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Achtung, sie kann denken
Der Roman «I Love Dick» der Amerikanerin Chris Kraus gilt als feministisches Schlüsselwerk. Aber diese Bezeichnung reduziert das Buch auf etwas, das es nicht ist: Frauenliteratur.
Sensation!», hiess es in der Literaturszene, als Chris Kraus’ Roman «I Love Dick» 1997 in den USA erschien. «Was soll daran sensationell sein?», fragte die Autorin daraufhin in einem Interview. «Hat noch nie jemand einen Roman gelesen, in dem eine Frau ihren Mann verlässt und eine Affäre hat?» Davon handelt ihr Erstling – und doch von so viel mehr. Kraus’ Roman beruht auf ihren Erlebnissen mit einem realen Typen namens Dick. Trotzdem ist es kein Bekenntnisschreiben einer notleidenden Verliebten. Vielmehr hat man es mit einer Mischung aus Fiktion, humoristischer Selbstreflexion und Kulturkritik zu tun, erzählt vor dem Hintergrund einer erotischen Obsession.
«I Love Dick» wurde als Schlüsselwerk bezeichnet zur Frage, wo die Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion verlaufe. Der Roman gilt ausserdem als einer der wichtigsten feministischen Texte des 20. Jahrhunderts. Chris Kraus dazu: «Ich bin keine feministische Autorin. Ich bin eine Frau, die schreibt.» Tatsächlich drängt das Feminismus-Etikett ihren Erstling zurück in die Ecke, aus der Kraus sich hervorzukämpfen versucht: die Frauenliteratur. Der Roman fand lange wenig Beachtung. Erst seit junge Autorinnen wie Lena Dunham in ihren Blogs daraus zitieren, erlebt er eine Renaissance. Jetzt wird er als Serie verfilmt.
Schreiben als sexuelles Stimulans
«I Love Dick» ist der erste Teil einer Trilogie, es folgen «Aliens & Anorexia» (2000) und «Torpor» (2006). «Dick» handelt von der experimentellen Filmemacherin Chris Kraus, 39, die stets im Schatten ihres 56-jährigen Ehemanns Sylvère steht. Der Franzose ist Holocaustüberlebender und Literaturprofessor. Eines Abends besuchen die beiden Dick, einen Soziologen und Freund Sylvères. Man diskutiert, trinkt und flirtet, und am nächsten Morgen bekommt Chris Dick nicht mehr aus dem Kopf. Sie erzählt Sylvère von ihrer Schwärmerei, dieser schlägt ihr vor, Dick Briefe zu schreiben – und macht selber gleich mit.
«Möglich, dass Sylvère pervers ist», notiert Chris. Das gemeinsame Schreiben wird zum Spiel, das die Ehe des quasi asexuell gewordenen Paars neu belebt. Sie schicken nichts ab, aber Chris denkt an ein Kunstprojekt: Sie will Dick dabei filmen, wie er die Briefe liest. Doch der will nichts davon wissen. Ab und an schaltet sich die Autorin Kraus als Erzählerin ein und beschreibt das Leben von Chris und Sylvère: Während er Weihnachten in Europa verbringt, räumt sie ihr Ferienhaus in Kalifornien und transportiert die Sachen im Auto nach New York. Sie trennt sich von Sylvère und schreibt weiterhin Briefe an Dick, den sie ein paarmal trifft und mit dem sie einmal schläft.
Je länger sie schreibt, desto mehr werden Chris’ Briefe zu Essays und Dick zur Projektionsfläche für ihre kulturtheoretischen Reflexionen und die sarkastische Auseinandersetzung mit der Kunstszene im New York der achtziger Jahre. Dort werden brillante Frauen wie Chris als «schrullig» bezeichnet; wenn sie gebildet sind, als «begeisterte Leserin». An Partys sind sie die namenlose «Begleitung von». Männer sagen, «du denkst zu viel», wenn sie einer Intellektuellen nicht folgen können und das Interesse an ihr verlieren, falls die Aussichten auf Sex schlecht sind.
Die Autorin Chris Kraus, 1955 in der Bronx geboren, lebte mit ihrer Familie für einige Jahre in Neuseeland, bevor sie mit 21 zurück nach New York zog und Filmemacherin wurde. Dort lernte sie Sylvère Lothringer kennen, mit dem sie verheiratet war und bis heute den Verlag Semiotext(e) leitet. Sie verlegen französische Intellektuelle wie Gilles Deleuze, Michel Foucault, Paul Virilio. «I Love Dick» ist gespickt mit Bezügen auf europäische Denker und Philosophen und ebenso auf Werke von amerikanischen Künstlerinnen wie Jennifer Hanbury, Katherine Mansfield und Hannah Wilke. Je besser man mit ihren Werken vertraut ist, desto schillernder wird Kraus’ Roman.
Liebe macht nicht blind
Kritiker warfen ihr damals vor, «I Love Dick» sei verächtlich. «Sobald eine Frau über ihre Erfahrungen schreibt, nennt man es ‹Bekenntnis›», kommentierte Kraus. Analytisches Denken und die Fähigkeit, zu beschreiben, traue man ihnen nicht zu. «Aber warum sollten Frauen nur über spezifisch Weibliches reden oder schreiben können?» Während das männliche «Ich» allgegenwärtig sei in der Literatur und man diesem Ich-Sagenden zutraue, dass seine Worte universelle Gültigkeit hätten, habe die ichsagende Frau viel zu lange als nichts anderes denn selbstbezogen und introspektiv gegolten. In der Literatur werden Frauen gern darauf reduziert, einem Mann hinterherzuhecheln, Liebeskummer zu haben und nicht viel mehr zu wollen, als zu heiraten und dann schwanger zu werden.
Statt Kindern hatte Chris drei Abtreibungen; sie ist zwar verliebt in einen unerreichbaren Mann, dessen Name ein sprechender ist – «Dick» heisst übersetzt nicht nur Penis, sondern auch Idiot. Aber statt ihren Verstand zu verlieren vor lauter Verliebtheit, schärft sie ihn daran. Damit hat Chris Kraus das «Ich» zurückerobert, das heute unter Autorinnen immer selbstverständlicher wird.
Erschienen am 23. April 2017 in der NZZ am Sonntag.
(Bild: Matthes & Seitz)