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(griech., »Engschrift«,
auch Tachygraphie, »Schnellschrift«, engl. Shorthand,
»Kurzhand«, deutsch am treffendsten Kurzschrift genannt), eine Schriftart, welche vermittelst eines einfachen, von den gewöhnlichen
Buchstaben abweichenden Alphabets, ferner durch eigne Grundsätze über deren Zusammenfügung und meist
auch durch Aufstellung besonderer Kürzungen zu ihrer Ausführung nur ein Viertel der sonst nötigen Zeit erfordert und dazu
bestimmt ist, bei schreiblicher Thätigkeit als zeitersparendes Erleichterungsmittel verwandt zu werden. Da die S. nicht
beabsichtigt, die gewöhnliche Schrift zu verdrängen, sondern nur neben derselben hergehen will, so nimmt sie in der Lautbezeichnung
hauptsächlich die gangbare Schrift zum Vorbild; doch werden auch aus orthographischen Vereinfachungen Kürzungsvorteile gern
benutzt.
Geometrische wie graphische Systeme vervielfältigen die geringe Menge der verfügbaren Urzeichen durch allerhand Auskunftsmittel,
wie Höhenwert, Neigungswert, Stellenwert, Schattierungswert etc., die zur Erreichung der verschiedensten
Zwecke benutzt werden. An einer Klassifikation der Systeme nach diesen Gesichtspunkten mangelt es noch vollständig.
Zu der graphischen Art gehören außer der altrömischen Tachygraphie fast nur die modernen deutschen Systeme und deren Übertragungen,
während die übrigen meist auf geometrischer Grundlage beruhen.
In denRegeln über die Zeichenzusammenfügung herrscht außerordentliche Mannigfaltigkeit. Das Gleiche gilt von den Kürzungsregeln,
doch ist fast allen Systemen gemeinsam die Anwendung von Siglen (s. d.). Schreibkürzungsmethoden, welche
sich der gewöhnlichen Buchstaben, allenfalls mit einigen Signaturen, bedienen, fallen, auch wenn sie die angegebene Kürze
erreichen sollten, nicht unter den Begriff der S., ebensowenig Systeme, welche zwar eigne Zeichen verwenden, aber hinter dem
Maß von ein Viertel der sonstigen Schreibzeit erheblich zurückbleiben.
Die Veranlagung, schnelle Reden wörtlich nachzuschreiben, gehört nicht zu den Bedingnissen einer S., obgleich die meisten
Systeme dazu befähigen oder wenigstens sich dessen rühmen. Oft aber ist es dieses Bedürfnis, Reden nachzuschreiben, gewesen,
welches den Anstoß zur Aufstellung einer Kurzschrift gegeben hat. Daher sehen die ersten Systeme mehr auf
Kürze als auf genügende Bürgschaft für richtiges Wiederlesen des Geschriebenen. Sobald die S. die engen Grenzen
[* 6] der Redezeichenschrift
verläßt, um ihre umfassendere und höhere Bestimmung zu erfüllen, muß das Streben nach Kürze durch die Rücksicht auf
Deutlichkeit, Zuverlässigkeit, Lesbarkeit und Formenschönheit eingeschränkt werden; auch darf die Zeit und Mühe, welche
zur Erlernung eines solchen mechanischen Erleichterungsmittels
aufgewandt wird, nicht zu groß sein oder gar denCharakter
eines förmlichen Studiums annehmen. Je mehr ein System bei theoretischer Konsequenz und ästhetischem Äußern Zuverlässigkeit
mit Kürze vereinigt, ohne an leichter Erlernbarkeit zu verlieren, desto höher steht es an Brauchbarkeit und Güte.
Denn die S. ist für alle bestimmt, welche viel zu schreiben oder Geschriebenes zu lesen haben, nicht
bloß für Gelehrte, Schriftsteller, höhere Beamte, Kaufleute, Studenten, Gymnasiasten etc., sondern auch für Subalternbeamte,
Sekretäre, Kanzlisten, Schreiber, Schriftsetzer etc., bei deren gegenseitigem Zusammenwirken (ein einheitliches Stenographiesystem
vorausgesetzt) sie erst ihren vollen Wert zeigen kann. Als rein mechanisches Hilfsmittel für so verschiedene
zum Teil wenig gebildete Kreise
[* 7] besitzt die S. keinerlei Anrecht auf die Bezeichnungen »Wissenschaft« oder »Kunst«; höchstens
im uneigentlichen Sinn, wie man von Buchdrucker- oder Schreibkunst
[* 8] spricht, könnte die S. eine Kunst heißen.
Aus der Verwertung sprachlich-etymologischer und lautlich-physiologischer Forschungsergebnisse vermag die Kurzschrift wohl
Vorteile zu ziehen, aber nur Schwärmer reden von hoher Wissenschaftlichkeit und zahlreichen bildenden Elementen der S. Die
Kurzschrift hat ihren wissenschaftlichen Gehalt in der Konsequenz, in rationeller Ökonomie und einem systematischen Aufbau zu
suchen; ihre wissenschaftliche Bedeutung liegt in den Diensten, die sie derWissenschaft leistet.
Eine kritisch-forschende Beschäftigung mit Geschichte, Wesen und Wert der S. ist dagegen sehr wohl als
wissenschaftliche Thätigkeit zu denken. Zur Ausübung der redennachschreibenden Praxis bedarf es neben stenographischer Virtuosität
insbesondere scharfer Sinne, schneller Auffassung und fester Nerven.
