Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/560

SINFONIA 2019
Christoph König, Leitung
BAIBA SKRIDE, VIOLINE
28.12. 10:30
Pontresina, Kongresszentrum, Via Maistra 133
28.12. 20:30
Zuoz, Lyceum Alpinum, Aguêl 185
29.12. 20:45
Sils, Schulhaus, Via da Scoula
30.12. 20:30
Celerina, Mehrzweckhalle, Giassa da Scoula
OTTO NICOLAI (1810-1849)
Ouvertüre aus «Die lustigen Weiber von Windsor» (1847)
PETER I. TSCHAIKOWSKY (1840-1893)
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 (1878)
ROBERT SCHUMANN (1810-1856)
Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 «Frühlingssinfonie» (1841)
LUSTIGE WEIBER
Otto Nicolai etablierte sich um 1840 im Wiener Musikleben als sehr erfolgreicher Dirigent und Komponist. Auf seine Initiative hin schlossen sich Mitglieder des Orchesters der k.k. Hofoper zum ersten Mal zu einem fixen Konzertorchester zusammen, und unter seiner Leitung fand am 28. März 1842 als „Philharmonische Academie“ das erste Konzert der Wiener Philharmoniker im Grossen Redoutensaal statt. Die komische Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ ist heute sicherlich sein bekanntestes Werk und gehört bei einigen Häusern zum festen Repertoire. Für den Handlungsverlauf hielt sich Nicolai weitgehend an die berühmte Vorlage, Shakespeares Komödie „The Merry Wives of Windsor“. Auch auf der Opernbühne wird allerlei Schabernack getrieben. Der alternde Sir John Falstaff, ein Lebemann und Möchtegern-Weiberheld, irritiert seine spiessbürgerlichen Mitmenschen, die sich darauf mit Vergnügen an ihm rächen. So vereint denn auch die Ouvertüre derb-burleske Passagen, sehnsuchtsvolle Seufzermotive, polternde Rhythmen und wienerisch-beschwingte Melodien.
„ES IST REINES VERGNÜGEN“
Peter Iljitsch Tschaikowsky komponierte sein Violinkonzert im März 1878 in Clarens am Genfersee. Bereits im Oktober 1877 hatte er sich in die Schweiz zurückgezogen, er floh regelrecht vor seinem höchst unglücklichen Privatleben. Um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, hatte Tschaikowsky im Sommer 1877 geheiratet. Allerdings zeigte sich nur zu bald, dass ein solches Arrangement für ihn unerträglich war. Seine Verzweiflung führte zu einem Nervenzusammenbruch. So hoffte er, durch einige Reisen Distanz zu finden und dann wieder in Ruhe arbeiten zu können.
In Clarens gefiel es Tschaikowsky vorzüglich, er wohnte in der Villa Richelieu, liess sich einen Flügel liefern und arbeitete unter anderem an seiner Oper Eugen Onegin und dem Violinkonzert. Das Konzert war bald auf gutem Weg: „Seitdem die Stimmung über mich kam, hat sie mich nicht verlassen. In einer solchen Phase des geistigen Lebens verliert das Komponieren den Charakter der Arbeit; es ist reines Vergnügen. Während man schreibt, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht; und wenn niemand unterbrechen würde, könnte man den ganzen Tag dabei bleiben“ (an seine Mäzenin Nadeschda von Meck). Nicht nur diese aufgeräumte Stimmung förderte die kreative Arbeit. Gerade für das Violinkonzert war es eine wertvolle Hilfe, dass Tschaikowskys Freund Iosif Kotek ebenfalls in Clarens weilte und als Geigenvirtuose in spieltechnischen Fragen viele Ratschläge geben konnte. Gänzlich verworfen wurde beim kritischen Musizieren der ursprüngliche Mittelsatz, den Tschaikowsky durch die Canzonetta ersetzte. Den ursprünglichen Mittelsatz arbeitete er als „Méditation“ zum ersten Stück seines „Souvenir d’un lieu cher“ op.42 für Violine und Klavier um.
Heute scheint es kaum vorstellbar, dass es schwierig war dieses wunderbare Konzert im Konzertbetrieb zu integrieren. Tschaikowsky widmete es ursprünglich dem Geiger Leopold von Auer, seinem Kollegen des St. Peterburger Konservatoriums. Dieser fand das Werk „in verschiedenen Teilen gar nicht violinmässig und nicht für die Eigenart des Streichinstruments“ geschrieben – und er wollte es einer Revision unterziehen. Tschaikowsky hätte dem nie zugestimmt, und als nach zwei Jahren immer noch keine Aufführung in Aussicht war, zog er seine Widmung zurück. Verbreitet gespielt wurde das Konzert dann von Adolf Brodsky ab 1881/82, und ihm widmete Tschaikowsky dankbar sein Werk.
