Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03329.jsonl.gz/1565

Wissenschaft - Medizin
IKIGAI - die japanische Methode den Sinn des Lebens zu finden
In dieser Rubrik wollen wir einen direkten und zeitgenössischen Bezug zu einem einzelnen Fachbereich der Wissenschaft bringen, den wir für lesenswert erachten unter unserem Monatsthema:
Ikigai ist ein aus Japan stammendes Konzept, dessen Entstehung ins 14. Jahrhundert zurückreicht und dort als Gegenteil des Shinigai („Wofür es sich zu sterben lohnt“) der Soldaten auftrat. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Begriff im Zuge der Moderne und der individuellen Selbsterfüllung, in der japanischen Philosophie, wieder aufgegriffen.
Ikigai setzt sich aus den beiden Begriffen iki, was Leben bedeutet und gai für Wert, zusammen. Frei übersetzt könnte man also sagen, es ist „das wofür es sich zu Leben lohnt“ oder salopp „wofür Du morgens aufstehst.“ (Lesen Sie weiter …)
Die mit Ikigai verbundene ausführliche Ergründung und Reflexion der eigenen Person nimmt in der japanischen Kultur, als eine Philosophie des Hier und Jetzt, eine zentrale Rolle ein.
Ohsaki-Studie
Toshimasa Sone und Mitarbeiter vom Fachbereich Medizin an der Universität Tōhoku, Sendai, Japan, führten ab 1994 eine siebenjährige Longitudinalstudie mit 43.391 erwachsenen Personen (Alter: 40 bis 79 Jahre) durch, die sie unter anderem auch in Bezug auf Ikigai befragten. Die Forscher umschrieben dabei den Begriff als „Glaube, dass es das eigene Leben wert ist, gelebt zu werden“; mögliche Antworten waren ja, unsicher oder nein.
Im Zeitraum der Studie verstarben 3.048 Probanden (7 %). Bei der folgenden statistischen Auswertung wurden auch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, Body-Mass-Index, Zigaretten- und Alkoholkonsum, körperliche Ertüchtigung, Arbeitsverhältnis, empfundener Stress, Krankengeschichte und eine Selbstbeurteilung der Probanden bezüglich ihrer Gesundheit berücksichtigt. Fast 60 % der Studienteilnehmer hatten ja zum Empfinden von Ikigai gesagt und diese Personen waren zumeist verheiratet, hatten eine Ausbildung, und standen in einem Arbeitsverhältnis; sie gaben an, weniger Stress zu haben, und schätzten sich selber als gesünder ein.
Die Auswertung der Todesfälle ergab, dass Personen, die nein in Bezug auf Ikigai angegeben hatten, eine höhere Mortalität aufwiesen als diejenigen, die mit ja geantwortet hatten. Nach Kategorisierung der Todesart wiesen Nein-Sager ein signifikant höheres Risiko bezüglich kardiovaskulärer Erkrankungen und Tod durch externe Faktoren auf; bei Tod durch Krebserkrankung wurde kein signifikanter Unterschied zwischen Ja- und Nein-Sagern gefunden. Die Studie wurde 2008 veröffentlicht.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Angabe einer Empfindung von Ikigai die Qualität eines Vorhersagewerts habe: 95 % der Personen mit Ikigai waren nach 7 Jahren noch am Leben, verglichen mit etwa 83 % derer, die kein Ikigai empfanden. Ähnliche Aussagen – eine positive Lebenshaltung stehe in Verbindung mit physischer Gesundheit und dadurch mit einer höheren Lebenserwartung – werden auch durch andere Autoren bestätigt.
Ziel der Ikigai-Methode
Was macht das Leben für Sie lebenswert? Wo liegen Ihre persönlichen Stärken und Talente? Wie können Sie Ihr ureigenes Potenzial erkennen und entfalten?
Diesen grundlegenden Fragen geht die Ikigai-Methode auf den Grund und hilft systematisch dabei, die eigenen Antworten darauf zu finden.
Ikigai eignet sich ausgezeichnet für Situationen, in denen Sie sich über sich selbst und Ihre Ziele klar werden möchten oder sich neu orientieren müssen. Das kann eine Sinnsuche in der Midlife-Crisis sein oder in Umbruchsituationen wie Kündigungen, Trennungen oder Schicksalsschlägen. Oder eine Selbsterforschung und Potenzialanalyse im Vorfeld des Berufslebens, wenn man sich fragt, wohin die Reise des Lebens gehen soll.
Das Ziel ist, seine Lebensaufgabe auf Basis der individuellen Veranlagung und Talente zu finden, die zu Selbstverwirklichung, Erfüllung und Zufriedenheit führt. Das Ikigai-Modell basiert auf einer zielgerichteten, gründlichen Erforschung der eigenen Stärken, Werte und Begabungen, die jeden Menschen einzigartig machen. Im Zentrum stehen vier verschiedene Themenbereiche: Leidenschaft, Mission, Berufung und Beruf:
Die vier Kern-Elemente von Ikigai
- Das, was Sie lieben, was Sie gerne tun.
- Das, was die Welt von Ihnen braucht.
- Das, womit Sie Geld verdienen können.
- Das, worin Sie richtig gut und talentiert sind.
Schließlich ergibt sich aus den Schnittmengen dieser vier Elemente dann jeweils ein übergeordnetes Grundbedürfnis, das damit erfüllt werden kann.
Die vier übergeordneten Grundbedürfnisse des Ikigai
- Leidenschaft (Passion): Ihre Leidenschaft finden Sie in der Schnittmenge dessen, was Sie lieben und dem, worin Sie talentiert sind.
- Aufgabe (Mission): Die Mission ergibt sich daraus, was Sie lieben und dem, was die Welt von Ihnen braucht.
- Berufung (Vocation): Ihre Berufung erkennen Sie an der Überschneidung von dem, was die Welt von Ihnen braucht und womit Sie Geld verdienen können.
- Beruf (Profession): Das, womit Sie Geld verdienen können und worin Sie richtig gut und talentiert sind, weist den Weg zu Ihrem Beruf.
Wenn alle vier Elemente und Grundbedürfnisse erfüllt werden und in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen, erschließt sich der Idealzustand des Ikigai. Dann können wir unser ureigenes Potenzial entfalten und legen die Basis für ein sinnerfülltes und glückliches Leben. Schließlich befinden wir uns an dem Punkt, an dem sich unsere individuellen Talente und Leidenschaften mit dem überschneiden, was die Welt braucht und woraus wir auch unser Einkommen erzielen können.
Fragen zur Selbsterforschung, um dem Ikigai auf die Spur zu kommen
Um die Selbsterforschung richtig und wirkungsvoll anzugehen, nehmen Sie sich am besten einen Stift und Block zur Hand. Gehen Sie in Ruhe Frage für Frage durch. Und schreiben Sie alles frei auf, was Ihnen spontan in den Sinn kommt. Auch wenn Ihnen einiges im ersten Moment lächerlich oder völlig unrealistisch vorkommen mag. So erhalten Sie Zugang zu Ihrem Unterbewusstsein, in dem viele verborgene Träume und Sehnsüchte schlummern.
Dabei sollten Sie folgende Punkte beachten: Seien Sie in diesem ersten Brainstorming offen und bewerten Sie nichts. Sondern schreiben Sie wirklich alles auf, was Ihnen gerade einfällt. Also nehmen Sie sich Zeit und notieren Sie möglichst viele Dinge. Später können Sie dann in einem weiteren Schritt die Antworten durchgehen, sortieren, bewerten und analysieren. Folgende Fragen helfen Ihnen, Ihrem eigenen Ikigai auf die Spur zu kommen.
Leidenschaft und Passion: Was lieben Sie? Was tun Sie gerne?
- Was begeistert Sie, entfacht Ihre Leidenschaft und macht Ihnen so richtig Spaß?
- Bei welchen Tätigkeiten vergessen Sie die Zeit? Wann sind Sie im Flow?
- Was können sie sehr lange machen, ohne müde zu werden?
- Welche Dinge haben Sie schon als Kind gerne getan, was haben sie am meisten geliebt?
- Worüber können Sie stundenlang mit Enthusiasmus reden?
- Wenn Sie einen ganzen Tag das tun könnten, was Sie am liebsten machen: was wäre das?
Berufung (Vocation): Worin sind Sie gut? Wo liegen Ihre Talente?
- Was können Sie richtig gut? Worin sind Sie begabt? Wo liegen Ihre Talente?
- Was können Sie besser als andere?
- Welche Ausbildung haben Sie? Was haben Sie gelernt?
- Gibt es Hobbies, denen Sie nachgehen?
- Verfügen Sie über weitere, vielleicht auch ungewöhnliche oder auf den ersten Blick unbedeutende Fähigkeiten?
Aufgabe und Mission: Was braucht die Welt von Ihnen?
- Was erfüllt Sie wirklich mit Sinn?
- Wovon sind Sie im tiefsten Inneren überzeugt? Was entspricht Ihren Werten?
- Wenn Sie nicht mehr hier sind: Was soll einmal von Ihrem Wirken in der Welt übrig und in Erinnerung bleiben?
- Falls Sie einmal eine Zeit lang nicht da wären: Was würde genau fehlen oder liegenbleiben?
- Wem oder wo würden Sie ganz besonders fehlen?
Beruf (Profession): Womit können Sie Geld verdienen?
- Was ist Ihr bisheriger Beruf? Wofür werden Sie bezahlt?
- Erzielen Sie noch weitere Einnahmen aus anderen Quellen?
- Könnten Sie mit anderen Dingen, in denen Sie besonders gut sind, unter Umständen auch Geld verdienen? Etwa Ihr Hobby zum Beruf machen?