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Neue Forschungsergebnisse
Sport kann die Entzündung beim Bechterew senken
Sport- und Bewegungstherapie haben zahlreiche positive Auswirkungen auf die Symptome des Bechterew. Neuere Studien ergaben Hinweise, dass ein gezieltes Training evtl. sogar das Entzündungsgeschehen positiv beeinflussen kann.
KARSTEN KRÜGER
Die Bedeutung des Aufbaus von körperlicher Fitness bei Morbus Bechterew konnte bereits in diversen Studien belegt werden. So gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Lebensqualität der Patienten. Eine Vernachlässigung der regelmässigen Aktivität aufgrund von Schmerzen, Zeitmangel oder Müdigkeit verschlechtert dagegen zahlreiche Begleitsymptome der Erkrankung und sorgt für eine fortschreitende Reduktion der körperlichen Belastbarkeit.
Entzündung beim Bechterew
Jüngere Studien geben Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität nicht nur das Potenzial hat, Begleitsymptome des Morbus Bechterew, sondern auch das Entzündungsgeschehen selbst zu beeinflussen.
Gemäss Studien können sich Autoimmun-Prozesse gegen das körpereigene Molekül Aggrecan richten. Dieses ist für die Elastizität des Knorpelgewebes mitverantwortlich. Weiterhin zeigt eine Hemmung des entzündungsfördernden Zytokins TNF-Alpha eine hohe Wirksamkeit bei der Linderung der Beschwerden. Viele Symptome des Bechterew scheinen so ursächlich mit einem örtlichen oder allgemeinen Entzündungszustand der Patienten verbunden zu sein.
Bewegung als anti-entzündliche Therapie
Sport- und Bewegungstherapie können die Kraft und Ausdauer erhalten, die Beweglichkeit fördern, Schmerzen und Müdigkeit reduzieren und sich positiv auf Angst und depressive Verstimmungen auswirken. In den letzten Jahren konnten für den Sport noch weiterreichende Effekte nachgewiesen werden. So konnte man bei Patienten mit unterschiedlichen entzündlichen Erkrankungen, die regelmässig ein moderates Ausdauertraining absolviert haben, eine Reduktion ihrer Entzündungswerte nachweisen. Diese Effekte bestanden einerseits darin, dass sich die Konzentrationen von anti-entzündlichen Faktoren wie Interleukin-10 und Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist erhöhten, sich gleichzeitig aber auch die Konzentration von proentzündlichen Faktoren wie TNF-alpha und C-reaktives Protein (CRP) reduzierte.
Bedeutung der Skelettmuskulatur
Während früher die Funktion des Muskels lange Zeit nur auf den Bereich der Bewegung und Kraftentwicklung beschränkt war, weiss man heute, dass der Muskel eine Vielzahl gesundheitlich wirksamer Stoffe in die Blutbahn und damit auch in andere Bereiche des Körpers abgibt. Aufgrund ihrer Bedeutung werden diese Signalstoffe mittlerweile als eigene Stoffgruppe, sogenannte Myokine (Zytokine aus dem Muskel) charakterisiert. Einige dieser abgegebenen Myokine haben eine antientzündliche Wirkung, indem sie Entzündungswerte und sogar lokale Entzündungsprozesse reduzieren.
Eine besondere Bedeutung scheint hierbei dem Interleukin-6 zuzukommen, welches als einer der zentralen untersportlicher Belastung ausgeschütteten Myokine angesehen wird. In mehreren Studien mit unterschiedlichen Patientengruppen konnte gezeigt werden, dass Sport und Training Interleukin-6 freisetzen und dies das TNF-alpha zu hemmen scheint. Höchste Wirksamkeit wurde hierbei nach einem Ausdauertraining gezeigt, wobei erste Studien ähnliche Effekte nach einem mehrwöchigen Kräftigungstraining demonstrierten. Ein bedeutender physiologischer Reiz zur Freisetzung der Myokine ist die Muskelkonzentration sowie die Leerung der Energiespeicher der Muskeln. Daher ist ein regelmässiges Ausdauertraining anscheinend von grösster Wirksamkeit.
Es konnte gezeigt werden, dass sich bei Bechterew-Patienten nach einem mehrwöchigen Ausdauertraining die Konzentration eines zentralen anti-entzündlichen Zytokins erhöhte.
Rahmenbedingungen des Sports
Um die anti-entzündlichen Effekte des Sports wirksam zu nutzen, sollten bestimmte Rahmenbedingungen für die Durchführung des Trainings beachtet werden. Dazu gehört vor allem, dass in der Sporttherapie nicht nur Beweglichkeits- und gymnastische Übungen durchgeführt werden, sondern auch Ausdauer- und Kräftigungstraining. Die antientzündliche Wirkung des Sports wird vor allem dann erreicht, wenn die Energiespeicher der Muskeln durch längere Ausdauerbelastung entleert werden. Des Weiteren sollte das Training mit einer gewissen Regelmässigkeit und Kontinuität durchgeführt werden. Dazu wird empfohlen, dass sich Bechterew-Patienten zunächst einer Belastungsuntersuchung bei einem Arzt unterziehen, um sich ihre Sporttauglichkeit bescheinigen zu lassen. Erst dann sollte mit dem regelmässigen Ausdauertraining begonnen werden.
Moderates Ausdauer- und Kräftigungstraining
Während ein schneller Zuwachs von Leistungsfähigkeit eher durch intensives Training erreicht wird, sollte die Bewegungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen auf moderatem Niveau durchgeführt werden. Denn zu intensive Ausdauer- oder Kraftbelastungen können das Immunsystem sogar pro-entzündlich stimulieren. Dies gilt ebenfalls für Belastungen, die einen Muskelkater zur Folge haben. Hier besteht das Risiko, in bestimmten Phasen der Krankheit Entzündungsschübe zu provozieren. Daher können für Bechterew-Patienten lediglich moderate Belastungen im Bereich des Ausdauertrainings empfohlen werden.
Dies bedeutet als Richtwert fürs Ausdauertraining eine Trainingsherzfrequenz von 60-70 % der maximalen Herzfrequenz (maximale Herzfrequenz = 220 minus Lebensalter). Bezüglich der Dauer sollte eine Trainingseinheit mindestens 15-20 Minuten umfassen, welche dann gesteigert werden sollte. Nimmt die Fitness des Patienten zu, sollte das Training eher über die Häufigkeit pro Woche (z.B. drei statt zwei Mal) und über die Dauer der Belastung (z.B. 30 statt 20 Minuten) intensiviert werden.
Auch beim Krafttraining sollte man bei moderaten Lasten (bis 65 % des Einer-Wiederholungsmaximum) und eher höheren Wiederholungszahlen zurückgreifen. Bei akuten Entzündungsschüben sollte generell auf sportliche Belastung verzichtet werden.
Dr. rer. Nat. Karsten Krüger, Abteilung für Sportmedizin, Justus Liebig-Universität Giessen, Deutschland: «Beitrag des Sports zur Entzündungsregulation beim Morbus Bechterew», in «Morbus Bechterew-Journal», Nr. 133.