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Nachdem die Verlegung der Rohre vor einem Jahr wegen der Sanktionen Washingtons gestoppt wurde, geht es nun weiter. Gazprom PJSC kündigte am Sonntag an, die Arbeiten würden am 5. Dezember fortgesetzt.
Die 9,5 Milliarden Euro teure Gastrasse unter der Ostsee hat zu erheblichen Spannungen in den transatlantischen Beziehungen geführt. So drängt US-Präsident Donald Trump Europa, seine Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu reduzieren. Deutsche Unternehmen und Bundeskanzlerin Angela Merkel wehren sich gegen die amerikanische Einmischung, und die westlichen Unternehmen, die profitieren dürften, sobald das Gas zu strömen beginnt, haben versprochen, weiterzumachen.
USA drängen auf eine Verschärfung der Sanktionen
“Die Pipeline-Gesellschaft wird die Verlegung der Röhren wieder aufnehmen, und diese Pipeline wird fertiggestellt”, sagte Rainer Seele, der Vorstandsvorsitzende der OMV. Der österreichische Ölkonzern unterstützt zusammen mit anderen westlichen Unternehmen die Pipeline. “Wir sind davon überzeugt, dass dieses Projekt nötig ist.”
In den USA drängen sowohl Demokraten als auch Republikaner auf eine Verschärfung der Sanktionen gegen Nord Stream 2 noch in diesem Jahr. Der designierte Präsident Joe Biden ist wie Trump ebenfalls gegen das Projekt. So besteht wenig Hoffnung, dass sich das Problem mit seinem Amtsantritt im Januar entschärfen wird.
Der Initiator des Projekts, die russische Gazprom PJSC, hat Analysten zufolge auch Möglichkeiten, eine neue Runde von Sanktionen, die der Kongress in Washington in den nächsten drei Wochen billigen soll, zu umgehen.
Um voranzukommen, muss Gazprom drei Herausforderungen meistern: ein Schiff finden, das die Arbeit erledigen kann, die Versicherung für das Projekt sicher zu stellen und eine Zertifizierung zu erhalten, dass die Arbeit sicher durchgeführt wird und den Standards der Europäischen Union entspricht. Gazprom und Russland arbeiten an allen drei Themen.
“Insgesamt ist es noch möglich, dass Nord Stream 2 bis zum Sommer 2021 gebaut ist und die notwendigen Zertifizierungen hat, damit das Gas im folgenden Winter fliessen kann”, sagt Katja Yafimava, leitende Analystin beim Oxford Institute for Energy Studies.
Zwar dürften weitere Sanktionen diesen Zeitplan verzögern. Gazprom werde letztlich wohl aber alle Hürden für das Projekt nehmen können, so Yafimava. Die USA “müssen einsehen, dass sie es nicht stoppen können”.
Eine gemeinsame Reaktion
Es gibt Anzeichen, dass die Bundesregierung dabei helfen wird. Minister in Berlin stimmen mit den EU-Partnern eine gemeinsame Reaktion ab. Parlamentarier und Branchenvereinigungen machten den USA gegenüber deutlich, dass diese ihre Kompetenzen überschritten. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) erklärte, die US-Interventionen richteten nicht nur erheblichen Schaden an, sondern untergrüben auch die Souveränität Deutschlands und der Europäischen Union.
Nur wenige Wochen vor der Vollendung wurde die Arbeit an der 1230 Kilometer langen Pipeline im Dezember letzten Jahres eingestellt, als die USA Massnahmen gegen die an dem Projekt beteiligten Unternehmen ergriffen. Die Schweizer Gesellschaft Allseas zog ein Schiff ab, das die Pipeline verlegte.
Nur noch 160 Kilometer Pipeline sind in der Ostsee zu verlegen. Die wichtigste Frage ist, ob Gazprom ein Schiff gefunden hat, das die Arbeit zu Ende bringt. Am Sonntag äusserte sich Nord Stream 2 nicht dazu, welches Schiff dafür eingesetzt werden soll.
In diesem Jahr hatte Gazprom die Akademik Cherskiy, in die Region gebracht. Das Schiff befindet sich zurzeit in der Ostsee.
Die nächste Sanktionsrunde wird darauf abzielen, zu verhindern, dass Unternehmen mit Zugang zum US-Finanzsystem die Versicherung für Nord Stream 2 übernehmen. Davon wäre informierten Kreisen zufolge die Zurich betroffen. Der Assekuranzkonzern erklärte, sich nie zu einzelnen Kunden zu äussern und sämtliche geltenden Vorschriften einzuhalten. Wegen der Grösse des Projekts wird wahrscheinlich auch ein Rückversicherer erforderlich sein.
Die Sanktionen könnten Nord Stream 2 zwingen, alle diese Leistungen in Russland zu beziehen, möglicherweise von staatlichen Unternehmen. Eine mögliche Lösung könnte die Russian National Reinsurance RNPC sein, die von Moskau angesichts der Sanktionsrisiken geschaffen wurde. Es gibt keine Beschränkungen zur Nationalität des Unternehmen, das die Versicherung für das Projekt übernimmt.
Zertifizierung ist ein weiteres Problem
“Russland hat sich vor einigen Jahren darum gekümmert, zusätzliche inländische Kapazitäten für die Versicherung und Rückversicherung von sanktionierten Risiken zu schaffen, die nicht an die internationalen Märkte abgetreten werden können”, sagte Anastasia Litvinova, Direktorin für EMEA-Versicherungen bei Fitch Ratings. Sie lehnte es ab, sich zu konkreten Vorschlägen gegen Nord Stream 2 zu äussern.
Zertifizierung ist ein weiteres Problem, dessen Lösung einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Das norwegische Unternehmen Det Norske Veritas, das die Sicherheit und Integrität der Pipeline überprüft, sagte, es werde vor der Entscheidung über Sanktionen die Arbeit für Nord Stream 2 reduzieren. Laut der dänischen Energieagentur kann Nord Stream 2 Drittparteien einstellen, um Vorschriften zu erfüllen. Das könnte einem russischen Unternehmen den Einstieg ermöglichen.
Laut Yafimava muss Gazprom wahrscheinlich ein Staatsunternehmen für die Zertifizierung finden, wenn sich die US-Sanktionen auf den Teil des Geschäfts erstrecken, “der nicht unmöglich ist, aber Zeit braucht”.
Trotz des zunehmenden Ärgers mit den USA hat sich bisher keiner der Geldgeber von Nord Stream 2 zurückgezogen. Beteiligt an der Finanzierung sind OMV, Royal Dutch Shell, Uniper, Engie und Wintershall. Engies Finanzchefin Judith Hartmann sagte, sie sei “immer noch zuversichtlich,” dass Nord Stream 2 fertig gestellt wird.
(Bloomberg)