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Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
Josef Döbele (1826−1904) kam mit 49 Jahren nach Görwihl. Er traf damals unter der Bevölkerung des Hotzenwaldes auf grosse Not, Armut und Verbitterung. Viehhändler und private Geldgeber (insbesondere Juden) hatten Hochkonjunktur. Die Zinsen lagen damals zwischen 20 und 30 %. Die Agrarkrise griff um sich. Zu jener Zeit gab es noch keine „Hotzenwaldhilfe“ vom Staat. Die Folge war eine starke Auswanderung ins Rheintal und nach Amerika. Allein in Görwihl verliessen 400 Menschen den Ort.
Pfarrer Döbele erwies sich als grosser Wohltäter. Er verbesserte die Lebensumstände, suchte nach Verdienstmöglichkeiten, legte Geld in Aktien an und liess den Gewinn sozialen Zwecken zukommen. Er hatte unglaublich viele Ideen, so setzte er auf die Schweinezucht und den Heidelbeerwein, rief eine Pflanzschule ins Leben, gründete den Verein „Zur Hebung der Landwirtschaft“, den Schwarzwaldverein, die Frauengemeinschaft „Vinzentius“ sowie die erste Sparkasse auf dem Hotzenwald. Nach Gründung der Sparkasse konnten die Bauern Geld zu einem mässigen Zinssatz von 3,5−4,5 % leihen. Der Geistliche verstand es auch die Bauern in allen landwirtschaftlichen Fragen aufzuklären. Der Erfolg blieb nicht aus. Durch die Verbesserung des Getreideanbaus, des Obstanbaus und der Viehwirtschaft hatten die Bauern bald wichtige Einnahmequellen.
Heimatforscher Paul Eisenbeis, der zum 100. Todestag (2004) einen Vortrag im Görwihler Pfarrsaal hielt, charakterisierte den Pfarrer so: „Er war ein harter und kantiger Mann. Er war praktisch veranlagt, war derb, konnte rücksichtslos sein, war manchmal ein ‚Despot’.“
Er war auch bei Kindern gefürchtet. In der Schule verteile er Tatzen. Von den bestraften Kindern verlangte er ein Dankeschön. Wenn ihm ein Name eines Täuflings nicht gefiel, gab er ihm einen anderen Namen. „Er hatte teuflischen Spass daran“, berichtete Eisenbeis.
Im „Südkurier“ vom 21.10.2004 berichtete Peter Schütz über diese interessante Veranstaltung.
Über den Geistlichen auf dem Hotzenwald existieren unzählige Anekdoten. Einige sollen hier präsentiert werden.
Heidelbeerwein verbannte den Schnapsteufel
Als Döbele nach Görwihl war das übermässige Schnapstrinken sehr beliebt. Jedes Dorf hatte, wie Leopold Döbele berichtete, eine „Schnapsbudik“. In dieser Budik wurde „Brents“ ausgeschenkt. „Wie berichtet, wurde der Schnaps nicht literweise, sondern fässleweise getrunken und die Schnapsfässle lagerten in vielen Häusern der Pfarrei.“ Was unternahm der Geistliche? Da auf dem Hotzenwald viele Heidelbeeren wuchsen und diese von der Bevölkerung kaum beachtet wurden, empfahl er die Herstellung eines Heidelbeerweines. Das Wunder geschah: Der Beerenwein bürgerte sich als gesunder Haustrunk ein. Aber nicht nur das, der Heidelbeerwein fand auch Liebhaber in anderen Regionen. Der Wein konnte zu guten Preisen ins Rheintal, in die Waldstädte(Rheinfelden, Säckingen, Laufenburg, Waldshut) und nach Basel verkauft werden. Leopold Döbele: „Der Pfarrer erreichte, dass der Schnapsteufel, jenes gefährliche Übel in wenigen Jahren restlos aus seiner Pfarrei verbannt wurde.“
Als sich ein Vikar beim Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg beschwerte, weil er keinen Pfarrwein, sondern Heidelbeerwein erhielt, bekam er Recht. Das Ordinariat schrieb, der Vikar sollte nach alter Tradition Traubenwein bekommen. Döbele gab ihm jedoch weiterhin den roten Heidelbeerwein. Der Vikar war nicht dumm, sondern erkannte den falschen Wein. Er protestiere wiederum beim Ordinariat. Das Ordinariat schrieb nachmals an den Geistlichen und forderte ihn auf, doch Traubenwein zu servieren. Der Pfarrer schrieb zurück: „Der Vikar erhält jetzt Traubenwein, aber er trinkt auch diesen nicht, drum muss er jetzt trinken, was er kriegt.“ Damit war die Sache erledigt.
Zwei Engelschwander
Engelschwand gehörte früher zur Pfarrei Görwihl. Engelschwand liegt weit im hinteren Hotzenwald. Kirchgänger brauchten 1,5 Stunden zu Fuss, um nach Görwihl zu kommen. Im Winter mussten 2 Stunden bewältigt werden. 2 Engelschwander machten sich im Winter trotz Schneeverwehungen und Schneesturm auf den Weg. Sie erreichten die Kirsche und wurden vom Pfarrer begrüsst. Die Engelschwander berichteten, sie wären wohl die einzigen, die den Weg gewagt hätten. Darauf meinte der Pfarrer: „Jo, ihr sind die 2 einzige, aber wellewäg au die 2 Dümmste.“
Die Beichte
Ein 45-jähriger Ehemann kam zur Beichte. Er erzählte dem Geistlichen, er müsse beichten, weil er seine 70-jährige Mutter als „eine alte Schachtel“ genannt hatte. Darauf der Pfarrer: „Do isch nit viel z´mache, sie isch nümme jung.“
Ein anderes Mal kommt ein Bauer zerknirscht in den Beichtstuhl und gestand, er habe ein Schwein geschlachtet und am Freitag Speck gegessen. Der Pfarrer lächelte und sagte: „Wenn du so wiiter machsch, so wirsch dii Säuli bald g´gesse ha.“
Sie benutzte den steilen Weg
Von Sägmoos aus führte früher der alte Weg von Görwihl steil hinauf nach Strittmatt, bis später die neue bequeme Strasse gebaut wurde.
Als Döbele auf seiner Chaise mit seinem Schimmel unterwegs war, sah er eine alte Frau nicht die gute neue Strasse, sondern den alten steilen Weg benutzen. Döbele fragte die Frau, warum sie nicht den bequemen Weg gehe. Sie antwortete, wenn sie den mit mehr Beschwerden verbundenen Weg benutze, würde sie grössere Verdienste für die Ewigkeit erwerben. Döbele antwortete: „Jo glaubet ihr, gueti Frau, dass de Herrgott au die Dummheit bezahlt?“
Ein Betrunkener am Weg
Eines Tages sah der Pfarrer am Wegesrand einen Betrunkenen, dem schlecht war. Der Pfarrer sprach ihn an und sagte zu ihm: „Man sollte nie mehr trinken, als man vertragen kann.“ Der Betrunkene antwortete: „Vertragen chönnt i´s scho, aber ´swill nit bie´mer bliibe.“
Die Kindstaufe
In der heutigen Zeit ist es so, dass Eltern ihren Nachkommen die unmöglichsten Namen bei der Teufe geben. In meinem Blog vom 09.03.2008 (Blick in Chroniken I: Pest, die Kriege und die Hauptsünden“) wies ich schon auf Taufnamen gestern und heute hin. Hier ein kleiner Auszug:
Die Neugeborenen mussten am Tag der Geburt oder einen Tag danach getauft werden. In der Kirchenordnung vor der Reformation wurde alles genau festgelegt. So wurde die Frage, ob der Neuankömmling eingewickelt oder nackt getauft werden sollte, dahingehend beantwortet, dass er bekleidet vor das Taufbecken gebracht werden sollte.
Als Taufnamen tauchten diese auf: Fritzle, Hanssli, Friedlin, Martin, Christian, Barbel, Katharina. Im 1. Kirchenbuch von Wollbach kam der Name Fritz 50 Mal vor. Biblische Namen waren damals auch sehr beliebt: Jakob, Zacharias, Esaias, Philippus. Auch alte deutsche Namen erhielten die Neugeborenen, wie etwa Berchthold, Lienhard, Hyldgart, Köngelin, Rosina, Waldburg und andere. Viele dieser Namen sind heute verschwunden.
