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Weiterbildung für italienische Arbeitsmigrant:innen in der Schweiz (1960-1980): Selbstinitiativen, Angebote, Intentionen
Nach 1960 gründeten italienische Vereinigungen in der Schweiz eigene Weiterbildungsorganisationen mit spezifischen Kursen für Arbeitsmigrant:innen zur beruflichen Weiterbildung, zum Spracherwerb oder in Allgemeinbildung. Daraus entwickelte sich bis 1980 ein reges und differenziertes Kurswesen, das den italienischen Arbeiter:innen sozialen Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollte. Die Kurse waren stets auf mögliche Anschlüsse sowohl in Italien und in der Schweiz ausgerichtet. Obwohl die beruflichen Abschlüsse im schweizerischen Bildungs- und Beschäftigungssystem nie offiziell anerkannt wurden, wurden sie von schweizerischen Unternehmen wertgeschätzt. Der Beitrag zeigt auf, vor welchem Hintergrund italienische Organisationen in der Schweiz im Bereich der Weiterbildung tätig wurden, mit welchen Intentionen ein Kurswesen entwickelt wurde und wie die Weiterbildungsanbieter auf die Vielfalt der Italiener:innen in der Schweiz reagierten.
Dass Weiterbildungsangebote, die sich spezifisch an Migrant:innen richten, ihre Berechtigung haben, beweist die bis heute anhaltend grosse Nachfrage nach solchen Kursen. Allerdings ist gar nicht so offensichtlich, was diese Zielgruppe der Migrant:innen oder der Personen mit Migrationshintergrund letztlich ausmacht und mit welchem Bildungsbedarf sie an die Weiterbildung herantreten. Die Nachfrage nach Deutsch-, Französisch- oder Italienischkursen ist offensichtlich, weil nach der Migration die Kenntnisse der lokalen Sprache fehlen. Aber wenn Migrant:innen Grundkompetenzen erwerben, einen Berufsabschluss nachholen oder sich beruflich weiterbilden, ist gar nicht so einfach zu beantworten, welche Rolle das Kriterium der Migration dabei spielt.
Ein Blick in die Geschichte der migrantischen Weiterbildung in der Schweiz vermag auf diese Fragen einige Antworten zu liefern. Seit den 1960er-Jahren entstand in der Schweiz auf Initiative von italienischen Emigrationsorganisationen eine vielseitige Palette an Weiterbildungsangeboten für Migrant:innen, die bis heute noch Bestand haben. Das Erwachsenenbildungsinstitut ECAP, heute die grösste Weiterbildungsorganisation mit spezifischem Fokus auf Migration und interkulturelles Lernen in der Schweiz, wurde 1970 gegründet (Eigenmann, 2017).
Der nachfolgende Beitrag fokussiert die Entstehung und Etablierung der ECAP und anderen migrantischen Weiterbildungsorganisationen im Raum Zürich zwischen 1960 und 1980.1 Da die meisten Arbeitsmigrant:innen in jener Zeit aus Italien kamen, werden italienische Organisationen beleuchtet – im Wissen darum, dass auch spanische, griechische und weitere Emigrationsorganisationen in der Schweiz im Feld der Weiterbildung aktiv waren. Im Zentrum stehen folgende Fragen: Wer initiierte diese spezifischen Weiterbildungsangebote für Migrant:innen? Welche Intentionen wurden damit verfolgt? Welche Kurse wurden angeboten und wer besuchte diese? Zunächst ist allerdings wichtig, den Kontext der damaligen Migration zu skizzieren, an dem sich das Handeln der Betroffenen ausrichtete.
Der Aufbau eines spezifischen Weiterbildungsangebots für Migrant:innen erfolgte vor dem Hintergrund der Arbeitsmigration Mitteleuropas nach 1945. Der anhaltende Boom der schweizerischen Wirtschaft und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in Italien liessen die beiden Länder 1948 ein Rekrutierungsabkommen abschliessen. Dieses sah eine einfache Rekrutierung italienischer Arbeitskräfte durch schweizerische Unternehmen vor, deren Aufenthaltsrecht jedoch nur temporär war. Saisonnierstatut und Rotationsprinzip regelten, dass die italienischen Arbeiter:innen nach spätestens neun Monaten wieder ausreisen mussten, um in der nächsten Saison oftmals wieder für weitere neun Monate in der Schweiz eine Arbeitsstelle zu finden. 1964 lebten so 400’000 Italiener:innen in der Schweiz. In demselben Jahr wurde auch das bilaterale Abkommen zwischen Italien und der Schweiz überarbeitet. Dieses drosselte zwar die Zuwanderung in die Schweiz mittels Plafonierung, senkte aber gleichzeitig auch die Hürden für die Niederlassungsbewilligung, sodass ein längerfristiges Bleiben in der Schweiz erst denkbar und möglich wurde (Mahnig & Piguet, 2003). Weiterbildungsbemühungen sowohl auf der Angebots- wie auch auf der Nachfrageseite bezogen sich indes stets stark auf diese Zukunftsperspektiven der Zugewanderten.
