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Walliser Alpen zwischen Mythos und Realität
Gefäss:
Im Wallis existiert zwar nichts, das mit der „Bündner Schule“ vergleichbar wäre, trotzdem findet man dort auch gute Bauten. Allgemein ist die Entwicklung in den Walliser Alpen jedoch besorgniserregend. Zwei Vertreter der Vereinigung Altitude 1400 erläutern weshalb.
2007, einige Monate nach dem Inkrafttreten des vom Walliser Staatsrats Jean-Michel Cina erlassenen Moratoriums über den Verkauf von Zweitwohnungen an Ausländer, gründeten verschiedene Persönlichkeiten aus den Bereichen Architektur, Raumplanung und Tourismus den Verein Altitude 1400 und organisierten im Rahmen der Ausstellung über den Architekten André Gaillard eine erste Veranstaltung mit dem mehrdeutigen Titel: «Sous les chalets, l’alpage». Auf Grund des Echos aus der Bevölkerung publizierte der Verein 2009 eine Charta für eine nachhaltige Raumplanung in den Alpen und stellte im Frühling 2010 eine Wanderausstellung auf die Beine mit dem Titel: «Valais mythique, Valais mité», die in den Schulen, in den Einkaufszentren und an andern öffentlichen Orten im französisch sprachigen Teil des Kantons gezeigt wurde. Obwohl seine Aktionen die zügellose Urbanisierung in den Walliser Alpen anprangern, sieht sich der Verein nicht als Kraft der Opposition. Vielmehr will er die Bevölkerung für die Probleme der Raumplanung sensibilisieren und darüber hinaus einen konstruktiven Dialog eröffnen zwischen den verschiedenen Akteuren der Tourismus- und Immobilienentwicklung.
Bernard Attinger, ehemaliger Kantonsarchitekt und Präsident von Altitude1400, sowie der Vizepräsident Lucien Barras, Architekt und Partner des Büros nomad in Sitten, äussern sich hier zu den Problemen und Potenzialen dieses in vollem Wandel begriffenen Gebiets.
Das Wallis, ein städtischer Kanton
Das Bild des ländlichen und dörflichen Wallis hält sich zwar hartnäckig, entspricht jedoch nicht mehr der Realität. Wie Lucien Barras bemerkt, ist der von der alpinen Landschaft hervorgerufene Eindruck der unendlichen Weite trügerisch, denn das bewohnbare und durch den Menschen bewirtschaftbare Gebiet ist sehr klein. Entsprechend leben 60% der Einwohner des Kantons in der Talebene, in der Stadt oder in Stadtnähe, während die übrigen 40% in der einen oder andern Art von städtischen Zentren abhängig sind. Ausserdem sind die Walliser Städte immer besser mit dem Genferseegebiet verbunden und seit der Eröffnung des Lötschbergtunnels auch mit der Region Bern. So ist es absolut möglich, in Sitten oder Visp zu wohnen und in Lausanne oder Bern zu arbeiten. Es kommt auch vor, dass Personen aus den Waadtländer oder Berner Agglomerationen sich im Wallis niederlassen und längere Pendlerdistanzen in Kauf nehmen. Davon zeugen Gemeinden wie Fully, die mit ihrer gut besonnten Lage, der attraktiven Anbindung an die Autobahn, dem interessanten Steuerfuss und dem bezahlbaren Bauland tatsächlich verlockend sind.
Vorhandene Stationen voll ausschöpfen
Mit der Abwanderung der Erwerbstätigen in den abgelegenen Talgründen und den Berggebieten, bleibt den betroffenen Gemeinden hingegen oft nur ein Ausweg: Den Tourismus ausbauen. Im Gegensatz zu den grossen Tourismusstationen, die in Studien und neue Infrastrukturen investieren können, müssen sich die kleineren, fragileren, etwas Neues einfallen lassen. Im Hinblick auf die Klimaveränderung und den sich verändernden Sportbetrieb, sind die Mitglieder von Altitude 1400 der Meinung, es wäre an der Zeit, die Ski-Monokultur zu überwinden und alternative Angebote auszudenken, die auf sanftem Tourismus basieren und das ganze Jahr über praktikabel sind.
