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Lebensraum, Siedlungsraum, Erholungsraum; Raumplanung, Raumentwicklung, Raummanagement; ländlicher, alpiner, öffentlicher Raum; räumliche Grundlagen des Lebens. Ausdrücke wie diese sind heute in der Sprache über Landschaft, etwa in der Geographie, der Ökologie, den Planungswissenschaften, aber auch in Gesetzestexten allgegenwärtig. Die gesellschaftliche Bedeutung der Raummetapher spiegelt sich auch in der Tatsache, dass seit 2000 ein Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) über den Umgang mit der schweizerischen Landschaft wacht.
Raum ist einer der schillerndsten Ausdrücke in der Sprache über Landschaft. Stellen wir ihn neben Ausdrücke wie Landschaft, Gegend oder Gebiet, so wird deutlich, dass dem Wort Raum etwas Abstraktes anhaftet. Anders als Feld, Acker oder Wiese lässt Raum nicht auf Anhieb sinnliche Vorstellungen aufkommen. Auch ist er ein Schlüssel für sehr unterschiedliche Phänomene. So lässt sich das Wort Raum auch auf den Weltraum, einen Schlafraum oder den Resonanzraum einer Gitarre beziehen.
Im Folgenden stellen wir in verkürzter Form zwei Raumverständnisse vor, die im gesellschaftlichen Umgang mit Landschaft heute von besonderer Bedeutung sind. Es sind dies 1) die Landschaft als Behälterraum und 2) die Landschaft als Subjekt- und Handlungsraum. In einem zweiten Schritt umreissen wir einige Folgen, die sich aus dem Gebrauch der beiden Raumverständnisse für die Landschaftswahrnehmung und für das Handeln in Bezug auf Landschaft ergeben. Das abschliessende Kapitel Herleitung und Vertiefung begründet diese vorangestellten Ergebnisse.
Entscheidend für das Verständnis von Landschaft als Behälterraum ist das kleine Wörtchen in. Formulierungen wie im Alpenraum, im städtischen oder ländlichen Raum verraten, dass wir Raum unbewusst oft als einen Behälter verstehen. Die Behältervorstellung ist zum Beispiel am Werk, wenn gesagt wird, ein Wirtschaftsraum umfasse diesen oder jenen Raum. Dasselbe gilt – unabhängig von der Wertung dieser Tätigkeiten – wenn von einer entwässerten, ausgeräumten oder einer möblierten Landschaft die Rede ist oder einfach davon, dass wir in einem bestimmten Landschaftsraum leben. Landschaft erscheint in diesen Formulierungen als ein imaginärer Behälter, in den man etwas hineinlegen kann, und den man mit Objekten ausstattet (vgl. Egner 2010, 98). Man kann sich diesen Behälter im geometrisch-physikalischen Sinn auch ins Unendliche ausgedehnt denken, so dass alle Himmelskörper in ihm Platz finden. Dieses Raumverständnis hat seinen Ursprung in der antiken Geometrie und gilt seit der Aufklärung in der modernen Wissenschaft, vor allem der Physik.
Auffällig ist, dass das Behälterverständnis von Landschaft kaum je explizit zum Ausdruck kommt. Gerade ihre Selbstverständlichkeit verleiht der Behältermetapher Macht über unser Denken und Sprechen. Die Vorstellung LANDSCHAFT IST EIN BEHÄLTER schiebt sich wie ein Filter zwischen uns und die betrachteten Gegenstände. Die amerikanischen Metaphernforscher Lakoff und Johnson (Lakoff / Johnson 1980) bezeichnen solche abstrakte und meist unbewusst wirksame Bilder als konzeptuelle Metaphern. Diese werden durch beiläufige Einzelmetaphern wie in, umfassen, enthalten, ausräumen oder entwässern gestützt und in ihrem Gebrauch bestätigt. Da sie ‹natürlich› erscheinen und sich beim Sprechen wie selbstverständlich einstellen, bedürfen konzeptuelle Metaphern auch keiner Begründung. Für das Verständnis von Landschaften und den menschlichen Umgang mit ihnen haben sie jedoch weitreichende Folgen. Diesen werden wir im übernächsten Abschnitt genauer nachgehen.
Ein ganz anderes Raumverständnis leitet sich aus der Geschichte des Wortes Raum her. Es reicht in die Zeit des frühen Mittelalters, lange vor die Zeit des Behälterraumes zurück. Das Wort Raum hat seinen Ursprung in der Geschichte des germanischen Wortes rum, das sich aus dem althochdeutschen Adjektiv rumi (weit, geräumig) und dem Verb ruman (Platz schaffen, leer machen, freimachen, fortschaffen) herleitet. Das Wort Abraum (‹Erd- und Gesteinsmassen ohne Nutzgehalt, taube Schicht, Abfall›) zeugt noch heute von diesem Verständnis.[1] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) (28.2.2016) In dieser Bedeutung bezeichnet Raum somit etwas Freigemachtes und Geordnetes, das in den heutigen Ausdrücken Raum machen und räumen noch mitschwingt. Raum ist sprachgeschichtlich auch die Lichtung, die beim Urbarmachen in die Wildnis geschlagen wird. Dieser Raum ist damit eine vom Menschen und seinen Bedürfnissen aus gedachte Konstruktion. Auch in den vormodernen Masseinheiten wie Fuss, Elle, Morgen und Tagwerk klingt dieser Bezug zum Menschen noch an (Kühne 2013, 25). Hier werden Körperteile und Arbeitszeiten zu Massstäben für den Raum.
Dieses Raumverständnis ist aus dem lebenspraktischen Handeln abgeleitet und nicht aus einer Behälterabstraktion.
Hier ist Raum nicht einfach da, er wird durch Menschen, sei dies durch ihre Wahrnehmung, ihre Deutung oder ihre Handlungen erst geschaffen (Ipsen 2006, 19). Wir nennen diesen Raum deshalb Subjekt- und Handlungsraumraum.[2] Gemeint ist damit ein phänomenologischer Raum, der in Anschluss an Dürckheims und Minkowskis espace vécu als «gelebter Raum» verstanden wird (vgl. Blotevogel, 2005, S. 835). Sein wichtigstes Merkmal ist sein «subjektbezogener Mittelpunkt» (Blotevogel, 2005, S. 835).
Sprachlich baut sich dieses Raumverständnis vom Verb her auf. Ein Rodungsraum ist eine Folge der Handlung des Rodens, ein Wahrnehmungsraum entsteht durch den Akt des Wahrnehmens, der Siedlungsraum der Kelten durch deren Handlung des Siedelns. Dasselbe gilt für den Erlebnis- und Erholungsraum, den Wirtschaftsraum und den Lebensraum. Wichtig ist: In diesem Verständnis ist der Raum nicht schon als Behälterraum vorgegeben, er kommt erst durch eine Handlung zustande. Menschen und ihre Wahrnehmungen und Handlungen sind diesen Räumen eingeschrieben (vgl. Abbildung 2).
Die so bestimmten Räume sind folglich nicht durch ihre Ausmasse, sondern durch ihre qualitative Beschaffenheit bestimmt (vgl. Miggelbrink 2002, 41). Es sind keine homogenen Messräume, sondern diskontinuierliche, heterogene, psychisch und sozial gegliederte Räume. In diesen Räumen gibt es Nähe und Ferne, gelebte Nachbarschaften, Stimmungen, Atmosphären und fliessende Grenzen. Auch sind sie durch Sinneswahrnehmungen (Gerüche, Geräusche, Farben, Wärme, Kälte) und Erfahrungen bestimmt. Es sind subjektbestimmte Räume, vergleichbar dem aus der Wildnis geschaffenen, sprachgeschichtlichen Ur-Raum, der seine Existenz menschlichen Handlungen verdankt (vgl. Blotevogel 2005, 834-836).
Subjekträume begründen deshalb nicht selten Orte. Gemeint sind damit einzigartige Stellen in der Landschaft, die individuellen Charakter, eine Art «Raumpersönlichkeit» (Ipsen 2006, 67) besitzen. Manche von ihnen tragen deshalb auch Namen. Beispiele sind etwa das Rütli, der Bundesplatz in Bern, aber auch ein bekannter Marktplatz oder ein Wegkreuz mit einer Bank können einen Ort schaffen, der sich vom umliegenden Raum als privilegierte Stelle abhebt (Feld/Bosso 1997, Tuan 1974).
Subjekträume können sprachlich auch von Tieren und Pflanzen aus perspektiviert sein. Dies gilt etwa für den Lebensraum von Tieren oder Pflanzen. Hier wird Raum durch Lebensmanifestationen von Tieren oder Pflanzen erzeugt, die als Raum-Subjekte wirken. Auch Nisträume (nisten), Legeräume (legen), Paarungs- und Bruträume (sich paaren), Weideräume (weiden) oder die Lebensraumansprüche von Tierarten (Righetti 2008, 21) folgen diesem Prinzip. Sie setzen Handlungen des Nistens, Legens, Paarens, Weidens und Lebens voraus.
Subjekträume sind aber gedankliche Kippfiguren. Sie können je nach Kontext und Aussageabsicht in Behälterräume umkippen. Dies ist dann der Fall, wenn sie als Teilräume eines Behälterraums verstanden werden, also gedanklich in einen imaginären Behälterraum ‹umgegossen› werden. So lassen sich ein Rodungs- und Weideraum auch als jene Teilräume verstehen, die den Handlungen des Rodens und Weidens zugewiesen sind. Es sind Handlungen, die man gleichsam in den Behälterraum hineinlegt, sie in ihn einordnet. Durch dieses Umdeuten verlieren die Räume ihren subjektbezogenen Kern und werden zu Räumen, die man quantifizieren und so vergegenständlichen kann. Sie werden in Objekte verwandelt (vgl. Abbildung 4). Ein Nistraum wird nicht mehr durch nistende Vögel geschaffen, er ist nun ein Raum, der für das Nisten vorgesehen ist.
Unterscheiden und Quantifizieren: Als Behälterraum wird Landschaft messbar entlang der Grenzen zwischen Teilräumen. Distanzen (gemessen entlang Linien), Flächen und Volumen scheinen der Landschaft von Natur aus innezuwohnen. Man kann sie in quantifizierbare Teilräume wie Industrie-, Agrarräume oder Erholungsräume gliedern und diesen Teilen Landschaftsfunktionen oder Landschaftsleistungen zuweisen.
Handeln: Teilräume der Landschaft werden zu Objekten, mit denen Menschen handelnd umgehen können. Man kann sie z.B. bearbeiten, bewässern, bewirtschaften, beschneien, revitalisieren, managen etc. Naturgefahren lassen sich technisch bewältigen und die Landschaft kann menschlichen Bedürfnissen dienstbar gemacht werden.
Die Quantifizierung von Landschaft macht insgesamt einen vernunftgeleiteten, planenden und technischen Umgang mit der Landschaft möglich, wie er für die Moderne typisch ist.
Regulieren: Als Raum kann man Landschaft in Zonen, aber auch andere Raumquantitäten wie Flächen einteilen, für die verschiedene rechtliche Normen gelten. Beispiele sind die Bemessung von Restwassermengen, Grundstückflächen, Baukubaturen oder Biodiversitätsförderflächen.
Fliessende Übergänge: In der Natur bestehen kaum scharfe Grenzen. Ökosysteme besitzen fliessende Übergänge und durchlässige Ränder. Beispiele sind Waldränder, Seen- und Flussufer und Vegetationsübergänge in den Bergen. Ränder verbinden Einheiten, indem sie Übergänge zulassen. Sie nehmen Teile der angrenzenden Einheiten auf und sind daher weniger reguliert (vgl. dazu Ipsen 2006, 116ff). Kompensatorisch werden heute Saumstreifen, Krautsäume (ARP TG, 2006, 17) oder dynamische Waldränder (BGL, 2014) in die Landschaft eingefügt, die diesen fliessenden Übergängen Rechnung tragen.
Bewegte Landschaft: Behälter sind statisch, Lebensräume von Tieren und Menschen, aber auch Gewässer und Wetter, sind in Bewegung und lassen sich schwer in geometrische Räume eingrenzen. Verkehr und Handel führen heute zu intensiven Austauschströmen zwischen Räumen. Netzmetapher
Erlebte, gefühlte Landschaft: Im rein quantitativ bestimmten Behälterraum kommt die vom Menschen erlebte Landschaft nicht vor (Ipsen 2006, Kühne 2013, 164). Eine Ausnahme bildet der Sehraum, der fotografisch leicht dokumentiert werden kann. Sinnliche, emotionale und ästhetische Qualitäten der Landschaft, die eine leibliche Präsenz des Menschen voraussetzen, werden verdrängt. Geräusche (Gehör), Winde (Tastsinn) oder Düfte (Geruchsinn) sind in einer visuell konstruierten Landschaft schwer darstellbar. In Karten, Fotografien etc. müssen sie ins Visuelle übertragen werden, etwa in Wind-, Lärm- oder Pollenkarten.[1] Ein Versuch, eine multisensorische Wahrnehmung in den Behälterraum einzuführen, wird heute in Computermodellierungen unternommen. Diese entwerfen Planlandschaften dreidimensional visuell vom Standpunkt einer bewegten «Kamera» aus und versuchen so durch die fortlaufende Berechnung des Nah-und Fernraums auch Geräusche (z.B. geplanter Windräder) zu modellieren. Ein Vokabular, das geruchliche Phänomene im dreidimensionalen Landschaftsraum aufzeigt, fehlt weitgehend (vgl. Kühne 2013, 220ff).[2] Denkbar wäre etwa «Pollenreizraum», «Alpen-Frischluftraum», «Baumharzraum».
Leben muss sprachlich zum Raum ‹hinzugedacht› werden: Obwohl es in jeder Landschaft vorkommt, wird Leben im Raumbegriff nicht zwingend mitgedacht. Ein Begriff wie Lebensraum der Finken belegt dies: Leben wird hier zum Raum hinzugedacht. Zum Vergleich: Ausdrücke wie Lebenswiese, Lebensfeld oder Lebenswald existieren nicht, weil Ausdrücke wie Wiese, Feld und Wald Leben selbstverständlich einschliessen.
Folge: Ökologische Abhängigkeiten von Pflanzen und Tieren wie z.B. Nahrungsnetze sind im «toten» Raumbegriff ausgeblendet und gehen deshalb bei menschlichen Eingriffen in die Natur leicht vergessen. Sie können aber z.B. durch die Netzmetapher eingefangen werden.
Soziale Landschaft: Der geometrisch-physikalische Raum kann soziale Netze und Milieus schwer darstellen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Nachbarschaft, die Wahrnehmung von Landschaft als Identifikationsraum und von Heimat, wie sie etwa in der Landschaftstrategie des BAFU 2011, 5 zum Ausdruck kommt.
Landschaft ausräumen und möblieren: Da im Behälterverständnis der Behälter und sein Inhalt als getrennt gedacht werden, ist es möglich, eine Landschaft auch als leer, ohne «Inhalte» zu denken. Aus einer Behälter-Landschaft können etwa Baumgruppen oder Feuchtgebiete weggedacht werden, nicht aber aus dem See das Wasser, da dieses substanziell zum Verständnis des Begriffs See gehört.
Die Raummetapher kann so einem Ausräumen von Landschaften Vorschub leisten, ein Vorgang, der typisch für die industrielle Landwirtschaft ist (vgl. Kühne 2013, 97-99, Egner 2010, 98). Auch Begriffe wie Flurbereinigung und Melioration (wörtlich «Verbesserung») gehören in dieses semantische Umfeld.Beim Ausräumen werden Ackersäume, Bäume, Lesesteinhaufen etc. aus der Landschaft entfernt, um einen ‹bereinigten› Agrarraum zu schaffen. Umgekehrt macht die Behältervorstellung möglich, Landschaften als mit Objekten möbliert (Hersberger et al. 2010) zu beschreiben oder sie etwa im Zuge von Biodiversitätsfördermassnahmen mit Objekten auszustatten (vgl. Abbildung 6).[1] Vgl. dazu biodiversitaet-bl.ch/de/biodiversitaetsfoerderflaechen (17.3.2016)Inventare: Rauminhalte, z.B. eines Warenlagers, lassen sich als Wertträger inventarisieren. Dasselbe gilt für eine Landschaft, die als Behälterraum verstanden wird. Vgl. das sog. «Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN)» Für Landschaftplanung, -entwicklung und Raumpolitik ist also entscheidend, welche Naturdenkmäler sie dem Behälter zurechnet und welche nicht.
Homogenität: Der neutrale Bezugsrahmen eines abstrakten Raums lässt alle Stellen im Raum als gleichwertig erscheinen. Der als homogen verstandene Landschaftsraum lädt deshalb zur Schaffung rein rechnerisch bestimmter Orte bzw. Bauwerke ein. Abstände, Linien, Grenzen bestimmen das Wesen der Behälter-Landschaft. Diese wird damit gedanklich leicht auf ein dreidimensionales Reissbrett reduziert. Im Behälterraum entstehen z.B. Strassen- und Tunnelbauten, die kürzest mögliche Verkehrsverbindungen sicherstellen (Strecken), Agrar- und Siedlungsgebiete (Flächen, Zonen) Stauseen, die ein bestimmtes Wasservolumen fassen, Wohnbauten, die sich an Raumvolumina (Ausnützungsziffern) orientieren. vgl. dazu auch die Netzmetapher
Ein Denken in der Kategorie des homogenen Raums lädt weiter dazu ein, auch technische Infrastruktureinrichtungen ortsunabhängig zu gestalten (vgl. Strassenbau, Windräder).
Die Herkunft des Raumbegriffs aus der Physik lädt dazu ein, weitere Begriffe aus dem Wissensrahmen der Physik ins Denken über Landschaft einzuführen. Zu diesen gehören etwa das Element (vgl. Landschaftselemente), die Dichte (vgl. verdichtetes Bauen) und der Druck (vgl. Siedlungsdruck.)
Orte gefährdert: Im Behälterrraum erhalten Orte ihre Bedeutung als Inhalte des Behälters. Kein Ort steht privilegiert vor einem beliebigen anderen Ort. Die Bedeutung lokaler Besonderheiten wird daher geschwächt. Orte sind nicht Bedingungen des Behälterraums (wie etwa die Knoten des Netzraums). Die Vorstellung eines geometrisch-homogenen Raums führt deshalb zu einer «Einebnung» der Orte. Das Einzigartige und Individuelle, die Qualität bestimmter Orte wird auf deren Raumposition reduziert. Orte verlieren so ihre Kraft, Raum zu definieren und zu ordnen.
Folge: Einzigartige Orte und Landschaften müssen heute geschützt werden. Vgl. Schutz der einzigartigen Landschaften und Naturdenkmäler, historische Ortsbilder oder geschichtliche Stätten (vgl. BAFU 2011, S. 8). Auch die (Wieder)entdeckung von Kraftorten kann in diesem Zusammenhang gesehen werden (Merz 1999). vgl. dazu die Netzmetapher
Was gehört zum Rauminventar? Wenn Landschaft als Inventar eines Behälters gesehen wird, geht leicht vergessen, dass die Gesamtheit einer Landschaft mehr als die Summe ihrer inventarisierbaren Einzelobjekte ist. Jede Inventarisierung setzt eine Unterscheidung von werthaltigen und nicht inventarwürdigen Gegenständen voraus, die in Bezug auf Landschaft schwer festzulegen ist.
Die Behältermetapher erfasst Landschaft als rein räumliches Phänomen. Dieses kann entweder zeitlos sein oder gleich einem Standbild in einem Film einen Momenteindruck wiedergeben.
Der Behälterraum lässt sich auch in Computerprogrammen dreidimensional digital modellieren.
Raumausdrücke blenden die zeitliche Dimension aus. Der Vergleich zwischen den Wörtern Stadt und städtischer Raum macht dies deutlich. Der statische Behälterraum kann zyklische, saisonale ebenso wie historische und naturgeschichtliche Dimensionen der Landschaft nicht erfassen. Ausdrücke wie Wiese, Acker, Garten, Stadt tragen Aspekte des Gewachsenen in sich. Gebäude, Städte, Friedhöfe, Schlachtfelder etc. sind Stätten akkumulierter Geschichte. Die Archäologie hat für diesen historischen Aspekt der Landschaft den Begriff der Landschaftsbiographie geprägt (vgl. Kühne 2013, S. 161). Das geometrisch-physikalische Behälterverständnis ist blind für diese historische Komponente der Landschaft. Auch jahrezeitlicher Wandel lässt sich im statischen Raumbegriff schwer mittdenken.
Zugespitzt ausgedrückt: Im Agrarraum gibt es weder Sommer noch Winter, in einer als Feld oder Acker bezeichneten Landschaft hingegen schon.
Der Bezug des Raumbegriffs zu Geometrie und Physik verleiht dem Begriff Raum eine Färbung von exakter Fassbarkeit und Objektivität. Wer ihn gebraucht, macht sich als Experte erkennbar, der weiss, wovon er spricht. Folge: Wer von städtischem Raum oder ländlichem Raum spricht, geniesst gesellschaftlich höheres Prestige, als wer von Stadt oder Land spricht.
Das Konzept des geometrisch-physikalischen Raums übergibt die Macht über die Landschaft den quantifizierenden Perspektiven von Verwaltung und Planung zulasten gesellschaftlicher Gruppen, die ästhetischen und emotionalen Landschaftsverständnissen und –interessen folgen (z.B. traditioneller Natur- und Heimatschutz). Sie zwingt diese, ihre Interessen in die Begriffe der Planung umzumünzen und in deren Logik zu operationalisieren (vgl. Ausdrücke wie Erholungsräume, touristische Räume).
Das quantifizierende Landschaftsverständnis sollte als reduktionistisch erkannt und nicht als «wahr» angesehen werden. Räume und Flächen sind nicht gleich Landschaft. Der direkteste Weg zur Korrektur dieser einseitigen Perspektivierung der Landschaft als Raum ist die Verwendung von Ausdrücken, die auch subjektive und sinnliche Wahrnehmungen einschliessen. Beispiele: Feld, Wiese, Acker, Gebiet, Gegend, Landschaft, Boden etc.
Der Unterschied zwischen Objekt- und Subjektraum sollte bewusst gemacht und im praktischen Handeln (etwa der Planung) bedacht werden. Es gilt Wege zu finden, die Unterscheidung von Landschaftsbehälter und -inhalt aufzuheben, so dass Quantitatives und Qualitatives verbunden gedacht werden können. Ansätze dazu können sein:
[1] Gemeint sind Geographie, Soziologie, Psychologie, Raumplanung, Landschaftsarchitektur und -planung.
Raumplanung, Lebensraum, Siedlungsraum, Erholungsraum, Raumentwicklung und Raummanagement. Was ist mit dem Ausdruck Raum hier wirklich gemeint? Sucht man im Glossar des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) Aufschluss darüber, was unter Raum verstanden wird, so findet man keinen. Mit gutem Recht kann man sagen, dass der Raumbegriff in den Landschaftswissenschaften, der Planung und Verwaltung die Eigenschaft eines Chamäleons besitzt (Miggelbrink 2002, 38, vgl. auch Blotevogel 2005). Das Verständnis von Raum zeichnet sich durch eine schillernde Bedeutungsvielfalt aus.
Interessen, Macht und Verständigung. Was im Einzelfall unter Raum verstanden wird, hängt meist von den spezifischen Perspektiven und Interessen ab, die einzelne Akteure verfolgen. Diese Interessen können etwa Schutz, Regelung oder Forschung sein und in Gesetzestexten, Pamphleten oder wissenschaftlichen Artikeln zum Ausdruck kommen. Der Facettenreichtum des Ausdrucks Raum macht es möglich, dass unterschiedliche «Zünfte» dasselbe Wort Raum brauchen, aber Unterschiedliches damit meinen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Daraus können Missverständnisse oder offene Konflikte erwachsen. Wenn unterschiedliche Verstehensweisen von Raum aufeinandertreffen, zeigt sich aber auch, welches Wortverständnis sich gesellschaftlich breiter durchsetzt, etwa in Gesetztestexte und behördliche Vorgaben einfliesst, und welche Folgen sich daraus für den gesellschaftlichen Umgang mit der Landschaft ergeben. Im Wortgebrauch artikuliert sich also auch gesellschaftliche Macht. Diese sollte bewusst gemacht und offengelegt werden. Eine Klärung unterschiedlicher Raumverständnisse kann weiter die Verständigung unter den verschiedenen Akteuren (Planerinnen und Planern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Ausrichtung ebenso wie Bürgerinnen und Bürger) stärken. Eine Klärung grundlegender Begriffe ist aber auch unverzichtbar für die Urteilsbildung im aufgeklärten Staat. Will man vermeiden, dass politische Urteile durch Schlagworte oder eine abgehobene Expertensprache zustande kommen, ist es wünschenswert zu klären, was im Einzelfall mit dem Wort Raum gemeint ist. Dies betrifft Wörter wie Raumplanung und Raumentwicklung ebenso wie das Raummanagement oder den Erholungsraum.
Im Folgenden beleuchten wir zwei zentrale Raumverständnisse, die in der Sprache über Landschaft verbreitet vorkommen: (1) den Raum als geometrischen Behälter und (2) den Subjektraum- und Handlungsraum. Da sich die Bedeutungen dieser Ausdrücke weitgehend über Metaphern aufbauen, gehen wir der Frage nach, wie metaphorische Raumverständnisse die Wahrnehmung von Landschaft und den Umgang mit ihr prägen. Am deutlichsten metaphorisch sind der Behälter- und der Flächenbegriff, da sie aus der Geometrie stammen. Wir verfolgen deshalb die Frage, welche Sichtweisen auf Landschaft diese Ausdrücke erzeugen und welche anderen durch sie unerfasst bleiben. Als sprachliches Belegmaterial dient uns ein Wort-Korpus, das wir der Landschaftsstrategie des BAFU (2012) entnehmen. Es macht eine Auslegeordnung von Wortbildungen zum Raumverständnis möglich, das in der behördlichen Sprache über Landschaft verbreitet ist und als solches ein dominantes Raumverständnis spiegelt, das eine beträchtliche gesellschaftliche Wirkungsmacht entfalten kann. Weiter nehmen wir punktuell auf Belegstellen aus einem Lehrbuch der sozialwissenschaftlicher Landschaftstheorie Bezug (Kühne 2013).
Worin unterscheidet sich eine Gebirgslandschaft von einem Gebirgsraum? Zunächst durch ihre unterschiedliche Anschaulichkeit. Eine Gebirgslandschaft ruft Vorstellungen von Felsen, Gipfeln, Schneefeldern und tief eingeschnittenen Tälern hervor. Ein Gebirgsraum erweckt eher Vorstellungen einer geometrisch erfassten Landschaft mit Bergen und Tälern. Noch abstrakter sind Ausdrücke wie Raumstrukturen, naturnahe Räume, Identifikationsraum, raumwirksame Sachpolitik oder Raumentwicklung. Die Ausdrücke entwerfen kaum Bilder; sie erfassen Landschaft aus grosser Distanz. Anders als Alltagsausdrücke wie Landschaft, Wald, Wiese oder Feld umgibt sie eine Aura von Wissenschaftlichkeit. Sie strahlen Bedeutsamkeit und Autorität aus. Wer sie gebraucht, spricht als Experte oder Expertin.
Die Frage, woher die Raum-Ausdrücke über Landschaft ihren Anstrich von wissenschaftlicher Bedeutsamkeit beziehen, führt uns zur Geometrie und die Physik. Seit Jahrhunderten stellen diese beiden Wissenschaften Raumdefinitionen bereit, die über schulische Vermittlung leicht auch in das Verständnis von Landschaft einfliessen können. Wie sieht dieser geometrisch-physikalische Raum aus?
Die Grundlage des geometrischen Raumverständnisses stammt von Euklid (3. Jhr. v. Chr.), der seine Raumvorstellung in drei Schritten entwirft. Sie nimmt ihren Ausgang von der Vorstellung des geometrischen Punkts. Vgl. Abbildung 1:
Bereits in dieser Hinführung zum euklidischen Raumverständnis wird deutlich, dass geometrische Fachausdrücke metaphorisch in die Beschreibung von Landschaft eingeflossen sind. Man denke etwa an den Treffpunkt, die Flussebene, die Bahnstrecke, die Flusslaufbegradigung (Gerade) oder die Agrar-, Nutz-, und Erholungsflächen. In der Sprache über Landschaft ist Geometrie allgegenwärtig.
Auf Euklids geometrische Abstraktion bauend formulierte der Physiker Isaac Newton im 17. Jahrhundert das Konzept des absoluten Raumes. Newton dehnt den dreidimensionalen Raum zunächst ins Unendliche aus und erklärt ihn damit als «absolut». So wird es möglich, alle Himmelskörper in einem einzigen Raum zu platzieren. Newton bestimmt diesen unendlichen Raum als homogen. Kein Punkt in ihm steht privilegiert vor einem anderen. Struktur und Ordnung sind im absoluten Raum beliebig. Es existiert weder ein Zentrum noch eine Peripherie. Der absolute Raum ist weiter isotrop. Keine Richtung in ihm ist vor einer anderen privilegiert; es gibt weder ein Oben noch Unten, Hinten noch Vorne, weder Norden noch Süden, weder Mittelpunkt noch Rand. Schliesslich ist er inert: Der absolute Raum befindet sich in einem statischen Ruhezustand (Newton in Cajori ed. 1934, S. 6f). Man kann ihn sich vorstellen als einen unendlichen statischen Behälterraum, in dem sich die Himmelskörper bewegen. Geometrische Grundlagen machen ihn bildlich darstellbar und mathematisch berechenbar (Abbildung 2).
Beide, der euklidische und der newtonsche Raum sind wohl vom Menschen konstruiert, aber nicht vom Menschen aus perspektiviert. Anders als etwa ein Wahrnehmungsraum oder einem Sehraum, die von einem wahrnehmenden Menschen aus aufgebaut sind und ein wahrnehmendes Subjekt voraussetzen, ist der dreidimensional-geometrische Raum unabhängig menschlichen Sinneswahrnehmungen und Gefühlen gedacht. Der geometrische Raum wird als abstraktes Ordnungsmuster über die Welt gelegt und aller menschlichen Wahrnehmung als vorgegeben unterstellt.[2] Dies zeigt sich etwa in der Malerei, die seit der Renaissance ein perspektivisch ausgerichtetes Sehen von einem Subjekt aus in einem dreidimensionalen Raum aufbaut (vgl. Koschorke 1990, Heelan 1983). – Newton denkt sich den absoluten Raum als unbegrenzt. Man kann ihn sich vorstellen als einen Behälter, dessen Wände unendlich weit nach aussen verschoben werden können (Blotevogel 2005, 832). Das Bild eines vorgegebenen Behälterraums lässt Objekte nicht anders als im Raum denken. Anders gesagt: Die Geometrie gibt den Objekten Raum, verleiht ihnen Räumlichkeit. Der Behälter lässt in seinem Inneren auch die Vorstellung von Teilräumen zu, die durch Koordinatenzahlen bestimmbar sind. Übertragen wir dieses Raumverständnis auf die reale Landschaft, so gelangen wir zu einem geometrisierten Landschaftsverständnis, wie es pointiert in der Skulptur von Haimo Ganz und Martin Blum auf dem Zürcher Max-Bill-Platz zum Ausdruck kommt (Abbildung 3). Sie zeigt einen beliebig gewählten Erd-Gras-Kubus, der aus einer Wiese in der Gemeinde Samstagern stammt und im Rahmen der Aktion «Gasträume» 2012 in Zürich «zu Gast» war. Der Erd-Gras-Kubus führt die Künstlichkeit einer geometrisierten Landschaft eindrücklich vor Augen. Sie macht bewusst, dass die geometrische Behältermetapher die Komplexität der Landschaft in spezifischer Weise reduziert. Sie teilt die Natur entlang beliebiger Geraden und Flächen auf, ohne Rücksicht auf ihre qualitative Beschaffenheit. Der künstliche Gitterkubus zeigt auch, wie die Natur gegen ihre Geometrisierung «rebelliert». Seitlich werden die Grenzen der Geometrie von Grashalmen durchstossen.
Das deutlichste sprachliche Zeichen, dass Raum als Behälter gedacht wird, ist das Wörtchen in. Es begegnet uns etwa, wenn gesagt wird, dass etwas im Raum gegeben sei oder im Raum stattfinde. Das Wörtchen in verrät, dass wir uns Raum und damit Landschaft als etwas vorstellen, das ein Innen und Aussen besitzt. Wie beiläufig dies in Redeweisen über Landschaft und Raum geschieht, lässt sich an zwei Sätzen aus einem Lehrbuch und einer kulturgeschichtlichen Studie über Landschaft ablesen:
Die Deregulation der Gesellschaft schlägt sich im physischen Raum niederKühne 2013, 196
Was die jeweilige Landschaft ist, hängt ab von meinem Standpunkt, d.h. meinem Ort im RaumTrepl 2012, 18
Dass sich etwas im Raum niederschlagen kann, deutet auf einen Raum, der ein Oben und Unten besitzt. Mit dem Hinweis auf Standpunkte und Orteim Raum wird weiter deutlich, dass man in seinem Inneren Positionen und Relationen bestimmen kann. Der geometrisch-physikalische Raum schafft Ordnung und Orientierung. Neben dem Wörtchen in verweisen Metaphern darauf, wie man sich den Landschafts-Raum weiter vorstellen kann. Wir lesen:
Der physische Raum umfasst sowohl belebte als auch unbelebte ObjekteKühne 2013, 67
(Die Person) greift Objekte aus dem physischen Raum herausKühne 2013, 62
Alltagsmetaphern wie umfassen und herausgreifen verraten, dass der entworfene Raum eine Grenze nach aussen besitzt. Folgen wir diesem Bild, so zeigt sich Raum als etwas, das Objekte, z.B. eine Landschaft oder eine menschliche Gemeinschaft, aufnehmen kann. Raum ist also ein Umfassendes, in dem Objekte platziert oder geordnet werden können. Die Behältermetapher leitet unser Denken dazu an, in der Wahrnehmung von Landschaft eine künstliche Trennung zwischen Behälter und Inhalten einzuführen.
In den untersuchten Texten über Landschaft kommt dieses Raumverständnis nur implizit zum Ausdruck und wird nicht begründend reflektiert. Die Landschaftsvorstellung baut sich damit unbewusst über Metaphern wie herausgreifen, umfassen und die Präposition in auf. In ihrem Miteinander schaffen diese Einzelmetaphern eine konzeptuelle Metapher (im Sinne von Lakoff und Johnson 1980), die suggeriert, Landschaft als Behälter zu denken. Der Behälterraum erscheint damit als etwas, das menschlichen Handlungen als ihre Bedingung vorausgeht.[3] Die bis ins 20. Jahrhundert noch übliche Wendung «auf der Landschaft» oder «auf dem Dorfe» (vgl. G. Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe (1855) deutet auf eine ältere, flächige, statt dreidimensionale Vorstellung von Landschaft. Diese unbewusste Annahme über das Wesen von Landschaft hat weitreichende Folgen für die Art, wie wir Landschaft wahrnehmen. Die Unterscheidung von Behälter und Inhalt führt uns dazu, Unterteilungen und Gliederungen in die Natur einzuführen, die nicht von der Natur, sondern der Geometrie oder Alltagsvorstellungen nahegelegt werden. Zu den Implikationen der Behältermetapher gehört zum Beispiel, dass man sich einen Raum, wie etwa einen Schuhkarton, auch als leer denken kann. Übertragen auf Landschaft bedeutet dies, dass man Gegenstände, die in jeder natürlichen Landschaft vorkommen können, wie etwa eine Baumgruppe oder ein unliebsames Sumpfgebiet, gedanklich von der Landschaft ablösen kann. Die Metapher der «leeren» Landschaft kann den Gedanken nahelegen, eine Landschaft tatsächlich leerzuräumen, wie dies in der industriellen Landwirtschaft geschieht, wenn im Zuge einer Effizienzsteigerung die Landschaft von störenden Objekten befreit und leer- bzw. ausgeräumt wird (Abbildung 4).
Im euklidischen Raum lassen sich auch geometrische Teilräume bestimmen. Diese können zweidimensionale Ebenen oder Flächen umfassen, aber auch dreidimensionale Körper wie Kuben, Zylinder oder Kegel. Der euklidische Raum lässt also das Denken begrenzter Teilräume zu, die den Charakter von Objekten tragen, über die man rechnend, planend und handelnd verfügen kann. So werden z.B. Siedlungs-, Wohn-, Nutzungs-, oder Erholungsräume als Teilräume eines mitgedachten Gesamtraums unterschieden. Auch Adjektive wie städtisch, öffentlich, touristisch oder ländlich können Teilräume markieren. Wörter des Typs Raumordnung, Raumentwicklung, Raumplanung, Raumforschung, Raummanagement etc. sind nach dem Muster nominalisiertes Handlungsverb + Raum gebildet und legen Raum als etwas nahe, mit dem man handelnd umgehen kann. Raum erscheint als etwas, das man etwa ordnen, entwickeln, planen oder managen kann, als eine Art materielles Substrat, als Handlungsobjekt.
