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Keine Mätzchen
Die «Bourse de Commerce» in Paris war von Ludwig XV. um 1767 als Kornhalle geplant und wurde nach einem Umbau 1888/1889 als Handelsbörse genutzt. Unternehmer und Kunstsammler François Pinault engagierte sich nun für die Umnutzung zum Museum nach den Plänen von Architekt Tadao Ando.
Was hier innert knapp drei Jahren entstanden und Ende Mai 2021 eröffnet wurde ist eine weitere, tiefgreifende Veränderung in einer Reihe von Umnutzungen seit 1781. Tadao Ando hat einen betonierten Zylinder in den bestehenden Rundbau der Bourse de Commerce mit ihren filigranen Strukturen aus Stein, Eisen und Glas eingefügt. Vier rechteckige Öffnungen erschliessen den so entstandenen, ruhig wirkenden Raum.
Zwischen den historischen Rundwänden des Kuppelsaals und dem Betonzylinder liegt ein rund fünf Meter breiter Umgang – entsprechend den Massen der im Quartier zu findenden gedeckten Passagen aus dem 19. Jahrhundert. Von dort führen Treppen entlang dem Betonzylinder und auch Aufzüge in die beiden oberen Stockwerke mit ihren zehn Ausstellungsräumen, den Galerien. Das Restaurant-Café «Halle aux Grains», ebenfalls im Obergeschoss, gibt mit seinen Fenstern den Blick frei in den neu gestalteten Jardin Nelson Mandela, das dahinter liegende grosse Dach der Canopée und das Centre Pompidou sowie die Dächer der Häuser im Quartier.
Zylinder dominiert und ergänzt
Der Um- und Einbau besticht durch die Lichtführung und die so einfach wirkende, formale Idee mit dem Betonzylinder in einer perfekten Ausführung. Diese gerundete Betonwand wirkt wie eine schwere und massive Konstruktion, ist aber in Wirklichkeit eine hybride Anlage. Im Innern versteift eine 26 cm breite Stahlkonstruktion diese Wand, die aus zwei je 12 cm messenden Schichten aus selbstverdichtendem Beton besteht.
Der grosse zylindrische Einbau ist nach oben offen und lenkt den Blick auf das gigantische, rund 10 m hohe und 140 m lange Deckengemälde und die Dachkuppel aus Gusseisen und Glas. Deren Licht fällt dank einer am oberen Rand des Zylinders rundum etwa zwei Meter auskragenden Betonkrempe gebrochen auf die Wand – ein kunstvolles Spiel mit Licht und Schatten. Überraschend ist der wenig unter dem Abschluss des Zylinders gelegene Wandelgang («Promenoir»), der den Zugang zu den Galerien ermöglicht und es auch erlaubt, das Deckengemälde aus der Nähe zu betrachten. Alt neben Neu ist das Thema dieses baulichen Eingriffs, der selbstverständlich wirkt und doch ein komplexes Ganzes bildet.
Fusion von Alt und Neu
Der erste Eindruck beim Betreten ist das angenehm helle Tageslicht. 111 Aussenfenster und 127 nach Innen gerichtete Fenster aus Holz sind in dieser in gebrochenem Weiss gehaltenen Architektur nicht zu übersehen. Sie wurden akribisch genau rekonstruiert, gesichert und mit Verbundglas versehen. Dazu kommt die grosse zentrale Kuppel aus Eisen und Glas mit einem Durchmesser von rund 30 Metern. Auch sie wurde instandgesetzt und neu verglast. Quasi das ganze Gebäude verfügt über Räume mit Tageslicht.
Nichts stört dieses sorgfältig gestaltete Nebeneinander. Die notwendigen Einrichtungen wie etwa Kassenbereiche usw. sind in einem benachbarten Gebäude untergebracht. Tadao Andos Eingriff konzentriert sich voll und ganz auf den Dialog zwischen bestehender und neuer Architektur, bewirkt einen neuen Blick auf diesen ehemaligen Ort des Handels und lässt ihn wie selbstverständlich zu einem Ort für Kunst werden.
Die grosse Halle, «Rotonde» genannt, die mit dem Einbau des Zylinders in Erdgeschoss entstanden ist eignet sich besonders für die Installation von skulpturalen Werken. Ebenfalls im Erdgeschoss findet sich die Buchhandlung, im Untergeschoss das Auditorium. Dort sind immer noch die Maschinenanlagen von 1889 für die Produktion von Elektrizität mit Druckluft installiert.
Die grosszügigen Galerien für Ausstellungen in zwei obenliegenden Geschossen schmiegen sich an die gekrümmte Aussenwand, was aber die Möglichkeiten für Ausstellungen mit Bildern oder Skulpturen nicht beeinträchtigt. Die Sammlung von François Pinault umfasst über 10'000 Werke von 380 Künstlern – Malerei, Skulpturen, Videos, Fotografien, Klangwerke, Installationen usw. Die Kosten für diese Umnutzung des Gebäudes werden auf rund 160 Millionen Euro geschätzt. Der Bauherr hat den Betrag selber aufgebracht.
Stimmige Ausstattung
Die Ausstattung der «Bourse de Commerce» und auch die Gestaltung der Umgebung wurde Ronan und Erwan Bouroullec (Studio Bouroullec, Paris) anvertraut. So haben sie eine Lichtinstallation in der gegenüber dem Haupteingang liegenden, historischen Doppeltreppe realisiert, eine rund um den Bau verlaufende Schutzeinrichtung in Form eines messingfarbigen Rohrs, das auch als Sitzgelegenheit dient sowie gleich gestaltete Fahnenstangen, die bereits aus der Ferne den Zugang zur Anlage markieren. Auch die Ausstattung von Restaurant und Cafés trägt ihre Handschrift – eine insgesamt zurückhaltende Gestaltung, die Raum lässt für die Architektur und die gezeigte Kunst.
Der Umbau ist nicht einfach die Addition einer neuen Architektur zum historischen Bau, sondern vielmehr die gelungene Fusion von Alt und Neu. Alles wirkt so als könnte es anders gar nicht sein. Keine formalen Mätzchen stören das Ensemble: Der historische Bau ist wiederbelebt, der Einbau einer glatten Betonschicht lässt das Gebäude in neuem Licht erglänzen und gibt der persönlich gefärbten Kunstsammlung des Bauherrn den entsprechenden Rahmen.
«Ouverture» hat er diese erste Ausstellung mit rund 200 Werken genannt, weitere sind geplant. Statt den gängigen Namen sind im Museum der Kollektion Pinault gänzlich eigenständige Positionen zu finden. Da war offenbar nicht nur viel Geld im Spiel, sondern ebenso viel Eigensinn und eine eigenständige Haltung.
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft
Bourse de Commerce / Pinault Collection, Paris
Architektur
Tadao Ando Architect (TAAA) & Associates, Osaka; Lucie Niney und Thibaut Marca NeM Architectes, Paris
Instandsetzung
Pierre-Antoine Gatier PAG, Paris
Tragkonstruktion
Setec Bâtiment, Paris
Möblierung und Aussenraum
Studio Bouroullec, Ronan und Erwan Bouroullec, Paris; Boygues Construction, Paris
Facts & Figures
Geschossflächen: 10'500 m2
Publikumsflächen: 7'000 m2
Fläche für Gebäudetechnik: 3'500 m2
10 Räume für Ausstellungen
Auditorium mit 284 Plätzen
Betonzylinder in Zahlen
Durchmesser: 29 m
Höhe: 9 m
Wanddicke: 50 cm
Innere Metallstruktur: 26 cm
Öffnungen für Schalungsanker: 863