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Vor 150 Jahren starb der amerikanische Schriftsteller und Naturphilosoph Henry David Thoreau. Sein nonkonformistisches Leben und Werk vermag bis heute zu beeindrucken. Es erweist sich in unseren digitaltrunkenen Zeiten als wertvoller denn je.
Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau stellte schon zu seinen Lebzeiten im 19. Jahrhundert ein Zuviel an sinnlosen Aktivitäten und ein dadurch provoziertes Zuviel an «ausgleichenden» Zerstreuungen fest. Thoreau hätte P. vielleicht einfach geraten, einmal eine Zeit lang ohne Ablenkungen in einer Hütte im Wald zu verbringen – so, wie er das selbst getan hat. Auf keinen Fall hätte Thoreau jedoch psychiatrischen Druck ausgeübt, denn der berühmte Querkopf aus Concord, Massachusetts, respektierte die Freiheit jedes Individuums. Weltverbesserer jeder Ausrichtung und Couleur waren ihm ein Gräuel. Thoreau ging es darum, Überflüssiges sowohl geistiger als auch materieller Art zu entsorgen.
Der Schriftsteller hatte sich den Transzendentalisten um den ehemaligen Pfarrer Ralph Waldo Emerson (1803–1882) angeschlossen, der in Concord ein Haus bewohnte, in welchem Thoreau geraume Zeit als «Mädchen für alles» fungierte. Ein Hauptanliegen der Transzendentalisten war ein naturverbundenes, jedoch weltoffenes und freiheitliches Denken, in welchem auch romantisch-idealistischer Geist mitschwang. Die humanistisch geprägte Bewegung beeinflusste später sowohl die Beatniks und die Hippies als auch Nonkonformisten wie Schriftsteller Henry Miller. Thoreau wirkte überdies neben dem Naturschutzpionier John Muir stark auf einen der bedeutendsten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten ein: Theodore Roosevelt (1858 –1919), der während seiner Amtszeit in den USA mehr Naturschutzgebiete als jeder andere Präsident durchsetzte, so zum Beispiel den
Gran Canyon.
Worum ging es Thoreau und warum sind viele seiner Gedanken und Ideen bis dato aktuell geblieben? Er suchte und fand den «Mittelpunkt der Erde», sozusagen das Universum, in der Natur seiner unmittelbaren Umgebung. Was für einen Amerikaner seiner Zeit ungewöhnlich war, denn die jungen USA fieberten Mitte des 19. Jahrhunderts bereits in abenteuerlustiger Aufbruchstimmung der Industrialisierung. Man zog nach Westen, verdrängte die von Thoreau verehrten Indianer, gründete Ortschaften, baute Eisenbahnstrecken, war masslos zukunftsgläubig und liess die Muskeln spielen, etwa im amerikanischmexikanischen Krieg.
Gleichzeitig dämmerte ein gravierender Konflikt herauf: jener zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Sklaverei. Zu letzteren gehörte auch Thoreau, der vorbehaltlos die oft gewalttätigen Sklavenbefreiungen des später hingerichteten John Brown unterstützte. Aus Protest gegen die Sklaverei weigerte sich Thoreau, die Kopfsteuer an den Staat zu entrichten, worauf er eine Nacht lang im Gefängnis eingelocht und anschliessend von Freunden wieder rausgeholt wurde. Der kurzen Haft verdanken wir «Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat», Thoreaus provokativste Schrift. Dieser gewaltfreie Protest inspirierte nachweislich Mahatma Gandhi. Während des Vietnamkrieges war das Pamphlet für viele junge Leute erneut von grosser Bedeutung. Heute kann Thoreau auch der noch jungen Occupy-Bewegung problemlos als Vordenker dienen.
In seiner starken und originellen Sprache dokumentierte Thoreau ein Experiment, das ihn weltberühmt machen sollte. Er bewohnte am Walden-See in der Nähe von Concord ab 1845 für über zwei Jahre ein kleines, schlicht eingerichtetes Holzhaus. Hier pflanzte er als Selbstversorger Bohnen und anderes an, ging fischen, jagte Kleintiere, beobachtete die Natur, las, philosophierte und schrieb. Eine seiner geistreichen Äusserungen zu seiner Lebenssituation: «Ich war plötzlich den Vögeln ein Nachbar geworden, nicht indem ich sie einsperrte, sondern indem ich meinen Käfig in ihre Nähe versetzte.» Thoreau fand es «gesund, die meiste Zeit allein zu sein». Einsam fühlte er sich nicht. Er empfing Gäste in seiner Hütte, die stets unverschlossen war. Pech für seine Besucher, wenn er gerade im Wald unterwegs war. Über die heute grassierende Abmacherei per Handy und dergleichen hätte sich der Naturphilosoph wohl sarkastisch amüsiert.
Thoreau dokumentierte sein Hüttenleben im Buch «Walden oder Leben in den Wäldern». Eines seiner Lieblingsthemen formuliert er darin folgendermassen: «Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit! Lass deine Geschäfte zwei oder drei sein, sage ich dir, und nicht hundert oder tausend; statt eine Million zu zählen, zähle ein halbes Dutzend und führe Buch auf deinem Daumennagel!».
Etlichen Empfehlungen und Erkenntnissen des Philosophen und Naturschützers kann man heute noch mit Gewinn nachleben, ohne dabei «unmodern» zu sein. Thoreau zeigte Zivilcourage und lebte ein einfaches Dasein vor, das keineswegs unsinnlich sein muss. Durch und durch Nonkonformist lehnte er jegliche Doktrin, etwa religiöser Art, ab und hinterfragte die bürgerliche Lebensweise stets aufs Neue.
Wie lebendig dessen Erbe über die Hippie-Generation hinweg geblieben ist, zeigt ein aktuelles Beispiel: Diesen Sommer verbrachte der 28-jährige evangelische Pfarrer Patrick Schwarzenbach aus St. Gallen drei Monate zu Ehren des Heiligen Gallus in einer Hütte im Wald. Meditierend, Gäste empfangend und ein einfaches Leben führend. Selbstverständlich liess sich der junge Pastor auch von Thoreau inspirieren: «Mich interessiert sein Ansatz als Alternative zu Kapitalismus und Marxismus.» Thoreau, ein bis heute faszinierender und anregender Querdenker.
Soeben ist der Comic «Henry David Thoreau. Das reine Leben» erscheinen. Die beiden Zeichner Dan und Le Roy schildern die wichtigsten Passagen von Thoreaus Leben und erklären seine Philosophie auf zugängliche Art mit stimmigen Zeichnungen und Dialogen. Knesebeck Verlag, 2012, Fr. 31.50
Fotos: mauritius-images.com, Wikipedia