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Theaterverlage
Die Berufstheater, insbesondere die Stadttheater der deutschsprachigen Schweiz, waren bis Beginn der dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts künstlerisch und personell durch die grossen Zentren in Deutschland und Österreich bestimmt. Theaterschaffende wie auch dramatische Texte wurden grösstenteils durch Agenturen und Bühnenverlage in Berlin, Leipzig, München oder Wien professionell vermittelt, grosse Theater- und Musikverlage (wie S. Fischer in Frankfurt am Main, Felix Bloch Erben in Berlin, Drei Masken Verlag in München, Universal Edition in Wien) schlossen die Verträge mit den Theatern in der Schweiz direkt oder über ihre Zweigstellen in Zürich ab. Der Exodus deutscher Bühnenkünstlerinnen und -künstler sowie Intellektueller veränderte nach 1933 die Situation der Bühnenverlage in der deutschsprachigen Schweiz nachhaltig. In Zürich und Basel entstanden wichtige Verlage für Exilautorinnen und -autoren und gleichzeitig die ersten Bühnenverlage für das Berufstheater; die Bühnenvertriebe des Verlags Oprecht & Helbling (später Europa Verlag) und des Kurt-Reiss-Verlags erlangten internationale Bedeutung.
Es gab auch vor 1933 eine Vielzahl von Bühnenverlagen für Schweizer Autorinnen und Autoren, die sich in der Mehrheit auf Texte für Mundartbühnen, Volkstheater, Festspiele, Freilichttheater und Schultheater konzentrierten. 1930–50 publizierten an die 150 Verlage allein in der deutschsprachigen Schweiz dramatische Werke, teils als Bühnenmanuskripte, teils als Bücher oder Broschüren für den Buchhandel; namhafte Verlage mit Mundartstücken für das Volkstheater waren die Verlage A. Francke in Bern, Breuninger in Aarau, Rex in Luzern, Sauerländer in Aarau und Leipzig sowie der Volksverlag Elgg in Elgg.
Schriftenreihen und Stückeverzeichnisse
Gedruckte Bühnentexte entstanden oft in Verbindung mit erfolgreichen Theatern und Spielgruppen des Berufs- und des Amateurtheaters, beispielsweise die Schriftenreihe des →Schauspielhauses Zürich im Verlag Oprecht & Helbling in Zürich, die Sammlung der →Freien Bühne Zürich im Verlag A. Vogel in Winterthur, zwei Schriftenreihen im Verlag A. Francke in Bern: die Reihe "Berner Liebhaberbühne" (1904–37) mit Autoren wie →Otto von Greyerz und die Reihe "Heimatschutz-Theater" (1914–68) mit Autoren wie →Jakob Bührer, →Alfred Fankhauser, →Simon Gfeller, →Karl Grunder und →Werner Gutmann. Zudem entstanden mehrere Theatertextreihen ab 1925 in Verbindung mit dem →Arbeitertheater.
Einfluss auf die Verbreitung von Bühnenwerken und Theatertexten hatten auch die sporadisch erscheinenden Verzeichnisse mit Theaterstücken, die in ihrer Auswahl oft durch die Zielgruppen bestimmt waren. Beispielsweise erschien 1924 sowie später in weiteren Auflagen der "Dramatische Wegweiser für die Dilettantenbühnen der deutschen Schweiz" (Verlag Orell Füssli in Zürich), die Schweizerische Arbeiterbildungszentrale in Bern gab mehrere Literaturverzeichnisse für die Arbeiterbühne sowie 1951 das Verzeichnis "Kinder-Theater" heraus. Die →GSD publizierte 1926 ein "Verzeichnis schweizerischer Bühnenwerke in hochdeutscher Sprache", 1953 →Rudolf Johos "Neuen Dramatischen Wegweiser. Verzeichnis der schweizerischen Bühnenwerke für das Volkstheater von 1900 bis 1952" und 1955 dessen "Schweizerische Bühnenwerke in deutscher Sprache". Die neue Geschäftsstelle der →SGTK unter der Leitung von →Oskar Eberle bot 1930 unentgeltlich Auskunft über Theatertexte und -autoren. Nach der Auflösung der GSD in den achtziger Jahren gaben Autorenverbände Stückeverzeichnisse heraus (→Gruppe Olten) oder unterstützten Bestrebungen von zentral verwalteten Datenbanken zeitgenössischer Stücke aus allen Sprachregionen der Schweiz (→CH-Dramaturgie, →SSA).
