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Neue Gewässerschutzverordnung
Genügend Raum für Gewässer
Naturnahe Bäche, Flüsse und Seen beherbergen unzählige Tier- und Pflanzenarten und leisten einen erheblichen Beitrag zum Schutz vor Hochwasser, zur Trinkwasserversorgung und dienen auch der Erholung. Um all diese Aufgaben zu erfüllen, braucht es Wasser in einer guten Qualität, eine ausreichende Wasserführung sowie genügend Raum für die Gewässer. Im Zuge von Eindolungen, Begradigungen und Verbauungen wurde den Gewässern dieser Raum in der Vergangenheit vielfach weggenommen. Nun geht es darum, ihnen einen kleinen Teil davon wieder zurückzugeben. Mit der revidierten Gewässerschutzverordnung, die am 1. Mai 2017 in Kraft getreten ist, können die Kantone örtlich angepasste Lösungen finden.
Mehr Raum für Gewässer bedeutet sauberes Wasser
Der Bau der Abwasserinfrastruktur sowie Verbote und Einschränkungen problematischer Stoffe haben dazu beigetragen, dass sich die Wasserqualität seit den 1950er Jahren vor allem in den mittleren und grösseren Gewässern sowie zum Teil in den Seen stark verbessert hat. In den letzten 50 Jahren ist jedoch der Einsatz von Düngern und Pestiziden in der Landwirtschaft sehr stark gestiegen. Diese Chemikalien belasten heute vor allem die kleinen Fliessgewässer stark. Ein ausreichender Gewässerraum reduziert Abschwemmungen von Pestiziden und Düngern von den landwirtschaftlichen Feldern in die Gewässer und bildet so eine sogenannte schützende Pufferzone. Saubere Gewässer fördern die Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Auch wird indirekt die Qualität des Trinkwassers verbessert. Nicht zuletzt sind sie attraktiv zum Baden. Menschen, Tiere und Pflanzen brauchen sauberes Wasser.
Mehr Raum für Gewässer mindert das Überschwemmungsrisiko
Als Folge der Gewässerkorrektionen ab dem 19. Jahrhundert wurden viele Bäche und Flüsse begradigt und verbaut. Dies bedeutet, dass die sich einst durch die Talebenen windenden Gewässer plötzlich eine deutlich geringere Strecke zurücklegten, der zu überwindende Höhenunterschied aber blieb gleich. Folglich wiesen die «korrigierten» Gewässer eine deutlich steilere Neigung, und damit einhergehend erhöhte Fliessgeschwindigkeiten, höhere Energien und ein deutlich höheres Erosionspotential auf. Die daraus resultierenden negativen Effekte zeigten unter anderem die Hochwasser der Jahre 2005 oder 2007. Das erhöhte Erosionspotential führt dazu, dass sich die Gewässer in den Untergrund eingraben, sofern ihr Bett nicht komplett befestigt ist. Dadurch werden die Uferbefestigungen unterhöhlt und nach und nach zerstört.
Abfluss bremsen
Bäche und Flüsse, denen genügend Raum zur Verfügung steht, bremsen Hochwasser aufgrund ihres natürlichen Gewässerverlaufs und ihrer Vegetation, die Fliessgeschwindigkeiten und die Energien des Wassers werden reduziert. Der zusätzliche Raum, der dem Gewässer zur Verfügung steht, kann das Wasser zurückhalten und den Abfluss bremsen. Hochwasserspitzen werden dadurch abgeschwächt.
Mehr Raum für Gewässer ist attraktiv
Zählungen von Erholungssuchenden an eingeengten Gewässerabschnitten und an naturnahen Abschnitten mit ausreichendem Gewässerraum belegen, dass die natürlicheren Gewässerabschnitte deutlich häufiger zur Naherholung genutzt werden und dass auch die Aktivitäten (spazieren, baden, reiten usw.) dort vielfältiger sind. Ein reaktivierter Seitenarm des Rheins wird beispielsweise von Wanderinnen und Wanderern, Velofahrenden und auch zum Baden besucht. Eine idyllische Grillstelle ist an Sommerabenden gut besucht, und Familien besteigen den Aussichtsturm, um das Naturreservat mit Tümpeln und Kiesflächen zu bestaunen.
