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Für eine Sondervorstellung des Films „Darkest Hour – die dunkelste Stunde“, wurde ich gebeten, einführend einige Worte über Winston Churchill zu sagen. Aus diesem Grund habe ich mich während der Weihnachtszeit etwas intensiver mit dem ehemaligen englischen Staatsmann befasst. Churchill, der Grossbritannien durch den Zweiten Weltkrieg führte, und nach einem Unterbruch von fünf Jahren noch einmal von 1951 bis 1956 das Amt des Premierministers bekleidete, ist definitiv eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Der am 24. Januar 1965 im Alter von 89 Jahren verstorbene Churchill ist in mannigfaltiger Hinsicht eine spannende Persönlichkeit. Ich beschränke mich in der Folge auf Churchills Führungsstil und die Lehren, die wir daraus ziehen können.
Acht Lehren aus Churchills Führungsstil:
1. Mut
Wenn man Churchill mit einem Wort charakterisieren müsste, dann würde die Wahl zweifellos auf den Begriff „Mut“ fallen. Churchill war der Überzeugung, dass wenn jeder stets nur an die Sicherheit denken würde, echte nennenswerte Leistungen gar nicht möglich wären („No really worth-while achiemvement would be possible, if everyone adhered `safety first`at all the times“).
Churchill fürchtete sich nie vor Risiken. Als Offizier kämpfte er in vier verschiedenen Kriegen. Als Politiker scheute er sich nicht gegen den Strom zu schwimmen und auch unpopuläre Meinungen zu vertreten, auch wenn er sich dabei manchmal gegen die eigene Partei stellen musste und zeitweise ganz alleine dastand.
Es brauchte auch eine Portion Kühnheit, als er sich in den 50er Jahren daranmachte, die Beziehungen zur Sowjetunion zu verbessern.
Churchill selber war der Überzeugung, dass Mut die wichtigste aller Qualitäten eines Menschen ist, da der Mut die Grundlage für alle anderen Qualitäten und Tugenden darstellt („Courage is rightly esteemed the first of human qualities, because it is the quality that guarantees all others.“)
2. Loyalität
Churchill hat schwierige Aufgaben nie alleine angepackt. Er war sich bewusst, dass andere Menschen über Talente verfügten, welche er nicht besass, die aber zum Erreichen seiner Ziele notwendig waren.
Auch war ihm falsche Eitelkeit fremd. Obwohl er selber nie zur Universität ging, scheute er sich nicht hochgebildete Akademiker in sein Team zu rekrutieren.
Als Offizier, wie auch als Staatsmann machte er stets die anderen für den Erfolg verantwortlich. Zum Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland sagte er später: „Es waren die Nationen und Menschen auf der ganzen Welt, welche ein Löwenherz hatten. Ich hatte einfach das Glück gerufen zu werden, um zu brüllen“ („It was the nation and the race dwelling all around the globe that had the lion’s heart. I had the luck to be called upon to give the roar.“)
Als er 1940 Premierminister wurde, formte er ein Team mit Führungskräften aus allen Parteien. Dass es ihm gelingen konnte, unterschiedliche Menschen für seine Sache zu gewinnen, hing unter anderem daran, dass er enorm loyal war und zwar gegenüber allen seinen Mitstreitern.
Er liess Kritik zu, pflegte eine offene und ehrliche Kommunikation sowie eine gesunde Fehlerkultur. Für Churchill bestand Erfolg daraus, von Fehler zu Fehler zu schreiten ohne den Enthusiasmus zu verlieren („Success consists of going from failure to failure without loss of enthusiasm“). Durch seine loyale Art verdiente er sich auch den Respekt seiner politischen Gegner.
In den 30er Jahren hatte Churchill teilweise heftige Meinungs-verschiedenheiten mit der Parteispitze. Während sich andere verbittert zurückgezogen hätten oder versucht hätten über die Medien mit Giftpfeilen gegen die internen Gegner zu schiessen, gab Churchill beim Wahlkampf trotz allem vollen Einsatz für seine Partei.
Churchill kämpfte und argumentierte hart, war die Entscheidung aber einmal gefallen, stellte er sich hinter diese, auch wenn er zuvor unterlegen war. Nachdem er in den frühen 30er Jahren einen langen und bitteren Kampf im Zusammenhang mit der Indien Politik verloren hatte, erklärte Churchill gegenüber den siegreichen Gegnern: „Ihr müsst von uns nichts weniger erwarten als Schweigen oder Hilfe:“ ("You need not expect anything but silence or help from us.“)
3. Entschlossenheit und Leistungswille
Churchill war unglaublich resilient und verfügte über eine enorme Entschlossenheit. Er war ein echter Selfmademan. Während seinem ganzen Leben scheute er sich nie seine Ideen und Vorhaben auch gegen grössten Widerstand und manchmal auch gegen jegliche Vernunft durchzusetzen.
Seine ganze Karriere war eine Aneinanderreihung von Versuch und Irrtum. Ein Autor schrieb über Churchill, dass wenn man all seine zahlreichen begangenen Fehler, unabhängig von seinen Erfolgen, betrachten würde, man relativ rasch zum Schluss kommen könnte, dass er ein riesiger Versager gewesen ist.
Churchill war sich durchaus bewusst, dass er sich nicht selten in äusserst missliche Lagen manövrierte. Für ihn war dies aber kein Grund zum Resignieren, im Gegenteil, es war viel mehr Motivation dafür, das Ziel weiter hin zu verfolgen, einfach auf einem anderen Weg. „Wenn Du durch die Hölle gehst, laufe einfach weiter“ (If you’re going through hell, keep going“).
4.Die Macht der Sprache
Es ist vor allem seine Ausdrucksstärke, welche ihn zu der grossen Führungspersönlichkeit werden liess, die er schlussendlich war. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy brachte es hervorragend auf den Punkt, als er sagte, dass Churchill die englische Sprache mobilisierte und sie in die Schlacht schickte.
Was vielen Menschen nicht wissen, ist die Tatsache, dass Churchill nicht ein spontaner Redner war. Seine Auftritte waren wohl überlegt und stets sehr gut vorbereitet. Auch seine anscheinend gewieften schlagfertigen Bemerkungen waren in der Regel geplant.
„Es war während meinem ganzen Leben mein Ziel, ein Meister des gesprochenen Wortes zu werden, es war mein einziges Ziel.“ (“It was my ambition, all my life, to be a master of the spoken word. That was my only ambition.”) so Churchill. “Of all the talents bestowed upon men, none is so precious as the gift of oratory. He who enjoys it wields a power more durable than that of a great king.”
Nicht nur hörten sich die Reden des späteren Literaturnobelpreisträger bisweilen an wie Poesie, es war auch die Art und Weise wie Churchill seine Reden überlieferte, welche ihnen noch zusätzliche Stärke verlieh. Churchill studierte seine Gesten ein, er spielte mit seiner Körperhaltung und mit der linguistischen Intonation.
Es wäre der Art und Weise wie Churchill auftrat nicht genüge getan, wenn man dies als Schauspiel bezeichnen würde, es war mehr, es war eine Verschmelzung des gesprochenen Wortes mit der Persönlichkeit und den Überzeugungen von Churchill.
Folgend ein Ausschnitt aus der Rede „We shall Fight on the Beaches“, welche Churchill am 4. Juni 1940 vor dem britischen Unterhaus und kurz darauf noch einmal im Radio gehalten hat.
“We shall not flag or fail.
We shall go on to the end.
We shall fight in France,
We shall fight on the seas and oceans
We shall fight with growing confidence and growing strength in the air;
We shall defend our Island, whatever the cost may be.
