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Vater Koni Locher (Name geändert) hält den angeforderten Auszug aus dem Zivilstandsregister seiner Heimatgemeinde in den Händen und findet keine Worte: Seine leibliche Tochter ist ihm tatsächlich abhanden gekommen. Als 20-Jährige wurde Melanie (Name geändert) hinter seinem Rücken wegadoptiert. Nur durch Zufall hat er jetzt erfahren, dass er als Vater vor mehr als drei Jahren ausradiert wurde.
«Hallo Papi, ich möchte dich kennenlernen.» Koni Locher klingt der Satz seiner Tochter noch heute in den Ohren nach, als hätte er eben den Telefonhörer abgehoben. Im Jahr 1999 traute sich die damals 16-Jährige erstmals, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er hatte die ausserehelich geborene Melanie als kleines Mädchen zum letzten Mal gesehen. Die Aufsichtsbehörde des Bezirks Leuk hatte ihm das Besuchsrecht bis zum vollendeten dritten Lebensjahr der Tochter verweigert. Begründung: Die Mutter fühle sich nach eigenen Angaben durch ihn «bedrängt und belästigt».
Ein gerichtsübliches Kontaktrecht für Kind und Vater, das regelmässige Besuche sowie auch Ferien vorsieht, wurde auch später nie bewilligt. Lediglich zu Ostern, Weihnachten, im Sommer und am Geburtstag hätte Koni Locher Melanie besuchen dürfen, allerdings nach strikten Vorgaben der Mutter. Für Locher war das nicht akzeptabel; er verzichtete. Später, wenn Melanie selbständig entscheide, könne sie den Vater besuchen, hiess es.
«Wir wünschen keine Einmischung»
So wuchs Melanie in der kleinen Walliser Gemeinde Bratsch bei ihrer Mutter und dem Stiefvater Oskar Meichtry auf, der dort bis ins Jahr 2000 als Gemeindevizepräsident amtierte.
Nach dem ersten persönlichen Zusammentreffen mit dem Vater meldete sich die Tochter noch sporadisch und liess durchblicken, sie könne ihn nicht von zu Hause aus anrufen. Dort fühle sie sich unter Kontrolle, denn weder Mutter noch Stiefvater würden den Kontakt zu ihm gutheissen. Dann war Funkstille. Kurt Locher machte sich Sorgen und forderte am 24. Mai 2000 in einer ausführlichen Eingabe die Vormundschaftsbehörde Bratsch auf, zu prüfen, ob die Mutter das elterliche Sorgerecht wirklich zum Wohl des Kindes ausübe. Die Behörden reagierten in keiner Weise. Stattdessen bekam er einen Monat später Post von der Mutter und dem Stiefvater: «Wir wünschen keine Einmischung in die erzieherische Aufgabe von Melanie.» Sie wüssten sehr wohl, was rechtens sei.
Als Beamter einer Vollzugsbehörde im Kanton Zürich legt Koni Locher Wert auf den korrekten Umgang mit Akten. Gesetzlich vorgesehen ist nämlich, dass jede Eingabe eine Aktennummer erhält. Damit ist gewährleistet, dass sie auch bearbeitet wird. Deshalb wollte Locher im Jahr 2003 wissen, was aus seiner Eingabe geworden ist, vermutete er doch, dass diese willentlich unbearbeitet in irgendeiner Schublade gelandet war.
Jahrelang keine Antwort
Lochers Zürcher Anwältin Mirella Piasini stellte am 11. Juni 2003 bei der Vormundschaftsbehörde Bratsch eine erste Anfrage. Eine Woche später kam die Antwort, die Gemeinde habe sich nie mit Lochers Tochter befasst. Die Anwältin liess nicht locker. Am 11. September 2003 traf dann Lochers Eingabe aus dem Jahr 2000 in Kopie doch noch ein. Es seien «summarische Vorabklärungen» getroffen worden, hiess es. Ein Dossier mit Aktennummer bestehe nicht. Weil die Tochter heute volljährig sei, erachte man die Angelegenheit als «erledigt». In Tat und Wahrheit hatte Stiefvater Meichtry die mittlerweile 20-Jährige am 24. Juli 2003 bereits adoptiert.
Die für Adoptionen verantwortliche Dienststelle für Zivilstandswesen und Fremdenkontrolle des Kantons Wallis erklärt auf Anfrage des Beobachters, das Eidgenössische Amt für Zivilstandswesen habe bestätigt, es gebe keine Informationspflicht bei Erwachsenenadoptionen: «Wir gingen davon aus, dass die Mutter oder die Tochter den Vater benachrichtigt.»
Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch
Dass das Gesetz bei einer Erwachsenenadoption die Zustimmung des leiblichen Vaters nicht vorschreibt und auch keine Informationspflicht besteht, empfindet Andrea Büchler, Privatrechtsprofessorin an der Universität Zürich, als «unverständlich und unverantwortlich».
Lochers Aufsichtsbeschwerde gegen die Vormundschaftsbehörde Bratsch sollte Klarheit über die fehlende Aktennummer und die Untätigkeit schaffen. Doch sie durchlief einen kafkaesk anmutenden Instanzenweg, bis sie nach drei Jahren in der Maschinerie von Walliser Behörden und Justiz hängenblieb. Lapidar stellte letztendlich das Departement für Finanzen, Institutionen und Sicherheit fest, das Vormundschaftsrecht kenne keine Disziplinarverfahren für fehlerhaftes Verhalten von Beamten. Der Entscheid war von Staatsrat Jean-René Fournier unterzeichnet, der auch die Adoption von Melanie abgesegnet hatte. Ähnlich vage argumentierte die Justizkommission des kantonalen Grossen Rates.
Zu keiner Zeit hatte eine der involvierten Behörden Koni Locher davon unterrichtet, dass er auf dem Papier gar keine Tochter mehr hat. «Der Fall wird immer skandalöser», sagt Anwältin Piasini. Sie reicht jetzt Strafanzeige wegen Unterdrückung von Akten und Amtsmissbrauch ein. Sollte Lochers Eingabe zur Zeit der Adoption für das kantonale Amt für Kinderschutz, das die Situation des Kindes im Hinblick auf die Adoption abklären muss, nicht einsehbar gewesen sein, hätte ein wesentliches Dokument gefehlt.
Koni Locher ist empört: Erst wurde ihm das Besuchs- und Ferienrecht unterbunden, dann zogen Kindsmutter und Stiefvater ohne Weiteres die Adoption durch. Die Frage, wie seine ehemalige Tochter die Adoption erlebte und weiter erlebt, lässt ihm keine Ruhe: «Ich wünsche mir, dass Melanie einmal die Wahrheit erfährt.»