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Hängen geblieben ist mir von den beiden Studientagen zum Thema Kulturelle Diversität besonders Sabine auf der Heydes Gastbeitrag über ihre Inszenierung von Shakespeares Sommernachtstraum auf den Bühnen Bern. Sie sprach unter anderem über die Figur der Helena und räumte ein, dass sie sie eine der problematischsten Figuren der Literaturgeschichte findet. In ihrer Inszenierung des Sommernachtstraums lässt sie die Helena von Kilian Land spielen. Sie wolle die Erniedrigung und Unterwerfung, die Helena verkörpert, nie mehr von einer Frau gespielt haben. «Die patriarchal deformierte Welt ist brutal», schreibt die Kulturjournalistin und Theaterkritikerin Julia Nehmitz über das Stück, in dem «Geschlechterzuschreibungen verschwinden»[1]. Die fliessenden Grenzen der Geschlechter sind in diesem Stück ein bewusst eingesetztes Mittel für die Reflexion der Genderdebatte.
In den Kontext der fliessenden Grenzen zwischen den Geschlechtern lassen sich auch die schönen Silvesterchläuse in Appenzell Ausserrhoden[2] einbetten. Jedoch nicht mit dem Ziel, eine Genderdebatte zu führen. Jeweils am 31. Dezember nach dem gregorianischen Kalender bzw. am 13. Januar nach dem julianischen Kalender wandern sie in Gruppen, Schuppel genannt, frühmorgens von Hof zu Hof und später am Tag in die Dorfkerne. Traditionellerweise bestehen die Schuppel aus zwei weiblichen und vier männlichen Chläusen. Alle tragen Masken und Hauben oder Hüte mit geschnitzten Alltagsszenen. Die Rollenweiber unterscheiden sich deutlich von den Schellenchläusen, indem sie Röcke mit Schürzen und Strümpfen tragen. Bei jedem Hof legen die Chläuse mit ihren Rollen und Schellen einen Klangteppich aus und nach dessen Abklingen singen sie ein Zäuerli, einen Naturjodel. Dieser Naturjodel ist stark geprägt von der Stimmführung einer männlichen Kopfstimme und geht mir jedes Jahr unter die Haut.
Drei gewichtige Aspekte fallen bei der Betrachtung der Silvesterchläuse auf. Erstens lässt sich die Kopfstimme des Stimmführers mit einem Countertenor vergleichen: Wenn ein Countertenor singt, sind viele irritiert und glauben, eine Frau zu hören. Zweitens stecken hinter den Frauenkleidern der Rollenweiber Männer. Verwirrung um die Stimmlage und Crossdressing also ausgerechnet im ländlichen Appenzell Ausserrhoden, das im Vergleich zu anderen Kantonen in vielen Bereichen als konservativ gilt und das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene 1989 als zweitletzter Kanton der Schweiz eingeführt hat. Drittens ist dieser Brauch exklusiv im wahrsten Sinne des Wortes. Hauptakteure sind, wie bereits zu vermuten war, ausschliesslich Männer. Zudem sind die Männer alle Einheimische. Frauen sind Nebenakteurinnen, fungieren bei den Vorbereitungsarbeiten zum grossen Tag als Näherinnen und Handwerkerinnen, sie stehen auch bereit, wenn es darum geht, den Chläusen die Trinkhalme durch den Maskenschlitz zum Mund zu führen, damit diese nach dem Singen etwas trinken können.
Die Schweizer Historikerin und Kulturvermittlerin Katrin Rieder stellt in ihrem Beitrag im Handbuch Kulturelle Teilhabe die Frage, wer bei Bräuchen mitmachen darf. Es gäbe selten Beispiele für gelungene Integration in Brauchtumsverbänden und nicht-integrative Gepflogenheiten seien selbstverständlich.[3] Einheimisch und Mann ist man also, um als Silvesterchlaus unterwegs sein zu können. Dazu kommt, dass die allermeisten Akteure aus dem bäuerlichen Umfeld kommen. Die Ausnahme bilden vereinzelt Mädchen, die bei den Kinderschuppeln dabei sind. Sobald die Kinder aber erwachsen sind, das Brauchtum also «so richtig» leben, ist das weibliche Geschlecht ausgeschlossen.
Umso schillernder ist es, dass der Brauch sowohl ausgrenzt als auch mit Geschlechterrollen spielt. Ob die einheimischen Männer aber auch aktiv Rollenverständnisse und Geschlechterrollen hinterfragen? Das Silvesterchlausen vermag für die Akteure jedoch einen humorvollen Gesichtspunkt haben. Die Männer des Schuppels mögen sich wohl jedes Jahr wieder amüsieren, wenn die zwei Rollenweiber ihre Röcke und Schürzen überziehen.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass der Brauch – wie auch die Alpauf- und -abfahrten sowie die Viehschauen – kaum ohne Tourist:innen vonstattengeht. (Nur während Corona bat die Regierung des Kantons Appenzell Ausserrhoden die auswärtigen Gäste, dem Brauch fernzubleiben.) Angelockt von der Einzigartigkeit und dem «Authentischen» strömen die Gäste ins Appenzellerland, sie sind fasziniert und berührt von diesem Brauch, der ein ursprüngliches und traditionelles Bild vermittelt. Stefan Forster, Professor für Tourismus und Nachhaltigkeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sieht in seinem Text Kulturtourismus in ländlichen Räumen der Schweiz. Ein Essay – vier Thesen Potenziale für Kulturtourismus in ländlichen Gebieten und begründet dies mit «gesellschaftlichen Trends wie dem Wunsch nach Echtheit, Substanz und Einzigartigkeit».[4] Das Appenzellerland manövriert sich mit der Vermarktung dieses Brauchs noch mehr in eine Traditionalisten-Ecke als es schon ist.
Film: Maria Nänny
Wenn die Appenzellerinnen und Appenzeller den Mut hätten, den Brauch differenziert zu sehen oder ihn auch aufzubrechen, die Chance nutzen würden, eine grössere Gruppe von Menschen aktiv daran teilhaben zu lassen, wäre das vielleicht für die Region ein Schritt in die Zukunft? Warum nicht Frauen mitmachen lassen? Warum nicht Migrantinnen und Migranten mitmachen lassen? Das wäre ein mutiger Schritt, kulturelle Teilhabe in allen Facetten zu leben. Es ist zu hoffen, dass sich Stefan Forsters III. These bewahrheitet, die lautet: «Der Kulturtourismus bietet die Möglichkeit, die Unterscheidung zwischen Gästen und Einheimischen neu zu denken. Er bringt die Menschen zusammen und fördert das gegenseitige Verständnis.»[5] Tourismus sei ein kulturelles Phänomen, das eine hohe Integrationskraft habe zwischen Gästen und Fremden, so Forster. Wir wissen: Alle Bräuche verändern sich irgendwann einmal. Ob es in absehbarer Zeit möglich ist, den Brauch integrativer und zeitgemässer zu leben?
[1] Nehmitz, J. (2022, 14. Januar). Ein Sommernachtstraum – Bühnen Bern: Brutale Ergänzung. In: Nachtjournal. Abgerufen von https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=20485:ein-sommernachtstraum-buehnen-bern-sabine-auf-der-heyde-wuehlt-zwischen-kampf-und-liebe&catid=1841:buehnen-bern&Itemid=40
[2] Das Silvesterchlausen ist auf der Schweizer Liste des immateriellen Kulturerbes (IKE). Als Mitglied des Kulturrates von Appenzell Ausserrhoden habe ich unter anderem die Aufgabe, mich mit dem Kulturerbe des Kantons auseinanderzusetzen.
[3] Rieder, K. (2019). Was die Gemeinschaft zusammenhält: Teilhabe als Merkmal des immateriellen Kulturerbes. In: Nationaler Kulturdialog (Hg.). Kulturelle Teilhabe: ein Handbuch. Zürich: Seismo. S. 148 ff.
[4] Forster, S. (2020). Kulturtourismus in ländlichen Räumen der Schweiz. Ein Essay – vier Thesen. In: A. Hausmann (Hg.) Handbuch Kulturtourismus im ländlichen Raum. Bielefeld: transcript. S. 23.
[5] Ebd.
[6] Vgl. Pröbstle, Y. (2020). Das «Exotische» liegt so nah. Corona als Trendbeschleuniger im Kulturtourismus. In: Kultur weiter denken. Das Magazin von Kultur Management Network. Nr. 154. S. 36–41.