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- SBPV Lohnumfrage 2021
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Peter-René Wyder und Jean Christophe Schwaab im Streitgespräch.
Die Geschäftsleitung des SBPV entschied, die Mindestlohninitiative zu unterstützen, nicht aber die Initiative 1:12, welche dem Volk voraussichtlich im September dieses Jahres zur Abstimmung unterbreitet wird. Die Ablehnung der 1:12-Initiative muss richtig interpretiert werden: Wie die Protagonisten dieser Initiative ist auch die Geschäftsleitung des SBPV der Ansicht, dass die exorbitanten Löhne ein Skandal und eine Gefahr für die Wirtschaft darstellen.
Die Mehrheit der Geschäftsleitungsmitglieder ist jedoch überzeugt, dass die in der 1:12-Initiative vorgeschlagene Lösung nicht die richtige ist. Im folgenden Gespräch legen zwei Geschäftsleitungsmitglieder ihre gegenteilige Position dar: Jean Christophe Schwaab, Präsident der Region Westschweiz und Mitglied des Initiativkomitees, unterstützt die Initiative, während Peter-René Wyder, Zentralpräsident des SBPV, diese ablehnt.
Jean Christophe, weshalb soll ein Bankangestellter der 1:12-Initiative zustimmen?
Der Erfolg unseres Landes hängt nicht zuletzt von seiner Stabilität und seiner sozialen Kohäsion ab. Ausserdem werden Abzockerlöhne zum Nachteil der grossen Mehrheit der Angestellten ausbezahlt, deren Beitrag am Erfolg der Unternehmen jedoch entscheidender ist als der Beitrag der Manager.
Es gibt auch ein ethisches Problem: Egal wie kompetent, niemals ist die Arbeit eines Managers 20- oder 100-mal mehr wert als diejenige seiner Untergebenen, die genauso motiviert und produktiv sind. Schliesslich ist erwiesen, dass eine gewisse Lohnpolitik die kurzfristige Risikobereitschaft, die bereits enorme wirtschaftliche Katastrophen verursacht hat, fördert. Die Bankangestellten bezahlten mit dem Stellenabbau einen hohen Tribut. Die 1:12-Initiative begrenzt auch dieses Risiko.
Peter, weshalb hat sich der Bankpersonalverband für eine Nein-Parole zu dieser Initiative entschieden? Es gibt doch mehrere Beispiele von funktionierenden Banken, in denen dieser Lohnunterschied sogar unterschritten wird?
Vorab möchte ich betonen, dass ich die extremen Lohnunterschiede in einzelnen Banken seit Jahren kritisiere und auch für eine Gefahr für unseren sozialen Zusammenhalt halte. Die bestechend einfache Initiative 1:12 trifft deshalb einen wunden Punkt, auch bei mir. Die Nein-Parole des SBPV richtet sich ausschliesslich gegen diesestrenge Form der Deckelung von Löhnen, die für im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen zu Problemen führen wird. Hier hat sich das Lohnniveau in den letzten zwanzig Jahren extrem erhöht.
Dies ist ein Fakt, auch wenn man darüber nicht glücklich ist. Die Umsetzung der Initiative hätte in unserer Branche eine Deckelung bei Fr. 600000 pro Jahr zur Folge, womit regional tätige Banken kein Problem hätten. Einzelne Institute, wie beispielsweise die Berner Kantonalbank und auch Valiant, sehen in ihren Geschäftsberichten eine Deckelung beim Faktor 20 vor, was akzeptabel erscheint, aber bereits über der Deckelung der Initiative liegt.
Jean Christophe, wieso reicht die angenommene Minder-Initiative nicht aus, um die Lohnpolitik in den Griff zu bekommen?
Die Initiative war nur ein Schritt in die richtige Richtung. Sie verbietet die schockierendsten Formen von Abzockerei (z.B. goldener Fallschirm, golden hellos) und gibt den Aktionären mehr Kontrolle über die Managerlöhne.
Dies reicht jedoch nicht aus, denn die Löhne bleiben nach wie vor unbegrenzt. Und, trotz zahlreicher Versuche von Aktionären, den Exzess zu stoppen, werden an den Generalversammlungen Abzockerlöhne nach wie vor von der grossen Mehrheit genehmigt.
Peter, in den Banken ist der Lohnunterschied besonders gross. Wäre diese Initiative nicht ein Mittel, diese von den Bankangestellten auchoft kritisierten Lohnexzesse zu bekämpfen?
Als ich das Präsidium des SBPV im Jahr 1998 antrat, verdienten einzelne Topmanager bereits eine Million pro Jahr. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Die Initiative würde klarerweise die Lohnexzesse auf dem Papier beseitigen. Ich fürchte aber, dass die Schweiz für hoch qualifizierte Leute künftig an Attraktivität verlieren würde, was für den Werkplatz Schweiz generell und nicht nur für den Dienstleistungssektor negative Folgen hätte.
