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Der Zürcher Autor Claude Weill fragt sich in seinem Essay «Das ganze Spektrum», inwiefern seine persönlichen Erfahrungen auch etwas Allgemeingültiges über das Phänomen der Liebe aussagen.
Claude Weill (*1950), Publizist und Erwachsenenbildner, befasst sich seit vielen Jahren mit existenziellen Fragestellungen. Nun mit über 70 Jahren versucht er, einen differenzierten Blick auf die vielfältigen Manifestationen der Liebe zu werfen. Obgleich es Millionen von Sachbüchern darüber gibt, wagt er sich an das Thema und reflektiert eigene Erfahrungen. Nicht als Nabelschau, sondern wie ein Journalist, der mit sich selbst ein Interview führt. Gedichte und Liedtexte zwischen den Kapiteln vertiefen seine Überlegungen.
Früh realisiert der Autor, dass ihm die «Rolle des Seelenfreundes und Lebensbegleiters leichter fällt als jene des Partners». Gleichwohl stehen Begegnungen und Beziehungen stets im Zentrum seines Lebens, auch ohne eheliche Bindung.
Frühe Erinnerungen
Seine erste Erinnerung an ein Gefühl von Liebe geht zurück, als er vierjährig mit seiner Mutter am Küchentisch sitzt, mit ihr redet und sich ihr sehr nahe fühlt. Auch frühe Erinnerungen an Erlebnisse mit den Grosseltern prägen ihn. Vor allem die Grossmutter erlebt er liebevoll. Ihre Liebe musste er nicht verdienen, stellt er fest. Anders jene der Mutter, mit der er viele Auseinandersetzungen hat. Claude Weill wuchs mit seiner alleinerziehenden jüdischen Mutter auf, der Vater war kurz nach seiner Geburt gestorben.
Bereits als Kind entdeckt er unterschiedliche Formen der Liebe, etwa dass bei der Mutter brav sein zu mehr Liebe führt, andernfalls folgt Liebesentzug verbunden mit Scham und Schuldgefühlen. Auch die Liebeslügen beim Schreiben der obligaten Dankeschön-Postkarten an die Tante oder bei der Anrede Liebe Frau oder Lieber Herr in Briefen oder Mails, die er heute bewusst nur bei persönlichen Bekannten verwendet.
Die Liebesschwüre in den Schlagern und Chansons seiner Jugend bedrückten ihn. Ich liebe dich hätte er nie über die Lippen gebracht und er fragte sich, weshalb wussten alle, wie man liebt, nur er nicht. Beim ersten Sex mit einer Frau als Zwanzigjähriger musste er sich eingestehen, dass Herz und Libido nicht dasselbe sind.
Suche nach Selbstakzeptanz
Lange hatte Weill vor allem Seelenfreundinnen, mit denen er tiefschürfende Gespräche führen und seine empfindsame Seite zeigen konnte. Mit Männerfreundschaften tat er sich schwer. Während des Studiums bekämpfte er mit den meist ebenso vaterlos aufgewachsenen Weggenossen den ungeliebten Vater Staat, die Polizei oder die Diktatoren. Auch wenn ihm das politische Engagement damals wichtig war, blieb die Atmosphäre in diesen Gruppen unpersönlich.
Seine Probleme führten ihn zur Gesprächstherapie, wo er Wertschätzung für sich selber erfahren durfte. Die dreijährige Psychotherapie mit einem Mann bot ihm erstmals einen Spiegel. Später folgten Männer-Workshops, in denen er die männliche Kraft kennenlernen durfte ohne Macho-Gehabe. Dies ermutigte ihn, sich auch auf Männerfreundschaften einzulassen, Meinungsverschiedenheiten anzusprechen und Konflikte auszutragen.
Auch wenn Weill keine eigenen Kinder hat, bescherte ihm das Leben Wahltöchter dank einer Freundin. Diese liess sich mit ihm nur ein, wenn er ihre acht- und elf-jährigen Töchter akzeptierte. Bald wurde er so etwas wie ihr Hausfreund. Doch väterliche Gefühle stellten sich erst richtig ein, als er die an Krebs erkrankte Freundin bis in den Tod begleitete. Das veränderte die Beziehung zwischen ihm und den beiden Mädchen grundlegend, heute sorgen sie sich zunehmend um ihn.
Geistige Liebe
Die Erkenntnis, dass ohne Selbstakzeptanz und Selbstliebe die Liebe zu anderen nicht möglich ist, so sein Fazit, wussten die Religionen wie das Christentum, das Judentum oder der Buddhismus schon lange vor der Psychologie. Um sich selber liebevoller zu begegnen, eignete er sich Techniken an, etwa sich selber umarmen, bewusst geduldig mit sich sein, sich nicht abwerten, durchatmen statt sich aufregen; Strategien, die ihn bis heute begleiten.
Grenzerfahrungen öffneten ihm das Tor zu spirituellen Räumen. Und er begreift, warum die Mystikerinnen und Mystiker die Liebe zu Gott in der Vereinigung mit Gott lobpreisen. Diese übersinnliche, entgrenzende Liebe führte ihn zu Experimenten mit psychedelischen Substanzen. Auch hier erfährt er, dass es in einem bestimmen Bewusstseinszustand möglich ist, sich vorbehaltlos zu lieben. Denn wenn das Denken aufhört, damit auch das Bewerten in richtig oder falsch, wird der Blick auf die Welt und die Menschen liebevoller.
Eine Lebensbilanz zu ziehen mit über siebzig ist nicht dasselbe, wie wenn man noch viele Jahre vor sich hat. Claude Weill kommt zum Schluss, wenn er morgen sterben müsste, ohne alle Träume verwirklicht zu haben, wäre das nicht so schlimm. Das Leben habe ihm viele Chancen zu persönlichem und spirituellem Wachstum beschert, auch Herausforderungen und Prüfungen. Staunend erkennt er, dass letztlich alle Manifestationen der Liebe wieder in die eine, umfassende Liebe münden, nach der wir alle suchen. Ihm bleibt ein Danke an das Leben.
Claude Weill, Das ganze Spektrum. Betrachtungen über die Liebe – ein Essay, Verlag Publishing Partners, Biel 2022. ISBN 978-3-907147-27-6.
Erhältlich über den Buchhandel oder beim Autor unter: <email-pii>