Allerdings zogen die italienischen Arbeiter:innen nicht mit Bildungsabsichten in die Schweiz. Doch auch so entwickelte sich bis 1980 ein differenziertes Weiterbildungswesen für Migrant:innen in der Schweiz, die ihrerseits keine homogene Gruppe bildeten. Erstens war ihr Bildungsstand sehr unterschiedlich. Die italienischen Arbeiter:innen, die in den 1950er-Jahren in der Schweiz Arbeit suchten, kamen vorwiegend aus Norditalien. In dieser Zeit rekrutierten die schweizerischen Firmen mehrheitlich gelernte Arbeiter:innen (Ricciardi, 2013, S. 118–123). Erst nach 1960 stammten die in die Schweiz migrierten Arbeiter:innen zunehmend aus dem strukturschwachen und damals noch weitgehend vorindustriellen Süditalien. Sie verfügten oftmals weder über eine abgeschlossene Grundschulbildung noch über einen Berufsabschluss (Bartolo Janse, 2011).
Zweitens waren – und dies ging in der Migrationsgeschichte lange vergessen – etwa ein Drittel der Zugewanderten Frauen, die allerdings in anderen Beschäftigungssektoren als die Männer Arbeit fanden, vor allem im Gastgewerbe, in der Textil- und in der Lebensmittelindustrie. Die Lebensentwürfe, Arbeitsstellen und Qualifikationsmöglichkeiten der Frauen unterschieden sich von denjenigen der Männer (Baumann, 2014), dementsprechend unterschieden sich auch ihre Bildungsbedürfnisse.
Drittens schliesslich kamen mit den italienischen Arbeitsmigrant:innen auch Personen mit heterogener Weltanschauung in die Schweiz und bezogen in politischer, religiöser oder kultureller Hinsicht ganz unterschiedliche Positionen. Dies zeigte sich zum einen in einer Vielfalt der italienischen Emigrationsorganisationen in der Schweiz (Meyer-Sabino, 2003), zum anderen auch darin, dass die Zugewanderten ihre individuelle Zukunft entweder in der Remigration nach Italien oder in der Niederlassung in der Schweiz sahen (Barcella, 2012).
Vor diesem Hintergrund entstand in den frühen 1960er-Jahren ein Kurswesen, das zunächst stark fragmentiert und durch lokales Engagement geprägt war. Die Angebote entstanden aus den Eigeninitiativen von lokalen Organisationen und oft auch in Zusammenarbeit mit schweizerischen Unternehmen, welche die Arbeitsmigrant:innen beschäftigten und die Qualifikation ihrer Mitarbeiter:innen unterstützen wollten (Barcella, 2014). In dieser Anfangsphase beschränkte sich das Kursangebot auf Kurse in Mathematik und technisches Zeichnen für Bauleute und Techniker. Gerade die Spenglerkurse boten den im Bauwesen tätigen Migranten willkommene berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. Die ausgestellten Kurszertifikate wurden zwar von Italien, nicht aber von der Schweiz offiziell anerkannt, aber sie öffneten dennoch Karrierewege in schweizerischen Unternehmen (hier und in der Folge: Eigenmann, 2017).
