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Reise von Grottaferrata nach dem Fucinischen See und Monte Cassino, im October 1794. Fortsetzung.
Ein Reisebericht ist der zweite Teil von Aloys Hirts Beitrag eigentlich nicht mehr – was ihn allerdings für mich eher interessanter macht. Land und Leute kann Hirt nicht schildern; aber bei der Schilderung seiner archäologischen Funde spürt man den Enthusiasmus des nach aussen so kühlen Forschers. Er wird jetzt im zweiten Teil auch recht konkret, wenn es um die Forschungen geht, die er bezüglich des von Claudius in die Wege geleiteten Baus eines Abflusses des Fucinischen Sees tätigt. Diesmal fehlt ie Widmung an Anna Amalia, wohl, weil sie ja schon vor dem ersten Teil stand; aber ich frage mich trotzdem, ob die Herzogin-Mutter mit Hirts Beitrag viel anfangen konnte – und ich erlaube mir, Anna Amalia als Stellvertreterin des allgemeinen Publikums zu sehen. Heute würde man so einen Artikel in einer Fachzeitschrift publizieren, und es ist ein Beweis für den immer noch nicht ganz erloschenen bildungspolitischen Auftrag, den sich die Horen selber gegeben haben, dass er hier aufgenommen wurde. Insofern und auch in sich selber die interessanteste Lektüre dieser Nummer.
Der Pilger.
Der Autor dieses Ergusses, Heinrich Christian Boie (1744-1806), gilt als einer der Gründerväter des Göttinger Hainbundes, dieser irgendwo zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang schwebenden Autorengruppe, deren heute bekanntesten Vertreter Voß (dessen Schwager Boie war) und Hölty sind.
Man sieht, ich halte mich bei biografischen Details auf, was fast immer ein Zeichen dafür ist, dass der zu besprechende Text wenig Qualitäten aufweist. Das ist auch hier der Fall. Vom Thema her haben wir eine Erzählung vor uns, wie sie auch Boccaccio in sein Decamerone hätte verweben können (das Thema stammt nicht von dort; jedenfalls erinnere ich mich an keine derartige Erzählung im Decamerone): Ein Regent verirrt sich bei der Jagd, trifft so zufällig auf einen Pilger, der ihm nach einigem Zieren ein unfehlbares Mittel anpreist, mit dem er (der König) das Intrigantentum seiner Höflinge aufdecken könne. Es kommt, wie es kommen muss: Das Mittel erweist sich als probat, und der Pilger wird Premierminister des Königs.
Das Ganze kommt allerdings nicht in Prosa, sondern in Versen daher, will also Ballade sein, und bildet bestenfalls ein nettes Häppchen für zwischendurch. Weder Empfindsamkeit noch Sturm und Drang haben in diesem Stück Spuren hinterlassen; ein wirklich balladesker Spannungsbogen kann auch nicht ausgemacht werden. Es wirkt auf mich, wie wenn es zum Zeitvertreib eines Höflings entstandene Literatur wäre.
Agnes von Lilien. Fortsetzung.
Nachdem der erste Teil noch Ansätze zu einer selbstbewussten Neugestaltung des Eigenbildes und des Selbstverständnisses der Frau im beginnenden 19. Jahrhundert aufwies, versinkt die Fortsetzung in Banalitäten und Kruditäten. Nichts kann m.M.n. die Agnes besser charakterisieren, als der Beitrag von User Gontscharow in unserm Forum, aus dem ich deshalb hier zitiere:
Es häufen sich Geheimnisse, Missverständnisse, seltsame Zufälle. Durch sie wird so etwas wie Spannung erzeugt, nicht durch die Charaktere oder die Geschehnisse. Und die Protagonistin ist allzu naiv, edel und fast auschließlich mit dem Beweis oder der Verteidigung ihrer Unschuld beschäftigt. Besonders lächerlich finde ich die ständigen verfänglichen Situationen, in die sie unschuldigerweise gerät und in denen seltsamerweise auch ihr verehrter von Nordheim immer zur Stelle ist, wodurch dann wieder Aufklärungsbedarf entsteht… Es geht mehr und mehr trivial zu.
Passons.
Ueber Wilhelm Meisters Lehrjahre (aus einem Brief an den Herausgeber der Horen.)
Wenn ich mich recht erinnere, stammt dieser Beitrag tatsächlich aus einem echten Brief des Jugendfreundes Körner an Schiller, war also ursprünglich gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Dies soll dem Autor zu Gute gehalten werden.
Es ist in der Tat erstaunlich, wie wenig Echo die Veröffentlichung von Goethes epoche-bildenden und daher mit Fug und Recht epochal zu nennenden Romans in den Horen hinterlassen hat. Eigentlich, mit Ausnahme dieser Rezension hier, gar keines.
Körner bemüht sich darum, die realistischen Seiten des Wilhelm Meister hervor zu heben. Wir müssen davon ausgehen, dass dies auch dem Selbstverständnis Goethes und dem Verständnis Schillers entsprach. Vielleicht haben wir bereits eine bewusste Abgrenzung der beiden Dioskuren von der sich formierenden Romantik vor uns, die ja vor allem das Ungeregelte im Wilhelm lautstark pries. Das entsprach nicht mehr dem Bild, das die beiden Klassiker von sich und ihren Werken hatten und zeigen wollten.
Der Preis, den sie dafür in den Horen zahlten, war diese knochentrockene und keineswegs inspirierte oder inspirierende Kritik Körners.
Fazit: N° 12 des Jahres 1796 markiert noch einmal stark den pädagogisch-volksbildnerischen Anspruch der Weimarer Klassik, zeigt noch einmal ihr (poetisches) Selbstverständnis. Trotzdem, oder wohl gerade deswegen, gehört N° 12 zu den unter Mittelmass bleibenden Nummern.