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Wissenschaft
Die beiden süddeutschen Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 sollen nach Silvester 2022 zunächst in einen Reservebetrieb überführt werden, wie das Science Media Center Deutschland mitteilt.
Erst nach Ende des Winters 2023 sollen sie endgültig abgeschaltet werden. Diesen Vorschlag präsentierte Energieminister Robert Habeck am Montag, 05.09.2022, als Reaktion auf die zweite Sonderanalyse der Übertragungsnetzbetreiber.
Sollte es für die Energieversorgung Süddeutschlands nötig sein, würden die beiden Kraftwerke noch Strom bis voraussichtlich Ende März 2023 liefern.Drei Entwicklungen haben die Lage der Stromversorgung im Laufe des Sommers verschärft: Von den Atomkraftwerken in Frankreich seien derzeit 32 vorübergehend abgeschaltet, die Pegel in den Flüssen Europas seien so niedrig, dass Kühlwasser und Kohletransport für Kraftwerke nicht gesichert seien und die Wasserstände in den Speicherseen Österreichs, der Schweiz und Norwegens seien ebenfalls so niedrig, dass Wasserkraftwerke nicht mehr mit voller Kraft laufen können. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte daher die Übertragungsnetzbetreiber gebeten, erneut die Lage der Stromversorgung für den Winter 2022/23 zu berechnen.Diese Berechnungen zeigen, dass es unter bestimmten, ungünstigen Bedingungen tatsächlich zu Unterdeckungen im Stromnetz kommen kann, sprich: Es würde zu wenig Strom erzeugt.
Außerdem könnten durch erhöhten Stromfluss Leitungen überlastet werden. Die Übertragungsnetzbetreiber schlagen als Gegenmaßnahmen zum Beispiel vor, die Transportkapazitäten der Stromleitungen bei kaltem Wetter zu erhöhen, eine Reihe von weiteren Kraftwerken aus der Reserve wieder an den Markt zurückzuholen und auch die drei Atomkraftwerke bis März verfügbar zu halten.
Weil dabei die beiden süddeutschen Atomkraftwerke eine deutlich wichtigere Rolle spielen können, will Robert Habeck nur diese beiden in den Reservebetrieb überführen. Das AKW Emsland solle wie geplant nach dem 31.12.22 vom Netz gehen.Der Reservebetrieb solle durch eine Gesetzänderung ermöglicht werden, der das Parlament zustimmen muss.
Welches Gesetz das sein wird, steht noch nicht fest.„Grundlegend zeigen sich zwei kritische Punkte bei der sehr realistischen und pragmatischen Sonderanalyse. Erstens können die Lasten nicht sicher gedeckt werden, wenn zu schnell Kohle- und Kernkraftwerke aus dem Markt genommen werden, und dieses nicht durch Gaskraftwerke beliebig abgedeckt werden kann.
Zweitens zeigt sich die zwingende Notwendigkeit des Netzausbaus, dessen Verzögerung den deutschen und europäischen Energieaustausch behindert, und damit die Versorgungssicherheit einschränkt.“„In Summe müssen zur kurzfristigen sicheren Lastdeckung und Netzstabilität alle in der Sonderanalyse empfohlenen Möglichkeiten – wie der Weiterbetrieb von Kohle- und Kernkraftwerken und so weiter – gezogen werden. Die Absicherung durch das europäische Ausland werde zwar weiterhin von Fall zu Fall möglich sein, steht aber aufgrund der überall angespannten Situation nicht zuverlässig zur Verfügung.
Somit sei eine Risikobetrachtung wie hier durchgeführt realistisch und zwingend notwendig.“„Langfristig werde der Ausbau erneuerbarer Energien plus Flexibilisierung von Lasten einschließlich dem großräumigen europäischen Netzausbau die Abhängigkeit von fossilen Energien reduzieren. Aber für kritische Stunden werden auch dann regelbare Kraftwerke benötigt, die erst langfristig mit zum Beispiel grünem Wasserstoff aus einem weltweiten Markt betrieben werden.
Erst dieses Zusammenspiel aus unterschiedlichen erneuerbaren Energien plus Speichermöglichkeiten werde die Kohle-, Kern- und Gaskraftwerke aus dem Markt drängen. Kurzfristiges Abschalten von Kraftwerkskapazitäten aus politischen Gründen, ohne Alternativen auszubauen, funktioniert nicht.
Dieses zeigt die Sonderanalyse eindrücklich.“„Das System der elektrischen Energieversorgung wurde durch politischen Druck in den letzten Jahren mehr und mehr auf Kante genäht und durch russisches Gas abgesichert. Wäre die Situation ein paar Jahre später eskaliert, nachdem mehr Kraftwerke endgültig stillgelegt worden wären, wäre eine Absicherung der Versorgung nicht mehr möglich gewesen.
