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Der Kriminalfall
EINEM KRIMINALFALL AUS DEM JAHRE 1760 IST ES ZU VERDANKEN, DASS DAS HOTEL «ROTER TURM» AUCH IN DER EWIGEN STADT, NÄMLICH IM VATIKANISCHEN GEHEIMARCHIV, AKTENKUNDIG GEWORDEN IST.
In einem Schreiben von Schultheiss und Rat des Kantons Solothurn an den damaligen Papst Clemens XIII. vom 6. Mai 1760 wird der Gasthof sogar als das beste Gasthaus Solothurns bezeichnet.
Auch wenn das für den damaligen Papst nicht Veranlassung war, Solothurn einen Papstbesuch abzustatten, lohnt es sich, diesen Kriminalfall, der im «RotenTurm» für die Solothurner Behörden, aber auch für den Kirchenstaat ein gutes Ende nahm, kurz zu schildern:
Am Karsamstag 1760 raubten Gioacchino Ferretti und Girolamo Bini, beides Angestellte des römischen Monte Pietà (eine Leihanstalt bzw. Kreditinstitut), wertvolle Juwelen und flüchteten schnurstracks via Mailand in Richtung Eidgenossenschaft. Sofort wurde der päpstliche Gesandte in Luzern, Nuntius Niccolò Oddi, über die zwei Räuber informiert, der die Meldung seinerseits unmittelbar an die Schweizer Kantone weiterleitete.
In der damals konfessionell noch strikt getrennten Schweiz führte dies auch in protestantischen Kantonen zu emsigen Nachforschungen – ein Beleg dafür, dass damals die Ökumene zumindest bei der Verfolgung von Kriminellen funktionierte.
Zwar gelang es den Räubern in Genf, die Edelsteine zu verschachern. Aber nach dreizehn Tagen besten Aufenthalts im «Roten Turm» in Solothurn – sie meldeten sich dort mit falschen Namen an – wurden sie aufgrund einer genauen Täterbeschreibung gefangengenommen.
Sofort wurde die Luzerner Nuntiatur verständigt, ein Verhör durchgeführt und ein Inventar erstellt. Mit grossem Aufwand wurden die Gefangenen sicher nach Rom geführt, wohin auch die Juwelen aus Genf zurückgebracht wurden.
Papst Clemens XIII. war der Stadt Solothurn für die Festnahme der zwei Räuber so dankbar, dass er dem Solothurner Rat am 24. Mai 1760 ein Päpstliches Breve übersandte, das bis heute im Staatsarchiv aufbewahrt wird.
Ein herzliches Dankeschön des Papstes ging gleichzeitig ins calvinistische Genf, eine Sensation in der damaligen Zeit, in der Kontakte des Papstes mit Nichtkatholiken nicht üblich waren.
Die Räuber machten es jedoch den kirchlichen Behörden in Rom nicht einfach:
Da sie nach ihrer Gefangennahme im «Roten Turm» im heutigen Alten Spital eingesperrt worden waren, das ihrer Meinung nach kirchlicher Boden sei,
weigerten sie sich, vor ein Gericht gestellt zu werden, und beanspruchten eine Art Kirchenasyl.
Weder Rom noch die kirchlichen Behörden in Solothurn waren über diesen Anspruch erfreut. Der damalige Kardinalstaatssekretär liess höchstpersönlich die
schwierige Sachlage abklären. Da damals der Stadtteil nördlich der Aare zum Bistum Lausanne gehörte, während die Vorstadt auf der Südseite dem Bischof von Konstanz unterstand, war dies eine sehr aufwendige Angelegenheit.
Nach langem Hin und Her und vielen Briefen zwischen Rom, Luzern, Konstanz, Lausanne und Solothurn und vielen Zeugeneinvernahmen– sicher auch im«Roten Turm» – wurde den beiden Räubern schliesslich in Rom doch noch der Prozess gemacht. Wir wissen nicht, wie sie bestraft worden sind. Eines aber ist sicher: Die dreizehn Tage im «Roten Turm» nördlich der Aare gefielen den beiden mit Garantie weit besser als der Gefängnisaufenthalt südlich des Flusses.
Urban Fink (Solothurn)
* Der Historiker und Theologe Urban Fink arbeitete während längerer Zeit im Vatikanischen Geheimarchiv in Rom. Er veröffentlichte Arbeiten zur Päpstlichen Diplomatie in der Schweiz, aber auch zu Themen aus der Kirchen-, Wirtschafts- und Militärgeschichte des Kantons Solothurn.
© Hotel Roter Turm, 4500 Solothurn