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Den 11. September 2023 wird Dominic Stricker nie vergessen. Als er am Morgen aufwachte und einen Blick auf das ATP-Ranking wagte, ging ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Geschafft! Erstmals tauchte sein Name unter den besten Hundert in der Tennis-Bibel auf – Platz 90. Doch das soll nur eine Zwischenstation sein.
Noch im Sommer, vor Paris, hatte der junge Mann aus Grosshöchstetten im Gespräch mit dem BärnerBär zwei Ziele für die zweite Jahreshälfte erwähnt: Die Qualifikation für das Haupttableau eines Grand Slam-Turniers und das Vorrücken unter die Top-100 im ATP-Ranking. In der Zwischenzeit hat er das erste Ziel bereits dreimal erreicht. In Paris, in Wimbledon und am US Open spielte er sich zweimal erfolgreich durch die Qualifikation, hatte einmal das Glück des «Lucky Losers» und stand im Haupttableau. In Roland Garros scheiterte er noch in Runde 1 am Amerikaner Tommy Paul, in Wimbledon gewann er erstmals einen Match in einem Haupttableau der Königsklasse und in New York gelang dann der endgültige Durchbruch. Nach drei Siegen in der Qualifikation bezwang er im Auftaktspiel wie schon in Paris den Australier Alexei Popyrin und in der nächsten Runde gelang der grosse Wurf: Fünf-Satz-Sieg gegen den haushohen Favoriten, den Griechen Stefanos Tsitsipas (ATP-Nummer 7). In den Sechzehntelfinals musste Stricker nochmals über fünf Sätze, ehe er den Franzosen Benjamon Bonzi gebodigt hatte. In den Achtelfinals bedeutete der Amerikaner Taylor Fritz trotz starker Gegenwehr Endstadion, aber den Platz unter den Top 100 hatte sich das Talent aus Grosshöchstetten gesichert, Ziel Nummer 2 erreicht. Dominic Stricker: «Das ist wunderschön, doch auf den Lorbeeren ausruhen werde ich sicher nicht.»
«Ein toller Tag»
Blickt Dominic Stricker mit etwas Distanz auf den Sensationssieg gegen Tsitsipas zurück, sagt er: «Es war wirklich ein cooler Tag. Ich lag mit 1:2 Sätzen zurück, er servierte zum Matchgewinn und ich konnte das Rad noch drehen.» Eigentlich unfassbar, ein kleines Wunder, doch der mental starke ehemalige Juniorensieger von Paris steckte nicht auf. Es ist bekannt, dass Überraschungssieger oft in der nächsten Runde einbrechen und klar verlieren, nicht so Dominic Stricker. «Es war in der Tat nicht einfach, doch es gelang mir, mich schnell zu erholen und die
Konzentration aufrecht zu halten», sagt Stricker. So bezwang er auch den Franzosen Benjamin Bonzi erneut in fünf Sätzen und meinte
nach dem Match: «Zu Beginn tat ich mich noch schwer, doch es kam mir entgegen, dass der Match über fünf Sätze ging und ich immer besser ins Spiel kam – die Kräfte liessen kaum nach, ich kann mittlerweile mit der Belastung von Fünfsätzern gut umgehen.»
Nach den Einsätzen im Daviscup und den Turnieren in Mouilleron-le-Captif (ATP 100), Bratislava (ATP 125) und Antwerpen (ATP 250) steht für Stricker nun mit den Swiss Indoors in Basel (21.-29. Oktober) ein weiterer Höhepunkt bevor. Im Vorjahr gelang ihm gegen den Amerikaner Maxime Cressy ein Startsieg, heuer dürfte es nicht minder schwierig werden zu punkten, in einem Feld, in dem mit Carlos Alcaraz (ATP 2), Holger Rune (5) und Casper Ruud (9) nicht weniger als drei Top-Ten-Spieler aufgeführt sind. Stricker: «Ich freue mich riesig auf dieses Turnier, die Stimmung ist immer grossartig und wir Schweizer werden besonders lautstark unterstützt.» Wer weiss, vielleicht gelingt dem Berner ein ähnlicher Coup wie am US Open. Die Top-Cracks jedenfalls sind gewarnt und werden den Linkshänder aus Grosshöchstetten nicht unterschätzen.
Die Rolle des neuen Coachs
Seit April trainiert Dominic Stricker auch unter einem neuen Coach, dem Deutschen Dieter Kindlmann, einst als Spieler selbst auf der Tour unterwegs. «Wir trainieren meistens im Nationalen Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel. Viel geändert hat sich im Training nicht, doch Kindlmann bringt neue Ideen und Übungen ein. Seine Erfahrung ist ein grosser Vorteil, ebenso wichtig ist aber für mich, dass wir uns auch ausserhalb des Platzes ausgezeichnet verstehen. Die Stimmung ist immer gut, wir arbeiten hart, doch zwischendurch wird auch immer wieder gelacht.»
Pierre Benoit
PERSÖNLICH
Dominic Stricker wurde am 16. August 2002 in Münsingen geboren. Er gewann 2020 im Einzel und Doppel das Junioren-Grand-Slam-Turnier von Roland Garros. 2021 verbesserte er sich in der Weltrangliste um 922 Ränge, derzeit belegt er im ATP-Ranking Platz 90. Bei den Next Gen ATP-Finals, wo die acht besten unter 21-Jährigen teilnahmen, erreichte er im November 2022 in Mailand den Halbfinal. Am US Open stiess er bis in die Achtelfinals vor. Gewann bisher fünf Challenger-Turniere.