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Zu den Online-Versionen der Beiträge:
• Viererfeld: Jetzt ist die Ausgangslage klar. Journal B, 23. 10. 2015.
• Viererfeld: Einsprache gegen die Einzonung. – Ist das Verfahren unrechtmässig? Journal B, 3. 7. 2015.
• Die Planungsutopie, die Linie und die Investoren. – Am «Städtebaustammtisch». Journal B, 21. 8. 2014.
• Kompromisslerei oder Leuchtturm? – Der Mitwirkungsbericht liegt vor. Journal B, 14. 2. 2014.
• Viererfeld und Mittelfeld: Jetzt mitdenken! – Zum Beginn des Mitwirkungsverfahrens. Journal B, 29. 11. 2013.
Am 28. Februar 2016 sollen zwei Abstimmungen zum Vierer- und Mittelfeld durchgeführt werden. Im Planungsgeschäft geht es um die Einzonung des Viererfelds und die Umzonung des Mittelfelds, im Finanzgeschäft um den Kauf des Viererfelds (das Mittelfeld gehört bereits der Stadt).
Weniger technisch ausgedrückt: Soll auf dem Vierer- und dem Mittelfeld zur Hälfte ein dichtes Stadtquartier gebaut werden und zur Hälfte ein Stadtteilpark entstehen – ja oder nein?
Das sind einige Fakten, vor denen heute diskutiert wird: In Bern gibt es eine akute Wohnungsknappheit. Seit kurzem leben – erstmals seit 1983 – wieder mehr als 140000 EinwohnerInnen in der Stadt, seit 1998 (126500 EinwohnerInnen) steigt die Zahl langsam, aber stetig an und soll nach dem Willen der Regierung«auch in Zukunft nachhaltig wachsen». Zudem gibt es in Bern 1,4 Arbeitsplätze pro EinwohnerIn, eine Tatsache, die für grosse Pendlerströme sorgt.
Vor diesem Hintergrund will die Stadt die Hälfte des Viererfeldes und zwei Drittel des Mittelfeldes dicht überbauen. Die Eckdaten: Wohnraum für 3000 Menschen. Sechsstöckige Bauten mit «öffentlichen Erdgeschossen». 650 Arbeitsplätze (insbesondere Dienstleistungen, Restaurants und Läden für die tägliche Versorgung). 50 Prozent der Wohnfläche ist für gemeinnützige Wohnbauträger reserviert. Die Überbauung soll sich an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft orientieren. Geplant wird eine autoarme Überbauung (0,3-0,5 Parkplätze pro Wohnung). Der hintere Teil des Viererfelds von 87000 Quadratmetern wird zum Park für den Stadtteil Länggasse-Felsenau gestaltet mit allgemein nutzbarer Freifläche (50%), Familiengärten (39%) und dem Sportfeld (11%).
Die bisherige Planung erschwert habe, so Stadtpräsident Alexander Tschäppät an der Medienorientierung vom 23. Oktober, dass es für das neue Raumplanungsgesetz noch keinen vom Bundesrat genehmigten kantonalen Raumplan gebe. Deshalb habe man gegenüber dem Bund drei Nachweise erbringen müssen: erstens, dass Vierfeld und Mittelfeld als Bauzone «von kantonaler Bedeutung» seien; zweitens, dass die Zonenplanänderung «dringlich» sei, weil die Stadt zu wenig Baulandreserven habe – und drittens habe man zum Teil in der Stadt, zum Teil kantonsweit vorsorgliche Kompensationsflächen bereitgestellt für den Fall, dass dies nötig werden sollte.
Diese drei Nachweise seien erbracht worden. Vor Beginn einer konkreten Planung seien nun die Volksentscheide zu den vorgesehenen Zonenplanänderungen und zum Kauf des Viererfelds nötig. (Der Kanton Bern verkauft den Teil, der überbaut werden soll, für 51,1 Millionen Franken; den Teil, der grün bleibt, erhält die Stadt im unentgeltlichen Baurecht für 40 Jahre.)
Gegen das Überbauungsprojekt sind bis Anfang Juli 2015 institutionelle und private Einsprachen eingegangen. An der Medienorientierung sagte der Stadtplaner Marc Werren hierzu nun, «der grössere Teil» der institutionellen Einsprecher habe die Vorlage «qualitativ», also in einzelnen Punkten kritisiert, in den privaten Einsprachen – «vor allem aus der Nachbarschaft» – dagegen sei die Überbauung zumeist überhaupt abgelehnt worden: «Beim grösseren Teil der Einsprachen konnte keine Einigung gefunden werden.» Peter Camenzind, Vorstandsmitglied des Vereins Viererfeld Nature 2.0, hält gegenüber Journal B fest: «Die Einsprachen werden sicher weitergezogen. Nächste Instanz ist das Amt für Gemeinden und Raumordnung bei der kantonalen Justiz- und Kirchendirektion.»
