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Die Südkoreranerin Ye-Eun Choi gilt als eines der vielversprechendsten Geigentalente, das der Kontinent Asien hervorgebracht hat. Seit ihrer Entdeckung durch Anne-Sophie Mutter hat sie mit ihrer Virtuosität die Welt und die Herzen der Musikfreunde erobert – am 7. November auch jene der Lilienberg Freunde, als sie am letzten Rezital im Jahr 2017 zusammen mit dem russischen Ausnahmepianisten Georgy Tchaidze je eine Violinsonate von Beethoven und von Schumann spielte.
Ye-Eun Choi steht längst im Fokus der Öffentlichkeit und hat sich durch Preise der höchst dotierten internationalen Wettbewerbe in die höchste Liga der klassischen Musik katapultiert. Ihre umfangreiche Konzerttätigkeit führte die Künstlerin immer wieder auf grosse Podien rund um den Globus. Für Gastgeberin Susanne Rau-Reist und Moderator Andreas Müller-Crepon war es deshalb eine besondere Ehre, die 29-jährige Ye-Eun Choi zusammen mit dem gleichaltrigen Pianisten Georgy Tchazidze im Lilienberg Zentrum zu einem virtuosen Sonatenabend für Geige und Klavier willkommen zu heissen. Auf dem Konzertprogramm standen Kompositionen von Beethoven und Schumann.
Klavier und Violine auf Augenhöhe
Ludwig van Beethoven, selbst auch Pianist, schrieb insgesamt zehn Sonaten für Violine und Klavier. Die Nummer 3 op. 12 in Es-Dur, die Ye-Eun Choi und Georgy Tchazidze auf Lilienberg spielten, hatte Beethoven als 27-Jähriger publiziert. Er setzte dabei bei Mozart an, der als versierter Geiger begonnen hatte, die Violin-Stimme zu emanzipieren, sprich die Violine von einem bis dahin begleitenden zu einem gleichberechtigten Partner des Klaviers zu entwickeln. Der Dialog zwischen dem Klavier und der Violine prägt deshalb diese Sonate. Seinem Vorbild Mozart folgte Beethoven übrigens auch in Bezug auf die Anzahl und den Aufbau der Sätze mit dem etablierten dreisätzigen Typus: Allegro in Sonatenform, dann ein langsamer Satz und am Schluss ein Rondo.
Für Beethoven lag das Anknüpfen an Mozart bei der Violinsonate auf der Hand, denn schon als Jugendlicher hatte er in Bonn die Auernhammer-Sonaten Mozarts studiert. Noch im 20 Jahre später veröffentlichten Opus 12 ist die Nähe zu diesen von ihm so geliebten Mozart-Werken zu spüren.
Schumanns Sonate strotzt vor Kraft
Nicht zehn, sondern nur drei Violinsonaten schrieb Robert Schumann. Nachdem diese lange Zeit kaum der Rede wert gewesen und von den Musik-Kommentatoren als schwache Werke bezeichnet worden waren, sind sie heute als hervorragende Zeugnisse von Schumanns spätem Stil anerkannt. Die Sonaten werden vor allem von den Interpreten geschätzt. Das gilt auch für Yo-Eun Choi und Georgy Tchaidze. Sie präsentierten Schumanns zweite Violinsonate in d-Moll, die im Herbst 1851 entstanden war – nur wenige Wochen nach der ersten. «Die erste Sonate hat mir nicht gefallen; da habe ich denn noch eine zweite gemacht, die hoffentlich besser geraten ist», soll Schumann einst gesagt haben. Die viersätzige «Grosse Sonate», eine der schönsten Schöpfungen dieser Zeit, strotzt nur so vor Kraft und endet in strahlendem D-dur. Das vor allem im rasanten Finale hochvirtuose Werk zeichnet sich durch die enge thematische Verzahnung der Einzelsätze aus. Moderator Andreas Müller-Crepon verglich den Aufbau der Sonate mit der architektonischen Ausgestaltung des Lilienberg.
Schumann hatte die Sonate dem als «Fürst der Geiger» bezeichneten Konzertmeister des Leipziger Gewandhaus-Orchesters, Ferdinand David, gewidmet. Sie besticht auch durch grossartige Melodik in den Ecksätzen und vor allem durch die wunderbare Eingebung des ungewöhnlichen dritten Satzes.
Beeindruckende Virtuosität
Ye-Eun Choi überzeugte in beiden Sonaten und auch in der Tschaikowsky-Zugabe mit ihrem reifen Spiel und dem erlesenen Geigenton. Sie zeichnete sich durch einen einzigartigen Klang aus; ein reiches, warmes Timbre, das sich aus einer hoch sensitiven Klanggebung und einem dynamischen Enthusiasmus zusammensetzt: eine Kombination, die man nur selten findet. Es erstaunt deshalb nicht, dass ihr farbenvolles, expressives Spiel, ihre Lyrik und ihre beeindruckende Virtuosität von den internationalen Medien immer wieder gefeiert werden. Auch das Lilienberg Publikum zeigte sich begeistert. Und der russische Jungpianist Georgy Tchaidze bewies, dass er als Ausnahmekönner über eine feine Sensibilität und eine perfekt ausgereifte Technik verfügt.
Lilienberg Rezital vom 7. November 2017 mit Ye-Eun Choi (Violine) und Georgy Tchaidze (Klavier); Gastgeberin: Stiftung Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Andreas Müller-Crepon.
Die Künstler
Ye-Eun Choi studierte an der Hochschule für Musik und Theater in München. Schon früh wurde ihre aussergewöhnliche Begabung von Anne-Sophie Mutter erkannt und gefördert. Die Anne-Sophie Mutter Stiftung stellte ihr eine kostbare Violine zur Verfügung; der Freundeskreis der Stiftung bedachte sie mit einem Stipendium. 2007 wurde Ye-Eun Choi von der American Symphony Orchestra League in der Kategorie «Rising Star» ausgezeichnet. 2013 erhielt sie den Nachwuchspreis des Europäischen Kulturpreises.
Ye-Eun Choi konzertierte mit den New Yorker Philharmonikern und mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Daneben musizierte sie als Solistin unter anderem mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Royal Philharmonic Orchestra. Mit dem Seoul Philharmonic Orchestra trat sie in einem Ehrenkonzert der Regierung zum Nationalen Tag der Befreiung Koreas auf. Sie spielt heute eine Geige, die aus Privatbesitz in Korea stammt.
Georgy Tchaidze erhielt als 7-Jähriger Violin-und Klavierunterricht und wurde zuerst zweigleisig ausgebildet; er entschied sich dann aber für das Tasteninstrument. Er absolvierte ein Studium am Balakirew-Konservatorium, am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und, als Postgraduierter, an der Berliner Universität der Künste. Sein grösster Wettbewerbserfolg war der Erste Preis bei der kanadischen «Honens International Piano Competition» 2009.
Tschaidze gastierte in den vergangenen Jahren unter anderem beim Lucerne Festival, beim Toronto Summer, beim Verbier Festival und beim Septembre Musical in Montreux. Als Kammermusiker konzertiert er regelmässig mit dem kanadischen Cecilia String Quartet und dem Borodin Quartet.
Ye-Eun Choi und Georgy Tchaidze lernten sich auf einer Kreuzfahrt mit der MS Europa kennen.