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Vor den Ferien hatten wir noch ein kleines Dilemma. Hans sollte in der Schule vorsingen; jede Schülerin, jeder Schüler musste sich für ein Lied entscheiden, und er entschied sich für … Nein, nicht für «I Will Always Love You» …, sondern für «Alles aus Liebe», einen Song der Toten Hosen, der ziemlich makaber endet. Ich habe ihn in keiner Weise beeinflusst, im Fall. Er kam heim und verkündete, er müsse jetzt «Alles aus Liebe» üben.
Vielleicht muss ich erzählen, wie ich Fan der Toten Hosen wurde: im Bemühen, ein guter Götti zu sein. Für meinen Berner Göttibuben und seinen Bruder war es praktisch, einen Götti in Zürich zu haben, damals, in den 90er-Jahren, denn GC spielte gerade ziemlich grossartig in der Champions League, zum Beispiel gegen Ajax Amsterdam, und der Zürcher Götti, also ich, trieb Tickets auf. Kurz darauf konnte man sich von ihm (also: mir) den Besuch eines Konzerts der Toten Hosen im Hallenstadion zum Geburtstag wünschen. Ich weiss noch, wie ich, von der Musik gelangweilt, draussen in der Stadionkneipe das Konzertende abwartete und meine Panini-Bildchen sortierte — es muss 1998 gewesen sein. Doch es blieb nicht das einzige gemeinsame «Hosen»-Konzert. Beim zweiten Mal ging ich mit in die Halle und begann die Hemdsärmeligkeit der Punks aus Düsseldorf zu mögen. Beim dritten Mal grölte ich lauthals mit, beim vierten Mal stand ich in der ersten Reihe.
Hans klang zuletzt wie ein echter Punk.
Altmodisch, wie ich bin, habe ich beinahe alle Alben der Toten Hosen greifbar und war dem Hans, als er nun «Alles aus Liebe» üben wollte, mit der entsprechenden CD rasch zur Hand. Nicht, ohne ihm zu erklären, dass es zu meiner Zeit undenkbar gewesen wäre, eine Zeile wie «… Komm, ich zeig dir, wie gross meine Liebe ist, und bringe uns beide um» in der Schule vorzutragen; wir hatten «Hoch auf dem gelben Wagen» zu singen und «Grosser Gott, wir loben dich». Aber Hans und ich haben besprochen, dass die Toten Hosen durchaus das Gegenteil dessen meinen, was sie singen — dass sie also jene Machos kritisieren, die aus gekränkter Liebe ihre ehemals Liebste mit ins Grab nehmen wollen. So oder so handelt es sich beim Werk der deutschen Brachialrocker jedoch um nicht eben filigrane Liedkunst, und sie singen beseelt, aber kreuzfalsch. Nun fragte sich natürlich — dies das eingangs erwähnte Dilemma —, welches für Hans’ Singprüfung das «richtige» Singen sei. Falsch, aber laut, wie «Hosen»-Sänger Campino? Oder sauber, dafür aber nicht originalgetreu? Das Dilemma löste sich von selbst. Hans übte so innig und liess dazu die CD so saulaut laufen, bis die Nachbarn vermutlich fast durchdrehten und bis seine Stimme heiser war. Eine Erkältung tat das ihre, der Bub klang zuletzt wie ein echter Punk. Offenbar gut so, die Zeugnisnote in Musik war dann jedenfalls völlig in Ordnung. (Übrigens, mein Göttibub ist inzwischen selber Götti unseres Sohnes und, wiewohl Doktorand der Biologie, noch immer ein glühender «Hosen»-Fan. Ich muss ihm unbedingt von Hans’ Singprüfung erzählen!)
Und noch die Absurdität der Woche aus der Abteilung «Die Promis sind nicht ganz geputzt»: Rapper Jay-Z und Sängerin Beyoncé haben den Namen ihrer Neugeborenen, Ivy Blue, kurzerhand patentieren lassen, auf dass niemand ihn nachahme. Mist, hätten wir «Hans» auch patentieren lassen sollen?
Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)
Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli