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Die Covid-19-Pandemie ist nicht nur eine grosse gesundheitspolitische Herausforderung, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Konjunktur. So geht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) davon aus, dass das um Sportveranstaltungen bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) 2020 um 3,3 Prozent eingebrochen ist. Im Frühjahr veranlasste die erste Welle der Epidemie die Behörden dazu, für grosse Teile der Bevölkerung Ausgangsbeschränkungen zu verhängen, um eine ausreichende räumliche Distanz zu gewährleisten. Dies führte zu einem erheblichen Konjunkturrückgang. Die im Herbst ergriffenen Massnahmen waren dann zwar gezielter, stellten grosse Teile der Wirtschaft aber vor ähnlich schwierige Herausforderungen.
In diesen Zeiten radikaler Veränderungen können Wirtschaftswissenschaftler zu einer strukturierten Debatte beitragen. Daher hat das «Swiss Journal of Economics and Statistics» (SJES) im Juni 2020 eigens eine Rubrik zum Thema Covid-19 eingerichtet, um Untersuchungen schnell online publizieren zu können.
Neue Echtzeitindikatoren
Welche Lektionen haben die Forscher bisher aus der Corona-Krise in der Schweiz gezogen? Beispielsweise zeigte sich, dass die Konjunkturdaten bei den politischen Entscheidungsträgern verzögert eintreffen, obwohl diese eigentlich in Echtzeit über die rasante Entwicklung der Wirtschaftslage informiert sein müssten. Die makroökonomischen Daten werden aber erst zeitversetzt veröffentlicht.
Doch dieses Problem lässt sich durch Frühindikatoren entschärfen, welche die konjunkturelle Situation gut widerspiegeln und schnell verfügbar sind. So hat beispielsweise eine Studie[1] erkannt, dass der Stromverbrauch die gesamte Wirtschaftsaktivität gut abbildet, sofern die Daten um saisonale Schwankungen und meteorologische Faktoren bereinigt werden. Ausserdem lässt sich der wirtschaftliche Druck anhand von Finanzmarktdaten und Finanzinformationen täglich messen und auf diese Weise eine sogenannte Fieberkurve erstellen.[2] Diese Kurve korreliert negativ mit den Standard-Konjunkturindikatoren, weshalb sie während der Weltfinanzkrise von 2008/2009 und auch in der aktuellen Pandemie in die Höhe geschnellt ist (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Die konjunkturelle Fieberkurve (2000 bis 2021)
Quelle: Burri und Kaufmann (2020) / Die Volkswirtschaft
Der Einsatz der Kurzarbeit durch die Unternehmen ist ein weiterer Schnellindikator, der sich für eine Sofortprognose des BIP als nützlich erweist.[3] Dieser Indikator lässt bereits heute darauf schliessen, dass es zu einem dauerhaften Konjunkturrückgang kommt und das BIP nicht an den Trend vor Ausbruch der Pandemie anknüpfen wird. Ein Arbeitsmarktvergleich der jüngsten Entwicklungen mit starken Rezessionen früherer Jahre legt zwar die Vermutung nahe, dass die Arbeitslosenquote nicht auf ein Rekordniveau steigen wird.[4] Die Analyse des Zu- und Abgangs von Arbeitslosen ist hingegen beunruhigender, denn sie verdeutlicht das Risiko von Langzeitarbeitslosigkeit. Gemäss diesen Erkenntnissen könnte die Erholung am Arbeitsmarkt nach der aktuellen Krise länger dauern als in früheren Rezessionen.
