Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/681

von Phil Blumenthal
Filme über US-Präsidenten gibt es weniger als ich zunächst gedacht hätte. Klar, da sind die grossen Biopics wie LINCOLN und NIXON sowie einige TV-Filme oder Mini Series, doch manch einem Präsidenten blieb bis heute eine filmische Abhandlung verwehrt. «Fantasie-Präsidenten» und «Wahlstories» wie in DAVE, THE CANDIDATE oder THE AMERICAN PRESIDENT gibt es viele, doch wollte ich mich fürs Erste auf die realen Personen konzentrieren, auch wenn die Filme nicht jedes Mal einen Tonträger mit sich brachten.
Wieso nun aber gerade US-Präsidenten in einer Zeit, in der in den Staaten ein Präsident im ovalen Büro sitzt, der eher wie eine Karikatur oder eine unmögliche Hollywooderfindung wirkt? Filme über US-Präsidenten, auch wenn sie – meistens während der Regierungszeit – nur Ausschnitte eines oft bewegten Lebens begehen, haben bei mir damals mit JFK das Interesse geweckt. Ausgerechnet ein Film also, in dem Verschwörungstheorien und Erklärungsversuchen einiges an Platz eingeräumt wird, denn als es Oliver Stones Film mit der Präsidialzeit zu tun hätte. JFK und nicht zuletzt ALL THE PRESIDENTS MEN haben also eine kleine Vorliebe für Filme um US-Regierende geweckt.
Viel Spass mit «Eine Woche mit US-Präsidenten».
JOHN ADAMS (2008) ist eine siebenteilige Mini Series von HBO und eine der empfehlenswertesten TV-Produktionen der 2000er Jahre, definitiv aber eine der besten für den Heimbildschirm produzierten Biografien über einen der Gründerväter der noch jungen, 1776 gegründeten Vereinigten Staaten. Adams’ Amtszeit war von 1797 bis 1801, er war der zweite Präsident der USA nach George Washington unter dem er von 1789 bis 1797 als Vizepräsident diente und als Mitglied des Kontinentalkongresses, der von 1774 bis 1778 die Unabhängigkeit der damals 13 Kolonien des Königreichs von Grossbritannien herbeiführte, tätig. Ausserdem war Adams zusammen mit Thomas Jefferson und Benjamin Franklin an der Unabhängigkeitserklärung beteiligt.
Mittelpunkt der Mini Series ist ein grossartiger Paul Giamatti als John Adams. Er gewann für seine Leistung den Golden Globe und den Emmy, die Serie wurde bei beiden Preisverleihungen ausserdem als beste Mini Series ausgezeichnet. Sie deckt die Zeit von 1770, als Adams eine Gruppe englischer Soldaten in seiner Funktion als Anwalt verteidigt, wofür er viel Häme einstecken musste, bis zu seinem Tod 1826 ab. Ein Leben voller Sorgen, in dem er seinen Sohn Charles, seine Töchter und seine geliebte Frau verlor, einen bitteren Kampf mit seinem einstigen Freund Thomas Jefferson ausfocht und in seinem letzten Amtsjahr in das neue, unfertige und kalte Weisse Haus ziehen musste.
Neben Giamatti sind Laura Linney als dessen Frau und in weiteren Rollen David Morse, Rufus Sewell und Tom Wilkinson zu sehen. Wie immer nahmen sich die Macher (Regisseur Tom Hooper und Drehbuchautor Kirk Ellis) hie und da einige Freiheiten, trotzdem bildet JOHN ADAMS eine der bemerkenswertesten TV-Produktionen wenn es um das Leben eines US-Präsidenten geht, toll ausgestattet und ohne Firlefanz inszeniert.
Die Musik stammt von Robert Lane und John Vitarelli, die sich die Aufgabe teilten. Lane ist ein britischer Komponist, der mit wenigen Ausnahmen im TV tätig ist und Serien wie THE ADVENTURES OF MERLIN, ELIZABETH (2005) und JANE EYRE (2006) vertont hat. Joseph Vitarelli ist ein US-Komponist und Sohn von Schauspieler Joe Vitarelli (ANALYZE THIS), der unter anderem die Mini Series REVELATIONS (2005) mit Bill Pullman und den Film A DOG YEAR (2009) mit Jeff Bridges musikalisch betreut hat.
Der Score erinnert in seinem Eröffnungsstück ein bisschen an Trevor Jones’ und Randy Edelmans THE MOHICAN, auf alle Fälle ist dieses Stück nebst einem noblen Moment durchaus auf viel Spannung gemacht, etwas was bei der Mini Series trotz politischer Ränkespiele so eher nicht enthalten ist. Sonst ist den beiden Komponisten Authentizität durchaus wichtig, aber nicht Hauptbestandteil des Scores. Ein gutes Stück Dramatik verlegen Lane und Vitarelli auf die Streichersektion, angereichert mit vereinzelten Soloinstrumenten (Blockflöte, Klavier). Ein Problem hat JOHN ADAMS, das manch einen Score aus jener Zeit begleitete: Die oftmals gleichbleibende Lautstärke des Orchesters. Mir fehlen das Gefühl und das Spiel mit pianissimo, forte und sforzato, aber auch die Dynamiken als solche. Selbst wenn die Solos eingestimmt werden, ist die Lautstärke, die Spielart oft die gleiche, ob es nun dramatisch, nobel («First President») oder authentisch klingen soll. Eine kleine Ausnahme bilden die wenigen Stücke für Klavier und das abschliessende «Farewell to Adams». Gelungen ist die Zusammenarbeit dahingehend gut, als sich die beiden Komponisten ergänzen, ohne dass die Musik des einen oder anderen als Fremdkörper wirkt (siehe THE MOHICAN). Varèse Sarabande veröffentlichte eine CD mit einer Laufzeit von 78 Minuten.
WILSON (1944) ist ein Film, der einem noch länger vorkommt, als er mit seinen zweieinhalb Stunden tatsächlich ist. Alexander Knox als Woodrow Wilson wirkt blass und steif. An seiner Seite spielen Charles Coburn, Thomas Mitchell und Geraldine Fitzgerald als Wilsons zweite Frau.
