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Antônio Carlos Santos de Freitas – kurz Carlinhos Brown – wurde in Dandeal Pequeno geboren, einem kleinen Stadtteil von Brotas, in der Stadt Salvador da Bahia. Er war noch ein Kind, als im Jahr 1976 zwei Bahianer von 25 Jahren, Caetano Veloso und Gilberto Gil, eine Bewegung gründeten, welche die brasilianische Musik radikal verändern sollte: den Tropicalismus.
Seine Eltern, Renato und Madalena, verstanden es nicht, den Jungen für einen richtigen Beruf zu interessieren, aber Osvaldo Alves da Silva, bekannt als Mestre Pintado do Bongô, führte ihn ein in die reiche Tradition der brasilianischen Folklore und in die Percussion: Tamborin, Trommeln und Reco-reco. Schnell hatte er sämtliche Geheimnisse der Percussions-Instrumente gelernt, die sein Lehrmeister zu spielen verstand wie kein zweiter, und Carlinhos, wie sie ihn nannten, entwickelte seinen eigen Stil, den er fortan beibehielt.
Zu Beginn der 80er Jahre begann er in den Studios WR in Bahia zu arbeiten – dort lernte er die Technik der Plattenaufnahme und deren Produktion dazu – und er beschäftigte sich eingehend mit der Identifikation und Kodierung von unterschiedlichen Percussions-Rhythmen aus seiner Heimat Bahia. Und er gab sich einen Künstlernamen: Carlinhos Brown. “Der stammt nicht von James Brown, wie die Leute glauben” sagt er. “Er ist inspiriert von Box Brown, einem Schwarzen, der aus der Sklaverei mittels einer Kiste (Box) floh, in der er sich versteckte”. Carlinhos orientierte sich auch eine Zeitlang an “den guten Seiten des H. Rap Brown, und nicht an den schlechten”, von der Bewegung der “Schwarzen Panther”.
1985 nahm sein Landsmann Luís Caldas “Visão do Ciclope” (aus der Sicht eines Zyklopen) auf, die erste Komposition von Carlinhos Brown, welche grossen Erfolg in den Radiosendern hatte. Gegen Ende diesen Jahres waren es 26 Songs, die durch die verschiedenen Kanäle tönten – dafür bekam er den Caymmi-Preis, die bedeutendste Ehrung der bahianischen Musikszene. Ein Jahr später lud Caetano Veloso Carlinhos ein, sich seiner Band anzuschliessen, und 1989 waren auf der Platte “Estrangeiro” (Fremder) verschiedene seiner Kompositionen integriert – er erlebte dann seine internationale Taufe als Musiker auf Tournee mit João Gilberto, João Bosco und Djavan. Jetzt begann er seine Grenzen zu erweitern.
1996 veröffentlichte Carlinhos Brown “Alfagamabetizado”, seine erste Platte als Solist. Sein Repertoire trug den Stempel jener Künstler, die bereits seine Kompositionen interpretiert hatten: Caetano, Marisa Monte, Daniela Mercury und die Paralamas do Sucesso zuerst; Jovanotti, Simone, Angelique Kijdo, Maria Betânia, Cássia Eller und Gal Costa danach. “Alfagamabetizado” fand den Beifall der Kritiker und die Shows von Carlinhos Brown trugen dazu bei, seine spektakuläre und explosive Mischung von modernen und tribalen Klängen im Publikum als sein Charisma zu integrieren. 1998 folgte “Omelette Man”, eine Platte, auf der ein abgewandelter Stil des “Axé” zu hören ist, verschiedene Saiteninstrumente vorgestellt werden und ein Carlinhos Brown, der in englischer Sprache singt. Drei Jahre später vervollständigt “Bahia do Mundo, Mito e Verdade” (Bahia der Welt, Mythos und Wahrheit) die Trilogie. Eine Begegnung zwischen Brasilien und Afrika, zwischen Rock und Jazz, dem Pop und zeitgenössischer Musik.
Der musikalische und DER gesellschaftliche Agitator
Auf seinen drei ersten Platten verhält sich Carlinhos Brown stets solidarisch mit seinem Land, gegenüber seinen Wurzeln, gegenüber dem bahianischen Karneval. Und nicht von ungefähr war er der erste Musiker, der das “Timbau” bei seinen Kompositionen einsetzte, ein Instrument, welches anlässlich religiöser Zeremonien gespielt wird. Er gab ebenfalls dem “Trio Elétrico” Impulse – jenem LKW auf dem eine Live-Band durch die Strassen von Salvador zog – und sein Song “Dandalunda” wurde zum Hit des letzten Karnevals.
Vorher, im Jahr 1993, hatte er die erste seiner insgesamt acht Schallplatten mit der “Timbalada” als Produzent publiziert. Diese Band setzt sich aus Jugendlichen und Erwachsenen des Stadtteils Candeal Pequeno zusammen, historisch gesehen einer der ärmsten Stadtteile von Salvador da Bahia. “Timbalada” ist eine Percussion-Band, die im Karnelval geboren wurde. “Lactomia” heisst eine weitere Band, die von Carlinhos Brown im selben Stadtteil gegründet wurde, und deren Mitglieder zwischen 7 und 23 Jahren nur Instrumente spielen, die von ihnen selbst aus Recycling-Material angefertigt worden sind.
