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Pupikofer, Geschichte des Thurgaus, Bd. 2, 338, nennt die Reformation die Mutter der Volksschule : dieses scheint für Ermatingen insoweit zuzutreffen, als wir mit der Anstellung Rabers 1532 auf die Frühmesspfründe „um die Jugend wohl zu unterrichten" die erste zuverlässige Kunde von Bestrebungen ans diesem Gebiete erhalten; gleichwohl dürfte sich etwas Ähnliches in schwachen Anfängen doch schon früher vorgefunden haben (da schon in der ersten Zeit von Bertschis reformatorischen Bestrebungen die Streitschriften Luthers und anderer Reformatoren eifrig gelesen worden sein sollen).
Während meistenteils damals in den Landgemeinden in Ermangelung von Schulanstalten etwa die Geistlichen Schule hielten, scheint dieses in Ermatingen nur ausnahmsweise, z. B. 1632 der Fall gewesen zu sein, wo laut Gemeinderechnung dem Pfarrer dafür ein Jahrgehalt von 3 Gulden und 10 Batzen bezahlt wurde, und tritt dagegen schon früh ein eigener Schulmeister in Sicht, freilich nicht als hervorragende Persönlichkeit, denn mit der Existenz eines solchen mag es kümmerlich genug ausgesehen haben.
Er wurde von der Gemeinde für so lange Zeit gewählt, als es dieser beliebte, ihn bei der Stelle zu belassen, und erteilte seinen Unterricht für die Kinder evangelischer Konfession des gesamten Kirchspiels in einer Stube.
Erst 1684 wurde ein eigenes Schulhaus gebaut; dasselbe kostete 404 Gulden.
"O Herr Je,
das thut weh,
du junge Welt,
wenn man so hushält,
wenn man so übel thut husen;
es thut eim schier darab grusen,
ab dem übel husen."
Nicht unverdient scheint in dieser Beziehung damals die Gewissenhaftigkeit des einen und andern Gemeindebeamteten zeitweise erheblich nieder im Tageskurs gestanden zu sein, dass es dem also stand.
Beiläufig bemerkt, betrug damals die Zahl der noch vorhandenen silbernen Becher immerhin in 40 Stück, wovon 35 Tischbecher und 5 halbmässige Becher, da es als altes Herkommen galt, dass bei seiner Aufnahme ins Bürgerrecht jeder, dem es die Mittel erlaubten, einen solchen aufs Gemeindehaus spendierte.
An Gelegenheit, von denselben Gebrauch zu machen, war dort kein Mangel, indem, wie der Titel Raths- und Gesellenhaus besagt, unter welchem es 1501 erbaut wurde, die grosse Bürgerstube nicht nur zu Gemeindezwecken, sondern auch als Trinkstube für gesellige Unterhaltung der Bürger, Zusammensitzen, wie man es damals hiess, diente und ein Vorwand zum wenigsten davon hergenommen werden musste, dass es jedem frei stehe, hierfür nur das Getränk selbst von Hause mitzubringen, weil ohne diese silbernen Becher von Gemeindewegen für solche ausreichend gewöhnliche Trinkgläser dort zur Verfügung gehalten wurden.
Für Hochzeits- und Taufmahle scheint sich ohnehin das von selbst verstanden zu haben.
Trotz des ökonomischen Rückgangs, wie ihn so der Gemeindeschreiber schildert, galt indessen stets das Gemeindebürgerrecht als ein gutes und war die Begehrlichkeit, desselben teilhaft zu werden, derart wachsend, dass man 1576 dieselbe mit Erhöhung der Einkaufstaxe von 20 gemeinen Gulden aus 80 Gulden einzuschränken bestrebt war. Aber die damit verbundenen guten Nutzungsrechte an Wunn und Weide, Holz und Feld, kamen nur denen zu statten, welche Haus und Grundbesitz besassen, und der Arme, der seinen Unterhalt mit Taglohn suchen musste, hatte von seinem Bürgerrechte wenig Gewinn, vollends aber der, der sich nicht durch Handarbeit ernähren konnte.
Ermatingen steht daher mit seiner Grosszahl von Bettlern unter den Seegemeinden in unbeliebsamem Vordergrund.
1627 waren in Ermatingen 63 Personen, die zu ihrem Lebensunterhalt des Bettelns benötigt waren, in Triboltingen 39, Mannenbach 13, Fruthwilen 25 und in Salenstein 45, zusammen also ans der Kirchgemeinde 185 Personen.
Dieselben erhielten für den Bettel auswärts auf Empfehlung der Ortsbehörden von diesem bischöflichen Obervogt einen Ausweis und ein besonderes Zeichen, das sie dann bei sich tragen mussten und für dessen Verausfolgung er sich von jedem eine Gebühr bezahlen liess.
Abgesehen von den Schlossbesitzern, welche wiederholt bestrebt waren, durch Vergabungen die Stiftungen ihrer Vorfahren für die Armen zu mehren, hielt sich die Privatwohltätigkeit im allgemeinen grossenteils durch die von Bertschi früh schon eingeführten Kirchensteuern an den hohen Festtagen ihrer Verpflichtungen gegenüber ihren armen Mitbürgern als abgefunden.
... gleich wie die Gemeinde als solche ihrerseits damit das ihrige getan zu haben erachtete, dass sie 1528 dem Jost Sauter ein Haus mit der Bedingung zu Lehen gab, dass er darin auch den armen Leuten Herberge geben müsse.
Vergabungen aus der Bürgerschaft zu Armenzwecken sind noch lange Zeit eine äusserst seltene Erscheinung.
Vorzüglich hob sich als Erwerbsmittel neben der Fischerei die Schiffsfahrt, indem Ermatingen wegen seiner günstigen örtlichen Verhältnisse immer stärker als Landungsplatz für den Korn- und Güterverkehr zur Geltung kam.
Die Wirtschaften vom Staad und die Schiffleute scheinen nach den Strafprotokollen gute Tage gehabt zu haben.
Selbst über die Zeiten des schwarzen Todes 1610 bis 1612, wo nach der Sage ganze Geschlechter ausgestorben sein sollen und der Kirchhof grösser gemacht werden musste, ist so gut wie gar nichts ersichtlich, und es muss daher mit dieser Skizzierung einzelner Parthien des Gemeindelebens geschlossen werden, dass Ermatingen im grossen Ganzen sich sonst nirgends mit seinen Erlebnissen in der thurgauischen Zeitgeschichte bemerkbar macht, soweit nicht die religiösen Fragen darin im Vordergründe stehen.
„Es herrscht ein grausamer Sterbent; der liebe Gott wolle uns alle gnädig behüten!" Mit dieser für die Wissbegierde bemühenden Kürze erledigt eine Anmerkung im Ratsprotokoll die Erlebnisse während der Zeit der pestartigen Krankheit, des schwarzen Todes, 1611, wo in Konstanz bei 4000 und im Thurgau selbst 33'584 Personen daran starben.
Dass sie auch in Ermatingen sehr heftig regiert habe, ist daraus zu schliessen, dass damals der Kirchhof vergrössert wurde, und der Volkssage nach ganze Haushaltungen ausgestorben seien.
Kaum begann die Erinnerung an diese Schreckenszeit in etwas abzublassen, so brachte das Jahr 1628 neue schwere Heimsuchung mit Teuerung und Hungersnot; in Ermatingen mussten laut amtlichen Verzeichnisses 63 Personen ihren Unterhalt auswärts mit Betteln suchen.
Bei stürmischer Witterung ging am 26. Mai nahe bei Mannenbach ein Schiff unter; es ertranken 55 Personen, welche in der Reichenau im Kloster um Almosen gebettelt hatten, deren allein 21 von Raperschweilen und Fischbach waren. Mit Recht sagt Pfarrer Amstein in seiner Geschichte von Wigoltingen: „Wie unsäglich musste da Not und Armut sein, dass um einer Schüssel Suppe und eines Brötchens willen Leute stundenweit herkamen".
1635 zeigte nicht nur pestartige Krankheit, sondern auch derart Mangel, dass arme Leute gezwungen waren, den Hunger mit Kleie, Kräutern, welche sonst nur als Viehfutter dienten, Schnecken, Eicheln usw. zu stillen.
Indessen ist das Jahr 1692 mit seinen Erlebnissen als Notjahr denjenigen von 1628 und 1635 fast überlegen. Korn, das man 26 Jahre zuvor für 12 Kreuzer gekauft, galt jetzt 4 12 bis 7 Gulden das Viertel. „Von Ermatingen laufen über hundert Bettler im Lande herum", lautete ein Amtsbericht des evangelischen Dekanats nach Zürich; ob damit nur Dorfangehörige oder solche aus dem ganzen Kirchspiele gemeint seien, ist indessen nicht ersichtlich.
In unmittelbarem Gefolge der furchtbaren Teuerung zog auch der Hungertyphus durchs Land. Während in gewöhnlichen Jahren die Gesamtzahl der Toten evangelischer Konfession laut der Pfarrbücher selten auf mehr als 40 anstieg, sind 1692 412 Personen gestorben.
Eine Abrechnung von 1695 gibt den gesamten Güterbestand im Gemeindebann zu 1995 Manngrab Reben, 212 Manngrab Wiesland und 156 Juchart Ackerfeld an.
Schon frühe begegnete man der Meinung, es habe in Ermatingen zu wenig Ackerfeld und zu viel Rebland; letzteres sei hoch im Preise und jüngeren Leuten nicht leicht, zu einem Gütergewerb zu kommen.