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DIE SAGE VON

WILHELM TELL
Kein anderer Schweizer ist so bekannt wie Wilhelm Tell, der Nationalheld - dank Friedrich von Schillers klassischem Drama Wilhelm Tell. Sein Bild findet sich auf der Rückseite jedes 5 - Franken - Stücks, doch ob er wirklich gelebt hat, ist heftig umstritten. Für die einen Symbol der schweizerischen Unabhängigkeit und Freiheit für die anderen ein dänisches Märgen oder ein Mythos.
Wilhelm-Tell-Denkmal in Altdorf
(Hauptort des "Tellenkantons" Uri),
Errichtet 1895. Man beachte die Jahreszahl 1307.
Die erste Tellskapelle auf der Tellsplatte, wo Wilhelm Tell der Sage nach vom Nauen gesprungen sein ist, soll bereits 1388 gebaut worden sein, urkundlich belegt ist eine Tellskapelle allerdings erst 1516 (Angabe Orientierungstafel der Gemeinde Sisikon; in der Tellskapelle selbst wird dagegen die erste Urkunde auf 1530 datiert. Das Jahr 1388 markiert mit der letzten grossen Schlacht von Näfels (Kanton Glarus) die definitive Behautptung der Urschweiz gegen die Grafen von Habsburg, das Jahr 1516 gemahnt an das Ende der schweizerischen Grossmachtträume mit der Niederlage von Marignano 1515.)
Die Tellskapelle wurde im 16. Jahrhundert zu einem Wallfahrtsort. 1719 schuf Leonz Püntener Wandbilder zur Tellsgeschichte, die heute im Schloss A Pro in Seedorf UR zu sehen sind. 1879 wurde die heutige, zum Vierwaldstättersee hin offene Kapelle errichtet. Vier grosse Fresken des Basler Historienmalers Ernst Stückelberger zeigen den Apfelschuß, den Tellensprung, den Tyrannenmord am Landvogt Geßler und den Rütlischwur.

Überlieferung und Datierung
Die Zeitgenossen der ersten Eidgenossen hielten es nicht für nötig, etwas vom Gesslerhut, vom Apfelschuss, vom Tellensprung, vom Tyrannenmord in der Hohlen Gasse bei Küssnacht am Rigi und vom Rütlischwur schriftlich festzuhalten. Der Bundesbrief von 1291 ist jedenfalls nicht die schriftliche Urkunde vom Rütli, sondern ein Vorläufer des Rütlibundes, während schon die älteste Tradition die Taten Tells und den Rütlischwur auf das Jahr 1307 datiert. Erst um 1890 beschloss das Bundesparlament gegen den Widerstand der Urkantone, Rütlischwur und Bundesbrief gleichzusetzen und am 1. August 1891 eine 600-Jahr-Feier abzuhalten. Die Urner errichteten 1895 das Telldenkmal in Altdorf und meisselten darauf zum Trotz nochmals die althergebrachte Jahreszahl 1307 ein. Die älteste bekannte schriftliche Quelle ist das so genannte "Weisse Buch von Sarnen", in dem der Landschreiber Hans Schriber aus Obwalden um 1470 Urkunden und Erzählungen zum Ursprung der Eidgenossenschaft zusammen stellte.

Der Apfelschuss
Landvogt Geßler treibt in der Talschaft Uri Steuern für die Grafen von Habsburg ein. Um deren Herrschaftsanspruch zu unterstreichen, pflanzt er seinen Hut auf einer Stange auf dem Dorfplatz von Altdorf auf und verlangt, dass jeder Vorbeigehende diesen grüßt. Wilhelm Tell, ein mit einer Armbrust bewaffneter Jäger, verweigert den Gruß. Gessler weiss, dass Tell ein Meisterschütze ist und stellt ihn vor die Wahl, entweder einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter zu schiessen oder zu sterben. Tell besteht die Probe, hat aber noch einen zweiten Pfeil bereit. Er gibt freimütig zu, dass er damit Gessler erschossen hätte, wenn der Apfelschuss misslungen wäre.

Der Tellensprung
Wilhelm Tell wird in Ketten gelegt und in einem Nauen auf dem Vierwaldstättersee zu Gesslers Burg in Küsnacht am Rigi gebracht werden. Noch im oberen Seeteil, dem Urnersee auf der Höhe des Axen-Berges kommt ein heftiger Föhnsturm auf. Die ortsfremden Knechte f¨rchten um ihr Leben, binden Tell los und übergeben ihm das Steuer, damit er sie sicher an Land bringe. Das gelingt auch, doch Tell rettet sich allein mit einem Sprung auf die Tellsplatte und stösst das Schiff in die tosenden Fluten zurück.

Der Tyrannenmord in der Hohlen Gasse"Das ist Tells Geschoß"
(Geßler, in: Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, 4. Aufzug, 3. Szene)
Wilhelm Tell eilt auf dem Landweg nach Küssnacht am Rigi lauert dem Landvogt Gessler in der "Hohlen Gasse" auf und erschiesst ihn aus dem Hinterhalt.
(Die Hohle Gasse zwischen Immensee und Küssnacht a. Rigi wurde übrigens 1937 unter dem Eindruck der breit empfundenen nationalsozialistischen Bedrohung mit Spendengeldern aufgekauft und restauriert, um den Freiheitswillen der Schweiz zu demonstrieren.)

Der RütlischwurNach Hans Schriber trafen sich der 1303 urkundlich als Landammann von Schwyz erwähnte Rudolf Stauffacher, Walter Fürst aus Uri und Arnold vom Melchtal
"und klagte ein jeglicher dem anderen seine Not und seinen Kummer, ... Und als die drei einander geschworen hatte, da suchten sie und fanden einen nid dem Wald, ... und schwuren einander Treu und Wahrheit, und ihr Leben und ihr Gut zu wagen und sich der Herren zu erwehren. Und wenn sie etwas tun und vornehmen wollten, so fuhren sie für den Mythen Stein hin nachts an ein End, heisst im Rütli ..."(Weisses Buch, zitiert nach Chronik, S. 145)
Eine Generation nach dem Weissen Buch von Sarnen wurde der Stoff im Urner Tellspiel für die Bühne aufgearbeitet. Später erscheint er in den ersten grossen helvetischen Geschichtswerken der Aufklärungszeit, u.a. im 1734 von Aegidius Tschudi veröffentlichten Chronicon Helveticum.
Auffallenderweise enthält die Sage von Wilhelm Tell gleich mehrfach Elemente, die an mittelalterliche Gottesurteile erinnern.
Man wird daraus (in Übereinstimmung mit der Darstellung Tells als Held) schliessen dürfen, dass der Sage von Wilhelm Tell von ihren Verfassern die Funktion zugedacht wurde, die Unabhängigkeit der Alten Eidgenossenschaft von den Habsburgern gewissermassen als "von allerhöchster Stelle abgesegnet" zu rechtfertigen.
Das klassische Drama Wilhelm Tell aus der Feder des deutschen Dichters Friedrich von Schiller, 1804 am Hoftheater in Weimar uraufgeführt, ist zweifellos die berühmteste literarische Bearbeitung des Stoffes. Heute noch finden u.a. jährlich in Interlaken die Tellspiele statt, etwas seltener auch in Altdorf. Auch bei den Auslandschweizern ist die Tell-Tradition lebendig. So wird z.B. in New Glarus, USA, jedes Jahr am ersten Septemberwochenende das Wilhelm-Tell-Fest gefeiert.
Die Thematik des Tyrannenmordes ist bei Friedrich von Schiller die dichterische Verarbeitung und Steigerung eines persönlichen Schicksals: Schiller wollte eigentlich Pfarrer werden, im absolutistischen Staat des Landesfürsten Herzog Karl Eugen wurde aber jedem Untertanen diejenige Laufbahn zugewiesen, in der er dem Ansehen und Nutzen des Staates nach dem Plan des Fürsten am besten dienen würde. So musste Schiller zuerst Recht, später Medizin studieren. In den frühen Werken Schillers, v.a. Die Räuber kommen seine Wut und sein Freiheitsdrang noch direkter und ungestümer zum Ausdruck als im Drama Wilhelm Tell, das zu Schillers Spätwerk zählt.
Tell steht stellvertretend für die Eidgenossen, er sieht den
Tyrannenmord als gerechtfertigt an, wo der Despot in seiner
Willkür Unmenschliches fordert:
Nein eine Grenze hat Tyrannenmacht:
(Stauffacher auf dem Rütli, in: Friedrich von Schiller,
Wilhelm Tell, 2. Aufzug, 2. Szene)
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last - greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen, unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst -
der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht -
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben
Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen Gewalt - Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!
Mehr: Friedrich von Schiller: Das Drama Wilhelm Tell. Zusammenfassung und Schlüsselzitate
Bei Schiller heisst es: "Dem Kaiser selbst versagen wir Gehorsam" (Stauffacher auf dem Rütli, in: Friedrich von Schiller, Wilhelm Tell, 2. Aufzug, 2. Szene).
"Der Mahnruf wirkte prophetisch im Kampf des deutschen Volkes gegen Napoleon, so wie die Liebe zu Heimat und Vaterland und die Empörung gegen rechtlose Gewalt in diesem Volksstück Schillers immer einen starken Ansporn gefunden hat." (W. Grabert und A. Mulot, Geschichte der deutschen Literatur, München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 171974, S. 217.)
Mehr: Friedrich von Schiller: Das Drama Wilhelm Tell. Entstehung, Interpretation und Wirkungsgeschichte
Im Gefolge der Französischen Revolution fand 1798 auch in der Schweiz ein revolutionärer Umsturz statt, zu dem auch die Truppen Napoleons, von Liberalen Revolutionären aus der Waadt ins Land gerufen, das ihrige beitrugen. Die Schweiz wurde vom losen Staatenbund zum zentralistischen Einheitsstaat umgekrempelt - und Wilhelm Tell, als Revolutionär verstanden, avancierte zum Staatssymbol auf Siegeln und Urkunden. (Im Hof, Mythos Schweiz, S. 161)
Vor und während des Zweiten Weltkrieges wurde Wilhelm Tell sowohl von den zahlreichen Gegnern wie von den wenigen Anhängern Hitlers in der Schweiz zur Bekräftigung ihrer gegensätzlichen Standpunkte bemüht. Im Zuge der "Geistigen Landesverteidigung" verkleideten sich ganze Schulklassen als Hirtenbuben im weissen "Sennenkutteli" mit Kapuze, in dem Wilhelm Tell fast ausschliesslich abgebildet wird. In einer Filmwochenschau anlässlich der jährlichen Schlachtenfeier in Sempach aus dieser Zeit treten weissgekittelte Älpler beim Morgarten und bei Sempach gegen das Ritterheer der Habsburger an. In einem anderen Filwochenschau-Beitrag machen fromme Bergler die Faust gegen den gierigen Zugriff der fremden Ritter, deren Gesicht man nicht sieht. Diese Beiträge der Filmwochenschau, ein Armeefilm und die Radioreportage zum 600-jährigen Jubiläum der Eidgenossenschaft 1941 mit der Rede von General Guisan können im "Bunker" im Dachgeschoss des Forums der Schweizer Geschichte in Schwyz gesehen und gehört werden.
Auch auf diese Zeit zurück geht die Verwendung von Tells Armbrust als Markenzeichen für Schweizer Qualität. In den 1970'er Jahren kam die Armbrust als Gütesiegel allerdings aus der Mode und seit den späten 1980'er Jahren hat das "Total Quality Management" unter dem Motto "nur so gut wie unbedingt nötig, so billig wie möglich" auch in der Schweiz das frühere sprichwörtliche Qualitätsbewusstsein weitgehend verdrängt. Interessant ist immerhin, dass die Armbrust eben in jenen Jahren als Markenzeichen verschwand, in denen auch die "Geistige Landesverteidigung" aus der Mode kam. Die heute modische Verwendung des Schweizerkreuzes lässt sich viel weniger klar als die Armbrust einer bestimmenten inhaltlichen Ausrichtung des Nationalgefühls zuordnen und entspricht damit auch der Beliebigkeit unserer individualistischen Gesellschaft. Dagegen steht Wilhelm Tell bei den in der Vereinigung "Pro Tell" zusammengeschlossenen Schützen offenbar nach wie vor hoch im Kurs.
Vorab muss festgehalten werden, dass die Existenz eines "lebendigen" Wilhelm Tell alles andere als historisch gesichert ist - vielmehr steht sie mangels zeitgenössischen Quellen auf durchaus wackligen Füssen. Ebensowenig ist erwiesen, ob sein Gegenspieler Gessler je gelebt hat. Was aber ist die Geschichte von Wilhelm Tell - Sage, Legende oder Mythos?
Eine Sage ist eine volkstümliche Geschichte, die oft aus dem Volk selbst entsteht und (zunächst) mündlich überliefert wird. Sie kann, muss aber nicht, einen historischen Kern haben. Hingegen gehört zu einer Sage immer eine klare Aussageabsicht - diese kann aber mit der Zeit (besonders, wenn sich Lebens- und Denkgewohnheiten derart grundlegend verändern wie in den letzten 200 Jahren in Westeuropa) unverständlich werden. In diesem Sinn ist es sicher nicht falsch, von der Sage von Wilhelm Tell zu sprechen.
