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Ixchel
Regen stürzte bindfadenartig aus den tiefliegenden, stahlgrauen Wolken. Der Dschungel war erfüllt vom Rauschen des Wassers. Es roch nach nasser Erde und Leben. Atia liebte die Regenzeit. Genüsslich grub sie ihre nackten Zehen in den aufgeweichten Boden. Sie trug nur einen Lendenschurz. Den Rest ihres Körpers hatte sie mit verschlungenen Symbolen bemalt. Diese sorgten dafür, dass sie im Zwielicht des Dschungels mit der Umgebung verschmolz und hatten zudem eine rituelle Bedeutung.
Während die anderen Jugendlichen ihres Dorfes einfach eine gewisse Zeit im Dschungel überleben mussten, um in die Erwachsenenwelt aufgenommen zu werden, hatte Atia eine ganz andere Aufgabe. Sie wurde schon seit ihrer Geburt als Priesterin ihres Stammes erzogen. Dies war die letzte Prüfung. Entweder sie war erfolgreich oder sie kehrte nicht mehr zurück.
Trotz der tropischen Wärme nahm eine kalte Angst von ihr Besitz. Ohne Priesterin würde ihr Volk nicht lange überlegen. Sie zwang sich tief ein und auszuatmen. Ihr rasendes Herz beruhigte sich. Lautlos stand sie auf. Über das ständige Prasseln des Regens tönten die Stimmen der unzähligen Singvögel. Lemuren heulten in den Bäumen. Wie ein Schatten huschte sie zwischen den Bäumen und zwischen Riesenfarnen hindurch.
Plötzlich mischten sich in die Geräusche des Regens noch ein weiteres dazu: das Tosen eines Wasserfalls. Sie hatte ihr Ziel erreicht.
Vorsichtig schob sie das Blatt einer Staude zur Seite. Sie stand an einer Klippe. Auf der gegenüberliegenden Seite stürzte ein Wasserfall in die Tiefe. Der heftige Niederschlag hatte den idyllischen Ort zu einem Hexenkessel gemacht. Die Wassermassen im Becken und im sich davonwälzenden Fluss unten hatten eine trübe, braune Farbe. Hier war es zudem deutlich kühler, als unter dem dichten Blätterdach.
Atia kauerte sich hin und suchte den Ort ab. Wasser lief ihr über die Stirn in die Augen und sie musste blinzeln. Als sie die Lider wieder hob, war sie da.
Die angehende Priesterin keuchte, als sie die Farbe, welche die Göttin in dieser Generation angenommen hatte, erkannte. Blutrot war sie, gesprenkelt mit schwarzen Kringeln, die Augen leuchtendne Bernsteinen gleich. Der rote Jaguar thronte auf einem über dem aufgewühlten Wasser ragenden Felsen.
Die Göttin hatte Atia erkannt und sah sie unverwandt an. Langsam erhob sich das Mädchen. Sie spürte wie der Blick des Jaguars tief in sie eindrang und ihre Seele offenlegte. Alles was Atia ausmachte, sprudelte an die Oberfläche, sodass sich die Göttin ein Bild darüber machen konnte, ob die angehende Priesterin würdig war.
Das Tier stand auf, den Schwanz hin und her peitschend, während es auf dem Felsen auf und ab ging. Atia wagte kaum zu atmen. Sie spürte jeden einzelnen Regentropfen, der auf ihre nasse Haut klatschte. In ihrer Brust pochte das Herz, flehte um ein positives Zeichen. Die Gesichter ihrer Familie stiegen vor ihrem inneren Auge auf. Wie würde diese reagieren, wenn sie nicht zurückkehrte? Doch nein! Sie musste zuversichtlich sein, sie musste an sich glauben!
Der Jaguar auf dem Fels unten hielt inne. Dann senkte er den Kopf und nickte ihr zu. Kurz verharrte Atia, nicht sicher ob sie das Zeichen richtig interpretierte. Aber dann wiederholte die Katze die Geste wieder.
Die junge Priesterin zauderte nun nicht weiter. Sie trat an den Rand der Klippe und nach einem raschen Blick nach unten sprang sie. Kalt sauste die Luft an ihrem Gesicht vorbei, als sie mit den Füssen voran die Wasseroberfläche durchbrach. Schnell schlug sie mit den Beinen aus, denn die Strömung zerrte bereits an ihr. Aber sie durfte nicht von ihr fortgetragen werden! Sie erreicht die Oberfläche und sog gierig die Luft ein. Bereits war sie ein Stück nach unten getrieben worden.
Mit kräftigen Schwimmzügen zielte sie auf das Ufer zu. Ein rascher Blick genügte, um sich zu vergewissern, dass die Göttin immer noch auf dem Felsen war.
In diesem Augenblick brach am Himmel die dicke Wolkendecke auf. Goldenes Sonnenlicht flutete herab und badete den roten Jaguar darin. Dass der Regen weiterhin fiel, gab der Szenerie einen noch mysterischeren Hauch.
Atia kletterte auf den Felsen, wobei sie auf dem Untergrund mit ihren vom Flusschlamm schlüpfrigen Füssen mehrfach ausrutschte. Doch aufgeben war keine Option. Schliesslich schaffte sie es, sich an einem Grasbüschel, der sich in einer Felsspalte eingenistet hatte, hochzuziehen.
Der Jaguar hatte ihre Mühen mit unbeteiligter Miene beobachtet. Die Anstrengung der letzten Tage machte sich nun mit einem Mal bei der jungen Frau bemerkbar. Mit letzter Kraft schleppte sie sich vor die Katze. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Auch sie war nun in das goldige Licht der Sonne gebadet, während der Regen weiter auf sie niederprasselte.
Sie war nun so nah, dass sie den heissen Atem des Jaguars im Gesicht spürte. Wie die alte Priesterin im Dorf sie gelehrt hatte, ging Atia in die Knie, breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Jede Muskelfaser in ihrem Körper wehrte sich dagegen, sich vor der Raubkatze so verletzlich zu geben. Atia musste alle Beherrschung aufbringen, um in der Pose zu verharren. Sie versuchte sich auf das Kommende gefasst zu machen, doch schlussendlich hätte sie nichts auf die Schmerzen vorbereiten können.
Die messerscharfen Krallen bohrten sich in ihren Oberkörper und rissen die Haut quer über den Brustkorb auf. Die Pein war so allumfassend, dass Atias Sinne zu schwinden begannen. Mit purer Willenskraft drängte sie den sich in ihr Gesichtsfeld drängende Nebel weg. Der rote Jaguar kippte nach unten weg, als sie schwerfällig nach hinten fiel. Noch immer klammerte sie sich an ihr Bewusstsein.
Ihr Volk kannte keine gesprochene Gebete. Sie huldigten ihren Göttern mit Opfern und Taten, deswegen war ihr Mund ein dünner Strich, über den kein einziger Laut kam.
Da schob sich der Kopf der Göttin wieder in ihr Blickfeld. Wieder bohrten sich diese bernsteinfarbenen Augen in sie hinein, schienen ihr Innerstes auszuleuchten. Dann neigte der Kopf sich noch mehr. Etwas Raues und Warmes strich über die brennenden Schnitte auf ihrem Oberkörper. Noch während die Zunge über die Wunde strich, begann ein warmes Kribbeln davon auszugehen. Die tiefen Schnitte heilten und hinterliessen vier Narben: Das Zeichen der geweihten Priesterin.
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.