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2019 starb der Solothurner Architekt Franz Füeg im Alter von 98 Jahren. Er arbeitete bis zuletzt mit Christoph Allenspach zusammen an seiner Monografie, deren Erscheinen er nicht mehr erleben sollte. Nun liegt sie vor, eine Hommage an einen der bedeutendsten Schweizer Baumeister des 20. Jahrhunderts.
Füeg kam nicht auf dem üblichen Weg zur Architektur. Nach einer Lehre als Bauzeichner arbeitete er in verschiedenen Büros, so in demjenigen von Hans Bracher, der 1938 die bemerkenswerte Kantonsschule Solothurn projektiert hatte. Das Studium am Technikum Burgdorf beendete er ohne Abschluss, zu sehr drängte es ihn zur Praxis. Für seine Entwicklung war ein mehrmonatiger Aufenthalt in Rotterdam im Jahre 1948 entscheidend. Nach weiteren kurzen Anstellungen bei verschiedenen Teams eröffnete er 1953 ein eigenes Büro. Es ist erstaunlich festzustellen, dass Füegs Gesamtwerk nur etwa 15 Realisationen umfasst. Und doch sind einige davon für die Nachkriegsmoderne in der Schweiz zu Meilensteinen geworden.
Denken und Schreiben über Architektur
Seit Anbeginn brachte Füeg seine Überlegungen zu Papier. 1958 bis 1961 war er sogar Chefredaktor der Zeitschrift «Bauen+Wohnen», die explizit eine Alternative zum damals eher behäbigen Periodikum «Werk» sein sollte. Während das «Werk» die Architektur der Landi 39 mit den Rasterfassaden favorisierte, orientierte sich «Bauen+Wohnen» an der asketischen Sprache von Mies van der Rohe.
1982 veröffentlichte Füeg unter dem Titel «Wohltaten der Zeit» seine wichtigsten Texte. Auch im Abstand von vierzig Jahren bleiben seine grundsätzlichen Erörterungen zu den vielfältigen Aspekten des Bauens aktuell, mehr noch, man kann dieses Buch nach wie vor als eine der wichtigsten architekturtheoretischen Schriften überhaupt einstufen.
Allerdings hatte die von Füeg bevorzugte Richtung in den 1950er-Jahren einen schweren Stand, was dazu führte, dass er – obschon ungemein produktiv – nur selten Gelegenheit zum Bauen erhielt. Davon zeugen die zahlreichen Wettbewerbsprojekte, die in der Monografie gleichberechtigt neben den Realisationen aufgeführt sind.
Es war eher ein Zufall, dass gerade zwischen Biel und Olten andere Architekten ähnliche Anliegen wie Füeg verfolgten und dass deren Bauten sich stilistisch vergleichbar präsentieren. Der Architekturtheoretiker Jürgen Joedicke sollte 1969 den Begriff «Solothurner Schule» prägen, der sich trotz Füegs Bedenken in Fachbüchern etablierte. Nebst Füeg gehören Fritz Haller, Max Schlup, Alfons Barth und Hans Zaugg zu dieser Gruppe. 2014 legte Jürg Graser das Standardwerk zur Solothurner Schule vor, das durch die beiden Monografien über Max Schlup und Fritz Haller ergänzt wurde. Es fehlen somit lediglich Gesamtdarstellungen zu den Werken von Barth und Zaugg.
Asketische Bauten
Füegs Handschrift ist bei der vorliegenden Publikation offensichtlich. Sie ist schnörkellos, verzichtet auf effekthascherische Farbaufnahmen und Layoutkapriolen. Als Schrift dient die Helvetica, die wie keine andere für die nüchterne, international erfolgreiche Schweizer Grafik der 1960er-Jahre steht und treffend auch als «Schrift ohne Eigenschaften» benannt wurde.
Im ersten Teil wechseln die Beschreibungen der Hauptwerke — darunter das Schulhaus in Kleinlützel, die alles überstrahlende Piuskirche in Meggen und die Fakultätsgebäude in Fribourg — mit Essays über die Schwerpunkte im Denken von Füeg. Zentral sind zum einen das Kapitel über die Bedeutung des Tragwerks und dessen Beziehung zur Gesamterscheinung, zum andern dasjenige über den für Füeg zentralen Begriff der «tragenden Idee».
