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Long Covid wird oft als ein diffuses Krankheitsbild mit einer Unzahl von verschiedenen Symptomen beschrieben. Betroffene haben tatsächlich mit vielen unterschiedlichen Beschwerden zu kämpfen, von Tinnitus über Verdauungsbeschwerden bis hin zum Appetitverlust. Manche Symptome werden jedoch auffällig häufig genannt - und diese werden auch im Alltag als besonders einschränkend erlebt.
Belastungsintoleranz mit Post Exertional Malaise (PEM)
Bei einer Belastungsintoleranz sind Anstrengungen, die man im gesunden Zustand problemlos meistert, auf einmal zu viel. Dies bedeutet nicht bloss, dass es nicht mehr möglich ist, das gewohnte Sportprogramm zu absolvieren oder dass die Müdigkeit nach der Arbeit grösser ist als üblich. Die Grenze, was als Belastung empfunden wird, verschiebt sich: Es kann bereits zu viel sein, einen kurzen Text zu lesen, einem Gespräch zu folgen, einer verkehrsreichen Strasse entlangzugehen oder Musik zu hören. Für viele sind selbst starke Emotionen oder zu grelles Licht belastend.
Die Reaktion, die durch die Belastung ausgelöst wird, ist schwer zu beschreiben. Es fühlt sich an, als wäre das ganze System blockiert: Es gelingt nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Die einfachsten Worte wollen nicht über die Lippen kommen. Und wenn der Kopf einen Befehl gibt, weigert sich der Körper, diesen auszuführen, sodass es kaum mehr möglich ist, einen Fuss vor den anderen zu setzen.
Die Symptomverschlechterung, die auf eine solche Überlastung folgt, wird als Post Exertional Malaise bezeichnet. Betroffene nennen diesen Zustand meist "Crash". Dieser kann sofort eintreten, aber auch erst mit einer Verzögerung von ein bis drei Tagen. Um sich davon zu erholen, braucht es eine längere Ruhephase in reizarmer Umgebung ohne jegliche anstrengende Tätigkeit. Je nach Schwere des Zusammenbruchs dauert dies einige Tage oder gar Wochen.
Ein Crash kann schlimmstenfalls zu einer Zustandsverschlechterung führen, die dauerhaft ist. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Belastungsgrenzen möglichst nicht zu überschreiten. Dies ist auch der Grund, weshalb ein allmähliches Aufbautraining für die meisten Long-Covid-Betroffenen schädlich ist.
Fatigue
Dabei handelt es sich nicht bloss um Müdigkeit, die nach einer ausgiebigen Pause und ein paar Stunden Schlaf wieder verschwindet. Das Gefühl der Erschöpfung begleitet Betroffene bei jeder Tätigkeit; alles fühlt sich schwerer und kräftezehrender an als üblich.
Fatigue kann auch bei anderen Erkrankungen auftreten, beispielsweise nach einer Virusinfektion oder infolge einer Chemotherapie. In der Regel verschwindet sie mit der Zeit von selbst wieder. Anders ist dies bei Menschen, die an ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom) erkrankt sind. Bei ihnen bleiben die Beschwerden bestehen. Inzwischen ist bekannt, dass auch ein Teil der Long-Covid-Betroffenen die Kriterien für ME/CFS erfüllt.
Schlafstörungen
Die Schlafqualität kann auf verschiedene Arten beeinträchtigt sein: Viele Betroffene haben grosse Mühe mit Ein- und Durchschlafen. Manche bringen die ganze Nacht kein Auge zu, obschon sie eine tiefe Erschöpfung verspüren. Vielfach fällt auch morgens das Aufwachen und "in die Gänge kommen" sehr schwer. Und selbst nach einer guten Nacht mit ausreichend Schlaf fühlen sich die meisten keineswegs erholt, sondern wie erschlagen. Im Kopf wären sie zwar voller Tatendrang, aber der Körper spielt nicht mit.
Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen
Die kognitiven Auffälligkeiten nach einer Covid-Infektion werden oft als "Brain Fog" (Gehirnnebel) bezeichnet. Diesen Begriff empfinden viele Betroffene als verharmlosend. Es kann nämlich so schwierig sein, sich Dinge zu merken, die richtigen Worte zu finden oder die Zusammenhänge in einem Text oder im Gespräch zu erfassen, dass die Alltagsbewältigung, die Arbeit und die Sozialkontakte stark darunter leiden. Vielfach ist es auch nicht mehr möglich, mit dem Velo oder mit dem Auto unterwegs zu sein. Sich auf den Strassenverkehr zu konzentrieren und zugleich genügend schnell zu reagieren, wäre zu überfordernd.
Atemnot
Obschon beim Lungenfunktionstest alles in Ordnung war und das Röntgenbild der Lunge keine Schäden gezeigt hat, haben viele Betroffene mit ausgeprägter Kurzatmigkeit zu kämpfen. Schon die kleinste körperliche Anstrengung reicht, um Beschwerden auszulösen: sich anziehen, Treppensteigen, eine minime Steigung auf einem Fussweg etc.
Herzrhythmusstörungen
Diese machen sich besonders nachts und im Liegen bemerkbar. Das Herz kann anhaltend schnell mit mehr als 100 Schlägen pro Minute schlagen (Herzrasen). Ein Vorhofflimmern tritt ebenfalls relativ häufig auf. Das Herz schlägt in diesem Fall nicht nur zu schnell, sondern auch unregelmässig.
Muskel- und Gelenkschmerzen, Missempfindungen und Kraftlosigkeit
Schmerzen gehören für viele Betroffene zum Alltag. Beim Ausruhen und nach einem Crash sind sie oft besonders ausgeprägt. Zittern, Kribbeln oder Brennen in Händen und Füssen, Krämpfe und Gliederschmerzen, verbunden mit einem grippeartigen Krankheitsgefühl, sind ebenfalls häufig. Vielfach fehlt in den Händen die Kraft, etwas zu greifen oder länger zu halten.
