Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/805

Kometenbuch
Einführung: Clemens Schlip (traduction française: Kevin Bovier). Version: 24.08.2023.
Entstehungszeitraum: 1556
Ausgabe: Cometarum omnium fere catalogus, qui ab Augusto, quo imperante Christus natus est, usque ad hunc 1556. Annum apparuerunt, ex variis historicis collectus, Zürich, Andreas und Jakob Gesner, [1556], hier: fol. A7vo-A8vo, E2ro-E3ro, E4ro-E5ro.
Übersetzung: Erzelung vast aller Kometen, welche bis 1556 gesehen worden…, Zürich, Johann Heinrich Lindinner, 1681 (Übersetzung von Johann Jakob Wagner, gegenüber Lavater ergänzt um eine Übersicht über die Kometen vor Christi Geburt und Ausführungen zu den Kometen zwischen 1556 und 1681).
Von Ludwig Lavater präsentieren wir an anderer Stelle auf diesem Portal sein Gespensterbuch; in der Einleitung zu diesem Werk findet man auch weitere Angaben zu seiner Biographie und seinem gesamten schriftstellerischen Schaffen, die hier nicht wiederholt werden sollen. Diese Einführung konzentriert sich auf sein Kometenbuch von 1556.
Die Erscheinung von Kometen (die deutsche Sprache besitzt für sie das schöne Wort Schweifsterne) hat die Menschen seit jeher irritiert und beunruhigt, wurde durch sie doch scheinbar die himmlische Ordnung verletzt. Neben Sonnen- und Mondfinsternissen hat kein am Himmel sichtbares Phänomen derartige Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Nichts war unter diesen Umständen natürlicher, als sich über ihre Entstehung wissenschaftliche Gedanken zu machen; und gar nicht abwegig war es auch, sich zu überlegen, ob das am Himmel sichtbare Phänomen nicht mit anderen, ebenso unerfreulichen (oder auch erfreulichen?) Erscheinungen auf der Erde korrespondierte, sei es, dass es diese begleitete, sei es, dass es diese voraussagte. Eine Erscheinung im Makrokosmos stand in dieser Sichtweise also in Beziehung zu Ereignissen im Mikrokosmos (der Welt der Menschen). Das Interesse an speziell dieser Form von Erscheinung wurde noch dadurch gesteigert, dass es im Gegensatz zu anderen ungewöhnlichen und beunruhigenden Phänomenen (wie etwa Missgeburten bei Menschen und Tieren) von viel mehr direkten Augenzeugen aus allen Bevölkerungsschichten und von ganz unterschiedlichen Orten aus gleichzeitig wahrgenommen werden konnte.
Eine astrologische Betrachtung der Kometen ist bereits im alten Orient bei den Babyloniern nachweisbar. Ein ausgeprägter Kometenglaube begegnet dann in der griechisch-römischen Antike. Es lag für das einfache Volk von Anfang an nahe, Kometen und vergleichbare Himmelserscheinungen als von den Göttern geschickte Zeichen zu interpretieren (vgl. etwa den von Zeus geschickten Meteor in der Ilias, 4,75). Die Bereitschaft, Kometen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben, konnte sich aber auch ausserhalb dieser volkstümlichen Sphäre äussern, etwa dadurch, dass man Kometen einen Zusammenhang mit meteorologischen Phänomenen zuschrieb. Aristoteles zum Beispiel führte bestimmte Naturerscheinungen, die er im Umfeld von Kometen beobachtete (Stürme, Trockenheit etc.), ebenso wie diese auf trockene Dämpfe in der Luft zurück, ging also von einer beiden Erscheinungen gemeinsamen Ursache aus. Auch Dauerregen, Springfluten und Erdbeben konnten von antiken Naturforschern auf Kometen zurückgeführt werden. Sind solche Überlegungen auch für das heutige wissenschaftliche Weltbild grundsätzlich nachvollziehbar, so gilt das nicht für die ebenfalls häufig praktizierte prognostische Deutung der Kometen als Vorzeichen politischer Krisen und Umwälzungen oder des Todes bedeutender Männer. Ptolemaios etwa schrieb in seinem Tetrabiblos den