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Ein modernes Lernkloster
Die Schweizerischen Bundesbahnen haben 1980–1982 ihre neue Schulungsanlage in Murten als Internat gebaut. Das Ausbildungszentrum Loewenberg zeigt exemplarisch die Anliegen des Architekten Fritz Haller, der seine Forschungstätigkeit als Architekt auf die Entwicklung von industriell hergestellten Bausystemen ausgerichtet hat.
Das Landgut Loewenberg hat eine lange Geschichte. Im Spätmittelalter war das Anwesen im Besitz der Freiburger Adelsfamilie Velga. Es ging danach an die Berner Familie von Diesbach, die das Bauernhaus zum Landschlösschen ausbaute. Nach mehreren Eigentumswechseln erwarb Denis I. de Rougemont den Besitz 1794. Er und seine Nachkommen bauten das Hauptgebäude in mehreren Schritten zum repräsentativen Landsitz aus. Beim Umbau wurde das Gebäudevolumen beinahe verdoppelt; vom Ausbau zeugen der Turmerker und der Anbau mit Treppengiebel sowie die ausgezeichneten Innenausstattungen. Um 1830 entstanden ein Verwalterhaus und eine Scheune. 1888 erfolgte der Anbau einer Orangerie an der Nordecke des Gebäudes, die den auf der Ostseite des Schlosses angelegten englischen Park einbezieht. Die Familie erweiterte das Gut auf insgesamt 75 ha. In den 1960er-Jahren sollte es verkauft werden, geplant war ein Quartier mit Einfamilienhäusern.
Planung und Bau
Als die SBB Anfang der 1970er-Jahre ein neues Aus- und Weiterbildungszentrum für ihre Mitarbeitenden planten, fiel die Wahl auf den Standort Loewenberg – an der Sprachgrenze, nicht allzu weit weg vom Sitz der Generaldirektion und an einer Eisenbahnstrecke gelegen, an der eine eigene Haltestelle errichtet werden konnte. 1973 erwarben die SBB das Gut. Nach einem zweistufigen Architekturwettbewerb überzeugte zunächst keines der Projekte die Jury. Drei Teams überarbeiteten daraufhin ihre Vorschläge. Zu ihnen gehörte das Solothurner Büro Barth und Zaugg, das Fritz Haller mit ins Team nahm. Unter seinem Einfluss entstand in der dritten Phase ein neu konzipiertes Projekt. Es wurde zur Ausführung empfohlen, in der Folge bearbeitete Fritz Haller es in gegenseitiger Absprache allein weiter.
«Die Idee der Verfasser war, den Charakter der parkartigen Landschaft mit dem imposanten Baumbestand und den historisch bedeutenden Gutsgebäuden durch die Neubauten nicht zu verändern. Die gesamten Raumbedürfnisse des Ausbildungszentrums sind, ihrer Funktion entsprechend, in mehreren Einzelgebäuden untergebracht. Diese Einzelgebäude sind […] als kompakte Komplexe mit transparenter Aussenhaut lose – wie eine Möblierung – in den als ‹Geländekammern› bezeichneten Freiräumen zwischen den Baumgruppen und den Alleen verteilt.»1 Das Ausbildungszentrum wurde 1980–1982 gebaut und am 8. Juni 1983 eingeweiht. Es besteht aus mehreren freistehenden Gebäuden von einfacher geometrischer Form, liegende prismatische Körper und aufragende Zylinder.
Für die Bauten verwendete Haller teilweise das Stahlbausystem USM Haller, das er für den 1964 erstellten Neubau der Firma U. Schärer Söhne in Münsingen entwickelt hatte. Das System ist modular aufgebaut: Wie aus einem Baukasten lassen sich Gebäude mit vorfabrizierten Stützen, Trägern und Fassadenelementen konzipieren, vor Ort mit Schraubverbindungen zusammenbauen und nach dem Bau wieder verändern, erweitern oder demontieren. Diese Flexibilität war ein entscheidendes Argument für die Wahl des Projekts und sollte nicht zuletzt die Modernität des Bahnunternehmens bezeugen.
