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Ist das wahr?
Karte des Heiligen Landes, Joachim Vadian, 1525
Angeblich leben wir heute im postfaktischen Zeitalter, in dem Tatsachen und ihre Überprüfbarkeit einen schweren Stand haben. Die Wortwahl impliziert, dass es davor ein faktisches Zeitalter gegeben habe. Und wenn es ein faktisches Zeitalter gegeben hat, dann wohl auch ein präfaktisches. Tatsächlich finden wir in der europäischen Geschichte ein Beispiel für einen Umbruch von der mystischen, im Glauben verankerten Welt zur wissenschaftlich forschenden Gesellschaft. Nach dem «dunklen» Mittelalter (auch so eine postfaktische Etikette) gilt die Renaissance bis heute als leuchtender Beginn der Neuzeit: Seefahrer umrundeten erstmals die Erde, neue Instrumente wie das Teleskop wurden erfunden, Kartografen entwickelten die grossen Atlanten und neue Kartenprojektionen, Maler begannen mit der Zentralperspektive zu experimentieren, Banken führten die doppelte Buchhaltung ein und 1517 begann die Reformation der Kirche, um nur Auswahl wichtiger Ereignisse und Neuerungen zu nennen. Davon blieb auch die Schweiz nicht unberührt. Zürich war bald eines der Zentren der Reformation. Hier machte sich Christoph Froschauer der Ältere daran, eine Bibel in deutscher Sprache zu drucken. Sie erschien ab 1525 und war die erste Bibel weltweit, die mit einer Karte des Heiligen Landes zur Zeit des alten Testaments illustriert wurde. Gleichzeitig ist diese Geschichtskarte auch die erste in Zürich gedruckte Karte. Als Autor kommt der Sankt Galler Humanist Joachim Vadian in Frage. Dieser war sehr quellenkundig und benutzte eine um 1515 vom Künstler Lucas Cranach hergestellte Karte als Vorlage. Soweit, so gut. Doch irgendwann während des Herstellungsprozesses muss ein grober Fehler passiert sein. Offenbar bemerkten weder der anonyme Holzschneider noch Froschauer oder die Bibelkundigen, dass die Karte geografisch seitenverkehrt abgedruckt wurde (nur die Schrift ist seitenrichtig und normal lesbar). Woher hätte man die korrekte Geografie des Heiligen Landes auch kennen sollen? Mit welcher Quelle hätten die Leser damals vergleichen können? Niemand nannte damals einen Atlas sein Eigen. Und Einwohner der Stadt, die aus erster Hand von Palästina berichten konnten, gab es vermutlich auch keine. Trotzdem, zwei Merkwürdigkeiten hätten auffallen müssen: Erstens sollte beim Blick nach Norden der Westen oder «Abend» links und der Osten oder «Morgen» rechts angeschrieben sein – auf der Karte ist es genau umgekehrt. Und zweitens musste jedem Leser klar sein, dass Schiffe unter Zürcher Flagge bislang nicht über «das gros Mer» gesegelt waren. Nun, justament ein solches Schiff ist auf der Zürcher Heilig-Land-Karte eingezeichnet. Man darf gerne jederzeit und ausführlich über eine solche Kuriosität spekulieren. Als Beweis für historische Tatsachen taugt die Karte selbstverständlich gar nichts. Egal, ob man in der Renaissance oder im 21. Jahrhundert lebt.
Bibliografische Angaben
Karte des Heiligen Landes, (Joachim Vadian zugeschrieben). In: Das Alt Testament dütsch, der ursprünglichen ebreischen Waarheyt nach uff das aller truwlichest verdütschet. Getruckt zuo Zürich: durch Christophorum Froschouer, im Hornung des Jars 1525. Nach Blatt CXII.
Bildauswahl und Text
Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich