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Lau Form182
Das Dao und der empty space
Dieser Abschnitt stellt den Daoismus, wie er von Lao-Zi im Dao De Jing dargestellt wird, in einen Zusammenhang mit den Laws of Form. Dabei geht es hauptsächlich um einen Vergleich der Begriffe „Dao“ und „empty space“ sowie im folgenden Abschnitt um eine Gegenüberstellung des Prinzips von Yin-Yang und dem re-entry bzw. dem Bild des Tunnels.
Das Namenlose und damit Unterschiedslose, wie wir mit dem „Kalkül der Beobachtung“ folgern können, das den Laws of Form in Form von chinesischen Schriftzeichen voran gestellt ist (siehe „Vor dem Eintritt“, S. 32), der „Anfang von Himmel und Erde“, wird in der daoistischen Tradition mit Dao bezeichnet.
無 名 天 地 之 始
Wu ming tian di zhi
道 : Den Begriff Dao übersetzt die Literatur unterschiedlich: Weg, Sinn, universelles Prinzip, Weltgesetz, Gott, Schicksal oder auch das Sein. Diese Bezeichnungen vermitteln eine vage Vorstellung davon, was mit Dao zum Ausdruck gebracht wird. Den chinesischen Begriff nicht zu übersetzen – und auch auf die Angabe von Übersetzungsvorschlägen zu verzichten –, ist wohl der angemessenste Weg; denn dann beschreibt man nichts, gibt kein Bild, löst keine Vorstellung aus. So bliebe Dao eine „Worthülse“; man weiß nicht (genau), was gemeint ist. Und tatsächlich ist auch nichts Festlegbares gemeint. Das Dao wird auch „ungreifbar“ genannt und als unbestimmtes Wort erfüllt oder bestätigt es diese Beschreibung.
Boe: Spencer Brown Only Two can Play this Game pg.127:
Space is a construct. In reality there is no space. Time is also a construct. In reality there is no time.
In eternity there is space but no time.
In the deepest order of eternity there is no space. It is devoid of any quality whatever.
This is the reality of which the Buddhas speak. Buddhists call it Nirvana. Its order of being is zero. Its mode is completeness. Its sex-emblem is female. It is known to western doctrine, sometimes as the Godhead, sometimes as IHVH, or that which was in the beginning, is now, and ever shall be. This way of describing it, like any other, is misleading, suggesting that it has qualities like being, priority, temporality. Having no quality at all, not even (except in the most degenerate sense) the quality of being, it can have none of these suggested properties, although it is what gives rise to them all. It is what the Chinese call the unnamable Tao, the Mother of all existence. It is also called the Void.
Boe:..the unamable Dao, die Leere, das Unsagbare, das Un-beobachtbare, das Un-unterschiedene
Das heißt, dass das Dao nicht definiert werden kann. Es ist ohne Grenze, da es alle Grenzen der Festlegung überschreitet. Oder paradox formuliert: Per Definitionem ist das Dao undefinierbar. Dementsprechend beginnt das Dao De Jing:
„sagbar das Dau doch nicht das ewige Dau
nennbar der name doch nicht der ewige name
namenlos des himmels, der erde beginn
namhaft erst der zahllosen dinge urmutter
darum: immer begehrlos und schaubar wird der dinge geheimnis
immer begehrlich und schaubar wird der dinge umrandung
beide gemeinsam entsprungen dem einen
sind sie nur anders im namen
gemeinsam gehören sie dem tiefen
dort, wo am tiefsten das tiefe
liegt aller geheimnisse pforte“ (LAUDSE: Abschnitt 1; Laozi 1)
Der Anfang von Himmel und Erde beschreibt das Entstehen der ersten Unterscheidung, das „im“ empty space geschieht. Das Namenlose (oder das „Nichtsein“ bei Richard Wilhelm) ist der Zustand, bevor etwas geschieht, bevor Zeit und Raum zur Existenz gelangen, bevor die erste Unterscheidung getroffen wird; und ohne Unterscheidung kann es weder Anzeige noch Namen geben. Der empty space, die Leere oder das Nichtsein ist noch nicht einmal nichts, noch nicht einmal leer. Es enthält keine Unterscheidung bzw. ist durch keine Unterscheidung festlegbar, und von es zu sprechen ist wie jede Aussage darüber irreführend, da es sich jeder Unterscheidung – auch der von existent/nicht existent – entzieht.
„dem seienden entsprangen alle dinge der welt
das seiende – es entsprang dem nichtseienden.“ (LAUDSE: Abschnitt 40)
Somit ist das Sein, das, was sich nach dem Anfang manifestiert und als unterschieden vom Nichts wahrnehmbar wird, mit den unterschiedenen Dingen identifizierbar, mit „allen Dingen der Welt“. Es erscheint als „Etwas“, das durch die Asymmetrie der Unterscheidung, eben durch die Anzeige, als Einheit geformt ist.
Ausgangspunkt ist also unauslotbare Unterschiedslosigkeit oder Leere. Wir können nun fragen: Was geschieht, wenn eine Unterscheidung getroffen wird? Und wir sehen: Es entsteht ein Universum. Wenn man das systemtheoretisch formulieren möchte: Wenn eine Unterscheidung getroffen wird, an der sich weitere anschließen, so dass fortlaufend beobachtet wird, entsteht eine System-Umwelt-Differenz. In und mit dieser Differenz wird (von jemandem) wahrgenommen, was wir Welt oder ein Universum nennen können.
Wenn wir von Unterschiedslosigkeit sprechen, beinhaltet das eine Vorstellung von Unterschiedenheit. Wir können sagen, dass der unter-schiedslose Raum die Möglichkeit bereit stellt, Unterscheidungen zu treffen, und dies können wir – da es keine Vorgaben, keine Grenzen gibt – tun, wo es uns beliebt (aber eben nicht wie es uns beliebt, deshalb die Gesetze der Form!).
Wenn im Daoismus von Dao gesprochen wird, ist damit der Gang der Dinge, wie er halt ist, gemeint. Alan Watts hat es in und mit seinem letzten Buch Lauf des Wassers genannt. Es ist das ewig fortwährende Jetzt. Es geschieht, was geschieht. Auch unsere Gedanken – über Vergangenes und Zukünftiges – geschehen, wenn es so ist.
Das Dao ist das Unwandelbare, in und mit dem sich unentwegt alles wandelt. Der ewige Name findet sich im Hin-und-her von der einen zur anderen Seite. Aber halten wir das für den ewigen Namen, so irren wir. Er ist schon wieder fort. Der Oszillation steht Stillstand gegenüber und der ewige Name zeichnet auch hier nicht das eine vor dem anderen aus. Wenn jemand den „Weg“ bzw. das Dao benennen könnte, dann würde mit der Benennung eine Grenze gezogen, so dass es den „Weg“ bzw. das Dao mit einem Namen gäbe und etwas, das nicht der Weg bzw. das Dao ist. Somit könnte dies nicht der Weg sein. Und auch diese altkluge Verneinung ist nicht der Weg. Aber auch das Abweichen vom Dao ist Dao; es ist allumfassend.
„Das Dao ist das, von dem man nicht abweichen kann; das, von dem man abweichen kann, ist nicht das Dao.“ (WATTS 1983: 69)
Von jeder Bestimmung kann abgewichen werden, da jede Bestimmung eine andere Seite mit hervorbringt. Das Dao ist, was ist. In mir, um mich, jetzt!, das ist der Weg; erkennbar durch unbewegte Stille des Geistes.
Der empty space ist nicht als „Ding“ oder „Zustand“ zu verstehen. Er ist das Unterschiedslose und deshalb das Eigenschaftslose. Er ist das Unsagbare.
Um das Bild des Knotens zu gebrauchen, in dem der Knoten das Treffen einer Unterscheidung darstellt: Zeige jemandem, dass das Seil keinen Knoten hat, indem du einen Knoten gebrauchst und ihn deinem Gegenüber vorhältst. Das entspricht der Situation, jemandem den empty space beschreiben zu wollen, da wir dazu – wie den Knoten – anscheinend Sprache und Namen in irgendeiner Form beanspruchen müssen.
In Analogie zur Bedingtheit unserer Welt können wir davon sprechen,
dass der empty space das Unbedingte repräsentiert; ihm geht nichts voraus; er ist das die Unterscheidungen Transzendierende, das Über- oder Vor-Gegensätzliche.
