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Wie wenig lesen die Nutzer?
Auf einer durchschnittlichen Webseite haben die Nutzer während eines durchschnittlichen Besuchs Zeit, höchstens 28% der Worte zu lesen; 20% sind wahrscheinlicher.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 06.05.2008
Wir wissen seit unseren ersten Studien über das Leseverhalten von Nutzern im Web, dass sie normalerweise nicht sehr viel lesen. Texte zu überfliegen ist ein äusserst weit verbreitetes Verhalten für lesestarke Nutzer; unsere letzten Eyetracking-Studien bestätigen diese Ergebnisse ebenfalls.
Das Einzige, das uns gefehlt hat, ist eine mathematische Formel, um in Zahlen ausdrücken zu können, wie viel (oder wie wenig) die Leute online lesen. Jetzt, dank neuer Daten, haben wir auch das.
Die Forschungsstudie
Für Einzelheiten, siehe folgende wissenschaftliche Arbeit:
- Harald Weinreich, Hartmut Obendorf, Eelco Herder, und Matthias Mayer: "Not Quite the Average: An Empirical Study of Web Use." In: ACM Transactions on the Web, Bd. 2, Nr. 1 (Februar 2008), Artikel Nr.5.
In der Studie haben die Autoren die Browser von 25 Nutzern mit Instrumenten versehen und ausführliche Informationen über alles aufgenommen, was die Nutzer taten, als sie sich an ihre normalen Internet-Aktivitäten machten. Wichtig ist, dass diese Studie völlig lebensnah war: Die Nutzer mussten gar nichts Besonderes tun.
Eine Kehrseite der Studie ist, dass die Nutzer von überdurchschnittlicher Intelligenz waren, darunter z.B. etliche Universitätsangestellte. Letzten Endes ist das jedoch vielleicht gar kein Problem. Wenn wir z.B. die Daten, die wir 2008 für unser Seminar über "Grundlegende Richtlinien für Web-Usability" gesammelt haben, mit einer ähnlichen Studie vergleichen, die wir 2004 durchgeführt haben, so sehen wir, dass das durchschnittliche Verhalten von 2008 nahe an dem der hoch qualifizierten Nutzer von 2004 liegt. Demzufolge ist es wahrscheinlich, dass die Daten von Weinreich et. al., die heute hoch qualifizierte Nutzer repräsentieren, in Zukunft ziemlich repräsentativ für allgemeines Nutzerverhalten sein werden. In der Tat haben die Autoren ihre Daten 2005 gesammelt, somit dürften die aufgezeichneten Verhaltensweisen schon jetzt recht gebräuchlich sein.
Auf jeden Fall hat die Untersuchung einige interessante Ergebnisse geliefert, und die gesamte Arbeit ist definitiv lesenswert.
Unter anderem fanden die Autoren heraus, dass die "Zurück"-Schaltfläche nur noch die am dritthäufigsten genutzte Funktion im Web ist. Hypertext-Links anzuklicken bleibt die am meisten genutzte Funktion, aber das Anklicken von Schaltflächen (auf der Seite) hat jetzt die "Zurück"-Taste überholt und ist die am zweithäufigsten genutzte Funktion. Der Grund für diesen Wandel ist die grössere Verbreitung von Anwendungen und funktionsreichen Webseiten, die von Nutzern verlangen, dass sie Schaltflächen auf der Seite anklicken, um auf deren Funktionalität zugreifen zu können.
Natürlich ist "Zurück" immer noch die Rettungsleine eines jeden Nutzers und wird so regelmässig genutzt, dass eine strenge Usability-Richtlinie bleibt, diese Schaltfläche zu unterstützen.
Leseverhalten im wirklichen Leben
Harald Weinreich hat mir grosszügigerweise den Datensatz zur Verfügung gestellt, welcher 59'573 Seitenansichten genau beschreibt.
Aus diesem Datenmaterial habe ich die folgenden Aufzeichnungen entfernt:
- 10.163 Seitenansichten (17%), die weniger als 4 Sekunden dauerten. Bei so kurzen "Besuchen" sprangen die Nutzer eindeutig schnellstens wieder hinaus, ohne die Seite wirklich zu nutzen.
- 2.615 Seitenansichten (4%), die länger als 10 Minuten dauerten. In diesen Fällen haben die Nutzer nahezu sicher ihren Browser offen gelassen, während sie etwas anderes erledigt haben.
- 1.558 Seitenansichten (3%) mit weniger als 20 Wörtern. Solche Seiten sind wahrscheinlich Fehlermeldungen des Servers oder unterbrochene Downloads.
Nach dem Säubern des Datensatzes blieben mir noch 45'237 Seitenansichten für meine Analyse.
