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Neue Touren in den Hochalpen des Dauphiné
Ailefroide. ( Drei Gipfel: 3959 m, 3925 m und 3854 m. ) Der Gebirgsstock der Ailefroide, mit drei Kilometer langem Gipfelgrat von über 3800 m Höhe, gehört zu den größten Bergen der französischen Alpen. Auf seinem Mittelgipfel ( 3925 m ) treffen sich die Nord-Süd-Wasserscheide ( Maije-Barre des Ecrins-Ailefroide ) und der Ost-West-Hauptgrat ( Pelvoux-Ailefroide ) der Gruppe. Die Karte Duhamels gibt das Berggefüge unrichtig wieder, da sich der Hauptgipfel an der Stelle der Pointe des Frères Chamois der Karte, also bedeutend weiter westlich erhebt. Der Zentralgipfel, sowohl nach Westen als auch östlich mit seinen Nachbarn durch lange, unsagbar wilde Grate verbunden, erhebt sich genau südlich des Col de la Coste Rouge, der die tiefste Scharte zwischen dem Vénéontal und dem Glacier Noir bildet und von dem sich ein vieltürmiger Grat 800 m hoch zu dem Gipfel auftürmt. Alle bisherigen Anstiege auf die Ailefroide ( auch der sogenannte Weg über den Westgrat ) führen von Süden, von dem Ailefroidegletscher ( ca. 2 km breit ), zur Spitze. Am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1913 gelang dem Führer Angelo Dibona aus Cortina und dem Unterzeichneten die erste Ersteigung über den Nordgrat und Überschreitung von Norden nach Süden. 1860 erklärte Mr. Bonney in dem grundlegenden Werke Peaks, passes and glaciers, Seite 211, die Erklimmung der Ailefroide von Norden für aussichtslos. Von den Versuchen lassen sich die der Führer Emile Rey aus Courmayeur und später von Supersaxo aus dem Saastale nicht genauer kontrollieren. Weitere Versuche wurden unternommen von Ludwig Purtscheller, G. Leser ( Lyon ) und P. Engelbach am 6. August 1886, von J. Maître, mit Führern, am 23. Juli 1888, H.A. Beeching und P. A. L. Pryor, mit Roman Imboden ( Zermatt ) und Hippolyte Rodier am 20. Juli 1896, von F.L. Littledale, mit Christophe und Etienne Turc, 1898, von H.W. Dollar, mit Christophe Turc père und fils, im September 1907 usw. Vgl. auch W.A.B. Coolidge, L' Ailefroide, Revue des Alpes Dauphinoises, I, 232 — 233.
Aufbruch am 30. Juni, um 10 Uhr morgens, von La Bérarde mit den Trägern Roderon und Pierre Rodier zu dem Col de la Coste Rouge.Von dem Vénéontal vor der Gletscherzunge des Glacier de la Pilatte durch eine von Séracs gefährdete Rinne mühsam auf den Glacier de la Coste Rouge und an seinem Südrand zu der Scharte empor. 7 Stunden von La Bérarde. Beiwacht an dem Südrande des Gletschers in 3150 m Höhe, nahe dem Col de la Coste Rouge ( bei großer Kälte ), von 91/2 Uhr abends bis 4 Uhr morgens. Am 1. Juli wurden die Träger entlassen und die Kletterei um 1jz 5 Uhr begonnen. Die Nordkante des Berges läßt fünf Abschnitte unterscheiden: Die unterste Gratkette, die durch eine überaus scharfe Scharte von der zweiten Gratturmreihe getrennt ist; der große pfeilerartige Riesenturm, der den dritten Aufschwung bildet; der vierte Gratturm und der Gipfelabbruch, der von vier durch einen horizontalen, sehr scharfen Grat getrennt ist. Der Einstieg befindet sich westlich des Col de la Coste Rouge, links von einem mittelgroßen Schneecoulier ( nicht mit dem großen Couloir von Hippolyte Rodier zu verwechseln !). Schwach rechts ankletternd auf eine Gratrippe; in gleicher Richtung zu schmalen Gesimsen und ( von hier an in Kletterschuhen ) über einen Überhang zu einer Reihe von sehr schweren Rissen, die in sehr brüchigem Fels, von kleinen