Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03244.jsonl.gz/1601

Wie sah das Freiburger Burgquartier aus, bevor im 13. Jahrhundert mit dem Bau der heutigen Kathedrale begonnen wurde? Dort, wo heute das mächtige gotische Bauwerk steht, waren früher Häuser, wahrscheinlich aus Stein. Sie gehörten zu den ersten Gebäuden der 1157 gegründeten Stadt. Es waren wahrscheinlich zwei Hausreihen, die eine ausgerichtet zur Hängebrückgasse und die andere zur Chorherrengasse. Zwischen den Hausreihen gab es ein enges Gässchen, in dem Abfälle und Abwasser landeten. Reste dieses Gässchen sowie der Häuser fanden die Archäologen bei den Grabungen an der Hängebrückgasse und am St.-Katharina-Platz zwischen Kathedrale und dem alten Posthäuschen. Über die Resultate dieser Grabungen informiert Gilles Bourgarel, Sektorchef beim Amt für Archäologie, in der neusten Publikation des Vereins Pro Fribourg.
Kanalisationsarbeiten hatten die Grabungen ermöglicht. «Am St.-Katharina-Platz konnten wir bis auf die natürliche Erdschicht graben, so tief wie noch nie», sagte Bourgarel gestern bei der Vorstellung der Publikation Nr. 204. Die Grabungen brachten auch neue Erkenntnisse zu den Tätigkeiten in diesen frühen Häusern Freiburgs: Es handelte sich wahrscheinlich um Metzgereien. «Im Abwassergässchen fanden wir sehr viele Tierknochen», sagte Bourgarel. Zudem hätten viele Häuser im hinteren Teil Anbauten gehabt, die als Ställe oder Werkstätten gedient haben könnten. «Das städtische mittelalterliche Haus diente verschiedenen Zwecken», schreibt Bourgarel im Artikel.
24 bis 26 Häuser zerstört
Doch die Häuser hatten kein so langes Leben wie andere Gebäude in der Freiburger Altstadt. 1283 nämlich begannen die Arbeiten für den Bau der heutigen Kathedrale – und die Häuser mussten weichen. «Lange glaubten die Historiker nicht daran, dass für den Bau der Kirche Häuser abgerissen worden seien. Sie dachten, dafür müsste es Enteignungsakten im Archiv geben – doch solche hat man nie gefunden», sagte Bourgarel. Die Beweise lieferten erst die Archäologen. Bereits bei ersten Grabungen in den 1980er-Jahren wurde klar, dass man Häuser zerstört hatte. «Die neuen Grabungen haben uns nun weitere Erkenntnisse geliefert», sagte Bourgarel.
So wisse man nun, dass 24 bis 26 Häuser wegen der mittelalterlichen Grossbaustelle abgerissen wurden – das entsprach damals rund einem Zehntel aller Häuser im Burgquartier. Die genaue Zahl sei unklar, da eventuelle Mauerreste, die sich unter der Kathedrale befinden, nicht zugänglich sind. Gleiches gilt für eine erste, kleinere Kirche, die beim heutigen Eingang der Kathedrale gestanden ist. An der Hängebrückgasse waren es zwölf bis dreizehn Häuser, die weichen mussten. «Bei einer Fassade, die wir gefunden haben, sind wir nicht sicher, ob sie zu einem oder zwei Häusern gehörte», erklärte Bourgarel.
Der Archäologe ist sich ziemlich sicher, dass die Gebäude für den Kirchenbau abgerissen wurden. «Wir haben keine Brandspuren gefunden.» In anderen Städten seien grössere Gebäude nämlich nach Bränden entstanden, welche die Häuser zerstört hatten.
Überreste des Friedhofs
Die Archäologen trafen bei den Ausgrabungen auch auf Skelette, denn rund um den hinteren Teil der Kathedrale gab es bis ins 19. Jahrhundert einen Friedhof. Auch die Gewölbe der ehemaligen Friedhofskapelle entdeckten sie. Einige der Skelette werden nun analysiert, um ihr genaues Alter festzustellen. «Das gibt uns weitere Anhaltspunkte», sagte Gilles Bourgarel. Vielleicht fänden sich sogar Hinweise auf die Zeit zwischen einer römischen Siedlung und der Stadtgründung – darüber weiss man bisher nämlich nur sehr wenig.
Zur Publikation
Stadtpläne und ein Wandbild
In der neusten Publikation von Pro Fribourg geht es neben Archäologie (siehe Haupttext) auch um ein vergessenes Wandbild von Georges Plattner, das Sylvie Genoud Jungo beschreibt. Jean-Pierre Anderegg vergleicht die Stadtpläne von Martin Martini und Gregor Sickinger. Bernhard Altermatt wirft einen kritischen Blick auf die Kulturförderung des Bundes, und der Fotograf Pierre-Yves Massot zeigt Bilder einer Reise entlang der Sprachgrenze. Das französischsprachige Heft gibt es für 18 Franken im Freiburger Buchhandel oder bei Pro Fribourg.