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Verloren
Als Henry an einem trüben Dienstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit von einem Lastwagen überfahren wird und er realisiert, dass er nun sterben wird, ist er auf eigentümliche Weise froh. Das Paradies muss besser sein als dieses Leben, dessen ist er sich sicher. Henry ist ein guter Mensch. Er begegnet anderen Leuten mit Respekt und Höflichkeit, spendet Geld an diverse Wohltätigkeitsorganisationen, lebt aber selbst bescheiden. Er hat einen Job als Wirtschaftsprüfer, bei dem er anständig verdient und ist Mitglied des lokalen Bowlingvereins. Nur eine Partnerin hat er nie halten können.
Wenn jemand also den Zutritt zum Paradies verdient hat, dann er. Umso schockierter ist er, als er als Geist wieder erwacht, unweit von der Stelle, an der er gestorben ist. Unbekümmert brummen die Fahrzeuge auf der Strasse hin und her und die Leute hasten an ihm vorbei, ohne der Unfallstelle einen zweiten Blick zu schenken. Henry sieht auf den Boden, halb hoffend, dass jemand Blumen oder eine Kerze für ihn niedergelegt hatte. Aber da ist nur der kalte, bare Teer.
«Warum?», fragt er, legt den Kopf in den Nacken und sieht Richtung Paradies hoch. Doch die tief im Himmel hängenden Wolken wollen ihm keine Antwort geben. Unbeeindruckt ziehen sie dahin, bereit ihre Regenlasten demnächst auf die Erde niederzuschütten.
«Die werden dir keine Antwort geben», erklärt eine Stimme vom Boden her. Die Stimme gehört einer kleinen, getigerten Katzen mit intensiven, grünen Augen.
«Das weiss ich doch», seufzt Henry und setzt sich auf den Bordstein neben das Tier. «Ich kann nur nicht verstehen, warum ich dieses Los hier verdient habe. Warum bin ich nicht ins Paradies gekommen? Ich war ein so guter Mensch.»
Die Katze gibt erst mal keine Antwort und beginnt sich zu putzen. Henry sieht ihr dabei zu. Was kann er denn sonst noch tun? Er ist ein Geist, um Himmels Willen! Eine ganze Weile später ist der Kater mit seiner Wäsche fertig und sieht auf. «Du bist ja immer noch hier», bemerkt er spitz.
Henry zuckt mit den Schultern. «Ich weiss nicht, wohin ich sonst soll.»
Die Katze legt den kleinen Kopf schief. «Siehst du, das ist dein Problem. War es schon immer.» Die grünen Augen funkeln.
«Wie meinst du das? Ich wusste, was ich wollte, als ich noch lebte. Ich habe ein gutes Leben geführt, hatte einen guten Job …»
«Jaja. Das weiss ich alles. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das nicht», unterbricht ihn die Katze. Plötzlich macht sie einen Sprung und landet elegant in seinem Schoss. Sie dreht sich einige Male im Kreis und lässt sich dann schnurrend nieder.
«Warum interessiert dich das nicht?», hakt Henry verdutzt nach.
«Weil es nicht wichtig ist.»
«Sicher ist ein guter Job wichtig», wehrt sich Henry.
«Nenn mir einen Grund warum!»
«Nun …», beginnt Henry, klappt dann den Mund wieder zu, um sich die Antwort genau zu überlegen. «Weil es zeigt, dass ich erfolgreich im Leben war. Ein Job bedeutet Stabilität und Verlässlichkeit. Ich hatte mein Leben im Griff, hatte Freunde, Geld.»
«Und warst du glücklich?»
Reflexartig will Henry mit Ja antworten, aber plötzlich merkt er, dass es eine Lüge gewesen wäre. «Ich war ein guter Mensch», beharrt er dann trotzig.
«Aber kein glücklicher.»
Die simple Feststellung macht Henry sprachlos. Eine lange Zeit starrt er auf seine durchscheinenden Hände. «Du hast recht. Ich war – bin nicht glücklich.» Plötzlich fügen sich die losen Puzzleteilchen seines Lebens zu einem grossen Ganzen zusammen. Deswegen hatte er nie dieselbe Leidenschaft für irgendetwas fühlen können, wie es anderen Menschen so selbstverständlich gelang. Deswegen hatte es mit den Frauen nie geklappt. Deswegen hatte er sich immer so leer gefühlt. Deshalb war er froh gewesen, als er realisiert hatte, dass er nun sterben würde. Er war nie glücklich gewesen, aber er war ein guter Mensch gewesen.
«Leider reicht das nicht, um ins Paradies zu kommen. Du wirst nicht an deinen selbstlosen Taten gemessen. Du musst nicht nur Gutes für andere tun, sondern auch zu dir selbst schauen», spricht die Katze in seine Gedanken hinein.
Henry spürt Hoffnungslosigkeit in sich aufsteigen. «Aber was kann ich denn jetzt noch tun? Sieh mich an! Ich bin ein Geist!»
«Du musst dein eigenes Glück finden.»
«Wie?»
Die Katze schlägt ungeduldig mit ihrem Schwanz hin und her. «Das kann ich dir auch nicht sagen. Nur du kannst das herausfinden.» Dann steht das kleine Tier abrupt auf und sagt: «Das ist der Beginn deines Weges, Henry. Ja, du bist ein Geist und kannst die Dinge nicht mehr beeinflussen. Aber du kannst immer noch sehen, Gefühle empfinden und Dinge erleben. Geh dorthin, wo es dich schon immer hingezogen hat, du aber nie gewesen ist. Erlebe ein Abenteuer. Nimm die Hauptrolle ein, anstatt nur Statist zu spielen. Dann wirst du dein Glück finden und du wirst verstehen.»
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.