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Alexander von Humboldt war ein Pionier der Klimaforschung. Auf seinen Reisen nach Amerika (1799–1804) und Asien (1829) führte er meteorologische Messungen durch, mit denen er ein modernes, ganzheitliches Modell des Erdklimas entwickelte. Humboldt hat damit die vergleichende Klimatologie begründet. Nun wurden Humboldts Klima-Schriften an der Universität Bern gesammelt und herausgegeben, kommentiert aus wissensgeschichtlicher und klimatologischer Perspektive.
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Alexander von Humboldt (1769–1859) leistete Forschungsbeiträge zu 30 Disziplinen, die grossenteils bis heute gültig sind. Neben seinen Buchwerken veröffentlichte er 750 Aufsätze, die 2019 an der Universität Bern herausgegeben wurden (Sämtliche Schriften in 10 Bänden). Eine Disziplin, die Humboldt nachhaltig prägte, ist die Klimawissenschaft. Erstmals sind Humboldts Klima-Schriften nun gesammelt, nach philologischen Standards ediert sowie umfassend kommentiert in einem Band erschienen. Herausgegeben wurden sie von Thomas Nehrlich und Michael Strobl vom Institut für Germanistik der Universität Bern, kommentiert von Stefan Brönnimann vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern und Martin Claussen, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.
«Humboldt gilt als Pionier eines ökologischen Denkens und als Begründer der vergleichenden Klimatologie», erklärt Thomas Nehrlich. «Durch unsere Berner Ausgabe der Sämtlichen Schriften haben wir einen Überblick über Humboldts Forschungsbeiträge gewonnen. Er wertete neben seinen grossen Reisen nach Amerika und Zentral-Asien zahlreiche weitere meteorologische, geographische und ozeanographische Daten aus. Humboldts Klimaforschung ist interdisziplinär und global.» Michael Strobl ergänzt: «Als einer der ersten hat Humboldt das Klima der Erde als komplexes System erkannt. Seine Erkenntnisse hat er aber nicht in einem Buch zusammengefasst, sondern in seinen Aufsätzen.» Die im Wehrhahn Verlag erschienene Edition versammelt erstmals Humboldts wichtigste Klima-Schriften aus den Jahren 1795 bis 1847.
Als klimatologische Forschungsbiographie zeigt die Ausgabe Humboldt als Theoretiker und Empiriker einer fächerübergreifenden Klimaforschung, die Wechselwirkungen geologischer, biologischer und anthropologischer Prozesse berücksichtigt. Humboldts Beiträge behandeln die Atmosphärenchemie im Bergbau, die Wärmeverteilung auf der Erde, die Schallausbreitung in der Nacht, die Temperatur von Regentropfen, ein Nordlicht in Berlin sowie Bedingungen für den Weinbau. Humboldt verglich die Schneehöhen der Anden, des Himalaya und der Alpen. Er mass die Temperatur des Atlantik, des Pazifik und der Ostsee. Er untersuchte das Klima von Spanien und von Zentralasien. Humboldt beschrieb eine Kaltwasserströmung an der Westküste von Südamerika – den nach ihm benannten «Humboldtstrom». Er entwickelte das infographische Konzept der «Isothermen Linien» (Zonen gleicher Durchschnittstemperatur), das heute aus jedem Wetterbericht geläufig ist.
Ein umfassendes Nachwort von Michael Strobl erläutert Humboldts jahrzehntelange Beschäftigung mit klimatologischen Fragen. «Humboldt hat früh erkannt, dass der Mensch mit seinen Eingriffen in die Umwelt das Klima beeinflusst», sagt Strobl. Ein Geleitwort der Klimatologen Stefan Brönnimann und Martin Claussen ordnet seine Arbeiten aus heutiger Sicht ein. «Atmosphärenchemie und -physik, Gletschergrenzen, Meeresströmungen, Vegetationsgürtel, Temperaturschichten und Klimazonen – all das war Humboldt bereits bekannt, und die Forschung dazu hat er zum grossen Teil mitbegründet», sagt Stefan Brönnimann. Martin Claussen erläutert: «Neben seiner enormen Bandbreite beeindrucken uns Humboldts präzise Beobachtungen, seine innovativen Schlussfolgerungen und seine ganzheitliche Sicht auf das Klima, die stets den Menschen mit einschliesst. Als Theoretiker wie als Empiriker hat er eine wichtige Grundlage für die heutige Klimawissenschaft geschaffen.» Brönnimanns Fazit zu Humboldts Forschungsleistung lautet: «Humboldts Definition der Elemente und Faktoren, aus denen sich das Klima zusammensetzt, ist bis heute aktuell.»
Über das Buch
Alexander von Humboldt: Ueber die Hauptursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper. Schriften zum Klima, mit einem Geleitwort von Stefan Brönnimann und Martin Claussen, herausgegeben von Thomas Nehrlich und Michael Strobl, Hannover: Wehrhahn 2023. 460 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.
ISBN: 978-3-86525-990-5.
Über die Herausgeber
Thomas Nehrlich und Michael Strobl sind promovierte Literaturwissenschaftler und Editionsphilologen am Institut für Germanistik der Universität Bern.
Thomas Nehrlich gab mit Oliver Lubrich die Sämtlichen Schriften Alexander von Humboldts heraus (2019 in zehn Bänden im dtv, München; 2021 online: humboldt.unibe.ch/text). Jüngste Buchveröffentlichung: Alexander von Humboldt Berlin 1830–1835. Eine Publikationsbiographie, Bielefeld: Aisthesis 2021 (https://doi.org/10.46479/TNA00002).
Michael Strobl ist Herausgeber mehrerer Bände von Alexander von Humboldts Sämtlichen Schriften. In seiner Dissertation erforschte er u.a. das Berlin Diary des US-amerikanischen Korrespondenten William L. Shirer der Jahre 1934 bis 1940: William L. Shirers Werk über NS-Deutschland. Ein Zeitzeuge als Autor, Darmstadt: WBG 2021.
Über die Autoren des Geleitworts
Stefan Brönnimann ist Professor für Klimatologie am Geographischen Institut und Leiter Klimatologie am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung an der Universität Bern. Er befasst sich mit vergangenen Klimaschwankungen und gegenwärtiger Stadthitze. Die Wissenschaftsgeschichte führt ihn immer wieder zu interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Martin Claussen ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie und Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg. Er interessiert sich für die Klimasystem-Modellierung und die Wechselwirkung zwischen Vegetation und Klima.
19.07.2023