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7.1.2013
Kann man die Diskurstheorie von Habermas als Grundlage für ein politisches Videoformat nutzen?
Die Diskurstheorie als Ethik
Die Diskursethik von Habermas baut auf dem kategorischen Imperativ von Kant auf. Der sagt: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ (S76 Reese-Schäfer) Oder wie es Meed sagt: „taking the role of the other“. (S73 Reese-Schäfer)
„Der Kerngedanke der Theorie des kommunikativen Handelns ist folgender: Die Pathologien der Moderne sind durchweg auf das eindringen ökonomischer und bürokratischer Rationalität in Bereiche der Lebenswelt zurückzuführen, denen diese Formen von Rationalisierung nicht angemessen sind und deshalb zu Sinn- und Freiheitsverlust führen. Kommunikatives Handeln wird von Habermas so konzipiert, dass es die Chancen einer Verständigung im umfassenden, nicht restringierten Sinn eröffnet.“ (S50 Reese-Schäfer)
Habermas suchte also einen Weg, um auf die Probleme der kapitalistischen Demokratien in Europa im 20. Jahrhundert zu reagieren. Sein Vorschlag ist den „substanziellen Wahrheitsbegriff der Tradition, in einen Verfahrensbegriff“ (S30 Reese-Schäfer) aufzulösen.
Wie es der Name Diskursethik schon vermuten lässt, ist das Verfahren der Diskurs, also die Sprache.
„Da unser Zugang zur Welt immer schon „sprachlich imprägniert ist“, es also keinen Weg zu den Dingen selbst ausserhalb des Diskurses gibt, „müssen wir uns mit rationaler Akzeptabilität (->Annehmbarkeit) unter möglichst idealen Bedingungen als einem hinreichenden Beleg für Wahrheit zufrieden geben““ (S32 Reese-Schäfer)
Habermas erklärt also das als Wahr was den Konsens aller Betroffenen findet.
Damit dieser Konsens echt und nicht verfälscht ist, muss er in einer „idealen Sprechsituation“ zustande gekommen sein. Dafür müssen vier Kriterien erfüllt sein:
1. Alle potentiellen Teilnehmer eines Diskurses müsse die gleiche Chance haben, kommunikative Sprechakte zu verwenden,… (S.25 Reese-Schäfer)
2. …keine Vormeinung (darf) auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt.
3. Die Spechsituation muss gewaltfrei sein
4. Die Diskussionsteilnehmer müssen Aufrichtig sein (S.26 Reese-Schäfer)
Damit verbunden sind „ausgesprochen oder unausgesprochen genau vier Geltungsansprüche: Verständlichkeit, Wahrheit, Richtigkeit (in Bezug auf Normen) und Wahrhaftigkeit.“ (S51 Reese-Schäfer) „Anerkannt wir ebenfalls, dass die Geltungsansprüche von den anderen Kommunikationsteilnehmer genauso erhoben werden und dass diese das Recht dazu haben.“ (S52 Reese-Schäfer)
„Um überhaupt die Äusserung eines anderen auf ihre Wahrheit, normative Richtigkeit und Aufrichtigkeit prüfen zu können, müssen zunächst genau diese Geltungsansprüche, muss also die Rationalität des Gegenspielers angenommen werden. Die Prüfung seiner Äusserung kann dann allerdings zu einem negativen Ergebnis führen.“ (S54 Reese-Schäfer)
Kurz gesagt geht die Diskursethik von Habermas davon aus, dass wenn alle Betroffenen in einer idealen Sprechsituation durch Diskussion einen Konsens finden, dies die Wahrheit ist
Die Diskursethik als Grundlage eines Videoformates
Reese-Schäfer schreibt über die Diskurstheorie: „Sie entspringt und entspricht einer nachaufklärerischen Gesellschaft, die höhere Instanzen, Gesetze und Staatsinstitutionen nur noch gelten lässt, wenn im Prinzip jeder hat zustimmen können. Das und nichts anderes ist der Konsens. Die Praktikabilität wird hergestellt durch pragmatische Lösungen, z.B. in der Politik durch das Mehrheitsprinzip…“ (S30 Reese-Schäfer). Oder wie es Gomes sagt: „Die Diskursethik (nennt) die Bedingungen der gerechten Argumentationssituation und der gerechten Funktionsweise des Argumentierens. Die Sicherstellung der Einhaltung dieser Grenzen ist jedoch schon nicht mehr die Rolle der Ethik, sondern des Rechtes. Die Ethik beschreibt nur die Bedingungen der Gerechtigkeit, verwirklicht sie aber nicht.“ (S358 Gomes)
Die Verwirklichung der Ethik in einem politischen Videoformat ist einerseits Aufgabe der Redaktoren andererseits auch der Regeln welche für ein Format aufgestellt werden. Die Ethik kann und soll, analog zur Vereinfachung der Diskursethik in ein Mehrheitsprinzip in einer Demokratie, soweit vereinfacht werden, dass damit gearbeitet werden kann. Allerdings ist dabei grosse Vorsicht geboten und es sollte immer wieder Hinterfragt werden ob die Lösung welche man gefunden hat noch einer pragmatische Lösung der Ethik entspricht oder ob die Vereinfachung soweit geht, dass sie diese verleugnet.
Das Problem bei der Befolgung der Diskursethik in einem Videoformat ist, dass man in fast allen Bereichen abstriche machen muss.
- Am Diskurs innerhalb eines Formates können nicht alle vom späteren Entscheid Betroffenen teilnehmen.
- Im Vorfeld eines Abstimmungskampfes wird sich kein Konsens, folglich auch nicht die Wahrheit finden lassen. Vermutlich entspricht bei einer Abstimmung keine der beiden Seiten der Wahrheit.
- Die Sicherstellung, dass alle Teilnehmer des Diskurses gleichviel zu Wortkommen ist eine redaktionelle Aufgabe.
- Gesellschaftliche Zwänge verhindern vor allem in Videointerviews die Thematisierung und Kritik an jeder Vormeinung.
- Gespräche und Diskussionen in Medien sind immer mit formalen und inhaltlichen Zwängen verbunden, was eine Art von Gewalt ist.
- Es kann versucht werden die Aufrichtigkeit der Diskussionsteilnehmer in Bezug auf Ihre Argumente zu Überprüfen. Allerdings ist nur schwer festzustellen ob jemand in seiner Absicht aufrichtig ist.
Diese zahlreichen Probleme werden noch dadurch ergänzt, dass ein politisches Videoformat redaktionell bearbeitet wird, und dadurch zwangsläufig die Macht der Redaktion als Diskursteilnehmer grösser ist als die der Diskutierenden.
Bei diesen Problemen bleibt einem nichts anderes übrig als zu versuchen möglichst nahe an der Ethik zu bleiben und als Redaktion den Regeln, die man von der Ethik abgeleitet hat, folge zu leisten.
Quellen:
Reese-Schäfer: JÜRGEN HABERMAS von Walter Reese-Schäfer, Campus Verlag Frankfurt/Main 2001
Gomes: DISKURSETHIK GRUNDLAGEN UND ANWENDUNGEN von Marcel Niquet et al. (Text von Wilson Gomes)