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Unsere Schulklasse machte einen Ausflug auf den Königsplatz. Wir standen vor einem grossen Gebäude, der Lehrer erklärte lang und leidenschaftlich die gotischen Fresken. Nur mich interessierte das überhaupt nicht. So drückte ich mich langsam in die hinterste Reihe. Als ich glaubte, dass keiner auf mich achtete, rannte ich davon zur nächsten Tramhaltestelle. Mein Ziel war die Galopprennbahn in München-Riem. Die Rennpferde im Training zu beobachten, war doch viel interessanter, als Häuserfassaden zu studieren.
In Riem angekommen, suchte ich den Weg zu den Pferdestallungen. Dort konnte ich mich bei einer Hecke ausruhen und die herrlichen Pferde beobachten. Das Training begann immer sehr früh am Morgen, jetzt war es schon fast 11 Uhr, es war nur noch eine kleine Gruppe mit vier Pferden auf der Rennbahn, sie galoppierten ruhig, regelmässig nebeneinander. Den Atem der Pferde konnte ich, so glaubte ich wenigstens, deutlich hören. Das Muskelspiel beim Galoppieren der Pferde war faszinierend. Es muss ein Konditionstraining gewesen sein. Eines stand für mich fest, das wollte ich auch einmal, ich wollte Jockey werden, und ich werde der Beste, ich werde siegen und ich werde berühmt sein.
Langsam gingen die Pferde in den Trab über, dann liessen die Jockeys die Pferde noch eine Runde ruhig entspannt im Schritt laufen und kamen ganz nah an mir vorbei. Neben den Stallungen, also hinter mir, war der Führring, auf diesem Führring wurde abgesessen und abgesattelt, den Zügel streiften sie über den Hals und so wurden die Pferde geführt, bis sich die Atmung beruhigt hatte. Aus dem Stall kamen die Pferdepfleger oder vielleicht waren es Lehrlinge, sie versorgten die Sättel und nahmen anschliessend den Jockeys die Pferde ab, um sie weiter trocken zu führen. Nach ca. 20 Minuten versorgten nacheinander drei Pfleger die Pferde und brachten sie in den Stall. Nun war nur noch einer mit seinem Pferd da. Es war ein prachtvoller, dunkelbrauner, eher etwas kleiner Hengst, mit unwahrscheinlich grossen, intelligenten Augen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, löste mich von der Hecke und ging auf den jungen Pfleger zu. «Ein wunderschönes Pferd hast du da.» Keine Antwort. Ich fragte: «Darf ich ihn führen, so wie du es machst?» Er drehte sich um und fragte, ob ich das auch schon mal gemacht hätte. «Na klar», antwortete ich, «meine Eltern haben auch Pferde.» Jetzt blieb er stehen und musterte mich. Deutlich merkte ich, wie er studierte, was er tun solle, dann sagte er, eigentlich dürfe er das nicht machen, er habe aber noch im Stall zu tun, und wenn ich in dieser Zeit das Pferd noch etwas führe, könne er auch rechtzeitig Feierabend machen. «Also gut, aber lauf ruhig, immer auf der linken Seite und nur noch etwa 20 Minuten. Ich komme dann und nehme dir das Pferd wieder ab.» – Super, das war ein Wort!
