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Die Geschichte des Ingwergartens (auf Karte anzeigen) beweist, dass auch jemand mit zart geschwungenen Lippen, mit Rehaugen und Alabasterhaut einen grünen Daumen haben kann. Als die Comtesse Sheherazade Marie-Belle de Sousa 1907 ein rund 25 Hektaren grosses Stück Wald einige Kilometer südlich von Sasselin erwarb, hatte sie bereits ein bewegtes Leben in gewissen ‹Salons› der französischen Hauptstadt hinter sich.
Orientalische Züge. Die Comtesse mit dem märchenhaften Namen kam vermutlich 1862 in Lyon als Marie Sousa zur Welt – sie war die Tochter eines Ministerialbeamten und einer Privatlehrerin aus Savoyen. Ihren Erfolg verdankte sie ihrem Geschäftssinn - vor allem aber auch den für damalige Verhältnisse sehr orientalisch anmutenden Zügen ihres Gesichts und dem makellosen Teint ihrer Haut. Ihr Vermögen machte sie in Paris in einem Etablissement, dass sich auf orientalische Tänze etc. spezialisiert hatte. Wobei wohl vor allem das «etc» einiges Geld einbrachte. Auch Maler wie Jean-Léon Gérôme, Georges-Antoine Rochegrosse oder Lecomte du Nouy sollen gelegentlich in dem Salon Orientale verkehrt haben. Ja es heisst sogar, die Comtesse de Sousa sei Gérôme für einige seiner Bilder Modell gestanden: Quentin Le gall, der 1994 (im Selbstverlag) ein kleines Büchlein über die Sousa und ihren Garten publiziert hat, will sie auf einer Badeszene von 1889 wiedererkannt haben («Femme nue», 32.5 x 41 cm, Privatsammlung).
Warum Marie Sousa 1902 Frankreich verlassen musste, ist bis heute nicht ganz geklärt – Le gall vermutet, ihre überstürzte Abreise aus der französischen Hauptstadt stehe in einem indirekten Zusammenhang mit der Affäre Dreyfus. Über Details schweigt er sich allerdings aus. Fest steht, dass die Comtesse ihr Land mit einem beträchtlichen Vermögen verliess – und man fragt sich gelegentlich, ob orientalisch wirkende Anmut allein genügte, so viel Geld zusammenzubringen. Via Guyana gelangte Sousa 1905 nach Santa Lemusa, kaufte sich ein Appartement in Port-Louis und begann, das Land systematisch zu bereisen. Nach Le gall soll die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts im Jahre 1906 ihre Entscheidung wesentlich beeinflusst haben, sich auf der Insel niederzulassen. 1907 entdeckte sie südlich des Marais von Sentores ein flaches Stück Wald, in dem ein Bauer seine Schweine und Hühner weidete. Sie konnte 25 Hektaren des Waldes kaufen - zu dem Grundstück gehörte auch ein blaues Häuschen aus Holz, das heute noch steht (die Hütte, deren Farbe ein wenig verblasst ist, wird allerdings nur noch als Geräteschuppen benutzt).
Systematisch begann Sousa, den Wald in einen Garten zu verwandeln. Dabei wurde sie von Clélia Robin unterstützt - einer jungen Frau aus Port-Louis, die mit ihr in dem sehr einfachen Holzhaus lebte. Als Berater stand ihnen der aus Rouen stammende Botaniker Samson Leblond zur Seite, der seit einigen Jahren schon in Port-Louis lebte. Zunächst liessen die zwei Frauen einen Zaun rund um das Grundstück errichten, der gefrässige Tiere abhalten sollte. Alsdann wurden einzelne Lichtungen und Wege in den Wald geschlagen. Da der Boden mehrheitlich sauer war, wurde Humus aus anderen Gegenden der Insel herbeigeschafft.
In einigen Zonen wurden Eukalyptus-Bäume gepflanzt, deren mächtiger Durst für die Austrocknung sumpfigen Bodens sorgte. An anderen Stellen legte das Gartenteam der Comtesse Weiher und Tümpel an als Heimat für Wasserpflanzen und Tiere aller Art. So entstanden über die Jahre hinweg kleine Landschaften von ganz unterschiedlichem Charakter, Themen-Gärten mit verschiedenen botanischen Schwerpunkten. Aufbau und Pflege des Parks beschäftigten ein ganzes Team von Gärtnern und Arbeitern. Einige von ihnen errichteten sich mit der Zeit Hütten und Häuser am östlichen Rand der Einzäunung – so entstand das heutige Dörfchen St-Sous.
Pflanzen aus aller Welt. Manche der Pflanzen, die heute in dem grossen Garten wachsen, liess die Comtesse von weit her kommen. Sie beauftragte spezialisierte Händler aus England oder Frankreich, die ihr Samen aus Asien und Indien besorgten. Keimung und Aufzucht ihrer Schützlinge überwachte sie offenbar meistens selbst – und wenn man den Erzählungen glauben will, tat sie das mit einem ganz erstaunlichen Erfolg. Vom Ingwergarten aus haben sich denn mit der Zeit auch manche Pflanzen über die ganze Insel verbreitet - und so verdankt die Flora von Santa Lemusa der Dame mit den orientalischen Gesichtszügen eine ganze Reihe von Bereicherungen.
