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Ralf Bruggmann
Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht
Mit diesem Beitrag hat der Verfasser sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis des Schreibwettbewerbs Literaturland 2016 zum Thema ‹Aussicht› gewonnen.
Er steht auf einer Telefonzelle, und ja, ihm ist durchaus bewusst, wie seltsam dies wirken dürfte, denn normalerweise stehen Menschen nicht auf Telefonzellen, sondern höchstens in ihnen drin, und überhaupt tun sie es immer seltener, und wenn tatsächlich jemand auf einer Telefonzelle steht, dann sind es keine Menschen, hingegen Vögel, ja, Vögel stehen bisweilen auf Telefonzellen, manchmal vielleicht sogar Katzen, ganz bestimmt Insekten, auch wenn man sie kaum sehen kann, die sind ja so klein, die Insekten, doch Menschen, nein, Menschen stehen nicht auf Telefonzellen, Menschen sind zu gross und haben schwere Knochen und überhaupt wäre das sehr seltsam, und dennoch, auch wenn es ihm nicht immer behagt, er ist ein Mensch, daran lässt sich nichts ändern, und als Mensch hat er nicht auf einer Telefonzelle zu stehen, das tut man nicht, im Kontext einer Telefonzelle hat man gefälligst in ihrem Innern zu stehen, und wenn sich Menschen in Telefonzellen befinden, dann tun sie dies meistens, um ein Telefongespräch zu führen, hin und wieder suchen sie auch Schutz vor einem plötzlichen Regenguss, und manchmal machen Menschen in einer Telefonzelle Liebe, obschon er das nur aus Filmen kennt, er selbst hat noch nie in einer Telefonzelle Liebe gemacht und wird es auch jetzt nicht tun, schliesslich ist er allein und steht nicht in, sondern auf der Telefonzelle, auf dem Dach, und dieses Dach, es ist pyramidenförmig, vier dreieckige Flächen, die leicht ansteigen und eine Spitze bilden, eine Spitze, auf welcher man nicht stehen kann, also stellt er seine Füsse auf zwei der vier dreieckigen Flächen, was zu Folge hat, dass seine Sohlen nicht waagrecht sind und seine Beine ein O bilden, Fussballspieler haben manchmal O-Beine, Reiter auch, ebenso Männer mit einem sehr grossen Hodensack, doch er ist nichts davon, und in der Regel hat er auch keine O-Beine, nur im Moment, da er auf zwei der vier dreieckigen Flächen des Daches dieser Telefonzelle steht, und die wenigen Menschen, die an der Telefonzelle vorbeigehen, sehen ihn und denken wohl, dass Menschen eigentlich nicht auf Telefonzellen stehen, einige schütteln den Kopf, andere machen Bemerkungen, doch er schüttelt sie ab, die gemachten Bemerkungen, lässt sie nicht in seinen Kopf, und einige Passanten mögen sich fragen, warum er auf der Telefonzelle steht, und wenn sie sich dann potenzielle Antworten ausdenken, handeln diese vielleicht von psychischen Störungen, von einem Übermass an Alkohol oder Drogen, von verlorenen Wetten und vielleicht auch von Gott, doch er glaubt nicht an Gott, er ist nüchtern, nimmt keine Drogen und wettet nur, wenn er weiss, dass er gewinnt, was eigentlich nie der Fall ist, und die Möglichkeit einer psychischen Störung besteht durchaus, doch sie ist nicht der Grund, warum er auf der Telefonzelle steht, überhaupt sind psychische Störungen oft auch Ansichtssache, Definitionssache, findet er, ausserdem reden nicht selten Menschen von psychischen Störungen, die keine Ahnung haben, was psychische Störungen eigentlich sind, und in gewisser Hinsicht ist wohl jede Psyche gestört, schon die Behauptung, eine absolut ungestörte Psyche zu haben, ist der Ausdruck einer psychischen Störung, zumindest in seiner laienhaften Betrachtung, und er weiss nicht, wie sehr die Psyche jener Menschen gestört ist, die ihn auf der Telefonzelle stehen sehen und denken, er sei psychisch gestört, doch es ist ihm egal, wie es auch den meisten unter ihnen egal ist, weshalb er überhaupt auf der Telefonzelle steht, und wenn er nun den vereinzelten fragenden Passanten den Grund für sein Verhalten nennen würde, könnten sie ihn wohl nicht verstehen, sie würden nur noch heftiger ihre Köpfe schütteln und sagen, er könne den Sonnenuntergang doch auch vom Boden aus betrachten, auf der Telefonzelle sei er wohl nicht sonderlich viel besser zu sehen, und ja, es stimmt; dass er auf der Telefonzelle steht, dient einzig und alleine seinem Bestreben, den Sonnenuntergang zu betrachten, das ist eine Tatsache, und aufgrund dieser Tatsache ist es auch unnötig zu erwähnen, dass es Abend ist, schliesslich geschehen Sonnenuntergänge nicht am Morgen, am Morgen geschehen Sonnenaufgänge, die ihrerseits am Abend nichts zu suchen haben, und wer es ganz