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Marie-Pierra Kakoma hat ein Herz für Verlierer. Vor allem, wenn sie gut bewaffnet sind. Lous & the Yakuza nennt die 24-jährige Musikerin aus Brüssel das Soloprojekt, mit dem sie im Jahr 2021 durchstarten will. Der erste Teil des Namens entsteht, wenn man «Soul» rückwärts buchstabiert, der zweite verweist auf die japanische Mafia. Sprichwörtlich steht der Begriff Yakuza jedoch auch für glücklose und auf der Strecke gebliebene Menschen, die vom Rest der Gesellschaft als Verlierer betrachtet werden. Kakoma möchte Musik für diese Leute machen, für Aussenseiterinnen und Unterdrückte, für Eigenbrötler, Freaks und alle anderen vermeintlich hoffnungslosen Fälle. Noch vor kurzer Zeit hätten die meisten Menschen sie schliesslich selbst so bezeichnet.
Echte Popstars haben heute nicht mehr einfach nur Fans, sie führen ganze Bewegungen an. Beyoncé ist die Königin des Beyhive, Lady Gaga die Aufseherin der Little Monsters. Taylor Swift soll ihre Swifties sogar schon auf Journalisten gehetzt haben, die etwas Unverzeihliches über die Musik der Künstlerin geschrieben haben. Auch Kakoma rekrutiert ihre Yakuza nicht nur aus den Musikern, Fashiondesignerinnen, Videoregisseurinnen und Managern, mit denen sie bereits jetzt zusammenarbeitet. Wer ihre Rap- und R&B-Songs hört und dabei etwas spürt, darf sich ebenso als Teil der vermeintlichen Verliererbande fühlen.
«Kakoma träumt von einer Karriere im Stil ihrer Vorbilder: Whitney Houston, Mariah Carey, Kate Bush.»
Trotz mehreren Rückschlägen kommt Kakoma ihrem Karrieretraum näher
1996 ist Kakoma in Lubumbashi geboren, einer Millionenstadt im Südosten der Demokratischen Republik Kongo. Als Kinderärztin mit ruandischen Wurzeln wird ihre Mutter während des zweiten kongolesischen Bürgerkriegs verfolgt und zeitweise eingesperrt. Die Familie flüchtet im Jahr 2000 nach Belgien, zieht jedoch 2005 zurück nach Afrika. In Ruanda können Kakomas Eltern wieder als Ärzte arbeiten, ihre Tochter aber wird im durch Krieg und Genozid geprägten Land nicht glücklich. Als 15-Jährige geht sie 2011 zurück nach Brüssel und wohnt bei ihrer älteren Schwester. Dort schreibt sie Songs und Bewerbungen an grosse Plattenfirmen, die zunächst unbeantwortet bleiben.
Kakoma träumt von einer Karriere im Stil ihrer Vorbilder: Whitney Houston, Mariah Carey, Kate Bush. Das Medizinstudium, das ihre Eltern für sie vorgesehen hatten, wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Im Jahr 2015 kommt es darüber zum Bruch: Kakomas Eltern stellen die finanzielle Unterstützung ein, Kakoma verliert ihre Wohnung und landet auf der Strasse. Mehrere dunkle Monate vergehen, bis sie in einem Tonstudio unterkommt, wo sie nachts an neuen Songs arbeiten und sich von den Strapazen diverser Aushilfsjobs sowie einer hartnäckigen Krankheit erholen kann. Die Musik wird für die Getriebene zur Rettung. Unter dem Künstlernamen Lous & the Yakuza tritt Kakoma ab 2016 in Brüsseler Bars und Nachtclubs auf. Ein Jahr später klappt es doch noch mit einer grossen Plattenfirma.
Ausführlicher und expliziter als in Interviews berichtet Kakoma in den zehn Songs ihres Debütalbums «Gore» von diesem beschwerlichen Werdegang. Auf der Platte, die im vergangenen Herbst erschienen ist, geht es um das einst so unbeschwerte Leben ihrer Familie in Kongo und den Bürgerkrieg, der dieses Leben zerstört hat. Ausserdem singt Kakoma über ihre Ankunft in Belgien, dortige Erfahrungen mit Misshandlung und Rassismus und die Entfremdung von ihren Eltern. Das Lied «Dans Le Hess» erzählt eindringlich von einer Phase, in der die Künstlerin beinahe buchstäblich von der Hand in den Mund lebte.
