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Disziplin und Selbstdisziplin
Disziplin ist in der zeitgenössischen Pädagogik ein umstrittener Begriff. Und dies mit guten Gründen. Im 19. Jahrhundert eiferte die Schule dem älteren Militär nach und setzte eine strenge Disziplin durch. Auch in der Schulpraxis des 20. Jahrhunderts herrschten Disziplin, Stock, Rute und Strafe. Gegner des Disziplinbegriffs wie der Deutsche Rolf Arnold sprechen darum von einem belasteten Begriff, und es sei «eine durchaus problematische Tradition, die mit ihm fort- und wieder auflebt. Er entstammt dem Kasernenhof und der Vorstellung des unbedingten Gehorsams» (Arnold 2007, S. 12).
Wer somit heute den Disziplinbegriff verwendet, muss genau definieren, wie und in welcher wissenschaftlichen und historisch-kulturellen Tradition sie/er diesen Terminus verwenden will. Eine zeitgemässe Definition wäre, Disziplin in der Schule als Voraussetzung für das Erreichen schulischer Ziele zu verstehen: «Disziplin in der Schule ist nicht Selbstzweck, sondern dem Ziel untergeordnet, Kompetenzen und Verfügungskraft über sich selbst, somit Selbstdisziplin zu fördern» (Rüedi 2013, S. 23).
Disziplin wird so als Sekundär- und nicht mehr als Primärtugend verstanden wie vor dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1960er-Jahre, als in Europa die Erziehung zum Gehorsam und zur Pflichterfüllung an erster Stelle stand. Disziplin wird im Folgenden nur dann als legitimes Erziehungsziel verstanden, wenn sie der Förderung der Selbstdisziplin dient. Gerade im Hinblick auf die Förderung der Selbstdisziplin versagte der traditionelle autoritäre Erziehungsstil, welcher zwar durch Angsterzeugung beeindruckte, ohne aber dadurch innere Bereitschaften wie Motivation oder Neugier zu wecken. Ja noch mehr, ein autoritärer und restriktiver Sozialisations- und Erziehungsstil wirkt sich hemmend auf das Selbstwertgefühl und auf internale Kontrollüberzeugungen aus, wie dies Schellhas et al. (2012, S. 93) im Hinblick auf den familiären Kontext festhalten: «Ein restriktiver Sozialisationskontext [...] wirkt sich, unabhängig von der sozialen Schicht der Familie, hemmend auf internale adoleszente Kontrollüberzeugungen aus und prädiziert schlechtere kindliche Schulleistungen.»Erst der Blick auf internale, intrapsychische Vorgänge ermöglicht es, das Versagen des autoritären, restriktiven Erziehungsstils zu erkennen. Der Begriff «Selbstdisziplin» rückt gewisse innere Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler ins Scheinwerferlicht. Wer nur die äussere Disziplin im Sinne sichtbaren Verhaltens beachtet, übersieht intrapsychische Vorgänge und kehrt ins Zeitalter vor der kognitiven Wende zurück ... Und das will ja heute wohl niemand mehr.
Zum Verständnis von Selbstdisziplin
Selbstdisziplin ist - wie auch Disziplin - kein ausgearbeiteter Fachbegriff der Erziehungswissenschaft, der in den Lehrbüchern definiert, theoriegeleitet untersucht und für die Schulpraxis aufgearbeitet wäre. Selbstdisziplin ist vielmehr ein heterogenes Konstrukt, zu dem verschiedene, im Folgenden aufzuzählende Fähigkeiten gehören, die alle für Schulerfolge wichtig sind. Ein Vorteil des Begriffs «Selbstdisziplin» ist es, gewisse innere Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler ins Scheinwerferlicht zu rücken. Heymann (2012, S. 7) spricht zum Beispiel von «Arbeitsdisziplin als übergreifende(r) Kompetenz» und weist damit auf die nötige innere Bereitschaft hin, sich für gelingende Lernprozesse auf dessen einzelne Schritte konzentrieren zu können. In diesem Sinne schreibt er: «Selbstdisziplin äussert sich situativ in der Fähigkeit zur Konzentration und fokussierten Aufmerksamkeit, in der Fähigkeit, <einen Kreis um sich zu ziehen, der alles Ablenkende zuverlässig ausblendet» (Heymann 2012, S. 7).
