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Elaine May ist eine der einzigen Filmemacherinnen, die auf eine Karriere im Hollywood der 1970er bis 90er zurückblicken kann. Als Regisseurin und Drehbuchautorin von Komödien, die sich durch eine grosse Lust an Regelverstössen und der Demontage von Rollenklischees auszeichnen, kommt ihr innerhalb des amerikanischen Films eine herausragende Stellung zu. Das Filmpodium feiert dieses ausserordentliche Werk und zeigt ihre vier selten zu sehenden Filme sowie eine Auswahl ihrer Drehbucharbeiten.
Das häufigste Gefühl, das die Karriere von Elaine May als Regisseurin in Hollywood auslöst – eine Karriere, die bloss vier Filme und eine nicht eindeutig bekannte Zahl an Drehbüchern umfasst –, ist die Unschlüssigkeit, ob man jetzt lachen, weinen, sich ärgern oder aber alles gleichzeitig sollte. Es beginnt mit der Tatsache, dass sie seit Ida Lupino die erste Frau war, die in Hollywood einen Film drehen durfte. Das war 1971, und der Film hiess A New Leaf. May, die eigentlich gar keine Regieambitionen verspürte, hatte das Drehbuch in Anlehnung an eine Kurzgeschichte verfasst und wollte es an Paramount verkaufen. Da handelte ihr Agent einen Deal aus: Er selber würde produzieren, während sie für ein Gehalt, das einem Viertel des Verkaufspreises entsprach, zusätzlich noch Regie führen würde. Walter Matthau als männlicher Hauptdarsteller war gesetzt, und wenn ihr die Wahl des Studios für die weibliche Hauptrolle nicht passen würde, könne sie diese (ohne Honoraranpassung) auch noch gleich übernehmen. Als das Studio den fertigen Film dann vermarktete, konnte es sich für diesen progressiven, ja feministischen Akt auch noch auf die Schulter klopfen. Zuvor wurde es May, deren dreistündige Version vom Studio um die Hälfte und zwei Mordszenen gekürzt wurde, vor Gericht nicht gestattet, ihren Namen vom Film zu entfernen. Ein Richter hatte sich die Version des Studios angeschaut und sich prächtig amüsiert. Er gratulierte May zur grossartigen Arbeit und wies ihre Klage ab. Lachen, weinen oder ärgern? Bezüglich der Qualität der überlebenden Fassung von A New Leaf hatte der Richter natürlich recht: A New Leaf ist eine tiefschwarze romantische Komödie voller unerwarteter Zärtlichkeit, mit einem Happy End, das darin besteht, dass jemand nicht kaltblütig ermordet wird. Mit Sicherheit Mays «nettester» Film, vermag die Tatsache, dass ihre bevorzugte Version verschollen ist, in diesem Fall die Trauer – wenn auch nicht den Ärger – etwas in Grenzen zu halten.
Gute Freunde
1932 als Tochter jüdischer Eltern in Philadelphia geboren, tourte May als Kind mit einer jiddischen Theatergruppe durch das Land, brach mit 14 die Highschool ab, heiratete mit 16, bekam mit 17 eine Tochter, liess sich mit 18 wieder scheiden und gab die Tochter in die Obhut der Mutter, studierte dann Schauspiel und trat der legendären Improvisationsgruppe The Compass Players in Chicago bei, wo sie auf Mike Nichols traf. Allem Anschein nach Seelenverwandte, feierten die beiden als Comedy-Duo Nichols and May mit ihren immer wieder neu improvisierten Sketches grosse Erfolge am Broadway. Nach vier Jahren wurde das Elaine zu langweilig, und das Duo löste sich wieder auf. In Nichols’ zweitem Film The Graduate hat May einen Cameo-Auftritt, viel später würde sie auch Drehbücher für ihren ehemaligen Bühnenpartner verfassen. Vorerst schrieb sie aber jenes zu Such Good Friends von Otto Preminger, in dem ihre Markenzeichen – beissender, aber nie böswilliger Humor, beiläufig geäusserte Oneliner, welche die Figuren perfekt charakterisieren, sowie subtil und präzis gezeichnete Figurenverhältnisse – alle bereits vorhanden sind. Dass ihre Drehbucharbeiten schon da nur unter Pseudonym liefen, begründete sie, durchaus schlüssig, mit der fehlenden Kontrolle über das fertige Werk. Ausnahmen machte sie einzig für Heaven Can Wait von Warren Beatty sowie für The Birdcage und Primary Colors von Nichols. «Bei ihm konnte ich fast sicher sein, dass er es nicht vermasseln würde.» May sei das Gegenteil von allen anderen in Hollywood: «Sie kämpft dafür, ihren Namen möglichst aus den Filmen herauszuhalten – und sie will nicht auf die Partys eingeladen werden», so Charles Grodin, der Hauptdarsteller ihres zweiten Filmes.
