Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03330.jsonl.gz/728

Ruedi Bühler sieht aus wie ein unbekümmerter Strahlemann. Gross, braun gebrannt, sportlich. Der 49-jährige Ingenieur lebt am Bielersee und geht gern surfen. Niemand würde vermuten, welches Leid er durchgemacht hat.
Vor 13 Jahren verlor Bühler bei einem Brand fast seine ganze Familie. Seine Frau, die im achten Monat schwanger war, den knapp zweijährigen Sohn und die Tochter, damals sechs. Eine Kerze hatte einen Schwelbrand verursacht. Nur die vierjährige Tochter hat überlebt. Als das Unglück passierte, war Bühler auf dem Heimweg.
Wie schafft es ein Mensch, nach einer solchen Tragödie weiter zu funktionieren und keine allzu schweren psychischen Verletzungen davonzutragen? Die Wissenschaft nennt es Resilienz: die Fähigkeit, trotz widriger Umstände und schwerer Belastungen gesund zu bleiben. Ruedi Bühler muss eine grosse Portion davon haben. Er hat seinen Lebensmut nicht verloren.
Verletzlich, aber unbesiegbar sein
Der Resilienzbegriff stammt ursprünglich aus der Physik. Er bezeichnet eine Eigenschaft gewisser Materialien: Wenn sie verformt werden, ploppen sie wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. Wie ein zerdrückter Schaumstoffwürfel, der wieder in seine Form springt, kann auch ein Mensch nach einem Schicksalsschlag wieder zur Normalität finden.
Die Voraussetzungen für Resilienz werden in den frühen Lebensphasen geschaffen. Das hat die amerikanische Wissenschaftlerin Emmy Werner herausgefunden, die als Pionierin der Resilienzforschung gilt. Von 1955 an untersuchte sie über Jahre hinweg rund 700 Kinder auf Kauai, der Garteninsel Hawaiis. Besonders interessierten sie diejenigen, die in schwierigsten Verhältnissen aufwuchsen: Armut , Arbeitslosigkeit, häuslicher Gewalt, mit Drogen konsumierenden oder psychisch labilen Eltern.
Ein Drittel der schwer belasteten Kinder entwickelte sich zu gesunden, selbstsicheren und verantwortungsvollen Erwachsenen mit guten Jobs. Emmy Werner beschreibt sie als «verletzlich, aber unbesiegbar» – sie waren resilient. Die Gründe dafür waren laut der Psychologin eine gute Beziehung zu mindestens einem Familienmitglied, eine unterstützende Umgebung und das Gefühl, akzeptiert und respektiert zu werden.
An diesem Befund hat sich nicht viel geändert. Resilienz ist ein hochtrabender Begriff, der auf einer letztlich banalen Erkenntnis basiert:
Gute Beziehungen sind das Wichtigste, um widerstandsfähig zu sein oder es zu werden.
Als «Geborgenheit» bezeichnet es der Zürcher Kinderarzt Oskar Jenni. Dieses Grundgefühl des Aufgehobenseins, der uneingeschränkten Liebe und Fürsorge einer Bezugsperson. «Man braucht einen Menschen, der an einen glaubt, der sich Zeit nimmt und einen begleitet», sagt der Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Das müssten nicht unbedingt die Eltern sein. Auch ein Lehrer oder die Fussballtrainerin könne in diese Rolle schlüpfen.
Oskar Jenni befasst sich vor allem mit Kindern, die aus belasteten Familienverhältnissen kommen, eine Entwicklungsstörung haben oder an einer Krankheit leiden. Und solchen mit einem schwierigen Charakter. Sie sind quasi ab Geburt belastet, zahlreiche Faktoren erschweren ihnen das Leben. Umso mehr sind sie auf sogenannte Schutzfaktoren angewiesen, welche die negativen Faktoren auffangen und ausgleichen können (siehe Infografik am Artikelende). «Resilienz ist kein statischer Zustand», sagt Jenni. «Man kann im Verlauf des Lebens lernen, mit Schwierigkeiten besser umzugehen.»
