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Ein etwas anderes Rasseporträt
Diese kleinste Hunderasse der Welt hat eigentlich zwei grosse Geschichten:
- eine historische, kulturträchtige, sagenumwobene und
- eine «neuzeitliche», heutige, deren «Kultur» von trauriger und erschreckender Realität ist…
Text: Simone Zollinger
Die Ursprungsgeschichte
Wie bei vielen Hunderassen kann auch über den Ursprung der Chihuahuas nie die ganze Wahrheit ergründet werden. Vieles wurde als Legende, anhand von Sagen und von Mund-zu-Mund-Verbreitung, festgehalten und als «Entstehungsgeschichte» zusammengefasst (lesen Sie dazu auch den Beitrag «Hunderassen im Zeitgeist» auf Seite 66 u. 67).
Was mit ziemlicher Sicherheit feststeht, ist, dass die Rasse nach dem grössten Staat in Mexiko benannt wurde. Vermutlich durch die Einkreuzung von Papillons und Zwergspitzen entstand ein langhaariger Chihuahua-Typ. Eine Verbesserung des Kurzhaartyps wollte man ebenfalls durch Einkreuzung erreichen, und zwar mit kurzhaarigen Terriern wie dem Toy-Terrier. Der erste an einer Ausstellung gezeigte Chihuahua wurde als Chihuahua-Terrier bezeichnet.
Die ersten Chihuahuas wurden in den USA im Zuchtbuch des Kennel Clubs 1904 registriert. Durch die Gründung des amerikanischen Chihuahua-Clubs im Jahr 1923 wurde die Rasse bekannt und vermehrt gezüchtet, sodass 1967 bereits 37 000 (!) Chihuahuas eingetragen wurden. Die Nordamerikaner stellten den ersten Rassestandard auf, züchteten im Typ einheitliche Hunde und festigten somit diese Rasse. Der heutige Chihuahua darf daher sicher als nordamerikanische Rasse betrachtet werden.
Der erste in die Schweiz importierte und im Schweizerischen Hunde-Stammbuch (SHSB) eingetragene Chihuahua war 1912 eine Hündin aus Mexiko im Besitz von J. R. Zoller aus Bern. 1953 folgten Eintragungen von drei US-Importhunden; die Besitzerin war Yvonne Voegelin (damals Auer) aus Zürich. Mit diesen vier ersten Importhunden wurde nicht gezüchtet. Erst 1963 wurde der erste Chihuahua-Wurf unter dem Zuchtnamen «von Brabant» ins SHSB eingetragen. Die Elterntiere waren Importhunde aus den USA im Besitz der ersten und grossen Züchterin der Rasse Chihuahua, Alice Brawand in Binningen. Sie bleibt sicher einigen in Erinnerung als «Grande Dame», die an Ausstellungen stets elegant gekleidet und modisch «behütet» mit einer Gruppe hüpfender, quirliger, aufgestellter und sich lauthals bemerkbar machende Chihuahuas an langen Leinen ruhig durch die Ausstellung schritt. Vielen Anwesenden entlockte dieses Bild damals ein staunendes, aber niemals abschätziges Lächeln.
Geschichte der Rasse heute
Die heutige und seit längerer Zeit aktuelle Geschichte der Chihuahuas ist nahezu so umfangreich wie die historische – im Gegensatz dazu enthält sie aber keine «sagenhaften» oder legendären Überlieferungen, sondern «sagenhafte», kaum fassbare Tatsachen…
Kaum eine andere Hunderasse leidet seit Jahren dermassen aufgrund ihres rassentypischen Erscheinungsbildes wie der Chihuahua. Denn obwohl dieser Winzling genau dieselbe Anzahl Knochen hat wie der grösste Hund der Welt, der Irish Wolfhound, wird er von gewissen Menschen nicht als Hund wahrgenommen, gehalten oder respektiert. Er wird als Ware gehandelt und behandelt, angeschafft zur vermeintlichen Aufwertung des menschlichen Egos und für die Demonstration von Stärke und Macht. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Wie gehen solche Menschen ganz allgemein mit hilflosen Lebewesen um…?
