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Erbsünde. Davon sprach der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa in einer Ansprache an das Parlament im letzten Jahr. Den Einheimischen das Land wegzunehmen, das sei die Erbsünde Südafrikas. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid liegen mehr als zwei Drittel des südafrikanischen Bodens in den Händen der weissen Minderheit. Obwohl sie weniger als acht Prozent der Bevölkerung ausmacht.
Nun will der regierende African National Congress ANC diese historische Ungerechtigkeit korrigieren und die Umverteilung von Land beschleunigen. Notfalls durch Enteignung. Ohne Entschädigung. Im Oktober soll das Parlament die Debatte beginnen und entscheiden, ob die Verfassung dementsprechend geändert werden darf.
Die Landreform löst Angst aus bei den weissen Landbesitzern, die ihr Eigentum nicht verlieren wollen. Angst, dass Südafrikas Wirtschaft infolge kollabiert, wie im Nachbarland Simbabwe Anfang der 2000er Jahre, als der damalige Präsident Robert Mugabe die weissen Farmer enteignet hatte. Und die Landreform löst Hoffnung aus. Hoffnung die Wunden aus der Apartheidära endlich schliessen zu können und den Besitz in Südafrika gerechter zu verteilen.
Kein Land für Schwarze
Leeko Makoene steht im Schweinegehege auf ihrem Hof in der Nähe von Johannesburg. Hinter ihr grüne Hügel, mit kleinen Büschen bewachsen. Leeko Makoene ist Vizepräsidentin der Farmers United of South Africa (FUSA), eine Bauernvereinigung nur für Schwarze. «Die Bedingungen für schwarze Bauern sind nicht die gleichen wie für weisse. Wir erhalten einen tieferen Preis für unsere Schweine, der Zugang zu Krediten ist für uns erschwert. Und die gesamte Wertschöpfungskette ist nach wie vor in den Händen der Weissen. Vom Saatgut bis zum Supermarkt», so die 39-Jährige.
Das war der Deal 1994. Ihr Schwarzen dürft nun in dieselbe Toilette pinkeln, aber die Wirtschaftsmacht bleibt bei uns Weissen.
Seit drei Jahren bewirtschaftet Leeko Makoene einen Bauernhof gemeinsam mit dem FUSA-Präsidenten. Das Land gehört ihm, 35 Hektaren sind es. Doch die beiden Bauern wollen mehr, der Betrieb soll wachsen. Sie haben darum einen Antrag gestellt beim Staat. Ohne Erfolg.
Nach dem Ende der Apartheid hatte der Staat Land von Privaten gekauft und sollte es dann an Interessierte vergeben. An Bauern oder solche, die es werden wollten. Nur war im letzten Vierteljahrhundert nicht klar, nach welchen Kriterien das Land schliesslich vergeben wurde. Die Fälle von Korruption häufen sich, und es ist augenfällig, dass von der Landreform die politische Elite profitiert. 1994, als Nelson Mandela in Südafrika die Demokratie einführte, war das Ziel, mit der Landreform bis 2014 30 Prozent des Landes umzuverteilen. Von weissen in schwarze Hände. Es dürften bis heute aber nicht einmal 10 Prozent sein.
Wir haben nichts gestohlen
Wannie Scribante ist ein Bure wie aus dem Bilderbuch: kurze Hosen, kurzärmliges Hemd, die Haut von der Sonne gebräunt. So steht er am Grab seiner Urururgrossmutter. «Meine Urururgrossmutter war bereits beim Grossen Treck dabei», so der 62-jährige. Der Grosse Treck steht für die Flucht der Buren vor den Briten vom Kap ins Landesinnere vor fast 200 Jahren. So lange schon lebt Wannie Scribantes Familie in Südafrika.
