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Gemeinhin glauben alle Leute zu wissen, was der Unterschied zwischen den Vokabeln ›Information‹ – ›Bildung‹ – ›Wissen‹ ist. Vor allem Politiker. Da hört man Sätze wie: »Das ist ja bloße Information, das kann man doch nicht Wissen nennen!« »Tja, zwischen bloßem Wissen und echter Bildung ist eben ein großer Unterschied!«
›Information‹ wird je nach Kontext ganz verschieden definiert. ›Wissen‹ ist ein schwabbeliger Ausdruck. Man versuche einmal ›Bildung‹ ins Englische oder Französsische zu übersetzen.
Dieses Streifenmuster enthält eine INFORMATION.
Wenn wir diesen Satz äussern – was setzen wir dann stillschweigend voraus? (Man versetze sich probeweise in einen Zebrahengst bzw. eine Zebrastute, Zoobesucher, Dienstpersonal vor dem Jahre 1858, das Gläser abwischt, in die Person an der Kasse des Warenhauses...)
zuerst selbst einige Sätze formulieren, dann erst weiterlesen!
Wenn wir Sätze formulieren wie ›Dieses Muster enthält eine Information.‹, dann unterstellen wir:
Fazit: Erst auf dem Hintergrund von Vor-Wissen und auf der Basis einer Lesetechnik können irgendwelche Daten zu Information werden – wenn sie von jemandem mit einem bestimmten Interessse aktiv geholt werden.
Sätze wie »Dieser Speicher enthält Daten.« sollte man als irreführend mit äusserster Vorsicht traktieren. Alles, das reine Vakuum und das totale Chaos ausgenommen, ›enthält‹ irgendwelche Daten – diese werden aber zu Informationen erst dann, wenn ein erkennendes Subjekt sie aus einem bestimmten Interesse wahrnimmt, lesen und so an Vorwissen anschließen kann, dass sich die interessierenden Einsichten ergeben.
Weiterführende Frage: Was bedeutet das eben formulierte Fazit in unserem Zusammenhang mit Informations-Recherche in Bibliotheken, Enzyklopädien und im W.W.Web?
Es gibt eine lange Tradition der Unterscheidung von Wissenstypen:
Sodann können wir nach einer Alltagslogik Typen des Wissens unterscheiden (wir nehmen ›Können‹ gleich mit in die Liste):
Wie / wo werden diese einzelnen Wissenstypen abgespeichert? Wer tradiert sie? Hinweise: Enzyklopädie – Brauchtum – Apprentissage – Sammlung von Erzählungen – Bild – ...
Wie kann man das Wissenselement eines Typs im Speicher finden? Nicht immer taugt die Anbindung an ein Lemma. – (Freilich findet G. heutzutage auch Wissen zu ganzen Sätzen wie z.B. Wer ist mein Nächster?)
Jeder dieser hier nach Typen aufgelisteten Sätze wird aktuell an anders Wissen angebunden und macht erst so Sinn, hat eine Pointe, löst ein Problem. Wie geschieht diese Einbindung?
Je nach Wissenstyp werden andere sprachliche Fähigkeiten des Antwortens gefordert. Auf die Frage nach Goethes Todesjahr genügt das Nennen der Jahreszahl 1832. Die Geschichte des Odysseus muss man in narrativen Sätzen zusammenfassen (und im Präsens, das ist eine Konvention). Für andere Wissenstypen muss man die Konjunktionen beherrschen. Einige Wissenstypen erfodern die Kenntnis einer exakten Terminologie (Mord und Totschlag ist im Strafgesetzbuch etwas anderes).
Wissen bewegt sich immer in einem Umfeld. Unkraut gibt es in der Botanik nicht; aber der Gärtner weiss genau, was er ausreissen muss. Wer ein Wissen – sei es noch so gesichert – im falschen Medium anwendet (z.B. der Hobby-Gärtner in einer Biologie-Prüfung) stößt an.
In einer einfachen Kultur – Pfahlbauer oder Ureinwohner auf einer Südsee-Insel – ist das kollektive Wissen der Gesellschaft und das individuelle Wissen mindestens bei den iniziierten Mitgliedern deckungsgleich. Nach dem Genuss der Frucht vom Baume der Erkenntnis ist das kollektive Wissen um Zehnerpotenzen größer als das individuelle Wissen. (Vielleicht ist dies eine Auslegung des Mythos in Genesis 3,1ff.). Solche Gesellschaften behelfen sich damit, dass sie relevante Teile des kollektiven Wissens speichern: in Bildern, Mythen, Büchern, CD-Roms.
