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Eigentlich habe er alles gross machen wollen, richtig gross, sagt Juan Onofri Barbato. Er sitzt an einem Tisch auf der Bühne im Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich. Rechts und links vor ihm auf dem Tisch stehen zwei kleine Rauchmaschinen, die an alte Super-8-Kameras erinnern. Ab und zu blasen sie einander etwas Rauch zu, als ob auch sie ihren Kommentar zum Gesagten abgeben würden. Das beantragte Geld habe dann aber nur für diese kleinen Geräte gereicht, fährt der argentinische Schauspieler fort. Denn: Vom Moment, in dem er den Förderantrag für zwei grosse Rauchmaschinen gestellt hatte, bis zum Moment, in dem er den bewilligten Betrag ausbezahlt bekam, hatte das Geld so viel an Wert verloren, dass es nur noch für diese niedlichen kleinen Apparate reichte. Die Inflation – oder besser gesagt die Hyperinflation Argentiniens – witzig und anschaulich erklärt mit Beispielen aus dem eigenen Leben, das behandelt Onofri Barbato in seinem Stück «Vendo Humo» (Ich verkaufe Rauch), das vergangene Woche am Theaterspektakel in Zürich zu sehen war.
Von Höhlen und Bäumchen
Der Choreograf, Tänzer und Schauspieler sitzt während der ersten Hälfte des Abends in einem engen schwarzen Ganzkörperanzug am Tisch und referiert. Auch die Bühne ist schwarz gehalten: An den Seitenwänden hängen schwarze Blachen, das Licht ist düster, das einzige Helle ist der Rauch, der immer wieder ausgespuckt wird. Onofri Barbato nimmt sein Publikum mit auf die Strassen von Buenos Aires, erzählt, wie er in die «Höhle» genannte Wechselstube rennt, um US-Dollar in argentinische Pesos zu wechseln, und wie diese schon nach dem Wechselakt so viel an Wert verloren haben, dass das Geld nicht mehr für den vorgesehenen Zweck reicht. Er erzählt vom «dólar blue» – dem Paralleldollar auf dem Schwarzmarkt – und von Menschen – «Bäumchen» genannt –, die auf der Strasse Geldwechsel anbieten.
Es ist eine zynische und kurzweilige Wirtschaftslektion, die einen den Kapitalismus und seine Grenzen sowie die Schattenwirtschaft besser verstehen lässt als manch ein Lehrbuch oder Zeitungsartikel. Doch leider vertraut Onofri Barbato dem Thema nicht bis zum Schluss und driftet in der zweiten Hälfte des Stücks immer weiter vom Thema ab. Bis es kippt: Sein Monolog über die Geburt seiner Tochter kommt völlig unvermittelt und ist irgendwie peinlich. Das findet auch seine Frau Elisa Carricajo, die Koregisseurin des Stücks: In einer Sprachnachricht, die fürs Publikum abgespielt wird, kritisiert sie seinen Monolog und erläutert ausführlich, warum es machistisch und problematisch ist, wenn er die Entstehung seines Theaterprojekts mit der Geburt seiner Tochter gleichsetzt. Es wäre ein pointierter und selbstironischer Schluss gewesen. Doch leider beginnt Onofri Barbato dann noch zu tanzen. Warum, bleibt unklar. Und wie er sich mit hohen Absätzen und glitzrigem Oberteil über die Bühne bewegt und mit einer Lampe selbst beleuchtet, wirkt er plötzlich ziemlich eitel, und seine Bewegungen bleiben erstaunlich hölzern und steif.
Schwerelose Körper
Ganz anders die Tanz- und Akrobatikeinlagen der Artist:innen von Baro d’evel, deren Stück «Falaise» am Eröffnungsabend zu sehen war: Die achtköpfige französisch-katalanische Truppe erschafft während fast zwei Stunden eine betörende Welt, in der Körper schwerelos zu sein scheinen. Wie bei «Vendo Humo» ist die Bühne auch bei «Falaise» düster gehalten. Das Bühnenbild besteht aus schwarzen Hausfassaden mit Fenstern und einem Balkon und vier Strassenlaternen. Es könnte eine Strassenecke in einer Nacht in Buenos Aires sein – einfach ohne «Bäumchen». Doch «Falaise» ist auch der Name einer Stadt in der Normandie, die Ende des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstört wurde.
Zu Beginn des Stücks sitzt ein Obdachloser an der Hauswand und redet vor sich hin. Und bald schon kommt Bewegung in die düstere Szenerie, oft weiss man gar nicht, wohin man schauen soll. Tauben fliegen über die Bühne, Wände gehen kaputt und Menschen schälen sich aus den entstandenen kleinen Löchern, eine Frau hängt in der Wand, ein Mann springt vom Dach, ein Garagentor geht auf und eine Band tritt auf. Es wird gestritten und gekämpft, getanzt, geküsst, gesungen, Gitarre gespielt und (fast) gestorben. In feinen akrobatischen Einlagen demonstrieren die schwarz und weiss gekleideten Artist:innen wie nebenbei ihr unglaubliches Können.
Und immer wieder tritt ein Schimmel auf, bleibt auf der Bühne stehen und hört geduldig zu, was ihm erzählt wird. «We could have made it more simple» – wir hätten es einfacher machen können, sagt ihm eine Artistin. Sie sitzt auf dem Boden, das Pferd hat sich neben sie gelegt.
Das hätten sie gewiss. Doch zum Glück haben sie es nicht gemacht. Die Show von Baro d’evel ist eine unvergessliche poetische und kraftvolle Liebeserklärung an die Nacht. Am Ende sind die Wände kaputt und weiss beschmiert, der Boden mit Steinen und zerschlagenem Porzellan übersät und die Gesichter der Artist:innen voll weisser Farbe. Eine klare Geschichte oder eine politische Aussage schält sich in den zwei Stunden nicht heraus. Doch das macht gar nichts. Denn alles andere ist gross. Richtig gross.
Das Zürcher Theaterspektakel dauert noch bis am Sonntag, 3. September 2023. www.theaterspektakel.ch