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Lage
Der Zug bringt uns von Genf aus Richtung Lausanne in fünf Minuten bis zum malerischen Dorf Chambésy. An der Strasse Richtung Dorfzentrum zeigt uns linkerhand der Wegweiser «Centre orthodoxe» den Weg in den Chemin des Cornillons. Schon bald befinden wir uns vor einer ausgedehnten Grünanlage, aus der uns durch das Geäst eines stattlichen Laubbaumes ein moderner Gebäudekomplex entgegenschimmert. Beim Näherkommen erkennen wir ein dunkelgraues, abgerundetes Dach, dessen Stirn von einer Fensterfront durchzogen wird. Es fügt sich passend in die Gebäudelinien des schlichten Betonbaus ein. Vertikale Kanellüren verleihen den Rohbetonwänden Struktur. Ansonsten überwiegt die Horizontale. Alles in allem fällt die Schlichtheit und Klarheit der kurvigen Flächen und Linien auf.
Ins Auge fällt rasch ein niedriger Turm mit halbrundem Kupferdach, aus dem ein kleines Kreuz aufragt − der augenscheinlichste Hinweis dafür, dass wir vor Saint-Paul stehen, der Patriarchalkirche des «Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel». Die moderne Kirche mit Halbkuppel ist «ein Versuch, dem Orthodoxen Kirchenbau einen Stoss Richtung Erneuerung zu geben», erläutert Georges Lavas in einem Fachartikel (Nachweis siehe Kasten rechts). So soll die fehlende Hälfte zum Ausdruck bringen, dass heutzutage ein «abgeschlossenes» Universum (symbolisiert durch eine ganze Kuppel) nicht mehr glaubhaft erscheint.
Gegenüber der Kirche und durch ein offenes Foyer verbunden, sieht man einen weiteren Gebäudekomplex, das «Centre Orthodoxe du Patriarcat Œcuménique», wie wir auf dem Stein links des Parkeingangs lesen. Der Rasenbewuchs auf der untersten Dachebene von Saint-Paul und den stufenförmigen Dächern des Zentrums unterstützt die Einbettung der Gebäude in die Grünanlage.
Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung
In den frühen 1960er Jahren initiierte der Ökumenische Patriarch Athenagoras I. von Konstantinopel (mit Sitz in Istanbul) die Gründung eines Zentrums im Raum Genf. Es sollte das Ziel haben, die innerorthodoxen Beziehungen zu vertiefen, sowie das Gespräch mit anderen christlichen Kirchen zu fördern. Metropolit Emilianos Timiadis, Vertreter des Patriarchates beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, hielt nach einem geeigneten Ort Ausschau. 1965 konnte die Stiftung «La Fondation orthodoxe du Patriarcat Œcuménique» in Chambésy ein über 10'000 Quadratmeter grosses Grundstück mit einer herrschaftlichen Villa erwerben. Günstig lag es wegen der Nähe zum Sitz des Ökumenischen Rates der Kirchen, zu verschiedenen internationalen Institutionen und auch zum Ökumenischen Institut in Bossey. Verwirklicht wurde das Projekt nicht zuletzt mit der Initiative und finanziellen Unterstützung des in Lausanne wohnhaften griechischen Reeders Georges Lemos, welcher den Kirchenbau finanzierte. Neben Spenden aus der orthodoxen Gemeinschaft kamen substanzielle Beträge auch von der Evangelischen Kirche Deutschlands, der Deutschen Bischofskonferenz und dem Erzbistum Köln sowie dem Fastenopfer der Schweizer Katholiken, denn man war beflügelt von der Idee, das Zentrum könne eine Brücke zwischen Ost und West werden. Am 3. Juli 1966 wurde das Zentrum von Patriarch Athenagoras I. eingeweiht. Es war damals noch in der Villa untergebracht, in der auch eine kleine Kapelle eingerichtet wurde. Bereits 1967 wurde jedoch der Betrieb des Zentrums aus finanziellen Gründen vorerst eingestellt, bevor 1969 ein Neuanfang stattfinden konnte.
