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Othniel Charles Marshs Lachen donnerte durch die ehrwürdigen Hallen des Museums der Philadelphia Academy of Sciences. Er war an jenem frühsommerlichen Morgen im Jahre 1869 in Begleitung Joseph Leidys, des Mannes, der das erste fast intakte Skelett eines Dinosauriers – eines Hadrosaurus – beschrieben hatte.
Sie standen vor den Knochen des zwölf Meter langen Elasmosaurus platyurus, das der erst 28-jährige Edward Drinker Cope rekonstruiert hatte.
Er hatte seine neueste Sensation bereits im «American Naturalist» und anderen wissenschaftlichen Magazinen vorgestellt, mitsamt einer Zeichnung des maritimen Urwesens, das über einen ungewöhnlich langen Schwanz verfügte, so ganz anders als seine Verwandten, die Plesiosaurier, zu deren Gattung er zählt. Cope war der Ansicht, dass diese Anomalie dem Kreidemeer-Bewohner dazu diente, seinen schwerfälligen Körper mit den unverhältnismässig kleinen Gliedmassen besser durchs Wasser zu rudern.
Auch Leidy war es sofort aufgefallen, aber er lachte nicht. Sein ehemaliger Student Cope hatte keine neue Reptilienart gefunden. Er hatte bloss die Wirbelanatomie des Fossils grandios missdeutet – und den kleinen Kopf seines Elasmosaurus fälschlicherweise ans Schwanzende montiert.
Er hatte die Halswirbel mit den Schwanzwirbeln verwechselt. Vielleicht weil der Schädel, als er im westlichen Kansas gefunden wurde, in der Nähe der Schwanzwirbel gelegen hatte. Zwischen Tod und Fossilisation geraten die Knochen oft durcheinander. Doch diesem Irrtum dürfte er als Paläontologe nicht erliegen.
Hatte jener grosse, gut aussehende Mann wieder einmal allzu hastig seine Ergebnisse publiziert? War sein Drang nach Anerkennung, nach medialer Aufmerksamkeit und neidigen Paläontologenblicken grösser als die Sorgfalt, die er hätte walten lassen sollen?
Oder war jenes proportional herausgeforderte Meeresungeheuer bloss Opfer von Copes ausschweifender Vorstellungskraft geworden? Dieser fast schrankenlosen Phantasie, mit der sein Geist jene bloss in Knochen vor ihm liegenden Urzeitriesen auszustatten pflegte?
Wie gern er seiner Frau und Tochter in seinen Briefen von den Knochen der Ungeheuer aus dem alten Meer vorschwärmte, den Pterodactylus vor Augen sah Cope, wie er mit ledrigem Flügelschlag über den Wellen flatterte und im Sturzflug so manchen arglosen Fisch ergriff. Wie er dann, in sicherer Entfernung schwebend, den Kämpfen der viel mächtigeren Saurier im Meer beiwohnte und bei Einbruch der Dunkelheit allmählich zum Ufer trottete, um sich mit seinen krallenbewehrten Flügelfingern an den Klippen festzuklammern.
Das maliziöse Lachen von Copes Kollegen Marsh schien die Knochen des Plesiosaurus zum Zittern zu bringen. Wackelte etwa sein falsch angebrachter Schädel? Lachte auch er ihn aus? Nickte er gar im Takt seiner Niederlage?
Was fiel diesem Rohling eigentlich ein, ihn derart zu demütigen?
Da stand er, Othniel Charles Marsh, mit seinem selbstgefälligen Grinsen und seinen Tränen der Genugtuung. Blau und kurzsichtig lachten diese Augen Cope aus und die kleinen Giftpfeile, die herausschossen, trafen direkt in dessen stolzes, zuweilen arrogantes Wissenschaftsherz.
Da standen sie, 177 Zentimeter reinste Schadenfreude. Sie glänzte auf jener riesigen leeren Fläche, die Marshs Stirn war, triefte aus jeder Pore dieser drögen Gegend, die, früh von der Haarebbe erfasst, nur noch prominenter hervorzustechen schien.
Es war der Moment, in dem zwei Kollegen zu Feinden wurden. Wie im Ring standen sich die zwei Paläontologen gegenüber und als Schiedsrichter blieb einzig das schwanzköpfige Skelett. Denn Professor Leidy empfand die Bone Wars, in denen die zwei sich fortan so halsbrecherisch bekämpfen sollten, als der Wissenschaft unwürdig. Das Minenfeld, in denen die Knochen so vieler Urzeitgiganten lagen, überliess er den beiden nach Ruhm gierenden Streithähnen, während er sich selbst dem friedlichen Studium von Mikroben hingab.
Cope korrigierte seinen fatalen Fehler, versuchte gar, alle Ausgaben mit der Originalbeschreibung seines Sauriers aufzukaufen, doch der Schaden war angerichtet. Und die Schmach sollte ihn ein Leben lang verfolgen – denn Marsh wurde nicht müde, das langschwänzige Meeresreptil in jede Schlacht gegen ihn mitzuführen.
Bald hiess es: der Yale-Professor Marsh gegen den Harvard-Professor Cope. Wer würde die rund dreissig Jahre andauernden Knochenkriege gewinnen? Wer würde in den Schulbüchern der künftigen Generationen als erster Paläontologe des Landes genannt?
Marsh hatte einen reichen Onkel, während Cope der Sohn eines reichen Quäkers war, sodass beide Männer eine Zeit lang die Mittel hatten, sich gegenseitig zu sabotieren.
Dabei verband die zwei anfangs eine Freundschaft, die zumindest Cope in seinen Briefen an Marsh warmherzig zu beschwören wusste. Seine Handschrift schwang sich dabei furios und ungestüm über den Papierrand, dachte weiter, wo es längst keinen Raum mehr dafür gab, ja, schien fast unaufhaltsam in ihrem Streben, dem anderen zu gefallen, ihn zu begeistern für seine Ideen, seine Theorien, seine Fossilien. Dass seine brünstigen Ergüsse stets nur mit ein paar bescheidenen, trockenen Zeilen erwidert wurden, schien Cope nicht zu stören.
Er wusste auch so, dass Marsh von jedem gefundenen Knochen in Erregung versetzt wurde. Dass die Geheimnisse der erdgeschichtlichen Vergangenheit, die jene uralten Zeugnisse in sich bargen, sein Innerstes zum Beben brachten, auch wenn sein massiger, zuweilen steif wirkender Körper dabei nicht mitschwang und seine Worte die in seiner Forscherseele brennende Hingabe nicht zu verraten gewillt waren. Die Faszination für jene Urzeitwesen teilten sie.
Cope schien das Misstrauen nicht zu bemerken, das so bestimmend war für Marshs Charakter. Seine schmucklose, besonnene Diplomatensprache, die kurzen Sätze, die stets nur das Nötigste preisgaben, waren die Frucht eines tief sitzenden Argwohns. Schliesslich konnte jeder ihn hintergehen, ihm seine Ideen, seine Knochen, seinen Ruhm stehlen.
Dass er den Menschen nicht traute, lag vielleicht daran, dass er seine Mutter mit drei Jahren verloren hatte. Die Cholera nahm sie dem kleinen Othniel innert 14 Stunden. Wenige Jahre später starb auch seine Lieblingsschwester. Was blieb, war ein herrischer Vater, mit dem er nicht auskam. Und dem er schliesslich immer ähnlicher zu werden schien.
Hart im Führen, zerlegte sein Verstand jeden Menschen so treffend, dass er immer genau wusste, wen er wo einzusetzen hatte, auf dass er ihm am meisten nütze. Marsh war der Mann mit den Beziehungen. Und diejenige zu Cope brachte ihm die ersten spektakulären Fossilien ein.
