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Ein Leck in einem kalifornischen Kernkraftwerk liess die Öffentlichkeit vor eineinhalb Jahren aufhorchen. Diverse Risiken haben die Betreiber nun dazu bewogen, die Anlage stillzulegen. von George Szpiro
Kalifornien hat bis vor kurzem zwei Kernkraftwerke betrieben, eines im Bezirk San Luis Obispo sowie eines bei San Onofre in Südkalifornien. Die Werke hatten eine Leistung von je über zwei Megawatt, was zur Versorgung von je ein bis eineinhalb Millionen Haushalten ausreicht. Nach dem Zutagetreten von Defekten an der Anlage von San Onofre ist jedoch kürzlich beschlossen worden, dieses Kraftwerk stillzulegen.
Im Januar 2012 hatten Ingenieure in der Anlage ein kleines radioaktives Leck entdeckt. Obwohl die Umweltbelastung noch in den erlaubten Werten lag, nahm das Werk eine generelle Revision vor. Dabei wurde entdeckt, dass der Zustand weit schlechter war als erwartet. 1300 Röhren, durch die mit Hochdruck Wasserdampf gepumpt wurde, vibrierten zuweilen in einer nicht erwarteten Art. Dadurch schlugen sie gegeneinander und wurden beschädigt. Die Abnützung der Röhren hatte dazu geführt, dass das Leck entstanden war und weitere befürchtet werden mussten.
Die Dampferzeuger und Röhren waren erst kurz zuvor bei Kosten von 670 Millionen Dollar vom Konzern Mitsubishi Heavy Industries ersetzt worden. Die Betreiber des Kraftwerkes, Southern California Edison und San Diego Gas & Electric Company, beschlossen daraufhin, den Betrieb der beiden Reaktoren von San Onofre vorläufig einzustellen. Zuerst müssten die Gründe für die Vibrationen endgültig geklärt und behoben werden. Politiker, Bürgergruppen und Umweltschützer gaben ihrer Besorgnis über die Anlage Ausdruck. Immerhin leben etwa acht Millionen Menschen in einem Umkreis von achtzig Kilometern um das Kraftwerk, das sich zudem in einem erdbebengefährdeten Gebiet befindet. Im März meldete sich auch die Aufsichtsbehörde des Bundes, die Nuclear Regulatory Commission (NRC), zu Wort und untersagte die Inbetriebnahme der San-Onofre-Reaktoren, solange die Defekte nicht behoben würden.
Nach monatelangen Abklärungen scheint das Los des Kraftwerkes nun besiegelt. Der Schlussbericht der NRC liess es als fraglich erschienen, ob das AKW je wieder hätte in Betrieb gesetzt werden dürfen. Die Kosten für einen generelle Überholung waren nicht abzuschätzen. Die kalifornische Senatorin Barbara Boxer forderte das Justizministerium auf, etwaige kriminelle Vergehen der Kraftwerkbetreiber strafrechtlich zu untersuchen. Weitere wirtschaftliche, politische und technische Unsicherheiten häuften sich. Währenddessen wuchsen die Ausgaben. Die Kosten für den Unterhalt des Atomkraftwerkes bleiben nämlich konstant, egal, ob es sich in Betrieb befindet oder auf die Wiederinbetriebnahme wartet. Im Juni zogen die beiden Betreiberfirmen die Konsequenzen. Sie erklärten, dass das Werk endgültig stillgelegt werde.
Jetzt wird darüber diskutiert, wie es weitergehen soll und wer für die Kosten aufkommen muss. Der Wegfall von zwei Megawatt Energieerzeugung hat in Kalifornien schon zu einem empfindlichen Anstieg der Energiekosten geführt, und es ist noch keineswegs klar, wie das Defizit durch saubere Energie wettgemacht werden soll. Die Belegschaft des AKW muss von 1500 auf etwa 600 reduziert werden. Die Betreiber müssen 4,3 Milliarden Dollar an aufgelaufenen Kosten eintreiben. Schliesslich muss die Beseitigung des Kraftwerkes in die Wege geleitet werden. Fachleute schätzen, dass etwa 400 Personen während eines oder zweier Jahrzehnte damit beschäftigt sein werden, die Anlage abzubauen und abgebranntes radioaktives Material zu entsorgen. Die Kosten dafür dürften sich auf drei bis vier Milliarden Dollar belaufen.
Der Konzern Mitsubishi gibt zwar zu, dass das von ihm installierte System mangelhaft gewesen sei. Er stellt sich aber auf den Standpunkt, dass er bereit gewesen wäre, die Fehler zu beheben. Mit der Stilllegung seien die Betreiber diesem Vorhaben zuvorgekommen und könnten somit Mitsubishi nicht haftbar machen. Die kalifornischen Steuerzahler befürchten, dass sie es im Endeffekt sein werden, die für die Kosten des Debakels geradestehen müssen.
