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Erinnert Ihr Euch noch an den vergleichsweise Harmlosen SARS Ausbruch vor etwa 17 Jahren?
Paul und ich befanden uns in Zeiten der SARS Epidemie, im Ursprungsland, in der Volksrepublik China, wenn auch geographisch eher am Rande des Geschehens.
Wir lebten damals in der tibetisch autonomen Region, als 2002-2003 im Flachland Chinas das SARS Virus seine Runde machte. SARS steht für … und ist dem Corona Virus recht ähnlich.
Es war, im Februar 2003, so um Tibetisch Neujahr als wir durch die Nachrichten vom SARS Virus erfuhren, aber es dauerte noch eine Weile, bis wir konkrete Maßnahmen zu spüren bekamen. Die damalige sehr überschaubare Expat Community, die Ausländergemeinschaft, bestehend aus Delegierten von Hilfsorganisationen und ausländischen Studenten wurden irgendwann freundlich vom Gesundheitsamt zu einer Besprechung gebeten. Da wurde uns Erläutert, dass die autonome Region Tibet sich jetzt vor der Außenwelt abschließen müsse. Keiner dürfe rein und… niemand raus.
Das war für alle von uns keine besonders beruhigende Nachricht, denn die medizinische Betreuung war damals, im Gegensatz zu heute, alles andere als fortschrittlich. Jeder von uns sorgte dafür, dass Krankenhaus Aufenthalte möglichst auf spätere Zeitpunkte verschoben wurden, man ließ sich lieber im 2000 Kilometer entfernten Chengdu behandeln. Es gab Beschwerden, dass ganze Schulklassen mit ein und derselben Nadel geimpft würden und es hieß, dass Patienten im Hospital lieber ihre eigenen Laken mitbringen sollten, wenn sie nicht in den gebrauchten des Vorgängers schlafen wollten. Wir hofften und glaubten, dass es sich dabei um boshafte Gerüchte handelte. Und trotzdem hätte uns niemand so leicht zu einem einfachen medizinischen Check-up überreden können.
Im Moment, als der freundliche Herr vom Gesundheitsamt uns darauf hinwies, dass es Monate dauern könne, bis wir wieder Reisen durften, da meldete sich wie auf Befehl bei Paul ein Zahn, der dringend eine Wurzelbehandlung gebraucht hätte. Der Besuch eines Zahnarztes kam damals für uns in Lhasa jedoch auf keinen Fall in Betracht, denn ein halbes Jahr zuvor hatte meine Mutter ein eindrückliches Erlebnis. Sie war zu Besuch und half uns in der Schule. Sie spielte Theater mit den blinden Kindern und ging mit ihnen auf den Markt oder auch, wenn nötig mal zu einem Arzt. Als Gyendsen, einer unserer Schüler, über heftige Zahnschmerzen klagte, begleitete sie ihn in eine lokale Praxis.
Einen Warteraum gab es nicht, man stand in einem Pulk direkt im Behandlungszimmer und konnte, wenn einen die Neugierde packte, auch gleich neben dem Zahnarzt stehen und genau sehen, wem einen Zahn gezogen und wem einen Bohrer in den Mund geschoben wurde.
Meine Mutter blieb mit Gyendsen eher im Hintergrund, sonst hätte sie wohl vorher schon das Weite gesucht. Erst als Gyendsen an der Reihe war, musste sie notgedrungen aus erster Reihe mitverfolgen, was da passierte. Der Arzt war sehr beschäftigt und es gab keine Zeit zu verlieren. Nicht einmal zur Desinfizierung des Bohrers, der wurde nach Gebrauch einfach an der schmutzigen Schürze abgewischt und weiter ging es. Es war hoch effizient. Es gab keine Betäubung und trotzdem kein Geschrei, tibetische Kinder sind hart im Nehmen. Zwischen Gyendsen und Arzt stand ein Eimer mit bereits gezogenen Zähnen und als Gyensens Zahn ebenfalls in den Eimer platschte, schien der erste Spuk vorbei und er konnte wieder nach Hause gehen. In der Nacht bekam er allerdings hohes Fieber. Wir hatten damals einen guten Draht zum Militärhospital, das war das sicherste und da wurde Gyendsen am nächsten Morgen unter etwas besseren Umständen nachbehandelt.
Aber zurück zu unserem Treffen im Gesundheitsamt:
Es war zunächst einmal alles recht entspannt. Jeder bekam seinen obligatorischen Jasmin-Tee und dazu gab es Kapse, tibetisches Gebäck, angereicht von Hand zu Hand. Bisher gab es also keine Anzeichen von speziellen Hygiene Maßnahmen.
Die Expats, die wie wir schon Jahre mit dem politisch eher „starren“ System vertraut waren, hatten sich ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster angeeignet. Tee trinken, ernst dreinschauen und sich seine eigenen Gedanken machen. Viele der ausländischen Studenten waren aber neu und vollkommen ohne Hemmungen. Einer meldete sich, ich glaube es war ein Italiener: „Es gibt Gerüchte, dass überzählige SARS Patienten aus den Chinesischen Metropolen nach Tibet gebracht werden, um die WHO zu täuschen und die Austragung der Olympiade nicht zu gefährden. Stimmt das?“
Niemand von uns auch nicht der bemühte Gesundheits-Officer war auf eine solche Frage vorbereitet. Man fragte so nicht, das hatten wir alle mühsam lernen müssen. Daher war es plötzlich ganz still. Nicht einmal ein verlegendes Hüsteln oder unangenehmes Scharren mit den Füßen. Keiner von uns wollte die Antwort auf eine so „dreiste“ Frage verpassen. Und dann kam sie, etwas stolpernd, nicht mit der gleichen Selbstsicherheit wie die Rede zuvor:
„Das, das ist nicht wahr! Uhm, Das kann gar nicht sein! Wir haben doch hier oben gar nicht die Möglichkeiten, einen SARS Patienten zu behandeln.“
Es war eine etwas unüberlegte Reaktion, denn jetzt wurde es unter den Studenten erst recht hektisch: „Und wie wollen Sie uns behandeln, wenn wir SARS bekommen sollten?!“
Glücklicherweise blieb das tibetische Hochplateau, überwiegend SARS frei, was, nach Aussagen von Virologen, wohl an der beträchtlichen Höhe und der damit einhergehenden starken UV-Strahlung liegen könnte.
Daher gab es auch innerhalb der Stadtgrenzen keine Ausgangssperre, und trotzdem war die Innenstadt mit all ihren Restaurants und Bars wie ausgestorben. Ich weiß noch, wie wir beide ganz allein im Snowland saßen. Das Snowland war für uns in der damaligen Zeit ein unermesslich teurer Spaß. Ein Yaksteak kostete etwa vier Dollar. Für jeden Touristen erschwinglich, aber für uns, die wir mit gerade einmal 50$ monatlich auskommen mussten, war es jedes Mal ein besonderer Anlass, ein Festmahl, auf dass wir uns lange freuten.
Wir waren an diesem Abend fast die einzigen Gäste. Der Besitzer kannte uns gut und war ein regelmäßiger Unterstützer der Blindenschule, die wir 1998 aufgebaut hatten. Wir saßen gemeinsam mit ihm am Tisch und während wir aßen hörten wir 70iger Jahre Rocksongs, die wir uns selbst aussuchen durften. Da wurde plötzlich die Türe aufgerissen und mehrere Soldaten in voller Schutzmontur stürzten in den Gastraum. Keine Entschuldigung, keine Erklärung, nur Befehle, die wir nicht verstanden. Wir hatten uns damals in Tibet angewöhnt, in jeder brenzlichen Situation ruhig zu bleiben und lieber keine Fragen zu stellen. Da wir fast die Einzigen waren, stellten sie sich um uns auf und schossen, nicht mit Gewehren, sondern mit Desinfektionssprays. Alles wurde vernebelt, mit übelriechenden Substanzen besprüht, inklusive unser lang angespartes Festmahl.
Mit einem Shock und einem nach Desinfektionsmitteln schmeckenden Steak kamen wir noch relativ glimpflich davon. Unsere Teilnehmer haben da ganz anderes erlebt.
kantharis sind mehr als durchschnittlich Krisenerprobt. Viele haben Bürgerkriege, Gewalt, Hunger und Armut überlebt. Einige haben in der Ebola Krise dafür gesorgt, Leichen in Säcken aus Dörfern zu schaffen, Andere erlebten Cholera in überfüllten Slums. Alle, die bisher von Epidemien getroffen waren, erzählen von Phasen der Unsicherheit, Verbreitung von Mythen und Missinformationen.
Einer der kantharis brachte es auf den Punkt: „Diesmal sind wir alle Frösche. Alle sind wir von ein und demselben Problem betroffen, doch keiner kann es wirklich benennen.“ Was ein Frosch mit Zeiten des Corona Virus zu tun hat, werde ich in einem der späteren Blog Post erläutern.