Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/908

Das Willisau Jazz-Archiv an der Hochschule Luzern
2011 hat Niklaus Troxler der Hochschule Luzern sein Privatarchiv zum Jazz in Willisau geschenkt. Seither werden diese Quellen in Luzern und Lugano archiviert, erschlossen und allen Interessierten zugänglich gemacht.
1966 begann Niklaus Troxler in Willisau Jazzkonzerte zu organisieren. Anfangs lud er vor allem Dixieland-Bands, Barrelhouse-Pianisten und Blues-Musiker ein; bald folgten Modern-Jazz- und Free-Jazz-Formationen. Das wachsende Interesse des Publikums motivierte Troxler, den Konzertkalender immer dichter zu bespielen und auch grosse Namen für seine Konzerte zu engagieren: Ornette Coleman, Keith Jarrett, Chick Corea und viele mehr traten bereits während den frühen 1970er-Jahren in Willisau auf.
Im Spätsommer 1975 organisierte Troxler ein dreitägiges Festival, bei dem er eine Vielzahl der avanciertesten Musiker der Zeit auf die Bühne stellte – Cecil Taylor, John Tchicai, Archie Shepp, Albert Mangelsdorff und Chris McGregor’s Brotherhood of Breath. Unter diese internationalen Stars mischte Troxler die oberste Liga der Schweizer Jazz-Szene, etwa Irène Schweizer oder die Luzerner Band OM.
Das Jazz Festival Willisau hat seit 1975 jedes Jahr stattgefunden; es wurde zu einem Fixpunkt für die Liebhaber der Jazz-Avantgarde in der Schweiz und in ganz Europa – ein «Mekka des Free Jazz», wie Bruno Rub sich einmal ausdrückte. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit: Troxler hatte immer auch ein Interesse für die musikalische Tradition, und er ermöglichte dem Publikum Begegnungen mit Klassikern des Modern Jazz, wie Dexter Gordon, Horace Silver, Betty Carter und McCoy Tyner. Das Festival-Format sorgte für spontane musikalische Interaktionen: ein während dem Festival 1979 in jeder Hinsicht improvisiertes Duo-Konzert mit dem legendären Bebop-Schlagzeuger Max Roach (der in den 1940er-Jahren bei den wichtigsten Einspielungen von Charlie Parker dabei gewesen war) und dem Saxofon-Alchemisten Anthony Braxton wurde beispielsweise zu einem der ganz grossen Momente in der Geschichte des Jazz in Willisau.
2009 organisierte Niklaus Troxler sein letztes Festival; Neffe Arno Troxler trat in seine Fussstapfen und zeichnet seither für das Jazz Festival Willisau verantwortlich. Niklaus beschloss, sein privates Jazzarchiv an eine öffentliche Institution zu verschenken. Dank der Vermittlung von Jazzjournalist Tom Gsteiger fiel seine Wahl auf die Hochschule Luzern. Die Festival-Programmbroschüren, die umfangreiche Sammlung an Pressereaktionen, Dokumentarfilme und veröffentlichte Tonträger werden seit 2011 in der Musikbibliothek archiviert. Troxlers rund 180 Konzert- und Festivalplakate (er ist nicht nur Jazzfan, sondern auch ein weltweit berühmter Plakatgestalter) lagern als Dauerleihgabe in der Sondersammlung der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. Rund 700 Stunden Musik, live aufgenommen in Willisau, kamen als Dauerleihgabe in die Nationalphonothek in Lugano, wo die Originalquellen (Magnettonbänder, DAT-Kassetten und Musikkassetten) digitalisiert und sicher aufbewahrt werden. Die Erschliessung der Tonaufnahmen wurde vom Verein Memoriav finanziell unterstützt; die Nationalphonothek und die Musikbibliothek der Hochschule Luzern teilten sich die Aufgaben der Katalogisierung und Digitalisierung. Die Aufnahmen können nun an den rund 50 Abhörstationen der Nationalphonothek in der ganzen Schweiz angehört werden.
Um die Recherche zum Jazz in Willisau für alle Interessierten zu erleichtern, präsentiert die Hochschule Luzern die Quellen (so weit dies rechtlich und technisch möglich ist) auf der Internetseite www.willisaujazzarchive.ch. Forschende, Journalisten und sonstige Interessierte haben auf dieser Seite Zugang zu Konzertdaten, Besetzungen, Fotos, Plakaten, kurzen Audio-Ausschnitten und Pressereaktionen. Die visuellen Quellen kamen 2013, zusammen mit Erinnerungen von Niklaus Troxler, unter dem Titel Willisau and All That Jazz als Buch heraus.