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Der erste Blick kann täuschen
Der erste Blick ist oft entscheidend, um sich ein Bild von einer Angelegenheit zu machen. Allerdings gibt es auch Situationen, in welchen es von Vorteil sein kann, die Sache etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Artikel werden zwei unterschiedliche Themen behandelt, bei welchen es sich lohnt, keine voreiligen Entschlüsse zu ziehen und die Sachlage ganzheitlich zu betrachten.
Die strukturelle vs. funktionelle Beinachse
Die Beurteilung der strukturellen Beinachse wird häufig durchgeführt, um die Entstehung von Überlastungserscheinungen zu beurteilen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die strukturelle nicht mit der funktionellen Beinachse übereinstimmen muss. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Patella. Genauer ist entscheidend, ob die Kniescheiben konvergierend oder divergierend ausgerichtet sind. So zeigt sich bei einem Genu varum mit divergierenden Kniescheiben auch in der Funktion eine Varusstellung der Knie. Ebenfalls bleibt bei einem Genu valgum mit konvergierenden Kniescheiben die Valgusstellung in der Funktion erhalten. Anders sieht es allerdings bei einem Genu varum mit konvergierenden Kniescheiben aus. Hierbei kann sich in der Funktion eine abgeschwächte Varusstellung bis hin zu einer Valgusstellung zeigen (Abbildung 1). Dasselbe Prinzip gilt für das Genu valgum mit divergierenden Kniescheiben, wobei in der Funktion eine abgeschwächte Valgusstellung bis hin zu einer Varusstellung zu beobachten sein kann.
Abbildung 1: Ein strukturelles Genu varum mit konvergierenden Kniescheiben zeigt sich in der
Funktion als Genu valgum;
a) Strukturelles Genu varum;
b): Funktionelles Genu valgum.
Um die Entstehung oder den Verlauf von Überlastungserscheinungen abzuschätzen sollte deshalb neben der statischen Beurteilung auch immer eine dynamische Messung erfolgen. Je schneller das Geh- resp. Lauftempo ist, desto grössere Kräfte wirken. Mit zunehmender Geschwindigkeit kann deshalb die funktionelle Beinachse auch stärker von der Strukturellen abweichen.
Laufen auf Frequenz vs. Laufen auf Schrittlänge
Grundsätzlich existieren zwei Laufstile, welche sich anhand ihrer biomechanischen Eigenschaften deutlich unterscheiden lassen. In Abbildung 2 sind diese beiden Laufstile anhand zweier Sprinter dargestellt. Beim Laufstil auf Frequenz soll die maximale Geschwindigkeit durch eine Erhöhung der Schrittkadenz erreicht werden. Dies geschieht hauptsächlich durch eine starke Aktivität der Becken- und Oberschenkelmuskulatur, wodurch die Hüftbewegungen minimiert werden. Der Oberkörper ist nach ventral geneigt und der Kniehub sowie der Hüftwinkel sind relativ gering. Der initiale Bodenkontakt erfolgt nahe dem Gravitationszentrum und meist im Vorfussbereich. Daraus resultiert ein Laufstil, bei welchem der Antrieb grösstenteils durch einen starken Rückwärtsschub generiert wird.
Der zweite Laufstil ist der Laufstil auf Schrittlänge. Wie es der Name schon sagt, soll hierbei die maximale Geschwindigkeit durch eine maximale Schrittlänge erreicht werden. Dafür ist eine optimale Becken- und Hüftgelenkmobilität essentiell. Neben der Becken- und Hüftmobilität ist eine aufrechte Körperhaltung zentral. Dadurch wird die Bauchmuskulatur optimal vorgespannt und ein starker Kniehub ermöglicht. Im Vergleich zum Laufstil auf Frequenz ist deshalb der Hüftwinkel deutlich grösser und der initiale Bodenkontakt findet weiter vorne, also vor dem Gravitationszentrum, statt. Dadurch verlagert sich auch der Fussaufsatz vom Vorfuss auf den Mittelfussbereich. Beim Laufen auf Schrittlänge steht somit nicht der Rückwärtsschub im Zentrum, sondern es soll vor allem aktiv nach vorne gelaufen werden.
Zur Bestimmung des Laufstils reicht es nicht aus, lediglich die Art des Fussaufsatzes zu definieren (Vor-, Mittel- oder Rückfussläufer). Deshalb empfiehlt sich auch für das Techniktraining, sich nicht auf den Fussaufsatz zu fokussieren, sondern den Laufstil als Ganzes zu optimieren. Dies kann durch spezifische Laufschulübungen erreicht werden. Welcher Laufstil der geeignetere ist, muss individuell angeschaut werden. Generell kann heute allerdings eine starke Tendenz hin zum Laufen auf Schrittlänge erkennt werden. Dies einerseits, weil beim Laufen auf Frequenz die stark eingeschränkte Hüftmobilität häufig zu Überlastungsverletzungen im Becken und Lumbalbereich führt. Andererseits kann durch eine grössere Schrittlänge oft eine höhere Endgeschwindigkeit erreicht werden. Der individuell natürliche Laufstil liegt jedoch auch oft irgendwo dazwischen.
Abbildung 2:
Die zwei Hauptlaufstile;
a) Laufstil auf Frequenz;
b) Laufstil auf Schrittlänge;
© Numo Systems AG, gezeichnet von Sarah Schütz, illustrationsbuero.ch
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Andrin Vock
Analyse und Beratung
Master in Exercise and Health Sciences
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