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Titelgeschichte
Kommt der Stern von Bethlehem?
Um die Weihnachtszeit nähert sich wieder der Komet Wirtanen der Erde. Man kann ihn bei guten Bedingungen von Auge sehen. Unsicher ist, ob er auch der Stern von Bethlehem war.
Der Wind hat die Wolken über der Sternwarte Calina in Carona TI vertrieben. Nach tagelangem Regen bietet diese kalte Spätnovembernacht endlich optimale Bedingungen für einen Blick in den Himmel. «Eigentlich müsste schon bald der Komet Wirtanen, der ‹Weihnachtskomet›, erscheinen», erklärt Anna Cairati (51), die Sekretärin der Astronomischen Gesellschaft des Tessins. Vor zehn Jahren hat sie zum ersten Mal an einem Kurs in der Sternwarte teilgenommen. Seither ist sie leidenschaftliche Astronomin. Mit einem Teleskop, so Anna Cairati, könne man nicht nur ferne Objekte im Universum betrachten, sondern auch in der Zeit zurückreisen. Ihre Begeisterung ist ansteckend. Wenn sie von Himmelskörpern wie eben Wirtanen spricht, klingt es so, als ob sie über alte Bekannte reden würde.
Wirtanen ist ein vergleichsweise winziger Komet mit einem Durchmesser von etwa 1000 Metern, «eine kleine Nebelwolke», beschreibt Anna Cairati ihn. Er ist ungleich kleiner als beispielsweise der Komet Hale-Bopp, der Ende der 90er-Jahre zu sehen war. Dafür ist Wirtanen ein regelmässiger Gast, der sich alle sechs Jahre unserem Planeten nähert und bei optimalen Bedingungen sogar von Auge zu sehen ist. Am besten zu sehen war er vor einigen Tagen. Man findet ihn aber auch jetzt noch im Südosten über dem Sternbild Orion. Die besten Bedingungen gibt es nach Mitternacht, wenn der Mond mit seinem störenden Licht untergegangen ist. Ende Dezember verschwindet Wirtanen dann wieder für 5,5 Jahre in den dunklen Weiten des Alls.
Ob es sich bei Wirtanen auch um den Himmelskörper handelt, der bei der Geburt Christi erschien, ist unsicher. Laut Matthäus-Evangelium (2,1-10) muss der Stern von Bethlehem wesentlich spektakulärer als eine Nebelwolke gewesen sein: «Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.» Die Existenz des Sterns von Bethlehem ist auch wissenschaftlich umstritten.
Jahrhundertelang wurden Kometen bewundert und als himmlische Zeichen oder göttliche Warnung betrachtet. Nicht überall aber wurden sie gern gesehen. Zuweilen galten sie sogar als böses Omen, wie Francesco Fumagalli (60), Astronom und Leiter der Sternwarte Calina, erzählt. So hielt man Kometen im antiken Griechenland für Gasschwaden aus verwesenden Bereichen der Erde, die bei ihrem Aufstieg in die Atmosphäre von der Sonne erwärmt werden und entflammen. So wurde laut Fumagalli auch der charakteristische Schweif erklärt. Heute wissen wir, dass Kometen Himmelskörper aus Eis, Gestein und Staub sind. Wenn sich einer der Sonne nähert, verdampfen seine äusseren Eisschichten. Um den Kern bildet sich eine Staubwolke, die Koma (Griechisch «kométes»), und es entsteht der typische Schweif.
Wirtanen strahlt heller als erwartet
Etwas später blickt Fumagalli durch das Teleskop. Er ist überzeugt, an diesem Abend gute Chancen zu haben, den Kometen zu erblicken. «Wirtanen hat die Erwartungen übertroffen und strahlt hundertmal heller, als anfangs berechnet wurde», erklärt er. Das hängt auch damit zusammen, dass er dieses Jahr der Erde sehr nahe kommt. Fumagalli richtet das grosse Teleskop aus: Zuerst beobachtet er die Andromedagalaxie, das einzige extragalaktische Objekt, das auch mit blossem Auge zu erkennen ist. Anschliessend wendet er sich dem «Kinderzimmer» des Weltalls zu – dem Orionnebel, in dem neue Sterne entstehen.
Der Komet Wirtanen lässt sich in dieser Nacht nicht erblicken: «Vielleicht ist die Lichtverschmutzung zu hoch, vielleicht aber verblasst er neben dem hell strahlenden Mond? Schwer abzuschätzen», sagt Fumagalli. Um die Enttäuschung der Besucher über die ausgebliebene Begegnung mit dem Kometen wettzumachen, richtet er das Teleskop neu aus: «Fliegen wir zum Mond!»
Atemberaubende Bilder
Was man dann durch das Teleskop sieht, ist atemberaubend: Die Mondoberfläche ist in allen Einzelheiten zu sehen. Die Konturen scheinen etwas zu zittern, aber vielleicht ist es auch nur die Reaktion der Besucher auf diese ausserirdische Schönheit. Man versteht, dass für Menschen wie Francesco Fumagalli und Anna Cairati dieser Zauber wohl niemals verfliegen wird: In den kommenden Nächten werden sie wieder Ausschau halten nach dem Kometen. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bleiben nur noch ein paar Nächte, in denen Sie Ihr Glück mit Wirtanen versuchen können. Die nächste Möglichkeit wird sich erst in sechs Jahren bieten.
Die Antworten stehen in den Sternen
Was sie schon immer über Astronomie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten: Wir haben es gemacht und haben Stefano Sposetti (60), Präsident der Astronomischen Gesellschaft des Tessins, mit Fragen konfrontiert.
Wie wird der Name eines neuen Planeten festgelegt? Warum werden dazu komplizierte Kürzel verwendet?
Neue Planeten werden aufgrund ihrer Bewegungsmuster entdeckt. Die erste Kennzeichnung enthält Ziffern und Buchstaben, die auf den Zeitpunkt der Entdeckung hinweisen. Erst wenn weitere Positionsmessungen vorgenommen wurden und die Umlaufbahn mit der erforderlichen Präzision festgelegt ist, wird dem Planeten eine einfachere Bezeichnung und vielleicht sogar ein Name zugewiesen.
Was ist der Unterschied zwischen einem Kometen und einer Sternschnuppe?
Ein Komet ist ein Himmelskörper, der sich weit weg von der Erde befindet und eine Staubwolke oder einen leuchtenden Schweif hat. Kometen lassen sich gewöhnlich mehrere Tage oder sogar Monate beobachten. Eine Sternschnuppe ist ein kurzes Phänomen, das höchstens ein paar Sekunden dauert. Sie entstehen, wenn feste Materie auf die Erdatmosphäre trifft.
In der Umlaufbahn der Erde befinden sich mehr als 29 000 Objekte, Satelliten- und Raketenbruchstücke, die grösser als 10 Zentimeter sind. Kann man die sehen?
Natürlich. Die grösseren sogar von blossem Auge, wenn sie das Sonnenlicht reflektieren. Die kleineren kann man mit einem Radarsystem erfassen. Die Universität Bern widmet sich dieser Aufgabe.
Worin unterscheiden sich Planeten von Sternen?
Ein Planet ist ein Objekt, das sich bewegt. Darin unterscheidet er sich von einem Stern. Auch die Sterne bewegen sich im Weltall, jedoch so langsam, dass sich ihre Bewegung auf der menschlichen Zeitskala nicht erfassen lässt. Der Grund dafür liegt in der enormen Entfernung. Aufgrund ihrer Unbeweglichkeit werden solche Sterne Fixsterne genannt. Ihre Entfernung konnte erst nach der Erfindung des Fernglases gemessen werden.
Welche astronomischen Begegnungen erwarten uns 2019?
Am 21. Januar findet eine totale Mondfinsternis statt, und am 16. Juli eine partielle. Es wird auch zwei Sonnenfinsternisse geben, die jedoch bei uns nicht beobachtet werden können. Am 11. November wird Merkur über die Sonne wandern. Ich habe dieses Phänomen 2003 über ein Teleskop beobachtet. Wunderschön. Das sollte man nicht verpassen. Viele Sternwarten bieten regelmässig öffentliche Vorführungen an.
Haben astronomische Ereignisse auch die Geschichte unseres Planeten beeinflusst?
Es gibt Ereignisse, deren Folgen wir bis heute spüren, etwa Einschläge von Asteroiden oder Kometen. Zu diesen gehört unter anderem der Einschlag eines Meteoriten von der Grösse des Mount Everest, der vor 66 Millionen Jahren in den Golf von Mexiko stürzte und das Leben auf der Erde auslöschte. 2013 stürzte ein viel kleinerer Meteor nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk in den Tschebarkulsee. Da gab es «nur» viele Verletzte.
Gibt es andere Himmelsphänomene, die mit Mythen oder historischen Ereignissen verknüpft sind?
Es existieren Überlieferungen. So habe Kolumbus während einer seiner Reisen in die Neue Welt die Eingeborenen in Schrecken versetzt, indem er eine Mondfinsternis voraussagte. Im Jahr 1572 ist im Sternbild Kassiopeia ein neuer Stern erschienen, der über ein Jahr lang zu sehen war. Der Astronom Tycho Brahe mass seine Position über mehrere Monate hinweg und stellte fest, dass das Objekt zur Sphäre der Fixsterne gehörte.
Stimmt es, dass das Leben auf der Erde mit einem Meteoriten zu unserem Planeten gereist ist?
Diese Hypothese gilt als sehr glaubwürdig. Belegt ist sie jedoch nicht. Vor Milliarden von Jahren wurde die Erde von Himmels- körpern bombardiert, die unseren Planeten mit neuen Materialien bereicherten.
Was unterscheidet einen Meteoroiden von einem Meteor oder einem Meteorit?
Bevor ein Objekt auf die Erdat- mosphäre trifft, spricht man von einem Meteoroid. Als Meteor wird das Phänomen des Aufleuchtens bezeichnet. Ein Meteorit ist hingegen ein fester Körper, den man auf dem Boden findet. Nicht alle Meteoroiden überleben den Zusammenstoss mit der Erde, sondern verglühen beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Deshalb sind Meteoriten sehr selten zu finden.
Welche wissenschaftlichen Belege über den Stern von Bethlehem gibt es?
Seine Existenz gilt bis heute als umstritten. Viele Experten haben sich mit diesem Thema befasst, ohne zu einem einstimmigen und endgültigen Ergebnis zu kommen. Wie es scheint, ist während des fraglichen Zeitraums eine besondere, auffällige Planeten- oder Sternenkonstellation entstanden.