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Der Schweizer Friedrich Dürrenmatt ist ein Klassiker der Weltliteratur. Seine Dramen gehörten auch hinter dem Eisernen Vorhang zu den meistgespielten Bühnenstücken.
Das Centre Dürrenmatt in Neuenburg hat den Zyklus "Dürrenmatt in Osteuropa" gestartet, mit Bulgarien als erstem Halt.
Kalter Krieg, Eiserner Vorhang und Gleichgewicht des Schreckens: Der ideologische Wettstreit von Kapitalismus und Kommunismus haben das politische Denken und die Werke des Schweizer Dramatikers, Schriftstellers und Malers Friedrich Dürrenmatt wesentlich geprägt.
Ausdruck dafür waren auch seine letzten beiden Auftritte, zwei Lobreden auf Vaclav Havel und Michail Gorbatschow Ende 1990, kurz vor seinem Tod. Darin ging Dürrenmatt auf 45 Jahre geteiltes Europa, die brutal unterdrückten Versuche zu einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" sowie den Zusammenbruch der kommunistischen Regimes ein.
Allein auf weiter Flur
In seinen Kriminalromanen ("Der Richter und sein Henker", "Das Versprechen") und seinen Bühnenstücken griff Dürrenmatt die grossen Themen Freiheit und Unterdrückung, Macht und Korruption sowie Gerechtigkeit und Recht auf. Er war einer der ganz wenigen Autoren aus dem Westen, deren Stücke in den ehemaligen Ostblock-Ländern aufgeführt wurden. Und das mit riesigem Erfolg.
Diese Sonderstellung untermauert beispielweise eine Untersuchung zur
Rezeption der Deutschschweizer Literatur in Ungarn von 1945-1995. Demnach
befassen sich allein rund 60% aller Theaterkritiken, Rezensionen und
sonstigen Publikationen zum Thema mit Dürrenmatt, 20% fallen auf Max Frisch,
das letzte Fünftel auf die anderen Deutschschweizer Autoren.
So liegt es auf der Hand, dass das Centre Dürrenmatt in Neuenburg in einem Zyklus unter dem Titel "Dürrenmatt in Osteuropa" den Einfluss des bedeutendsten Schweizer Dramatikers des 20. Jahrhunderts in diesen Ländern nachzeichnet.
Generationen von Bulgaren geprägt
Erste Station dieser Reise ist Bulgarien. Zu sehen in Neuenburg ist die Ausstellung "Das Theater von Friedrich Dürrenmatt in Bulgarien", welche von Lea Cohen-Augsburger, der ehemaligen bulgarischen Botschafterin in der Schweiz, konzipiert wurde. Zur Eröffnung stellten zudem bulgarische Literatur- und Theaterspezialisten, Autoren und Schauspieler in einem Workshop die Präsenz Dürrenmatts in ihrem Land genauer vor.
"Die Vorliebe einiger Generationen von Künstlern, Regisseuren, Dramaturgen und vor allem des bulgarischen Publikums für Dürrenmatts Werk hat eine Geschichte", so Cohen-Augsburger. Im kommunistischen Kulturraum, wo alles kontrolliert, zensuriert, ideologisiert und manipuliert worden sei, habe das Publikum das groteske, absurde Theater Dürrenmatts wie eine erfrischende Brise empfunden.
Die grössten Erfolge beim bulgarischen Theater-Publikum feierten "Der Besuch der alten Dame" (Erstaufführung 1963) und "Die Physiker", welches 1965/66 eine wahre Aufführungs-Welle erlebte.
Grundstein dieses Dürrenmatt-Booms waren die unterschiedlichen Lesarten, welche die Stoffe zuliessen: So wurde in den "Physikern" die Klinik der Irrenärztin Mathilde von Zahnd von den Machthabern als Sinnbild der morbiden kapitalistischen Gesellschaft gesehen.
Das Publikum dagegen sah im Irrenhaus die Allegorie jenes Kasernen-Sozialismus, der selbst einem Genie wie dem Physiker Möbius keinerlei Freiheit gewährte, so Cohen-Augsburger im Text zur Ausstellung.
Wiederentdeckung im "neuen Europa"
"Dürrenmatt erlebt in den osteuropäischen Ländern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Renaissance", erklärt Ulrich Weber, der im Schweizerischen Literaturarchiv Dürrenmatts Nachlass betreut. "Wenn er beispielsweise die Korruption thematisierte, ist das wegen der Bezüge zur heutigen wirtschaftlich-politischen Situation von hoher Aktualität."
Die Rezeption Dürrenmatts in den Ländern des ehemaligen Ostblocks habe einen ganz anderen Verlauf genommen als in Westeuropa, sagt der Literaturwissenschaftler. "Hier schaffte er den Durchbruch Mitte der 50er- bis Mitte der 60er-Jahre. In Osteuropa beginnt die Rezeption erst Mitte der 60er- bis in die 70er-Jahre."
Dies hänge mit der dortigen Zensur zusammen. Zwar sei Dürrenmatt damals phasenweise gespielt worden. "Die Texte wurden aber angepasst, so dass sie nur noch die Kritik am Kapitalismus, nicht mehr aber am Kommunismus enthielten", sagt Weber. Das Publikum, geübt im Umgang mit der Zensur, sei sich aber trotz des verzerrten Bildes bewusst gewesen, was fehle.
Für Leser, aber auch Fachpublikum
Die Ausstellung im Centre Dürrenmatt sei aber keineswegs bloss rückwärts orientiert, betont Weber. Das Scharnier in die Gegenwart bildet die aktuelle Aufführung des Stücks "Der Besuch der alten Dame", das die Zuschauer in Ausschnitten auf Video sehen können. Die Premiere am Nationaltheater in Sofia war im vergangenen April.
"Einerseits wollen wir Dürrenmatt-Kennern neue Facetten eröffnen, andererseits auch ein Fachpublikum von Literatur- und Theaterwissenschaftler ansprechen", so Weber. Letztere könnten sich mit Aufführungs-Traditionen konfrontieren, die wegen der Trennung Europas im Westen bisher unbekannt gewesen seien.
Die Ausstellung in Neuenburg dauert bis zum 20. August. Nächste Länder-Schwerpunkte des Zyklus "Dürrenmatt in Osteuropa" sind Polen, Tschechien, die ehemalige Sowjetunion sowie Ungarn. Gemäss Weber sollen die Fortsetzungen im Centre Dürrenmatt im Jahres- oder Zweijahres-Turnus stattfinden.
swissinfo, Renat Künzi
Fakten
Das Centre Dürrenmatt in Neuenburg (CDN) wurde 2000 eröffnet und beherbergt Dürrenmatts Bildwerk.
Ziel des CDN ist es aber auch, Dürrenmatts literarisches und dramatisches Werk immer wieder neu und unter anderen Aspekten zur Diskussion zu stellen und auf seine Aktualität hin zu befragen.
Das Centre entspricht dem letzten Willen Dürrenmatts, der sein Werk der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte.
Das CDN wird hauptsächlich vom Bund und vom Kanton Neuenburg getragen.
Es besteht aus Dürrenmatts ehemaligem Wohnhaus und einem neuen Ausstellungs-Gebäude.
Der Entwurf dazu stammt vom Tessiner Architekten Mario Botta.
In Kürze
Im Centre Dürrenmatt in Neuenburg hat der Zyklus "Dürrenmatt in Osteuropa" begonnen.
Erste Station der Veranstaltungsreihe ist Bulgarien.
Sie umfasst eine Ausstellung mit Plakaten, Photographien und Büchern, eine Video-Vorführung sowie einen Workshop mit Vorträgen und Lesungen.
Damit soll Dürrenmatts Wirkungsgeschichte im ehemaligen kommunistischen Bulgarien bis heute vorgestellt werden.
Die Ausstellung dauert bis zum 20. August 2004.