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Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des Kroatischen Kulturklubs hatte ich die Ehre, mit dem bisher einzigen männlichen Präsidenten unter einer Vielzahl weiblicher Präsidentinnen des Klubs zu sprechen. Aber nicht nur dadurch zeichnet er sich aus. Juraj Foglar, der in diesem Sommer 93 Jahre alt wird, blickt auf eine äusserst interessante und bewegte Lebensgeschichte zurück.
Können Sie sich unseren Lesern bitte genauer vorstellen?
Ich heisse Juraj Georgius Josip Foglar und wurde am 18. August 1929 in Tuzla geboren. Juraj war der Vorname meines Grossvaters mütterlicherseits, Josip der des Grossvaters väterlicherseits, und den Vornamen Georgius gab mir angeblich der Priester, von dem ich getauft wurde. Die Zivilstandsregister wurden damals in den Kirchen geführt.
Womit beschäftigten sich Ihre Eltern, wo und wie verbrachten Sie Ihre Kindheit? Was erinnert Sie an die Vergangenheit?
Mein Vater war Arzt, zu einer Hälfte Kreis-, zur anderen Privatarzt. Meine Mutter war Primarschullehrerin. Die ersten sieben Jahre meines Lebens verbrachte ich in Tuzla. Dort schloss ich auch die erste Klasse bei den Nonnen ab. Danach lebten wir sechs Jahre in Gospić, wo ich weitere drei Klassen der Primarschule und zwei Jahre lang das Gymnasium besuchte. Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus gesehen war meine Kindheit eine Katastrophe, denn in Tuzla hatte ich keinen einzigen Freund, auch nicht in Gospić. Mit meinen Eltern befreundete Paare in Tuzla und in Gospić hatten keine Kinder. In Gospić begann ich sofort, in der Pfarrkirche zu ministrieren, wo ich endlich einen Freund fand – doch mit dem durfte ich weder spielen noch ihn besuchen.
Düster sind meine Erinnerungen an Französischstunden bei einer Lehrerin, die schnellen Erfolg erzielen wollte, mich dadurch aber eher demotivierte. Ich erhielt auch Geigenunterricht, übte aber ohne Motivation und ohne musikalisches Gehör. In der Schulen war ich immer der beste Schüler und bekam ausgezeichnete Noten, dafür aber auch Prügel und Hass der Mitschüler. Körperlich war ich schmächtig, denn ich hatte keine Gelegenheit, irgendwelchen Sport zu treiben. Meine Eltern kauften mir zwar Hanteln, aber die hob ich während meiner ganzen Kindheit vielleicht zwei Mal in die Höhe.
Was war der Grund für Ihre Übersiedlung in die Schweiz, und in welchem Jahr fand sie statt?
Es war während des ersten Jahres meiner Spezialisierung an der Klinik für Neuropsychiatrie im Vinogradska-Spital in Zagreb. An einer Gewerkschaftsitzung in der Klinik sprach ich einige schon beinahe kriminelle Unregelmässigkeiten an, durch welche einige Patienten zu Schaden gekommen waren – und manövrierte mich dadurch unwissentlich in einen Konflikt zwischen der Dalmatinischen und der Zagreber Fraktion der Kommunistischen Partei im Vinogradska. Die Zagreber Fraktion riet mir, zur Stärkung meiner Position in die Partei einzutreten, was ich aus religiösen Gründen ablehnen musste. Danach wurde meine Spezialisierung nicht verlängert. Mir blieb nur noch die Möglichkeit, als Landarzt zu arbeiten, was meine damalige Frau vehement ablehnte. Dies führte dann zu unserer Scheidung.
Ich war stolzer Besitzer eines Reisepasses, da ich schon während des Studiums zweiter Sekretär des kroatischen Skiverbands war und das jugoslawische Frauen-Nationalteam zu einem Langlauf-Wettkampf in die Schweiz begleiten durfte. Dies wurde vom Jugoslawischen Skiverband in Belgrad beschlossen, wahrscheinlich weil ich mich erfolgreich für die Verbesserung der Beziehungen des Jugoslawischen Skiverbandes zu anderen europäischen Organisationen gleicher oder ähnlicher Art eingesetzt hatte. Die perfekte Organisation bei meiner ersten Reise mit der Bahn in die Schweiz, meine Sympathie für das internationale Rote Kreuz und nicht zuletzt auch die schweizerische Neutralität waren entscheidend für meinem Entschluss, in die Schweiz auszuwandern. Auf dieser Reise gerieten wir in einen Schneesturm, es kam zu Komplikationen, der Zug war stark verspätet, und wir kamen nur deshalb rechtzeitig zum Wettkampf, weil freundliche SBB-Beamte in Brig einen Sonderzug für uns organisierten! Darauf sagte ich mir: «In diesem Land lässt es sich leben!».