Bändern oder Überhängen unterbrochen, hoch emporführen; oben nach rechts in die wilde Scharte hinter der ersten Gratkette. Der nächste Grataufbau mußte westlich umgangen werden: 60—80 m in sehr brüchigem Fels nach rechts ( ausgesetzte und gewagte Kletterei ) und, äußerst schwierig, in die Scharte hinter den großen Felshörnern. Angesichts des nun folgenden, ca. 300 m hohen Felsturmes, der allseits rote Felsen und überhangende Rinnen aufweist, quert man in ein großes Couloir der Flanke, welches ca. 60 m emporführt; oben geht man nach links zu einer Kanzel und erblickt nun die prächtigen Abstürze des großen Hängegletschers der östlichen Wandhälfte links über sich ( sehr steile, brüchige und teilweise vereiste Felsen ). Nun über schneebedeckte Stufen in die nächste Scharte. Der ca. 150 m hohe, folgende Aufschwung wird an der Ostflanke erklettert, wobei man schließlich über sehr schwere vereiste Felsen den Scheitel des Turmes ( vierter Absatz ) direkt erklimmt. Hier sahen wir uns einer ungemein scharfen und zerklüfteten Schneide gegenüber, die zu dem weit entfernten Gipfelabbruch leitet. Man umgeht Hindernisse, teilweise an der vereisten und schneebedeckten Ostflanke, größtenteils jedoch an der überaus ausgesetzten Westseite. Man gelangt an einen keulenförmigen Gratturm, der, von dem Glacier de la Pilatte gesehen, sich im letzten Teile des Grates erhebt. Diese prächtige Nadel wird an der Westseite in scheinbar ungangbarem Terrain, überaus ausgesetzt, erklettert. Von der Bresche dahinter ( schwer zu erreichen ) westlich immer 1000—1200 m „ absolut exponiert " unmittelbar an den abschreckenden Schlußbau, der von einer kleinen Kanzel an ungangbar erscheint. Schwierig zu diesem Vorbau und nun fast direkt über die Hauptkante über rotblockige brüchige Verschneidungen, kleine Überhänge und senkrechte Wände zu dem Mittelgipfel empor; sehr gewagte Kletterei. Gipfel an: 1/ì 5 Uhr abends, 12 Stunden vom Einstieg, inklusive Rasten. Für den Abstieg versagten ( wenigstens für die sonst nicht geringen Pfadfindertalente Dibonas und meiner Wenigkeit ) sowohl die deutsche als auch die englische Ausgabe des Dauphineführers, deren Wegschilderungen für die Ailefroide meiner Ansicht nach nicht ganz klar und verständlich sind, weil mir die Lage des Ailefroidegletschers für den Ortsunkundigen nicht eindeutig bestimmbar erscheint, während Herr Coolidge an der unbedingten Richtigkeit aller seiner Angaben bezüglich Ailefroide festhält. ( Wir konnten bezüglich dieser Frage keine Einigung erzielen. ) Wir stiegen vom Mittelgipfel schwierig direkt südlich zu der großen östlichen Zunge des Ailefroide-Gletschers ab, die jedoch gegen das Tal allseits durch wilde Eisbrüche abgeschlossen war. Wir querten daher die Südflanken der Ailefroide an steilen Fels- und Firnhängen, um auf eine Anstiegsroute des höchsten Westgipfels zu gelangen, und sahen uns schließlich, angesichts eines kleinen Hängegletschers in wildem Felsgebiet, zu einer zweiten Beiwacht gezwungen ( von 9*/2 Uhr bis 3 Uhr morgens, 3700 m Höhe ). 2. Juli: Wir gingen ein Stück auf den Spuren des Vortages zurück und erreichten über eine hohe senkrechte Felswand ein eigentümliches Schuttband, das gegen Westen horizontal mehrere 100 m, unter Überhängen verlaufend, auf den Glacier de l' Ailefroide führte. Ausstieg aus den Felsen 5l/a Uhr. Nun stiegen wir wieder zu dem Col du Sélé empor ( Ankunft 8 Uhr morgens ) und erreichten La Bérarde um 111^ Uhr mittags nach dreitägigem Marsche.
