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Da der kenianische Staat sich nur eingeschränkt für die Anliegen der Bevölkerung einsetzt, übernehmen von internationalen Geldgebern finanzierte NGOs viele dieser Aufgaben. Neben vielen seriösen Institutionen gibt es zahlreiche «schwarze Schafe».
Es ist verrückt, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten von Menschen hier in Kenia sind: Während die Reichen und Mächtigen aus Politik, Wirtschaft oder der Finanzbranche über scheinbar unendliche Mittel verfügen und diese durch umstrittene Geschäftspraktiken (siehe Panama und Paradise Papers) noch vermehren, arbeiten andere sieben Tage pro Woche, leben trotzdem in einer Wellblechhütte und können sich den dringenden Besuch beim Arzt nicht leisten.
Der Graben zwischen Arm und Reich ist in der Schweiz schon sichtbar. In Kenia jedoch ist der Gegensatz viel krasser. In Upper Hill grenzt das Quartier der «Bonzen» mit den kurz geschnittenen Greens des Golfplatzes unmittelbar an Kibera, einen der grössten Slums in Afrika. Die Situation entspricht also schon eher dem grossen afrikanischen Grabenbruch des an Nairobi grenzenden Rift Valley mit seinen tiefen Seen und feurigen Vulkanbergen. Das soziale Gefälle zwischen den so unterschiedlichen Welten stellt eine explosive Mischung dar. Besonders während Wahlen werden die Spannungen offensichtlich. Ein Beispiel dafür sind die Strassenschlachten mit der Polizei in den letzten Wochen (zentralplus berichtete).
Therapie bedürftiger Kinder
Mit Special Education Professionals (SEP) begleite ich eine NGO, die sich dafür einsetzt, die Auswirkungen des sozialen Gefälles zu lindern. Mein Arbeitsplatz befindet sich im Quartier der Botschaftsresidenzen, einer vornehmen Gegend also. Hier wohnen Diplomaten neben kenianischen Milliardären. Ihre landsitzähnlichen, von hohen Mauern umgebenen noblen Villen liegen an Strassen mit paradiesischen Namen wie der Serengeti Avenue. Die Projekte von SEP richten sich derweil an die Bevölkerung armer Quartiere Nairobis wie Mathare, Kariobangi oder Kibera. Dazu kommen auf dem Land lebende vernachlässigte Familien mit ebenfalls beeinträchtigten Kindern.
SEP setzt sich für eine bessere Lebensqualität von körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern ein. Diese leiden unter ganz unterschiedlichen Einschränkungen, zum Beispiel einer zerebralen Lähmung, Autismus, Lernschwierigkeiten, Down-Syndrom, Sprach-, Seh- und Hörproblemen oder Entwicklungsverzögerungen. Die Eltern der Kinder haben bereits Mühe, die 50 Rappen für die wöchentliche Therapiesitzung mit ihren Kindern bezahlen zu können. Andere arbeiten ganztags auf den Feldern oder als Haushaltshilfen und haben kaum Zeit, sich um die speziellen Bedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern.
NGO-Explosion in den 1990ern
Die Organisation wurde 1990 gegründet, in einer Zeit, als NGOs von internationalen Geldgebern massiv unterstützt wurden. Diese externe Unterstützung zielte auf eine Demokratisierung Kenias ab und führte zu einer schnell steigenden Anzahl zivilgesellschaftlicher und nichtstaatlicher Organisationen.
Der Verein wird heute von der Belgierin Karolien, einer der Initiantinnen von SEP, geführt. Zusammen mit dem von COMUNDO finanzierten Kommunikationsspezialisten Christian Schubarth ist sie die einzige Ausländerin in der kleinen kenianischen Organisation, die zurzeit neun Mitarbeitende zählt. Das Team besteht aus Sprach-, Physio- und Ergotherapeuten, deren Stellen durch internationale Stiftungen finanziert werden. Daneben verfügt die NGO über eine grosse Anzahl Therapierenden, Psychologen und Lehrern, welche die Angebote ehrenamtlich oder für eine geringe Spesenentschädigung mittragen.
Christian Schubarth übernimmt verschiedene Arbeiten im Medien- und Kommunikationsbereich und unterstützt die Erarbeitung von strategischen Dokumenten. Daneben führt er entsprechende Trainings für die Mitarbeitenden von SEP durch und steht in der Organisationsentwicklung beratend zur Seite. Ich unterstütze ihn während des dreimonatigen Praktikums zum Beispiel durch die Erarbeitung von Dokumenten und begleite Therapierende mit ihm zusammen zu Familienbesuchen aufs Land.
Reduzierte Therapiekosten als Entwicklungszusammenarbeit
Eine halbstündige Therapie für die beeinträchtigten Kinder kostet eigentlich je nach Angebot zwischen 5 und 25 Franken. Durch die von SEP geleistete und von internationalen Geldgebern unterstützte Projektarbeit profitieren die Eltern der aus verarmten Verhältnissen stammenden körperlich und geistig beeinträchtigten Kinder von massiv reduzierten Therapiekosten. Sie erhalten so die Möglichkeit, ihre Kinder trotz der Beeinträchtigung so gut wie möglich zu fördern.
Der Staat leistet diesbezüglich kaum Unterstützung, hat in den letzten Jahren aber gewisse Fortschritte erzielt. Die Integration der Kinder in die regulären Schulen wird zwar innerhalb der Vision 2030 gefördert, indem die Schulen zusätzliche Mittel für die Aufnahme von entsprechenden Kindern mit speziellen Bedürfnissen erhalten. Das gesprochene Geld wird innerschulisch aber erfahrungsgemäss häufig für andere Zwecke verwendet.
Die schwarzen Schafe
Diese Erkenntnis stellt gewisse Formen von Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich infrage: Sollen internationale Organisationen und lokale NGOs Aufgaben übernehmen, die eigentlich in der Verantwortung des Staates liegen? Das Integrationsbeispiel wirft ein kritisches Licht auf den Umgang mit finanziellen Beiträgen sowie das Controlling der gesprochenen Unterstützung. Mittel werden oft ohne Konsequenzen zweckentfremdet.
SEP ist ein positives Beispiel dafür, wie sich Organisationen mit sinnvoller Arbeit für die von der Politik vernachlässigte kenianische Bevölkerung einsetzen. Daneben gibt es aber zahlreiche «schwarze Schafe» oder «Briefcase-NGOs». Sie stellen ungenügend durchdachte Projekte auf die Beine, erscheinen vor Ort mit Aktentaschen voller kenianischer Schillings, locken damit Teilnehmende zu ihren Workshops und Trainings und verschwinden wieder, wenn die Mittel aufgebraucht sind. Solche NGOs leisten der ernsthaften Entwicklungszusammenarbeit einen Bärendienst, indem sie professionelle Hilfsempfänger schaffen, die sich durch die verteilten Spenden kurzfristig über Wasser halten. Die schwarzen Schafe graben den nachhaltig arbeitenden NGOs so das Wasser ab.
Aus solchen und anderen Gründen hat bei NGOs in der Entwicklungszusammenarbeit ein Umdenken begonnen. Die internationalen Institutionen und Geldgeber bringen den Staat und Behörden mehr und mehr dazu, die Federführung in der Behebung der sozialen Probleme zu übernehmen, anstatt ihnen die Arbeit abzunehmen. Der Staat soll so gefördert werden, damit er selber die Verantwortung übernimmt. Der Druck dafür ist zurzeit vielerorts noch zu gering. So auch in Kenia. Das Land hat sich in den letzten Jahren zu einem Schwellenland entwickelt und verfügt eigentlich über genügend Mittel, um sich der sozialen Herausforderungen anzunehmen. Diese Mittel aber verschwinden noch viel zu oft und werden nicht für die dringend notwendigen Aufgaben investiert, zum Beispiel in die Schaffung von Tausenden dringend benötigten neuen Arbeitsplätze.