Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03398.jsonl.gz/954

Fernsehen SRF, «Tagesschau», Beitrag «Arktis schmilzt» beanstandet
5143
Mit Ihrer E-Mail vom 9. August 2017 beanstandeten Sie die „Tagesschau“ (Fernsehen SRF) vom 7. August 2017 und dort den Beitrag „Arktis schmilzt“.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
Ich möchte einen Tagesschau-Beitrag beanstanden. Dieser verstosst meiner Meinung nach gegen das Sachgerechtigkeitsgebot. Leider kommt es immer wieder vor, dass betreffend dem Thema Klimawandel Tatsachen so dargestellt werden, dass eine Alarmstimmung (bewusst?) erzeugt wird. Zuletzt habe ich dies beim Tagesschau-Beitrag “Arktis schmilzt” vom 7.8.2017 um 19:30 Uhr feststellen müssen.
Glücklicherweise gab es zu diesem Beitrag eine Replik der Basler Zeitung u.a. mit folgendem Text:
<Steffen beziffert das Abschmelzen im Radiobeitrag mit 365 Kubikkilometer Eis pro Jahr. Und weil sich darunter niemand etwas vorstellen kann, sagt er, das sei das sechsfache des Eisvolumens in den Alpen.
Der Vergleich mit den Alpen macht nur Sinn, um die Alarmstimmung aufrecht zu halten. Hätte Steffen das Schmelzen nämlich ins Verhältnis zum Eisvolumen von Grönland gestellt, immerhin fast drei Millionen Kubikkilometer, so hätte er zugeben müssen, dass die behauptete Schmelze nur gut ein Zehntel eines Promilles beträgt (0,12 Promille).>[2]
Von einer Tagesschau, welche von sehr vielen Leuten geschaut wird und auch eine Art Aushängeschild von SRF ist, erwarte ich etwas mehr Gelassenheit bzw. Objektivität und weniger Alarmismus.
Man wird leider den Eindruck nicht los, dass es sich um reine Propaganda handelt, um den Bürger darauf vorzubereiten, dass noch mehr Gesetze für die ‚Bekämpfung‘ des Klimawandels nötig sind.
Dazu noch ein Zitat von Roland Baader:
<Die politische Kaste muss ihre Existenzberechtigung beweisen, indem sie etwas macht. Weil aber alles, was sie macht, alles viel schlimmer macht, muss sie ständig Reformen machen, das heisst, sie muss etwas machen, weil sie etwas gemacht hat. Sie müsste nichts machen, wenn sie nichts gemacht hätte. Wenn man nur wüsste, was man machen kann, damit sie nichts mehr macht.>
Ich bitte Sie, die Angelegenheit zu prüfen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die „Tagesschau“ antwortete Herr Franz Lustenberger wie folgt:
„Mit Mail vom 9. August beanstandet Herr X die Berichterstattung der Tagesschau vom 7. August über die Reise von Bundespräsidentin Doris Leuthard nach Grönland. Er wirft der Tagesschau vor, sie erzeuge eine ‚Alarmstimmung‘, sie betreibe ‚reine Propaganda‘.
Als Beleg führt Herr X einen Artikel des Bundeshausredaktors der Basler Zeitung an.
Fakten zum Klimawandel und zum Grönlandeis
Die Tagesschau geht in ihrer Berichterstattung von Fakten aus, nicht von Glaubenssätzen. Zum Klima gibt es sehr viele Statistiken und Erhebungen, welche beispielsweise die Temperaturveränderungen über einen längeren Zeitraum festhalten.
Im umfangreichen Dossier ‚Global climate change‘ [3] werden verschiedenste Aspekte dargestellt:
Seite 8: Temperatur-Abweichungen seit 1885 bis 2016. Die Grafik zeigt den weltweiten Temperaturanstieg seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Abweichungen nach oben sind klar grösser als es die Abweichungen früher nach unten waren.
Seite 9: Die Eisfläche in den Weltmeeren (Arktis und Antarktis) hat in den letzten Jahren abgenommen. Waren es vor 40 Jahren noch rund 13 Millionen Quadratkilometer Eisfläche, so sind es derzeit nur mehr knapp 12 Millionen Quadratkilometer. Gegenüber dem Spitzenjahr 1990 entspricht dies einem Rückgang von rund 10 Prozent.