Die gesundheitspolizeilichen und politischen Lockdown-Massnahmen vom Frühling 2020 haben auch die Zuverlässigkeit der Inflationsdaten beeinträchtigt: Einige Aspekte können zu einer Überschätzung der Inflation führen, andere haben den gegenteiligen Effekt. So hat der Lockdown zum Beispiel das Datenerhebungsverfahren für die Ermittlung des amtlichen Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) behindert. Deshalb wurde eine alternative Inflationsreihe erarbeitet. Sie bedient sich hochfrequenter Preisdaten sowie Zahlen zu Debitkarten-Transaktionen.[5] Dieser Ansatz zeigt einen stärkeren Preisrückgang während der Pandemie als die amtliche Inflationskennzahl, obwohl die beiden Indikatoren üblicherweise nahe beieinanderliegen. Der Grund für die plötzliche Diskrepanz: In einigen Konsumbereichen wie der Gastronomie hat der Lockdown-bedingte plötzliche Einbruch zu einer Veränderung des Warenkorbs geführt. Diese Veränderung reduziert die Inflation, die somit moderater ausfällt als in den amtlichen Daten, welche diese Veränderungen nicht berücksichtigen.[6] Zwar ist nach Aufhebung der Beschränkungen eine Rückkehr zur alten Konsumstruktur wahrscheinlich – aber eben nur teilweise. Denn die Verlagerung hin zu Konsumformen mit begrenztem Kontakt wie Onlineshopping wird Bestand haben.
Neben der Binnenwirtschaft hat die Pandemie auch den internationalen Handel getroffen. Entsprechend stark brachen die Exporte und Importe ein. Der zwischenstaatliche Handel ging sogar stärker zurück als während der Weltfinanzkrise in den Jahren 2008 und 2009.[7] Ausserdem variierten die Zahlen von Land zu Land erheblich. Besonders stark war der Rückgang der Schweizer Ausfuhren in Länder mit hohen Covid-19-Fallzahlen und entsprechend niedrigem Verbrauchervertrauen. Umgekehrt gingen auch die Einfuhren aus Ländern mit strengeren Lockdown-Massnahmen überdurchschnittlich stark zurück.
Folgen der Mobilitätsabnahme
Am 17. März 2020 verbot die Schweiz alle nicht zwingend erforderlichen Geschäftstätigkeiten mit als hoch eingestuftem Infektionsrisiko. Davon betroffen waren vor allem Gastronomie, Detailhandel und persönliche Dienstleistungen. Der erwerbstätigen Bevölkerung wurde nahegelegt, im Homeoffice zu arbeiten, und es gab Versammlungsbeschränkungen.
Wie hat sich dieser Lockdown in den verschiedenen Phasen und Regionen auf die Konjunktur ausgewirkt? Forscher haben mittlerweile einen Index entwickelt, um dies zu untersuchen.[8] Gemäss dem sogenannten Lockdown-Index, der die räumliche Nähe zu anderen Menschen am Arbeitsplatz erfasst, waren 31 Prozent der Arbeitsplätze in der Schweiz potenziell vom politisch beschlossenen Lockdown betroffen. Der Index erklärt bis zu 58 Prozent des Anstiegs der Arbeitslosigkeit und der Kurzarbeit (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Lockdown-Index und bewilligte Kurzarbeitsgesuche (März bis April 2020)
Anmerkung: Die Abbildung veranschaulicht das Verhältnis zwischen den in Kurzarbeit befindlichen Arbeitskräften und dem Lockdown-Index. Die Blasengrösse widerspiegelt den Anteil eines Sektors an der landesweiten Gesamtbeschäftigung. Die rote Linie stellt eine Regression des bereinigten Anteils der Arbeitnehmer in Kurzarbeit auf den Lockdown-Index dar.
Quelle: Faber et al. (2020) / Die Volkswirtschaft
Hilfreich waren auch neue Indikatoren zur physischen Mobilität und zum Konsumverhalten: Dank ihnen konnten die Auswirkungen des Lockdowns und der Pandemie auf die Mobilität und den Detailhandel untersucht werden.[9] Die Indikatoren zeigen, dass die Bevölkerung ihr Konsumverhalten bereits vor den behördlich angeordneten Ladenschliessungen und Beschränkungsmassnahmen von Mitte März erheblich eingeschränkt hatte. Die geringe physische Mobilität in der zweiten Märzhälfte und im April 2020 trug wahrscheinlich zur schnellen Verringerung der Neuinfektionen bei.
