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| Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden

Lob- und Trauerreden
Rede über das Leben des heiligen Gregor des Wunderthäters.
9.
Da der Ruf von diesen Wundern durch das ganze Land drang, und man sich überzeugte, daß sie durch die Kraft des Glaubens an Christus gewirkt wurden, so ergriff Alle eine Sehnsucht, an einem Glauben Theil zu nehmen, der von solchen Wundern bezeugt würde. Und überallhin drang die Predigt und die Geheimnißlehre war wirksam und das [S. 536] Streben nach dem Guten nahm zu, indem das Priesterthum 1 überall eingeführt wurde, damit der Glaube überall wüchse und zunähme. Es wird daher eine Gesandtschaft aus einer benachbarten Stadt an ihn abgeordnet, daß er zu ihnen komme und in ihrer Kirche das Priesterthum einführe. Die Stadt heißt Komana 2, deren sämmtliche Bürger den großen Mann um die Gunst anflehten, er möge nicht verschmähen, bei ihnen Einkehr zu nehmen. Als er nun zu ihnen kam und sich einige Tage bei ihnen aufhielt und in ihnen durch seine Thaten und Worte ein noch größeres Verlangen nach der Geheimnißlehre entzündete, und es bereits Zeit war, daß der Zweck ihrer Gesandtschaft erreicht und ein Oberpriester für ihre Kirche ernannt würde, da waren die Gedanken aller Magistratspersonen auf Die gerichtet, welche durch Rednergabe, Abkunft und sonstige Vorzüge sich hervorthaten. Denn sie glaubten, da diese Eigenschaften auch an Gregorius hervortraten, so dürften sie auch Dem nicht mangeln, dem diese Gnade zu Theil würde. Da nun ihre Stimmen sich vielfach theilten, und die Einen diesen, die Andern jenen wählen wollten, so erwartete der große Mann, es werde ihm von Gott für den vorliegenden Fall irgend ein Rath zu Theil werden. Und wie von Samuel berichtet wird, daß er bei der Wahl zur Königswürde sich nicht von körperlicher Schönheit und Größe habe bewegen lassen, 3 sondern nach einem königlichen Geist geforscht habe, sollte er auch in einem unansehnlichen Körper sich finden, in gleicher Weise sah auch er ohne Rücksicht auf die Bestrebungen, welche zu Gunsten Anderer gemacht wurden, nur darauf, ob Einer auch vor der Wahl durch Unschuld und Tugend sich des Priesterthums würdig zeigte.
[S. 537] Als nun diese ihre Kandidaten unter Lobsprüchen vorführten und Jeder den seinigen vorschlug, er aber sie aufforderte, auch auf Die Rücksicht zu nehmen, welche im äusseren Leben eine geringere Stellung einnähmen, denn es könne auch unter diesen sich Einer finden, der an Reichthum der Seele höher stehe, als Die, welche in der Welt ein höheres Ansehen genießen, so hielt einer von den Leitern der Wahl diesen Vorschlag des großen Mannes für Schmach und Hohn, wenn, während die Übrigen nach Beredsamkeit, Würde und dem offenen Zeugnisse ihres Lebens beurtheilt würden, und Keiner zum Priesterthum auserwählt würde, man irgend einen Handwerker dieses Amtes für würdiger hielte. Und zugleich ging er spottend auf ihn zu und sagte zu ihm: Wenn du dazu aufforderst, daß diese Männer, welche aus der ganzen Stadt auserlesen sind, übergangen werden, und daß man zur Würde des Priesterthums Einen aus dem Auskehricht hervorziehe, so möchte es zuletzt geeignet sein, den Köhler Alexander zum Priesterthum zu berufen. und wenn es dir Recht ist, so wollen wir Bürger der Stadt insgesammt in gemeinschaftlicher Übereinstimmung diesem unsere Stimmen geben. Er nun sagte dieß, um dessen Denkweise lächerlich zu machen und durch die scherzweise vorgeschlagene Wahl dessen Bedenklichkeiten bei den Früheren zu mißbilligen. Dem großen Manne aber kommt bei Anhörung dieser Worte der Gedanke, es möchte nicht ohne göttliche Fügung Alexander bei der Wahl erwähnt und genannt worden sein, und fragt: Wer ist dieser Alexander, von dem ihr Erwähnung gethan habt? Als nun da Einer der Anwesenden den benannten unter Gelächter vorführte, der in schmutzige Lumpen gehüllt war, und nicht einmal dieß am ganzen Körper, und sein Handwerk durch sein Aussehen an Händen und Gesicht verrieth, und dessen übrige Körpertheile durch die Beschäftigung mit den Kohlen beschmutzt waren, da war Alexander für die Übrigen, indem er so mitten unter ihnen stand, ein Gegenstand des Gelächters. Jenes durchdringende Auge aber wurde bei diesem Vorgang und Auftritt sehr überrascht. Es war [S. 538] hier ein Mann zu sehen, der in äusserster Armuth und mit vernachläßigtem Körper sich Nichts vergab und fast auf dieses Aussehen stolz war, das in den Augen der Unverständigen ihn lächerlich machte. Denn die Sache verhielt sich also. Nicht der Zwang der Armuth hatte ihn zu einem solchen Leben getrieben, sondern der Mann war ein Weiser, wie sein späteres Leben zeigte, und stand höher als die Übrigen, so daß er es zum Martyrtode brachte und seinen Lebenslauf im Feuertode vollendete. 4 In der Verborgenheit aber lebte er, oder vielmehr suchte er zu leben, weil er über das Glück erhaben war, nach dem die Menge strebt, und die Welt für Nichts achtete, weil er nach dem höheren wahren Leben sich sehnte. Und um desto eher die Tugend, nach der er strebte, zu erreichen, suchte er diese seine Eigenschaften zu verbergen und versteckte sie hinter einem verachteten Gewerbe, wie hinter einer abstoßenden Larve. Ausserdem glaubte er, da er in voller Jugendblüthe stand, es könnte die Enthaltsamkeit, nach welcher er strebte, gefährdet werden, wenn er die Schönheit seines Körper zur Schau trüge, als wollte er mit dem Glücke seiner äusseren Gaben prunken. Denn er wußte, daß das die Meisten in schwere Verirrungen stürze. Damit ihm also weder etwas Unerwünschtes begegnete, noch auch er für fremde Augen ein Gegenstand des Anstoßes würde, deßhalb hüllt er sich wie in eine abstoßende Larve freiwillig in das Handwerk eines Kohlenbrenners. Da übte er seinen Körper durch Arbeit zur Tugend, und verbarg seine Schönheit hinter dem Ruß der Kohlen, und verwendete zugleich die Erträgnisse seiner Arbeit zur Erfüllung der Gebote.
Als er ihn nun aus der Versammlung entfernt und alle seine Lebensverhältnisse genau erforscht hatte, übergab [S. 539] er ihn seinen Begleitern und trug ihnen auf, was sie mit ihm vornehmen sollten. Er aber begab sich wieder in die Versammlung und belehrte die Versammelten über den vorliegenden Gegenstand, indem er vom Priesterthum handelte und ihnen hiebei eine Schilderung des tugendhaften Lebens machte. Mit solchen Reden hielt er die Versammlung hin, bis die Diener nach Vollendung seines Auftrages mit Alexander wieder erschienen, der sich vom entstellenden Ruße gereinigt und die Kleider des großen Mannes angezogen hatte. Denn dieß zu besorgen hatte er ihnen aufgetragen. Als nun Alle auf Alexander schauten und bei seinem Anblick mit Bewunderung erfüllt wurden, sagte der Lehrer zu ihnen: "Es ist euch nichts Außerordentliches begegnet, wenn euere Augen sich täuschten, und ihr bei der Beurtheilung der Schönheit bloß von der sinnlichen Wahrnehmung euch leiten ließet. Denn eine unzuverläßige Richterin der Wahrheit ist die sinnliche Wahrnehmung, weil ihr das Eindringen in die Tiefe des Geistes versperrt ist. Zugleich war dieß auch dem Teufel selbst, dem Feinde der Gottesfurcht, lieb, daß das Gefäß der Auserwählung ganz unthätig und unbekannt sei, und nicht ein Mann öffentlich auftrete, der seine Macht vernichten würde." Nach diesen Worten führt er den Mann im Priesterthume Gott zu und überträgt ihm auf die vorgeschriebene Weise die Gnade der Weihung. Als nun Alle ihre Augen auf den neuen Priester warfen und er ersucht wurde, vor der Gemeinde zu sprechen, so zeigte Alexander gleich beim Antritt seines Hirtenamtes, daß der große Gregor über ihn ein richtiges Urtheil gefällt hatte. Denn seine Rede war voll Verstand, minder mit rednerischen Blumen geziert. Ein hochmüthiger attischer Jüngling, der sich bei ihnen aufhielt, verlachte daher die schmucklose Redeweise, weil sie nicht mit attischer Kunst ausgefeilt war. Er soll aber durch ein göttliches Gesicht zu besserer Einsicht gelangt sein, da er eine Herde Tauben sah, die von ungemeiner Schönheit strahlten, und Jemand sagen hörte, dieß seien die Tauben Alexanders, über die er gelacht hätte.
1: (xxx), das bischöfliche Amt. Priester in der hierarchischen Rangordnung ist (xxx), nicht (xxx).
2: Liegt in Pontus.
3: 1Kön 16,7.
4: Alexander, Bischof von Komana, wurde in der Christenverfolgung unter Decius i. J. 250 verbrannt.