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Christi Himmelfahrt: Hebr 9,24–28; 10,19–23 (Lk 24,46–53)
Die ersten Christinnen und Christen haben gerungen, für das Ereignis am Ostermorgen ein passendes Bild zu finden. In zwei Denkmodelle, versuchten sie, das Geschehene auszudrücken.1
Das eine ist ein Vorher und Nachher. Der Verstorbene ist schlafend im Grab. Durch die «Auferweckung» kehrt er wieder zurück ins Leben. Der Tote und der Auferweckte gehören zusammen. Der Auferweckte lebt, lässt sich berühren, nimmt Nahrung zu sich. Die neue Qualität dieses Lebens bleibt aber unklar. Der «auferweckte » Lazarus (Joh 12,2) muss wieder sterben.
Das andere Modell ist ein Unten und Oben. Die Menschen sind unten auf der Erde, Gott ist oben im Himmel. Wenn ein Verstorbener in die Nähe Gottes gelangt, wird er «erhöht» und «verherrlicht»; er steigt in den Himmel hinauf. Das geschah mit Henoch: «Henoch war nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen» (Gen 5,24) und mit Elija (2 Kön 2,1–18, z.B. V. 11: «Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor»). Auferstehung ist in diesem Modell nicht die blosse Rückkehr in das bisherige Leben. Auferstehung hat eine andere und neue Qualität des Lebens. Die Gefahr bei diesem Denken ist aber, dass Himmel und Erde auseinanderfallen, dass Körper und Seele getrennt werden, und nur die Seele in den Himmel kommt.
Beide Denkmodelle gehören zusammen, wie die Seiten einer Münze. Lukas bietet uns beides, wenn er Jesus in der Gaststätte in Emmaus essen lässt (Lk 24) und wenn Jesus dann später nach oben emporgehoben wird (Apg 1). In welchem Modell denkt die Verfasserin des Hebräerbriefs?
Was in den Schriften steht
Die beiden Teile der Hebräerbrieflesung an Himmelfahrt stehen an der Nahtstelle zwischen zweitem und drittem Teil im Gesamtaufbau des Hebräerbriefs (siehe Einleitung in den Hebräerbrief in der Zürcher Bibel 2007).
Der Anfang (Hebr 9,24–28) gehört zu dem Teil (Hebr 4,14–10,18), wo das Geschick Christi mit Hilfe der Tradition des hohenpriesterlichen Amts Melchisedeks beschrieben und gedeutet wird. In diesem Bild geht es – im Sinne der obigen Einleitung – nicht um ein Vorher und Nachher, es gab früher Hohepriester und heute gibt es diesen, sondern es wird immer wieder die neue und andere Qualität betont: «Christus ging ja nicht in ein von Menschenhand errichtetes Abbild des wahren Heiligtums. Sondern er ging in den Himmel selbst. Dort tritt er jetzt vor Gott für uns ein» (Hebr 9,24 nach der BasisBibel). Christus hat eine neue Qualität gegenüber den bisherigen Hohenpriestern, er geht selbst in den Himmel. Das kultische Bild des Hohenpriester ist damit zum Ende gebracht, und zwar – wie schon mehrfach im Hebräerbrief betont – ein einziges Mal, das für immer gilt.
«Genauso wurde auch Christus nur einmal als Opfer dargebracht, um die Schuld der vielen wegzunehmen. Wenn er das zweite Mal erscheint, geschieht das nicht wegen der Sünde. Sondern es geschieht, um alle zu retten, die auf ihn warten» (Hebr 9,28 nach der BasisBibel). Mit dem zweiten Teil der Lesung (Hebr 10,19–23) beginnt der dritte Teil im Gesamtkonzept des Hebräerbriefes (nach der Zürcher Bibel). Es geht nun um das Leben der Gemeinde, «die auf ihn warten». Ihnen wird in Zeiten der Verfolgung und des Abfalls der richtige Weg gezeigt um der Mutlosigkeit und Glaubensschwäche entgegen zu wirken. Der Abschnitt startet mit der Zuversicht, «durch das Blut Christi in das Heiligtum einzutreten» (Hebr 10,19). Die Erlösungstat Christi wird dann mit dem Bild des Vorhangs im Tempel gedeutet.
