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Stalin darf hier noch verehrt werden
«Bleiben Sie doch», fordert die ältere Dame im hochgeschlossenen schwarzen Kleid: «Ich könnte Ihnen noch so viel erzählen.» Dabei hat sie doch schon viel erzählt. Vom Bau des Museums, in dem sie jetzt als Aufsichtsperson waltet. Und von jenem Mann, dem das Museum gewidmet ist, obwohl er das zu Lebzeiten gar nicht gewollt habe. Weil: «Personenkult war ihm zuwider», erklärt die Museumswächterin, «er war ja eher ein bescheidener Mensch.»
Die Hauptstrasse der georgischen Kleinstadt Gori heisst «Avenue Stalin» und führt vom Bahnhof direkt zum «Staatlichen Museum J. W. Stalin». Errichtet wurde das Gebäude im Stil eines venezianischen Palastes noch zu Lebzeiten des Diktators. Nach dem Ende der Sowjetunion und der Gründung der Republik Georgien wurde es nur kurzzeitig geschlossen. Der Plan, das Museum in eine Gedenkstätte für die Opfer des grossen Terrors umzubauen, scheiterte an Protesten in der Stadt. Als Zugeständnis an die neue Zeit wurde vor ein paar Jahren wenigstens das monumentale Stalin-Denkmal vor dem Rathaus entfernt.
Der «Meister des Friedens»
Heute ist das Stalin-Museum wieder Fixpunkt organisierter Touristenreisen durch den Kaukasus-Staat. Deutsche Senioren und italienische Globetrotter schlendern durch die Prunksäle und staunen über die sozialrealistischen Ölgemälde an den Wänden: Stalin als liebevoller Vater, Stalin bei den Arbeitern, Stalin als Feldherr. In einer Halle ist seine Totenmaske ausgestellt, in einer anderen liegen Geschenke aus aller Welt an den Generalissimus: Tabakpfeifen aus England, eine Stoff-Friedenstaube von den «Frauen Italiens an den Meister des Friedens, Giuseppe Stalin».
Nicht ausgestellt sind: Dokumente vom absichtlich herbeigeführten Hungertod mehrerer Millionen Ukrainer; von der Verhaftung, Folterung und Ermordung von Millionen Sowjetbürgern; von den Schauprozessen und Hinrichtungen der ehemaligen Kampfgefährten Stalins; von den Deportationen ganzer Völker aus dem Kaukasus und von der Krim nach Zentralasien. In Gori darf Stalin noch Held und Vaterfigur sein.
Stalin-Kaffeetasse
Wäre es vorstellbar, dass die Gemeinde Braunau am Inn ein Museum errichtet, in dem das Leben ihres grossen Sohnes Adolf Hitler verherrlicht wird? Natürlich nicht. In Braunau wird gestritten, ob das Geburtshaus des Führers nicht besser abgerissen werden sollte, damit Neonazis daraus keine Kultstätte machen können. In Gori kennt man dieses Problem nicht. Jene Hütte, in der Stalin als Josif Dschugaschwili 1878 geboren wurde, steht gleich neben dem Museum. Um das Haus wurde eine Art Tempel im griechischen Stil gebaut.
Im Andenkenladen nebenan gibt es zu kaufen: Kaffeetassen mit dem Bild Stalins, Trinkwasserflaschen mit dem Bild Stalins, T-Shirts mit dem Bild Stalins, Teller mit dem Bild Stalins, Magnettafeln mit dem Bild Stalins («Danke, Väterchen, für den Sieg»). Auch die Souvenirshops in der Hauptstadt Tiflis und am Flughafen führen solche Teller und Tassen.
Das Gesicht eines Massenmörders als Geschenkartikel? Nun ja, antwortet die Verkäuferin in einem Laden in der Altstadt von Tiflis, es habe natürlich auch den Genozid gegeben: «Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Stalin die Nazis besiegt und die Sowjetunion gross gemacht hat.» Die positiven Seiten, meint die Frau – und sie wirkt sehr überzeugt dabei – würden die negativen Seiten bei weitem übertreffen. Und das Wichtigste kommt zum Schluss: «Stalin war ein Georgier.»