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Alles was der Fall ist
Kohlezeichnungen – alles was der Fall ist
Die Zusammenführung zweier sehr verschiedenen Ebenen ist auch Konzept und Strategie der Bildserie «Tractatus», die Ruth Blesi über Jahre entwickelt hat. Ausgehend vom und in Opposition zum «Tractatus logico-philosophicus» des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) speicherte die Künstlerin bedeutende historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Form von ikonischen Kohle-Zeichnungen auf die ausgerissenen losen Taschenbuchseiten des philosophischen Standardwerks. Wittgenstein bekundet in seinem Text – den logischen Positivismus vorwegnehmend – «Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen». Und er beschliesst seine vor und während des ersten Weltkriegs verfasste Schrift mit dem Postulat «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen». Ruth Blesi lässt auf dieser höchst komplexen schriftlichen Abhandlung Bilder sprechen, wobei das Gewischte und Flüchtige des auf die Textseiten aufgebrachten Kohlestaubs, ahnen lässt, dass wir uns Motiven gegenübersehn, die dem allgemeinen diffusen Kulturgedächtnis entnommen sind. Blesi arbeitet aus ihrer eigenen Erinnerung und zitiert schemenhaft Bildzeugen, wie wir sie selbst aus den Medien kennen und vage in unserem Gedächtnis abgespeichert haben. Der philosophische Text und die Zeichnungen sprechen nicht die gleiche Sprache, gemeinsam ist ihnen jedoch der explizite Wunsch, zum Ausdruck zu bringen, «was ist».
Gabrielle Obrist
2009 – 2012