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Wer das erste Mal in den alten Stadtteil Materas hinuntersteigt, wähnt sich in einer anderen Welt. Die drittälteste noch bewohnte Stadt der Welt fasziniert durch verschachtelte, sandfarbene Gebäude aus verputztem Kalkstein. Was diese Altstadt jedoch weltberühmt machte, sind die 3000 Höhlen, auch Sassi genannt, welche teils hinter, teils unter den Gebäuden liegen. Die Höhlen in diesem Gebiet sind seit der Jungsteinzeit besiedelt und wurden in den relativ weichen Sand- und Tuffstein gehauen.
Anfangs waren es die natürlichen Höhlen, die den Menschen als Unterkunft dienten. Da sich der Stein gut bearbeiten liess, grub man ganze Wohnungen in den Berg, die ständig durch Anbauten erweitert wurden. Mit den Steinen aus diesen Höhlen wurden die darüber- oder davorliegenden Gebäude erschaffen. Das verschachtelte Netzwerk aus Höhlenwohnungen, engen Gassen, kleinen Plätzen und 155 Felsenkirchen ergibt zusammen ein architektonisches Kunstwerk.
«Ein cleveres Zisternen- sowie Lagersystem verhalf den Bewohnern der Sassi zu einem angenehmeren Leben, als man annehmen könnte», berichtet Tourguide Silvio Scocuzza in bestem Deutsch. Doch durch den massiven Zuzug weiterer Menschen durch Massnahmen Napoleons im 18. Jahrhundert wurden die hygienischen Bedingungen teils prekär. Matera erlangte erst als «Schande Italiens» traurige Berühmtheit. «Bis zur Zwangsevakuierung des Staates in den 50er-und 60er-Jahren lebten hier bis zu 30'000 Menschen. Heute sind es noch rund 2000 Einheimische», weiss Silvio Scocuzza.
In den 80er-Jahren kehrten Nachfahren von Vertriebenen in die geschichtsträchtige Altstadt zurück und belebten diese wieder. Restaurants, Hotels, Kunstwerkstätten und vieles mehr entstanden. Es wurde so viel Enthusiasmus und Energie in den Wiederaufbau der Altstadt gesteckt, dass diese weltweit Aufmerksamkeit erregte: 1993 wurden die einzigartigen Höhlensiedlungen Materas zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Seit 2019 wird Matera als erste Stadt Süditaliens als Kulturhauptstadt Europas gefeiert.
Durch den Dreh des James-Bond-Films «Keine Zeit zum Sterben» erlangte Matera 2021 weitere Berühmtheit. Interessierten wird deshalb zu einem Besuch in den frühen Morgenstunden oder abends geraten. Ein Beleuchtungskonzept macht die Höhlenstadt auch nachts einzigartig. Obwohl, oder gerade weil nur ein Teil der Hotels und Restaurants während den Wintermonaten geöffnet haben, lohnt sich ein Besuch zur kalten Jahreszeit besonders.
Basilikata ist eine Slow Food Region
Die Berühmtheit Materas stellt weitere Sehenswürdigkeiten der Basilikata in den Hintergrund. Zu Unrecht. Die Kornkammer Italiens zeugt mit weiten Feldern alter Getreide- sowie Hülsenfrüchtesorten nicht nur von kulinarischer Vielfalt, sondern auch vom Erhalt kulinarischer Tradition. Ein Grossteil von Italiens Biofrüchten stammt aus dieser hügeligen Landschaft.
Die Basilikata präsentiert sich als Slow Food Region. In ihrer sogenannten Cucina Povera wird mit Lebensmitteln aus der Region gekocht. So werden die meist von Hand geformten Orecchiette aus regionalem Hartweizenmehl hergestellt. Dieses alte Teigwarengericht kommt oft vegan mit dem Gemüse Cime die Rapa auf den Tisch. Als Reibkäse dient eine Art frittiertes Paniermehl. Brot spielt eine wichtige Rolle in der Basilikata und findet auch in Polpette Verwendung. Einmalig dort sind die Peperoni Cruschi. Die süssliche und knusprig frittierte Paprika-Spezialität findet als Snack oder gemahlen als Gewürz Verwendung. Schwarze Kichererbsen sowie Saubohnen sind weit verbreitet.
So kommt als Primo eine Saubohnenmousse mit dem angebratenen Bittersalat Zicchorie sowie Olivenöl auf den Tisch. Wenig bekannt ist der Wein aus der autochthonen Rotweinsorte Aglianico del Vulture. Dieser gedeiht im vulkanische Gebiet um das Städtchen Venosa und kann im Weingut Cantine del Notaio verkostet werden. Dieses wurde 2018 als bestes Weingut Italiens ausgezeichnet. Der Weinkeller stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist einer der schönsten des Landes.
