Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/3990

Stadtkreis Mattenbach
Der Stadtkreis Mattenbach ist der weitaus Jüngste der sieben Winterthurer Stadtkreise. Er wurde aus verwaltungstechnischen Gründen 1973 vom zu gross gewordenen Kreis Altstadt abgetrennt.
Vom Deutweg zum Mattenbach-Quartier
Das Gebiet zwischen Altstadt und Seen war landwirtschaftlich genutztes städtisches Umland. Ab 1834 wurde die Tösstalstrasse gebaut. Sie ermöglichte die bauliche Entwicklung dieser weiten Fläche. Das um 1830 errichtete Bauerngut zum «Tiefenbrunnen» am Deutweg erinnert an diese Periode. Der unverbaute Mattenbach trat dann und wann über das Ufer, hatte jedoch im Unterschied zur Eulach für die im industriellen Zeitalter so wichtige Wassernutzung keine Bedeutung. Dafür ermöglichten der Wasserlauf und die Bodenbeschaffenheit ab den 1887er-Jahren im Winter die Einrichtung eines Eisfelds. Das war damals ein Freizeitangebot der besonderen Art für die Stadtbevölkerung.
Die Quartierentwicklung setzte an der Eulach ein, wo 1845 der Bischofszeller Johann Jakob Weber eine bereits bestehende Färberei in der Schleife übernahm und rasch ausbaute. Zwischen dem Industriebetrieb und der Stadt entstanden entlang der Tösstalstrasse erste Landhäuser wie der «Adlergarten» oder die Villa «Flora». Mit der Erschliessung der ehemaligen «Gärtnervorstadt» und des neuen Geiselweid-Quartiers festigten sich in den 1870er-Jahren jene Strukturen, die bis heute das Strassen- und Bebauungsnetz prägen. Neben den Industriebetrieben wurden erste Arbeitersiedlungen errichtet, so 1872 das Gerber- und das Mühlebrückeviertel mit seinen charakteristischen Backsteinbauten.
Als erstes Bauprojekt (Architekt Ernst Jung) wurde 1872-1877 ein Arbeiterdorf im Deutweg erstellt. Im heutigen Dreispitz, unterer Deutweg-Weberstrasse-Tösstalstrasse entstand eine rechtwinklige Gesamtanlage mit vier Haustypen. Den Wohnbauten an der unteren und oberen Schleifestrasse, an der mittleren und unteren Gerberstrasse, sowie an der Färber- und Weberstrasse sind Nutzgärten vorgelagert und ein zentraler Quartierbrunnen diente der Wasserversorgung. 1877 baute der Architekt Vincenz Schädler auf der nördlichen Seite der Tösstalstrasse, an der Töpferstrasse erste Arbeiterhäuser. Sie zählen noch heute zu beliebten Wohnstätten.
Die Stadt griff aber nur schleppend über den Deutweg, einem besseren Flurweg, hinaus. Im Bereich der Hörnlistrasse erschlossen «Spekulanten», so die damals gängige Bezeichnung für private Bauherren, das Land und zogen entlang von Privatstrassen identische Häuserreihen hoch. Auf der Südseite der Tösstalstrasse befand sich einzig das «Talgut», das um 1850 errichtet wurde und zu dem ein Grossteil des landwirtschaftlich genutzten Gebiets bis an den Mattenbach gehörte. Dieses Areal rückte 1895 erstmals ins Blickfeld der Öffentlichkeit, als hier die Festhallen des Eidgenössischen Schützenfestes aufgebaut wurden. Die mächtige «Schützenlinde» zwischen den Häusern Mattenbachstrasse 43 und 45 erinnert bis heute an dieses Grossereignis.
