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Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 24. August 1984 von Peter Ziegler
Dr. Fritz Schwarzenbach, von 1922 bis 1942 Lehrer an der Sekundarschule Wädenswil-Schönenberg, wird heute neunzig Jahre alt. Freunde, Bekannte und viele ehemalige Schülerinnen und Schüler gratulieren ihm herzlich zu diesem seltenen Jubiläum.
Ausbildung zum Lehrer und Naturwissenschafter
Fritz Schwarzenbach wurde am 25. August 1894 in Rüschlikon geboren. Seine Mutter führte hier ein kleines Bauernheimwesen; der Vater fuhr nach Wädenswil zur Arbeit; er war erster Verwalter der «Obst- und Weinbaugenossenschaft am Zürichsee». 1898 siedelte die Familie nach Meilen über, da Vater Schwarzenbach Leiter der dort neu erbauten Fabrik zur Herstellung alkoholfreier Weine geworden war. Dankbar erinnert sich Fritz Schwarzenbach seiner schönen Jugend- und Schulzeit in der rechtsufrigen Seegemeinde, der Rebarbeit, des Primarschulunterrichts in Klassen mit über 60 Schülern in einem engen Schulzimmer mit Spucknapf neben der Türe. Noch rühmt er seinen Sekundarlehrer Jakob Stelzer, der ausser Singen sämtliche Fächer erteilte. Von Lehrerpersönlichkeiten geprägt, entschloss sich der Jubilar, selber Lehrer zu werden. Von 1910 bis 1914 besuchte er darum das Seminar Küsnacht. Hier fand er, in den bewegten Jahren vor dem Ausbruch der Ersten Weltkrieges, Klassenkameraden aller politischen Richtungen, mit denen er zum Teil jahrzehntelange Freundschaften pflegte.
An seiner im Frühling 1914 angetretenen ersten Stelle an der Knabensekundarschule in Winterthur konnte der junge Lehrer nicht lange wirken. Am 14. August begann die Rekrutenschule im Gotthardgebiet, für einen Zürcher damals übrigens die einzige Möglichkeit, Militärdienst in den Bergen zu leisten.
1915 übernahm Fritz Schwarzenbach für ein Jahr eine Verweserei an der Gesamtschule in Zünikon bei Elgg; in einem Schulhaus mit Rundsicht vom Hegau über den Jura und die Berner Alpen bis zum Glärnisch.
1916 begann der junge Primarlehrer an der Universität Zürich das Sekundarlehrer- und Botanikstudium. Trotz langen Unterbrüchen durch Militärdienst schloss Fritz Schwarzenbach seine Hochschulausbildung bereits nach fünf Jahren ab, mit einer Dissertation über Fragen der Zell- und Vererbungslehre. Professor Alfred Ernst, der Allgemeine Botanik lehrte, war auch ihm Vorbild im exakten Arbeiten gewesen.
Nach beendeten Studien wollte Dr. Schwarzenbach 1921 die Tropen bereisen, doch zerschlug sich dieser Plan wegen der Weltlage. So trat der Naturwissenschafter ein Vikariat in Aussersihl an, und im Frühling 1922 wurde er aus vielen Bewerbern an die Sekundarschule Wädenswil-Schönenberg gewählt.
Ehemann und Vater
Im gleichen Jahr verheiratete er sich mit Christine Marty, der Tochter des Pfarrers von Meilen. In den folgenden Jahren kamen fünf Buben zur Welt, die längst wieder eigene Familien haben: Werner, heute als Sektionschef für Obstbau in der Eidgenössischen Alkoholverwaltung in Bern tätig; Fritz, Vizedirektor der Eidgenössischen Forschungsanstalt Birmensdorf; Willi, Vizedirektor in einer Maschinenfabrik im Welschland; Heini, Architekt in Uznach; Ruedi, Mittelschullehrer in Wetzikon und Privatdozent an der Universität Zürich. Neunzehn Enkel, zehn Mädchen und neun Knaben, sowie vier Urenkelinnen und ein Urenkel sind der besondere Stolz des betagten Gross- und Urgrossvaters.
