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Herr E, ein langjährig sparsamer und disziplinierter 71-jähriger ehemaliger Verwaltungsangestellter, entwickelt befremdende Angewohnheiten: Bis anhin eher antriebslos ist er gegenwärtig triebhaft und beschäftigt sich mit Glücksspielen.
Sie erhalten den Anruf einer Frau E, die sich beklagt, dass sich ihr 71-jähriger Ehemann im Verlauf der letzten 10 Monate sehr stark verändert habe. Der bis anhin eher zurückhaltende, schüchterne Mann sei plötzlich triebhaft, bedränge sie häufig sexuell. Dies sei umso erstaunlicher, als dass er in den letzten Jahren zuvor eher etwas antriebslos, häufig gar emotionslos gewirkt habe. Letztens habe er zudem gewisse, für ihn als einen langjährigen sparsamen und disziplinierten Verwaltungsangestellten, äusserst befremdende Angewohnheiten entwickelt. Er habe begonnen, aus dem Internet nicht nur stundenlang pornographisches Material herunterzuladen, sondern sei zunehmend auch auf Glücksspielseiten gewesen und habe in der Zwischenzeit soviel Geld ausgegeben, dass das Paar gezwungen war, das Auto zu verkaufen und auf eine Ferienreise zu verzichten.
Sie erfahren ausserdem von Frau E, dass ihr Mann bis vor kurzem immer bei bester Gesundheit gewesen war, sein Hausarzt ihm jedoch vor ca. einem Jahr einige Untersuchungen bei einem Neurologen organisiert hatte. Er nehme seither Medikamente ein, deren Name sie allerdings nicht wisse, Antidepressiva seien es auf alle Fälle nicht.
Sie bestellen Herrn und Frau E zu einem Gespräch in Ihre Sprechstunde. Frau E berichtet Ihnen noch im Wartezimmer, ihr Mann habe vor lauter Internetgebrauch ganz vergessen, seine Medikamente aus der Apotheke zu holen und habe seit fast einer Woche keine Tabletten mehr. Auch sei es etwas seltsam, aber heute wirke er wieder fast so wie früher, und in den letzten Tagen sei auch sein sexueller Appetit verschwunden.
Frage 1
Noch während des Weges in Ihr Sprechzimmer fällt Ihnen eine neurologische Besonderheit an Herrn D auf. Welche?
A Ein breitbeiniger Gang
B Ein kleinschrittiger Gang
C Ein ausgeprägter Nystagmus
D Ein starkes Schielen
E Ein ausladendes Schwingen der Arme
Kommentar [1, 2]
Verschiedene Indikatoren weisen auf eine Impulskontrollstörung unter dopaminagonistischer Behandlung einer Parkinsonkrankheit hin, welche unbehandelt unter anderem durch einen kleinschrittigen Gang gekennzeichnet sein kann. Zu diesem Krankheitsbild passt auch die Apathie vor Einsetzen und nach Absetzen der neurologischen Medikation. Zu den Verhaltensauffälligkeiten der Impulskontrollstörung gehören z.B. pathologisches Glücksspiel, impulsives Essen oder Kaufen und Hypersexualität. Circa ein Sechstel der mit Dopaminagonisten behandelten Parkinsonpatienten entwickeln eine solche Problematik. Zu den potentiellen Risikofaktoren gehören männliches Geschlecht, jüngeres Alter, Substanzgebrauch in der Vorgeschichte, eine positive Familienanamnese für pathologisches Glücksspiel sowie vorbestehende impulsive Persönlichkeitszüge. Das Umstellen auf ein alternatives Präparat ist meistens angezeigt. Für einen Einsatz von Psychopharmaka gibt es kaum Evidenz, jedoch konnte für den Opioidantagonisten Naltrexon eine Verbesserung der Symptomatik gezeigt werden. Auch kognitiv-behaviorale Therapieansätze können hilfreich sein.
Richtige Antwort: B.
Frage 2
Herr E erzählt Ihnen während des Gespräches, im Internet von einem operativen Eingriff gelesen zu haben, der sein neurologisches Leiden korrigieren könnte. Um welchen Eingriff handelt es sich am wahrscheinlichsten?
A Lobotomie
B Ventrikulo-peritonealer Shunt
C Aneurysma-Clipping
D Tiefe Hirnstimulation
E Transsphenoidale Hypophysektomie
Kommentar
Die Tiefe Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation; DBS), ist ein grundsätzlich reversibler minimalinvasiver neurochirurgischer Eingriff, bei dem feinste Elektroden zur chronischen Stimulation umschriebener Kerngebiete implantiert werden. Die fortgeschrittene Parkinson-Krankheit ist zurzeit die häufigste Indikation für diesen Eingriff. Hierbei wird meist der Nucleus subthalamicus angesteuert [3, 4].
Der ventrikulo-peritonealer Shunt bezeichnet eine chirurgisch geschaffene Verbindung (Shunt) zwischen dem zerebralen Ventrikelsystem und der Peritonealhöhle, und dient der Ableitung des Liquors bei Vorliegen eines erhöhten Hirndrucks (z.B. Hydrocephalus).
Das Aneurysma-Clipping besteht im Aufbringen eines Metall-Clips auf den Hals eines Aneurysmas, wodurch das Aneurysma aus der Zirkulation ausgeschaltet wird.
Transsphenoidale Hypophysektomie bezeichnet die operative Entfernung der Hirnanhangsdrüse, z.B. im Rahmen von Hypophysentumoren.
Richtige Antwort: D.
1 Raja M, Bentivoglio AR. Impulsive and compulsive behaviors during dopamine replacement treatment in Parkinson’s Disease and other disorders. Curr Drug Saf. 2012;7(1):63–75.
2 Voon V, Napier C, Frank MJ, Sgambato-Faure V, Grace AA, Rodriguez-Oroz M, Obeso J, Bezard E, Fernagut PO. Impulse control disorders and levodopa-induced dyskinesias in Parkinson’s disease: an update. The Lancet Neurology. 2017;16(3):238–50.
3 Jahanshahi M, Obeso I, Baunez C, Alegre M, Krack P. Parkinson’s disease, the subthalamic nucleus, inhibition, and impulsivity. Mov Disord. 2015;30(2):128–40.
4 Coenen VA, Amtage F, Volkmann J, Schläpfer TE. Tiefe Hirnstimulation bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Deutsches Ärzteblatt. 2015;112(31–32):519–26.
a Service d’Addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève; bZentrum für Abhängigkeitserkrankungen, Universitäre Psychiatrische Kliniken, Basel
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Correspondence:
Daniele Zullino
Prof. Dr. med.
Service d’Addictologie
Hôpitaux Universitaires
de Genève
CH-1205 Genève
Daniele.Zullino[at]hcuge.ch
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