Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03175.jsonl.gz/2459

Vor seiner Arbeit seines berühmten Hauptwerkes ”Das Kapital” beschäftigte sich Karl Marx in ”Ökonomisch-philosophische Manuskripte” mit der Entfremdung des Menschen. Gemeint ist die Entfremdung des Menschen im Zeitalter der Industrie vom Produkt seines Schaffens, vom Prozess der Arbeit selbst und damit auch von sich selbst und in letzter Konsequenz vom Menschen an sich.
Handwerk ist schöpferische Meditation
Marx verstand den Menschen als produktives Subjekt, das sich in seiner Arbeit und seinem Schaffen selbst verwirklicht. Der Mystiker An Agni Smidah beschrieb die schöpferische Kraft des nicht-entfremdeten Subjekts mit den Worten ”Handwerk ist schöpferische Meditation”. Im modernen Zeitalter der Maschinen ist, so könnte Marx gedeutet werden, dieser Urzustand nicht mehr auffindbar.
Achtsamkeit und Meditation
Achtsamkeit kann als Bewusstseinszustand beschrieben werden, im Moment zu sein und aufmerksam die Gedanken und Empfindungen des Körpers wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten oder zu verändern. Sie hilft, Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern und trägt dazu bei, die Fähigkeit zu verbessern, auf stressige Situationen zu reagieren und sich zu entspannen.
Auch die Meditation ist eine Technik, die eng mit der Idee der Achtsamkeit verbunden ist. Meditation kann auch als Form der Achtsamkeit betrachtet werden, bei der man sich auf einen bestimmten Aspekt konzentriert.
Die Achtsamkeit des schöpferischen Menschen
Verbindet man das Bild von Marx des Menschen als produktives Wesen und dem Handwerk als schöpferische Meditation, wie Smidah es ausdrückte, mit der Idee der Achtsamkeit, kann das Handwerk in seiner ursprünglichen, nicht-entfremdeten Form als meditatives Handeln gedeutet werden. Der Mensch findet im Handwerk, im Prozess der Arbeit zu sich selbst, wird wieder Mensch im Sinne seiner menschlichen, schöpferischen Natur.
Stressbewältigung Handwerk
In Charlie Chaplins Film ”Modern Times” wird das Konzept der entfremdeten Arbeit auf komödiantische Weise auf die Spitze getrieben. Der Protagonist erscheint dem Zuschauer in seiner monotonen Fließbandarbeit als Teil der Maschine selbst, er wird gar von ihr verschlungen. Das geschaffene Produkt seiner Tätigkeit ist nicht von Belang, einzig der immer gleiche Arbeitsschritt ist von Bedeutung.
Der Mensch wird seiner Natur beraubt. Hier ist das Handwerk als eine Form der Meditation und des achtsamen Menschen in keiner Form erkennbar. Die Wiederherstellung des Handwerks als meditatives Handeln scheint nur im privaten Raum möglich. Mit Werkzeugen wie Bohrer-Sets oder Feilen erschafft der Mensch aus verschiedenen Materialien Werkstücke durch sorgfältiges, konzentriertes Arbeiten und ist während des Prozesses ganz bei sich. Seine Konzentration gilt in diesem Moment seiner produktiven Kraft und damit sich selbst, an dessen Ende das geschaffene Werk steht als Ausdruck seiner eigenen Natur.
Entspannung und Entschleunigung
Handwerkliches Arbeiten als entspannende und entschleunigende Tätigkeit, auch als kreativer Prozess, ist kein neues Phänomen. Ob Stricken vor dem Kamin oder das Malen an einem Bild, all solche Tätigkeiten tragen diese Eigenschaften mit sich. Die Idee der Achtsamkeit verlangt jedoch mehr. Im Schaffen selbst bei sich sein, seinen Körper wahrnehmen, im Moment wach sein.
Die Tätigkeit wahrnehmen und sich gleichzeitig von ihr lösen. Seinem Bewusstsein in der absichtsvollen Prozesshaftigkeit seines Handelns gewahr werden und mit ihr urteilslos im Schaffen eine empirische Klarheit erkennen.