Mit der Gründung des Zentrums war von Anfang an der Wunsch verknüpft, eine dem Apostel Paulus gewidmete Kirche zu bauen. Unter dem tatkräftigen Vorsteher Metropolit Damaskinos Papandreou (amtierte 1969-2003) wurde am 18. April 1971 der Grundstein für die Kirche Saint-Paul gelegt. In den folgenden zwei Jahren arbeitete Prof. Georges Lavas zusammen mit dem Architekturbüro Spiess & Wegmüller die Pläne für die Kirche aus. Anfänglich hatte die Bauherrschaft an eine Kirche im traditionellen byzantinischen Stil gedacht. Offenbar waren jedoch die lokalen Behörden der Ansicht, ein solcher Bau füge sich nicht in die Landschaft ein. Mehrmals wurden die Pläne überarbeitet, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. 1973 konnte mit dem Bau des heute realisierten Projekts begonnen werden.
Bei aller Modernität bewahrt der Bau einige Prinzipien der orthodoxen Kirchenarchitektur, so etwa die angedeutete Kreuzform des Grundrisses. Dr. Gary Vachicouras, Lehrbeauftragter am Institut des orthodoxen Zentrums, sieht in der Kirche denn auch ein gelungenes Werk der Vision von Kontinuität und Erneuerung.
Am 19. Oktober 1975 wurde die Patriarchalkirche von Msgr Chrysostomos Tsiter, dem damaligen Metropoliten in Wien eingeweiht − seine Diözese umfasste neben Österreich auch Italien, die Schweiz und Liechtenstein. Die Feier glich einem kleinen interkonfessionellen Konzil: Angereist waren Repräsentanten fast aller autokephalen (selbstständigen) orthodoxen Kirchen. Auch hohe Vertreter der römisch-katholischen, der christkatholischen und der evangelischen Kirche waren anwesend; ebenso zivile und kirchliche Behörden von Chambésy und von Stadt und Kanton Genf. Seit seinem Bestehen wurde das Zentrum von zahlreichen hochstehenden Gästen Religion und Politik besucht − so am 12. Juni 1984 von Papst Johannes Paul II. und 2005 von Bundesrat Pascal Couchepin.
Gesicht zum Gebäude
Metropolit (Erzbischof) Jeremias Kaligiorgis kam 2003 von Paris nach Genf, um als Nachfolger des krankheitshalber zurückgetretenen Metropoliten Damaskinos die Schweizer Metropolie zu leiten. 1983 als eigenständige Metropolie geschaffen, ist sie dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstellt und umfasst neben der Schweiz auch das Fürstentum Liechtenstein. Für die Versorgung der griechisch-orthodoxen Gemeinden steht dem Metropoliten Weihbischof Makarios Pavlidis zur Seite.
Dr. Gary Vachicouras arbeitet seit 1989 für das Orthodoxe Zentrum in Chambésy. Seit 1997 fungiert er dort als Lehrbeauftragter für den Masterstudiengang in orthodoxer Theologie. Daneben koordiniert er die akademischen und organisatorischen Belange des Institutes. Er erzählt: «Wir sind hier stets herausgefordert, unser theologisches Potenzial zu erneuern und gleichzeitig die geschichtliche Kontinuität und unsere Wurzeln zu bewahren.»
Nachbarschaft und Konflikte
Vachicouras bezeichnet die Beziehungen zur Nachbarschaft und den Behörden als «exzellent». Er meint: «Wir sind überzeugt, dass die Einwohner von Chambésy unsere Präsenz schätzen, und wir fühlen uns hier zuhause.» Er berichtet, dass der frühere Metropolit Damaskinos Papandreo an viele Anlässe der Umgebung eingeladen wurde − einmal sogar, um am 1. August eine Rede zu halten. Für den Dozenten veranschaulicht die Kircheneinweihung von 1975 das Verhältnis zu den Behörden: «Die lokalen Behörden waren auch dabei. Dies ist ein Zeichen der Solidarität und der Unterstützung dafür, dass ein solches Gebäude existieren soll.» Auch wohnt der Gemeindepräsident von Pregny-Chambésy jedes Jahr der Feier zum Beginn des Studienjahres bei.
Religiöse Tradition
Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit Nizäa II, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma».
Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur auf einem gesamtkirchlichen Konzil ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den reformierten Kirchen betreffen die Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).
«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig». Die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität.
Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar das «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.
Dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel (Sitz in Istanbul) unterstehen heute die griechisch-orthodoxen Metropolien (Bistümer) ausserhalb der nicht traditionell orthodoxen Gebiete, in der Westtürkei und in Kreta sowie die Mönchsrepublik Athos von Griechenland. Innerhalb der Gesamtorthodoxie hat das Ökumenische Patriarchat eine führende Stellung inne, einen nicht näher bestimmten «Ehrenprimat». Seit 1991 ist Bartholomaios I. Ökumenischer Patriarch, er besuchte die Schweiz im November 1995.
Besonderheiten
Insgesamt bildet das Zentrum in Chambésy mit einer Kirche und zwei Kappellen für die verschiedensten orthodoxen Gemeinden den Ort ihres kultischen und religiösen Lebens: Die Patriarchalkirche Saint-Paul, Apôtre des Nations (Völkerapostel Paulus) ist direkt dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstellt und fällt damit nicht unter die Jurisdiktion der Schweizer Metropolie. Die Liturgie wird auf Griechisch gehalten, und es wird des Ökumenischen Patriarchen gedacht. Die Kirche Saint-Paul wird von den griechischsprachigen Orthodoxen und einmal im Monat von der georgischen Gemeinde genutzt.
Im Untergeschoss von Saint-Paul befindet sich die Krypta Sainte-Catherine und Sainte-Trinité (Hl. Dreieinigkeit). Sie wird von allen Orthodoxen benutzt, die an französischsprachigen Liturgien teilnehmen möchten. Unter den ca. 200 Familien der «Paroisse orthodoxe francophone» finden sich beispielsweise russisch-, serbisch-, syrisch-, griechisch-, rumänisch-orthodoxe Mitglieder und auch Schweizer Konvertiten.
In der alten Villa befindet sich die «Chapelle de la Résurrection» (Auferstehungskapelle), die bis 1975 von der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft benutzt wurde. Heute feiern dort abwechselnd Angehörige des Patriarchats von Antiochien, also orthodoxe Syrer, Libanesen und Palästinenser, sowie georgisch- und rumänisch-orthodoxe Gemeinden Gottesdienst.
Das Orthodoxe Zentrum selber versteht sich als Aussenstelle des Ökumenischen Patriarchats im Westen. Es will die Kontakte zwischen den orthodoxen Lokalkirchen vergrössern und so die innerorthodoxe Einheit fördern. Ein weiteres Ziel ist es, «die christliche Welt und besonders Westeuropa über Kult, Lehre, Tradition und Theologie der Orthodoxie» zu informieren (aus: Das Orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchats Chambésy. Vervielfältigtes Informationsblatt des Zentrums, Genf o. J.). Geschehen soll dies, indem das Zentrum Begegnungen zwischen den christlichen Konfessionen und insbesondere den Dialog zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens fördert. Es soll «ein Fenster des orthodoxen Ostens für den Westen und umgekehrt, ein Fenster des Westens für den orthodoxen Osten» sein (ebd.). Darüber hinaus bietet das Zentrum Raum für den wissenschaftlichen Austausch zwischen orthodoxen und nicht-orthodoxen Theologen, sei es an Seminaren, sei es durch die hauseigenen Publikationen.
Seit Jahrzehnten hat das Zentrum eine Schlüsselstellung zwischen allen orthodoxen Kirchen inne. Den Grundstein dazu legte die IV. Panorthodoxe Konferenz, die im Sommer 1968 beschloss, in Chambésy ein «Sekretariat für die Vorbereitung des Heiligen und Grossen Konzils der Orthodoxen Kirche» zu bilden. Das Sekretariat, geleitet von Metropolit Damaskinos Papandreou, organisierte in Chambésy mehrere panorthodoxe Konferenzen − inzwischen eine seiner Hauptaufgaben − sowie theologische und interkulturelle Gespräche mit Vertretern der christkatholischen, der orientalisch-orthodoxen, der anglikanischen, der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche sowie dem Islam und dem Judentum.