Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03569.jsonl.gz/1000

(Achtung! Das Experiment «True art or a fake?» können Sie auf reverent.org selbst machen – am besten vor dem Lesen.)
Als der Physiker Mikhail Simkin in den Literaturangaben wissenschaftlicher Arbeiten seltsame Druckfehler bemerkte, deutete nichts darauf hin, dass er bald viele Feinde in der Kunstszene haben würde. Auf den ersten Blick waren die Fehler banal: falsche Seiten- oder Jahreszahlen. Auch Forscher vertippen sich. Doch Simkin fiel auf, dass oft die genau gleichen Fehler auftauchten. Dafür gab es nur eine Erklärung: Die Autoren hatten den Artikel, den sie zitierten, gar nie gesehen, sondern die Literaturangabe aus der Bibliographie einer anderen Arbeit abgeschrieben.
Simkin begann zu zählen: Eine der ausgewählten Arbeiten war 196 Mal fehlerhaft zitiert worden – 78 Mal auf die gleiche Weise. Offenbar hatte nur einer der 78 Autoren sie gelesen und sich dann vertippt, die anderen 77 schrieben bei ihm ab. Die Untersuchung ergab: 80 Prozent der Forscher zitierten Arbeiten, die sie wahrscheinlich nie gelesen hatten.
Als er dieses Resultat 2003 publizierte, nahmen es die Wissenschafter amüsiert zur Kenntnis. Simkin selbst zog den ketzerischen Schluss: Wenn vier von fünf Forschern Studien zitieren, die sie gar nicht kennen, können auch Studien ohne Gehalt Prominenz erlangen.
Das erinnerte ihn daran, wie er vor einiger Zeit mit einem Malprogramm herumgespielt hatte. Dabei war der obige «Rote Teufel» entstanden. Ohne viel zu überlegen, hatte er das Bild damals einem Freund nach Belgien geschickt, dessen Kollegen es – nicht wissend, vom wem es stammte – Picasso oder Matisse zuordneten. War die Kunst einem ähnlichen Mechanismus unterworfen wie Literaturverweise? Wenn es möglich ist, dass wissenschaftliche Arbeiten unabhängig von ihrem Inhalt bekannt werden, können dann nicht auch Bilder unabhängig von ihrer Qualität zu Meisterwerken aufsteigen? Diese Frage ist zwar nicht neu, Simkins Herangehensweise aber so naiv wie originell.
Ganz der Physiker, machte er ein Experiment, den «True art or a fake?»-Test: zwölf Bilder auf einer Website mit der Erklärung, einige davon seien «Meisterwerke der abstrakten Kunst» mit «tiefer Bedeutung», die anderen habe er selbst gemacht. «Sie bedeuten nichts.»
Unter jedem Bild konnten die Besucher ankreuzen, ob sie ein Bild für echte Kunst hielten oder für einen echten Simkin. Das Resultat nach 56020 Teilnehmern: 66 Prozent korrekte Antworten; nicht viel über den 50 Prozent, die bei blindem Anklicken erreicht würden.
Simkin glaubt nicht, dass sich abstrakte Meisterwerke und das Gekritzel von Laien unterscheiden. Viele Testteilnehmer hatten nur richtig geantwortet, weil sie einzelne Gemälde schon kannten. «Der einzige Unterschied zwischen Meisterwerken und Fälschungen besteht in den schwergewichtigen Namen, die den Meisterwerken angeheftet werden.»
In der Zwischenzeit hat Simkin weitere Tests auf seine Website gestellt. Beim Bremen-Artists-Test muss man die Werke grosser Meister von jenen malender Hunde, Affen und des Schweins Pig-Casso unterscheiden, bei einem anderen Musik entweder Salieri oder Mozart zuordnen. Man kann auch versuchen, Billigmöbel und Designerstücke auseinanderzuhalten.
Natürlich weiss Simkin, dass es talentierte Künstler gibt. «Ich sage nicht, alle Leute seien gleich, aber viele Künstler werden überschätzt.»
So viel Spott weckt Widerspruch. Auf den Einwand, was Kunst sei, liege im Ermessen des Künstlers, antwortet Simkin mit der Frage: «Wenn jeder Bilder malen kann, die sich nicht von ‹wahrer Kunst› unterscheiden lassen, worin liegt dann ihr Wert?» Und der Ansicht, Kunst dürfe nicht unabhängig von der Zeit ihrer Entstehung beurteilt werden, hält er entgegen, man brauche auch nicht zu wissen, was in einem Medikament stecke, um zu sehen, ob es wirke.
Simkin entrüstet sich darüber, dass die meisten Leute gedankenlos mitlaufen, wenn es um Kunst geht, anstatt endlich auszusprechen, dass der Kaiser keine Kleider trage. Woher sein missionarischer Eifer rührt, weiss er selber nicht. Seine Eltern, beide Physiker, wollten einen Künstler aus ihm machen. «Die Musikschule nahm mich glücklicherweise nicht auf, aber die Kunstschule war leider weniger wählerisch», sagt Simkin. Drei Jahre lang musste er sie besuchen. «Vielleicht ist meine Arbeit eine späte Rache an meinen Eltern.»
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Der Physiker Mikhail Simkin hat sich der modernen Kunst mit den Mitteln der Wissenschaft genähert. Das ist für die Kunst nicht gut ausgegangen.
(Achtung! Das Experiment «True art or a fake?» können Sie auf reverent.org selbst machen – am besten vor dem Lesen.)