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Das Genre Reality-TV ist im täglichen Fernsehprogramm inzwischen allgegenwärtig und dominiert vor allem bei den Privatsendern (RTL, RTl2, Sat.1, VOX, Kabel eins) die Nachmittagsprogramme. Die Ursprünge des Reality-TV liegen im US-amerikanischen Kabelfernsehen und vor allem in der seriellen Dokumentation von Verbrechensbekämpfung (z.B. „Cops“ (FOX, seit 1989)) und auch im deutschsprachigen Raum existiert Reality-TV nicht erst seit „Big Brother“ (v.a. RTL2, seit 2000), bereits frühe Formate des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie „Die Fussbroichs“ (WDR, 1989-2001) dokumentieren scheinbar alltägliche Lebenswelten privater Menschen.
Kennzeichnend für die Gattung des Reality-TV ist jedoch eine Vermischung von Fakt und Fiktion zu sogenanntem „factual entertainment“ oder „faction“ (zusammengesetzt aus ‚fiction‘ und ‚fact‘) und somit die mediale Konstruktion eines per se ambivalenten Wirklichkeitsstatus der dargestellten Ereignisse. Reality-TV-Formate zeigen in der Regel reale Menschen in zukunftsoffenen und folgenhaften Situationen, die nicht selten einzig aufgrund der Produktion eines entsprechenden Reality-TV-Formats herbeigerufen werden. Aufgrund der Besonderheit der fiktionalen Durchdringung von Fakta stehen Reality-TV-Formate im Sinne eines „claim to the real“ (Holmes/Jermyn 2004) zumindest zum Teil im Anspruch Realität zu zeigen, auf der anderen Seite werden von Produzentenseite Realitäts-Fiktions-Zuschreibungen und Gattungsgrenzen bewusst irritiert, so dass es sich letztlich um „made-for-TV-factuals“ (Hill 2007) handelt.
Der zentrale Forschungsansatz der Forschungsgruppe liegt insbesondere auf den Fragen, wie sich Reality-TV in allen seinen Ausprägungen trotz augenscheinlicher Fiktionalisierungen in einem Realitätsdiskurs halten kann, und auf welche Aspekte Reality-TV dabei zurückgreift, um sich weiterhin „Realitätsfernsehen“ nennen zu können.
Die Beantwortung dieser und daran anschliessender Fragen, hängt mit den grundsätzlichen Eigenschaften des Mediums Fernsehen zusammen: Weil Fernsehen in einer bestimmten Art und Weise auf Wirklichkeit Bezug nehmen kann oder auch muss, kann es Wirklichkeit nicht nur darstellen oder repräsentieren, sondern zugleich auch herstellen. Für seine Darstellungen benötigt Fernsehen im Allgemeinen und Reality-TV im Speziellen reale Modelle, um etwa soziale Prozesse darzustellen (z.B. menschliche Körper, die sich verhalten bzw. die sich miteinander verhalten). Es entsteht ein insbesondere für Reality-TV typisches Wechselverhältnis, denn einerseits verändert Fernsehen somit zwangsläufig Wirklichkeit, indem es an solchen Materialien ansetzt und sie in ein Bildschirmkommunikat verwandelt, andererseits entfalten solche Materialien darstellungsunabhängige Eigendynamiken. Für die aktuellen Forschungsansätze der Forschungsgruppe ist es dabei zunächst unerheblich, ob oder in welchem Ausmass eine solche durch das Reality-TV hergestellte Wirklichkeit ein Effekt der Darstellung ist oder nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass die Intervention des Fernsehens Wirklichkeit verändert und diese Veränderungen gezeigt werden können.
Kontakt:
Dr. Daniel Klug
E-Mail: <email-pii>
Kooperation:
PD Dr. Axel Schmidt
Institut für Deutsche Sprache Mannheim