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„Das ist aber nicht Steampunk!“
Den Satz hat sicher schon jeder gehört, der sich mit dieser Subkultur auseinandersetzt. Es ist ein Damoklesschwert, das über jedem Kleidungsstück, jeder Erfindung, Zeichnung, etc. steht. Nur, wer bestimmt denn eigentlich, ob etwas Steampunk ist? Oder besser gesagt, wer definiert, was Steampunk ist?
Wenn man sich im grossen weiten Netz umschaut, sieht man, dass es ebenso viele Auslegungen wie Fans gibt, und jeder hat eine etwas andere Vorstellung davon. Sei das der britische Lord, der Aethermagier oder die Abenteurerin, die auf der Venus Dinosaurier jagen will. Ist etwas davon mehr oder weniger Steampunk als die anderen beiden? Nein. Nur sind es unterschiedliche Auslegungen eines Genres, aber genau da liegt der Hund begraben. Nur bei einem sind sich die Fans sicher: es ist kein historisches Reenactment.
Wann ist denn nun etwas Steampunk? Ist ein Luftschiff Steampunk? Ist Magie erlaubt? Oder eine dampfbetriebene Laserpistole? Für die drei Fragen gilt die gleiche Antwort. Im Prinzip ja … Man kann diese Fragen aber besser durch eine Gegenfrage beantworten: Was ist denn für dich Steampunk? Vielleicht sollte man an dieser Stelle einmal die unterschiedlichen Ansichten benennen.
Die erste Variante ist der viktorianische Steampunk. Dies ist die klassische Definition des Genres; eine alternative Vergangenheit, in der die technische Entwicklung anders verlaufen ist und die Welt von dampfbetriebenen Luftschiffen und Differenzmaschinen beherrscht wird. Auch diese einfache Definition streut recht weit, so dass ich die Variante noch in Realitätsnah und Realitätsfern unterteile. Der realitätsnahe viktorianische Steampunk ist das, was ich in meinen Büchern beschreibe. Eine Welt, die der unseren sehr ähnlich ist und so durchaus hätte sein können. Der realitätsferne viktorianische Steampunk geht weiter und kann zusätzlich zur erweiterten Technik auch bisher unbekannte Elemente einführen oder Grundsätze der Physik auslassen, die man damals noch nicht kannte. In dieser Variante ist es möglich, mit einem dampfbetriebenen Raumschiff zur Venus zu fliegen oder (frei nach Jules Verne) sich mit einer riesigen Kanone zum Mond zu schiessen. In viktorianischer Zeit wusste man noch nicht, dass dies nicht möglich war, also ist es eine korrekte Art der Science-Fiction.
Die zweite Variante ist der postapokalyptische Steampunk. In einer alternativen Gegenwart oder nahen Zukunft ist die Menschheit am Abgrund und unsere Gesellschaft existiert nicht mehr, sei das wegen eines Kriegs, einer schief gegangenen Zeitreise oder einer Naturkatastrophe. Die Dampfmaschine ist die einfachste Möglichkeit der Energieerzeugung, so dass die Technik einen Rückschritt tat. Gerade in Verbindung mit Zeitreisen ist enorm viel möglich und es erlaubt die Ästhetik des Steampunk ohne viktorianische Elemente. Dadurch können natürlich gerne zwei Welten aufeinander prallen und Fans der einen Variante betrachten die anderen oft nicht als „echte“ Steampunks.
Die dritte Variante ist Steam Fantasy, das die Realitätsferne noch weiter treibt. Diese Geschichten spielen nicht zwingend auf unserer Erde, sondern auf einem anderen Planeten oder ein einer anderen Dimension, die kaum etwas mit unserer gemein hat. In diese Variante gehören auch Welten, in der es Magie gibt, ebenso Varianten, die auf unserer Welt spielen, aber in Kombination mit Vampiren, Werwölfen und Elfen. Hier mögen nun einige protestieren, aber die Erklärung dafür ist simpel. All diese Dinge sind Fantasy und nicht Science-Fiction.
Die schon abgekoppelten Untergenres wie Diesel- und Teslapunk sind selbsterklärend, darum gehe ich hier nicht genauer auf sie ein.
Ist nun eine der genannten Varianten besser oder steampunkiger als die anderen? Nein. Erlaubt ist grundsätzlich, was Spass macht, nur vielleicht kann es den einen oder anderen Leser anregen, sich etwas genauere Gedanken darüber zu machen. Eine realitätsnahe viktorianische Lady läuft nicht mit einem tiefen Ausschnitt herum, während eine Dinosaurierjägerin auf der Venus durchaus auch Hosen tragen und mit einem Strahlengewehr ausgerüstet sein darf.
Man sollte niemals vergessen, dass die Grundideologie des „Punk“ für individuelle Freiheit steht. Frage also nicht, ob etwas Steampunk ist, sondern frage stattdessen, warum das für die entsprechende Person Steampunk ist. Die Antwort könnte dich überraschen!
(Ursprünglich veröffentlicht am 2. Mai 2014)