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global: Professor Zamagni, bereits im Juli letzten Jahres prognostizierte der «Sustainable Development Outlook 2020», dass bis zu 100 Millionen Menschen in die Armut abrutschen werden, während laut einem Bericht von Oxfam gleichzeitig eine Zunahme der Ungleichheiten in allen Ländern der Welt zu verzeichnen sein wird. Ist Covid-19, das «Ungleichheitsvirus», daran schuld?
Stefano Zamagni: Die Pandemie hat die Ungleichheit verschärft, aber sie ist nicht die Ursache. Die heutigen Ungleichheiten sind strukturell bedingt; das heisst, sie sind im System verwurzelt. Sie sind nicht auf schlechtes Verhalten von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen zurückzuführen, sondern hängen von der Art und Weise ab, wie die Regeln für wirtschaftliche, finanzielle und politische Institutionen geschrieben sind. Diese Regeln gehen auf das Jahr 1944 zurück, als sich die wichtigsten Industrieländer der westlichen Welt in Bretton Woods trafen: Bereits in den 1970er Jahren sahen wir die perversen Auswüchse dieser Regeln – ich denke da an Steueroasen −; danach folgten weitere. Die Frage der Patentierung von Gütern, die nicht privat, sondern Gemeingüter sind, wurde überhaupt nicht behandelt; die katastrophalen Folgen sehen wir heute, in Zeiten der Pandemie. Die Spielregeln beinhalten Anreize für Unternehmen, im Namen des Profits die Umwelt zu verschmutzen und Regenwälder abzuholzen.
Angesichts der wachsenden Kluft zwischen den Reichen und den neuen «mehrdimensionalen Armen» ist ein Paradigmenwechsel notwendig. Daran erinnerte uns auch der internationale Kongress «Die Wirtschaft des Franziskus», der vom 19. bis 21. November 2020 in Assisi geplant und dann virtuell mit Jugendlichen aus der ganzen Welt durchgeführt wurde.
Ganz genau. Lassen Sie mich zunächst betonen, dass die Begriffe «Armut» und «Ungleichheit» nicht Synonyme sind. Gleich zu sein, bedeutet nicht, das gleiche Leben wie andere zu führen, sondern sich entscheiden zu können, anderen nicht gleich zu sein. Wenn wir die Verwirklichung der Gleichheit und somit auch der Diversität erreichen wollen, ist es zwingend notwendig, das derzeitige wirtschaftliche Paradigma aufzugeben, das von der Sentenz «homo homini lupus» (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) ausgeht. Es zeigt uns, wie man den Reichtum vermehrt, aber nicht, wie man ihn umverteilt, und kann deshalb die grossen Probleme unserer Gesellschaften nicht lösen. Dies kann stattdessen durch die Übernahme des Gedankens der Zivilökonomie geschehen, der von der Annahme ausgeht, dass jeder Mensch von Natur aus ein Freund eines anderen Menschen ist («homo homini natura amicus»). Wenn ich von der Idee ausgehe, dass die anderen potentielle Freunde sind, werde ich meine Beziehungen (auch ökonomische) anders gestalten, ohne den Gesamtnutzen zu maximieren, sondern um das Gemeinwohl anzustreben.
Wo stehen wir in Bezug auf die Rezeption dieses Wirtschaftsmodells in der Zivilgesellschaft und in der Geschäftswelt?
Ich glaube, wir können optimistisch sein. Vor allem, weil paradoxerweise die ersten, die ihre Bedeutung verstehen, die UnternehmerInnen selbst sind, die in zunehmender Zahl vom derzeitigen System der Marktwirtschaft negativ betroffen sind. Nehmen wir die vergangenen Monate, in denen die Pandemie Giganten wie Google und Amazon erheblich bereichert hat. Diese Unternehmen haben ihre Gewinne um Hunderte Milliarden Dollar gesteigert. Für andere UnternehmerInnen hingegen bedeuten die Pandemie-bedingten wirtschaftlichen Einschränkungen enorme Verluste. Die Tatsache, dass wir uns in einem System befinden, das den einen oder anderen bereichert oder verarmt, wird immer deutlicher und ist selbst für die Geschäftswelt inakzeptabel.
Wie Sie erwähnten, haben sowohl das Paradigma der politischen Ökonomie als auch das Paradigma der Zivilökonomie ihren Ursprung in Europa: Kann letzteres auch in anderen geografischen Kontexten funktionieren, etwa in Südamerika und anderen armen Ländern der Welt?
Sicher, denn die Zivilökonomie beruht auf anthropologischen Voraussetzungen und Prinzipien der Organisation wirtschaftlicher Tätigkeit, die auch im globalen Süden vorhanden sind. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: In Afrika gibt es das Wort «Ubuntu», das in den europäischen Sprachen keine Übersetzung hat und sich auf die Fähigkeit bezieht, gegenseitige Solidarität mit anderen auszudrücken. Diese Reziprozität ist zentral für das Paradigma der Zivilökonomie, die auch zum Gegenstand akademischer Forschung in Lateinamerika wird. Es bewegt sich etwas, auch wenn es Zeit brauchen wird, um das Erbe des kulturellen Kolonialismus zu beseitigen, eines Kolonialismus, der sowohl in der Praxis als auch in der Forschung das Paradigma des «homo oeconomicus» Kulturen auferlegt hat, für die die Maximierung des Eigeninteresses ein fremdes Konzept ist.