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Im neunten Kapitel Ihres Buches über Digitale Kompetenz gehen Werner Hartmann und Alois Hundertpfund auf den Unterschied zwischen informellem, formellem und selbstbestimmtem Lernen ein. Sie stellen fest, dass «jede Situation, in der wir uns befinden, … letztendlich eine Lernsituation sein [kann]», weil das Leben an sich eine Lernsituation sei. Als wäre diese Feststellung nicht genug, behaupten sie, dass sich die Forderung nach lebenslangem Lernen selbst entkräfte, weil es im Leben kaum Momente gebe, in denen nicht gelernt werde.
Eine lernende Maschine aus Streichholzschachteln
Natürlich ist das grundsätzlich richtig, und solch informelles Lernen ist wohl die Urform jeglichen Lernens. Es ist das Lernen der Evolution. Es ist auch das Lernen der Maschinen.
Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, als Personal Computer noch in weiter Ferne lagen, irgendwo eine Bauanleitung für eine «lernende Maschine aus Streichholzschachteln» gefunden hatte und diese baute. Ich war fasziniert, wie dieses System lernte und immer besser wurde.
Es handelt sich um eine Maschine, die eine sehr einfache Variante von Schach spielt. Das Spiel findet auf einem 3×3-Schachbrett statt. Jeder Spieler hat bloss drei Bauern, die gleich ziehen, wie im richtigen Schach. Das Ziel des Spiels ist es, mit einem Bauern die andere Seite zu erreichen oder den letzten Zug machen zu können.
Der eine Spieler ist ein Mensch, der Gegenspieler ist die Streichholzschachtelmaschine. Jedes Mal, wenn sie verliert, lernt sie, diesen Zug nicht wieder zu spielen. Schliesslich ist sie unschlagbar.
Das System ist derart einfach, dass man genau beobachten kann, wie informelles Lernen durch Trial and Error funktioniert. Wer sich ebenfalls eine lernende Streichholzschachtelmaschine bauen will, findet die Anleitung unter dem Namen Hexapawn.
Informelles Lernen genügt heute nicht mehr
Ich spreche lieber von modellfreiem versus modellbasiertem, als von informellen versus formellen Lernen.
Informelles oder maschinelles Lernen ist modellfrei. Man lernt, erfolgloses Verhalten zu vermeiden und erfolgreiches zu perpetuieren. Man hat aber kein Modell und weiss nicht, warum das eine funktioniert und das andere nicht.
Beim modellbasierten Lernen geht es darum, ein Modell des in Betracht stehenden Systems zu entwickeln. Zugegeben, in einer hochkomplexen Welt kann es sich kein Mensch mehr leisten, rein modellfrei zu lernen. Wir machen uns immer eine Vorstellung, wie etwas funktioniert. Meistens ist es uns jedoch nicht bewusst, wie wir zu unseren Vorstellungen gekommen sind und wie wir sie verändern und korrigieren.
Und genau da kommt meine Kritik von Hartmanns und Hundertpfunds Behauptung in’s Spiel, dass jede Situation, in der wir uns befinden, letztendlich eine Lernsituation sei. Das ist nämlich die Standardausrede von Entscheidungsträgern, um keine aktiven Lernphasen einlegen zu müssen.
Was Hartmann und Hundertpfund unter informellem Lernen verstehen, mag vor 10’000 Jahren genügt haben. In einer sehr komplexen Welt genügt es aber nicht mehr. Je mehr Verantwortung eine Person hat, desto häufiger sollte sie aktive Lernphasen einschalten, in denen sie z.B. ihre mentalen Modelle bewusst macht, sie studiert und lernt, wie sie entstehen, wovon sie abhängen, welche Konsequenzen sie haben und was sie mit der Realität zu tun haben (oder eben nicht). Diese Lernphasen sind selbstverständlich selbstbestimmt und können nicht in formellen Kursen absolviert werden.
Einer Topmanagerin oder einem Spitzenpolitiker, die behaupten, täglich on the job zu lernen, kann ich nicht vertrauen. Es reicht einfach nicht mehr!