Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03266.jsonl.gz/1098

Nach 1918/19 buhlten nur wenige Parteien um die Thuner Wählerschaft. Die politische Kultur war geprägt von einem ideologischen Graben zwischen links und rechts, der in erbittert geführten Wahlkämpfen zutage trat. Die starke SP auf der einen und die mittelgrossen bürgerlichen Parteien FDP und BGB auf der anderen Seite bildeten zwei fast gleich grosse Blöcke. Diese drei Parteien teilten sich die Sitze im Gemeinderat, wobei die beiden bürgerlichen Parteien meist die Mehrheit besassen. Die Stadtpräsidenten gehörten bis 1970 stets der FDP an.
Im Stadtrat bildeten sich die beiden Lager gleich wie in der Exekutive ab. Die SP war stets die sitzstärkste Partei; ihre Grösse war auch auf die Unterstützung der Gewerkschaften zurückzuführen. Die führende Partei auf bürgerlicher Seite war zunächst die BGB, später die FDP. Eine eigene Mehrheit in der Legislative errangen die BGB und die FDP aber lediglich in den Wahlen von 1930 und 1936, die SP nur 1946. In den meisten Legislaturen spielten die kleinen Parteien, die jeweils nur wenige, aber oft die entscheidenden Stimmen auf sich vereinten, die Rolle der Mehrheitsbeschafferinnen. 58
Wahlplakat der EVP von 1933. Die EVP war als einzige kleine Partei seit 1922 immer im Stadtrat vertreten. Die Thuner Parteisektion war im September 1919 gegründet worden, national war sie im Mai 1919 aus der Taufe gehoben worden.
Die EVP im Kanton Bern hatte einen evangelikalen Einschlag. An Parteiversammlungen diskutierten die Parteimitglieder nicht nur über aktuelle politische Themen, sondern beteten miteinander und sangen Kirchenlieder.
Um sich bei Wahlgängen gegen die SP zu wappnen, traten die FDP und die BGB/SVP von Beginn weg praktisch immer mit einer Listenverbindung an. Die SP zog jeweils alleine in den Wahlkampf. Noch in den 1920er-Jahren sorgten jedoch die kleineren Parteien, damals die Evangelische Volkspartei (EVP) und die Wirtschaftspolitische Mittelpartei, angesichts der knappen Stimmenverhältnisse für wechselnde Mehrheiten. Vor allem die Mittelpartei, 1922–1927 im Stadtrat, verhalf der SP oft zur Mehrheit. Das «Oberländer Tagblatt» bezeichnete sie deshalb als eine unter der Führung von Grütlianern stehende rosarot gefärbte Partei. Die «Berner Tagwacht» verglich sie hingegen mit einem «hin- und herhüpfenden Floh» und meinte, ihre Vertreter würden sich für ihre Herkunft als Arbeiter genieren. Ab den 1930er-Jahren gingen die kleinen Parteien, die liberale, sozialdemokratische, konservative und christliche Inhalte vertraten, im Stadtrat meist mit der BGB und der FDP Listenverbindungen ein.59
Sitzverteilung im Gemeinderat 1919–2018. Meist stand im Gemeinderat eine bürgerliche Mehrheit einer starken SP-Minderheit gegenüber, in vier Legislaturen dominierte die SP. Erst seit 2008 sind kleinere Parteien im Gemeinderat vertreten. 2008 gab die SVP vorübergehend einen Sitz ab, als Ursula Haller zur BDP wechselte.
Dieser Sitz ist hier für die ganze Legislatur als BDP-Sitz ausgewiesen. Die FDP verlor in den Wahlen von 2010 ihre Vertretung in der Exekutive. Bis 2002 zählt die Stadtregierung sieben, ab 2003 fünf Mitglieder.
Sitzverteilung im Stadtrat 1919–2018. Die zwei massgeblichen politischen Lager, die SP auf der einen und die FDP und die BGB (später SVP) auf der anderen Seite, waren nahezu gleich stark. Angesichts der knappen Stimmenverhältnisse spielten die kleinen Parteien oft das Zünglein an der Waage, meist standen sie im bürgerlichen Lager. In den 1970er-Jahren wandelte sich das Parteienspektrum:
Die drei traditionellen Parteien verloren Wähleranteile an die erstarkten kleinen bürgerlichen Parteien und an neue linke, grüne und rechtspopulistische Kräfte. Einzig die SVP erholte sich ab 1999 vom erlittenen Wählerschwund. Die veränderten Kräfteverhältnisse führten zu neuen politischen Mehrheiten.