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Die Schweizer Autorin Annette Hug vollzieht in ihrem neuen Roman «Wilhelm Tell in Manila» die Übersetzung des Schweizer Nationalmythos durch den philippinischen Nationalhelden José Rizal ins Tagalog nach. Dadurch eröffnen sich auch ganz neue Perspektiven auf Schillers «Tell»-Stück.
WOZ: Annette Hug, der Protagonist Ihres neuen Romans «Wilhelm Tell in Manila» ist der philippinische Nationalheld José Rizal, der Vordenker der Unabhängigkeitsbewegung gegen Spanien. Eine reale Person also. Wie ist daraus eine fiktionale Figur entstanden?
Annette Hug: Grundsätzlich ging ich davon aus, dass alles, was ich über Rizal erfinde, langweiliger ist, als was in den Quellen vorzufinden ist. Weil sein Leben wirklich Purzelbäume schlägt. Deswegen bin ich immer von einer Anekdote oder einer Bemerkung in einer Quelle ausgegangen, habe mir dann eine Szene vorgestellt. Dazu erfunden habe ich einen Französischlehrer – das war nötig, damit Rizal im Text einen Dialog mit jemandem führt – sowie einen Jugendtraum. Ausserdem habe ich etwas verdichtet: Rizal lebte 1886/87 ein gutes Jahr in Heidelberg, Leipzig und Berlin. Was er in dieser Zeit erlebte, habe ich auf die drei Monate August bis Oktober 1886 konzentriert, als er Schillers «Wilhelm Tell» übersetzte.
Diese Übersetzung des «Wilhelm Tell» vom Deutschen ins Tagalog steht im Zentrum Ihres Buchs. In Rizals kurzem und ereignisreichem Leben scheint diese Episode eher wie eine Fussnote. Warum haben Sie diese ausgewählt?
Die Philippinen und die Schweiz sind die zwei Länder, die mir am nächsten sind. Dass es eine Verbindung gibt zwischen den beiden nationalen Mythen – Rizal ist ein nationaler Mythos in den Philippinen wie bei uns Wilhelm Tell –, das hat mich gereizt. Mit dieser Übersetzung als Ausgangslage konnte ich ein Buch schreiben, in dem ich nicht über die Philippinen schreibe, sondern von einem Filipino ausgehe, dessen Leben extrem gut dokumentiert ist, der sich den Schweizer Mythos aneignet. Dadurch tritt «Wilhelm Tell» aus einem miefigen Schweizer Patriotismus heraus und steht in einer weltweit vernetzten Geschichte des bürgerlichen Aufbruchs.
Der Ausschnitt, den man wählt, um etwas anzuschauen, ist extrem wichtig. Es ist ein grosser Unterschied, ob ich die Geschichte des Schweizer Bundesstaats im Ausschnitt Zürich–Bern–Genf–Lugano–Urschweiz sehe oder in einem Netz aus Zürich, Leipzig, Manila, Madrid, Santo Domingo, Paris.
Ich hoffe, man kommt auf andere Ideen, wenn man die Geschichte in diesem grösseren Horizont erzählt und nicht nur aufs Schweizer Mittelalter fokussiert.
Was hat Rizal an Tell so fasziniert, dass er das Schiller-Stück übersetzt hat?
Es ist die Frage nach der Gewalt in der Revolution. Die hat Rizal selber auch beschäftigt, als einen, der sich selbst befreien wollte und mit hoher Dringlichkeit über die Befreiung seines Landes nachdachte. José Rizal war ein grosser Zweifler, und durch seine Optik wird das uneindeutige Element bei Schiller wieder sichtbar: Es ist ja nicht klar, ob Tell recht hat oder ob er ein Amokläufer ist, der die Revolution gefährdet.
Sah sich Rizal selber denn als Tell?
Nein. Melchtal ist ihm wohl am nächsten. Er ist der Jüngste in der Verschwörung. Ihm wird vorgeworfen, er sei leichtsinnig und könne sich nicht beherrschen – wie Rizal. Ausserdem wird Melchtals Vater vom Vogt geblendet. Eine stellvertretende Bestrafung befürchtete Rizal auch für seine Eltern zu Hause in den Philippinen, weil er in Spanien politisch aktiv war – eine sehr realistische Befürchtung. Hinzu kommt, dass Rizals Mutter erblindete und Rizal in Deutschland als Augenarzt arbeitete. Beim langsamen Lesen von Rizals Übersetzung erschien mir Melchtal plötzlich als Hauptfigur.
Sie beschreiben Rizals Übersetzungsarbeit sehr präzise – wie er passende Wörter sucht, abwägt, sie schliesslich findet oder sogar neue erfindet. Wie sind Sie da vorgegangen?
Rizal ist in einem Gespräch mit Schiller. Meine Idee war, dass ich in das Gespräch eintrete und mit Rizal über Schiller rede. So bleibt eine gewisse Distanz zwischen mir und Rizal. Meine Hauptarbeit war also, Rizals Übersetzungsarbeit nachzuvollziehen. Ich habe seine Übersetzung des «Wilhelm Tell» vom Tagalog ins Deutsche rückübersetzt. Das Ergebnis habe ich dann mit Schillers Original verglichen und geschaut, wo es Unterschiede gibt. Das war quasi meine Maschine, die mir Fragen generiert hat. Zum Beispiel: Wie kommt Rizal darauf, «Meer» zu schreiben statt «See»? Wie kommt er darauf, den Vogt als «hukum», also als «Richter», zu übersetzen und nicht als «gobernador», was auf der Hand liegen würde? Und aus diesen Fragen ist mein Bild des Intellektuellen Rizal entstanden.
Die Überlegungen, die sich Rizal in Ihrem Buch während seiner Übersetzungsarbeit macht, sind also eigentlich Ihre Überlegungen?
Ja. Allerdings kann man aufgrund von Quellen auch gewisse Überlegungen beweisen. In einem Brief an seinen Bruder erklärt er zum Beispiel, warum er Gessler einen «Richter» nennt. Doch viele seiner Überlegungen musste ich mir erschliessen.
Warum haben Sie kein Sachbuch über Rizal und seine Übersetzungsarbeit geschrieben?
Das literarische Schreiben ist die Art des Denkens, die mir am nächsten liegt. Ich möchte zum Beispiel nicht abstrakt formulieren, wie Rizal zur Moderne steht, sondern ich interessiere mich dafür, in welchem Zusammenhang er das Wort «modern» braucht. Und dann habe ich Freude daran, dass es in meinem Buch vielleicht fünfmal auftaucht und immer wieder anders.
Hinzu kommt, dass mich dieser Zustand des Übersetzens, in dem sich Rizal befand – oder in dem ich ihn mir vorstelle –, fasziniert hat. Rizal war ein vielsprachiger Mensch. Er schrieb seine Bücher auf Spanisch, seine Muttersprache war Tagalog, wirklich geliebt hat er Französisch, und in Deutschland hat er Deutsch gelernt. Als er übersetzte, war er in verschiedenen Sprachen zugleich anwesend. In so einen Zustand habe ich mich auch versetzen müssen. Ich fand das euphorisierend, mich in diesem Geflimmer von Sprachen zu bewegen. Hinzu kam mein Ehrgeiz, die Begeisterung am Sprachenlernen, diesen flimmernden Zustand von Zwischen-den-Sprachen-Sein selber wieder in Sprache zu fassen.
Wie haben Sie es geschafft, sich in diesem flimmernden, euphorisierten Zustand und in der Menge an Quellen, die es über Rizal gibt, nicht zu verlieren?
Ich habe mich etwa zwei Jahre im Material verloren, bevor ich die Form gefunden habe. Beim Schreiben habe ich mir dann meine eigenen Regeln gesetzt. Ich gab mir vor, dass ich aus dem Material von Rizal nur auswähle, was motivisch mit Wilhelm Tell verknüpft ist. Das heisst Motive, die sich sowohl in den Theaterszenen tummeln als auch in Rizals Briefen oder Tagebüchern auftauchen – wie zum Beispiel jenes der Augäpfel. Bei Schillers «Wilhelm Tell» gehe ich immer von Motiven aus, bei denen es eine semantische Verschiebung zwischen Schiller und Rizal gibt, also Stellen, wo ich bei der Rückübersetzung Fragen hatte. Diese Fragen, die beim Studium der Übersetzung auftauchten, waren mein Leitfaden.
