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Als Eric Cantona in den neunziger Jahren die Fäden im Mittelfeld von Manchester United zog, hatte er den Kragen seines Trikots immer hochgestellt. Cantona war ein Fussballer, der niemanden kalt liess. Er hatte Ausstrahlung, er hatte Charakter, er hatte Stil, und er behandelte den Ball, wie man es bis dahin auf der Insel kaum gesehen hatte. Wie alle Fussballer, die irgendwann ins Alter kommen, in denen die Füsse dem Kopf nicht mehr so gehorchen, wie es das Spiel verlangt, musste Eric Cantona sich überlegen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Der Franzose entschied sich für die Schauspielerei. Seither hat er in rund zwanzig Filmen mitgespielt. Einer der Höhepunkte in seiner Schauspielerkarriere war zweifellos die Rolle im Ken-Loach-Film «Looking for Eric», in dem er seinen eigenen Geist spielt und auf meisterliche Art vieles von dem verkörpert, was er für seine Fans bedeutet.
Am letzten Freitag war Cantona in Fribourg am Internationalen Filmfestival zu Gast. Er stellte dort den von ihm mitgeprägten Film «Les Rebelles du Foot» vor. Cantona selbst präsentiert darin die Geschichten von fünf Fussballern, deren Wirkung weit über das Rasenviereck hinausreicht.
Da ist etwa vom Chilenen Carlos Caszely die Rede, der sich nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet 1973 öffentlich gegen den Diktator stellte. Pinochet soll von ihm gesagt haben, er sei der einzige rechte Flügel mit linkem Gedankengut. Caszelys Mutter wurde von Pinochets Schergen gefoltert, und der Spieler war gezwungen, nach Spanien ins Exil zu gehen.
Ein anderes Porträt im Film ist Rachid Mekhloufi gewidmet. Mekhloufi war ein französischer Nationalspieler, der auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1958 verzichtete, um sich der algerischen Befreiungsbewegung FLN anzuschliessen. Noch im Untergrund gründete er mit Gleichgesinnten die Fussballauswahl des FLN, Vorläuferin der heutigen Nationalmannschaft Algeriens.
Nicht weniger dramatisch verlief die Geschichte von Predrag Pasic, der 1993, als eben zurückgetretener Nationalspieler Jugoslawiens, mitten im kriegsgeschüttelten Sarajevo eine Fussballschule für 600 Kinder aller Religionen und Nationalitäten aufbaute. Während des ganzen Bürgerkriegs war Pasics Fussballschule «Bubamara» ein Symbol des Widerstands und der Menschlichkeit. Die Fussballschule besteht allem politischen Druck zum Trotz bis heute.
Auch der viel zu jung verstorbene brasilianische Starfussballer Socrates erhält in «Les Rebelles du Foot» ein würdiges Porträt. Socrates war 1983, als Spieler des FC Corinthians, ein Wortführer des Kampfs um Demokratie im militärisch regierten Brasilien. Wenig bekannt dürfte auch das Engagement des ehemaligen Chelsea-Stars und heutigen Stürmers von Galatasaray Istanbul, Didier Drogba, sein. Der Ivorer setzte seine enorme Popularität in der Heimat dafür ein, dass die Bürgerkriegsparteien in der Côte d’Ivoire ihre Kampfhandlungen einstellen. Drogba reiste 2007 persönlich ins Kriegszentrum in Bouaké, um der Menge seinen «Ballon d’Or» zu präsentieren und zur Versöhnung aufzurufen.
Mit diesen fünf ermutigenden und bewegenden Filmporträts zeigt «Les Rebelles du Foot» nicht bloss, dass es selbst in der Welt des Fussballs Zivilcourage und Engagement gibt. Der Film lässt uns auch ahnen, was möglich wäre, wenn die weltweite Popularität dieses Sports vermehrt genutzt würde, um für Menschenwürde und Frieden einzustehen.
Das mag alles ein bisschen pathetisch klingen. Aber Pathos muss nicht a priori schlecht sein. «Pathos» heisst ursprünglich «Leidenschaft». Und Leidenschaft ist das Kerngeschäft des ehemaligen Fussballers und heutigen Schauspielers Eric Cantona. Er kann sie vermitteln wie kein anderer, früher am Ball und heute vor der Kamera, zum Beispiel in «Les Rebelles du Foot».
Pedro Lenz (48) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er ärgert sich darüber, den Auftritt von Cantona in Fribourg verpasst zu haben.