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Bericht verfasst von Nicola Pini
Vorbereitung
Im September letzten Jahres habe ich mich in Italien für die Ironman World Championship in Kailua-Kona auf Hawaii qualifiziert. Ein Jahr voller Vorbereitungen und Organisation stand vor mir und ebenso der Trainingswettkampf am Walchsee. Am 30. September war es dann soweit. Zusammen mit meiner Familie begab ich mich auf die lange Reise. Den Zwischenstopp in San Francisco, verbrachte ich mit einem Schwimmtraining in einem Community-Pool und einer Erholungseinheit auf dem Fahrradergometer. Dann sass ich auch schon im Flugzeug weiter nach Kona. Dieses Mal alleine; meine Familie reiste eine Woche später nach.
Pünktlich zum Mittagessen fand ich mich auf der grössten der hawaiianischen Inseln wieder. Mein Körper füllte und umhüllte sich mit der feuchten Tropenluft, die ich mir bisher nicht gewohnt war. Dennoch befand ich mich inmitten einer Lavawüste, die hier und da ein paar Pflanzen aus sich spriessen lässt.
Auf der Fahrt vom Flughafen zum Condominium zeigte sich mir ein Bild, das ich bisher nur aus den Videos der vergangenen Wettkämpfe kannte. Ein schwarz asphaltierter Highway, der sich durch die Lavabrocken pflügt. Ebenso das mit Palmen bewachsene Kailua Pier, an dem sich der Schwimmstart sowie die Ziellinie der Weltmeisterschaft befindet. Bis auf die Bojen der Schwimmstrecke und einige Triathleten, die der Hitze zu trotzen versuchten, liess jedoch nichts darauf schliessen, was sich hier in den kommenden Tagen abspielen sollte. Ich schloss mich den Athleten an und begann ebenfalls mit meinen ersten Trainingseinheiten auf der Insel. Da ich in der Schweiz in der letzten Zeit vor dem Abflug die meisten Radtrainings im Inneren auf dem Rollentrainer absolviert hatte, war ich es mir gewohnt zu schwitzen. Die Temperaturen hier waren jedoch nicht vergleichbar, es schien als würde sich die Luftfeuchtigkeit der Tropen in mir ausbreiten.
Nach dem Radfahren auf dem Pannenstreifen des Highways, welcher die einzige Möglichkeit bot für ein qualitatives Radtraining, stand das Laufen an. Das Stechen auf der Innenseite meines rechten Knies, das ich aufgrund eines Sturzes kurz vor dem Abflug verspürte, machte sich bemerkbar. Aus einem kleinen Stechen wurde währen dem Lauftraining ein konstanter Schmerz. Die kommenden Tage versuchte ich, mein Knie mit Salben, Schmerzmitteln und sogar dem Verzicht auf die Lauftrainings ruhig zu stellen.
Auch der Jetlag liess grüssen, ich wachte pünktlich um 04:30 Uhr auf und musste die Zeit bis 07:00 Uhr totschlagen, bis mich der Shuttlebus fürs Schwimmtraining zum Pier bringen würde. Auch für Einkäufe und Erledigungen war ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, die sich nicht oft blicken liessen. Am Pier angekommen kam mir alles so vertraut vor. Aufgrund der ganzen Videos, die ich in der Vorbereitungszeit in mich eingesogen hatte, fühlte es sich an, als wäre ich die Stufen zum Schwimmeinstieg des „Dig Me Beach“ schon hunderte von Malen heruntergestiegen. Dennoch war es das erste Mal, dass ich in das Gewässer eintauchte, in dem schon so viel Geschichte geschrieben wurde. Der Wettkampf war noch neun Tage entfernt, ich war jedoch nicht der einzige der auf dem offenen Meer trainierte. Sogar die Bojen für den Wettkampf waren bereits platziert und somit war es die optimale Vorbereitung auf den grossen Tag. Ich bahnte mir nicht nur den Weg zwischen den anderen Sportlern hindurch, plötzlich tauchten fünf Delfine neben mir auf und begleiteten mich durch das salzige Gewässer. Etwas derartiges habe ich noch nie zuvor erlebt, ich spürte wie sich ein überglückliches Gefühl in mir breit machte.
Dieses Gefühl hielt bis am Nachmittag auf der Radstrecke an, als plötzlich die Luft aus meinem Hinterrad strömte. Einen Schlauch bei 32 Grad ohne Schatten auf dem Pannenstreifen des Highways zu wechseln fühlt sich an, als wäre man ein Steak auf dem Grill. Dennoch lieber im Training als während des Wettkampfes.
Am nächsten Tag war der vordere Reifen an der Reihe. Ein Lavastein riss mir ein Loch in den Pneu und somit sah ich mich gezwungen, einen Ausflug zum Radshop zu machen. Dort wurde mir von einem Einheimischen erklärt, dass dieses Problem häufig bei der Fahrt auf dem Pannenstreifen vorkommt. Am grossen Tag wird die Strecke jedoch optimal vorbereitet sein. Tatsächlich fand sich einige Tage später wieder etwas im hinteren Pneu und so hoffte ich, dass der Experte mit seiner Aussage recht behielt. Und so war es dann auch, es war mein letzter Besuch in der Werkstatt.
Die Insel füllte sich langsam aber sicher mit Athleten aus aller Welt und man spürte, dass sich in der Küstenstadt etwas Grosses anbahnen würde.Verkaufsstände von Triathlonartikeln wurden aufgebaut, Banner angebracht und Worte gesprochen, die ich nicht zu verstehen vermochte.
Sechs Tage vor dem Wettkampf fand der Hoala Training Swim statt. Ein Schwimmwettkampf, bei dem man die kompletten 3,8 km einmal mit Zeitmessung schwimmen konnte. Ich hatte nie zuvor einen Massenstart erlebt und so wartete ich mit mehr als 600 anderen im Wasser auf das Startsignal. Dieses ertönte und es fühlte sich an wie in einer Waschmaschine. All diese Arme und Beine, man war Körper an Körper zu anderen Schwimmern und musste darauf achten, keine Tritte oder Schläge
abzubekommen. Irgendwann lichtete sich das Feld jedoch ein wenig und ich konnte in meinem Rhythmus schwimmen.
Die Schwimmstrecke führt 1,9 km Richtung Süden der Küste entlang, um ein Boot herum und wieder zurück. Je weiter man sich vom Start entfernte, umso mehr waren die Strömungen des Pazifiks und die Wellen zu spüren, welche einen hin und her schaukelten. Nach etwa 01h 04min erreichte ich, zufrieden mit meiner Leistung das Ziel. Ein unerwartetes Gespräch mit Lionel Sanders (vierfacher Ironman-Sieger und Weltmeister aus Kanada) liess dies zu einem unvergesslichen Tag werden.
Die Race Week war gekommen. Das Training reduzierte sich von Tag zu Tag und es standen noch einige Programmpunkte an. Am Dienstag musste ich zur Registrierung, um alle Startunterlagen zu erhalten. Am Abend war die Parade of nations, an der alle Athleten ihr Herkunftsland vertreten und gemeinsam den Ali’i Drive entlang schreiten. Es war das erste Mal, an dem ich von Schweizern umgeben war. Nicht nur die Wettkämpfer an meiner Seite, auch meine Familie war am Strassenrand wiederzufinden.
Ein Race Briefing am Mittwoch und das Welcome Dinner am Donnerstag füllten die Woche aus. Am Freitag war es dann soweit, ich verabschiedete mich von meinem Fahrrad und meinen Wechselbeuteln, die ich zum Check- in brachte. Aufgrund der professionellen Organisation machte ich mir jedoch keine Sorgen, ich wusste, dass es in guten Händen war. Ein frühes Abendessen und anschliessendes Lichterlöschen um 20:30 Uhr, der grosse Tag konnte kommen.
Wettkampftag
Mein Tag startete mit dem schallenden Geräusch des Weckers um 03:15 Uhr. Der Jetlag war mir dabei eine Hilfe, da meine innere Uhr noch den europäischen Rhythmus gewohnt war. Nach den altbewährten Nudeln ohne Sauce und Erdnussbuttertoast packte ich meine am Abend zuvor bereit gelegten Sachen und stieg in den Shuttle ein, der sich um 04:30 Uhr auf den Weg zum Rennen machte. Das Gelände war nicht mehr eine kleine verschlafene Stadt am Meer, es wurde zur imposanten Ironman Village. Zum ersten Mal wurde mir das Ausmass dieses Wettkampfes wirklich bewusst.