Worum geht es dieser Totalopposition?
Seit einer Woche gibt es rund um das Viererfeld den «Vier Felder Weg» mit sechs kritischen Informationstafeln. Die Hauptstossrichtung der Kritik: Die Stadt Bern betreibe Raumplanung aus der Mottenkiste des letzten Jahrhunderts. Statt gegen innen zu verdichten, werde «Siedlungserweiterung auf dem Grünland» betrieben. Was die fünfzig Prozent gemeinnützigen Wohnungsbaus betreffe, sei der keineswegs garantiert: Wohnraum, der innert fünf Jahren nach Inkrafttreten des Zonenplans nicht von genossenschaftlichen Bauträgern übernommen werde, gehe an den Meistbietenden auf den Markt. Zudem ergäben teures Land und grosse Wohnungen keine günstigen Mieten.
Dazu kommen ökologische Argumente: Die Überbauung zerstöre 16 Hektaren Ackerland, obschon der Kanton Bern schon jetzt zu wenig Fruchtfolgeflächen ausweisen könne. Die gewachsenen Schrebergartenareale würden «geschleift und durch einheitlich geplante Areale ersetzt»: «Es droht Einheitsbrei statt Vielfalt.» Schliesslich würde auf dem Viererfeld eine landwirtschaftlich nicht genutzte Buntbrache zerstört, die einen wertvollen Beitrag zur Artenvielfalt darstelle.
Den «Vier Felder Weg» kann man ab sofort abschreiten, die Unterlagen zur Medienorientierung vom 23. Oktober finden sich hier.
Zeit, mit der Meinungsbildung zu beginnen. In gut vier Monaten wird abgestimmt.
[3. 7. 2015]
Eine Sammeleinsprache versucht die Einzonungspläne der Stadt Bern auf dem Vierer- und Mittelfeld zu blockieren. Bestritten wird insbesondere die Rechtmässigkeit des Verfahrens.
Am 4. Juni hat die Stadt Bern die Zonenpläne Viererfeld und Mittelfeld öffentlich aufgelegt. Anlässlich einer Medienkonferenz zeigte sich Stadtpräsident Alexander Tschäppät damals zufrieden, auf dem Weg zum geplanten «urbanen Stadtquartier mit Stadtteilpark» ein Etappenziel erreicht zu haben. «Rein planerisch ist die Sache mit Bund und Kanton gelöst», wurde damals gesagt.
Zudem erfuhr man, dass die 16 Hektaren neu einzuzonendes Bauland auf dem Viererfeld kompensiert werden sollen durch Auszonungen in gleichem Umfang, und zwar innerhalb der Stadt auf der Manuelmatte (5,1 ha) und hinter dem Zentrum Paul Klee (2,7 ha). Dazu vorgesehen ist die Auszonung von kantonseigenem Bauland in den Gemeinden Bolligen, Gampelen, Grindelwald, Lyss und Münchenbuchsee.
Heute läuft die Einsprachefrist gegen die aufgelegten Zonenpläne ab. Neben mehreren Einsprachen Privater gibt es eine vom Familien-Garten-Verein Brückfeld-Enge eingereichte Sammeleinsprache mit mehr als hundert Unterschriften und eine ausführliche Medienmitteilung des Vereins Viererfeld Nature 2.0, die den Widerstand gegen die Einzonung des Viererfelds in vier Punkten begründet.
1. Ist das Vorgehen der städtischen und kantonalen Behörden überhaupt rechtmässig? – Weil seit dem 1. Mai 2014 das revidierte nationale Raumplanungsgesetz (RPG) in Kraft ist, wird zurzeit der kantonale Richtplan überarbeitet. Bis er vorliegt gilt, dass «die Fläche der rechtskräftig ausgeschiedenen Bauzonen insgesamt nicht vergrössert werden» darf (Art. 38a RPG). Hierzu bringt der Artikel 52a der Raumplanungsverordnung allerdings eine Ausnahmebestimmung, die besagt, Ausnahmen seien dann möglich, wenn der betreffende Kanton «sehr wichtige und dringende Infrastrukturen plant» und die anderweitige Rückzonung der Fläche planungsrechtlich gesichert sei.
Da diese Auszonungen vorgesehen sind, argumentieren die BeschwerdeführerInnen grundsätzlicher, nämlich: Der Artikel der Verordnung stehe zur Vorgabe des RPG «in offensichtlichem Widerspruch», weil dieses «keine Ausnahmen vom Bauzonenmoratorium» vorsehe. Heisst: Die Verordnung verletzt übergeordnetes Recht.
