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Albert Longchamp war ein grosser Freund
Albert Longchamp, 2006. © Jean-Claude Gadmer
Der 1941 in Echallens geborene Jesuitenpriester Albert Longchamp ist am 4. August 2022 in Genf verstorben. Er war viele Jahre lang intensiv als Journalist tätig – unter anderem für die Zeitschriften und Zeitungen Témoignage chrétien, La Suisse, choisir und L’Echo Magazine. Darüber hinaus war er Präsident der Medienkommission der Schweizer Bischofskonferenz, Dozent für Medienethik an der Universität Freiburg und Schriftsteller. 1960 begegnete er im Notunterkunftslager von Noisy-le-Grand zum ersten Mal Joseph Wresinski, den Gründer der Bewegung ATD Vierte Welt. Das Engagement mit Menschen in Armut wurde zu einer Konstante in Albert Longchamps leben.
Albert Longchamp war ein Freund von ATD Vierte Welt. Nachfolgend finden Sie drei Zeugnisse dieser Freundschaft und anschliessend einen Artikel, den Albert Longchamp 2011 für die Revue Quart Monde verfasst hat.
„Ich habe Albert gut gekannt. Wir haben zusammen die Rekrutenschule absolviert. Es war nicht einfach für ihn, wir trugen ihm oft sein Gewehr, wir mochten ihn gut. So entstand eine Freundschaft. 1967 traf ich ihn zufällig wieder in einem Ferienlager mit Kindern aus dem Slum von La Campa nördlich von Paris. Er machte damals ein mehrmonatiges Praktikum bei ATD Vierte Welt. Als brillanter Journalist reagiert er extrem sensibel auf alle Formen des Elends. Er bezahlte es mit einem Burn-out und ging durch die Hölle.
Aber ich glaube, das war seine Art, all die Ungerechtigkeiten zu tragen, die er sich aufnahm, um sie in seinem Schreiben weiterzugeben.
Denn er hatte nie einen Hass auf politische Systeme, er war kritisch, aber nicht hasserfüllt oder verbittert. Wir trafen uns nach seiner Genesung wieder, und er schrieb ein Buch über diese Zeit, die ihn verändert hatte. Ich glaube, er mochte Joseph Wresinski gut – aber Albert hatte auch eine Seite, die sich gegen jegliche Autorität auflehnte. Und gleichzeitig akzeptierte er es, von Joseph Wresinski zurechtgewiesen und in seinem Gewissheiten erschüttert zu werden. Von einem Mann, der von ganz unten kam und ein Leben lang nichts anderes getan hatte, als an dem Bild zu rütteln, das man sich von den Menschen macht, die in Armut leben, in Frage zu stellen.“
Jeanpierre Beyeler, Mitbegründer von ATD Vierte Welt Schweiz
„Im Juli 1967 waren wir 13 junge Leute in Pierrelaye bei Paris, um ATD durch Filme, Vorträge und Begegnungen mit Père Joseph zu entdecken. Dann wurde Albert im August nach La Campa geschickt und ich in die Armensiedlung La Cerisaie. Mit Moya, einer amerikanischen Volontärin, habe ich ihn an einem Abend in La Campa besucht und diesen Slum entdeckt. Essen im Wohnwagen, in dem Albert und René Grand1, ein anderer Schweizer, ohne Wasser und Strom lebten. Gefolgt von einem intensiven Austausch. Der Kontakt zu Albert blieb ein ganzes Leben lang bestehen,
und jedes Mal haben wir dann auch weiter über die Anliegen von ATD ausgetauscht.
Unsere Zeit in den Notstandssiedlungen hat uns beide geprägt und unseren Lebensweg und unsere Sicht auf die Vierte Welt unauslöschlich beeinflusst.“
Cécile Monnat, Verbündete von ATD Vierte Welt, Jura
„Ich selber hatte in den 80er Jahren von Albert Longchamps grosser Aufgeschlossenheit gehört, und so fiel es mir jeweils leichter ihm zu telefonieren, wenn wir wieder mal ein Pressecommuniqué auf dem Feuer hatten. Seine ruhige, besonnene Stimme ermutigte uns alle damals, als die Bewegung in ihren Beziehungen zur Presse nicht immer verstanden wurde.
Denn allzu oft wurden die Anliegen der Menschen in Armut nicht wirklich wahrgenommen und nur ungenau wiedergegeben.
Oft blieben da auch bestandene Journalisten in alten Vorurteilen stecken. Wie oft lasen wir dann jeweils, ATD „unterstütze“ einfach „ihre Schützlinge“, um diese „in der Gesellschaft zu integrieren“. Dabei ging es doch um das genaue Gegenteil! Dass auch die Gesellschaft endlich von ihnen lernt und ihre politische Stimme wahrnimmt.
Manchmal habe ich Albert Longchamp mit einem grossen Deutschschweizer Journalisten verglichen, der auch gut hinhören konnte und der uns vor einem Jahr auch verlassen hat: Jürg Meyer. Wie Albert hatte Jürg die Slums in der Pariser Banlieue als ganz junger Mann kennen gelernt. Die beiden Journalisten, der eine Jesuit und der andere eher Agnostiker, zogen beide mit ihrer ganzen Lebensenergie am selben Strick für die Gerechtigkeit.“
Noldi Christen, ständiger Volontär von ATD Vierte Welt
Erinnerung an eine Reise
Im September 2010 nahm Albert Longchamp am Weltkongress der Internationalen Katholischen Presse-Union UCIP in Ouagadougou (Burkina Faso) teil. Mit seinen Kollegen besuchte er das Dorf Manéga, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Dort gibt es ein Museum, das der Kunst und den Traditionen des Landes gewidmet ist.
