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Die Geschichte der Ethnographie ist noch nicht im Zusammenhang bearbeitet worden, und es kann sich hier
eigentlich nur um eine Vorgeschichte handeln, da die Ethnographie erst in unsrer Zeit zu einer eigentlichen Wissenschaft erhoben wurde.
Spuren der Anfänge finden wir aber bei den meisten zivilisierten Völkern. So unterschieden die alten Ägypter auf ihren
Denkmälern deutlich vier Menschenrassen, die Ludu, worunter sie sich selbst verstanden, die Aamu, womit
die Semiten gemeint sind, die Nahasu oder Neger und die Tamahu, helle VölkerAsiens und Nordafrikas (Berber). Von großem Einfluß
auf die ethnographischen Anschauungen wurde die Stammessage der Hebräer über die Schöpfung der ersten Menschen und deren Verteilung
über die Erde. Bei ihnen finden wir auch
(1. Mos. 10). in der merkwürdigen Völkertafel die erste Übersicht
über die Ausbreitung der Menschen nach den drei SöhnenNoahs: Sem, Ham und Japhet, die sich über Westasien, Nordostafrika und
Südosteuropa ausdehnten.
Doch ist einzelnes zu verzeichnen, wie denn Ktesias mitteilt, daß es in Indien auch helle Völker gebe,
im Gegensatz zu der damals gültigen Annahme, daß die Menschen nach dem Äquator zu immer dunkler würden. Vitruv gibt an, daß
die blonden hellen Völker im Norden,
[* 5] die wollhaarigen dunkeln im Süden wohnten. Wie gering die Leistungen auf dem Gebiet der
beschreibenden Völkerkunde waren, erkennt man an der Schilderung der Skythen durch Hippokrates, so daß
wir über dieses Volk noch heute nicht völlig im klaren sind. Auf dem Weg des Vergleichs gemeinsame Abkunft entfernter Völker
zu erkennen, versuchte Herodot, welcher die Kolchier am Kaukasus auf Grund übereinstimmender Sitten für ein Bruchstück der
Ägypter erklärte. Aber mit großem Scharfsinn wurde der Einfluß der
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Gering war der Fortschritt in den folgenden Jahrhunderten, wenn auch in Leibniz' strahlendem Genius sich bereits einige der Großthaten
spiegelten, zu denen einst die ethnographische Wissenschaft berufen sein sollte. Die Wichtigkeit des Vergleichs
der Naturvölker für die Geschichte der Kulturvölker erkannte 1766 Steebs, indem er aussprach: »Wenn
wir die Beschreibung der Grönländer, der Hottentoten und der meisten amerikanischen Völker mit der Beschreibung der Skythen,
Sarmaten und alten Deutschen zusammenhalten, so werden wir die Mängel der alten Nachrichten ersetzen
können«.
In seinem Werk »Systema naturae« hatte Linné den Menschen (Homo sapiens) zusammen mit den Affen
[* 9] zur Ordnung der Primaten gestellt
und ihn kurz in vier Gruppen als amerikanischen, europäischen, asiatischen und afrikanischen Menschen gegliedert, wozu er
noch verwilderte und mißgestaltete Menschen als besondere Varietäten hinzufügte, hierdurch schon seinen
Standpunkt gegenüber der Ethnographie kennzeichnend. Weit höher stand Buffon, der 1749 in seinen »Variétés dans l'espèce humaine«
außer der körperlichen Schilderung schon die geographische Verbreitung, die Sitten etc. der Völker skizziert, aber auch
noch bei der geographischen Anordnung stehen bleibt.
Erst der große Blumenbach trennte auf anthropologischer Basis das Menschengeschlecht in fünf Abarten (»De
generis humani varietate nativa«, Götting. 1776, und »Decades craniorum diversarum gentium«, 1790).
Die kaukasische Rasse mit symmetrischem Schädelbau stellte er in die
Mitte, die Mongolen mit fast quadratischen und die Neger
mit eng zusammengedrückten, prognathen Schädeln an die beiden Endpunkte der Formenreihe, während er
die Amerikaner zwischen Mongolen und Kaukasier, die Malaien zwischen die Kaukasier und Neger als Übergänge einschaltete.