Eine Legende (von lat. legenda, die vorzulesende) ist eine kurze, volkstümliche Geschichte, über das Leben eines Heiligen, die von gebildeten Leuten geschrieben und zum (Vor-)Lesen bestimmt ist. Insofern Tell kein Heiliger, sondern als Tyrannenmörder eine eher zwiespältige Figur ist, sollte man seine Geschichte nicht als Legende bezeichnen.
Ein Mythos ist eine Erzählung, die letztgültige Aussagen macht, die ihrerseits gar nicht mehr mit Argumenten begründet werden können und die Herkunft einer Gruppe von Menschen oder der ganzen Menschheit und deren Geschichte auf das Handeln Gottes (bzw. der Götter) zurück führt. (Diese Definition nach Meyers Grosses Taschenlexikon, Band 15, S. 115 dürfte in der Religionswissenschaft, die den Begriff geprägt hat, einigermassen breit akzeptiert sein.) Im Gegensatz zum vernünftigen Denken sucht der Mythos keine rationalen [vernünftigen] Argumente, sondern weicht den kritischen Fragen aus und appelliert dafür umso mehr an den Glauben der Zuhörerschaft. Es geht nicht um nachprüfbare, sondern um "höhere" Wahrheit und darum, diese in konkretes Handeln umzusetzen. In diesem Sinn wurde der Begriff aus dem religiösen bzw. moralischen auch auf den politischen Bereich übertragen und man spricht von politischen Mythen, wobei dann der Begriff meist von Kritikern mit einem abschätzigen Unterton verwendet wird.
Eine ganze Reihe von Kritikern bezeichnen die Geschichte von Wilhelm Tell als Mythos oder sagen, sie sei bloss ein "dänisches Märgen". Tatsächlich gibt es in Skandinavien und England mehrere Sagen, in denen ein Apfelschuss mit dem zweiten Pfeil und der Mord am Tyrannen nach einer abenteuerlichen Flucht vorkommen. Das allein genügt allerdings noch nicht, um die Gestalt von Wilhelm Tell ins Reich der Märchen zu verweisen.
Wenn es nämlich möglich gewesen sein soll, dass die ganze Tellengeschichte im 15. Jahrhundert von einer nordischen Vorlage abgeschrieben wurde, dann könnte ebenso gut Geßler sich die sadistische Idee vom Apfelschuß aus eben einer solchen nordischen Sage ausgeliehen haben - abgesehen davon, dass sie nicht ausserordentlich originell ist und er auch von selbst darauf gekommen sein könnte. Wohl hat es der Tell etwas gar 'faustdick hinter den Ohren', doch völlig unglaubwürdig sind weder sein radikales Engagement (hat es doch zu allen Zeiten Leute gegeben, die man - je nach Standpunkt - als "Freiheitskämpfer" oder als "Terroristen" zu bezeichnen pflegt) noch ist der Vorteil des Einheimischen im Föhnsturm (eine auf dem Urnersee durchaus nicht seltene Wetterlage) von der Hand zu weisen. Ebensowenig fehlt es an Beispielen von willkürlichen und grausamen Herrschern. Insofern spricht nichts dagegen, dass die Geschichte von Wilhelm Tell einen historischen Kern hat und möglicherweise nicht einmal allzu kräftig ausgeschmückt ist. Die "Beweise" für einen nordeuropäischen Ursprung der Sage von Wilhelm Tell sind mir also etwas dürftig.
Eindeutig falsch ist dagegen die gelegentlich anzutreffende These einer angeblichen Abstammung der Schweizer von den Schweden. Der Ursprung dieser These kommt aus dem pseudo-wissenschaftlichen Bemühen einiger Gelehrter der Renaissance-Zeit, die eigene Abstammung auf berühmte Völker zurück zu führen. Eine engere Verwandtschaft zwischen Schweden und Schwyzern besteht nicht. Dagegen gibt es ganz klar ethnische und sprachliche Verwandtschaftsbeziehungen der grossen Sprachgruppen der Schweiz mit dem angrenzenden Ausland - so stammen Deutschschweizer und Schwaben in Südwestdeutschland gemeinsam vom germanischen Stamm der Alamannen ab, französischsprachige Westschweizer und französische Savoyer und Burgunder vom ebenfalls germanischen Stamm der Burgunder, die aber von den Römern Kultur und Sprache übernahmen, und die italienischsprachigen Südschweizer mit den Norditalienern in der "Lombardei" von den Langobarden. Eine gemeinsame Abstammung "der Schweizer" gibt es also ohnehin nicht, ganz abgesehen davon, dass die ursprünglich keltische Bevölkerung des Mittellandes (Helvetier) in den Volksgruppen der Alamannen und Burgunder vollständig aufging.
