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Lange standen die Weine aus Saint-Emilion im Schatten jener aus dem Médoc und den Graves, denn der Handel mit Weinen aus dem Bordelais wurde während Jahrhunderten vor allem über den Hafen in Bordeaux abgewickelt, der sich am linken Garonne-Ufer befindet. Zwar wurde im rechtsufrigen Gebiet von Saint-Emilion schon in der Römerzeit Weinbau betrieben, also weit früher als im Médoc, wo sich erst nach der Trockenlegung der Sumpflandschaft im 17. Jahrhundert der Weinbau etablieren konnte.
Doch trotz der bis in die Antike zurückreichenden Weinbautradition sind in Saint-Emilion erste Ansätze von Qualitätsweinbau erst in den 1860er-Jahren zu konstatieren, zu einer Zeit also, als die Reblaus sich in den Rebbergen am linken Garonne-Ufer ausbreitete. An den Kalkhängen in Saint-Emilion hielten die Reben der Invasion etwas länger stand. Die Weine aus Saint-Emilion erlebten einen ersten Boom als Lückenbüsser, um die Ertragsausfälle der bereits befallenen Gebiete im Médoc und in den Graves weit zu kompensieren. Doch auch Saint-Emilion blieb nicht von der Reblaus verschont, und bald wurde es wieder recht still um die dort erzeugten Weine.
Ab 1950 deutlich bessere Jahrgänge
Das begann sich in der Nachkriegszeit langsam zu ändern, dank einigen sehr guten Jahrgängen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Doch der professionalisierte Qualitätsweinbau setzte sich im Anbaugebiet Saint-Emilion – wie in anderen klassischen Weinbaugebieten Europas auch – erst nach1980 durch.
Von den 5400 Hektaren Rebfläche sind rund 60 Prozent mit Merlot-Trauben bestockt. Dazu kommen Cabernet franc und auch etwas Cabernet Sauvignon, der es aber mitunter schwer hat, im etwas kühleren, vom Meer weniger dominierten Klima optimal auszureifen. Auch wenn man im kleinteilig strukturierten Anbaugebiet eine Vielzahl von Terroirs findet, so beeinflussen wohl weniger die Charakteristiken des Terroirs die Aromatik und die Stilistik vieler Weine als vielmehr der Erntezeitpunkt und die kellertechnischen Rezepte der beratenden Önologen, auch wenn die inflationäre Verwendung des Begriffs «Terroir» uns gerne etwas anderes suggerieren möchte.
Merlot ist die dominierende Rebsorte
Die vom Merlot geprägten Weine aus Saint-Emilion neigen an und für sich schon zu mehr Fruchtigkeit und Fülle als die aristokratisch-vornehmen aus dem Médoc. Doch damit nicht genug: Unter dem Einfluss des amerikanischen Weinkritikers Robert Parker setzte nach 1990 die Mode ein, überreifes Traubengut in hyperkonzentrierte Muskelweine zu verwandeln. Auch wenn nicht alle Produzenten Parkers Geschmacksvorlieben gefolgt sind, so kam nun aus Saint-Emilion eine wachsende Zahl von eher säurearmen Weinen mit bis zu 15 Prozent Alkoholgehalt, die zwar bei Degustationen gut abschnitten, die jedoch bei Tisch wenig Genuss versprechen. Inzwischen scheint diese Mode ihren Höhepunkt überschritten zu haben, und es werden wieder vermehrt gut ausbalancierte Weine gekeltert, die nicht für Kampfdegustationen zurechtdesignt sind, sondern die sich als gute Essensbegleiter bewähren sollen.
Der einzige Grund, der einen davon abhalten könnte, einen Saint-Emilion zu entkorken, ist das mittlerweile recht hohe Preisniveau. Dies gilt besonders für die klassifizierten Weine der Top-Liga der Premiers Grands Crus, die zu den teuersten des ganzen Bordelais gehören. Wie im Médoc gibt es auch in Saint-Emilion eine Klassifikation der Châteaux und ihrer Weine. In Saint-Emilion ist sie aber aktueller, da sie alle zehn Jahre aktualisiert wird, zuletzt im Jahre 2006. Um in die Kategorien Premier Grand Cru Classé oder Grand Cru Classé zu gelangen, müssen die Kandidaten dann jeweils auf den Prüfstand. Die übrigen Weine gehören zu den Appellationen Saint-Emilion Grand Cru (ohne Zusatz «Classé») und Saint-Emilion. Wer also nicht die exorbitanten Preise für die Edelkreszenzen der bei den Etikettentrinkern beliebten Châteaux Ausone, Angélus, Cheval Blanc oder Pavie bezahlen will oder kann, der findet in den beiden zuletzt erwähnten Appellationen etliche Güter, die Weine von konstant hoher Qualität zu bezahlbaren Preisen ab 20 Franken erzeugen.