Von Beginn an bezauberte der Eröffnungssatz das Publikum. Beide Themen sind sehr gesanglich, und das stete Fortspinnen der sanft fliessenden, geschmeidigen Melodielinien gibt dem Allegro moderato eine grosse emotionale Dichte. Die virtuose Kadenz mündet in die Reprise, bei der jetzt die Soloflöte das Hauptthema anstimmt. Nach den vorangehenden schnellen Passagen wirkt diese Melodie noch poetischer als der Anfang des Satzes. In der Canzonetta ist die Nähe zu Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ deutlich herauszuhören. Der melancholische Duktus steht insbesondere der Arie von Lenski nah, der vor dem Duell – das für ihn tödlich enden wird – voll Wehmut auf sein verlorenes Glück zurückblickt. Nach einer Überleitung fällt der äusserst temperamentvolle Schlusssatz ein, ein Rondo mit tänzerischem Refrain („Allegro vivacissimo“), bei dem man sich auf einem russischen Volksfest wähnt. Bereits in Clarens meinte Tschaikowsky nach einem ersten Durchspielen mit Kotek: „Das Finale des Konzerts reisst uns hin.“
ERSTE FRÜHLINGSBOTEN
Im September 1840 konnte Robert Schumann nach langen Streitigkeiten mit seinem zukünftigen Schwiegervater endlich die berühmte Konzertpianistin Clara Wieck heiraten. Er stand in der glücklichsten Zeit seines Lebens, und es überrascht nicht, dass dies zu einer äusserst produktiven Schaffensphase führte. Unter anderem entstanden die Sinfonie Nr.1 in B-Dur op. 38 - die „Frühlingssinfonie“ -, „Ouvertüre, Scherzo und Finale E-Dur“ op. 52 sowie die erste Fassung der Sinfonie in d-Moll (die später als Sinfonie Nr. 4 erschien).
Die „Frühlingssinfonie“ war jedoch nicht Schumanns erste Auseinandersetzung mit der Sinfonik. Bereits als Zwölfjähriger versuchte er sich an Orchesterwerken, und 1832 komponierte er den grössten Teil einer unvollendet gebliebenen Sinfonie in g Moll, deren beiden Sätze auch heute oft aufgeführt werden. Zum zentralen Erlebnis wurde im März 1839 die Uraufführung von Franz Schuberts grosser C-Dur-Sinfonie – die als verschollen galt und von Schumann selbst wieder entdeckt wurde – unter Felix Mendelssohn Bartholdy.
Hier sah Schumann einen neuen Umgang mit Form, Thematik und Instrumentation, der erlaubte, in der Sinfonik nach dem Titanen Beethoven neue Wege zu gehen.
Das „Frühlingsgedicht“ von Adolf Böttger, einem Zeitgenosse Schumanns, gab den ersten Impuls und den Leitgedanken zu dieser Sinfonie. Eine dunkle, bedrückende Wolke soll endlich dem herannahenden Frühling und damit dem Glück Platz machen: „O wende, wende Deinen Lauf/Im Thale blühet Frühling auf“, so die letzten Zeilen des Gedichts. Aus der poetisierenden Bezeichnung „Frühlingssinfonie“ sollte man nicht schliessen, dass Schumann Programmmusik schreiben wollte. Ursprünglich gab er den einzelnen Sätzen zwar Überschriften: „Frühlingsbeginn“, „Abend“, „Frohe Gespielen“ und für das Finale „Voller Frühling“. Doch diese Überschriften wurden noch vor dem Druck gestrichen, denn Schumann wollte seine Komposition als eine autonome musikalische Gestaltung und nicht als Programmmusik verstanden wissen.
Das Motto, mit dem die Hörner und Trompeten die Sinfonie eröffnen, folgt dem Versrhythmus von Böttgers Gedicht: Im Thale blühet Frühling auf. Nach der Einleitung ist auch das Hauptthema, welches den Satz stark dominiert, sowohl rhythmisch wie melodisch diesem Frühlingsruf nachgebildet. Im Larghetto entfaltet sich über den schwebenden Synkopen der zweiten Geigen und der Bratschen eine sanfte Kantilene. Dieses Thema tritt dreimal auf, wobei es Schumann klanglich jeweils deutlich verändert. Mit mächtigem Auftakt fällt „attacca“ das Scherzo ein, und diesem wuchtigen Hauptthema werden gleich zwei Trio-Abschnitte gegenübergestellt. Gegen Satzende erklingt der gerade für Schumann so typische Doppelschlag (man denke an das letzte Stück der „Kinderszenen“: „Der Dichter spricht“). Mit etwas zurückgehaltenem Tempo entsteht unerwartet ein nachdenkliches Innehalten. Im stürmisch einfallenden Finale wird der pralle Überfluss gefeiert – ganz im Sinn von Böttgers Versen.
Dr. Ellen Taller