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28. Ludwig I. von Thierstein
Ludwig I. von Thierstein (1387-1402)529. Die Grafen von Thierstein gehörten im 14. Jahrhundert zu den mächtigsten Dynasten in der nordwestlichen Schweiz. Abt Ludwig gehörte der jüngern, sogen. thierstein-farnsburgischen Linie an530. Seine Mutter soll nach Bonstetten eine Markgräfin von Hochberg gewesen sein531. Über sein Vorleben erfahren wir nichts.
Da das Todesjahr seines Vorgängers nicht feststeht, läßt sich auch sein Regierungsantritt nicht festlegen. Urkundlich erscheint er, wie oben erwähnt, erstmals den 14. August 1387. Der Anfang seiner Regierung fällt noch in die Zeit des Näfelserkrieges. Zu dessen Beginn besetzten die Zürcher die Höfe Pfäffikon und Wollerau, deren Bewohner sie sich eidlich verpflichteten. Rapperswil, auf das sie es vor allem abgesehen hatten, bezwangen sie freilich nicht. Im Gegenteil; nach Aufhebung der erfolglosen Belagerung, unternahmen die Rapperswiler einen Rachezug in die Gebiete von Pfäffikon und Freienbach. Der Friede, der am 1. April 1389 zustande kam, beließ die Höfe bei Zürich, mit dem der Abt den 1. März 1391 ein Burgrecht auf zehn Jahre einging532. Kurz darauf, 1393, kaufte Zürich die Vogteirechte über die Höfe auf; nur die Leute von der Ufnau und Hürden sollten gemäß dem Frieden von 1394 bei Österreich bleiben. Doch befand sich 1420 die ganze Vogtei in den Händen der Zürcher. Im gleichen Frieden von 1394 mußte Österreich auch die Vogtei über die Leute (nicht das Kloster) zu Einsiedeln für die Dauer, dieses auf 20 Jahre berechneten Friedens, an Schwyz abtreten533. Der Stadt Zürich beglaubigte Abt Ludwig 1394 die Abschriften dreier Freiheitsbriefe der Stadt534.
Kein Wunder, daß das Stift immer tiefer in die Schulden hineinkam. Beim Regierungsantritt des Abtes waren 2200 Gulden Schulden vorhanden; dazu kamen innert vier Jahren weitere 3000 Gulden. Man griff darum zunächst zu Veräußerungen. Den 9. September 1389 verkaufte man um 232 Gulden verschiedene Einkünfte vom Zehnten in Sursee nebst einigen Gütern, den 2. Juni 1390 um 550 Goldgulden Einkünfte vom Zehnten in Meilen und am 6. Dezember 1390 ein Gut zu Winterberg um 121 Goldgulden535. Um dem Niedergang zu steuern, vereinbarten Abt und Kapitel den 14. Februar 1391 sich zum Zwecke der Schuldentilgung536. Entbehrliche Güter und Kirchenschätze sollten veräußert werden. Daher kam es, daß man 1392 den Hof zu Siereuz an die Münch von Landskron um 900 Gulden veräußerte und im gleichen Jahre auch die Einkünfte des Stiftes zu Wile bei Sursee um 117 Gulden537.
Zur Hebung der Finanznot trug nicht bei, daß die Päpste damals auch auf Pfründen des Stiftes fremden Klerikern Anwartschaften erteilten. Zwar gewährte Bonifaz IX. den 11. April 1401 dem Abte eine Schutzballe für das Stift538, aber, wie der Abt ]396 hervorhebt, beschwerten öfters solche Pensionen das Stift. Auch König Ruprecht von der Pfalz legte den 22. Dezember 1401 dem Stifte als «erste Bitte» das Gesuch um Versorgung eines Klerikers der Diözese Konstanz vor539. Auch außerordentliche Steuern, wie sie z. B. Österreich um 1388/89 erhob, halfen nicht mit, die finanzielle Lage zu bessern540.
Nicht zuletzt war es aber Abt Ludwig persönlich, der die Finanznot vermehrte. Bonstetten sagt darum von ihm: «ist ain schedlicher apt gewesen»541. Er suchte nämlich in den Besitz des Bistums Straßburg zu gelangen, um das ein heftiger Streit entbrannt war. Bischof Friedrich II. von Blankenheim hatte sich mit der dortigen Bürgerschaft überworfen und lauschte 1393 mit dem Bischof von Utrecht, Wilhelm von Diest seinen Sitz. Rat und Bürgerschaft von Straßburg wollten von dem nichts wissen und baten nun Papst Bonifaz IX., das Bistum dem Abte der Reichenau, Wernher von Rosenegg, zu übergeben. Graf Otto von Thierstein, Bruder unseres Abtes und letzter Graf von Thierstein-Farnsburg, verwandte sich bei Herzog Leopold von Österreich, um Ludwig das Bistum zu verschaffen. Das Domkapitel wiederum wählte Burkhard von Lützelstein zum Bischof, so daß es an Kandidaten wahrlich nicht fehlte. Schließlich behauptete sich aber der Bischof von Utrecht. Abt Ludwig hatte jedenfalls für seine Bemühungen größere Summen aufwenden müssen542.