We shall fight on the beaches,
We shall fight on landing grounds,
We shall fight in the fields and in the streets,
We shall fight in the hills,
We shall never surrender,
And if, which I do not for a moment believe,
This island or large part of it were subjugated and starving,
Then… our empire beyond the seas armed and guarded by the British Fleet,
Would carry on the struggle, until,
In God’s good time,
The New World, with all its power and might,
Steps forth to the rescue and liberation of the old.”
5. Selbstreflexion und Selbstkritik
Churchill stellte sich und sein Handeln selber immer wieder in Frage. Er machte es sich zur Gewohnheit, sich selber jeden Tag den Spiegel vorzuhalten. Über seine Selbstreflektion sagte er zu einem Mitarbeiter: „Jede Nacht, richte ich über mich selber, um zu sehen, ob ich etwas Nützliches getan habe. Ich meine damit nicht einfach etwas wie zum Beispiel den Boden zu verpfänden, jeder kann die alltäglichen Abläufe durchgehen, ich meine etwas wirklich Nützliches. („Every night, I try myself by court martial to see if I have anything effective during the day, I don’t mean just pawning the ground, anyone can go through the motions, but something really effective.”)
Zu seiner selbstkritischen Haltung passte es auch, dass Churchill aktiv Feedback bei seiner Frau, seinen Freunden, seinen Kollegen, seinen Mitarbeitern und Unterstellten suchte. Er verlangte von seinen Mitarbeitern, dass sie ihn kritisch hinterfragen. Einer seiner Stabsleute sagte dazu: „Er nahm Kritik immer sehr kleinlaut entgegen. Jeder durfte Kritik üben, wie es einem passte. Er wollte immer die volle Kritik hören.“ („He always took critisism very, very meekly. One could say exactly what one liked in the way of criticism. He wanted the full critical value of his subordinates.”)
6. Anstand und Respekt
Während seiner langen politischen Karriere focht Churchill so manch harten Kampf aus. Er selber kämpfte mit harten Bandagen und steckte im Gegenzug auch sehr viel ein. Trotz der vermeintlichen Verletzungen und Kränkungen, welche sein Ego von den Angriffen auf seine Person erleiden musste, nahm er diese Angriffe nie persönlich. Gegenüber seinen Gegnern zeigte er sich stets sehr anständig und zollte auch jenen Respekt, die ganz und gar eine andere Meinung vertraten und einen anderen Stil pflegten als er.
Ein eindrückliches Beispiel für seine Einstellung gegenüber seinen Feinden findet sich im Schreiben an den japanischen Botschafter, in welchem Churchill am 8. Dezember 1941 Japan den Krieg erklärt. Dieses Schreiben war die Reaktion auf die japanischen Bombardierungen von Hong Kong und Singapur am Vortag. Den Brief unterschrieb Churchill mit den Worten: „Ich habe die Ehre, Ihr gehorsamer Diener zu sein.“ (I have the honor to be, with high consideration, Sir, Your obedient servant.“).
In einem Interview mit dem Time-Magazin im Jahre 1954 erklärte Churchill dazu, dass sich einige Leute an der höflichen Art und Weise, wie er die Kriegerklärung formuliert hatte, gestört haben. Aber, so meinte der ehemalige englische Premierminister dazu, es kostet schlussendlich ja nichts, wenn man mit einem Mann, den man umbringen muss, höflich ist. („But after all when you have to kill a man it costs nothing to be polite.“)
7. Optimismus
Churchill war nicht ein naiver Optimist, der die Welt nur durch eine rosa Brille wahrnahm. Im Gegenteil, er war grundehrlich und nannte die schlechten Sachen, die negativen Punkte immer beim Namen. Gleichzeitig betonte er aber auch die schlechten Sachen, die hätten passieren können und nicht eingetroffen sind. Ebenfalls zeigte er jeweils die Möglichkeiten, die Lösungen auf, welche sich in einer kritischen Situation boten, um eben aus dieser misslichen Lage herauszukommen.
