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Nachdem Ende der 1980er Jahre im Zusammenhang mit dem «Fichenskandal» bekannt geworden ist, dass der Staatsschutz der Schweiz während Jahrzehnten nahezu eine Million SchweizerInnen, AusländerInnen und politische Organisationen ausspioniert und über sie «Fichen» (Karteikarten) angelegt hat, will die Eidgenossenschaft 1991 ihr 700jähriges Bestehen feiern. Zum kritischen Mitwirken an diesen Festivitäten werden insbesondere die Kulturschaffenden des Landes aufgerufen, von denen viele unterdessen wissen, dass sie bis in die läppischsten Alltäglichkeiten hinein observiert und fichiert worden sind.
In dieser Situation taucht die Idee einer Kampagne auf, von der Andreas Simmen die WoZ-Redaktion überzeugt. Zusammen mit der Autoren und Autorinnen Gruppe Olten ruft die WochenZeitung in der Folge dazu auf, zu dieser Jubelfeier auf Distanz zu gehen: im Februar 1990 mit einer von siebenhundert Kulturschaffenden unterzeichneten Kulturboykottdrohung; im April dann mit dem definitiven «Kulturboykott 700» gegen die 700-Jahr-Feier, der bis Anfang Juni von ungefähr vierhundert, im Laufe des Sommers von weiteren rund hundert Kulturschaffenden unterzeichnet wird. Das die Aktion koordinierende Kulturboykott-Komitee stellt im Rahmen eines Symposiums unter dem Titel «Welche Schweiz braucht die Kultur?» am 3./4. November 1990 in Zürich die kulturpolitische Situation der Schweiz am Ende des Kalten Kriegs zur Diskussion.
Diese Ereignisse werden 1990 von einer zeitweise leidenschaftlichen öffentlichen Debatte begleitet, an der sich Dutzende von AutorInnen und JournalistInnen beteiligen. Diese Debatte ist bis und mit Symposium zusammengestellt und im März 1991 unter dem Titel «Der leergeglaubte Staat» von der WoZ im Rotpunktverlag als Buch herausgegeben worden.
Weil ich als Vertreter der WoZ-Redaktion im Frühling 1990 in das Kulturboykott-Komitee gewählt worden bin (und bis Anfang Dezember dessen Mitglied blieb), spielte ich in dieser Geschichte eine doppeldeutige Rolle: Ich war anwaltschaftlicher Journalist, der im Einverständnis mit der Redaktion als Kulturaktivist das eigene Medium propagandistisch nutzte.
Als Edith Krebs in WOZ 11/2006 mit einem Artikel auf den Kulturboykott zurückblickte, fasste sie unser diesbezügliches Telefongespräch wie folgt zusammen: «Die ganze Geschichte mag heute reichlich antiquiert wirken, meint Fredi Lerch, langjähriger WOZ-Redaktor und damaliges Mitglied des Kulturboykottkomitees, heute. Der Boykott und die darauf folgende Debatte seien wohl zum spätestmöglichen Zeitpunkt erfolgt. Zwar sei das Verhältnis zwischen den kritischen Kulturschaffenden und dem Staat während des Kalten Krieges immer gespannt gewesen, doch erst das Zusammentreffen von Fichenaffäre und 700-Jahr-Feier habe das Fass zum Überlaufen gebracht. ‘Es war eben auch die Abrechnung mit einer ganzen Epoche, nur so kann man sich den Erfolg des Boykotts, aber auch die nachfolgende Ernüchterung erklären’, meint Lerch nachdenklich.»
Hier dokumentiere ich eine repräsentative Auswahl meiner eigenen Beiträge zur Debatte (zum Teil im Wortwechsel von Kommentar und Replik): von den ersten provokativen Interventionen über die späteren Versuche, eine kulturpolitische Debatte mitzuinitiieren, über meine Warnung an die Boykottierenden, sich nicht mit einer realpolitischen Kraft zu verwechseln bis zu einer rückblickenden Würdigung des Boykotts für einen in Deutschland erschienen Reader zum eidgenössischen Jubeljahr.
Das WoZ-Papierarchiv zum Kulturboykott liegt frei einsehbar im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich.
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: