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Gaspard Koenig, in Ihrem Buch «Das Ende des Individuums» schreiben Sie, dass man gegenüber künstlicher Intelligenz (KI) oder Robotern nicht höflich sein sollte. Warum ist das wichtig?
Technologie ist kein Fortschritt an sich, sie ist nur ein Werkzeug. Sie kann in mancher Hinsicht auch ein Rückschritt sein. Eine KI ist ein sehr nützliches Werkzeug, aber man sollte nicht vergessen, dass sie nur eine Nachahmung und keine Replikation des Menschen ist. Wenn man eine KI personifiziert, wenn man höflich zu einer KI ist oder wenn man eine KI als eine Person mit einem Bewusstsein betrachtet, verfällt man einem Trugschluss, man missversteht sie in gewisser Weise. Es ist, als würde man Dingen eine Seele verleihen, man fällt in eine Art Animismus zurück.
Wir vergessen damit schnell, dass KI nicht Mensch ist, sondern nur Maschine.
Amazon bittet Kinder, die mit Alexa sprechen, höflich zu sein. Ich glaube sogar, dass die Maschine nur in Gang kommt, wenn das Kind höflich spricht. Ich halte das für einen Fehler, denn wenn man Kindern beibringt, mit einem Roboter höflich zu sein, dann werden sie nicht zwischen Realität und Nachahmung unterscheiden können. Mit einer KI sollte man natürlich umgehen, wie man das etwa bei einer Suchmaschinenanfrage tut.
Sie beschreiben, wie Ihre Tochter in ein Smartphone tippt, und Sie beobachten, wie sie das erste Wort nimmt, das Google vorschlägt. Was bedeutet es, wenn Kinder aufhören, nach der besten Formulierung zu suchen, stattdessen die Entscheidung der KI übergeben?
Die Frage, welches Wort wir in die Textnachricht schreiben, können wir vielleicht bequem an die Maschine delegieren. Aber es gibt weitaus grössere Fragen. Wen werde ich heiraten? Auf welche Universität werde ich gehen? Auf welche Stelle bewerbe ich mich? Ich habe in Kalifornien Unternehmen besucht, die Angebot und Nachfrage im
Arbeitsmarkt aufeinander abstimmen; sie sagen, man werde in Zukunft nicht mehr nach einem bestimmten Job fragen müssen. Es reiche stattdessen, die eigenen Daten zur Verfügung zu stellen, und ihre Firma findet die richtige Tätigkeit angesichts der aktuellen Marktlage, den richtigen Beruf. Das ist dann vielleicht etwas, an das Sie gar nicht gedacht haben.
Daten im Tausch gegen Lebensglück also.
Das bietet mehr Bequemlichkeit, vielleicht sogar mehr Glück – aber auf Kosten des freien Willens und auf Kosten der Freiheit. Das hat auch Yuval Noah Harari in «Homo Deus» sehr pointiert festgestellt: Was hier auf dem Spiel steht, ist die Zukunft des Liberalismus, der liberalen Gesellschaften.
«In der Geschichte der Technik
sind die Eigentumsrechte immer
hinter den neuen Technologien zurückgeblieben,
manchmal um Jahrhunderte.»
Besteht nicht die grosse Gefahr, dass die Menschen bereit sind, alles der Maschine zu überlassen?
Buddhisten wie Harari fühlen sich mit der Perspektive, glücklicher zu werden, sehr wohl, denn ihr Hauptziel ist es, das Leiden zu beseitigen. Er sagt etwa, dass es ihm sehr geholfen hätte, wenn ihm eine KI aufgrund seines Verhaltens im Internet bereits als Teenager offenbart hätte, dass er homosexuell sei – es hätte ihm jahrelanges Leiden erspart. Ich hingegen denke, dass diese Zeit des Leidens, die er durchgemacht hat, der wichtigste Teil ist. Denn man leidet, weil man frei ist und weil man eine Entscheidung über sich selbst zu treffen hat.
Sie wollen die Entscheidung also nicht der Maschine überlassen?
Für mich ist es das nicht wert. Selbst wenn es mich glücklicher macht, mir mehr Komfort bietet, mein Leben bequemer macht. Doch werden wir alle einen Kompromiss zwischen Glück und Freiheit eingehen müssen.
Sie haben etwa die Entscheidung getroffen, aus den sozialen Medien auszusteigen.
Wir können die Art und Weise ändern, wie wir Technologie nutzen; sie beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden.…