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Weltweit übersteigt das Geld, das MigrantInnen nach Hause schicken, die Entwicklungshilfe um ein Vielfaches. Übermittlungsfirmen wie Western Union kassieren ab. Doch noch viel populärer sind informelle Kanäle.
«Afrikaner, die im Ausland arbeiten, bedeuten eine Versicherung für ihre Familie in der Heimat», sagt Ibrahim D. Alle zwei Monate schickt er 500 Franken zu seinen Eltern nach Senegal. Fünf Kilometer vom Wohnort der Eltern entfernt befindet sich eine Filiale der Geldtransferfirma Western Union.
Rimessen heissen solche Geldsendungen von MigrantInnen. Ihr Volumen ist immens. Die Weltbank schätzt die Rimessen, die im Jahr 2006 aus der Schweiz überwiesen wurden, auf 13,8 Milliarden Dollar. Das entspricht knapp eineinhalbmal dem Jahresgewinn, den die UBS ebenfalls 2006 auswies - zur triumphalsten Zeit der Bank. Allerdings sind hier auch alle Einnahmen von Erwerbstätigen mitgerechnet, die maximal ein Jahr in der Schweiz gearbeitet haben; diese werden ebenfalls als Rimessen erfasst. Die Milliardensumme ist gestückelt in kleine Scheine, die eine Existenzsicherung für die Verwandten bedeuten. «Man lebt nicht nur für sich allein», sagt Ibrahim D. «Man hat eine Familie zurückgelassen, ist verantwortlich und fühlt sich auch hier zur Hälfte dort zugehörig.»
Das Leben zwischen hier und dort ist auf Knotenpunkte angewiesen, Knotenpunkte wie das Geschäft von Vicente Peña im Zürcher Kreis vier. Der Kolumbianer verkauft in seinem Latin-Shop Lebensmittel - getrocknete Bohnen etwa oder südamerikanische Biersorten. Und er übermittelt Geld. Der Laden ist ein Ort der Gleichzeitigkeit über Distanzen und Zeitzonen hinweg. Drei Uhren, welche die Tageszeit in Ostbrasilien, Kolumbien und der Dominikanischen Republik anzeigen, drei Internetstationen, drei Telefonkabinen, ein Faxgerät: Verschiedene Netze laufen in dem Geschäft zusammen. Beim Besuch überweist eine Frau mit spanischem und kolumbianischem Pass 900 Franken nach Madrid. Etwa ein Dutzend Überweisungen gehen täglich über den Tresen. Peña hat einen Vertrag mit der spanischen Ria Financial Services, einer der grossen Firmen im internationalen Markt für Geldüberweisungen.
Auch wenn die Umsätze mit mehreren hunderttausend Franken pro Monat hoch seien, mache er nicht viel Geld mit den Überweisungen, sagt Peña. Sein Anteil an den Gebühren ist gering. Die Schnittstelle zur global tätigen Firma bildet ein Kleinbetrieb, dessen Besitzer Spanisch spricht wie seine Kundschaft. Das feinmaschige Filialnetz der Geldinstitute beruht ebenso auf dieser sozialen Verankerung der LizenznehmerInnen wie auf weltweiter Standardisierung. «Die Leute vertrauen mir, nicht Ria Financial Services», meint Vicente Peña dazu.
Monopolmacht Western Union
Finanz- und Kommunikationskanäle überlappen häufig im selben Unternehmen - nicht nur in Peñas Laden. Western Union war 1851 als Telegrafenfirma in den USA gegründet worden. Heute ist die US-Firma weltweiter Marktführer für Geldtransfers. Sie weist für 2007 4,9 Milliarden Dollar Umsatz aus und einen Nettogewinn von 900 Millionen (Zahlen für die Schweiz gibt Western Union nicht bekannt). Das Unternehmen verlässt sich auch nicht allein auf kleine MigrantInnen-Shops, sondern unterhält Exklusivverträge mit den SBB und mit PostFinance - insgesamt über 300 Filialen. «In manchen Bereichen hat Western Union praktisch ein Monopol», sagt Rachel Nellen-Stucky, Autorin einer soeben erschienen Studie der Erklärung von Bern (EvB), welche die Geschäftspraktiken des Weltkonzerns unter die Lupe nimmt. Die Marktmacht erlaubt Western Union, jene hohen Gebühren durchzusetzen, mit denen das Unternehmen über 80 Prozent seines Umsatzes macht. Für die Beträge zwischen 100 und 300 Franken, welche MigrantInnen am häufigsten überweisen, sind die Gebühren am höchsten: mehr als 14 Prozent im Durchschnitt.
