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Die Fachpresse brachte Dario Argento in den letzten Jahrzehnten viel Spott entgegen für sein Spätwerk. Und man kann es diesen Journalisten nicht gänzlich verübeln: Wer mit Monumenten des italienischen Horrorfilms wie «Profondo Rosso» , Link öffnet in einem neuen Fensterund «Suspiria», Link öffnet in einem neuen Fenster aufgewachsen ist, tut sich schwer damit, dass die gleiche Person irgendwann Filme abzuliefern begann, die bestenfalls einen Bruchteil dieses Zaubers ausstrahlten. Argento spürte diese schwindende Wertschätzung schmerzlich, gab sich frustriert, fühlte sich missverstanden, verweigerte bisweilen den Dialog mit der Presse.
In Locarno war von diesem ganzen Druck nichts zu spüren. Der Maestro war gekommen, um auf der Piazza Grande eine bizarre Form von Ehren-Trostpreis entgegenzunehmen, ohne einen neuen Film in der Selektion zu präsentieren (er bereitet zurzeit Dreharbeiten vor), dafür aber im Zusammenhang mit einer breit angelegten Retrospektive der legendären italienischen Taurus-Studios, in der seine frühen Arbeiten nur kleine Mosaikstücke darstellen.
Kein «Hasbeen», sondern ein Klassiker
Tatsächlich nahm Argento seinen «Piccolo Pardo» an der Seite des Titanus-Produzenten Guido Lombardo entgegen. Dessen Vater Goffredo Lombardo hätte Argento bei den Dreharbeiten zu seinem Regie-Erstling «L'uccello dalle piume di cristallo» (1970) am liebsten gefeuert, konnte es aber damals aus Vertragsgründen nicht. Argento zu diesem gespaltenen Verhältnis an der Publikumsbegegnung am Folgetag knapp: «Als mein erster Film ein Publikumserfolg wurde, wollte Lombardo sofort einen zweiten!»
Argento traf in Locarno auf ein Publikum, das ihm aus der Hand frass: Hier wurde er nicht als Has-been belächelt, sondern gefeiert als der Regisseur von zeitlosen Klassikern aus den 70ern und 80ern, von denen einige heute in restaurierten Fassungen auf dem Heimvideomarkt zugänglich sind. Die teils jungen Fans befragten ihn fast ausnahmslos zu seiner Blütezeit, zu seinen Inspirationsquellen, zu seinen Effekten, zu seiner Persönlichkeit.
Argento dankte es mit ausführlichen, aber pointierten Antworten zu seinem Schaffen: Um auf der Leinwand Schauer zu erzeugen, habe er sich immer an Albträumen orientiert, notabene an kindlichen Albträumen. Ohne falsche Ironie empfahl er seinem Publikum, Freud zu lesen: Diese Lektüre sei für ihn der Schlüssel zu seinem Unterbewusstsein gewesen, und er habe es sich nicht nehmen lassen, in Wien auf Spurensuche des Erfinders der Psychoanalyse zu gehen.
Freud lässt grüssen
Der Gruselspezialist Argento, gerne posierend mit einem Fleischermesser, ein beinharter Freudianer? Das erstaunt nur auf den zweiten Blick. Bereits für «Suspiria» hat sich Argento mit dem Esoteriker Rudolf Steiner und dessen Anthroposophie beschäftigt – das Ergebnis waren einige der skurrilsten und groteskesten Filmmorde, die je auf Zelluloid gebannt wurden.
Vielleicht liegt hier eines der zahlreichen Missverständnisse begraben, die sich um Argentos Schaffen drehen: Viele vermuteten in ihm einen wilden Freigeist, der mit seinen Filmen freudsches oder steinersches Gedankengut mit bilderstürmerischer Wucht pervertierte. Dabei waren diese Theorien für ihn stets rundum gültige Ansätze, um menschliche Perversionen – nicht zuletzt seine eigenen – in Bilderstürme zu verwandeln und sich somit davon zu befreien. Anders hätte er es vielleicht nie zu dieser Radikalität gebracht, die ihn bis heute auszeichnet. Mit seinen eigenen Dämonen wird Argento auch weiterhin kämpfen müssen. Vor den Dämonen der schlechten Kritik hingegen blieb er in Locarno verschont.