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Ein wichtiger Aspekt während der Planung war die bauphysikalische Optimierung. Es sollte gezeigt werden, dass moderne Glasbauten in der Lage sind, eine gute Energieeffizienz, gesunde Arbeitsbedingungen und eine unterhaltsfreie Baukonstruktion zu vereinen. Der verantwortliche Bauphysiker Ulrich Winkler betrachtete die Gebäude in Loewenberg als Gesamtsystem und realisierte für die damalige Zeit innovative Lösungen wie die Wärmerückgewinnungsanlagen. Die Erfahrungen zeigten allerdings, dass das Ziel der Behaglichkeit nur teilweise erreicht wurde.
Zentrum der Anlage ist das zweigeschossige Schulungsgebäude. Um den Blick vom Schloss aus nicht zu behindern, ist es mit Abgrabungen auf dem unteren Geländeniveau platziert. Im Stahlbausystem USM Haller Midi errichtet, enthält es entlang der Fassaden die Schulungs- und Büroräume, die einen zenital belichteten doppelgeschossigen Raum mit Galerien und die gewissermassen als Haus-im-Haus konzipierte Aula umschliessen. Es entsteht eine offene, zu Begegnungen und Gesprächen einladende Lernumgebung.
Jenseits eines grossen gepflästerten Platzes steht das auf quadratischem Grundriss im Stahlbausystem Midi errichtete, eingeschossige Restaurantgebäude. Beide Bauten haben identische Stahl-Glas-Fassaden mit einer charakteristischen Ausbildung der unter 45 Grad gestutzten Gebäudeecken. Innovativ sind die technischen Installationen, deren Leitungsführung mit dem von Haller neu entwickelten System «Armilla» zur Verknüpfung der Gebäudetechnik mit dem Rohbau konzipiert ist.
In einiger Entfernung zu diesen stark die Horizontale betonenden Bauten des Aufenthalts stehen die beiden hoch aufragenden Wohntürme auf kreisrundem Grundriss. Über den voll verglasten Erdgeschossen scheinen ihre vier Geschosse vom Boden abgehoben zu sein. Die Ortbetonkonstruktionen sind mit Vorhangfassaden ummantelt. Die Kränze der sehr knapp bemessenen Schlafzimmer sind mit umlaufenden Galerien um grosse Atrien angeordnet. Etwas entfernt von den Hauptgebäuden steht das im Stahlbausystem USM Haller «Maxi» errichtete langgestreckte Werkstattgebäude parallel zur Bahnlinie, das auch zusätzliche Ausbildungsräume und die Energiezentrale enthält.
Bei aller Offenheit und weiten Durchblicken zur Landschaft ist das Ausbildungszentrum Löwenberg für die Mitarbeitenden der SBB während einer Woche ein geschlossener Ort der Konzentration. In ländlicher Abgeschiedenheit verbringen sie ihre Zeit fernab der gewohnten Umgebung. Sie leben in einer Anlage, in der sie sich rund um die Uhr aufhalten, arbeiten, essen und schlafen. In ihrer Enge und Kargheit erinnern die Zimmer der Wohntürme an Zellen. So ist Löwenberg entfernt verwandt mit einer Klosteranlage.
Veränderungen und Zustand
Während der Neubauzeit des Ausbildungszentrums führte Fritz Haller eine sorgfältige Restaurierung der historischen Gebäude durch. Während die Arbeiten am Äussern sich auf den nötigen Unterhalt beschränkten, wurden die Innenräume für den Seminarbetrieb des Ausbildungszentrums hergerichtet und umgebaut. Eine eigentliche Restaurierung erfuhren die historischen Räume, die teilweise wertvolle Innenausstattungen wie Täfer, Wandmalereien oder Kachelöfen enthalten. Dabei versuchte Haller auch zeitgenössische Ergänzungen einzubringen, bspw. bei fehlenden Täfern eine moderne Form von hölzernen Wandverkleidungen zu entwickeln.
