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Amtspflicht ohne Kirchenamt
Arlette Schnyder
Am 1. Oktober haben Martina und Daniel Holder-Franz ihr neues Amt als Pfarrer der Dorfkirche angetreten. Momentaufnahme und ein kirchengeschichtlicher Rückblick auf die Rolle von Riehener Pfarrfrauen.
Pfarrfrauen sind eine Erfindung der Reformation. Zwar hatten vor der Einführung des neuen Glaubens im 16. Jahrhundert viele Priester eine Haushälterin angestellt, um ihr Pfarrhaus zu bestellen, jedoch galt für die Geistlichen ein Eheverbot. Michael Raith weist in der Dorfchronik von 1972 darauf hin, dass dieses nicht immer eingehalten w urde und Konkubinarier unter den Priestern häufig waren. Nach den Vorstellungen Martin Luthers sollte sich dies gründlich ändern. Er betrachtete die Ehefrau des Pfarrers als einen wichtigen Teil des reformierten Pfarramtes und das geheime Konkubinat von Priestern sollte der heiligen Ehe der Pfarrleute weichen. über die erste Pfarrfrau Riehens wissen wir vor allem deshalb etwas, weil ihre Ehelichung eir) konfessionelles Zeugnis der Glaubenshaltung des Riehener Pfarrers Ambrosius Kettenacker war.
Agatha Niesslin - die erste Pfarrfrau Riehens Am 15. August 1528 wurde in der Dorfkirche Riehen die letzte katholische Messe gelesen. Am 22. August desselben Jahres traten Vertreter Riehens vor den Basler Rat und baten erfolgreich darum, sie zukünftig von der Messe zu verschonen. Damit hatte sich das Dorf Riehen für den neuen Glauben entschieden. Weshalb das?
Ambrosius Kettenacker, Leutpriester von Riehen, hatte beim Abt von Wettingen Geld eingeklagt, da dieser sich weigerte, Geld zur notwendigen Renovation des Pfarrhauses zu sprechen. Der erzürnte Abt verklagte seinerseits Kettenacker wegen unlauteren Glaubens und wollte ihn seines Amtes entheben. Ihm wurde vorgeworfen, er sei «Luttersch», habe eine Nonne bei sich im Haus und predige gegen die heilige Jungfrau Maria. Am 13. Februar 1524 musste Ambrosius Kettenacker vor der Tagsatzung in Luzern durch den Rat von Basel verteidigt werden. Der Rat von Basel bestrafte zwar Kettenacker mit fünf Tagen Haft und der Auflage, die Nonne zu entlassen, liess den Leutpriester aber in seinem Amt gewähren. Bald darauf finden wir die Nonne Agatha Niesslin als Ehegattin von Ambrosius Kettenacker in Quellen erwähnt. Man weiss bis heute nicht, ob es sich bei Agatha Niesslin um die gleiche Nonne handelte, die Kettenacker zuvor entlassen musste, oder ob er sich eine neue Nonne zur Ehepartnerin gewählt hatte. Niesslin war bereits 1525 der Austritt aus dem Kloster Gnadental zugebilligt worden. Wann Kettenacker mit ihr den Bund der Ehe schloss, wissen wir nicht. Gottlieb Linder, Schreiber der ersten Kirchengeschichte von Riehen-Bettingen, datiert die Hochzeit zwischen 1525 und 1527. Sicher ist, dass der Leutpriester mit seiner Ehe dem Rat Zwingiis folgte und damit ein Zeichen für den neuen Glauben setzte.
