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Wir Zürcher sind ein neurotisches Volk
Kürzlich war ich an einem Vortrag; es ging um das letzte Jahrhundert, das 1914 mit dem Ersten Weltkrieg angefangen hatte und 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer zu Ende ging, «das kurze 20. Jahrhundert», sagte der Referent und stellte die Frage in den Raum, «ob das 21. Jahrhundert schon begonnen hat, und wenn ja, dann wann?».
Ich war zu spät gekommen, Probleme mit dem öffentlichen Verkehr, der 161er war verspätet gewesen, worauf ich den Anschluss an die S-Bahn verpasste. Ich nahm das Tram, und beim Umsteigen am Paradeplatz war auf der Anzeigetafel der Dreizehner angekündigt, aber der Elfer auf dem anderen Gleis eingefahren. Ich stieg ein, doch das Tram tändelte herum, und so fuhr am Ende der Dreizehner als Erster los, während ich im blöden Elfer blockiert war. Gibts doch nicht, sagte ich zu mir.
Manchmal beobachte ich die Leute im Tram, wie sie die Anzeigetafel studieren, mit grimmigen Gesichtern. Wie sie aussteigen, fest entschlossen, den Anschluss nicht zu verpassen. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Einverstanden, manchmal hat man es eilig; wenn ein Schüler schon im Tram die Pausenglocke hört, kann ich seine Anspannung verstehen.
Andere Passagiere könnten gelassener sein, denke ich, aber wir Zürcher sind ein neurotisches Volk, wir ertragen die Leere nicht. Eine unsichtbare Kraft treibt uns an, das Leben abzuspulen wie einen Orientierungslauf.
Jetzt sass ich also im Elfer, fluchte vor mich hin. Das gibts doch nicht. Als der halblaute Satz aus mir herauskam, ungefragt, als würde ich im Schlaf reden, fühlte ich mich genauso neurotisch wie all die anderen. Wobei, hier geht es um ein berechtigtes Anliegen, dachte ich, dass die Anzeigetafeln an den Haltestellen elektronisch koordiniert werden, damit man weiss, in welcher Reihenfolge die Trams und Busse losfahren. Auch am Bellevue zum Beispiel, wenn der Zweier und der Fünfer gleichzeitig bereitstehen, eigentlich überall, wo es mehrere Perrons gibt. Üblicherweise lasse ich ja in dieser Kolumne die Finger vom öffentlichen Verkehr, zu kompliziert, unerzählbar auf engem Platz, und überhaupt, meist banal. Aber das hier schien mir wichtig.
Es ist im Grunde das Problem des Anstehens vor dem Fahrkartenschalter, vor dem Check-in, beim Warten auf der Post. Ein Thema des letzten Jahrhunderts. In welche Schlange soll man sich hinstellen? Die Neunzigerjahre waren dominiert von dieser Frage, und Jahre vergingen, bis sich das System der Schleusen durchgesetzt hat, oder des Nümmerli-Ziehens, wie auf der Post.
Klar soll man nicht alles regeln. Der Mensch ist keine Maschine; manchmal fährt der Elfer zuerst, manchmal der Dreizehner, wer alles im Voraus planen will, wird wahnsinnig, ist die ganze Zeit am Kalkulieren, irgendwann hört es auf mit der Rechnerei. Aber ich konnte nicht anders, zu Hause ging ich aufs Netz, ZVV-Fahrplan, und dort stand es unmissverständlich, der Elfer fährt vom Paradeplatz eine Minute später als der Dreizehner.
Es gibt auch eine App, die dir das Leben mit den VBZ leicht macht. Man müsste sie bloss herunterladen, das 21. Jahrhundert hat nämlich schon angefangen, still und diskret. Wers nicht gemerkt hat, ist selber schuld.