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Der Kapitalismus ist eine Ungleichheitsmaschine. Unerlässlich für ihr Funktionieren ist, dass sie ständig durch Beigaben eines «neuen Sinns für Gerechtigkeit»[1] (Stefan Kaufmann) geölt wird. Dazu hat die Publikation Capital in the twenty-first century[2] von Thomas Piketty offenbar beträchtlich beigetragen. Was steckt dahinter?
Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazubekommen.
Heinrich Heine, Weltlauf
Sicherlich hat die überwältigende Resonanz primär in den USA, generell im angloamerikanischen Raum, auch in Frankreich und – deutlich weniger – in Deutschland und anderen europäischen Ländern mit der Krise der neoliberalen Situation zu tun, die sich in den USA mit anderen spezifischen Krisen verband: dem Zusammenbruch des imperialen Triumphalismus[3] des unilateralen Kriegertums der Bush-Zeit (und auch der späten Clinton-Zeit), der dazu führte, dass die ein Jahrzehnt andauernde Debatte über das US-amerikanische Empire 2006 abrupt beendet[4] wurde und damit zugleich die Kraft einer machtvollen, imaginären Gemeinschaftlichkeit. Dann die Dot-com-Krise, welche die technologische, und die große Krise seit 2007/8, welche die ökonomische Illusion der US-Suprematie beschädigten. Die Obama-Enttäuschung links und die Stagnation der Teaparty rechts. Endlich in der Folge die Occupy-Wall-Street-Revolte, die mit dem «we are the 99%» auch die «1 %»[5] in die politische Öffentlichkeit brachte.
Das Thema Ungleichheit, das schon in den 80ern unter Reagan zeitweise eine neue Rolle[6] spielte, trat nun in den Vordergrund und verschwand nicht mehr – ein Reflex auf eine Krisenbewältigung, die im letzten Jahrfünft zu einer massiven Beschleunigung des Einkommens- und Reichtumszuwachses aller Spitzengruppen des Elitenspektrums führte. Eine «Recovery» der eigenen Art. Kaum ein Land, in dem mittlerweile die rich list nicht ein eigenes Medienformat geworden wäre.
In dieser Situation beginnt sich das Gleichheitsversprechen als die eigentliche große, integrative Sozialerzählung des Kapitalismus aufzulösen und die Matrix der liberalen[7] Rechtfertigungen der Ungleichheit gleich dazu. Das gilt auch für das einschlägige große «Märchen» (Piketty) in den US-Wirtschaftswissenschaften, das 1953 der damalige Präsident der American Economic Association Simon Kuznets («Economic Growth and Income Inequality»[8]) formulierte, wonach die wachsende Ungleichheit in der Entstehungszeit des Kapitalismus von einer gleichsam ewigen Phase zunehmender Gleichheit abgelöst worden sei – eine Erzählung, die gut in die kalte Zeit der Systemkonkurrenz passte. Bekanntlich hat an diese Annahme eine überwiegende Menge gerade US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler sehr dauerhaft geglaubt (und tut es immer noch), damit sie nicht aus dem Gleichgewicht kommt, um das ihre Disziplin so hartnäckig kreist.
Natürlich sind Märchen wie Versprechen (und Zusatztexte wie die vom «sozialen Aufstieg» oder den «Generationsversprechen») nicht verschwunden, aber ihre Wirksamkeit nach drei Jahrzehnten Erfahrung wachsender Einkommensungleichheit ist deutlich geschwächt. Um 1987 begann sich in den USA die Kritik der ökonomischen Ungleichheit neu zu verbreiten, hatte ihren Höhepunkt 1996 und stieg nach 2007 erneut an. Zwei Drittel der US-Amerikaner gehen mittlerweile davon aus, dass ihre Gesellschaft immer ungleicher wird (Pew Research Center) und die Rede von denundeserving rich (Leslie McCall[9]) breitet sich aus. Die Nennung von «Ungleichheit» in den Medien vervielfachte[10] sich. Gleichheit wurde immer mehr zum Thema[11].
Auch international diagnostizieren plötzlich der Internationale Währungsfonds IWF («Die wachsende Ungleichheit schadet der Wirtschaft») oder die OECD als die globale Kernorganisation des Industriestaatenneoliberalismus («Seit den 80er Jahren nimmt in allen Industrieländern die Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen zu») das glatte Gegenteil ihrer jahrzehntelangen Analysen und Ratschläge. Die OECD publizierte im Mai 2014 die Studie «Focus on Top Incomes and Taxation in OECD Countries: Was the crisis a game changer?»[12] und teilte ihr Erschrecken mit: Zwischen 1975 und 2007 sei die Hälfte des Einkommenszuwachses in den USA an die Top 1 % gegangen. Das «trickle-down»-Versprechen verkehrte sich in eine in der Regel sehr wohlfeile «trickle-up»-Schelte. Präsident Obama ernannte gar vor wenigen Wochen die Ungleichheit zur «defining challenge of our time» – kaum denkbar, einen vergleichbaren Satz von der bundesdeutschen Kanzlerin zu hören.
Es scheint doch kein «happy end about inequality and capitalism»[13] (Piketty) zu geben. Gleichgültig zunächst, ob sich hinter diesem neuen Lob der Gleichheit von denen da oben ein deutlicher Kurswechsel, eine korrigierende Anpassung, ein Konkurrenzmanöver der Obama-Administration gegenüber der republikanischen Partei oder politische Rhetorik verbergen – derlei Verschiebungen stehen für eine breitere Reaktion auf die aktuelle Ungleichheitslage in der überwiegenden Zahl der «reichen» westlichen Industriestaaten (Chartbook of economic inequality[14], 2014), in die hinein Publikation, Marketing und Debatte des Capital-Buches[15] von Piketty kamen. Das Erscheinen der spanischen, deutschen, portugiesischen, chinesischen und japanischen Ausgaben steht noch aus.
Reaktionen
I think the problem is that everybody wants to write about the book. It is very nice. The problem is that some people who write about the book have not read it at all. You see the problem? Piketty
Kaum amüsiert die Reaktionen auf der politischen Rechten, die Piketty quasi als «mentally unstable foreign communist»[16] (Brad DeLong) qualifizierten und die Marketingtour Pikettys für Capital im Frühjahr 2014 als bloßes Moment des Wahlkampfs der Demokratischen Partei für die Novemberwahlen 2014 charakterisierten[17] (Thomas Ferguson). Nicht wenige Linke haben sich zunächst etwas verwirrt an der Frage abgearbeitet, ob Piketty Marxist sei (John Judis[18], Russell Jacoby[19]), statt den Defiziten in den eigenen Analysen der Verteilungsverhältnisse nachzugehen.
Sie waren damit nicht allein, so stellte das «Handelsblatt» am 27. Mai 2014 die quälende Frage: «… ist er wirklich der bessere Marx?» Oder gar der «neue Marx»[20](Focus)? Der österreichische «Kurier» stellte ein Quiz[21] zur richtigen Zuordnung von 14 Zitaten bereit: Marx oder Piketty? Sicherlich fruchtbarer dann die Frage, ob und wieweit sich Pikettys Capital von Marx’ Kapital unterscheide (z.B. Christian Fuchs[22], David Harvey[23], Alex Callinicos[24], Thomas Palley[25], allesamt mit einhellig bejahender Antwort).
Auch Piketty selbst hat sich dazu mehrfach geäußert[26]. Seine eigenen Bezüge[27] zu Marx bzw. dem «Kapital» zeigen viel Distanz, gute Teilkenntnis zu einigen Fragen, oft oberflächliches Wissen und deutliche Fehlinterpretationen. Die Tradition und Gegenwart der marxistischen Debatten sind ihm wenig vertraut oder geben für seine Fragen nicht viel her. Zum Zweck einer Selbstverständigung ist das alles sinnvoll (wenngleich zuweilen angestrengt), zumal hier auch eine Reihe substantieller theoretisch begründeter Kritiken an Capital formuliert wurden, die in der liberalen und rechten publizistischen Debatte keine Rolle spielten. Sie bezogen sich im Wesentlichen auf den wissenschaftlich-theoretischen Hintergrund des Verfassers (grundsätzlich treffend Heiner Flassbeck/Friederike Spiecker[28], Robert Boyer[29], Paul Mason[30], Benjamin Kunkel[31]), zu einzelnen Schlüsselfragen weiter auch Jack Rasmus[32], Michael Robert[33], Michael Husson[34], Doug Henwood[35], Mick Brooks[36], Dean Baker[37], seine zentrale Annahme (Esteban Maito[38]), die Schranken der vorgeschlagenen Politik der Umverteilung (Richard Wolff[39]), kaum jedoch auf den historisch-empirischen Gehalt eines Buches (aber: What Piketty leaves out[40] von Robert Kuttner).
Piketty selbst formulierte in einem sehr informativen Interview[41] Mitte Mai:
Es ist ja eigentlich mehr ein Geschichtsbuch als ein Wirtschaftsbuch. Es geht um die Geschichte des Besitzes. Piketty
Kurz gesagt: Capital ist ein Buch, das im «Niemandsland» zwischen Ökonomie und Geschichte wandert und vom Autor bemerkenswerterweise der «politischen Ökonomie»zugerechnet wird. Die Assoziation zu Marx’ Kapital hinterlässt viele Spuren in Pikettys Text. Sie ist symbolisch, trendy, auch wirklichkeitsnah – mehr nicht.
Worum also geht es im Capital? Das Buch behandelt einen Aspekt von Ungleichheit – mehr nicht. Der Text beansprucht keineswegs eine «unified field theory of inequality» (wie dies Paul Krugman formulierte[42]. Erst recht geht es nicht um eine «allgemeine Theorie»[43] des «Kapitals» oder des «Kapitalismus» (Branko Milanovic[44]), auch nicht um einen historisch begrenzteren aktuellen Text über Neoliberalismus oder einen «Kapitalismus des 21. Jahrhunderts»[45].
In Capital (und dem Appendix[46] des Bandes) werden besondere Ungleichheitsverhältnisse in Frankreich, England und anderen westeuropäischen Staaten, weiter den USA und Kanada untersucht. Auch Untersuchungsergebnisse zu BRIC-Staaten und weiteren Ländern werden herangezogen. Historisch greift der Band aus bis zur Frage der Ungleichheit im Altertum. Fragen und zentrale Antworten des Buches lassen sich in zahlreichen Studien[47] und Vorlesungen bis hin zu Pikettys tatsächlich methodisch und historisch durchaus bahnbrechenden Studie «Les hauts revenus en France au XXe siecle: Inegalités et redistribution»[48] (2001) zurückverfolgen, die Aufstieg, Fall und erneuten Aufstieg der Hocheinkommens- und Reichtumsgruppen in Frankreich behandelte und auch untersuchte, welche Rolle Erbschaften dabei spielen. Die Fragen haben er und Facundo Alvaredo 2009 in einer Publikation[49] bei der Charakterisierung eines Forschungsprogramms des damals schon über zwei Dutzend WissenschaftlerInnen zählenden internationalen Forschungsnetzwerkes umrissen, das sich im letzten Jahrzehnt herausbildete:
Did income distribution become more unequal or more equal over the course of the years? When did income inequality increase and when did it decrease? What income fractiles were most affected by these trends? Which are the differences and similarities across countries? The second objective is to understand these facts. What are the economic mechanisms and processes that allow us to understand the way income concentration evolved?
Immer mehr aber hat sich dieses Programm auf die Frage nach Vermögen oder Reichtum (wealth) verschoben, was keineswegs selbstverständlich ist – und doch auch für Liberale wie Krugman naheliegt[50]: «Over time, extreme inequality in income leads to extreme inequality of wealth.»
Konvergenz und Divergenz von Reichtum und die damit verknüpfte Ungleichheit stehen im Zentrum, politisch aber geht es Piketty weder um radikalegalitäre Politiken, in deren Resultat «there would be no more entrepreneurs» (572) oder gar um die Beseitigung des Privateigentums. In einem FAZ-Gespräch[51] Ende Mai waren sogar krass kapitalismusenthusiastische Töne zu hören:
Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft. Natürlich sehe ich, dass Wirtschaftswachstum vornehmlich im Kapitalismus entsteht. Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine Grundlage unserer Freiheit darstellt. Es gab noch niemals so viel Kapital wie heute. Ich war 18 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Ich gehöre einer Generation an, die niemals Sympathie für den Kommunismus besaß. Piketty
Von Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit an hat Piketty somit über die Einkommensanalyse hinausgehende Fragerichtungen verfolgt[52]:
It was natural and important to me to ask the question: What can we say about inequality and social justice and the dynamics of distribution under capitalism? Why is it that people thought at some point that communism was necessary? Piketty
Und in Capital:
I have no interest in denouncing inequality or capitalism per se – especially since social inequalities are not in themselves a problem as long as they are justified … By contrast, I am interested in contributing, however modestly, to the debate about the best way to organize society and the most appropriate institutions and policies to achieve a just social order. Piketty
Sein Interesse[53] sei also weit begrenzter:
Inequality is not bad, per se. It is, actually, it can be useful and it is useful to some extent for growth, innovation and the kind of fantastic increase in living standards that we have seen over the past two centuries. Now the question is until what point is it useful? And you know, what I worry about is extreme inequality. Piketty
Ungleichheit ja – aber moderat. Wann Ungleichheit aber extrem werde – dafür gibt es nach Piketty «keine Formel»[54], aber historisch das Exempel des Europa bis 1914, aktuell die USA und – in Zukunft – womöglich der ganze Rest des Planeten. Extreme Ungleichheit kann, so Piketty, unter bestimmten Bedingungen äußerst gefährlich für das Überleben des Kapitalismus sein – was ihn als jemand ausweist, der für manche entschiedene Linke zum abscheulichen Lager der Kapitalismusretter[55] gehört. Die politische Motivation[56] Pikettys ist gleichwohl eng an ein Forschungsinteresse gekoppelt, das sich definitiv von den gängigen Herangehensweisen in seiner Zunft unterscheidet:
I wanted to understand how wealth, or super-wealth, is working to increase the inequality gap. And what I found […] is that the speed at which the inequality gap is growing is getting faster and faster. You have to ask what does this mean for ordinary people, who are not billionaires and who will never be billionaires. Well, I think it means a deterioration in the first instance of the economic wellbeing of the collective, in other words the degradation of the public sector. You only have to look at what Obama’s administration wants to do – which is to erode inequality in healthcare and so on – and how difficult it is to achieve that, to understand how important this is. There is a fundamentalist belief by capitalists that capital will save the world, and it just isn’t so. Not because of what Marx said about the contradictions of capitalism, because, as I discovered, capital is an end in itself and no more. Piketty
Hier zeigt sich, dass Piketty sich der paradoxen Situation[57] wohl bewusst ist, in die hinein ihn die große Resonanz seines Buches und das daraus erzielte Einkommen[58] von geschätzt ca. 3 Mio. € gestellt hat:
Die gleichen Leute, die hart um jeden Euro mit ihrem Reinigungspersonal oder ihren Niedriglohnarbeitern verhandeln, bieten mir 100.000 Euro für einen einstündigen Vortrag. Wenn ich ablehne, verdoppeln sie das Angebot. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sie verstehen, dass das «Nein» wirklich als Nein gemeint war. Und diese Leute wollen andere Leute ökonomische Vernunft lehren? Sie kontrollieren schlicht zu viele Ressourcen. Piketty
Interessant sind die Ergebnisse seiner Analyse nicht, weil sie aus dem Mainstream der neoklassischen Ökonomie kommen und – wenig überraschend – theoretisch nach den Kriterien einer kritischen politischen Ökonomie defizitär sind. Vielmehr interessieren Daten, ihre Konstruktion, Messung, Verarbeitung und die daran verknüpften Schlussfolgerungen, gerade weil sie auch aus dem Mainstream kommen und womöglich weiterreichende Verschiebungen im ideologischen Feld andeuten oder ermöglichen. Die vier Hauptkapitel des Buches behandeln «Income and Capital», dann historisch angelegt «The Dynamics of the Capital/Income Ratio», weiter datengespickt «The Structure of Inequality» und schließlich politisch-programmatisch «Regulating Capital in the 21st Century». Was ist bemerkenswert an der Analyse?
Big data about the very rich
Es ist zunächst die klassische Betrachtung der funktionalen Verteilung von Einkommen, also der Aufteilung des Einkommens auf Kapital und Arbeit. Vor allem aber steht im Zentrum die empirisch-historische Analyse der Entwicklung der «Hocheinkommen» und des damit verknüpften Reichtums. Die Arbeit durchkreuzt damit den Durchschnittshabitus der Reichen, ihren Reichtum möglichst unsichtbar zu machen.
Die internationale Forschungsgruppe, auf deren Arbeit der Band aufbaut, beansprucht, die aktuell umfangreichste Datenbasis der historischen Einkommens- und Vermögensforschung erstellt zu haben. Sie hat seit Anfang der letzten Dekade 22 Länderstudien publiziert und 45 weitere in Arbeit. Die frei zugängliche World Top Income Database[59] (WTID) kompiliert Vermögensdaten aus zwei und Einkommensdaten aus einem Jahrhundert. Die Zeitschrift Science, die im Mai 2014 der «Science of Inequality» ein Schwerpunktheft über die «Haves and have-nots»[60]» widmete, verglich die WTID mit dem Gral naturwissenschaftlicher Datenwelt, dem Human Genome Project. Eine aktuelle Übersicht zu Analysen über Einkommens- und Reichtumsentwicklung findet sich bei Salvatore Morelli u.a.[61] (2014).
Capital greift deutlich breiter in die Geschichte zurück. Der Band behandelt die letzten 250 Jahre und sein Schwerpunkt liegt im 20. und 21. Jahrhundert. Methodisch zeichnen sich die Analysen dadurch aus, dass sie (wie mittlerweile weithin üblich) die klassische Arbeit mit Samples oder selbstberichteten Einkommensangaben oder die Begrenzung auf Haushaltsdecile («die top ten») hinter sich lassen (siehe die Arbeiten von Emmanuel Saez[62], Thomas Palley[63], James Galbraith[64], Edward Wolff[65], Branko Milanovic[66], Philip Vermeulen[67], Anthony Atkinson[68]). Sie greifen auf Steuerdaten bzw. die entsprechenden Erklärungen zurück, da diese als einzige relativ konsistente lange Reihen ermöglichen. Von diesen schließen sie auf Einkommen (Dividenden, Zinsen, Vermietung etc.) aus Kapital und bewerten es nach Marktpreisen, wobei – falls vorhanden – auch andere Quellen herangezogen werden, so dass Aussagen über die Reichtumsentwicklung getroffen werden können. Methodologisch eine besondere Rolle spielte dabei Pikettys Beitrag (gemeinsam mit E. Saez) über «Income Inequality in the United States, 1913-1988»[69] (2003). Eine ins wissenschaftliche Detail gehende Übersicht zu Begriffen, Verfahren und Resultaten der Arbeiten in diesem Zusammenhang gibt der Aufsatz «Top Incomes in the Long Run of History»[70](Anthony B. Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez, 2011).
Die bisherige Kritik hat sich mit einer Ausnahme sehr anerkennend auf die empirische Arbeit von Capital bezogen (s. als Ausnahme die kritische Polemik von Chris Giles[71] in der Financial Times (auch hier[72]) und Pikettys ebenso ausführliche wie höfliche Replik[73] (auch hier[74]) und weitere Kommentare dazu von Konczal[75], Krugmann[76], Gongloff[77], O’Brien[78], Cassidy[79], Winship[80]). Womöglich weit gewichtiger für die Haltbarkeit der Schlüsselthesen des Bandes ist die Auseinandersetzung mit der Rolle des von Piketty weitgehend als Kapital definierten Immobiliensektors von Bonnet[81] (dagegen Brooks[82]: «Only those who buy houses in order to live off the rents can regard their housing wealth as capital»), der Fakt, dass die Steuerdaten die Guthaben für die Altersvorsorge nicht berücksichtigen und, natürlich, dass Praxen der Steuervermeidung (Zucman[83], 2014) riesige Dimensionen angenommen haben.
Der neue Blick
Der Wert des «Geschichtsbuchs» liegt in dem substantiellen Wandel des Blicks auf die Geschichte der Ungleichheit des Kapitalismus, den Piketty aus der Bearbeitung seiner Datenreihen vorschlägt: Er formuliert die Gegenthese zu der großen Erzählung[84] seines eigentlichen Inspirators und Kontrahenten Simon Kuznets[85] (Shares of Upper Income Groups in Income and Savings[86], 1953), wonach die Ungleichheit der Einkommen mit zunehmender Industrialisierung zunächst steige, dann aber nachhaltig abnehmen würde.
Piketty setzt dagegen, dass die Vergrößerung der Einkommens- und Vermögensungleichheit im Kapitalismus nicht Ausnahme, sondern Normalität sei. Zwar gebe es Regionen und Zeiträume, in denen die Ungleichheiten zurückgehen – so grosso modo in Europa in der Zeit zwischen 1914 und Anfang der 70er Jahre, wovon dann das Alltagsbewusstsein wie die wissenschaftlichen Leitkonzeptionen geprägt und die zwei großen Erzählungen vom «Zeitalter der Katastrophen» (bis 1945) und vom folgenden «goldenen Zeitalter» (Hobsbawn) hegemonial wurden. Für Piketty sind dies (soweit von Ungleichheit die Rede ist) große Täuschungen, Abweichungen, Ausnahmen, «seltene Umstände»[87] – keine neue Normalität. Trotz allen Gewichts und historischer Dauer stehen sie für keine systemische Normalität. Als Argument ruft Piketty nicht eine Diagnose anhaltender oder wachsender absoluter Verelendung auf, sondern verweist auf die Nachhaltigkeit der Akkumulation und -konzentration des Reichtums. «Inequality is a feature of capitalist economies, not a bug» (Geier[88]) – insoweit also gute Nachrichten für die Großeigentümer und ihre Banken wie der Bank of America Merrill Lynch[89], aus denen manche freudige Stimme über diese Schützenhilfe aus der politischen Ökonomie kam, die ihnen für das laufende Jahrhundert gute Aussichten auf vergleichsweise hohe Returns auf ihr Kapital verkündet. Keine gute Nachricht für sie aber, was die Revision des einst so fest verankerten optimistischen egalitären Kapitalismusbildes angeht.
Die Wende zur Reichtumsanalyse
Pikettys Verständnis von Kapital hat mit dem Marx’schen Kapitalbegriff nichts zu tun. «In this book», schreibt er, «capital is defined as the sum total of nonhuman assets that can be owned and exchanged on some market. Capital includes all forms of real property (including residential real estate) as well as financial and professional capital (plants, infrastructure, machinery, patents, and so on) used by firms and government agencies» (46, auch 48). Insofern betont er in einem Interview in Juncture[90], er wolle der «Multidimensionalität von Kapital» gerecht werden:
The history of real estate is not the history of land, it is not the history of financial assets or business assets, or the public debt; all these different assets come with different power relationships, and with different social compromises to determine their rate of return, and the labour return that is used together with these assets. Piketty
Auch die komplizierte Frage, wie ein so definierter Kapitalstock jeweils gemessen und bewertet werden soll, beantwortet er klar:
All forms of wealth are evaluated in terms of market prices at a given point in time. This introduces an element of arbitrariness (markets are often capricious), but it is the only method we have for calculating the national capital stock: how else could one possibly add up hectares of farmland, square meters of real estate, and blast furnaces? Piketty
Galbraith[91] hat in seiner deutlich hastigen Diskussion des Bandes von einer «terrible confusion» gesprochen: Piketty setze Kapital, Reichtum und Vermögen gleich. «Wealth» sind für ihn Güter und Dienste, die auf Märkten geldwert getauscht werden (Alexander Field[92]) bzw. wie ein Haus oder ein Kunstwerk voraussichtlich Geld erbringen werden. Pikettys «Capital» ist nicht bloß stock (Bestand), sondern auch eine für den Kapitalismus nicht spezifische soziale Kategorie, für Marx dagegen ist das «Kapital» ein in sich widersprüchliches, sich krisenhaft reproduzierendes gesellschaftliches Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Gruppen, das sich vermittels Produktion, Aneignung, Exklusion und Kommando realisiert. In Bilanzen und Einkommenssteuererklärungen kommen diese Welten nicht sonderlich vor. Unter «wealth» versteht Marx eine Akkumulation von Gebrauchswerten, die Kapitalform annehmen kann oder nicht – die Dutzende von Millionen US-Dollar schweren Jachten, welche die Milliardäre dieses Planeten zu sammeln pflegen, sind insofern kein Kapital – für Piketty aber sehr wohl.
Piketty interessiert sich seit seiner ersten Publikation für die Verteilung von Einkommen und die damit zusammenhängenden Ungleichheitsprobleme. In Capital jedoch macht er gegenüber der Analyse der Entwicklung der Einkommen die Entwicklung und Struktur des Reichtums («wealth») stark, denn Reichtumsungleichheit wiegt in einer Langzeitanalyse weit mehr als Einkommensungleicheit (Collins[93]). Die historisch ansetzenden Hocheinkommens- und Vermögensanalysen (USA, Frankreich, England, Europa, BRIC-Staaten) unterscheiden sich von methodisch anders vorgehenden Langzeituntersuchungen, die im Wesentlichen die Einkommensunterschiede zwischen Staaten bzw. innerhalb von Staaten betrachten (jüngst Jan Luiten van Zanden[94], 2013) oder mit dem Gini-Koeffizienten arbeiten, dabei aber nur zu sehr allgemeinen und vagen Resultaten kommen. Die Vorgehensweise von Piketty vermittelt demgegenüber eine konkretere Vorstellung einer zentralen Struktur der Gesellschaft, die in den üblichen Armuts- und Reichtumsberichten oder den Armutsforschungen[95] der Mittelklassensozialwissenschaft weitgehend ausgeklammert wurde und wird – diese blickte jahrzehntelang fast immer erschreckt nach unten, nicht nach oben. Ganz anders dagegen etwa Rainer Land/Ulrich Busch[96].
