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© 1992 Markus Kappeler
Aitutaki
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)
Vulkaninsel oder Atoll?
Wer der Ansicht ist, dass Bilder von paradiesischen Atollen mit traumhaften, türkisfarbenen Lagunen von trickreichen Fotografen stammen, wird beim Anflug auf Aitutaki eines Besseren belehrt: Das Wasser der riesigen Lagune ist kristallklar und türkisfarben, und die von Palmen gesäumten Strände sind makellos und schneeweiss. Kein Wunder diente dieses «Bilderbuchatoll» schon als Kulisse für einen Südseefilm.
Aitutaki ist eine von insgesamt fünfzehn Cook-Inseln, aus denen der gleichnamige Kleinstaat im Südpazifik besteht. Rund 225 Kilometer nördlich der Hauptinsel Rarotonga gelegen, ist Aitutaki die Cook-Insel mit der zweitgrössten Bevölkerung: 2400 Einwohner überwiegend polynesischer Abstammung besiedeln die 18 Quadratkilometer grosse Insel. Oder müsste man von einem Atoll sprechen? Schwer zu sagen: Aitutaki ist nämlich weder eine reine Vulkaninsel noch ein reines Atoll, sondern eine Kombination aus beidem.
Wie fast alle Pazifikinseln verdankt Aitutaki seine Entstehung dem Vulkanismus. Vor -zig Jahrmillionen war hier aufgrund untermeerischer Eruptionen ein rauchender, feuerspeiender Vulkanschlot aus den Fluten aufgetaucht - um seither langsam unter seinem eigenen Gewicht wieder abzusinken, pro Jahrhundert um etwa einen Zentimeter.
Diesen Zentimeter vermögen die Korallenstöcke, die sich rasch rings um den aus dem Meer aufragenden Vulkangipfel gebildet hatten und die nur im lichtdurchfluteten, oberflächennahen Wasser gedeihen, spielend auszugleichen. Während der Berg allmählich tiefer sinkt, wachsen sie stetig in die Höhe. Sassen sie anfänglich in unmittelbarer Küstennähe den Vulkanschultern auf, so entfernt sich nun der abtauchende Vulkangipfel immer weiter von ihnen weg. Längst bilden sie ein separates Riff. Und längst hat die immerwährende Brandung Sand, Korallengeröll und ganze Korallenblöcke lagunenwärts, hinter dem Riff, zu kleinen Inselchen aufgehäuft. Wenn die Bergspitze dereinst ganz im Ozean verschwunden sein wird, werden diese «Motus», wie sie die Polynesier nennen, allein zurückbleiben - als mehr oder weniger kreisförmiger Inselkranz, der eine seichte Lagune umschliesst.
Noch ist es aber nicht so weit: Aitutaki ist heute ein Mittelding zwischen riffgesäumter, hoch aus dem Meer aufragender Vulkaninsel und flachem, praktisch auf Meereshöhe liegendem Atoll. Noch ist seine vulkanische Bergspitze nicht völlig untergetaucht, bereits hat sich aber ein ausgedehntes Atoll mit mehreren Motus gebildet. Bei einer maximalen Höhe von 124 Metern beim Mount Maungapu und einer ungefähren Sinkgeschwindigkeit von einem Zentimeter pro Jahrhundert müsste Aitutaki theoretisch in rund 1 1/4 Millionen Jahren zu einem «richtigen» Atoll geworden sein. Vorausgesetzt, es kommt nichts Unvorhergesehenes dazwischen, etwa eine neuerliche Eruption oder ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels infolge menschgemachten Treibhauseffekts...
Aitutaki besteht heute aus einer etwa 7 Kilometer langen Hauptinsel, die sich in der nördlichen Hälfte der Lagune befindet, und ungefähr 15 Motus, die sich mehrheitlich auf der Ostseite der Lagune gebildet haben - dort, wo die Brandung aufgrund der vorherrschenden Südostpassatwinde besonders kräftig gegen das insgesamt 45 Kilometer lange Riff anstürmt. Abgesehen von einem Hotelkomplex, der sich auf dem nördlichsten Motu (Akitua) befindet, ist einzig die Hauptinsel bewohnt.
Wer mit dem Flugzeug von Rarotonga nach Aitutaki übersetzt, landet nach einer Flugzeit von ungefähr einer Stunde auf dem während des Zweiten Weltkriegs von den Amerikanern angelegten Flugplatz. Er befindet sich auf einer schmalen Landzunge im Nordosten der Hauptinsel und verfügt über ein kleines Empfangsgebäude, dessen Snackbar jeweils bei Ankunft und Abflug der (mehrmals täglich stattfindenden) Flüge der «Cook Island Air» und der «Air Rarotonga» geöffnet ist.
Sechs Kilometer sind es von hier zum Hauptort Arutanga, der sich an der windgeschützten Westküste der hügeligen Hauptinsel befindet. Arutanga liegt der einzigen schiffbaren Öffnung in Aitutakis Korallenriff gegenüber. Deren geringe Tiefe und tückische Strömungen machen die Passage für grössere Schiffe allerdings zu einem gefährlichen Unterfangen. Daher ankern die zwischen den Inseln verkehrenden Fähren vor dem Riff, und sämtliche Passagiere und Waren werden mit Leichtern zur Anlegestelle bei Arutanga gebracht.
In Arutanga lebt der Grossteil der Bevölkerung Aitutakis. Die Ortschaft ist eine lockere Ansammlung von Gebäuden, deren Zentrum die von zwei mächtigen Bäumen beschattete Strassenkreuzung beim Schiffsanleger ist. Hier befinden sich das Verwaltungsgebäude, das Postamt und die katholische Kirche. Auch das Spital, die Schule, die protestantische Kirche und ein Hotel sind nicht weit. Und drum herum gruppieren sich ein paar Geschäfte, in denen man alles Notwendige zum Leben kaufen kann, eine Anzahl kleinerer Pensionen, zwei, drei Imbissstuben und die Wohnhäuser der Insulaner.
Aufgrund des vulkanischen Untergrunds und des tropisch-maritimen Klimas ist Aitutakis Hauptinsel sehr fruchtbar. In den Gärten wuchern Nutz- und Ziergewächse aller Art. Und zwischen den sanften Hügeln, besonders im flacheren Inselsüden, findet man Pflanzungen von Bananenstauden, Kokospalmen, Kaffee-, Orangen- und Mangobäumen sowie allerlei Gemüsesorten. Sie gehören hauptsächlich jenen Bewohnern Aitutakis, welche ausserhalb Arutangas in den kleinen Ansiedlungen entlang der inselumrundenden Strasse wohnen.
Captain William Bligh ...
Rätselhaft wird es immer bleiben, warum die Polynesier mit ihren tiefliegenden Doppelrumpf-Segelbooten zu ihren kühnen Fernfahrten in die blaue Unendlichkeit des Pazifiks aufbrachen. Es fehlte ihnen jegliches Wissen um das Vorhandensein von Inseln jenseits des Horizonts. Und dennoch taten sie es.
Ursprünglich aus dem südostasiatischen Raum stammend erreichten sie schon etwa um 1500 v.Chr. Fidschi, um 500 v.Chr. Samoa und Tonga, um 300 n.Chr. das heutige Französisch-Polynesien, um 400 n.Chr. Hawaii, um 500 n.Chr. die Cook-Inseln und um 900 n.Chr. Neuseeland. Zu einer Zeit, als sich die europäischen Seefahrer noch kaum aus der Sichtweite der Küsten herauswagten, navigierten sie traumwandlerisch über offene Meeresstrecken von mehreren tausend Kilometern. Und lange, bevor die Europäer überhaupt von der Existenz des Pazifiks wussten, hatten sie sich auf praktisch allen bewohnbaren Inseln dieses gigantischen Ozeans niedergelassen. Die Hochsee-Expeditionen der Polynesier gehören zweifellos zu den grössten Leistungen der Menschheit.
Ohne die Verdienste von Kapitän James Cook schmälern zu wollen, ist es unter diesem Aspekt eigentlich ein Hohn, dass die Cook-Inseln heute seinen Namen tragen. Richtigerweise müssten sie Tanglianui-Inseln» oder «Karika-Inseln» heissen, also zu Ehren einer der frühen polynesischen Helden benannt sein, die den Legenden der Insulaner zufolge die abgeschiedenen Eilande entdeckt und die ersten Siedlungen gegründet hatten. Dies umsomehr, als der britische Kapitän lediglich 5 der 15 Cook-Inseln für die westliche Welt entdeckt hatte und sowohl an Rarotonga als auch an Aitutaki nichtsahnend vorbeigesegelt war.
Der erste Europäer, der in der Weite des Pazifiks über Aitutaki «stolperte», war der britische Kapitän William Bligh mit seinem Schiff «Bounty» gewesen. Auf dem Weg von Tahiti nach Tonga tauchte am 11. April 1789, keine drei Wochen vor der berühmten Meuterei seiner Mannschaft, die Insel vor dem Bug seines Schiffs auf. Hier (leicht gekürzt) der entsprechende Abschnitt aus seinem lesenswerten Reisebericht:
«Früh am 11. April erblickten wir im Südwesten in einer Entfernung von fünf Seemeilen eine Insel, die von neun Klippeninseln umgeben war, alle mit Bäumen bewachsen. Die grosse Insel schien sehr fruchtbar zu sein, aber da der Wind schwach und ungünstig war, bemühten wir uns vergeblich, dem Lande näher zu kommen.
Am 12. April befanden wir uns nachmittags drei Meilen von dem südlichsten der kleinen Eilande entfernt und sahen innerhalb des Riffs eine Menge Menschen. Kurz darauf kam ein Kanu mit vier Mann herangerudert, die ohne ein Zeichen von Furcht oder Staunen am Schiff anlegten. Ich gab ihnen einige Glasperlen, und sie stiegen an Bord. Einer von ihnen, dem die anderen zu gehorchen schienen, sah sich neugierig auf dem Schiff um. Auf die Mitteilung, dass ich der «Eri» (Herr) des Schiffs sei, kam er zu mir und legte seine Nase an die meinige, wobei er mir eine grosse Perlmuttschale überreichte, die er an einer Schnur aus geflochtenem Haar um den Hals gehängt hatte.
Die Eingeborenen sprachen Tahitisch mit geringen Abweichungen, soweit ich es beurteilen konnte. Sie sagten, auf der Insel gebe es weder Hunde noch Schweine und Ziegen, auch keine Taro- und Yamswurzeln, dagegen Bananen, Kokosnüsse, Brotfrüchte und Hühner in grossem Überfluss. Da sie die Schweine mit dem tahitischen Namen nannten, schöpfte ich Verdacht, dass sie mich hintergehen wollten, doch überliess ich ihnen einen jungen Eber und eine Sau, dazu ein Quantum Yams- und Tarowurzeln, die wir entbehren konnten. Ausserdem beschenkte ich jeden mit einem Messer, einem Beil, einigen Nägeln und Glasperlen sowie einem Spiegel, der am meisten ihre Neugier weckte. Das Eisen aber schien ihnen bekannt zu sein. Ehe sie davonruderten, gaben sie mir noch einen Spiess, der aber nichts als ein gewöhnlicher Stab mit einer Spitze aus Keulenholz war.
Die Eingeborenen dieser Insel waren auf den Armen und Beinen tätowiert, aber nicht wie die Tahitier auf den Lenden und Hinterbacken.»
... und Reverend John Williams
Nun kam all das über die Bewohner von Aitutaki, was das Entdecktwerden damals mit sich brachte: Verteufelung der alten Götter, Zerstörung der kulturellen Werte, Ausbeutung, Unterdrückung, Krankheiten. Bereits 1821 suchte ein Abgesandter der protestantischen Londoner Missionsgesellschaft, Reverend John Williams, Aitutaki auf und siedelte zwei bekehrte Polynesier von Tahiti als Laienprediger an. Die beiden bewährten sich bestens. Von der polynesischen Kultur der nunmehr christianisierten Insulaner war bald kaum mehr etwas übrig: Schreine und Götzenbilder wurden zerstört, die Polygamie ebenso wie aufreizende Tänze verboten, das Tätowieren und sogar das Schmücken mit Blumen abgeschafft. Die Missionare wurden mit der Zeit zu beinahe unumschränkten Herrschern, die bestimmten, was zu tun und was zu lassen war. (Peinlicherweise sickerte später durch, dass sie anfangs nichts von der Datumsgrenze gewusst hatten und deshalb während der ersten sechzig Jahre ihrer Tätigkeit auf der Insel die Sonntagsdienste stets am falschen Tag abgehalten hatten...)