Les Ecrins. Erste Ersteigung des Dôme de Nage des Ecrins ( oder Pic de la Bérarde, 3980 m ) über die Nordwestwand, am 14. Juli 1913, durch Angelo Dibona, Bergführer aus Cortina, und Dr. Guido Mayer. Der Gipfelgrat der Ecrins trägt drei benannte Erhebungen: den höchsten Ostgipfel, die Mittelspitze ( Pic Lory ) und die Westspitze ( Dôme de Neige ). Zwei Wände geben dem König der Dauphiné- Jahrbueh dos Schweizer Alpenclub. 49. Jahrg.20 berge seine kühne Gestalt: die Südwand des Hauptgipfels, die im Jahre 1893 von A. Reynier, mit Maximin Gaspard und Joseph Turc, durchklettert wurde, und die Nordwestwand des Westgipfels. Letztere hielt infolge des abschreckenden Aussehens ihres überaus steilen, 1300 m hohen Plattenpanzers, in den eine 70° geneigte, oben in senkrechten Wänden verschwindende Eisrinne eingelagert ist, bisher alle Angriffe fern; nur die Route von H. O. Jones, R. Todhunter und G. Winthrop Young, mit H. Brocherel, L. Croux und J. Knubel, näherte sich in den Südfelsen des Westgrates den die Wand begrenzenden Gebieten ( Juli 1911 ).
Am Nachmittag des 7. Juli gingen wir zu dem Glacier de la Bonne Pierre empor, um die Besteigung am nächsten Tage durchzuführen. Neuschnee bis in 2500 m Höhe trieb uns am 8. in das Tal zurück und bedeckte am 11. Juli die gesamte Flora der Waldregion. Am 14. Juli, um Mitternacht, brachen wir neuerdings auf. Ankunft am Fuße des großen Eiscouloirs um 3 Uhr morgens in Begleitung der Träger Pierre Turc und Roderon, die hier entlassen wurden. Einstieg bei Morgengrauen in 2700 m Höhe um 3 Uhr 30 l ). Der Anstieg bewegt sich im allgemeinen in den Felsen der nördlichen Wandhälfte und erreicht den Gipfelgrat über senkrechte, scheinbar ungangbare Mauern 30 m nördlich der Spitze. Mittelst Lawinenresten, sehr schwierig, nach links über den großen Bergschrund und an den Rand der Felsen. Ihnen entlang schräg rechts über sehr steile Firnhänge empor und, einige Plattenrippen überquerend, zu dem Beginn des engsten Teiles der großen Rinne, deren Eisbett hier, kaum 10 m breit, fast senkrecht zur Höhe strebt. Sehr gefährlich etwa 60 m hinauf und sobald als möglich schräg links über 60° geneigte Platten auf den Scheitel der großen Felswoge. Über sehr steilen Firn zu einer kleinen Felsinsel und gerade durch einen Kamin von blankem Schwarzeis ( Lawinenrinne ) zu gangbaren Felsen. Hier schräg links empor und in weiter Schleife um einen überhängenden, vereisten Felsgürtel, über dem ein System von steilen Rinnen, die beiderseits von zerklüfteten brüchigen Graten begleitet werden, etwa 500 m hoch hinanzieht. Hier mit wechselnden Schwierigkeiten ( einige Stellen äußerst schwer ) in sehr steingefährlichem Terrain ca. 300 m bis auf jene brüchige Rippe, die, von dem Riesencouloir ausgehend, sich turmartig erhebt. An ihrer Flanke überraschte uns ein heftiges Unwetter, das uns zu einstündiger Untätigkeit verurteilte und später veränderlichem Wetter mit zeitweiligem Hagelschauer und Schneegestöber Platz machte. In der Fallirne des Gipfels ankletternd, trachtet man einen kleinen Felskessel in der Höhe des oberen Randes des großen Eiscouloirs zu gewinnen und klimmt über sehr schwierige vereiste Felsen auf ein deutliches Band. ( Erster Rastplatz. ) Über einen Überhang ( Steigbaum ) rechts empor und an der rechten Flanke eines kuppelartigen