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Die Bombardierung der Stadt Schaffhausen hat nur dreissig bis vierzig Sekunden gedauert, trotzdem hat sie die Stadt und deren Anwohner verändert. Im nördlichen Teil des Herrenackers schlugen Brandbomben in das Haus Myrthenbaum und in die Rebleutestube ein. Ein dreizehnjähriges Mädchen rettete hier in höchster Not ihre kleine Schwester, sie wurde dafür vom Stadt- und vom Regierungsrat ausgezeichnet.
Die frühere Herberge Thiergarten wurde von zwei Bomben getroffen; die oberen Stockwerke brannten aus. Nach der Bombardierung wurde das Gebäude im Jahr 1945 stilgerecht wieder aufgebaut.
Verheerende Schäden verursachte eine Sprengbombe, die unmittelbar neben dem Gerichtsgebäude niederging. Eine Brandbombe, die auf dem Vorplatz des Regierungsgebäudes aufschlug, erzielte weniger Wirkung. Neun Menschen fanden hier den Tod.
Das Dach der Steigkirche wurde von einer Sprengbombe durchschlagen, ausserdem wurde der ganze Innenraum derart stark zerstört, dass sdie Kirche 1946 abgebrochen werden musste.
Südlich des Herrenackers wurden sowohl die Reiseartikelfabrik A. Hablützel Söhne als auch die Lederwarenfabrik Schaffhausen AG von Brandbomben schwer getroffen. Beide Fabriken brannten fast vollständig aus und mussten abgerissen werden.
Die Vereinigten Mühlen an der Mühlenstrasse wurden total zerstört. Hier wurden mit einem Schlag ungefähr 1200 Personen arbeitslos, ein Hinweis auf die wirtschaftliche Bedeutung der alten Vorstadt. Nach der Bombardierung entstand an dieser Stelle der Neubau der Lederwarenfabrik Schaffhausen AG.
Die 331 Brand- und Sprengbombeneinschläge in der Stadt Schaffhausen forderten 123 zerstörte Wohnungen in 38 Gebäuden, 17 schwerbeschädigte industrielle und gewerbliche Liegenschaften und 41 teilweise zerstörte Gärten und Höfe. Im Mühlenenquartier, an der Rheinstrasse und auf dem Herrenacker waren die Verheerungen am grössten. Ganze Häusergruppen im Gebiet des Museums zu Allerheiligen und des Thiergartens bis zum Herrenacker und zur Rheinstrasse brannten teilweise oder ganz aus. Der Durchgangsverkehr konnte sich aber rasch wieder abwickeln, denn die Strassen der Stadt schon am 1. April behelfsmässig repariert wurden.
Deutlich lassen sich drei Zonen die durch die Bombenabwürfe besonders schwer heimgesucht wurden, unterscheiden:
Zum einen wurde das Stadtgebiet welches von der Vordergasse über die Oberstadt bis zur Graben- und zur Goldsteinstrasse umgrenzt ist, von Grossbränden heimgesucht. Westlich des Bahnhofs und der Bahngeleise ist eine grosse Anzahl an Brand- und Sprengbomben in die Wohngebiete zwischen Vordersteig und Hintersteig eingeschlagen.
Die zweite Gruppe von Bombenabwürfen begann auf dem linken Rheinufer, traf in Flurlingen die Schweizerische Bindfadenfabrik, übersprang dann den Rhein und suchte die auf dem rechten Rheinufer liegenden Teile des Mühlenenquartiers entlang der Mühlenstrasse, heim.
Weiter nordwestlich schlugen Bomben in Liegenschaften und Wohngebäuden an der Fäsenstaubpromenade, in das Gebiet des Urwerfs und in die Liegenschaften im Stokarberg ein. Die Steigkirche und die Wohngebiete um den Engeweiher wurden auch getroffen.
