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Denkmal von Edward Jenner in Kensington Gardens
Unter Verwendung zweier Quellen (British Medical Journal, 2010;340:c1582 und Ars Medici 2010;8:292) erzähle ich Ihnen heute eine kleine Geschichte.
Kennen Sie Edward Jenner? Wahrscheinlich nicht. Obwohl er vier Jahre lang am berühmten Londoner Trafalgar Square einen der vier Podestplätze in Anspruch nahm. Das war 1858. Prinz Albert liess das Denkmal mit viel Pomp aufstellen. Anlass war das 30-jährige Jubiläum der Ausrottung der Pocken. Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen, aber Pocken waren im Mittelalter ein sehr grosses Problem, und die pockennarbigen entstellten Gesichter füllen die vor 1850 geschriebene Belletristik in vielfältiger Weise.
Edward Jenner lebte von 1749 bis 1823. Er war eigentlich nur ein kleiner Landarzt, beobachtete in dieser Eigenschaft aber eine verblüffende Schutzwirkung gegen diese schrecklichen Pocken nach Inokulation mit dem Kuhpockenvirus, was er 1798 im Eigenverlag publizierte. Die Schutzwirkung bewies er, indem er bereits Geimpften Pockenviren unter die Haut spritze: Die vorher Geimpften erkrankten anschliessend nicht.
Die Pockenimpfung wurde schnell als grosser medizinischer Fortschritt erkannt, und trotz schon damals enormem Widerstand aus einflussreichen Kreisen verbreitete sich die Anwendung relativ rasch weltweit. Allerdings, wie gesagt, nicht ohne erhebliche Nebengeräusche. Führende Aerzte versuchten die Vakzination schlecht zu machen, sei es aus Herablassung, sei es aus Neid oder Missgunst gegenüber dem Provinzarzt, sei es aus Überheblichkeit. Die wildesten Geschichten wurden herumgereicht, um Jenner zu diskreditieren; angeblich hätten geimpfte Kinder kuhähnliche Züge angenommen, hiess es zum Beispiel. Wie nicht anders zu erwarten, wetterten auch “Gottesmänner” gegen die Infektion gläubiger Christen mit “bestialischem Eiter”, sie denunzierten die Impfung unter Beizug zurechtgebogener Bibeltexte als eine Erfindung des Teufels. Selbst nach dem Tode Jenners erwuchs mächtiger Widerstand durch Impfgegner (Anti-Vakzinationisten), die sich gegen die zwangsweise Pockenimpfung von Kindern und gegen die Impfung überhaupt wandten.
Na, läuten auch bei Ihnen die Glocken?
Bei den Pocken hat die Geschichte entschieden. Früher konnte eher mal zwangsweise geimpft werden und es gelang, die Pocken auszurotten. Pockenviren gibt es nur noch in einigen wenigen Forschungslaboratorien, wo Restmuster unter hohen Sicherheitsanforderungen für die Nachwelt erhalten bleiben.
Dass es die Aristokratie (auch die wissenschaftliche) mit Jenner nicht gut meinte, zeigt auch die Geschichte des Denkmals. Bereits 1862 wurde es klammheimlich vom Trafalgar Square weggeschafft und an einen eher unscheinbaren Ort in den Kensington Gardens verbracht, wo Jenner noch heute sein Kinn nachdenklich auf der linken Hand abstützt (naja, genau betrachtet hat das Denkmal auch schon so seine Eigenheiten. Es sieht nämlich mehr aus, als würde sich Jenner mit der linken Hand selber die Faust geben, wohl sehr passend. Es ist nicht überliefert, ob Jenner wirklich ein kleiner Witzbold war).
Das interessante an dieser Geschichte ist, dass nun eine Petition an die britische Regierung verlangt, Jenner solle seinen angestammten Platz am Trafalgar Square wieder erhalten.
Wer besinnt sich hier auf was? Können wir es auch als Zeichen deuten, dass der Sinn einer Impfung doch wieder etwas mehr Anklang findet?