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Zürich: Chronos Verlag, 2019.
336 Seiten, 30 Abbildungen.
Preis: Fr. 38,00
ISBN: 978-3-0340-1545-5
Das vorliegende Buch ist das Resultat einer mehrjährigen Arbeit im Auftrag der Thurgauer Regierung an eine mehrköpfige Historikergruppe der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich.Die Leitung hatte Frau Prof. Marietta Meier inne, die sich bereits mit anderen Fragestellungen in der Psychiatrie befasst hatte.
Die Aufgabe der Historiker besteht letztlich in der plausiblen Rekonstruktion der Vergangenheit, dem Sichtbarmachen der Zusammenhänge und dem Verstehen.
Das Buch stellt ein Stück Schweizer Psychiatrie-Geschichte, ein Stück Geschichte der Psychopharmakologie in den Anfängen und damit auch der Zusammenarbeit zwischen Klinik und Pharmafirmen dar. Es ist mithin auch ein Stück Kulturgeschichte, in dem Sinne, wie sich der therapeutische Umgang mit den betreuten Patienten und den Mitarbeitenden veränderte.
Im Zentrum steht die Person des Oberarztes und späteren Direktors, Roland Kuhn (1912-2005), der zusammen mit Mitarbeitern der Pharmafirmen, vorerst der Firma Geigy, 1957 das erste Antidepressivum Imipramin (als Nachfolgepräparat des ersten Neuroleptikums Chlorpromazin) entdeckte und anschliessend durch Prüfungen von insgesamt 117 Substanzen an ca. 3000 Patienten weitere Antidepressiva zu entwickeln versuchte. Er tat es in der Hoffnung, in dieser epochalen Situation der ersten Psychopharmaka wirksamere Medikamente zu finden. Bereits 1947 wurden aber andere Medikamente geprüft, z.B. Parpanit® zur Entspannung bei Encephalitis lethargica. Sein Instrument dabei war seine klinische Beobachtung der Symptomatologie im Rahmen seines daseinsanalytischen Denkens. 1957 publizierte er diese neue Erfahrung bei endogenen Depressionen. In der Folge schloss er auch andere depressive Zustände ein, untersuchte die Verträglichkeit zusätzlich an anderen Patientengruppen wie Kindern und Jugendlichen und beispielsweise dementen Menschen. Zeitweise dürfte der Grossteil der Patienten in der Klinik in diese Versuche einbezogen worden sein – Versuche, in denen auch oft Kombinationen dieser Prüfsubstanzen benutzt worden sein sollen. Mehrere dieser Substanzen wurden schliesslich als Antidepressiva zugelassen.
1966 wurde Kuhn zum Titularprofessor der Universität Zürich ernannt. Richtlinien zur Medikamentenprüfung gab es zu dieser Zeit kaum und Patientenrechte waren kein Thema.Sie wurden erst mit der neuen zivilrechtlichen Gesetzgebung Ende der Siebzigerjahre formuliert .Die Vereinbarung von Helsinki (1964) und die Richtlinien der Sschweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (1965/1970), die Richtlinien des Internen Kontrollsystems (1977) sowie die neuen Usanzen der mehrphasischen Medikamentenprüfung mit Doppelblindversuchen und statistischen Vergleichen bildeten nun die Grundlagen für die Studien am Menschen. Trotz der neuen ethischen, rechtlichen und praktischen Grundlagen hielt Kuhn an seiner eigenen, isolierten Beobachtung fest, was zu Auseinandersetzungen mit den Pharmafirmen führte. Eine wichtige Station war die Entdeckung von Maprotilin, zu deren Entwicklung er massgeblich beigetrug und an dessen Erfolg er auch finanziell beteiligt war. Durch den Zusammenschluss von Geigy mit Ciba zu Novartis mit neuen Kontaktpersonen und anderen Zielsetzungen erlosch schliesslich das Interesse dieser Firmen für Psychopharmaka und damit auch an der Zusammenarbeit mit Roland Kuhn. Er hatte inzwischen eigene Vorschläge zur Veränderung der chemischen Strukturen gemacht und auch begonnen mit anderen Pharmafirmen zusammenzuarbeiten. Er begann auch die Serotonin-, Noradrenalin- und Dopamin-Hypothesen mit Untersuchungen der Metaboliten im Blut und Urin zu untersuchen, was er über seine Pensionierung (1980) hinaus weiterführte.
Er unterschied nicht zwischen klinischer Untersuchung von Wirkung und einer eigentlichen Behandlung, ja fand es geradezu falsch, die Patienten darüber zu informieren und sie in die Entscheidung einzubeziehen, da dies seiner Meinung nach die Resultate verfälsche und Dppelblindversuche unethisch seien. Die Patienten mussten unter sehr schwierigen Bedingungen in der überfüllten Klinik leben bei einem sehr geringem ärztlichen und pflegerischen Personalschlüssel. Individuelle Behandlung war kaum möglich. Das sozialpsychiatrische Denken, das im restlichen Europa aktuell war, fand kaum Eingang in Münsterlingen. Das kontrastiert zu den Versuchen, die modernsten Medikamente zu prüfen. Diese Diskrepanz war sicher ein Hauptgrund, der zu den Klagen der Betroffenen geführt hat und damit auch zu dieser Historikerarbeit.
Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, die hauptsächlich den verschiedenen Jahrzehnten der Medikamentenprüfungen entsprechen, dann die Darstellung der Situation des Prüfers Roland Kuhn, die Stofflogistik und die Rolle der Pharmafirmen, ein Kapitel über Nebenwirkungen und fatale Zwischenfälle sowie eine Zusammenfassung des Ganzen. Ergänzt werden diese Kapitel durch ein Glossar der Fachwörter, einen chronologischen Überblick, eine Liste der Prüfsubstanzen, ein ausführliches Quellenverzeichnis, ein Namensregister sowie ein Sachregister.
Was notgedrungen fehlt, sind Informationen über die Wirksamkeit der geprüften Substanzen, die zum Teil heute noch im Handel sind.
Diese umfassende, weitgehend wertfreie Darstellung, die nur dank der akribischen Sammlung von Roland Kuhn im Staatsarchiv Frauenfeld zur Verfügung stand, stellt ein wichtiges Stück Psychiatriegeschichte im Rahmen der Einführung der Psychopharmaka dar, wohl auch als Referenzarbeit für weitere Aufarbeitungen dieser Epoche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
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