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«Kein Schweizer Steuergeld für Land Grabbing Projekte»
Herr Baumann, «Brot für alle» fordert, dass die Schweiz keine Steuergelder an die Weltbank oder die internationale Entwicklungsbank für Land Grabbing Projekte zahlen soll. Warum?
Richtig. Wir fordern eine stärkere Aufsicht, was mit den öffentlichen Geldern aus der Schweiz geschieht. Wir haben herausgefunden, dass einige der Entwicklungsbanken Landwirtschaftsprojekte finanzieren, die sich auf halb legalem Weg grosse Ländereien aneignen. Meist ohne die Zustimmung der Betroffenen. «Land Grabbing» ist ein wachsendes Problem für die Menschen in Afrika. Das wollen wir verhindern.
Kennen die Entwicklungsbanken keinen ethischen Rahmen, der festlegt, welche Projekte sie unterstützen dürfen?
Es gibt Richtlinien, die sich auf das Projektmanagement oder auf das Investment beziehen. Ethische Kriterien spielen dabei weniger eine Rolle. Wir fordern deshalb, dass die Richtlinien der UNO Landwirtschaftsorganisation FAO als verbindlich gelten. Die einzelnen Punkte halten fest, welche Rolle der Staat und die Investoren in grossen landwirtschaftlichen Projekten spielen und wie die Bevölkerung mit einbezogen werden muss. Wenn die Richtlinien künftig verbindlich angewendet werden und die Zustimmung aller Beteiligten vorliegt, dann verhindert dies die grössten Missstände schon im Vorfeld.
«Brot für alle» erklärt, Land Grabbing vertriebe die ansässige Bevölkerung von ihrem Land und verstärke den Hunger. Die Konzerne behaupten gerade das Gegenteil: Sie sehen ihre Investitionen als Kampf gegen den Welthunger.
Schauen Sie, ausländische Investoren eignen sich in Afrika grosse Ländereien an und bauen darauf Zuckerrohr, Mais oder andere Lebensmittel an. Doch die Nahrung geht in den Export, nach China, Indien oder Saudi-Arabien. Die lokale Bevölkerung hat nichts davon. Oftmals werden die angebauten Rohstoffe in Agrotreibstoffe umgewandelt, die in Europa und anderswo als Benzinersatz beigemischt werden. Da spielt die Ernährung überhaupt keine Rolle. Fruchtbarer Boden, bei dem Wasser vorhanden ist, wird enteignet und für andere Zwecke missbraucht. Land Grabbing geschieht heute in Afrika in einer enormen Geschwindigkeit, ohne dass wir dies in Europa realisieren. Vorsichtige Schätzungen sprechen von mindestens 82 Millionen Hektaren Land, andere von 200 Millionen. Der einheimischen Bevölkerung wird damit ein Vielfaches der Fläche der Schweiz entzogen. Das wirkt sich fatal auf die Versorgungslage in den einzelnen Ländern aus.
Findet die Bevölkerung nicht ihr Auskommen auf den Plantagen?
Vielleicht einzelne Männer. Doch die meisten profitieren nicht von den Investitionen aus dem Ausland, die sich nach wirtschaftlichen Kriterien richten und rentieren müssen. Gerade Frauen und Kinder auf dem Lande sind die Opfer dieser Entwicklung und leiden an Hunger. In der traditionellen und familiären Art der Landwirtschaft hatten sie ihre Aufgabe und ihre Einkommen. Verlieren sie ihr Land, ist damit Schluss. Die Grossprojekte verschärfen das Problem des Hungers.
Der Boden wurde in den letzten Jahren mehr und mehr zum Objekt der Spekulation.
Ja. Seit der weltweiten Finanzkrise und der Immobilienkrise in den USA suchen Banken nach Anlagen, die sicherer sind. Es gibt gute Gründe, warum Investitionen in die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern attraktiv erscheinen: Etwa der wachsende Bedarf nach Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen aufgrund der zunehmenden Weltbevölkerung oder der Klimawandel, der die Erträge sinken lässt und die Preise der Nahrungsmittel in die Höhe treibt.
Gibt es da Parallelen zur Schweiz? Auch bei uns steigen die Preise für den Boden und die Landwirtschaft gerät unter Druck.
Die Schweiz betreibt eine ökologische und multifunktionale Landwirtschaftspolitik. Aber es stimmt, durch die wachsende Bevölkerung und die steigende Nachfrage nach Wohnraum geraten die Bauern unter Druck. Auf der anderen Seite erleben die Landbesitzer eine grosse Wertschöpfung, wenn sie Landwirtschaftsland in Bauland umzonen können.
Interview: Tilmann Zuber