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Die blinde Mekides stammt aus einer Bauernfamilie in Amhara. Aus Armut war es den Eltern nicht möglich, ihre behinderte Tochter zu fördern. Ihr drohte ein Schicksal am Rand der Gesellschaft. Heute meistert die 18-Jährige bereits selbstständig ihr Leben. Unterstützt wird sie dabei vom SOS-Projekt für Kinder mit Behinderungen.
Gibt es einen wichtigen Menschen in deinem Leben?
Seit meiner Geburt bin ich blind. So wurde meine Mutter zur zentralen Person in meinem Leben. Wo ich herkomme, gilt eine Behinderung als Strafe für die Sünden der Eltern. Aber meine Mutter beschützte mich davor, diskriminiert und ausgelacht zu werden. Für blinde Kinder gab es auf dem Land nichts, und meine Eltern waren zu arm und zu unwissend um mich zu fördern. Deshalb bezahlte mir ein Verwandter die Fahrt nach Bahir Dar und versprach, mich zu unterstützen. Was er aber nicht tat. Ich war 15 Jahre alt und blieb ganz alleine in der Stadt zurück. Das war hart für mich, und meine Mutter fehlt mir sehr. Die einzige Hilfe erhielt ich von lokalen Gemeindegruppen.
Wie lebst du heute?
Ich besuche eine öffentliche Schule, für die ich keine Schulgebühr zu zahlen brauche. Zusammen mit Schulfreundinnen wohne ich zur Miete in einem kleinen Häuschen. Von der Regierung erhalte ich eine Rente von 350 Birr – das sind 12 Franken. Zum Leben reicht das nicht, schon gar nicht für spezielles Schulmaterial für Blinde. Deshalb erhalte ich Unterstützung aus dem SOS-Projekt für Kinder mit Behinderungen.
Wie sieht diese Unterstützung aus?
Ich bekam einen Recorder, mit dem ich seither den Schulunterricht aufnehme. Und meine Freundinnen lesen darauf die Schulbücher vor, die es nicht in Blindenschrift gibt. Mit den Aufnahmen kann ich zu Hause für die Schule endlich selbstständig lernen. Ebenfalls erhalte ich psychologische Betreuung. Und eine Waage.
Eine Waage?
Genau. Mit dieser Waage verdiene ich mein eigenes Geld. Wenn die Schule aus ist und am Wochenende bin ich mit der Waage auf der Strasse. Für 1 Birr können sich die Menschen wiegen und von mir beraten lassen. Damit verdiene ich monatlich zusätzliche 300 Birr. Zusammen mit der Rente komme ich auf ein Einkommen von 650 Birr – etwa 22 Franken – was immer noch unter dem lokalen Lebensstandard liegt. Aber ich versorge mich damit selbst.
Hat die Hilfe von SOS-Kinderdorf dein Leben verändert?
Ja, sehr. Meine schulischen Leistungen sind viel besser geworden, weil ich mit den Tonaufnahmen unabhängig lernen kann. Damit habe ich den nationalen Abschluss der 10. Klasse geschafft und gehe jetzt in die 11. Vorbereitungsklasse. Und mit meinem zusätzlichen Einkommen kann ich erstmals drei Mal pro Tag essen. Das lag vorher überhaupt nicht drin. Ganz wichtig ist auch der psychologische Beistand. Früher war ich oft einsam und litt unter den Vorurteilen der Menschen. Jetzt bin ich viel selbstbewusster und konzentriere mich auf meine Ausbildung und was ich im Leben erreichen will.
Was ist dein grösster Wunsch für die Zukunft?
Ich möchte Rechtsanwältin werden und mich für die benachteiligten Frauen und für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzen.