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Graphische Realisation

Präzision der Darstellung
Dass ein Bild ›naturgetreu‹ sein soll, ist ein Thema seit jeher. (Bei diagrammatischen Bildern ergeben sich andere Probleme.)
Parrhasios soll sich mit Zeuxis in einen Wettstreit eingelassen haben; dieser habe gemalte Trauben so erfolgreich dargeboten, dass die Vögel zum Schauplatz herbeiflogen; Parrhasios aber habe einen so naturgetreu gemalten leinenen Vorhang [auf einem Bild] angebracht, dass der auf das Urteil der Vögel stolze Zeuxis verlangte, man solle doch endlich den Vorhang wegnehmen und das Bild zeigen; als er seinen Irrtum einsah, habe er ihm in aufrichtiger Beschämung den Preis zuerkannt, weil er selbst zwar die Vögel, Parrhasios aber ihn als Künstler habe täuschen können.

Zeichner an der Arbeit
Selten einmal stellen sich die Zeichner selbst bei der Arbeit dar.

Druckverfahren
Umsetzung der (gezeichneten) Vorlage in das Reproduktionsmedium
Es ist ein Glücksfall, dass die Vorzeichnung zu einem Druck überliefert ist. Man ermisst, was der Formschneider bzw. Kupferstecher (oft dieselbe Person wie der Zeichner) noch an Präzisierungen dazu gegeben hat:
Interessante Beispiele: Die Graphische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich besitzt eine große Zahl der Vorzeichnungen von Johann Melchior Füssli (1677–1736) zu den Tafeln der Kupferbibel von Johann Jacob Scheuchzer (im Bibliotheks-Katalog der ZB suchen unter "Melchior Füssli Physica"; auf das Bild klicken und dann auf " e-manuscripta" gehen.).
Drucktechniken im Überblick
Holzschnitte und Holzstiche und Autotypie-Clichées erlauben die Einbindung in den (ebenfalls mit Lettern als Hochdruck realisierten) Text.
Beim Tiefdruck und bei der Lithographie aber ist das nicht möglich; es braucht zwei Druckvorgänge auf dem selben Blatt, oder dann werden die Bilder dem Buch als separate Tafeln beigegeben.
Mehrfarbige Bilder gab es bis zur Erfindung der Chromolithographie weitgehend nur als handkolorierte Drucke; erst durch die Einführung der Steindruck-Schnellpresse um ca. 1870 konnten farbige Bilder kostengünstig gedruckt werden.
Hochdruckverfahren
Bei den Tiefdruckverfahren ist zu unterscheiden, wie die Vertiefungen in der Kupferplatte angebracht werden:
Insofern als Abraham Bosse 1765 im Titel seines Buches schreibt: »Die Kunst in Kupfer zu stechen, sowohl vermittelst des Aetzwaßers als mit dem Grabstichel«, darf man das Wort "Kupferstich" im generellen Sinn verwenden.
Auf dem Bild »Der Kupferstecher« (!) von Christoph Weigel (1654–1725) erkennt man gut, wie eine Radierung hergestellt wird: Der Mann rechts kratzt im Licht einer Mattscheibe die Zeichnung mit einer Nadel in eine (mit Asphalt / Harz / Wachs) beschichtete Platte; der Mann links hat eine Platte in einem flachen Becken geätzt und schüttet die Ätzflüssigkeit zurück in ein Fass.
Literaturhinweise:
Abraham Bosse (gest. 1676), De la manière de graver à l’eaux-forte et au burin, Paris, 1645.
Traité historique et pratique de la gravure en bois, par Jean-Michel Papillon [1698–1776], graveur en bois. Ouvrage enrichi des plus jolis morceaux de sa composition et de sa gravure, Paris: Pierre Guillaume 1766 (2 vols.)
J.S. Wilson, Autotypie. De natuur zich zelve afbeeldende. Handleiding tot het maken van zelfdrukken. Benevens eene reeks van autotypen. Meppel, J.S. Wilson 1857.
Tilman Falk, Artikel »Formschneider, Formschnitt«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. X (2004), Sp. 190–224. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89293
Heijo Klein, Sachwörterbuch der Drucktechnik und grafischen Kunst, Köln 1975 (dumont kunst-taschenbücher 15).
Aleš Krejča, Die Techniken der graphischen Kunst, Artia-Verlag, Prag 1980.
Karin Althaus, Druckgrafik. Handbuch der künstlerischen Drucktechniken, Zürich: Scheidegger & Spiess 2008.
Homepage von Wolfgang Autenrieth > http://wp.radiertechniken.de/
Homepage von Martin Riat & Maribel Serra > http://www.riat-serra.org/graph.html#tga-inhalt

