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ERMATINGEN (Kt. Thurgau , Bez. Kreuzlingen).
400-440 m., am Untersee schön gelegen, 7 km w. Konstanz.
Dorf : 258 Häuser, 1410 Ew., wovon 1244 Reformierte und 166 Katholiken.
Zerfällt in die zwei getrennten Abschnitte des Dorfes und des « Staad » (Gestade). Ersteres liegt an der Strasse Konstanz-Schaffhausen; der Staad, unmittelbar am Seeufer gelegen, bildet auf einem in den See vorgeschobenen und landfest gewordenen Delta einen Kreisbogen und ist stets von einer Flottille von Gondeln, Nachen und Motorbooten umgehen. Zwischen Dorf und Staad zieht die Bahnlinie durch.
Bedeutende Station der Linie Konstanz-Schaffhausen. Zollamt, Postbureau, Telegraph. Telephon. Früher bedeutender Landungsplatz für Segelschiffe, heute eine der wichtigsten Stationen der Dampfboote des Untersees. in gerader Fortsetzung der zum Hafen führenden Strasse zieht sich eine 150 m lange hölzerne Landungsbrücke in den See hinaus.
Staad ist hei Hoch-Wasser oft Überschwemmungen ausgesetzt.
Der Dialekt der Bewohner von Staad zeigt die sonst nirgends anzutreffende Eigentümlichkeit, dass der Diphtong ei in ein dunkles, langgezogenes oe umgewandelt wird, so dass Wörter wie Stein, Bein, kein, Leiter usw. als Stoa, Boa, koa, Loatere ausgesprochen werden.
Geplant wird eine elektrische Strassenbahn Ermatingen - Konstanz - Münsterlingen, da Ermatingen und die umliegenden Schlösser beliebtes Ausflugsziel der Konstanzer sind. Ermatingen ist auf dem besten Wege, ein Kurort ersten Ranges zu werden.
Neben der Fremdenindustrie haben sich eine Reihe von andern industriellen Erwerbszweigen erst seit Kurzem eingebürgert, so dass sie bis jetzt noch verhältnismässig wenige Hände beschäftigen. Es sind die Herstellung von Waagen aller Art, von Blechbüchsen, Karton- und Werkzeugfabrikation, Bau von Luxuswagen, dann die Stickerei als Hausindustrie (10-12 Stickmaschinen), eine Säge für Bauholz, zwei Kleiderfabriken. Holz- und Viehhandel, dieser besonders von den in Wangen (Grossherzogtum Baden) ansässigen Juden betrieben, die in Ermatingen eigene Stallungen gemietet haben.
Haupterwerbsquelle der Bewohner ist aber immer noch die Landwirtschaft; mit Ausnahme von etwa 20 ausschliesslich von der Fischerei lebenden Männern bebauen auch die Fischer von Staad alle noch einige kleine Äcker und Weinberge. Boden sehr fruchtbar und Klima günstig. Im Grossen und mit Sorgfalt wird besonders die Frühjahrsrosenkartoffel gebaut, die in grossen Massen auf den Konstanzer Markt zum Verkauf ausgeführt wird. Als Dünger wird (heutzutage allerdings seltener als früher) eine im See wachsende Wasserpflanze, das sog. Wasserheu, verwendet, die man im Winter zur Zeit des Niedrigwasserstandes einsammelt.
In den Beständen dieses Armleuchtergewächses (Chara) tummelt sich die Groppe, ein kleiner Fisch mit breitem Kopf, der einem der Ortschaft Ermatingen eigentümlichen Fest, der sog. Groppenfastnacht, seinen Namen gegeben hat. Über den Ursprung dieses Festes sind die Meinungen noch verschieden, indem es von den Einen mit dem Konzil zu Konstanz Verbbindung gebracht, von den Andern aber als alter germanischer Brauch angesprochen wird.
Weitbekannt ist Ermatingen durch seinen Handel mit Fischen geworden, die hauptsächlich in die übrigen Teile der Schweiz, ins Grossherzogtum Baden und nach Württemberg ausgeführt werden; Forellen von Ermatingen kommen sogar in Paris auf den Markt. Der wichtigste und lohnendste Zweig der Fischerei ist der Fang des Gangtisches, einer kleinen Felchenart mit ausgezeichnet zartem Fleisch. Der Fisch wird im Winter gefangen und für den Export geräuchert.
