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Johannes Geiss, geboren am 4. September 1926 in Vorpommern, verstarb am 30. Januar 2020 im Alter von 93 Jahren. Er hinterlässt seine geliebte Frau Carmen, die Tochter Janka und zwei Enkel. Er hinterlässt aber auch tiefe Spuren in der Wissenschaft auf dem Gebiet der Weltraumforschung, insbesondere des Sonnensystems.
Johannes Geiss studierte in der Nachkriegszeit Experimentalphysik in Göttingen bei Max von Laue und dissertierte 1953 am selben Ort bei Wolfgang Paul. Sein Forschungsgebiet war die Anwendung der Massenspektrometrie auf Isotope, insbesondere von Blei. Diese Methode wollte der damalige Leiter des Physikalischen Instituts der Universität Bern, Fritz Houtermanns in der Meteoritenforschung zur Altersbestimmung anwenden, und so holte er den jungen Geiss samt seines gläsernen Massenspektrometers nach Bern. Forschungsaufenthalte in Chicago beim Chemie-Nobelpreisträger Harold C. Urey komplementierten seine Ausbildung und weckten sein Interesse für die chemische Entwicklung des Universums. 1957 habilitierte er in Bern. Nach einem weiteren Auslandsaufenthalt in Miami als junger Professor kehrte er nach Bern zurück, wo er 1960 zum Extraordinarius und vier Jahre später zum Ordinarius ernannt wurde. Nach dem Tod von Fritz Houtermanns übernahm er die Leitung des physikalischen Instituts, das er bis zu seiner Emeritierung 1990 leitete. 1970/71 war er Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät und 1982/83 amtete er als Rektor der Universität.
Seine wissenschaftlichen Verdienste aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Nachrufs sprengen. Am bekanntesten ist sicher das Sonnenwindsegel auf dem Mond, das einzige nicht-amerikanische Experiment, das auf Apollo 11 und auf späteren Apollo Missionen zum Einsatz kam. Zusammen mit Kollegen und mit grossem diplomatischem Geschick gelang es Geiss, ein auf den ersten Blick verblüffend einfaches Experiment der NASA schmackhaft zu machen. Das ganze Experiment wog 1 amerikanisches Pfund und enthielt keinerlei Elektronik. Eine einfache Aluminiumfolie sollte auf dem Mond Sonnenwindteilchen sammeln, die dann später im Labor mit den gläsernen Massenspektrometern namens Susanne, Evelyn, Helen, Anna und Bäbi analysiert wurden. Dank dieser Folie gelangten so erstmals Teilchen der Sonne auf die Erde. Ein guter Draht zu den Astronauten machte es möglich, dass das Berner Segel vor der amerikanischen Flagge auf dem Mond gehisst wurde, entgegen den Instruktionen der offiziellen NASA. Das Experiment war ein voller Erfolg. Diese Messungen waren für mehrere Dekaden die zuverlässigsten Messungen der Edelgase im Sonnenwind und wurden erst von der Genesis Mission 2004 in ähnlicher Qualität bestätigt.
Als Resultat dieser Messungen publizierte Johannes Geiss zusammen mit Hugh Reeves unter anderem eine Arbeit zur Bestimmung von Helium Isotopen, insbesondere 3He im Sonnenwind, woraus sich die fundamentale Grösse der Dichte des Universums herleiten lässt. Dafür und für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet des Sonnenwindes erhielt er mehrere prestigeträchtige internationale Preise, wie z. B. eine Ernennung zum Foreign Associate of the National Academy of Sciences der USA (1978), die Ehrendoktorwürde der University of Chicago (1986), die Einstein Medaille (2001) und die Bowie Medal, die höchste Auszeichnung der American Geophysical Union (2005).
