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Quelle
Die Saite
Ein letztes Mal zupfte er die Saite des Cellos, versetzte sie in heftigste Vibrationen, die durch den Raum wellten, bis die Saite2 riss. Dann sass er stockstill da. Die Konzertbesucher regten sich unruhig im Dunkeln. Er konnte sie nicht sehen. Das Einzige, was er sah, war der Fussboden der Bühne und sein Cello, die grellen Scheinwerfer, die Staubflusen, die durch den Raum schwebten. Vorsichtig zupfte er eine andere Saite. Und sie riss. Nun blieben ihm noch zwei Saiten.
"Nur noch zwei Seiten", flüsterte etwas, "blätter die Seite um, finde eine neue Seite."
"Das sind keine Seiten, du Depp", zischte er, doch das Stimmchen zischte zurück: "Wie viele Seiten hast du schon gelesen? Wie viele?"
Wütend zupfte er die E-Saite. Und sie riss.
"Das gibts doch nicht!", flüsterte er. Noch eine. Die letzte.
"Noch eine Seite, was machst du, wenn dir das Papier ausgeht?", flüsterte das Stimmchen, "Hast du schonmal Saitan probiert?"
"Halt doch die Klappe", flüsterte er, zupfte gedankenverloren das A – es hielt und ein Wohlklang ging durch den Konzertsaal.
Zumindest für einige Sekunden, bis auch diese Saite riss.
Das Konzert durfte noch nicht zu Ende sein, noch nicht! Er legte den Bogen beisaite und fing an, leise mit den Fingern auf den voluminösen Körper des Cellos zu trommeln.
"Du denkst, das wird dich retten? Nichts kann dich retten!", flüsterte das Stimmchen, "Ausser vielleicht ein Durchbruch!"
In dem Moment brachen seine Finger durch das Holz und hinterliessen ein Loch. Nach einigen Sekunden spürte er, wie der Hals1 des Cellos beinahe aus seinen Händen glitt, als das Holz komplett auseinanderbrach und zu Boden rauschte.
So sass er da. Den Hals noch in der Hand,
"ein Hals ohne Kopf"
der Rest auf dem Boden, ein Gewirr aus Saiten, Holzstückchen und Staubfuseln.
Das Konzert war vorbei. Er legte den Hals auf den Boden und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
Das Publikum begann zu applaudieren, zaghaft zunächst, dann immer tobender, die Leute sprangen aus ihren Sitzen hoch und schrien Bravo und verwirrt spürte er, wie ein Kollege seine Hand ergriff, ihn hochzog und nach vorne zum Rand der Bühne brachte, wo sie sich gemeinsam verbeugten.
Das Konzert war vorbei.