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Die Saat der Korporation geht bis heute auf
Klimawandel und Handelskrieg sind global topaktuelle Themen. Beides hatte schon einmal verheerende Folgen im Glarnerland.
Ein erstes Mal gerumpelt hat es drei Jahre zuvor. Umso unverständlicher ist, dass die Menschen nicht längst geflohen sind, als die über 1400 Meter hohe Spitze des zuvor rund 4300 Meter hohen Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa mit einem lauten Knall einfach weggesprengt wird. Die Explosion ist über 2600 Kilometer entfernt noch zu hören. Ihre Sprengkraft entspricht dem 170 000-Fachen der Atombombe, welche die Amerikaner 1945 über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen haben. Und das ist erst der Anfang.
Noch während Tagen rieselt heisser Ascheregen vom Himmel. Die Katastrophe vom 5. bis 10 April 1815 gilt als grösster direkt dokumentierter Vulkanausbruch. An seinen direkten und indirekten Folgen sterben je nach Quelle gegen 100 000 Menschen.
Und die Eruption löst eine Klimastörung aus, die ein Jahr später auch das über 12 000 Kilometer entfernte Glarnerland trifft. Härter als andere Regionen in Europa, weil die Schweiz 1816 im «Jahr ohne Sommer» schon relativ stark industrialisiert ist, und in der Ostschweiz viele Leute von der Textilproduktion leben.
Doch zuerst wird es unter dem Ascheschleier, der die Atmosphäre verdunkelt, in Nordamerika und weiten Teilen Europas vor allem ungewöhnlich kalt. Ernten fallen aus, Nahrungsmittel werden knapp. Jetzt herrscht Hungersnot, die von einer Wirtschaftskrise noch verstärkt wird.
Blockade ist Fluch und Segen
Mit der Kontinentalsperre – einer Blockade der europäischen Häfen unter anderem gegen den Import britischer Baumwollwaren – treibt Napoleon Bonaparte 1806 bis 1813 im Glarnerland hauptsächlich die Mechanisierung der Baumwollspinnerei und damit auch die Industrialisierung in der ganzen Schweiz voran.
Andererseits legt die Sperre grosse Teile der Wirtschaft lahm, die Industrialisierung rationalisiert Arbeitsplätze weg, und die landwirtschaftliche Produktion wird zurückgefahren. Die Bevölkerung wächst aber überdurchschnittlich, die Abhängigkeit von Getreideimporten – hauptsächlich aus Süddeutschland – steigt.
Das erweist sich als fatal. Denn diese Getreide-Importe versiegen nun. Im Glarnerland hatten sie zuvor viele als Gegengeschäft zu Textilexporten ernährt. Doch das «Jahr ohne Sommer» oder «Achtzehnhundert und erfroren», wie es auch genannt wird, trifft das Gebiet nördlich der Alpen am härtesten. Die Verknappung des Getreides treibt den Preis dafür im Elsass, in der Deutschschweiz, in Württemberg, Bayern und im österreichischen Vorarlberg an einzelnen Orten im Vergleich zu 1815 bis zum Vierfachen hoch.
Die weltweite Klimaveränderung dauert bis 1819 an. Schon 1817 wandern jedoch insgesamt rund 3000 Schweizerinnen und Schweizer nach Nord- und Südamerika oder Russland aus. Wer kann, geht.
Pflanzen statt Auswandern
Die Glarner Baumwollindustrie erlebt zwischen 1815 und 1870 mit Stoffdruck und maschineller Spinnerei und Weberei einen wahren Boom. Doch der Zusammenbruch des von Napoleon verfügten Handelsembargos und der Sturz des französischen Kaisers kurz darauf führen in der Schweiz 1816 auch zu einer schweren, wenn auch vorübergehenden Wirtschaftskrise. Denn nun muss in der Textilindustrie gegen die günstigen britischen Baumwollwaren gekämpft werden, die den heimischen Markt überschwemmen.
Im hauptsächlich reformierten Glarus schliessen sich 1828 katholische Familien in der Schatzkorporation Glarus und Riedern zusammen, um Land zu kaufen. Auf diesem wollen sie Lebensmittel anbauen, um auch in schlechten Zeiten etwas zu essen zu haben.
Und diese kommen erneut. Mit der fortschreitenden Industrialisierung verlieren viele Leute ihre Arbeit, die sich zuvor mit dem Weben von Stoffen und Spinnen von Garnen zu Hause ihren Lebensunterhalt verdient hatten. Das verstärkt sich noch, als 1840 mit der Einfuhr maschinell gewobener Tücher begonnen wird.
Schon wieder herrscht Hunger, weil auch noch ein Grossteil der Kartoffelernte von einem Pilz befallen wird. Nicht selten werden Familien in existenziellen Nöten zur Entlastung der Gemeindekasse sogar zur Auswanderung gedrängt.
Aus der Schatzkorporation Glarus und Riedern wird am 14. März 1844 die Saatenkorporation gegründet. «Saaten bedeutet ja einfach Garten», sagt der heutige Präsident der Schatz- und Saatenkorporation, Pankraz Hauser (siehe auch Artikel oben). «Und genau das war der Sinn: sich mit dem Kauf von Boden in der Nähe der Wohngemeinde eine genügende Anzahl Saatplätze zu sichern.»
Diese liegen bis heute hauptsächlich zwischen Glarus und Riedern auf Bitzigen und der Glarner Allmeind in der Landwirtschaftszone der heutigen Gemeinde Glarus. Gemäss Statuten der beiden Korporationen soll dieser Boden niemals verkauft werden.