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Partizipation
Ein Bürgerdienst für die Schweiz?
In Zusammenarbeit mit dem Verein ServiceCitoyen.ch untersuchten Masterstudierende der ZHAW School of Management and Law die Akzeptanz eines Bürgerdienstes vor dem Start der Initiative. Die Ergebnisse zeigen, dass die Initiative, die das heutige Dienstpflichtsystem reformieren will, zum Zeitpunkt der Erhebung eine Chance an der Urne gehabt hätte.
Ein Beitrag von Muriel Baumer, Damaris Fischer, Nastassja Illi, Nicolas Schärmeli
Ein Bürgerdienst zur Bewältigung von gesellschaftlichen und umweltbedingten Herausforderungen
Die aktuellen Entwicklungen und Trends in Themen wie Bevölkerung, Klimawandel, Fachkräftemangel, Gleichstellung und des Schweizer Milizsystems zeigen auf, dass in der Zukunft grosse Herausforderungen auf die Schweiz zukommen, die es zu bewältigen gibt. Der Vorschlag von ServiceCitoyen.ch, der zum Lösen dieser komplexen Herausforderungen beitragen soll, ist eine Reform des Dienstpflichtsystems und heisst «Bürgerdienst». Im Bürgerdienst sind das Militär, der Zivildienst und der Zivilschutz gleichwertige Dienste und werden von allen Schweizerinnen und Schweizer und gegebenenfalls auch Ausländerinnen und Ausländer geleistet.
Die Militärpflicht würde im Bürgerdienst durch einen sinnstiftenden Dienst, der im Interesse der Öffentlichkeit steht, ersetzt werden. Dabei würden die Bestände der Armee sichergestellt werden und durch eine Ausweitung der Einsatzgebiete der Zivildienst und Zivilschutz gestärkt werden (ServiceCitoyen.ch, o.J.; siehe auch Baumer et al., 2020). Der Verein ServiceCitoyen.ch plant, im Frühjahr 2021 mit der Unterschriftensammlung zur Lancierung einer Volksinitiative zur Einführung eines Bürgerdienstes zu starten.
Ein solches Vorhaben ist auch über die Landesgrenzen hinweg einmalig. Um eine erste Schätzung zur Akzeptanz des Vorhabens zu erhalten, führt diese Studie eine Befragung in der Deutschschweiz bei Stimmberechtigten durch. Ziel ist es, die Meinung der stimmberechtigten Bevölkerung zur Einführung eines Bürgerdienstes zu untersuchen und Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu identifizieren. Zudem soll erhoben werden, welche Gestaltungsmerkmale bezüglich der Dauer und des Einbezuges von Ausländerinnen und Ausländer die Schweizer Stimmbevölkerung bevorzugen würde.
Bürgerdienst erhält hohe Zustimmung, weniger stark jedoch von Frauen
Die Ergebnisse der deskriptiven Analyse zeigen, dass zum heutigen Zeitpunkt (vor der Unterschriftensammlung) die Akzeptanz allgemein hoch ist: 73 Prozent würden aktuell der Einführung eines Bürgerdienstes eher bzw. voll zustimmen. Weiter findet die Studie auch eine hohe Zustimmung zum Miteinbezug von Ausländerinnen und Ausländer in den Bürgerdienst (87%). Bezüglich der Dauer des Bürgerdienstes fallen die Ergebnisse gemischt aus, wobei jedoch 180 Tage am häufigsten genannt wurden (49%).
Einen ersten Überblick zu den Variablen, welche die Zustimmung zum Bürgerdienst beeinflussen könnten, gibt Tabelle 2: Mittels Mann-Whitney-U-Test für ordinale abhängige Variablen und unabhängige Variablen mit zwei Faktoren resp. Kruskal-Wallis-Test für ordinale abhängige Variablen und unabhängige Variablen mit drei oder mehr Faktoren wurde sodann die Signifikanz der Zusammenhänge berechnet. Bezüglich der soziodemografischen Merkmale sind einzig der Zusammenhang von Geschlecht und Zustimmung (p=0.002) sowie Bildung und Zustimmung (p=0.022) signifikant.
Übersicht bivariate Zusammenhänge mit Zustimmung
Da sich bei bivariaten Zusammenhängen auch Störfaktoren einschleichen können, welche die Schätzer verzerren, wird zusätzlich eine ordinal logistische Regression gerechnet. Im Rahmen der Modelldiagnostik wurden vor der Berechnung die Ausreisser entfernt. Bei der Überprüfung auf Multikollinearität mittels des Varianzinflationsfaktors wurde bei den Variablen Geschlecht und Dienst eine Multikollinearität festgestellt. Deshalb wurden zwei Modelle gerechnet, eines mit Einschluss des Geschlechts unter Ausschluss von Dienst (1) und umgekehrt (2). Wie in Tabelle 2 ersichtlich, findet sich auch die ordinal logistische Regression beim Geschlecht einen signifikanten Unterschied: So sind Frauen eher gegen einen Bürgerdienst als Männer (p=0.003).
