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Streicherklassen unter der Lupe
Katharina Bradler untersucht diese Unterrichtsform sowohl historisch wie didaktisch und bietet eine Fülle von konkreten Anregungen.
Die fast 300 Seiten umfassende Doktorarbeit informiert übersichtlich, wie Streicherunterricht mit grossen Gruppen von 10 bis 24 Kindern oder Jugendlichen entstanden ist, wie er sich um 2000 zu einem Boom an öffentlichen Schulen, besonders in Deutschland entwickelt hat und was an dieser Unterrichtsform entwicklungsfähig wäre.
Die ersten dieser nur mit Geigen (homogen) oder mit allen Streichinstrumenten gemeinsam (heterogen) geführten Streicherklassen entstanden 1911 in den USA zur Förderung von Schulorchestern. In mehreren Gruppenlektionen pro Woche sollten die Kinder das Instrument beherrschen lernen. Jedes technische Problem – in eine musikalische Botschaft gekleidet – wandelt das Lernen zu einem gemeinsamen Erleben in fliessendem Rhythmus. Als wichtigster Beitrag zum hindernisfreien Fortschreiten wird das Werk von Paul Rolland ausführlich vorgestellt. Sein «Approach», hier Rolland-Methode genannt, hatte ab 1974 eine Ausstrahlung auf alle englisch- und deutschsprachigen Länder. Sein Ansatz, eine in kleinen Schritten mit natürlichen, alltäglichen Bewegungen rhythmisch vermittelte Unterrichtsweise, ist wunderbar zusammengefasst in den 14 Filmen zum seinem Lehrbuch The Teaching of Action in String Playing und den für das Zusammenspiel der ganzen Streichinstrumentenfamilie konzipierten New Tunes for Strings von Stanley Fletcher.
Obschon Rolland das Prinzip allen Anfängerunterrichts zur Vollendung brachte, regten die vielen Gruppenvorführungen in den Filmen zum Unterrichten in Klassen und zu ersten Anfänger-Lehrwerken für heterogene Streicherklassen (Sheila Johnson) an. Über die Verbreitung dieser Bewegung in den USA, England und Deutschland durch Donald Miller, Sheila Nelson, Bernd Zingsem und vielen andern wird ausführlich berichtet. Sehr lehrreich und anregend werden die vielen Aspekte der Einrichtung der Gruppen, die verschiedenen Formen des Team-Teaching, der Zusammenarbeit der öffentlichen Schulen mit den existierenden Musikschulen und der Finanzierung beleuchtet. Fünf der deutschsprachigen Lehrwerke werden ausführlich mit einheitlichen Kriterien beschrieben und kritisch begutachtet.
Das 5. Kapitel, «Didaktische Prinzipien von Streicherklassenunterricht», ist das zentralste; wertvoll sind die aufgezählten Möglichkeiten der inneren Differenzierung, die den Frontalunterricht auflockern und innerhalb der Gruppe alle Beteiligten auf spezifische Weise aktiv hält. Die Autorin vergleicht Einzel- und Gruppenunterricht und gibt Anregungen für die integrierte Zukunft beider Unterrichtsformen. Mich erstaunt, dass die weltweit betriebene japanische Methode von Suzuki, in der das Gruppenmusizieren auch eine wesentliche Rolle spielt, kaum erwähnt wird. Ihre Grundsätze, nach Gehör spielen zu lernen, viel zu wiederholen und zu konzertieren, wären Ergänzungen, die man beherzigen sollte.
Katharina Bradler, Streicherklassenunterrich. Geschichte – Gegenwart – Perspektiven, Forum Musikpädagogik Band 127, 292 S., € 34.80, Wissner-Verlag, Augsburg 2014, ISBN 978-3-89639-963-2