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«Ich bin 45 Jahre alt und habe selten bis gar nie einen Orgasmus während dem Geschlechtsverkehr erlebt. Manchmal habe ich beim Oralsex oder mit dem Finger einen kurzen aber nicht sehr intensiven Orgasmus. Nur wenn ich mich selber befriedige, erlebe ich einen langen und intensiven Orgasmus. Ich würde lieber dieses schöne Gefühl zusammen mit meinem Freund, statt alleine erleben. Liegt das an mir, oder sind die Männer unfähig, eine Frau zu befriedigen?», schreibt Martina Halter (Name geändert)
Durchlässiger Körper
Es kann verschiedene Gründe haben, warum eine Frau selten oder nur mit sich selber einen befriedigenden Orgasmus erleben kann. Einer der sexuellen Mythen ist, dass der Orgasmus durch Penetrationssex ausgelöst werden muss. Tatsache ist jedoch, dass beim herkömmlichen Geschlechtsverkehr rund 70 Prozent der Frauen zusätzliche Stimulation, vor allem rund um die Klitorisperle brauchen, um zu einem Orgasmus zu gelangen. (Direkte Stimulation der Perle empfinden viele Frauen als unangenehm.) Aber genau dieses Stimulieren, dieses zielorientierte Reiben und Züngeln kann Erfolgsdruck auslösen. Dadurch entsteht eine Spannung in Seele und Körper, und die Frau verkrampft sich. Ein verkrampfter Körper geht zu. Damit sich eine Spannung aufbauen kann, die sich dann auch wieder entladen, oder eben ganz entladen kann, muss der Körper jedoch durchlässig sein.
Eine Möglichkeit kann sein, den Orgasmus eine zeitlang zu vergessen, und sich ohne Ziel zu berühren, sich immer wieder mit tiefen Atemzügen zu entspannen, miteinander zu verweilen, tiefe Blicke zu tauschen, und all das zu geniessen, was es zu geniessen gibt, ohne ein Ziel erreichen zu wollen.
Hingabe statt Machen wollen
Und zum Schluss noch ein paar Fragen, die eine Überlegung Wert sein können: Denken Sie, dass der Mann dafür zuständig ist, die Frau zu befriedigen? Und: Haben Sie Ihrem Partner gezeigt – und tun das auch immer wieder – was Sie mögen, und was Sie gar nicht mögen? Und wie steht es mit dem Thema Hingabe? Ich weiss, ein Wort, das unter Frauen beinahe Schimpfwort ist, weil es als Selbstaufgabe missverstanden wird. Aber ohne tiefe Hingabe bleibt Sexualität an der Oberfläche. Sie kann wohl Spass machen und befriedigen, aber nicht die ganz tiefe Verbindung zwischen zwei Menschen schaffen, nach der sich die meisten sehnen. Die Frau muss aus tiefstem Herzen bereit sein, den Mann in sich aufzunehmen. Und der Mann muss dieses Geschenk würdigen, und ihren Raum mit der notwendigen Achtung betreten. So kann vieles ins Fliessen kommen, was vorher gestaut war. Und vielleicht gibt es auch ganz andere Orgasmen zu entdecken, solche die aus der Stille und Entspannung kommen.