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WOZ: Seit wir vor zwei Wochen zum ersten Mal miteinander sprachen, ist es in der Finanzwelt drunter und drüber gegangen. Haben die grossen Bewegungen in kürzester Zeit Ihr ökonomisches Denken beeinflusst? Hat sich Ihr Lehrplan geändert?
James K. Galbraith: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glaubten, so etwas könne nicht passieren. Ich bin ein Ökonom, der mit der Möglichkeit von abrupten Einbrüchen rechnet, und ich habe einen schönen Teil meines Berufslebens damit verbracht, ebendiese destabilisierenden Mechanismen zu analysieren. Die Krise hat das, was ich lehre, veranschaulicht und untermauert.
Nicht einmal das Ausmass oder die Geschwindigkeit der Ereignisse haben Sie erstaunt?
Es war mir klar, dass ein Finanzsystem, das durch und durch dereguliert und korrumpiert ist, komplett zusammenbrechen kann. In meinen Texten diskutiere ich das ziemlich breit, unter anderem auch im Buch «The Predator State».
Bleiben wir beim «Räuberstaat». Da schreiben Sie, es sei an der Zeit, dass die Vereinigten Staaten ihre Position in der globalen Ökonomie überdenken. Die USA müssten sich vorbereiten auf den Tag, an dem sie dem Rest der Welt nicht länger ungedeckte Schuldscheine ausstellen können. Ist dieser Tag gekommen?
In diesem Punkt habe ich meine Meinung geändert. Eine Währung verliert ihren Reservestatus in der Welt nur dann, wenn eine brauchbare Alternative vorhanden ist. In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass der Euro das im Moment nicht sein kann.
Sie erwähnen in Ihrem Buch die Möglichkeit, dass sich der Dollar durch eine neue Runde globaler Schocktherapien nochmals restauriert oder aber dass ein neues monetäres Gleichgewicht entsteht.
Das wahrscheinlichste Resultat wird in nächster Zukunft eine massive Stärkung des Dollarsystems sein, und zwar nicht aufgrund einer von den USA ausgehenden Schocktherapie, sondern wegen mangelnden Vertrauens in die Alternativen, besonders in den Euro. Natürlich wäre es immer noch sinnvoll, ein monetäres System zu entwerfen, das stabiler ist als der Dollar, aber das scheint mir nicht die Lösung der gegenwärtigen Krise zu sein. Das lässt sich kaum so kurzfristig und in grosser Eile entwerfen, wie das die G7-Führer in den letzten Tagen versucht haben.
Unsere europäischen Leser möchten sicher wissen, wieso Sie dem Euro so wenig zutrauen. Die europäischen Medien klangen am Montag ziemlich optimistisch.
Der Euro hat den fatalen Fehler, dass die Europäische Zentralbank kein guter letztinstanzlicher Kreditgeber für den schlimmsten Fall ist und dass die europäischen Regierungen keine glaubwürdigen Garantien für ihre Banken abgeben können. Alle Lösungen stützen sich auf eine Ad-hoc-Koordination zwischen nationalen Regierungen, die sich darauf einigen müssen, für alle andern Länder mit geradezustehen. Der Optimismus von Anfang Woche spiegelt die Hoffnung, dass das gelingen möge. Aber es ist ein riskantes System, wenn zahlreiche Finanzminister sich in einem Augenblick der Panik absprechen und einigen müssen.
Nicht bloss Optimismus kam heute aus Europa, sondern auch der Wirtschaftsnobelpreis für den US-Ökonomen Paul Krugman. Denken Sie, dieser Preis anerkennt ein neues wirtschaftliches Denken?
Ich freue mich sehr, dass mein Kollege und Freund Paul Krugman mit dem Preis geehrt worden ist. Gratulation! Das ändert allerdings nichts an meiner Ansicht, dass der Wirtschaftsnobelpreis keine sehr nützliche Institution ist. Natürlich gibt der Preis den Äusserungen von Paul Krugman noch mehr Gewicht, und vor allem seine konstante Kritik der Wirtschaftspolitik der Regierung Bush war sehr, sehr wichtig - Krugman ist eine der wichtigsten Stimmen im amerikanischen Mainstreamjournalismus. Aber es gibt in den USA keine bedeutende intellektuelle Gemeinschaft, die sich von den Entscheiden des schwedischen Komitees gross beeinflussen lässt.
Die Anerkennung könnte aber doch ein Anliegen befördern, das Sie mit Paul Krugman teilen, nämlich die Demokratisierung der ökonomischen Theorie, die Vermittlung ökonomischer Konzepte an ein breiteres Publikum.
Ja, der Nobelpreis kann sozusagen die Public Relations der Ökonomie fördern. Aber wenn Sie fragen, ob der an Paul Krugman verliehene Nobelpreis plötzlich die Verantwortlichen an den Ökonomiefakultäten darin bestärken wird, prinzipientreue Keynesianer anzustellen, lautet die Antwort: Nein, so läuft das nicht. Diese Ökonomen bleiben so randständig wie bisher.
Als Vorsitzender der Economists for Peace and Security warnt James Galbraith (56) seit 1996 vor den hohen Kosten jeden Krieges. An der Universität von Texas in Austin lehrt er Ökonomie. Sein neuestes Buch heisst «The Predator State: How Conservatives Abandoned the Free Market and Why Liberals Should Too» (Free Press 2008).