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Forschungsprojekt
'Im Mittelpunkt meiner Zeit als Corti-Fellow am Ethik-Zentrum der Universität Zürich stehen allgemein das Problem praktischer Zweifelsfälle in Kants Moralphilosophie sowie im besonderen der notorische kleine Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ aus dem Jahre 1797. Kant deutet in seinen Druckschriften nur selten an, daß es überhaupt praktische Dilemmata geben kann. In der „Grundlegung“ und der „Critik der practischen Vernunft“ scheint es, als ließen sich normative Fragen schnell und eindeutig klären – Abwägung, Überlegung und Unsicherheit gehören in den Bereich der Klugheit, nicht der Moral oder des Rechts. Nur an einer einzigen Stelle in der späten „Metaphysik der Sitten“ erörtert Kant explizit die Möglichkeit der Kollision von sogenannten Pflichtgründen, die für sich nicht zureichen, eine Pflicht simpliciter zu rechtfertigen. Das Thema läßt sich allerdings durch die Vorlesungsnachschriften zur Moralphilosophie bis zu Kants Auseinandersetzung mit Baumgartens Lehrbuch zurückverfolgen; was auch geschehen soll. – Doch was verbirgt sich hinter solchen rationes obligandi? Was entscheidet über ihr jeweiliges Gewicht? Und nach welchen Kriterien soll der Handelnde entscheiden, wenn verschiedenartige Verpflichtungsgründe aufeinanderprallen? Kann es in Kants Ethik überhaupt solche Kriterien geben? Der kategorische Imperativ wird von ihm zu diesem Zweck bezeichnenderweise nicht bemüht. Im Lügenaufsatz von 1797 wendet sich Kant gegen die von Benjamin Constant vorgebrachte These, unsere Pflicht zur Wahrhaftigkeit sei vom Recht des anderen auf Wahrheit abhängig. Er geht dabei bekanntlich so weit, diese Pflicht auch dem zuzumuten, der nur durch glaubhaftes Lügen einen Freund vor seinem Mörder retten kann. Damit haben wir einen praktischen Zweifelsfall par excellence. – All dies ist klar; doch die Details sind es nicht. Widerspricht Kants absolute Wahrhaftigkeitspflicht nicht dem gesunden Menschenverstand, auf den er sonst in der Moral doch so viel hält? Ergibt sich eine solche Pflicht schon dann, wenn man die Möglichkeit eines Rechts auf Lüge bestreitet? Was verbirgt sich hinter Kants Unterscheidung von „formalem“ und „materialem“ Unrecht? Und was genau heißt: ein Recht auf Lüge verderbe die „Rechtsquelle“? Diese Fragen sollen aus historischer, exegetischer und systematischer Sicht erörtert werden.'