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Die FONDATION SUISA schreibt ihren mit 25 000 Franken dotierten Anerkennungspreis dieses Jahr für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke aus. Was aber zeichnet einen gelungenen Songtext aus? Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Jean-Martin Büttner
«Auf dem Papier funktionieren Songtexte meist nicht», meint der Journalist Jean-Martin Büttner. (Foto: Dominic Büttner)
Jean-Martin, was hältst Du von einem Liedtext mit der Zeile «A Wop bop a loo bop a lop bam boom»?
Jean-Martin Büttner: Er ist ein gutes Beispiel für einen codierten Songtext. Denn «Tutti Frutti» von Little Richard handelt heimlich von schwarzen Drag-Queens und sexuellen Praktiken, zumindest im Original von 1955. Dazu muss man wissen, dass der Sänger dreifach benachteiligt war: Richard war schwarz, schwul und aus dem amerikanischen Süden. Der amerikanische Politologe Greil Marcus erklärte die erstaunliche Wirkung in einem Interview treffend. Auch wenn man den Text nicht verstehe, empfinde man aus der schieren Freude von Little Richards Gesang, dass es um etwas Unanständiges gehe. Es mag komisch klingen, aber dies ist ein zentraler Text der Rockmusik ‒ nicht weil er etwas sagt, sondern weil er etwas ausdrückt.
Nik Cohn schrieb 1971 in seinem zum Klassiker der Rockliteratur gewordenen Buch «AWopBopaLooBopALopBamBoom», dass diese Worte «als Zusammenfassung dessen, um was es im Rock’n’Roll wirklich ging», meisterhaft seien. Er schrieb aber auch, dass Rock’n’Roll-Texte eine Art «Geheimcode der Teens» seien. Jugendkultur aber ist einem ständigen Wandel unterworfen. Bedeutet dies, dass dieser Text in seiner Zeit gefangen ist?
Ich glaube, dass dies für jeden Songtext und auch viele Gedichte gilt. Nur die Grössten wie Shakespeare, Rilke oder Dylan können Texte schreiben, die über ihre Zeit hinausweisen. Dieser Text von Little Richard ist eindeutig in seiner Zeit gefangen, schon weil er zum Nonsens heruntercodiert werden musste, um die Zensur der weissen Radiostationen zu unterlaufen. Ironischerweise gilt das genauso für explizite, vulgäre und drastische Hip-Hop-Lyrics, die nichts auslassen. Frauen als Champagner-Huren zu bezeichnen und Hymnen zu schreiben auf den eigenen Turnschuh, ermüdet extrem schnell.
Welche Bedeutung hat dieser Songtext von Little Richard behalten?
«Tutti Frutti» ist ein historischer Text. Aber man muss auch sehen, dass Nik Cohn eine anti-intellektuelle Haltung gegenüber der Deutung des Rock’n’Roll hatte. Und dass sein Buch eines der ersten über Rockmusik war. Ich liebe es bis heute, weil er so radikal schrieb. Nik Cohn, als irischer Jude ein Aussenseiter von Anfang an, hat Sätze geschrieben wie jene, wonach es im Rock’n’Roll so gut wie nie richtige Texte gebe. Ich denke, dass er das auch als Provokation verstand, aber nicht nur. Es war eine Attacke auf Künstler wie Dylan oder die Beatles, die seiner Meinung den Rock’n’Roll mit ihren textlichen Anmassungen ruiniert hätten.
Ist die Adelung der Songtexte durch den Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan demnach auch ein Verlust für die Tradition der ins Absurde getriebenen Texte?
Überhaupt nicht, denn zum Glück gibt es keine Instanz, die darüber entscheidet, was ein richtiger Songtext ist. Zudem hat Dylan selber surreale Texte geschrieben, die zwar mit Worten spielen und lustig sind, aber eigentlich keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben, etwa «Subterranean Homesick Blues» von 1965. In diesem Song greift Dylan, was er nie bestritt, auf Chuck Berrys «Too Much Monkey Business» zurück ‒ das ist nicht weit weg von Little Richard, Dylan war also näher bei Nik Cohns Helden, als dieser zugeben mochte. Dylan gab als Berufsziel einst sogar an, er wolle bei Little Richard Klavier spielen.
«Poesie ist immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.»
