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Wo ist der Artikel geblieben?
Häufig wird bei mehrteiligen Namensbezeichnungen der Artikel vergessen: IT-Spezialistin Anna hat genial programmiert; Waisenkind Ivo fühlt sich hier wohl. Der Sprachpfleger artikuliert sein Unbehagen.
Artikel werden heute zum einen häufiger verwendet («Hallo, ich bin die Anna»), zum andern werden sie unter den Teppich gekehrt. Mir fällt dies vor allem bei mehrteiligen Eigennamen auf: Neffe Klaus (statt der Neffe Klaus) sitzt am Klavier; Bäcker Urs (statt der Bäcker Urs) hilft im Laden. Der Duden lässt dies sogar zu. Demnach wäre IT-Spezialistin hat genial programmiert korrekt. Ich akzeptiere widerwillig.
Tierischer Fauxpas
Doch die dudensche Erlaubnis des Artikelweglassens bei Berufs- und Familienbezeichnungen wird zuweilen strapaziert. Zum Beispiel durch das eigentlich geschulte Moderationspersonal. Da hört man im Fernsehen Dinge wie «Pony Hilde» isst besonders gerne Äpfel. Wurde das Tier zum Familienmitglied upgegradet? Vielleicht aber isst das Tier die Äpfel berufshalber, das wäre dann, übereinstimmend mit Duden, auch in Ordnung. – Natürlich nicht. Nur für alle Fälle, es heisst: das Pony Hilde.
Unterschied zwischen Titel und Funktion
Stilistisch anzustreben wäre, dass einzig bei Adels- und anderen Titeln wie Professor oder Bundespräsidentin auf den Artikel verzichtet wird: Bundespräsidentin Sommaruga trat vor die Presse; Professor Lauterbach liegt fast immer richtig. Mit Artikel würde es komisch klingen: Die Bundespräsidentin Sommaruga trat vor die Presse.
Da weder ein Titel noch eine Berufs- oder Familienbezeichnung vorliegt, ist auch Folgendes zu vermeiden: Kandidat Tschopp landete auf Platz sieben oder Hersteller Moderna konnte nicht liefern.
Gibt es einen «Artikel-Test»?
Als Orientierungshilfe dafür, ob man bei mehrteiligen Namensbezeichnungen den Artikel setzen soll, mag Folgendes dienen. Kann ich jemanden direkt mit Frau X oder Herr Y anreden, fällt der Artikel weg, so wie wir dies in der Regel (fast) automatisch tun: Bundeskanzlerin Merkel mahnte zur Disziplin. Oder man überlegt sich, ob eine Person, beispielsweise als Regierungsrat oder Regierungschefin, gewählt wurde. Für den Regierungsrat trifft es zu, für die Regierungschefin genau genommen nicht, weil es keine offizielle Bezeichnung ist.
Doch eines sei angemerkt: Es gibt Grenzfälle. Für mich ist gerade die Regierungschefin ein solcher. Denn ob da steht Regierungschefin Merkel mahnte ... oder Die Regierungschefin Merkel mahnte ... – ich sehe bei Letzterem stilistisch eher einen Nachteil. Besser wäre gewesen, sie hätte nicht zu mahnen brauchen, aber das ist ein anderes Thema ...
Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer Tageszeitung.
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