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Wir schreiben das Jahr 1964. Eine vierköpfige Band mischt England auf und setzt dort den Grundstein für ihren internationalen Erfolg. Gemeint sind nicht etwa die Beatles, sondern „The Seekers“ aus Melbourne rund um die charismatische Sängerin Judith Durham.
Gut 50 Jahre später kreierte Buchautor Patrick Edgeworth mit Script Consultant Graham Simpson das Musical ‚Georgy Girl‘ mit den Songs der vier Musiker, die das Projekt enthusiastisch unterstützten. Die Schöpfer waren mit der Band lange verbunden, Patrick als Bruder von Durhams Gatten Ron Edgeworth, ihr Manager Graham verfasste ihre Autobiografie. So entstand ein familiäres, sehr authentisch angelegtes Werk.
Statt einer eigens erfundenen Rahmenhandlung wie etwa bei ‚Mamma Mia‘ oder ‚We Will Rock You‘ dreht sich hier alles um die Geschichte der in Australien bis heute verehrten Folkband, die von Queen Elisabeth II. im Jahre 2014 den Titel „Officers of the Order of Australia“ erhielt. Durch die chronologisch aufgebaute Show führte die Figur des britischen Pianisten Ron Edgeworth, der einst im Vorprogramm der Band auftrat und Judith später heiratete.
Den im Kontrast zum verzierten Interieur des State Theatre modernen Bühnenaufbau mit nur wenigen Requisiten gestaltete Shaun Gurton als einen nach hinten verjüngten Raum mit farbig in Szene gesetzten Wänden; eine Leinwand zeigte gelegentlich historisches Filmmaterial oder die verschiedenen Spielplätze. Isaac Lummis kleidete das Ensemble epochendeckend zu den Swinging Sixties.
Am Flügel sitzend wie ein typischer Entertainer, drehte Ron Edgeworth die Zeit zurück in die Entstehung der Seekers anno 1962, als die im klassischen Gesang ausgebildete Judith Durham eine Combo suchte und dabei, bereits als Jazzsängerin etabliert, die drei Musiker Keith Potger und Bruce Woodley an der Gitarre sowie Athol Guy am Kontrabass kennenlernte. Gemeinsam spielten sie eine Kreuzung von Folklore und Pop mit ersten Erfolgen bei Liveauftritten in Radio und Fernsehen.
Erst später entstand ein erstes Album rund um die Single „Waltzing Mathilda“, die weltweit bekannte australische Ballade vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die rasante Entwicklung setzte Gary Young in seiner bewusst hektischen Personenregie besonders zu Beginn mit viel Humor, Tanz und Schwung um.
Ein zehnwöchiger Job als Musiker auf dem Kreuzfahrtschiff „Fairsky“ brachte die Seekers 1964 nach London. Choreograph Michael Ralph ließ das Ensemble bei der Ankunft in England überspitzt stocksteif mit Regenschirm und Melone auftreten, ganz im Gegensatz zu den relaxten Australiern. Judith war von den Kleidern der Tänzerinnen angetan, folglich wurde „Was trage ich denn nur“ zu einem Running Gag.
Geschickt unterstützte die Projektleinwand die Geschehnisse und zeigte etwa die Royal Albert Hall in historischen Aufnahmen. In London trafen die Seekers den Bruder von Dusty Springfield, die Judith für einen unnahbaren Star hielt uns sie insgeheim gerne treffen wollte. Tom Springfield komponierte den ersten großen Hit der Seekers, „I’ll Never Find Another You“, der sie an die Spitze der Charts in England und Australien katapultierte.
Rons flotte Sprüche illustrieren das brave Image der im schwarzen Anzug auftretenden Seekers im Vergleich zu den damaligen Popbands: „Als andere rauschende Feste in den Hotels feierten, räumten die Seekers die Hotelzimmer auf“. Es folgten weitere Hits wie „The Carnival is Over“ und der mitreißende Titelsong „Georgy Girl“ nach dem gleichnamigen Film sowie eine Zusammenarbeit mit Paul Simon. Das spannend aufgeführte Musical thematisierte auch die private Seite der Seekers, die sich auf ihrem Höhepunkt 1968 auflösten, da Judith eine Solokarriere anstrebte.
Ihre Begegnung mit Ron Edgeworth im Duett „I Remember“ gehörte zu den romantischen Seiten des Musicals, dessen einsetzende Krankheit und früher Tod zu den tragischen Momenten. Rasch ging es durch die jüngeren Stationen der ab 1992 wieder in Originalbesetzung vereinigten Band bis zur Tour zum 50. Jubiläum 2013 und dem Titelsong „Georgy Girl“.
Neben der kurzweilig umgesetzten Story waren die geschickt gewählten Hauptdarsteller ein wesentlicher Pluspunkt der Produktion. Als Judith Durham interpretierte Pippa Grandison die jazzig angehauchten Gesangspartien der Seekers-Sängerin mit ihrem Sopran hervorragend und berührte das Publikum in der Entwicklung ihrer Rolle. Die drei männlichen Bandmitglieder waren ebenfalls gut gewählt und für Insider leicht erkennbar: Phillip Lowe spielte Keith Potger, Mike McLeish verkörperte Bruce Woodley und Glaston Toft gab den Bassisten Athol Guy mit seiner charakteristischen Nickelbrille.
Als Erzähler Ron Edgeworth holte Adam Murphy das Publikum rasch auf seine Seite. Von den Nebenrollen gefielen vor allem Sophie Carter als Judith’s Schwester Beverly Sheehan, die Judith stets unterstützte. Schließlich verkörperten Ian Stenlake Tourmanager John Ashby sowie Stephen Wheat Bandmanager Eddie Jarrett.
Für den fetzigen Sound der Sechziger sorgte der musikalische Direktor Stephen Gray mit seinem unter der Bühne versteckten Orchester. Neben den Originalliedern erklangen auch weitere Songs aus der entsprechenden Epoche. Die schwungvoll choreografierten Tanznummern wie „Georgy Girl“ animierte das Publikum zum Mitsingen zwischen den Balladen wie etwa „The Olive Tree“, besonders die älteren Semester der drei anwesenden Generationen gingen völlig darin auf.
‚Georgy Girl- the Seekers Musical‘ ergänzte das überwiegend auf internationalen Werken basierende Angebot von ‚Anatevka‘ über ‚Xanadu‘ bis ‚We Will Rock You‘ um eine sehr sehenswerte, einheimische Produktion mit enormer Spielfreude auf hohem Niveau. Begonnen in der Heimatstadt der Band in Melbourne, sorgte die Show zwei Monate lang auch in Sydney im prunkvollen State Theatre für regelmäßige standing ovations, bevor sie im Juli nach Perth als Teil ihrer australischen Tournee weiterzog.
Ausländische Reisende mögen sich an die Seekers namentlich vermutlich nicht erinnern, erkannten jedoch sicherlich einige der eingängigen Melodien. Besonders der Titelsong blieb tagelang im Ohr.
Veröffentlicht in musicals (München), Ausgabe 181, Oktober 2016