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Wer ist der Autor der Utopia? – Die Antwort auf diese Frage scheint nicht wirklich strittig. Verfasser des 1516 erstmals in lateinischer Sprache erschienenen Textes, der ein ganzes Genre begründet hat und heute, fast 500 Jahre nach der Erstauflage, nur wenig von seiner Aktualität verloren hat, ist natürlich Thomas Morus, seines Zeichens einer der herausragenden Vertreter des Renaissance-Humanismus, Busenfreund von Erasmus von Rotterdam, englischer Lordkanzler unter Heinrich VIII., Märtyrer und schliesslich Heiliger der rttholischen Kirche.
Soweit die allgemein akzeptierte Antwort, doch bei genauerer Betrachtung erweist sich die Sache als ein wenig komplizierter. Morus schickte das Manuskript im September 1516 an Erasmus, der sich gemeinsam mit dem Antwerpener Stadtschreiber Peter Giles – der als Figur in der Utopia auftritt – um den Druck kümmern sollte. Zugleich bat er Erasmus, dass dieser andere Humanisten um Begleitschreiben angehen möchte. Die Erstausgabe, die in Löwen erschien, erhielt dann auch diverses Zusatzmaterial: Neben verschiedenen Begleitbriefen u.a. eine Karte der Insel Utopia, ein Gedicht in utopischer Sprache inklusive lateinischer Übersetzung und einem utopischen Alphabet sowie Randglossen, welche den Text kommentieren. An diesen Zusätzen, den sogenannten Parerga, war Morus entweder gar nicht oder bestenfalls indirekt beteiligt. In den folgenden Ausgaben – alleine bis 1519 erschienen vier weitere – änderte sich die Zusammensetzung der Parerga jedes Mal wieder. So fehlten in der Pariser Ausgabe von 1517 sowohl die Karte wie auch das utopische Gedicht, während die Basler Ausgabe vom März 1518 mit einer neuen Karte von Ambrosius Holbein aufwartete. Ähnlich bei den Begleitbriefen: Enthielten die ersten beiden Ausgaben noch einen Brief und ein Gedicht des Humanisten Johannes Paludanus, fielen diese in der Folge weg. 1
Mit anderen Worten: Das Buch, das 1516 erschien, ist nicht das alleinige Werk von Thomas Morus. Diese Erkenntnis ist an sich noch nicht sonderlich umstürzend. Dass ein Buch auf dem Weg vom Autor zum Publikum Änderungen erfährt, ist nicht ungewöhnlich – weder damals noch heute. Man denke nur an so banale Dinge wie die Gestaltung des Covers oder die Frage, ob ein Buch z.B. in einem Genreverlag erscheint oder bei einem auf Hochliteratur spezialisierten Haus. Bereits derartige Äusserlichkeiten, die oft nicht in der Hand des Autors liegen, können die Rezeption nachhaltig beeinflussen.
In Utopia berichtet ein Ich-Erzähler namens Thomas Morus, wie ihm ein Freund – eben besagter Peter Giles – bei einem Besuch in Antwerpen einen Mann namens Raphael Hythlodaeus vorstellt. Dieser Hythlodaeus hat Amerigo Vespucci auf dessen drei letzten Fahrten in die Neue Welt begleitet; bei dieser Gelegenheit ist er auf die Insel Utopia gestossen. Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Im ersten diskutieren Hythlodaeus und Morus darüber, ob sich Gelehrte wie Hythlodaeus als Berater in den Dienst von Fürsten begeben sollten. Hythlodaeus lehnt das entschieden ab und übt zudem scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen in England. Der zweite Teil besteht dann vor allem aus seiner Beschreibung der Insel Utopia, deren politische und soziale Organisation er in vielerlei Hinsicht für vorbildlich hält.
Der grosse Streitpunkt bei der Interpretation der Utopia ist seit jeher, ‹wie ernst das Buch gemeint ist›. Die Palette der Antworten, die bereits gegeben wurden, deckt das ganze Spektrum ab: Vom reinen Jux bis zum proto-kommunistischen Aktionsprogramm wurde so ziemlich alles in den Text hinein gelesen. Unabhängig davon, dass beide Varianten in ihrer Extremform falsch sein dürften, wird somit etwas deutlich: Die Intention des Autors und damit verbunden auch die Frage, wer eigentlich für den Text verantwortlich ist, spielt bei dessen Interpretation eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und da die Utopia vielerorts als Urtext und Genreprototyp der Utopie verstanden wird, ist auch die Konzeption des Genres insgesamt von dieser Frage betroffen. Zur Diskussion steht damit auch, inwieweit sich die Parerga auf die Rezeption der Utopia auswirken und ob sie der ursprünglichen Intention von Morus – soweit diese überhaupt rekonstruierbar ist – entsprechen oder dieser entgegen stehen.