Sekundarlehrer in Wädenswil, 1922 bis 1942
Im Wädenswiler Sekundarschulhaus bei der Kirche, dem heutigen alten Gewerbeschulhaus, unterrichteten im Jahre 1922 neben Fritz Schwarzenbach noch sieben Sekundarlehrer, nämlich Jakob Eugster, Max Greutert, Eugen Meier, Emil Rellstab, Johannes Schläpfer, Emil Stäuber und Paul Waldburger. Wie damals alle Lehrer mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung erteilte auch Fritz Schwarzenbach in seiner Klasse Deutsch- und Französischunterricht. Dass man dem ausgebildeten Botaniker gleich den Naturkundeunterricht an fünf Klassen übertrug, war begreiflich. Der Lehrer verstand es ausgezeichnet, die Schüler hinzuführen zur Natur, ihnen die Schönheiten von Pflanzen, Bäumen, Rieden, Wäldern zu zeigen, sie aber auch die Gesetzmässigkeiten der Physik entdecken zu lassen. Dazu verliessen die Knaben und Mädchen immer wieder das Schulzimmer und beobachteten im Freien, in Gärten, im Töbeli, im Reidholz. Keine selbstverständliche Methode zu Beginn der 1920er Jahre! Für Fritz Schwarzenbach schon. Er war immer für Neues aufgeschlossen und setzte als einer der ersten Lehrer in Wädenswil Film und Mikroprojektion ein. Ja, er produzierte – in Zusammenarbeit mit Professor Ernst Rüst an der ETH – selber Unterrichtsfilme: über Zellteilung, Pollenkeimung, das Pfropfen, die Fischerei. Seine mikroskopischen Präparate fanden
in vielen Schulen auch über den Kanton Zürich hinaus Verwendung und gaben Kindern Einblick in den Aufbau der Pflanzen.
Unvergesslich bleiben vielen Sekundarschülern die Skilager, welche Fritz Schwarzenbach, oft zusammen mit seiner Frau, schon Ende der 1920er Jahre und in den 1930er Jahren um Weihnachten/Neujahr im Glarnerland durchführte. Erlebnisse aus den ersten Skilagern der Wädenswiler Sekundarschu1e wird Fritz Schwarzenbach im Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1984 veröffentlichen.
Lehrer Schwarzenbach übernahm auch ausserhalb der Schule, in seiner Wohngemeinde Wädenswil, verschiedene Aufgaben. Von 1923 bis 1942 leitete er die Volkshochschule; er war Mitglied des Asylvereins zur Zeit des Baus des heutigen Krankenhauses; er verwaltete für den Pestalozziverein das Ferienheim in Schwende. Man betraute den Artilleriehauptmann mit der Führung des Wädenswiler Kadettenkorps, und in der SAC-Sektion Hoher Ron schätzte man die Dienste des begeisterten Alpinisten als Leiter der Jugendorganisation.
Nur ungern liess man Dr. Fritz Schwarzenbach 1942 von Wädenswil wegziehen. Ihm und seiner Frau aber wartete eine neue Aufgabe.
Auf dem Hof Oberkirch, 1942 bis 1962
Das Ehepaar Schwarzenbach war als Leiter der Privatschule Hof Oberkirch bei Kaltbrunn berufen worden und ging in der neuen Tätigkeit voll auf: Mutter Christine, ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin, im Haushalts- und Internatsbetrieb, Vater Fritz als Erzieher und Lehrer. Manche Kinder, welche die Sekundar- und/oder die 1942 neu angegliederte Handelsmittelschule besuchten, kamen aus unerfreulichen Familienverhältnissen und hatten Schulschwierigkeiten. Doch Fritz Schwarzenbach gewann bald das Vertrauen seiner Schützlinge, die er als Persönlichkeiten ernst nahm, hatte Geduld mit ihnen, konnte warten.
Am Hof Oberkirch wendeten die Lehrer – zuerst waren es sechs, dann zehn – moderne Unterrichtsmethoden an. Ein wichtiges Anliegen war Fritz Schwarzenbach die Gemeinschaftsarbeit. Primar-, Sekundar- und Handelsschüler fanden sich zusammen zu gemeinsamem Tun. Man studierte das Linthgebiet, man beteiligte sich mit Mais- und Kartoffelpflanzungen an der Anbauschlacht, man mass das Wurzelsystem einer Maispflanze von 30 Zentimetern Höhe aus und staunte ob der Länge von 23 Metern.
Die Betreuung von bis zu 80 internen und 50 externen Schülern war für das Ehepaar Schwarzenbach eine ausserordentlich strenge Arbeit. Konnte man sich 14 Tage Ferien gönnen im Jahr, durfte man zufrieden sein. «Trotz allem», meinte Fritz Schwarzenbach kürzlich in einem lebhaften Gespräch, «es lohnte sich!»
Auch im Kanton St. Gallen wirkte der Jubilar in Behörden und Organisationen mit. Er war Präsident der reformierten Kirchgemeinde Uznach und Umgebung zur Zeit eines Kirchenneubaus, Schulrat in Kaltbrunn, Bezirksschulrat und während einer Amtsdauer Kantonsrat.
