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25. Februar 2014 um 23:41 Uhr, 5 Kommentare
«Nur815» – Eine Kurzgeschichte
Letzte Woche hatte ich TOTAL LUST EINE KURZGESCHICHTE ZU SCHREIBEN! Im verlinkten Post hatte ich euch dazu aufgerufen, mir Inputs zu geben. Und tatsächlich habe ich von vier Personen tolle und herausfordernde Worte erhalten. Einen herzlichen Dank an Wilhelm, Patric, Petra und Andreas! Bevor ich mehr darüber erzähle, wie ich auf die Ideen kam und welche Worte von diesen vier reizenden Persönlichkeiten vorgegeben wurden, hier erstmal das fertige Produkt:
Nur815
Geschichte als E-Book herunterladen: Kindle / Alle anderen
Er stand am Strassenrand, bereit die Strasse zu überqueren. Seine Stadt war wunderbar ausgeglichen. Es gab immer freie Park- und Arbeitsplätze und doch war sie nicht zu leer. Nicht wenige Menschen lebten dort, aber auch nicht viele. Die Strassen waren prall mit Fahrzeugen gefüllt. So prall, dass die Stadt enorm belebt wirkte. Staus gab es keine, denn so viele Autos gab es dann auch wieder nicht. Der generelle Abstand zwischen den Vehikeln war so gross, dass gefahr- und problemlos eine Höchstgeschwindigkeit von 75.31Km/h möglich war. «Höchst-» ist jedoch ein falscher Präfix, da niemand jemals langsamer als 75.31Km/h fahren würde. Niemals. Aber auch nicht schneller. Jeder verdiente genug, um ein angenehmes Leben zu führen. Reich wurde dort jedoch keiner. Die angemessen zufriedene Bevölkerung nannte ihren Lebensstil «gemässigt». Der Rest der Welt nannte diese Leute «durchschnittlich», «langweilig» oder «nur-acht-fünf-zehn». Auch der gerade am Fussgängerüberweg Wartende war zufrieden. Nicht glücklich, aber an einen anderen Ort zog es ihn auch nicht.
Zu seinem Rücken ragte das grösste Gebäude der Stadt in den teils bewölkt, teils sonnigen Himmel. Es war nur halb so gross wie das grösste Gebäude der Welt. Dafür aber doppelt so gross wie das Kleinste der Stadt. Das vergleichsweise riesige Haus gehörte dem wichtigsten Konzern im Umkreis mehrerer Kilometer. Die Hälfte aller Einwohner arbeitete dort. Johann Schmid, der an der Strasse Stehende, ebenfalls. Er war Inkompetenzkompensationskompetenzentwicklungsinstitutsbüroangestellter.
Inkompetenz war ein grosses Problem in dieser Stadt. Es gab so viele Jobs, man nahm jeden, der sich bewarb. Bewerben tat sich aber eigentlich kaum jemand, man ging einfach irgendwohin und begann dort zu arbeiten. Viele Arbeitskräfte waren deshalb überhaupt nicht fähig, ihren Job auszuführen. Deshalb wurde vor episch vielen Jahren das Kompetenzentwicklungscenter gegründet. Dieses steht einige Kilometer vom Inkompetenzkompensationskompetenzentwicklungsinstitut entfernt und ist ein ebenso beliebter Arbeitgeber. Die andere Hälfte aller Bewohner arbeitet dort.
Die dritte Hälfte von Personen kommt aus oben genannten Gründen oft in die Situation, inkompetent zu sein. In einem ersten Schritt, besuchen sie daraufhin das Kompetenzentwicklungscenter. Die Kompetenzentwicklungscentercoaches versuchen dann, die Kompetenzen dieser Inkompetenten zu erweitern. Oft, also in der Hälfte aller Fälle, ist das jedoch nicht möglich. Da wird das Inkompetenzkompensationskompetenzentwicklungsinstitut zum letzten Ausweg. Die Coaches helfen dort, andere Kompetenzen zu entwickeln, die die Inkompetenz kompensieren können. Zum Beispiel Freundlichkeit.
Damit hat Johann Schmid, von seinen Freunden Johann Schmid genannt, aber nichts zu tun. Er ist nur Büroangestellter. Ein kompetenter Büroangestellter. Zumindest ausreichend kompetent.
Er versuchte sein Ehewesen, das weder männlich noch weiblich war, per Telefon zu erreichen. Wollte darüber informieren, dass er später kommen würde. Doch es reagierte nicht. Wahrscheinlich sammelte es gerade Pilze. Pilze waren das einzige, was man in der Stadt ass. Waren sie doch genau so undefinierbar wie die Stadt selbst. Weder Tier noch Gemüse. Die Karnivoren redeten sich ein, es sei Fleisch, während die Pflanzenfresser so taten, als würden sie die Schmerzensschreie der Pilze nicht hören. Das Wesen, von Johann liebevoll «mein Ehewesen» genannt, hatte ihm versprochen, an jenem Tag sein aller aller aller liebstes Lieblingsessen zu machen. Pilze. Da Johann gar nichts anderes kannte, war es gleichzeitig auch die Speise, die er am wenigsten mochte. Er wusste nicht, ob er sich darauf freuen sollte oder nicht. Das wusste er aber nie.
