Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03220.jsonl.gz/509

David kam von Süden, Titus von Norden und Jesus von Osten nach Jerusalem. Die Pendler von heute kommen hingegen aus dem Westen über eine so berühmte, majestätische und inspirierende Strasse wie sie kaum eine andere Hauptstadt der Welt ihr Eigen nennen kann.
von Amotz Asa-El
Besucher vergessen niemals ihre erste Fahrt nach Jerusalem auf dieser kurvenreich ansteigenden, den Alltag und die feuchte Luft der Küstenebene allmählich hinter sich lassenden Strecke, die sie in die Berge, die Heiligkeit und den kühlen Wind Judäas führt und ihnen das Gefühl gibt, in die Fussstapfen von Kriegern, Pilgern, Propheten und Weisen zu treten.
Doch nun sind die Wege nach Jerusalem drastischen Veränderungen unterlegen, die für schnellere, reibungslosere und vielfältigere Reisemöglichkeiten von Tel Aviv sorgen sollen – auf Kosten des Zaubers, könnte man beklagen.
Bei diesen Veränderungen geht es um die Neugestaltung der wichtigsten Strassen- und Zugverbindung nach Jerusalem.
Die Autobahn führt über den Bergpass Sha’ar HaGai, der für die ausgebrannten Panzerwagen berühmt ist, die als Denkmäler am Strassenrand an den erfolgreichen Widerstand gegen die Belagerung Jerusalems durch die Araber 1948 erinnern. Als kürzeste natürliche Verbindung zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer wurde dieser Weg seit dem Altertum beschritten, bevor er im letzten Jahrhundert asphaltiert und mehrfach erweitert wurde.
Jetzt soll jedoch der steilste Abschnitt dieses Anstiegs mit dem Namen Kastel – der auf die falsche Aussprache einer Festung, die die Kreuzfahrer „The Castle“ nannten, zurückgeht – durch einen Tunnel ersetzt werden, während an die Stelle der berühmt-berüchtigten scharfen Kurve, die von dort bergab führt, eine breite, mehrspurige, fast gerade Auffahrt treten soll.
Pendler, die aus Tel Aviv kommen, erreichen diesen Tunnel, nachdem sie unter mehreren neuen Autobahnkreuzen und Brücken hindurchgefahren sind, einschliesslich einer Wildbrücke, über die die in den angrenzenden Wäldern lebenden Tiere die Autobahn sicher überqueren können.
Das Projekt soll zwar erst in gut einem Jahr abgeschlossen sein, doch in den letzten Wochen wurde bereits die neue Auffahrt in eine Richtung freigegeben. Ebenso eine neu hinzugefügte Spur in der Nähe des Bergpasses, um Autofahrern schon mal einen Eindruck von der deutlich schnelleren, komfortableren Tour, die sie in nicht allzu ferner Zukunft erwartet, zu vermitteln. Die Fahrt, die heute 50 Minuten dauert, wird dann um etwa ein Drittel kürzer ausfallen, die zweispurigen Abschnitte werden sich verdoppeln und die Kurven werden entweder sanfter verlaufen oder ganz verschwinden.
Doch das ist noch gar nichts gegen die neue Zugverbindung nach Jerusalem.
Die alte Eisenbahnstrecke der israelischen Hauptstadt, über die 1892 der erste Zug aus Jaffa heraufkam, verläuft südlich der Autobahn Tel Aviv–Jerusalem. Diese durch wunderschöne Landschaft führende, beeindruckende Ingenieurleistung folgt der Topografie der judäischen Berge, in die sie hinter Bet Schemesch, dem laut Bibel westlichsten Aussenposten der Philister, übergeht, bevor sie gemächlich an den Hängen des Sorek-Tals, wo einst Samson in einer Höhle lebte, entlangfährt.
Der neue Zug wird keine Geduld haben.
Statt sich mit der Topografie herumzuschlagen, haben seine Bauherren entschieden, die Strecke auf die Nordseite der Autobahn zu verlegen, die näher an Tel Aviv liegt, und sie dann über ein System aus Tunneln und Brücken in einer nahezu geraden Linie vom Sha’ar-HaGai-Pass zur Calatrava-Brücke, dem Tor zur Stadt, zu führen.
