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Kurzbiographien der Blues-Urgeschichte
Der Journalist Jas Obrecht ist ein Kenner der Szene und ein erfahrener Autor: ein langjähriger Musikjournalist mit Veröffentlichungen in zahlreichen Fachmagazinen und mehrfacher Buchautor. Sein Schwerpunkt sind Blues-Gitarre und Blues-Gitarristen, und er ist ein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet. Mit seinem jüngsten Buchprojekt aber verlässt er seine Komfortzone, sein wohl bearbeitetes Feld und betritt Neuland: Die frühen Blues-Gitarristen der 1920er und 1930er Jahre interessieren ihr diesmal. Er erforscht deren Umfeld, leuchtet Produktionsbedingungen aus und gibt entsprechend der Materiallage relativ ausführliche Biographien von neun der frühen Stars der Blues-Gitarre. Diese waren die Vorbilder der ersten elektrischen Gitarristen wie B.B. King oder T-Bone Walker und diese Wiederum wurden zu Vorbildern für die moderne Blues- und Rockgitarre. Obrecht reicht mit seinen Recherchen drei bis vier Generationen zurück und erzählt erstaunliche und fesselnd zu lesende Geschichten über eine Zeit, als die Vaudeville-Sängerinnen und die grossen Orchester nicht mehr rentierten und die primitive Aufnahmetechnik neue Stars hervorbrachte: Blues-Solisten, deren Gitarre sich besser aufnehmen liess als die Banjos vergangener Jahrzehnte.
Als Journalist hat Jas Obrecht erreicht, was man in der Musikbrache erreichen kann: Publikationen in Living Blues, Blues Revue, Rolling Stone und Guitar Player, wobei der für das letztgenannte Magazin zwanzig Jahre lang schrieb. Sein Buchtitel umfassen Rollin’ and Tumblin’ : The Postwar Blues Guitarists und Blues Guitar : The Men who Made the Blues. Gemeinsam mit Jimi Hendrix’ Vater James «Al» Hendrix schrieb er My Son Jimi–. Mit diesem neuen Buchprojekt suchte er neue Herausforderungen und grub tiefer.
Er erzählt die Lebensgeschichten der folgenden neun Musiker: Sylvester Weaver (1897–1960), «Papa» Charlie Jackson (1885–1938), «Blind» Lemon Jefferson (1893–1929), «Blind» Arthur Blake (1896–1934), «Blind» Willie McTell (1898/1901–1959), «Blind» Willie Johnson (1897–1945), Lonnie Johnson (1899–1970), Mississippi» John Hurt (1892–1966) und «Tampa Red» Hudson Whittaker/Hudson Woodbridge (1904–1981). Neben den biographischen Informationen gibt es viele Details und kenntnisreiche Einsichten in die Entwicklung der Bluesgitarre wie etwa die spezielle Verwendung des Bottlenecks bei Tampa Red, da dieser nur den kleinen Finger zu blockieren wusste und mit den drei Grifffingern weiterhin Bünde und damit Akkorde spielen konnte.
Die vielen «Blind» auseinander zu halten ist ein erster Gewinn des Buches, denn wenn auch Blind Blake und natürlich Blind Lemon Jefferson bis heute oft zitierte Musiker sind, deren Bilder auch ikonisch wurden, so ist dies doch beileibe nicht mit all diesen Pionieren der Blues-Gitarre der Fall. Weaver erklärt auch den Übergang vopn den grossen Orchestern der Vaudeville-Zeit zu den Blues-Solisten der frühen Schallplatten: da es noch keine Mikrophone gab, mussten alle Musiker in einen Trichter singen oder spielen, was natürlich bei einer normalen Band mit drei Saxophonen, zwei Trompeten und einer Posaune, Klavier, Tuba und Banjo zu einer wenig definierten Aufnahme führte.
Aber auch über die Biographien dieser frühen Gitarristen ist nicht viel bekannt. Am verdienstvollsten dürfte deshalb insbesondere das erste Kapitel sein über Sylvester Weaver, ein Mann, dessen wenige Aufnahmen aus den 1920er leider nie die Verbreitung eines Robert Johnson oder Big Bill Broonzy fanden, der aber als erster Blues-Gitarrist zu bezeichnen ist, dessen Aufnahmen überliefert wurden. Weaver spielte als Begleiter hinter Sara Martin (Longing for Daddy Blues), nahm aber auch ein Instrumental-solo auf: den erfolgreichen Guitar Rag. Er ist damit der Pionier der Blues-Aufnahme und das ist Obrecht ein faszinierend zu lesendes Kapitel von 12 Seiten wert, wobei 2 Seiten Abbildungen sind. Auch Papa Charlie Jackson, ein Virtuose auf der Banjo-Gitarre Gibson BG, mit der er zumeist auch abgebildet wird, ist anregend zu lesen, und er war mir bisher völlig unbekannt. Seine Kompositionen und Textdichtungen werden mit einigem Genuss präsentiert. Allerdings war das Banjo deshalb problematisch, weil es mit seiner grossen Dynamik nur sehr umsichtig aufgenommen werden konnte, da zu laute Klänge die Nadel so stark ausschlagen lässt, dass sie von der Wachswalze hüpfte. Ich habe die ersten beiden Kapitel zu Sylvester Weaver und Papa Charlie Jackson mit den Informationen der Wikipedia verglichen, und das Buch enthält vielseitigere und umfassendere Informationen.
Mississippi John Hurt und Tampa Red sind auch nach dem 2. Weltkrieg oftmals in Aufnahmestudios gewesen und diese sind daher einem auch nicht «archäologisch» interessierten Publikum bekannt, aber ihr Leben und ihre Musik im Kontext der Vorgänger zu lesen, im Dialog mit den anderen Musikern, die alle grosse Stars der Schwarzen Bevölkerung waren, bietet neue Einsichten und ein vertieftes Verständnis auch des Umfelds, aus dem Muddy Waters, B.B. King und Buddy Guy hervortraten, um die Welt zu verändern.
Jas Obrecht – . Early Blues : The First Stars of Blues Guitar – . Minneapolis:_ University of Minnesota Press, 2015 – . 259 S., zahlreiche Schwarz-Weis-Bilder, 22 cm – . ISBN 978-0-8166-9804-2 (geb.), ISBN 978-0-8166-9805-9 (brosch.).