Weil der Ein- und Auszonungstausch im Viererfeld schweizweit erstmalig ist, sagt Peter Camenzind, Vorstandsmitglied des Vereins, man wolle wissen, ob das Vorgehen von Stadt und Kanton rechtmässig sei, notfalls vor Gericht.
2. Innere Verdichtung statt neue Bauzonen. – Hier bezieht sich die Einsprache auf einen Planungsgrundsatz des neuen RPG, wonach Massnahmen zu treffen seien «zur besseren Nutzung der brachliegenden oder ungenügend genutzten Flächen in Bauzonen und der Möglichkeiten zur Verdichtung der Siedlungsfläche».
Camenzind sagt: «Der Wille des Gesetzgebers ist hier glasklar. Erstens sollen bestehende Bauzonen überbaut werden, zweitens soll innerhalb der bereits überbauten Siedlungsfläche in hoher Qualität verdichtet werden.» Es gehe nicht darum, die Entwicklung der Stadt zu stoppen. «Aber wir wollen, dass sie die Chance packt und wie Ittigen oder Köniz nach innen wächst ohne Neueinzonungen. Dieser Druck ist dringend nötig.»
Erst wenn innere Verdichtungen nicht reichten, könne man «allenfalls über neue Bauzonen» nachdenken, so Camenzind. Sein Fazit: «Den Stadtbehörden fehlt der Wille, diese bestehenden Potenziale zu erkennen und zu nutzen.» Die 50 Millionen Franken, mit denen die Stadt dem Kanton die Hälfte des Viererfelds abkaufen wolle, «würden besser in die sanierungsbedürftigen Stadtliegenschaften gesteckt».
3. Die Frage nach der Dringlichkeit. – Für den Fall, dass die Beschwerdeführer mit ihrem Punkt 1 nicht durchdringen, bestreiten sie, dass das Projekt Viererfeld und Mittelfeld der Bedingung in Artikel 52a der Raumplanungsverordnung genüge, wonach Einzonungen nur für kantonal «sehr wichtige und dringende Infrastrukturen» zu genehmigen seien.
Zu behaupten, das Überbauungsprojekt Viererfeld sei eine «dringende Notwendigkeit», sei «geradezu abwegig», sagt Camenzind: «Die Überbauung des Vierer- und Mittelfelds ist nichts weiter als ein Prestigeobjekt von Alex Tschäppät und Barbara Egger.» Es handle sich um ganz gewöhnliche Wohnzonen, die von vornherein nicht übergemeindliche oder überregionale Bedeutung beanspruchen könnten. Der Verdacht bestehe, dass die Stadt befürchte, mit der Einzonung des Viererfelds im Hinblick auf die Kulturland-Initiative und nach Inkraftsetzung des angepassten kantonalen Richtplans mit der Zonenplanänderung grosse Probleme zu bekommen. Deshalb versuche sie, diese Einzonung schnellstmöglich durchzupeitschen.
4. Die Sache mit dem verseuchten Boden. – Im städtischen Erläutungsbericht zu den Zonenplänen Viererfeld/Mittelfeld liest man auf Seite 14: «Auch die Nutzung des Aushubs in der Fruchtfolgefläche für eine Aufwertung von landwirtschaftlichen Böden ist nicht möglich. Der Oberboden weist eine zu starke Schadstoffbelastung auf und muss behandelt resp. umweltverträglich entsorgt werden.» Der Verein Viererfeld Nature 2.0 hat bei der Fachstelle Bodenschutz im Kantonalen Amt für Landschaft & Natur nachgefragt und dort die Auskunft erhalten: «Uns sind auf diesen landwirtschaftlich genutzten Flächen weder Schadstoffuntersuchungen noch Nutzungseinschränkungen bzw. Sanierungsverfügungen bekannt.»
Aus dieser Auskunft schliesst der Verein, dass der Boden des Viererfelds schlecht geredet werde, um das Areal als Fruchtfolgefläche zu diskreditieren, weil das neue Raumplanungsgesetz die Bedingungen für die Einzonung von Fruchtfolgeflächen verschärft hat.
Tatsächlich aber stützt sich die Aussage des städtischen Erläuterungsberichts auf den «Umweltbericht Viererfeld Mittelfeld» des Planungsbüros B+S AG, den das Stadtplanungsamt in Auftrag gegeben hat. Darin wird im Hinblick auf Tiefbauarbeiten im Sinn einer Wegleitung empfohlen: «Gestützt auf die Analyseresultate […] wird eine geeignete, gesetzeskonforme Wiederverwertung oder Entsorgung des abgetragenen Bodenmaterials festzulegen sein.» (S. 52)
Mit den Argumenten der Sammelbeschwerde konfrontiert, sagt Stadtplaner Mark Werren gegenüber Journal B, er gehe davon aus, dass die Rahmenbedingungen, die das Gesetz der Stadt vorgegeben habe, abgeklärt und erfüllt worden seien. Das Viererfeld sei sowohl im kantonalen wie auch im regionalen Richtplan für eine Überbauung seit längerem vorgesehen. Die Genehmigung des neuen kantonalen Richtplans habe man deshalb nicht abwarten wollen, «weil der Bedarf nach Wohnraum immer dringlicher» werde.
