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Autor
Elio Bollag, Mitglied der jüdischen Gemeinde Lugano
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Das Feuer, das am 15. März 2005 in der Synagoge von Lugano und in einem von einer jüdischen Familie geführten Warenhaus ausbrach, wurde von den Medien vorerst als klar antisemitischer Akt bezeichnet. Als jedoch bekannt wurde, dass der Täter ein früherer Buschauffeur mit psychischen Problemen war, rückte das antisemitische Motiv in den Hintergrund.
«Schnee von gestern», wie man bei uns sagt. Es war der 15. März 2005, und in den Nachrichten wurde bereits am frühen Morgen gemeldet, dass in der Synagoge von Lugano sowie in einem der grösseren jüdischen Geschäfte, das seit über 50 Jahren jeweils samstags geschlossen war, ein Brand ausgebrochen war. Der Vorfall hatte in den internationalen Medien als offensichtlich antisemitischer Akt grosse Aufmerksamkeit erregt. Die Nachricht war unfassbar, denn Lugano galt seit jeher als Stadt, in der Antisemitismus praktisch inexistent war. Die seit 1919 hier ansässige, hauptsächlich strenggläubige chassidische Gemeinde war bestens integriert; ihre Mitglieder sprachen nebst dem traditionellen Jiddisch auch Luganeser Dialekt. Kaftane, schwarze Bärte und Haare galten als pittoresker Teil des Stadtbildes, und der Corso Elvezia nahe der Synagoge wurde jüdische Strasse genannt. Damals gab es in Lugano ein gutes Dutzend jüdischer Geschäfte, die samstags und an jüdischen Feiertagen alle geschlossen waren und die mehreren, fast ausschliesslich Familien aschkenasischer Tradition sowie lokalen Angestellten ein gutes Auskommen boten.
Als spontane Reaktion auf den Brandanschlag, der alle überrascht hatte, gab es eine Kundgebung der städtischen Bevölkerung Luganos auf der Piazza Indipendenza, an der Vertreterinnen und Vertreter aller Religionen teilnahmen. Der damalige Bischof Mino Grampa ist mir mit seiner ergreifenden Umarmung und seinen Worten in Erinnerung geblieben, es reiche nicht, die jüdische Bevölkerung zu tolerieren, man müsse sich auch für sie stark machen. Der Bischof nahm als einer der wenigen katholischen Geistlichen am samstäglichen Morgengottesdienst teil, der in der beschädigten Synagoge abgehalten wurde.
Einige Tage nach dem Brandanschlag wurde der Täter verhaftet. Es handelte sich um einen Busfahrer, der kurz zuvor wegen unangemessenem Verhalten entlassen worden war. Der Brand hatte die Gebäudestruktur der Synagoge stark beschädigt. Auch ein Grossteil der Bibliothek, für die Synagoge von grosser spiritueller Bedeutung, hatte Schaden erlitten – und war beschädigt oder verbrannt.
Das «Al Buon Mercato», ein wichtiges Textilwarengeschäft, blieb aufgrund des Schadens über eine Woche lang geschlossen. Der spätere Prozess wurde von der hochgeschätzten Richterin Agnese Balestra-Bianchi geführt. Als Ursache für die schändliche Tat wurden im Urteil der Mutwille und die verminderte Schuldfähigkeit des Täters, und nicht ein antisemitisches Motiv gesehen. Dem Umstand, dass in einer Kette immer das schwächste Glied zuerst bricht, wurde nicht Rechnung getragen. Lugano sollte nicht als antisemitische Stadt gelten; der Vorfall war einem schwachen, labilen, frustrierten Geist zuzuschreiben. Ich möchte betonen, dass Agnese Balestra-Bianchi – eine der vorbildlichsten Richterinnen in der Geschichte Luganos – ein über alle Zweifel erhabenes, beispielhaftes Urteil gefällt hat. Doch auch mit der Annahme einer doppelten Straftat, nämlich dass gleichzeitig zwei jüdische Gebäude getroffen worden waren, hätte Lugano nicht des Antisemitismus bezichtigt werden können.