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Die junge Frau hatte unverschämtes Glück. Die Baslerin arbeitete im Taï-Nationalpark im Westen von Côte d’Ivoire. Die Schweiz unterhielt dort eine Forschungsstation mit Schimpansen, die der Basler Veterinär Jakob Zinsstag leitete. Im Nationalpark starben einige Affen. Man wusste nicht genau, was sie dahingerafft hatte. Zinsstag fürchtete, die Tiere könnten am Marburg-Virus erkrankt sein. Das Virus trägt den Namen nach der deutschen Stadt Marburg, weil dort 1967 mehrere Menschen daran gestorben waren. Sie arbeiteten in einem Labor mit Affen, die direkt aus Afrika importiert worden waren und das Virus mitgebracht hatten. Das Marburg-Virus löst ein sogenanntes hämorrhagisches Fieber aus. Die Blutgefässe werden durchlässig. Die Kranken bluten innerlich, aber auch aus allen Körperöffnungen. Ein Viertel der Infizierten starb damals.
Zinsstag wusste von der drohenden Gefahr. Er untersagte den Forschenden seiner Station, die toten Affen anzufassen. Vom Wissenschaftler, der das Verhaltensforschungsprojekt leitete, erhielt die junge Biologin aber trotzdem den Auftrag, den Schimpansen zu obduzieren. Einige Tage später bekam sie Fieber. Man brachte sie in die Hauptstadt ins Krankenhaus. Dort ging es ihr immer schlechter. Die Rega überführte sie nach Basel. Die ÄrztInnen rangen um ihr Leben, nicht wissend, wogegen sie genau kämpften. Langsam ging es der Frau besser. Am Tag, an dem sie das Spital in Basel verlassen konnte, hatte das französische Institut Pasteur herausgefunden, woran sie litt: Ebola.
Die junge Baslerin ging in die Geschichte ein. Sie war die erste Ebolapatientin auf europäischem Boden. Das war 1995, zu jener Zeit wusste man noch nicht viel über Ebola. Nur dass es eine schreckliche Viruserkrankung ist, die in Afrika immer wieder aufflackert. Dass die Sekrete der Erkrankten hoch ansteckend sind. Und dass sechzig bis achtzig Prozent der Infizierten sterben.
Hunde impfen statt Menschen therapieren
Ebola ist eine Zoonose, das Coronavirus auch. Zoonosen sind Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Man kennt heute etwa 1400 Erreger, die beim Menschen eine Krankheit auslösen. Sechzig Prozent davon stammen von Tieren.
Zoonoseviren haben immer einen sogenannt natürlichen Wirt, der auch als Reservoirwirt bezeichnet wird. Das sind meist Tiere, die das Virus in sich tragen, aber nicht daran erkranken, wie zum Beispiel die Fledermäuse in der Schweiz, die das Tollwutvirus beherbergen können (vgl. «Luftakrobatinnen leben gefährlich» ).
Wie lässt sich nun verhindern, dass Tiererreger Menschen krank machen? Die Frage treibt Jakob Zinsstag bis heute um. Er ist inzwischen Professor in Basel und arbeitet am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut. Noch immer ist er regelmässig in Afrika unterwegs und hat sich ganz dem «One Health»-Ansatz verschrieben. Das ist der Versuch, die Tier- und die Menschenmedizin zusammenzudenken, um Zoonosen zu bekämpfen. Klingt abgehoben. In Zinsstags Alltag ist das aber sehr konkret.
Er berichtet von einem Beispiel aus dem Tschad. Ein Forschungsteam von MedizinerInnen und VeterinärInnen kümmerte sich um nomadische TierhalterInnen. Dabei bemerkten sie, dass die Tiere regelmässig geimpft wurden, weil sie der wichtigste Besitz der Nomaden waren. Gleichzeitig war kein einziges Kind vollständig gegen Keuchhusten, Diphtherie oder Starrkrampf geimpft. Die Kindersterblichkeit war entsprechend hoch. Das Problem liess sich einfach lösen: Wenn künftig die TierärztInnen zu den Nomadenfamilien hinausgingen, nahmen sie auch medizinisches Personal und Impfstoff für die Menschen mit.
