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Jeanne Stürmchen: Heute stelle ich die Fragen.
Marion Suter: wie könntest du? Du bist nur eine Figur aus meinem Buch.
Jeanne Stürmchen: Ich kenne dich bald so gut wie du dich selbst!
Marion Suter: Tue ich das denn?
Jeanne Stürmchen: In deinem Buch, Schlusskapitel, schreibst du an einer Stelle: „Weil ich über mich schreiben wollte und schrieb, war ich gerade eben nicht die, die ich war.“
Was bedeutet diese Antwort für den Glaubenssatz und insbesondere das letzte Kapitel Testimony ohne Zeugen?
Marion Suter: Was es fürs Buch bedeutet? Dass man eben nur einen Bruchteil dessen, was man über sich selbst in Erfahrung bringt, verwertet. Gut möglich, dass es Zufall ist, welcher Bruchteil das ist….
Jeanne Stürmchen: Dann ist Marion mehr als Jeanne?
Marion Suter: Was bedeutet schon „mehr“?! Ich habe über mich geschrieben, weil mir hier, im sozialen Austausch, im Reden mit meiner Umgebung, der nahen, fernern und nächsten, immer etwas fehlte. Genaugenommen wollte ich eine Beziehung intensivieren, ihr auf den Grund gehen, mich lebendiger fühlen dadurch. Da es keine gab, in der diese Intensität möglich war, blieb mir nur die mit mir selbst. Darum schrieb ich über mich. Mittlerweile bin ich sogar an einem Punkt, wo ich glaube, dass niemand mich verstehen kann, wissen, wer ich bin, ein Anrecht hat darauf, zu sagen, wer ich bin, der den Fakt unterschlägt, dass es mich in der Sprache der Prosa gibt und da in einer Figur. Diese Figur ist zwar nur ein Bruchteil von mir, aber in diesem Bruchteil bin ich konzentriert und vertieft: konstant, solid.
Jeanne Stürmchen: Du nennst dein letztes Kapitel Testimony ohne Zeugen und schreibst darin quasi, dass es keine Geschichte geben kann ohne Zeugen ….
Marion Suter: Ja, im Glaubenssatz respektive Testimony habe ich gemerkt, dass ich meine Geschichte nicht wirklich erzählen kann, dass es im Prinzip Zwei braucht, im Minimum, um eine Geschichte über jemanden zu erzählen: denjenigen, der die Geschichte über sich erzählt. Und denjenigen, der die Geschichte über mich, die Andere, mir erzählt. Natürlich gibt es noch Andere, die zu einer vollkommenen Geschichte dazugehören, die jemand über sich selbst erzählt: derjenige, der sich die Geschichte anhört, derjenige, der die Geschichte wiederum den Andern erzählt; die Zeugen also … (derjenige oder denjenigen? Fallproblem)
Jeanne Stürmchen: Heisst das dann: du hast hier eine Geschichte über einen Menschen erzählt, dem eine der wichtigsten Perspektiven überhaupt fehlt, um die Geschicht überhaupt erzählen zu können: die Geschichte über das Werden vom Selbst?
Marion Suter: Ja, richtig. Ein Selbstbild bleibt zerbrochen ohne Zeugen, Zuschauer, Mitredende, Mutige, die einem helfen, das Bild von sich selbst neu anzupassen, stets zu modulieren … einen Kern zu finden in sich selbst. Wer glaubt, dass man das alleine kann, sich selbst sein, war nie über längere Zeit ausgeschlossen.
Jeanne Stürmchen: Warum bist du im letzten Kapitel nicht selbst, als Erzählerin, in die Geschichte eingestiegen, um die Geschichte zu beenden, sondern gabest mir die kleine Dolly hinzu?
Marion Suter: Ich habe es mir überlegt. Aber dann fand ich, dass du noch zu jung bist für die Rolle eines Alter Egos von mir, ein Alter Ego also, das ins Alter gekommen ist brauchte ich …. das auf dem Papier erstarrte ….. und das doch, ich meine sie, Dolly-Babygirl-Grauhaar-Dramedy-Diva-Taff, die Weichen meines Lebens gestellt hat, mehr als wir beide zusammen, du und ich.
Jeanne Stürmchen: Warum dann hat Dolly Jeanne ertränkt, am Schluss des Glaubenssatzes, nicht umgekehrt, ich, Jeanne Stürmchen, Dolly?
Marion Suter: Ich hatte zuerst dieses Ende vorgesehen, ja. Dass Jeanne, die den kranken Körper und das geistige Überleben bedeutet, Dolly: die dreiste Romantikerin, die egomanische Kindfrau ertränkt. Ich war mir nicht sicher, was ich tun sollte….
Jeanne Stürmchen: Warum bist du nicht am Ende des Kapitels eingestiegen und hast uns beide ertränkt..?
Marion Suter: Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber schlussendlich wagte ich mich nicht.
Jeanne Stürmchen: Verstehe. Du liebäugeltest und liebäugelst noch damit, dass doch irgendetwas von dir übrig bleibt, nach und mit dem Glaubenssatz?
Marion Suter: Ich wünschte, ich hätte den Mut, diese Möglichkeit zu bejahen. Aber ich kann nicht.
