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21 Mai Die Macht der Unternehmenskultur – was die Unternehmenskultur mit uns macht
Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche «Macht» eine Unternehmenskultur hat oder wie sich die Kultur unsereins bemächtigt?
Um die Frage zu beantworten, müssen wir zuerst einen kleinen Exkurs machen und versuchen herauszufinden, was unter Unternehmenskultur zu verstehen ist. Allein dieser Versuch ist nicht ganz einfach, denn jeder Mensch hat eine etwas andere Vorstellung von dem, was Kultur (im Sinne von Unternehmenskultur) bedeutet. Hingegen sind sich mehr oder weniger alle einig darüber, dass sich die Unternehmenskultur auf alle Bereiche auswirkt, also «Macht» über die ganze Organisation hat.
Allgemein lässt sich Unternehmenskultur wie folgt beschreiben:
„Grundgesamtheit gemeinsamer Werte, Normen und Einstellungen, welche die Entscheidungen, die Handlungen und das Verhalten der Organisationsmitglieder prägen.“
Wir gehen demnach davon aus, dass die Kultur die Macht hat, das Verhalten der Organisationsmitglieder zu prägen. Drehen wir nun den Spiess um und gehen davon aus, dass Kultur von den Mitarbeitern durch ihr Verhalten und ihre Gewohnheiten produziert, definiert und vermittelt wird. Bei längerer Betrachtung dieser beiden Annahmen stimmen Sie vielleicht in meine Überlegung mit ein, dass einerseits jede Handlung eines Mitarbeitenden kulturell beeinflusst ist und dadurch andererseits wiederum in der Gesamtheit aller Handlungen auch die Organisationskultur beeinflusst.
Diese Betrachtungsweise lässt sich am besten anhand der Sprache oder des Verhaltens der Organisationsmitglieder ausmachen, da diese Elemente einer Unternehmenskultur gut zu beobachten, also sichtbar sind.
„Das goht so niid“
Ein sehr extrovertierter CEO sagte diesen Satz immer dann zu seinen Mitarbeitern, wenn ihm etwas nicht passte. Und er war mit vielem nicht einverstanden, will heissen, wir hörten den Satz sehr oft. Er betonte dabei das Wort «nicht» so intensiv, auf eine besondere Art und Weise, dass die Mitarbeiter den Satz inklusive Betonung früher oder später wohl meist unbewusst übernommen haben.
Charmantes „voilà“
Das französische Wort «voilà» hat verschiedene Verwendungen und Bedeutungen, die schwer zu definieren sind. Einer meiner Geschäftsleitungskollegen, ein Franzose, verwendete dieses Wort sehr oft als eine Art zusammenfassender Ausdruck am Ende einer Aussage, quasi als Füllstoff. Es klang charmant und wirkte auf mich aufmunternd. Wie spannend festzustellen, dass das Wort plötzlich auch von meinen Deutschschweizer Kollegen verwendet wurde.
Plötzlich „denken“ alle
Eine andere interessante Beobachtung konnte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Gemeinderätin machen. Die damalige Gemeindepräsidentin war in ihrer Wortwahl sehr darauf bedacht, möglichst alle Gemeinderatsmitglieder in ihre Überlegungen einzubeziehen, sie für ihre Vorschläge zu begeistern. So machte sie selten eine konkrete Aussage, sondern begann ihre Sätze jeweils mit: «ich denke, wir könnten das so und so machen….»; «ich denke, dieses Problem liesse sich am besten mit diesem und jenem lösen….», usw. Ich fand es sehr amüsant zu hören, wie am Ende meiner Amtstätigkeit fast alle Gemeinderäte in der Lage waren, zu «denken»….
„Geburtstagskuchen“
Bestimmt ist es in vielen Unternehmen Tradition, dass Mitarbeiter an ihrem Geburtstag einen Kuchen mitbringen, von dem sich die Arbeitskollegen ein Stück abschneiden dürfen. Solange diese Tradition freiwillig bleibt, ist sie eine schöne Geste, ein Teil einer gelebten Unternehmenskultur. Was passiert, wenn sich ein Mitarbeiter der Macht der Kultur nicht unterordnet, also an seinem Geburtstag keinen Kuchen mitbringt, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung berichten: man wird geächtet. Aussagen wie «ich wusste nicht, dass die nicht backen kann!», «hast du gehört, die hat nicht einmal einen Kuchen mitgebracht!» oder «was, du hast heute Geburtstag? Und wo ist der Kuchen?» ermuntern dich dazu, entweder an deinem Geburtstag zu Hause zu bleiben oder die Mühe auf sich zu nehmen, einen Kuchen zu backen. Übrigens: ein gekaufter Kuchen ist auch keine geschickte Option, ausser es macht Ihnen nichts aus zu hören: «die hat sich nicht einmal die Zeit genommen, selbst einen Kuchen zu backen!»
