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Kapitel 39: Roter Wein
***
Sie vollführte eine Drehung, die seidenen Bänder an ihren Handgelenken flatterten und sie hängte eine zweite Drehung an.
»Nein, nein, nein«, unterbrach sie Grande Madame und Bonnie setzte beide Füße auf den Boden.
»Wie?«, fragte sie ungeduldig und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
»Das sieht nicht aus wie eine weiße Taube, Kindchen«, sagte Madame. »Es fehlt der Eindruck von Federn. So wirkt es mehr wie ein unsauber gerupftes Hühnchen.«
Bonnie atmete tief durch. Es war jedes Mal dasselbe. Sie faltete die Hände vor sich.
»Madame. Ich weiß, dass es zum Schluss genau so wirken wird, wie es soll. Vertrauen Sie mir.«
Grande Madame schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass du das glaubst, Kindchen. Und ich weiß, dass du zu wahren Wundern fähig bist. Aber nicht jeder deiner Auftritte ist so stark, wie du glaubst.« Sie wedelte mit einem Zeigefinger vor ihrem Gesicht.
»Aber auch nur, weil Sie nicht jeden Abend von meinem Whisky trinken«, dachte sich Bonnie.
»Die Leute sind jedes Mal begeistert«, sagte sie stattdessen.
»Mag sein, aber ich will nicht Begeisterung, ich will Perfektion. Und auch du bist keine Ausnahme, meine Liebe. Jede meiner Künstlerinnen wird hier gleich behandelt.«
Bonnie seufzte ergeben und machte sich bereit, den Akt noch einmal von vorne zu beginnen, als sie eine Bewegung in ihrem Augenwinkel wahrnahm. Hinter dem Vorhang des leeren Cabarets schauten zwei Gesichter zu. Als ihre Blicke sich trafen, kicherten die beiden und winkten sie heran. Eine Hand schob sich durch den Vorhang und sie hielt eine Flasche Rotwein in den Fingern. Bonnie grinste und wandte sich zu Grande Madame um, die ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden tappte.
»Tut mir leid, Madame. Ich habe noch eine Verabredung«, sagte Bonnie und tänzelte leichtfüßig in Richtung des Vorhangs.
»Wie bitte?«, fragte Madame hinter ihr empört, aber Bonnie ignorierte sie.
Sie schlüpfte durch den Vorhang und wurde sofort links und recht an den Armen gepackt und mitgezogen.
»Schnell, schnell«, flüsterte Létoile.
Sie kicherte, aber Bonnie wusste, dass sie es ernst meinte.
Jemand drückte ihr einen langen Mantel in die Hand und sie schlüpfte hinein, gerade noch bevor sie durch den Hintereingang nach draußen traten.
Das Wetter in Paris war feucht, aber warm, also störte es Bonnie nicht, in ihren offenen Schuhen mit den hohen Absätzen durch die Hintergassen zu huschen, halbnackt unter einem flatternden Mantel.
Sie erreichten Gabriels Bar rasch und landeten über die Treppe im hinteren Teil auf dem Dach des Gebäudes.
»Jetzt lasst mich mal durchschnaufen«, sagte Bonnie lachend und stützte sich an Gabriel ab.
»Ich habe dich nächtelang tanzen sehen. So schnell kommst du nicht außer Atem«, erwiderte er lachend mit seinem schweren spanischen Akzent. »Vor anderen Dingen ganz zu schweigen.«
Sie kniff ihm in die Seite, woraufhin er sich zu ihr herunterbeugte und ihr einen feuchten Kuss verpasste.
Sie schob ihn vor sich und setzte sich auf die ausgelegte Decke. Dann streckte sie die Hände nach der Flasche in Létoiles Händen aus. Als sie sie ihr reichte, umfasste Bonnie ihre Handgelenke und zog sich zu ihr hinunter.
Zu dritt saßen sich aneinandergeschmiegt und tranken direkt aus der Flasche.
»Madame würde dich nicht auf die Straße stellen«, sagte Bonnie, während sie die Menschen unter ihnen auf der Straße beobachtete. »Du bist zu gut.«
Létoile seufzte. »Du kannst das so einfach sagen. Du bist DIE Bonnie Bahookie. Der Star des Cabarets.«
»Das Temperament der Highlands!«, zitierte Gabriel die Plakate.
Bonnie nahm einen Schluck aus der Flasche. »Schon möglich. Aber eine Tänzerin allein macht noch keine wochenlange Show. Du bist nicht so einfach ersetzbar, wie du denkst.«
Létoile zuckte mit den Schultern, lächelte aber versonnen. »Wir werden sehen. Irgendwann hat sie genug von dem Schabernack, den wir treiben.«
»Quatsch«, sagte Bonnie bestimmt und strich Létoile eine Strähne aus dem Gesicht. »Sie wäre dumm das schönste Gesicht von Paris auf die Straße zu setzen.«
Létoile seufzte.
»Das ist einfacher gesagt, Bonnie. Du weißt, wie die Lage ist. Niemand will sich einen Fehltritt erlauben.«
Bonnie trank einen Schluck und blickte über die Dächer von Paris. In den zehn Jahren, die sie in der Stadt verbracht hatte, hatte sich nicht viel verändert am Gesamtbild, aber sie wusste, dass der Schein trog. Was andere Länder seit zwei Jahren heimsuchte, hatte auch Paris erreicht. Noch starben die Leute nicht auf den Straßen den Kälte- und Hungertod, aber wenn sie den Zeitungsberichten glauben sollte, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis die Wirtschaftskrise auch hier seine grausame Fratze zeigte.
