Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/1164

Johan Galtung macht sich Sorgen, denn der 88-jährige Vater der Nachrichtenwert-Theorie sieht sich falsch verstanden: «Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!» Die MEDIENWOCHE hat in Genf mit dem Politikwissenschaftler und Friedensforscher aus Norwegen gesprochen.
Warum sprechen Medien von einem Attentat mit fünf Toten in den USA, aber nicht von einem Attentat mit 500 Toten in Pakistan? Warum wird jeder Tweet von US-Präsident Trump analysiert, nicht aber vom luxemburgischen Premierminister Xavier Bettel? Warum wird über die Pariser Banlieues berichtet, in welchen Feuer gelegt und Scheiben eingeschlagen werden, aber nicht über die Banlieues mit der tiefsten Kriminalitätsrate? Seit Jahren beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Medienforscher mit den sogenannten Nachrichtenfaktoren und sind sich einig: Je berühmter die Person, je näher geografisch oder kulturell oder je negativer ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.
Die norwegischen Soziologen Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge gelten als Begründer der Nachrichtenwert-Theorie und zeigten 1965 in der Studie «The Structure of Foreign News» auf, was den Wert einer Nachricht bestimmt. Dafür hatten sie die Repräsentierung der Krisen im Kongo, in Kuba und in Zypern in vier norwegischen Zeitungen analysiert und untersucht, welche Faktoren dazu geführt hatten, dass über diese Krisen berichtet wurde. Unter den insgesamt zwölf Faktoren befinden sich etwa die Intensität eines Ereignisses, die kulturelle Betroffenheit oder die Unvorhersehbarkeit, aber auch Faktoren wie ein Bezug zu führenden Nationen und Persönlichkeiten («Elitenationen» und «Elitepersonen»), die Personalisierung oder die Negativität eines Ereignisses.
«Meine Theorie war eine Warnung, wie man es nicht machen sollte!»
Auch wenn diese Nachrichtenwert-Theorie in die Jahre gekommen ist und Kritiker die Liste von Galtung und Ruge inzwischen um andere Faktoren erweitert haben – wer Journalismus oder Kommunikationswissenschaften studiert hat, dürfte an ihr dennoch nicht vorbeigekommen sein. Nur: Sie wird oft missverstanden. Dies stellte Galtung am Freitag am Graduate Institute in Genf an einer Konferenz über konstruktiven Journalismus richtig: «Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!» Liest man seine Studie, steht am Ende: «Deshalb besteht zusätzlicher Bedarf für eine breiter gefächerte Berichterstattung im Einvernehmen mit diesen Prinzipien.»
Galtung findet: Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Dies hätte unter anderem auch zu einem «Flughafen-Journalismus» geführt: «Alle berichten darüber, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.» Einen Mehrwert sehe er darin nicht. Er findet hingegen: «Newspapers sollten gleichzeitig auch oldpapers sein, also nicht nur die Neuigkeiten des Tages, sondern auch die ‹Altigkeiten› des Tages beinhalten. Neuigkeiten sprechen von gestern, ‹Altigkeiten› sprechen von heute.» Was Galtung damit sagen will: Medien sollten mehr voraussichtlich denken und mehr Lösungsansätze beinhalten. «Man sollte nicht nur sagen, was ist, sondern sich fragen: Was nun?»
«Im Westen wird Konflikt mit Gewalt gleichgestellt. Dabei haben wir ein eigenes Wort für Gewalt: Gewalt.»
Aus der Medien- und Kommunikationswissenschaft kommt Galtung allerdings nicht. Der 88-Jährige gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung. Auch in diesem Bereich kritisiert er den Journalismus. Übermässig oft würden diese das Wort «Konflikt» verwenden. «Im Westen wird Konflikt mit Gewalt gleichgestellt. Dabei haben wir ein eigenes Wort für Gewalt: Gewalt. Und wenn es um Staaten geht, dann nennen wir das Krieg.»
Als Journalistin oder Journalist müsse man versuchen, die Natur eines Konflikts zu verstehen: «Was ist ein Konflikt? Wenn unterschiedliche Ziele aufeinandertreffen. Und wie löst man einen Konflikt? Indem wir die Ziele miteinander vereinbar machen. Wichtig ist es, mit allen Parteien zu sprechen. Nicht nur mit zwei. Das ist auch so ein Problem der englischen Sprache, wir sagen immer ‹on one hand, on the other hand›, aber es kann vorkommen, dass es mehr als zwei Parteien gibt.»