Auf den Philippinen kennt jedes Kind Rizal. Fühlten Sie sich gegenüber Rizal und all den Leuten, denen er etwas bedeutet, der Wahrheit verpflichtet?
Zu Beginn hatte ich grosse Skrupel, dass ich mir literarisch eine Person vornehme, die vielen Leuten etwas bedeutet und von der sie eine eigene Vorstellung haben, die vielleicht von meiner abweicht. Aber die Skrupel gehen noch weiter. Ich habe mich an das Vorwort von Christa Wolf in «Nachdenken über Christa T.» erinnert. Da schreibt sie über die verstorbene Christa T.: «Ich aber sehe sie noch. Schlimmer: Ich verfüge über sie.» In dem Wort «schlimmer» steckt viel Skrupel drin: Tue ich dieser Figur eine Art Gewalt an, wenn ich sie festschreibe in meinem Bild, das ihr nicht ganz entspricht; das sie sicher verfehlt, aber auf dem Papier überlebt?
Was hat Sie von diesen Skrupeln befreit?
Als mir bewusst geworden ist, dass José Rizal schon so viele Male neu erfunden worden ist – schon während seiner Lebzeit. Das war ja ein Grund, warum er hingerichtet wurde. Denn er war in der öffentlichen Fantasie nicht der Zweifler, sondern der Draufgänger. Und das hat sich dann fortgesetzt in der Geschichte der Biografien: Mit der Hinrichtung wurde Rizal zum Märtyrer der Revolution, die erste spanische Biografie war aber recht wohlwollend; dann kam eine Biografie aus den USA, die behauptete, Rizal hätte die amerikanische Besatzung gutgeheissen, wenn er sie noch erlebt hätte. Neue philippinische Kirchen führten ihn als Messias oder Propheten in das christliche Pantheon ein, und schliesslich haben sich Exponenten sämtlicher politischen Strömungen in den Philippinen, von den Sozialisten, über die Liberalen, die Konservativen bis hin zum Diktator Marcos, auf Rizal berufen. Es gibt schon Hunderte von Rizals. Da schadet es sicher nichts, wenn auch ich noch mein Bild von ihm zu Papier bringe.
Die Autorin liest in Solothurn am Sa, 7. Mai 2016, um 15 Uhr und am So, 8. Mai 2016, um 12 Uhr.
José Rizal
Er war der erste philippinische Arzt, der den grauen Star operieren konnte, er schrieb Bücher, die in seiner Heimat verboten waren, und wurde schliesslich als vermeintlicher Revolutionär zum Tode verurteilt: José Protasio Rizal Mercado y Alonso – kurz José Rizal – kam 1861 in der philippinischen Stadt Calamba zur Welt, als die Philippinen noch eine Kolonie des spanischen Kolonialreichs waren.
Er studierte in Manila Philosophie und in Madrid Medizin. Von 1882 bis 1886 lebte er in Europa, wo er mit anderen Universalgelehrten verkehrte und bald die Rolle der spanischen Mönchsorden auf den Philippinen zu kritisieren und zu attackieren begann.
1887 erschien sein in Berlin gedruckter Roman «Noli me tangere» auf den Philippinen. Darin übt er Kritik am gesellschaftlichen System und am Machtmissbrauch der spanischen Priester und Mönche. Der Roman wurde verboten und Rizal, der im selben Jahr auf die Philippinen zurückkehrte, 1892 verbannt. Als 1896 in Manila ein Aufstand für die Unabhängigkeit der Philippinen ausbrach, wurde Rizal als Hauptverantwortlicher verurteilt und 1897 hingerichtet. Dies, obwohl er den Aufstand vor Gericht einen «Wahnsinn» nannte und betonte, dass er immer davon abgeraten habe, «den gesetzmässigen Weg zu verlassen und mit Gewalt die spanische Herrschaft abschütteln zu wollen».