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Universität Zürich
Bildungsraum – Bildungsräume
Der 2006 in Kraft getretene Artikel 61a der Bundesverfassung gibt unter dem Titel «Bildungsraum Schweiz» vor, dass Bund und Kantone «gemeinsam im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für eine hohe Qualität und Durchlässigkeit des Bildungsraumes Schweiz» sorgen. Diese Formulierung impliziert, dass es in der Schweiz einen Bildungsraum gibt respektive geben soll. In die gleiche Richtung deuten auch bemühungen zur Harmonisierung des schweizerischen Bildungssystems, wie sie in den letzten Jahren insbesondere mit dem Harmos-Konkordat der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) angestrebt werden. Das gleiche Konkordat ordnet aber die Lehrplan- und Lehrmittelkoordination den Sprachregionen zu.
Sowohl die Ideen eines gesamtschweizerischen Bildungsraumes als auch die sprachregionale Harmonisierung stehen in scharfem Kontrast zur Tradition des Bildungswesens, das in der Schweiz seit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 weitgehend föderalistisch organisiert ist (kantonale Schulgesetzgebungen). Historisch kann deshalb angenommen werden, dass die kantonalen Grenzen für die Ausgestaltung von Schule und Bildung zentral waren. Für die räumliche Gliederung von Bildung spielte bis weit ins 20. Jahrhundert die konfessionelle Ausrichtung von Kantonen und Regionen eine wichtige Rolle. Ab den 1960er-Jahren koordinierten die Erziehungsdirektoren das Bildungswesen auch in vier EDK-Regionen. Kann also davon ausgegangen werden, dass in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert unterschiedliche Bildungsräume existierten, die insbesondere entlang kantonaler, sprachlicher und konfessioneller Grenzen organisiert waren? Oder gab es andere räumliche Ordnungskriterien, die bestimmend waren (z.B. Stadt-Land-Unterschiede)? Und wie veränderten sich diese im Laufe der Zeit? Diese Fragen sollen in der geplanten Veranstaltung behandelt werden. Dabei ist insbesondere auch von Interesse, inwiefern bestehende Grenzen im Bildungsbereich überschritten und so gegebenenfalls neue Räume geschaffen wurden. Zu nennen sind etwa interkantonale Kooperationen im Hinblick auf die Ausarbeitung von Lehrplänen und Lehrmitteln (z.B. Goldauer Konferenz) sowie ganz allgemein die Mobilität im Bildungswesen über kantonale Grenzen und auch über die Landesgrenzen hinweg (z.B. Bildungsreisen ins Ausland) und der damit verbundene Wissenstransfer.
Mit Blick auf die eingangs angesprochenen aktuellen Entwicklungen im schweizerischen Bildungswesen soll ausserdem diskutiert werden, inwiefern althergebrachte Raumordnungen (z.B. Stadt-Land, Konfession, Sprache) die schweizerische Bildungslandschaft bis heute beeinflussen und welche Ordnungskriterien in jüngster Vergangenheit neu hinzugekommen sind. Kurz gesagt: Kann heute tatsächlich von einem «Bildungsraum Schweiz» die Rede sein oder existieren nicht vielmehr (immer noch) verschiedene Bildungsräume?
Serie: Raum – Espace