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© Marcel Burkhardt
Der Schweizer Bestand des Grauspechts hat in den letzten 20 Jahren stark abgenommen. Die Ursachen dafür sind weitestgehend unbekannt, da es nur wenig Forschungsresultate über dessen Ökologie gibt. In einer Masterarbeit möchte die Vogelwarte nun mehr über den Grauspecht herausfinden.
Während die Bestandstrends des Grauspechts in Osteuropa zum Teil stabil oder sogar positiv sind, verzeichnet die Art in mehreren Ländern Mitteleuropas seit Jahrzehnten deutliche Bestandsrückgänge. Auch in der Schweiz hat der Grauspecht in den letzten 20 Jahren etwa zwei Drittel seines Bestandes eingebüsst und wird auf der Roten Liste der Schweizer Brutvögel als verletzlich aufgeführt. Die nordöstlich gerichtete Brutarealverschiebung in der Schweiz und Europa stimmt mit auf Klimafaktoren basierten Modellierungen überein, welche bis zum Ende des 21. Jahrhunderts eine Abnahme dieser Art im Südwesten Europas vorhersagen.
Über mögliche Rückgangsursachen, unabhängig vom Klimawandel, kann bislang nur spekuliert werden, da wissenschaftlich fundierte Untersuchungen grösstenteils fehlen. Dies zeigt eine im Frühjahr 2018 von der Vogelwarte durchgeführte Literaturrecherche, bei der möglichst alle wissenschaftlichen Arbeiten über den Grauspecht zusammengetragen wurden. Von den knapp 350 gefundenen Studien, welche den Grauspecht thematisierten, enthielten ein Siebtel Erkenntnisse über die Ökologie und Populationsbiologie. In Anbetracht der oft kleinen Stichproben sind aber generelle Aussagen schwierig und mit Vorsicht zu geniessen.
Einerseits nutzt der Grauspecht grosse alte Bäume, wobei unklar ist, ob Einzelbäume oder mehrere Bäume zusammen in Altbeständen bevorzugt werden. Andererseits braucht er lichte Flächen wie frühe Sukzessionsstadien oder extensiv genutztes Offenland. Die Nutzung von alten Bäumen und lichten Flächen hat mit seiner Brutbiologie und der Nahrungsökologie zu tun. Der Grauspecht baut seine Bruthöhlen generell in Baumarten mit glatter Borke. In Mittel- und Osteuropa sind dies primär Buchen mit einem durchschnittlichen Brusthöhendurchmesser von über 50 cm. Aus den gefundenen Studien geht aber nicht hervor, ob glattborkige Bäume gegenüber grobborkigen Bäumen bevorzugt werden (z.B. zur Minimierung der Gefahr, dass Baummarder die Bruthöhlen plündern), oder ob glattborkige Bäume aus Notwendigkeit gewählt werden, weil es keine oder zu wenige geeignete grobborkige Bäume gibt. Zumindest für seine Winternahrung ist der Grauspecht aber auf grobborkige Bäume sowie stehendes Totholz angewiesen, da er dort während der schnee- und frostreichen Monate baumbewohnende Ameisen und andere Insekten und Spinnen findet. In den schneefreien Monaten erbeutet der Grauspecht fast ausschliesslich bodenbewohnende Ameisen, welche ihrerseits offene, trockene und warme Standorte benötigen. Es ist unklar, wie wichtig liegendes Totholz für den Grauspecht ist. Obwohl von allen in der Literaturrecherche berücksichtigten Forschungsbereichen am meisten Studien zur Habitatnutzung publiziert wurden, braucht es mehr und stichhaltigere Daten zu den Dimensionen und der Zusammensetzung der genutzten Waldbestände, um erfolgreiche Artenförderungsmassnahmen umsetzen zu können. Ausserdem fehlt es an Angaben zu der benötigten Anzahl Höhlenbäume pro ha oder den benötigten Kubikmetern Totholz pro ha. Letztlich sind auch die Untersuchungen zur kleinräumigen Habitatnutzung nicht ausreichend, um evaluieren zu können, welche Strukturen der Grauspecht bevorzugt nutzt. Auch der viel diskutierte Grund, die Konkurrenz mit dem Grünspecht sei für den Rückgang des Grauspechts in Mitteleuropa verantwortlich, wird durch keine wissenschaftlich fundierte Studie belegt. Ferner haben wir keine Studie gefunden, welche die Interaktion der beiden Arten quantitativ auswertet.
