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Der Einsatz verschiedener Lern- und Sozialformen charakterisiert die Gestaltung von (Mathematik-)Lektionen in einem eher organisatorischen Sinne. Nicht festgelegt ist jedoch durch diese Gestaltungsmerkmale die Qualität des Unterrichts.
Die empirische Unterrichtsqualitätsforschung hat eine Anzahl von Merkmalen identifiziert, die wirksamen Unterricht auszuzeichnen scheinen. Dazu gehören insbesondere eine gute Klassenführung, Klarheit und Strukturiertheit des Unterrichts, ein hohes Aktivitätsniveau der Klasse, Adaptivität des Unterrichts sowie individuelle fachliche Lernunterstützung. Zudem lassen sich aus der aktuellen Lehr-Lern-Forschung sowie aus der fachdidaktischen Forschung weitere, spezifischere Qualitätsmerkmale ableiten, wie beispielsweise die Verstehens- und Problemorientierung des Unterrichts.
Unterscheidet sich nun der Unterricht von eher traditionell vorgehenden Lehrpersonen von jenem der ELF-Gruppe hinsichtlich solcher Qualitätsmerkmale? Zur Beantwortung dieser Frage wurde auf Ergebnisse der Schülerbefragung zurückgegriffen.
Weiter wurden die Beurteilungen externer Beobachterinnen in die Auswertung einbezogen, welche die videographierten Lektionen in Bezug auf verschiedene Qualitätsmerkmale einschätzten. Anhand hoch-inferenter Unterrichtsbeurteilungen wird nach qualitativen Unterschieden zwischen ELF-Klassen und traditionell unterrichteten Klassen gesucht.
Insgesamt beurteilen Schulklassen von ELF-Lehrpersonen den Unterricht etwas positiver als Klassen von traditionell unterrichtenden Lehrpersonen. Günstiger beurteilt wird der Unterricht von Klassen mit ELF-Lehrpersonen u.a. hinsichtlich Klarheit und Strukturiertheit, Aspekten der Adaptivität und Mitbestimmung, individueller Lernunterstützung, Motivierungsqualität und der Vermittlung von Argumentationsstrategien für mathematische Diskussionen.
Tabelle 1 fasst die Schülerbeurteilungen in Bezug auf einige Aspekte von Unterrichtsqualität zusammen. Die Unterschiede zwischen traditionell unterrichteten Klassen und ELF-Klassen erweisen sich mit mittleren (grösser oder gleich .50) bis grossen (grösser oder gleich .80) Effektstärken als statistisch bedeutsam.
Die zuweilen geäusserte Befürchtung, dass eine Öffnung des Unterrichts zwangsläufig auf Kosten der Klarheit und Strukturiertheit geht, bestätigt sich ebenso wenig wie die Sorge, dass offene Unterrichtsformen notwendigerweise zu Chaos im Klassenzimmer führen. Denn während ELF-Klassen den Unterricht hinsichtlich Strukturiertheit und Klarheit sogar leicht positiver beurteilen, gibt es in Bezug auf Klassenführung und Disziplin keine Unterschiede.
Auch in Bezug auf fachdidaktisch begründete Merkmale der Unterrichtsqualität wie Verstehensorientierung, Alltagsbezug oder die Vermittlung von Problemlösestrategien beurteilen die Klassen von ELF-Lehrpersonen den Unterricht entweder leicht besser oder gleich gut wie die Klassen von Lehrpersonen, die ihren eigenen Unterricht als eher traditionell einschätzen.
Sind die von den Lernenden wahrgenommenen Unterschiede der Unterrichtsqualität auch in den gefilmten Lektionen beobachtbar? Um dies zu klären, wurden die Videos anhand eines Rating-Fragebogens durch vier geschulte Beobachterinnen und Beobachter beurteilt. Dieser hoch-inferente Beurteilungsansatz wird im Abschnitt zur Methode ausführlicher beschrieben. Die Beurteilungen erfolgten zu folgenden vier Dimensionen der Unterrichtsqualität:
Beurteilt wird auf einer 4-stufigen Skala, wobei 4 eine hohe Ausprägung und 1 eine tiefe Ausprägung des Merkmals bedeutet. Je höher also die Werte, desto positiver wird die Unterrichtsqualität auf der jeweiligen Dimension eingeschätzt.
Querverweis: Hoch-Inferente Unterrichtsbeurteilung
Die in Abbildung 1 dokumentierten Beobachterurteile zu den vier Dimensionen der Unterrichtsqualität bewegen sich insgesamt deutlich über dem Mittelpunkt der Beurteilungsskala (2.5). Die deutschschweizerischen Stunden weisen eine durchgehend gute Klassenführung mit störungsfreien Unterrichtsabläufen auf. Der Unterricht in den betrachteten Lektionen wird als klar und deutlich taxiert. Die Bewertung der kognitiven Aktivierung und der Schülerorientierung kommt auf hohem Niveau zu liegen.
Wie Abbildung 1 verdeutlicht, können zwischen ELF-Klassen und traditionell unterrichteten Klassen Unterschiede festgestellt werden. Die Lektionen der ELF-Klassen werden in allen vier Merkmalsbereichen etwas positiver bewertet. Die Ratings der beiden Gruppen unterscheiden sich systematisch in Bezug auf die drei Merkmalsbereiche "Instruktionseffizienz" (mittlere Effektstärke; Cohens d = .69) "Schülerorientierung" (grosse Effektstärke; Cohens d = .94) und "Kognitive Aktivierung" (mittlere Effektstärke; Cohens d = .52). Kein statistisch bedeutsamer Unterschied ist bei den Ratings zum Merkmalsbereich "Klarheit/Strukturiertheit" zu finden (kleine Effektstärke; Cohens d = .20).
Clausen, M., Reusser, K. & Klieme, E. (2003). Unterrichtsqualität auf der Basis hoch-inferenter Unterrichtsbeurteilungen: Ein Vergleich zwischen Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Unterrichtswissenschaft, 31 (2), 122-141.