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Einige Überlegungen rund um die Büste des ersten Strassburger Druckers Johannes Mentelin
von Katrin Graf
sph-Kontakte Nr. 106 | Juli 2019
Abb. 1: Die Mentelin-Büste in der Humanistenbibliothek in Schlettstadt
Mentelins Leben und Werk
Der in Schlettstadt geborene Johannes Mentelin siedelte in den 1440er-Jahren nach Strassburg über, wo er zunächst als «Guldenschreiber» (Kalligraf und Buchschreiber) tätig war. Erhalten ist eine zweibändige «Vita Christi» (Leben Christi) von seiner Hand. Später wurde er als «notarius» beim bischöflichen Hofgericht angestellt. Um 1447 erwarb er das Strassburger Bürgerrecht und trat gleichzeitig in die Malerzunft ein. Wo und wann er den Buchdruck erlernte, ist nicht bekannt. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Aufenthalt in Mainz, der einzigen Stadt, in der in den 1450er-Jahren gedruckt wurde. Mentelin errichtete seine Druckerei um 1458/59, mit Unterstützung des Bischofs von Strassburg und vielleicht auch mit Beihilfe des späteren Erstdruckers von Basel, Berthold Ruppel. Mentelins erster Druck entstand um 1460: eine zweibändige lateinische Bibel nach der Vorlage der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Einige Jahre später, um 1466, erschien sein bekanntester Druck, die sogenannte Mentelin-Bibel, die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache. Weiter publizierte Mentelin neben theologischen Werken einige Klassiker sowie zwei mittelhochdeutsche Epen. Mentelin betätigte sich auch als Buchhändler; seine Werke gelangten über den Fernhandel bis zur Nordsee und weit nach Osten. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und brachte es zu erheblichem Wohlstand.
Mentelins Büste
In der Humanistenbibliothek in Schlettstadt steht eine Alabasterbüste auf einem Sockel aus bemaltem Holz, auf dem in goldenen Lettern zu lesen ist: «Mentel de Schlettstadt Inventeur de l’Imprimerie». Darunter ist Mentelins Wappen aus Alabaster eingelassen, das er von Kaiser Friedrich III. erhalten hat und auf dem Mentelin in lateinischer Schrift wiederum als erster Buchdrucker bezeichnet wird. (Abb. 1) Die Büste ist signiert und datiert: Sie wurde um 1842 von der Schlettstadter Bildhauerin Anne- Catherine Sichler, geborene Vallastre, geschaffen. Sichler stammte aus einer Bildhauerdynastie, die den Skulpturenschmuck der elsässischen Kirchen restaurierte und erneuerte, den die Jakobiner im Zuge der Französischen Revolution zerstört hatten.
Die Büste zeigt einen bärtigen Mann mit pelzverbrämter Mütze, Halskrause und einem Mantel, auf dem auf der rechten Seite drei kleine Schliessen zu sehen sind sowie der pelzverbrämte Ansatz eines Ärmelschlitzes. Die Büste wurde kurz nach der Eröffnung der Schlettstadter Stadtbibliothek um 1841 wahrscheinlich für den Lesesaal geschaffen, denn ihre Materialien – der weiche Alabaster und das bemalte Holz – sind nicht witterungsresistent.
1842 standen bereits in Mainz (1837) und in Strassburg (1840) kurz zuvor errichtete monumentale Gutenberg-Denkmäler; die öffentliche Würdigung Gutenbergs als Erfinder des Buchdrucks war also auf ihrem Höhepunkt angelangt. Dass die Schlettstadter mit einer kleineren, weit unauffälligeren Büste ihren eigenen Erfinder propagierten, geht auf das Wappen Mentelins zurück, das auf dem Sockel der Büste zu sehen ist. Es war der Drucker Johannes Schott, Mentelins Enkel, der es zum ersten Mal als Druckermarke verwendete und mit der Beischrift «primus typographiae inventor» (erster Erfinder des Buchdrucks) versah.
Gutenbergs ältestes Porträt
Im Rahmen des Rundgangs «550 Jahre Gutenberg» in der Basler Papiermühle ist ein Porträtbuch des Franziskaners André Thevet zu sehen, das in Paris um 1584 unter dem Titel «Les vrais pourtraits et vies des hommes illustres grecz, latins et payens, recueilliz de leurs tableaux, livres, médalles antiques et modernes» (Die wahren Porträts und Leben der berühmten griechischen, lateinischen und heidnischen Männer, gesammelt von ihren antiken und modernen Bildern, Büchern und Medaillien) erschienen ist. Thevet war bekannt als Kosmograf des französischen Königs und Autor mehrerer Reiseberichte. Er reiste im Nahen Osten und war in Brasilien, wo er als einer der ersten über den Tabak berichtete. «Les vrais pourtraits» ist Thevets letztes Werk.
Es enthält über 240 Kupferstiche berühmter Männer und als erstes Porträtbuch ein Kapitel über die Erfinder. Neben Johannes Gutenberg finden wir hier Berthold Schwarz, den Erfinder des Schwarzpulvers, und kurioserweise auch Wilhelm Tell. Das Porträt Gutenbergs, das rund 120 Jahre nach seinem Tod entstand, ist ohne Zweifel fiktiv: Es zeigt einen bärtigen Mann in einer pelzverbrämten Mütze und einem hochgeschlossenen, ebenfalls pelzverbrämten Mantel mit Ärmelschlitzen und seitlichen Schliessen (Abb. 2).
Es ist unverkennbar, dass die Schlettstadter Büste Mentelins starke Ähnlichkeiten mit diesem Kupferstich aufweist: Pelzmütze und Bart, Mantel mit pelzverbrämten Ärmelschlitzen und seitlichen Schliessen finden wir in beiden Werken. Trotzdem geht die Schlettstadter Büste nicht unmittelbar auf diesen Kupferstich zurück. Ein Bild von Mentelin mit den genannten Attributen findet sich in einem Porträtbuch des 18. Jahrhunderts, den «Icones Bibliopolarum et Typographorum de Republica literaria bene meritorum» (Bilder von verdienstvollen Buchhändlern und Buchdruckern der literarischen Republik), das um 1742 in Nürnberg erschienen ist (Abb. 3 ).
Abb. 2: Das älteste bekannte Portät Gutenbergs (Paris 1584)
Abb. 3: Portät Mentelins (um 1742)
Dieses Porträt von Mentelin fand im 19. Jahrhundert in mehreren Lithografien weitere Verbreitung. Die Bildhauerin Anne-Catherine Sichler konnte sich um 1842 also auf ein bereits bekanntes Bildnis stützen.
Die seitlichen Schliessen an den Mänteln Gutenbergs und Mentelins habe ich in keinem anderen Porträt- oder Kostümbuch gefunden. Allerdings gibt es einige authentische Bildnisse eines Druckers des 16. Jahrhunderts, der Schliessen trägt, welche um dieselbe Zeit entstanden sind wie André Thevets Gutenberg- Bildnis. Es handelt sich um die Porträts des berühmten Antwerpener Druckers Christoph Plantin. Sie zeigen den Meister, wenn auch zwar nicht mit seitlichen, sondern mit zentralen Schliessen im pelzverbrämtem Mantel. Dieses Modell taucht in sämtlichen Porträts von Plantin auf, die ich gefunden habe. In zwei Kupferstichen finden sich ausserdem auch Schliessen an den Ärmeln (Abb. 4).
Abb. 4: Christoph Plantin (Ende 16. Jahrhundert)
Zwei Porträtbücher des 18. Jahrhunderts
Wie bereits erwähnt, stammt das früheste Mentelin- Bild aus einem Porträtbuch des 18. Jahrhunderts. In älteren Porträtsammlungen gab es kaum Bilder von Buchdruckern. Sie enthielten in der Regel Porträts weltlicher und geistlicher Herrscher, dazu kamen im 16. Jahrhundert Literaten, Theologen, bildende Künstler und gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch Entdecker und Erfinder. Die Buchdrucker gehörten in der Regel nicht dazu, und das fiktive Gutenberg-Porträt bei André Thevet ist eine der wenigen Ausnahmen. Andere sind die Bildnisse des Venezianers Aldus Manutius (Abb. 5) und des Basler Druckers Johannes Oporin (Abb. 6).
Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden Werke, die den Druckern eine weit grössere Bedeutung zumassen. Die Buchdrucker wurden nun als Wegbereiter der Aufklärung geehrt. Bücher und Buchhandel genossen ein nie dagewesenes Prestige. So enthalten die bereits erwähnten «Icones» insgesamt 50 Bildnisse von Verlegern, darunter sieben Porträts von frühen Buchdruckern. Neben dem Strassburger Johannes Mentelin finden sich hier der Harlemer Lorenz Coster, die Mainzer Johannes Fust und Johannes Gutenberg, der Frankfurter Sigmund Feyerabend, der Basler Johannes Froben, der Drucker der Zwingli-Bibel Christoph Froschauer und der Wittenberger Drucker der Luther-Bibel Johannes Lufft.