Dieser sein musikalischer Kompromiss war stets untrennbar verbunden mit einem militanten gesellschaftlichen – was Carlinhos Brown im November 2002 eine Ehrung der UNESCO einbrachte, für seine Arbeit an der Front der NGO “Pracatum Ação Social” zum Wohl bedürftiger Kinder und Jugendlicher von Candeal Pequeno. Für Carlinhos Brown ist die Musikschule “Pracatum” die “Schule meiner Träume, ein Ort, an dem die Menschen ihre Neugier befriedigen können und andere neugierig machen können”. Die Schule ist kostenlos und hat eine Kapazität für 200 Schüler – sie besitzt eine Bibliothek, ein Aufnahme-Studio und einen Informatik-Saal. Im Februar 2001 hat “Pracatum”, mit Unterstützung der Präfektur von Salvador, das Projekt “Tá Rebocão” in Angriff genommen, unter einem Slogan von Carlinhos Brown: “Damit Brasilien lernt, sich zu organisieren, besonders seine Strassen”. Dies ist ein gesellschaftliches Entwicklungsprojekt, um die Berufschancen zu verbessern, die Gesundheit, die Umwelt und die allgemeine Erziehung.
Wie die UNESCO berichtet, hat Carlinhos Brown “das Leben der Bewohner von Candeal Pequeno verändert, einem bescheidenen Stadtteil von Salvador. Die NGO Pracatum, gegründet und koordiniert von Carlinhos Brown, hat Aktivitäten zur Verbesserung des Lebensstandards dieser Bürger in die Wege geleitet – neben ihrem vorrangigen Ziel einer Musikschule”.
Carlinhos Brown hat auch die “Candyall Guetho Square” geschaffen, einen Saal mit einem Fassungsvermögen für 2.500 Personen, der für Übungstreffen der “Timbalada” genutzt wird. Dieser Raum wurde am 17. November 1997 eingeweiht und repräsentiert eine Einnahmequelle für Hunderte von Bewohnern von Candeal Pequeno, unter die der Erlös der Eintrittskarten aufgeteilt wird.
Gleichzeitig mit der Aufrechterhaltung seines Kompromisses mit der Heimat, seinem Bundesstaat und seinem Stadtteil, bereitete Carlinhos Brown seine künstlerische Transformation in “Carlito Marrón” vor.
Carlito Marrón
„Carlinhos Brown ist Carlito Marrón: Resultat eines Prozesses der Relatination”, bestätigt der Musiker. “Salvador ist der Kreuzungspunkt der Welt, denn hier fliessen Sklavenhandel, die holländische Invasion und die Yorubas, Angolaner, Jejés, Fon, Marrin, Abakuá . . . zusammen – und auch die Saxonier, Iberier, Libanesen und Leute aus der ganzen Welt”.
“Carlito Marrón” ist der zweite Künstlername, den jener Junge sich zugelegt hat, der Ende der 60er Jahre in Bahia das Licht der Welt erblickte. Und er erklärt seine Gründe dafür so: “Dies ist meine Art den Leuten den Einfluss zu erklären, den ich von den spanischen Invasoren, von der “Chanchada” und den “Rumbeiros” mitbekommen habe. Ich habe Wurzeln in den verschiedensten Teilen der Welt und Lust, mit Spanien, mit allen Latinern und der Welt zu kommunizieren”. Dafür hat Carlinhos Brown sogar eine eigene Sprache entwickelt, das “Portunhol” (Português + Espanhol) – eine Art sich durch Mischung der beiden Sprachen zu unterhalten.
Das Album ”Carlito Marrón” von Carlinhos Brown enthält 13 Songs, welche seine unglaubliche musikalische Pluralität unter Beweis stellen – in denen Brasilien, Cuba, Afrika und Spanien sich in einer Ideen-Lawine mischen, die charakteristisch für diesen Bahianer ist. Die CD wurde aufgenommen, gemixt und vervollkommnet in Salvador da Bahia zwischen September 2002 und Januar 2003 – koproduziert von Carlinhos Brown, Alê Siqueira und Andrés Levin. Kubanische Musiker, wie der Schlagzeuger Miguel Angá Díaz und Papi Oviedo treffen sich mit Rosário und Bebel Gilberto um zu demonstrieren, dass die Überwindung der aller Barrieren durch die Musik möglich wird. Carlito Marrón ist die neue Unruhe eines unruhigen Agitators. Und wer besser als er selbst könnte wohl seine Musik erklären? Also hören wir ihm zu!
Diskographie Carlinhos Brown
- DIMINUTO (2010)
- ADOBRÓ (2010)
- A GENTE AINDA NÃO SONHOU (2007)
- CARLITO MARRÓN (2003)
- TRIBALISTAS (2002)
- BAHIA DO MUNDO – MITO E VERDADE (2001)
- OMELETE MAN (1998)
- ALFAGAMABETIZADO (1996)