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Riffreiher
Egretta sacra
© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Der Riffreiher (Egretta sacra) ist ein Mitglied der weltweit 62 Arten umfassenden Familie der Reiher (Ardeidae). Diese wird im Allgemeinen zusammen mit den Störchen, Ibissen und Löfflern in die Ordnung der Stelz- oder Schreitvögel (Ciconiiformes) gestellt.
Innerhalb der Familie der Reiher wurden früher meistens vier Verwandtschaftsgruppen oder Unterfamilien unterschieden: die Tagreiher (Ardeinae), die Nachtreiher (Nycticoracinae), die Tigerreiher (Tigrisomatinae) und die Dommeln (Botaurinae). Neuerdings werden die Nachtreiher mit den Tagreihern in der Unterfamilie der Eigentlichen Reiher (Ardeinae) zusammengefasst, so dass es also nur noch drei Unterfamilien gibt. Die Eigentlichen Reiher bilden mit 43 Arten in 10 Gattungen die umfangreichste der drei Unterfamilien; die Tigerreiher umfassen 6 Arten in 4 Gattungen und die Dommeln 13 Arten in 3 Gattungen. Wie üblich herrscht unter den Wissenschaftlern keineswegs Einigkeit hinsichtlich der Anzahl der zu unterscheidenden Reiherarten und -gattungen, weshalb alle oben genannten Zahlen mit Vorsicht zu behandeln sind.
Teils weiss, teils grau
Das grösste Mitglied der Reiherfamilie ist der schwergewichtig in Afrika heimische Goliathreiher (Ardea goliath): Er erreicht eine Körperlänge von 135 bis 150 Zentimetern, wiegt um 4,5 Kilogramm und weist eine Flügelspannweite von mehr als 200 Zentimetern auf. Der «Zwerg» unter den Reihern ist die in Nord- und Südamerika weit verbreitete Indianerdommel (Ixobrychus exilis): Sie erreicht eine Länge von etwa 25 Zentimetern, ein Gewicht um 75 Gramm und eine Flügelspannweite von etwa 45 Zentimetern.
Mit einer Länge von 57 bis 66 Zentimetern, einem Gewicht um 400 Gramm und einer Flügelspannweite von 90 bis 110 Zentimetern ist der Riffreiher somit ein mittelgrosses Mitglied der Reiherfamilie. Die Männchen sind im Durchschnitt etwa drei Prozent grösser als die Weibchen. Ansonsten unterscheiden sich die beiden Geschlechter äusserlich nicht voneinander.
Der Riffreiher gehört zu den rund 330 Vogelarten - das entspricht 3,3 Prozent der total rund 10 000 bekannten Vogelarten -, bei welchen unabhängig von Geschlecht und Alter zwei verschiedene Farbschläge vorkommen: Sowohl bei den erwachsenen männlichen als auch bei den erwachsenen weiblichen Riffreihern tragen manche Individuen ein schiefer- bis blaugraues Gefieder, andere ein weisses. Insgesamt ist der graue Farbschlag häufiger als der weisse, doch sind offensichtlich Überlebenschance und Fortpflanzungserfolg bei beiden Farbschlägen ähnlich, denn sonst würden zweifellos entweder die dunklen oder die hellen Individuen über kurz oder lang verschwinden.
Möglicherweise haben die hellen Individuen beim Beutefang im Sonnenlicht, in weissen Gischtgewässern und/ oder an hellen Sandküsten den grösseren Erfolg, während die dunklen Individuen im Schatten oder nachts und/oder an dunklen Felsküsten erfolgreicher sind. Da die Riffreiher sowohl tagsüber als auch nachts auf Beutefang gehen, was für eine Vogelart sehr ungewöhnlich ist, könnte an dieser Theorie durchaus etwas dran sein. Die Aktivitätszeit wird bei den Riffreihern nämlich nicht durch den Sonnenstand, sondern hauptsächlich durch den Gezeitenstand bestimmt: Die mittelgrossen Stelzvögel gehen hauptsächlich dann auf Beutefang, wenn die Flut vorüber ist und der Wasserstand sinkt, und dieser Zeitpunkt verschiebt sich bekanntlich wegen des Mondstands Tag für Tag um etwa fünfzig Minuten im Uhrzeigersinn.