Ferner wurden in den angrenzenden Gebieten der Gemeinde Neuhausen und der Kantone Zürich und Thurgau etwa 600 Bombeneinschläge ermittelt. Diese fielen aber meistens in freies Feld oder auf die bewaldeten Nordhänge des Kohlfirstes.
Folgende Fabrikbetriebe brannten vollständig aus:
Die Tuchfabrik Schaffhausen AG an der Mühlenstrasse
Die Lederwarenfabrik Hablützel A. Söhne und die Lederwarenfabrik AG an der Frauengasse
Die Velobestandteilfabrik Weinmann & Co. an der Mühlenstrasse
Die Silberwarenfabrik Jezler und Cie. auf dem Herrenacker
Die Bettfedernfabrik Schaffhausen AG an der Mühlenstrasse
Schwer beschädigt wurden die Betriebe:
Vereinigte Kammgarnspinnerien Schaffhausen und Derendingen an der Rheinstrasse
Die Uhrenfabrik Int. Watch Co. an der Baumgartenstrasse
Die Schweizerische Bindfadenfabrik in Flurlingen
Die Tonwarenfabrik Ziegler AG an der Mühlenstrasse
107 Familien mit zusammen 377 Personen und weitere 73 Einzelpersonen waren durch die Ereignisse vom 1. April 1944 vollständig obdachlos geworden. Die Fürsorge für die Obdachlosen übernahm das städtische Fürsorgereferat. Dieses bekam einen Kredit von 100 000 Franken, damit alle Unkosten für die nötigen Vorkehrungen gedeckt waren. Die Obdachlosen wurden aufgefordert, sich beim Fürsorgereferat anzumelden. Mit dieser Anmeldung wollte man eine genaue Übersicht über die Zahl der Obdachlosen bekommen.
Verpflegung bekamen sie in drei Mahlzeiten pro Tag in verschiedenen Wirtshäusern der Stadt. Zu Beginn wurde das Essen gratis abgegeben, das Fürsorgereferat bezahlte den Wirten fünf Franken für drei Mahlzeiten. In den nächsten Tagen begann man, zwei bis drei Franken zu verrechnen. Diese Verpflegungsstellen wurden so lange in Betrieb gehalten, bis jede Familie wieder eine eigene Kochgelegenheit hatte.
Mit den Besitzern der zerstörten Fabriken traf der Stadtpräsident eine Vereinbarung, wonach die Löhne weiterbezahlt wurden, auch wenn die Arbeit vorübergehend ausgesetzt werden musste. Die Arbeitgeber konnten die Löhne auf ihre Schadenrechnung nehmen.
Wohngelegenheiten boten 30 Baracken, die auf verschiedene Quartiere verteilt wurden. Diese konnten erst im Frühjahr 1951 wieder abgebaut werden.
Das Museum zu Allerheiligen wurde von Brand- und Sprengbomben teilweise in Schutt und Asche gelegt. Intensive Brandherde im Westflügel hinterliessen eine Stätte grauenhafter Verwüstung, aus der man nur noch Ruinen von Bildern hervorziehen konnte. Verkohlte, zerfetzte Überreste wertvoller Gemälde waren fortan nicht mehr Zeitzeugen hoher Kunst, sondern des Schreckenstages von Schaffhausen.
Die Kunstsammlung des Museums war deshalb so wertvoll, weil sie eine sorgfältige Zusammenstellung von Kunstwerken aus der Region Schaffhausen und der weiteren Umgebung aus allen Epochen enthalten hatte. Sie bot Einblick in die Entwicklung der Schaffhauser Malerei vom fünfzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert.
Die Sammlung enthielt unter anderem Werke von Tobias Stimmer aus dem sechzehnten Jahrhundert, welche von internationalem Wert waren. Von der völlig zerstörten Ausstellung von Tobias Stimmer blieb nur noch das Porträt von Conrad Gessner übrig.
Internationales Aufsehen und Bedauern erregte ausserdem der Verlust des Original-Porträts von Martin Luther, eines Werks von Lucas Cranach d. Ä.
