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Kultur
Die Suche bildet das Salz des Lebens
Der 1929 geborene George Steiner lehrte vergleichende Literaturwissenschaften in Genf und Cambridge, wo er bis heute lebt. Seine Gesprächspartnerin, die 1950 geborene Laure Adler, ist eine bekannte französische Kulturjournalistin, die im Vorwort ausführt: "Bei ihm hat man nie das Gefühl, dass man an ein Ziel kommen muss, dass die Erhellung eines Problems Trost brächte. Im Gegenteil. Die Suche selbst bildet das Salz des Lebens. Und je gefährlicher die Übung, desto grösser der Jubel."
Der letzte Satz könnte auch auf sie selber zutreffen. Wer wagt schon ein Gespräch mit einer Frage nach dem missgebildeten Arm des Befragten einzuleiten? Ein überzeugenderer Einstieg, als mit dem Offensichtlichen zu beginnen, ist schwer vorstellbar.
Bereits nach den ersten paar Seiten bin ich von Steiners Denken, das ich bislang nicht kannte (abgesehen von ein paar Zeitungsartikeln), höchst eingenommen. Insbesondere seine Ausführungen zu den Geisteswissenschaften (Für Urteile über Kunst, Musik und Literatur liessen sich weder Beweise erbringen, noch könne man sie widerlegen) begeistern mich geradezu. "Man sagt, dass sich über kurz oder lang ein Konsens herausbildet, nun gut. Das beweist nichts: Auch ein Konsens kann trügen. Somit haftet einem ästhetischen Urteil immer etwas Flüchtiges, zutiefst Vergängliches an."
Für Steiner, der sich immer wieder - und häufig heftig angefochten - zum Judentum geäussert hat, hat der Jude die Aufgabe, "ein Pilger, ein Gast zu sein. Überall Gast zu sein, um dem Menschen, langsam und gemäss seiner Mittel, zum Verständnis zu verhelfen, dass wir alle Gast sind auf dieser Erde."
Hart geht er mit dem Islam ins Gericht. Einmal, weil dieser seit dem fünfzehnten Jahrhundert jegliche Wissenschaft aufgegeben hat. "Tatbestand, vernunftgemässe Beweisführung, Beweis und Lehrsatz werden vom Islam nicht anerkannt." Dann aber auch, weil Frauen von ihm als zweitrangig angesehen und behandelt werden.
Steiner hat sich vor allem mit Sprachen auseinandergesetzt. Er beklagt die angloamerikanischen Sprach-Imperialismus, hält die vorgebliche Naturgegebenheit der Einsprachigkeit für weit überschätzt und zeigt auf, dass Sprachen zu lernen immer auch eine Entdeckungsreise ist.
Er sei sein Leben lang eifersüchtig gewesen auf Mathematiker und Musiker, weil diese wirklich eine universelle Sprache haben, sagt er einmal. Und er macht darauf aufmerksam, dass geschriebene Literatur und das Lesen sehr selten sind auf dieser Welt. Die mündliche Überlieferung ist viel verbreiterter.
Laure Adler ist eine bestens informierte Fragestellerin. Freundlich, bestimmt, gelegentlich provozierend und ohne etwa ihre Meinung zurückzuhalten. Dass sie nicht immer mit Steiner einig geht, der im Gegensatz zu ihr beispielsweise wenig von Hannah Arendt und Simone Weil hält (und dies auch begründet), wirkt sich belebend auf das Gespräch aus.
Dieses Gespräch ist ein intellektueller Hochgenuss, so witzig (nur in Paris und New York werde die Psychoanalyse ernst genommen) wie tiefgründig ("Wäre es möglich - ich formuliere diese Hypothese nach sechzig Jahren der Lehre und der Liebe zu den schönen Künsten - , dass die Wissenschaften vom Menschen zur Unmenschlichkeit führen?"). Ich bin selten so geistreich unterhalten und so vielfältig angeregt worden.
PS: George Steiner unterteilt offenbar die Menschheit in zwei Gruppen: jene, die mit gezücktem Bleistift lesen, und jene ohne Bleistift. Selbstverständlich habe ich mir die Stelle sofort markiert.