Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03363.jsonl.gz/1361

Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe…
Im Januar 1966 musste sich Marlen Haushofer wegen gutartigen Wucherungen die Gebärmutter entfernen lassen. Sie erholte sich rasch von der Operation und schrieb an den Erzählungen weiter, die ihr Verleger Sigbert Mohn bei ihr bestellt hatte. Im Frühling dann erschien der Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet mit der Widmung “Für meinen Bruder”. Die Öffentlichkeit reagierte positiv auf das Buch; die Kritiker lobten, es sei von Sentimentalität völlig frei, es lebe aus einer tiefen, inneren Wahrheit und bescheinigten dem Buch Poesie. Für Marlen selbst nahm der Kindheitsroman eine Sonderstellung in ihrem Schaffen ein. In einem Gespräch mit Dora Dunkl anlässlich der Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur (1969) nach ihrem “liebsten Kind” gefragt, antwortete die Schriftstellerin: “Meine Bücher sind alle verstossene Kinder. Mich interessiert nur der Vorgang des Schreibens. Die einzige Ausnahme ist der Roman ‘Himmel, der nirgendwo endet’, eine Autobiographie meiner Kindheit. Auch dieses Buch lese ich nicht wieder, es genügt mir, in ihm ein Stück Vergangenheit eingefangen zu haben und manchmal daran zu denken.”
Der neue Erzählband kam jedoch nur sehr langsam zustande, Marlen tat sich schwer mit dem Schreiben und fand nicht immer genügend Freizeit, an den Erzählungen zu arbeiten. In späteren Briefen an ihre Freundin Jeannie Ebner beklagte sich Marlen Haushofer häufig über ihre aufreibenden Schreibbedingungen als Hausfrau und Mutter: “Die Hausarbeit wird mir auch sauer und hängt mir nachgerade zum Hals heraus, weil sie idiotisch ist und mich nur Zeit und Kraft kostet. Beruflich nähre ich mich von Ärger.” (Brief vom 31.8.1968 an Jeannie Ebner). Im Dezember 1966 hatte sie dann endlich das Manuskript fertig gestellt. Kurz darauf, im Januar 1966 notierte sie in ihr Tagebuch (das einzige, welches erhalten blieb): “Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe u. da ich derzeit nicht schreibe fühle ich mich versumpft u. ekelhaft. Werde Kinderbuch machen, besser als garnichts. Sehe dass die Erzählungen wahnsinnig depressiv u. hoffnungslos sind, dabei in einer halbwegs guten Zeit geschrieben in der ich mich ‘stark’ fühlte! Kein Mensch wird das lesen wollen, mit Recht, das böse Ende steht uns doch allen bevor, wozu sich jetzt schon betrüben lassen durch diese Geschichten. Dabei schreibe ich gern lustige Geschichten, die ich aber als unbefriedigend empfinde, als völlig abgesplitterten Teil einer Wirklichkeit, der aufgeblasen wird u. so Aspekte erreicht, die ihm nicht zustehen.”
Reise nach Rom
Bereits zwei Monate später war ihr nächstes Kinderbuch Wohin mit dem Dackel? fertig gestellt, das dann im Jahre 1968 veröffentlicht wurde. Im Frühling 1967 unternahm Marlen mit ihren Freundinnen Angela ‘Elli’ Mohr, Trude Laux-Johnson und einer Freundin von Elli eine Fahrt nach Rom. Den Tagebuchnotizen von Marlen zu Folge, absolvierten die vier Damen ein beachtliches Besichtigungsprogramm. Gleich beim ersten Spaziergang packte Marlen das von zuhause mitgebrachte Katzenfutter aus und verteilte es an die heranströmenden, hungrigen Katzen, und Elli musste einer aufgebrachten Römerin erklären, dass die Katzen nicht vergiftet werden sollten. Diese Reise dürfte für Marlen die letzte unbeschwerte Zeit gewesen sein, denn ein ziehender Schmerz in der Hüftgegend machte sich immer stärker bemerkbar, den sie bis anhin ignoriert hatte. Sie konsultierte einen Arzt, der Rheuma oder Ischiasbeschwerden diagnostizierte und eine Salbe verschrieb. Als die Schmerzen anhielten, liess sich Marlen von einem Unfallchirurgen röntgen, der auf dem Bild jedoch nichts Auffälliges entdecken konnte.
