Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03242.jsonl.gz/1936

Äneas
(grch.
Aineias), einer der gefeiertsten
Helden der antiken Sagengeschichte, nach
Homer der Sohn des
Anchises und
der
Aphrodite.
[* 2] Er wohnte bei seinem
Vater zu
Dardanos und nahm nicht von Anfang
an am Trojanischen
Kriege
teil. Erst als er von
Achilleus auf dem
Ida bei seinen Rinderherden überfallen war, führte er die
Dardaner gegen das griech.
Heer.
Äneas erscheint während des Kampfes als ein Liebling der
Götter und unter den
Helden
Trojas als der tapferste nächst
Hektor.
Die Erzählungen der Alten über seine Geschicke vor, während und nach der Eroberung
Trojas sowie über seine spätern Wanderungen
sind sehr verschieden. Aus der Ilias geht hervor, daß die älteste Sage den
Äneas nach dem Untergange des Geschlechts
des Priamos über dessen
Land und
Volk herrschen ließ. Spätere Dichter erzählen vom
Auszuge des
Äneas aus
der Landschaft
Troas nach verschiedenen Gegenden.
Stesichorus (um 600 v. Chr.) ist der erste, der den
Äneas nach Hesperien
gelangen läßt.
Mit der Erweiterung der röm. Macht bekam die Sage, daß
Äneas nach Latium gekommen
und Stammvater des röm.
Volks geworden sei, allgemeine Geltung und wurde durch die röm. Sagenschreiber
und Dichter, besonders aber durch die Familie der Julier, die sich von Julus, dem
Sohne des
Äneas, ableiteten, gepflegt. Die
Lokalsagen, nach denen
Äneas bald hier bald dort das Ziel seiner Fahrt oder sein Ende gefunden hätte, wurden von
der röm. Sage in Schatten
[* 3] gestellt und mußten sich ihr unterordnen, wobei
dann jene Orte als
Stationen in die weite Fahrt von
Troja
[* 4] nach den ital.
Küsten eingereiht wurden.
Auf diese Weise wird die Fahrt namentlich von Virgil in der Äneis geschildert. Nach seiner Darstellung rettete in der Nacht, als Troja von den Griechen genommen wurde, aus der brennenden Stadt die Götterbilder seines Hauses und Vater und Sohn. Seine Gattin Kreusa verlor er auf der Flucht in dem Getümmel. Mit 20 Schiffen segelte er nach Thrazien, wo er die Stadt Änos gründete; allein ein Wunder erschreckte ihn, und er verließ das Land. Nun wendete er sich nach Delos.
Mißdeutung des dort erhaltenen Orakels führte ihn nach
Kreta; dort ward ihm von den mitgenommenen
Göttern geoffenbart, daß
Hesperien das auch von
Apollon
[* 5] gemeinte Endziel seiner Fahrt sei. Er gelangte nach dem Vorgebirge
Actium, nach
Epirus, von da
an den Fuß des
Ätnas ins
Land der Kyklopen,
[* 6] dann um
Sicilien herum nach dem Vorgebirge Drepanum auf der
Westseite der
Insel, wo
Anchises starb. Ein
Sturm verschlug
Äneas nach
Karthago,
[* 7] wo Dido (s. d.) von leidenschaftlicher Liebe zu
ihm erfüllt ward.
Jupiter aber sandte durch
Merkur
[* 8] dem den
Befehl, nach
Italien
[* 9] zu gehen.
Während die von
Äneas verlassene Dido ihr Leben freiwillig endigte, segelte er mit seinen Genossen
ab und ward durch
Sturm nach
Sicilien zum Gastfreunde Acestes verschlagen, wo er dem
Anchises zu Ehren Totenspiele feierte.
Nach Erbauung der Stadt Acesta (Segesta) schiffte er nach
Italien, wo er bei Cumä die Sibylla aufsuchte, die ihm seine Zukunft
weissagte und ihn zur Unterwelt geleitete. Aus dieser zurückgekehrt, gelangte er nach einer neuen Schiffahrt in den
Tiber,
an dessen östl. Ufer er, im
Lande des laurentischen Königs Latinus, Latium betrat. Dessen Tochter Lavinia war von dem
Schicksal
einem
¶
forlaufend
Fremd-606 linge bestimmt, aber, namentlich von der Mutter Amata, dem Könige der Rutuler, Turnus, verheißen. Dies veranlaßte
einen Krieg, nach dessen Beendigung sich A. mit Lavinia vermählte. Das Weitere deutet Virgil nur an. Man glaubte, daß A.
im Flusse Numicius verschwunden sei, und identifizierte ihn dann auch mit dem dort waltenden einheimischen
Gott. Nach älterer Sage gründeten
Äneas' Söhne oder Enkel Rom;
[* 11] nach spätern Erzählungen erbaute
Äneas' Sohn Ascanius Albalonga.
Dessen Nachfolger wurde des
Äneas' mit der Lavinia erzeugter Sohn Silvius. Der Sohn des Ascanius, Julus, galt als Ahnherr des
Geschlechts der Julier. –
Vgl. Klausen, und die Penaten (2 Bde., Hamb. und Gotha [* 12] 1839–40);
Förstemann, Zur Geschichte des
Äneasmythus (Magdeb. 1894).