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SAPROF(Structured Assesment of PROtectiv Factors for violence risk):
Das SAPROF stellt eine systematische Erfassungsleitlinie dar, die in Verbindung mit einem validen und reliablen Instrument zur Risikobeurteilung nach dem SPJ-Modell wie dem HCR-20, SVR-20 oder SARA eingesetzt wird. Genauso wie die o.g. Instrumente zur Risikoeinschätzung ist auch das SAPROF kein psychologisches Testinstrument, sondern stellt vielmehr eine Checkliste zur standardisierten und strukturierten Erfassung von schützenden Faktoren dar. Standardisierte Instrumente zur Rückfallerfassung, die auf dem SPJ-Modell basieren, bieten zwar Leitlinien für die systematische Einschätzung von Personen, gelten jedoch nicht als psychologische Testverfahren.
Das SAPROF wurde zur vollständigen Beurteilung von gewalttätigem oder sexuell gewalttätigem Risikoverhalten bei Delinquenten und forensisch-psychiatrischen Populationen entwickelt. Die Einschätzung zukünftig gewalttätigem Verhalten wird durch die Berücksichtigung von risikoausgleichenden Faktoren, wie sie mit dem HCR-20 oder ähnlichen Instrumenten gemessen werden, ausgewogener und vollständiger erfasst. Darüber hinaus kann eine Untersuchung vorhandener und fehlender schützender Faktoren eine ganzheitlichere Beurteilung des Menschen in seiner Lebenssituation ermöglichen und gleichzeitig Orientierungshilfe für die Behandlung und den Aufbau eines Risikomanagements bieten. Ein bedeutsames Anwendungsziel der standardisierten Erfassung protektiver Faktoren besteht v.a. in der positiv ausgerichteten und motivierenden Wirkung auf Probanden und behandelnde Personen zugleich.
Die Erfassung eines zukünftigen Gewaltsrisikos stellt eine wichtige Aufgabe für Mitarbeiter dar, die im forensischen Kontext mit psychisch kranken Menschen umgehen. Innerhalb der letzten 2 Jahrzehnte gab es einen massiven Anstieg von Untersuchungen zu Risikofaktoren für gewalttätiges Verhalten, zur Entwicklung von strukturierten Beurteilungsinstrumenten, sowie zu den psychometrischen Eigenschaften dieser Instrumente. Aktuell sind zahlreiche strukturierte Erfassungsinstrumente zu Risikofaktoren für Fachleute der forensischen und allgemeinen Psychiatrie sowie für Berufsgruppen aus dem Justizvollzug verfügbar. Instrumente zur Risikoprognose wurden für verschiedene Formen von Gewalt entwickelt wie zum Beispiel sexuelle Gewalt, Beziehungsgewalt und Kindesmissbrauch. Eine wichtige Unterscheidung zwischen den Instrumenten zur Risikoprognose findet sich in dem aktuarischen und dem sog. „Structured Professional Judgment“- Ansatz (SPJ; Douglas, Cox & Webster, 1999).
Die aktuarischen Instrumente werden auf Grundlage von solchen Risikofaktoren entwickelt, die empirisch Zusammenhang mit Gewaltverhalten stehen. Diese Instrumente beinhalten vorwiegend statische, nicht veränderbare Risikofaktoren und sind relativ leicht anhand von Richtlinien zu kodieren, wobei sich die Anwendung nicht notwendigerweise auf forensische Experten beschränken muss. Dabei werden die Faktorenwerte zu einem Summenscore addiert und ergeben anhand algorithmisch festgelegter Grenzwerte eine Einschätzung des Risikoniveaus.
