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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Die Nachbarin begegnete Isabelle auf der Strasse. Die Kleider des 16-jährigen Mädchens waren ihr viel zu weit und ihre Schuhe viel zu eng. “Oh Jemine! So kannst du dich nicht sehen lassen”, befand die Nachbarin. “Wie kommst du zu diesem Zeug?” wollte sie wissen.
“Gestern wurde der Schrank meiner verstorbenen Grossmutter geräumt”, sagte Isabelle kleinlaut.
Diese Nachbarin wohnte auf der gleichen Etage der baufälligen Mietskaserne. “Komm zu mir, wenn du zurück bist. Ich werde dich besser kleiden”, versprach sie. Diese gutherzige Nachbarin war eine geschulte Schneiderin, und Isabelle besuchte sie oft abends, wie sie auf die Rückkehr ihrer Eltern wartete.
An diesem Abend wühlte die Nachbarin in den Stoffresten und fand einige farbige Stoffe, die sich verwenden liessen und den fahlbraunen Stoff ersetzten.
Am nächsten Abend surrte die Nähmaschine. Innert einer Stunde war Isabelle neu eingekleidet. Freudig beschaute sie sich im Spiegel.
“Und hier hast du einen bunten Schal. Damit kannst du dich sehen lassen.” Die Nachbarin fand erst noch ein passendes Paar Schuhe für das Mädchen. Isabelle war überglücklich.
“Vorderhand brauchst du keine Schminke – du bist hübsch genug,” befand die Nachbarin.
Die Klassenlehrerin war überrascht, wie positiv sich die scheue Isabelle entpuppt hatte und nahm sie unter ihre Fittiche und erweckte ihren Lerneifer. Innert eines Jahres wechselte Isabelle ins Gymnasium über. Liebevolle Fürsorge bewirkt Wunder.