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Ruedi Widmer live aus dem Bundesrat
Es gab in den nuller Jahren eine TV-Serie, die «Life On Mars» hiess. Sie spielte in Manchester, und es ging um einen Kriminalkommissar, der von einem Auto angefahren wird und dann im Jahr 1973 erwacht.
Aber warum erwähne ich das? Ich will von etwas ganz anderem erzählen, nämlich von Bundesrat Parmelins Weinberg.
Bern, Bundesratszimmer, Thema: bäuerliches Steuerprivileg bei Landverkäufen.
«Guy, du musst in dieser Sache in den Ausstand treten. Du bist befangen wegen des Weinbergs. Wir sagen es dir, damit du nachher nicht sagen kannst, wir hätten dich nicht gewarnt», tönte es unisono.
Parmelin schaute seine BundesratskollegInnen an. Was war los? Er hätte nie erwartet, dass der Bundesrat ihm die Weinbergmillionen verwehren könnte. Schliesslich hatten sie den bürgerlichen Schulterschluss gemacht. Und Simonetta Sommaruga sah ganz komisch aus. Es war irgendwie gar nicht Simonetta Sommaruga. Es war Elisabeth Kopp, die ihn streng anschaute.
«Guy, wir meinen es ernst», sagte sie.
Pierre Aubert räusperte sich und sagte: «Wir Romands sind aufrichtig.»
Jean-Pascal Delamuraz meldete sich vom anderen Tischende. «Ich schätze deinen Weissen, auch der Gesamtbundesrat. Aber das geht nicht.»
Guy Parmelin war kreideweiss im Gesicht.
«Simonetta … äh … excusez-moi … Madame Kopp, Sie sollten nicht so moralisieren, Sie mussten ja sogar zurücktreten wegen Ihres Mannes.»
«Du kannst mir immer noch Elisabeth sagen. Und was ist mit meinem Mann?»
«Äh … gar nichts, aber es weiss doch jeder, was damals passiert ist …»
«Was weiss jeder?», fragte Elisabeth Kopp.
Parmelin suchte hilflos den Blickkontakt zu Ueli Maurer, aber der war nicht da. An seiner Stelle sass Leon Schlumpf.
Parmelin rann ein Schweisstropfen über die Wange.
Was war da los?
«Was weiss jeder?», erklang Elisabeth Kopps Stimme wieder.
«Das Telefon mit Ihrem Mann», sagte Parmelin. «Oder ist es … äh … gar noch nicht passiert?» Er blickte auf die herumliegende NZZ-Ausgabe. «Oh, es ist erst 1986.»
«Ja, es ist 1986», sagte Elisabeth Kopp, «wir sind in einem zivilisierten Land und nicht im Wilden Westen. Du musst in den Ausstand treten, Guy. Und ich rufe dann später meinen Mann zurück. Danke für die Information.»
Guy Parmelin liess die anderen alleine entscheiden. Er hatte keine Chance.
Als er aus dem Bundesratszimmer trat, stürzte ihm Bundeskanzler Walter Buser entgegen: «Radio DRS meldet, in der UdSSR sei ein Kernkraftwerk explodiert!»
Dieser Bundesrat war nun die Quittung dafür, dass früher angeblich alles besser war, ging Parmelin durch den Kopf. Aber dieser Bundesrat war sehr dumm. Er hatte nicht mal ein iPhone oder Internet. Er wusste nicht, dass der junge Nationalrat Blocher alles auf den Kopf stellen würde. Er wusste nichts vom Ende der UdSSR, vom Islamischen Staat, vom Atomausstieg. Man kann der Vergangenheit nur aus der Ferne der Gegenwart Respekt zollen. Wenn man aber in ihr drin ist, ist es wie in einem Irrenhaus.
Parmelin trat auf den Bundesplatz. Parkierte Autos statt Springbrunnen. «Das finde ich hingegen gut an der Vergangenheit», dachte Parmelin erleichtert.
Ruedi Widmer lebt zum Glück im Winterthur der Gegenwart.