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Mein hochverehrter Herr!
Gemäß dem von Ihnen geäußerten Wunsche komme ich, Ihnen meine Ansicht über den Finanzplan für die Verwirklichung der Gotthardunternehmung mitzutheilen, den Sie mir allerdings mit der Bemerkung, daß es nur eine Skizze, ein erster Entwurf sei, zur Kenntniß zu bringen die Freundlichkeit hatten. Ich muß vorausschiken, daß, was ich Ihnen schreiben werde, lediglich meine persönliche Ansicht ist, da ich im Hinblicke auf Ihren Wunsch, daß ich «Ihre verläufigen Mittheilungen unter meine besondere Discre| tion bringen möchte», dieselben gänzlich für mich behalten habe.
Die mir mitgetheilte Skizze des Finanzplanes hat zweifelsohne den Vorzug, daß sie mehr der gegenwärtig herrschenden Mode entspricht, als das Project, welches von unserm Schweizerischen Consortium aufgestellt & vor der internationalen Conferenz, beziehungsweise den Commissionen derselben in den Grundzügen acceptirt worden ist. Ich anerkenne auch vollkommen, daß auf die an den Börsen herrschende Mode bei der Gestaltung von Unternehmungen, wie das Gotthardbahnproject eine ist, in hohem Grade Rücksicht genommen werden muß. Ich glaube aber, daß dem mir von Ihnen zur Kenntniß gebrachten Finanzplane Bedenken | mehrfacher Natur entgegenstehen, denen, wie mir scheinen will, wird Rechnung getragen werden müssen, wenn der Plan nicht schließlich scheitern soll.
Vor allem glaube ich, daß die Schweiz vom politischen Standpuncte aus die schließliche Erwerbung des Gotthardbahnnetzes durch die subventionirenden Staaten, unter welchen das Ausland das entschiedene Übergewicht hat, nie zugeben würde & auch nie zugeben könnte. Abgesehen von dem entscheidenden Worte, welches in dieser Beziehung zu sprechen der Schweiz der Natur der Dinge nach zukommt, kann ich übrigens auch nicht annehmen, daß die subventionierenden auswärtigen Staaten es in ihrer Convenienz finden würden, Miteigen| thümer des auf dem Gebiete der Schweiz befindlichen Gotthardbahnnetzes zu werden. In dieser Richtung muß also nach meiner festen Überzeugung der Finanzplan modifizirt werden: denn hier stehen wir vor einem non possumus & zwar vor einem wohlbegründeten non possumus der Schweiz & es kann ja in niemandes Absicht liegen, etwas unerreichbares anzustreben!
Sodann hat der Vorschlag, daß das winzige Schärflein des Reinertrages der Bahn, welches den subventionirenden Staaten zukommt, dazu verwendet werden soll, um 100 Millionen fictiven Actiencapitales effectiv zu remboursiren, etwas außerordentlich stoßendes. Ich weiß zwar wohl, daß man entgegnen kann, wenn die Staaten ihre Subventionen à fonds | perdus geben würden, so bekämen sie nichts & könnten es in voller Gleichgültigkeit der Actiengesellschaft überlassen, einen Theil der Reineinnahmen zur Amortisation fictiven Actiencapitales, welches zu schaffen sie in ihrer Convenienz gefunden hat, zu verwenden. Aber es ist Ihnen aus Ihren parlamentarischen Erfahrungen so gut wie mir bekannt, daß in politischen Körpern – & wir bedürfen ja der Mitwirkung solcher zur Erhältlichmachung der Subventionen – stoßende Verhältnisse, wie sie mir in dem in Rede stehenden Vorschlage gefunden werden zu können scheinen, jeweilen mit einem ihre Bedeutung weit übertreffenden Erfolge ausgebeutet zu werden pflegen. Ich glaube daher, daß es wohl gethan wäre, die in Vorschlag gebrachte Form, durch welche | das Capital zur Actienbetheiligung angelockt werden soll, durch eine andere zu ersetzen oder doch wesentlich zu modifiziren.
