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«Sing Hallelujah» von Dr. Alban lief 1993 in meinem Auto auf der Fahrt zum «Thurgauer Volksfreund» in Kreuzlingen. In den Redaktionsräumen war wie immer Ruhe und das «Linotype-Terminal» (ein Textverarbeitungs-Computer dieser Art, Link öffnet in einem neuen Fenster) wartete darauf, dass ich meinen Text schrieb, auf dem Monitor mir grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund.
Alles Routine – aber etwas war anders: Auf dem Tisch neben mir stand eine neue Kiste, eierschalen-gelb, nicht von den Zigaretten-Schwaden, die in der Luft lagen, sondern: Design! Ein Macintosh.
Daneben eine zweite Kiste, ein Scanner. Beide, Macintosh und Scanner, waren damals für eine Privatperson unerschwinglich. Alleine für eines der Programme, das auf dem Computer lief, bezahlte man so viel wie heute für ein Notebook und ein Smartphone zusammen: Photoshop. Aus heutiger Sicht die Mutter aller Bildbearbeitungsprogramme, damals eine Offenbarung, weil es noch nichts vergleichbares gab. «Sing Hallelujah!»
Die Kraft der zwei Brüder
Es war eine der ersten Versionen von Photoshop, die auf dem Redaktions-Computer installiert war, Version 1.0. Drei Jahre vorher wurde sie von ihren beiden Vätern auf den Markt gebracht: den Brüdern Thomas und John Knoll. Während Thomas Tag und Nacht in seiner Dunkelkammer in seinem Haus in Ann Arbor im US-Staat Michigan herumhing und versuchte, mit Farb- und Kontrastkorrekturen seine analogen Fotos noch besser zu machen, zog es John zum Apple II, Link öffnet in einem neuen Fenster seines Vaters. Beruflich war John bei der Special-Effects-Schmiede Industrial Light & Magic, Link öffnet in einem neuen Fenster (ILM) tätig, Thomas machte den Abschluss in Bildbearbeitung an der Universität Michigan.
Von diesen Tätigkeiten her hatten beide bereits Erfahrung mit digitaler Bildbearbeitung. Die kleinen Programme, die ihnen dazu zur Verfügung standen, fanden sie aber unbefriedigend. Vor allem gab es kein Programm, das alle wichtigen Arbeitsschritte für die Bildbearbeitung in sich vereinte. Für jeden Schritt mussten zusätzliche Tools verwendet werden.
Und so begannen Thomas und John zu programmieren. Heraus kam «Display», ein Vorläufer von Photoshop. Gedacht war die Software als kleines Tool für einen engen Kreis von Spezialisten, in einem Labor oder bei Special-Effects-Firmen wie ILM. Dass daraus eine kommerzielle Software werden könnte, war für einen Grossteil der Branche undenkbar. Aber die Knolls dachten anders.
Adobe bringt den Durchbruch
1988 taufen sie ihr Programm um in «Image Pro» – tönt besser! – danach in «Photoshop», und machten sich auf die Suche nach Investoren. Keiner riss sich um die Software, nur ein Scanner-Hersteller verkaufte rund 200 Kopien zusammen mit seinen Geräten und dem Namen «Barneyscan XP».
Der Vertrag dauerte nicht lange und dann kam endlich der Durchbruch. John und Thomas trafen Russell Brown, den damaligen Art-Director der Software-Firma Adobe, der tief beeindruckt war von Photoshop. Er überzeugte seine Chefs, die Software zu vertreiben. Was Adobe dann auch tat und zwar in Lizenz: Die Brüder Knoll sollten für jede verkaufte Kopie Gebühren erhalten. Im Februar 1990 ging die Version 1.0 an den Start, exklusiv für den Apple Macintosh.
Auch ich hatte die Software nach meinem ersten Kontakt im «Thurgauer Volksfreund» installiert – auf meinem Macintosh Powerbook 100. Dort sahen Fotos genau so aus wie auf dem Macintosh Plus (siehe Video oben) mit 1MB Speicher und 40 MB externen Harddisk (Baujahr 1986-1990, 68000er Prozessor 16bit mit 8 MHz Taktfrequenz), auf dem ich Photoshop 1.0 heute wieder zum Starten gebracht habe – im Museum «Enter», Link öffnet in einem neuen Fenster in Solothurn.
Ob und wo ich Photoshop 1.0 damals gekauft hatte, weiss ich nicht mehr. Seit 2013 gibt es den Code zum ersten Photoshop jedenfalls offiziell, ganz legal und kostenlos: Adobe hat den Quelltext von Photoshop 1.0 auf der Website des Computer History Museum, Link öffnet in einem neuen Fenster bereitgestellt. Er besteht aus 128'000 Zeilen in 179 Dateien. Als Programmiersprachen setzen die Knolls Pascal und Assembler ein.
Immer mehr, immer besser
Die Ära von Photoshop 1.0 dauerte nicht lange, schon zwei Jahre später erschien eine Version, die bereits Pfade enthielt, ein wichtiges Werkzeug für professionelle Grafiker etwa um Teile eines Bildes vom Rest freizustellen. Auch Windows-Benutzer mussten nicht mehr warten: Ab Version 2.5 konnten sie Photoshop auch auf ihren Rechnern installieren.
Wer sich für alle Versionen von Photoshop und die damit eingeführten Neuerungen interessiert, findet auf Wikipedia eine detaillierte tabellarische Auflistung, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Photoshop bot immer mehr Funktionen und die Software wurde immer besser, richtig gut aber erst ab Version 3.0. Denn jetzt kamen die Ebenen (Layers), die es erlaubten, Bildelemente wie Folien übereinander zu legen und unabhängig voneinader zu bearbeiten. Dass man überhaupt einmal ohne Ebenen arbeiten konnte, ist heute für Grafiker schwer vorstellbar. Jedes Bildbearbeitungsprogramm, das neben Photoshop ernst genommen werden will, bietet heute diese Funktion an – allerdings gibt es kaum Alternativen.
Photoshop war und ist die Nummer 1 – ohne ernstzunehmende Konkurrenz. Ein Projekt gibt sich aber seit Jahren Mühe, an das Vorbild heranzukommen: Gimp, Link öffnet in einem neuen Fenster. Die Software schafft das in vielen Bereichen auch – und ist dazu sogar gratis: «Sing hallelujah!» – ein «Happy Birthday» singe ich heute aber nur für Photoshop.
Manipulatoren und Fälscher
Bildmanipulationen, zum Beispiel Fotomontagen, gabs schon vor Photoshop, nur war der Aufwand ungleich grösser. Heute sind Bildmanipulationen im Medienbereich an der Tagesordnung, wie etwa das Entfernen eines Pickels auf einem Gesicht fürs Titelbild. Der berühmteste Schweizer Fall einer Fälschung stammt vom «Blick», der Wasser in Blut verwandelte.