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Das Wichtigste in Kürze
- Eine neue Therapieform visualisiert mit einer Software die Stimmen, die Menschen mit akustischen Halluzinationen hören.
- Die Auswertung der Studie zeigt vielversprechende Resultate: Viele Patienten und Patientinnen fühlen sich weniger gequält durch die Stimmen.
- Anders als frühere Therapien setzt die Avatar-Therapie nicht darauf, die Stimmen zu akzeptieren, sondern ihnen entgegenzutreten.
Sie hören Stimmen und sie gehören zu jenen Patienten, die oft aufgegeben werden: Etwa ein Viertel aller Menschen mit einer Schizophrenie hören chronisch Stimmen – trotz Psychopharmaka. Viele der Betroffenen resignieren, häufig geben auch die Therapeuten auf.
Die Stimmen sind oft sehr lähmend. Sie geben dem Patienten Befehle, kommandieren ihn herum, machen ihn schlecht oder sprechen despektierlich über ihn. Viele Stimmenhörer sind daher extrem demoralisiert und eingeschüchtert.
Den Stimmen Gesichter geben
Britische Wissenschaftler haben nun einen vollkommen neuartigen, computergestützten Therapieansatz entwickelt. Sie setzen sich mit den Patienten an den Computer und kreieren gemeinsam einen Avatar der quälendsten Stimme.
Die Stimme des Avatars soll der Stimme im Kopf möglichst ähnlich sein. Im Dialog mit diesem animierten Phantombild üben die Patienten, der inneren Stimme Paroli zu bieten.
Gegen den Avatar aufbegehren
Ziel der Avatar-Therapie ist, dass die Patienten den Stimmen zunehmend selbstbewusster gegenübertreten. Zusammen mit dem Therapeuten bereiten sie sich auf die Dialoge mit dem Avatar vor.
Sie üben, wie sie sich gegen dessen Abwertungen und Unterstellungen wehren können. Die Patienten setzen das Gelernte im Dialog mit dem Avatar ein.
Sich nicht mehr alles gefallen lassen
Die Worte, die der Avatar spricht, stammen vom Therapeuten. Er flösst diesem die Sätze ein. Die Patientin hält dagegen. Das klingt dann zum Beispiel so:
Avatar: «Du bist so erbärmlich!», Patientin: «Nein, das stimmt nicht», A: «Du kannst dich ja gar nicht gegen mich wehren», P. «Doch, das kann ich.» A: «Warum solltest du das denn können?», P: «Weil ich nicht länger auf dich hören werde!»
Dieses Gespräch mag im ersten Moment banal anmuten. Doch für viele Patienten sei es überhaupt das erste Mal gewesen, dass sie gegen ihre inneren Stimmen zur Wehr gesetzt hätten, sagt Philippa Garrety.
Vielversprechende Resultate
Die klinische Psychologin hat am King's College London die Avatar-Therapie mitentwickelt. Allein dieses Aufbegehren sei schon ein grosser Erfolg. Denn viele der Studienteilnehmer hörten seit über 20 Jahren chronisch Stimmen.
Doch die Auswertung der Studie zeigt noch mehr: Die 75 Patienten der Versuchsgruppe berichteten schon nach zwölf Wochen über eine deutliche Besserung. Sie fühlten sich weniger gequält durch die Stimmen in ihrem Kopf. Die Stimmen meldeten sich seltener. Bei sieben Patienten verstummten die Stimmen sogar vollständig.
Mehr Selbstvertrauen
Der Effekt der Avatar-Therapie scheint darin zu liegen, dass die Stimme sozusagen den Kopf verlässt. Auf dem Bildschirm wird sie zu einer sichtbaren Gestalt und damit für den Patienten greifbarer und angreifbarer.
Die Patienten lernen, die Dialoge mit der personifizierten Stimme zu kontrollieren und zu dominieren. Dies wiederum wirkt sich positiv auf das Selbstvertrauen aus.
Paradigmenwechsel in der Therapie
Manche dieser Effekte können zwar auch im Rahmen herkömmlicher Psychotherapien eintreten. Doch wirkt die Avatar-Therapie selbst bei schweren chronischen Fällen deutlich rascher.
Zudem unterscheidet sich der neue Therapie-Ansatz noch in einem weiteren wesentlichen Punkt von älteren psychotherapeutischen Methoden: Während Letztere darauf setzen, dass die Patienten die Stimmen akzeptieren, baut die Avatar-Therapie auf Widerstand: Die Patienten sollen sich nicht ergeben, sondern mutiger werden.