Der Schritt von Labormassenspektrometern zu Fluginstrumenten wurde von Johannes Geiss und seinem Team bereits in den 60er Jahren an die Hand genommen. Dazu brauchte es entsprechende Missionen. Johannes Geiss war einer der massgebenden Wissenschaftler, die das Europäische Weltraumprogramm der ESA mitbestimmten, zuerst im Rahmen der ESRO, später der ESA. So flog das 1. Berner Massenspektrometer auf den GEOS Sonden Mitte der 70er Jahre. Bald folgten Massenspektrometer mit Hardware von Bern auf Ulysses um die Pole der Sonne und später auf SOHO. Johannes Geiss hat auch früh die Bedeutung von Kometen für die Erforschung der Geschichte des Sonnensystems erkannt, und so setzte er mit Kollegen bei ESA die verrückte, höchst erfolgreiche Giotto Mission zum Kometen Halley durch. Er darf auch ruhig als „Grossvater“ der Rosetta Mission bezeichnet werden, hat er doch bei ESA schon in den 80er Jahren darauf gedrängt, eine Kometenmission als einen der Eckpfeiler ins ESA Horizon 2000 Programm aufzunehmen, was mit Rosetta dann auch erfolgreich gelang.
Mit viel diplomatischem Geschick und dank seines profunden Wissens legte er die Grundlagen für den Erfolg der Schweiz bei internationalen Weltraummissionen, der bis heute andauert. Diese Erfolge hatte er sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass er wissenschaftlich sehr aktiv war. Dies wiederum gab ihm den nötigen Rückhalt, um das physikalische Institut in Bern punkto Professoren-, Mittelbaustellen und Infrastruktur hervorragend aufzustellen. Aber auch auf Bundesebene gelang es ihm, Weltraumforschung zu fördern. Er kann durchaus als der Erfinder des Prodex Programms bezeichnet werden, ein finanzielles Programm des Bundes in Zusammenarbeit mit der Industrie, das auch kleinen Ländern wie der Schweiz erlaubt, Hardware für Missionen zu entwickeln und zu bauen.
1990 wurde Johannes Geiss emeritiert. Wer meinte, er würde sich zur Ruhe setzen, hatte sich gewaltig getäuscht. Das war keinesfalls das Ende seiner wissenschaftlichen und diplomatischen Tätigkeit. Mit Beharrlichkeit und Begeisterungsfähigkeit gelang ihm die Gründung des International Space Science Institute (ISSI) in Bern. Dazu musste er ESA, den Bund und den Kanton Bern von seiner Idee eines interdisziplinären und weltumspannenden Instituts überzeugen. ISSI bringt Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen, bis jetzt weit über 1000, die sich mit interdisziplinäre Analysen, Auswertungen und Interpretationen von Weltraumdaten befassen, unterstützt von sämtlichen Weltraumagenturen wie NASA, Roskosmos, Jaxa und der chinesischen Weltraumagentur. In den ersten acht Jahren war Johannes Geiss dessen geschäftsführender Direktor. Seit seiner Gründung ist ISSI ein führendes Institut für die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Weltraumforschung, klein aber fein!
Was aber Johannes Geiss vor allem auszeichnete, war seine Persönlichkeit. Er war nicht nur ein aussergewöhnlicher Wissenschaftler, sondern auch ein begnadeter Lehrer und ein hervorragender Kommunikator. Noch heute trifft man Mediziner, die von den Physikvorlesungen von Geiss beeindruckt waren. Johannes Geiss nahm sich immer Zeit für den physikalischen Nachwuchs, den er auch entsprechend förderte. Mehrere später erfolgreiche Nachwuchsleute verdanken ihre Karriere und vor allem ihr Wissen der Person Geiss. Mit ihm zu diskutieren, ihm zuzuhören, war immer eine grosse Bereicherung. Diskussionsthemen waren aber nicht auf Wissenschaft beschränkt, sondern umfassten ein breites Interessensgebiet. Johannes Geiss war eine der ganz grossen Persönlichkeiten, die man nicht mehr vergisst. Es war ein Privileg, ihn zu kennen und von ihm zu lernen. Danke für alles, was Du, Johannes uns mitgegeben hast.
Prof. em. Kathrin Altwegg, Universität Bern
[Veröffentlicht: Juni 2020]