Glücklicherweise nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts der selbstherrliche Einfluss der Missionare allmählich ab, als mehr und mehr «gewöhnliche» Weisse nach Aitutaki kamen, darunter Walfänger, Händler, Fischer, Pflanzer und Abenteurer aller Schattierungen. Bis zum heutigen Tag sind die Bewohner Aitutakis aber gläubige Christen geblieben. Jeden Sonntagmorgen kurz vor zehn Uhr kann man die Frauen der Insel in weissen Kleidern und die Männer in ihren besten Hosen zur Kirche streben sehen, wo sie aufmerksam der Predigt des Pfarrers folgen und mit Inbrunst ihre wunderschönen mehrstimmigen polynesischen Lieder singen.
Die am südlichen Ausgang Arutangas gelegene protestantische Kirche ist mit Baujahr 1821 die älteste Kirche der Cook-Inseln. Vor dem Gotteshaus steht in Erinnerung an John Williams, Papeiha und Vahapata, den frühen Missionaren der Londoner Missionsgesellschaft, ein Gedenkstein.
Sinnlich knisternde Tanzvorführungen
In mindestens einer Hinsicht waren die eifrigen Missionare des 19. Jahrhunderts auf Aitutaki überhaupt nicht erfolgreich gewesen: bei der Unterdrückung der polynesischen Volkstänze. Zwar waren die lebensfrohen, teils erotisch gefärbten Tänze lange Zeit aus dem Leben der Inselbewohner verbannt gewesen, aber glücklicherweise nie in Vergessenheit geraten. Mit dem Wiedererwachen des rassischen Selbstbewusstseins und der Besinnung auf die traditionellen Werte hat die polynesische Tanzkunst in unserem Jahrhundert eine erfreuliche Wiederbelebung erfahren.
Getanzt wird auf Aitutaki gewöhnlich in Gruppen. Männer und Frauen können gemischt oder abwechselnd auftreten, wobei jeweils alle Bewegungen der Frauen bzw. der Männer synchron aufeinander abgestimmt sind. Es gibt unzählige Arten von Tänzen, denn zu den traditionellen werden ständig neue kreiert. Der «Otea» ist von Legenden inspiriert, der «Apariva» erzählt Geschichten aus dem Alltag, und beim «Tamure» wirbt ein Mann um eine Frau. Es sind Variationen der immer gleichen Themen, die tänzerisch umgesetzt werden: Götter und Legenden, Mann und Frau und Liebe, Trennung und Sehnsucht, Blumen und Vögel, Seereisen und Fischfang, Arbeit und Kampf.
Die Tanzgruppen von Aitutaki sind für ihre eindrucksvollen Tanzdarbietungen weitherum bekannt und zählen unbestritten zu den begabtesten des Pazifiks. Im Gegensatz zur Situation auf manch anderer pazifischen Insel ist hier das Tanzen noch weit mehr als blosse Touristenattraktion: Die Tanzkunst wird - als traditionelles Mittel, Episoden aus der polynesischen Geschichte und aus dem polynesischen Alltag künstlerisch darzustellen - sehr ernst genommen. Die Gruppen trainieren oft mehrmals in der Woche, und mit den Grundformen der polynesischen Tänze werden schon die Kinder in der Schule vertraut gemacht. So kommt es, dass die Tanzgruppen von Aitutaki beim alliährlich in der zweiten Aprilwoche stattfindenden Wettkampf auf Rarotonga, wo Einzeltänzer und Gruppen nach ihrer Choreografie, ihrer Gestik und auch ihrem Kostüm prämiert werden, immer besonders gut abschneiden. Wer Aitutaki besucht, sollte sich keinesfalls eine der (allwöchentlich stattfindenden) temperamentgeladenen und sinnlich knisternden Tanzvorführungen der Einheimischen entgehen lassen.