für ihn unter planetarischen Einflüssen entstandenen Kometen die Macht zu, auf der Erde Kriege und andere Katastrophen auszulösen. Er formulierte auch Regeln zur Interpretation von Kometenerscheinungen (ausgehend von Kriterien wie Grösse, Zeitpunkt des Auftretens, Flugverlauf durch die Tierkreiszeichen etc.), denen eine lange Wirkungsgeschichte beschieden war. Zahlreiche Ereignisse der Antike wurden mit Kometen in Verbindung gebracht, von denen sie angekündigt worden seien: der Tod von Kaisern wie Augustus, Claudius, Nero und Vespasian, die Schlachten von Pharsalos und Actium, die Niederlage des Varus etc. Daneben ging man davon aus, dass sie Krankheiten und Seuchen ankündigten. Wie diese Beispiele zeigen, betrachtete man Kometen damals (wie auch später) primär als negative Vorzeichen; Ausnahmen in Form einer glückverheissenden Deutung sind selten. Die gesamte Literatur der Antike zu diesem Thema (oder dem der Astrologie insgesamt) aufzuarbeiten, ist hier nicht der Ort. Neben dem bereits erwähnten Ptolemaios, dessen System seit dem Ersterscheinen des Tetrabiblos-Kommentars von Girolamo Cardano im Jahre 1554 weiteste Verbreitung fand, sei hier aufgrund seiner besonders auf die Renaissance konzentrierten Wirkungsgeschichte nur noch auf den von den Humanisten seit seiner Wiederentdeckung durch Poggio Bracciolini im Jahr 1417 vielrezipierten Manilius hingewiesen, der in seinem stoisch geprägten Lehrgedicht Astronomica Kometen als von der göttlichen Vorsehung gesendete Warnzeichen vor bevorstehenden Katastrophen deutete.
Christliche Autoren konnten sich mit dem Gedanken einer Zeichenbedeutung von Kometen anfreunden, insofern Gott den Menschen auf diese Weise Botschaften über bevorstehende Veränderungen zukommen lasse. Dass laut dem Neuen Testament die Geburt Jesu den Weisen aus dem Morgenland durch den Stern von Bethlehem angekündigt worden war (den etwa Origenes als Kometen interpretierte), erleichterte ihnen diese Bereitschaft. Problematisch war astrologisches Denken aus christlicher Perspektive allerdings dann, wenn es von einer Determination menschlichen Handelns durch die Gestirne ausging, da dies im Widerspruch zur Lehre von der Willensfreiheit stand. Dennoch gelang es nie vollständig, das astrologische Denken im christlichen Europa auszuschalten. In Byzanz gewann es seit dem 8. Jahrhundert wieder enorm an Boden. Im Abendland wuchs das Interesse an Astronomie und Astrologie im 12. Jahrhundert aufgrund der Wiederentdeckung der Schriften des Aristoteles sowie besonders durch die lateinische Übersetzung der Werke des arabischen Gelehrten Albumasar (787-886). Interessanterweise sind es sowohl im arabischen wie im europäischen Bereich gerade auf den ersten Blick eher modern anmutende Denker wie die Averroisten und der Naturforscher Roger Bacon, die der Astrologie besonders offen gegenüberstehen. Im 15. und 16. Jahrhundert erreicht die Geltung der Astrologie einen neuen Höhepunkt. Eine Ursache für diese Machstellung der Astrologie lag sicher darin, dass diese zwar von vielen kirchlich-christlichen Denkern verworfen wurde, doch diese sich selbst nicht grundsätzlich von der jeder Form von Astrologie vorausgehenden Vorstellung distanzierten, dass die Gestirne einen Einfluss auf die irdischen Vorgänge ausüben können. Der Humanismus verstärkte aufgrund seiner Wertschätzung der antiken Quellentexte den Einfluss der Astrologie noch, und die Reformation tat ihm keinen Abbruch. Sie beeinflusste allerdings die Art und Weise, wie man Kometen interpretierte: im reformatorischen Umfeld beschränkte sich die Deutung von Kometen darauf, diese als Warnsignale vor göttlichem Zorn anzusehen.
