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Das «historische Gewissen» von Höngg
Georg Sibler kannte das Quartier wie kaum ein anderer und schrieb die umfassende «Ortsgeschichte Höngg»: Das machte ihn selbst zum prägenden Charakter für Höngg.
23. September 2023 — Daniel Diriwächter
Es sei sein Abschiedswerk, sagte Georg Sibler noch im vergangenen Herbst der «Höngger Zeitung». Die Rede war von seinem Buch «Georg Sibler – Höngger Ortshistoriker». Das Werk ist gleichzeitig die Autobiografie des «historischen Gewissens» von Höngg, als das Sibler galt. Darin schrieb er erstmals über seinen persönlichen Werdegang. Der am 13. Mai 1929 geborene Georg Sibler ist am 2. September nach kurzer Krankheit gestorben.
Seine «Ortsgeschichte Höngg», die im Jahr 1998 von der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg herausgegeben wurde, ist die vielleicht wichtigste Publikation über das Quartier. Für das Werk benötigte Sibler sieben Jahre: Auf über 400 Seiten schrieb er darin akribisch die Geschichte Hönggs nach. Dabei stammte er nicht aus Höngg, sondern wuchs in Dättlikon auf. Doch schon in seinen Jugendjahren hatte er Kontakt mit dem Höngger Lehrer Reinhold Frei, für dessen Schülerzeitung er Texte verfasste.
Sein Leben in Höngg
Das reiche Leben Georg Siblers in einem Artikel zusammenzufassen, ist kaum möglich. Als Sohn eines Pfarrers absolvierte er das Gymnasium und begann im Jahr 1948 das Studium in Philosophie und Geschichte an der Universität Zürich, das er aber nicht vollendete. Stattdessen zog es ihn ins Notariat: Die Ausbildung dazu nahm er Ende 1954 in Höngg in Angriff. Also liess er sich auch hier nieder. In seinen Memoiren erinnerte er sich, wie er im Jahre 1960 eine Festanstellung beim Notariat erhielt. «Ich habe gefühlt, dass ich in Höngg wohl ein Leben lang bleiben werde.» So kam es auch.
Sein erstes Jahr in Höngg war auch privat ein Meilenstein: Er heiratete seine Frau Doris. Die kirchliche Trauung fand in der reformierten Kirche Höngg statt. Ihre erste Wohnung lag am Zwielplatz, später wohnte das Paar, das zwei Töchter grosszog, an der Imbisbühlstrasse. Im Jahr 2010 zog das Paar gemeinsam in die Residenz Im Brühl. Doris Sibler-Wildberger starb im Jahr 2017.
Sibler verfolgte nicht nur seine berufliche Karriere im Notariat in Höngg, sondern sollte eine wichtige Rolle im Quartier einnehmen. Er brachte sein Wissen und sein Schreibtalent in Vereinen und Institutionen ein. Es war beispielsweise sein erklärtes Ziel, der Zunft Höngg beizutreten, dadurch erhoffte er sich eine starke Vernetzung. Zehn Jahre musste er warten, so die Regeln der Zunft. Beim Eintritt kannte er fast alle Höngger Zünfter persönlich. Er gilt heute als Archivar und Chronist der Zunft.
Ebenso brachte sich Sibler beim Ortsmuseum Höngg ein; erstmals mit seiner Schrift «1100 Jahre Höngg – das Dorffest von 1958». Sibler sollte noch viele Male Autor der «Mitteilungen der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins» sein (die bereits erwähnte Autobiografie gehört auch dazu). Und so entstand später, Sibler war bereits im Ruhestand, auch die «Ortsgeschichte Höngg».
Laut der Autobiografie war Sibler schliesslich Passivmitglied in «zahlreichen Vereinen», so unter anderem bei den Samaritern. Bei der Hauserstiftung war er Aktuar, bei der Schmid-Wörner-Stiftung ebenfalls. In seinen persönlichen Worten beschreibt er auch, wie die Mitgliedschaft in der Studentenverbindung «Teutonia», deren Präsident er einst war, ihn geprägt hat, so auch das Militär: Er brachte es bis zum Oberleutnant.
Als politisch interessierter Mensch und Mitglied der FDP strebte Sibler jedoch kein solches Amt an, dennoch setzte er sich als Vorstandsmitglied im Jahr 1993 in der IG Freie Gemeinde Höngg ein. Diese hatte die Abspaltung von der Stadt Zürich zum Ziel. Das gelang trotz einer vollen Liste für die damaligen Gemeinderatswahlen nicht. Der «Tages-Anzeiger» bezeichnete das Vorhaben 20 Jahre später als «separatistisches Strohfeuer». Im dazugehörigen Interview jedoch kam die tiefe Verbundenheit von Sibler zu Höngg zum Vorschein: «Ich glaube, Höngg hat immer noch von allen Stadtquartieren das intensivste Dorfleben. Höngg hat Charakter.»
Als die «Höngger Zeitung» beim Erscheinen der Memoiren den Autor zum letzten Mal treffen durfte, war es Georg Sibler wichtig zu erwähnen, dass er aufgrund seines «Abschiedswerks» keine Wehmut oder gar Traurigkeit verspüre. Viel eher sei es die Freude auf das Erreichte, das ihn erfülle. Darauf war Georg Sibler sehr stolz.