In unserer Zeit tauchen neumodische Namen oder auch Neuschöpfungen in den Geburtsregistern auf. Die 10 beliebtesten Mädchennamen des Jahres 2007 waren in Deutschland: Hanna (Hannah an 1. Stelle), Leonie (Leoni), Lena, Anna, Lea (Leah), Lara, Mia, Laura, Lilli (Lilly, Lili) und Emily (Emilie). Bei den Jungs war die Rangliste diese: Leon, Lukas (Lucas), Luca (Luka), Finn (Fynn), Tim (Timm), Felix, Jonas, Luis (Louis), Maximilian und Julian. Die Namen Walter und Heinz tauchen in den ersten 250 Namen nicht mehr auf (dafür für Heinz oder Heinrich: Henry oder Henri). Wer Emil heisst, hat es da viel besser. Dieser Vorname rangiert auf Platz 70. Einen Trost gibt es (bevor bestimmte Vornamen aussterben): Die Rangfolge ändert sich von Jahr zu Jahr. 2016 waren die beliebtesten Mädchenvornamen Mia, Emma und Sofia (Sophia) und bei den Jungen Ben, Paul und Jonas.
(Infos unter www.beliebte-vornamen.de)
Manche Eltern gaben ihren Sprösslingen die blödesten Namen, wie Pumuckel oder Garfield. Die unmöglichen Eltern dachten nicht an die späteren Hänseleien ihrer Kinder in der Schule.
Und nun kommt unser Pfarrer Döbele ins Spiel. Er liess sich nicht alles gefallen. Wenn ihm ein Taufname nicht gefiel, änderte er diesen eigenmächtig. Oft war es so, dass nach der Taufe die Paten und Eltern nicht wussten, wie der junge Erdenbürger hiess. Eltern mussten nach der Taufe jemanden ins Pfarrhaus schicken, um den Vornamen zu erfahren. Leopold Döbele: „Besonderen Spass schien es ihm zu machen, wenn er den Mädchen recht lange und auffällige Namen geben konnte, an denen sie dann ihr Lebtag zu schleppen hatten.“ Die folgenden Namen vergab er: Philomena, Perpedua, Stephania, Euphrosine, Leopoldine, Adeline, Ernestine, Appolonia, Dominika, Klementine.
Als ein Elternpaar das Kind nach der „Gotte“ den Namen „Bernharde“ taufen lassen wollte, sagte Döbele: „Nein, nicht Bernharde, die sind nicht alle geraten, Chlementine muss sie heissen.“
Der Esel in der Schule
Während des Religionsunterrichts wollte der Pfarrer wissen, wie gross ein Esel ist. Es folgte eine Pause des Schweigens. Schliesslich meldete sich Xaverli. Er stellt sich auf die Schulbank, direkt vor dem Pfarrer, hält die Hand über den Kopf des Geistlichen und sagt: „So gross, Herr Pfarrer.“ Döbele soll über diese Auskunft des kleinen Hotzenbuben herzlich gelacht haben.
Anhang (Reaktionen auf Blogs 157, „Duftendes aus dem Ideentopf“, Blogreaktionen zusammengestellt von Walter Hess vom 28.05.2015). Hier ein Auszug:
Heinz Scholz fügte zu einem Kommentar von Pirmin Meier das bei:
Auch in Görwihl wirkte ein Pfarrer mit sozialem Engagement. Es war Pfarrer Josef Döbele (1826‒1904). In einem Vortrag sprach Peter Schütz von einem „Geistlichen mit teuflischem Spass”.
Pirmin Meier ergänzte:
Lieber Herr Scholz,
es gibt eine Festschrift („200 Jahre katholische Kirchgemeinde Basel“), da ist ein Kapitel über Pfarrer Ströbele drin. Er stammt aus Rickenbach LU, meinem Wohnort. Er hat 1863 den wegen Homosexualität aus der Uni Basel ausgeschlossenen Luzerner Studenten Weingartner betreut, dessen Geschichte auch dem Homopionier Karl Heinrich Ulrichs bekannt wurde. Darüber möchte ich mal eine historische Erzählung verfassen.
In guter Verbundenheit, auf solche Pfarrer wie Ströbele kommt und kam es sehr an. Heute ist aber der KAB nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ihr Pirmin Meier
Literatur
Schütz, Peter: „Geistlicher mit teuflischem Spass“, „Südkurier“ vom 21.10.2004.
Döbele, Leopold: „Josef Döbele. Ein Wort zum Gedenken an den Hotzenpfarrer“, www.grafschaft-hauenstein.de
Döbele, Leopold: „Originelle Anekdoten von einem Hotzenpfarrer“, www.grafschaft-hauenstein.de/personen/anekdoten.htm
Döbele, Leopold: „Aus dem Leben eines Hotzenwaldpfarrers“, „Mein Heimatland“, Heft ¾, 1934.