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Schon in mehreren Bildungsinstitutionen, vom Dorfschulhaus bis zur Hochschule, ist mir folgender Ausspruch von Sokrates als Wandschmuck oder Powerpoint-Projektion begegnet: «Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süssspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.»
Ich bin mir fast sicher, dass ich dies jeweils mit einem Augenzwinkern als Relativierung zeitgenössischer Erziehungsprobleme verstehen sollte: Ich soll merken, dass unsere Klagen über die ‹heutige Jugend› wohl unrealistisch sind, weil schon vor über 2000 Jahren die damals heutige Jugend das gleiche gesellschaftliche Problem darstellte, womit bewiesen wäre, dass die heutige Jugend kaum schlechter ist als die Jugend, der wir selber angehörten oder jene vor zwei, drei,… tausend Generationen. Insgesamt soll mir dies den Anstoss geben, für die heutige Jugend mehr Verständnis aufzubringen.
Sokrates‘ Ausspruch könnte auch anders verstanden werden: Offenbar ist die Jugend seit jeher und nicht nur für die Jugendlichen selber ein schwieriges Alter. Es sieht so aus, als folgte die Jugend vorübergehend eigenen (Un-)Gesetzmässigkeiten, die sich mit jenen der Älteren und Eltern stossen. Diese werden später wieder abgestreift, und die dannzumal Erwachsenen begegnen der neuen Jugend wieder mit einigem Kopfschütteln. So hat sich das anscheinend bis heute perpetuiert. Als Konfliktpunkte treten damals wie heute in Erscheinung: ein vernünftiger Umgang mit Ressourcen, gesellschaftsfähige Umgangsformen, Akzeptieren von Autorität, Respekt vor Älteren, Arbeitshaltung, Höflichkeit, Mässigung, Strebsamkeit und Lernwille.
Die Tatsache, dass die Welt von der jugendlichen Unbotmässigkeit nicht untergegangen ist, wie auch der Umstand, dass diese meist irgendwann endet, könnten zur Sichtweise verleiten, dass es Erziehung, Autorität und Unterweisung eigentlich gar nicht braucht, da sich alles früher oder später von selbst ergibt, oder dass die Jugend womöglich mehr Weisheit besitzt als das Alter. Passend fordert heutige Pädagogik, dass Erziehung partnerschaftlich ausgehandelt werden soll, dass Lernen selbstgesteuert vonstatten gehen soll, dass Autorität per se abzulehnen ist. Ins gleiche Bild passt auch die Abschaffung von gesicherten Lerninhalten zugunsten rein prozeduraler Kompetenzen und natürlich auch das allgegenwärtige Lob der Jugendlichkeit und der stilbildende Gestus der Rebellion.
Erhellend ist der Umstand, wann diese Sichtweise aufgekommen ist – nämlich zu dem Zeitpunkt, da Repression durch einen bürokratischen Staat, schwarze Pädagogik und autoritäre Eltern bereits der Vergangenheit angehörten, und da an die Stelle verbindlicher oder gar erdrückender Normen mehr und mehr das Paradigma der Marktgängigkeit trat: Anything goes, wenn es nur als Ware verkauft werden kann. Und jugendliche Rebellion verkauft sich gut.
Der Kampf gegen die erzieherische Autorität ist somit ein Schattenboxen, ein Kampf gegen Windmühlen. Er gehört heute, da die unsichtbare, aber umso unerbittlichere Autorität des Marktes uns alle erzieht, einer vergangenen Zeit an. Dass die jugendliche Rebellion zum Vorbild für Erwachsene geworden ist, bringt die Gesellschaft in Schieflage. Aber nicht, weil der Jugend damit die Chance genommen wird, gegen gesellschaftliche Normen zu opponieren. Sondern weil sich in der Auseinandersetzung zwischen dem Wissen der Altvorderen und den Impulsen der Jungen, im Ringen zwischen den Generationen um die gültige Autorität offenbar notwendige zwischenmenschliche Interaktionen abspielen, die es zur Menschwerdung und Gesellschaftsbildung braucht.