Eine Hauptproblematik von Henry Kings Films sind die unzähligen Reden Wilsons, die er mal vor Anwesenden, vor seiner Familie, vor dem Kongress, vor der Presse und, und, und hält. Darryl F. Zanucks damaliges Lieblingsprojekt ist ein langfädiges, stoisches und steriles Porträt eines Mannes, der mehr Vertiefung in sein Tun verdient hätte als in ein oberflächliches Abfeiern getränkt zu werden. Nicht einmal die Szenen der Friedensgespräche vermögen zu packen oder gar Interesse zu wecken, gerade hier wo Wilson auf viel Widerstand stiess. Andere Themen wie die Frauenbewegung und rassistische Tendenzen werden überhaupt nicht angesprochen. Doch sollte man in Relation stellen, wann der Film produziert wurde. 1944 war ein Kriegsjahr und WILSON wirkt auch so: Wie ein aufgepumptes, patriotisches Werk, das die für damalige Zeiten mächtige Summe von 3 Millionen Dollar verschlang und an den Kinokassen einen herben Verlust einfuhr. Kleine Anekdote am Rande: Zanuck war so stolz auf sein Werk, dass er es Winston Churchill vorführte. Dieser hielt scheinbar wenig davon und machte sich alsbald auf ins Bett.
WILSON erhielt zehn Oscarnominationen und gewann deren fünf Goldmännchen, darunter für Kamera, Schnitt und Drehbuch. Eine der Nominationen ging an Alfred Newman für «Best Music, Scoring of a Dramatic or Comedy Picture», was doch sehr verwundert, ist in WILSON so gut wie kaum Originalmusik zu hören. Newman sank tief in die Zeit Wilsons ab und studierte unter anderem die Lieder, die er und seine Familie sangen. Ein solches wird als Thema für ihn und seine erste Frau verwendet. Zu hören sind aber auch viele patriotische Originale und Stücke, die die Ära, in der WILSON regierte, wiedergeben. Der Film, übrigens in Technicolor, was damals noch wenigen Filmen vorbehalten blieb, beginnt im Titelspann mit dem heute noch verwendeten «Hail to the Chief» und der «amerikanischen» Version der britischen Nationalhymne, die in den Staaten «America» genannt wird und natürlich auch einen anderen Text verwendet. «Star-Spangeld Banner» wurde übrigens erst 1931 offiziell zur Hymne der USA obwohl Wilson bereits 1916 die Anweisung gab, die Melodie zu offiziellen Anlässen zu spielen. Der Score abseits vom Film ist eher schwierig zu geniessen, es sei denn man habe eine spezielle Affinität zu Arrangements von Traditionals, zig Versionen von «Hail to the Chief!» und Liedern wie «Oh! Susanna» oder «The Battle Hymn of the Republic». Hübsch sind Einarbeitungen wie in «White House Tour» als Mr. Und Mrs. Wilson durch das Weisse Haus schreiten. Das beherrscht Alfred Newman wie einst Max Steiner.
Die bisher einzige Veröffentlichung dieser doch recht speziellen Filmmusik erschien 2002 bei Screen Archives Entertainment mit 68 Minuten und 41 Tracks (da weiss der Hörer was es geschlagen).
TRUMAN (1995) beginnt Harry Trumans, der seine zukünftige Frau Bess besucht ehe er als Captain in den Ersten Weltkrieg zieht. Danach arbeitete er in seinem eigenen kleinen Laden für Nähzeugs und begann seine politische Karriere als Jackson County Official und Vorsitzender Richter des Jackson County ehe er 1934 für einen Senatssitz seines Heimatstaates Missouri kandidierte. Zehn Jahre war er im Senat tätig als ihm das Amt des Vizepräsidenten an der Seite von Franklin D. Roosevelt quasi in den Schoss fiel. Wie Trumans Berater vorhersahen, starb Roosevelt in seiner letzten (von vier) Amtszeiten und Truman wurde 1945 nach nur 82 Tagen als Vize zum 33. Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeschworen. Er war es schliesslich, der den Einsatz der beiden Atombomben über Japan befahl, bis heute eine seiner umstrittensten Taten. In seiner zweiten Amtszeit brach der Krieg in Korea aus und er stand General Douglas MacArthur gegenüber, mit dem er seine liebe Mühe hatte und ihn schliesslich des Amtes enthob.
Der Film endet an einem Bahnhof wo die Trumans schlicht und einfach abgesetzt werden und zu ihrem Leben nach der Präsidententätigkeit aufbrechen, mit milden 112.56 Dollar monatlich aus seiner Army Pension.
Frank Pierson (A STAR IS BORN) fiel die schwere Aufgabe zu all die obigen Geschehnissen und noch einige mehr (wie etwa die Anerkennung Israels als Staat) in TRUMAN (1985), einer HBO TV-Produktion von rund 2 ½ Stunden Länge, zu stecken. Man kann sich also gut vorstellen, wie viel davon an der Oberfläche bleibt. Dem Film fehlt es in einigen Stellen an Tiefgang. Zwar ist da Bess’ mürrische Mutter, die wenig Gefallen am jungen Harry findet und seine Verbandelung mit dem zwielichtigen Tom Pendergast, die beinahe zu viel Zeit in Anspruch nehmen, auch die Szenen während des 1. Weltkriegs hätten durchaus gestrichen werden können. Nur 150 Minuten Zeit, um die Bio eines kommenden Präsidenten von 1918 bis 1953 abzudecken, das funktioniert einfach nicht. Noch mehr als in WILSON bediente sich der Macher, sicherlich aus Budgetgründen, vieler Newsreels- und Archivaufnahmen. Ausserdem krankt TRUMAN wie WILSON an den zahlreich gezeigten Präsidentenreden.
