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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Zweite Homilie.
7.
Manche von euch haben mich vielleicht noch nicht recht verstanden. Darum will ich die Sache noch einmal vortragen. Der wahre Freund also macht gern den Anfang im Wohlthun, aber so, daß es herauskommt, als vergelte er nur empfangene Wohlthaten. So hat es auch Gott selbst gemacht den Menschen gegenüber. Aus Liebe wollte er seinen Sohn für uns dahingeben. Um aber nicht als unser Wohlthäter, sondern als unser Schuldner zu erscheinen, gebot er dem Abraham, ihm zuerst seinen Sohn zu opfern, indem er dadurch die Größe seiner Wohlthat verhüllen wollte. Wenn keine Liebe vorhanden ist, so setzen wir den Werth empfangener Wohlthaten herab, den Werth der gespendeten aber übertreiben wir; wenn aber Liebe in unsern Herzen herrscht, dann verbergen wir die gespendeten Wohlthaten und stellen sie, wenn sie auch groß sind, gerne als klein dar. Wir wollen nicht, daß der Freund als unser Schuldner erscheine, sondern umgekehrt, wir wollen als seine Schuldner erscheinen, während wir doch selbst ihm Gutes erwiesen haben. Ich kann mir nun wohl denken, daß die Meisten von euch Dieß alles nicht begriffen haben, redete ich ja doch von einem Dinge, das jetzt nur mehr im Himmel existiert. Es verhält sich damit ungefähr so, wie wenn ich von einer indischen Pflanze reden würde, die Keiner von euch aus eigener Anschauung kennt. Keine Beschreibung, und wenn ich auch Stunden lang davon sprechen würde, wäre im Stande, ein anschauliches Bild und einen klaren Begriff davon zu geben. So verhält es sich auch mit dem oben Gesagten. Wenn ich auch noch so viele Worte [S. 570] machen würde, es wäre vergeblich, Niemand würde durch bloße Worte einen Begriff von der Sache bekommen.
Ja, die Pflanze, die ich meine, sie wächst nicht in Indien, aber im Himmel droben, und ihre Zweige, sie tragen als Frucht nicht köstliche Dinge dieser Welt, sondern ein tugendhaftes Leben, das da an Werth alle Köstlichkeiten der Erde übertrifft. Nenne mir irgend eine Freude, eine erlaubte oder unerlaubte, und wäre sie auch süßer als Honigseim, alle übertrifft das Glück einer wahren Freundschaft! Des Honiggenusses bekommen wir einmal satt, des Freundes aber nie, so lange er Freund ist, sondern die Liebe zu ihm wächst nur und verwandelt sich nie in Überdruß. Ja, der wahre Freund hat in unsern Augen einen größeren Werth, als das leibliche Leben selber. Wurden doch schon Manche nach dem Tode der Freunde sogar des Lebens überdrüssig.
In Vereinigung mit einem Freunde mag Einer wohl auch die Verbannung ertragen, ohne den Freund aber möchte Mancher auch nicht einmal gerne in dem Vaterlande wohnen. Mit dem Freunde ist wohl auch die Armuth erträglich, ohne denselben mag oft Gesundheit und irdisches Glück eine Qual sein. Der wahre Freund lebt eben nur in dem andern. Ich bedaure, daß ich Dieß nicht in einem Beispiele erläutern kann. Denn ich weiß recht wohl, daß meine Darstellung keinen rechten Begriff von der Sache geben kann. — So verhält es sich nun mit der Freundschaft auf dieser Welt. Im Himmel droben aber harret der wahren Freundschaft unbeschreiblicher Lohn. Lohn verheißt Gott uns, damit wir einander lieben. „Liebe,“ sagt er, „und empfange dafür Lohn!“ Und doch wären wir dafür eigentlich Dank schuldig. „Bete,“ sagt er, „und empfange dafür Lohn!“ Und doch sind wir eigentlich dafür Dank schuldig, weil wir ja nur Nützliches erbitten. „Dafür, daß du mich bittest, empfange Lohn! Faste, und empfange Lohn! Werde tugendhaft, und empfange Lohn dafür, während du [S. 571] Dank dafür schuldig wärest!“ Gott macht es hierin, wie die Eltern, welche den Kindern Belohnungen ertheilen, wenn sie dieselben zu einem tugendhaften Wandel herangebildet haben, gleich als wären sie der Kinder Schuldner, da sie dieselben in Lust gezeugt. So sagt auch Gott gleichsam: „Lebe tugendhaft, dann wirst du belohnt! Denn du machst dadurch deinem Vater Freude, und dafür bin ich dir Belohnung schuldig. Bist du aber böse, so beleidigst du deinen Vater.“
Darum wollen wir Gott nicht beleidigen, sondern ihm Freude machen, damit wir das Himmelreich erlangen durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.
[S. 572]