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Die Handelsstreitigkeiten zwischen Washington und Peking belasten das Weltwirtschaftswachstum. Die US-Importe aus China sind im laufenden Jahr kräftig geschrumpft. Doch es gibt auch Nutzniesser des Handelsdisputs – sie gewinnen auf Kosten von China Marktanteile in den USA.
Seit sich die USA und China gegenseitig mit Strafzöllen überziehen, trübt sich die globale Konjunktur ein. Der Handelskrieg und Chinas Wachstumsschwäche hinterlassen zusehends Bremsspuren im Weltwirtschaftswachstum. Sie äussern sich unter anderem als Störungen in der globalen Versorgungskette, in einer weltweit verschlechterten Unternehmensstimmung und Investitionstätigkeit sowie in vorübergehenden Verwerfungen an den Finanzmärkten wie im Schlussquartal 2018.
Die Handelsstreitigkeiten verringern nicht nur die gegenseitige Nachfrage nach Waren zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik, sie belasten auch Chinas und Amerikas Nachfrage nach Produkten aus anderen Ländern. So übernimmt China beispielsweise die Verarbeitungs- und Montagerolle in den globalen Wertschöpfungsketten mit Exporten von Endprodukten in die USA und Importen von Materialien, Komponenten und Vorprodukten aus anderen Volkswirtschaften. Die Vereinigten Staaten wiederum sind der bedeutendste Absatzmarkt der Welt.
Unfaire Wettbewerbsvorteile
Dass US-Präsident Donald Trump das Ungleichgewicht im Warenhandel zwischen der Volksrepublik und den Vereinigten Staaten sowie Chinas Wirtschaftspolitik anspricht, war und ist berechtigt. Seit China 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist, hat das US-Handelsbilanzdefizit mit dem Reich der Mitte rasant zugenommen: Das Minus hat sich von rund 83 Mrd. auf fast 420 Mrd. US-Dolllar (2018) mehr als verfünffacht. Es besteht im Westen auch weitgehend Einigkeit darüber, dass Peking mit unfairen Wirtschaftspraktiken chinesische Unternehmen auf dem Heimmarkt vor ausländischer Konkurrenz schützt und ihnen teilweise mit üppigen staatlichen Subventionen zu ungerechten Wettbewerbsvorteilen auf dem Weltmarkt verhilft. Als Trump 2017 versprach, Amerikas Defizit im Aussenhandel deutlich zu senken, zielte er daher von Anbeginn auf China.
Hohes US-Handelsbilanzdefizit mit China
Quelle: US Census Bureau
Niedrigere Importzölle für die restliche Welt
Zweifelhaft ist allerdings nach wie vor, ob Trump mit seiner Strategie der Strafzölle und Drohungen auf dem richtigen Weg ist. Das US-Handelsbilanzdefizit ist seit Trumps Amtsantritt nicht kleiner, sondern grösser geworden: Von 2017 bis Ende Mai 2019 ist es um gut 27 Prozent geklettert. Überdies sehen sich US-Exporteure im Reich der Mitte aufgrund des Handelskonflikts mit zunehmenden Wettbewerbsnachteilen konfrontiert. Einer Studie des renommierten Peterson Institute For International Economics zufolge sind Chinas durchschnittliche Importzölle auf Waren und Güter «Made in USA» seit Anfang 2018 von 8 auf 20,7 Prozent gestiegen, wogegen sie für die restliche Welt von 8 auf 6,7 Prozent gefallen sind.
Seit Trumps Amtsantritt gewachsen
Quelle: Bloomberg
Die neusten Handelsdaten belegen, dass die US-Strafzölle Wirkung zeigen, ebenso die chinesischen Strafmassnahmen: Amerikas Importe aus China haben sich im Zeitraum von Januar bis Ende Mai 12,3 Prozent auf rund 180 Mrd. US-Dollar gegenüber der Vorjahresperiode zurückgebildet, während die US-Exporte in die Volksrepublik mehr als 19 Prozent auf 42,9 Mrd. US-Dollar gefallen sind. In den ersten fünf Monaten hat sich das US-Handelsbilanzdefizit mit China vor rund 152,1 auf 137,1 Mrd. US-Dollar im Jahresvergleich verringert. Trump wird dies wohl als Erfolg seiner Handelspolitik werten. Die US-Handelsbilanz hat sich dadurch jedoch nicht verbessert, denn die gesamten US-Einfuhren sind seit Jahresbeginn mit rund 1028 Mrd. US-Dollar (+0,8 Prozent) gegenüber dem Vorjahreswert mehr oder weniger unverändert hoch.
