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Das Ausrottungsrisiko der brasilianischen Spezies ist unbestritten und wächst mit jedem Tag. Gegen Ende des Jahres 2000 verschwand ein männliches Exemplar des “Ararinha-azul” (Spix-Ara)) aus Curaçá, im bahianischen Sertão, der dort in freier Natur gelebt hatte. Das war der letzte Akt eines Überlebenskampfes, dessen Echo weit über die Grenzen des halbtrockenen Nordostens hinaus widerhallte. Der kleinste unter den brasilianischen Aras, mit dem wissenschaftlichen Namen Cyanopsitta spixii, war ein kräftiger Vogel des Sertão, mit langen Flügeln, einem herrlichen Flugbild und bestens angepasst an das karge Nahrungsangebot jener halbtrockenen Landschaft. Jedoch war diese hoch entwickelte Spezies leider zu schön und nicht resistent genug, um sich der humanen Nachstellung entziehen zu können.
Ausrottungen hat es schon immer gegeben, mindestens seit drei Milliarden Jahren, als das Leben auf unserem Planeten begann. Die grosse Mehrheit der Arten, die ihn einst bevölkerten, sind nicht mehr präsent. Und die Biovielfalt, die wir kennen, ist das Ergebnis eines komplexen Netzes ausgewählter Spezies, die aussergewöhnlich gut an bestimmte natürliche Bedingungen angepasst sind. Der Mensch verursachte unvergleichliche Veränderungen in der Entwicklung des Lebens. Innerhalb einiger tausend Jahre eroberte er alle Kontinente, im Besitz einer destruktiven Macht, die man mit den Phänomenen vergleichen kann, die für jene Massenausrottungen einer weit zurückliegenden Vergangenheit verantwortlich waren – zum Beispiel das plötzliche Verschwinden der Dinosaurier.
Wie viele Spezies haben wir schon ausgerottet? “Die Biologen finden es schwierig, auch nur eine ungefähre Schätzung dieser Katastrophe zu präsentieren, denn wir wissen noch zu wenig über Diversifikation. Ausrottung ist ein oskurer, lokaler biologischer Prozess“, erklärt der amerikanische Naturalist Edward Wilson. Und sagt: “Die menschliche Aktivität hat die Ausrottung der Spezies um das bis zu 10.000-fache eines natürlichen Vorgangs in den tropischen Wäldern beschleunigt, allein durch die Verringerung ihrer Ausdehnung. Unzweifelhaft erleben wir gegenwärtig eine der grossen Ausrottungs-Spasmen in der biologischen Geschichte“.
Der “Spix-Ara“ wurde dezimiert durch die Habgier der illegalen Vogelhändler, stimuliert von Sammlern, die bis zu 40.000 Dollar für ein einziges Exemplar bezahlten. Dieses verlockende Angebot bedeutete das Ende dieser herrlichen Vögel in freier Wildbahn. 1995, um eventuell das letzte männliche Exemplar im Gebiet von Curaçá retten zu können, setzten Wissenschaftler ein weibliches Exemplar aus, das in Gefangenschaft aufgezogen worden war, aber ihre Hoffnungen bestätigten sich nicht – eine Vereinigung der Beiden fand niemals statt.
Nach dem Verschwinden des besagten Ara-Männchens begann sich der Kampf auf die in Gefangenschaft gezüchteten Vögel zu verlagern. Erklärtes Ziel ist es, mit den zirka 70 weltweit existierenden Exemplaren “eine Reproduktion einzuleiten, bei der auf ein Maximum an genetischer Diversifikation geachtet werden muss“, so die leitende Biologin des “Comitê Permanente para Recuperação da Ararinha-Azul“, das dem Institut Chico Mendes angeschlossen ist. “Unsere Herausforderung für die nächsten Jahre ist die Vergrösserung der Käfigpopulation, um dann in der Zukunft ein Aussetzen der Vögel in freier Natur zu versuchen“. Eine Schlüsselfrage ist allerdings, ob die existenten Zuchtexemplare überhaupt in der Lage sind, eine entsprechend “freiheitsresistente“ Population zu schaffen. “Leider ist dies alles, was wir haben“, gibt die Biologin etwas resigniert zu. Ausser dem genetischen Erbgut, spielen die Aspekte des Lernens und Wissens eine grosse Rolle, um in Freiheit überleben zu können, die von den Eltern auf die Jungvögel übertragen werden – wie die Suche nach Nahrung und den Schutz vor Beutemachern. Falls diese Spezies tatsächlich ausgesetzt werden sollte, müssen diese Eigenschaften wiedererlernt werden.