Wer die Erkundung der Basilikata vom Flughafen Napoli aus startet, dem ist ein Besuch Venosas zu empfehlen. Die damals wichtige römische Kolonie an der Via Appia beherbergte rund 50 000 Menschen. Der archäologische Park des antiken Städtchens, die unvollendete Kirche sowie das historische Zentrum laden zu einem Besuch ein. In besonderer Erinnerung bleibt die Mehrfachverwendung des Baumaterials. So findet man heute Bausteine aus dem Amphitheater in den Resten der unvollendeten Kirche und Steine vom Kloster wurden für den Aufbau von Häusern verwendet.
Zwischen den Felsen versteckt
Ebenfalls sehenswert sind die Dörfer Pietrapertosa sowie Castelmezzano. Diese thronen auf rund 1000 Metern Höhe auf imposanten Bergkuppen im Gebiet der kleinen Lukanischen Dolomiten und zählen zu den schönsten Italiens. Das Gebirge verdankt seinen Namen der Ähnlichkeit der Dolomiten im Südtirol. Die zwei malerischen Ortschaften sind durch ein Themenweg über die Geschichte der Gegend in rund einer Stunde zu Fuss miteinander verbunden. Mutige nehmen die Seilrutsche durch das Naturschutzgebiet.
Antonietta Santoro verhalft Castelmezzano zu Bekanntheit. Die begnadete Köchin verarbeitet in ihren Gerichten eigens gesammelte Wildkräuter und -gemüse aus der Region. Sie machte unter anderem mit Gerichten wie einem Hamburger aus Fleisch der regionalen Kuhrasse, serviert mit Kräutern, welche diese Kuh am liebsten isst, sowie vier heimischen Käsesorten in verschiedenen Konsistenzen auf sich aufmerksam. Heute besitzt Antonietta Santoro neben des grosszügigen Lokals Al Becco della Civetta mit unglaublichem Ausblick auf die Dolomiten der Basilikata sowie eines Hotels ein weiteres Restaurant in Matera. Die 22 Zimmer des Hotels in den Bergen werden sukzessive renoviert.
Sauber, sicher, reich an Natur
Auffallend in der ärmsten Region Italiens ist die Gastfreundlichkeit, Herzlichkeit sowie Entspanntheit der halben Million Einwohner der Basilikata. Die historischen Ortschaften sind sauber und gepflegt. Obwohl die Region im Süden Italiens liegt, betonen die Einheimischen der ärmsten Region des Landes immer wieder die tiefe Kriminalitätsrate. Überraschend gut erhalten sind die wichtigen Strassen der rund 10'000 Quadratmeter grossen Provinz auf der Apenninhalbinsel südöstlich von Kampanien, südwestlich von Apulien sowie nördlich von Kalabrien und laden zu Velotouren ein.
Baumeler Reisen plant, solche Velotouren ins Angebot aufzunehmen. 10 000 Quadratmeter Natur- und Nationalpärke locken, die dünnbesiedelte Region Basilikata, welche vom Massentourismus noch weitgehend verschont ist, zu Fuss zu erkunden.
Und was sagt der Organisator dieser Basilicata-Reise, Aurelio Petti, zu den Reizen der Region? «Die Basilicata ist ein unberührtes Juwel und bietet eine wunderbare Landschaft mit vielen Schluchten und viel Grün. Viele Völker waren hier, entsprechend reichhaltig ist die Geschichte und die Anzahl historischer Denkmäler. Ein Highlight ist die fantastische Küche der Region, geprägt von einfachen, lokalen Zutaten. Die Leute hier sind sehr herzlich und unbedingt zu probieren: der kräftige Rotwein Aglianico del Vultre».
Hoteltipps in Matera
- Hotel Corte San Pietro, Inhabergeführtes Boutiquehotel an bester Lage mit verschiedenen Zimmern, teils über drei Stöcke mit Dachterrasse. Serviertes Frühstück inklusive. www.cortesanpietro.it
- Hotel I Sassi, 3 Sterne, 42 Zimmer in verschiedenen historischen Gebäuden untergebracht. Herzlicher, langjähriger Gastgeber. www.hotelsassi.it
- Sextantio Le Grotte della Civita, 5 Sterne, 18 Zimmer in bis zu 130 Quadratmetern grossen Suiten, im Stile der Sassi (Höhlen). Frühstück in ehemaliger Felsenkirche. www.sextantio.it
Diese Studienreise in die Basilikata wurde organisiert und durchgeführt von Aurelio Petti in Zusammenarbeit mit der Region. Der Geschäftsführer und Mitinhaber der Puro Gusto GmbH organisiert ausgewählte geführte Kultur- und Kulinarikreisen in die süditalienischen Regionen Apulien und Basilicata in Kleingruppen sowie kulinarische und kulturelle Events in der Schweiz. Zudem importiert er nachhaltig produzierte Lebensmittel. Weiter vermittelt der Schweizer mit süditalienischen Wurzeln Kontakte zu Produzenten und touristischen Leistungsträgern. www.puro-gusto.ch