Wenn wir das Dao mit dem Unterschiedslosen oder Namenlosen bezeichnen, treffen wir ebenso eine Unterscheidung. Und wenn wir glauben, mit dieser den Kern zu treffen und nun zu wissen, was das Dao ist, gehen wir fehl. Denn auch mit dieser Festlegung treffen wir nicht, was gemeint ist. Das Dao ist frei beweglich, völlig uneingeschränkt und unterschiedslos. Wenn wir meinen, das Dao sei so, wie beschrieben, so weichen wir ab vom Dao. Denn in dem Augenblick der Festlegung und Gewissheit ziehen wir eine Grenze und schränken damit ein.
Der „Weise“ redet über das Dao in der Gewissheit, dass er bloß Worte benutzt; er glaubt nicht seinen Worten, sondern weiß, dass seine Worte jemand anderem den Weg weisen können.
Im Indikationenkalkül kommt konzeptuell natürlich der Begriff des Dao nicht vor. Aber er setzt mit Unterschiedslosigkeit an, worauf eine Darstellung dessen folgt, was geschieht, wenn eine erste Unterscheidung getroffen wird. In den Laws of Form wird diesem „Anfang von Himmel und Erde” der Begriff empty space zugewiesen. Und nicht einmal das geschieht direkt. George Spencer Brown verliert kein Wort über den „unbenennbaren Anfang“. Wir brechen hier mit dieser konsequenten Vorgehensweise; wie wir auch mit diesem Einführungstext seine wohlbegründeten Vorbehalte gegen die Methode von „Gerede und Interpretation“ naiv missachten, indem wir überhaupt darüber schreiben.
Das Dao ist nie, was wir darüber denken, was es sei. Unser Denken, was auch immer wir denken, ist dann zwar der Gang der Dinge, ist nicht außerhalb des Dao. Aber wenn wir meinten, wir wüssten es, wir könnten es sagen oder zeigen, ist es nicht das Dao. Es ist nicht festlegbar auf eine Seite einer Unterscheidung, welcher auch immer. Jede Benennung geht einher mit einer Unterscheidung, bezeichnet eben eine ihrer Seiten. Das Dao hingegen bezeichnet die Einheit aller Differenzen.
Jeden Augenblick können wir füllen, wie es uns beliebt. Und das immer wieder, nichts wird fest gestellt. Andererseits ist das Dao das, was von selbst geschieht. ( ziran)
Seite 186: Yin-Yang und der re-entry: Die Bewegung des Dao ist Polarität, die im Daoismus mit dem Prinzip von Yin-Yang dargestellt wird. Vor dem Hintergrund der Laws of Form steht das Yin-Yang-Symbol als Bild für eine Unterscheidung bzw. Form. Es steht paradigmatisch für jede beliebige Unterscheidung. In der daoistischen Tradition wurden den beiden „Polen“, wie sie auch genannt werden, diverse Unterscheidungen wie weiblich – männlich, dunkel – hell, Mond – Sonne, Leere – Form, passiv – aktiv, tot – lebendig, negativer Pol – positiver Pol, Leid – Freude, krank – gesund etc. zugeordnet. Yin-Yang symbolisiert die Form der Unterscheidung, wie sie sich nach der Änderung ihrer Definition im elften Kapitel der Laws of Form darstellt.
Sich unter Yin und Yang Gegensätze vorzustellen, die einander ausschließen, ist wohl einer westlichen Denkgewohnheit zuzuschreiben, wohingegen eine östliche sich ergänzende Polaritäten statt Gegensätze sieht. Für den Daoisten gehören die Pole Yin-Yang zusammen, wie bei jeder Unterscheidung die beiden Seiten, und zwar in dem Sinne, dass sie sich ergänzen. Das finden wir auch in dem Yin-Yang-Symbol:
Die beiden Seiten, die durch die Spaltung des Dao entstehen, werden durch eine Kreisfigur symbolisiert, die sich in einer Wellenbewegung in eine schwarze und eine weiße Hälfte teilt. Und jede Seite birgt das jeweils andere Prinzip in Form eines Punktes in der anderen Farbe in sich. In vertiefenden daoistischen Darstellungen werden die beiden Punkte auch wieder als Kreise mit zwei Seiten gezeichnet, entsprechend dem Yin-Yang-Symbol.
Die Verwandtschaft, wenn nicht funktionale Äquivalenz, zum re-entry und dem Bild des Tunnels ist offenkundig. Eine Unterscheidung besteht immer aus zwei voneinander abhängigen Seiten. Man gelangt, ohne die Grenze zu kreuzen, von der einen auf die andere Seite. Jede Seite führt die andere mit sich.
Dem Symbol liegt das Wissen zu Grunde, dass, wenn eine der beiden Seiten verschwände oder ausgeschlossen würde – wenn das überhaupt möglich oder wünschenswert wäre –, damit die gesamte Unterscheidung verschwände. Unterscheidungen als Polaritäten aufzufassen meint, sie wie Seiten einer Münze oder Pole eines Magneten zu sehen.
Wie in den Laws of Form finden wir auch im Dao De Jing die Zusammen-gehörigkeit und das gegenseitige Bedingen (Boe: konditionierte Koproduktion)der beiden Pole einer jeden Unterscheidung:
„alle wissen, daß schön das schöne, so gibt es das häßliche
alle wissen, dass gut das gute, so gibt es das böse
denn: voll und leer gebären einander
leicht und schwer vollbringen einander
lang und kurz bedingen einander
hoch und niedrig bezwingen einander
klang und ton stimmen einander
Vorher und nachher folgen einander.“ (Laozi 2: Abschnitt 2 Anfang)
Die beiden polaren Kräfte wandeln sich ineinander, lösen sich gegenseitig ab und bringen durch ihr Zusammen- und Gegeneinanderwirken alle Erscheinungen des Kosmos hervor.
Es liegt eher im Bestreben eines Daoisten, die beiden Seiten einer Unterscheidung, letztlich Yin-Yang, in Harmonie zu bringen (oder sich selbst in Harmonie mit dem Wandel), ohne eine der Seiten höher oder besser zu bewerten.
„darum tut der weise ohne taten (wu wei)
bringt belehrung ohne worte
so gedeihen die dinge ohne widerstand
so lässt er sie wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
nimmt nichts für sich, was er vollbracht
und da er nichts nimmt
verliert er nichts.“ (LAO-ZI: Abschnitt 2 Ende)
Der Mensch ist ein Teil des Ganzen: Sein Denken, Sprechen, Handeln ist ein Teil des Gesamtgeschehens. Etwas erreichen und also etwas ändern zu wollen, etwas – auch sich selbst – nicht dem Gang der Dinge zu überlassen, bringt einen Schnitt ins Dao. Aber wertet der Daoist dann nicht Einklang bzw. Harmonie höher als ihr Gegenteil? Jedoch: Dieser „Schnitt“ ist selbst wieder Dao. Auch an dieser Stelle müssen wir nicht werten.
Man versucht nur dann, etwas zu verändern und zu erreichen, wenn man nicht verstanden hat, dass es nicht geht, dass man vom Gang der Dinge nicht abweichen kann. Der „Weise“ ist deshalb aber nicht passiv. Er erkennt den Gang der Dinge und fügt sich harmonisch ein, er wirkt im Kleinen und erzielt große Effekte.
Die Leere ist schöpferisch. Yin-Yang ist die Bewegung des Dao. „Die Weltanschauung von Yin und Yang ist zyklisch und heiter. Glück und Unglück, Leben und Tod, im kleinen und im großen, kommen und gehen ewig fort ohne Anfang oder Ende.“ (WATTS 1983: 59)
Kein Ding, keine konkrete Form hat Dauer. Alles wandelt sich. Es existiert keine Identität von sich aus. Wenn Identitäten festgestellt also beobachtet werden, dann eben nur von einem Beobachter; aber es sind (von sich aus) keine Identitäten. Nur die Form, in der sich alles wandelt, hat Bestand: Veränderung ist die einzige Konstante.
Das trifft nicht nur auf alle einem Beobachter äußeren Unterscheidungen zu, sondern auch auf die Unterscheidung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Angenommen: Für sich selbst sei ein Beobachter eine Identität. Andere Beobachter sehen auch eine Identität in dem ersten Beobachter – es ist jedoch extrem unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich die gleiche sehen, denn sie beobachten mit verschiedener Gewichtung unterschiedlichster Unterscheidungen.
