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Das Israelmuseum zeigt eine epochale Ausstellung zum Gelehrten Moses Maimonides. Prunkstück ist eine «Mischne Thora»-Handschrift aus einer Schweizer Sammlung.
Eine der Perlen der Zürcher Braginsky Collection hebräischer Manuskripte und gedruckter Bücher ist ein Manuskript von Moses Maimonides’ «Mischne Thora», auch «Repetition der Thora» genannt; sie ist Maimonides’ systematische Sammlung der jüdischen Gesetze. Die Handschrift wurde im Jahre 1355 in Deutschland geschrieben und ist Teil einer einzigartigen Ausstellung, die im Israel-Museum in Jerusalem am 11. Dezember eröffnet und gemeinsam mit der Nationalbibliothek Israels unter dem Titel «Maimonides: A Legacy in Scripts» durchgeführt wird.
Moses ben Maimon, auch unter seinem Akronym Rambam bekannt, wurde 1138 im spanischen Córdoba geboren. Frühere, auf sekundären Quellen beruhende Forschungsresultate erwähnen das Jahr 1135. Doch am Ende der von ihm eigenhändig geschriebenen Kopie seines Kommentars zur Mischna schrieb Maimonides: «Ich, Moses, Sohn des Rabbi Maimon des Richters, Sohn des Joseph, des Gelehrten (...) begann diesen Kommentar im Alter von 23 Jahren zu schreiben und beendete ihn im Alter von 30 Jahren in Ägypten, im Jahr 1479 nach den Dokumenten». Dies bezieht sich auf das seleukidische Jahr 1479, das dem Jahr 4928 des jüdischen und 1168 des christlichen Kalenders entspricht. Dies erklärt, weshalb heute 1138 in weiten Kreisen als sein Geburtsjahr anerkannt wird. Maimonides verliess Spanien bereits in jungen Jahren und kam nach einiger Wanderung in Fustat an, dem alten Kairo. Dort schrieb er seine wichtigsten Werke und erfuhr höchste Wertschätzung als Philosoph, Arzt, Kommentator und ein führender Wissenschaftler des jüdischen Rechts. Die «Mischne Thora» wird als eine der grössten intellektuellen Leistungen der jüdischen Geschichte betrachtet, doch schon bei ihrer Erscheinung war sie auch Grundlage umfangreicher Diskussionen. Maimonides hatte entschieden, sein Werk als eine alternative Thora zu verfassen, ohne Referenzen zu anderen Wissenschaftlern oder sogar zu seinen Quellen. Speziell dieses Fehlen von Referenzen wurde von vielen seiner Zeitgenossen missbilligt. Dennoch wurde das Werk eine der wichtigsten Sammlungen des jüdischen Rechts, nicht nur in der sephardischen, sondern auch in der aschkenasischen Welt. Während des 12. und 13. Jahrhunderts fügten aschkenasische Wissenschaftler den Texten ihre eigenen Erkenntnisse bei, und viele dieser sogenannten Haggahot Maimunijot , also Beifügungen zu Maimonides Werk, wurden in mittelalterliche Handschriften des Textes eingearbeitet. Die «Mischne Thora»-Handschrift der Braginsky Collection ist eine dieser Art, und einige der Haggahot Maimunijot dieser Ausgabe sind sonst nirgendwo zu finden.
Besonderheiten des Manuskripts
Das Manuskript weist aber noch eine andere wichtige Besonderheit auf: Es beinhaltet eine berühmte Passage, die am Ende des 14., des letzten Teils der «Mischne Thora» zu lesen ist. Sie handelt vom Kommen des Messias und erörtert in recht harschen Worten die Unmöglichkeit, dass Jesus Christus der Messias sei. Weil diese Passage schon ziemlich rasch nach der Erscheinung die Aufmerksamkeit der Kirche auf sich zog und von ihr natürlich heftig abgelehnt wurde, entschieden sich jüdische Hersteller und Besitzer von Manuskripten und später von gedruckten Ausgaben oft, diesen Textteil wegzulassen, um sich keine Probleme einzuhandeln.