Weitere intrapsychische Voraussetzungen für gelingendes Lernen in der Schule sind Fleiss, Anstrengungsbereitschaft und internale Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, also die innere Gewissheit, Ereignisse selber beeinflussen zu können. Dass solche Einstellungen und intrapsychische Bereitschaften für den Schulerfolg sehr wichtig sind, wissen wir seit längerem. Schon 1988 nannte die Wiener Psychologin Lotte Schenk-Danzinger die «Entwicklung der Motivationen und Arbeitshaltungen» eine der wichtigsten Aufgaben der Schule, da Lernversagen viel öfter auf mangelhafte Arbeitshaltung als auf Intelligenzmängel zurückzuführen sei. Sie schrieb: «Die Entwicklung von Arbeitshaltungen, wie Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit, willkürliche Aufmerksamkeit, das Entstehen von Leistungsmotivationen, der Zuwachs an Selbstsicherheit und der Abbau von Angst bewirken eine Übereinstimmung von Leistungsfähigkeit und Leistungsverhalten in der Schulsituation. Die Kinder werden befähigt, ihre aktualisierte Intelligenz zur Gänze in Leistung umzusetzen. Durch die Entwicklung der Stützfunktionen der Intelligenz kommt diese voll zum Tragen» (Schenk-Danzinger 1988, S. 281).
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Angela L. Duckworth und Martin E. P. Seligman in ihrem empirischen Beitrag «Self-Discipline Outdoes IQ in Predicting Academic Performance of Adolescents», der 2005 in der Zeitschrift «American Psychological Society» publiziert wurde. Disziplinierte Kinder haben die besseren Schulnoten, sogar als Schlaumeier, könnte man ihre Forschung etwas plakativ zusammenfassen. Eltern geben die beiden Forschenden den Rat, nicht an der Schule herumzumeckern und nicht über veraltete Lehrmethoden zu klagen, sondern ihren Kindern besser Arbeitshaltungen, Einsatzbereitschaft, Fleiss und Selbstbeherrschung beizubringen.
Wege zur Förderung der Selbstdisziplin in der Schule
Jede Schulstunde ist eine ideale Gelegenheit zum Trainieren und Fördern der Selbstdisziplin, der Arbeitshaltungen, des Fleisses oder der Selbstbeherrschung. Umgekehrt gilt aber auch: Schulstunden gelingen nicht, wenn die Lernenden ihre Selbstdisziplin nicht einsetzen. Darum muss Lektionen ein gewisses Anforderungsniveau innewohnen, darum müssen Lehrpersonen etwas verlangen und von den Schülerinnen und Schülern etwas fordern. Anforderungen im Unterricht geben ein zu erreichendes Ziel vor, zeigen einen zu erklimmenden Berggipfel, ohne den es keine Sehnsucht nach oben, keine Notwendigkeit zum Einsetzen der eigenen Selbstdisziplin gäbe (Abb. 4). Wenn Schülerinnen und Schüler zum Beispiel zu spät kommen oder ihre Hausaufgaben nicht lösen, werden die betreffenden Lehrpersonen energisch zu reagieren wissen: «Das sind Handlungen, die nur von dir vollbracht werden können. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der dafür sorgen kann, dass deine Hausaufgaben gelöst werden oder dass du rechtzeitig in den Unterricht kommst. Das ist deine Eigenveranwortung. Einen geklonten Doppelgänger gibt es nicht, und wenn du die Hausaufgaben nicht verstehst, dann frage mich. Dann finden wir eine Lösung. Aber zuerst liegt der Ball einmal bei dir. Kein Penaltyschütze kann vor der Ausführung des Strafstosses kneifen.» So können die Schülerinnen und Schüler mit wenig Selbstdisziplin zum Beispiel angesprochen werden. Solche Begegnungen und die danach folgenden sind wichtig, weil Schülerinnen und Schüler so zu mehr Selbstdisziplin geführt und zugleich auf diesem Weg unterstützt werden. Lenkung im Sinne von «Du musst deinen Beitrag leisten!» und ermutigende Unterstützung im Sinne «So geht es, ich zeig es dir!» sind Voraussetzungen für die Förderung der schulischen Selbstdisziplin. Leitidee muss das Prinzip «Selbstverantwortung» sein: Wenn ein Schüler keine Lernerfolge zustande bringt, dann kann er nichts dafür, aber er ist der Einzige, der etwas dagegen tun kann. Um etwas dagegen zu tun, muss dem Schüler das Prinzip «Selbstverantwortung» bewusst werden. Diese Bewusstmachung ist situativ die Aufgabe der Lehrperson. Die Förderung von Selbstverantwortung, Mündigkeit und Selbstdisziplin gehört als zentrale pädagogische Grundaufgabe zusammen» (Rüedi 2013, S. 145).