genau nimmt, der kann gerne anmerken, dass sowohl Sonnenaufgänge als auch Sonnenuntergänge gar nicht existieren, denn die Sonne ist ein faules Stück und hat offenbar Besseres zu tun, als über den Himmel zu wandern, aber die Erde, die dreht sich, was man als kleiner Mensch jedoch nicht wirklich spürt, auch er spürt es nicht, hier oben auf der Telefonzelle, und obwohl es den Sonnenuntergang gar nicht gibt, betrachtet er ihn, denn er mag das Wort, und darum nennt er das, was er betrachtet, auch so; er steht auf einer Telefonzelle und betrachtet den Sonnenuntergang, und was er sieht, vermag beinahe den Atem zu rauben, die Sonne malt den Himmel rot und gelb an, in Farbtönen, die in keinem Malkasten zu finden sind, und vielleicht ist das auch der Grund, warum der Sonnenuntergang so wunderschön ist oder er ihn zumindest so empfindet, womöglich liegt es an der Tatsache, dass man ihn nicht imitieren kann, ihn nicht kopieren kann, und auch nicht den Sonnenaufgang oder die Sonne an sich oder all die anderen wunderschönen Dinge, die nicht durch Menschen geschaffen wurden, und überhaupt sind überdurchschnittlich viele Wunderschönheiten nicht von Menschenhand geschaffen worden, während Menschen ihrerseits häufiger unschöne als wunderschöne Dinge zu erschaffen gedenken, und natürlich ist ein kleines Kind wunderschön, obwohl es durchaus von Menschen geschaffen wurde, aber es ist selbst auch nur ein Mensch, der im Grossen und Ganzen nicht unbedingt wunderschön ist, und natürlich kann auch ein Gemälde wunderschön sein, oder Musik, oder der Klang einer Stimme, oder eine Berührung, oder Liebe in einer Telefonzelle, doch die meisten Dinge, die Menschen tun, sind eben nicht wunderschön, sind weder Wunder noch schön, und auch die Telefonzelle, auf welcher er steht, ist nicht wunderschön, sie ist ziemlich banal, doch sie ist sein Sockel, um den wunderschönen Sonnenuntergang zu betrachten, und es ist ihm egal, dass die Menschen nicht verstehen, warum er auf dieser Telefonzelle steht, warum er diesen Sonnenuntergang betrachtet, warum er sich diese Gedanken macht, er will es nicht ändern, will nichts ändern, nicht im Moment, darum bleibt er einfach auf dieser Telefonzelle stehen und betrachtet den Sonnenuntergang, blickt in die Ferne und macht sich Gedanken, etwa darüber, wie die Baumkronen am Horizont eine gerade Linie bilden, wenn man sich nur genügend weit von ihnen entfernt, es zeigt sich eine klare Kante der Erde als Grenze zum Himmel oder zu jenem Raum, dessen Ende wir nicht kennen, und alles wirkt so einfach, so eindeutig, und obschon er weiss, dass es eindeutig nicht so einfach ist, fühlt er eine gewisse Erleichterung, dass es zumindest diesen Anschein erweckt, und er würde die Dinge wohl gerne häufiger aus der Ferne betrachten können, aus dieser vereinfachenden Distanz, in der sich die Einbuchtungen und Beulen der Welt ausgleichen und die Dissonanzen sich normalisieren, und die Hügel und Täler, sie zeichnen sich zwar noch deutlich ab, doch sie bleiben fassbar, bewahren sich jene Berechenbarkeit, die sie beim Näherkommen allmählich verlieren, und natürlich kann man hier nicht leben, weit weg von den Baumkronen, jedenfalls nicht langfristig, man kann kein Gespräch führen, keinen Blick bewerten, man kann keine Wange streicheln, keine Lippen küssen, man kann keine Wärme spüren, keinen Herzschlag hören neben dem eigenen, aber vielleicht kann man – mit den Bildern aus der Entfernung im Hinterkopf – mit den Dingen in unmittelbarer Nähe dann besser umzugehen lernen, vielleicht kann man die Baumkrone, die so unwirsch und merkwürdig nach oben ragt, besser einschätzen und in Kontexte setzen, vielleicht gewinnt sie an Sinn und man selbst an Klarheit, wenn man den Blick aus der Distanz verinnerlicht, und er denkt noch ein wenig weiter, in alle Richtungen, hin zu allen Horizonten, und dann, dann hört er auf zu denken, die Gedanken in seinem Kopf, sie wurden zu laut und störten das Bild, nun lässt er alles still werden und schaut aus seinen Augen auf die Welt, schweigend und staunend, er ist ausschliesslich Betrachter, nichts anderes mehr, er betrachtet den Sonnenuntergang, dieses merkwürdig gestreute Licht, das von Reichtum jenseits des Fassbaren erzählt, und wenn das Schauspiel vorüber ist, wenn die Sonne scheinbar versunken ist, dann wird er wohl wieder von der Telefonzelle steigen und weiter Mensch sein, ohne O-Beine, ohne Sockel, aber zumindest mit einem neuen Bild im Hinterkopf.
Typoskript 2016.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 409–411.