Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/2426

Die Perspektive einer Mutter
Während des Lockdowns war Matteo ruhig, friedlich und lebte zu Hause, immer in Anwesenheit seiner Mutter oder seines Vaters, die im Home Office arbeiteten. Wir sind kaum ausgegangen. Das hat ihn wirklich beruhigt. Als die Einschränkungen aufgehoben wurden, war alles viel schwieriger. Es hat ihn überrascht, dass die Werkstätten nur für die Personen geöffnet wurden, die „weniger schutzbedürftig“ waren. Er hat nicht verstanden, warum einige seiner Freunde nicht da waren, und schien besorgt darüber, nicht zu wissen, ob er sie wiedersehen würde. Ausserdem musste man sich an die neuen Hygienevorschriften halten, eine Maske tragen sowie getrennt anstatt zusammen im Speisesaal essen.
Die Zeit nach dem Lockdown war wirklich schwierig.
Er konnte auch erst viel später wieder in der Fondation St-George übernachten, und sie hatten organisatorisch einiges geändert. Kurz nach dem Ende der Beschränkungen ist Matteo in eine neue Einrichtung für Personen mit einer grösseren Autonomie gezogen. Dem Team wurde aber rasch klar, dass diese Einrichtung nicht den Bedürfnissen von Matteo entsprach, und hat ihn in seine alte Einrichtung zurückverwiesen. Aber auch dort gab es aufgrund von Restrukturierungen personelle Veränderungen, ausserdem hatte der Verantwortliche gewechselt. Matteo fühlte sich in der Einrichtung nicht mehr wohl. Es war sehr schwierig für ihn, er hatte keine Lust mehr, dorthin zu gehen, und war sehr aufgewühlt und nervös. Die Zeit nach dem Lockdown war wirklich schwierig. Jetzt ist Matteo in einer anderen Einrichtung, die seinem Bedürfnis nach Bewegung viel besser entspricht.
Véronique ist die Mutter von Matteo, einem jungen Erwachsenen mit einer mittelschweren kognitiven Beeinträchtigung. Matteo arbeitet tagsüber in einer geschützten Werkstatt und übernachtet zwei- bis dreimal pro Woche in einer Einrichtung.
Die Perspektive einer Verantwortlichen der Institution
Wir mussten uns von einem Tag auf den anderen neu organisieren. Die Sozialarbeiter*innen wurden auf die Einrichtungen verteilt, was zu mehr Betreuungspersonen geführt hat. Es war interessant für sie, die Bewohner*innen zu Tageszeiten zu erleben, in denen sie normalerweise nicht in der Einrichtung waren.
Wir mussten uns von einem Tag auf den anderen neu organisieren.
Die Sozialarbeiter*innen in den Werkstätten hatten hingegen die Möglichkeit, die Bewohner*innen in allen pflegerischen Belangen zu betreuen. Wir haben ausserdem festgestellt, dass die fehlenden Einschränkungen bei den Zeitplänen und Werkstätten den Bedürfnissen einiger Bewohner*innen eher entgegenkamen. Für einige war es natürlich schwierig, nicht nach draussen gehen zu können, aber insgesamt haben wir es geschafft, für ein Gleichgewicht zu sorgen.
Wir bemerkten ihre zahlreichen Talente und ihre Anpassungsfähigkeit an die neue Realität. Wir haben auch vermehrt Videokonferenzen genutzt. Dieser Austausch mit den Familien wurde sehr begrüsst. Es war auch für uns alles neu, und wir nutzen diese technologischen Möglichkeiten auch heute noch. Als die Aktivitäten wieder aufgenommen wurden, war es für einige nicht einfach, wieder einem Rhythmus mit regelmässigen Zeiten zu folgen.
Ich erinnere mich an die grosse Anpassungsfähigkeit der Bewohner*innen und der Mitarbeitenden
Ich erinnere mich an die grosse Anpassungsfähigkeit der Bewohner*innen und der Mitarbeitenden. Es war auch eine Gelegenheit, die Bewohner*innen anders kennenzulernen. In dieser Zeit ist eine grosse gegenseitige Unterstützung und Solidarität zwischen den verschiedenen Bereichen entstanden.
Joanne Rousteau ist für die Fondation St-George in Yverdon-les-Bains (VD) verantwortlich.
Die Meinung eines Bewohners
Am Anfang war es sehr schwer und hat mich wirklich sehr belastet. Ich hatte keine Energie, nichts, man hätte mir eine Ohrfeige geben können und ich hätte nicht einmal reagiert! Ich habe so viel geweint, meine Stimmung war auf dem Nullpunkt! Ich habe mich sogar mit Selbstmordgedanken getragen, es war wirklich schlimm.
Ich habe so viel geweint, meine Stimmung war auf dem Nullpunkt! Ich habe mich sogar mit Selbstmordgedanken getragen, es war wirklich schlimm.
In den 29 Jahren hier war das das Schlimmste, was mir je passiert ist. Während der Pandemie hatte ich keinen Antrieb, zur Arbeit zu gehen. Ich habe einfach aufgehört und angefangen, einen Text über COVID zu schreiben. Das hat mir gut getan und mir ermöglicht, mich selbst und einen gewissen Rhythmus zu finden.
Ich konnte auch zwei Stunden am Tag Cello üben. Dafür habe ich sonst keine Zeit. Ich habe mich auf ein Vorspiel vorbereitet. So hatte ich ein Projekt, ein Ziel.
Momentan befinden wir uns in der achten Welle, aber ich habe das Gefühl, viel ausgeglichener zu sein. Zum Glück habe ich wieder neuen Mut gefasst.