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Jez Butterworth blickt in seinem Stück aufs Kleine als Teil des Ganzen. Das Ganze ist der Zustand des Vereinigten Königreichs. Der Schauplatz Blackpool gilt in England als Sinnbild des Niedergangs.
Um die titelgebenden «Hills of California» geht es in Jez Butterworths Theaterstück nun gar nicht. Im Gegenteil. Ein heruntergekommenes Hotel in Blackpool im Nordwesten Englands ist der Schauplatz, das Jahr 1976. Das Hotel heisst «Sea View», aber von keinem der Zimmer ist das Meer zu sehen, wie im Stück zu hören ist. Eine leere Bar mit Bambushockern soll Südseezauber beschwören, in der Ecke steht eine ramponierte Jukebox. Eine Treppe führt steil nach oben in ein Zimmer, das wir nie zu sehen bekommen.
Die Hotelbesitzerin Veronica Webb liegt dort im Sterben. Ihre Tochter Jill (Helena Wilson) hat ihr Leben der Sorge um die Mutter verschrieben. Nacheinander treffen ihre Schwestern ein, um von der Krebskranken Abschied zu nehmen. Nur eine Schwester fehlt. Joan (Laura Donnelly) lebt seit zwanzig Jahren in Kalifornien, niemand hat seither von ihr gehört, und ob sie kommen wird, ist ungewiss.
Warum verschwand sie, und wird sie zurückkommen? Diese Fragen treiben das von Sam Mendes (Oscar für «American Beauty; Kinokassen-Grosserfolge der James-Bond-Filme «Skyfall» und «Spectre») dicht inszenierte Stück an. Sie führen unweigerlich in die Vergangenheit. Was war passiert in dieser vaterlosen Familie mit vier Töchtern?
«Was ist Elvis Presley?»
Die Bühne dreht sich, und ein Rückblick auf die fünfziger Jahre beginnt. Die Mutter (ebenfalls von Laura Donnelly gespielt) will ihre Töchter zu Gesangsstars im Stil der Andrews Sisters trimmen, die um den Zweiten Weltkrieg zur umjubelten amerikanischen Institution wurden.
Dass die Zeit der Andrews Sisters in den fünfziger Jahren längst vorbei ist, entgeht ihr komplett. Auf die Frage, ob sie Elvis Presley kenne, antwortet sie: «Was ist das?» Um ihr Ziel zu erreichen, ist sie bereit, die Unversehrtheit ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen. Sie dient ihre fünfzehnjährige Tochter einem Musikproduzenten an.
Veronica ist eine Phantastin, deren Ideen vom Showbiz-Erfolg ihre Töchter ruinieren, auf jeweils unterschiedliche Weise. Keine von ihnen erreicht die Träume der Mutter, und keine von ihnen versöhnt sich mit dem späteren Mittelmass ihres Erwachsenenlebens. Der Glanz Hollywoods und der «Hills of California» bleiben Hirngespinste – wie der Meerblick im «Sea View»-Hotel.
Der Zustand Englands
Dieses Drama also, das am Harold Pinter Theatre in London uraufgeführt wurde, erzählt von Verblendung und von der zersetzenden Energie realitätsferner Träume. Es geht um mehr als nur eine Familiengeschichte, das tut es immer bei Jez Butterworth, dessen Uraufführungen gewöhnlich von Publikum und Kritik gefeiert werden und Ereignischarakter besitzen.
Beim Ausbreiten von Familien-Traumata wie diesem und «The Ferryman» (2017) oder Dorfgeschichten wie «Jerusalem» (2008) – Butterworths bedeutendsten Stücken – schaut er aufs Kleine als Teil des Ganzen. Das Ganze ist der Zustand des Vereinigten Königreichs.
Der Schauplatz Blackpool gilt in England als Sinnbild des Niedergangs. In der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich das Seebad im Norden Englands zu einem der ersten Anziehungspunkte des Massentourismus. Sein Bahnhof – ursächlich für seinen Erfolg – war um das Jahr 1911 mit 600 Zügen täglich der meistgenutzte der Welt. Im Zeitalter der Fernreisen verlor sich seine Bedeutung. Heute ist die Stadt als Abfallhalde am Meer verschrien. Trotz allem trägt sie noch ein Selbstwertgefühl vor sich her, das sich aus der einstigen Grösse speist.
Es ist leicht, daraus Parallelen zur Familiensaga im Stück – und zu England – abzuleiten: zu einem Land, das wie Veronica Webb die überzogene Vorstellung von der eigenen Bedeutung aus der Vergangenheit bezieht. Und das der Gegenwart problematische Wunschträume von Ruhm und Bedeutung – via Brexit – überstülpt und erbittert zerstrittene Nachkommen hinterlässt.