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Es war eine verheerende Resolution, welcher der 2. Internationale Kongress der Gehörlosenpädagogen in Mailand im Jahr 1880 verabschiedete. Denn dadurch wurden die Gebärdensprachen in den Bildungsinstitutionen für Gehörlose in ganz Europa unterdrückt. Diese Entscheidung hatte in der Schweiz bis ins späte 20. Jahrhundert hinein grosse Auswirkungen auf das Leben der gehörlosen Menschen.
Verbot der Gebärdensprache in Bildungseinrichtungen
Beim Kongress in Mailand seien mehr als 90 Prozent der anwesenden Pädagogen Hörende gewesen, sagt Sandrine Burger, Sprecherin des Schweizer Gehörlosenbunds, gegenüber ArgoviaToday. Diese vertraten die Meinung, dass Gehörlose künftig auf die Gebärdensprache verzichten sollen, um das Sprechen zu lernen. «Gewissen Personen wurden gar die Hände in der Schule verbunden, damit sie die Gebärdensprache nicht nutzen konnten», so Burger weiter. Gehörlose mussten sich fortan auf das Lippenlesen konzentrieren, die Gebärdensprache wurde aus den Schweizer Bildungsinstitutionen verbannt.
Gleiche Bildungschancen für Gehörlose
In den 70er- und 80er-Jahren seien Gehörlose aus der Schweiz dann vermehrt in die USA gereist und hätten dort eine Offenbarung erlebt, erklärt Sandrine Burger weiter. Denn im Gegensatz zu Europa war in den USA die Gebärdensprache anerkannt. Gehörlose hatten dadurch im Bildungssystem gleiche Chancen wie Hörende. Schweizer Gehörlose entschieden sich deshalb, auch nach der USA-Reise die Gebärdensprache wieder zu nutzen – der Widerstand gegen die Unterdrückung der Gebärdensprache nahm damit Form an.
Jahrzehnte später folgt die Entschuldigung
Am 23. September 2021 entschuldigt sich der Schweizer Gehörlosenbund zusammen mit den Gehörlosenschulen der Deutsch-Schweiz nun offiziell für den verheerenden Entscheid aus dem Jahr 1880. «Wir machen uns dafür stark, dass die Gebärdensprache durch den Bund anerkannt wird», so Burger zum historischen Anlass. Dadurch sollen die öffentlichen Schulen zu «bilingualen» Schulen werden, also die Gebärdensprache wieder anbieten. «Damit gleiche Fehler künftig verhindert und gehörlose Menschen gleiche Chancen und Rechte geniessen können», wie es in einer Mitteilung des Schweizerischen Gehörlosenbunds heisst.
Auch Aargauer Gehörlosenschulen machen mit
Neben dem Schweizerischen Gehörlosenbund beteiligt sich auch der Schweizerische Hörbehindertenverband Sonos an der Entschuldigungs-Aktion. 42 Organisationen sind Mitglied, darunter auch der aargauische Verein für Gehörlosenhilfe sowie das Landenhof Zentrum (Schule für Schwerhörige) in Unterenfelden. Auf der Webseite von Sonos heisst es, dass Kinder mit einer Hörbehinderung dank des bilingualen Unterrichtskonzepts, also mit der Gebärden- und Lautsprache, durch die Verknüpfung sprachlicher und visueller Inhalte ein vernetztes Denken entwickeln würden. Damit stossen sie im Schul- und Studienalltag auf weniger Hürden und der Grundstein für ein höheres Bildungsniveau steigt.