Vor allem am Beispiel der USA (mittlerweile aber auch anhand von zwei Dutzend weiteren Ländern) diagnostizieren Piketty, Saez und andere Autoren eine massiv beschleunigte Konzentration des Einkommens und Vermögens (Primäreinkommen, vor Steuern und Transfers; s. Piketty/Saez in Science[97]). Allgemein gilt, dass die Reichtumskonzentration durchgängig wesentlich höher ist als die Konzentration der Einkommen (bei 60-90 % bzw. bei 30-50 %). Der Anteil der unteren Hälfte liegt bei weniger als 5 % des Vermögens und bei 20-30 % des Einkommens. Der Anteil der oberen 10 % am Vermögen in den USA lag zwischen 1917 und 2012 nach Saez/Zucman[98] (2014) nie unter 60 %. Seit 1987 ist dieser Anteil um rund 10 Prozentpunkte auf ca. 75 % kontinuierlich angestiegen, in Europa liegt er bei knapp 65%. Doch mittlerweile sind die Einkommensunterschiede zwischen den Top-0,1% und dem Rest der oberen 10 % weitaus größer geworden als die zwischen den obersten 10 % und dem Durchschnittseinkommen.
Betrachtet man die «Top 1%» dann zeigt sich, dass deren Anteil zwischen 1978 und 2013 von knapp 25 % auf rd. 40 % angestiegen ist, also deutlich stärker zugenommen hat. Die «middle rich» (Top 10-Top 1 %) dagegen sind seit Mitte der 70er Jahre um fast 10 % auf 35 % gefallen. Nach aktuellen Daten[99] zogen in den USA die «Top 1%»-Haushalte in der Periode Obama seit 2009 95 % des gesamten Einkommenszuwachses an sich; das waren in der Bush-Zeit (2001-2008) 65 % und unter Clinton 1993-2000 «nur» 45 %. Im Zeitraum 1977 bis 2007 hatten sich die Top 1 % fast 60 % des Gesamtwachstums des US-amerikanischen Nationaleinkommens anegeeignet. Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte wurde damit ein Anteil von mehr als 15 % des Nationaleinkommens in den USA von den unteren 90 % auf das oberste Zehntel verlagert.
Nicht nur in den USA setzt sich dieser Trend ungestört vom Rauschen über die Regulierung der Finanzmärkte fort. Zwei aktuelle Beispiele: Die 1000 reichsten Briten konnten 2013 ihr Vermögen von 637 Milliarden Euro um 15,4 % gegenüber dem Vorjahr steigern[100] – und damit gegenüber 2009 verdoppeln. «Ich habe noch nie einen so sagenhaften Anstieg von Privatvermögen gesehen wie bei den reichsten 1000 Briten im vergangenen Jahr», zitiert[101] die «Sunday Times» den Autor des Reichen-Rankings der Zeitung. Der aktuelle «Wealth Report[102] der Boston Consulting Group vermerkt für 2013 einen Anstieg des globalen Privatvermögens um 14,6 Prozent auf 152 Billionen Dollar (2012: + 8,7 %), die Zahl der Millionärshaushalte wuchs in 2013 auf 16,3 Mio. (2012: 13,7). Sie hielten damit 42 % des privaten Vermögens (2012: 39 %) – ein Betrag, viermal so groß wie das BSP der USA. Die in diesem Bericht erfasste Spitzengruppe der «Ultra-high-net-worth (UHNW)-Haushalte» (die Haushalte mit mehr als 100 Mio. $) hielt in 2013 5,5 % des gesamten privaten Reichtums (8,4 Billionen), ein Anstieg um 19,7 % gegenüber 2012; die Verfasser rechnen mit einem Zuwachs auf 13 Billionen (6,5 %) bis Ende 2018. Der verbreitete Hinweis auf den Aufstieg der Mittelklassen in den BRIC-Staaten oder globale Angleichungen der Durchschnittseinkommen trifft das zunehmende Auseinanderklaffen der Vermögen nach Piketty[103] nicht: «Die Vermögen der weltweit reichsten Menschen wachsen dreimal so schnell wie die Durchschnittseinkommen.»
Die Untersuchung der Konzentration der Einkommen und des Vermögens in den USA führte mittlerweile zu einer Relativierung der Formel von den «1%», denn die Musik spielt bei der Verteilung innerhalb[104] der 1 %: Zwischen 1960 und 2012 haben die reichsten 0,1 % der US-Haushalte ihren Anteil an Vermögen von weniger als 10 % auf über 20 % verdoppelt. Dass die «Ein Prozent» ihren Anteil am Vermögen in dieser Zeit steigern konnten, geht weit überwiegend auf die Zunahme des Anteils der obersten 0,1 % zurück – und mehr noch: während der Anteil der 1-0,1%-Gruppe (die «merley rich» mit zw. 4 und 20 Mio $) seit Ende der 70er Jahre nur geringfügig zunahm, hat sich der Anteil der obersten 0,01 % (ca. 16.000 Haushalte mit mehr als 100 Mio.$) am Reichtum in den USA in diesem Zeitraum – den letzten 35 Jahren – von 4 % auf 11 % (2013) vervierfacht (Piketty[105]). Die Top 400 der «rich list» der Zeitschrift Forbes (=0,00025 %) verdreifachten ihren Anteil am Vermögen zwischen 1983 und 2013 von gut 1 % auf über 3 % und die 0,1 % der Vermögenden von knapp 4 % auf 11 %: «Einige wenige Reiche könnten», so Piketty[106], «rein theoretisch in 30 bis 40 Jahren fast das komplette weltweite Vermögen besitzen.»
Von der aktuellen Krise seit 2007/8 wurde diese 0,1%-Gruppe (und sogar ihr Finanzsektor) nur kurzzeitig und geringfügig tangiert (Salvatore Morelli[107], 2014). Diese Spitzengruppe der «Superreichen» dürfte sich mit der Gruppe der «Ultra High Net Worth Individuals» (UHNWI) und ihren Untergruppen vielfach überschneiden und ebenso mit jenen Gruppen, die in der sich langsam entwickelnden soziologischen Reichtumsforschung (Hans Jürgen Krysmanski[108], Michael Hartmann[109], Ueli Mäder[110] u.a.) identifiziert werden. Interessante Parallelisierungen und womöglich ein Grund, die berechtigte Skepsis gegenüber historisch-politisch problematisch aufgeladenen und analytisch wenig vertieften Kategorien wie «Oligarchie» oder «Plutokratie» zu überdenken.
Immerhin bemerkenswert, dass mittlerweile die Rede von den «Reichen» oder den «rich» nicht mehr prompt in die Bahnen wissenschaftlicher Korrektheit zurückverwiesen und daran erinnert wird, dass es sich hierbei doch unzweifelhaft um «Kapital» handele – so zumeist die Mahnungen von linker Seite. Dadurch freilich erübrigt sich eine kritische Auseinandersetzung mit Reichtum als eigenem gesellschaftlichen Verhältnis von Herrschaft und Souveränität. Eine ernsthafte Auswertung[111] der rich-lists und wealth reports, die im Kontext der Strategien des private wealth managements der Finanzindustrie generiert werden, nimmt Piketty nicht vor (430ff.), doch jenseits von seiner Analyse werden Verdichtungen wie z.B. aus dem partiellen Zusammenfall der Gruppen der Hocheinkommensbezieher und der Besitzer von Großvermögen (Superreiche) in ersten Ansätzen[112] rekonstruiert und lassen ein durchaus eigenes Sozialprofil erkennen (Lisa A. Keister[113]) – und natürlich den Kampf innerhalb der Klasse, den «centil struggle» (Piketty, Boyer). Piketty vermerkt immerhin, dass der Anteil des Finanzsektors in den Top-0,1 % der Einkommensbezieher in den USA mittlerweile auf 20 % angestiegen ist (Juncture[114]). Ungeachtet der Vorarbeiten der Autorengruppe und anderer ist jedoch ein konsequent globaler Ansatz in der Reichtums- und Einkommensanalysen noch nicht vorhanden – realistische und komplexe Struktur- und Handlungsprofile der global UHNWI fehlen weitgehend und damit auch eine Grundlegung für die Untersuchung der Veränderungen globaler Herrschaft und Souveränität.
