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Die schottische Nationalpartei SNP hat letzte Woche einen Erdrutschsieg errungen und fordert die Unabhängigkeit von Grossbritannien. Wird es zu einem Referendum kommen?
John McLaren: Der britische Premier Boris Johnson will es nicht zulassen. Und obwohl die SNP sagt, sie wolle eine Referendum, stimmt das nicht. Der Zeitpunkt ist nicht reif. Laut Umfragen ist die Wählerschaft gespalten, das Verhältnis zwischen Gegnern und Befürwortern der Unabhängigkeit steht 50:50.
Wie stehen die Chancen, dass Schottland in einigen Jahren unabhängig wird?
Ich glaube nicht daran – aber das ist nur meine Vermutung. Die Schwierigkeiten des Brexit sind nichts im Vergleich mit den Problemen, welche Schottlands Austritt aus dem Königreich nach sich ziehen würden.
Schottland müsste auf viel Geld verzichten – anders als Grossbritannien, das durch den EU-Austritt als Nettozahler Geld sparen wird. Schottland ist ein Nettoempfänger, seit die Einnahmen aus dem Nordseeöl versiegt sind. Eine Unabhängigkeit würde deshalb zu einem Sparkurs führen. Die schottische Regierung müsste das Loch im Budget stopfen, das durch den Austritt verursacht würde.
Was würde die Unabhängigkeit für Schottlands Wirtschaft bedeuten?
Kurzfristig wäre sie ein Risiko. Langfristig sind die Aussichten besser. Schauen Sie beispielsweise, wie sich Irland entwickelt hat. Auf kurze Sicht wird Schottland den Zugang zu seinem grössten Markt verlieren: Grossbritannien.
Nach einigen turbulenten Jahren könnte Schottland eine wirtschaftsfreundliche Politik betreiben.
In welchen Sektoren ist Schottland stark?
Im Energiesektor bieten sich auch neben der Ölförderung grosse Chancen. Im Tourismus hat Schottland ebenfalls viel Potential, oder in der Getränke- und Lebensmittelherstellung. Es ginge jedoch in erster Linie darum, Schottland grundsätzlich attraktiver für Investitionen zu machen. In Irland haben sich wegen der tiefen Steuern beispielsweise viele US-Konzerne angesiedelt, es gibt andere Nischen. Viele kleine Länder sind spezialisiert. Es lässt sich nicht im Voraus sagen, welche Schottlands Industrien der Zukunft wären.
Schottlands Regierung will die Unabhängigkeit
Letzte Woche hat die Schottische Nationalpartei SNP bei den Wahlen die grosse Mehrheit der Schottischen Sitze im britischen Parlament gewonnen. Die SNP-Chefin Nicola Sturgeon fordert nach dem Wahlerfolg nun ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit. Boris Johnson hat ein solches Votum bereits ausgeschlossen. 2014 hatten die Schotten bereits einmal über die Unabhängigkeit abgestimmt – 55 Prozent der Wählenden hatten damals für einen Verbleib im Königreich votiert.
Fassen wir zusammen: Ein unabhängiges Schottland erscheint zumindest kurzfristig unwahrscheinlich, würde langfristig aber wirtschaftliche Chancen bieten.
Wirtschaftliche Argumente wären nicht der Knackpunkt bei einer Trennung vom Königreich. Die Befürworter können immer behaupten, dass die Wirtschaft von einer Unabhängigkeit profitieren würde. Schottlands Problem wären die Steuereinnahmen. Schottland würde 10 Milliarden Pfund an jährlichen Transferzahlungen Grossbritanniens verlieren. Das entspricht zehn Prozent des schottischen Budgets. Wie kann die schottische Regierung den Haushalt wieder in die Balance bringen? Es sind eine Reihe schwieriger Fragen offen, für die die SNP bis jetzt keine Antworten geliefert hat.
Der Schritt in die Unabhängigkeit wäre schwierig.
Er würde schwierige Fragen aufwerfen. Es gibt aber Alternativen zu einer vollen Unabhängigkeit. Schottland könnte dieselbe Aussen- und Verteidigungspolitik wie Grossbritannien betreiben, und Grossbritannien könnte im Gegenzug Schottland weiter finanziell unterstützten. Es wäre keine volle Unabhängigkeit, sondern eine viel stärkere Eigenständigkeit Schottlands. Ein solches Modell ist durch den Brexit weniger wahrscheinlich geworden, es könnte aber weiter bewerkstelligt werden. Es wäre realistischer. Aber keine der beiden Seiten wird sich eine solche Lösung auf die Fahne schreiben – denn sie würde einen Kompromiss bedeuten, und daran hat im Moment weder London noch die SNP ein Interesse.