Gut gibt Gary Sinise den vom Minenspiel her durchaus eingeschränkten, manchmal unterkühlt wirkenden, mit einer markant quäkenden Stimme sprechenden Truman und holte sich damit einen Golden Globe. Zusammen mit der Kostümabteilung einer der Höhepunkte des Films. Spannender als das was Thomas Rickman in sein Drehbuch packen musste, wäre die Konzentration auf die Jahre als Präsident gewesen. Wie schnell Truman hier den Einsatz der Bombe absegnet, lässt einen sprachlos zurück – und danach? Alles vorbei? Keine Gewissensbisse? Der Disput mit MacArthur und die Ränkespiele, die zum Staat Israel führten, all das hätte genügend guten Stoff geboten. Nur sehr wenig für den Film komponierte Musik von David Mansfield findet sich in TRUMAN. Der Komponist (und Multinstrumentalist) von Filmen wie HEAVEN’S GATE und DESPERATE HOURS hat ein durchaus präsidiales, Americana behaftetes Thema geschrieben, das vor allem gegen Ende des Films häufiger zum Einsatz kommt. Vielleicht sind es neben den Traditionals wie «Hail to the Chief!» und klassischer Musik (die Tochter der Trumans versucht sich mit wenig Erfolg als Sängerin – des Präsidenten Reaktion auf eine heftige Kritik in der Washington Post führte zu einem kleinen Skandal) 20 bis 25 Minuten Originalmusik Mansfields. Anders als in der heutigen Zeit, in der viele TV-Musiken den Weg auf Tonträger oder Streamingangebote finden, gab es zu TRUMAN keine Veröffentlichung.
Rob Reiners Film LBJ (2016) ist ein wenig gesehener, bei uns ziemlich unbekannter Film über den 36. Präsidenten Lyndon B. Johnson und dessen erstes Amtsjahr nach dem Attentat auf John F. Kennedy. LBJ war damals Kennedys Vize-Präsident und wurde, auf eigenen Wunsch, noch in der Air Force One in das Amt des Präsidenten vereidigt. Reiners Film beschränkt sich auf die erste Amtsphase bis 1964 und verwendet recht viel Zeit für Rückblenden (die parallel zur Ankunft in Dallas und der Fahrt bis zum Dealey Plaza gezeigt werden) um Johnsons Werdegang vor und als Vize-Präsidenten zu zeigen. Im letzten Teil des Films schliesslich kämpft Johnson für den von Kennedy in Gang gesetzten Civil Rights Act, der Schutz und Gleichberechtigung aller Rassenangehörigen in den USA endlich im Gesetz festschreiben soll. LBJ unterscheidet sich somit von John Frankenheimers hervorragendem TV-Film PATH TO WAR (2002, Musik: Gary Chang), der Johnsons Tätigkeiten während des Vietnamkriegs zeigte für die er wie wir wissen viel Kritik und Gegenwind auf der ganzen Welt erhielt.
Rob Reiner ist bestens bekannt für die erfolgreiche und wundervolle Komödie WHEN HARRY MET SALLY mit Meg Ryan und Billy Crystal. Dabei vergisst man gerne, dass Reiner Filme wie MISERY, A FEW GOOD MEN und THE GHOSTS OF MISSISSIPPI inszeniert hat, alles Werke mit einer todernsten Thematik. Mit der romantischen Komödie THE AMERICAN PRESIDENT war Reiner bereits im Weissen Haus tätig, wohin er mit LBJ also zurückkehrte. Hier ist Woody Harrelson als Lyndon B. Johnson zu sehen, seine Frau Lady Bird wird von Jennifer Jason Leigh gespielt. Weitere Rollen spielen unter anderem Richard Jenkins, Michael Stahl-David (als Bobby Kennedy), Bill Pullman und der einstige Teeniestar C. Thomas Howell sowie Jeffrey Donovan, der JFK hervorragend wiedergibt.
LBJ ist mit 97 Minuten ein erstaunlich normal getimter, zügig inszenierter Präsidentenfilm, der mir erst jetzt, in der Recherche zu dieser Präsidenten-Woche, gewahr wurde. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn mit gerade mal 2.5 Millionen $ tauchte er an den Kinokassen gewaltig; bei uns kam LBJ gar nicht in die Filmtheater. Harrelson macht seine Sache gut, er kommt aber nicht an den grandios spielenden Michael Gambon in PATHS OF WAR heran, der weniger auffälliges Make-Up über sich ergehen lassen musste. Äusserlich nimmt Harrelson LBJ nicht so ganz ab. Dennoch sei der Film all jenen, die an diesem Genre Gefallen finden, sehr empfohlen.
Musikalisch stand Rob Reiner Stammkomponist Marc Shaiman zur Seite, mit dem er seit MISERY regelmässig und bei nun 17 Filmen zusammengearbeitet hat, welch stattliche Zahl an Projekten, die fast vergessen geht, was mitunter auch daran liegen mag, dass Reiners letzte Filme mit Ausnahme von THE BUCKET LIST (2007) nicht sonderlich erfolgreich waren. Aber auch um Marc Shaiman ist es in den letzten Jahren deutlich ruhiger geworden. Erst 2018, als er mit MARY POPPINS RETURNS eine Oscarnomination generieren konnte, kam er wieder auf den Radar einiger Filmmusikfans.
Shaimans Score wurde von Lakeshore Records lediglich als Download mit 48 Minuten Laufzeit veröffentlicht. Schade eigentlich, denn seine Musik ist durchaus gut anhörbar. Eröffnet wird die der Film «präsidial» mit dem Hauptthema, einem noblen Motiv für Hörner, Streicher und Snares. Auch hier haben wir also die Grösse, die Macht der Regierung, die musikalisch abgebildet wird, gleichzeitig versprüht dieses Motiv aber auch eine gewisse Wehmütigkeit («Nomination Announcement»). Mit Klavier, Holzbläsern und den Streichern lässt Shaiman die intimeren Momente LBJs durchblicken: «Bird, Get Me a Drink», «Do You Want This?» oder in der Eiscrèmeszene, während Stücke wie «Kennedy on the Phone» geschäftig und verspielt erscheinen. Da Reiner die Fahrt durch Dallas und zum Dealey Plaza nachstellt, erklingen hier düstere Momente («Motorcade»). Atonale Streicher und eine unnachgiebige Pauke lassen in «Assassination» und «Rush tot he Hospital» berechtigterweise Ungutes erahnen. Mit «The Speech» vor dem Senat bezüglich des Civil Rights Acts schliesst Shaiman den Reigen und lässt LBJ in «Let’s Get to Work» seine Arbeit voller Mut und Zuversicht aufnehmen. Die Schlusstitelmusik fehlt beim Download.
LBJ ist ein gelungener, durchaus empfehlenswerter Score in Zeiten von Sounddesign und experimentelleren Filmmusiken!
Zur gleichen Zeit wie LBJ entstand die HBO Produktion ALL THE WAY mit Byran Cranston als Lyndon B. Johnson. Dieser Film konzentriert sich auf die Zeit nach der Kennedy-Ermordung und Johnsons Kampf um den Civil Rights Act. Die Musik dazu stammt von James Newton Howard und wurde bei Decca veröffentlicht.
LINCOLN war ein lange Zeit auf der Wunschliste stehendes Projekt von Steven Spielberg, welches er 2012 nach den nicht minder aufwändigen WAR HORSE und THE ADVENTURES OF TINTIN, beide 2011 entstanden, verwirklichte. Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner erzählen einen kurzen, aber wichtigen Ausschnitt aus dem Leben eines der populärsten Präsidenten (Kriegspräsidenten, wie sie in den USA genannt werden, haben oft ein gewisses Ansehen – sehen wir mal von George W. und L.B. Johnson ab), der sich um den 13. Verfassungszusatz dreht: Die Sklaverei in der Verfassung festgeschrieben zu verbieten. Für diesen benötigte Lincoln eine Zweidrittel-Mehrheit im Repräsentantenhaus, doch der Gegenstrom, dem er sich stemmen musste, war heftig. Sogar in den eigenen Reihen der Republikaner stiess Lincoln auf Widerstand, während sein Kabinett den Bürgerkrieg so schnell wie möglich beenden wollte, auch für den teuren Preis, damit die Sklaverei weiterhin beizubehalten. Der Film gestattet private Einsichten, insbesondere seine Ehe mit Frau Mary, die unter schweren depressiven Stimmungen seit dem Tod ihres Kindes leidet, wird beleuchtet.
Dank des hervorragenden Buchs, Kameramann Janusz Kamińskis stimmigen, passenden Bildern und allen voran einem glänzenden Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln, wird der Film zum Ereignis und zu einem der besten der späten Phase in Spielbergs Schaffen. Sally Field ist als Mary zu sehen, während James Spader, Joseph Gordon-Levitt, Tommy Lee Jones, Jackie Earle Haley und Hal Holbrook in bemerkenswerten Nebenrollen agieren. Spielberg hat das Thema Rassismus zuvor in THE COLOR PURPLE und AMISTAD verarbeitet, wobei gerade letzterer zu einem arg bemühten Tränendrüsendrücker verkam und THE COLOR PURPLE durchaus zu einem Manifest für eine starke Frau wurde.
Day-Lewis erhielt für seine Leistung seinen wohlverdienten dritten Oscar nach MY LEFT FOOT und THERE WILL BE BLOOD, während John Williams eine weitere Nomination abholen durfte (Mychael Danna gewann damals für LIFE OF PI).
Übrigens enthält die internationale Kinoversion einen Prolog, als Erklärung für weniger geschichtsbewusste Kinogänger dienend, der in der US-Version nicht zu sehen war. Dennoch blieb das internationale Einspielergebnis etwas hinter den Erwartungen zurück, zwei Drittel der 280 Millionen Dollar stammen von US-Kinos.
Williams’ Musik versprüht zugleich Optimismus und Wehmut, Hoffnung und Traurigkeit. Er begleitet Spader und seine Helfer spielerisch bei der nicht immer ganz legalen Stimmenbeschaffung («Getting out the Vote», «Race to the White House») und zeichnet ein intimes Porträt («Father and Son», «Remembering Willie», «The Dream») einer schwierigen Lebensgeschichte. Bisweilen erinnert LINCOLN an die stillen, nachdenklichen, aber auch triumphaleren Momente aus SAVING PRIVATE RYAN und WAR HORSE. Wie oft bei Williams in der den letzten Jahren, ist es das abschliessende Musikstück, das den Ton des Films in einem langen Track trifft und zusammenfasst, das ist auch bei LINCOLN der Fall. Klugerweise haben Regisseur und Komponist mit Ausnahme einer hübschen Version von «Battle Cry of Freedom» (das mir in dieser Präsidenten-Woche einige Male begegnet ist) auf zeitgenössische Bürgerkriegs-Musik verzichtet.
Bei Sony Classical erschien die offizielle CD mit 59 Minuten Musik (eine ausführliche Rezension von Steve ist hier zu finden) während eine kürzere «for your consideration»-Version für die Mitglieder der Academy durch die Sammlerreihen gereicht wurde.
Einer der besten Filme zum Thema Kubakrise von 1962 ist Roger Donaldsons THIRTEEN DAYS (2000) aus der Sicht des Beraters von Präsident Kennedy, Kenneth O’Donnell, erzählt, basierend auf dem Buch «The Kennedy Tapes: Inside the White House During the Cuban Missile Crisis» (und nicht wie öfters fälschlicherweise erwähnt auf Robert Kennedys «Thirteen Days»). Die Geschichte dreht sich also um jene schicksalshaften 13 Tage im Oktober ’62, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte nachdem ein U-2 Spionageflugzeug die Stationierung von ballistischen Raketen der UdSSR auf Kuba ausmachte. Im Film wird gezeigt wie Kennedy von den Militärs wiederholt zu einem Erstschlag aufgefordert wird, während O’Donnell zusammen mit Bobby Kennedy versucht eine diplomatische Lösung zu finden. Während der UN-Botschafter Adlai Stevenson die Sowjets vor versammeltem Sicherheitsrat zur Rede stellt, trifft sich Bobby Kennedy mit dem russischen Botschafter Dobrynin um eine Übereinkunft zu erreichen.
Gelungen sind solche auf Fakten basierende Filme, obwohl der Ausgang dem Zuseher vorab klar ist, wenn der Weg dorthin dicht, spannend und durchaus plausibel gestaltet ist. Das ist bei THIRTEEN DAYS hervorragend gelungen, auch wenn sich der Film da und dort dramatischer Mittel und kreativen Freiheiten bedient, die nicht ganz so passiert sind (laut McNamara war es eher Soerensen, der die Rolle O’Donnells in Tat und Wahrheit einnahm). Donaldson (NO WAY OUT) erreicht eine knisternde, Nägel kauen verursachende Spannung, das Drehbuch von David Self (THE ROAD TO PERDITION), ein hervorragender Cast mit Kevin Costner, Bruce Greenwood, Steven Culp und Michael Fairman sowie die stimmungsvollen Bilder von Andrzej Bartkowiak (TERMS OF ENDEARMENT) sind Ingredienzen, die den Film weit über den Durchschnitt heben.
Die meist guten Filmkritiken halfen dem Film leider nicht, das hohe 80 Millionen Dollar Budget an den Kinokassen zu erreichen; Kevin Costner war nach den Flops mit WATERWORLD und THE POSTMAN längst nicht mehr der Boxoffice-Garant, der er anfangs der 90er war.
Die Musik stammt vom südafrikanischen Komponisten Trevor Jones, der um die 2000er mit seinem düsteren DARK CITY (1998) für Aufsehen sorgte. Für THIRTEEN DAYS konnte Jones auf das London Symphony Orchestra unter Leitung von Geoffrey Alexander plus in einigen wenigen Tracks auf einen Chor zurückgreifen.
Jones ist mir immer ein Rätsel geblieben. Er kann fantastische Themen wie in THE DARK CRYSTAL (1982) oder CLIFFHANGER (1993) schreiben, aber auch Unnahbares oder Musiken, die man mit ihm gar nicht in Verbindung bringen würde (RUNAWAY TRAIN, MISSISSIPPI BURNING). So ist bis heute DARK CRYSTAL sein mit Abstand bestes Werk ist. Wie viele andere der gestandenen Komponisten sieht sich Jones heutzutage einer wahren Flut an Musikern gegenüber, die für weniger Gage und mit zielsicheren Fingern an Samples und Mac arbeiten, weshalb es auch um Jones ruhiger geworden ist. Der letzte Score von ihm, der in meiner Sammlung auftauchte, stammt aus dem Jahr 2005 zum japanischen Film AEGIS, in den man durchaus reinhören sollte.
THIRTEEN DAYS gehört eher zur Kategorie der filmdienlichen oder vielleicht treffender spannungsdienlichen Arbeiten. Ja, es gibt tolles thematisches Material in «Lessons in History» und «The Will of Good Men», aber diese bilden die Ausnahme in einer vor allem atmosphärischen, düster gehaltenen Musik, in der das LSO nur selten zum Scheinen kommen kann. Trevor Jones setzt neben dem Orchester wie desöfteren auch Synthesizer ein. Eine CD ist 2000 bei Hollywoods Records mit 69 Minuten Score erschienen.
David Frost war in England einer der bekanntesten Talkmaster, als er im Fernsehen die Rücktrittsrede von Richard Nixon sah. Dabei schoss ihm durch den Kopf, dass ein Interview mit einem Präsidenten, der seines Amtes enthoben wurde, für mächtig Einschaltquoten sorgen dürfte. Drei Jahre lang wiegelte Nixon jegliche Anfragen von allen Seiten der Medien ab, ehe er schliesslich einwilligte mit dem politisch unerfahrenen David Frost das Gespräch zu suchen, davon ausgehend, dass er, Nixon, hiermit gegen seine Unbeliebtheit etwas unternehmen und Frost dominieren können würde. Frost scheitert jedoch zunächst daran, das Interview an einen amerikanischen Sender zu verkaufen und so produziert er es schlussendlich selber. Als es zu den ersten Produktionstagen kommt, spielt Nixon zugleich seine besten Karten jeweils kurz vor dem Interview aus, um Frost aus dem Konzept zu bringen. Das gelingt immer wieder und das Team um Frost droht deswegen auseinanderzubrechen. Statt Nixon in ein kritisches Licht zu rücken, schafft es der Ex-Präsident sich aus jeder Lage herauszuwinden. Schliesslich ist es soweit, Frost, der eines Nachts ein Telefon eines betrunkenen Nixon erhalten hat, dreht den Spiess um, spielt vor der Aufnahme die Karte aus, mit der bisher Nixon so clever umzugehen wusste und verwendet neues Recherchematerial aus den vergangenen Tagen dafür, Nixon zu entlarvenden Zugeständnissen zu bringen. Frost läuft zur Hochform auf und es entstand ein Interview, das heute noch bekannt und auf youtube immer wieder angeklickt wird.
Ron Howard (APOLLO 13) und Drehbuchautor Peter Morgan, der auch das Skript für das erfolgreiche Theaterstück geschrieben hat, nehmen sich für den Film einige dramaturgische Freiheiten, wie es nicht nur aber sicher besonders in Hollywood üblich ist. Tatsächlich findet der im Film als Schlusspart gezeigte Teil des Interviews im Original mitten im Gespräch statt. Der Dramaturgie eines Films tut es allerdings sicher gut, wenn der Höhepunkt ans Ende versetzt wird, von daher ist dieser kreative Kniff nachzuvollziehen. Besetzt wurde der Film übrigens mit den beiden Darstellern der erwähnten Theaterproduktion: Frank Langella als Nixon und Michael Sheen (der in THE QUEEN Tony Blair spielte) als David Frost. FROST/NIXON (2008), ein eher kleiner Film, entstand zwischen Ron Howards Grossproduktionen THE DAVINCI CODE und ANGELS & DEMONS. Er gibt einen Einblick in die Arbeit der TV-Journalisten und in die Seele eines noch immer angeschossen und verwundet wirkenden Nixon, der von Ford begnadigt wurde und sich keinem juristischen Nachspiel stellen musste. FROST/NIXON wurde für mehrere Oscars und Golden Globes nominiert.
