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Wir wissen, 1798 wurde Leu & Cie. als Privatbank gegründet. Wie in Kommentaren richtig bemerkt, gab es die Zinskommission Leu allerdings als halbstaatliches Finanzinstitut bereits in den Jahren 1755 bis 1798. Die Jahresfeiern bei Leu bezogen sich denn auch immer auf die Gründung von 1755. Das letzte ganz grosse Jubiläum war 2005, die 250-Jahr Feier unter dem Schirm der Credit-Suisse.
Dass ich selber 1754 als Gründungsjahr in einem Kommentar angegeben habe, soll als Anlass genommen werden, den zweiten Teil der Entstehungsgeschichte der Zinskommission Leu zu widmen. Die Auflösung des Rätsels aus Teil I muss also noch warten.
Gegründet wurde Leu, weil es in Zürich zu viel Geld gab. Wir kennen das Problem nur zu gut: Das drückt auf den Zins. Während wir heute mit null Prozent kämpfen, war damals die Schmerzgrenze bei 5%.
Der Überfluss an Geld kam vom wirtschaftlichen Aufschwung, den Locarneser Glaubensflüchtlinge im 16. und 17. Jahrhundert nach Zürich brachten. Während der Zeit des eidgenössischen Religionsstreites flüchteten viele reformierte Tessiner vornehmlich nach Zürich. Das bekannte Verlagshaus Orell Füssli zum Beispiel geht auf eine Familie mit solchem Migrationshintergrund zurück, und sie spielt auch bei der Gründung von Leu eine Rolle.
Die Locarneser spielten nicht nur eine wichtige Rolle in der Wiederbelebung der Baumwoll- und Seidenindustrie, der neue wirtschaftliche Erfolg wird mehr noch ihren puritanischen Tugenden wie Sparsamkeit und Bescheidenheit zugeschrieben, die sie nach Zürich brachten und mit denen die entstehende kapitalistische Ökonomie wichtigen Schub bekam. Es war also nicht Zwingli, der die Zwingli-Stadt begründete.
Seit 1529 war der Höchstzins auf Kredite staatlich festgelegt, auf exakt 5%. Auf Klagen und Jammern der Bauern hin wurde diese Zahl 200 Jahre lang in Zürich als Wuchergrenze festgesetzt und durfte nicht überschritten werden. Es war aber auch eine frühe geldpolitische Entscheidung des grossen und kleinen Rates, um zu versuchen, die darbende Zürcher Wirtschaft mit billigem Geld etwas anzukurbeln.
Dies gelang immer besser. Während 5% für die Bauern eine schwer zu erwirtschaftende Hürde darstellte, übersprang sie die neue kapitalhungrige und blühende Industrie immer leichter. Und damit drehte sich der Wind. 1710 wurden die 5% zur Untergrenze deklariert; und gleichzeitig mit Erlassen und Strafandrohungen zu zementieren versucht, denn viele schlaue Bauern kauften sich mit dem billiger werdenden Geld aus ihrem Gült, der traditionell verbrieften Grundstückshypothek.
Das Überwachen der von der Obrigkeit festgesetzten Zinspolitik wurde nach 1710 einer vom grossen und kleinen Rat eingesetzten Zinskommission übertragen. Ohne Erfolg, Mitte des 18. Jahrhunderts war die 4%-Hypothek Realität.
1750 war es so weit, der Druck des Marktes und der Anleger war zu gross. Niemand wollte mehr die vorgeschriebenen 5% auf ausgeliehenes Kapital bezahlen. Es gab schlicht zu viel Geld, das investiert und verzinst werden wollte. Die Zinskommission, die schon seit vielen Jahren vom grossen Rat eingesetzte Aufsichtsbehörde, die die Zinsvorschrift von 5% zu überwachen hatte, wurde vergrössert und zu einer Art Think Tank befördert, der Vorschläge für die Lösung dieser verfahrenen Situation auszuarbeiten hatte.
Mit dabei der damalige Säckelmeister des Kantons Zürich, hinter dem Bürgermeister der zweitwichtigste Ratsherr, Hans Jacob Leu.
