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Kurz und kalt klingt die Meldung in einer Randspalte der «Bündner Zeitung» vom 4. September 1990: «In einer Telefonkabine des Postamts in Nendeln im Fürstentum Liechtenstein ist am Montagmorgen ein nacktes Neugeborenes entdeckt worden.» Die Polizei habe Ermittlungen eingeleitet.
Aus dem Findelkind von damals ist eine 27-jährige Frau geworden, die seit neun Jahren ihre leiblichen Eltern sucht. Ihre Identität gibt sie bewusst nicht preis, da sie nicht auf diesen kurzen Moment in ihrem Leben reduziert werden möchte.
Aus alten Zeitungs-, Polizei- und Spitalberichten kennt Marina * einige weitere Details. So wurde sie unmittelbar nach der Geburt nachts in die Telefonkabine gelegt. Nachbarn erinnerten sich tags darauf an quietschende Bremsen eines Autos, das schnell wieder davonfuhr. Eine junge Frau, die früh unterwegs war, hörte ein Wimmern und schaute in der Telefonkabine nach. Als sie den Säugling entdeckte, stürmte sie mit ihm im Arm in die Poststelle. Ein Beamter hüllte das Baby in einen wärmenden Postsack und rief sofort die Ambulanz.
Leicht unterkühlt wurde das Baby ins nächste Spital gefahren, untersucht und anschliessend in einer Pflegefamilie platziert. Die Familie konnte Marina ein Jahr später adoptieren. Seit ihrer frühesten Kindheit weiss sie davon. Ihre Eltern haben ihr erklärt, dass Babys manchmal wie kleine Hunde und Katzen ein neues Zuhause bekommen, wo sie es besser haben. Das leuchtete ihr als Mädchen ein. In ihrer Fantasie malte sie sich aus, dass ihre biologischen Eltern auf einem riesigen Bauernhof lebten.
Mit den Jahren kamen Fragen auf, die immer drängender wurden: Wer sind meine biologischen Eltern? Warum haben sie mich ausgesetzt? Habe ich Geschwister? Auf die Suche nach Antworten begab sich Marina mit 18. Sie fuhr mit ihrer Mutter aus der Südostschweiz nach Zürich, um in der Zentralbibliothek nach Zeitungsmeldungen zu suchen. Reiste nach Liechtenstein ins Landesarchiv, um ihre Akten einzusehen. Ein erster Artikel über Marinas Geschichte erschien damals in einer Liechtensteiner Zeitung. 2015 posteten Bekannte für sie einen Aufruf, der mehrere hundert Mal in den sozialen Medien geteilt wurde. Medien berichteten über ihre Geschichte. In der Hoffnung weiterzukommen, erzählte sie der «Südostschweiz» und «20 Minuten» von ihren Nachforschungen. Sie nahm auch das Angebot für einen Gratis-Gentest an. Nichts davon brachte sie weiter.
Unerwartete Meldungen
Über die Mailadresse <email-pii> meldeten sich anschliessend allerlei Leute bei ihr. Hellseher, die ihr weiterhelfen wollten. Eltern, die mit ihren Kindern den Kontakt abgebrochen hatten und dies bereuten. Gläubige, die ihr Jesus näherbringen wollten. Auch zwei Männer meldeten sich. Sie hätten etwa zu der Zeit, in der das Findelkind gezeugt wurde, ungeschützten Sex in der Region gehabt und könnten theoretisch der Vater der jungen Frau sein.
Beim Nachfragen zeigte sich: Der erste hatte falsch gerechnet. Seinen One-Night-Stand hatte er zwölf Monate vor ihrer Geburt. Der andere wäre als Erzeuger infrage gekommen und erklärte sich zu einem Gentest bereit. Doch das Resultat war negativ.
Um sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, sollten ihre Nachforschungen sie tatsächlich zu ihren leiblichen Eltern führen, engagierte Marina einen Anwalt. Die biologischen Eltern hätten nichts mehr zu befürchten. Bei Marinas Fall handelt es sich zwar um die Aussetzung eines Hilflosen, was nach Artikel 127 StGB mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann, aber die Tat ist verjährt. Ihre Eltern könnten nicht mehr belangt werden und wären zu keinen Unterhaltszahlungen verpflichtet.
Marina suhlt sich nicht in ihrer Geschichte. «Es ist, wie es ist», sagt sie. «Mich davon hinunterziehen zu lassen, bringt nichts.» Sie bezeichnet sich selbst als «bodenständigen Typ», ist unternehmungslustig, bewegt sich gern in der Natur, wandert und bikt. Zu ihren Eltern hat sie ein gutes Verhältnis. Ihre Adoptivmutter zeigt grosses Verständnis dafür, dass Marina ihre Wurzeln kennen möchte: «Das ist ein menschliches Grundrecht.» Sie wünscht ihr viel Erfolg bei der Suche und würde sich darüber freuen, wenn Marina ihre leiblichen Eltern finden und sie in ihr Leben integrieren könnte.
Was würde sich für Marina ändern, würde sie ihre biologischen Eltern kennen? «Ich könnte die Fragen der Ärzte beantworten, ob es Krankheiten in der Familie gibt. Ich wüsste, von wem ich die blauen Augen habe und woher meine Kreativität kommt.»
Marina hat keine Angst, etwas zu erfahren, das sie aus der Bahn werfen könnte. Aufgrund von vielen Gesprächen mit Fachleuten hält sie die These für wahrscheinlich, dass ihre leiblichen Eltern wohl jung und finanziell schlecht gestellt waren und sozial wenig Rückhalt hatten. Sie hofft, dass es Mitwisser geben könnte, die nach vielen Jahren ihr Gewissen doch noch erleichtern möchten.
Falsche Hoffnungen macht sich Marina aber keine. Sie zitiert den Lieblingsspruch ihres Grossvaters: «Alles im Leben kommt anders, als man denkt.»
* Name der Redaktion bekannt