Patrimonialer Kapitalismus
Auch die wachsende Bedeutung des vererbten Vermögens bringt Piketty wieder neu ins Spiel. Allein die vier Mitglieder der Familie Walton (Wal Mart) belegen die Plätze 9, 10, 11 und 12 der Bloombergschen Liste[115] der «Global Rich» und besitzen mittlerweile mehr ererbtes Vermögen als die unteren 50 Millionen Familien in den USA zusammengenommen. Bereits aktuell machen vererbte Vermögen rund ein Drittel der «Forbes 400» aus – nicht gerade ein Beleg für die Dominanz der «working rich», die sich bekanntlich äußerst leistungsgerechte Hocheinkommen reservieren.
In Ländern wie vor allem Frankreich, aber auch Deutschland, etwas weniger auch England und die USA ist im letzten Vierteljahrhundert der Anstieg der Hocheinkommen und des Reichtums durch Vererbung erneut zu einer Schlüsselfrage geworden – zum Beispiel Frankreich: «Inherited wealth represents 80-90 percent of total wealth in France in the nineteenth century; this share fell to 40-50 percent during the twentieth century, and might return to 80-90 percent during the twenty-first century.» (402) Bereits 2010 machte vererbtes Kapital in Frankreich zwei Drittel des privaten Kapitals aus. Erbschaftspolitik und die Entwicklung der Erbschaftssteuern werden in den nächsten Jahrzehnten ein zentrales Feld der Verteilungs- und Gerechtigkeitspolitik werden, denn in einer Reihe von Ländern wird Kapital aus Erbschaften oder unter Familien- und Klankontrolle zu einem noch weit zentraleren politischen Akteur werden, als es heute schon der Fall ist – ungeachtet der Form des Kapitals, wie das Beispiel China zeigt. Für die in den 60er und 70er Jahren Geborenen gilt dies bereits heute weit mehr als für die Generation ihrer Eltern.
Allerdings sind der krasse Anstieg der Hocheinkommen, die Reichtumskonzentration und das Ansteigen der Erbschaften (s. Facundo Alvaredo[116], 2013) in den USA und einigen anderen Ländern (Piketty nennt ihn «plutokratischen Extremismus») offenbar auch dadurch entstanden, dass ein großer und wachsender Teil der Unternehmensgewinne an die «Supermanager» (wie auch die Aktionäre) weitergegeben worden ist, während z.B. in der BRD diese im Unternehmen verblieben und insofern die Vermögen – das Kapital – der reichen Haushalte vergrößern, ohne als Einkommen aus Arbeit gerechnet zu werden. Freilich fällt auch in Deutschland dem 1 % mit dem höchsten Einkommen rund 13 % der Einkommen zu – mehr als in Schweden, Frankreich oder England.
Im Einzug der «working rich» in die Kategorie der «Supergehälter» und der «Supermanager» sieht Piketty keine Spaltung zwischen «working rich» und «coupon-clipping rentiers», sondern Cohabitation und Konkurrenz – «a race between supermanagers and rentiers, to the detriment of those who are neither» (417). Dass die «Supermanager» der Finanzindustrie zu einer neuen Sozialkategorie der Rentiers werden (304) und langsam hegemonial werden, deutet er immerhin an (303). Ob deren Aufstieg freilich Anlass für sinnvolle Debatten über Effizienz oder Qualifikation sein muss, sei dahingestellt. Nachhaltiger dürfte die soziale und kulturelle Verfestigung von ökonomischer Macht sein, die eine solche Wiederkehr des vererbten Reichtums und der Supermanager mit sich bringt (die letztlich erneut zu Kandidaten neuer Erbschaftsfälle werden, wie die aktuelle Entwicklung in der Top-Gruppe[117] der Hedge-Fonds zeigt). Und: Er ist auf Dauer angelegt, der patrimoniale Kapitalismus wirft einen langen Schatten. Auch jenseits der Großvermögen steigt unter den «merely rich» oder «affluent» (klassisch grob formuliert: in der upper middle class) die Bedeutung des Einkommens aus Kapital für die Einkommen (Marcelo Medeiros/Pedro H. G. Ferreira de Souza[118]).
Capital is back: r > g
Was ist der Hintergrund dieser Entwicklungen? Das Top-Medium des Marktradikalismus – der britische Economist – hat Pikettys Kernthese in dem Satz zusammengefasst: «Reichtum wächst schneller als die gesamte Wirtschaft.» Piketty sieht hier «the fundamental force for divergence» (25), eine «principal destabilizing force» (571), eine «historische Norm»[119] und gar «the central contradiction of capitalism» (571). Auf lange Zeit – also im Kapitalismus (und davor) – wachse die Rendite auf Kapital (Vermögen) tendenziell schneller als die Wachstumsrate der Einkommen aus Arbeit und Kapital bzw. Wertschöpfung (g) (s.a. Dan Kervick[120]) und es konzentrierten sich Einkommen und Vermögen immer mehr an der Spitze der Gesellschaftspyramide.
Piketty folgt hier der verbreiteten Annahme, dass steigende Produktivität durch technologischen Fortschritt und zunehmendes Bevölkerungswachstum die eigentlichen Treiber des Wirtschaftswachstums seien. Bei stark wachsenden Renditen auf Kapital (vor Steuern, s. Schaubild 10.9 auf Seite 354 oder Pikettys Tabelle[121] auf S. 10.3. sowie Lindner[122]) oder sinkendem (auch Bevölkerungs-) Wachstum erhöht sich die Ungleichheit. Rund die Hälfte des Wachstums des GDP ging im letzten Jahrhundert auf das Bevölkerungswachstum zurück – ein Trend der für Piketty/Zucman[123]beendet ist: «capital is back because low growth is back.»
Die wachsende Ungleichheit geht auf die Zunahme des Einkommens zurück, das in Form von Profiten, Mieteinkommen oder Zinsen in das Kapital fließt und dort nur zu einem geringen Anteil konsumiert wird, sondern nach Neuanlage als Kapital sucht. Nehme die allgemeine Wachstumsrate ab, dann müsse irgendwann auch das Wachstum des Einkommens aus Kapital fallen – aber im Zweifel langsamer. Nicht die Bewegung des Einkommens aus Arbeit, sondern das Einkommen aus Kapital ist der große Treiber der Ungleichheit (Timothy Noah[124]). Innerhalb dieser Einkommensarten widerum gibt es zahlreiche, von Piketty allerdings kaum behandelte Wirkfaktoren:
In the case of unequal incomes from labor, these mechanisms include the supply of and demand for different skills, the state of the educational system, and the various rules and institutions that affect the operation of the labor market and the determination of wages. In the case of unequal incomes from capital, the most important processes involve savings and investment behavior, laws governing gift-giving and inheritance, and the operation of real estate and financial markets. Piketty
Großer Reichtum wird also nicht als Arbeitseinkommen erarbeitet, sondern entsteht als Einkommen aus Vermögen und zunehmend aus vererbtem Vermögen:
The entrepreneur inevitably tends to become a rentier, more and more dominant over those who own nothing but their labour. Once constituted, capital reproduces itself faster than output increases. The past devours the future. Piketty
Die Rendite auf Kapital (r), also die Ertragsrate auf Sach- und Finanzvermögen, lag in den letzten 250-300 Jahren bei ca. 4-5 %/Jahr gegenüber dem Wachstum aus dem gesamten Einkommen, also des Bruttoinlandsprodukts (g), das zwischen 1 % und 2 % in den reichen Ländern im Jahr zunahm. Jedediah Purdy hat in seiner Besprechung[125]in der Los Angeles Review of Books die Konsequenz veranschaulicht:
Wealth begets wealth: at a five percent rate of return, the value of capital doubles every 14 years, while at a two percent rate, the economy doubles in size after 35 years. That means that over a century and change, wealth coming from capital would have doubled seven times, to 128 times its starting size, while the overall economy would be only eight times larger. Jedediah Purdy
Anders formuliert: Die Ertragsrate auf Sach- und Finanzvermögen ist also in the long run deutlich höher als die Ertragsrate auf den Besitz der Arbeitskraft. Piketty folgert: «the more perfect the capital market (in the economist’s sense), the more likely r is to be greater than g.» (27) Was Piketty zu einer (letztlich bloß beschreibenden!) Formel (r > g) verdichtet, wird von ihm – anders als seine Kritiker häufig unterstellten – vorsichtig als «Wahrscheinlichkeit» oder «Tendenz»[126] beschrieben. In einem Interview[127] Ende Juni 2014 formulierte er:
Ich behaupte nicht, dass es genau so und nicht anders kommen wird. Eine Prognose über die kommenden Jahrzehnte ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. Die Kapitalrenditen müssen nicht so hoch bleiben und das Wirtschaftswachstum kann wieder zulegen und damit die Ungleichheit reduzieren. Aber es gibt ein Risiko, dass sie weiter steigt, dessen müssen wir uns bewusst sein. Piketty
Und er schließt Ausnahmen nicht aus – im Gegenteil: Die zentrale Ausnahme war die Zeit zwischen dem Beginn des 1. Weltkriegs und der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als zunächst nicht etwa die Renditen aus Kapital durch die Rooseveltsche Politik des New Deal reduziert worden seien, sondern Kapital in großem Maßstab durch Kriege zerstört, durch Inflation und Krisen entwertet oder enteignet wurde und die hohen Steuerquoten die Rendite beträchtlich schmälerten («To a large extent, it was the chaos of war, with its attendant economic and political shocks, that reduced inequality in the twentieth century», 275) bzw. nach dem Krieg (1950 ff.) hohe Wachstumsraten erzielt wurden, die eine korporative Aufteilung des Einkommens einschlossen, Einkommen aus Kapital und das Erwerbseinkommen also ungefähr die gleiche Steigerungsraten hatten. Es war dann die Zeit, die in Frankreich «les trente glorieuses» (1945-75) und in der Bundesrepublik Deutschland in den 50ern und frühen 60ern das «Wirtschaftswunder» genannt wurde, mit Branko Milanovic könnte man sie auch eine «spezielle Periode» in der Geschichte des Kapitalismus nennen – eine Periode, in der aus r < g nunmehr g > r wurde.