1924 folgte, in der Umgebung der Zeughäuser, die kantonale Ausstellung für Landwirtschaft und Gartenbau. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Neuerschliessung und Neugestaltung des «Talgut»-Areals bereits Form angenommen. Im Herbst 1914, wenige Wochen nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nahm nämlich neben dem «Talgut» das Tramdepot seinen Betrieb auf und markierte eine entscheidende Etappe im stadtweiten Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Mit der Strassenbahn kam das Personal an den Deutweg, wollten doch viele Trämler so nahe wie möglich beim Depot wohnen. Der Bau von Wohnungen konzentrierte sich jedoch auf das bisherige Siedlungsgebiet. In den Jahren 1925 bis 1929 entstand ein sogenanntes Selbsthilfequartier am Eigenheimweg. Handwerker erstellten sich hier eine eigene Wohnüberbauung. Darum heissen noch heute die Erschliessungswege: Maurerweg, Schreinerweg, Glaserweg, Malerweg, Hafnerweg, Zimmererweg, Spenglerweg und Gipserweg. Zuvor sind an der Weberstrasse (1923/25) die Bernoulli-Häuser entstanden. Südlich der Tösstalstrasse am Deutweg beschränkte sich die Überbauung hingegen auf eine Barackensiedlung, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg als Antwort auf die Wohnungsnot errichtet wurde, sowie auf die Anlage eines Sportplatzes und eines Püntenareals gegen den Mattenbach hin. Das «Talgut» beschränkte sich um 1930 auf das Gebiet direkt an der Deutwegkreuzung, wo mit dem Wohn- und Geschäftshaus «Renz» wenig später erste grossstädtische Bauten entstanden.
Trotz grosszügiger Planungshorizonte blieb der Platz allerdings weiterhin ein «Entwicklungsgebiet», denn mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise kam das Bauwesen praktisch zum Erliegen. Eine einzige Siedlung bildete südlich der Tösstalstrasse einen ersten Markstein: 1934 entstand am Kreuzeggweg die private Wohnkolonie «Talgut-Deutweg» mit 22 Einfamilienhäusern in Zweier- oder Dreierblocks, die durch die Architekten Hauser und Ruf konzipiert wurde. Der Bau einer weiteren Siedlung am Mattenbach wurde hingegen mit Blick auf die Korrektur des Gewässers vorläufig sistiert, während ein Bebauungsplan für das Areal «Mattenbach» zwischen der Tösstalstrasse und dem Waldrand 1933 zwar gutgeheissen, aber auf Eis gelegt wurde. Dafür wurde der Ausbau des kleinen Sportplatzes beim Mattenbach zu einer zentralen städtischen Sportanlage geprüft; letztlich erhielt dann der heutige «Deutweg» den Zuschlag als künftiger Standort.
Als die reformierte Kirchenpflege 1931 den Kauf des «Talgut»-Areals beschloss, um ein Kirchenbau zu realisieren, war die Quartierplanung im Gang, jedoch krisenbedingt nicht sehr weit fortgeschritten. Der zuversichtliche Blick in die Zukunft stützte sich nicht zuletzt auf die städtische Strassenplanung, die den Deutweg aufwerten und damit der künftigen Kirche einen prominenten Platz sichern sollte. Im Rahmen von Notstandsarbeiten wurde ab 1934 der Untere Deutweg als Fortsetzung der Breitestrasse als "Verkehrsstrasse sekundärer Wertung» gezielt mit Kanalisation, Trottoirs und einer Baumallee ausgebaut. Auch wenn die geplante oder erhoffte weitere Erschliessung durch Siedlungen vorläufig ausblieb, war wenigstens der Raster für die kommende Entwicklung gelegt. Interessanterweise ging der Prozess jedoch weniger vom Deutweg als vom Waldheim aus, wo die vorstädtische Überbauung weiter gediehen war und wo mit der 1934 geweihten Kirche Herz Jesu ein katholisches Bauprojekt den protestantischen Plänen immer einen Schritt voraus war. Die Realisierung der Zwinglikirche ist zwar keine Reaktion auf das katholische Gotteshaus, doch die beiden Kirchen stehen in unmittelbarer Beziehung zueinander, was die Baugeschichte und die Formensprache betrifft. Die beiden Glockentürme dominieren zudem das Quartierbild bis heute.
