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Neurologe über Bruce Willis' Erkrankung
«Diese Symptome sollte man ernst nehmen»
Der Hollywood-Star Bruce Willis beendet seine Schauspielkarriere, weil er an einer Aphasie leidet. Neurologe Jean-Marie Annoni erklärt, was man darunter versteht.
Jean-Marie Annoni, eine der Töchter von Bruce Willis gab vor wenigen Tagen bekannt, dass bei ihrem Vater eine Aphasie diagnostiziert worden ist und er deshalb seine Karriere als Schauspieler aufgeben muss. Was ist das für eine Krankheit?
Aphasie bedeutet den teilweisen oder vollständigen Verlust der Sprache aufgrund einer Schädigung des Sprachzentrums, das sich in der linken Hälfte des Gehirns befindet. Sie ist also die Folge einer Krankheit oder eines Unfalls. Bei Herrn Willis handelt es sich um einen teilweisen und fortschreitenden Verlust der Fähigkeit zu sprechen.
Aphasie ist eine wenig bekannte Krankheit. Dabei werden in der Schweiz jedes Jahr rund 5000 neue Fälle bekannt. Warum weiss kaum jemand, was eine Aphasie ist?
Es ist ziemlich schwierig, sich vorzustellen, was eine Aphasie ist. Zum einen ist sie – anders als eine Lähmung – unsichtbar, zum anderen kann sie ganz verschiedene Symptome beinhalten. Die eine Person versteht zwar einen Begriff oder eine Sache, kann sie aber im Gespräch nicht äussern. Sie leidet unter sogenannten Wortfindungsstörungen.
Die nächste Person versteht gewisse Wörter gar nicht. Da sage ich zu ihr: «Gib mir die Tasse», und sie reicht mir das Messer. Das kann zu grossen Verständigungsschwierigkeiten führen. Aber auch die Lesefähigkeit und das Schreiben können eingeschränkt sein. Dritte haben Mühe mit dem Rechnen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei einer Aphasie das persönliche Telefon im Sinne eines Kommunikationskanals zur Welt beeinträchtigt ist.
Zur Person: Jean-Marie Annoni
Jean-Marie Annoni wurde 1956 in Genf geboren, wo er auch Medizin studiert hat. Er hat sich auf Neurologie spezialisiert und unter anderem in Zürich, Montreal, London, in Genf, in der Rehabilitationsklinik Valens und in Lausanne gearbeitet. Seit 2011 ist er Professor für Neurologie an der Universität Freiburg und als Neurologe am Kantonsspital Freiburg tätig. Er ist zudem Vize-Präsident von Aphasie Suisse.
Was sind die Ursachen einer Aphasie?
Rund 3'500 Betroffene leiden unter den Folgen eines Schlaganfalls, die restlichen 1'500 sind Opfer eines Unfalls, einer Infektion wie einer Hirnhautentzündung, eines Tumors oder einer Hirnblutung.
Viele Aphasiker*innen leiden nicht nur unter einem Sprachverlust, sondern auch unter einer Lähmung, die sie zeitweise sogar in den Rollstuhl zwingt. Wie lässt sich das erklären?
Ein Schlaganfall schädigt häufig nicht nur das Sprachzentrum, sondern auch jene Teile des Hirns, die die Motorik des Menschen steuern. Die daraus resultierenden Lähmungen gehören aber streng genommen nicht zur Aphasie, sondern stellen ein eigenes Krankheitsbild dar.
Aphasiker sind berühmt für ihre Chöre. Wie lässt es sich medizinisch erklären, dass viele von ihnen zwar Schwierigkeiten mit der Sprache haben, aber gleichzeitig so gut und gern singen?
Bei den Aphasiker*innen ist die linke Hirnhälfte beschädigt, die für die Sprache zuständig ist. Die rechte aber ist in der Regel intakt und genau dort liegt der Ursprung für musikalische Melodien und Gesang. Dazu kommt, dass die Aphasiker*innen zwar ihre Sprache verlieren oder mindestens Teile davon, aber nicht ihre Kommunikationsfähigkeit.
Einige kommunizieren gern mit Gesten; auch über die Satzmelodie können sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Man merkt gut, ob sie fröhlich oder wütend sind. Das Singen stellt eine weitere Form der Kommunikation dar, die ihnen nach wie vor zur Verfügung steht und die sie gern nutzen.
Lassen sich die Schädigungen des Sprachzentrums auf Röntgenbildern sichtbar machen und eindeutig dem Befund Aphasie zuordnen?
Das ist möglich. Mithilfe eines Computertomografen oder eines Magnetresonanz-Verfahrens lässt sich sehr gut erkennen, wo und wie stark die Schädigungen sind. Daraus lassen sich Schlüsse über die Symptome ziehen. Wer eine Schädigung des Hirns hat, die mehr vor dem Ohr angesiedelt ist, leidet eher unter Wortfindungsstörungen. Ist eher das Areal hinter dem Ohr betroffen, hat eine Person auch Mühe mit dem Verstehen der Sprache.
Am vergangenen Donnerstag hat Emma Heming-Willis, die Frau von Bruce Willis, erstmals Bilder seit der Diagnose publiziert. Der Schauspieler ist 67 Jahre alt. In welchem Alter sind die Menschen, die von einer Aphasie betroffen sind?
