Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/512

Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (07.09.2009)
Der eine (Wolfgang Amadé Mozart, mit dem der Geniekult in der Musik begann) deckte das Theatertreiben auf, indem er zeigte, was hinter der Bühne an Intrigen, Animositäten und Primadonnenallüren zu entdecken wäre - so in der Musik zur Komödie «Der Schauspieldirektor» aus dem Jahr 1786. Der andere (John Cage, der das Genie auch an den Zufall delegierte) enthüllte die Theatralität, indem er alles, was vor der Bühne an Alltäglichem zu finden wäre, als mögliches Klang- und Spielmaterial fürs Theater akzeptierte, und indem er dabei nicht mehr einer Handlung folgte, sondern das Stück abstrakten Zahlen- und Zeitstrukturen unterwarf - so in seinem «Theatre Piece» aus dem Jahr 1960. «Es gibt etwas zu sehen, und es gibt etwas zu hören, und das macht Theater aus», sagte Cage. Was entsteht nun, wenn man beide - Mozart und Cage - aufeinander loslässt? Ein bunter, unterhaltsamer, schräger, turbulenter Abend von knapp fünf Viertelstunden. Denn das Theater ums Theater war von jeher einer der besten Theaterstoffe.
Das Sinfonieorchester und das Theater St. Gallen, die vor einer wichtigen Abstimmung über eine langfristige Finanzierung stehen (27. September), haben mit diesem Mozart-Cage-Projekt ihre Spielzeit auf ziemlich ungewöhnliche Weise eröffnet. Wie überhaupt das Saisonprogramm eine nicht überall übliche Neigung zur Rarität verrät. Die fünf unveränderten Mozart-Sätze, aufgeführt unter Leitung von Andreas Spering, haben das Prozedere sowieso unbeschadet überstanden; das liesse sich auch von Cage sagen, auch wenn die Verstörung, die frühere Aufführungen ausgelöst haben mögen, längst nicht mehr zu haben ist.
Als Cageianer vermisste man die Stille und die Gelassenheit. Etwas weniger offensichtliches Getue, etwas weniger theatralischer Klamauk hätten dem Projekt gut angestanden und die schrägen Ideen eher noch zugespitzt. Leicht tragikomisch wirkten jene Orchestermusiker, die sich nur an Mozart beteiligen durften oder wollten und die deshalb während des absurden Treibens bloss zuschauen konnten. Vergnügen hat der Abend auf jeden Fall bereitet, und das Publikum hat den Spass bei der Premiere vom Freitag wach und bereitwillig aufgenommen und heftig beklatscht.