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Amerikanische Lektionen für Europa
Der europäische Integrationsprozess ist in vielerlei Hinsicht ein neuartiges historisches Experiment. Noch nie haben sich einzelne Nationalstaaten so stark zu einer Zusammenarbeit verpflichtet. Die UNO, der Völkerbund, der IWF oder die WTO sind mit der heutigen EU nicht vergleichbar.
Ganz präzedenzlos ist die europäische Integration gleichwohl nicht. Ein anderes grosses Wirtschaftsgebiet hat sich ebenfalls nur ganz langsam zu einer modernen Union entwickelt: die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Bundesstaaten hatten nämlich lange Zeit grosse Macht und nutzten diese, um eine Zentralisierung zu verhindern. Besonders deutlich war dies bei der Bildung einer politischen Union. Die 13 Kolonien, die von 1775 bis 1783 ihre Unabhängigkeit von der englischen Krone erkämpften, gaben sich zwar 1787 eine Verfassung. Doch damit war die Union keineswegs unerschütterlich. Mitte des 19. Jahrhunderts spaltete die Sklavenfrage das Land. Von 1861 bis 1865 bekämpften sich deswegen die Nord- und Südstaaten in einem Bürgerkrieg. Erst nach dem Sieg des Nordens war die Union unangefochten.
In drei Anläufen zur Notenbank
Der Bürgerkrieg war ausserordentlich verlustreich. Nie mehr haben mehr amerikanische Soldaten ihr Leben während eines Kriegs verloren als im Bürgerkrieg. Selbst im Zweiten Weltkrieg war die Opferzahl geringer, wie die Grafik zeigt (Quelle). Es erstaunt nicht, dass die Wunden des Civil War bis heute nicht ganz verheilt sind.
Auch die Währungsunion war keineswegs von Beginn in vollendeter Form da. Zwar galt der Dollar von Beginn weg als Währung, aber die dauerhafte Gründung einer nationalen Notenbank (Federal Reserve) gelang erst 1913. Die ersten beiden Versuche hingegen waren gescheitert. Die Bank of the United States und die Second Bank of the United States existierten jeweils nur zwanzig Jahre, von 1791 bis 1811 und von 1816 bis 1836.
Noch länger dauerte es, bis die Bankenunion vollendet war. Im 19. Jahrhundert kam es wiederholt zu grossen Konkurswellen. Das Bankensystem war schlecht reguliert, es gab keine Einlagenversicherung und keinen Abwicklungsmechanismus. Die Bundesregierung versuchte zwar mit der Gründung von sogenannten National Banks eine Integration des Bankenwesens zu erzwingen, aber dies gelang nicht, weil die Bundesstaaten immer wieder neue Wege fanden, um ihre Interessen im Bankenwesen zu sichern. Die folgende Grafik zeigt, wie instabil das US-Bankensystem in den Jahrzehnten nach Ende des Bürgerkriegs (1865) war (Quelle).
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sah es keineswegs besser aus, obwohl die Gründung der Federal Reserve unter anderem deswegen erfolgt war, weil man Bankenkrisen besser eindämmen wollte. Während der Grossen Depression der frühen 1930er-Jahre gingen von rund 25’000 Banken etwa 10’000 Banken unter.
Die Lage beruhigte sich erst mit der Gründung der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC), die primär einer modernen Einlageversicherung entsprach, aber auch die effiziente Abwicklung von insolventen Banken erlaubte. Zudem domestizierte die Bundesregierung das Bankensystem durch umfangreiche Kontrollmechanismen. Dazu gehörte auch der Glass-Steagall Act, der die Aufspaltung des Bankensystems in Investmentbanken und Geschäftsbanken durchsetzte.
Bankenunion erst seit den 90ern
Von einer Bankenunion konnte aber noch immer keine Rede sein. Die Aufsicht war weiterhin noch gespalten zwischen den Bundesbehörden, welche die nationalen Banken regulierten, und den Behörden der einzelnen Bundesstaaten, welche die übrigen Banken beaufsichtigten. Ausserdem war es den meisten Banken verboten, ein nationales Filialnetz aufzubauen. Erst in den 1990er-Jahren fiel das Filialverbot im ganzen Land. Erst jetzt konnte von einer vollendeten Bankenunion die Rede sein.
Der Weg zu einer modernen Union war also auch in den USA äusserst langwierig und von zahlreichen Rückschlägen gekennzeichnet. Gleichwohl wäre es verfehlt, die amerikanische Erfahrung ohne weiteres auf die europäische Integration zu übertragen. Die USA hatten von Beginn weg eine Bundesebene, die den Einzelstaaten in wichtigen Fragen übergeordnet war und ihre Macht kontinuierlich ausbaute, während die EU nach wie vor nur über eine schwache Superstruktur verfügt – mit Ausnahme der Europäischen Zentralbank (EZB).
Ausserdem wissen wir nicht, wie lange die EU Zeit hat, um ihr Haus in Ordnung zu bringen. Es ist möglich, dass die Zentrifugalkräfte noch lange zu schwach bleiben, um die bisherigen Integrationsschritte rückgängig zu machen. Aber darauf verlassen sollte man sich nicht.