A concatenation of circumstances (wartime destruction, progressive tax policies made possible by the shocks of 1914-1945, and exceptional growth during the three decades following the end of World War II) thus created a historically unprecedented situation […]. All signs are, however, that it is about to end. Piketty
Während Anfang der 70er Jahre in allen reichen Ländern der Wert des Privatvermögens zwischen 200 % und 350 % des jährlich entstandenen Volksvermögens lag, ist dieser Wert Anfang des jetzigen Jahrzehnts auf 400 % bis über 700 % gestiegen. Sicherlich sind die Erklärungen für die über ein halbes Jahrhundert andauernde lange Ausnahme, die Piketty bietet, sagen wir – recht unterkomplex[128] (und er untergewichtet den Zusammenbruch der Preise für Land/Landwirtschaft seit Ende des vorletzten Jahrhunderts bei seiner Erklärung des «Kollapses» des Kapitals wie auch deren Transformation in die urban rent in den letzten Jahrzehnten und die Frage von Karl Smith[129], ob sich die Landlords zu einer zukünftigen globalen Plutokratie entwickeln). Allerdings gilt dies offenbar auch für die Behandlung der Ungleichheitsfrage in der auch kritischen Geschichtsschreibung und auch in der aufschwingenden Weltgeschichtsschreibung, die beide unter dem Blick, den Piketty hier nahelegt, durchaus defizitär erscheinen. Piketty resümiert:
To sum up: the inequality r > g has clearly been true throughout most of human history right up to the eve of World War One, and it will probably be true again in the 21st century. Its truth depends, however, on the shocks to which capital is subject, as well as on what public policies and institutions are put in place to regulate the relationship between capital and labor. Piketty
Er hält an dieser Annahme auch gegen die oft angeführten Prozesse der Reduzierung globaler Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern fest:
In terms of per capita GDP the top of the distribution of wealth at the global level has been rising a lot larger than the per capita income or output or wealth at the global level. This convergence – although they are very strong, they have been less strong than this «r bigger than g» at the global level. Piketty
Und er formuliert in seinem Buch:
Ich habe die vorliegenden demographischen und wirtschaftlichen Wachstumsprognosen verwendet […], laut denen die Weltproduktion in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts schrittweise von derzeit 3 Prozent jährlich auf nur 1,5 Prozent sinken wird. Ich nehme auch an, dass sich die Sparquote langfristig bei etwa 10 Prozent stabilisieren wird. Unter diesen Annahmen […] wird das globale Kapital-Einkommen-Verhältnis logischerweise weiter ansteigen und könnte vor Ende des 21. Jahrhunderts 700 Prozent erreichen, oder ungefähr das Niveau, das in Europa vom 18. Jahrhundert bis zur Belle Époque beobachtet wurde. Mit anderen Worten könnte 2100 der gesamte Planet wie Europa an der Wende zum 20. Jahrhundert aussehen, zumindest was die Kapitalintensität angeht. Piketty
Auffällig im Übrigen, dass die ökologischen Implikationen dieser Annahme (und generell der r > g-Formel) von Piketty nicht debattiert werden, sein Fokus auf Wachstum alten Typs ist offenbar völlig ungebrochen. Derlei auch von wohlwollenden Anhängern (Brad DeLong[130]) nicht geteilte Aussichten auf einen patrimonialen Downton Abbey-Kapitalismus oder das Mark Twains’sche vergoldete Zeitalter (Gilded Age) der Zeit nach dem US-Bürgerkrieg bis 1914 laufen auf einen low-growth-capitalism mit hoher Ungleichheit, ein paar Sozialstaatsresten und niedriger sozialer Mobilität hinaus. Einheirat auf hohem Kapitalisierungsniveau empfiehlt sich. Piketty erinnert – etwas übertrieben (342f.) – in einem Interview[131] an das Paris des Jahres 1913:
Ein Prozent besaßen 70 Prozent des Vermögens. Und zwei Drittel der Bevölkerung hatten bei ihrem Tod so wenig Besitz, dass ihre Beerdigungskosten davon nicht bezahlt werden konnten. Piketty
Richistan also, ein Land der Höflinge, Schranzen, Schmeichler und Familiendynastien als das Land der Zukunft? Ein solcher «patrimonialer Kapitalismus» (Piketty) müsse verhindert werden. Auch bei hohem Wachstum und durch politische Eingriffe gemindertem Return auf Kapital sei zwar weniger Ungleichheit erreichbar, aber die Zeiten eines fordistisch-keynesianistischen golden age (Hobsbawn) seien vorbei. Was Piketty entgeht: Was hier anstünde, wäre ein Richistan 2.0. eines gated capitalism, wo Märkte und Finanzialisierung eine historisch unerhörte Verallgemeinerung von Ungleichheit, Macht und Subalternität erlauben und erfordern, demgegenüber die viktorianisch-wilhelminisch Downton Abbey-Zeit so betulich erscheint, wie uns dies der britische ITV-Sender in seiner Soap über die zerfallenden Parallelgesellschaften des britischen Niedrigadels ja auch so fabelhaft vorführt. Immerhin: «I have proved», erklärt Piketty begeistert dem Observer[132], «that under the present circumstances capitalism simply cannot work.» Das ist seine Bilanz der Studie:
The overall conclusion of this study is that a market economy based on private property, if left to itself […] contains powerful forces of divergence, which are potentially threatening to democratic societies and to the values of social justice on which they are based. Piketty
Intervention ohne Ende
Ohne politische Intervention kann für Piketty die Dynamik der großen Divergenz nicht gebrochen werden. Er thematisiert drei politische Konsequenzen, skizziert aber nur eine starke Intervention.
Erstens den Zusammenhang von ökonomischer und politischer Ungleichheit, also die Frage nach der bürgerschaftlichen Demokratie, die für ihn durch die skizzierte Grundtendenz des Kapitalismus letztlich ausgehebelt wird – «So the market and private property should be the slave of democracy rather than the opposite» (Piketty[133]). Um politische Interventionen in den neuen Reichtumskomplex durchsetzen zu können, sind schrittweise institutionelle Umbauten notwendig:
Warum verbinden die Bürger in Europa Brüssel mit einem technokratischen Moloch? Weil es genau das ist. Europa muss demokratischer werden. Der Ecofin-Rat und der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs sind keine demokratischen Institutionen. Ein Land wie Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern kann nicht nur mit einer Stimme im Ministerrat präsentiert werden. Wir leben in der Illusion, dass unser EU-Parlament, der Ministerrat, die EU-Kommission funktionierende Institutionen sind. Das ist aber nicht wahr. Die politische Architektur der EU ist ein Monster. Piketty
Zweitens geht es um die Frage nach einer politischen Perspektive Europas in Differenz zu den USA. Die USA stehen für die Dynamik einer großen Divergenz: von einem «neuen» Kapitalismus, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts als deutlich weniger ungleich angesehen werden konnte als die kapitalistischen Hauptländer Europas hin zu einem global dominanten Kapitalismus mit rasant sich vertiefender Ungleichheit. Die Entwicklung in Europa ist in dieser Hinsicht differenzierter. Während sich die USA und auch England auf einen Zustand hin bewegen, in dem auf das oberste Zehntel 50 % des Einkommens entfallen, sind es bei Frankreich und Deutschland bislang rund 35 %; was im Falle der BRD mit dem faktischen Wegfall der Steuern auf Vermögen und mit dem vergleichbar schwächeren Wachstum der riesigen Einkommen der «Supermanager» zu tun hat.
