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Liebe Geschwister
Im Zentrum dieses Gottesdienstes steht die Gestalt und Geschichte Josephs, von der wir einen Ausschnitt gehört haben.
Joseph unterscheidet sich von seinen Brüdern durch sein Wesen und durch seine Kleidung. Kleider schützen vor Wind, Sonne und Kälte. Nackt und bloss gehen müssen, heisst schutzlos sein. Zur Zeit des Ersten Testaments war das Grundschnittmuster ein Hemdgewand, mit Kopföffnung. Mit Ärmel war es vornehmer, da weitgehende Körperbedeckung auf hohe Stellung und soziale Anerkennung schliessen liess.
Joseph ist ein Träumer. Er lebt in der Sternenwelt. Joseph unterscheidet sich von seinen Brüdern, das nimmt auch sein Vater wahr. Jakob liebt und anerkennt das besondere Wesen von Joseph, er macht ihm ein passendes Kleid. Im Text, den wir gehört haben, steht ein «langärmliges» Kleid. In anderen Übersetzungen ist von einem «bunten Rock» die Rede. Joseph scheint schöne Kleider zu mögen. Ein Träumer, der Wert auf attraktive Kleidung legt, das sind Hinweise, dass Joseph kein typischer Mann in der patriarchalen Gesellschaft seiner Zeit war. Joseph trägt «weiblichere» Züge als die meisten Männer seiner Zeit im vorderen Orient.
Schaut man sich den hebräischen Ausdruck für Josephs Kleid an, bekommt diese Aussage aber noch eine ganz andere Bedeutung: Das Kleid Josephs wird mit dem Ausdruck «Kethoneth passim» beschrieben. An anderer Stelle im ersten Testament wird mit diesem Ausdruck ein Gewand bezeichnet, das unverheiratete Königstöchter tragen. Joseph trägt also ein Prinzessinnenkleid. Joseph trägt also nicht nur weiblichere Züge, er ist ein Cross dresser, ja vielleicht sogar eine Transperson, vielleicht non binär.
Joseph schaut in den Himmel und sieht sich zwischen den Gestirnen, nicht nur ihnen gleich, sondern sogar in deren Mittelpunkt. Joseph ist 17, und in diesem Alter kommt es oft vor, dass Menschen den Eindruck haben, die Welt drehe sich um sie. Für diese Egozentrizität wurde er zu Recht getadelt, auch von seinem Vater. Doch Josephs Sternentraum ist nicht nur der Ausdruck eines übersteigerten Egos. Sich als Stern unter Sternen zu sehen zeigt Joseph als Menschen mit einem weiten und fantasievollen Horizont. Er träumt von einer andern Welt, einer Welt voller Sternen und Möglichkeiten.
Sein Traum in den Sternen zu leben, ihnen gleich zu sein, mit ihnen zu tanzen, kann auch uns inspirieren: Vor allem Menschen, deren Geschlecht oder deren Sexualität nicht in der Norm aufgehen. «Gender is a universe, and we are all stars», ist ein geflügeltes Wort, das in queeren Kreisen oft benutzt wird. Wenn man diesen Satz googelt, erscheinen viele Hinweise auf Blogs, Posters und künstlerische Beiträge. Auch mich spricht dieser Satz an, er ist ein schönes Bild für die Welt und Gesellschaft der Vielfalt, von der ich träume. So kann ich, und hoffentlich viele von uns, beim biblischen Joseph anknüpfen.
Die Josephsgeschichte geht weiter: Er wird von seinen Brüdern gehasst. Sie wollen ihn zunächst töten, dann verkaufen sie ihn statt dessen nach Ägypten. Sie sind eifersüchtig, sagt der Bibeltext, den wir gehört haben, wohl nicht ganz zu unrecht. Doch reicht Eifersucht aus, um das Handeln der Brüder zu erklären? Oder verstecken sich dahinter auch queerfeindliche Motive? Ausgeschlossen ist das nicht. Eine patriarchale Gesellschaft pflegt Vielfalt und Offenheit zu bekämpfen. Auch heute finden wir solche Feindschaft gegenüber Menschen, die der Norm nicht entsprechen. Speziell in religiösen Kreisen, die behaupten, ihre Quellen buchstabengetreu auszulegen. Diese Feindschaft führt oft zu Gewalt und grossem Leiden. Umso wichtigen ist es zu träumen: Von vielfältig tanzenden Sternen, die wir alle sind.
Im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt sich Joseph vom Träumer zu Traumdeuter. Er hilft Anderen, Träume konkret werden zu lassen, sie in Handeln zu übersetzen. Darum geht es auch für uns.
Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir das schöne Bild von den Sternen verkörpern, dass es konkrete Realität ist, hier und jetzt. Weihnachten ist das Fest der Inkarnation, das Wort wird und ist Fleisch. Die Sterne tanzen nicht nur im Himmel, sondern wir mit all unseren verschiedenen Identitäten tragen zum Tanz des Lebens bei. Bei jeder Geburt fängt das Leben an zu tanzen, auch wenn sie schmerzhafte Angelegenheit ist.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einem anderen Joseph zu sprechen kommen: Joseph, der Mann Marias. Auch er ist ein Mensch, der sich von Träumen leiten lässt. Seine Verlobte ist schwanger. In der damaligen Zeit war dies ein Grund, eine Frau nicht zu heiraten. Doch Joseph folgt dem Engel, der ihm im Traum erscheint, handelt entgegen der Konvention und steht zu Maria. Zeigt sich auch in ihm eine andere Männlichkeit? Auf jeden Fall folgt er nicht dem vorgegebenen patriarchalen Muster.
Wir werden später ein traditionelles Weihnachtslied singen: «Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein». Und Joseph tut es gern, er beteiligt sich an der Zuwendung zum Kind und vielleicht/hoffentlich auch an seiner Pflege. In diesem Wiegen ist ein Stück Himmelreich gegenwärtig.
Wenn wir dieses Wiegenlied singen werden, können wir uns bewusst sein, dass wir alle unsere Träume mitbringen in diese Welt, Träume wie Sterne, die leuchten und tanzen. Und wir sind auf Menschen angewiesen, die uns wiegen, an uns glauben, uns schön finden. (Diese Geburtlichkeit von der Hannah Arendt schreibt, verbindet uns.) Wir sind alle Geschwister.
Ich lade euch ein, dieses Lied «wiegend» zu singen, unseren Körper sanft im wiegenden Rhythmus zu bewegen, und uns so in den «Tanz des Lebens» einzuschwingen. Jede einzelne einzigartige Person wiegt sich im grossen Rhythmus, der uns alle verbindet und uns erinnert, dass wir alle Sterne sind.
Predigt gehalten von Elisha, im Gottesdienst “Sternenhimmel – Ciel étoilé” am 25. Dezember 2022 im Wyttenbachhaus, Biel/Bienne.