Margareta Euler-Bruckner Gastgeberin der ersten Konfirmanden
Den Eltern berühmter Kinder geht es nicht besser als den Kindern berühmter Eltern. Sie rücken ins Rampenlicht, weil sie in direkter Linie mit einer herausragenden Persönlichkeit stehen und man sich deshalb bemüht, ähnlichkeiten und Gründe für ihre Besonderheit zu finden. über den Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783) schrieb Michael Raith: «Nicht St. Petersburg und nicht Berlin allein haben Euler zu dem gemacht, der er war, sein Wesen wurzelt vielmehr im geistigen Urgrund seiner Vaterstadt.» Im väterlichen Haushalt habe Euler eine gewisse Praxis Pietatis gelernt. Riehen war für den berühmten Mathematiker allerdings nur sehr kurz eine Heimat und der Einfluss des Elternhauses vielleicht eher gering: Mit fünf Jahren wohnte er bei Verwandten in Basel, um hier eine gute Schule besuchen zu können, mit dreizehn war er bereits Student und mit zwanzig Jahren wurde er als Professor nach St. Petersburg berufen. Seine Mutter, Margareta Bruckner (1677-1761), heiratete 1706 den im Pfarramt zu St. Jakob an der Birs stehenden Paulus Euler und ein Jahr später, 1707 brachte sie Leonhard zur Welt. 1708 wurde Pfarrer Euler nach Riehen berufen und zog mit seiner jungen Familie von der Stadt ins Dorf. Wie es damals im Pfarrhaus ausgesehen haben mag, wird aus einer Bittschrift um eine Renovation aus dem Jahr 1712 sichtbar: «Dasselbe enthält nur zwei Stuben, nämlich eine Studierstube und eine Wohnstube. Der Vorgänger im Amt, der zwei Jahre krank gewesen, musste in der Wohnstube unter neun Kindern im Bette sein. Pfarrer Euler selbst teilt die grosse Zahl der Communicanten und hat einen Candidaten, für den er eine Stube in der Nachbarschaft entlehnen muss. Er hat die Vorkinderlehre eingeführt und muss sie in einem kalten Gemacht halten; die Studierstube zuoberst im Haus würde die Kinder nicht fassen.» Die Pfarrfrau hatte in den wenigen Räumlichkeiten für das Hauswesen zu sorgen, auch der auswärts schläfende Vikar, hier Candidat genannt, musste von ihr verköstigt werden. Vor allem aber hatte sie Vorbild für die Gemeinde zu sein. David Gugerli beschreibt dies in einer Studie zum Pfarrhaus im 18. Jahrhundert: «Ein besonders christlicher Mann, der ein Pfarrer von Amtes wegen zu sein hat, muss auch eine besonders christliche Familie haben.»
1725 wurde mit einer neuen Kirchenordnung für die Landschaft Basel die Konfirmation in den reformierten Gemeinden verbreitet. Pfarrer Euler, der bereits 1712 nachweislich im Pfarrhaus eine Vorkinderlehre und «Communicanten» unterrichtet hatte, war sehr beflissen und führte 1725 einen obligatorischen Unterricht zur Zulassung zum Abendmahl ein. Die eigentliche Konfirmation wie der Unterricht fanden im Pfarrhaus statt. Erst ab 1730 verschob Euler die Feier in die Kirche, damit die ganze Gemeinde der Konfirmation, die als Eintritt ins Erwachsenenalter galt, beiwohnen konnte. Ob wohl die Pfarrfrau erleichtert war, die Konfirmationsfeier nicht mehr bei sich im Haus zu haben?
Margareta Euler blieb in Riehen bis zum Tod ihres Mannes 1745. Der Tod eines Pfarrers bedeutete für alle im Hause wohnhaften Familienmitglieder die Auflösung des bisherigen Heimes, denn das Pfarrhaus war die Amtswohnung, die an den Nachfolger überging. Margareta Euler zog zunächst nach Basel und 1750 wagte sie gar die Reise nach Berlin, um dort bei ihrem jüngsten Sohn zu wohnen, wo sie 1761 starb. Die Heimat einer Pfarrfrau durfte kaum an einen Ort gebunden sein, sie löste sich immer wieder auf. Bleibend waren die Verbindungen mit Familienangehörigen und theologisch nahe stehenden Menschen.
Anna Louise Ernestina Tobler-Iselin Organisatorin und Diplomatin Pfarrfrauen dienten nicht nur als Vorbilder für die Kirchgemeindemitglieder, sondern waren oft auch begnadete Organisatorinnen. Anna Louise Iselin (1868-1935), in Riehen tätig von 1890-1925, war Mutter von sechs Söhnen und Vorsteherin eines Haushaltes, der regelmässig bedeutende Gäste und bedürftige Menschen zu verpflegen hatte. Wie wenig sich der Herr Pfarrer um häusliche Angelegenheiten kümmern musste, wird aus einem Brief aus der wackernagelschen Familienstiftung im Staatsarchiv Basel sichtbar, in welchem Pfarrer Iselin 1892 an seinen Onkel, den Historiker Rudolf Wackernagel, schrieb: «Noch ganz ahnungslos hatte ich gestern auf der Strasse mit Dir von Urkundenlesen und Briefen gesprochen und seit heute Vormittag 7 Uhr haben wir nun schon einen zweiten, muntern Buben im Haus.» Während sich der Pfarrer seiner Gemeinde und wissenschaftlichen Fragen zuwandte, sorgte die Frau für die existenziellen Belange im Pfarrhaus. In erster Linie hatte sie um den Nachwuchs besorgt zu sein, organisierte das gesamte Hauswesen, war verantwortlich für die Einkünfte, die durch die Erträge der Obstbäume auf der zum Pfarrhaus gehörenden Matte einkamen, organisierte Notunterkünfte für Bedürftige und Angehörige in Notzeiten, so zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs, und schnürte zu Weihnachten unzählige Pakete. Selbstverständlich war sie in Frauenkränzchen und Frauenvereinen aktives Mitglied, hatte den Mann sonntäglich im Chorgesang zu unterstützen, vertröstete die auf den abwesenden Pfarrer wartenden Bittsteller auf später und entschied, wem eine Gabe zukam, wenn jemand seine Notsituation vortrug.
Eine wohl nicht einfache Situation traf die Pfarrfrau in der Gemeinde Riehen an, als sie gemeinsam mit ihrem Mann 1890 ins Pfarrhaus zog. Durch den Kulturkampf der 1880erJahre war die Kirchgemeinde beinahe getrennt worden. 1874 erhielt die Schweiz eine revidierte Bundesverfassung und Basel eine neue Kirchenordnung. Die Bundesverfassung brachte die Glaubens- und Gewissensfreiheit und in BaselStadt wurde mit der Kirchenordnung erstmals eine evangelisch-reformierte Kirchensynode als kantonales Kirchenparlament gewählt. Da auch die Wahl der Kirchenvorstände und des Pfarrers seit 1874 durch alle stimmberechtigten Kirchgemeindemitglieder erfolgte, wurde es möglich, dass im traditionell konservativen Riehen bereits 1875 ein «Liberaler» zum Pfarrer ordiniert wurde. Anhänger der aufkommenden Reformtheologie oder der liberalen Ausrichtung entsprachen dem politischen Freisinn, während die pietistische oder auch «positive» Ausrichtung der politischen Gruppierung der Konservativen zugeordnet werden konnte. Die Kulturkämpfe zwischen Positiven und Freisinnigen führten in Riehen quasi zu einer Spaltung der Kirchgemeinde.
So richteten die Positiven einen Separatgottesdienst und einen eigenen Konfirmationsunterricht im Diakonissenhaus ein. Der erste liberale Pfarrer demissionierte bereits nach einem Jahr. Auch während der Amtszeit des darauf folgenden Reformtheologen Johann Gottlieb Linder (18421912) hielt die Trennung an. Erst mit dem Amtsantritt Ludwig Emil Iselins (1861-1925) konnte die Gemeinde wieder zusammengeführt werden. Wie viel Fingerspitzengefühl brauchte es wohl für die Pfarrfrau, dass sich alle im Pfarrhaus aufgenommen fühlten? Was unternahm sie, um die zerstrittenen Parteien zusammenzuführen? Wir wissen es nicht. Jedoch ist anzunehmen, dass ihre Strategien beim Einkauf, Kaffee mit den richtigen Frauen und Spenden bei den unterschiedlichen Frauenvereinen ebenso diplomatische Schachzüge waren wie Pfarrer Iselins Gratwanderung zwischen Positiven und Liberalen in Sitzungen und bei Predigten.
