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Der Täter und sein Opfer hatten nur die besten Absichten: Professor Alkis G. Togias, erfolgreicher Wissenschaftler an der berühmten Johns Hopkins University in Baltimore, wollte die Menschheitsgeißel Asthma besiegen. Seine 24-jährige Studentin Ellen M. Roche forschte in der Arbeitsgruppe nebenan am gleichen Thema. Bis sie am 2. Juni ums Leben kam - als gesunde Probandin bei einem scheinbar harmlosen Experiment.
Der Fall ist besonders tragisch, weil das Opfer nicht in der Aussicht auf Heilung an der Studie teilnahm. Als einzige Gegenleistung hätte die Studentin 365 Dollar bekommen. Er ist besonders erschreckend, gerade weil die gesetzlichen Vorschriften und Regeln der ärztlichen Kunst offenbar akribisch genau eingehalten wurden.
Die Studie sollte klären, warum Pollen, Staub und andere Allergene bei Asthmatikern zur schlagartigen Verkrampfung der Luftwege führen, während Gesunde keinerlei Reaktion zeigen. Kurz zuvor hatten Togias und seine Arbeitsgruppe die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass sich die gesunde Lunge vor allergischen Reizen durch einen einfachen Trick schützt: gelegentliches Seufzen.
Bei den tiefen Atemzügen setzen die gedehnten Lungenfasern einen Signalstoff frei, der die Muskulatur in den Bronchien entspannt. Die Hopkins-Forscher vermuteten, dass dieser natürliche Schutzmechanismus bei Asthmatikern gestört ist. Um die Hypothese zu überprüfen, ließen sie gesunde Probanden ein Mittel inhalieren, das den Schutzreflex ausschaltet: Hexamethonium, ein dem Pfeilgift Curare verwandter Nervenblocker. Wenn die Theorie stimmt, müssten gesunde Probanden durch die Nervenblockade vorübergehend leichtes Asthma bekommen.
Doch bei Ellen Roche kam alles anders als geplant. Am morgen nach der Inhalation bekam sie plötzlich Husten und grippeähnliche Symptome. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus war die Lunge bereits schwer geschädigt, nach Meinung der Ärzte eine unmittelbare Folge des Hexamethonium-Experiments. Drei Wochen kämpften die Ärzte im Johns Hopkins Bayview Medical Center, einer der besten Kliniken der Welt, vergeblich um das Leben der Patientin. Die genaue Todesursache ist bis heute ein Rätsel; Hexamethonium ist seit Jahrzehnten als Medikament bekannt, seine - experimentelle - Verabreichung per Inhalation wurde von mehreren Gutachtergremien genehmigt.
Der Todesfall wurde erst vergangenen Freitag von der New York Times an die Öffentlichkeit gebracht - die ehrwürdige Johns Hopkins Universität hatte sich auf eine diskrete Meldung an die Aufsichtsbehörde beschränkt. Da dort unveröffentlichte Forschungsergebnisse und Studien an neuen Medikamenten streng vertraulich behandelt werden, gibt es über Zwischenfälle bei Menschenversuchen keine offiziellen Zahlen. Öffentliche Diskussionen, wie beim Tod des Gentherapie-Opfers Jesse Gelsinger vor zwei Jahren, sind seltene Ausnahmen.
Menschenversuche sind in der medizinischen Forschung jedoch die Regel. Jedes neue Heilmittel muss vor der Zulassung sowohl an gesunden als auch an kranken Probanden getestet werden - durchschnittlich etwa 4000 pro Medikament. Da die Genehmigung für klinische Studien in den USA und Europa mit strengen Auflagen verbunden ist, weichen die Pharmafirmen zunehmend auf Länder mit laxeren Kontrollen aus: In Südamerika, Osteuropa und Südafrika hat sich die Zahl der Medikamenten-Studien in den vergangenen fünf Jahren mehr als verzehnfacht.
Die dort beteiligten Ärzte bekommen für menschliche Versuchskaninchen oft ein Vielfaches ihres Monatslohnes als Kopfgeld. Da verwundert es nicht, dass die US-Gesundheitsbehörde bei ihren seltenen Kontrollen im Ausland regelmäßig fündig wird: Einverständniserklärungen werden gefälscht, Risiken verschwiegen, Patientenakten frisiert.
Die gängige Praxis, für die Medikamentenzulassung auch klinische Studien aus weniger entwickelten Ländern anzuerkennen, müsste daher dringend überprüft werden. Den Tod der 24-Jährigen in der Vorzeige-Uni von Baltimore hätte dies freilich nicht verhindert: Der Fortschritt der Medizin wurde und wird immer mit Menschenopfern bezahlt - so gerne Patienten und Ärzte diese traurige Tatsache auch verdrängen würden. (Spiegel Online, 20. Juni 2001)