Zudem ist auch die Variable Verständnis (Personen, die das Vorhaben verstehen, sind positiver eingestellt) auf dem 99.9%-Niveau signifikant (p[eher leicht]=0.000, p[sehr leicht]=0.000) sowie die Variablen Politische Einstellung (je rechter sich die Personen einstufen, desto negativer sind sie eingestellt, p=0.004) sowie Zivildienst (Personen, die Zivildienst geleistet haben, sind positiver eingestellt, p=0.001) auf dem 99%-Niveau signifikant. Militärdienst (Personen, die Militärdienst geleistet haben, sind positiver eingestellt, p=0.023) ist auf dem 95%-Niveau signifikant.
Ordinal Logistischer Regressionsoutput zur Zustimmung zum Bürgerdienst
Die Stärkung des sozialen Zusammenhaltes spricht für den Bürgerdienst
Die Ergebnisse zu den Argumenten, welche für die Befragten für eine Annahme des Bürgerdienstes sprechen, zeigt sich ein eindeutiges Bild: Über alle soziodemografischen Variablen hinweg wird der soziale Zusammenhalt als häufigster Grund für eine Annahme des Bürgerdienstes genannt (siehe Abbildung 1).
Eigentlich spricht nichts gegen den Bürgerdienst, ausser der Mehrbelastung der Frauen
Bezüglich Argumente, die gegen eine Einführung eines Bürgerdienstes sprechen, nennen die Befragten aller soziodemografischen Kategorien am häufigsten, das nichts dagegenspricht. Dies bestätigt das Ergebnis, das fast drei Viertel der Befragten eher bzw. voll für eine Einführung des Bürgerdienstes sind. Als zweithäufigster Grund gegen einen Bürgerdienst wird über alle Befragten hinweg genannt, dass Frauen heute schon mehr unbezahlte Arbeiten leisten als Männer, was die Überlegungen zur wahrscheinlicheren Ablehnung des Bürgerdienstes unter Frauen bestätigen könnte (siehe Abbildung 2). Dieser Grund wird dabei häufiger von Frauen (22%) als Männern (8%) angegeben.
Weitere Studien notwendig nach dem Start der Initiative
Zusammenfassend deuten die Ergebnisse der Analyse daraufhin, dass Werteeinstellungen die Meinung gegenüber der Einführung eines Bürgerdiensts besser erklären dürften als soziodemografische Merkmale (mit Ausnahme des Geschlechts). Wird dies in die politikwissenschaftliche Literatur eingebettet, bedeutet dies, dass die neueren, wertebasierten Konfliktlinien relevanter zu sein scheinen als die traditionellen, soziodemografischen.
Es ist jedoch wichtig zu berücksichtigen, dass diese Studie eine Momentaufnahme der Zustimmung zum Bürgerdienst ist. Es sollte sicherlich eine zusätzliche Befragung beim Start der Initiative durchgeführt werden, sowie weitere Umfragen über die Zeit der laufenden Initiative. Dies könnte Aufschluss darüber geben, wie die Bevölkerung zum Thema Bürgerdienst reagiert, nachdem sie sich länger mit dem Thema auseinandergesetzt hat und es von den Medien und der Politik aufgegriffen wird.
Die Tendenzen zurzeit zeigen klar eine positive Zustimmung zum Bürgerdienst auf, dies kann sich jedoch im Verlauf der Zeit verändern. Welchen Einfluss haben politische Parteien und wie verändert sich die Argumentation bezüglich dem Bürgerdienst? Bleiben die aktuell als positiv sowie negativ wahrgenommenen Argumente gleich oder verändern sich diese? Es ist klar ersichtlich, dass noch Potential für weitere Studien in diesem Themenbereich besteht. Dieser Beitrag bietet jedoch eine solide Grundlage, welche erste Tendenzen feststellte, auf denen weiter aufgebaut werden kann.
Literatur
Baumer, M., Fischer, D., Illi, N. & Schärmeli, N. (2020). Ein Bürgerdienst für die Schweiz. Winterthur: ZHAW School of Management and Law. [Unveröffentlichte Semesterarbeit].
BFS (2016). Unbezahlte Arbeit. Abgerufen von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit.html.
BFS (2019). Lohnunterschied. Abgerufen von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/loehne-erwerbseinkommenarbeitskosten/lohnniveau-schweiz/lohnunterschied.html.
ServiceCitoyen.ch (o.J.). Für einen Bürgerdienst. Abgerufen von https://servicecitoyen.ch/de/.