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Prora: Das ist der Nazi-Ferien-Koloss, der sich jetzt zum Luxus-Ressort wandelt. Protz: Das ist das nahe Ostseebad Binz, das zu Sylt aufschliessen will. Prolos: Das sind viele Bewohner von Rügen, die der Immo-Boom an den Rand drängt.
Rügen ist die grösste Ostseeinsel Deutschlands. Die Touristiker werben, dass nirgendwo sonst im Land die Sonne länger scheint. Wer genauer hinsieht, bemerkt dunkle Schatten.
Prora: Kraft durch Geld im einstigen NS-Ferien-Monstrum
Je nach politischen Präferenzen nennt man sie Immobilien-Entwicklerinnen oder Spekulanten. Sie beschäftigen sich hier mit einem Werk von gigantischen Ausmassen, acht aneinandergereihten Gebäuden, zusammen 4,5 Kilometer lang. Es ist die frühere Nazi-Ferienfabrik Prora, ein Projekt der NS-Organisation «Kraft durch Freude».
1936 begann der Bau. Er sollte gleichzeitig 20 000 Gästen Unterkunft und Strandleben bieten. Durch «gestärkte Nerven» sollten sie für kommende Ereignisse besser vorbereitet sein. Bei Kriegsbeginn 1939 stellten die Nazis die Arbeiten ein. Die Gebäudehüllen waren fast alle fertig, nutzbar war jedoch nur ein Teil der Häuser.
Gegen Ende des Krieges dienten diese als Lazarett. Anschliessend zog die Sowjetarmee ein, dann die Nationale Volksarmee der DDR. Nach der Wende übernahm die Bundesrepublik die Anlage. Seit 2004 verkauft die BRD das Areal stückweise an Investoren.
Oben: Ein Teil der Anlage wurde nie fertiggebaut. Heute verkommt das Areal zur Ruine.
Mitte: Nach dem Krieg hat die Nationale Volksarmee der DDR Prora als Kaserne benutzt.
Unten: Kritiker verurtellen das sanierte Architektur-Monument als Spekulationsobjekt.
Die Südseite von Prora ist auf dem handelsüblichen Stand moderner teurer Immobilien. Dass sich dahinter eine Nazi-Megalomanie verbirgt, lässt sich nur durch die Grösse erahnen. Ich bin mit dem Velo unterwegs, zum Glück. Die in strahlendem Weiss gehaltenen auf Luxus getrimmten umgebauten Blöcke sind zusammen 2,5 Kilometer lang. Sie enthalten alles, was man von einer hochpreisigen Ferienanlage erwarten kann: Die einstigen Zimmerchen für die KdF-Gäste ohne sanitäre Anlagen hat man bis zu 168 Quadratmetern grossen Wohnungen samt modernster Technik umgebaut. Die einst glatte Fassade haben die Investoren mit Balkonen ergänzt.
Der Bau ermüdet. Zum einen bedrückt mich die Grösse, zum zweiten ärgert mich die Eintönigkeit, zum dritten nervt mich die Vorhersehbarkeit. Da ist das Café, der Deko- und Einrichtungsladen, das Fitness-Studio, der Italiener, der Souvenirkram, auch die aufgemotzte Döner-Bude fehlt nicht.
In der Mitte der einstigen Anlage ist das Dokumentationszentrum. Daneben lockt eine grosse Jugendherberge Gäste an. Dann folgt der unrestaurierte zerfallende Teil des KdF-Monstrums. Das Dokumentationszentrum informiert über die Geschichte und zeigt Sonderausstellungen. Eine Mitarbeiterin – sie will anonym bleiben: „Die Immo-Haie vernichten ein Architektur-Monument mit globaler Bedeutung. Die Nazis wollten ein menschenverachtendes Projekt schaffen. Hier nun Luxus zu produzieren, verharmlost das NS-Regime.“ Alles abreissen, bloss das Dokumentationszentrum als Mahnmal stehen lassen, frage ich. „Ja“, sagt sie, „das wäre radikal und angemessen“.
Protz: Bäderarchitektur und ein bisschen Porsche in Binz
Binz will zu den grossen Badeorten aufschliessen, zu den Kaiserbädern auf dem nahen Usedom oder zu Sylt an der Nordsee. Das gelingt. Aber nur ein bisschen. Die Kaiserbäder hat, man ahnts, öfters der Kaiser besucht, Willhelm II wars. Auf Sylt lebten und leben Gunter Sachs, Schlagersänger Roland Kaiser, TV-Moderator Günter Jauch, Komiker Otto Waalkes und viele andere.
