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Frühsommer 1965. Ich schaute nach Norden, und aus dem Dunst über den grünen Teehügeln ragte in eisiger Pracht das Massiv des Kanchenjönga in den Himmel. Neben mir, auf einer Dachterrasse des Gelugpa-Klosters Ghoom, ein anderer Westler mit Blick in die gleiche Richtung. «Im Vergleich dazu sind die Alpen mit ihrem Mt. Blanc nur ein Zwergen-Himalaya», meinte der andere – John Giorno, Beat Poet und bald schon der Erfinder von Dial-A-Poem, einer New Yorker Einrichtung, bei der man per Telefon Gedichte wählen und abhören konnte. John, einer der frühen amerikanischen Anhänger des tibetischen Buddhismus, ein Dharma Bum der ersten Stunde, hatte sich einige Zeit in dem Kloster bei Darjeeling aufgehalten und in Kalimpong Dudjom Rinpoche getroffen, mit dessen beiden Töchtern ich wiederum indische Filme im Kino angeschaut hatte.
John Giorno sah ich erst Jahre später wieder, zunächst in Köln auf einer Party, zu der ich ihm – zusammen mit Thorwald Proll – als Geschenk einen Telefonhörer mitgebracht hatte; und dann auf der Bowery 222, wo er ein heruntergekommenes Loft bewohnte. Im gleichen Gebäude auf einer anderen Etage hatte William S. Burroughs seine Wohnstatt. Mit ihm tranken wir in einem seiner fensterlosen Räume grünen Tee und besprachen ein gemeinsames Vorhaben: Burroughs, dessen Stimme mich an meine himalayischen Heiler erinnerte, hatte sich bereit erklärt, für meinen Film «Shamans of the Blind Country» den Part der Erzählstimme zu übernehmen. Die Tonaufnahmen fanden in einem Townhouse in der Carmine Street statt, unter dem alle paar Minuten die New Yorker Metro vorbeidonnerte und uns die Sätze durchschnitt. Burroughs sprach meine Texte wie seine eigenen – in einem kratzigen, wenig auf Verständlichkeit bedachten Jargon; für einzelne Wörter war er von einer Aussprache des Mittleren Westens kaum abzubringen. Und dann seine Huster – mehrere Hundert davon mussten wir aus der Endfassung herausschneiden. Doch schliesslich ergaben sein Sprechrhythmus und der Beat meiner Schamanen eine gute Mischung.