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TESTOSTERON – EINE WUNDERTÜTE?
„Je länger der Zyniker lebt, desto mehr beschleicht ihn das Gefühl, Liebe wäre eine hormonelle Entgleisung.“
Wolfgang J. Reus
Das Hormon Testosteron wird zu 90-95% beim Mann im Hoden und bei der Frau im Eierstock gebildet. 5-10% stammen aus der Nebennierenrinde. Mann und Frau haben sowohl männliche als auch weibliche Hormone, wenn auch in unterschiedlicher Menge.
Was sind die Wirkungen von Testosteron?
Das Hormon Testosteron wirkt in allen unseren Lebensphasen und praktisch allen unseren Organen. Selbst die Stimmung wird positiv beeinflusst. Im Einzelnen:
Beide Geschlechter:
Stoffwechsel:
Verbesserung des Fettstoffwechsels (Cholesterin, freie Fette)
Verbesserung des Zuckerstoffwechsels (Erhöhung der Zuckertoleranz, Anti-Diabetes-Faktor)
Blut:
Bildung roter Blutkörperchen
Knochen:
Knochenaufbau
Erhöhung der Knochendichte
Muskeln:
Erhalt und Aufbau der Muskeln
Sexualität:
(Steigerung der) Libido
Erhöhte sexuelle Aktivität
Erektionsfähigkeit
Zentralnervensystem/Gehirn:
Positiver Einfluss auf Stimmung und Psyche
Mehr Antrieb
Weniger subjektive Müdigkeit
Körperliche Leistungsfähigkeit:
Steigerung der Leistung
Verbesserung des Sauerstoff-Haushaltes
Vorwiegend beim Mann:
Geschlechtsorgane:
Ausbildung der männlichen Geschlechtsorgane
Haut und Haare:
Bartwuchs
Männliche Körperbehaarung
Wie wirkt sich ein Testosteron-Mangel (Hypogonadismus) aus?
Wie aus obenstehendem ersichtlich wird, hat ein Mangel an Testosteron, der bei den Wechseljahren des Mannes, der sog Andropause (die schleichender verläuft als die weibliche Menopause) eintreten kann, nicht nur auf die Sexualität eine Auswirkung. Insbesondere kann es zu einer Ausbildung des sog. Stoffwechselsyndroms = metabolisches Syndrom) kommen. Das ist ein Komplex aus folgenden Krankheitsbildern, die einzeln oder in toto auftreten können:
Bluthochdruck
Übergewicht
Diabetes Typ II
Fettstoffwechsel-Störung(en) (sog. Dyslipidämien)
Die amerikanische Medizin-Literatur spricht vom „Deadly Quartet“.
Gute oder angehobene Testosteron-Werte verbessern insbesondere die Zuckertoleranz , die diversen Cholesterin-Fraktionen und die freien Fette. Die Risiken schlechter diesbezüglicher Werte auf insbesondere das Herz-Kreislauf-System sind hinlänglich bekannt, inklusive das Risiko thrombo-embolischer Ereignisse. Mulligan et al. zeigten in einer prospektiven Studie an 2165 Männern > 45 Jahren folgende Häufigkeiten bei Testosteron-Mangel auf:
Dyslipidämien: 40%
Bluthochdruck: 42%
Diabetes II: 50%
Adipositas: 52%
(Mulligan T. et al. Int. J Clin Pract 2006;60:762-769)
Ebenso fördert ein Testosteronmangel eine schnellere altersbedingte Rückbildung der Muskeln und der Knochendichte (Stichwort: Osteoporose), Konzentrationsschwäche, Müdigkeitsgefühle, Schweissausbrüche/Hitzewallungen und depressive Verstimmungen mit Abnahme der geistigen Aktivität und insbesondere Lebensfreude.
Warum sollte insbesondere der Mann seinen Bauchumfang kennen?
Der Bauchumfang ist kein Mass für die Menge an Bauchmuskeln, sondern für die Menge an Fett im Bauchraum. Diverse Studien haben gezeigt: Je grösser der Bauchumfang beim Mann, desto niedriger ist in der Regel sein Testosteron-Spiegel. Männer mit einem Bauchumfang über 102 cm haben mit hoher Wahrscheinlichkeit einen zu tiefen Testosteron-Spiegel.
Ein dicker Bauch ist nicht sexy, auch nicht besonders gemütlich. Wer das behauptet, betreibt Selbstbeweihräucherung. Aber das Bauchfett ist vor allem eine „Hormonfabrik“. Es produziert Substanzen, die zu Entzündungen an den Gefässen führen und diese verengen können. Deshalb messen wir in der Männerpraxis nicht nur das gesamte Körperfett, sondern auch das Bauchfett (=viszerales Fett).
