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Dossier: Johannes Gast, Geschichtensammlungen
Einführung: Clemens Schlip (traduction française: Kevin Bovier). Version: 10.02.2023.
Wir behandeln in diesem Dossier die untenstehend angeführten Werke. Zum Entstehungszeitraum lassen sich jeweils keine exakten Aussagen machen, bei einem Vielschreiber wie Johannes Gast ist aber grundsätzlich von eher kurzen Arbeitsprozessen auszugehen. Für den Tomus secundus convivalium sermonum von 1548 lässt sich zumindest festhalten, dass sein Entstehen dem Erfolg des 1541 erschienenen und mehrfach nachgedruckten ersten Bandes dieses Sammelwerks zu verdanken ist; und der Tomus tertius convivalium sermonum von 1551 entstand naturgemäss nach dem Tomus secundus von 1548. Handschriften sind zu allen diesen Werken nicht mehr vorhanden.
De virginitatis custodia, stupri vindicta uxorum in viro pietate et perfidia, de scortationis scelere et eius poena, de moribus ac virtutibus variarum gentium libri quatuor, Basel, Winter, 1544.
Tomus secundus convivalium sermonum, partim ex probatissimis historiographis, partim exemplis innumeris, quae nostro seculo acciderunt, congestus, omnibus verarum virtutum studiosis utilissimus, Basel, [Brylinger], 1548.
Tomus tertius convivalium sermonum partim ex probatissimis historiographis, partim exemplis innumeris, quae nostro seculo acciderunt, congestus, omnibus verarum virtutum studiosis utilissimus, Basel, [Brylinger?], 1551.
Leben
Johannes Gast (latinisiert: Johannes Gastius oder Johannes Peregrinus) wurde um 1500 in Breisach am Rhein geboren. Als junger Mann unternahm er ausgedehnte Studienreisen, die ihn durch das Reich und die angrenzenden Teile Osteuropas bis ins heutige Budapest und nach Breslau führten; in Buda war er vermutlich Schüler des Simon Grynaeus. Einen akademischen Grad hat Gast allerdings weder damals noch später erlangt, und so nennt er sich in seinen Büchern regelmässig theologiae candidatus oder studiosus. Dessen ungeachtet belegen seine Werke enorme Kenntnisse in der antiken, patristischen und humanistischen Literatur, die er sich durch eine weitgespannte intensive Lektüre erwarb. Ob er, wie vermutet worden ist, nach seiner Rückkehr zunächst Landpfarrer im Breisgau wurde, ist ungewiss, ebenso, wann genau er nach Basel kam. 1524 hörte er dort jedenfalls Predigten des Johannes Oekolampad. Bis 1528 scheint sich Gast immer wieder, aber nicht ausschliesslich, in Basel aufgehalten zu haben. Im Mai 1529 ist er im Protokoll der ersten Synode erstmals als Diakon an St. Martin in Basel aufgeführt, ein Amt, das er mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tod am 26. Juli 1552 innehatte, ohne (zu seinem grossen Leidwesen) je in den Genuss einer Beförderung zu kommen. Die erwähnte Unterbrechung war die Folge einer im Frühjahr 1545 über ihn verhängten Amtsenthebung, mit der er dafür bestraft wurde, dass er in einem Brief acht Jahre zuvor das Bestreben von Universität und Rat kritisiert hatte, sich die Geistlichkeit untertan zu machen. Gast unterhielt briefliche und persönliche Beziehungen zu wichtigen Persönlichkeiten im Ausland. Im Bullinger-Briefwechsel haben sich 193 Briefe Gasts an den Zürcher Reformator sowie vier von diesem an Gast erhalten (zwei der letztgenannten waren zugleich an Oswald Myconius adressiert). Über Bullinger entstanden auch Kontakte zu weiteren Zürchern wie Conrad Gessner, dem Gast über den Antistes das Bild eines in der Nähe von Basel aufgetauchten ungewöhnlichen Vogels, eines «trapp» oder «gyrr» zukommen liess. Ausserdem haben sich nicht wenige Briefe Gasts an den Strassburger Theologen Konrad Hubert erhalten. Für seine überaus zahlreichen Publikationen arbeitete Gast eng mit den Basler Druckern zusammen; sein gutes Verhältnis zu Männern wie Johannes Oporin ist auch durch Taufpatenschaften belegt. Abgesehen von Freiexemplaren und gelegentlichen Geschenken von Widmungsempfängern brachte die Schriftstellerei ihm unter den damaligen Bedingungen allerdings materiell nichts Nennenswertes ein, und da Gast als Diakon nur eine untergeordnete Position innehatte, lebte er trotz seines nicht unbeachtlichen literarischen Ruhmes mit Frau und elf Kindern oft in eher schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Man wird festhalten dürfen, dass die Basler ihm eine Position, die einem Mann seiner Arbeitskraft und seines geistigen Ranges zugestanden hätte, zeitlebens verweigert haben. Am 26. Juli 1552 fiel er der damals in Basel grassierenden Pest zum Opfer.
