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SNF Forschungsprojekt, Laufzeit 01.03.2011 - 28.02.2017
Energie ist das Lebenselixier moderner Gesellschaften und der Energiesektor das Herzstück jeder entwickelten Volkswirtschaft. Aufgrund der grossen strategischen Bedeutung steht Energie damit immer im engsten Umfeld des Politischen. Die Sowjetunion verschrieb sich bereits früh einem energiepolitischen Imperativ, der an einen Machtgedanken geknüpft war. Lenin brachte dies 1920 mit seinem berühmten Satz auf den Punkt: „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Die Losung Lenins drückte aber auch einen zutiefst sozialutopischen Gedanken des bolschewistischen Modernisierungsprojektes aus, der den Appell enthielt, das rückständige Russland, seine Gesellschaften wie auch seine Landschaften und die Natur nach rationalen Gesichtspunkten der Technik und Naturwissenschaften umzugestalten.
Der Gedanke, dass der Mensch mächtiger werde, je mehr Energie er sich aneignete, bildete damit schon seit der frühesten Sowjetzeit Teil eines staatlichen Selbstverständnisses. Die Sowjetunion musste Energie erzeugen, um die Modernisierung im Sinne des bolschewistischen Umgestaltungsprojekts der Gesellschaft zu ermöglichen und die Sowjetmacht auf feste Grundlagen zu stellen. Gleichzeitig sollte Energie das internationale Prestige und den globalpolitischen Einfluss der Sowjetunion im Kontext einer als bedrohlich empfundenen internationalen Situation erhöhen. So betrachtet stellte Energie die Grundlage dafür dar, sowjetische Herrschaftsvorstellungen im Innern und Machtambitionen gegen aussen zu realisieren. Die forcierte technologisch-wissenschaftliche Entwicklung, die sich in der frühen Sowjetzeit insbesondere durch den Bau riesiger Wasserkraftwerke ausdrückte, bedeutete mehr Strom und Wärme für die Haushalte und die Anhebung des allgemeinen Wohlstandes. Gleichzeitig sollten sie auch Überlegenheit und Macht demonstrieren und leuchtende Symbole des sowjetischen Erfolgsmodells darstellen.
Nach der Entdeckung riesiger neuer Erdöl- und Gasfelder in Westsibirien wurde Energie ab den 1960er Jahren im Überfluss produziert, was neue Möglichkeiten für den Export eröffnete. Über Tausende von Kilometern langen Pipelines flossen sowjetische fossile Energieträger zunächst nach Ostmitteleuropa, später dann auch in immer grösseren Mengen nach Westeuropa. Die in westliche Richtung verlaufenden Öl- und Gaspipelines mit symbolträchtigen Namen wie „Bratstvo“ (Brüderlichkeit), „Sojuz“ (Gemeinschaft) oder „Družba“ (Freundschaft) wurden in Washington als Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs kritisiert, das offizielle Moskau dagegen pries sie als „Energiebrücken“ an, die Westen und Osten verbinden und zum Wohl aller gereichen würden. Tatsächlich traten die Sowjetunion und Westeuropa durch die energetischen Verknüpfungen erstmals in ihrer Geschichte in starke gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten. Westeuropa importierte sowjetisches Öl und Gas in immer grösseren Mengen, gleichzeitig nahm die Abhängigkeit der Sowjetunion von den Einnahmen aus dem Rohstoffexport stetig zu: Anfang der 1980er Jahre war der Energieexport für 80 Prozent der sowjetischen Einnahmen in harter Währung verantwortlich. Die Petrodollars eröffneten der Sowjetunion zwar Zugang zu westlicher Hochtechnologie und Handelsgütern, machte ihre Wirtschaft in der Folge aber auch stark abhängig von den Preisschwankungen für Rohstoffe auf dem Weltmarkt.
Baute die Sowjetunion ihr globales Prestige auf der Kombination militärischer Grösse, ideologischer Ausstrahlung und Rohstoffpotential, so blieben Russland nach dem Zerfall der UdSSR letztlich vor allem die Rohstoffe. Diese wurden im Zuge des massiven Anstiegs der Energiepreise ab 2003 dafür umso wichtiger: Der von offizieller Ebene initiierte Diskurs von Russland als „Energiesupermacht“ sollte der Aussenwelt nicht nur die Bedeutung Russlands als wichtigster Rohstofflieferant Europas in Erinnerung rufen, sondern auch den „souveränen“ Charakter des Landes unterstreichen, das sowohl hinsichtlich der Ausgestaltung der Demokratie als auch der Definition seiner internationalen Interessen ein Recht auf einen eigenen Entwicklungsweg beanspruchte. Auch im Russland der Gegenwart stehen Energie und Macht damit in engen und wechselseitigen Zusammenhängen.