Die Skulptur auf dem Max-Bill-Platz in Zürich veranschaulicht ein solches Handlungsobjekt. Der geometrische Graskubus ist aus dem natürlichen Landschaftszusammenhang geschnitten. Anders aber als ein praktischer Werkgegenstand - etwa der Aushub einer Baugrube - ist er als Kunstwerk allen Nützlichkeitszusammenhängen enthoben. In seiner Künstlichkeit führt er vor Augen, wie unreflektiert wir gewöhnlich Naturstücke nach geometrisch-physikalischen Prinzipien behandeln, wenn wir praktische Zwecke verfolgen. Wir legen Bahnstrecken und Agrarflächen an, begradigen Flüsse, ebnen Unebenheiten (im Gelände) ein, berechnen Rauminhalte und Wasservolumina in Kubikmetern, legen Zonengrenzen, Grenzabstände und Aussichtspunkte fest. So rational und sinnvoll solche Handlungen im Einzeln sein mögen, lassen sie doch leicht vergessen, dass mit ihnen reduktionistische Verfahren am Werk sind.
Ausdrücke wie Raumentwicklung, Raumplanung oder Raummanagement wirken auffällig suggestiv, sie vermitteln den Eindruck, als gelte es, in Bezug auf Raum zu handeln und als sei Nichthandeln ausgeschlossen. Dies ist typisch für sog. deontische Ausdrücke (Sollens-Ausdrücke) (Hermanns 1994). Ein Beispiel aus einem anderen Bereich ist das Wort Schädling. Es fordert uns auf, ein so benanntes Tier zu bekämpfen. Raumentwicklung, Raumplanung oder Raummanagement verdanken ihre suggestive Wirkung ihrer Wortbildung. Sie sind aus den Verben entwickeln, planen und managen abgeleitet, Verben, die aus der Biologie, dem Bauwesen und der Wirtschaft stammen, aus Sinnbereichen also, in denen Veränderung als selbstverständlich gilt (vgl. Abbildung 5). Wenden wir sie metaphorisch auf den Gegenstand Raum an, so lassen sie auch Handlungen in Bezug auf den Gegenstand Raum - und damit Landschaft - als selbstverständlich erscheinen. Raumentwicklung, Raumnutzung, Raumplanung und Raummanagement wirken wie verdichtete Handlungsprogramme. Sie wecken Ansprüche und bringen wichtige Fragen zum Verstummen, z.B., warum eine bestimmte Handlung in Bezug auf Raum nötig und sinnvoll sei und auf welche konkreten Objekte und angestrebten Veränderungen sich dieses Handeln beziehen soll.[4] Ein Gegenbeispiel dazu ist der Ausdruck Raumpflege, aus dessen Gebrauchszusammenhang klar ist, dass er die Pflege von Wohnräumen meint. Die Vagheit des Raumbegriffs wirkt in diesen Ausdrücken wie ein Freipass. Er gewährt, ja gebietet, den handelnden Zugang zu allem, das gegenständlich und räumlich messbar ist. So könnte der «Gastraum» auf dem Max-Bill-Platz anstelle einer Graslandschaft auch einen Ausschnitt aus einem Stadtviertel (städtischer Raum), einer Gebirgslandschaft (Gebirgsraum) oder einem Ökosystem (Lebensraum) aufnehmen. Die Inhalte des Kubus sind austauschbar. Reale Landschaften aber sind dies nicht. Der Ausdruck Raum bringt sie auf einen gemeinsamen, sehr allgemeinen Nenner.
Ihre inhaltliche Unbestimmtheit rückt Raum-Ausdrücke dieser Art daher in die Nähe von Plastikwörtern. Uwe Pörksen, der diesen Begriff geprägt hat, bestimmt Plastikwörter als Ausdrücke, die keine sinnlichen Vorstellungen hervorrufen und Objektivität suggerieren. Man kann sie gebrauchen, ohne etwas Genaues zu sagen. In ihrer Vagheit stiften sie Konsens. Sie erzeugen Bedürfnisse, wirken als Programm und lassen Widerspruch verstummen. Weiter erhöhen sie das Prestige der Sprecher: Wer von Raumentwicklung und Raumstrukturen spricht, auch wenn es inhaltlich um Waldränder und Flussläufe geht, spricht von oben herab, lässt Laien verstummen, auch wenn ihm oder ihr dies nicht bewusst ist (Pörksen 1988).
Welche Schlüsse lassen sich aus diesem Befund ziehen? Ohne Abstrakta kommen wir im Umgang mit Landschaft nicht aus. Um eine leichte Verständigung zwischen Experten und Laien zu fördern, kann aber Genauigkeit helfen. Ist etwa, wenn von Raumplanung die Rede ist, eine Strassen-, Ufer- oder eine Waldrandplanung gemeint? Auch der Vergleich mit der Alltagssprache kann helfen, Plastikwörter aufzuhellen: Bedeutet Raumplanung im Konkreten Landschaftsumbau? Ist mit Raumentwicklung Boden- und Pflanzenveränderung gemeint? Und: Ist eine Veränderung in Bezug auf den Gegenstand Raum überhaupt wünschbar?
Wie können wir diese Gegenstands-Perspektivierungen von «Raum» erkennen? Das Wortbildungsmuster, das diesem Raumverständnis zugrunde liegt, ist dieses:
|1. Position||2. Position: Nomen abgeleitet aus dem Handlungsverb|
|Raum-||Planung|
An erster Stelle steht das Nomen «Raum», an zweiter ein Nomen, das sich von einem Handlungsverb herleitet, wie etwa in «planen» Planung, strukturieren Struktur.
Weil das Nomen in Position 2 sich aus einem Verb ableitet, werden in ihm auch die handlungstragenden Personen mitgedacht, welche die Handlung in Gang setzen. Das Nomen ist also ein verdichteter Satz des Typs «Wir planen den Raum.» Raumplanung impliziert damit eine menschliche Handlung, gerichtet auf den Gegenstand Raum.
|Wir planen…||den Raum|
weitere Beispiele: Raumentwicklung, Raumkonzept, Raumstruktur, Raumnutzung, Raumplanung, Raummanagement
Wir haben festgestellt, dass die Geometrisierung der Landschaft zu ihrer Fragmentierung entlang gerader Linien (Strecken) und in Flächen einlädt. Die Unterscheidung von Teilräumen führt eine weitere Implikation mit sich. Sie macht es möglich, Teilräumen und damit Objekten Funktionen zuzuweisen.
Die Rede von Landschaftsfunktionen leitet sich von der soziologischen Beobachtung her, dass moderne Gesellschaften sich in Teilsysteme wie das Ökonomische, das Soziale, das Politische und das Kulturelle ausdifferenzieren. Auch industrielle Arbeitsprozesse sind durch Spezialisierung charakterisiert. Diese funktionelle Differenzierung der Gesellschaft finden wir auch auf die Landschaft übertragen. Zum Beispiel auf den Wald, wenn im Forstwesen von einer Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion (oder neuerdings auch -leistungen) des Waldes die Rede ist. Im Ausdruck Landschaftsfunktionen ist eine metaphorische Übertragung am Werk, die leicht übersehen wird.
Funktion ist ein Ausdruck aus der Maschinenwelt, ursprünglich der Mechanik. Die Funktion bezeichnet die «Aufgabe» eines Objekts und weist darauf hin, dass es als Mittel zu einem bestimmten Zweck eingesetzt wird. (Lateinisch fungere bedeutet verrichten, verwalten, ausüben.) Ein Beispiel: Maschinen sind aus Teilen aufgebaut, die bestimmten Zwecken folgen, welche die Konstrukteure für sie vorgesehen haben. Der Motor hat den Zweck des Antriebs, die Kupplung den der Kraftübertragung, der Scheibenwischer soll die Sicht freihalten. In einer Maschine erfüllt jedes Maschinenteil bis hin zum kleinsten Rädchen eine Funktion in der Maschinen-Gesamtfunktion. In einer vernünftig gebauten Maschine gibt es keine Teile ohne Funktion.
Was bedeutet dies für eine Landschaft, der (1) Teile zugesprochen werden, von denen (2) angenommen wird, dass sie Funktionen tragen? Rekonstruieren wir den sprachlich-gedanklichen Aufbau einer solchen «Landschaftsmaschine». Zunächst leitet die Vorstellung von Teilräumen das Denken dazu an, Landschaft als ein räumliches Nebeneinander von Landschafts-Teilen wahrzunehmen. Doch was ist ein Landschafts-Teil genau? Landschafts-Teile sind nicht naturgegeben, sondern Ergebnisse von Handlungen des Teilens. Der Max-Bill-Kubus führt ein Beispiel vor Augen.
In einem nächsten Schritt werden den Teilen Funktionen zugewiesen. Als Funktionsträger müssen Landschafts-Teile Zwecke erfüllen. Sie stehen also nicht für sich, sondern als Mittel zu einem bestimmten Zweck. Dies ist etwa der Fall, wenn, wie heute in der Orts- und Regionalplanung verbreitet, zwischen Wohn-, Arbeits- oder Erholungsräumen unterschieden wird. Diese funktionale Spezialisierung einzelner Räume verwandelt die Landschaft in eine Zwecke-Trägerin ähnlich einer Maschine. Die räumliche Trennung der Einzelfunktionen verrät, dass die «Gesamtmaschine» Landschaft unter den Gesamtzweck gesellschaftlicher Produktivität gestellt ist.
