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das herrschende slawische Volk im russischen Reich, führt seinen Namen nach den normännischen, in Schweden
[* 4] angesessenen
Rus, welche im 9. Jahrh. die Begründer des jetzigen russischen Staats wurden. Die Russen sind keineswegs reine
Slawen der Abstammung nach, sondern in ihrer ethnischen Bildung durch zahlreiche Nachbarvölker und aufgeschlürfte Volksstämme
beeinflußt. Den Russen des Ostens und Nordens (Großrussen) hat finnisches und türkisches Wesen beeinflußt, der Russe des
mittlern Westen (Weißrusse) verrät litauische und polnische Einflüsse, während die südwestlichen Provinzen Rußlands, bewohnt
von den Kleinrussen, am wenigsten fremde Beimischungen zeigen.
Unter einem Nachfolger des WarägersRurik, Wladimir d. Gr. (980-1015), wurde der erste Versuch gemacht, die verschiedenen ihm
unterworfenen Völkerschaften zu einer Nation zusammenzuschweißen, und gleichzeitig das griechische Christentum eingeführt
(988), welches bis heute die herrschende Konfession der Russen geblieben ist. Indessen gelang die Verschmelzung der
verschiedenen Slawenstämme zu einer einheitlichen Nation noch nicht, und im Beginn des 13. Jahrh. zerfiel Rußland in zehn
unabhängige Teilfürstentümer.
Die Zahl der Russen im europäischen Rußland wird von Rittich zu 52,183,207 angegeben, unter
71,500,000 Einw. überhaupt. Doch bilden diese 52 Mill. Russen keine ethnisch einheitliche
Rasse, sondern sie sind nach körperlichen, sprachlichen und Charaktereigenschaften in drei wohl voneinander geschiedene
Gruppen getrennt.
1) Die Großrussen oder Moskowiter; ihre Gesamtzahl im europäischen Rußland beträgt 34,389,871 Seelen. Sie sitzen in zusammenhängendem
Ganzen im mittlern Teil des Reichs und senden einen breiten, ununterbrochenen Streifen nach SO. über den
untern Don bis zu den Nordabhängen des Kaukasus. Außerdem wird der russische Teil der Bevölkerung von Taurien aus Großrussen
in einer Zahl von 470,991 gebildet. In einigen Teilen des kleinrussischen Gebiets bilden die Großrussen starke Bruchteile,
so in Cherson 152,587, in Jekaterinoslaw 60,960 und in Charkow 497,131 Seelen.
Der Russe hat Geist genug, um einen Gegenstand rasch zu erfassen, aber nicht Ausdauer genug, um in die Tiefe
zu dringen und ganz Herr desselben zu werden. Der praktische Verstand macht den Großrussen zu einem ausgezeichneten Kaufmann
und tüchtigen Handwerker; die Reize der Natur ziehen ihn nur da an, wo sie seinem Zweck dienen. Überall zeigt sich bei ihm
Hang zum Realistischen, weshalb er auch weniger zum Märchenglauben als zum Aberglauben (besonders Glauben
an Anzeichen) geneigt ist.
Geistererscheinungen, Botschaften aus dem Jenseits, poetische Sagen finden bei ihm weniger Anklang, dagegen glaubt er so fest
an den Teufel und verschiedene Haus- und Walddämonen wie an die Heiligen und die Wunder. Die Mongolenherrschaft, der nachfolgende
politische Druck und die Leibeigenschaft haben zu lange und zu schwer auf dem Volke gelastet, um seiner
Fröhlichkeit ihren ursprünglichen heitern Charakter zu lassen, und so geht ein Zug
der Wehmut durch alle Russen, der sich in den
Volksliedern ausspricht, die alle in Moll sind.
Besonders hervorstechend ist die Zähigkeit der Großrussen, welche, in vielen Fällen eine Tugend, doch
wieder der Aufklärung entgegentritt. Besonders zeigt sich dieselbe in dem unterwürfigen Vertrauen, mit dem der Russe an seinem
Kaiser hängt, dessen Person ihm gleich Gott unfehlbar ist. Mit derselben Zähigkeit bewahrt er das Patriarchalische des Familienlebens.
Die Glieder
[* 10] der Familie entwickeln sich nicht selbständig, sondern stehen immer in einem Abhängigkeitsverhältnis
zu dem Vater oder dem ältesten Bruder, der dessen Stelle vertritt, doch sind Mangel an Selbständigkeit im Urteilen und Handeln
von der einen, Willkür und Selbstüberschätzung von der andern Seite die Folgen eines solchen Verhältnisses.
Mißtrauen hegt der Russe nur gegen eine Klasse von Leuten, das sind die
Tschinowniks (Beamten), sonst
ist er offenherzig, gastfrei, aber auch träge, unordentlich, dem Trunk stark ergeben. Seine Anhänglichkeit bildet aus
ihm den besten Vater und Gatten, macht ihn dankbar für erwiesene Wohlthaten, zu einem treuen Freund. Zu den Schattenseiten
des russischen Charakters gehören noch Streben nach materiellen Genüssen, Neigung zu Betrug und Diebstahl,
Bestechlichkeit.
