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Der 4. Internationale Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (SGSA/SSTS) widmet sich den Veränderungen der Sozialen Arbeit in einer Gesellschaft, die in Verbindung mit dem entfesselten Wettbewerb charakteristisch für den zeitgenössischen Kapitalismus von der sozialen und technischen Beschleunigung gezeichnet ist (Rosa, 2010). Lebensverläufe werden durch die Unsicherheiten der sozialen und politischen Institutionen, der familiären Beziehungen und der Arbeit zunehmend verwundbar; gleichzeitig intensiviert die wachsende Ungleichheit die Lebensrhythmen der Erwerbstätigen, aber auch die Erwerbslosigkeit jener Personen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. In einem derartigen Kontext stehen Menschen und Institutionen unter dem Einfluss einer steigenden Zahl von Knotenpunkten, Übergängen und kritischen Lebenssituationen und –ereignissen, die, wie es scheint, in immer dichter werdenden Zeiträumen erfahren werden. Wie wandelt sich die Soziale Arbeit angesichts dieser Veränderungen? Wie entwickeln sich die sozialen Probleme? Wie und mit welchen Folgen für die Betroffenen verändern sich die zur Lösung eingesetzten Techniken (und Technologien)?
Der Kongress geht diesen Fragen nach, indem drei Schwerpunkte verfolgt werden. Der erste Schwerpunkt hinterfragt die Zusammenhänge zwischen Beschleunigung und Sozialpolitik; der zweite Schwerpunkt untersucht die Lebensverläufe der Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit während der dritte Schwerpunkt die Veränderungen der Sozialen Arbeit in den Blick nimmt, die eine Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen der sozialen Intervention herbeiführen.
Schwerpunkt 1: Beschleunigung und Sozialpolitik
Die soziale Beschleunigung hat Folgen für die politische Funktionsweise liberaler westlicher Demokratien und deren Entscheidungs- und Implementierungsmodi, die dazu tendieren, Gesetze durch fluide Verfahrensvorschriften zu ersetzen (Scheuerman, 2004). Die Sozialpolitik ist ebenfalls von diesem Prozess betroffen. Beiträge, die sich diesem ersten Schwerpunkt zuordnen, sollten bestrebt sein, den sozialpolitischen Wandel im Kontext des zeitgenössischen Kapitalismus zu überdenken, hinterfragen und konzeptualisieren. Folgende Fragen sind insbesondere von Interesse: wie sind die Veränderungen hinsichtlich der sozialen und technologischen Beschleunigung zu analysieren? In welchem Masse führen sie zu Veränderungen der Vorstellungen, Methoden und Praxen der Sozialen Arbeit? Wie kann man die Zeitstrukturen der sozialen Interventionen (über)denken? Welche Interventionen oder soziale Innovationen begleiten die soziale und technologische Beschleunigung? Was sind die Folgen der Beschleunigung auf Verwaltungs-, Regulierungs- und Bürokratisierungsformen sowie auf Kriterien der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Sozialpolitiken? Wie und in welchem Bereich finden Lastenverschiebungen zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre, zwischen Staat, Philanthropie und Familie statt?
Schwerpunkt 2: Soziale Arbeit den Lebensläufen entsprechend denken
Der zweite Schwerpunkt ist auf die Lebensläufe der Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit fokussiert. Lebensläufe sind das Produkt einer Vielfalt von Normen, Verfahren und mehr oder weniger formellen Regeln, die administrativ und institutionell eingerahmt sind. Vor diesem Hintergrund tritt das Alter (wie das Merkmal Geschlecht u.a.) als naturalisierte Ordnungskategorie hervor (Perriard & Tabin, 2017). Beiträge, die sich diesem zweiten Schwerpunkt widmen, konzentrieren sich auf folgende Fragen: wie entfalten sich Lebensverläufe einer Klientel der Sozialen Arbeit, die dazu aufgerufen ist, in immer kürzer werdenden Zeiträumen sich zu aktivieren, sich neu zu erfinden oder Verantwortung für sich selbst zu tragen (Ravon & Laval, 2015)? Wie ist diese Klientel mit standardisierten Massnahmen zu begleiten, wenn Lebensläufe unsicherer werden, sich destandardisieren und die Status weniger stabil und kürzer sind?
Wie passen sich Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen an kritische Ereignisse, Übergänge und biografische Knotenpunkte an? Wie integriert die Soziale Arbeit die Lebensverlaufsperspektive in die Alltagspraxis und ihre Reflexion? Wie berücksichtig sie – oder nicht – die in sozialen Machtverhältnissen eingebetteten Kategorien Alter, Geschlecht, Rasse oder Klasse? Und welche Herausforderungen stellen schliesslich die individuellen und sozialpolitischen Dimensionen der Lebensverlaufsperspektive der Forschung und Lehre der Sozialen Arbeit?
Schwerpunkt 3: Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen und Rekonfigurationen der sozialen Intervention
Die Veränderungen des Kapitalismus haben zur Folge, dass Bevölkerungsgruppen ihre Lebensräume verlassen müssen und somit die Grenzen der Nationalstaaten in Frage gestellt werden. Dieser Prozess zieht eine wachsende Komplexität der Sozialen Arbeit nach sich, indem er die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen vor die Herausforderung stellt, zumeist auf lokaler Ebene Antworten auf die Internationalisierung der sozialen Probleme, die durch die (De-)Kolonisation herbeigeführten Problemstellungen sowie die Folgen von so genannten Naturkatastrophen zu suchen. Sie sind in der paradoxen Situation, gleichzeitig die Lebensqualität ihrer Klientel auf individueller Ebene fördern und den durch neoliberale Managementformen und Bürokratisierungspraktiken vorgegebenen Forderungen nach Rationalisierung, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit nachkommen zu müssen (Dominelli, 2010). Einige Länder regulieren die Zugangs- und Ausübungsbedingungen der Sozialen Arbeit stärker als andere und tendieren dazu, sie als Profession zu begründen und zu stärken. Andere Länder wiederum stellen die Professionalisierung allgemein in Frage. Diese zweite Variante schwächt die Stellung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern (Vranken, 2012), verstärkt die Deprofessionalisierung und führt zur Vervielfachung der Akteurinnen und Akteure der sozialen Intervention. In jedem Fall lassen sich modifizierte oder neue Konfigurationen der Handlungspraktiken und Interventionsmethoden beobachten.
Beiträge, die sich diesem dritten Schwerpunkt zuordnen, sollten sich für die Entgrenzung der Berufspraktiken und die fachliche Anerkennung der Sozialen Arbeit interessieren, letztere insbesondere mit Blick auf die Dialektik von Laien- und Expertenwissen (Gutknecht, 2016, Chiletti, 2016). Wie vollziehen sich entsprechend den Lebensverläufen die Trennung in professionelle, freiwillige und familiäre Bereiche, die Lastenverschiebung und Arbeitsmarktsegmentation in der Sozialen Arbeit? Welche Formen nehmen die Zusammenarbeit, die diese begleiten an? Wie gliedern sie sich in interdisziplinäre und institutionsübergreifende Verfahren ein?
Literatur
Chiletti, Sylvia (2016). I mille volti della perizia. Sapere esperto, sapere profano nei processi per infanticidio a Firenze all’inizio del XX secolo, Criminocorpus [Online], Folie et justice de l'Antiquité à l'époque contemporaine, Messo online il 03 giugno 2016, consultato il 03 ottobre 2017. URL : http://criminocorpus.revues.org/3284
Dominelli, Lena (2010). Social Work in a Globalising World. Cambridge & Malden: Policy Press.
Gutknecht, Thierry (2016). Actualité de Foucault. Une problématisation du travail social. Genève: Editions IES.
Perriard, Anne & Tabin, Jean-Pierre (2017). L’âge dans les politiques sociales. Traverse, Zeitschrift für Geschichte, 2017(2), 85-98.
Ravon, Bertrand & Laval, Christian (2015). L'aide aux "adolescents difficiles". Chroniques d'un problème public. Toulouse: Erès éditions.
Rosa, Hartmut (2010). Alienation and Acceleration: Towards a Critical Theory of Late-Modern Temporality. Malmö/Aarhus, NSU Press.
Scheuerman, William E. (2004). Liberal Democracy and the Social Acceleration of Time. Baltimore & New York: John Hopkins University Press.
Vrancken, Didier (2012). Le travail social serait-il devenu une profession? Quand la "prudence" s'invite au cœur d'un vieux débat. Pensée plurielle, 30-31(2), 27-36.
Wir laden interessierte Fachpersonen aus Praxis, Lehre und Forschung der Sozialen Arbeit sowie Kolleginnen und Kollegen benachbarter Disziplinen herzlich ein, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und in Form folgender Beiträge den Kongress aktiv mitzugestalten :
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Symposien: Zweitstündige Symposien mit maximal drei bis vier Beiträgen von Forschenden, Fachpersonen und / oder Dozierenden zu einem der Schwerpunkten gefolgt von einer Diskussion. Die Symposiumsvorschläge sollten folgende Informationen beinhalten: Namen und institutionelle Zugehörigkeiten der Verantwortlichen, eine Zusammenfassung, Titel des Symposiums, Emails und den gewünschten Schwerpunkt;
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Einzelbeiträge von 20 Minuten, die klar einem der drei Schwerpunkten zugeordnet sind.
Die Kongresssprachen sind Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch. Alle Beiträge sind in einer der vier Sprachen einzureichen. Symposien und Einzelbeiträge werden in der (den) gewünschten Sprache(n) gehalten.
Beitragsvorschläge werden in einem anonymen Reviewverfahren von den Mitgliedern des Organisationskomitees sowie des wissenschaftlichen Beirats geprüft. Jeder Vorschlag wird von zwei Personen begutachtet. Es gelten folgende Kriterien: Passung, Originalität/Novität, konzeptuelle, theoretische, methodologische Standards und Qualität der Argumentation. Beitragsvorschläge sind bis zum 31. Januar 2018 auf der Internetseite mit folgender Adresse ssts2018.hes-soch einzureichen. Eine Rückmeldung zu Ihrem Abstract erhalten Sie bis zum 20. April 2018.
Organisationskomitee:
Schweizerische Gesellschaft für Soziale Arbeit
HES-SO Fachhochschule Westschweiz
Hochschulen für Soziale Arbeit Lausanne, Genf, Fribourg und Siders
SUPSI, Scuola universitaria professionnale della Svizzera italiana
Nationaler Forschungsschwerpunkt LIVES, Lausanne/Genf
Publikationsdatum:
07. Dezember 2017
Deadline:
31. Januar 2018
Themen:
Disziplinen:
Institutionen:
Schweizerische Gesellschaft für Soziale Arbeit(Schweiz), HES·SO Fachhochschule Westschweiz(Schweiz), Haute école de travail social et de la santé | EESP | Lausanne | HES·SO(Schweiz), HETS Haute école de travail sociale Genève | HES·SO(Schweiz), Haute école de travail social Fribourg | HES·SO(Schweiz), HES·SO//Valais-Wallis Hochschule für Soziale Arbeit(Schweiz), Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana, Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES)(Schweiz)
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