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Die folgende Geschichte ist frei erfunden, aber verarbeitet reale Erfahrungen.
Claudia war noch keine fünfzig, als in ihrem linken Daumenballen immer wieder Schmerzen auftraten, wenn sie den Bodenlumpen auswrang oder ein Gurkenglas aufschraubte. Claudia fand das komisch, weil sie doch Rechtshänderin war. Die Schmerzen verklangen jeweils, aber meldeten sich bei Arbeiten in Haushalt und Küche immer häufiger zurück.
War das ein «SMS-Daumen»? Claudia hatte den Begriff einmal aufgeschnappt und begab sich mit dieser Vermutung zur Hausärztin. «Nein», sagte diese nach der Untersuchung. «Die Sehnenscheiden sind nicht entzündet, das Problem liegt im Gelenk. Sie haben eine Arthrose.»
«So alt bin ich doch noch gar nicht!», entfuhr es Claudia. «Und warum habe ich die Arthrose links, als Rechtshänderin?»
Kaum eine Arthrose ist im Alltag so hinderlich wie die Arthrose an der Daumenwurzel, deshalb der medizinische Ausdruck «Rhizarthrose», von griechisch rhiza = Wurzel. Daneben gibt es den gleichbedeutenden Ausdruck «Daumensattelgelenksarthrose», nach der Bauform des Gelenkes, den zwei sattelförmigen Gelenkflächen.
Ob wir die Zähne putzen oder eine Jacke zuknöpfen, eine Tür aufschliessen oder einen Schraubdeckel öffnen – eine Rhizarthrose findet am Tag zig Gelegenheiten, Schmerzen zu verursachen.
Am häufigsten betroffen: Frauen ab 45
Claudia erfährt, dass von einer Rhizarthrose überwiegend Frauen ab 45 Jahren betroffen sind. «Und wenn Sie mit der rechten Hand ein Glas Konfitüre aufschrauben, was tun Sie dann mit der linken?» Claudia schaut auf die Hände der Ärztin, die die Frage pantomimisch schon beantworten. «Ich halte das Glas fest.» – «Genau», sagt die Ärztin. «Sie geben mit der anderen Hand Gegendruck und spreizen den Daumen so ab. Diese Belastung ist für ihren Daumen offenbar zu viel.»
Bei einer beginnenden oder nur gering ausgeprägten Rhizarthrose genügt in der Regel eine konservative (d.h. nicht-operative) Therapie. Akute Schmerzen lassen sich mit Salben, entzündungshemmenden Schmerzmitteln oder Cortison-Injektionen direkt ins Gelenk unterdrücken oder abmildern. Doch die medikamentöse Therapie ist keine Dauerlösung.
Eine weitere sinnvolle Therapiemassnahme sind Schienen (Orthesen). Sie schützen, stabilisieren und entlasten das Daumensattelgelenk. Die Betroffenen können im Prinzip selber entscheiden, wann und wie häufig sie die Schiene anhaben. Manche tragen sie gerne tagsüber. Eine gut angepasste Daumenschiene schränkt die Beweglichkeit der Hand bei alltäglichen Aktivitäten nicht ein. Andere hingegen tragen die Schiene lieber beim Schlafen. Der Daumen ruht dann eine Nacht lang in einer optimalen Position und ist am Morgen von neuem bereit für die Strapazen des Tages.
Empowerment durch Ergotherapie
Claudia erhält Ergotherapie verordnet. Die Ergotherapie macht Körperhaltungen und Bewegungsmuster bewusst und sucht nach Alternativen, die Gelenke besser einzusetzen. Schon allein die korrekte Belastung bewirkt eine Entlastung. Zudem ist die Ergotherapie darauf spezialisiert, im Austausch mit der betroffenen Person eine Schiene anzufertigen (oder ein Modell auszuwählen) und individuell anzupassen.
«Zeigen Sie mir, wie Sie mit dem Brotmesser Brot schneiden!», wird Claudia von der Ergotherapeutin aufgefordert und lässt das übliche Szenario erkennen: kraftvolle Schneidebewegungen mit viel Druck auf dem Handgelenk (Dynamik) und auf der Gegenseite ein starres Fixieren des Objekts (Statik). Claudia lernt in der Ergotherapie viel über ihren Körper, das Zusammenspiel ihrer dynamischen und ihrer statischen Seite – und welchen Strategien helfen, es zu verbessern.
Manche Tipps der Ergotherapie sind so fundamental, dass man sich fragt, wie sie aus unserem Bewegungsrepertoire je haben verschwinden können. Zum Beispiel, die Belastung von den kleineren Gelenken auf grössere Gelenke nahe am Rumpf zu verlagern (wie Kinder es natürlicherweise tun). Oder Lasten auf beide Körperseiten zu verteilen und auf diese Weise die Belastung pro Gelenk zu halbieren.
Ergonomische Hilfsmittel
Würde sich ihre Arthrose auf weitere Fingergelenke ausweiten, würde sich Claudia sogar ein ergonomisches Brotmesser anschaffen.
Sein spezieller Griff bringt das Handgelenk in eine ganz entspannte Position und hilft, die ganze Kraft zum Schneiden direkt aus dem Arm zu holen und ohne Energieverluste auf die Klinge zu übertragen. Die Erleichterung auf der Bewegungsseite führt auch zu einer Entspannung auf der statischen Gegenseite.
Das Brotmesser ist nur ein Beispiel von vielen. Betroffene finden im Shop der Rheumaliga eine Fülle von Hilfsmitteln, die die Gelenke bei alltäglichen manuellen Tätigkeiten entlasten und mit Hebelwirkung oder Flächenvergrösserung den Kraftaufwand minimieren. Die Kraftminimierung ist vor allem bei einer starken Ausprägung einer Rhizarthrose bzw. in deren späterem Stadium von Bedeutung. Denn ein stark angegriffenes, instabiles Daumensattelgelenk entkräftet die Hand als Ganze. Den Betroffenen entgleiten häufig Gegenstände.
Besonders froh ist Claudia um die Temperatur-Tipps der Ergotherapeutin. Das gereizte Daumensattelgelenk mit Eis zu kühlen, bringt zwar zeitweilig Linderung. Aber generell ist bei einer Rhizarthrose Wärme zu empfehlen und das Gelenk vor Kälte zu schützen. Seit Claudia dies weiss, schaut sie in der Küche darauf, nie lange in kaltes Wasser zu fassen und nasse Hände zügig abzutrocknen, und trägt bei Gartenarbeiten im Herbst, Winter und Frühling immer Handschuhe.
Wenn die ärztliche Behandlung und die Ergotherapie zusammenspielen, haben Betroffene wie Claudia gute Chancen, die Beschwerden einer Rhizarthrose zu reduzieren und eine Verschlimmerung abzuwenden.
Review: Katherine Forster, dipl. Ergotherapeutin, Basel
Publikation: 21. November 2018
Drei Fragen an die Ergotherapeutin
Rheumaliga Schweiz: Welche Stellung hat die Ergotherapie in der Therapie der Rhizarthrose?
Katherine Forster, dipl. Ergotherapeutin, Basel: Befindet sich die Rhizarthrose in einem akuten, schmerzhaften Stadium, kann die Ergotherapie wirksame Mittel einsetzen, um die Beschwerden zu lindern. Parallel dazu deckt die Ergotherapie zusammen mit dem Betroffenen auf, welche Tätigkeiten im Alltag Schmerzen auslösen oder Schmerzen unterhalten. So beginnt ein Prozess der Veränderung.
Die Ergotherapie berät im Sinne einer «Bedienungsanleitung» für die Hand. Wir fragen uns: Was haben wir für Möglichkeiten, zuzugreifen und festzuhalten? Die Betroffenen lernen «Tricks» und Hilfsmitteln kennen, mit denen die alltäglichen Belastungen leichter fallen und optimal von der Hand gehen.
Für die Auswahl geeigneter Schienen, deren Herstellung und deren Anpassung sind spezialisierte Ergotherapeuten die richtige Adresse. Abgerundet wird die Behandlung mit Übungen, die die Gelenke beweglich machen bzw. beweglich halten und muskulär stabilisieren. Eingeübt werden auch harmonische Bewegungsabläufe und ein angemessener Einsatz der Muskelkraft.
Was erwartet die Ergotherapie von Ärztinnen und Ärzten?
Viele Haus- und Fachärzte schätzen die Ergotherapie als eine effiziente Intervention zur Stärkung der Selbstwirksamkeit der Patienten. Die Betroffenen lernen zu verstehen, was ihre Beschwerden auslöst und welche Möglichkeiten sie haben, ihren Alltag positiv zu beeinflussen.
Was können wir alle, auch Gesunde, für unsere Daumen tun?
Am besten sind wir neugierig und lassen uns davon faszinieren, wie unser Körper gebaut ist und wie er funktioniert! Lernen wir hinzuhören, was uns guttut und was weniger. Wir sollten den Schmerz als ein Warnsignal des Körpers begreifen, als eine Chance, etwas zu verändern.