Wie sah der Anfang für Sie hier aus? Ihr Lebensweg in der Schweiz? Wie fühlten Sie sich?
Meine erste Frau hatte ich ja 1954 geheiratet. Meine Tochter Lidija wurde 1957 geboren, und in die Schweiz kam ich im Jahr 1958, alleine. Ich arbeitete in einer psychiatrischen Klinik, wo es viel wissenschaftliches Material gab, wo auch viele Antidepressiva entwickelt wurden; doch die gesamte Atmosphäre war sehr morbid. Ich befand mich damals selbst in einer schweren Depression – eine zerbrochene Ehe, meine kleine Tochter, die bei ihrer Mutter geblieben war – man kann sich denken, wie ich mich fühlte. Es gelang mir dennoch, eine wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen, und 1960 konnte ich zur Universitätsklinik in Zürich wechseln. Manfred Bleuler war damals mein Chef, und plötzlich fühlte ich mich ausgezeichnet! Die Zürcher Klinik war der Vatikan der Psychiatrie, alles beindruckte mich. Während ich auf die schweizerische Staatsbürgerschaft wartete, mit dem Ziel, selbstständig arbeiten zu können, spezialisierte ich mich auf innere Medizin. Und fünf Jahre nach meinem Start in der Schweiz kam, nach der Versöhnung mit meiner Frau, auch unser Sohn Christian zur Welt.
Welchen Tätigkeiten gingen Sie in Ihrem Leben nach? Was gefiel Ihnen dabei am besten? Wie kam es dazu, dass Sie Psychiater wurden?
Ach, dies ist eigentlich die grösste Tragödie meines Lebens. Denn mein ganzes Leben lang wollte ich Journalist werden, das war eigentlich mein einziger Wunsch; ich habe Talent dafür und liebte es, zu schreiben, doch mein Vater flehte mich an, Medizin zu studieren, denn dies war die Familientradition. Damals fokussierten sich alle Studien im Bereich Journalistik auf die Analyse der Publikationen von Tito, Lenin und Stalin, was mir viel zu dumm vorkam, und so rutschte ich in die Medizin hinein. Während des Studiums beschäftigte ich mich mit allem Möglichen, Prüfungen fielen mir sehr leicht. In der Psychiatrie begann ich so, wie das auch sein musste: Ich begann analytisch und arbeitete an einer Kombination von Psychotherapie und Psychopharmakologie. Meine journalistische Tätigkeit endete mit meinem Abiturabschluss.
Was betrachten Sie als Ihren grössten Erfolg? Würden Sie jetzt etwas ändern, wenn Sie könnten?
Mein grösster Erfolg war die Einführung von Infusionsbehandlungen als neue Methode in der schweizerischen Psychiatrie. Damit hatte ich während meiner Arbeit in der Klinik in Basel gearbeitet. Ich las damals einen Text von japanischen Ärzten, die den Patienten Psychopharmaka in Form einer Infusion verabreichten. Zusätzlich erhielt ich Betten im Basler Bethesda-Spital zugeteilt, wo sich meine Patienten Zimmer mit Patienten anderer Abteilungen teilen durften – was zuvor als unmöglich angesehen worden war. Psychiatriepatienten durften früher nur in psychiatrischen Kliniken behandelt werden, die immer am Rand oder ausserhalb von Städten lagen. Patienten, die sich normalerweise mehrere Monate in der Klinik aufhielten, blieben bei mir nur zwei bis vier Wochen. So konnte ich das Leiden der Patienten verkürzen, aber auch die Behandlungskosten senken. Als ich im Juli 1973 meine Privatpraxis in Basel eröffnete, führte ich die Infusionstherapie auch ambulant durch. Ich war bis zu meinem 87. Lebensjahr erwerbsstätig und hatte 45 Jahre in der Praxis verbracht, denn ich wollte meine Patienten nicht im Stich lassen, brauchte aber auch die Finanzen. Ich hätte noch länger arbeiten können, aber nach der Übersiedlung nach Zürich im Jahr 2009 wurde mir das Pendeln nach Basel mit Zug oder Auto zu mühsam. So verteilte ich meine Patienten auf andere, neu eröffnete Praxen in Basel und Umgebung.
