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Tagebuch #112
Gesichte des Rosen- und Lilienhofs
In den letzten Wochen versuchte ich anhand von Daten aus dem Grundbuchamt Nidau und anderen Quellen, die Geschichte der Besitzer des Rosen- und Lilienhofs zu erforschen. Hier das Resultat der Erkundungen:
Aus der Geschichte des Rosenhofes
Am 13. Juli 1920, also vor bald 100 Jahren, starb der damalige Direktor der Chokoladefabrik Tobler AG, Emil Alfred Rudolf Tobler, 47jährig, im Park des Rosenhofs in Ins, damals Schlössli genannt. Er ist aus einer Hängematte gefallen. Weniger als ein Jahr vorher, am 22. September 1919, kaufte er das Schlössligut dem Arzt Hermann Frey ab.
Emil Alfred Rudolf Tobler übernahm die Chokoladenfabrik vom Vater Johann Jakob (1830 – 1902) 1902 und wurde deren Direktor bis zu seinem Tode (1920). - Dieser Fabrikdirektor wächst in der Länggasse in Bern auf, macht eine kaufmännische Lehre, arbeitete dann in Venedig in einem Speditionsgeschäft, dann im väterliche Konfiseriegeschäft, zuerst technisch, dann kaufmännisch. Die Chokoladenfabrikation und das Konfiseriegeschäft wurde dann in eine AG umgewandelt und er wurde 1902, beim Tode seines Vaters, Direktor. Er kümmerte sich herzlich für das Personal. Er hat sich nie politisch betätigt, bekannte sich aber für den politischen und sozialen Fortschritt. Er hatte einen besonderen Zugang zur Natur, eignete sich die Kenntnisse der Pflanzennamen an. Er war für eine freie Religiosität, trat aus der Kirche und unterstützte die freidenkerischen Kreise. Im Schlösslipark und im Seeland fand er seine geistige Heimat, sein Idyll. Hier wollte er alt werden. Doch das Schicksal wollte es anders.
Diese Geschichte von dem kurzlebigen Besitzer des Rosenhofes bewegt uns, weil der berühmte Chokoladen-Tobler-Direktor den Rosenhofes gekauft hatte, um im Seeland, in diesem schönen Park, in der Natur überhaupt, schlussendlich seinen Lebensabend zu verbringen. Er musste so frühzeitig, aus einer Hängematte stürzend, sein Leben beenden.
Sein Sohn Werner Emil Tobler (1905-1959) verkaufte seine Anteile der elterlichen Chokoladen Fabrik Tobler AG.
Vom Sohn des Werner Emil Tobler, Thomas Tobler und Enkel des Emil Alfred Rudolf (1873 – 1920), heute wohnhaft in Hindelbank, erhielten wir Informationen über seinen berühmten Grossvater.
Am 8. Dezember 1920 kauft Dr. Johann Ulrich Duerst, ordentlicher Professor in Bern, der Witwe Ida Klara Tobler, den Rosenhof für 77 000 Franken ab. Professor Ulrich Dürst kam aus Deutschland, studierte Landwirtschaft und Zoologie in Bonn und Zürich. Ab 1911 ist er ordentlicher Professor an der Veterinärmedizinischen Fakultät in Bern. Er lehrte Tierzucht, Tierhygiene und Tierheilkunde. Er spezialisierte sich für die Stammesgeschichte der Nutztiere, besonders der Urpferde und der Urrinder. So kam er in Verbindung mit der von Frederique Mistral und Folco Baroncellis „Felibrige“-Bewegung in Südfrankreich. Diese Bewegung versuchte die heimisch ursprüngliche Sprache des Provencalischen zu erneuern, was Mistral mit seinem Epos „Mireio“, für das er den Nobelpreis bekam, voran trieb. Die Bewegung setzte sich aber auch ein, das Camarque-Pferd und das Camarque-Rind auf ihre Urrasse zurück zu züchten. Hier war vor allem der usprünglich aus einer Florentiner Familie her stammende und in Avignon aufgewachsene Folco von Baroncelli tätig. Man wollte den Ursrung der Sprache aber auch der Pferde und Rinder. Dazu holte man aus der Schweiz den Tierzüchter Professor Ulrich Duerst. So gelang es, das weisse prähistorische Camarque- Pferd und das Urrind zum Urzustand zurück zu züchten. Das Zentrum und auch der Wohnsitz des Folco von Baroncelli war „Saint Marie de la mer“. Noch in den Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts gab es Verbindungen mit der Felibrige- Bewegung und Bern. Das war sicher auch ein Verdienst von Ulrich Duerst.
