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Ab 1850 hatte sich, ausgehend von den USA, auch in England der Spiritismus mit allen mediumistischen Varianten stark verbreitet. Zahlreiche Medien der verschiedensten Art zeigten staunenerregende Vorgänge. Die öffentliche Diskussion bemächtigte sich des Themas, und die Presse fiel darüber her. Ebenso wie heute wurde auch damals von einem grossen Teil der Kritiker das ganze Gebiet als Schwindel abgetan. Diese waren nun sehr erfreut, dass ein bedeutender Naturwissenschaftler, nämlich Prof. CROOKES, bereit war, den "Schwindel" auch mit wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen. Ihm sagte man bis dahin nach: " Ubi Crookes, ibi lux " (Wo Crookes ist, da ist Licht, d. h. Klarheit). Er selbst glaubte ebenfalls vor Beginn seiner Untersuchungen, dass die Phänomene entweder Aberglaube oder zumindest noch unerklärte Kunststücke seien. Dies wollte er herausfinden.
In den Jahren von 1869-1875 untersuchte und besuchte CROOKES eine Vielzahl von Medien. Dazu gehörten in zeitlicher Reihenfolge: DANIEL DUNGLAS HOME (1833 - 1886), KATE FOX (1841 - 1892), CHARLES EDWARD WILLIAMS, FLORENCE COOK (1856 - 1904) und ANNI EVA FAY (ein amerikanisches Medium). Weitere neun Medien werden namentlich genannt und einige andere namenlos erwähnt.
Die gründliche Untersuchung dieser Medien liess CROOKES zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei den in Frage stehenden Vorgängen nicht um Täuschung oder Taschenspielerei handelte, sondern um echtes Naturgeschehen, das aber mit den damaligen (und auch heutigen) bekannten Gesetzen der Physik nicht erklärt werden konnte. Er schreibt darüber: "Diese Experimente scheinen endgültig die Existenz einer neuen Kraft zu begründen, welche auf irgendeine unbekannte Weise mit der menschlichen Organisation verknüpft ist und die der Zweckmässigkeit halber die psychische Kraft genannt werden kann."
CROOKES hat diese Auffassung bis zu seinem Tode vertreten und verteidigt, auch wenn er dafür in heftigster Weise als tölpelhaft und leichtgläubig angegriffen wurde.
Von den umfangreichen Untersuchungen, die CROOKES anstellte, sollen nur die berichtet werden, die sich auf die Materialisationsvorgänge bei dem Medium FLORENCE COOK (1856 - 1904) erstreckten. Diese trat zuerst 1871 im Alter von noch nicht ganz 15 Jahren mit ihrer Medialität öffentlich in Erscheinung. Wegen der durch sie vermittelten telekinetischen Vorgänge und Materialisationserscheinungen erregte sie in interessierten Kreisen grosses Aufsehen. Eineinhalb Jahre später wurde CROOKES auf sie aufmerksam und nahm ab Mitte Dezember 1873 an ersten Sitzungen mit ihr teil. Spätere Sitzungen wurden von ihm 1874 besonders sorgfältig über einen Zeitraum von neun Monaten in seiner eigenen Wohnung durchgeführt. Zu diesem Zweck wohnte FLORENCE zeitweise auch bei der Familie CROOKES und stand dann ständig unter Kontrolle. An den Sitzungen nahmen nicht nur Wissenschaftler und Freunde, sondern auch Frau CROOKES und die heranwachsenden Kinder des Ehepaares CROOKES teil. Auf diese Weise war FLORENCE COOK immer unter Beobachtung vieler Augen. Sie hatte keine Möglichkeit zu irgendwelchen "Vorbereitungen" und wurde vor den Sitzungen gründlich untersucht und häufig gefesselt oder gebunden.