Verlage im Bereich Berufstheater
Als einer der ältesten Schweizer Verlage im Bereich Berufstheater gilt der um 1930 gegründete Bühnenvertrieb M. Kantorowitz in Zürich. Der Künstleragent →Michael Kantorowitz baute auf Anregung →Alfred Reuckers nach dem Ersten Weltkrieg in Zürich zunächst eine Künstleragentur auf. Um 1930 erweiterte er seine Tätigkeit um die Betreuung von Bühnentexten für das Berufstheater und verlegte Autoren wie →Walter Richard Ammann und →Werner Rudolf Beer. Kantorowitz führte den Theaterverlag bis 1960; unter der Leitung seiner Tochter Elly Kantorowitz wurden die Verlagstätigkeiten 1964 eingestellt.
→Emil Oprecht, Verleger und Buchhändler, gründete 1925 zusammen mit Conrad Erhard Helbling in Zürich den Verlag Oprecht & Helbling. 1933 wurde die Firma – erweitert durch den Europa Verlag – zur Europa Verlags AG. Unter den ersten von Oprecht publizierten Dramen war Bührers "Kein anderer Weg?"(1932). Oft im Zusammenhang mit Uraufführungen und ab 1940 durch seine Tätigkeit als kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses Zürich erwarb Oprecht die Bühnenrechte für Werke von Exilautoren (Ferdinand Bruckner, Julius Hay, Friedrich Wolf, →Georg Kaiser, →Hans Sahl, →Curt Goetz), von Autoren aus der Schweiz (→Hans Mühlestein, →Albert Ehrismann) sowie die Bühnenrechte für die deutschen Fassungen von Thornton Wilder, John Steinbeck, Jean Giraudoux, Wolfgang Borchert und Jean-Paul Sartre.
1936 entstand in Basel aus der Theater und Konzert Agentur Kurt Reiss ein weiterer Bühnenverlag, der Kurt-Reiss-Verlag (später auch Theaterverlag Kurt Reiss). →Kurt Reiss sah sich um 1935 aus politischen Gründen gezwungen, den Sitz seiner internationalen Künstleragentur in die Schweiz zu verlegen. Mit Unterstützung von Theaterschaffenden (zum Beispiel durch den Regisseur →Gustav Hartung) wurden sehr bald Bühnentexte in das Programm aufgenommen. In den ersten Jahren verlegte Reiss hauptsächlich Werke deutschsprachiger Emigranten (1936 Bruckner, Bruno Frank, Lion Feuchtwanger, Ludwig Fulda, Heinrich Mann, Alfred Neumann, Carl Sternheim, Paul Zech, Arnold Zweig, 1937 →Paul Eger, Leonhard Frank, Georg Hirschfeld, Hans Henny Jahnn, →Hermann Kesser, Paul Kornfeld, Lisa Tetzner, 1938 Hay, →Fritz Hochwälder, 1939 →Bertolt Brecht und 1944 →Carl Zuckmayer). Frühe Autoren aus der Schweiz waren →Robert Faesi, →Walter Lesch, →Kurt Guggenheim und →Max Werner Lenz. 1942 wurde der mit bescheidenen Mitteln geführte Ein-Mann-Verlag in die Aktiengesellschaft Reiss Basel umgewandelt, welche einen Verlag, eine Theater- und Konzertagentur und, in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre unter der Leitung von →Egon Karter, kurze Zeit ein Schauspielensemble umfasste. Die Reiss Basel AG verlegte auch Werke neuer Dramatik aus Spanien (Federico García Lorca in der Übertragung von →Enrique Beck), Frankreich (Paul Claudel, in der Übersetzung von Hans Urs von Balthasar), Amerika (Arthur Miller, Tennessee Williams), England (George Bernard Shaw), Russland (Jewgeni Schwarz) und der Schweiz (→Max Frisch, →Friedrich Dürrenmatt) und machte sie nach 1945 in ganz Europa bekannt. Nach dem Tode Reiss’ 1974 hatten 1974–76 Rudolf Stauffacher (Inhaber des Bühnenverlags Rudolf Stauffacher Zürich) und anschliessend Karter die Geschäftsleitung inne. 1986 wurde der renommierte Verlag aufgelöst.
