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Mit grossen Schritten steuerte sie quer durch die Hotelhalle geradewegs auf meinen Tisch zu. Sie setzte sich einfach und fragte erst dann: «Ist dieser Platz frei?» Nach einem tiefen Seufzer und einem «Oh dear!» betrachtete sie das Glas, das vor mir stand. «What is it?», wollte sie wissen. «Amontillado», antwortete ich der fremden Frau höflich. «Das muss ich unbedingt versuchen», meinte sie darauf. «Endlich werde ich erfahren, worum es in Edgar Allan Poes "Das Fass Amontillado" geht.»
So begann meine Bekanntschaft mit Margaret Millar, der bekannten amerikanischen Krimiautorin. Sie war mit der QE 2 über den Atlantik nach Europa gekommen, um hier ihre Verleger zu besuchen, und hatte dabei auch in Zürich Halt gemacht.
Armer Ronald Reagan
Nun sass sie da, in einem blau geblümten Altfrauenkleid aus Seidencrêpe, und sah aus wie eine farbige Kopie von Eleanor Roosevelt. Ich beobachtete sie, wie sie ihre Brille absetzte, ihre grosse Ledertasche öffnete und nach einer anderen Brille suchte. Dabei sprach sie ununterbrochen mit mir, stellte laufend Fragen und brach zwischendurch immer wieder in solch dröhnendes Gelächter aus, dass man sich an den Nachbartischen nach uns umdrehte.
Bald schon hatten wir uns gegenseitig vorgestellt. Dass ich sie vom Namen und ihren Werken her kannte, freute sie natürlich. Ich wusste, dass sie mit dem mindestens so berühmten Krimiautor Ross Macdonald verheiratet gewesen war. Eine Bemerkung, die sie auf die gemeinsame Arbeit in der Skriptabteilung grosser Hollywood-Studios kommen liess. Nicht lange, und sie schwelgte in Anekdoten aus jenen guten alten Tagen.
«Oh Ronnie!», schwadronierte mein Gegenüber zum Beispiel über Ronald Reagan, den ehemaligen amerikanischen Präsidenten. «Wir haben einige Drehbücher für ihn verfasst.» Unglaublich kurzsichtig sei Mr. Reagan gewesen. Er habe deshalb die Markierungen auf dem Boden der Filmsets nicht erkennen können. «Also musste er nicht nur tagtäglich Dialoge auswendig lernen, sondern auch jeden Schritt. "Poor man." Man sah das auch seiner Schauspielerei an.»
Mrs. Millar hatte im Laufe unserer Begegnung ganz offensichtlich beschlossen, mich zu mögen. Aus meinen Sympathien für die exzentrische alte Dame konnte ich sowieso keinen Hehl machen. Mir gefiel ihre direkte, etwas laute und überaus selbstironische Art, mit der sie das Leben anzupacken schien. Dass sie fast blind war, liess sie sich nicht im Mindesten anmerken. Wie sie die Erkrankung ihres Mannes an Alzheimer schilderte, wird mir immer in Erinnerung bleiben. «Bis zu seinem Ende wollte er jeden Tag in seine Schreibstube gebracht werden. Dort griff er jeweils nach einem leeren Manuskriptblatt und drückte dieses mit beiden Armen an seine Brust – und wurde dadurch völlig ruhig.»
Überaus kritische Geniesserin
Wir assen oft zusammen; Mrs. Millar war eine überaus kritische Geniesserin. Als uns etwa bei unserem ersten gemeinsamen Mittagessen ein wässriges Irishstew serviert wurde, hat sie mich – natürlich so laut, dass niemand im Lokal es überhören konnte – über den richtigen Umgang mit diesem irischen Armeneintopf aufgeklärt. «Fett durchwachsenes Fleisch, grosse Kartoffelstücke, viele Zwiebeln und bloss Wasser gehören da hinein», dozierte sie. «Die Iren waren arme Leute. Wenn sie mit etwas gewürzt haben, dann stets mit einer Scheibe getrocknetem Steinpilz.»
Einige Wochen später bekam ich Post. Im Briefumschlag lag das Millarsche Originalrezept für Irishstew. Nicht auf einem Computer geschrieben, sondern auf einer alten Schreibmaschine richtiggehend aufs Papier gehämmert.
Wo immer Margaret Millar im Himmel auch lebt: Ich bin sicher, dass es dort lustiger und lauter zu und her geht als in jedem anderen Ort im Jenseits.