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Wie hat die Photographie das Jahrhundert wiedergegeben? Mit welchen Werkzeugen, welchen Tricks? Das neunte der zwölf vom Musée de l'Elysée in Lausanne ausgewählten Bilder: "Migrant Mother & Nipomo, California" (1936) von Dorothea Lange.
Februar 1999: eine Albanerin aus dem Kosovo, die ihren Mann verloren hat und hofft, dass ihre auseinander gerissene Familie im Flüchtlingslager wieder vereint wird. Juni 1940: eine jüdische Frau wartet mit ihren Kindern an der Grenze bei Basel, um zu erfahren, ob sie in die Schweiz einreisen kann. Oder Ungarn, im Jahr 56. Oder irgendwo sonst, heute, gestern, morgen.
Elend. Müdigkeit. Warten. Spannung. Verzweiflung. Verlassenheit. Trennung von der Familie. Diese Photographie ist allgemein gültig, weil ihre Thematik allgemein gültig und zeitlos ist. Allerdings braucht es ein spezielles Talent, um diese doppelte Dimension einzufangen.
In Wirklichkeit sind wir in Kalifornien, im Jahr 1936. Die Vereinigten Staaten gehen durch eine schwere wirtschaftliche Krise. Die Photographen der "Farm Security Administration" haben beschlossen, den harten Alltag der Landbevölkerung auf Film zu bannen.
"Die Familie eines Taglöhners. Sieben hungernde Kinder. Die Mutter dreiunddreissig Jahre alt. Der Vater in Kalifornien geboren. Sie sind mittellos, wegen der schlechten, verfrühten Ernte in einem Lager für Erbsenableser in Nipomo, Kalifornien gelandet. Sie haben ihr Zelt verkauft, um etwas Nahrung kaufen zu können. Über 2500 Menschen leben in diesem Lager, den meisten fehlt es an allem", stellte Dorothea Lange am Rand ihrer Arbeit fest.
Das ist kein unbemerkt geschossenes Bild. Die Photographin hat mehrere Bilder dieser kleinen Gruppe gemacht, die sie dafür ausgewählt hat, und sich dabei ihrem Sujet immer mehr angenähert. Es ist sogar ein ausserordentlich konstruiertes Bild: dank ihrer Erfahrung als Malerin und als Studiophotographin gelang Dorothea Lange eine perfekte Komposition.
Und deshalb hat das Bild sie berühmt gemacht. Es hat aber auch eine Kontroverse ausgelöst. Es sei zu posiert, zu gepflegt, verfälsche das Leid ... Und es sei, wie auch die vielen anderen Dokumente der "Farm Security Administration", ein politisch gefährliches Bild, denn es könne "von den Kommunisten ausgenutzt werden", um das Elend in den USA zu zeigen ...
"Migrant Mother & Nipomo, California" war kontrovers, aber das Bild ist heute noch vorhanden und erzählt heute noch vom ganz realen Elend.
Bernard Léchot