Werk
Johannes Gast publizierte zwischen 1533 und 1552 insgesamt 28 Bücher (zwei davon unter einem nicht allzu schwer aufzulösenden Pseudonym: Johannes Peregrinus), wobei sich seine Leistung allerdings in den meisten Fällen auf die Herausgabe und Kommentierung (und gelegentlich auch Übersetzung) der Werke anderer Autoren beschränkte. Ein umfassendes Publikationsverzeichnis des Vielschreibers Gast kann nicht das Ziel dieser Einführung sein, da diese Aufgabe bereits von anderen mustergültig erfüllt worden ist. Wir beschränken uns hier auf eine Skizze des Wichtigsten. So gab Gast Vorlesungen und Predigten Oekolampads heraus, die er zudem teilweise aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzte. Daneben betätigte er sich als Kompilator, der Auswahlausgaben und Anthologien erstellte: erwähnt seien hier eine zwei Bücher umfassende Anthologie mit Epigrammen christlicher Dichter und eine Auswahlausgabe mit exegetischen Kommentaren des heiligen Augustinus, die er bemerkenswerterweise dem katholischen Bischof von Strassburg widmete, der ihm dafür letztlich einen Becher schenkte. Nur eine seiner Publikationen (eine Sammlung Oekolampadscher Predigten) ist in deutscher Sprache abgefasst. Die meisten seiner Schriften widmete Gast «geistlichen und weltlichen Herren in deutschen Städten und Landen», von denen er sich mit mehr oder weniger Erfolg greifbare Gegengaben erhoffte. Erwähnung verdient noch das sogenannte «Täuferbuch», in dem er sich konfrontativ mit dem Auftreten und dem Verhalten der Täuferbewegung auseinandersetzt. Gast wird darin seinem Anspruch einer systematischen Übersicht wenig gerecht und verliert sich im Erzählen von Geschichten. Überhaupt liegt die eigentliche Bedeutung Gasts für die Nachwelt in seiner Tätigkeit als Geschichtensammler und -erzähler, wobei er in den entsprechenden Werken in erster Linie als Kompilator und Bearbeiter fremder Texte hervortritt, die er aber auch durch eigene Beobachtungen und Beiträge ergänzt. Diese Publikationen haben keinen gelehrten Anspruch im engeren Sinne, sondern sollen der Unterhaltung (und gegebenenfalls auch der moralischen Belehrung) dienen. Wir präsentieren auf diesem Portal Textbeispiele aus zwei Sammelwerken Gasts: De virginitatis custodia und den mehrbändigen Conviviales sermones, einer Anekdoten- und Fazetiensammlung, die man als sein schriftstellerisches Hauptwerk ansehen kann. Bei dieser gattungsmässigen Zuordnung ist zu bedenken, dass die Grenzen zwischen den diversen Prosa-Kleinformen (Apophthegma, Anekdote, Fazetie, Schwank, …) oft fliessend ist, und man sollte sich gerade in Gasts Fall vor einem engherzigen Urteil hüten.
