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Hat Jesus - wie wir - lesen und schreiben lernen müssen? Oder konnte er das schon als Kind (als Gottes Sohn)? Nun, da er uns in allen Stücken uns gleich geworden war (Hebräerbrief 2,17) erübrigt sich die Frage eigentlich. Aber wie stark betonte er das Lesen in seiner Lehre, im Umgang mit seinen Jüngern oder mit den Menschen seines Wirkungskreises? Dem ging ich nach und entdeckte, dass er mit dem Begriff "lesen" die wichtigsten Grundlagen seiner Lehre verband. Sechsmal konterte er Versuche, ihn mit Fragen zum Gesetz des Moses "reinzulegen" mit der Rückfrage: "Habt ihr nicht gelesen?" und brachte so seine Gesprächskontrahenten zum Schweigen, zum tieferen Nachdenken.
Aber bevor wir einiges davon näher beleuchten, möchte ich das Thema "lesen" definieren
Lesen heisst im Bibel-Griechischen ANAGINOSKO und bedeutet genauer "wiedererkennen". Bevor man aber etwas "wieder" erkennt, muss man davon Vorkenntnisse haben. Beim Lesen wäre es zumindest die Kenntnis der Buchstaben oder Zeichen. Und dann sollte man - wenn möglich - einen Zusammenhang der Worte und somit den Inhalt erkennen. Wer liest, der sammelt, der wählt aus, der macht eine "Aus-Lese". Bei schwierigen Texten darf man beim Lesen auch raten - siehe das Wort "lesen",das auf englisch "to read" bedeutet und mit dem deutschen Wort "raten" verwandt ist!
Man lese (beziehungsweise errate) folgenden kunstvoll zusammengestellten Text:
"Hbn Si gnwuszt, daz ain Lesr dri Augn ht? Nemliah zvei öüssre and ain inres?"
Alles klar verstanden - obwohl kein Wort richtig geschrieben wurde? Mir ging es so, ja. Mir gefiel (nach dem bestandenen Lesetest!) zusätzlich der Inhalt in besonderer Weise:
Er ist sehr gut übertragbar auf das Bibellesen...Denn dort braucht es sicher das dritte innere Auge, um einen Text auch mit dem Herzen zu erkennen.
Hier nun zwei Beispiele, in denen Jesus das mit dem Herzen "richtige" Lesen des Gesetzes betonte:
Die Jünger gehen mit ihm am Sabbat an einem reifem Kornfeld vorbei. Sie haben Hunger und zerreiben einige Ähren, um die Körner zu essen. Die Pharisäer beobachten sie und klagen sie bei Jesus an: Man dürfe doch solches am Sabbath nicht tun (Matthäus 12,1-8). Jesus antwortete: "Habt ihr nicht gelesen, was David tat, da ihn... hungerte? Wie er in das Gotteshaus ging und ass die Schaubrote, die er doch nicht essen durfte, sondern allein die Priester? Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel. Wenn ihr aber wüsstet, was das ist (Hosea 6,6): 'Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer', hättet ihr die Unschuldigen nicht verurteilt. Des Menschen Sohn ist auch ein Herr über den Sabbat".
In weiteren Texten des Matthäus-Evangelium stellt Jesus dieselbe Frage immer wieder, insgesamt 7 Mal:
"Habt ihr nicht gelesen?" (siehe Kapitel 19,4 /21,16 / 21,42 und 22,31-32). Überall weist Jesus beim Lesen der Texte auf ihre tiefere Bedeutung hin.
"Wie liest DU es"?
Im Lukas-Evangelium 10,26 fordert Jesus einen Schriftgelehrten mit dieser Gegenfrage heraus. Es geht um das Thema "ewiges Leben, Gottesliebe und Nächstenliebe". Aus der Frage:
"Wie liesest du"? Ensteht die berühmte Geschichte des barmherzigen Samariters.
ANAGINOSKO bedeutet nicht nur "lesen" im Sinne von "Inhalte mit Buchstaben oder Zeichen wiedererkennen". "Lesen" in der Bibel bedeutet mehr. Es berührt Grundfragen unseres Lebens, es deckt unsere Herzenshaltung auf. Wir können uns beim Lesen wie in einem Spiegelbild "wiedererkennen".
Das Wort ANAGINOSKO setzt sich aus GINOSKO (kennen, erkennen) und mit der Vorsilbe ANA zusammen, die meistens mit "wieder" oder mit "hinauf" übersetzt wird.
Das Langenscheidt Lexikon weist darauf hin, dass ANAGINOSKO "wiedererkennen, anerkennen, genau erkennen, lesen, vorlesen, veranlassen und überzeugen" heisst. ANA in der Bedeutung "hinauf" wird seltsamerweise nicht genannt. Wenn wir uns jedoch die Freiheit nehmen, ANA-GINOSKO auch mit "hinauf-erkennen" zu übersetzen, dann verinnerlichen wir das Bibellesen nicht nur mit dem Verstand oder mit dem Herzen, sondern auch nach oben, hinauf zu unserer Gottes-Erkenntnis.