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Begegnungen mit den Bodhisattvas
Das Vimalakirti Sutra 4.2 handelt von der Begebnung zwischen dem Bodhisattva-Schüler Prabhavyuha und Vimalakirti. Auch Prabhavyuha lehnte es ab, Vimalakirti als Vertreter von Buddha am Krankenbett zu besuchen.
Der Name Prabhavyuha wird als «Herrliches Licht» oder als «Der herrlich leuchtende Junge» übersetzt. Unter diesem Namen ist er denn auch in vielen westlichen Übersetzungen des Sutras aufgeführt. Obwohl er noch relativ jung war, strahlte er offenbar grosse Weisheit und Güte aus.
Prabhavyuha erzählt dem Buddha, dass er einmal gerade dabei war, die Stadt Vaisali zu verlassen, als Vimalakirti diese betrat. Da habe er Vimalakirti voller Respekt gegrüsst und gefragt: «Woher kommt Ihr, ehrwürdiger Upasaka?» (Upasaka ist die Anrede für einen Laienanhänger innerhalb von Buddhas Sangha.) Vimalakirti habe geantwortet: «Ich komme vom Ort der Erleuchtung». Da habe er, Prabhavyuha, ihn gefragt: «Wo ist der Ort der Erleuchtung?»
Der Ort der Erleuchtung (1)
Ich gebe offen zu: Wenn jemand zu mir sagen würde: «Ich komme vom Ort der Erleuchtung», dann wäre ich sehr skeptisch. Ich würde mich fragen, ob ich es hier mit einer Person zu tun habe, die sich als besonders spirituell oder buddhistisch ausgeben möchte.
Aber Prabhavyuha war ein weiser Mensch. Anstatt sofort mit Zustimmung und Bewunderung oder mit Ablehnung oder sonst einem Urteil zu reagieren (wie ich), stellte er einfach eine weitere Frage: «Wo ist der Ort Erleuchtung?».
Ja, wo gibt es Erleuchtung zu haben? Hatte Vimalakirti einen Tempel oder ein Meditationszentrum oder sonst einen heiligen Ort besucht von wo er jetzt heimkehrte?
In anderen Übersetzungen steht statt «Ort» «Sitz der Erleuchtung», und in der ältesten bekannten Version des Sutras von Charles Luk lautet Vimalakirtis Antwort: «Ich komme von einem Bodhimandala.»
Dieses Sanskritwort kann uns einen Hinweis geben, wovon Vimalakirti wirklich gesprochen hat:
Wie wir schon oft gehört haben, steht Bodhi für Begriffe wie «höchste Weisheit», «vollkommen erwachter Geist» oder eben «Erleuchtung».
Auch das Wort Mandala entstammt der alten indischen Sprache Sanskrit. Wörtlich bedeutet es «Kreis». Im Buddhismus sind Mandalas symbolische Darstellungen von kosmischen Kräften, die sowohl auf der Erde als auch in unserem Geist wirksam sind. Es gibt zahlreiche geometrische oder figürliche Variationen. Viele werden als Meditationshilfen benutzt.
Wir dürfen wohl zu Recht annehmen, dass Vimalakirti also gar nicht von einem geographischen «Ort» gesprochen hat. Er sagte nicht, er komme von einem heiligen Ort, wo sich der Buddha aufhielt oder von einem Tempel oder Meditationszentrum, wo man Erleuchtung erleben kann.
Wenn dem so ist, was hat er dann gemeint mit «Ort der Erleuchtung»?
Nun befinden wir uns direkt in den Schuhen von Prabhavyuha, nicht wahr? Auch wir möchten hoffentlich wissen, wo die Erleuchtung wohnt oder was damit gemeint ist.
Das Bodhimandala
Wir Menschen haben uns angewöhnt, unsere Erfahrungswelt in Materie und Geist zu unterteilen. Das Materielle halten wir für wirklich – das wirkliche Leben – und das Nicht-materielle für unwirklich. So denken wir uns das, nicht wahr?
Aber gibt es diese Trennwände tatsächlich? Gibt es eine materielle und eine geistige Wirklichkeit?
Nein! – Es gibt nur eine eine Wirklichkeit. Das ganze Universum ist die Wirklichkeit.