De virginitatis custodia
Gast widmete dieses Werk dem 1544 dem damals noch recht jungen elsässischen Freiherrn Egenolf von Rappoltstein (1527-1585), dem Sohn heimlich protestantischer gesinnter Eltern (des 1531 verstorbene Ulrichs IX. von Rappoltstein und dessen Frau Anna Alexandrina); die Herrschaft übte damals allerdings noch sein reformationsfeindlicher Grossvater und Vormund Wilhelm II. von Rappoltstein aus. In der umfangreichen Vorrede lobt Gast in panegyrischer (und eindeutig hyperbolischer) Weise die Gelehrsamkeit des jungen Adligen und erklärt, diesem mit Blick auf seinen vom Grossvater bestimmt bald geplante Verheiratung Beispiele tugend- und lasterhafter Frauen vor Augen stellen zu wollen. Die für Gasts Glaubensgenossen ungünstigen Verhältnisse in Rappoltstein spricht er in dieser Vorrede natürlich nicht an. Gasts Hoffnung auf eine freundliche Gegengabe durch den Widmungsträger scheint in diesem Falle vergeblich geblieben zu sein.
Das Werk umfasst vier Bücher: das erste widmet sich stand- und tugendhaften Jungfrauen, das zweite dem entweder vorbildhaften oder schändlichen Verhalten von Ehefrauen gegenüber ihren Männern, das dritte den Prostituierten und den negativen Folgen ihres Gewerbes, das vierte schliesslich bricht die thematischen Schranken des Frauenthemas auf und sammelt mehr oder weniger kuriose Nachrichten über bemerkenswerte Verhaltensweisen, die sich bei verschiedenen Völkern feststellen lassen. Das chronologische Spektrum der Berichte reicht von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart; die zahlreichen Quellenautoren werden oft, aber durchaus nicht immer, in der Überschrift oder am Ende der einzelnen Geschichten vermerkt.
In unserer Auswahl entnehmen wir dem zweiten Buch eine aufsehenerregende zeitgenössische Nachricht über eine Frau aus Speyer, die 1543 einen von bei ihr einquartierten spanischen Soldaten unternommenen Vergewaltigungsversuch mutig abwehren konnte (Exemplum insigne castae mulieris, anno 1543 – «Das hervorragende Beispiel einer keuschen Frau im Jahr 1543»); dem dritten Buch zwei antike Anekdoten aus dem Hetärenmilieu, die Gast unverändert den Apophthegmata des Erasmus entnahm (der wiederum aus Plutarch geschöpft hatte). Eine von ihnen (Vetula adamata – «Das alte Weib, das geliebt wird») ergänzt Gast um eine persönliche Reminiszenz aus Studientagen an eine gealterte Breslauer Prostituierte, an die er sich offensichtlich durch die Phryne der antiken Anekdote erinnert fühlte. Gerade bei Geschichten wie den beiden letztgenannten ist ungeachtet der von Gast für dieses Werk beanspruchten moralischen Zielsetzung auch eine Lesehaltung vorstellbar, die sich primär an der (milden) Erotik des Erzählten erfreut. Aus dem vierten Buch präsentieren wir einen wohl tatsächlich auf eigene Anschauung Gasts zurückgehenden, von feinem Spott erfüllten Bericht über einen Basler Domherrn, der ein wahrer Hundenarr gewesen sein muss (Canum diligens cura – «Einer kümmert sich liebevoll um seine Hunde»). Über die zugrundeliegende historische Realität hinaus ist diese Gestalt natürlich auch als antiklerikale Karikatur zu verstehen. Der zölibatär und ohne Nachkommen lebende Geistliche, den Gast noch in der vorreformatorischen Periode Basels (vor 1529) kennengelernt haben muss, behandelt seine beiden Schosshunde, als wären sie seine leiblichen Kinder und verzärtelt sie in jeder vorstellbaren Weise, ja, er bedenkt sie sogar in seinem Testament; darüber hinaus verfügt er offenbar über die finanziellen Mittel, sich eine derart dekadente Verhaltensweise leisten zu können, was ebenfalls an Stereotypen über hochrangige Geistliche erinnert. Bemerkenswert ist, dass die Worte und Verhaltensweisen, die Gast ihm zuschreibt, manchem entsprechen, was man auch im heutigen Alltag an manchen Hundebesitzern beobachten kann: Lächerlichkeit ist offensichtlich zeitlos.
Convivales Sermones
Die Convivales Sermones (wörtlich übersetzt: «Gastmahlgespräche») tragen schon in ihrem Namen den Anspruch, bei geselligen Zusammenkünften die Grundlage und den Ausgangspunkt für Unterhaltungen bilden zu können, und schliessen damit an die zeitgenössische «Gesprächskultur gelehrter Kreise» an, die auch in anderen Literaturwerken ihre Spuren hinterlassen hat (ein prominentes Beispiel: die Colloquia familiaria des Erasmus von Rotterdam). Auf die diversen antiken Vorbilder für solche literarisch gestalteten Tafelrunden sei hier nur kurz hingewiesen (die Symposien des Platon und Xenophon, die Deipnosophistae des Athenaios, die Saturnalia des Macrobius etc.). Bei Gast wird die Situation eines Tischgesprächs allerdings nur im Titel evoziert, ohne für die Geschichtensammlung selbst (etwa in Form einer entsprechenden Rahmenhandlung) eine grössere Rolle zu spielen (dass einzelne der Geschichten z. B. aus Wirtshausgesprächen stammen sollen, ändert daran nichts).
Der erste Band der Convivales Sermones erschien 1541 unter dem Namen Johannes Peregrinus Petroselanus und war Burckhardt Nagel gewidmet, der bis 1536 Abt des Klosters Münster in St. Gregoriental gewesen war und sich danach in Mülhausen niedergelassen und verehelicht hatte. Gast entnahm die darin enthaltenen Geschichten einer Vielzahl antiker und moderner Autoren; viele davon nennt er in seiner Vorrede, bei den einzelnen Geschichten ist die jeweilige Quelle nicht immer besonders vermerkt. Man erkennt Einflüsse der Schwankliteratur, und eine antikatholische, antiklerikale und antimonastische Stimmung durchzieht viele der Geschichten. Gast hat manche Geschichten sprachlich überarbeitet, doch weiter geht sein originärer Beitrag nicht. 1542 erschien eine zweite, 1543 eine dritte Auflage, beide nun mit der Namensangabe Johannes Gastius; die dritte war nicht mehr dem mittlerweile verstorbenen Ex-Abt, sondern Ludwig Martroff zugeignet, einem jungen Frankfurter Patrizier und Studienfreund eines Neffen von Gast. 1549 folgte mit der gleichen Dedikation eine vierte, leicht erweiterte Auflage, die eine eigene Vorrede erhielt. Schon davor hatte Gast im Jahr 1548 einen zweiten Band mit Convivales sermones veröffentlicht (gewidmet dem ihm aus seiner Studienzeit bekannten Frankfurter Bürgermeister Konrad Humprecht), der gegenüber dem ersten eine neue Akzentsetzung aufweist: er enthält wesentlich mehr aktuelle Geschichten, darunter auch solche aus Gasts eigenem lokalen und sozialen Umfeld, und bringt bei der Auswahl der Geschichten unverhohlener die ideologischen und konfessionellen Präferenzen des reformierten Basler Diakons zum Ausdruck. 1551 erschien noch ein ähnlich akzentuierter dritter Band. Ungeachtet der stärkeren Orts- und Zeitnähe des zweiten und dritten Bands darf man auch in ihnen Geschichten, die in der ersten Person Singular gehalten sind, nicht unbesehen Gast zuschreiben; er hat bei Geschichten, die er anderen Autoren entnahm, solche Personenangaben in Ich-Form nicht verändert.
Gast äussert sich in einem Brief an Bullinger (vermutlich September 1548) zur Konzeption des zweiten Bandes (und das dort Gesagte dürfte auch für den dritten gelten):
Mitto tibi secundum Convivalium Sermonum librum, in quo praecipua exempla stupri, adultera, proditionis, furti impiorum hominum, quorum magna turba est in Germania, sacerdotum etiam impia vita taxatur.
