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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

13. Vortrag.
5.
Indes wenn wir gesagt haben, daß die Engel essen, Brüder, so sollt ihr nicht meinen, daß dies durch Beißen geschehe. Denn wenn ihr es so versteht, wird Gott, den die Engel essen, gleichsam zerfleischt. Wer zerfleischt die Gerechtigkeit? Aber anderseits sagt mir einer: Und wer ißt die Gerechtigkeit? Warum sind denn "selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden"1 ? Die Speise, die du körperlich issest, damit du gestärkt werdest, die vergeht; damit sie dich erquicke, wird sie verzehrt. Iß die Gerechtigkeit, so wirst du gestärkt werden, aber jene bleibt unversehrt; gleichwie durch den Anblick dieses materiellen Lichtes unsere Augen erquickt werden, und die Sache, welche mit körperlichen Augen gesehen wird, etwas Körperliches ist. Viele nämlich erleiden, wenn sie länger im Finstern sind, eine Schwächung ihrer Sehkraft, gleichsam durch Fasten an Licht. Wenn die Augen ihrer Speise beraubt werden2 , werden sie durch Fasten müde und matt, so daß sie das Licht, durch welches sie erquickt werden, nicht mehr sehen können, und wenn das Licht länger abwesend ist, erlöschen sie und es stirbt gleichsam in ihnen die Sehkraft für das Licht. Wie nun? Wird dieses [materielle] Licht, weil so viele Augen durch dasselbe genährt werden, geringer? Diese werden erquickt, und jenes bleibt unversehrt. Wenn Gott dies bezüglich des materiellen Lichtes den körperlichen Augen gewähren konnte, gewährt er dann nicht den reinen Herzen jenes unerschöpfliche, unversehrt fortdauernde, in keiner Beziehung mangelhafte Licht? Welches Licht? "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott." Laßt uns sehen, ob es ein Licht ist. "Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte werden wir das Licht schauen"3 . Auf Erden ist etwas anderes die Quelle, etwas anderes das Licht. Hast du Durst, so suchst du eine Quelle, und um zur Quelle zu kommen, suchst du das Licht, und wenn es nicht Tag ist, zündest du eine Lampe an, um zur Quelle zu kommen. Jene Quelle ist selbst das Licht; dem Dürstenden ist sie Quelle, dem Blinden Licht; es sollen sich die Augen öffnen, um das Licht zu sehen, es sollen sich die Tiefen des Herzens erschließen, um aus der Quelle zu trinken. Was du trinkst, das siehst du, das hörst du. Alles zumal wird dir Gott, weil er von dem, was du liebst, dir alles zumal ist. Wenn du das Sichtbare betrachtest, so ist weder das Brot Gott, noch ist das Wasser Gott, noch ist das Licht Gott, noch ist das Kleid Gott, noch ist das Haus Gott. Denn all dies ist sichtbar, und es sind einzelne Dinge; was Brot ist, das ist nicht Wasser, und was Kleid ist, das ist nicht Haus, und was diese Dinge sind, das ist nicht Gott, denn sie sind sichtbar. Gott ist dir alles zugleich; wenn du hungerst, ist er dir Brot; wenn du dürstest, ist er dir Wasser; wenn du im Dunkeln bist, ist er dir Licht, weil er unvergänglich bleibt; wenn du nackt bist, ist er dir das Kleid der Unsterblichkeit, wenn "dieses Verwesliche die Unverweslichkeit und dies Sterbliche die Unsterblichkeit angezogen haben wird"4 . Alles kann von Gott gesagt werden, und nichts wird angemessen von Gott gesagt. Nichts ist reicher als diese Armut. Du suchst einen passenden Namen, du findest keinen; du suchst ihn irgendwie zu nennen, du findest alles. Welche Ähnlichkeit besteht zwischen Lamm und Löwe? Von Christus ist beides gesagt worden: "Siehe das Lamm Gottes"5 . Wie ein Löwe? "Es hat gesiegt der Löwe vom Stamme Juda"6 .
1: Mt 5,6
2: durch das Licht werden sie nämlich genährt
3: Ps 35,10
4: 1 Kor 15,13 f
5: Joh 1,29
6: Offb 5,5