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Mein erstes Jahr in Basel und bei Migwan war sehr positiv für mich, wie ich bereits mehrfach erwähnt habe. Ich finde Migwan eine sehr offene und einladende Gemeinschaft. Wir haben Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Vorstellungen, wie man „jüdisch“ ist, und wir finden einen Weg, damit alle glücklich sind. Ich bin wirklich stolz auf uns!
Basel als Stadt ist auch sehr angenehm, ich habe nie irgendeine Form von Antisemitismus erlebt, Juden scheinen ein natürlicher Bestandteil der Basler Landschaft zu sein und die Menschen im Allgemeinen sind sehr nett. Ich erinnere mich einmal, als ich etwas in Starbucks bestellte und der Typ nach meinem Namen fragte, war er sehr aufgeregt, den Namen Akiva zu kennen, weil er gerade Shtisel auf Netflix gesehen hatte.
Ich fand es auch sehr interessant, wie viele Dinge die Leute draussen auf der Strasse lassen, um Bücher, Kleidung, Möbel usw. zu verschenken. Dies alles ist ein Zeichen für eine sehr gesunde Stadt mit Gemeinschaftsgefühl. Kürzlich, als ich in ein Fast-Food-Geschäft ging und wegen der Corona-Regeln keine Sitzgelegenheiten hatte, aber als ich fragte ob es doch eine Möglichkeit gibt zu sitzen, führte er mich heimlich durch die Küche in den Hinterhof und bereitete einen Tisch für uns vor. Es war wirklich herzerwärmend, wie er sich um alles kümmerte, damit wir uns wohl fühlten.
Die Fragen, die mir im letzten Jahr von Gemeindemitgliedern gestellt wurden, waren für mich sehr faszinierend und bereichernd. Ich fand, dass viele von uns wirklich den Drang haben, tiefer über das Judentum zu lernen, und sich freuen, detaillierte und manchmal komplizierte Antworten zu hören, es zerstreute viele Vorurteile über liberale Juden, mit denen ich aufgewachsen bin.
Meine Pläne für die Zukunft beinhalten, den Siddur mit englischer und deutscher Übersetzung plus Transliteration zu beenden, einen Machzor für die Hohen Feiertage zu schreiben, der unseren Bedürfnissen entspricht, die Lieder aller unserer Gottesdienste zu filmen und hochzuladen, was ich gerne zusammen mit unserer Jugend tun würde. Ich möchte auch unseren Jugend-Schiur stärken, um ihn regelmässiger zu haben und mindestens einmal im Monat einen weiteren Schiur für die Erwachsenen hinzuzufügen. Ich möchte die Zusammenarbeit mit der IGB-Schule mit Rabbiner Baumel, Dan und Carmit fortsetzen, damit alle jüdischen Kinder in Basel einander kennen und lernen, zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, wir werden in naher Zukunft eine Lösung für Bestattungen finden, damit wir unseren Mitgliedern alles bieten können, was eine jüdische Gemeinde braucht, damit wir auch unsere eigene Chevra Kadischa von unseren Mitgliedern gründen können. Ich möchte auch einen Bikkur Cholim gründen, um kranken Mitgliedern zu helfen, die Nahrung und Pflege benötigen.
In Dresden sind unsere ersten beiden Schüler der Jeschiwa zusammen mit unserem Dekan angekommen, der Rest der Schüler wird hoffentlich in den nächsten ein oder zwei Monaten zu uns nach Dresden kommen.
Drasha va’etchanan 31.07.2020
Diese Woche haben wir Parashat ve’echanan, die Shabbat Nachamu genannt wird nach den ersten beiden Worten der Haftara: Nachamu Nachamu ami. Das ist die Haftara, die wir immer nach Tish’ah be’Av lesen. Nach den drei Wochen der Tlat depuranuta, den Haftarot der Vergeltung (/des Unglücks) haben wir jetzt die sieben Haftarot von Nechemta, des Trostes. Die erste dieser sieben lesen wir diese Woche: Nachamu. In ihr sagt der Prophet Yeshayahu: Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.
Viele fragen: Warum kommt das Wort Nachamu zweimal vor?
Ich habe eine schöne Mashal gesehen, die das erklärt.
Zwei Freunde wollen auf eine Geschäftsreise gehen. Der eine ist sehr arm und muss sich auf die Suche nach einem Geschäftsdeal machen, um seine Familie zu ernähren. Der andere ist sehr reich, aber hat zu viel Streit mit seiner Frau und entscheidet sich deshalb dazu für eine Weile wegzugehen.
Beide verlassen ihre Frauen, um das Gleiche zu tun, nämlich im Ausland zu arbeiten, aber sie tun es aus unterschiedlichen Gründen.
Beide Frauen hören lange nichts von ihren Männern, bis eines Tages ein Kaufmann aus dem Land, in dem die Männer sind, in ihre Stadt kommt.
Beide Frauen rennen sofort zu dem Kaufmann und fragen ihn, ob er irgendetwas über ihre Männer gehört hat. Der Kaufmann sagt: „Natürlich. Ich habe sie dort getroffen. Es geht ihnen sehr gut und sie haben mir sogar Briefe für euch mitgegeben. Ich bin sehr müde von der Reise, lasst mich mich heute ausruhen und morgen werde ich nach den Briefen sehen.“
Die reiche Frau ist sehr glücklich mit der Information, aber die arme Frau gibt nicht so schnell auf und setzt den Kaufmann unter Druck, den Brief sofort zu finden.
Der Kaufmann fragt sie: „Warum war deine Freundin so ruhig und hat gesagt, dass sie bis morgen warten kann, aber du setzt mich so unter Druck?“
„Es gibt einen sehr großen Unterschied zwischen uns beiden“, sagt die arme Frau. „Sie ist eine reiche Frau, die alles hat, was sie braucht. Ihr Mann hat sie verlassen, weil sie sich gestritten haben.
Sie macht sich nur Sorgen darüber, ob er noch wütend auf sie ist und die Information, dass er an sie denkt, reicht für sie. Sie muss den Brief selbst nicht unbedingt lesen. Ich hingegen bin eine arme Frau, ich habe kaum genug, um zu überleben und tue alles, um am Leben zu bleiben, bis mein Mann mit Geld für uns zurück kehrt. Ich muss wissen, was genau in dem Brief steht. War er erfolgreich? Wann kommt er nach Hause? Und so weiter.“
Die Verbindung zwischen Gott und uns wird oft als die Verbindung zwischen Mann und Frau dargestellt. Die
Zerstörung des Tempels ist seine Art uns zu sagen, dass er wütend ist und dass wir uns besser benehmen müssen. Aber wie in jeder Beziehung haben wir nicht alle die gleiche Beziehung zu ihm. Einige von uns praktizieren das Judentum auf eine Weise und andere auf eine andere Weise, aber wir
gehören alle zu der selben Nation und wir alle haben das Recht unsere Religion so zu praktizieren, wie wir es für richtig halten.
Das ist es also, was wir in der Haftara haben. Das Wort Nachamu steht dort zweimal, so dass es zu beiden Frauen spricht. Egal aus welchem Grund wir uns weit entfernt fühlen, sind wir alle ein Teil des Trostes, die der Prophet und schickt. Nachamu Nachamu Ami yomar Elohechem, Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Obwohl wir es manchmal schwer haben, kommen bessere Tage für uns, für uns alle!