Trotzdem: Haben die Songtexte nicht zunehmend ihren ursprünglichen Charakter verloren?
Ja, die Sinnfrage. Ich habe mich immer gegen die absurde Vorstellung gewehrt, dass die Rockmusik die Jugendmusik bleiben müsse, die sie ursprünglich war. Vielmehr hat sie sich als Kultur erwiesen, die mit ihren Autoren wächst, mit ihnen älter geworden ist. Bob Dylan, Johnny Cash oder Leonard Cohen sind oder waren bis übers Rentenalter hinaus relevant. Ausserdem ist Poesie immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.
Little Richard hat nicht zuletzt provoziert ‒ und das ist heute schwierig geworden …
Dieser Gestus ist schon lange überholt. Lady Gaga ist ein gutes Beispiel dafür, weil ihre Provokationen derart Teil des Marketings wurden. Ihre letzte Provokation, sich ohne Schminke zu präsentieren, zeigt ihre Verzweiflung. Heute wirkt es geradezu rührend, dass David Bowie einen Skandal auslöste mit der Aussage, er sei homosexuell ‒ was gar nicht stimmte. Solche Schockeffekte, von Alice Cooper bis Marilyn Manson, haben sich komplett verbraucht. Immerhin: Gute Musik bleibt gut.
In der Rockmusik ist der Text sehr stark von anderen Aspekten wie dem Sound oder der Phrasierung abhängig und erhält erst dadurch seinen Sinn. Aber hat der Text überhaupt noch dieselbe Bedeutung wie damals?
Ich staune immer wieder, wie wenig die Leute auf die Texte achten. Vermutlich war das schon immer so. Tatsächlich schrieben auch die Beatles bis 1965 vorwiegend banale Texte nach der Manier von «She Loves You», obwohl ihre Ironie und ihr lyrisches Talent schon damals weit mehr ermöglicht hätten. Interessant ist, dass gerade im Hip-Hop die Texte eine zentrale Rolle spielen, wo die Musik meist eintönig und repetitiv ist. Zudem fällt auf, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend nicht mehr englisch, sondern etwa bei uns deutsch, italienisch und französisch gesungen und gerappt wird. Entsprechend ist es logisch, dass Texte wieder eine stärkere Bedeutung spielen. Zum Beispiel Peter Fox (Seeed): Sein Soloalbum «Stadtaffe» ist eine Hymne auf seine Heimatstadt Berlin ‒ und nur dank den deutschen Texten konnten sich die Berliner darin wiedererkennen.
«Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt.»
Dieses Beispiel zeigt auch, dass manchmal der Hintergrund eines Textes die Voraussetzung zu dessen Verständnis ist. Aber darf ein Autor von seinen Zuhörern erwarten, dass sie sich mit seinen Songtexten auseinandersetzen?
Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt. Eine Freundin von mir unterrichtete lange Hip-Hop-Tanz. Sie realisierte nicht, dass die verwendeten Stücke oft frauenverachtende Texte enthielten, da die Musik nur dem Tanzen diente. Aber das ist doch okay.
Andererseits fällt mir an Konzerten immer wieder auf, dass es wegen der fehlenden Kenntnis der Texte zu Missverständnissen kommt. Ein klassisches Beispiel, das selbst die Amerikaner missverstanden, ist «Born in the U.S.A.» von Bruce Springsteen. Das Stück handelt vom Schicksal der Vietnam-Veteranen, ist aber voller Ambivalenz, da es mit einer Fanfare beginnt und Springsteen auf dem Cover vor einer amerikanischen Flagge gezeigt wird. Linke Botschaft, rechter Refrain. Reagan hörte nur Letzteres und war begeistert, Springsteen distanzierte sich auf eigentümlich murmelnde Weise. Die Platte machte ihn zum Millionär.
Aber bleibt nicht trotzdem etwas von der eigentlichen Botschaft hängen?
Der bereits erwähnte Greil Marcus beschrieb in einem Essay, warum alles, was Springsteen singt, ohne Konsequenz bleibe. Egal wie oft dieser von der kaputten Familie und der Armut in den USA erzähle, es falle auf, dass niemand etwas entgegne. Dieses Schweigen beweise, dass all seine Verlautbarungen wirkungslos blieben. Wie sollte es anders sein. Ich habe den Komiker Eddie Izzard gefragt, ob Komik etwas bewirken könne. Und er sagte: nein, nur Politik bewirke etwas, deshalb kandidiere er für das Parlament. Wenn man etwas ändern will, muss man die Gesetze ändern.