Eine grosse, von der Eidgenossenschaft unterstützte Fischbrutanstalt sorgt für die stetige Neubevölkerung des Sees.
(Diese Notizen beginnen im Jahr 1904, in dem Steiger "trotz Bojkott" als Lehrer an die Unterstufe gewählt worden war. Hans Herzog hat Steigers Handschrift transkribiert - vielen Dank!)
Der nebenstehende 50 Mio-Mark-Schein wurde am 23. Sept. ausgegeben. Er war damals also genau 70 Rappen wert.
In dieser Zeit hat alt Sekundarlehrer Salomon Blattner eine Chronik über das Leben in Ermatingen geführt. Er meinte selbst: "Ein alter Sek.lehrer wird eben zu allem eingespannt, wo nichts zu verdienen ist."
Also schon damals!
Salomon Blattner beendet nun seine chronischen Aufzeichnungen mit der Bitte, jemanden anders für diese Aufgabe zu suchen - "ich weiss ja auch, dass die "Modernen" nicht viel Zeit haben für Sachen, die nichts eintragen..."
Ida Engeli hat nun seine Arbeit übernommen:
Hier enden die Aufzeichnungen dieser Ermatinger Chronik.
Nun prägte - neben dem traditionellen Handwerk und Gewerbe - die aufkommende Industrie das Arbeitsleben von Ermatingen, mit der Schaffung von einigen hundert Arbeitsplätzen.
Etliche Ermatinger Fischer und Landwirte fanden ihr Auskommen in der Fabrik, oft auch deren Frauen am Fliessband.
Es gab viele Pendler, auch solche per Boot von der Reichenau.
Insbesondere wurden auch viele GastarbeiterInnen und Saisonniers zur Arbeit herangezogen, regelrecht "rekrutiert".
Es waren die drei grossen Firmen
Die Patrons Sauter/Goldinger wollten eine vierte konkurrierende Grossfirma allerdings nicht in Ermatingen ansiedeln; es habe nicht genug Bauland und Arbeitskräfte... so ist die Model AG nach Weinfelden gezogen:
Wenn man ältere Leute fragt, was aus der Geschichte in ihrem Leben besonders wichtig gewesen sei, dann bekommt man selten Antworten mit politischem Hintergrund. Vielmehr sind es Entwicklungen, die den Alltag geprägt haben: Elektrifizierung, Technisierung, Mechanisierung und Mobilität; heute auch die Digitalisierung.
Nehmen wir zwei Beispiele, zuerst die Kühlung. Früher besassen grosse Höfe Eisgruben, Schlösser wie das Hard, Arenenberg oder der Wolfsberg grosse Eiskeller. Mit den Eisquadern wurden dann zum Beispiel Kühlschränke kalt gehalten:
Heute sind Kühlschränke mit Eisfächern, Tiefkühlschränke oder Tiefkühltruhen eine Selbstverständlichkeit in jedem Haushalt.
Frieda Geiger und Hebamme Brauchli wuschen ihre Wäsche im kalten Wasser an der Stedi; andere Frauen taten dies am Seeufer, am Dorfbach oder an einem der Dorfbrunnen.
In diesem "Wöschhüsli" an der Brünnelistrasse konnte man diese Arbeit wenigstens zuhause machen.
Heute gibt es keine kalten Finger mehr; die Waschmaschine im Technikraum ist eine Selbstverständlichkeit, mit dem Tumbler gleich obenauf.
Schauen Sie dieses eindrückliche viertelstündige Zeitdokument von Albert Strassburger im Archiv des Bodensee-TVs Kreuzlingen-Steckborn:
Fassen wir einige wichtige Entwicklungen unseres Dorfes in Stichworten auf dieser Folie zusammen:
Studieren Sie die Entwicklung Ermatingens in den letzten 150 Jahren, indem Sie den Schieberegler betätigen.