Ich schicke Dir ein zweites Buch mit Convivales Sermones, in dem besonders aufsehenerregende Beispiele von Unzucht, Ehebruch, Verrat und Diebstahl, die gottlose Menschen verübt haben, von denen es in Deutschland viele gibt, und auch das gottlose Leben von Priestern eingehend gemustert werden.
Wir entnehmen unsere Beispiele bei der Präsentation auf diesem Portal weitgehend dem zweiten Band und bevorzugen dabei, auch mit Blick auf ihr kulturgeschichtliches Interesse, Geschichten, die Gast seiner unmittelbaren Basler und Schweizer bzw. auch der oberdeutschen und elsässischen Umgebung oder eigenen Reiseerlebnissen entnahm. Unmittelbar dem lokalen Erlebniskreis des Wahlbaslers entsprang die Nachricht über einen betrügerischen pseudoaussätzigen Bettler (De leproso – «Von einem Aussätzigen»), der dort 1545 entlarvt und bestraft wurde. In Gasts Schlussbemerkung zu dieser Geschichte kommt eine zeittypisch bettlerkritische Haltung zum Ausdruck. Der köstliche Bericht über einen Gelehrten, der sich allzu eifrig der scholastischen Philosophie in Gestalt der Lehren des Johannes Scotus widmete und darüber wahnsinnig bis hin zum Suizid wurde (De doctore Antonio Brisacensi Scotista – «Über den Doktor Antonius aus Breisach, einen Scotisten») spielt in Gasts alter Heimatstadt und dürfte ihm von dortigen Bekannten zugetragen worden sein. Wenngleich Gast das Los des Scotisten mit Ironie schildert (da spricht aus dem Erzähler eine sowohl humanistisch wie reformatorisch induzierte Abneigung gegen die Scholastik), so zieht er aus der Geschichte für seine Leser die (gut reformatorische, aber etwas gezwungen anmutende) Moral, man solle sich ruhig intensiver mit dem Studium der Heiligen Schrift beschäftigen, wenn jemand wie dieser Mann sich derart eifrig dem Scotus widmen konnte. Das anekdotische Sittenbild eines polyamorös lebenden polnischen Edelmannes (De nobili quodam – «Von einem Edelmann») geht auf Gerüchte zurück, die Gast in Frankfurt an der Oder gehört haben will; er verdankt sein Wissen um diesen Mann also seiner Studienzeit. In diesem Fall enthält er sich des Versuchs, eine Moral aus der erzählten Geschichte zu ziehen und belässt ihr einen rein anekdotischen Charakter. Ein wenig hat man das Gefühl, das ihn dabei eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber dem geschilderten erotisch exzessiven Lebensstil leitet, die selbst andeutet.
Gast konnte bei derartigen Geschichten unzweifelhaft in vielen Fällen auf sein umfangreiches Tagebuch zurückgreifen, das leider nur unvollständig erhalten ist; der Grossteil der uns vorliegenden Einträge findet sich in einer Abschrift, die der Basler Pfarrer Johannes Tryphius einige Jahrzehnte nach Gasts Tod anfertigte (daneben sind kleinere Fragmente bei anderen Autoren erhalten). Der Hang Gasts zu moralisierenden Resümees wird schon in seinem Diarium deutlich. Dass Gast dieses Tagebuch als Materiallieferant für seine Sammelwerke genutzt hat, erklärt er selbst in der Widmungsepistel zum zweiten Band der Convivales Sermones. Zwei der von uns aus dieser Sammlung ausgewählten Geschichten ermöglichen einen direkten Vergleich mit dem Diarium; sowohl den Bericht über die unglückliche, psychisch erkrankte Frau (De muliere lunatica – «Geschichte einer wahnsinnigen Frau»), die sich im Rhein ertränkte, als auch den über einen vom Blitz erschlagenen Maultiertreibers (De fulmine coelesti – «Über einen Blitz vom Himmel») hat Gast zuerst dort notiert, als die entsprechenden Ereignisse in der Stadt diskutiert wurden. Obwohl Gast beide Geschichten mit kurzen theologischen Kommentaren versieht, erinnern sie moderne Leser durchaus an Zeitungsnachrichten. Generell lässt sich feststellen, dass die Todesthematik – und das heisst hier: der plötzliche, unerwartete Tod – Gast offensichtlich fasziniert hat. Der Theologe und reformierte Geistliche Gast verleiht beiden Ereignissen in seinen Convivales Sermones einen geistlichen Sinn, der auf moderne Leser sicher provozierend wirken kann: das Verhalten der Frau erklärt er trotz ihrer familiären Notlage, die er durchaus hervorhebt, letztlich durch diabolische Einflüsterungen, die nahelegen, dass sie zu wenig gebetet hatte. Den Blitzschlag interpretiert er klar erkennbar als Strafe Gottes für einen abergläubischen Katholiken.