Jeanne Stürmchen: Ich sehe schon, in vielerlei Hinsicht ist deine Geschichte jetzt fertig, aber das Ende deines Lebens ist nicht da. Auch Exit hat eben verkünden lassen, dass sie die Sache aufschieben, dass du wieder in Therapie sollst ….heisst das, du wirst weiterschreiben und dich in eine neue Figur verwandeln, deren Lehrmeisterin du mehr und mehr sein kannst durch deinen Zeitvorsprung auf die langsame werdende Gestalt der Wortgemachten?
Marion Suter: Es ist wahr, dass das Wortgemachte immer langsamer ist. Auch die Wortgemachte. Aber was ist die Andere? Da fragst du richtig …. Im Moment kann ich es mir nicht vorstellen, wieder was Grösseres zu beginnen. Was könnte ich denn noch von mir abspalten? Was an Nahrung würde die neue Figur entstehen lassen? Ich müsste weiter diese Amokläuferin sein, die ich schon viele Jahre bin, und gleichzeitig so tun, als könnte ich mich durch die Figuren irgendwie schützen. Oder auch umgekehrt, mich von ihnen schützen lassen…. und schau, um in der Realität, der ersten, zu bleiben: Ich weiss nicht mal, was ich in Therapie noch erzählen soll? Von wem? Aus welchem Leben? Ein halbes Jahr soll ich füllen, wo ich alles, wirklich alles schon gesagt habe. Vielleicht sogar mal in ein zwei Sätzen, in einem hellen Moment.
Jeanne Stürmchen: Ist nicht auch so der Glaubensssatz entstanden? Aus der Möglichkeit, das etwas aus Nichts werden könnte?
Marion Suter: Ja, aber die Verteilung der Kräfte und die Zeit gingen nicht miteinander überein. Sowenig wie die Erlebnisse mit der Entwicklung der Figuren….. erst…. erst…..
Jeanne Stürmchen: …. der Verlust des Mannes liess mich ruckartig wachsen? haha!
Marion Suter: der Schmerz über diesen Verlust ja: war ein Lebenseereignis, das mich mit einem Ruck vorwärts brachte. Dann waren da noch die Aufenthalte in der Klinik. Sie haben mich immer bewegt und vorwärtsgebracht, in dem sie etwas in mir ins Rollen brachten …. wie traurig ….. was soll ich noch erleben, wenn ich es nicht ertrage? Mit Vorwärtsbringen ist nicht gemeint: Glücklichwerden.
Jeanne Stürmchen: Nun, indem du offenbar nichts mehr erlebst, nun seit gut bald zehn Monaten, bist du doch wieder in eine Art Naturalzustand deines Seins zurückgefallen, in deine Schicksalsposition …. es muss dir nur was einfallen, das du Aufbauschen kannst, auch über der Askese….
Marion Suter: Aufbauschen. Du sagst es. Aber etwas Erleben, wirklich erleben, ist anders: es hat für mich immer bedeutet, erschüttert zu werden. Besonders seit dem Playing-Dead-Syndrom … ich werde nie vergessen, wie sehr mich der erste Schluck Cafino, Instantkaffee mit dem Aufdruck getupter roter Tassen, getrunken auf dem Balkon des Beaurivages bei blaustem Himmel bis ins Mark erschütterte….. Vorher hatte ich jahrelang um sieben Uhr morgens schläfrig den Druckknopf unserer weissen Kaffeemaschine berührt, den Kaffee runtergespült, und war den Hügel hinunter auf den Zug gerannt ….
Jeanne Stürmchen: verstehe. Aber die grössten Erschütterungen, die hast du doch, trotzallem erlebt, bevor der Körper durchsichtig wurde, für den Rest des Lebens, oder? In deiner Jugend? Und war das nicht, wie soll ich sagen: zumindest innerlich, ein typisches, Dollyhaftes Aufbauschen?
Marion Suter: Ob aufgebauscht oder nicht, was macht denn der Unterschied?! Aber solange man jung und gesund ist, physisch gesund, stösst die Erschütterung auf einen Art kräftemässigen Ausgleich. Man kann als jung viel mehr Erschütterung aufnehmen, ertragen und abfedern, man kann sogar Enttäuschungen geniessen, wenn man jung ist. Wer hat es gesagt: „die Jugend ist auch in ihren Fehlern noch schön.“
Jeanne Stürmchen: Ich sehe schon, du wirst nicht aufhören, die Jugend zu verehren, nicht? Ich sehe das ja in Dolly … Neben ihr lässt du mich im letzten Kapitel plötzlich grau werden, seelisch grau, meine ich. Dies, nachdem ich die Figur war mit dem grössten Wachstum, die tragende, die prosaische Figur …. wie kläglich du mich im Stich gelassen hast, am Ende….
Marion Suter: Ich habe Dolly dich überleben lassen, weil ich dem Instinkt schlussendlich den Vorzug gebe gegenüber der Vernunft. Aber ich habe mit dieser Entscheidung gehadert. In diesem Moment bin ich immer noch nicht ganz sicher, ob ich richtig handelte. Allerdings ist es im Buch egal, wie man handelt. Und das erleichtert mich wieder.
Jeanne Stürmchen: Agieren aus dem Instinkt heraus, kann die schlimmsten Schmerzen verursachen, im Andern und rückwirkend, in dir, durch dich selbst, durch den Andern?!
Marion Suter: Vernünftig handeln ebenso. Glaub mir. — Pause, bin kaputt.
Jeanne Stürmchen: Ok.
(7.2.22)
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