Songtexter sagen oft, dass sie mit ihren Texten in den Zuhörern assoziativ etwas auslösen wollten, damit diese ihre eigenen Geschichten daraus machen könnten …
Eine wichtige Rolle spielte etwa in den 1960er Jahren, dass schwarze Jugendliche James Brown hörten, der sang: «Say it loud – I’m black and I’m proud». Das war eine Anleitung zu einer schwarzen Identität ‒ dass man auch als Teil einer Minderheit jemand sein kann, der existiert, der in Amerika wichtig ist, weil er eine Stimme bekommt.
Er machte Mut, selbstbewusst aufzutreten …
Genau, viele Songtexte spielten für die Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle. Songs spielten auch bei der Bewegung gegen den Vietnamkrieg eine bestimmende Rolle. Warum wurde ausgerechnet «Sloop John B» von den Beach Boys zu einer Hymne für die GIs in Vietnam, obwohl diese Coverversion bloss einen Streit auf einem Schiff verhandelt? Weil es im Refrain heisst: «Why don’t they let me go home, this is the worst trip I’ve ever been on». Kein Wunder, kam das an in Vietnam. Oder: «Nowhere To Run» von Martha And The Vandellas war als Liebeslied formuliert, wurde aber zum Slogan linker Demonstranten gegen den Staat.
Ein Text kann auch eine völlig neue Bedeutung erhalten …
Ein Beispiel dafür ist das Stück «Another Brick In The Wall» von Pink Floyd, das in Südafrika bei weissen und schwarzen Schülern zur Hymne gegen die Apartheid umdefiniert wurde. Der deutsche Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen sagte einmal, Pop sei ein offener Kanal. Das ist das Tolle daran: Man kann machen, was man will. Wenn das Publikum beschliesst, dass ein Song dies und das bedeute, dann ist es eben so.
«Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist ‹Yesterday› von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete ‹scrambled eggs, baby I love your hairy legs›.»
Viele Musiker haben sich in den letzten Monaten gegen Donald Trump als Präsident ausgesprochen, doch bis zur Einsetzung gab es nur wenige explizite Songs …
Die englische Journalistin Julie Burchill schrieb einmal, dass nichts eine politische Botschaft so gründlich kastriere wie ein pulsender Backbeat. Bob Dylan merkte das schnell und hörte auf, Fingerzeig-Lieder zu schreiben, er dachte weit voraus. Seine explizit politischen Songs wie «Now Ain’t The Time For Your Tears» sind viel schlechter gealtert als seine Songs, die ein allgemeines Unbehagen gegen den Krieg ausdrücken wie «Masters of War». Ich denke, dass grosse Künstler nicht in Wochen oder Jahren denken, darum sind alle grossen politischen Songs nicht spezifisch. Gil Scott-Herons «The Revolution Will Not Be Televised» ist ein universeller Song, zumal noch Humor und Ironie hinzukommen ‒ was bei Protestmusikern leider selten ist.
Viele Songwriter bekennen, dass ihre Texte erst entstehen, wenn die Musik bereits fertiggestellt ist. Wie erklärst Du Dir das?
Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist «Yesterday» von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete «scrambled eggs, baby I love your hairy legs». Brian Eno erzählte an seiner letztjährigen Pressekonferenz in Genf, dass die meisten Sänger in den Proben zunächst irgendetwas singen, eine Art Scat-Gesang. Daraus ergibt sich dann ein Refrain oder ein Hook, aus dem der Text entwickelt wird. Viele Musiker wenden dieses Verfahren an, Bono etwa oder auch Mick Jagger. Das Texten fällt übrigens auch Autoren schwer, die für ihre Lyrics berühmt sind. Randy Newman etwa sagte mir im Gespräch, dass ihm das Schreiben von Melodien leichter falle als das von Texten ‒ letzteres sei ein Albtraum.
Aber ist es nicht so, dass Songtexte oft nebensächlich sind, nur gesanglich die Melodie tragen müssen?
