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Die Autorin und Lyrikerin Jolanda Brigger-Ruppen hat über den Muttertag recherchiert. Ihre Recherchen hat sie mit ihren Gedanken an die Mütter und mit eigenen Gedichten verwoben. Ich freue mich sehr über die Erstveröffentlichung in meinem rro Blog Literatur. Vielen herzlichen Dank, liebe Jolanda!
Jolanda Brigger-Ruppen ist aufgewachsen in Grächen und war in der Tourismusbranche tätig. Sie schreibt Lyrik und Prosa. Nach dem Gedichtband „Zeit der Erkenntnis“ im Jahr 2002 folgten Veröffentlichungen in Anthologien und in Literaturautomaten im Raum Basel. Ihr Roman „Das ständige Denken an Schönes“ war ein Jahr lang online abrufbar. Jolanda Brigger-Ruppen hat den Kulturförderpreis 2002 der Raiffeisenbank Mischabel Matterhorn erhalten und einen Anerkennungspreis der WAdS 2015 für die Gedichtsammlung „Und mitten drin die Soldaten“.
Das Wort zum MuttertagVon Jolanda Brigger-Ruppen
„Es heisst, dass schon die alten Römer und Griechen den Müttern ihrer Götter Festivitäten gewidmet hätten, und Napoleon soll irgendwann mal die glorreiche Idee gehabt haben, dass man einen Muttertag einführen könnte; er hatte dann aber wegen kämpferischer Termine grad keine Zeit und zog lieber mannhaft in den Krieg.
Am Ende war es eine Frau, die den Muttertag aus der Taufe hob. Anna-Maria Jarvis, geboren am 1. Mai 1864 in Webster in West Virginia, sann nach dem Tod ihrer über alles geliebten Mutter Annmaria nach, wie sie deren Werk ehren könnte. Die Mutter von Anna-Maria Jarvis hatte sich stets für die Rechte von Frauen und Kindern eingesetzt, und im amerikanischen Bürgerkrieg Verwundete beider Kriegsparteien gepflegt sowie Nahrung und Kleidung für die Soldaten organisiert. Nach dem Krieg propagierte sie einen Tag für alle Mütter, einen Muttertag, konnte aber ihre Vision nicht mehr selber umsetzen.
Zwei Jahre nach Anna-Marias Tod, am 12. Mai 1907, liess die Tochter einen Gedenkgottesdienst für ihre Mutter feiern, und als sich der Todestag zum dritten Mal jährte, teilte Anna-Maria nach der Predigt weisse und rote Nelken, die Lieblingsblumen ihrer Mutter, an andere Mütter aus. Die roten Nelken zu Ehren der lebenden Mütter und die weissen zu Ehren der verstorbenen. Diese persönliche Geste der Wertschätzung und Dankbarkeit galt danach als erster offizieller Muttertag und wurde im Jahr 1914 als nationaler Feiertag anerkannt. In den nächsten Jahren ärgerte sich Anna-Maria aber zunehmend über die schamlose Verkommerzialisierung des Feiertags und begann schlussendlich für die Abschaffung des Muttertags zu kämpfen. Kurz vor ihrem Tod äusserte die Mutter des Muttertags, dass sie es bereue, den Muttertag eingeführt zu haben, da ihre so gut gemeinte Idee nur verkommerzialisiert worden sei: „Ich hatte gewollt, dass es ein Tag des Nachdenkens wird und nicht des Profits“, klagte sie, und dass durch Habgier und Geschäftemacherei eine der edelsten und reinsten Bewegungen und Feierlichkeiten verschandelt worden sei. Einsam, arm, verbittert und blind starb Anna-Maria Jarvis im Jahr 1948 unverheiratet, und ohne selbst Kinder gehabt zu haben.
Gute Anna-Maria, ja, du hast es gut gemeint, wolltest die Mütter ehren, ihnen Dank bekunden, verlangtest Respekt, Schutz und Wertschätzung für alle Frauen und Mütter mitsamt ihren Kindern. Als dann das Feiern so richtig überbordete, beklagtest du den lieblosen Kommerz. Einmal sagtest du: „Wer seiner weit entfernten Mutter zum Muttertag nur eine Karte schickt, ist zu faul einen liebevollen Brief zu schreiben, was ich nicht in Ordnung finde.“ Ja, so warst du, Mutter des Muttertags. Wir feiern ihn immer noch, deinen Muttertag. Auch der Kommerz ist noch; mehr denn je! Aber sieh, ohne ihn geht’s ja nicht! Wir kümmern uns um ihn nicht sehr, wir bemerken ihn gar nicht mehr, er gehört zum Alltag wie Zähne putzen. Sogar die Kinder wissen dies. Ja, die Kinder. Die Kinder, die wir wollen und nicht sie uns, weshalb wir verpflichtet sind, sie in Liebe, Schutz und individueller Förderung Kind sein zu lassen, bis sie nicht mehr Kind sein dürfen, oder nicht mehr Kind sein wollen. Wenigstens bis dahin wird doch die Zeit des Kindseins immer kürzer.
Mutter des Muttertags, bestimmt wärst du verwundert über die Vielzahl der Schlagwörter und Wortketten, die sich mit unserem heutigen Muttersein, dem Frausein, mit der Rolle der Frau, befassen. Ein paar Beispiele: Hilfe, wir bekommen ein Kind! Oder: Papa geht zum Wickelkurs. Oder: Guten Morgen, müde Mütter! Und weitere aktuelle Wortketten: Die Familie im Wandel – Wie viel Mutter braucht ein Kind? – Frauen zwischen Tradition und Moderne – Mehr Wertschätzung für Vollzeitmütter – Mehr Wertschätzung für berufstätige Mütter – Die Gluckenmafia gegen Karrierehühner – Die drei K: Kinder, Küche, Karriere – Von Rabenmüttern, Gluckenhühnern und anderen Mütterwesen – Die Supernanny.