Es zieht sich wie ein roter Faden durch die hier besprochenen Filme: Auch FROST/NIXON war trotz mehrheitlich guter Kritiken kein Erfolg beschieden, insbesondere und gerade im Vergleich mit Ron Howards anderen Filmen, die aber deutlicher als sogenannte crowd pleaser fungierten. Wenn man FROST/NIXON etwas ankreiden kann, dann sicherlich, dass er zwischendurch auf leichtes Entertainment schaltet und hie und da einige Hollywoodismen bemüht. Ansonsten ist das ein gut gemachter, hervorragend gespielter Film über das Leben nach der Präsidentschaft eines der meistgehassten Männer der Vereinigten Staaten.
Hans Zimmer hat zwar bereits 1991 mit Ron Howard gearbeitet, doch es dauerte bis 2006 und THE DAVINCI CODE, ehe die beiden wieder zusammenkamen. Ein Jahr danach entstand FROST/NIXON, für den Zimmer eine Golden Globe Nominierung erhielt. Die Musik ist elektronisch und orchestral gehalten, wobei ich mir nicht bei jeder Orchesterstimme sicher bin, ob es sich dabei nicht doch nur um ein Sample handelt, von denen Zimmer Unmengen in seiner Soundbibliothek hat. Den gesamten Score durch bleibt Zimmer dem anfangs geschaffenen Vokabular treu, er setzt da einen perkussiven Klang dazu, erhöht dort die Intensität der Musik etwas. Immer angespannt, unterkühlt bleibend und nur selten überbordend oder emotional (wie kurz im Track «Status»). Ein durchaus filmdienlicher Hans Zimmer, der sich besser anhört, wenn man den Film gesehen hat.
Erschienen ist damals bei Varèse Sarabande eine 43 Minuten lange CD.
VICE (2018) ist ohne Zweifel der schrägste Vertreter in diesen Reihen, ausserdem geht es in erster Linie um Dick Cheney und dessen Rolle als einflussreicher Vize-Präsident Dick Cheney, der George W. Bush mehr als nur zur Seite stand. In Adam McKays (THE BIG SHORT) Film spielt, grossartig, Christian Bale Cheney von seiner Anfangszeit in Yale, wo er wegen Alkoholexzessen sein Stipendium verliert, über seine Tätigkeit als Praktikant im Kongress und seine Arbeit unter Donald Rumsfeld, damals unter Nixon im Kabinett, und den Aufstieg zum Stabschef unter Präsident Glenn Ford. Cheney wird später, nachdem Ford das Rennen gegen Jimmy Carter verliert, ins Repräsentantenhaus gewählt, Verteidigungsminister unter George Bush (Senior) und tritt gegen den Willen seine Frau als Vize von George W. gegen Al Gore an. In dieser Position ist er einflussreicher als so mancher seiner Vorgänger.
VICE ist schwarzhumorig, satirisch, manchmal bitterbös und zeichnet ein wirklich düsteres Bild des Politikertums in Washington. Plötzlich wird eine völlig überdrehte Musicalnummer eingestreut, dann wiederum ist Christian Bale als Cheney für die Folter-Methoden der CIA nach 9/11 und die Einführung von Steuererleichterungen für Superreiche verantwortlich. Man muss diesen Film gesehen haben, um diese Sprünge und den Wahnsinn zu verstehen, der sich in VICE bisweilen breit macht. Diesen gekonnten Balanceakt beschreitet auch Nicholas Britell mit seiner Musik.
Neben Bale spielen Amy Adams, Sam Rockwell (als Georgie jr.), Tyler Perry und als Donald Rumsfeld der von mir gern gesehene Steve Carrell. Vielleicht war der Film zu schräg und zu kritisch, VICE hatte jedenfalls Mühe sein Produktionsbudget einzufahren, insbesondere im Ausland, wo es Präsidenten-Filme fast traditionsgemäss immer schwer haben.
Nicolas Britell hat eine der besten Filmmusiken von 2018 geschrieben. Der Komponist von MOONLIGHT und des ebenso gelungenen IF BEALE STREET COULD TALK ist einer der talentiertesten der jüngeren Garde Hollywoods. Der heute 40jährige hat die Juilliard School of Music und Harvard University besucht. In dieser Phase war er als Tastenhauer in einer Hip-Hop-Band tätig. 2008 stand mit dem Kurzfilm EVE (Regie: Natalie Portman) seine erste Arbeit als Filmkomponist an. Als Produzent gewann er mit Damien Chazelle den Oscar für den besten Kurzfilm (WHIPLASH). Für die TV-Serie SUCCESSION, die inzwischen in der dritten Season ist, holte sich Britell den Emmy für die beste Titelmusik.
Anders als vielleicht erwartet, unterlegt Britell musikalisch nicht das Leben des Dick Cheney, sondern den politischen Wahnsinn und die Ironie von Adam McKays Film, für den er zuvor THE BIG SHORT machte, jedoch immer auf einer ernsten Note bleibend, VICE ist alles andere als ein Comedyscore. Für Bales Cheney hat Britell eine Art larger than life Thema geschrieben, das sich im Stück «Prelude and Develpoment» zum Hauptthema aufbaut und als musikalisches Gleichnis zu Cheneys Machtapparat und -hunger beschrieben werden kann. Ein weiteres Thema ist mit Ehefrau Lynne und der Familie verbunden und bildet die Musik für einen Schlusstititel, der plötzlich mitten im Film gezeigt wird und eine zuckersüsse Sequenz abschliesst. Herrlich gemacht! Funky und jazzy unterlegt Britell Cheneys politische Tätigkeit in den Siebzigern bis in die achtziger Jahre hinein. Eine weitere musikalische Sequenz bildet die Musik für die Zeit als Vizepräsident, darunter findet sich ein Stück das wieder konträr den Filmszenen eingesetzt wird, wenn Folter- und andere Szenen aus dem zweiten Irakfeldzug mit einer kräftigen, zuversichtlichen Musik unterlegt werden.
