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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

103. Vortrag
1.
Von welcher Art die Apostel waren, als der Herr vor seinem Leiden mit ihnen redete, Großes mit Kleinen, aber so, wie das Große auch den Kleinen gesagt werden mußte, weil sie, da sie den Heiligen Geist noch nicht in der Weise empfangen hatten, wie sie ihn nach seiner Auferstehung sei es durch seine Anhauchung oder von oben her empfingen, mehr Menschliches als Göttliches im Sinne hatten, wird durch viele Aussprüche im ganzen Evangelium erwiesen. Dazu gehört auch, was sie in diesem Lesestück sagten. Es berichtet nämlich der Evangelist: „Seine Jünger sprachen zu ihm: Siehe, jetzt redest Du offen und sagst kein Gleichnis; jetzt erkennen wir, daß Du alles weißt und nicht nötig hast, daß Dich jemand frage; darum glauben wir, daß Du von Gott ausgegangen bist“. Der Herr selbst hatte kurz vorher gesagt: „Dieses habe ich in Gleichnissen zu euch geredet; es kommt die Stunde, wo ich nicht mehr in Gleichnissen zu euch reden werde“. Wie also sagen jene: „Jetzt redest Du offen und sagst kein Gleichnis“? War etwa die Stunde schon gekommen, wo er gemäß seiner Verheißung nicht mehr in Gleichnissen reden würde? Daß in der Tat jene Stunde noch nicht gekommen war, zeigt die Fortsetzung seiner Worte, die also lautet: „Dieses“, sprach er, „habe ich in Gleichnissen zu euch geredet; es kommt die Stunde, wo ich nicht mehr in Gleichnissen zu euch reden werde, sondern euch offen von meinem Vater verkünden werde. An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde; denn er selbst, der Vater, liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt [S. 1029] habt, daß ich vom Vater ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater“1. Da er in all diesen Worten jene Stunde erst noch verheißt, wo er nicht mehr in Gleichnissen reden, sondern ihnen offen vom Vater verkünden wird; jene Stunde, wo sie nach seinen Worten in seinem Namen bitten würden und er den Vater nicht für sie bitten werde, weil der Vater selbst sie liebe, da auch sie Christus geliebt und geglaubt haben, daß er vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen ist, um die Welt wieder zu verlassen und zum Vater zu gehen ― da also jene Stunde erst verheißen wird, wo er ohne Gleichnisse reden wird, warum sagen jene trotzdem: „Siehe, jetzt redest Du offen und sagst kein Gleichnis“, außer weil jene das, wovon er weiß, daß es für die Nichtverstehenden Gleichnisse seien, so sehr nicht verstehen, daß sie nicht einmal einsehen, daß sie es nicht verstehen? Sie waren ja Kinder und urteilten noch nicht geistig, was sie über die Dinge vernahmen, die sich nicht auf den Körper, sondern auf den Geist beziehen.
1: Joh. 16, 25―28.