Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03629.jsonl.gz/244

Beim Herbstkongress wird der Nachfolger von IIHF-Präsident René Fasel gewählt. Ums höchste Funktionärsamt der Hockeywelt zeichnet sich ein Duell zwischen dem deutschen Kultstürmer Franz Reindl und der tschechischen Goalie-Legende Petr Briza ab – und Reindls gefährlichster Gegner sind die ... Deutschen.
Nach 27 Jahren tritt René Fasel (71) beim Kongress in St.Petersburg im September nicht mehr zur Wiederwahl an. Eine neue Ära beginnt. René Fasel gilt als erfolgreichster Präsident der IIHF-Geschichte. Er ist der einzige Vorsitzende seit 1908, der zu hundert Prozent vom Verband gelöhnt wird und vollzeitlich für ein Salär von rund 400'000 Franken für den internationalen Hockey-Verband arbeitet.
Sein Nachfolger wird nicht mehr an «vorderster Front» im Tagesgeschäft präsent sein und eine ähnliche Rolle spielen wie die Queen in der britischen Politik. Neu wird der IIHF-Boss noch mit einer Pauschale von 180'000 Franken plus der Rückerstattung tatsächlich anfallender Spesen entschädigt. Dazu winkt die Chance eines Sitzes im IOC: IOC-Boss Thomas Bach hat das Privileg, 15 der insgesamt 35 Präsidenten der olympischen Sportverbände ins IOC zu berufen und er wird mit ziemlicher Sicherheit auch dem Nachfolger von René Fasel diesen Gefallen tun. Ein IOC-Sitz ist mit bezahlten Reisen samt Gattin oder Freundin zu den olympischen Spielen, Sitzungen und Kongressen, aber nur tiefen vierstelligen Spesen- und Tagespauschalen dotiert – finanziell unerheblich, aber gut fürs Ego.
Bis Ende Juni müssen die Kandidaturen fürs IIHF-Präsidium eingereicht werden. Bisher haben nur zwei ihr Interesse offiziell deponiert: Franz Reindl (66) und Petr Briza (56). Beide geniessen im internationalen Hockey hohes Ansehen. Franz Reindl gehörte zum Deutschen OIympia-Bronzeteam von 1976, Petr Briza gewann mit den Tschechen 1992 olympische Bronze.
Beide haben seit ihrem Rücktritt eine formidable Karriere als Funktionäre hingelegt und das IIHF-Präsidium wäre die Krönung. Franz Reindl war als Spieler und Funktionär bei 26 WM-Turnieren dabei, 2017 gar als OK-Präsident und er ist seit 2014 Vorsitzender des Deutschen Eishockey-Bundes DEB.
Franz Reindl ist der klassische Vertreter der Landesverbände und nicht der Klubs. Der internationale Verband (IIHF) ist der Zusammenschluss der nationalen Verbände und in allen wichtigen Hockeynationen haben es die Verbände immer schwerer, sich gegen die Interessen der Ligen durchzusetzen. Soeben haben sich in der Schweiz die beiden höchsten Ligen (National League, Swiss League) vom Verband losgelöst und leiten die TV- und Vermarktungsgelder künftig direkt an den Verbandsgeldspeichern vorbei in die Klubkassen um.
Den aufrechten Verbandsfunktionären (die beim Kongress den IIHF-Präsidenten wählen) ist die immer grössere Macht der Klub- und Ligabosse nicht mehr geheuer. Also ist ihnen eigentlich der aufrechte Verbandsgeneral Franz Reindl lieber als Petr Briza.
Der ehemalige tschechische Nationalgoalie ist nämlich eher der Mann der Klubs. Ein tüchtiger Manager, der von 2006 bis 2019 als Geschäftsführer und Präsident von Sparta Prag ein wenig der Marc Lüthi des tschechischen Hockeys war und sich auch als OK-Boss der Hockey-WM 2015 in Prag aufs vorzüglichste bewährt hat. Der eloquente Diplomat parliert auch fliessend russisch und ist auf dem internationalen Parkett gewandter als der bodenständige Bayer Franz Reindl – und doch ist er den Verbandsfunktionären wegen seiner Nähe zum Klubhockey nicht ganz koscher.
Zu einem schönen Wahlkampf gehören saftige Intrigen und das Deutsche Hockey zeichnet sich seit Jahrzehnten durch eine reiche Streit- und Intrigenkultur aus. In der Vergangenheit musste zwischendurch René Fasel in seiner Funktion als Präsident des Weltverbandes (!) nach Deutschland eilen, um die heillos zerstrittenen Klub- und Verbandsfunktionäre zu versöhnen.
In der neusten Deutschen Hockey-Posse rebellieren drei der bedeutungslosesten der 16 DEB-Regionalverbände (Sachsen-Anhalt, Thüringen, Schleswig-Holstein) gegen Franz Reindl. Sie werfen ihm Interessenskonflikte als Verbandspräsident vor und wollen seine Kandidatur fürs höchste Amt verhindern. Weil er sein Geld (9000 Euro im Monat plus Dienstwagen) bei einer Vermarktungsagentur (Infront) verdient hat, die «seinen» DEB vermarktet, dem er als ehrenamtlicher Präsident vorsteht.
Die entsprechenden Dokumente, die allerdings keine Missetaten irgendwelcher Art enthüllen, sind dem «Spiegel» zugespielt worden und schon stürmt es im teutonischen Medien-Wasserglas. Als Drahtzieher dieser Intrige wird der von Franz Reindl im Dezember gefeuerte DEB-Generalsekretär Stefan Schaidnagel verdächtigt, der nun angeblich eine Retourkutsche fahre. Es gilt auch in diesem Theater die Unschuldsvermutung.
Um zu verhindern, dass die Kandidatur fürs hohe Amt und die damit verbundene hockeypolitische Weltgeltung der Deutschen ausgerechnet aus den eigenen Reihen torpediert wird, haben sich die Vertreter von elf Regionalverbänden soeben in aller Form von den Rebellen distanziert und einen «Persilschein» für Franz Reindl bei der IIHF deponiert.
Noch nie in der IIHF-Geschichte (seit 1908) haben Vertreter eines Landesverbandes versucht, eine Kandidatur aus den eigenen Reihen fürs höchste Amt der Welt zu sabotieren. Die Deutschen sind wahrlich die politischen Witzfiguren des Welthockeys.
Aufmerksame Beobachter haben registriert, dass nach dem WM-Final bei der Übergabe des Siegerpokals an die Kanadier der Franzose Luc Tardif (68) ganz nach bei René Fasel stand.
Tatsächlich hätte der in Frankreich eingebürgerte Kanadier, der seit 2006 den französischen Verband präsidiert, das IIHF-Finanzdepartement führt und als Freund von René Fasel gilt, allerbeste Chancen auf das hohe Amt. Bisher hat er eine Kandidatur wohlweislich abgelehnt. Was wenig heissen will: Wer seinen Hut zuletzt in den Ring wirft, hat oft die besten Aussichten. Die Meldefrist für eine Kandidatur läuft noch bis Ende Juni.
Die Frage geht an René Fasel: Wen sähen Sie gerne als Ihren Nachfolger? «Derjenige, der vom Kongress gewählt wird. Wir sind ein durch und durch demokratischer Verband.»
Das hat der Hockey-Napoléon schön gesagt.