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Die
Protestanten aber wurden namentlich in den
Ostseeprovinzen vielfach bedrückt und die lettische und ethnische Landbevölkerung 1845 von
den
Popen durch die Vorspiegelung von Landerwerb zum Übertritt zur russischen
Kirche bewogen.
Vgl.
Harleß,
Geschichtsbilder aus der lutherischen
KircheLivlands von 1845 an (2. Aufl., Leipz. 1869);
Eine wissenschaftliche
Theologie beginnt erst in letzter Zeit und nur ganz vereinzelt aufzutreten. Die russischen
Kirchen sind
viereckig und haben eine große
Kuppel in der Mitte, die von vier kleinern
Kuppeln umgeben ist. Die Glockentürme stehen abgesondert
von der
Kirche. Man betet stehend oder auf dem
Angesicht liegend. Das Priestergebet wird durch den Gemeindegesang
unterbrochen, der aber eigentlich nur aus drei
Sätzen besteht: »Gospodj pomiluj!«
(»Herr erbarme dich unser!«),
[* 4]Litteratur. Die russische
Nationallitteratur hat in der
Entwickelungsgeschichte
[* 8] Rußlands eine höhere Bedeutung
als irgend eine andre europäische Litteraturgeschichte dem
Volk gegenüber, in dessen Mitte sie entstanden.
Wir haben dabei allerdings mehr die neuere Zeit, die Zeit seit
Peter d. Gr.,
¶
mehr
also von dem Augenblick an, da Rußland in den Bund der europäischen Völker eintritt, im Auge.
[* 10] Als moderner Staat beruht Rußland
nicht auf der Stände- und Korporationsverschiedenheit, sondern auf andern Elementen, über die hier ausführlich zu sprechen
nicht am Platz wäre. SchonKatharina II. erkannte diese Thatsache, denn sie gedachte, was natürlich nie
gelingen konnte, auf künstlichem Weg das Dasein von Ständen hervorzurufen. Die Wege des gesellschaftlichen und staatlichen
Wachstums sind demnach in Rußland andre, und somit muß auch ein andres Verfahren beim Studium desselben angewandt werden.
In der Litteratur und nur durch diese konnten jetzt Gedankenumtausch und Einfluß sich geltend machen.
Es ist demnach begreiflich, daß der Dichter und Litterat in Rußland von jeher so großen Einfluß ausübten, und daß nur
wenige der bedeutenden Männer auf dem Gebiet der Litteratur in Rußland ungestört durch Verbannung und administrative Maßregelung
ihre Tage beschließen konnten. Die größten Monarchen unterstützten ihre wichtigsten Reformen durch
Litteraturerzeugnisse, die sie teils selbst verfaßten, teils von andern verfassen ließen; so Peter d. Gr. und Katharina II.
Ersterer veranlaßte theatralische Aufführungen, in denen er die Feinde seiner Neuerungen persiflierte, und ließ den hochgebildeten
Priester Teosan Prokopowitsch in Predigt und Schrift für dieselben eine Lanze brechen; Katharina gründete
satirische Journale und schrieb selbst Theaterstücke und Abhandlungen, die aufgeführt und veröffentlicht wurden. In Rußland
ist es somit das Niveau und die Richtung der Bildung, was die Menschen gruppiert und sozialpolitische Parteien bedingt.
Man kann jahrelang in einem Kreis
[* 13] verkehren, ohne auch nur zu ahnen, ob dieses oder jenes Mitglied adligen
oder andern Standes ist; man fragt nur, welcher Bildungsrichtung es angehört. Daher kommt es auch, daß in einem zu der großen
Masse der ungebildeten verhältnismäßig so wenig zivilisierten Land wie Rußland eine so große Zahl von monatlichen
Zeitschriften oder Revuen (ähnlich der »Revue des DeuxMondes« oder »Deutschen Rundschau«) erscheint. Es
sind
dies Bücher von ca. 30 Druckbogen litterarisch-politischen Inhalts, als deren wichtigste (von den Zeitungen und Wochenschriften
abgesehen) wir hier sofort nennen: »Westnik Jewropy« (»Europäischer Bote«),
»Russkaja Rehtsch« (»Das russische
Wort«) etc. Um diese Journale gruppieren sich die eigentlichen sozialen Parteien. Da die Rechtsverhältnisse
von jeher das praktische Wirken hemmten und der zivilisatorische Fortschritt nur auf dem Gebiet der Litteratur ausgefochten
werden konnte, so hat allmählich selbst die schöne Litteratur eine sozial-ethische Bedeutung erlangt und zwar in dem Grade,
daß eine rein ästhetische Behandlung der Litteraturgeschichte zu einer Unmöglichkeit geworden ist.
Anderseits ist das Studium derselben sehr erschwert durch den Umstand, daß das Vorhandensein einer Zensur die Schriftsteller
nötigt, so zu schreiben, daß man zwischen den Zeilen zu lesen gezwungen ist, was wiederum zu vielen Mißverständnissen
verleitet oder einem Fernstehenden ganz unverständlich bleiben muß. Die Virtuosität in derartigem
Schreiben und Lesen ist so groß, daß die Regierung sich oftmals veranlaßt fand, gegen Schriftsteller, deren Erzeugnisse
die Zensur bereits passiert hatten, doch noch auf administrativem Weg einzuschreiten und sie für den verborgenen Sinn ihrer
Schriften zu maßregeln.
Über die ältere Volkslitteratur werden wir weiter unten sprechen, da die Epen und Lieder der alten, noch
vortatarischen Zeiten Rußlands erst zu Anfang des 19. Jahrh. ernstlich gesammelt worden sind und zwar
in verschiedenen Gegenden des Reichs, wo sie noch heutzutage, natürlich mit mannigfaltigen Verstümmelungen, in dem Munde des
Volkes leben. Was die Kunstlitteratur anbetrifft, so ist diese von den Donauslawen nach Rußland
hinübergekommen und zwar erst mit der Einführung des Christentums (988). Es war um 855, daß zwei griechische Mönche, Cyrillus
und Methodius, es unternahmen, hauptsächlich aus den griechischen, dann auch wohl aus den hebräischen, armenischen und
koptischen Schriftzeichen das slawische Alphabet zusammenzustellen (vgl. Krek, Einleitung der slawischen
Litteraturgeschichte, Graz
[* 14] 1874). Mit dem Christentum kamen dann auch das Alphabet und Bücher kirchlichen Inhalts nach Rußland.