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Die Schweiz hat eine AHV-Reform dringend nötig. Seit den 90er Jahren ist keine Reform mehr geglückt. Wie haben es vergleichbare Länder geschafft ihre Altersvorsorge zu reformieren?
Noch in den 90er Jahren belegte die Schweiz in der Studie von Mercer zur Altersvorsorge die vorderen Plätze. Sie war mit ihrem Mehrsäulensystem, also mit staatlicher, betrieblicher und privater Vorsorge, ein Vorbild für viele weitere Länder. Einige dieser haben die Schweiz aber inzwischen überholt. In den letzten Jahren war die Schweiz aufgrund einer Reformblockade nicht mehr in den Top 10 anzutreffen. Nachfolgend werden die Länder Niederlande, Dänemark und Schweden, welche die vorderen Plätze jeweils unter sich ausmachen, verglichen.
In vielen Punkten sind diese Länder sehr ähnlich wie die Schweiz. Was den Wohlstand, die Bevölkerungsgrösse, die Struktur der Bevölkerung und den Ausbaustandard des Wohlfahrtstaats betrifft, sind sie vergleichbar. Alle drei besitzen wie die Schweiz ein Mehrsäulenprinzip, also eine Mischung von staatlicher und privater Vorsorge, in welcher die Arbeitgeber involviert sind. Alle Länder haben die selben demographischen Probleme und sind nicht in der Lage, mit den aktuellen Geburtenraten das bisherige Rentenniveau sicherzustellen. Die drei Vergleichsnationen eint, dass sie äusserst stabile und nachhaltig finanzierte Altersvorsorgesysteme besitzen, etwas, das die Schweiz aktuell nicht mehr besitzt.
Schweden – Die sozialdemokratischen Reformer
Schweden besitzt ein Drei-Säulen Prinzip, das Umlage- und Kapitalverfahren miteinander kombiniert und somit Risiko diversifiziert. Wie in der Schweiz, ist die 1. Säule eine staatliche Vorsorge, die 2. Säule eine betriebliche Vorsorge und die 3. Säule eine private Vorsorge. Im Gegensatz zur Schweiz, kennt Schweden in der 1. Säule das Lebenseinskommens Prinzip, bei dem die absolute Summe an geleisteten Einzahlungen zählt, und nicht die Beitragsjahre an sich, wobei Militärdienstleistenden ein Bonus zugestanden wird.
Schweden hat in der 1. Säule drei spannende Reformschritte eingebaut.
- Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung, sprich die Verknüpfung und Anbindung des Pensionsalters mit der Lebenserwartung.
- Mechanismus, der die ausbezahlten Renten an die einbezahlten Beiträge anpasst, sprich es wird nur so viel ausbezahlt, wie einbezahlt wird, sinken die einbezahlten Beiträge, sinken automatisch auch die ausbezahlten Renten.
- Teilvorbezug bei gleichzeitigem Weitereinzahlen der Renten, es ist möglich, nach Eintritt ins Pensionsalter weiter zu arbeiten, und auf diesen Lohn weiter AHV zu bezahlen, auch wenn man schon einen Teilbezug dieser vollzogen hat.
Schweden besitzt kein Renteneintrittsalter, aber ein Mindestrentenalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt ist, welches bis 2024 auf 64 Jahre angehoben wird. Vor Eintritt in dieses Alter gibt es keine Rentenleistungen. Es ist jedoch nicht mit dem schweizerischen Rentenalter vergleichbar, weil es viel flexibler augestaltet ist. Die 64 Jahre sind der Zeitpunkt, an dem man frühestmöglich in Rente gehen kann, aber es ist kein Zwang, man kann problemlos noch länger beschäftigt sein. Eine Erhöhung der Lebenserwartung sieht eine Erhöhung des Rentenalters von 8 Monaten vor. Besteht ein Ungleichgewicht zwischen Guthaben und Verbindlichkeiten im Rentensystem, sprich herrscht eine Differenz von eingezahltem Geld und auszuzahlenden Renten, springt ein Automatismus ein, der die Höhe der ausbezahlten Renten anpasst, womit die bezogenen Renten nicht jedes Jahr gleich hoch sind, aber auch nicht in ihrer Gesamtheit höher sein können als die vorhandenen Beiträge. Dieser Mechanismus nimmt die Funktion einer Art Schuldenbremse ein, es soll also sichergestellt werden, dass die 1. Säule nicht mehr Geld ausgibt als sie hat. Dies ist in der Schweiz nicht der Fall.
Weiter hat Schweden die Möglichkeit von Teilrenten geschaffen, welche eine reduzierte Erwerbsarbeit im Alter bei gleichzeitigem Teilvorbezug der Rente ermöglichen. Mit diesem Schritt wurde die Möglichkeit geschaffen, auch nach Eintritt ins Mindestrentenalter weiter zu arbeiten. Dies macht Sinn, insbesondere, weil es möglich ist, auch in Teilpensen zu arbeiten und mit zusätzlich ausbezahlter Teilrente gut über die Runde zu kommen. Die Schweiz kennt dies in dieser Art nicht. Man kann zwar bei Eintritt ins Rentenalter weiter arbeiten, aber die einem zur Verfügung stehende Rente wird dadurch nicht erhöht, womit auf Sicht der Höhe der Renten kein Anreiz besteht, länger zu arbeiten. In Schweden erhöhen sich die einem nach Eintritt ins Mindestrentenalter zur Verfügung stehenden Renten. Somit wird direkt ein Anreiz geschaffen, auch im Alter zumindest noch ein Teilzeitpensum wahrzunehmen.
Dänemark – Arbeiten bis 74?
Dänemark besitzt ein 4-Säulen-System bestehend aus Volkspension (AHV), einer obligatorischen Pensionskassenstiftung, an Tarifverträge oder den Arbeitgeber geknüpfte Pensionskassen sowie individuellen Vorsorgelösungen.
Die Volkspension wird nicht durch Beiträge, aber Steuern finanziert. Die berufliche Vorsorge ist nicht nach Beiträgen, sondern Arbeitsstunden organisiert, wobei zwei Drittel vom Arbeitgeber, ein Drittel vom Arbeitnehmer geleistet wird. Jeder bekommt eine Pension, wenn er seit dem 15. Lebensjahr mindestens 40 Jahre in Dänemark gelebt hat.
Eine Reform des dänischen Systems wurde 2016 verabschiedet, wobei das Rentenalter an die Lebenserwartung angebunden wurde. 2019 ist man beim bisherigen Rentenalter von 65 Jahren gestartet, 2022 ist man schon bei 67 Jahren, um 2030 bei 68 Jahren zu sein. 2065 beträgt das Renteneintrittsalter nach den aktuellsten Berechnungen 74 Jahren.
Bei der Anbindung an die Lebenserwartung wird der Ansatz verfolgt, dass man 15 Jahre in Pension verbringen soll. Alle fünf Jahre wird neu ausgerechnet, wann die betreffenden Jahrgänge in Rente gehen können, sodass jeder ein paar Jahre vor Eintritt in die Pension Gewissheit hat, wann es soweit ist.
Niederlande – liberaler Reformer
Die Niederlande besitzt wie die Schweiz (und Schweden) ein Drei-Säulen-System. 1. Säule ist die obligatorische, staatliche Vorsorge. 2. Säule ist die betriebliche Vorsorge. Die dritte Säule die private Vorsorge. 2016 entschied sich die Niederlande dazu, ihr Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung anzupassen.
Bis dieses Jahr wurde das Rentenalter schrittweise auf die heute gültigen 67 Jahre in jeweils 3-Monatsschritten angehoben, und wird nun an die Lebenserwartung angebunden. 2022 wird das Renteneintrittsalter bei 68 Jahren liegen, wobei die Bürger fünf Jahre vor der Pension erfahren, wann sie in Pension gehen können.
