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«Das sind meine Packs aus der letzten Weekend League», sagt Sujeerthanan und schaut konzentriert auf sein Handy. Der 19-Jährige ist leidenschaftlicher FIFA-Gamer und erklärt uns gerade den Spielmodus «FIFA Ultimate Team».
Laut Game-Hersteller «EA Sports» spielen etwa 75 Prozent aller FIFA-Spieler*innen in diesem Spielmodus, in welchem man Spieler mit einer Art virtuellem Sammelkarten-System zugelost bekommt. 2019 hat EA damit einen Nettoumsatz von ca. 1,4 Milliarden US-Dollar gemacht.
Auf Sujeerthanans Bildschirm erscheint jetzt die Auswertung: Er hat den Spieler Diego Godin gezogen. Ein uruguayischer Fussballspieler, der bei Cagliari in der italienischen «Serie A» spielt. Er hat eine Bewertung von 85. Die Zahl sagt aus, wie gut der virtuelle Spieler ist. Ziel ist es, möglichst viele Spieler mit hohen Zahlen zu ziehen.
Gelegentliche FIFA-Spieler kennen das Game wohl eher als Spiel, bei dem man eine «echte» Mannschaft wie Barcelona oder Real Madrid wählt und dort dann die gleichen Spieler zur Verfügung hat wie «in echt». Im Modus «Ultimate Team» besteht der Reiz hingegen darin, dass man sich sein Team mit Spielern aus unterschiedlichen Mannschaften zusammenstellen kann. Über die beste Bewertung verfügt derzeit Lionel Messi mit 93 Punkten.
«Dafür, dass ich 10–15 Stunden voll fokussiert gespielt habe, ist die 85er-Bewertung nicht gut», erklärt Sujeerthanan. Einen guten Spieler zu ziehen sei allerdings Glückssache: «Es funktioniert wie im Casino, wie Sportwetten, wie irgendein Glücksspiel.»
Bezahlen kann man auf zwei Arten: Mit virtuellem Geld, das man sich erspielt, oder mit Echtgeld-Investitionen.
Weekend League
Die Weekend League ist der härteste Wettbewerb in «FIFA 21 Ultimate Team». Der Wettbewerb findet immer am Wochenende statt und ist der Modus, der in «Ultimate Team» die besten Belohnungen bringen kann.
Normalerweise beginnt die Weekend League freitags um 9 Uhr und endet am Montag um dieselbe Zeit. Während diesen 72 Stunden müssen die Gamer*innen 30 Spiele absolvieren. Je mehr Siege man sammelt, desto gröser fallen die Belohnungen aus.
Ich stelle mir immer vor, wie es wäre, wenn ich Cristiano Ronaldo ziehen würde.
Glücksspiel ist ein Kinderspiel
Viele FIFA-Spieler*innen fangen schon früh an, echtes Geld zu investieren. Sie haben Angst, den anderen Gamer*innen sonst unterlegen zu sein.
Auch Vithushan, ein Kindergartenfreund von Sujeerthanan, hofft darauf, gute Spieler zu ziehen: «Ich stelle mir immer vor, wie es wäre, wenn ich Cristiano Ronaldo ziehen würde.» Ihm ist jedoch bewusst, dass die Chance dafür klein ist. Für Spieler mit einer Bewertung von über 86 Punkten liegt die Wahrscheinlichkeit je nach virtuellem Sammelkarten-«Päckli» bei unter 3 Prozent.
Aber auch wenn Vithushan einen schlechten Spieler zieht, will er die Hoffnung nicht aufgeben. «Ich merke schon, dass die Packs sehr viel Suchtpotenzial haben.» Er lasse seine Laune oft vom Spiel steuern, werde auch mal aggressiv. «Man kann aber auch sehr viele Glücksgefühle haben, wenn es mal gut läuft.»
Sujeerthanan hat schon vor seinem dreizehnten Lebensjahr mit Echtgeld-Investitionen angefangen. «Wenn man wirklich jung ist und nicht sein eigenes Geld ausgibt, dann ist es brutal», sagt er. Mittlerweile sei er in der Lehre und könne es sich leisten. Das Spiel hat in den letzten Jahren einen extremen Hype erlebt. «Mittlerweile geben sogar Leute Geld aus, die ich noch gar nie spielen gesehen habe», meint er. Seit Oktober 2020 hat Sujeerthanan bereits 400–500 Franken in das Spiel gesteckt.
Belohnung und Zufallsprinzip machen süchtig
Auch Suchtexperte Franz Eidenbenz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte «RADIX», hat den FIFA-Hype in den letzten Jahren mitbekommen und sich intensiv mit der Thematik befasst.
Computergames wie FIFA seien ganz raffiniert aufgebaut, was Belohnungsmechanismen angeht, findet er. Man wird belohnt, wenn man gut spielt. «Vor allem mit Geldeinsatz ist es oft so, dass man auf diese Belohnung dann stärker abfährt, als wenn man in der Schule oder im Beruf einen Erfolg hat.» Es sei besonders dann gefährlich, wenn man im realen Leben nicht so viel Erfolg hat, dann spreche man eher auf diese Games an.
Oft merken es Betroffene nicht selbst, sondern das Umfeld reagiert: «Also wenn zum Beispiel die Freundin sagt, jetzt wird es langsam etwas viel, dann wäre das vielleicht ein Hinweis darauf, dass man ein wenig aufpassen muss.»
Der zweite wichtige Suchtfaktor sei das Zufallsprinzip. Da sei die Gefahr vorhanden, dass sich Spieler*innen schon früh daran gewöhnen. «Insofern ist die Besorgnis, dass man später mit Glücksspielen wie Online-Casinos abhängig werden könnte».
Immer mehr Länder greifen durch
In Belgien und den Niederlanden sind sogenannte «Lootboxen», zu welchen auch die virtuellen «Ultimate Team»-Päckli gehören, in Videospielen bereits verboten.
In der Schweiz werden Glücksspiele bzw. Geldspiele wie folgt definiert: «Spiele, bei denen gegen Leistung eines geldwerten Einsatzes oder bei Abschluss eines Rechtsgeschäfts ein Geldgewinn oder ein anderer geldwerter Vorteil in Aussicht steht».
Bei FIFA ist der geldwerte Einsatz gegeben, da die Spieler-Packs mit Echtgeld erworben werden können. Allerdings können die Spieler auch über den virtuellen FIFA-Transfermarkt mit In-Game-Spielwährung ge- und verkauft werden, welche keinen monetären Gegenwert hat. Deshalb fällt FIFA – vorerst – nicht unter das Glücksspielgesetz. Doch auch wenn diese Lootboxen nur eine Art Simulation von Glücksspiel sind, der Einsatz und Suchtfaktor bleibt echt.
Was sind deine Erfahrungen? Schreib es uns per Whatsapp an +41 79 909 13 33!
Spielsucht
Das Spielen ist dann problematisch oder krankhaft...
...wenn das Glücksspiel in den Mittelpunkt des Lebens rückt, die Kontrolle über das Spiel verloren geht und trotz offensichtlich negativen Auswirkungen weitergespielt wird.
...wenn süchtige Spieler*innen nicht mehr zum Spass spielen oder weil sie Lust dazu haben, sondern weil sie nicht anders können. Das Spielen beherrscht den persönlichen Alltag.
Weitere Informationen über problematisches Spielen und Suchtentwicklung findest du auf spielsucht-radix.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster.