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In alarmistischem Tonfall prangert der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) die Lohnentwicklung, die Einkommensverteilung und die Arbeitsbedingungen in der Schweiz an. Der kürzlich veröffentlichte Bericht «Lohndruck und ungerechte Verteilung» will den Eindruck vermitteln, dass die Lohnungleichheit in der Schweiz extrem zugenommen habe und eine «empörende» Umverteilung von unten nach oben im Gange sei. Um dies zu belegen, schrecken die Autoren auch vor dem Griff in die statistische Trickkiste nicht zurück.
Der Bericht greift die Entwicklung der Top-Einkommen in der Schweiz auf – mit den hohen Einkünften einer kleinen Gruppe lässt sich in der politischen Grosswetterlage einfach Stimmung machen. Konkret wird die Entwicklung des Anteils des obersten 1% resp. des obersten 0,1% der Einkommen am Gesamteinkommen abgebildet. Die Grafik des Gewerkschaftsbundes zeigt, dass der Anteil der 0,1% höchsten Einkommen zwischen 1979 und 2008 um 60% gestiegen ist, von 2,5% (1979) auf 4% (2008).
Warum dieser Zeitraum? Das Startjahr 1979 wurde vermutlich deshalb gewählt, weil sich der Anteil der hohen Einkommen damals auf einem Tiefpunkt befand. Während den 1960er Jahren lag der Anteil der Top-1%-Einkommen hingegen auf heutigem Niveau und über dem Durchschnitt der 2000er Jahre. Auffallend ist der starke Rückgang in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Dieser dürfte auf eine Kombination von zwei Faktoren zurückzuführen sein. Erstens ist die scharfe Rezession nach dem Erdölschock zu nennen. Hohe Einkommen sind den Wirtschaftszyklen erwiesenermassen viel stärker ausgesetzt als mittlere und tiefe Einkommen. Zweitens gab es Anfang der 1970er Jahre deutliche Steuererhöhungen. Den höheren Steuersätzen wurde möglicherweise ausgewichen, indem man Löhne in den Unternehmen beliess statt sie auszuzahlen. Andere Top-Verdiener verliessen die Schweiz, und Dritte arbeiteten vielleicht einfach etwas weniger.
Die Daten für die Schweiz in der «World Top Incomes Database» reichen bis ins Jahr 1933 zurück. Im Kontext dieser fast 80 Jahre sieht die Entwicklung der Top-Einkommen während der letzten 15 Jahre weit weniger dramatisch aus. Man könnte die langfristige Entwicklung durchaus als «grosse Seitwärtsbewegung» charakterisieren. Aktuell scheint sich der Anteil der Top-1%-Einkommen in der Schweiz auf den mittleren Wert von rund 10% einzupendeln.
Ganz anders verlief die Entwicklung in den USA. Dort stieg der Anteil der Top-1% massiv an, von 8% (1979) auf rund 18% in der zweiten Hälfte der letzten Dekade. Allerdings sind auch diese Werte nicht neu, sie wurden bereits in der Periode 1900-1940 beobachtet.
Es ist unbestritten, dass die hohen Löhne (und Einkommen) von der Wirtschaftsentwicklung der Schweiz am meisten profitieren konnten. Dies wurde schon in der Avenir-Suisse-Studie «Der strapazierte Mittelstand» festgestellt. Aber sollten wir uns darüber Sorgen machen? Die entscheidende Frage lautet, ob die Top-Verdiener für eine besondere Leistung an Wirtschaft und Gesellschaft belohnt werden. Handelt es sich um eigentliche Unternehmer, die ihr Vermögen einem Risiko aussetzen und danach die Früchte ihrer Anstrengung ernten, ist die Frage mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. Denn von ihrem Engagement profitieren letztendlich alle in Form von Arbeitsplätzen, Steuererträgen, neuen Produkten und Ideen. Zu bedenken ist auch, dass niemand von den Gescheiterten spricht: Sie fallen jeweils aus Abschied und Traktanden – sowohl statistisch als auch wirtschaftlich.
Komplizierter liegen die Dinge, wenn es sich um führende Angestellte von Firmen handelt. Hier ist der Zusammenhang zwischen Verdienst und Leistung nicht immer offensichtlich. Einigen Managern ist ohne Zweifel das Augenmass abhanden gekommen, das man in der Schweiz voraussetzt. Doch das ist eine Frage der Politik, der Akzeptanz und der Ethik. Ökonomisch relevant ist hingegen die Frage, ob die hohen Gehälter und Boni in allen Fällen erforderlich sind, um Manager zu guten Leistungen anzutreiben. Auf einem funktionierenden Markt für Manager dürfte das zumindest teilweise zutreffen. Allerdings ist kein Markt perfekt, so dass die Spitzeneinkommen so mancher Manager ohne Zweifel mindestens teilweise «unverdient» sind. Allerdings ist von aussen kaum festzustellen, wo dies der Fall ist und wo nicht. Krude Eingriffe in diesen Markt würden darum wahrscheinlich mehr schaden als nützen. Und ob mit tieferen Managergehältern wirklich den «Kleinverdienern» geholfen wäre – wie dies die Gewerkschaften suggerieren – muss stark bezweifelt werden, denn eigentlich geht es bei den Managerlöhnen um einen Verteilkampf zwischen dem Management und den Aktionären.