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Im Jubiläumsjahr 2022 ist es 175 Jahre, seit die Schweizer Armee ihre letzte Feindberührung hatte und sich im Kampf bewähren musste.
Das war der Sonderbundskrieg im November 1847, eine innenpolitische Auseinandersetzung zwischen den katholischen und den reformierten Kantonen, vergleichbar dem späteren amerikanischen Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten.
Es war dem genialen General Henri Dufour zu verdanken, dass dieser „Krieg“ nur wenige Tage dauerte und kaum Tote forderte.
Im letzten Jahrhundert verteidigte die Schweizer Armee zweimal ihre Grenzen gegen den äusseren Feind, aber ohne eigentliche Feindberührung, weil es dem Bundesrat gelang, die innen- und aussenpolitischen Spannungen auszugleichen und die Neutralität der Schweiz politisch durchzusetzen.
Das letzte grosse Strategiepapier, in welchem die Aufgaben und Ziele der Schweizer Armee präzise vorgegeben wurden, entstand im Jahr 1995. Sein geistiger Vater war Divisionär Dr. Gustav Däniker, der letzte grosse Stratege der Schweizer Armee.
Ganze 30 Jahre beeinflusste er die Schweizer Militärpolitik. Es war der Höhepunkt des Schweizer Militärs, als die Armeeführung, der Generalstab, die Wissenschaft und die profiliertesten Vertreter der Schweizer Wirtschaft zusammenarbeiteten, um in der Zeit des Kalten Krieges die Souveränität der Schweiz zu bewahren.
Erst jetzt, fast 30 Jahre später, hat einer der Insider jener Jahre ein Werk vorgelegt, das an die strategischen Leistungen der alten Armeeführer anknüpft und aufzeigt, was eine Schweizer Armee heute bedeuten könnte.
Bruno Lezzi, Offizier im Nachrichtendienst der Schweizer Armee, 25 Jahre verantwortlicher Redaktor für Sicherheitspolitik der „Neue Zürcher Zeitung“, Oberst im Generalstab und Dozent für Sicherheitspolitik, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube.
Schon auf Seite 14 seines neuen Buches „Von Feld zu Feld, ein Leben zwischen Armee, Journalismus und Politik“ in der Edition Königstuhl, zitiert er den früheren US-Viersternegeneral und ehemaligen CIA-Direktor David Petraeus mit den Worten: „Mit der Schweizer Armee möchte ich nicht in den Krieg ziehen.“
In wenigen Wochen wird Bundesrätin Viola Amherd ihr Amt als Chefin des VBS wohl abgeben. Bruno Lezzi, der in seiner ganzen militärischen Laufbahn von der Hierarchie oft als „unkontrollierbar korrekter Offizier“ verstanden wurde, schickt ihr sein Urteil über die VBS-Spitze nach:
„… wo eine militärisch weitgehend unerfahrene, wenig ideenreiche Crew von persönlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Werk ist.“
Weder die Amherd’sche Frauenförderung noch die Berufung von Thomas Süssli zum Armeechef finden Gnade vor den Augen des Autors, der während Jahrzehnten die Spitzen der Schweizer Armee aus der Nähe beobachtete und beschrieb.
Über letzteren sagt er, es hätten genügend tüchtige Generalstabsoffiziere für diese Aufgabe zur Verfügung gestanden, „aber vermutlich ist es dem Bundesrat in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht klar, welches die Anforderungen sind, um ein derart anspruchsvolles und kostspieliges Instrument wie die Schweizer Armee führen zu können“.
Keine Zeile widmet der Fachautor Lezzi der obersten Sicherheitschefin des VBS, Pälvi Pulli. Er ist vielmehr der Auffassung, dass dort nur Studien aus aller Welt zusammengefasst würden. Lezzi: „Man hat in Bern vergessen, was Kriegsführung wirklich bedeutet.“
Dieses äusserst anregende Buch gibt einen ungewohnt offenen Einblick in die politische Maschinerie des VBS, wo Kabalen und Skandale immer wieder an der Tagesordnung waren.
Lezzis klares Plädoyer für eine umfassende Neutralität schliesst nicht aus, dass Wege der Zusammenarbeit mit ausländischen Truppen, darunter die NATO, gefunden werden müssen.
Lezzi beruft sich auf Bundesrat Samuel Schmid von der SVP, der schon früh den Zwang zu einer internationalen Kooperation sah, es aber nicht wagte, dies auch politisch vorzutragen. „Es war einfach zu früh“, sagt Lezzi.