Besonders reizvoll ist die Frage nach der Authentizität des Erzählten bei dem Textbeispiel Aliud de Fausto exemplum – «Eine weitere Geschichte von Faust». Gast will in Basel dem Doktor Johann Georg Faust begegnet sein, diesem schon zu Lebzeiten geheimnisumwitterten wandernden Wunderheiler, Alchemisten und Astrologen etc., der erst recht nach seinem Tod zu einer sagenhaften Gestalt wurde, die zahlreichen Werken in Kunst und Literatur als Stoff diente. Er berichtet in diesem Zusammenhang als erster von einem Zauberhund bzw. einem Zauberpferd, die Faust mit sich geführt habe. Aufgrund der belegten Aufenthaltszeiten Gasts in Basel kommen für sein Zusammentreffen mit Faust die Jahre 1525, 1528 oder der Zeitraum ab 1529 in Frage (er selbst nennt keinen genauen Zeitpunkt). Die Historizität dieser Zusammenkunft ist allerdings in der Forschung bestritten worden. Frank Baron meinte in ihr eine gewisse motivische Ähnlichkeit mit einem von Philipp Melanchthon überlieferten Bericht des Willibald Pirckheimer über eine Begegnung seines Vaters mit Abt Johannes Trithemius zu erkennen; dabei handelt es sich um die Schilderung folgender Ereignisse, die Melanchthon in Vorträgen in Wittenberg erwähnte (in der folgenden Version ist der Text nur handschriftlich erschienen; eine verkürzte Druckfassung erschien erst 1563, also erst nach Gasts Tod):
De abbate Spanheimio. Φ. Μ. Pirchamerus mihi aliquando narravit, quod pater suus in legatione quadam profectus esset cum Abbate Spadanensi et cum venissent iuxta sylvam Franconum in sordidum diversorium, quondam amicum Abbatis et socium itineris ioco dixisse ad Abbatem: domine Abbas, curate nobis lautum ferculum piscium bene coctorum. Ibi Abbatem digito fenestram pulsasse et dixisse: Feras ocius ferculum bonorum piscium. Paulo post venisse quondam ac per fenestram exhibuisse lupulae laute apparatum. Abbas apposuit et edit, sed reliqui abstinuerunt.
Über den Abt von Sponheim [Trithemius]. Philipp Melanchthon: Pirckheimer hat mir einmal erzählt, dass sein Vater sich mit dem Abt von Sponheim auf eine Gesandtschaftsreise begeben habe und sie seien nahe des Frankenwaldes in eine schmuddelige Herberge gekommen, und da habe ein Freund des Abtes und Reisegefährte scherzhaft zum Abt gesagt: Herr Abt, verschafft uns doch ein anständiges Gericht mit gekochten Fischen. Da habe der Abt mit einem Finger an das Fenster geklopft und gesagt: Bring mir schnell ein gutes Fischgericht. Kurz darauf sei jemand gekommen und habe ihm durch das Fenster eine stattliche Schüssel mit Hechten gereicht. Der Abt stellte sie auf den Tisch und ass davon, die anderen aber verzichteten darauf.
