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Ich stehe auf dem grossen Platz vor dem Edinburgh Castle und betrachte von dieser Anhöhe aus die ganze Stadt. Ich blicke gen Norden und sehe die vielen viktorianischen Häuser der New Town. Ich wende meinen Kopf nach rechts. Vom Nordosten her ertönen die Schreie von Möwen. Dort befindet sich das Hafenquartier Leith. Im 18. und 19. Jahrhundert sind von dort Schiffe in alle Welt ausgelaufen, um exotische Waren aus allen Winkeln des British Empires nach Edinburgh zu befördern.
Auf dem grossen Platz vor dem Schloss wird jährlich das Edinburgh Military Tattoo veranstaltet, ein grosses Konzert mit Dudelsackgruppen aus ganz Schottland. Zudem werden noch andere Musikgruppen aus aller Welt eingeladen. So hat zum Beispiel in diesem Jahr die Trommelgruppe Top Secret aus Basel mitgespielt. Wenn die Dudelsackspieler auf den Platz kommen, beginnt die ganze Tribüne zu beben und die Nackenhaare stellen sich auf.
Nicht alles war früher besser
Ich verlasse den Platz und begebe mich auf die Royal Mile, die Hauptschlagader der Old Town. Wie eine Wirbelsäule verläuft diese Strasse vom Schlosshügel runter bis zum Palace of Holyroodhouse. Links und rechts von mir bemerke ich viele kleine Gässchen, die Closes. Keine zwei Meter breit führen sie von der Royal Mile weg. Früher hat es mehrere Hundert solcher Gässchen gegeben, die zu den Hinterhäusern der Altstadt führen. Ich sehe die vielen Häuser, die sehr hoch und schmal sind. In der Renaissance mussten in der Altstadt mehrere Hunderttausend Menschen auf engstem Raum leben. Die Kamine erzeugten so viel Rauch, dass man Edinburgh hat riechen können, bevor man es gesehen hat. So bekam es den Spitznamen „Auld Reekie“ – alt stinkig. Kein Ort, wo man lange gesund lebte.
Bürgermeister am Galgen, Autor der „Schatzinsel“
Langsam kriege ich Durst. Da bietet sich die Gelegenheit, das Pub „Deacon Brodie“ aufzusuchen. Nebst Whisky kann man auch schottische Ales oder englischen Tee bestellen. Der Name „Deacon Brodie“ stammt aus einer alten Geschichte, wie mir der Kellner erzählt. Deacon Brodie ist einst Bürgermeister dieser Stadt gewesen; ein ehrbarer Mann. Doch in der Nacht ist er von Haus zu Haus gegangen und hat Silber und Kerzenständer gestohlen. Am Ende ist er an den Galgen gehängt worden, die er selber entworfen hat. Jahre später hat sich der schottische Autor Robert Louis Stevenson davon inspirieren lassen, den Bestseller „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ zu schreiben.
Plötzlich sehe ich zu meiner Linken ein Schild, worauf steht: Writers-˜ museum. In diesem Museum, das sehr hübsch eingerichtet ist, werden mir die Leben der drei berühmtesten schottischen Autoren gezeigt: Robert Burns (My love is like a red red rose), Sir Walter Scott (Waverley) und Robert Lewis Stevenson (Die Schatzinsel). Viele Philosophen und Wissenschaftler, darunter der Aufklärer David Hume und der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith haben eine Zeitlang in Edinburgh gewirkt. Wegen ihnen allen nennt man Edinburgh auch Athen des Nordens.
Spucken soll Glück bringen
In die Gegenwart zurück ruft mich ein verkleideter Mann, ein Strassenkünstler, der eine Menge um sich schart. „Kommt her und bewundert meine Show!“, ruft er. Im August findet alljährlich ein grosses Theaterfestival statt, das Fringe. Viele hundert Shows werden angeboten, die meist nicht sehr teuer sind. Sie reichen von Comedy über kleine Musicals bis zu ernsten Tragödien. Auf der Royal Mile preisen die einzelnen KünstlerInnen und Gruppen ihre Show an, bieten kleine Einblicke und verteilen Flyer.
Ich wandere weiter in der Royal Mile und stehe auf einmal vor der grossen Kathedrale der Altstadt St. Giles. Gerade will ich ein Photo machen, da rempelt mich ein älterer Herr an. „Excuse me“, sagt er und spuckt auf den gepflasterten Boden. Ich bin etwas verwirrt. Da sehe ich, dass dort ein Herz eingelassen ist. Warum er das getan hat, frage ich ihn. „It is a good auld tradition of Embra (Edinburgh).“ Warum viele Menschen ins Heart of Midlothian spucken, darüber ist man sich nicht einig. Angeblich soll es Glück bringen. Jedenfalls ist das Heart of Midlothian das Zentrum des Bezirks Midlothian.
„At least the weather isnae dreich“
Als ich eine grosse Kreuzung überquere, weht ein kalter Wind mir fast den Hut vom Kopf. Nicht umsonst besitzt die Stadt den Namen „Windy City“. Regen fällt bei starken Windverhältnissen sogar fast horizontal. Einen bärtigen Schotten höre ich sagen: „At least the weather isnae dreich.“ – Zumindest das Wetter sei nicht miserabel und grau.
Schliesslich am Fusse der Royal Mile steht majestätisch Holyrood Palace, Residenz der Queen, wenn sie Schottland einen Besuch abstattet. Der Eintritt ist zwar teuer, aber allein die Parkanlagen sind bei gutem Wetter einen Besuch wert. Höhepunkt im Schloss sind die Gemächer der schottischen Königin Maria Stewarts, worin man ihren Liebhaber niedergestochen hat. Die Royal Mile war einst die wichtigste Strasse von Edinburgh. Noch heute, obwohl sie fast nur noch Shoppingmeile ist, strömen täglich Hunderte von Touristen auf diese Strasse, um etwas von ihrer spannenden Geschichte zu hören und die schönen alten Gebäude von „Auld Reekie“ zu bestaunen.