Der Schock auf die Umwelt, durch humane Aktivitäten, könnte auch in Brasilien schon sehr viel früher eingesetzt haben, als erst nach der Landung von Cabrals Flotte, vor zirka 500 Jahren. In Wirklichkeit kamen die ersten Menschen mindestens vor 12.000 Jahren nach Südamerika, und die ersten Gruppen, welche die Flächen des Kontinents bevölkerten, existierten zusammen mit einer fremdartigen Fauna bis in unsere Zeit. Die nomadisierenden Jäger wurden angelockt vom Fleischangebot grosser Säugetiere, wie dem Riesenfaultier, gigantischen Gürteltieren und anderen, wie den Elefantoiden, Toxodonten und Esmilodonten (Gattungen ausgestorbener Säugetiere) – einige waren grösser als Ochsen. Die Ankunft des Menschen fiel genau mit dem plötzlichen Verschwinden dieser Megafauna zusammen – was einen Zusammenhang zwischen beiden Geschehnissen suggeriert. Die Menschen könnten sich so sehr in den Überfluss des Angebots und die Leichtigkeit der Jagd verrannt haben, dass sie die Gefahr der Ausrottung nicht bemerkten. Das ist nur eine Hypothese – aber sie könnte ein Hinweis darauf sein, was noch kommen würde.
Bis zur Landung der Portugiesen gibt es keine Indizien für einen anderen so profunden Schock, wie die Ausrottung jener Megafauna – allerdings wurden verschiedene Spezies bald nach Beginn der Kolonisierung bereits ausgerottet. Wie der Historiker Warren Dean berichtet, hatte der Chronist Fernão Cardim einen Vogel beschrieben, der “Federn in fast allen Farben und in grosser Perfektion“ besass, die in “rot, gelb, schwarz, blau, beige, rosa gesprenkelt und über den gesamten Körper verbreitet“ waren. Ein Vogel, der mit keinem andern der heute existierenden Spezies vergleichbar ist.
Heute steht Brasilien hinsichtlich seiner gefährdeten Arten an zweiter Stelle in der Welt – hinter Indonesien – das hat die “Foundation Biodiversitas“ herausgefunden, jene Institution, die beauftragt ist, die Rote Liste der von Ausrottung bedrohten Fauna und Flora zu führen, die auf der Methodologie der International Union for Conservation of Nature (IUCN) beruht.
Nach der letzten Erhebung existieren 627 bedrohte Tierarten in Brasilien – gegen 207 aus dem Jahr 1989. Es sind inzwischen 7 Arten definitiv ausgerottet worden und 2 aus der freien Natur verschwunden. “1989 nahmen an der Aufstellung 22 Spezialisten teil – im Jahr 2003 (Datum der letzten Erhebung) waren es 227 Personen“, erklärt der Leiter, von der “Biodiversitas“. “Die Entdeckungen neuer Spezies und die Erforschungen haben zugenommen, jedoch ist unser Wissen über unsere Fauna immer noch gering. Aber auch der Druck, mehr zu erfahren, hat zugenommen“. Obwohl noch unvollständig, helfen die Listen dabei, die öffentliche Meinung zur Erhaltung zu unterstützen, die Forschung und Haltung voranzutreiben, und sie stimulieren sogar eine Schaffung von Schutzzonen.
Wenn der Spix-Ara keine so auffällige Vogelart wäre, hätte man sein Verschwinden wahrscheinlich überhaupt nicht bemerkt. Die Aras faszinieren den Menschen seit eh und je. Deshalb waren sie auch die meist verfolgten Vögel seit Anbeginn der Kolonisation Brasiliens, und sie wurden zum Symbol, mit dem man die Kolonie auf den Karten identifizierte – wie die Legende erzählt: “Brasilia sive terra papagallorum – Brasilien, oder Land der Papageien“. Besonders prächtige Arten ziehen sowohl die Habgier von Wilderern auf sich, als auch die Sensibilität von Personen, die sich für ihre Erhaltung in freier Wildbahn einsetzen. Und jene Fahne, die zu ihrem Schutz erhoben wird, hilft gleichzeitig auch, das Biom zu schützen, in dem der Vogel heimisch ist. Das ist eine Erhaltungsstrategie. So verfährt man mit dem Schutz des gefleckten Jaguars, den Buckel- und den Glattwalen, mit anderen Ara-Arten, mit dem Amazonas-Manati, mit den Primaten im allgemeinen, und mit den Seeschildkröten: dies sind Tiere, welche die Natur Brasiliens repräsentieren und die Anstrengungen vorantreiben, sie zu schützen.
