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Zuerst kam laut bellend der jeweilige Dackel, sich mit der Verve eines Kampfhunds in die Leine werfend. Dahinter folgte Michael Stötzel mit wehendem Haar, flatterndem Reportermantel und einem Rucksack voll Papier und Hundeguetsli. Und dann setzte er sich hin und erzählte, was er gerade gelesen hatte. Er benutzte dabei die altmodischsten Ausdrücke, hatte einen unglaublichen Sprachwitz. «Jaja, ist schon recht, du Nase!», würde er jetzt sagen und lachen.
«Wenn ich heute an Michael denke, höre ich immer sein Lachen, das Antwort auf so vieles war: lustige Geschichten oder Freude über einen gelungenen Text – aber auch Enttäuschung und leise Resignation angesichts von Dingen und Verhältnissen, die falsch waren, die er jedoch nicht ändern konnte», sagt die ehemalige WOZ-Redaktorin Lotta Suter stellvertretend für viele Kolleg:innen. Er war liebenswürdig, kümmerte sich um das Wohlergehen seiner Freund:innen, hatte Menschen wirklich gerne. Was nicht heisst, dass Michael sich nicht aufregen konnte, ganz im Gegenteil, aber er blieb ruhig dabei. Nur beim Fussball nicht ganz, wenn Schalke 04 ihn enttäuschte.
Im Tiefland Ostboliviens
Aufgewachsen ist er mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Monika in Essen, mitten im Ruhrgebiet. Die beiden hatten eine spezielle Beziehung, sehr eng, trotz der räumlichen Distanz. Wie sie studierte Michael Völkerkunde, wie sie schloss er das Studium mit dem Doktortitel ab. Seine Dissertation schrieb er über die Integration und die Marginalisierung der Guarayos, einer indigenen Gruppe aus dem ostbolivianischen Tiefland. Ein Jahr lang lebte er in verschiedenen Dörfern, wurde als Krankenpfleger selber in die Gemeinschaft eingebunden. Leider, schreibt er in der Einleitung seiner Doktorarbeit, habe er die Sprache nicht beherrscht. Übersetzt heisst das, er konnte sie schon, einfach «gerade gut genug, um in Guarayo geführten Gesprächen im Grossen folgen zu können». Für ihn war das kein Beherrschen.
1987 begann er bei der WOZ im Auslandressort, später wechselte er in die Abschlussredaktion. Als WOZ-Redaktor prägte Michael unter anderem die Berichterstattung zum Golfkrieg und schrieb in einer Nacht eine bis heute gültige Einordnung zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. 2002 holte ihn Marie-José Kuhn zur Gewerkschaftszeitung «work» – wo er endlich wieder mehr schreiben konnte, statt nur zu redigieren. «Ausgerechnet zum Gewerkschaftsblatt mit den Leuten mit geregelten Arbeitszeiten!», mokierte sich WOZ-Kolumnistin Marta Monster zum Abschied. Doch ausser von den Rauchpausen, wo er sich von den Unia-Kolleg:innen mit Geschichten füttern liess, liess sich Michael die Arbeitszeiten natürlich nicht regeln. Er sass abends an Veranstaltungen, am Wochenende an Delegiertenversammlungen, und in seiner Freizeit setzte er sich noch für die Rechte der Journalist:innen bei Syndicom ein.
Von wegen Ruhestand
«Heute gibt es Schurnis, die hört man, wenn sie schreiben, und es gibt solche, die hört man nicht. Erstere sind jene, die die längste Zeit ihres Berufslebens hinter einer Schreibmaschine gesessen und ihre Texte in die Maschine geklopft haben. So einer ist Stötzel. Einer mit Fingern, die klopfen, nicht spurlos huschen. Einer mit dezidierter Meinung, der sich nie eingebildet hat, opportunistische Schlitzohrigkeit im Dienst eines Aktionariats sei das sicherste Zeichen für ‹objektiven› oder gar kritischen Journalismus. Einer, der in den 25 Jahren, die er in Zürich lebt, Deutscher geblieben ist, aber für die Linke in diesem Land mehr getan hat als viele, die es ihrem gnädigen Schicksal danken, zwar Linke, aber doch immerhin Schweizer zu sein.» Das schrieb Fredi Lerch im Juli 2010 in einer Zeitung, die wir, seine Kolleg:innen beim «work», zu Michael Stötzels Pensionierung produzierten.
Aus dem Ruhestand wurde natürlich nie etwas, aber das wussten alle Beteiligten schon vorher. Um die 300 Artikel schrieb er seither, die meisten im «work». Den letzten konnte er nicht mehr fertigstellen: Vor zwei Wochen war er im Seitentunnel des Gotthards unterwegs, der Baustellenreporter Stötzel. «Drei Jahrzehnte im Journalismus und kein bisschen zynisch, sondern immer noch ein Aufklärer gegen Gewalt und Angst im Kapitalismus», schrieb seine frühere Chefin in der erwähnten Pensionierungshommage.
Dass seine grosse Liebe, die ehemalige WOZ-Redaktorin Corinne Schelbert, im Mai letzten Jahres starb, war für Michael ein schwerer Schlag. Am 3. Februar ist Michael Stötzel gestorben.
Sina Bühler ist Journalistin und Gerichtsreporterin. Sie war sechs Jahre lang Redaktorin bei der WOZ, später arbeitete sie zehn Jahre bei der Gewerkschaftszeitung «work».