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Werner Pfister, Zürichsee-Zeitung (18.01.2005)
«Ariane et Barbe-Bleue» von Paul Dukas zum ersten Mal am Opernhaus.
Eine Geschichte wie von heute: Da macht sich eine beherzte Frau auf, um ihre leidenden Mitschwestern, nämlich die fünf von Blaubart gefangen gehaltenen und unterdrückten Frauen, zu befreien. Und scheitert an ihrem eigenen Helferinnensyndrom.
Ein sonderbarer Fall. Gerade mal gut ein Dutzend Werke umfasst das Gesamtœuvre von Paul Dukas, und damit hat er Weltgeltung erlangt. AIles weitere, darunter zwei Opern und zwei Ballette, hat er vernichtet, radikal selbstkritisch, wie er war. Nichts schien ihm überflüssiger, als «etwas noch einmal zu machen, das vorher schon von anderen vorzüglich verwirklicht wurde». Musik aus zweiter Hand nannte er das, schon gehörte Musik, und die müsse man gnadenlos ausmerzen, um das noch nie Gehörte zu suchen.
Ungehört blieb «Ariane et Barbe-Bleue» am Zürcher Opernhaus bis am vergangenen Sonntag, als das Werk - beinahe hundert Jahre nach seiner Uraufführung - hier nun erstmals über die Bühne ging. Eine unerhört eindrückliche, in jeder Hinsicht hoch spannende Neuproduktion. Und ein unerhörtes Werk, kein Zweifel; «das bedeutendste musikdramatische Werk nach Wagner», meinte Komponistenkollege Vincent d'Indy. Um Gefangenschaft und Befreiung geht es, respektive (und um einen Buchtitel von Jeanne Hersch zu zitieren) um «die Unfähigkeit, Freiheit zu ertragen».
Gefangen und geschunden
Ein Thema von grosser psychologischer Tragweite und entsprechend tiefschwarzer psychischer Abgründigkeit. Seine ersten fünf Frauen, so geht die Mär, habe Blaubart ermordet. Seine neueste, die sechste Frau, Ariane, ist hingegen überzeugt, dass sie alle noch leben («elles ne sont pas mortes» heisst überhaupt der erste Satz, mit dem sie auftritt). Und sie hat recht, findet die Frauen, allerdings mehr halb tot als halb lebendig: psychisch kaputt, durch Knechtschaft und Abhängigkeit zerschundene Kreaturen.
Ariane will ihnen wieder ihre Freiheit zurückgeben, ihre ungebundene Individualität sowie ein menschenwürdiges Aussehen - und scheitert ausgerechnet daran: dass sie den richtigen Blick für die Individualität und Würde anderer nicht hat, sondern in ihren eigenen Vorstellungen gefangen bleibt. Selber eine Gefangene in ihren Ansichten, kann sie andern unmöglich zur Freiheit verhelfen; selber müsste sie sich erst einmal davon befreien. Zum Schluss indes schreitet sie unverrichteter Dinge von dannen: «Loin d'ici, là-bas, où l'on m'attend encore ... » Niemand wird sie erwarten.
Herr und Frau Schweizer
Dass das unsere eigene Geschichte ist, unser individuelles Lebensproblem, daran lässt Claus Guths schnörkellos bilderstarke und emotional sehr konzise Inszenierung keinen Zweifel. Wenn der Vorhang sich hebt, befinden wir uns im Villenquartier der Region, durchaus linkes oder rechtes Zürichseeufer, ein Einfamilienhaus mit Garten an temporeduzierter Quartierstrasse, Herr und Frau Schweizer sozusagen. Lichter gehen an im Haus, durch die Eingangstür (Milchglas) sieht man das eben eingezogene Brautpaar in Umarmung, dann lässt er sie für einen Moment allein.