In der Friedensförderung und Vermittlung sei der Dialog grundlegend. Das gleiche gelte für Medienschaffende. «Fragt die verschiedenen Parteien, was sie wollen. Und wie sie dies rechtfertigen – auf legaler Ebene, was Menschenrechte angeht, was Grundbedürfnisse betrifft.» Erst dann könne man einen Kompromiss finden. «Ein Dialog ist aber keine Debatte. Bei einer Debatte beendet man den Satz mit einem Ausrufezeichen. Bei einem Dialog mit einem Fragezeichen. Journalisten sollten versuchen, ihre Sätze öfters mal mit einem Fragezeichen zu beenden.»
«Ich muss in der New York Times nicht die Nachrichten lesen, weil sie Meinungen sind. Aber ich lese die Meinungen in der New York Times, und manchmal finde ich darin Nachrichten.»
Am Schluss seiner Rede stellte ihm der Moderator ein paar Fragen, unter anderem, welche Nachrichten er denn heute lese. Galtung musste überlegen. «Ich lese nicht mehr viele Nachrichten», meint er. «Lesen Sie nicht die New York Times?», versuchte der Moderator ihm eine Antwort zu entlocken. «Ich muss in der New York Times nicht die Nachrichten lesen, weil sie Meinungen sind. Aber ich lese die Meinungen in der New York Times, und manchmal finde ich darin Nachrichten.» Eigentlich lese er gerne polynesische Medien, sagte Galtung, denn es sei interessant zu beobachten, was in dieser Inselregion im Sandwich zwischen Asien und Amerika vom ganzen internationalen Geschehen als berichtenswert angesehen werde und was nicht.
Drei Fragen an Johan Galtung:
MEDIENWOCHE:
Herr Galtung, worin sehen Sie die Rolle der Medien?
Johan Galtung:
Johan Galtung: Zu berichten und dabei ein akkurates Bild zu zeichnen. Und in die Tiefe zu gehen. Was mich stört, ist die Negativität. Das Positive sollte man als Journalist nicht aussen vorlassen. Es braucht beides. Die Menschen werden bombardiert mit negativen Schlagzeilen, das macht sie passiv, das hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, dann wollen sie sich schützen. Was könnte schlimmer sein für eine Demokratie?
MEDIENWOCHE:
Nachrichtenchefs entscheiden als sogenannte «Gatekeeper», worüber die Medien berichten und worüber nicht. Worin sehen Sie die Rolle eines Nachrichtenchefs?
Johan Galtung:
Der Knackpunkt ist der Abendredaktor. Am Tag läuft viel, doch der Abschlussredaktor hat das letzte Wort. Aber ich traue diesen Abendredaktoren nicht, das sind düstere Gestalten. Der Dienstredaktor sieht wenigstens noch das Tageslicht. Aber Abendredaktoren sollten alle in einer Reihe aufgestellt und boykottiert werden (lacht). Im Ernst: Bei der Wahl des Abschlussredaktors wäre ich sehr, sehr vorsichtig.
MEDIENWOCHE:
Sie haben Nachrichtenfaktoren definiert, sagen aber, dass diese nicht als Richtlinie verstanden werden sollten, wie zu berichten sei. Auf welche Kriterien sollten sich Medien bei der Nachrichtenselektion Ihrer Meinung nach stützen?
Johan Galtung:
Auf diese Kriterien zwar, aber genauso auf ihr Gegenteil. Über Elitepersonen wie auch über unbekannte Personen, über Negatives wie auch über Positives und so weiter. Ausserdem sollte man als Journalist nicht nur sagen, was ist, sondern auch, welche Struktur darunter liegt. Gewisse Machtstrukturen nahmen wir lange Zeit als selbstverständlich an, etwa während des Kolonialismus, das ging bis in die 1930er-Jahre so. Über die Struktur des Kolonialismus selbst schrieben die Medien von damals aber nicht. Dabei hätte man auch Positives und Konstruktives über kleine Staaten in Afrika berichten können, über die Menschen dort.