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Zum ersten Mal in der Schweiz zeigt das Berner Zentrum Paul Klee die Werke von Gabriele Münter in einer grossen Retrospektive: «Gabriele Münter – Pionierin der Moderne».
Viele Künstlerinnen wurden vor hundert, sogar noch vor fünfzig Jahren nur öffentlich wahrgenommen, wenn sie mit anerkannten Künstlern in Verbindung standen oder von ihnen gefördert wurden, erklärt Kuratorin Fabienne Eggelhöfer zu Beginn ihrer Führung. Gabriele Münter gehörte ebenso zum Künstlerkreis Blauer Reiter wie Franz Marc, August Macke und Wassily Kandinsky, mit dem sie über Jahre hinaus in einer Liebesbeziehung lebte und einen intensiven künstlerischen Austausch pflegte.
Auch mit der Familie von Paul Klee war sie befreundet. Kandinsky und die Klees wohnten in München in derselben Strasse, besuchten sich gegenseitig. Lily und Paul Klee fuhren nach Murnau ins «Russenhaus», wie die Murnauer das Haus von Gabriele Münter scherzhaft nannten, denn ausser Kandinsky verkehrten dort auch Alexei Jawlensky und seine Partnerin Marianne von Werefkin, die ebenfalls aus Russland stammten.
Gabriele Münter: Zuhören (Bildnis Jawlensky), 1909. Öl auf Pappe 49,8 x 66,4 cm Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
In ihrer Kunst wandten sich viele Künstlerinnen und Künstlern von dem Stil ab, der in den traditionellen Kunstakademien gelehrt wurde, das war in Paris nicht anders als in München. So entstand um das Almanach Der Blaue Reiter eine Künstlervereinigung, zu der Paul Klee eingeladen wurde; Gabriele Münter arbeitete als eine der ersten aktiv am Almanach mit. Der Blaue Reiter verstand sich als Vorreiter einer modernen Kunst. Insofern wird Gabriele Münter im Titel der Ausstellung zu Recht als Pionierin der Moderne bezeichnet.
Gabriele Münter: Kandinsky. 1906 Farblinolschnitt auf Japanpapier (Foto mp)
Gabriele Münter wurde 1877 in Berlin geboren. Ihr Vater stirbt, als das Mädchen neun Jahre alt ist, ihre Mutter hat für ihre jüngste Tochter nicht viel Zeit und Kraft, sie stirbt, als Gabriele 20 ist. Im Jahr darauf reist diese mit ihrer Schwester nach Amerika. Zwei junge Frauen durchqueren den amerikanischen Westen von New York bis Texas! Dort besuchen sie Verwandte und Gabriele erhält ein Geschenk, das sie viel nutzen wird: eine Fotokamera. Sie beginnt, damit zu experimentieren. Die Kuratorin erklärt, dass Gabriele ein gutes Auge für eine gelungene Fotografie besass. Schon die frühen Fotos weisen darauf hin.
Zurück in Europa zieht die Münter nach München. – Sie kann sich eine gute Ausbildung leisten, denn von ihren Eltern hat sie ein ansehnliches Vermögen geerbt. Wiederum erkennen wir, dass Frauen damals zu kämpfen hatten, um ihre Wünsche nach Bildung zu erfüllen. Die meisten Kunstakademien nahmen nur männliche Kandidaten auf. Münter kann in die fortschrittliche Phalanx-Schule eintreten, die Wassily Kandinsky mitgegründet hatte. So lernen sich die beiden kennen und lieben. Eine bürgerliche Ehe wurde nie daraus, denn zunächst war Kandinsky noch verheiratet.
