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In Genf hat die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates am Dienstag ihren Bericht im Kontext der mutmasslichen Missbrauchsfälle in einem Heim für autistische Kinder und Jugendliche veröffentlicht. Ihr Urteil ist vernichtend.
«Der Staat hat versagt», sagte Cyril Aellen, Hauptverfasser des Berichts der GPK, vor den Medien. Der FDP-Politiker betonte, dass das Heim in Mancy «nie hätte eröffnet werden dürfen». Alles sei überstürzt geschehen, «nichts war bereit». Es habe kein Budget, keine geeigneten Strukturen und keine individuelle Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner gegeben, so Aellen.
Es habe kein Budget, kein institutionelles Projekt, keine geeigneten Strukturen und keine individuelle Betreuung der Bewohner gegeben, so Aellen. Gefehlt hat es laut der GPK aber auch an der Koordination zwischen den Departementen, obwohl mehrere von dem Projekt betroffen waren. Dieser «Mangel an Antizipation» habe Auswirkungen auf die Funktionsweise des Heims gehabt. So seien Mängel auf allen Ebenen festgestellt worden, von der Direktion bis zu einigen Angestellten des Zentrums.
Die Personalverwaltung im Heim von Mancy wurde laut Aellen von Anfang an «vernachlässigt». So dauerte es mehr als viereinhalb Jahre, bis ein computergestütztes System zur Erstellung der Arbeitszeiten des Personals eingeführt wurde, wie der Bericht festhält. Auch die Pflichtenhefte der Angestellten waren nicht klar definiert.
Statt feste Stellen zu schaffen, habe man lieber Hilfskräfte eingestellt. Das Personal sei zudem schlecht oder gar nicht ausgebildet gewesen. Der erste Heimleiter habe beispielsweise keine Kenntnisse über Autismus gehabt. Man habe ihn aufgefordert, Kurse zu besuchen, aber er sei dem nie nachgekommen, hielt Aellen fest.
Auch Staatsrätin Anne Emery-Torracinta (SP) wird von der GPK nicht verschont. Der Vorsteherin des Erziehungsdepartementes (DIP) ist das Sonderschulheim Mancy in Collonge-Bellerive direkt unterstellt. Ein Schiffskapitän übertrage die Verantwortung nicht seinen Sekundanten, sagte die SP-Grossrätin Jennifer Conti und forderte, dass sich die Regierungsrätin bei den Familien der Betroffenen entschuldigt.
Die Pressestelle von Emery-Torracinta nahm die von der GPK auf verschiedenen Ebenen des Departements festgestellten Mängel zur Kenntnis. In Bezug auf die Misshandlungsvorfälle räumt das Departement ein, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Heims in Mancy «in eine sehr schwierige Situation gebracht worden sind».
Das Erziehungsdepartement nahm auch die Empfehlungen der GPK zur Kenntnis, insbesondere zur Organisation und Führung des Departementes sowie zum Management von Warnmeldungen. Das DIP räumt ein, dass der Staat versagt habe, und «wiederholt sein Bedauern und seine Entschuldigung gegenüber den betroffenen Kindern und Familien».
Das Heim war Anfang 2022 in die Schlagzeilen geraten, nachdem Medien über Missstände berichtet hatten. Vier Mitarbeiter wurden vorübergehend in Untersuchungshaft genommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, einer Bewohnerin nicht verschriebene Medikamente verabreicht und damit ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben in Gefahr gebracht zu haben. Die Angeklagten bestreiten diese Vorwürfe.
Weiter sollen in dem 2018 eröffneten Heim Kinder und Jugendliche eingesperrt, auf den Boden geworfen, in ihren Exkrementen zurückgelassen oder an ihren Kleidern von einem Raum in den anderen geschleppt worden sein. Auch soll Heimbewohnern wiederholt das Essen vorenthalten worden sein.
(yam/sda)