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Aus dem größeren Text „Die Autorität“, 4. Oktober 1968
Wenn es im menschlichen Leben eine Zeit gibt, in der die Autorität eine bedeutende Rolle spielt, so ist das die Zeit von der Geburt bis zur Volljährigkeit. Die Familie ist wahrhaft eine wunderbare göttliche Einrichtung, in deren Schoß der Mensch sein Dasein empfängt, ein so eingeschränktes Dasein, dass er eine lange Zeit der Erziehung braucht, die ihm zunächst von den Eltern zuteil wird und dann von denen, die sich, im Wesentlichen nach der Wahl der Eltern, an dieser Erziehung beteiligen.
Von seinem Vater und seiner Mutter erhält das Kind alles: seine leibliche, geistige und religiöse Nahrung ebenso wie seine moralische und gesellschaftliche Erziehung. Die Eltern lassen sich dabei von Lehrern helfen, die in der Seele der Kinder an der elterlichen Autorität teilhaben. Mag nun das Wissen im Verlauf der Jugend durch die Vermittlung der Lehrer oder durch die der Eltern erworben worden sein, es ist fast zur Gänze mehr ein erlerntes, empfangenes, überkommenes Wissen, als ein durch Verstand, klares Urteil und vernünftige Überlegung erworbenes. Der junge Student glaubt an seine Eltern, an seine Lehrer, an seine Bücher, und so erweitern sich seine Kenntnisse und vervielfältigen sich. Sein eigentliches Wissen, jenes, das über seine Erkenntnisse Aufschluss geben könnte, ist recht begrenzt. Wenn man an das Gesamtbild der Kindheit und der Jugend denkt, wie es sich in der Menschheit und der Geschichte darstellt, muss man feststellen, dass die Vermittlung der Kenntnisse zu einem beträchtlichen Teil durch die vermittelnde Autorität geschieht, weit mehr jedenfalls als dadurch, dass das erworbene Wissen dem Jugendlichen wirklich klar wäre.
Sicherlich erwirbt die Jugend, wenn es sich um höhere Studien handelt, persönlichere Kenntnisse und gibt sich Mühe, die Lehrfächer, die sie studiert, in der Weise kennenzulernen, wie ihre Lehrer sie ihrerseits kennen. Aber erlaubt die Fülle der verlangten Kenntnisse heutzutage dem Studenten noch, alle Beweise und Versuche selbst durchzuführen? Im übrigen können sich viele Wissenschaften, wie die Geschichte, die Geographie, die Archäologie und die Kunstgeschichte tatsächlich nur auf den Glauben an die Lehrer und die Bücher stützen.
Wenn es sich um religiöse Kenntnisse handelt, um die religiöse Praxis und um die Betätigung einer mit der Religion, mit den Überlieferungen und mit den herrschenden Gewohnheiten übereinstimmenden Moral, gilt dies noch mehr als für andere Wissenschaften! Die Menschen leben im Allgemeinen nach der Religion, die sie von ihren Eltern übernommen haben. Für den Übertritt zu einer anderen Religion bedeutet der Bruch mit der angestammten Religion ein enormes Hindernis. Ein menschliches Wesen bleibt immer für die Stimme der von der Mutter übernommenen Religion empfänglich.
Und sagen wir es ohne zu zögern: Wie groß ist doch die Bedeutung dieser von der Familie und dem Kreis der die familiäre Erziehung vervollständigenden Lehrer geprägten Erziehung im menschlichen Leben! Nichts ist in jedem Einzelmenschen beständiger als seine Familientraditionen. Das gilt überall auf dem ganzen Erdball.
Dieser außerordentliche Einfluss der Familie und des Erziehungsmilieus ist von der Vorsehung gewollt. Er ist von Gott gewollt. Es ist normal, dass die Kinder die Religion ihrer Eltern beibehalten, ebenso wie es normal ist, dass die ganze Familie konvertiert, wenn ihr Oberhaupt sich zu einem anderen Glauben bekennt. Das Evangelium und die Apostelgeschichte führen viele Beispiele dafür an.
Gott hat es gewollt, dass seine Wohltaten den Menschen zunächst durch die Familie zuteil werden. Darum hat er dem Familienvater diese große Autorität gegeben, die ihm eine ungeheure Macht über die Familie, über seine Frau und seine Kinder verleiht. Je größer die weiterzugebenden Werte sind, um so größer ist auch die Autorität. Das Kind wird in einer so großen Schwachheit geboren und ist so unvollkommen, man könnte sagen, so unvollständig, dass man die unbedingte Notwendigkeit seines ständigen Verbleibens in der Familie und der Unauflöslichkeit der Familie ermessen kann.
Die Persönlichkeit des Kindes und sein persönliches Gewissen auf Kosten der Autorität in der Familie übersteigern zu wollen, heißt, die Kinder ins Unglück stürzen, sie zur Auflehnung und zur Missachtung der Eltern treiben, während doch denen, die ihre Eltern ehren, langes Leben versprochen wurde. Gewiss verlangt der heilige Paulus von den Vätern, „ihre Kinder nicht zum Zorne zu reizen, sondern“, fügt er hinzu, „erzieht sie in der Zucht und Lehre des Herrn.“ (Eph. 6, 4)
Man weicht von dem von Gott eingeschlagenen Weg ab, wenn man behauptet, dass nur die Wahrheit durch ihre eigene Kraft und ihr eigenes Licht den Menschen die wahre Religion zeigen müsse, während Gott doch in Wirklichkeit bestimmt hat, dass die Religion durch die Eltern vermittelt werde und durch Zeugen, die das Vertrauen der auf sie Hörenden verdienen. Wenn man, um zu glauben und sich zu bekehren, warten müsste, bis man Einsicht genug hat, um die religiöse Wahrheit zu erkennen, dann gäbe es bis heute nur recht wenige Christen. Man glaubt an die religiösen Wahrheiten, weil ihre Zeugen durch ihre Heiligkeit, ihre Uneigennützigkeit und ihre Nächstenliebe glaubwürdig sind. Man glaubt an die wahre Religion, weil sie die innersten Wünsche einer aufrechten Menschenseele zufriedenstellt, insbesondere dadurch, dass sie ihr eine himmlische Mutter, Maria, einen sichtbaren Vater, den Papst, und eine himmlische Nahrung, die Eucharistie, gibt. Unser Herr hat die, welche er bekehrt hat, nicht gefragt, ob sie verstünden, sondern ob sie glaubten. Dann vermittelt, wie der heilige Athanasius sagt, der lebendige Glaube das Verständnis.
Im Fall der Gemeinschaft der Familie, des ersten Abschnittes jedes menschlichen Lebens, ist es offenkundig, dass die Segnungen der Autorität unermesslich sind, unentbehrlich und der sicherste Weg zu einer abgeschlossenen Erziehung, die auf das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft und in der Kirche vorbereitet. Schon hier ist die Kirche in beachtlichem Ausmaß beteiligt an der Hilfe, die der Familie gebracht wird, und an den für das christliche und gesellschaftliche Leben der Gläubigen unentbehrlichen Mitteln.
Wenn aber der Augenblick kommt, in dem die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche gemeinsam die Familie ablösen müssen, zeigt es sich, dss selbst der sorgfältig erzogene Mensch nicht imstande ist, ohne die Hilfe dieser beiden Gemeinschaften zu leben und einer Berufung auf Erden zu folgen.