Bei manchen Long-Covid-Betroffenen wird eine Small Fiber Neuropathie diagnostiziert. Bei dieser Erkrankung des peripheren Nervensystems sind vor allem die kleinen Nervenfasern geschädigt. Zu den vielfältigen Symptomen zählen Kribbeln in Händen und Füssen, stechende oder brennende Schmerzen und Gefühlsverlust. Auch die Regulierung von Körperfunktionen wie Verdauung, Blutdruck oder Harnausscheidung kann gestört sein.
Unsere Artikelserie zum Thema Long Covid bietet einen groben Überblick zu einem äusserst komplexen Krankheitsbild, zu dem laufend neue Forschungsergebnisse veröffentlicht werden. Weiterführende Informationen, die mehr ins Detail gehen, finden Sie beispielsweise bei der Patientenorganisation Long Covid Schweiz.
Mit der Bezeichnung "Long Covid" ist in unseren Artikeln das Krankheitsbild gemeint, das mit chronischer Fatigue, Belastungsintoleranz, Konzentrationsstörungen ("Brain Fog") und einer Vielzahl von weiteren Symptomen einhergeht.
Fehlregulation des Kreislaufs
Viele Long-Covid-Betroffene schliessen früher oder später Bekanntschaft mit dem Wortungetüm "Posturales Orthostatisches Tachykardiesyndrom", kurz POTS. Doch bevor sie diesen Begriff kennenlernen, spüren sie, was diese Fehlfunktion in ihrem Körper anrichtet: Sobald sie aufstehen oder länger stehen bleiben, fühlen sie sich schwach und benommen, es wird ihnen vielleicht schwindlig, das Herz rast, der Puls ist erhöht und es fällt schwer, das Gleichgewicht zu halten. Wenn sie sich hinlegen, bessert sich ihr Zustand allmählich wieder. Allerdings kann auf die sofortigen Symptome des Positionswechsels auch ein Crash folgen.
Die POTS-Symptome sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche Patientinnen können kaum mehr sitzen und müssen fast den ganzen Tag im Liegen verbringen. Andere können über längere Zeit in aufrechter Position bleiben, ehe ihnen die Beschwerden zusetzen.
Kommt es beim Wechsel vom Liegen zum Stehen innerhalb von 10 Minuten zu einem Anstieg der Herzfrequenz von mehr als 30 Schlägen pro Minute, deutet dies auf POTS hin. Long Covid-Betroffene können aber auch an einer sogenannten Orthostatischen Hypotonie leiden, einem plötzlichen Abfall des Blutdrucks, wenn sie aus dem Liegen aufstehen. Der Positionswechsel löst je nach Ausprägung Blässe, Schwindel, Ohrensausen, Benommenheit oder Verwirrtheit aus. Auch hier bessern sich die Symptome beim Hinlegen.
Wichtig: Die Symptome von POTS können denjenigen einer Panikstörung gleichen. Gerade wenn in der ärztlichen Untersuchung kein auffälliger Anstieg der Herzfrequenz zu beobachten war, die Betroffenen aber von Herzrasen berichten, wird oft fälschlicherweise eine Angststörung diagnostiziert.
Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)
Mastzellen sind Immunzellen, die in verschiedenen Körpergeweben die Aufgabe haben, bei der Abwehr von Krankheitserregern mitzuhelfen. Dazu setzen sie Botenstoffe frei, wenn sie durch einen Auslöser dazu veranlasst werden. Zu diesen Botenstoffen zählen neben ganz vielen anderen z. B. Prostaglandin, Heparin und Histamin.
Bei MCAS sind die Mastzellen überaktiviert. Die Botenstoffe werden beispielsweise in zu grosser Menge, im falschen Moment oder in unangemessener Intensität freigesetzt. Die Immunzellen sind im ganzen Körper vorhanden und geben eine Vielzahl von verschiedenen Stoffen frei. Deswegen äussert sich das Syndrom in unzähligen unterschiedlichen Symptomen. Viele dieser Beschwerden sind auch Long-Covid-Betroffenen bestens bekannt: Fatigue, plötzlicher Blutdruckabfall, Herzrasen, Appetitverlust, Schlafstörungen, Schwindel, Hautausschläge und zahlreiche mehr.
Histaminintoleranz
Dabei handelt es sich um eine Unverträglichkeit gegenüber dem körpereigenen Botenstoff Histamin. Die Symptome sind ähnlich wie bei MCAS, die Mastzellen sind jedoch nicht an der Unverträglichkeitsreaktion beteiligt. Bei der Histaminintoleranz besteht meistens ein Mangel oder eine Inaktivität der Enzyme, die für den Abbau von Histamin zuständig sind.
Betroffene müssen histaminreiche Lebensmittel meiden. Histaminreich sind vor allem fermentierte, gereifte und konservierte Nahrungsmittel wie Käse, alkoholische Getränke, Essig, Wurst, Sauerkraut, Konserven etc. Aber auch frische Lebensmittel wie Meeresfrüchte, Tomaten, Avocados und Auberginen zählen dazu. Andere wie z. B. Erdbeeren, Ananas, Bananen, Hülsenfrüchte etc. setzen körpereigenes Histamin aus den Mastzellen frei.
Die Schwelle, wie viel histaminreiche Nahrung vertragen wird, ist individuell. Deshalb müssen Betroffene herausfinden, wie stark sie ihre Ernährung anpassen müssen, um möglichst beschwerdefrei zu leben.