Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/2947

- Details
- Veröffentlicht: 22. August 2018
Noch in der Jungsteinzeit tauchte ein neuer, revolutionärer Werkstoff auf: das Kupfer. Erstmals war es möglich, dauerhafte leicht und präzise formbare Gegenstände herzustellen. Nach und nach lernten die Menschen, die Eigenschaften des Metalls durch Legierungen zu verändern. Unter der Zugabe von Zinn entstand die wesentlich härtere Bronze. Diese Erfindung leitete eine neue Epoche ein: die Bronzezeit. Der neue Werkstoff ersetzte Silex für die Herstellung zahlreicher Gerätschaften wie Messer, Dolche und Beile und ermöglichte neue Zier- und Schmuckformen. Kupfererze kommen in den Vogesen, im Schwarzwald und in den Alpen vor, weshalb die Beschaffung dieses Rohmaterials wenig Probleme bereitet haben dürfte. Für Zinn liegen dagegen die geografisch nächsten Abbaugebiete im Erzgebirge, im westlichen Mittelmeerraum (Sardinien, Spanien) und im nordatlantischen Gebiet (Bretagne und Cornwall). Der grosse Bedarf an diesen Rohstoffen, aber auch an verschiedenen Spezialisten rund um Abbau, Handel und Verarbeitung führte vermutlich zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Der Zugang zu den neuen Rohstoffen, aber auch Handel und technologisches Wissen machten wohl einige reich und mächtig. Die Handelswege mussten gesichert werden, den neuen Reichtum galt es zu verteidigen. Neue Waffen – Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme – zeugen von kriegerischen Zeiten. Man begann daher, Siedlungen zusätzlich zu schützen und Berghöhen zu befestigen: die hohe Zeit des Wartenbergs.
Der Wartenberg – geologisch gesehen ein Ausläufer des Gempenplateaus – bildet eine wichtige, weithin sichtbare Landmarke, heute durch nicht weniger als drei Burganlagen gekrönt. Doch schon in prähistorischer Zeit wussten die Menschen die beherrschende und zugleich gut geschützte Lage zu schätzen. Da durch die mittelalterlichen Burganlagen mit ihren hauptsächlich in den 1930–60er-Jahren getätigten Grabungs- und Renovationsarbeiten ältere Siedlungsspuren zerstört wurden, lässt sich das Ausmass der urgeschichtlichen Besiedlung indes nur erahnen. Einzelfunde belegen eine erste Besiedlung noch in der späteren Jungsteinzeit. Funde der Früh-, Mittel- und Spätbronzezeit sprechen dafür, dass der Wartenberg danach
ohne nennenswerte Unterbrüche besiedelt blieb. Nach der Streuung der Funde zu schliessen war zeitweilig der ganze Bergrücken bis zur hinteren Burg besetzt, wo er wohl durch Wall und Graben gesichert war.
Bronzezeitliche Funde aus den Altgrabungen vom Wartenberg: Sichelklinge, Amulett-Rädchen, Zierspirale und -blech sowie mehrere Pfeilspitzen aus Bronze. Das grössere Rädchen hat einen Durchmesser von 3,6 cm. Foto Archiv Archäologie BL
Gemäss dem Ausgräber Ernst Kull soll der gesamte Hügel von einer 2–3 Meter dicken Trockenmauer umgeben gewesen sein. Im Innern seien Hütten an die Mauern angelehnt, was sich daraus ergäbe, dass die fundreichsten Stellen immer direkt hinter den Mauern gelegen hätten. Heute würde man diesen Befund etwas nüchterner als «Sedimentfallen» bezeichnen: fundführende Kulturschichtreste, die sich durch die andauernde Erosion hinter einem grösseren Hindernis ansammelten. Solange keine konkreten Bebauungsspuren nachgewiesen sind, was angesichts der damals üblichen Holzbauweise nur mit subtilsten Grabungsmethoden gelänge, muss offen bleiben, wie die Besiedlung des Wartenbergs wirklich ausgesehen
hat. Eine Vorstellung der Bautechniken geben die teilweise gut erhaltenen Hausbefunde aus den Ufersiedlungen der Schweizer Mittellandseen. Weitere Fundstellen der Bronzezeit fanden sich in Muttenz am Fuss der Rütihard Unterwart/Stettbrunnen), im Zinggibrunn – beides Siedlungsstellen, die auch noch in der nachfolgenden Eisenzeit aufgesucht wurden –, nördlich Freidorf an der Grenze zu Basel und vermutlich im Bereich Gartenstrasse/Kriegackerstrasse.
Auch vereinzelte Grabfunde aus der Spätbronzezeit sind in Muttenz bezeugt. Sie waren der damaligen Zeit entsprechend ursprünglich vermutlich einmal Teil von grösseren Friedhöfen: so im Lutzert 1981, wo Reste eines Urnengrabes mit Keramikbecher und -schale nachgewiesen sind. Weitere bronzezeitliche Grab- und Einzelfunde liegen aus den Gebieten Schänzli/Käppeliboden und in der Lachmatt vor.