Unter anderem schrieb Maimonides:
«Wenn er in einem solchen Ausmass erfolglos war oder getötet wurde, kann er sicher nicht der von der Thora versprochene Erlöser gewesen sein. Vielmehr sollte er wie all die anderen richtigen und legitimen Könige der davidischen Dynastie betrachtet werden, die starben. Gott liess ihn nur erscheinen, um die Vielfältigkeit zu prüfen.»
«Alle Propheten sprachen vom Messias als dem Erlöser Israels und seinem Retter, der die Verstreuten sammeln und ihre Einhaltung der Gebote stärken würde. Im Gegenteil aber verursachte er, dass die Juden durch das Schwert umkamen, ihre Leichname zerschlagen und geschändet wurden, die Thora geändert wurde und die Mehrheit der Welt irrte und einem anderen Gott diente als dem Herrn.»
«Letztlich werden alle Taten des Jesus von Nazareth und des Ismael (i. e. Mohammed), der nach ihm erschien, nur dazu dienen, den Weg für die Ankunft des Messias und für die Besserung der ganzen Welt zu bereiten.»
«Wenn der wahre König Messias erscheinen und seinen Erfolg beweisen wird, seine Stellung verherrlicht und erhöht werden wird, werden sie alle zurückkehren und verstehen, dass ihre Vorfahren ihnen ein falsches Erbe hinterliessen; ihre Propheten und Ahnen sie irren liessen.»
Ankunft des Messias
Die «Mischne Thora» ist nicht das einzige seiner Werke, in welchem Maimonides sich mit seinem Glauben an die Ankunft des Messias beschäftigt. Er behandelte diesen auch recht detailliert in seinem berühmten Brief an die jemenitischen Juden. Dieser ist seine Antwort auf eine Anzahl Briefe, welche ihm nach dem Jahr 1165 vom jemenitischen Führer Jacob ben Netanel al-Faijumi geschickt worden waren. Die jüdische Gemeinde in Jemen litt stark unter dem enormem Druck, sich zum Islam zwangskonvertieren zu lassen. Unter diesen Umständen stand ein Mann auf und erklärte sich selbst zum Messias. Er wurde unter den Juden und sogar unter den Moslems ziemlich populär, weshalb sich Jacon ben Netanel veranlasst fühlte, Moses Maimonides in Fustat anzuschreiben und ihn um seinen Rat zu bitten. Dieser erklärte, weshalb der Mann in Jemen niemals der Messias sein könne, und begründete dies unter anderem damit, dass der Messias der grösste aller Propheten sei und nicht lediglich ein Mann mit einiger Weisheit sein könne und dass die Errettung durch ihn die jüdische Welt aus dem Land Israel erreichen würde und nicht aus einer Ecke der Diaspora.
13 Prinzipien des jüdischen Glaubens
Die bekannteste Quelle für Maimonides’ Sicht auf den Messias ist sein erwähnter Kommentar der Mischna. Er enthält seine 13 Prinzipien des jüdischen Glaubens, wovon das zwölfte der Glaube an die Ankunft des Messias ist. Dies ist im Judentum eine wichtige Auffassung: Die Juden erwarten seine Ankunft, und dies scheint wichtiger als die Ankunft an sich zu sein. Natürlich prägt diese Auffassung Maimonides’ harte Formulierung in seiner Abhandlung von Jesus Christus als Messias. Einer der weltweit führenden Kenner des Werks von Maimonides, Isadore Twerksy, argumentierte, dass er speziell im Brief an die Juden in Jemen, in dem er ebenfalls über Jesus Christus schrieb, bewusst einen polemischen Ton anschlug, um damit diese jüdische Gemeinde zu unterstützen. Man muss nichtsdestoweniger festhalten, dass eine solche Polemik für Juden, die in einem islamischen Umfeld lebten, nicht notwendigerweise relevant war. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass wir in dieser Passage Maimonides als den europäischen Juden erleben, der zwar in einer islamischen Umgebung aktiv, aber im mittelalterlichen Spanien erzogen und intellektuell geschult worden war.
Maimonides: A Legacy in Script, Israel-Museum,
IL-Jerusalem. 11. Dezember bis 27. April 2019.
Der Autor ist Direktor des Jüdischen historischen Museums Amsterdam und Kurator der
Barginsky-Collection.