Die Lernenden auf die Notwendigkeit, ihre Selbstverantwortung wahrzunehmen, hinzuweisen ist unbedingt notwendig, weil sie nur so zu Erfolgserlebnissen kommen. Erfolge und gute Leistungen können von den Schülerinnen und Schülern nicht unter allen Umständen verlangt werden, aber Bemühungen und Anstrengungen schon.
Vom norwegischen Schriftsteller Henrik Ibsen stammt die Wendung: «Dass Du nicht kannst, wird Dir verziehen, doch nimmermehr, dass Du nicht willst.» Primar- oder Grundschulkindern müssen wir nicht mit Ibsen kommen, aber dessen angesprochene Richtung stimmt für die Schule: Eine Lernleistung sofort erbringen zu können ist vielleicht zu viel verlangt, aber Bemühungen und gezeigte Einsatzbereitschaft im Sinne, dass auch eine lange Reise mit einem ersten Schritt beginnt, sind möglich und dürfen, ja sollen erwartet werden. Für die Förderung von Selbstdisziplin sind das Erwarten und das Anerkennen der Bemühung von zentraler Bedeutung, wie es die amerikanische Sonderpädagogin Torey Hayden in ihrem Fallbeispiel «Sheila» (Hayden 1984, S. 67) vorlebt. Sie sagt dort zu Sheila, die Angst hat, noch nicht alle Wörter zu kennen: «Das sind Worte für die ganz grossen Schüler, und niemand erwartet, dass du sie alle kennst. Es geht nur darum, welche du kennst. Es macht überhaupt nichts, wenn ein paar falsch sind. Ich bin stolz auf dich, dass du dir soviel Mühe gibst. [...] Liebes, ich weiss, wie grosse Mühe du dir gibst. Nur das ist wichtig» (Hayden ebd.).
Nicht die erbrachte Spitzenleistung soll also im Zentrum stehen, sondern die Bemühung zu lernen. Wenn Schülerinnen und Schüler sich bemühen und sich geduldig anstrengen, ist die Chance gross, dass sie die Leistungen erbringen werden.
Ohne Selbstdisziplin aller am Lernprozess Beteiligten sind Lernerfolge undenkbar. Die Förderung der Selbstdisziplin bei Schülerinnen und Schülern ist eine spannende und zugleich anspruchsvolle Aufgabe, die nicht mit Appellen an den freien Willen oder Aufforderungen zur Überwindung des «inneren Schweinehundes» verwechselt werden darf. Appelle oder Befehle rufen häufig Widerwillen und Gegenwehr hervor. Antinomisches Denken (vgl. Rüedi 2013) weist auf solche Gefahren hin. Die Selbstdisziplin von Schülerinnen und Schülern darf nicht erzwungen werden. Gefragt ist vielmehr die Orientierung am langfristigen Wohle von Kindern und Jugendlichen, an deren Interessen, an deren Fähigkeiten und Möglichkeiten, sich selber zu bilden, das eigene Leben und damit sich selber beherrschen zu lernen. Gefragt ist die «Kraft der Ermutigung» (Frick 2007): Selbstdisziplin zu vermitteln heisst stets zu ermutigen, jungen Menschen zu zeigen, wie sie ihr Leben selber in die Hand nehmen können, wofür Mut und Zuversicht Voraussetzungen sind.
Selbstdisziplin zu fördern heisst, Selbstwirksamkeits- und internale Kontrollüberzeugungen, also die innere Gewissheit, Ereignisse und Entwicklungen selber kurz-und langfristig beeinflussen zu können, zu fördern. Dann wachsen auch Anstrengungsbereitschaft und Motivation der Schülerinnen und Schüler, wenn diese spüren: wir können unser Leben, unser Lernen selber in die Richtung steuern, die wir wollen.
Literatur
- Arnold, Rolf (2007): Aberglaube Disziplin. Heidelberg, Carl-Auer-Verlag.
- Frick, Jürg (2007): Die Kraft der Ermutigung. Bern, Huber. Hayden, Torey (1984): Sheila. München, dtv.
- Heymann, Hans Werner (2012): Ohne Arbeitsdisziplin kein erfolgreiches Lernen. In: Pädagogik, 64. Jg., 1/2012, S. 6-9. Rüedi, Jürg (2013): Disziplin und Selbstdisziplin in der Schule. Bern, Haupt.
- Schellhas, Bernd et al. (2012): Kontrollüberzeugungen und Schulleistungen im Kontext familiärer Sozialisation. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, S. 93-108. Schenk-Danzinger, Lotte (1988): Entwicklung - Sozialisation - Erziehung. Wien, Österreichischer Bundesverlag.