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Im Nahfeld des Bohrturms registrierte das seismische Netzwerk des Schweizerischen Erdbebendienstes bis am 27. August 2013 622 Erdbeben mit Magnituden zwischen -1.7 und 3.5. Die seismische Aktivität hat seit dem 14. Juli erwartungsgemäss kontinuierlich abgenommen, wobei die Anzahl registrierter Ereignisse von Tag zu Tag leicht variiert. Die Wahrscheinlichkeit für ein weiteres, spürbares Erdbeben beträgt in den kommenden zwölf Monaten ohne weitere Eingriffe im Untergrund zehn bis zwanzig Prozent. Für ein Beben mit einer Magnitude von 3.5 oder grösser liegt sie zwischen einem und drei Prozent.
Erste Untersuchungsresultate ausgehend vom gesammelten Datenmaterial zeigen, dass der Untergrund in St. Gallen in Anbetracht der eingepressten Wassermengen und den herrschenden Druckverhältnissen heftig reagierte. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass dies durch die kritische tektonische Vorspannung der angebohrten Verwerfungszone zu erklären ist Die Verwerfungszone muss auf Grundlage der beobachteten induzierten Seismizität als aktive Bruchzone eingestuft werden, der auch frühere, natürliche Erdbeben im Grossraum St. Gallen zugeordnet werden könnten.
Entgegen eines auch in Fachkreisen weitverbreiteten Irrtums, vermögen kleine Erdbeben das Risiko für ein grösseres Erdbeben auf einer Verwerfungszone nicht zu senken. So hat auch das Erdbeben vom 20. Juli mit einer Magnitude von 3.5 nur einen kleinen, unwesentlichen Teil der auf der Verwerfungsfläche vorhandenen gesamten tektonischen Vorspannung abgebaut. Gemäss unseren Kenntnissen kann zudem nicht ausgeschlossen werden, dass künftige Erdbeben grössere Teilsegmente einer Verwerfung aktivieren und damit entsprechend stärkere Erschütterungen auslösen. Möglicherweise aktivierte das Beben bei Abtwil im Jahr 1835 mit einer Magnitude von 4.7 mehrere Segmente der St Galler Bruchzone. Auf die heutige Zeit übertragen, bestünde bei einem vergleichbaren Beben ein Schadenpotential von 50 bis 200 Millionen CHF.
Im Hinblick auf das weitere Vorgehen beurteilt der Schweizerische Erdbebendienst einen Produktionstest als weniger riskant als eine erneute Injektion unter hohem Druck. Allerdings ist auch eine Extraktion (z. B. bei einem Produktionstest), speziell aus einer Verwerfungszone, die sich als leicht aktivierbar gezeigt hat, nicht absolut ohne seismische Gefährdung. Eine verlässliche Einschätzung der Wahrscheinlichkeit für ein weiteres spürbares Erdbeben beziehungsweise ein Schadenbeben, ausgelöst durch einen Produktionstest, ist momentan nicht möglich. Diese Wahrscheinlichkeit lässt sich aber durch ein sanftes Vorgehen und ein frühzeitiges Abbrechen des Produktionstests bei unerwartetem Auftreten von Mikrobeben deutlich reduzieren. Der Test sollte in diesem Fall dann durchgeführt werden, wenn das seismische Netzwerk die beste Detektionsfähigkeit aufweist (nachts oder am Wochenende). Ein erneutes Verpressen von Wasser oder einer Bohrspülung in die Verwerfungszone sollte unbedingt vermieden werden.
Um dem möglicherweise ansteigenden Druck aufgrund eines Gaseintritts entgegenzuwirken, sollte es wenn möglich vermieden werden das sonst übliche Verfahren des Gegendrucks angewandt werden. Bevor in einer solchen Zone (erneut) grössere Mengen an Wasser eingepresst oder extrahiert werden, muss unserer Auffassung nach ergänzend eine breit angelegte, unabhängige und ergebnisoffene Risikostudie zum Schluss gelangen, dass das dabei vorhandene Erdbebenrisiko tragbar ist.
Der Schweizerische Erdbebendienst führt die seismische Überwachung des Geothermieprojekts in Zusammenarbeit mit den Sankt Galler Stadtwerken und dem Bundesamt für Energie fort und analysiert die eingehenden Daten laufend. Informationen zur aktuellen Seismizität in der Region St Gallen sowie weitere Informationen finden Sie jederzeit auf unserer Webseite.
Präsentation des SED an der Medienkonferenz in St. Gallen vom 27.08.2013