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Unter den Einfamilienhäusern, Wohnblöcken und öffentlichen Anlagen der Schweiz verstecken sich rund 360'000 Schutzräume für den Kriegsfall. Die Schutzbauten, die heute als Weinkeller, Hobbyräume oder Rumpelkammern genutzt werden, entstanden mehrheitlich während dem Kalten Krieg.
Jost Auf der Maur
Jost Auf der Maur ist Schweizer Journalist und Buchautor, wurde für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnet und lebt in Chur.
Seit dem 24. Februar 2022 fallen in Europa wieder Bomben, nicht nur auf militärische Anlagen der Ukraine, sondern auch auf ungeschützte Wohnhäuser in Millionenstädten. Bilder von Menschen, die in U-Bahnstationen der Hauptstadt Kiew Schutz suchen, gehen um die Welt. Das erinnert wahrscheinlich viele in der Schweiz daran, dass hierzulande für die Zivilbevölkerung spezielle Schutzräume vorhanden sind. Das ist selbstverständlich kein Zufall, das ist so gewollt.Am 24. Mai 1959 sagte eine Mehrheit (62,3%) stimmberechtigter Schweizer Männer Ja zu einem Zivilschutzartikel in der Bundesverfassung. Zu verstehen ist diese politische Vorlage vor dem historischen Hintergrund: Der Zweite Weltkrieg mit seinen Flächenbombardements und der Einsatz von zwei Atombomben gegen Japan hatten der Bevölkerung die Folgen drastisch aufgezeigt. Innerhalb von 20 Jahren nach diesem Weltkrieg bauten zudem die USA, die Sowjetunion, Grossbritannien, Frankreich und China ihr Arsenal an Atomwaffen auf. In der Schweiz waren darum einige «Falken» unter den Militärs und Politikern der Ansicht, die richtige Antwort darauf sei es, die Armee ebenfalls atomar auszurüsten. Bundesrat Karl Kobelt hatte dazu 1946 den geheimen Auftrag erteilt: «Schaffung einer schweizerischen Uran-Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie-Verwendung beruhen.» Soweit ist es nicht gekommen. Dagegen wurde der Bau von Schutzplätzen eifrig verfolgt. Der Zweck: Die Menschen und ihre Lebensgrundlagen «bei Schadenereignissen von grosser Tragweite, Katastrophen, Notlagen und bewaffneten Konflikten zu schützen». 1963 wird das Bundesamt für Zivilschutz (BZS) installiert.Die Ergebnisse mögen erstaunen: Für jede Einwohnerin und jeden Einwohner in der Schweiz ist heute ein geschützter Platz verfügbar. Rund 360’000 private unterirdische Schutzräume und etwa 2300 grosse öffentliche Schutzanlagen sind vorhanden. Inzwischen ist sogar – gemessen an der Bevölkerungszahl – ein Überangebot an Schutzraumplätzen entstanden. Dennoch ist die sogenannte Schutzraumpflicht für Hauseigentümer und Gemeinden nicht ersatzlos aufgehoben worden; in Ortschaften, wo es bereits genügend Schutzplätze gibt, wird eine Ersatzzahlung erhoben. Gebaut wurden in der Schweiz auch unterirdische Spitäler mit mehr als 50’000 geschützte Krankenbetten. Männer und Frauen werden in Zivilschutz-Kursen trainiert. Selbstverständlich gelten umfangreiche «Technische Weisungen für den Pflichtschutzraumbau» (TWP). Das Motto: Einheitlich, solide, einfach, praktisch. Mit diesen Vorkehrungen steht die Schweiz weltweit (fast) alleine da; nur Schweden und der Stadtstaat Singapur können noch mithalten. Aneinandergereiht ergäben die oft im Tagebau entstandenen Schutzeinrichtungen der Schweiz einen Tunnel von schätzungsweise 1200 Kilometern Länge, eine Distanz von Zürich nach Algier. Der Zivilschutz ist eines der grossen nationalen Projekte des Landes, vergleichbar mit der AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung), dem Nationalstrassennetz oder der Eisenbahn.
