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«Deux jours, une nuit» der Dardenne-Brüder ist ein Film über vieles. Über die (Nicht-)Demokratie, über den Kapitalismus und seine Logik, die die Demokratie zweckentfremdet, und über die Möglichkeit von Alternativen.
Sandra (Marion Cotillard) war lange krank. Nun geht es ihr besser, aber in einer vermeintlich demokratischen Abstimmung wurde von ihren Kolleginnen bereits ihr Abgang beschlossen. Doch ihr Chef gibt ihr nochmal eine Chance – es soll noch zu einer zweiten Abstimmung kommen. Sie versucht nun, unterstützt von ihrem Mann, ihre Kolleginnen umzustimmen. Kein leichtes Unterfangen, denn wenn sie für den Verbleib Sandras im Betrieb stimmen, müssen die anderen auf ihre Prämie verzichten …
Zwar geht es den Menschen in «Deux jours, une nuit» besser als den Protagonistinnen in früheren Filmen wie «Le fils» oder «Rosetta». Trotzdem ist «Deux jours, une nuit» sicherlich einer der engagiertesten, politischsten Filme der Gebrüder Dardenne. Die belgischen Filmemacher sind für ihr kompromissloses Kino bekannt, und auch «Deux jours, une nuit» ist ein durchaus kompromissloser Film – der aber zugleich mindestens so hoffnungsvoll ist wie der Vorgänger «Le gamin au vélo». Ist «Deux jours, une nuit» ein Film über die Demokratie – über die Pervertierung der Demokratie – oder ganz einfach ein Film über die (mangelde) Solidarität der Angestellten? Über das ewige Ausspielen der Menschen gegeneinander, von dem die sogenannten Arbeitgeber profitieren? Ein Film nicht über die Demokratie, sondern eher über den Kapitalismus und seine Logik, die auch die Demokratie für seine Zwecke einsetzt? Wahrscheinlich – aber auch noch viel mehr: ein Film über häusliche Gewalt, über psychische Krankheiten (die wiederum auf den Kapitalismus zurückverweisen – Stichwort Burnout), über Rassismus und die Abwesenheit der Gewerkschaften.
Vielleicht geht es aber noch um etwas Spezifischeres: nämlich um das belgische Modell des Personalmanagements. Wie in Frankreich (nach Martin Hilb, «Integriertes Personal-Management. Ziele – Strategien – Instrumente», Luchterhand 1994), dominiert wohl in Belgien ein personalpolitischer Ansatz im Personalmanagement Belgiens. Genauso ist es ja auch im neuen Film der Gebrüder Dardenne: die Belegschaft entscheidet darüber, ob eine Kollegin im Team bleiben kann. Insofern erzählt der Film auch eine Geschichte, die in der Schweiz nie stattfinden könnte: hier hat die Belegschaft nämlich gar nichts zu sagen, weder im Guten noch im Schlechten. Das ist aber gar nicht unbedingt schlechter – denn die Alternativen, die die Bosse dem Staff in «Deux jours» verkaufen wollen, sind eben gar keine Alternativen. Egal also, ob ein personalpolitischer Ansatz, ein legalistischer Ansatz, ein Wildwest-Ansatz oder ein integrierter Ansatz gewählt wird: am Schluss gewinnt das Kapital. Das hat mit Demokratie nichts zu tun.
«Deux jours, une nuit». Belgien/Frankreich 2014. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Simon Cendry, Catherine Salée u.a. Deutschschweizer Kinostart: 30.10.2014.
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