Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/3079

"Ich persönlich finde ein Jahresprogramm besser als ein halbes Jahr"
Planung, Gastlandwahl und wie es weiter ging
In welcher Klasse und an welchem Schultyp warst du, als du dich bei YFU beworben hast?
Ich habe nach der Sekundarschule das 10. Schuljahr Berufswahlschule besucht. Habe in diesem Jahr eine Lehrstelle gesucht und noch keine gefunden.
Wie hast du von der Möglichkeit, mit YFU ein Austauschjahr zu machen, erfahren?
Mein Vater war selber im Jahr 1964 im Austauschjahr in den USA. Als ich keine Lehrstelle gefunden habe, hat er mir die Möglichkeit vorgeschlagen, ein Austauschjahr zu machen.
Welche speziellen Fragen ergaben sich für dich als Sekundarschülerin, die ein Austauschjahr machen wollte?
Damals hatte es zu wenige Lehrstellen für alle SchulabgängerInnen, ich habe auch bis zum Abflugtag keine Lehrstelle gefunden für das Jahr nach dem Austauschjahr und bin ohne versprochene Lehrstelle ins Austauschjahr geflogen. Das hat zu einer gewissen Unsicherheit geführt. Zudem hatte ich immer Schwierigkeiten mit den Sprachen. Meine Englischkenntnisse waren sehr gering, und ich hatte Angst nach dem Austauschjahr noch schlechter im Deutschunterricht zu sein.
Wusstest du zu dem Zeitpunkt schon, was du nach deinem Austauschaufenthalt machen würdest?
Der Plan war, Mitte Juni nach meinem Austauschjahr zurück zu kommen und möglichst schnell noch eine Lehrstelle für August zu finden. Ich habe während meinem Austauschjahr von den USA her ein paar Bewerbungen für eine Stelle als Coiffeuse geschrieben, die meine Eltern in der Schweiz verschickt haben. Im April bekam ich eine Stelle als Coiffeuse. Als ich dies in der Mittagspause in der High School auf dem Natel sah, war das ein sehr schöner Moment und eine grosse Erleichterung.
Und wie hast du dein Gastland ausgewählt?
Als Jugendliche habe ich viele amerikanische Serien geschaut. Ich wollte erfahren, ob die High School wirklich so ist wie in den Filmen. In der Schweiz ging ich nie gerne zu Schule. Es war ein Fluch für mich. Die High School aus den Filmen stellte ich mir träumerisch vor. Auch wollte ich meine Englisch-Kenntnisse verbessern. Ich kann eine Sprache einfach nicht mit Büchern lernen. Mir fehlt dafür auch heute noch die Motivation.
Würdest du dich heute anders entscheiden?
Ja. Durch meine Freiwilligenarbeit für YFU habe ich viele Erfahrungsberichte aus anderen Ländern als den USA gehört. Im Nachhinein wäre ich lieber nach Norwegen, Schweden, Finnland oder Südamerika gegangen. Das heisst nicht, dass ich das Austauschjahr in den USA nicht genossen habe. Ich bezeichne es immer noch als das beste Jahr in meinem Leben, aber ich hätte gerne ein Land und Kultur näher kennen gelernt, über die man nicht schon über Filme und Fernseher recht viel weiss. Zum Beispiel über Norwegen erfährt man in der Schweiz viel weniger.
Was ist deiner Meinung nach geeigneter für das 10. Schuljahr oder ein Zwischenjahr: ein Jahres- oder ein Semester-Programm?
Dadurch, dass ich ein 10. Schuljahr in der Schweiz UND das Austauschjahr gemacht habe, kann ich diese in meinem Fall miteinander vergleichen. Für mich hat das Austauschjahr mit YFU viel viel mehr gebracht als das 10. Schuljahr.
Das 10. Schuljahr war für mich eher eine Verlängerung der Sekundarschule, die ich nicht gerne besuchte. Auch war der Druck, eine Lehrstelle zu finden sehr gross und die Niederlage, keine zu bekommen hat sehr an meinem Selbstvertrauen genagt.
