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Der Erfinder Ernst Weber-Stierlin
Lukrezia Seiler-Spiess
Riehen war nie ein Industrieort von Bedeutung. Zwar entstanden auch hier um die Jahrhundertwende einige kleinere Fabrikanlagen - so an der Weilstrasse, am Eisenbahnweg, am Bachtelenweg und später an der Lörracherstrasse doch vermochten diese nicht, dem Bauerndorf Riehen einen industriellen Stempel aufzudrücken. Dass aber trotzdem in Riehen immer wieder Männer wirkten, die durch ihre Erfindungen und technischen Weiterentwicklungen wichtige industrielle Akzente setzten, ist iveniger bekannt. In Riehen wurden so interessante Dinge wie der Stockschirm «Protector», ein Vorfahre des heutigen «Knirps»Schirms, oder die in der Schweizer Armee jahrzehntelang verwendete «Weberbahre» erfunden, und aus dieser Gemeinde trat die veredelte und verfeinerte «Apina»-Zellstoffwatte ihren Weg durch halb Europa an.
Der Erfinder Ernst Weber-Stierlin
Ein Erfinder und Tüftler ganz besonderer Art war Ernst Weber-Stierlin. Er wurde am 31. Dezember 1866 als ältester Sohn des Karl Weber-Unholz geboren, der 1861 von Reigoldswil nach Riehen eingewandert war und hier 1862 sein Geschäft an der Baselstrasse 46 (heute Firma N. + J. Wenk) eröffnet hatte. Ernst Weber besuchte das Gymnasium in Basel, wandte sich aber bald dem Kaufmannsstand zu und absolvierte die Lehre in einem Basler Exporthaus. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Hamburg kehrte er ins väterliche Geschäft nach Riehen zurück; am 30. September 1897 schloss er die Ehe mit Bertha Fanny Stierlin, die ihm zwei Kinder schenkte (Ida 1898-1951 und Hans Albert 1901-1961). Seine technische Begabung und sein Erfindergeist müssen aussergewöhnlich gross gewesen sein, und so entschloss er sich, 1898 am Weilerweg 41 (heute Bachtelenweg) eine Fabrik zu bauen für «Feinmechanische Arbeiten, Anfertigungen aller vorkommenden Arbeiten der Bauschlosserei, Fabrikation von Kochherden etc.», wie auf einem Briefkopf aus dem Jahre 1898 zu lesen steht. Schon im folgenden Jahr nannte er die Firma «StockschirmFabrik E. Weber & Cie.», denn nun produzierte er den Stockschirm «Protector», den Vorläufer unseres heutigen «Knirps», für den er bereits am 24. März 1890, zusammen mit J. H. Rief, Hamburg, das Patent eingereicht hatte. Der «Protector» bestand aus einem Spazierstock, dem darin verborgenen Schirmgestell und einem Stoffüberzug, der im Bedarfsfall darübergelegt und aufgespannt wurde - ein Modell, das uns heute etwas kompliziert dünkt, in der Reklame der Firma Weber aber begeistert als «der Zukunftsschirm des zwanzigsten Jahrhunderts» gepriesen wurde. Der Werbetext für das neuartige Parapluie gipfelte in den Worten: «...willst ...wasserdicht die Welt durchziehen, kauf den <Protector> du von Riehen.»
