Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/3125

mehr
Massen, aber auch ein Ideal von Gerechtigkeit, Bürgersinn, Hingebung an das Vaterland befriedigen wollen, ehrwürdig und der Beachtung des Kulturforschers wert aus: »Carnot« von Blondeau und Jonathan, »L'Inflexible« von Parodi und Vilbert, »La guerre« von Erckmann-Chatrian, »Augereau ou les volontaires de la République« von Gaston Marot, »La casquette du père Bugeaud« (nach einem bekannten Soldatenlied) von Gaston Marot und Clarian, »Jacques Bonhomme« von A. Maujan (Jean Malus),
»Roger la Honte« von Jules Mary und Georges Grisier u. a. m.
Zu erwähnen ist hier noch ein Institut, welches sich unter der Leitung Antoines, eines gewandten Geschäftsmanns und zugleich Schauspielers, die Aufgabe gestellt hat, solche Arbeiten zur Aufführung zu bringen, welche auf den öffentlichen Bühnen aus irgend einem Grund, entweder wegen ihrer Waghalsigkeit oder Schamlosigkeit oder auch nur, weil sie gegen alle Regeln der Theatertechnik verstoßen, nicht gespielt werden können. Das Théâtre libre fand einen Abonnentenkreis, Kapitalisten, darunter solche aus dem Haus Rothschild, und Dilettanten, und macht neben unbekannten Autoren auch bekannte, Zola, de Goncourt, de Maupassant, Villiers de l'Isle Adam, Bergerat, Théodore de Banville, Henry Céard, Catulle Mendès, durch ein- oder zweimalige Elektrisierung ihrer Schmerzenskinder glücklich.
Das Hauptereignis der Bühne, welche von den Abhängen des Montmartre nach dem linksuferigen Boulevard Montparnasse und von hier endlich nach dem Mittelpunkt von Paris [* 2] verlegt wurde, war aber bisher die Aufführung von Tolstois »Die Macht der Finsternis«, eines düstern, grausigen, bestialischen Nachtstücks aus dem russischen Bauernleben, auf das Ibsens »Gespenster« folgen sollen. Nach dem Gegebenen hat es noch nicht den Anschein, als ob der Unverstand, die Routine der Theaterdirektoren so viele große Kunstwerke im Keim zu ersticken pflegten, wie Zola, Bergerat und andre Neuerer mit ihnen behaupten. Im Gegenteil sind die Abende des Théâtre libre mit geringen Ausnahmen eher eine Rechtfertigung des Geschmacks der Angeklagten, welche Schöpfungen von so rohem Realismus, wie »La fin de Lucie Pellegrin«, »La pelote« von Paul Bonnetain, »Rolande« von de Gramont, abgelehnt hatten.
Lyrik.
»Toute la lyre« heißen die zwei letzten Bände gesammelter Gedichte, welche die pietätvollen Testamentsvollstrecker Victor Hugos, Auguste Vacquerie und Paul Meurice, aus dem Nachlaß ihres großen Freundes fast gleichzeitig mit seinen Dramen: »Les jumeaux« (unvollendet) und »Amy Robsart« herausgaben. Die Gedichte verteilen sich auf ein halbes Jahrhundert und dürften teilweise von dem Sänger selbst als unzulänglich oder Wiederholungen von schon Gesagtem beiseite gelegt worden sein.
Was der Leser darin findet, kommt ihm wie Altbekanntes vor, abwechselnd großartig und kindisch, ein Gewebe [* 3] von Antithesen, ein funkelndes Geschmeide, dessen Steine nicht alle echt sind, aber auf den ersten Blick den Schein für sich haben. »Le [* 4] Bonheur« von Sully-Prudhomme ist ein poetisch-philosophischer Aufschwung zum höchsten Ideal der Selbstverleugnung. Ein edles Liebespaar, welches schon in den Wonnen des Jenseits schwelgt, wird von den Klagen der bedrängten Menschheit aus seiner Seligkeit aufgescheucht.
