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Wer immer die Schicksale des Gotteshauses Einsiedeln schreiben will, muß mit der Geschichte des ersten Bewohners des Finstern Waldes, mit St. Meinrad beginnen. Als erste Quelle dafür kommt die älteste Vita sive passio venerabilis heremitae Meginrati in Betracht. Diese wurde zweifelsohne von einem Mönche der Reichenau, einige Zeit nach dem Tode des Heiligen, sicher aber zu Anfang des 10. Jahrhunderts aufgezeichnet. Aus dem Leben des Heiligen selber wird nicht viel erzählt, das Wenige aber erscheint durchaus glaubwürdig. Einzelne Partien, besonders die Stellen, die über den Tod des Heiligen handeln, gehen zum Teil auf Erzählungen der Mitbrüder des Heiligen, zum Teil auf im Volke umgehende Berichte zurück1.
Die älteste erhaltene Handschrift findet sich in prächtiger Ausführung aus dem 10. Jahrhundert in St. Gallen2. Dem 10. Jahrhundert gehört auch die Brüsseler Handschrift an, die ehedem im Besitze der Bollandisten war3. Aus dem 10. zum 11. Jahrhundert stammt die Handschrift Nr. 84 der Landesbibliothek in Karlsruhe, die ehedem auf der Reichenau sich fand4. Die Handschrift 249 der Stiftsbibliothek Einsiedeln gehört bereits dem 12. Jahrhundert an5, ebenso die Handschrift Nr. 12 im Stiftsarchiv St. Gallen, die ehedem im Kloster Pfäfers sich befand6. Eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert bewahrt die Lycealbibliothek in Linz7. Ferner haben sich noch aus dem 10. Jahrhundert Fragmente der Vita erhalten in der aus dem ehemaligen Stift Rheinau stammenden Handschrift Nr. 81 der Zentralbibliothek Zürich und in der ehemals der Reichenau gehörenden Handschrift Nr. 21 der Landesbibliothek in Karlsruhe8.
Die erste gedruckte Ausgabe dieser Vita erschien (nach der Einsiedler Handschrift) 1496 durch Sebastian Brant bei Michael Furter in Basel9. Im Jahre 1570 gab Surius «De probatis sanctorum historiis» das Leben gekürzt in Köln heraus10. Pater Christoph Hartmann, in seinen Annales Heremi, gibt im Anhang ebenfalls die Vita nach der Einsiedler Handschrift. Auf ihn gehen die Bollandisten11 und Mabillon12 zurück. Kritisch untersucht hat erst Holder-Egger in den Monumenta Germaniae13 1887 die verschiedenen Lebensbeschreibungen; für seine Ausgabe verwandte er die drei ältesten Handschriften (St. Gallen, Brüssel und Karlsruhe). Dr. P. Odilo Ringholz hat seiner Stiftsgeschichte einen Anhang über die Quellen für das Leben des hl. Meinrad beigefügt14.
Neben dieser ältesten Vita haben wir sodann die legendär stark ausgeschmückte Lebensbeschreibung des Fraters Georg von Gengenbach, die dieser 1378 schrieb und die vor allem für die vielen Chroniken grundlegend geworden ist. Seit dem ca. 1460 erschienenen Blockbuch, das mehr im Bilde als in Worten die Schicksale des Heiligen schildert, wurde das Leben des Heiligen ungezählte Male dem Volke geboten15. Dazu kommen die vielen Sammelwerke mit Heiligenlegenden aus älterer und neuerer Zeit, in denen das Leben des Heiligen wiedergegeben wurde.
Neben den Lebensbeschreibungen, vorab der ältesten Vita, die ja als Quelle allein in Frage kommt, haben wir sodann die Aufzeichnungen in den verschiedenen Annalen und Chroniken, wie jenen von Reichenau, St. Gallen, Einsiedeln, Niederalteich, Melk, Quedlinburg, Vormezeele bei Ypern und Würzburg16. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehen sie meistens auf die älteste Vita zurück und bringen nur kurz die Notiz des Todes.
