Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03261.jsonl.gz/1008

Der «uomo universale» ist dem Geiste der ersten Humanisten wie Dante Alighieri oder Giovanni Pico della Mirandola entsprungen. Sie fragten sich, wie ein idealer Mensch leben sollte, wenn nicht allein nach Gottes Geboten? Sie zeichneten das Bild eines tugendhaften, gebildeten Menschen, der schöpferisch tätig ist und im Einklang mit der Natur lebt.
Der «uomo universale» ist von grossem innerem Antrieb, vielseitig interessiert, strebt nach Meisterschaft, wo immer er sie erreichen kann, und achtet auf seinen Körper und Geist. Nach diesem Ideal strebten zu Leonardos Zeiten alle grossen Köpfe. Es war eine der Triebfedern des goldenen Zeitalters der Renaissance.
Und es war ein grosses Glück für Leonardo da Vinci. Als uneheliches Kind geboren, durfte er keine Schule besuchen und konnte damit weder Latein noch Griechisch lernen. In einer Zeit, die sich auf die Antike und ihre Texte besann, war dies bildungstechnisch ein Todesurteil. Doch die Meisterschaft entlang des Idealbilds «uomo universale» brachte Leonardo aus Vinci so viel Anerkennung und Ehre ein, dass er noch zu Lebzeiten als einer der grössten Gelehrten seiner Zeit galt.
Die üblichen Karrierewege im Adel, der Kirche oder durch Reichtum standen ihm nicht offen. Ohne das Ideal des «uomo universale» wäre Leonardos Geschichte wahrscheinlich ganz anders verlaufen.