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Nach wie vor ist die Jugendarbeitslosigkeit für Tunesien ein grosses Problem. Sie gefährdet die soziale Kohäsion und die Demokratisierung des Landes. Die am meisten benachteiligten Provinzen und gewisse Bevölkerungsgruppen, junge Universitätsabsolventen und Frauen, weisen eine Arbeitslosenquote von fast 50% auf.
In verschiedenen Wirtschaftssektoren stehen nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung. Ein anderes Problem ist die mangelnde Eignung der Stellensuchenden für den Arbeitsmarkt. Die Hochschulabgängerinnen und ‑abgänger verfügen häufig nicht über die Qualifikationen, die die Arbeitgeber verlangen. Mit einem Projekt zur Stärkung der Berufsbildung in Tunesien möchte die DEZA einen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten.
Senkung der Arbeitslosigkeit
Das Projekt ergänzt die laufenden Initiativen der DEZA zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Maghreb-Staaten gehört zu den drei Schwerpunkten des Schweizer Nordafrika-Programms 2011–2016.
Für das Projekt «Berufsbildung in Tunesien» wurden drei vorrangige Ziele definiert:
- Senkung der Arbeitslosenquote durch die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und des unternehmerischen Denkens von Hochschulabgängerinnen und ‑abgängern
- Beitrag zu einem besseren Image der Berufsbildung in Tunesien
- Stärkung der Partnerschaften und Synergien zwischen öffentlichen und privaten Partnern, um die Ausbildungsprogramme auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts auszurichten
Das Projekt, das durch die Organisation Swisscontact unter der Leitung des tunesischen Ministeriums für Berufsbildung und Beschäftigung (MFPE) umgesetzt wird, soll das wenig attraktive und ungenügend auf die Bedürfnisse der Privatwirtschaft ausgerichtete Berufsbildungssystem verbessern.
Bessere Pädagogik und Spezialisierungskurse
Den jungen Tunesierinnen und Tunesiern stehen mehrere Weiterbildungskurse und Angebote zur beruflichen Eingliederung zur Verfügung. Einige werden eingeladen, eine fachliche Ausbildung zu absolvieren, die auf die Praxis der bestehenden Berufsbildungszentren ausgerichtet ist. Ziel des Projekts ist die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Seit 2012 wurden rund siebzig Betriebsausbildner in innovativen Unterrichtsmethoden geschult.
Zudem besuchten 315 Tunesier (wovon 66% Frauen) aus benachteiligten Regionen spezifische Kurse, damit sie Aktivitäten mit hoher Wertschöpfung lancieren oder ausbauen konnten. Zum Angebot gehören Spezialisierungen in den Bereichen Wachtelzucht, Rebschnitt oder Managementtechniken für Landwirtschaftsprojekte. Die Kurse sollen sofortige Resultate bringen. Sie stärken die lokale Wirtschaft und fördern die Gründung von Mikrounternehmen.
Von der Theorie zur Praxis
Die Hochschulabgängerinnen und ‑abgänger, die eine kaufmännische Weiterbildung wählen, können sich bei einer der beiden Übungsfirmen bewerben (ELAN und Pro Evolution Skills), die im Rahmen des DEZA-Projekts in Tunesien gegründet wurden. Sie funktionieren wie richtige Unternehmen, obwohl sie nur mit virtuellen Produkten und Dienstleistungen innerhalb eines globalen Netzwerks handeln.
Auf diese Weise können die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter «reale» Berufserfahrungen sammeln sowie soziale und berufliche Kompetenzen entwickeln, die für eine künftige Bewerbung auf dem Arbeitsmarkt unabdingbar sind: Teamarbeit, Pünktlichkeit, praktische Beherrschung der Geschäftstätigkeiten, Sprachen usw. «Ich habe in der Übungsfirma Arbeitsmethoden kennen gelernt, die uns an der Fakultät nicht vermittelt wurden, obwohl sie grundlegend sind, wenn man in der Arbeitswelt zurechtkommen will», sagt die 22-jährige Ameni Ben Rejeb, die im September 2014 von einem Industrieunternehmen in einem südlichen Vorort von Tunis angestellt wurde. Auch der 25 Jahre alte Khaled Ben Salem hat ähnliche Erfahrungen gemacht: «Als ich mein Abschlussdiplom in der Tasche hatte, dachte ich, das Berufsleben ergebe sich von selbst. Bei meinem Praktikum bei Pro Evolution Skills habe ich gelernt, meine Arbeitszeit besser einzuteilen, Fristen einzuhalten, Kundenbeziehungen zu pflegen und mit den ständigen Berichtigungsbegehren der Kunden umzugehen»
Schweizer Know-how
Die Schweiz verfügt nicht nur bei der dualen Berufsbildung, sondern auch bei den virtuellen Unternehmen über langjährige Erfahrungen, die sie mit anderen teilen kann. Die in La Chaux-de-Fonds ansässige Organisation Helvartis betreibt in der Schweiz ein Netzwerk von rund sechzig Praxisfirmen, die aus Pilotprojekten hervorgingen, welche bereits Mitte des 20. Jahrhunderts lanciert worden waren. In Zusammenarbeit mit der DEZA, Swisscontact, dem tunesischen Ministerium für Berufsbildung und Beschäftigung und dem Dachverband der tunesischen Staatsbetriebe (CONECT) half Helvartis bei der Lancierung und Zertifizierung der Übungsfirmen ELAN und Pro Evolution Skills in der Hauptstadt Tunis. Seit März 2014 wurden 125 Hochschulabgänger, davon zwei Drittel Frauen, bei einer der beiden Firmen angestellt und ausgebildet. Die Mitarbeitenden erhalten nicht nur eine Ausbildung und ein Arbeitszeugnis nach ihrem Praktikum, sondern auch einen kleinen Lohn.
Die Übungsfirmen werden von lokalen Patenfirmen unterstützt, deren Produktkataloge und Logos sie verwenden dürfen. Im Gegenzug haben die Patenfirmen Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften, die sich bereits mit den Regeln eines Betriebs vertraut gemacht haben.
Die Tatsache, dass 84 % der Angestellten der Firmen ELAN und Pro Evolution Skills eine Stelle finden, zeigt den Mehrwert der temporären Arbeitsplätze, die die jungen Mitarbeitenden auch mental reifen lassen. «Dank meiner Tätigkeit bei Pro Evolution Skills habe ich gewisse Dinge zurückgewonnen, die ich verloren hatte, etwa mein Selbstvertrauen und meine beruflichen Ziele», sagt Abir Allouch, die eine Stelle als Grafikerin bei einer Kommunikationsfirma fand.
In der tunesischen Wirtschaft mit ihrem boomenden Tertiärsektor, wo jedes Jahr Tausende Studienabgängerinnen und ‑abgänger auf den Arbeitsmarkt drängen, schliessen die Übungsfirmen eine strategische Lücke in der Bildungskette. Mittelfristig sollen ELAN und Pro Evolution Skills weitere «Konkurrenzunternehmen» erhalten.
Das DEZA-Projekt wird bis 2020 fortgeführt und auf vier weitere Regionen des Landes ausgedehnt. Zu den Hauptbegünstigten zählen Jugendliche aus benachteiligten Provinzen (Kasserine, Sidi Bouzid, Siliana, Médenine und Tataouine) sowie aus den Küstengebieten, die von der Krise im Tourismussektor,ausgelöst durch die Terroranschläge im Jahr 2015 in Sousse und Mahdia, betroffen sind.