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Im kürzlich erschienenen Buch “L’héritage de Hegel / Hegel’s legacy” (hrsg. von Kaveh Boveiri) untersucht Éric Martin in seinem 17-seitigen Beitrag den Einfluss von Hegel auf das Werk von Murray Bookchin1. Bookchin bezieht sich explizit auf eine dialektische Konzeption der Vernunft. Doch bei ihm wird die historische Versöhnung zwischen Freiheit und objektivem Geist, die Hegel verspricht, nicht durch den rationalen Staat realisiert, sondern als doppelte Vermittlung durch Kommune und Konföderation2.
Die Harmonie zwischen Gesellschaft und Natur lässt sich nur herstellen, wenn auch in der Gesellschaft Harmonie und Gleichheit vorhanden ist. Das impliziert laut Éric Martin, dass die verschiedenen Logiken der Herrschaft infrage gestellt werden müssen.
Die Idee der Herrschaft über die Natur wurde möglich durch eine Kultur der Herrschaft in der Gesellschaft – im Widerspruch zur konventionellen Erklärung, dass es Knappheit und Not sind, die eine hierarchische Organisationsform notwendig machen, um die Natur zu bändigen. Deshalb ist es unmöglich, die ökologischen Probleme zu lösen, wenn nicht die sozialen Herrschaftsbeziehungen hinterfragt werden, aus denen sie hervorgehen. Diese Kultur der Akzeptanz von Herrschaft hat nicht immer in menschlichen Gesellschaften existiert und ist schon gar nicht eine historische Notwendigkeit oder etwas, das zur “Natur” oder “Essenz” des Menschen gehört. Nein, sie ist durch historische Zufälle und Wendungen zustande gekommen – und kann deshalb auch von Menschenhand überwunden werden.
Eine Gegengeschichte des WiderstandsMurray Bookchin erzählt eine Gegengeschichte des Widerstands, eine Geschichte einer kumulativen revolutionären Tradition, die eines Tages eine rationale, ökologische Gesellschaft hervorbringen könnte, das heisst, die ökozidäre Irrationalität der kapitalistischen Gesellschaft hinter sich lassen könnte.
Eine rationale, ökologische Gesellschaft würde laut Éric Martin nicht nur den Kapitalismus zerstören, sondern jede Form der Herrschaft zurückweisen, vor allem das Patriarchat. Insbesondere würde sie die Form des Staates hinter sich lassen und die Macht der Kommune reaktivieren: direkte Demokratie, praktiziert in dezentralen Versammlungen (“assemblées populaires”) auf Gemeindeebene.
Nicht nur die Politik würde demokratisiert und dezentralisiert, auch die Wirtschaft würde munizipalisiert im Sinn der Selbstverwaltung. Bei Bookchin kommt die Nuance dazu, dass die demokratische Wirtschaft nicht nur in den Händen der Arbeiter*innen einer Fabrik liegt, sondern auch in den Händen der lokalen Versammlung.
Wie Hegel geht Bookchin davon aus, dass Freiheit nicht unmittelbar zustande kommt, sondern durch Institutionen vermittelt werden muss. Doch bei Bookchin erfüllt nicht der Staat diese Funktion, sondern die Konföderation der kommunalen Versammlungen.
Die historische Entwicklung zeigt eine Spannung zwischen dem anti-hierarchischen, dezentralisierten Pol (kommunalistisch) und dem hierarschisch-zentralisierten Pol (etatistisch). Die anti-hierarchische, revolutionäre Tradition zieht sich wie ein “schwarzer Faden” durch die Menschheitsgeschichte, von der athenischen Demokratie über die Levellers und Diggers in der Englischen Revolution und die Sektionen in der Französischen Revolution bis zur Kommune von Paris (und darüber hinaus bis zu heutigen revolutionären Bewegungen).
Analog zu Hegel sucht Bookchin “die Vernunft in der Geschichte”, aber nicht im Hinblick auf den vernünftigen Staat, sondern im Hinblick auf anti-hierarchische, libertäre Elemente. Er stellt der Geschichte der Herrschaft, die im “von oben” aufgezwungenen Staat und im Kapitalismus gipfelt, eine Geschichte “von unten” entgegen: eine Geschichte der Selbstverwaltung und des Widerstands gegen zentralisierte Macht.
Der Widerspruch zwischen dem Was-ist und dem Was-sein-sollteBookchin unterscheidet zwischen formaler Vernunft und dialektischer Vernunft. Formale Vernunft beschreibt nur, was gegeben und klassifiziertbar ist; dialektische Vernunft versucht die Geschichte als Entwicklung von latenten Potenzialitäten zu verstehen.
In der Geschichte zeigt sich ein dialektischer Widerspruch zwischen Ideen der Freiheit und Zentralmacht/Herrschaft/Staat. Diese Geschichte trägt aber die latente Potenzialität in sich, dass irgendwann eine Gesellschaft hervortritt, die rational organisiert ist, vermittelt durch kommunalistische Gegen-Institutionen.
Bookchin kritisiert gleichsam die Theorie einer mechanischen, notwendigen Abfolge von Gesellschaftsstufen (Sklaverei – Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus), die kaum Spielraum für die Spontaneität des politischen Handelns lässt. Diesem Geschichtsverständnis stellt er eine rationale, dialektische, aber “offene” Geschichte entgegen. Geschichte ist für ihn ein fortschreitender, kumulativer Prozess, in der die Vernunft zur Reife gelangt. Auf Grundlage dieser Geschichte-als-Prozess lassen sich zudem ethische Urteile fällen: Ethisch ist, was an diesem Vernünftig-Werden teilhat. Éric Martin weist ferner darauf hin, dass Bookchin Hegels “theologische” Konzeption des Absoluten zurückweist und Hegel vorwirft, dass er die Ökologie nicht verstanden habe. Gegen Hegels idealistische, anti-naturalistische Dialektik entwickelt Bookchin einen dialektischen Naturalismus3.
Demzufolge endet bei Bookchin die Geschichte nicht mit der Ankunft des absoluten Geistes. In den Worten von Éric Martin: “[Bookchins Geschichtsverständnis] sieht die Phänomene vielmehr als Etappe der natürlichen Entwicklung eines latenten Potenzials an, das immer komplexere Formen des Lebens produziert, die fähig sind, einen immer höheren Grad an Freiheit, Sensibilität, Subjektivität und Handlungsfähigkeit zu manifestieren.” Angetrieben wird dieser Prozess durch den Widerspruch zwischen dem Was-ist und dem Was-sein-sollte; jede Phase dieser Entwicklung ist ein aufhebendes Überwinden und eine Vertiefung des Vorangegangenen. In Hegel’schen Begriffen ausgedrückt: Das An-sich wird nicht durch das Für-sich negiert, sondern zu einem volleren, differenzierteren, adäquateren An-und-für-sich heraufgehoben. Das Implizite wird aktualisiert, wenn es zu dem wird, wozu es gemäss seiner eigenen inneren Logik konstituiert ist.4
Die Geschichte hat somit das Potenzial, zur “Natur, die sich ihrer selbst bewusst wird”5 zu werden: als rationale, ökologische Gesellschaft.