Besonders auffällig finden wir die Metapher der «Landschaftsmaschine» in den modernen Agrarräumen der industrialisierten Landwirtschaft verwirklicht. Gesteuert von Schaltzentralen in den Städten (Investoren, Grossverteilern, Schlachthöfen, Molkereien), wird Landwirtschaft dem Gebot ökonomischer Effizienz unterstellt. Im Ackerbau soll ein hoher Flächenertrag möglichst konkurrenzfähig machen. Landwirtschaftliche Tätigkeiten werden einerseits unter der Losung der Produktion zusammengefasst, andererseits in Getreide-, Obst-, Fleisch- und Milchproduktion differenziert. Bauern, die zuvor Generalisten, d.h. Getreide-Milch- und Obstbauern waren, verwandeln sich nun in spezialisierte Milch- oder Obstproduzenten. Aussiedlerhöfe werden zu Agrarfabriken, die nach zentralen Vorgaben produzieren. Die industrielle Inbetriebnahme des Agrarraumes als «Maschine» verändert die Landschaft: Der Einsatz technischer Geräte, das Ausräumen von Produktionsflächen, der Austrag von Düngemitteln (als «Maschinenbeschleuniger») und Insektiziden bereinigen die Landschaft von jenen Teilen, die nicht in die Funktionen der «Landschaftsmaschine» passen. Dazu gehören störende Bäume und Büsche ebenso wie Ackerränder, Feuchtstandorte und frei fliessende Bäche etc. Da Landschaften aber ihrer Natur nach keine Maschinen sind, die monofunktionalen menschlichen Zwecken folgen, muss das Betreiben der «Landschaftsmaschine» über kurz oder lang Nebenfolgen nach sich ziehen. Der Artenrückgang, z.B., tritt heute offen zu Tage. In der Schweiz werden deshalb u.a. seit 2001gezielte Kompensationsmassnahmen ergriffen, die über Direktzahlungen staatlich finanziert sind (Ökoqualitätsverordnung).
Die hier formulierte Kritik an der Funktionalisierung der Landschaft ist eine Grundkritik, die seit langem vor allem als Folge einer grösseren Wirtschaftsorientierung diskutiert wird (Ipsen 2006, 80-82, Kühne 2013, 92ff). Kaum beleuchtet bleibt dagegen bisher die sprachliche Seite des als problematisch erkannten Sachverhalts und der getroffenen Gegenmassnahmen. So werden heute ökologische Ausgleichsflächen, Biodiversitätsförderflächen, ökologische Korridore, ökologische Strukturobjekte, Wildtierpassagen, Vernetzungsachsen, begrünte Randstreifen (Righetti 2008) etc. in die «Landschaftsmaschine» «eingebaut». Aus linguistischer Sicht fällt auf, dass manche dieser kompensatorischen Massnahmen ihrerseits in Metaphern gefasst sind, die der euklidischen Geometrie und der Maschinenwelt entstammen. Ebenso wie die industrialisierte Landwirtschaft funktionalisieren sie Teilräume (Flächen, Achsen, Passagen, Korridore) und Objekte. Die Massnahmen dienen ihrerseits Funktionen wie etwa der Vernetzung von Lebensräumen, die der Fragmentierung entgegenwirken soll. Ein Ausweg aus dieser reduktionistischen Falle könnte sein, Landschaftsumbauten multifunktionell anzulegen, um so eine möglichst gesamtheitliche Sichtweise auf die Landschaft wachzuhalten (Righetti 2008, 21).
Wir halten fest: Raum kann als Objekt perspektiviert sein, das dem menschlichen Handeln gegeben ist und wahrgenommen, verändert oder genutzt werden kann. In diesem Fall wird Raum realistisch als etwas in der Wirklichkeit Vorhandenes, als Voraussetzung menschlicher Handlungen gedeutet. Dasselbe gilt für den Behälterraum. Er wird menschlichen Handlungen als vorgegeben unterstellt. Er kann Objekte aufnehmen und lädt dazu ein, Objekte in ihm zu ordnen, zu messen, zu teilen und so auch technisch über sie zu verfügen. In seiner Abstraktheit bietet er sich als Schlüssel für alles Gegenständliche an und eröffnet dieses pauschal möglichen menschlichen Handlungsabsichten.
Die Perspektivierung von Landschaft als Behälter und Objekt gelangt in Texten über Raum bzw. Landschaft nur implizit zum Ausdruck. Diese Raumvorstellungen bleiben als konzeptuelle Metaphern unbewusst im Hintergrund des Denkens und werden durch Einzelmetaphern wie in, umfassen oder herausgreifen gestützt. Beide Denkmodelle, Behälter und Objekt, begründen Raumverständnisse, die bis heute in Planungswissenschaften, Geographie, Stadt- und Regionalsoziologie breit wirksam sind (Miggelbrink 2002, 39, Kühne 2013, 25). Die Übernahme des Raumverständnisses aus Mathematik und Physik verleiht der Sprache über Landschaft in Raummetaphern eine wissenschaftliche Abstraktheit. Diese verschleiert nicht selten, was im Konkreten genau gemeint ist.
Ein ganz anderes Raumverständnis leitet sich aus der Geschichte des Wortes Raum her. Das Wort Raum hat seinen Ursprung in der Geschichte des germanischen Wortes rum, das sich aus dem althochdeutschen Adjektiv rumi (weit, geräumig) und dem Verb ruman (Platz schaffen, leer machen, freimachen, fortschaffen) herleitet. Das heutige Wort Abraum (‹Erd- und Gesteinsmassen ohne Nutzgehalt, taube Schicht, Abfall›) trägt die Bedeutung von freimachen und ordnen (DWDS) noch in sich. Raum verweist damit historisch auch auf die Lichtung, die zur Urbarmachung in die Wildnis geschlagen wurde (Kühne 2013, 25).
In dieser Bedeutungstradition bezeichnet Raum somit etwas Freigemachtes und Geordnetes, das in den heutigen Ausdrücken Raum machen und räumen noch mitschwingt. Im kulturgeschichtlichen Rückblick ist Raum also zuerst etwas Freigemachtes, von Menschen zu einem bestimmten Zweck Geschaffenes. Diesen lebensweltlichen Bezug des historischen Raumbegriffs finden wir noch in den vormodernen Masseinheiten wie Fuss, Elle, Morgen und Tagwerk gespiegelt (Kühne 2013, S. 25). Hier werden Körperteile und Arbeitszeiten zu Massstäben für den Raum. Dies macht ihn erkennbar zu einem anthropozentrischen, vom Menschen aus bestimmten Raum. Zum heutigen Alltagsverständnis von Raum gehören auch der Wohn- oder Schlafraum, also der durch Boden, Decke und Wände begrenzte Raum in einem Gebäude. Denkbar ist, dass der menschengeschaffene Freiraum in der Wildnis in diesem Verständnis metaphorisch auf den menschengeschaffenen Raum in einem Gebäude übertragen wurde.[5] Rückübertragen auf die Landschaft finden wir diese Wohnraumvorstellung etwa in der «Geländekammer» oder im «Ausbreitungskorridor für Wildtiere» (HPLA Aktuell 2013) wieder. Klar wird: Das Raumverständnis in dieser Tradition ist aus dem lebenspraktischen Handeln abgeleitet und nicht aus einer Behälterabstraktion.
Raum ist nicht einfach da, er wird durch Menschen, sei dies durch ihre Wahrnehmung, ihre Deutung oder ihre Handlungen geschaffen Ipsen 2006, 19. Wir nennen diesen Raum deshalb Subjekt- und Handlungsraum.[6] Gemeint ist damit ein phänomenologischer Raum, der in Anschluss an Dürckheims und Minkowskis espace vécu («gelebter Raum») verstanden wird (vgl. Blotevogel, 2005, S. 835). Sein wichtigstes Merkmal ist sein «subjektbezogener Mittelpunkt» (Blotevogel, 2005, 835).
Wie gelangt dieses Raumverständnis in der Sprache zum Ausdruck? Ausdrücke wie Siedlungs-, Wohn-, Erholungs- oder Wahrnehmungsraum können dies illustrieren. Zwei Deutungsmöglichkeiten dieser Wörter tun sich auf.
