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Titelbild: Das Stadttheater (ganz links), der Freienhof und die Jesuitenkirche in einer undatierten Luftaufnahme. Der Freienhof schloss unmittelbar an die Jesuitenkirche an. Er wurde 1949 abgerissen.
Um die Überlegungen der Architekten Andreas Ilg und Marcel Santer für das Siegerprojekt des Neuen Luzerner Theaters zu verstehen, ist es sinnvoll, sich die bauliche Entwicklung des städtischen Perimeters zwischen Theater und Jesuitenkirche bewusst zu machen. Diese wurde nämlich nicht einfach mit dem unbestechlichen Massstab geplant, sondern sie ergab sich aus wechselvollen Schritten der Gestaltung des Raums vor Ort. Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich auf die wertvollen Informationen des Stadtarchivs Luzern und des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt.
Eine städtebauliche Lücke entsteht
Das heutige Luzerner Theater steht an dem Ort, wo im Mittelalter die Stadtbefestigung von der wehrhaften heutigen Kapellbrücke über der Reuss in den Hirschengraben überging. Diese bestand, wie dem Martiniplan von 1597 zu entnehmen ist, aus einem lang gezogenen Festungsgraben in der südwestlichen Ecke der alten Stadt, welcher der Sicherung des städtischen Raums diente.
Auf dem Schumacherplan von 1792 ist der Hirschengraben bereits trockengelegt, aber noch nicht aufgefüllt. Später lebten hier die namensgebenden Hirsche. Die Jesuitenkirche entstand ab 1666. Die Bauarbeiten am Theater konnten 1839 abgeschlossen werden. Das Gebäude wurde im Laufe der Jahre mehrfach umgebaut und ergänzt. Seine heutige Form erhielt es in den 1960er-Jahren.
Erst 1949 wurde der Freienhof abgebrochen: Die Vorhalle dieses mittelalterlichen Gebäudes diente ursprünglich als Aufgang zur hier endenden Kapellbrücke. Durch den Bau der Bahnhofstrasse wurde diese Verbindung 1838 gekappt. 1943 verkauften die Erben des letzten Besitzers den Freienhof an den Kanton. Der Kanton Luzern wollte an dieser Stelle die Zentralbibliothek bauen. Schliesslich wurde die heutige Zentral- und Hochschulbibliothek im Vögeligärtli erstellt.
Der Hirschengraben wurde zu einem Strassenzug umgewandelt. Im Vergleich zum rechten Flussufer fällt auf, dass die Freifläche am linken Flussufer eine Ausnahme darstellt und als städtebauliche Lücke wahrgenommen werden kann. Auf einer Teilfläche wird die Liegenschaft aktuell durch die sogenannte Box des Luzerner Theaters genutzt.
Testplanung durchgeführt
Gedanken, das Luzerner Theater in westlicher Richtung zu erweitern, sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder in theaterbegeisterten Köpfen aufgetaucht. Die Stadt Luzern wollte mit einer Testplanung abklären, ob das vom Theater angestrebte Raumprogramm mit den räumlichen Verhältnissen am Theaterplatz vereinbar ist.
Der Schlussbericht «Testplanung Theater Luzern» wurde im Juli 2018 der Stadt Luzern übergeben und später veröffentlicht. Darin wurde festgehalten, dass sich am angestammten Platz das Raumprogramm für ein neues Theater an der oberen Grenze bewegt. Diesen Eindruck bestätigte das Gutachten der eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege und für Natur- und Heimatschutz aus dem Jahr 2019. Die Kommissionen regten unter anderem an, das bestehende Theatergebäude in seiner städtebaulichen Wirkung in einer neuen baulichen Lösung zu berücksichtigen.
Projektierungsgesellschaft gegründet
In der Folge gründeten die Stadt Luzern, der Kanton Luzern und die Stiftung Luzerner Theater gemeinsam mit privaten Partnerorganisationen wie dem Luzerner Sinfonieorchester und Lucerne Festival sowie einer Gastvertretung der freien Theaterund Tanzszene die Projektierungsgesellschaft Neues Luzerner Theater. Diese hat zum Ziel, am Theaterplatz ein Neues Luzerner Theater zu realisieren. Sie wollte die Frage, ob Neubau oder Erhalt mit Anbau, vorerst den sich am Projektwettbewerb teilnehmenden Architektenteams überlassen.
Architekturwettbewerb durchgeführt
Unterstützt durch eine private Donation von einer Million Schweizer Franken durch die Arthur Waser Stiftung lancierte die Stadt Luzern im Herbst 2021 den offenen, anonymen zweistufigen Architekturwettbewerb. Dieser wurde im Dezember 2022 mit der Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse in der Luzerner Kornschütte und auf der Plattform www.neuesluzernertheater.ch vorerst abgeschlossen. Das Siegerprojekt «überall» des Zürcher Architekturbüros Ilg Santer überzeugt durch seine klare Haltung, die bestehende Bausubstanz als Publikumszone mit einem Neubau zu ergänzen. Dieser schafft die Verbindung zwischen der Jesuitenkirche und dem alten Theatergebäude. Der architektonische Entwurf spricht eine moderne Sprache, kommt selbstbewusst daher und verzichtet auf gestalterische Elemente aus früheren Stilepochen. Er fügt sich aber in die bestehenden Silhouetten links und rechts der Reuss ein und füllt damit die städtebauliche Freifläche stimmig aus.
Rosie Bitterli Mucha
Projektleiterin Neues Luzerner Theater