Abb. 5: Aldus Manutius (Anfang 16. Jahrhundert)
Abb. 6: Johannes Oporin (Basel 1597/98)
Ein weiteres Beispiel einer Porträtsammlung, welche den Druckern eine grosse Bedeutung beimisst, ist der 1728 in Nürnberg erschienene Band «Bildnisse berühmter Künstler, Buchhändler, Buchdrucker und anderer Männer, welche sich so wohl in als auserhalb Teutschland verdient gemacht» des Kupferstechers Johann Leonhard Blancken. Der erste Band dieses Werks enthält 50 Kupferstiche, darunter wiederum sieben frühe Buchdrucker: neben dem Bildnis Gutenbergs, das auf den oben beschriebenen Kupferstich im Porträtbuch André Thevets rekurriert, finden sich hier der Harlemer Drucker Lorenz Coster, der Venezianer Aldus Manutius, der Basler Johannes Oporin, der Mainzer Kompagnon Gutenbergs Johannes Fust, der Frankfurter Sigmund Feyerabend sowie der Basler Johannes Froben, dessen Porträt auf das berühmte Bildnis Hans Holbeins d. J. zurückgeht.
Das Bemühen um realistische Porträts war bereits im 16. Jahrhundert ausgeprägt. Da aber für die meisten Buchdrucker keine solchen Bildnisse vorhanden waren, wurden sie in späterer Zeit erfunden. Das oben erwähnte Gutenberg-Bildnis war das erste davon. Und im 18. Jahrhundert, im Zuge der Aufklärung, wurden weitere, erstaunliche Erfindungen gemacht. So findet sich in den oben erwähnten «Bildnissen berühmter Künstler, Buchhändler, Buchdrucker und anderer Männer» von Johann Leonhard Blancken ein Bild von Johannes Faust (= Fust) mit langem Bart, Barett und Schliessen über den Ärmelschlitzen (Abb. 7). Es handelt sich zweifelsohne um eine Variante des bereits allbekannten Gutenberg-Bildnisses! Im zweiten Porträtbuch des 18. Jahrhunderts, «Icones», das ich oben erwähnt habe, findet sich ein Bildnis, das Gutenberg fast noch ähnlicher sieht. Es handelt sich um das Bild Johannes Luffts (Abb. 8), des Druckers der Luther- Bibel: Er trägt eine runde Pelzkappe, einen langen Bart und einen Mantel mit Pelzkragen und Ärmelschlitzen.
Abb. 7: Johannes Fust (Nürnberg 1725)
Abb. 8: Der Wittenbergische Drucker Johannes Lufft (1724)
Ein weiteres Bild sei im Anschluss an diese Beobachtungen noch erwähnt: Ein Einzelblatt in der Österreichischen Nationalbibliothek, das höchstwahrscheinlich ebenfalls aus einem Porträtbuch stammt, zeigt «Jean Fust ou Fauste, Associé de Jean Guttemberg Inventeur de l’imprimerie en la Ville de Mayence vers l’an 1450» (Johannes Fust oder Faust, Kompagnon von Gutenberg Erfinder der Druckkunst in der Stadt Mainz um das Jahr 1450) (Abb. 9). Es wurde wahrscheinlich ebenfalls zu Beginn des 18. Jahrhunderts gestochen und sieht Thevets Gutenberg- Bildnis ähnlicher als alle bisher besprochenen.
Die Porträts der frühen Drucker wurden nicht nur in Büchern und auf Einzelblättern verbreitet, sondern im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend auch in der monumentalen Skulptur. Zahlreiche Städte des frühen Buchdrucks errichteten nun Denkmäler, die Gutenberg, seine Kompagnons oder andere vermeintliche Erfinder in voller Grösse darstellten. Ein Katalog der Giesserei des Val d’Osne in Paris von 1892 zeugt von der grossen Nachfrage nach solchen Statuen: Die Tafel Nr. 596 zeigt Peter Schöffer, Johannes Fust, Laurenz Coster und Johannes Gutenberg (Abb. 10).
Abb. 9: Johannes Fust (18. Jahrhundert)
Abb. 10: Druckerstatuen aus einem Pariser Katalog von 1892
Literaturhinweise
Johann Leonhard Blank : Bildnisse berühmter Künstler, Buchhändler, Buchdrucker und anderer Männer, welche sich so wohl in als auserhalb Teutschland verdient gemacht, Nürnberg 1725
Milan Pelc: Illustrium Imagines. Das Portätbuch der Renaissance, Leiden 2002
Friedrich Roth-Scholz: Icones Bibliopolarum et Typographorum de Republica literaria bene meritorum, Nürnberg 1724
André Thevet: «Les vrais pourtraits et vies des hommes illustres grecz, latins et payens, recueilliz de leurs tableaux, livres, médalles antiques et modernes», Paris 1584