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In den Bergen herrschen andere Wetterbedingungen als im Flachland. Das hat Ende des 19. Jahrhunderts den Schweizer Wetterkunde-Pionier Robert Billwiler dazu bewogen, auf dem Säntis eine Wetterstation einzurichten.
Vor 100 Jahren, genauer am 21. Februar 1922, wurden die Eheleute Heinrich und Magdalena (Lena) Haas auf dem Säntis ermordet. Dieser Meuchelmord hätte vermutlich nie eine solche Bedeutung erlangt, wenn es sich nicht um den Tod des damals sehr beliebten und äusserst kompetenten Appenzeller Wetterwart-Ehepaars gehandelt hätte. Heinrich und Lena Haas hatten die Wetterstation auf dem Säntis betreut. Dieser Gedenkanlass hat mich dazu bewogen, über diese hochalpine Wetterstation und ihre Bedeutung zu berichten.
Nur im Flachland
Systematische Wetteraufzeichnungen gibt es erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft (SNG) eröffnete 1861 in Zürich ein «Büro für meteorologische Belange». Mithilfe von vielen freiwilligen Wetterbeobachtern konnte 1863 ein erstes Wetterstationen-Netz aufgebaut werden. Am Anfang waren es nur 88 Standorte, die vorwiegend im Flachland über die ganze Schweiz verteilt waren.
Im gleichen Jahr 1863 wurde auch die Meteorologische Zentralanstalt (MZA) gegründet. Die Verantwortung über die MZA übernahm der St. Galler Meteorologe Robert Billwiler, ein grosser Schweizer Pionier der Wetterkunde. Er pflegte Kontakte zu meteorologischen Anstalten in Österreich und in Deutschland. Mit seinem Freund Julius Hann, dem Leiter der meteorologischen Zentrale in Wien, bestieg er 1879 den Säntis. Die beiden Herren wollten sich ein Bild machen darüber, ob sich dieser sankt-gallisch-appenzellische Hausberg mit seiner Höhe von 2504 Metern über Meer für eine Wetterbeobachtungsstation eignen könnte.
Warum gerade der Säntis?
Der Säntis ist der höchste Berg in der voralpinen Berglandschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in der westlichen Alpenkette nur den Grossen St. Bernhard (2472 m ü. M.), auf dem die Augustiner-Chorherren seit 1818 eine eigene Wetterstation betrieben.
Auf dem internationalen Meteorologen-Kongress in Rom 1879 empfahl man Robert Billwiler, eine offizielle Beobachtungsstation auf dem Säntis zu realisieren. Es zeigte sich nämlich bald einmal, dass das Netz der 88 Wetterstationen im Flachland nicht ausreichte, um die Wetterlagen genauer zu analysieren und damit erste Wetterprognosen zu erstellen. Die Wetterelemente wie Luftdruck, Feuchtigkeit, Temperatur, Windstärke, Windrichtung, Niederschlag und Sonneneinstrahlung zeigen in höheren Berglagen andere, meist intensivere Werte als im Flachland.
Andere Bedingungen
In den Bergregionen spielt nämlich die Reibung auf die Luftmassen durch die Bodenbeschaffenheit (Orografie) eine viel geringere Rolle. Die verschiedenen Täler können die Luft zudem kanalisieren, was sich auf die Windrichtung auswirkt. Der Säntis war nicht nur als höchster Berg der Voralpenkette vorzüglich geeignet, er war auch genügend weit weg vom Einfluss der Alpenkette mit ihren 3000 bis 4000 Meter hohen Berggipfeln. Billwiler fehlten aber noch die nötigen Finanzen, um ein Observatorium auf dem Säntis zu bauen. Circa 40 Meter unter dem Gipfel wurde seit 1848 ein einfaches Berggasthaus geführt.
Billwiler einigte sich mit dem Wirt und konnte vorerst im ersten Stock ein Zimmer für den Wetterbeobachter mieten. Ein Barometer und ein Barograf zur Messung und Aufzeichnung des Luftdrucks sowie ein Telegrafenapparat zur Übermittlung der täglichen Messungen wurden im Gasthaus eingerichtet. Die Messinstrumente für die Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und Windgeschwindigkeit, Niederschläge und Sonnenbestrahlung mussten hingegen ins Freie verlegt werden.
Ein gefährlicher Job
Das war eine richtige Knacknuss, weil das Gasthaus von Südwesten her durch eine Felswand geschützt war. Aber gerade aus Südwesten kommen die feuchten Luftmassen, die meistens Niederschläge bringen. So musste man auf dem höchsten Punkt des Bergs eine Plattform anbringen für eine gut durchlüftete Zinkblechhütte, in der man die Messinstrumente aufstellen wollte.
Es war damals aber oft gefährlich, wenn der Beobachter vom Gasthaus zum Standort der Messinstrumente aufsteigen musste. Er war einerseits gezwungen, grosse Schneemengen und vereiste, schmale Wege zu überwinden. Andererseits konnten ihm orkanartige Stürme mit Windgeschwindigkeiten von weit über 150 Stundenkilometern, Starkregen oder sogar Hagel die Arbeit erschweren. Im Winter mussten die Instrumente vom Eis und Schnee befreit werden, was stundenlanges Arbeiten in der Kälte und Nässe bedeutete.
Die Messresultate wurden gemäss einem international gültigen Codiersystem jeweils an die Meteorologische Zentralanstalt und von dort an europäische Wetterzentralen in Hamburg, Wien und Rom übermittelt. Die Bedeutung und Nützlichkeit dieser hochalpinen Wetterstation auf dem Säntis wurden europaweit anerkannt.
Robert Billwiler sah natürlich auch, dass diese hochalpine Wetterstation so nicht über Jahre hinweg betrieben werden konnte. Ihm lagen die Gesundheit und das Wohlergehen der Mitarbeiter in der abgeschiedenen Bergwelt sehr am Herzen. Er plante daher ein dreistöckiges Steinhaus als Observatorium.
Im Erdgeschoss und im ersten Stock sollten die Wohnung der Wetterbeobachter sowie ein Gästezimmer eingerichtet werden. Der zweite Stock wurde für den Barometer und Barografen vorgesehen und für die Übermittlung der Resultate mit dem Telegrafen. Vom zweiten Stock wurde ein unterirdischer Stollen auf die Plattform geplant, um die Bedienung der restlichen Messinstrumente im Freien gefahrloser bewältigen zu können.
Die Planung war also im Kopf und mit Bauleuten besprochen, aber nun: Woher das Geld nehmen? Das Projekt kostete 45’000 Franken, eine horrende Summe, wie damals ein Chronist beschrieb. Wie Robert Billwiler den «gordischen Finanzknoten» löste, beschreiben wir im nächsten «Hallo Wetterfrosch»-Beitrag im Juni.