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Wir blicken auf eine erstaunliche Phase des Wirtschaftswachstums zurück. Seit Beginn der ersten Hochphase der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Pro-Kopf-Einkommen in den Industrieländern durchschnittlich um den Faktor 20 gestiegen. Der Wachstumsprozess erfasste schrittweise immer mehr Regionen der Welt. Er begann in Westeuropa und den angelsächsischen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erfasste Ende des 19. Jahrhunderts den Rest Europas, Japan und bald auch Lateinamerika. In den jüngsten Jahrzehnten schliesslich wiesen die «asiatischen Tiger» und China andauernd hohe Wachstumsraten auf.
Diese unglaubliche Entwicklung ist einmalig in der Geschichte der Menschheit. Wohl gab es schon vor 1800 Wachstumsphasen und wissenschaftliche Erkenntnisse, aber das Tempo des Fortschritts war weit geringer. Zwar gab es die Hochkulturen der Antike und die Blüte des chinesischen Reiches, doch alle diese Wachstumsepisoden gingen irgendwann in Stagnation oder gar Rückschritt über. Die klassischen Ökonomen, die noch nicht auf eine Periode langen Wachstums zurückblicken konnten, erwarteten darum mehrheitlich, dass die Produktivitätsfortschritte der frühen industriellen Revolution, induziert zum Beispiel durch die breite Anwendung von Dampfmaschinen, das Pro-Kopf-Einkommen nur auf ein höheres Niveau heben, aber keine anhaltende Wachstumsperiode einleiten würden. Im Gegenteil, Pessimisten wie Malthus befürchteten, dass der technologische Fortschritt nur die Bevölkerungszahl erhöhen würde, während der Wohlstand des einzelnen wieder auf den früheren Stand oder gar dahinter zurückfallen würde. Malthus wurde posthum eines Besseren belehrt, denn Wohlstandsentwicklung und Bevölkerung entkoppelten sich. Die andauernden Verbesserungen des Lebensstandards und die sinkende Säuglingssterblichkeit führten verzögert auch zu einem Rückgang der Geburtenrate.
Einigen Ländern ist es gelungen, seit Beginn der Industrialisierung mehr oder weniger konstante Wachstumsraten beizubehalten – von Kriegen und tiefen Rezessionen abgesehen. Hätte ein Beobachter im Jahre 1929 für die USA die durchschnittliche BIP-Wachstumsrate zwischen 1870 und 1929 bis zum Jahre 1989 extrapoliert (so er denn die BIP-Daten gehabt hätte, das Konzept des «BIP» wurde erst später eingeführt), hätte er ein Wachstum von 125 Prozent vorausgesagt. Eine ungemein präzise Prognose, denn tatsächlich waren es 130 Prozent, obwohl die Weltwirtschaftskrise, der 2. Weltkrieg und die Ölschocks der 1970er Jahre dazwischenlagen. Rezessionen sind prägende Ereignisse, aber dieses Beispiel zeigt, wie viel wichtiger das Trendwachstum im Vergleich zu einzelnen Rezessionsphasen ist.
Diese erstaunlichen Entwicklungen werfen die Frage auf, worin denn die Quellen dieses anhaltenden Wachstums liegen. Die ökonomische Theorie identifiziert zwei Hauptkomponenten: Investitionen und Innovationen.
Wachstumstreiber Investition
Investitionen in physisches Kapital und in Humankapital erhöhen die Produktivität. Nehmen wir eine Firma, die ihre Produktionsprozesse erneuert: Ein höherer Automationsgrad durch Maschinen oder IT steigert das mögliche Arbeitsvolumen eines Beschäftigten. Dasselbe gilt für öffentliche Investitionen: Eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur erleichtert beispielsweise den Austausch von Gütern, Kommunikationsinfrastruktur ermöglicht die Zusammenarbeit über weite Distanzen, Investitionen in Bildung erhöhen die Einsatz- und Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Investitionen spielen eine enorme Rolle für das Wachstum von Volkswirtschaften. Denken wir an den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur in Deutschland und Japan nach dem 2. Weltkrieg und das damit verbundene «Wirtschaftswunder». Stalins Diktum, Kommunismus «sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung», fasst den starken Aufschwung der Sowjetunion zusammen, wenngleich er unter Zwangsmassnahmen erreicht wurde.
Langfristiges Wachstum ist mit Investitionen alleine aber nicht möglich. Natürlich arbeiten wir mit einem Computer effizienter, aber schon der zweite Rechner mit zum Beispiel verbundenen Bildschirmen wird die Effizienz nicht mehr so stark steigern wie der erste. Erhöht man die Investitionen, ohne einen wirklich neuen Verwendungszweck zu haben, wird der Mehrertrag dieser zusätzlichen Anlagen mit der Zeit immer geringer ausfallen. Um das Beispiel der Sowjetunion aufzugreifen: Der Sputnik-Schock 1957 liess die freie Welt befürchten, dass das zentral gelenkte System der Sowjetunion den Westen gegen Ende des 20. Jahrhunderts überflügeln könnte, wenn man die Wachstumsraten seit 1920 extrapolierte. Aber das Wachstum der Sowjetunion war…