Bei FLORENCE COOK trat für drei Jahre als ständige jenseitige Begleiterin eine Phantomgestalt in Erscheinung, die sich KATIE KING nannte. CROOKES berichtet:
[ Einige der nachfolgenden Abschnitte sind kursiv im Original. ]
"Ich will für jetzt die meisten von den Proben übergehen, welche mir KATIE bei den vielen Gelegenheiten gegeben hat, als Miss Cook mich mit Sitzungen in meinem Hause begünstigte, und werde nur eine oder zwei beschreiben, die ich jüngst erhielt. Ich habe vor einiger Zeit mit einer Phosphorlampe experimentiert, welche aus einer 6- oder 8-Unzen-Flasche bestand, welche ein wenig phosphorisiertes Öl enthielt und fest zugekorkt war. Ich hatte Grund zu der Hoffnung, dass bei dem Licht dieser Lampe einige der mysteriösen Phänomene des Kabinetts sichtbar gemacht werden könnten, und auch Katie hat hoffnungsvoll erklärt, dasselbe Resultat zu erwarten.
Nachdem am 12. März 1874 während einer Sitzung bei mir Katie unter uns gewandelt war und eine Zeitlang geredet hatte, zog sie sich hinter den Vorhang zurück, welcher mein Laboratorium, wo die Gesellschaft sass, von meinem Studierzimmer trennte, das zur Zeit den Dienst eines Kabinetts versah. In einer Minute kam sie zum Vorhang und rief mich zu sich und sprach: 'Komm in das Zimmer herein und hebe meines Mediums Kopf auf, den es hat niedersinken lassen.' Katie stand dabei vor mir, in ihrem gewöhnlichen weissen Gewand und mit einem turbanartigen Kopfputz bekleidet. Ich ging sofort in das Studierzimmer zu Miss Cook, indes Katie beiseite trat, um mich vorbeigehen zu lassen. Ich fand Miss Cook teilweise vom Sofa herabgesunken, und ihr Kopf hing in einer ganz verdrehten Lage [ähnlich wie in Abb. 10]. Ich hob sie auf das Sofa und hatte, als ich das tat, trotz der Dunkelheit einen befriedigenden Beweis, dass Miss Cook nicht mit Katie's Kostüm bekleidet war, sondern ihr gewöhnliches schwarzes Samtkleid anhatte und in tiefer Trance war. Nicht mehr als drei Sekunden verstrichen zwischen meinem Sehen der vor mir stehenden weissgekleideten Katie und meinem Aufheben von Miss Cook auf das Sofa aus der Lage, in die sie gefallen war.
Als ich auf meinen Beobachtungsposten bei dem Vorhang zurückkehrte, erschien Katie abermals und sagte, sie glaube, sie würde jetzt imstande sein, sich selbst und ihr Medium mir zu gleicher Zeit zu zeigen. Das Gas [d. h. die Beleuchtung in Form der damals üblichen Gaslampen] wurde hierauf ausgedreht, und sie bat mich um meine Phosphorlampe. Nachdem sie sich bei ihrem Licht einige Sekunden lang dargestellt hatte, händigte sie mir dieselbe wieder aus, indem sie sagte: 'Komm jetzt herein und sieh mein Medium'. Ich folgte ihr auf dem Fusse in das Studierzimmer und sah bei dem Licht meiner Lampe Miss Cook auf dem Sofa liegen, genau so, wie ich sie verlassen hatte. Ich sah mich nach Katie um, aber sie war verschwunden. Ich rief sie, erhielt aber keine Antwort.
Als ich meinen Platz wieder eingenommen hatte, erschien auch Katie sehr bald wieder und sagte mir, dass sie die ganze Zeit über ganz nahe bei Miss Cook gestanden habe. Sie fragte mich dann, ob sie selbst ein Experiment für mich versuchen könnte. Indem sie mir die Phosphorlampe abnahm, ging sie hinter den Vorhang, forderte mich jedoch diesmal nicht auf, hineinzublicken. Nach einigen Minuten händigte sie mir die Lampe wieder aus und sagte, dass sie keinen Erfolg erzielen könnte, da sie alle Kraft aufgebraucht habe. Sie wolle es aber ein andermal wieder versuchen. Mein ältester Sohn, ein vierzehnjähriger Bursche, der mir gegenüber in einer solchen Stellung sass, dass er hinter den Vorhang sehen konnte, erklärte mir, er habe die Phosphorlampe im Raum über Miss Cook, die noch regungslos auf dem Sofa lag, scheinbar deutlich schweben und sie beleuchten gesehen, aber er habe niemand sehen können, der die Lampe hielt."
Seinen umfangreichen Bericht über die Untersuchungen vom März 1874 beendet CROOKES folgendermassen:
"Ehe ich diesen Artikel schliesse, wünsche ich einige Punkte des Unterschieds anzugeben, den ich zwischen Miss Cook und Katie beobachtet habe. Katie's Grösse wechselt; in meinem Haus habe ich sie sechs Zoll grösser gesehen als Miss Cook. In der vergangenen Nacht war sie, mit blossen Füssen und nicht auf ihren Zehen stehend, nur vier und einen halben Zoll grösser als Miss Cook. Katie's Nacken war in der vergangenen Nacht entblösst; die Haut war vollkommen weich, sowohl für das Gefühl wie für das Gesicht [ wie zum Ansehen? ], während sich auf Miss Cook's Nacken eine grosse Blatter (blister) befindet, die unter ähnlichen Umständen deutlich sichtbar und rauh für das Gefühl ist. Katie's Ohren sind nicht durchstochen, während Miss Cook gewöhnlich Ohrringe trägt. Katie ist eine starke Blondine, während Miss Cook dunkelbraun ist. Katie's Finger sind weit länger als die der Miss Cook, und ihr Gesicht ist auch grösser. In ihren Manieren und Ausdrucksweisen gibt es auch viele entschiedene [entscheidende] Abweichungen."
Anfang Juni 1874 kommt Crookes noch einmal auf die Unterschiede von Phantom und Medium zu sprechen und schreibt:
"Nachdem ich jüngst soviel von Katie gesehen habe, wobei sie vom elektrischen Licht beleuchtet worden war, bin ich nun in den Stand gesetzt, die Punkte der Verschiedenheit zwischen ihr und ihrem Medium, die ich in einem früheren Artikel erwähnte, noch zu vermehren. Ich habe die absoluteste Gewissheit, dass Miss Cook und Katie zwei getrennte Individuen sind, soweit dies ihre Körper betrifft. Mehrere kleine Male auf Miss Cooks Gesicht fehlen auf dem Katies. Miss Cooks Haar ist so dunkelbraun, dass es beinahe schwarz erscheint. Eine Locke von Katie, welche jetzt vor mir liegt und die sie mir von ihren üppigen Zöpfen abzuschneiden gestattete, nachdem ich dieselbe zuvor bis zur Kopfhaut verfolgt und mich überzeugt hatte, dass sie wirklich dort wuchs, ist von einer sehr hellen Kastanienfarbe.
Eines Abends zählte ich Katies Puls. Er schlug stetig 75mal in der Minute, während Miss Cooks Puls ein klein wenig später in seiner gewöhnlichen Schnelligkeit 90mal schlug. Wenn ich mein Ohr nahe an Katies Brust hielt, so konnte ich innerhalb derselben ein Herz rhythmisch schlagen und sogar noch weit stetiger pulsieren hören, als Miss Cooks Herz es tat, wenn sie mir nach der Sitzung ein ähnliches Experiment vorzunehmen gestattete. Auf dieselbe Weise geprüft, wurden Katies Lungen weit gesünder gefunden als die ihres Mediums, denn zur Zeit, da ich mein Experiment vornahm, befand sich Miss Cook in ärztlicher Behandlung wegen eines schweren Hustens."
Auch andere Beobachter als CROOKES haben stets betont, dass Medium und Geistgestalt nicht identisch waren und sein konnten.