Als Quelle kommt noch das Offizium des hl. Meinrad in Frage, das Abt Berno von der Reichenau verfaßte17, das sich in den Einsiedler Handschriften Nr. 83 aus dem 12. Jahrhundert und Nr. 611 aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts erhalten hat. Ebenso findet es sich in einem Brevier aus dem 14. zum 15. Jahrhundert (Nr. 89) und einem solchen aus dem 15. Jahrhundert (Nr. 90).
Die Angaben der ältesten Vita lassen sich kurz in nachfolgenden Bericht zusammenfassen. Zur Zeit Karls d. Gr. wurde Meinrad im Sülichgau, in der Gegend um den Neckar zwischen Rottenburg und Tübingen geboren. Die Eltern, alemannischen Ursprungs, ragten mehr durch ihre Tugend als durch ihren Reichtum hervor. Sie zu den Vorfahren der Hohenzollern stempeln zu wollen, dürfte ein eitles Unterfangen sein18. Als Knabe kam er zu den Studien auf die Reichenau, wo ein Verwandter, Erlebald, bereits Mönch war. Mit 25 Jahren empfing Meginrat die Diakonats- und bald darauf die Priesterweihe. Als Erlebald Abt geworden, legte er seinem Verwandten nahe, ins Kloster einzutreten, was Meinrad auch tat. Er wurde alsbald nach der zum Kloster gehörenden Niederlassung am obern Zürichsee gesandt. Es handelt sich hier möglicherweise um das alte Babinchova, das man in Benken resp. in dessen Nähe auf dem obern Buchberg gesucht hat19. Dieses Klösterlein wird urkundlich 741 und 744 erwähnt. Meinrad hatte hier der kleinen Schule vorzustehen. Als Jahr seiner Ankunft geben spätere 824 an. Einige Jahre hierauf ging er in den «Finstern Wald», von der Vita «Heremum» geheißen, um sich hier eine Stätte aufzusuchen, an der er als Einsiedler ungestört leben könnte. Möglicherweise holt er in dem erwähnten Königshofe in Cham (villa Chama) die Erlaubnis, sich in der Einöde niederlassen zu dürfen. Mit einer frommen Frau traf er die Vereinbarung, ihn mit den nötigen Lebensmitteln zu versehen. Nachdem alles vorbereitet war, schied er von seiner bisherigen Tätigkeit — der Überlieferung nach im Jahre 828 — und zog an die Stätte, die er sich ausersehen, die nicht weit weg von der Wohnstätte jener frommen Frau lag. Die fortwährende Überlieferung verzeichnet den Etzelpaß als diesen Ort20. Aus der Lebensbeschreibung scheint übrigens auch hervorzugehen, daß noch andere fromme Männer in dieser Gegend lebten, denn es heißt ausdrücklich: «necessaria prebente ei praedicta matrona necnon et aliis religiosis viris.» Sieben Jahre lebte er hier, dann aber trieb ihn das Verlangen nach größerer Einsamkeit tiefer in den Wald hinein, wo ihm eine Äbtissin Heilwiga und fromme Männer (adiuvantibus religiosis viris, also auch wieder Mitein. siedler) beim Bau einer neuen Wohnstätte halfen. Die Äbtissin Heilwiga (nicht Hildegardis, wie spätere Chronikschreiber sie nannten) war möglicherweise eine der ersten Vorsteherinnen des Klosters Schänis. Durch 26 Jahre diente Sankt Meinrad hier seinem Schöpfer, bis er schließlich der Habsucht zweier Landstreicher, deren Namen und Herkunft die Vita ausdrücklich angibt (quorum unus vocabatur Richardus eratque gente Alemannus, alter vero Petrus, qui Retianorum natione procreatus est), zum Opfer fiel. Sie vermuteten wohl Schätze bei dem Einsiedler, der von frommen Gläubigen vielfach aufgesucht und mit Gaben beschenkt wurde. Sie