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Im August 1920 geboren, würde Charles Bukowski dieses Jahr 90 Jahre alt werden. Stattdessen verstarb der Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer deutschen Hausfrau im März 1994 an Leukämie. In den Jahren dazwischen sorgte er dafür, dass er nicht zu schnell vergessen würde: Er schuf in seinem literarischen Werk ein Alter Ego namens Henry Chinaski, liebevoll auch Hank genannt.
Satirisches Selbstporträt
Henry Chinaski wird in „Das Liebesleben der Hyäne“ (engl. Titel: Women) als exzentrischer Schriftsteller porträtiert, der erst beim Anbruch seines Lebensabends den Höhepunkt seines Ruhmes erreicht. Bis dahin verbringt er seine Zeit mit Wetten auf Pferderennen, mindestens 300 verkaterten Vormittagen pro Jahr und unzähligen schönen und weniger schönen Frauen. Damit ist Henry Chinaski ein Abbild von Charles Bukowski, nur satirisch und selbstironisch überzeichnet, quasi eine Karikatur seiner selbst. Die Motivation Bukowskis? „If I’m an ass, I should say so. If I don’t, somebody else will. If I say it first, that disarms them.“
In „Das Schlimmste kommt noch oder fast eine Jugend“ verarbeitet Bukowksi seine Pubertät, die von schwerer Akne geprägt war, in „Der Mann mit der Ledertasche“ (engl. Titel: Post Office) seine diversen, schlecht bezahlten Jobs bei der Postbehörde, in „das Liebesleben der Hyäne“ (Women) seine wilde On-und-Off-Beziehung zu Linda King und die Rettung seines Glücks durch das Kennenlernen von Linda Lee Beighle, die bis zu seinem Lebensende seine Partnerin blieb. Der lauernde Tod in Form seines Krebsleiden ist schliesslich das Thema von „Ausgeträumt“ (Pulp).
Dreck in sauberen Küchen
Wenn Bukowski über das schmutzige Leben der untersten Schichten Amerikas schreibt, seien dies Säufer, Prostituierte oder Obdachlose, dann merkt der Leser, dass dieser Mann weiss, wovon er spricht. Genau wie er selber triefen seine Storys vom Gestank von Alkohol, ungehemmten Sex und dem Schmutz des Bordsteins. Dass Bukowski dabei nie verbittert oder anklagend wirkt, macht ihn so sympathisch. Stattdessen zelebriert er den sarkastischen Witz aller Absurditäten im Leben des so genannten amerikanischen Abschaums. Ein Beispiel? „If you want to know who your friends are, get yourself a jail sentence.“
Abgesehen von der schonungslosen Darstellung sexueller Fantasien, die zu lesen seit Charlotte Roche ja nicht mehr ein ganz so heimliches Vergnügen sein muss, ist dies das Erbe von Charles Bukowski: Ein Blick durch ein Bullauge, hinab in den düsteren Teil der westlichen Welt, wo Alkoholexzesse, Armut, Kriminalität und unblumige Erotik auf der Tagesordnung stehen und doch, oder vielleicht auch gerade darum, gelegentlich ein heller Funken ungehemmten Witzes und Vergnügens aufblitzt. Jenen Teil dieser Welt, den gerade wir Schweizer so gerne ausblenden. Vielleicht hat Bukowski ja auch etwas in unsere Richtung geschielt, als er sagte: „Show me a man who lives alone and has a perpetually clean kitchen, and eight times out of nine I’ll show you a man with detestable spiritual qualities.“
Filmische Hommage
Henry Chinasky lebt jedoch nicht nur im literarischen Werk von Charles Bukowski weiter. Er hat in drei Romanverfilmungen Eingang gefunden, wobei Barfly (realisiert durch Barbet Schroeder) und Factotum (realisiert durch Bent Hamer) zu den bekannteren zählen. Die TV-Serie Californication versteht sich ausserdem als Hommage an das Werk Bukowskis, wie beispielsweise der Name des Hauptdarstellers (Hank) zeigt und hatte mit dem gleichen Image zu kämpfen wie Bukowski selber: Pervers. Vielleicht hatte er recht, als er sagte: „Baby, I’m a genius but nobody knows it but me.“