Wie der Yakuza-Zusatz ihres Künstlernamens ist auch «Gore», der Titel ihres Albums, zweideutig zu verstehen. Einerseits bedeutet das Wort im Französischen «krass», «brutal» oder «eklig », andererseits bezeichnet es eine besonders blutrünstige Art von Horror- filmen. Mit einigen ihrer gesungenen und gerappten Texten schrammt Kakoma nur knapp an diesem Prädikat vorbei. Den Bogen überspannt sie aber nie. «Gore» bleibt auch in seinen härtesten Momenten ein Album, das unüberhörbar auf eine grosse Popkarriere ausgerichtet ist. Mit leichtfüssigen Songs, moderner Produktion und Kakomas Charisma erfüllt es die wichtigsten Kriterien dafür. Immer wieder treffen Klavierakkorde und aktuell angesagter Hip-Hop- Minimalismus in den Stücken aufeinander. Der Bass tupft einem lieber den Schweiss von der Stirn, als sich um den Abriss von Clubs zu kümmern, die derzeit ohnehin geschlossen sind.
«Mit einigen von ihren Texten schrammt Kakoma nur knapp am Prädikat "Horrorfilm" vorbei»
In ihren Songs verarbeitet sie persönliche Erfahrungen
Kakomas Gesangsstimme ist nicht zu den Kapriolen ihrer eingangs erwähnten Vorbilder fähig, ihr Rapstil aber ist überraschend sanft und melodieselig. Was sie damit erzählt, stammt aus ihrem eigenen Leben, hebt jedoch die universellen Aspekte ihres Werdegangs hervor. Lous & the Yakuza ist das Projekt einer Abgeschriebenen – und wendet sich an Menschen, die diese Erfahrung mit Kakoma gemeinsam haben. Die Heilung erlittener Verletzungen steht im Fokus ihrer Botschaft.
«Gore» befindet sich damit auf der Höhe des Popzeitgeists. Die derzeit erfolgreichsten US-Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion gestalten ihre Karrieren als Triumphzüge durch Gesellschaftskreise und Hip-Hop- Szenen, in denen sie einst rassistische und sexistische Ablehnung erfuhren. Die britische Musikerin und Tänzerin FKA Twigs inszeniert sich in ihren Songs und Choreografien als Frau, die gestärkt aus überstandenen Krankheiten und Traumata hervorgeht. Mit ihr hat Kakoma nicht nur dieses biografische Detail, sondern auch Verbindungen in die höchsten Fashionsphären gemeinsam. Sie modelte bereits für Louis Vuitton und Celine. Ihre opulent ausgestatteten Videos erinnern an die Bild-, Symbol- und Luxusstürmereien eines typischen Beyoncé-Clips. Auch Kakoma feiert damit schwarze Geschichte, Kultur und Körper.
Ist also die Sprache das letzte Hindernis, das einer Weltkarriere von Lous & the Yakuza im Weg steht? Kann man mit Liedern, die auf Französisch (und teils im ostafrikanischen Swahili) erklingen, zum internationalen Popstar werden? Kakoma spricht neben Französisch und Swahili auch noch Kinyarwanda, Niederländisch und Englisch, in letzterer Sprache schrieb sie früher die meisten ihrer Texte. Für die Songs auf «Gore» wandte sich die Künstlerin jedoch davon ab – zu persönlich erschienen ihr die Inhalte, um sie nicht in ihren Muttersprachen zu singen. Das bereits geplante Nachfolgealbum soll wieder einige englische Stücke enthalten, aber vornehmlich verschiedene kongolesische Dialekte erkunden.
Die heutige Popmusik kennt keine Sprachgrenzen
Wahrscheinlich muss das im Jahr 2021 gar kein karrieretechnisches Hindernis mehr sein. Längst bröckelt der Nimbus des Englischen als offizieller Popsprache. Der puerto-ricanische Sänger und Rapper Bad Bunny brachte es letztes Jahr mit spanischen Songs zum weltweit meistgestreamten Künstler. Rosalía aus Barcelona singt ebenfalls in ihrer Muttersprache und ist trotzdem als Kooperationspartnerin von Billie Eilish bis The Weeknd gefragt. Westafrikanische Afrobeats haben sich in den letzten Jahren zum globalen Popphänomen entwickelt. Die Boyband BTS aus Seoul ist mit koreanischen und japanischen Liedern beinahe überall auf der Welt erfolgreich. Im Windschatten der Superstars gehen längst zahlreiche weitere K-Pop- Acts in Position. «Für mich ist alles international», hat Kakoma unlängst in einem Interview mit der amerikanischen «Vogue» gesagt.
24 Jahre ist die Künstlerin jetzt alt, schon heute blickt sie auf ein Leben zurück, das von persönlichen und gesellschaftlichen Grenzkonflikten geprägt wurde. Es scheint nur konsequent, dass zumindest für ihre Musik nun keine Grenzen mehr gelten sollen, dass Sprachbarrieren darin höchstens noch als etwas auftauchen, dass es einzureissen gilt. Kakoma ist bereit für diese Herausforderung, sie wird ihren Weg gehen. Verlieren kann dabei nur, wer sich Lous und ihrer Yakuza-Bewegung nicht anschliessen möchte.
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