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Statt beschaulich dahinzuplätschern, verwandelte sich die Thur am Freitag in einen reissenden, breiten Fluss. Dicke Baumstämme tanzten auf den schlammig-braunen Wogen wie leichte Spielbälle. Sämtliche Kiesgebiete im Naturschutzgebiet Thurauen waren restlos überflutet.
Für Thur und Sitter gab es am Freitag und Samstag eine Hochwasserwarnung. In Andelfingen wurde am Freitagmittag eine Abflussmenge von 685 Kubikmetern pro Sekunde gemessen. Die Polizei Thurgau meldete am selben Tag mehr als 140 Schäden, überflutete Keller und Strassen. Laut Meteo Schweiz fielen in den drei Tagen davor gebietsweise mehr Niederschläge als sonst im ganzen Monat Juli.
1876 war es viel schlimmer
Auch wenn dieses Hochwasser eine gewisse Gefahr barg, der Gütighauser Campingplatz für zwei Tage geräumt wurde und es in Zürich verboten war, auf der Limmat zu «böötlen» – es war kein Vergleich mit den Hochwassern, die früher wüteten.
Vor 145 Jahren, im Juni 1876, führte langanhaltender, ergiebiger Regen zu so viel Wasser, dass alle Flüsse über die Ufer traten und riesigen Schaden anrichteten. Hänge, Strassen und auch Häuser wurden weggespült. An der Thurbrücke in Andelfingen ist an der Hochwassertafel nur das Hochwasser von 1789 höher markiert. Und an dritter Stelle folgt eines aus dem Jahr 1664.
In einem Beitrag erinnerte die Andelfinger Zeitung am 18. Juni 1946 an das Jahrhunderthochwasser von 1876, das die gesamte Ost- und Nordostschweiz heimsuchte. Selbst 70 Jahre danach würden noch alte Leute von den «angstvollen Tagen» erzählen. Die beispiellose Nässe jenen Jahres sei einzigartig in der Zürcher Witterungsgeschichte. Bereits der Februar sei mit der dreifachen Menge Niederschlag ausserordentlich regnerisch gewesen. Der März brachte die vierfache, April und Mai die doppelte übliche Niederschlagsmenge. Bis Mitte Juni war bereits die gesamte durchschnittliche Jahresmenge Wasser vom Himmel gefallen.
Viermal mehr als Wolkenbruch
Das viele Wasser über diese Monate hatte die Böden aufgeweicht, und diese konnten kaum noch Feuchtigkeit aufnehmen, wie in einem Artikel von Ingenieur Allemann im «Eisenbahner» von 1876 zu lesen ist. Darauf sei in nur zwei Tagen die bis zu vierfache Menge eines «normalen» Wolkenbruchs gefallen. «Die Retentionsfähigkeit (Aufnahmefähigkeit) der Wälder und der bewaldeten Abhänge hat uns diesmal im Stich gelassen, was die vielen Rutschungen an den bewaldeten Gehängen der betroffenen Landesteile zur genüge beweisen», schrieb Allemann damals. Dies sei eine der Ursachen für das extreme Hochwasser.
Thur trotzdem begradigt
Eine andere sah er in der für diese Regenmengen ungenügenden Weite der Abflussprofile der Bäche und kleineren Flüsse. Er plädierte dafür, bei neuen Flusskorrekturen steile Uferböschungen zu vermeiden und stattdessen flache Böschungen anzulegen. Trotzdem wurde nach dem Hochwasser auch die Thurkorrektion vorgenommen und der Fluss über weite Strecken in ein schnurgerades Flussbett gezwängt. 1890 war dieses Riesenbauwerk beendet – inzwischen wurde die Thur aber an einigen Strecken wieder renaturiert, wie beispielsweise im Naturschutzgebiet Thurauen. Hier darf die Thur auf dem letzten Stück vor der Mündung in den Rhein wieder frei fliessen.
Auch der Rhein war 1876 vom Hochwasser betroffen. In Ellikon am Rhein ist dies am Gebäude des Gasthauses zum Schiff die höchste Hochwassermarke. Damals waren in Bussnang Häuser vom Furtbach weggeschwemmt worden, darunter auch das Notariatsbüro. Laut der Weinfelder Chronik wurden dabei Bücher, Zivilstands- und andere Akten weggeschwemmt und in Rüdlingen in einer Kiste wieder gefunden.