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Nach acht Jahren hat Fiona Apple endlich ein neues Album veröffentlicht: «Fetch the Bolt Cutters» ist ein unglaublich komplexes Werk und wird zu Recht von der Kritik gefeiert.
«Ich sage dir, wie ich mich fühle, aber das kümmert dich nicht, ich sage dir, sag mir die Wahrheit, aber das traust du dich nicht» – so lauten die ersten Worte auf Fiona Apples Debütalbum «Tidal», das 1996 erschien. Keine neunzehn Jahre alt war die Musikerin und Sängerin damals, doch ihre dunkle, kräftige Stimme, die über den rhythmischen Bassläufen, Drums und ihrem eigenen herausragenden Klavierspiel lag, klang, als hätte sie bereits ein ganzes Leben hinter sich und dabei dem Teufel persönlich in die Augen geschaut.
Das Album war ein Schock: Da kam Mitte der neunziger Jahre eine junge, zerbrechlich wirkende Frau, komponierte und textete ihre Songs selber, sang – und redete auch in der Presse – über ihre Ängste, ihre Wut, ihre Depressionen, ihre Erfahrung mit Psychopharmaka und Psychotherapie und darüber, wie sie mit zwölf vergewaltigt worden war. Sie sei die meiste Zeit unter Wasser, sagte sie damals, und die Musik das Rohr zur Welt, durch das sie atmen könne. Ohne Musik wäre sie tot.
Der Bulle, der seine Scheisse frisst
Zwar erhielt die Platte viel Lob, und Apples musikalische Genialität wurde breit anerkannt, und doch: Die männlich dominierte Musikpresse in der männlichen, testosterongeschwängerten Musikwelt der Neunziger versorgte Apple rasch in der Schublade der schwierigen, durchgeknallten, Selbstbekenntnis betreibenden Frauen, in der zuvor auch schon Tori Amos oder Alanis Morissette gelandet waren.
Doch die in New York und Los Angeles als Tochter einer Tänzerin und eines Schauspielers aufgewachsene Apple spielt das Spiel der Musikindustrie seit jeher nach ihren eigenen Regeln: 1997 sagte sie in einer mittlerweile legendären Rede an den MTV Awards, dieses Leben sei «Bullshit», womit sie die Musikbranche meinte. Darauf angesprochen in einem Interview vom vergangenen Herbst, sagte sie: «Die Musikbranche ist heute nicht mehr Bullshit. Sie ist der Bulle, der die Scheisse gefressen hat, sie wieder ausgeschissen hat und diese wieder gefressen hat, sie wieder ausgeschissen hat (…) und dieser Bullshit ist sie jetzt.»
2002 verkrachte sie sich mit ihrem Label, Sony, 2012 sagte sie eine ganze Tournee ab, weil ihre Hündin Janet im Sterben lag, im Dezember 2016 sang sie ein Weihnachtslied über Donald Trumps Nüsse, die über offenem Feuer geröstet werden; man las von Alkoholsucht, Anorexie und selbstzerstörerischen Beziehungen. Ihre Alben veröffentlichte sie in immer grösseren Abständen: Drei Jahre nach «Tidal» folgte «When the Pawn …»; danach dauerte es sechs Jahre, bis «Extraordinary Machine» erschien; nach sieben weiteren Jahren brachte sie «The Idler Wheel …» heraus. Mit jedem Album begeisterte sie sowohl die Fans wie auch die Presse. Und nun, nach dem Erscheinen ihres neusten Albums Mitte April, überschlagen sich die Lobeshymnen in der Musikpresse.