Die Temperaturen im Süden der größten Insel der Welt sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts besonders stark gestiegen, nämlich um 2,5 °Celsius.
Der Klimaforscher Rajmund Przyblak von der Nikolaus-Kopernikus-Universität im polnischen Torun hält in seinem Bericht «Recent air-temperature changes in the Arctic» in seinen Konklusionen (Seite 323) fest, dass Mitte der 90er ein abrupter Anstieg der Temperaturen in der Arktis stattgefunden hat, ‚an abrupt rise in SAT‘ (surface air temperature).[4]
Der Eisschild über Grönland hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen, die höchste Abnahme erfolgt seit dem Jahr 2003. Das zeigt die Grafik ‚Greenland - ice mass loss‘ [5]. Der Eisverlust in Grönland hat sich in den letzten Jahren massiv beschleunigt.
Dies zeigt auch die langfristige Analyse der National Oceanic und Atmospheric Administration (NOAA) der Vereinigten Staaten.[6]
Die Klimaerwärmung weltweit und auch an den Polen ist ein Faktum.
Konrad Steffen
Konrad Steffen, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf, ist ein weltweit anerkannter Forscher im Bereich Klimatologie und Kryosphäre (Wissenschaft von der Gesamtheit des auf einem Himmelskörper vorkommenden Wassers in fester Form, also von Eis).
Konrad Steffen reist seit 1975, also seit über 40 Jahren, regelmässig in die Arktis und die Antarktis. 1990 hat er das Swiss Camp aufgebaut sowie 22 Messstationen auf dem Eisschild Grönlands installiert.
Bericht in der Basler Zeitung
Der Beanstander, Herr X, verweist in seinem Mail auf einen Artikel in der Basler Zeitung.[7] Bundeshausredaktor Dominik Feusi, der den Tagesschau-Beitrag heftig kritisiert, verweist als Beleg auf eine Grafik der Universität Lüttich, welche belegen soll, dass das Grönlandeis im Jahre 2017 zugenommen hat.
Zu dieser Grafik sind drei Dinge festzuhalten:
Erstens beziehen sich die Zahlen auf zehn Monate in den Jahren 2016/17. Wie oben aufgezeigt, ist die Klimaerwärmung und die Eisschmelze ein langandauernder Prozess, kurzfristige Ausschläge und Abweichungen sind immer möglich und können den längerfristigen Trend nicht in Frage stellen.
Zweitens ist der gewählte Zeitraum mehr als problematisch; er dauert vom 1. September 2016 bis zum 27. Juni 2017. Das heisst, die Sommermonate – in Grönland scheint die Sonne aufgrund der geografischen Lage im Sommer sehr lange oder geht gar nicht unter (der grössere Teil Grönlands liegt nördlich des Polarkreises) – werden in dieser Grafik ausgeblendet. Die jährliche grosse Schmelzphase in den Monaten Juli und August wird einfach ‚übersehen‘.
Drittens war der Winter 16/17 in Grönland schneereich; ob sich diese Schneefälle auch wirklich in Eis umgewandelt haben, kann erst nach den Sommermonaten ermittelt werden. Wärmere Luft vermag zudem mehr Feuchtigkeit aufzunehmen; entsprechend kann es mehr regnen oder schneien.
Die in der BaZ abgedruckte Grafik ist wenig aussagekräftig, da sie nur einen kurzen Zeitabschnitt (10 Monate) berücksichtigt, und diese 10 Monate auch noch willkürlich (ohne warme Sommermonate) ausgewählt wurden. Alle langfristigen Untersuchungen belegen das Gegenteil – die globalen Temperaturen steigen und das Eisvolumen auf Grönland nimmt ab (siehe erster Abschnitt).