Ein indopazifischer Küstenvogel
Das Artverbreitungsgebiet des Riffreihers ist sehr weit und reicht von den Andamanen und Nikobaren im Indischen Ozean über ganz Hinterindien und den indomalaiischen Archipel nordwärts bis zur Koreanischen Halbinsel und nach Japan, südwärts über Australien, Tasmanien und Neuseeland sowie die gesamte südpazifische Inselwelt bis zum Tuamotu-Archipel in Französisch-Polynesien.
Interessanterweise kommt an den Küsten Neuseelands einzig der graue Farbschlag vor. In den meisten übrigen Regionen finden sich hingegen beide Farbschläge, und zwar ähnlich häufig. Dies gilt auch für die Insel Penrhyn, die nördlichste und abgeschiedenste der 15 Cook-Inseln, welche mitten im Südpazifik über ein Areal von 2,2 Millionen Quadratkilometern verstreut liegen.
Der Riffreiher lebt im Unterschied zu den meisten anderen Reiherarten in der Regel nicht im Bereich von Süssgewässern, sondern hält sich an den Rändern von Salz- oder Brackgewässern auf, also an Meeresküsten oder an den Ufern von Flussmündungen. Am häufigsten begegnet man ihm an felsigen Küstenabschnitten oder - wie sein Name andeutet - bei Korallenriffen. Hier und dort kann man ihn aber auch im Bereich von Schlickflächen in verlandenden Buchten oder im Umfeld von Mangroven- oder Nipapalmenbeständen (siehe Titelbild) beobachten. Seen und Sumpfgebiete im Binnenland besucht er hingegen nur ausnahmsweise.
An den genannten Gewässerrändern betätigt sich der Riffreiher als Beutegreifer. Als Anpassung an diese Lebensweise hat er im Laufe seiner Stammesgeschichte unter anderem lange Beine und einen langen Hals mit zwanzig Wirbeln entwickelt. Letzterer ist so gebaut, dass er ihn S-förmig zurückziehen kann. Das tut er besonders auf der Pirsch, was ihm jederzeit die Gelegenheit gibt, den Kopf blitzartig vorschnellen zu lassen und ein entdecktes Beutetier zu packen.
Bei der Beutesuche schreitet der Riffreiher meistens unmittelbar am Gewässerrand umher. Langsam und umsichtig bewegt er sich in geduckter Haltung fort. Entdeckt er ein mögliches Opfer, so fasst er es zunächst genau ins Auge, dann wirft er seinen Kopf wie einen Speer nach vorn und packt es zielsicher mit dem Schnabel oder spiesst es mit demselben auf. Kleine Beutetiere verschluckt der Riffreiher lebend, grössere schlägt er zunächst gegen den Untergrund, bis sie tot oder zumindest bewusstlos sind, zerkleinert sie dann aber nicht, sondern verschlingt sie ebenfalls im Ganzen.
Zum Opfer fallen dem Riffreiher hauptsächlich kleinere Fische aller Art. Aber auch kleine Krabben und andere Krebstiere, Weichtiere, Insekten und deren Larven, Geckos und weitere kleine Echsen, frisch geschlüpfte Meeresschildkröten und sogar nestjunge Meeresvögel stehen auf seinem Speiseplan.
Meist territorial, selten kolonial
Der Riffreiher ist ein ausgeprägt territorialer Vogel. Gewöhnlich streift er einzeln, paarweise oder im kleinen Familienverband umher. Jeder fremde Artgenosse, der ins Territorium eindringt, wird sofort angegriffen und verjagt. Zu Zeiten oder an Orten mit überreichem Nahrungsangebot legt er seine Territorialität aber offensichtlich vorübergehend ab, denn dann können manchmal grössere Ansammlungen von Riffreihern auf engem Raum beobachtet werden.
Die Fortpflanzungszeit der Riffreiher fällt in den verschiedenen Regionen des weiten Artverbreitungsgebiets in unterschiedliche Monate. In Malaysia beispielsweise schreiten die Vögel von Mai bis Juli zur Brut, in Neuseeland von September bis Dezember. An den Küsten der südpazifischen Inseln mit tropisch ausgeglichenem Klima ist das Fortpflanzungsgeschehen hingegen nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden.