Am Äusseren der Anlage änderte sich in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens nur wenig. Nachdem das Werkstattgebäude noch während der Bauzeit um vier Achsen verlängert worden war, fügte Haller sieben Jahre nach der Inbetriebnahme weitere acht Achsen an. Ein zusätzliches Gebäude erstellten 2009/10 2bm architekten aus Solothurn. Sie übernahmen das Stahlbausystem USM Haller Midi. Die Fassaden orientieren sich an den ursprünglichen Bauten, sind aber mit getrennten Profilen den mittlerweile verschärften Energienormen angepasst, weisen statt der Schiebefenster klobige Klappfenster auf und sind mit stark spiegelnden Gläsern versehen.
Die Innenräume erfuhren mehrere Veränderungen. Anpassungen erfolgten vor allem im Schulungsgebäude. Mehrere Räume wurden durch Wände vom offenen Grundriss abgetrennt. Das Herzstück der technischen Ausstattung, die umfangreiche Lehrstellwerk-Anlage, der im unteren Geschoss eine grosse Halle gewidmet gewesen war, wurde entfernt. Das Restaurant erhielt 2008 von Verena Frey (4plus architektinnen, Uster) eine neue Ausstattung mit raumtrennenden Schnurvorhängen und Ringleuchten sowie Holzboxen für die Abräumstationen. Auch das Mobiliar wurde ersetzt. In den Zimmern der Wohntürme, die zuvor bloss mit einem Handwaschbecken ausgerüstet gewesen waren, bauten bauart Architekten, Bern, in zwei Etappen zwischen 2002 und 2004 Nasszellen mit Dusche und WC ein und ersetzten die Inneneinrichtung. Dabei wurden die auf der Aussenseite der Zimmer liegenden Installationsschächte vergrössert. Die erneute Restaurierung der historischen Bauten, die vor wenigen Jahren durchgeführt wurde, betraf vor allem deren Äusseres. Neben den Fassaden unter Einschluss der Fenster, des Wintergartens und der Dächer waren auch Teile der Aussenanlagen zu erneuern.
Ein Zeichen gesetzt
Das Ausbildungszentrum Löwenberg war für die SBB Anfang der 1980er-Jahre zum Zeichen des Aufbruchs. Zwar hielten sie mit dem Schloss die Vergangenheit in Ehren, der Fokus war jedoch auf die Zukunft gerichtet. Die Bahn stellte sich als moderne Unternehmung dar, die ihren Angestellten hervorragende Möglichkeiten zur Weiterbildung bot. Das gesuchte Zeichen kompromissloser Modernität wurde mit der Architektur von Fritz Haller gesetzt. Die Struktur der Anlage folgte einer strengen Logik, die nicht selbstreferenziell war, sondern Bezug zum Vorhandenen nahm, seien dies Bauten oder Landschaft. Das locker komponierte Ensemble ist auf wenige, einprägsame Elemente reduziert, die wie erratische Blöcke in der Landschaft stehen. Die Formensprache setzt die Suche Hallers nach einfachen und transparent ausgebildeten Baukörpern fort, ist von ungemeiner Strenge und Klarheit. Wichtig ist die hohe Präzision des Stahlbaus, die sich auch in der Auslegung der technischen Installationen ausdrückt. Im Innern der Bauten sind die Räume grosszügig und lichtdurchflutet, mehrgeschossige Raumsequenzen sorgen für den grossen Atem der Bauten.
Das Ausbildungszentrum Löwenberg von Fritz Haller ist ein Höhepunkt des industriell gefertigten Stahlbaus in der Schweiz.
Anmerkung
1 Fritz Haller, in: Werk, Bauen + Wohnen 7/8, 1981, S. 17.