Als die Comtesse 1954 starb, registrierte das Pflanzen-Verzeichnis des Parks mehr als 4000 Arten – heute sollen es sogar doppelt so viele sein. Die Gräfin vermachte den Garten zusammen mit dem immer noch ansehnlichen Vermögen ihrer geliebten Assistentin, die ihn 1960 dem Staat überliess - mit der Auflage, den Park mindestens 50 Jahre lang zu bewahren und für das Publikum an sämtlichen Tagen des Jahres zugänglich zu halten. Die Behörden haben diesen Auftrag sehr ernst genommen und einen Park geschaffen, der ebenso schön wie erholsam und - dank verschiedener didaktischer Anlagen – auch äusserst lehrreich ist.
Vom Kaktus bis zur Raphia-Palme. Es gibt ein grösseres Stück Regenwald, in dem man die üppige Vegetation in den verschiedenen Zonen der «Forêt tropicale» studieren kann - über Treppentürme kann man hier sogar bis zu den Kronen der Urwaldriesen hinauf steigen (man sollte sich dabei allerdings vor den Affen in Acht nehmen, die sich hier zahlreich tummeln und nichts sosehr lieben wie das Picknick der Parkbesucher - oder das, was sie dafür halten). Ein Gewürzgarten führt zahllose Aroma- und Heilpflanzen der Gegenwart und Geschichte vor - er wird auf einer Seite von einem Hain aus den von der Gräfin so geliebten Muskatbäumen beschattet.
Der Palmengarten illustriert die unglaubliche Formenvielfalt der Familie der Arecaceae (oder Palmae) – von der kleinen, europäischen Zwergpalme (Chamaerops humilis) bis zu den riesigen Raphia mit ihren bis zu 25 Meter langen Wedeln. In einem sogenannten Bauerngarten werden die verschiedenen Früchte, Gemüse, Leguminosen, Reissorten, Zucker und Palmprodukte der Insel erklärt. Besonders romantisch sind auch viele der Nassgärten in dem Park – etwa die Seerosenteiche oder der von Kokos- und Kalparikpalmen umstandene Schildkrötenteich, in dem auch verschiedene Fische schwimmen. Es gibt einen Orchideengarten, der allerdings mit der Forêt des Orchidées im Norden von Santa Lemusa nicht ganz mithalten – und sogar einen für die klimatischen Verhältnisse auf der Insel recht ungewöhnlichen Kaktuspark. Ein Höhepunkt ist auch der Ingwergarten, der von Galgant (Alpinia galanga) über Gewürzlilien (Kaempferia galanga) oder Zitwerwurzel (Curcuma zedoaria) bis zum wunderschönen Fackelingwer (Etlingera elatior) mehr als 400 Arten aus der Familie der Zingiberaceae präsentiert. Dieser Teil des Gartens hat denn auch der ganzen Anlage ihren Namen gegeben, die heute als Le Jadin Jenjam, als Ingwergarten bekannt ist. Natürlich lockt eine solche Anlage auch die verschiedensten Tiere an: Insekten und Schmetterlinge in allen Farben, Vögel und kleine Reptilien. Sie alle tragen nicht nur zum Biosystem des Gartens bei - sie machen mit ihren unterschiedlichsten Gesängen den Besuch im Park zu einem auch musikalischen Erlebnis.
1915 liess die Comtesse über steinernen Fundamenten ein mächtiges Holzhaus mit etwa 15 Zimmern errichten, das sie 1916 gemeinsam mit Clélia Robin bezog – die einfachere Holzhütte, die sie zuvor bewohnt hatten, diente künftig nur noch als Geräteschuppen. In dem mächtigen, von riesigen Bäumen umstandenen Wohnhaus ist heute das Besucherzentrum eingerichtet. Kleine Ausstellungen thematisieren einzelne Aspekte aus der unermesslichen Pflanzenwelt des Gartens und in einem Shop werden Souvenirs verkauft. In einem kleinen Café kann man sich mit einem Sandwich, Salat oder einer Suppe stärken – ein richtiges Restaurant führt der Garten heute nicht mehr. Doch vom Eingang des Parks sind es jedoch nur ein paar Schritte bis zum «Le Miskat», das idyllisch in dem Gürtel aus hohen Bambusstauden liegt, der den Park der Gräfin von der nahen Gemeinde St-Sous trennt (mehr zu dem Restaurant im Kapitel zu St-Sous). Der Ingwergarten zählt mit 20'000 Eintritten pro Jahr zu dem am meisten besuchten Stätten der Insel - und doch fühlt man sich in der weiten Anlage meist eher allein.
First Publication: 12-2007
Modifications: 14-2-2009, 30-9-2011, 10-7-2013