Protektive Faktoren: Obwohl unser Wissen zu Risikoeinschätzung von Gewaltverhalten und Risikofaktoren in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat, wurde nur wenig Aufmerksamkeit auf solche Aspekte gerichtet, die eine ausgleichende Wirkung auf Risikofaktoren haben können. Studien, die sich mit protektive Faktoren beschäftigen, wie z.B. Faktoren, die das Rückfallrisiko zu Gewalt v.a. bei Erwachsenen verringern, sind kaum vorhanden. Die Identifikation von protektiven Faktoren hinsichtlich gewalttätigen Verhaltens wird als grosse Herausforderung für die Zukunft gesehen. (Farrington, 2003, Rogers, 2000; Salekin & Lochman, 2008). Die Vernachlässigung solcher Schutzfaktoren führt zu einer unausgewogenen Risikoeinschätzung, die in einer ungenauen Vorhersage resultieren kann (Rogers, 2000). Darüber hinaus können sich als Konsequenz eine pessimistische Haltung der TherapeutInnen, ein stigmatisiertes Täterbild und letztlich eine ungerechtfertigt lange Aufenthaltsdauer in Institutionen für forensisch-psychiatrische Patienten entwickeln. Eine ausgeglichene Evaluation der Risikoeinschätzung sollte sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren berücksichtigen. Die Identifikation von möglichen Schutzfaktoren ist von besonderer Wichtigkeit, weil das Ziel der Risikoerfassung die Minimierung von anhaltendem Gewaltverhalten ist. Protektive Faktoren können eine Erklärung für ausbleibende Rückfälle bei manchen Personen aus Hoch-Risiko-Gruppen sein,(DeMatteo, Heilbruch, & Marczyk, 2005) bspw. bei Menschen mit einem hohen Psychopathy-Score. Da das Behandlungsziel in der Reduzierung von gewalttätigen Rückfällen besteht, sollte es keine ausschliessliche Konzentration auf die Abschwächung der Risikofaktoren geben, sondern ebenso auf eine Stärkung der Schutzfaktoren (Blum & Ireland, 2004; Resnick, Ireland & Borowsky, 2004). Die meisten der derzeitig etablierten Erfassungsinstrumente betonen die Risikofaktoren und lassen protektive Faktoren unbeachtet. Es gibt nur sehr wenige Studien zum Einfluss von Schutzfaktoren auf zukünftiges Gewaltverhalten bei Erwachsenen (de Cavalho, 2002; Miller, 2006). Es gibt kein eindeutiges Konzept zu Schutzfaktoren. Gibt es unabhängige protektive Faktoren, die das Rückfallrisiko mindern oder ist ein Schutzfaktor gleichzusetzen mit dem Fehlen eines Risikofaktors? Gibt es eine direkte Beziehung zwischen protektiven Faktoren und der Risikominderung oder ist eine Interaktion mit Risikofaktoren ursächlich und wenn dies so ist, wie funktioniert diese Wechselwirkung? Für welche Gruppen und Untergruppen gilt ein Schutzfaktor? Einige Autoren interpretieren das Konzept der Schutzfaktoren einzig und allein als Fehlen eines Risikofaktors (Costa, Jessor &Tubin, 1999) oder als entgegengesetzte Ausprägung einer Risikovariablen (Hawkins, Catalano & Miller, 1992; Webster et al., 2004) eine andere Auffassung ist, dass Schutzfaktoren nicht den Risikofaktoren entsprechen (Farrington & Loeber, 2000). Protektive Faktoren werden verschiedenen Mechanismen mit einer direkten und indirekten Einflusswirkung zugeschrieben. Fitzpatrick (1997) verwendet ein theoretisches Modell, das protektive Faktoren als intervenierend darstellt, entweder in Form eines Mediators oder eines Puffers. Ein Mediator oder Puffer ist ein Faktor, der die negative Wirkung von bestimmten dauerhaften oder momentanen Risikoeinflüssen auf das Verhalten eines Individuums verringert. In dem Mediatoren-modell nehmen die Risikofaktoren unmittelbar auf gewalttätiges Verhalten und gleichzeitig auf die protektiven Mechanismen (Mediator) Einfluss. Folglich haben Risikofaktoren durch die bestehenden Schutzfaktoren eine indirekte Wirkung auf das Gewaltverhalten. In dem Puffer-Modell hat der Risikofaktor nur dann einen negativen Einfluss auf das Gewaltverhalten, wenn der protektive Faktor fehlt. Demzufolge ist die kombinierte Wirkung des Risikos und der protektiven Faktoren von Bedeutung. In diesem Modell hat der Risikofaktor keinen negativen Effekt auf den protektiven Faktor. Bisher gibt es in der Literatur keine wissenschaftliche Grundlage für die verschiedenen Theorienmodelle. Demzufolge wurde dem SAPROF kein bestimmtes Modell zu Grunde gelegt.