Auch das “Löwenäffchen“ fällt darunter, der winzige, endemische Primat des Atlantischen Regenwaldes im Bundesstaat Rio de Janeiro. Die Aktionen jener verbrecherischen Tierhändler, zusammen mit der Waldabholzung, haben die Population bis auf 250 Individuen reduziert, in der Mitte der 1960er Jahre. Das war der Moment, als die Stimme des Primatologen Adelmar Faria Coimbra Filho, Mitglied der “Fundação Brasileira da Conservação da Natureza (FBCN)“, Alarm schlug, dessen Studien in der Schaffung des ersten biologischen Reservats des Landes gipfelten – dem “Poço das Antas“ im Jahr 1974. Aber die Fläche des Reservats reichte nicht aus, um eine entsprechende Population dieser Grössenordnung zu beherbergen, die sich auch auf die angrenzenden Waldfragmente ihrer Umgebung ausbreiteten, welche sich jedoch in privater Hand befanden.
Die gegenwärtige Koordinatorin des Projekts, die im vergangenen Jahr mit dem Preis “Conservation Leadership in Latin America“, der National Geographic Society geehrt wurde, erinnert sich, was die Besitzer der an das Reservat angrenzenden Fazendas sie fragten, als sie ihnen ihr Problem vortrug, den Primaten eine nicht abgegrenzte Nutzung der Waldfragmente auf ihrem Besitz zu gestatten: “Was wird mich das kosten“? Und “Wieviel Weidefläche werde ich dadurch verlieren“? Die Biologin versuchte, sie an der emotionalen Seite zu packen, “und heute sind wir in der Lage, sie sogar für ihr Einverständnis zu entlohnen, jedoch inzwischen – allerdings nach langen, ermüdenden Verhandlungen, haben sich die Fazendeiros soweit involviert, dass die “Associação Mico-Leão-Dourado“ (Verein Löwenäffchen), gegründet 1992 zur Überwachung des Projekts, heute einen Fazendeiro als Präsidenten hat. Und das Reservat “Poço das Antas“ (Quelle der Tapire) bekam in seinem Umfeld 17 Schutzzonen der Modalität “Reserva Particular do Patrimônio Natural (RPPN) (Privates Reservat des Naturerbes) dazu, geschaffen durch die Initiative derselben Fazendeiros.
Durch die Begünstigung des kleinen Primaten, dessen Population in freier Wildbahn gegen Ende 2007 wieder auf 1.600 Exemplare angewachsen war, hat sich auch der Atlantische Regenwald in diesem Gebiet gewaltig erholt. “Der “Mico-leão-dourado“ – (so heisst der kleine Primat in Brasilien) – ist auch auf der Roten Liste zu einem besseren Status aufgerückt – nämlich von “kritisch bedroht“ zu “bedroht“, sagt die Koordinatorin. Um ganz vom Risiko der Ausrottung befreit zu werden, müssen bis im Jahr 2025, nach einem mathematischen Modell, mindestens 2.000 Individuen in einem Areal von 25.000 Hektar existieren.
Kulturelle Veränderungen sind das Rückgrat eines jeden Plans zur Rettung von Spezies, aber wenn der wirtschaftliche Imperativ tonangebend ist, tun sich dornige Hindernisse auf. Das Drama des gefleckten Jaguars ist dafür symptomatisch. Wie ein Biologe berichtet, tötete man Ende der 1960er Jahre noch 15.000 Jaguare pro Jahr – diese offizielle Zahl betraf nur die Felle für den Export. Trotz dem Verbot von 1967, solche Felle zu kommerzialisieren, ist das Töten von Jaguaren immer noch in vielen Winkeln Brasiliens etwas Alltägliches.
