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Eine scheinbar ordentliche Ehe gerät aus den Fugen. Im Zentrum die Frau, die liebt, leidet und krankhaft nach Zuneigung sucht.
Heidy Gasser hat sich mit der Trilogie über ihre Mutter («Saure Suppe», «Das Mägdli», «Schwarze Röcke trag ich nicht») einen Namen gemacht. Auch die Hauptperson ihres Buchs, «Die Verführerin», hat sie persönlich gekannt. Von deren Töchtern erhielt sie vor über 10 Jahren Briefe, die im Estrich des Elternhauses und im Sekretär der Mutter, also der «Verführerin», versteckt waren. Sie kamen vor dem Abriss des Hauses zum Vorschein. Die Töchter, die bis am Schluss zu ihrer bisweilen schwierigen Mutter standen, baten Heidy Gasser, aus den Briefen ein Buch zu machen.
Liebe und Lieblosigkeit
Das Schreiben fiel Heidy Gasser nicht immer leicht. Die Hauptfigur im Buch «Die Verführerin» ist eine oft stark selbstbezogene und extrem besitzergreifende Frau, die unberechenbar zwischen Überschwang und Überdruss umherirrt und viel Unheil anrichtet. Die seelisch hungrige, temperamentvolle, empfindsame, liebevolle und sinnliche Frau leidet gleichzeitig unter der Härte und Abwesenheit des Vaters, der Lieblosigkeit der Mutter und schliesslich der Distanziertheit ihres Ehemannes. Oft wirkt sie in dem Buch wie ein verlorenes Kind, das um Liebe bettelt.
Die «Verführerin» hat Jahrgang 1924. Sie wird gezeigt als eine innerlich zerrissene Person, als eine widersprüchliche Rebellin, die sich nicht wirklich hinter der bürgerlichen Fassade hervorwagt und sich den engen gesellschaftlichen Normen äusserlich fügt, aber dennoch heimlich Liebschaften pflegt. In dem Buch wird zudem vieles angedeutet, was die Lebensumstände der Verführerin möglicherweise noch bedrückender gemacht haben. Die Hinweise bleiben subtil unbestimmt, aber sind – bei genauer Lektüre – sehr vielsagend.
Liebschaften und Abweisungen
«Sie (die beiden Töchter) hatten geahnt, dass die Mutter eine oder zwei heimliche Liebschaften hatte. Aber so viele!», heisst es im Buch. Die abgedruckten Originalbriefe dokumentieren die emotionalen Bindungen und sexuellen Verhältnisse, die die Frau zu zahlreichen Männern eingegangen ist, darunter zu auffällig vielen katholischen Geistlichen. Das Muster blieb sich fast immer gleich: Sie sucht das seelsorgerische Gespräch, spricht offenherzig über ihre Eheprobleme und fasziniert mit ihrer Ausstrahlung und Eigenwilligkeit das Gegenüber. Daraus ergeben sich kürzere oder längere Liebschaften in der Innerschweiz, aber auch in anderen Regionen.
Doch längst nicht alle Geistlichen erliegen ihrem Charme oder reagieren mit der gleichen Sehnsucht nach Nähe, welche die Frau so verzweifelt sucht – und die auch einigen Patres arg zu fehlen scheint. Sie weisen die «Verführerin» ab, ermahnen sie im Guten und versuchen, ihr einen Weg aus den Eheproblemen aufzuzeigen. Dass sie in ihrem Verlangen, mit jemandem über ihre Probleme reden zu können, bei den Patres anklopfte, überrascht nicht. Dort fand sie traditionellerweise offene Ohren und Hilfe, der Gang zu Psychiatern oder Psychologinnen war damals – anders als heute – nicht die Regel.
Einige der allzu innigen Beziehungen fliegen auf, aber sie werden unter dem Deckel gehalten. Einerseits aus Rücksicht auf das öffentliche Amt des Vaters der «Verführerin», eines Regierungsrats. Andererseits, weil die Geistlichen Amt und Würde verlieren würden. Auch den Töchtern bleiben die Besuche der Geistlichen im Elternhaus nicht verborgen. Oft schickt die Mutter die Kinder weg – oder sie schliesst sie im Keller ein, wenn sie zuhause empfängt. Einmal konfrontiert eine der Töchter, nachdem sie aus dem Keller geholt worden war, die Mutter mit ihren Liebschaften: «Du mit deinen verdammten Paterlis!» Die Mutter gerät ausser sich und würgt die Tochter fast bis zur Bewusstlosigkeit.
Näher an die Wirklichkeit…
Die Briefe der Verehrer an die «Verführerin» allein hätten genügt, einen Roman auszuschmücken. Aber das Buch will näher an die Wirklichkeit. So griff Heidy Gasser auch auf andere Quellen zurück: Briefe, welche die Frau an ihren Verlobten und späteren Ehemann geschickt hatte, Fotografien aus dem Familienalbum, ein Notizbuch mit Telefonnotizen und Gespräche mit den Nachkommen der Frau. Die Leserin und der Leser können also davon ausgehen, dass die Geschichte der Wirklichkeit nahekommt und zeigt, wie die «Verführerin» als Frau empfand und wie die gesellschaftlichen Umstände sie und das Umfeld prägten.
Ihre Bedürfnisse bleiben letztlich unerfüllt, als Tochter, in der Ehe, bei den Liebschaften. Sie wollte – und das wird immer wieder betont – ganz einfach nur tief geliebt, wirklich verstanden und vollständig angenommen werden. Beim Tod des Vaters bricht es aus ihr heraus: «Warum habt ihr mich nicht geliebt?» Und in einem Brief an ihre Mutter schrieb die «Verführerin», unter was sie auch sehr gelitten hat: unter dem fortwährenden Stillschweigen in Familienangelegenheiten, und das über Generationen hinweg.
… und doch verfremdet
Erzählt wird chronologisch, einfach, klar, ohne Pathos. Die Leidenschaft geht nur manchmal den Geistlichen in ihren Briefen durch – oder dem Vater, der seine bereits verheiratete Tochter prügelt, oder dem Ehemann, der die Kinder schlägt, oder der «Verführerin», wenn ihr die Tochter den Spiegel vorhält. Das Buch klagt weder die Frau an, noch verurteilt sie die gesellschaftlichen Verhältnisse noch zieht es über die Geistlichen oder die katholische Kirche her.
Alle im Buch erwähnten Personen und Orte sind so stark verfremdet, dass sie nicht zu erkennen sind. Zudem sind alle Beteiligten inzwischen verstorben oder leben fernab der Innerschweiz. So lässt sich eine Veröffentlichung der intimen Frauen-, Familien- und Gesellschaftsgeschichte verantworten. Ein bemerkenswertes Buch, das der bildfluss-Verlag in Altdorf hier herausgegeben hat.
Heidy Gasser: Die Verführerin. bildfluss-Verlag Altdorf. 2019. 176 Seiten, Fr. 36.–