Von der getreuen Helferin zur ebenbürtigen Partnerin Wie stark sich das seit der Reformation verselbständigte Bild der Pfarrfrau bis ins 20. Jahrhundert festgesetzt hat, wird aus dem Nachruf der Pfarrfrau Dora Brefm-Oser in der «Riehener Zeitung» am 17. Juli 1953 deutlich: «Während mehr als zwei Jahrzehnten war die Heimgegangene Pfarrfrau unserer Kirchgemeinde. Dabei bewährte sie sich stets als vorbildliche Vertreterin des Standes der protestantischen Pfarrfrau, die ihrem Ehemann getreulich hilft, die Lasten und Sorgen des Pfarramtes zu tragen. Sie konnte das so gut, weil ihr die Gabe verliehen war, leicht den Zugang zu den Herzen der Mitmenschen zu finden. Darum ging so manche betrübte Seele zu ihr, um Rat und Trost zu holen. Weil sie das Vertrauen vieler besass, so war sie vielen eine Gemeindemutter. Sie kannte ihre Amtspflicht; zwar hatte sie weder ein gesetzlich begründetes Kirchenamt, noch war sie durch eine kirchliche Amtsordnung gebunden. Doch war es für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie diente, wann immer wieder um der Kirchgemeinde willen Arbeit von ihr verlangt wurde.» Die Rolle, welche die Pfarrfrau spielte, war nicht ganz einfach. Sie musste einem Ideal entsprechen, das den privaten Raum zum weiblichen Raum Wenn nun ein Pfarrehepaar im Gemeindekreis Riehen Dorf seine Arbeit aufgenommen hat, so ist dies nicht in der Tatsache des Jobsharings eine Revolution, sondern im Umstand, dass beide dieselbe Ausbildung mitbringen und einander ebenbürtig sind, dass beide einen Anstellungsvertrag erhalten und für ihre Arbeit bezahlt werden. Das Pfarrhaus an der Kirchstrasse ist damit gewissermassen in der heutigen Zeit angekommen.
Wird nun eine Frau Pfarrerin einer Gemeinde - in Basel kam dies 1960 zum ersten Mal vor -, so ist sie ebenso auf die freiwillige Mitarbeit Nahestehender angewiesen. Das Pfarrehepaar Holder-Franz teilt sich die Hundertprozentstelle auf: zwei Drittel übernimmt Daniel Holder, ein Drittel Martina Holder-Franz. Die ungeschriebenen Prozente der einstigen Pfarrfrauen werden im unscharfen Bereich zwischen Kindern, Küche und Kirchenamt abgedeckt.
Literatur:
• Gugerii, David, Zwischen Pfrund und Predigt. Die protestantische Pfarrfamilie auf der Zürcher Landschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert, Zürich 1988.
• Iselin, Ludwig Emil: Geschichte des Dorfes Riechen: Festschrift zur Jubiläumsfeier der 400-jährigen Zugehörigkeit Riehens zu Basel 1522-1922. Basel 1923.
• Linder, Gottlieb: Geschichte der Kirchgemeinde Riehen-Bettigen, Basel 1884.
• Raith, Michael, Kirchengeschichte Riehen, in: Bruckner, Albert: Riehen. Geschichte eines Dorfes. Zur Feier der 450-jährigen Zugehörigkeit Riehens zu Basel, 1522-1972, Riehen 1972.
• Raith, Michael, Der Vater Paulus Euler - Beiträge zum Verständnis der geistigen Herkunft Leonhard Eulers, in: Leonhard Euler 1707-1783. Beiträge zu Leben und Werk, Gedenkband des Kantons Basel-Stadt, Basel 1983.
• Roth, Dorothea: Die Politik der Liberal-Konservativen in Basel 1875-1914, Neujahrsblatt der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige, Basel 1988.
• Schorn Schütte, Luise: Gefährtin und Mitregentin, Zur Sozialgeschichte der evangelischen Pfarrfrau in der frühen Neuzeit, in: Heide Wunder, Christina Vanja, Wandel der Geschlechterbeziehungen zu Beginn der Neuzeit, Frankfurt 1991.
• Schnyder, Arlette: Geschwistergeschichten. Alltagsgeschichte des Geschwisternetzwerks einer Schweizer Pfarrfamilie 1910-1950, Baden 2008.