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Auf dem Flugplatz Payerne wird der Konjunktiv nicht gebraucht, wenn vom Gripen die Rede ist. «Die Luftwaffe hat vier Aufträge: Nachrichtenbeschaffung, Luftangriff, Schutz des Luftraums und Lufttransport. Für die ersten drei braucht es den Gripen», sagt Felix Stoffel, Chef des Berufsfliegerkorps. Auch er spricht nie in der Möglichkeitsform, er rechnet fest mit dem Gripen. Stoffel ist so etwas wie der Personalchef der Schweizer Militärpiloten. Rund 200 Berufsmilitärpiloten gehören zu seinem Korps, darunter auch Helikopter- und Lufttransportpiloten, Bordoperateure und -fotografen.
Zwei Staffeln
40 der 200 Berufsmilitärpiloten dürften in Zukunft auf dem Gripen fliegen. «Es wird zwei Gripen-Staffeln geben», sagt der in Murten wohnhafte Felix Stoffel. «Pro Staffel sind es elf Flugzeuge, davon acht Einsatzflugzeuge, und 16 Piloten. Die restlichen acht Piloten werden ausserhalb der Staffeln eingeteilt, etwa als Ausbildungsverantwortliche, Flottenchef oder Simulator-Chef.»
Felix Stoffel ist die ganze Palette an Jetflugzeugen der Luftwaffe geflogen, vom Vampire über den Hunter, Mirage, Tiger, Hawk bis zum F/A-18. Eine solche Polyvalenz erwartet er nicht mehr, wenn der Gripen da ist. «Ich denke nicht, dass ein Pilot in Zukunft sowohl den Gripen als auch den F/A-18 fliegt», sagt er. Die beiden Typen hätten sehr anspruchsvolle Systeme, welche ein Pilot aus dem Instinkt heraus sehr schnell bedienen können muss. Parallel auf zwei verschiedenen Jets sei dies schwierig.
In der Schweiz werden angehende Militärpiloten auf dem Propellerflugzeug PC-21 geschult. Die Umschulung auf den Gripen sei etwa vergleichbar mit derjenigen auf den F/A-18. Die Grundschulung daure acht bis neun Monate, und nach einem Jahr sei ein Pilot einsatzbereit für den Luftpolizeidienst, so Stoffel. Wird ein Pilot von einem F/A-18 auf den Gripen umgeschult, könne dies innerhalb eines halben Jahres geschehen.
Teil der Evaluation
Ein Schweizer Pilot ist bereits jetzt in Schweden und wird auf den Gripen umgeschult, verrät Stoffel. «Er arbeitet im Auftrag der Armasuisse an der Erprobung und Evaluation auf operationeller Basis. Er ist eine Art Testpilot für die Weiterentwicklung vom Gripen CD zum Gripen E.» Der Gripen E ist jenes Modell, das die Schweiz zu kaufen beabsichtigt, derzeit aber noch in der Weiterentwicklung steht.
Felix Stoffel betont, dass die Leitung der Beschaffung für den Kampfjet bei der Armasuisse liegt. Die Armasuisse habe selber Test-Piloten und Ingenieure, welche die Flugzeuge beim Hersteller Saab abnehmen: «Sie kontrollieren, ob die vertraglich vereinbarten Leistungen tatsächlich erbracht werden», erklärt Stoffel. Die Luftwaffe bringe in die Evaluation die Bedürfnisse von operationeller Seite ein. «Die Evaluation wurde strikt wissenschaftlich gemacht», sagt Stoffel. «Sie hat ganz viele Facetten, von der operationellen Nutzung aus Sicht der Luftwaffe bis zur kommerziellen Seite mit den Kosten. Alle Seiten geben Beurteilungen ab, die dann zusammengeführt werden. Die Gewichtung der Resultate ist aber ein politischer Prozess.»
Payerne ist bereit
Der Militärflugplatz Payerne ist heute schon ausgerüstet, um die Gripen-Kampfjets zu empfangen. «Der Gripen ist kleiner als der F/A-18 und passt in alle Boxen und Hallen hier in Payerne», sagt Felix Stoffel. Auch die Pisten reichten für den Gripen aus. Neuerungen würde es allenfalls beim Unterhaltsmaterial und den Prüfgeräten geben. Der Gripen wird gemäss Stoffel einen eigenen Simulator erhalten. Dazu ist kein neues Gebäude nötig: Da die bisherigen F/A-18-Simulatoren im Vergleich zu früher kleinere Visualisierungsflächen brauchen, hat es im Gebäude Platz für einen Gripen-Simulator.
Der Chef des Berufsfliegerkorps ist überzeugt, dass die Bevölkerung um den Flugplatz Payerne wenig vom Gripen merkt. Vielleicht sei der Gripen etwas lauter als der Tiger, dafür steigt er steiler in den Himmel und ist somit weniger lang vom Boden aus hörbar.
22 Gripen sollen im Jahr rund 4000 Flugstunden im Einsatz sein. Demgegenüber fliegen die 54 Tiger total 3000 Stunden jährlich. Stoffel ruft in Erinnerung, dass bis vor kurzem noch 110 Tiger im Einsatz standen. 1980 habe die Schweizer Luftwaffe 500 Flugzeuge benutzt, 1990 waren es 300, und in Zukunft würden es mit dem Gripen und dem F/A-18 total noch 54 sein. Der Ersatz der Tiger sei wichtig für die Luftwaffe, so Stoffel: «Wir haben weiterhin unseren Auftrag, aber Material, das dafür nicht mehr taugt. Der F-5 Tiger ist seit über 30 Jahren im Einsatz.»
Know-how aufbauen
Gemäss dem Murtner habe die Luftwaffe zuletzt nur noch den Bereich Luftpolizei erfüllen können; die Bereiche Aufklärung und Luftangriff seien komplett aufgegeben worden. «Mit dem Gripen wollen wir dieses Know-how wieder aufbauen», sagt Stoffel. Mengenmässig reichten die 22 Gripen für den Ernsteinsatz nicht, dazu brauche es zusammen mit den F/A-18 insgesamt 60 bis 70 Jets. Aber es gehöre zum Konzept der Armee XXI, auf Kernkompetenzen zurückzugehen. «Wir wollen aufwachsen, wenn ein Krieg wieder möglich erscheint. Ohne einen Kern kann man aber nicht aufwachsen. Das ist ein Grundsatzentscheid für die Armee und nicht nur für die Luftwaffe.»
Investition in die Sicherheit
Für den Freiburger Ständerat Urs Schwaller ist der Kauf des Gripen-Jets ein Garant für die Sicherheit des Landes. Die Schweiz trage eine internationale Verantwortung.
«Ich will weder in die EU noch in die Nato», stellt Urs Schwaller klar. Deshalb ist der CVP-Ständerat ein überzeugter Befürworter für den Kauf von 22 Kampfjets des Typs Gripen E. Er beruft sich dabei gegenüber den FN insbesondere auf die Sicherheit des Landes: «Sicherheit im Innern und gegen aussen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Schweiz.» Die Armee ist für ihn Garant dieser Sicherheit, und der neue Kampfjet spielt da eine wichtige Rolle: «Ohne Ersatz der veralteten Flugzeuge keine Armee. Es geht ja nicht, die Schweiz und im Bedrohungsfall die Bodentruppen ohne Schutz des Luftraums zu lassen. Kommt hinzu, dass wir heute jeden Tag auch eine Luftpolizei brauchen. Pro Jahr überfliegen, landen und starten in der Schweiz mehr als 700 000 Flugzeuge. Wir brauchen genügend schnelle Flugzeuge, die bei einer Verletzung des Luftraums und bei nicht identifizierbaren Flugzeugen aufsteigen und als Luftpolizei handeln können.»
Gemäss Schwaller hat die Schweiz eine Verpflichtung dazu: «Wir sind für die Sicherheit im europäischen Luftraum mitverantwortlich, und die anderen Länder verlangen zu Recht, dass wir uns engagieren und nicht nur profitieren.»
Der Freiburger Ständerat äussert sich auch zur Typenwahl: «Die Flugzeugauswahl ist und war Aufgabe des Bundesrates. Der Gripen erfüllt nach Einschätzung der Armee und der Fachleute die gestellten Aufgaben.» Schwaller bezieht sich auf Stimmen, die sagen, hätte der Bundesrat einen anderen Flugzeugtyp als den Gripen gewählt, wäre es nie zur Abstimmung gekommen.
