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Verneinung, Zorn, Verhandeln, Depression und schliesslich Akzeptanz: Dies sind die fünf Phasen, die ein Sterbender nach Meinung der berühmten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross durchleben muss. Eine Ironie des Schicksals ist es, dass die Schweizer Ärztin, die sich so sehr für die Enttabuisierung von Sterben und Tod eingesetzt hat, nun selbst nicht mit dem Leben abschliessen kann. Mittlerweile lebt Kübler-Ross zurückgezogen in der Wüste von Arizona und hat ihre Beerdigung bereits minutiös geplant. Von Steven Spielberg jedenfalls hat sie die Erlaubnis, dass sie von «E.T.»-Luftballons in den Himmel begleitet werden darf, wo sie hofft, Mahatma Gandhi und C. G. Jung zu treffen.
Der Filmemacher Stefan Haupt hat die inzwischen 76-jährige Elisabeth Kübler-Ross in ihrer einsamen Klause in der Wüste besucht. Nach mehreren Schlaganfällen ist sie zwar bettlägrig, doch immer noch eine wache, schlagfertige Gesprächspartnerin. Haupts Dokumentarfilm Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen zeichnet feinfühlig das Porträt der willensstarken Amerikaschweizerin, die viel in Bewegung setzte und doch nicht ganz kritiklos als Heldin gefeiert werden darf.
Ihren widersprüchlichen Werdegang zeigt der Film in einer üppigen Montage aus persönlichen Gesprächen, diversen Interviews mit Verwandten, Freunden und Kollegen, Archivmaterialien und privaten Fotos. Kombiniert wird diese Spurensuche mit einer fiktiven Feiermahls-Szene, die sowohl Taufe, Hochzeitsfest oder Totenmahl sein könnte.
Der Schweizer Regisseur, der 2002 für sein Spielfilmdebüt Utopia Blues den Schweizer Filmpreis bekommen hat, beschäftigte sich schon in seinem Dokumentarfilm I’m Just a Simple Person mit einer Schweizer Auswanderin. Nun richtet er die Kamera auf das Leben von Elisabeth Kübler-Ross, die 1926 als Drillingskind in Zürich geboren wurde, gegen den Willen ihrer Eltern Medizin studierte und ihrem Ehemann schliesslich nach Amerika folgte. In ihrer Arbeit setzte sich Kübler-Ross dafür ein, dass den Todkranken ein Stück ihrer Autonomie zurückgegeben wird. Ihr Buch On Death and Dying (Interviews mit Sterbenden) fiel in den späten Sechzigerjahren auf fruchtbaren Boden und verschaffte der Autorin eine grosse Anhängerschaft und internationalen Ruhm. Die Schattenseite davon war, dass sich ihre eigene Familie vernachlässigt fühlte und ihre Ehe schliesslich zerbrach. Doch auch mit ihrer engagierten Arbeit machte sich Elisabeth Kübler-Ross nicht nur Freunde. Sie beschäftigte sich mehr und mehr auch mit dem Leben nach dem Tod und glitt in die Esoterik ab.
Elisabeth Kübler-Ross’ grosse Verdienste zum Umgang mit dem Tabuthema Tod sind jedoch unbestritten, und ihre Thesen zum Sterben werden immer noch auf der ganzen Welt zitiert. Stefan Haupts Dokumentarfilm bringt uns die eigenwillige Frau ohne kritischen Kommentar näher und klammert doch die Widersprüche ihres Werks nicht aus. Das Thema Sterben geht uns alle an, darum ist auch der grosse Erfolg des Dokumentarfilms keine Überraschung. Selbst Hollywood soll sich mittlerweile für die Amerikaschweizerin interessieren; eine fiktionalisierte Verfilmung ihres Lebens ist geplant.