PROF. CROOKES setzte bei seinen Untersuchungen an Florence Cook auch physikalische Hilfsmittel ein und zog andere Gelehrte hinzu, wie er es schon bei DANIEL DUNGLAS HOME getan hatte. In diesem Fall war es sein Freund und Kollege CROMWELL F. VARLEY (Fussnote 1). Ihm und CROOKES ging es bei dem folgenden Experiment darum, FLORENCE nicht durch eine Fesselung zu "sichern", sondern darum, dass sie mit ihrem Körper, von einem Arm bis zum anderen, in einen elektrischen Stromkreis eingeschaltet wurde. Da VARLEY sich durch die Erfindung von Verfahren zur Fehlersuche bei Kabelbrüchen einen Namen gemacht hatte, kannte er sich in der elektrischen Messtechnik aus und verfügte über für damalige Zeit empfindliche Messgeräte. Zur Erläuterung des nachfolgenden Berichtes von VARLEY schicke ich noch folgendes voraus: Abb. 2 zeigt das Schema der Versuchsanordnung. Als Spannungs- und Stromquelle S dienten VARLEY zwei sogenannte Daniell-Elemente mit Zink- und Kupfer-Elektroden, die jeweils eine elektrische Spannung von 1,09 Volt lieferten. Als Messgerät benutzte er das Galvanometer G (empfindliches Strommessgerät) eines Kabelprüfgerätes.
Abb. 2: Versuchsanordnung von VARLEY und CROOKES im März 1874 zur Überwachung des Mediums FLORENCE COOK während einer Materialisationssitzung, bei der das Geistwesen KATIE KING erschien. E = Elektroden mit Goldmünzen, S = Spannungsquelle, W = Vorwiderstand (10 kOhm), G = Galvanometer
Hätte sich das Medium irgendwann einmal von den an sie angeschlossenen Leitungsdrähten völlig befreit, um das Phantom KATIE spielen zu können, so wäre der Zeigerausschlag des Galvanometers sofort auf Null zurückgegangen. Das war aber niemals der Fall. VARLEY berichtet:
"Die in Rede stehenden Experimente wurden im Hause des Friedensrichters Mr. J. C. Luxmoore, J. P., 16, Gloucester-Square, Hydepark, W., angestellt. Das hintere Wohnzimmer wurde von dem Vorderzimmer durch einen dicken Vorhang getrennt, um das Licht des Vorderzimmers vom Hinterzimmer, welches als Dunkelkabinett benutzt wurde, auszuschliessen. Die Türen des Dunkelzimmers wurden verschlossen und der ganze Raum durchsucht, ehe die Sitzung begann. Das Vorderzimmer wurde von einer beschirmten und mit kleiner Flamme brennenden Paraffinlampe beleuchtet. Das bei dem Experiment benutzte Galvanometer wurde, zehn oder elf Fuss vom Vorhang entfernt, auf das Kaminsims gestellt. Folgende Beobachter waren anwesend Mr. Luxmoore, Mr. William Crookes, Mitglied der Royal Society, Mrs. Crookes, Mrs. Cook, Mr. G. R. Tapp, Mr. Harrison, der Redakteur des "Spiritualist" und ich selbst. Mr. Crookes sass dicht am Vorhang an der einen Seite und Mr. Luxmoore an der anderen.
Miss Cook ruhte in einem Armsessel in dem Zimmer, welches später als Dunkelkabinett dienen sollte. Zwei Sovereigns (englische Goldmünzen), an welche Platinadrähte angelötet waren, wurden je ein Stück an jedem ihrer Arme ein wenig über dem Handgelenk vermittels elastischer Ringe befestigt. ...
Mr. W. H. Harrison, welcher anwesend war, schrieb die von Varley abgelesenen Messwerte des Instruments und seine Bemerkungen nieder und notierte sie nach einem Zeitmesser, wenn sie Varley von Zeit zu Zeit diktierte. Der Strom floss aus den beiden Elementen durch das Galvanometer, durch den Widerstand W und Miss Cook, dann zurück zur Batterie. Der elektrische Widerstand des Körpers des Mediums bewirkte um 7 Uhr [19. 00 Uhr] 220 Skalenteile auf der Skala des Galvanometers; und als die beiden Sovereigns kurzgeschlossen wurden, gab es einen Ausschlag von 300 Skalenteilen. Der Strom wurde während der ganzen Sitzung nicht einen Augenblick unterbrochen. Wäre der Stromkreis nur 1/10 Sekunde unterbrochen worden, so würde sich die Anzeige des Galvanometers um 200 Skalenteile bewegt haben.