Ihr Blick blieb an den großen Leuchtbuchstaben des Citroën-Schriftzugs an der Seite des Eiffelturms hängen.
»Wie schlimm kann es der Wirtschaft denn wirklich gehen, wenn sie sich einen solchen Protz noch leisten kann?«, fragte Gabriel, der ihrem Blick gefolgt war mit einem Lachen.
Doch Létoile zog die Beine nahe an ihren Körper und lachte nicht. »Denkt ihr, es wird so schlimm wie man sagt?«
Sie verfielen in nachdenkliches Schweigen. Bonnie glaubte nicht daran, aber sie war auch für ihren Optimismus bekannt. Sie konnte nicht abstreiten, dass das Quartier du Montparnasse früher belebter war und ihre Shows frequentierter. Schon lange hatte sie keine großen Namen mehr kennen gelernt. Die Leute kamen nicht mehr nach Paris und wer schon da war, hütete seine Francs.
Bonnie selbst spürte seit einiger Zeit, wie Paris ihr langweiliger geworden war und sie selber träger.
»Lasst uns fortgehen«, entfuhren ihr die Worte, die sie schon eine Weile mit sich herum trug.
Die beiden drehten ihr die Gesichter zu.
»Fortgehen? Wohin?«, fragte Gabriel skeptisch.
»Egal«, sagte Bonnie und hob die Schultern. »Zuerst Europa, dann Asien dann die Staaten. Afrika vielleicht?«
Létoile lachte hell. »Du bist ein verrücktes Huhn, Bonnie.«
»Das ist besser, als was mich Grande Madame heute genannt hat.«
»Die Bar hat schon mehr Umsatz erzielt«, gestand Gabriel.
Sie blickten sich alle für einen Moment an, als versuchten sie abzuschätzen, wie ernst es die anderen meinten.
»Fortgehen«, sagte Létoile langsam und mit großen Augen.
Bonnie sprang auf die Beine und lehnte sich an die Reling der Dachterrasse.
»Vielleicht hat Paris seine hellste Zeit hinter sich. Aber es gibt noch so vieles da draußen. Unzählige Orte, unendliche Möglichkeiten.«
Gabriel strahlte sie an. »Ich könnte euch meine Heimat zeigen.«
»Und ich euch meine!«, sprudelte es aus Bonnie heraus.
»Frankreich verlassen«, raunte Létoile und Gabriel umfasste ihre zarten Finger.
»Das ist verrückt!«, rief er, lachte aber schallend und ein Strahlen tauchte Létoiles Gesicht in die schönste Farbe, die es auf Erden gab.
»Wohin wollt ihr als erstes gehen?«, fragte Bonnie aufgeregt.
»Brügge«, sagte Létoile wie aus der Pistole geschossen. »Nur die Reichen und Schönen reisen nach Brügge. Es muss wunderschön sein.«
Gabriel legte seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie an sich, was Létoile ein Quietschen entlockte.
»Schön sind wir schon mal. Das mit dem reich schaffen wir auch irgendwie.«
Bonnie beobachtete die beiden und ein unbeschreibliches Gefühl ergoss sich aus ihrem Herzen und ließ ihren ganzen Körper kribbeln, so dass es ihr fast die Tränen in die Augen trieb.
Gerührt wandte sich ab und blickte erneut über die Dächer von Paris.
»Hier kommen wir, Welt«, flüsterte sie.
***
Glenna öffnete die Augen und beobachtete zufrieden aus der Distanz, wie die Flasche die Runde machte. Gleichzeitig spannte ein Gefühl ihre Brust, das sie fast zu zerreißen drohte.
Entweder musste sie eine unendlich schöne oder eine grauenvolle Erinnerung geopfert haben. Erst seit sie ihre Fähigkeiten hatte, war ihr bewusst geworden, wie ähnlich der Körper auf solche Gegensätze reagieren konnte.
Inzwischen wusste sie auch, dass jede Erinnerung kostbar war und es verdient hatte, gehütet zu werden, egal ob schön oder grauenvoll.
Sie schluckte den Pfropfen herunter, der ihren Hals blockierte.
Niemand schien sich daran zu stören, dass der Whisky einen etwas süßlichen Beigeschmack hatte und in großen Lettern ›Met‹ auf der Etikette stand.
Außerdem musste er unsäglich wässerig sein. Glenna hatte nicht die Zeit gehabt, eine große Menge zu destillieren, und sie hoffte schwer, dass es genügen würde, um alle von ihnen offen für ihre Magie zu machen.
Die Gruppe war angeheitert, aber noch nicht betrunken.
Glenna ließ sie trinken. Sie müsste ihre Magie bald auf sie wirken müssen, damit der Effekt überhaupt anhielt, aber noch war nicht der richtige Zeitpunkt.
Wo steckte Janet?
Sie holte ihr Mobiltelefon hervor und starrte es an, als könne es ihr die Antwort darauf liefern.
Sie verstaute es wieder und blickte in die Dunkelheit, bis sie glaubte, dass sie eine Gestalt ausmachen konnte, die sich näherte. Sie wartete noch einen Moment, bis sie sich sicher war, dass es Janet war. Sie kam alleine und marschierte zackig auf das Gelände zu. Sie wirkte nicht amüsiert.
Aber das war Glennas geringstes Problem.
Hinter ihr leuchtete ein paar hellgrüner Augen.
Vorschau auf das Kapitel „Wahre Helden“ von nächster Woche: