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Eines hat dieser Roman geschafft: man weiss heute weit herum, wer Kurt Gerron war, nämlich ein jüdischer Schauspieler, Komiker und Filmregisseur, der 1944 nach Theresienstadt gebracht wurde, dort den Auftrag bekam, den Propagandafilm «Der Führer schenkt den Juden eine Stadt» zu drehen (der eigentlich «Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet» hiess) – und der am 30. Oktober 1944 mit seiner Frau Olga in Auschwitz ermordet wurde. Der Roman und sein Autor werden viel gelobt, das Buch verkauft sich gut – und es stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2011. Doch ich habe ein Problem mit «Gerron»: das Buch langweilt mich, vor allem auf den ersten 150 Seiten, aber eigentlich auch auf den weiteren 400, die folgen – und sofort stellt sich die Frage: darf ich das, mich langweilen, wenn es um das Schicksal eines Juden geht, der in Auschwitz ermordet wurde? Mein Ärger wächst. Da liegt ein Roman vor uns, in dem gewisse Fakten historisch verbürgt sind. Doch was von all dem, das hier steht, ist wirklich geschehen? Und was ist im Kopf des Autors entstanden? Auch hier folgt gleich die Verunsicherung: Und warum nicht? Warum soll sich der Autor nicht Gerrons Geschichte (eine mögliche) ausdenken? Das ist doch Literatur! Geschichten erzählen. Also suche ich weiter, lesend. Und bemerke, dass in meinem Kopf ein Bild von Theresienstadt entsteht, das für sich genommen ganz harmlos ist. Gerrons Leben, zusammen mit seiner Frau Olga, ist gar nicht so schlimm. Er blüht gar richtig auf, als er sich entscheidet, den Film zu drehen. Bei Lewinsky bekommt er von den Nazis für seine Wahl drei Tage Bedenkzeit. Bedenkzeit? In Theresienstadt gab es keine Bedenkzeit für Judskys, das sagte Lewinsky Ende Oktober dann auch öffentlich. Befehl war Befehl, auch für Gerron. Damit nun aber ändert sich die ganze Anlage: ein Roman über die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus, der auf einer verharmlosten Prämisse aufbaut, büsst den mit dem Thema verbundenen Ernsthaftigkeitsanspruch ein. Er verkommt zur Unterhaltungsliteratur. Zur gut gemachten, immerhin, denn Charles Lewinsky versteht sein Handwerk, er weiss, wie er die Pointen setzen muss, er kennt die dramaturgischen Kniffe, etwa wo er unterbrechen muss mit dem beruhigenden Hinweis, dass die Fortsetzung folgen wird. Mit seinen knappen Sätzen schafft er eine Atemlosigkeit, derentwegen man die Geschichte weiterverfolgt. Aber Gerron bleibt als Figur trotzdem blutleer. Eigenartig oberflächlich, betulich und oft mit Pathos erzählt er, ein netter Herr, Geschichten aus seinem Leben. Schrecken und Bedrohung lesen sich anders, daran ändern auch die gezielt gesetzten Schläge der SS-Leute nichts.