Schweizerischer Bühnenverleger-Verband
Während des Zweiten Weltkriegs kamen die Theaterverlage in Absprache mit den Berufstheatern der deutschsprachigen Schweiz überein, die gemeinsamen Interessen gegenüber den Theaterverlagen sowie Autorinnen und Autoren des Dritten Reichs zu koordinieren. Kantorowitz und Rolf Corrodi (Inhaber des Bühnenvertriebs Zürich AG, heute: Musikverlag und Bühnenvertrieb Zürich AG) ergriffen in Zürich die Initiative zur Gründung einer Interessenvertretung, nachdem sich eine Versammlung von Verlegern am 16.9.1940 mehrheitlich von der Notwendigkeit eines eigenen Verbands überzeugt gesehen hatte. Die gegen zwanzig Bühnenverleger entschieden sich für die neu ausgearbeiteten Statuten des Kurt-Reiss-Verlags und gegen den vorhandenen Musterentwurf des Deutschen Bühnenverlegerverbands und gründeten am 3.4.1941 den Schweizerischen Bühnenverleger-Verband (SBV), der heute seinen Sitz im zürcherischen Adliswil hat. Neben der Vereinheitlichung der Aufführungsverträge mit den Bühnen – ab 1945 lag ein Mustervertrag vor, den es zur Zeit nicht mehr gibt – und der Festlegung von Mindesttantiemen verfolgte der SBV das Ziel, direkte Vertragsabschlüsse ausländischer Verlage mit Schweizer Theatern zu verunmöglichen. Corrodi wurde zum ersten Präsidenten gewählt und hatte das Amt bis 1975 inne, auf ihn folgten Stauffacher (1975–77), erneut Corrodi (1977–79), Albert Kunzelmann (1979–2001) und Irene Kunzelmann (ab 2001). Vertreten waren zu Beginn neben dem Kurt-Reiss-Verlag unter anderen der Volksverlag Elgg in Elgg, der Neue Bühnenverlag in Zürich, die Theater-Buchhandlung A. Breuninger in Aarau, die Verlage A. Francke in Bern, Claude in St. Gallen, Rascher & Co. in Zürich, Eugen Rentsch in Erlenbach/Zürich, Sauerländer in Aarau und Bühler & Stähelin in Basel sowie die Bühnenvertriebe Widmer in St. Gallen und Emil Oprecht in Zürich.
Durch die gezielte Politik des SBV gelang es den wichtigsten Theaterverlagen 1945–50 den Subvertrieb der deutschsprachigen Theater- und Musikverlage in grösserem Umfang als vor 1933 zu übernehmen. Der Bühnenvertrieb Emil Oprecht (später Europa Verlag) etwa schloss die Verträge der Bühnenverlage Suhrkamp in Frankfurt am Main und Kaiser & Co. in Wien für die Schweiz, die Reiss Basel AG seit 1950 diejenigen des Verlags Felix Bloch Erben in Berlin ab.
Amateurtheater-Verlage
Der Grossteil der zeitgenössischen Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, die für das Berufstheater schreiben, wird gegenwärtig durch Theaterverlage in Deutschland und Österreich vertreten. Wichtige Verlage für das Amateur- oder Schultheater mit zahlreichen Spieltexten in Mundart sind heute, nach einer Phase der Verlagskonzentration, der Breuninger Theater-Verlag in Aarau und der "teaterverlag elgg" mit Sitz in Belp bei Bern (ehemals Volksverlag Elgg). Der Breuninger Theater-Verlag wurde 1922 von Arthur und Max Breuninger gegründet und 1981 von Rico Spring übernommen. Der Verlag bringt jährlich rund dreissig neue Stücke heraus und schliesst Verträge für rund 6500 Aufführungen ab. Der Volksverlag Elgg ging aus dem Deklamationsverlag hervor, den Gottfried Feuz um 1900 im zürcherischen Elgg gegründet hatte. 1925–69 wurde der Verlag von Willy Büchi in Elgg geführt. Nach verschiedenen Besitzerwechseln erwarb ihn 1978 die Bernische Gesellschaft für das Volkstheater (BGVT). In der Folge wurden die Theaterabteilungen mehrerer Verlage übernommen (A. Francke Bern, Rex Luzern, Sauerländer Aarau, Fischer Münsingen und Ernst Kuhn Biel). 1989 zog der Verlag unter der neuen Geschäftsführung von Hans-Peter Burla nach Belp und vertritt heute bei einem Angebot von über 11’000 Titeln die Rechte von rund 6500 Stücken und schliesst jährlich um die 1000 Aufführungsverträge ab. 1997 initiierte Stefan Hulfeld die Reihe "Elgger Schaulust", die sich vor allem an das Berufstheater richtet und auch jungen Schweizer Autorinnen und Autoren die Möglichkeit bieten soll, ihre Texte zu verlegen.
Autor: Werner Wüthrich
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Wüthrich, Werner: Theaterverlage, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1892–1894.