Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03320.jsonl.gz/1054

«Im Glauben an deine Auferstehung hofft mein Herz auf dein Licht und deine Liebe.»
(aus den Abschiedsworten von Hans)
Am 15. Juni dieses Jahres starb unser letzter, noch in Japan lebende SMB Missionar Anton Züger. Am Sonntag 4. Oktober 2020 durfte unser Senior Hans Holenstein, als dritter der noch lebenden Japan-Missionare der SMB zu seinem Schöpfer endgültig zurückkehren. So sind Charly Renner und Luigi Clerici (Nairobi) die letzten Überlebenden der SMB-Japan-Mission.
Hans Holenstein wurde 1923 im St. Gallischen Stickerdorf Abtwil geboren. Johann, sein Vater, fand in der Stickerei Arbeit. Bald zog die Familie nach Fislisbach, weil der Vater dort in der BBC (Brown, Boveri & Cie. Baden) Arbeit fand. Hans teilte das Leben in der jungen Familie mit Josef, Anna und Martin, seinen drei Geschwistern. Die schulische Ausbildung geschah in Fislisbach, Mellingen, Gymi Immensee, Seminar Schöneck. Die Priesterweihe erlebte er am 2. April 1950.
1951 war die missionarische Aussendung nach Japan, dann folgte eine lange Fahrt auf einem Frachtschiff ins Land der aufgehenden Sonne.
In Japan angekommen, begann für Hans das Sprachstudium in Morioka. Nach zähem Japanisch-Lernen durfte Hans als Vikar in Morioka wirken; er war nebenbei Englischlehrer und Pfadiführer. Dann gab es einen Wechsel nach Tono, einer Landpfarrei in den Bergen. Tono ist bekannt wegen den folkloristischen Geschichten und Sagen. Die Leute hatten deswegen Angst zur Kirche zu kommen. Hans versuchte den Kontakt mit Pfadi, Diashows und mit kleinen Theaterstücken aufzubauen.
Ein Jahr war er dann in Ofunato am Meer. Er versuchte über den grossen Kindergarten, Sonntagsschule und Sommerkurse an der Uni, an die Leute heranzukommen.
Leider zwang ihn 1959 eine Krankheit zu einem Kuraufenthalt in Arosa und St. Moritz. Er brauchte eine Lungenoperation, die gut verlief, aber er brauchte Zeit zur Ganzheilung. Freilich hatte dieser dunkle Schatten auch eine helle Seite. Hans konnte an der Uni Zürich Germanistik und Englisch studieren und in Schwyz mit dem Sekundarlehrerpatent abschliessen.
1962 durfte er nach Morioka zurückkehren. Dank seiner 2. Ausbildung tat sich ein neues Feld für seine Tätigkeit auf. Hier gab es die grosse Töchterschule mit 1 700 Schülerinnen. Als Fachlehrer dozierte er Ethik und Soziologie. Gleichzeitig war er der Spiritual der Dominikanerinnen im Kloster Morioka, Lehrer an einer Krankenpflegerinnenschule für Ethik und Lektor an der staatlichen Uni für Deutsch. Hans war der geborene Lehrer. Er achtete sehr auf die christlich-menschliche Motivation, vor allem für die Krankenschwestern in der Pflege. Wo immer er unterrichtete, erhielten die Schülerinnen sorgfältig vorbereitete und mit Herz (jap. Kokoró) redigierte Arbeitsblätter, die sie am Jahresende zu einem Sammelband zusammenhefteten.
In der freien Zeit, die vermutlich nicht gross war, fotografierte er für das Archiv und schrieb an der Missionsgeschichte von Iwate.
1981 kehrte Hans in die Heimat zurück, nach 30 Jahren Arbeit in Japan. Er wurde tätig als Bibliothekar im Missionshaus, als Archivar und widmete sich auch der Heimatseelsorge. Hans absolvierte auch einen Bibliothekars-Kurs in Chur. Jahrelang hielt er Gottesdienste und Predigten für die Baldegger-Schwestern im Stella Matutina Hertenstein und in verschiedenen Pfarreien, besonders auch in Fislisbach.
Hans liebte das Sammeln von Dokumenten, Geschichten und Chroniken. So wurde er der Verfasser von folgenden Büchern:
1999 Baba Martin, Erinnerungen an seinen ermordeten Bruder, Martin, in Zimbabwe
2004 Bethlehem Mission in Japan von 1948–2001
2016 Nekrologium der verstorbenen Mitbrüder: die uns vorausgegangen
Dazu kam noch eine schöne Anzahl von kleineren Schriften.
Hans war bis ins hohe Alter mit der Neuzeit verbunden: Computer und Internet. Sein Neffe Markus Holenstein half ihm oft aus einer Internet-Panne oder installierte neue Programme auf seinem Computer.
Hans gab uns ein feines Zeugnis seines Missionars-Seins. Er war gütig, konnte zuhören, war bescheiden, begleitete die sterbenden Mitbrüder mit Feingefühl und Liebe. Er sagte einmal: «Ich kann nur dankbar sein für meine 30 Jahre in Japan, und als missionarischer Chronist versuche ich Erinnerungen und Erreichtes festzuhalten, um gerade auch bei meinen Mitbrüdern Freude und Dankbarkeit über Gottes Fügungen in der Mission zu wecken.»
Als Abschluss ein persönliches Zeugnis von Hans:
Ein letztes Wort von Hans Holenstein
«Jeder Abschied an einem offenen Grab
erfüllt uns mit Trauer, Schmerz und bitteren Tränen.
Ein wenig Licht, Hoffnung und Wärme
gibt uns das Vertrauen auf Gott,
in dessen Hand wir die Verstorbenen wissen.
‹Ja, ich bin bereit – wenn Gott mich heimholen will.›
So sprach mein Bruder Martin an jenem
unvergesslichen Neujahrsmorgen auf dem Weg
zum Gottesdienst im afrikanischen Busch –
als plötzlich sein Lied verstummte –
und er seine ewige Heimat erreichte.
Martin war damals gut 40, ich bin gut 90,
was ich zu tun hatte, ist getan.
Ich danke Gott und allen, die mich
begleitet haben in der Arbeit für Gottes Reich.
Viel durfte ich tun, viel habe ich versäumt,
viel Liebe bin ich schuldig geblieben.
Herr, verzeih – und segne, was gewesen ist.
Im Glauben an deine Auferstehung
hofft mein Herz auf dein Licht und deine Liebe.
An deiner Hand lasse ich mich geleiten
zur ewigen Heimat in deinem Frieden.
Das Licht der Osterkerze, das Zeichen des Auferstandenen,
gibt Hoffnung, Zuversicht und stille Freude
und trocknet all unsere Tränen, sodass wir
in Dankbarkeit Gottesdienst feiern dürfen.»
Und wir sagen zu Hans: «Arigato, Sajonara! Lebe wohl!»
Josef Christen