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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
„Das Wetter geht mir aufs Gemüt“, klagt eine Bekannte am Telefon. Jedenfalls hat sie kein „sonniges Gemüt“, eher ein durch äussere Einwirkungen schnell empfindsames Seelenleben. Sie ist kein „Gemütsmensch“, wie man annehmen könnte; denn jemand, der so bezeichnet wird, strahlt eher Gelassenheit aus; eine solche Person kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen.
Für mich hat Gelassenheit etwas mit Reife zu tun, mit Lebenserfahrungen, die dazu führen, dass auch Ereignisse, die nicht alltäglich sind oder die nicht mit den eigenen Normen übereinstimmen, mit Fassung und unvoreingenommen angegangen werden.
Es gibt viele Zeitgenossen, denen es an Gelassenheit fehlt. Sie gehen unruhig, aufgeregt, gestresst durchs Leben und finden das vollkommen richtig und normal. „Wie soll man sich nicht darüber aufregen, dass so ein Drängler auf der Autobahn auf der Überholspur wenige Zentimeter von meiner Stossstande entfernt mich mit Lichthupe zwischen die Autos auf die rechte Spur nötigt?“ Im Grunde treffen da 2 gleichartige Charaktere aufeinander. Der Drängler regt sich nämlich darüber auf, dass da ein in seinen Augen „schleichender“ Zeitgenosse die Überholspur blockiert.
Nehmen wir einmal an, der Vorausfahrende würde gelassen reagieren. Dann regt der Drängler sich noch mehr darüber auf, wenn ihm der Vorausfahrende durch Handzeichen zu verstehen gibt, dass er zu nah auffährt und durch eine Auf- und Abbewegung der rechten Hand zusätzlich, dass der Verfolger es ruhig angehen soll. Und wenn dieser Zeitgenosse dann auf die rechte Spur wechselt und ihm beim Überholen noch freundlich zuwinkt, dem könnte man doch glatt den Hals umdrehen! Was bildet der sich eigentlich ein!
Was bedeutet Gelassenheit? Verwundert nehme ich den folgenden Satz von Wikipedia zur Kenntnis: „Während Gelassenheit den emotionalen Aspekt betont, bezeichnet Besonnenheit die überlegte, selbstbeherrschte Gelassenheit, die besonders auch in schwierigen oder heiklen Situationen den Verstand die Oberhand behalten lässt, also den rationalen Aspekt von innerer Ruhe.“
Da wirft aber jemand mit Begriffen um sich! Ist der oben erwähnte zuerst überholende Autofahrer jetzt emotional gelassen oder rational besonnen gelassen? Steuert das Gefühl den Verstand oder der Verstand das Gefühl? Geht das überhaupt?
Gelassenheit stammt vom mittelhochdeutschen „gelazenheit“ ab, ursprünglich „Gottergebenheit“, später wird das Adjektiv mit „massvoll, ergeben, ruhig“ gleichgesetzt. Der moderne Duden bzw. der Wahrig erklärt es mit „das seelische Gleichgewicht bewahrend; beherrscht, ruhig, gefasst“ und „unerschüttert, leidenschaftslos, gleichmütig“. „Gelazenheit“ soll eine Wortschöpfung von Meister Eckhart sein. Ruhe, Versenkung, Anbetung, Demut und Hingabe schwingen im Wort mit. Aufgeben und Loslassen (resignatio), Ruhe (tranquilitas) und ein gutes Gemüt (euthymia) vereint die Nuancen des Begriffes, der sich nicht einfach erklären lässt.
Was bedeutet für Sie „gelassen“? Synonyme im weiteren Sinne können von „bedachtsam“ bis zu „kaltblütig“ und „dickfellig“ gehen.
Ich schaue mir nicht so häufig Werbefilme an, erinnere mich aber daran, dass die Zigarettenwerbung für „HB“ das Thema „Gelassenheit“ in einer langen Serie viele Jahre lang mit dem Genuss dieser Zigarettenmarke verbunden hatte. Es wurde eine Situation gezeigt, in dem sich das Zeichentrickmännchen furchtbar aufregte und dann den Rat bekam: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen, greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst!“ Und nach dem ersten Zug an der Zigarette löste sich das Problem dann auf.
Ob das so funktioniert hat, weiss ich nicht, ich bin Nichtraucher. Bewusst oder unbewusst, der Werbefilm schafft eine Verbindung von emotionaler Aufgewühltheit zu ruhiger Gefasstheit, dann von Genuss zu Gelassenheit. Der Zirkelschluss heisst also, ein Genussmensch sei ein Mensch, der Dinge gelassen angehen kann oder umgekehrt.
Das schliesst nicht aus, dass der oben erwähnte Drängler nicht auch geniessen kann, wenn er dann endlich alle Pferdestärken seines Wagens zur Geltung kommen lässt und so schnell fährt, wie es geht. Natürlich nur solange, bis er wieder durch einen langsamer fahrenden Zeitgenossen auf der Überholspur gebremst wird.
