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Wie eine Depression mich fast das Leben kostete
Ich habe eine Erschöpfungsdepression erlitten. Eine Tatsache, die noch vor wenigen Jahren weit ausserhalb meiner Vorstellungskraft lag. Mehr noch: Der blosse Gedanke, meine Psyche könnte dereinst streiken und die Grundfesten meiner Existenz erschüttern, war ausgeschlossen, ja geradezu tabu. Ich fühlte mich stark, stabil und strapazierbar. Ich war krisenerprobt und druckresistent, hatte unzähligen Belastungen standgehalten und immer neue Prüfungen gemeistert. Was also sollte mir zustossen?
Die Uhr des Verhängnisses tickte
Wenn ich zurückschaue, wurde die Uhr des Verhängnisses vor langer Zeit in Gang gesetzt. Sie begann zu ticken, kurz nachdem ich im Bundesamt für Zivilluftfahrt die Verantwortung für die Kommunikation übernommen hatte. Ich war noch keine drei Monate im Amt, als die Anschläge vom 11. September 2001, unter anderem auf das World Trade Center in New York, geschahen. Drei Wochen später blieb die Flotte der Swissair für immer am Boden, sechs Wochen danach stürzte in Bassersdorf eine Maschine der Fluggesellschaft Crossair beim Anflug auf den Flughafen Zürich ab und zwei Dutzend Menschen verloren ihr Leben. Von da an war nichts mehr wie zuvor. Das Amt wurde durchgeschüttelt, mit kritischen Fragen bombardiert und mit den Vorwürfen eingedeckt, die Aufsicht über die nationale Luftfahrt sträflich zu vernachlässigen.
Die Direktion befand sich im Ausnahmezustand, die Kommunikation im Rechtfertigungsmodus. Und meine Uhr des Verhängnisses tickte leise vor sich hin. Es folgten weitere schicksalsbehaftete Ereignisse wie die tragische Kollision zweier Verkehrsflugzeuge bei Überlingen, der Absturz eines deutschen Tornado-Kampfjets auf einem Trainingsflug im Berner Oberland, der Vulkanausbruch auf Island, der während drei Tagen im Frühling 2010 den Luftverkehr in Westeuropa lahmlegte. Immer stand die Kommunikation im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Anrufe der Journalisten folgten sich im Minutentakt, die Anfragen für Stellungnahmen vor Kamera und Mikrofon gehörten zum festen Bestandteil meines Tagesprogramms.
Ein Ausstieg in den Abstieg
Nach elf Jahren war die Zeit gekommen, aus der Fliegerei auszusteigen. Mein neuer beruflicher Horizont tat sich in der Kommunikation für einen internationalen Bau- und Tourismuskonzern auf. Noch liess sich die Uhr des Verhängnisses überhören, als ich das Bundesamt verliess, aber das Ticken war lauter geworden. Die neue Aufgabe beflügelte mich, doch eine undurchsichtige Struktur der Firma, schlechte Finanzzahlen und Verzögerungen beim Fortschritt des wichtigsten Projektes, eines neuen Ferienresorts in Andermatt, holten mich bald auf den knallharten Boden der Realität zurück. Der Druck auf das Management und die Kommunikation stieg, die Arbeitstage wurden länger, die Wochenenden kürzer.
Die Uhr des Verhängnisses schlug auf einmal lautstark und heftig. Am Wochenende vor Weihnachten warf sie mich aus dem Takt. Bar jeder Routine und Orientierung sowie hilflos, wie ich war, sah ich den einzigen Ausweg darin, mich aus dem Leben zu verabschieden. Nur so würde ich Ruhe finden und den tonnenschweren Druck, der auf mir lastete, loswerden. Der Versuch zu gehen misslang. Ich akzeptierte, dass mein Leben weitergehen sollte, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich die Depression überwinden und den Weg zurück in die Gesellschaft finden sollte. Alles, was ich wusste, war, dass er lang und steil sein würde.
Die Ressourcen schonen
Während der Therapie in einer Klinik musste ich lernen, schonender mit meinen persönlichen Ressourcen umzugehen, nicht immer sieben Aufträge gleichzeitig und jeden davon bis in die Perfektion gesteigert zu erledigen. Heute schliesse ich die Türe des Büros am Abend nicht nur real, sondern auch im Kopf hinter mir. Dann nehme ich mir Zeit für all die Dinge und Menschen, die früher in meinem Leben keinen Platz mehr fanden. Nach den drei Jahren, die ich zurück in der Arbeitswelt bin, kann ich festhalten: Es ist möglich, eine Depression zu besiegen und wieder ein normales Leben zu führen. Ein Fazit, das mich erleichtert und zutiefst dankbar macht.
Daniel Göring ist Autor und Kommunikationsberater. Er hat seine Erfahrungen mit Erschöpfungsdepression und Suizidversuch im Buch «Der Hund mit dem Frisbee» verarbeitet. Er hält Vorträge rund um die Themen Depression, Suizidalität und Prävention.