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Die doppelchörige Matthäus-Passion, die bereits im posthumen Andenken der Bach-Familie als „Grosse Bassion“ bezeichnet wurde, gehört nicht nur zu Bachs umfangreichsten und gewichtigsten Kirchenkompositionen. Sie hat auch seit den spektakulären Wiederaufführungen Mendelssohns und Zelters 1829 die neuzeitliche Wahrnehmung des Komponisten wesentlich geprägt. Obwohl heute als exemplarisches Beispiel der Bachschen Kunst und des barocken Kirchenstils angesehen, handelte es sich bei der drastischen Schilderung der Leidensgeschichte Jesu um ein seinerzeit noch riskantes Vorhaben. Im von der lutherischen Orthodoxie geprägten Leipzig gelang es erst 1721, eine oratorische Passionsdarbietung in der städtischen Kirchenmusik zu verankern. Nachdem Bach 1724/25 zwei Fassungen seiner Johannes-Passion dargeboten hatte, brachte der Thomaskantor wahrscheinlich zu Karfreitag 1727 eine erste Version der Matthäus-Passion zur Aufführung. 1729 wurde die zunächst wohl nur einchörige Komposition zu einem Werk mit zwei Orchestern und Continuogruppen ausgebaut. Im Zuge einer Wiederaufführung 1736 fertigte Bach dann jene berühmte Partitur, die auch dank der für die Evangelistenpartie verwendeten roten Tinte zum Sinnbild seiner Religiosität und Musiktheologie wurde. Mit ihren riesenhaften Dimensionen erscheint die Matthäus-Passion heute nicht nur als grandiose Synthese von Auftragskunst und kompositorischer Autonomie, sondern über ihre liturgische Bestimmung hinaus als Parabel der doppelten Natur des Menschen als eines „Gerechten und Sünders“ (Martin Luther) – fähig zur selbstlosen Grösse wie zur schändlichsten Tat.
Anselm Hartinger