Wohl sollte ferner nach meiner Ansicht noch erwogen werden, ob die Gotthardunternehmung wirklich darauf verzichten soll, eine Summe von 30–40 Millionen Franken, welche sich mit einem Jahresertrage von 5% begnügen würde, in ihr Finanzprogramm aufzunehmen. Nach dem mir gütigst mitgetheilten Finanzplane würde dieß geschehen. Ich glaube aber, daß Obligationen im Betrage von 30–40 Millionen, denen man vielleicht eine I Hypothek einräumen könnte & hinter denen ein Actiencapital von wenigstens 60–70 Millionen & ein Subventionscapital von 85 Millionen rangiren würden, unter nicht sehr onerosen Bedingungen | sollten placirt werden können. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn es nicht möglich werden sollte, einen bedeutenden Theil dieser Obligationen in der Schweiz zu begeben.
Schließlich darf ich nicht unterlassen, noch hervorzuheben, daß nach meiner Ansicht alle Anstrengungen gemacht werden sollten, um den Finanzplan für die Bildung der Gesellschaft zur Ausführung der Gotthardbahn innerhalb des in dem Schlußprotokolle der internationalen Conferenz & in dem Vertrage zwischen der Schweiz & Italien enthaltenen Rahmens zu halten. Abgesehen davon, daß eine Abweichung von diesem Rahmen in der Schweiz auf große Schwierigkeiten stoßen würde, will es mir scheinen, daß nachträgliche Veränderungen in dem von den Regierungen | der Schweiz & Italien's abgeschlossenen & unterzeichneten Vertrage als beinache unthunlich bezeichnet werden müssen.
Dieß sind die Eindrücke, welche ich bei wiederholter Prüfung des mir von Ihnen mitgetheilten Finanzplanes empfangen habe. Ich beschränke mich darauf, sie Ihnen zur Kenntniß zu bringen, & enthalte mich, Abänderungsvorschläge zu formuliren, wohl wissend, daß ich es mit den competentesten Fachmännern zu thun habe, welche viel besser als ich im Falle sein werdern, Modificationen in dem von ihnen aufgestellten Finanzplane eintreten zu lassen, falls sie sich zu solchen durch die von mir geäußerten Bedenken veranlaßt finden.
Ich wiederhole, daß, was ich Ihnen da geschriben habe, lediglich meine persön| lichen Ansichten sind. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Sie mir in einem nächsten Briefe mit weitern Eröffnungen Seitens Ihrer Mandanten in Berlin & am Rheine die Ermächtigung zukommen ließen, den aus bloß 5 Mitgliedern bestehenden Ausschusse unsers Consortium's von dem Stande der Vorarbeiten, welche in Berlin & am Rheine zum Behufe der finanziellen Gestaltung der Gotthardunternehmung gemacht worden sind, wenigstens confidentielle Mittheilung machen zu dürfen. Ich muß dieß zur Deckung meiner Verantwortlichkeit sehr wünschen & für die Discretion der Mitglieder des Ausschusses glaube ich garantiren zu können. Gewiß würden Sie mich dann auch ermächtigen, von dem dortigen Finanzplane Hrn. Bundesrath Welti Mittheilung zu | machen.
Am 24 Januar versammeln sich die Cantone & Bahngesellschaften, welche die von der Schweiz beizubringende Subvention von 20 Millionen Franken beschaffen sollen, unter dem Präsidium des Bundesrathes in Bern, um den Wortlaut der vom ihnen einzugehenden Verpflichtungen festzustellen. Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, daß es sehr erwünscht & der Sache förderlich sein müßte, wenn die Grundlagen für die finanzielle Gestaltung der Unternehmung vor dieser Conferenz etwas bestimmter festgestellt werden könnten, als sie es zur Stunde noch sind.
Die Regierung von Bern hat sich endlich ermannt & wird ihrem Großen Rathe ohne Beifügung der Bedingung der Subven| tionirung der Emmenthal–Entlebucher Bahn durch den Ctn. Luzern – Bedingung, an welcher lange mit großer Zähigkeit festgehalten wurde – eine Gotthardsubvention von 1 Million Franken beantragen. Der Canton Bern war zu 1½ Millionen taxirt. Diese Reduction ist nicht bloß um ihrer selbst willen, sondern auch wegen ihrer Rückwirkung auf andere Cantone, welche Subventionen zu geben, sich in der Stellung befinden, zu beklagen. In dieser Gotthardangelegenheit wir einem auch nicht Eine Schwierigkeit, die gedenkbar ist, erspart!
Die Nachrichten aus Italien lauten fortwährend günstig.
Und nun entschuldigen Sie mich mit gewohnter Nachsicht, daß ich Sie so lange | hingehalten habe, & seien Sie auf's herzlichste gegrüßt von
Ihrem ergebenen
Dr A Escher
Zürich
9 Januar 1870.