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Raw Frand zu Parschat Wajigasch 5771
Sie lernten Egla Arufa nicht per Zufall
Ein Passuk in dieser Parscha berichtet: "Als sie ihm alle Worte Josefs erzählten, die er zu ihnen gesprochen hatte, und er die Wagen (Agalot), die Josef gesandt hatte um ihn aufzunehmen, sah, da lebte der Geist ihres Vaters Ja‘akow auf." [Bereschit 45:27]
Raschi zitiert den Midrasch, dass die Agalot (Wagen) ein Zeichen waren, das Josef seinem Vater sandte, betreffend des Themas, das sie bei ihrem letzten Zusammensein studiert hatten. Sie hatten die Gesetze der Egla Arufa (das Kalb, das als Sühne enthauptet wurde, wenn ein ermordeter Mensch in der Nähe einer Stadt gefunden wurde und der Mörder nicht bekannt war (Dewarim, 21, 1-9) durchgenommen. Egla (Kalb) und Agala (Wagen) wird im Hebräischen gleich geschrieben. Deshalb steht, dass Ja‘akow die Agalot bemerkte, welche JOSEF geschickt hatte und nicht welche Pharao geschickt hatte.
Es gibt buchstäblich Dutzende von Interpretationen für die Symbolik und die Botschaft der Egla Arufa im Sinne dieses Midrasch, der von Raschi zitiert wird. Wir haben viele davon in früheren Jahren diskutiert. Dieses Mal möchte ich es aus einer anderen Perspektive anschauen. Diese Idee wird sowohl vom Siftej Chachamim als auch vom Kli Jakar gebracht. Ich würde gerne ihre Ideen aufnehmen und einen Schritt weiter gehen.
Der Kli Jakar stört sich daran, dass Raschis Kommentar, dass die Agalot auf Egla Arufa hinwiesen, für Raschi sehr untypisch ist. Agala und Egla sind zwei Wörter mit unterschiedlichen Vokalen und verschiedenen Bedeutungen. Sie haben wohl die gleichen Buchstaben, doch die Worte sind nicht miteinander verwandt. Weshalb sollte Ja’akow klar sein, dass sie über ein Kalb gelernt hatten, wenn Josef einige Wagen schickte? Was ist, wenn diese Verbindung zu subtil ist und Ja‘akow es nicht „kapiert“? Warum schickte er einige Wagen, einer würde für ein Zeichen genügen?! Noch besser würde ein Kalb sein, wenn er so daran interessiert war, diesen Hinweis zu geben?
Der Siftej Chachamim meint deshalb folgendes: Als Ja‘akow Josef auftrug, nach seinen Brüdern zu schauen, begleitete er ihn einen langen Weg, bis Emek Chewron (Tal von Hebron). Als Josef dies bemerkte, sagte er seinem Vater: "Warum bemühst du dich so, gehe bitte zurück." Ja‘akow entgegnete: "Ich kann nicht zurückgehen, denn man ist verpflichtet, einen Reisenden zu begleiten, wie es im Kapitel von Egla Arufa gelehrt wird!“ Dies war dann der Anstoß, dass sie den ganzen Abschnitt des Gebotes der Egla Arufa durchnahmen:
Es war also nicht nur ein zufälliges Studium dieses Themas. Ja‘akow lehrte Josef eine praktische Lektion in den Gesetzen von Lewaja (Begleiten eines Reisenden ein Stück seines Weges) aus der Parscha von Egla Arufa, die ihre letzte Begegnung kennzeichnete.
Auch der Kli Jakar erwähnt diese Idee, dass während Ja‘akow zusammen mit Josef ging, sie die Gesetze von Lewaja lernten, deren Ursprung im Kapitel von Egla Arufa zu finden ist. Die Ältesten der (nächstliegenden) Stadt bezeugen in Bezug auf den Erschlagenen "Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen!" Frägt Raschi: „Vermutet denn jemand, dass die Ältesten des Gerichtes Mörder seien? Nur, dies bedeutet, wir haben ihn nicht gesehen und ohne angemessene Begleitung entlassen“.
Der Kli Jakar frägt hierauf, wo Ja‘akow dieses Konzept gelernt habe und antwortet, dass er dies bei seinem Grossvater Awraham gesehen habe, der seine Gäste begleitete, wenn sie aufbrachen.
