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Predigt vom Sonntag, den 30. August 2009, gehalten in der St. Anna-Kapelle Zürich
von Pfarrer Jakob Vetsch, Sihlcity-Kirche
DANKET!
"Preist den Herrn, denn er ist gut,
ewig währt seine Gnade.
Es spreche Israel:
Ewig währt seine Gnade.
Es spreche das Haus Aarons:
Ewig währt seine Gnade.
Sprechen sollen, die den Herrn fürchten:
Ewig währt seine Gnade.
Aus der Bedrängnis rief ich zum Herrn,
der Herr erhörte mich und schuf mir weiten Raum."
Psalm 118,1-5
Saint Paul’s Cathedral, London. Foto: David Vetsch, Juni 2009
Liebe Gemeinde!
Die Zürcher Bibel von 1955 übersetzte den Eingangs- und Schlussvers vom Psalm 118 mit den wohlvertrauten Worten:
"Danket dem Herrn, denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewig!"
Das Lied enthält noch mehr Verse, bei denen wir aufmerken und die wir kennen, so etwa:
"Es ist besser, auf den Herrn zu vertrauen,
als sich auf Menschen zu verlassen."
"Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
der ist zum Eckstein geworden."
"Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat;
lasst uns frohlocken und seiner uns freuen!"
Die Predigtworte habe ich darum gewählt, weil mir vor einiger Zeit ein Wort zur Dankbarkeit aus der Feder des französischen Geistlichen Jean-Baptiste Massilon zufiel. Massillon lebte von 1663 bis 1742 und war unter anderem Hofprediger von Louis XIV., dem "Sonnenkönig", und nach dessen Tod Bischof von Clermont. Das Wort heisst:
"Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens."
Mir fiel sofort wieder mal ein, dass das Wort in der deutschen Sprache den Bildungen rund um das Wort Denken angehört. Ursprünglich bedeutete es Denken, Gedenken. – "Gedächtnis des Herzens" sagt Massilon.
Sodann fragte ich mich, was wohl das Gegenstück zu Dankbarkeit sein könnte – wohl nicht nur Undankbarkeit. Eine unglaubliche Palette Möglichkeiten eröffnete sich: Von Unzufriedenheit über Sehnsucht zu Geiz, Bitterkeit oder Enttäuschung kann da alles angedacht werden. Ich bin ein klein wenig erschrocken. Wenn wir uns diese Worte vor Augen halten, wird uns bewusst, dass ein einziges Wort – Dankbarkeit – so viele Türen zu öffnen und so viel Unerfülltes zu erfüllen und Ungutes hinwegzuschwemmen vermag!
Der dankbare Mensch nimmt gerne etwas an. Und er weiss es zu schätzen. Man schenkt ihm gerne etwas, und er gibt auch nur, was er gerne gibt. So einfach hört sich das an. So schwierig ist es oft. Und ich bin mir gar nicht so sicher, ob wir uns in unserem kleinen Land nicht manchmal schwer tun damit, Dinge anzunehmen. Man will es verdient haben. Machen Sie einmal ein Geschenk, ein unerwartetes, jemandem der Ihnen vielleicht gar nicht so nahe steht. "Ja, darf ich das annehmen?" – "Wie habe ich das verdient?" – "Was kann ich Ihnen dafür geben?" – Und schon ist es nicht mehr ein Geschenk, sondern ein Tauschhandel! Aufgepasst, und Hand auf’s Herz: Tut sich da nicht auch die Gnade schwer, und hat der liebe Gott nicht oft seine liebe Mühe mit uns, wenn er uns etwas geben will, etwas das wir gar nicht verdient haben? Ist es uns nicht wohler, wenn wir auf unseren Fleiss hinweisen können, auf unsere Rechtschaffenheit und auf unseren Glauben? Und ist es dann noch Gnade? Bedurften wir der Erlösung? Lassen wir uns mit Dankbarkeit erfüllen, weil wir die Gnadengaben unseres Herrn annehmen – und weil wir im Innersten der Herzen wissen, dass nichts selbstverständlich ist?
"Wenn dich einer vor Gericht ziehen will, um dein Gewand zu nehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer nötigt, eine Meile mitzugehen, dann geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der von dir borgen will!" – So eindringlich hören wir es von Jesus in seiner Bergpredigt (Matthäus 5,40-42). Ultimativ. Kein Wort davon, ob der Bittende würdig ist, im Gegenteil, er ist es eher nicht. "Gib, wende dich nicht ab!" – Wir haben es gehört. Kurz später: "ER lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Matthäus 5,45) – Wieder wird nicht gefragt, wer würdig ist. Oft also: unverdient, aus Gnade.
