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Götzenliest
Todiramphus sanctus
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Asiatische Wurzeln
Weltweit gibt es rund neunzig Eisvogelarten. Sie wurden lange Zeit in einer einzigen Familie namens Alcedinidae zusammengefasst. Heute werden sie im Allgemeinen in drei Familien aufgetrennt: erstens die Familie der Baumeisvögel oder Lieste (Halcyonidae) mit rund 60 Arten, zweitens die Familie der Kurzschwanzfischer oder Eigentlichen Eisvögel (Alcedinidae) mit etwa 20 Arten, und drittens die Familie der Langschwanzfischer oder Fischereisvögel (Cerylidae) mit 9 Arten. Innerhalb der gefiederten Welt gehören die Eisvögel zur Ordnung der Rackenvögel (Coraciiformes), welche sehr unterschiedliche Vogelformen umfasst, darunter die Hopfe, die Bienenesser, die Racken, die Todis, die Motmots, die Nashornvögel und eben die Eisvögel. Die Ordnung ist erdgeschichtlich sehr alt, weshalb ausreichend Zeit vorhanden war, um aus den «Ur-Racken» solch verschiedenartige Sippen hervorgehen zu lassen.
Insgesamt, als Sippe, haben die Eisvögel eine sehr weite Verbreitung. Abgesehen von Antarktika haben sie im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte alle Kontinente zu besiedeln vermocht. Allerdings sind sie nicht regelmässig um den Erdball herum verteilt: Wie bei den meisten Tier- und Pflanzensippen ist ihre Artenzahl in den äquatornahen Tropen und Subtropen weit grösser als in den weiter nördlich bzw. südlich gelegenen gemässigten Klimazonen. Ausserdem ist die Artenvielfalt der Sippe in Südostasien am höchsten. Man nimmt darum an, dass sich die Eisvögel einst im tropischen südostasiatischen Raum herausgebildet haben.
Im Laufe ihrer Stammesgeschichte haben sich die Eisvögel nicht allein über alle Festländer ausgebreitet, sondern haben als schnelle und ausdauernde Flieger auch viele ozeanische Inseln erreicht. Eine davon ist die Norfolkinsel, ein australisches Aussenterritorium, von dem die vorliegenden Briefmarken stammen. Das Eiland befindet sich im Südwestpazifik zwischen Australien im Westen, Neukaledonien im Norden und Neuseeland im Südosten und bildet den höchsten Gipfel des Norfolk-Rückens, eines untermeerischen Gebirgszugs, der sich zwischen Neuseeland und Neukaledonien über eine Strecke von ungefähr 1800 Kilometern hinzieht.
Die Norfolkinsel weist eine Fläche von knapp 35 Quadratkilometern auf, erreicht am höchsten Punkt 318 Meter ü.M. und ist durch ein angenehm subtropisches Klima geprägt. Sie stellt die erodierte Spitze eines Vulkanmassivs dar, welches vor zwei bis drei Millionen Jahren aufgrund untermeerischer Eruptionen aus den blauen Fluten des Südpazifiks aufgetaucht war. Zu keiner Zeit stand die Norfolkinsel mit einer anderen Insel oder einem Festland in Verbindung. Alle heute auf dem abgeschiedenen Eiland heimischen Tiere und Pflanzen sind darum die Abkömmlinge von Individuen, welche irgendwann in grauer Vorzeit - fliegend, schwimmend oder treibend - hierher gelangt waren und sich erfolgreich niederzulassen vermocht hatten. Zu ihnen gehören elf Landvogelarten, darunter ein Eisvogel, der Götzenliest (Todiramphus sanctus)
, von dem hier berichtet werden soll.
Von Sumatra bis Neuseeland heimisch
Der Götzenliest gehört innerhalb der Familie der Baumeisvögel zur Gattung Todiramphus
. Deren insgesamt zwanzig Mitglieder sind vom nordöstlichen Afrika quer durch Süd- und Südostasien bis nach Australien und in den Südpazifik hinein verbreitet. Der Götzenliest gehört zu den am weitesten verbreiteten Vertretern der Gattung. Als Brutvogel kommt er von Sumatra und Borneo sowie den Philippinen ostwärts über Neuguinea, die Salomonen, Vanuatu und Neukaledonien bis nach Fidschi und Wallis & Futuna vor, südwärts über ganz Australien bis nach Neuseeland. Einst wurden auch die auf Samoa heimischen Eisvögel als Götzenlieste eingestuft, doch werden sie heute in eine separate Art namens Flachschnabelliest (Todiramphus recurvirostris)
gestellt.
Mit einer Gesamtlänge von 19 bis 24 Zentimetern und einem Gewicht um 45 Gramm ist der Götzenliest ein mittelgrosser Eisvogel. Wie die anderen Baumeisvögel ist er durch einen recht kräftigen Rumpf, einen kurzen Hals, einen grossen, leicht flach gedrückten Schnabel, einen kurzen Schwanz und eine oberseits schillernde Färbung gekennzeichnet. Die beiden Geschlechter sehen ähnlich aus, doch ist die Färbung des Weibchens im Allgemeinen etwas heller und weniger leuchtend als die des Männchens.
