Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/1819

Zum Schluss ging ich zu Fuss zum Bahnhof. Von der Gare de l’Est bis zur Gare de Lyon, wofür man etwa eine Stunde braucht. Der Kopf war dermassen voll von Eindrücken, dass ich nicht den Nerv hatte, mich in die Metro zu setzen. Ich musste draussen sein, musste mich bewegen, mir das alles nochmals durch den Kopf gehen lassen, während ich an Kebab-Ständen vorbei in Richtung Seine ging.
Ich hatte gerade mit Luz gesprochen. Renald Luzier eigentlich, Überlebender des Anschlags auf «Charlie Hebdo» vom 7. Januar und Schöpfer des ersten Titelbildes danach. Die grüne Nummer mit dem berühmten «Tout est pardonné». Ich war gerade Zeuge einer Offenbarung geworden.
Das Massaker verschlafen
Angefangen hatte das alles ein paar Wochen zuvor. Der Vorabdruck von «Katharsis» kam ins Haus geflattert. Dieser grelle, schnelle, freche, erschütternde und gleichzeitig lebensbejahende Comic, in dem Luz die Ereignisse des 7. Januars und der Zeit danach aufarbeitet. All die Trauer, Wut, Verzweiflung und Bitterkeit nach dem Anschlag auf die Redaktion, zu der er 24 Jahre lang gehört hatte und die nun ausgelöscht war.
Nur durch einen Zufall hat er überlebt. Weil er Geburtstag am 7. Januar hatte und noch ein bisschen liegen geblieben war, zu spät an die Redaktionssitzung kam und so das Massaker verpasste.
Wo sind die Polizisten?
Ein paar Wochen lang hatte ich mich um einen Interviewtermin bemüht. Schliesslich bekam ich ihn und reiste nach Paris. Im Hinterzimmer eines Pariser Verlags wartete ich auf ihn. Ich staunte, denn da waren keine Polizisten. Erst später erfuhr ich, dass die drei Typen unten im Hof welche waren. Und auch die beiden im Nebenzimmer, die mit der Verlagschefin plauderten und mich aus dem Augenwinkel beobachteten, als ich reinkam.
Und dann kam er. Luz wirkte locker, entspannt und fröhlich. Gar nicht wie einer, der zehn seiner Kollegen und sein ganzes bisheriges Selbstverständnis als Mensch und politischer Zeichner verloren hatte. Er setzte sich hin und schaute mich an, fragte nach meinem Namen, der fast gleich war wie seiner, und fing an zu reden.
Das Leben soll weiter gehen
Er sprach vom Klumpen im Bauch, den er «Ginette» nannte und der für all die negativen Gefühle stehe, die er seit dem 7. Januar mit sich rumschleppe. Von der Figur auf dem «Tout est pardonné»-Bild, die mit ihm gesprochen und ihm die Frage gestellt habe, was denn eigentlich verziehen sei und wem. Von der Liebe, die er nun als höchsten Wert zu anerkennen gelernt habe, was für einen linken, atheistischen Zeichner, wie er einer gewesen war, doch schon ein grosser Schritt sei.
Und er sprach von Camille, seiner Frau, die ihn gestützt habe in dieser furchtbaren Zeit und ohne die er nicht mehr da wäre. Von der letzten Zeichnung in seinem Buch, dem Happy End, wo er und Camille darüber reden, ein Kind zu zeugen, damit das Leben endlich weiter gehe, und vom glücklichen Umstand, dass Camille jetzt schwanger ist.
Der sprachlose Journalist
Er redete und redete und konnte nicht mehr aufhören. Machte Pausen in denen er mit den Tränen kämpfte. Ich sass da und hörte zu. Nahm einfach nur auf und stellte hin und wieder Zwischenfragen. Längst nicht mehr wie einer, der Teil eines Gesprächs ist, sondern eher wie ein Regisseur in einem der seltenen Momente, in dem ein Schauspieler aufmacht, loslässt und den Schmerz oder was auch immer zulässt. Kein Gesprächspartner war ich mehr, ich war Geburtshelfer bei einem Monolog. Einem verdammt eindrücklichen allerdings.
Danach ging ich die Seine entlang, vorbei an den «Bouquinistes» und dachte nach. War das alles nur Theater? Die Tränen und die Pausen? Luz in der Heldenpose vor dem sprachlosen Journalisten? An einem der Bücherstände blieb ich stehen. Da lag sie vor mir, die grüne Nummer mit dem berühmten «Tout est pardonné». Und mit Luz‘ Schriftzug darunter. Nein, kein Theater, dachte ich. Alles nur blutiger Ernst.