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Kreativität
Kreativität ist das Innovations- und Fortschrittspotenzial einer Gesellschaft! (K. Urban, 2010)
Nun, wenn wir Kreativität als musischen Prozess anschauen, dem künstlerische Produkte wie Bilder, Plastiken oder Kompositionen enstpringen, dann beweisen wir hier eine äusserst einseitige Sichtweise. Denn wenn Lehrpläne und Konzepte heute Kreativität im Unterricht fordern -und lassen im Gegenzug kaum noch Raum dafür lassen- stellen sich Bildungsverantwortliche mehr als nur das Skizzieren von mathematischen Lösungswegen und das Gestalten von Mindmaps vor.
Entsprechend seiner etymologischen Bedeutung aus dem Lateinischen „creare“, was so viel wie „erzeugen, erschaffen“ bedeutet, ist Kreativität auch gar nicht einfach so zu verordnen, sondern braucht Zeit und Raum, Haltungen und Atmosphäre.
In den zeitgemässeren Begabungs- und Begabtenförderungskonzepten spielt Kreativität eine wesentliche Rolle. Bei Gagné (1985) und im Münchner Modell (Heller, Hany ,1990) wird sie als eigene Begabungsdisposition geführt, bei Renzulli (1978, 1986), bzw. Mönks (1989), Urban (1990, 1996, 1997) oder Jellen& Verduin (1989) als konstitutive Komponente (Urban, 2004, S. 87). Eine potenzielle oder tatsächliche Hochleistung kann sich demnach in einem erspriesslichen Milieu im harmonischen Zusammenwirken von hoher Intelligenz mit Kreativität und Aufgabenverpflichtung entwickeln.
Spricht man von Kreativität, gilt es mindestens die folgenden drei Aspekte, in denen sie sich äussern kann, zu beachten:
Kreative Personen
Vielfach wird kreativen Menschen die Fähigkeit zum divergenten Denken zu gute gehalten, was aber nur eine eingeschränkte Betrachtungsweise darstellt. Eine kreative Person ist dem Ursprung des Wortes „creare“ (erschaffen, erzeugen) zufolge ein Mensch, der gemäss Starko folgende kognitive und persönlichkeitspsychologische Merkmale besitzt: metaphorisches Denken, Flexibilität und Gewandtheit im Entscheiden, guter Umgang mit Neuem, logisches Denken, Visualisierung, Vermeiden von zu engen Verhältnissen und die Vorliebe zu strukturieren. Auf persönlichkeitspsychologischer Ebene kommen Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen, Energie und Gewissenhaftigkeit, Neugierde, Offenheit, Aushalten von nichteindeutigen Situationen, breites Interesse, eine Vorliebe für Originelles sowie eine tiefe Emotionalität verstärkend dazu.
Kreative Prozesse
Hier bezieht sich Kreativität auf den Prozess des Problemlösens. Verläuft dieser Vorgang kreativ, werden bestehende Informationen neuartig verknüpft und so zueinander in Beziehung gesetzt, dass ein profundes Fachwissen erkennbar ist und keinem gewohnten Lösungsweg entspricht . Gemäss dem Kreativitätsforscher Klaus Urban (2004, S. 11) ist Kreativität als schöpferischer Prozess mit einem kreativen Endprodukt zu verstehen.
Grundsätzlich stehen die Bausteine des kognitiven Vorganges im kreativen Prozess jedem Menschen offen. Unter bestimmten Bedingungen einer Aufgabe, eines Problems fallen bekannte Lösungswege weg und machen ein kreatives Vorgehen nötig. Obwohl wir im Alltag oft mit solchen Situationen konfrontiert werden, bewältigen nicht alle Menschen diese gleich gut, da die Problemlösefähigkeit von Persönlichkeits- und Umweltmerkmalen abhängig ist.
Kreative Produkte
Ein Produkt ist dann kreativ, wenn es neuartig, originell und der Aufgabenstellung angemessen ist (Perkins,1988).
Grundsätzlich steht demnach die Kreativität all denen offen, die ein kreatives Produkt entwickeln. Dies zieht selbstverständlich die Frage nach sich, was denn ein Produkt (auch eines Denkprozesses) kreativ macht oder wie man Kreativität messen kann.
Die Frage, ob denn das, was in der Schule passiert, wenn die Schülerinnen und Schüler ihrer Phantasie freien Lauf lassen dürfen, wirklich kreativ sei, passt zur Unterscheidung des Psychologie-Professors Mihaly Csikszentmihalyis, zwischen der „kleinen“ Kreativität und der „großen“ Kreativität.
„Kleine Kreativität“ wird als wichtiger Bestandteil des Alltags beschrieben, die der Mensch
zustande bringt, weil er seinen Intellekt einsetzt, wie z.B. originelle Verzierungen zu
erfinden. Große Kreativität sieht er „….als Prozess, durch den eine symbolische Domäne
verändert wird.“ (Csikszentmihalyi, 1996, S.19). Weiter führt er aus, dass „Kreativität nur in bestehenden Dömänen und Eckfeldern zum Ausdruck kommen kann“ (a.a.O., S. 49). Innerhalb dieser Domäne müssen gegebene Regeln und Usanzen vorhanden sein, die von einem Feld anerkannt und legitimiert werden können. Wenn der schöpferische Prozess nicht auf Resonanz stösst, nicht abgeglichen werden kann, verhallt jeder noch so wertvolle schöpferische Akt ungehört. Letztlich muss Kreativität als „ein Phänomen betrachtet werden, das nicht im Innern des einzelnen, sondern in der Wechselwirkung eines Systems zum Ausdruck kommt“ (a.a.O., S. 59). Auch Daniel Goleman, ein amerikanischer Psychologe, verweist auf die soziale und interaktive Dimension der Kreativität. „Kreativität ist ein soziales Ereignis, kein psychologisches. Sie lässt sich nicht in der Schublade verschließen, sondern findet in Interaktion mit anderen statt.“ (1999, S.28)
Einen konkreten Schritt weiter geht der Deutsche Klaus Urban, Entwickler des Urban-Kreativitätstests TSD-Z, der darauf aufmerksam macht, dass kreativitätsfördender Unterricht systemisch eingebettet werden müsse, keine Umsetzung von Techniken und Methoden sei und steter Reflexion und Prüfung standhalten solle.
Urban warnt, dass Kreativitätserziehung keine „realitätsfernen Spielereien“ und kein „technologisches Kunsthandwerk“ sein dürfen. (Urban, S.82). Wenn wir uns vorstellen, mit welchen Fragestellungen sich die heutigen Kinder und Jugendlichen in den kommenden Jahren auseinandersetzen müssen, welche Berufsfelder geschaffen werden könnten, so macht es doppelt Sinn, in den Klassen Räume und Momente zu schaffen, in welchen die Lernenden die Möglichkeit haben, in angstfreier, entspannter Atmosphäre Neues entstehen zu lassen.