Auch meine Arbeit für Menschen mit Behinderungen betrachte ich als Erfolg. 1972 wurde in Reinach BL die Stiftung «Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte» (WBZ) gegründet. Ich wurde in den Vorstand der Stiftung gewählt und war dort fast dreissig Jahre aktiv. Gleichzeitig wurde ich in die kantonale Behindertenkommission des Kantons Basel-Stadt gewählt. Aus den kantonalen Behindertenkommissionen der ganzen Schweiz ging die Organisation «Pro Infirmis» hervor, die Dachorganisation vieler Vereine von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. In dieser Organisation war ich Mitglied des Arbeitsausschusses Nordwestschweiz, auch dort war ich fast dreissig Jahre tätig. Neben dem Erfolg im Beruf und der wissenschaftlichen Arbeit betrachte ich auch diese sozialen Aufgaben als sehr wichtig.
Was ich verändern würde? Manchmal muss man streng sein. Dies war mein grösster Fehler, ich war oft zu sanft.
Gibt es etwas, wofür Sie Kroatien dankbar sind?
Haha, wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass das Land mir dankbar sein sollte. Ich hatte aus mehreren Gründen mit meiner Heimat gebrochen. Im Zweiten Weltkrieg hatte ich in Lika die Blutbäder seitens der Kroaten gegen Serben, Juden, Kinder und Frauen erlebt. Mein Vater sagte immer, er sei erst ein Bürger der Welt, dann ein Bürger von Europa, und erst dann, am Ende, ein Bürger von Jugoslawien bzw. ein Kroate, und dem stimme ich nach wie vor zu. Mein Vater war ein Mann von Welt, meine Mutter hingegen eine hartgesottene Nationalistin. Ich lehnte zwei gute Angebote in der Welt ab, damit ich und auch meine Kinder Schweizer werden konnten.
Auch beim Ausbruch des Krieges in Kroatien tat ich sehr viel, meist für die Medikamenten-Zentrale. Die kroatische katholische Mission in Basel organisierte einen Ausschuss «Hilfe für Kroatien», und man bat mich, diesem beizutreten. Dank meiner Verbindungen zur schweizerischen Pharmaindustrie konnte ich Arzneimittel für Beträge in Millionenhöhe beschaffen. Jedes Mal, wenn es an einem Medikament mangelte, wurde ich gebeten, welche aus der Schweiz zu schicken, was ich regelmässig auch tat. Am meisten traf mich dabei jedoch, dass weder Hebrang noch Tuđman es schafften, sich bei der Firma Sandoz zu bedanken, die Kroatien nach meiner Intervention Sandoimmun-Dosen im Wert von CHF 600‘000 gespendet hatte!
Wie und wann begann Ihre Beziehung zum Kroatischen Kulturklub?
Sie begann mit Vesna, meiner zweiten Frau. Nur ihretwegen ging ich zu einer Versammlung des damaligen Kroatischen Kulturvereins mit, wo es zu einem offenen Streit zwischen extrem nationalistischen, primitiven Kroaten einerseits, kultivierten Kroaten andererseits kam. Es war offensichtlich, dass der Verein gespalten war. Darauf beschloss eine Gruppe, den Kroatischen Kulturklub zu gründen. Vesna war dessen erste Präsidentin, und ich half auch mit. Tatsächlich leitete ich den Club die letzten zehn Jahre – aber nicht nur ich, sondern auch Ana Števanja, Stjepko Habijanović, Dubravka Eror und viele andere – und als niemand mehr wollte, musste ich die Rolle des Präsidenten übernehmen.
Wofür sind Sie der Schweiz dankbar? Wie wurden Sie durch die Schweiz bereichert?
Für alles! Ich erfuhr hier Rückhalt und Geborgenheit, als ich wirklich am Boden zerstört war; ich bekam einen guten Lohn für gute Arbeit, und nach 12 Jahren erhielt ich auch das Bürgerrecht. Die Schweiz bereicherte mich in allem, was ich habe, und das erreichte ich durch ehrliche Arbeit. Denn nicht der ist reich, der Geld hat, dem aber alles andere fehlt. Nicht der ist reich, der genug hat, aber immer mehr will. Als Psychiater lernte ich, was im Leben wirklich wertvoll ist. Und als ich erste Anerkennungen von Patienten und Fachleuten bekam, verstand ich, dass die Menschen hier das, was ich mache, wirklich zu schätzen wissen.