Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/130

»Nur einen Leser möcht ich! Einen Helfer! Arzt! Auf Dornentreppen: ein Gespräch! was gäb ich her ...« Ossip Mandelstam
Ossip Mandelstam, den Joseph Brodsky »Russlands größten Dichter dieses Jahrhunderts« genannt hat, war im Mai 1934 verhaftet worden. Der Untersuchungsrichter sah in seinem entlarvenden Epigramm gegen Stalin »ein beispielloses konterrevolutionäres Dokument«. Ende Juni 1934 trafen Ossip Mandelstam und seine Frau in der von ihnen für ihr Exil gewählten Stadt Woronesch ein, und es begann eine Zeit des Aufschubs, der bei aller psychischen und materiellen Not dem Dichter doch erlaubte, sein großes Spätwerk zu vollenden und der russischen Lyrik des 20. Jahrhunderts einen ihrer unbestrittenen Höhepunkte zu schenken. Die in Mandelstams schwierigster Zeit entstandenen über hundert Gedichte sind in den »Woronescher Heften« überliefert: Nadeschda Mandelstam gelang es, die Texte in Zettelverstecken, durch Abschriften für Freunde und durch Auswendiglernen über die Zeit des Stalin-Terrors zu retten. Nun liegen sie zum ersten Mal vollständig in deutscher Übertragung und mit Kommentaren des Mandelstam-Spezialisten Ralph Dutli vor – ein Ereignis, denn die »Worononescher Hefte« sind Summe und Vermächtnis Mandelstams. Es ist der Schlussstein seines dichterischen Werkes, das mit diesem Band zum ersten Mal geschlossen auf Deutsch vorliegt.