wurden ihrer Tat nicht froh und fielen bald der rächenden Gerechtigkeit zum Opfer. Die älteste Vita gibt als Todestag den 21. Januar und als Todesjahr das Jahr 863 an, das 28. Regierungsjahr König Ludwigs des Deutschen. Das 28. Regierungsjahr König Ludwigs aber ist nicht 863, sondern 86121. Dieses Jahr (863) wird auch von Hermann d. L. in seiner Chronik22, ebenso von Bernold23 und Oehem in seiner Reichenauer Chronik angegeben24. Die Reichenauer Äbteliste bemerkt zu Abt Walther (858—64): «Waltharius annis 6. hujus anno 3. Meinradus eremita martirizatur»25. Ebenso haben die Annales Sangallenses majores das Jahr 86126, gleich den Annales Alamannicorum, die ja ebenfalls in St. Gallen entstunden27. Hingegen wird das Jahr 860 als Todesjahr von den Annales Mellicenses28, dem Chronicon Suevicum universale29, den Annales Augienses30 und den Annales Quedlinburgenses31 angegeben. Demgegenüber gibt Ekkehards Chronicon universale das Jahr 862 an32, ebenso der Annalista Saxo33. Auch die Annales Einsidlenses haben das Jahr 86234. Das Jahr 863 wird von den Annales Heremi gegeben35, ebenso von den Annales Formosolenses36 u. den Annales Altahenses maiores37. Das Chronicon Wirziburgense gibt nur den Passus: Meginradus heremita martirizatur38, während die Chronik Sigiberts von Gembloux sogar das Jahr 856 bringt39. So gehen die Angaben ziemlich auseinander. Hingegen ist wohl zu beachten, daß die Chroniken vielfach voneinander abhängig sind und daß sie durchwegs später sind, als die älteste Vita, deren Angabe, wie wir oben gesehen haben, mit guten Gründen auf das Jahr 861 umgerechnet wird. P. Justus Landolt hat 1845 zum ersten Mal darauf hingewiesen40.
Wie die älteste Vita bemerkt, holten Abt Walthar und die Mitbrüder die Leiche des Erschlagenen nach dem Mutterkloster auf der Reichenau heim. Von dort kamen nach den Annales Einsidlenses am 6. Oktober 1039 ein Teil der Gebeine nach Einsiedeln zurück, wo acht Tage später, am 13. Oktober, die neue Kirche eingeweiht wurde. Ob damit die Heiligsprechung Meinrads vollzogen wurde, möchten wir angesichts der Tatsache, daß bereits Kaiser Heinrich d. Hl. im Jahre 1019 Reliquien des Heiligen dem Basler Münster überwies, doch bezweifeln. Alle Einträge in den Annalen und Chroniken weisen indessen unzweifelhaft darauf hin, daß man Meinrad von Anfang an als einen Heiligen verehrte. Ob die Ausdrücke «martirizatur» und dergl. direkt ausdrücken wollen, daß er als Märtyrer starb, muß dahingestellt bleiben41. Schon im 11. Jahrhundert schrieb Abt Berno von der Reichenau das Offizium des Heiligen, wie es heute noch zum Teil gebraucht wird. Der 21. Januar und der 6. Oktober waren ihm in der Folge geweiht; dieser als Translations-, jener als Todestag. Die Verehrung breitete sich rasch aus42. Sein Haupt ruht heute zu Füßen des Gnadenbildes. Die hl. Regel, die er nach der Überlieferung mit sich brachte und die zeitlich dem 9. Jahrhundert angehört, wird heute noch in der Stiftsbibliothek Einsiedeln aufbewahrt43. Und die treuen Begleiter des Heiligen, die beiden Raben, erscheinen schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts im Wappen des Klosters, wie Konrad von Mure bezeugt44:
«Vult Abbas Heremitarum ductu rationis
Ferre duos coruos, quos pro signo sibi ponis.»