Die Guten machen sich auf, ihr Hilfe u. Hoffnung zu bringen, aber nach langen läuternden Wanderungen durch die Gestirne finden sie auf der Erde nur noch den Tod, der ihnen erzählt, wie das alte sündige Geschlecht vernichtet ist, seine Knochen [* 5] zerstreut modern und was Unvergängliches in ihm war, in bessere Sphären entrückt wurde. Faustus und Stella, von unendlichem Mitleid ergriffen, widmen sich der freiwilligen Sendung, die Trümmer aufzurichten, den Erdkreis mit einem neuen Geschlecht zu bevölkern, dem sie ihr schwer errungenes Wissen und das Geheimnis der Glückseligkeit, des Friedens auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen in selbstlosem Wirken mitteilen.
Nicht so olympisch heiter und ruhig dahinfließend, aber immer sprachgewaltig, manchmal hinreißend schön, voll tiefer Naturempfindung, wenn auch da und dort durch die wilden Sprünge einer ausschweifenden Phantasie verunstaltet ist die Gedichtsammlung »La Mer« von Jean Richepin, ein prächtiges realistisches Seitenstück zu Heines »Nordsee«. Mit Richepin durch das Sprachtalent und die Geisteskühnheit verwandt, in der Auffassung des Lebens aber weniger heidnisch erscheint Maurice Bouchor. Er durchforscht in den »Symboles« alle Religionen und findet zwar darin nicht die Lösung banger Zweifel, gönnt ihnen aber das Zeugnis, daß sie seit dem Bestehen der Menschheit Unzähligen Trost und Labung spendeten, mit ihren heiligen Mythen der Urquell des Besten und Erhabensten im Erdgebornen waren.
François Coppée und Jean Aicard, bekannte Dichter, welche sich durch den harmonischen Ausdruck mittlerer Stimmungen ein Frauenpublikum sicherten, blieben ihren Gewohnheiten mit »L'Arrière-saison« und »Le livre d'heures de l'amour« treu; nur daß Coppée, persönlicher als sonst, einen eignen späten Liebesfrühling in seinen Liedern zu feiern scheint. Eigenartig durch stilvolle Einfachheit sind die poetischen Blüten, die Philippe *Gille bescheiden nicht einmal zu einem Strauß [* 6] bindet, sondern nur zu einem »Herbier« (Herbarium) sammelt, während wie ein Omen die in feierlich klassischem Gewand einherschreitenden »Poèmes de la mort« durchwehen, welche der Herausgeber der Werke von Daniel Stern (Gräfin d'Agoult),
der Verfasser der »Mort du Centaure«, L. de Ronchaud, noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte. Niemals weniger als jetzt stand vielleicht die moderne lyrische Dichtung in Ehren. Sogar die Dichter, deren Ruf schon feststeht, werden mehr gepriesen als gelesen, und obwohl nicht selten wahre Perlen der Empfindung in künstlerischer Form da und dort auftauchen, die zum Teil von Frauennamen gezeichnet sind, so gehen sie in der Tagesströmung unter, wenn nicht besondere Glücksumstände ihre Veröffentlichung begünstigen.