Jean Christophe, würde die Annahme dieser Initiative nicht ein Risiko darstellen, dass Unternehmen die Schweiz verlassen würden?
Die Schweiz verfügt über genügend andere Trümpfe, um attraktiv zu bleiben: politische Stabilität, Rechtssicherheit, Sicherheit, qualifizierte Arbeitskräfte, gute Infrastruktur, geschützte Umgebung, zentrale Lage in Europa, moderate Steuersätze. Auch ihre soziale Kohäsion ist ein entscheidender Faktor, aber sie ist durch eine zu grosse Lohnschere bedroht.
Zudem: Zahlreiche, sehr wettbewerbsfähige Unternehmungen (z.B. Victorinox), darunter auch die Banken (z.B. Glarner Kantonalbank), haben eine Lohnschere, die tiefer als 1:12 ist und kein Handicap darstellt.
Peter, die Lohnentwicklung in den oberen Etagen lässt vermuten, dass in Sachen Lohn die Selbstregulierung nicht reicht. Welche andere Lösung als diese Initiative siehst du, um die Löhne im Griff zu haben?
Wie ich schon eingangs erwähnt habe, besteht bezüglich Lohnexzesse nach wie vor Handlungsbedarf, auch wenn die Initiative 1:12 abgelehnt werden sollte. Im Zusammenhang mit der parlamentarischen Diskussion zur Minder-Initiative wurde über die Einführung einer Bonussteuer diskutiert, welche als Lenkungsabgabe eine dämpfende Wirkung hätte.
Dieses Anliegen muss wieder aufgenommen werden. Wir müssen auch beobachten, wie sich die Lohndeckelung für Banken in der EU entwickelt, welche eine Bonusbeschränkung im Verhältnis zum Fixlohn vorsieht. Auch dieses System muss diskutiert werden, allerdings
nicht bloss auf die Finanzbranche beschränkt.
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist schliesslich die Transparenz: Die Lohnbezüge des Managements müssen offen deklariert sein. Auf dieser Basis soll schliesslich nicht nur der Aktionär, sondern auch der Kunde die Möglichkeit haben, auf die Salärpolitik eines Unternehmens zu reagieren. Am meisten Handlungsbedarf sehe ich jedoch bei der Haftung von hoch bezahlten Managern für Fehlleistungen. Der Swissair-Zusammenbruch und auch das UBS-Debakel im Jahr 2008 haben exemplarisch gezeigt, dass die hoch bezahlten Verantwortungsträger nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, was nicht akzeptabel
ist. Freiheit ohne Verantwortung funktioniert nicht, weshalb hier über eine Verschärfung der Haftungsvorschriften nachgedacht werden muss.
Jean Christophe, was passiert wenn diese Initiative abgelehnt wird?
Dies könnte ein negatives Signal aussenden. Das Schlimmste wäre, dass die Unternehmen und die Manager, die derartige Lohnexzesse betreiben, sich in ihrer Habgier bestätigt fühlten. Die Verschlimmerung der Missbräuche wäre zum Nachteil der anderen Angestellten und könnte sogar, sollten die Top-Manager erneut unüberlegte Risiken auf sich nehmen, neue wirtschaftliche Katastrophen hervorrufen. Wie auch immer, die Initiative hat bereits einen positiven Impact: Die Fragen der Lohngleichheit und der gerechten Verteilung der Reichtümer können künftig nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden.
Die Geschäftsleitung des SBPV hat beschlossen, die Mindestlohninitiative zu unterstützen. Genügt die Mindestlohninitiative nicht?
Die Mindestlohninitiative ist viel pragmatischer, aber setzt sich nur mit der Frage der zu tiefen Löhne, der Working Poor, und der Unterschreitung der Lohnbedingungen auseinander. Dies
sind wichtige Probleme, die die soziale Kohäsion im gleichen Ausmass wie die Auswüchse «gegen oben» angreifen. Der SBPV muss diese Probleme angehen. Aber um die exzessive Lohnschere zu verkleinern, muss das Problem von beiden Enden her angepackt werden.
Peter, welches wären die Konsequenzen der Annahme der Initiative 1:12?
zu umgehen, was auch zu einem Outsourcing-Schub führen könnte. In einzelnen Fällen könnte es tatsächlich zu Abwanderungen von Firmen in weniger streng regulierte Staaten kommen. Generell fürchte ich aber ein negatives Signal nach aussen, was für den Wohlstand und den Wirtschaftsstandort Schweiz mit seinen stark im internationalen Wettbewerb stehenden Unternehmen schädlich wäre.
Jean Christophe, Peter, ich danke euch herzlich für das Gespräch.
Denise Chervet