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Er ist zu jung, um Auto fahren zu dürfen. Aber David Gilligan lernt bereits, eine Brauerei-Kutsche zu lenken, der belgische Zugpferde vorgespannt sind. Es handelt sich um eine einzigartige Berufsbildung in der Schweiz und die erste in der Geschichte der betreffenden Brauerei.
Als er sich nach seinen Berufsoptionen zu erkundigen begann, war für den 16-jährigen David klar, dass er mit Tieren arbeiten wollte. Zuerst jobbte er einen Sommer lang im Basler Zoo. Später hatte er die Gelegenheit, während einer Woche im Pferdestall der Brauerei Feldschlösschenexterner Link auszuhelfen – um zu erfahren, ob diese Arbeit etwas für ihn wäre.
"Es hat mir gefallen, und jetzt bin ich hier und glücklich", sagt David, der neben den mächtigen acht Pferden, die in einem Stall neben dem gelben Backstein-Schloss untergebracht sind, fast zu verschwinden droht. In diesem Gebäude bei Rheinfelden in der Nähe von Basel werden 40 Sorten Bier gebraut.
Jedes Tier wiegt rund 900 kg – das Doppelte eines durchschnittlichen Pferdes und rund das Fünfzehnfache des Gewichts von David. Aber die braunen Belgier mit den blonden Mähnen scheinen die Autorität des dunkelhaarigen Jungen mit der sanften Stimme zunehmend zu respektieren.
"Im Stall sind wir der Boss", sagt David lachend auf die Frage, wer die Aufsicht habe. "Aber draussen ist es Hektor – das älteste Pferd."
David wirkt im Umgang mit den kräftigen Pferden entspannter als gegenüber der Journalistin. Wenn er über die Tiere spricht, die Geronimo, Lord oder Aramis heissen, funkeln seine blauen Augen.
Schweizer Berufsbildung
Dank des Berufsbildungssystems können Jugendliche in der Schweiz bereits in jungen Jahren praktische Berufserfahrungen machen.
Wer sich nach der obligatorischen Schulzeit nicht an einer Mittelschule weiterbildet, kann im Alter von 15 oder 16 Jahren eine Berufsbildung absolvieren, die meistens drei oder vier Jahre dauert und sowohl Unterricht im Klassenzimmer als auch praktische Berufsarbeit beinhaltet.
David hat seine Berufsbildung im August 2016 begonnen. Die offizielle Berufsbezeichnung heisst "Pferdefachmann EFZ, Fachrichtung Gespannfahren".
Pferde und Kutsche
Davids Arbeitstag beginnt im Stall um 6 Uhr 30 mit Ausmisten und dem Füttern der Tiere. Aber Schlüsselteil der Ausbildung ist es, die Brauerei-Kutsche lenken zu können. Der Tradition verpflichtet, liefert die Feldschlösschen-Brauerei wöchentlich mit einem Zweier-Pferdegespann Bier in der Altstadt von Rheinfelden. Für Festivals und andere Spezialanlässe setzt die Brauerei einen Sechsspänner ein.
Mit geschickter Hand bindet David die Pferde mit Lederriemen vor die Kutsche. Derzeit lernt er ein Zweiergespann zu lenken, später vielleicht auch einen Vier- oder sogar Sechsspänner.
Unter der Leitung von Hubert Schlachter, einem erfahrenen Teamkollegen, führen uns die Zugpferde Nero und Roli zuerst auf eine Waldstrasse. Die beiden Männer belegen die Führersitze. Weil es sich um eine Ausbildungsfahrt handelt, befindet sich keine flüssige Fracht auf der Kutsche.
Hubert erklärt, auf was sich David am meisten konzentrieren muss. "Die Stellung der Hände – um ein Gefühl für die Pferde zu bekommen und in der Lage zu sein, sie zu lenken. Das ist das Schwierigste – dieses Gefühl in den Fingern zu bekommen."
Es gefällt mir, die beiden Pferde vor mir lenken zu können. Es ist ein gutes Gefühl", sagt David auf die Frage, wie die Lektion verlaufe. Auf der abwärts führenden Strasse muss er sich aufs Bremsen konzentrieren. Die Pferde scheinen nicht darauf erpicht zu sein, zu galoppieren, was uns Gelegenheit gibt, die Stille und Schönheit des Waldes zu geniessen.
"Wir gehen mit den Pferden täglich eine bis zwei Stunden ins Freie; sie brauchen diese Bewegung, um fit zu bleiben", sagt David und ergänzt, dass dies auch für ihn selber gelte. Er spüre manchmal Ermüdungserscheinungen in den Armen, je nachdem wie stark die Pferde ziehen. Auf dem Weg zurück in den Stall muss er die Zügel Hubert übergeben. Seine Hände schmerzen, und er will bei diesem frostig feuchten Wetter keine Sehnenentzündung riskieren.
Pferdeflüsterer
Zurück im Stall, sind die Pferde ziemlich durstig. Vor allem Nero trinkt lange aus dem Wasserspender. "Er musste lange arbeiten. Die Pferde müssen essen und trinken wie wir auch", kommentiert David. Nach wenigen Monaten Berufsbildung kennt er die Bedürfnisse und das Verhalten der Pferde.
Roli stupst ihn zärtlich mit der Nase, während wir plaudern. Der sanfte Riese sei jeweils nett zu ihm, wenn er zu Essen kriege, witzelt David, "aber weniger, wenn man ihm etwas verweigert". Die Pferde hätten auch nicht gern, wenn man zu stark ziehe oder zu laut sei.
"Jedes hat seinen eigenen Charakter, und man muss unterschiedlich mit ihnen umgehen." Er habe kein Lieblingspferd, jedenfalls noch nicht.
Während der anderen Tage, an denen er nicht mit den Pferden arbeitet, drückt David die Schulbank. Die Berufsbildung dauert drei Jahre, bis er ein vollwertiger Pferdefachmann sein wird, spezialisiert darauf, ein Gespann zu lenken. David hat vor, bei der Brauerei zu bleiben, aber er könnte auch in einem Reitsportzentrum oder auf einer Pferdefarm arbeiten.
2015 absolvierten 346 junge Leute eine Ausbildung zur Pferdefachperson, was laut dem Schweizerischen Bauernverbandexterner Link rund 9% der Auszubildenden im Agrarsektor ausmacht.
Das Schönste an der Ausbildung ist für David die Arbeit mit den Pferden. "Ich bin so oft wie möglich bei ihnen, es macht so viel Spass!"
Aussergewöhnliche Berufsbildung
Theoretisch ist es möglich, jeden Beruf zu lernen, sofern eine Fachperson oder eine Firma bereit ist, einen Lehrling aufzunehmen.
Wussten Sie, dass es in der Schweiz eine formelle Ausbildung für Hutmacher, Maurer, Konditor oder Instrumentenbauer gibt?
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler)