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Zum künstlerischen Schmuck der Kirche von Gerliswil wurden die Wände über dem Chorgestühl bestimmt und anstatt Mosaik, Teppich oder Fresko Gemälde auf Leinwand verlangt. Werner Hartmann, Bürger der Gemeinde Emmen, zu der Gerliswil ebenfalls gehört, erhielt den Auftrag im Jahre 1949 und vollendete das Werk auf Weihnachten 1952. Jedes der beiden Bilder ist 5,6 Meter breit und 1,90 Meter hoch, je in ein schmales und ein breites Feld unterteilt; gleich einem Fries fügen sie sich bestens in die Architektur des Kirchengebäudes ein und verleihen dem Chorraum Stimmung. Den liturgischen Seiten des Altars entsprechend sind sie verschieden in der Helligkeit sowohl wie in Komposition und Figurenzahl. Die einzelnen Farbwerte sind sparsam verwendet und bleiben in ihrer Wirkung zurückhaltend. Der Pinselauftrag hält sich fast durchsichtig leicht; die Darstellungen selber sind nach vorn überschnitten und weisen keine Bodenflächen oder solche nur im Hintergrund auf; den Gemälden ist ein schwerelos Schwebendes eigen – ihrem lnhalt gemäss, wie der Stellung über den dunklen Sitzbänken. Die dargestellten Ereignisse des Lebens Jesu haben den Sinn der Epiphanie: Christus wird in seiner Herrlichkeit offenbar durch die Drei Könige, durch die Taufe, durch das erste Wunderzeichen der Verwandlung von Wasser zu Wein.
Seit früher Zeit gehören diese Szenen zum Bilderreichtum der Christenheit, den Werner Hartmann mit seinem Werk weiterführt und vermehrt. Unabhängig von der langen Überlieferung zeigt er die Reiterkönige in der Sternennacht dahingaloppierend und die Hochzeit von Kana am hell leuchtenden Tag im Schatten eines Baumes.
Die drei Reiter – Kaspar, Melchior, Balthasar, der jüngste dunkelfarbig als Mohr – tragen nicht Kronen, sondern turbanartige Kopftücher. Als Weise oder Magier des Orients sind sie in helle Tücher gehüllt, nur am vordersten weht ein purpurfarbiger Mantel. Zu einer engen Gruppe vereint, ziehen sie frei schwebend am gestirnten Nachthimmel dahin, dem grossen Stern entgegen, der ihnen die Richtung nach Bethlehem weist. Joseph, eine Lampe in der Hand, davor Maria und das Christkind in der Wiege, erwarten ruhig, still vor der Mauerwand ihres Hauses die heranbrausenden Reiter. Das warme Blau des schwach erleuchteten lnnenraumes hebt sich malerisch ab gegen die kühle Weite der Nacht. – lm Jordanwasser stehend, begiesst der Täufer das Haupt des vornübergebeugten Christus aus der Schale in seiner Hand, vom Himmel fliegt die Taube herab, die das Wort begleitet: «Das ist mein lieber Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.» Auf den gewohnten Bildern der Taufe Christi stehen stets weitere Figuren an den Ufern des Flusses – Jünger des Johannes, Engel mit Trockentüchern – hier aber beschränkt die Darstellung sich auf das Taufpaar vor einigen Baumstämmen am abfallenden Gelände; in einem Gleichklang zur Geburt bleibt die Wirkung einfach und feierlich.
Für die Hochzeit von Kana hat Werner Hartmann eine
persönlich eigenwillige Lösung erfunden. Sie muss umso mehr überraschen, wenn man sich der pompösen Szenen etwa des Paolo Veronese erinnert, eines üppig-reichen Gastmahls mit Figurengewühl und Orchester unter Palastarkaden.
ln Gerliswil dagegen sieht man Christus in weissem Gewand, leicht aus der Mitte gerückt und frei vor dem Horizont, streng frontal und die Rechte erhoben. Die Gestalt, die zur Rechten Maria (wie in der Geburt im blauen Gewand) sich ihm zuwendet, mag ein Jünger sein, der wie die anderen Gäste gebannt vom Erlebten ist. Das junge Ehepaar, das zur Linken Christi am Tischrand sitzt, ist voll Ehrfurcht. Dem Text des Johannes-Evangeliums entsprechen der Diener seitwärts, den Krug auf der Schulter, und der andere mit dem erhobenen Glas; es ist zur Probe für den Speisemeister bestimmt, den man im Bärtigen links erkennen mag. Aber schon stehen die Gläser, mit rotem Wein gefüllt, vor jedem der Gäste auf dem Tisch, den zwei Blumensträusse und eine Schale mit Trauben und Früchten besetzen. So ist die Erzählung verbunden mit der Epiphanie, der Erscheinung des Christus, seiner Herrlichkeit, wie sie mit der Eucharistie, dem Sakrament des Abendmahles zu ihrer Gewähr und Erfüllung kommt.
Im Werk von Werner Hartmann sind die Bilder in Gerliswil nicht die einzigen kirchlichen Arbeiten: Aus dem Jahr 1938 entstammt der Freskenzyklus im Friedhot von Emmen, dessen Kompositionen aus dem Leben und der Passion Christi ganz auf die Figuren beschrânkt sind. Zwei Jahre nach Gerliswil erhielt der Künstler den Auftrag, die Kapelle des Schwesternhauses der Klinik St. Anna in Luzern als Raum zu gestalten; es entstanden eine aufschwebende Maria in der Apsis, die Kreuzwegstationen in Keramik und die farbige Verglasung der Fenster. In der Vorhalle der St.-GallusKirche von Kriens waren zwei farbige Graffiti aus dem Jahre 1947 zu sehen; sie wurden 1985 zerstört. Die Glasfenster für die neue Kirche in Emmen sind bedauerlicherweise nicht zur Ausführung gekommen.
Wenn auch die Kunst Werner Hartmanns im Tafelbild beruht, das er in seiner ganzen Vielfalt und höchst erfolgreich gepflegt hat, verdienen die Bilder in Gerliswil die Anerkennung eines bedeutenden Beitrages an die kirchliche Kunst der Gegenwart in der Schweiz.
Prof. Max Huggler (1991)