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Mitte der 1990er-Jahre, kurz nach Abschluss ihres Kunststudiums, leinte Laura Lima in Rio de Janeiros Szeneviertel Ipanema eine Kuh auf der Strasse an und bezeichnete diese Konfrontation von Land und Stadt als «displacement». Solche Verschiebungen sind bis heute typisch für die Kunst Limas, die sich in ihren Arbeiten auf der Grenze zwischen Alltag und Absurdität, Dokumentation und Fiktion, Traum und Wirklichkeit bewegt.
Aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus in der konservativen, vom Bergbau geprägten brasilianischen Provinz Minas Gerais, ging sie mit sechzehn nach Rio de Janeiro und studierte dort Philosophie und Kunst. Limas künstlerische Praxis ist geprägt von einem grossen Interesse für die Komplexität sozialer Beziehungen und des menschlichen Verhaltens. Mit subtilem, oft auch bizarrem Humor stellt sie vermeintliche Wahrheiten infrage und spiegelt Wirklichkeit auf eine Weise, in der die Absurdität des Realen erkennbar wird. An der Biennale de Lyon 2011 schmückte sie – inspiriert vom Karneval – 40 Hühner mit fremden Federn und beobachtete, wie die Tiere dadurch ihr Verhalten änderten (Gala Chicken). Im Züricher Migros Museum für Gegenwartskunst wies sie 2014 einen Magier in Frack und Zylinder an, tagelang die Poesie eines geordneten, aber gezielt sinnfreien Tuns zu zelebrieren. Einem ähnlichen Konzept der Stellvertreterperformance folgte auch Cinema Shadow, eine rund achtstündige Filmarbeit, die sie 2014 in Stockholm und Rio drehte und den Prozess zeitgleich bereits im Kino zeigte, wobei das Team durch kalkulierte Störungen ständig gezwungen war, neue Entscheidungen zu treffen. Die unzähligen Fotos, Skizzen, Screenshots, Objekte und Notizen, die bei den Recherchen zu diesem Projekt entstanden, fügte Lima zu grossen Assemblagen zusammen. Eines dieser installativen Wandbilder, die sie Footnotes nennt, befindet sich in der Sammlung der Mobiliar. Als scheinbar willkürliche Anordnung von Referenzmaterial erzählt Footnote #21 vom Zustand einer noch zu verwirklichenden Form. Die Materialsammlung erscheint hier gewissermassen als Vorecho eines Films, der noch nicht gedreht und eines Skripts, das noch nicht geschrieben wurde.
Laura Lima, die 2003 mit den Künstlern Ernesto Neto und Márcio Botner in Rio den international renommierten Kunstraum A Gentil Carioca gründete, gehört mit ihren an Dritte delegierten Erkundungen sozialer Prozesse zu den wichtigsten zeitgenössischen Performance-Kunstschaffenden in Brasilien.
Laura Lima, 1971 in Governador Valadares (BRA) geboren, lebt und arbeitet in Rio de Janeiro.
Tätigkeitsbereiche: Installation, Skulptur, Performance, Assemblage, Textilarbeiten, Zeichnung