Die «Coral Route»
Am 15. Dezember 1951 startete in Auckland auf Neuseeland das Flugboot «Aparima» der Tasman Empire Airways (heute Air New Zealand) zum Eröffnungsflug nach Tahiti. 50 Stunden betrug die reguläre Reisezeit für die 5760 Kilometer lange Strecke, und Zwischenlandungen zwecks Nachtankens waren auf Suva (Fidschi) und auf Aitutaki vorgesehen. Diese sogenannte «Coral Route» war lange Zeit die erste regelmässige Flugverbindung im südpazifischen Raum - und eine der extravagantesten Flugreisen, die man in den fünfziger Jahren unternehmen konnte. Sie verhalf Aitutaki zum Ruf, eines der bezauberndsten Inselparadiese der Südsee zu sein.
Geflogen wurde zunächst einmal, dann zweimal im Monat mit einer «Mark III Solent», einem in England gebauten Wasserflugzeug mit vier kräftigen Propellertriebwerken. Die Maschine bot 45 Passagieren Platz. Und nicht weniger als 11 Besatzungsmitglieder waren nötig, denn die Crew hatte vielfältige Aufgaben: Der Navigator, der am Heck des Flugzeugs in einer Plastikkuppel sass, musste jeweils nach der Wasserung durch das Gepäckabteil kriechen, um das Flugzeug an einer Boje festzumachen. Die Piloten führten kleinere Reparaturen selbst aus. So dichteten sie einmal ein Loch im Rumpf des Flugboots mit Beton ab. Das Kabinenpersonal wiederum musste auf Bestellung kochen. Ob Steaks oder Eier - alles wurde in der Bordküche frisch zubereitet.
Der reizvollste Stopp auf der Coral Route war zweifellos die Landung auf der Lagune von Aitutaki. Während der Kraftstoff aus Kanistern, die in Booten herangerudert wurden, in die leeren Tanks gefüllt wurde, was etwa zweieinhalb Stunden dauerte, wateten die Passagiere zum Inselchen Akaiami hinüber. Unter Palmen servierten die Stewards dann Tee oder bereiteten frisch gefangenen Fisch zu, begleitet von Tänzen und Gesängen der Bewohner Aitutakis.
Bisweilen zog sich der Aufenthalt unfreiwillig in die Länge. Einmal bescherte ein Defekt am Steuersystem des Flugzeugs den Passagieren eine Nacht am glasklaren Wasser der Lagune, im Schein des Monds und des Lagerfeuers. Nicht wenige von ihnen plädierten nachher begeistert dafür, die Übernachtung regulär in den Flugplan einzubauen.
Die «Aparima» wurde 1954 verschrottet. Danach übernahm die «Aranui» den Service auf der «Coral Route». Bis zum 15. September 1960. An diesem Tag endete die Ära der Flugboote im Pazifik, und mit ihnen die Romantik auf der legendären «Coral Route». Überall im Südpazifik - so auch auf Aitutaki - waren mittlerweile ehemalige Militärflugplätze renoviert und neue Landepisten angelegt worden, welche nun für «normale», schnellere Flugzeuge zugänglich waren.
Der «Aparima» und der «Aranui», welche heute im «Museum of Transport and Technology» in Auckland steht, hat Aitutaki viel zu verdanken. Denn der während ihrer Einsatzzeit entstandene Ruf eines Südseeparadieses ist Aitutaki bis heute erhalten geblieben. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Einheimischen inzwischen hauptsächlich vom Tourismus leben können und es dem kleinen Inselterritorium wirtschaftlich recht gut geht. Glücklicherweise hält sich der Fremdenverkehr auf Aitutaki bislang in einem angenehmen Rahmen: Noch sind die Gästehäuser überwiegend klein und gemütlich, und noch sind die Inselbewohner Gästen gegenüber sehr freundlich, offen und hilfsbereit.
