz konstant zugenommen, es sind aber auch diverse legale und illegale Abschüsse zu verzeichnen.
Tendenz steigend
Seit der Wolf in Italien 1972 unter Schutz gestellt wurde, hat die von den Abbruzzen ausgehende Restpopulation stark zugenommen und sich über den Apennin Richtung Alpen ausgebreitet. Heute leben in den Westalpen rund 200 Wölfe, die meisten davon in Frankreich. Es handelt sich um eine natürliche Wiederbesiedlung. Ein Wolf kann problemlos 40 bis 50 Kilometer pro Tag zurücklegen. Bei einem Weibchen in Schweden waren es 1200 Kilometer in einem Jahr. Unterstützt wird die Ausbreitung gemäss Weber durch die Verbesserung der Lebensräume, vor allem die Zunahme der Waldfläche und der Beutetierbestände. Speziell im Apennin hat auch die Landflucht des Menschen die Ausbreitung des Wolfs begünstigt.
Wölfe in der Schweiz
Seit 1995 sind immer wieder Wölfe in der Schweiz aufgetaucht. Es waren meist männliche Kundschafter, die mehr oder weniger sporadisch auftraten. Einige dieser Tiere wurden gemäss Konzept Wolf Schweiz legal erlegt, weil sie mehr als 35 Nutztiere innerhalb von 4 Monaten rissen. So auch der Bergeller Wolf 2001 bei Maloja. Andere Tiere wurden illegal getötet. Weibchen besiedeln einen Lebensraum erst nach den Rüden. Momentan sind in der Schweiz kaum Weibchen vorhanden. Seit 2002 lebt mindestens ein Wolf im Bündner Oberland. Zeitweise konnten dort sogar 3 Individuen genetisch nachgewiesen werden. Der Surselva-Wolf erlegte pro Jahr 5 bis 10 Nutztiere, 2007 jedoch keine. Zu Rudelbildungen ist es bisher nicht gekommen.
Wolfmonitoring Schweiz
Die KORA (Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz) hat unter anderem den Auftrag des Bundesamts für Umwelt, wissenschaftliche Grundlagen für das Management der Wölfe in der Schweiz zu schaffen. Diesen Auftrag erfüllen die Wissenschafter der KORA durch die Dokumentation der Wolfsbestände in der Schweiz und deren Entwicklung. Dies geschieht durch genetische Analysen von Kot, Haaren oder Gewebe, Totfunde, Fotofallen-Belege und Rissen an Nutz- und Wildtieren.
Ein Viertel Nutztiere
Gemäss einer neuen Studie (Kotanalyse) setzt sich die Beute des Wolfs zusammen aus: Rothirsch 32%, Gämse 4.9%, Reh 21%, Steinbock 3.7 und Wildschwein 2.5%. Bei den Hirschen werden zu drei Vierteln Kälber gerissen. Der Anteil der Nutztiere beträgt ein Viertel: Ziege 12%, Schaf 12%, Rinder 2.5%. Im Sommer werden am meisten Haustiere gerissen, in der übrigen Zeit sind Wildtiere viel wichtiger.
In der Schweiz werden jährlich 50 bis 100 Nutztiere von Wölfen gerissen. Der Bund entschädigt dabei 80%, der Kanton 20%. Wolfsrisse werden demnach vollständig vergütet. Von 1998 bis 2006 wurden insgesamt 360'000 Franken ausgezahlt. Für Schutzmassnahmen von Nutztieren waren es von 1999 bis 2006 rund 6 Mio Franken. Durch gezielte Schutzmassnahmen kann die Zahl der Risse stark reduziert werden. Schutzmassnahmen sind jedoch teuer und es stellt sich die Frage der Finanzierung.
Die Zukunft des Wolfs in der Schweiz
In den kommenden Jahren ist mit einer weiteren Zuwanderung von Wölfen in die Schweiz zu rechnen. Abhängig ist die Zahl der Einwanderer insbesondere von der Schutzpolitik in Italien und Frankreich. Dass es häufig nicht gelingt, die zum Abschuss frei gegebenen Wölfe zu erlegen, belegt die hohe Anpassungsfähigkeit und Vitalität dieses intelligenten Beutgreifers, der gelegentlich auch Managementplänen eine Schnippchen schlägt. Doch eins steht fest: Der Wolf findet in der Schweiz einen reich gedeckten Tisch: In den letzten Jahrhunderten war die Zahl der Rothirsche noch kaum je so hoch wie heute. Vielleicht ist das seine Chance. Der zentrale Faktor ist jedoch die Bereitschaft der lokalen Bevölkerung, sich mit der Anwesenheit des Wolfs zu arrangieren. Eine Gefahr für den Menschen stellt der Wolf erwiesenermassen nicht dar.
Hans Lozza, Schweizerischer Nationalpark
Kurzportrait Wolf
Körper: Grösste Art der Familie der Hundeartigen. Gewicht 15 bis 80 kg, Rüde grösser als Weibchen
Mehrere Unterarten: Wüste, Sibirien, Arktis
Unterscheidung Wolf/Hund: Wolfsrücken ist gerade, starker Hals, kurze Ohren, kürzerer, gerader Schwanz
Lebensraum: Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Von dichten Wäldern in Osteruropa über Wüstengebiete bis in die Arktis. Früher auf der ganzen Nordhemisphäre verbreitet. Heute leben in Italien 500 bis 1000 Wölfe, im Balkan 3000 und in Rumänien 4000 Tiere. Ein Territorium umfasst 120 bis 300 km2
Rudel: Ausgeprägte soziale Organisation in Rudeln. Besteht aus Vater, Mutter und Jungen. Grösste Rudel des italienischen Wolfs werden aus 6 bis 7 Tieren gebildet. In Sibirien und Alaska bis zu 40 Tiere. Je grösser das Rudel, umso grössere Beutetiere werden gerissen. Hauptvorteil der Rudelbildung ist die Aufgabenteilung. Jagd, Pflege und Bewachung der Jungen. Wichtig im Rudel ist die Kommunikation.
Fortpflanzung: Läufigkeit Januar-März. In einem Rudel pflanzen sich nur die beiden Alpha-Tiere fort. Anzahl Junge 4-7, Tragzeit 2 Monate. Die Jungen werden in Höhlen aufgezogen und bleiben nach der Geburt 2 Monate dort.