„Ni hão“
In einer chinesischen Tochtergesellschaft eines Schweizer Unternehmens gehörte es nicht zur Kultur, zum Ritual, sich morgens freundlich zu begrüssen oder abends höflich zu verabschieden. So kann es einem als «lãowài», das in China verwendete umgangssprachliche Wort für Ausländer, passieren, dass ein herzlich platzierter Morgengruss an die chinesischen Mitarbeiter die gleiche Reaktion auslöst, wie wenn Sie einer Mauer guten Tag sagen würden. Nämlich keine. Nicht das geringste Lächeln, kein einziger Blick, und schon gar kein Gegengruss. Hier half einzig die eine gewisse Hartnäckigkeit meines Mannes, die Kultur zu verändern: irgendwann hob einer der Mitarbeiter schüchtern die Hand zum Gegengruss, ein anderer warf ihm einen freundlichen Blick zu und einer war sogar so mutig, ein leises «wãnshang hão» zu hauchen. Nach einem Monat war es tatsächlich so, dass die Mitarbeiter es kaum erwarten konnten, meinen Mann winkend und lachend einen guten Morgen zu wünschen!
Welche Macht hat nun aber die Unternehmenskultur auf externe Berater? Wie spürbar ist die Kultur des Kunden für den Berater? Wie nimmt er bestimmte Verhaltensweisen der Mitarbeiter wahr? Zu welcher Kultur fühlt sich ein Berater, der vorwiegend beim Kunden vor Ort tätig ist, zugehörig?
Tatsache ist, dass die Unternehmenskultur die Entscheidungen und das Verhalten aller Organisationsmitglieder beeinflusst, sich also auch auf die Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und Dritte auswirkt.
Interview mit Olivier Müller
Ich habe dazu Olivier Müller (OMU), Eigentümer und CEO von unisite ag, Unternehmensberatung für Consulting und Outsourcing Aktivitäten, befragt.
Tanja Steiger: Oli, wie nimmst du als externer Berater die Kultur deiner Kunden wahr?
OMU: ganz unterschiedlich, je nach Firmengrösse und Tätigkeitsumfeld. Vielmals meinen die Kunden das Gleiche, interpretieren es jedoch komplett anders und setzen es dementsprechend unterschiedlich um. Die meisten Unternehmen versuchen, ihre Kultur zu leben. Sie sind bemüht, die kulturellen Werte, u.a. aus dem Leitbild abgeleitet, zu entwickeln. Aufgrund der dezentralen Strukturen scheint es jedoch eine besondere Herausforderung zu sein, eine einheitliche Kultur über ein ganzes Unternehmen zu «stülpen».
Was fällt dir besonders auf?
Es gibt immer wieder Trends, welche sofort aufgesogen werden. Unternehmen versuchen krampfhaft, diese zu implementieren, auch wenn die Organisation gar nicht dazu bereit ist oder von Seiten der Mitarbeitenden abgelehnt wird.
An was denkst du da konkret?
Beispielsweise an Agilität und Entrepreneurship. Was sehr schön zu beobachten ist: Unternehmen setzen generell auf mehr Selbstverantwortung (Empowerment) der Mitarbeitenden. Zusammen mit der Dezentralisierung von Macht wirkt sich diese Veränderung meines Erachtens positiv auf die Unternehmen aus und erzeugt eine Kultur des Vertrauens.
Hat die Kultur eines Kunden dich je deiner «bemächtigt»? Hast du dich von der Kultur deines Kunden beeinflussen lassen?
Es ist unsere Pflicht als Berater, die Kultur unserer Kunden zu lesen, zu verstehen und bei Projekten erfolgreich zu berücksichtigen. Jedoch ist es genauso unsere Aufgabe, die «externe» Brille anzuziehen. Dieser Perspektiven-wechsel gibt den Kunden die Möglichkeit, ein neutrales Feedback zu erhalten. Ich persönlich picke mir die für mich am besten passenden Elemente aus den verschiedenen Kulturen der Kunden heraus, lebe aber gleichzeitig als Arbeitnehmer die Werte unseres eigenen Unternehmens. In vielen Situation bin ich froh oder auch glücklich, mich in meine Welt zurückzuziehen zu können und wertschätze unsere Organisation und deren kulturellen Werte.
Zu welcher Kultur fühlt man sich als Berater vor Ort hingezogen?
Ganz klar zur eigenen Firmenkultur. Wir haben nicht nur einen Kunden oder ein Projekt zu betreuen, sondern eine Vielzahl über das Jahr verteilt. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass sich Berater sozusagen entfremdet haben und die Kultur der Kunden sich ihrer bemächtigt hat. Dies kann auch dazu führen, dass Berater vom Kunden «abgeworben» werden.
Welche Vor- und Nachteile siehst du darin, dass sich Berater mit der Kultur ihrer Kunden identifizieren?
Als Berater sehe ich die Stärken und Schwächen der verschiedenen Kulturen. So kann ich für die Weiterentwicklung meiner eigenen Unternehmenskultur das jeweils «Beste» für mich herausziehen. Auf der anderen Seite erlebe ich die verschiedenen Kulturen als Satelliten, welche im Orbit schwirren und nie auf einem Planeten landen werden.
Danke, Olivier Müller, für das interessante Gespräch!
Abschliessend lässt sich festhalten, dass auch Kultur vergänglich ist und dynamischen Prozessen unterliegt. Kultur verschiebt sich, schrittweise und ständig, als Reaktion auf externe und interne Veränderungen. Sie, verehrte Leserinnen und Leser, haben also jegliche Chancen, die Kultur Ihres Unternehmens – zumindest für einen gewissen Zeitraum – mitzugestalten, und sich gleichzeitig von der Kultur bemächtigen zu lassen!
Tanja Steiger – Beratung mit Wirkung
Human Resources & People Management
www.tanjasteiger.ch