Die Wohnung des gemeinen Russen ist in der Regel ein einstöckiges Blockhaus (in den holzarmen Gegenden die halb in die Erde
eingegrabene Lehmhütte, Semljanka genannt), und solche Blockhäuser aneinander gereiht an beiden Seiten der Straße bilden
ein langes, einförmiges Dorf ohne Anpflanzungen. Der Eingangsthür gegenüber, in einer Ecke, steht das
Bild eines Heiligen, vor dem ein Licht
[* 11] brennt. Jeder Eintretende verbeugt sich vor dem Heiligenbild und bekreuzt sich, ehe er
die Bewohner des Hauses begrüßt, die dem Gast zur Bewillkommnung vor allem »Salz
[* 12] und Brot«
[* 13] (Chlebsol) darreichen.
2) Die Kleinrussen (Malorossi) nehmen in einem geschlossenen Ganzen den südwestlichen Teil des europäischen Rußland ein,
mit Ausschluß der Krim
[* 17] und der anstoßenden Landschaften des Festlandes. Im äußersten Südosten, in Bessarabien,
sind sie mit Rumänen gemischt; ein größeres zusammenhängendes kleinrussisches Gebiet finden wir noch am Ostufer des AsowschenMeers, das der sogen. Tschernomorischen Kosaken, welche durch Katharina II. vom Dnjepr dorthin versetzt wurden.
Ihre Zahl in diesen Ländern beträgt 2,800,000 Seelen; sie verbreiteten sich aber auch über die Karpathen und wohnen als Bojken
und Huzulen (360,000 Seelen) in den nordungarischen Komitaten. Die Anzahl aller Kleinrussen beträgt hiernach
etwa 17½ Mill. Über ihre Sprache s. Kleinrussische Sprache und Litteratur. Obgleich in allen Behörden und Schulen nur die
großrussische Sprache angewandt wird, herrscht die kleinrussische doch im Volksverkehr. Nach der Körperbeschaffenheit stehen
die Kleinrussen sowohl den Polen als den Großrussen als besonderer slawischer Typus gegenüber, wiewohl
ihre politischen Geschicke bald mit dem einen, bald mit dem andern dieser beiden Völker verbunden waren, ohne daß dadurch
ein Aufgeben der besondern Nationalität herbeigeführt wurde. Erst neuerdings macht sich in Rußland eine größere Annäherung
auf geistigem Gebiet zwischenKlein- und
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mehr
Großrussen geltend, während in Galizien der Ruthene dem Polen entschieden feindlich gegenübersteht. Mit dem Großrussen verbindet
den Kleinrussen die griechische Religion, doch ist er weit mehr Ackerbauer als der Moskowiter und von diesem auch körperlich
geschieden. Der Kleinrusse, der Nachkomme der am Dnjepr ehemals angesessenen Poljanen, zeigt den slawischen Typus
sehr rein und ist ziemlich frei von Mischungen geblieben. Er ist größtenteils schwarzhaarig, mit dunkeln Augen und feinen
Gesichtszügen, spitzer Nase, hagerer Gestalt.
Die Grundzüge des slawischen Charakters, Heiterkeit, Sorglosigkeit, Bequemlichkeit, zeigen sich auch bei dem Kleinrussen,
jedoch gepaart mit Verschlossenheit, namentlich gegenüber dem Fremden und Großrussen, den er als Unterdrücker
betrachtet. Der Kleinrusse ist ein sehr poetisch angelegter Mensch; seine Volkslieder atmen Innigkeit, Schwärmerei, Verständnis
des Schönen im Menschen und in der Natur; ihr Rhythmus ist lebhaft und bewegt. Diese poetische Ader macht den Kleinrussen auch
religiöser als den Großrussen, aber auch zum Aberglauben, vorzüglich Sagenglauben, geneigter. In jedem
Dorf erzählt man sich von Totenerscheinungen und Vampiren.
Die Häuser sind klein, eng, düster, aus Holzbalken errichtet. Da der Boden des Landes sehr unfruchtbar ist, so haben die Weißrussen
oft mit
Entbehrung, ja Hungersnot zu kämpfen; ihr Los ist kein beneidenswertes, und der polnische Adlige
wie der jüdische Wucherer und Hausierer haben dafür gesorgt, das Volk auf eine tiefe Stufe herabzudrücken, auf der es Trost
im reichlichen Branntweingenuß sucht. Unter solchen Umständen sind sie für Industrie und Handel unempfindlich geblieben.
Die Sprache hält die Mitte zwischen Kleinrussisch und Polnisch. IhreReligion ist unter dem Einfluß der
polnischen Herrschaft die römisch-katholische geworden. Litteratur vgl. S. 81.