Ein entscheidendes Argument zugunsten des Gripen ist für Schwaller die Finanzierung: «Er ist im Betrieb bezahlbar, und der Ankauf erfolgt über zehn Jahre jeweils über das ordentliche Budget der Armee.» Dazu betont er, dass das Geschäft auch Kompensationsaufträge für Schweizer und Freiburger Firmen über 2,5 Milliarden Franken bringe.
Würde der Gripen vom Stimmvolk abgelehnt, ist für Ständerat Urs Schwaller klar: «Dann sind wir wieder gestartet, um zehn Jahre lang eine neue Flugzeugdiskussion zuführen.» uh
Der richtige Schutz vor Gefahren?
Vor dem Kauf neuer Kampfjets müsse geklärt werden wofür. SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel zweifelt, dass der Gripen die Antwort auf heutige Gefahren ist.
Wenn das Stimmvolk über den Kauf der Gripen-Flugzeuge für über drei Milliarden Franken abstimmt, dann stellt sich die Murtner SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel die Frage, ob der Betrag gut investiert sei. Die Antwort gibt sie für sich gleich selber: «Nein, denn allein mit dem Kauf der 22 Flugzeuge ist es nicht getan.» Sie rechnet den FN vor, dass zum Kaufpreis jährliche Unterhalts-, Instandhaltungs- und Betriebskosten dazukommen, dazu Investitionen in den Umbau von Immobilien, den Kauf neuer Waffen und Technologien. Insgesamt rechnet sie damit, dass das Projekt den Steuerzahler über die gesamte Betriebsdauer hinweg zehn Milliarden Franken kosten wird.
Auch ist die Nationalrätin nicht davon überzeugt, dass es diesen Flugzeugtyp für die Verteidigung der Schweiz überhaupt braucht: «Die Schweiz ist von befreundeten Ländern umgeben. Es besteht längerfristig kaum eine Gefahr, von diesen Ländern in einen Luftkampf verwickelt zu werden. Risiken für die Bevölkerung drohen heute andernorts: Terrorismus, Naturkatastrophen, Cyberattacken. Dagegen müssen wir vorsorgen, und da ist es nicht mit einer Gripen-Flotte getan.»
Ursula Schneider Schüttel glaubt, in Aussagen von Bundesrat Ueli Maurer zu erkennen, dass die Schweiz gar nicht vor einem eigentlichen Luftkampf geschützt werden müsse. Maurer wolle den Gripen vor allem für die Luftpolizei beschaffen, namentlich um den Luftraum bei Konferenzen wie dem WEF oder der UNO abzusichern, so Schneider Schüttel. Dazu genüge aber gemäss Armeebericht 2010 die bestehende F/A-18-Flotte. Für die SP-Nationalrätin besteht ein Kostenrisiko darin, dass der bestellte Flugzeugtyp noch gar nicht existiert und somit auch nicht getestet werden konnte. Er müsse erst zur Einsatzbereitschaft entwickelt werden.
Ursula Schneider plädiert deshalb dafür, das vorgesehene Geld lieber in die Ausbildung der Jugend, den öffentlichen Verkehr, die AHV oder die Gesundheit zu investieren. Ein Gripen-Kauf ist für sie «in einer Zeit, in der viele Kantone ihre Sparpakete schnüren, ein grosser Irrtum». uh
Urs Schwaller. Bild aw/aUrsula Schneider Schüttel.Bild vm/a
Zur Person
Fluglehrer und Chef der Berufsflieger
Der 54-jährige Felix Stoffel, Oberst im Generalstab und in Murten wohnhaft, ist seit 1982 Berufsmilitärpilot im Überwachungsgeschwader. Er war 1996 für den F/A-18 als Mitglied und Fluglehrer der Einführungsgruppe tätig, später wurde er Cheffluglehrer für den damals neuen Jet. Von 2003 bis 2006 war Stoffel Referent Verteidigung beim Chef VBS. Danach wurde er Chef der Luftverteidigung im Luftwaffenstab, und seit dem 1. Januar 2014 ist Felix Stoffel Chef des Berufsfliegerkorps.uh