Es passt zum Trend eines Teils der heutigen Gesellschaft, dass Minderheiten, Andersartige und Schwächere unterdrückt, dominiert und respektlos behandelt werden. Ein Chihuahua ist körperlich von geringer Kraft und er stellt unter den Rassehunden eine Minderheit dar, nicht bezogen auf seine zahlenmässige Verbreitung, sondern darauf, dass er tatsächlich der kleinste Hund der Welt ist. Aber: er ist ein echter, vollwertiger Hund, mit grossem Potenzial, mit Recht auf liebevolle, verantwortungsvolle und respektvolle Betreuung durch uns Menschen. Es darf nicht toleriert werden, dass Chihuahuas «dank» ihrer Kleinheit in Miniaturkäfigen zu Gebärmaschinen degradiert werden, die Welpen dann im Internet billigst für jeden angeboten und viel zu jung verkauft werden, oft ohne Gesundheitsvorsorge, Prägung und optimale Ernährung. Sind die Mutterhündinnen nicht mehr gewinnbringend, werden sie entsorgt. Leute, die trotz den Infos in den Medien, den Fachzeitschriften und durch Fachleute um die Missstände bei Hundehändlern und -vermehrern wissen, dies ignorieren und trotzdem aus solchen Kreisen einen Chihuahua (oder einen anderen Hund) kaufen, machen sich mitschuldig an den Qualen, denen die Hunde ausgesetzt waren. (Anmerkung der Redaktion: Beachten Sie dazu auch den Beitrag «Billigwelpen aus dem Ausland» auf unserer Homepage unter Lesestoff/Aktuelles.)
Wesen und Charakter
Meistens entscheiden sich Hundeliebhaber für einen Kleinsthund, weil
- ihre Wohnsituation einem grossen Vierbeiner nicht gerecht würde.
- sie den Hund auf Reisen immer bei sich haben möchten.
- sie nicht (mehr) in der Lage sind, anspruchsvolle, intensive Hundesportaktivitäten auszuüben.
- sie keine sehr langen Spaziergänge machen können.
Aber trotz der Minimalgrösse des Chihuahuas und seinen Vorteilen für die oben genannten Kaufgründe schätzen die zukünftigen Besitzer, dass er durch und durch ein Hund ist und sich auch so benimmt – wenn ihm dies ermöglicht wird. Dem Ursprung entsprechend war und ist er ein guter Mäusejäger, buddelt gerne und durch seine mutige Wachsamkeit nimmt er seine Aufgabe als lautstarke «Alarmanlage» sehr ernst. Ein Chihuahua will nicht nur auf dem Sofa oder den Knien der Besitzer liegen – obwohl er sehr gerne schmust. Er ist lebhaft, bewegungsfreudig und will Beschäftigung und Aufgaben haben, da er fürs Nichtstun viel zu clever ist.
Erziehung und Beschäftigung
Wie bei jedem Hund ist auch bei diesem Winzling eine hundegerechte und rassenbezogene Erziehung ein Muss, obwohl dabei den Besitzern immer wieder mal der Chihuahua-Schalk in die Quere kommt. Wer bei einem seriösen Chihuahua-Züchter die Minis im Alter um acht Wochen «geniessen» durfte, hat sicher selten so gelacht über deren Lebhaftigkeit und Kreativität beim Erfinden von Spielen mit Wurfgeschwistern, Gegenständen und bei Hindernisläufen über den Hundebettrand, die Schwelle in den Auslauf. Es steckt so viel Hund in diesen kleinen Vierbeinern, dass es Spass macht, mit ihm in einer passenden Sparte des Hundesports zu arbeiten. Der Weg dorthin ist mit einem Chihuahua in manchen Bereichen schwieriger und aufwändiger als mit einem grösseren Hund.
Eine grosse, prägende Vorarbeit sollte bereits durch den seriösen Züchter geleistet worden sein. Die Welpen lernen dort durch die Mutterhündin und die Wurfgeschwister Hundebenimmregeln, erfahren viel menschliche Zuwendung, kennen Haushalts- und andere Geräusche, Leinelaufen und vieles mehr.
Vor der Übernahme eines Chihuahuas müssen je nach Wohnsituation und Einrichtung gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden wie zum Beispiel:
- eventuelle Durchschlüpfmöglichkeiten im Gartenzaun oder auf der Terrasse schliessen
- Absperrungen bei Treppen, vor allem jene mit Durchsicht zwischen den Stufen
- Türen vor Zuschlagen sichern.
Ist der kleine Vierbeiner bei seiner neuen Familie eingezogen, sollten sich alle menschlichen Mitbewohner eine neue Gangart angewöhnen: langsam und schlurfend, um ja nicht auf den Winzling zu treten. Je nach Wohnlage darf so ein kleiner Hund auch nie unbeaufsichtigt im Garten gelassen werden: Er könnte eine leichte Beute für Raubvögel sein.
Für die Sozialisierung mit anderen Hunden ist der Besuch einer Welpenschule, die speziell ausgerichtet ist auf Klein- und Kleinsthunde, der optimale Start für einen Chihuahua. Denn im Welpenalter könnte er allein schon im Spiel mit Welpen grosser Rassen wegen deren Gewichts erheblich verletzt werden. Der Kontakt mit anderen Hunden, auch grosser Rassen, sollte jedem kleinen Hund erlaubt sein. Unter der nötigen Aufsicht ist dies auch möglich – wenn sich die Hunde gut kennen und wenn die grossrassigen auch mit Kleinsthunden gut sozialisiert worden sind. Somit kommt es bei Begegnungen von «Minis» und «Maxis» nicht zu hysterischem Gekläff seitens der kleinen Vierbeiner und nicht zu Zurechtweisungen durch die Grossen – denn für diese ist jeder Hund ein Hund. Wenn aber das Grössenverhältnis der beiden nicht stimmt, kann eine solche aus Hundesicht normale Reaktion für den Winzling sogar tödlich enden.
Aufgrund des heutigen Trends zur Anschaffung kleiner und kleinster Hunde erfolgte auch in den kynologischen Vereinen ein Wandel in Richtung Anpassung auf die Bedürfnisse dieser Vierbeiner. Einem Chihuahua stehen sehr viele Hundesportarten offen, denn er kann und will arbeiten und lässt sich begeistern für Mini-Agility, Fährten, Mobility, Begleithund, Trickdogging und viele andere Sparten.
Gesundheit und Pflege
Eigentlich ist der Chihuahua ein gesunder, robuster Hund, der sehr alt werden kann – aber nur, wenn seine Kleinheit in einer akzeptablen Norm liegt. Diese betrifft hauptsächlich das Körpergewicht: In der Schweiz werden keine Chihuahuas unter 2000 Gramm zur Zucht zugelassen und etwas grössere, das heisst schwerere Hündinnen um die ca. 2,5 Kilo, werden von den Züchtern eher bevorzugt.
Der offizielle FCI-Rassestandard nennt als Idealgewicht zwischen 1,5 und 3 Kilo, toleriert aber Hunde mit einem Gewicht zwischen 500 Gramm und 1,5 Kilo! Man stelle sich einen Hund vor, der nur so schwer ist wie ein halbes Päckchen Mehl – da ist der Begriff «Qualzucht» nicht unangebracht…
Die Tendenz der enormen Verzwergung der Chihuahuas durch unseriöse Züchter und Vermehrer hat fatale Folgen für den Körperbau und die Gesundheit der Rasse. Der apfelförmige Kopf (eine Besonderheit dieser Rasse) wird durch Probleme bei der Schädelbildung noch ausgeprägter in seiner Rundung und die Fontanellen bleiben oftmals offen. Die Augen – laut FCI-Standard «nicht hervortretend» – werden zu hervorquellenden «Glubschaugen», die verletzungsanfällig sind und vermehrt tränen. Die Knochen dieser Zwerge sind sehr fein und brüchig – bereits ein Sturz über ein kleines Hindernis kann lebensgefährlich sein.