«Wohlbegründet wählte der Abt des Klosters der Wüste
Sich zwei Raben als sinniges Zeichen des fürstlichen Wappens.»45
In den Kaiserurkunden des 10. und 11. Jahrhunderts wird auch die Stätte, die St. Meinrad durch sein Leben und Sterben geheiligt hatte, Meginratescella genannt. Erst 1073 erscheint zum ersten Male der deutsche Name Einsiedeln, in dem immer noch die Erinnerung an die ersten Bewohner durchklingt.
Wie wir oben hörten, läßt sich aus der ältesten Vita schließen, daß neben St. Meinrad damals in dem weiten Gebiete des Finstern Waldes, noch andere Einsiedler lebten. Diese mögen auch nach dem Tode des Heiligen sich weiter erhalten und Veranlassung gegeben haben, daß im Anfang des 10. Jahrhunderts sich ein Mann einstellte, der zu größerer Bedeutung gelangte, St. Benno (= Benedictus). Nach dem Liber Heremi46 wäre er ums Jahr 906 hergekommen. Von der Abtei Säckingen soll er die Insel Ufnau gepachtet haben. Diese Angaben sind indessen sehr vorsichtig aufzunehmen. Glaubwürdiger ist, daß er im Verein mit andern Klausnern die Gegend urbarisierte; der Name Bennau weist heute noch darauf hin. Aus der Vita des Johannes von Gorze47 erfahren wir, daß er aus schwäbischem Geschlechte und aus der Fortsetzung der Chronik Reginos, daß er Domherr in Straßburg war (ehe er sich in die Einsamkeit zurückzog48. Dies läßt wohl auch einen Schluß auf vornehmere Herkunft zu. Aus allen erhaltenen Aufzeichnungen49 geht mit Sicherheit hervor, daß er sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Die aus dem 10. Jahrhundert stammende Vita Johannis Gorzensis sagt ausdrücklich: «in heremitica apud Turegum vastam solitudinem aliquando vita famosus50, während Regino hat: «in Alpibus quondam heremiticam vitam ducens». Ebenso übereinstimmend melden die verschiedenen Aufzeichnungen, daß er im Jahre 927 (nur die Annales Einsidlenses und der Continuator Reginonis haben 925) durch König Heinrich I. zum Bischof von Metz ernannt worden sei. Dort war am 1. März d. J. Bischof Wigerich gestorben. Der König wollte offenbar diesen Sitz einem treuergebenen Mann anvertraut wissen und übergab ihn darum, mit Umgehung der zuständigen Wähler, unserm Benno. Dessen Stellung war darum von Anfang an schwierig. Solange der König in der Nähe weilte, konnte sich der dem Lande und Volke fremde Bischof behaupten, als aber Heinrich gegen die Slaven zog, erhoben sich die Feinde, und wahrscheinlich gegen Ende 928 blendeten und verstümmelten sie den ihnen nicht gewachsenen Mann. Der König griff zu Beginn des folgenden Jahres ein. Auf einer Synode in Duisburg wurden die Täter exkommuniziert. Benno selber entsagte seiner Würde und an seine Stelle kam Adalbero, Mitglied einer der angesehensten Familien des Landes51. Die Annales Flodoardi52 bemerken ausdrücklich, daß Benno eine Abtei zum Unterhalte angewiesen worden sei, desgleichen auch Hugos Chronicon53. Der Liber Heremi aber berichtet uns, daß Benno wünschte, wieder an die frühere Stätte seiner Einsamkeit zurückgeführt zu werden und daß er hier bis zu seinem Ende verblieben sei. Nach eben diesem Liber Heremi starb Benno den 3. August 94054. Das Nekrologium hat denn auch zum 3. August den Eintrag: «Benedictus eps. ob.»55, während die von Tschudi überlieferten Fragmente des Jahrzeitbuches den Eintrag aufweisen : «Benedictus eps. et pater Metensis ab hostibus suis obcaecatus reliquum vitae suae hic degebat et hic sepultus, dedit Uffnowe»56.
