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Nach dem geballten Auftakt zu den Jahren 1911, 1921 und 1931 steht nun in unserer Filmgeschichtsreihe mit 1941 erstmals ein einzelner Jahrqgang im Zentrum. Er wird durch amerikanische Produktionen dominiert, war doch das Filmschaffen in den meisten anderen grossen Filmländern durch die faschistische Ideologie und den Zweiten Weltkrieg massiv beeinträchtigt oder ganz lahmgelegt.
In Frankreich zum Beispiel, dem Lande Jean Renoirs, René Clairs und Marcel Carnés, kam im Jahr nach der deutschen Invasion kaum ein bemerkenswerter Film heraus. Renoir und Clair waren in die USA emigriert, Carné sollte mit dem symbolhaften Historienspiel Les visiteurs du soir erst ein Jahr später der französischen Spielart der «inneren Emigration» die Richtung weisen. An der Wiedererstarkung der französischen Produktion ab 1943 hatten ironischerweise die Deutschen mit der von ihnen kontrollierten Produktionsfirma Continental erheblichen Anteil.
In Deutschland selbst hatten die Nationalsozialisten das Filmschaffen nach der Machtergreifung Hitlers 1933 umgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Die daraus resultierende Abwanderung zahlreicher Filmschaffender kam primär Hollywood zugute. In Italien war der künstlerische Exodus unter dem bereits seit 1922 herrschenden Mussolini wesentlich geringer, weil das Regime keine rigide Gleichschaltungspolitik im deutschen Stil betrieb. Einer von vielen Belegen hierfür ist die Karriere Alessandro Blasettis, der zu den führenden italienischen Regisseuren der dreissiger Jahre zählte, aber bereits unter Mussolini neorealistische Filme «avant la lettre» drehte. Als Beispiel für Blasettis ideologische Ambivalenz zeigen wir sein Historienepos La corona di ferro – ohne es deswegen kanonisieren zu wollen.
Auch Hans Trommers und Valérien Schmidelys Gottfried-Keller-Verfilmung Romeo und Julia auf dem Dorfe gehört kaum zum Kanon des Weltfilmerbes. Aus dem Kontext der Schweizer Filmproduktion zur Kriegszeit ragt sie jedoch heraus, weil sie keine geistige Landesverteidigung wie Landammann Stauffacher und Gilberte de Courgenay betreibt (beide ebenfalls von 1941), sondern fast schon einer gegenteiligen Haltung huldigt, indem er ein Heldenpaar von schicksalsergebener Melancholie zeichnet. Ähnlich wie bei Blasetti wollen wir die Stärken und Schwächen (und die entsprechend wechselhafte Rezeptionsgeschichte) von Romeo und Julia auf dem Dorfe in einem unserer Specials zum Jahrgang 1941 ausloten.
Kein Krieg in Hollywood
Bleibt also das Hollywood der grossen Studios, die 1941 in voller Blüte stehen und den Krieg im fernen Europa noch kaum reflektieren. Wohl weiss man in US-Regierungskreisen längst um die Unvermeidlichkeit eines Kriegseintritts, doch das Gros der amerikanischen Bevölkerung ist bis zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 isolationistisch, und eindeutige filmische Stellungnahmen wie Anatole Litvaks Confessions of a Nazi Spy (Warner Brothers, 1939), Frank Borzages The Mortal Storm (MGM, 1940) und Charles Chaplins The Great Dictator (United Artists, 1940) bleiben noch Ausnahmeerscheinungen. Für Hollywoods eskapistischen Tenor steht in unserer Auswahl Preston Sturges’ Komödie Sullivan’s Travels, die quasi das Gegenstück zu Sturges’ vorangegangener Screwball-Komödie The Lady Eve (ebenfalls 1941) darstellt und den heiligen Ernst sozialkritischer Filme auf die Schippe nimmt.
Die Ausnahmeerscheinung par excellence stellt im amerikanischen Kino von 1941 aber Orson Welles’ Debütfilm Citizen Kane dar: in künstlerischer Hinsicht durch die vielfach gebrochene Erzählweise und die komplexe Bildsprache, in gesellschaftskritischer durch die Scharfsichtigkeit, mit welcher der uramerikanische Traum vom Selfmademan und Tycoon hier gleich mehrfach entzaubert wird. Kane mag zwar eine Persönlichkeit von überragendem intellektuellem und unternehmerischem Talent sein. Am Anfang seiner «Selbstschöpfung» steht jedoch de facto ein Millionenerbe und am Ende, als Preis für einen lebenslangen Egotrip, die totale Isolation.
Einer Chimäre in Form eines kostbaren schwarzen Falkens jagen auch die Helden des anderen grossen amerikanischen Debütfilms von 1941 nach: Sam Spade und seine zwielichtigen Auftraggeber in John Hustons Hammett- Verfilmung The Maltese Falcon. Sehr viel mehr als Citizen Kane wird dieser Film stilistisch Schule machen und die metaphorisch verschlüsselte, in Krimi- konventionen gekleidete Zeichnung gesellschaftlicher Stimmungslagen des Film noir prägen.
Andreas Furler