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Hollywoodstudios stellt man sich gemeinhin nicht als Bastionen der Basisdemokratie vor. Aber Ende der achtziger Jahre veranstaltete 20th Century Fox eine Umfrage unter ihren Angestellten, welchen Stoff sie gern einmal auf der Leinwand sehen wollten. Ein Vorschlag erhielt die mit Abstand meisten Stimmen: einen «Frankenstein» von Roger Corman.
Er hatte das Publikum bis dahin schon mit diversen Monstren terrorisiert, mit Riesenkrabben, Wespenfrauen, marodierenden Ausserirdischen und psychopathischen Gangstern. Aber ein waschechter «Frankenstein» fehlte noch in seinem Portfolio. Obwohl Corman zu diesem Zeitpunkt seit fast zwei Jahrzehnten selbst nicht mehr Regie geführt hatte, nahm er das Angebot an. Der Film wurde kein Glanzlicht seiner Karriere. Aber das Votum zeigt, welch legendären Ruf er in Hollywood besitzt. Nicht wenige der Abstimmenden verdankten ihm ihren Einstieg ins Filmgeschäft. Könnte man sich einen passenderen Gast der «Filmmaker’s Academy» vorstellen als diesen grossen Ermöglicher?
Schule der Produktivität
Als er vierzehn war, zog seine Familie von Detroit nach Beverly Hills um. Der junge Roger konnte sich nicht daran erinnern, in seiner Geburtsstadt einen einzigen Schuldkameraden gehabt zu haben, der aus einer reichen Familie stammte. Sie stammten, wie er selbst, meist aus dem Mittelstand. An der Beverly Hills High School war das anders. Einige seiner Mitschüler trugen sogar berühmte Namen wie Goldwyn, Warner oder Zukor. Er selbst interessierte sich damals zwar mehr für Naturwissenschaften und besonders für Mathematik, hörte aber gebannt zu, wenn sie Geschichten über das Filmgeschäft erzählten.
Es fällt nicht schwer, darin die Initialzündung seiner späteren Karriere zu erkennen; immerhin eröffnet er seine Autobiografie «How I Made a Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime» mit dieser frühen Erinnerung. Er war ein Aussenseiter, der aber doch dazugehörte. Als Produzent sollte sein Name keinen so ruhmreichen Klang haben wie der der grossen Studiogründer. Seine frühen Exploitation-Filme kosteten wahrscheinlich weniger, als die Warners oder Goldwyns für einen Kindergeburtstag ausgaben.
Sein «Frankenstein» fiel auch deshalb enttäuschend aus, weil Corman ungern für die mächtigen Majors arbeitete und mit grossen Budgets nicht gut zurechtkam. Als unabhängiger Produzent war er es gewohnt, jeden Dollar zweimal umzudrehen. Mit dem Geld, das die Fox 1966 bei ihrer erster Zusammenarbeit, The St. Valentine’s Day’s Massacre, für Kränze in den zahlreichen Beerdigungsszenen ausgab, hätte er wohl einen kompletten Film gedreht. Bei seiner ersten Regiearbeit war er schon nach einem Drehtag in Verzug geraten. Das sollte ihm nie wieder passieren. In seinen besten Zeiten drehte er sieben Filme im Jahr. Beim Dreh von A Little Shop of Horrors absolvierte er 1960 ein Pensum von 50 Drehbuchseiten am Tag. Wenn ein Stoff einen entlegenen Drehort erforderte, erwartete er von seinen Teams, dass sie dort gleich zwei Filme zum Preis von einem drehten. Oft warfen sie schon in der ersten Woche Gewinn ab.
Sein Geschäftsmodell zielte anfangs auf die Drive-in-Kinos, später auf den Videomarkt. Bei ihm kehrt das Kino zu seinen Anfängen als Jahrmarktsattraktion zurück. Ein zugkräftiger Titel und ein Plakat, das Sex, Gewalt und Grauen in Aussicht stellte, waren da stets bessere Verkaufsargumente als die eigentliche Handlung. Tatsächlich sind die Titel oft das Beste an den Filmen. Cormans Autoren hatten meist nur sie als Anhaltspunkt für die Bücher, die sie in Windeseile für ihn schreiben mussten. Einige sind unwiderstehlich: The Beast with a Million Eyes, Teenage Caveman, She-Gods of Shark Reef oder Attack of the Giant Leeches.