Das Pantanal von Mato Grosso und Mato Grosso do Sul ist eines der letzte Refugien dieses grossen Raubtiers. Aber wo immer sich die Viehherden ausbreiten, wird dem Jaguar nachgestellt. Einige Initiativen versuchen, die Viehzucht mit dem Überleben des Jaguars in Einklang zu bringen. Das ist der Fall eines Projekts, das von einem Biologen im Gebiet von Corumbá (Mato Grosso do Sul) geleitet wird. “Wir lassen die Rinder nachts unter Begleitung eines Traktors weiden. Wenn der Traktorfahrer bemerkt, dass die Herde unruhig wird, lässt er den Motor in Richtung auf den Waldbestand aufheulen“, erklärt er. “Damit haben wir grossen Erfolg – kein Kalb wurde mehr vom Jaguar geschlagen. Die Rinder selbst haben begriffen, dass der Traktor zu ihrem Schutz da ist und bleiben in seiner Nähe“. Das Motorengrollen treibt den Jaguar in die Flucht. Es ist eine Mahnung, dass hier das Territorium des Menschen beginnt. Die Pantanal-Bewohner halten sich so an eine Abmachung respektierlichen Zusammenlebens mit dem Jaguar. Gut für Beide. Denn Tiere und Menschen, so haben wir nach harten Erfahrungen begreifen müssen, sind Teile eines Ganzen, der Schöpfung.
Wie alle anderen Tierarten, so sind auch jene Vögel, die in einem degradierten Biom leben, am meisten vom Aussterben bedroht. Und der Atlantische Regenwald, von dem lediglich 7% seiner ehemaligen Ausdehnung übrig geblieben sind, ist die Heimat der meist bedrohten Tiere. Und die endemischen Arten, wie der “Jacutinga“ (Pipile jacutinga – Blaukehlguan), der sich darüber hinaus auch noch von den Früchten der Juçara-Palme ernährt, einer Pflanze, die wegen ihrer frischen Triebe (Palmito) vom Menschen ebenfalls (illegal) beansprucht wird und deshalb auch gefährdet ist, sind besonders bedroht. Die Zerstörung des Lebensraums gefährdet auch die Tauchente – ehemals in Mengen zu sehen in den Flüssen der Serra da Canastra und bergigen Regionen des Bundesstaates Minas Gerais. Dasselbe gilt für endemische Tiere Amazoniens, wie zum Beispiel das zunehmend seltenere “Mutum-de-penacho“ (Crax fasciolata – Hühnervogel). Dieser Vogel lebt in der Ostregion des Bundesstaates Pará und Maranhão, just einem Gebiet der grössten Bedrohung durch die regelmässigen Abholzungen des Regenwaldes.
Das Verschwinden von Spezies, welche zur Basis der Nahrungskette gehören, bringt das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Das Aussterben eines bestimmten Amphibium, zum Beispiel, kann einen schlimmen Dominoeffekt unter verschiedenen Arten von Wirbeltieren auslösen. Dasselbe geschieht mit den Insekten und der Flora, wie den Briophyten (Moose), Pteridophyten (Gefäßsporenpflanzen) und Bromelien. Die klimatischen Veränderungen und die Verschmutzung erreichen zuerst diese besonders sensiblen Wesen, die als Indikatoren der Veränderungen unseres Planten angesehen werden. Deshalb hat man das Verschwinden von Kröten und Amphibien festgestellt, und die Situation wird inzwischen noch verschärft von der Aktion des Quidritia-Pilzes, der Amphibien und Reptilien befällt. Die Fische in diesem Land mit dem grössten Süsswasseraufkommen der Welt, equilibrieren die Flüsse, die ihrerseits die Wälder bewässern. Aber eine unkontrollierte Fischerei bringt die aquatische Fauna in Gefahr. Und ein gestörtes Gleichgewicht der Aquafauna bringt auch die durch sie kontrollierte Ausbreitung von Schädlingen und Insekten an den Ufern der Flüsse durcheinander.
Heutzutage einen ”Cachorro-do-mato-vinagre” (Wildhund) in freier Wildbahn anzutreffen, ist wie ein Gewinn im Lotto – wenigstens für einen Tierfotografen. Dieses Tier wurde niemals aus wirtschaftlichem Interesse bejagt, oder wegen seines Fells, wie bis in die 1960er Jahre die Grosskatzen, zum Beispiel. In diesem Fall ist die Zerstörung des Lebensraums die grösste Bedrohung für seine Existenz. Dasselbe gilt für die meisten Säugetiere, die auf brasilianischem Territorium leben.
Wenn eine bedrohte Spezies neu auf der Roten Liste erscheint, dann löst sie eine Reihe von Aktionen aus, in der Absicht, das Aussterben der Tierart zu verhindern. Dafür produzieren IBAMA und die Fundação Biodiversitas ein technisches Dokument hinsichtlich der effektiven Gefahrensituation einer jeden Spezies. Auf diese Art und Weise kam der Amazonas-Manati zu einem speziellen Schutzprogramm an der Küste des Nordostens und in Amazonien – um zu überleben.