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Mme de Staël hielt Jacobi für den größten lebenden deutschen Philosophen – auch und gerade wegen seines Woldemar. Goethe hingegen soll sich über dieses Werk lustig gemacht haben. Nun sind beider literaturkritischen oder gar philosophischen Fähigkeiten nicht über jeden Zweifel erhaben. Im vorliegenden Fall tendiere ich eindeutig dazu, dem Deutschen Recht zu geben. Frau von Staël war philosophisch-literarisch zu sehr von Jean-Jacques Rousseau beeindruckt, um den stark vom Genfer abhängigen Woldemar nicht gut finden zu müssen. Goethe andererseits hatte sich mit seinem Werther diese empfindsam-selbstzerfleischende Phase seines Denkens glücklich vom Leib geschrieben und wollte wohl auch nicht mehr allzu sehr daran erinnert werden.
Im Grunde genommen weist der Roman keine nennenswerte Handlung auf. Die Hauptpersonen sind eine Gruppe junger Leute, so zwischen 17 und 27 Jahre alt, darunter der titel-gebende Woldemar. Dann sein Bruder, der auch von Woldemar immer nur beim Nachnamen Biederthal gerufen wird. Schliesslich des Bruders bester Freund. Biederthal und sein Freund Carl Dorenburg heiraten zwei Schwestern, Töchter eines Handelsmannes zu B.. Hinzu kommen noch die dritte Schwester, Henriette, und deren beste Freundin. Als nicht unwichtige Nebenfigur Eberhard Hornich, eben jener Handelsmann. Die Handlung besteht nur aus Gesprächen und Selbstgesprächen der jungen Leute. Obwohl die beiden Brüder offenbar von Haus aus Juristen sind, und auch schon eine Ämterlaufbahn begonnen haben, lassen sie sich überreden, in den Kaufmannsstand überzutreten – der ältere deshalb, weil Hornich seine Tochter nur einem Kaufmann in die Ehe geben will, der jüngere, weil es der ältere tat. Die Brüder sind im neuen Stand gar nicht unglücklich und haben als Kaufleute, so suggeriert der Roman, sogar einiges Glück. Allerdings scheinen sie keine Zeit für ihre berufliche Tätigkeit aufwenden zu müssen, sondern können sich ganz dem widmen, was man heute auf neudeutsch „socialising“ nennt.
Die zentralen Figuren des Romans sind der titel-gebende Woldemar und Henriette. Obwohl nicht in einander verliebt, wie beide immer wieder betonen (Woldemar wird sogar Henriettes beste Freundin heiraten), verspüren sie doch beide eine Art tiefstinnere Wahlverwandtschaft – sie sind dicke Freunde und reden miteinander über alles. Eines Tages lässt der sterbende Vater Henriettes diese zu sich rufen. Er – wie das ganze Umfeld der beiden – kann sich das Verhältnis von Henriette und Woldemar nicht anders als ein Liebesverhältnis erklären. Aber Woldemar, der Freigeist, erweckt im Vater ein tiefes Grausen. Auf dem Sterbebett nimmt der der Tochter ein Gelöbnis ab, nie, nie diesen Atheisten zu heiraten. Nun hatte das Henriette zwar gar nicht im Sinn, aber sie lässt sich schlussendlich breit schlagen. Gelöbnisse am elterlichen Sterbebett sind in jeder Gothic Novel verantwortlich für die nächsten 300 oder 400 Seiten an Ungemach, das deren Heldinnen und Helden zustößt. So auch hier. Henriette verschweigt Woldemar das Gelöbnis, weil sie sich im Grunde genommen dafür schämt. Über etwas nicht zu reden, ist in jeder Gothic Novel der Grund für weitere 400 Seiten Ungemach. So auch hier – auch wenn der Roman in seinen drei Fassungen nur knappe 475 Seiten umfasst. Woldemar erfährt ja trotzdem von Henriettes Schwur und fühlt seine Freundschaft verraten – weniger ob des Schwurs als solchem, sondern weil Henriette darüber geschwiegen hat. Selbstzerfleischung auf beiden Seiten ist die Folge.
Der Roman trägt in der ersten Fassung von 1779 den Untertitel Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte, und vor allem das letzte Wort „Naturgeschichte“ weist darauf hin, was Jacobi hier eigentlich im Sinn hatte. Die Figuren, allen voran Henriette und Woldemar, sind für ihn Teile eines ‘naturgeschichtlichen’ Gedankenexperiments – heute würden wir wohl von theoretischer Sozial-Psychologie reden. Das bestätigen auch alle der eigentlichen Story voran gestellten Zitate: Hamlet wird ebenso angeführt wie Bacon, Euripides, Xenophon oder Platon. Die zweite Fassung (die eigentlich keine zweite Fassung ist, sondern unabhängig vom ersten lesbar, weil es sich bei Der Kunstgarten um – wie der Untertitel sagt – Ein philosophisches Gespräch zwischen den Figuren aus dem Roman von 1779 handelt) – die zweite ‘Fassung’ also, stammt von 1781, und fügt dem Experiment noch unter anderem Tacitus als zitierten Kronzeugen hinzu. Eine dritte Fassung wurde 1796 veröffentlicht. In dieser verschmilzt Jacobi die ersten beiden Fassungen zu einer, fügt auch noch das eine oder andere Detail hinzu – vor allem einen halbwegs abgerundeten Schluss. 1796 wird in einem sich über zwei Seiten erstreckenden Zitat nun Herder vorangestellt. Allen drei Fassungen ist es so gemein, dass sie durch fleißiges Voranstellen von Zitaten aus Literatur und Philosophie betonen, eben kein Roman sein zu wollen.
Auch die Gespräche drehen sich um mehr oder weniger philosophische Fragen, die mehr oder weniger philosophisch abgehandelt werden. Dabei wird der Materialismus – identifiziert in Helvétius – einigermaßen madig gemacht. In einer späteren Diskussion geht es um Fragen der richtigen Verhaltens. Dieses Gespräch zitiert nicht nur fleißig Aristoteles’ Nikomachische Ethik. Die Teilnehmer sind sich auch dahingehend einig, dass das aristotelische Mittelmaß auch das Maß eines Lebens sein soll. (Wie immer in solchen Fällen divergieren Theorie und Praxis der Figuren gehörig!)
Heute kann man die empfindsame Selbstzerfleischung der Protagonisten tatsächlich nicht mehr lesen, ohne dass es einen lächert. Allenfalls muten einem die Gedankengänge Woldemars und Henriettes pubertär an – ist ja die Pubertät auch jene Zeit der Selbstfindung, in der man sich über die eigene Person und über sein Umfeld die meisten Gedanken macht, und auch schon mal gern in der eigenen Sauce kocht, statt mit andern über seine Probleme zu reden.
Friedrich Heinrich Jacobi: Romane II. Woldemar. Unter Mitarbeit von Dora Tsatoura herausgegeben von Carmen Götz und Walter Jaeschke. (= ders.: Werke. Gesamtausgabe. Herausgegeben von Klaus Hammacher und Walter Jaeschke, Band 7,1.) Hamburg: Meiner / Stuttgart-Bad Cannstadt: frommann-holzboog, 2007. [Offenbar ist ein Band 7,2 mit den kritischen Anhängen und Erläuterungen zu Woldemar nie erschienen – was sehr bedauerlich ist, denn der Roman hätte derer wirklich bedurft.]

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