Hinterlistige Fettzellen
Die Fettzellen treten in doppelter Hinsicht negativ auf:
Sie produzieren einerseits unkontrolliert das Sättigungshormon Leptin. Dadurch verringert sich seine Wirkung als Essbremse. Es kommt zu einer übermässigen Nahrungsaufnahme, da das Sättigungsgefühl nicht einsetzt.
Andererseits gibt es in den Fettzellen das Enzym Aromatase. Dieser Schlingel wandelt Testosteron in Östrogen um, das heisst, fette Männer verweiblichen, was bestenfalls im Sinne von radikalisieren #Hashtag-Feministinnen sein kann. Schon mal gewundert, warum so richtig übergewichtige Männer Brüste haben? Alles klar jetzt?
FRAUEN SPECIAL:
Alles bisher gesagte trifft im Prinzip auch auf Frauen zu, da es auch bei der Frau eine anabole (aufbauende und erhaltende) Wirkung entfaltet:
Herz-Kreislauf, Stoffwechsel, Knochendichte, Muskulatur, Psyche/Stimmung, Sexualität.
Trotzdem wird Testosteron heute noch häufig als lediglich männliches Hormon angesehen. Obwohl Testosteron bei der Frau in einem zehntel Ausmass wie beim Mann produziert wird, ist es ein wichtiges Hormon auch für die weibliche Sexualität und Gesundheit generell. Frauen mit Testosteronmangel haben nach Substitutionstherapie (Ersatztherapie) von Testosteron nachweislich häufiger Geschlechtsverkehr, eine positive Bejahung des Sexuallebens und eine normale(re) Orgasmusfähigkeit. Insbesondere nach Unterleibsoperationen wie Gebärmutter- und Eierstockentfernung entwickeln ca. 50% der betroffenen Frauen ein sog. HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder). Nach Normalisierung des Testosteronwertes kam es zu einer Steigerung der sexuellen Aktivität um 74% (Prof. Susan David, Melbourne).
Diagnose eines Testosteronmangels
Bevor Sie nun irgendwo auf dem Schwarzmarkt des Internets als exquisites Weihnachtsgeschenk Testosteron für Ihre(n) PartnerIn kaufen nach dem Motto „lieber starke TigerInnen statt schlaffe KriegerInnen“ bedenken Sie eins:
„Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt,“sagte Demokrit schon im alten Griechenland. Dem ist beizupflichten. Längst nicht alle Menschen haben nach Meno- oder Andropause einen Testosteronmangel. Für Frauen und Männer empfiehlt sich als Top-Diagnostikum die Blutbestimmung.
Für Männer gibt es zudem noch einen spezifischen Testfragebogen, den AMS-Test (Aging Males’ Symptoms rating scale), den wir in der Männerpraxis natürlich griffbereit haben.
In den 80 und 90ern war es hip, im Rahmen des Anti-Aging-Hypes einfach allen Männern ab 45 Testosteron zu verabreichen. Das kann unter Umständen zu einem massiven Eingriff in den hormonalen Haushalt eines Menschen führen. Ist zu viel Testosteron an Bord, kann es zu Leber-, Nieren-, Prostata oder Herzschäden kommen, ebenso verkümmern die Testosteron produzierenden Organe, insbesondere die Hoden .
Also: Im Prinzip wie beim Auto: Voller Tank – fahren, leerer Tank oder Reserveanzeige – zur Tanke.
Behandlung des Testosteron-Mangels
Auffüllen! Es gibt mittlerweile Gels, die man bequem und schmerzlos auf der Haut aufträgt. Nach 2-3 Monaten nachmessen. Befolgen die Patienten die Therapie diszipliniert, sehen wir immer, dass sich das auch im Blut niederschlägt. (Sollte das ausnahmsweise nicht der Fall sein, kann man die Therapie auch mit Injektionen ca. alle 6-8 Wochen durchführen). Ist sehr selten.
Die Therapiefortsetzung definiert man je nach neu erreichtem Spiegel: Weiterführen für 1-2 Monate, Reduktion auf minimale Erhaltungstherapie oder bei starkem Anschlagen gar ein halbes Jahr Therapiepause und dann Nachkontrolle.
(Achtung:Die Dosierung bei der Frau ist ungleich tiefer als beim Mann und darf auf keinen Fall miteinander verglichen werden. Es gilt ja eine Virilisierung (Vermännlichung) der Frau zu vermeiden!)
Schluss-Motto: Stimmige Hormone, damit die besten Jahre von Frau und Mann auch die besten werden und bleiben!
© Dr. med. Marco Caimi; maennerpraxis.ch