Kirchlicher und städtebaulicher Aufbruch
Mit der Kirche Herz Jesu (1934) und wenig später der Zwinglikirche (1940) entstanden neben dem Tramdepot jene beiden Gebäude, die das künftige Mattenbach-Ensemble prägen sollten. Bemerkenswert ist nicht nur diese ungewöhnliche Quartierstruktur, bemerkenswert ist auch der letztlich erstaunlich weite Planungshorizont, denn erst die Realisierung der Zwinglikirche läutete letztlich die grossflächige Überbauung zwischen der Tösstalstrasse und dem Mattenbach ein. Ausschlaggebend für die Wahl des Standorts waren die zukünftige Nutzung des Deutwegs als wichtigen Strassenzug und die kommende Bautätigkeit im Quartier. Die Folgen der Wirtschaftskrise hemmten die städtische Politik indes, sodass erst mit der Konkretisierung des Zwinglikirchenprojekts der Strassenraum und damit der Raster der Überbauung endgültig abgesteckt wurde. In der Betonung der Kirche durch eine Platzgestaltung mit Bäumen war man sich rasch einig, heikler war jedoch die Kostenberechnung, musste doch die Kirchgemeinde Land für ein Trottoir abgeben und sich an der Anlage des Zwingliplatzes von stattlichen 55 x 26 Metern finanziell beteiligen. Ein Landabtausch mit der Stadt ermöglichte immerhin eine bessere Gestaltung des Kirchenvorplatzes und Anfang 1939 nahm der Stadtrat die Anregung der Kirchenpflege gnädig auf, dem Platz und der davon wegführenden neuen Erschliessungsstrasse die Namen Zwingliplatz und Zwinglistrasse zu geben.
Neben den Kosten sorgte sich die Kirchenpflege auch um die «Nachbarschaft». Der absehbare «Bauboom» drohte die Kirche städtebaulich zu entwerten. So wurde die Frage einer Sigristenwohnung mit der Möglichkeit einer Mitsprache bei der Überbauung verknüpft, die Platzierung der Kirche auf einem kleinen Hügel in Betracht gezogen und immer wieder die Kirchenarchitektur in Bezug zur Quartiergestaltung gesetzt. Die Angst einer «Verschandelung der Zwinglikirche durch unpassende Bauten», so die Kirchenpflege Mitte 1941, stand lange im Raum, und man setzte alles daran, dass die umliegenden Neubauten nicht übermässig in die Höhe schiessen und die Kirchensilhouette «ungünstig beeinflussen» konnten — mit Erfolg. Heikler war anfänglich vielmehr der nahe Sportplatz, der als Übergangslösung geduldet war. Im Sommer 1940 beklagte sich die Kirchenpflege über die Störung des Gottesdienstes und vor allem der Kinderlehre durch allzu lautes Fussballspiel. Mit dem raschen Fortschreiten der Bautätigkeit erledigte sich dieses Problem von selbst.