Ab den späten 1960er-Jahren wurde das Kursprogramm weiterentwickelt, verbreitert und differenziert. Zum einen wurden die anfangs noch sehr theoretisch ausgerichteten Kurse zunehmend mit Sequenzen des praktischen Lernens angereichert. Dazu konnten zunächst Werkstätten von Unternehmen oder Berufsschulen genutzt werden, bis die Weiterbildungsanbieter in den 1970er-Jahren auch eigene Werkstätten einrichteten. Zum anderen wurden auch andere Berufsgruppen angesprochen. Bis in die 1970er-Jahre kamen neben den bereits etablierten Kursen im Bauwesen auch solche für die mechanische Schwerindustrie, für Elektrotechnik, für die Autoindustrie, für den Textilbereich oder im Sekretariatsbereich von Unternehmen dazu. Somit deckte das Kursangebot die massgeblichen Tätigkeitsfelder der zugewanderten Migrant:innen weitgehend ab. Ebenso wurden Deutschkurse sowie allgemeinbildende Vorbereitungskurse zum Nachholen des italienischen obligatorischen Schulabschlusses der licenza media angeboten. Diese letztgenannten Kurse richteten sich direkt an Migrant:innen aus strukturschwachen Herkunftsregionen wie Süditalien, die oft ohne obligatorischen Schulabschluss und mit spärlichen Kenntnissen der italienischen Hochsprache in die Schweiz kamen. Ohne weiterführende Schulbildung war auch ein erfolgreiches Absolvieren der berufsbildenden Weiterbildungskurse kaum aussichtsreich. Die Vorbereitungskurse zur licenza media sollten also nicht nur das Nachholen des obligatorischen Schulabschlusses Italiens ermöglichen, sondern auch allgemeinbildend zum erfolgreichen Absolvieren beruflicher Weiterbildungskurse befähigen.
Träger dieses Weiterbildungsangebots für die italienischen Migrant:innen waren in erster Linie italienische Emigrationsorganisationen. Um dieses sich differenzierende Kursprogramm stärker zu institutionalisieren, gründeten diese migrantischen Vereinigungen spezifische Weiterbildungsorganisationen. So entstanden auch ECAP und ENAIP, die beiden grössten italienischen Weiterbildungsorganisationen, die in den 1970er-Jahren in der Schweiz tätig waren. Das Akronym ENAIP steht für «Ente Nazionale ACLI Istruzione Professionale» und wurde von der christlichen Arbeiterorganisation ACLI («Associazione Cristiane dei Lavoratori Italiani») gegründet, die ihrerseits enge Verbindungen zu den katholischen italienischen Missionen in der Schweiz pflegte und der damals in Italien regierenden Zentrumspartei «Democrazia Cristiana» nahestand. Die ECAP («Ente Confederale Addestramento Professionale») ging aus der politisch links stehenden Emigrationsorganisation FCLIS («Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera») hervor und pflegte enge Kontakte mit der italienischen Gewerkschaft CGIL («Confederazione Generale Italiana del Lavoro»), die ihrerseits mit den kommunistischen und sozialistischen Parteien Italiens verbunden war.
Beide Weiterbildungsorganisationen – ECAP wie ENAIP – entstanden also vor dem Hintergrund bestehender italienischer Vereinigungen in der Schweiz, die seit dem späten 19. Jahrhundert (italienische katholische Missionen) oder seit den 1940er-Jahren (Colonie Libere) in der Schweiz tätig waren (Koller, 2014; Ricciardi, 2013). Eine weitere Gemeinsamkeit bestand darin, dass sich beide Organisationen beim Aufbau ihres Weiterbildungsprogramms auf die bestehenden Weiterbildungstätigkeiten italienischer Gewerkschaften in Italien beriefen. Deren Weiterbildungsprogramme, -curricula und -unterlagen wurden rasch in die Schweiz importiert und hier zur Anwendung gebracht. Dabei nahmen aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtung ECAP und ENAIP Bezug auf unterschiedliche Gewerkschaften mit zwar vergleichbaren Kursprogrammen, aber divergierenden Ambitionen und Intentionen (hier und in der Folge: Eigenmann, 2017). Darüber hinaus waren diese Kurse vom italienischen Generalkonsulat in der Schweiz beaufsichtigt und subventioniert.
Aufgrund dieser Einbindung in bestehende Netzwerke ist der Aufbau der migrantischen Weiterbildungsangebote auch nur bedingt als Selbstinitiative der zugewanderten Arbeiter:innen zu verstehen. Das lässt sich am Gründer der ECAP in der Schweiz gut nachzeichnen. Leonardo Zanier kam 1954 als gelernter Bauzeichner aus dem Friaul in die Schweiz und schloss sich den Colonie Libere an. Aufgrund seiner Vorbildung erhielt er die Möglichkeit, sich an der ETH weiterzubilden, und wies seit den frühen 1960er-Jahren wiederholt auf die Notwendigkeit hin, dass den italienischen Arbeitsmigrant:innen berufliche Qualifikationswege eröffnet werden müssten. Zanier, der auch als Dichter in friaulischer Sprache Bekanntheit erlangte, initiierte die ersten beruflichen Weiterbildungskurse für Italiener:innen in Zürich, war dabei selbst als Kursleiter tätig und trieb die Gründung der eigentlichen Weiterbildungsorganisation ECAP voran (Barcella & Furneri, 2020).