Vorbaues bis unmittelbar an gelbe überhangende Wände, neben denen sich links eine Wanddepression, die oben in eine große seichte Rinne übergeht, öffnet. Nun ganz außergewöhnlich gefährlicher Quergang an senkrechter Eiswand unter Überhängen ca. 30 m nach links und in sehr brüchigen Rissen schräg nördlich empor bis in die Nähe der nächsten Gratrippe. Hier wieder schräg rechts in den Grund der Rinne, neben der bald eine Gratturmreihe emporstrebt, die als ungemein scharfe Schneide ( W. Grat ) sich 30 m nördlich des Gipfels mit dessen Eishängen vereinigt. An der Südwestflanke dieses Grates zu der kleinen Scharte hinauf, die zwei senkrechte Abbruche trennt: durch einen überhangend engen, vereisten Spalt, äußerst schwer, in eine Aufeinanderfolge von Verschneidungen und über viele vereiste Stellen in das Schärtchen. Über die Kante, sehr schwer, 30 m weiter in einen den Grat schneidenden tiefen Spalt, auf dessen Nordseite ca. 5 m hinab auf breite Schnee- und Geröllfelder links der Schneide ( zweiter Rastplatz ) und über schräg vereiste Felshänge an die Gipfelwächte. Über diese, sehr schwer, ca. 35-40 m zur Spitze ( Ankunft S1/^ Uhr nachmittags ). Abstieg zur Brèche Lory und die nordöstlichen Gletscherhänge des Hauptgipfels ( über die große Randkluft abfahren !) zum Col des Ecrins ( Rast von 5-512 Uhr ) und über steilen Schnee und den Glacier de la Bonne Pierre nach La Bérarde ( Ankunft 8x/2 Uhr abends ). Während des größten Teiles des Anstieges wurden Kletterschuhe verwendet.
Col du Flambeau ( Aneroid ca. 3150 m ). Erste Überschreitung durch Max Mayer, Wien, Angelo Dibona, Bergführer aus Cortina ( Tirol ), und den Unterzeichneten, am 24. Juni 1913, von der Vallee de la Bonne Pierre zum Glacier de la Vera Pervoz. ( Vgl. den Dauphinéf ( ihrer des Österreich. Alpenklubs, S. 176. Die dort angegebene Höhe von 3045 m ist zu nieder gegriffen. ) Die Scharte liegt zwischen dem Flambeau des Ecrins ( 3523 m ) und der Pointe de Pie Bérarde ( ca. 3190 m ) und wurde von uns, anläßlich der Auskundschaftung eines Weges, über die Nordwestwand der Barre des Ecrins überschritten. Von La Bérarde in ca. 3 Stunden zu dem Plateau des Glacier de la Bonne Pierre ( ca. 2750 m ) und unmittelbar an den Fuß der Steilwand des Flambeau des Ecrins. Nun, scharf rechts, über steile Firnhänge ( zwei Randklüfte ) an den Felsrand und hier empor, bis in der glatten Wand ein hoher Kamin erscheint. Durch ihn, sehr schwierig, hinauf und schräg rechts über kleine schneebedeckte Terrassen und steile Wandstufen zu den oberen, sehr steilen Firnhängen. Über lawinengefährliche Stellen, schwach westlich, zu einer kleinen, aus dem Schnee ragenden Rippe und zu der scharfen Bresche in dem wilden Hauptgrat hinan ( ca. 2 Std. vom Gletscher ). Abstieg nach Süden: Südlich ( ausgesetzt ) oder nördlich ( etwas besser ) um den westlichen Gratturm und nun durch einen steilen Kamin, ca. 30 m, zu einem Band der Südwand hinab. Nach Westen in eine steile, brüchige Rinne und, ca. 60 m tiefer, in eine abschüssige Schneeschlucht, durch die man den Glacier de la Vera Pervoz gewinnt. Über die östlichen Hänge des tiefen Grabens in das Vénéontal hinab und nach La Bérarde ( ca. 3 Stunden von der Scharte; sehr interessante Bergfahrt, die durch schlechtes Wetter beeinträchtigt wurde).Dr. Ing. Guido Mayer ( Sektion Bern ).