Boe: Subjekt -Objekt; Selbstreferenz -Fremdreferenz; zweiwertige Logik - mehrwertige Logik; Paradoxie der Selbstbeobachtung
Wenn sich ein Beobachter auf die innere Suche nach sich selbst macht, so wird er letztlich nichts finden. Er kann keine festhaltbare Identität finden, weil er dann schon immer unterscheidet zwischen der Identität, die er findet bzw. gefunden hat, und dem, der sie gefunden und festgehalten hat. Er ist immer jetzt, in diesem Augenblick gegenwärtig und kann deshalb nicht fest-gestellt werden. Weil jede Festlegung Zeit benötigt, ist das Jetzt bereits vergangen. Andererseits findet man sehr wohl etwas, wenn man die Leere in sich entdeckt (vgl. das einführende Zitat des Vorwortes, S. 5).
Eine Frage, die hier nur kurz angedeutet werden soll, betrifft, wie diese Vorstellungen denn ganz praktisch umgesetzt werden können oder sollen. Nach all dem erkennen wir nun vielleicht, dass Fragen nach allgemeinen Richtlinien, die aus der „Theorie“ folgen, in oder mit dieser „Theorie“ nicht beantwortet werden können. Oder aus Spencer Brownscher Sicht formuliert: Eines der Prinzipien, das die Laws of Form exemplifizieren, besagt, dass nicht gesagt werden kann, wie es ist, die Laws of Form im täglichen Leben anzuwenden (vgl. dazu die vierte Session der AUM-Konferenz ( I have received many requests to speak about different things, so perhaps I should deal with the requests in order. The first request is for some guidance on how I use the principles in the book Laws of Form in everyday life. And, since one of the principles which is exemplified in Laws of Form is that you don't tell how it is that you use the principles in Laws of Form in everyday life, I cannot comply with this request.)
„Befolger des Dao suchen nicht nach Erfüllung. Da sie keine Erfüllung suchen, werden sie durch kein Verlangen nach Änderung vom Wege abgebracht.“ (LAO-ZI: Abschnitt 15)
Jedes Ändern-Wollen und auch das Ändern ändern wollen ist ein Verletzen der Realität, wie sie ist. Und es ist das allumfassende Dao.
„wer dem lernen ergeben, gewinnt täglich
wer dem Dau ergeben, verliert täglich
verlierend, verlernend gelangt er
mählich dahin, nicht mehr tätig zu sein
nichts bleibt ungetan
wo nichts überflüssiges getan wird.“ (LAUDSE: Abschnitt 48)
Mit diesem Zitat kommen wir noch einmal auf die Laws of Form zurück. Je weniger man weiß, um so offener kann man für jeden Augenblick sein. Man muss nicht denken und zu verstehen suchen. Vielmehr „weiß“ man ohne jedes Konzept, intuitiv und spontan, was zu tun ist. Das drückt auch George Spencer Brown mit seiner Rede vom „Entlernen“ aus (vgl. das Zitat aus dem einleitenden Abschnitt zur „Methode von Befehl und Betrachtung“, S. 28).
Mit dem „Nicht-Tun“ (wu wei) ist ein Nicht-Wissen verknüpft. Wir sind oben (siehe Seite 168f.) schon darauf gekommen, dass jedes Wissen eines Standpunktes bedarf und dass es keinen objektiven Standpunkt gibt, an dem man sich orientieren könnte. Auch bei Lao-Zi finden wir, dass man sich stets bewusst sein soll, dass man nur ein bedingtes Wissen hat.
Boe: Buddha: Die Vier Edlen Wahrheiten - Leiden;
absolute truth - conventional truth
„wer sein nicht wissen weiß, ist erhaben
wer es für wissen hält, ist leidend
nur der gesundet von seinem leiden
der sein leiden erkannt hat als leiden.“ (LAUDSE: Abschnitt 71)
Ohne einen Standpunkt sieht man gar nichts – höchstens die Bedingtheit eines jeden Wissens durch den Standpunkt. Eine anschauliche Darstellung dieses Gedankens gibt Francois Jullien in Der Weise hängt an keiner Idee. Er benutzt Ideen, Worte und Gedanken ohne an ihnen in dem Sinne zu hängen, als er ihre Wahrheit annähme und festhielte. Der Gebrauch von Ideen liegt vielmehr in ihrem praktischen Nutzen statt in ihrer Wahrheit.
Felix Lau