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Solothurner Präsenzfestival entspricht dem „Schweizer Mittelweg“
Mit einer Rede von Bundesrat Alain Berset starteten am Mittwochabend die 57. Solothurner Filmtage – als Präsenzfestival. Es entspreche dem „Schweizer Mittelweg“, zu diesem Zeitpunkt der Pandemie in Solothurn zusammenzukommen.
Nachdem er die vergangenen zwei Jahre mithilfe der offiziellen „Wörter des Jahres“ wie „Maskensünder“, „Impfdurchbruch“ oder „entfreunden“ zusammefasste und als entsprechend „düster“ bezeichnete, ging Alain Berset zu der Hauptfigur des Eröffnungsfilms über: Patricia Highsmith. Der US-Schriftstellerin, die eine Zeit lang im Tessin lebte und auch dort starb, und „ausgerechnet“ ein sehr abgründiges Weltbild pflegte, so Berset.
Der Ehrengast holte aus zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Verfasserin weltberühmter literarischer Werke wie „Der talentierte Mr. Ripley“. Er stellte sich vor, wie Highsmith mit der Pandemie umgegangen wäre, indem er dem „Social Distancing“ etwa ihre Abneigung gegenüber dem Familienleben, dem Beisammensein gegenüberstellte. Passend zum Stichtwort „entfreunden“ zitierte er eine Aussage von ihr, wonach sie sagte, dass ihre Vorstellungskraft viel besser funktioniere, wenn sie nicht mit Leuten sprechen müsse.
Alain Berset betonte im gleichen Zug aber auch die Kreativität und Kraft, die Patricia Highsmith aus ihrem Leiden, dem „Ringen mit sich selbst“ schöpfte. Und er übertrug dies auf die heutige Lage der Welt und eine Gesellschaft, die er als „hoch polarisiert und tief gespalten“ bezeichnete. „Vielleicht sollten wir mehr mit uns selber streiten als mit anderen“, so Berset. „Wir sollten wieder neugieriger darauf werden, was wir selber denken, bevor wir anderen den Meinungstarif durchgeben.“
Patricia Highsmith (1921-1995), die bemerkenswerterweise am heutigen 19. Januar ihren 101. Geburtstag gefeiert hätte, hat keine Drehbücher geschrieben. Und dennoch ist ihr Bezug zum Film sehr eng – die Schriftstellerin erlangte ihre Berühmtheit dank Alfred Hitchcock. Der britische Kult-Regisseur verfilmte ihren Erstlingsroman „Zwei Fremde im Zug“ im Jahr 1950.
Die Schweizer Filmemacherin Eva Vitija baute ihren Film „Loving Highsmith“, der nach der Solothurner Weltpremiere am 11. März in die Deutschschweizer Kinos kommen soll, auf Tage- und Notizbuch-Aufzeichnungen der Schriftstellerin sowie Berichten aus deren Umfeld auf. Von einem „berührenden und filmisch packend umgesetzten Porträt“ sprachen die Solothurner Filmtage in ihrer kürzlichen Medienmitteilung. Als einen „Film über eine obsessive Frau“ bezeichnete Vitija ihr Werk kurz vor der Uraufführung.
Eva Vitija wurde 1973 in Basel geboren und hat für ihren Film „Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten“ 2016 den Prix de Soleure gewonnen. Für diese mit 60’000 Franken dotierte Auszeichnung ist sie nun auch mit „Loving Highsmith“ nominiert.
Neben der Vorfreude auf ein reichhaltiges Filmprogramm dominierte an der von Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Anna Pieri Zuercher moderierten Eröffnungszeremonie die Erleichterung darüber, dass sich die Filmfans eine Woche lang vor Ort versammeln können. Umso mehr, weil die Solothurner Filmtage nicht nur eine Werkschau des Schweizer Filmschaffens, sondern auch ein Branchentreff und ein Vernetzungsforum seien.
Sie sei zumindest keiner Regisseurin und keinem Produzenten begegnet, der oder die die Filmpremiere lieber im Internet als vor Ort gefeiert hätten, sagte Marianne Wirth, die nach dem Weggang der ehemaligen Direktorin Anita Hugi zusammen mit David Wegmüller die künstlerische Leitung der Festivals inne hat. „Ausserdem sind wir der Meinung, dass ohne Publikum eine Dimension fehlt.“
(text:sda/bild:unsplash-symbolbild)