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Notstand
Kannst du dich noch an deine letzte wirklich wichtige Prüfung erinnern? Die Deadline des letzten grossen Projekts? Den grossen Kundenanlass, für den du die Hauptverantwortung hattest? In den Wochen davor herrschte vermutlich eine Art Notstand. In solchen Situationen hat man weder Zeit noch Nerven für andere Themen. Auch in unseren Beziehungen, besonders in der Partnerschaft, wird die Belastung spürbar. Wie wirkt sich der Stress auf unser Sexleben aus? Haben wir in stressigen Zeiten weniger Sex? Und ist der Sex weniger befriedigend? Sind wir unzufriedener mit der Beziehung und hat es einen Einfluss, welche Strategien wir (alleine oder als Paar) zur Stressbewältigung anwenden? Diesen Fragen sind Professor Bodenmann und drei weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachgegangen.
Gute Prüfung um jeden Preis
Ihre Studie hatte zum Ziel, den Zusammenhang zwischen Stress, Sex (Häufigkeit, Zufriedenheit und Erleben eines Orgasmus), Beziehungszufriedenheit und Coping (Umgang mit Stress) besser zu verstehen. Dazu wurden rund 100 Psychologiestudentinnen* befragt, die kurz vor der Assessmentprüfung am Abschluss des ersten Studienjahrs standen. Die Prüfung entschied darüber, wer sein Psychologiestudium fortsetzten konnte und wer nicht. Sie war daher mit ziemlich viel Stress und Druck verbunden. Auch wenn es sich im Durchschnitt um eher junge Frauen* handelte, reichte die Altersspanne der Studentinnen* von 19 bis 49 Jahren. Alle waren seit mindestens einem Jahr in einer festen Beziehung, die im Durchschnitt bereits 3.2 Jahre dauerte. 25% der Frauen* lebten mit ihrem Partner* zusammen, die anderen wohnten relativ nahe, so dass sie sich regelmässig sehen konnten. Besonders an der Studie war, dass die Frauen* über drei Monate hinweg befragt wurden. Diese Art von Studien (sogenannte Längsschnittstudien) ermöglichen oft spezifischere Aussagen als einmalige Erhebungen (Querschnittvergleiche). Die Studentinnen* füllten einerseits zu Beginn der Untersuchung Fragebogen aus und erhielten andererseits jede Woche per Post einen weiteren Bogen mit Fragen zu Stress, Sexualität und Beziehungszufriedenheit, den sie im Hinblick auf die vergangene Woche beantworteten.
Sex am Samstag
Es erstaunt nicht, dass die Häufigkeit von Sex vom Wochentag abhing. Am häufigsten hatten die Studentinnen* am Wochenende Sex. Dieser zyklische Verlauf wurde in die Berechnungen aufgenommen, um keine verzerrten Resultate zu erhalten. Die Frauen* hatten durchschnittlich an etwa einem Drittel der Tage Sex. Die meisten waren sowohl mit ihrer Beziehung als auch mit ihrem Sexleben zufrieden, wenngleich die Variabilität der Antworten zeigte, dass einige der Frauen* mit ihrer Beziehungen und ihrem Sexleben nicht ganz glücklich waren. In über 50% der Fälle berichteten die Frauen* über einen Orgasmus beim Sex.
Stress, Sex & Coping
Die Forschenden testeten drei Hypothesen: In der ersten Hypothese ging es darum, den Einfluss von beziehungsexternem Stress auf die sexuelle Aktivität, die sexuelle Zufriedenheit und die Häufigkeit eines Orgasmus zu beleuchten. Ein interessantes Phänomen war, dass die Studentinnen* in der ersten Woche der Studie um 77% häufiger Sex hatten. Ebenso war in dieser Woche die sexuelle Zufriedenheit erhöht und mehr Frauen* berichteten über einen Orgasmus beim Sex. In der Forschung bezeichnet man das als Messeffekt: Die Aufforderung, die eigene Sexualität zu beobachten und darüber zu berichten, kann das Verhalten kurzfristig verändern. Insgesamt zeigte sich, dass mehr externer Stress klar mit weniger Sex einherging. Für jeden zusätzlichen Punkt, den eine Person auf der Stressskala (von 1-6) erzielte, nahm die Häufigkeit von Sex im Durchschnitt um 21% ab. Auch die sexuelle Zufriedenheit hing (negativ) mit Stress zusammen, nicht aber, wie häufig die Person einen Orgasmus hatte (wenn es denn zu Sex kam).
