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- Versöhnungsbund Schweiz IFOR
- Forum für Friedenserziehung und aktive Gewaltfreiheit
Ueli Wildberger kam am 11.Juli 1945 im kleinen Randendorf Hemmental bei Schaffhausen zur Welt, zwei Monate nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Der Vater, ein Klettgauer Bauernsohn, war Dorfschullehrer. Er hatte seine Stelle in den 30iger Krisenjahren dort bekommen mit der Auflage, auch in der Kirche Orgel zu spielen und den Frauen- und Männerchor zu leiten. Die Mutter war Stadtzürcherin, Tochter eines Postbeamten. Bald kamen zum erstgeborenen Ueli der Bruder Peter und die Schwester Ruth dazu und die Lehrerwohnung im Dachstock des Schulhauses wurde zu klein. 1950 übersiedelte die Familie in die Stadt Schaffhausen und fand dort ein Einfamilienhaus mit schönem Gemüse- und Blumengarten. Die Schwestern Annerös und Marianne kamen 1952 und 1960 dazu. Ueli besuchte die Schulen, die er 1964 mit der Matura abschloss. Daneben erlernte er das Geigenspiel. Auch die Geschwister konnten alle Musikstunden nehmen und es wurde viel zusammen musiziert. Dafür lag ein Auto nicht auch noch drin. Die Mutter liebte die Natur, die Blumen und das Wandern, was sie zum Hobby für die ganze Familie machte. An manchen Wochenenden war die ganze Familie Gastgeberin in der reformierten Heimstätte Rüdlingen. Wanderferien, Autostopp- und Velotouren erweiterten den Horizont.
Ab 1964 studierte Ueli Theologie in Zürich, Marburg und Berlin. Es war vorerst selbstverständlich, die Rekrutenschule als Infanterist zu absolvieren. Jedoch führten die zwei Jahre in Berlin um 1968 mitten im Zentrum der grossen Jugendbewegung für Ueli zu einem prägenden Umdenken. Neue Werte wurden wichtig wie Selbstlosigkeit, soziales Engagement und Widerstand ohne Waffen nach dem Vorbild von Gandhi. Als Theologe hätte Ueli problemlos aus der Armee austreten können. Er aber wollte aktiv Militärdienst verweigern und für die Einführung eines Zivildienstes kämpfen. Für seine Überzeugung nahm er eine Gefängnisstrafe in Kauf. Dies war für die Eltern, die den 2. Weltkrieg hautnah miterlebt hatten, schwer zu verstehen. Als Schweizer in Berlin war es gut möglich, in die damalige DDR zu reisen. Unvergesslich seine Beschreibung, wie er jeweils mit Koffern voller theologischer Bücher die check points in die DDR überquerte, angebend, er brauche die Bücher für einen theologischen Kongress. Er brachte sie dann seinen Kolleginnen und Kollegen für deren Bibliothek, denn theologische Fachliteratur konnte damals in der DDR nicht gekauft werden. Viele Freundschaften entstanden in dieser Zeit und Ueli traf diese Familien sein ganzes Leben lang.
Nach dem Studium und der anschliessenden Ordination am 21. Nov. 1971 sowie einem Zwischenjahr in Paris arbeitete Ueli vorerst in Pfarrer Siebers Notschlafstelle für Drogenabhängige, dann acht Jahre als Jugendsekretär beim Christlichen Friedensdienst. Kurz nach der Gründung 1981 stiess er zu den Peace Brigades International, wo er auch Einsätze in Zentralamerika machte. Zwischendurch führte ihn eine längere Reise auf dem Landweg über Afghanistan nach Indien und Nepal. Bei der Rückkehr völlig abgemagert von Entbehrungen und Durchfällen schaffte er es gerade noch ans Hochzeitsfest seiner Schwester.
