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Jedes Jahr werden über eine Million wissenschaftliche Artikel publiziert: Seit Jahren nimmt die Publikationstätigkeit exponentiell zu, und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Doch diese grosse Ansammlung von Wissen ist nicht immer verlässlich und die Verfügbarkeit beschränkt.
Viele Beobachter aus dem Bereich der Forschung, darunter auch der Schweizerische Nationalfonds, sind deshalb zum gleichen Schluss gekommen: Die Wissenschaft muss sich öffnen, um transparenter und effizienter zu werden und besseren Zugang zu bieten. Publikationen sollen unentgeltlich und umgehend zur Verfügung stehen (Open Access), und Rohdaten sollen ausgetauscht, wiederverwendet und überprüft werden können (Open Data). Dies ist die Grundlage von Open Science, dem neuen Paradigma, das die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlich neu definieren will, von der Datenerhebung über die Analyse und Interpretation der Daten bis hin zu deren Publikation (siehe Infografik «Die Komponenten von Open Science»).
Die Grundidee ist, den Austausch und die Transparenz zu fördern: Rohdaten sollen online publiziert und aktualisiert werden, wo sie für alle einsehbar sind; ihre Interpretation soll via Blogs und gemeinsame Plattformen erfolgen, und die Qualitätskontrolle (Peer Review) wäre nicht mehr in den Händen einiger anonymer Expertinnen und Experten, sondern würde durch eine grössere Anzahl von Autorinnen und Autoren erfolgen. Zudem wichtig: Die Open-Access-Publikationen sollten mit den dazugehörigen Rohdaten publiziert werden, damit die Resultate überprüft und weiterverwendet werden können. So wird die Wissenschaft glaubwürdiger und effizienter, Duplikationen werden vermieden, und Resultate verbreiten sich schneller.
Die Prinzipien von Open Science stehen im Widerspruch zu vielen geltenden Grundsätzen der akademischen Welt: Um Karriere zu machen, brauchen Forschende möglichst viele Publikationen in angesehenen Zeitschriften, die häufig zahlungspflichtig sind. Der Austausch von Forschungsdaten erfordert viel Zeit und Geld, weil Datenbanken erstellt und längerfristig unterhalten werden müssen. Ein weiterer Knackpunkt ist die Publikation von Rohdaten: Auch Forschende, die Open Science befürworten, haben Mühe mit der Vorstellung, dass Kollegen ihre Daten begutachten oder Konkurrenten ihre Daten verwenden und vielleicht noch vor ihnen dazu publizieren. Der Austausch von Daten, die in Zusammenarbeit mit Industriepartnern erhoben wurden, wirft zudem Fragen bezüglich des geistigen Eigentums auf. «Im Prinzip befürworten alle Forschenden Open Science», hält Aysim Yılmaz, Leiterin der Abteilung Biologie und Medizin der SNF-Geschäftsstelle und Verantwortliche für Open Science, fest. «Aber die Umsetzung wird nur dann gelingen, wenn die Forschenden dabei auch den eigenen Nutzen sehen.»
Trotz diesen Schwierigkeiten entwickelt sich OpenScience, und dies vor allem via die Basis: Viele Forschende arbeiten bereits online zusammen und stellen ihre Daten zur Verfügung; dies geschieht in den verschiedensten Disziplinen, von der Teilchenphysik über die Genetik bis hin zu den digitalen Geisteswissenschaften. Andere entwickeln neue Methoden, um sich auszutauschen, Evaluationen durchzuführen oder zu publizieren. Auch den forschungspolitischen Akteuren kommt in diesem Wandlungsprozess eine wichtige Rolle zu, insbesondere Förderungsorganisationen wie dem SNF, welche die Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Forschungsprojekten festlegen. So verlangt der SNF bereits heute, dass Publikationen aus von ihm finanzierten Projekten öffentlich zugänglich sind (siehe Open-Access-Artikel). Mittelfristig sollten öffentlich zugängliche Daten und Publikationen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel darstellen.
Open Science ist eine internationale Bewegung: Die Liga Europäischer Forschungsuniversitäten (LERU) und die EU haben Programme lanciert, um Fragen im Bereich Open Science zu klären und die Umsetzung zu fördern. Forschungsakteure wie die WHO und die National Institutes of Health der USA haben Kriterien bezüglich Open Science definiert. Verschiedene Förderungsorganisationen (z.B. in Norwegen und den Niederlanden) haben Open Access und Open Data bereits in ausgewählten Programmen zur Voraussetzung gemacht. Aus Sicht der Wissenschaftsgemeinschaft sind jedoch vereinheitlichte universelle Rahmenbedingungen nicht anzustreben, da jeder Forschungsbereich seine eigene Kultur hat und mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert ist. Lösungen sollten sich daher von Bereich zu Bereich entwickeln, unbürokratisch und ohne Zusatzaufwand für die Forschenden und die Institutionen. Die erfolgreiche Umsetzung von Open Science wird von einem Umdenken der wissenschaftlichen Gemeinschaft abhängen.
Citizen Science -> Von Nichtwissenschaft- lern durchgeführte Forschung
Open Access -> Freier und kostenloser Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln
Offene Kommentierung -> Forschungsdaten (Genomik, Editionen usw.), die kommentiert und komplettiert werden
Open Data -> Rohdaten aus einer Forschung, die anderen Forschenden zur Verfügung stehen
Open Lab Books -> Laborheft , die online gestellt und öffentlich diskutiert werden
Open Peer Review -> Öffentliche, nicht anonyme Peer Review eines Artikels vor seiner Publikation oder im Rahmen einer Evaluation
Open Source -> Frei wiederverwendbare oder transformierbare Soft- und Hardware
Pre-Registration -> Vorzeitige Ankündi- gung eines Forschungsplans (um A-posteriori-Modifikationen auszuschliessen)
Verifizierung -> Reproduktion oder Entkräftung von bestehenden Resultaten
Text & Data Mining -> Einsatz von Algorithmen, um aus zugänglichen Daten neue Resultate zu gewinnen