Da unser Zimmer trüb erleuchtet war, so waren meine Augen weniger empfindlich als die der übrigen Beobachter, weil ich den grösseren Teil der Zeit über das glänzend reflektierte Spiegelbild des Galvanometers genau beobachtete. "
Nachdem das Medium in Trance gefallen war, bildete sich sehr schnell das Phantom KATIE KING, und VARLEY berichtet darüber:
" Wenn ich aber auf Katie blickte, wurde die Lampe einige Sekunden lang emporgeschraubt, um mich einen besseren Anblick gewinnen zu lassen. Katie glich gar sehr dem Medium Miss Cook, und ich sagte zu ihr: 'Sie sehen genau so aus wie ihr Medium.' Sie erwiderte: 'Ja, ja.' Ich war daher sehr bemüht zu sehen, ob bei Bewegung ihrer Hände oder Arme irgend eine Änderung in der Stärke des elektrischen Stromes stattfinden würde. Zuweilen zeigte sich eine solche. Bei anderen Gelegenheiten, wenn sie z. B. ihre Hand öffnete und schloss, sowie auch wenn sie schrieb, zeigte sich keine Veränderung der Stromstärke.
Gegen den Schluss der Sitzung wurde das Zimmer verdunkelt, und Katie gestattete es mir, sich ihr zu nähern. Sie liess mich dann ihre Hand ergreifen. Dieselbe war lang, ganz kalt und klebrig. Eine oder zwei Minuten später hiess mich Katie in das Dunkelzimmer gehen, um Miss Cook aus der Trance zu erwecken. Ich fand sie in tiefem Trancezustand in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken, ihr Kopf lag auf ihrer linken Schulter, ihre rechte Hand hing herab. Ihre Hand war klein, warm und trocken und nicht lang, kalt und feucht wie Katies.
Im Verlauf von zwei oder drei Minuten kam sie aus der Trance, während die Herren Luxmoore und Crookes mit einem Licht hereinkamen. Die Sovereigns, das Löschpapier und die Drähte waren noch genau so, wie ich sie verlassen hatte, nämlich mit elastischen Schnüren an ihren Armen befestigt."
Der Versuch zeigte, dass nicht das Medium FLORENCE COOK das Phantom KATIE KING gespielt haben konnte, wie es bis heute immer wieder von den Gegnern behauptet wird.
Zu Prof. CROOKES Untersuchungsmethoden bei FLORENCE COOK gehörte auch der Einsatz der Fotografie. Das Erzielen von Lichtbildern war wichtig, um den oftmals vorgebrachten Einwand zu widerlegen, dass die Sitzungsteilnehmer nur Opfer von Halluzinationen geworden seien.
CROOKES berichtet:
"Da ich jüngst einen sehr hervorragenden Anteil an Miss Cooks Sitzungen genommen habe und mit der Aufnahme zahlreicher Photographien der Katie King mit Hilfe elektrischen Lichtes recht erfolgreich gewesen bin, habe ich geglaubt, dass die Veröffentlichung einiger Details für die Leser des 'Spiritualist' von Interesse sein würde.
Während der Woche, ehe Katie ihren Abschied nahm, gab sie in meinem Haus fast alle Abende Sitzungen, um mich in den Stand zu setzen, sie bei künstlichem Licht zu photographieren. Fünf vollständige photographische Apparate wurden diesem Zweck entsprechend aufgestellt. Die eine Kamera enthielt eine Platte in voller Grösse, die andere eine halbe Platte, die dritte eine Viertelplatte, und die beiden letzten waren stereoskopische Kameras, welche alle zu gleicher Zeit bei jeder Gelegenheit auf Katie gerichtet wurden, bei der sie sich aufnehmen liess. Fünf Entwicklungsbäder und fünf Fixierbäder wurden dazu benutzt, und eine Menge Platten wurden gereinigt zum weiteren Gebrauch bereitgehalten, so dass kein Hindernis oder Verzug während der Operationen des Photographierens, welche von mir selbst unter Beistand eines Assistenten vollzogen wurden, eintreten konnte.
