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Bengal Stream – Architektur im Deltagebiet
Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum
Das S AM präsentiert «die vibrierende Architekturszene von Bangladesch», die mit den klimatischen Bedingungen des tropischen Deltagebiets arbeitet und zwischen Tradition und Moderne oszilliert.
«…They [the British] completely disrupted the continuity of our socio-economic life and distorted our cultural thinking process.» So beschrieb die «Chetana-Group» 1983 in ihrem Manifest den Zustand des Landes, das bis 1947 zu Britisch-Indien gehörte. Da der Architektenberuf in den 1950er-Jahren (noch) nicht institutionalisiert war, kam es zum Austausch mit Europa und Amerika: die (spät-)moderne westliche Architektursprache traf auf die bengalische Tradition. Die Ausstellung im S AM stellt die Bauaufgaben nach der Unabhängigkeit, das aktuelle Architekturschaffen und die reiche Baukultur des Landes in einen Zusammenhang – dabei werden Kontinuitäten und neue Herausforderungen deutlich.
A deeper understanding of the past and the present
Die Ausstellung führt anhand von Projekten des wegweisenden Architekten und Denkers Muzharul Islam (1923–2012) sowie einiger seiner Weggefährten in die Baukultur des Landes ein. Nach seinem Studienabschluss in Yale im Jahre 1961 realisierte Islam in Bangladesch wichtige öffentliche Bauten und war Gründungsmitglied der «Chetana Group», die «a deeper understanding of the past and the present [...] for laying the foundation of the future» zum Ziel hatte. Durch regelmässige Veranstaltungen lenkte die Gruppe die Aufmerksamkeit auf die Baukultur des Landes und machte diese sichtbar.
Neben dem Bewusstsein für die eigene Kultur stand Islams Anspruch eines interkulturellen Dialogs. Dass er beides zu einer Synthese bringen wollte, bewies er, indem er im Jahr 1962 die Planung des Parlaments mitsamt Regierungsviertel selbstlos an Louis I. Kahn (1901–1974) übertrug. Die Auswirkungen sind bekannt: Kahns Parlamentskomplex wurde zum Symbol der neuen Nation; seine Auseinandersetzung mit lokalen Typologien führte zu einer neuartigen Architektursprache. Als grosser Pavillon mit Hofstrukturen verbindet sich der Komplex mit der Landschaft: Wasser und Land, Innen und Aussen verschmelzen. Die Herangehensweisen Islams und Kahns werden zum wichtigen Bezugspunkt für das weitere Architekturschaffen.
Man has given regional quality to architecture
Die Präsentation aktueller Architekturströmungen zeigt den Bezug zu den kulturellen Wurzeln. Der Geist der Gründungszeit und die Ideale der «Chetana Group» mögen heute mehr Bedeutung denn je haben, denn «in response to specific geographic location, climate, environment and community behaviour, man has given regional quality to architecture». Anhand unterschiedlicher Bautypen werden regionale Qualitäten und die Handlungsspielräume der Architekten sichtbar gemacht. Mit innovativen Lösungen und ortstypischen Materialien finden diese Antworten auf lokale und klimatische Bedingungen.
Schulen in Form von leichten Zeltkonstruktionen oder Pavillonstrukturen aus Bambus und Holz schützen vor der unmittelbaren Witterung. Schwimmende Schulen und Spitäler erreichen auch entlegene Regionen. Flutresistente Siedlungen bewältigen den schwankenden Wasserpegel des Landes. Zyklonensichere Notunterkünfte aus widerstandsfähigen Materialien sind Symbol für Sicherheit und Schutz. Die Gebäude der SOS-Kinderdörfer aus Ziegelmauerwerk gruppieren sich um gemeinschaftliche Höfe. Museumsbauten, Moscheen und Resorts runden die Vielfalt der ausgestellten Projekte ab und veranschaulichen das Leben im Deltagebiet. Die Projekte bestechen durch die Einfachheit der Mittel – architektonische Themen stehen im Fokus: Raum, Lichtführung, Proportion.
Natur, Alltag, Kultur
Wie kann man, neben der umfassenden Präsentation von Geschichte und Architektur, auch die Atmosphäre dieses entfernten Landes in einer Ausstellung einfangen? Die Kuratoren schaffen mithilfe unterschiedlicher Medien einen vibrierenden Raumfluss: Eine räumlich-akustische Dichte entfaltet sich, die auf die Stimmungen des Landes verweist und die ausgestellten Projekte in dessen Kontext einbettet. Die mit einer Art Jali verkleideten Fenster und die Deckenventilatoren im ersten Raum lassen das tropische Klima erahnen. Hier wird das Programm der «Chetana Group», Kahns Parlamentskomplex, die Projekte Islams und seiner Weggefährten neben einigen älteren Bauwerken dokumentiert.
Die dann folgende Raumsequenz wird durch eine Pavillonstruktur aus Bambus gebildet, an der bedruckte und farbige Stoffe hängen. Auf diesen sind aktuelle Projekte zu sehen, die ausführlich in Fotografie (Iwan Baan), Zeichnung und Text erfasst sind – detaillierte Modelle ergänzen die Eindrücke. An den beiden Enden der Raumsequenz zeigen zwei Filmprojektionen Szenen aus Stadt und Land und füllen den Raum mit Geräuschen des Landes. Nebenbei gleitet der Blick nach draussen zum Basler Steinenberg – das Klingeln der Trams wechselt sich ab mit dem Hupen der Tuk-Tuks – zwei Welten treffen aufeinander. Eine geschickte räumliche Interpretation, die durch Farbakzente – «The Colour of Spice» von KABE Farben – zusätzlich aromatisch angereichert wird.
Der Ausstellung gelingt es – mit der Architektur als Hauptakteurin –, die globalen klimatischen Herausforderungen am bengalischen Kontext aufzuzeigen. Ein anregendes und ermutigendes Unterfangen. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Bengal Institute for Architecture, Landscapes and Settlements, Dhaka produziert. Sie wird begleitet von Vorträgen und Filmen; eine umfassende Publikation dokumentiert die Projekte in Text und Bild und liefert zusätzlich Hintergrundessays.
Bengal Stream. Die vibrierende Architekturszene von Bangladesch.
Bis 6. Mai 2018, Di, Mi und Fr 11.00–18.00 Uhr, Do 11.00–20.30 Uhr, Sa und So 11.00–17.00 Uhr
Schweizerisches Architekturmuseum, Steinenberg 7, 4051 Basel
Weitere Infos auf www.sam-basel.org