Die Tora sagt, dass Awraham in Be‘er Schewa eine Ejschel gepflanzt hat [Bereschit 21.33]. Chasal sagen, dass Ejschel ein Akronym ist für die Worte Achila (Essen), Schtija (Trinken) und Lewaja (Begleitung) - die drei Säulen der Gastfreundschaft - die das Vorbild für Chessed, der Patriarch Awraham, seinen Gästen angedeihen liess.
Der Rambam (Maimonides) in Kapitel 14 der Trauervorschriften zählt eine Vielzahl von rabbinischen Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen auf, die unter die Mizwa fallen, seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Er führt im ersten Absatz (Halacha Alef) auf, die Kranken zu besuchen, die Trauernden zu trösten, die Toten zu begraben, einer Braut helfen zu heiraten, Braut und Bräutigam zu erfreuen und Gäste zu begleiten, unter anderen rabbinischen Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen auf. Dann schreibt der Rambam im nächsten Absatz (Halacha Bet), dass die Belohnung für Begleitung grösser ist als alles andere.
Dies ist bemerkenswert. Wir hätten nicht angenommen, dass aus der gesamten Liste der rabbinischen Gebote, die in Halacha Alef aufgezählt werden, das Begleiten von Gästen die grösste Belohnung verdient! Und doch schreibt der Rambam genau das. Der Rambam gibt dann als Quelle dieser Vorschrift das Verhalten Awrahams seinen Gästen gegenüber an.
Warum ist dies in der Tat so? Wenn man eine Person begleitet, so gibt man ihm etwas, das grundlegend ist für die menschliche Würde (Kawod). Man kann einem Menschen ein Stück Brot geben; man kann ihn einkleiden. Es kann aber sein, dass sich jemand gut damit abfindet, Hunger zu leiden oder schlecht bekleidet zu sein, doch auf eine Sache, die buchstäblich Wasser für seine Seele ist, kann er nicht verzichten: Jeder Mensch braucht Würde. Jeder Mensch muss spüren, dass er geschätzt wird, dass die Leute ihn ernst nehmen.
Man kann einen Gast im Haus haben und ihm das schönste Zimmer mit eigenem Badezimmer und einer Whirlpool-Badewanne und einer Obstschale auf der Kommode geben. Doch wenn der Gast sonst sehr kühl behandelt wird und der Gastgeber ihm keine Zeit widmet, dann ist der ganze Luxus nichts wert.
Andererseits kann man dem Gast ein einfaches Bett und eine einfache Decke geben und ihm dennoch grosse Ehre und Respekt zeigen. Ein solcher Gastgeber gibt seinem Gast das Gefühl, viel wert zu sein. Das ist die grösstmögliche Gastfreundschaft. Wie der Rambam sagt, es ist "mehr als alles andere."
Jetzt verstehen wir die Botschaft Josefs an Ja‘akow. Josef war schon zweiundzwanzig Jahre fort von zuhause. In seinem Umkreis befand sich kein anderer Jehudi. Er war in einer verdorbenen und dekadenten Gesellschaft. Er wurde Vizekönig und alle führten seine Befehle aus. Was geschah mit Josef? Verliess er das Judentum? Veränderte er sich? Nein, er blieb Josef HaZaddik (der Fromme / Gerechte).
Er sendet eine Nachricht an seinen Vater Ja’akow und fragt: "Wie habe ich dies getan? Wie konnte ich trotz meiner unsittlichen Umgebung meine jüdischen Werte bewahren?" Er beantwortet seine eigene Frage. "Ich tat es, weil du an mich geglaubt hast. Du hast mir Respekt und Würde gezeigt, indem du mich an jenem Tag begleitet hast. Als Resultat deiner Lewaja fühlte ich meinen Selbstwert. Wann immer ich versucht war, zu sündigen, fragte ich mich: "Wie kann ich - Josef - so etwas tun, nachdem mein Vater mir so viel Respekt gezeigt hat und an mich glaubt?"
Das ist der grosse Chessed, den uns Awraham Awinu gelehrt hat. Sicher ist Essen und Trinken wichtig, doch Lewaja – einem Menschen das Gefühl von Selbstwert geben - ist wichtiger als alles andere!
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