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Das Online Musikerinnen-Lexikon MuGi (Hamburg) oder das Archiv Frau und Musik (Frankfurt) sind Initiativen, welche die Grundlage für einen She-Kanon schaffen und eine Musikgeschichte schreiben wollen, die nicht nur dem Wirken der Männer, sondern auch dem der Frauen gerecht wird. Würde so ein Ansatz auch für die Schweiz funktionieren? Das ist keine leichte Aufgabe. In Sachen Musik hat die Schweiz sowieso schon eine Sonderrolle - umso enger war der Spielraum, der Frauen zugestanden wurde. Mit anderen Worten: Weibliche Kreativität wurde in der Schweiz jahrhundertelang unterdrückt. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, es hätte keine Komponistinnen, Dirigentinnen und Instrumentalistinnen gegeben.
Gehen wir im Zeitstrahl so weit zurück wie möglich, ins Mittelalter und in die Frühe Neuzeit: Anders als in den Nachbarländern gab es auf dem Gebiet der heutigen Schweiz keine fürstlichen Höfe - deswegen fehlte auch die institutionalisierte Musikpflege fast vollständig. Musik wurde nur in Kirchen und Klöstern und natürlich als Volksmusik praktiziert. Der wohl berühmteste Schweizer Komponist der Renaissance, Ludwig Senfl (ca. 1490-1543), wurde als Chorknabe für die Hofkapelle des Habsburger Königs Maximilian I. rekrutiert und verbrachte seine ganze Berufslaufbahn in Wien und München. Wurde in dieser Zeit eine Komponistin übersehen? Mit Blick auf die gesellschaftlichen Beschränkungen ist das eher ausgeschlossen.
Mailand als Ausgangspunkt
Ein Ort, an dem eine Frau zur Zeit der Renaissance und des Barock überhaupt als Komponistin hätte reüssieren können, war ein Frauenkloster. Und tatsächlich hat im Kloster Santa Caterina in Mailand die Nonne Claudia Francesca Rusca (1593-1676) bemerkenswerte geistliche Musik wie Sacri concerti, Motetten oder Magnificats komponiert. Der prächtige Druck wurde 1630 von Giorgio Rolla herausgegeben.
Warum aber muss hier eine Mailänder Nonne als erste Frau der Schweizer Musikgeschichte herhalten? Der Tessiner Komponist und Musikforscher Walter Jesinghaus war überzeugt davon, dass sie zur Familie Rusca aus Locarno oder Lugano gehörte. Doch es gibt einen Haken: Dass sie wirklich Schweizerin war, das konnte bis heute weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.
Komponieren als Bildungsideal
Auch bei der nächsten Kandidatin stellt sich die Frage, was «Schweizer Komponistin» denn überhaupt heissen mag: Isabelle de Charrière (1740-1805), auch bekannt als Belle van Zuylen, wurde in der Nähe von Utrecht geboren, entstammte dem holländischen Hochadel und hat ihre Kindheit und Jugend in den Niederlanden verbracht. Nach ihrer Heirat zog sie 1771 in das neuenburgische Colombier.
Auf dem Gebiet der Wissenschaften, Kunst und Philosophie hatte sie fundierten Unterricht erhalten und war in Kontakt mit vielen Intellektuellen ihrer Zeit. Sie schrieb Romane und Theaterstücke und auch komponieren gehörte zu ihrer universellen Bildung: In den 1780er Jahren wurden mehrere Vokalwerke und Klaviermusik von ihr in Amsterdam und Paris gedruckt. De Charrière soll auch einige Bühnenwerke auf eigene Libretti komponiert haben, sie sind aber nicht erhalten.
Die Schweiz hinkt hinterher
In der Schweiz gibt es im 19. Jahrhunderts auch unter den Männern nur wenige erfolgreiche Komponisten. Dazu gehören etwa Friedrich Theodor Fröhlich, Ferdinand Fürchtegott Huber, Xaver Schnyder von Wartensee oder Joachim Raff. Aus der Überzeugung heraus, nur der Mann sei zum Schöpferischen veranlagt, wurde Frauen im 19. Jahrhundert die Fähigkeit zu komponieren abgesprochen. Das Gegenteil beweisen die Genferin Caroline Boissier-Butini (1786-1836) und die Lenzburgerin Fanny Hünerwadel (1826-1854).
Hünerwadel wurde in Zürich ausgebildet. Ihr Oeuvre besteht zwar nur aus nur 7 Liedern und einem Klavierwerk, aber sie hatte öffentliche Auftritte als Sängerin und Pianistin. Boissier-Butini trat nur im privaten Rahmen auf, sie aber hinterliess zahlreiche brilliante Instrumentalwerke im klassisch-romantischen Stil, in denen sie Melkmelodien, Kühe und Alphörner zitierte. Eine uneingeschränkte künstlerische Laufbahn war ihr als Frau trotzdem untersagt – denn Musik galt damals in Genf als anrüchig.
Ein Blick auf die Orchester
Die heute existierenden schweizerischen Sinfonieorchester wurden zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert gegründet. Wegen des Mangels an Ausbildungsstätten waren dort allerdings noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrheitlich Ausländer anzutreffen. Zudem waren diese Orchester Vereinigungen, die nur männliche Mitglieder hatten.
Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel: 1875 spielte eine Geigerin im Tonhalle-Orchester (die nächste allerdings erst 1948!), in Bern gab es ab 1906 eine Harfenistin und ab 1910 eine Geigerin. Basel hatte ab 1900 eine kleine Gruppe von Streicherinnen, im Genfer Orchester gab es jedoch bis in die Zwanzigerjahre keine Frauen. Ergo: Ausgebildete Instrumentalistinnen gab es zu dieser Zeit bereits einige – der Zugang zu Orchestern wurde ihnen aber erschwert.
Solistinnen erlaubt
Bei den Solistinnen zeichnet sich in Sachen Geschlechterverteilung ein anderes Bild: in den Schweizer Konzertprogrammen ab dem 19. Jahrhundert waren nicht nur internationale Stars wie die Sängerin Marcella Sembrich oder die Pianistinnen Clara Schumann und Teresa Carreño zu hören. Auch Schweizer Sängerinnen (z. B. Ida Huber-Petzold, Maria Philippi oder Anna Walter-Strauss) waren sehr gut, Geigerinnen (z. B. Anna Hegner oder Adele Bloesch-Stöcker), Cellistinnen (z. B. Elsa Rüegger) und Pianistinnen (z. B. Marcelle Chéridjian-Charrey) gelegentlich vertreten. Offensichtlich wurden Solistinnen zu dieser Zeit weit eher gesellschaftlich akzeptiert als Komponistinnen und Orchestermusikerinnen.
Mit Musikmetropolen wie Paris, Wien, München, Berlin oder Leipzig konnten die Schweizer Städte bis in das 20. Jahrhundert nicht konkurrieren. Hierzulande fehlte die inspirierende Atmosphäre grossbürgerlicher Salons, die berühmten Namen an den Musikhochschulen und die lebhafte Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Musik. Aus diesem Grund studierten fast ausnahmslos alle Schweizer Komponisten zumindest teilweise im Ausland, auch die wenigen Komponistinnen, die sich entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen für diesen Beruf entschieden.
Langsame Veränderungen im 20. Jahrhundert
Anfang des 20. Jahrhunderts haben zwei Westschweizer Komponistinnen, Fernande Peyrot (1888-1978) und Marguerite Roesgen-Champion (1894-1976) einen Platz im Schweizer Musikgedächtnis verdient. Während Peyrot in Genf unterrichtete und Werke für sehr unterschiedliche Besetzungen komponierte, lebte Roesgen-Champion hauptsächlich in Paris, wo sie nicht nur als Komponistin eines grossen Oeuvres, sondern auch als Pionierin der Cembalo-Renaissance erfolgreich war.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts machten mehrere Dirigentinnen aus der Schweiz europaweit Furore: Hedy Salquin (1928-2012) war die erste Frau, die am Pariser Conservatoire einen Abschluss für Orchesterdirigieren machte. Anschliessend war sie mit Erfolg in ganz Europa als Dirigentin tätig. Sylvia Caduff (1937) gewann als erste Frau den namhaften Dimitri Mitropoulos-Dirigierwettbewerb und war in Solingen die erste deutsche Generalmusikdirektorin eines Orchesters (1977-1985). Graziella Contratto (1966) war als Dirigentin des Orchestre des Pays de Savoie die erste Chefdirigentin eines französischen Staatsorchesters (2003-2009).
Neuer Schwung im 21. Jahrhundert
Weil in der Schweiz Ende des 20. Jahrhunderts eine lebendige Szene für zeitgenössische Musik herangewachsen ist, hat sich auch bei den Komponistinnen einiges verändert: Charlotte Hug, Cécile Marti, Mela Meierhans, Katharina Rosenberger, Cathy van Eck und Helena Winkelman gehören heute selbstverständlich zum schweizerischen Musikleben. In der Schweiz ausgebildete Interpretinnen wie die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Cellistin Sol Gabetta wie auch die Luzerner Sängerin Regula Mühlemann sind weltweit gefragt. Und auch der Frauenanteil in den Schweizer Sinfonieorchestern liegt mittlerweile im europäischen Durchschnitt (30-40%).
Auch wenn die Konzertprogramme männerdominiert bleiben und an den Schweizer Hochschulen nach wie vor deutlich mehr Männer als Frauen Komposition studieren - langsam holt die Schweiz das auf, was sie in den vorigen Jahrhunderten versäumt hat: das kreative Potenzial der Frauen endlich zu nutzen und ein vielseitiges Musikleben zu fördern, in denen sie sich entfalten können. Nun ist es Aufgabe der Musikwissenschaft, des Journalismus und der Kulturförderung, diese Dirigentinnen, Komponistinnen und Solistinnen gut zu dokumentieren – damit in 100 Jahren die Musikgeschichte der Schweiz anders erzählt werden kann.
Daniel Lienhard ist Hornist im Berner Symphonieorchester. Er ist besonders an Kammermusik in den verschiedensten Besetzungen interessiert und gründete u. a. 1983 das Dauprat-Hornquartett. Er ist Co-Präsident des Forum Musik Diversität, dass das 1982 im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung gegründet wurde und sich für Chancengleichheit von Frau und Mann im Bereich der klassischen Musik stark macht.