Nun hat die moderne Literaturwissenschaft generell ein schwieriges Verhältnis zur – tatsächlichen oder vermeintlichen – Intention des Autors. Allgemein gilt der Grundsatz, dass man als Interpret vom Text und nicht vom Verfasser ausgehen sollten; denn was Letzterer wollte, lässt sich oft nicht genau eruieren und muss zudem keineswegs ausschlaggebend sein. Ein Text kann durchaus eine Wirkung entfalten, die vom Autor gar nicht beabsichtigt war. Dies ist auch im Falle der Utopia nicht anders. Tatsächlich macht eine genaue Lektüre des Textes dessen Absicht aber sehr wohl deutlich – nicht zuletzt dank den Parerga.
Morus betreibt in seinem Text ein äusserst kunstvolles Verwirrspiel um Fiktion und Nichtfiktion. Er nimmt zwei reale Personen – sich selbst und Peter Gilles – sowie ein reales Ereignis – Morus war tatsächlich in Antwerpen –, um die fiktive Figur Hythlodeaus einzuführen, die dann von der nicht realen Insel Utopia berichtet. Indem er Hythlodeaus zum Befürworter der utopischen Ordnung macht, den Ich-Erzähler Thomas Morus aber als skeptischen Zuhörer zeichnet, wird deutlich, dass Utopia mitnichten als Entwurf eines in allen Punkten anzustrebenden Idealstaates zu verstehen ist.
Morus war ein grosser Bewunderer des antiken Satirikers Lucian; unter anderem hat er mehrere Werke Lucians übersetzt. Und in dieser Tradition steht auch die Utopia; Morus wollte mit seinem Buch nicht ein politisches Programm entwerfen, sondern ein Gegenbild zur Realität, in der er lebte. Ein Gegenbild, das stellenweise Vorbildcharakter hat, das aber auch viele satirische Elemente enthält. Besonders deutlich wird die satirische Absicht, wenn Hythlodaeus beschreibt, dass die Utopier an Geld nicht interessiert seien und daraus Nachttöpfe und Ketten für ihre Gefangenen fertigten. Die zahlreichen sprechenden Namen strotzen ebenfalls vor Ironie. Dass ‹Utopia› als ‹ou-topos› – griechisch für ‹Nicht-Ort› – verstanden werden kann, ist dabei nur das offensichtlichste Wortspiel. Unter anderem trägt die Hauptstadt Utopias, durch die der Fluss «Anydrus» (Wasserlos) fließt, den Namen «Amaurotum» (Nebel- oder Schattenstadt, was wohl auf London anspielt) und wird von einem Fürsten mit dem Titel «Ademos» (Ohnevolk) regiert.
Derartige Wortspiele setzten gute Griechischkenntnisse voraus, was beim ursprünglichen Zielpublikum, dem Humanistenkreis um Morus und Erasmus, auch gegeben war. Dass diese die satirische Intention des Werks erkannten, zeigen die Parerga. In den verschiedenen Briefen – aber auch in den Randbemerkungen, die wahrscheinlich von Giles spannen –, wird das ironische Versteckspiel, das Morus begonnen hat, fröhlich fortgesetzt. So bittet Morus Giles in einem Brief darum, von Hythlodaeus die genaue Lage der sagenhaften Insel in Erfahrung zu bringen, denn er – Morus – habe vergessen, diesen danach zu fragen. Giles wiederum schreibt dann in einem Brief an Hieronymus van Busleyden, er wisse ebenfalls nicht, wo Utopia liege, da jemand gerade in dem Moment gehustet habe, als Hythlodaeus dazu genaue Angaben machte.
Die Funktion der Parerga ist somit nicht zuletzt, auf den humoristischen Grundton des Textes aufmerksam zu machen. Unabhängig davon, wie weit Morus selbst für die verschiedenen Druckfassungen verantwortlich war, scheinen seine Mitstreiter also genau verstanden zu haben, worauf er mit seinem Text hinaus wollte. 2 Dass dieses Verfahren längst nicht von allen erkannt wird, liegt in der Natur der Sache. Angeblich soll es bereits zu Morus’ Lebzeiten Leser gegeben haben, die Hythlodaeus’ Bericht für bare Münzen nahmen. Je grösser der Leserkreis wurde, desto häufiger dürften derartige Missverständnisse geworden sein. Mit dafür verantwortlich war wohl auch, dass die Parerga, welche den Leser entsprechend lenken sollten, in den Folgeauflagen und den Übersetzungen oft weggelassen wurden. Manche frühe Übersetzung verzichtete sogar auf das ganze erste Buch und konzentrierte sich auf die vermeintliche Hauptsache, die Beschreibung der Insel Utopia. Dass die Interpretation in der Folge grundsätzlich anders ausfiel, kann nicht erstaunen.