Das Ergebnis ist eine Abfolge baulicher Rekorde – von der längsten Brücke Israels durch den längsten Tunnel zur höchsten Brücke und zum tiefsten Tunnel, wo die Fahrt von Tel Aviv 80 m unter der Erde in einem der tiefstgelegenen Bahnhöfe der Welt enden wird.
Für Europäer mag das wenig beeindruckend klingen – bis auf die Tatsache, dass auf dieser Strecke, im Gegensatz zu allen anderen Bergstrecken, Schnellzüge unterwegs sein werden. Sie ist nämlich nicht für Touristen gedacht, sondern für Pendler, 70.000 um genau zu sein, die im 15-Minuten-Takt befördert werden sollen.
Hinzu kommt, dass der Zug, der auf Meereshöhe startet, den Höhenunterschied bis nach Jerusalem, auch wenn es kaum 800m über dem Meeresspiegel liegt, auf einer Distanz von gerade einmal 60 Kilometer bewältigen muss. Damit diese Steigung nicht ganz so steil ausfällt, haben die Ingenieure eine Brücke östlich des Flughafens Ben Gurion eingefügt, sodass der Anstieg für den Zug schon inmitten der Baumwollfelder zu Füssen der judäischen Berge beginnt.
„Fahrzeit von 90 auf 30 Minuten“
Nach Fertigstellung der Strecke, die ebenfalls für Ende nächsten Jahres geplant ist, wird sich die Fahrtdauer von derzeit 90 auf 30 Minuten verkürzen. Damit wird die Bahn wohl das meistbenutzte Verkehrsmittel zwischen der wirtschaftlichen und der politischen Hauptstadt Israels sowie zum Flughafen Ben Gurion, wo sich der einzige, 90-sekündige Zwischenstopp befindet, werden.
Die neue Zugstrecke dürfte also die Zahl der Autos auf der Schnellstrasse Tel Aviv–Jerusalem, die gleichzeitig breiter, komfortabler und schneller wird, deutlich verringern. Die beiden Projekte, die zusammen 7,8 Milliarden Schekel (1,8 Mrd. Euro) kosten, werden der krönende Abschluss einer Verkehrsrevolution sein, die 1992 begann, als Jitzchak Rabin sie zum Staatsziel erklärte.
Übrigens erlebte Rabin als 26-jähriger Oberst die Kämpfe im Westen Jerusalems 1948 hautnah mit und verlor einige seiner besten Freunde an dieser Strasse – ein besonderer Umstand, an den die Denkmäler am Strassenrand die Nutzer der modernisierten Autobahn auch weiterhin erinnern werden, jedoch nicht die Pendler im Zug, die westlich dieser Stelle durch einen Tunnel fahren.
Darüber hinaus werden die Zugpassagiere anders als die Autofahrer – im Gegensatz zu den Reitern und Kutschen vergangener Jahrhunderte – um das Erlebnis gebracht, sich Jerusalem allmählich zu nähern, umgeben von den Gipfeln, Hängen und der Natur Judäas. Stattdessen durchqueren sie die Berge unterirdisch und erblicken das Tageslicht erst wieder, wenn sie sich bereits an der Schwelle zu Jerusalem auf einer 90 m hohen Brücke befinden.
In gewisser Hinsicht ist das ja vielleicht, obwohl sich bisher noch niemand, nicht einmal Jesus, ihrer bedient hat, die passendste Art und Weise, in Jerusalems Schoss zu fallen.
Amotz Asa-El, ehemals Chefredakteur der Jerusalem Post, ist leitender Berichterstatter der Jerusalem Post und Referent für Nahost- und jüdische Angelegenheiten.
- The suicide bomber de-mystified - 13. November 2018
- 3 Jahre nach den Paris-Attacken: Die Entmystifizierung des Selbstmord-Attentäters - 13. November 2018
- Das Wunder der Auferstehung der Hebräischen Sprache - 4. Oktober 2018