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Kurz vor der Wende bemühten sich die kommunistischen Machthaber in Mittel- und Osteuropa den bis dahin unterdrückten und verfolgten Kirchen die Hand zu bieten und ihnen grössere Freiräume zu gewähren. Dafür wurden neue Regelungen und Instanzen vorgeschlagen. In einigen Ländern waren die Bischöfe von dieser Geste des «guten Willens» überrascht und begrüssten die geplanten Richtlinien. Der angesehene ungarische Rechtsprofessor, später Vorsitzender des Verfassungsgerichtes, in den Nullerjahren Staatspräsident Ungarns, László Sólyom, mahnte aber die Bischöfe, die «Gefängnisgitter» endlich loszulassen. «Es braucht kein Sekretariat, keinen Rat für religiöse Angelegenheiten mehr. Gibt es solche nämlich, dann finden sie auch etwas heraus, was sie zu tun haben.» Das Ziel sei die völlige Trennung von Staat und Kirche. Freilich gab es auch Länder, in denen die Kirchen unabhängiger waren, und die Staatsführung sie sogar fürchtete.
In den folgenden Jahrzehnten gerieten verständlicherweise die Sicherung und Verstärkung der institutionellen Strukturen und der dafür notwendigen Mittel in den Fokus der kirchenpolitischen Diskussionen. Nicht selten war die Richtung rückwärts, zurück zum Altbewährten, wie es vor der kommunistischen Machtübernahme, also zwischen den Weltkriegen war! Es wurden Gebäude, Klöster, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen reichlich zurückverlangt, auch wenn dafür das nötige Personal fehlte. Die Kirchen befanden sich nicht mehr im Gefängnis, dafür aber mit dem Staat in einem Gefangenendilemma: Wie sollen sie sich verhalten, um aus der Situation möglichst viel Nutzen zu ziehen? In einem Land konnte der Staat die eine oder andere Kirche instrumentalisieren, in einem anderen gelang es ihnen, den Staat in Schach zu halten, oder es entstand eine systematische Zusammenarbeit zwischen ihnen, vor allem dort, wo rechte Parteien an die Macht kamen. Ein politisches Christentum war wieder entstanden.
Zu einer grundsätzlichen Debatte über Kirche in der heutigen Welt kam es aber kaum: Ist die Rückkehr zu alten Mustern im 21. Jahrhundert noch zukunftsfähig? Dürfen sich die Kirchen faktisch im Verhältnis zur weltlichen Autorität definieren? Warum wird (auch) der christliche Glaube immer wieder mit konservativen, nationalen, illiberalen Ideologien infiziert? Mit der Trennung von Staat und Kirche hat die moderne Gesellschaft den Kirchen erleichtert, das Wort Jesu zu verstehen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh 18,36). Staat und Kirche bestehen zwar zusammen, aber eben diese Tatsache macht eine klare Unterscheidung nötig. Er kann für seine Herrschaft keine kirchliche Legitimation in Anspruch nehmen und sie darf keine Privilegien beanspruchen. Er bedarf eine rationale Begründung und sie eine von der weltlichen Herrschaft unabhängige, alleine auf Jesus Christus ruhende Identität. Dies zu verwirklichen ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirchen – nicht nur in Mittel- und Osteuropa.
János Wildmann*