Im Austauschjahr habe ich mich persönlich sehr entwickelt. Ich habe gelernt, auf Menschen zuzugehen, mich an Regeln zu halten, ungewöhnliche Situationen zu meistern und habe dabei ein gesundes Selbstbewusstsein bekommen. Das hat mich in der Lehre und im Leben sehr weitergebracht.
Ich persönlich finde auch ein Jahresaustauschprogramm besser als ein Semesterprogramm. Denn meine besten Erfahrungen habe ich im zweiten Teil des Austasuchjahres erlebt. Am Anfang war es schwiereiger, sich anzupassen und die Sprache zu erlernen. Auch weil ich sprachlich nicht besonders begabt bin, hätte mir ein Semester nicht gelangt, um meine Englischkenntnisse gut zu festigen.
Was würdest du anderen SekundarschülerInnen raten, die gerne für ein Jahr oder ein Semester ins Ausland gehen würden?
Habe nicht zu grosse Erwartungen oder Vorstellungen, wo man hin möchte und wie es wird. Meistens wird es eh ganz anders wie erwartet. In meinem Fall wurde es sogar besser, als dass ich es mir vorgestellt hatte. Aber anders :-))
Was sind aus deiner Sicht die Vorteile, wenn man ein Austauschjahr macht?
Ohne meine Austauschjahr mit YFU wäre ich wahrscheinlich nicht da, wo ich jetzt bin.
Im Austauschjahr habe ich das erste mal in meinem Leben Freude an der Schule bekommen. Diese Freude ist mir geblieben in der Gewerbeschule und später in der Berufsmatura.
Zudem habe ich viel Selbstvertrauen in meinem Austauschjahr gewonnen. Dies war für mich sehr wichtig, um mit Motivation die Schwierigkeiten einer Lehre anzugehen.
Als Coiffuese ist der Kundenkontakt sehr wichtig. Man muss auf die Kunden zugehen können und sich deren Wünsche anpassen. In meinen Austauschjahr habe ich gelernt, auf fremde Menschen zuzugehen und sich auch Andersdenkenden anzupassen.
Mich persönlich hat das Austauschjahr auch gelehrt, manche Beschlüsse ohne Widerstand zu akzeptieren, auch wenn ich nicht damit einverstanden war. Dies ist in einem Betrieb sehr wichtig. Meine leiblichen Eltern zuhause haben mich eher erzogen, immer Widerstand leisten zu dürfen, was bei manchen LehrmeisterInnen als respektlos gilt.
Zudem habe ich Englisch gelernt. So hatte ich gute Noten in der Berufsmatura, obwohl Sprachen sonst eher mein schwieriges Gebiet sind. Meine Englischkenntnisse haben mir aber auch im Job als Coiffeuse englischsprachige Kundschaft gebracht und mir das Reisen in den Ferien sehr erleichtet.
Und noch am Schluss:
Weshalb in eine Austauschjahr gehen vor der Lehre und nicht einfach ein Sprachaufenthalt nach der Lehre? In einem Austauschjahr mit YFU geht man in eine öffentliche Schule und lebt als Familienmitglied in einer Gastfamilie. Man lernt hautnah die Kultur kennen. Als 17jährige ist die Familie noch sehr wichtig, ich habe mich als richtiger Teil der Familie gefühlt und habe immer noch Kontakt zu meiner Gastfamilie. Die USA und meine Gastfamilie wurden für ein Jahr mein zweites Zuhause, ohne dass ich dabei mein altes Zuhause verloren hätte. Ich habe viele Freundinnen, die sind nach der Lehre für 3 Monate Englisch lernen gegangen. Ihr Englisch ist immer noch weit entfernt von meinem. Sie haben in den Sprachschulen viel mit anderen deutschsprachigen Schülern Deutsch gesprochen.