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Die Form des Mediums Sinn ist in knapper Formulierung: selektive Verweisung28. Wenn das Medium Wahrnehmung von der Sinnform überzogen wird, bedeutet dies, wenn man so will, eine Art Zweitcodierung: Die Wahrnehmungen werden so eingerichtet, daß sie als bestimmte (notfalls bezeichenbare) Wahrnehmungen erscheinen, und diese Bestimmtheit (das je Identitäre) entsteht in phänomenologischer Redeweise durch die Appräsentation eines Horizontes, aus dem heraus das Bestimmte ›sich versteht‹: als dies und nicht als das. Weniger phänomenologisch: Die Form von Sinn nutzt Wiedererkennbarkeiten der Wahrnehmung dadurch, daß sie Varietät und Redundanz kombiniert. Sie parasitiert, wenn man so sagen darf, an der einfachen Tatsache, daß es keine identischen Wiederholungen gibt.
Sie ballt (konfirmiert) Identitäten so, daß ein Spielraum des Andersmöglich
oder des Ähnlich-wie entsteht.
Wir nehmen an, daß diese Ballungsmöglichkeiten erst Zusammenhang mit Kommunikation und Sprache ins Spiel kommen. Erst in der differentiellen Bearbeitung des psychischen Systems durch etwas, was es selbst nicht ist, bildet sich die Funktion des Bewußtseins aus, die sich als ein System-im-System beschreiben läßt. Im Rahmen des psychischen Systems differenziert ein System aus, dessen Medium Wahrnehmungen sind und dessen einzige Operation darin besteht, Wahrnehmungen in die Form von Beobachtungen zu bringen, die dann wiewohl sie immer noch und niemals etwas anderes als Wahrnehmungen sind nur noch als Beobachtungen miteinander verkettet werden, die man Gedanken, Vorstellungen, Intentionen etc. nennen könnte29.
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Der Beobachter
Wichtig ist, daß der Begriff des Unbewußten nicht einfach nur ein Begriff dafür ist, daß dem Bewußtsein etwas nicht zugänglich ist, daß es etwas nicht bezeichnen kann, daß es als zeichenprozessierendes System Informationen rafft und Informationsverluste produziert. Das wäre eine harmlose und triviale Begriffsvariante, die das (mögliche, nicht immer durchgehaltene) theoretische Niveau der Psychoanalyse verfehlt, insofern es dann einfach um ein Nicht-Wissen geht oder in der Sprache der Systemtheorie darum, daß jedes System an eine Umwelt gekoppelt ist, die es nicht vollständig kontrollieren kann.
Es darf nicht übersehen werden, daß das Unbewußte seine begriffliche Prominenz dadurch gewinnt, daß dem Bewußtsein ein Bewohner unterstellt wird, ein Zentrum der Selbstrepräsentation, das massiv in seinem Schicksal und in seinen Lebensmöglichkeiten formiert und deformiert wird durch eine Instanz, auf die es schon deshalb keinen Einfluß hat, weil das Einflußnehmen selbst (der Wunsch dazu, der Versuch) durch dieselbe Instanz sozusagen vorreguliert wird60. Jener Bewohner (eben: Ego, Ich, Subjekt) hat es, wenn man es mit den Worten der Romantik ausdrückt, mit einer dämonischen Nachtseite zu tun.61 Er ist nahezu ohnmächtig.62
Das Problem der Systemtheorie mit dieser Annahme liegt auf der Hand: Autopoietische Systeme verfügen nicht über Angelpunkte63. Sie sind Zeitsysteme, die sich was immer sonst Zeit sein mag auf der Basis einer eigenen Verzeitlichungstechnik konstituieren, also selbst das, was sie als zeitfest, als Dauer behandeln wollen, nur in der Zeit, die sie ausmacht, erwirtschaften (in einer Ökonomie unablässig sich ablösender Ereignisse), aber nichts davon zurückbehalten können wie ein Ding, wie eine unabhängige Gegebenheit64. Sie haben keinen Ort, in den ein Subjekt eingebettet werden könnte, keine Ruhestelle, von der aus ein Ich die Welt seiner vorüberflutenden Gedanken behaglich beschauen könnte.65
