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Reihe 9 # 50
Bisweilen musste man mehr als 120 Jahre zurückdenken, um die Bedeutung eines vierhändigen Klavierauszugs zu ermessen. Damals war er eine Form des Arrangements, mit der man sich die Meisterwerke der grösser besetzten Instrumentalmusik ins Haus holen konnte. Ganz ohne Internet, Radio, CD, Schallplatte oder den alten Wachszylinder war man gänzlich auf das eigene Musizieren in der «guten Stube» angewiesen, um sich Sinfonien oder gar Streichquartette in der Klangfarbe neutralisiert am Klavier zu vergegenwärtigen (nur bei Oper und Oratorium blieb es grundsätzlich «zweihändig»). Noch 1933 konnte Theodor W. Adorno dieses Musizieren à quatre mains aus eigener Erfahrung in einer rückschauenden Glosse beschreiben: «Jene Musik, die wir die klassische zu nennen gewohnt sind, habe ich als Kind kennengelernt durch Vierhändigspielen. Da war wenig aus der symphonischen und kammermusikalischen Literatur, was nicht ins häusliche Leben eingezogen wäre mit Hilfe der grossen, vom Buchbinder einheitlich grün gebundenen Bände im Querformat.»
Heute ist bis auf wenige Werke des grossen Repertoires (etwa Schuberts grandios abgründige Fantasie f-Moll D 940) fast alles aus der Mode gekommen, selbst die Slawischen bzw. Ungarischen Tänze von Dvořák und Brahms dürften wohl eher in den später entstandenen, prächtig schillernden Arrangements für grosses Orchester bekannt sein. Fast alles? Um derzeit Musik wieder einmal «live» zu erleben, muss man selbst in die Tasten greifen. Belächelte man vor einigen Jahren noch ernsthafte CD-Produktionen mit vierhändig gespielten Wagner-Ouvertüren oder Mahler-Sinfonien, werden heute wieder flugs die weissen und schwarzen Tasten entstaubt und nach einem zweiten Paar versierter Hände Ausschau gehalten. Wer dachte, er hätte längst den modernen Lebensstil des 21. Jahrhunderts erreicht, findet sich so unversehens in der Behaglichkeit des einstigen bürgerlichen Salons wieder. Unklar ist freilich, ob die schweren, alten, vierhändigen Ausgaben bereits auf dem Antiquariatsmarkt fröhliche Urständ feiern. Denn Obacht! Trotz des bequemen Formats lässt sich noch lange nicht vierhändig aus einem Tablet spielen – ganz abgesehen von den einst wohlkoordinierten Wendestellen. Wer sich daher nicht gemütlich in den Sessel fallen lässt, um dem satten Sound einer Brahms- oder Bruckner-Sinfonie zu lauschen, sondern selbst einmal wieder die Musik «ertastet» und «begreift», hat sich nach dem Fine den Pinot noir wirklich verdient.
Ihr
Michael Kube