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Literatur
Betrüger, Heuchler, Fälscher
"F"…wie Fuck? Oder vielleicht Friede, Freude, Fantasie? Dazu haben die drei Protagonisten des neuen Romans des inzwischen 38-jährigen Autorenwunders Daniel Kehlmann allerdings wenig Anlass, denn ihre Welt besteht in erster Linie aus Falschheit. Falschheit im Sinne von Verstellung nämlich, denn alle drei - die noch dazu Brüder sind - sind in ihrem jeweiligen Beruf unehrlich. Martin, der älteste der drei, wurde Priester, aber mehr aus Verlegenheit denn aus Berufung, seine Zwillingsbrüder Eric und Iwan meinten sogar, dass er diesen Beruf nur gewählt habe, weil er keine Frau bekommen habe oder einfach nichts arbeiten wollte. Eric wiederum ist ein klassischer Finanzberater, der seine Kunden falsch berät und ihnen eigentlich nur das Geld aus der Tasche ziehen will, um seinen aufwendigen Lebensstil - Frau, Kind, 2 Freundinnen - zu finanzieren. Iwan verkauft eigentlich Gemälde, aber in Wirklichkeit ist er ein verkrachter Maler, der sich ein Alter Ego als berühmter Maler erschaffen hat und auf diese Weise die Welt an der Nase herumführt. Alle drei also höchst bedauernswerte Gestalten, die in ihrem Elend nur noch von ihrem Vater getoppt werden: Arthur, ein verkrachter Schriftsteller, der seine Familie verlässt, um endlich wieder gute Bücher schreiben zu können.
Die Sekretärin war schuld
Neben dieser Erzählklammer, des Vaters, der immer wieder im Roman auftaucht, gibt es aber auch das Element der Wiederholung in Kehlmanns "F", das man etwa aus Quentin Tarantino's Filmen kennt. Die Geschichte des verhängnisvollen Mittagessens etwa - Eric's Sekretärin hatte Martin statt Iwan angerufen - wird aus jeweils drei Perspektiven erzählt und so zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. An einer Stelle meint Iwan sogar, dass wenn die Sekretärin nicht Martin, sondern ihn angerufen hätte, es gar nicht so weit gekommen wäre, Iwan nimmt nämlich ein tragisches Ende, aber das könnte man fast für alle Figuren von Kehlmann's Roman sagen. Außer vielleicht für Marie, die kleine Tochter Eric's, die vielleicht noch die Chance auf ein besseres Leben als ihre Onkels und ihr Vater hat. Stilistisch brillant wird von Kehlmann schon zu Beginn eine Szene zwischen vier Jugendlichen eingebracht, die am Ende nochmals aus einer ganz anderen Perspektive aufgerollt wird. Auf diese Weise soll der Schrecken, den Kehlmann seinen Figuren zuteilwerden lässt, auch für den Leser spürbar werden. Eine weitere nicht zu unterschätzende Rolle spielt ein Wahrsager, der ebenfalls am Anfang der Geschichte eine wichtige gestalterische Aufgabe übernimmt, aber am Ende des Erzählbogens selbst den Wogen der Gezeiten ausgesetzt ist.
Die Krise 2008 und ihre Folgen
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise des 15.9.2008 zeichnet Kehlmann das Bild einer egoistischen, selbstsüchtigen und dekadenten Welt, in deren Getriebe ihre Bewohner unter die Räder kommen. Der Autor selbst erwähnt das Datum 8. August 2008, also nicht explizit die Lehmann Brothers, obwohl auch ein gewisser "Herr Lehmann" im Umkreis Eric's eine Rolle spielt. Aber natürlich ist klar, worauf Kehlmann hinaus will, er geißelt ein ganzes System, das auf Falschheit beruht, und darunter leiden seine Protagonisten ebenso, wie wahrscheinlich auch er selbst, der inzwischen ja auch schon in seiner Midlife Crisis angekommen sein dürfte. Ob dies absichtlich geschieht oder zufällig und wie viel jeder einzelne zu seinem eigenen Untergang beigetragen hat oder es vielleicht doch ganz einfach "Fatum" ist, weiß man auch am Ende des Romans (noch) nicht. "Ohne Hoffnung hat man wieder Muße" heißt es ganz unbedacht an einer Stelle des Romans und dieser Satz kann einem noch lange zu denken geben. In der Mitte seines Lebens, bekommt man einfach die Rechnung präsentiert und darf sich dann in der zweiten Hälfte des Lebens damit abmühen, sie zu begleichen. L.H.O.O.Q., wie der im Buch indirekt zitierte Marcel Duchamp es wohl auch sagen würde.