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Pathologisches Horten, umgangssprachlich oft „Messie-Syndrom“ genannt, ist eine psychische Erkrankung, die dem Spektrum der Zwangsstörungen zugeordnet wird. In einzelnen Studien zeigen sich Prävalenzenraten von bis zu 4,6 % für pathologisches Horten in der Bevölkerung.
Merkmale des pathologischen Hortens
Pathologisches Horten (engl. „hoarding disorder“) ist davon gekennzeichnet, dass die Betroffenen große Mengen von materiellen Gegenständen ansammeln, die die meisten Menschen als wert- und nutzlos betrachten würden. Für pathologische Horter haben sie hingegen immensen emotionalen Wert. Beispielsweise kann es Glücksgefühle und ein Geborgenheitsempfinden auslösen, Dinge zu beschaffen und sich mit ihnen zu umgeben. In der Folge können Betroffene sich von ihren Besitztümern nicht oder nur sehr schwer trennen.
Diese meist stark positiven Assoziationen mit den gehorteten Gegenständen unterscheiden das pathologische Horten auch von den Zwangsstörungen, die zumeist negative Emotionen bei den Betroffenen auslösen.
Eine besondere Form des Hortens ist das „animal hoarding“, bei dem die Betroffenen eine Vielzahl von Tieren im eigenen Haus oder der Wohnung halten.
Diagnosestellung nach ICD-10 und DSM-5
Die ICD-10 führt pathologisches Horten noch nicht auf. Eine Diagnose der Erkrankung wäre mit der Internationalen Klassifikation der Krankheiten bislang nur über den Umweg der Zwangsstörungen möglich, indem das krankhafte Ansammeln von Gegenständen als Symptom einer anderen Zwangsstörung beschrieben wird. Dies spiegelt den aktuellen Forschungsstand allerdings nicht wider. In der ICD-11 wurde die „hoarding disorder“ daher im Abschnitt „Obsessive-compulsive or related disorders“ als eigenständiges neues Störungsbild aufgenommen. Es ist derzeit allerdings noch nicht absehbar, wann die ICD-11 in Deutschland offiziell eingeführt werden wird, so dass sie auch zur Diagnosestellung herangezogen werden kann.
Im DSM-5 wird pathologisches Horten bereits als Kategorie innerhalb der Gruppe „Zwangsstörung und verwandte Störungen“ geführt. Die Kriterien beinhalten u.a.
das psychische Unvermögen der Erkrankten, sich von persönlichen Gegenständen unabhängig von ihrem Wert zu trennen, und
die Überfüllung von Wohnbereichen mit einhergehender massiver Beeinträchtigung des häuslichen, gesellschaftlichen und beruflichen Alltags.
Pathologisches Horten ist mehr als eine Sammelleidenschaft
Dies ist auch der exakte Grenzverlauf zwischen harmloser Sammelleidenschaft und pathologischem Krankheitsbild. Leidet das Wohlergehen eines Menschen unter dem Anhäufen von Gegenständen, wird nicht mehr von Sammeln, sondern vom pathologischen Horten gesprochen. So ist ein Bücherliebhaber mit mehreren gefüllten Bücherregalen kein pathologischer Horter. Nehmen die Bücher aber auch den übrigen Wohnraum ein und wird dadurch das Alltagsleben beeinträchtigt, dann ist die Grenze zum Pathologischen überschritten. Beispielsweise beim ehemaligen Bücherliebhaber, der aufgrund von versperrenden Bücherstapeln keinen Besuch mehr empfangen kann, da alle Räume unzugänglich geworden sind.
Krankheitsverlauf und Differenzialdiagnose
Die Erkrankung verläuft unbehandelt und ohne äußere Hilfe progressiv. Anfängliches Sammeln kann sich zum Horten entwickeln, was unbehandelt zur fortschreitenden Vermüllung des Wohnraums bis hin zur Verwahrlosung führen kann. Zu beachten ist allerdings, dass die Symptome auch denen anderer Krankheiten ähneln können. Hier zu nennen sind Demenz, Drogenabhängigkeit oder schwere Depressionen, die als Nebeneffekte ebenfalls Vermüllung und Verwahrlosung mit sich bringen können.
Unterschiede zwischen Messie-Syndrom und pathologischem Horten
Zwar werden Messi-Syndrom und pathologisches Horten oft gleichgesetzt. Külz und Voderholzer (2018) weisen aber darauf hin, dass pathologisches Horten und Messie-Syndrom nicht dasselbe sind. Demnach gibt es zwar eine große Überlappung, allerdings sei das Messie-Syndrom nicht nur auf die Ordnung in der Wohnung beschränkt. Es umfasse auch die Fähigkeiten, Termine einzuhalten und soziale Beziehungen zu pflegen. Sogenannten „Messies“ falle es außerdem schwer, einmal gemachte Pläne in die Tat umzusetzen. Auf der anderen Seite würden sie seltener unter einem zwanghaften Kaufverhalten leiden als Menschen, die pathologisch horten.
