Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/401

«Im Jahr 1998 besuchte ich Kenia zum ersten Mal. Ein Schweizer Journalist, der ausgewandert war, hatte vorgeschlagen, dass ich doch einmal kommen solle; er werde mir helfen, den Trainingsaufenthalt zu organisieren. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Kenia kennen zu lernen, weil ich mir dachte: Wenn ich so schnell sein will wie die Besten, dann muss ich auch leben, essen und trainieren wie die Besten. Den Moment, als ich aus dem Flugzeug stieg, werde ich nie mehr vergessen. Sieben Stunden zuvor hatte ich im Swissair-Terminal gestanden, und nun war ich in einer völlig anderen Welt. Landet man in der Schweiz, steht vielleicht die Partnerin mit einer Rose da – In Kenia strahlen einen Hunderte fremde Gesichter an.
Mein Journalisten-Kollege hatte mir einen Taxifahrer geschickt: Sämi stand mit einem Schild am Flughafen, auf dem ‹Viktor› geschrieben stand. Bis heute ist Sämi ‹mein› Taxifahrer – nur das Schild braucht er nicht mehr. Er brachte mich damals nach Eldoret, in eine Stadt im Westen Kenias. Dorthin bin ich seither mit zwei Ausnahmen Jahr für Jahr im Winter zurückgekehrt.
Anfangs wohnte ich bei Freunden. Für die Menschen in Kenia bedeuten ein Mauerwerk und ein Dach Luxus. 20 Leute wohnen in zwei Zimmern. Immer wenn ich zu Besuch kam, trat man mir eines der beiden Zimmer ab – alle anderen wohnten dann im zweiten Raum. Das war mir nicht recht; inzwischen lebe ich jeweils beim Coach unserer Trainingsgruppe. In seinem Haus kochen Haushälterinnen – das Mittagessen ist jeweils kenianisch, das Abendessen europäisch. Ein typisch kenianisches Gericht ist der Maisbrei, den ich zwar nicht wahnsinnig mag, den ich aber esse, weil ihn die Einheimischen essen.
Viel Smpathie für den ‹exotischen› weissen Läufer
Mein Lieblingsort sind die Nandi Hills, eine hügelige Gegend, etwa 45 Kilometer von Eldoret entfernt. Wenn ich dort trainiere, laufe ich durch hüfthohes, leuchtendes Grün. Ich muss mindestens einmal in den Nandi Hills gewesen sein, sonst ist ein Besuch in Kenia nicht komplett. Bestimmt empfiehlt kein Reiseführer diesen Ort. Ich besitze den ‹Lonely Planet›-Führer zu Kenia – darin steht, man solle die Milchfabrik in Eldoret besuchen …
An den Kenianern überrascht mich immer wieder, wie wenig sie zum Glücklichsein brauchen. Die Kinder spielen mit Abfall und sind trotzdem zufriedener als viele Schweizer Kinder, die stets das neuste Playstation-Modell haben müssen. Die Kenianer bringen mir als ‹exotischem› weissem Läufer viel Sympathie entgegen: In der Schweiz passiert es mir nie, dass mir Kinder nachlaufen, wenn ich durch ein Dorf jogge. In Kenia kommt das regelmässig vor. Ich mache mir Sorgen, dass diese Kinder schneller sind als ich.
Für immer nach Kenia zu ziehen, könnte ich mir dennoch nicht vorstellen. Ich geniesse lieber den Luxus, die kältesten Wochen des Jahres in Afrika verbringen zu können. In Kenia scheint die Sonne oder es regnet. Dazwischen gibt es nichts. Wenn ich dann in die Heimat zurückkehre, freue ich mich auch wieder auf den Wechsel der Jahreszeiten.