Zum bundesdeutschen Modell des Finanzmarktkapitalismus gehört keineswegs eine Begrenzung des langandauernden Vermögenswachstums. Mittlerweile hat sich die jährliche Zunahme der Vermögen an der Spitze in diesen Ländern weitgehend auf 5-7 % angeglichen. Nicht erst neuerdings wird eine Fülle von Daten ins Feld geführt, wonach die Zeit der wachsenden Kluft in der Einkommens- und Vermögensstruktur zwischen Europa und den USA zu Ende zu gehen scheint. Die Widersprüche aus der Dynamik der «großen Divergenz» sind keine kontinentale Erscheinung, sondern reflektieren übergreifende, vor allem transatlantisch zunehmend parallel verlaufende Prozesse, deren wechselseitige Beförderung diese Divergenz vertiefen werden – keine erfreuliche Aussicht.
Drittens liefert Piketty im Rahmen der neoklassischen Argumentationen Daten, Annahmen und in gewissem Umfang auch Erklärungen für wachsende Ungleichheit sowie Einkommen aus Kapital als Begründung für die dringende Notwendigkeit einer Regulierung vor allem durch deutliche und (noch komplizierter!) absehbar globale und dauerhafte Besteuerung von Hocheinkommen und Großvermögen um die Ungleichheitsdynamik zu bremsen, so dass Steuerpolitik und die dazu gehörende Ermächtigung der Politik ganz neu in den Vordergrund kommen. Mit Bezug[134] auf den Zusammenhang zwischen Steuererhöhungen (ob Erbschaftssteuer, Einkommenssteuer, Vermögenssteuer oder Steuern auf Unternehmensgewinne) und Verringerung der obersten Hocheinkommen schließt Piketty[135]:
Eine Vermögensteuer wäre deshalb aus meiner Sicht wesentlich wichtiger als die Einkommensteuer. Die progressive Einkommensteuer ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, ich glaube, dass man im 21. Jahrhundert über eine Neudefinition der progressiven Vermögensteuer nachdenken muss. Piketty
Um so etwas realisieren zu können, ist Transparenz[136] eine Schlüsselfrage:
I think if we, in order to have a proper wealth tax we will need a more serious fight against tax havens. More automatic transmission of information from banks to each country’s government so that we know who owns what where. We will need to go toward a global registry of financial assets so that we have a much better knowledge of cross border assets than we have now. And then we will see with this transparency our democratic institutions will be better able to decide which tax rate should be adopted. Piketty
Für Piketty steht dies – durchaus auch in der Tradition der liberalen Mainstreamökonomie – im Zentrum des Bestrebens einer «Kontrolle des Kapitalismus» (532) und des Bemühens «to regulate capitalism» (518). Es geht um Finanzmarktregulierung, Finanzmarkttransparenz, Unternehmens-, Vermögens- und Einkommenssteuern, es geht aber auch um ein Grundanspruch des Politischen: «Without taxes, society has no common destiny, and collective action is impossible.» (493). Er stellt sich in Juncture[137] in die Tradition des britischen Ökonomen James Meade («The Intelligent Radical’s Guide To Economic Policy», 1975):
James Meade, just like me, believed that progressive taxation and the development of other forms of property relationships and of other forms of governance are complementary institutions. In the book I probably place too much emphasis on progressive taxation, but I do talk about the development of new forms of governance and property structure, but probably not sufficiently […] progressive taxation of wealth will always be necessary even if we manage to develop these other alternative forms of property. Also, progressive taxation of wealth comes with increased financial transparency – transparency of assets and company accounts – and that is very important, because if you want workers to be involved in the management of their company, and if you want people more generally to be involved in the management of the economy, then you want access to information. […] So I think that taxation is always about more than taxation: it’s a way to produce legal categories to produce financial transparency and democratic accountability. Piketty
Über die damit zusammenhängende Frage der auch in liberaler Sicht thematisierten Aneignungsmacht der Superreichen durch Politik (Martin Gilens[138], Jacob Hacker/Paul Pierson[139], Larry M. Bartels u.a.[140]) verbreitet er sich nicht weiter, sieht man von knappen und sichtlich zaghaften Ausnahmen[141] andernorts ab. Fuchs[142] hat übrigens daran erinnert, dass die von Piketty ebenfalls geforderte progressive Einkommenssteuer auch bei Marx und Engels Thema waren – ein Blick auf den Forderungskatalog im Kommunistischen Manifest kann als Beleg reichen. Die Größenordnungen, die ihm vorschweben, sind allerdings alles andere als konfiskatorisch – aber sie sollten realistisch davon ausgehen, dass die Eindämmung eines dreifach stärkeren Wachstums des Reichtums der Spitzengruppe (in den USA, in Europa, global) dieses Wachstum in ein sukzessives Absinken verwandelt, die kapitalistische Ökonomie nicht einmal im Entferntesten in eine Krisensituation bringen könnte, die beispielsweise mit der Krise 2007/8ff. vergleichbar wäre.
Betrachtet man die Größenordnungen am Beispiel der EU, dann sind die zu erwartenden Effekte doch beträchtlich. Das BSP der EU betrug 2013 14.700 Milliarden € und das Privatvermögen der Haushalte in der EU lag bei etwa 70.000 Mrd €, wobei auf die reichsten 1 % dabei 17,500 entfielen; die folgenden 9 % besaßen 24,500 Mrd € wie auch die nächsten 40 %. Die verbleibenden 50 % der EU-Haushalte hatten 3,500 Mrd €. Eine Vermögenssteuer von 1 % auf die reichsten Europäer würde das Jahresbudget der Europäischen Kommission von ca. 145 Mrd. € um rund 30 Mrd. € übertreffen (Toussaint[143]).
Offenbar geht es auch nicht nur um handfeste Umverteilungsgrößen, sondern um die Zerstörung der Kultur der Gier, die sich die neue Elitengruppen der Supermanager, Großreichtümer und ihre Verschmelzungen zu privaten Souveränen arrangiert hat – ein Einstiegsprojekt also. Ergänzend argumentiert Piketty in der FAZ, dass eine deutliche Besteuerung der Vermögen auch eine adäquate Methode zur Verringerung der Staatsverschuldung sein könne:
Wir können die Kosten der Bekämpfung der Staatsverschuldung nicht den Lohn- und Gehaltsempfängern aufdrücken, solange es großen internationalen Konzernen gelingt, keine oder wenig Steuern zu zahlen und solange es gelingt, auch Privatvermögen in Steueroasen zu verlagern. Man muss anerkennen, dass gerade die Vereinigten Staaten gegen die Steueroasen vorgehen. Davon profitieren auch Länder wie Frankreich und Deutschland. Was die Gewinnverlagerung internationaler Konzerne angeht, ist aber noch nichts erreicht worden. Unsere europäischen Institutionen sind zu schwach, mit diesem Problem umzugehen. Daher müssen wir sie stärken. Piketty
Ob und wie im Verfolgen einer solchen Steuerpolitik zu guter Letzt sogar «a capitalism without capitalists» (138) entstehen würde, lässt Piketty ebenso offen wie die von ihm offenbar völlig ignorierte Frage nach den konkreten Akteuren, die eine solche politische Intervention aufbauen sollen und könnten. Der Verlauf der großen Krise des Neoliberalismus seit 2007/8 lässt wenig Hoffnung für die Annahme, dass sich – ähnlich wie zu Zeiten des New Deal – Elitengruppen herausbilden, die auch nur für eine andere strategische, eingreifende Entwicklungsoption der Verteilungspolitik optieren würden. Andere gängige verteilungs- oder gar produktionspolitische Interventionen spielen keine Rolle: Eingriffe in die Primärverteilung (Löhne), Abbau der Arbeitslosigkeit, massiver Ausbau der öffentlichen Investitionen in die gesellschaftlichen Commons und öffentlichen Güter, ökologischer Umbau etc.