Die Niederlande kennen eine bedingungslose Rente, wobei nur nach der Form des Zusammenlebens unterschieden wird. Eine niederländische Rente hängt nicht von den einbezahlten Beträgen ab, sondern von den Einzahlungsjahren, wobei die Maximalrente nur für Leute vorgesehen ist, die mindestens 50 Jahre im Land gelebt haben. Pro Jahr, das man nicht im Land verbracht hat, sinkt die Rentenleistung um 2 Prozent.
Interessant ist, dass die Rentner in der 1. Säule zwischen unterschiedlichen Auszahlungsmöglichkeiten wählen können. Entweder ist ihre Rente fix, das heisst, sie bekommen jedes Jahr einen fest definierten Betrag ausbezahlt, oder aber sie wählen eine mehr risiko-behaftete Strategie, die das Risiko des Kapitalmarktes beinhaltet, sich aber auch in höheren (oder tieferen) Renten manifestiert, oder sie wählen als 3. Option eine Kombination von beidem.
In den Niederlanden werden in der 2. Säule die Pensionskassen saniert, sobald ein Deckungsgrad von 105 Prozent erreicht ist, automatisch treten dann Sanierungsmassnahmen, die auch eine Kürzung der Renten beinhalten, in Kraft. In der Schweiz wird erst ab einer Deckung von 95 Prozent saniert, und bestehende Renten werden im Gegensatz zur Niederlande nicht angefasst.
Entpolitisierung des Rentenalters
Die drei Länder haben sehr ähnliche Lösungen zur Stabilisierung ihrer Systeme gefunden.
Alle drei eint, dass sie mit der Entpolitisierung des Rentenalters ihre Altersvorsorge stabilisieren und nachhaltig finanzieren konnten, so dass auch die zukünftigen Generationen noch mit einer gesicherten Rente rechnen können. Die betrachteten Länder eint, dass sie alle verstanden haben, dass umlagefinanzierte Systeme häufig überstrapaziert werden, da Politiker eine Reform zu lange vor sich herschieben und Angst haben, ihre älteren Wähler seien gegen Reformen, weshalb sie beim Rentenalter einen Mechanismus wählten, der unabhängig von der politischen Grosswetterlage greift. Schweden, Dänemark und die Niederlande haben verstanden, dass es eine Zusammenarbeit aller wichtigen politischen Akteure braucht, um das Ziel einer stabil und nachhaltig finanzierten Altersvorsorge zu erreichen. In Schweden war es eine sozialdemokratische Regierung, die alle wichtigen politischen Akteure ins Boot holte, insbesondere die starken Gewerkschaften, und es so schaffte, eine Reform durchzusetzen.
In Dänemark fiel die Reform in die Zeit der liberalen Regierung, aber auch ihr gelang es, die starken Gewerkschaften mit ins Boot zu holen, um eine Blockade zu verhindern. In den Niederlande fiel die Reform in die Zeit des aktuell regierenden Premierministers Mark Rutte. Der Unterschied zur Schweiz liegt aber ganz klar darin, dass es sich bei den drei vorherig betrachteten Nationen um parlamentarische Demokratien handelt, bei denen es keine Volksabstimmungen braucht. In der Schweiz muss eine Reform immer auch vor dem Volk bestehen können. Die Bundesversammlung ist der Ansicht, dass eine Verbindung von Renteneintrittsalter und Lebenserwartung nicht mehrheitsfähig ist, haben sich aber auch nie getraut, dies vor das Volk zu bringen. Umso passender kommt die Initiative der Jungfreisinnigen, die dieses Modell aufgreift. Die «Renteninitiative» beabsichtigt eine Anbindung von Rentenalter an Lebenserwartung, und zwar im Faktor 0.8 zu eins. Sprich steigt die Lebenserwartung um ein Jahr, soll das Renteneintrittsalter um 0.8 Jahre erhöht werden. Bis im Sommer haben die Initianten Zeit, Unterschriften für die Initiative zu sammeln. Falls diese Initiative zustande kommt, kann man sich auf anregende politische Diskussionen zu diesem Thema einstellen.