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Bei Staatsquoten um 50 Prozent, Fiskalquoten in ähnlichen Bereichen und durchgreifender staatlicher Reglementierung mag man sich fragen, mit welcher Berechtigung es sich mit Blick auf westliche Gesellschaften eigentlich noch von «kapitalistischen» Ordnungen sprechen lässt. Eine Antwort könnte beim Privateigentum ansetzen. Die prinzipiell unbeschränkte Verfügungsmacht des Individuums über die ihm gehörenden Güter stellt ein Kernelement (markt)freiheitlicher Ordnung dar. Rousseau nannte das Eigentumsrecht «die wahre Grundfeste der bürgerlichen Gesellschaft».
In der Entwicklung zum modernen liberal-demokratischen Verfassungsstaat hat das private Eigentum denn auch eine zentrale Rolle gespielt. Schon die Magna Charta von 1215 verlangte dessen Schutz vor dem willkürlichen Zugriff der Krone. Die Virginia Bill of Rights von 1776 nennt als angeborene Rechte des Menschen «the enjoyment of life and liberty, with the means of acquiring and possessing property and pursuing and obtaining happiness and safety». Und die französische Menschenrechtserklärung von 1789 nennt das Eigentum sogar «un droit inviolable et sacré».
Der freie Bürger, so wussten es die Väter der modernen Verfassung, ist nicht nur ein frei sprechender und glaubender Bürger, er ist immer auch ein besitzender Bürger. Ohne eigene Habe müsste er in seinen Meinungsäusserungsrechten und seinen politischen Beteiligungsrechten immer fragil und gefährdet bleiben. Umso erstaunlicher ist es, dass die Eigentumsgarantie in der heutigen Verfassungsdiskussion und im Menschenrechtsdiskurs eine nur noch untergeordnete Rolle spielt und in den einschlägigen Dokumenten auch ganz konkret in hintere Regionen verbannt worden ist. Ebenso findet das Eigentum in der neueren politischen Philosophie kaum Beachtung. Diese Entwicklung lässt sich wohl nach zwei Seiten hin deuten: entweder ist das Privateigentum spätestens nach dem Fall des Kommunismus so unbestritten, dass sich eine vertiefte Beschäftigung mit ihm erübrigt, oder aber der sozialstaatliche Eingriff in das Eigentum, durch Umverteilung und Besteuerung, hat sich unterschwellig bereits derartig durchgesetzt, dass er ein Beharren auf der Eigentumsidee als inadäquat erscheinen lässt.
Einen Impuls, sich heute erneut mit dem Eigentum und seiner Bedeutung für die moderne Gesellschaft vertieft zu beschäftigen, setzt nun ein von den Philosophen Andreas Eckl und Bernd Ludwig herausgegebener Sammelband mit dem Titel «Was ist Eigentum?». In 16 Einzelbeiträgen werden darin, in chronologischer Ordnung, verschiedene philosophische Eigentumstheorien vorgestellt.
Das Buch setzt ein mit den Konzeptio-nen von Platon und Aristoteles. Schon dabei werden die verschiedenen Grundhaltungen zum Eigentum erkennbar. Für Platon war das private Eigentum etwas, was die Menschen voneinander trennt und das gesellschaftliche Ganze schwächt. Aristoteles dagegen vertritt die Auffassung, dass gerade der Gemeinbesitz zu Streitigkeiten führt. Überdies komme es unter solchen Bedingungen zu einer Vernachlässigung der Güter, da niemand sich persönlich verantwortlich fühle. Deshalb gibt Aristoteles dem Privateigentum den Vorzug, wobei dieses sich freilich mit den Tugenden der Freigiebigkeit zu verbinden habe. Diese Tugenden aber setzen das Privateigentum überhaupt erst voraus; denn grosszügig sein und helfen kann nur, wer etwas besitzt.
Nach einer – sehr gelungenen – Darstellung der für die spätere Entwicklung so überaus bedeutsamen Eigentumsvorstellung des römischen Rechts und Einblicken in die Eigentumsdiskussionen des Mittelalters gelangt das Buch zur bekannten Eigentumstheorie John Lockes, die das Eigentum auf geleistete Arbeit zurückführt und so neu legitimiert. Dies aber ist nicht allein der Gedanke, der die ungleiche Verteilung des Eigentums bei Locke erklärt; denn diese wird erst durch die Einführung des Geldes so erheblich verschärft. Wer am Geldgebrauch teilnimmt, stimmt diesen Ungleichheiten nach Locke aber freiwillig zu – denn er hätte ebenso die Möglichkeit, sich in die «unbewohnten Gegenden der Erde» zurückzuziehen, wo es einen Geldaustausch nicht gibt. Wie Bernd Ludwig in seinem Beitrag darlegt, kann diese Überlegung, seit es auf der Erde keine «leeren Räume» mehr gibt – also seit etwa 200 Jahren–, prinzipiell keine Legitimität mehr stiften.
In eigenen Artikeln behandelt werden sodann die Eigentumstheorien von Rousseau, David Hume und Adam Smith, Kant, Fichte sowie Hegel. Von hier aus wird übergegangen zu Karl Marx, zur Eigentumskritik im Anarchismus des 19. Jahrhunderts und zur «Kritischen Theorie», wobei besonders Habermas behandelt wird. Lernerfolge mag der Leser dabei besonders im Kapitel über Marx erzielen. Dieser postulierte nämlich nicht einfach eine schlichte Überführung individuellen Eigentums in gemeinsamen Besitz. Solche Vorstellungen waren für Marx «roher und gedankenloser Kommunismus». Nicht die Verteilung der Konsumtionsmittel sei das Entscheidende, sondern eine Umstellung der ganzen Produktionsweise. Marx hatte eine Vergesellschaftung der Entscheidungen über Arbeitsleistungen und Produktionsmittel im Sinn, wogegen ihm die Diskussion um die Distribution der Güter eher oberflächlich erschien.
Das Buch schliesst mit Hinweisen auf die neuere angelsächsische Diskussion um das Eigentum, auf John Rawls und Robert Nozick sowie mit einem Artikel zum Eigentum im deutschen Grundgesetz. In diesem juristischen Bereich weist der philosophisch orientierte Band vielleicht am ehesten kleine Schwächen auf. Eine umfassende Würdigung der Eigentumsfrage müsste sicherlich noch juristischer ausfallen und auf aktuelle Probleme eingehen, wie sie sich der Rechtswissenschaft etwa in bezug auf die Veränderung natürlicher Organismen oder im Zusammenhang mit dem geistigen Eigentum heute reichlich stellen.
Solche Untersuchungen aber liegen nicht in der Absicht des Buches. Dessen Ziel, einen Überblick über die wichtigsten philosophischen Positionen zum Eigentum zu liefern, wird vortrefflich erreicht. Auf vergleichsweise wenig Raum entfaltet sich ein reiches Panoptikum menschlichen Denkens. Leicht lesbar und knapp, aber doch nie oberflächlich, informieren die Artikel über die wichtigsten Konzepte. Darüber hinaus bringt das Buch zum Bewusstsein, wie bedeutsam die Idee des Eigentums ist, eine Idee, die uns selbstverständlich geworden oder aber vielleicht auch schon unbemerkt abhanden gekommen sein könnte.
besprochen von LORENZ ENGI, geboren 1977, wissenschaftlicher Assistent an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität St. Gallen.