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15.10.2019 Elke Steudter 1020 Views 0 Kommentare
Anlässlich des 15. Welthospiz- und Palliativtages beleuchtet der Beitrag Möglichkeiten und Grenzen der Selbstwirksamkeit, die nicht nur für Betroffene und ihre Angehörigen, sondern auch für das Team wichtig sind.
(Quelle: Visualhunt)
Im Verlauf einer Krankheit müssen Menschen lernen, sich mit verschiedenen Symptomen und Einbussen im Alltag zu arrangieren – kein einfaches Unterfangen. Denn verschiedene Faktoren und individuelle Ressourcen beeinflussen die Symptome, wie beispielsweise Schmerz, Müdigkeit oder Traurigkeit. Zu den Ressourcen zählt unter anderem auch das subjektive Gefühl, trotz der krankheitsbedingten Veränderung noch «Herr der Lage» zu sein. Dieses Gefühl ist bei den Menschen im Allgemeinen, aber auch in der Palliative Care sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wieso das so ist lässt sich unterschiedlich erklären. Eine Erklärung findet sich in dem Konzept der Selbstwirksamkeit, das Ende der 1970er Jahre von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura entwickelt wurde und der es wie folgt zusammenfasst: «Du bist das, wovon du dir selbst sagst, das du es sein kannst, und du wirst geleitet durch deine Überzeugung darüber, was du tun solltest.» (Gerrig & Zimbardo, 2008, p. 616).
Selbstwirksamkeit – was bedeutet das?
Unter Selbstwirksamkeit wird die individuelle Überzeugung eines Menschen verstanden, dass er angemessen agieren und dadurch eine bestimmte Situation meistern kann (Gerrig & Zimbardo, 2008). Dieser Ansatz zeigt, dass das Handeln stark durch die Ansichten eines Menschen beeinflusst wird. Wer sich von vornherein der Aufgabe, Krankheit und die damit einhergehenden Veränderungen zu meistern, nicht gewachsen sieht, wird dies auch weniger gut tun können. Menschen, die über eine gute Selbstwirksamkeit verfügen, weisen meist Folgendes auf: Sie haben die Vorstellung, dass sie in der Lage sind, die Situationen an sich zu beeinflussen bzw. zu verbessern, und dass sie in der Lage sind, ihre Umwelt verändern zu können (Bandura, 1993). Mehr dazu in der Sendung Gesundheit heute – Selbstwirksamkeit bei Krebs.

Quellen der Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit ist eine menschliche Fähigkeit, die wachsen muss und die aus verschiedenen Quellen gespeist wird. Dies kann beispielsweise durch die eigene Erfahrung geschehen, in dem zurückliegende Situationen bereits gut bewältigt wurden. Diese direkte positive Erfahrung hat grossen Einfluss auf die Selbstwirksamkeit. Menschen können positive Erfahrungen von anderen Personen ebenso stellvertretend – quasi «secondhand» – nutzen, um Selbstwirksamkeit zu spüren. Was anderen gelingt, mag mir ebenfalls gelingen. Auch der Zuspruch und das Vertrauen von Menschen des sozialen Umfelds in die Fähigkeiten des anderen wirken sich positiv auf die Selbstwirksamkeit aus.
Selbstwirksamkeit kann man messen
Um verstehen zu können, wie ausgeprägt die Ressource Selbstwirksamkeit bei Betroffenen der Palliative Care vorhanden ist, kann man sie mit einem Instrument eingeschätzt werden. Das Selbsteinschätzungsinstrument wurde von Schwarzer & Jerusalem (2002) vor beinahe 30 Jahren entwickelt und letztmals 1999 überarbeitet. Die zehn Aussagen in einer Art Fragebogen beziehen sich auf Kompetenzen und Stärken, die ein Individuum bei sich selbst wahrnimmt. Das Instrument liegt auch in Kurzform vor, in der nur drei Aussagen genutzt werden (Beierlein et al., 2014). Durch diese Antworten erhalten Pflegefachpersonen bereits einen guten Eindruck über die individuelle Selbstwirksamkeit der Patienten und Patientinnen in der Palliative Care.
Selbstwirksamkeit pflegerisch fördern
Für Betroffene in der Palliative Care ist eine gute Selbstwirksamkeit wichtig. Denn sie kann helfen, mit Veränderungen und Herausforderungen der Krankheit, Pflege und Behandlung besser umzugehen. Pflegefachpersonen können die Selbstwirksamkeit der Patienten und Patientinnen unterstützen, indem sie gezielt die Quellen der Selbstwirksamkeit nutzen (siehe Kasten). Sie können beispielsweise im Rahmen ihrer Kompetenzen verständlich und personenorientiert über bestehende Symptome informieren und den kranken Menschen empathisch Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten vermitteln. In der Praxis beobachten Pflegefachpersonen manchmal, dass sich Patienten und Patientinnen mit anderen erkrankten Personen vergleichen. Vor dem Hintergrund der Selbstwirksamkeit kann dies Sinn machen, denn das Prinzip «Lernen von Anderen» kann hier greifen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Situationen tatsächlich vergleichbar sind. Bestehen ungleiche Voraussetzungen können sogenannte Erfolgstorys von Krankheitsgeschichten anderer Personen jedoch zur Überforderung der Patienten und Patientinnen und zum Gefühl des Versagens führen.
Pflegefachpersonen sollten gemeinsam mit den Betroffenen auf bisher gut gemeistert Situationen fokussieren und sie positiv (z. B. mit Lob und Anerkennung) verstärken. Die meisten der Betroffenen in der Palliative Care haben schon viele Gegebenheiten gut bewältigt; dies wird manchmal von ihnen vergessen oder verdrängt. Das Hervorheben dieser Leistungen und das Gefühl es schon einmal geschafft zu haben kann dazu beitragen, dass die Selbstwirksamkeit gestärkt wird. Auch kleine Erfolge sollten entsprechend gewürdigt werden. Die Angehörigen sollten von Beginn an integriert werden, da sie innerhalb des Prozesses eine wichtige und aktive Rolle einnehmen können. Dabei darf ihre eigene Selbstwirksamkeitserwartung von den Pflegefachpersonen nicht aus den Augen verloren werden.
Grenzen der Selbstwirksamkeit reflektieren
Auf den ersten Blick scheint die Selbstwirksamkeit ein tragfähiges Konzept in der Pflege von Menschen in der Palliative Care. Möglicherweise kann es erklären, warum Menschen so unterschiedlich mit den Situationen umgehen. Einige der Betroffenen stehen den Situationen hilflos und beinahe paralysiert gegenüber, andere scheinen auch in den schwierigsten Phasen der Erkrankung zuversichtlich und handlungsfähig zu sein. Sicher kann die Selbstwirksamkeit diese Phänomene nicht vollständig erklären. Denn schaut man sich die Faktoren an, die die Selbstwirksamkeit beeinflussen muss bedacht werden, dass diese im Krankheitsverlauf eine unterschiedliche Rolle spielen. Die Zuversicht, auch schwierige Probleme immer lösen zu können oder ein solches aus eigner Kraft zu meistern setzt beispielsweise die physische und psychische Energie und Kraft dazu voraus. In der Phase der Diagnose kann wiederum Angst lähmend wirken und die Selbstwirksamkeit der Patienten und Patientinnen hemmen. Die anschliessenden Behandlungen (Chemotherapie, Bestrahlung) und diagnostische Verfahren verursachen häufig Fatigue und Symptome wie Übelkeit, Atemnot oder Schmerzen sind kräftezehrend. Vor diesem Hintergrund sollten Pflegefachpersonen um die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstwirksamkeit wissen und wo sinnvoll und angebracht geeignete Interventionen individuell anbieten. Die kritische Reflexion und die eigenen Selbstwirksamkeitserwartungen bilden dabei die Grundlage für ein professionelles Pflegehandeln.
Dr. phil. Elke Steudter ¦ Pflegewissenschaftlerin ¦ Careum Weiterbildung
Quellen
Bandura, A. (1993). Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning. Educational Psychologist, 28 (2), p. 117–148.
Beierlein, C., Kovaleva, A., Kemper, C.J. & Rammstedt, B. (2014). Allgemeine Selbstwirksamkeitsskala (ASKU). Marburg: Leibnitz-Institut für Sozialwissenschaften. https://zis.gesis.org/pdfFiles/Dokumentation/Beierlein+%20Allgemeine%20Selbstwirksamkeit.pdf
Gerrig, R.J. & Zimbardo, P.G. (2008). Psychologie. 18. Auflage. München: Pearson Studium.
Schwarzer, R. & Jerusalem, M. (2002). Das Konzept der Selbstwirksamkeit. In: Jerusalem, M. & Hopf, D. (Hrsg.). Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 44, Weinheim: Beltz, p. 28–35.
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