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Den Wohlbeleibten geht der Ruf voraus und der Nachruf bleibt ihnen treu, dass sie humorvoll und heiter seien oder gewesen wären. Ich sass immer gerne mit heiteren und fröhlichen Menschen zusammen. Aber so genau habe ich ihre Körpermasse nicht abgeschätzt. Die Wörter «heiter und Heiterkeit» hätten die deutsche Sprache spät erobert, lese ich in der «Kleinen Literaturgeschichte der Heiterkeit.»* Bis ins 18. Jahrhundert finden sich im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm wenig Hinweise auf Heiterkeit und plötzlich scheint sie populär zu werden. Bei den Dichtern taucht nun oft Heiteres auf, dies wohl, weil der Himmel über Europa bürgerlicher geworden ist und der Titel Serenissimus für Fürsten nicht mehr taugte. Nur Venedig nennt sich bis heute La Serenissima – lateinisch serenus, was heiter bedeutet.
Dass Heiterkeit plötzlich auftaucht, hat vielleicht auch mit Martin Wieland, dem grossen Schriftsteller zur Goethe-Zeit, zu tun. Er schildert heitere und lustige Geschichten, die sich in der thrakischen Stadt Abdera abspielen. Die Bewohner hätten sogar Frösche als heilige Tiere verehrt und seien erst davon abgekommen, als diese überall störend quakten. Ich will die Abderiten jetzt nicht mit der in der alten Republik Gersau wohnenden Gersauern vergleichen, die in der Franzosenzeit befürchtet hätten, die Kirchenglocken würden vom Feind in Kugeln umgegossen. Sie holten sie vom Turm und fuhren mit ihnen auf den See. Dort, wo sie sie versenkten, machten sie eine Kerbe auf dem Schiffrand. In Zürich schuf Gottfried Keller Seldwyla und erzählte heiter vom Leben der Schildbürger.
Der Zyniker und Satiriker Heinrich Heine spottete, dass man die Heiteren, die nun schon etwas älter geworden seien, ziemlich zuverlässig an einer gewissen Neigung zur Wohlbeleibtheit erkenne, wie sie sich auch bei ihm selber zu zeigen beginne. Er frotzelte, dass «ausgedörrte Magerkeit» zur «Unheiterkeit» führen würde. Heines Spott passt mir in den Kram, weil ich mich auch als wohlbeleibt ausmache. Bezüglich meines Körpergewichts behielt ich stets die Heiterkeit, weil ich vermied, auf die Waage zu stehen und mich so nicht über einige Gramme zuviel grämen musste. Die Mageren, meint Heine, hätten nur die Suppe der Nützlichkeit gegessen.
Einer, der mir unter anderen wegen seiner leichten Wohlbeleibtheit gefällt, ist der Philosoph Peter Sloterdijk, von dem ich gerade das Buch «Scheintod im Denken» lese, welchem ein Vortrag zu Grunde liegt. Sloterdijk zitiert zu Beginn Epikur, der gesagt habe, wer zu Menschen spreche, möge bedenken, dass eine kurze und eine lange Rede auf dasselbe hinauskomme. Im Widerspruch dazu wurde Sloterdijks Rede sehr lang. Das Zitat am Anfang kann nur ironisch gemeint sein. Ironie blitzt bei Sloterdijk auf, was es oft nicht leicht macht, ihn zu verstehen. Wilhelm Busch zeichnete den wohlbeleibten Arthur Schopenhauer mit seinem Pudel Butz spazierend. Das Bild zählt zu den heitersten der Philosophiegeschichte. Wilhelm Busch beherrschte die Sprache und den Stift der Heiterkeit. Man lese nur «Max und Moritz», in der sich die dickliche Witwe Bolte gegen die Schlingel wehrt.
Heute scheint es fast, die Heiterkeit habe sich davongeschlichen und das heitere Lachen werde durch eine zunehmende Aggressivität und Polarisierung verdrängt. Was bedeuten könnte, dass sich das Gefühl verbreitet, man müsse zu viel von der Suppe der Nützlichkeit essen.
*Verlag C.H. Beck München, 2001