In wenigen Minuten verlor Schaffhausen seine wichtigsten Kunstwerke, die über Jahrhunderte gesammelt und sorgfältig aufbewahrt worden waren. Zwar liessen sich die Kunstwerke und Gemälde nicht ersetzten, doch das Museum zu Allerheiligen wurde 1946 wieder aufgebaut, und es wurde neues Ausstellungsgut gesammelt. Spenden von Museen und privaten Interessenten wie einer Kulturstiftung des Kantons Zürich halfen dem Museum, die erlittenen Verluste so weit wie möglich auszugleichen.
Das Naturhistorische Museum auf dem Herrenacker war erst 1938 eingeweiht worden und wurde beim Angriff vollständig zerstört. Es wurde von zwei Brandbomben getroffen und brannte in den oberen Stockwerken aus, im unteren Bereich entstanden grössere Wasserschäden. Auch hier wurde wertvolles Ausstellungsgut vernichtet, unter anderem die zoologische und entomologische Sammlung und die Mineralienausstellung. Nur einzelne Kollektionen, wie die geologisch-paläontologische Sammlung von Ferdinand Schalch, konnten schliesslich gerettet werden.
Obwohl die Amerikaner angemessene Entschädigung leisteten und das Geld in einem Fond bereitlag, gelang es nach dem Krieg nicht, einen geeigneten Standort für den Neuaufbau zu finden. Naturwissenschaftler und Naturfreunde mussten sich mit dem Ausbau des Dachstocks im Museum zu Allerheiligen zufrieden geben.
Die materiellen Schäden vom 1. April 1944 waren erheblich, doch «unsere Stadt hat seit der Heimsuchung vom 1. April auch erfahren, dass es eine freundeidgenössische Solidarität gibt», schrieb die Stadt Schaffhausen nach der Bombardierung. «Es gibt keinen Kanton und keine Gemeinde in der Schweiz, die nicht Anteil genommen hat am Schicksal unserer Bevölkerung. Grosse und kleine Spenden, in bar und in natura sind sofort freiwillig angeboten und zur Verfügung gestellt worden.» Über 35 000 Franken kamen nur schon von den Kantonen, Gemeinden und Kirchgemeinden der Schweiz zusammen. Weitere Unternehmen, Vereine und Einzelpersonen unterstützten den Wiederaufbau der Stadt finanziell.
Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika sprach der Stadt Schaffhausen ihre Anteilnahme aus und erklärte sich ohne Zögern bereit, die entstandenen Schäden, soweit sie wieder gutgemacht werden konnten, zu decken. Im Jahre 1949 wurde die letzte Tranche von insgesamt 40 Millionen Franken Reparationszahlungen bezahlt.
Bei allen Verlusten öffnete sich mit der Bombardierung der Stadt die Chance für einen Gewinn für Schaffhausen. Schon lange wollte man die Wohnverhältnisse, das Industriegebiet im Mühlenenquartier und die Rheinuferstrasse verbessern. Diese Chance ergriff man nach der Zerstörung der Stadt dann auch.
Als der erste Schock überstanden war, die Brandplätze aufgeräumt und die Notbaracken für die Obdachlosen aufgestellt waren, befasste sich der Stadtrat mit der Frage, wie der Wiederaufbau in Angriff genommen werden sollte. Man stellte sich klare Ziele:
Um die öffentlichen Interessen wahrzunehmen, musste der Stadtrat rasch handeln können. Deshalb gelangte er schon am 21. April an den Grossen Stadtrat mit dem Antrag, es seien ihm zur Durchführung der Wiederaufbauarbeiten eine befristete Vollmacht und ein Globalkredit von 2,5 Millionen Franken zu gewähren. Der Vorschlag wurde in einer Volksabstimmung klar angenommen.
Rückblickend auf das Geschehen und die Stadtgeschichte, darf man sagen, dass die Chance zur Verbesserung der Stadt Schaffhausen nicht vertan worden ist. (Fiona Tinner)