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Wenn der Mensch zu teuer wird …!
9. März 1997 ∙ Moritz Nestor
Die Fa. Hoechst und die US-amerikanische Universität von Michigan haben unlängst mit dem unsittlichen Patent auf eine neue Giftmischung für die Tötung von Patienten von sich reden gemacht hatte (vgl. Zeit-Fragen Nr. ….). Auch in der Computerbranche scheint längst die Skrupellosigkeit erwacht zu sein, an den Folgen der „Euthanasiekampagne“ gut mitverdienen zu wollen. Mehrere Computerprogrammen wurden in den letzten Jahren weltweit auf den Markt geworfen oder sind in Erprobung, mit denen an „Euthanasie“, an Suizid beziehungsweise an skrupellosen Rationierungsmassnahmen im Gesundheitswesen verdient wird bzw. werden soll.
In England berechnet ein Programm bereits die Lebenschancen von Komapatienten. Ein anderes in den USA entwickeltes kalkuliert die Überlebenschancen und Kosten von Patienten, wobei ein schwarzer Sarg mit einem weissen Kreuz auf dem Bildschirm aufleuchtet, wenn jemand zu teuer kommt. Der exzentrische australische Arzt Philip Nitschke hat ein Programm „erfunden“, mit dem sich bereits drei lebensmüde Patienten in Northern Territories (Australien) mit staatlicher „Erlaubnis“ selbst getötet haben. Dieser Computer fragt: „Wenn Sie die nächste Frage mit Ja beantworten, wird Ihnen innerhalb von 30 Sekunden eine tödliche Spritze injiziert. Wollen Sie fortfahren?“ Nitschke redet sich aus der Verantwortung, er sei nicht an dem Tod der Patienten schuld, weil er ihnen ja die Verantwortung überlasse, den letzten Druck auf den Computer auszuführen!
In deutschen Intensivstationen wird zur Zeit ein weiteres in England entwickeltes Computerprogramm ausprobiert. Es ist in England bereits schon in einigen Kliniken im Einsatz und berechnet, wieviel ein Patient bereits gekostet hat und wie schlimm es um ihn steht. Um die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen, nennen die „Erprober“ an der Berliner Charité dies: „Qualitätsüberprüfung unserer Mediziner“! Man wolle nach jeder Behandlung erproben, ob die Arbeit der Intensivmediziner „optimal“ war, geben sie zu.
Wie lange wird es dann dauern, bis ein Arzt, der alles für einen Menschen getan hat, und dem dann gesagt wird, seine Arbeit sei zu teuer, im nächsten oder übernächsten Fall zu früh mit seiner Hilfe aufhört? Und wie lange wird es dauern, bis weniger Skrupellose daraus „Regeln“ ableiten, wann ein Mensch zu teuer ist? Hier drohen unmenschliche Folgen, auf die auch Frau Müller-Dannecker von der Berliner Ärztekammer hinwies. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Hamburger Ärztekammer, spricht unmissverständlich von einem „Selbstmordprogramm für Intensivstationen“. „Wenn das Überleben eines Menschen“, sagte er, „von wirtschaftlichen Kriterien abhängig gemacht wird, dann sind wir ethisch da, wo die Nazis aufgehört haben.“ Falls dieses Programm in Intensivstationen eingeführt werde, müssten alle Patienten unbeschreibliche Angst davor bekommen und die Intensivstationen würden sich dadurch leeren, meinte er.