Bei weitem nicht alle Eisvögel sind spezialisierte Fischfänger, wie wir dies vielleicht wegen «unseres» Eisvogels (Alcedo atthis)
annehmen. Viele gehen hauptsächlich an Land auf Beutefang. So auch der Götzenliest. Zum Opfer fallen ihm vor allem grosse Insekten und kleine Echsen. Er jagt in typischer Eisvogelmanier: Von einem Ast oder von einer anderen günstigen, zumeist wenige Meter über dem Boden befindlichen Sitzwarte aus überwacht er aufmerksam das Gelände vor sich. Dank seiner guten Augen vermag er etwaige Beutetiere bis in einer Entfernung von etwa hundert Metern zu erkennen. Nimmt er eines wahr, so schiesst er schnell wie ein Pfeil darauf zu und ergreift es mit seinem Schnabel. Stets trägt er sein Opfer zum Ausgangspunkt zurück, um es dort zu verspeisen. Bevor er dies tut, schlägt er es mehrfach kräftig gegen den Ast, auf dem er sitzt. Dieses Verhalten dient nicht allein der Tötung oder Betäubung des Beutetiers, sondern auch der Entfernung von Stacheln oder anderen vorstehenden Teilen, welche beim Verschlucken hinderlich sein könnten. Interessanterweise wird die für den Nachwuchs bestimmte Nahrung jeweils ausgiebiger «totgeschlagen» und im Schnabel durchgeknetet als das für den eigenen Bedarf bestimmte Futter.
Fütterung im Viertelstundentakt
Wie die meisten anderen Eisvögel ist der Götzenliest kein geselliger, sondern im Gegenteil ein recht unleidlicher Vogel, der ausserhalb der Fortpflanzungszeit ein strikt einzelgängerisches Leben führt. In Gebieten, die er ganzjährig bewohnt, was auch für die Norfolkinsel zutrifft, hält er sein Jagdgebiet das ganze Jahr über als Territorium besetzt und vertreibt - von seinem Partner und seinen Jungen abgesehen - vehement alle fremden Artgenossen daraus. In anderen Gegenden, so etwa im südlichen Australien oder auf den Philippinen, wo er sich nur im Sommerhalbjahr aufhält, wird ein territoriales Gefüge hingegen nur während der Brutzeit aufgebaut.
Der Götzenliest brütet in Höhlungen, die er gewöhnlich selbst anlegt: in Uferbänken oder anderen steilen, abgebrochenen Erdwänden, in verlassenen Baumtermitennestern oder im morschen Holz verrottender Baumstämme. Auf der Norfolkinsel brütet er oftmals in den Stämmen von Baumfarnen oder von Norfolktannen (Araucaria heterophylla)
, wobei sich die Höhlung bis zwanzig Meter über dem Boden befinden kann. Am Nestbau beteiligen sich beide Partner. Zunächst fliegen sie immer wieder gegen eine bestimmte Stelle der ausgewählten Erdwand oder des ausgewählten Baumstamms und hacken dabei mit dem Schnabel kleinere Erdbrocken bzw. Holzstückchen heraus. Nach etwa einem Tag können sie sich dann mit ihren kurzen Füssen am Rand des so entstandenen Lochs festhalten. Nun beginnt das richtige «Tunnelbohren», bei dem das Material mit dem Schnabel gelöst und mit den Füssen nach draussen gescharrt wird.
In Erdwänden kann die Einstiegsröhre bis über einen Meter lang sein. Sie führt vom Eingang her stets leicht nach oben, so dass kein Regenwasser eindringen kann. Am Ende der Röhre befindet sich eine Nestkammer, welche einen Durchmesser von 20 bis 30 Zentimetern aufweist und etwa 15 Zentimeter hoch ist. Das Nest wird nicht ausgepolstert, sondern die Eier werden direkt auf den Boden gelegt. Das Gelege umfasst drei bis sechs glänzend weisse, beinahe kreisrunde Eier und wird von beiden Partnern abwechslungsweise bebrütet.
Nach gewöhnlich 18 Tagen schlüpfen die jungen Götzenlieste aus ihren Eiern. Sie sind typische Nesthocker, also beim Schlüpfen nackt und blind und völlig hilflos. Beide Altvögel beteiligen sich partnerschaftlich an der Verpflegung des Nachwuchses. Anfänglich gibt es ausgewürgten Nahrungsbrei, später kleine Beutetiere.
Je grösser die Jungvögel und ihr Appetit werden, desto häufiger fliegen die Altvögel mit Nahrung zum Nest. Gegen Ende der rund vier Wochen dauernden Nestlingszeit tragen sie ungefähr alle 15 Minuten Futter heran. Sobald die Jungen jedoch offensichtlich die Flugfähigkeit erlangt haben, stellen die Eltern unvermittelt während etwa eines Tages die Versorgung ein - und bewirken mit diesem «Trick», dass die hungrigen Jungvögel das Nest verlassen und sich selbst nach Futter umsehen. Das Beutefangen ist bei den Eisvögeln eine angeborene Verhaltensweise und erfordert bloss ein wenig Übung. Schon wenige Tage nach dem Ausfliegen zerstreuen sich die Jungen darum, und auch die Altvögel trennen sich kurz danach.