Die zweite Hypothese ging davon aus, dass weniger Sex mit tieferer Beziehungszufriedenheit einherging. Und tatsächlich bestätigte sich dies in der Studie.
Mit der Überprüfung der dritten Hypothese wollten die Forschenden herausfinden, ob die Auswirkungen von Stress auf Sex und Zufriedenheit durch Coping (Umgang mit Stress) abgeschwächt oder verstärkt werden. Dabei unterschieden sie zwischen individuellem und dyadischem Coping. Diese Begriffe wurden bereits in früheren Blog-Einträgen eingeführt. Während individuelles Coping persönliche Strategien zur Stressbewältigung wie Humor, Suche nach Lösungen, positive Neuinterpretation oder auch negative Formen wie Verleugnen und Passivität umfasst, geht es beim dyadischen Coping um die Stressverarbeitung als Paar. Positive Formen sind beispielsweise emotionale oder problemorientierte Unterstützung (Mut machen, in den Arm nehmen, den anderen entlasten etc.). Es zeigte sich, dass die Art der Stressbewältigung die Effekte von Stress auf Sex und Zufriedenheit nicht verstärkte oder abschwächte. Ein Zusammenhang mit Sex wurde dennoch sichtbar, insbesondere beim dyadischen Coping: Für jeden zusätzlichen Punkt, den eine Studentin* auf der Skala zum dyadischen Coping (von 0-4) erzielte, stieg die sexuelle Aktivität um durchschnittliche 55%. Das heisst ganz einfach, dass Paare, die sich gegenseitig unterstützten und ihren Stress (unter anderem) auch gemeinsam bewältigten, im Durchschnitt mehr Sex hatten. Dieser Zusammenhang zeigte sich beim individuellen Coping nicht. Die sexuelle Zufriedenheit hing sowohl mit dem dyadischen als auch dem individuellen Coping zusammen. Auch in Bezug auf den Orgasmus zeigte sich, dass Frauen* mit Partnern*, die sich gegenseitig mehr unterstützten, häufiger einen Orgasmus hatten. Die Ergebnisse verdeutlichen also, dass gegenseitige Unterstützung beim Umgang mit Stress auch unser Sexleben beeinflusst – nicht nur wie oft wir Sex haben, sondern auch, wie befriedigend der Sex ist.
Was wir aus der Forschung lernen können...
Stressige Phasen vor grossen Prüfungen oder Deadlines gehören zum Leben dazu. Und es ist normal, wenn wir in diesen Phasen vielleicht weniger Lust auf Sex haben. Auch in anderen Studien haben Forschende um Professor Bodenmann zeigen können, dass Stress und sexuelle Schwierigkeiten nicht selten zusammenhängen. Gestresste Personen sind oft müde und erschöpft und haben dadurch weniger Lust auf Sex. Andererseits nimmt man den Alltagsstress auch mit in die Beziehung, was zu Spannungen in der Partnerschaft selbst und dadurch auch zu weniger Lust führen kann. Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind, woher der Stress kommt, darüber reden und die Bedürfnisse unserer Partnerin* oder unseres Partners* ernst nehmen. Gerade in diesen Phasen ist die gegenseitige Unterstützung besonders wichtig und kann uns helfen, die stressige Zeit durchzustehen, ohne dass unser Beziehungs- und Sexleben zu stark darunter leidet.
Dieser Eintrag basiert auf der Studie The association between daily stress and sexual activity (2010) von Prof. Dr. Bodenmann und weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
geschrieben von Noëmi Ruther