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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand die Schweiz international unter Druck. Die alliierten Siegermächte kritisierten die wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz mit Nazi-Deutschland, insbesondere auch die Geschäfte der Nationalbank mit gestohlenem Gold. Vor 75 Jahren, am 25. Mai 1946, schloss die Schweiz das Washingtoner Abkommen ab. Sie verpflichtete sich, 250 Millionen Franken zu bezahlen.
Bisher nicht publizierte Dokumente, die SRF vorliegen, zeigen: Die Schweiz wurde damals bei den Verhandlungen in Washington vom amerikanischen Geheimdienst abgehört. Und ebenso brisant ist: In der Schweiz diente der damalige Präsident der SP Schweiz, Hans Oprecht, als Agent der Amerikaner.
Hans Oprecht, Agent Nummer 487
Oprecht war Nationalrat und Gewerkschaftsführer. Während des Krieges unterstützte er den Widerstand gegen Nazi-Deutschland und setzte sich für Flüchtlinge ein. In dieser Zeit wurde Oprecht Informant des US-Auslandgeheimdienstes, des Office of Strategic Services (OSS), und erhielt die Agentennummer 487.
Gewerkschafter auf spezieller Mission
Hans Oprecht war von 1936 bis 1952 Präsident der SP Schweiz und lange Zeit einflussreicher Gewerkschaftsfunktionär. Während des Krieges engagierte er sich parteiübergreifend gegen den Nationalsozialismus. 1951 kandierte er für den Bundesrat, konnte sich aber parteiintern nicht durchsetzen. Von 1960 bis 1964 war er Präsident der SRG. Nicht bekannt war bisher, dass er mehrjähriger Informant des US-Auslandgeheimdienstes war und eine Agentennummer besass.
Wahrscheinlich traf er sich in Zürich in der Wohnung seines Bruders, des Verlegers Emil Oprecht, mit Allen Dulles, dem Leiter des OSS in der Schweiz. Davon geht der Historiker Adrian Hänni aus. Gemäss Hänni versorgte Oprecht die Amerikaner auch während der Verhandlungen in Washington mit wertvollen Informationen. Diese erhielt er unter anderem vom damaligen SP-Bundesrat Ernst Nobs.
Verrat beim Washingtoner Abkommen
Ab März 1946 verhandelte eine Schweizer Delegation unter der Leitung von Walter Stucki in Washington mit amerikanischen, britischen und französischen Vertretern. Mit dem Vertragsabschluss verpflichtete sich die Schweiz, 250 Millionen Franken für den Wiederaufbau Europas zu zahlen.
Es wurde seither schon mehrfach darüber spekuliert, dass die Schweizer Verhandlungsstrategie und das Höchstangebot verraten worden seien. 1998 berichtete die «NZZ», dass der damalige SP-Präsident Hans Oprecht während der Verhandlungen Informant eines US-Geheimdienstes gewesen war. Die Historikerin Catherine Schiemann kam zum Schluss, dass der damalige Aussenminister Max Petipierre (FDP) den Amerikanern das Höchstangebot bekannt gegeben hatte.
Landesverrat oder politische Notwendigkeit?
Dadurch verstiess Oprecht gegen offizielle Schweizer Landesinteressen. Rebekka Wyler, Co-Generalsekretärin der SP-Schweiz, räumt ein: Oprechts Handeln stellte aus Sicht der offiziellen Schweiz keine vertretbare Position dar. «Es gibt wohl auch Leute, die sagen, das sei Landesverrat.»
Aus einer politischen Perspektive sehe es aber anders aus: «Nach allem, was man heute über die Verstrickungen der Schweiz mit dem Nationalsozialismus weiss, muss man auch Verständnis haben für die Aktivitäten.» In dieser Sichtweise war es wichtig, dass die Schweiz in Washington zu einer Verhandlungslösung kam und damit auch Teil der neuen Nachkriegsordnung werden konnte.
Abgehört vom US-Geheimdienst
Die US-Dienste fingen damals auch Nachrichten ab, die aus Washington in die Schweiz übermittelt wurden. Funk-Nachrichten waren zwar verschlüsselt, doch die Amerikaner konnten sie dechiffrieren.
Für die Verschlüsselung setzte die Schweiz nämlich auf deutsche Enigma-Chiffriermaschinen. Doch diese waren nicht sicher: Mit der Entschlüsselungsaktion im britischen Bletchley Park hatten die Briten und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg den geheimen deutschen Funkverkehr geknackt.
SRF liegen bisher in der Schweiz nicht beachtete Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes ASA vor. Diese zeigen, dass er die Nachrichten der Schweizer Delegation abfing. Geheimdienst-Historiker Adrian Hänni ist auf diese Dokumente gestossen. Er ist überzeugt: Die Amerikaner wussten durch ihren Geheimdienst, dass die Schweizer maximal bereit sind, 250 Millionen Franken zu bezahlen. «Zu einem Zeitpunkt, als in Washington erst 100 Millionen Franken geboten wurden.» Die Amerikaner waren dadurch der Schweiz stets einen Schritt voraus.