So marschierte ich los, der wunderbare Hengst neben mir. Nach der zweiten Runde dachte ich, statt zu laufen, könnte ich ja auch im ruhigen Schritt draufsitzen, kann ja nichts passieren, bei den Jockeys vorher sind die Pferde ja auch ruhig gelaufen. Am Ende dieser ovalen Bahn war ein grosser Stein. Kurz entschlossen legte ich dem Pferd die Zügel über den Hals, kletterte auf den Stein und rüber auf den Pferderücken. Das war ein Kinderspiel, denn es war ja nicht sehr gross, und so sass ich stolz auf meinem Rennpferd. Die Bewegungen unter mir waren einfach faszinierend. Ich wurde immer sicherer und mutiger, nach einer weiteren Runde nahm ich die Zügel etwas kürzer in die Hand und wollte mich nur nach vorne beugen und ihm ins Ohr danke sagen, wie lieb er doch ist. Dazu bin ich aber nicht mehr gekommen, denn die Zügel kürzer nehmen, war ein klarer Befehl für ihn, «geh vorwärts», und so trabte er gehorsam an. Ich drückte meine Beine fester zusammen und hielt mich auch noch am Zügel fest. Das war wieder ein klarer Befehl für ihn, noch schneller zu werden. Gehorsam wechselte er in den Galopp. Das Oval war aber zu eng dafür, so kam, was kommen musste, er brach aus, galoppierte über ein kurzes Wiesenstück auf die offene Rennbahn zu. Ich gebe zu, im Galopp war es viel leichter, das Gleichgewicht zu halten, aber was, wenn mich der Pfleger oder gar der Besitzer sieht, und was, wenn ich runterfalle und das Pferd keine Führung mehr hat? Die Angst vor den Folgen, was jetzt passiert, steigerte meinen Adrenalinspiegel ins Unermessliche. – Die Folgen waren absehbar, sofort anhalten, umkehren, vielleicht hatte ich Glück, und keiner hatte mich bisher gesehen. Anhalten, aber wie? So zog ich einfach fester an den Zügeln, sofort wurde er noch schneller, noch ein Versuch, noch mehr Spannung, und jetzt war ein richtiges Renntempo die logische Folge. Ich konnte überhaupt noch nicht reiten und flog förmlich im Renngalopp mit einem gut trainierten Vollbluthengst auf der Rennbahn, und das erst noch ohne Sattel! Vorbei an der Haupttribüne, und da standen alle und riefen und schrien durcheinander. Ich konnte nichts verstehen und wunderte mich, warum sie nicht auf die Piste kamen und wenigstens versuchten, mein Pferd aufzuhalten.
Heute weiss ich, dass dieser Versuch unweigerlich ein Ausbrechen oder sofortiges Stoppen zur Folge gehabt hätte und ein Sturz hätte nicht verhindert werden können. Aus diesem Schreien heraus vernahm ich nur zwei Worte, Zügel lang. – Man kann es mir glauben, es braucht schon eine riesige Portion Überwindung, wenn man das Einzige, was man in der Hand hält, in so einer Situation auch noch loslassen soll. Zu allem Übel hatte der Hengst eine sehr kurze Mähne, zum Festhalten war das auch nicht geeignet. Doch meine Kräfte liessen merklich nach und mit buchstäblich letzter Kraft umklammerte ich seinen Hals, dabei glitten mir die Zügel aus der Hand. Sofort verstand der Hengst das neue Kommando, langsamer zu werden. Jedoch wurde er nur zuerst im Galopp langsamer, dann fiel er in einen rasanten Trab, das war eindeutig zu viel für mich. Ich konnte mich nicht mehr halten, fiel seitwärts herunter und landete unsanft, ziemlich unsanft auf dem Boden.
Christian V. Liersch kann auf ein ereignisreiches, interessantes Leben zurück blicken. In seinen wahren Erzählungen lässt er den Leser rückblickend daran teilnehmen. Dieses Buch beschreibt ein Zeitgeschehen, welches während des zweiten Weltkrieges im ostdeutschen Dresden begann. Die Erfüllung seines Traumes, in seinem Leben mit Pferden arbeiten zu können, führte Christian V. Liersch über viele Stationen und Ereignisse von Deutschland über Oesterreich, schliesslich in die Schweiz.
Nur dank seines starken Willens hat er letztlich all die Hindernisse überspringen können, die sich auf seinem Lebensweg vor ihm aufgebaut haben. Das Buch ist äusserst spannend geschrieben, mit viel Humor, amüsant und ohne Tragik.
Es ist nicht nur für Pferdefreunde, sondern auch für alle anderen Leser empfehlenswert.