Das Durchschnittsalter der Aphasiker beträgt 70 bis 75 Jahre. Rund 10 Prozent sind 60 und jünger, stehen also noch im Arbeitsprozess. Unser Bild eines Aphasikers ist stark geprägt von diesen jüngeren Männern und Frauen, weil sie noch aktiv und gesellschaftlich präsent sind. Rein statistisch aber ist Aphasie ein Leiden, das mehrheitlich im Alter auftritt. Was natürlich dazu führen wird, dass unsere Gesellschaft, die zunehmend älter wird, immer stärker davon betroffen sein wird.
Gibt es Risikogruppen, die überdurchschnittlich stark unter den Aphasikern vertreten sind?
Eine Risikogruppe umfasst jene Menschen, die sich wenig bewegen, rauchen, einen hohen Blutdruck und schlechte Cholesterinwerte aufweisen, sich ungesund ernähren und stark übergewichtig sind, also jene, die auch ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko haben. Während früher mehr Männer betroffen waren, ist das Geschlechterverhältnis heute nahezu ausgeglichen, weil sich der Lebensstil der Frauen dem der Männer angeglichen hat. Dazu kommen gewisse genetische Veranlagungen. Es gibt Familien, in denen Herzinfarkte oder Schlaganfälle – und damit Aphasien – häufiger auftreten.
Was können die Einzelnen an Präventionsmassnahmen ergreifen?
Man sollte seinen Blutdruck regelmässig messen lassen, sich mindestens eine halbe Stunde pro Tag bewegen, wobei zügiges Laufen, aber nicht unbedingt Rennen, bereits ausreicht, und man sollte auf eine gesunde Ernährung mit Früchten und Gemüse achten, ohne dass man gleich zum Vegetarier werden muss.
Gibt es Frühsymptome, also eine Art Vorboten, die auf einen drohenden Schlaganfall und eine damit verbundene Aphasie hinweisen können?
Es gibt Leute, die plötzlich eine kurzzeitige Lähmung haben, eine kleine Sprachstörung oder eine visuelle Irritation, die zwei, drei Minuten anhält und dann wieder verschwindet. Diese Symptome sollte man ernst nehmen und kontrollieren lassen. Im besten Fall sind es bloss die Folgen von Stress, es kann sich dahinter aber auch ein transitorischer Schlaganfall verbergen, der sich innerhalb von zwei, drei Monaten wiederholt, dann aber stärker ausfällt und zu bleibenden Schäden führt.
Können Sie die Symptome noch etwas konkreter schildern, die auf einen Schlaganfall hindeuten können?
Alarmiert sollte man sein, wenn man Lähmungserscheinungen hat oder kein Gefühl mehr in einer Gesichtshälfte. Auch wer doppelt sieht oder plötzlich nicht mehr sprechen oder rechnen kann, sollte ab einer gewissen Stärke der Symptome den Arzt aufsuchen, und zwar rasch. Denn in den ersten drei bis vier Stunden kann man einen Schlaganfall mithilfe einer Thrombolyse, eines Mittels, das gespritzt wird, so gut behandeln, dass man die Folgen deutlich abschwächen kann.
Welche weiteren Massnahmen sind entscheidend, um die Genesung der Betroffenen so positiv wie möglich zu beeinflussen?
Nach der akuten medizinischen Behandlung steht die Rehabilitation im Zentrum, die ambulant oder stationär durchgeführt werden kann. Wobei man bei Aphasikern festgestellt hat, dass es ihnen guttut, wenn die Therapie früh beginnt und intensiv genug durchgeführt wird. Logopädie für die Sprache und Physiotherapie für eine allfällige körperliche Lähmung. Darüber hinaus braucht es eine Anpassung des Lebensstils, der auf die Krankengeschichte des Einzelnen zugeschnitten ist. Braucht er mehr Bewegung, soll er ins Krafttraining, muss er seine Ernährung umstellen?
In welchem Masse ist die Genesung von den individuellen psychischen Ressourcen abhängig?
Die psychische Komponente ist ganz wichtig. Wer depressiv ist, erholt sich schlechter. Und man weiss, dass ein Drittel der Patienten an einer Depression erkrankt, die schlaganfallbedingt ist. Dagegen kommt manchmal nicht einmal der grösste Wille an. Man muss wollen, aber man muss auch können. Gewisse Aphasien sind jedoch so gravierend, dass eine Genesung nur sehr eingeschränkt möglich ist.
Wo orten Sie den grössten Handlungsbedarf, um den Betroffenen noch besser helfen zu können?
Drei Punkte sind mir wichtig. Erstens: Die Bevölkerung sollte besser Bescheid wissen, wie wichtig die Akutbehandlung in den ersten drei Stunden ist. Hier wünsche ich mir mehr Aufklärung. Zweitens: Die einzelnen Aphasiker sollen genau die Art von Rehabilitation erhalten, die sie brauchen. Auch wenn das heisst, dass jemand jahrelang zu seiner Logopädin geht. Das kostet natürlich, und dann regt sich sofort Widerstand. Andererseits weiss man, dass Einzelne mit einem vorzeitigen Ende der Therapie massive Rückschritte machen. Die Folgen davon haben dann auch ihren Preis. Drittens: Die Forschung zur Regenerations- und Erholungsfähigkeit des Hirns und zu alternativen Zusatztherapien wie magnetische Stimulation muss ausgebaut werden.
Gibt es so etwas wie einen Aphasie-Schnelltest für Hausärzt*innen?
Es gibt einen solchen Test, den ein Hausarzt beim Verdacht auf eine Aphasie einsetzen kann. Er lässt einen Patienten fünf Gegenstände benennen, bittet ihn, einige Sätze zu wiederholen und einige Befehle auszuführen.