Für Bernard Attinger und Lucien Barras befinden sich kleine Orte, die sich vergrössern wollen, um die «grossen Maschinen» zu konkurrenzieren, auf dem Holzweg. Im Gegenteil, Altitude 1400 propagiert die bereits existierenden, gut erschlossenen Tourismusstationen mit attraktiven Skigebieten vollständig auszubauen. Dies sowohl aus raumplanerischen Überlegungen als auch aus Gründen der wirtschaftlichen Machbarkeit. Der von der Gruppe Mirax in Aminona geplante Megakomplex, der zur Kategorie der grossen Projekte gehört, gibt den beiden Architekten von Altitude 1400 zu denken. So bemerkt Lucien Barras: «Während das ursprüngliche Projekt des Architekten André Gaillard noch den Bau von 23 Türmen, ein sehr dichtes Ensemble, vorschlug, besteht nun das Projekt Mirax aus fünf Türmen und einem Teppich von Chalets, der die Weiden bedeckt. Ausserdem kann man sich fragen, ob 2011 ein solcher Komplex in Aminona, also nur wenige Kilometer von Crans-Montana entfernt, gebaut werden soll, oder in Crans-Montana selbst, dessen Hotellerie und Besucherzahlen sich heute auf absteigendem Ast befinden und davon profitieren könnten.» Bernard Attinger seinerseits befürchtet, dass diese Baustelle, sollte sie tatsächlich eröffnet werden, aus finanziellen Gründen vor Beendung eingestellt würde.
Neben dem Problem der Rentabilität der Tourismusstationen besteht eine der grössten Herausforderungen für die Bergregionen darin, die Ausdehnung der Bauzonen aufzuhalten und die massiv unterbeanspruchten Infrastrukturen besser auszunutzen. In diesem Zusammenhang ist der Anteil der Zweitwohnungen im Wallis besonders beunruhigend. In gewissen Gemeinden sind bis zu 80% der Wohnungen nur im Winter bewohnt. Die Infrastrukturen werden jedoch im Hinblick auf einen dauerhaften Betrieb gebaut und unterhalten. Um dem entgegenzuwirken, legen gewisse Gemeinden minimale Anteile von Hauptwohnsitzen und Kontingente von Zweitwohnungen fest und fordern deren Eigentümer auf, ihre Wohnungen zu vermieten, wenn sie sie nicht selbst benutzen.
Eine explosive Situation
Die Zersiedelung der Walliser Alpen hat jedoch strukturelle Gründe, gegen die es schwierig ist anzukämpfen. «Früher betrieben die Walliser Landwirtschaft, heute bauen sie», erklärt Lucien Barras. Die touristische Entwicklung und die Realisierung von grossen Infrastrukturbauten – Staudämme, Bahnlinien, Hotelkomplexe – liessen den Bausektor tatsächlich zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Kantons werden. «Der Tourismus dient deshalb auch, wenn nicht sogar vor allem, dazu, quadratmeterweise Wohnfläche zu verkaufen.» So kann man in den Gemeindebehörden eine Übervertretung der Immobilienbranche beobachten. Genau dort, wo die Kompetenz liegt, Zonenpläne zu erstellen und Baubewilligungen zu erteilen. Wie Bernard Attinger ausserdem feststellt, besteht zwischen den Gemeinden keine Koordination, was der schleichenden Zersiedelung Vorschub leistet.
Der ehemalige Kantonsarchitekt verweist auch auf die laut ihm perversen Folgen der sich seit den 60er-Jahren ablösenden Lex von Moos, Furgler, Friedrich und Koller, die alle den Immobilienverkauf an Ausländer einschränkten. «Das Problem dieser Gesetze, die zuerst in Form eines zeitlich limitierten Bundesbeschlusses erlassen wurden, besteht darin, dass sie sich auf das Gebiet der Stationen wie Anzère, Aminona oder Thyon 2000 beschränkten, ohne sich darum zu kümmern, was andernorts geschehen würde. Die Folge dieser Inkonsequenz war, dass sich die touristische Bautätigkeit in Zonen verschob, die nicht dafür vorgesehen waren. Dies führte zum Zusammenbruch der integrierten Tourismusstationen und stellte den Beginn der Zersiedelung in den Zonen für dauerhaftes Wohnen dar. Dass man sich dieses Phänomens nicht annahm, wirkte sich auf die Walliser Landschaft sehr schädlich aus.»
