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In einer Propellermaschine ist Elisabeth Vogt im Jahr 1948 nach England geflogen und ihrem Berufswunsch «Krankenschwester» so einen Schritt nähergekommen. Ein Beruf, der sich für sie in allen Lebenslagen als nützlich erwiesen hat.
Können Sie uns einen Einblick in Ihre Kindheit geben?
Ich bin in Langnau im Emmental mit drei Geschwistern aufgewachsen. In den Ferien verbrachte ich viel Zeit im Trub bei meinen Grosseltern und meiner Tante. Ich besuchte die Primarschule in Langnau. Für das neunte Schuljahr wurde ich mit 14 Jahren ins Welschland nach Delémont geschickt. Dort sollte ich, so der Wunsch meines Vaters, der französischen Sprache mächtig werden.
Steckbrief
Vorname/Name: Elisabeth Vogt
Alter: 92 Jahre
Aufgewachsen in: Langnau
Beruf: Handelsschule/Krankenpflegerin
Elisabeth Vogt ist Spitex-Kundin und im Alenia vorsorglich angemeldet.
Wann und wie haben Sie Ihre beruflichen Weichen gestellt?
In dieser Zeit war es üblich, dass die Mädchen bestenfalls die Handelsschule absolvieren konnten. Die Knaben hingegen schickte man gerne aufs Gymnasium. So freute ich mich also darüber, dass ich dank meinen erworbenen Französischkenntnissen die dreijährige Handelsschule in Lausanne abschliessen konnte. Mit 18 Jahren sollte ich auf Wunsch meines Vaters das Autofahren lernen. Ich hatte aber generell etwas gegen diese vierrädrigen Vehikel. Sie verstellten Plätze und Orte, wo wir früher noch Völkerball gespielt hatten. Die Vorstellung, dass man nun überall neue, breite Strassen für diese Fahrzeuge bauen musste, erschreckte mich. Selbst so eines zu steuern, kam für mich absolut nicht infrage. Mein Vater erkannte, dass ich nicht umzustimmen war, und sagte mir eines Tages Folgendes: «Eiseli, da hesch ä Batze. I wott de nid tschuld si, we du mit dr moderne Wäut nid zschlag chunsch.» Er überreichte mir einen grosszügigen Geldschein. Ich hatte immer noch den Traum, die Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren, hatte aber noch nicht das geforderte Alter von 20 Jahren erreicht. So flog ich mit dem Geld meines Vaters in einer Propellermaschine vom Typ Fokker Friendship nach London, um in Südengland in einem kanadischen Militärspital als Lernschwester tätig zu sein. Mein Abenteuer dauerte nicht allzu lange. Nach ein paar Monaten beorderte mich mein Vater zurück in die Schweiz. Für ihn kam als Ausbildungsplatz mit gutem Ruf nur die Rotkreuz-Krankenpflegeschule Lindenhof in Bern infrage. Für die Aufnahme fehlte mir nun noch die «Befähigung zur Führung eines Haushaltes». Diese eignete ich mir dann in der Haushaltschule am Fischerweg in Bern an. Nun endlich konnte meine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester beginnen.
Welche Lebenswünsche sind in Erfüllung gegangen, welche nicht?
Im vierten Semester meiner Ausbildung absolvierte ich ein Praktikum im Inselspital. Dort lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Er war Medizinstudent. Am Ende meiner Ausbildung waren wir bereits verlobt. 1954 heirateten wir im Trub. Zwei Söhne und eine Tochter kamen auf die Welt. Während der Assistenz- und Ausbildungszeit meines Mannes sind wir sechsmal umgezogen. Wir wohnten in kleinen, bescheidenen Wohnungen oder in abgelegenen Stöcklis auf dem Land. 1961 zogen wir in das Elternhaus meines Mannes in Muri b. Bern um. Die Schwiegereltern bewohnten das Erdgeschoss, wir die oberen zwei Stockwerke. Ich lebte mich im Quartier schnell ein und engagierte mich in der Gemeinde. Bis heute ist dies mein Zuhause.
Welches waren Ereignisse, die Sie besonders geprägt haben?
Nebst Ereignissen waren es Menschen, die mich geprägt haben, vor allem starke Frauen. Jene, die in den Kriegsjahren mit den Kindern zurückblieben, weil die Männer an die Front mussten, und die für die Familie Stärke bewiesen. Wie zum Beispiel meine Mutter, meine Grossmutter und meine Tante. Während der Kriegsjahre nahm meine Mutter Kinder aus Deutschland bei uns auf und bot ihnen dadurch Zuflucht vor dem Kriegsgeschehen in der Heimat. Der Weltkrieg hat uns Kinder sehr geprägt. Ich erinnere mich, dass der Krieg leider auch bei uns auf dem Pausenplatz in der Schule immer wieder Thema war. Doch auch kürzlich hat mich ein Ereignis geprägt: Im vergangenen Sommer ist meine Tochter Kathrin verstorben, für uns alle unerwartet. Sie hatte die Gabe, Farbe in mein Leben zu bringen. Durch ihren Tod wird mein Lebensabend nun weniger bunt.
Was möchten Sie unbedingt noch erleben?
Es sind eigentlich alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Wir haben nur wenige Auslandreisen unternommen. Ich fühlte mich immer in der Nähe meines Zuhauses wohl. Mit den Kindern sind wir zum Skifahren nach Mürren oder auf die Riederalp gefahren. Und am Murtensee besassen wir eine Dachwohnung, in der wir uns regelmässig kurze Auszeiten gönnten. Einen grossen Wunsch habe ich noch: Ich besitze eine Truhe voller Tagebücher, die ich sehr gerne lesen möchte. Ich wünsche mir also die nötige Ruhe, um genau dies noch zu tun. Und ja, das möchte ich auch noch festhalten: Wir Menschen müssten endlich verstehen, dass wir alle Zeitgenossen auf dem gleichen Planeten sind, die einander akzeptieren und diese Welt schützen sollten.
Womit kann man Ihnen eine Freude bereiten?
Über Besuche in meinem Zuhause freue ich mich immer.
Was ist Ihre liebste kulturelle Beschäftigung?
Ich liebe Musik. Leider ist mein Gehör schlecht, und durch das Hörgerät wird auch das schönste klassische Solo zur «Chatzemusig». Die notwendige Operation, um mein Hörvermögen zu verbessern, kommt für mich nicht infrage. Ein intaktes Gehör wäre ein grosses Geschenk. Weiter lese ich sehr gerne und bin sehr an Politik interessiert. So habe ich die diesjährigen National- und Ständeratswahlen genau verfolgt. Über den Ausgang bin ich besorgt. Aber die Hoffnung habe ich nicht verloren; ich vertraue immer noch darauf, dass gute Menschen richtige Entscheidungen für uns alle treffen.
Monika Di Girolamo