Dies traf bei den »Poèmes lyriques« von Frau Tola Dorian zu, einer gebornen Russin (Fürstin Metscherskij),
sowie bei den »Rayons et ombres« von Griselin, der jugendlichen Tochter eines hohen Verwaltungsbeamten der Stadt Paris, welche beide ihre Verleger wählen konnten. Ebenso ist eine litterarische Gattung, die eine enge Verwandtschaft mit der lyrischen Poesie aufweist, fast nur auf Frauen zurückzuführen, die Gedanken, Bekenntnisse schöner Seelen, Selbstbetrachtungen in ungebundener, aber gewöhnlich höchst gewählter, sorgfältiger Rede, wie z. B. »La neuvaine de Colette« als deren anonyme Verfasserin eine Weltdame genannt wird, die »Pensées« von Frau Calmon, und eine ganze Bibliothek, zu der Frau Blanchecotte, die Marquise de *Blocqueville, die Comtesse Diane, Frau Alphonse Daudet: »L'enfance d'une Parisienne«, »Impressions de nature et d'art«, »Les enfants et les mères«, Daniel Darc (die 1887 verstorbene Frau Régnier), Frau ¶
mehr
Georges Peyrebrune u. a. anerkennenswerte Beiträge liefern. Nicht ganz übergangen darf hier eine Dichterschule werden, die in dem berüchtigten Prozeß Chambige von sich reden machte, die Schule der Décadents, wie sie sich selbst nennt, weil ihre Angehörigen sich, ehe sie gelebt, im Verfall begriffen fühlen und danach dichten und trachten. Die Verse dieser jungen Greise sind größtenteils ganz unverständlich, ihre Benennungen für die einfachsten Dinge so weit hergeholt, daß der gewöhnliche Leser wie vor Rätseln steht, vor einer Gedanken- und Gefühlswelt, in der sich nur der Eingeweihte auszufinden vermag, während der Normalmensch glauben kann, Tollhäusler oder Frevler führten das Wort. Der Messias der Schule heißt Stéphane Mallarmé und ist Lehrer des Englischen an einer öffentlichen Anstalt; seine meist genannten Apostel sind Gustave Kahn, René Ghill, Stuart Merill. Mehrere Zeitschriften, welche die Décadents gegründet hatten, sind jetzt in eine verschmolzen, die »Revue indépendante«, in der die wunderlichen Heiligen einander als Propheten und verkannten Genies Weihrauch streuen.
Kritik. Memoiren. Briefwechsel.
Jules *Lemaître und Anatole France, die oben als Novellenschreiber Genannten, schwangen sich in den letzten Jahren zu der Stellung auf, welche Sainte-Beuve einst als Kritiker hier einnahm, Lemaître in der »Theaterwoche« des »Journal des Débats«, A. France im »Temps«, wo er jeden Sonnabend eine bemerkenswerte Abhandlung über die neuesten schöngeistigen Erscheinungen oder vielmehr anläßlich derselben schreibt. Er bespricht nämlich selten ein Buch, sondern empfängt von demselben Anregung, um als Gelehrter oder Philosoph eignen Ideen nachzugehen.
In der Vorrede, die er zu seinen gesammelten Artikeln »La vie littéraire« schrieb, führt er zutreffend die Äußerung des Direktors des »Temps«, Senator Hébrard, an, er sei ein schalkhafter Benediktiner; nicht selten ist er aber auch ein Melancholiker, dem es Vergnügen gewährt, seinen Lesern Kunst und Leben grau in grau zu malen. Farbenreicher und genußfreudiger ist Lemaître, der allem Herkömmlichen, allen Gemeinplätzen den Krieg erklärt hat und auch gegen die scheinbar festesten Positionen Sturm läuft, wie seine Polemik gegen Victor Hugo zeigte.
Durch diese und den Vernichtungskampf gegen den Romanschriftsteller Georges Ohnet begründete er seinen Ruf zum mindesten ebenso sicher wie durch die bemerkenswerten Artikel über zeitgenössische Schriftsteller, die bisher in drei Bänden »Nos contemporains« erschienen. Seine Theaterkritik (»Impressions de théâtre«) ist darauf eingerichtet, das Gegenstück derjenigen Francisque Sarceys (im »Temps«) zu sein, welche praktisch, solid, nüchtern, verständig im Biedermannston vorgeht, während Lemaître das Leichte, Anmutige, Beschwingte, Phantastische mit Vorliebe in blendender Sprache [* 8] feiert. J. J. *Weiß, der durch eine Reihe von Jahren sein Vorgänger im Unterstübchen der »Débats« war, gibt eine Sammlung seiner frühern Artikel: »Le théâtre et les mœurs«, mit einer geistvollen, gedankenreichen Vorrede heraus, in der er zur Erklärung seiner Leidenschaft für das Theater [* 9] ein Stück Jugendgeschichte erzählt.