Dazu gesellt sich ein weiterer, genau so entscheidender Zersiedelungsfaktor: die überdimensionierten Bauzonen. Gemäss Lucien Barras ist das Problem auf das Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Raumplanung zurückzuführen. Die Walliser sahen darin eine Bedrohung ihrer Immobilienentwicklung, was sie genau dazu bewegte, quasi auf Vorrat viel grössere Bauzonen als notwendig auszuscheiden. Diese Zonen sind heute immer noch gesetzeskonform, und wer immer dort bauen möchte, hat grundsätzlich die Möglichkeit dies zu tun, ohne weitere Formalitäten. Kombiniert mit einer grossen Nachfrage nach Zweitwohnungen, schafft dieser Überfluss an Bauland eine explosive Situation.
Anzeichen eines Wandels
Immerhin, die Mitglieder von Altitude 1400 stellen Anzeichen fest, dass sich in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Problematik entwickelt. Immobilienvorhaben, die vor einiger Zeit noch von allen als Wohlstandsgaranten betrachtet wurden, gelten heute immer mehr als problematisch, sowohl wegen ihrer Auswirkungen auf die Landschaft als auch wegen der für die Gemeinschaft entstehenden Kosten. Ausserdem zwingen die steigenden Preise – ein Resultat der Spekulation – gewisse Bewohner dazu, sich anderswo niederzulassen oder Objekte, die sie geerbt haben, zu verkaufen. Dies ruft ein Missbehagen hervor, das immer greifbarer wird. In gewissen Touristenorten, wo permanent gebaut wird, sind es sogar die ausländischen Gäste, die sich gegen die Verschlechterung des von ihnen so geschätzten Lebensumfelds auflehnen. Es ist also eine Wende im Gange, die sich übrigens schon bei der bundesweiten Abstimmung im November 2008 abzeichnete. Damals stimmten 60% der Walliser, die an die Urne gingen, gegen die Aufhebung des ¬Beschwerderechts der Umweltverbände.
Was die Mitglieder von Altitude 1400 betrifft, werden sie ihre Anstrengungen, die Dinge von Grund auf zu verändern, weiterführen. Dabei hoffen sie, dass sich die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung schliesslich auf die politischen Entscheide auswirken wird.
Die Stellung der Architekten
Wo stehen im soeben beschriebenen Kontext die Architekten? Als Kantonsarchitekt engagierte sich Bernard Attinger stark dafür, dass die qualifizierten Fachleute – einschliesslich der jungen Büros – über Wettbewerbe zu öffentlichen Aufträgen kommen konnten. Eine Politik, die sein Nachfolger Olivier Galletti nicht minder entschlossen weiterführt. Die private Bautätigkeit jedoch, der Markt der Einfamilienhäuser und der touristischen Bauten, wird weiterhin vor allem von den Bauträgern beherrscht, die das Bauland besitzen und mit ihren eigenen Partnern arbeiten. Wie Lucien Barras feststellt, werden die Architekten praktisch nur für sehr anspruchsvolle Renovationen oder Umbauten zugezogen, oft handelt es sich dabei um Verwandte oder um direkte Bekannte.
Gerade Eingriffe in die bestehende Bausubstanz stellen jedoch ein beachtliches Potenzial dar, das gemäss den Mitgliedern von Altitude 1400, den lokalen Firmen genügend Arbeit verschaffen sollte. Einerseits müssen die während des Wirtschaftsbooms erstellten grossen Tourismusstationen früher oder später renoviert und den Normen angepasst werden. Anderseits warten zahlreiche brachliegende ländliche Bauten darauf, saniert und umgenutzt zu werden, seien es Maiensässe oder Scheunen und Bauernhäuser in den Dörfern. Hier sind die Anforderungen besonders hoch, da jeglicher Eingriff vertiefte Kenntnisse der traditionellen lokalen Bauweise, die regional unterschiedlich ist, erfordert. Werden die Architekten es schaffen, die Bauherren von ihren Fähigkeiten zu überzeugen, in Bereichen, die ihnen momentan noch zu entgleiten scheinen? Die Beispiele, die diesen Artikel illustrieren, zeigen jedenfalls, dass eine von Respekt gegenüber der Landschaft und der Baukultur geprägte Haltung den ganzen Unterschied ausmacht.
von Léo Biétry