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Zum Ende des Wettbewerbs von Cannes Enttäuschendes von David Cronenberg aus Kananda und Sergeij Loznitsa aus der Ukraine.
Norman Lloyd ist der älteste Festivalgast und wahrscheinlich der beliebteste. Eine Begegnung auf der VIP-Terrasse belohnt er mit kristallklaren Erinnerungen aus einem 98-jährigen Leben im Herzen der amerikanischen Kulturgeschichte. 1937 spielte er in Orson Welles’ legendärer Broadway-Inszenierung von «Julias Caesar». Mit Bertolt Brecht arbeitete er während dessen recht glückloser Zeit als Hollywood-Autor, Charlie Chaplin schätzte ihn als Tennispartner und gab ihm eine Nebenrolle in «Rampenlicht». Doch die prägendste Zusammenarbeit hatte Lloyd mit Alfred Hitchcock, der ihn für eine Schurkenrolle in «Saboteure» entdeckte und später ins Kreativ-Team seiner Fernsehserie holte. «Hitch könnte mit der Art wie man heute Thriller produziert wohl gar nichts anfangen», kommentiert Lloyd die aktuelle Kinoproduktion. «Es fehlt einfach jede Stringenz. Er sagte immer: Wenn man etwas erzählen kann, dann kann man es auch filmen. Doch als er mir dann seinen letzten Film ‚Familiengrab‘ erzählen wollte, geriet er ins Stocken und sagte traurig. ‚Ich glaube, jetzt habe ich ein Problem‘.»
Auch wer David Cronenbergs Science-Fiction-Thriller «Cosmopolis» nacherzählen möchte, gerät ins Stocken. Es sei denn, man begnügt sich mit der Beobachtung, dass er von einem schwerreichen Jung-Manager erzählt, der in seiner Stretch-Limousine ein chaotisches New York durchquert, um zu seinem Friseur zu kommen. Der Besuch des Präsidenten hat die Stadt in eine gespenstische Terror-Angst gestürzt, die der aalglatte, von Jungstar Robert Pattinson gespielte Finanz-Jongleur bald auf sich selbst bezieht. Es ist ein ins Kammerspiel verkehrtes Road-Movie, das sich fast ausschließlich im Innenraum des Luxus-Fahrzeugs abspielt. Durch getönte Scheiben trifft ein tiefschwarzes Zerrbild eines aus den Fugen geraten Gewalt-Kapitalismus auf einen auch nicht gerade friedliebenden Menschen, der seine Weltsicht wechselnden Mitfahrern in pseudo-philosophischen Monologen darbietet.
Cronenberg hat schon manchen kühlen Film gedreht, doch die meisten bestachen durch die meisterhafte Beherrschung ihrer Form. «Cosmopolis» jedoch wirkt vor allem leblos. Seit man in Cannes fast alle Filme digital projiziert, kommen auch die Schwächen der Videotechnik ungefiltert auf die Leinwand. Wie die meisten Filmemacher hat sich der Kanadier vom Zelluloid verabschiedet – und damit auch von einem gewissen ästhetischen Überschuss, ohne den Film nun mal nicht zu Kino wird.
Inhaltslose Ästhethik
Das Gegenteil gilt für den russischen Wettbewerbsbeitrag «V Tumane» («In the Fog») des Ukrainers Sergej Loznitsa. Hier läuft tatsächlich noch 35-mm-Film durch den Projektor und eine klassische Kameraarbeit macht auch endlose Wälder zu magischen Spielräumen. Nur liefert die Geschichte dem formalen Anspruch keine tragfähige Grundlage. Angesiedelt im Kriegsjahr 1942 am deutsch besetzten Westrand der Sowjetunion, überlebt ein Bauer ohne ersichtlichen Grund ein Massaker an Widerstandskämpfern. Das macht ihn in den Augen der anderen Dorfbewohner zum Verräter, und so dauert es nicht lange, bis er abermals abgeführt wird – diesmal von den Untergrundkämpfern. Doch die Häscher werden gleich selbst wieder zu Gejagten und gemeinsam versteckt man sich im Wald.
Der gelernte Dokumentarfilmer Loznitsa versucht an sowjetische Filmkunst-Tugenden der Tarkowskij-Ära anzuknüpfen: In den Siebziger und Achtziger Jahren entstanden in der Sowjetunion eine Reihe philosophischer Genrefilme. Doch nicht jeder monologisierende Wanderer ist auch ein «Stalker», und Tarkowskijs Meisterwerk erweist sich auch diesmal gegenüber aller Nachahmung überlegen. Ja, das Beharren auf das einstmals so Moderne dieser Bildsprache wird heute ausgesprochen konservativ. Loznitzas Film erstickt förmlich am eigenen Anspruch, und zu sagen hat er nichts.
Doch was sieht wohl das Festival darin? Cannes ist berühmt dafür, im Wettbewerb auf ein besonders anspruchsvolles Kino zu setzen – als denkbarer Gegenpol zum kommerziellen Filmmarkt, der den überwiegenden Teil der Branche an die Riviera lockt. Oft genug wurden dabei neue Avantgarden entdeckt: Das dänische Dogma-Kino wurde hier ebenso aus der Taufe gehoben wie später das rumänische Filmwunder, der magische Traum-Realismus des Thailänders Apichatpong Weerasethakul oder zuletzt das junge Kunstkino aus Griechenland. Doch nichts wirkt manchmal älter als die Avantgarde von gestern. Es ist einer der schwächsten Jahrgänge seit langem an der Croisette. Und je näher die Preisverleihung an diesem Samstag rückt, desto weiter vergrößert sich der Abstand der wenigen Meisterwerke zu ihrem obskuren Umfeld. Der Österreicher Michael Haneke steht dabei mit seinem wunderbaren Liebesfilm «Amour» für die Klassik, der Franzose Leos Carax mit «Holy Motors» für den grandiosen Punk.