Wer sich auf Aitutaki nicht einfach in den Schatten einer Kokospalme setzen will, um die überwältigende Stille des Südseeidylls in sich aufzunehmen und frische Kräfte für die hektische Welt daheim zu sammeln, kann eine ganze Menge unternehmen: Er kann beispielsweise einen Bootsausflug zu einem der entfernteren Motus unternehmen und dort nach Herzenslust schwimmen und sonnenbaden. Er kann auch eine Runde auf dem 9-Loch-Golfplatz bei der Flugpiste spielen. Oder sich ein Fahrrad mieten und die Insel auf einer Rundfahrt erkunden. Er kann ein Windsurfbrett mieten und sich über die Lagune gleiten lassen. Einen Spaziergang auf den Mangapu machen und von dessen Gipfel den herrlichen Blick über die Lagune geniessen. Er kann mit einem kundigen Führer auf die Suche nach den alten, im Busch versteckten polynesischen Kultstätten gehen und sich die alten Legenden erzählen lassen. Oder mit einem professionellen Tauchführer die farbenprächtigen Korallengärten am Aussenriff besuchen. Er kann sich zu Fuss gemächlich durch die Dörfer treiben lassen und die Inselbewohner um ihr heiteres, gelassenes Leben beneiden. Aitutaki lässt keine Wünsche offen.
Legenden
«Motus» heissen auf polynesisch die kleinen Inselchen, die sich hauptsächlich im Osten von Aitutakis Lagune auf den Riffschultern gebildet haben. Wer einen Bootsausflug zu einem dieser Motus unternimmt, um dort im glasklaren, türkisfarbenen Wasser zu schwimmen und unter schattigen Palmwedeln zu picknicken, der nimmt ein Urlaubserlebnis mit nach Hause, das er so schnell nicht wieder vergessen wird.
In der Rangliste der schönsten Inselparadiese der Südsee steht Aitutaki ganz weit oben. Die Hauptinsel, im Norden der Lagune gelegen und als einzige bewohnt, gipfelt im 124 Meter hohen Maungapu, der - so erzählen sich die Insulaner - eigentlich die Spitze des Raemaru im Westen Rarotongas ist, den die mutigen Krieger Aitutakis einst als Siegesprämie abgehauen und hierher gebracht hatten.
Die Bewohner Aitutakis leben teils vom Fischfang und vom Früchte- und Gemüseanbau, hauptsächlich aber vom Tourismus. Metuatane Taeta ist Fremdenführerin und eine moderne junge Frau. Dennoch ist sie, wie alle Inselbewohner und -bewohnerinnen, weiterhin stark mit der polynesischen Kultur verwachsen. So trägt sie stets Blumen, hier rosa Frangipani-Blüten, im Haar - als Schmuck und Duftspender und als Ausdruck des polynesischen Lebensstils.
Mehr noch als der Blütenschmuck ist der Tanz Ausdruck der Lebensart und -freude der polynesischen Bevölkerung Aitutakis. Zum pulsierenden Rhythmus der Trommeln werden dabei alte Legenden ebenso wie Alltägliches künstlerisch umgesetzt. Jeden Freitag findet im Hotel Rapae in Arutanga die «Island Night» statt -eine mitreissende Tanz- und Musikveranstaltung, welche für die Einheimischen den Höhepunkt einer jeden Woche bildet.
Den letzten grossen Sprung bei der Eroberung der pazifischen Inselwelt machten die Polynesier um 900 n.Chr., als sie von den Cook-lnseln aus mit ihren Doppelrumpf-Segelbooten Neuseeland erreichten. In der Tat leitet die Urbevölkerung Neuseelands, die Maori, ihre Herkunft von den Cook-Insulanern ab, und diese wiederum bezeichnen ihre Sprache als «Cook Islands Maori». Dass der geistige Horizont der Bewohner Aitutakis heute wie früher weit über die eigene Insel hinausreicht, beweist eindrücklich dieser «Wegweiser» beim Flugplatz (Angaben in Meilen).
Fünfzehn Meeresvogelarten kommen im Bereich Aitutakis vor, darunter der Rotschwanz-Tropikvogel (oben), dessen zwei blutrote verlängerte Schwanzfedern einst bei den Dorfhäuptlingen als Kopfschmuck sehr begehrt waren. Auf polynesisch heisst der elegante Vogel «Tavake», und auf diesen Namen hat die Cook lsland Air ihr 19plätziges «Twin Otter»-Flugzeug (unten) getauft, das täglich zweimal zwischen Rarotonga und Aitutaki hin und her fliegt.
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