Wie überrascht und bewegt war ich, als ich an diesem Ort die „Heilige afrikanische Platte“ entdeckte: eine riesige Steinplatte in der Form des afrikanischen Kontinents – eingeweiht am 12. Februar 1996, dem Geburtstag von Père Joseph Wresinski! Erst als ich den Namen des Gründers von ATD Vierte Welt in der Inschrift am Fusse des Platzes las, verstand ich
die Verbindung zwischen der afrikanischen Platte und ihrem Gegenstück in Paris auf dem Platz der Grundfreiheiten und Menschenrechte!
Ich war auch deshalb so erschüttert, weil ich bis dahin nichts von dieser Initiative gewusst hatte! Der Gründer des Museums, Frédéric Titinga Pacéré, ein bekannter Anwalt aus Burkina Faso, erklärte uns persönlich was es bedeutet, dass mitten im Busch die Erkenntnisse von Père Joseph und die Anliegen, für die er sich einsetzte, präsent sind.
Als „Jojo“ uns zurechtwies…
In diesem Moment erinnerte ich mich an meine erste Begegnung mit Joseph Wresinski an einem Sonntag im August 1960 in Noisy-le-Grand. Ich war noch keine zwanzig Jahre alt. Zusammen mit einigen Studenten aus der Schweiz hatten wir für die Kinder eines Slums in der Nähe der Pariser Vororte Ferien in den Alpen organisiert. Der „Empfang“ von Père Joseph war alles andere als herzlich! Albert, morgen bist du in La Campa, das wird dir eine Lehre sein!“. Das Elendsviertel von La Campa grenzte an den Park von La Courneuve.
Ich liess mich nicht entmutigen und blieb viele Jahre lang mit „Jojo“ in Verbindung,
der Spitzname, den der «Vater» bei den – häufigen – Auseinandersetzungen erhielt, bei denen er unsere Gewissheiten rüde anpackte.
„Jojo“ in Manéga zu finden! Was für eine Gnade! Diese Gedenkplatte, eine Fläche von etwa tausend Quadratmetern, wird von einem Denkmal überragt, auf dem in Französisch und Mooré (erste Landessprache von Burkina Faso) der bekannte Satz steht, der auf dem Trocadéro-Platz in den Boden eingraviert ist: „Wo immer Menschen dazu verurteilt sind, im Elend zu leben, werden die Menschenrechte verletzt. Sich mit vereinten Kräften für ihre Achtung einzusetzen, ist heilige Pflicht“. In Manéga kann man auch eine andere Überzeugung von Père Joseph entdecken: „Jeder Mensch trägt die Chance des Menschseins in sich.“ Diese Worte spiegeln die tiefen Gedanken dieses unbequemen und unersetzlichen Propheten wider, dieses Kämpfers gegen die Ungerechtigkeit des Elends … eine Geissel, die in Afrika immer noch sehr präsent ist. Die Hauptstadt Ouagadougou, in der luxuriöse Häuser neben überfüllten Grundstücken stehen, ist nur ein Beispiel dafür …
Eines Tages werden die Armen in den Tanz eintreten
Die Afrikanische Platte unterscheidet sich von ihrer Pariser Inspiration durch die ihr eigene bewegende Symbolik. Unter dem Boden des Platzes wurde sorgfältig etwas Erde aus vierundzwanzig Ländern hinzugefügt. Die Erde stammt vom Grab von Père Joseph in Méry-sur-Oise, aber auch aus dem Sklavenhaus auf der Insel Gorée, aus der Gefängniszelle von Nelson Mandela und aus einer Grube, in die 1998 die Überreste von Hunderten von Opfern des Völkermords in Ruanda geworfen wurden.
Afrika zeigt hier, dass es nicht aufgeben will. Ein letztes Bild von diesem denkwürdigen Tag beweist dies. Anlässlich unseres Besuchs umringten uns Tausende von Dorfbewohnern aus der Ferne, während ein üppiges ländliches Buffet auf die Gäste wartete. Plötzlich ein Gewitter! Aus einem dunklen Himmel strömten Wassermassen, die Zuschauer, Gäste, Tänzer, Flötenspieler und Trommler dazu zwangen, einen Unterstand zu suchen. Als sich die Wolken verzogen, tanzten sie weiter, barfuss durch den Schlamm. Ich ging fast allein nach vorne, um das Spektakel aus der Nähe der Akteure zu geniessen. Einige Kinder gesellten sich schüchtern zu mir, gefolgt von mutigeren Teenagern und Erwachsenen, die mich schliesslich ignorierten und in die letzte Reihe verbannten… Ich sah nichts mehr von der Bühne ausser Lockenköpfen und war … begeistert! Ja, wirklich! Was für ein prächtiges Bild: Eines Tages werden die Armen, die vom Wachstum vergessen wurden, in den Tanz einsteigen und an uns vorbeiziehen und ihre Befreiung besingen.
Albert Longchamp, Freund von ATD Vierte Welt
1. René Grand war sechs Jahre lang im Internat mit Albert Longchamp im Petit-seminaire St-Louis in Genf. Und mit ihm lebte er im Sommer 1967 einen Monat lang im Slum La Campa. In seinen eigenen Worten: „Die Begegnung mit Père Joseph Wresinski und diese „Erfahrung“ in den Pariser Vororten haben mein ganzes Leben von der Sorge um die Würde der Stimmlosen und der Flüchtlinge geprägt“. Hier finden Sie (in französisch) die Abschiedsworte, die René Grand am 7. September 2022 in der Kirche Ste-Croix in Carouge an seinen Freund, der zum Bruder geworden war, richtete.