Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/734

Die Goldacher und der Bodensee
Über Jahrhunderte konnten die Goldacher mit dem Bodensee nichts anfangen. Sie haben ihn nicht nur gemieden, sondern gar gefürchtet.
Nur sehr wenige Menschen besiedelten die unteren Gebiete Goldachs am See, die damals öfters unter Wasser standen und nicht sehr fruchtbar waren. Noch heute zeugen Flurnamen wie Chogenau und Rietli von damals nicht sehr einladendem Wohngebiet. So kam es, dass die Goldacher die fruchtbare Hochebene über der «Seehalde» bearbeiteten, sich dort beinahe einigelten und das untere Gelände am See kaum wahrnahmen.
Die «Seehalde» bildete damals eine markante Grenze, die Untergoldach vom 20-50 Meter tiefer liegenden Seegebiet trennte. Sie hatte folgenden Verlauf:
Von Rorschach her war die heutige Sonnenhaldenstrasse bis zum Dorfbach damals die untere Kante der Hanglage. Diese zog sich weiter über den Rietberg bis zur Goldach, dem Fluss entlang bis hinauf zur Tübacherstrasse. Oberhalb dieser markanten Linie war der Boden fast eben und sehr fruchtbar.
Leider ist diese Halde heute kaum mehr zu erkennen. Über viele Jahre wurde entlang dem Dorfbach und der Rietbergstrasse Kies abgebaut. Im grossen Stil begannen damit nach 1945 die Gerschwiler AG im Westen und die Kies AG auf dem Gelände der heutigen Alcan AG. Im Osten, im Gebiet Stelzenreben und Bachfeld, beutete die Firma Egger und Rutz das Kies aus und brachte damit die «Seehalde» fast zum Verschwinden oder verschob sie Richtung Süden.
Auswärtige Landkäufer übernahmen und besiedelten das von den Goldachern ungeliebte Seevorland im 19. Jahrhundert nach und nach. Im Jahr 1869 wurde für den Bau des neuen Verkehrsmittels, der Eisenbahn, 2⁄3 des Seeanstosses ohne Murren zur Verfügung gestellt. Auf der Westseite Richtung Horn entstanden verschiedene Industrien, 1861 beispielsweise die Stickerei Stähli, 1895 das Wasserwerk der Stadt St.Gallen, 1900 die Rollladenfabrik Danielis und 1902 das St.Galler Gaswerk.
Das Land im Osten Richtung Rorschach wurde mit verschiedenen grossen Herrschaftssitzen überbaut, deren Parkanlagen vom See bis an die «Seehalde» reichten, so zum Beispiel die Villa Seefeld, erbaut 1858. Im Jahr 1868 kaufte die Königin-Mutter Pauline von Württemberg das Haus als Sommersitz und baute das Anwesen grosszügig mit Nebengebäuden und Parkanlagen aus. So entstand der Seestrasse entlang eine ca. 100 m lange Windfangmauer mit Lustlauben für die hohen Herrschaften.
Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung im Jahr 1918 endete auch das feudale Ferienleben des Adels. Die Parkanlagen verfielen und wurden umgenutzt. Die Armee beschlagnahmte die königliche Villa und nutzte sie in den Jahren 1939–1945 als Militärlazarett und Soldatenstube.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Bewohner von Goldach, aber auch unsere Nachbarn, das Ufer und den Bodensee als Naherholungsgebiet entdeckt. Umfangreiche Aufschüttungen haben nach und nach zu den bestehenden Uferanlagen geführt, die uns heute alle sehr erfreuen.
Text: Heiri Bärlocher
Originalartikel im Wellenbrecher Nr. 73 vom September/Oktober 2007, S.19
Copyright: Gemeinde Goldach