Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03203.jsonl.gz/581

Politiker und Ökonomen sind auf der Suche nach einem neuen Mass für den Reichtum von Nationen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg misst sich der Wohlstand an einer unbestechlichen Zahl, dem Bruttoinlandprodukt (BIP). Es misst den Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden und für den Endverbrauch bestimmt sind.
«Es misst alles, ausser dem, was das Leben lebenswert macht», klagte der US-Senator Robert Kennedy. Das war 1968. Tatsächlich offenbart der Indikator grosse Schwächen. Er erfasst im Wesentlichen nur, was am Markt einen Preis erzielt. So bleiben Hausarbeit oder Ehrenämter aussen vor. Dafür treiben Unfälle oder Naturkatastrophen das BIP in die Höhe. Zudem ist es ökologisch und sozial blind, weil es die negativen Wirkungen der Produktion auf die Umwelt ebenso wenig berücksichtigt wie soziale Aspekte oder die Einkommensverteilung.
Neue Indikatoren braucht die Welt
Seit langem wird versucht, das BIP als dominante Kennziffer für die Wirtschaftspolitik vom Sockel zu stossen. Seit 1990 veröffentlicht die UNO den «Human Development Index» (HDI). Er berücksichtigt nicht nur das Pro-Kopf-Einkommen, sondern auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad. Vor einem Jahr präsentierte die UNO zusätzlich den «Inclusive Wealth Index» (IWI). Er soll Aussagen über die langfristige Wohlstandsentwicklung von Nationen ermöglichen und umfasst Daten zum Human-, Produktions-, Natur- und Gesundheitskapital eines Landes.
Die OECD erstellt seit 2011 den «Better Life Index», mit dem sie die Lebensqualität in 36 Ländern anhand von elf Kategorien vergleicht. Seit 2006 veröffentlicht eine private Denkfabrik den «Happy Planet Index» (HPI). Für heute schon 151 Länder misst er die ökologische Effizienz bei der Erzeugung von Zufriedenheit. Dazu kombiniert er Werte für Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und den ökologischen Fussabdruck.
Doch auch ein «Anti-BIP» bringt die unterschiedlichen Wünsche der Menschen nicht auf einen Nenner. Es ist unmöglich, alle Dimensionen des Lebens in einem einzigen Indikator zu verdichten. Deshalb versucht man, das BIP mit zusätzlichen Indikatoren zu ergänzen.
Warnung vor der Glücksdiktatur
In Deutschland berät das Parlament demnächst über den Vorschlag einer Kommission, das BIP durch einen Satz von zehn Indikatoren aus den Bereichen materieller Wohlstand, Soziales und Ökologie zu ergänzen. Damit entsteht eine Art Armaturenbrett, das den Politikern helfen soll, die Gesellschaft besser zu steuern. Der Vorschlag folgt den Empfehlungen der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission. Die Gruppe um Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erarbeitete 2008 im Auftrag des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy alternative Ideen zum BIP.
Schon weiter ist das Himalaja-Königreich Bhutan. Statt am BIP orientiert sich die Politik offiziell am «Bruttonationalglück», bei dem Gerechtigkeit, Umweltschutz, Bildung und gute Regierungsführung zählen. Doch das Beispiel zeigt die Grenzen alternativer Konzepte. Das Land taugt kaum als Vorbild, was Lebensstandard oder Freiheit betrifft. Der Schweizer Glücksforscher Bruno S. Frey warnt: «Der Versuch des Staates, das Glück seiner Bewohner zu maximieren, führt zu einer Art Glücksdiktatur, welche die einzelnen Personen einengt und unglücklich macht.» Zudem sei ein Glücksindikator leicht zu manipulieren.
Das BIP bleibt trotz Schwächen das wichtigste Instrument auf dem Armaturenbrett der Wirtschaftspolitik. Es korreliert stark mit Gesundheit, Bildung, Freiheit, Lebensstandard und Glück. Ein hohes oder steigendes BIP beweist allein noch nicht eine hohe oder steigende Wohlfahrt, aber es erleichtert das Erreichen dieser Ziele.