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Mitten im Gespräch steht Signora Salituro vom Stubentisch auf und geht in die Küche. Kurz darauf kommt sie zurück, bringt Wasser, serviert Kaffee in Espressotassen und schneidet Selbstgebackenes an. «Ein Cake», erklärt sie. «Una torta», verbessert oben am Tisch Signor Salituro.
Zwei Leben voller Arbeit
Eigentlich will Salvatore Salituro 1961 nach Kanada. Dort leben schon drei Schwestern und ein Bruder. Weil jenes Land aber gerade keine Immigranten aufnimmt, geht er in die Schweiz. Er arbeitet als «Stagionale», als Saisonnier, auf dem Bau und kehrt für den Winter nach Kalabrien zurück.
Im März 1962 heiratet er seinen Schatz Gina aus dem Nachbardorf, im Mai kommt er nach Bern zurück, um Arbeit und Unterkunft zu suchen, im Juli folgt seine Frau nach. Ihr erster gemeinsamer Wohnsitz ist ein Zimmer hinter dem Loryplatz in Bern für 140 Franken.
Salvatore Salituro beginnt in der Kunststofffabrik Worbla zu arbeiten. Hier bleibt er nur ein Jahr: Produziert wird in dreimal achtstündigen Schichten rund um die Uhr – die Schichtarbeit schlägt auf seine Gesundheit. So wechselt er als Handlanger in die Maschinenindustrie, wo er bis zur Pensionierung 37 Jahre lang tätig ist. Er lernt, an Drehbänken und mit Bohrmaschinen zu arbeiten. Später erklärt er als Nichtdiplomierter den Diplomierten, wie die Maschinen zu programmieren und zu bedienen sind.
Luigina Salituro findet zuerst Arbeit in einer Buchbinderei. Nach fünf Jahren wechselt sie in die Elektrotechnikfirma Feller AG in Bümpliz, wo sie Schaltbretter und Lötstellen kontrolliert. Auch nach der Geburt einer Tochter (1967) und eines Sohns (1973) arbeitet sie weiter. Erst als sie 1976 ein drittes Kind – wieder eine Tochter – zur Welt bringt, kündigt sie ihre Stelle und beginnt zu putzen. Diese Arbeit lässt sich besser um ihre Mutterpflichten herum organisieren: Geht sie abends aus dem Haus, übernimmt ihr von der Arbeit heimgekehrter Mann die Kinder.
Jahrelang putzt sie für 20 Franken in der Stunde eine Bankfiliale in Bümpliz. Als man sie allerdings eines Tages vor die Tatsache stellt, ab sofort die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit für 16 Franken machen zu sollen, wechselt sie in das Bümplizer Druckzentrum der Tageszeitung «Bund», bis dieses 2004 durch ein neues in Ostermundigen ersetzt und geschlossen wird. Kurz vor der Pensionierung ist Luigina Salituro noch arbeitslos geworden.
Damals berndeutsch, heute griechisch
Einige Jahre Geld sparen und dann zusammen in die Heimat zurückkehren. So hat es sich das junge Ehepaar 1962 vorgestellt. Man ist geblieben: Zuerst, weil das Gesparte noch nicht reichte, später wegen der Kinder.
Von Integration habe hier früher niemand gesprochen. «Es hat einfach geheissen: casa e lavoro», sagt sie. Andererseits habe man sich von den Schwarzenbach-Initiativen gegen die «Überfremdung» in den siebziger Jahren auch nicht eigentlich bedroht gefühlt. Eher verunsichert.
Eine Einbürgerung stand nie zur Diskussion. Schliesslich wollte man zurück nach Italien. Und bis in die neunziger Jahre hätten die Salituros den italienischen Pass verloren. hätten sie die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen.
Die besten Integrationshilfen waren anständige Leute, denen sie begegnet sind. Etwa die Tagesmutter, die es Luigina jahrelang ermöglichte, tagsüber zur Arbeit zu gehen. Oder der Arbeitgeber, der auf Salvatores Bitte, ihm doch bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum für die wachsende Familie zu helfen, grosszügig reagierte: Er stellte der Familie für 900 Franken sein frei gewordenes Siebenzimmer-Elternhaus zur Verfügung.
Zu Hause wurde immer Italienisch gesprochen. «Wir sind ja eine italienische Familie», sagt Luigina Salituro. Aber die Kinder sprachen Berndeutsch, bevor sie zur Schule gingen. Um Deutsch zu lernen, haben die Eltern seinerzeit Migros-Kurse besucht. Zur Verständigung an den Arbeitsplätzen hat das genügt. Aber Deutsch gelesen haben sie nie. Auf dem Stubentisch liegt «L’Eco», die Zeitschrift für italienische Migrantinnen und Migranten. Und fürs Aktuelle schauen sie abends die Tagesschau des Tessiner Fernsehens.
Längst sind sie aus dem Haus in eine Dreizimmer-Blockwohnung umgezogen. Ihr Traum einer Mehrgenerationenfamilie hat sich nicht erfüllt. Der Sohn lebt in Zürich; die älteste Tochter verheiratet in Griechenland. Von ihr haben sie einen Enkel. Er hat Griechisch gesprochen, bevor er eingeschult worden ist.
Froh ist das Ehepaar, dass ihre jüngste Tochter in Bern lebt und einen engen Kontakt zu ihnen pflegt. Ja, eine zweite Heimat ist Bümpliz wohl geworden. Luigina Salituro sagt, dass es für sie unterdessen klar sei, dass sie dereinst in Bümpliz begraben werde. Doch Salvatore Salituro widerspricht: «Wir bleiben, bis wir hundert sind. Dann gehen wir zurück.»
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Ein Leben als Immigrantenpaar
Salvatore Salituro (* 1934) kommt aus dem süditalienischen Dorf Montalto Uffugo in der kalabresischen Provinz Cosenza; seine Ehefrau Luigina Salituro (* 1942) stammt aus dem benachbarten Lattarico. Er ist das sechste von elf Kindern und sagt: «Arbeiten konnte man bei uns schon. Aber nur für das Essen, nicht zum Geldverdienen.» Vier seiner Geschwister gingen nach Kanada, zwei nach Südamerika.
Der Vater von Luigina Salituro war Pächter. Weil die Mezzadria galt, musste er den Ernteertrag mit dem Eigentümer teilen. Trotzdem gelang es der Familie, sich in der Region zu halten: Ihre Geschwister sind alle in Kalabrien geblieben. Geht das Ehepaar Salituro zu Besuch, wohnt es stets in ihrem Elternhaus.
Die Salituros haben in der Schweiz beide mehr als vierzig Jahre gearbeitet und drei Kinder grossgezogen. Heute sind sie pensioniert und leben in Bern Bümpliz. Dreimal pro Woche putzen sie dort gemeinsam die katholische Pfarrkirche Sant’Antonio.