Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/333

An einem kühlen Maiabend höre ich mir mit Interesse und Neugier den Abschiedsvortrag der Kunsthistorikerin Serena Romano, einer Kollegin von der Universität Lausanne, die pensioniert wird.
Die Kunstgeschichte – sagt Romano – wird oft als etwas Nebensächliches angesehen, als eine Art hübschen Überbau der Geschichte. Das bedeutet aber, die Macht des Visuellen zu unterschätzen, die Kraft des Bildes sträflich zu vernachlässigen, wie die aktuellen politischen Entwicklungen zeigen.
Romano spricht über die Ausschmückung der ersten christlichen Basilika in Rom, im 4. Und 5. Jahrhundert nach Christus, und zeigt auf, wie zentral für das erste Oberhaupt der dortigen Kirche, Damasius, die Erfindung und Propagierung neuer visueller Darstellungsformen der biblischen Geschichten war.
Die Macht des Bildes – man könnte sagen: des Scheines – ist im heutigen Italien deutlich zu erkennen: Silvio Berlusconi hatte seine zwanzigjährige Herrschaft wesentlich auf das Bild, auf die Beherrschung des Fernsehens und der Medien aufgebaut.
Wir können das auch als Erbe der Gegenreformation ansehen: Das Bild war erklärtermassen das Instrument zur Erbauung der Armen und deren, die der Schrift nicht mächtig waren. Und heute? Die Macht der Bilder scheint nicht abgenommen zu haben, nicht nur in Italien. Aber in Italien ist das Bildungsniveau, verglichen mit den anderen europäischen Ländern, tief. Spielt dies eine Rolle?