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«Welche Sprache führt zur Bühne?» FN vom 20. August
Interessanterweise führen alle drei abgebildeten Sprachen zur Bühne – und erst noch auf dieselbe Seite! Ein sehr schönes Beispiel, wie man mit verschiedenen Worten das gleiche meinen kann, präsentiert sich da. Links ist ja bekanntlich dort, wo der Daumen rechts ist (und auch dort, wo das Herz ist). Das ist meines Wissens in allen Sprachen so. Ein Problem ergibt sich bei Sälen, die zwar nicht herzlos sind, aber keine Daumen haben …
Sitzt man im Publikum und schaut auf die Bühne, so ist die linke Seite genau die andere, als wenn man auf der Bühne steht und ins Publikum schaut und spielt/singt/spricht. Diesem fast schon philosophischen Problem, dass man sich auch im Theater auf eine Seite schlagen muss, diese aber schwierig zu benennen ist, begegnet man in den verschiedenen Sprachen auf unterschiedliche Art:
Im Deutschen zählt das Endprodukt – man definiert links und rechts stets als vom Zuschauer aus gesehen. Für den Darsteller bedeutet es eine Umkehrung der Richtungen.
Im Englischen ist es genau umgekehrt: Man schont die Darsteller, verwirrt sie nicht zusätzlich und definiert links und rechts als von der Bühne in Richtung Zuschauerraum aus gesehen.
Und was macht man im Französischen? Man lässt eleganterweise rechts und links links liegen und spricht von «côté cour» (vom Publikum aus gesehen rechts) und «côté jardin» (vom Publikum aus gesehen links). Diese Gewohnheit geht zurück auf die Comédie-Française, die ab 1770 in der Salle des machines im Jardin des Tuileries auftrat. Dort grenzte die Bühne bühnenlinks wirklich an den Garten, auf der anderen Seite an den Hof des Gebäudes. Um der Verwirrung vorzubeugen und sich zu merken, wo denn nun «jardin» und wo «cour» ist, gibt es eine Reihe von Eselsbrücken: Die frommste für das Publikum ist sicher, sich an die Initialen von Jesus Christus zu erinnern, wenn man auf die Bühne blickt: J.-C. wie Jardin – Cour. Die oft weniger frommen Darsteller helfen sich mit «côté cour, côté cœur» – wenn sie auf der Bühne stehen und ins Publikum schauen, schlägt das Herz bühnenrechts (und oft ziemlich heftig …). Schauspieler mit ihrer besonderen Affinität für die Subtilitäten der Sprache erinnern sich daran, dass in «jardin» ein D für «droite» vorkommt, im Gegensatz zu «cour».
«Scène jardin», «Bühnenlinks» und «stage right» bezeichnen also alle drei dieselbe Seite der Bühne des Equilibre. Das hat der für die Beschriftungen zuständige Architekt wohl spätestens beim Gastspiel der ersten deutschsprachigen Truppe gelernt …
Ich wünsche uns allen möglichst viele Aufführungen im Equilibre, sei es Sprechtheater, Musiktheater oder Konzert, die uns vergessen lassen, wo links und rechts, hinten und vorne, oben und unten ist, und uns in eine andere Dimension führen.