Bei dem Vorhang handelt es sich um den kultisch bedeutsamen und in der Herstellung sehr wertvollen (Antiochus IV. fand es wert, ihn zu rauben, 1 Makk 1,21 f.) Vorhang im Tempel, der sich am Eingang des Heiligtums (Lev 16,2) befand. Er war bewusst als Scheidewand gedacht: «Der Vorhang trenne euch das Heiligtum vom Allerheiligsten» (Ex 26,33). Am Versöhnungstag wurde der Vorhang mit Blut besprengt. Dann ging der Priester das einzige Mal im Jahr hinter den Vorhang, um dort im Allerheiligsten auch die Deckplatte mit Blut zu besprengen. W ie wird das Bild gedeutet? Eine Assoziation ist das Johanneswort: «Ich bin die Tür» (Joh 10,9). Durch Jesus als Tür haben wir den Zugang zur nährenden und rettenden Weide. In den synoptischen Passionsberichten reisst der Vorhang des Tempels beim Tod Jesu (Mt 27,51; Mk 15,38; Lk 23,45). Bei seinem Tod öffnet sich die Scheidewand, die Abtrennung des Allerheiligsten fällt weg, der Zugang zum Gott Israels ist nun für alle offen. In Hebr 10,20 wird der Vorhang mit Jesus gleichgesetzt, genauer: mit seinem Fleisch. «Diesen Zutritt hat er uns verschafft als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heisst durch sein Fleisch» (Hebr 10,20 Zürcher Bibel). Wie ist das z u d euten? « Fleisch» i st k ein Terminus für den Tod Jesu. Fleisch ist der Leib und gilt als Metapher für die ganze menschliche Welt. Der Weg durch den Vorhang in den Himmel hinein ist also durch das Leben Jesu als Mensch auf dieser Welt offen. Nicht nur das «Opfer», sondern sein Leben zeigen und sind der Weg von der menschlichen Welt in die göttliche. Das ist ein starkes Gegengewicht zur bisherigen kultischen Opfer- Terminologie des Hebräerbriefs. Nun geht es um Nachfolge auf einem Lebensweg, den uns Jesus vorangeschritten ist. Die Basis- Bibel greift den Gedanken direkt in der Übersetzung der Stelle auf: «Diesen Zugang hat er eröffnet, indem er uns einen Weg durch den Vorhang frei gemacht hat.
Es ist ein neuer Weg für unser Leben, derselbe, den Jesus als Mensch gegangen ist» (Hebr 10,20 nach der BasisBibel). Der «Weg für unser Leben» wird dann anhand der Begriffe Glaube, Hoffnung und Liebe entfaltet.
Der Glaube (Hebr 10,22) ist mit der Taufe («den Leib gewaschen mit reinem Wasser», Hebr 10,22) verbunden und berechtigt zum Hintreten vor Gott – im Bild also auf die vormals andere Seite des Vorhangs. «Das Herz durch Besprengung gereinigt » (Hebr 10,22) verbindet den am Versöhnungstag besprengten Vorhang mit der Taufe.
Was bei der Taufe begann, an dem soll im Lebensvollzug, auch jetzt in der Zeit der Mutlosigkeit, festgehalten werden. «Wir wollen an dem Bekenntnis zur unerschütterlichen Hoffnung festhalten. Denn Gott ist treu auf dessen Versprechen sie beruht» (Hebr 10,23 nach der BasisBibel). Dadurch wird eine Gemeinschaft gebildet, die füreinander in Liebe sorgt: «Und wir wollen uns umeinander kümmern und uns zur gegenseitigen Liebe und zu guten Taten anspornen» (Hebr 10,24 nach der BasisBibel – der Text der Lesung endet leider vor diesem Vers).
Mit der Verfasserin des Hebräerbriefs im Gespräch
Die uns fremde kultische Sprache des hochpriesterlichen Opfers wird durch den Blick auf die Adressaten konkret. Die vierte Dimension der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu ist die durch die dem Leben Jesu nachfolgende Gemeinde spürbare Liebe.