Professor Johann Ulrich Duerst (geboren 18 74) stirbt am 7. Oktober 1950, 74 jährig. Man sagt, er sei im Inser -Wald reitend tot vom Pferd gestürzt.
Der Rosenhof bleibt lange leer. Dann am 29. September 1953, an Michaeli, ziehen Robert und Ruth Seiler, nachfolgend Müeti und Aetti genannt, mit ihrer Familie, in die damals Schlössli genannte Liegenschaft mit dem grossen Park, ein. Die später über die Schweiz hinaus bekannte anthroposophische Heimschule war gegründet. Die Liegenschaft wird zunächst gemietet. Dass Urich Duerst nicht nur Wissenschaftler war, sondern auch ein leidenschaftlicher Jäger, bemerkten die neuen Schlösslibewohner*innen, in dem in fast allen Räumen des Schlösslis ausgestopfte Tiere und Geweihe hingen.
Am 5.5.55 kauft die Schlössli Ins AG der Erbengemeinschaft Duerst den Rosenhof für 170 000 Franken ab. Aktionäre der AG sind Aetti und Müeti und ein Basler Industrieller. Aetti war Zeit seines Lebens ein Alchemist. Vielleicht dadurch das Datum des Kaufes, das in ausserordentlicher Weise die Quintessenz der Quintessenz symbolisiert. Als wenig später der Lilienhof gekauft wurde, nennt Aetti die beiden Patrizierhöfe Rosenhof und Lilienhof. Das sind wiederum alchemistische Symbole. Die Institution der Heimschule Schlössli nennt er Schlössli, gewissermassen als höherer Begriff auch der späteren Häuser.
Aus der Geschichte des Lilienhofs
Dr. med. Richard Hagen kauft wahrscheinlich am 28. Juni 1902 den Lilienhof und macht daraus die „Privatanstalt von Dr. Hagen“. Er baut in das östliche Dach drei typische Jugendstil-Lukarnen ein, um noch mehr Zimmer zu bekommen. Er arbeitet wohl mit der psychiatrischen Klinik Münsingen zusammen und hat von dort Patienten. Er soll das erste Auto in Ins gehabt haben.
Er stirbt am 1. Oktober 1937. Am 1. November 1937 verkauft die Erbengemeinschaft Hagen den Lilienhof für 80 000 Franken dem Arzt Dr. med. Emil Schöneberger, der dann dort auch eine Arztpraxis hatte. Der ältere Sohn Walter, einem Kunstmaler, aus zweiter Ehe von Richard Hagen, behält ein Wohnrecht für sein Atelier im heutigen Kutscherhaus.
Am 30. Juli 1955 kauft Aetti vom Emil Schöneberger für 125 000 Franken auf seinen Namen den Lilienhof. Also nach etwas mehr als zwei Monaten nach dem Kauf des Rosenhofs.
Die Patrizierhäuser in Ins
Der Rosenhof mit dem Burgunderhof und der Lilienhof sind typische Patrizierhäuser aus dem 16./17. Jahrhundert. Berner- und Neuenburger- Aristokraten bauten sich hier Ins Sommerhäuser. Hier trafen sich in den schönen Sälen die Haut-Vollé für kulturelle Anlässe. Die heutige Musikschule in Ins, früher „Altes Spital“ genannt, war auch ein Patrizierhaus. In der Nähe war der Säuegge, ein Prachtbau aus der aristokratischen Zeit. Der wurde allerdings abgerissen und darauf die „Inser-Bank“ gestellt.
Diese Steinhäuser mit ihren wunderbaren gelben Autrive-Steineinfassungen sind im vornehmen Burgunderstil gebaut. Die Stiftung Seiler Schlössli Ins ist im Besitz eben des Rosen- Burgunder- und Lilienhofs.
Die anderen Häuser der Stiftung Seiler sind meist ehemalige Bauernhäuser im alemannischen Stil mit ihren tief herunterhängenden Dächern, so z. B. der Drudenhof, der Battenhof, der Alemannenhof, der Heimdalhof.
Wir sehen in diesen zwei verschiedenen Haustypen zwei Kulturen, die hier aufeinander stossen: Das weltmännische Burgundische vom Nordwesten kommend, das bodenverhaftete bäurische Alemannische vom Nordosten herstammend, später im alemannischen Dialekt Deutsch und im Französischen sprachlich verortet. Zwei germanischen Völker in der germanischen Völkerwanderung hier zum Stillstand gekommen, bilden die Wurzeln unserer gemischten Kultur. Überall in der Welt, wo verschiedene Kulturen auf einander stossen und versuchen friedlich einander zu tolerieren, ja sich gegenseitig zu impulsieren, entsteht lebendiges Geistesleben.