Sie schaut sich um: vorerst ein neutraler Innenraum (Bühnenbild: Christian Schmidt( mit sechs Türen, dazu hat sie sechs silberne Schlüssel, aber sie sucht nach einer siebten Tür, diese mit einem goldenen Schlüssel zu öffnen. Findet diese schliesslich - und dahinter, nun eine psychologische Etage tiefer, nämlich im Keller (im Unterbewussten?) angesiedelt, die fünf Frauen Blaubarts, weinend, nervenkrank, an
Neurodermitis und anderem leidend: «Oh! Vous avez souffert! ... » Jeder hat seine Leichen im Kellen
Eurhythmie und Psychologie
Doch die fünf Frauen lieben ihre Kellerfinsternis, sind im Weinen aùf ihre Weise glücklich, wollen letztlich nicht ans Licht befreit werden. Obwohl sie diesem entgegenrudern - wie über Lethe, den Fluss zwischen Tod und Leben, Dunkel und Licht. Und wenn sie, am Schluss des zweiten Aktes, «la ronde de la lumière» tanzen, erinnern die fünf Frauen Blaubarts an Ferdinand Hodlers eurhythmische Frauen. Jede in sich selber bewegt. Doch sie werden im dritten Akt, wenn Blaubart verwundet hereingetragen wird, ihm weiterhin ergeben sein, ihn pflegen, ihn womöglich auch lieben.
Eine geballte Ladung Psychologie, die da auf das Opernpublikum zukommt, in evokativen Bildern magistral inszeniert. Das Publikum reagierte mit spontaner Begeisterung, feierte zu Recht die Entdeckung einer zwar viel gerühmten, aber fast nie gespielten Oper und spendete dem lnszenierungsteam (dazu gehören auch Jürgen Hoffmann für die Lichtgestaltung und Timo Schlüssel für die Videoproduktion) und erst recht den Sängerinnen und dem Dirigenten reichlich Applaus.
Idealbesetzung
John Eliot Gardiner dirigiert: mit untrüglichem Gespür für die kraftvollen Farben in Dukas' Orchestersprache, für die instrumentalen Einzeltönungen und ihre exquisiten Kombinationen. Obwohl Dukas zuweilen mit grosser Hand wirkungsvoll ausholt und darin dann mehr an Wagner als an Debussys «Pelléas» erinnert, bleibt die motivische Transparenz, der Einblick ins instrumentale Stimmengeflecht, stets gewahrt. Zudem gelingt es Gardiner, die Wohlklangkapazitäten des Orchesters der Oper Zürich aufs Sinnlichste auszureizen: über weite Strecken ein aufreizender psychedelischer Klangtrip.
Yvonne. Naef in der Titelpartie ist ein Elementar-Ereignis. Fast ununterbrochen hat sie zu singen, vielfach in den weit ausladenden, pathetisch überredenden Tönen und Aufschwüngen einer (selbst ernannten) Heilsbringerin ab imo pectore, dann wiederum mit lyrisch versonnener, nach innen gekehrter Fragilität. Eine anrührende Gestalt und gleichzeitig auch eine unbedingt dominante, mit weich gerundetem Mezzotimbre und mit metallisch glänzendem Hähenfortissimo, dazu bernerkenswert sprachsensibel: eine Idealbesetzung, nichts weniger.
Forschungsreise
Liliana Nikiteanu hält als ihre Amme ebenbürtig, das heisst vollmundig, mit: vielleicht ein Gran zu jung, zu agil, zu verspielt, aber dennoch in Stimme und Spiel unmittelbar packend und sehr ausdrucksstark. Die fünf Bräute Blaubarts («Ies cinq filles d'Orlamonde», wie sie das Libretto Maeterlincks nennt), Stefania Kaluza, Eva Liebau, Martina Jankova, Liuba Chuchrova und (die stumme) Aniko Donath, sie bilden nicht nur sängerisch, sondern vor allem auch darstellerisch ein ausgewogenes, anrührendes Ensemble - sowohl in ihrem Leiden, das an Lebendige geht, als auch in ihrer selbstgewählten Treue diesem Leiden gegenüber. Schlüsselfigur dazu ist Blaubart, der im Tîtel der Oper zwar ebenbürtig mit Ariane genannt wird, aber letztlich nur gut zwanzig Takte zu singen hat: Kurzauftritte, denen Cheyne Davidson einprägsame Kontur gibt.
Wie gesagt: Zu feiern gilt es hier die Entdeckung einer zwar viel gerühmten, aber fast nie gespielten Oper, und das in einer magistralen Aufführung. Eine ungemein faszinierende tiefenpsychologische Forschungsreise in Seelenbezirke, die gleichsam unter die eigene Haut geht. Was wäre Besseres über eine Oper, über Theater, überhaupt über Kultur zu sagen?