Hat Gelassenheit nicht auch etwas mit Lebensweisheit zu tun? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es gibt viele Autofahrer, die sich über jeden von ihnen so gesehenen Fehler in der Fahrweise der anderen Verkehrsteilnehmer masslos aufregen. Es sprudelt so aus ihnen heraus und das so Erlebte wird in allen Facetten dargelegt. Es ist gut für sie, denn „es muss aus ihnen raus“, dadurch verarbeiten sie die Geschehnisse. Für mich ist es schwer nachvollziehbar, dass sie sich so darüber aufregen. Sie verstehen dann überhaupt nicht, wenn ich als Beifahrer das völlig anders sehe. Ich habe in Indien ausnahmslos gelassen reagierende Verkehrsteilnehmer erlebt, Auto-, Taxi-, Rikscha- und Motorradfahrer, ausser, wenn ein Unfall passiert war und jemand verletzt wurde. Im dichten, aus westlicher Sicht heraus chaotischen Verkehr, wären Fahrer, wie ich sie oben beschrieben habe, fehl am Platze, sie würden sehr schnell einem Herzinfarkt nahe sein. Reagieren die indischen Fahrer rational gelassen oder emotional gelassen?
So schnell können mich unerwartete Ereignisse nicht aus der Bahn werfen. Nicht dass ich mich über Missgeschicke nicht ärgere. Vor einiger Zeit kommentierte eine Kollegin meinen Bericht über einen Auffahrunfall, der von mir verursacht worden war, mit den Worten „Shit happens!“, wörtlich übersetzt also „Scheisse passiert nun mal!“ Seit dieser Zeit kommen die 2 Wörter bei widrigen Anlässen zur Anwendung und unterstützen mich darin, meine mir eigene Gelassenheit wieder zu erlangen.
Wie sehr Begriff „Gelassenheit“ gedehnt werden kann, zeigt die Website der „tempus GmbH“, die sich als „Akademie und Consulting“ präsentiert. Sie hat den 20. April 2013 als „Tag der Gelassenheit“ bezeichnet, mit einem jährlichen Treffen für alle, „die sich für Ziele und Lebensbalance interessieren.“ Präsentiert werden u. a. Joey Kelly, Musiker und Ausdauersportler („Marathon, Ironman und Wüstenläufe“) und der Autor von „simplify your life“, Werner Tiki Küstenmacher. Das ist nicht gerade das, was ich unter Gelassenheit verstehe.
Schon eher das, was Arthur Schopenhauer in seinem Büchlein „Die Kunst, glücklich zu sein – dargestellt in 50 Lebensregeln“ unter Nr. 21 schreibt: „Weil die Angelegenheiten des Lebens, die uns betreffen, ganz abgerissen, fragmentarisch, ohne Beziehung aufeinander, im grellsten Kontraste stehend, ohne irgendein Gemeinsames, als dass sie unsre Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so müssen wir unser Denken und Sorgen um sie, damit es ihnen entspreche, eben so fragmentarisch einrichten; d. h. wir müssen abstrahieren können; wir müssen jede Sache zu ihrer Zeit bedenken, besorgen, geniessen, erdulden, ganz unbekümmert um alles übrige; ‒ gleichsam Schiebfächer unserer Gedanken haben, wo wir eins öffnen, alle andern schliessen: Dann wird uns nicht eine schwere Sorge jeden gegenwärtigen kleinen Genuss zerstören und alle unsre Ruhe nehmen, eine Überlegung nicht die andre verdrängen, ‒ die Sorge für ein grosses nicht die Sorge für 100 kleine alle Augenblicke stören usf.“
Es geht also darum, „das seelische Gleichgewicht zu bewahren“, und das ist nichts anderes, als gelassen zu sein. Gelassenheit hat mit gesundem Menschenverstand, mit Lebenserfahrungen, mit Erfahrung, mit innerer Ausgeglichenheit zu tun. Vielen scheint das nicht zu genügen. Sie wollen sich emotional engagieren, sich aufregen, „in die Luft gehen“, Höhen und Tiefen nicht nur erleben, sondern ausschöpfen. Sie sehen Menschen, die alles eher gelassen angehen, als emotional Amputierte an. Sagen sie. Das sind dann häufig diejenigen, die in ein Ashram (Meditationszentrum) gehen.
„Viele spirituell Suchende sind der Auffassung, sie sollten sich wie ein Sannyasin (ein Entsagender) zurückziehen, und sie mögen eine Zeit lang mit heiterer Gelassenheit gesegnet sein, aber in den meisten Fällen tarnt sich da nur das Ego mit der Maske der Seelenruhe“ (Bhagavadgita, Übersetzung von Peter Kobbe).
Eine Antwort darauf gibt Horaz in Epistulae I:
„Zwischen dem Werk, das du treibst, lies stets und befrage die Weisen,
Wie du leichten Sinnes hinbringen mögest das Leben,
dass Begierde dich nicht, die immer bedürftige quäle,
Noch auch Furcht und Hoffnung auf wenig nützliche Dinge.“
Man kann Gelassenheit auch lernen!
Quellen
de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheit
books.google.de/books?isbn=3406585906
http://sammelpunkt.philo.at:8080/1593/1/Gelassenheit._Ein_Grundbegriff_der_Mystik_Meister_Eckharts.pdf
Arthur Schopenhauer: „Die Kunst, glücklich zu sein“, Hrsg. Franco Volpi,
Verlag Beck, München 1999, S.57f.
Hinweis auf weitere Blogs zur Gelassenheit
28.05.2005: „Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast ...“