Individuelles Wissen ist irgendwie flockig, liegt in Clusters vor, ist angebunden an anekdotische Erinnerungen, ist schnell assoziativ verbindbar, ist mittels Merkversen aus der Erinnerung zurückzuholen (Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten). — Gesellschaftliches Wissen ist an ein Medium (Text, Bild, Schallplatte) gebunden und damit diesen medialen Bedingungen ausgeliefert. Ferner ist ein Interface nötig, das Gewähr gibt, dass auch ein anderer als der, der das Wissen abgespeichert hat, es finden kann. Es ergibt sich das Problem der Schnittstelle zwischen Klassifikator und User.
Das gespeicherte Wissen muss, auch damit der Speicher nicht in den overflow gerät, getrimmt werden. Der Artikel »Frosch« beispielsweise spricht nicht mehr davon, wie mühsam es war, nächtelang in Gummistiefeln im kalten Weiher zu stehen, bis das Foto gelang, nicht mehr davon, wie schwierig es war, das Aquarium von Schimmelpilzbefall frei zuhalten, bis die Metamorphose genau beobachtbar war. Alle Randbedingungen, die bei der ›Generierung‹ des Wissens anfielen, werden für den Enzyklopädieartikel weggeschnitten. Der Artikel enthält entkontextualisierte Information.
Der Benutzer des Artikels kann mit dieser Information auch ganz verschiedene Dinge tun, zum Beispiel kann er die Hinweise auf den Aufenthalt des Frosches benutzen, um Frösche zwecks Zubereitung ihrer Schenkel in einem Gourmet-Restaurant zu fangen. — Es ist mit diesem Lexikon- oder Enzyklopädie-Wissen wie mit dem Geld. Wie ich den 100-Frankenschein im Portemonnaie verdient habe (als Professor oder als Karosseriespengler), sieht man ihm nicht an. Und wofür ich ihn ausgebe (für einen Bordellbesuch oder zum Kauf eines Kirchengesangbuches) auch nicht.
Es gibt übrigens auch merkwürdige Verwendungsformen von Information (um im Bild zu bleiben: Es gibt auch Sammler von Banknoten) – das Rezyklieren von Informationen um ihrer selbst willen. Manchmal hat man das Gefühl, die Schule, die Wissenschaft beschäftige sich damit in einem Übermaß.
Il faut quelque degré d’intelligence, à pouvoir remarquer qu’on ignore: et faut pousser à une porte, pour sçavoir qu’elle nous est close.
Es bedarf immerhin eines gewissen Grades von Einsicht, um wahrnehmen zu können, dass man nicht weiss, und man muss eine Tür zu öffnen versucht haben, um zu erkennen, dass sie verschlossen ist. (Montaigne, Essais, III,13).
Unser Wissen ist stets lückenhaft. Insofern als wir dies bemerken, ist das nicht so schlimm, man kann ja (wenn man wenigstens einen Zipfel des Probelms kennt) in einer Enzyklopädie nachschlagen. – Einige Wissensbestände sind auch (durch Unglücksfälle, Ideologie oder Rancüne) verschlossen – Fatal ist es, wenn wir gar nicht wissen, was wir nicht wissen; blinde Flecke haben.
|Anlass / Grund / Ziel ...||(Beispiele für) Quellen|
|trivialer Anlass: Brand oder sonstiger Verlust aus gänzlich äusserlichen Gründen||allenfalls chronikalische Quellen; für uns nicht interessant|
|Wissenselemente, die nicht als überliefernswert gehalten wurden (und so nicht schriftl. tradiert wurden)||erschließbar allenfalls aus anderem Schrifttum, das nicht der Wissensüberlieferung dienen will|
|Platzmangel in einer Bibliothek oder Pergamentmangel > ausscheiden eines Texts/Buchs — aber entfernt wird nur das als unwichtig oder unliebsam Erachtete!||Palimpsest; der ›untere‹ Text wird mit modernen Mitteln lesbar gemacht; alte Bibliothekskataloge|
|Epitomisierung (Vereinfachung für Jugendliche oder Frauen oder für Schnell-Leser||eingekürztes Lexikon|
|Verdrängung durch Zensur weil das Wissenselement nicht genehm ist||Zensurakten|
|explizites Herausstellen von Irrtümern, die man überwunden glaubt||Beispiel: Thomas Browne|
|Übergang in einen anderen Wissens-Raum bzw. kulturellen Kontext||...|
|altes Wissen wird vom Redaktor als obsolet empfunden||Überarbeitung einer Sammlung; gelegentlich Metatexte des Redaktors, der sein Unternehmen rechtfertigt|
|tabuisiertes Wissen wird kaschiert||Camouflierungs-Techniken|
|der Bestand an totem Wissen deckt das aktuelle zu||...|
|blinde Flecken der Wahrnehmung||in unserer eigenen Welt nicht feststellbar, aber im Vergleich mit fremden (oder historisch abliegenden) Kulturen|
Gewissenhafter Umgang mit dem Nichtwissen: Die zweite Auflage von Giorgio Vasaris Le Vite de' piv eccellenti pittori, scvltori e architettori (In Fiorenza, Appresso i Giunti, 1568) enthält Bilder: ovale Holzschnitte im Format 7 x 5 cm in Prunkrahmen. Dort wo man kein Portait fand, ließ man den Rahmen leer. Vgl. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:014_le_vite,_pietro_cavallini.jpg
Palimpseste: Berühmtester Fall: Codex Vat.lat.5757: Cicero, de rep. überschrieben mit Augustin, enarr. in Pss. (»De re publica« ist einzig in dieser Hs. überliefert, die erst 1820 wieder entdeckt wurde!). Es gibt auch den Fall, dass ein heidnischer Text (Pindar) einen christlichen verdrängt. Beispiel: http://www.skypoint.com/members/waltzmn/CiceroPalimsest.jpg
Korrektur älterer Wissensbestände: Albertus Magnus schreibt in der »Historia animalium« gelegentlich, nachdem er überkommenes Wissen zitiert hat: sed expertus sum quod. — Ein großer Wissenskritiker ist Thomas Browne (1605–1682), »Pseudodoxia Epidemica or, Enquiries into very many Received Tenents And commonly presumed Truths«, London 1646. Online-Text hier: http://penelope.uchicago.edu/pseudodoxia/pseudodoxia.shtml
Zensur:
Systematische Lücken entstehen durch das (bei einer gewissen Menge und bei kollektiver Nutzung notwendigen) Ordnen der Wissenselemente: einige werden »weggeordnet«, d.h. der Benutzer findet sie nicht mehr am alten Ort oder gar nicht, weil er das System nicht kennt..
Getarntes Wissen: Ein schönes Beispiel ist die Tarnschrift zum "gemeinsamen Kampf aller Werktätigen zum Sturz der Hitlerdiktatur" mit dem "Manifest der der Brüsseler Partei-Konferenz der KPD", die 1935 erschien: Wie unsere Kakteen richtig gepflegt werden müssen; vgl. Lebendiges virtuelles Museum Online http://www.hdg.de/lemo/objekte/pict/d2a08425/index.html.
Der Bestand an totem Wissen wird ständig dadurch vergrössert, dass obsolete Wissenselemente erst lange nach ihrem Aktualitätsverlust oder nur bei auffälliger Inkompatibilität mit anderen entsorgt werden. Erforschbar wäre das anhand historischer Längsschnitte von Auflage zu Auflage (Der »Hübner« hat zwischen 1704 und 1825 31 Auflagen erlebt, vgl. die Microficheausgabe aller Auflagen.)
Das Thema des Wissensverlusts ist vor allem brisant im postindustriellen Zeitalter und in einer Epoche zunehmender Virtualität, wo niemand mehr Konkretes herstellt oder in die Hand nimmt, d.h. auch kaum mehr etwas hat, woran man seine orientierenden Erinnerungen festmachen kann. Und in einer Epoche galoppierender Innovationen, wo z.B. niemand mehr weiss, wie die letzte Version des Betriebssystems funktioniert hat und Dinge wie Disketten im Museum ausgestellt sind. (Vgl. Richard Sennett, The Corrosion of Character, New York: Norton, 1998).
Update 31.10.2010