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«Die biblischen Aussagen von Jesus Christus sind am wichtigsten! Schliesslich sind es wörtliche Zitate von Gott selbst. Was Paulus, Petrus und Jakobus oder Mose, David und Jeremia gesagt haben, ist zwar auch irgendwie Gottes Wort, aber eben doch nicht auf derselben Stufe der Wichtigkeit und Autorität.» Unterschiede in der Bedeutung biblischer Aussagen zu machen, ist verbreitet. Und irgendwie würde spontan auch fast jeder Christ der Feststellung zustimmen, dass der Herr Jesus wichtiger ist als Mose oder Paulus.
Oftmals dient die Unterscheidung zwischen den Aussagen Jesu und denen von Paulus aber nicht dazu, die Bibel besser zu verstehen, oder ehrlicher Gott nachzufolgen, sondern weit eher dazu, unangenehme Anweisungen aus dem Neuen Testament auszuschalten. Weil in den Evangelien nur wenige konkrete Angaben zu finden sind, wie der Christ in Familie, Gemeinde und Staat zu leben hat, eröffnet sich ein grosser Interpretationsspielraum, wenn man die Anweisungen der Briefe relativiert. Gleichzeitig fallen auch alle Lehren weg, für die Christen heute in einer säkularen Welt kritisiert werden: z.B. Homosexualität (Röm 1,24–26), Unterordnung der Frau (Eph 5,22f.), Akzeptanz der Todesstrafe (Röm 13,4), Züchtigung der Kinder (Spr 19,18; Hebr 12,6f.) usw. Auch wenn es sich fromm anhört, werden solche Unterscheidungen zwischen autoritativen Worten Jesu und «zweitrangigen» Aussagen von Paulus in der Bibel nicht gemacht.
Die Unterordnung von Aussagen alttestamentlicher Propheten und neutestamentlicher Apostel unter die Worte Jesu ist nach dem Selbstanspruch der Bibel und ihrer Autoren kaum möglich. Zum einen gibt es auch im Alten Testament zahlreiche wörtliche Zitate des Redens Gottes. Zum Beispiel: «Aber Gott sprach zu Abraham» (1.Mo 21,12). Oder: «So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels» (Jer 44, 25). Folglich werden auch hier authentische Aussagen Gottes wiedergegeben, ganz wie in den Evangelien, wenn der Herr Jesus zu den Menschen spricht.
Zum anderen nehmen die Autoren des Neuen Testaments für sich in Anspruch, ganz dasselbe zu sagen wie Jesus Christus und nicht etwa ihrer eigenen Meinungen und Interpretationen. Sie wollen die Aussagen Jesu lediglich erklären und auf die neuen Fragen der Gemeinde anwenden, wie Paulus sagt: «Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! Wie wir es zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas anderes als Evangelium verkündigt als das, welches ihr empfangen habt, der sei verflucht! Rede ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich allerdings den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich nicht ein Knecht des Christus. Ich lasse euch aber wissen, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von Menschen stammt; ich habe es auch nicht von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi» (Gal 1, 8–12).
Ausserdem weisen die Schreiber der neutestamentlichen Bücher deutlich darauf hin, dass sie nicht ihre eigenen Gedanken zusammengefasst haben, sondern, dass sie weitergeben, was Gott ihnen auf übernatürliche Art und Weise eingegeben hat. Demnach ist auch das, was Paulus oder Jakobus aufgeschrieben haben, unmittelbare Mitteilung Gottes, auf derselben Stufe wie die Aussagen von Jesus Christus selbst: «Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit» (2.Tim 3,16). Mit «alle Schrift» sind in erster Linie natürlich die inspirierten Texte gemeint, die vor dem 2. Timotheusbrief verfasst wurden. Es ist aber durchaus denkbar, dass es sich hier um eine prophetische Äusserung handelt, die auch die noch nicht verfassten Texte des Neuen Testaments einbezieht.
Paulus beteuert mehrfach, ganz im Sinne des Herrn Jesus zu schreiben: «Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist» (Röm 9,1). Er macht auch deutlich, dass seine Lehren im Einklang mit Gottes Offenbarungen im Alten Testament stehen: «Wie geschrieben steht» (vgl. Röm 3,10).
Auch der Herr Jesus selbst warnt davor, Unterschiede zwischen den verschiedenen Mitteilungen Gottes zu machen: «Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, der wird gross genannt werden im Reich der Himmel» (Mt 5,17–19). Hier spricht der Herr den inspirierten Texten des Alten Testaments dieselbe Autorität und Gültigkeitsdauer zu wie Seinen eigenen Worten. «Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen» (Mt 24,35).
Manchmal haben die Aussagen von Paulus für den Christen im 21. Jahrhundert sogar eine grössere Relevanz als die Worte Jesu, die teilweise eben eher an Juden Seiner Zeit gerichtet waren und nicht so sehr an die neutestamentliche Gemeinde. Jesus Christus hielt all die Gebote des Alten Testaments (Beschneidung, Wallfahrtsfeste, Kleider und Speisegebote – soweit sie nicht von den Pharisäern stammten) und nahm auch Bezug darauf. Immer wieder diskutierte Er mit den jüdischen Gelehrten Seiner Zeit über die richtige Auslegung und Anwendung der Gebote Gottes in Israel (z.B. Mt 12,2ff.; 15,1ff.). Paulus hingegen gab fast ausschliesslich göttliche Anweisungen für christliche Gemeinden, damals und heute.
Gottes Aussagen gelten, ganz gleich ob sie von Mose, Jesus oder Paulus stammen. «Auf ewig, o Herr, steht dein Wort fest in den Himmeln; deine Treue währt von Geschlecht zu Geschlecht! Du hast die Erde gegründet, und sie steht; nach deinen Bestimmungen stehen sie noch heute; denn alles muss dir dienen! Wäre dein Gesetz nicht meine Freude gewesen, so wäre ich vergangen in meinem Elend. Ich will deine Befehle auf ewig nicht vergessen; denn durch sie hast du mich belebt» (Ps 119,89–93). Die Relevanz der verschiedenen biblischen Aussagen für den heute lebenden Christen ist natürlich unterschiedlich, auch wenn alle gleichermassen von Gott stammen und deshalb ewig gültig sind. Anweisungen für den Bau und Betrieb der Stiftshütte beispielsweise berühren ihn weniger, weil Christen gegenwärtig eben nichts mehr mit den dort vorgeschriebenen Ritualen und Opfern zu tun haben. Aussagen zu den Aufgaben der Ältesten oder der optimalen Familienordnung – wie sie in den Briefen des Paulus stehen – hingegen sind nach wie vor von grosser Relevanz, weil sie sich direkt an neutestamentliche Christen wenden.
Manche göttlichen Anweisungen sind im entsprechenden Bibeltext selbst klar auf eine bestimmte Zeit bezogen (z.B. Gebote für die Wüstenwanderung Israels), andere Aussagen gelten für bestimmte Personengruppen (z.B. Priester, Frauen, Juden, Christen), wieder andere wenden sich an alle Menschen zu allen Zeiten (z.B. Ehe, Abgötterei). Zweifellos sind Jesu Worte absolut und ewig gültig. Oftmals haben sie für das Leben des Christen im 21. Jahrhundert aber eine untergeordnete Relevanz, weil er als Mitglied der neutestamentlichen Gemeinde in ihnen nicht direkt angesprochen wird.
In keinem Fall ist es legitim, die klaren Aussagen, die Paulus, von Gott inspiriert, für die Gemeinde geschrieben hat, mit den Worten Jesu aufheben oder uminterpretieren zu wollen.