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1981 begann ich das erste Mal zu unterrichten. In diesen frühen Tagen meines Lehrdienstes war mein Ansatz viel «akademischer». Ich setzte Halbjahres- und Abschlussprüfungen an, weil ich von meinen Studenten wollte, dass sie wichtige biblische Fakten auswendig lernen. Doch in einem Sommer veränderte sich meine Perspektive komplett.
In einem fünfwöchigen Sommerseminar unterrichtete ich meinen Lieblingsstoff, einen Überblick über die Propheten. Die Halbjahres- und Abschlussprüfungen waren bereits vorbereitet. Alles war soweit, und ich war aufgeregt (vielleicht sogar ein bisschen stolz). Meine Studenten würden am Ende jeden der alttestamentlichen Propheten verstehen.
Aber in diesem Sommer lief irgendetwas völlig schief. In diesen fünf Wochen, während ich meinen Kurs unterrichtete, versagten drei Personen moralisch, die ich kennengelernt hatte, als ich Student im Seminar war. Jeder zerstörte seine Familie, schadete seinem Dienst und brachte dem Namen Christi Unehre. Aber wie konnte das passieren? Wir hatten dieselben Seminarklassen besucht, dieselbe Bibel studiert und dieselben Prüfungen abgelegt. Dennoch war die Wahrheit des Wortes Gottes irgendwie nicht in ihre Herzen gedrungen. Etwas war falsch gelaufen!
Dieser furchtbare Sommer veränderte meinen Lehransatz. Als ich darüber betete, was ich tun konnte, um anderen Studenten zu helfen, solche Fallen zu umgehen, kam ich zu dem Schluss, dass das Auswendiglernen blosser Fakten nicht reichte. Wir können unempfänglich für das Wort Gottes werden, wenn wir es nicht in unserem Leben anwenden. Unsere Beziehungen zu anderen können erkalten, wenn wir nicht hart daran arbeiten, Mitgefühl, Interesse und Fürsorge zu entwickeln.
Ich ersetzte meine Halbjahres- und Abschlussprüfungen durch «Hesed»-Projekte, und ich sage meinen Studenten noch immer, dass dies die allerwichtigsten Projekte des ganzen Jahres sind. Sie müssen zwei solcher Projekte durchlaufen, um jeden meiner Kurse zu bestehen. Aber was ist ein «Hesed»-Projekt? Lassen Sie mich das anhand meines Lehrplans deutlich machen.
Hesed ist das alttestamentliche Wort für «Liebestreue» und enthält den Gedanken an liebevolle Treue gegenüber einer Bundesbeziehung. Die alttestamentliche Weisheitsliteratur und die Propheten betonen wiederholt die Notwendigkeit von Bundestreue – sowohl gegenüber Gott als auch dem Menschen. Eine Gefahr in der Schule ist die Tendenz, «nur Hörer des Wortes» zu sein – Wissen und Handeln voneinander zu trennen. Gläubige müssen sich bewusst Zeit nehmen, in ihren Beziehungen zu anderen Bundestreue zu entwickeln und zu pflegen. Diese beiden «Hesed»-Projekte haben die Halbjahres- und Abschlussprüfungen abgelöst, um jedem Studenten Zeit einzuräumen, «Liebestreue» zu anderen zu entwickeln.
Jedes «Projekt» enthält die folgenden Elemente.
- Planen Sie eine Aktivität, die Sie und jemand anderes ausführen kann und die
- etwa vier Stunden dauert
- ausserhalb der Schule stattfindet
- eine Zeit christlicher Gemeinschaft und Freude beinhaltet.
- Nehmen Sie selbst an der Aktivität teil.
- Schreiben Sie eine Zusammenfassung und geben Sie sie mit den Halbjahres- und Abschlussberichten ab.
Ich ermutige die Studenten zu einer kreativen Planung der Projekte. Wenn sie verheiratet sind, machen sie vielleicht ein Picknick, einen Zoobesuch, eine Fahrradtour mit der Familie oder einen Besuch an einem Ort, den sie noch nicht kennen. Für Verheiratete liegt der Schwerpunkt darauf, etwas zu unternehmen, woran die ganze Familie Freude hat. Wenn sie unverheiratet sind, rate ich ihnen, einen Freund zum Abendessen einzuladen, zusammen zu wandern, fischen zu gehen oder ein Sportereignis zu besuchen. Sie sollen sich Zeit nehmen, um die Gemeinschaft mit dem anderen zu geniessen.
Die Reaktion darauf war überwältigend. Ich habe einen Ordner mit Karten, Briefen und handgezeichneten Bildern von den Partnern und Kindern der Studenten, in denen sie mir für das «Hesed»-Projekt danken. Ehemalige Studenten rufen mich an und teilen mir mit, dass sie noch immer «Hesed»-Projekte mit ihrer Familie durchführen.
Liebestreue und Mitgefühl passen zusammen. Menschen, die sich in einer Beziehung engagieren, zeigen anderen gegenüber Fürsorge und Mitgefühl. In Klagelieder 3 sieht Jeremia in Gottes Gnade und Barmherzigkeit zwei Säulen der Hoffnung. «Gnadenbeweise (hesed) des Herrn sind’s, dass wir nicht gänzlich aufgerieben wurden, denn seine Barmherzigkeit ist nicht zu Ende» (Klg 3,22). Wie gross ist Ihr Mitgefühl?
Auszug aus Charaktersache: Die Kraft persönlicher Integrität, S. 52–55, Bestell-Nr. 180058
Tipp
Denken Sie an eine Person, die im Geschäftsleben oder in der Politik an vorderster Front steht. Normalerweise ist das jemand, der hart und energisch ist. Aber ein Christ, der im öffentlichen Fokus steht, ist ein Mann oder eine Frau mit Mitgefühl. Nehmen Sie sich etwas Zeit für verschiedene praktische Fragen, die mit Mitgefühl zusammenhängen:
- Kennen Sie Personen, bei denen es Ihnen schwerfällt, Mitgefühl zu zeigen? Wenn ja, warum haben Sie Probleme damit?
- Denken Sie an jemanden, der Ihnen Mitgefühl entgegengebracht hat – in welcher Situation war das?
- Greifen Sie sich eine Person heraus und versuchen Sie, sie in dieser Woche besser kennenzulernen. Bitten Sie Gott um eine konkrete Gelegenheit, diesem Menschen Ihr Mitgefühl zu zeigen.
- Lernen Sie Klagelieder 3,22 auswendig und bitten Sie Gott, dass er Sie daran erinnert, wie barmherzig Er zu Ihnen war.
- Welche biblischen Persönlichkeiten haben Mitgefühl gezeigt? Auf welche Weise? Was kam dabei heraus?
- Denken Sie sich ein «Hesed»-Projekt aus und führen Sie es durch!
«Gibt es nun bei euch Ermahnung in Christus, gibt es Zuspruch der Liebe, gibt es Gemeinschaft des Geistes, gibt es Herzlichkeit und Erbarmen, so macht meine Freude völlig, indem ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und auf das eine bedacht seid» (Phil 2,1–2).