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Der Architekt Otto Neimiller ist weniger für die Gebäude bekannt, die er realisieren konnte, denn für die Kühnheit seiner Entwürfe. Wobei diese Zeichnungen nicht Pläne und Risse sind, wie man sie von einem Architekten erwarten würde, sondern primitive Skizzen – oft mit einem dicken schwarzen Filzstift auf jenes Papier gezeichnet, das im Moment der Idee gerade zur Hand war: Papiertaschentücher, Zeitungen, Metzgereipapiere. Das hat mit Neimillers Überzeugung zu tun, dass die erste Idee immer die stärkste sei und man unbedingt an ihr festhalten müsse. Gleichzeitig sind diese Skizzen fast durchgehend leicht aquarelliert – was wiederum auf Neimillers Vorstellung zurückzuführen ist, dass «Ideen auch immer Farben haben» («que les idées ont toujours des couleurs»).
Oft sind es ziemlich konkrete Bilder, die Neimiller mit seinen Projekten sichtbar machen will. 1956 etwa schlug er den Bau einer neuen Markthalle an der Place Tambour in Port-Louis vor, die sich wie die aufgerichtete Rückenflosse eines Fisches in den Himmel wölben sollte. Die Aussenhaut des Baus sollte mit unterschiedlich dicken Glasplatten verkleidet werden. Darin sollte sich das Licht so spiegeln, dass der Eindruck entstünde, die Flosse sei «humide et en mouvement permanent» («feucht und in ständiger Bewegung»). Für das Innere sah er eine Art Kaskade vor, an deren Rand die Fischhändler ihre Ware verkaufen sollten. Diese Kaskade sollte die Händler auch mit Eis versorgen und zugleich die Raumtemperatur regulieren.
1987 entwarf er für den er Airport Oscar I. ein Flughafengebäude in der Form eines fünfblättrigen Propellers. Ein Flughafen mit fünf Terminals schien den Verantwortlichen jedoch ein «ebenso reizvolles wie massloses Projekt», so jedenfalls stand es in der «Gazette de Port-Louis».
Auch Neimillers Vorschlag für den Umbau des Aquariums am Quai des Voiliers in Port-Louis fand zwar begeisterte Fürsprecher, zu einer Realisierung aber kam es nie. Sein Plan sah eine Erweiterung des Aquariums unter dem Hafenbecken vor. Vom bestehenden Gebäude aus sollte eine Plexiglasröhre über die Mole hinweg in den Hafen hinein hängen wie «der Tentakel eines erlegten Oktopoden» (Neimiller). Innerhalb dieser Röhre sollten die Besucher dann auf einer Rolltreppe in das Wasser des Hafens hinab fahren können.
Eine Krake war auch das Vorbild der Villa eines wohlhabenden Fischhändlers namens Aramé Zola, die zu den wenigen realisierten Bauten Neimillers gehört. Sie wurde Mitt der sechziger Jahre gebaut, liegt oberhalb von Granvan und fällt durch zwei grosse runde Fenster auf, die wie die Augen eines Oktopus ins Tal hinab blicken. Besonders charmant ist auch die Rutschbahn, die der Architekt für einen Spielplatz im Quartier Plaisir in Port-Louis realisiert hat: Die Kinder können hier auf dem Rüssel eines Elefanten die Bedeutung der Schwerkraft erproben.
Otto Neimiller kam 1927 in Carbelotte an der Ostküste von Santa Lemusa zur Welt. Er studierte in Zürich und Wien, wo er 1950-1956 lebte. 1956 kehrte er nach Santa Lemusa zurück. Seither lebt und arbeitet er in Port-Louis und Carbelotte. Obwohl nur wenige Bauten nach seinen Plänen realisiert wurden, gilt Neimiller als einer der wichtigsten Architekten der Insel und als Wegbereiter einer modernen Architektur-Sprache.
First Publication: 4-1-2012
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