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Die einst verbotene Gebärdensprache erlebt eine Renaissance. Neue Gesetze und technologischer Fortschritt ebnen Gehörlosen und Hörenden den Weg zur gemeinsamen Kommunikation.
Zürich, Bahnhofstrasse, im Dezember 2014: Eine Gruppe Menschen steht in der Kälte. Ihre Zeigfinger wandern alle gleichzeitig zum Mund, ihre Hände kreuzen sich in einer Wellenbewegung vor der Brust, öffnen sich über dem Kopf und kreuzen sich abermals. Jetzt deuten sie eine Fläche an, dann schmiegen sie sich an die Wangen der geneigten Köpfe. Eine Gebärde, die auch Hörende benutzen: Schlafen? Es handelt sich um den Anfang des Weihnachtsliedes: «Stille Nacht, Heilige Nacht». Mit dieser Aktion machte der Weihnachtschor des Schweizerischen Gehörlosenbundes (SGB-FFS) auf die Gebärdensprache aufmerksam.
Quizfrage: Wie viele Sprachen gibt es in der Schweiz? Die korrekte Antwort müsste lauten: sieben. Neben den anerkannten vier Landessprachen gibt es die schweizerdeutsche Gebärdensprache (DSGS) sowie die Gebärdensprachen der französischen (LSF) und der italienischen (LIS) Schweiz. In der Deutschschweiz unterscheidet man zudem fünf Dialekte. BROT etwa wird in Zürich anders ausgedrückt als in Basel. Während die Zürcherin mit Daumen und Zeigefinger den Umriss eines Brotlaibes auf Brusthöhe formt, werden in Basel die Fingerkuppen auf Halshöhe zu einer Halbkugel zusammengesteckt.
Die Gebärdensprache ist im Gegensatz zur Lautsprache mehrdimensional: Sie definiert sich nicht nur über die zeitliche Abfolge, sondern auch über den Raum. Sie verfügt über ihre ganz eigene Grammatik. Martina Raschle vom SGB-FFS erklärt: «Der Satzbau der Gebärdensprache unterscheidet sich deutlich von jenem der deutschen Schriftsprache. ‹Die Katze springt auf den Tisch› wird in der Gebärdensprache so aufgebaut: Katze, Tisch, Springen. Objekt und Subjekt definieren sich über ihre Position im Satz, nicht über ihre Fallendung.»
Gehörlose drücken in der Gebärdensprache ohne Einschränkung alles aus. Sie streiten sich, sie sind lustig, ironisch, sie benutzen Sprichwörter. Für viele ist es ihre Muttersprache. Dennoch ist die Gebärdensprache in der Schweiz bis heute weder als offizielle noch als Landessprache anerkannt. Eine Ausnahme bilden lediglich die Kantone Zürich und Genf, wo sie seit 2005 respektive 2013 in der Verfassung verankert ist.Nimmt man die gebräuchliche Formel, nach der 0,001 Prozent der Bevölkerung gehörlos sind, leben in der Schweiz etwa 8000 Gehörlose. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Doch nicht alle Gehörlosen beherrschen die Gebärdensprache perfekt. Weshalb, zeigt ein Blick zurück.
Die erste Schule für gehörlose Kinder wurde 1755 von einem Geistlichen in Paris eröffnet. Mithilfe der französischen Grammatik entwickelte er die Gebärdensprache weiter. Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitete sich jedoch die Idee, gehörlose Kinder zum Sprechen zu erziehen. Bei dem internationalen Gehörlosenpädagogen-Kongress in Mailand 1880 wurde die Gebärdensprache als Unterrichtssprache verboten. Über ein Jahrhundert hinweg war sie auch in der Schweiz als «Affensprache» stigmatisiert und aus den Schulen verbannt. Gehörlose wurden zum Sprechen gedrillt. Die reine Lautproduktion stand im Zentrum, Inhalt und Verständnis waren zweitrangig. Wer dennoch gebärdete, wurde nicht selten in die Strafecke geschickt, Blick zur Wand. Für einen Menschen, der nicht hört, kommt die Verweigerung des Blickkontakts einem totalen Ausschluss aus der Kommunikation gleich.
Die Rehabilitierung der Gebärdensprache nahm erst in den 1980er-Jahren mit der Arbeit der Gehörlosenverbände ihren Anfang. Heute setzt sich der SGB-FFS für eine zweisprachige Bildung ein: «Kinder mit einer Hörbehinderung müssen so früh wie möglich Zugang zur Gebärdensprache und zur gesprochenen Sprache bekommen. Nur ein gleichzeitiges und gleichwertiges Nebeneinander dieser beiden Sprachen garantiert Kindern mit einer Hörbehinderung eine Bildung, bei der Wissensvermittlung und nicht der reine Lautspracherwerb im Vordergrund stehen», erklärt Raschle.
