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Eine Form intellektueller Amnesie hat das Christentum auf die Kreuzzüge, die Inquisition und Religionskriege reduziert. Wie es bei Amnesie üblich ist, hat dies zu einer Desorientierung geführt. Ein klares Bewusstsein für den Ursprung, die Natur und die Wichtigkeit unserer sozialen Werte fehlt. Es ist an der Zeit, die gesellschaftspolitische Bedeutung der christlichen Tradition in Westeuropa zurückzuholen.
„Christlich-soziales Denken“ geht zurück auf die grundlegenden Schriften des früheren Christentums. Einer der Grundpfeiler dieses Denkens, in der Antike mit Ausnahme des Judentums praktisch unbekannt, war Agapè, griechisch für „Liebe“. Diese ist nicht mit eros gleichzusetzen, jener leidenschaftlichen, inbrünstigen Liebe für eine bestimmte Person. Vielmehr ist damit eine Macht gemeint, welche eine Gemeinschaft ins Leben ruft. Mit Agapè wird jedermann, mit der ihm eigenen Persönlichkeit, dazu eingeladen, mit den Mitmenschen auf gleicher Ebene zu verkehren.
Christen betrachteten die Liebe als das schlagende Herz des Universums –nicht als Schicksal oder blindes Glück oder Kampf. Gott ist Agapè. Aus dieser Perspektive trugen die Christen ihren Teil zur Gesellschaft bei. Das betraf insbesondere die Fürsorge für die Fremden, die Armen, die Waisen und die Kranken. Von jedem Ortsbischof wurde die Einrichtung eines Armenhauses erwartet.
Der Historiker Peter Brown stellt fest, dass diese Armenfürsorge in der Antike eine „Umwandlung der sozialen Vorstellungskraft“ zur Folge hatte, einhergehend mit einer Neubewertung körperlicher Arbeit und einer Zurückweisung der Abtreibung und Kindstötung als der Agapé widersprechend. Doch die bemerkenswerteste Auswirkung der Agapè war, dass die Menschen frei waren, öffentliche Gemeinschaften zu bilden, indem sie ein Gelöbnis– promissio – abgaben, welches nicht auf familiären Verbindungen oder gemeinsamen Interessen, sondern vielmehr auf einem „Ideal“ beruhte. Die Philosophin Hannah Arendt bezeichnete die „Kraft der Gelöbnisse“ als den wichtigsten Beitrag des Christentums zur westlichen Politik. Während die erstaunliche Organisationskraft der christlichen Kirche sich auch im fortschreitenden Klostertum zeigte, war man sich sehr wohl bewusst, dass Gottes Reich nicht durch weltliche Einrichtungen aufgebaut werden kann. Augustinus [der Kirchenvater, Anm. der Red.] unterschied weltliche Königreiche vom Königreich Gottes: ohne Utopismus, ohne theokratischen Staat, aber sicher mit christlichem moralischen Einfluss. Das führte zu einem faszinierenden Experiment in Europa.
Die christlichen Wurzeln städtischer Entwicklung
„Was ist eine Stadt denn anders als ein grosses Kloster?“, schrieb Erasmus. Die christliche Kirche und besonders das Kloster (mit seinen Gelöbnissen, schriftlicher Verfassung und freier Wahl des Abtes) lieferte in der Tat den Prototyp einer neuen Gesellschaftsform: die mittelalterliche Stadt. Kurz nach der Gründung von tausend neuen Klöstern in der Umgebung von Cluny um das Jahr 1000 setzte eine Entwicklung ein, welche diesem städtischen Modell folgte, in Norditalien begann und sich nach Nordwesteuropa ausbreitete. Über 200 neue Städte entstanden in Deutschland in jedem Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts.
Während Karl Marx und Max Weber in dieser Entwicklung die Geburtsstunde des homo oeconomicus zu erblicken meinten, zeigen neuere Forschungen ein anderes Bild. Die „städtischen Gesellschaften“ waren frei zusammengesetzte communes mit einigen moralischen Impulsen, die vom Christentum herrührten. Sie entwickelten sich zu Orten, in denen sich Menschen als freie Individuen und Gleichgestellte betrachteten, verpflichtet zu gegenseitiger Hilfe und im gleichen Masse als aufeinander angewiesen. Jeder, der ein Jahr und einen Tag in einer Stadt lebte, war darüber hinaus frei von feudalen Verpflichtungen.
Freiheit
Die Verfassungen garantierten Wahlfreiheit bei der Ehe (auch für Frauen!), Sozialhilfe, die Idee eines gerechten Marktes (mit Strafen für Wucher) und die erstaunliche Rolle für freie Zünfte und Laienorden. Der Kern der moralischen Infrastruktur einer Stadt bestand in einem Vertrag (pactum oder foedus, daher stammt das Wort föderalistisch) sowie einem persönlichen Gelöbnis, das oft jährlich erneuert wurde. Die bürgerliche Gesellschaft setzte Selbstbeherrschung, die Einhaltung von Versprechen, das Zugeständnis von Irrtümern und die Bereitschaft, um Verzeihung bitten zu können voraus (denken wir nur einmal an die bedeutende Rolle von Schuld, Reue, Busse und Freisprechung). Die Stadt war alles andere als ein Tummelfeld für säkulare Bestrebungen. Das städtische Menschenbild schloss durchaus die dunkle Seite der menschlichen Seele mit ein: Agapé ist kein natürliches Phänomen.
Eine zerbrechliche Koalition der Werte entstand in den Städten, was in der Praxis oft einen Kompromiss zwischen verschiedenen Werten bedeutete. Diese Wertekoalition hat seither eine Art Magnetfeld im sozial-moralischen Gefüge der Gesellschaft in Nordwesteuropa gebildet: Man ist bis heute immer noch hin- und her gerissen zwischen links und rechts. Es stellt zum Beispiel einen Faktor in der Entstehung dessen dar, was man „rheinländischen Kapitalismus“ nannte – Kapitalismus mit einer sozialen Seite, im Gegensatz zu dem härteren angelsächsischen Modell.
Veröffentlichung des Artikels mit freundlicher Genehmigung des holländischen Magazins Hope, Herbst 2007 (Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel der führenden holländischen Zeitung „NRC Handelsblad“ in der Rubrik „Meinung und Auseinandersetzung“.)
Übersetzung: Zukunft CH
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Zum Autor: Govert Buijs ist 1964 geboren, studierte Politologie und Philosophie in Amsterdam und arbeitet als Lektor in Sozial- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Amsterdam. Er koordiniert das „International Masters Programme“ (Internationales Programm für Lizenzianden) der „Christian Studies of Science and Technology (Christlichen Studiengänge im Bereich von Wissenschaft und Gesellschaft).
Von Dr. Govert Buijs