Neben Western Union und deren Tochterfirmen ISI und VIGO drängen MoneyGram und Ria Financial Services auf den Schweizer Markt. Western Union senkte deshalb in den letzten Monaten die Preise für Überweisungen in das subsaharische Afrika, in die Türkei und nach Lateinamerika. Lange Zeit war unbekannt, dass Western Union auch bei den Wechselkursen kräftig verdient - letztes Jahr brachte dieser Geschäftszweig 780 Millionen Dollar Einnahmen. Erst nachdem ein Journalist publik machte, dass Western Union in der Schweiz seine Kursverrechnungen nicht offenlegte, bequemte sich das Unternehmen dazu, die KundInnen auf seinen Wechselkurs hinzuweisen. MoneyGram, mit sechzehn Filialen in der Schweiz wesentlich kleiner, deklariert seinen Wechselkurs bis heute nicht.
«Eigentlich ist es simpel: Die Gebühren sind einfach zu hoch», sagt Nellen-Stucky. Die Überweisungsinstitute beuten die strukturelle Schwäche von MigrantInnen aus, die keine Wahlmöglichkeiten haben. Für Sans-Papiers oder Leute mit einem laufenden Asylverfahren ist eine Firma wie Western Union häufig die einzige Möglichkeit, Geld zu senden. Und auf Seite der EmpfängerInnen besitzen vier Fünftel kein Bankkonto.
Koffer sind am praktischsten
Auch wenn multinationale Firmen im grossen Stil abkassieren: Noch viel grösser, aber definitionsgemäss kaum fassbar ist jener anonyme Finanzstrom, der durch informelle Kanäle fliesst. Manchmal gehört ein trickreiches Abwandeln von Gebrauchsformen dazu. Travel Cash etwa sind Travelers Cheques in Kartenformat. Die Karte, die für UrlauberInnen gedacht ist, wird hier mit Geld aufgeladen und an die Verwandten verschickt. Diese können irgendwo auf der Welt an einem Bankomaten Geld beziehen, ohne ein Konto zu besitzen.
Eine der seltenen Untersuchungen über informelle Rimessen behandelt die Geldsendungen serbischer MigrantInnen in der Schweiz. Sie kommt zum Schluss, dass achtzig Prozent der Überweisungen nicht offizielle Wege nehmen. In den Ländern des ehemaligen Jugoslawien ist das Vertrauen in das Bankensystem implodiert, nachdem in den Neunzigern die ausländischen Guthaben eingefroren worden waren - was emigrierte KleinsparerInnen am härtesten getroffen hatte. Die Leute geben das Geld Bekannten oder Verwandten mit. Häufig übernehmen auch BusfahrerInnen die Verteilung gegen ein Trinkgeld.
