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Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit der Argentinier Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 zum Papst gewählt wurde und sich den Namen Franziskus gab. Mittlerweile wird eine Fülle von Büchern verkauft, welche sich seiner Biographie widmen. Selbst die Liste der deutschsprachigen Erscheinungen über den "Papst vom Ende der Welt" ist kaum noch überschaubar. Neben den in der SKZ bereits besprochenen Werken ragt die Biographie des englischen Journalisten Paul Vallely heraus. Auf Deutsch im Spätsommer 2014 erschienen, ist sie im englischsprachigen Raum "fast schon zum Klassiker" (Josef Oehrlein in der FAZ vom 8. August 2014) geworden: Paul Vallely: Papst Franziskus. Vom Reaktionär zum Revolutionär. (Verlag Konrad Theiss) Darmstadt 2014, 239 Seiten.
Zum Autor
Der mehrfach preisgekrönte britische Journalist Paul Vallely war von 1984 bis 1989 Auslandkorrespondent der "Times". In jenen Jahren arbeitete er mit dem Musiker Bob Geldof zusammen, um im Rahmen von dessen Initiative "Live Aid" den Hunger in Afrika zu lindern. Seither gilt er als Fachmann für Fragen der Entwicklungszusammenarbeit und hat in den Jahren 2004 und 2005 auch die britische Regierung von Tony Blair beraten. Daneben war er von 2000 bis 2013 Associate Editor der Zeitung "The Independent". In diesen Jahren hat er auch zu religiösen und kirchlichen Fragen publiziert. Als Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, machte Vallely sich zu einer Reise um die ganze Welt auf, um in Gesprächen mit Weggefährtinnen und Weggefährten von Franziskus dessen Geschichte zu rekonstruieren.
Der Blick zurück
Wie andere Autoren blendet Vallely in die Kindheit, in die Familie des Einwandererkindes Jorge Mario Bergoglio zurück, schildert das Milieu, in welchem der Junge aufgewachsen ist, und skizziert dessen Ausbildung. Danach konzentriert er sich auf dessen Werdegang und Wirken im Jesuitenorden. Er berichtet, weswegen es unter den argentinischen Jesuiten jahrzehntelang zu heftigen Spannungen zwischen den Anhängern und Gegnern Bergoglios kam, und beleuchtet auch das Verhältnis zwischen dem Argentinier und dem damaligen, charismatischen Generaloberen des Jesuitenordens, dem Basken Pedro Arrupe. Da tritt zu Tage, dass bereits der 41-jährige Bergoglio, der 1973 zum Provinzial der argentinischen Jesuiten ernannt worden war, in einer entscheidenden Phase der jüngeren SJ-Geschichte eine Schlüsselrolle gespielte hat.
Zäsur in der SJ-Ordensgeschichte
Mitte der 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts liess Arrupe die Frage klären, wie die Jesuiten die Vision des II. Vatikanums in die Praxis umsetzen sollten. Die Diskussionen, die daraus erwuchsen, mündeten in eine Zäsur in der Ordensgeschichte. Bis anhin hatte sich die Gesellschaft Jesu vor allem für den Schutz und die Verbreitung des Glaubens engagiert. Jetzt gelangte sie zum Schluss, dass der Einsatz für den Glauben untrennbar mit dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit zusammenhängt.
An diesem Punkt der Diskussion angelangt, tagte im Jahre 1975 in Rom die 32. Generalversammlung der Jesuiten. Etliche spanische Jesuiten reisten in die Ewige Stadt, um an dieser Versammlung die Erlaubnis zu erlangen, sich vom bisherigen Orden abzuspalten und eine neue Form des Ordens zu gründen. Arrupe, so Vallely, befürchtete dramatische Folgen und entschied, ein Mitglied der Versammlung müsse die Ankömmlinge empfangen, sobald sie am Bahnhof von Rom angekommen seien, und sie davon überzeugen, gleich wieder die Rückreise anzutreten, ohne die Generalkongregation in ihrem Ablauf zu stören. Der Baske wusste, dass die Anreisenden auf Bergoglio hören würden, da er dieselben Befürchtungen wie sie hegte. Also ersuchte er den Argentinier, jene am Bahnhof zu überzeugen, gleich wieder heimzureisen. Und Vallely schreibt: "Ungeachtet seiner eigenen Bedenken fügte sich Bergoglio aus Loyalität und brachte die Abweichler dazu, den nächsten Zug zurück nach Hause zu nehmen. Der Argentinier fühlte sich nicht wohl dabei, doch Gehorsam ist eine Haupttugend der Jesuiten" (S. 68).