Layout mit-bedingt durch Drucktechnik
Wenn der Druckstock für den Holzschnitt so dick ist wie die beweglichen Typen, so lässt sich das Bild bequem in die mit Buchstaben gesetzte Seite einbinden und in einem einzigen Arbeitsgang drucken, weil beides Hochdruckverfahren sind. – Im 19. Jh. ist das mit der Einbindung der Clichées aus Metall in den Text wieder so.
Möchte man eine Kupferplatte (Tiefdruckverfahren; meist Radierung, engl. ›etching‹, frz. ›eau-forte‹) in den Text (Typensatz = Hochdruckverfahren) auf derselben Seite einbinden, so erfordert dies zwei Druckdurchgänge, und man muss dafür sorgen, dass das Bild genau dort hinkommt, wo der Bleisatz den Platz dafür offenhält. — Meist wird dann dieses Layout gewählt: Bild(er) auf einer eigenen Seite (gelegentlich auch ausklappbar, wenn übergroß) oder alle Bilder hinten im Buch. — Eine weitere Möglichkeit ist es, den Text in die Kupferplatte zu gravieren.
Genau gleich funktioniert die Lithographie (Flachdruckverfahren, das sich ebenfalls nicht in den stehenden Letternsatz einbinden lässt.)
••• Zwei Beispiele für Layout, wo Holzschnitte in den Text eingebunden sind. (Diese lassen sich auch leicht colorieren, dazu mehr unten).
••• Beispiel für die Gegenüberstellung von Letternsatz und Lithographie. Die Einzelbilder können nicht in den Fließtext integriert werden; sie sind alle auf einer Tafel vereinigt und mit Ziffern auf die Legende bezogen.
••• Beispiel für das Übereinanderlegen von Letternsatz und Kupfer:
••• Beispiel für in den Kupferstich / die Radierung inserierte Schrift. Der Vorteil ist, dass sich die Schrift den einzelnen, auch den nicht waagrecht verlaufenden Bildteilen anpassen kann:

Tricks und Kniffe
Um nicht jedesmal das ganze Bild neu in Holz schneiden zu müssen, hat der Schlaumeier hier ein paar wiederholt verwendete Rahmen verfertigt (im Beispiel zeigen wir nur einen davon), in die er dann jeweils das aktuell interessierende Detail einfügt: die Haltung des Schwimmers, die im Text erläutert wird. Dass der Verlauf der Wellen nicht genau übereinstimmt, nimmt er in Kauf.
Vgl. dazu das Kapitel zu den wandernden Bildern
Für oft wiederkehrende Visualisierungsaufgaben wurden vor der Computerzeit Schablonen eingesetzt: für Teile von elektronischen Schaltungen, architektonische Bauteile (Lavabo, Badewanne usw.), Bäume und Sträucher von Gartenanlagen usw. Hier eine Schablone für Laborgeräte (Erlenmeyerkolben, Bunsenbrenner, Waage usw.):

Halbtöne — Schraffuren
Holzschnitte und Kupferstiche sind zwingend ›randscharf‹, während die Technik der Aquatinta oder der Lithographie es erlaubt, ›schummrige‹ Flächen darzustellen, was z.B. für die Darstellung eines physiologischen oder mikroskopischen Befunds wünschbar sein kann.
Insbesondere wenn das Objekt keine Struktur hat (wie etwa Vogelfedern, Fischschuppen), ist die Schraffier-Technik zur Darstellung runder Formen gefordert:
Die Kunstfertigkeit erhellt aus solchen Bildern:
Für die Darstellung von Geländeformen wurden allerhand Techniken eingesetzt, unter anderem Schraffen; vgl. das Kapitel zur Geographie. Hier ein Beispiel aus der Dufourkarte (nach 1840):
Verschiedene Schraffuren werden verwendet zur Auszeichnung von Gebieten auf Landkarten. Sie müssen so realisiert sein, dass sich eine deutliche Unterscheidung ergibt:

Linien
Siehe hier zu das spezielle Kapitel Linien.
• Beispiel für Einsatz von Linien: Das (nicht reale) Dorf ist stilisiert in Linienmanier gezeichnet; der Horizont als geschlossene Kreislinie; die dem Auge zu verschiedenen Jahreszeiten erscheinenden Sonnenbahnen sind gestrichelt.
• Beispiel für Hilfslinien auf einem Objekt. Die damit unterteilten Gebiete sind numeriert, worauf sich die Legende bezieht:
Mehr dazu unten.

Räumliche Anordnung
Bei gewissen Visualisierungen ist der Graphiker frei, die räumliche Anordnung zu wählen. (Das gilt natürlich nicht bei Landkarten o.ä.)
Ein gutes Beispiel sind Tabellen, deren eine Dimension das sich wiederholende Jahr ist, so dass sich die Kreisform anbietet:
Es können auch mehrere Daten so angeordnet werden, zum Beispiel: die Tageslänge, die mittlere Temperatur, die Setzzeit von Wildtieren, die Jagdsaison für verschiedene Tiere.

Farben
Farbigkeit ist nicht nur ein Gewinn punkto Anschaulichkeit (und Ästhetik), sie hat auch eine didaktische Funktion.
Techniken
••• Aquarell für Unikate. Hier aus: Conrad Gessner (1516–1565), Historia plantarum (Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg MS 2386. 1 und 2)
••• Holzschnitte / Kupferstiche die einzeln von Hand koloriert wurden.
••• Zur Rationalisierung der Arbeit wurden auch Schablonen (frz. pochoir) eingesetzt. Hier eine solche zum Einfärben von Spielkarten:
••• Die Technik der Chromolithographie (vgl. den Artikel in der Wikipedia) erscheint ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Solche Bilder erkennt man (unter der Lupe) daran, dass die Farben nicht stetig aufgetragen sind (wie die aufgemalten Aquarellfarben), sondern in Rastermanier oder mittels Punktiermethode und für Farbnuancen durch Kombination solcher Raster erzeugt wurden:
Funktionale Zuordnungen (mehr dazu weiter unten)
Die Tafel illustriert das von Ernst Haeckel postulierte biogenetische Grundgesetz. Diesem zufolge stellt die embryonale Entwicklung eines Individuums (Ontogenese) eine kurze und schnelle Rekapitulation der gesamten stammesgeschichtlichen Entwicklung seiner Gattung (Phylogenese) dar.
Die in verschiedenen Wirbeltier-Typen einander entsprechenden Organe sind gleich eingefärbt.
Regenradar. In einer Legende wird angegeben, was mit welcher Farbe (konventionell) gemeint ist, hier: welche Niederschlagsmenge (in mm pro Stunde) welcher Farbe zugeordnet ist.
Während hier die Farbzuordnungen willkürlich dem Regenbogen-Spektrum folgen und dadurch evtl. sogar kontra-intuitiv sind (blau, was man eher mit Wasser assoziiert = 1 mm/Stunde; orange, eher zu Sonnenschein passend = 20 mm/Stunde), hat der Graphiker für die Karte der Luftverschmutzung Farben in Brauntönen gewählt, die das Phänomen mimetisch zu veranschaulichen versuchen:

Simulation dreidimensionaler Gebilde auf der Fläche
Perspektivische Darstellungen räumlicher Gebilde sind, seit es gedruckte Enzyklopädien gibt (etwa Gregor Reisch, »Margarita« 1503), üblich.
Perspektivische Korrektheit ist nicht zwingend für das Verständnis; gelegentlich ist sogar eine ›kubistisch‹ aufgefaltete Darstellung besser verständlich:
Der französische Graphiker Jean Cousin hat ein Buch für den Zeichenunterricht verfasst. Darin demonstriert er den menschlichen Leib und dessen Gliedmaßen in den drei Dimensionen (Multiview projection; Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Normalprojektion).
Nur sehr selten ist diese Technik zu finden, mit der 3D-Gebilde auf Papier plastisch evoziert werden können. Zum Betrachten ist eine sog. Anaglyphen-Brille mit blauem und rotem Filter nötig.

Didaktische Blickführung
❑ Zwecks Verdeutlichung vereinfachen / schematisieren / stilisieren die Graphiker das Vorbild mitunter.
(Es geht hier nicht um die Visualisierung eines abstrakten Typus wie z.B. ›das Wirbeltier-Skelett‹, ›Blütenstand der Korbblütler‹.)
❑ ›Freistellen‹ (engl. ›cropping‹) heisst die Befreiung eines Motivs von einem störenden Hintergrund; damit soll sichergestellt werden, dass der Betrachter vom Hintergrund und anderem Beiwerk nicht abgelenkt wird.
Bei der Dynamomaschine ist die Umgebung mit komplizierter photographischer Technik optisch abgeschwächt, damit das interessierende technische Gerät heraussticht:
Die Technik wird genau beschrieben in: Nikolaus Karpf (Hg.) Angewandte Fotografie, München 1960, S. 98, Legende zu Abb. 145/146.
Die Idee ist alt. In einem spätmittelalterlichen Erbauungsbuch geht es um die Fünf-Wunden-Andacht. Um die Gläubigen auf diese zu konzentrieren, wird der Leib Christi ausgeblendet:
❑ Wenn sehr kleine Dinge dargestellt werden, kann der Graphiker gleichsam eine Lupe über das Objekt legen, so dass ein Ausschnitt vergrößert dargestellt wird.
❑ Um darauf hinzuweisen, was im Focus des Interesses steht, fügt der Graphiker einen deiktischen (hinweisenden) Pfeil ein:
❑ Bei Bildern mit vielen ähnlichen Elementen dient die Farbgebung der optischen Orientierung.
• Hier werden die Bewegungen des linken und des rechten Beins durch die Einfärbung verdeutlicht:
• Um die Komplexität der Partitur im vierten Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 (genannt »Jupiter-Sinfonie«) sichtbar zu machen, greift der Interpret zum Mittel der Einfärbung:
• Im Diagramm (ein sog. ›Manhattan Graph›) erkennt man durch die Einfärbung leichter, welche Balken zusammengehören:

Angabe des Maßstabs
Außer beim Naturselbstdruck muss der Betrachter immer mit einer durch den Graphiker bewerkstelligten Vergrößerung oder Verkleinerung rechnen.
Damit man das maßstäblich veränderte Objekt von der Graphik wieder auf die richtige Größe zurückführen kann, wird das Maß der Vergrößerung / Verkleinerung angegeben. Die verschiedenen Verfahren werden auch kombiniert.

Rahmen
In seltenen Fällen wählen die Visualisierer eine spezielle Rahmung.
Eine Anregung waren sicher die Kupfer in: Claude Perrault, Description anatomique d'un cameleon, d’un castor, d’un dromadaire, d’un ours et d'une gazelle, Paris: Frédéric Leonard 1669.
Dessen Biber (unten das lebendige Tier in der Natur, oben auf der Textilunterlage die Eingeweide) hat Blasius in Tafel XIII kopiert:
Aber Blasius montiert auch andere Zeichnungen – die im Original freigestellt sind – auf solche ausgerollte Tücher. Das Hirn des Schafs wird in Wilsii anatomia so präsentiert:
Auf Tafel LVII zeigt Blasius zwei Abbildungen eines Insekts (Ephemera horaria, deutsch Hafftwurm, eine Art von Eintagsfliege) und weitere Details, die er Swammerdammius entnommen hat, auf einem ausgespannten Tuch:
Das Vorbild bei Swammerdam in: Ephemeri Vita Of afbeeldingh van 's Menschen Leven : Vertoont in de Wonderbaarelijcke en nooyt gehoorde Historie van het vliegent ende een-dagh-levent Haft of Oever-Aas. Een dierken, ten aansien van sijn naam, over al in Neerlandt bekent: maar het welck binnen de tijt van vijf uuren groeyt, geboren wordt, jongh is, twee-maal vervelt, teelt, eyeren leght, zaat schiet, out wordt, ende sterft ..., Door Johannes Swammerdam, t' Amsterdam: Wolfgang, 1675 ist ganz schlicht und ohne solchen Hintergrund abgebildet:
Die Darstellung findet sich auch anderswo. Johannes Zahn (1641–1707) druckt in seinem Buch Specula physico-mathematico-historica notabilium ac mirabilium sciendorum […], Nürnberg 1696 ein Flugblatt nach und kombiniert dieses Bild mit dem eines 1688 im Rhein gefundenen Monsters (Bellua pisciformis). Das erstere ist oben wiedergegeben auf einem solchen Tuch; das zweite unten in einer Flusslandschaft. Im Kapitel »de variis Exoticis Aquatilibus Monstris«, (Band II, S. 411f.) :
Die Idee könnte aus dem Schulunterricht stammen, wo solche Tücher mit Bildern an der Wand aufgehängt waren – Vorläufer des Schulwandbilds. Eine frappant ähnliche Abbildung findet sich in Comenius’ »Orbis pictus«; deutlicher noch als in der Erstauflage 1658 in dieser späten Auflage, wo das Tuch deutlich in einem Raum aufgehängt ist:
Auch in Basedows »Elementarwerk« sieht man in einer Unterrichts-Szene solche Bilder an der Wand angepinnt:
❏ Abbildungen von Bakterien werden gern in einem runden Bildausschnitt auf schwarzem Hintergrund gezeigt, als blickte der Betrachter des Buches durch das Okular eines Mikroskops. Die Illusion dient der Beglaubigung. (Hingewiesen wurde auf diese Technik bei: Horst Bredekamp / Angela Fischel / Birgit Schneider / Gabriele Werner: Bildwelten des Wissens, in: Bilder in Prozessen. Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 1,1, Berlin: Akademie-Verlag, 2003, S. 9–20).

Alle mimetischen Bilder betonen gewisse Eigenschaften und müssen zwangsweise von anderen absehen; sie abstrahieren (von lat. abs-trahere ›einer Sache etwas entziehen‹ [hier ist die Trennung s-t angebracht]). In der Kunsttheorie nennt man die Pole der möglichst geringen bzw. starken Abstraktion ›veristisch‹ und ›stilisiert‹.
Visualisierungen von Unikaten. Unikate können – und sollen aus verschiedenen Gründen – ohne Stilisierung, sondern mimetisch präzis abgebildet werden:
Picasso hat den Prozess der Stilisierung einmal schön vorgeführt:
Vereinfachung; Erkennbarkeit
Es fragt sich, wie eine Stilisierung aussehen muss, so dass das abgebildete Objekt eindeutig erkennbar bleibt.
Aus der Anfangszeit der EDV-isierung, als bereits Verfahren zur Zeichenerkennung erforscht wurden, stammt diese Überlegung:
Es taugt offenbar nicht, ein Bild rein mechanisch zu vereinfachen; eine gelungene Stilisierung kommt nur zustande durch überlegte geistige Arbeit, mit der die »prägnante Gestalt« herausgestellt wird. (Vgl. Christian von Ehrenfels > http://gestalttheory.net/musicology/ehrenfels1932.html)

Funktionen von Stilisierung I: Ausblenden, vereinfachen, den Blick lenken, thematisch focussieren
••• Um eine (B giftige ) Otter von einer (A ungiftigen ) Natter unterscheiden zu können, genügt die Abbildung des Kopfs; der ganze übrige Schlangenkörper kann weggelassen werden (und wird nur im Begleittext erwähnt):
••• Der geniale Illustrator Hans Witzig (1889–1973) hätte durchaus hier Gesichter zeichnen können; er lässt sie indessen weg, um den Blick auf die Kleider zu richten. (Das Schönheitspflästerchen gehört nicht zum Gesicht, sondern zur Kleidung …):
••• Versuchsanordnungen, technische Apparate, Phänomene werden in Enzyklopädien und Lehrbüchern stilisiert visualisiert:
Ulrich Seiler / W. Hardmeier, Lehrbuch der Physik, Zürich 1943 (und Neuauflagen); Erster Teil: Mechanik und Akustik (daraus Abb. 129); Zweiter Teil: Optik und Wärmelehre (daraus Abb. 408); Dritter Teil: Elektrizität und Magnetismus (daraus Abb. 512).
••• Landkarten mit spezieller Funktion stilisieren die Erdoberfläche stärker auf das Interessierende hin. Hier eine Karte für ein Kursbuch (rechts) im Vergleich mit der Darstellung der annähernd wirklichen Bahnlinien (links):
Eduard Imhof, Thematische Kartographie, Berlin / NY 1972, Abb. 44 und 45.
••• Hier wird das ergonomische Verhältnis der Höhen von Sattel und Lenkstange veranschaulicht. Der Velofahrer wird dazu auf die wesentlichen Teile hin stilisiert:
••• In der Heraldik kommen ähnliche Stilisierungen vor. Im Sinne des Ursprungs der Wappen, d.h. zur schnellen Identifikation von Freund/Feind anhand des bemalten Wappenschilds, ist eine eindeutige Visualisierung angebracht. Nach einer alten Regel soll ein Wappen oder eine Fahne auf 200 Schritt erkennbar sein. — Im Wappen von Günther von dem Vorste wird der ganze Forst zu einem Baum vereinfacht:
Die Stilisierung in der Heraldik kann so weit führen, dass das Ausgangsbild kaum mehr erkenntlich ist. Die gemeine Figur Fleur-de-Lys wird dann zu einer Art Pictogramm:
••• Die Stilisierung kann auch auf künstlerischer Absicht beruhen. Der Graphiker Paul Boesch (1889–1969) hat viele Jahre lang technikgeschichtliche Zeichnungen für den Pestalozzikalender angefertigt, alle einheitlich in holzschnitt-artiger Technik. Dabei hat er oft auf Vorlagen zurückgegriffen, die für das kleine Format des PK nicht reproduzierbar gewesen wären. Hier als Beispiel ein Holzstich (10 x 14 cm):
P.Boesch vereinfacht nicht nur, sondern lässt die Dame auch die Schale mit dem Spiritus so halten, dass man das zentrale Ereignis vor dem leeren Hintergrund gut sieht. Den Arbeiter, der die Kurbel bewegt, welche die Glaskugel antreibt, lässt er ganz weg:
Es wäre interessant zu wissen, ob P.Boesch auch das Bild in der »Bilder-Akademie für die Jugend« von Johann Sigmund Stoy (1745–1808) gekannt hat:

Funktionen von Stilisierung: Das Beispiel DNA
Anhand einer mittelkomplexen chemischen Struktur lässt sich zeigen, wie mittels Stilisierungen gewisse Aspekte hervorgehoben, andere ausgeblendet werden.
1953 stellten James Watson und Francis Crick eine dreidimensionale Visualisierung der DNA (Deoxyribose Nucleic Acid) vor:
Die fünfeckigen Platten stellen die Zuckermoleküle (Ribose) dar, die über Phosphatbindungen zu Strängen verbunden sind; von ihnen gehen die Basen ab, von denen immer zwei zusammenpassende die beiden Stränge mittels Wasserstoffbrücken verbinden: Guanin — Cytosin und Adenin – Thymin. Die beiden so zusammengehaltenen Stränge haben eine spiralige Struktur, genau genommen eine Doppelhelix, was in dem Modell bereits vereinfacht ist.
In ihrem Artikel in NATURE Nr. 4356 vom 25. April 1953, p. 737 haben Watson und Crick die Figur vereinfacht: This figure is purely diagrammatic. Hier geht es ihnen darum, die spiralige Struktur zu zeigen:
Ein Modell, in dem die Atome und Moleküle als Kalotten dargestellt sind, lässt den Bau der Doppelhelix erkennen, aber die Bindungen A–T und C–G werden so verdeckt:
Möchte man die Replikation der DNA zeigen, so irritiert die spiralige Struktur, hingegen kann ›entspiralisiert‹ gut die Passung zwischen C–G bzw. A–T veranschaulicht werden:
In der folgenden Abbildung wird auf die atomare Struktur der Basenpaare focussiert. (Weil ein RNA-Strang gemeint ist, steht hier statt Thymin Uracil). Ausgeblendet ist hier der Ribose-Strang, an dem die Nukleinbasen angebunden sind (nur der Ort ist markiert mit: — 1´C):
Der Kenner der Materie braucht den Molekülaufbau und die Helix-Struktur nicht gezeichnet bekommen, wenn er einen langen DNA-Strang betrachten will; das wäre auch störend; ihm genügt und ist dienlicher die Abfolge der vier Buchstaben G, C, T, A:
Hinweis: Vgl. die Website http://www.mrothery.co.uk/genetics/dnanotes.htm {Juni 2018}

Funktionen von Stilisierung II: Bessere Vergleichbarkeit
••• Um einen Vogel anhand seines Flugbildes von andern Vögeln unterscheiden zu können, dient die Stilisierung als Silhouette:
••• Nach anatomischen Gesichtspunkten wird ein Liniennetz über die Photographien verschiedener Leiber gelegt, so dass die Proportionen besser sichtbar werden. (In Meyers Lexikon ist einzig die Ästhetik das Thema; die Europäer schneiden übrigens schlecht ab.)
Im Hintergrund stehen Ideen von Albrecht Dürers Proportionslehre (1528) oder das Werk von Heinrich Lautensack, Des Circkels vnnd Richtscheyts, auch der Perspectiua, vnd Porportion der Menschen vnd Rosse, kurtze, doch gründtliche vnderweisung, deß rechten gebrauchs, [Frankfurt a.M.], 1564

Zur Geschichte der Stilisierungen
••• Bei kulturell oder zeitlich weit abliegenden Gebilden ist man nicht so sicher, ob es sich um Stilisierungen handelt oder um Unfähigkeit, eine veristische Zeichnung anzufertigen. Hier Felsmalereien in Südspanien:
••• Vielleicht steht das Prinzip der Stilisierung durch Weglassen der Gesichtszüge hinter solchen Bildern aus dem Oldenburger Sachsenspiegel (1336 in Auftrag gegeben). Es geht nicht um bestimmte Personen, sondern um Amtsträger:
••• Zur Angabe einer Schlachtordnung genügt es, die einzelnen Heeresteile stilisiert darzubieten. (a) die Ordnung dero Schützen/ (c) die Ordnung der Reuterey/ (p) dero Piquirer / (o) der Bagage und Trosses/ und dann (†††) deß Geschützes.
••• Die Abbildungen von Blütenständen waren realitätsnah, wurden dann immer abstrakter.
••• Das Bild der Schmiede-Werkstatt in der Enyclopédie ist kein Abbild einer wirklichen Schmitte, sondern meint eine typische. Im Bilderduden empfinden wir die Stilisierung wegen der fehlenden Binnenzeichnung der Figuren als stärker:
Der Stil der Umrisszeichnungen hat eine Tradition:
Damit sind wir schon beim nächsten Unterabschnitt:

Die ästhetische Dimension
Im Zusammenhang mit Wissensvermittlung die Ästhetik zu bemühen ist misslich. Balken- oder Kuchendiagramme müssen die vorgegebenen Daten widerspiegeln, ein Querschnitt durch einen Körper soll zeigen, was man dort sieht usw. Solche bildliche Darstellungen sollen – im Gegensatz etwa zu Bildern in der Werbung – kein Wohlgefallen erregen. Bei der Visualisierung von Wissenselementen gilt der Satz ›form follows function‹.
❑ Schön kann eine Visualisierung sein, weil uns das damit abgebildete Objekt gefällt; das hat aber mit der Visualisierung an sich nichts zu tun. Bewundern kann man indessen die zeichnerische Fertigkeit. Ein Beispiel wären etwa die Vogel-Bilder von John Gould (1804–1881):
❑ Schönheit kann sich dort ereignen, wo der Graphiker eine gewisse Freiheit der Darstellung hat. Dann kann das Wohlgefallen ›interesselos‹, d.h. entkoppelt von den Zwängen, die das Objekt auferlegt, sein. — Ein solcher Fall ist etwa eine Sternkarte, welche die mythologischen Figuren wiedergibt: Die Lage der Sterne ist vorgegeben, die Figuren selbst kann ein Künstler ausgestalten, wie das Albrecht Dürer 1515 gemacht hat.
❑ Ein Fall, wo der künstlerischen Phantasie viel Raum gegeben ist, sind die Bilder von Schlachten in der chronikalischen Literatur. Es gab ja keine ›embedded reporters‹. Die Graphiker haben – wenn nicht spezifische Verhältnisse zu berücksichtigen waren wie z.B. der Ort, der in einer Stadtvedute repräsentiert wurde – möglichst grausliche Bilder von aufeinander treffenden Heeren entworfen, denen wir durchaus ästhetische Qualitäten zuschreiben können.
• In Petrarcas Buch von zweierlei Glück klagt der Schmertz: Ich bin in einer vnglückhafftigen schlacht vberwunden worden. – Die Vernunfft tröstet psychologisch geschickt: Dye forcht ist verschwunden/ Du wyrdest nu anheben zuo hoffen […].
Das Thema gibt dem unbekannten Meister Anlass zu einer seiner lebendig-unklaren Schlachtdarstellungen (Buch II, Kapitel lxxiii):
• Andere Künstler bevorzugen das Aufeinandertreffen von gleichgerichteten Speerwäldern:
❑ Ob die Abbildung eines Tintenfischs verpatzt oder ästhetisch gelungen ist, lässt sich schwerlich feststellen. Beim menschlichen Antlitz oder Leib dagegen sind wir heikel. — Mittels einer Anspielung auf ein Kunstwerk kann ein Graphiker (in seltenen Fällen) seine Visualisierung herausputzen. — Der Figur, anhand derer im Bilderduden Wörter wie 2 die Schläfe – 9 die Achselhöhle – 12 die Hüfte (Taille) – 18 der Knöchel – 25 die Armbeuge – 29 der Spann erklärt werden, ... hat die Venus Medici Pate gestanden:
❑ Wenn das Bild Vorbild für ein zu schaffendes Werk abgeben soll (eine spezielle Funktion der Visualisierung), kann die Ästhetik wichtig sein. Die Tafelbände der Encyclopédie enthalten viele solche Bilder. Hier die Vorderachse einer Kutsche vom Typ Berline:
❑ Teilbilder können aus rein ästhetischen Gründen angeordnet sein. Ernst Haeckel schwankte lange, ob er Künstler oder Biologe werden wollte. (Gute Darstellung bei Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München: Bertelsmann 2016, S. 372–391.) Im Vorwort zu »Kunstformen der Natur« (1899) schreibt er: Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden. […] Seit frühester Jugend von dem Formenreize der lebendigen Wesen gefesselt und seit einem halben Jahrhundert mit Vorliebe morphologische Studien pflegend, war ich nicht nur bemüht, die Gesetze ihrer Gestaltung und Entwicklung zu kennen, sondern auch zeichnend und malend tiefer in das Geheimnis ihrer Schönheit einzudringen. […] Die moderne bildende Kunst und das moderne, mächtig emporgeblühte Kunstgewerbe werden in diesen wahren »Kunstformen der Natur« eine reiche Fülle neuer und schöner Motive finden.
❑ Bei Pictogrammen – die ja nicht den Anspruch haben, etwas genau abzubilden, sondern nur eine Erinnerung wecken wollen – ist ein künstlerischer Einschlag gut möglich. Sie unterliegen mithin auch der Mode; das hat Otl Aicher einmal schön gezeigt:

