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Adipositas – warum immer mehr Menschen dick werden
Laut neuesten Schätzungen sind weltweit rund 1,1 Milliarden Menschen übergewichtig (BMI 25 – 30 kg/m2), darunter 320 Millionen adipös (BMI >30 kg/m2).
Die Zahl der Adipösen soll sich bis 2010 noch mehr als verdoppeln. Nicht unerwartet sind in den USA bereits 42% der Frauen und 37% der Männer adipös. Im Vergleich dazu sieht es in der Schweiz noch nicht so prekär aus. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2002, waren im Jahr 2001 in der Schweiz 1,8 Millionen Personen im Alter von über 15 Jahren übergewichtig (29,4%). Weitere 0,5 Millionen Personen wurden als adipös eingestuft (7,7%), was sich zu einer Gesamtzahl von 2,3 Millionen Personen mit einem erhöhten Körpergewicht aufsummiert.
Definition der Adipositas
Gemäss der Weltgesundheitsorganisation wird das Körpergewicht mittels Body-Mass-Index (BMI) in verschiedene Klassen eingeteilt (Tabelle 1). Der BMI entspricht dem Gewicht (in Kilogramm) dividiert durch die Körpergrösse des Individuums (in Metern) im Quadrat (m2):
BMI = Gewicht (kg) / Grösse (m2)
Beispiel: Ein Erwachsener von 80 kg mit einer Körpergrösse von 1,85 m hat folgenden BMI:
BMI = 80/(1,85)2 = 23,3 kg/m2
Fettverteilung nicht vergessen
Adipositas ist mit vielen Risikofaktoren verbunden, wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2 oder koronare Herzkrankheit. Eine grosse internationale Studie hat überzeugend nachgewiesen, dass mit dem klassischen Risikofaktorenkonzept über 90 % der Herzinfarkte vorhergesagt werden können. Und das gilt für alle Menschen, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, vom Kontinent, vom Geschlecht und vom Alter. In dieser sehr aufwendigen Fall-Kontroll-
Studie wurden 15 152 Personen mit einem Herzinfarkt in der Anamnese und 14 820 Kontrollpersonen in 52 Ländern erfasst. Es zeigte sich, dass die überwiegende Zahl von Herzinfarkten mit 9 Risikofaktoren vorhergesagt werden kann (Tabelle 2). Erwähnenswert dabei ist, dass der Bauchumfang das Risiko für einen Herzinfarkt besser voraussagen kann als der BMI.
Vorsicht: Obere Schallgrenze für den Bauchumfang (auf Nabelhöhe gemessen):
> 88 cm bei der Frau
> 102 cm beim Mann
Ursachen der Pandemie Adipositas
Genetik – ein bisschen anders
Es geht hier nicht um einzelne Genmutationen, die zu einer massiven Adipositas führen können, sondern um die allgemeine «vererbte» Anlage des homo sapiens:
• Immer dann essen, wenn Nahrung verfügbar ist (Abb. 1).
• Körperliche Anstrengung nur dann, wenn es wirklich nicht anders geht (Abb. 2).
Das obesogene Umfeld
Dies bedeutet ganz einfach, dass der moderne Mensch seine Umwelt so gestaltet hat, dass er gar nicht mehr auf die Idee kommt, mit dem Velo oder zu Fuss zu gehen, wie die Abbildungen 3, 4 und 5 schön illustrieren. Dies wirkt sich obesogen, also gewichtsfördernd aus. Sogar wenn es um die Fitness geht, gibt es interessante Beobachtungen (Abb. 6).
Der Trend zu einer Umgebung, die körperliche Inaktivität und Kalorienkonsum begünstigt, ist unverkennbar. Einkaufszentren liegen weit entfernt von den Wohngebieten. Der Anschluss ans Autobahnnetz ist weit wichtiger als die Erreichbarkeit zu Fuss. In den USA gibt es heute mehr immatrikulierte Autos als Einwohner. Auch in der Schweiz werden 70 % der zurückgelegten Distanzen mit dem Auto bewältigt und die täglich motorisiert zurückgelegte Strecke stieg seit 1984 von durchschnittlich 19 auf 26 Kilometer im Jahr 2000.
Dieser sitzende Lebensstil fördert die Entwicklung von Adipositas und ist schädlich für die Gesundheit des Menschen. Beispielweise konnte schon kurz nach dem 2. Weltkrieg in den legendären «London Busmen Studies» gezeigt werden, dass die sitzenden Buslenker doppelt so häufig an einem plötzlichen Herztod starben wie die im gleichen Bus sich bewegenden Billettkontrolleure. Tägliche Bewegung ist für die Gesundheit des Menschen von herausragender Bedeutung. Regelmässige körperliche Aktivität reduziert nicht nur das Risiko für Übergewicht, sondern auch die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, Knochenschwund (Osteoporose), Rückenschmerzen sowie Darm- und Brustkrebs. Bewegung wirkt zudem antidepressiv und hellt die Stimmung auf. Körperlich Aktive leben länger und sind im Alter weniger pflegebedürftig.
Die Energiedichte – ein Schlüsselfaktor
Die Energiedichte beschreibt den Energiegehalt pro Gewichtseinheit, d. h. den Energiegehalt in kcal pro 100 g einer Mahlzeit oder pro 100 g eines einzelnen Lebensmittels.
Es gibt überzeugende wissenschaftliche Belege, dass zwischen der Aufnahme von Nahrungsmitteln mit einer hohen Energiedichte, z. B. Fast Food, und der Entstehung von Adipositas ein Zusammenhang besteht. Der Mensch isst durchschnittlich von Tag zu Tag in Bezug auf Volumen und Gewicht eine relativ konstante Menge. Dies deshalb, weil ein wesentliches Sättigungssignal über die Dehnung der Magenwand ausgelöst wird.
Gewicht und Volumen einer Mahlzeit sind dafür die entscheidenden Grössen. Der Magen kann den Energiegehalt einer Mahlzeit nicht wahrnehmen, also werden mit kleinen aber energiedichten Mahlzeiten zu viele Kalorien aufgenommen. Die Energiedichte einer Mahlzeit kann unabhängig vom Fettgehalt stark variieren. Entscheidend ist der Wassergehalt: je höher er ist, desto niedriger die Energiedichte. Gemüse, Salate und Obst sowie Muskelfleisch, Fisch und Geflügel sind sehr wasserreich und haben entsprechend eine sehr niedrige Energiedichte.
Folgendes lässt sich demnach festhalten:• Empfohlene Energiedichte: 100 – 150 kcal pro 100 g einer Mahlzeit• Energiedichte der meisten Fast Food: 250 – 201;280 kcal pro 100 g• Die stammesgeschichtliche Anatomie (Magenkapazität, meterlange Gedärme) lässt vermuten, dass der Mensch ein Pflanzenfresser ist, wie andere Primaten, und dass grosse Mengen Nahrung (mit geringer Energiedichte) nötig waren, um den Energiebedarf zu decken (Sammler).• Die hohe Energiedichte von Fast Food unterminiert die physiologischen Appetit-Kontrollsysteme des Menschen.• Der Mensch hat eine schwache angeborene Fähigkeit, Nahrungsmittel mit hoher Energiedichte zu erkennen und entsprechend die verzehrte Menge einzuschränken.Tatsächlich konnte in einer Studie gezeigt werden, dass Leute, die mehr als zweimal pro Woche Fast Food konsumierten, im Vergleich zu denen, die dies weniger als einmal pro Woche taten, nach 15 Jahren Beobachtung 4,5 kg schwerer waren und doppelt so häufig eine Insulinresistenz entwickelten!Eine Ernährung mit niedriger Energiedichte ist die mediterrane Ernährung, über welche ich im letzten Jahr im «D-Journal» geschrieben habe. Diese ist nicht nur genussvoll, sondern auch bestens für Dia-betiker geeignet.
Dr. med. Reinhard Imoberdorf, Winterthur