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Das mediensystem schweiz
Welche Merkmale kennzeichnen das schweizerische Mediensystem? Welche Besonderheiten finden sich in der Medienlandschaft Schweiz? Was unterscheidet das Mediensystem Schweiz von anderen Ländern? Diese Fragen sollen im folgenden erläutert werden.
Die Schweiz als Kleinstaat
In der Wissenschaft ist die gängigste Definition von Kleinstaatlichkeit über absolute Indikatoren definiert: Ein Kleinstaat ist ein Land mit maximal 18 Millionen Einwohnern, unabhängig seiner Fläche. Folgt man dieser Definition ist die Schweiz mit acht Millionen Einwohnern ein Kleinstaat. Aber was sind nun die Folgen einer Kleinstaatlichkeit auf die Medienbranche?
Zum einen sind in Kleinstaaten, wie der Schweiz, die Rezipienten-, Ereignis-, Informations- und Werbemärkte im Vergleich zu Grossstaaten klein. Es herrscht eine Ressourcenknappheit. Dieses Problem verschärft sich in mehrsprachigen Kleinstaaten. Die ohnehin kleinen Märkte werden zusätzlich zersplittert. Damit sind zwei Probleme verbunden: Die Produktion von Medieninhalten ist in Kleinstaaten teurer, was der hohen Fixkostendegression geschuldet ist. Die Stückkosten der Medienprodukte sind hoch, weil sich die fixen Kosten auf weniger Nutzer verteilen. Zum anderen ist auch die Finanzierung von Medien über Werbung, Sponsoring und andere Formen wegen der kleineren Märkte ebenfalls geringer als in Grossstaaten.
Eine weitere Herausforderung der Kleinstaatlichkeit ist, wenn Kleinstaaten an grosse, gleichsprachige Nachbarländer grenzen – was ebenfalls für die Schweiz zutrifft. Solche Länder sind besonders vom Spillover-Effekt betroffen. Das heisst: Medienerzeugnisse aus den grossen Nachbarländer werden wegen der nahen Grenzlage in das kleine Nachbarland getragen. Dies führt dazu, dass kleinstaatliche Medienprodukte mit denen der Grossstaaten konkurrieren müssen, obwohl sie deutlich weniger Ressourcen haben.
Dieser Spillover-Effekt führt dazu, dass ausländische Medienprodukte in Kleinstaaten mehr genutzt werden als in Grossstaaten. Im Jahr 2009 stammten nur rund 12 Prozent der zu verkaufenden Presseerzeugnisse am Kiosk aus der Schweiz. Ausländische Produkte sind aber nicht nur im Lesermarkt präsent, sondern auch im Werbemarkt. Im Pressebereich bieten ausländische Zeitschriften spezifische Werbungen für die Schweiz an.
In den Nachrichten nehmen Meldungen über grössere Nachbarländer eine wichtige Stellung ein. Das ist damit zu erklären, dass die Kleinstaaten wegen des wirtschaftlichen Austauschs mit den grossen Nachbarländern von den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen betroffen sind. Dieses Phänomen wird mit dem Begriff „Next-Door-Giant“-Phänomen bezeichnet.
Verortung von Mediensystemen
Es gibt diverse wissenschaftliche Theorien zur Verortung von Mediensystemen. Zum einen gibt es den normativen Divergenz Ansatz „Four Theories of the Press“ aus dem Jahr 1956 von Siebert, Peterson und Schramm. Dieser Ansatz klassifiziert Mediensysteme entsprechend ihres Auftretens in der Geschichte.
Da dieser theoretischer Versuch aufgrund des Kalten Kriegs ideologiebehaftet ist, nicht empirisch getestet werden kann und nicht alle Systeme erfasst, wurde die Klassifikation von Saxer weiterentwickelt. Aber auch dieses Modell bildet eher politisch-rechtliche und nicht mediale Strukturen eines Landes ab.
Im Jahr 2004 entwickelten Daniel C. Hallin und Paolo Mancini ein Modell zur Verortung von Mediensystemen, das grossen Anklang gefunden hat. Sie unterscheiden in ihrem Modell zwischen:
Medialen Dimensionen
- Kommerzialisierung der Presse/Bedeutung der Presse
- Parallelismus zwischen Medien und Politik
- Professionalisierungsgrad des Journalismus
- Interventionismus des Staates
Politischen Dimensionen
- Konfliktmuster
- Regierungsmuster
- Organisationsgrad
- Staatsrolle
Aufgrund dieser Dimensionen lassen sich drei idealtypische Modelle ableiten, denen sich die westlichen Industrienationen zuordnen lassen.
Polarized Pluralist Model (Griechenland, Spanien, Portugal, Italien)
- Hoher Stellenwert von elektronischen Medien
- Presse hat eher kleinen Marktanteil und ist eliteorientiert
- Die Verbindung zwischen Medien und Politik ist sehr eng
- Die Autonomie des Journalismus ist gering
Democratic Corporatist Model (Dänemark, Schweden, Norwegen, Österreich, Deutschland)
- Frühe Entwicklung der Presse
- Hohe Marktanteile der Presse
- Der Stellenwert der Gesinnungspresse war in der Vergangenheit gross
- Medien werden als wichtige soziale Institutionen gehalten
- Grosse Bedeutung des öffentlichen Rundfunk
- Der Journalismus orientiert sich an verschiedenen Normen
Liberal Model (USA, Kanadam Irland, Grossbritanien)
- Die Pressefreiheit und eine kommerzielle Massenpresse haben sich früh entwickelt
- Die Bedeutung der Presse hat heutzutage abgenommen
- Die Verbindungen zwischen Medien und Politik sind gering
- Die Rolle des Staates im Medienbereich ist limitiert
- Starke Orientierung an der Wirtschaft
- Der Journalismus orientiert sich an eigenen professionellen Regeln
Verortung des Schweizer Mediensystems
Hallin und Mancini ordnen die Schweiz tendenziell dem demokratisch-korporatistischen Modell zu. Dies entspricht durchaus den realen Gegebenheiten: Die Presse nimmt einen hohen Stellenwert ein, der öffentliche Rundfunk ist stark, die Presse hat gegenwärtigen nach wie vor einen hohen Marktanteil und es finden sich verschiedene journalistische Formen. Dennoch kann für die Schweiz auch eine Tendenz in Richtung Liberales Modell festgestellt werden, weil in der Schweiz die Pressefreiheit und Massenpresse einen hohen Stellewert einnimmt und Medienerzeugnisse sich vermehrt an wirtschaftlichen Normen orientieren.
Verwendete Literatur
Hallin, Daniel C./Mancini, Paolo (2004): Comparing Media Systems. Three Models of Media and Politics. Cambridge UK. Cambridge University Press. (Seiten 66 bis 88)
Künzler, Matthias (2013): Mediensystem Schweiz. Konstanz. (Kapitel 2)