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Generation Flixbus
Auf der Post herrschte Betrieb, drei Minuten Wartezeit waren angezeigt. Junge Frauen mit Kinderwagen standen zwischen den Gestellen, neue Leute kamen herein, die Wartezeit kletterte auf vier Minuten, ein Mann mit einem Baby im Tragtuch klemmte sich zwischen die Kinderwagen, die Wartezeit betrug jetzt fünf Minuten.
Am Schalter rechts zählte eine Frau Kleingeld ab, vor dem mittleren Schalter war ein Gespräch im Gang, eine kleinere, ältere Frau, dem Akzent nach Spanierin, hörte nicht auf zu reden. Dabei hatte sie schon bezahlt, doch jetzt senkte sie ihre Stimme ins Vertrauliche. Sie trug einen wattierten Regenmantel, Foulard, Brille, kurze Haare, so sehen spanische Arbeiterfrauen über fünfzig aus. Das kann noch lange dauern, dachte ich.
Im Süden würdest du diese Szene mögen, sagte ich mir, das Getratsche und Gerede. Das ist Lebensqualität, würdest du denken, dass man sich einen Schwatz gönnt. Mit dem Onlineservice verschwindet das alles, und genau deshalb kämpfen die Leute um ihre Poststellen, damit das bleibt, dass sie miteinander reden können.
Vielleicht hat sie niemanden, die mollige Spanierin, dachte ich, niemanden ausser das Fernsehprogramm. Die junge Postbeamtin war nett, trotz der Schlange, das ist Sozialarbeit, was die auf der Post machen, dachte ich und fragte mich etwas beschämt, wann ich das letzte Mal auf der Strasse mit jemandem gesprochen habe, einfach so? Mit unbekannten Menschen?
Das junge Paar mit den Rucksäcken kam mir in den Sinn. Wo die Busstation sei, hatte das Mädchen gefragt, sie sprach unverständliches Deutsch. Nach Stuttgart wollten sie. «Flixbus?», fragte ich. Sie nickte. Flixbus, das sind die grünen Busse, die der Bahn die Kunden wegnehmen, weil sie unschlagbar billig sind, von Zürich nach Stuttgart zahlt man etwa 12 Euro, kommt auf die Nachfrage an, wie bei den Flugtickets. Flixbus ist der Uber des Fernverkehrs.
Ich erklärte den beiden den Weg zum Carparkplatz und wie man ein Billett der VBZ löst, die Fahrt mit dem 161er und dem 11er ist etwa gleich teuer wie die Busreise nach Stuttgart. Sie stiegen ein. Das ist die Flixbus-Generation, dachte ich, die Europa mit dem grünen Bus entdeckt, die Interrail-Reisenden unserer Zeit.
Interrail war Anfang der Siebzigerjahre eingeführt worden, mit dem Ticket konnten junge Menschen in den Sommerferien überall in Europa herumfahren. Vorher waren die Jungen mit Autostopp gereist. Doch irgendwann war das aus der Mode gekommen, die Jungen hatten mehr Geld, man konnte sich ein Bahnbillett leisten.
Im Vergleich zum Flixbus war Interrail das Paradies. Man konnte die Beine strecken, im Zug herumspazieren, aussteigen, es gab einen Speisewagen. Im Flixbus sitzt man zusammengepfercht, dem Nachbarn ausgeliefert, seiner Ausdünstung, seiner Musik. Mit dem Interrail-Billett holte man die Jugend in die Eisenbahn der Mittelklasse. Heute fährt die Jugend Flixbus, das Verkehrsmittel des Proletariats.
Kürzlich sah ich wieder ein junges Pärchen mit einem Karton an der Strasse stehen, «Basel» stand darauf, in grossen Buchstaben. Autostopper. Ich hätte gern mit ihnen gesprochen. Auf der Strasse, einfach so.