Ein subjektbezogenes Verständnis der Ausdrücke baut sich gedanklich vom Verb her auf, das im Nomen verborgen liegt. Ein Wahrnehmungsraum wird so zu einer Folge des Wahrnehmens, ähnlich, wie etwa die rauchgeschwängerte Atemluft eines Rauchers eine Folge seines Atmens ist. Die physisch-materiellen Dinge, die durch diese Handlungen berührt werden, sind nicht schon vor ihrer Wahrnehmung in einem Raum gegeben, sondern erhalten ihre Räumlichkeit erst durch den Akt der Wahrnehmung, sie sind gleichsam durch die menschliche Wahrnehmung tingiert. Der so entstandene Wahrnehmungsraum ist nicht durch seine Ausmasse, sondern durch seine qualitative Beschaffenheit bestimmt (vgl. Miggelbrink 2002, 41). Ähnlich entsteht ein Siedlungsraum durch die Handlung des Siedelns, ein Lebensraum durch die Handlung des Lebens. Diese von den raumerzeugenden Subjekten aus gedachten Räume sind keine homogenen Messräume, sondern diskontinuierliche, heterogene, psychisch bzw. sozial gegliederte Räume. Auch Erfahrungsraum, Begegnungsraum, Arbeitsraum, Wirtschaftsraum, Entwicklungsraum können so verstanden werden. Es sind Tätigkeiten des Erlebens, Erfahrens, Begegnens, Arbeitens, Wirtschaftens und Entwickelns, die sie erzeugen. Menschen und ihre Handlungen sind diesen Räumen eingeschrieben. In diesen Räumen gibt es Nähe und Ferne, gelebte Nachbarschaften, Stimmungen und Atmosphären, fliessende Grenzen, auch sind sie durch Sinneswahrnehmungen (Gerüche, Geräusche, Farben, Wärme, Kälte) und Erfahrungen bestimmt. Es sind subjektbestimmte Räume, vergleichbar dem aus der Wildnis geschaffenen, sprachgeschichtlichen Ur-Raum, der seine Existenz menschlichen Handlungen verdankt (vgl. Blotevogel 2005, 834-836) (Abbildung 9)
Subjekträume können sprachlich nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren und Pflanzen aus perspektiviert sein. Dies ist der Fall, wenn etwa vom Lebensraum von Tieren oder Pflanzen die Rede ist. Hier wird Raum durch Lebensmanifestationen von Tieren oder Pflanzen erzeugt, die als Raum-Subjekte wirken. Auch Nisträume (nisten), Legeräume (legen), Paarungsräume (sich paaren), Weideräume (weiden) oder die Lebensraumansprüche von Tierarten (Righetti 2008, 21) folgen diesem Prinzip. Sie setzen Handlungen des Nistens, Legens, Paarens, Weidens und Lebens voraus. Und sie gehen von nichtmenschlichen Perspektiven und Handlungen aus. Genauer: Wir Menschen ordnen den Tieren eine anthropomorphe Perspektivierung zu. Auf dem Weg der sprachlichen Perspektivierung ist es so möglich, eine ökozentrische Perspektive einzunehmen - die freilich an die menschliche Sprache zurückgebunden bleibt.
Doch Vorsicht: Subjekträume funktionieren wie gedankliche Kippfiguren: Über die Klammer der Räumlichkeit können sie gedanklich in Teilräume eines homogenen Behälterraums «umgegossen» werden. Diese Bedeutungsvariante wird etwa dann realisiert, wenn in einem planerischen Verfahren Erholungsräume, Siedlungsräume oder Nisträume in Karten eingetragen werden. Das Darstellungsmedium Karte verwandelt den von Subjekten aus perspektivierten Raum in den Modus Messbarkeit. Einmal als Teilräume in einem Behälterraum perspektiviert, werden Nist- oder Erholungsräume nicht mehr von ihren raumerzeugenden Subjekten, den Tieren und Menschen aus perspektiviert, sondern als Objekte quantifizierbar. Jede metrische Erfassung verwandelt Subjekträume in Objekte. So können im Zuge einer Renaturierung Nisträume und Erholungsräume in den «Umbau» einer Landschaft eingeplant werden. Aus gelebten Subjekträumen werden so Räume, die Subjekten zugewiesen werden. Durch diese Umperspektivierung verlieren die Räume ihren subjektbezogenen Kern und werden zu homogenisierten, metrisierten Räumen, die Subjekten zu bestimmten Zwecken eingeräumt werden, ein Ansinnen, das aber oft nicht gelingt.
Damit wird deutlich: Die beiden Perspektivierungen artikulieren auch Macht. Beide Raumformen kennzeichnen eine spezifische Art der Aneignung der physischen Welt. Subjekträume verdanken ihre Macht den sie erzeugenden Subjekten, sie bezeichnen Räume, die von einzelnen Menschen oder Gruppen als Lebensräume beansprucht, genutzt und u.U. gegenüber anderen verteidigt werden (Blotevogel 2005, 835). Der Behälterraum bezieht seine Macht aus der geometrischen Rationalität, welche die physische Welt als quantifizierbar verfügbar macht. Der Behälterraum ist deshalb vor allem der Raum der Raumplanung, der Ingenieur- und Bautechnik und der Gesetzgebung, wo es etwa um das Bestimmen von Bauvolumina und –abständen geht. Geometrie und ihre Möglichkeiten der Quantifizierung verbindet sich auch leicht mit den Methoden der Naturwissenschaften (Messen, Wägen, Zählen) und der Ökonomie, wenn sie etwa gewisse Gebiete als Flächen tausch- und handelbar macht (vgl. Mäder et al. Hrsg. 2014, 127).
Die beiden Raumverständnisse beruhen auf unterschiedlichen Grundannahmen über das Wesen des Raumes, sie basieren auf unterschiedlichen Ontologien.[7] Ontologie ist die Lehre vom Sein. Gemeint ist hier die unterschiedliche Seinsbegründung der beiden Raumverständnisse. Der Behälterraum setzt eine mathematische Abstraktion voraus, der Subjektraum ein raumschaffendes Subjekt. Sie sind deshalb logisch schwer miteinander kompatibel. Da sie auf unterschiedlichen Grundannahmen beruhen, lassen sie sich nicht gleichzeitig denken. Man kann diese Ausschliesslichkeit mit dem Beispiel eines dreidimensionalen «Würfelteppichs» vergleichen, wie er in der unten stehenden Grafik dargestellt ist. Das Ineinander der Würfel lässt sich einmal als stehend, also als Aufsicht von oben und einmal als hängend, also als Untersicht von unten wahrnehmen, je nachdem, wie man die quadratischen Flächen zueinander konfiguriert. Interessant ist nun: Wir können zwischen den beiden Versionen springen, wir können die beiden Würfelansichten aber nie gleichzeitig wahrnehmen. Unser Gehirn zwingt uns zwischen den beiden Wahrnehmungen immer eine kleine Umschaltphase auf. Dennoch beziehen sie sich beide auf denselben physischen Gegenstand (vgl. Lakoff/Wehling 2014, 75).
Dasselbe gilt für die beiden Raumverständnisse, die sich in unserer Wahrnehmung gegenseitig ausschliessen. Was die Landschaft angeht, trifft unsere Wahrnehmung auf eine ganzheitliche Um- und Mitwelt. Die beiden Raumverständnisse - Behälter bzw. Subjektraum - müssen also, wo sie Handeln anleiten, im physischen Raum aufeinandertreffen. Einige Beispiele können dieses Gegeneinander und Miteinander illustrieren. So beobachten wir eine Enthomogenisierung der Landschaft, wenn natürliche oder menschliche Subjekte Räume erzeugen, die metrisierte Räume überlagern oder verdrängen. Beispiele sind Trampelpfade, die in geometrischen Park- oder Schulanlagen Abkürzungswege in die Rasenflächen ziehen. Als raumschaffende Subjekte treten auch Jugendliche auf, die sich städtische Räume neu aneignen, indem sie auf den Strassen tanzen, ausrangierte Bahnareale besetzen oder homogene Mauerflächen mit Graffiti überziehen. Zwei unterschiedliche Raumkonzepte werden ineinander geblendet.
Ein Gegeneinander der beiden Raumtypen bzw. Deutungsmuster kommt auch in partizipativen Planungsvorhaben zum Ausdruck, in denen Experten- und Laienvorstellungen aufeinandertreffen (Simmen, Walter 2007, 41-42). Die Vorgabe formaler, z.B. rechtlicher Grenzen, führt in solchen Verfahren leicht dazu, einem Denken in geometrischen Prinzipien (Flächenmasse, Ausnützungsziffern, Wasservolumina) den Vorrang zu geben (Simmen, Walter 2007, 120). Aus sprachlicher Sicht fällt der Vorrang des Geometrischen in der planerischen Renaturierung und Revitalisierung von Landschaften auf. Nicht selten finden wir in solchen Vorhaben die Perspektive der Natursubjekte in eine Sprache umgemünzt, die eine Geometrisierung und Homogenisierung des Raumes impliziert. Beispiele sind Vernetzungsachsen, ökologische Korridore, ökologische Ausgleichsflächen, Biodiversitätsförderflächen, Streuflächen (Righetti 2008). Solche Ausdrücke verraten, dass Schutz und Aufwertung natürlicher Zustände in einem lebensfernen Raumprinzip, dem Behälterraum und der Fläche, perspektiviert werden. Auch Korridore und Achsen entstammen einem naturfernen, technischen Sinnbereich. Im Lichte dieser Ausdrücke werden Subjekten Teilräume eingeräumt, und zwar im doppelten Sinn: 1) Teilräume werden für sie im Behälterraum ausgespart und eingerichtet und ihnen damit 2) auch zugestanden und gewährt. Die Interessen der einen Seite (der Subjekte) werden in der Sprache der anderen (der Behälterraum-Planung) verfolgt. Beispiele sind auch Erholungsräume, Begegnungsräume, Grünräume.
Die gesellschaftliche Macht der Behälterraum-Perspektivierung artikuliert sich auch in der Art, wie sie sich gegen andere mögliche Perspektivierungen durchsetzt. So kann die Wissenschaft durch die Wahl eines bestimmten Vokabulars ganze Lehrgebäude aufbauen, die Generationen von Forschenden und Lehrenden prägen. Dank ihres gesellschaftlichen Rangs besitzen auch Schule und Medien die Macht, über ihre sprachlichen Perspektivierungen ein bestimmtes Bewusstsein zu prägen. Ein Ensemble von grundlegenden Ideen und Einstellungen kann sich so zu einer Ideologie verfestigen, welche Bürgerinnen und Bürger für selbstverständlich oder natürlich halten. Sprachreflexion versucht solche Ideologien zu durchleuchten, vermeintlich vorgegebene Denkbahnen aufzuzeigen und durch alternative Perspektivierungen zu erweitern (vgl. Bendel Larcher 2015, Fairclough 2015, Caviola et al. 2016)
Im Mittelpunkt des Subjektraums stehen die Wahrnehmung und die Deutung des Raums durch den Menschen und für das menschliche Handeln. Der Subjektraum prägt deshalb die Wahrnehmung der Psychologie, der Philosophie, der Umweltpschologie und der Sozialgeographie. Er bestimmt auch in Teilen das Raumverständnis unseres Alltags. So kann man den gesamten phänomenologischen Raum, der die subjektive Wahrnehmung und das sinnliche Empfinden einschliesst, unter diesem Raumtyp subsummieren. Neben den reinen Raum-Ausdrücken (wie Lebensraum, Siedlungsraum etc.) existiert auch eine Reihe anderer Ausdrücke, die einen von Subjekten erzeugten Raum perspektiveren können. Dazu gehören die folgenden:
Vereinfachend können wir diese Ausdrücke einer sprachlichen Perspektivierung zuschlagen, die im Englischen mit dem Wort place («Ort») gefasst wird und space (Behälter)-«Raum») gegenübersteht. Im Vergleich zeichnen sich grob folgende Unterschiede zwischen den beiden Perspektivierungen ab (vgl. Mittelbrink 2005, 53).
|Subjektraum und Ort: Raum als Folge von Handlungen, von Subjekten erzeugt («place»)||Behälterraum: geometrischer, homogener Raum als Voraussetzung von Handlungen («space»)|
|konkret, an körperliche Erfahrung und sinnliche Erfahrung gebunden: Hören, Sehen, Riechen etc., Atmosphärisches eingeschlossen||abstrakt|
|bestimmter Ort («somewhere») begründet Raum, schafft eine konkrete Bezugsgrösse||überall («anywhere»)|
|«leerer» Raum nicht möglich||«leerer» Raum im Sinne der Geometrie|
|Gebrauchswert: Orte erweisen ihren Wert in ihrem Gebrauch.||Tauschwert: Als Teilräume erhalten Räume einen Tauschwert. Flächen sind tausch- und handelbar|
|Sicherheit: Orte lassen Identifikation zu und gewähren Sicherheit, da durch Menschen geschaffen||Freiheit: Homogener Raum lädt zur Mobilität ein.|
|Vertrautheit, alltägliche Routine und Erfahrung||unpersönlich: Behälterräume sind austauschbar, anonym|
|Heim/ Heimat/Wohnung/Wohnort||Staat, Bürokratie, Rationalität|
|Geschichte, Erzählungen: Manche Orte (Städte, Dörfer, Schlachtfelder, Grabstätten etc.) sind durch Geschichte bestimmt, die in Erzählungen zum Ausdruck kommt. Auch Mythen (Troja, Rütli) etc. begründen Orte.||Enthistorisierung: Geometrisch-physikalischer Raum ist als zeitlos gedacht und wird damit geschichtslos.|
|(imaginierte) Gemeinschaft, z.B. Dorf- oder Regionalgemeinschaft||unabhängig von Menschen, Subjekten und Lebeweisen|
|mit gesellschaftlicher Erfahrung und Identität verbunden||Behälter, der eine Vielzahl von «Orte» aufnehmen, veränderbare Funktionen erfüllen kann|
|eher lokal, kleinräumig,||eher global, grossräumig, Teil des euklidischen Raums|
Orten, Zentren, Stätten, Stellen, Plätzen und Regionen ist eigen, dass sie ihren Ursprung in menschlichen Handlungen oder solchen von Natursubjekten haben. Es sind Subjekte und Gemeinschaften, die sie erzeugen und so Raum begründen. Subjekträume besitzen daher den Charakter des Einzigartigen, manche von ihnen tragen Namen (vgl. Bundesplatz) oder es ranken sich Geschichten um sie (vgl. Rütli, Teufelsstein, Loreleyfelsen). Umgekehrt können sie, wie etwa der Siedlungsraum, gedanklich in einen Behälterraum ‹umgegossen› werden - und verändern so ihre Bedeutung. Tragen wir etwa die Region Basel in den zweidimensionalen Behälterraum einer Karte ein, so wird deutlich, dass wir uns Rechenschaft über deren genaue Ausdehnung und Grenzen geben müssen. Was aber die Region Basel als sozialen Raum ausmacht, etwa ihre Geschichte, Bräuche, Sprache, alles, was ihn etwa von der Region Bern inhaltlich unterscheidet, können wir auf der Karte schwer darstellen. Nehmen wir diesen Blickwechsel von der einen in die andere Sichtweise bewusst vor, so können wir die blinden Flecken der jeweiligen Perspektivierung erkennen.
Der geometrisch-physikalische Raumbegriff verwandelt Landschaft in einen Gegenstand der Naturwissenschaften. Raumdaten lassen sich im geometrischen Behälterraum leicht objektivieren. Man kann Tier- oder Pflanzenarten, Ernteertrag oder Düngemengenaustrag pro Flächeneinheit ebenso quantifizieren wie die Restwassermenge oder das Wasservolumen eines Bergbachs. Quantifizierende Verfahren finden auch in den Planungs- und der Ingenieurwissenschaften Anwendung ebenso wie in den Rechtswissenschaften, wo sie objektivierbare Regelungen von Eigentumsverhältnissen zulassen und für Bau- und Naturschutz- und Wasserrecht verfügbar machen. Im geometrischen Raumbegriff werden heute Bauzonen festgelegt, ökologische Ausgleichsflächen bemessen und Naturparks in ihrem Umfang gefasst.
Indem er Natur auf quantifizierbare Merkmale reduziert, wird der Behälter-Raum global anwendbar, Schlüssel zur gesamten materiellen Natur. Das positivistische Verständnis macht Landschaft zu einem betrachterunabhängigen Gegenstand, dessen Teilen sich Funktionen oder Leistungen zuordnen lassen. Diese erzeugen Perspektivierungen, die menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung, Sicherheit (Naturbeherrschung) und Wohlstand (Ernährung, Mobilität) entgegenkommen.
Das quantifizierende Landschaftsverständnis gelangt in der Sprache nur implizit zum Ausdruck. Die konzeptuellen Hintergrundmetaphern (der Behälter und die Geometrie) bleiben der bewussten Wahrnehmung verborgen, entziehen sich so einer kritischen Reflexion und erscheinen als «wahr» (Ontologisierung, Reifikation = Verdinglichung). Die Abstraktheit und semantische Vagheit zahlreicher Raumausdrücke erzeugen weiter den Eindruck von Bedeutsamkeit. Die Sprache über Landschaft als Raum trägt - falls sie nicht reflektiert wird - damit bewusst oder unbewusst die Funktion eines Machtmittels, mit dem Experten bestimmte Interessen gegenüber Laien durchsetzen können.
Die gedankliche Geometrisierung der Landschaft durch das Behälterraumveständnis führt mehrere blinde Flecken mit sich. Die pauschale Anwendung geometrischer Begrifflichkeit droht lokale Besonderheiten zu verwischen. Sie beraubt Orte ihres Gesichtes und uniformiert sie. Sie unterschlägt heterogene Merkmale der Landschaft, z.B. fliessende Übergänge und Ränder, ihre multifunktionale, komplexe Beschaffenheit, vorab ihre Zeitlichkeit und ihre Wahrnehmbarkeit durch die Sinne (Düfte, Taktiles, Wärme und Kälte etc.). Der geometrisch-physikalische Raumbegriff unterschlägt aber auch das komplexe Lebensgefüge, das Landschaft ist.
Umgekehrt können Raumausdrücke, die vom Verb her verstanden werden, einen Raum erfassen, der den wahrnehmenden und handelnden Menschen voraussetzt. Begriffe wie Lebensraum, Erlebnisraum, Erholungsraum oder Naturraum lassen ein Verständnis zu, das Raum von Subjekten aus – seien dies Menschen, Tieren oder Pflanzen - perspektiviert. In diesem Verständnis verweist Raum auf einen Gegenstand, der durch Handlungen (etwa leben, erleben, erholen oder das Wirken der Natur) erst erzeugt wird. Lokales und Individuelles, Gesellschaftliches und Zeitliches prägen diesen gelebten Raum. Werden dieselben Komposita aber vom Wortteil «Raum» her verstanden, verwandeln sie sich in Teilräume eines Behälterraums. Dies ist meist dann der Fall, wenn diese Wörter im Kontext planerischer Massnahmen vorkommen.
Die Unterscheidung von Landschaft als Objekt- und als Subjektraum hat ihre gesellschaftliche Berechtigung. Für einen umsichtigen und nachhaltigen Umgang mit der Landschaft ist es jedoch erstrebenswert, die unterschiedliche Beschaffenheit der beiden Raumverständnisse mit ihren Stärken und Schwächen im Bewusstsein zu halten.
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