Kommentar: Die Schliessung des AKW wurde beschlossen, obwohl die USA an der Kernenergie festhalten will.
Dazu ein Artikel aus der taz vom 17.3.2011:
Atomdebatte in den USA
Sicher wie in Japan
Präsident Barack Obama hält an der Kernkraft fest und eine Überprüfung der uralten US-Atomkraftwerke nicht für nötig. Doch die kritischen Stimmen werden lauter.
Weder strahlend weißer Strand noch strahlender Sonnenschein - an Strahlung mangelt's trotzdem nicht: Das AKW San Onofre in Kalifornien.
WASHINGTON (taz) "Es gibt keinen Grund, weshalb wir die Atomenergie nicht auf sichere und verantwortliche Art nutzen sollten. So wie Japan es tut. Und Frankreich". Mit diesen Worten begründete Barack Obama am 15. Oktober 2009 seine Energiestrategie.
Neben der Öl-, Gas- und Kohleförderung setzt der US-Präsident auf die verstärkte Entwicklung von Technolgien zur Gewinnung erneuerbarer Energien sowie auf den Neubau von Atomkraftwerken. Seit der partiellen Kernschmelze am 28. März 1979 in Reaktor Nummer 2 des AKW "Three Mile Island" in Harrisburg im Bundesstaat Pennsylvania war in den USA kein neues AKW mehr bewilligt worden.
Seit dem Beginn der Katastrophe in Fukushima ist der Atompolitiker Obama zurückhaltender geworden. Bei seiner Pressekonferenz über steigende Ölpreise angesichts der Krise in der arabischen Welt vermied er letzte Woche jede Erwähnung des Atomthemas. Doch eine Generalüberprüfung der 104 Reaktoren, die gegenwärtig an 64 Standorten in den USA funktionieren, hält er angesichts der neuen Lage nicht für nötig. "Sie werden ohnehin ständig überprüft", begründet Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses. Allerdings hat Obama eine Studie über die "Lehren" aus Fukushima von der Nuclear Regulatory Commission (NCR) verlangt. Die Ergebnisse sollen in künftige Überprüfungen der Behörde einfließen.
Doch in Obamas Partei werden die atomkritischen Stimmen lauter. Am Dienstag forderte eine Gruppe von Abgeordneten das Weiße Haus zu einer Generalüberprüfung, ähnlich wie in Deutschland, auf. Unter anderem äußerten sich Senatschef Harry Reid aus Nevada - dem Standort des einzigen je geplanten Atommüllendlagers - und der Abgeordnete Ed Markey in diesem Sinn.
Am Mittwoch schickte Dennis Kucinich, Kongressabgeordneter aus Ohio und demokratisches Mitglied der Energiekommission, einen Brief an den Chef des NRC, in dem er unter anderem eine "detaillierte Auflistung" aller Pannen in den Atomkraftwerken sämtlicher US-Betreiber verlangt. Darunter auch zwei AKWs in Kalifornien, die sich in Erdbebengebieten und direkt am Meer befinden: San Onofre und Diablo Canyon.
Anträge auf Laufzeitverlängerungen
Für zahlreiche US-Atomanlagen - die Konzepte für die jüngsten Modelle stammen aus der ersten Hälfte der 70er Jahre - sind gegenwärtig Anträge auf Laufzeitverlängerungen für 20 Jahre anhängig. Gleichzeitig beantragen die Betreiber in den meisten Fällen das Recht, die Atomreaktoren mit 120 Prozent ihrer Kapazität zu nutzen. In zahlreichen Fällen sind diese Verlängerungen bereits bewilligt. So erhielt das 1969 in Betrieb gegangene und ursprünglich für eine Laufzeit von 40 Jahren geplante AKW in Oyster Creek, 75 Meilen südlich von Manhattan, bereits 2009 eine verlängerte Lizenz bis ins Jahr 2029. Und der Reaktor Nummer 1 in Three Mile Island, der 1974 in Betrieb ging, darf bis 2034 laufen. Nach der ursprünglichen Planung sollte auch er nach 40 Jahren verschrottet werden.
Während in US-Geschäften der Verkauf von Notfall-Kits (Masken, Taschenlampen, batteriebetriebene Radios, Wasser und Essensrationen) sowie in Apotheken der Absatz von Jod-Mitteln boomt, sagte Energieminister Steven Chu am Dienstag im Kongress: "Es gibt keinerlei Anlass für gesundheitliche Sorgen an den US-Küsten. Und keinen Anlass für solche Käufe."
Die Vereinigung Concerned Scientists hat in den USA 23 Reaktoren vom Typ "Mark 1\u2033" aufgelistet, die mit demselben General-Electric-System funktionieren wie Fukushima. Mit einem erschwerenden Unterschied: Die japanischen Reaktoren waren darauf eingestellt, acht Stunden lang ohne Strom durchzuhalten. Die US-Reaktoren sind nur für vierstündige Stromausfälle ausgerichtet.