Verachtenswertes Handeln
Wenn bei einer Filmografie von bloss vier Filmen natürlich jeder auf eine Weise einzigartig ist (und bei niemandem ist das wahrer als bei Elaine May), sticht The Heartbreak Kid doch besonders heraus: Er basiert nicht auf einem eigenen Drehbuch, die Dreharbeiten verliefen weitgehend unproblematisch, und am Ende war er sogar bei Kritik und Publikum erfolgreich. Letzteres ist insofern erstaunlich, als es sich beim Protagonisten Lenny Cantrow, einem frisch verheirateten Sportartikelverkäufer, der sich in seinen Flitterwochen in eine andere Frau verliebt, um eine der unsympathischsten Hauptfiguren handelt, die einem je im Kino begegnet sind – was im von Antihelden durchzogenen New Hollywood nicht gerade wenig bedeutet. Mays grösstes Kunststück ist es dann auch, nicht nur Lenny, sondern sämtlichen Figuren auch in Momenten der grössten Schwäche eine vielleicht nicht warme, aber doch menschliche Sympathie entgegenzubringen. Gekonnt spielt May mit jüdischen und protestantischen Stereotypen, positioniert sich zurückhaltend, aber doch bestimmt gegenüber den verachtenswerten Handlungen der männlichen Figuren – und schafft es während all dem, grossartig zu unterhalten und konstruktiv zu irritieren.
Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs
Elaine Mays Genie dafür, mit sparsam erscheinenden Mitteln komplizierte zwischenmenschliche Verhältnisse akribisch herauszuarbeiten, diesen dabei aber immer die letzten Geheimnisse zu lassen, ist nirgends schöner ersichtlich als in ihrem wahrscheinlich besten Film, Mikey and Nicky. Tonal um einiges ernsthafter, blitzt in jeder Interaktion zwischen den beiden Männerfiguren – gespielt von Peter Falk und John Cassavetes – jene menschliche Authentizität durch, die in vergleichbaren Filmen oft völlig fehlt. Was hier zwischen den beiden Schauspielern und ihren Körpern passiert, die sich in einer rastlosen paranoiden Nacht zwischen Freundschaft und Verrat scheinbar endlos umkreisen, ist das Ergebnis der durchaus manischen Arbeitsweise Mays, die das produzierende Studio einmal mehr an den Rand der Verzweiflung brachte. May liess ihre Schauspieler improvisieren, setzte auf spontane Interaktionen und liess dafür die Kameras oft stundenlang laufen, nachdem die Schauspieler das Set bereits verlassen hatten, da diese ja zurückkommen könnten. Exzentrisch? Durchaus. Hätte ein männlicher Regisseur deswegen zehn Jahre keinen Film mehr drehen können?
Das Ende von Mays Regiekarriere ist Stoff von Legenden. «Wenn alle Leute, die Ishtar verachten, diesen gesehen hätten», sagte May einmal, «dann wäre ich jetzt reich.» Es ist wohl kaum nötig zu erwähnen, dass der Film, der zwar kein Meisterwerk ist, seinen unterirdischen Ruf nicht verdient hat – im Gegenteil. Mays legendäre Eskapaden auf dem Set – etwa in Bezug auf das Casting eines Kamels oder auf ihr Mikromanaging der Form der Sanddünen im Hintergrund – wären bei männlichen Kontrollfreaks wie Kubrick oder von Strohheim längst Teil eines Genienarrativs. Bei der zweiten Frau aber, die in Hollywood je einen Film drehen durfte, bestätigten sie alle Vorurteile. Am bemerkenswertesten ist vielleicht, dass der Film selbst, auf der Handlungs- wie der Metaebene, mit seinen entgegen ihrem Typ gecasteten Stars Warren Beatty und Dustin Hoffman als talentlose Sänger sowie mit seiner scharf-ironischen Kritik am amerikanischen Imperialismus dieses Scheitern bereits subversiv vorweggenommen hat. «Sie ist ein solches Comedy-Genie, dass man nie wirklich weiss, wann sie nur scherzt», schrieb die Autorin Ally Acker einmal über Elaine May. Vielleicht weiss das nicht einmal Elaine May selbst. Im Zweifel sollte man also wahrscheinlich einfach lachen.
Dominic Schmid
Dominic Schmid hat Filmwissenschaften und Japanologie in Zürich und Berlin studiert und arbeitet als freier Filmkritiker, Videothekar und Moderator zwischen Biel und Zürich.