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Der Vater ist im Arbeitslager, und die Mutter arbeitet hart, da bleibt für die Betreuung der kleinen Tochter keine Zeit. So wird die kleine Xiaolu gleich nach der Geburt zu einem Bauernpaar in die Berge gebracht, wo sie die ersten beiden Lebensjahre verbringt. Diese Leute sind so arm, dass sie das Kleinkind bald nicht mehr ernähren können; sie machen die Adresse der Grosseltern ausfindig und bringen die kleine Xiaolu zu ihnen ins ostchinesische Fischerdorf. So der Einstieg in die unglaubliche Biografie der englisch-chinesischen Autorin Xiaolu Guo «Es war einmal im Fernen Osten».
Erschütternde Umstände
Das Leben bei den Grosseltern ist entbehrungsreich und hart. Die Lebensmittel sind knapp, häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. Wie gering der Stellenwert einer Frau ist, erfährt die kleine Xiaolu schon früh, die Grossmutter erlebt täglich Misshandlungen durch den Grossvater: «Manchmal verprügelte er sie auch ganz ohne Grund. Er trat gegen ihre kurzen dünnen Beine, schubste sie und stiess sie zu Boden. In unserem Haus war das ein ganz normaler Anblick. Grossmutter weinte erst, wenn er gegangen war, sie blieb einfach auf dem kalten Steinboden liegen.»
Die Umstände werden auch nicht besser, als Xiaolu als Siebenjährige von den Eltern abgeholt wird und fortan in der kleinen elterlichen Wohnung, zusammen mit dem Bruder, von dem sie bis dahin nichts wusste, wohnt. Der Vater ist jetzt offizieller Maler des kommunistischen Regimes, die Mutter Tänzerin einer maoistischen Propaganda-Truppe. Xiaolu erlebt als Schulmädchen Prügel und Vergewaltigungen, es war «normaler» Alltag.
Trotz all den widrigen Umstände, die die Autorin in ihrer Jugend erlebt hat, verfolgt sie mit grosser Verbissenheit ihre Ziele und wird tatsächlich mit zwanzig in der Pekinger Filmakademie aufgenommen. Ihre berufliche Karriere ist fortan nicht mehr aufzuhalten. Die junge Frau besucht 2002 die National Film and Television School in London und emigriert danach endgültig nach England. Bereits in China hat Xiaolu ihre ersten sechs Bücher publiziert.
Nüchterne Schreibweise
Xiaolu Guo schreibt schnörkellos, zuweilen ist ihre Ausdrucksweise gar spröde. Der literarischen Qualität ihres Romans indes schadet dies nicht. Daneben bietet der Roman Einblicke in die chinesische Kultur sowie Geschichte und Politik. Unumwunden äussert sich Guo auch gegenüber Gastgebern im Westen: «Ich kann nur sagen, arbeitet härter, ihr Westler. Sonst holt ihr China nicht mehr auf.» Da spricht eine Frau mit ausserordentlicher Lebenserfahrung und Kenntnissen sowohl der östlichen wie der westlichen Kultur. Ihre Autobiografie ist ein erschütternder Lebensbericht und eine literarische Entdeckung.
Xiaolu Guo: «Es war einmal im Fernen Osten». Roman. Knaus-Verlag, München, 2017, 368 S.
Silvia Häcki-Eggimann ist Erwachsenenbildnerin.
Zur Person
Filmemacherin und Autorin
1973 im Süden Chinas geboren, wurde Xiaolu Guo als 20-Jährige in die Pekinger Filmakademie aufgenommen und studierte später an der National Film- and TV School in London. Mit ihrem achten Film «She, a Chinese» gewann sie 2009 den Goldenen Leoparden am Filmfestival in Locarno. Parallel dazu schreibt Guo erfolgreich mehrere Romane, zuletzt die Autobiografie «Es war einmal im Fernen Osten». Im Frühjahr 2018 ist Xiaolu Guo als «Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessorin für Weltliteratur» an der Uni Bern.