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Thomas Piketty stellt die Fundamentalfrage
Der französische Ökonom hat einen Wälzer verfasst, in dem er den Kern der kapitalistischen Entwicklung untersucht und er warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft.
«Capital in the Twenty-First Century» heisst das 640-Seiten Werk. Die eben erschienene englische Ausgabe ist bei Amazon bereits Nummer eins unter den Wirtschaftsbüchern und unter den Wirtschaftsblogs wird das Werk weltweit bereits intensiv debattiert. Die französische Ausgabe ist zwar schon seit dem letzten Jahr vorhanden – aber wer liest schon französisch? Ökonomen schon gar nicht, ausser den französischen.
Pikettys Grundthema ist das der wachsenden Ungleichheit. Allerdings geht er es sehr viel umfassender an, als es gewöhnliche ökonomische Schriften der jüngsten Zeit tun. Es geht ihm nicht darum, ob einige mehr haben oder mehr verdienen als andere. Es geht ihm um einen möglichen tiefgreifenden ökonomischen Prozess, der die gesellschaftlichen Verhältnisse fundamental umkrempeln könnte. In diesem Zusammenhang greift er Fragen auf, die bereits intensiv debattiert werden:
- Gehen wir in Richtung einer Gesellschaft, in der eine kleine Schicht sehr mächtiger und sehr reicher Leute alle wesentlichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereiche durch finanzielle, wirtschaftliche und politische Macht dominiert und die eigene Macht auch über weitere Generationen hinweg erhalten kann?
- Ist die Zeit der grossen Produktivitätsschübe vorbei und wird daher das Wirtschaftswachstum deutlich geringer ausfallen als bisher?
- Werden die Möglichkeiten für die Mehrzahl der Menschen in in Bezug auf viele wichtige Dimension abnehmen: Etwa in Bezug auf politische Mitbestimmung, auf berufliche Entfaltungsmöglichkeiten, auf soziale Mobilität, auf die Wahl des Wohnorts und die Chancen für den eigenen Nachwuchs.
Solche Sorgen drücken sich bereits in einer Reihe von Büchern und Aufsätzen aus, die schon jetzt weltweit grossen Anklang finden, etwa im Werk von Robert Gordon zum Ende der grossen Produktivitätsfortschritte, im Werk von Erik Brynjolfsson zur gegenteiligen Ansicht über die grossen Änderungen, zu den denen die neuen Technologien führen, im Werk von Tyler Cowen zur scharfen Spaltung der Gesellschaft, zu der diese Entwicklungen führen sollen oder in den Debatten zu einer «Secular Stagnation» wie sie Larry Summers aufgebracht hat.
Wie Piketty festhält, war die Ungleichheit des Reichtums und der Entwicklungschancen das grosse Thema der klassischen Ökonomen Thomas Malthus, David Ricardo und Karl Marx, von denen jeder argumentiert hat, dass die wirtschaftliche Entwicklung letztlich die gesellschaftlichen Gegensätze verschärfen müsse – auch wenn sie sich in ihrer Analyse deutlich unterschieden haben: Bei Malthus war die ständige Tendenz zu Überbevölkerung der Grund für die Chancenlosigkeit der Massen. Bei Ricardo war es die Knappheit des Bodens und dessen steigender relativer Wert, die den Landbesitzern Dominanz ermöglichen werde und bei Marx war es schliesslich der Klassengegensatz zwischen Arbeitern und Kapitalisten.
Die Prognosen erwiesen sich alle vor allem aus einem Grund als falsch: die klassischen Ökonomen haben den technologischen Wandel unterschätzt, der letztlich allen Schichten eine deutliche Wohlstandszunahme beschert hat und – wie Piketty schreibt – ein Gegengewicht zum Prozess der Reichtums-, bzw. Kapitalkonzentration bildete. Innovationen haben eine schöpferische Zerstörung zur Folge, wie Joseph Schumpeter gelehrt hat: Sie verdrängen hergebrachte Produkte, Prozesse und die mit ihnen verbundenen Pfründen.
Vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Ungleichheit auf ein Tiefstmass. Das führte Simon Kuznets, der zuerst im grossen Ausmass Daten zum Thema gesammelt hat, zur Schlussfolgerung, dass eine stark steigende Ungleichheit die Folge der kapitalistischen Frühentwicklung ist, die sich aber in einem fortgeschrittenen Stadium durch Konkurrenz, Innovationen und freie Märkte wieder zurückbildet. Die Folgerung daraus: Herrscht in einem Land noch hohe Ungleichheit, ist das nur ein vorübergehendes Problem, solange die Politik die wirtschaftliche Entwicklung nicht behindert.