Wie er lernte, die Apokalypse zu lieben
Es ist verlockend, in ihm eher ein Phänomen als einen Filmemacher von hohen Graden zu sehen. Die über 50 Filme, die er selbst inszenierte, und die rund 400, die er produzierte, ermutigen auf Anhieb nicht zur Stilanalyse. Die Suche nach einer Handschrift lohnt dennoch. Von der britischen und französischen Kritik wurde er früh entdeckt. In der «New York Times» hingegen erschien die erste Rezension zu seinem 28. Film House of Usher, mit dem er einen Zyklus von Edgar-Allen-Poe-Verfilmungen eröffnete. In Locarno lässt sich am Beispiel seines Meisterwerks The Masque of the Red Death entdecken, wie er der Kamera eine elegante Entschlossenheit entlockt und ein raffiniertes Spiel mit pulsierenden Licht- und Farbeffekten treibt. Die Poe-Adaptionen tragen sich in abgestorbenen Landschaften zu, werden bevölkert von einem Bestiarium der Todgeweihten, in deren Zentrum meist die exquisite Verderbtheit von Vincent Price steht. Atmosphärisch verdichtet sich in ihnen Cormans Faible für Untergangsszenarien. Die Schöpfung setzt er in seinen Filmen höchst einfallsreichen Plagen aus; viele von ihnen tragen das Weltende schon im Titel.
Die Gesellschaft ist bei ihm stets vom Chaos bedroht. Das muss nicht schlecht sein. Seine Exploitation-Filme sind schwefelhaft, spekulieren mit dem Skandalösen. Die Zensur bemängelte 1957 jede einzelne Drehbuchseite von Teenage Doll. Die Werbetrailer warnten zwar vor dem Sittenverfall der Jugend, die Filme selbst fanden indes ein unverblümtes Vergnügen daran. Teenager waren sein hauptsächliches Publikum. Sein Bikerfilm The Wild Angels war 1966 der erste Filmhit der Gegenkultur; die LSD-Phantasie The Trip hingegen wurde ein Jahr später kurzfristig aus dem Wettbewerb von Cannes ausgeladen. Meist jagte er Trends hinterher, setzte aber auch eigene. Er hatte ein zuverlässiges Gespür dafür, was in der Luft lag.
Ein gelehriger Meister
Die Zukunft hat der mittlerweile neunzigjährige Apokalyptiker stets im Blick. Die Studios, die er gründete, trugen so optimistische Namen wie «New World» und «Horizon». Wann immer ein junger Filmstudent sich bei ihm für einen Hungerlohn verdingen wollte, empfing er ihn mit offenen Armen. In den Sechzigern gab er Francis Coppola, Jack Nicholson, Martin Scorsese und Robert Towne ihre ersten Chancen, später dann Jonathan Demme, Ron Howard, John Sayles und James Cameron. In der «Roger Corman Film School» lernten sie mehr über das Filmemachen als an der Universität. Natürlich hatte der Fliessbandproduzent keine Zeit, ihnen lange Vorträge zu halten. Er bevorzugte das Prinzip von on the job training. Was für ein begnadeter Pädagoge insgeheim in ihm steckt, kann man auf Youtube entdecken. Wie er etwa die Odessa-Treppen-Sequenz in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin analysiert, ist eine glänzende Lektion in Schnitttechnik.
Er wusste stets, dass es noch eine andere Art von Kino gibt. Mit The Intruder wagte er sich 1961 an ein gestochen scharfes, rabiat montiertes Sittenbild vom Rassenhass in den Südstaaten. Es wurde sein erster Misserfolg. Allerdings verlieh er später auch Filme von Bergman, Fellini und Truffaut und verdiente gutes Geld mit ihnen. Stolz drapierte er sein Büro mit deren Oscar-Nominierungen. 2009 erhielt der menschenfreundliche Produzent endlich einen eigenen Oscar: für sein Lebenswerk. Er nahm das als Ermutigung. Heutzutage produziert er fürs Kabelfernsehen und den DVD-Markt Horrorfilme, die sich vorrangig der Kreuzung von Meeresraubtieren widmen. Es ist anzunehmen, dass er auch an Piranhaconda und Sharktopus keinen Dime verloren hat.