Die brutwilligen Individuen wählen etwa gleich häufig einen Partner des gleichen wie des anderen Farbschlags. Ausgeprägte Balzhandlungen sind keine zu beobachten. Wie alle Reiher mausert der Riffreiher jedoch alljährlich vor und nach der Brutsaison sein Federkleid, und wie bei manchen seiner Vettern wächst ihm für die Balzzeit ein besonders prächtiges Gefieder mit langen, bandförmigen Schmuckfedern auf dem Scheitel, an der Brust und auf dem Rücken. Ferner nehmen seine Beine und sein Schnabel einen intensiveren Farbton an.
Zwar wurden schon Brutkolonien mit zwanzig und mehr Brutpaaren beobachtet. In der Regel verhält sich der Riffreiher jedoch auch beim Brutgeschäft keineswegs gesellig, sondern territorial und duldet keine fremden Artgenossen innerhalb seines Eigenbezirks.
Sein Nest baut das Riffreiherpaar an einem vor Wind und Blicken geschützten Ort, manchmal am Boden, manchmal zwischen Felsen oder auf einem niedrigwüchsigen Strauch. Es handelt sich um eine kreisrunde, aus Stöckchen, Zweigen, Schilfhalmen und anderen Pflanzenstoffen gefertigte Plattform, welche eine Höhe von ein paar wenigen Zentimetern und einen Durchmesser von etwa 40 Zentimetern aufweist.
Das Gelege umfasst in den meisten Regionen zwei oder drei fahl grünlichblaue Eier. Männchen und Weibchen beteiligen sich partnerschaftlich am Bebrüten des Geleges. Die Schichten dauern zwei bis sechs Stunden. Wenn die Jungen nach einer Brutzeit von 25 bis 28 Tagen aus den Eiern schlüpfen, sind sie zunächst fast vollständig nackt. Später wächst ihnen ein dunkelgraues bzw. weisses Daunenkleid.
Anfänglich werden die nestjungen Riffreiher Tag und Nacht von jeweils einem der beiden Altvögel beschützt und gewärmt, während der andere Nahrung herbeischafft. Nach ein paar Tagen werden sie tagsüber zunehmend länger allein gelassen, weil nun beide Eltern Nahrung für ihren nimmersatten Nachwuchs besorgen müssen. Im Alter von etwa drei Wochen verlassen die noch flugunfähigen Jungvögel ihr Nest zu Fuss und verstecken sich in einem Unterschlupf in der Nähe. Die Flugfähigkeit erreichen sie im Alter von etwa sieben Wochen.
Verhängnisvolle Damenmode
Im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Schmuckfedern der Reiher zu einem begehrten Accessoire der damaligen Damenmode. Besonders die Damenhüte wurden reich mit Reiherfedern verziert. Um den immensen Bedarf der Modemacher und der modischen Damen zu decken, wurden auf der ganzen Welt Reiher abgeschossen. Besonders verhängnisvoll wirkte sich dabei aus, dass die Schmuckfedern der Reiher zu Beginn der Brutzeit am schönsten sind. Die erwachsenen Vögel wurden deshalb hauptsächlich zu dieser Zeit erlegt, worauf ihre Eier oder verwaisten Nestlinge unweigerlich zugrunde gingen. Ganze Reiherkolonien wurden innerhalb kürzester Zeit vernichtet; weltweit gingen die Reiherbestände massiv zurück.
Mit den Federn der Reiher wurden enorme Geschäfte gemacht, denn zeitweilig waren sie doppelt soviel wert wie ihr Gewicht in Gold. Kein Wunder erreichte der Federnhandel zu seiner Blütezeit sämtliche Winkel der Erde und beschäftigte Zehntausende von Personen. Das folgende Zahlenbeispiel möge das erschreckende Ausmass des seinerzeitigen Vogelmords illustrieren: Ein einziger Londoner Grosshändler importierte und verkaufte allein im Jahr 1902 1370 Kilogramm Schmuckfedern. Da es mindestens 150 Vögel braucht, um 1 Kilogramm Schmuckfedern zu erhalten, mussten demnach mehr als 200 000 Reiher in diesem einen Jahr für diesen einen Händler umgebracht werden. Zudem gingen noch mindestens doppelt so viele Nestlinge oder Eier zugrunde.
