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In Band IV seiner Problemgeschichte der Dialektik widmet sich Hans Heinz Holz dem 18. Jahrhundert – von der Aufklärung bis zum Deutschen Idealismus. Er beschreibt zuerst die gesellschaftliche Entwicklung, die sich ausbildende Idee einer für alle Menschen geltenden Gedankenfreiheit. Ja, selbst den englischen Sensualismus, Locke und Hume, kann er nicht unerwähnt lassen, ist er doch für die folgende Aufklärung nicht irrelevant. Obwohl: So wirklich viel Dialektik findet er darin nicht. Wichtiger sind dem dialektischen Materialisten die in Kapitel I.2 aufgeführten Hauptströmungen der Aufklärung, nämlich die sich entwickelnde Pädagogik (wo er nicht nur Campe, sondern auch Pestalozzi zu den Aufklärern schlägt!), die Enzyklopädie von d’Alembert und Diderot, der Materialismus von La Mettrie & Co. Der meist genannte Name in diesem Kapitel ist vielleicht der von Voltaire, obwohl Voltaire für Holz nur einer der beiden grossen Popularisierer jener Zeit ist. (Dem andern, Rousseau, hat er ein eigenes Kapitel gewidmet.) Daneben, und deshalb in einem eigenen Kapitel I.3 abgehandelt, ist für Holz auch die Entdeckung der Geschichte als einer Weltgeschichte ausserhalb eines göttlichen Heilsplans wichtig. Hier gerät der Leser zum ersten Mal in Kontakt mit einem Vertreter der Deutschen Klassik: Johann Gottfried Herder. Da Holz eher thematisch als chronologisch vorgeht, rückt mit der Historizität auch die Frage nach der Moral in den Blickpunkt, und damit der andere grosse Vertreter der Deutschen Klassik, Schiller, der in seiner Erziehung des Menschengeschlechts Pädagogik, Ästhetik und Ethik miteinander verknüpft. (Nicht unerwähnt bleibt dabei auch sein diesbezüglicher Vorgänger: Lessing.) Die Versöhnung von Ideal und Wirklichkeit in der Kunst ist das Stichwort von Abschnitt I.4.3.
Da Holz diese Strömung schlecht unterschlagen kann, bringt das II. Hauptstück die Wiederkehr des Irrationalen. Die bereitet ja in gewissem Sinn die gegen-aufklärerische Bewegung des Deutschen Idealismus vor (Holz benutzt den Begriff, mag ihn aber nicht), die der aufklärerischen Deutschen Klassik und dem ebenfalls aufklärerischen Kant gegenüber gesetzt wird. Die grossen Irrationalen sind dabei: Pascal, der in einem unaufgehobenen Widerspruch zwischen ésprit de géometrie und ésprit de finesse als erster die Diskrepanz zwischen dem vom von Berufs wegen auf Gott verzichtenden Wissenschafter und dem privat sehr gläubigem Menschen lebt. Dann Rousseau, der aus Descartes‘ Ich eine sentimentalische Subjektivität ableitet, und der – obwohl er sachlich nichts Neues bringt – mit seiner Art zu leben und zu schreiben, seiner Entdeckung der Wichtigkeit eines real existierenden Ich (nicht einer blutleeren Form, wie sie das Ich noch bei Descartes war) für eine ganze Epoche stilbildend wurde. Mit der Gegen-Dialektik betritt Holz dann wieder deutschen Boden, um ihn für die restlichen 450 Seiten von Band IV nicht mehr zu verlassen. Die deutschen Gegen-Dialektiker sind: Friedrich Heinrich Jacobi, der Rousseaus Ich zum empfindsamen ummodelt und dies in die Philosophie einzuführen versuchte. Novalis und Friedrich Schlegel (als Wortführer der – deutschen – Romantik), die die Philosophie poetisierten. (Holz ist sehr anti-romantisch eingestellt; er mag das nicht.) Friedrich Schleiermacher schliesslich, der den von Kant diskreditierten Gottesbeweis ins Innere eines Menschen verlegte.
Das ganze folgende III. Hauptstück ist Immanuel Kant gewidmet: Dialektik als Logik des Scheins. Holz expliziert zunächst, was Kant von Wolff (dem endgültigen Systematisierer Leibniz‘) übernommen hat: mehr als vom besser bekannten Hume, so Holz. Dann folgt eine Auseinandersetzung mit Kants Kritik der reinen Vernunft (Versionen A und B), deren Architektur, deren Schematismus, deren Antinomien. Ich gebe zu, dass ich Holz in die dialektischen Finessen seiner Kant-Interpretation nicht mehr gefolgt bin. Der zweite Teil von Band IV lässt sich nicht mehr als allgemeine Philosophiegeschichte lesen; hier erklärt ein Dialektiker in dialektischer Form die Welt und deren Denker. Dieses Risikos war ich mir bewusst, dennoch: Mein Denken lässt sich nicht nun mal nicht in die verzwickte Form der Dialektik pressen.
So sind auch die Kapitel 1 (Das hypertrophe Ich Fichtes) und 2 (Natur und schöpferischer Geist – Schelling) vom IV. Hauptstück (Der transzendentale Idealimus) einigermassen an mir vorbei gegangen. Fichte und Schelling sind für Holz Paradigmen einer romantischen, also fehlgeleiteten Entwicklung der Philosophie: weg von der Aufklärung, hin zu einer neuen Mystik. So weit kann ich Holz folgen; wo er zwischen den Zeilen immer wieder Hegel als Vertreter oder gar Vollendung der Aufklärung zu preist, allerdings nicht mehr. Im Ganzen war mir am Einleuchtendsten noch der Teil, wo er erklärt, warum Fichte in gutem Glauben seine Philosophie gegen den Vorwurf des Atheismus in Schutz nehmen konnte, während seine Widersacher in ebenso gutem Glauben ihn des Atheismus bezichtigen konnten.
Ich bin gespannt auf den letzten Band der Problemgeschichte. Wenn sich die Andeutungen der zweiten Hälfte von Band IV bewahrheiten, könnte es eine zähe Angelegenheit werden. Und es braucht auch keine prophetische Gabe, um vorher zu sehen, dass in Band V Hegel und Marx eine zentrale Rolle spielen werden.