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Ökonomin, Autorin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.
Themenbereich: China, Gesellschaft
Dunhuang war die westlichste Zollstation Chinas auf der alten Seidenstrasse. Heute bringen Touristen neuen Reichtum, und die Stadt spiegelt die wirtschaftliche Entwicklung Chinas der letzten 30 Jahre.
国道215 – Highway Nr. 215. Das ist die Nationalstrasse, die von Dunhuang, einer kleinen Stadt ganz im Westen der Provinz Gansu in südlicher Richtung nach Qinghai und dann, unter anderem Namen, weiter nach Lhasa führt. In jüngerer Zeit von der Roten Armee ausgebaut, um Güter und Soldaten nach Tibet zu schaffen – nach chinesischer Lesart zur Befreiung und Entwicklung, nach westlicher Interpretation zur Besetzung Tibets – ist der Highway 215 jedoch auch von grosser historischer Bedeutung.
Dunhuang war der westlichste Stützpunkt Chinas auf der alten Seidenstrasse: Dort befand sich die westlichste Zollstation Chinas, und dort hörte die grosse Mauer auf. Direkt im Westen der im Jahr 111 v. Chr. gegründeten Stadt teilte sich die Seidenstrasse in ihre nördliche und südliche Route zur Umgehung der Wüste Taklamakan. Denn im Westen, Norden und Süden Dunhuangs gibt es nur Wüste, und zwar nicht irgendeine Wüste, sondern die Wüsten Gobi und eben die Taklamakan. Sie bedeckt mit einer Fläche von 300 000 Quadratkilometern rund zwei Drittel Uiguriens, ihr Name bedeutet in etwa «wer hinein geht, kommt nie mehr heraus».
Buddha und Wasser
Kein Wunder, war Dunhuang mehr als 1000 Jahre lang eine reiche Handelsstadt, in der die Karawanen sich für die gefährliche Reise nach Westen ausrüsteten – oder nach bereits erfolgreicher Wüstenüberquerung erholten. Eindrücklichstes Zeugnis dieses Reichtums sind noch heute die 1000-Buddha-Grotten von Dunhuang, die wohl schönsten und am besten erhaltenen buddhistischen Grotten der Welt. Die Reisenden der Seidenstrasse baten durch Gaben um Segen und Wohlergehen, und dankten mit grosszügigen Spenden für das Überleben. Dazu kam, dass Dunhuang wegen einzigartiger topologischer und geografischer Bedingungen am Westende des sogenannten Hexi-Korridors über starke Ostwinde und genügend Wasser verfügte. Die Winde hielten die Wüste in Schranken, das Wasser ermöglichte den Anbau verschiedenster Lebensmittel.
Auch heute ist Dunhuang – nachdem es seit dem späten Mittelalter kontinuierlich an Bedeutung verloren hatte – wieder reich. Das sieht man an allen Ecken und Enden der Stadt: am überdimensionierten Bahnhof, am Weltklassemuseum, an den deutschen Luxusautos, am Flughafen und am Autobahnzubringer. Die Infrastruktur der Touristenattraktionen scheint von grössenwahnsinnigen Architekten geplant worden zu sein, doch wer die Menschenmassen sieht, die gerade in der Golden Week nach Dunhuang strömen, ist froh darum.
Die Golden Week ist die von Peking verordnete Ferienzeit nach dem Nationalfeiertag des 1. Oktobers, und Dunhuang ist eines der staatlich propagierten Reiseziele. Der chinesische Mittelstand, der die Reiselust in den letzten zwei drei Jahren so richtig entdeckt hat – und heute auch über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügt –, strebt in Massen nach Dunhuang. Stolz über die Geschichte der Region und Sehnsucht nach exotischen Landschaften und Erlebnissen wie Kamelreiten oder Dünenschlitteln sind die Hauptgründe, nach Dunhuang zu kommen: Seidenstrasse light für die chinesische Mittelschicht.
Der in Metropolen wie Schanghai lebende Westler möchte natürlich auch die menschenleere Wüste geniessen. Das ist sogar auch während der Golden Week möglich, da die chinesischen Touristen sich nur in Gruppen wohlfühlen, und man nur um die nächste Düne wandern muss, um allein zu sein. Und wenn es die in der Luft herumknatternden, motorisierten Deltasegler und Helikopter nicht gäbe, wäre der Schock der Stille nach dem konstant hohen Lärmpegel in Schanghai wohl zu gross.
Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung
Doch Dunhuang ist nicht nur ein von der Zentralregierung finanziertes Tourismusprojekt. Die Stadt spiegelt nämlich auf spannende Art und Weise die Probleme des heutigen Chinas. Von den 200 000 Einwohnern Dunhuangs sind 65 000 Ölarbeiter, die in der separaten «Oil City» leben. Nicht nur Öl, auch Eisenerz, Zink, Kupfer, Gold und Nickel werden in der Nähe Dunhuangs gefördert. Die Einkünfte aus der Ölförderung fliessen jedoch in die angrenzende Nachbarprovinz Qinghai, auf deren Gebiet die Ölfelder liegen. Riesige Solarparks sind ausserhalb der Stadt installiert, und es wird eine neue Eisenbahnlinie nach Tibet gebaut.
Dunhuang hat auch eine florierende Landwirtschaft. Die Region war lange bekannt als erstklassiges Anbaugebiet für Baumwolle. Doch seit rund fünf Jahren werden die Bauern von der Zentralregierung angewiesen, Trauben anzupflanzen. Denn der Grundwasserspiegel ist wegen der intensiven Bewässerung der Baumwollplantagen drastisch gesunken. Der wunderschöne, halbmondförmige See der uralten Oase «Crescent Lake» hat heute eine Zuleitung der öffentlichen Wasserwerke, was die Touristen jedoch nicht kümmert. Jahrtausendalte Flüsse in der Umgebung Dunhuangs sind wegen Dammprojekten schon in den Siebzigerjahren ausgetrocknet, mit dramatischen Folgen für die Umwelt. Peking versucht mit strengen Wasserrestriktionen und anderen Massnahmen den Schaden zu begrenzen, doch wohl vergeblich.
Die Landwirte, die Trauben anbauen, gehören zu den reichsten Bewohnern der Region. Sie haben Zweitwohnungen in der Stadt für die kalte Winterzeit und fahren europäische Autos. Gleichzeitig signalisiert jedes Taxi in Dunhuang, dass das Leben für die meisten Leute trotz Trauben und Touristen hart ist. Während in Schanghai und Peking der Basispreis für eine Taxifahrt 14 resp. 12 Yuan beträgt, sind es in Dunhuang gerade einmal 1.40 Yuan, was 20 Rappen entspricht. Der Durchschnittslohn ist sehr tief, die Lebenshaltungskosten jedoch vergleichsweise hoch.
Gansu ist in Bezug auf das Bruttoinlandprodukt die zweitärmste Provinz Chinas und wies letztes Jahr ein durchschnittliches Familieneinkommen von weniger als 2000 $ aus, 40% desjenigens Schanghais. Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung mit insgesamt mehr Wohlstand für alle ist im wilden Westen Chinas angekommen, sondern auch die Ungleichheit dieser Entwicklung. Doch dass der chinesische Mittelstand heute seine eigene Version der Seidenstrasse geniessen kann, ist ohne Einschränkung toll.
Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
Ökonomin, Autorin