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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
68. Eine weitere Ausflucht.
Es ist zwar nicht uneinsichtig, daß das Nichtwissen Gottes nicht ein Nichtwissen, sondern ein Geheimnis [S. 147] sei, da er nach seiner freien Entscheidung entweder zum Handeln oder zum Bekunden oder zum Erweisen in solcher Weise nicht weiß, daß er doch wisse, und in solcher Weise nicht in Unkenntnis ist, daß er in Unkenntnis sei. Dennoch gilt es zuzusehen, ob er nicht etwa in solcher Weise schwach sei, daß er nicht wissen könne, was der Vater weiß, unbeschadet seines Vermögens, die Gedanken der menschlichen Herzen zu kennen. Denn das überlegene Wesen gesellt sich den Regungen des unterlegenen Wesens bei und durchdringt es in seiner Schwachheit mit gewaltiger Kraft; ein schwaches ist aber selbst unvermögend, ein kraftvolleres Wesen zu durchdringen. Wie nämlich das Leichte für das Schwere, das Lockere für das Dichte, das Flüssige für das Feste durchdringbar ist, so gibt im Gegenteil das Schwere dem Leichten, das Dichte dem Lockeren, das Feste dem Flüssigen nicht nach, weil zwar nicht das Starke für das Schwache offensteht, wohl aber das Schwache vom Starken durchdrungen wird.
Deswegen also behauptet man von seiten der Falschgläubigen, der Sohn kenne nicht die Gedanken Gottes des Vaters, weil er wegen seiner Schwachheit nicht durch ein Eindringen an den Stärkeren herankommen kann und wegen seiner Ohnmacht den Mächtigen nicht durchdringt.