Heute wohnt er mit seiner Frau auf dem Grundstück der Urururgrossmutter in der Nähe von Pretoria. Und hier will er auch bleiben. Mit dem Plan der südafrikanischen Regierung, das Land umzuverteilen, kann er als Vertreter der Transvaal Agricultural Union (TAU SA), einer mehrheitlich weissen Bauernvereinigung, nichts anfangen. Nicht, wenn die Verfassung so geändert wird, dass Landbesitzer enteignet werden können, ohne dafür einen Rappen zu kriegen.
Land wurde früher durch Eroberung erlangt.
«Uns wird vorgeworfen, wir hätten das Land gestohlen. Wir haben es nicht gestohlen. Das meiste wurde gekauft oder übernommen, weil hier gar niemand wohnte. Ein Teil des Landes wurde von den Briten und den Buren erobert. Aber so erlangte man früher Land», meint der Bure.
Schmerzhafte Geschichte
Land wegnehmen – das zieht sich wie ein roter Faden durch Südafrikas Vergangenheit. Es begann mit den niederländischen Siedlern im 17. Jahrhundert am Kap der Guten Hoffnung. Es folgte die britische Kolonialherrschaft. Dann das Apartheidregime. Immer wieder wurde die schwarze, einheimische Bevölkerung vertrieben, ihres Landes beraubt, in Reservate gesteckt. Die Schwarzen mussten ihr eigenes Grundstück pachten oder es als Sklaven bestellen. Für sie selbst blieb oft nur der steinige, unfruchtbare Boden. Mit dem sogenannten «Natives Land Act» zementierte das Apartheidregime 1913, dass mehr als 90 Prozent des Landes in den Händen der weissen Minderheit waren.
Auch Leeko Makoenes Urgrossvater wurde von seinem Grundstück vertrieben. «Mein Urgrossvater hat hart gearbeitet, damit er jenes Land kaufen konnte. Unsere Vorfahren sind dort begraben.»
Wir wollen dieses Stück Erde zurück. Aber nichts geschieht.
Leeko Makoenes Familie wartet seit zehn Jahren auf das Land, das einst ihr gehörte. Sie ist nicht die einzige. Tausende Fälle stapeln sich, die Behörden sind überfordert mit der Menge.
Kein zweites Simbabwe
Zwar ist auch der weisse Farmer Wannie Scribante der Meinung, dass der Reichtum in Südafrika nun gerechter verteilt werden müsse. Aber mit Enteignung werde das nicht funktionieren. Das habe der Fall im Nachbarland Simbabwe ja gezeigt, ist Scribante überzeugt. Die schwarzen Bauern wussten das Land nicht zu bewirtschaften. In Folge brach die gesamte simbabwische Wirtschaft zusammen. Millionen verliessen das Land. Bis heute hat sich Simbabwe nicht davon erholt.
Wie kann man die Schere in der Gesellschaft schliessen indem man jemandem Land gibt?
Auch hierzulande liege ja viel Land brach, das Schwarze bewirtschafteten, meint Scribante.
Das ist nicht von der Hand zu weisen. Zwar hatte der Staat Land abgegeben, nicht aber die Wasserrechte dazu. Und Zugang zu Krediten und einer landwirtschaftlichen Ausbildung haben Schwarze oft keinen.
Ein Vierteljahrhundert lang versagt
Der regierende ANC hat in den letzten 25 Jahren versagt bei der Umverteilung von Land. Grassierende Korruption sorgte dafür, dass die Elite und ihre Verbündeten profitierten. Auch der politische Wille, die Landreform richtig anzupacken, war schlicht nicht gross genug. So wurde dem Departement zuständig für die Landreform im letzten Vierteljahrhundert stets weniger als ein Prozent des Staatsbudgets zugesprochen. Das führte dazu, dass sich die Verhältnisse der Apartheid in der Landfrage nicht geändert haben.
Wie ernst es der Regierung Ramaphosa mit der Landreform dieses Mal ist, wird sich rasch zeigen: wenn sie der Reform die nötige Priorität und vor allem die nötigen Mittel im Budget zuweist. Gelingt die gerechte Umverteilung des Bodens, könnte Südafrika die Erbsünde endlich hinter sich lassen und die Wunden der Nation heilen.