Therapie des pathologischen Hortens
Betroffene sprechen auf Verhaltenstherapie mit Exposition, wie sie klassischerweise bei Zwangspatienten eingesetzt wird, schlechter an. Therapieprogramme müssen daher an die Besonderheiten des Störungsbildes angepasst werden. Da das pathologische Horten in der Regel ich-synton ist und das Horten positive Gefühle hervorruft, muss beispielsweise häufig erst einmal die notwendige Motivation für eine Expositionsübung aufgebaut werden (z.B. mit Motivational Interviewing).
Im deutschen Sprachraum sind entsprechende Therapieprogramme erst seit Kurzem verfügbar. Külz und Voderholzer (2018) stellen in ihrem Band „Pathologisches Horten“ ein solches Therapieprogramm vor. Es orientiert sich an einem aktuellen englischsprachigen Behandlungskonzept von Steketee und Frost (2014).
Das Programm wird üblicherweise in 26 Sitzungen durchgeführt. In leichten Fällen können aber bereits 15 Sitzungen ausreichen. In besonders schweren Fällen werden dagegen bis zu 30 Sitzungen benötigt. Inhaltlich nimmt es die vier Hauptproblembereiche des pathologischen Hortens in den Blick:
Probleme mit der Verarbeitung von Information
Zunächst muss ein Ordnungs- und Organisationssystem für die gehorteten Gegenstände entwickelt werden. Viele Patienten können sich nur schwer konzentrieren und haben Schwierigkeiten beim Lösen von Problemen und beim Organisieren. Daher kann es Teil der Therapie sein, beispielsweise ein Training zur schrittweisen Steigerung der Aufmerksamkeit beim Ordnen und Sortieren sowie der Planungs- und Organisationsfähigkeit durchzuführen.
Exzessive emotionale Bindung an Besitztümer
Um die Problematik nicht weiter zu verschärfen, müssen die Patienten lernen, der Verlockung neuer Gegenstände zu widerstehen. Neue Dinge zu kaufen oder anderweitig zu beschaffen, ist oftmals eine Strategie, um negative Gefühle zu vertreiben oder auch den Selbstwert zu steigern. Hier gilt es, beispielsweise alternative Tätigkeiten und Handlungen zu identifizieren und zu etablieren.
Ungünstige Überzeugungen bezüglich des Aufbewahrens
Im Rahmen der Therapie muss auch die Art und Weise, wie Betroffene über gehortete Gegenstände denken, mit Hilfe kognitiver Umstrukturierung verändert werden. Die Bedeutung der Gegenstände ist sehr individuell. So schildern Külz und Voderholzer (2018) einen Patienten, der davon ausgeht, dass die Dinge ein Teil seiner Selbst seien, er also nur vollständig sei, wenn er sie um sich herum habe. Bei anderen Patienten kann aber auch die Überzeugung vom Wert oder der Nützlichkeit eines Gegenstandes im Vordergrund stehen.
Vermeidungsstrategien bezüglich des Wegwerfens
So wie das Kaufen von Gegenständen mit positiven Emotionen verbunden ist, löst das Wegwerfen aversive Gefühle aus. Die Betroffenen versuchen, diese unangenehmen Gefühle zu vermeiden, indem sie nichts wegwerfen. Der objektive oder subjektive Wert der Gegenstände spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Auch das Wegwerfen von Gegenständen, die jahrelang nicht benutzt wurden und nicht zum eignen Wohlbefinden beitragen, fällt ihnen schwer, da der Akt des Wegwerfens an sich aversiv ist. Vor der Exposition sollten daher Befürchtungen besprochen und typische Denkfehler entlarvt werden (z.B. „Dinge wegzuwerfen ist verschwenderisch. Wenn ich zu viel wegwerfe, könnte ich verarmen."). Es ist auch wichtig, den Betroffenen vor der Exposition das Prinzip der Habituation zu erklären. Habituation bedeutet hier konkret, dass unangenehme Gefühle beim Wegwerfen mit der Zeit abnehmen werden. Daneben können Entscheidungstrainings und ein systematischer Aufräumprozess das Wegwerfen erleichtern.
Als besonders wichtig während des gesamten Therapieverlaufs gelten regelmäßige Hausbesuche durch den Therapeuten, Gespräche mit hilfreichen Angehörigen und die schrittweise Sensibilisierung im Umgang mit dysfunktionalen Handlungs- und Denkweisen bei der Anschaffung oder Entsorgung von Gegenständen.
Literatur:
Külz & Voderholzer (2018). Pathologisches Horten (Fortschritte der Psychotherapie, Bd. 69). Göttingen: Hogrefe.
Steketee, G. & Frost, R. O. (2014). Treatment for hoarding disorder. Therapist guide (2nd ed). New York: Oxford University Press.
World Health Organisation (2019). International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11). Verfügbar unter https://icd.who.int/en/
DIMDI (2019). ICD-11 - 11. Revision der ICD der WHO. Verfügbar unter https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icd/icd-11/