Im übrigen anerkenne sowohl das Bundesamt für Raumentwicklung als auch das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) die Dringlichkeit der Planung, das AGR qualifiziere das Viererfeld «als strategischen Standort von kantonaler Bedeutung». Und durch die benannten Kompensationsflächen sei die Bedingung erfüllt, das Planungsverfahren Viererfeld vor der Genehmigung des kantonalen Richtplans weiterzuführen.
Voraussichtlich am 28. Februar 2016 werden die BernerInnen über die Vorlagen Viererfeld und Mittelfeld abstimmen. Technisch wird es um ein Ja oder ein Nein zu den Zonenplanänderungen gehen – politisch um eine strategische Frage der Berner Stadtentwicklung, die ungefähr so lautet: Ist zur Bekämpfung der unbestrittenen Wohnungsknappheit in Bern die Überbauung des Viererfelds mit Wohnraum für 3000 Personen wirklich nötig oder wird sie bloss deshalb forciert, weil eine Neuüberbauung schneller und politisch einfacher zu haben ist als innere Verdichtung in dieser Grössenordnung – obschon diese für die Stadtentwicklung sinnvoller wäre?
Nachtrag: Peter Camenzind und Mark Werren haben den Beitrag integral gegengelesen und Korrekturen/Präzisierungen anbringen können. Werren schreibt, aus seiner Sicht stelle sich die die am Schluss formulierte strategische Frage anders. Nämlich so: «Glaubt man an die weitere innere Verdichtung und ist jedermann bereit, zukünftig mit weniger Wohnraum (und höherer Belegungsdichte) zu leben und nach der Mobilisierung der letzten Reserven in den nächsten Jahren ohne Perspektive auf eine zeitnahe Einzonung und Realisierung im Viererfeld oder sonstwo mit einer immer prekäreren Wohnungsknappheit und teureren Miet- und Immobilienpreisen zu rechnen?»
[21. 8. 2014]
Viererfeld-Planung: Für die Stadt Bern ist nach Testplanung und Runden Tischen alles klar zum Volksabstimmen. Die Fachleute beginnen gerade erst, die Ausgangslage zu hinterfragen. – Ein Abend am «Städtebaustammtisch».
Mit «Rückblick Brünnen, Ausblick Viererfeld» hat das Architekturforum Bern am 19. August einen «Städtebaustammtisch» geboten, an den sich gegen 300 Interessierte setzten.
Die Moderatorin des Abends, Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Hochparterre», hat das Problem letzthin in einem Beitrag auf den Punkt gebracht: In Bern sei es dringend nötig, für die geplante Viererfeld-Überbauung von der Planung des Brünnen-Quartiers zu lernen. Denn: «Statt eines Stücks Stadt entstand [dort] ein Feld von Siedlungen.» Schon im Juni hat eine Gruppe des Architekturforums ein Arbeitspapier unter dem Titel «Viererfeld – Lessons learned? 3 Forderungen an den Prozess» verfasst, das die bisherige Viererfeld-Planung als Weg des geringsten Widerstands kritisierte. Wiederholt man nun die Fehler der Brünnenplanung?
Den Stammtisch eröffnet hat Stadtplaner Marc Werren mit einem Update zum Stand der Dinge: Als erstes wies er darauf hin, dass die Stadt das Viererfeld dem Kanton abkaufen muss, um überhaupt bauen zu können. «Eine zentrale Festsetzung» für diesen Kauf sei gewesen, das Areal zu halbieren: die nordwestliche Hälfte bleibe im Besitz des Kantons und werde für Grünflächen genutzt, die südöstliche Hälfte werde gekauft als siebenstöckig überbaubares Wohnbaufeld. Als Zonenplan ergeben sich somit zwei parallele Rechtecke, getrennt durch einen geraden, willkürlichen Strich.