Um den kleinen Patienten ein gutes Leben zu ermöglichen, tut Kinderarzt Jenni alles, um die Risikofaktoren möglichst klein zu halten und so die Widerstandskraft der Kinder zu stärken. Das kann im Extremfall bedeuten, dass ein Kind aus einer gewalttätigen Familie herausgenommen und bei Pflegeeltern platziert wird. So soll es die Geborgenheit und emotionale Wärme bekommen, die es für ein gesundes Leben benötigt. «Mit der Stärkung der Resilienz werden Heilungsprozesse gefördert und psychische Langzeitfolgen vermieden», sagt Jenni.
Der Kinderarzt unterscheidet zwischen schwierigen Faktoren, die das Kind selbst aufweist, etwa eine Entwicklungsstörung oder ein schwieriges Temperament, und problematischen Faktoren in seinem Umfeld wie Armut oder Arbeitslosigkeit. «Nicht ein einzelner Sachverhalt ist dabei entscheidend, sondern die Anhäufung mehrerer Risikofaktoren ist alarmierend.» Je jünger ein Kind ist, desto stärker wirken die kindbezogenen Faktoren, je älter, umso schwerwiegender sind Umweltfaktoren wie eine psychische Krankheit der Eltern oder negative schulische Erfahrungen.
Folgen von Mobbing
Nicht jedes Kind, das in der Schule gemobbt wird , scheitert später im Leben. Aber das Gefühl, nichts an der Situation ändern zu können, kann chronische Ängste auslösen, schreibt die amerikanische Psychologin Meg Jay in ihrem Bestseller «Die Macht der Kindheit». Negative Kindheitserlebnisse könnten zu mentaler Stärke führen, wenn man sich beispielsweise dagegen wehrt, ein Opfer zu sein.
Auch Scheidungen gehören zu den Unglücksfällen, mit denen Kinder heute konfrontiert sind. Aber nur diejenigen unter den jährlich rund 12'000 Scheidungskindern in der Schweiz sind gefährdet, die weitere Risikofaktoren aufweisen.
Wie der heute 20-jährige Marco Rossi*. Seine Eltern trennten sich kurz nach seiner Geburt, die Mutter war Alkoholikerin. Marco wurde misshandelt, war als Kleinkind sehr unruhig. Wegen Verhaltensstörungen war er an keiner Schule tragbar. Er kam in verschiedene Heime , hatte dauernd wechselnde Bezugspersonen, litt an ADHS. Heute fühlt sich Rossi «sehr allein». Er hat keinen Kontakt zu seinen Eltern , ist arbeitslos und lebt von einer IV-Rente. Es waren zu viele Risikofaktoren. «Ohne stabile Beziehungen ist es unmöglich, widerstandsfähig zu sein», sagt Experte Oskar Jenni. «Resilient ist erst, wer eine Belastungssituation überwunden hat.»
Bildung ändert viel
Was Kinder schützt, ist auch eine gewisse Leistungsbereitschaft und die Überzeugung, etwas erreichen zu können, sagt der Kinderarzt. Oft können Bildungserfolge den Boden für eine bessere Zukunft bereiten und so die Widerstandsfähigkeit erhöhen.
Ein Beispiel ist Sarankan Mahendran, der sich als «ehrgeizig» bezeichnet. Der 17-Jährige macht derzeit eine Lehre als Informatiker bei der Swisscom. Danach will der Zürcher die Berufsmatur absolvieren. Sein Weg hätte auch ganz anders verlaufen können. Sarankan wuchs unter einfachen Bedingungen auf. Der Vater besuchte in Sri Lanka nur die Grundschule. Die Eltern sprechen schlecht Deutsch und konnten ihre Kinder in schulischen Belangen nicht unterstützen.
Die Schweiz steht in Sachen Chancengleichheit in der Bildung nicht gut da. Jugendliche aus Familien mit geringer Bildung haben eine viermal kleinere Chance, einen Hochschulabschluss zu erreichen, als Kinder aus einem bildungsnahen Elternhaus. «Da geht enorm viel Potenzial verloren », sagt Katharina Maag Merki, Professorin für Pädagogik an der Universität Zürich.
Eine der grössten Hürden sei die frühe Selektion nach der sechsten Primarklasse. Dann werden die Schülerinnen und Schüler auf die verschiedenen Niveaus von der Sek C bis zum Gymnasium verteilt – eine entscheidende Weichenstellung für die spätere Berufslaufbahn. Der frühe Zeitpunkt benachteilige insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien, weil soziale Faktoren für die Leistungsbeurteilung eine wichtige Rolle spielen, so Maag Merki. «Diese Kinder werden bei vergleichbaren Leistungen oft schlechter beurteilt als andere.» Die Lehrpersonen würden häufig vom Gymi abraten, weil sie unter anderem davon ausgingen, dass die Familie ihr Kind nicht gut genug unterstützen könne. Nach neun Jahren Schule fallen diese Entscheidungen schichtunabhängiger.