Die Interpretation von Kometen basierte in der Frühen Neuzeit auf gewissen Grundsätzen, die sich aus dem astrologischen Weltbild ergaben, das im Kern aus der Antike stammte und im Mittelalter besonders durch die Araber gewisse Ergänzungen (nicht zuletzt hinsichtlich der Doktrin der Planetenkonjunktionen) erfahren hatte. Man führte die Entstehung von Kometen auf die Konjunktion von zwei oder mehr Planeten zurück; der Charakter des Kometen und seine (in der Regel als negativ gedachten) Folgen für die Welt resultierten daraus, welche Planeten genau beteiligt gewesen waren. Wichtig war zudem (schon seit Ptolemaios), in welchem Sternzeichen ein Komet zuerst gesichtet wurde und welche weiteren Sternezeichen er gegebenenfalls durchquerte; auch aus der Färbung seines Schweifs (die man als Hinweis auf seine planetarische Herkunft deutete oder aber auf die Art des Unglücks, das er verkündete), der Richtung seines Flugs und der Dauer seines Auftretens zog man Rückschlüsse (dass Färbung und Richtung des Schweifs Veränderungen unterliegen konnte – etwa aufgrund atmosphärischer Bedingungen – erhöhte den Interpretationsspielraum). Wie weiter unten noch einmal angesprochen wird, lehnte Lavater derartige Finessen der Kometendeutung allerdings ab.
Die Erfindung des Buchdrucks ermöglichte seit dem 15. Jahrhundert die Produktion von Flugschriften und anderen aktuellen Tagespublikationen, die weite Verbreitung fanden; solche beschäftigten sich auch mit aufsehenerregenden Kometenerscheinungen (die meisten davon entstanden bis ins 17. Jahrhundert hinein). Das Spektrum reicht dabei von Einblattdrucken bis zu kleinen Flugschriften, oder sogar über deren Gattungsgrenze hinausgehenden Heften von mehr als 16 Seiten Umfang. Auch in die grossen Foliobände der mit solchen eher ephemeren Schriftwerke gleichsam durch kommunizierende Röhren verbundenen Prodigienliteratur (wie das auf diesem Portal an anderer Stelle präsentierte Wunderbuch des Conrad Lycosthenes) fanden Kometen selbstverständlich Eingang. Der hier zu behandelnde Kometenkatalog Ludwig Lavaters gibt sich mit seinem Umfang von deutlich weniger als hundert Seiten und seiner billigen Aufmachung im Vergleich zum reich illustrierten Monumentalwerk des Lycosthenes mehr als eine tagesaktuelle Gelegenheitsproduktion zu erkennen, die aber immerhin im 17. Jahrhundert mit Ergänzungen versehen ins Deutsche übersetzt werden sollte. Wie Lavater in seinem Widmungsbrief an Heinrich Bullinger (A2ro-A3ro, hier nicht präsentiert) erklärt, hatte ihn die aufsehenerregende Kometenerscheinung im März 1556 dazu veranlasst, sich mit früheren Kometen zu beschäftigen und schliesslich einen Katalog aller Kometen ab Christi Geburt zu verfassen, in dem er unter Angabe seiner Quellenautoren zusammenstellt, was er über den jeweiligen Kometen und die mit ihm in Verbindung stehenden Geschehnisse in Erfahrung bringen konnte. Er sieht darin ein innovatives Unternehmen, da bisher nur Joachim Camerarius d. Ä. in seinem Wunderbuch historische Kometenerscheinungen zusammengestellt habe, wobei er sich aber auf die besonders hervorstechenden beschränkt habe (A2ro-vo).
Auf diesen Widmungsbrief folgen zwei Kapitel mit den Titeln De significatione cometarum («Über die Bedeutung von Kometen», sechs Seiten Umfang) und Quo pacto se homines gerere debeant, si cometae apparent («Wie die Menschen sich verhalten sollen, wenn Kometen erscheinen»). Im erstgenannten Kapitel weist Lavater auf Basis von antiken Autoren, von Bibelstellen und grundsätzlicher theologischer Überlegungen nach, dass Kometen von Gott geschickte Unglücksvorboten seien; er sieht in ihnen allgemeine Warnzeichen und ist dagegen, sie aufgrund astrologischer Überlegungen ähnlich der oben bereits erwähnten (Auftreten in einem bestimmten Sternzeichen, Flugrichtung etc.) exklusiv auf bestimmte Völker oder Städte zu beziehen. Das zweitgenannte Kapitel von knapp über zweieinhalb Seiten Umfang präsentieren wir auf diesem Portal. Lavater wendet sich hier noch einmal gegen die Haltung von «Epikureern und weltlich gesinnten Menschen», die solche Naturerscheinungen nicht göttlicher Fügung, sondern dem Zufall zuschreiben. Im Folgenden entfaltet er, wie Christenmenschen sich gegenüber solchen Phänomenen zu verhalten haben: sie sollen sie als Warnung vonseiten des erzürnten göttlichen Vaters verstehen, den es durch Gebet und Reue zu versöhnen gilt; gelingt dies, dann kann auch das Unheil noch abgewendet werden, das der Komet angekündigt hat. Auf diese Ermahnungen folgt schliesslich der knapp 60 Seiten umfassende Katalog aller Kometen von Christi Geburt an (das heisst ab der Regierungszeit des Augustus) bis zu dem Kometen des Jahres 1556, der Lavater zu dieser Sammlung inspiriert hatte. Am Ende des Werkes steht ein 70 Verse umfassendes Gedicht Rudolf Gwalthers in elegischen Distichen auf ebendiese Kometenerscheinung. Im Übrigen hatten sich nicht nur Lavater und Gwalther von diesem Kometen zu literarischer Betätigung inspirieren lassen: er sorgte damals allgemein für grosses Aufsehen und wurde in zahlreichen Publikationen sowie Flugblättern thematisiert; Brüning verzeichnet in seinem Katalog der Kometenliteratur 30 Schriften (inklusive Lavaters Kometenbuch), die in den Jahren 1556-1558 zu diesem Kometen erschienen; Auch Lycosthenes hat diesen Kometen selbstverständlich in sein bereits erwähntes Prodigienbuch aufgenommen.