Eine Erbkrankheit, die Patella-Luxation (Kniescheibenverrenkung) ist bei kleinen und kleinsten Hunderassen die häufigste Ursache fürs Lahmen im Kniebereich. Eines oder beide der Bänder, die die Kniescheibe an ihrem Platz halten, sind überdehnt. Sie können gerissen oder irreparabel geschädigt sein. Eines oder auch beide der Hinterbeine können betroffen sein und je nach Schweregrad muss operiert werden.
Der seriöse Züchter wie auch der entsprechende Rasseclub (für den Chihuahua ist dies der Schweizerische Zwerghundeclub) haben es in der Hand, den gesunden Chihuahua zu erhalten und wenn nötig zu verbessern. Nicht Modetrends bestimmen die züchterischen Massnahmen, sondern die rassentypischen und gesundheitserhaltenden Kriterien.
Die Fellpflege der langhaarigen Chihuahuas ist naturgemäss etwas aufwändiger als beim kurzhaarigen, aber bei beiden Haarvarietäten reicht regelmässiges Kämmen und Bürsten aus. Wichtig ist die regelmässige Kontrolle der Länge der Zehennägel: Diese müssen von Zeit zu Zeit gekürzt werden, da Zwerghunde sie aufgrund ihres minimalen Körpergewichtes weit weniger ablaufen können als grosse Hunde.
Beim Zahnwechsel müssen beim Chihuahua und auch anderen Zwerghunden oftmals die Fangzähne durch den Tierarzt gezogen werden, da sie nicht von selbst ausfallen.
Da bei so kleinen Hunden die Wärme abgebende Körperoberfläche im Verhältnis zu grossen Hunden viel grösser ist, muss auch die Nahrung beim Chihuahua – bezogen auf sein Körpergewicht – gehaltvoller als bei einem sehr grossen Hund sein. Das heisst, die Nahrung muss dem erhöhten Energiebedarf angepasst werden.
Fellfarben
Gemäss FCI-Standard Nr. 128 des Chihuahuas sind alle Farben in allen Schattierungen und Kombinationen erlaubt, mit Ausnahme von Merle.
Das Merle-Syndrom ist ein Depigmentierungssyndrom, das neben der Depigmentierung (Oberbegriff für verschiedene klinische Formen erblicher Pigmentierungsstörung in Haut, Haaren und Augen) regelmässig variabel ausgeprägte Sinnesorgandefekte auftreten.
Nebst den züchterisch gewünschten Fellfarben wie Tigerung und/oder sogenannten Weisstigern ist die Depigmentierung verbunden mit multiplen, unterschiedlich ausgeprägten Anomalien am Auge (u. a. Katarakte, fehlende lichtreflektierende Schicht in den Augen) und Ohr-Degenerationen im Innenohr. Diese pathologischen Veränderungen treten ein- oder beidseitig auf und sind verbunden mit mehr oder weniger starken Einschränkungen der Seh- und Hörfähigkeit.
Im Weiteren können auch Störungen des Gleichgewichtsorgans und der Reproduktion festgestellt werden.
Dies verdeutlicht ganz klar, dass züchterische Regelungen erforderlich sind, denn häufig sind auch andere Organsysteme in Mitleidenschaft gezogen.
Respekt
Respekt – für den Winzling und für alle, die ihm damit begegnen. Vorab den seriösen Chihuahua-Züchtern, die mit grossem Wissen und aus Liebhaberei explizit diese Rasse nach den Gesundheitsvorschriften und übrigen Zuchtreglementen des Rasseclubs züchten und ihre Welpen nur an ausgewählte Lebensplätze abgeben.
Im Weiteren: all jenen Käufern und Besitzern von Chihuahuas, die sich seiner Bedürfnisse und Ansprüche bewusst sind und ihm ein echtes Hundeleben ermöglichen. Denn der Ausdruck «Verwendungszweck» für einen Hund – egal wie klein er ist – bezieht sich auf seine ursprüngliche Eignung und seinen entsprechenden Einsatz (z. B. Jagd) und ganz sicher nicht als Mittel zum Aufpeppen modischer Outfits der Besitzer!