Dankbarkeit – Gedächtnis des Herzens. Wir speichern ziemlich viel, man weiss das heute. Wegen unseren Urinstinkten ist es oft auch Negatives, sind es Gefahren, um die wir für’s Überleben wissen müssen. Und sie bestimmen unser Verhalten. Davon sollen wir uns aber nicht ins Bockshorn jagen lassen. Dazu ist Jesus gekommen und hat uns das Evangelium gebracht. Denn Ängste, Schuldgefühle, negativ besetzte Emotionen verbauen uns und anderen ja so viel im Leben. Sie verhindern den Genuss, die Freude – und letztlich die Dankbarkeit. Sie führen dazu, dass das Leben als Grundmuster nur Kampf kennt, keinen Frieden, keine Erlösung, keine Liebe. Dazu ist Jesus gekommen und hat uns seine gute Botschaft gebracht. Von der Vergebung. Von der Annahme. Und davon, dass wir bitten dürfen und sollen. Nochmals aus der Bergpredigt: "Bittet, so wird euch gegeben." (Matthäus 7,7) Und dann nehmen können, sich freuen – und weitergeben.
So ist gute Bewegung in unserem Leben. Kreise schliessen sich. Neue Kreise öffnen sich. Ungeahnte Früchte warten auf ihre Ernte. Alles durch das grosse Werk unseres Gottes.
Dankbarkeit – Gedächtnis des Herzens. Sobald also nicht nur Kopfarbeit gefordert ist, sondern auch die beherzte Einstellung, drängt die Dankbarkeit in ihrer schönen Vielfalt aus der Tiefe unseres Menschseins. Sie entfaltet einen wunderbaren Duft, eine gute Ausstrahlung, und sie verleiht unserem Leben Farbenpracht. Durch gemeinsames Fundament und Erleben entstehen Brücken der Verständigung und des Verstandenwerdens. Auch das Bewusstsein, dass denen die Gott lieben alle Dinge zum Guten mitwirken müssen (Römerbrief 8,28).
Dankbarkeit – das Gedächtnis des Herzens. Nicht als moralische Verpflichtung und nicht als Gegengabe, sondern tief aus dem Herzen, aus dem Herzen gehört, weil es so ist wie es ist.
Ich schliesse mit Worten aus dem Kolosserbrief 2,4-7, die mir während der Arbeiten an dieser Predigt ein Besucher der Sihlcity-Kirche ins Gesprächszimmer gebracht hat – und die ich mir schnell notiert habe für uns:
"Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so lebt nun auch in ihm: verwurzelt in ihm und aufgebaut auf diesem Fundament, gefestigt im Glauben, so wie ihr unterrichtet worden seid, und voller Dankbarkeit."
Eingangsgebet
Guter GottWir legen dir hin all unsere Sorgen und Ängste, unsere Nöte und Kümmernisse für uns selbst und für andere. Wir zeigen sie dir. Schau du sie an, wirf du dein Licht drauf; befreie uns von Bürden, die wir nicht tragen müssen und vergib uns, wo wir gefehlt haben.
Wir danken dir von Herzen für deinen Ruf in die Gemeinde St. Anna und unter dein Wort; für deine Gemeinschaft danken wir dir mit Menschen, die auch unterwegs sind und deinen Zuspruch nötig haben.
Was wäre unser Leben ohne deine Vergebung; was wären wir ohne dich und deinen Sohn Jesus Christus und deinen Heiligen Geist? Was ist unser Leben mit den neuen Morgen, die du uns schenkst, mit den Neuanfängen, eingehüllt in deine Gnade; was ist unser Leben mit deinem Sohn Jesus Christus und mit der Kreativität und der Geborgenheit im Heiligen Geist!
Öffne unsere Ohren und Herzen, unsere Gemüter für das, was du uns in dieser Stunde sagen willst, für jenes Wort, das du heute in unser Leben legen möchtest, und rüste uns aus mit einem frischen, neuen Geist.
Amen.
Fürbittengebet
Herr Jesus ChristusFür dein Wort des Friedens und der Liebe danken wir dir. Es stärkt uns und macht unsere Herzen leicht. Es öffnet uns die Augen und lässt uns vorwärts blicken. Es heilt unsere Wunden und macht uns in der Gemeinschaft mit dir und deiner Familie ganz.
Wir bitten heute ganz besonders für alle, die dich nicht kennen – komme du zu ihnen.
Für alle bitten wir dich, die dir nicht Danke sagen können – schenke du ihnen deine unermessliche Güte.
Für alle, deren Herz Verbitterung erfüllt – verleihe ihnen deine Gerechtigkeit.
Wir bitten dich für die Kinder, welche die Schule begonnen haben; für die Familien, die Alleinstehenden und die älteren Menschen unter uns – erfülle ihr Leben mit Sinn und mit Kraft.
Um all das bitten wir dich, der du bist "Unser Vater im Himmel ..."
last update: 28.09.2015