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Am Montag, dem 19. Oktober 1987, erlebten die Aktienmärkte weltweit einen dramatischen Absturz. Mit einem Minus von fast 23 Prozent, dem grössten Tagesverlust seiner Geschichte, riss der Dow Jones Industrial Index der New Yorker Börse auch die anderen Weltbörsen in die Tiefe. An der Zürcher Börse sank der Aktienindex um über elf Prozent.
Die Frage, weshalb es zu dieser dramatischen Episode auf den Aktienbörsen kommen konnte, haben später eine US-Regierungskommission und zahlreiche AutorInnen untersucht. Die Hauptursache des Crashs ortet die Mehrheit dieser Studien nicht mehr wie bei früheren Börsencrashs in der Psyche der SpekulantInnen (Massenpaniken 1907 und 1929), sondern in den technischen Systemen und Abläufen des Wertschriftenhandels, namentlich im Programmhandel.
Der Einsatz von Computern und der gleichzeitige Aufschwung des Terminhandels mit Optionen, Forwards und Futures (Derivaten) brachten im Börsenhandel neue Techniken hervor. Computersoftware ersetzte das menschliche Hirn als Ort der Kauf- und Verkaufsentscheide von Wertpapieren. Computer ermöglichten die systematische Koppelung von Aktienbörsen und Aktienterminmärkten zu komplexen neuen Strategien. Gemäss Schätzungen generierte der Programmhandel 1987 fast die Hälfte der Transaktionen an der New Yorker Börse. Heute sind es noch mehr.
Alle wollen verkaufen
An jenem Montag sprengte die Rea-lität des Marktgeschehens den programmierten Horizont der Börsenhandelssoftware. Die Portfolio-Insurance-Programme verstanden die Welt nicht mehr. Die Kurse waren bereits seit einigen Tagen ziemlich gefallen, was die von den Absicherungsprogrammen getriebenen Umsätze auf den Aktienterminbörsen stark hatte anwachsen lassen. Der Kauf von Aktienderivaten wurde immer teurer (die von den Derivatbörsen verlangten Sicherheitsdepots stiegen), während der Verkauf zahlreicher Typen von Derivaten unmöglich wurde, weil für die betreffenden Produkte keine Nachfrage mehr vorhanden war. Das Chaos auf den Aktienterminmärkten schlug auf die Börse zurück und verstärkte den Verkaufsdruck. Doch kaufen wollte niemand, es gab nur noch VerkäuferInnen, und die Börse crashte.
Obwohl Infrastruktur, Regulation und Koordination der Abläufe im Wertschriften- und Terminhandel in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme Entwicklungsschritte gemacht haben und sich ein technisch induzierter Crash wie 1987 kaum wiederholen dürfte, besteht das Hauptproblem, das damals zum Crash führte, nach wie vor: Die Aktienbörse, der zentrale Marktplatz des Finanzkapitalismus, hat die Bodenhaftung verloren. Die systematische Kombination von Spot- und Terminmärkten im Wertschriftenhandel treibt die Kurse nach oben, unabhängig vom Gang der Realwirtschaft.
Krisenmanagement
Im Crash von 1987 verpufften innert Stunden Buchvermögen in Billionenhöhe. Unter den ganz grossen VerliererInnen fanden sich verschiedene US-amerikanische Börsen- und Investmentbanken. Mehrere solche Institute waren am Abend jenes 19. Oktober vor zwanzig Jahren nicht mehr zahlungsfähig. Würde die Kundschaft dieser Institute dies realisieren und ihre Guthaben massenweise abheben, drohte diese kurzfristige Zahlungsunfähigkeit zur strukturellen Überschuldung und schlimmstenfalls zum Bankrott der betreffenden Institute zu führen. Mehr noch: Weil die Geldgeschäfte von Finanzinstituten stark ineinander verflochten sind, kann der Sturz einer Grossbank auch andere Institute in einem Dominoeffekt mitreissen und in eine allgemeine Finanzkrise münden. Schlimmstenfalls kann ein Börsencrash via eine allgemeine Bankenkrise eine Krise der Realwirtschaft auslösen, wie etwa zu Beginn der dreissiger Jahre.
Zur Verhinderung eines solchen Katastrophenszenarios muss das Vertrauen ins Finanzsystem durch eine unverzügliche Rekapitalisierung der illiquiden Finanzinstitute wieder hergestellt werden. Und das können nur der Staat respektive die Zentralbank machen, die vom Staat die Befugnis hat, Geld zu drucken und in Umlauf zu bringen. Genau dies geschah 1987. Die US-Zentralbank, das sogenannte Fed, senkte nach dem Crash unverzüglich den Zinssatz, zu dem sie Geld an Banken ausleiht. Und verhalf damit den zahlungsunfähigen Banken zum dringend benötigten billigen Neugeld. Volkswirtschaftlich betrachtet hat das Fed damit einen Teil der Kursverluste der privaten Banken auf Kosten der Allgemeinheit sozialisiert.
Bannerträger der Politik der billigen Zentralbankkredite zur Stabilisierung des privaten Bankensystems war 1987 der vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan gerade ins Amt gebrachte Fed-Präsident Alan Greenspan. Seine Milliardenspritze funktionierte. Nachdem das Fed am 20. Oktober in einer Erklärung seine Bereitschaft kundgetan hatte, das Finanzsystem mit Geld zu versorgen, sackten die Kurse zwar nochmals leicht ab, um sich dann am 21. Oktober wieder einigermassen zu erholen. Ein gutes Jahr später hatte der Dow Jones Industrial Index den Vor-Crash-Stand wieder erreicht.
Seit dem Börsencrash von 1987 kam es auf den globalen Finanzmärkten zu einer ganzen Reihe grösserer Abstürze und Krisen - wie etwa der Asienkrise von 1998, dem Internetcrash von 2001 oder der Krise auf den britischen und US-Hypothekarmärkten im vergangenen August. Das Krisenmanagement folgte dabei stets dem gleichen Muster wie im Jahr 1987. Wenn die Kurse stürzten, pumpten die Zentralbanken, allen voran das Fed, via private Investmentbanken Buchgeld ins globale Finanzsystem.
Implizite Staatsgarantie
Greenspans Patentrezept des billigen Geldes aus dem Jahre 1987 ist zum ehernen Gesetz des angloamerikanischen Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung avanciert: Grosse Banken haben eine implizite Staatsgarantie, wofür sie, nota bene, nichts bezahlen müssen. Diese implizite Staatsgarantie haben die grossen Banken mittlerweile fest in ihre Risikomodelle eingebaut. Das führt dazu, dass sie in der Wertschriftenspekulation höhere Risiken übernehmen, als sie mit ihrer eigenen Kapitalkraft tragen könnten.
Von der impliziten Zentralbankengarantie profitieren auch die enorm kapitalkräftigen Hedgefonds- und Private-Equity-Spekulationsvehikel, die seit 1987 neu entstanden sind, meistens von ehemaligen InvestmentbankerInnen gegründet. Das Hedgefonds- und Private-Equity-Business ist hochkonzentriert und wird von einigen Dutzend MilliardärInnen gemanagt. Heute zocken diese in den gleichen Dimensionen wie die grossen Investmentbanken, mit denen sie geschäftlich eng verbunden sind. Auch der Crash eines nicht börsenkotierten Hedgefonds- oder Private-Equity-Vehikels könnte auf den Finanzmärkten den gefürchteten Dominoeffekt verstärken und die Ausweitung der Krise auf die Realwirtschaft mitverursachen.
Die implizite Zentralbankengarantie für Investment-Banken, Hedgefonds und Private Equity Fonds ist die Achillesferse des Finanzkapitalismus: Wieso soll der Faktor Kapital in der Demokratie eine Bestandesgarantie erhalten, die der Faktor Arbeit nicht hat? Oder personalisiert gefragt: Wieso soll sich Marcel Ospel als hundertfacher Millionär durch die Hintertür auf eine Karibikinsel verabschieden dürfen, wenn seine UBS-Investment-Bank-Strategie einmal nicht mehr bloss Quartalsverluste, sondern Jahresverluste produziert? Während die im gleichen Zug entlassenen Herr Krethi und Frau Plethi aus den unteren Chargen der UBS zu arbeitslosen Sozialfällen werden?
Greenspan und die Geopolitik
Warum hat Greenspans Patentrezept des billigen Geldes durch Zinssenkung zwanzig Jahre lang funktioniert? Die Ausdehnung der Geldmenge durch die Zentralbank ohne das entsprechende Wachstum des Bruttosozialproduktes müsste nach dem Lehrbuch zu Inflation führen - das aber geschah nicht.
Die Antwort auf diese Frage heisst Geopolitik. Die USA haben den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen, und der US-Dollar ist von der Reservewährung des Westblocks zur Reservewährung der ganzen Welt geworden. Die vielen Dollars, mit denen das Fed die diversen Crashs seit 1987 aufgefangen hat, flossen nicht inflationstreibend in die US-Wirtschaft, sie wurden vielmehr durch die Dollarisierung des Ostblockes aufgesogen.
Man könnte sagen, der Erfolg der Greenspan-Politik war die Siegesprämie der AkteurInnen des Finanzkapitalismus für den Triumph über die Kommunisten. Doch diese Siegesprämie ist mittlerweile konsumiert, ohne dass beim Fed neue Rezepte ersichtlich wären. Die Zinssenkung, mit der Greenspan-Nachfolger Ben Bernanke die Krise auf den US-Hypothekarmärkten stoppte, hat Dollars in die US-Wirtschaft gepumpt, die nicht mehr einfach ins Ausland abfliessen werden. Die Zeichen an der Wand stehen daher auf Inflation. Der Dollarkurs sinkt, immer weniger AusländerInnen glauben an die US-Währung. Gleichzeitig treibt die kurzfristige Spekulation die Börse auf historische Höchststände.
Beim Börsencrash von 1987 haben Märkte, technische Systeme und Strategien des Aktienhandels versagt, das energische Eingreifen der US-Zentralbank hat die Finanzmärkte stabilisiert. Heute, zwanzig Jahre später, sind die Handelssysteme technisch perfektioniert, doch die Weltfinanzmärkte sind trotzdem nicht stabilisiert. Die USA, Paten und Garanten des Finanzkapitalismus, können ihre Hegemonie mit den bisherigen Rezepten nicht mehr aufrechterhalten. Investorinnen und Spekulanten wollen nicht mehr weitermachen wie bisher und flüchten aus dem Dollar. Dieses Ungleichgewicht muss sich entladen. Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.