Doch es gab etwas, worauf er sich freute. Das Schlefaz. Es wohnte in seinem Fernseher und er hatte es erst vor kurzem entdeckt. Es zeigte ihm Dinge. Lustige Dinge, farbige Dinge, andere Dinge und fliegende Fische. Vor kurzem hatte er sogar gelacht. Das Ehewesen hatte ihn nur schräg angeschaut und weder mit den Schultern gezuckt, noch «hm» gesagt.
Noch immer konnte er die Strasse nicht überqueren. «Wird später», schrieb er dem Ehewesen per SMS. Es antwortete nicht. Dann antwortete es doch: «Ok». Er antwortete wieder: «Wird später», weil er die Strasse noch immer nicht überqueren konnte.
Langsam wurde es dunkel. Die Sonne ging unter und bevor es komplett dunkel war, zückte er sein Telefon erneut und schrieb dem Ehewesen «Wird später». Auf seine letzte SMS hatte es gar nicht geantwortet. Johann war der einzige, der am Fussgängerstreifen stand. Niemand war in der Stadt zu Fuss unterwegs. Die Geschwindigkeit und Anzahl der Fahrzeuge nahm während der ganzen 24 Stunden eines Tages nicht ab. Der Fussgängerweg würde niemals frei werden. Johann fragte sich, wie er früher nach Hause gekommen war.
Es wurde immer dunkler und das Licht hinter den Fenstern, in den Strassenlaternen und Scheinwerfern immer heller. Johann bekam es langsam mit der Angst und starkem Hunger zu tun. Würde er an diesem Übergang erhungern oder verfrieren oder beides? Er musste unbedingt sein Ehewesen informieren, für welches er über alles angemessene Gefühle hegte.
«wird später»
Mit den ersten Sonnenstrahlen, kam auch Johanns Erinnerung wieder. Die Polizei hatte sein Auto konfisziert. Grundlos. Jeden Tag wurde automatisch die Hälfte aller Fahrzeuge konfisziert. Ein Zufallsgenerator loste, leider nur mittelmässig ausgewogen, Autonummern aus. Am interessantesten waren die Tage, an welchen alle Feuerwehrautos konfisziert waren. Seit Jahren wollte Johann gegen diese Regel einen Einspruch einlegen. Sein Fahrzeug wurde nämlich unheimlich oft ausgelost. Es gab jedoch zwei Gründe, warum er nie einsprach. Einerseits vergass er es meistens zu schnell wieder und andererseits gab es eh keine Strasse, die zur Einspracheaufnahmebehörde führte und dort arbeitete sowieso keiner. «Trotzdem werde ich mich dieses Mal zusammenreissen und meine Sprache einlegen!», dachte er entschlossen, während die Glocken im Kirchturm 8:15 Mal läuteten. «Zuerst muss ich jetzt aber wieder arbeiten gehen.»
Er legte seinen Kopf schräg, zuckte mit den Schultern und sagte «hm». Dann ging er wieder arbeiten. Das Schlefaz hatte er verpasst und vergessen. Am Abend holte er sein Auto, fuhr nach Hause und ass seine verhassten Lieblingspilze, die niemand so durchschnittlich zubereiten konnte, wie sein Ehewesen. Einsprache erhob er nie aber das war auch okay so.
Ende.
Als erstes noch einmal ein grosses Dankeschön an die Kontributoren. Wilhelm für die Pilze, Patric für die Inkompetenzkompensationskompetenz, Petra für die SMS & Einsprüche und Andreas fürs Schlefaz.
Am Tag, nachdem ich diese Inputs gekriegt hatte, sass ich im Zug zur Arbeit und sah auf der Autobahn einige Fahrzeuge. Alle fuhren genau gleich schnell und mit scheinbar genau gleichem Abstand. Da stellte ich mir vor: In einer Welt, in der alle Fahrzeuge immer genau gleich schnell fahren, gibt es keine Staus. Würden alle jedoch immer gleich schnell fahren, würde niemals einer Bremsen und Fussgänger niemals die Strassen überqueren können. Das war der entscheidende Funke für die Idee mit den vielen langweiligen Durchschnittlichkeiten. Ja ich weiss, sehr untiefgründig (und damit meine ich nicht «so tief wie eine Untiefe» sondern «so tief wie eine Untiefe») … aber ich hoffe ich habe euch nicht zu sehr enttäuscht.
Wie gefällt euch die Geschichte? Klingt das eingebildet, wenn ich sage, ich habe während dem schreiben, lesen und korrigieren einige Male laut herausgelacht? 🙂
Viele Grüsse und grösstdurchschnittlichen Dank fürs Lesen,
Pfoffwesen