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Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Hrsg. v. Dieter Lenzen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002. (236 S.; ISBN: 3-518-29193-9; EUR 11,--) .
"Sozialisation vermittelt natürliche und soziale Verhaltensbedingungen als [kursiv]Selbstverständlichkeiten[kursiv]. Das führt jedoch im sozialen Sytsem zu Schwierigkeiten und Konflikten, wenn man die Erfahrung machen muß, daß das, was für den einen selbstverständlich ist, bei den anderen keineswegs glatt durchgeht. Erziehung [kursiv]thematisiert[kursiv] deshalb das, was sie zu erreichen sucht, und weckt damit einen Sinn für die Kontingenz der Festlegungen: Es ist zwar richtig, aber auch anders möglich."(53)
"Damit ist zugleich gesagt, daß Erziehung nicht nur Handlungen erfordert (die man nachahmen könnte), sondern Kommunikation. Denn sie erfordert, daß man zunächst lernt, was man nicht weiß, und sieht, was man nicht sieht, und dann dazu ansetzt, die Lücke zu füllen. Negatives kann aber nur durch Kommunikation, nicht durch Handlung, vermittelt werden. Kommunikation hebt etwas hervor, was sich nicht von selbst versteht. Mit der Angewiesenheit auf Kommunikation ist Erziehung zwangsläufig ein gesellschaftlicher Prozeß, während Sozialisation über Handlung und Nachahmung laufen kann. Damit ist aber noch nicht ausgemacht, welche Kommunikation als Kommunikation aufgefaßt wird." ( 53/54)
"Jede inhaltliche Festlegung des Erziehungsbegriffs führt zu der Frage, was durch sie ausgeschlossen wird und wie sich diese Ausschließung weltweit und für die Geschichte der Erziehung begründen läßt. Wir eretzen deshalb inhaltliche Definitionen durch eine formale, quasi tautologische Definition. Als Erziehung haben alle Kommunikationen zu gelten, die in der Absicht des Erziehens in Interaktionen aktualisiert werden. Damit ist klargestellt, was durch den Begriff der Erziehung ausgeschlossen werden soll, nämlich absichtslose Erziehung, also Sozialisation." (54)
"Es wird nun leicht fallen, dieses systemtheoretischen Einsichten in das Schema Medium/Form zu übersetzen. Mit Hilfe dieses Schemas externalisiert das System die hochkomplexen internen Verhältnisse der konditionierten Konditionierungen. Es 'objektiviert' gewissermaßen die intern erbrachten Leistungen, indem es sich vorstellt, unter gegebenen Möglichkeiten die eine oder andere zu wählen - bei einem Schachspiel zum Beispiel angesichts einer bestimmten, im Spiel selbst erzeugten Stellung einen bestimmten Zug zu ziehen. Es sieht den Möglichkeitsraum mit seinen bereits erfolgten Einschränkungen als das Spiel und entscheidet daraufhin über den nächsten Zug; es realisiert im Medium des Spiels die eine oder andere Form. Mit der Semantik des unfertigen Kindes definiert die Erziehung gewissermaßen ihr eigenes Spiel. Das Kind ist deshalb für die Pädagogik, solange sie ihre Aufgabe an Heranwachsenden und an Schulen orientiert, das Medium der Erziehung. Offenbar geht es um ein durch die Eigenentwicklung des Kindes immer schon eingeschränktes Medium; nicht um die platonische Wachstafel, auf die man Beliebiges einzeichnen könnte. Es geht um konkrete Kinder. Aber die konkreten Kinder werden nicht als strukturdeterminierte Systeme gesehen, die in jedem Moment ihres Lebens so sind, wie sie sind, und nicht anders. Auch in fast aussichtslosen Fällen hofft der Pädagoge noch auf die Möglichkeiten des Mediums, die es ihm ermöglichen, Formen zu wählen, die im Kind 'noch nicht' realisiert sind." (89)
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