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In den 1960er-Jahren erfand Harald Szeemann die thematische Gruppenausstellung – damals eine Revolution für die Kunstwelt. Die Kunsthalle Bern, der er 1961 bis 1969 als Direktor vorstand, erinnert in einer umfangreichen Ausstellung, Link öffnet in einem neuen Fenster an den ebenso wegweisenden wie umstrittenen Kurator.
Er sieht bedrohlich aus, auch wenn man nicht wissen sollte, auf was er anspielt: Der Apparat, den Harald Szeemann 1975 für die Ausstellung «Junggesellenmaschinen» bauen liess. Die monströse Maschine stellt jenes Foltergerät dar, das Kafka in seiner Erzählung «In der Strafkolonie» schildert. Es handelt sich um eine Art gewaltiger Tätowiermaschine, die dem Delinquenten seine Tat immer und immer wieder unter die Haut schreibt.
Heute ist er ein Säulenheiliger
Dieses Gerät zeigt: Die Ausstellung zum Wirken Harald Szeemanns ist keineswegs eine reine Dokumentenschau. Die vom Getty Research Institute in Los Angeles und der Kunsthalle Bern organisierte Ausstellung bietet neben viel papierenem und filmischem Material zum Wirken Szeemanns auch eine Menge Anschauliches.
Der literarisch inspirierte Folterapparat gehört dabei zu den spektakulärsten Objekten. Und er illustriert sehr schön, dass Harald Szeemann unter einer Ausstellung mehr und anderes verstand, als einfach nur Kunstwerke zu zeigen.
Szeemann, der 1969 seinen Direktorenposten wütend kündigte, weil der Kunsthallen-Vorstand ihm eine Ausstellung mit Joseph Beuys untersagen wollte, war das enfant terrible der Berner Kunstszene.
Er zeigte, wenn es ihm gefiel, Votivbildchen oder Fotokopien in der Kunsthalle oder liess den trutzigen Bau von Christo verhüllen. In den 1960er-Jahren erntete er damit viel Unverständnis. Heute ist er für die Berner Kunstwelt ein Säulenheiliger.
Szeemann, die Ein-Mann-Show
Als Jugendlicher hatte Szeemann sich fürs Theater begeistert. Er hat gespielt, Kostüme genäht, Bühnenbilder gestaltet. Ein Ein-Mann-Unternehmen. So ähnlich funktionierten seine Ausstellungen auch.
Szeemann war einer, der sich konsequent überforderte, weil er am liebsten alles selber machte. Und er dachte szenisch. Er hängte nicht einfach Bilder auf. Er inszenierte. Und liess dafür dann auch mal geeignete Objekte bauen. Wie die erwähnte Tätowiermaschine.
Ganz nebenbei hat er damit ein neues Genre geschaffen: Die Themenausstellung, für die ein Kurator ein Motiv setzt und dann Kunstschaffende einlädt. Unter manchen Künstlerinnen und Künstlern ist diese Herangehensweise bis heute umstritten.
Die Ausstellung, Link öffnet in einem neuen Fenster in der Kunsthalle skizziert Szeemanns Entwicklung und Einfluss anhand von filmischen, fotografischen und textlichen Dokumenten zu seinen grossen, aufsehenerregenden Ausstellungen in den 1960er- und 1970er-Jahren.
Kämme, Bürsten, Lockenwickler
Ein besonderes Schmankerl gibt es in der ehemaligen Wohnung Harald Szeemanns, in der Gerechtigkeitsgasse 74 in der Berner Altstadt. Dort wurde die Ausstellung «Grossvater. Ein Pionier wie wir» nachgestellt, in der Szeemann 1974 der Lebenswelt seines Grossvaters, des Coiffeurs Etienne Szeemann nachspürte.
Ausgestellt waren Kämme, Bürsten, Lockenwickler. Für Szeemann war das ein wichtiger Schritt in seiner Entwicklung als Ausstellungsmacher. Auch das war damals für viele Berner schlicht unverständlich.