Laut Werren war es so: «Der Kanton wollte unbedingt das ganze Gebiet als Bauland verkaufen. Die Stadt hat gesagt: Das geht politisch nicht. Wir wollen bloss die Hälfte, den Rest wollen wir freihalten – zur möglichen Überbauung durch eine nächste oder übernächste Generation. In den Verkaufsverhandlungen hat das zum Zwang geführt, eine Festlegung zu treffen, wo letztendlich der Strich gezogen wird.» – Nachfrage der Moderatorin: «Hätte die Stadt auch das ganze Viererfeld kaufen können?» – Werren: «Das war eine Überlegung und auch das Ziel. Aber das Ganze zu kaufen, hätte bedingt, nicht fünfzig, sondern hundert Millionen Franken in die Hand zu nehmen.» Das sei für Land, das allenfalls in dreissig, vierzig Jahren als Bauland gelten könne, zu teuer gewesen. Immerhin habe der Kanton zugestanden, der Stadt die andere Hälfte der Fläche für vierzig Jahre kostenlos als Freiraum zur Verfügung zu stellen.
Um den Kauf zu sichern, hätten zudem sehr schnell Planungsvorlagen vorgelegt werden müssen. Das habe zur Folge gehabt, dass in den bisherigen Testplanungen und an den Runden Tischen erst grobe Leitlinien erarbeitet worden seien und «die städtebauliche Konzeption» im Rahmen eines Wettbewerbs erst noch zu leisten sei: «Es gibt heute noch kein Gestaltungs- und Nutzungskonzept.»
Das Podiumsgespräch pendelte dann zwischen der Kritik an der Brünnen-Überbauung und den Erwartungen an die Viererfeld-Planung hin und her. Zentrale Begriffe in der Diskussion waren «Dichte» und «Urbanität», wobei Daniel Blumer vom Architekturforum bereits in seiner Begrüssung das Motto lieferte: «Urbane Qualitäten ergeben sich nicht primär aus einer städtebaulich verstandenen, sondern aus einer sozialen Dichte.» Bloss: Wie ist sie zu erreichen?
Die erste Antwort, die sich herausdestillierte, lautet: Urbane Qualitäten sind nur durch eine Planung in einem vernünftigen Perimeter zu erreichen. Das ganze Areal hat das Potenzial für ein Leuchtturmprojekt. Die Planung von vornherein einem finanzpolitischen Entscheid unterzuordnen, ist falsch. Aus städtebaulicher Sicht, sagte die Architektin Regina Gonthier, sei das Areal eine Einheit: «Die Zweiteilung ist unbegründet.» In gleichem Sinn alt Stadtplaner Marc Wiesmann: «Fachlich gesehen gibt es keinen Grund, fünfzig Prozent Grünfläche einzuplanen.» Und der Architekt Oliver Schmid: «Es ist städtebaulich fatal, heute nur über die Hälfte des Areals nachzudenken.»
Die entscheidende Frage zu dieser Diskussion stellte der Stadtwanderer Benedikt Loderer aus dem Publikum: «Warum kauft die Stadt nicht das ganze Grundstück und macht danach eine anständige Planung? Dann hätten wir doch das ganze Geleier um diese blöde Linie nicht.»
Die zweite Antwort kreiste – ohne dass sie explizit verwendet worden wären – um die Begriffe «Raum» und «Macht». Philippe Cabane, Berater für urbane Strategien, lancierte das Thema mit der Feststellung: «Das beste städtebauliche Projekt ist nur so gut wie die Investoren, die dahinter stehen.» Er kritisierte die bisherige Viererfeld-Planung als «Überbetonung der Form» in einem total überbewerteten «architektonischen Diskurs»: «Städtebau ist mehr als Architektur.» Wenn jetzt Brünnen nur einen Drittel der geplanten Einwohnerschaft und statt gewerblicher Nutzung in den Erdgeschossen ausschliesslich Wohnungen aufweise, weil die halt am meisten Geld brächten, dann stelle sich doch die Frage: «Wie hat man die Investoren ausgewählt?»
Diese Frage sei auch entscheidend für die Viererfeld-Planung. Es brauche Vorgaben, die anderes möglich machten als «das durchschnittliche 50-Millionen-Investment für die Pensionskassen und die grossen Player». Es gehe darum, durch Vorgaben grosse und kleine Player zu mischen. Denn jeder von ihnen habe seine eigene Zielgruppe. So gesehen ist es falsch, die Bauträger aufgrund von preisgekrönten architektonischen Wettbewerbeseingaben auszuwählen. Im Sinn von «Form follows function» ist das Umgekehrte richtig: Die architektonische Planung soll die Ideen der vorgängig ausgewählten Bauträger überzeugend umsetzen. So entstehe, laut Cabane, eine durchmischte Überbauung.
Als Kommentar dazu fügte Wiesmann bei: «Bisher wollte man auch in der Stadt Bern Gewinn maximieren. Man müsste sich einmal überlegen: Was bringt mehr – ein paar Millionen jetzt oder später eine durchmischte Stadt?»
