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Die neunjährige Moahé hat in der Kakaoplantage ihres Vaters Unkrautvernichtungsmittel versprüht. Morgens und abends schleppte das zierliche Mädchen Wasserbehälter vom Dorfbrunnen nach Hause, die schwerer waren als sie selbst.
Moahé war bis vor kurzem eines von rund zwei Millionen Kindern, die in der Elfenbeinküste und in Ghana im Kakaoanbau arbeiten, damit Kunden in der Schweiz und anderswo ihre Schokolade geniessen können. «Ich wusste ja nicht, dass die Arbeit etwas Schlechtes ist. Für mich war es normal», sagt Moahé entschuldigend.
Ende der Kindheit
Doch wo Kinderarbeit anfängt, endet meist die Kindheit: Sie gefährdet die Gesundheit und schlägt sich negativ auf die Schulbildung durch. Doch wegen einer Mischung aus Unwissen, Tradition und Armut hält sich die Kinderarbeit in den Dörfern Westafrikas.
Von hier kommt rund zwei Drittel des weltweit produzierten Kakaos, der dann von Firmen wie Mars, Hershey, Nestlé, Lindt & Sprüngli, Ferrero und anderen verarbeitet wird. Und nirgends auf der Welt wird so viel Schokolade verzehrt wie in der Schweiz: Jedes Jahr rund 11 Kilogramm pro Kopf. Der meiste Kakao dafür wird aus der Elfenbeinküste und Ghana importiert.
Mehr Kinder auf Plantagen
Die Anzahl der Knaben und Mädchen, die auf Kakaoplantagen arbeiten, wird indes immer grösser. In der Elfenbeinküste ist deren Zahl zwischen 2009 und 2014 um rund 50 Prozent auf 1,2 Millionen Kinder gestiegen, wie eine Studie der Tulane Universität in New Orleans im Auftrag des US-Arbeitsministeriums herausfand. In Ghana ging die Zahl im gleichen Zeitraum leicht auf 0,9 Millionen Kinderarbeiter zurück.
Kinderarbeit ist in der Elfenbeinküste eigentlich verboten: Das Tragen schwerer Lasten, etwa von Kakaosäcken, das Sprühen giftiger Chemikalien wie Insektizide oder die Handhabung von Macheten zum Unkrautjäten oder Aufschlagen der Kakaofrüchte widersprechen dem Gesetz. Leichte Arbeiten sind aber weiter erlaubt.
Nestlé hilft mit
Eine der Organisationen, die vor Ort gegen Kinderarbeit kämpfen, ist die Internationale Kakaoinitiative (ICI). Im Auftrag von Nestlé hat sie ein System entwickelt, das in Konan Yaokro und knapp 2’700 weiteren Dörfern erfolgreich Kinderarbeit verhindert.
Der Dreh- und Angelpunkt des Systems sind in den Dörfern verankerte Mitarbeiter wie Serge Alain Affian. Der 30-jährige Kakaobauer hat in Konan Yaokro jeden Haushalt besucht, um zu sehen, wie viele Menschen unter einem Dach leben, was sie machen und ob alle Kinder zur Schule gehen. Alle Daten seiner Gespräche sowie über die Besuche der Plantagen werden von ihm penibel in einer Smartphone-App erfasst und an ICI geschickt.
«Ein Kind muss beschützt werden und gehört in die Schule», sagt Affian. Er erklärt Bewohnern, wieso Kinderarbeit schlecht ist. ICI hat im Land bereits vielen früheren Kinderarbeitern wie Moahé geholfen.
Zudem wurden rund 1’400 Klassenzimmer renoviert oder neugebaut. Die Organisation kann auch bei der Bezahlung der Schulgebühren helfen. Um zu verhindern, dass Kleinkinder mit auf die Felder genommen werden, hat ICI auch Kindergärten eingerichtet.
Lieferkette ohne Kinderarbeit als Ziel
Der Kakao aus Konan Yaokro etwa geht über eine Kooperative im nahen N’Douci an den US-Rohstoffhändler Cargill, dieser verkauft den Kakao an Nestlé. Der Lebensmittelkonzern kauft über das System mit ICI nach eigenen Angaben jährlich rund 47’000 Tonnen Kakaobohnen – etwa 11 Prozent des pro Jahr weltweit von Nestlé gekauften Kakaos.
«In unserer Lieferkette darf es keine Kinderarbeit geben», sagt der zuständige Nestlé-Manager, Yann Wyss. Nun müsse das 2012 mit ICI begonnene System so ausgeweitet werden, dass aller angekaufter Kakao ohne Kinderarbeit hergestellt werde. «Das Problem gibt es in unserer Lieferkette und wir nehmen es sehr ernst», sagt Wyss.
Nestlé machte mit Süsswaren 2016 einen Umsatz von 8,7 Milliarden Franken. Für den Kampf gegen Kinderarbeit und den Bau von Schulen gab Nestlé 2016 5,5 Millionen Schweizer Franken aus.
Aufwand lohnt sich kaum mehr
Dass der Kinderarbeit in Westafrika so schwer beizukommen ist, liegt auch an strukturellen Faktoren. Die meisten Kakaobauern bebauen nur ein paar Hektar. Sie haben nicht genug Einkommen, Arbeitskräfte einzustellen, weswegen auch Kinder herangezogen werden.
Die Kakaobauern sind den Kräften des Weltmarktes ausgeliefert: Eine Tonne kostete 2014 in New York noch etwa 3’200 US-Dollar, inzwischen sind es nur noch 1’900 US-Dollar.
Die Regierung federt die Schwankungen etwas ab. Im Vorjahr bekamen Bauern einen Fixpreis von umgerechnet 1’980 Franken pro Tonne, jetzt sind es nur noch knapp 1’280 Franken. «Der Aufwand lohnt sich heute kaum mehr», sagt Kakaobauer Attalé André Yao.
(sda dpa / Jürgen Bätz)