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Die Macht der Vergangenheit
Der erste kleine Schritt auf dem Mond sei ein grosser Schritt für die Menschheit gewesen, so hat es der erste Mann auf dem Mond, Neil Armstrong, ins Mikrophon gesprochen und eindrücklich inszeniert. Es gibt aber auch andere Schritte, innere Schritte, die bewältigt werden müssen und nicht weniger gross sind, um zum Beispiel die Phänomene des Verhaltens, die Wurzel der Gefühle und speziell, die Grundstrukturen des Rivalisierens zu begreifen. Diesen Schritt hat in erster Linie, aber weniger spektakulär, Sigmund Freud getan.
Warum gibt es gesunde und kranke Formen des Rivalisierens? Wie und wo wird das Erscheinungsbild der Rivalität geprägt? Wie entstehen die tiefenpsychologischen Grundstrukturen des menschlichen Rivalisierens, und wie soll man sich die Entstehung einer Rivalitätsdynamik, erklären?
Wo sollten diese Muster, die Reaktionstendenzen, die Übertragungen geprägt werden, wenn nicht in der Kindheit? Zwar ist die Prägung des menschlichen Verhaltens nicht auf die Kindheit beschränkt. Das Lernen findet immer statt, in der Kindheit, während der Jugend, im Laufe des Erwachsenenlebens als auch im Alter. Aus diesen Gründen ist die Modifikation des Rivalisierens nie abgeschlossen. In welcher Entwicklungsphase ist aber die Sensibilität des Gehirns und damit die Lernfähigkeit des Menschen am grössten?
Die Eltern sind in der Regel, zusammen mit den direkten Verwandten, die nächsten und wichtigsten Vorbilder im Hinblick sowohl auf das "Erlernen der Geschlechterrolle" als auch auf das Erlernen der speziellen Rivalitätsmuster. Das Mädchen orientiert sich stark an seiner Mutter bzw. deren Erwartungen und kopiert unbewusst deren Verhaltensweisen, zum Beispiel das Rivalisieren gegenüber dem Vater. In analoger Weise stellt der Vater das Vorbild für den Jungen dar. Der Knabe identifiziert sich mit dem Vater bzw. dessen Erwartungen in Hinblick auf dessen Rivalität gegenüber der Mutter.
Das Mädchen erlebt aber auch den Vater als Mann und Partner der Mutter und verinnerlicht dieses "Männerbild" zu seinem eigenen "männlichen Anteil". Entsprechend verhält es sich beim Knaben. Er entwickelt im Erleben seiner Mutter die Beziehungsmuster zum weiblichen Geschlecht, einschliesslich der Rivalitätsmuster, und eignet sich anhand ihres Verhaltens sein eigenes "weibliches Ich" an. Und die Beziehung bzw. die Rivalität zwischen Vater und Mutter stellt für das Kind ein Grundschema der zwischengeschlechtlichen Kommunikation dar. In dieser spiegelt sich letztlich auch die "androhzentristische" (männlichkeitszentristische) Dominanz der gesellschaftlichen Werte.
Das Kind wird das Verhalten, speziell das Rivalisieren zwischen den Eltern und das Energiefeld, das sie zwischen sich aufspannen, als verhaltenswirksames Muster für den partnerschaftlichen Kontakt in die Ich-Struktur aufnehmen. Dieses Modell wird als innere Matrix für alle zukünftigen zwischenmenschlichen Wahrnehmungs- bzw. Verhaltensweisen dienen und das partnerschaftliche Verhalten, wiederum speziell die Rivalitätsmuster, auch in der nächsten Generation beeinflussen.
Diese Aussagen lassen erahnen, welche schwerwiegenden Folgen eine defizitäre bzw. destruktive Kommunikation zwischen den Eltern auf das spätere Sozial- bzw. Rivalitätsverhalten der Kinder hat. Das gilt besonders dann, wenn sich die Eltern gegenseitig abwerten und bekämpfen, d.h., wenn sie auf destruktive Weise miteinander rivalisieren. Die Kinder eignen sich dann eine Geschlechteridentität, ein geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, ein geschlechtsspezifisches, destruktives Rivalisieren und ein Kommunikationsrepertoire an, das für eine gelingende Partnerschaft denkbar ungeeignet ist. Im Gegenteil, sie lernen und verinnerlichen mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Verhalten, speziell ein Rivalitätsverhalten, das wie bei den Eltern zu praktisch unlösbaren Konflikten führt.