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| Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)

Zweite Rede
8.
Hiervon nämlich waren die alten Zustände ein Schatten, und was der Erlöser bei seiner Ankunft getan hat, das stellte Aaron nach dem Gesetze im Schatten dar. Aaron war also derselbe und änderte sich nicht, [S. 129] indem er die hohepriesterliche Kleidung anzog, sondern blieb derselbe und hüllte sich bloß ein. Und wenn einer ihn beim Opfern gesehen und gesagt hätte: "Sieh, heute ist Aaron Hoherpriester geworden", hätte er damit nicht sagen wollen, er sei damals Mensen geworden, — denn er war Mensch, auch bevor er Hoherpriester wurde, sondern er sei durch das Priesteramt zum Hohenpriester gemacht worden, indem er die für den Hohepriesterdienst gemachten und verfertigten Kleider anzog. Genau so kann man auch vom Herrn richtig denken: er sei mit der Annahme des Fleisches nicht ein anderer geworden, sondern er habe, sich selbst gleichgeblieben, nur in dieses sich gehüllt, so daß man die Ausdrücke: "er ist geworden" und "er ist gemacht worden", nicht so auffassen muß, als wäre das Wort als solches gemacht worden, sondern in dem Sinne, daß es bislang schon als Schöpfer-Wort existierend, später noch zum Hohenpriester gemacht worden sei, indem es den gewordenen und erschaffenen Leib anzog, den es für uns auch darbringen kann, weshalb man auch von ihm sagt, es sei gemacht worden1. Wenn also der Herr nicht Mensch geworden ist, so mögen die Arianer ankämpfen; wenn aber das Wort Fleisch wurde, was anders sollte man vom gewordenen Menschen sagen, als daß er dem treu ist, der ihn gemacht hat? Denn wie man eigens vom Worte sagt: "Im Anfang war das Wort", so sagt man auch von den Menschen das Werden und Gemachtwerden aus. Wer also hätte, wenn er den Herrn in Menschengestalt wandeln und durch seine Werke als Gott sich hätte ausweisen sehen, nicht gefragt: "Wer hat diesen zum Menschen gemacht?"2 Wer würde, [S. 130] wieder so gefragt, nicht geantwortet haben, der Vater habe diesen zum Menschen gemacht und ihn uns als Hohenpriester gesandt ? Diesen Sinn aber und die Zeit und die Person kann uns der Apostel selbst, der auch geschrieben hat: "Der dem treu ist, der ihn gemacht hat", deutlicher zeigen, wenn wir auf das Vorausgehende achten. Denn es steht im unmittelbaren Zusammenhang, und der Inhalt bezieht sich auf ein und denselben Gegenstand. Er schreibt also im Briefe an die Hebräer folgendes: "Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, so hat auch Er gleichfalls daran teilgenommen, damit er durch den Tod dem ein Ziel setzte, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und alle die befreite, welche durch die Todesfurcht das ganze Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden. Doch wohl nicht der Engel nimmt er sich an, sondern dem Samen Abrahams kommt er zu Hilfe. Darum mußte er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, um zu versöhnen die Sünden des Volkes; denn darin, worin er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann er auch denen, die versucht werden, helfen. Deshalb, heilige Brüder, die ihr der himmlischen Berufung teilhaftig seid, sehet auf den Gesandten und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, der treu ist dem, der ihn gemacht hat"3.
1: Eine Stütze für ihre den Logos-Gott gefährdende Interpretation der Ausdrücke: "gemacht" u. a. fanden die Arianer in ihrer These, das Priestertum Christi gehe seiner Inkarnation voraus, womit sie es seiner göttlichen Natur zueigneten. Die Inferiorität des Sohnes war dann konsequenter Schluß. Für die Arianer bezeugt uns dies Epiphanius in häres. 69, 37; für Euseb. v. Cäs. seine Schriften: de fide adv. Sabellium [lib. I bei Migne, Patrol. Graec. XXIV p. 1048: Qui enim videbatur, erat Agnus Dei; qui autem occultabatur, sacerdos Dei] u. Demonstratio [I, 10; IV. 16 u. ö.].
2: Einige Handschriften haben hier noch den Zusatz: "und ihn uns gesandt".
3: Hebr. 2,14 bis 3,1.