Die reduzierte Mobilität hatte auch erhebliche konjunkturelle Auswirkungen. Die Analyse der Kartenzahlungen im Detailhandel hat eine deutliche geografische Verlagerung des Konsums von den Städten in die Agglomerationen und ländlichen Gebiete gezeigt.[10] Erklären lässt sich diese Verlagerung durch das Infektionsrisiko, die Lockdown-Massnahmen, die zunehmende Arbeit im Homeoffice, den eingeschränkten Einkaufstourismus sowie das veränderte Zahlungsverhalten weg von Bargeld und hin zu Kartenzahlungen. Damit hat die Krise offenbar bereits bestehende Trends noch verstärkt, sodass sich deren wirtschaftliche Auswirkungen nun früher niederschlagen als prognostiziert.
Besser früh einschreiten
Seit dem Frühjahr wurden zahlreiche politische Massnahmen ergriffen, um die Pandemie und die von ihr verursachten wirtschaftlichen Verluste einzudämmen. Doch wie gut haben sie gewirkt?
Eine Studie[11] hat untersucht, wie sich das unterschiedliche Timing der Lockdown-Massnahmen in Deutschland und der Schweiz auf die Hospitalisierungs- und Sterberaten ausgewirkt hat. In beiden Ländern zeigen regionenspezifische Daten, dass es zu mehr Hospitalisierungen und Todesfällen kam, je später die Massnahmen umgesetzt wurden. Das legt den Umkehrschluss nahe, dass frühzeitig ergriffene Massnahmen besser wirken.
Die Schweizer Regierung sieht drei zentrale Instrumente zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns vor: die Kurzarbeitsentschädigung, die Erwerbsersatzentschädigung für Selbstständige und die Covid-19-Kredite. Objektive Masse für die wirtschaftliche Struktur und die individuellen Auswirkungen des Lockdowns erklären laut einer Untersuchung[12] relativ gut, welche Kleinunternehmer und Selbstständigen Hilfen zur Personalkostendeckung in Anspruch genommen haben und welche nicht. Anders bei den Covid-19-Krediten, die der Bund garantiert: Hier scheinen eher unternehmensspezifische Verhaltensmuster den Ausschlag zu geben, ob ein solcher Kredit beansprucht wird oder nicht. Daher wird vorgeschlagen, die Kreditrückzahlung an die künftigen Gewinne zu koppeln. Dadurch liessen sich Unternehmen gezielter und wirksamer unterstützen, die aktuell in Schwierigkeiten sind, in normalen Zeiten aber überlebensfähig sind.
Insgesamt vermitteln die genannten Studien einen guten Überblick über die wirtschaftlichen Effekte der Covid-Krise in der Schweiz: So werden etwa Veränderungen der Konsumausgaben, wie der Rückgang der Innenstadt-Einkäufe und der Anstieg der Onlinekäufe, auch nach der Krise anhalten. Ausserdem sind Beschäftigte, deren Arbeitsplatz vom Lockdown betroffen ist, mindestens noch so lange mit einem stagnierenden Arbeitsmarkt konfrontiert, bis grosse Teile der schweizerischen Bevölkerung geimpft sind.
Die Studien zeigen zudem, was im Kampf gegen die Pandemie unternommen werden kann. Wertvoll ist insbesondere die Erkenntnis, dass sich die Konjunktur nach dem ersten Einbruch wieder kräftig erholt hat. Denn sie macht deutlich, dass bei künftigen Pandemiewellen ein frühzeitiges Eingreifen zielführend ist und dass Begleitmassnahmen, um die Interventionsfolgen abzufedern, nützlich und willkommen sind.
- Lengwiler (2020).
- Siehe Burri und Kaufmann (2020).
- Siehe Kaufmann (2020).
- Siehe Sheldon (2020).
- Siehe Alvarez und Lein (2020).
- Siehe Seiler (2020).
- Siehe Büchel et al. (2020).
- Siehe Faber et al. (2020).
- Siehe Mikosch und Eckert (2020).
- Siehe Kraenzlin et al. (2020) sowie Brown et al. (2020).
- Huber und Langen (2020).
- Brülhart et al. (2020).