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Die 60er Jahre sind von einer starken Erweiterung der Jazz-Szene geprägt. Die Zahl der Musiker, Formationen und der Fans hat stark zugenommen. Die Glarner Jazzer wagen sich an nationale Wettbewerbe und veranstalten viele Konzerte. Im Band 86/2006 des Glarner Historischen Vereins wird die Geschichte ausführlich beschrieben.
Jährlich findet eine „Nuit de Jazz“ statt, die Geschichte schreibt. Nationale und internationale Jazz-Grössen treten im Glarnerland auf. Insgesamt haben 11 Jazznächte stattgefunden; die erste „Nuit de Jazz“ ist am 3. Dezember 1960 über die Bühne gegangen und übertrifft alle Erwartungen. Im prall gefüllten Schützenhaus-Saal treten die Zürcher All Stars, das Quartett des Niederurner Pianisten Harry Blumer, die Lucky Tremblers Big Band und die Dixielandformation dieser Big Band auf. Star des Abends ist Nelson Williams, ein ehemaliger Trompeter des Duke Ellington Orchestras. Die an das Konzert anschliessende Jam Session dauert bis zum Mittag des Folgetags und findet im extra geöffneten Café City, mit einer Mehlsuppe, seinen Abschluss.
Ich selbst bin 1960 14 Jahre alt. In der Knaben- und Harmoniemusik Glarus habe ich gelernt Klarinette zu spielen. Der Besuch des „Nuit de Jazz- Konzerts“ hat mich tief beeindruckt, habe ich doch bisher nur Schallpatten von Jazzmusikern gehört. Nach Konzertschluss habe ich allerdings den Heimweg unter die Füsse genommen; noch zu jung um länger dabei zu sein und schon gar nicht um das Tanzbein zu schwingen. Die Marschmusik hat mich nie befriedigt. Auf dem Plattenspieler habe ich Dixielandmusik aus New Orleans aufgelegt und gelernt der Spur nach mitzuspielen. Louis Armstrong mit seinen All Stars und Benny Goodman, der begnadete Klarinettist, haben mich als Vorbild sehr beeindruckt. Schon bald habe ich aber eingesehen, dass ich mit meinen Fähigkeiten Klarinette zu spielen an Grenzen stosse. Jeder soll das tun, was er kann. Für mich hat dies bedeutet, dass ich im Spitzensport als Leichtathlet Erfolg gehabt habe. Als Junior habe ich es zu Meisterschaften und zur Teilnahme am erweiterten Olympiakader für Mexiko gebracht. Eine schwere Knieverletzung hat der Karriere aber ein Ende gesetzt. Nach der Maturität bin ich aus dem Glarnerland zum Studium und zur Berufsausübung ausgewandert und nicht mehr zurückgekehrt. Die Verbindung zum Jazz ist allerdings geblieben. So denke ich heute noch an die Auftritte bei „Nuit de Jazz“ und entwickle dabei nostalgische Gefühle, die aus dem Langzeitgedächtnis auftauchen. Dies geschieht vor allem dann, wenn ich heute die grossen Jazzmusiker auf dem Plattenspieler, verbunden mit einer High-Tech-Anlage, hören kann.
Nach dem Grosserfolg der Erstauflage „Nuit de Jazz“ beschliesst der Jazzklub die zweite Auflage, die am 14.10.1961 über die Bühne geht. Der Klarinettist Albert Nicolas and his Original New Orleans Jazzband tritt mit weiteren Musikern wie Fritz Trippel, Jeanpierre Mulot und Kansas Fields im Schützenhaus auf. Der Trompeter Peanuts Holland liegt im Spital und der Schlagzeuger Kansas Fields wird an der Grenz zurückgehalten. Die Sängerin Beatrice Reading füllt die Lücke und wie….Albert Nicolas führt mit seinem unverwechselbaren Spiel in die älteste Form, den New Orleans, ein. Die originelle und fröhliche Spielweise bringt den Schützenhaussaal zum Beben. Beatrice Reading, die mit Lionel Hampton konzertiert, singt mitreissende und langsame Songs wie „Summertime“ oder „Nobody Knows“ und zeigt die religiöse Form des Jazz. Zum Abschluss des Auftritts singen Nicolas und Reading das unvergleichbare „Oh when the Saints…“ Ein unvergesslicher Abend, der mit Tanz durch die Nacht weitergeführt wird.
