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Treffen zum Gedenken an Claude Barbier Passo del Pordoi (Dolomiten), 5. und 6. Oktober 1996
Am 27. Mai 1977 ist der belgische Alpinist Claude Barbier in Yvoiresur-Meuse bei einem Sturz in der Wand des Paradou tödlich verunfallt. Zwanzig Jahre nach seiner letzten Klettersaison sind nun alle seine Freunde und auch alle, die interessiert sind, eingeladen, sich am Wochenende des 5./6. Oktober 1996 auf dem Passo del Pordoi zu treffen, in den Dolomiten, die Claude Barbiers Lieblingsgebiet waren. Aber wer war dieser zu seiner Zeit in der «Szene» berühmte, aber der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Kletterer?
Claude Barbier wurde am 7. Januar 1938 als Sohn einer streng katholischen und ausgesprochen bürgerlichen Familie geboren. Er brachte einen bedeutenden Teil seines Lebens damit zu, sich gegen die gegebenen Lebensformen aufzulehnen. Es begann damit, dass er aus dem Benediktiner- und aus dem Jesuitenkollegium ausgeschlossen wurde; die Lage wurde noch schwieriger, als er erklärte, er wolle sein Leben dem Klettern widmen, statt seine humanistischen Studien fortzusetzen und einen «ehrbaren» Beruf zu ergreifen. Man muss dazu sagen, dass zu jener Zeit ein Profi-Kletterer unvorstellbar war. König Albert I. war sicher Alpinist, aber er hat auch seinen Beruf eines Königs ausgeübt. Claude Barbier war vom Kletter-Virus 1955, während Familienferien in Cortina d'Ampezzo, gepackt worden, als er unter der Führung von niemand geringerem als Lino Lacedelli, dem berühmtesten Bergführer Italiens, dem Bezwinger des K2, seine ersten Versuche unternahm. Zur grossen Betrübnis seiner Familie beschloss er bald, nur noch zu klettern. Von da an führte er, von seiner Familie unterstützt, ein in materieller Hinsicht unsicheres Leben. Später, in den siebziger Jahren, als er bereits ein berühmter Alpinist war, wendete sich eine grosse Münchner Firma für Sportartikel an ihn, er sollte ihr technischer Berater werden. Er lehnte ab. « Stell dir vor: mein Name auf den Hosen und Schuhen anderer !» Auch gegenüber einem Wunsch König Leopolds III., der ihn gern als seinen Führer in den Dolomiten gehabt hätte, blieb er taub. « All diese komischen Figuren nachziehen !»
Claude Barbier hat sich vor allem im Fels, in den Dolomiten, ausgezeichnet. Er hat natürlich auch viele grosse alpine Routen begangen, z.B. den Walker-Pfeiler an den Grandes Jorasses, wo er in einen dreitägigen Schneesturm geriet. Aber durch ein schlimmes Kindheitserlebnis hatte er eine heftige Abneigung gegen Schnee entwickelt, und man musste bei seiner Aufnahme in den GHM ( Groupe Hautes Montagnes ) ein Auge zudrücken, weil ihm die nötigen Schnee- und Eistouren fehlten. Doch Paragot und Berardini, seine Paten, hatten keine Mühe, diesem Mangel seine kühnen Leistungen in den Dolomiten entgegenzusetzen. Sein Leistungsnachweis? Unter anderm die äusserst schnelle Aneinanderreihung, solo und in einem Tag ( 24.September 1961 ), der fünf Nordwandrouten der Tre Cime de Lavaredo ( Drei Zinnen ) -Cassin-Route an der Cima Ovest, Comici-Route der Cima Grande, Preuss-Route an der Piccolissima, Dülfer-Route an der Punta di Frida und Innerkofler-Route an der Cima Piccola. Das alles zwischen 5.20 Uhr morgens und 18.25 Uhr abends! ( Übrigens das erste Beispiel einer solchen Routenaneinanderreihung, eines Vorgehens, das erst in den letzten Jahren üblich geworden ist. ) Ausserdem gelang ihm die erste Solobegehung der Andrich-Faè- und der Comici-Route an der Civetta, der Torre di Valgrande, der De-Tassis-Route an der Cima Tosa di Brenta, der Route Italia 61 am Piz Ciavazes; dann die Solobegehung der Agner-Nordkante, der Cassin-Route am Badile...
Er hat zudem mindestens 45 Routen in den Dolomiten eröffnet, dazu weitere in andern Massiven und in Passo del Pordoi ( Dolomiten ), und in Belgien. Claude Barbier hat weder ein Tagebuch noch ein Tourenbuch hinterlassen.
Warum kletterte er so oft alleine? Wie es « poètes maudits » gibt, so sah er sich als « grimpeur maudit », als einen mit einem Fluch beladenen Kletterer: Wenn das Wetter gut war, fand er keinen Gefährten! Aber er sagte auch, er klettere aus Vorsicht allein: «Die zweiten sind immer schlecht; wenn sie gut wären, würden sie vorsteigen!»
Man wird sich erinnern, dass in den sechziger Jahren die junge Generation die Kletter-Ethik in Frage stellte, sich gegen das übertriebene Setzen von Haken wehrte. Sie versuchte die Meinung durchzusetzen, dass man aufhören müsse, Niveau und Schönheit der Routen durch zusätzliche Haken zu mindern, und statt dessen von den Kletterern fordern solle, durch Training das für die Routen notwendige Niveau zu erreichen. Aber dem früheren Exzess folgte ein neuer: Es kam wiederholt zur Entfernung von Haken, was wiederum zu Streitigkeiten führte, wenn nicht sogar, wie in Belgien, zu Strafklagen mit ihrem ganzen Rattenschwanz von Verhören, Untersuchungen und neuen Polemiken. Claude Barbier beteiligte sich mit grossem Engagement an dieser Auseinandersetzung. Er verurteilte unüberlegtes Entfernen von Haken, verteidigte aber die Idee einer strengen Säuberung der Routen durch die Beseitigung aller nicht absolut unentbehrlichen Haken. Er schlug vor, alle Haken, die ausschliesslich der Sicherheit dienen und auf keinen Fall entfernt werden dürfen, gelb zu markieren. Daher der Ausdruck «grimper en jaune» oder «jaunir», also eine Route zu klettern, ohne die Haken zum Weiterkommen zu benutzen(1). So gehörten Claude Barbier und seine Gefährten vor dreissig Jahren zu den Begründern des Freikletterns, zumindest in Europa(2/3).
Seine Freunde werden sich am ersten Oktober-Wochenende auf dem Passo del Pordoi zusammenfinden, aber auch alle andern, ob sie ihn gekannt haben oder nicht, sind herzlich eingeladen.