Die Leiche Bennos, den die Nachwelt als Heiligen verehrte, wurde, wie die Überlieferung sagt, vor der Kapelle des hl. Meinrad begraben. Hier fand man die Überreste 1617, als man für die Marmorverkleidung der Gnadenkapelle die Fundamente legte. Sie wurden alsdann bis 1673 in der Sakristei aufbewahrt, worauf Abt Augustin Reding sie mitsamt den Überresten der andern heiligen und seligen Bewohner des Stiftes in einem eigenen Grabmal in der neben der Gnadenkapelle zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis erbauten Kapelle aufbewahren ließ. Der Bau der neuen Klosterkirche machte 1720 eine Übertragung notwendig. Sie kamen wieder in die Sakristei und wurden erst durch Abt Beat um 1790 in einem neuerstellten Grabmal beim Eingang der Kirche geborgen. Durch die Franzosen wurden diese hl. Überreste zerstreut. — Die Handschrift Nr. 158 der Stiftsbibliothek, die Homilien des Papstes Gregor d. Gr. enthaltend, wurde nach einer Bemerkung darin von Benno geschrieben.
Zu Benno gesellte sich im Jahre 934, wie der Liber Heremi ausführlicher berichtet, ein Verwandter desselben, Eberhard, der ebenfalls Domherr und Domdekan in Straßburg gewesen war. Seine Ankunft wird uns aber auch durch die Annales Einsidlenses bestätigt: «Eberhardus pater et abba monasterii cella sancti Meginradi conversus Heremum intravit»57. Die Stellung eines Domdekans, die er nach dem Liber Heremi in Straßburg einnahm, sowie der Titel: «illustris», den ihm der Kaiser Otto I. in den Urkunden gibt, weisen auf seine vornehme Abkunft hin. Eine spätere Zeit wies ihn dem mächtigen Geschlecht der Nellenburger zu, bei welchem der Name Eberhard sich mehrfach findet; auch war diese Familie später im Besitze der Vogtei über das neu gegründete Kloster.
Die Tat Eberhards, der die Welt verließ, um Klausner zu werden, steht in dieser Zeit durchaus nicht vereinzelt da. Ähnliches wissen wir aus dieser Zeit von einer Reihe von Männern, wie Humbert zu Verdun, Blidulf, Gundelach und Baltram im Wasgau, Lantbert in den Argonnen, Hartker in St. Gallen, aber auch von Frauen, wie Wiborada, Rachild, Kerhild, Perehterat, Klotelind in St. Gallen, Sisu in Drücbeck im Harz u. a. Im 10. und 11. Jahrhundert haben sich in Italien um St. Romuald und St. Johannes Gualbertus eigene Genossenschaften von Klausnern gebildet. Mit Recht sagt Dümmler58 : «Auch an Klausnern und Klausnerinnen war neben den oft sehr zahlreichen Insaßen der Klöster selbst kein Mangel, die entweder ganz in der Einöde des Waldes oder häufiger in einigem Zusammenhange mit den bestehenden kirchlichen Anstalten, in eine Zelle eingeschlossen, Befriedigung für ihr Herzensbedürfnis suchten und durch ihre Rauheit gegen sich selbst die größte Verehrung ihrer Umgebungen erwarben .... Bei manchen war dies nur ein Durchgangspunkt, eine Vorstufe für das Kloster, das sie dann mit dem Geiste ihrer Askese erfüllten.» Letzteres trifft nun auch auf Eberhard zu. Der Zeitpunkt seines Erscheinens in dem finstern Walde (934), den man mit Recht seit Jahrhunderten als den ideellen Ausgangspunkt der eigentlichen Klostergründung gewertet hat, bezeichnet zunächst nur den Beginn seines Einsiedlerlebens. Er fand hier sicher schon Genossen — wie Benno — vor; andere mögen sich ihm angeschlossen haben. Hermann d. L. berichtet uns sogar zum Todesjahre des Heiligen, daß dieser mit großem Gefolge zur Zelle Meinrads gekommen sei59.