Die Gestalten, an denen J. J. Weiß die Wechselwirkung des Theaters und der Sitten nachweist, sind Scribe, die beiden A. Dumas, Victor Hugo, Pailleron, Sardou, Oct. Feuillet. Zwei Kapitel sind dem Realismus und Naturalismus (»Dumas gegen Zola«, »Zola und Augier«) gewidmet, welche den Gegenstand faßlicher und überzeugender, wenn auch mit geringerm Aufwand an Gelehrsamkeit behandeln als A. David-Sauvageot in seinem 400 Seiten starken, von der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften gekrönten Band: [* 10] »Le réalisme et le naturalisme«, der bis zum heidnischen Altertum zurückgreift und bei der ^[richtig: den] Nachahmern Zolas aufhört.
Ehrwürdig durch seinen Fleiß und den Eifer für die konservativen Interessen, bereichert A. de Pontmartin den Büchermarkt alljährlich um einen nach Puder und Weihrauch duftenden Band: »Souvenirs d'un vieux critique«, während Paul *Bourget in seinen neuen »Études« und »Portraits« überall, echt modern, der »Krankheit des Jahrhunderts«, der pessimistischen Lebensanschauung, nachforscht und Menschen wie Verhältnisse danach mißt. Flaubert, Jules Vallès, Barbey d'Aurevilly, Shelley, Rivarol, Pascal, die englische Gesellschaft werden hier im Anschluß an die früher erschienenen »Essais de psychologie contemporaine«, in denen er den Genfer Amiel, dann Baudelaire, Taine, Stendhal, Renan u. a. studiert hatte, seiner scharfsinnigen, wissenschaftlichen Methode unterzogen und ihre Werke durch ihre Persönlichkeit und Lebensumstände erklärt, was zwar nicht immer streng wahr ist, aber den Eindruck des Wahren macht.
Bourget pflegt seine Studien in der »Nouvelle Revue« zu veröffentlichen; seine »Psychologie de l'amour« gibt er unter dem Pseudonym Claude Larcher der minder ernsten »Vie parisienne«, wo auch Gyp sich über die Gesellschaft lustig macht. Brunetières, der etwas schulmeisterliche, mürrische Kritiker der »Revue des Deux Mondes«, faßt seine Arbeiten regelmäßig in Buchausgaben zusammen: »Histoire et littérature«, »Le roman naturaliste«. Die »Études antiques sur l'histoire de la littérature française« etc. Die »Portraits de femmes« von Arvède *Barine, welche unlängst von der französischen Akademie gekrönt wurden, entstammen der Feder einer Französin, deren russisches Pseudonym eine vielseitige Bildung, die Kenntnis ausländischer Litteraturen und kritische Feinfühligkeit deckt.
Sie beschäftigte sich zuerst mit slawischen Erscheinungen, erweiterte aber ihren Gesichtskreis und zeigte sich überall zu Hause, am schwedischen Hof, [* 11] wenn sie die Geschichte der Königin Christine erzählt, wie in England mit Mary Wollstonecraft, der ersten Frauenrechtlerin. »Les derniers jours de Henri Heine«, in denen sich 1884 Frau Camille Selden als die »Mouche« entpuppte, an welche der kranke Dichter einige seiner Lieder gedichtet hatte, brachten zwar wenig Neues bei, klärten aber vielleicht einige dunkel gebliebene Punkte auf und fachten hier die Teilnahme für den großen fremden Dichter wieder an, der so einsam dahinsiechen mußte.
Camille Selden, die zur Zeit, da sie in der Matratzengruft einen Freudenstrahl verbreitete, Frau von Kinitz hieß, äußert sich nicht gütig über Mathilde Heine; dieser ist Charles Monselet gerechter, dessen Erben einen Band: »A à Z, portraits contemporains«, herausgegeben, alphabetisch geordnete Noten über bekannte Persönlichkeiten, welche keinen Anspruch auf Tiefe oder Vollständigkeit erheben, aber witzig hingeworfen und an Auskünften reich sind. Von dem Standpunkt bequemen Nachschlagens und zugleich angenehmer Lektion sind auch zu nennen: die »Année littéraire« von Paul Ginisty (1.-4 Jahrg.),
die »Annales de théâtre et de la musique« von Edouard Noël und Edmond Stoullig (1875-88),
wie anderseits die »Année politique« von André Daniel. *Gyp endlich unternimmt die mutwillige Kritik der Kritiker in »Ohé, les ¶