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In Noel Field - der erfundene Spion verbindet der Zürcher Dokumentarfilmer Werner Schweizer drei Erzählstränge: die Geschichte der stalinistischen Schauprozesse, eine Agentengeschichte und eine Biographie. Hauptfigur ist der Amerikaner Noel Field, ein puritanisch geprägter Pazifist und Kommunist, der in den dreißiger Jahren eine europaweite kommunistische Tarnorganisation unterhielt. 1949 wurde er in Prag entführt und nach Budapest verschleppt; kurz darauf widerfuhr in Genf Fields Ehefrau und in Berlin seinem Bruder dasselbe Schicksal. Diese Entführungen waren Teil einer umfassenden Strategie. Man wollte den Yankee Field als Agenten des CIA erscheinen lassen, um jenen kommunistischen Aktivisten, mit denen er Kontakt gehabt hatte, den Prozeß machen zu können. Field selbst und seine Angehörigen überlebten die Schauprozesse und wurden 1954 freigelassen. Während sein Bruder in den Westen zurückkehrte, blieb Field mit seiner Frau bis zu seinem Tod 1970 in Budapest. Daß ihn auch fünf Jahre stalinistischer Kerkerhaft nicht von seinen kommunistischen Idealen abrücken ließen, deutet hin auf eine unterschwellige, aber innige Verwandtschaft von puritanischem Rigorismus und stalinistischer Paranoia.
Noel Field - der erfundene Spion thematisiert diesen Zusammenhang zweifach. Ein Segment mit Wochenschau-Ausschnitten illustriert die Parallelität von stalinistischen Schauprozessen und antikommunistischer Hysterie in den USA. So schafft der Film einen historischen Resonanzboden für ein einzigartiges Dokument, das Werner Schweizer in einem Archiv in Budapest ausgegraben hat und das er erst ganz am Ende des Films einbringt: eine handschriftliche Autobiographie Noel Fields, verfaßt im Gefängnis, in der er in bester stalinistischer Manier Selbstkritik übt.
Daß Schweizer dieses Schlüsseldokument erst am Ende des Films und nachgerade beiläufig präsentiert, ist für seine Vorgehensweise charakteristisch, zeigt aber auch ihre Limiten auf. Den Hauptteil des Films bilden Interviews mit überlebenden Zeitzeugen. Schweizer hatte diese Technik schon in Dynamit am Simplon (1988/89) verwendet; hier nun stellt er fast ganz auf sie ab. Zwischen 1991 und 1996 hat Schweizer Fields nahe Verwandte interviewt - etwa seinen Bruder und seine Adoptivtochter, eine deutschstämmige ehemalige Aktivistin - ebenso wie Historiker und die Geheimpolizisten, die Field damals verhörten. Diese Interviews montiert er zu einem losen Geflecht von Einzelmomenten, die mal den einen, mal den andern der drei Erzählstränge anklingen lassen.
So entsteht die Atmosphäre einer noch im Gang befindlichen Recherche, zu der weiter beiträgt, daß Opfer wie Täter gleichberechtigt behandelt und ihre Aussage nicht etwa durch eine moralische oder ideologische Perspektivierung gegeneinander abgewogen werden. Man könnte dem Film dies als Stärke anrechnen: daß er den komplexen Stoff nicht vorschnell in eine überschaubare Ordnung zwängt. Was indes zunächst als erfrischende Offenheit der Form anmutet, erweist sich mit fortlaufender Dauer des Film schlicht als Ausdruck mangelnden Formwillens.