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Eine Gruppe aus 19 Tänzerninnen und Tänzern, Sängerinnen und Sängern tritt in Raum und Zeit ein. Sie tragen in dezenten Blautönen gehaltene Kleidung und bunte Turnschuhe. Schwingungen von Gesängen aus dem 14. Jahrhundert tragen die äusserst präzisen, abstrakten Bewegungen der belgischen Tanzkompanie Rosas. Aus der scheinbaren Monotonie entsteht Veränderung. Ein Kreis ist mit Sand auf den Boden gezeichnet. Der Kreis. Kein Anfang, kein Ende. Der Blick in eine neue Vergangenheit oder eine alte Zukunft? Während der nächsten 110 Minuten geht eine Neonleuchte nach der anderen an. Der Tag beginnt.
Minimal
Von 1978 bis 1980 besuchte Anne Teresa De Keersmaeker die Brüsseler Mudra-Tanzschule. 1981 studierte die heute 51-jährige Keersmaeker an der Tisch School of Arts in New York. Mit dem Stück “Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich” zog sie 1982 schlagartig die Aufmerksamkeit auf sich. Darin stehen zwei Frauen, mit dem selbem Haarschnitt, dem selbem einfarbigem Kleid und mit Turnschuhen und Socken bekleidet auf der Bühne. Sie bewegen sich scheinbar synchron in einer schier endlosen Monotonie. Mit der Zeit jedoch sind die Unterschiede und Verschiebungen in den Bewegungen erkennbar. Dieser völlig neue Tanzstil erhielt den Namen Minimal Dance. Ein Jahr darauf gründete Anne Teresa De Keersmaeker ihre eigene Kompanie Rosas.
Nachdem die Mudra-Tanzschule nach Lausanne umgezogen war, gründete Anne Teresa De Keersmaeker mit dem Théatre Royal de la Monnaie die internationale Schule für modernen Tanz P.A.R.T.S. (Performing Arts Research & Training Studio). Viele der jungen Tanzschaffenden, die dieses Jahr am Tanz in. Bern-Festival ihre Tanzstücke präsentieren, haben zumindest einen Teil ihrer Ausbildung an dieser Schule gemacht.
Dissonanz und Kontrast
Anne Teresa de Keersmaeker präsentiert gleich zwei Stücke am Tanz in. Bern. Während “Cesena” die frühen Morgenstunden einläutet, lässt “En Attendant” den Tag ausklingen. In beiden Stücken arbeitet Anne Teresa De Keersmaeker mit Björn Schmelzer und seinem Ensemble Graindelavoix zusammen. Die singenden Tänzer und tanzenden Sänger gehen einen Dialog mit den Gesängen aus dem 14. Jahrhundert ein. Diese gehören der Musikrichtung Ars Subtilitor an, die auf Dissonanz und Kontrast basiert. “Cesena”, das jüngste Stück der Kompanie Rosas, wurde im Juli dieses Jahres am Festival d’Avignon zwischen den Steinmauern des alten Klosters, dem Cloître des Célestins, uraufgeführt.
Der Titel des Stücks kommt nicht von ungefähr: Im Jahre 1309 wurde die Stadt Avignon von Clemens V. zur päpstlichen Residenz erklärt und so zum Zentrum des Christentums. 1377 verübte Robert de Genève ein Massaker an tausenden Zivilisten der italienischen Stadt Cesena, die sich gegen die harte Kirchenherrschaft erhoben hatten. Robert de Genève wurde später Gegenpapst Clemens VII in Avignon.
Veränderung in der Monotonie
Die kühle Novemberstimmung einläutend, erhellen in der Dampfzentrale die Neonleuchten nach und nach den Raum. Eine anonyme Gruppe bewegt sich so synchron, dass ihre Schritte zu einem einzigen Schritt werden. Abläufe wiederholen sich lange, das Gefühl erzeugend, aufgelöst werden zu müssen. Dazu erklingt der volle, anhaltende Gesang, dessen Akkorde zwischen Harmonie und Disharmonie verschwimmen. Doch in der Monotonie wird die Veränderung sichtbar, hörbar und spürbar. Ein Tänzer löst sich aus der Gruppe, ein anderer zieht die Schuhe aus, eine Tänzerin zieht sich ein farbiges T-Shirt über. So subtil wie diese Veränderungen sind, naht auch der nächste Morgen.
Tanz in Bern
Das internatinale Tanzfestival Tanz in. Bern findet noch bis am 6. November 2011 in der Dampfzentrale statt. Programm und weitere Informationen: www.tanzinbern.ch