Staatspreis für Erzählband
Der Claassen Verlag veröffentlichte 1968 den Erzählband Schreckliche Treue, mit Marlen Haushofers Geschichten, die sie nur mit Anstrengungen im Dezember 1966 fertig gestellt hatte. Die Sammlung stiess bei der Kritik auf breiteres Interesse als der Kindheitsroman (Himmel, der nirgendwo endet) oder der von Oskar Jan Tauschinski im Jahre 1966 zusammengestellte Erzählband Lebenslänglich. Man war überwiegend voll des Lobes für die Erzählungen aus Schreckliche Treue, und der Autorin wurde 1968 zum zweiten Mal der “kleine” österreichische Staatspreis” zugesprochen, der ihr gemeinsam mit Andreas Okopenko im Mai 1969 überreicht wurde. Bei den grossen Preisen des Landes ging Marlen Haushofer jedoch leer aus. In jenen Jahren hiessen die Träger des “grossen” Staatspreises Carl Zuckmayer, Fritz Hochwälder, Elias Canetti, Ingeborg Bachmann, Christine Busta oder Christine Lavant. In ihrer näheren Heimat Oberösterreich nahm man die Schriftstellerin gar nicht wahr. So wurden der Adalbert-Stifter-Preis und andere Förderungspreise stets an andere Dichter verliehen.
Zweite Auflage von “Die Wand”
Anfangs 1968 begann Marlen mit einem neuen Buch, fand jedoch kaum Ruhe, Frieden noch Zeit, wie sie in einem Brief an Jeannie Ebner schrieb: “Mein grösster Kummer ist natürlich immer noch mein kranker Vater, der weder leben noch sterben kann. (…) Im Herbst hatte er wieder einen Schlaganfall und hat fast alles vergessen, was er jemals erlebt hat. Gemütlich hat er sich aber garnicht verändert, das heisst, er ist eher liebesbedürftiger und zärtlicher als früher, keine Spur von Bosheit oder Ungeduld und dabei muss er so leiden durch diesen elenden Dauerkatheter. Dabei wird es langsam auch eine Frage, wie lange meine Mutter das noch aushalten kann. Sie wird immer eigensinniger und verkalkter und lässt sich von mir nichts sagen. (…) Dabei soll ich mich nicht aufregen und hab einen viel zu hohen Blutdruck, muss täglich zwei Pillen nehmen, die machen mich nur müde und gedrückt, aber ich muss sie nehmen. Glaub nicht, dass ich auf meine alten Tage ein Hypochonder geworden bin, ich schreib Dir so nur die Hälfte aller Zwidernussen und nur, damit Du Dir ein Bild von meinem Leben machen kannst.” Über ihre mittlerweile chronischen Schmerzen in der Hüfte berichtete Marlen jedoch nichts.
Marlen Haushofer versuchte, für das Buch Die Wand, das inzwischen seit zwei Jahren vergriffen war, eine Neuauflage zu erreichen. Bei Claassen rannte sie mit ihrem Wunsch offene Türen ein. Im März 1968 wurde zudem Die Wand im ORF-Radio von Marlens Freundin Elfriede Ott gelesen. Diese Lesung in der Vormittagsreihe “Roman in Fortsetzungen” brachte Marlen in ihrer Heimat einen deutlichen Popularitätsschub. Zum ersten Mal durfte sie erfahren, wie es war, im eigenen Umfeld als öffentliche Person wahrgenommen zu werden. Sie erhielt viele Zuschriften – im ORF musste gar eigens eine Sekretärin für die Beantwortung der Hörerpost freigestellt werden. Im Mai 1968 fuhr Marlen Haushofer erneut nach Rom, dieses Mal zusammen mit ihrem Mann Manfred. Die beiden gesundheitlich angeschlagenen Erholungsuchenden waren jedoch den Strapazen einer Besichtigungsreise nicht gewachsen. Marlen notierte in ihrem Tagebuch unter anderem, dass “Waschungen und Salbungen” jeweils zum abendlichen Ritual des Ehepaars gehörte.
Nur alles hergeben, verströmen, nichts behalten…
Den Sommer über arbeitete die Autorin an ihrem Roman, den sie zu jenem Zeitpunkt noch “Ein Zwischenspiel” nannte. Im September war die erste Fassung fertig. Einen Monat später unternahm Marlen mit Elli Mohr eine Reise nach Florenz. Ihre Hüftschmerzen waren mittlerweilen so stark geworden, dass sie sich für die Spaziergänge in der Stadt weiche Hausschuhe kaufen musste. Nach ihrer Rückkehr liess sie sich in Steyr durch einen Facharzt gründlich untersuchen. Diesmal wurde am rechten Hüftgelenk eine bereits apfelgrosse Geschwulst festgestellt. Diagnose Knochenkrebs. Marlen Haushofer äusserte gegenüber Oskar Jan Tauschinski von der Auffassung ihres Arztes, jeder Krebs sei eine “unbewusst gewollte Krankheit”, eine Art stiller Selbstmord. Marlen war eine solche psychosomatische Deutung nicht fremd, so schrieb sie einmal in ihr Tagebuch: “Soll zum Arzt, weiss dass er nichts tun kann gegen eine Veranlagung. Rasche Abnützung. Tendenz zur Verschwendung wie in jeder anderen Hinsicht. Ebenso die Neigung zu Blutungen u. Durchfällen. Nur alles hergeben, verströmen, nichts behalten. Äusserst ungesunde Veranlagung so kann man eigentlich nicht alt werden. Äusserst depressiv oder eher wütend. Vielleicht hormonelle Störungen. Blutdruck 190. Es nagt alles mögliche an mir. Längstvergangene Ärgernisse sind quicklebendig. Habe überhaupt garnichts vergessen oder verziehen. Wundert mich, da sonst so vergesslich. Komme sichtlich über garnichts hinweg.” Im Spätherbst 1968 liess sich Marlen Haushofer einer Therapie unterziehen. Gleichzeitig arbeitete sie mit eiserner Disziplin an der Fertigstellung ihres Romans, den sie nach nur neun Monaten fertig stellen sollte. Noch vor Weihnachten wurde sie auf Betreiben Hans Weigels in der “Wiener Privatklinik” aufgenommen. Im Januar 1969 liess Marlen das Manuskript zu ihrem neuen Roman, den sie mittlerweile in Die Mansarde umbenannt hatte, ihrem Verlag zukommen. Dort honorierte man es als “grossartiges Manuskript, obwohl es ja in weiten Bereichen manchmal sehr quälend wird”.
Krankheit und schlechtes Gewissen
In den ersten Monaten des Jahres 1969 stritten sich der Verleger (Claassen) und die Autorin um den Titel und Untertitel der Geschichte. Die Bezeichnung “Roman” störte Erwin Barth von Wehrenalp (Claassen Verlag) und er schlug stattdessen “Seelenbeichte” oder “Lebensbeichte” vor. Auch den Titel wollte er ändern in “Das Zimmer im Dachgeschoss. Bekenntnisse”. Marlen wandte sich hilfesuchend an ihren Freund Hans Weigel. Dieser hatte dann mit dem deutschen Verlag nicht nur um den Titel, sondern auch um österreichische sprachliche Selbstverständlichkeiten kämpfen müssen. Der deutsche Verlag hätte ansonsten beispielsweise den “Bücherkasten” in “Bücherschrank” umbenannt.
Marlen Haushofer begann anfangs 1969 zusätzlich zur Chemotherapie eine Strahlenbehandlung. Selbst in der Klinik wirkte die Schwerkranke sehr beherrscht, plauderte mit ihren Freunden und Bekannten unbekümmert über unverfängliche Themen. Ihr Bruder Rudolf sass jeden Abend an ihrem Krankenbett, während ihre Freunde Oskar Jan Tauschinski, Hans Weigel und Elfriede Ott sich täglich um sie kümmerten. Inwieweit Marlens Familie von der Aussichtslosigkeit der Situation wusste, und inwieweit sie dieses Wissen vor der Kranken geheim hielt, ist unbekannt. Manfred äusserte später einmal, er habe von Anfang an von der Tödlichkeit der Krankheit gewusst. Marlens Freunde jedoch hatten den Eindruck, dass die Familie den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollte. Ihrem Vertrauten Oskar Jan Tauschinski verbot Marlen ausdrücklich, ihren Angehörigen die Wahrheit zu sagen…und ihr Mann sollte sich später beschweren, dass man ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte. Bewusst weihten die Freunde Marlens den Ehemann nicht ein; man wollte nicht, dass dieser öfter nach Wien kam. Der Wiener Freundeskreis tat sich schwer mit dem Zahnarzt aus Steyr; Hans Weigel mochte Manfred nicht und machte ihn für das familiäre Angekettetsein Marlens verantwortlich. Marlen hingegen sorgte sich noch als Schwerkranke um die Gesundheit von Manfred. So erzählte die Kulturjournalistin Elisabeth Pablé einmal, die Marlen Anfang Sechziger in Salzburg kennengelernt hatte: “Marlen hatte fast immer ein schlechtes Gewissen, weil sie ‘nicht genug Zeit für ihre Familie aufbringen konnte’. Hans Weigel sagte daraufhin einmal zu ihr: Du weisst, Marlen, was Du falsch machst (…), wenn der Manfred dich um ein Butterbrot bittet, dann machst du ihm drei.”
Das letzte Buch
Im März 1969 neigte sich die erste Strahlentherapie von 34 Behandlungen ihrem Ende entgegen. Marlen blieb in Wien und übersiedelte in das Haus ihres Onkels Hans Frauendorfer, wo sie von dessen Frau Käthe liebevoll umsorgt wurde. Marlens Mutter schrieb in dieser Zeit ausführliche Briefe an ihre Tochter und bezeugte damit ihre grosse Liebe. Nach Ostern durfte Marlen nach Hause fahren. Ihr Mann Manfred hatte inzwischen den Umzug vom Taborweg in eine neue Eigentumswohnung an der Johann-Puch-Strasse 6 vollzogen. Die Besitzer das Zweifamilienhauses am Taborweg hatten schon 1968 Eigenbedarf angemeldet, woraufhin sich die Haushofers eine eigene Wohnung gekauft hatten. Marlen gewöhnte sich nur schwer ein. Neubauwohnungen mit dünnen Wänden hatte sie noch nie leiden können, und nun wohnten gleich vier Kinder über ihr. Trotz Schmerzen und ständiger Benommenheit gab Marlen das Schreiben nicht auf. Bildete sie sich etwa ein, solange sie etwas zu erzählen hat, würde sie nicht sterben? Sie nimmt ein Heiteres Theaterstück in Angriff; ein anspruchsloses Werk, das von zwei Freundinnen handelt, die beschliessen, die Ehemänner zu tauschen, um die Erotik in ihren Beziehungen etwas zu beleben. Sie liess das Lustspiel Hans Weigel zukommen, der nichts davon hielt. Marlen nahm die Kritik gelassen, sie habe mit Theaterstücken eh’ keinerlei Erfahrungen. So machte sie sich an ihr letztes Werk, ein Kinderbuch mit Titel Schlimm sein ist auch kein Vergnügen. Dieses Buch sollte erst nach Marlens Tod erscheinen und wurde in Österreich bald zum Klassiker für Kinder.
Im Mai 1969 erlitt Marlens Vater einen weiteren Schlaganfall; während seines Spitalaufenthalts verbrachte sie jeden Nachmittag bei ihm. Die Verleihung des Staatspreises im Unterrichtsministerium dürfte für die Kranke in jener Zeit der einzige Lichtblick gewesen sein. Wiederholt fuhr sie zur Kontrolle nach Wien. Die Bestrahlungen brachten keinen Erfolg. Die intensive Chemotherapie liess ihr die Haare ausfallen und benebelte ihr die Sinne. Kortison schwemmte ihre sonst so feinen Züge auf. Sie wurde immer menschenscheuer. Dennoch fuhr das Ehepaar im Juli 1969 an den Gardasee, um dort alte Freunde zu treffen.
Anfang September 1969 erschien Die Mansarde. Die Kritik war einmal mehr uneinheitlich: Viele empfahlen das Buch als Lektüre für Damen, andere hielten den Roman für pädagogisch schädlich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ verriss die Neuerscheinung: Von “altfränkischem Alltag” und “Mansardenschmock” war hier die Rede.
Zu Weihnachten 1969 schrieb Marlen Haushofer an Oskar Jan Tauschinski eine Karte und spielte ihren Gesundheitszustand in höchstem Grad herunter: Sie wolle den Freund nicht mit ihrem Gesundheitszustand langweilen. Er (der Gesundheitszustand) sei ‘eher ziemlich mies’. “Aber hoffen wir fröhlich auf 1970. Dir wird vielleicht ein neues Rückgrat, mir ein neuer Popo und Manfred ein neues Herz wachsen.”