Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03341.jsonl.gz/594

Es war einmal ein mächtiger Kaiser, der herrschte über ein grosses Reich. Seine Tochter war die allerschönste Prinzessin der ganzen Welt. Sie war sehr stolz und eitel. Nur die allerfeinsten Seidenkleider mit goldbestickten Drachen, blauen Meeren und weissen Wolken gefielen ihr. Sie trug den wertvollsten Schmuck aus Gold, Silber und Jadestein. Ihre Haare schmückten die herrlichsten Nadeln mit Perlen und Diamanten. Und doch war die Prinzessin nicht zufrieden. Sie wünschte sich etwas, das niemand auf der Welt besass.
Einmal ging die schöne Prinzessin im Morgengrauen durch den kaiserlichen Park spazieren. Es war so früh, dass auf den Blumen und Blättern der Morgentau lag. Als die Sonne über den Bäumen aufging, erstrahlten die Tautropfen wie die klarsten Edelsteine. Sie leuchteten wie Diamanten in einer geöffneten Schatztruhe. Die schöne Prinzessin sah die Pracht und würde blass vor Zorn. So herrliche Edelsteine hatte sei nicht in ihrer Schmuckkassette. Sofort eilte siezu ihrem Vater: „Schenke mir ein Diadem aus Tautropfen“, sprach sie zum Vater, „und wenn du es nicht tust, sterbe ich vor Kummer.“
Dann ging sie in ihre Kammer und den ganzen Tag über konnte man ihr Weinen im Palast hören. Der alter Kaiser wusste zwar, dass niemand auf der Welt diesen Wunsch der Tochter erfüllen konnte. Trotzdem liess er noch am gleichen Tag die besten Goldschmiede und Juweliere in den Palast kommen. Er befahl ihnen, in spätestens drei Tagen für die Prinzessin ein Diadem aus Morgentau anzufertigen, sollten sie es nicht schaffen, würde ihnen der Kopf abgeschlagen.
Sein strenger Befehl rief im ganzen Land Entsetzen hervor. Die Goldschmiede und Juweliere sahen mit ihren Familien und Gehilfen den Tod vor Augen. Wie sollten sie ein Diadem aus Morgentau schaffen? So verging der erste Tag, dann der zweite und schliesslich kam der dritte Tag.
Da erschien ein alter Mann vor dem Kaiserpalast. Die Wächter führten ihn sofort zum Kaiser und seiner schönen Tochter. Der Alte verneigte sich tief vor den kaiserlichen Hoheiten und sprach: „Ich bin gekommen, um für die allerschönste Prinzessin ein Diadem aus Tautropfen anzufertigen. Aber eine untertänige Bitte habe ich“, sagte der Alte. „Sprich sie aus! Sie wird dir sofort erfüllt!“, entgegnete der Kaiser. Da sagte der Alte: „Ich bitte die Prinzessin, die gewünschten Tautropfen selbst auszuwählen und mir zu bringen. Daraus mache ich ihr ein Diadem, wie es niemand in der weiten Welt hat.“
Die Prinzessin erhob sich und wurde von dem Alten in den Garten begleitet. Es war noch früh am Morgen. Noch lag in jeder Blüte ein glitzernder Tautropfen. Die Prinzessin ging von Strauch zu Strauch, von Blume zu Blume und suchte die schönsten Tropfen aus, doch kaum berührte sie einen, zerfloss er unter ihren Fingern. Keinen einzigen Tropfen Morgentau konnte sie dem Alten bringen und als sie zu ihm zurückkehrte, waren ihre Hände leer.
Da blickte der Alte sie milde an und die Prinzessin senkte beschämt ihren Kopf. Der Alte lächelte sie an und sie lächelte zurück und seit jenem Tag hatte sie nie wieder Sehnsucht nach einem Diadem aus Morgentau.
Das Märchen des Monats ist dieses Mal eigentlich mehr eine Weisheitsgeschichte. Auch Kinder vestehen gut, worum es geht. Ich möchte auch gar nicht gross darauf eingehen, sondern die Geschichte einfach nachwirken lassen.
Gut könnte man zu dieser Geschichte:
- am frühen Morgen Tautropfen bestaunen und ev. sammeln versuchen
- ein einzigartiges Diadem basteln
- über mögliche und unmögliche Wünsche sprechen