Mein Studierzimmer wurde als Dunkelkabinett benutzt. Es hat Doppeltüren, welche sich in das Laboratorium öffnen; eine Hälfte von diesen Türen wurde aus ihren Angeln gehoben und ein Vorhang an ihre Stelle gehängt, um Katie leicht ein- und ausgehen zu lassen. Diejenigen unserer Freunde, welche anwesend waren, sassen im Laboratorium, ihr Gesicht dem Vorhang zugekehrt. Die Kameras waren ein wenig hinter ihnen aufgestellt, bereit, Katie zu photographieren, wenn sie herauskäme, und so auch alles innerhalb des Kabinetts aufzunehmen, sobald der Vorhang zu diesem Zweck beiseite gezogen würde. Jeden Abend fanden drei bis vier Aufnahmen mit den fünf Kameras statt, was wenigstens fünfzehn einzelne Bilder bei jeder Sitzung ergab. Einige von ihnen wurden bei der Entwicklung verdorben und einige bei der Regulierung der Lichtstärke. Im ganzen besitze ich vierundvierzig Negative, von denen einige schlecht, einige mässig und einige ausgezeichnet sind."
PROF. CROOKES hat von seinen 44 Negativen keines veröffentlicht. Ein Teil der Bilder wurde jedoch von CROOKES an andere Sitzungsteilnehmer weitergegeben, aus deren Besitz oder Nachlass heraus sie Jahrzehnte später veröffentlicht wurden. Ausserdem hat ein anderer häufiger Teilnehmer an Sitzungen mit FLORENCE COOK, Mr. W. H. HARRISON, Herausgeber der Zeitschrift Spiritualist, Magnesium-Blitzlichtaufnahmen von KATIE KING gemacht. Sie fanden ebenfalls später teilweise ihren Weg in Veröffentlichungen. Ich gebe in Abb. 3 und 4 nur zwei dieser Fotos wieder. Weitere acht habe ich in dem Buch Zeugnis für die jenseitige Welt reproduziert. Die Forschungen und Dokumentationen von CROOKES und anderen Untersuchern zeigen, dass auf dem Wege der sogenannten "paranormalen Materialisation" vorübergehend menschengleiche Wesenheiten entstehen können, die sich wie normale Menschen verhalten und von letzteren berührt, ausgefragt und medizinisch untersucht werden können.
Abb. 3: FLORENCE COOK in Trance mit einer materialisierten Phantomgestalt hinter sich. Das Phantom ist völlig verhüllt und möglicherweise noch in der Entwicklung begriffen. Das Bild wurde 1874 von PROF. CROOKES aufgenommen. (Aus: R. G. MEDHURST / K. M. GOLDNEY: William Crookes and the physical Phenomena of Mediumship, S. 144, Tafel 3)
Abb. 4: Das Phantom KATIE KING, aufgenommen von PROF. CROOKES im Mai 1874 (Aus: Four Katie King Photographs, Tafel 4
Alles, was CROOKES selbst zusammen mit seinen Helfern (z. B. VARLEY) beobachtet hat, ist so gründlich von ihm untersucht worden, dass von einem Betrug durch FLORENCE COOK überhaupt keine Rede sein kann. Das erkannte auch einer seiner Gegner, ein englischer Vermessungsbeamter namens TREVOR HALL, um 1960. Er setzte daher seinen Hebel bei PROF. CROOKES unmittelbar an und behauptete, dass dieser als Impressario der Florence-Cook-Seancen den Schwindel mit dem Medium gemeinsam durchgeführt habe. Zwischen den beiden habe ein ehebrecherisches Liebesverhältnis bestanden, und zu dessen Tarnung hätten die Materialisationssitzungen gedient. Und das alles soll der 24 Jahre ältere CROOKES ausgerechnet in seiner eigenen Wohnung vor den Augen seiner ganzen Familie, zahlreicher Freunde und des Verlobten (und ab 29.04.1874 Ehemannes) der FLORENCE COOK vorgeführt haben, und niemand soll von dem "Verhältnis" etwas gemerkt haben? Ausserdem war CROOKES bei Sitzungen in früheren und späteren Jahren gar nicht anwesend, und trotzdem traten Materialisationen auf. Infamer kann man seine Verleumdungen gar nicht erfinden, zumal wenn die Betroffenen und die unmittelbaren Zeugen seit Jahrzehnten verstorben sind. Aber die Beschuldigung durch TREVOR HALL wird weiterverbreitet und von nichtsahnenden Lesern auch geglaubt. Wer macht sich schon die Mühe, die Originalliteratur gründlich nachzulesen? Dagegen ist schon immer die Methode, jemandem sexuelle Verfehlungen anzudichten, geeignet gewesen, die Glaubwürdigkeit eines Menschen zu erschüttern, nach dem Motto "Etwas bleibt immer hängen".
