Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03321.jsonl.gz/1874

Der Titel «Insekt des Jahres» wird dieses Jahr an den Stierkäfer verliehen. Er ernährt sich vom Kot pflanzenfressender Tiere, womit er in den Ökosystemen für Ordnung sorgt.
Titel "Insekt des Jahres"
1999 etablierte Holger Heinrich Dathe den Titel «Insekt des Jahres» mit der Idee, mehr Akzeptanz und breitere Kenntnis der ökologisch bedeutungsvollen, aber oft missdeuteten Insekten zu schaffen. Seither ernennen internationale Insektenkundler (Entomologen) und andere Wissenschaftlerinnen aus zahlreichen Vorschlägen jährlich ein Insekt zum Insekt des Jahres.
Was macht den Stierkäfer so besonders?
Der Stierkäfer (Typhaeus typhoeus) ist in Nordafrika sowie in Mittel- und Westeuropa verbreitet. Er verdankt seinen Namen seinem «Geweih» oberhalb des Kopfes, wobei dieses nur die männlichen Tiere besitzen. Die Weibchen dagegen haben kleine Höcker und einen Kiel am Schädel.
Der Stierkäfer gehört zur Familie der Mistkäfer und ernährt sich – wie sie alle – vom Kot pflanzenfressender Tiere wie etwa Rindern, Schafen oder Hasen. Den Mist sammelt er, indem er ihn zu einer grossen Kugel rollt. Diese Mistkugel kann mehr als das 1000-fache seines eigenen Körpergewichts wiegen.
Die fertige Kugel bewegt das Insekt dann in die unterirdische Brutkammer, die es nach der Paarung gegraben hat. Es handelt sich dabei um ein grosses Gangsystem, das sich bis zu 1,5 Meter unter die Erdoberfläche erstrecken kann. Für ihre Tunnelbauten bevorzugen diese Mistkäfer Heidelandschaften und Kieferwälder mit Sandboden. Die geschlüpften Larven wachsen in den Brutkammern während eines Jahres zu erwachsenen Käfern heran und ernähren sich dabei von der Mistkugel. Ein ausgewachsener Käfer ist zwischen 1,4 und 2 Zentimeter gross.
Wie Stierkäfer dem Ökosystem helfen
Als Bauarbeiter und Kotfresser sind Stierkäfer für unsere Ökosysteme essenziell. Durch ihre unterirdischen Tunnels sorgen die Käfer für gelockerte und durchlüftete Böden. Als Kotfresser räumen sie den Mist schnell vom Boden, wodurch sich keine Parasiten ansiedeln können. Durch den Transport der Mistkugel werden ausserdem Pflanzensamen verteilt.
Ein weiterer positiver Nebeneffekt der Machenschaften des Stierkäfers betrifft besonders das Wegräumen von Kuhfladen. Damit sorgen sie dafür, dass weniger Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen.
Gefährdung und Botschaft
Mistkäfer gehören zu den am stärksten bedrohten Insekten. Sie leiden nicht nur unter dem Verlust von Lebensräumen und ihrer besonderen Nahrungsquellen, die in der industriellen Tierhaltung immer seltener auf der Wiese landen. Auch der Einsatz von Arzneimitteln bei Nutztieren gefährdet sie enorm.
Da die Wirkstoffe von den behandelten Tieren ausgeschieden werden, wirken sie über die eigentlichen Zielorganismen hinaus – mit Folgen für alle im Kot lebenden oder sich davon ernährenden Insekten. Das hat zur Folge, dass kotfressende Käfer absterben oder sich nur noch eingeschränkt reproduzieren
- Werner Schulze, NABU
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass ihre Bestände seit den 1980er Jahren (rasch) zurückgehen. Mit ihrer Ernennung zum «Insekt des Jahres» möchte also vor allem auch eine Botschaft vermittelt werden: Nutztiere sollten wieder vermehrt auf Weiden grasen. Der Einsatz von Arzneimitteln sollte ausserdem so stark wie möglich reduziert werden. Klar ist auch, dass verstärkte Sorge zu den Lebensräumen der Stierkäfer getragen werden muss. Von alledem würden längst nicht nur die charmanten Stierkäfer, sondern die ganze Nahrungskette profitieren.