Davon haben wir Menschen allerdings keine Ahnung. Wir interpretieren die Existenz des Universums nur auf der Basis unserer materiellen Sinneswahrnehmungen. Unser Denken ist absolut abhängig vom Gehirn, welches im Buddhismus auch als ein Sinnesorgan betrachtet wird. Das Gehirn operiert auf der Basis von gegenwärtigen und im Gedächtnis gespeicherten Sinneseindrücken.
Weil die körperlichen Sinnesorgane auf einzelne Aspekte der universalen Existenz spezialisiert sind – die Augen auf ein bestimmtes Lichtspektrum, die Ohren auf ein bestimmtes Frequenzspektrum usw. – überliefern sie dem Gehirn nie die Ganzheit der wahrhaftig existierenden Realität. Deshalb ist unsere Sicht auf die Welt fragmentiert und verzerrt; und folglich sind auch die Schlüsse, die das Denken aus der fragmentierten Sicht ableitet, grundsätzlich verzerrt und irreführend.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Natur hat den menschlichen Geist auch mit der Fähigkeit ausgestattet, die Grenzen der Sinneswahrnehmungen zu transzendieren. Dies ist allerdings keine Fähigkeit des Denkens. Sie kann nicht im Körper lokalisiert werden. Sie ist rein geistiger Natur. Es ist eine Art Spürsinn oder Intuition, deren Information allerdings genau so klar und deutlich sein kann, wie die von gesunde Augen und scharfen Ohren.
Im manchen Darstellungen wird diese Potenz als drittes Auge oder als Herz in der Mitte des Körpers (nicht links wie das Körperherz) angedeutet.
Bodhi ↔︎ Gewahrsein ↔︎ Geist ↔︎ Urnatur
Bodhi ist die Weisheit, die Intelligenz, die Urnatur, die Schöpfungskraft, die alles Leben erzeugt und durchdringt. Wir Menschen erfahren dies als reines Gewahrsein, reine Wahrnehmung – weder limitiert noch fragmentiert. Reines Gewahrsein hat nichts mit der Person zu tun, man kann es weder verlieren noch mit jemandem teilen. Frei von jeglicher mentalen Gehirnaktivität kennt es keine Unterscheidungen und keine Identität. Es ist vollkommen leer von allen denkbaren Eigenschaften.
Dieses grenzenlose, unterscheidungslose, ichlose Gewahrsein leuchtet dort auf, wo es kein Denken und kein Ego gibt.
Es kann durchaus geschehen, dass ein Mensch irgendwo, irgendwann, ganz plötzlich von einem grundlosen Glücksgefühl, einer bodenlosen Stille oder einem überwältigenden Gefühl von Frieden erfasst wird. Man fühlt sich aufgehoben in einem grossen mysteriösen Sein, sei es in der Natur, in einer berührenden authentischen Begegnung mit einem Menschen oder einem Tier. Ja selbst nach einem Schock oder angesichts des unausweichlichen Todes öffnet sich manchmal plötzlich der Himmel und alles ist hell und klar. Man ist hellwach und kann völlig angstfrei geschehen lassen, was geschieht. Die Menschheitsgeschichte ist voll von poetischen, musikalischen oder auch wortreichen Beschreibungen von solchen Momenten.
Man muss allerdings wissen, dass alle Beschreibungen nur ein Echo sind. Denn gerade weil das Denken und das Ego ausgeschaltet sind, kann der Zustand des leuchtenden Gewahrseins nicht in Worte gefasst werden. Erleuchtung ist also nichts Konkretes, sondern nur ein Name für etwas, das nur im tiefsten geistigen Urgrund «erkannt» wird.
Allumfassend, unteilbar
Manche Menschen erleben dies vielleicht zum ersten Mal, wenn sie sich einer methodischen Meditationspraxis hingeben. Wenn dies geschieht, ziehen viele den Schluss, man müsse einer formellen Meditationsmethode folgen, um gewahr zu werden und Bodhi zu erfahren. Doch dem ist nicht so. Formelle Meditation mag den Boden bereiten, indem sie das absichtslose Verweilen in stiller Achtsamkeit fördert und «lehrt». (Ich spreche hier nichtvon der «Meditation», in der man sich alles Mögliche vorstellt und wünscht.)
Gewahrsein kann und muss nicht erzeugt werden, es existiert aus sich selbst.