Prof. Dr. Werner Schiebeler
CROOKES, WILLIAM:
=> Mr. Crookes noch kein Spiritualist. In: Psychische Studien, 1875, S. 218-219.
=> Researches in the Phenomena of Spiritualism. London: Verlag J. Bums [ Burns? ], 1874.
=> Notizen einer Untersuchung über die sogenannten spirituellen Erscheinungen während der Jahre 1870-73. In: Psychische Studien; 1874, H. 2, 53-59; H. 3, 104-109; H. 4, 155-160; H. 5, 208-287; zugleich Quarterly Journal of Science, Jan. 1874.
=> Das Photographieren einer psychischen Gestalt mittels elektrischen Lichtes. In: Psychische Studien; (1875), 1, 19-24; zugleich in: The Spiritualist, No. 93 vom 5. Juni 1874.
=> Die mutmasslichen Geistergestalten und ihr fast positiver Beweis. In: Psychische Studien; (1874), 9, 385-389; zugleich in: The Spiritualist, No. 84 vom 3. April 1874.
=> Die Psychische Kraft und der moderne Spiritualismus. In: Psychische Studien, 1874, H. 4, 170-175; H. 6, 267-277; H. 7, 317-325.
=> Jahresrede als Präsident der British Association zu Bristol. In: Psychische Studien; (1898) 10, 481-488; zugleich in: Light, No. 922 vom 10.09.1898.
=> Der Spiritualismus und die Wissenschaft. Leipzig, Verlag Franz Wagner, 1872, Verlag Oswald Mutze, 1898.
=> Materialisationsversuche, hrsg. von RUDOLF TISCHNER. Leipzig: Verlag Oswald Mutze 1923.
MEDHURST, R. G. / GOLDNEY, K. M.: William Crookes and the physical Phenomena of Mediumship. Proceedings of the Society for Psychical Research, Vol. 54, Part 195, March 1964, S. 25-157.
SCHIEBELER, WERNER: Zeugnis für die jenseitige Welt. Melsbach/Neuwied: Verlag Die Silberschnur 1989.
VARLEY, CROMWELL FLEETWOOD: Erste experimentelle Prüfung der angeblichen Geister-Erscheinungen. In: Psychische Studien; (1874), 7, 342-349; zugleich in: The Spiritualist, No. 82 vom 20.03.1874.
o. V.:
=> Summarisches über mutmassliche Geister-Gestalten. In: Psychische Studien; (1874), 10, 433-442; zugleich in: The Spiritualist, No. 88 vom 1.05.1874.
=> Die Abschiedssitzung des angeblichen Geistes Katie King. In: Psychische Studien; (1874), 11, 486-49 1; zugleich in: The Spiritualist, No. 92 vom 29.05.1874.
=> Miss Cooks Mediumschaft. In: Psychische Studien; (1874), 8, 341-342; zugleich in: The Spiritualist, No. 82 vom 02.03.1874.
=> Four 'Katie King' Photographs. In: Quarterly Transactions of the British College of Psychic Science, Vol. XIII, April 1934 to Jan. 1935, S. 25-30.
(Auszug aus WERNER SCHIEBELER: Der Kampf um die Materialisationsphänomene, Grenzgebiete der Wissenschaft, Resch-Verlag Innsbruck, Jahrgang 47, 1998, 1, S. 3-24.)
Letzte Änderung am 5. August 2000