Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03237.jsonl.gz/1691

U. Müller – 22. Februar 2021
Der Maler Gerd Gisder bekam einmal von einem reichen Fabrikanten den Auftrag, das Leben darzustellen.
Nach einer Woche stand er im Atelier des Künstlers. Auf der Staffelei stand ein Ölgemälde. Die Verwunderung des Auftraggebers war gross. Kein Lebensbaum, kein Weg, keine Quelle war zu sehen. «Das soll das Leben symbolisieren?»
Der Künstler nickte. «Ja, eine Schaukel! Sie versinnbildlicht für mich am besten das Leben!»
Und er zeigte auf eine Schaukel, die nicht starr nach unten hing, sondern Anlauf nahm zum Aufschwung.
Er führte dann aus: «Sitzen Kinder oder Verliebte darauf, ist sie ständig in Bewegung wie alles Leben. Ihr Prinzip ist das Auf und Ab; gleich den Höhen und Tiefen, die in jedem Dasein vorkommen.»
Nach einer Pause setzte er hinzu: «Wenn man es sehen will, hat das Leben mehr Höhen als Tiefen.»
Dann schwieg er länger und meinte nach der Pause mit fester Stimme: «Aber auch, wenn ich ein Tief durchmache, habe ich die Gewissheit, dass ich gehalten werde.»