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Reihe 9 # 27
Mit der Oper ist es so eine Sache. Von Beginn an war sie ein Objekt der Repräsentation, nämlich von Macht, Geld und nur manchmal auch von Kunstverstand. Das ist nicht allein an den Dimensionen und der Ausstattung der Musentempel ablesbar, sondern auch an so manchem Werk – seiner Disposition wie auch an dem mit einer Inszenierung verbundenen Aufwand. War die Oper zunächst nur ein Experiment, sich der antiken Tragödie nachschöpferisch zu nähern, nahm sie rasch eigene Gestalt an. Und wie! Erinnert sei etwa an den Orfeo von Luigi Rossi, der ziemlich genau vor 372 Jahren, am 2. März 1647, im Pariser Palais Royal im Rahmen einer gross angelegten Italianisierung der französischen Kultur mit einer Spielzeit von 6 Stunden und einem bedeutenden Bühnenspektakel uraufgeführt wurde. Initiator war Kardinal Jules Mazarin, regierender Minister und Ziehvater des noch unmündigen Louis XIV., der mit Geschick ein zentralistisches Steuersystem einführte, das Hof und Machtspiele finanzierte. Freilich, seine Sammlung von mehreren tausend Büchern bildete später den Grundstock der ältesten öffentlichen Bibliothek Frankreichs.
Auch wenn Rossis Orfeo an Pracht und Dauer schon lange von anderen mehrteiligen Musikdramen überboten wurde, kommt einem die Geschichte angesichts der architektonisch exorbitanten, vor nunmehr 30 Jahren ihre Pforten öffnenden Opéra Bastille nur allzu leicht in den Sinn. Hier beförderte zwar kein Kaiser, König oder Kardinal das monumentale Werk, und doch gehört der Bau zu jenen Grands Projets, die von Präsident Mitterrand angestossen die politische, kulturelle und ökonomische Potenz der noch lange nicht altersmüden Grande Nation symbolisieren sollten (und dies mit sozialistischem Parteibuch). Das ist in diesem Fall hinreichend gelungen, auch wenn im Betrieb sich manche Schönheitsfehler zeigen: die Treppen zur Garderobe fast übersehbar schmal, die Garderoben selbst beengt auf dem oberen Foyer. Statt einer Einteilung in Ränge findet sich eine umständliche Türen-Zählung, im Parkett schliesslich eine Einteilung, die sich im Halbdunkel nur dem wirklichen Kenner erschliesst. Wer einmal den Kopf wendet, der wird vom hoch aufragenden Saal beeindruckt sein, hingegen ist die mitlaufende Übertitelung auf den Seitenmonitoren nur mit Opernglas lesbar. Ist der Bau also nach nur drei Jahrzehnten in die Jahre gekommen? Keineswegs, er ist vielmehr bei den Besuchern, die abseits des luxuriösen Buffets die Nischen und Gänge zum noblen Picknick nutzen, ebenso angekommen wie auf der Strasse im Abgang zur Metro – hier dann auch mit sprichwörtlicher Subkultur. An das zur Vorstellung minutenlang durchgehend läutende Totenglöckchen konnte und wollte ich mich auch an zwei aufeinanderfolgenden Abenden nicht gewöhnen. Da gibt es klanglich fraglos attraktivere Möglichkeiten.
Gleich zwei Schwergewichte hatte Philippe Jordan als musikalischer Chef nacheinander zu stemmen: zunächst Mahlers Sinfonie Nr. 3, dann Les Troyens von Hector Berlioz – eine Grand opéra, deren Handlung bei anderen Komponisten sicherlich für gleich mehrere Werke ausgereicht hätte. Und so packend Dmitri Tcherniakov die beiden ersten Akte auch ohne das obligatorische Pferd gestaltete (neuzeitlich in die Ruinenlandschaft von Beirut verlegt), so mühsam geriet der in Karthago spielende zweite Teil (szenisch in ein steriles Sanatorium für Kriegsveteranen verlegt). Zum denkwürdigen Tripel (350 Jahre Opéra national de Paris, 150. Todestag von Berlioz und 30 Jahre Opéra Bastille) durfte daher nicht nur gefeiert, sondern auch lebhaft diskutiert werden. Que demander de plus !
Ihr
Michael Kube