Allein das Vorhandensein von Rohstoffen erklärt noch nicht, weshalb die Sowjetunion und Russland in ihrer Geschichte einen bestimmten Entwicklungsweg beschritten hatten. Um zu verstehen, wie Staaten energetische Möglichkeiten für politische und gesellschaftliche Ziele nutzen, muss auch der kulturelle Kontext berücksichtigt und danach gefragt werden, wie Menschen diese Möglichkeiten wahrnehmen und deuten. Dabei schrieben die sowjetischen und heutigen russländischen Machthaber der Energie jeweils eine Bedeutung zu, die weit über das rein Materielle und Volkswirtschaftliche hinausging. Die Analyse der Energiepolitik erlaubt damit nicht nur ein besseres Verständnis des Funktionierens von Herrschaft und Herrschaftsmechanismen, sondern auch einen Einblick in kulturhistorische Tiefgründe: Über das Nachzeichnen energiepolitischer Entscheidungsprozesse kann verständlich gemacht werden, wie zu verschiedenen Zeiten über die Umgestaltung der Gesellschaft, die Organisation der politischen Macht oder die internationalen Beziehungen nachgedacht wurde. Dieses Projekt geht damit über die herkömmlichen Ansätze der Politik- und Ereignisgeschichte hinaus und versucht diese zu einer Kulturgeschichte der Energiepolitik zu vereinigen. Dabei bietet sich die Energiepolitik deshalb besonders gut für eine kulturgeschichtliche Betrachtung an, weil sowohl der sowjetische wie auch der heutige russländische Staat bei der Umsetzung der Energiepolitik jeweils immer auch mit symbolischen Elementen operierten: Denn ein Bauwerk, ein Plakat, eine Handlung oder auch nur ein Wort vermögen bestimmte Vorstellungen oft besser an die Gesellschaft zu kommunizieren als dies tausend Worte tun könnten.
Im Mittelpunkt der Forschung steht der Erdöl- und Erdgassektor, der wie kein anderer Wirtschaftszweig innere und äussere Aspekte der Macht vereint: Erdöl war seit der frühen Sowjetzeit nicht nur zur Treibstoffgewinnung und für den Unterhalt der Armee wichtig, sondern hatte auch als Exportgut grosse Bedeutung. Erdgas wurde in der späteren Sowjetzeit zum wichtigsten primären Energieträger. Der Transport von Erdgas über Gaspipelines zwischen Sibirien und Europa schuf zudem energetische Abhängigkeiten, die bis heute das bestimmende strukturelle Element der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und Russland darstellen und entsprechend grossen Einfluss auf die politischen Beziehungen zwischen Ost und West haben. Dieses Projekt untersucht den energetischen Entwicklungsweg der Sowjetunion und Russlands im Rahmen von vier eigenständigen Teilprojekten, die Bestandteil der eigenen Forschung und zweier Dissertationen bilden und die den Besonderheiten der jeweiligen Epoche nachspüren: Untersucht wird die Bedeutung des Öls in der frühen Sowjetzeit, der Charakter der Stalinschen Erdölkampagne in der Nachkriegszeit, die Merkmale der energetischen Erschliessung Westsibiriens in der späten Sowjetzeit und die Rolle fossiler Energieträger im Russland der Gegenwart.
Publikationen
- 14.-16. Januar 2015: Internationale Konferenz Oil, Gas and Pipelines an der Universität Zürich.
- "Treibstoff der Macht". Portrait von Jeronim Perovićs Forschung, UZH Magazin 4/13, S. 17-19.
- Beitrag an der Konferenz "The Energy Crises of the 1970s as Challenges to the Industrialized World" vom 26.-28. September 2013 am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, 2013 (Konferenzbeiträge).
- "Russlands Aufstieg zur Energiegroßmacht: Geschichte einer europäischen Verpflechtung",
- "Öl und Gas als Herrschaftsinstrument". Interview mit Jeronim Perović, UZH News vom 04.04.2011.