Das kann täuschen, wie das Beispiel Abba zeigt. Man kann natürlich sagen, dass «I do, I do, I do, I do, I do» keinen Songtext formuliert, der in die Hall Of Fame gehört. Aber «Knowing Me, Knowing You» ist ein Stück, das eine bittere Botschaft mit einer berückenden Melodie versüsst. Der Text handelt von einer Scheidung und gehört zu den liebsten Songs von Elvis Costello. Auch «The Day Before You Came», die letzte, verzweifelt traurige Abba-Single, kombiniert einen exzellenten Text mit einem unglaublich traurigen Stück.
Bekanntermassen entstehen viele Songtexte eher zufällig aus dem Moment heraus …
Das wohl berühmteste Beispiel für einen quasi als Unfall entstandenen Song ist «Smoke On The Water» von Deep Purple. Vereinfacht gesagt, beobachtete die Band über den See, wie das Casino in Montreux brannte ‒ und schrieb in Kürze diesen packenden, aber eigentlich rein beschreibenden Song darüber. Auch Bob Dylan gerät manchmal in einen solchen Kreativitätsrausch: Sämtliche Texte für «Time Out Of Mind» hatte er in zwei Wochen beieinander, obwohl es lange Strophen sind.
Dies ist eher die Vorgehensweise von Singer-Songwritern, die eine Geschichte auf die Essenz reduzieren. Bei diesen findet man manchmal auch das andere Extrem, dass der Text lediglich musikalisch verpackt wird …
Man merkt das, wenn der Text die Musik derart überwältigt, dass die Musik zum Vorwand wird. Bei einem guten Songwriter wie Dylan ist dies aber anders. «It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)» etwa formuliert eine Kaskade von Worten ‒ und funktioniert trotzdem, weil die Sprache zu einem Rhythmusinstrument wird. Als das Gegenteil davon kann man den von John Lennon verfassten Beatles-Song «I Want You (She’s So Heavy)» nennen: Trotz seiner Länge von fast acht Minuten besteht er aus einem einzigen Satz mit Variationen. Dies zeigt, dass die Freiheiten sehr gross sind. Es gibt von Max Frisch den schönen Satz: «Erlaubt ist, was gelingt».
«Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot.»
Dies könnte man auch als Leitsatz für Songtexte über die Liebe verwenden, immer noch das Hauptthema der Popmusik. Ein Love-Song kann von der Wortwahl her klischiert erscheinen und doch grossartig wirken. Was macht den Unterschied aus?
Ein Beispiel, wie der gleiche Text je nach Instrumentierung und Interpretation völlig anders wirken kann, ist «I Will Always Love You». Der Song stammt ja nicht von Whitney Houston, sondern von Dolly Parton. Und ihre Originalversion von 1974 ist grossartig, obwohl der Text unglaublich banal ist: Die Aufnahme lebt von der Performance.
Derselbe Songtext kann in verschiedenen Interpretationen aber auch unterschiedliche Bedeutungen erhalten …
Ein gutes Beispiel dafür ist «You Can Leave Your Hat On» von Randy Newman. In seiner Originalversion ist dieses Liebeslied lauernd, der Protagonist ist ein Stalker, man bekommt Angst vor ihm. In der Version von Joe Cocker aber mutiert das Lied eines sexuellen Gewalttäters zur Hymne auf Sex und Freiheit ‒ und so wurde es im Film «9 1/2 Weeks» auch verwendet.
Die Texte zweier Liebeslieder können von der Wortwahl her fast identisch sein und doch kann der eine abgedroschen und der andere packend wirken. Wieso?
Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot. Einer der Gründe dafür ist, dass bei Songtexten die Technik der Wiederholungen wichtig ist; Texte etwa von Nick Cave wirken auf dem Papier absurd.
Zu den grossen Ausnahmen zählen Songtexte von Leonard Cohen. Aber das erklärt sich damit, dass er zuerst drei Bücher und zwei Gedichtbände geschrieben hat, bevor er erstmals ins Studio ging. Er griff zur Gitarre, weil er dachte, dass er damit ein grösseres Publikum erreichen könne. Die Magie eines Songtextes entsteht aber meistens erst durch das Singen, man denke etwa an Marvin Gayes «Hitch Hike». Sein Gesang verlieh den Songs eine laszive Eleganz.
