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Sprachlupe:Wie ist der Mensch zur Sprache gelangt?
Der US-Journalist und Romancier Tom Wolfe nimmt die Gattung Mensch dran: Was sie ausmacht und was u. a. Darwin damit zu tun hat.
Wem verdanken wir die Sprache – der Natur oder der Kultur? Alfred Wallace konnte im 19. Jahrhundert nicht ahnen, dass er im 21. zum Kronzeugen für diese Frage ernannt würde. Auf ihn beruft sich der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe, der mit «Das Königreich der Sprache» (Blessing 2017) ein eigenwilliges Stück Wissenschaftsgeschichte vorlegt. Er ergreift darin Partei für jene Forscher, die draussen im Feld Strapazen erleiden, während die Grübler im stillen Kämmerlein Theorien ausbrüten, bevor sie sie an die grosse akademische Glocke hängen.
Für Charles Darwin, den Gentleman, war dieser Alfred Wallace ein blosser «Fliegenfänger», wie die Stubengelehrten jene Naturforscher zu nennen beliebten, die sich tatsächlich in die Natur hinausbegaben. Und dort, im malaiischen Malariafieber, kam Wallace auf die Idee, die Tierarten hätten sich durch Evolution herausgebildet. Dumm nur, dass er sein Manuskript darüber ausgerechnet Darwin schickte. Der hatte – schon seit einer Weltreise in jungen Jahren – die gleiche Idee gewälzt, aber nicht gewagt, diesen Widerspruch zur Schöpfungslehre zu publizieren. Nun liess er sich dazu drängen, war aber immerhin so anständig, Wallace als Mitentdecker zu nennen.
Erst denken, dann reden
Nach Wolfes Darstellung traute sich Darwin erst viel später, den Menschen als weiteren Schritt der Evolution zu bezeichnen. Zuerst hatten seine Kritiker und auch die Anhänger die «Abstammung vom Affen» ins Spiel gebracht. Wallace wiederum entging dem Vorwurf der Ketzerei, indem er die Sprache als jenes Merkmal darstellte, das den Menschen völlig ausserhalb des Tierreichs ansiedle. Woher aber die Sprache kam, erörterte gemäss Wolfe die Wissenschaft noch jahrzehntelang nicht. Das stimmt nicht ganz, denn diese Frage hängt mit jener zusammen, ob das Denken der Sprache vorangehe und allen Menschen gemeinsam sei oder ob es sich je nach Sprache unterscheide.
Der Primat des Denkens lässt sich mindestens bis auf Aristoteles zurückführen, jener der Sprache mindestens bis auf Wilhelm von Humboldt im frühen 19. Jahrhundert. Wie der israelisch-englische Linguist Guy Deutscher in seinem Buch «Im Spiegel der Sprache» (2010) schildert, gab es gegen Ende desselben Jahrhunderts zwischen den beiden Denkschulen eine lebhafte Debatte – aber auf Deutsch, weshalb sie im angelsächsischen Raum kaum zur Kenntnis genommen wurde. Es ging um die Frage, ob Farben überall gleich gesehen würden oder die Wahrnehmung davon abhänge, in welcher Sprache ein Mensch die Farben zu benennen gelernt hatte.
Zweifel aus dem Dschungel
Fragen um die Rangordnung von Denken und Sprache wurden wohl erst dann direkt mit jenen nach der Evolution verknüpft, als der US-Linguist Noam Chomsky 1957 seine These einer Universalgrammatik vorlegte: Dieses «mentale Sprachorgan» sei evolutionär entstanden und allen Menschen angeboren; es werde beim Sprachenlernen bloss unterschiedlich aktiviert. Wolfe schildert eine Art akademischer Mafia, die jede grundsätzliche Kritik an dieser Ansicht unterdrückt habe. Das mag für die USA zutreffen, während anderswo durchaus noch an der Universalgrammatik gezweifelt wurde und vor allem an den Versuchen, ihr bestimmte – für alle Sprachen gültige – Regeln zuzuschreiben.
Und wieder stellt Wolfe dem Stubengelehrten, diesmal Chomsky, einen todesmutigen Landsmann als Forscher im Dschungel entgegen: Dan Everett, der in Brasilien die Sprache der Pirahã erforschte. Diese sehr einfach aufgebaute, aber mit Vogellauten angereicherte Sprache sei mit keinerlei Universalgrammatik zu erklären, befand Everett in den Achtzigerjahren, sondern allein mit der Lebensweise. Das schliesst nicht aus, dass auch diese Sprache dank angeborenen Fähigkeiten erlernt wird. Wolfe will aber Sprache als Errungenschaft allein der Kultur sehen, und dank ihr habe der Mensch nicht nur die eigene Evolution abgeschlossen, sondern auch jene der anderen Arten: Das Königreich der Tiere sei eine Kolonie des menschlichen Königreichs der Sprache geworden.