Aus Lavaters Katalog selbst präsentieren wir auf diesem Portal zwei Beispiele: neben dem in diesem Zusammenhang unverzichtbaren Kometen von 1556, mit dem das Buch schliesst, auch den Eintrag zum Kometen von 1531, der seinerseits ebenfalls bei seinem Auftreten grössere Aufmerksamkeit erregt hatte (insgesamt erschienen in den Jahren 1531-1532 27 Schriften zu ihm). Nachdem Lavater das Auftauchen des jeweiligen Kometen und seine Dauer beschrieben hat, zählt er bemerkenswerte Ereignisse (vor allem Todesfälle und Kriege, auch potentiell drohende Kriege) auf, zwischen welchen und dem unheilverkündenden Gestirn er offenbar einen Zusammenhang vermutet. Wenn Lavater vom jüngsten Kometen von 1556 spricht, wendet sich sein Blick unweigerlich der Zukunft zu; und so endet er sein Buch mit einem Gebet, Gott möge das angedrohte Unheil von den Menschen fernhalten, auch wenn sie es eigentlich verdient hätten.
Die Astrologie fristet im heutigen Westen ihr Dasein im Wesentlichen als abergläubische Kuriosität in den Horoskopecken der Zeitschriften und des Internets und vergleichbaren Orten; diese Degradierung ist eine verhältnismässig junge Entwicklung, nachdem sie von der Antike bis weit in die Neuzeit eine geistige Grossmacht gewesen ist, der auch zahlreiche erlauchte Geister im Abend- wie im Morgenland gehuldigt haben. Jüngst ist herausgearbeitet worden, dass die traditionelle Kometenfurcht bei der Begründung der modernen Kosmologie durch Newton und Halley noch eine grössere Rolle spielte, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Das Kometenbuch des Ludwig Lavater ist nur eines der unzähligen Zeugnisse, die den einstigen Rang der Astrologie in ihren verschiedenen Spielarten belegen; und sicher nicht das uninteressanteste.
Bibliographie
Boll, F.,/Bezold, C./Gundek, W., Sternglaube und Sterndeutung. Die Geschichte und das Wesen der Astrologie, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 51966 [=ND von Leipzig/Berlin, Teubner, 41931].
Brüning, V. F., Bibliographie der Kometenliteratur, Stuttgart, Anton Hiersemann, 2000.
Gindhart, M., Das Kometenjahr 1618. Antikes und zeitgenössisches Wissen in der frühneuzeitlichen Kometenliteratur des deutschsprachigen Raumes, Wiesbaden, Ludwig Reichert, 2006.
Hübner, W., «Astrologie in der Renaissance», in: K. Berdolt/D. Schäger (Hgg.), Zukunftsvoraussagen in der Renaissance, Wiesbaden, Harrassowitz, 241-280.
Spinks, J., «Signs that Speak: Reporting the 1556 Comet across French and German Borders», in: J. Spinks/D. Eichberger (Hgg.), Religion, the Supernatural and Visual Culture in Early Modern Europe, Leiden/Boston, Brill, 2015, 212-239.
Stegemann, V., «Komet», Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 5 (1932/33, ND 1987), 89-170.
Schechner, S. J., Comets, Popular Culture, and the Birth of Modern Cosmology, Princeton University Press, 1997.