Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/34

In der Tektonikarena Sardona lassen sich die vielfälti-gen und ursprünglichen Phänomene der Gebirgsbil-dung auf anschauliche und weltweit einzigartige Weise in der Natur beobachten und sogar anfassen. Bei der Kollision der afrikanischen mit der europäischen Kon-tinentalplatte sind tief im Erdinneren geologische Vorgänge abgelaufen, die zur Entstehung der Alpen führten.
In der Tektonikarena Sardona sind Merkmale dieser Gebirgsbildungsprozesse auch an der Erdoberfläche deutlich sichtbar. Die Hebung der Alpen und die Erosion (Gesteinsabtrag) haben hier die urtümlichen Überschiebungsbahnen, Verfaltungen und Brüche zum Vorschein gebracht. Sie erlauben es, die vor Jahrmillionen in der Erdkruste abgelaufenen Gesteinsbewegungen eindrücklich zu rekonstruieren.
Vielfältige Gesteine lagern sich im Verlauf von Jahrmillionen an der Erdoberfläche in Tälern, Seen, Meeren und Wüsten übereinander ab (W-Z). Dabei kommen in der Regel jüngere auf älteren Schichten zu liegen. In der Tektonikarena Sardona stehen die Berge kopf: Entlang einer markanten und von Weitem gut sichtbaren Linie, der sogenannten "Glarner Hauptüberschiebung" (1.), wurden in der Erdkruste während der Entstehung der Alpen alte Verrucano-Gesteine (250-300 Mio. Jahre alt) auf viel jüngere Flysch-Gesteine (35-50 Mio. Jahre alt) geschoben. Der dazwischen liegende Lochsitenkalk (benannt nach der Lochsite bei Sool/Schwanden) wirkte dabei vermutlich als eine Art Schmiermittel. Es kamen also ältere auf jüngeren Schichten zu liegen. Dieser bedeutende geologische Prozess der Gebirgsbildung, die Überschiebung von Gesteinspaketen, ist in der Tektonikarena Sardona einzigartig schön sichtbar.
Die Tektonik ist ein Spezialgebiet der Geologie. Sie befasst sich mit dem inneren Aufbau der Erdkruste, ihrer Entstehung und der grossräumigen Bewegung.
Die natürliche Erdoberfläche entwickelt sich durch das anhaltende Zusammenspiel von Gebirgshebung und Gebirgsabtrag (Erosion). Die damit verbundene Auflockerung der Gesteine, das vorherrschende Klima, die Gletscher der Eiszeiten sowie Wasser, Wind und Wetter haben die heute sichtbaren vielfältigen Geländeformen geschaffen. Diese Vorgänge laufen auch weiterhin Tag für Tag ab. So ist die Hebung der Alpen bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Die Berge werden aber wegen der gleichzeitig einwirkenden Erosion zurzeit nicht mehr höher.
Das Welterbe Sardona bietet in einer ursprünglichen Landschaft eine ungewöhnlich grosse Dichte an schützenswerten Zeugen der Erdgeschichte (Geotope), eine vielfältige alpine Pflanzen- und Tierwelt sowie Hochmoore und Schwemmebenen von nationaler Bedeutung. Neben der ältesten wieder angesiedelten Steinbockkolonie der Schweiz boten die vielfältigen Landschaften des Welterbes Sardona auch für die erstmalige Auswilderung von Bartgeiern in den Nordalpen im Jahre 2010 die besten Voraussetzungen.
Das knapp 330 km2 grosse Welterbe Sardona, benannt nach dem Piz Sardona im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen, Glarus und Graubünden, hat eine ausserordentliche pädagogische und wissenschaftliche Bedeutung. Die über 200-jährige Forschungsgeschichte ist äusserst spannend und geprägt von vielfältigen Meinungen und kontroversen Interpretationen. Diese Diskussionen führten zu wesentlichen allgemeinen Erkenntnissen über die Entstehung von Gebirgen auf der Erde. Die anhaltende Bedeutung des Gebietes für die geologische Forschung ist bezeichnend. Noch heute pilgern jährlich viele Geologinnen und Geologen in die Tektonikarena Sardona, um die Phänomene vor Ort zu studieren.