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Hebraistik. Im 15. Jahrhundert, während aus dem Gebiet der Eidgenossenschaft alle Juden durch Abwanderung oder Ausweisung verschwinden, wächst in den Kreisen humanistischer Gelehrter ein Interesse an der hebräischen Sprache und Literatur heran. Schon Aeneas Silvius Piccolomini, der spätere Papst Pius II., bestaunt um 1440 als Teilnehmer am Basler Konzil die zahlreichen in der inneren Stadtbefestigung vermauerten Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Um die gleiche Zeit nimmt der Basler Stadtschreiber Künlin beim getauften Juden Nikolaus von Batzen Unterricht in Hebräisch, denn im amtlichen Umgang mit Juden müssen auch rechtsverbindliche Texte auf Hebräisch abgefasst werden.
Nach 1500, noch vor Beginn der Reformation, gewinnt das Hebräische zusammen mit dem Griechischen an Bedeutung für die Gelehrtenwelt. An der 1460 gegründeten Universität Basel beschäftigen sich Wolfgang F. Capito, Konrad Pellikan oder Sebastian Brant mit der hebräischen Sprache, und mit dem Aufblühen des Buchdrucks in Basel, Zürich und anderen Städten kommt es zur Herausgabe von Schriften auf Hebräisch.
Hebräische Drucke. 1516 erscheint in Basel beim Drucker Johannes Froben das Hebraicum Psalterium, herausgegeben von Konrad Pellikan, Professor für Theologie. Später wirkt Pellikan als Anhänger der Reformation an der Theologischen Schule in Zürich, wo er Hebräisch lehrt. Das Hebraicum Psalterium von 1516 gilt als das älteste in der Schweiz erschienene Druckwerk in hebräischer Sprache.
Die Basler Drucker stützen sich im 16. und 17. Jahrhundert für ihre hebräischen Editionen auf polnische Juden als Setzer. Als Korrektoren wirken Juden aus dem nahen österreichischen Elsass oder aus dem baslerisch-fürstbischöflichen Territorium, die für die Dauer ihrer Aufenthalte in der Stadt eine befristete Niederlassungserlaubnis erhalten.
Ausser in Basel bei Froben, Waldkirch und Petri erscheinen auch in Zürich in der Offizin des Christoph Froschauer hebräische Bücher.
Basler Talmud. Als bedeutendstes Druckwerk des 16. Jahrhunderts gilt mit Recht die bei Froben zwischen 1578 und 1580 in sechs Folianten erschienene Ausgabe des Talmud, ediert von Simon Günzburg aus Frankfurt. Ein sachkundiger Jude, Israel Sifroni aus Guastalla im Herzogtum Parma, wird als Korrektor genannt. Der wissenschaftliche Wert des gewaltigen Werkes wird durch störende Eingriffe der Zensur gemindert, die von der Stadt Basel im Einvernehmen mit dem bigotten Kaiser Rudolf II. veranlasst worden sind.
Weitere hebräische Drucke werden in Basel und Zürich auch im 17. und 18. Jahrhundert herausgegeben. 1602 erscheint die Erstausgabe des „Maasse-Buches“, einer Sammlung von Fabeln und Erzählungen in jiddischer Sprache.
Kontakte. Mit den Juden der österreichischen und fürstbischöflichen Umgebung unterhalten die christlichen, gelehrten Basler Hebräisten und Verleger freundschaftlichen, aber distanzierten Umgang. Sie interessieren sich nicht nur für die hebräische Sprache, sondern auch für die jüdischen Sitten und Gebräuche, was von der Obrigkeit mit Ablehnung und gelegentlich mit Bussen verfolgt wird.
Die kleine Schar humanistischer Gelehrter, die gegenüber dem Hebräischen und der jüdischen Kultur eine gewisse Offenheit zeigen, ist allerdings keineswegs frei von Vorurteilen gegen das Judentum, teilen sie doch, wie aus ihren Schriften hervorgeht, die allgemeine Ablehnung und das tiefe Misstrauen der Bevölkerung gegen die vermeintlichen „Feinde der Christenheit“. Die Tatsache, dass im 16. und 17. Jahrhundert der Talmud und andere Werke auf Hebräisch erscheinen, darf nicht als Beginn von Toleranz oder Verständnis gewertet werden.
Werner Meyer, Enable JavaScript to view protected content.
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