Die Vernetzung der migrantischen Weiterbildungsanbieter mit italienischen Organisationen, Gewerkschaften und Behörden führte dazu, dass bis etwa 1970 das Kursangebot stark auf die italienischen Verhältnisse ausgerichtet war (hier und in der Folge: Eigenmann, 2017). Sie zielten darauf ab, die jungen italienischen Arbeiter:innen in der Emigration beruflich zu qualifizieren, damit sie nach ihrer Rückkehr nach Italien zum Aufschwung der italienischen Wirtschaft beitragen würden – dies war zumindest die Intention der italienischen Behörden. ECAP und ENAIP, die eigentlichen Kursanbieter, waren schon seit den späten 1960er-Jahren darauf bedacht, die Kurse stärker auf die Verhältnisse der Schweiz auszurichten, damit die über die Kurse erworbenen Qualifikationen auch im schweizerischen Arbeitsmarkt anschlussfähig würden, was aber nur in Ansätzen realisiert werden konnte.
Darüber hinaus konnten einige zentrale organisatorische Herausforderungen wie die Suche nach Kursräumen, die Rekrutierung von Kursleiter:innen oder auch die anhaltende finanzielle Unsicherheit der Kursanbieterinnen etwas abgeschwächt werden. Insbesondere ist die Gründung der ECAP aber auch als eine Öffnung des migrantischen Weiterbildungswesens gegenüber den Verhältnissen in der Schweiz zu verstehen. Die ECAP intensivierte ihren Kontakt mit schweizerischen Gewerkschaften und richtete in den Räumlichkeiten des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands SMUV (später: Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen) ihre ersten Büroräumlichkeiten ein. Mit dieser Zusammenarbeit im Hintergrund war es für die ECAP einfacher, erfolgreich beim Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit Subventionen für die Kurse zu beantragen oder die Bewilligung zu erhalten, für die Kurse die Räume der Gewerbeschulen der Stadt Zürich nutzen zu dürfen.
Während der 1970er-Jahre konnte sich das Kurswesen der migrantischen Weiterbildungsorganisationen weiter stabilisieren, auch dank steigenden Subventionsleistungen seitens der schweizerischen Behörden. Sowohl ECAP wie ENAIP richteten ausserhalb der grösseren Zentren (Zürich und Basel) weitere berufsbildende Weiterbildungszentren ein. Die organisatorischen Herausforderungen rückten etwas in den Hintergrund und es entstand mehr Raum für Auseinandersetzungen um die inhaltliche Ausrichtung der Kurse, um didaktische Herausforderungen oder um die Rahmenbedingungen beruflicher Qualifikationen – oftmals auch gemeinsam mit Behörden- und Gewerkschaftsvertreter:innen Italiens und der Schweiz. Auf die wiederholt geäusserte Forderung der italienischen Weiterbildungsorganisationen, für ihre Kurszertifikate eine offizielle Anerkennung im schweizerischen Ausbildungssystem zu erlangen, wurde indes nie eingegangen. Als Alternative wurden Kurse angeboten, die auf die schweizerischen Lehrabschlussprüfungen vorbereiten sollten, die seit der Reform des Berufsbildungsgesetzes von 1963 unter Auflagen auch ohne vorgängige Berufslehre zugänglich war – was heute als Berufsabschluss für Erwachsene bekannt ist (siehe dazu: Maurer, Wettstein & Neuhaus, 2016).
Die Rezession nach der ersten Ölkrise von 1973 führte zu einer Wende in der Geschichte der italienischen Emigration in die Schweiz. Innerhalb von fünf Jahren verloren 16% der Arbeitsmigrant:innen in der Schweiz ihre Stelle und mussten remigrieren (Gees, 2004). Für die in der Schweiz weiterhin beschäftigten Migrant:innen erhöhte sich der Druck zur beruflichen Weiterbildung, die schwierige Wirtschaftsleistung trug so zu einer weiteren Konsolidierung des Kurswesens für italienische Arbeiter:innen bei (Eigenmann, 2017). Allerdings ist bemerkenswert, dass sich in Zürich selbst über diese Jahre hinweg zwei italienische Weiterbildungsorganisationen etablieren konnten. Trotz punktueller Zusammenarbeit standen sie zueinander in Konkurrenz. Bemühungen, Kurse zusammenzulegen und so – gerade bei materialintensiven Kursen – Synergien zu nutzen, blieben oft erfolglos.