Auch halte ich es für etwas problematisch, bei Wilhelm Tell ohne weiteres von einem Mythos zu sprechen. Zwar kann man in der Geschichte von Wilhelm Tell gleich mehrere Stellen als mittelalterliche Gottesurteile interpretieren, die aus mittelalterlicher Sicht ein eingreifendes Handeln Gottes bedeuten. Allerdings besteht ein riesiger Unterschied zwischen einem Gottesurteil, dessen glücklichen Ausgang wir aus heutiger Sicht nicht als Verstoss gegen die Naturgesetze, sondern als Anhäufung von glücklichen Umständen betrachten, und einem (aus heutiger Sicht wie aus antiker bzw. mittelalterlicher Sicht) eindeutig gegen die Naturgesetze verstossenden "übernatürlichen Ereignis" wie etwa einer "Jungfrauengeburt". Nur bei einem solchen "übernatürlichen Ereignis" wäre aber streng genommen die Anwendung des Begriffes Mythos sachlich gerechtfertigt.
Gegen das zweite wesentliche Element eines Mythos gibt es zumindest bei der am weitesten verbreiteten Fassung von Friedrich von Schiller gewisse Vorbehalte: Im diesem dramatischen Schauspiel lässt der Dichter Stauffacher ausdrücklich auf die in der Aufklärung ausgiebig geführte philosophische Diskussion über die "Unveräusserlichkeit" des Rechtes auf Freiheit und auf das "Naturrecht" verweisen, also darauf, dass aus der Natur des Menschen mit vernünftigen Argumenten Rechte hergeleitet werden können, die höher stehen als die willkürlichen Befehle eines Herrschers. (vgl. Friedrich von Schiller, Wilhelm Tell, 2. Aufzug, 2. Szene)
Ob Schiller damit dem Publikum Glaubensinhalte vorsetzt, die es ohne eigenes Nachdenken annehmen soll, darüber kann man streiten: Von den wenigen Theaterbesuchern des beginnenden 19. Jahrhunderts durfte man wohl erwarten, dass sie mit den damals aktuellen philosophischen Diskussionen vertraut waren und das Stück und seine Aussagen entsprechend einordnen konnten. Heute, 200 Jahre später, sind Theateraufführungen einem ungemein grösseren Publikum zugänglich, das nur schon wegen der heutigen Informationsüberflutung kaum mehr über vertiefte Kenntnisse der Philosophie der Aufklärung verfügen kann.
Betrachtet man dagegen die heftigen und emotionalen Glaubenskämpfe, die um die Existenz oder Nicht-Existenz von Wilhelm Tell in den letzten 200 Jahren geführt wurden und werden, so wird man nicht darum herum kommen, die Frage nach der Existenz Wilhelm Tells als Glaubensfrage zu bezeichen.
Viel eindeutiger sieht die Sache beim Appell an das Publikum aus. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Wilhelm Tell immer dann Hochkonjunktur hatte, wenn politische Umwälzungen angesagt waren, so hob ihn die radikalste Partei in der Französischen Revolution 1789 ebenso auf den Schild wie der nationalistische deutsche Widerstand gegen Napoleon 1813. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand er bei russischen Anarchisten hoch im Kurs und in den 1930'er Jahren beriefen sich sowohl die zahlreichen Gegner wie auch die wenigen Anhänger Hitlers in der Schweiz auf Wilhelm Tell. Offenbar kann beinahe jedes beliebige politische Programm auf Tell projiziert werden und das wurde und wird auch fleissig gemacht. Vor einem solchen Umgang mit der Geschichte kann in einer demokratischen Gesellschaft kaum genug gewarnt werden.
