Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03229.jsonl.gz/2666

Mein verehrtester Freund
Ich hatte gestern eine lange Unterredung mit Herrn Melegari1 über verschiedene auf den Gotthard bezügliche Fragen. Derselbe sagte mir er habe «von seinen Freunden» Bericht erhalten, dass man in Italien über den langsamen Gang der Unternehmung sehr ungehalten sei, man habe ein ganzes Jahr verloren u jetzt sollen wiederum Monate für Versuche geopfert werden2, statt dass man die verlorene Zeit einzuholen trachte etc; es werde desshalb ohne Zweifel zu einer Interpellation in der Kammer kommen.3 | Ich will nicht wiederholen was ich Herrn Melgari darauf erwiederte; der Umstand dass es in sehr entschiedener Weise geschah machte die folgende Unterhaltung zu einer etwas lebhaften u ich konnte deutlich sehen, dass hinter der Sache niemand als Grattoni4 u hinter diesem vielleicht auch einzelne Mitglieder des Ministeriums stecken. Ich mache Ihnen davon Mittheilung, weil ich darin einen neuen Beweis sehe, dass uns von dieser Seite noch mancherlei Unannehmlichkeiten bevorstehen werden.
Eine zweite wichtige Eröffnung die mir Herr M. machte war diese: Er habe von dem | Minister des Auswärtigen5 eine Note erhalten, welche ihn beauftrage bei dem Bundesrath im Namen der Regierung sich dahin zu verwenden (de se prononcer pour etc.) dass bei der Anlage der Station Airolo das Project des Herrn Koller angenommen werde, welches derselbe in Florenz seinerzeit vorgelegt habe u das sich in der Zürcher-Ausgabe des italien. Rapportes in einer Note reproducirt finde.6 Herr Melegari (der übrigens nicht wusste worum es sich sachlich handelt) fühlte das Unthunliche eines solchen Schrittes u sagte mir er werde diese Note vor der Hand nicht abgeben, «weil es ihm nicht indicirt scheine in jetzigem Moment die angenommenen Pläne wieder in Frage zu stellen». |
Nach einem fruchtlosen Versuche sachlicher Aufklärung erwiederte ich Herrn Melegari, dass ich vollständig seiner Ansicht sei, er thue besser die Note nicht abzugeben. Wenn es geschehen würde, müsse der Bundesrath in seiner Antwort bestimmt darauf hinweisen, dass die Entscheidung der aufgeworfenen u aller ähnlichen Fragen in Folge des Staatsvertrages in seiner Competenz liege u dass er dafür auch ausschliesslich die Verantwortlichkeit trage.7 Wenn wir auch bereit seien Wünsche entgegenzunehmen, so müssten wir ebenso bestimmt darauf bestehen, dass die Rechtsfrage intact bleibe. Eine andere Auffassung müsste auch Deutschland berechtigen sich einzumischen u es würde ein Zustand entstehen, der unerträglich sein | würde. Bei diesen gegenseitigen Erklärungen blieb die Sache stehen u Herr Melegari fügte nur noch bei er werde mir heute persönlich von dem Inhalt der Note Kenntniss geben.
Wie nun das ital. Ministerium auf diese Frage gekommen ist, weiss ich nicht. Wahrscheinlich hat Grattoni bei seiner Anwesenheit in der Schweiz von der Differenz reden hören, welche diessfalls zwischen Herrn Gerwig u Koller bestand. In der Unterhaltung die ich mit ihm hatte war davon mit keinem Wort Rede und Herrn Koller hat Grattoni soviel ich weiss gar nicht gesehen.
Gestern erhielt ich den Bericht des Herrn Koller über die Tunel Mündungen in Göschenen u Airolo. Die Pläne von Göschenen beantragt er zu genehmigen; | dagegen beantragt er für den Bahnhof in Airolo resp. die dortige Tunelmündung noch zwei weitere vergleichende Projecte mit der Höhenlage von 1135 u resp. 1140 m zu verlangen. Er glaubt es lasse sich die Scheitelhöhe ohne Beeinträchtigung der übrigen Vorzüge des Projectes (1145 m) Gerwig noch weiter reduciren, was allerdings von Vorteil wäre.8 Der Incidenzfall mit Melegari muss uns jedenfalls vorsichtig machen. Ich werde nun heute den Bericht dem Bundesrathe vorlegen9 und will Ihnen wieder schreiben sobald ich den nähern Inhalt der ital. Note kenne.10
Mit freundschaftl. Grusse
Ihr ganz ergebenter
E Welti
Bern 10 Juni 1872.