Für Kinder aus bildungsfernen Familien ist es besonders wichtig, Unterstützung von aussen zu erhalten, etwa in Form von Lernförderung und Aufgabenhilfe . Genau wie bei Sarankan Mahendran. Mit elf wurde er ins Förderprojekt «Future Kids» aufgenommen. Er schaffte dank der Hilfe von Silvan Christen, einem Geografiestudenten, sogar die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. Er sei über die Zielstrebigkeit des Jugendlichen erstaunt gewesen, sagt der Mentor. «Er wirkte sehr reif für sein Alter. Wahrscheinlich weil er schon früh Verantwortung übernehmen musste, da die Eltern ja fast nie zu Hause waren.» Christen ist stolz auf Sarankans Leistung – und liefert die Kürzestfassung davon, was Resilienz vermag: «Trotz aller Widerstände wird er es noch weit bringen.»
Das klingt gut. Auch deshalb ist der Begriff populär geworden und macht sich mittlerweile in allen Lebensbereichen breit: Lehrerverbände bieten Resilienzkurse gegen Burn-outs an, Manager trimmen ihre Teams auf Resilienz. Sogar die Armee will Resilienzveranstaltungen einführen, damit die Rekruten nach der RS weitermachen.
Darüber kann Kinderarzt Oskar Jenni nur lächeln. Der Begriff werde inflationär gebraucht. Er sei kürzlich am Vortrag einer Ökonomin zum Thema Resilienzförderung gewesen. «Furchtbar! Resilienz ist nicht trainierbar, sondern man kann nur die Bedingungen verbessern, damit ein Mensch möglichst gut mit Belastungen oder einem Schicksalsschlag umgehen kann.»
Lust an der Sache
Dominique Gisin würde nie sagen, sie habe ein schweres Schicksal überwunden. Die frühere Skirennfahrerin aus Engelberg relativiert: «Bei mir ging es ja bloss um ein Knie!» Gisin hatte etliche schwere Verletzungen – und krönte ihre Karriere trotzdem mit dem Olympiasieg. Das brachte ihr Bewunderung für ihre Stehaufqualitäten ein. Selber sieht das die heute 33-Jährige weniger pathetisch: Sie habe sich vor allem dank der schieren Lust am Skifahren immer wieder aufrappeln können. Hier sieht der Berner Psychiater Gregor Hasler durchaus einen Zusammenhang mit Resilienz: «Sie gründet stark auf positiven Gefühlen» (siehe Interview).
Sportpsychologin Katharina Albertin sagt: Spitzensportler wie Gisin seien prädestiniert, überdurchschnittliche Willensleistungen zu erbringen. «Die Athleten müssen andauernd Leistungssituationen meistern.» Das brauche mentale Stärke , vor allem in Phasen, in denen es nicht gut läuft. «Da muss man richtig streng mit sich arbeiten, um seine inneren Kräfte in Gang zu bringen.» Sportler seien gefordert, das Bewusstsein über sich selbst immer wieder zu erweitern, und darin könnten sie Vorbild sein für alle, die ihre mentale Kraft stärken wollen.
Dominique Gisin hat das Auf und Ab ihrer Karriere in einem Buch aufgearbeitet. Aufgrund zahlloser Reaktionen nach ihrem Olympiagold spürte sie: «Meine Geschichte gibt Menschen, die selber schwierige Phasen durchmachen, Mut und Hoffnung.» Ein starker Treibstoff, um Hürden zu überwinden.
* Name geändert
Porträtserie «Die Stehaufmenschen»
- Teil 1: Ruedi Bühler (49): Er lebt weiter – trotz schlimmem Verlust
- Teil 2: Sarankan Mahendran (17): Er hat Ehrgeiz im Beruf – trotz schwierigem Start
- Teil 3: Dominique Gisin (33): Sie war immer wieder verletzt – und holte Gold
Diese Porträtserie ist im Rahmen der Beobachter-Titelgeschichte «Resilienz – was uns psychisch stark macht» erschienen.