Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03596.jsonl.gz/1018

Am Ostersonntag kämpft der ukrainische Präsident Petro Poroschenko in einer Stichwahl gegen den Polit-Neuling und Komiker Wladimir Selenski um das Präsidentenamt. Der Wahlkampf nimmt derweil absurde Züge an. So wartete Poroschenko etwa diesen Sonntag vergeblich auf seinen Herausforderer, um sich einem Rededuell zu stellen. Er führte in der Folge quasi ein Streitgespärch mit sich selbst. SRF-Korrespondent David Nauer erklärt die näheren Umstände.
David Nauer
Russland-Korrespondent, SRF
David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.
SRF: Wie ist es zu diesem bizarren Auftritt von Poroschenko gekommen?
David Nauer: Die beiden Kandidaten streiten schon länger darüber, wie und unter welchen Umständen eine Wahldebatte stattfinden soll. Poroschenko und Selenski sind bisher noch nie direkt aufeinandergetroffen. Der Präsident hatte die Initiative ergriffen und den heutigen Sonntag vorgeschlagen. Doch Selenski kam nicht zur Debatte im grossen Fussballstadion von Kiew.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Komiker und Schauspieler Selenski in einer direkten Begegnung mit dem Vollblutpolitiker Poroschenko ziemlich untergehen würde.
Warum ist Selenski nicht gekommen?
Selenski sagt, er wolle eine Debatte – aber sie soll am nächsten Freitag, zwei Tage vor der Wahl, stattfinden. Aus meiner Sicht wirkt das alles ziemlich läppisch, dass sich die beiden Herren nicht auf die Modalität einer solchen Wahldebatte einigen können. Ich habe den Eindruck, dass vor allem Selenski dieser Debatte aus dem Weg gehen will. Er scheint sich vor einer solchen Konfrontation zu fürchten – wohl auch mit Grund. Denn Poroschenko ist viel erfahrener und ein guter Redner. Zudem kennt er sich in den Dossiers aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Komiker und Schauspieler Selenski in einer direkten Begegnung mit dem Vollblutpolitiker Poroschenko ziemlich untergehen würde.
Kommt es nun zu einer Begegnung am Freitag?
Das ist schwer zu sagen. Die beiden streiten immer noch darüber, wie und wo eine Debatte stattfinden soll. Selenski möchte sie in dem Fussballstadion durchführen, wo Poroschenko heute war. Doch Poroschenko sagt, er würde zwar am Freitag debattieren, aber nur im Studio des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Es kann also sein, dass wir am nächsten Freitag dieselbe Situation haben werden: Zwei Herren treten auf für eine Debatte, allerdings an unterschiedlichen Orten. Somit würden sie wieder nicht miteinander reden.
Poroschenko drosch genüsslich auf Selenski ein.
Wie lief der Anlass heute ab mit Poroschenko alleine?
Das Ganze war natürlich eine Schlaumeierei von Poroschenko. Er hat so getan, als warte er auf Selenski, obschon klar war, dass sein Kontrahent nicht kommen wird. Doch Poroschenko hat die alleinige Anwesenheit auf dem Podium genutzt. Er liess sich von den rund 200 anwesenden Journalisten teils kritische Fragen stellen und meisterte das ganz staatsmännisch. Zudem liess er sich die Gelegenheit nicht entgehen, genüsslich auf Selenski einzudreschen. So sagte er etwa, Demokratie sei eben keine Show.
Kann Poroschenko seinen Rückstand noch aufholen?
Es ist schwer vorstellbar, dass ihm das noch gelingt. Umfragen sagen voraus, dass etwa 20 Prozent der Wähler für Poroschenko stimmen. 50 Prozent jedoch für Selenski, also mehr als doppelt so viele.
Was hätte Poroschenko als Präsident besser machen können?
Er hat der Armut im Land viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig. Hinzu kommt, dass er bei der Korruptionsbekämpfung viel zu wenig unternommen hat. Auch gegen den anhaltenden Krieg im Osten hat Poroschenko bisher kein Rezept gefunden. Für viele Ukrainer entsteht der Eindruck: Uns geht es immer schlechter, bei den Mächtigen wird gestohlen wie eh und je, und der Krieg hört auch nicht auf.
Das Gespräch führte Roger Brändlin.