Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/3554

Dieses Dissertationsprojekt untersucht die christlich-theologischen Anliegen spät-Viktorianischer Horrorliteratur, insbesondere im Hinblick auf das Genre der Gespenstergeschichten. Zur Schauerliteratur im Allgemeinen existiert bereits eine Reihe theologischer Untersuchungen. In der Regel gehen diese davon aus, dass das Genre der Gespenstergeschichten Antworten auf einen weitgreifenden Säkularisierungsprozess bietet, deren Spannbreite von einer willentlichen Selbsttäuschung zur Unterhaltung einer materialistisch gesinnten Leserschaft zu einer grundlegenden Kritik an Wissenschaftsidealen reicht. Das hier entwickelte Forschungsprojekt basiert nun zum Einen auf der Annahme, dass sowohl die angenommene Säkularisierung als auch die vorausgesetzte willentliche Selbsttäuschung in der ästhetischen Illusion eine unzulässige Vereinfachung darstellt. Zum Anderen wird davon ausgegangen, dass die explosionsartige Zunahme von Horrorliteratur im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts als vielschichtige und komplexe Reaktion auf die drastischen theologischen und philosophischen Entwicklungen der vorhergehenden Jahre verstanden werden kann.
Die Literaturwissenschaft hat viele Jahre damit verbracht Gespenstergeschichten aus der Perspektive moderner theoretischer Ansätze zu untersuchen, im Versuch diese literarischen Manifestationen von Angst und Horror als symbolischen Ausdruck Viktorianischer Sozial- und Kulturproblematiken zu verstehen. Solcherart kulturelle, sozial-historische oder psychologische Deutungen von Gespenstergeschichten übersehen jedoch einen für das hier entwickelte Forschungsprojekt essentiellen Aspekt, da sie es zumeist versäumen, die Bedeutung der Werke im Bezug auf theistische Erkenntnistheorie zu berücksichtigen. Häufig werden so Gespenstergeschichten ihrer reichen dunklen erkenntnisproblematischen Tiefe beraubt.
Ein Verweis auf die starke kulturelle Präsenz von Horrorfilmen genügt um vor Augen zu führen, dass unsere Faszination mit „Horror“ heutzutage derjenigen der Viktorianer wohl in nichts nachsteht. Gespenstergeschichten im Viktorianischen Stil erfreuen sich in der Populärliteratur der letzten Jahre wachsender Beliebtheit. Allerdings sind wir es nicht mehr gewohnt das Furchterregende und Schreckliche als göttliche Botschaft oder Offenbarung zu verstehen. Und dies, obwohl die Art in der wir über Übernatürliches reden sich noch immer stark an Ausdrucksweisen religiöser Erfahrung anlehnen. Sowohl das klassische mystische Erleben als auch die fiktiven Begegnungen mit dem Übernatürlichen werden als zugleich schrecklich und wunderbar beschrieben. Der Fluchtinstinkt wird aufgewogen durch eine lähmende Faszination. Diese Verwendung der Sprache religiöser Erfahrung macht die Gespenstergeschichte aus theologischer Sicht äusserst interessant. Die Gespenstergeschichte ist unmittelbar in der Erfahrung verankert und so muss die symbolische Bedeutung des Übernatürlichen in dieser Erfahrung selbst zum Vorschein kommen. Die Hauptfiguren der Erzählungen haben in der Regel wenig Zeit lange über ihre Erfahrungen zu sinnieren, auch im Falle dass sie sie, in der Tat, überhaupt erst überlebt haben. In Rücksicht darauf bezieht sich dieses Forschungsprojekt auf solcherart theologische Überlegungen, welche sich mit der unmittelbaren spirituellen Erfahrung und deren erkenntnistheoretischer Bedeutung beschäftigen.
Thematisch wird das Projekt sich in zwei Abschnitte ordnen. Der erste Teil wird sich Texten von Arthur Machen und M.R. James aus der Perspektive orthodoxer christlicher Vorstellungen von natürlicher und moralischer Gesetzlichkeit nähern. Dabei wird deutlich, dass diese Erzählungen von übernatürlichen Erfahrungen die orthodoxen Vorstellungen einer theistischen Seinslehre bestärken. Der zweite Teil widmet sich in erster Linie den Gespenstergeschichten von Henry James und R.L. Stevenson und damit Werken, die sich einer solchen orthodoxen Haltung entgegenstellen. Stattdessen wird die übernatürliche Erfahrung als potentiell erlösend oder zumindest als erbaulich dargestellt. Dabei bezieht sich dieser Abschnitt auf post-Kantianische romantische und liberale theologische Ansätze mit besonderer Berücksichtigung derer Neuinterpretation im Spät-Viktorianismus.