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Der 35jährige Kolumbianer Rodrigo Rodriguez lebt seit Jahren in der Schweiz und gehört hierzulande zu den kreativsten und fähigsten Latino-Musikern. Was seine zweite Solo-CD "Con Clase" wiederum beweist.
"Perle der Karibik" ist es schon genannt worden, das nordkolumbianische Cartagena de Indias. 1533 von den Spaniern gegründet und nach 1585 infolge permanenter Bedrohung durch Piraten wie Francis Drake mit Wall, Mauern und Forts befestigt, haben sich in der schönen Altstadt viele über vierhundertjährige urbane Strukturen erhalten. Der Nobelpreisträger Gabriel García Márquez lebte immer wieder in Cartagena und er setzte der Stadt mit "Die Liebe in der Zeit der Cholera" (1985) ein literarisches Denkmal. Der kulturelle Reichtum Cartagenas drückt sich nicht zuletzt in einer lebendigen afrokolumbianischen Musiktradition aus. Sounds wie die Champeta wurden hier erfunden. Allerdings hat sich heute die benachbarte geschäftige Millionenmetropole Baranquilla, in der unter anderem Shakira aufgewachsen ist, zum brodelnden und führenden Musikzentrum an Kolumbiens Karibikküste entwickelt.
Das schöne Cartagena
Bezeichnenderweise wuchs Rodrigo Rodriguez Puerta - unter dem Namen Rodry-Go als einer der fähigsten, in der Schweiz ansässigen Latino-Musiker bekannt geworden - in Cartagena auf. In der Familie des 1974 geborenen Rodrigo gab es zwar keine aktiven Musiker, der Sound der Stadt spielte trotzdem in seinem Leben schon früh eine wichtige und zentrale Rolle. Der erst 13-Jährige schloss sich einer Folkloregruppe an. Von 1987 bis 1991 studierte Rodrigo an der "Escuela de Bellas Artes" in Cartagena. Als er 1995 in die Schweiz kam, erhielt er ein Engagement beim kubanischen Musiker Tony Martínez und dessen Cuban Power. Rodrigo hatte sich bereits zum gefragten Perkussionsprofi entwickelt, dessen Können sich schnell einmal bei den Koryphäen der internationalen Música Latina-Szene herumsprach.
Die Liste von Rodrigos "Kunden" respektive Auftraggebern ist schier endlos lang: er tourte sowohl mit dem berühmten Latin-Violinisten Alfredo de la Fe als auch mit dem Jazzer Chico Freeman und dem Latin-Jazzer Arturo Sandoval; seine Fähigkeiten als Perkussionist werden von den New York Salsa All Stars sowie von José Alberto "El Canario" geschätzt und selbst mit der verstorbenen Legende Celia Cruz ist er live aufgetreten.
Rodrigo lebte zunächst in Bern und studierte französisch an der Uni Fribourg. Seit drei Jahren wohnt er nun in Zürich, der Schweizer Latino-Metropole. Hier, in Oerlikon, betreibt Rodrigo ein kleines Aufnahmestudio. Er unterrichtet Perkussion in Workshops und ist ausserdem einer der Eckpfeiler von Mercadonegro, der zweifellos wichtigsten und besten Salsa-Formation der Schweiz. Ein vielbeschäftigter Mann. Er müsse sich gut organisieren, meint Rodrigo, da Mercadonegro auch im Ausland sehr gefragt seien. "Eigentlich machen wir zuviel", seufzt er über die Band. 2006 brachte Rodrigo mit "Rodry-Go! / Mr. Reggae & Roll" eine erste Solo-CD heraus, auf welcher Salsa lediglich und bewusst eine Nebenrolle spielt. Der Kolumbianer präsentiert dafür - und das gilt auch für das neue Set "Con Clase" - unter anderem die Sounds seiner Heimat. Dazu verarbeitet er Reggaeton, Merengue und Bachata als moderne und angesagte Musiken auf sehr persönliche Art und Weise zu seine
n Songs.
