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Zürich 7. Dezember 1865
Hochgeachteter Herr!
Ihr mir gestern Abend zugekommenes Telegramm1 mahnt mich gewissermaßen an Nachrichten über den gegenwärtigen Stand der Alpenbahnfrage, welche Sie von mir zu gewärtigen haben. Wenn ich mich nicht irre, so bestand unsere Verabredung darin, daß, wenn gemäß der weitern Entwicklung der Dinge in der politischen & in der finanziellen Richtung Schritte in Paris als angezeigt erscheinen, ich Sie hievon benachrichtigen & Ihre gef. Mitwirkung in Anspruch nehmen soll. Da nun der gegenwärtige Stand | der Dinge solche Schritte nicht erheischt, so bin ich Abrede gemäß auch nicht an Sie gelangt. Nichts destoweniger mache ich mir in Folge des von Ihnen geäußerten Wunsches ein Vergnügen daraus, Sie von den in der Alpenbahnfrage zur Zeit obwaltenden Verhältnissen in übersichtlicher Weise zu benachrichtigen.
Die Subventionsfrage2 anlangend beehre ich mich, diesen Zeilen die Abschrift eines Schreibens3 beizulegen, das ich unter dem 29. v. M. im Auftrage des Gotthardkomité an Hr von Roggenbach abgehen ließ. Der Operationsplan, der hinsichtlich der Subventionen nach der Ansicht des Comité's befolgt werden sollte, ist | in dem Schreiben einläßlich dargelegt.4 Ich habe fortwährend Hoffnung, daß dieser Plan werde durchgeführt werden können, obgleich mancherlei unerwünschte Wechselfälle sich in den Weg stellen, zu denen ich namentlich den Gesundheitszustand des Königs der Belgier5 & die Gefährdung der Stellung des Holländischen Premier's Thorbecke6 rechne. 7 Ich erwähne hier noch, daß gemäß einem mir gestern Abend zugekommenen Berichte8 des Hrn. Schmiedlin9 der Endentscheid der Italienischen commerziellen Commission doch ein für den Gotthard günstiger sein dürfte.10
Betreffend die Tessin'sche Conzession für den Gotthard ist nur Beklagenswerthes zu melden.11 Man hat es im Tessin mit nur wenigen Männern | von Einsicht & Character, zumeist aber mit Kindern & direct oder indirect Bestochenen zu thun. Weit entfernt, es natürlich zu finden, daß, wenn man eine Combination für den Gotthard zu Stande bringen will, der Lucmanier wenigstens für einige Zeit ausgeschlossen werden muß12, ist nun die sich Gotthardfreundlich nennende Gaz. Ticinese auf den scharfsinnigen Gedanken gekommen, der Ctn. Tessin möge zwar auf den Lucmanier zeitweilig verzichten, das Gotthard comité habe aber dem Ctn. Tessin für dieses große Opfer eine bedeutende Geldentschädigung zu leisten!! Es genügt, diese Eine Thatsache anzuführen, um Ihnen den Barometerstand | der Geister im Tessin zu kennzeichnen. Das Comité nimmt den Standpunct ein, man müsse den Dingen im Ctn. Tessin ihren Gang lassen, in der Meinung daß unter veränderten Verhältnissen die gleichen Personen, die jetzt das unerbauliche Gewebe, welches in Arbeit steht, zu Stande zu bringen beschäftigt sind, dasselbe wieder ebenso emsig auflösen werden. So lange von allen möglichen Alpen pässen die Rede ist, werden die Tessiner nicht bloß mit Einem vorlieb nehmen zu können glauben. Wenn aber einmal die in sicherer Aussicht stehende Situation, daß nur noch Ein Alpenpaß auf den Tractanden steht & dieser Eine mit den größten | Schwierigkeiten zu kämpfen hat, vorhanden sein wird, dann wird mit mehr Aussicht auf Erfolg als heute auch mit den Tessinern eine nüchterne Sprache geführt werden können!
Die Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung des Gotthard endlich anlangend sind bis anhin greifbare Resultate nicht erzielt worden.13 Warme Freunde des Gotthardprojectes in den finanziellen & eisenbahnlichen Kreisen Deutschland's haben es sich nicht nehmen lassen wollen, in Sachen den Frankfurter Rothschild14 zu sondiren. Bis zur Stunde sind wir ohne Nachricht über das Ergebniß dieser Operation. Bis uns Berichte zugegangen sind, soll Abredegemäß nach | anderer Seite hin nichts gethan werden. Wenn wir, was ich, gerade auch gemäß den neusten Berichten, fortwährend hoffe, auf eine Subventionssumme von 90–95 Millionen für den Gotthard15 kommen, so sollte wie mir scheinen will, die Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung unseres Projectes nichts weniger als in das Gebiet der unlösbaren Probleme gehören.
Wie die Dinge gegenwärtig stehen, halte ich also Schritte in Paris nicht für angezeigt. Wenn die Verhältnisse sich ändern, was von heute auf morgen der Fall sein kann, so ist man ja auch von heute auf morgen in Paris, um das Nöthige vorzukehren. Selbstverständlich bleiben | die Schritte bei der französischen Ostbahn für Erhältlichmachung eines Beitrages an die Kosten der Vorarbeiten für das Gotthardproject vorbehalten. Eine sehr erhebliche Betheiligung bei diesen Kosten scheint mir doch das Wenigste zu sein, was man von der fraglichen Gesellschaft zur Unterstützung des Gotthard erwarten darf.
Darf ich Sie bitten, Herrn Kern16 für den letzten Brief, den er mir geschrieben & den ich als einen ganz confidentiellen behandelt habe, bestens zu danken & ihn von mir herzlich zu grüßen. Wollen Sie ihm auch diese Zeilen, die ihn intressiren dürften, in vertraulicher Weise mittheilen.
In ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebene
Dr A Escher