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2593.
02.03.2014
Betreff: Neues zur Übersetzung des Herrengebetes
Liebenswerte Brüder und Schwestern!
Als Altphilologe möchte ich weitere Gedanken zur richtigen Übersetzung des Herrengebetes äußern! Die Bitte „... Dein Reich komme, ...“ ist leider falsch. Denn weder das Hauptwort „Reich“ noch die Verbform „komme“ entspricht dem griechischen Urtext. Ich vermute, dass die deutsche Übersetzung, die ja seit Martin Luther weit verbreitet ist und leider auch in der katholischen Kirche Anerkennung gefunden hat, auf die lateinische Übersetzung des Herrengebetes zurückgeht. Dort heißt es: „...., adveniat regnum tuum, ...“. Schon die dort verwendete Verbform „adveniat“ gibt den griechischen Urtext nicht richtig wieder. Die griechische Verbform „eltheto“ ist eine Befehlsform, die in den jeweiligen Augenblick hinein ausgesprochen wird und die Erwartung einer unmittelbare Umsetzung des Befehls durch den Befehlsempfänger ausdrückt. Richtig übersetzt wird diese griechische Verbform nur mit „er, sie, es soll kommen!“, was im Lateinischen „veniat“ und eben nicht „adveniat“ heißen müsste! Die deutsche Übersetzung der griechischen Befehlsform mit dem an dieser Stelle unzureichenden, ja falschen Konjunktiv „komme“ ist irreführend, da sie dem deutschen Beter an Stelle eines scharfen Befehls lediglich einen Wunsch wiedergibt. So wird aus einem unbedingten Muss ein abgeschwächtes Kann. Diese falsche Übersetzung im Deutschen geht, wie bereits gesagt, wahrscheinlich auf den lateinischen Konjunktiv „adveniat“ zurück, den man sowohl als Befehlsform, eben als Jussiv, oder als Wunschform, eben als Optativ, auffassen kann. Übrigens, sowohl das griechische Verb „erchesthai“ als auch das lateinische Verb „venire“ haben die Nebenbedeutung „anbrechen“. Die deutsche Übersetzung des griechischen Hauptwortes „he basileia“ ist zwar möglich, aber nicht richtig. Dieses griechische Hauptwort bezeichnet nämlich in erster Linie eine Tätigkeit bzw. eine Handlung und bedeutet „die Königsherrschaft“. Gemeint ist also an dieser Stelle des Herrengebetes das königliche Handeln des himmlischen Vaters, dass „auch auf der Erde“ kommen bzw. anbrechen soll. Dass das griechische Hauptwort „he basileia“ an dieser Stelle eher mit „die Königsherrschaft“ als mit „das Königreich“ übersetzt werden muss, ergibt sich aus der Tatsache, dass das zugrunde liegende hebräische Hauptwort „malkud“ ebenfalls nur eine Tätigkeit bzw. eine Handlung bezeichnet und deshalb „Königsherrschaft“ bedeutet. Die zweite Bitte, oder besser gesagt, der zweite Befehl des Herrengebetes heißt also richtig: „..., Deine Königsherrschaft soll kommen, ...“. Was meint aber diese Bitte bzw. dieser Befehl? Zunächst einmal ist zu sagen, dass die Königsherrschaft des himmlischen Vaters in unserem Herrn Jesus Christus auf der Erde vollkommen verwirklicht worden ist. Aber der Befehl gilt auch der betenden und streitenden Kirche. An sie ist dieser Befehl ganz zurückhaltend, ganz vornehm gerichtet! In ihr, mit ihr und vor allen durch sie soll das königliche Handeln des himmlischen Vaters in die Welt hineingetragen werden und so zu den Menschen kommen, die Jesus Christus und Seine gute Botschaft noch nicht kennen oder anerkennen. Dieser Befehl ist also eine scharfe Aufforderung an alle (!) Stände der katholischen Kirche, so wie der Herr Jesus Christus königlich zu handeln und zu leben. Was für ein hoher Anspruch an die Lebensführung aller Getauften!!! Aber Jesus Christus selbst hat ja Seine Schüler gewarnt: Die Nachfolge ist kein Spaziergang!!! Nicht umsonst sind Seine Worte überliefert: „Wer Mein Schüler sein will, soll sein Kreuz auf sich nehmen!“ oder „Wer Mein Schüler sein will, soll sich verleugnen!“ Was bedeutet aber diese Selbstverleugnung für Menschen, die Jesus Christus nachfolgen wollen? Es bedeutet, dass eigene Ich mit seinen Wünschen und Vorstellungen hinter den Willen des dreifaltigen Gottes anzustellen, ja Ihm unterzuordnen. Und zwar so, dass man mit dem Hl. Paulus sagen kann: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir.“ Genau das ist der tiefe Sinn der zweiten Bitte bzw. des zweiten Befehls im Herrengebet! Das königliche Handeln des dreifaltigen Gottes soll in den Getauften Gestalt annehmen und so unter den Menschen verwirklicht, also gelebt werden. Demnach will der dreifaltige Gott aus dem Inneren des einzelnen Christen heraus in die Welt hinein handeln. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was seit Martin Luther im deutschen Sprachraum gebetet wird. Nach der Übersetzung Luthers erwartet der Christ ein Reich, also äußere Umstände, die auf ihn zukommen. Auf diese Weise wird der Christ, was die Verwirklichung des göttlichen Willens betrifft, zunehmend passiv und eben nicht mehr aktiv!!! Ob das nicht auch ein Grund für den zunehmenden Schwund eines wirklich christlichen Lebens im deutschsprachigen Raum seit der sogenannten Reformation ist?