Der kreative Mix
"Das Prinzip ist auf beiden CDs ähnlich", erklärt Rodrigo, "doch Con Clase kommt viel ausgereifter daher. Im Intro stelle ich übrigens den sogenannten Mapalé vor, einen sehr pedrkussiven afrokolumbianischen Stil aus Cartagena." Neu bereichern mit dem von souligen Chörchen durchzogenen "Dime Se Te Gusta", dem Party-Knüller "Everybody In The Club" und dem wilden "El Boom" drei Dancehall-Sequenzen das Set, während "Regresa" und "Perdoname" als Reggae/Lovers Rock dahinschunkeln. Letzteres ist auch textlich interessant. Rodrigo: "Ein Mann entschuldigt sich hier bei einer Frau." Was nicht nur im angeblich besonders machösen Mundo Latino eher selten geschieht. Respekt bedeutet für Rodrigo viel und er hielt schon auf der ersten CD die Reggaeton-Passagen bewusst frei von den für das Genre notorischen Obszönitäten.
Interessant für das hiesige Publikum ist ausserdem, dass Rodrigo auf "Con Clase" wiederum - modern aufbereitet - kolumbianische Stile wie Cumbia ("El Negro" als Cumbiatón) und Vallenato ("La Celosa" als Vallenatón) vorstellt. Die Cumbia mit ihrer synkopiert shuffelnden Rhythmik ist heute im westlichen Lateinamerika bis hinunter nach Argentinien fast beliebter als in ihrem Ursprungsland, während der melodiöse und vom Akkordeon geprägte Vallenato in all seinen alten und modern-technoiden Formen in Kolumbien nach wie vor über eine gewaltige Popularität verfügt. Ein Phänomen stellt im übrigen die Tatsache dar, dass in den letzten Jahren etliche Vallenatos von dominikanischen Musikern erfolgreich zu Bachatas verarbeitet werden. Die Thematik ist in beiden Genre ähnlich: es geht oft um Beziehungsknatsch und Liebeskrach, um Betrug und Eifersucht, weshalb denn der Vallenatón auf "Con Clase" bezeichnenderweise mit "La Celosa" (Die Eifersüchtige) bet
itelt ist. Die Cumbia "El Negro" wiederum gibt sich inhaltlich ironisch-satirisch: wenn irgendwo irgendwas schief läuft, wird sofort und zuerst El Negro verdächtigt, sofern denn einer anwesend ist.
Música colombiana und mehr
Wie schon auf der ersten CD sind hinter den Songtiteln in Klammern die Stile angegeben, wobei Rodrigo oft in eigenständiger Weise diese Stile mischt. In den sanften Reggae-Love "Perdoname" peitscht ab und zu ein Reggaeton-Beat, der Merenguetón "El Mambo del Tra" steht zwischen Merengue Clasico und dem schnellen Merengue de Calle, der heute auch "Mambo" genannt wird - notabene ohne Bezug zur kubanischen Modemusik der 50er-Jahre. Am einen Ende des Spektrums stehen eingängig poppige Melodien wie jene von "Non Vales La Pena" und die an sich sehr schöne, durch einen Synthie-Einsatz jedoch etwas zu zuckrig geratene Bachata "Yo Que Jure", am anderen mit dem Dancehall-Track "El Boom" minimalistische Kompromisslosigkeit mit Durcheinanderrappen und Shouten. Zusammengehalten wird der musikalische Reichtum von "Con Clase" nicht zuletzt durch Rodrigos starken und seelenvollen Gesang. Als wollte er den Anschluss an einen bedeutenden Teil seiner Arbeit nicht verlieren, bildet Salsa respektive Salsatón das Schlusslicht des Sets, "Comenza La Rumba" wird von José Alberto "El Canario" interpretiert. Wichtig jedoch ist, dass uns mit Rodrigo einer der kompetentesten und besten Latino-Musiker der Schweiz auf kreative Art und Weise traditionelle und neue Sounds jenseits der Salsa nahe bringt.
CDs:
Rodry-Go!
"Mr. Reggae & Roll"
(Bibomusic, 2006)
Rodry-Go!
"Con Clase"
(Bibomusic, 2010)
Papi Sanchez feat. Rodri-Go!
Sa. 22. Mai, Afro-Pfingsten Festival
Winterthur