Jeder dieser Rassen gab er ihre Merkmale nach Schädelbildung, Hautfarbe, Haar,
[* 10] Augenstellung und Mundform. Als aber Blumenbach
seine Merkmale aufstellte, war er sich deutlich bewußt, daß es unmerkliche Stufen und Übergänge, nirgends
aber scharfe Grenzen
[* 11] der Abarten gebe. Neben der Anatomie trat die Linguistik hilfreich beim Aufbau der Ethnographie auf, indem sie es
ermöglichte, durch Vergleich die Völker genealogisch zu vereinigen, und diesen Weg betrat 1800 der spanische PriesterDon Lorenzo
Hervás, indem er die Sprachen nach ihrer grammatischen Übereinstimmung in Gruppen ordnete und die semitischen
und finnischen Sprachen zusammenstellte.
Verhieß nun auch die Sprache
[* 12] Aufschluß über die Abstammung der Völker, so war sie doch kein untrügliches
Zeichen innerer Blutsverwandtschaft, indem bald erkannt wurde, wie sie dem Wechsel unterworfen ist und ganz entfernt voneinander
stehende Völker durch Tausch zu gleichen oder verwandten Sprachen gelangen können. Hilfreich wie die Linguistik gesellten
sich auch Urgeschichte (Prähistorie) und Anthropologie der Ethnographie zu, die, auf solcher Basis erwachsend, sich
erst in unsrer Zeit zur eigentlichen Wissenschaft auszubilden beginnt, wenn auch nicht verkannt werden darf, daß sie erst
in den Anfängen steht.
Dadurch kam System in die Ethnographie, und den Franzosen gebührt das Verdienst, so die Wiege der Ethnographie geschaffen zu haben. Es folgten
Amerikaner und Briten und später erst die Deutschen. Abgesehen von den Leistungen Einzelner, konzentriert
sich die wissenschaftliche Thätigkeit auf ethnographischem Gebiet, aber immer noch verquickt mit den Schwesterwissenschaften
der Urgeschichte und Anthropologie, heute in den verschiedenen Gesellschaften, Vereinszeitschriften und Museen, die in den meisten
Kulturländern bestehen.
Indem die Ethnographie zu ihrer Unterstützung und zu ihrem Ausbau der meisten andern Wissenschaften bedarf, wird
sie selbst zu einer der umfassendsten und schwierigsten Wissenschaften. Was heute alles in ihren Rahmen hineingehört, mag
aus der folgenden Übersicht erkannt werden. Die Ethnographie hat zunächst die geographische und rassenweise Verteilung
der Völker sowie deren Ursitze und Wanderungen in Betracht zu ziehen und den Rassencharakter zu bestimmen.
Neben den zunächst ins Auge
[* 38] fallenden Unterschieden der Hautfarbe, Kopfform, Art der Haare,
[* 39] des Wuchses gibt es feinere Nüancen,
welche sich nicht gleich bemerkbar machen, die aber, wie z. B. die Mongolenfalte des Augenlides
(Epicanthus) oder das Inkabein (Os Incae) des Schädels, unter Umständen zu Rassenmerkmalen werden können.
Einteilungen in Rassen sind vielfach neben den oben erwähnten ältern in neuer Zeit aufgestellt worden, doch haben sich alle
bisher versuchten Systeme so mangelhaft erwiesen, daß man (z. B. Gerland) zu einer geographischen Klassifizierung zurückkehrte.
Unter Berücksichtigung der meisten vorhandenen Merkmale stellte OskarPeschel sein System auf, indem er
sieben Menschenrassen unterschied:
Nach den Haaren zerfallen sie in zwei große Abteilungen, nämlich Wollhaarige und Schlichthaarige. Während bei den erstern
das Haar bandartig abgeplattet und der Querschnitt desselben länglichrund erscheint, ist jedes Haar bei
den letztern cylindrisch und zeigt sich der Querschnitt desselben kreisrund. Sämtliche wollhaarige Menschenrassen sind langköpfig
und schiefzähnig, zeigen also die relativ größte Verwandtschaft mit dem Affentypus. Sie wohnen alle auf der südlichen
Erdhälfte bis zum Äquator und einige Grade über denselben hinauf. Innerhalb dieser beiden großen Abteilungen
ergeben sich nach der nähern Beschaffenheit und dem Wachstum des Haars beiderseits wieder Unterabteilungen, die zu folgendem
System führen:
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