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Autor: Emil Baschnonga, London
„Les jours se suivent mais ne se ressemblent pas."
Französisches Sprichwort
Am letzten Dienstag, 17. Oktober 2006, setzten sich 40 000 Leute hinter ihren Computer und folgten der Einladung von The Times, ihren Tag in ein Blog umzugiessen und online an diese Zeitung zu schicken. Die Ausbeute sollte einen Schnappschuss abgeben, wie an diesem Stichtag die Einsender ihren Tag verbrachten und Rückschlüsse erlauben, wie der „moderne Mensch“ leibt und lebt. Am Sonntag, 22. Oktober 2006, wurde eine Anzahl der besten Blogs auszugsweise in The Sunday Times veröffentlicht. Die Riesenanzahl der Blogs überraschte, doch der Inhalt der meisten Blogs enttäuschte.
„Als Nation“, kommentierte die Zeitung, „sind wir von uns selbst besessen.“ Die meisten Blogger berichteten, wann genau sie erwachten und sich duschten, was sie zum Frühstück hatten, mit welchem Transportmittel sie zur Arbeit fuhren, wie sie die Lunchpause füllten und womit sie sich abfütterten (pre-packed sandwiches). Wenige äusserten sich zur Arbeit, die den grössten Teil des Tages beherrschte. Der Arbeitsschluss wurde getreulich vermerkt. Der Abend galt dem Fernsehen oder Computer, dem Konsum von Alkohol und ähnlichem Zeitvertreib. Etliche Einsender meldeten „fantastic sex“ als Höhepunkt ihres Tags.
Die sozialen Unterschiede, so bemerkte The Times, waren sofort – meistens nach 2 oder 3 Zeilen – ersichtlich: schlampige Schreibweise und Orthographiefehler überwogen und deuteten auf eine arg vernachlässigte Ausbildung hin.
Auch die besten Blogs, woraus ich einige Stellen auf Englisch zitiere, definieren den modernen Menschen im Alltag, ungefähr wie es voraussehbar war:
● „Got up at 2pm, felt shitty. Had no fags …”
● „Today marked the start of my home broadband connection …”
● „5.30 I’ve spent the last hour playing with my new high resolution plasma TV.”
● „Lots of texting between Emma and I today.”
● „I drink coffee and eat a piece of toast with honey. Despite the fact that I am 34 years old. I play ,Animal Crossing’ on my Nintendo D5 for 20 minutes before I leave the house.”
Wie trostlos, wie monoton sich der Alltag vieler Leute abspult – so sehr auf sich selbst bezogen. Ihre Umwelt ist verkümmert und für sie beziehungslos geworden. Sie vegetieren, sind in sich abgekapselt. Nichts rüttelt sie aus ihrem Trott auf. Vielleicht ist das auch früher für die meisten Menschen schon so gewesen, vermute ich.
Gibt es unter einem solchen eingeäscherten Leben noch etwas Glut, die sich anblasen lässt? Wie ich dies schreibe, scheint mir mein heutiger Tag ebenfalls trüb und düster. So muss ich mit eigener Puste die alte Glut anblasen, damit daraus wieder ein munteres Feuer wird.
Früher schrieb der Lehrer mehrere Aufsatzthemen zur Wahl auf die Wandtafel. Genau dies hätte The Times rund um den Tag tun sollen, etwa: „Warum unser Tag heute anders als der gestrige ist.“
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