Angekommen beim King Kamehameha’s Kona Beach Hotel, das sich direkt am Pier befindet und als Dreh und Angelpunkt des Events diente, machte ich mich auf zum Bodymarking. Ein riesiges abwaschbares Tattoo zierte meine Oberarme mit der Nummer 2295. Aus Sicherheitsgründen wurden wir gewogen, so dass die Sanitäter im Notfall wussten, welchen Flüssigkeitsverlust es wieder zu ersetzen galt. Taschen abgeben, Flaschen auffüllen, ein letzter Blick aufs Rad und ab zum Start.
Am vorherigen Abend hatte der Himmel spontan beschlossen, sich vollständig zu entleeren. Alles war nass, doch dies sollte nicht lange anhalten. Nach dem Schwimmen zeigten sich die Strassen wieder trocken wie eh und je.
Nun hiess es warten. Die letzte Stunde vor dem Rennen verbrachte ich mit einem Schweizer, den ich an der Parade of nations kennengelernt hatte. Es war ein gutes Gefühl, jemanden zu kennen, der im gleichen Boot sass wie ich. Und schon wurden wir anhand unserer Altersklasse und nicht nur alleinig aufgrund unseres Geschlechts – wie in den bisherigen Jahren – eingereiht. Dies soll dazu beitragen, dass sich das Feld auf dem Rad ein wenig auseinander zieht.
Der erste Kanonenschuss ertönte um 06:25. Die Profis machten sich auf den Weg. Um 06.55 Uhr war dann ich an der Reihe. Der starke Wellengang wurde mir schon beim Rausschwimmen zur imaginären Startlinie bewusst, die durch Surfer auf ihren Brettern markiert wurde. 500 Athleten die in ihren Schwimmanzügen auf das Startsignal warteten. Durch das Schaukeln der Wellen war es schwierig, sich eingermassen Platz zu verschaffen.
Der Klang des Muschelhorns verkündete unseren Start. Eingequetscht zwischen fremden Armen und Beinen kämpfte ich mich durch die Massen in die Wellen hinein. Das Feld schien sich nicht zu lichten, ich orientierte mich an den Körperteilen der anderen, denn der Blick nach vorne hielt nur eine Wand aus Wasser für mich bereit. Ich vertraute darauf, dass sich der Pulk in die richtige Richtung bewegte.Durch den massiven Wellengang schluckte ich mehr Salzwasser, als mir lieb war und nach der Wende beim Boot spürte ich meinen Magen ein wenig rebellieren. Ich konzentrierte mich darauf, möglichst nur Luft einzuatmen, denn für alles andere war in diesem Moment keine Zeit.
Der Schwimmausstieg, der schon von weitem sichtbar ist, scheint einfach nicht näher zu kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich ihn dann doch noch. Mein Blick schweifte als erstes zur Uhr, die mir eine Zeit von 01h 06min anzeigte. Für die Wasserverhältnisse und meine Schwimmkondition war ich überaus zufrieden mit dieser Leistung
Nun galt es den Schwimmanzug so schnell wie möglich abzulegen und den Triathlonanzug, der sich darunter befand hochzuziehen. Ich schlüpfte in die bereitliegenden Socken und Radschuhe und machte mich auf zu meinem Rad, das sich inmitten der riesigen Wechselzone befand. Den Helm auf dem Kopf galt es die zweite Disziplin des Tages zu meistern.
Die ersten 10 km der Radstrecke in Kailua dienten dazu, die Beine auf die bevorstehende Tortur auf dem Queen Ka’ahumanu Highway vorzubereiten. Dieser zieht sich etwa 50 km durch die Lavafelder nach Norden bis nach Kawaihae. Die Strecke ist verhältnismässig flach mit einigen kleinen Hügeln dazwischen. Man spürte, dass das Niveau der Teilnehmer viel höher war und so zog es sich fast nicht auseinander. Der vorgegebene Abstand von 12 Metern wurde eingehalten, es wurde jedoch zum ständigen Überholen und überholt werden. In Kawaihae angekommen, biegt man auf den Akoni Pule Highway ab, der den Anstieg nach Hawi und somit dem Wendepunkt markiert.
Die Intensität des Windes nahm zu. Ich verspürte konstanten Seiten- und Gegenwind, der die Steigung nicht vereinfachte. In Hawi angekommen hiess es umdrehen und den ganzen weiten Weg zurückfahren. Den Hügel wieder hinunter mag wohl erholsam klingen, jedoch stellte es sich als der anstrengendste Teil überhaupt heraus. Der Wind hatte noch mehr zugenommen in seiner Stärke und erreiche bis zu 75 km/h. Er kam von allen Seiten mit unvorhersehbaren Böen und pustete mich von einer Seite zur anderen. Nun galt es, sich am Rad festzuklammern und zu hoffen, ohne Sturz davon zu kommen. Die anderen Teilnehmer hatten ebenfalls mit der Stärke des Windes zu kämpfen. Ich beobachtete wie sie von der einen Seite der Strasse zur anderen verschoben wurden und wusste was mir blühte. Ich schaffte es jedoch heil nach Kailua zurück. Es war die physisch und psychisch härteste Radausfahrt meines Lebens.
