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Manche Tanne im Ortsbürgerwald musste geschlagen und viel Holz verkauft werden. Nur so waren die Gemeinden im aargauischen Stilli Mitte des 19. Jahrhunderts in der Lage, seinen Bürgern, die das Dorf in wirtschaftlicher Not verlassen wollten, Geld für die Auswanderung zu geben. In der Hoffnung, sie würden für immer gehen und müssten nie mehr unterstützt werden.
Der Historiker Max Baumann ist den Spuren dieser aargauischen Wirtschaftsflüchtlinge gefolgt. Er hat hier und in Übersee zwanzig Jahre lang akribisch Steuerregister und Haushaltsverzeichnisse durchgeackert, Grundbücher und Einbürgerungsakten durchforstet, Taufeinträge und Testamente ausgewertet.
Als Farmer in Amerika
So ist es ihm gelungen, die Lebensgeschichten von 130 Personen zu rekonstruieren. Über ihre Lebensgeschichten und Werdegänge hat er vor Kurzem ein Buch veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht dabei steht Kaspar Hirt, ein junger Mann aus Stilli, ein Müllersohn ohne Existenz, der in die Neue Welt aufbricht, mit dem Planwagen und Ochsengespann durch den Wilden Westen bis in die kalifornische Goldgräberstadt Sacramento reist und zu Geld kommt. Als gemachter Mann reist er 1854 für kurze Zeit in die Schweiz zurück. Aber nicht für lange. Er weiss, was er will: eine Frau aus der Schweiz und eine Farm in Ohio.
Bei seinem Besuch in Stilli sieht er das wirtschaftliche Elend: Die Kartoffelfäule hat die Ernten und das Einkommen vieler Familien zerstört. Und die neue Eisenbahn hat das regionale Transportgewerbe zum Erliegen gebracht. Viele Bürger von Stilli wollen deshalb mit Kaspar Hirt nach Übersee, in der vagen Hoffnung, dereinst als ebenso erfolgreiche Männer zurückzukehren.
Als Metzger in Ohio
Kaspar Hirt führt schliesslich vierzig Personen nach Amerika. In Le Havre besteigen sie ein dreimastiges Segelschiff und überqueren unter grossen Qualen den Atlantik: Die meisten werden schwer seekrank, einige Säuglinge überleben die Überfahrt nicht und werden im Meer versenkt.
Der Historiker Baumann zeichnet nach, was aus den Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Aargau in der Neuen Welt wird: Viele suchen zunächst eine einfache Anstellung. Sobald sie etwas Geld verdient haben, kaufen sie Land und machen es urbar. Sie roden Wald, legen Sümpfe trocken und bauen Getreide an.
Wer sich nicht als Farmer etabliert, versucht es als Handwerker oder im Dienstleistungsgewerbe, als Wirt oder Metzger. Viele, so ein Fazit von Max Baumann, sind beruflich schliesslich erfolgreicher als sie es in der Schweiz je waren und kommen denn auch nie mehr zurück.
Buchhinweis
Max Baumann: «Ich lebe einfach, aber froh. Erfolge und Misserfolge von Schweizer Ausgewanderten in Amerika.» Verlag hier + jetzt, 2012.