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19.12.2015 von Martin Tschanz
«Die Hauptbedürfnisse eines Zeughauses bestehen darin, dass es den zur Vertheidigung des Vaterlandes & Aufrechterhaltung der gesezlichen Ordnung nöthigen Waffen Bedarfe sicher (…) aufbewahre.» So begann Felix Kubly 1834 seine «Bemerkungen über den vorzunehmenden neuen Zeughaus Bau in Herisau». Um die Waffen «auch in bewegten Zeiten nicht unruhigen Rotten Preis zu geben», müsse man nahe bei der Behörde bauen, also an einer zentralen Lage, überdies möglichst solide und feuerfest.
Zeughäuser waren also zunächst Lagerhäuser, allerdings solche der besonderen Art. Sie waren nicht bloss Aufbewahrungsorte für militärische Ausrüstungs- gegenstände, sondern auch weithin sichtbare Zeugen für die ungebrochene Stärke der Kantone. Nach der napoleonischen Zeit mit ihrem Streben nach Zentralisierung war dies von besonderer Bedeutung. Auch wenn die Zeughäuser den Charakter eines Zweckbaus nicht verleugnen sollten, war deshalb eine gewisse Monumentalität angebracht.
Der St.Galler Architekt Felix Kubly, der durch seine Studien an der Münchner Akademie, an der Pariser École des Beaux-Arts und schliesslich durch ausgedehnte Reisen nach Italien hervorragend ausgebildet war, vermochte diese Ansprüche bestens zu erfüllen. Er entwarf gut proportionierte, klare Baukörper mit einfachen und regelmässigen Fassaden, die von Rundbogenfenstern geprägt werden. Dabei überliess er nichts dem Zufall. Als in Herisau der Baumeister glaubte, die Pläne nicht ganz ernst nehmen zu müssen, wurde er unter anderem dazu angehalten, die Holzsäulen im ersten Stock wieder herauszureissen und nach den Regeln der Kunst neu zu erstellen. Nun ragen ihre Basen korrekt aus dem Boden heraus und stimmen proportional mit den Kapitellen überein.
Minimale Eingriffe
Die Kombination von repräsentativer Gestalt, guter Lage und grossen, einfachen Räumen machen die Zeughäuser attraktiv für kulturelle Nutzungen. Diese bedingen jedoch gewisse Anpassungen. In Herisau blieben die Eingriffe in die Substanz denkbar einfach und minimal. Eingebaut wurden ein eigens in das Treppenauge eingepasster Aufzug, ein Office im ersten Stock, das auch als Bar dient, eine Heizung sowie Brandwände, welche die Treppe abtrennen und damit nicht nur der Feuerpolizei Genüge tun, sondern auch den Haupträumen zugutekommen, denen sie eine gewisse Ruhe verleihen. Die Installationen wurden sichtbar geführt und die Materialien ohne veredelnde Oberfläche verarbeitet. So entstanden rohe, robuste Räume, die das Angebot des benachbarten Casinos ideal ergänzen.
Wie sorgfältig der Architekt Paul Knill gestaltete, bemerkt man spätestens, wenn die geöffneten Brandtore bündig in den dafür vorgesehenen Nischen verschwinden. Das kunstvolle Relief, das in die Wand eingelassen ist, vermag neben den toskanischen Säulen durchaus zu bestehen. Die Fassaden wurden sorgfältig restauriert, wobei das kräftige, expressionistische Rot erneuert wurde, das der Bau vermutlich in den 1910er-Jahren erhalten hatte. Der Vertrag von 1835 verlangte zwar eine gräuliche Wasserfarbe, und diese dezente Farbgebung liess das Haus wohl deutlich ruhiger und eleganter in Erscheinung treten als die heutige. Das Rot passt jedoch besser zu der aktuellen Nutzung. Überdies hat es sich längst in die Erinnerung der Bürger eingeschrieben, so dass es zum Stadtbild von Herisau gehört.
Kulturelle Vielfalt statt Kanonen
Auch das wesentlich grössere Artillerie-Zeughaus in Teufen, das 1853 bis 1855 erbaut worden war, fand nach einigen Umwegen zu einer neuen, angemessenen Nutzung. Die riesige, stützenfreie Halle im Erdgeschoss, in der früher Geschütze und Munitionswagen standen, dient heute als Festsaal und Ausstellungshalle. In den eindrücklichen Dachstock, an den die darunter liegenden Decken aufgehängt sind, zog das Grubenmann-Museum ein, so dass die Leistungen dieser grossen Meister der Zimmermannskunst in angemessener Umgebung bewundert werden können. Das mittlere Geschoss schliesslich beherbergt wechselnde Ausstellungen aktueller Kunst und Gestaltung sowie Bilder des Appenzeller Malers Hans Zeller. Mit Ueli Vogt ist ein engagierter Kurator am Werk, dem es gelingt, das ganze Haus mit spannenden Ausstellungen und Veranstaltungen zu beleben. Längst strahlt das Zeughaus Teufen deshalb weit über die Region hinaus aus. Es ist beides: ein Ort der Vermittlung und ein Botschafter für die lebendige Kultur der Region.
Offenheit der Lagerräume
Diese vielfältige Nutzung bedingte grössere Eingriffe in das Baudenkmal als in Herisau. Die Toilettenanlagen, die auch grössere Veranstaltungen verkraften, verbannten die Architekten Ruedi Elser und Felix Wettstein in ein neues Untergeschoss, während sie die Haustechnik und die speziellen, abgetrennten Räume an den Stirnseiten des Gebäudes konzentrierten. Dadurch konnte die Offenheit der ehemaligen Lagerräume weitgehend erhalten bleiben.
Das Haus wurde aber, den Ansprüchen entsprechend, stärker domestiziert als das Zeughaus von Herisau. Sorgfältig aufeinander abgestimmte Farben betonen die neuen Einbauten, und die Heizkörper in den Obergeschossen wurden mit hölzernen Gittern abgedeckt. Die Ausstellungszimmer mit den Ölbildern von Zeller erinnern so geradezu an Wohnräume, passend zu den meist kleinformatigen Werken.
Prachtvolle Stirnseite
Der bedeutendste Eingriff ist allerdings heute nicht (mehr) sichtbar. Das ehemalige Verwalterhaus wurde bis auf den Keller abgebrochen, so dass nun eine Terrasse vor dem Eingang dazu einlädt, den Blick in die Landschaft schweifen zu lassen. Schon den Erbauern des Zeughauses war die umgekehrte Perspektive von der damals neuen Bühler-Strasse aus wichtig. Ursprünglich sollte das Haus deshalb seine Längsfassade nach Süden wenden und so in seiner ganzen monumentalen Grösse in Szene gesetzt werden. Gewichtige praktische und technische Gründe sprachen aber damals dagegen. Nun präsentiert sich immerhin die Stirnseite des Baus wieder in ihrer ganzen Pracht.
Bilder: Hanspeter Schiess