Ab der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre begannen die Weiterbildungsorganisationen ihre Kurse zunehmend auch auf die zweite Generation der Arbeitsmigrant:innen auszurichten. Bei den Kindern der Italiener:innen stand damals eine erste grössere Kohorte vor dem Übergang in die berufliche Grundbildung – und schon damals war dieser Übergang für die zweite Generation problembehaftet.2 Die Organisationen suchten unterschiedliche Wege, diesem Problem zu begegnen. Beispielsweise wurden die bestehenden Kurse auch didaktisch klarer auf Jugendliche ausgerichtet oder es wurden spezifische Vorlehrkurse geschaffen, die den Jugendlichen den Übertritt in die berufliche Grundbildung erleichtern sollten und als Vorläufer der heutigen Brückenangebote gelten können.
In ihren Ansprüchen gingen die italienischen Weiterbildungsorganisationen stets über die reine Vermittlung beruflicher Qualifikationen und die Eröffnung von Aufstiegsmöglichkeiten hinaus. Sie wollten mit ihren Angeboten auch gesellschaftliche Veränderungen anstossen und bewegten sich somit nicht nur im Feld der beruflichen Weiterbildung, sondern auch der (politischen) Erwachsenenbildung.
Ein zentrales Anliegen war es, die berufsqualifizierenden Kurse für die Arbeitsmärkte sowohl in Italien wie auch in der Schweiz anschlussfähig zu machen. Weil die Kurse auf der Grundlage von bestehenden beruflichen Weiterbildungsprogrammen der Gewerkschaften Italiens entwickelt und im Sinne einer möglichen Rückkehr der Arbeitsmigrant:innen nach Italien von den italienischen Behörden unterstützt wurden, war der Anschluss ans italienische Beschäftigungswesen zumindest in den 1960er-Jahren gegeben. Bis Ende der 1970er-Jahre wurde die Situation in der Schweiz zunehmend zum primären Bezugskontext der Organisationen. Die transnationale Vermittlung zwischen diesen Bezugskontexten sowie die permanente Suche nach doppelter Anschlussfähigkeit prägte indes die programmatische Arbeit dieser Organisationen.
Zwar wurden die Weiterbildungskurse für die Teilnehmer:innen primär im Hinblick auf einen möglichen beruflichen Aufstieg (oder zumindest zur Wahrung der beruflichen Stellung) nachgefragt, diese Kurse waren aber immer auch mit allgemeinbildenden Ansprüchen verbunden, sei es im Hinblick auf sprachliche Bildung oder als Gewerkschaftsbildung. In diesem Kontext zeigt sich der politische Gehalt dieses migrantischen Kurswesens, der vor allem anhand der Inhalte der allgemeinbildenden Kurse oder der partizipativen Organisationsformen deutlich gemacht werden kann. Die Kursmaterialien der ECAP, mit denen auf die Abschlussprüfung der licenza media vorbereitet wurden, enthielten Informationen über die soziale Benachteiligung von Unterschichtskindern im Schulwesen, über vergangene und zeitgenössische Arbeitskämpfe in Italien oder über die gewerkschaftliche Forderung nach einem allgemeinen Bildungsurlaub. Die Intention war eine Demokratisierung von Arbeitswelt und Weiterbildung und zielte darauf ab, den Arbeiter:innen die Grundlagen einer Selbstermächtigung in der Arbeitswelt zu verschaffen (Eigenmann, 2017). Dabei zeigen sich deutliche Parallelen mit der damaligen Bildungspolitik der Unesco, die zu jener Zeit eine ähnliche Bildungsprogrammatik hinsichtlich Drittweltländern verfolgte (Faure, 1973).
Für die Weiterbildungsteilnehmer:innen indes blieben Beschäftigungsfähigkeit und sozialer Aufstieg die zentrale Motivation, sich für einen der Kurse der ECAP oder ENAIP einzuschreiben. Allerdings muss das Teilnehmer:innenfeld in dreifacher Hinsicht differenziert werden (hier und in der Folge: Eigenmann, 2017).