Amerikas Einfuhren aus China schrumpfen
Quelle: US Census Bureau
Wenn die China-Einfuhren seit Jahresbeginn geschrumpft, die Gesamtimporte aber gleich hoch geblieben sind, stellt sich unweigerlich die Frage: Wer profitiert davon, dass die USA in der Volksrepublik weniger einkaufen? Trump hatte bei seinem Amtsantritt den US-Bürgern unter anderem versprochen, Arbeitsplätze zurück in die Vereinigten Staaten zu holen. Ein Blick in die US-Handelsstatistik zeigt jedoch, dass er den Beweis dafür noch nicht erbracht hat. So sind in den ersten fünf Monaten 2019 die US-Importe aus klassischen Outsourcing-Destinationen wie Mexiko, Vietnam, Taiwan, Südkorea und Indien mit gesamthaft rund 27,1 Mrd. US-Dollar kräftiger gestiegen, als die Einfuhren aus China gefallen sind (-25,3 Mrd. US-Dollar). Vietnam beispielsweise ist gemessen am Gesamthandel (Export und Import) seit diesem Jahr gar zu den fünfzehn wichtigsten Handelspartnern der USA aufgestiegen.
Mexiko und Vietnam legen kräftig zu
Quelle: US Census Bureau (Stand Mai 2019)
Auf Kosten von China gewonnen
In den Handelsbeziehungen zwischen China und den USA ist die Produktekategorie Computer und Computer-Peripheriegeräte die wichtigste Klasse. Einer Studie der US-Grossbank Wells Fargo zufolge entfiel 2017 mehr als ein Drittel aller US-Einfuhren aus China allein auf diese Kategorie. Innerhalb dieser Produktekategorie war China sogar für 46 Prozent aller US-Einfuhren verantwortlich und damit der mit Abstand wichtigste US-Handelspartner. Das ist die Volksrepublik immer noch, aber in den ersten vier Monaten 2019 ist dieser Anteil auf 35,8 Prozent gesunken. Vietnam dagegen hat seinen Beitrag seit 2017 von 2,9 auf 6,2 Prozent (April 2019) mehr als verdoppelt. Gewinner waren zwar auch Taiwan, Mexiko, Südkorea und die Eurozone, aber kein Land hat seinen Anteil so stark ausgeweitet wie Vietnam. In den USA weckt diese rasche Zunahme daher auch Zweifel, teilweise sicher berechtigt, ob der südostasiatische Staat tatsächlich immer der wahre Hersteller dieser Produkte ist.
Die Kategorie Elektronikprodukte wiederum ist die zweitgrösste Produkteklasse, die China an die USA liefert. Darunter fällt eine Reihe von langlebigen Konsumgütern wie Kühlschränke und Waschmaschinen. Hier war gemäss Wells Fargo seit 2017 Mexiko der grösste Nutzniesser des Handelsdisputs zwischen China und den USA. Auch die Eurozone, Malaysia und Thailand haben ihren Anteil an den US-Importen von Elektronik seither gesteigert.
Abschliessend bleibt festzuhalten, dass die Strafzölle die inländische Produktion in den USA bislang nicht angekurbelt haben. Sie haben vielmehr dazu geführt, dass sich die globalen Versorgungsketten von China teilweise zu anderen US-Handelspartnern verschieben. Wirtschaftlich sind die beiden grössten Volkswirtschaften der Welt aber weiterhin eng miteinander verzahnt. Falls sich der Handelskrieg verschärfen sollte, nimmt das Entkoppelungsrisiko entsprechend zu. Für die Weltwirtschaft verhiesse dies nichts Gutes. Denn neue Lieferketten aufzubauen oder neue Zulieferer zu finden, nimmt Zeit in Anspruch. Dies wiederum belastet Handelsaktivitäten und Unternehmensinvestitionen.