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In die unterirdischen Grubengänge von einst pflegte der Bergarbeiter einen Kanarienvogel mitzunehmen, der ihn bei Gefahr warnen sollte. Fing der Kanarienvogel an zu singen, war das ein Vorzeichen, dass Unheil in der Luft lag, Brandgefahr oder gar eine Explosion.
Wir, Künstler und Kulturschaffende, sind gleichsam wie der Kanarienvogel der Schweizer Gesellschaft, er singt, aber der Bergarbeiter ist so beschäftigt, dass er ihn nicht hört.
Der Kanarienvogel sagt, dass die Schweiz ein Einwanderungsland geworden ist. Jeder dritte Bewohner ist im Ausland geboren oder besitzt einen im Ausland geborenen Elternteil. 33 % der Bevölkerung entstammen der Immigration. Dieser Prozentsatz gehört zu den höchsten der Welt – in den Vereinigten Staaten sind es bloss 15 %. In der Schweiz stammt bei jedem zweiten Paar einer der beiden Partner aus der Immigration, entweder direkt oder über Vater oder Mutter. Der Kanarienvogel sagt, dass sein Land sich einer starken Einwanderung erfreut. Aber der Bergarbeiter sagt, die Schweiz gehöre den Schweizern und nicht den Zugewanderten; und er mag es nicht, diesen Rechte zuzugestehen.
Ebenso sagt der Kanarienvogel, dass sein Land von seinen weltweiten Verflechtungen lebt. Jeder seiner Einwohner exportiert jährlich Güter im Wert von 26'000 Dollar, sechsmal mehr als ein Einwohner der USA und sechzehnmal mehr als ein Chinese. Kein Land hat deshalb die anderen so nötig wie die Schweiz. Aber der Bergarbeiter glaubt, er sei nicht auf den Rest der Welt angewiesen.
Der Kanarienvogel stellt auch fest, dass der Bankensektor halb so viele Arbeitsplätze zählt wie der Maschinenbau und drei Mal weniger als das Gesundheitswesen. Der Kanarienvogel stellt fest, dass die Schweiz ein Land von Krankenschwestern ist, von Ingenieuren, Kauffrauen und Technikern, nicht nur von Bankern. Der Anteil am Reichtum des Landes, den die Banken hervorbringen, liegt unter 7 %. Aber der Bergarbeiter ist in seine Ideologie verliebt und identifiziert sich noch so gerne mit dem Unglück seiner Bank und mit den vielen politischen Parteien, die von ihr subventioniert werden, damit sie mit ihr zusammen jammern können.
Der Kanarienvogel in seinem schön vergoldeten Käfig kann sich nur bemerkbar machen, indem er singt. Er singt von der Wirklichkeit des Landes, nicht von seiner Ideologie. Wie viele Kanarienvögel vor ihm, Künstler und Kulturschaffende auch sie, bezeugt der Kanarienvogel von heute, dass eine andere Schweiz möglich ist. Deshalb müsste der Bergarbeiter wissen: Wenn ein Vogel singt, so lässt nichts darauf schliessen, dass er nächstens aufhören wird.
Die unten aufgeführten Künstler und Kulturschaffenden unterstützen das Kanarienvogelmanifest und verpflichten sich, weiterhin von der Wirklichkeit des Landes zu singen und ihre Stimme zu erheben gegen eine populistische Ideologie.
Daniel de Roulet