Erstens war die Teilnehmerquote in den verschiedenen Beschäftigungsbereichen, in denen die italienischen Migrant:innen primär tätig waren, sehr unterschiedlich. Kurse in den Bereichen der Schwerindustrie, der Mechanik, der Elektrotechnik und der Automobilindustrie wurden deutlich häufiger nachgefragt als Kurse im Bauwesen, die zwar ähnliche Teilnehmerzahlen aufwiesen, in deren Berufsbereichen allerdings deutlich mehr Migrant:innen beschäftigt waren als in den erstgenannten. Dazu kommt, dass für im Gastgewerbe tätige Personen zwar Kursausschreibungen auffindbar sind, aber keine Hinweise dokumentiert sind, die darauf schliessen lassen, dass diese Kurse tatsächlich durchgeführt wurden.
Zweitens widerspiegelt sich in der Kursnachfrage die geschlechtsbezogene Segregation des migrantischen Arbeitsmarktes. Weiterbildungsteilnehmerinnen schrieben sich fast ausschliesslich in Kurse in den Bereichen der Textilverarbeitung oder des Sekretariatswesens ein, während Weiterbildungsteilnehmer Kurse in den Bereichen Metallindustrie, Bau, Elektroinstallation und Automobilindustrie besuchten. Trotz dieser starken Segregation waren etwa ein Fünftel aller Kursteilnehmer:innen Frauen, oftmals versprachen die Kurse Aussicht auf eine berufliche Anstellung neben der Haushaltstätigkeit. In den 1970er-Jahren begann auch in den Emigrationsorganisationen ein Diskurs über feministische Anliegen, der auch die berufliche Qualifikation von Frauen einschloss (Baumann, 2014).
Drittens schliesslich war in etwa ein Viertel der Teilnehmer:innen unter 20 Jahre alt, wobei einige davon die Schule in der Schweiz besucht hatten, andere direkt nach dem Abschluss der italienischen Schule in die Schweiz migrierten, um hier Arbeit zu suchen. Für beide stellte das Kurswesen der italienischen Weiterbildungsorganisationen eine Alternative zur üblichen beruflichen Grundbildung dar, weil der Eintritt in eine Berufslehre oft unerreichbar blieb. Gerade die Kurse in der Autoindustrie oder im Bürowesen boten Möglichkeiten beruflicher Qualifikationen, die im schweizerischen Bildungswesen zwar keine Anerkennung fanden, bei Arbeitgebern aber durchaus ihren Wert hatten. Bis 1978, als über die Revision des schweizerischen Berufsbildungsgesetzes die Anlehre (heute: EBA) eingeführt wurde (Wettstein, 2020), boten die migrantischen Kurse den italienischen Jugendlichen alternative Wege, zumindest gewisse Berufsqualifikationen zu erlangen.
Der historische Blick auf die Gründungsphase migrantischer Weiterbildungsorganisationen in den 1960er- und 1970er-Jahren zeigt, welche Relevanz ein Kurswesen, das sich spezifisch an Zugewanderte richtet, für diese Personen hat. Den italienischen Weiterbildungsanbietern gelang es, zwischen dem Beschäftigungs- und Qualifikationssystem der beiden Länder zu vermitteln, indem sie ihre Kurse auf beide Länder ausrichteten. Wenngleich die Abschlüsse nicht von beiden Ländern umfassend anerkannt wurden, boten die Kurse den Migrant:innen attraktive Qualifikationsmöglichkeiten, die ihrem Bedarf entsprachen, nachgefragt wurden und in der Arbeitswelt ihren Wert hatten. Voraussetzung dafür war, dass die Lebenssituationen und Bezugskontexte der Migrant:innen als Ausgangspunkte für die Entwicklungen genommen wurden.
Gleichzeitig verweist diese Geschichte auch auf die Notwendigkeit, Migration differenziert zu betrachten. Die zugewanderten italienischen Arbeitsmigrant:innen kamen aus unterschiedlichen Gründen, in unterschiedlichem Alter sowie mit unterschiedlichen Biografien, Bildungsabschlüssen und politischen Einstellungen in die Schweiz. Entsprechend unterschieden sich auch ihre Lebensentwürfe und ihre Bildungsbestrebungen. Diese Heterogenität der Zugewanderten spiegelte sich in den verschiedenen Weiterbildungsorganisationen, die in jener Zeit aufgebaut wurden, sowie deren vielfältigen Intentionen. Mit einer Kurspalette, die von rein beruflicher Qualifikation über Sprachkurse bis hin zum Nachholen der schulischen Allgemeinbildung reichte, reagierten ECAP und ENAIP auf diese Heterogenität.