Wohl die berühmteste Erfindung Ernst Webers war die Weberbahre, eine zweigeteilte Tragbahre, die während Jahrzehnten in der Schweizer Armee gute Dienste leistete. Sie hatte eine Vorläuferin in der «Zusammenlegbaren Tragbahre», welche Ernst Weber im Jahre 1900 zum Patent angemeldet hatte und nun in seiner Fabrik in Riehen herstellte. Ein Attest der Sanitätskolonne Schopfheim aus dem Jahre 1901 rühmte: «Die Handhabung der Bahre ist eine äusserst einfache und schätzen wir den Umstand, dass die Trage leicht transportiert und von einem Mann bequem getragen werden kann, sehr. » Und der Frankfurter Samariter-Verein hielt «die Konstruktion für eine recht ingeniöse, und die praktische Brauchbarkeit, insbesondere durch Herabsetzung des Gewichtes durch Verwendung leichteren Materials, für ausser Zweifel stehend». Um diese Forderung, eine Herabsetzung des Gewichts, zu erreichen, kam Weber auf die glänzende Idee, eine geteilte Tragbahre zu entwickeln, deren beide Hälften nur je 4Vi kg wogen. Er liess sie 1905 patentieren. Diese Bahre erweckte sehr schnell internationales Interesse. An der Internationalen Ausstellung für angewandte Hygiene in Paris 1905 wurde sie mit dem «Grand Prix mit goldener Medaille» ausgezeichnet. Und der «Fonds international de la Croix-Rouge Impératrice Marie Feodorovna» des russischen Roten Kreuzes zeichnete 1907 «Monsieur Weber (Suisse)» mit einer Ehrenurkunde aus. Doch trotz dieser Anerkennung geriet Ernst Webers Firma - sie nannte sich seit 1902 «Industrie-Actien-Gesellschaft Riehen» mit Filiale in Lörrach zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Sei es, dass Weber sich beim Bau der Fabrikanlage finanziell übernommen hatte - ein Briefkopf aus dem Jahre 1900 zeigt die geräumigen Fabrikationsgebäude, das Wasserrad am Mühleteich und das stolze Wohnhaus, das heute noch am Bachtelenweg steht - sei es, dass seine kaufmännische Begabung dem technischen Genie nicht entsprach - fest steht, dass Ernst Weber 1905 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und seine Fabrik in Riehen schliessen musste.
Wenige Jahre später nahm Ernst Weber an der Forchstrasse 138 in Zürich die Fabrikation der zweiteiligen Tragbahre im grossen Stil wieder auf. Ab 1908 konnte er die Schweizerische Armee mit seiner Erfindung beliefern, wo sie unter dem Namen «Zweiteilige Ordonnanz-Krankentragbahre der eidgenössischen Sanitätstruppen - System Weber» eingeführt und bis zum Jahre 1957 ununterbrochen verwendet wurde. In einem Schreiben vom 8. November 1922 bescheinigt die Kriegstechnische Abteilung des Schweiz. Militärdepartements, «dass die Firma E. Weber seit dem Jahre 1908 bis heute für die schweizerische Armee total zirka 10 000 Stück Tragbahrenhälften 'System Weber' als Sanitätsmaterial geliefert hat. Die Lieferungen der Firma Weber waren von guter und gewissenhafter Ausführung.» Jeder Sanitätssoldat der Schweizer Armee, - vom Ersten bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg - kannte die Weberbahre, die wie ein Gewehr getragen wurde, und noch im «Lehrbuch für den Sanitätsdienst der Schweizeri sehen Armee 1952» sind der Handhabung der Weberbahre acht Seiten gewidmet.
Nach diesem grossen Erfolg ruhte Ernst Weber keineswegs auf den Lorbeeren aus, im Gegenteil: er liess eine Erfindung um die andere patentieren. Im grösseren Stil produzierte er das Sprudelbad, einen Apparat, der dem gewöhnlichen Badewasser Luft zuführte und dadurch «eine angenehm belebende, nervenstärkende und herrlich erfrischende Quelle des Wohlbefindens für Gesunde und Kranke» wurde, wie der Prospekt ausführt. Aus der langen Liste weiterer Erfindungen und Patente möchten wir nur einige wenige herausheben: Schirm- und Stockhalter (1894), Druckluftzerstäuber (1906), Vorrichtung zum automatischen Durchlüften von begrenzten Räumen (1907), Zusammenlegbares Bett (1915), Verfahren und Anlage zur Herstellung von Druckknöpfen (1916), Apparat zum Komprimieren von Luft mittels Druckwasser (1921), Mähmaschine mit Motorantrieb (1926) usw. usw. Ein Teil der Erfindungen wurde in seiner Firma ausgewertet, die nach seinem Tode im Jahre 1930 von seinem Sohn weitergeführt wurde.
Wenn Ernst Weber auch nur einen kleinen Teil seiner Schaffensjahre in Riehen verbrachte, bleibt sein Name doch untrennbar mit dieser Gemeinde verbunden, der er von 1899-1900 auch als Mitglied des Gemeinderates diente. Sein reger Erfindergeist weckt auch heute noch Bewunderung.