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In westlichen Gesellschaften liegen die Scheidungsraten derzeit bei etwa fünfzig Prozent. Gleichzeitig scheinen Hochzeiten (wieder) eine grosse Anziehungskraft zu besitzen. Oft begleitet durch ein grösseres Fest formalisiert eine Mehrheit der Menschen in der Schweiz ihre intimen Paarbeziehungen mindestens einmal im Leben. Wie ist dieses paradoxe Phänomen von aufwendigen Hochzeitsinszenierungen bei gleichzeitiger Instabilität der Institution Ehe zu verstehen und was hat das Begehren nach Hochzeiten mit Liebe zu tun?
Die Liebe zwischen zwei Menschen gilt als selbstverständliche Voraussetzung, sei allerdings selten bis nie alleiniger Grund für die Entscheidung zu heiraten. Weitgehen offen bleibt in der Forschung bisher, was mit der Voraussetzung der Liebe gemeint ist. Das anhaltende und bisher nur marginal thematisierte Begehren von Paaren, ein bürgerliches Ideal romantischer Liebe durch die ritualisierten Praktiken 'weisser Hochzeiten' zum Ausdruck zu bringen und herzustellen, ist erklärungsbedürftig. Das Projekt untersucht dieses Begehren nach öffentlicher Inszenierung von intimen Paarbeziehungen und fragt auch, was sich aktuell verändert bez. was gleich bleibt, wenn die heteronormativen Praktiken der 'weissen Hochzeit' von homosexuellen Paaren 'angeeignet' werden. Was bewegt Paare heute dazu, vor allen anderen, aber zu keinem dieser anderen, sondern ausschliesslich zueinander, zu sagen „Ja, ich will (dich)“, und durch diesen performativen Akt füreinander zu 'Frau' und 'Mann' resp. 'Mann' und 'Mann' oder 'Frau' und 'Frau' zu werden? Mit welchen Erwartungen und Wünschen verknüpfen die Paare den Akt des Heiratens? Wie verhält sich die allgemeine Form der Hochzeit zur Individualität einzelner Liebespaare? Und was genau wird in der sozialen Situation der Hochzeit für das Paar und die Gesellschaft hergestellt?
Ziel der mikrosoziologischen Studie ist es, Einsichten darüber zu gewinnen, wie durch Hochzeitspraktiken Emotionen zum Ausdruck gebracht und hergestellt werden und wie in diesen Inszenierungen zugleich Vorstellungen von Geschlecht, Liebesbeziehungen und Sexualität normalisiert und transformiert werden. Durch die teilnehmende Beobachtung von Hochzeiten in der Deutschschweiz wird ein Beitrag zur Erforschung einer 'Praxis der Liebe' geleistet und zu einem vertieften Verständnis der wechselseitigen Dynamik zwischen intimen Paarbeziehungen und gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen beigetragen. Das Projekt begegnet damit einem vielfach festgestellten Forschungsdesiderat in der Soziologie und der Geschlechterforschung.