Angekommen händigte ich mein Rad einem Helfer aus und rannte erneut zum Wechselzelt. Es musste alles sehr schnell gehen. Während dem ich meine Socken und Schuhe wechselte, schmierte mich ein Helfer mit Sonnencreme ein und so verlief auch der zweite Wechsel reibungslos und ich begann einen Fuss vor den nächsten zu stellen.
Am Anfang des Marathons fühlte ich mich gut und auch mein Knie signalisierte erstaunlicherweise keine Schmerzen. Die ersten 5 km des Rennens erstreckten sich in Richtung Süden durch Kailua, wo all die wunderbaren Fans am Strassenrand standen und durch die bombastische Stimmung den Läufern enorm viel Ballast abnahmen. Umdrehen und zurücklaufen. Dieser Teil war sehr motivierend und ich konnte eine gute Pace laufen.
Dann kam der Anstieg der Palani Road, der so steil ist, dass die meisten Teilnehmer gehen mussten und aus ihrem Laufrhythmus gebracht wurden. Oben angekommen ging es erneut auf den Queen Ka’ahumanu Highway, den schon die Räder meines Fahrrads und nun auch meine Beine zu spüren bekam. Auf einem Highway zu Laufen ist das Tristeste was es überhaupt gibt. Man kommt so langsam voran und die Strasse hat kein Ende. Nach etwa 15 km begann sich dann mein Knie bemerkbar zu machen und nach etwa 20 km kamen die ersten Krämpfe und mit ihnen der Einbruch. Beide Oberschenkel verkrampften sich und die Schrittlänge wurde immer kürzer. Der schlimmste Teil der Laufstrecke stand jedoch noch an. Das Natural Energy Lab. Es ist der Ort mit der grössten Sonneneinstrahlung der gesamten amerikanischen Küste und somit klettern die Temperaturen in schwindelerregende Höhen. Auch kommt es zu einem Zeitpunkt, bei welchem die mentale Verfassung der meisten Athleten am Tiefpunkt angelangt ist. Es ist schwer zu beschreiben, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt gefühlt habe. Der innere Dialog mit sich selbst verstummt beinahe und es breitet sich eine Leere aus, die der Lavawüste gleicht, die einen umgibt. An diesen Moment werde ich mich noch lange erinnern.
Zurück auf dem hügeligen Highway war das Rennen jedoch nicht zu Ende. Die mentale Befreiung, dass es nicht mehr weit ist, kam bei mir erst, als ich wieder oben bei der Palani Road angekommen war. Noch 2 km zum Ziel. Ab hier ging alles ganz schnell und schon fand ich mich auf der Zielgeraden wieder. Der Moment, den ich mir bei unzähligen Trainings zuhause auf dem Laufband ausgemalt hatte, war endlich da. Nach 10h 12min 35sec überquerte ich die Ziellinie auf dem Ali’i Drive.
Mein Traum ging in diesem Moment in Erfüllung! Diese Ziellinie zu überqueren ist einer der emotionalsten Erlebnisse, die ich bisher erleben durfte. Ich habe diese Linie jedoch nicht alleine überschritten. Ich spreche von all den Menschen, die mich auf meinem Weg dorthin unterstützt haben. Allen voran meine Familie, die zu jedem Zeitpunkt bedingungslos an meiner Seite ist. Ohne sie wäre dieses Rennen nicht möglich gewesen und mein Traum wäre nicht zur Realität geworden. Aber auch die Crowdfunding-Unterstützer und die Personen, die während des Wettkampfes in Gedanken bei mir waren. Dazu gehört auch das Kokua Support Team. Für den ganzen Anlass waren mehr als 5000 freiwillige Personen beteiligt, die beispielsweise beim Check-in, in der Wechselzone, auf dem Wasser oder an den Verpflegungsstationen standen. Sie begegneten mir während der ganzen Zeit nur mit lachenden Gesichtern und motivierenden Worten.
Mahalo, Nicola