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Griechenland und die Verzweiflung der Gläubiger
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt als ausgemacht, dass der Westen die kruden Formen der Kanonenbootdiplomatie längst hinter sich gelassen hat. Dass zum Beispiel eine europäische Macht die Souveränität eines Landes beschneidet, das seine Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen kann, ist heutzutage unvorstellbar.
Und nun das: Gemäss Financial Times verlangen die Euro-Länder, dass Griechenland nur dann weitere Kredite erhält, wenn es eine ausländische Mitwirkung bei der Steuer- und Finanzpolitik zulässt. Eurointelligence spricht zu Recht von einem «noch nie dagewesenen Souveränitätsverlust» in der jüngeren europäischen Geschichte. Es werden zwar keine Kanonenboote mehr geschickt, aber die Forderung der Euro-Länder erinnert in fataler Weise an den Ablauf von Schuldenkrisen im späten 19. Jahrhundert.
Ein typisches Beispiel ist die ägyptische Schuldenkrise. Unter dem osmanischen Vizekönig Ismail beteiligte sich Ägypten in den 1860er Jahren am Bau des Suezkanals und investierte in ehrgeizige Infrastrukturprogramme. Die dafür notwendigen Kredite beschaffte sich Ismail bei europäischen Gläubigern. In der Weltwirtschaftskrise Mitte der 1870er Jahre versiegte der Geldstrom aus dem Ausland, Ägypten drohte zahlungsunfähig zu werden. Zunächst versuchte sich Ismail mit dem Verkauf der Suezkanal-Aktien an Queen Victoria zu retten. Die eingebrachte Summe war aber zu gering. 1876 war das Land bankrott, und 1879 wurden Ministerposten für Finanzen und Öffentliche Arbeiten mit Europäern besetzt – faktisch ungefähr dasselbe, was Griechenland droht.
Der weitere Verlauf der Geschichte: 1881 kam es in Kairo zu einem bewaffneten Aufstand gegen die ausländische Bevormundung, 1882 besetzten britische Truppen Ägypten, um den Wert von Victorias Suezkanal-Aktien zu sichern. Solches wird uns hoffentlich erspart bleiben. Aber mit der Einmischung der Euro-Länder in die griechische Steuer- und Finanzpolitik hat die Schuldenkrise zweifellos eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Gläubiger müssen sehr verzweifelt sein.