Auch heute beziehen sich Weiterbildungsanbieter mit Kursen spezifisch für Migrant:innen auf diese beiden Aspekte. So lässt sich auch bei aktuellen Migrationsbewegungen wie der Fluchtmigration aus der Ukraine erneut feststellen, dass erstens die Zukunftsperspektiven der Zugewanderten höchst unterschiedlich und zudem unsicher sind und zweitens Personen mit ganz unterschiedlichen familiären, sozialen und beruflichen Hintergründen in die Schweiz kommen. Darauf als Weiterbildungsanbieter angemessen zu reagieren, ist – wie die obigen Ausführungen nahelegen – eine komplexe Aufgabe, die allerdings dazu beitragen kann, dass den Migrant:innen vielfältige Zukunftsperspektiven eröffnet werden.
1 Der Beitrag und insbesondere die Kapitel 4–6 basieren auf der 2017 veröffentlichten Studie «Migration macht Schule» (Eigenmann, 2017). In diesen Abschnitten wurden die Literaturverweise weggelassen.
2 Für differenzierte aktuelle Befunde zum für die zweite Generation noch immer problematischen Übergang in die berufliche Grundbildung siehe Engelage (2019).
Barcella, P. (2012). „Venuti qui per cercare lavoro“. Gli emigrati italiani nella Svizzera del secondo dopoguerra. Bellinzona: Fondazione Pellegrini Canevascini.
Barcella, P. (2014). Migranti in classe. Gli italiani in Svizzera tra scuola e formazione professionale. Verona: ombre corte.
Barcella, P. & Furneri, V. (Hrsg.). (2020). Una vita migrante: Leonardo Zanier, sindacalista e poeta (1935-2017). Studi storici Carocci (1a edizione). Roma: Carocci editore.
Bartolo Janse, M. (2011). la formazione nell’emigrazione: l’ECAP in Svizzera. In: N. Valsangiacomo & F. Mariani Arcobello (Hrsg.), Altre culture. Ricerche, proposte, testimonianze (S. 193–210). Bellinzona: Fondazione Pellegrini Canevascini.
Baumann, S. (2014). «... und es kamen auch Frauen.» Engagement italienischer Migrantinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegsschweiz. Zürich: Seismo.
Eigenmann, P. (2017). Migration macht Schule. Bildung und Berufsqualifikation von und für Italienerinnen und Italienern in Zürich, 1960–1980. Zürich: Chronos.
Engelage, S. (Hrsg.) (2019). Migration und Berufsbildung in der Schweiz. Beiträge zur Berufsbildungsforschung. Zürich: Seismo Verlag.
Faure, E. (1973). Wie wir leben lernen. Der Unesco-Bericht über Ziele und Zukunft unserer Erziehungsprogramme. Reinbek: Rowohlt.
Gees, T. (2004). Die Schweiz als europäische Antithese? Ausländerpolitik zwischen «Überfremdungsdiskurs» und Personenfreizügigkeit nach 1945. zeitgeschichte, 31(4), 226–241.
Koller, C. (2014). Missione cattolica italiana. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS).
Mahnig, H. & Piguet, E. (2003). Die Immigrationspolitik der Schweiz von 1948 bis 1998: Entwicklung und Auswirkungen. In: H.-R. Wicker, R. Fibbi, & W. Haug (Hrsg.), Migration und die Schweiz. Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms «Migration und interkulturelle Beziehungen» (S. 65–108). Zürich: Seismo.
Maurer, M., Wettstein, E. & Neuhaus, H. (2016). Berufsabschluss für Erwachsene in der Schweiz. Bestandesaufnahme und Blick nach vorn. Bern: hep verlag.
Meyer-Sabino, G. (2003). Die Stärke des Verbandswesens. In: E. Halter (Hrsg.), Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz (S. 109–126). Zürich: Offizin.
Ricciardi, T. (2013). Associazionismo ed emigrazione. Storia delle Colonie Libere e degli Italiani in Svizzera. Roma: Laterza.
Wettstein, E. (2020). Berufsbildung. Entwicklung des Schweizer Systems. Bern: hep verlag.