Zuoberst stand für Füeg nicht das Technische, sondern der Mensch, der stets Ausgangspunkt für jeden Entwurfsprozess war. Ein Bauwerk wurde für ihn erst dann zu einem architektonischen Artefakt, wenn es von einer tragenden Idee geprägt war. Diese zu finden hatte mit Intuition zu tun und somit mit etwas, das mit reiner Rationalität nicht erzwungen werden kann.
Erst danach folgte die kühle Analyse, die Wahl eines adäquaten geometrischen Moduls, die Suche nach der effizientesten technischen Umsetzung. Oder mit den Worten von Füeg: «Architektur erscheint (…) nur im Gebauten. Und bauen heisst: schichten und zusammenfügen nach den Regeln der Baukonstruktion und der Festigkeitslehre, heisst, Baustoffe nach Qualität und Quantität aus keinen anderen als aus konstruktiven Gründen anzuwenden.»
Das bedeutete, nicht mehr Mittel als unbedingt notwendig zu verwenden; es bedeutete, auf expressive formale Elemente zu verzichten; es bedeutete, jedes Detail minutiös zu planen und es auf das Ganze zu beziehen. Eine solche Architektur verzeiht keine Fehler, weil ein Kaschieren von Ungenauigkeiten nicht zugelassen wird. Es ist aber auch eine Bauweise, die dazu verleiten kann, mit wenig Aufwand sterile Kisten in die Landschaft zu setzen. Füeg jedoch unterzog sich bei jedem Auftrag einer peniblen Untersuchung der Funktion, der Situierung, der adäquaten Baustoffe, der volumetrischen Komposition der einzelnen Trakte, der Lichtführung und so weiter.
Meisterwerk der Sakralarchitektur
Die Piuskirche in Meggen ist und bleibt Füegs Meisterwerk, ein innerhalb der Sakralarchitektur singuläres Werk. Man könnte sich am Anblick der sichtbaren Tragstruktur stören und die Kirche verächtlich als gesichtslose Industriehalle abtun. Damit würde man übersehen, dass Füeg einen höchst traditionellen und somit vertrauten Typus mit Turm und Kirche neu interpretiert. Zum Eingang führen seitliche Treppen, ähnlich wie zur Fassade der Solothurner Kathedrale, dem expliziten Vorbild für Füeg. Der Raum orientiert sich durch seine beträchtliche Höhe an einem Dom und weniger an den multifunktionalen Kirchenzentren, die damals von Seelsorgern gewünscht wurden. Die tragende Idee äussert sich hier am augenscheinlichsten in der durchscheinenden Hülle aus Marmorplatten, die ein einzigartiges Raumerlebnis gewähren. In der Publikation ist die Innenaufnahme das einzige in Farbe gedruckte Bild.
Gerade am Beispiel von Meggen wird der Unterschied zu Fritz Haller deutlich. Während Haller ein durch Forschung entwickeltes Bausystem für die verschiedenen Aufgaben einsetzte, bestimmten für Füeg der Ort und die Art der Nutzung die Wahl von Konstruktion und Werkstoffen. In Meggen wird das eiserne Gerüst mit Marmor ausgefacht; das Schulhaus in Kleinlützel besteht aus Sichtbeton und Glas sowie aus Backsteinmauern; und für das weitgehend transparente Wohnhaus Portmann in Hessigkofen schuf Füeg eine Tragstruktur aus Holz. Bemerkenswert ist ferner das Mobiliar, das Füeg für einige seiner Bauten entwarf, etwa Stühle und Pulte für das Schulhaus Kleinlützel oder die Liturgischen Zeichen für die Kirche in Meggen.
In der Monografie fehlt weitgehend eine architekturhistorische Bilanz. Allenspach konzentriert sich auf die exakte Beschreibung der Bauten. Selbstverständlich kann das Schaffen von Füeg in einen europäischen Kontext eingeordnet werden, was hier nicht geschieht. Der Vorteil der Beschränkung wiederum liegt in der Konzentration: Man wird als Leser, als Leserin nicht abgelenkt, sondern gleichsam aufgefordert, die ganze Aufmerksamkeit auf das Denken und Arbeiten Franz Füegs zu richten – genauso, wie dieser auf die jeweilige Bauaufgabe und nur auf diese geachtet hatte.
Christoph Allenspach: Franz Füeg. Entwerfen Bauen Schreiben Lehren. Birkhäuser Verlag, Basel 2021, ISBN 978-3-0356-1530-2
Fotos: Fabrizio Brentini