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Frau Kretzen, wer war Adelheid Duvanel?
Adelheid Duvanel war eine Grenzgängerin und eine grosse Dichterin, die alles riskiert hat und in der Literatur einzigartig dasteht. Sie war allein, eine einzelne Figur in der Schreibszene, die kleine Büchlein mit vielen kleinen Texten herausgegeben hat, «Wände dünn wie Haut» von 1979 etwa. In Basel kannten wir sie zu ihren Lebzeiten alle, und sie wurde auch sehr geschätzt. Die Kommunikation mit ihr war wortkarg, aber sie hatte einen unglaublichen Humor. Sie wollte eigentlich Malerin werden. In einer Erzählung schreibt sie von einer Frau, die sich – wie sie – für ein Kunststudium beworben hat, und die Lehrer bescheinigten ihr, dass sie schon Talent hätte, aber ihr Charakter würde sich nicht eignen. Sie muss schon immer sehr besonders gewesen sein.
Wieso sollte man sie lesen?
Wenn man ein bisschen vom Leben wissen will, sollte man sie unbedingt gelesen haben. Sie schrieb viele Geschichten, in denen sich Menschen völlig vergeblich um etwas bemühten. Was ihr Bemühen aber nicht schmälert. Es geht bei ihr oft darum, dass die Figuren das, worum sie sich so sehr bemühen, nicht bekommen. Sie erlangen dadurch aber eine ganz grosse Kraft, weiter zu wünschen, weiter zu wollen; Erfüllung spielt dabei keine grosse Rolle. Die Texte dieser Schriftstellerin sind eine Schule der Vergeblichkeit und handeln von einem grossen Verzeihen. Selbst die übelsten Figuren werden nicht angeklagt, eher bestaunt. Und eine solche Literatur, die nicht verurteilt, indem sie etwa sagt: «das ist gut», «das ist schlecht», «das ist besser», ist wirklich selten. Duvanel ist in diesem Sinne ganz nah bei dem, was sie erzählt: nicht zu entscheiden!
Was war Ihr erster sinnlicher Eindruck dieser Lektüre?
Die erste Lesung Duvanels, der ich beiwohnte, fühlte sich an wie ein Riss. Das war die Wirkung des Textes, den sie vorlas, auf mich. Er handelte von einer Frau, die in der Toilette eines Zuges ihre Ringe und ihr Portemonnaie entsorgt. Durch die Art und Weise, wie Duvanel die Sätze setzte, war völlig klar: Die Figur geht aus dem Leben, sie bringt sich um. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich fast vom Stuhl fiel, so immens war der Schock darüber, einen kommenden Suizid mit solch präzisen Sätzen anzudeuten.
Es fällt auf, dass Duvanels Sätze selbst als Stilmittel wirken.
Ja, und so ernst sie das Leben nimmt, so humorvoll ist sie zugleich. Die kurzen Sätze, mit denen sie arbeitete, verliehen dem Geschilderten eine zusätzliche Wucht.
Duvanel schrieb Kolumnen, war in den Basler Lokalmedien präsent. Sie wurde zu Lebzeiten mit Preisen ausgezeichnet, bald nach ihrem Tod aber dem Vergessen überantwortet. Können Sie sich das erklären?
Das ist bei Autorinnen leider üblich. Frauen gehen immer wieder vergessen. Allein in dem Zeitraum, seitdem ich mit dem Schreiben begonnen habe, sind so viele von ihnen neu aufgelegt, neu übersetzt, neu ediert worden, haben überschwengliches Lob erhalten – und waren im kommenden Jahr doch schon wieder vergessen. Urheberinnen anspruchsvoller Literatur werden nicht tradiert und passen in keine Tradierung rein, das scheint nach wie vor hermetisch zu sein. Und in der Schweiz sind die Referenzen, denen sich Autoren von heute andienen, immer Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Das Register für Frauen ist nicht da. Denken Sie nur an Catherine Colomb, eine fantastische Schweizer Schriftstellerin – fast niemand kennt sie.
Stellt sich hier nicht die grundsätzliche Frage, wie Texte im kulturellen Gedächtnis behalten werden können?
Sicher. In diesem Fall – und vielleicht gilt das auch für viele andere Texte von Autorinnen – gibt es allerdings eine Besonderheit: Duvanels Texte lassen sich nicht zusammenfassen. Sie sind alle schon so zerlegt und zugespitzt, aber darin so vollständig, dass…