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In der Agrar- und Biometeorologie gibt es einen Wissenschaftsbereich, der sich mit den periodischen Entwicklungserscheinungen der Natur im Jahresablauf beschäftigt. Man nennt diesen Bereich Phänologie. Wenn es sich speziell um Entwicklungstermine von Pflanzen handelt, spricht man von der Pflanzenphänologie. In diesem Wissenschaftszweig werden die Daten von Blattentfaltung, Vollblüte, Fruchtreife, Blattverfärbung und Blattfall beobachtet und notiert. Diese Entwicklungen nennt man Phänophasen. Sie hängen sehr vom Wetter und der Witterung ab und können sich im Jahreskalender um Tage und Wochen vorverschieben oder verlangsamen.
Nationale Zeigerpflanzen
Daher werden in der Pflanzenphänologie die astronomischen Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter in insgesamt zehn phänologische Jahreszeiten aufgeteilt. Für jede dieser Phänophasen oder «Jahreszeiten» gibt es charakteristische Zeigerpflanzen, die speziell beobachtet werden. Für den Frühling mit Vorfrühling, Erstfrühling und Vollfrühling haben wir das im April-Beitrag abgehandelt (FN vom 25. April).
Auch der Sommer und Herbst erhalten je drei Abschnitte, nämlich im Sommer den Frühsommer, den Hochsommer und den Spätsommer und im Herbst den Frühherbst, den Vollherbst und den Spätherbst. Für diese Phänophasen hat man sich national auf folgende Zeigerpflanzen geeinigt: Der Frühsommer wird durch das Blühen der Gräser angezeigt. Für die Bauern ist es die Zeit der Heuernte und für viele Allergiker der Beginn des Heuschnupfens. Im Hochsommer erblüht die Sommer-Linde und verbreitet so ihren charakteristischen Duft. In den Gärten reifen die Johannisbeeren, und in der Landwirtschaft beginnt die Getreideernte. Im Spätsommer wachsen zahlreiche Früchte, wie Äpfel, Birnen und Frühzwetschgen heran, und auch die Herbst-Anemone macht sich bemerkbar. Der Frühherbst wird durch die blühende Herbstzeitlose angezeigt. Nun beginnt die Ernte von Birnen und Zwetschgen. Im Vollherbst reifen Rosskastanien und Walnüsse, und bei den Wildbäumen wie Eiche, Esche und Rotbuche verfärben sich langsam die Blätter. Danach folgt der Spätherbst, in dem die Wildbäume ihr Laub abwerfen. In der Landwirtschaft beobachtet der Bauer, wie das Wintergetreide aufgeht. Ab Mitte bis Ende November folgt dann die Vegetationsruhe. Diese Phänophase nennt man «Winter», die bis Ende Februar dauert.
Eine Klimaperiode lang
Nun kann man sich berechtigt fragen, zu welchem Zweck denn solche Aufzeichnungen von Phänophasen gebraucht werden? Die Beobachtungen und Datierungen von Wachstums- und Erscheinungsphasen verschiedenster Pflanzen müssen mindestens während 30 Jahren notiert werden, dann lassen sich die Daten statistisch relevant auswerten. 30 Jahre entsprechen einer Klimaperiode. In unserem Land hat man 1951 angefangen, systematisch phänologische Phasen aufzuzeichnen. Heute umfasst das Beobachtungsnetz von MeteoSchweiz über 160 Beobachtungsstationen. Sie sind auf allen Höhenlagen, von 200 m ü. M. (Locarno) bis 1900 m ü. M. (Arosa) verteilt.
Mit den Auswertungen und den daraus entstehenden Informationen lassen sich die Klimaveränderung und ihre Auswirkungen auf die Vegetation erforschen. Ein eindrückliches Beispiel dazu: Vergleicht man die Aufzeichnungen in den Klimaperioden 1961–1990 und 1981–2010, so stellt man fest, dass der phänologische Frühling in der Zeit von 1961–1990 97 Tage dauerte, sich aber in der Periode von 1981–2010 auf 103 Tage ausdehnte und dazu noch durchschnittlich ein bis zwei Wochen früher einsetzte. Gleichzeitig ist der Winter als phänologische Jahreszeit kürzer geworden, was sich daran zeigt, dass die Landwirte heute ihre Felder früher bestellen und die Ernte früher einholen als noch vor dreissig Jahren.
Pollen im Anmarsch
Mit den langjährigen Beobachtungen und Datierungen zum Beginn der Pollensaison hat MeteoSchweiz ein Modell entwickelt. Es erlaubt die Vorhersage des Blühens von Pflanzen wie Hasel, Erle, Esche, Birke und verschiedenen Gräsern mit einer Genauigkeit von plus/minus zwei bis vier Tagen. Allergiker können sich damit frühzeitig auf die Beschwerden durch Pflanzenpollen einstellen und die entsprechenden Medikamente zum richtigen Zeitpunkt einnehmen. Die phänologischen Beobachtungen in Kombination mit Messungen der Bodentemperatur geben heute den Landwirten gezielt Informationen, wann der günstigste Zeitpunkt zur Bekämpfung von Schädlingen gekommen ist. So kann zum Beispiel die Kirschfliege frühzeitig eliminiert werden, da sie sonst die Qualität der Kirschen massiv beeinträchtigt. Die Phänologie ist eine aufstrebende Wissenschaft, und sie wird in den nächsten Jahren noch einige Geheimnisse der Natur erforschen.
Die Stationen-Liste findet man unter: http://www.meteoschweiz.admin.ch/content/dam/meteoswiss/de/Mess- und-Prognosesysteme/Bodenstationen/Phaenologisches- Beobachtungsnetz/doc/Liste_ phaenolog_Beobachtungsstationen_2016_12_07_de.pdf.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS- Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».