Grabfunde der späten Bronzezeit vom Schänzli/Käppeliboden: Gewandnadeln, Armringe und Schwert. Das Schwert hat eine Länge von 45,6 cm. Foto Archiv Archäologie BL
Um 800 v. Chr. gewann mit dem Eisen ein weiterer Werkstoff an Bedeutung: Die ältere Eisenzeit (Hallstattzeit) begann. Eisen hat gegenüber der Bronze gewichtige Vorteile: Es ist härter, elastischer und das dafür nötige Eisenerz ist
viel weiter verbreitet. Die Menschen begannen vor allem Werkzeuge und Waffen, teilweise auch Trachtbestandteile wie Gewandnadeln (sog. Fibeln) aus dem neuen, begehrten Material herzustellen. Bronze blieb aber für die
Herstellung vieler Gegenstände wichtig. Da Eisenerz auch im Jura vorkommt, ist mit einer lokalen Verhüttung, Vermarktung und Verarbeitung dieses Rohmaterials zu rechnen. Deren Kontrolle und Organisation führte vermutlich
zu lokalen Machtzentren. Dabei sind auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Ordnung anzunehmen.
Der Wartenberg behielt auch in der älteren Eisenzeit seine herausragende Stellung. Die Besiedlung beschränkte sich damals – falls die unklare Überlieferung nicht täuscht – auf die nördliche, am weitesten ins Tal hinausragende Hälfte des Bergrückens; der Bereich, wo später die Burg «Vorderer Wartenberg» errichtet wurde. Möglich ist, dass er wie andere Höhensiedlungen einen so genannten «Fürstensitz» darstellte. Dieser Begriff bezeichnet Höhensiedlungen mit besonderen Siedlungsfunden, wertvollen Importen aus dem Süden, die auf Kontakte mit den dortigen Machtzentren wie der im ausgehenden 7. Jahrhundert v.Chr. gegründeten griechischen Kolonie Massalia (Marseille) oder den etruskischen Städten Norditaliens hinweisen. Sie sind Anzeiger einer besonderen wirtschaftlichen Bedeutung dieser Siedlungen beziehungsweise ihrer Einwohner oder einer Führungselite. Solche Siedlungen sind am Ende der Hallstattzeit und zu Beginn der jüngeren Eisenzeit (Latènezeit) in Südwestdeutschland, Ostfrankreich und in der West- und Ostschweiz fassbar. Auf dem Wartenberg selber fehlen allerdings (vorerst?) die für einen «Fürstensitz » charakteristischen, wertvollen Südimporte. Jedoch
zeigt das Fragment eines bronzenen Importgefässes aus einem Grabfund in der Hard, dass zumindest ganz am Ende der älteren Eisenzeit durchaus mit solchen Handelsbeziehungen mit dem Mittelmeerraum zu rechnen ist.
In der Ebene, im Vorfeld des Wartenbergs, fand man verschiedenenorts auch Gräber der späten Hallstatt- und beginnenden Latènezeit. Typische Bestattungsformen waren Körper- und Brandbestattungen, über denen ein Grabhügel aufgeschüttet wurde. Zwei grosse Hügel im Hardhäuslieinschlag und im Bitzenenschlag wurden bereits 1841 durch den Basler Professor Wilhelm Vischer-Bilfinger untersucht. Weitere sind aus dem benachbarten Pratteler Bann bekannt.
Bild und Text: Archäologische Bodenforschung Basel.
Muttenz-Hardhäuslischlag: Um 500 v. Chr. bestattete die Elite ihre Toten unter grossen Grabhügeln. Der künstliche Hügel, der schon um 600 v. Chr. angelegt worden war, diente während Jahrzehnten als Begräbnisplatz und barg mindestens zehn
Nachbestattungen. Er ist heute noch im Gelände sichtbar.
Eine Fibel sowie Arm und Fussringe zeugen von der Kleidung einer im Grabhügel vom Hardhäuslischlag bestatteten Frau. Die Fussringe haben einen Innendurchmesser von 11 cm. Foto Archiv Archäologie BL
Nach der frühen Latènezeit ging die Bedeutung des Wartenbergs zurück. Gut möglich, dass er in den unruhigen Zeiten der späteren Römerzeit wie viele andere Jurahöhen der Region nochmals als Rückzugsort diente, doch fehlen bisher eindeutige Beweise. Erst im Mittelalter gewann er wieder an Bedeutung.
Satyrkopf aus dem Mittelmeerraum. Der noch 12 cm hohe Beschlag eines bronzenen Weingefässes (Stamnos), gefunden in einem Grabhügel im Hardwald zwischen Muttenz und Pratteln, stammt aus dem Etruskerland. Solche Gefässe werden normalerweise in reich ausgestatteten «Fürstengräbern» gefunden. Der Grabhügel in der Hard war bei der Auffindung jedoch bereits geplündert. Er datiert an den Beginn der Latènezeit. Foto Archiv Archäologie BL
Literatur:
Die Grabhügel in der Muttenzer und Pratteler Hard bei Basel, Geneviève Lüscher, Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 1985