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Ein Musikinstrument intuitiv erlernen
Noten pauken, nachsingen? Einen anderen Ansatz vertritt die «Music Learning Theory»: Sie besagt, dass musikalisches Lernen ähnlich dem Erlernen einer Muttersprache abläuft.
Grundsätzlich gilt, dass Musikkurse bereits ab einem sehr frühen Lebensalter besucht werden können. Für den ungarischen Musikpädagogen Zoltán Kodály (1882 967) konnte die musikalische Erziehung gar nicht früh genug beginnen. Er beantwortete die Frage, wann der beste Zeitpunkt für das musikalische Lernen sei, mit einer gehörigen Portion Ironie: «Neun Monate vor der Geburt … der Mutter!»
Kodály spielte darauf an, dass musikalische Fähigkeiten nicht nur durch Gene vererbt, sondern auch durch die Situation der Familie entwickelt werden. Die musikalische Betätigung der Eltern und deren Umgang mit Musik spielen für die musikalische Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle. Diese beginnt schon im Mutterleib. Man weiss, dass sich das Hörvermögen des Fötus im Mutterleib ab der 22. Schwangerschaftswoche herausbildet. Der heranwachsende Mensch hört alles mit, was im Aussenleben stattfindet: Geräusche, Stimmen und – Musik.
Das pränatale Klassenzimmer
Der Ansatz, dass die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib prägend sind, werde in der Forschung bedeutsamer, sei insgesamt aber noch jung, sagt der Heidelberger Arzt und Psychologe Ludwig Janus. «Früher wurde der Fötus bis zur Geburt nur als biologisches Wesen betrachtet.» Erst ab den 1970er-Jahren rückte die Geburtsbelastung für das Kind in den Vordergrund. Jedoch nicht die Zeit davor – das ist relativ neu.
Wie Eltern mit Musik umgehen, prägt die musikalische
Entwicklung des Kindes. Sie beginnt bereits im Mutterleib.
Auch in den folgenden Jahren hat das Singen für die Kinder eine hohe Bedeutung für ihre (emotionale) Bildung. So kam ein Bericht von Schweizer Musikexperten 2004 zum Schluss, dass die Zeit von der Geburt bis zum Schuleintritt für das Erlernen des Singens als eigentliche «Muttersprache des Menschen» entscheidend ist.
Dieser Bericht bemängelte jedoch auch, dass viele Eltern nicht mehr singen können oder keine Kinderlieder mehr kennen, die sie ihren Kindern zum Trösten, Spielen oder Einschlafen vorsingen können.
Das gemeinsame Singen fördern
Musikalische Betätigung und ein spielerisches Herantasten an das Singen und Hören von Musik mit dem eigenen Kind werden sicherlich von allen Musikkursen verfolgt. Sucht man nach Musikkursen mit pädagogischen Konzepten, die das Musiklernen für die Kinder schrittweise aufbereiten, stösst man neben den bekannten Musiklernkonzepten von Suzuki, Dalcroze, Kodály und Orff auch auf die Music Learning Theory (MLT).
Die MLT basiert auf den Studien des US-amerikanischen Musikpsychologen Edwin E. Gordon (1927 015). Gordon führte in den 1970er-Jahren Beobachtungsstudien von Musikkursen mit Babys und Kleinkindern durch und entwickelte daraus eine Theorie des Musiklernens. Der MLT folgend vollzieht sich das Erlernen von Musik ähnlich wie das Erlernen der Muttersprache: intuitiv. Eine besondere Bedeutung haben in der MLT das Hören von Musik, die freie körperliche Bewegung zur Musik und das innerliche Vorstellen, Hören und Denken von Musik, die sogenannte Audiation (ein Kunstwort, das von Gordon geprägt wurde).
Viele Eltern kennen heute keine Lieder mehr, die sie ihrem Kind zum Trösten oder Einschlafen vorsingen können.
Die Audiation ist, so Gordon, für die Musik, was der Gedanke für die Sprache ist. Sie bezeichnet die Fähigkeit, in Musik zu denken. Dabei geht es darum, Musik zum einen mental zu hören, bevor sie von einer Tonaufnahme oder einem Instrument erklingt. Zum anderen geht es darum, Musik und ihre Bestandteile hörend zu erkennen und zu verstehen.
Das gilt vor allem fürs Singen, welches sinnvollerweise vor dem und parallel zum Erlernen eines Instrumentes stattfinden sollte. Ein Kind muss eine innere Klangvorstellung und ein Verständnis haben, um die richtigen Töne erzeugen zu können. Erst wenn eine innere Tonvorstellung und ein Verständnis für Tonalität, Harmonik, Metrum, Genre und so weiter im Langzeitgedächtnis existieren, kann das «Vom-Blatt-Singen» ausgeführt werden.
Vielfältige musikalische Eindrücke
Dazu werden die musikalischen Fähigkeiten der Kinder in der informellen Musikerziehung durch kurze, abwechslungsreiche Melodien und Rhythmen (Chants) ohne Worte, durch musikalische Dialoge, freie Bewegungen, Spiele und Momente der Stille angebahnt. Diese Art der Musikerziehung ist für Babys ab Geburt bis zu sechsjährigen Kindern gedacht.
Kleine Kinder erleben Musik nicht über ihren Intellekt, sondern über ihren Körper.
Die Lehrperson kommuniziert durch das Wiederholen von musikalischen Äusserungen mit den Kindern und nonverbal zum Beispiel durch Blickkontakte und das Spiegeln von Gesten und Bewegungen mit ihnen. Sie ermöglicht so dem Kind, eine Beziehung zur Musik aufzubauen, indem das Kind die musikalischen Phänomene wie beispielsweise einen Dreivierteltakt durch seine eigenen körperlichen Bewegungen erfahren kann, ohne dass es vorgegebene Bewegungen der Lehrperson imitieren oder gar eine Bewegungschoreografie erlernen muss.
Musik soll über das Ohr und nicht über die Augen verstanden werden. Die Music Learning Theory verzichtet deshalb auf Noten.
Den Prozess, die Musik nicht nur zu imitieren, sondern sich singend und bewegend zur Musik auszudrücken und sie aus einem sich anbahnenden Verständnis heraus zu «produzieren» wie bei der Muttersprache, unterscheidet die MLT von anderen Kursen im Bereich des frühkindlichen Musiklernens.
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