Götzenlieste sind recht kampflustige Geschöpfe, welche mit viel Mut und Ausdauer ihren Nistplatz und ihre Jungen verteidigen und dabei weit grössere Tiere wie Katzen, Hunde, Wiesel, Warane, Krähen oder andere Vögel nicht nur angreifen, sondern zumeist auch erfolgreich vertreiben. Dieses Verhalten dürfte mit ein Grund dafür sein, warum Götzenlieste sich an Orten wie der Norfolkinsel, wo Ratten und andere vom Menschen eingeschleppte Raubsäuger ihr Unwesen treiben, gut halten konnten, während andere Vogelarten erhebliche Bestandseinbussen erlitten oder sogar ausstarben.
Kapitän Cook kam 1774
Die ersten Menschen, welche bleibende Spuren auf der Norfolkinsel hinterliessen, waren Polynesier gewesen. Archäologischen Untersuchungen zufolge dürften sie vom weiter östlich gelegenen Kermadec-Archipel her während des 14. oder 15. Jahrhunderts auf die Norfolkinsel gelangt sein. Sie errichteten ein Dorf und führten unter anderem die Bananenpflanze und die Polynesische Ratte (Rattus exulans)
ein. Ungefähr ein Jahrhundert nach ihrer Ankunft verschwanden diese frühen Siedler aus unbekannten Gründen wieder; möglicherweise starben sie aus. Die Insel blieb danach bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts unbesiedelt.
Am 10. Oktober 1774 entdeckte und besuchte Kapitän James Cook anlässlich seiner zweiten Weltumsegelung als erster Europäer das abgeschiedene Eiland - und schon 1788 liessen sich die ersten europäischen (genauer: britischen) Siedler darauf nieder. Im Zuge der damals beginnenden und inzwischen mehr als 200 Jahre währenden Urbarmachung der Insel wurde das lokale Ökosystem massiv beeinträchtigt. Besonders augenfällig ist dies daran zu erkennen, das der einstmals die ganze Insel überwuchernde subtropische Regenwald zwecks Gewinnung von Bau- und Brennholz sowie zur Schaffung von Anbauflächen und Viehweiden beinahe vollständig gerodet wurde. Frei umherlaufende Nutztiere wie Ziegen und Schweine sowie die als Jagdwild eingeführten Kaninchen haben das ihre zur Schädigung der natürlichen Lebensräume beigetragen. Im Übrigen haben eingeschleppte Hausratten (Rattus rattus)
und verwilderte Hauskatzen den heimischen Vogel- und Echsenbeständen stark zugesetzt.
Der letzte Rest unverfälschten Regenwalds weist eine Fläche von knapp fünf Quadratkilometern auf und befindet sich an den Hängen von Mount Bates und Mount Pitt, den beiden Hauptgipfeln der Norfolkinsel. Das Gebiet wurde 1986 in Form eines Nationalparks unter Naturschutz gestellt.
Selbstverständlich haben viele Tierarten, insbesondere die Wald bewohnenden, unter den gravierenden ökologischen Veränderungen erheblich gelitten. Mindestens sechs Landvogelarten gelten als ausgestorben, darunter drei endemische: der Dünnschnabelnestor (Nestor productus)
, ein Papagei, von dem 1851 in London das letzte bekannte Exemplar starb, die Norfolk-Erdtaube (Gallicolumba norfolciensis)
, welche gar schon im ausgehenden 18. Jahrhundert verschwand, und der Norfolk-Singstar (Aplonis fusca)
, der 1923 letztmals mit Sicherheit gesehen wurde. Zusätzlich gilt der endemische Weissbrust-Brillenvogel (Zosterops albogularis)
als kritisch bedroht; er konnte seit 2000 nicht mehr gesichtet werden.
Im Gegensatz zu diesen Vogelarten ist der Götzenliest durch die «Machenschaften» des Menschen kaum in Mitleidenschaft gezogen worden, ja er dürfte sogar in einem gewissen Ausmass von den ökologischen Umwälzungen profitiert haben. Er meidet nämlich dichte Wälder und bevorzugt offeneres Gelände, wie es durch die Aktivitäten des Menschen auf weiten Flächen entstanden ist. Ausserdem haben künstliche Erdabbrüche, besonders entlang von Strassen, das Nistplatzangebot für ihn erhöht. Genauere Erhebungen zur Bestandssituation des Götzenliests auf der Norfolkinsel liegen zwar keine vor; Schätzungen zufolge dürften aber heute rund tausend erwachsene Individuen auf dem Eiland leben. Eine unmittelbare Gefährdung des Bestands ist nicht bekannt, doch besteht wie bei allen Vogelarten, welche auf kleinflächigen, abgeschiedenen Ozeaninseln beheimatet sind, eine gewisse potenzielle Gefährdung, weil beispielsweise ein Vulkanausbruch, ein Wirbelsturm oder ein anderes plötzlich eintretendes Schadereignis schnell die Auslöschung des gesamten Bestands bedeuten kann.
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