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Visions du Réel 2021 | Das romanhafte des Realen
«Der rohe Dokumentarfilm über die unzähligen Faktoren des Realen, die wir mehr oder weniger zähmen können, und die zur Fiktion führen (oder auch zum Dokumentarfilm), faszinieren mich im Grunde stärker als diese Fiktion. Alles, was gefilmt wurde, fasziniert mich, ich sortiere erst später und das in einem radikal anderen Verfahren. Man kann über das Reale nicht richten, wie mir scheint.»
Emmanuel Carrère in seinem Essay «Warum ich das Kino liebe»
Monografie über Werner Herzog
Emmanuel Carrère wird 1950 in Paris geboren, besucht das Institut d’études politiques (Sciences Po) und absolviert den Militärdienst in Indonesien. Zurück in Frankreich schreibt er als Filmkritiker für die Fachzeitschriften Positif und Télérama und bringt 1982 sein erstes Buch heraus, eine Monografie über den deutschen Filmemacher Werner Herzog. In einem viel beachteten biographischen Essay über Philip K. Dick (Je suis vivant et vous êtes morts, 1993) lässt er bereits erkennen, was später zu seinem stilistischen Markenzeichen werden wird. In der formellen Recherche gelingt es ihm, den romanhaften Teil von ganz und gar wahren Begebenheiten herauszuschälen, wie er mit «L’Adversaire» (Der Widersacher) emblematisch zeigt. Der verstörende Bericht über den «Fall Romand» – im Jahr 2002 von Nicole Garcia verfilmt – wird zum ersten grossen Erfolg seiner Karriere.
Journalist, Schriftsteller, Drehbuchautor, Filmemacher
Nun zieht Emmanuel Carrère alle Register und wechselt mit Interesse und Leichtigkeit zwischen den Medien. Als Autor der vielgestaltigen Befragung erkundet er den Glauben und unsere Introspektion, während die Frage des Realen im Hintergrund immer mitschwingt. In seinem Kinodebüt «Retour à Kotelnitch» (2003) verbindet er russische Geschichte mit persönlicher Biografie. Das dokumentarische Werk feiert am Filmfestival Venedig Premiere. 2005 verfilmt er mit Vincent Lindon und Emmanuelle Devos seinen eigenen Roman «La Moustache» (Der Schnurrbart) und wird von der Quinzaine des réalisateurs des Filmfestivals Cannes eingeladen. Die Romanbiografie Limonov, eine seiner bekanntesten Arbeiten, trägt ihm 2011 den Prix Renaudot ein. In einem immer vielgestaltigeren Werk befragt er sowohl die Undurchlässigkeit der Fiktion als auch die Sonderbarkeit der greifbaren Welt. Sein aktuelles Buch «Yoga» (2020) ist eine so schonungslose wie intime und humorvolle Betrachtung unserer Welt und der suchenden Seelen, die sie bevölkern. 2021 wird Carrères neuste Regiearbeit «Le Quai de Ouistreham» erwartet, die auf der gleichnamigen Autobiografie der investigativen Journalistin Florence Aubenas beruht. Die Hauptrolle spielt Juliette Binoche.
Der Fall Florence Aubenas
Am 5. Januar 2005 wurde die französische Journalistin Florence Aubenas zusammen mit ihrem Übersetzer Hussein Hanoun Al-Saadi in Baddad entführt. Sie arbeitete an einer Reportage über die Flüchtlinge von Falludscha. Am 1. März 2005 tauchte bei der Nachrichtenagentur Reuters in Bagdad ein 26 Sekunden langes Entführervideo auf. Aubenas bat darin den französischen Politiker Didier Julia, bei schlechter gesundheitlicher Verfassung, sich für ihre Freilassung einzusetzen. Das französische Aussenministerium konnte diese am Abend des 11. Juni 2005 bekannt geben. Nach Aussagen von offiziellen Stellen sei kein Lösegeld geflossen. Im Februar 2010 wurde Aubenas Erfahrungsbericht als Putzfrau in Frankreich im Stile Günter Wallraffs in Buchform veröffentlicht. Das Buch hat sich schnell zu einem Bestseller entwickelt und ist auch in deutscher Übersetzung erschienen.
Text: Visions du Réel
Visions du Réel 2021 | 52. Ausgabe | 15. April bis 25. April 2021 |
Die Auszeichnung «Maître du Réel», neu «Invité d’honneur», wird seit 2014 verliehen. Sie würdigt das Werk von Filmschaffenden, die Brücken zwischen Dok- und Spielfilmen schlagen. Bisherige Preisträger*innen: Claire Denis, Werner Herzog – der anlässlich des 50. Festivaljubiläums geehrt wurde – Peter Greenaway, Alain Cavalier, Claire Simon, Barbet Schroeder und Richard Dindo. Emmanuel Carrère setzt die illustre Reihe als erster «Invité d’honneur» des Festivals fort.