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Die in Zentralindien lebenden Baiga sind eine kleine, aufgrund ihrer grossen Armut stark benachteiligte Volksgruppe. Die Zerstörung des Waldes, jahrhundertelang ihre wichtigste Ressource, sowie die Klimakrise haben sie sehr verwundbar gemacht. Dank einem agrarökologischen Projekt konnten sie neue Lebensgrundlagen schaffen, die im Einklang mit der Natur stehen und an den Klimawandel angepasst sind.
Die Fakten
Die Ziele
Das Projekt zielt darauf ab, die Anpassungsfähigkeit der Landbevölkerung an den Klimawandel zu stärken und damit ihre Lebensgrundlage zu verbessern. Dazu werden agrarökologische Methoden gefördert und Saatgutbanken eingerichtet. Weitere Schwerpunkte sind die Diversifizierung und Verbesserung des Einkommens, die Stärkung der Führungsrolle von Frauen und die nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen.
Die Baiga sind eine Gemeinschaft, die früher in den Wäldern lebte. Sie betrieben als Halbnomaden Wanderfeldbau und lebten von der Viehzucht, der Jagd und dem Wald. Sie waren für ihr Wissen über Heilpflanzen bekannt und wurden von anderen Gemeinschaften als Heilende angesehen.
Mit der Zeit frassen sich die Landwirtschaftsflächen jedoch immer mehr in den Wald, wodurch die Baiga ihre Lebensweise nicht weiterführen konnten. Sie wurden sesshaft und versuchten kleine Stücke Land zu bewirtschaften, um das Einkommen aufzubessern, das sie durch die Arbeit als Tagelöhnerinnen und -löhner auf den umliegenden Betrieben erhielten. Mangelnde landwirtschaftliche Kenntnisse und die Unvorhersehbarkeit der Niederschläge aufgrund des Klimawandels trugen zu Ernteverlusten und Hunger bei.
Baghotin Bai, eine enthusiastische Bäuerin und Mitglied der Baiga-Gemeinschaft aus dem Dorf Kukrapani, erinnert sich an damals:
Oftmals mussten wir uns mit Pej (einer dicken Suppe aus gemahlenem Mais) und Trockengemüse begnügen. Wir waren abhängig vom lokalen Markt und kauften zwei bis drei Gemüsesorten, je nachdem, wie viel Geld wir zur Verfügung hatten. Das getrocknete Gemüse bewahrten wir auf, um das ganze Jahr über etwas zu essen zu haben, doch es reichte einfach nicht aus.
Im Einklang mit den Traditionen
Im Rahmen des Forest Rights Act erhielten die Baiga sichere Landtitel, und sie begannen, sich für die landwirtschaftliche Nutzung ihres Landes zu interessieren. 2015 initiierte SWISSAID deshalb zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation ein Projekt im indischen Distrikt Kabirdham zur nachhaltigen Verbesserung ihrer Lebensgrundlagen.
Aufgrund des Klimawandels und desssen Auswirkungen auf benachteiligte Volksgruppen wurde 2019 ein weiteres Projekt eintwickelt, von dem rund 4000 Haushalte profitieren, darunter auch 788 Baiga-Familien. Es konzentriert sich auf die Verbreitung agrarökologischer Techniken, die Einrichtung von Saatgutbanken und die Stärkung der Rolle der Frau. Agrarökologie als nachhaltige Anbaumethode eignet sich besonders gut für dieses Gebiet und steht im Einklang mit den Traditionen der Gemeinschaft: Respekt vor der Natur und eine ganzheitliche Philosophie.
Ihre Spende verändert Leben
Lernen durch Experimentieren
Die teilnehmenden Familien begannen den Lernprozess auf Versuchsfeldern. Dort testeten sie verschiedene agrarökologische Praktiken wie die Verwendung von einheimischem Saatgut, den Einsatz von Biodünger und Biopestiziden, die Einhaltung der optimalen Abstände zwischen den Pflanzen auf dem Feld sowie die Einführung von Mischkulturen. Die Schulungen wurden durch Besuche bei anderen Bäuerinnen- und Bauerngruppen ergänzt, um sich über bewährte Praktiken auszutauschen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen.
Mehr Vielfalt im Gemüsegarten
Seit der Einführung der Praktiken im Jahr 2019 haben mehr als 91 Prozent der Haushalte mindestens vier nachhaltige Anbaumethoden eingeführt. Darüber hinaus werden nun mehr als 200 Hektar Land für die Agrarökologie genutzt. Dies hat zu einer Produktivitätssteigerung von 20 Prozent geführt. Etwa die Hälfte der Haushalte erwirtschaftet einen Überschuss und verkauft Hirse und Hülsenfrüchte auf dem Markt.
Durch Sensibilisierungskurse und die Stärkung der Rolle der Frauen bei Projektentscheidungen sind sie heute gleichberechtigte Teilnehmerinnen im Projekt und tragen zum Einkommen der Familie bei.
Baghotin Bai hat den Übergang miterlebt und ist begeistert:
Heute verfügen wir über eine Tonne Kodo-Hirse von unserem eigenen Feld, um unsere fünfköpfige Familie zu ernähren. Wir haben auch einen Gemüsegarten hinter dem Haus angelegt. So können wir heute fast das ganze Jahr über zweimal täglich mehr als zwölf verschiedene saisonale Gemüsesorten essen. Ausserdem essen wir Obst wie Papaya, Guave, Moringa und Zitrusfrüchte aus unserem eigenen Garten. Früher gaben wir pro Woche etwa 300 Rupien (knapp CHF 4) für den Kauf von Gemüse aus. Jetzt verwenden wir dieses Geld, um andere Produkte wie Gewürze, Öle, Fleisch und Fisch zu kaufen.
Nachhaltige Produktion auch in Krisenzeiten
Kashiram Verma ist Sozialarbeiter und setzt sich seit vielen Jahren für die Anliegen der Baiga-Gemeinschaft ein. Auch er berichtet, dass sich die Lebensbedingungen der Baiga in den letzten Jahren verbessert haben.
Seiner Meinung nach ist der eindrücklichste Beweis für diese Verbesserung die Widerstandsfähigkeit der Familien gegenüber den Marktschliessungen infolge der Covid-19-Pandemie. „Es gab während der Pandemie keine Fälle von schwerer Mangelernährung in den Haushalten. Trotz der Einschränkungen und des Mangels an Arbeitsmöglichkeiten konnten die Familien ihren Nahrungsmittelbedarf decken. Dank den Gemüsegärten stand auch dann noch Gemüse zur Verfügung, als die Regierung die Märkte schloss.“
Auch Bhagotin Bai konnte dank eigenem Gemüse aus dem Garten ihre Familie während des COVID-Lockdowns ernähren.