1975 traf Ueli an einem Kurs über Gewaltfreiheit erstmals France Soubise. Sie hatte als Kind in Madagaskar gelebt und wohnte damals in der Nähe von Marseille, wo sie Taubstummenlehrerin war. Sie verliebten sich und 1980 zog France zu Ueli in die Schweiz und arbeitete als Yogalehrerin. 1984 lud das Paar ein zu einem unvergesslichen 2-tägigen Hochzeitsfest in die Wartburg ob Mannenbach über dem Untersee. Ueli wollte ein Leben in Einfachheit und in sozialer Gemeinschaft führen und hat nach dem Studium immer in Wohngemeinschaften in Zürich gewohnt, die längste Zeit an der Agnesstrasse 25. Im Laufe der rund 40 Jahre, die sie dort wohnten, hatten sie über 100 meist junge Wohnungspartnerinnen und Partner. Nur sie wurden langsam älter.
Bereits 1972 trat Ueli dem Versöhnungsbund (IFOR Schweiz) bei. Dieser wurde später zu seinem Arbeitsmittelpunkt. Zusammen mit Jonathan Sisson baute er das Forum für Friedenserziehung auf, erarbeitete sich die Grundlagen aktiver Gewaltfreiheit und sie führten Kurse durch. Die Werkzeuge für die Aktionen waren sehr kreativ: Ein Marsch durch die ganze Schweiz mit dem Ziel, endlich einen Zivildienst einzuführen, Grossdemos gegen AKWs von Leibstadt nach Kaiseraugst, in Gösgen und in Mühleberg sowie gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen, Menschenteppich gegen die Waffenschau 1981 in Winterthur,
Soldatenfriedhof bei der Wehrschau in Frauenfeld 1982. Da ich in Frauenfeld wohne, kam Ueli damals am Vorabend mit etwa 20 Leuten aus Zürich zu mir in die Wohnung und sie verbrachten die Nacht auf meinem Stubenboden, bevor sie dann an die Antiwehrschaudemo gingen. Solche Aktionen bereitete Ueli immer ganz genau vor, instruierte die Teilnehmenden als Peace keeper, damit gewaltbereite Leute wie z.B. der schwarze Block sofort gestoppt werden konnten, wenn sie gewalttägig wurden. Ueli setzte sich auch für eine menschliche Flüchtlingspolitik ein. Eine Kirchenbesetzung 2009 führte zur Gründung des Solinetz Zürich.
Während Ueli jeweils im Frühling in Italien eine Auszeit nahm, mit France wanderte und wunderschöne Kinderbücher und Aquarelle kreierte, war er im Sommer regelmässig auf einer Alp oder bei Bergbauern im Calancatal anzutreffen. Seine Violine war ihm eine regelmässige Begleiterin. All dies war sein Ausgleich zu seiner manchmal doch recht zermürbenden Friedensarbeit. Nie zeigte sich Ueli jedoch frustriert.
2021 machten sich ernsthafte gesundheitliche Probleme bemerkbar, im Frühling eine Lungenembolie und wenig später ein Schlaganfall, ausgelöst durch eine Hirnembolie. Als Ursache wurde ein schon etwas fortgeschrittener und aggressiver Prostatakrebs diagnostiziert. Mit grossem Einsatz und Elan in der Rehaklinik erholte sich Ueli fast voll von den ersten Lähmungen. Im Sommer des letzten Jahres folgten weitere Rückschläge und Schlaganfälle. Wieder ging es dank bewundernswertem Einsatz während dreier Monate in der Rehaklinik Sonnmatt bei Luzern aufwärts. Kurz vor Weihnachten verschlechterte sich der Zustand, Schmerzen kamen dazu. Am 24. Dezember konnte Ueli noch mit dem Rollstuhl vom Pflegeheim in den Gemeinschaftsraum seiner Wohnüberbauung in Witikon gebracht werden und mit der ganzen Grossfamilie Weihnachten feiern. Nie haderte Ueli mit seinem Schicksal. Getragen von seinem tiefen Glauben ertrug er Rückschläge und Schmerzen. Vom erneuten Schlaganfall am 19. Januar, der zur Einweisung ins Spital führte, erholte er sich nicht mehr und verstarb am 23. Januar im Beisein seiner geliebten France.
Ueli bleibt uns in Erinnerung als ein Mensch mit einem grossen Engagement für eine gerechte, solidarische Welt. Bewundernswert ist, wie er seine Überzeugungen auch in seinem persönlichen Leben konsequent gelebt hat.
Peter Wildberger