Mediale Zwänge – historische Befangenheit
❑ Das Medium Sprache lässt die Wörter schematisch offen – das Medium Bild zwingt zu einer Konkretheit. (Mehr dazu im entsprechenden Kapitel hier.)
Beispiel: Zur Darstellung des Tonfilmateliers muss der Graphiker irgendeine Szene, die hier gedreht wird, zeichnen; hier sind die Darsteller (6 und 7) als höfisches Paar vor einem romanischen Torbogen ausgestattet.
❑ Hintergrundswissen hat einen Einfluss auf die Realisation von Bildideen; jeder Graphiker ist beeinflusst vom geschichtlichen Umfeld seiner Zeit.
Beispiele: Graphiker des 16./17. Jahrhunderts haben bei der Illustration antiker Texte Gewänder und Bauten im Stil der eigenen Zeit dargestellt. (Streng genommen handelt es sich hier nicht um wissensvermittelnde Bilder im Sinne des Projekts.)
• Während Homer (7. Gesang der »Odyssee«) oder sein Übersetzer einfach sagen können: Vlysses kumpt … in den Künigklichen hoff/ thuot sein gebert [Gebärde; er verneigt sich] zuo der Künigin Areten … vnd fragt/ woher jm das klaid kumme/ das sy selbst gewürkt … muss der Graphiker die Figuren einkleiden und in einen würdigen Raum stellen: Odysseus in der Tracht eines Mannes mit Faltrock im Stil eines Bilds von Lucas Cranach; die Königin vor dem Kaminfeuer eines deutschen Bürgerhauses:
• Aeneas berichtet zu Beginn des 2. Buchs von Vergils »Aeneis« vom Untergang der Stadt Troja. Er kann die Stadt einfach so benennen; der Graphiker muss eine zeichnen. Die Szenen in der von Sebastian Brant 1502 herausgegebenen »Aeneis« spielen durchwegs vor mittelalterlichen Städten:
• Ovid schildert in den »Metamorphosen« das Haus der Fama (12. Buch, Verse 39ff.; Übersetzung von Johann Heinrich Voß, 1798):
Der Graphiker setzt die Phantasie in Realität um; das Haus wird zu einem Palast im Stil des Barock:

Erste Fassung online gestellt im August 2017; ergänzt im Dezember 2017 und im Juli 2018 — PM