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Die Erfindung des Buchdrucks war eine Informationsrevolution, wir erleben gerade eine weitere: die Digitalisierung. Die Parallelen sind augenscheinlich, wie ein nicht ganz ernst gemeinter Rückblick auf Zwingli, Luther und andere Influencer aus dem 16. Jahrhundert zeigt.
1. Influencer
Huldrych Zwingli legte, aus heutiger Sicht, eine nicht untypische Influencer-Karriere hin. Aus gutem Haus kommend und offenbar mit grossem Sendebewusstsein ausgestattet, wagte er sich schon in frühestem Alter in die Welt hinaus. Mit sechs zog er zum Onkel, mit 15 nach Wien. Das Theologiestudium schloss er nie ab (typisch Influencer!). Seine Botschaften konnte er trotzdem bald als Pfarrer in Glarus verbreiten. Von dort aus vernetzte er sich mit Intellektuellen in ganz Europa und baute eine wachsende Zahl an Followern auf, etwa in der von ihm gegründeten Lateinschule.
2. Content is king
Trotz der Abgeschiedenheit des Glarnerlandsstand befand sich Zwingli in regem Kontakt mit den Gelehrten seiner Zeit und war dadurch stets über neu erschienene Bücher unterrichtet. Zwingli besass am Ende seiner Glarner Zeit die damals bedeutende Zahl von über 100 Wälzern. Ein Buch kostete bis zur Erfindung des Buchdrucks soviel wie ein Haus. Wer Bücher besass, hatte das Wissen. Und Wissen ist bekanntlich wie Googlen – einfach unabhängig von Akkulaufzeiten.
3. Versteckte Werbebotschaften
Der Begriff Human Resources wäre zu Zeiten Zwinglis eng gefasst gewesen. In Glarus ging es vor allem darum, wem die jungen Glarner als Söldner dienen sollen. Zur Wahl standen Franzosen oder der Papst. Influencer Zwingli stellte sich stets auf die Seite des Papstes. Von ihm bezog Zwingli auch eine Pension von 50 Gulden. Das ging nur bis 1515, respektive bis zur Schlacht von Marignano, gut. Nach dem Sieg der Franzosen und dem jähen Ende der eidgenössischen Grossmachtpolitik dreht der Wind. Papst-Parteimann Zwingli verlor seine Glaubwürdigkeit, war nicht mehr zu halten und wurde in Folge beurlaubt.
4. Bad News is good News
Das Geschäftsmodell der katholischen Kirche fusste, ähnlich wie das der klassischen Zeitungsindustrie, auf dem Verbreiten von Angst und Schrecken. Kommerzialisiert wurde das Gefühl der Ohnmacht durch Ablassbriefe. Der Handel, Geld gegen Seelenheil, schien fair, das Geschäftsmodell nachhaltig. Die Kirche begrüsste die Erfindung des Buchdrucks entsprechend. Vorgedruckte Ablassbullen konnten so tausendfach unter die Leute gebracht werden.
5. Gratismentalität
Der Geldbedarf der Kirche war riesig: Der Petersdom wollte gebaut und die Schulden bei den Fuggern abbezahlt werden. Dies brachte zwar auch Luther auf den Plan, aber die grundsätzliche Ausbreitung von Wissen durch den Buchdruck hatte noch drastischere Auswirkungen, als der wortgewaltige Reformator. Wollte Luther nur das Geschäftsmodell der katholischen Kirche lahmlegen, vernichtete die Wissensverbreitung die Geschäftsbasis: die Angst vor dem Jenseits. Die Zahlungsbereitschaft für Seelenheil und Informationen nimmt seither laufend ab und tendiert inzwischen gegen Null. Die Medienhäuser suchen heute händeringend nach neuen Geschäftsfeldern.
6. Das 95-Thesen-Listicle
Die 10 Gebote, die Moses empfing, hatten noch auf Steintafeln Platz. Die guten Botschaften wurden in vier Evangelien zwischen den Buchdeckeln des neuen Testaments zusammengefasst. Danach ist 1500 Jahre lang keine listenhafte Informationsvermittlung viral gegangen. Das änderte der Mönch Martin Luther. Um seine Anliegen wirksam zu vermitteln, lancierte er in 95 Thesen das Listicle-Format, wie wir es heute von Newsportalen kennen, neu. Die Punkte nagelte er einzeln an die Pforte der Schlosskirche von Wittenberg. Der Erfolg gab dem von Sprachpuristen wenig geliebten Listenformat recht. Die Botschaften Luthers verbreiteten sich in Windeseile und veränderten die Welt.
7. Social Media Professional
Einer von Luthers Gegenspielern, Johannes Eck, versuchte in 404 Thesen, Luthers Irrtümer zu begründen. Heute weiss jedes Kind, dass nur Listicles mit ungerader Zahl viral gehen. Entsprechend fand Ecks Aufzählung wenig Beachtung und sorgte dafür, dass Eck seinen alten Titel behalten musste: «Fuggerknecht»
8. Fakenews
Das grösste Problem der Obrigkeit zu Zeiten der Reformatoren war die Verbreitung aufgeklärten Wissens. Spätestens nachdem der Portugiese Magellan 1522 die Welt umrundet hatte, war die «Flat Earth»-Theorie nicht mehr haltbar. Der Mensch stellte sich zunehmend in den Mittelpunkt und damit das Weltbild der Kirche auf den Kopf. Wer zu viel wusste, oder etwa die Bibel auf Fakenews hin untersuchte, wurde als Ketzer bestraft, oder durch Inquisitoren dazu gebracht, dieses Wissen für sich zu behalten. Mit wenig Erfolg.
9. Autoritätsverlust
Die Wahrheit hatte den Papst im Laufe der Jahrhunderte als letzte Autorität abgelöst. Allerdings erleben wir derzeit, wie die beliebige Verfügbarkeit von Informationen den Glauben ans Wissen massiv erschüttert. Was ist wahr, was ist unwahr? Wer heute noch alles glaubt, was er in den Medien liest, ist so fehlbar, wie es der Papst zu Zwinglis Zeiten in Wahrheit war.