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Cleophea Lavater-Pestaluz mit einem Hinterfür und einem Mühlsteinkragen, 1686. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Modestatement und Statussymbol: Die Brämikappe
Im 17. Jahrhundert kam kaum eine Frau ohne sie aus: die Brämikappe. Jedenfalls vermitteln uns dies zahlreiche Damenporträts aus jener Zeit.
Ein typisches Accessoire auf Frauenporträts des 17. Jahrhunderts? Was die Schweiz betrifft, ist die Antwort eindeutig: die Brämikappe. Sie umrandete die würdevollen Gesichter der Frauen, die uns auf zahlreichen Bildnissen aus jener Zeit entgegenblicken.
Die Brämikappe, auch Bräuikappe, Bräwikappe oder Brawekappe, so der Berner Ausdruck, wurde in Zürich Hinterfür genannt. Woher dieser Begriff stammt, ist nicht geklärt. Die Schweizer Trachtenforscherin Julie Heierli (1859–1938) sah einen möglichen Zusammenhang mit dem dialektsprachlichen Ausdruck «z’hinterfür» (für verkehrt, verdreht, das Hintere vorn, das Letzte zuerst, aber auch im übertragenen Sinne für verrückt).
Doch ist bei der Brämikappe sehr wohl ersichtlich, was hinten und vorne, was oben und unten ist: Der hintere Teil wird von einem – oft samtbedeckten, teils bestickten – «Bödeli» gebildet, das auf dem Kopf aufsitzt. Unten, wo oft auch Bänder angebracht sind, um die Kopfbedeckung unter dem Kinn zuzuschnüren, ist die Öffnung zum Reinschlüpfen. Rundherum, vor allem im vorderen Bereich, ist die Kappe imposant mit Pelz bestückt (verbrämt), so dass das Gesicht wie in einen wuchtigen Rahmen gefasst erscheint. Die Haare sind vollständig verdeckt, die Ohren nicht sichtbar.
Möglich wäre, zumindest für den zweiten Wortteil der Bezeichnung «Hinterfür», eine Ableitung aus dem französischen Wort «fourrure» für Pelz. In Frankreich dürften denn wohl auch die Wurzeln der Kopfbedeckung liegen: Als die strenge spanische Mode – dunkle Farben, schwere Stoffe, hochgeschlossene und um den Hals eng anliegend Kleider – Ende des 16. Jahrhunderts ihren Einfluss mehr und mehr verlor und Frankreich tonangebend wurde, kopierte man vermutlich im heutigen Schweizer Raum die französischen Pelzkappen. An der Kleidung im spanischen Stil hielt man aber vorerst fest. Zu dieser passte die puritan wirkende Brämikappe denn auch wie angegossen.
Die Haarpracht einer Frau galt in der Vergangenheit aufreizend, sie zu zeigen als unanständig. Aus diesem Grund musste sie spätestens nach der Heirat unter einer Haube versteckt werden. Darauf beruht die Redewendung «unter die Haube kommen» oder «jemanden unter die Haube bringen». Wobei mit «jemand» stets eine Frau gemeint ist. Frauen, die eine Haube trugen, machten gegen aussen sichtbar verständlich: ich bin verheiratet. Von der Heirat an wurde die Haube fester Bestandteil der weiblichen Kleidung und signalisierte «geordnete Zustände». Unterschwellig sollte die Haube vermitteln: Ich bin wohlerzogen, anständig und verhalte mich diskret.
Die Brämikappe wurde nicht direkt auf dem Kopf, sondern über einer weissen Haube aus feinem Leinengewebe aufgesetzt, die mehr oder weniger aufwendig mit Spitzen und Stickereien besetzt sein konnte. Je nach Mode war diese unter der Kappe nicht sichtbar, konnte aber auf den Seiten und/oder an der Stirn auch leicht hervorschauen.
Während des ganzen 17. Jahrhunderts, teilweise weit darüber hinaus, war die Brämikappe bei uns wie auch im süddeutschen Gebiet und im Tirol sehr beliebt. Sie war zum Modestatement und It-Accessoire geworden. Zugleich war sie Distinktionsmerkmal und Statussymbol. Ganz edle Kappen waren aus noblem Zobel gefertigt, sehr oft wurde aber auch Marderpelz verwendet. Wer sich dies nicht leisten konnte, griff auf Schafswolle zurück. Die Nachfrage war entsprechend gross. Bald stellte sie nicht nur der Kürschner her, sondern es bildete sich eine neue, eigene Berufsgattung heraus: Der Hinterfürmacher.
Johannes Dünz (zugeschr.), Johanna von Bonstetten-Manuel (1589-16??), Bern (Stiftung Schloss Jegenstorf)
9.5. – 14.10.2018
Von Schlossherrinnen und Dienstmädchen: Weibliche Lebensbilder, Schicksale und Geschichten rund um Schloss Jegenstorf und dessen Sammlung widerspiegeln den Alltag und die Stellung der Frau in den vergangenen Jahrhunderten. Die Schau wird thematisch ergänzt durch eine Kabinettausstellung zu Ehren der Schweizer Frauenrechtlerin Marthe Gosteli (1917-2017).
Je beliebter die Brämikappe bei den Frauen wurde, desto verpönter war sie in den Augen der Obrigkeit. Kleidermandate, eine Art Dresscode, nach dem sich die Untertanen in Sachen Kleidung zu richten hatten, dienten der ständischen Abgrenzung: Jeder Stand sollte im Sinne einer «Lesbarkeit der wohlgeordneten Welt» an seiner spezifischen Kleidung erkennbar sein. Schnitte, Formen, Farben, Stoffe – alles war genau reglementiert, wer was wann und zu welchem Anlass tragen durfte. Kleider machen Leute, das war schon lange vor Gottfried Keller bekannt...
Zugleich sollten die Vorschriften aber auch das gruppenspezifische und individuelle Repräsentationsbedürfnis einschränken. Sittsame und zurückhaltende Kleidung wurde gefordert, die Zurschaustellung von Reichtum und «sündhafter» Aufwand wie viel Schmuck hart kritisiert.
So galt die Brämikappe den Sittenwächtern bald einmal als verschwenderische Eitelkeit. Obrigkeitliche Eingriffe schienen nötig, da die Brämikappen zuweilen ungeheure Dimensionen erreichten: Mit Hobelspänen oder Werg ausgepolstert und mit hellem Schafspelz oder Wollstoff gefüttert konnten sie bis zu einem Kilogramm wiegen. Strafen und Bussen sollten die Unmode unter Kontrolle bringen – ohne Erfolg.
In Frankreich, dem vermuteten Ursprungsland der Brämikappe, waren die wohl eher unbequemen Kopfbedeckungen schon bald wieder passé. Sie wollten so gar nicht mehr zur neuen Kleidermode passen, die sich von Paris und Versailles aus zu verbreiten begann: Leichte, weitfallende, raffiniert geschnittene Seidenkleider in duftigen Farben, tiefe Dekolletés, verspielte Schnürungen, Rüschen und Spitzen. Dazu trug Frau das Haar in diversen kunstvollen Hochsteckfrisuren und bevorzugt weiss gepudert.
Bei uns jedoch dauerte es eine Weile, bis sich die Damenwelt von der eleganten französischen Kleidermode inspirieren liess und sich den Mühlsteinkragen vom Hals schuf. Mit ihm landete auch die Brämikappe tief unten in der Truhe oder – bei Frauen, die auch möbelmässig mit der französischen Mode gingen – in der untersten Schublade der neuen Kommoden. Diese waren deutlich «plus commode» als die alten, behäbigen Truhen. Während letztere teilweise aufbewahrt und weitervererbt wurden, sind Brämikappen aus der Zeit heute kaum mehr aufzufinden. Die Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums besitzt mehrere Exemplare. Ein Marderpelz-Hinterfür und eine mit üppiger Weisstickerei verzierte Haube, beide aus dem 17. Jahrhundert, sind derzeit als Leihgabe in der Sonderausstellung «Unsere Frauen» im Schloss Jegenstorf zu sehen (siehe Kasten).
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