[* 9] Wissenschaftliche Bildung ist dafür nicht durchaus erforderlich,
indessen gewährt dieselbe größere Bürgschaft für zuverlässige und von Verständnis getragene Leistungen;
darum verlangt gewöhnlich der Staat von seinen amtlichen Stenographen außer der technischen Fertigkeit bestimmte Bildungsnachweise.
Die Pflege der Kurzschrift ruht zumeist in den Händen der stenographischen Vereine, die zuerst in England
aufgekommen sind. Ebenda entstand 1842 die stenographische Presse,
[* 16] welche jetzt über fast 150 Fachzeitschriften verfügt.
Versuche zur Aufstellung einer stenographischen Tonschrift an Stelle des gewöhnlichen Notensystems sind von einigen Franzosen,
Deutschen und Engländern gemacht worden, haben aber eine praktische Verwertung ebensowenig gefunden wie die Entwürfe zu »Blindenstenographien«.
Vgl. Steinbrink, Über den Begriff der Wissenschaftlichkeit auf dem Gebiet der S. (Berl. 1879);
Brauns, Welche Anforderungen sind an eine Schulkurzschrift zu stellen? (Hamb. 1888);
Hüeblin,
Stimmen über die Bedeutung der S. (Wetzikon 1888).
¶
mehr
Geschichtliches. Verbreitung.
Den ersten Ansatz zu einer S. finden wir in Griechenland.
[* 19] Eine Marmorinschrift von etwa 350 v. Chr., welche vor wenigen Jahren
auf der Akropolis
[* 20] von Athen
[* 21] ausgegraben ward und im dortigen Zentralmuseum aufgestellt ist, gibt Anweisungen einer gekürzten
Schriftart, mit welcher allerdings nur die Hälfte der Zeit erspart wird. Der frühsten Erwähnung
einer griechischen S. begegnet man erst ums Jahr 164 n. Chr. bei Galenos. Aus Zeugnissen späterer Schriftsteller geht hervor,
daß die wörtliche Aufnahme einer griechischen Rede durch S. möglich war.
Der erste aber, der hier von Bedeutung ward, ist JohnWillis (»The art of stenography, or short-writing«,
Lond. 1602). Von diesem Anfangspunkt an bis zur jüngsten Vergangenheit ist das stenographische
Schrifttum Englands ein außerordentlich fruchtbares gewesen. Als besonders hervorragend sind zu nennen SamuelTaylors »Essay
intended to establish a standard for an universal system of stenography« (Lond. 1786),
Noch heute besitzt dieselbe namentlich in den Überarbeitungen von Prévost und Delaunay in den französischen und belgischen
Kammern als
Redezeichenkunst das Übergewicht, auch sonst einige Verbreitung im täglichen Schriftverkehr
und eine Zeitschrift zur Vertretung ihrer Interessen. Hinsichtlich der allgemeinen Ausbreitung und Benutzung bei schriftlichen
Arbeiten hat aber neuerdings die S. Duployé (s. d.) alle andern französischen Methoden weit überflügelt. In Italien ist der
erste nachweisbare Versuch, zu einer Kurzschrift zu gelangen, der von Molina 1797. Ihm folgte eine von
Amanti 1809 bewirkte Übertragung des Taylorschen Systems (»Sistema universale e completo di stenografia«),
Erst in neuester Zeit hat der stenographische Gedanke wieder eine wirkliche Förderung erfahren durch Brauns,
der in seinem »Entwurf eines Schulkurzschriftsystems« (Hamb. 1888) auf Grund eingehender Untersuchungen über die Häufigkeit
der Lautgruppen einerseits und die Schreibflüchtigkeit der verfügbaren Zeichen anderseits die Bahnen für eine rationelle
Ökonomie in der Kurzschrift vorgezeichnet hat. Diejenigen Systeme der S., welche in der Zwischenzeit veröffentlicht worden
sind, haben wohl diesen oder jenen neuen Einzelvorteil sich zu nutze gemacht, für den Allgemeinfortschritt der S. aber nichts
geleistet. FaulmannsPhonographie, die zuerst von Braut 1875 herausgegeben ward, hebt sich durch ihre Einfachheit hervor. Das
sogen. »Dreimännersystem« von Schrey, Johnen und Socin (1888), gewöhnlich nach dem Hauptautor Schrey allein
benannt, versucht eine Vermittelung zwischen Gabelsberger, Stolze und Faulmann. Durch Vereine sind folgende kleinere Systeme vertreten:
Ganz vereinzelt bestehen auch Vereine nach den Systemen von Adler
[* 42] (1877),Herzog (1884) und einigen andern,
wie denn das stenographische Vereinswesen in Deutschland, dem gegenwärtigen Hauptsitz stenographischer Thätigkeit, am meisten
entwickelt ist. Ein regelmäßiger Gedankenaustausch zwischen den Stenographen aller Länder ist von Großbritannien aus durch
die Einführung internationaler Stenographenkongresse geschaffen worden. Die erste Zusammenkunft dieser Art
fand 1887 in London
[* 43] statt (vgl. »Transactions of the first international short-hand congress«, Lond. u.
Bath 1888). Einen Einblick in acht bedeutende Systeme der S. gewährt beifolgende Tafel »Stenographie«.
[* 44]
Für die umfängliche stenographische Litteratur besteht bei J. H. Robolsky in Leipzig
[* 45] eine besondere buchhändlerische Zentralstelle;
Bücher von wirklichem Wert sind seltene Erscheinungen.
Vgl. Pitman, A history of short-hand (Lond. 1852);