Als Abt Ludwig keinen Ausweg aus den Schulden mehr sah, vereinbarte er sich den 3. Februar 1396 mit seinem Kapitel, das noch aus drei Mann bestand, dahin, daß er auf zehn Jahre die Verwaltung der Abtei niederlegen und sie Hugo von Rosen. egg als Pfleger übergeben wolle. Als Grund gibt er an, daß das Kloster wegen vieler Kämpfe, Feindseligkeiten, Brand, Raub und Mord, Wucherzinsen, Schulden, Pensionen u. a. m. am Rande des Verderbens stehe. Der Pfleger solle in der Verwaltung freie Hand haben und dem Abte, der Unserer Lieben Frau zu Lob und dem Gotteshaus zur Ehre «zur Schule» fahren wollte, zunächst 150 Gulden und dann jedes Jahr 300 Gulden verabfolgen. Sollte der Abt im Lande bleiben, so hatte der Pfleger ihm jährlich 200 Gulden nebst einer Reihe festgesetzter Naturalien zu geben543.
Abt Ludwig fuhr aber nicht «zur Schule», sondern blieb im Lande und befaßte sich trotz dem vorgenannten Vertrag fortwährend mit der Verwaltung der Stiftsgüter. Er nahm weiters eine ganze Reihe von Veräußerungen, ebenso von Lehensübertragungen und andern Geschäften vor544. Freilich erscheint daneben meist auch der Pfleger, unter dem das Hofrecht von Hippetsweiler (Hohenzollern) und Höhreute (Baden) erneuert wurden545.
In Fahr, wo um diese Zeit erstmals das durch Bischof Heinrich III. 1360 verliehene Siegelrecht vorübergehend in Ausübung kam546, war damals Walter von End Propst, mit dem sich der Abt überwarf. Landvogt Engelhard in Baden fällte am 3. Oktober 1393 einen Schiedsspruch547. Doch waren 1399 neue Zwistigkeiten aufgelaufen, nicht zuletzt auch wegen der Kustorie, deren Inhaber Walter war, sodaß Bürgermeister und Rat von Zürich vermitteln mußten548. In St. Gerold ging nach dem Aussterben der Grafen von Montfort-Feldkirch die Vogtei unterm 21. April 1391 an den Grafen von Werdenberg über, der unter anderm auch die Herrschaft Blumenegg innehatte, mit der die Vogtei bis 1648 verbunden blieb, wo sie vom Stifte abgelöst wurde549.
Abt Ludwig hat in den Annalen des Stiftes keinen guten Namen hinterlassen. Er verdankt dies vor allem Bonstetten, dessen Urteil wir schon hörten. Ringholz550 sucht den Abt von den Vorwürfen zu reinigen, muß aber zugeben, daß er es bei «den schwierigen Zeitverhältnissen nicht verstand, die Ausgaben ins richtige Verhältnis zu den Einnahmen zu setzen». Unrecht hat Bonstetten jedenfalls, wenn er sagt, er sei zum Bischof von Straßburg postuliert worden und auf der Reise dahin in Pfäffikon vom Tode überrascht worden. Die Straßburger Angelegenheit war längst erledigt, als es mit Abt Ludwig zum Sterben kam. Es war im Jahre 1402, wie Bonstetten hat, den 10. Oktober, wie eine Glosse dazu bemerkt551. Merkwürdigerweise findet sich sein Tod auch im Jahrzeitbuch von Frick eingetragen, wo allerdings dieThiersteiner das halbe Patronatsrecht besaßen552. Urkundlich wird Abt Ludwig den 19. Januar 1402 zum letzten Mal erwähnt553.
Von Abt Ludwig besitzen wir zwei Siegel. Das erste zeigt den sitzenden und segnenden Abt (ohne Baldachin), oben das Klosterwappen, immer noch mit einem Raben, und unten das Familienwappen, in Gold auf grünem Dreiberg eine (rote) Hinde. Die Umschrift lautet: «S. LODOWICI. DEL GRA. MONASTERII. H'EMITARVM.»554. Das zweite zeigt den sitzenden Abt (ohne Baldachin) mit Buch und Stab, die beiden Wappen aber unterhalb. Legende: «f S. LODOWICI. DEL GRA. ABBA. MONASTERII. H'EMITARVM.»555.