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Demokratie: Fluch oder Segen?
Im ausgehenden 6. Jh. v. Chr., nach der Vertreibung des letzten Tyrannen, entwarfen die Bürger Athens das Konzept der Isonomie, der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Daraus entwickelte sich die athenische Demokratie, die erste Demokratie der Geschichte. Vorneweg sei gesagt, dass „alle Bürger“ sich nur auf freie Männer athenischer Abstammung bezog. Frauen, Sklaven und Ausländer waren ausgeschlossen. Und dennoch: die Beteiligung der ganzen Bürgergemeinschaft am politischen Leben der Stadt war eine mutige Innovation. Diese neue politische Form musste auch ihre eigenen Werkzeuge entwickeln. So erhielt jeder Bürger eine Art Identitätskarte. Auf einer bronzenen Tafel wurden Eigenname, Name des Vaters und Abstammungsgemeinde vermerkt, beglaubigt durch einen offiziellen Stempel der Stadt. Bei Prozessen dienten diese Tafeln zur Auswahl der Richter, die durch das Los bestimmt wurden. Vor Beginn des Prozesses erhielt jeder Bürger/Richter zwei Abstimmmarken. Damit konnte man vor der Versammlung seine Entscheidung treffen und gleichzeitig seine Meinung geheim halten. Die zwei Marken waren nämlich bis auf ein kleines Detail identisch: die eine hatte ein durchbohrtes Röhrchen in der Mitte (für das Schuldurteil), die andere ein gefülltes (für den Freispruch). Mit Zeigefinger und Daumen konnte man beim Abstimmen beide Enden der Marke abdecken: jeder sah, dass man seine Pflicht als Bürger erfüllt hatte, aber niemand wusste, wie man sich entschieden hatte.
Ist es aber nicht heikel, wenn jeder über wichtige Themen entscheiden darf, auch wenn er nicht immer über die nötigen Kenntnisse verfügt? Sollte man nicht besser diejenigen damit beauftragen, die sich wirklich mit den jeweiligen Problemen auskennen?
Keiner von uns würde die Vorzüge der Demokratie ernsthaft in Frage stellen, obwohl viele zuletzt über gewisse Entscheidungen auf der internationalen politischen Bühne gestaunt haben mögen.
Bereits die Athener erkannten gewisse Nachteile der Demokratie. In Platons Werke stellt sich oft die Frage, „ob wir der Meinung der Vielen folgen müssen, oder nur der des einen, wenn es einen Sachverständigen hierein gibt?“ Und weiter: „nach der Kenntnis der Sache, meine ich, muss entschieden werden, nicht nach der Zahl“. Zugleich ist es bereits damals klar gewesen, dass man die „Meinung der Vielen“ auch manipulieren kann: „Der Redner belehrt nicht in den Gerichts- und anderen Versammlungen über Recht und Unrecht, sondern macht nur glauben. Auch könnte er wohl nicht einen so grossen Haufen in kurzer Zeit belehren über so wichtige Dinge“.
Im 4. Jh. v. Chr. hebt Demosthenes, ein führender Politiker Athens, erstaunlich aktuelle Probleme der Demokratie hervor: „Jetzt führt ihr eure politischen Auseinandersetzungen nach Genossenschaften: ein Rhetor steht bei beiden Genossenschaften jeweils an der Spitze und ein Stratege ist ihm unterstellt. Dazu kommt dann noch eine Gruppe von 300 Claqueuren, die zum Schreien bestellt sind. Und ihr übrigen teilt euch auf: die einen sind bei dieser, die anderen bei jener der beiden Parteien. Damit muss umgehend Schluss gemacht werden! Ihr dürft nur noch euch selbst verantwortlich sein und habt alle die Pflicht, die politischen Beratungen, die Antragsstellungen und die Ausführung der Beschlüsse zu eurem gemeinsamen Anliegen zu machen."
Dr. Esaù Dozio, Kurator Sonderausstellungen, Fachbereich griechische Vasen
Objekt links: Richerausweis des Philoxenos, Sohn des Philophei(don), aus der Gemeinde Argyle, Bronze, 367/360 v. Chr. Inv. BS 1906.773a
Objekt rechts: Amtliche Stimmmarke aus Athen, Bronze, 4. Jh. v. Chr. Inv. BS 1906.772