Er verstand es, den Menschen eine ehrliche Lagebeurteilung abzugeben, in ihnen aber gleichzeitig den Glauben zu nähren, dass man durch harte Arbeit, Geduld und Leidensbereitschaft im Stande sein wird, sich wieder nach oben zu hieven.
8. Neugierig und Vielseitig
Wie oft hört man von Leuten, dass sie keine Zeit haben um neben der Arbeit noch irgendwelchen Tätigkeiten nachzugehen? Man habe eben beruflich eine wichtige Kaderstelle und die absorbiere einem derart stark, dass keine Zeit mehr bleibt, um zB sich in der Gemeinde, in der Feuerwehr, in einem Vereinsvorstand zu engagieren oder seine Familie und seine Freunde zu pflegen. Auch reicht es nicht für körperliche und geistige Ertüchtigung. Eine Sprache oder ein Instrument möchte man zwar auch erlernen, aber eben, man ist halt beruflich zu beschäftigt.
Wenn jemand sein Leben lang wichtige Funktionen ausübte, dann war es Winston Churchill und jede noch so bedeutende Kaderstelle mit noch so grandios klingender Funktionsbezeichnung verblasst neben dem Amt des englischen Premierministers während dem Zweiten Weltkrieg. Und trotzdem schaffte es Churchill, dass er unheimlich vielseitig war.
„Geh hinaus in die Sonne und erfreue Dich an dem was du siehst!“ („Go out in the sunlight and be happy with what you see.“) Wie viele Leute sind derart auf ihre Arbeit fokussiert, dass ihnen der Blick für das Schöne, welches uns unsere Welt und unser Leben zu bieten hat, fehlt?
Churchill war, entgegen der im deutschsprachigen Raum verbreiteten Legende, auch ein Sportfreund. Er spielte sehr gute Polo, war ein begeisterter Reiter, er focht, ging auf die Jagd und war Schütze. Daneben schreib er über dreissig politische und historische Bücher und auch mehrere Romane. 1953 erhielt er sogar den Literaturnobelpreis. Zudem liebte es Churchill an seinem Haus zu arbeiten, besonders das Dachdecken hatte es ihm angetan.
Churchill las unzählige Bücher und war auch ein fleissiger und auch ziemlich begabter Maler. Zwei der Bilder wurden 1947 von der Royal Academy aufgenommen – und zwar nicht wegen seinem Namen. Churchill hatte die Bilder nämlich unter dem Pseudonym David Winter eingereicht. Churchills Werke kosten heute übrigens zwischen 100'000 und 3 Millionen Schweizer Franken. Ebenfalls hatte Churchill zahlreiche Haustiere wie Pferde, Kühe, Ziegen, Hunde, Katzen und Vögel. Anscheinend teilte er auch sein Bett mit seinen Tieren.
Churchill war nicht in der Lage nichts zu tun. Auch in den Ferien und auf Reisen war er stets darum bemüht Neues zu entdecken und zu lernen. Es war seiner Neugierde und seinem Wissensdurst zu verdanken, dass nicht Akademiker Churchill ein derart vielseitiger Mensch wurde.
Ich bin überzeugt, dass es uns auch in der heutigen Zeit gut anstehen würde, wenn wir uns Winston Churchill zum Vorbild nehmen und anfangen
etwas mutiger und entschlossener zu agieren,
uns anständiger und respektvoller gegenüber Andersdenkenden zu verhalten,
uns vermehrt der Loyalität zu besinnen,
unsere Sprache und unser Auftreten verstärkt zu pflegen,
eine optimistischere Denkweise zu adoptieren,
uns vermehr kritisch zu hinterfragen
und uns neben dem Beruf vermehrt anderen interessanten und uns weiterbringenden Dingen zu widmen.
Und zum Schluss noch ein kleiner Tipp: Schauen Sie sich den Film "Darkest Hour" an - es lohnt sich!