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Als der Dichter und Schriftsteller Robert Walser als 26-Jähriger bei der Zürcher Kantonalbank seine Stelle antrat, gab es dort zwei Abteilungen: die Hypothekar- und die Handelsabteilung. 88 Gehilfen und Gehilfinnen arbeiteten zu dieser Zeit bei der Hauptbank – neben acht Kassierern, den Vorgesetzten und den Lehrlingen. Insgesamt waren es 122 Personen. Die Gehilfen waren kaufmännische Angestellte, die vor allem die Geschäftsbücher führten, das Wertpapierarchiv betreuten, die Buchhaltung und die Korrespondenz erledigten, alles notabene in fein säuberlicher Handschrift.
Was tut ein Dichter bei der Kantonalbank?
Der bekannte Schweizer Dichter Robert Walser (1878-1956) machte eine Banklehre bei der Berner Kantonalbank und arbeitete schliesslich auch bei der Zürcher Kantonalbank. Kann ein Schriftsteller bei einer Bank glücklich werden?
Charakterstudien über Büromenschen
Walser arbeitete als ebensolcher Gehülfe und schrieb eine Erzählung mit diesem Titel. Er schilderte in vier weiteren Erzählungen zwischen 1907 bis 1913 (Germer, Ein Vormittag, Das Büebli und Helblings Geschichte) den Arbeitsalltag in einer Bank. In der Beschreibung der Buchhaltungsabteilung kann man die Zürcher Kantonalbank erkennen, denn Walser benannte seine Figuren mit realen Namen von damaligen Mitarbeitenden.
Er schuf ganz spezielle Personentypen in einer eintönigen Arbeitswelt, wie Hasler, den strengen Abteilungsleiter, Helbling, einen Müssiggänger, und zwei Mitarbeiter namens Meier, einer ländlicher Herkunft, der andere Stadtbürger. Die fade Büroarbeit, die wenig Freiheit bot, empfinden Walsers Protagonisten als Eingesperrtsein. So blickt der Erzähler in der Kurzgeschichte Ein Vormittag wehmütig zum Fenster hinaus: «Alle Leute im Saal wissen nicht, was sich da unten auf der Strasse bewegt. Und die Wellen draussen im nahen See, was machen sie, und der Himmel, wie kann er aussehen?»
Glauser, einen pflichterfüllten Karrieristen, schildert Walser so: «Sein Gehalt ist ein geringes, aber Glauser verbietet sich auf das strengste, von einem höheren Salär zu träumen. So etwas reibt auf und ist inkorrekt, denn es lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und das verhindert ein Mensch, der weiss, was Pflicht und Schuldigkeit sind. (…) Absichtlich macht er Fehler, um ab und zu einen Verweis zu hören, aus Diplomatie, damit es nicht in der hintersten Ecke heisst: ‹Dieser kleine Luscheib von Streber!›»
Robert Walsers Brief an seine Schwester Fanny mit Stempel der Zürcher Kantonalbank, 1904.
Robert Walser, um 1900.
Kein Ort für einen Freigeist!
Man darf annehmen, dass Walser stark aus dem eigenen Erleben schöpfte. Der Dichter schrieb in einem Brief an seine Schwester Fanny: «Wenn ich wieder einmal stellenlos sein darf, werde ich wieder glücklich und ein Dichter sein.» Die Bank war für Walser somit eher kein Ort, um länger zu bleiben. Doch diese Arbeit war – wie es scheint – eine wichtige Erfahrung in seinem Leben, die Voraussetzung für einen Kreativschub, in dem er seine Erlebnisse verarbeiten konnte. Walser blieb nur etwa ein Jahr bei der Bank, zog danach die freie Schriftstellerei einer festen Anstellung vor und übersiedelte nach Berlin, wo er auch drei seiner bedeutendsten Romane verfasste.
Der Dichter Robert Walser bei der Zürcher Kantonalbank
Am 7. Januar 1904 wurde Robert Walser als «provisorischer Gehülfe der Handelsabteilung» der Bank mit einem Monatsgehalt von 150 Franken angestellt. Im Dezember wurde sein Anstellungsverhältnis in ein definitives umgewandelt – zu einem Jahresgehalt von 2000 Franken. Seine Arbeitszeit bei der Bank wurde noch durch einen Militärdienst abgekürzt. Das Bankkommissionsprotokoll vermerkt dazu: «R. Walser hat vom 1. bis 19. Nov. einen Wiederholungskurs zu bestehen & nachher noch 3 Tage zur Erfüllung der Schiesspflicht einzurücken. Die Kommission erwartet, dass er letztere Pflicht künftig im Schiessverein erfülle.» Das war nicht mehr nötig, Ende Februar 1905 kündigte Walser sein Arbeitsverhältnis bei der Zürcher Kantonalbank.
Titelbild: Die Buchhaltungsabteilung der Zürcher Kantonalbank um 1908. Eine Bürowelt à la Walser: «schreiben, rechnen und korrespondieren (…) an solchen schmalen Pultreihen, angeschmiedet, gerade, wie wir's hier so furchtbar deutlich schauen, an öden Lebensposten.» Aus der Erzählung Germer.