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Auf dem weitgehend unregulierten Medikamentenmarkt in den USA können Schweizer Pharma-Unternehmen noch immer viel Geld verdienen.
Angesichts der massiv ansteigenden Gesundheitskosten werden allerdings auch in den USA Stimmen laut, die von der Pharmaindustrie mehr Zurückhaltung bei der Preisbildung fordern.
"Der amerikanische Markt ist für alle Pharmaunternehmen lebenswichtig", sagt Karl-Heinz Koch, Analyst bei der Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch. "Und weil der relative Preis von Pharma-Produkten dort höher ist als anderswo, ist er auch der lukrativste Markt."
Die Pharma-Abteilung von Novartis macht fast die Hälfte ihres Umsatzes (9,6 Mrd. Dollar) in den Vereinigten Staaten und hat dort einen Marktanteil von knapp 4 Prozent. Rivale Roche erzielte letztes Jahr annähernd 40% seines Medikamenten-Umsatzes in Nordamerika.
Auch die Genfer Serono ist mit 36% ihres Umsatzes (848,2 Mio. Dollar im Jahr 2005) weitgehend vom
US-Markt abhängig. Viele Kritiker nennen die hohen Preise ungerechtfertigt. "Die heutigen Medikamentenpreise sind völlig überrissen", sagt Alex Sugerman-Brozan von der Organisation für Konsumentenschutz Prescription Access Litigation Project in Boston, die mit Sammelklagen und Aktionen zur Aufklärung gegen die "pharmazeutische Preisinflation" kämpft.
Behauptungen
"Die Industrie behauptet immer, Forschung und Entwicklung seien eben teuer, dabei geben Pharmafirmen in den USA für Werbung doppelt so viel aus wie für diese zwei Bereiche." Doch nach Ansicht von Richard Frank,
Professer für Ökonomie der Gesundheits an der Universität Harvard, reagieren die Hersteller von Medikamenten nur auf die Nachfrage des US-Marktes.
"Kosten für Forschung und Entwicklung für neue Medikamente sind hoch, das lässt sich nicht wegreden. Doch so wie die Industrie in den USA strukturiert ist, gibt es zweifellos einen starken Anreiz zur aggressiven Produktvermarktung."
Frank ist der Meinung, man könne den Firmen keine Vorwürfe machen, nur weil sie versuchten, ihre Produkte zu verkaufen. Zudem habe die Werbung für die Konsumenten auch Vorteile.
"Ärzte und Konsumenten erhalten durch die Werbung Informationen
geliefert, die sie sonst selbst zusammensuchen müssten, wozu sie wohl kaum Zeit hätten", sagt Frank. "Gewiss, ab und zu kommt es zu Masslosigkeiten und da müssen wir sicher eingreifen, aber niemand hat wirklich ein Interesse daran, dass die Werbung ganz verschwindet."
Zufriedene Aktionäre?
Laut Sugerman-Brozan sind allerdings die Firmen auf dem US-Markt seit jeher mehr daran interessiert, ihre Aktionäre zufrieden zu stellen, als die Bedürfnisse der Patienten zu erfüllen oder neue, wichtige Produkte auf den Markt zu bringen.
Oft würden Medikamente den Konsumenten auch falsch angepriesen, meint er weiter.
Xenical, ein Medikament gegen Fettleibigkeit, das von Roche hergestellt und in den USA neuerdings von GlaxoSmithKline (GSK) vermarktet wird, ist ein gutes Beispiel dafür.
GSK hat der US-Zulassungsbehörde FDA beantragt, einige Formen von Xenical rezeptfrei abgeben zu dürfen – eine Idee, die Sugermann absolut schrecklich findet.
"Die Selbstbehandlung mit Medikamenten für Gewichtsverlust ist äusserst gefährlich", sagt er im Gespräch mit swissinfo. "Abgesehen davon, dass damit einmal mehr die simple Idee bekräftigt wird, es gebe für jedes Leiden die entsprechende Pille." Sugerman-Brozan bezeichnet dies als ein ewig aktuelles Thema und beschuldigt die
Pharmaindustrie, sie gehe soweit, dass sie Krankheitsbilder erfinde (z.B. Soziale Angststörungen, früher als Sozialphobie bezeichnet), nur um dann gleich das entsprechende Medikament nachliefern zu können.
Sehr starke Lobby
Obwohl die Öffentlichkeit vermehrt nach schärferen Vorschriften auf dem Medikamentenmarkt verlangt, glaubt Sugerman-Brozen nicht, dass der Pharmaindustrie in absehbarer Zeit die Flügel gestutzt werden könnten.
"Die Pharmaunternehmen haben heute eine der stärksten Lobbys in Washington", sagt er. "In den letzten zehn Jahren haben sie für Wahlkämpfe und die Beeinflussung
des Gesetzgebers je etwa 800 Mio. Dollar ausgegeben."
Laut Angaben des Center for Public Integrity in Washington investierte Novartis zwischen 1998 und 2004 rund 18 Mio. Dollar in politische Lobbyarbeit. Roche zahlte fast ebensoviel, während Serono im gleichen Zeitraum etwa 1,9 Mio. Dollar für politischen Einfluss auslegte.
swissinfo, Scott Capper in Boston (Übertragung aus dem Englischen: Dieter Kuhn)
In Kürze
Mit 48% des Weltumsatzes sind die USA mit Abstand der grösste Markt für pharmazeutische Produkte.
2005 betrugen die Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente in den USA 885 Dollar, fast zweimal soviel wie im Rest der Welt.
Die Medikamentenpreise in den USA unterliegen keiner Preiskontrolle und das bereitet vor allem Patienten der unteren Mittelschicht, die keinen Anspruch auf staatliche Beihilfe haben, zunehmende Probleme.
Zur Lösung dieses Problems hat Medicare, das staatliche System zur Gesundheitsvorsorge im Alter, vor kurzem die Kostendeckung von rezeptpflichtigen Medikamenten für Leute über 65 Jahre neu geregelt.
Viele Leute haben in den vergangenen Jahren zudem angefangen, billigere Medikamente aus dem Ausland, in erster Linie aus Kanada, zu beziehen, obwohl das eigentlich illegal ist.
Fakten
Die grössten Pharmaunternehmen der Welt (2004):
1. Pfizer
2. GlaxoSmithKline
3. Sanofi-Aventis
4. Johnson & Johnson
5. Merck
6. AstraZeneca
7. Novartis
8. Bristol-Myers Squibb
9. Wyeth
10. Abbott Labs
12. Roche
33. Serono