Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03316.jsonl.gz/228

Im November 2007 betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben den afrikanischen Kontinent. Es war nicht unbedingt ein Reiseziel, das ich freiwillig ausgewählt hatte. Anlass war vielmehr, dass sich zu diesem Zeitpunkt meine Tochter in Ndola, Sambia befand, um dort einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen – Zeit mit hilfsbedürftigen Kindern zu verbringen und ihnen zu helfen.
Dass wir eine ethische Verantwortung haben, Armen und Notleidenden zu helfen, war ein Konzept, das ich schon länger verinnerlicht hatte. Auf der anderen Seite stand jedoch eine Erkenntnis und Erfahrung, die ich erst viel später in meinem Leben machte – dass nämlich auch wir aus der industrialisierten Welt die Hilfe der Armen und Notleidenden brauchen und von ihnen lernen können. Statistiken zeigen, dass in der Schweiz die häufigste Todesursache für Männer zwischen 15 und 44 Jahren der Suizid ist. Damit wird deutlich, dass materieller Wohlstand kaum als allgemeiner Schlüssel für Zufriedenheit im Leben betrachtet werden kann. Wenn ich mir den fundamentalen positiven Einfluss auf meine beiden Töchter anschaue, würde ich mir wünschen, dass alle Jugendlichen die Möglichkeit hätten, eine gewisse Zeit in einem Land der sogenannten Dritten Welt zu verbringen.
Mit diesen Gedanken kam ich in Afrika an, um dort eine Woche in mitten einer afrikanischen Familie zu verbringen - Nicholas' Familie. Diese hatte sich bereit erklärt, meine Tochter für ihren viermonatigen Aufenthalt zu beherbergen. In den frühen Morgenstunden gab es für mich nichts Einzigartigeres, als auf den Stufen ihres kleinen Hauses zu sitzen und zu beobachten, wie die Sonne sich langsam über den Horizont schob. In den ersten Strahlen glühten zunächst die oberen Blätter des Mangobaums in kräftigem orange, dann erfassten sie den Schuppen am Ende des Grundstücks bevor das gesamte Gelände mit dem hellen Licht des neuen Tages durchflutet wurde. In diesen ruhigen Momenten, vor der Hektik und den Aktivitäten eines neuen Tages, dachte ich immer wieder, wie einzigartig es doch wäre, wenn nicht nur ein Freiwilliger, sondern drei, vier oder sogar fünf gleichzeitig zu Aufenthalten hier sein könnten. Nicht nur würde dies es ermöglichen, dass man sich in den täglichen Aufgaben und kleinen Herausforderungen eines solchen Aufenthaltes gegenseitig unterstützt, auch grössere und weitreichendere Hilfsprojekte und Aktivitäten wären somit möglich. Es bestand für mich kein Zweifel, dass jeder Teilnehmende eines solchen Aufenthaltes unglaubliche und unvergessliche Lebenserfahrungen sammeln und mitnehmen würde, die später als Hilfe und Leitfaden für die unvermeidlichen Höhen und Tiefen des Lebens zur Verfügung ständen. Vielleicht, ja hoffentlich, würden diese Teilnehmende damit mehr Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Erfolg in ihrem Leben erreichen. Aus diesem Gedanken heraus entstand die Idee, der Familie dabei zu helfen, ein weiteres Haus für Freiwillige in ihrem Garten zu errichten.
Als ich meine ersten Gedanken in diese Richtung mit Nicholas teilte, nickte dieser nur still, stand auf und verliess den Raum. Wenige Augenblicke später kam er mit einer Rolle Papier zurück und entfaltete diese vor mir. Vor meinen Augen lag der komplette Bauplan für ein grösseres Haus für genau diesen Zweck. Mein Wunsch war schon länger auch sein Wunsch gewesen. Dieses Haus würde gleichzeitig den "Armen" und "Reichen" zur Unterstützung solcher Aktivitäten dienen.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz bewegte meine Tochter mit ihren Erzählungen und Erfahrungsberichten die Herzen vieler Mitmenschen. Verwandte, Schulfreunde und Fremde gaben grosszügige Spenden zum weiteren Ausbau der Aktivitäten in Sambia. Weniger als zwei Jahre später wurde dank dieser Spenden ein Meilenstein erreicht – Haus "Malaika" steht seitdem einladend neben dem Mangobaum.
Während ich diese Zeilen schreibe, ist meine Tochter schon wieder für einen Monat in Ndola. Sie lebt mit Nicholas' Familie im Haus "Malaika" – zusammen mit einem weiteren Freiwilligen aus der Schweiz, einem Teilnehmenden aus den USA sowie vier aus dem Kongo...
Mein Herzensdank gilt all denjenigen, die auf die eine oder andere Art und Weise mitgeholfen haben, diesen Traum Realität werden zu lassen.