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Eine junge schwangere Frau kam mit der Idee ins Geburtshaus, ihr Kind zur Adoption frei zu geben. Mit der Zeit änderte sie ihre Meinung und entschied sich, ihr Kind zu behalten. Eine Entscheidung fürs Leben – und für die Liebe.
Ich habe bereits in einem früheren Text über Manuela* geschrieben. Schwanger geworden war sie durch eine Vergewaltigung. Wenig später heiratete sie ihren Mann. Es war eine Heirat aus freien Stücken – durchaus nicht selbstverständlich hier in Mexico. Als sich jedoch herausstellte, dass Manuela schwanger war, schickte ihr Mann sie weg. Er fühlte sich hintergangen und warf ihr vor, dass sie ihn betrogen habe. An eine Vergewaltigung glaubte er nicht. Manuela lebte eine Zeit lang bei ihrer Cousine und hörte dank einer Nonne vom Geburtshaus Yach’il Antzetic. Diese begleitete Manuela dann auch bis zu uns – was immerhin eine Reise von fünf Autostunden bedeutete.
Unbewegtes Gesicht
Ich denke zurück an Manuelas ersten Tag im Geburtshaus. Da ich Dienst hatte, führte ich das Aufnahmegespräch mit ihr. Ich erinnere mich an ein unbewegtes – ja fast versteinertes Gesicht. Manuela erzählte mir ohne jegliche Gefühlsregung ihre Geschichte. Obwohl die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war, spürte Manuela die Bewegungen ihres Kindes nicht. In unserem Kleiderbazar suchte sie sich ein enges Mieder aus und sehnte den Moment herbei, in welchem die Schwangerschaft endlich vorüber sein wird und sie dieses Kleidungsstück tragen kann. Ihr Kind wollte sie zur Adoption freigeben da sie keine Zukunft sah mit einem Baby.
Was ist Liebe?
In einem Gespräch über die mögliche Adoption sagte mir Manuela: „Ich gebe das Kind lieber jemandem, der es zu lieben weiss.“ Ich fragte sie, ob sie selbst das Kind denn nicht lieben könne. „Ich glaube nicht.“ war ihre Antwort.
Eine Therapeutin des Yach’il Antzetic führte mit den Frauen einen intensiven Workshop zum Thema Liebe durch. Es flossen viele Tränen in diesen Stunden. Und doch freuten sich die Frauen jedes Mal auf den Workshop. Von aussen konnte man förmlich sehen, wie Manuela mit den Wochen im Yach’il Antzetic weicher wurde. Wie ihr Gesicht an Ausdruck gewann und wir sie immer öfter auch lachend antrafen.
Geburt und zaghafte Annäherung
Kurz vor der Geburt traf Manuela eine Entscheidung fürs Leben. Sie wolle ihr Kind behalten, sagte sie. Ich durfte sie während der Geburt begleiten. Es war eine lange und erschöpfende Geburt für Manuela. Immer wieder sagte sie, dass sie es nicht schaffen werde. Dann endlich kam ihr Sohn zur Welt.
Die ersten Tage versorgte Manuela ihr Baby fast ein bisschen wie in Trance. Sie stillte, wickelte, trug ihren Sohn – alles schien von aussen etwas mechanisch. Wir machten uns Sorgen und das Baby weinte auffallend viel. Nach Tagen erst sah ich, wie Manuela zu ihrem Baby sprach und ihm einen Kuss gab. Mit den zaghaften Gehversuchen Manuelas in ihrer Mutterrolle schien auch ihr Sohn allmählich Sicherheit zu spüren und wurde ruhiger.
Abschied
Diese Woche zogen Manuela und ihr Sohn aus dem Geburtshaus aus. Eigentlich hätte sie zu ihrem Ehemann zurückgehen wollen. Dieser hatte sich noch vor der Geburt per Telefon bei Manuela entschuldigt und gesagt, er möchte mir ihr und dem Kind zusammenleben. Zwei Tage vor ihrem Austritt telefonierten die beiden erneut. Er war betrunken und beschimpfte sie – die alte Geschichte. Sie habe ihn betrogen, niemals werde er dieses Kind anerkennen. Entweder sie komme ohne dieses Baby zurück oder gar nicht. Manuela zögerte nicht. Dann solle er sich eine neue Frau suchen, teilte sie ihm mit. Manuela wird vorübergehend bei ihrer Tante unterkommen und hofft, bald Arbeit zu finden.
Das ist Liebe!
Beim Abschiedsritual erinnerte ich Manuela an ihre damalige Aussage, dass sie glaubte ihr Baby nicht lieben zu können. Und dass ich inzwischen eine Mutter sehe, die ihr Kind von Herzen liebt und viel Ungewissheit in Kauf nimmt, um zu ihm stehen zu können. „Ja.“ antwortete sie unter vielen Tränen. „Ich habe wieder lieben gelernt. Mich selbst und meinen Sohn.“
Alles Gute, Manuela!
* Name geändert