Der ganze Kosmos ist Bodhi.
Es gibt nichts, das nicht von dem einen fundamentalen Geist geschaffen und durchdrungen wird.
Jedes Lebewesen, auch du und ich, ist ein Bodhimandala – eine Gestaltung des aus sich selbst heraus wirkenden Kosmos. Es ist wie Hakuin in seinem Lied von der Meditation (Zazen Wasan) sagt:
«Dieser Ort hier ist das reine Buddha-Land, dieser Körper ist der Körper Buddhas.»
Echte Freiheit
Ein Mensch, der sich selbst als eine Verkörperung des kosmischen Bodhimandalas erkennt und erlebt,
kann sich in allen Räumen und Welten – den materiellen wie den geistigen – völlig frei bewegen.
Er weiss, dass «ihm nichts passieren» kann, ist er doch immer und überall «zu Hause». Dieses Zuhause ist nicht durch Grenzen oder geographische Orte definiert und hat weder Wände noch ein Dach. Es ist überall und immer dort, wo er gerade ist.
Wenn man einen solchen Menschen fragt: «Woher kommst du?», können seine Antworten ganz unterschiedlich ausfallen, je nach dem, aus welchem Standpunkt und in welcher Situation sie gerade gegeben wird. Vielleicht sagt er: «Ich komme gerade vom WC» oder: «Ich komme von Vater und Mutter» oder wie Vimalakirti : «Ich komme vom Ort der Erleuchtung».
Vimalakirti wird im ganzen Sutra als ein leuchtendes Beispiel eines Menschen porträtiert, dessen Geist sich völlig frei bewegt. Egal, ob er sich in der Funktion des Familienvaters, des Geschäftsmannes, Wohltäters oder als Kritiker von Mönchen betätigte, sein Handeln kam immer aus der Ruhe und der Klarheit seines fundamentalen Gewahrseins.
Fragen an sich selbst
Solange man glaubt, Erleuchtung sei etwas äusserst Geheimnisvolles, etwas, das man nur nach langen Jahren härtester geistiger und körperlicher Disziplin und Meditation erlangen könne, solange ist man in der «Dunkelheit der Unwissenheit» gefangen und wird diese Freiheit und Leichtigkeit nicht erfahren.
Der einzige Schlüssel, der die Gefängnistüre der Unwissenheit zu öffnen vermag, heisst «wahre Selbsterkenntnis»
Jede Erkenntnis beginnt damit, dass man Fragen stellt. Selbsterkenntnis beginnt mit Fragen an sich selbst, d.h. an das eigene Gewahrsein.
Das zu öffnende Schloss ist allerdings sehr alt und mit Rost überzogen und verstopft. Der Rost besteht aus den Überbleibseln von längst zerfallenen Erlebnissen, Erinnerungen und Gedanken. Der Schlüssel muss daher mit Geduld, Sorgfalt und Fingerspitzengefühl – sprich Achtsamkeit – gedreht und gewendet werden, bis seine zahlreichen Zähne richtig greifen. Selbst dann öffnet sich die Türe in der Regel nicht auf einen Schlag sondern langsam, nach und nach. Es kann auch sein, dass sie mehrmals ins Schloss zurückzufallen droht. Dann muss man wieder und wieder ansetzen. Aber irgendwann wird diese Mühe belohnt.
Man soll einfach nicht vergessen: Selbsterkenntnis ist immer und überall möglich. Man muss den Schlüssel nur benutzen, d.h. nicht aufhören, das eigene Denken und Handeln zu befragen und zu erforschen.
Die fünf W’s: Wer? Was? Wo? Wohin? Woher?
Nehmen wir als Beispiel den morgendlichen Weg vom Schlafzimmer ins Arbeitszimmer. Welche Antworten wären möglich, wenn man sich selber fragen würde:
- Woher komm ich?, – wenn man im Bett die Augen öffnet.
- Wohin gehe ich? – wenn man aus dem Bett steigt.
- Wo bin ich? – wenn man auf die Schnelle eine Tasse Tee oder Kaffee schlürft?
- Wer bin ich? – wenn man das Büro, das Klassenzimmer, die Praxis oder sonst einen Arbeitsort betritt.
- Was mache ich? – bei der Teamsitzung oder jeder anderen Tätigkeit.
- Und nicht zu vergessen: Wer ist es, der diese Fragen beantworten könnte?
- Und: Woher kommt die Antwort
Geduld, Ausdauer, Vertrauen
Mein Zen-Lehrer H. Platov überraschte mich manchmal mit solchen Fragen, obwohl er sehr wohl wusste, wer ich bin oder wo ich gerade war oder was ich tat. Aber natürlich ging es nicht darum, es ihm zu sagen, sondern um die Frage, ob ich selber wusste, wer ich bin, woher ich kam und was ich tat – körperlich und geistig – gerade jetzt, im gegenwärtigen Moment.
Vimalakirti hatte kein Problem damit, aber wie steht es mit uns? Ist unser Gewahrsein und Handeln so rein und klar, dass wir so frei und spontan antworten können?
Wie dem auch sei, je länger und intensiver man sich in Selbstbefragung übt, umso mehr kommt man den verborgenen Motiven, die das Handeln bestimmen, auf die Spur. Und man wird mit Sicherheit erkennen, wie viel Zeit man «im Kopf» verbringt, indem man triviale, unnütze Gedanken füttert und nährt?
Gibt es etwa jemanden unter uns, der nicht von morgens früh bis abends spät von Gedanken begleitet wird? Kann irgend jemand behaupten, der Buddha habe unrecht gehabt als er sagte:
«Alle Dinge entstehen im Geist, sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.»? – Dhammapada, die Paare
Wenn man in der Lage ist zu merken, wie sich die Gedanken dauernd jagen, wie jeder Gedanke einen anderen nachzieht und wenn man merkt, wie das eigene Handeln von dieser Raserei beeinflusst, ja geleitet wird, dann hat sich die Gefängnistüre bereits ein gutes Stück geöffnet. Nun kann sich blindes Reagieren in achtsames Agieren wandeln – der Rost der Gewohnheiten bröckelt.
Doch sehr oft fehlen die nötige Geduld und Ausdauer. Wenn sich der Erfolg nicht sofort einstellt oder nicht den Erwartungen entspricht, dann gibt man auf oder versucht eine Hintertüre zu finden, die sich einfacher öffnen lässt, wie zum Beispiel Ablenkungen und Aktivitäten, die mehr Befriedigung versprechen. Das Problem ist, dass Hintertüren sehr oft nur Nebenräume öffnen oder sogar in Sackgassen führen. Ihr Schloss ist bloss deshalb weniger rostig, weil diese Türen so regelmässig benutzt werden.
Der wahre Ort der Erleuchtung (2)
Kehren wir nun zurück zum Sutra und zur zweiten Frage von Prabhavyuha an Vimalakirti:
Wo ist der Ort der Erleuchtung?
Diesmal fällt die Antwort sehr deutlich aus. Der wahre Ort der Erleuchtung ist der fundamentale, ungetrübte Geist, der jeder Mensch in sich trägt. Wo immer man steht und geht, jeder Gedanke und jede Handlung könnte ein Ausdruck von Erleuchtung sein. Vimalakirti zeigt dies an Hand von den Erkenntnissen und Lehren, die der Buddha seinen Anhängern dargelegt hatte und die Prabhavyuha natürlich bestens bekannt waren. Als Erstes erwaähnt ernimmt hier Bezug auf die sechs grundlegenden Geisteshaltungen, Paramitas, die der Buddha als unverzichtbare Voraussetzungen für die Verwirklichung seines Befreiungsweges nannte.
«Der Ort der Erleuchtung, Bodhimandala, ist der aufrichtige Geist, denn er ist frei von Falschheit. Der entschlossene Geist ist das Bodhimandala, denn er kann Disziplin halten. Der tiefgründige Geist ist das Bodhimandala, denn er sammelt Verdienste an. Der leuchtend klare Geist ist das Bodhimandala, denn er ist frei von Irrtum.
