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Diese Woche haben wir das Glück, mit der jungen Herzogin Maria von Burgund sprechen zu können, die mehrere Jahrhunderte gereist ist, um nach Chillon zu kommen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie von ihren Hobbies als Prinzessin spricht, und lässt kein pikantes Detail ihrer Ehe aus.
Interview von Samuel Metzener
/ Übersetzung Mirjam Grob
Grosses Siegel von Maria von Burgund für das Herzogtum Brabant, 1477
© Anvers, Stadsarchief, inv. 303
KURZBIOGRAPHIE
1386 Geburt in Dijon
1393 Hochzeit mit dem Grafen Amadeus VIII. von Savoyen in Chambéry
1403 Einzug bei ihrem Gemahlen im Alter von 17 Jahren
1405-ca. 1422 Geburt von 9 Kindern, von denen 3 in jungen Jahren sterben
1416 Titel der Herzogin von Savoyen, als die Grafschaft zum Herzogtum wird
1422 Tod in Thonon-les-Bains
Maria von Burgund, auch wenn Ihr Namen etwas anderes ahnen lässt, sind Sie tatsächlich eine Herzogin von Savoyen?
Maria von Burgund: Ja, ich komme aus der Familie der Herzogen von Burgund (lacht). Mein Vater hat diese Dynastie begründet, ein Teufelskerl. Wussten Sie, dass er der letzte Sohn des französischen Königs Jean le Bon war? 1356, als er erst 14 Jahre alt war, hat er sich in der Schlacht von Poitiers so tapfer gegen die Engländer geschlagen, dass man ihm einen tollen Übernamen verpasst hat: Philippe der Kühne! Einige Jahre später hat im Opa Jean das Herzogtum Burgund geschenkt, um sich bei ihm zu bedanken.
Und wie kommt man vom Burgund nach Savoyen?
Dank der Freuden der Ehe! Papa hat sich gut gemacht an der Spitze des burgundischen Staats. Er war ein echt starker Politiker. Jean Froissart, Adelsspezialist von damals, sagte, dass er „äusserst vorausschauend“ war. Er hat gut geheiratet, was ihm zahlreiche Gebiete im Norden Europas eingebracht hat! In diesem Spiel war alles erlaubt – Waffengewalt, Diplomatie oder seine Kinder zu verheiraten. Im Fall von Savoyen wurde die dritte Option gewählt (lächelt amüsiert).
Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen, Ihre Durchlaucht?
Papa hat dem Erben der Grafen von Savoyen, unseren direkten Nachbarn, ein Angebot gemacht, mich zu heiraten. Spoiler alert: Der Plan ist krass aufgegangen. Kurz nach meiner Geburt wurde ein Ehevertrag aufgesetzt, aber gewisse „Schwierigkeiten“ haben seine Umsetzung verhindert. Kurz gesagt, der Vater meines Ehemanns ist gestorben, als sein Erbe noch minderjährig war. Also Regentschaft bis zu seiner Volljährigkeit. Doch wer sollte sie übernehmen? Seine Mutter und seine Grossmutter gingen sich voll an die Gurgel. Mein Vater hat sich also zum Schiedsrichter gemacht und unsere Heirat durchgesetzt.
Wie lief die Hochzeitszeremonie bei einer solchen politischen Verbindung ab?
Als die Ehe beschlossen wurde, war der kleine Amadeus drei Jahre alt und ich drei Monate! Auch wenn wir noch zu jung waren, um unser Einverständnis zu geben, hat das unsere Alten nicht abgehalten (lacht). Nach langen Jahren fand die Hochzeit schliesslich am 30. Oktober 1393 in Chalon-sur-Saône statt. Er war zehn Jahre alt und ich sieben… Ich bin erst zehn Jahre später nach Savoyen gereist, als ich siebzehn war. Eine Braut muss sich begehrt machen…
Gab es nicht auch finanzielle Interessen an dieser langen Verzögerung?
Stimmt, es stellte sich die Frage der Aussteuer, die die Braut mitbringt, wenn sie heiratet (seufzt)… Wenn man die Tochter des Herzogs von Burgund ist, wird’s teuer. 100’000 Goldfranken in meinem Fall. Eine solche Summe bringt man nicht auf einmal auf. Papa hat ausgehandelt, in vier Raten zu zahlen, aber es ist selten, dass eine Aussteuer auf so lange Zeit bezahlt wird. Wenig überraschend hat es bis 1434 gedauert, 48 Jahre nach unserer Verlobung!
Was waren Sie für eine Herzogin?
Mein Vater führte ein ausschweifendes Hofleben. Deshalb musste ich mich anfangs erst an die Stimmung in Savoyen gewöhnen… Die Älpler sind etwa so festfreudig wie Mönche während der Fastenzeit! Zum Glück wurde die Grafschaft 1416 zum Herzogtum ernannt. Ich war nun die Gemahlin von Herzog Amadeus VIII.! Aber natürlich habe ich nicht so lange gewartet, bis ich es mir gut gehen liess. Worauf ich am meisten stolz war, waren meine Tiere. Im Schloss Ripaille habe ich den Taubenschlag vergrössern lassen und mir Hirsche, Schafe und sogar einen Gepard angeschafft! So etwas hatte es noch nie gegeben in Savoyen! Leider konnte ich ihn nicht lange behalten, weil er zu gefährlich war…
Mit Amadeus, Top oder Flop?
Weder noch. Er war intelligent und nicht schlecht aussehend, aber er war oft boooring. Die Liebe seines Lebens war die Religion. Der liebe Amadeus war sooooo religiös. Fortpflanzung war nur angesagt, wenn er einen Erben wollte. Ansonsten lief da nix. Aber auch wenn er nicht der umwerfendste Bursche des Hofes war, war er doch nett. Während den neunzehn Jahren, die wir zusammengelebt haben, sind wir uns doch nahe gekommen. Nach meinem Tod hat er nicht mehr geheiratet. Das beweist, dass er doch ein seriöser Kerl war. Er war nur nicht sonderlich begabt darin, seine Gefühle zu zeigen. Und er trug auch keine Unterhosen in den Farben von Savoyen, da muss ich Sie leider enttäuschen.
Womit haben Sie Ihre Zeit verbracht?
Meine Hauptaufgabe war es, meinem Liebling Erben zu gebären. Ich habe neun davon hervorgebracht und sechs sind ins Erwachsenenalter gekommen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gefährlich so eine Geburt ist! Ich bin sogar an einer Schwangerschaft gestorben… Aber sprechen wir über Angenehmeres. Papa gab mir die beste Erziehung. Er hat mich die Falkenjagd gelehrt. Hinter einem jagenden Raubvogel her zu galoppieren, das ist schon toll! Als ich die Herrin von Savoyen geworden bin, wollte ich, dass mein offizielles Siegel mich auf einem Pferd und mit einem Falken zeigt. Nicht schlecht, was? Ich mochte auch die Musik (lächelt breit). Mein liebster Amadeus fand natürlich an Kirchenmusik Gefallen. Er lud ganz viele Sänger und Musiker in unsere Kapelle ein. Und ich spielte Orgel. Beeindruckend, nicht wahr? Wenn ich so richtig in Fahrt kam, dann groovte es nur so in der Kapelle.