--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»
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6 Meinungen
1. Chomsky hat in seiner Schrift 'Syntactic Structures' von 1957 keineswegs «seine These einer Universalgrammatik [vorgelegt]». Der Begriff Universalgrammatik taucht in seiner technischen Bedeutung erst im 1965 erschienenen 'Aspects of a Theory of Syntax' das erste Mal promiment auf (zuvor hatte es eine traditionelle Bedeutung. Siehe dazu das erste Kapitel von Aspects). Dieser Begriff beschreibt dabei die Genetische Grundlage unserer Sprachfähigkeit. Somit ist jeder Versuch die Sprachfähigkeit zu erklären eine Theorie über die Universalgrammatik.
2. Die Debatte um den Sprachlichen Relativismus, die Sie ansprechen, wurde durchaus auch im Angelsächsischen Raum geführt, wurde dort gewissermassen Begründet (siehe Sapir-Whorf-Hypothese) und ist mitlerweile passé. Literatur dazu findet sich zuhauf. Bspw: Pinker 'The Language Instinct' Kapitel 'Mentalese' als Einführung ; Pullum (http://www.lel.ed.ac.uk/~gpullum/EskimoHoax.pdf) der den sogenannten Eskimo-Hoax entlarvt ; Das Team Rund um Gleitman (http://papafragou.psych.udel.edu/papers/lietal.pdf) die einen anderen Mythos aus dieser Ecke entlarven.
3. Für eine sehr gelungene und leider Anonyme Kritik zu Wolfe Buch von jemandem, der vom Fach zu sein scheint: http://www.3ammagazine.com/3am/tom-wolfes-reflections-language/
5. Für einen allgemeinen Kommentar betreffend Artikel über Sprache in Medien (ebenfalls vom Fach): http://www.languagesoftheworld.info/uncategorized/a-guide-to-the-perplexed-how-to-identify-pseudo-linguistic-articles-in-the-media.html
6. Zu Sprache als Kultur: Zu sagen Sprache sei Kultur verschiebt die Diskussion nur um ein Stück. Dann stellt sich die Frage, wie erwerben wir Kultur?
(7. Es bleibt noch ein Off-Kommentar zur Kommentarfunktion. Gerade bei wissenschaftlichen Fragen ist es unerlässlich genau zu sein und auf seine Quellen hinzuweisen. Linguistik ist zweifelsohne eine wissenschaftliche Diziplin und auch der Wissenschaftsjournalismus von dieser Seite hat sich an die Grundprinzipien der Wissenschaft zu halten. Was Herr Goldstein nicht gemacht hat, habe ich versucht nachzuholen. Durch die Zeichenbeschränkung und das Verbieten von zwei Posts hintereinander wird eine sachliche Kritik allerdings immens erschwert.
"Fragen um die Rangordnung von Denken und Sprache wurden wohl erst dann direkt mit jenen nach der Evolution verknüpft, als der US-Linguist Noam Chomsky 1957 seine These einer Universalgrammatik vorlegte: Dieses «mentale Sprachorgan» sei evolutionär entstanden und allen Menschen angeboren; es werde beim Sprachenlernen bloss unterschiedlich aktiviert."
Können Sie mir bitte Stellen aus Chomsky 1957 nennen, woher diese Behauptungen stammen sollen? Können Sie mir zudem sagen, was Sie mit «beim Sprachenlernen bloss unterschiedlich aktiviert» meinen?
»... vor allem an den Versuchen, ihr bestimmte – für alle Sprachen gültige – Regeln zuzuschreiben."
Können Sie mir die Definition von Universalgrammtik angeben, auf die Sie Ihre Behauptung stützen? Können Sie mir die Quelle angeben?
"Diese sehr einfach aufgebaute, aber mit Vogellauten angereicherte Sprache sei mit keinerlei Universalgrammatik zu erklären, befand Everett in den Achtzigerjahren, sondern allein mit der Lebensweise."
Können Sie mir ein Paper von Everett aus den Achtzigerjahren nennen, welches das behauptet?
Es geht dabei um die zwei Kardinaltugenden der Wissenschaft: Ehrlichkeit und Redlichtkeit. Bleib bei den Fakten und belege sie mit nachprüfbaren Quellen.
Was micht stört ist, dass die Linguistik als korruptes Feld unter Don Chomsky dargestellt wird. Es ist ein wissenschaftliches Feld wie jedes andere. Wenn Wolfe etwas anderes behauptet, dann soll er das belegen. Wenn Sie seine Meinung wiedergeben, sollten sie zumindest überprüfen, was seine Quellen sind. Wenn er keine hat ...
"One of the greatest scientists of our lifetime has embarked upon a fascinating research program. [...] And whether that program is successful or not, it is a vision of remarkable beauty – the recursive patterns of our languages and their variety and complexity could be understood perhaps as well as we now understand the spiral patterns in the nautilus shell or the recursive patterns of the snowflake.
He came to us with that gift. He did not ask us to believe him, nor did he insist that we engage in that project ourselves. He simply told us what his project was and invited us to join him. And all we as a culture could do in our upscale magazines and newspapers and blogs was shit all over the man and clog the conversation with an endless stream of transparent gibberish from obvious charlatans. This is why we can’t have nice things.» goo.gl/d9YhiJ
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