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Bücher, in denen ein Ende der Philosophie (überhaupt oder in ihrer aktuellen Form) gefordert oder gar vollzogen wird, gibt es immer wieder. Es gehört in der Philosophie sozusagen zum guten Ton, deren Ende zu verkünden. Meist kümmert sich die Philosophie nicht gross darum; ein bisschen Wirbel ist alles, was der Autor zu verursachen in der Lage ist. Nicht viel anders ging es Richard Rorty mit seinem Philosophy and the Mirror of Nature von 1979 (auf Deutsch als Der Spiegel der Natur, 1981), obwohl Rorty damals schon kein Unbekannter war – immerhin lehrte er Philosophie an der Princeton University. Dabei ist Rortys Buch vielleicht eines der klügeren von denen, die ein Ende der Philosophie in ihrer aktuellen Form verlangen. In gewisser Weise hatte er sogar Erfolg: Sein Werk wurde zum Ausgangspunkt des französischen Dekonstruktivismus; vor allem Derrida nutzte es.
Allerdings geht Rorty von einem eingeschränkten Begriff von ‘Philosophie’ aus. Philosophie ist für ihn ausschliesslich Erkenntnistheorie. Andere Zweige der Philosophie, wie Ethik oder Ästhetik, gibt es für ihn offenbar nicht. Und in der Erkenntnistheorie setzt er ‘Philosophie’ der Strömung der analytischen (Sprach-)Philosophie gleich. Es mag so gewesen sein (1979 so gewesen sein), dass die Universitäts-Philosophie in den USA von dieser Strömung dominiert war; jedenfalls ist es eine für einen auf die Geschichte der Philosophie zurückgreifenden Kritiker der Philosophie seltsame Einschränkung. Aus europäischer Sicht sowieso, denn in Europa existierten auch an den Universitäten immer schon verschiedene Strömungen parallel. So geschah es – s. o. Derrida –, dass Rorty von der analytischen Ausrichtung vorwiegend Kritik empfing, während andere, auch ausserhalb der Philosophie, ihn aufnahmen und weiter entwickelten.
Analytische Erkenntnistheorie in ihrer US-amerikanisch-akademischen Ausrichtung zeichnete sich für Rorty vor allem dadurch aus, dass sie sich als die Grundlage nicht nur jeden Philosophierens sah, sondern auch als unabdingbar für jede Form von (Natur-)Wissenschaft. Dass sich die Naturwissenschaften um diesen Anspruch der analytischen Philosophen nicht kümmerten, schien diese nicht wirklich anzufechten.
Um diesem Anspruch auch in der Philosophie ein Ende zu setzen, geht Rorty geschichtlich vor. Die aktuelle Erkenntnistheorie, so führt er aus, geht von einer Zweiteilung aus: Es gibt etwas (jemand), der erkennt, und etwas, das erkannt wird. Der Erkennende sitzt irgendwo und -wie ‘im’ Körper; das zu Erkennende ist irgendwo und -wie ‘da draussen’. Es ist nun die Frage der klassischen Erkenntnistheorie, wie dieses von ‘da draussen’ nach ‘hier drinnen’ kommt. Rorty hält diese Fragestellung für falsch. Diese Spaltung in ein ‘Innen’ und ein ‘Aussen’ sei erst von Descartes in die Philosophie eingeführt worden. Weder die Scholastiker noch die alten Griechen hätten „Erkennen“ so aufgefasst, hätten eine Aufspaltung des Menschen in Leib und Seele (= ‘Aussen’ und ‘Innen’) so gesehen. Das sei ihnen erst nachträglich übergestülpt worden, sozusagen als Legitimierung ex post dessen, was nun in der akademischen Philosophie als ‘state of the art’ galt, und wofür die akademische Philosophie eine Rechtfertigung suchte. (Immerhin ging es um Zehntausende von Jobs!) Dass diese Spaltung der Welt zum philosophischen Standard wurde, war das Werk zunächst von John Locke, der, bei all seiner Kritik an Descartes, mit seinem Bild des Geistes als einer Art Tabula rasa diese Aufteilung zementierte. Schon bei Locke, so Rorty, steht als Blaupause des Erkennens das Bild, dass die sinnlichen Eindrücke, die von ‘aussen’ aufgedrückt werden, eben nicht direkt dem Geist aufgedrückt würden, sondern dass dieser eine Art Beobachter ist: Jemand, der die Natur im Spiegel des Erkennens aufnimmt. Kant schliesslich, so Rorty, habe diese Form von Erkenntnistheorie definitiv zur einzig gültigen des Philosophierens erhoben, und so das Berufsbild des akademischen Philosophen bis heute geprägt.
Dagegen nun geht Rorty an – vor allem mit Argumenten von Dewey, Heidegger, sowie an erster Stelle Wittgenstein. Gestützt auf Aussagen in den Philosophischen Untersuchungen weist er nach, dass es sich bei dieser Form von Erkenntnistheorie, von Philosophie, um ein reines Sprachspiel handelt. Er will dieses Sprachspiel für obsolet erklären; es hat für ihn keine Pointe. Genauso, wie die Humanisten die philosophischen Probleme der Scholastiker nicht lösten, sondern als pointenlos beiseite legten, solle die Philosophie nun die erkenntnistheoretischen Probleme aus der Descartes-Locke-Kant’schen Tradition beiseite legen. Rorty greift, um zu seinem Ziel zu gelangen, auf die wissenschaftstheoretischen Argumente des Paradigmen-Wechsels zurück, wie er sie bei Kuhn und bei Feyerabend findet. Innerhalb der analytischen Philosophie nimmt er wahrheitstheoretische Argumente von Quine, Sellars oder Davidson auf.
An die Stelle des Versuchs einer realistischen Erkenntnistheorie soll als ‘wahr’ gelten, was im Gespräch der Philosophen als ‘wahr’ erfasst worden sei. Dieses Gespräch ist sozusagen ewig und wird nie zu einer vollständigen Gewissheit gelangen; es hat aber den Vorteil, dass der irreführende Dualismus Decartes’scher Provenienz aus dem Weg geräumt ist. (Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns erschien im selben Jahr wie die deutsche Übersetzung von Rortys Spiegel der Natur…)
Rorty war persönlich insofern konsequent, als dass er nur wenige Jahre nach dem Erscheinen dieses seines Werks von der Philosophie in die Komparatistik wechselte, die seiner Meinung nach – als kulturtheoretischer und -geschichtlicher Dialog – die einzige Form darstellte, die die Philosophie noch einnehmen könne.
Neben der argen Einschränkung der Philosophie auf Erkenntnistheorie ist Rortys Lösung natürlich, genauso wie der ähnliche Standpunkt Habermas’ zu jener Zeit, nicht vor der grundlegenden Kritik gefeit, dass im Diskurs der Philosophen, oder im kommunikativen Handeln, immer die Frage bleibt, wer denn nun die Massstäbe setze dessen, was diskutiert werden soll und wie diskutiert oder gehandelt werden soll. Der damals (1979 bzw. 1981) nur theoretisch drohende Zustand einer absoluten Beliebigkeit ist unterdessen zu einem Phänomen angewachsen, das nicht nur Homöopathie als krankekassen-taugliche „Behandlungsmethode“ fordert (und erhält!), sondern auch unter dem Begriff der ‘alternativen Fakten’ weite Streuung auf oberster politischer Ebene erhalten hat. Der von einem aufklärerischen Standpunkt aus geforderte Diskurs wendet sich gegen eben diesen aufklärerischen Standpunkt. Si tacuisses…? Nein – Rortys Kritik war überfällig. Dass sie Dinge (mit) in Gang setzte, die einigermassen unerfreulich sind, ändert daran nichts. Dass sie – ebenso wie Habermas’ kommunikatives Handeln – einigermassen naiv ist, ebenfalls nicht. Die Auffassung von Philosophie, die Rorty kritisiert, ist wahrscheinlich noch naiver (im Sinne von: wirklichkeitsfremder).