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Hierdurch erlaube ich mir, um Urlaub für das Wintersemester 1914/15 zu bitten. Ich gedenke auf Aufforderung von Herrn Geheimrat Haber, dem Leiter des Kaiser Wilhelm Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem b. Berlin, als wissenschaftlicher Gast in seinem Institut zu arbeiten.
Diese Zeilen stammen vom Physikochemiker und späteren Nobelpreisträger Otto Stern. Er richtet sie 1914 an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats. Stern ist zu diesem Zeitpunkt Privatdozent an der ETH Zürich. An und für sich ist ein Urlaubsgesuch wegen einer Einladung als wissenschaftlicher Gast im akademischen Umfeld nichts Aussergewöhnliches. Einzig die Wortwahl fällt auf. Stern schreibt von einer “Aufforderung” des Leiters, als wissenschaftlicher Gast in seinem Institut zu arbeiten, und nicht wie zu erwarten wäre, von einem Angebot. Die Einbettung des Briefs in den welthistorischen Kontext führt zu weiteren Fragen.
Otto Stern an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats, 31.7.1914 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1914, 883).
Das Schreiben entsteht am 31. Juli 1914 in Berlin-Charlottenburg. Drei Tage zuvor hat Oesterreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärt. Deutschland befindet sich noch nicht im Krieg, ist jedoch vertraglich an Oesterreich-Ungarn gebunden und erklärt am darauf folgenden Tag Russland den Krieg. Die Juli-Krise beginnt sich zu einem ganz Europa umspannenden Krieg auszuweiten. Beim erwähnten Haber handelt es sich um den Chemiker Fritz Haber. Es ist davon auszugehen, dass Haber einen Tag vor dem offiziellen Kriegsbeitritt Deutschlands mit der bevorstehenden Kriegserklärung rechnete. Haber meldet sich sogleich zum Kriegsdienst und wird Leiter der Zentralstelle für Chemie beim preussischen Kriegsministerium. Er entwickelt für Deutschland Gaskampfstoffe, für deren Einsatz er sich entschieden stark macht. Haber gilt deshalb als “Vater des Gaskriegs”.
Hat Stern den Begriff “Aufforderung” im Schreiben an den Schulratspräsidenten mit Bedacht gewählt? Ist er von Haber unter Druck gesetzt worden? Ein Einsatz als wissenschaftlicher Gast in Habers Institut wird in Sterns Biographien nirgends erwähnt. Auch in einem 1961 geführten Interview, das Stern dem Physiker Res Jost an der ETH Zürich gibt, erwähnt er die Episode mit keinem Wort. Es ist trotzdem davon auszugehen, dass der bevorstehende Eintritt Deutschlands in den Ersten Weltkrieg die eigentliche Motivation für Otto Sterns Urlaubsgesuch darstellt. Das nächste Schreiben Sterns, das in den Akten des Schweizerischen Schulrats vermerkt ist, stammt vom 16. November 1915. Es handelt sich um das Rücktrittsschreiben. Diesmal wird der Krieg als Grund angeführt:
Hiermit bitte ich um meine Entlassung aus der Stellung als Privatdozent für physikalische Chemie an der Eidg. techn. Hochschule, da ich mich inzwischen als Privatdozent für theoretische Physik an der Universität Frankfurt a. Main habilitiert habe. Hierbei war für mich hauptsächlich der Wunsch massgebend, besonders bei den augenblicklichen Zeitverhältnissen eine Stellung in meinem Vaterlande zu haben.
ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1915, 1244. Otto Stern an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrats, 16.11.1914.
Stern befindet sich gerade auf Heimurlaub von der Ostfront und bittet “auch die Verspätung dieser Mitteilung mit durch den Krieg verursachten Umständen gütigst entschuldigen zu wollen”. In oben erwähntem Interview berichtet Otto Stern auch aus seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Tape D83:1, 8:00-10:00. Otto Stern, Gespräche mit Res Jost, 25.11.1961 und 2.12.1961):
Hinweise
Horst Schmidt-Böcking, Karin Reich. Otto Stern: Physiker, Querdenker, Nobelpreisträger. Frankfurt am Main 2011.
ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1008:8. Otto Stern, Gespräche mit Res Jost über Albert Einstein und den eigenen Werdegang am 25. November und 2. Dezember 1961 in der Pension Tiefenau in Zürich. Abschrift der Tonaufzeichnung.