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Man muss sich nur mal vorstellen, was alles passiert ist seit jenem Herbst vor 217 Jahren. Das Hambacher Demokratiefest, nicht weit vom pfälzischen Weinort Deidesheim entfernt, die Revolution von 1848, Kriege wie der von 1870/71. Während des Zweiten Weltkriegs indes müssen dem damaligen Inhaber des Weinguts Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan Zweifel gekommen sein am Ausgang des Abenteuers. Noch während die deutschen Wehrmachtsberichte Sieg um Sieg verkündeten, beschloss Friedrich von Bassermann-Jordan, die Schatzkammerbestände des Weinguts einzumauern. Als später, nach dem Untergang des Regimes, die Besatzungssoldaten nach Trinkbarem Ausschau hielten, fanden sie nur Jüngeres. Die Bibliothek der Flaschen blieb erhalten – kein anderes Pfälzer Weingut besitzt derart viele reife Jahrgänge in ähnlicher Kontinuität.
Friedrich von Bassermann-Jordan war Visionär, und er war nicht der einzige der Familie, der gute Ideen hatte. Andreas Jordan etwa, Friedrichs Urgrossvater, damals weder geadelt noch Geheimer Rat, setzte schon ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf qualitativ hochwertige Rebsorten, führte das 1718 gegründete Weingut zu neuen Ufern. Bereits 1802 liess er den Namen einer Lage im Zusammenhang mit seinem Deidesheimer Wein erwähnen, setzte auf die damals unübliche Vermarktung in Flaschen. Die Sache zahlte sich aus, das Geld floss, der Name des Unternehmens wurde über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannt. Ludwig Andreas Jordan, sein Sohn, vermarktete Ungeheuer und Pechstein international, erzielte auf den Weltausstellungen in Melbourne und Paris Ehrungen.
Zu verdanken war dieser Ruhm auch dem Jahrgang 1811. Es war schon früh im Jahr warm, die Reben gediehen prächtig, die Mostgewichte schossen in die Höhe. Seine Qualität fiel mit einem seltenen Himmelsereignis zusammen; ob zwischen beiden Phänomenen, dem Erscheinen des Kometen Flaugergues und dem Klima in weiten Teilen Europas, ein Zusammenhang besteht, weiss niemand. Bereits Anfang September standen, berichten zeitgenössische Quellen, die Trauben in Vollreife. Winzer Andreas Jordan dürfte schon damals geahnt haben, dass die Ernte Substanz haben könnte, liess sich Zeit. Ausgeliefert wurde erst Jahre später. Bezeugt ist, dass Johann Wolfgang von Goethe, Deutschlands berühmtester Dichter, sich im Jahr 1820 Jordan’sches Ungeheuer von 1811 an seinen Kurort liefern liess und den Jahrgang im «West-östlichen Divan» verewigte. «Setze mir nicht, du Grobian, mir den Krug so derb vor die Nase! Wer mir Wein bringt, sehe mich freundlich an, sonst trübt sich der Eilfer im Glase.»
Doch von Trübung kann im Falle des 1811ers keine Rede sein. Der Wein, von dem Andreas Jordan und seine Nachfolger in weiser Voraussicht Bestände zur Seite legten und von dem aktuell noch acht Flaschen existieren, zeigte sich bei der Verkostung zur Feier des 300-jährigen Weingutsgeburtstages Ende August 2018 klar, die wenigen Trubteilchen befanden sich lediglich am Boden des Glases. Fruchtig war der Wein, jugendlich, duftig und lang. Selbst Experten, die sich seit Ewigkeiten mit alten Weinen beschäftigen, bekamen grosse Augen. Ob es wirklich 100 Prozent Riesling war, der sich in der Flasche befand? Ob nicht auch ein Teil aus anderen Sorten stammte? Gemischte Sätze waren in jener Epoche schliesslich üblich, Orleans war neben Riesling beliebt. Niemand weiss es, und keiner kann sagen, ob nicht auch eine Spur Brettanomyces vorhanden war, also Spuren jener Hefe, deren Vorhandensein heute als Fehler gilt, von der man 1811 aber nicht mal ahnte, dass es sie gab. Irgendwann ist der Wein nachverkorkt worden, klar, aber soll man deshalb an seinem Inhalt zweifeln? Dafür gibt es nicht die geringsten Anhaltspunkte. Unbestreitbar ist stattdessen, dass dieser Wein noch Zukunft besitzt. 217 Jahre hat er hinter sich, warum soll er nicht noch einmal genau diese Periode überdauern? So wie der 1540er, von dem noch eine einzige, allerletzte Flasche in Würzburg lagert und von dem jene, die der Verkostung der vorletzten Bouteille beiwohnten, lange schwärmten.
