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Ich interessiere mich sehr für das alte Griechenland, nicht nur literarisch oder philosophisch. Auch archäologische Vorlesungen haben es mir angetan. Alte Mosaiken und Vasenbilder, die irgendwo aus einer Grube gezogen wurden, lassen mein Herz höher schlagen. Zum einen finde ich die Handwerkskunst faszinierend, ich habe auch einige Hobbys, in denen man handwerklich geschickt sein muss. Zum anderen betrachte ich den künstlerischen Aspekt. In meinen hier gezeigten Perlenwerken habe ich versucht, beides zu verbinden, indem ich griechische Mythen und Fabelwesen wieder auferstehen lasse. Oft haben mich die Geschichten und Bilder der antiken Künstler dabei inspiriert. Homers Ilias zum Beispiel kennt jeder, das berühmte trojanische Pferd ist ein fantastisches Finale. Jeder Schriftsteller erblasst vor Neid bei dieser genialen Idee. Wie viele Literaten haben sich wohl insgeheim oder ganz offen von Homer inspirieren lassen? Aber auch in der Philosophie lässt sich manch einer von den antiken Autoren inspirieren.
Sokrates zum Beispiel könnte an diese Mythen gedacht haben, als er sich mit Philebos und Protarchos darüber stritt, welches Gut das bessere sei, die Vernunft (bzw. Erkenntnis) oder die Lust? Philebos glaubt, dass er nur ein glückliches Leben führen kann, wenn er nach allen lustvollen Erlebnissen strebt. Er glaubt, dass dieser euphorische Zustand das grösste Gut sei. Sokrates hält dagegen, dass dies auf die Vernunft wohl eher zutreffen dürfte als auf die Lust. Es entbrennt also eine Diskussion, die logischerweise Sokrates für sich entscheidet, indem er zeigt, dass Lust ohne jede Erkenntnis nicht wahrgenommen, geplant oder erinnert werden kann und somit kein Gut mehr darstellt. Ohne die Erkenntnis ist man wie ein Schalentier oder Krebs nicht in der Lage zu wissen, was Lust eigentlich ist und dass die Gefühle, die man hat, Glücksgefühle sind. Die Lust wird im Dialog mit der Göttin Aphrodite personifiziert. Damit ist sie ein greifbares Element, dem eine gewisse Form der Ehrerbietung entgegengebracht werden kann. Die Vernunft und Weisheit wird im griechischen Mythos verkörpert durch ihre Schwester, die Göttin Athene.
Philebos 22c Sokrates: "Dass man also des Philebos Göttin (Aphrodite, m.E.) und das Gute nicht für einerlei halten darf, das dünkt mich hinlänglich gezeigt zu sein."
Bei diesem Schluss des Sokrates fiel mir das Paris-Urteil ein, ein wichtiger Mythos in der griechischen Literatur und Kunst, oft in Vasenbildern oder auf der Leinwand aufgegriffen, der zur Vorgeschichte des Trojanischen Krieges und zu Homers Ilias gehört. Sicherlich war er Sokrates und seinen Gesprächspartnern bekannt. Kurz zusammengefasst entbrennt zwischen den drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite ein Streit darüber, welche von ihnen die Schönste sei. Paris soll in dieser Frage entscheiden und wird von den Göttinnen bestochen, in dem jede ihm ein bestimmtes Gut anbietet. Hera verspricht politische Macht und Herrschaft, Athene Weisheit und Aphrodite, die Göttin des Philebos, verspricht Paris die schönste Frau auf Erden, Hellena. Paris entscheidet sich im Mythos für die Lust und wählt die schöne Hellena, obwohl sie bereits mit Menelaos von Sparta verheiratet ist. Diese Entscheidung, sobald sie in die Tat umgesetzt ist, löst den Trojanischen Krieg aus, der zehn Jahre währen und am Ende erst durch Trojas Vernichtung beendet sein wird. Wie in alten Märchen und Legenden üblich, ist eine Art Warnung oder ein Lehrsatz im Mythos enthalten, hier hat die kurzsichtige Entscheidung des Paris weitreichende Folgen. Kurzsichtig deshalb, weil Paris sich bei seiner Entscheidung nicht über die möglichen Folgen im Klaren ist und sie auch nicht reflektiert. Zum einen ist Hellena trotz ihrer Schönheit eine Sterbliche, was bedeutet, dass sie altern wird und dem Verfall preisgegeben ist. Ihre Schönheit ist somit vergänglich. Da Paris Hellena nicht kennt, kann er sie nur aufgrund dieses Attributes wählen, eines zeitlich begrenzten Attributes. Hätte er sich z.B. für Weisheit entschieden, hätte er bis zu seinem Tod auch im hohen Alter davon profitiert. Zum anderen ist Hellena bereits verheiratet und insofern gar nicht frei, mit Paris zu gehen. Paris muss ein Verbrechen begehen, um Hellena für sich zu gewinnen, er muss sie stehlen. Dass er sich dabei moralisch in eine ehrenrüchige Situation bringt, scheint ihn gar nicht zu stören. Er handelt natürlich seinem Schicksal entsprechend, das nicht in Frage gestellt wird und noch sehr viel weitreichendere Folgen als diese hat.
Es lässt sich so aber auch eine Parallele zwischen Philebos und Paris ziehen. Philebos wirkt recht phlegmatisch im Dialog, der zwar nach ihm benannt ist, in dem er aber nicht viel sagt. Zu Beginn schläft er sogar. Er ist sich seiner Sache allzu sicher, er verlässt sich darauf, dass seine Göttin Aphrodite sein Schicksal lenken wird. Er akzeptiert ihr Gut ohne zu hinterfragen, was dieses Gut eigentlich ist und welche Folgen sich aus einer solchen Lebensführung ergeben könnten. Damit ist er ähnlich kurzsichtig wie Paris. Er erinnert an die Schalentiere, die Sokrates anführt, um ein Leben in Lust aber ohne jegliche Form der Erkenntnis zu beschreiben. Er hat sich eingeigelt und abgekapselt. Ausser seinen unmittelbaren Empfindungen interessiert ihn nichts, auch nicht die Frage, ob er mit seiner These Recht hat oder nicht. Das überlässt er ja Protarchos. Aber im Gegensatz zum Schalentier hat er keine Haut, die ihn vor äusseren Einflüssen schützt. So wird er an obiger Stelle ja auch wieder in das Gespräch mit einbezogen. Die literarische Allegorie zu Homers Ilias könnte also durchaus durch Sokrates Kopf gegangen sein, als er obiges Zitat aussprach, um Philebos aufzuwecken. Er meint, dass nur die Schwestern gemeinsam, also Aphrodite, die Göttin der Lust und Athene, die Göttin der Weisheit und Vernunft, zu einem glücklichen Leben führen können. Dazu gehört auch, bei einer schweren Entscheidung abzuwägen, ob das Glück kurzfristig ist und welche Folgen es hat. In der Gestalt des Paris wird dies auch durch seine gesellschaftliche Stellung im Mythos verdeutlicht. Paris ist ein verstossener Königssohn. Er hat damit edle Anlagen, aber er ist kein edler Mensch. Seine Entscheidungen zeigen deutlich seine Unreife und seinen Mangel an Vernunft. Er kann zwar Lust empfinden, aber durch seine fehlende Ehrfurcht für Athene ist er ist zu einem Leben in Unglück und Furcht verdammt, verantwortlich für einen zehn Jahre andauernden Krieg und die Zerstörung seiner Stadt. Zuletzt muss er sogar seinen Preis, die schöne Hellena, aufgeben und fliehen. Der Paris-Mythos zeigt also deutlich, dass ein Leben, dass nur auf Lust ausgerichtet ist und die Göttin Aphrodite zum Leitstern wählt, kein glückliches Leben ist.
Was das für das Philosophieren bedeutet? Wir sollten nicht jede Fiktion als Märchen abtun. Es gibt auch in alten und phantastischen Dingen vielleicht etwas interessantes, wenn nicht sogar bedeutendes zu entdecken. Manchmal ist es zu gut versteckt, vom Staub der Zeit bedeckt oder in einer Ecke der Erinnerung vergessen worden. In fast jedem Werk kann man etwas denkenswertes zu Tage fördern, man muss nur manchmal wie die Archäologen danach graben.