Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/744

Navigation auf uzh.ch
Anna Deplazes Zemp: Das Resultat stellt durchaus einen Meilenstein für die Synthetische Biologie und die Biotechnologie im Allgemeinen dar. Das Bakterium, das nun so viel Aufmerksamkeit erhält, hat chemisch produziertes, also ein synthetisches Genom.
Dabei handelt es sich um eine abgeänderte Kopie des natürlichen Genoms des Bakteriums Mycoplasma mycoides. Dieses Genom wurde in eine andere Mycoplasma-Art transplantiert. Die Nachkommen dieses transplantierten Organismus waren dann Träger des synthetischen Genoms.
Obwohl dieses künstliche Genom gewisse Unterschiede zum natürlichen Genom von Mycoplamsa mycoides aufweist, sieht man das dem Bakterium nicht an. Es sieht aus wie ein natürliches Mycoplasma mycoides-Bakterium.
Insofern handelt es sich bei diesem Produkt erst um eine Vorstufe des eigentlichen Zieles der Synthetischen Biologie: Organismen herzustellen, deren Genom von Menschen entworfen wird.
Es ist fraglich, inwiefern man bei dieser Technologie von «Leben schaffen» sprechen will, da sie ja immer von existierenden Organismen ausgeht. Die Herstellung dieses Bakteriums war eine komplizierte technische Herausforderung und wird sicherlich nicht so rasch alltäglich werden.
Das Bakterium mit einem synthetischen Genom ist aber ein «proof of principle». Venter hat gezeigt, dass man einen Organismus mit einem synthetischen Genom überhaupt herstellen kann.
Der nächste Schritt ist die Produktion von neuen Arten von Bakterien, die nicht mehr eine reine Kopie von natürlichen Organismen darstellen. Das ermöglicht eine ganz neue Dimension von «Kreativität» in der Biotechnologie.
Grundsätzlich kann man Gene schreiben und Stoffwechselwege entwerfen, die es in der Natur nicht gibt. Allerdings setzt die Biologie dieser Kreativität Grenzen, da solche Organismen überlebensfähig sein müssen.
Die synthetische Biologie wirft grundsätzlich drei Arten von ethischen Fragen auf. Erstens ethische Fragen, die sich aus Anwendungen der Synthetischen Biologie ergeben: Zum Beispiel, ob Risiken gewisser Anwendungen ethisch tragbar sind, oder ob die Ziele ethisch wünschenswert sind.
Zweites geht es um Gerechtigkeitsfragen im Bezug auf die Verteilung dieser Technologie und ihrer Vor- und Nachteile. Dazu gehören ethische Fragen zur Patentierung und Fragen zur globalen Verteilung, zum Beispiel, ob diese Technologie Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern zementiert oder ob sie solche möglicherweise vermindern kann.
Drittens ergeben sich Fragen zur Methode und zur Technologie selbst: Ist es moralisch vertretbar oder wünschenswert, Leben künstlich herzustellen und neue Formen von Leben zu entwerfen?
Beim Bakterium mit synthetischem Genom handelt es sich wie erwähnt um ein «proof of principle», das selbst noch keine Fragen der Anwendung und Verteilung aufwirft. Diese Fragen werden sich aber sehr bald stellen in der Weiterentwicklung dieses Organismus.
Aber zum jetzigen Zeitpunkt sind Fragen der dritten Art am interessantesten. Auch wenn es sich bei dem Bakterium noch nicht um «synthetisches Leben» handelt, stellt das synthetische Genom einen Schritt in diese Richtung dar.
Ich sehe drei ethische Positionen, für die diese Fragen relevant sind. Die so genannte «biozentrische Position» besagt, dass ein Lebewesen anders behandelt werden soll als ein Stein. Allerdings denke ich nicht, dass daraus folgt, dass der Akt der Produktion von Leben per se moralisch bedenklich ist, sondern nur, dass die Produktion von Organismen an eine gewisse Verantwortung gekoppelt ist.
Eine andere Position basiert auf den ethischen Einschätzungen und Intuitionen in unserer Gesellschaft. «Leben» ist ein sehr reicher Begriff, der nicht nur biologisch, sondern auch «biographisch» verstanden wird. Jeder Mensch hat ein Leben, das er nicht nur biologisch erklären kann, sondern auch aus innerer Perspektive «erlebt». Die Idee, Leben künstlich zu produzieren, löst deshalb verunsichernde Gefühle aus.
Schliesslich gibt es eine Position, die stark auf die Motivation und Einstellung der handelnden Personen, in diesem Fall der Forscher, fokussiert. Daraus könnte zum Beispiel der Vorwurf entstehen, dass die Produktion von synthetischem Leben eine respektlose Handlung sei, mit fehlendem Respekt vor Leben oder Natur oder den eigenen Grenzen.
Die Motivation zur Arbeit in Forschung und Technologie ist vom jeweiligen Forscher abhängig. Sie zu kontrollieren, ist schwierig, da sie nicht direkt sichtbar ist. Um die ethische Motivation zu fördern, halte ich es für wichtiger, bei Forschern das Nachdenken über ihre Arbeit zu fördern, und zwar schon während des Studiums. Das gilt nicht nur für die Synthetische Biologie, sondern etwa auch für moralisches Verhalten bei der Datenverarbeitung oder im Rahmen von Publikationen.
Es scheint mir verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt über eine gesetzliche Regulation zu diskutieren. Aber es gibt viele nationale und internationale Untersuchungen in diesem Bereich. In der Schweiz hat die «Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich» kürzlich einen Bericht zu Chancen und Risiken der Synthetischen Biologie veröffentlicht. Zudem gibt sie interessante Publikationen in der Reihe «Beiträge zur Ethik und Biotechnologie» heraus.
Die Synthetische Biologie besitzt ein grosses Potential für die Entwicklung nützlicher wie auch gefährlicher Produkte, die man im Auge behalten sollte. Risiken bestehen etwa bei unvorhergesehenen Nebeneffekten auf die Umwelt oder in der Anwendung von synthetischer Biologie im Bioterrorismus. Nützliche Anwendungen werden für erneuerbare Energie, mikrobiologische Sanierung von verschmutzten Gebieten und für die Medizin diskutiert.