Wann Eberhard an die Gründung einer klösterlichen Genossenschaft und den Bau eines Klosters herangetreten ist, läßt sich nicht bestimmt sagen. Nach dem Liber Heremi hätte er schon 943 Thietland als Coadjutor angenommen «propter gravia onera aedilitatis Monasterii»60. Dem steht aber entgegen, daß die Annales S. Meginradi wie die Annales Einsidlenses übereinstimmend das Jahr 945 als das der Herkunft Thietlands angeben. Die erste von Kaiser Otto d. Gr. erlassene Urkunde zu Gunsten Einsiedelns vom Jahre 947, sowie die 948 erfolgte Einweihung der Kirche lassen aber eher darauf schließen, daß dies nicht viel vor den genannten Jahren geschah.
Die erste sichere Nachricht über das neuentstandene Kloster haben wir in der oben genannten Urkunde Ottos I. vom 27. Oktober 94761. Daraus geht hervor, daß Herzog Hermann von Schwaben an den Kaiser gelangte um Bestätigung der jungen Stiftung. Herzog Hermann hatte den Ort, der Mehinrates Cella geheißen wird, von einigen seiner Untergebenen62 erworben. Dort hatte der Einsiedler Eberhard mit Hilfe des Herzoges eine Kirche zu Ehren Marias und des hl. Mauritius erbaut, nebst den nötigen Wohnungen für die Mönche, denen Eberhard nun vorstand. Der klösterliche Verband war bereits geschlossen63. Der Herzog bat nun den Kaiser dieser Gründung, das gleiche Immunitätsprivilegium zugestehen zu wollen, das er andern Klöstern auch gegeben, ebenso das Recht der freien Abtwahl. Der Kaiser geht auf diese Bitten ein und nimmt das Kloster von der ordentlichen Gewalt aus und unterstellt es direkt seinem Schütze. Dadurch ward dem Stifte die Reichsunmittelbarkeit verliehen, durch die Grund und Boden als unmittelbar dem Reiche zugehörig erklärt wurden. Der König ward dadurch oberster Grundherr und Eigentümer. Als solcher beanspruchte er auch die Ernennung des Vorstehers solcher reichsunmittelbaren Klöster; denn Immunität und Bestellung des Abtes hingen aufs engste zusammen. Während bei den reichsunmittelbaren Bistümern der König meist das Ernennungsrecht der Bischöfe selber ausübte, bekamen die meisten reichsunmittelbaren Abteien das Recht der Wahlfreiheit verbrieft; so auch Einsiedeln, das durch die Urkunde von 947 zu einem Reichskloster erhoben ward, aber die Freiheit der Abtswahl zugesichert erhielt. Daß sich solche Rechte des Königs herausbilden konnten, hatte seinen Grund einmal in der Reichsunmittelbarkeit, die solche Stiftungen genossen, steht aber anderseits in innigem Zusammenhang mit dem Tiefstande des Papsttums in der damaligen Zeit, der zur Förderung der deutschen Königsmacht mächtig beitrug64. Aus dieser Reichsunmittelbarkeit entwickelte sich mit der Zeit die Reichsfürstenwürde der Äbte. Die erste ausdrückliche Ernennung eines Abtes zum Reichsfürsten stammt von Rudolf I. von Habsburg aus dem Jahre 1274. Durch die Urkunde Ottos I. war die rechtliche Grundlage für die junge Gründung gegeben. Die materielle Grundlage dafür schuf Herzog Hermann von Schwaben. Dieser war möglicherweise mit Eberhard verwandt, denn seine Gemahlin, Reginlindis, in erster Ehe mit Herzog Burkard von Schwaben verheiratet, wird wie Eberhard als eine Angehörige des Nellenburgerhauses bezeichnet. Schon früher muß der Herzog mit Eberhard in Beziehung getreten sein, denn wir hören aus dem Martyrologium von Zürich, daß auf seinen Befehl (Propst) Hartpert von Zürich Eberhard zwei Rippen der hl. Felix und Regula brachte. An die Schenkung war allerdings die Bedingung geknüpft, daß die Reliquien wieder nach Zürich zurückfallen sollten, falls die Siedlung in Einsiedeln eingehen würde. Man hat daraus geschlossen, daß die Stiftung Eberhards damals jedenfalls noch in ihren Anfängen steckte; aber auch sonst glaubt man die Abfassung des Martyrologiums, in dem sich dieser Eintrag von ursprünglicher Hand befindet, in die Zeit vor 937 verlegen zu müssen65. Herzog Hermann erwarb, wie gesagt, Grund und Boden, auf dem das neue Kloster erstellt wurde. Nach dem Liber Heremi hätte Hermann dem Kloster auch noch weitere Schenkungen zugewendet, ebenso auch seine Gemahlin Reginlindis66. Sicher ist, daß er auch beim Bau des Klosters Eberhard an die Hände ging, denn dies bezeugt die kaiserliche Urkunde. Herzog Hermann steht hierin durchaus nicht vereinzelt da. Schon damals und in der Folge noch weit mehr setzten weltliche Herren eine Ehre darein, Klöster zu gründen und auszustatten. Es sei hier aus der Zeit Kaiser Ottos nur hingewiesen auf Graf Sigfrid, der Gröningen, Markgraf Gero, der Frose und Gernrode, Hermann von Sachsen, der das St. Michaelsstift in Lüneburg gründete u. a. m.67. In der Schweiz selber sind im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts eine große Zahl von Klöstern durch verschiedene Herren gegründet worden. Es sei erinnert an die Gründung von Payern durch die Königin Berta, die Tochter der Herzogin Reginlindis (962), die Gründung von Muri durch die Habsburger (1027), jene von Allerheiligen in Schaffhausen durch die Nellenburger (1052). Kaiser Otto der Große ging übrigens seinen Untergebenen mit dem besten Beispiele voran, denn ihm wird die Stiftung eines Erzbistums und von zehn Bistümern zugeschrieben. Er selber gehört mit seiner Gemahlin Adelheid, der Tochter der oben genannten Königin Berta, zu den größten Wohltätern des Stiftes Einsiedeln, dem er 949 seinen Besitz in Grabs, 952 den in Liel im Breisgau, 958 den Hof in Eschenz und 965 den großen Besitz am Zürichsee überwies68. Mit Fug und Recht sah darum die Nachwelt, neben Herzog Hermann und seiner Gemahlin Reginlindis, in dem großen Sachsenkaiser und seiner Gemahlin Adelheid die größten Wohltäter des Gotteshauses. Insbesondere ward das Andenken an die beiden hohen Frauen, von denen die eine als Selige, die andere als Heilige verehrt wurde, allzeit im Stifte hochgehalten.