Obwohl sich die Forschung heute weitgehend einig ist, dass Utopia nicht eins zu eins als politische Programmschrift gelesen werden darf, dass jede Interpretation die satirischen und ironischen Volten berücksichtigen muss, hat sich die Editionspraxis nur unwesentlich verbessert. Ein Konsens, welche Ausgabe massgeblich ist, existiert nach wie vor nicht. Heute existieren zwei Referenzfassungen der Utopia: Die ‹klassische›, die 1965 im Rahmen der Complete Works bei Yale University Press erschienen ist (und die ich seit neuestem mein Eigen nenne), sowie eine neuere, die von Cambridge University Press veröffentlicht wurde. Beide enthalten die Parerga und Glossen in lateinischer und englischer Sprache. Sieht man von diesen beiden relativ teuren und primär für Spezialisten gedachten Ausgaben ab, ist die Situation wenig erfreulich; die gängigen Taschenbuchausgaben und Übersetzungen verzichten fast alle auf die Parerga – das gilt auch für die wohl gebräuchlichste deutsche Fassung, die von Klaus J. Heinisch in dem Sammelband Der utopische Staat herausgegeben wurde, in dem auch Tommaso Campanellas Civitas Solis sowie Francis Bacons Nova Atlantis enthalten sind. 3
Wie bereits angedeutet geht es hier nicht nur um philologische Fliegenbeinzählerei. Trotz ihres stattlichen Alters ist die Utopia kein obskurer Text, sondern wird noch immer rezipiert und dient vielerorts dazu, die Utopie als Genre zu definieren. Ihre Interpretation ist somit für alle, die sich mit Utopien beschäftigen, von grundlegender Bedeutung. Ein vollständige deutsche Ausgabe wäre deshalb auf jeden Fall wünschenswert.
Literatur
Cave, Terence Christopher (Hg.): Thomas More‘ s «Utopia» in Early Modern Europe: Paratexts and Contexts. Manchester 2008.
Heinisch, Klaus J. (Hg.): Der utopische Staat. Utopia. Sonnenstaat. Neu-Atlantis. Reinbek bei Hamburg 2001.
More, Thomas: The Yale Edition of the Complete Works of St. Thomas More. Bd. 4: Utopia. Hg. von Edward Surtz und J. H. Hexter. New Haven/ London 1965.
– Utopia. Latin Text and English Translation. Übers. von Robert M. Adams. Hg. von George M. Logan, Robert M. Adams, Clarence H. Miller et al. Cambridge/New York 2006.
Morus, Thomas: Utopia. In der Übertragung von Hermann Kothe. Hg. von Horst Günther. Frankfurt/Leipzig 1992.
Schölderle, Thomas: «Die Genese Utopias. Muss die Entstehungsgeschichte von Thomas Morus’ Utopia neu geschrieben werden?». In: Zeitschrift für Fantastikforschung. 5.1/9, 2015, 26–61.
Anmerkungen:
- Für alle, die es ganz genau wissen wollen, gibt es in dem von Terence Christopher Cave herausgegebenen Band Thomas More’s «Utopia» in Early Modern Europe: Paratexts and Contexts eine detaillierte Aufstellung der Parerga in den verschiedenen Ausgaben. ↩
- Die mancherorts vertrene These, Morus sei gar nicht der Autor der Utopia resp. Erasmus und Giles hätten ihm sein Buch quasi entwendet, ist somit wenig stichhaltig. Siehe dazu auch Thomas Schölderles Artikel in der letzten Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung. ↩
- Eine löbliche Ausgabe ist die unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichte, frei im Netz erhältliche Open Utopia. Thomas Schölderle hat mich zudem auf die von Horst Günther herausgegebene Ausgabe, die beim Insel-Verlag erschienen ist, aufmerksam gemacht, die grosse Teile der Parerga enthält. Eine deutsche Übersetzung, welche auch die Glossen umfasst, ist mir nicht bekannt. ↩