Die Tollwut ist ein weiteres gutes Beispiel. In Asien oder Afrika ist das Virus noch sehr präsent. Weltweit sterben jährlich 60 000 Menschen, weil sie von einem tollwütigen Tier gebissen wurden. Es ist ein schlimmer Tod. «Im Akutstadium treten Muskelzuckungen, Hyperaktivität, Angstgefühle sowie Atem- und Schluckkrämpfe auf. Später kommt es zu Lähmungen, und schliesslich fallen die Patienten ins Koma», schreibt das Bundesamt für Gesundheit. Wenn die ersten Symptome auftreten, ist die Krankheit zu hundert Prozent tödlich. Das Fiese ist, dass das erst zwei, drei Monate nach dem Biss geschieht. Eine gebissene Person kann jedoch gerettet werden, sofern sie sofort behandelt wird. Die Therapie ist teuer. In Afrika oder Asien können sich das viele nicht leisten.
Hier setzt «One Health» an. Es ist viel billiger, Hunde zu impfen, als gebissene Menschen zu therapieren. Und effizienter ist es auch. Das zeigte ein Projekt in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, an dem Zinsstag beteiligt war: Sobald ein Grossteil der Hunde geimpft war, verschwand die Tollwut. Allerdings musste die Impfung der Hunde gratis sein, damit auch Leute, die kaum Geld hatten, ihre Tiere impfen liessen.
Gefährliche Schnittstellen
Seit der Jahrtausendwende wurden weltweit mindestens acht grosse Zoonose-Epidemien registriert: angefangen mit Sars in Asien (2002, 774 Tote) über die schweren Ebolaausbrüche in Westafrika, Uganda und Ostkongo (2014–2016, 2018–2020, insgesamt fast 14 000 Tote) bis hin zur aktuellen Covid-19-Pandemie (aktuell drei Millionen Tote).
Die Coronaviren, die Sars verursachten, wie auch die Ebolaviren stammen von Fledermäusen, die Reservoirwirte der Viren sind. Die Übertragung dürfte über die Ausscheidungen passieren. Eine Fledermaus frisst zum Beispiel eine Frucht an. Die Frucht fällt auf den Boden, ein Affe vertilgt sie und wird über den Fledermausspeichel angesteckt. Oder die Fledermäuse hängen tagsüber in Bäumen. Die Affen kommen mit ihrem Kot und Urin in Kontakt und erkranken. Menschen finden danach einen toten Affen, zerlegen ihn nichts ahnend und stecken sich über das Blut an.
Die Fledermäuse tragen nachweislich noch Hunderte von Viren in sich, die das Potenzial haben, auf den Menschen überzuspringen. Dass den Fledertieren die Viren nichts anhaben, dürfte mit ihrem speziellen Stoffwechsel zu tun haben: Sie können viele metabolische Prozesse im Körper abschalten und reagieren auf Viren kaum mit Entzündungen.
Es braucht allerdings viel, bis ein Fledermausvirus den Sprung in den menschlichen Organismus schafft. Doch je häufiger es zu ungeschützten Kontakten zwischen Wildtieren und Menschen kommt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert. Und es passiert fast zwangsläufig, wenn Menschen immer tiefer in Urwälder eindringen, den Wald roden, den Lebensraum der Tiere zerstören, Wildtiere jagen, züchten oder lebend verkaufen. Das alles müsste gestoppt werden.
Jakob Zinsstag verfolgt einen pragmatischen Ansatz. Er sagt, man müsse die natürlichen Virenherde ausfindig machen. Wenn man zum Beispiel weiss, dass in einer Höhle Fledermäuse hausen, die Ebolavirenträger sind, sollte man die Höhle absperren. Fragt man Zinsstag, wie sich das herausfinden lasse, sagt er, er arbeite sehr eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Die Jäger bekämen ein kleines Entgelt, wenn sie ihm Proben von erlegten Tieren brächten. Wer einen toten Affen im Wald findet und ihn abliefert, bekommt ebenfalls eine Prämie. Je mehr Proben man hat, desto grösser ist die Chance, zu verstehen, wo die gefährlichen Schnittstellen Wildtier-Virus-Mensch sind. Dann lassen sich auch Gegenmassnahmen ergreifen.
In der Schweiz funktioniert das problemlos. Hierzulande gibt es kaum physischen Kontakt mit Fledermäusen. Die Tollwutviren in den hiesigen Fledermäusen führen deshalb zu keinen Ansteckungen. In armen Ländern ist das schwieriger, weil die Menschen mit und von den Tieren leben. Zinsstag ist es wichtig, dass alles, was man an Krankheitsbekämpfung tut, das Wissen und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung einbezieht. Das hat er von Ebola in Afrika gelernt: Die Bekämpfung dieser enorm tödlichen Epidemie gelingt nur, wenn die ganze Bevölkerung die ergriffenen Massnahmen mitträgt.