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Kann man sich als Schweizer fühlen, auch wenn man noch nie in der Schweiz war? Ja, das geht, wie das Beispiel des jungen Amerikaners Jonathan Royce Hostettler zeigt. Der 22-Jährige hatte eine schwierige Kindheit in den USA. Nun plant er eine Zukunft im Land seiner Vorfahren, wo er ein Doktorat in Theologie machen will.
swissinfo.ch: Warum sind Sie Auslandschweizer? Was für einen Bezug haben Sie zur Schweiz?
Jonathan Royce Hostettler: Ich bin Deutschschweizer von der Seite meines Vaters her, Douglas Joel Hostettler. Als Kind half er manchmal auf dem Bauernhof seiner Grosseltern in der Schweiz mit. Als seine Grosseltern in den USA starben, ging er aber nicht mehr in die Schweiz.
Wir verloren den Kontakt mit meiner grossen Familie, doch mein Vater hatte an einem Stammbaum gearbeitet. So konnte ich mit meiner Familie drüben über Facebook in Kontakt treten. Das war vor zwei Jahren, als ich ins College ging. Ich habe ein Familienwappen und will noch mehr darüber erfahren.
Ich habe eine sehr starke Beziehung zur Schweiz, auch wenn ich Amerikaner bin. Ich habe die Schweiz als meine Heimat ausgewählt, und das ist dort, wo mein Herz ist. Ich habe Familie in Bern, Thurgau, St. Gallen: Mein Ururgrossvater (Niklaus Hostettler) war dreimal verheiratet und hatte mit den drei Frauen insgesamt 17 Kinder.
swissinfo.ch: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie eine Schweizer Seite haben? Und warum interessieren Sie sich für die Schweiz?
J.R.H.: Ich begann, mich als Deutschschweizer zu fühlen, als ich etwa 11 oder 12 war. Damals erzählte mir meine Mutter Geschichten über meinen Vater, und so begann ich mich für die Schweiz zu interessieren (hauptsächlich Geschichte). Ich interessiere mich für die Schweiz, weil sie so ein schönes Land ist und ich dessen Kultur bewundere, weil diese ein Teil von mir ist.
Ich bin im zweitletzten Jahr meines Studiums am Covenant College, wo ich Biblische Studien belege mit Spezialgebiet Missionen. Gegenwärtig spreche ich recht gut Deutsch, aber nicht fliessend, weshalb ich dies noch verbessern will.
Ich war noch nie in der Schweiz. Doch ich möchte dort leben, meiner grossen Familie näher sein. Ich werde bald in die Schweiz reisen und meine grosse Familie zum ersten Mal sehen können. Das wird nächstes Jahr das Abschlussgeschenk meiner Mutter sein.
swissinfo.ch: Gegenwärtig studieren Sie noch: als was und wo möchten Sie einmal arbeiten?
J.R.H.: Ich plane, mein Doktorat an der Universität Bern in Protestantischer Theologie zu machen. Ich möchte Theologie an der Universität Bern lehren. Zuerst muss ich einen Masterabschluss als Lehrer am Covenant College machen, dann einen religiösen Master in Theologie am Westminster Theological Seminary in Philadelphia, Pennsylvania.
swissinfo.ch: Wo leben Sie gegenwärtig, wie ist das Leben, die Küche dort?
J.R.H.: Momentan lebe ich in Chelsea, Alabama, nahe der Stadt Birmingham. Ursprünglich stamme ich aber aus Morris, Illinois. Wir zogen jedoch weg von dort, nachdem mein Vater gestorben war, als ich sechs Jahre alt war. Nun studiere ich am Covenant College in Lookout Mountain, Georgia.
Mein Leben ist eine grosse Herausforderung. Ich hatte mein ganzes Leben lang eine harte Zeit, weil ich ein Sprechproblem habe, das mein Sozialleben beeinflusst hat. In der Schule war es schwierig, Freunde zu finden, weil sie mich nicht verstanden und sich über mich lustig machten. Ich hörte auch schlecht, weshalb ich ein Hörgerät brauchte.
Ich musste bereits sechs Operationen über mich ergehen lassen, doch das Problem lag seit meiner Geburt an meinem Unterkiefer. Meine Mutter hat mich all die Zeit unterstützt, als ich Probleme in der Schule hatte. Sie glaubte immer an mein Potenzial.
