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- Erstellt: Mittwoch, 15. September 2021 11:06
In der Diskussion um die Wirksamkeit sind zwei Stufen beziehungsweise Fragen zu unterscheiden. Dass physikalische Effekte physikalisch nachzuweisen sind, liegt auf der Hand. Wer Effekte auf Pflanzen, Tier und Mensch mit physikalischen Methoden überprüft, tendiert dazu, diese auf physikalische Mechanismen zu reduzieren. Wer Pflanze, Tier und Mensch andere (höhere) Seinsstufen zuschreibt, als etwa einer Eisschicht auf dem See, wird sich überlegen müssen, mit welchen Methoden der Erfahrung er diese erfassen kann. Es würde wohl niemandem einfallen, die Qualität einer Konzertaufführung mit einem Schallpegel-Messgerät zu erfassen. Wo der direkte Nachweis nicht möglich ist, kann ein Indiz/Indikator helfen, das oder der eine Wirkung anzeigt, ohne dass der «Wirkmechanismus» oder die Wirkungskette nachverfolgbar ist. Bei homöopathischen Verdünnungen sind mindestens die beiden Stufen zu beachten:
- Wirksamkeit grundsätzlich: Sind homöopathische Verdünnungen überhaupt wirksam? Hier geht es primär um die physikalische Argumentation, dass eine Substanz in einer Verdünnung, in welcher kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar ist, überhaupt noch wirksam sein kann. Die naheliegende materialistisch-physikalische Antwort ist: selbstverständlich nicht! Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich Lili Kolisko.
- Wirksamkeit spezifisch: Deutlich anspruchsvoller ist die Frage bestimmter Heilwirkungen homöopathischer Medikamente, u.a. weil der Standardisierbarkeit (und damit den Doppelblindversuchen) gerade in der anthroposophischen Medizin besonders enge Grenzen gesetzt sind, weil Individuen eben Individuen und keine Mechanismen nach identischem Funktionsprinzip sind, die deshalb identisch reagieren können. Doch die routinemässige Negation einer Wirksamkeit fordert auch auf dieser Ebene zu Überprüfungen mit stardardisierten Verfahren heraus (siehe die weiteren Quellen).
Lili Kolisko
«1923 wurde gerade ihre zweite Schrift ‹Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit kleinster Entitäten› veröffentlicht [siehe Bild]. Sie hatte unmittelbar nach den Vorträgen des Ersten Ärztekurses 1920 gemeinsam mit Rudolf Steiner mit den Forschungen zu der Wirkung von potenzierten Metallsalzlösungen auf das Pflanzenwachstum begonnen. Steiner hatte die Anregungen und im Dezember auch den Namen für die Forschungsarbeit gegeben. Er verbrachte viele Stunden mit ihr im Laboratorium, um jeden Schritt der Versuchsanordnung von der Auswahl der Weizensamen bis zur Herstellung der Potenzen und der Art des Schüttelns exakt und einwandfrei durchzuführen. Das Manuskript für die Veröffentlichung hatte er ohne eine einzige Korrektur zur Veröffentlichung freigegeben.
So konnte Lili Kolisko exakt nachweisen, dass sich das Wachstum der Pflanzen aus den Weizensamen durch eine Düngung mit potenzierten Metallsalzlösungen in den Stärken D1 bis D30 je nach Potenzstufe anders verhält und sich eine wiederholbare Kurve ergibt, die bei bestimmten Potenzen ein eingeschränktes Wachstum und bei anderen ein vermehrtes Wachstum zeigt.» (D-Potenz = Verdünnung im Verhältnis 1:10 = D1. Für D2 nimmt man einen Teil D1 und verdünnt erneut 1:10 – usw. Daneben gibt es die C-Potenzen, d.h. Verdünnungen 1:100.
Aus: Sabine Schäfer: Lili Kolisko, eine anthroposophische Forscherin, in: Anthroposophie Michaeli 2018, S. 244 f. (Ein Ex. der Arbeit von Kolisko steht in meiner Bibliothek)
Potenz von Placebo unterscheidbar
«Eine internationalen Forschergruppe um Stephan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin an der Universität Witten/Herdecke hat gezeigt, dass sich homöopathisches Stannum (Zinn) D30 von einem Placebo durch ein Kristallisationsverfahren reproduzierbar unterscheiden lässt. Dabei wird einer wässrigen Kupferchlorid-Lösung (CuC12 2H20) eine Substanz zugeführt. Der Lösung wird dann durch durchkontrolliertes Verdampfen Wasser entzogen und die Kupferchlorid-Kristalle kristallisieren in einer bestimmten Form aus. Je nachdem welche Substanz der Lösung zugegeben worden ist, sieht das Kristallisationsmuster anders aus.
Damit gelang die Replikation einer früheren Studie, die positive Ergebnisse erbracht hatte. Die Bildanalyse der Kristallisationsbilder erfolgte computerisiert und vollautomatisch; vor der Analyse wurden die entsprechenden Parameter und die interessierenden Bereiche der Bilder entsprechend den Befunden der Vorgängerstudie definiert. Außerdem wurden systematische, negative Kontrollversuche durchgeführ, und alle Schritte waren kodiert und verblindet. Das Ergebnis stellt einen Meilenstein in der homöopathischen Grundlagenforschung dar.»
doi.org/10.1016/j.ejps.2019.104987 aus: Die Drei April 2020
Harald Hamre: Homöopathie im Visier
«Eine zentrale Frage der Debatte ist, ob homöopathisch potenzierte Substanzen wirken. Das kann im Labor untersucht werden. In vielen Experimenten wurden Wirkungen homöopathisch potenzierter Substanzen auf biologische Systeme mittels verschiedener Testverfahren gefunden und in der Hälfte bis zwei Drittel der Replikationsexperimente bestätigt.(1+2) In Laborversuchen kann Homöopathie also wirken.
Für die Prüfung der Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel (Homöopathika) am Menschen gilt das konservativste, strengste Verfahren: der Vergleich mit Placebos in randomisierten Doppelblindstudien.
In vielen solchen Studien und in entsprechenden Metaanalysen war die Homöopathie wirksam.(3) Im Testsystem der klinischen Doppelblindstudie kann Homöopathie also auch wirken.»
(1) C. M. Witt, M. Bluth, H. Albrecht, T. E. Weißhuhn, S. Baumgartner, S. N. Willich, The in vitro evidence for an effect of high homeopathic potencies – a systematic review of the literature. Complement Ther Med 2007; 15(2): 128–138.
(2) P. Endler, K. Thieves, C. Reich et al., Repetitions of fundamental research models for homeopathically prepared dilutions beyond 10(-23): a bibliometric study. Homeopathy 2010; 99* *(1): 25–36.
(3) H. J. Hamre, H. Kiene. Wissenschaftliches Gutachten zum Antrag V-01 ‹Echter Patient*innenschutz: Bevorteilung der Homöopathie beenden!›, Antrag zur Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/DieGrünen, 15.–17. November 2019 in Bielefeld. IFAEMM Publikationen, 8.11.2019, 2019 (accessed 30.01.2020).
Aus: Das Goetheanum – Ausgabe 20 · 15. Mai 2020