Plötzlich gewittert es
Tatsächlich ist «Fetch the Bolt Cutters» ein unglaublich komplexes und musikalisch vielschichtiges Werk. Aufgenommen hat Apple es in ihrem Haus in Los Angeles, das sie laut eigenen Aussagen seit Jahren kaum verlässt. Die Songs enthalten viel Zufälliges: Bei «Fetch the Bolt Cutters» singt das Model Cara Delevingne mit, und im Hintergrund bellen ihre Hunde; bei «On I Go» sagt Apple plötzlich: «Fuck», weil sie kurz aus dem Takt kommt, dann singt sie weiter; und während der Aufnahmen von «Newspaper» soll Apples Schwester, die mitsingt, ihr Baby auf dem Schoss gehalten und gestillt haben – und doch klingt das Album nie nach CocoRosie-artiger, selbstgebastelter Küchenmusiksession. Dafür spielen Apple und ihre Band, bestehend aus dem Gitarristen Davíd Garza, der Schlagzeugerin Amy Aileen Wood und dem Bassisten Sebastian Steinberg, viel zu souverän.
Die Basis aller Songs sind die Rhythmen. Fast jedes Lied beginnt mit Perkussion, es wird geklopft, geklatscht, getrommelt. Für «On I Go» habe die Band alle möglichen Perkussionsobjekte in Apples Haus zusammengesucht und ausprobiert, schrieb die Zeitschrift «The New Yorker» Ende März in einer grossen Reportage über Apple. Sie habe sogar mit den Knochen ihrer verstorbenen Hündin Janet geklopft, die sie in einer Schachtel in der Stube aufbewahrt hatte. Zwischendurch erinnert Apple mit ihrem virtuosen Klavierspiel und ihrer dunklen, satten Stimme an Nina Simone. Und immer wieder dringt Apples Liebe zum Rap durch, mit dem sie aufgewachsen ist und der sie geprägt hat: In sprechartigem Gesang über die Rhythmen gibt sie ihre lyrischen Verse wieder, wiederholt Sätze und Reime, Passagen werden geloopt. Rhythmen werden auch mal abrupt geändert, und plötzlich entlädt sich ein musikalisches Gewitter.
Wie auf ihren bisherigen Alben dreht sich auch auf dem neuen alles um ihre Wut und Verletztheit, um unerwiderte Liebe und um die Gewalt, die ihr von Männern angetan worden ist. «Good morning, good morning, you raped me in the same bed your daughter was born in» (Guten Morgen, guten Morgen, du hast mich in demselben Bett vergewaltigt, in dem deine Tochter geboren wurde), singt sie wütend, begleitet von einem engelhaften Chor.
Bolzenschneider auf dem Unteram
Und doch: «Fetch the Bolt Cutters» ist verspielter und humorvoller als die letzten Alben – und Apple klingt befreiter. Darauf verweist auch der Titel des Albums, auf den sie beim Fernsehen gekommen ist. In einer Szene der Serie «The Fall» steht Schauspielerin Gillian Anderson als Kriminalpolizistin vor einem eingezäunten Areal, auf dem sie ein gekidnapptes Mädchen vermutet. Sie zieht sich blaue Plastikhandschuhe über und sagt: «Fetch the bolt cutters» (Holt den Bolzenschneider). Noch bevor das Album da gewesen sei, habe sie gewusst: «Das ist der Titel», sagte Apple im Interview mit «Democracy Now» und präsentierte lachend ihr neustes Tattoo auf dem Unterarm – einen Bolzenscheider. Das Album kann also auch als Befreiungsschlag gesehen werden: Der Draht ist zerstört, das Mädchen befreit.
Und trotzdem: Die Wut ist noch immer da. Aber anders als vor 24 Jahren steht Apple nicht mehr alleine da. Spätestens seit #MeToo ist sie – unfreiwillig – im Mainstream angekommen. «Ich bin in Schuhen aufgewachsen, von denen man mir sagte, ich würde nicht in sie hineinpassen. Schuhe, die nicht dafür gemacht sind, auf diesen Hügel zu rennen. Aber ich muss auf diesen Hügel rennen. Und das werde ich. Das werde ich», singt sie. Und sie hat es geschafft: Mit «Fetch the Bolt Cutters» ist sie ganz oben angekommen.