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Dürfen Sie sich angesichts der Klimakatastrophe einen SUV anschaffen? Sollen Sie die Initiative „Für mehr bezahlbaren Wohnraum“ annehmen? – Fortwährend müssen wir entscheiden und Verantwortung übernehmen für unser Tun.
Was richtig ist und was falsch, hängt dabei von den Zielen ab, die wir verfolgen. Wenn ich den Klimawandel bremsen will, liegt ein SUV nicht drin. Wenn mir dagegen mein Status wichtiger ist, schon. Falls mir günstige Wohnungen ein Anliegen sind, stimme ich anders ab, als wenn ich die Freiheit des Marktes hochhalten will.
Handlungsanweisungen – Imperative – sind somit bedingt, oder wie Kant sagt, hypothetisch: „Falls du dies willst, tue jenes“. Die Empfehlung gilt nur, sofern du dieses Ziel verfolgst. Welches du wählst, bleibt dir überlassen.
Eine solche Moral der Beliebigkeit wäre für den Mülleimer. Wer ethisch handeln will, braucht ein Prinzip, das unabhängig von subjektiven Interessen bleibt, eine Handlungsregel, die unbedingt gilt. In jeder Situation. Für alle. Kant nennt sie den kategorischen Imperativ, der in seinen Worten lautet: „Handle so, dass du wollen kannst, dass die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz wird“.
Mit „Maxime“ meint Kant die persönliche, subjektive Regel, aufgrund deren ich so oder anders entscheide. Sie enthält also die Ziele oder Bedingungen, die in meinen hypothetischen Imperativen stecken: den Klimaschutz oder das Renommierbedürfnis. Diese persönliche Regel soll „allgemeines Gesetz“ werden. Das ist nicht juristisch gemeint, sondern psychologisch: Alle Menschen, ausnahmslos, sollen meine Maxime befolgen. Und zwar soll ich das „wollen“ können, nicht etwa bloss in Kauf nehmen, weil es mir ohnehin egal ist.
Mit dem kategorischen Imperativ sollen Sie ihre hypothetischen testen. Sie sollen fragen: Welches Prinzip – ganz genau – gibt den Ausschlag für Ihre Entscheidung? Und dann: Wollen Sie wirklich, dass es das Handeln aller Menschen bestimmt? Beim SUV: Können Sie wollen, dass beim Autokauf alle dem Statusbedürfnis folgen? Oder aber: dass sie sich am Klimaschutz ausrichten? Hier dürfte die Antwort leicht fallen.
In andern Fällen ist die Sache vertrackter. Der Knackpunkt liegt im Begriff der „Maxime“. Vielleicht stimmen Sie gegen die Initiative, weil Sie keine neue Ungleichheit wollen: zwischen denen, die zufällig eine günstige Wohnung erhalten, und den leer Ausgehenden. Vielleicht besitzen Sie aber selber eine Immobilie und wollen nicht, dass sie an Wert verliert. Sie sehen: Auf die Absicht kommt es an, auf das Motiv oder den Grund, aus dem Sie so oder anders entscheiden.
Wie wir zu diesen drei existenziellen Dimensionen stehen, wie wir auf diese drei Fragen antworten, das macht unsere Identität aus. Damit definieren wir uns selbst. Wir sind unsere Antworten.
Ihr Handeln muss reziprok sein.
Sie können Ihr Handeln somit nur dann wirklich am kategorischen Imperativ messen, wenn Sie sich genau prüfen, wenn Sie sich nichts vormachen. Viele Menschen sind schnell mit irgendwelchen Vorwänden zur Hand, um ihr wahres Motiv zu verbergen, manchmal sogar vor sich selber.
Kants Grundsatz ist genial einfach – und zugleich höchst anspruchsvoll. Er nötigt Sie, Ihre wahren Motive zu prüfen und nur solche zuzulassen, von denen Sie sagen können: „Ich will, dass alle Menschen diesem Motiv folgen.“
Das besagt im Kern: Ihr Handeln muss reziprok sein, umkehrbar. Auch wenn der Anspruch hoch ist: Als Leader können Sie ihn nicht in den Wind schlagen.