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Zwei Fäuste für Fatimah
Zwei Fäuste für Fatimah
Kevin Johnson ist alleinerziehender Vater – für seine Tochter will er Vitali Klitschko als Boxweltmeister entthronen
Geisser R. (reg)
Mit Show-Trainings im Berner Einkaufszentrum Westside haben Vitali Klitschko und Kevin Johnson für ihren Box-WM-Kampf vom Samstag geworben. Johnson spielte dabei konsequent die Rolle des frechen Aussenseiters.
Remo Geisser, Bern
10.12.2009 - Wer sich gegen Vitali Klitschko in den Ring stellt, muss sich darauf vorbereiten, dem Druck einer Dampfwalze standzuhalten. Kevin Johnson hat damit kein Problem. «Ich bin bereit», sagt er. Und schon vor Wochen hat er verlauten lassen, dass der liebe Gott ihn zum Weltmeister auserkoren habe. Was soll da noch schiefgehen? Im Show-Training bewegt sich der Boxer aus Atlanta geschmeidig, lässt die Fäuste schnell auf die Pratzen des Trainers prasseln. Er wirkt trotz 1,91 Metern Körpergrösse bullig; unter dem hautengen Top zeichnen sich austrainierte Muskelberge ab.
Gestählt wurde der Körper in vielen Kämpfen, und das nicht nur im Ring. Kevin Johnson wuchs in einem üblen Viertel in New Jersey auf. Einen Vater hatte er nicht, die Mutter und die Grossmutter taten alles, um sieben Kinder durchzubringen. Priorität hatte für sie die Schule. Ein Bruder ist heute Anwalt, der andere Arzt. Kevin Johnson war das schwarze Schaf, er brach aus, trieb sich mit Drogensüchtigen und Delinquenten auf der Strasse herum. «Wenn man meine Strassenkämpfe mitzählt, habe ich weit mehr Erfahrung als Vitali Klitschko», sagt der US-Amerikaner.
Ein richtiges Training nahm Johnson erst mit 17 Jahren auf. Seine Amateurkarriere entwickelte sich gut, aber die Strasse war stärker. Eines Tages schlug Johnson einen Mann im Streit derart zusammen, dass er schwer verletzt liegen blieb. Der Schläger kam für 18 Monate hinter Gitter, draussen wartete die Freundin mit einem kleinen Kind. Johnson sollte nur das Töchterchen wiedersehen. Die Freundin starb 2002 bei einem Autounfall. Als der junge Mann bald darauf freikam, begann ein harter Kampf um das Sorgerecht des Kindes.
Gleichzeitig intensivierte Johnson das Box-Training. Er kam unter die Fittiche des früheren Schwergewichtsweltmeisters Larry Holmes. 2003 bestritt Johnson seinen ersten Profikampf. «Das Gefängnis hat einen anderen Menschen aus mir gemacht», sagt er. Er widme nun sein ganzes Leben der inzwischen zehnjährigen Tochter Fatimah. Ihr wolle er auch den WM-Gürtel schenken. Johnsons Manager Joe DeGardia betont, wie wichtig das Kind für den alleinerziehenden Vater sei. Er versuche, sich Wissen anzueignen, um ihr etwas vermitteln zu können. «Kevin hat keine Schulbildung, aber er verblüfft uns immer wieder mit seinem Allgemeinwissen.»
Das ist die weiche Seite des Boxers. Sie zeigt sich auch, wenn er einen Buben für ein Scheinkämpfchen in den Ring bittet oder an Berner Kinder unter dem Christbaum Geld verteilt und sie dazu ermahnt, in der Schule fleissig zu sein. Doch fast im selben Atemzug kann er auch als Grosskotz posaunen: «Ich werde die Karriere von Vitali Klitschko beenden und den Schwergewichtstitel zurück in die USA holen.» Dass alle diese Titel der grossen Verbände in europäischen Händen sind, stört nicht nur Johnson. Dem US-Boxen fehlt die grosse Leitfigur, und deshalb liegt auch das Geschäft am Boden. Johnsons Manager ist davon überzeugt, dass sein Schützling über die Voraussetzungen verfügt, um Weltmeister zu werden und das Business wieder aufzubauen. «Er ist ein grossartiger Boxer und hat das Charisma von Muhammad Ali», sagt DeGardia.
Damit greift der Manager sehr hoch. Kevin Johnson hat in seinen 23 Profikämpfen noch nie einen Mann des Kalibers von Vitali Klitschko vor den Fäusten gehabt. Das schüchtert den Herausforderer aber nicht ein. Rein boxerisch habe Klitschko bei weitem nicht sein Niveau, behauptet Johnson. Und kündigt an: «Meine lange erwartete Herrschaft wird nun endlich beginnen.» Die Boxexperten sehen das anders, für sie ist Klitschko der grosse Favorit. Doch das alles ist Vorgeplänkel. Die Wahrheit wird sich am Samstag zeigen, wenn im Ring die Fäuste fliegen.
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