Neben dieser fürstlichen Freigebigkeit, die damals das Entstehen neuer Klöster förderte, darf aber ein anderes Moment nicht übersehen werden. Innerhalb des Benediktinerordens selber machte sich im 10. Jahrhundert eine mächtige Reformströmung geltend, die weite Kreise, auch außerhalb der Klöster, ergriff. Der politische Niedergang des Karolingerreiches wie die großen Heimsuchungen von außen durch Normannen, Sarazenen und Ungarn hatten auch die Klöster in schwerste Mitleidenschaft gezogen. Dazu kamen innere Faktoren, welche diesen Niedergang beschleunigen halfen, wie die enge Verquickung von politischen und religiösen Verhältnissen in den Klöstern, die vielfach in der Hand des Königs oder anderer Großen waren. Mit der Verarmung kam aber auch der sittliche Niedergang. In Frankreich, wo die Verhältnisse besonders schlimm waren, erstand in dem 910 gegründeten Kloster Cluny ein mächtiges Reformzentrum, das schon in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts sich auszuwirken begann. In Lothringen schuf gleichzeitig Graf Gerhard von Brogne in Verbindung mit dem Grafen Arnulf von Flandern eine ähnliche Reformbewegung, der sich eine Reihe von Klöstern anschlössen. Besondere Bedeutung kam der 933 wiedererstandenen Abtei Gorze zu, die unter der Leitung des hochberühmten Abtes Johannes größtes Ansehen erlangte. Aber auch am Rhein machte sich vielerorts neues Leben in den alten Klöstern bemerkbar. «Es gab keine Richtungen in den einzelnen Reformen, alle hatten das gleiche Ziel: die Wiederherstellung der Benediktinerregel. Allen gemeinsam war auch die Wiedereroberung des verlorenen Bodens. Gemeinsam ist all diesen Reformen, daß sie aus den Mönchskreisen entstanden, aber auch zugleich eine Angelegenheit der Bischöfe und der Großen waren, daß neben den Mönchsreformatoren die bischöflichen Reformatoren arbeiteten»69. Auch in England entstand gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts unter der Führung von Dunstan, Ethelwold und Oswald das Mönchtum zu neuem, kräftigem Leben.
Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Männer, die an der Gründung Einsiedeins mitgearbeitet haben, wie Eberhard, Gregor und Wolfgang, von geistlicher Seite, Hermann und Kaiser Otto von weltlicher Seite durch diese Bewegung beeinflußt wurden und daß Einsiedeln auch ein Glied in der großen Reihe von Klöstern bildet, die im 10. Jahrhundert entweder neu gegründet oder doch restauriert und die so zu Mittelpunkten der religiösen Erneuerung wurden. Dafür spricht vor allem auch der Umstand, daß Einsiedeln selber aktiv eine große Rolle spielte bei diesem Erneuerungswerke. Dafür wurde allerdings einerseits der Eintritt Gregors, der 949 von England her kam, sowie der Fortgang Wolfgangs als Missionar im Jahre 971 entscheidend. Gregor brachte wohl die Reformgedanken, wie sie in seiner Heimat und in Frankreich herrschten, mit sich, während Wolfgang diese Ideen als Bischof von Regensburg (972—994) in weitere Kreise trug. Die aus Einsiedeln hervorgegangenen Bischöfe: Eberhard von Como, Warmann, Rumold von Konstanz, Hartmann, Ulrich und Hermann von Chur, wie die Äbte: Adelgott, Otker von Disentis, Gebene, Eberhard und Hermann in Pfäfers, Eberhard in Kempten, Dietrich in St. Ulrich zu Augsburg, Ethik in Ebersberg, Pezelin, Walther, Sigfrid und Albrecht in Petershausen, Florat auf dem Hohentwiel, Reginbold und Burkard zu Muri, Friedrich in Hirsau und Notker in Zwiefalten haben, wo sie hinkamen, im Sinn und Geiste Einsiedeins gewirkt. Auch die von Einsiedeln ausgezogenen Mönchskolonien, die die Neugründungen in Petershausen (983), Muri (1027) und Allerheiligen (1052) besiedelten, trugen den Reformgedanken mit sich in neue Heimstätten70.
Ihren Abschluß fand die Klostergründung gewissermaßen mit der Kirchweihe im Jahre 948. Diese ist kurz und knapp bezeugt durch die Annales Heremi: «Dedicatio huius aecclesiae»71. Ihr kommt insofern größere Bedeutung zu, als sich an dieses Ereignis die Engelweihe knüpft72.