Denn dieser erzählte ihm nicht nur offenherzig von seiner vielversprechendsten Fundstätte, er nahm ihn gleich mit nach Haddonfield, New Jersey, wo er zehn Jahre zuvor gemeinsam mit seinem Mentor Joseph Leidy einen der ersten Dinosaurierknochen in den USA aus den Mergelschichten geholt hatte.
Und nun fanden Cope und Marsh drei neue Dinosaurier darin. Doch als Cope später allein in sein altes Revier zurückkehren wollte, wurde ihm der Zugang verwehrt. Marsh hatte die Leiter der Grabungsstätte dafür bezahlt, dass sie einzig ihm die dort aufgespürten Knochen aushändigten.
Das war der erste offene Verstoss gegen ihre Freundschaft. Und dennoch wog er nicht so schwer wie dieses Lachen jetzt. Dieses Hyänenlachen, mit dem Cope die ganze Verachtung für seine Person so dröhnend um die Ohren flog. Wie blauäugig, wie unsäglich einfältig er gewesen war, diesen vor Hohn wabbelnden Dickwanst ins Vertrauen zu ziehen.
Cope rächte sich. Erst subtil, mit seiner Entdeckung einer eher bescheidenen Amphibie, der er den Namen seines Gegners gab – Ptyonius marshii. Marsh antwortete mit dem Fund eines langschwänzigen Reptils, dem Mosasaurus copeanus, der aus Copes Steinbruch in Haddonfield stammte.
Es folgte das von Cope entdeckte Beuteltier, ein ausnehmend unansehnliches Exemplar, das er Anisonchus cophater, «gezackter Cope-Hasser», taufte.
Im Versuch, den jeweiligen Gegner zu übertrumpfen, buddelten die beiden Männer um die Wette, löcherten den Boden, rissen dessen zu Stein gewordene Eingeweide heraus und zerrten sie schnellstmöglich ans Licht der Öffentlichkeit. Stets war der eben zu Tage geförderte Urzeitriese noch gigantischer als sein Vorgänger, übertraf in seinen Proportionen jedes andere bisher entdeckte Landtier.
Am Ende herrschte ein unsägliches Knochenchaos, ein taxonomisches Wirrsal. Marsh und Cope entdeckten insgesamt 136 neue Dinosaurier-Arten, und dennoch brachten sie so viel Verwüstung und Konfusion. Sie hatten das jungfräuliche Feld der Paläontologie vielmehr zerstört, als es zu beackern. Jahrelang würde es danach brachliegen, so lange, bis ihre Nachfolger in mühseliger Arbeit die wild verstreuten Knochen wieder zusammengesammelt, von dem hartnäckigen Dreck und den falsch, doppelt- und dutzendfach vergebenen Namen befreit, endlich richtig eingeordnet hatten.
Dies ist nicht die ruhmreiche Geschichte zweier Forscher, die in einem zu geistigen Höhenflügen anspornenden Konkurrenzkampf einen Wissenschaftszweig begründeten.
Um die Sache ging es schon längst nicht mehr. Beide Männer häuften Unmengen an Fossilien an, die bis zu ihrem Tod in versiegelten Kisten verstaubten. Ihr Besitz war wichtiger geworden als ihre Analyse. Ihren Wert für die Wissenschaft und die Welt schätzten sie geringer als das eigene Gewicht.
Marsh hatte mit seinen Verbündeten ein ausgeklügeltes System von Codenamen entwickelt, er schickte gar Spione aus, um Copes Feldexpeditionen zu unterwandern. Seine Knochenjäger, so hielt man ihm vor, würden gar mutwillig die Fossilien zertrümmern, die nicht mehr in die vollgepackten Eisenbahnwaggons passten. Cope wiederum wies seine Assistenten an, die Fundstätte zu sprengen, sobald er die Ausgrabung für beendet hielt.
Bald begannen sie auch den Boden im Westen des Landes zu plündern. Den Boden der Indianer. In Como Bluff in Wyoming, zwischen den Städten Rock River und Medicine Bow, an jenem von peitschenden Winden heimgesuchten Bergrücken, der eine weite Salbei-Prärie überragt, hoben Marshs Leute die Überreste eines plattenbestückten Stegosaurus und eines 27 Meter langen Diplodocus aus.