Die Prognose-Irrtümer der klassischen Ökonomen rechtfertigen allerdings für Thomas Piketty nicht, dass ihr Thema innerhalb der Ökonomie an Bedeutung verloren hat, bzw. nur noch in rein theoretischen und oft ideologisch untermalten Debatten abgehandelt wird. Für den Ökonomen gibt es keinen Grund für die Annahme, dass auf freien Märkten über die Dauer eine automatische Entwicklung zu mehr Ausgewogenheit stattfindet, wie es Kuznets angenommen hat. O-Ton Piketty:
«The economists of the nineteenth century deserve immense credit for placing the distributional question at the heart of economic analysis and for seeking to study long term trends. Their answers were not always satisfactory, but at least they were asking the right questions. There is no fundamental reason why we should believe that growth is automatically balanced… For far too long, economists have neglected the distribution of wealth, partly because of Kuznets’s opimistic conclusions and partly because of the profession’s undue enthusiasm for simplistic mathematical models…»
Die Skepsis Pikettys gegenüber dem üblichen Zugang der Ökonomen zum Thema Ungleichheit hat ihn veranlasst, sich wie schon Kuzsets (und auf seiner Forschung aufbauend) sehr intensiv mit Daten zur ökonomischen Verteilung auseinanderzusetzen. Zusammen mit dem Ökonomen-Kollegen Emmanuel Saez hat er eine umfangreiche Statistik dazu begründet. Für dieses Werk war er bisher in der Ökonomenzunft vor allem bekannt. Hier zum Beispiel ein umfangreiche Excel-File zur Entwicklung der Ungleichheit in den USA.
Piketty sieht im wesentlichen zwei Treiber für die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern. Sie werden durch die folgenden beiden Grafiken aus der Einleitung seines Buches verdeutlicht.
Die erste Grafik zeigt am Beispiel der USA den Einkommensanteil der reichsten 10 Prozent in den 100 Jahren zwischen 1910 und 2010. Die Einkommensunterschiede werden von Ökonomen oft mit der Nachfrage nach besonderen Fähigkeiten in Zeiten eines starken technologischen Wandels erklärt («Skill biased technological change»). Piketty hält dagegen die Erklärung für besser mit den Daten vereinbar, dass die Entwicklung vor allem den Einfluss von Topmanagern zeigt, die ihre Macht dafür nutzen, sich selbst hohe Einkommen zuzuschanzen, ohne dass das mit einer messbaren Produktivität von ihrer Seite erklärt werden könnte. Obwohl diese Ursache von Ungleichheit vor allem die öffentliche Debatte bestimmt und im Buch behandelt wird, hält sie Piketty nicht für die wichtigste.
Problematischer ist für ihn eine Ungleichheit, die bestehende Vermögensverhältnisse und dadurch auch gesellschaftliche Macht- und Chancenverhältnisse zementiert. Und deshalb setzt er beim Kapital an, dass er mit dem Vermögensbestand gleich setzt, dabei aber an Personen gebundene Kapitalbegriffe wie «Humankapital» ausschliesst. Die zweite Grafik zeigt am Beispiel von europäischer Staaten das Verhältnis des Kapitalbestands zum jährlichen Gesamteinkommen. Ein Wert bei 700 Prozent bedeutet daher, dass in diesem Jahr der Kapitalbestand dem Siebenfachen des Gesamteinkommens in diesem Jahr entsprochen hat.
Die Ungleichheit dieser Art erhöht sich immer dann automatisch und die Besitzverhältnisse zementieren sich, wenn sämtliche Einkommen aus dem Kapital – (ob sie nun als Zins, Profite, Renten, Dividenden, Kapitalgewinne usw. bezeichnet werden) prozentual stärker zunehmen als das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Piketty fasst das in der Formel r > g zusammen. r steht für die Kapitaleinkünfte und g für das Wirtschaftswachstum und damitr jenes der Gesamteinkommen. Laut Piketty war r bis zum 19. Jahrhundert in der Geschichte tatsächlich meist grösser als g und wird es seiner Ansicht nach auch im 21. Jahrhundert bleiben. Die grössere Gleichheit in dieser Beziehung im 20. Jahrhundert bis nach dessen Mitte erklärt sich Piketty mit den grossen politischen Umwälzungen, den Weltkriegen und den schweren Wirtschaftskrisen dieser Zeit, die den hergebrachten Vermögen deutlich zugesetzt haben.
Diese These ist selbstverständlich angreifbar und angesichts der zwingenden Ungewissheit über die zukünftige Entwicklung kann sie trotz all der zusammengetragenen Daten weder belegt noch verworfen werden. Auch Piketty selbst warnt in seinem Buch eindrücklich und mehrmals vor Prognosen in Bezug auf die Entwicklung der Ungleichheit, dafür würden nicht abschätzbare politische Entwicklungen eine viel zu grosse Rolle spielen. Er versteht sein Buch daher in erster Linie als Warnung vor einer gefährlichen Entwicklung und vor dem Fehlschluss, Automatismen in der wirtschaftlichen Entwicklung würden früher oder später automatisch zu Gegenbewegungen eines solchen Auseinanderdriftens in den Vermögensverhältnissen führen.
Meinem Eindruck nach ist sein Mammutwerk die wohl bisher beste Auseinandersetzung mit dem Thema, nicht zuletzt auch wegen dem reichen Schatz an Daten. Dabei ist es nicht nötig, dass man jeder Schlussfolgerung von Piketty zustimmt. Das Buch wird kaum das letzte Mal in diesem Blog thematisiert.