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Im 3. Band der Philosophie verlässt Jaspers den Boden der „Philosophischen Weltorientierung“ und der „Existenzerhellung“ und wendet seine ganze Aufmerksamkeit jenem Sein zu, das über alle sinnliche Erfahrung hinausgeht: der Transzendenz. Mit Transzendenz ist bei Jaspers nie ein geoffenbarter Gott oder ein inhaltlicher Gottesbegriff gemeint, sondern ein völlig Unfassliches, Ungegenständliches, über jedes Denken Hinausreichendes. Daraus ergibt sich das bereits in den ersten beiden Bänden der Philosophie im Zusammenhang mit dem Begriff der Existenz aufgetretene Problem in einer noch zugespitzteren Form: Wie kann man über ein Sein sprechen, das in den Kategorien unseres Denkens nicht erfassbar und in inhaltlichen Aussagen gar nicht mitteilbar ist?
Jaspers zeigt in der „Metaphysik“ drei Wege auf, sich dem Undenkbaren und Unaussprechbaren anzunähern: das formale Transzendieren, die existentiellen Bezüge zur Transzendenz und das Lesen der Chiffrenschrift.
Beim formalen Transzendieren versucht das Denken, sich selbst durch zirkelhafte, verabsolutierende oder widersprüchliche Denkvollzüge ad absurdum zu führen und auf diese Weise an seinen Grenzen über sich selbst hinauszuweisen – auf das ungegenständliche Sein hin.
Die existentiellen Bezüge zur Transzendenz erwachsen aus jenen Augenblicken der existentiellen Selbstverwirklichung in Grenzsituationen und der existentiellen Kommunikation (siehe den 2. Band der Philosophie, die „Existenzerhellung“), in welchen mögliche Existenz im Zuge ihrer Verwirklichung der Transzendenz innewird. Dieses „Innewerden“ oder „Gegenwärtigwerden“ der Transzendenz im Existenzvollzug bzw. der Verwirklichung des „eigentlichen Selbstseins“ bedeutet nie einen Besitz, der Mensch muss sich vielmehr ständig dem Ringen um seine Selbstverwirklichung und der darin erlebbaren Transzendenz aussetzen. Er tut dies laut Jaspers in der existentiellen Polarität von Trotz und Hingabe, Abfall und Aufstieg, in der Spannung des Gesetzes des Tages und der Leidenschaft zur Nacht sowie der Transzendenz des Einen im Gegensatz zum Reichtum des Vielen.
Der dritte von Jaspers angeführte Weg zur Transzendenz führt über das Lesen der Chiffrenschrift: „Die metaphysische Gegenständlichkeit heißt Chiffre, weil sie nicht als sie selbst die Transzendenz, sondern deren Sprache ist.“ (129). Chiffren sind vieldeutig und zahlreich, sie können nur von Existenz „gelesen“ werden. Dieser kann alles zur Chiffre der Transzendenz werden: Natur, Geschichte, Kunst, Philosophie, Religion … und nicht zuletzt der Mensch selber. Die wichtigste und unvermeidlichste Chiffre aus der Sicht von Jaspersʼ existenzphilosophischem Standpunkt ist jedoch die Chiffre des Scheiterns. Sie ist das Indiz dafür, dass der Mensch stets mehr ist, als er von sich wissen kann, und dass auch die Welt stets mehr ist, als wir mit unserem Erkenntnisvermögen erfassen können, und dass unser Suchen und Finden, unser Sich-Bewähren und Versagen niemals ein Ende hat. Die Chiffre des Scheiterns kündet wie keine andere vom Sein der Transzendenz.