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Erste Liebe. Erste Verabredung mit dem Tribalismus.
"In einer Seele, die durch die Leidenschaft korrumpiert wurde,
gibt es eine fortwährende Hassgeneration,
so daß das Verschwinden eins
automatisch durch das Aufkommen eines anderen gefolgt wird"
La Rochefoucauld (Maximes)
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Vier Jahre vergingen. Nachdem ich das Abitur bestanden hatte, bereitete ich mich vor, die Universität zu besuchen, um Medezin zu studieren. Inzwischen hatte ich die Auswahlprüfung im Institut für Statistik und angewandte Wirtschaft für Afrika und Mauritius gemacht, denn ich interessierte mich für Statistik. Ich bestand die Prüfung und begann im Oktober 1977 zu studieren.
Aus einer Ironie des Schicksals wurde ich vom ersten Tage an mit einem ethnischen Problem konfrontiert. Mbonyinshuti J.B, der Direktor des Instituts, war ein früher Flüchtling in Frankreich. Er hatte auch die Staatsangehörigkeit von beiden Ländern, Ruanda und Frankreich. Kaum hatte er mich gesehen, so fasste er gegen mich eine Abneigung und tat alles, was er konnte, um mir das Studium zu verleiden. Zuerst blockierte er mein Stipendium. Da ich kein Bankkonto hatte, musste mein Geld auf das Konto des Instituts überwiesen werden.
Jedesmal, wenn ich mich an das Sekretariat des Institutes wandte, um mein Geld zu fordern, wurde ich zum Direktor geschickt, der mich zum Henker schickte. Manchmal benutzte er die Gelegenheit, um mich nach meiner ethnischen Zugehörigkeit zu fragen. Er wollte auch wissen, warum ich meine Heimat verlassen hatte, und wann ich zurückkehren werde. Ich konnte natürlich nicht antworten, da ich vor Wut schäumte. Deshalb begnügte ich mich damit, höflich aber bestimmt zu bemerken, daß alle diese Fragen weder mit meinem Stipendium noch mit meinem Studium zu tun hatten. Aber er bestand immerfort darauf, daß das HCR noch kein Geld für mich überwiesen hatte.
Drei Monate vergingen. Eines Tages, als ich dem Direktor Kopien der Überweisungsscheine zeigte, die das HCR mir gegeben hatte, fuhr er aus der Haut und behandelte mich gemein. Er ließ mich merken, daß ich nur ein armer Hutu Flüchtling war, und daß er mein Leben zerbrechen konnte, wenn er dazu Lust hatte. Ich bewahrte einen kühlen Kopf und drang darauf, daß mein Recht geachtet würde. Er schalt mich einen Schafskopf und riet mir, lieber zur Bank zu gehen, um die Überweisungsscheine prüfen zu lassen. Ich verstand, daß ich überlegen musste, wie ich zu meinem Recht kam. Inzwischen entlieh ich Geld von Freunden für meine Bedürfnisse. Bei Gelegenheit lieh mir Gerald T, mein Wirtschaftslehrer, eine ansehnliche Summe.
Noch drei Monate vergingen. Ich hatte immer noch kein Stipendium bekommen. Ich beschloß den Stier bei den Hörnern zu fassen und einen Skandal zu machen, wenn nötig. Eines Tages meldete ich mich auf dem Sekretariat und bat um Gehör beim Direktor. Meine Bitte wurde ohne Erklärung abgeschlagen. Trotzdem beschloß ich das Büro des Direktors zu betreten und klingelte an der Tür. Der Direktor wusste noch nicht, daß ich es war. Er hatte dem Sekretariat befohlen, mich nicht hineinkommen zu lassen.
« Herein ! » rief er.
Sobald er mich sah, verstand er, daß ich entschlossen war, mein Recht durchzusetzen.
« Wo sind Sie denn erzogen worden? In einem Schweinestall, nehme ich an » rief er.
« Ich glaube, daß Schweine auch ihre Rechte haben » antwortete ich ruhig.
« Schweine dürfen nichts einfordern. Sie müssen geschlachtet werden, um als Nahrung zu dienen ».
« Ich bin nicht gekommen, um Kochkunst zu erlernen. Sie wussten ja gleich, was mich hierher bringt; und ich werde nicht ohne mein Geld zurückgehen. Mir reißt schon der Geduldsfaden ».
« Böser Hutu ! Warum sind Sie so frech? Sie wissen ja schon, daß Ihr Stipendium noch nicht überwiesen worden ist. Anstatt sich aufzuspielen, sollten Sie lieber um einen Vorschuß bitten. Und ausserdem betreten Sie mein Büro und führen sich als Sieger auf. Staatenlose wie Sie sollten aus der Gesellschaft entfernt werden. »
« Ich habe gehört, Sie hätten zwei Staats-angehörigkeiten. Kein Wunder, daß ich ein Staatenloser bin. Ich will mein Geld ! ».
« Hinaus ! »
« Kommt nicht in Frage ! »
« Ich rufe die Polizei ! »
« Um so besser ! ».
Ich blieb gelassen. Er hob den Hörer ab, zögerte einen Moment und legte ihn wieder auf. Er läutete nach der Sekretärin und bat, meinen Fall zu überprüfen. Eine Stunde später bekam ich mein Stipendium. Nach dieser Hackerei wurde mein Leben zu einem echten Martyrium.
In März 1978 kam Aloys, ein Schulfreund, zu Besuch zu mir ins Institut. Er hatte die kleine Riziki kennengelernt und wollte mir seine Verlobungs-absichten mitteilen. Sie war so schnell gewachsen, daß ihre Eltern sie schon verheiraten wollten. Aloys lud mich ein ihn nach Byumba zu begleiten, um seine künftigen Schwiegereltern zu besuchen. Kaum in Byumba angekommen wurden Aloys und ich sehr enttäuscht, weil Riziki anscheinend in mich verliebt war.
In der Woche danach kam sie zu Besuch zu mir ins Institut. Der Direktor sah mich mit ihr. Es wurde für ihn eine Traumgelegenheit, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Das Strafgericht wurde einberufen, das sich aus Professoren, Beamten im Planungsministerium und Ausbildungsministerium und einem Studentenvertreter zusammensetzte. Ich wurde einfach wegen Kuppelei angeklagt. Nachdem das Strafgericht den Anklagepunkt gehört hatte, lehnte es ab die Sache zu behandeln. Dem Direktor wurde mitgeteilt, daß die Studenten Erwachsene seien und jeden beliebigen Besuch empfangen durften.
Er gab aber nicht auf. Für ihn war das nur aufgeschoben und nicht aufgehoben.
In den Sommerferien verbrachte ich ein paar Tage in meinem Zimmer am Institut. Zufälligerweise wusste er, daß ich da war. Er rief sofort die Polizei, die rasch, voll bewaffnet kam, wie um einen Verbrecher festzunehmen. Sie wurden eher enttäuscht, und dem Direktor wurde höflich aber bestimmt mitgeteilt, daß er nie mehr die Polizei für solch albernes Gewäsch aufbieten dürfe.
Nachdem die Polizei weggegangen war, beschloß ich, so schnell wie möglich zu verschwinden, um mir Ärger zu ersparen. Ich verbrachte die Ferien in Byumba.
Das zweite Schuljahr am Institut begann ohne Zwischenfall für mich. Im Juni 1979 kam Riziki wieder auf Besuch zu mir und blieb zwei Wochen. Herr Mbonyinshuti benützte diese Gelegenheit mich nochmals vor das Strafgericht zu ziehen. Diesmal wurde ich beschuldigt, in wilder Ehe mit einer Frau am Institut zu leben. Noch einmal lehnte das Strafgericht ab, die Sache zu behandeln. Fast jeder Student pflegte seine Freundin in seinem Zimmer zu empfangen.
Es war am Ende des Schuljahres. Auf Befehl des Direktors weigerte sich das Sekretariat mir mein Zeugnis zu übergeben. Da ich nicht beweisen konnte, daß ich in die höhere Klasse zugelassen war, lehnte das HCR ab mein Stipendium zu erneuern. Ich ging ins Institut, um mein Zeugnis, koste es was es wolle, zu holen, aber alle Leute waren schon in den Urlaub gegangen. Zum Glück sah ich die Liste unserer Klasse mit Noten auf dem Anschlagbrett. Es stand auf dem Blatt, daß ich die Examina mit Auszeichnung bestanden hatte, daß ich aber erst nach Entscheidung des Strafgerichts in die höhere Klasse zugelassen wurde. Ich riß die Liste vom Brett ab und ging sofort zum HCR. Entgegen der Hoffnungen von Herrn Mbonyinshuti wurde mein Stipendium erneuert.