Die enormen Dimensionen des internationalen Handels mit Schmuckfedern führten glücklicherweise bald zur Gründung der ersten Vogelschutzorganisationen sowohl in den USA als auch in Grossbritannien und im übrigen Europa. Sie prangerten die unsinnige Federnmode und den durch sie verursachten Vogelmord lautstark in allen Medien an - mit erfreulichem Erfolg: Zum einen wurden in den USA und in mehreren westeuropäischen Ländern Gesetze erlassen, welche den Handel mit Vogelfedern unterbanden. Vor allem aber kamen nach und nach Reiherfedern aus der Mode. So nahm der Druck auf die Reiher ab, worauf sich die meisten Arten allmählich zu erholen vermochten.
Auch die Riffreiherbestände hatten damals vielerorts stark gelitten. Inzwischen stuft die Weltnaturschutzunion (IUCN) die Situation des Riffreihers jedoch wieder als «Nicht Besorgniserregend» («Least Concern») ein. Dies in der Meinung, dass seine Population im Verlauf der nächsten zehn Jahre wohl kaum um mehr als dreissig Prozent schwinden wird. Es handelt sich dabei allerdings um eine pure Einschätzung, denn eine Abklärung der Entwicklung der Riffreiherpopulation hat nie stattgefunden.
Man muss in diesem Zusammenhang bedenken, dass der Schutz des Riffreihers gleichbedeutend ist mit dem Schutz der Küsten und der Küstengewässer. Je mehr von ihnen verbaut, touristisch erschlossen, verschmutzt oder sonstwie beeinträchtigt werden, desto weniger Lebensraum und Nahrungsgrundlage bleiben für den Riffreiher übrig. Genau diese Entwicklung findet jedoch seit geraumer Zeit im ganzen indopazifischen Raum auf breiter Front statt. Tatsächlich existieren Berichte über Bestandsrückgänge vom südlichen Australien, von Tasmanien, von Neuseeland und auch von China. Es gilt darum, die Populationsentwicklung dieses zweifarbigen Stelzvogels mit wachsamen Augen zu verfolgen.
Legenden
Der Riffreiher (Egretta sacra) ist ein mittelgrosses Mitglied der weltweit mehr als sechzig Arten umfassenden Familie der Reiher (Ardeidae). Erwachsene Individuen weisen eine Länge von 57 bis 66 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 90 bis 110 Zentimetern und ein Gewicht um 400 Gramm auf. Männchen und Weibchen lassen sich äusserlich nicht voneinander unterscheiden. Unabhängig von Geschlecht und Alter existieren aber zwei verschiedene Farbschläge, ein weisser und ein schiefer- bis blaugrauer.
Das Artverbreitungsgebiet des Riffreihers erstreckt sich über weite Bereiche des indopazifischen Raums, von den Andamanen im Westen bis zu den Tuamotu-Inseln im Osten. Stets hält sich der grazile Stelzvogel an den Rändern von Salz- oder Brackgewässern, das heisst an Meeresküsten und Ufern von Flussmündungen, auf und macht dort meistens unmittelbar am Gewässerrand Jagd auf Kleintiere aller Art.
Der Riffreiher ist ein ausgeprägt territorialer Vogel. Gewöhnlich streift er einzeln, paarweise oder in kleinen Familienverbänden umher. Jeder fremde Artgenosse, der ins Territorium eindringt, wird sofort gestellt und verjagt. Wie alle Reiher biegt der Riffreiher im Flug seinen Hals S-förmig zurück und streckt die Beine gerade nach hinten.
Je Brut zieht das Riffreiherpaar gewöhnlich zwei oder drei Junge auf. Wenn dieselben nach einer Brutzeit von knapp vier Wochen aus den Eiern schlüpfen, sind sie fast vollständig nackt. Bald wächst ihnen aber ein weisses bzw. dunkelgraues Daunenkleid, und wenig später ein ebenso gefärbtes Jugendgefieder. Die Flugfähigkeit erreichen sie im Alter von etwa sieben Wochen.
Der Riffreiher ist insofern ein ungewöhnlicher Vogel, als man ihn weder als tag- noch als nacht- oder dämmerungsaktiv bezeichnen kann. Seine Aktivitätszeit richtet sich nach dem Gezeitenstand: Er geht im Allgemeinen dann auf Beutefang, wenn die Flut vorüber ist und das Meer die Küsten nach und nach wieder freigibt. Da sich diese Gezeitenphase wegen des Mondzyklus Tag für Tag um etwa fünfzig Minuten im Uhrzeigersinn verschiebt, verschiebt sich die Aktivitätsphase des Riffreihers im Laufe eines Monats einmal rund um die Uhr.
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