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Als Christen sind wir nicht nur aufgefordert die Einheit der Kirche zu wahren, sondern gleichzeitig für die reine Wahrheit zu kämpfen und gegenüber Irrlehren wachsam zu sein. Die Geschichte zeigt, dass dies keine einfache Aufgabe ist. Immer wieder hat die Kirche die Tendenz unwichtigere Lehren und Vorlieben zur Hauptsache zu machen oder aber unter dem Vorwand der christlichen Einheit auch bei zentralen Lehren Kompromisse einzugehen. Dabei ist es oft gar nicht so ganz einfach, Wichtigeres von Unwichtigerem zu unterscheiden. Albert Mohler, der amerikanische Theologe und Präsident des Southern Baptist Theological Seminary, der ältesten und grössten Ausbildungsstätte der Südlichen Baptisten, schlägt vor, christliche Lehren in drei verschiedene Kategorien einzuteilen. Anhand dieser theologischen Triage, wie er dies nennt, wird unterschieden, welche Lehren für das Christentum "lebensnotwendig" sind und welche nicht. Mohler greift dabei auf einen Begriff in der Notfallmedizin zurück. Brauchen bei einem Notfall mehrere Menschen gleichzeitig medizinische Versorgung, werden diese anhand von Dringlichkeiten in verschiedene Prioritäten eingeteilt. So macht es Sinn, dass jemand mit einer lebensgefährlichen Wunde zuerst behandelt wird, auch wenn jemand mit einem verstauchten Fuss bereits wartet.
Erste Priorität
Erste Priorität haben Lehren, die für das Christentum absolut notwendig sind. Da es sich dabei um die Grundlage der christlichen Religion handelt, kann es in dieser Gruppe auch keine Toleranz geben. Dies wird heute ohne Zweifel als anstössig empfunden. Es macht jedoch überhaupt keinen Sinn, sich ein Nachfolger Christi zu nennen, ohne zu glauben, dass dieser je existiert hätte. Sich Christ zu nennen heisst per Definition, sich mit der Person Jesus Christus und seinen Lehren zu identifizieren.
Zu diesen grundlegenden Lehren gehören unter anderem die Trinität, die Jungfrauengeburt, die Menschheit und Gottheit von Jesus Christus, seine sündlosigkeit, sein stellvertretendes Sühneopfer sowie sein leibliches Auferstehen von den Toten. Selbstverständlich fallen auch Lehren über das richtige Verständnis des Evangeliums in diese Kategorie, wie etwa die Rechtfertigung des Sünders alleine aus Glauben und alleine durch Jesus Christus.
Während man diese Lehren nicht im Detail erklären können muss, können Lehren der ersten Priorität von keinem Christen verneint werden. Diese sind es, die von der Kirche geglaubt, geliebt und verteidigt werden müssen. Wo das nicht der Fall ist, hat man aufgehört Kirche zu sein.
Zweite Priorität
Zu den Lehren der zweiten Priorität gehören all diejenigen, die für das harmonische Zusammenleben als lokale Gemeinde nötig sind. Diese Lehren betreffen nicht den Kern des Evangeliums selbst, sind aber keineswegs unwichtig. Hier können Christen durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Um die Einheit der Gemeinde zu wahren, sollte bei diesen Lehren innerhalb der Gemeinde, und insbesondere innerhalb deren Leiterschaft, Einigkeit herrschen.
Bei Fragen, die die Leiterschaft der Gemeinde betreffen (Demokratisch oder Presbyterianisch, nur Männer oder auch Frauen), die Taufe (Kinder- oder Glaubenstaufe) oder die Gemeindemitgliedschaft (nur getaufte oder auch ungetaufte Mitglieder) kann in der Gemeinde keine tiefe Einheit bestehen, wenn keine einheitliche Lehrmeinung besteht. Jemand der überzeugt davon ist, dass das Ältestenamt nur Männern vorenthalten ist, wird sich kaum einer Gemeindeleitung unterordnen können, die Frauen beinhaltet und für die der Predigtdienst offen steht. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass das Neue Testament die Glaubenstaufe von allen Nachfolgern Jesu verlangt, wird er nur mit einem schlechten Gewissen jemand Ungetauftes mit gegenteiliger Meinung in seine Gemeinde aufnehmen und das Abendmahl mit ihm teilen können.
Dritte Priorität
Auch wenn man innerhalb der Gemeinde unterschiedlicher Meinung über Lehren der dritten Priorität sein kann, heisst das nicht, dass diese Lehren unwichtig sind. Alles was in der Bibel bezeugt wird, ist nützlich für uns, auch wenn nicht alles das christliche Leben und das Leben als Gemeinde gleichermassen beeinflusst. Wir sollten jedoch unsere Überzeugungen mit viel Demut halten und beachten, dass diesbezüglich in der Geschichte der Kirche grosse und weise Männer Gottes ganz verschiedene Meinungen vertreten haben. Dazu gehören insbesondere Einzelheiten zur genauen Abfolge bei der Wiederkunft von Jesus Christus.
Selbstverständlich ist es Gegenstand zur Diskussion, welche Lehren zweite bzw. dritte Priorität haben. Nichtsdestotrotz ist es eine Diskussion, die man als Gemeinde (-Leitung) haben sollte. Gefährlich wird es, wenn wir entweder alle Lehren als erste Priorität zu verteidigen versuchen oder aber alle Lehren als Diskutabel betrachten. Nur wenn wir uns bewusst sind, welche Wichtigkeit eine Lehre hat, können wir gelassener - oder im Fall der ersten Priorität eben kämpferischer - auf Andersdenkende reagieren.
Für weiterführende Gedanken zur theologischen Triage, siehe auch: "The Pastor as Theologian: Preaching and Doctrine" in He Is Not Silent: Preaching in a Postmodern World von Albert Mohler.