«Das Leben im Schutzraum»: Der Informationsfilm des Bundesamts für Zivilschutz erklärt, was im Katastrophenfall beim Leben im Schutzraum zu beachten ist, 1984.Condor Documentaries Zürich / VBS
Viele Menschen in der Schweiz kennen die privaten Schutzräume im Keller wenigstens von der Anmutung her, zu den augenfälligen Einrichtungen gehören die extra dicken Eisenbetonmauern, die 500 Kilogramm schweren Türen und deren wuchtige Handgriffe zur gasdichten Verriegelung, die metallenen Explosionsschutzventile, der Notausstieg, eventuell die Schachtel mit dem Trockenklosett. Nicht fehlen darf die Handfilterpumpe, an der im Ernstfall schweisstreibende Kurbelarbeit zu verrichten wäre – die Atemluft soll damit von unerwünschten chemischen und biologischen Partikeln gereinigt werden. Die meisten der Schutzräume stehen nicht leer, sondern werden als Weinkeller, Hobbyräume oder Rumpelkammern genutzt. Als am 1. November 1986 in Schweizerhalle bei Basel brennende Agro-Chemikalien eine Giftwolke über der Stadt entwickelten und die Menschen zuhause bleiben mussten, waren die Schutzräume nicht bezugsbereit.Zu den Lebensgrundlagen einer intakten Zivilgesellschaft gehört die kulturelle Identität. Darum sollen auch Kulturgüter geschützt werden; die Schweiz ist 1962 dem «Haager Abkommen für den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten» beigetreten. Tief im Untergrund von Heimiswil im Emmental ist darum ein nationales Gedächtnis eingerichtet worden. Kulturgüter zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie – im Gegensatz zu elektronischen Daten, Gold und Geld – einzigartig und unersetzlich sind. Im Falle ihrer Zerstörung sollen diese Kulturgüter wenigstens originalgetreu rekonstruierbar bleiben, ob es sich dabei um Bauten, Dokumente oder Kunstgegenstände handelt. Für die Archivierung werden die entsprechenden Angaben auf Silbersalz-Mikrofilmen gesichert, in Stahlbehältern versorgt und in Containern bei 10 Grad Celsius und 35% Luftfeuchtigkeit aufbewahrt. Das verspricht eine Lagersicherheit von 500 Jahren.Die Erfüllung der Schutzbedürfnisse rief aber auch wunderliche Ergebnisse hervor. Ein Beispiel dafür ist die Bunkerstadt Sonnenberg bei Luzern, in der 20’000 Menschen hätten Schutz vor einem 3. Weltkrieg finden sollen. Allein, die Techniker und Ingenieure haben dabei einfache Gegebenheiten des menschlichen Alltags nicht beachtet, die Bunkerstadt – heute ein gern besuchtes Denkmal des Kalten Kriegs – erfüllt den vorgesehenen Zweck nicht.Die Schweiz ist mit ihrem voll ausgebauten unterirdischen Zivilschutz weltweit ein Phänomen. Die Möglichkeit zur Flucht in der Vertikalen ist demokratisch vereinbart worden und scheint einer nationalen Mentalität zu entsprechen. In anderen Ländern werden die vielen Milliarden für die kostenlose medizinische Versorgung verwendet. Wieder andere verwenden das Geld, um sich indirekt Zeit zu kaufen, anstatt sich in Sorge um eine ungewisse Zukunft dicke Betondecken über die Köpfe zu ziehen. Friedrich Dürrenmatt schrieb mit spitzer Feder: «Der Schweizer ist ein vorsintflutliches Wesen in Erwartung der Sintflut.» Wir haben jedenfalls das gewählt, was uns entspricht.
Schatzkammern, Wasserkraftwerke, Hightechlabors, Spitäler, Verkehrstunnel, der Bundesratsbunker und geheime Kavernen: Die unterirdische Schweiz ist strahlend und kurios. Jost Auf der Maur hat sich in diese Unterwelt begeben, von der viele eine Ahnung haben, aber kaum jemand Genaues weiss. Sein Bericht deckt auf und reisst mit. Ein Service-Teil gibt Auskunft über Führungen und Besichtigungen. Das erste Buch über das weite Land unter der Schweiz.
Gerade in Notzeiten spielte der Schmuggel für die Menschen im Dreiländereck eine wichtige Rolle. Die unübersichtlichen Grenzverläufe zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz erleichterten die illegalen Warentransporte.
Ist der Kampf gegen den «Freiheitskampf der Eidgenossen bei Morgarten» je zu gewinnen? Eine historische Aufgliederung könnte helfen. Der eine Teil, der Kampf, gehört zu 1315, der andere Teil, die Freiheit, zum 19. Jahrhundert.