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«Einen kurzen Weg von hier nach drüben gibt es nicht», teilt Taxifahrer Vadim Swinzow bei den Preisverhandlungen lapidar mit. Theoretisch seien es nur dreieinhalb Kilometer von hier, dem Zentralny Rajon, rüber in die «Autostadt». Doch durch den Wald führe keine Strasse, und so müsse man eben den dreimal so langen Weg unten herum an der Wolga nehmen.
Ein Wald. Das ist wahrscheinlich das Letzte, womit bei einem Besuch der 700’000-Einwohner-Stadt Toljatti zu rechnen war. Immerhin ist die Stadt an der Wolga als ein gigantischer Industriestandort, im Besonderen für sein Lada-Automobilwerk, bekannt. Breite, am Reissbrett gezogene Strassen, endlose Betonwüsten und eine Skyline voller Schornsteine – das hätte ungefähr den Erwartungen entsprochen.
Doch jetzt besteht Toljatti zunächst einmal nur aus einem Fluss und Bäumen. Acht Hektar voller Kiefern bilden das eigentliche Zentrum der Stadt, ihre grüne Lunge. Oder «die Seele unserer Stadt», wie Taxifahrer Vadim den Wald nennt. Ein Viertel der gesamten Fläche nimmt dieser Wald ein – ein riesiges, kostenloses Erholungsgebiet von sowjetischer Gebrauchsarchitektur und schlechter Luft. Und das, obwohl die Produktion der grossen Chemiewerke während des Aufenthalts der Schweizer Mannschaft angeblich gedrosselt werde, wie der Fahrer meint.
An seinem südlichen Rand wird aus der Ulitza Komtsina die Lesoparskoje Chaussee und führt vorbei an der Wolga, die sich hier zu einem See weitet, zum «Schiguli-Meer», wie er auch genannt wird. Entstanden ist der See durch das Kuibyschewer Wasserkraftwerk. Mitte der 1950er-Jahre gebaut, hat es den grössten künstlichen See Europas aufgestaut und nebenbei die fast 300 Jahre alte Ortschaft Stawropol im Wasser versinken lassen.
«Dachten schon, wir gehen leer aus»
Im neu errichteten Toljatti gibt es drei Stadtteile. Diesseits des Waldes heissen sie Komsomolski Rajon und Zentralny Rajon, jenseits des Waldes liegt Avtosavodsky Rajon. Kaum ein Gebäude ist über 50 Jahre alt.
Dafür hat die Wolga, der von den Russen fast schon mythisch verklärte Fluss, hier idyllische Buchten und einen Jachthafen. Auf der einen Uferseite ragt eine Art Kreidefelsen in die Flussbiegung, an dem tatsächlich Kalkstein gebrochen und Zement hergestellt wird. Den perfekten Blick darauf hat man von einer Halbinsel, auf der sich nicht nur das luxuriöse Lada-Resort, sondern auch einige Campingplätze befinden.
«Das eine ist für uns zu teuer, und die Zeltplätze sind jetzt für die nächsten Wochen für normale Besucher gesperrt», bemerkt Taxifahrer Vadim. «Trotzdem sind wir natürlich froh, dass wir die Schweizer Nationalmannschaft beherbergen dürfen. Wir dachten schon, dass wir während der Weltmeisterschaft leer ausgehen werden.»
Was den gewöhnlichen Togliattnitzi bleibt, sind die in Sowjetzeiten erbauten Ferienanlagen nebenan. Allerdings haben die auch schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Hier regiert der kultivierte Verfall. Zwischen maroden Gästehäusern, überwucherten Sportplätzen und verrosteten Sonnenschirmen verlieren sich ein paar Angler, am Ufer steht ein Russe mit seiner Geliebten am Grill und schaut den Fischen beim Garen zu. Sie trägt eine rote Satinjacke, die grell im Grün des Ufergrases leuchtet. Überschminktheit trifft auf Datschen-Derbheit.
Palmiro Togliatti – der Geburtshelfer Toljattis
«Italienischer Strand» heisst das Ufer hier. Ein Hinweis auf eine aussergewöhnliche Liaison: Italiener haben in der kurzen Geschichte des neuen Toljatti nämlich eine besondere Rolle gespielt. Als Namensgeber zum Beispiel.
1964 war hier in Zusammenarbeit mit Fiat die gigantische Automobilfabrik «Awtowas» eröffnet worden. Bei deren Planung hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti, wichtige Dienste als Geburtshelfer geleistet. Nur wenige Wochen vorher war der italienische Kommunistenführer beim Besuch eines sowjetischen Kindersommerlagers auf Jalta verstorben. Kurz darauf erhielt Stawropol seinen neuen Namen. Seitdem ist die Autostadt ohne besondere weitere Kennzeichen oder Sehenswürdigkeiten geblieben.
In Toljatti lief hunderttausendfach der «Russen-Fiat» vom Band. Der Lada galt im Ostblock als Luxuswagen.
Vor allem der Avotosavodsky Rajon entspricht einem typischen Konstrukt des 20. Jahrhunderts. So wie das deutsche Wolfsburg, das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Toljattis erste westliche Partnerstadt wurde. Auch hier würde keiner auf die Idee kommen, nach besonders alten Gemäuern oder über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Wahrzeichen zu suchen. Mal abgesehen natürlich vom gigantischen Volkswagenwerk und diversen Technikmuseen.
Und genau so ist es in der Stadt an der Wolga auch. Ab 1970 liefen aus dem Awtowas pro Jahr Hundertausende Schiguli- und Lada-Kleinwagen vom Band. Der «Russen-Fiat» machte vor allem im Ostblock Karriere. Er galt als Luxuswagen.
Doch die besten Jahre des Awtowas sind längst vorbei. In den kilometerlangen Produktionsstätten wird schon seit Jahren der rote Stift angesetzt. Die Zahl der Beschäftigten ist von einstmals 115’000 auf 30’000 gesunken. In den 1990er-Jahren gab es gewalttätige Verteilungskämpfe um die Vorherrschaft beim Autowerk, in deren Folge mehr als 500 Menschen, darunter auch kritische Journalisten und ein ehemaliger Bürgermeister, ermordet wurden.
Noch 2015 wurde in Toljatti der höchste Armutsindex von allen russischen Grossstädten ermittelt. Dreizehn Prozent der 720’000 Einwohner wurden dabei als «kritisch arm» und weitere 57 Prozent als «Menschen mit sehr geringem Einkommen» eingestuft.
Das «Torpedo»-Stadion musste aufgefrischt werden
Da tut es gut, dass die Weltmeisterschaft und vor allem die Anwesenheit der Schweizer Nationalmannschaft wenigstens für ein paar Wochen den Bedeutungsstatus hebt. Zwar spielt der lokale Eishockey-Klub in der KHL, der höchsten Liga, und auch in Sachen Motorsport, vor allem im Speedway, gilt Toljatti in Russland als gute Adresse.
Aber schon beim Fussball hört es mit dem einstigen Stolz der grössten russischen Stadt auf. Der FK Lada Toljatti dümpelt seit Jahren in den unteren russischen Ligen herum, sein Stadion «Torpedo» genügte den Ansprüchen der Fifa nicht und musste generalüberholt werden, um als Trainingsstätte der Schweizer Nationalmannschaft zu taugen.
Der Stolz der Sowjetarmee
Gern hätte Taxifahrer Vadim den neuen Rasen gezeigt. Er erfüllt ihn mit Stolz. Doch auch beim «Torpedo»-Stadion ist die Wachmannschaft nicht zu erweichen, ähnlich wie schon vor dem Tor des Lada-Resorts.
Also lenkt der 58-Jährige seinen Lada ein paar Strassenzüge weiter zum sogenannten Technikmuseum. Der Grösste seiner Art auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sei dieser Maschinenpark unter freiem Himmel, sagt er. Vollgestellt mit Panzern, Flugzeugen, Helikoptern, Radaranlagen, Flugabwehrsystemen und einem gigantischen U-Boot der Baureihe B 307, zeigt es den ganzen untergegangenen Stolz der Sowjetarmee.
Zwischen all den Stahlungetümen schiessen Väter und ihre Söhne mit Spielzeug-Maschinenpistolen aufeinander. Noch gibt es andere Ablenkungen als die am Donnerstag beginnende Fussball WM.