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Zum hundertjährigen Jubiläum des «Vertrags von Lausanne» zeigt das Museé Historique Lausanne in einer umfassenden Ausstellung «Frontières. Le Traité de Lausanne, 1923 – 2023» die Höhepunkte und Schauplätze der rund acht Monate dauernden Konferenz, die zur Unterzeichnung des Vertrags im Juli 1923 in Lausanne führte.
Dieser letzte Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg hat bis heute grosse Bedeutung und Auswirkungen für Europa und den Nahen Osten: Er begründete nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches die bis heute gültigen Grenzen der Türkei und Griechenlands. Die nationale Zugehörigkeit wurde über die Religionszugehörigkeit bestimmt und somit rechtfertigte der Vertrag nachträglich die bereits erfolgte Vertreibung von Millionen von Griech:innen und Türk:innen als sogenannten «Bevölkerungsaustausch». Die Interessen und Bestrebungen von ethnisch-religiösen Gruppen wie Kurd:innen, Aramäer:innen, Yesid:innen, Armenier:innen und Alevit:innen wurden nicht berücksichtigt und haben bis heute Auswirkungen auf deren Leben und deren Selbstbestimmung.
Für die Ausstellung wurden zwölf Personen interviewt, deren familiäre Wurzeln in der Türkei liegen. Die Personen leben heute in der Schweiz und sie erzählen, welche Geschichten und Erinnerungen sie mit dem «Vertrag von Lausanne» verbinden.
Diese Geschichten werden vom 14.8. – 7.10.2023 parallel zur Ausstellung in Lausanne auch im Demokratie-Turm gezeigt und von verschiedenen Veranstaltungen und einer Filmvorführung begleitet.
Wie Kunst und Kultur das Erbe des Vertrags von Lausanne neudenken
(English below)
Der Vertrag von Lausanne wurde in den letzten 100 Jahren immer wieder als Vorbild für andere Friedensverträge und die «Lösung für Minderheitenprobleme» genutzt, zum Beispiel im Balkan oder in Palästina/Israel. Durch die Bildung von Ländern, in denen alle Menschen dieselbe Sprache sprechen oder denselben Glauben haben, wurden Minderheiten als «die Anderen» dargestellt. Dadurch wurden in vielfältigen Gesellschaften Unterschiede betont oder sogar neu geschaffen. Wie können Kunst und Kultur heute helfen, diese Unterschiede und Ausgrenzungen zu überwinden? Wie können sie Brücken zwischen Gruppen bauen, die durch Verträge wie Lausanne voneinander getrennt wurden? Gibt es im Bereich Kultur Wege, um die Idee von Nationalstaaten als einheitliche Gruppen zu überwinden?
Podiumsdiskussion mit:
Moderation: Gaby Fierz, Kuratorin der Ausstellung «Frontières. Le Traité de Lausanne, 1923 - 2023» des Musée Historique Lausanne
Die Veranstaltung findet in Englisch statt ohne Übersetzung.
Dieser Anlass ist eine Kooperation mit dem Verein Istanbuluzern. Istanbuluzern lädt Asena Günal am 25. September 2023 ebenfalls zu einem Gespräch ein.
Borders, violence, and nation-states. How art and culture rethink the legacy of the Treaty of Lausanne.
In the last 100 years, the Treaty of Lausanne has served as a model for other peace treaties and for the "solution of minority problems", for example in the Balkans or in Palestine/Israel. Through the often violent creation of linguistically or religiously uniform nation-states, minorities were categorized as "the others." In once diverse societies, differences were thus emphasized or created in the first place. How can artistic activities and cultural institutions today help to overcome these differences and exclusions and build bridges between different ethnic, religious, and linguistic groups that were separated by peace treaties such as Lausanne? What approaches can be found in the cultural field to overcome this "otherness" and thinking in terms of nation-states as homogeneous structures?
Discussion with:
Moderation: Gaby Fierz, curator of the exhibition «Frontières. Le Traité de Lausanne, 1923 - 2023» at the Musée Historique Lausanne
The discussion will be in English without translation.
This event is a cooperation with the Istanbuluzern association. Istanbuluzern also invited Asena Günal to a talk on 25 September 2023.
Zum Abschluss der Ausstellung Frontières. Grenzen. Der Vertrag von Lausanne 1923 – 2023 vermitteln drei Protagonist:innen der Ausstellung im direkten Gespräch ihre Sichtweisen auf die Thematik.
Manuschak Karnusian, Harry Komrouyan und Hasim Sançar haben alle ihre familiären Wurzeln in der Türkei und leben heute in der Schweiz. Im persönlichen Gespräch erzählen sie als «lebende Bücher», welche Geschichten und Erinnerungen sie persönlich mit dem Vertrag von Lausanne verbinden. Im kleinen Rahmen laden sie zum Dialog und Austausch ein mit einem gemeinsamen Abschluss an der Demokratie-Bar.
Der Austausch findet in Deutsch und Französisch statt.
Die Ausstellung Frontières. Grenzen. Der Vertrag von Lausanne 1923 – 2023 ist regulär von 10:00 – 16:00 geöffnet.
Begleitend zur Ausstellung präsentieren wir zusammen mit «Recht, Film & Gesellschaft» den Film Burning Days (Emin Alper, Türkei, 2022, T/d, 129’) im Kino REX Bern. Nach der Filmvorführung findet eine Podiumsdiskussion zum Thema «Ist das Recht ein Mittel, das die Gesellschaft weiterbringt, oder ein Instrument, das Veränderungen erschwert?» statt.
Filmbeschrieb: Emre, ein junger Staatsanwalt aus Istanbul, wird in eine unter Wassermangel leidende Kleinstadt in Anatolien entsandt. Er macht sich ans Werk, sieht sich aber bald mit den sozialen und wirtschaftlichen Realitäten der lokalen Gemeinschaft konfrontiert. Während er versucht, dem Druck zu widerstehen, verheddert er sich in den eigenen und fremden Widersprüchlichkeiten. „Burning Days“ ist ein kraftvoller und subtiler Film über die moderne Türkei, 100 Jahre nach dem Abschluss der Lausanner Verträge, aus denen sie hervorgegangen ist.
Einführung: Lucie Bader, Film und Wissenschaftskommunikation, Bern
Podiumsteilnehmende:
Moderation: Prof. Walter Stoffel, Universität Freiburg
Am 23. und 24. September findet im Théâtre Vidy Lausanne die «New World Embassy: Kurdistan» statt.
Das Kunstprojekt wird von Nilüfer Koç vom Kurdischen Nationalkongress (KNK) und dem Künstler Jonas Staal kuratiert. Eine grossflächige künstlerische Installation dient als alternative Botschaft für die kurdischen Völker. Sie soll Raum bieten für einen Austausch und Diskussionen zu Mittel und Formen von Demokratie ohne Staat, aber auch zu einer Kultur der Solidarität und den Möglichkeiten einer staatenlosen Weltdemokratie.
An der Demokratie-Bar spricht Nilüfer Koç über staatenlose Demokratie und die Idee des Projekts.
Die Bar ist ab 17:30 geöffnet und der Austausch mit Nilüfer Koç startet ab 18:00. Alle sind herzlich eingeladen gleich zu Beginn oder auch erst im Laufe des Abends dazu zu stossen, Fragen zu stellen und bei einem Glas Wein oder Saft gemeinsam zu diskutieren. Anmeldung erwünscht, aber ein spontaner Besuch ist ebenfalls möglich.
Mit dem «Vertrag von Lausanne» wurden vor 100 Jahren die bis heute gültigen Grenzen der Türkei und Griechenlands festgelegt. Die Grenzziehung spiegelte die Interessen der Mächtigen und Sieger wider und rechtfertigte durch die Bildung sprachlich und religiös einheitlicher Nationalstaaten die Vertreibung von Millionen von Menschen aus der Türkei und Griechenland.
Auch heute stellen die Grenzen im Mittelmeer ein Instrument der Macht und der Abgrenzung dar: als Teil der europäischen Aussengrenzen wird u.a. der Grenzraum zwischen der Türkei und Griechenland immer stärker militarisiert und gegen «unerwünschte» Migration gesichert. Zusätzlich werden mit sogenannten Flüchtlingsvereinbarungen die Aussengrenzen an Drittstaaten wie die Türkei ausgelagert. Dies führt dazu, dass zahlreiche Menschen in diesem Grenzraum sterben oder auf unbestimmte Zeit in Lagern interniert werden.
Wer entscheidet darüber, wie Grenzen festgelegt oder verändert werden? Welche Interessen beeinflussen die Gestaltung der Grenzräume? Wie wirken sich abgeschottete Grenzen auf unsere Gesellschaften aus? Wie könnten Grenzräume neugedacht und nicht als Mauern zur Abschottung sondern als Brückenraum verstanden werden?
Ausstellungseröffnung mit Laurent Golay, Direktor des Musée Historique Lausanne und Gaby Fierz, Kuratorin der Ausstellung «Frontières. Le Traité de Lausanne, 1923 - 2023», gefolgt von einer Podiumsdiskussion mit:
Moderation: Payal Parekh, Kampagnen- und Mobilisierungsberaterin für internationale NGOs