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Das Parlament von Zypern soll über das Rettungspaket mit einer umstrittenen Zwangsabgabe auf Bankeinlagen abstimmen. Mit dem milliardenschweren Hilfspaket, das von der Eurogruppe beschlossen wurde, soll das Euro-Krisenland vor der Staatspleite gerettet werden.
Um Zypern und seine Probleme zu verstehen, lohnt sich derweil ein Blick zurück: Die Geschichte des Aufstieges der Insel beginnt 1996 in Limassol. Und sie beginnt auch mit der Credit Suisse. Damals bezog eine Handvoll CS-Mitarbeiter ein Büro an der Promenade der Hafenstadt. Chef der neu registrierten Credit Suisse First Boston Cyprus wurde Finanzmathematiker Antonis Rouvas.
Wie viele zypriotische Manager hatte Rouvas in Grossbritannien studiert und einige Jahre für PricewaterhouseCoopers gearbeitet. Nun sandte ihn die Credit Suisse zurück in die Heimat. Denn dort war gerade der Goldrausch ausgebrochen. Und die CS, wie so viele andere internationale Banken, wollte ihn nicht verpassen.
20 Jahre zuvor hatte Zypern beschlossen, dass auf der Insel registrierte Unternehmen von nicht niedergelassenen Eigentümern mit nur 4,5 Prozent besteuert würden - ein klassisches Offshore-System. Erst kamen ein paar Schiffunternehmen,die dank Fahrten unter zypriotischer Flagge reichlich Steuern sparten. Es kamen ein paar Briten und Deutsche, dann ein paar Hundert Libanesen, die sich und ihre Vermögen vor dem Bürgerkrieg in Sicherheit brachten. Dann brach die Sowjetunion zusammen.
Zu Russland hatte Zypern schon immer ein gutes Verhältnis. «Als ich Kind war, schauten wir nur russische und jugoslawische Zeichentrickfilme», sagt Finanzberater Stelios Platis. «Tito, das war unser bester Kumpel.» Erzbischof Makarios III., erster Präsident des unabhängigen Zypern, liebte Moskau - heimlich, denn es war die Zeit des Kalten Krieges.
Niemand fragte so genau
Nun wurde Zypern überschwemmt von Russen und Ukrainern, die einen sicheren Platz für ihren neu erworbenen Reichtum suchten. Bis 1999 stieg die Anzahl ausländischer Holdings von einigen Hundert auf über 40000. «Es ist kein Geheimnis, dass damals Geld aus der Ex-Sowjetunion in grossen Mengen nach Zypern floss», sagt Platis. Ebenfalls kein Geheimnis ist, auch wenn Platis das nicht sagt, dass damals niemand genau fragte, woher das viele Geld eigentlich kam.
Das Geschäft der Credit Suisse lief gut. Sie beriet die neuen Reichen aus dem Osten, sie unterstützte die ehemals staatlichen Konzerne bei Privatisierungen, und sie verdiente vor allem reichlich Geld. Wenige Monate nach ihr kam auch die Erzrivalin UBS nach Zypern. Sie wählte als Standort statt des glamourösen Limassol die Hauptstadt Nikosia. «Wir waren nur wenige», sagt ein Banker, der damals für die Credit Suisse arbeitete, «aber wir machten Millionen».
Die Party sollte für die CS nicht nur fröhlich werden. Das Offshore-System Zyperns funktioniert bestechend einfach. Ein Klient gründet eine Holding in Zypern. Er eröffnet ein Bankkonto, um die laufenden Ausgaben der Dachfirma zu finanzieren. Das Spannende: Das Geld, das aus Russland nach Zypern fliesst, wandert meist zurück nach Russland. «Roundtripping» heisst das im Fachjargon: Ein Millionenkreislauf, bei dem nur wenige Tropfen an den Staat verloren gehen.
Das Geld fliesst im Kreis
Ein russischer Geschäftsmann beispielsweise führt ein Immobilienprojekt in Moskau. Die Gewinne, welche dieses abwirft, gehen an die Dachfirma nach Zypern, wo sie zum Tiefstsatz versteuert werden. Oder auch gar nicht, wenn man sie als Dividenden verbucht. Neue Investitionen in das russische Projekt kommen wieder aus Zypern - entweder direkt von der Holding oder von deren Hausbank. «Zypern macht es möglich, dass internationale Transaktionen auf viele verschiedene steuereffiziente Arten abgewickelt werden können», hiess es in der Broschüre des Anwaltes Elias Neocleous in Limassol.
Die Spielarten waren schier unendlich. Die Credit Suisse First Boston Cyprus etwa bekam wenige Monate nach ihrer Eröffnung einen interessanten Auftrag. Sie nahm 705 Millionen Dollar von der ukrainischen Nationalbank entgegen, deren Gouverneur der spätere ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko war. Einen Teil des Geldes verlieh sie weiter an verschiedene ukrainische Kreditnehmer, die ihrerseits ukrainische Staatsanleihen erwarben. Es war ein klassisches Geschäft: Die Bank agierte als Mittelsmann.
Im Jahr 2000 stellte der Internationale Währungsfonds fest, dass die ukrainische Zentralbank ihre Fremdwährungsreserven künstlich aufgebläht hatte, um an IWF-Gelder zu gelangen. Die Credit Suisse Zypern wurde verdächtigt, die Manipulation erst ermöglicht zu haben.
Keine Stellungnahme von der CS
Irreführung des Währungsfonds - der Vorwurf wog so schwer, dass Rouvas' oberster Chef im Frühling 2000 vor dem amerikanischen Parlament aussagen musste. Die Credit Suisse First Boston wisse nichts davon, dass die betreffenden Transaktionen gemacht worden seien, um den IWF zu täuschen, sagte James Healy damals. «Und sie hatte auch keine Möglichkeit, davon zu wissen.» Der Fall verlief im Sand. Die CS nimmt zum Fall keine Stellung.
Ebenso ein anderes Dossier: 1999 lieh Credit Suisse First Boston Cyprus 215 Millionen Dollar an ein in Zypern registriertes Unternehmen mit dem Namen Reforma. Dieses wiederum kaufte zu günstigen Preisen einen Anteil von 9 Prozent an Lukoil, damals Russlands grösstem Ölkonzern. Die Welt rätselte, wer hinter Reforma steckte.
Der «Economist» schrieb dazu: «In der Vergangenheit waren solche Geschäfte ein Weg für russische Chefs, um Geld wegzubewegen von Firmen, die sie führen, hin zu Firmen, die ihnen gehören.» Der Verdacht war also, dass es Lukoil-Manager waren, die sich mithilfe der CS Anteile sicherten, die sie dereinst zu schwerreichen Männern machen würden. Der Verdacht liess sich nie erhärten. Die CS nimmt zum Fall keine Stellung.
«Reputationsrisiko» zu gross
Das Modell, das Zypern gewählt habe, sei gut, meint Finanzberater Stelios Platis. Das Problem sei, dass die Banken nicht richtig umgegangen seien mit dem vielen Geld, das auf ihre Konten floss. «Es sind einige Leute schnell reich geworden.» Das Risikomanagement habe versagt.
2004, nach knapp acht Jahren im Markt, schloss die Credit Suisse First Boston Cyprus ihre Tore. Die UBS wartete mit dem Entscheid bis 2011. Ende 2003 war Zypern der EU beigetreten. Von nun an mussten die Finanzinstitute der Insel stärker kontrollieren, woher die Gelder ihrer Bankkunden kamen. Es durfte keinen Unterschied mehr geben zwischen einheimischen Eigentümern und nicht domizilierten. Es war das offizielle Ende des lukrativen Offshore-Systems.
Warum konkret man damals die Lizenz beendet habe, «können wir nicht beantworten», sagte Mitte 2012 ein Sprecher der CS. Die UBS nannte «Kostengründe» als Auslöser der Schliessung. Der ehemalige Angestellte der Credit Suisse Zypern sagt, die strengeren Vorschriften nach dem EU-Beitritt hätten die Geschäftstätigkeit zu teuer gemacht. Ausserdem sei den Banken das «Reputationsrisiko» zu gross gewesen. Inzwischen sind UBS und Credit Suisse in Zypern als ausländische Investmentfirmen registriert, die auf der Insel Kunden besuchen dürfen.
Je sauberer die Gelder, desto eher in der Schweiz
Auf dieser Insel arbeiten im vergangenen Jahr 2500 Buchhalter, 1900 Anwälte, Angestellte von 142 Banken und allen vier grossen Wirtschaftsprüfern, aber kaum ein Ingenieur. Zypern fehlen die Fabriken. Das Geld aus Russland floss nicht in die heimische Industrie. Und genau das wird Zypern zum Verhängnis.
Die Schweizer Banken, so sagt Anwalt Elias Neocleous im Sommer vergangenen Jahres, bleiben «wichtige Partner» in Zypern. «Sie sind Teil der Strukturen, die wir für unsere Kunden aufsetzen.» Denn was die Holdings in zypriotischen Banken hätten, sei oft nur «Brot und Butter». «Die grossen Vermögen sind oft woanders, beispielsweise in der Schweiz.»
Was Neocleous nicht sagt, wohl aber ein Anwalt aus Nikosia, ist dies: Je sauberer die Gelder sind, desto eher liegen sie in der Schweiz. Je schmutziger, desto eher in Singapur oder Dubai. Ende 2011 verwalteten Schweizer Banken 7 Milliarden Franken an Kundengeldern aus Zypern. Das war vier Mal so viel wie aus Norwegen oder Portugal, doppelt so viel wie aus Schweden oder Belgien und rund eine 1 Franken mehr als aus Spanien. Aus Russland, wo beide Banken mittlerweile ein registriertes Vermögensverwaltungsgeschäft führen, lagen 10 Milliarden Franken in der Schweiz.