Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/922

Marylène Bovard-Chervet leitet gemeinsam mit ihrem Ehemann das Château de Praz. Sie möchte dieses Weinbaugebiet, das sie von ihrem Vater übernommen hat, zwischen Tradition und Innovation ansiedeln.
Seit knapp fünf Jahrhunderten wird im Château de Praz in Vully (FR) Wein produziert. Schon seit etwa hundert Jahren ist es in den Händen der Familie von Marylène Bovard-Chervet. Im April 2011 übernahm die an der Ecole de Changins (VD) ausgebildete Önologin das Weingut von ihrem Vater, um es mit ihrem Ehemann zu leiten. Bei der Nachfolge galt es viele Stolpersteine zu überwinden, doch das Ergebnis ist ein voller Erfolg.
Sie sind im Château de Praz aufgewachsen. War es für Sie klar, dass Sie eines Tages die Leitung des Weinguts übernehmen würden?
Marylène Bovard-Chervet: Überhaupt nicht. In meiner Kindheit und Jugend war ich relativ wenig an den Aktivitäten auf dem Gut beteiligt. Und als ich in das Alter kam, in dem man einen Beruf wählt, sagte ich mir "auf jeden Fall nicht dasselbe wie Papa" ... Als ich eine Liste erstellte, was mir mein künftiger Beruf bringen sollte, erkannte ich, dass ich Winzerin werden würde und schrieb mich an der Ecole de Changins ein.
Können Sie uns einige Zahlen zum Château de Praz nennen und etwas über Ihr Geschäftsmodell erzählen?
Bovard-Chervet: Auf dem Weingut arbeiten sieben fest angestellte Personen (mit meinem Mann und mir) und es umfasst zwölf Hektar Weinbaufläche. Wir produzieren 80'000 bis 100'000 Flaschen pro Jahr, rund 70% Weisswein und 30% Rotwein. Der Vully ist logischerweise unser Hauptwein, unsere wichtigste Spezialität ist der Pinot Gris. Rund 70% unserer Produktion werden vor Ort von Privatpersonen gekauft, 10% von Detailhändlern und 20% von Restaurants. Der direkte Kontakt zu den Kunden ist für uns sehr wichtig. Aber wenn man den Endverbraucher erreichen will, muss man in der Lage sein, ihn entsprechend zu empfangen: Wir haben längere Öffnungszeiten als die meisten unserer Konkurrenten.
Inwiefern unterscheiden sich Ihre Weine von denen der direkten Konkurrenz?
Bovard-Chervet: Eines unserer charakteristischen Merkmale ist die Tatsache, dass wir ausschliesslich sortenreine Weine und keine Cuvées produzieren. Das erfordert eine hohe Präzision und ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, den Charakter eines Jahrgangs auszudrücken.
Eine weitere Besonderheit Ihres Weingutes ist, dass es von einem Önologen-Ehepaar geleitet wird.
Bovard-Chervet: Es stimmt, dass in den meisten Weingütern, die von einem Ehepaar geleitet werden, einer von beiden alles rund um Verwaltung und Empfang regelt und der andere die Weinproduktion. Bei uns sind die Aufgaben so aufgeteilt: Mein Mann ist für die Weinberge und das Personal zuständig und ich für die Weinherstellung, die Kommunikation und den Vertrieb. Der grosse Vorteil ist, dass ich die Anmerkungen der Kunden direkt in die Praxis umsetzen kann.
Ihr Mann stammt auch aus einer Winzer-Familie. Warum haben Sie sich entschieden, den Betrieb Ihres Vaters zu übernehmen und nicht sein Familiengut?
Bovard-Chervet: Bei ihm gab es weniger Druck, dass das Gut in der Familie bleiben sollte! Ich wusste, dass es meinen Eltern sehr wichtig war, dass das Château de Praz intern übernommen wird. Und obwohl wir ahnten, dass diese Übernahme nicht leicht werden würde, haben wir uns dafür entschieden.
Was hat Ihnen während des Übernahmeprozesses die grössten Probleme bereitet?
Bovard-Chervet: Da würde ich als Erstes die Länge dieses Prozesses nennen. Darüber muss man sich wirklich im Klaren sein, wenn man sich für eine Übertragung innerhalb der Familie entscheidet. Besonders schwierig war es, kompetente Berater zu finden. Zunächst hatten wir uns an Experten für Landwirtschaft gewandt, doch dann merkten wir, dass es viel besser ist, uns von branchenfremden Personen beraten zu lassen. Der Vorteil war, dass bei ihnen der Unternehmergeist stärker ausgeprägt war und sie mit originellen Ideen ankamen. Die andere grosse Schwierigkeit, auf die wir stiessen, waren die Meinungsverschiedenheiten mit meinem Vater. Für ihn war Nachfolge gleichbedeutend mit Kontinuität. Mein Mann und ich wollten dagegen frischen Wind in das Weingut bringen, insbesondere in Bezug auf die Marktpositionierung und das Image.
Diese Auseinandersetzungen haben den Zeitplan für die Nachfolge ziemlich durcheinander gebracht...
Bovard-Chervet: Ja. Als wir das Gut im Jahr 2011 übernahmen, war geplant, dass wir fünf Jahre lang Pächter sein würden. Am Ende wurden wir schon 2014 Eigentümer, damit wir die gewünschten Arbeiten durchführen konnten. Wie Sie sich denken können, war das eine emotional schwierige Zeit. Aber wir konnten aus der Familiennachfolge auch erhebliche Vorteile ziehen. Zum Beispiel konnte ich von der treuen Stammkundschaft meines Vaters profitieren. Wir sind fest entschlossen, diesen Kundenkreis zu vergrössern, insbesondere mit einem geplanten neuen Empfangsraum im historischen Gebäude des Weingutes.
Tradition im Dienste der Innovation! Wie gelingt es denn am besten, bei der Übernahme eines Familienbetriebs das historische Erbe zu nutzen und ihm zugleich ein frischeres Image zu verleihen?
Bovard-Chervet: In Weinbaukreisen ist der Aspekt "Tradition" in jedem Fall präsent. Im Moment verstärkt sich das sogar noch: Es ist eine Rückkehr zu etwas in Vergessenheit geratenen Techniken zu beobachten, zum Beispiel der Weinausbau auf Basis von Weinhefe. Ich würde sagen, dass man die goldene Mitte finden sollte. Auf dem Château de Praz stützen wir uns auf historische Elemente wie die Gebäude, ohne uns deshalb eine modernes Design mit Piktogrammen zu verbieten.