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Kurz nach acht Uhr wurden die Lichter in der Loge heruntergefahren, so dass nur noch die frühsommerliche Abendsonne den Innenraum mit warmen Gelbtönen durchflutete. Michael Fehr stand mit Kopfhörern ausgerüstet abseits der Bühne und hielt einen iPod in den Händen. Das eine Ohr, das dem Publikum zugerichtet war, blieb frei, mit dem anderen würde er gleich seinen akustisch aufgenommenen Text diktiert bekommen, den er dem Publikum fast simultan vortrug. Michael Fehr sah konzentriert aus und auch sehr gefasst. Aufgrund der geringen Distanz des Publikums zum Spoken-Word-Künstler konnte man beim aufmerksamen Lauschen durch Fehrs Kopfhörer Metronomschläge vernehmen – es schien fast wie eine meditative Vorbereitung, bevor der Künstler seinen gehörten Text sprechend wiedergeben würde.
Michael Fehr ist 1982 geboren. Aufgewachsen ist er in Muri bei Bern. Von Geburt an ist er von einer starken Sehbehinderung betroffen, was ihm einen ganz anderen Zugang zur Welt verschafft, und nicht zuletzt damit auch zur Literatur. Michael Fehr studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Hochschule der Künste Bern, wo er den Master in Contemporary Arts Practice erwarb. «Kurz vor der Erlösung» ist sein preisgekröntes Debüt, in dem er Menschen und Gruppen Kurz vor der Erlösung in 17 Sätzen versammelt. Sätze werden sie genannt, weil man keine bessere Umschreibung für die besonderen Texte gefunden hat. «Erster Satz. Der Bauer.» Damit begann Michael Fehrs Lesung, die im strengen Sinne eigentlich gar nicht als Lesung verbucht werden dürfte. Vielmehr ähnelte seine Performance einem Vortrag. Überraschend erscheint im Nachhinein die Feststellung, dass der gesprochene Text beim Vortrag keine Transformation im klassischen Sinne erfuhr, da Fehr diesen nicht vorlesend vortrug, sondern seinen Text selber schon auditiv wahrnahm und ihn wieder dementsprechend veräusserte. Im ersten Moment entpuppte sich Michael Fehrs Vortrag als äusserst befremdlich – der Rezipient konnte sich kaum wie gewohnt passiv im Stuhl zurücklehnen und einer narrativen Sprechstimme folgen, die ihm Halt zu geben vermochte und ihn einlullte: Es gab weder ein Heben und Senken der Stimme, noch konnte ein erzählerischer Ton in der Sprechweise ausgemacht werden. Vielmehr erinnerte der l a n g s a m e, monotone Vortrag des Berners an ein rhythmisch zerstückeltes Diktat, so dass die Aufmerksamkeit zunächst nicht auf den Inhalt des Gesagten gelenkt wurde, sondern auf die neuartige Weise des staccatohaften Vortrags. Auf einmal aber wandte sich das Blatt: Die zuvor noch für monoton gehaltene Stimme Michael Fehrs entfaltete auf einmal eine beruhigende Wirkung. Man begann ihr zu vertrauen und folgte fortan gebannt seinen brachialen, mit vielen Adjektiven angereicherten Sätzen, die im strengen Sinne auch wieder keine wirklichen Sätze sind, da kein Punkt deren Ende markiert. Seine Worte wurden plötzlich lebendig und die bildliche Sprache eröffnete dem Zuhörer die Möglichkeit, sich in fremde Welten zu begeben und einzutauchen in Michael Fehrs abstrakte, sprachlich erhobene Dingwelt, die man glaubte, mit Händen greifen zu können. Michael Fehrs Texte sind erfrischend anders und zugleich eigenartig. Sie scheinen einer eigenen inneren Logik zu gehorchen, die der Künstler mit viel kompositorischem Feingefühl konstruiert hat und die von Aussenstehenden vielleicht gar nie wirklich ergründet werden kann. Im darauffolgenden Gespräch mit dem Journalisten Marco Meier proklamierte Michael Fehr, dass seine Texte erst dann zum Leben erweckt würden, wenn seine Zuhörer, beziehungsweise Leser, ihre eigenen Interpretationen daran anknüpfen können und einem Text damit Atem einhauchen. Auf die Frage Marco Meiers, ob eine Systematik in der Bauweise der Texte vorliege, verneinte Michael Fehr und auserkor stattdessen die Sprache zu seinem grundlegenden Konzept. Als Ausgangslage für eine Geschichte diene ihm dabei ein Bild. Er stelle sich eine Ölmalerei vor, in der Figuren in gewisser Weise zueinander stünden, so dass sich daraus eine bestimmte Konstellation ergebe. Für gewöhnungsbedürftig hielt Marco Meier das in Michael Fehrs Texten prominent auftretende Relativpronomen also. Diesbezüglich fragte Meier den Sprachkomponisten, ob diesem Wort die Funktion zukäme, als Relativierung der Erzählstruktur einer Geschichte zu fungieren. Michael Fehr entgegnete darauf, dass das also kein Stilmittel sei. Im also stecke eher eine Art Suche. In dieser gehe es letztlich darum, eine Systematisierung der Welt zu erschaffen, an der Michael Fehr interessiert ist. Der selbstverneinte Literat mag Systeme. Aber nur die eigenen, wie er im Gespräch mit Marco Meier schüchtern lächelnd zugab. Ebendieses Prinzip des Schubladisierens der Welt, das ihre Erklärbarkeit zum Ziel hat, kann man beispielsweise anhand des Figurenpersonals in Michael Fehrs Texten widergespiegelt finden. So zum Beispiel weisen die vorkommenden Figuren in «Kurz vor der Erlösung» (unter anderem ein Bauer, ein König, ein Jäger, ein Müller und so weiter) stark archetypische Züge auf und gehören einem bestimmten Typus an. Geschlossen wurde das Gespräch mit der Fragestellung, wann der Moment der Erlösung sei. Dabei griff Michael Fehr auf einer sehr privaten Anekdote zurück, womit er exemplarisch aufzeigte, dass diesbezüglich keine eindeutige Lösung gefunden werden könne. Mit kräftigem Applaus endete die abwechslungsreiche und interessante eineinhalbstündige Veranstaltung. Noch lange aber nicht der Nachklang von Michael Fehrs verblüffenden und prägnanten Sätzen, die er sowohl in seinen Texten irgendwie auf mystisch-zynische Weise präsentierte, als auch jene, die er im Gespräch mit Marco Meier spontan und keck lieferte. Insgesamt gaben Michael Fehrs Worte viel Anstoss zum Nach- und Weiterdenken und sie werden die Anwesenden wohl noch länger beschäftigen, also in Erinnerung bleiben, also im Gedächtnis rumschwirren.
Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung. edition spoken script. Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2013, 135 S.,