Und Binz? Der Ort hat hübsche Bäderarchitektur, Restaurants mit Schweizer, das heisst teuren Preisen. Das Ostseebad wirbt mit dem wirklich schönen Granitzer Jagdschloss und den nahen Kreidefelsen. Aber: Die Frauen tragen Fleece-Jacken statt Stöckelschuhe, die Männer Wanderzeugs statt Rolex-Uhren. Und der Ortsname Binz ist bei uns höchstens als Haltestelle der Uetlibergbahn geläufig. Immerhin: Ich habe ein paar Porsches gesichtet und zuverlässige Augenzeugen berichteten von einem Ferrari Testa Rossa – allerdings mit polnischen Kennzeichen.
Das Binzer Kurhaus steht seit 1908 an der Strandpromenade. Heute ist es ein Veranstaltungslokal und ein Fünf-Sterne-Hotel.
Der hiesige Glamour blendet nicht wirklich. Dafür kann ich die Seniorweb-Leserschaft mit einem Gourmet-Tip bei Laune halten. Ein studierter Koch belehrt mich hier, dass man aufgrund des Räuchergrads die Frische des Fischs beurteilen kann. Wenig geräucherter Fisch ist saftiger und schmeckt besser. Er hält aber weniger lang als stärker Geräucherter. Wenn im Fischbrötchen also stark geräucherte Ware steckt, darf man an der Frische zweifeln.
Prolos: Viel Sonne und viele Arbeitslose auf Rügen
Rügen, die grösste Insel Deutschlands, wirbt mit der Sonne. Nirgends sonst in der Bundesrepublik scheint sie im Jahresdurchschnitt so lange wie hier. Bereits wächst an guten Lagen relativ guter Wein. Was die Tourismusprospekte verschweigen: Rügen hat mit 10 Prozent eine der höchsten Arbeitslosenquoten Deutschlands. Schuld ist die ökonomische Struktur. An den Ufern der Ostsee floriert der Tourismus. Doch im Innern der Insel tut sich wenig. Landwirtschaft, ein bisschen Gewerbe. Und durch die schönen Naturreservate wird niemand reich.
Rügen leidet unter starken saisonalen Schwankungen. Während der Tourismus-Monate hat es genügend, allerdings oft mies bezahlte Arbeit. Viele Polinnen und Polen aus dem nahen Nachbarland sind vor allem im Gast- und Baugewerbe am Werk. Von dieser Temporärarmut sieht man wenig. Wir erfahren sie in Bergen in einer heruntergekommenen Halle. Es ist ein kleines Warenhaus, mit dem zuvielverprechenden Namen „Rügener Inselgenuss“. Gleichzeitig ist es sowas wie eine private Sozialstation. Als wir ankommen sitzen vier alte Leute mit Kaffee, Kuchen und Rollatoren am Tisch.
Karola Zöllmann leitet eine Kaufhalle, die in Bergen auch eine private Sozialstation ist.
Eine der Frauen berichtet. Die Post sei weg, die Bank sei weg, der Bus sei weg. Ihre Klagen kann man eins zu eins auf Schweizer Verhältnisse übertragen. Karola Zöllmann, die Betreiberin der Kaufhalle, ergänzt mit Spezifischerem. „Die alten Plattenbauten aus den Siebzigern und Achzigern sind immer noch im Originalzustand: Sperrholzküchen, Moder-Badezimmer, miese Isolierungen, Mief“. Jetzt fährt die alte Frau weiter: „Dafür bezahle ich 700 Euro Kaltmiete.“
In einem TV-Beitrag weist der Westdeutsche Rundfunk (WDR) auf die Immobilienpreise hin. In den touristischen Künstenregionen bezahlen Gutbetuchte für Luxusbauten horrende Preise. Das verteuert auch die übrigen Wohnungen. Immer mehr Normalverdiener müssen aufs Festland ausweichen und lange Arbeitswege hinnehmen. Zu DDR-Zeiten hatte Rügen Industrie. Jetzt stehen viele Hallen leer. In der Gastronomie verdienen die Beschäftigten wenig. Löhne unter 1000 Euro sind nicht selten. Damit kann man auch im billigen Deutschland nicht vernünftig leben.
Zurück in kleine Einkaufszentrum in Bergen. Dort ist die alte Dame mit realsozialistischer Wohnung bei einem weiteren Kaffee (1 Euro). Weils grad so schön regnet, erlaubt sie sich einen Streuselkuchen (1.50). Ganz glaube ich ihren Klagen nicht. Das deutsche Sozialsystem ist ein ebenso dichter Dschungel wie bei uns. Ist es Neid, Wut, Begehrlichkeit als sie sagt: „Die da unten in Binz bezahlen Millionen für Ihre Wohnungen, und ich weiss nicht, wie ich über den Winter kommen soll.“ Karola Zöllmann schiebt nach: „Nach Binz gehe ich nie. Das ist eine ganz andere Welt.“
Bilder: Pixabay, Peter Steiger