Wir geben zu, vorsichtshalber noch mal ein Glas nachgenommen zu haben vom 1811er Forster Ungeheuer aus dem Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan, das damals schlicht Jordan hiess. Eine der beiden Flaschen stand nach der offiziellen Probe noch zur Nachbetrachtung herum. Ein halbes Glas von einem Wein, den schon Goethe geschätzt hat, bekommt man auch als Weinjournalist nur einmal im Leben. Zu haben wären allerdings die jüngeren Weine des Gutes, das sich unter Leitung von Kellermeister Ulrich Mell und Betriebsleiter Gunther Hauck wieder zu einem der besten der Pfalz gemausert hat. Ungeheuer, Kirchenstück oder Pechstein gehören, heute als Grosse Gewächse bezeichnet, zu den konsequentesten, puristischsten Rieslingen der Region. Und sie sind vermutlich deutlich günstiger, als es grosse Bassermann-Weine Anfang des 19. Jahrhunderts gewesen sein müssen. Und was den 2018er angeht: Der könnte klimatisch dem 1811er durchaus nahekommen!
1811 RIESLING FORSTER UNGEHEUER
Weingut Jordan
Deidesheim, Pfalz
In der Farbe zwischen dunklem Rotgold und mittlerem Bernstein, leichte Trubteilchen. Verblüffend frisch mit kühler, klarer Frucht, Noten von Apfelschale
und getrocknetem Gemüse, später auch Fenchel, ganz leicht erdiganimalisch.
Im Mund würzig mit präsenter Frucht, kühl, elegant, saftige Säure, zarte Süsse, im besten Sinne süffig, lässt auch nach einer Stunde in der angebrochenen Flasche nicht nach, noch viel Potenzial.
20/20 trinken -2100
1925 RIESLING TROCKENBEERENAUSLESE DEIDESHEIMER HOHENMORGEN
Weingut Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Schwarzbraune Farbe. In der Nase offen mit Noten von saftigen, überreifen, leicht abgetrockneten türkischen Feigen, Dörrpflaumen, Trockenkräuter, leicht balsamische Noten. Im Mund dicht, saftig, cremig, sehr süss, eher verhaltene Säure, saftiger Nachhall, viel Feigen würze, lang, etwas rus tikal bleibend, dennoch faszinierend.
19/20 trinken –2050
1942 RIESLING AUSLESE DEIDESHEIMER HOHENMORGEN
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Mittleres bis dunkles Gelb, für das Alter verblüffend hell. In der Nase klar, elegant und fruchtig, Anklänge von Mirabellen, Biskuit, Tee, später auch etwas weisser Trüffel, Blüten. Im Mund straff, saftig, mit schöner, präsenter Säure und verhaltener Süsse, saftiger Nachhall, sehr fein, immer noch erstaunlich jugendlich. 19/20 trinken –2075
2002 RIESLING TROCKENBEERENAUSLESE FORSTER JESUITENGARTEN
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Samtenes, üppiges, molliges Bouquet, Dörraprikosen, Quittenkon fitüre, Honig. Samtener, cremiger, opulenter, dichter Gaumen, kräftige Süsse, rubenshafte Struktur, verdeckte, sehr gute Säure, dichte Aromatik, sehr langer, cremiger Abgang mit sehr guten Rückaromen.
19/20 trinken –2050
2017 RIESLING TROCKEN ERSTE LAGE FORSTER UNGEHEUER ZIEGLER
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Spontan im grossen Holzfass vergoren
Komplexe Nase, kühl, leicht floral, Kräuter, auch ein Hauch Mirabelle und hefig. Straffer, kraftvoller Wein, balanciert, der Ausbau im Holz macht sich durch die Würze bemerkbar, mineralisch, puristisch trocken, lang, grandioses Preis Leistungs-Verhältnis.
18/20 2020–2030
2017 RIESLING TROCKEN GROSSES GEWÄCHS UNGEHEUER
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Lange Maischestandzeit, im grossen Holz vergoren Duftig, leicht hefig, etwas Melone, Steinobst, noch völlig unentwickelt. Im Mund fest, straff, salzig, puristisch mit Würze, sehr trocken wirkend, Potenzial für eine höhere Note.
18/20 2021–2032
2017 RIESLING TROCKEN GROSSES GEWÄCHS PECHSTEIN
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Im Holz und im Stahl ausgebaut
Verhaltene Nase, überzeugende Würze, leichter Holztouch, mineralisch, steinig, zunächst ganz Frucht, deutlich hefig, dazu Kräuter, später auch zarte, verführerische Steinobstnoten. Fest, sehr würzig, überdurch schnittlich mineralisch, lang, sehr ausgewogen, Potenzial.
19/20 2022–2035
2017 RIESLING TROCKEN GROSSES GEWÄCHS KIRCHENSTÜCK
Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann- Jordan
Deidesheim, Pfalz
Spontan in Halbstückfässern vergoren
Klare, kühle, mineralische Nase, hefig, Steinobst, ein Hauch Zitrus, sich mit etwas Luft ungemein entwickelnd, finessenreich, lang, Potenzial für eine höhere Note.
18/20 2022–2038
Erhältlich bei:
Boucherville
Kinkelstrasse 40, 8006 Zürich
Fon 044 299 40 30
www.boucherville.ch