Die „Nuit de Jazz“ vom 20. 10.1962 ist der Schweizer Jazzscene gewidmet. Auftritte der einheimischen «Lucky Tremblers», der Zürcher «The Saints», des «Trefzger-Schneeberger-Quartets» und des «Hazy Frischknecht Sextets» bilden den Rahmen für den Star des Abends Jack Dupree, der von den heimischen Jazzern begleitet wird. Morgens um 3 Uhr taucht der Klarinettist Tabis Bachmann auf. Die Folge ist eine bis in die Morgenstunden dauernde Jam Session. Nach der vierten «Nuit de Jazz» verordnen sich die Organisatoren eine Pause bis 1972. Nach weiteren Konzerten, mit internationalen Jazz-Grössen wie Benny Bailey oder Chic Coltrane, findet «Nuit de Jazz» zu letzten Mal 1988 statt.
Das bedeutet nicht, dass in der Jazz-Scene nichts passiert. Johannes Kobelt gründet 1967 die «Jumping Stones», eine Dixieland-Kleinformation. Die Zusammensetzung ist erwähnenswert, weil sie unkonventionell ist: Werner Neumann, Trompete – Jost Trümpy, Posaune – Johannes Kobelt, Klarinette – Edy Kieser, Banjo – Hans Brunner, Washbrett – und Urs Batt, Tuba. Die Spielweise überrascht durch den einmaligen Klangkörper und die kreativen Arrangements. Endlich gelingt einer Glarner Band der Sprung an das Jazz-Festival in Zürich, wo 1969 der zweite Platz belegt wird. Jost Trümpy erringt den dritten Platz in der Kategorie Posaune, alter Stil. Seine Ansagen der Stücke sind von Humor getragen und schaffen schnell den Kontakt mit dem Publikum. Ich kann mich noch gut an den Auftritt im Zürcher Corso Theater erinnern. Der Saal bebte beim Auftritt der Glarner. Eine Machtdemonstration der angereisten Glarner. Die Kombination von kreativem Spiel in einer aussergewöhnlichen Zusammensetzung mit unvergleichlichem Sound und die Unterstützung der heimischen Glarner hat zum verdienten Erfolg geführt. Die Jumping Stones existierten bis 1975. Selbst wenn ich zu dieser Zeit nicht mehr im Glarnerland gelebt habe, sind die nostalgischen Erinnerungen an diese Zeit bis zum heutigen Tag geblieben.
Johannes Kobelt formiert 1971, auf der Basis der Musiker aus der «Jumping Stones-Band» die «Glarona Jazz Tigers». Mit dem Hinzuzug namhafter Zürcher Jazzmusiker, mit neuen Arrangements und einer gewissen Reifung aller Beteiligten gelingt der Durchbruch zu einer echten Swingband, was auf den vier am 21.5.1973 im Phonag-Studio Lindau eingespielten Stücken dokumentiert ist. Der Auftritt im Badener Kornhaus-Kellertheater von 1973 führte zu einer Polemik in der lokalen Presse. Begeisterung und Ablehnung waren zu hören. Was die «Glarona Jazz Tigers» und ihre Solisten spielten, war mehr, als was unter dem Begriff «Amateur» zu erwarten ist. Das etwas überschwenglich angekündigte Jazz-Ereignis hat stattgefunden. Auch Neider müssten dies anerkennen. Die Band müsste eigentlich ans Internationale Jazzfestival geschickt werden. Andere reagierten entgeistert und kritisierten die Spielweise fundamental.
Das Abflauen des Interesses am Jazz ist langsam, trotz Elvis und den Beatles. Die Generation, die den Jazz zwischen 1950 und 1960 entdeckt hat, bleibt ihrer Musik treu. Was nachlässt, ist er Nachschub an jungen Amateuren und Zuhörern. Der Jazz wird von einem Massen- zu einem Sparten- und Kunstphänomen. Eine Erweiterung der Stile und die Vermischung verschiedener musikalischer Ausrichtungen findet statt. Die jüngere Generation schafft sich ihre eigene Infrastruktur des Jazzunterrichts, was zur Gründung der ersten Jazzschule, 1967 und 1971 in Bern und Luzern geführt hat. Mir bleibt die nostalgische Erinnerung an eine lebendige und intensive Zeit aus der Goldenen Zeit des Jazz.
Eduard Hauser