Viel Insiderwissen
An dieser Stelle zeigen sich in nuce mehrere Merkmale von Vallelys Darstellung. Sie stützt sich auf überdurchschnittlich viel Insiderwissen aus dem Jesuitenorden, was darauf hindeutet, dass ältere Jesuiten, welche die ordensinternen Ereignisse zwischen 1970 und 1990 noch aus eigener Anschauung kennen, Vallely mit zahlreichen Informationen versorgt haben. Sie widmet vor allem diesen Jahrzehnten breiten Raum, sodass insbesondere die Konturen des Jesuiten Bergoglio und noch nicht diejenigen des späteren Bischofs und Kardinals stark aufleuchten. Und sie gipfelt gelegentlich in Schilderungen des Innenlebens von Bergoglio, die nicht mehr ganz schlüssig sind. Woher zum Beispiel weiss Vallely, dass es Bergoglio damals nicht wohl dabei war, als er die spanischen Mitbrüder in Rom überzeugte, nach Hause zu reisen, und dass er gleichzeitig aus Gehorsam handelte?
Breiten Raum widmet der britische Journalist Bergoglios Verhältnis zur argentinischen Militärdiktatur. Im Vergleich zu anderen Papst-Biographien hat er zahlreiche Zeugnisse gesammelt und wägt diese gegeneinander ab. In der Frage, wie sich Bergoglio dabei in der Auseinandersetzung mit seinen Mitbrüdern Franz Jalics und Orlando Yorio verhielt, nimmt allerdings auch er sich nicht die Mühe, die beiden Erklärungen, welche Jalics kurz nach der Papstwahl 2013 veröffentlichte, sprachlich genauer zu analysieren. Auffällig auch, dass Vallely nie direkt aus dem für diese Zusammenhänge zentralen Buch von Horacio Verbitsky "El silencio" zitiert. Der Brite arbeitet in dieser dramatischen Angelegenheit vor allem heraus, dass Bergoglios Betonung, dass er ein Sünder sei, den der Herr angeschaut habe, und seine häufige Verwendung der Motive Gnade und Vergebung nicht bloss Teil einer gängigen Frömmigkeitssprache sind, sondern einen sehr persönlichen Hintergrund besitzen, ja dass der neue Papst eine tiefgehende Wandlung hinter sich hat, welche in seinen Erfahrungen jener Zeiten gründen. Als erster Buchautor in Europa macht Vallely auch darauf aufmerksam, dass Bergoglio zu Beginn der 1990er-Jahre eine Weile lang in Cordoba sehr zurückgezogen leben musste. Auch die von Vallely hervorgehobene Tatsache, dass sich zwischen Bergoglio und Cormac Kardinal Murphy-O’Connor, dem ehemaligen britischen Erzbischof von Westminster, seit 2001 eine Freundschaft entwickelt hat, welche mit dazu beitrug, dass der Argentinier schliesslich Papst wurde, war hierzulande zuvor noch nicht bekannt.
"Maria Knotenlöserin"
Insgesamt schildert Vallely, wie sich Bergoglio von einem strengen, herrschsüchtigen und charismatischen Jesuiten, der die Befreiungstheologie ablehnte, zu einer Persönlichkeit entwickelte, welche leicht Zugang zu Randgruppen und zu anderen Religionen findet und seinen Landsleuten Barmherzigkeit vorleben will. Diese Entwicklung ist in den Augen des Autors vielschichtig, im Gebet getragen und errungen, von Brüchen durchzogen und nicht frei von Widersprüchen. Angelegt und prägnant verdichtet ist sie in einem Gnadenbild aus dem 18. Jahrhundert in der Augsburger Kirche St. Peter. Dieses zeigt, wie Maria einen Knoten nach dem andern auflöst. Bergoglio hat das Bild im Jahre 1986, also nach jener Zeit, in welcher er nach eigenen Angaben viele Fehler begangen hatte, kennengelernt. Seither verehrt er es. Es verlieh Vallelys Buch auch den Original-Untertitel "Untying the Knots" ("die Knoten aufschnüren "), der viel besser zu seinem Stoff passt als die reisserische deutsche Variante "vom Reaktionär zum Revolutionär".