Ein Gutachten eben dieser Kommission kam 1750 zum Schluss, dass der Zinsverfall auch durch neuerliche Mandate nicht mehr aufzuhalten sei. Der kleine Rat vergrösserte die „Kommission zur Aufsicht der Geldverzinsung“ mit dem Auftrag abzuklären, ob und wo Zürcher Geld im Ausland sicher und gewinnbringend angelegt werden könnte.
Ausland war damals: ausserhalb vom Kanton Zürich. Bekannte Namen waren in der neuen Kommission: Altsäckelmeister Conrad Escher, Stadthalter Felix Nüscheler, Hauptmann Heinrich Orell aus der oben erwähnten Locarneser Gemeinde und … Säckelmeister Hans Jacob Leu.
Johann Conrad Heidegger schlug im Gutachten vor, sogleich eine neue Institution zu gründen, die für die Zürcher Bürger und Institutionen die Auslandinvestitionen ausführen sollte. England wäre dabei die sicherste Anlage und solle Hauptinvestitionsort werden. 50’000 Gulden öffentlich vorgeschossenes Grundkapital wären für den Start nötig. Selbst kleinere Beträge könnten dann auch von Privaten angelegt und würden sicher verzinst werden, so der Grundtenor des Berichtes, der dem Kleinen und Grossen Rat vom für die Sache engagierten Hans Jacob Leu vorgetragen wurde, unterstützt mit beigelegten Schreiben ausländischer Bankiers über die rosige Zukunft ihrer Unternehmungen.
Es wurde 1754, bis alle Details wie zum Beispiel die Verzinsung des Grundkapitals geregelt waren. Hauptknackpunkt war der doch relativ niedrige Zins, der mit englischen Anlagen erwirtschaftet werden konnte, höchstens 3%. Damit wäre das Ziel, öffentliche Gelder mit 3% und private mit 3,5% zu verzinsen, gefährdet gewesen.
Um es doch zu erreichen, sollte das Startkapital 4 Jahre lang gar nicht und nachher mit bloss 2% verzinst werden. Als weitere Sicherheit sollte das öffentliche Eigenkapital von 50’0000 Gulden durch die ausgegebenen Obligationen für private und weitere öffentliche Anleger nicht übertroffen werden. Eine 50%ige Eigenkapitalrate als Sicherheit, unvorstellbar aus heutiger Sicht.
Es liest sich dann gleichsam wie die neoliberale Revolution der 1980er Jahre, was der Grosse Rat am 11. Februar 1754 in die letzte Fassung der Gründungsurkunde aufnahm: kein festgelegter Zins, keine Garantie für eingebrachtes Kapital, keine Eigenkapitalrate, und das Institut dürfe durchaus grösseres Risiko nehmen, wie bloss im „sicheren“ England anzulegen, es sei in seinen Entscheidungen völlig autonom.
Zum ständigen Präsidenten der neuen Zinskommission wurde Säckelmeister Leu gewählt. Aus Imagegründen sollte gegen aussen nicht als staatliche Institution, sondern als private Firma aufgetreten werden: Leu et Compagnie war gegründet.
Ein staatliches Bankinstitut, das verzinsliche Depositen nur im Ausland annahm, und Obligationen nur im Inland ausgab, so etwa könnte man das Geschäftsmodell von Leu auf den Nenner bringen. Staatlich, weil alle „Angestellten“ aus dem Kleinen oder Grossen Rat rekrutiert wurden und die Obligationäre, die das Kapital stellten, nichts zu sagen hatten.
Oberste Behörde war die „erweiterte Zinskommission“ mit Präsident Leu und weiteren 9 Ratsmitgliedern, die pro Jahr 4 Mal zusammenkam. Sie traf alle wichtigen Entscheidungen, die vom ausführenden Organ, der „kleinen oder engeren Zinskommission“ (zunächst 3, später 8 Mitglieder), präsidiert von Conrad Heidegger, vorbereitet oder eingefordert wurden.