In dieser verengten Sichtweise zeigt sich das Problem des Pikettyschen Kapitalbegriffs. Das natürlich von Marx, aber auch schon von Adam Smith aufgerufene «Kommando des Kapitals» und damit die untrennbar mit dem Kapitalverhältnis verknüpfte Herrschaftsbeziehung kommt hier nicht in den Blick. R > g bedeutet eben auch wachsende Macht über mehr Menschen (Naidu[144]). Bei Piketty geht es mit einigen Ausnahmen (169,228) nur um Verhandlungs- oder Staatsmacht.
Ausbruch
Vor der politischen Radikalität, die sein historischer Blick von der desaströsen Zukunftsfähigkeit des Gegenwartskapitalismus abfordert, schreckt Piketty zurück. Sie steht aber, mit und nach Piketty, dringlicher auf der Tagesordnung denn je – und natürlich ist diese Tagesordnung auch nur einer nachhaltigen Revision der kapitalistischen Verteilungsverhältnisse in keiner Weise ein Bestandteil der Tagesordnung der kapitalistischen Macht.
Der große historische Rekurs Pikettys auf die ganze kapitalistische Zeit beansprucht nicht nur, einer der machtvollsten Erzählungen dieser Zeit Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit zu nehmen. Er platziert mit neuem Nachdruck eine globale Problemsituation, die sich (folgt man seiner Argumentation) durch den weiteren Gang der Dinge auch noch deutlich verschärft und nicht auflöst: Das Zentralmoment des Reichtums bricht mit hoher Dynamik aus den vielen Achsen der Ungleichheitsverhältnisse aus. Ein Prozess, den viele Autoren in der sich etablierenden Reichtumsforschung im letzten Jahrzehnt auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben – oder abgestritten! – haben, aber keine vergleichbare historische Dimension gegeben haben. In der heutigen Kombination von Marktgesellschaft und Einkommens- wie Vermögensungleichheit hat sich soziale Macht in einem historisch neuen Ausmaß in einer vergleichsweise kleinen Gruppe verdichtet, weshalb eine kritische Diskurspolitik auf das Begriffspaar «Kapital» und «Reichtum» zurückgreifen muss. Befeuert durch Globalisierung, Hocheinkommensaufbau und die Wiederkehr des patrimonialen Kapitalismus, massiv geschützt, gepflegt und legitimiert durch die politischen Dienstklassen hat sich dieser Prozess des plutokratischen Extremismus seit der neoliberalen Zeit eine Eigendynamik zugelegt, deren Bändigung und mittelfristige Beseitigung eine radikal intervenierende Politik der Gleichheit auf Dauer verlangt.
Und plötzlich wird die Zeit knapp; aber wir wissen nicht, wie knapp. Parallelen zur Klimapolitik drängen sich auf. Klar scheint nur, will man Piketty glauben, dass die Freisetzung und Entgrenzung des Reichtumsaufbaus in der neoliberalen Zeit «nicht immer so weitergehen kann». Der Zeitrahmen, der für den Aufbau einer solchen stabilen Kontra-Intervention zur Verfügung steht, ist also knapp. Die Richtung, in die sie gehen muss, ist unausweichlich: eine lange historische Periode der Transformation von r > g in r < g einzuleiten, die auf den Umbau der Reichtumsmatrix zielt. Die Intervention in Verteilungs-, Eigentums- und Machtverhältnisse steht dabei im Zentrum. Das Feld der Akteure, die hier gefordert sind, geht über die klassische Linke weit hinaus.
Für eine historische politische Ökonomie hat Pikettys Buch für viele einen aufregenden und irritierenden Anstoß gegeben. Capital hat jetzt schon die Reichtumsfrage neu politisiert.
I also believe in the power of ideas and books – and this (book) can also contribute to the diffusion of information, and can try to contribute to a wider political mobilisation. Piketty
Ob Piketty sich hier an den Compte rendue du Roi (1781), den Rechenschaftsbericht/Finanzbericht des damaligen Finanzministers Jacques Necker und dessen verschlungene Impulse für die Französische Revolution erinnerte? Politisch wird der «mainstream social democrat» (New Statesman[145]) vor allem die sozialdemokratische Debatte treffen und deren Politik womöglich unter Stress setzen. Spannend genug. Was also tun mit r > g, Linke?
[1] http://www.fr-online.de/wirtschaft/gesellschaft-vermoegen-der-neue-sinn-fuer-gerechtigkeit,1472780,27149862.html
[2] http://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674430006
[3] http://inside.org.au/thomas-piketty-mass-audience/
[4] http://www.rainer-rilling.de/texte/texte_50.pdf
[5] http://www.westendverlag.de/buecher-themen/programm/milliardaere-krysmanski.html
[6] http://www.amazon.de/Politics-Inequality-Thomas-Byrne-Edsall/dp/0393302504
[7] http://www.amazon.de/THE-PURSUIT-INEQUALITY-Philip-Green/dp/0394706544
[8] http://www.aeaweb.org/aer/top20/45.1.1-28.pdf
[9] http://books.google.com/books/about/The_Undeserving_Rich.html
[10] http://fivethirtyeight.com/datalab/inequality-booms-on-msnbc-and-fox-news-cnns-looking-for-flight-370/
[11] http://www.theatlantic.com/business/archive/2012/08/americans-want-to-live-in-a-much-more-equal-country-they-just-dont-realize-it/260639/
[12] http://www.oecd.org/els/soc/OECD2014-FocusOnTopIncomes.pdf
[13] http://www.truth-out.org/news/item/24041-thomas-piketty-the-market-and-private-property-should-be-the-slaves-of-democracy
[14] http://www.ecineq.org/milano/WP/ECINEQ2014-324.pdf
[15] http://piketty.pse.ens.fr/en/capital21c2
[16] http://equitablegrowth.org/2014/04/30/late-tuesday-focus-daily-piketty-poverty-right-wing-piketty-criticism-project-syndicate-april-29-2014/
[17] http://therealnews.com/t2/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=74&jumival=11854
[18] http://www.newrepublic.com/article/117673/piketty-read-marx-doesnt-make-him-marx
[19] http://www.newrepublic.com/article/118024/piketty-and-marx-where-they-disagree
[20] http://www.focus.de/finanzen/news/politik-der-neue-marx_id_3834527.html
[21] http://kurier.at/wirtschaft/finanzen/piketty-mania-so-ungerecht-ist-die-welt/73.378.619
[22] http://triple-c.at/index.php/tripleC/article/view/575
[23] http://davidharvey.org/2014/05/afterthoughts-pikettys-capital/
[24] http://socialistworker.co.uk/art/38136/Pikettys%2Btheory%2Bof%2Bcapital%2B-%2Bstrengths%2Band%2Bweaknesses
[25] http://www.thomaspalley.com/?p=422
[26] http://economix.blogs.nytimes.com/2014/03/11/qa-thomas-piketty-on-the-wealth-divide/
[27] http://www.fr-online.de/wirtschaft/interview-thomas-piketty–die-mittelklasse-schrumpft-weiter-,1472780,27372008.html
[28] http://www.flassbeck-economics.de/thomas-piketty-und-die-kapital-einkommens-relation-much-ado-about-nothing/
[29] http://regulation.revues.org/10618
[30] http://www.theguardian.com/books/2014/apr/28/thomas-piketty-capital-surprise-bestseller
[31] http://www.lrb.co.uk/v36/n13/benjamin-kunkel/paupers-and-richlings
[32] http://jackrasmus.com/2014/05/13/economists-discover-income-inequality-but-have-yet-to-explain-it/
[33] http://thenextrecession.wordpress.com/2014/04/
[34] http://www.contretemps.eu/interventions/capital-xxie-si%C3%A8cle-richesse-donn%C3%A9es-pauvret%C3%A9-th%C3%A9orie
[35] http://www.bookforum.com/inprint/021_01/12987
[36] http://www.socialistproject.org/debate/review-thomas-piketty-capital-in-the-twenty-first-century/
[37] http://www.huffingtonpost.com/dean-baker/capital-in-the-twenty-fir_b_4932184.html
[38] http://mpra.ub.uni-muenchen.de/55839/1/MPRA_paper_55839.pdf
[39] http://zcomm.org/znetarticle/better-than-redistributing-income/
[40] http://prospect.org/article/what-piketty-leaves-out
[41] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127887922/Wir-sollen-alle-Kapitalisten-werden.html
[42] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/may/08/thomas-piketty-new-gilded-age/
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* Dieser Text erschien erstmals am 6.9.2014 auf Telepolis (www.heise.de/tp/).