Auch Copes Männer waren hier zugange – von den auf den Klippen hockenden Rivalen mit Dreck und Steinen beworfen. Insgesamt wurden hier 26 Dinosaurierarten und 45 Säugerarten entdeckt.
Und ihre Knochen wurden allesamt mit dem Zug nach Osten abtransportiert, in den zivilisierten Teil des Landes, dorthin, wo man sie richtig zu deuten verstand.
Die Indianer, so die gängige koloniale Enteignungslogik der Fossilienjäger, Siedler und Goldgräber, würden den wahren, also kapitalistischen, Wert ihrer Schätze nicht kennen, auf denen sie sassen, darum sei es nur recht, sie ihnen wegzunehmen.
Und tatsächlich verstanden sie die alten Knochen nicht als lose, prähistorische Relikte der Vergangenheit, sondern als Allgegenwärtigkeit der Götter. Sie hatten ihren ureigenen Platz in der Medizin verschiedener Stämme. Sie tauchten in den Schöpfungsgeschichten der Dakota auf, wo diese gewaltigen Tiere in einem Binnensee lebten, der einst die Ebenen bedeckte. Sie waren die Urahnen der Büffel und das kulturelle Bindeglied zwischen Tieren, Land und den Menschen, das nun zerstört wurde.
Der Wettbewerb ist der Motor in einer von Geld bestimmten Welt. Und jener zwischen Marsh und Cope war kein wissenschaftlicher und schon gar kein unpolitischer mehr, er nutzte nicht nur die bestehende koloniale Infrastruktur für sich, sondern trieb deren Ausbau durch Expeditionen und den fortwährenden Fossilienraub gar weiter voran.
Doch die Fehde zerrte auch an ihren eigenen Ressourcen. Cope besass trotz seiner Redegewandtheit und einem Hang zu dreckigen Witzen keinerlei Talent dafür, die richtigen Leute für sich zu gewinnen. Staatliche Unterstützung für seine Expeditionen bekam immer nur Marsh. Und dieser schaffte es dank seines manipulativen Geschicks schliesslich auch, seinen Kontrahenten gänzlich aus dem erlauchten Forscherkreis hinauszustossen. Und so wagte sich Cope stattdessen ans kühne Glücksspiel mit einem Silberbergbauunternehmen in New Mexico heran – und verlor Haus, Frau und Tochter.
An den einst so gut gefüllten Taschen von Marsh wiederum nagte die Rezession so sehr, dass er eine Hypothek auf sein Herrenhaus am Prospect Hill in New Haven aufnehmen musste und sich zum ersten Mal gezwungen sah, in Yale um ein Professorengehalt zu bitten.
Wie zwei der Hybris schuldig gewordenen griechische Helden, finanziell und moralisch ruiniert, beschlossen sie ihre Tragödie.
Cope am 12. April 1897, 56-jährig, fiebrig auf einer Pritsche in seinem Museum in Philadelphia liegend, umgeben von seinen meterhohen Manuskripttürmen und Knochenstapeln. Marsh folgte ihm am 18. März 1899, 67-jährig, nach Atem ringend und gesäumt von seinen Orchideen, japanischen Gemälden und über 80 Tonnen Fossilien, die er bis zu seinem letzten Atemzug in seinem festungsähnlichen Anwesen hortete.
Die gelbe Frucht mit der charakteristischen Krümmung und der praktischen, von Mutter Natur mitgelieferten Verpackung haben viele von uns schon als Kleinkinder das erste Mal gegessen, in der Form von Bananenbrei. Heute gelangt die Banane, die botanisch zu den Beeren zählt, meist aus Ländern in Zentral- und Südamerika zu uns, namentlich aus Costa Rica, Panama, Nicaragua, Ecuador oder Kolumbien.