Nach diesem anregenden Abend hat man den Eindruck: Einerseits möchte die Stadt Bern die Diskussion vorderhand als abgeschlossen betrachten und nun ungestört den stadtplanerisch unbefriedigenden Kauf des halben Viererfelds an der Urne absegnen lassen, andererseits aber habe die Diskussion unter den klugen und kreativen Köpfen der Fachwelt erst gerade begonnen.
Allerdings hat die Stadtregierung eben andere Probleme: Für sie ist es nicht zuletzt eine Prestigesache, dass die Viererfeldplanung nach 2004 an der Urne nicht zum zweiten Mal scheitert. Darum muss sie die unheimliche Allianz zwischen dem besitzstandwahrenden, dunkelgrünen Nein des Länggassquartiers, den maximalistischen Utopisten und Leuchtturmschwärmern und dem bürgerlichen Misstrauen gegen zuviel Stadtplanungssozialismus möglichst verhindern.
Was nach einem Ja zum Kauf des Areals an Stadtplanung noch möglich sein wird, ist in dieser Logik zweitrangig. Und falls jemand das anders sieht, müsste er jetzt nicht nur fachlich, sondern auch politisch aktiv werden.
[14. 2. 2014]
Der Mitwirkungsbericht zur Planung Viererfeld/Mittelfeld liegt vor: Der Gemeinderat spricht von einer «breiten Zustimmung». Ziel der neugegründeten IG Viererfeld Nature 2.0 allerdings ist: Das Areal bleibt vorderhand grün.
«Die grosse Mehrheit der Parteien und Organisationen begrüsst ein weiteres, moderates Bevölkerungswachstum und unterstützt das neue Stadtquartier und den Stadtteilpark», schreibt der Gemeinderat in seiner Medienmitteilung zum Mitwirkungsbericht Viererfeld/Mittelfeld vom 12. Februar 2014. Tatsächlich wird die Mitte November vorgelegte Planung von der SP und dem Grünen Bündnis bis zur FDP und zur SVP sowie von dreissig Organisationen und Firmen grundsätzlich unterstützt.
Abgelehnt wird sie allerdings ebenso grundsätzlich von der GPB-DA Luzius Theilers, vom Länggass-Leist, von der IG Äusseren Enge, vom Familiengartenverband Brückfeld-Äussere Enge und von der wachstumskritischen Gruppierung Décroissance Bern. Grundsätzlich ablehnend geäussert haben sich zudem rund vier Fünftel der 42 Privatpersonen, die sich an der Mitwirkung beteiligt haben.
Und: Am 12. Februar ist die Interessengemeinschaft Viererfeld Nature 2.0 gegründet worden. «2.0» deshalb, weil man multimedial und webbasiert einen zweiten Sieg gegen die Stadt anstrebt. Den ersten errang man 2004, als das Überbauungsprojekt «Viererfeld zum Wohnen» mit 51,7 Prozent Nein-Stimmen erfolgreich bekämpft worden ist.
Im Mitwirkungsverfahren stellten sich drei zentrale strategische Fragen.
In den Legislaturrichtlinien 2013-2016 der Stadtregierung findet sich im Abschnitt «Wohnungsbau fördern», der Hinweis: «Damit die Stadt weiter wachsen kann», erhalte bei der Stadtentwicklung unter anderem das Gebiet Viererfeld/Mittelfeld «besondere Aufmerksamkeit». Die grundsätzlich zustimmenden Parteien, Organisationen und Firmen tragen diese Wachstumsstrategie mit.
Der Kulturingenieur ETH und Landschaftsplaner Hans Weiss, langjähriger Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, hat an der Gründungsversammlung der IG Viererfeld Nature 2.0 teilgenommen und fragt sich grundsätzlich: «Wieso muss denn Bern weiter wachsen?» Er ist der Meinung, selbst wenn man diese Frage bejahe, seien Viererfeld und Mittelfeld der falsche Ort zum Bauen. «Die städtebauliche Bedeutung dieser Fläche ist die einer grünen Lunge. Sie ist ein einmaliges Ensemble von Landwirtschafts- und Erholungsraum, von offenem Feld und Alleen.» Statt «das Tafelsilber zu opfern», müsse dort gebaut werden, wo der wirtschaftliche Strukturwandel fortlaufend leere Büroflächen produziere. Gearbeitet werden müsse mit Umnutzungen und Verdichtungen, zum Beispiel in Ausserholligen.
