Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/1216

16.12.2015, Dr. med. Jeanine Beauge-Bregy (Turtmann-Unterems / VS) unter der Leitung von Herr Dr. S. ESSIG / Herr Dr. W. Stadlmayr / Prof. Dr. med. D. Surbek, Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Die Bindungsentwicklung während und kurz nach der Schwangerschaft
Abstract:
Mit der vorliegenden Studie (US-Bef.) wurde die Bindungsentwicklung der Eltern zum Kind während der Schwangerschaft bis 3 Wochen postpartal untersucht. Dabei gingen wir der Frage nach, ob die Bindung kontinuierlich während der Schwangerschaft an Intensität zunimmt, und ob die Bindungsentwicklung des Vaters ähnlich abläuft wie bei der Mutter. Bei der Bindung wurde zwischen ?emotionalem Bindungserleben? (eB) und ?Bindungssicherheit? (BS) unterschieden. In einem weiteren Schritt wurden in der Studie die Beschwerden in der Frühschwangerschaft, die Ultraschalluntersuchung und das Geburtserleben als mögliche Prädiktoren für das emotionale Bindungserleben und die Bindungssicherheit gegenüber dem Kind untersucht. – Methoden: 83 Paare nahmen an der Studie teil. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass die Frauen im zweiten Trimenon schwanger waren, und dass ihre Feten sonomorphologisch keine Erkrankungen aufwiesen. 3 Erhebungen fanden während der Schwangerschaft statt, eine Befragung 2 bis 4 Tage nach der Geburt und die letzte Erhebung 3 Wochen postpartal. Wir führten die Studie anhand selbst entwickelter und zum Teil übernommener Fragebögen durch, die an den jeweiligen Zeitpunkten ausgefüllt werden mussten. – Resultate: Die Bindungsentwicklung (eB und BS) während der Schwangerschaft bis 3 Wochen postpartal nimmt nicht kontinuierlich zu. Im Zeitraum der Geburt, zwischen der 36. bis 38. Schwangerschaftswoche und 2 Tage postpartal, kommt es zu einem signifikanten Anstieg beim emotionalen Bindungserleben. Die Veränderung über die Zeit ist bei der Mutter und dem Vater in etwa gleich, wobei die Mutter zu jedem gemessenen Zeitpunkt signifikant höhere Werte des eB aufweist als der Vater. Bei der BS wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Eltern verzeichnet. Die körperlichen Beschwerden in der Frühschwangerschaft haben keinen Einfluss auf das eB und BS zum Kind in der 18. bis 22. Schwangerschaftswoche, sind aber ein negativer Prädiktor für das eB in der 36. bis 38. Schwangerschaftswoche. Der Ultraschall in der 18. bis 22. Schwangerschaftswoche hat auf beide Elternteile eine beruhigende Wirkung. Bei beiden Eltern hat eine als sinnvoll eingestufte Ultraschalluntersuchung einen vernachlässigbaren kleinen Effekt auf das eB. Die Ultraschalluntersuchung ist für Frauen, die vor der Durchführung der Untersuchung Angst hatten, ein signifikant negativer Prädiktor für die BS in der 22. Schwangerschaftswoche und 3 Wochen nach der Geburt, jedoch nicht gegen Ende der Schwangerschaft oder kurze Zeit nach der Geburt. Im Gegensatz dazu geht beim Vater die Angst vor dem Ultraschall mit einer geringeren BS sowohl wenige Tage wie auch 3 Wochen nach der Geburt einher, jedoch nicht in der Mitte der Schwangerschaft. Das Geburtserleben aus der Sicht der Mutter hat einen eher geringen Effekt auf das eB kurze Zeit nach der Geburt und keine Wirkung auf das eB 3 Wochen postpartal. Im Gegensatz zur Mutter war beim Vater das Geburtserleben, insbesondere eine als erfüllt erlebte Geburt, noch 3 Wochen postpartal ein positiver Prädiktor für das eB. Das Geburtserleben ist zudem ein signifikanter Prädiktor für die BS postpartal bei beiden Eltern. – Diskussion: Entgegen unseren Erwartungen nimmt die Bindung (eB und BS) während der Schwangerschaft nicht kontinuierlich an Intensität zu. Die Geburt scheint bei der Bindungsentwicklung eine wesentliche Bedeutung zu haben. Interessant ist, dass der Verlauf der Bindungsentwicklung bei beiden Eltern parallel verläuft. Wahrscheinlich spielen bei beiden ähnliche Mechanismen eine Rolle. Anders als angenommen, geht die Ultraschalluntersuchung bei der Mutter nicht mit einem deutlichen Bindungsanstieg einher.