Diesen Winter kommen wir gemäß der Sonderanalyse und all der Maßnahmen, wenn sie denn schnell umgesetzt werden, noch einmal mit einem blauen Auge davon.“„Das Vorgehen der Übertragungsnetzbetreiber für diesen zweiten Stresstest sei meines Erachtens sehr klar strukturiert dargestellt und die Ergebnisse seien auf Basis der Annahmen sehr vernünftig und plausibel. Die sehr hohe Kompetenz der Übertragungsnetzbetreiber spiegelt sich im Vorgehen und Ergebnis dieses Stresstests.“„Die Empfehlung, die beiden süddeutschen Kernkraftwerke in den Reservebetrieb zu überführen, sei nicht überraschend und leitet sich aus den Versorgungsrisiken vor Ort ab, aber insbesondere auch aus der schleppenden Umsetzung der Energiewende.
Beispielhaft dafür steht der geringe Ausbau der Windenergie in Bayern und die massiven Widerstände gegen den Ausbau adäquater Stromleitungen.“„Die vier Übertragungsnetzbetreiber haben mit ihrer Analyse ‚Stresstest zum Stromsystem: BMWK stärkt Vorsorge zur Sicherung der Stromnetz-Stabilität im Winter 22/23‘ eine solide Entscheidungsgrundlage für das BMWK erarbeitet. Die Ergebnisse seien überzeugend und in der jetzigen Situation sehr hilfreich.
Jedoch sei das Energiesystem sehr komplex und bedarf vor dem Winter nochmal vertiefter Analysen. Dies betrifft meines Erachtens insbesondere folgende drei Punkte.“„Erstens: Die Analyse beruht auf einer Leistungsbilanzbetrachtung.
Dies erscheint mir für die Kurzfristigkeit der Analyse ein probates Mittel zu sein, für das komplexe, international vernetze Energiesystem greift es jedoch an einigen Stellen zu kurz und berücksichtigt beispielsweise kein strategisches Verhalten der Marktteilnehmer beziehungsweise die Unsicherheiten von Speichereinsätzen (ohne perfekte Voraussicht) sowie unvorhergesehene Kraftwerksausfälle. Die Kernaussagen seien jedoch voraussichtlich dennoch beständig.“„Zweitens: Eine Schwachstelle sei darüber hinaus die Verwendung eines einzelnen Windjahres (2012).
Insbesondere in Zeiten des Klimawandels scheinen die Wind-Wetterjahre doch in ihrer Variabilität zuzunehmen. Ein anders geartetes Windjahr – mit mehr Wind an Wochenenden oder langen Wind-Flauten – könnte zu signifikant anderen Ergebnissen führen.
Gegebenenfalls könnte man diese Analyse noch nachbessern.“„Drittens: Die Empfehlung zum vertraglichen Lastmanagement erscheint mir sehr attraktiv zu sein. Insbesondere ein stärkerer Fokus auf den Speicherbetrieb und Demand-Response-Maßnahmen wäre ein weiterer Punkt, der in Folgeanalysen nochmal vertieft betrachtet werden könnte.
Diese könnten auch eine Abschätzung von Marktpreisen beinhalten.“„Dieser Reservebetrieb der zwei ab Januar stillzulegenden Atomkraftwerke wirft sehr viele Fragen auf: Neben rein technischen Fragen der Schnelligkeit und Einsatzfähigkeit der im Nachbetrieb befindlichen Atomkraftwerke besteht zusätzlich die Notwendigkeit, diese Reserveeinsätze auch genehmigen zu lassen. Setzt man dies in Verhältnis zur sehr geringen Anzahl an ‚really-worst-case-Stunden‘, in denen sie eventuell gebracht werden könnten, erscheint diese Entscheidung zumindest einmal heikel.“„Es wäre stattdessen wünschenswert gewesen, mehr Maßnahmen in Bezug auf eine kontrollierte Lastabsenkung – wie zum Beispiel in Frankreich umgesetzt – zu verfolgen: Viele Stromverbrauchende aus der Industrie, Gewerbe oder den Haushalten besitzen planbare Lastverschiebe- oder gar Abschaltpotenziale, die bei extremen Lastspitzen eingesetzt werden könnten.
Hier böte weniger Verbrauch de facto mehr Sicherheit. Nicht zuletzt zeigt diese Entscheidung noch einmal sehr deutlich, wie dringend es gewesen wäre und immer noch ist, die Erneuerbaren beherzt auszubauen und gezielt an Effizienzmaßnahmen zu arbeiten.“.
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