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Wer war der Maler Gottfried Stähly-Rychen?
Aktualisiert: 13. Feb.
Es sind wunderschöne Landschaftsveduten aus dem 19. Jahrhundert, qualitativ hervorragend gemalt, zuweilen gar meisterhaft, häufig sind es Ansichten aus dem Berner Oberland, aber auch malerische Motive aus anderen Schweizer Regionen oder dem näheren Ausland. Die Werke sind signiert mit „G. Stähly-Rychen“. Dieser Name sorgt für Verwirrung.
Internetplattformen mit Fokus Kunst wie auch namhafte Auktionshäuser pflegen es, "Stähly-Rychen" als ein Pseudonym des bekannten österreichischen Landschaftsmalers Hubert Sattler (1817-1904) anzupreisen. Verantwortlich dafür – oder zumindest zu einem wesentlichen Teil – dürfte das Dorotheum sein. Das altehrwürdige Wiener Auktionshaus hat vor Jahren den Nachlass von Hubert Sattler zur Versteigerung übernommen. Darunter fanden sich mehrere Bilder mit der Signatur "Stähly-Rychen". Ein so signiertes Gemälde trug zudem rückseitig eine von Hubert Sattler eigenhändig vermerkte Bezeichnung, wonach man im Dorotheum zum Schluss kam, dass es sich bei G. Stähly-Rychen wie auch bei L. Ritschard um Sattler-Pseudonyme handeln muss. Diese Zuschreibungen basieren somit auf Annahmen und Folgerungen, nicht auf Fakten.
Setzt man sich hinsichtlich Komposition und Handschrift mit den Gemälden Stähly-Rychens wie auch mit denjenigen Hubert Sattlers auseinander, so kommen Zweifel auf, ob es sich überhaupt um ein- und dieselbe Person – um Hubert Sattler – handeln kann. Zu unterschiedlich sind die Malweisen und die Feinheiten innerhalb der Motive.
Es ist ein Gottfried Stähly-Rychen nachgewiesen, der von 1840 bis 1920 gelebt und wohl zum grossen Kreis der Thuner Vedutenmaler gehört hat. Im „Intelligenzblatt“ vom 3. Februar 1891 ist folgende „Kunstnotiz“ publiziert: Wie schon öfters, so hat gegenwärtig Hr. Stähly-Rychen in Bern (Bärenplatz, „Spar- und Betriebsverein“) eine seiner vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Thiermalerei, die ihm bereits im Auslande den Namen eins Thiermalers ersten Ranges erworben hat, ausgestellt. Wir machen die hiesigen Kunst- und Naturfreunde auf das betreffende, vorzüglich gelungene Bild aufmerksam.
Und im Verzeichnis für literarisches und künstlerisches Schweizer Eigentum des Schweizerischen Handelsamtsblattes wird am 15. Dezember 1888 ein Ölgemälde mit dem Titel „Lehrerseminar in Münchenbuchsee“ von Gottfried Stähly-Rychen eingetragen.
Zwar kennt man von ihm nicht unbedingt Tier-, sondern Landschaftsbilder, aber es ist dennoch naheliegend, dass hier von ein- und demselben Stähly-Rychen die Rede ist. Auf jeden Fall ist diese Annonce ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei Gottfried Stähly-Rychen nicht um Hubert Sattler handelt, sondern um einen begnadeten Schweizer Künstler, der biografisch nur sehr spärlich erfasst ist.
Etwas Licht in dieses Namen- und Pseudonymgewirr bringt das Buch "Die Thuner Vedutenmaler" von Albert Schaufelberger, herausgegeben anno 1983. Darin will der Autor die noch heute nur spärlich erforschte Thuner Vedutanmalerei beleuchten, welche von 1855 bis 1930 ihre Hochblüte hatte und deren Bedeutung heute schmerzlich verkannt wird. In besagtem Zeitraum existierten in und um Thun regelrechte Souvenirmanufakturen, welche talentierte Maler beschäftigten, die in erster Linie Landschaftsveduten für touristische Zwecke anfertigten. Zur Produktepalette gehörten jedoch auch zierliche Holzschatullen, Teller und andere Deko-Objekte, die mit kleinen Gemälden versehen waren. Einige besonders populäre Sujets wurden x-fach in Serie angefertigt.
Als "Gründervater" der Thuner Mal- und Souvenirmanufakturen gilt der gebürtige Deutsche Ferdinand Sommer (1822-1901). Er war derjenige, welcher Ferdinand Hodler dessen ersten Malunterricht erteilte. Im Umkreis Ferdinand Sommers stachen einige in den Manufakturen tätige Thuner Vedutenmaler mit besonderem Talent hervor. Sie verstanden es, sich mit künstlerisch anspruchsvollen Gemälden von der fliessbandmässigen Vedutenmalerei abzuheben und somit deren schwindendes Image zu retten.
Unter diesen Talenten war auch unser Tiermaler Gottfried Stähly-Rychen, dessen meisterliches Können sich vor allem in Gemälden wie dem am Anfang dieses Beitrages gezeigten Gemälde mit dem Lauterbrunnental zeigt. Weitere begnadete Maler, die neben der seriellen Vedutenmalerei auf akademischem Niveau arbeiteten – und deren Lehrmeister Gottfried Stähly-Rychen war –, waren unter anderem Ernst Grossen, Jean Stauffer und vermutlich auch Louis Ritschard (†1893). Es sind auf dem heutigen Kunstmarkt häufig auftretende Namen – und sie alle werden meist als Pseudonym Hubert Sattlers angeführt.
Trifft die These zu, dass dies ein Irrtum ist und es sich um eigenständige Künstler handelt, so gibt es zu denken, wenn namhafte Auktionshäuser diese Namen weiterhin als Sattler-Pseudonyme handeln und so mit mutmasslich falschen Angaben höhere Preise erzielen.