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Die Kunst des Schreibens 3 – anschaulich, aber ohne Floskeln
Im dritten Brief von Christiansens Prosa-Schule geht es darum, Texte anschaulich, bildhaft und lebendig zu gestalten, ohne dabei auf abgedroschene Phrasen zurückzugreifen.
Die fünf Schreibregeln aus den ersten zwei Briefen fasst Christiansen wie folgt zusammen: «Schreiben Sie laut, schlicht, einfach, vorbedenkend, vorbeschauend und reines Deutsch.» Im dritten Brief ergänzt er die Regeln 6 und 7.
Regel 6: Schreiben Sie anschaulich
«Trachten Sie allzeit nach anschaulichem Ausdruck, und schränken Sie kräftig ein den Gebrauch von Begriffswörtern.» Wie schreibt man aber anschaulich? Ein Tipp von Christiansen ist, auf äussere Zeichen bei Wörtern zu achten: Substantive auf -ung, -heit und -keit sind meist ohne Bildkraft. Ebenso sprechen bestimmte Ausdrücke die Sinne des Lesers nicht an. Christiansen nennt sie «sinnmatt»: die Gegensatzpaare dieser – jener, ersterer – letzterer gehören dazu und Verben wie vorkommen, sich befinden, bedeuten, betragen etc. Suchen Sie deshalb nach Wörtern, die einen «lebhaften Sinnenreiz» enthalten.
In einem nächsten Schritt greift Christiansen auf Lessings Vergleich zwischen Malerei und Schriftstellerei zurück. Während der Maler die Bewegungen eines Schmieds, der einen Hammer auf den Amboss schlägt, nur andeuten kann, indem er den Schmid mit erhobenem Arm malt, kann ein Schriftsteller die Bewegungen beschreiben. Hingegen ist es für den Schreibenden schwierig, eine stille Winterlandschaft, welche der Maler in ihrer Pracht festhält, in Text umzusetzen. Christiansen empfiehlt, lebloses Dasein in Handlungen zu überführen, Bewegungen zu erdichten an Stelle der Ruhe und den Dingen eine unwirkliche Tätigkeit zu unterschieben: «Auf grossen ausgespreizten Händen wurde der frische Schnee vorsichtig von den Tannenzweigen gehalten.» Man mag hier die passive Formulierung bemängeln, das Beispiel zeigt aber, was Christiansen meint. Die leblose Winterlandschaft wird bildhaft (die Tannenzweige werden mit gespreizten Händen verglichen) und stilles Dasein wird aufgelöst in Handlung (die Tannenzweige halten den Schnee).
Schliesslich weist Christiansen darauf hin, dass nicht nicht nur die Handlung, sondern auch die zugrunde liegende Stimmung einer Szene im Text transportiert werden muss. Der Leser soll sich innerlich angesprochen fühlen und nicht nur eine Bewegung zur Kenntnis nehmen: «Der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs dunkle Gezweig empor.» Dieser Satz vermittelt nicht nur Bewegung (der Morgenwind wirft die Sonne), sondern auch eine fröhliche Morgenstimmung (leuchtend, emporwerfen, Sonne) oder wie es Christiansen nennt: «den überkühnen Jubel des jungen Tages.»
Regel 7: Vermeiden Sie Floskeln
«Meiden Sie verschliffenes Sprachgut!» Obwohl Christiansen zu bildhaftem Schreiben ermuntert, warnt er gleichzeitig vor hundertfach durchgekauten Floskeln: den Nagel auf den Kopf treffen, der Zahn der Zeit hatte an etwas genagt, auf der Bildfläche erscheinen etc. Meiden Sie diese abgegriffenen Ausdrücke und seien Sie stolz, dass Sie es tun, denn: «Nicht nur mit dem, was er sagt, auch mit dem, wie er es sagt, soll der Schriftsteller den Ehrgeiz haben, auf eigenem Grundstück zu wohnen.»
- Christiansens Fazit: «Der Dichter muss übersetzen [...] in die Sprache der Bewegung und in die Sprache der Stimmung. Er löst das Sein [...] auf in Geschehen und Entstehen. [Er] umhüllt die Dinge mit Stimmungen, sie zusammenzwingend zu Stimmungseinheiten und alle sinnlichen Besonderungen nutzend als Stimmungserreger.»