Herr X kritisiert im Weiteren, dass Konrad Steffen einen Vergleich mit dem Eisvolumen in den Alpen gemacht hat. Vergleiche dienen dazu, das Verständnis zu erhöhen. Es ist klar und journalistisch völlig richtig, dass Vergleichsgrössen gewählt werden, welche dem Zuschauer und der Zuschauerin verständlich sind. Die Gletscher in den Alpen sind bekannt; darunter kann sich jeder und jede etwas vorstellen. Man vergleicht Unbekanntes mit Bekanntem. Das hat mit Schaffung einer Alarmstimmung überhaupt nichts zu tun.
Fazit
Die Tagesschau hat sachgerecht über die bevorstehende Grönlandreise von Bundespräsidentin Doris Leuthard berichtet, welche dort die Schweizer Forschungsstation ‚Swiss Camp‘ besucht. Im Zentrum des Beitrages stand der Schweizer Wissenschaftler Konrad Steffen, der die Klimaveränderungen in Grönland seit Jahren erforscht. Seine Aussagen sind durch Fakten belegt.
Weder Konrad Steffen noch die Tagesschau haben ‚Propaganda‘ für irgendwelche Gesetzesänderungen gemacht. Mit der Formulierung ‚umtriebiger Wissenschaftler‘ hat sich die Tagesschau aber auch abgegrenzt. Die Tagesschau hat keine politische Position eingenommen; sie hat sachlich über die Forschungsarbeit von Konrad Steffen berichtet.
Ich bitte Sie, die Beanstandung von Herrn X in diesem Sinne zu beantworten.“
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Was sind die Fakten? Bundespräsidentin Doris Leuthard reiste auf Einladung des renommierten Klimaforschers Konrad Steffen[8] nach Grönland, um sich an Ort und Stelle über die Eisschmelze zu informieren. Steffen forscht dort seit langem. Er vergleicht den Rückgang des Grönland-Eises mit dem Eis der Alpen. Die „Tagesschau“ hat darüber redlich berichtet, keineswegs devot und propagandistisch, sondern nüchtern. Dass die berichteten Fakten belegt sind, hat Herr Lustenberger überzeugend dargelegt und dokumentiert. Ich sehe keinen Anhaltspunkt, dass der Beitrag nicht sachgerecht gewesen wäre. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
Noch ein Wort zu Roland Baader: Der 2012 mit 72 Jahren verstorbene deutsche Ökonom und Publizist, der ein Anhänger des Wirtschaftsliberalismus war[9], bringt in seinem Zitat eine geradezu zynische Verachtung des Staates zum Ausdruck. Wer sorgt denn dafür, dass die Kinder eine solide Schulbildung erhalten, wenn nicht der Staat? Wer sorgt dafür, dass in Spitälern Verunfallte und Kranke operiert und gepflegt werden, wenn nicht der Staat? Wer sorgt dafür, dass der öffentliche Verkehr funktioniert und dass intakte Straßen, Brücken und Tunnels für den privaten Verkehr zur Verfügung stehen, wenn nicht der Staat? Es ist billig, die Politikerinnen und Politiker schlecht zu machen und ihnen so etwas wie Selbstbeschäftigung zu unterstellen. Der Beruf des Politikers ist einer der schwierigsten überhaupt. Der Soziologe Max Weber hat die politische Arbeit nicht zu Unrecht als „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ bezeichnet.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
[3] Vgl. Beilage Global Climate Change
[5] Vgl. Beilage Greenland Ice mass loss
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:
SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet I
5938 | Mit Ihrer E-Mail vom 20. April 2019 beanstandeten Sie die fehlenden Wildtiernummern im Zusammenschnitt des 43. Internationalen Zirkusfestivals, gesendet am 19. April 2019. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet IV
5975 | Mit Ihrem Brief vom 29. April 2019 beanstandeten Sie die fehlenden Wildtiernummern im Zusammenschnitt des 43. Internationalen Zirkusfestivals, gesendet am 19. April 2019. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet III
5948 | Mit Ihrer E-Mail vom 25. April 2019 beanstandeten Sie die fehlenden Wildtiernummern im Zusammenschnitt des 43. Internationalen Zirkusfestivals, gesendet am 19. April 2019. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
Alle Schlussberichte der Ombudsstelle jetzt ansehen