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Wiederholt sich das Märchen aus dem letzten Jahr? Gestern fegte Stan Wawrinka den drittletzten Kontrahenten vom Platz. Vieles stimmt zuversichtlich, dass der Romand seinen Titel aus dem letzten Jahr verteidigen kann.
Was Stan Wawrinka gestern im Viertelfinal des French Open zeigte, war überragend. Ok, sein spanischer Widersacher Albert Ramos-Vinolas (ATP 55) war kein harter Brocken, aber der Spanier schlug im Achtelfinal immerhin Top-10-Spieler Milos Raonic (ATP 9).
Ein kurzer Rückblick auf das letzte Jahr zeigt, dass Wawrinka damals im Viertelfinal Roger Federer bezwang und damit einen grossen Schritt Richtung Titel – aber auch aus dem Schatten des Tenniskönigs – machte. In diesem Jahr ist er, nach der Absage von Federer, nun sogar die einzige Schweizer Hoffnung im Männertableau. Und mit der Titelverteidigung könnte er das ganze Land erneut verzücken.
Zu Beginn des Turniers hatte Wawrinka, der in der Vorwoche vor Roland Garros das Heimturnier in Genf gewann, ein schwieriges Spiel gegen Lukas Rosol, das ihm gleich alles abforderte. Nach 1:2-Satzrückstand zog der Titelverteidiger den Kopf aber aus der Schlinge und gewann in fünf Sätzen.
Danach gab die Nummer 4 der Welt auf dem Weg in den Halbfinal nur noch einen Satz ab. Er steigerte sich kontinuierlich und im Viertelfinal zeigte sich der Romand in Topform. Und vom letzten Jahr wissen wir, wenn Dampflok Wawrinka einmal in Fahrt gekommen ist, kann man ihn kaum mehr stoppen.
Die nackten Zahlen sprechen eigentlich ja eher für einen Sieg von Andy Murray. Doch schaut man noch etwas genauer hin, so ist aktuell Stan Wawrinka am längerem Racket. Die letzten drei Partien gegen den Briten konnte der Schweizer allesamt ohne Satzverlust gewinnen – zuletzt an den World Tour Finals in London. Auch auf Sand hat der Romand noch eine reine Weste (3:0) gegen die Weltnummer 2.
Kommt noch dazu, dass Murray etwas mehr Mühe hatte auf seinem Weg in die letzten Vier. In den zwei Fünfsätzern zu Beginn des Turniers und in der ersten Phase des Halbfinals gegen Richard Gasquet überzeugte Murray nicht.
Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Absenz des grossen Roger Federer den Romand beflügelt. Er ist das erste Mal das alleinige Schweizer Aushängeschild an einem Grand-Slam-Turnier und fühlt sich in dieser Rolle sichtlich wohl.
In den Interviews nach seinen Spielen zeigt er sich gut gelaunt und locker. Dazu lässt er seine Follower auf Social Media hautnah dabei sein – er geniesst den Rummel und von Druck ist keine Spur.
Mit der Motivation und dem Selbstvertrauen, als Titelverteidiger bei den French Open zu spielen, kann Wawrinka die letzten beiden Hürden packen und wieder zum Sandkönig von Paris werden.
Die Weltnummer 4 schein im Kopf bereit zu sein. Dazu leistet sicher auch sein Trainer Magnus Norman einen grossen Anteil. Nach den Enttäuschungen im Frühjahr sagte Norman: «Er hat schwierige Wochen hinter sich. Aber er macht im Training die ganze Zeit Fortschritte. Die Richtung stimmt.» Ja, diese Richtung stimmt wirklich. Und wenn Wawrinka mal kurz von seinem Weg abkommt – wie im Startspiel gegen Rosol – hilft ihm sein Kampfgeist und die mentale Stärke. Sein Trainer war aber bestimmt froh, dass es sein Schützling nicht immer so spannend machte.
Novak Djokovic, die Weltnummer 1 aus Serbien, ist mittlerweile bei jedem Turnier der grosse Favorit. Gewonnen hat er eigentlich schon fast alles – ausser eben das French Open. In einem Final zwischen «Nole» und «Stan» könnte das zum entscheidenden Faktor werden. Der Serbe will ENDLICH den Titel in Paris holen und den Karriere-Slam perfekt machen.
Der Haken: Bereits im letzten Jahr machte ihm Stan Wawrinka einen Strich durch diese Rechnung. Für den Schweizer hingegen wäre die Titelverteidigung eine Krönung, eine Finalniederlage gegen Djokovic aber kein Drama.
Und falls es tatsächlich nochmals zum Final Djokovic gegen Wawrinka kommen sollte, wird der Schweizer deutlich ausgeruhter ans Werk gehen. Wegen des Regens kommt Djokovic in der letzten Woche im Gegensatz zu Wawrinka nur zu einem einzigen Ruhetag (Samstag).