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Nach Doel-3 am 23. September 2022 wurde am 31. Januar 2023 um 22:45 Uhr nun auch der Block 2 des Kernkraftwerks Tihange nach 40 Betriebsjahren endgültig vom Netz genommen. So fordert es das belgische Atomausstiegsgesetz aus dem Jahr 2003.
Gemäss Engie-Electrabel werden die ersten Aktivitäten im Rahmen der endgültigen Stilllegung und des anschliessenden Rückbaus in Kürze beginnen. «Kurz nach der Abschaltung wird der Reaktor ein letztes Mal geöffnet, um die Brennelemente herauszunehmen und sie in die Abklingbecken zu verbringen», kommunizierte das Unternehmen und ergänzte: «Um die Anlagen weitestmöglich von Radioaktivität zu befreien, wird der Primärkreislauf mit einer chemischen Lösung ausgespült».
Ab 2024 werde man damit beginnen, zuerst ältere Brennelemente in Transport- und Lagerbehälter umzuladen, bis das Abklingbecken dann 2027 komplett geleert und 99% der Radioaktivität aus der Anlage entfernt sei. Parallel dazu würden nicht mehr benötigte Systeme ausser Betrieb genommen. Ab zirka 2026 werde man mit dem vollständigen Rückbau von Tihange-2 beginnen.
Antoine Assice, Direktor des Kernkraftwerks Tihange, dankte der Belegschaft für ihre Arbeit und blickte mit Stolz auf 40 Jahre sichere Stromerzeugung zurück. Man habe sich seit Jahren auf den Rückbau von Tihange-2 vorbereitet und gehe diese neue Herausforderung mit der gleichen Hingabe und dem gleichen Berufsstolz wie bisher an. «Die nukleare Sicherheit wird immer unsere erste Priorität bleiben, bis zum allerletzten Tag.»
Am Kernkraftwerksstandort Tihange in der Provinz Lüttich stehen drei Druckwassereinheiten, die am 1. Oktober 1975 (Tihange-1), 1. Februar 1983 (Tihange-2) und 1. September 1985 (Tihange-3) in Betrieb genommen wurden. Sie haben eine Leistung von insgesamt 3008 MW und sind für rund ein Viertel der gesamten Stromproduktion in Belgien verantwortlich. Neben Tihange gibt es in der Nähe von Antwerpen noch das Kernkraftwerk Doel mit vier Kernkraftwerkseinheiten. 2021 betrug der Nuklearstromanteil in Belgien rund 40%.
Laufzeitverlängerungen für Tihange-3 und Doel-4 in Arbeit
Belgien beschloss 2003 den Atomausstieg und wollte bis 2025 die ursprünglich sieben in Betrieb befindlichen Kernkraftwerkseinheiten vom Netz nehmen. Neben dem Ausbau von erneuerbaren Energien sollten auch Gaskraftwerke die entstehende Stromlücke schliessen. Aufgrund der Turbulenzen auf dem Energiemarkt gab 2022 der belgische Premierminister Alexander de Croo Pläne zur Laufzeitverlängerung von Tihange-3 und Doel-4 um zehn Jahre bis 2035 bekannt. Am 9. Januar 2023 verkündete er, dass man sich mit Engie-Electrabel «in den Grundsätzen» über die Laufzeitverlängerung geeinigt habe. Sollte der angestrebte Vertrag zustande kommen, werden 2025 beide Kernkraftwerksblöcke vom Netz genommen und erst 2026 wieder in Betrieb genommen – nach Durchführung der für die Laufzeitverlängerung notwendigen Arbeiten.
Gemäss belgischem Kernenergiegesetz aus 2003 darf ein Kernkraftwerk nicht länger als 40 Jahre betrieben werden. Für Doel-1 (seit 1974 am Netz) und Doel-2 (seit 1975 am Netz) wurde jedoch 2015 die Betriebsgenehmigung um zehn Jahre verlängert – in Übereinstimmung mit einem Regierungsentscheid vom Juli 2012. Werden keine weiteren Verlängerungen beschlossen, muss Doel-1 am 15. Februar 2025 abgeschaltet werden, gefolgt von Tihange-1 am 1. Oktober 2025 und Doel-2 am 1. Dezember 2025.
Gegen die Stilllegung der Reaktoren regt sich Widerstand, zum Teil auch aus Deutschland. Es gab aber auch Stimmen – z.B. jene der deutschen Umweltministerin Lemke –, die das Aus von Tihange-2 begrüssten und Sicherheitsgründe aufführten. Dies, obwohl ausführliche Untersuchungen keinen negativen Einfluss auf den sicheren Betrieb der Druckwasserreaktoreinheiten feststellen konnten, als im Sommer 2012 bei Kontrollen bei Doel-3 und Tihange-2 Anomalien im Material der Druckbehälterwand entdeckt wurden.