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»Wir können unseren Gedanken nicht zuvorkommen.« formuliert Paul Valery, und das ist ein schöner Ausdruck dafür, daß das Ich nicht ›schon‹ da ist und sozusagen denkt, was es zu denken gibt.66 Der einzige Begriff, der in der Systemtheorie als Äquivalent für einen Bewohner des Bewußtseins eingesetzt werden könnte, ist der des Beobachters. Aber gerade für ihn gilt, daß er sich nicht zum Bild eines Subjektes ›aufwerfen‹ läßt.67 Er ist allenfalls grammatisch ein Subjekt oder ein Objekt, aber von der Logik des damit Gemeinten her gesehen, ist das Zeichen, die Bezeichnung ›Beobachter‹ selbst Moment einer Beobachtungsoperation und nichts, was sich von ihr ablösen ließe oder sich zu ihr extern verhielte.68 Für jede Operation des Beobachtens gilt, daß der Beobachter in ihr nicht erscheint.69 Beobachtungen kommen zustande dadurch, daß sie (in der Gleitzeit der différance) sich selbst mit anderen Beobachtungen verketten, und wenn eine Beobachtung auf den Beobachter zielt, beobachtet sie wiederum Beobachtungen und nicht: ein Objekt oder Subjekt, das der Beobachter wäre. Insofern täuscht die Sprache nicht, wenn sie Beobachter (und äquivalente Ausdrücke) in die Subjekt/Objektstellung bringt. Sie sind nur dort, und den Fehler der Reifikation würde nur derjenige begehen, der das, was Zeichen bezeichnen, als zutreffende Repräsentation einer von der Bezeichnung unabhängigen Welt begreift.
Das heißt nicht, daß es autopoietische Systeme nicht fertigbrächten, sich selbst (und andere Einheiten des gleichen Typs) zu Beobachtern zu stilisieren. Der Beobachter ist eine Struktur im Sinne eines Kombinationsspielraumes für Ereignisse, die unterscheiden zwischen dem, was ein System sich zurechnet und was nicht.
Das System nutzt, wenn wir uns hier auf das Bewußtsein konzentrieren, die Zitationsmöglichkeiten, die durch Zeichengebrauch offeriert werden. Der Beobachter ist dann ein Zitat, das Zitate zitiert. Er ist in diesem Sinne imaginär und wiederum: weder Ding noch Substanz.70 Man könnte ihn als eine imaginäre Ballung, als zitierbare Zusammenfassung auffassen, die auf Zurechnungsstrategien beruht71.
Wenn man sich darauf verständigt, geht es darum, daß diese Ballung, diese Zusammenfassung möglich ist, weil das Bewußtsein in seiner Autopoiesis extim verfährt, so daß die Strategien der Attribution (der Zitationsfundus, den das System im Blick auf die Konstruktion des Beobachters hat) nicht von ihm stammen, sondern durch und durch sozial konditioniert sind. Der Beobachter hat keine bewußtseinsinterne Residenz, und wenn man diesen Umstand bezeichnen will, bietet sich der Term des Unbewußten an. Er markiert eine Differenz, die durch Extimität ausgedrückt ist. Es böte sich sogar an, ihn im systemtheoretischen Kontext durch dieses Wort zu ersetzen.
Hier festzuhalten bleibt nur, daß diese komplexe Differenz als Einfallstor des Sozialen angesehen werden kann. Das gestattet es, sich zu fragen, warum der Begriff des Unbewußten unter modernen gesellschaftlichen Bedingungen eine unglaubliche Ausbreitung gefunden hat, obwohl er so ausnehmend schwierig gebaut ist. Daß der Mensch ein zoon politicon sei, hat man schließlich zuvor auch schon, wenn auch nicht in dieser Radikalität, gewußt.
Das gesellschaftliche Problem
Die Idee ist, daß die Erfindung des Unbewußten ein spezifisches gesellschaftliches Problem abfedert, das seit einiger Zeit unter dem Titel Polykontexturalität verhandelt wird.72
Polykontexturalität bezeichnet einen zentralen Effekt der funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems, nämlich die mit der Auflösung der stratifizierten Ordnung des Mittelalters und der Installation einer Mehrheit funktionsbezogener und autonomer Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Religion, Recht etc. einhergehende Entmachtung aller Beobachter, die in dieser Gesellschaft die Welt in einem Fundamentalmodus beobachten wollen73.
Auf einen Punkt gebracht: Alle Beobachtungen, die in dieser Gesellschaft kursieren, können prinzipiell gegenbeobachtet werden. Es gibt keinen cor et punctus, mit dessen Hilfe sich die Gesellschaft in der Gesellschaft korrekt und in Übereinstimmung mit einem überweltlichen Heilsplan, einer chain of being, einer universitas rerum abbilden könnte. Jede Art von Unbestreitbarkeit wird sabotiert. Alles, was sich als absolut gültig geriert, muß sich mühsam als inviolate level stabilisieren, bleibt aber dennoch (von jeweils anderen Kontexten in derselben Weltgesellschaft aus beobachtet) kontingent.74 Sogar die Hexenverfolgungen und Dämonopathien, die in der beginnenden Neuzeit so vielen Menschen das Leben kosten, lassen sich beschreiben als zusammenhängend mit dem Versuch, gegen die einbrechende Kontingenz der Moderne Dämme aufzurichten75. Die Polykontexturalität der Gesellschaft münzt sich, wenn man so sagen darf, aus in Heterarchie und Hyperkomplexität.
Wenn es triftig ist, daß das Bewußtsein ein extimes System ist, dessen Selbst- und Weltbeobachtungsmöglichkeiten aus der Sphäre des Sozialen stammen, dann kann es sich nicht mehr umstandslos als eine sich mit sich selbst verständigende Einheit beschreiben. Es wird gleichsam ›überfüllt‹ mit kontingenten Beobachtungsmöglichkeiten, der horror vacui wird ersetzt durch den horror plenitudinis, dem Schrecken, der Angst vor der Fülle.76
Mit der Frühromantik wird das Fragmentarische der Welt- und Selbstbeobachtungsmöglichkeiten entdeckt und in
literarische/philosophische Form gebracht.77 Die strukturell wirksame
Imagination des Beobachters als Ich, Ego, als Subjekt, als ›wollen könnende‹
Singularität wird ausgehebelt. Das, was wir Extimität genannt haben, schleust in das Bewußtsein, das sich dadurch konstituiert, die Formen der Polykontexturalität und der Heterarchie ein, und für den Fall, daß dies noch mitbeobachtbar wird, Hyperkomplexität.
Das Konzept des Unbewußten liefert die passende Formel. Es ermöglicht dem Bewußtsein, sobald es damit konfrontiert wird, das Wegsortieren seiner massiven Irritation durch Zurechnung auf eine Instanz, die wie ein deus ex machina wirkt. Und: Das Konzept fungiert sozial genauso78. Das Unbewußte wird als Nichtnegierbarkeit eingeführt, deren Negation (Widerstand, Abwehr) sein ›Vorhandensein‹ bestätigt. Die Raffinesse besteht darin, daß ein inviolate level aufgebaut wird, der wiewohl er durch und durch unerreichbar ist nicht dementiert werden kann. Das Bewußtsein kann seine Einheit weiterhin geltend machen (die Adressabilität bleibt erhalten), und zugleich als Einheit alles, was nicht zu ihr paßt, abschieben in einen Bezirk, in dem Reflexion ausgeschlossen ist79.
Peter Fuchs