Seit 2004 gilt in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz, 2014 ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft getreten. Wie weit fortgeschritten ist die Umsetzung der Chancengleichheit für Gehörlose in der Schweiz?
Bereits seit 1988 betreibt die Stiftung Procom einen Telefonvermittlungsdienst in der Schweiz. Die gehörlose Person schreibt auf ihrem Schreibtelefon die Nachricht, der Vermittlungsdienst liest sie der hörenden Person am anderen Ende der Leitung vor. 2011 ist das Projekt Videocom hinzugekommen. Videotelefone ermöglichen das Telefonieren via Gebärdensprache: Vermittler und Gebärdender sehen einander am Bildschirm, der Vermittler dolmetscht in die Lautsprache und zurück in die Gebärdensprache. Zurzeit sind rund 600 Apparate in Betrieb, die Anzahl der vermittelten Gespräche in der Deutschschweiz stieg von 3000 Gesprächen (2012) auf 5072 (2013) und nimmt weiterhin zu.
Eine weitere positive Entwicklung zeigt sich in der Untertitelung von Fernsehsendungen. 2013 wurden immerhin 40 Prozent der landesweit ausgestrahlten Beiträge untertitelt. Auch die Tagesschau des Schweizer Fernsehens wird einmal am Tag in Gebärdensprache übersetzt.
Im Berufsleben hingegen werden Menschen mit einer Hörbehinderung trotz gleicher Qualifikation oft nicht angestellt. Die wenigsten Firmen lassen sich auf die Besonderheiten bei der Kommunikation mit Hörbehinderten ein. Gemäss Raschle bräuchte es feste Gebärdensprache-Dolmetscher, Schreibtelefone und andere technische Hilfsmittel. Obgleich alle drei Jahre zwei Hand voll ihr Diplom an der Hochschule für Heilpädagogik erhalten, mangelt es in der Schweiz noch immer an Dolmetschern. Die von Procom vermittelten Übersetzungseinsätze stiegen von 7000 pro Jahr (2005) auf über 10 000 (2013) allein in der Deutschschweiz.
Auch in der Bildung fehlen die nötigen Strukturen. «Nur 0,01 Prozent der gehörlosen Menschen in der Schweiz schliessen eine höhere Ausbildung ab – bei gleichen intellektuellen Fähigkeiten», sagt Raschle. Schweizweit gibt es nur eine Sekundarschule für Gehörlose, die anderen Gehörlosenschulen sind auf Realschulniveau. Eine Möglichkeit, die Matura in Gebärdensprache zu absolvieren, fehlt. Wollen Gehörlose studieren, so brauchen sie zwei feste Dolmetscher, die sich in den Vorlesungen und Seminaren alle zehn Minuten abwechseln. «Unser Bildungssystem ist ausschliesslich auf Hörende ausgerichtet», so Raschle. «Nur ganz wenige Menschen mit Hörbehinderung kämpfen sich da durch. Neben herausragenden intellektuellen Fähigkeiten braucht es viel Durchhaltewillen, um bei den Ämtern und Bildungsinstitutionen das Recht auf Nachteilsausgleich durchzusetzen. Und nicht zuletzt braucht es Arbeitgeber, die bereit sind, Menschen mit einer Hörbehinderung einzustellen.»
Wie jede Sprache entwickelt sich die Gebärdensprache laufend weiter. In den 1970ern war die Gebärde für Telefon das Aufnehmen des Hörers. Mit der Verbreitung des Handys wurde die Gebärde direkt am Ohr ausgeführt. Heute wischt der Finger des Gebärdenden über das imaginierte Display des Smartphones. Auch Gebärden für berühmte Persönlichkeiten sind oft ikonisch. Prinz Charles etwa wird mit der Andeutung abstehender Ohren bezeichnet. Und die Gebärde für den SVP-Politiker Christoph Blocher ist eine Faust, die zwei Mal nach unten schlägt. Für Angela Merkel sind in Deutschland gleich drei Gebärden im Umlauf. Eine referiert auf den Haarschnitt der Bundeskanzlerin, eine zweite assoziiert den Begriff Merken, die dritte beschreibt einen Mundbogen, der nach unten zeigt.
Gebärdensprache ist nicht nur eine Kommunikationsform, sondern auch eine aktiv gelebte Kultur. Sie zeigt sich in vielen regionalen Gehörlosenclubs und Online-Communities. In Theaterproduktionen in Gebärdensprache, im eingangs erwähnten Chor oder auf Deafslams (Poetry Slams in Gebärdensprache) setzt besonders die junge Generation der Gehörlosen mit viel Selbstbewusstsein ihre Devise um: Dass die visuellste aller Sprachen auch in der Schweiz endlich sichtbar wird.