Es war hart für mich, in Amerika zu leben, weil ich mich anders als die meisten fühlte, auch durch die Art und Weise, wie ich erzogen wurde. Deshalb habe ich eine Liebe für europäische Kulturen entwickelt.
Was ich den Menschen mitteilen möchte, ist, dass man die Hoffnung nie aufgeben sollte, denn jeder verfügt über das Potenzial, Erfolg zu haben, egal ob mit oder ohne Behinderungen. Wir sind alle aussergewöhnlich und haben unglaubliche Begabungen und Talente, mit denen wir anderen helfen können, ebenfalls erfolgreich zu werden.
Das Essen am Covanant College ist mal gut, mal weniger. Ich habe aber immer die Küche meiner Mutter (Carol, 100% Griechin) genossen. Manchmal kocht sie griechisch, was köstlich ist! Ich wurde griechisch-orthodox erzogen und getauft, aber wir haben diese Kirche verlassen, um eine neue zu finden. Erst nach fünf Jahren fanden wir eine.
swissinfo.ch: Was gefällt Ihnen besser, die USA oder die Schweiz?
J.R.H.: Die Schweiz, weil die Lebensart dort so viel besser ist als hier. Ich hasse ungesunde Fertigkost und Fast-Food-Restaurants. Ich bin auch gerne pünktlich, weil das respektvoll ist, und Versprechen einzuhalten ist sehr wichtig, denn so bleiben Freundschaften bestehen.
Ich bin sehr familienorientiert, weil meine Familie nicht oft auswärts essen geht. Mir gefällt auch Eure halbdirekte Demokratie, weil sie für die Menschen ist und man über viele Themen abstimmen kann. Ich habe auch gerne Sauberkeit, weshalb die Schweiz die beste Wahl für mich ist.
swissinfo.ch: Wie denken Sie aus der Ferne über die Schweiz?
J.R.H.: Mein Eindruck von der Schweiz ist herzerwärmend! Ich liebe alles, was die Schweiz betrifft, von den schönen Schweizer Alpen bis zu den multiethnischen Kulturen dort.
swissinfo.ch: Wie ist die politische Lage in den USA, besonders jetzt mit dem neuen Präsidenten Trump? Interessieren Sie sich für die US-Politik?
J.R.H.: Die politische Situation ist definitiv interessant, doch das Problem ist, dass es einen grossen Graben gibt. Die meisten Amerikaner sind wütend auf die Regierung, weil diese über zu viel Macht verfügt und uns unsere Freiheiten und unsere Jobs wegnimmt. Denn sehr viele Menschen haben Mühe, Jobs zu finden, besonders Leute aus der Mittelschicht.
Ich habe Trump gewählt, weil ich es müde bin, dass Macht dazu benutzt wird, persönliche Interessen durchzubringen oder sich zu bereichern. Die Menschen haben das Recht auf Jobs, Wohlstand und Erfolg, aber es ist Zeit, den Menschen die Macht zurückzugeben. Nicht viele kennen Trumps Leben, aber über ihn zu lesen und zu sehen, dass er sich sehr für das amerikanische Volk sorgt, das gibt mir ein gutes Gefühl für die Zukunft der USA.
swissinfo.ch: Noch ein paar letzte Gedanken über die Schweiz?
J.R.H.: Da ich noch nie in der Schweiz war, will ich nur mit meiner grossen Familie zusammen sein und ihnen sagen, wie sehr ich sie liebe. Sie sind immer in meinem Herzen und für mich sehr wichtig.
Es gibt keinen Ort wie zu Hause bei einer Familie, die Dich so sehr liebt. Amerika ist einfach nicht meine Heimat, aber die Schweiz ist es, und sie ist immer in meinem Herzen. Confoederatio Helvetica (Schweizerische Eidgenossenschaft)! Bitte sagt meiner Cousine Susanne Luchsinger in Wagen, Kanton St. Gallen, und ihrer Familie: "Ich liebe euch alle so sehr!"
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Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten, unter anderem zum Gastland und über dessen Politik, sind ausschliesslich jene der porträtierten Person und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.
swissinfo.ch (das Interview wurde schriftlich geführt)