Bei Wiederanfang des Schulunterrichts merkte ich überrascht, daß das Schloß meines Zimmers ersetzt worden war. Ich wandte mich an das Sekretariat und mir wurde mitgeteilt, daß ich bis auf weiteres das Institut nicht besuchen durfte. Ich verbrachte drei Wochen ausserhalb des Instituts und wartete, daß das Strafgericht über mein Schicksal bestimmen würde.
Herr Mbonyinshuti wollte kein Strafgericht einberufen, um mir den Unterricht zu verweigern. Weil wir im letzten Schuljahr ein sechsmonatiges Praktikum in einem anderen afrikanischen Land machen mussten, dauerte der theoretische Unterricht nur 3 Monate. Da ich schon 3 Wochen Unterricht verloren hatte, wollte mich Herr Mbonyinshuti eigentlich durchfallen lassen. Inzwischen tat ich mein Bestes, um die Notizen meiner Schulkameraden abzuschreiben. Trotz des Streßes bemühte ich mich, gut zu lernen.
Schließlich gab der Direktor dem Druck der Lehrer nach und berief im Laufe der vierten Woche das Strafgericht ein.
Das Strafgericht hielt seine Sitzung geheim ab. Ich wurde später vorgeladen, um meine Sache zu vertreten. Eigentlich erlaubte Herr Mbonyinshuti mir nicht so viel zu reden. Ich durfte nur seine zweckbestimmten Fragen beantworten. Wenig später ging ich hinaus und ließ das Strafgericht entscheiden.
Gemäß dem Bericht des Studentenvertreters war die Sitzung sehr tumultuarisch. Im Gegensatz zu allen anderen wollte Herr Mbonyinshuti, daß ich exemplarisch bestraft würde.
« Wie denn, wenn ich fragen darf ? » fragte ein Lehrer.
« Indem er ohne weiteres entlassen wird », wurde ihm sofort geantwortet.
« In diesem Fall müssen alle Studenten, die ihre Freundin empfangen, entlassen werden ».
« Für sie ist es etwas ganz anderes, weil Fremde einen diplomatischen Status genießen »
« Gemäß dem Gesetz, hat jeder Student einen diplomatischen Status. Und ausserdem ist Tabu ein Fremder in diesem Land »
« Er ist nichts anderes als ein Flüchtling. Er darf keinen diplomatischen Status genießen »
« Das ändert nichts. Für uns genießen alle Studenten dieselben Rechte. Es gibt keinen Grund, ihn zu entlassen »
« Ich schlage vor, er wird nicht versetzt »
Das Strafgericht wurde niedergeschmettert. Es war schon klar, daß dunkle und gehässige Gefühle herrschten über das Verhalten des Direktors. Eine Todesstille herrschte während ein paar Minuten im Sitzungssaal. Herr Mbonyinshuti verstand sofort, daß er ins Fettnäpfchen getreten war und kam von seiner Entscheidung ab.
« Falls Sie nicht einverstanden sind, würde ich vorschlagen, daß er ins Externat überwechseln muß.»
Das Strafgericht hatte sich noch nicht vom ersten Schock erholt. Niemand wagte zu reagieren. Um dem Direktor eine Freude zu machen, wurde diese Entscheidung gefasst.
O tempora ! o mores !
So bin ich ein externer Student geworden. Inzwischen hatte Herr Mbonyinshuti so viele Ungerechtigkeiten am Institut begangen, daß die Studenten in den Streik traten. Der Verwaltungsrat des Instituts befahl sofort eine Untersuchung und Herr Mbonyinshuti wurde fristlos entlassen. So konnte ich in Ruhe mein Studium absolvieren. Aber ich hatte nicht das Glück, ein Praktikum im Ausland zu machen. So geht es im Leben zu. Man muss sein Unglück mit Fassung tragen.
Folgendes Kapitel.
Vorhergehendes Kapitel.