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Ein Bericht von Justine, Seenotretterin an Bord der Ocean Viking
Am 22. April 2021 starben 130 Menschen im zentralen Mittelmeer. Vielleicht mehr, vielleicht auch weniger. Wie viele es genau waren, werden wir nie wissen, denn wir fanden nur wenige Leichen, die neben Plastikstücken, die von den sechs Meter hohen Welle zerrissen worden waren, im Wasser trieben.
Obwohl die Wellen durch den Sturm immer höher wurden, fuhren wir eine ganze Nacht lang in Richtung des in Seenot geratenen Bootes, in der Hoffnung, es zu finden. Am frühen Morgen suchten wir immer noch. Unseren Berechnungen nach hätten wir das Boot gegen vier Uhr morgens finden sollen. Angesichts des sich verschlechternden Wetters und der Zerbrechlichkeit des überladenen Bootes, stellten wir uns auf eine äusserst kritische Rettung ein. Es war unsicher, ob es bei diesem Wetter möglich sein würde, unsere Rettungsboote ins Wasser zu lassen, ohne unsere eigene Sicherheit zu gefährden. Dies führt vor Augen, wie gering die Chance war, dass das kleine seeuntaugliche Boot den Sturm überstehen würde. Stunden verstrichen, wir suchten ununterbrochen weiter. Doch der Optimismus an Bord begann zu schwinden.
Nach einem Mayday-Ruf [1], den ein Frontex-Flugzeug über den Seenotkanal gesendet hatte, hatten drei Handelsschiffe am Vortag ihren Kurs gewechselt. Zusammen mit ihnen suchten wir in einem Wettlauf gegen die Zeit das Boot, während die Rettungsleitstellen still blieben. Trotz unserer wiederholten Anfragen wurde offiziell keine Luft- oder Seeunterstützung seitens der Behörden eingesetzt, um die Suche zu begleiten und zu unterstützen. Die zuständigen Behörden hielten sich aus der Koordination des Einsatzes heraus, obwohl sie nach internationalem Seerecht dazu verpflichtet sind. Sie überliessen es der Zivilgesellschaft und drei Handelsschiffen, die wissentlich entstandene Lücke in der Seenotrettung zu füllen, und liessen das Meer die Angelegenheit wortwörtlich ertränken.
Gegen 13 Uhr rissen uns die schwimmenden Leichen und die Abwesenheit Dutzender anderer, die wir nie zählen werden, aus dem Warten. Es war niemand mehr da, den man hätte retten können. Dieser Schiffbruch war nicht die Folge eines zufälligen Sturms im zentralen Mittelmeer. Am 22. April 2021 starben Männer, Frauen und vielleicht auch Kinder auf See, weil die Staaten ihren gesetzlichen Verpflichtungen zur Suche und Rettung nicht nachgekommen sind. Ein weiteres Schiffsunglück, ein weiteres zu viel.
Was ist ein Jahr nach dieser Tragödie und der bitteren Schweigeminute an Bord der Ocean Viking geblieben? Einige archivierte Zeitungartikel und Bilder, die sich in unsere Köpfe eingebrannt haben. Aber vor allem Familien und Freunde der unidentifizierten Opfer, die zurückbleiben und die in Ungewissheit leben müssen. Wer wird eines Tages für diese bewusste Untätigkeit angesichts der gesetzlichen Verpflichtung zur Hilfeleistung für diese 130 Personen und für die mehr als 19‘300 Menschen, die seit 2014 im zentralen Mittelmeer ertrunken sind, zur Rechenschaft gezogen werden? Und für alle anderen, deren Verschwinden undokumentiert bleib? Das Mittelmeer ist bereits ein Friedhof, ertrinken noch mehr Menschen, wird es bald zum Massengrab.
[1] Das Sprechfunk-Notzeichen MAYDAY zeigt einen Seenotfall an und leitet die Seenotmeldung ein.
Fotonachweise: Flavio Gasperini /SOS MEDITERRANEE