Der Plan des Gemeinderats, auf dem Viererfeld und dem Mittelfeld eine neues, sozial durchmischtes Wohnquartier für rund 3000 Menschen entstehen zu lassen, ist bei den grundsätzlichen Befürwortern unbestritten. Umstritten sind bloss einzelne Aspekte der Planung. Wie gross zum Beispiel soll der Anteil des sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbaus sein? Die SVP antwortet: höchstens 30 Prozent, die PDA fordert 100 Prozent. Oder: Wie viele Parkplätze pro Wohnung braucht es? Die Linksgrünen halten 0,5 Parkplätze im Viererfeld und 0,3 im Mittelfeld, wie es die Planung vorsieht, eher zu hoch. Die SVP fordert 1,0 und baut schon mal eine bürgerliche Drohkulisse auf. Ihre Mitwirkungsantwort endet mit dem Satz: «Im Fall der mehrheitlichen Nichtberücksichtigung unserer obgenannten Anliegen [müsste] die SVP der Stadt Bern Ihre Vorlage generell ablehnen.»
Der Ingenieur-Agronom Markus Ming, bereits Aktivist vor zehn Jahren gegen die damalige Überbauungsplanung, ärgert sich über dieses kurzsichtige realpolitische Feilschen. Zwar ist er nicht der Meinung, Viererfeld und Mittelfeld müssten auf alle Zeiten hinaus unüberbaut bleiben, aber: «Das Areal liegt in einmaliger Lage, und der Kulturlandverlust der letzten Jahrzehnte ist zu alarmierend, um hier eine Kompromiss-Überbauung hinzustellen, die schon heute zeitgemässem Wohnen nicht mehr entspricht. Wenn schon, soll eine Vision realisiert werden, ein Leuchtturm mit nationaler oder gar internationaler Ausstrahlung.» Bis die Zeit für ein solches Projekt reif sei, plädiert er dafür, das Areal grün zu belassen.
Die zustimmenden Parteien, Organisationen und Firmen unterstützen den Gemeinderat darin, dass das Viererfeld mit sechsgeschossigen Wohnblöcken, das Mittelfeld mit Hochhäusern überbaut werden und dass knapp die Hälfte des Areals für einen Quartierpark, Familiengärten und für ein Sportfeld genutzt werden soll. Weiterhin eine Option ist ein Hallenbad auf dem Mittelfeld.
Sowohl Weiss als auch Ming betonen dagegen, es sei richtig, das vorliegende Projekt abzulehnen und das Areal den nächsten Generationen unbebaut zu übergeben. Und zwar solange, bis ein nachhaltig zukunftsgerichtetes Projekt eine Chance erhält und ein neues Raumplanungsgesetz garantiert, dass für jede neu eingezonte Fläche in der Region eine qualitativ und quantitativ entsprechende ausgezont werden muss. «Wir sind nicht einfach Verhinderer», sagt Ming, «aber wir meinen, dass das vorliegende Projekt die Zukunft bereits hinter sich hat».
Derzeit liegt die Planung Viererfeld/Mittelfeld beim kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung zur Vorprüfung. Der Gemeinderat geht weiterhin davon aus, dass sie der Stadtbevölkerung am 24. November 2014 zur Abstimmung vorgelegt werden kann.
[29. 11. 2013]
Die Stadt Bern plant eine Grossüberbauung: über 1000 Wohnungen für mindestens 3000 Personen. Seit einigen Tagen läuft die Mitwirkung. Es gibt Gegenargumente: vernünftige und weniger vernünftige. Eine Übersicht.
Am 18. November haben Stadtpräsident Alexander Tschäppät und Stadtplaner Mark Werren mit einer Medienkonferenz das Mitwirkungsverfahren der Planung Viererfeld/Mittelfeld eröffnet. Schon kurz darauf war klar: Es gibt viel Kritik. Auch schwache und voreilige.
Worum geht es? Das Viererfeld und das kleinere Mittelfeld bilden zwischen Äusserer Enge und Länggasse ein Areal von gut 190000 Quadratmetern. Gut erschlossen, stattnah, umgeben von Quartieren, Wald, Autobahn und Aareschlaufe: eine attraktive Wohnlage. Dieses Areal zu überbauen ist vernünftig.
Das erste Überbauungsprojekt – «Viererfeld zum Wohnen» – ist am 16. Mai 2004 mit 51,7 Prozent der Stimmen abgelehnt worden. Die Stadt Bern will nun, zehn Jahre später, das neue Projekt «Stadt am Wald» realisieren: Auf gut 100000 Quadratmetern sollen rund 1100 Wohnungen für mindestens 3000 Leute entstehen, im Mittelfeld drei Hochhäuser (optional: zwei Hochhäuser und das geplante Hallenbad), im Viererfeld entlang der Engestrasse sechsstöckige Wohnhäuser in zwei Reihen. Gegen die Länggasse hin soll knapp die Hälfte des Areals als Parklandschaft gestaltet werden, die vom bestehenden Sportplatz und Familiengärten inselartig durchsetzt ist. (Pläne und weitere Mitwirkungsunterlagen finden sich hier).