Gabriele Münter: Strassenbild in einer afrikanischen Stadt. 1905 Tempera und Bleistift auf Papier (Foto mp)
Die beiden reisen viel, wichtige Zeugnisse ihrer Tunesien-Reise sehen wir in der Ausstellung. Immer fällt auf, wie Gabriele Münter ihre verschiedenen künstlerischen Werkzeuge einsetzt: Aufgrund einer Fotografie entsteht ein Aquarell oder ein Linolschnitt, sie setzt Farbtöne ein, um Stimmungen zu erzeugen. Nach anderen Reisen verbringen die beiden ein Jahr in Paris, wo Kandinsky sich in Sèvres einmietet, während Münter ihn dort nur besucht, aber selbst in Paris wohnt, um sich weiterzubilden. Die Künstlerin wahrt ihre Selbständigkeit, so sehr sie sich mit Kandinsky verbunden fühlt. Sie war eine durchaus eigenständige Frau, durch den Tod der Eltern früh gereift, modern und emanzipiert. Sie trug die bequeme Kleidung der Lebensreformerinnen, rauchte auch – denn damals war das nur bei «Spiessern» verpönt.
Gabriele Münter: Zwei in Burnus verhüllte Gestalten mit Esel vor einem Ladencafé, Tunesien, Winter 1905. Fotografie 46 x 34,5 cm. Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © 2021, ProLitteris, Zürich
Nach einem Aufenthalt in Berlin beginnt 1909 die Murnauer Zeit. Im kleinen oberbayrischen Dorf Murnau konnte Gabriele Münter ein gerade neu erbautes Haus kaufen – das «Russenhaus», es wird ein künstlerisches Zentrum. Hier entsteht in den kommenden Jahren der Blaue Reiter. Den Künstlern fällt das Licht in Murnau auf, es sei häufig blau, daher die Bezeichnung. Gabriele Münter, aber auch Kandinsky, Jawlensky und Werefkin malen in kräftigen Farben. Bei früheren Besuchen in Kunstmuseen war mir aufgefallen, dass in den Murnauer Jahren vor dem 1. Weltkrieg die Werke dieser Malerinnen und Maler (zumindest) farblich korrespondierten.
Gabriele Münter: Bauernfamilie. ca. 1910 Öl auf Leinwand (Foto mp)
Sicher profitiert Münter vom Austausch mit Künstlerkolleginnen und -kollegen. Sie hat jedoch ihr eigenes konzeptionelles Vorgehen, wie Fabienne Eggelhöfer an Beispielen zeigt: Um im «impressionistischen Stil» zu malen, benutzt Münter den Spachtel für einen dicken, flächigen und fast dreidimensionalen Farbauftrag. Den Pinsel nimmt sie, um «expressionistisch» zu malen, die Farbe ist hier der Ausdruck selbst. Bemerkenswert sind Münters Arbeiten mit Linolschnitt. Eggelhöfer zeigt es an Arbeiten aus Tunesien: Die Linolschnitte wirken überaus modern, wie Pop Art, als hätte Münter 50 Jahre übersprungen. Neben Landschaften malt sie Portraits, für die sie sich im München Anregungen holt.
Gabriele Münter: Zuhörerinnen, ca. 1925 1930, Öl auf Leinwand, 69,2 x 54 cm. Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München. © 2021, ProLitteris, Zürich
Als sie während des 1. Weltkriegs ein paar Jahre in Skandinavien verbringt, hat sie mit ihrer künstlerischen Arbeit überraschend Erfolg, kann Bilder verkaufen und in Kopenhagen unterrichten.
Dann in Berlin und noch viel später in Paris, entstehen Portraits und Stillleben. Gabriele Münter muss eine sehr kommunikative, an Menschen interessierte Frau gewesen sein. Kontakte sind ihr überall wichtig. In Berlin versammelt sie einen ganzen Kreis von Schriftstellerinnen und Künstlerinnen um sich.
