Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03433.jsonl.gz/1531

Für Aussenseiter, denen die “Vuvuzela“ noch kein Begriff sein sollte: Es handelt sich dabei um jene nervtötende Tröte von bis zu einem Meter Länge und bis zu 131 Dezibel Lautstärke, die bei der letzten WM in Südafrika von den einheimischen Fans eingesetzt wurde, um ihre Mannschaft anzufeuern und ihre “Tore“ zu feiern – aber nicht nur ihre! Der Grundton dieses Marterinstruments ähnelt dem Trompeten eines wütenden Elefanten, während er beim tausendfachen Einsatz im Stadion wie das Geräusch eines Hornissenschwarms klingt – nicht gerade sympathisch, aber die Vuvuzela entwickelte sich trotzdem zum vielgeliebten Einpeitschinstrument der südafrikanischen Fussball-Fans – ein Massenphänomen.
Und weil die nächsten WM-Gastgeber, die Brasilianer, ebenfalls ein offenes Ohr für extreme Lautstärke und ein Immunsystem gegen Lärmbelästigung besitzen, und weil sie, darüber hinaus, auch als die Fussballnation Nummer Eins in der Welt gelten, wollen sie natürlich auch in punkto Begeisterung der Massen keinesfalls hinter Südafrika zurückstehen, also haben sie – neben ihren Anstrengungen für noch imposantere Stadien – auch ein, ihrem Status gerechtes Marterinstrument – die Caxirola – entwickelt, mit dem sie den Endsieg ihrer Seleção systematisch und ohrenbetäubend voranzutreiben gedenken – um die anderen teilnehmenden Teams dagegen mit dem aufwühlenden Getröte zu verunsichern. Brasiliens Geheimwaffe wurde in den letzten Tagen sogar von der Präsidentin inspiziert – lesen Sie dazu die folgende Reportage:
Dilma lobt Caxirola und findet sie schöner als die Vuvuzela
Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff vergnügte sich an diesem Dienstag zum Sound der “Caxirola“, einem Instrument, welches von dem Musiker Carlinhos Brown kreiert wurde, um die Stadien der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 zu animieren.
Entzückt begann die Präsidentin, Perkussions-Intervalle mit der neuen “Caxirola“ zu üben, als Thema diente eine improvisierte Version der brasilianischen Nationalhymne, dirigiert von Carlinhos Brown selbst, unter Teilnahme der Kulturministerin Marta Suplicy.
Die “Caxirola“, so Brown, erlaubt dem Fussball-Fan, seinen Enthusiasmus auf verschiedene Art und Weise auszudrücken: angefangen vom Verkünden der Namen einzelner Spieler bis zum frenetischen Torjubel.
Dilma wurde ein vergoldeter Anhänger der “Caxirola” überreicht, den sie später zur Eröffnung der Ausstellung “O Olhar que Ouve“ trug, einer Kollektion von Gemälden und Skulpturen des baianischen Sängers im Innenhof des “Palácio do Planalto“ (Regierungspalast in Brasília).
“Ich glaube, dass die Caxirola nicht nur Teil des Fussballs, sondern der enormen Kapazität unseres Landes ist, ein Instrument zu schaffen, welches die Vuvuzela in den Schatten stellt“, sagte die Präsidentin (tatsächlich) in Bezug auf jene Trompeten, die von den Fussball-Fans anlässlich der WM 2010 in Südafrika benutzt wurden.
Die “Caxirola“ hat inzwischen bereits den Segen des Sport-Ministeriums erhalten und wird in die offizielle Kollektion der FIFA-Produkte aufgenommen, berichtete Brown.
Und die Präsidentin Dilma setzte noch einen drauf, indem sie verkündete, dass die Caxirola “eine transzendentale Kraft“ besitze:
“Ich bin sicher, dass die Caxirola besonders für die Kinder dieses Landes ein fantastischer Spass werden wird. Carlinhos (Brown) hat’s nicht gesagt, aber mir hat er anvertraut, dass die Caxirola auch eine transzendentale Kraft der Heilung besitzt – zum Beispiel für den Frieden in der Welt, im Einklang mit der Natur und allen “Orixás“, sprach die Präsidentin.
(Ende der Reportage)
Noch ein paar Bemerkungen zu den Erfahrungen mit den “Vuvuzelas“: Während der WM 2010 gab es Proteste verschiedener Fernsehkanäle und auch aus den Reihen der Fussballer selbst, die den ohrenbetäubenden Einsatz jener Plastiktrompeten kritisierten. Auch die Medien berichteten ausführlich über die nervtötende Geräuschkulisse, die zu einer heftigen Diskussion beim Fernsehpublikum führte, weil man sich von diesem Dauerlärm belästigt fühlte. Vor allem bei Partien der nationalen Mannschaft überlagere der Lärm die Stimmen der Kommentatoren – und besonders infam sei die Tatsache, dass die “Vuvuzelas“, vollkommen unabhängig vom Verlauf einer Partie, im Dauereinsatz nerven würden.
Die FIFA hatte sich bereits am 18. Juni 2009 gegen ein Verbot der “Vuvuzelas“ bei der anstehenden WM 2010 entschieden – Sepp Blatter, der FIFA-Präsident, drückte es so aus: “Ich weiss nicht, ob wir diesen Sound stoppen können. Afrika ist laut, es ist voll Energie, Rhythmus, Musik, Tanz, Trommeln. Das ist Afrika, wir müssen dies so annehmen“. Und so können sich auch die Brasilianer auf eine offiziell uneingeschränkte Geräuschkulisse ihrer Fans freuen.
Und eine noch grössere Freude dürfte unter den brasilianischen Marketing-Strategen herrschen, denn: Während der WM 2010 wurden um die 800.000 “Vuvuzelas“ in Südafrika und weitere 1,5 Millionen Stück in Europa verkauft! Allerdings reagierte die UEFA (Europäische Fussballunion) indem sie am 1. September 2010 ein “Vuvuzela-Verbot“ für alle Spiele unter ihrer Organisation erliess. Begründung: Die europäische Fussballkultur, ihre Tradition und Atmosphäre bei den Spielen, darf nicht durch die “Vuvuzelas“ beeinträchtigt oder gar verändert werden.
Eine “Vuvuzela“ kostete in Südafrika vor den Spielen zirka 30 Rand (etwa 3 Euro) – während und nach der Weltmeisterschaft war ihr Preis in den Touristengebieten auf 100-200 Rand (etwa 10-20 Euro) gestiegen. Interessant zu sehen, wie sich die Preise der Caxirolas in Brasilien entwickeln.