Was hier wie ein fröhliches Durcheinander klingt, funktioniert im Film meisterhaft, es hört sich als auch losgelöst als Filmmusik verdammt gut an. Britell versteht sein Handwerk, intellektuell und handwerklich. Er trifft den Ton dieser Realsatire und hätte eine Oscarnomination für VICE zweifelsohne verdient gehabt. Doch ebenso wie mit seinem tollen IF BEALE STREET COULD TALK sollte es nicht sein. Ich bin überzeugt, dass Britell unter Filmmusikhörern mit diesen beiden Musiken zurecht einige Fans dazu gewonnen hat. Der Score erschien bei Decca, allerdings lediglich als Download oder für die Audiophilen unter uns, die noch über einen Plattenspieler verfügen, als Doppel-LP.
Nixon war bei seinem unrühmlichen Abgang ehe er den Helikopter betrat, bei dem er wie immer beide Arme mit dem V für Victory-Zeichen emporstreckte, einer der meistgehassten Präsidenten der USA. Sein Lügengebilde, das er monatelang Aufrecht hielt und verteidigte, bröckelte und brach schliesslich in sich zusammen. Der Watergate-Skandal und eine Presse, die sich auch von Einschüchterungsversuchen nicht beeindrucken liess, waren der Auslöser. Dabei hatte der Erzkonservative Demokrat politisch das ein oder andere ins Reine gebracht. So verfügte er den Abzug aus Vietnam (nachdem er zuvor in seiner ersten Amtszeit versuchte die Nordvietnamesen mit heftigsten Bombardements zu zermürben und den Krieg sogar nach Kambodscha verlagerte) und näherte sich dem kommunistischen China an. Andere Vorstösse wie die Drogenpolitik, mit der er die Wurzel des Übels auf Hippies (die er hasste) und Schwarze schieben wollte, waren mehr als umstritten.
NIXON (1995) wurde von Oliver Stone als 192 Minuten Mammutproduktion inszeniert (in den USA erschien der Film später auf DVD und Blu-ray in einer Director’s Cut Fassung mit 212 Minuten Länge). Stone entschied sich die Zeit von 1960 (der Niederlage Nixons um die Präsidentschaft gegen John F. Kennedy) bis zu seinem Rücktritt 1974 ins Auge zu fassen und in Rückblicken an Nixons nicht immer einfache Kindheit in Südkalifornien, die die strenge, religiöse Erziehung seiner Mutter und die beiden Tode seiner Brüder Arthur und Harold zeigen, zu erinnern.
Der Film zeichnet ein Bild eines gehetzten, manchmal paranoid wirkenden Mannes, dessen Ehe oft nur noch auf dem Blatt existierte. Die Zeitachse, die Stone präsentiert, hin und herspringend, ist nicht immer einfach zu verfolgen, insbesondere wenn man die Geschehnisse nicht vorher gekannt hat. Auch vermischt er oft innerhalb einer Szene dokumentarisch anmutende Bilder, Ich-Perspektive, Schwarz-weiss und Farbe.
Neben einem eindrücklich aufspielenden Anthony Hopkins besticht der Cast unter anderem mit Joan Allen (als Ehefrau), J.T. Walsh, James Woods, E.G. Marshall, Powers Boothe, Ed Harris, Paul Sorvino (als Kissinger) und in einer kleineren Nebenrolle Bob Hoskins (als J. Edgar Hoover). NIXON ist für uns Europäer der politischen Ränkespiele und vielen Namen, die ins Spiel gebracht werden, aber auch des Erzählstils wegen, kein immer einfach nachzuvollziehender Film. In den Dialogen ist viel Information erhalten und die schnell sprechenden Akteure machen es einem in der Originalversion nicht leichter. Da helfen oft nur die Untertitel. Das alles, plus der spezielle visuelle Stil, waren für das Kinopublikum möglicherweise zu viel des Guten, Oliver Stones langer aber nie langweiliger Film war ein Flop. Schade um diesen grossartigen Streifen, der tiefe, fatale und bedenkliche Einblicke hinter die Fassade des Weissen Hauses und einer Regierung bietet, die lange noch die Geschichte der USA verfolgen würden.
Robert Richardson (bis und mit U-TURN Stones Stammkameramann und heute für Quentin Tarantino tätig) liefert die düsteren, manchmal an THE GODFATHER erinnernden Bilder, während Stone nach JFK und BORN ON THE 4TH OF JULY zum dritten Mal auf die musikalische Hilfe von John Williams zurückgriff. Ich mache keinen Hehl daraus: Während der Film mein liebster zum Thema US-Präsidenten ist, ist Williams’ Komposition, für die es eine weitere Oscarnomination gab, mein Favorit in seiner Stone-Trilogie.
Die düstere, schwere Musik komplettiert und unterstützt Stones anspruchsvollen visuellen Stil und Hopkins’ Spiel wirklich famos, leider ist sie da und dort etwas leise abgemischt. Will man ein grösseres Spektrum des Scores erreichen, ist man also auf die CD angewiesen. Die Eröffnung mit «The 1960’s: The Turbulent Years» ist ein grossartiges, geschäftiges und mitreissendes Stück, einige der Hauptmotive des Films abdeckend, während uns «Main Titles… The White House Gate» zurück in die Verbitterung und einen zum Scheitern verurteilten Machtapparat holen. In «Growing up in Whittier» ist Nixons Kindheit abgebildet, melancholisch und immer auch mit Schmerz und Leid ausgestattet, wird das Aufwachsen mit seinen geliebten Brüdern unter einer streng religiösen Mutter und einem weniger präsenten Vater, der schon mal zum Hosengurt griff um sich durchzusetzen, abgebildet. Das noble Trompetenthema findet eine tragische Abwandlung in «Losing a Brother». In «The Ellsberg Break-in and Watergate» und «Love Field: Dallas, November 1963» zeigt Williams eine atonalere, dunklere Seite des Scores, hier verwendet er Streicher, Harfe, Perkussion, unheilvoll im Hintergrund zu erahnende Blechbläser und sogar einen Synthesizerklang, um die kriminellen Handlungen und mehr als nur angetönte Verschwörungen zu unterstreichen.
