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Mit einer jener ersten MiniDV-Handkameras schlich ich im August 2005 durch eine Hintergasse in der Pekinger Innenstadt. Ich bog schliesslich in einen verlassenen Hinterhof ein, und alles erschien mir an diesem Ort spannend und gefährlich, dunkel und leuchtend zugleich. Kein Mensch war in der glühenden Nachmittagshitze zu sehen. Nur eine schwarze Strassenkatze wand sich um meine Füsse, während ich aufgeregt die Kamera vor die Augen hob und den roten REC-Knopf aktivierte. Doch wie aus einem Schatten heraus lösten sich zwei Uniformen, Sicherheitsbeamte, die aussahen wie in einem Revolutionspropagandafilm der chinesischen 60er-Jahre. Sie mussten ihrer Pflicht nachkommen, filmende Ausländer nach deren Gründen zu befragen. «Pai shenme dongxi? – Was filmen Sie hier?»
Nun sollte man noch hinzufügen, dass sich meine Chinesischkenntnisse zu jenem Zeitpunkt gerade erst in den frühen Anfängen befanden. Um mich aus der Situation zu retten, wollte ich den zwei grimmig dreinblickenden Garden also höflich entgegnen, dass die getätigten Aufnahmen nicht veröffentlicht würden und ‹privat› seien, und brauchte dafür also das Wort ‹Mimi›. Darauf brachen die zwei jungen Uniformierten in schallendes Gelächter aus, sodass das schwarze Kätzchen wie vom Blitz getroffen auf einen Baum sprang und in dessen Geäst verschwand. Die zwei Beamten klopften mir freundschaftlich auf den Rücken, grinsten und machten einen Abgang. Verdutzt zuckte ich mit den Schultern und filmte weiter. Erst einige Wochen später, als sich mein Mandarin anfing etwas zu verbessern, verstand ich, dass ‹Mimi› nicht ‹privat›, sondern so etwas wie ‹Streng geheim› bedeutet, und erinnerte mich an die sich vor Lachen schüttelnden Gesichter der Ordnungshüter.
Letzten Herbst war ich wieder in Peking. Ich suchte die Orte auf, an denen ich damals gewohnt hatte, verabredete mich mit alten Freunden und Bekannten, so auch mit der Chemikerin Dingding (sie heisst wirklich so). Wir liefen ein wenig durch die Strassen, unter den graugrünen Dünsten des Smogs, bis wir in jenen uralten Hutong-Gassen in der Nähe der verbotenen Stadt ankamen, wo wir uns zu einem Schwarztee niederliessen.
Da erinnerte ich mich an das ‹Mimi›-Erlebnis und erzählte es Dingding, worauf auch sie herzlich lachen musste. Was ich damals aber denn genau gefilmt hätte, fragte sie mich. «Einen Hinterhof? Vielleicht war er Teil einer Polizeistation, oder ein Bulldozer riss daneben ein altes Haus ein – auch etwas, was Beamte hier nicht gerne gefilmt sehen.» Je länger wir darüber sprachen, desto mehr musste ich erkennen, dass jenes, was ich damals gefilmt hatte, in Vergessenheit geraten war. «Aber an die Geschichte mit den zwei Wächtern erinnerst du dich genau...»
Zum Zentrum der Geschichte war also nicht mehr das eigentliche Gesehene und Gefilmte, sondern nun das Wort ‹Mimi›, das Geheime, geworden.
Die Qualität, die Beschaffenheit der eigenen Erinnerung, aus welcher man ja schliesslich für seine Arbeit schöpft, trägt zuweilen rätselhafte Züge...
Dingding und ich verstummten darauf für einen Moment und blickten in die ins Herbstlicht getauchte Abendstimmung. Und während sie sich eine Zigarette der Marke Double Happiness anzündete, erinnerte ich mich plötzlich an ein Wort von Robert Bresson: «Ne pas montrer tous les côtés des choses. Marge d’indéfini.» An jenem Abend schrieb ich bis spät in die Morgenstunden hinein an einem neuen Drehbuch.