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Aglaja Orgeni (schon mal von ihr gehört?) gilt als eine der ganz grossen Gesangspädagoginnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ihre Grossnichte Erna Brand-Seltei hat 1972 die Geschichte der Frauen im Belcanto geschrieben (Erna Brand-Seltei: Belcanto, eine Kulturgeschichte der Gesangskunst, Wilhelmshaven, 1972). Sie nimmt ihren Anfang bei dem gerissenen, ja skrupellosen Sänger und Kaufmann Manuel del Popolo Vicente Garcia (1775-1832).
Ein Schlüsselrolle in der Geschichte der modernen Gesangskunst spielen Garcias Töchter Marie und Pauline. Marie Malibran de Bériot-Garcia (1808-1836) wurde von ihrem Vater mit unerbittlicher Härte zum Singen gezwungen und starb, noch nicht dreissig Jahre alt, während eines Sängerfestes in Manchester an Überanstrengung – sie war Monate zuvor vom Pferd gefallen, hatte den drohenden physischen Zusammenbruch aber ignoriert. Um der väterlichen Gewalt zu entgehen, hatte sie den Kaufmann Eugène Malibran geheiratet, der über seine Vermögensverhältnisse vermutlich falsche Angaben gemacht hatte. Kurz nach der Heirat musste er seinen Bankrott erklären, die Achtzehnjährige flüchtete mittellos und einsam aus New York nach Paris, wo ihr ihre spätere Biografin, Comtesse Merlin, erst richtig Eingang ins Kunstleben ermöglichte.
Marias Schwester Pauline Viardot-Garcia (1821-1910), eine Jugendfreundin Clara Schumanns, schuf sich als Pädagogin einen hervorragenden Ruf. Auch George Sand, die Lebensgefährtin Chopins, war von der Persönlichkeit der Sängerin tief beeindruckt. Im Entwicklungsroman «Consuelo» hat sie ihr ein bleibendes Denkmal gesetzt. Gefolgschaft fand Pauline Viardot vor allem in der Person der überragenden Aglaja Orgeni-Görger (1841-1926), die 1908, vermutlich als erste Frau überhaupt, den Titel einer Professorin verliehen bekam. Ab 1886 war sie als Lehrerin für Gesang am Dresdner Konservatorium tätig.
Dem Garcia-Clan und der mit ihm verbundenen Ästhetik des Belcanto hat sich Cecilia Bartoli angenommen. Zur Zeit tourt sie mit einem Programm durch Europa, das die Glanzzeiten der Malibran wieder aufleben lässt. Begleitet wird die Tournee von einem «Museo Mobile», einer kleinen, in einen Truck verpackten Ausstellung. Wo Museo und Sängerin Halt machen, darüber gibt die Webseite www.mariamalibran.net Auskunft (ein Hersteller schwerer Lastwagen mit urmännlichem Namen wirkt als Hauptsponsor - soviel Ironie mutet schon fast subversiv an).
Das Projekt scheint in zweifacher Hinsicht richtungweisend: Zum ersten weist es der Tonträger-Industrie einen möglichen Ausweg aus der Krise. Die Silberscheibe selber spielt bei «Maria» nämlich fast eine Nebenrolle. Zum Kaufmotiv dürfte vielmehr das üppig gestaltete Booklet mit den zahlreichen erstklassig recherchierten Hintergrundinformationen werden.
Schade, dass die etwas geschmäcklerischen Fotografien das Büchlein äusserlich eher wie den Lifestyle-Prospekt eines Juwelierladens erscheinen lassen. Das Schickimicki-Design banalisiert die vielschichtige und auch tragische Persönlichkeit der jung verstorbenen Sängerin. Die leider in etwas kleinem Schriftgrad gesetzten Texte schürfen da weitaus tiefer.
Zum zweiten leistet Cecilia Bartoli mit dem Album einen intelligenten, querständigen Beitrag zu Geschichte und Ästhetik der Gesangskunst, der zum grundsätzlichen Nachdenken über Musik und Interpretation anregt. In akribischer Arbeit haben sie und ihr Team die für die Malibran geschriebenen Arien analysiert, zahllose zeitgenössische Berichte über deren Wirken studiert und auf der CD auch einige Originalkompositionen Mailbrans und ihres Vaters erstmals eingespielt - darunter auch zeitgenössische, dem Star auf den Leib geschneiderte Ad-hoc-Ergänzungen bekannter Opern.
Zugute ist Bartoli bei der Aufarbeitung dieser Epoche der Gesangskunst die intime Kenntnis ihrer Vorgeschichte gekommen. So hat sie etwa die Bedeutung erkannt, welche das Auftreten der Malibran für den endgültigen Untergang der Kunst der Kastraten gehabt hat. Mit dem Quellenstudium enthüllt die Mezzosopranistin aber auch die spätere Verdrängung der dunkleren Stimme, wie sei der Malibran eigen gewesen sein muss, durch die heute üblichen, eher puppenhaften Soprane.
Mit nicht geringer Überzeugungskraft schliesst sie, dass heute als Paradestücke für Sopranistinnen betrachtete Partien wie Bellinis Somnambula oder Norma ursprünglich für das dunkle Timbre zwischen Sopran und Alt gedacht waren, das nicht nur Maria Malibrans Stimme charakterisiert haben muss, sondern auch diejenige Giuditta Pastas (1797 bis 1865), des zweiten weiblichen Gesangstars der Epoche.
Um dem authentischen Klang der Epoche nachzuforschen, spielte das eher zurückhaltende Zürcher Orchestra La Scintilla während der Aufnahmen in der reformierten Kirchgemeinde von Zürich-Oberstrass unter der Leitung von Adam Fischer auf Originalinstrumenten, die Jodlerin Nadja Räss gab Bartoli überdies gute Tipps, um mit Hummels «Air Tirolienne» - einem kleinen Zirkusstück im malibranschen Repertoire - klarzukommen. Wie eine Primadonna der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geklungen haben mag, nimmt man beim Anhören der CD fasziniert zur Kenntnis. Bloss das streckenweise etwas gar dick aufgetragene Tremolo scheint ab und an etwas des Guten zuviel. (wb)
Cecilia Bartoli: Maria, mit dem Orchester La Scintilla (Adam Fischer, Leitung), Maxim Vengerov (Violine), Celso Albelo (Tenor), Luca Pisaroni (Bassbariton) und den internationalen Kammersolisten (Jürg Hämmerli, Leitung), Decca 475 9077.