Diese Klangwelt führt Williams auch in «Track 2 and the Bay of Pigs» weiter, baut sie hier aber aus bis zu ihrem kräftigen, Macht erschliessenden Abschluss. In «The Meeting with Mao» unterlegt Williams den Dialog, der das Treffen Nixons mit dem chinesischen Machthaber zeigt. Hier war der Präsident noch bei der Sache, später im Film, als er im Weissen Haus Leonid Breshnew trifft, ist ein weitaus angeschlagenerer und zerstreuter Nixon zu sehen (nicht auf der CD enthalten). Abgerundet wird die Disc mit «The Farewell Scene» mit der Abschlussrede vor seinen Mitarbeitern und dem Abflug im Helikopter. Williams nimmt das Familienthema und das grosse, mächtige und zugleich bedrückende Nixon-Thema wieder auf – eine besonders im Film ergreifend gestaltete Szene. Die gelungene Adaption von «Oh Shenandoah», die Schlusstitel untermalend, findet sich nicht auf der CD. Was mich jedoch wie eine treue Seele durch die Präsidenten-Woche begleitet, ist auch in NIXON zu hören: «The Battle Hymn of the Republic». Die Hollywood Records CD präsentiert 47 Minuten Musik. Wie wir es von Williams gewohnt sind, hat er einige Stücke für diese Präsentation hörgerecht gestaltet. Eine Deluxe Edition wäre mehr als willkommen.
Als kleines Supplement sozusagen ein Film, der die unnachgiebige Recherchearbeit eines Journalistenduos und die Aufdeckung zeigt, die innert kürzester Zeit zum Fall eines Präsidenten führte.
Als ein Wachmann im Juni 1972 im Gebäudekomplex Watergate eine unverschlossene Tür vorfindet, nimmt das politische Schicksal Nixons seinen Lauf. Bob Woodward, und Charles Bernstein, Reporter bei der Washington Post, nehmen die Story auf und entdecken Zusammenhänge, die scheinbar zur CIA hinweisen, doch ihr Chefredaktor Ben Bradlee ist nicht überzeugt, findet die Story löchrig und fordert die beiden auf, genauer und besser zu recherchieren. Woodward kontaktiert eine Quelle, die er zuvor bereits nutzte, genannt «Deep Throat». Schliesslich gelingt es Woodward und Bernstein die fünf Einbrecher von Watergate mit korrupten Machenschaften um Nixons Komitee zur Wiederwahl und mit einer Sabotageorganisation gegen demokratische Präsidentschaftskandidaten in Verbindung zu bringen, in die der Chief of Staff des Weissen Hauses, Haldeman, verwickelt ist. Bradlee erkennt auch auf Grund der Reaktionen des Weissen Hauses, was hinter der Sache stecken könnte. Während Woodstein, wie er seine beiden Reporter nennt, ihre Story in die Tasten hauen, wird in einem TV im Hintergrund die Vereidigung Nixons für seine zweite Amtszeit gezeigt… alles andere ist Geschichte.
ALL THE PRESIDENT’S MEN (1976) wurde von Alan J. Pakula, einem Meister des düsteren Thrillers (KLUTE, PRESUMED INNOCENT) inszeniert und mit einem Duo besetzt, das damals zum Besten gehörte was Hollywood zu bieten hatte: Robert Redford und Dustin Hoffman spielen nicht ohne Augenzwinkern die beiden Reporter, Jack Warden und Jason Robards ihre Vorgesetzten und als «Deep Throat» ist Hal Holbrook zu sehen. Ein famoser Journalistenfilm und einer der besten dieses Genres, grossartig gespielt, von Gordon Willis («der Schattenmann») toll fotografiert und von Pakula straff geführt, selten zuvor war ein Journalistenfilm so beklemmend und spannend zugleich, eine Kunst insbesondere dann, wenn das Resultat bereits von Anfang an bekannt ist. Den Weg dorthin interessant genug zu gestalten, das ist Pakula und Drehbuchschreiber William Goldman bestens gelungen. Der Film gewann vier Oscars: Art Direction (die weiten Büroräume der Washington Post wurden bis ins kleinste Detail nachgebaut), Adapted Screenplay, Sound, Nebendarsteller (Jason Robards).
Obwohl Michael Small für Pakula die Musiken zu KLUTE und THE PARALLAX VIEW schrieb, holte der Regisseur für ALL THE PRESIDENTS MEN David Shire an Bord, der kurz zuvor mit THE CONVERSATION und THE TAKING OF PELHAM ONE-TWO-THREE das Genre bereicherte. Nachdem Shire einen Rohschnitt des Films sah, meinte er zu Pakula: «You might not need any score.» Tatsächlich verblieben von seiner Musik gerade mal 12 Minuten im Film; es vergeht eine halbe Stunde ehe die ersten Klänge zu hören sind. Das Hauptmotiv wird meist von den Hörnern gespielt (auch Holzbläser übernehmen dieses mysteriöse, sich bedrohlich anfühlende Motiv) und ist auf der CD, die Rewrites und Alternates erhält, omnipräsent. Unter diesem Thema ist wie ein Herzschlag funktionierend, eine Basslinie zu hören, begleitet von Gitarre und Harfe. Der zweite, abschliessende Teil des Themas wird in «CREEP Sequence I» von den Klarinetten intoniert. Shire hatte recht, der Film braucht kaum Musik. Umso besser funktioniert der kurze, im Film verwendete Score. Die einzige Stelle, in der Violinen zu hören sind, ist für ein Stück source music, ein Stück von Vivaldi, reserviert. Ansonsten verwendet Shire eine spezielle Instrumentierung mit u.a. Altklarinetten, Kontrabassklarinette, Fender E-Bass, eine kleine Streichersektion (Bratschen, Cellli, Bässe) und eine Elf-Mann-Blechbläsersektion. Clever gemacht übrigens «Finale and End Title», das erst erklingt nachdem bereits 30 Sekunden der Schlusstitel vorbei sind.
Interessanterweise wurde die einzige bisher erschienene Veröffentlichung zu ALL THE PRESIDENT’S MEN mit Smalls KLUTE auf einer Film Score Monthly Veröffentlichung gekoppelt. Durchaus eine stimmige Sache.
24.5.2020