Kritik am geringen Umfang der Laufzeitverlängerungen und an den Stilllegungen
Kritik gab es auch am sehr bescheidenen Umfang der Laufzeitverlängerungen in Belgien. Der Branchenverband Nucleareurope (vormals Foratom) begrüsste die Verlängerungen zwar, sagte aber: «Dennoch glauben wir, dass die Verlängerung von nur zwei Reaktoren um nur 10 Jahre (und nicht 20) nicht ausreichen wird, um eine stabile Versorgung mit kohlenstoffarmem Strom zu erschwinglichen Kosten zu gewährleisten.»
Die belgische Partei Démocrate Fédéraliste Indépendant (Défi) fordert auf ihrer Website: «Natürlich müssen in Kürze die Laufzeiten der beiden jüngsten Reaktoren [Doel-4 und Tihange-3] verlängert werden, und zwar um 20 statt um 10 Jahre. Vor allem aber muss schnell in die neue Generation [Gen IV] von Kernkraftwerken investiert werden.» Der Défi-Politiker François De Smet twitterte: «Aus Sicht von Défi stürzt diese Abschaltung [von Tihange-2] Belgien noch weiter in die Ungewissheit.» Bart de Wever von der konservativen New Flemish Alliance twitterte: «Nachdem Doel-3 bereits im September stillgelegt wurde, wird morgen auch Tihange-2 abgeschaltet. Gemeinsam lieferten sie fast so viel Strom wie Sonne und Wind zusammen. Tragisch. Es sollte eine absolute Priorität sein, so viele Kernkraftwerke wie möglich am Leben zu erhalten.»
Belgisches Nuklearforum fordert Ausstieg aus dem Atomausstieg
Das belgische Nuklearforum forderte am 24. Januar 2023 die Aufhebung des 2003 beschlossenen Gesetzes zum Atomausstieg Belgiens. Es wies darauf hin, dass viele Länder in Europa wie Frankreich, die Niederlande, Finnland und Schweden vom Atomausstieg abgerückt seien. Der Ausstiegsentscheid in Belgien sei in einer Zeit gefallen, in der es noch keine Energiekrise gegeben habe. Das Gesetz gründe auf dem Argument, dass ein Kernkraftwerk nach 40 Jahren veraltet sei und stillgelegt werden müsse, was aber falsch sei: «Es gibt keine technischen Argumente, um ein Kernkraftwerk nach 40 Betriebsjahren endgültig abzuschalten, sondern nur politische Argumente», so das belgische Nuklearforum.
Die Werke würden alle 12 bis 18 Monate inspiziert und gewartet und es gebe alle zehn Jahre eine gründliche Sicherheitsbewertung. «In diesem Prozess werden Hunderte von Millionen Euro investiert, um unsere kerntechnischen Anlagen auf dem höchstmöglichen Sicherheitsniveau zu halten», äusserte sich das Forum und ergänzte, dass die Kernanlagen Belgiens «in einem sehr guten Zustand» seien.
Wichtig für Energieversorgungssicherheit und gut im Kampf gegen Klimawandel
Weiter erwähnte das belgische Nuklearforum, dass die Kernkraftwerke für die Energieversorgungssicherheit des Landes wichtig seien und den globalen Kampf gegen die Erderwärmung mit klimafreundlichem Strom unterstützten. Zukünftig könnten die Kernkraftwerke sogar Wasserstoff als Ersatz für Heizöl produzieren. Um Heizöl respektive Erdöl ging es übrigens beim Einstieg Belgiens in die Kernenergie: «Ende der Sechzigerjahre entschied sich Belgien für Kernkraft, um einen Teil seines Stroms zu produzieren», schreibt das Betreiberunternehmen Engie-Electrabel auf der Website zum Kernkraftwerk Tihange. «Die ständig ansteigende Nachfrage nach Energie konnte durch fossile Energie nicht mehr gedeckt worden. Aus diesem Grund beschloss die Regierung, vier Kernkraftwerkseinheiten in Doel und drei Kernkraftwerkseinheiten in Tihange zu bauen […] um die Abhängigkeit Belgiens von Erdöl zu begrenzen.»
Auch bei einem Ausbau der neuen erneuerbaren Energien erachtet das belgische Nuklearforum die Kernenergie in Form kleiner, modularer Reaktoren (SMR) weiterhin als notwendig: «Die SMR werden den Vorteil haben, dass sie flexibel sind, sodass sie ihre Auslastung und ihre Produktion an die unvorhersehbare und intermittierende Natur der erneuerbaren Energien anpassen können.» Man hoffe zudem, dass der Widerstand gegen die Kernenergie durch den Einsatz der sicheren SMR sinke, die nebst der Stromerzeugung zur Wärme- und Wasserstoffproduktion eingesetzt werden könnten.
Quelle
B.G. nach Engie-Electrabel, Medienmitteilung sowie Website zum Kernkraftwerk Tihange, 31. Januar 2023; belgisches Nuklearforum, Webartikel, 24. Januar 2023; Nucleareurope, Medienmitteilung, 10. Januar 2023; Défi, Website mit Parteiprogramm, 2023; François De Smet, Tweet, 30. Januar 2023; Bart de Wever, Tweet, 30. Januar 2023
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