Mit dem Gesang kann man auch das Stereotype eines Textes brechen oder eine ironische Note hinzufügen …
Lyle Lovett machte es im Song «She’s Leaving Me Because She Really Wants To» gerade umgekehrt. Der Text im Titel ist von seiner typischen Ironie geprägt, doch er sang es in einer greinenden, absolut unironisch klingenden Country-Nummer. Die Brechung besteht hier darin, dass er einem unkonventionellen Text, der das Genre persifliert, völlig konventionell interpretiert.
Der Songwriter und Produzent Roman Camenzind meinte einmal, man könne einen authentischen Songtext nur in seiner Muttersprache schreiben …
Das ist eine gute These, auch wenn es Gegenbeispiele gibt. Bei Rammstein fasziniert mich, dass die Konzertbesucher auch an Orten wie Mexico City oder New York die deutschen Texte mitsingen. Sänger Till Lindemann sagte mir, dass seiner Meinung nach die meisten die Worte nur phonetisch mitsingen würden und nicht verstünden, womit etwa «Du hast» ‒ ein Songtitel ‒ phonetisch spielt. Sowieso ist Englisch trügerisch. Es ist wie beim Gitarrenspielen: Man kann schnell drei Griffe, und das klingt schon nicht schlecht. Aber dann wird es schnell komplex. Und das merkt man den Texten von Autoren meistens an, die nicht englischer Muttersprache sind.
Und in der Schweiz?
Wir haben mit Songwritern wie Kutti MC, Endo Anaconda (Stiller Has), Kuno Lauener (Züri West) und Carlos Leal (Sens Unik) zwar grossartige Texter. Aber die Realität in der Schweiz ist natürlich, dass die Mundart das Publikum massiv einschränkt; da ist die Voraussetzung in Deutschland völlig anders.
Wenn man in der Schweiz von der Musik leben will, muss man also versuchen, mit einer internationalen Sprache ein breiteres Publikum zu finden. Geht das zwangsläufig auf Kosten der Authentizität?
Yello ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Gebrauch des Englischen gelingen kann. Dieter Meier hat viele dadaistische Nonsens-Texte, aber das Englisch ist vom Akzent und vom Humor her deutlich schweizerisch. Ausserdem spürt man die Persönlichkeiten der beiden stark heraus, was für Authentizität sorgt. Auch die Young Gods sind auf spezielle Weise erfolgreich, weil Franz Treichler seine englischen Texte mit französischem Akzent singt; doch dort ist vor allem sein Stimme wichtig, nicht die Texte. Für mich sind dies die beiden wichtigsten Schweizer Bands, weil sie trotz ihrer internationalen Ausstrahlung ihre Identität bewahrt haben. Französisch singende Bands wie Sens Unik haben mehr Glück, weil sie eine internationale Sprache als Muttersprache haben.
|Jean-Martin Büttner (geb. 1959) wuchs in Basel zweisprachig (Deutsch und Französisch) auf. Er studierte in Zürich Psychologie, Psychopathologie und Englisch und dissertierte über «Sänger, Songs und triebhafte Rede. Rock als Erzählweise» (das 1997 unter diesem Titel erschienene Buch ist vergriffen). Mitte der 1980er Jahre schrieb er regelmässig für das Schweizer Musikmagazin Music Scene, das damals vom Interviewer Markus Ganz geleitet wurde. Seit 1987 ist er beim Tages-Anzeiger angestellt. Er arbeitete als Redaktor in den Ressorts Kultur und Inland sowie als Westschweizer Korrespondent und Bundeshaus-Redaktor. Seit 2010 schreibt er als Reporter über unterschiedliche Themen, darunter auch regelmässig über Musik.

|Anerkennungspreis für Textautor/innen

Die FONDATION SUISA schreibt ihren diesjährigen Anerkennungspreis über CHF 25’000.- aus für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke. Berücksichtigt werden Arbeiten in allen Sprachen. Es werden nicht einzelne Texte, sondern das Gesamtwerk der Kandidatinnen und Kandidaten beurteilt. Alle Teilnehmenden müssen einen Bezug ihres Werks zum aktuellen schweizerischen Musikschaffen ausweisen. Möglich sind auch Kandidaturvorschläge durch Dritte. Eine Fachjury beurteilt die eingereichten Kandidaturen gestützt auf das Preisreglement. Einsendeschluss ist der 24. Februar 2017. Weitere Informationen inklusive Reglement und Anmeldeformular sind auf der Website der FONDATION SUISA abrufbar.
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