Die erste grössere, neue Siedlung kam ins Zelgli zu liegen, wo die junge Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft gegen einigen Widerstand 1944 die kinderfreundliche Siedlung «Zelgli» realisierte. Fast gleichzeitig begann von der Tösstalstrasse her die Überbauung des Mattenbach-Areals, wo 1946 bis 1953 die etappierte Korrektion des Mattenbachs, gemäss Stadtrat «unerlässlich zur Beseitigung der bei hohen Wasserständen bestehenden Überschwemmungsgefahr», die nötigen Voraussetzungen für die Erschliessung schuf. Im Herbst 1946 konnte die neue Wohnkolonie Mattenbach an der Zwinglistrasse bezogen werden, welche dem Gebiet hinter der Kirche und dem Depot sein charakteristisches Gepräge verlieh. Diese Überbauung wurde durch die gemeinnützige Baugenossenschaft (heute Talgut-Genossenschaft) realisiert. Sie entstand im Umfeld des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Verbands Winterthur. Die Wohnhäuser wurden durch die Architekten Isler und Eidenbenz geplant und gebaut. Der Landbote beschrieb am 23. Oktober 1946 diese Häuser als preisgünstige, aber wohnlich-behagliche und einheitliche Siedlung mit Spielplätzen, Grünflächen und Gärten für Küchengemüse und Schnittblumen. Aus einer Notsituation geboren, richtete sich diese Genossenschaft vor allem an Metallarbeiter, die in Oberwinterthur oder im Tössfeld beschäftigt waren und über Mittag nach Hause fahren wollten. So bescheiden die heute vor dem Abbruch stehende Siedlung „Talgut“ erscheint, so modern und grosszügig war sie in ihrer Zeit. Der «Landbote» würdigte die Wohnkolonie gar als einen Ort, wo «die Winterthurer Arbeiterschaft Heime findet, die sie an der modernen Wohnkultur Anteil haben lässt». Wenig später folgte der „Vatikan“. Das waren die Wohnhäuser an der Langgasse entlang der heutigen Zeughauswiese. Eine katholische Wohnbaugenossenschaft hatte sie errichtet. Heute sind sie im Besitz der privaten Bewohner.
In der zweiten Hälfte des 20. Jhdt. entstanden Wohnblöcke in schneller Folge, die zum Ziele hatten, der erneuten grossen Wohnungsnot in Winterthur entgegenzutreten. Nur die rechtzeitige Erlassung einer Freihaltezone verhinderte ein Zusammenwachsen mit Seen. Die unkonventionelle Überbauung mit Fertigbauelementen im Gutschickquartier, im Volksmund nach dem damaligen Bauamtvorsteher Heinrich Zindel auch „Zindel-Hörner“ genannt und von drei Wohnbaugenossenschaften errichtet, prägen seit 1967 den nördlichen Teil dieses Stadtkreises. Wenn der Stadtkreis auch nicht mit historischen Zeugen aufwarten kann, steht er den übrigen Vorortskreisen keineswegs nach. Nebst guten Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Poststelle und je eine reformierte und katholische Kirche fehlt auch ein modernes und beliebtes Quartierzentrum mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten nicht. Auch sind die gesamtstädtischen Sportstätten Hallenbad, Eishalle mit Aussenanlagen, Fussballplätze und die Turn- und Leichtathletikanlage Deutweg mit Kunststoffrundbahn im Stadtkreis Mattenbach angesiedelt. Der Name des Stadtkreises stammt vom gleichnamigen Gewässer, das am Rande den Stadtkreis durchfliesst und gleichzeitig ein Erholungsgebiet mit schönen Spazierwegen und den Zugang zum Eschenbergwald anbietet.
Der Mattenbach und ein Winterthurer Löwe bilden auch das Quartierwappen. Es wurde nach der Einsetzung des neuen Stadtkreises durch einen öffentlichen Wettbewerb, bei dem die Bevölkerung als Jury amtete, auserkoren und durch den Stadtrat eingesetzt.
Quelle
Dieser Glossar-Artikel basiert hauptsächlich auf einem Text von Peter Niederhäuser in der Publikation „75 Jahre Zwinglikirche“ aus dem Jahre 2014.
Der Name des Stadtkreises stammt vom gleichnamigen Gewässer, das am Rande den Stadtkreis durchfliesst und gleichzeitig ein Erholungsgebiet mit schönen Spazierwegen und den Zugang zum Eschenbergwald anbietet.
Der Mattenbach und ein Winterthurer Löwe bilden auch das Quartierwappen. Es wurde nach der Einsetzung des neuen Stadtkreises durch einen öffentlichen Ausschreibung, bei dem die Bevölkerung als Jury amtete, auserkoren und durch den Stadtrat eingesetzt. Dass mit dieser Wappenwahl nicht alle einverstanden waren, zeigt die Beantwortung einer "Kleinen Anfrage" durch den Stadtrat. Dieses Dokument ist unter "Dokumente" abgeleget.