Andere Systeme funktionieren komplexer. «Unsere Verwandten leben von unserem Geld. Sonst haben sie keine Chance», meint S. T. Er kommt aus Sri Lanka, ist Angehöriger der tamilischen Minderheit und flüchtete 1985 in die Schweiz. Seither arbeitet er als Küchenhilfe in der Agglomeration von Zug. Der erwachsene Sohn übersetzt das Gespräch, S. T. spricht nur wenig Deutsch. Die Familie T. schickt jährlich etwa 5000 Franken zu den Verwandten in der Nähe von Jaffna. Die Grosseltern väterlicher- und mütterlicherseits, Tanten, Onkel und unverheiratete Schwestern, insgesamt fünfzehn Personen, sind auf die Überweisungen dringend angewiesen. Zusätzlich spendet die Familie T. nochmals mindestens 500 Franken im Jahr an die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die tamilische Guerilla-Organisation. Für die Überweisungen fährt S. T. zu einem tamilischen Laden in Zürich. Er händigt das Geld in Franken aus und gibt die Ausweisnummer jenes Familienmitglieds an, das in Jaffna den entsprechenden Betrag in Rupien abheben wird. «Der Laden hat Kontakte zu vielen Shops in Sri Lanka, Schuh- oder Sari-Geschäften. Dort können die Verwandten das Geld empfangen.» Fünfzehn Franken Gebühr kostet eine Transaktion, unabhängig vom überwiesenen Betrag.
Illegal, aber sicher
Seine Überweisungen, die S. T. aus Zug nach Sri Lanka tätigt, können über ein offiziell akkreditiertes Unternehmen laufen, weil sie für eine Stadt wie Jaffna bestimmt sind. Krisengebiete hingegen, die durch den Bürgerkrieg abgeschnitten sind, erreichen nur die Guerilla-Einheiten der LTTE - mit Lebensmitteln, aber auch mit Geld. Somalia ist ein weiteres Beispiel. Nach achtzehn Jahren Bürgerkrieg und US-Intervention existiert hier kein Staat mehr, geschweige denn ein Bankwesen. Die Geldsendungen aus dem Ausland finden ihren Weg über die Hawala. Dieses weitgehend papierlose System wurde nach dem 11. September 2001 auf Betreiben der USA verboten mit dem Argument, es sei nicht nachverfolgbar. Ein Projekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), das für die Exilsomalis in der Schweiz Abhilfe schaffen will, befindet sich in der Pilotphase. Vorderhand bleibt die Unsicherheit gross. Ein Gesprächspartner aus der somalischen Diaspora zeigt sich deshalb äusserst vorsichtig und besteht bei einem Treffen in Basel auf absoluter Anonymität. «Zurzeit gibt es nur zwei bis drei Händler in der Schweiz, die solche Überweisungen machen.» Hawala beruhe auf Vertrauen, erzählt der Mann aus Somalia. «Unterschriften braucht es keine. Ich gebe hier das Geld einem Händler, der - beispielsweise über Nairobi oder Dubai - mit einem anderen Händler in Somalia in Kontakt steht und der die Verbindung durchfaxt. Ich rufe den Empfänger von meiner Familie an, und sage ihm, er könne das Geld abholen.» Es wird kein Geld verschoben, sondern die vermittelnden Kaufleute gleichen den entstehenden Saldo mit Handelsgeschäften oder Schuldverschreibungen aus. «Für uns gibt es keinen anderen Weg, Geld nach Hause zu schicken», berichtet der Mann aus Somalia.
Laut Nellen-Stucky «beurteilt eine Mehrheit der ForscherInnen informelle Systeme, die eine Community selbst betreibt, als meist billig, effizient und sicher». Die Palette der Überweisungsarten ist breit. Für manche Weltgegenden diktieren faktische Monopolisten wie Western Union die Preise, anderswo scheinen die Rimessen in unzählige Formen verästelt. So verschieden die Transaktionsweisen auch sind, die Bestimmung ist dieselbe: eine Existenzhilfe für die zurückgelassene Verwandtschaft. Damit sind Rimessen ein Mittel gegen die unmittelbare Armut, nicht Geschäftsinvestitionen. Für die MigrantInnen bedeuten sie einen harten Zielkonflikt. Häufig reicht der tiefe Lohn kaum fürs eigene Durchkommen. «Darin liegt eine Schwierigkeit», sagt Ibrahim D. aus Senegal. «Meist hat man nicht genug für sich selbst - und dann ist da die Familie, die Unterstützung erwartet.»