In Murnau sammelt sie viel: Volkskunst aus dem ländlichen Bayern, kleine Figuren, Hinterglasmalereien, Kinderzeichnungen, aber nicht wie andere Künstler aussereuropäische Objekte. Fabienne Eggelhöfer ist sicher, dass sich unter den vielen Blättern im Nachlass auch nicht signierte Zeichnungen von Felix Klee befinden, denn dass Paul Klees Sohn gern gezeichnet hat, ist bekannt.
Gabriele Münter: Selbstbildnis. ca. 1921 – 1923. Öl auf Leinwand (Foto mp)
Die Beziehung zu Kandinsky endet schmerzhaft für Gabriele Münter, so muss man es wohl ausdrücken. Kandinsky reist anfangs des 1. Weltkriegs in seine russische Heimat zurück und scheint Gabriele vergessen zu haben. Er heiratet eine andere Frau, wovon Münter erst erfährt, nachdem sie übers Rote Kreuz eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatte. An Silvester 1927 trifft sie in München den Philosophen und Kunsthistoriker Johannes Eichner, der sie in jeglicher Hinsicht unterstützt. Seit 1931 leben sie zusammen in Murnau.
Münter verschliesst sich zuerst nicht dem aufkommenden Nationalsozialismus. Sie versucht sich auch am NS-Stil, malt «Baustellenbilder» und nimmt an einer Ausstellung teil. Dort entdeckt man ihren Stil und wirft sie raus. Weiteren Repressalien entgeht sie, denn sie und Johannes Eichner leben sehr zurückgezogen und vermeiden es aufzufallen. Münter versteckt die vielen in ihrem Haus aufbewahrten Werke ihrer verbotenen Künstlerkolleginnen und -kollegen sorgfältig im Keller und kann dadurch eine Menge Bilder retten.
Gabriele Münter: Der Blaue Bagger (Baustelle an der Olympiastrasse nach Garmisch). 1935 – 1937, Öl auf Leinwand 60,5 x 92,5 cm (Foto mp)
Anerkennung findet sie nach dem 2. Weltkrieg. Ihre Werke werden im Rahmen von Blauer Reiter-Ausstellungen gezeigt. Johannes Eichner organisiert eine grosse Retrospektive ihrer Werke aus fünf Jahrzehnten, die in ganz Deutschland gezeigt wird. Sie stirbt 1962 in Murnau. Gemäss ihrem Wunsch wird eine Stiftung gegründet: die Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, wo nicht nur ihr künstlerischer Nachlass, sondern ihr gesamter schriftlicher und materieller Nachlass, darunter auch Briefe und Manuskripte von Kandinsky aufbewahrt wird.
Diese Ausstellung konnte nur in enger Zusammenarbeit mit dem Münchner Lenbachhaus und der Münter-Eichner-Stiftung in Murnau geschaffen werden, betont Nina Zimmer, Direktorin der beiden Berner Kunstmuseen, bei der Eröffnung.
Gabriele Münter – Pionierin der Moderne. Zentrum Paul Klee Bern.
Mit einem umfangreichen Rahmenprogramm.
Bis 8. Mai 2022
SRF Sternstunde Kunst zeigt einen Film über Gabriele Münter.
Titelbild: Gabriele Münter, Gegen Abend 1909 Öl auf Pappe (Foto mp)
Danke für den Hinweis auf den Film der Biografie von Gabriele Münter, den ich soeben mit grossem Interesse «verschlungen» habe. Er zeigt die künstlerische Varietät, Entwicklung dieser gesellschaftlich progressiven Frau, die in ihrer Liebe zu Kandinsky von diesem verraten wird, obwohl er in seiner künstlerischen Entwicklung wesentlich von ihr beeinflusst wird. Auch die Reanerkennung des «Blauen Reiters» nach dem 2. Weltkrieg, die ohne Erwähnung von ihr vor sich geht, muss diese eindrückliche, hoch talentierte Künstlerin tief getroffen haben. Auf die Ausstellung im Zentrum Paul Klee bin ich sehr gespannt. Hoffentlich andere Leser von «seniorweb» auch.