Insofern, als vor und während dem 2. Weltkrieg und teilweise auch noch während dem "Kalten Krieg" der Aspekt des Appells allzu sehr strapaziert wurde, ist die Verwendung des Begriffes Geschichtsmythos nachvollziehbar. Oft wird allerdings weder die Bedeutung des Wortes Geschichtsmythos erklärt noch ein Nachweis dafür geführt, ob und inwiefern die konkrete Vereinnahmung von Wilhelm Tell (z.B. in der "Geistigen Landesverteidigung") die zu einem Mythos eigentlich dazu gehörende religiöse Dimension hat(te). Wo dieser Nachweis aber fehlt, ist ist die Verwendung des Begriffes Mythos im Zusammenhang mit Wilhelm Tell zumindest etwas salopp. Andererseits könnte man den beinahe schon missionarischen Eifer, mit dem die besagten Kritiker von rechtsbürgerlichen Kreisen als "Nestbeschmutzer" diffamiert werden, als Indiz dafür werten, dass eine religiöse Dimension vorhanden sein könnte. Dafür spricht auch der offensichtlich enge Bezug zwischen dem politischen "Kurswert" von Wilhelm Tell einerseits und dem Vorhandensein von politischen Strömungen wie der Helvetik oder der Geistigen Landesverteidigung, die man als Beispiele einer Schweizerischen Zivilreligion bezeichnen kann.
Fazit: Wegen der unbestreitbar starken religiösen Aspekte, die heute mit dem Nationalheld Wilhelm Tell verbunden werden, scheint es insgesamt gerechtfertigt, vom "Mythos Tell" zu reden, auch wenn die Sage von Wilhelm Tell keinen religiösen Ursprung hat.
Das im Tell-Buch von Lilly Stunzi von mehreren seriösen Autoren gezeichnete Bild der Forschungs- und Wirkungsgeschichte zu Wilhelm Tell lässt nur folgende Schlüsse zu:
Denis de Rougemont hielt 1970 fest: "Die Anfänge der Eidgenossenschaft ohne Tell darzustellen, ist heute ein Gebot der Redlichkeit. Doch kann man den weiteren Verlauf der Schweizer Geschichte und das Schweizer Volk selbst nicht verstehen, ohne den Tell der Sage zu berücksichtigen. Denn diese Sage selbst ist eine historische Tatsache geworden und hat als Wirklichkeit die Volksseele mitgeformt. Ob Tell existiert hat, ist im Grunde belanglos. Unbestreitbar ist folgende Tatsache: In der Schweiz, und nirgendwo anders, wurden die vielerorts auftretenden mythischen Motive des unfehlbaren Schützen, des befreienden Sprunges, der Ermordung des Tyrannen durch einen reinen Tor archetypusbildend. Wohl einzigartig ist es, daß solch ein lokales Symbol rasch eine beinahe universelle Ausstrahlungskraft gewonnen hat. Tell ist weniger der Vater der Schweizer als ihr Sohn, weniger ihr Vorfahre als ihr gemeinsames Werk. Das macht ihn um so wirklicher." (Denis de Rougemont, La Suisse, ou l'histoire d'un peuple heureux, Paris 1970, deutsche Übersetzung nach: Alfred Berchtold, Wilhelm Tell im 19. und 20. Jahrhundert, in: Stunzi, Tell, a.a.O., S. 167-253, hier S. 247f.)
Die Wahrheit über Wilhelm Tell dürften wir wohl kaum je erfahren, sofern nicht irgendwo noch ein sensationeller Fund eine bisher unbekannte schriftliche Quelle zutage fördert. Dies und das Wissen um den Missbrauch, der nur allzu häufig mit dem Pochen auf nicht nachprüfbare "höhere Wahrheiten" betrieben wird, sollte zur Vorsicht gegenüber den damit verbundenen Appellen mahnen.
Der bekannte Berner Troubadour [Liedermacher] Mani Matter (hauptberuflich ein geachteter Jurist) wies in seinem Lied über eine allzu "realistische" Aufführung des Wilhelm Tell auf der Dorfbühne, die in eine Schlägerei ausartete, auf eine andere, wohl viel wichtigere Problematik hin:
Si würde d' Freyheyt gwinne,
wenn si dewäg z'gwinne wär.
Mit anderen Worten: Die hemdsärmlige Figur des Wilhelm Tell steht für eine Auffassung von Freiheit, die angesichts der Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft kaum mehr Sinn macht. Die Freiheit, die wir heute ganz dringend brauchen, ist eben gerade nicht dadurch zu gewinnen, dass der Einzelne sein Recht selbst mit Gewalt durchzusetzen versucht, sondern sie kann im Gegenteil nur gewährleistet werden, wenn alle das Gewaltmonopol des Rechtsstaates anerkennen und bereit sind, die Freiheit des Nachbarn ebenso zu respektieren wie die eigene und sich in die Gemeinschaft einzuordnen. Dies garantiert letztlich mehr Freiheit für alle als das mittelalterliche Recht des Stärkeren.
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