Mehr Raum für Gewässer ist überlebenswichtig für Fische
Viele Fischarten sind in jeder Lebensphase auf unterschiedliche Lebensräume angewiesen. Äschen beispielsweise laichen bevorzugt auf sauberen Kiesbänken mit rascher Strömung, wo sich der Laich geschützt und gut mit Sauerstoff versorgt entwickeln kann. Die jungen Äschen sind noch schlechte Schwimmer und daher auf reich strukturierte Flachufer mit geringer Strömungsgeschwindigkeit angewiesen. Ausgewachsene Fische hingegen finden ihre Nahrung häufig in tiefen Rinnen mit gleichmässiger, zügiger Strömung. In Seen und vor allem in den Flüssen sind im Vergleich zu vor hundert Jahren viele der heimischen Fischarten selten geworden oder zum Teil ausgestorben.
Unterschlupf
Bäche und Flüsse, die genügend Raum und Geschiebe zur Verfügung haben, können vielfältige Lebensräume mit unterschiedlichen Bereichen bilden. Das Wasser weist unterschiedliche Tiefen auf und fliesst unterschiedlich schnell, Geschiebe kann weggeschwemmt und wieder abgelagert werden. Das Wurzelwerk der Ufervegetation, die sich in nur extensiv genutztem Gewässerraum ausbilden kann, bietet Unterschlupf. So entstehen wertvolle Lebensräume wie Kiesbänke, beruhigte Zonen und Bereiche, in denen das Wasser schnell fliesst und sprudelt. So können Fische aufwachsen, laichen und leben. Das ist nicht zuletzt attraktiv für Fischerinnen und Fischer.
Mehr Raum für Gewässer bedeutet mehr Raum für die Natur
Nirgends findet man so viele heimische Tier- und Pflanzenarten wie in und an Gewässern. Keine Überraschung, denn jedes Lebewesen ist auf Wasser angewiesen. Als Folge von Begradigungen und Verbauungen der Gewässer ist auch der Verlust an Biodiversität entsprechend hoch.
Lebensraum für Tiere und Pflanzen
Vor allem im Flachland und in den Talebenen der Schweiz konkurrieren Siedlungen, Industrie, Landwirtschaft und weitere Nutzungsansprüche mit der Natur um Raum. Besonders in diesen Regionen sind die Ufer entlang von Bächen und Flüssen – trotz Einengungen und Verbauungen – oft der einzige, halbwegs zusammenhängende Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Der Gewässerraum bietet in einer ansonsten ausgeräumten und eintönigen Kulturlandschaft ein Band an mehr oder minder vielfältigen Lebensräumen. Deswegen kann man dort meist auf kleinem Raum eine sehr hohe Artenvielfalt finden. Frösche legen nach Überflutungen ihre Eier beispielsweise in wassergefüllten Mulden ab, die später wieder trocken fallen. Diese Tümpel sind wichtig, da in ihnen keine Fische vorkommen, die Eier oder Larven fressen würden.
Wichtige Rolle für die Vernetzung
Aus der Vogelperspektive betrachtet ähneln Gewässerläufe nicht selten blau-grünen Bändern durch die Landschaft und übernehmen eine wichtige Rolle für die Vernetzung der Lebens- und Landschaftsräume. Tiere wandern entlang dieser Grüngürtel, bieten sie doch Schutz vor Räubern und Verstecke. Die Vegetation, die sich nur im extensiv genutzten Gewässerraum entwickeln kann, liefert Schatten für die Gewässer und deren Lebewesen und kühlt das Wasser – gerade in Zeiten des Klimawandels eine wichtige Funktion. Der Gewässerraum stellt also sowohl einen wichtigen Lebensraum an sich dar, dient aber auch als Vernetzungskorridor für Arten und hilft somit, deren langfristiges Überleben zu sichern.
Redaktion