Grosszügigkeit (Dana) ist das Bodhimandala, denn sie erwartet keine Belohnung. Ethisches Verhalten (Sila) ist das Bodhimandala, denn es erfüllt alle Gelübde. Geduld (Ksanti) ist das Bodhimandala, denn sie hat Zugang zum Geist aller Lebewesen. Rechtes Bemühen (Virya) ist das Bodhimandala, denn es ist frei von Nachlässigkeit. Meditation (Dhyana) ist das Bodhimandala, denn sie bewirkt Gelassenheit. Weisheit (Prajna) ist das Bodhimandala, denn sie erkennt alle Dinge …»
Es folgen weitere Bezugnahmen auf die wesentlichen Geistesqualitäten, die zur Verwirklichung der höchsten Weisheit, Bodhi beitragen. Dazu gehören:
«Güte (Maitri), denn sie behandelt alle Lebewesen gleichberechtigt,
Mitgefühl (Karuna), denn es ist von grosser Nachsicht geprägt.
Freude (Mudita), denn sie ist angenehm.
Gleichmut (Upeksa), weil er sowohl Liebe als auch Hass auslöscht.
Zweckdienliche Mittel (Upaya), denn sie lehren und ermuntern die Lebewesen…
Breites Wissen durch das Hören des Dharma, denn seine Praxis führt zur Erleuchtung.
Die Beherrschung des Geistes, denn seine korrekte Wahrnehmung aller Dinge ist die Wirklichkeit.»
Der Ort der Erleuchtung sind die vier elden Wahrheiten denn sie täuschen nicht und die zwölf Glieder der Kette des abhängigen Entstehens, in der weil sie ihrer Natur nach unendlich sind. Sorgen und Leiden (klesa) sind der Ort der Erleuchtung, denn ihre fundamentale Natur ist die Wirklichkeit.
Lebewesen sind Ort der Erleuchtung, weil sie (grundsätzlich) ichlos sind. Alle Dinge sind das Bodhimandala, denn sie sind leer. …»
Es würde den Rahmen dieses Dharma-Vortrages sprengen, wenn ich die ganze Aufzählung von Vimalakirti ausführen und erläutern wollte. Ich erlaube mir deshalb eine Abkürzung.
Als Vimalakirti alle Facetten des erleuchteten Handelns dargelegt hatte, schloss er mit diesen Worten:
«Edler Sohn, wenn Bodhisattvas die Lebewesen auf diese Weise in der Vollkommenheit des Handelns (paramitas) unterrichten, kommen sie, ob sie den Fuss heben oder senken, alle vom Ort der Erleuchtung (Bodhimandala) und leben in völliger Übereinstimmung mit dem Buddha-Dharma.»
Zusammenfassung
Die Frage «Woher kommst du?» kann vom materiell-örtlichen oder vom geistigen Standpunkt aus verstanden und beantwortet werden. Vimalakirtis Antwort kommt vom geistigen Standpunkt.
Seine wahre Heimat ist sein eigener erleuchteter Geist. Bei ihm hat Erleuchtung nichts zu tun mit der Vorstellung von irgendeinem überwältigenden spirituellen Erlebnis, das man durch irgendein Tun wie Meditation, Askese, Gebet oder … oder… erlangen kann. Er lebt ganz natürlich im Gewahrsein seiner angeborenen Geistesnatur. Für ihn sind Erleuchtung und Bodhi keine Fremdworte, sondern Realität. Er weiss, dass alle Lebenserscheinungen die eine unteilbare Wirklichkeit widerspiegeln, mögen sie für das gewöhnliche Auge und Denken noch so verzerrt und widersprüchlich sein.
Vimalakirtis Blick ist nicht mehr von Meinungen und Dogmen verstellt. Deshalb kann er auch das Wesen der fortgeschrittenen und frömmsten Schüler Buddhas klar erkennen und ihnen die «blinden Flecken» in ihrem Bewusstsein aufdecken.
Wenn die Klarsicht nicht vom dualistischen Denken überdeckt wird, dann gibt es keine Konflikte, keinen Hass, keine Gier, kein Ich, keine Schuld und Sühne, kein Richtig und Falsch. Und so ist seine Kritik und sein Intervenieren in Wirklichkeit nicht Tadel oder überhebliche Zurechtweisung sondern zutiefst emphatische Hilfe und Unterstützung für den Prozess der Selbsterkenntnis.
Auch wir können das rostige Schloss unseres Gefängnisstüre entriegeln und den «Ort der Erleuchtung» betreten.
Wer weiss, vielleicht werden auch wir dann mit Staunen feststellen, dass es diese Türe in Wirklichkeit nie gab.