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Im Winter 1941 flüchteten die Schriftsteller Louis Aragon und Elsa Triolet aus dem besetzten Teil Frankreichs nach Nizza, um dort ihre Arbeit in der Résistance fortzusetzen. Zu dieser Zeit wohnte in Nizza der grosse Maler Henri Matisse, der sich trotz fortschreitendem Alter in einer intensiven Schaffensperiode befand. Aus der Begegnung des Schriftstellerpaares mit dem Maler entstanden eine tiefe Freundschaft und ein reger intellektueller Austausch. Aragon beschloss, ein Buch über Matisse zu schreiben. Sein Henri Matisse, roman konnte er aber erst 1971 vollenden, kurz nach Elsas Tod (Matisse war 1954 gestorben).
Mit seiner Mischung aus Kunstkritik und Autobiografie, Aufsätzen und Gedichten bildet Henri Matisse, roman eine ideale Vorlage für Richard Dindo, der bereits in vielen seiner früheren Dokumentarfilme Betrachtungen zum künstlerischen Prozess und zum Bezug zwischen Leben und Werk, Wort und Bild anstellte. Insofern ist Aragon, le roman de Matisse eine konsequente Fortsetzung seiner früheren Arbeit mit Künstlerbiografien wie Naive Maler in der Ostschweiz (1972), Max Frisch Journal I–III (1981), Arthur Rimbaud, eine Biographie (1990) oder Charlotte Salomon, «Leben oder Theater?» (1992), um nur einige Beispiele zu nennen. Auch die Figur des engagierten Schriftstellers Aragon erinnert an andere von Dindo porträtierten Autoren wie etwa Jean Genet (Genet in Chatila, 2000) und Breyten Breytenbach (Augenblicke im Paradies, 1996).
Über die Stoffwahl hinaus greift Dindo in Aragon, le roman de Matisse auch auf Strategien zurück, die uns aus seinen früheren Filmen vertraut sind: etwa die Rückkehr an die Orte, wo seine Protagonisten wohnten und arbeiteten oder der Einsatz von langen Zitaten aus dem Buch, gelesen aus dem Off. Doch in diesem Film scheint sein Handwerk eine neue meisterhafte Ebene erreicht zu haben. Die Filmbilder – vor allem die langen Fahrten durch die regnerischen Strassen Nizzas im Winter und die üppigen Farben der Gärten – sind von der gleichen leuchtenden Schönheit wie die sinnlichen Tableaus von Matisse. Eine meisterhafte Montage verdichtet Bilder und Töne zu einer filmischen Lektüre von Gemälden, Buch und authentischen Schauplätzen.
Der Film demonstriert jene Kraft des Dokumentarfilms als Medium der Analyse, die darin besteht, dass er alle anderen Künste in sich umfassen kann. Beklagte sich Aragon über die Schwierigkeit, Matisses Kunst mittels Sprache zu beschreiben, fängt Dindo souverän das ganze Universum des Malers und des Schriftstellers ein: die Gemälde, die Texte, die Orte, an denen sie entstanden sind, ebenso wie die historischen und politischen Hintergründe. Zu den interessantesten Passagen des Films gehören die Montage-Sequenzen, in denen Dindo Original und Darstellung vergleicht – wie etwa Matisses Porträts von Aragon und Triolet, welche mit Fotos der beiden kontrastiert und mit den Aussagen von Aragon kommentiert werden.