Ich konnte sehr schöne Formeln bilden, um das Leseverhalten von Nutzern für Seiten zu beschreiben, die zwischen 30 und 1'250 Wörtern enthielten. Bei längeren Seiten wurde das Lesen ziemlich unberechenbar. Seiten mit riesiger Wörterzahl sind wahrscheinlich ohnehin gar keine "echten" Seiten - viel eher sind sie wohl wissenschaftliche Aufsätze oder Seiten mit Geschäftsbedingungen, die von den meisten sowieso nicht allzu sehr beachtet werden. (Bei der Recherche für das Buch "Prioritizing Web Usability" haben wir herausgefunden, dass die Leute nur ungefähr 10% des Textes lesen, dem sie angeblich "zugestimmt" haben.)
Die folgende Grafik zeigt die durchschnittliche Zeit, die Nutzer auf Seiten mit unterschiedlicher Anzahl von Wörtern verbracht haben:
Offensichtlich neigen Nutzer dazu, mehr Zeit auf Seiten mit mehr Informationen zu verbringen. Die passendste Formel sagt uns allerdings, dass sie pro zusätzliche 100 Wörter lediglich 4,4 Sekunden mehr Zeit auf einer Seite verbringen.
Gewöhnlich gehe ich von einem Lesetempo von 200 Wörtern pro Minute aus (WpM), aber weil die Nutzer in dieser Studie hoch gebildet sind, nehme ich 250 WpM an. Bei diesem Lesetempo können die Nutzer in 4,4 Sekunden 18 Wörter lesen. Demnach kann man davon ausgehen, wenn man seiner Seite einigen Text hinzufügt, dass die Kunden 18% davon lesen werden.
Prozentualer Anteil gelesen Textes
Dies war keine Eyetracking-Studie, also wissen wir nicht genau, womit die Nutzer genau ihre Zeit verbracht haben. Die Formel in der Grafik oben besagt, dass es eine fixe Zeit von in etwa 25 Sekunden gibt, plus weitere 4,4 Sekunden pro 100 Wörter. (Natürlich sind diese Zahlen keine "festen" Zahlen in dem Sinne, dass sie immer gleich wären - es sind lediglich Durchschnittswerte.)
Die Formel scheint anzudeuten, dass die Leute etwas Zeit dafür brauchen, das Seitenlayout und die Navigationsfunktionen zu verstehen sowie sich die Bilder anzuschauen. Offensichtlich lesen die Leute nicht in jeder einzelnen Sekunde ihres Besuchs auf der Seite.
Allerdings ist die Gesamtdauer, die ein Nutzer auf einer Seite verbringt, definitiv die Obergrenze der überhaupt möglichen Lesezeit. Demzufolge können wir die hypothetische, maximale Anzahl von Wörtern berechnen, die Nutzer lesen könnten, wenn sie ihren gesamten Besuch der Seite dem Lesen widmen würden.
Die folgende Grafik zeigt die Höchstmenge an Text, die Nutzer während eines durchschnittlichen Besuchs auf Seiten mit unterschiedlichen Textmengen lesen könnten:
Dies ist eine sehr rapide fallende Kurve. Bei einem durchschnittlichen Besuch lesen Nutzer die Hälfte der Informationen nur auf Seiten mit 111 (oder weniger) Wörtern.
In dem gesamten Datensatz enthielt eine Seite durchschnittlich 593 Wörter. Folglich haben die Nutzer im Durchschnitt Zeit, 28% der Wörter zu lesen, wenn sie ihre gesamte Zeit dem Lesen widmen. Realistischer ist es aber wohl, dass die Nutzer etwa 20% des Textes auf einer durchschnittlichen Seite lesen.
Als Beispiel für die Textmengen (Zahl der Wörter) auf verschiedenen Seiten sind hier die Summen einiger beliebten Alertbox-Kolumnen:
- Bla-bla-Texte: drin lassen, kürzen oder weglassen?: 902
- Diese Kolumne: 1.068
- Passiv in Web-Überschriften rehabilitiert: 1.079
- Wechseln Sie die Farbe für besuchte Links: 1.209
- Informations-Architektur für Intranets: 1.961
- Die 10 häufigsten Fehler beim Anwendungsdesign: 3.572
Offensichtlich wird es der durchschnittliche Besucher nicht allzu weit durch meine Artikel schaffen. Aber ich ziele auf eine kleine, elitäre Leserschaft mit starkem Engagement für Usability ab. Wenn Sie eine breiter gefächerte Zielgruppe oder Verkaufszyklen haben, die kürzer als 5 Jahre sind, tun Sie gut daran, Ihre Textmengen auf strikte Diät zu setzen.
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