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Der Begriff I., abgeleitet vom lat. inflatio (Anschwellen), bezeichnet den anhaltenden Prozess der Geldentwertung bzw. des Anstiegs des allg. Preisniveaus (Preise). Nicht als I. gelten durch ungewöhnl. Vorkommnisse wie Hungersnöte, Streiks usw. verursachte kurzfristige Teuerungen. Vor dem 19. Jh. waren die inflationären Prozesse, die es immer gab, oft an einen schrumpfenden Gold- oder Silbergehalt der Münzen und an spekulative Abwertungen (Währungsbewertung) gebunden. Bewegungen des Preisniveaus sind von grosser hist. Bedeutung, weil sie zu einer Umverteilung des Reichtums zu Gunsten der Schuldner und zu Ungunsten der Gläubiger und Rentenbezüger führen. Die I. wird negativ beurteilt, weil sie die Regulationsmechanismen einer Marktwirtschaft aus den Angeln hebt. Im Umfeld einer I. kündet eine Preiserhöhung nur die nächste an: Statt die Nachfrage zu bremsen, heizt sie diese an und treibt die I. weiter in die Höhe (Konjunktur, Wirtschaftskrisen). Wenn die Arbeiternehmer über genügend Verhandlungsmacht verfügen, kompensieren sie den Anstieg der Lebenshaltungskosten mit Lohnerhöhungen, welche die Unternehmen aber auf die Preise zu überwälzen versuchen, was wiederum die I. verstärkt (Lohn-Preis-Spirale).
Auf lange Sicht ist praktisch jede Währung einem Wertverlust unterworfen. In der Vergangenheit brachten fast alle Perioden mit einem grossen Wirtschaftswachstum wie etwa die Expansionsphasen des HochMA und des 15. bis 16. Jh. eine spürbare Erhöhung der Preise mit sich. Eine Zeit der akuten I. war die aus der Ausbeutung der peruan. Bergwerke hervorgegangene sog. Preisrevolution (ca. 1540-1620), die zu einer starken Erhöhung des Edelmetallumlaufs führte. Dieser Prozess, der namentlich Europa betraf, mündete innerhalb eines Jahrhunderts in eine Verdoppelung der Preise. Hingegen waren andere Krisenzeiten wie das 14. Jh. von der entgegengesetzten Entwicklung, d.h. von der Deflation, geprägt.
In der Schweiz gingen von der I. während des MA und der Neuzeit grosse soziale Umwälzungen aus. In den letzten Jahrzehnten des MA und im 16. Jh. schadete sie z.B. dem Adelsstand als Bezüger fester Renten und kam stattdessen den Produzenten und Zwischenhändlern von Waren zugute. Sie stärkte auch die Städte, da diese danach strebten, von in wirtschaftl. Not geratenen Adligen Rechte, Grundbesitz und ganze Herrschaften zu erwerben. Die I. erleichterte zudem den Landgemeinden den Loskauf von den Feudallasten. Auch die I. während der langen Wirtschaftsexpansion des 18. Jh. zeitigte vergleichbare Auswirkungen: Sie trug auf dem Land zur Veränderung der Sozialstruktur bei, indem sie eine neue ländl. Schicht von Händlern, Wirten, reichen Viehzüchtern etc. begünstigte. Auf ähnl. Weise beeinflussten die Inflationstendenzen in nicht unbeträchtl. Mass die polit. Kämpfe zur Zeit der Helvetik und Mediation.
Die Helvetik (1798-1803) war von heftigen polit. Auseinandersetzungen gekennzeichnet, die sich ihrerseits negativ auf die Wirtschaft auswirkten. In diesem Fall entstand die I. wegen der Schwierigkeiten der Produzenten und Händler und löste einen Vertrauensverlust ins Geld aus. V.a. ab der Mitte des 19. Jh. stieg das allg. Preisniveau wieder an, begleitet von einem erneuten Wirtschaftswachstum. Nach dem Zwischenspiel der Grossen Depression (1870-90), die sich insbesondere in einem starken Geldwertverlust der Waren, in erster Linie der landwirtschaftl. Produkte, auf dem internat. Markt manifestierte, kletterten die Preise bis zum 1. Weltkrieg wieder kontinuierlich in die Höhe.
Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG
Im Verlauf des 20. Jh. erreichte die I. eine neue Intensität; zudem kam es zu Fällen von Hyperinflation. In der Schweiz erhöhte sich das Preisniveau 1914-90 um das Achtfache - ein im Vergleich mit den anderen europ. Ländern bescheidenes Wachstum. Während des 1. Weltkriegs führte die kriegsbedingte Teuerung zu schweren sozialen Spannungen, die sich 1918 im Landesstreik entluden. Eine der Forderungen der Streikenden verlangte eine bessere Organisation der Versorgung, um den Preiserhöhungen einen Riegel zu schieben. Die Erfahrungen des 1. Weltkriegs beeinflussten die schweiz. Politik nachhaltig. Nun setzte sich die Einsicht in die Notwendigkeit einer wirksamen Kriegswirtschaft durch; dabei ging es auch darum, eine galoppierende I. abzuwenden. Das neue Verständnis wurde durch die dramat. Ereignisse in der Weimarer Republik, als die Hyperinflation 1920-23 der ohnehin schon schwachen Demokratie weiter zugesetzt hatte, untermauert.
Nach der Auflösung der Lat. Münzunion 1926 wurde die Schweiz auf der Währungsebene unabhängig. Seitdem spielt die 1905 gegr. und seit 1907 tätige Schweizerische Nationalbank eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung der I., die sie mit den Mitteln der Geld- und Währungspolitik unternimmt. In der Zwischenkriegszeit stellte sich das Problem der I. nicht, da in jener Zeit die deflationist. Tendenzen überwogen, namentlich während der Weltwirtschaftskrise. Erst im 2. Weltkrieg begannen die Preise wieder zu steigen. Die I. wurde jedoch durch versch. Massnahmen der Regierung und der 1931 geschaffenen Eidg. Preiskontrollstelle gedämpft.
In der Nachkriegszeit gab die I. im Zug der Konjunkturüberhitzung ab der 1. Hälfte der 1960er bis in die 70er Jahre wieder Probleme auf, weshalb der Bundesrat 1964 zwei Bundesbeschlüsse zum Kampf gegen die Teuerung verabschiedete. Ihnen folgte 1971-72 ein weiteres Massnahmenpaket und 1973 die Ernennung eines Verantwortlichen für die Preisüberwachung. Dennoch erreichte die I. Besorgnis erregende Höhen: Stand der Preisindex 1960 noch bei 251,6 Punkten (1914 = 100 Punkte) erreichte er 1970 die Marke von 349,3 und 1975 diejenige von 505,7 Punkten. Die jährl. Inflationsrate stieg bis auf 10%. Nachdem der Franken 1971 um 7% aufgewertet worden war, wurde 1973 das System der fixen Wechselkurse aufgegeben und man liess die nationale Währung frei flottieren (Flexible Wechselkurse). Auf diese Weise erlangte die Nationalbank einen grösseren Handlungsspielraum und konnte die Geldmenge wirksamer kontrollieren. Ihre restriktive Geldpolitik hielt die I. erfolgreich klein, stand aber in einem Zielkonflikt mit den Interessen des Werkplatzes Schweiz, da der starke Franken die Absatzprobleme der einheim. Exportindustrie verschärfte. In der Zwischenzeit gingen die Diskussionen über die Aufnahme eines Konjunkturartikels in die Bundesverfassung weiter, der es dem Bund erlaubt hätte, Massnahmen für einen ausgeglichenen Verlauf der Konjunktur zu ergreifen und so auch Mittel für die Bekämpfung der I. zur Verfügung zu stellen. Nach einer ersten Ablehnung 1975 wurde der Artikel in der Volksabstimmung von 1978 angenommen, als sich das Preisniveau allerdings bereits stabilisiert hatte. Seither stellt die I. trotz des erneuten Wirtschaftswachstums zwischen Ende der 1980er und Anfang der 90er Jahre kein vorrangiges Problem mehr dar; stattdessen gibt die Arbeitslosigkeit Anlass zu Sorgen.
Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG