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Orpierre – Klettern als Chance. Im Einklang von Natur, Plaisirklettern und sanftem Tourismus
Orpierre war einst fast verwaist und hoch verschuldet, Perspektiven für die Zukunft der letzten Bewohner gab es keine. Doch dann entdeckten Kletterer die Qualität der Felsen im Tal - und zu schreiben ist die Geschichte eines französischen Städtchens, das sein Überleben dem Klettersport verdankt und sich zum Vorzeigemodell für einen sanften Tourismus auf glatten Sohlen entwickelt hat.
Wer sich weder für Klettergebiete noch für die Hugenotten interessiert, wird höchstens per Zufall nach Orpierre gelangen, einem Städtchen in der südwestlichsten Ecke der Hautes Alpes. Fast gäbe es dieses nicht mehr, trotz des Charmes seines mittelalterlichen Kerns mit den verwinkelten, engen Gassen, in denen nicht einmal in der Mittagszeit die Sonne zu den grob gehauenen, feucht-kühlen Pflastersteinen vordringt. Unbewohnt und verfallen wären die jetzt liebevoll restaurierten Häuser im Talkessel unter der Felszinne «le Quiquillon» und den sechs Felswänden aus festem, griffigem Kalk.
Nach vielen Jahren des langsamen, aber stetigen Verfalls schien das Schicksal dieses Ortes in den Sechzigerjahren endgültig besiegelt zu sein: Die Anzahl der Einwohner schrumpfte von rund 1000 im Jahre 1846 im Laufe der Zeit auf 270 «Dickschädel» vorgerückten Alters, die sich der Notwendigkeit einfach nicht beugen und den Ort nicht verlassen wollten, in dem sie geboren und verwurzelt waren. Wie so viele Siedlungen in Frankreich hatte Orpierre zwar eine interessante Vergangenheit vorzuweisen, konnte seinen Bewohnern aber nichts für ein Auskommen in der Gegenwart bieten, geschweige denn Perspektiven für die Zukunft: Die Landwirtschaft, vor allem Schafzucht und Anbau von Getreide, Lavendel und Lindenblüten, hatte im Wettbewerb eines internationalen Marktes keine Chance. Bei den Bodenschätzen sah es nicht besser aus: Der Abbau von Zink und Blei in den Stollen von Orpierre war 1911 eingestellt worden, dasselbe Schicksal ereilte 1960 die Steinbrüche, in denen man seit 1930 Marmor abgebaut hatte. Gold gab es in Orpierre nicht, obwohl der Ortsname diese Assoziation weckt (or = Gold, pierre = Stein). Etymologisch gesehen stammt der Name Orpierre vom lateinischen «vallis petrosus», dem steinernen Tal.
Dabei hatte alles ganz viel versprechend begonnen: Orpierre entstand als Handelsstation an einer der Routen des Jakobsweges. Äusserst turbulent waren dann die Zeiten der Religionskriege. Wie der ganze Südosten Frankreichs wurde das protestantische Orpierre nach der Bartholomäusnacht (1572) zum Zufluchtsort von Hugenotten aus ganz Frankreich. Einer Zeit der Ruhe, bedingt durch das Edikt von Nantes, folgte mit dessen Aufhebung 1685 durch Ludwig XIV. die Flucht der Hugenotten ins Ausland. Orpierre verlor einen Drittel seiner Bevölkerung. Von diesem Schlag konnte sich die Gemeinde zwar erholen, aber Anfang des 19. Jahrhunderts begann dann der langsame Niedergang bis hin zur Agonie.
Der Retter, der 1970 kam, zum Bürgermeister gewählt wurde und Orpierre aufweckte, heisst Raymond Chauvet und ist heute noch im Amt. Den ersten Lichtblick brachte das «Maison de Lavande», eine soziale Einrichtung für Kinder mit Lernschwächen, die der Bürgermeister nach Orpierre holte. Die Gemeinde liess Wohnungen renovieren und vermietete sie an die Erzieher. Mit den Einkünften wurden weitere Wohnungen fertig gestellt und wiederum vermietet, das Rathaus wurde zur Immobilienagentur und erzielte Einkünfte, die endlich für einen kleinen Spielraum sorgten. Doch dann schloss die einzige Bäckerei des Dorfes, ein Nachfolger fand sich nicht. Chauvet löste das Problem, indem er eine Bäckerei baute und samt Laden und Wohnung einem Bäcker-Ehepaar zu einem Mietpreis anbot, dessen Höhe sich jeweils nach dem erzielten Umsatz bemass. Damit schuf er die erste Gemeindebäckerei Frankreichs, ein Modell, das fortan in der Provinz Schule machen sollte. 1976 schlössen sich mehrere Dörfer rund um Orpierre auf Chauvets Initiative zur «SIVOM» zusammen, einer wirtschaftlichen Kooperative, die erstmals Fördermittel aus den Töpfen der Region, Jahre später auch aus denen der Europäischen Union bekam. Es tat sich was, aber noch immer nicht genug...
Mit Dominique Jugy und Pierre-Yves Bochaton kamen zwei begeisterte und sich für das Wohl ihrer neuen Heimat mit idealistischem Elan einsetzende Kletterer nach Orpierre und entdeckten das «Plaisir»-Potenzial der Felsen. Pierre-Yves Bochaton wurde zu einem Märchenprinzen für Orpierre. Es gelang ihm, den Bürgermeister für einen «Kletter-Tourismus» zu begeistern. Bochaton und befreundete Kletterer begannen 1983, Routen im felsigen Amphitheater um Orpierre zu eröffnen. Nach den ersten euphorischen Artikeln in französischen Klettermagazinen und steigenden Übernachtungszahlen standen die Jahre 1987 bis 1995 im Zeichen einer umfangreichen Erschliessung. Auch danach wurde Jahr für Jahr investiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Es gibt weit über 350 Routen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden zwischen 3c und 8c ( zwischen IM. und X./Xl. Grad UIAA ) - von ganz leichten Anstiegen über ein enorm breites Angebot schönster Ein-Seillängen-Plaisirrouten (4a bis 6b) und längeren ausgesetzten Touren von fünf Seillängen am « Quiquillon » bis hin zur «Mission impossible», einem Dach, an dem sich selbst die internationale Elite die Finger lang ziehen kann.
Die gute Absicherung und die Qualität des Gesteins wurde ergänzt durch eine Infrastruktur, die auf die Bedürfnisse der Kletterer zugeschnitten ist und gleichzeitig die Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes berücksichtigt: Die Wege zu den Wänden wurden befestigt, um der Erosion durch Trittschäden vorzubeugen, ein Naturlehrpfad angelegt, Parkplätze und beim etwas abseits gelegenen Klettergebiet « Les Quatre Heures » am Parkplatz ein WC mit solarbetrie-bener Kompostieranlage eingerichtet.
Selbstverständlich gibt es im Ort alles, was der Kletterer und Urlauber braucht. Ein grosser, schön angelegter Campingplatz mit Schwimmbad und kostenloser Kinderbetreuung sowie gemütliche kleine Appartements und Gîte d'étapes im historischen Zentrum und in den umliegenden Gemeinden runden das Angebot ab. Zudem beschränken sich die Anstiegszeiten zu den einzelnen Felswänden auf 5 bis 15 Minuten. Wer im Ort wohnt und nicht gerade zu den Gehfaulen gehört, braucht somit sein Auto überhaupt nicht, ausser, man will eines der zahlreichen Klettergebiete in der näheren Umgebung aufsuchen.
Längst ist Orpierre zu einem beliebten Urlaubsziel für den hier willkommenen «homo verticalis» aus ganz Europa geworden. Das wissen nicht nur die deutschen Kletterer zu schätzen, die aus ihren heimischen Klettergefilden durch oft überhaupt nicht nachvollziehbare Felssperrungen vertrieben werden, sondern auch viele Plaisirkletterer aus der Schweiz. Natürlich hat die Beliebtheit der kletternden Gäste bei den Einwohnern laut Bürgermeister Chauvet auch wirtschaftliche Gründe: So konnten dank des Klettertourismus in den letzten Jahren 25 Arbeitsplätze geschaffen werden. Zum ungetrübten Miteinander von Gästen und Einwohnern trägt ferner bei, dass die Dorfbewohner das Konzept eines Klettertourismus von Anfang an mitentwickelt und befürwortet haben. Durch geschicktes Planen wurden potenzielle Reibungsflächen zwischen kletternden Gästen und einheimischer Bevölkerung schon im Vorfeld beseitigt. Der Erfolg des Konzeptes ist klar erkennbar an der Dorfentwicklung, an den Wahlergebnissen des Bürgermeisters und der grossen Fan-Gemeinde unter den Kletterern, die es immer wieder nach Orpierre zieht - seit nunmehr über zehn Jahren!
Kein Wunder also, dass die Gebietserschliesser ihrem weitsichtigen und cleveren Bürgermeister, der sich nach eigenem Bekunden nie und nimmer freiwillig in eine Felswand begeben würde, ein Denkmal auf ihre Art gesetzt haben: Eine Route heisst «Merci M'sieur le Maire», Danke, Herr Bürgermeister. Kann mans denn schöner sagen?