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Labyrinthische Stollensysteme und verschüttete Züge – Peter Utz folgt den untergründigen, vielfach verzweigten, endlosen literarischen Tunneln Dürrenmatts und zieht eine Linie zur Betrachtung der Schweiz.
Dürrenmatt blickt nicht nur zu den Sternen auf, sondern er sondiert auch den Boden, auf dem er steht. Sein Instrument dazu ist die literarische Phantasie. Unter den literarischen Höllenmaschinen, die die erste Prosasammlung Die Stadt (1952) versammelt, besticht die Erzählung Der Tunnel mit ihrer konkreten Verankerung in der schweizerischen Fahrplanrealität und mit einem ironisch gebrochenen Erzählton. Der Expresszug mit dem jungen Studenten bricht im Tunnel, der kein Ende nimmt, aus der Horizontalen aus und stürzt in beschleunigter Fahrt führerlos dem Abgrund im Erdinnern zu.
Dieser bekannte Text Dürrenmatts erzeugt als Folgeprojekt eine weitere Tunnelfahrt, die jedoch fast unbekannt geblieben ist. Sie geht aus vom 1942 publizierten Eisenbahner-Roman Gotthard-Express 41 verschüttet von Emilio Geiler hervor. Dürrenmatt imaginiert, wie ein Bergsturz einen Nachtschnellzug in einem Kehrtunnel der Gotthardstrecke einschließt, indem er den übereinanderliegenden Ein- und Ausgang des Tunnels gleichzeitig verschüttet. So kann die Geschichte zum Wunschgleichnis für die Schweiz werden, die im «Reduit» des Gotthardmassivs eingebunkert die Kriegsjahre überleben will.
Im monumentalen, zerklüfteten Stoffe-Massiv, das der späte Dürrenmatt auftürmt, treibt er seine Obsession für das Untergründige weiter. Das zeigt sich besonders im Winterkrieg in Tibet, in dem Dürrenmatt eine postapokalyptische Schweiz nach dem Dritten Weltkrieg entwirft.
Während jedoch die Ingenieure möglichst die gerade Verbindung suchen und sich die Schweiz in ihren neuen Tunnelbauten als Transitland feiert, werden die literarischen Tunnel, an denen Dürrenmatt weiterbohrt, zum untergründigen, vielfach verzweigten Labyrinth ohne Ausgang. An dessen Ende scheint, wie schon im früheren Tunnel und im vergessenen Filmskript, kein Licht auf, sondern höchstens der Funken der Ironie, der neue Fragen zündet.
Zur Person: Peter Utz war von 1987−2019 ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Er ist u. a. Mitherausgeber der Werke Robert Walsers in der Berner Ausgabe und forscht zur deutschen Literatur vom 18. Jh. bis zur Gegenwart, insbesondere auch zu Schweizer Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts
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Donnerstag, 26. November 2020, 18.15 – 20 Uhr.
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