Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/289

- Details
- Veröffentlicht: 24. August 2012
von Barbara Rebmann
Inzwischen ist im Ortsmuseum die Ausstattung unserer beiden neuen Vitrinen abgeschlossen. Eine Vitrine präsentiert Damenhüte aus der Zeit zwischen 1800 und ca. 1920 und die andere etwa zeitgleiche Herrenhüte. Es wird die Meisten erstaunen, dass unsere Damenmodelle nur wenig Farbe zeigen, ganz anders als wir es beispielsweise aus historischen Kostüm-Filmen kennen. Aber beispielsweise war es noch bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts üblich in einem schwarzen Festtagskleid zu heiraten und es war verwitweten Frauen bis an ihr Lebensende nicht mehr erlaubt etwas anderes als Schwarz zu tragen. Die Einhaltung dieser Regeln wurde vom sozialen Umfeld damals streng kontrolliert. Junge verwitwete Frauen durften nach einer angemessen Trauerphase von mindestens einem Jahr wieder kleine farbige Verzierungen auf ihrer sonst schwarzen Kleidung anbringen, wie es unsere Witwenhaube mit den farbigen Stoffblüten zeigt. Dies war dann auch ein Zeichen an die Männerwelt, dass die Farbe tragende Witwe für eine mögliche Wiederverheiratung bereit war.
Dahingegen sticht unsere Strohhaube, Schute genannt, aus der Biedermeierzeit (ca. 1815 bis 1848) stark heraus. Sie ist aus naturfarbenem Stroh geflochten, innen mit feinstem, gesmoktem Tüll gefüttert und mit künstlichen Blumen und Seidenbändern in Pastelltönen geschmückt. Sie stammt wohl aus dem Besitz einer sehr wohlhabenden Familie, wovon es in Muttenz damals aber nicht allzu viele gab. Die Haube wurde bei hochgesteckten Haaren und Zapfenlocken auf dem Hinterkopf getragen und mit breiten Bändern ums Kinn festgebunden. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die hier benutzten Seidenbänder im Baselbiet hergestellt worden sind. Das sogenannte Posamenten (Weben von Seidenbändern) war im 18. und 19. Jahrhundert der grösste Industriezweig der Region. Es ermöglichte den Kleinbauern auf der Landschaft in Heimarbeit etwas Bargeld zu verdienen. Fast in jedem Kleinbauernhaus stand darum mindestens ein grosser raumfüllender Webstuhl aus Holz, auf dem gleichzeitig mehrere Seidenbänder gewoben wurden. Ununterbrochen und mit ohrenbetäubendem Lärm ratterte der Webstuhl Tag und Nacht und die ganze Familie war in irgendeiner Form an der Arbeit mitbeteiligt. Natürlich liess sich damit auch bei grösstem Arbeitseinsatz rund um die Uhr nicht allzu viel Geld verdienen. Das Meiste davon blieb den Seidenband-Herren in Basel, welche die Bänder dann in die ganze weite Welt exportierten.
Im heutigen Bauernhausmuseum im Oberdorf ist eine einzige Posamenter-Familie verbürgt. Für sie wurde sogar der weit vorstehende Dachschild ausgeschnitten, damit im oberen Stock genügend Tageslicht einfallen konnte. Im Allgemeinen gingen die Muttenzer und Muttenzerinnen nämlich direkt in die grossen Seidenbandfabriken zur Arbeit, welche unter anderem auf der Stadtseite der Birs ungefähr hinter dem heutigen Stadion St. Jakob standen.
Auch bei der Hutmode der Männer sind dunkle Farben dominierend. Passend zu unserer Biedermeier-Schute wäre eigentlich ein sehr hoher und nach oben konisch breiter werdender Zylinder, der in den Farben des mehrfarbigen Herrenanzuges gehalten wäre. Die begüterte Männerwelt liebte es damals sich elegant und pastellfarbig zu kleiden, was wohl im bäuerlichen Muttenz sehr herausgestochen wäre. Bei uns ist also nur ein schwarzer Haar-Zylinder zu sehen, der aber zeitlich auch bestens zur Strohhaube passt. Die ursprünglich aus England eingeführte Melone wurde auch in Grau- und Beigetönen hergestellt und diente Handwerkern oft als Arbeitshut. Ein steifer „Goggs“ war um 1900 auch eine Art Statussymbol vieler Meister, zeigte aber je nach Handwerk eine etwas andere Form. Zur Arbeit im Stall, auf dem Feld oder im Wald hingegen trug die einfache Bevölkerung wohl eher die wärmende und platzsparende Zipfelmütze, die hier in Muttenz deshalb oft auch „Mischtzetter-Chappe“ genannt wurde.
Noch weit über die 1960er Jahre hinaus trugen Männer regelmässig Hüte und die Vielfalt an Formen und Farben wuchs. Es gehörte einfach zum guten Ton, dass man ausser Haus „behütet“ war. Bei den Frauen lockerte sich die Sitte bereits etwas früher und sie trugen Hüte immer mehr als modisches Accessoires zu speziellen Gelegenheiten, so wie wir es auch heute kennen.
Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie daheim noch den einen oder anderen sehr alten Hut zu dem Sie auch noch die Herkunftsdaten kennen? Wir würden uns über ein weiteres historisches Modell für unsere Hutsammlung sehr freuen.
|Öffnungszeiten Museen:|
|Am Ostersonntag, 27 März sind beide Museen geschlossen|
|Bauernhausmuseum, Oberdorf 4, geöffnet letzter Sonntag im Monat, April - Oktober (ohne Juli), Zeit: 10 - 12 Uhr und 14 - 17 Uhr|
|Ortsmuseum, Schulstrasse 15, geöffnet letzer Sonntag im Monat, Januar - Novermber (ohne Juli), Zeit: 14 - 17 Uhr|
|Für die Anmeldung zu einer Führung/für einen Anlass schreiben Sie uns eine E-Mail an: <email-pii> oder wählen Sie 061 466 62 71 (Museumssekretariat)|