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In früheren Jahrhunderten war Holz ein vorherrschender Baustoff in der Wiler Altstadt. Einzelne Liegenschaften wie beispielweise die Trinkstube zum Hartz sind noch heute davon sichtbar geprägt. Im Gegensatz dazu war das Gebäude am Eingang zur Altstadt ein Massivbau, daher war es als das «Steinhaus» bekannt. An seiner Stelle steht heute die Niederlassung einer Bank.
Ausgestorbener Adel
Die repräsentative Liegenschaft war vom Adelsgeschlecht der Edlen von Wilberg im Jahr 1306 errichtet worden. Als die Dynastie ausstarb, kam es 1351 in die Hände der Gutsverwalter dieser Adelsfamilie. Sie hiessen Müller und stammten ursprünglich aus Schwyz.
Weil sie in dieser Liegenschaft wohnten, wurden sie als die «Steinhaus-Müller» oder auch als «Müller vom Steinhaus» bezeichnet. Damit konnte man sie von anderen Müllers in der Äbtestadt unterscheiden. Sie erwarben das Wiler Bürgerrecht und zählten zur Oberschicht. Damals hatte die Stadt eine Wohnbevölkerung von rund 1500 Personen.
Einflussreiche Familie
Im Stammbaum dieser Familie finden sich Ratsherren, fürstäbtliche Beamte, Kirchenpfleger, Schultheissen sowie weitere Amtsträger. Einige Mitglieder waren auch künstlerisch sehr begabt. Herausragend ist etwa Jakob Joseph Müller (1729-1801), der sein malerisches Können in Rom und Madrid verfeinerte. Er hat in der Region um Wil verschiedene Kirchen mit bildnerischem Schmuck bereichert. Sein bekanntestes Werk ist das kürzlich renovierte Deckengemälde in der Kirche von Maria Dreibrunnen.
Erfolgreiches Familienunternehmen gegründet
Neun Jahre nach seinem Tod kam Franz Pankraz Müller zu Welt. Seine Berufsausbildung erhielt er bei einem Altarbauer in Waldkirch. Danach erweiterte er seine künstlerischen Fähigkeiten in München sowie im süddeutschen Raum.
1831 liess er sich in seiner Heimatstadt nieder und gründete eine Familie. Von den elf Kindern des Paares überlebten nur gerade drei.
1840 eröffnete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder eine Altarbaufirma, die mit vollem Namen «Ateliers für architektonische und plastische Kirchendekorationen, Holzschnitzwerk und Vergoldung» hiess. Deren Standort wird im Haus zum Zebra an der Kirchgasse vermutet. Später zog sie an die Toggenburgerstrasse 30 um, wo sie bis 1940 bestand. Insgesamt drei Generationen nacheinander führten den Familenbetrieb.
Schon rasch hatte er sich einen Namen geschaffen. Die Werkstatt erhielt unter anderem Aufträge für das Basler Münster, für die Augustinerkirche in Zürich sowie für das Gotteshaus in Wattwil.
Liegenschaften bildlich festgehalten
Müller war nicht nur Kunsthandwerker, er war auch ein versierter Zeichner, Maler und Kupferstecher. Ihm verdanken wir verschiedene historisch-dokumentarische Ansichten von Wiler Liegenschaften. Einige von ihnen wurden abgebrochen, andere in ihrem Erscheinungsbild verändert. Müller gab seine Stadtansichten in gedruckter Form heraus.
In seine Wirkungszeit fallen erhebliche bauliche Veränderungen, etwa die Zugangsstrassen in die Altstadt. Auch die Stadttore mussten damals bis auf das Schnetztor weichen. Sie hatten ihre Funktion eingebüsst.
Franz Müller lebte insgesamt in einer Zeit des Umbruchs: Die Industrialisierung schritt voran und konkurrenzierte teilweise das Handwerk, Personen und Güter wurden weniger mit Fuhrwerken und Kutschen transportiert, sie reisten vermehrt mit der Eisenbahn. Und die Französische Revolution und die Aufklärung forderten eine demokratisch organisierte Gesellschaft. Die traditionellen Machtstrukturen gerieten ins Wanken. Es gab ein Tauziehen zwischen weltlicher und kirchlicher Macht sowie zwischen rückwärtsgewandeten und fortschrittlichen Kreisen.
Zeichnungslehrer
Seine darstellerischen Fähigkeiten gab Müller während sechs Jahren als Zeichnungslehrer an die Schüler der Wiler Knabenrealschule weiter. Diese Lektionen erteilte er bis 1860. Danach versah er das Amt eines Schulrates und Schulinspektors, und setzte sich dabei für den Zeichnungsunterricht ein. Drei Jahre lang war er auch Stadtschreiber, später auch Ortsverwaltungsrat und Armenpfleger.
Zwei wichtige Vereine gegründet
Neben seiner bildnerischen hatte er auch eine musikalische Begabung. Er wirkte als Organist, war Mitbegründer des Männerchors Concordia, den er während einiger Jahre dirigierte. Dies brachte ihm dem den Ehrentitel «Director» ein. Zudem führte der umtriebige Wiler auch Regie bei Theateraufführungen und verfasste Gedichte. Damit noch nicht genug, er gründete mit Gleichgesinnten 1862 den Wiler Gewerbeverein, bei dem er auch Vorträge zu verschiedenen Themen hielt. Zeitweise präsidierte er ihn auch.
Gesellschaftlich engagiert
Franz Pankraz Müller starb im Jahr 1887. Bis zu seinem Tod war er allerdings sehr aktiv. Wie einige seiner Vorfahren war er nicht nur in seiner eigenen Branche aktiv, er engagierte sich auch gesellschaftlich. Er gehört zu jenen historischen Personen, die Wil mitgeprägt haben