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Bild
Titel:
Die Brüder Arthur und Howard Eugster aus Speicher
Thema: Politik
Datum: --.--.1887
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden; Nachlass Howard Eugster-Züst (1861-1932), KB-012079/6
Urheber/-in:
Beschreibung:
Die Fotographie zeigt die Brüder Arthur und Howard Eugster im Frühling 1887. Der 24-jährige Arthur Eugster sitzt auf dem Stuhl, Howard Eugster, 26-jährig, steht neben ihm.
Geschichte:
Da von Howard Eugster ein umfangreicherer Nachlass vorliegt, kann im Folgenden auf seine Persönlichkeit ausführlicher eingegangen werden als auf seinen Bruder Arthur Eugster.
Howard Eugster (1861-1932) und Arthur Eugster (1863-1922), beide in New York geboren, verbrachten nach dem frühen Tod ihrer Eltern die Kindheit und Jugend als Vollwaisen bei Pflegefamilien in Speicher. Ihr zweiter Pflegevater war Pfarrer Gottfried Lutz von Speicher, der Arthur und Howard Eugster als Vorbild diente. Die beiden Brüder wuchsen in einem vom Pietismus geprägten Milieu auf, das ihnen eine geistige Prägung verlieh, welche ihnen zu einer Grundüberzeugung verhalf, die für beide zeitlebens massgebend war.
Der Pietismus war damals von einer chiliastischen Erwartungshaltung geprägt, die Sehnsucht der Pietisten galt einem Reich Gottes, das im Jenseits angesiedelt war. Das weltliche Engagement der Pietisten hielt sich deshalb in Grenzen, die bestehende Ordnung wollten sie nicht kritisieren, da sie für sie eine Gottesordnung darstellte. Obwohl die Pietisten nie die Absicht hegten im grossen Stil Sozialpolitik zu betreiben, die die herrschende Ordnung verändert hätte, engagierten sie sich sehr im Gebiet der Kranken- und Waisenanstalten (siehe auch frühe pietistische Stiftungen, z.B. die im späten 17. Jahrhundert Franckische Waisenhausgründung von August Hermann Francke).
Auch Pfarrer Gottfried Lutz, der Pflegevater von den Brüdern Eugster, widmete sich besonders der Schule, gemeinnützigen Institutionen und gründete eine kantonale Heil- und Pflegeanstalt. Dieses soziale Moment blieb als Erbe im pietistischen Glauben von Howard und Arthur Eugster erhalten. Es erstaunt deshalb nicht, dass Howard und Arthur Eugster beide das Studium der Theologie ergriffen – in Neuenburg, Basel und Berlin. Es muss wohl ein Schock gewesen sein, als die Brüder ihre Glaubensüberzeugungen mit der modernen historisch-kritischen Theologie konfrontiert sahen. Sie liessen sich dadurch jedoch nicht ihren Glauben rauben, vielmehr blieben sie ihrem im Kern vom Pietismus geprägten Glauben treu, veränderten ihre Glaubenspraxis aber radikal. In ihrem Wandlungsprozess lernten sie sich mehr den Realitäten der Welt zuzuwenden, als sich auf das eigene Seelenheil zu konzentrieren.
Nach ihrem Studium wurde Howard Eugster Pfarrer in Hundwil, Arthur Eugster Pfarrer in Reute und später in Trogen. In dieser Zeit begann Howard Eugster die herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu kritisieren, denn die Appenzeller Handweberei konnte im kapitalistischen Wirtschaftsklima vom beginnenden 20. Jahrhundert auf Dauer nicht bestehen. Der 37-jährige Howard Eugster stellte sich deshalb uneingeschränkt hinter die modernen Sozialbewegungen, welche die Befreiung der Arbeiterschaft zum Ziele hatten. Sein Bruder Arthur Eugster rechnete im konservativen Appenzellerland dem Sozialismus jedoch keine Überlebenschancen zu und bevorzugte deshalb lieber eine langsame Vorgehensweise für eine sozial fortschrittliche Veränderung.
Howard Eugster gelang es, die grundsätzliche Abwehrhaltung der Arbeiter gegenüber dem Gewerkschaftsgedanken überwinden, worauf 1900 die Gründung des Appenzellischen Weberverbandes erfolgte. Howard Eugster erhielt deshalb den Übernamen „Weberpfarrer“. Arthur Eugster ging dagegen vor allem als Landammann in die Geschichtsschreibung ein.
Beide hielten zeitlebens wichtige politische Ämter inne, beide waren Kantonsräte, Regierungsräte und später gleichzeitig Nationalräte (damals hatte Appenzell Ausserrhoden mehr Sitze im Nationalrat als heute). Während Arthur bei der Gründung der FDP AR massgeblich beteiligt war, gehörte Howard zu den Mitinitianten der Gründung der SP AR. Bemerkenswerterweise setzten sich beide Brüder kritisch mit der Institution Landsgemeinde auseinander, Howard Eugster verurteilte sie sogar als veraltete und undemokratische Institution. Ausserdem stellte er das Schweizer Militär in Frage, 1919 stimmte er als Nationalrat keinem Militärbudget mehr zu.
Arthur Eugster war schon 1900 an seinen alten Wohnsitz Speicher zurückgekehrt, Howard Eugster folgte ihm im Jahr 1909. Hundert Jahre später, im Jahr 2009 wurde ihr Schaffen mit dem Projekt „Ein Weg mit zwei Linien“ gewürdigt. Der Eugsterweg verbindet auf 200 Metern die Kalabinthstrasse mit der Buchenstrasse im Dorf Speicher. Auf dem Eugsterweg verlaufen zwei Linien parallel, die ab und zu voneinander abweichen. Arthur Eugster, dem Freisinnigen, gehört die blaue Linie, Howard Eugster, dem Sozialdemokrat, wird mit einer roten Linie gedenkt.
Autorin: Nina Sonderegger, Speicher
Literatur:
Ein Weg mit zwei Linien für Howard und Arthur Eugster. Ein Artikel von der Appenzeller Zeitung, 14.09.2009. In: SP AR. http://www.sp-ar.ch/Speicher/archiv/Eugster_Weg.pdf (26.01.2012).
Schläpfer, Walter: Appenzeller Geschichte, Bd. II. Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Herisau 1972, S. 525-530.
Specker, Louis: „Das Evangelium müssen wir sein, nicht predigen.“ Howard Eugster-Züst. In: Kleine Schriften der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden 1, Trogen 2008, S. 7-39.
Tags:
Landsgemeinde, Fotografie, Hundwil, Trogen, Religion, Kirche (evangelisch), Speicher, Öffentliche Meinung, Staat, Reute, Verband, Plattstichweberei, Versicherung, Glaubensgemeinschaft, Lebensstandard, Lohn, Weberei
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