Journal B hat am 29. Oktober vor dem Hintergrund, dass der Druck auf Stadt und Region Bern wächst, mehr strategische Stadtplanung gefordert. Die Planung für Viererfeld und Mittelfeld ist da ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist ja zweifellos sinnvoll, «innerhalb von bestehender Infrastruktur zu verdichten», wie Tschäppät an der Medienorientierung gesagt hat.
Die erste Linie der Gegenargumente besteht aus einer Reihe von Stammtisch-Behauptungen, die zum Beispiel so klingen: Der Grund für die zeitlich ehrgeizige Planung – der Gemeinderat will bereits in einem Jahr über das Projekt abstimmen lassen – liege darin, dass sich der Stapi in seiner letzten Amtszeit ein Denkmal setzen wolle. Darum behaupte er auch (in der «Berner Zeitung»), die Opposition sei nicht mehr so fundamental wie 2004 – was man dann noch sehen werde. Zudem sei diese Planung sowieso nur eine grobe Skizze und man wisse ja, dass es später gewöhnlich ganz anders komme. – Und so weiter.
In der zweiten Linie stehen die dogmatischen Totschlägerargumente:
• Luzius Theiler (GBP-DA) will die Übung sofort abbrechen. Die Länggasse sei schon dicht überbaut, und es sei nicht sinnvoll, «die ungenutzten Ausgleichflächen und grünen Wiesen einfach zuzubetonieren». Theilers Aussage kontrastiert mit der diese Woche veröffentlichten städtischen Strukturerhebung zu den Pendlerströmen, wonach 2010 täglich 109000 Personen in die Stadt gependelt sind und das im Vergleich zu 2000 einer Zunahme von 16 Prozent entspricht. Der Druck auf die Stadt wächst also weiter. Theiler verteidigt 19 Hektaren Stadtboden um den Preis von absehbar grösseren Pendlerströmen und grösserer Zersiedelung vor der Stadt draussen. Nota bene 19 Hektaren – was knapp der Fläche eines durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betriebs entspricht –, von denen knapp die Hälfte als neu begehbare grüne Lunge gestaltet werden soll.
• Umgekehrt dräut für den Chef der stadträtlichen FDP-Fraktion, Bernhard Eicher, und seinen Kollegen der SVP, Roland Jakob, im Bereich des «Mobilitätskonzepts» der blanke Sozialismus: Unverständlich seien die «ideologischen Auflagen» der vorgesehenen, autoarmen Planung. Würde es die Mühe lohnen, könnte man den beiden Herren erklären, dass das, wovor sie sich fürchten, nicht mit 0,5 Parkplätzen pro Wohnung (im Viererfeld) respektive 0,3 (im Mittelfeld) beginnt, sondern mit der Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel. Zehn Fussminuten vom Loeb-Egge bloss 1008 Parkplätze einzuplanen ist schlicht und ergreifend mehr als genug.
Die dritte Linie der Gegenargumente betrifft Knackpunkte, an denen in der Mitwirkung weitergedacht und nachgebessert werden muss:
• Stéphanie Penher (GB) kritisiert, bei der Planung sei das «Innovationspotential nicht ausgeschöpft» und «die Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft nicht erfüllt». Sinnvoll wäre, wenn Mitwirkung dazu dienen würde, der Planung im Sinn eines Leuchtturmprojekts noch einige helle Birnen einzuschrauben.
• Auf dem überbauten Areal wird mit einem durchschnittlichen Werktagsverkehr von rund 4000 Fahrten gerechnet. Was bedeutet das für die Überbauung selbst und was für die angrenzenden Quartiere?
• Tschäppät sagt, auf dem Areal seien wohl kleinere Läden, nicht aber ein grosses Einkaufszentrum vorgesehen. Wo kaufen die 3000 Leute ein? Im Länggass-Migros? in der Altstadt? im Shoppyland?
• Stichwort gemeinnütziger Wohnungsbau: Vorgesehen ist dafür ein Drittel der Viererfeld-Überbauung (gut 300 Wohnungen). Beim Mittelfeld wird – weil dieses Areal bereits der Stadt gehört – der Gemeinderat entscheiden. Am 19. September haben GB und JA! in einer interfraktionellen Motion einen Anteil an gemeinnützigen Wohnungen von «mindestens 50 Prozent der Fläche» gefordert. Um auf diese Zahl zu kommen, müsste der Gemeinderat zusätzlich das ganze Mittelfeld für gemeinnützigen Wohnungsbau reservieren.
Die Mitwirkungsfrist läuft noch bis zum 16. Dezember. Wer später kritisiert, wird das glaubwürdiger tun, wenn er jetzt mitdenkt.
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: