Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03591.jsonl.gz/2891

Die Geschichte hinter «The Woman in the Window» von A. J. Finn ist mindestens so spektakulär wie das Buch.
Dan Mallory ist bezaubernd. Entzückend. Umwerfend. Kurz: charming. Alle sagen das. Selbst seine Eltern und sein Bruder Jake. Dabei hat er seine Mutter mehrfach öffentlich an Krebs sterben lassen. Und seinen Bruder in den Suizid geschickt. Die Hunde seiner Eltern getötet. Vater und Mutter voneinander getrennt.
Allerdings nicht in der Realität. In der Realität gehts Bruder und Hunden prächtig, und die Eltern sind quicklebendig und seit Jahrzehnten zusammen. Und alle lieben Dan. Was einigermassen erstaunlich ist.
Denn Dan Mallory ist krank. Leidet unter einer bipolaren Störung. Die allerdings erst 2015 erkannt wurde und seither behandelt wird. Mit Elektroschocks und Ketamin. Unter dem Einfluss der Störung wurde er zum «Con Man», zum charmanten, gerissenen Betrüger. Die Amerikaner lieben den Con Man, Leonardo DiCaprio spielt einen in «Catch Me If You Can». Mallory erfindet sich mehrere Uniabschlüsse und einen Doktortitel, wird Lektor bei grossen Buchverlagen in London und New York, wo er seinen Job offenbar so perfekt macht, dass er zuletzt 200'000 Dollar verdient.
Alle sind von ihm begeistert, die Autoren, die Verleger, er zieht Bestseller an Land und wirkt rundum wie eine höchst inspirierende Droge. Sein Lieblingsbuch: «The Talented Mr. Ripley» von Patricia Highsmith. Der smarte literarische Con Man schlechthin.
Dass sich im Büro einer Chefin plötzlich seltsame Becher mit Urin finden; dass Dan vorgibt, Bücher – etwa von J. K. Rowling oder Tina Fey – betreut zu haben, obwohl er damit nie in Berührung kam; dass seine Mutter mehr als einmal an Krebs stirbt; dass er selbst behauptet, einen Gehirntumor zu haben, der ihm noch spektakuläre zehn Jahre Zeit lässt; dass er wegen dieses Tumors in die Schweiz reist und Dignitas besucht; dass er ebenfalls wegen dieses Tumors plötzlich nicht mehr zur Arbeit kommt, weshalb sein Bruder Jake seine Korrespondenz macht und zufälligerweise den gleichen Stil hat wie Dan; dass sich dieser Jake kurz nach der wundersamen Genesung von Dan umbringt – all dies und noch viel mehr fällt keinem auf.
Nichts davon stimmt. Der «New Yorker» hat alle befragt*, Eltern, Universitäten, Verlage, Autorinnen, Jake, die Dignitas. Dan war ein Fiction-Fabrikant im ganz grossen Stil. Der virtuose Organisator der Unwahrheit. Ein Leben als Literatur. Zu Schaden gekommen ist dabei niemand. Und jetzt unterhalten sich alle bestens. Denn Dan Mallory ist inzwischen selbst prominent, selbst Autor des Weltbestsellers: «The Woman in the Window». Es wird Anfang 2018 unter dem Pseudonym A. J. Finn veröffentlich (auf Deutsch erscheint es unter dem gleichen Titel). A. J. wie Dans Cousine Alice Jane. Finn wie seine französische Bulldogge.
Okay, ein bisschen klingt Finn auch wie «Flynn», also wie Gillian Flynn, die Bestbestseller-Autorin, die «Gone Girl» geschrieben und damit einen irren Girl-Trend in der Krimiliteratur (etwa «Girl on a Train») losgetreten hat. Und deren früherer Roman «Sharp Objects» von HBO mit Amy Adams in der Hauptrolle zur grandios pervers-beklemmenden Miniserie gemacht wurde. Und wer spielt wohl die Hauptrolle in der Verfilmung von «The Woman in the Window», die im Herbst in die Kinos kommt? Amy Adams.
Finns Thriller ist grossartig: Die Psychologin Anna hat sich nach einem schweren Autounfall in ihrem Haus verschanzt und widmet sich ganz dem Alkohol und den Nachbarn. Seit dem Unfall leidet sie unter Agoraphobie und kann sich nur noch in geschlossenen Räumen bewegen. Mann und Tochter sind ausgezogen, sie telefonieren täglich. Psychologische Beratung macht Anna jetzt online, vor allem aber beobachtet sie die Familie vis-à-vis. Und glaubt einen Mord zu sehen.
Die Ermordete heisst Jane Russell. Wie der Filmstar. Denn Anna ist süchtig nach alten Filmen. Weshalb der Titel des Buchs auch dem gleichnamigen Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1944 entlehnt ist. Einem Pionierfilm des Film noir. Inhaltlich haben Finn und Lang allerdings nichts miteinander zu tun, es geht einzig um das atmosphärische Zitat. Aber macht nichts. Finns «Woman» ist stilistisch nicht wirklich hervorstechend, eher solide, aber irrsinnig clever gebaut und operiert mit unglaublich überraschenden und also befriedigenden Plot-Twists.
Gefragt, wieso er seinen Roman nicht rezeptgemäss «The Girl in the Window» getauft habe, antwortet Mallory, dass er die Masche, erwachsene Frauen als Girls zu bezeichnen, diskriminierend fände, und dass er auch nicht gern als Boy bezeichnet werden möchte. Auf Gillian Flynn angesprochen, sagt er, natürlich wäre sein Erfolg ohne sie nicht möglich, niemand habe sich vor «Gone Girl» richtig für psychologische Thriller mit Frauen in der Hauptrolle interessiert. Er kann das gut. Er sagt immer genau das, was sein Gegenüber am liebsten hört.
In der Werbebroschüre von «The Woman in the Window» steht, dass der Autor 15 Jahre unter schweren Depressionen gelitten habe und unter einer bipolaren Störung leide. So lässt sich trefflich für den Roman um eine psychisch angeschlagene, als Zeugin eines Verbrechens nicht wirklich verlässliche Heldin werben. Und nach der «New Yorker»-Recherche erklärt Mallory alle seine Verfehlungen damit. Befragte Ärzte zweifeln allerdings daran, dass sich eine bipolare Störung so derart praktisch und konsequent zum eigenen Karriere-Vorteil nutzen lasse, wie Mallory das getan haben will. Ob da nicht eine Prise zu viel Kalkül in der «Krankheit» ist.
Und auch nach der Diagnose bleiben noch Unklarheiten: Wieso etwa gibt es zwischen «The Woman in the Window» und dem Roman «Saving April» von Sarah A. Denzil, der bereits im März 2016 erschien, Dutzende von Überschneidungen? Und ziemlich viele mit dem Film «Copycat» (1995) von Jon Amiel? Wie weit ist dies ein Plagiatsfall? Mallory gibt sich rätselhaft: «Es heisst oft, dass gute Schriftsteller leihen, grosse aber stehlen», zitiert er T.S. Eliot.
Nur eine ist ihm im Lauf der Jahre auf die Schliche gekommen. Die Krimiautorin Sophie Hannah. Mallory betreut sie als Lektor, sie hecken den Plan aus, dass Hannah im Geiste von Agatha Christie deren Figur Hercule Poirot weiterschreiben soll. Beide sind voneinander begeistert, aber Hannah glaubt Dans Krebsgeschichte nicht und überlegt, einen Privatdetektiv auf ihren Lektor anzusetzen.
Dem «New Yorker» gegenüber bestreitet sie, diesen Plan verwirklicht zu haben, es sei reiner Zufall, dass sie zur gleichen Zeit einen Detektiv auf etwas ganz anderes angesetzt habe. Wie auch immer: Im Poirot-Fall «Closed Casket» («Der offene Sarg») erfindet sie einen Con Man, der rückblickend zu hundert Prozent mit Mallory identisch ist. Er lektoriert den Text und hat grosse Freude daran. Hannah schreibt noch eine Con-Man-Erzählung, wieder ist ihr Protagonist leicht als Mallory zu enttarnen, sie tauft in Tom Rigbey – fast ein Tom Ripley.
Es ist nicht wirklich ein Krimi, den uns Mallory da mit seinem Leben liefert, aber eine grosse, ungemein unterhaltsame Kriminalkomödie. Eine multimediale Selbstausbeutung, wie man sie noch selten gesehen hat. Von unverfrorener Genialität. Und welcher Film stellt sich ganz unerwartet nach mehreren seltsam ungelenken Twists als Kriminalkomödie heraus? Kein anderer als Fritz Langs «The Woman in the Window».
*Spoiler Alert: Bitte lest den hervorragenden Text im «New Yorker» nur, wenn ihr den Roman schon kennt, sie verraten dort die ganze Handlung.