1955 starb Frau Christine Schwarzenbach an Krebs. Im gleichen Jahr noch verheiratete sich der Leiter von Hof Oberkirch, wo nun auch die Mutter fehlte, mit Marta Trüb, einer Nichte seiner ersten Gattin. Mit ihr zog er nach seiner Pensionierung im Jahre 1962 nach Wädenswil; mit ihr zusammen begab er sich bis zu ihrem Tod im Jahre 1975 auf verschiedene Auslandreisen.
Rund um die Welt
Fritz Schwarzenbach reist gerne. Und er reist als aufmerksamer Beobachter, mit Fotoapparat, Adressenverzeichnis früherer Schüler, Landkarten und Notizblock. Er studiert Land und Leute, Pflanzen, Tiere, Sitten und Bräuche …
1925 war er in München und flog mit der deutschen Lufthansa von Stuttgart nach Dübendorf zurück. Der Pilot orientierte sich noch am Boden, und ab und zu öffnete einer der 25 Passagiere im Flugzeug ein Schiebefenster, um den Leuten auf der Erde zu winken. 1935 erreichte Fritz Schwarzenbach über Schottland – Island und Spitzbergen das Nordkap. 1968 war er in Kenja, 1972 in Singapur und Bali, aber auch in Kadka, das damals von den beiden Wädenswiler Kirchgemeinden in einer erfolgreichen Aktion unterstützt wurde. Fritz Schwarzenbach, Präsident dieses Aktionskomitees, zahlte die Reise nach Nepal selber, aber er wollte seinen Mitbürgern aus eigener Anschauung berichten können, dass die Wädenswiler Gelder gut eingesetzt waren. 1973 ging die Reise nach Brasilien, Ecuador, Peru und Bolivien; 1974 per Schiff von Genua um Afrika nach Bombay. 1975 besuchte Fritz Schwarzenbach Kamerun.
Ein nachhaltiges Erlebnis war für den Jubilar die Weltreise von 1978. Vier Monate lang war der 84-Jährige unterwegs. Von Moskau über Sibirien – Japan – Australien – die Fidschi-Inseln und Tahiti gelangte er nach Ecuador und den Galapagos-Inseln. Weiter ging's nach Panama und Guatemala, und über Mexiko erreichte er die Vereinigten Staaten. In einer Artikelserie im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» hielt er seine Reiseeindrücke fest. Die Briefe des weitgereisten Wädenswilers erschienen unter dem Titel «Reise um die Erde» auch als Separatdruck.
Auch dieses Jahr (1984) war Fritz Schwarzenbach wieder unterwegs, diesmal, um Skandinavien kennenzulernen.
Bäume, Riede und Genealogie
Nicht vielen ist es vergönnt, bis ins hohe Alter so geistig rege, so aktiv zu sein, wie Fritz Schwarzenbach. Seit den 1960er Jahren ist er geschätztes Mitglied der Natur- und Heimatschutzkommission Wädenswil. Der Schutz von Rieden, Baumgruppen und prächtigen Einzelbäumen ist hier sein besonderes Anliegen. Er hat alle Riede in unserer Gemeinde immer wieder aufgesucht, ihre Flora und Fauna studiert, die Schutzobjekte inventarisiert, hat Gespräche geführt mit manchen Eigentümern. Natur erhalten und schützen, wo dies sinnvoll ist – und dies ist nicht überall möglich –, das ist das konsequent verfolgte Ziel des Botanikers Fritz Schwarzenbach. Die Leute aufmerksam zu machen auf solche Schönheiten, ein anderes. Etwa mit dem Artikel über Mammutbäume in Wädenswil im Jahrbuch der Stadt Wädenswi1 1983.
In den letzten Jahren fand Fritz Schwarzenbach endlich Zeit, auch die Genealogie der Familie Schwarzenbach zu erforschen. Im Staatsarchiv und im Stadtarchiv Zürich sowie im Landesarchiv Glarus spürte er alle Vorfahren seiner Söhne auf, zirka 1700 Personen, über 23 Generationen hinweg, bis zurück ins 13. Jahrhundert. Eine übersichtlich gestaltete Schrift hält die auch lokalgeschichtlich, sozial- und wirtschaftskundlich interessanten genealogischen Forschungen fest.
Tatenfroh blickt Fritz Schwarzenbach am 90. Geburtstag in die Zukunft. Mögen ihm noch viele erfüllte Jahre beschieden sein!