Auch wenn Barons Annahme einer Beeinflussung Gasts durch Melanchthons Bericht nicht unbedingt überzeugt (da sie mit der unnachweisbaren Behauptung verbunden ist, diese Nachrichten seien handschriftlich oder mündlich von Wittenberg nach Basel gelangt), bereitet Gasts Bericht unleugbare Probleme. Wie schon erwähnt, gibt er für seine Mahlzeit mit Faust keine Jahreszahl an, was diesen Bericht deutlich von vielen anderen Geschichten in den Convivales Sermones unterscheidet. Diese auffällige Lücke kann man unseres Erachtens als weiteres Indiz werten, dass gegenüber seinen Behauptungen Skepsis angezeigt ist. Andererseits muss man sich fragen dürfen, ob Gast es sich hätte erlauben können, nachträglich ein Zusammentreffen mit Faust in Basel an einem durchaus öffentlich sichtbaren Ort (dem Collegium Maius) zu erfinden, da doch das Risiko bestand, dass seine Basler Freunde und Bekannten ihm seine Falschbehauptung aufgrund ihrer eigenen, divergierenden Erinnerungen wohl hätten vorhalten können. Man wird sich mit der Feststellung begnügen müssen, dass eine endgültige Klärung der Authentizität dieses Berichts nicht mehr möglich ist, besonders da Gasts Diarium, von dem man sich in dieser Frage am ehesten Aufschluss erhoffen dürfte, nur unvollständig erhalten ist. Das enthebt uns auch der Verpflichtung, das von Gast geschilderte Verhalten Fausts rationalistisch zu entschärfen. Die Geschichte spiegelt jedenfalls das Interesse Gasts an unheimlichen Phänomenen und Zauberspuk wieder, von dem auch sein Diarium in authentischer Weise Zeugnis ablegt.
Aufmerksamkeit verdient auch die von Gast erzählte Geschichte eines lasterhaften, vom Protestantismus zum Katholizismus rekonvertierten Geistlichen, der nach Abbruch seiner evangelischen Laufbahn im Bernbiet schliesslich als katholischer Priester in Dörfern des Elsass landete, wo er zum Opfer seiner Alkoholsucht wurde (De sacerdote quodam perfido historia horrenda – «Die schaurige Geschichte von einem treulosen Priester»). Man wird davon ausgehen können, dass Gast darüber durch einen oder mehrere seiner Briefpartner in dieser Region informiert wurde. Gast schildert den Untergang dieses Verräters an der evangelischen Sache mit sichtlicher Freude an den abstossenden Details; der Erzähler schwelgt in Schmutz und Grausamkeit und gestattet seinen Lesern so Einblicke in eher verstörende Aspekte der frühneuzeitlichen Mentalität, besonders im ländlichen Milieu. Dass diese Geschichte ihren Höhepunkt auf dem Herrschaftsgebiet der Rappoltsteiner findet, deren ausbleibende positive Reaktion auf die einem der ihren zugedachte Widmung von De virginitatis custodia (s. dazu oben) Gast irritierte, wird wohl kein Zufall sein. Für kundige Leser wurden so auch sie als negative Akteure gebranntmarkt, weil sie einen derart sittenlosen Kleriker auf ihrem Territorium walten liessen – wie es im Übrigen ja auch der Romkirche in den Augen der von Gast anvisierten Leserschaft nur zum Nachteil gereichen konnte, dass sie unter ihren Priestern einen solchen Mann hatte.
