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Filmkritiken
«Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann»
Cordula Kablitz-Posts Spielfilmdebüt «Lou Andreas-Salomé» erzählt die Lebensgeschichte der zu Unrecht fast vergessenen, titelgebenden Schriftstellerin, Philosophin, Psychoanalytikerin und Femme fatale.
Eine vielschichtige und unabhängige Frau: die Schriftstellerin, Philosophin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé ? hier verkörpert von Katharina Lorenz. (Bild: PD)
Sie ist auf Bäume gestiegen, als es hiess, Mädchen hätten im Hause zu bleiben. Sie ist in der Kirche aufgestanden und hat verkündet, da sei kein Gott. Sie hat den Sprung ins kalte Wasser der norditalienischen Seen gewagt, im hochgeschlossenen, schwarzen Kleid. Und sie hat die höchsten Gipfel bestiegen, ihre Begleiter blieben zurück. Wenn es ein Leitmotiv gibt, das Cordula Kablitz-Post ihrem Spielfilmdebüt über die zu Unrecht fast vergessene Schriftstellerin, Philosophin, Psychoanalytikerin und Femme fatale Lou Andreas-Salomé mitgegeben hat, dann den unbändigen Freiheitsdrang. Im Zentrum steht ihr Lebenstraum, dass ein apollinisches Leben möglich sei, ein Forschen, Schreiben und Philosophieren, ohne Ehe, ohne Abhängigkeit, auf Augenhöhe mit Partnern wie Friedrich Nietzsche, Paul Rée oder Rainer Maria Rilke, die der aparten Russin allesamt zu Füssen lagen. «Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann», formuliert sie ihr Streben nach Unabhängigkeit gegenüber Paul Rée, der sie nur gar zu gern geheiratet hätte. Und es braucht kaum die Freundschaft zu Sigmund Freud, um zu begreifen, dass Lous Abneigung gegen körperliche Nähe der traumatischen Beziehung zum väterlichen Lehrer Hendrik Gillot geschuldet ist. Der verschreckt die 16-Jährige, die seine Tochter sein könnte, mit einem Heiratsantrag, dessen missbräuchliche Übergriffigkeit Kablitz-Post in einer schnellen, drastischen Szene anspielt. Wenn es ein Beispiel für das heutige Dogma «Nein heisst Nein» braucht – Lou Andreas-Salomé hat es gegeben. [ weiter ]