Anna-Maria, was denkst du, wenn du solches hörst? Denkst du, dass du in der Vergangenheit nicht Mutter gewesen bist, und du es im Jetzt nicht schaffen würdest, Mutter zu sein, weil alles noch um ein Vielfaches komplizierter geworden ist als zu deiner Zeit? Was auch immer du denken magst, wir Mütter sind Mütter wie zu deiner Zeit, und wir hören immer noch, was die Kinder nicht aussprechen oder nicht aussprechen können. Und wir hier geben uns alle Mühe, alles richtig zu machen, sorgen uns von früh bis spät um die Kinder. Ja doch! Wir lehren sie das Leben, zeigen ihnen den Weg, halten sie warm, geben ihnen Sonne, Sterne und Firmament, so lange uns die Füsse tragen, so lange die Kräfte reichen. Und immer noch können wir grossen, blauen Kulleraugen, seidenweicher Babyhaut und kleinen Stupsnäschen nicht widerstehen, und wir küssen die blauen Flecken der grösseren Kinder, wenn sie mal hingefallen sind, und wir legen kleine Schutzengel auf das Kopfkissen der Grössten, die im Ausgang sind und auf Brettern und Rädern, auf Strassen und Pisten, in der Luft und im Wasser, in Konzertsälen und Diskotheken und wo auch immer, und die ihre Triebe ausleben wollen, so dass uns angst und bange wird. Und auf die stillen, zurückgezogenen Kinder werfen wir ein besonderes Auge, denn die Gefahr bei ihnen ist gross, dass wir etwas übersehen könnten. Und die kranken Kinder pflegen und behüten wir bis zum Umfallen.
Ja doch, wir Mütter und auch Frauen, die keine Kinder wollen oder keine bekommen können, verdienen immer noch Blumen, Schokolade, Kinderzeichnungen und Muttertagsgedichte wie das folgende mit dem Titel „Einmal sah ich ein weisses Pferd“:
Einmal sah ich ein weisses Pferd / auf einer Wiese rennen. / Da fing in meinen Augen ein Schaukeln an, wie auf und ab – // Und meine Mutter / hat eine fleckenlose Schürze an / und sieht mich sitzen auf dem Schaukelpferd. // Dies weiss ich noch genau von dir, Mutter, als du mein grosses Ganzes warst / und mir Liebe schenktest, // tagaus, tagein nur Liebe! / Und immer denke ich an dich, wenn ich ein Pferd auf einer Wiese rennen sehe.
Andererseits wäre es ein Wegschauen und Die-Dinge-nicht-beim-Namen-Nennen, wenn wir behaupteten, dass alle Mütter ihre Mutterpflichten erfüllten. Viele Mütter, die die Mutterrolle übernehmen, sind heutzutage überfordert. Die Vorstellungen, wie man gerne Mutter, Eltern sein würde und wie man es dann wirklich ist, klaffen oftmals weit auseinander. Wie wir wirklich sind, wird u.a. geprägt durch das Mutterbild, das wir in uns tragen, und dieses wird gespeist aus vielen verschiedenen Quellen. Es ist wichtig herauszufinden, in welchem Mutterbild wir uns wiederfinden, in welchem Elternbild wir gefangen sind. Von der so genannten guten Mutter, der stolzen, der kämpfenden Mutter, der überbehütenden, der klammernden Mutter über die engagierte Mitmach- und Multifunktionsmutter bis hin zur einsamen, wehrlosen und vernachlässigenden Mutter. Während früher die Rolle der Mutter vorgegeben war, muss oder darf heute jede Frau ihr eigenes Muttersein gestalten. Sicher ist, dass Kinder zufriedene Mütter brauchen. Egal, ob eine Mutter arbeiten geht oder nicht, sie muss zufrieden sein und Freude haben an ihrer Aufgabe, denn Kinder spüren, wenn eine Mutter unzufrieden und unglücklich ist. Es sollte nicht immer gefragt werden, welche Mutter die bessere ist und welche Frau die fraulichere.
Ihr seid Bögen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.Gibran Khalil
Der Dichter Gibran Khalil schrieb zum Thema Eltern- und Kindsein: Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen. Ihr dürft euch bemühen wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern. Ihr seid die Bögen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und er spannt euch mit seiner ganzen Kraft, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen. Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freunde gerichtet sein; denn so wie der Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen der fest ist.
Jede Frau hat eine Mutter und jede Mutter ist eine Frau. Daher ist mein Abschlussgedicht mit dem Originaltitel „Die Frau“ zugleich auch mein Muttertagsgedicht mit dem Titel „Die Mutter“. – Ein Gedicht für meine Mutter, für eure Mütter, für alle Mütter und Frauen als Dankeschön für alles, was sie für uns getan haben und immer noch tun und tun werden.“
Die Mutter, / eine Liebeswunde / unter der Erdkrümmung. / Die Mutter mit Blütenträumen / in den Augen / und ihre Seele ein Urwald, / in dem sich Millionen Früchte röten. / Die Mutter… / und zuallerletzt, / am Ende eines langen Tages / immer noch freundlich / gepolstert mit Zärtlichkeit als Schönstes. / Die Mutter. / Der Vater… der Vater… / auch so.
Texte und Gedichte: Jolanda Brigger-Ruppen.