In diesem Fall ist der Vergleich mit einem Brief Gasts an Heinrich Bullinger vom 19. September 1544 möglich, in dem er diesem die Geschichte in einer noch wesentlich kürzeren Form vorträgt. Was die Todesursache angeht, so verschieben sich zwischen der Briefversion und der im Sammelwerk die Gewichtungen. Im Brief stellt Gast als erstes das Szenario, wonach die Bauern den Geistlichen die Treppe hinabgestossen hätten, als Tatsache dar (und verwendet dabei den Indikativ Perfekt, der Faktizität suggeriert: praecipitarunt); dann erwähnt er, manche glaubten an einen Unfalltod (ihre Ansicht wird im Konjunktiv Perfekt wiedergegeben, sie verbleibt damit im Raum des bloss Möglichen: praecipitaverit). In den Convivales Sermones stellt er das Geschehen dagegen zunächst als Unfalltod dar und erwähnt dann, manche gingen von einer Fremdeinwirkung aus (hier werden beide Szenarien des Indikativs gewürdigt: praecipitatur bzw. praecipitatus [est]), wobei diese Fremdeinwirkung, wenn es sie gegeben haben sollte, als Tat eines Individuums (a quodam) und nicht einer Gruppe (der Bauern) erscheint. Ausserdem wird im ausführlicheren Bericht der Convivales sermones deutlich, dass die fäkale Demütigung des Priesters durch einige Bauern und sein tödlicher Treppensturz zu unterschiedlichen Tagen und an verschiedenen Orten (in den elsässischen Dörfern Hausen und Rappoltsweiler) stattfanden; der Bericht im Brief erweckt den Eindruck, beides hätte sich unmittelbar nacheinander in Hausen abgespielt.
Zusätzlich zu den bereits genannten Texten bieten wir noch ein Beispiel direkt vom dem Anfang des dritten Bandes der Convivales sermones (Idolum loqui – «Ein sprechendes Götzenbild»), das zeigt, wie Gast ihm vorliegende Berichte über fremde Sitten und Völker gedanklich mit seiner eigenen Erfahrungswelt verknüpfte (was man als gedankliche Leistung nicht geringschätzen sollte): an eine dem Russlandbuch Sigismunds von Herberstein entnommene Passage über einen heidnisch imprägnierten Brauch in Nowgorod schliesst Gast einen persönlich gefärbten Bericht über gewisse Basler Fasnachtsbräuche – konkret Fasnachtsfeuer – an, die noch zu seinen Lebzeiten bestanden hätten, bevor der Rat sie aus Sicherheitsgründen untersagt habe. Auf diese Weise soll in unserer Präsentation auch der ethnologische Aspekt der Convivales sermones zu seinem Recht kommen.
Rezeption und Würdigung
Gasts Fazetien- und Anekdotensammlungen wurden mehrfach nachgedruckt, und Teile davon fanden in übersetzter Form im 17. Jahrhundert Eingang in ein französisches, ein polnisches und ein italienisches Sammelwerk; aus letzterem wurden einige Geschichten im 18. Jahrhundert ins Lateinische zurückübersetzt. Daneben berufen sich gelegentlich Schwankbuchverfasser auf Gast als literarischen Vorgänger, ohne dass sich nachweisen liesse, dass sie ihn wirklich verwendet haben. In Italien gerieten seine Werke (entweder alle oder zumindest die Conviviales Sermones) auf verschiedene Indices verbotener Literatur, beginnend mit dem venezianischen Index von 1554; diese Sanktionierung ist durch die antikatholische und antiklerikale Stossrichtung vieler der von Gast gesammelten Geschichten zu erklären, von denen Lodovico Domenichi bereits 1548 insgesamt 72 ins Italienische übersetzte Stück in den Anhang seiner Edition von Angelo Polizianos Bel libretto übernommen hatte.
Der neulateinische Roman ist eine Entwicklung des 17. Jahrhunderts, und somit natürlicherweise nicht Gegenstand dieses Portals; doch auch in späteren Jahrzehnten hat die Schweiz zu dieser Gattung keinen feststellbaren Beitrag geleistet. Dass es im Bereich der kleinen narrativen Prosaformen (Fazetien, Anekdoten etc.) anders aussieht, ist auch und nicht zuletzt ein Verdienst Johannes Gasts. Bei aller grundsätzlichen Unselbständigkeit seines Schriftstellerns gelang es ihm diesem Autor «der zweiten Reihe» eben bisweilen doch, über das blosse Kompilieren hinauszukommen und selbst kreativ tätig zu werden.
Bibliographie
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