Die restliche Ökologie des Grauspechts ist noch weniger erforscht als die Habitatnutzung. Zur Nahrungsökologie haben wir nur gerade fünf Studien gefunden, welche Kotproben analysiert hatten. Da drei Studien in Südkorea und eine in Skandinavien durchgeführt wurden, ist ihre Relevanz für die Schweiz und Mitteleuropa allgemein allerdings fraglich. Der Konsens der Studien lautet, dass sich der Grauspecht grösstenteils von verschiedenen bodenbewohnenden Ameisen ernährt, wobei sowohl Eier und Larven als auch Adulttiere verspeist werden. Verschiedene andere Wirbellose kommen zu kleineren Anteilen ebenfalls in der Nahrung vor. Wichtig ist der Nahrungswechsel während der schnee- und frostreichen Monate, in denen baumbewohnende Wirbellose (vor allem Rossameisen) oder anthropogene Nahrungsquellen genutzt werden. Wie schon bei der Habitatnutzung fehlt aber auch bei der Nahrungsökologie grösstenteils ein Vergleich von Angebot und Nutzung.
Auch bezüglich der Brutbiologie des Grauspechts ist kaum etwas bekannt. Gelegegrössen belaufen sich meist auf 7–9 Eier, aber die Anzahl Studien darüber ist gering. Über die durchschnittliche Anzahl ausfliegender Jungvögel ist bis auf ganz wenige Beobachtungen auch nichts bekannt. Wie viele Nester überhaupt erfolgreich sind, wurde nur in einer Studie in Ostchina untersucht. Von 125 Nestern flog dort in 89 % der Fälle (± 10 %) mindestens ein Jungvogel aus.
Eine weitere grosse Wissenslücke herrscht bei sämtlichen populationsdynamischen Parametern wie Überleben, Fortpflanzung, Einwanderung und Abwanderung. Eine Telemetrie-Studie aus Skandinavien zeigt zwar, dass Grauspechte im Winter Streifbewegungen von mehreren Dutzend Kilometern machen können; wie es aber beispielsweise mit der Jungenabwanderung nach dem Ausfliegen aussieht, oder wie hoch das Überleben von Jung- und Altvögeln ist, ist unbekannt.
Dieser allgemeine Mangel an grundlegendem Wissen über viele Aspekte der Grauspechtökologie könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Art vergleichsweise heimlich und in grossen Revieren von 1–2 km2 lebt. Diese Umstände erschweren es, bei Untersuchungen ohne hohen Aufwand auf eine grosse Stichprobe zu kommen. Folglich können auch keine wissenschaftlich fundierten Schwellenwerte betreffend Habitatfaktoren für die Lebensraum- und Artenförderung angegeben werden.
Zusammenfassend lässt sich feststellen: Obwohl die Habitatnutzung und Nahrungsökologie des Grauspechts grob bekannt sind, fehlen Studien zu Angebot und Nutzung, sowie zur kleinräumigen Nutzung innerhalb eines Reviers, und zu sämtlichen populationsdynamischen Parametern. Im Rahmen einer Masterarbeit an der Vogelwarte sollen ab 2019 erste Grundlagen geschaffen werden, um den Grauspecht in der Schweiz besser zu erforschen. Die Untersuchung wird in Regionen durchgeführt, die gemäss Daten aus dem neuen Brutvogelatlas noch gute Vorkommen aufweisen. Die aus dieser Forschung gewonnenen Erkenntnisse sollen letztlich dazu dienen, den Grauspecht in der Schweiz und anderenorts zu erhalten und zu fördern.