Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03113.jsonl.gz/1675

www.titanicverein.ch
Narciso Bazzi kam am 22. Juli 1878 als Sohn von Demetrio und Marietta Bazzi in Brissago am Lago Maggiore zur Welt. Mit drei älteren Geschwistern wuchs er in der Tessiner Gemeinde auf, ein weiterer Bruder verstarb im Kindesalter bereits vor der Geburt von Narciso Bazzi.
1911 wanderte Bazzi nach London aus, wo er zunächst im Restaurant seines 16 Jahre älteren Bruders Giuseppe arbeitete und Anstellung auf dem White Star Liner Olympic als Kellner fand. Im Frühjahr 1912 konnte er mit zahlreichen Kollegen auf die neue Titanic wechseln.
In seiner Heimat kursieren zudem zwei Legenden, wie er zu seiner Anstellung kam, wobei es keine Hinweise dafür gibt, dass es sich tatsächlich so abgespielt haben könnte – zumal dieselben Geschichten über verschiedene Crewmitglieder erzählt werden – gemeinsam haben sie, dass sie (damals wie heute) schwer zu überprüfen sind, und dass sich mit so einer Geschichte jemand interessant machen konnte. Die eine Geschichte besagt, dass sich zwei Männer aus Brissago auf nur eine freie Stelle der Titanic gemeldet hätten und liessen darauf das Los entscheiden – Bazzi war der Gewinner. Laut der zweiten Legende soll Bazzi für einen anderen Brisaghesen, den 35-jährigen Agostino Giovanelli, eingesprungen sein, da dieser plötzlich schwer erkrankte. Wie erwähnt arbeitete Bazzi aber bereits auf der Olympic und empfahl sich damit direkt für den Wechsel auf die Titanic, daher erscheinen die beiden Legenden eher unwahrscheinlich.
Insgesamt arbeiteten sieben Schweizer im A-la-carte-Restaurant der Titanic. Als Kellner erhielt Bazzi pro Monat 3£, sein Verdienst war aber aufgrund des Trinkgeldes mindestens dreimal so hoch. Er lebte in London an der 21 Great Chapel Street, unweit der Oxford Street. Am 6. April 1912 begab er sich wie die meisten Besatzungsmitglieder an Bord der Titanic um während den verbleibenden Tagen vor der Jungfernfahrt das Schiff auf die Reise vorzubereiten.
Seit dem Betreten der Titanic fehlt jede Spur von Narciso Bazzi – niemand der den Untergang überlebte berichtete von ihm und er selber hat soweit bekannt keine Briefe oder Postkarten von Bord verschickt. Während der Überfahrt ist er seiner Aufgabe als Kellner im Restaurant nachgegangen. In der Untergangsnacht versuchten mehrere Mitarbeiter des Restaurants vergeblich von ihrer Unterkunft im Bereich der dritten Klasse zu den Rettungsbooten in der ersten Klasse zu kommen – vergeblich, der Weg, den sie sonst täglich mehrmals zurücklegten blieb ihnen in der Nacht versperrt. Ob Bazzi auch zu jener Gruppe gehörte, die am Heck im Bereich der dritten Klasse versuchte auf höhere Decks zu gelangen, ist nicht bekannt.
Keine der nach dem Untergang geborgenen Leichen konnte als diejenige von Narciso Bazzi identifiziert werden. Seine Mutter erhielt den noch ausstehenden Lohn von 12 Schilling ausbezahlt. Der Londoner Rechtsanwalt A. A. Biucchi konnte erwirken, dass der Familie von der Sammlung von Lord Mayor der Betrag von 60 Pfund zugesprochen wurde, ausbezahlt wurden dann sogar 80 Pfund. Vermutlich war dies neben den Liebesgaben auch der Schadenersatz, nach Abzug des Anwaltshonorars. Im März 1913 weigerte sich der Anwalt Biucchi, der Schweizerischen Botschaft in London die Höhe seines Honorars zu nennen, da dieses „privater Natur“ sei. Biucchi vertrat auch die Interessen der Angehörigen des Tessiners Alessandro Pedrini.
In der Gräberkapelle der Familie Bazzi auf dem Friedhof Brissago wurde nach dem Untergang eine Gedenktafel mit einem Portraitfoto für den verunglückten Kellner angebracht. Die Inschrift lässt sich in etwa wie folgt Übersetzen:
Geben Sie einen Gedanken, eine Blume in Erinnerung an
Narciso Bazzi,
den geschätzten Jungen, der kläglich
im schrecklichen Schiffsunglück
der Titanic am 15. April 1912 im Alter von nur 33 Jahren
starb, als ihm das Leben entgegenlächelte.
– Die Familie
Die Angehörigen von Narciso zogen über die Jahre von Brissago weg oder verstarben, die Gräberkapelle wurde nicht instand gehalten. Anfang der 1990er Jahre klafften erste Löcher im Dach und der Regen lief über die Gedenktafel. Seit 1994 steht der Titanic-Verein Schweiz wegen der Kapelle in Kontakt mit der Gemeindeverwaltung und konnte bewirken, dass das Dach provisorisch saniert wurde. Die bereits eingedrungene Feuchtigkeit liess aber das Mauerwerk und den Verputz weiter bröckeln. Die Eisenhaken der Befestigung der Platte in ca. 4m Höhe waren bis 2001 stark angerostet und wären wohl bei Frost abgesprengt worden, da sie nur im Verputz steckten und nicht mit dem Mauerwerk verbunden waren. Der Verein drängte die Gemeinde mit Erfolg dazu, dass die Tafel so rasch wie möglich aus der vom Einsturz gefährdeten Kapelle entfernt wird. Die Gemeinde liess die Kapelle wenig später abreissen. Die Gedenktafel hing dann über zehn Jahre lang für die Öffentlichkeit nicht zugänglich in einem Gebäude des alten Friedhofes in Brissago.
Am 12. April 2014 wurde die Tafel während einer kleinen Feier im neuen Brisagheser Friedhof Madonna di Ponte enthüllt.