Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/1193

Reisende haben das Ebolavirus bisher zweimal per Flugzeug in ein anderes Land gebracht. Forscher rechnen mit weiteren Fällen – insbesondere, wenn die Kontrollen an den Abreise-Flughäfen nicht greifen.
Seit dem Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika ist es bisher zweimal passiert: Ein Reisender aus Liberia brachte Ende Juli das Ebolavirus nach Nigeria. Er war bereits beim Abflug krank, brach am Flughafen von Lagos zusammen und starb später. Insgesamt 19 Menschen steckten sich an, 7 überlebten die Infektion nicht. Am 20. September landete ein weiterer Mann in Dallas, der sich in Liberia mit Ebola infiziert hatte. Vier Tage später brach die Krankheit bei ihm aus. Auch er starb, zwei Krankenschwestern steckten sich an.
Experten rechnen in den kommenden Monaten mit ähnlichen Fällen. Im Medizinjournal «The Lancet» berichtet ein Team um Kamran Khan vom St. Michael's Hospital in Toronto, Kanada, dass laut ihrem Modell knapp drei mit Ebola Infizierte pro Monat aus den betroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone ausreisen würden, wenn es keine Kontrollen an den Abreise-Flughäfen in Westafrika gäbe.
Laut Khan und seinen Kollegen, flogen 2013 knapp 500'000 Menschen aus den Hauptstädten Conakry, Monrovia und Freetown ab. Sie sind die einzigen Städte in den betroffenen Ländern mit internationalen Flughäfen. Demnach flogen die meisten Reisenden nach Ghana (17 Prozent), Senegal (14, Prozent), Grossbritannien (8 Prozent), Gambia (7 Prozent) oder Frankreich (6 Prozent).
Auf dieser Datenbasis und Zahlen über die Zahl der Infektionen in den betroffenen Ländern beruht das Modell der Forscher, das allerdings mit einigen Unsicherheiten behaftet ist: Zum einen finden Ausreisekontrollen an den drei Flughäfen bereits statt. Zum anderen beziehen sich die Wissenschaftler etwa auf die offiziellen WHO-Zahlen vom 21. September – ohne dabei die Dunkelziffer zu berücksichtigen, die nach Angaben der WHO sehr hoch ist. Gleichwohl haben sie in ihren Berechnungen berücksichtigt, dass bereits ein grösserer Teil der internationalen Flüge gestrichen wurde.
Immerhin 60 Prozent der Passagiere aus Guinea, Liberia und Sierra Leone reisen in ein armes Land oder eines mit mittlerem Einkommen. «Da diese Staaten über begrenzte medizinische Ressourcen verfügen, haben sie möglicherweise Schwierigkeiten, einen importierten Ebola-Fall schnell zu identifizieren und effektiv zu reagieren», sagt Khan. In Nigeria dagegen reagierten die Behörden schnell und effizient, inzwischen wurde das Land von der WHO offiziell für Ebola-frei erklärt.
Die Frage, die sich Experten stellen: Was ist sinnvoller? An den Flughäfen der betroffenen Länder nach potenziell Ebola-Infizierten zu suchen – oder an jenen, von denen es Direktverbindungen in die Ebola-Länder gibt?
Nach Aussage von Khan und Kollegen ist die Kontrolle an den drei Hauptstadt-Flughäfen effektiver. Allerdings bräuchten die von der Ebola-Epidemie betroffenen Staaten internationale Hilfe, um diese dauerhaft zu gewährleisten, schreiben die Autoren.
In den USA und in Europa haben mehrere Flughäfen bereits Kontrollen für Einreisende aus den Ebola-Ländern eingerichtet. Dabei wird nicht nur die Temperatur der Ankommenden gemessen, sie müssen auch Fragen zu ihren Kontakten beantworten.
Dennoch ist es unmöglich, auf diesem Wege alle infizierten Reisenden zu entdecken: Im Schnitt vergehen nach einer Ansteckung acht bis zehn Tage, im Extremfall sogar 21 Tage, bis das Ebolafieber ausbricht. Wer gesund und ohne Fieber fliegt, kann trotzdem später noch erkranken. Und ob Reisende die Fragebögen wahrheitsgemäss beantworten, lässt sich ebenfalls nicht prüfen.
Wie viele Infizierte man durch die Kontrollen tatsächlich identifizieren kann, geben Khan und Kollegen allerdings nicht an. Sie schreiben lediglich, dass doppelte Kontrollen am Abflug- sowie am Ankunftsflughafen unnötig seien. Es genügten Kontrollen am Abflugort, diese seien effektiver.
Warum also kein komplettes Flugverbot verhängen, um ganz sicher zu gehen?
«Das könnte verheerende Folgen für die Wirtschaft in den betroffenen Ländern haben, was die Region destabilisieren würde», schreiben die Forscher im «Lancet». Zudem könne es die Versorgung mit medizinischen Hilfsgütern empfindlich stören. «Die Entscheidungsträger müssen sorgfältig zwischen den potenziellen Schäden der Flugverbote und der möglichen Vermeidung exportierter Ebola-Fälle abwägen».
Zur gleichen Auffassung kommen auch Experten auf dem World Health Summit, der am Sonntag in Berlin startete. Walter Lindner, Ebola-Beauftragter der Bundesregierung sagte am Dienstag, das Wichtigste sei der Kampf gegen Ebola, «er darf aber keinesfalls zu einer Isolation der betroffenen Länder führen».