Abzocker gab es noch keine, Verwaltungsratspräsident Leu und CEO Heidegger arbeiteten ehrenamtlich in diesem Nebenjob. Auch der einzige Sekretär, der das „Tagesgeschäft“ wie das Zinsen, die Korrespondenz und das Protokollieren übernahm, wurde erst 1778 ordentlich entlohnt. Hans C. Huber, der erste von der erweiterten Zinskommission gewählte Angestellte dieser Art, bekam „bloss“ regelmässige Gratifikationen.
Die Büroräumlichkeiten des Geldinstitutes waren ein Zimmer im Rathaus. Nur zweimal jährlich wurden Gelder angenommen und verzinst, im Mai und nach dem Martinitag.
Das Geld der Bank war in einer Kiste, zu der es 3 Schlüssel gab, einen für den Sekretär und Kassier, zwei für die vom grossen Rat gewählten „Schlüsseler“. Die ersten waren Direktor Orell und Hauptmann Nüscheler.
Kommentare
Die beliebtesten Kommentare
Wow...für ein mal schreibt jemanden in Zürich gutes über Sudschweizer! Chapeau!und sehr, sehr gut zusammengefasst...als historische Ignorant freut mich natürlich…
Sie wissen schon, weshalb die Tessiner Reformierten das Tessin verlassen haben, bzw. mussten? Bestimmt nicht wegen der guten Luft und…
Grossartige Arbeit. Äusserst interessant. Zürich verdankt also einen Teil seines historischen Reichtums Tessiner Protestanten. Was bei historischen Recherchen so an…
Herrvoragend!
Very interesting article, my congratulations.
Grossartige Arbeit. Äusserst interessant. Zürich verdankt also einen Teil seines historischen Reichtums Tessiner Protestanten.
Was bei historischen Recherchen so an den Tag kommen kann, fast nicht zu glauben. Herzlichen Dank für die viele Stunden, die Sie da für uns investiert haben. Beste Grüsse.
Vielen Dank für diesen Hintergrundbeitrag. Wenn ich richtig verstanden habe, war die Leu in ihren Gründungstagen so etwas wie ein nicht deklarierter Staatsfond im Kleid einer Bank, um im Ausland zu investieren.
Wieso kommt mir das nur grade so bekannt und aktuell vor???
Richtig! Wobei man sagen muss: Die 50% Staatsgelder waren von Anfang an als Startkapital, als Starthilfe gedacht. Die Idee war eigentlich schon, dass man Privaten die Möglichkeit gibt, Geld anzulegen. Im 3.Teil möchte ich zeigen, dass die Staatsgelder dann relativ schnell zurückbezahlt werden konnten und die Anleger immer stärker private Zürcher wurden.
Wow…für ein mal schreibt jemanden in Zürich gutes über Sudschweizer! Chapeau!und sehr, sehr gut zusammengefasst…als historische Ignorant freut mich natürlich zu hören und als Halbzürcher schäme mich tief nicht gewusst zu habenn, dass der Orell eigentliche ein Nachfolger von berühmte und alte Patrizia Familie in Locarno: die Orelli! Sehr interessant…auch die Arbeitsethik, wie sie beschreiben…sollten wir nachdenken…
Sie wissen schon, weshalb die Tessiner Reformierten das Tessin verlassen haben, bzw. mussten? Bestimmt nicht wegen der guten Luft und dem klaren Wasser in Zürich.
@ D. I. Aspora
Reden Sie nicht in Rätseln, sondern schildern Sie die Fakten.
Wer weiss schon über diese spezielle Geschichte Bescheid? Auch ich habe einiges aus dem Artikel gelernt und lerne gerne weiter dazu.
Danke der Redaktion und dem Textverfasser für diesen geschichtlichen Rückblick, den ich sehr interessant finde.
Ich erwähne im Artikel: … Glaubensflüchtlinge …
Dazu gibt es im Netz viele Informationen, ich zitiere aus der Page der reformierten Kirche Uster:
„.. Im Tessin konnte die Reformation kaum Fuss fassen. Einzig in Locarno bildete sich eine evangelische Gemeinde. Doch der Aufbruch war bald zu Ende. Wer am neuen Glauben festhielt, musste 1555 den Kanton verlassen. Viele der Glaubensflüchtlinge fanden in Zürich eine neue Heimat …“ Interessant auch: Die Familie Pestalozzi gehörte dazu!