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Cajetan Schaltermann
Den Roman »Cajetan Schaltermann« verfasste Max Herrmann in den letzten beiden Monaten des Jahres 1914. In vielen Punkten ist die Handlung autobiographisch, der Autor versucht die Wege und Irrwege seiner Jugendjahre bilanzierend abzuschreiten; es geht ihm darum, sich darüber klar zu werden, was ihn an die gleichermassen gehasste wie geliebte Stadt Neisse bindet, was er ihr schuldet und was ihn von ihr trennt. So schonungslos wie Max Herrmann mit seiner Heimatstadt abrechnet, den Besitz- und Machtwahn der Spiessbürger aufzeigt, hält er auch mit der eigenen Unzulänglichkeit Gerichtstag ab. Er stellt sich bloss, um die eigene Mittelmässigkeit zu überwinden. Deutsche Kleinstadtmentalität vor dem Ersten Weltkrieg ist hier mit der satirischen Schärfe eines George Grosz und der flackernden Unruhe grotesk überhöhter Meidnerscher Bilder dokumentiert.
Der Text folgt der Erstausgabe 1920, erschienen im Dreiländerverlag, München. Wir danken Klaus Völker, dem Herausgeber der »Gesammelten Werke« von Herrmann-Neisse in zehn Bänden, erschienen 1986-1988, für die Überprüfung des Textes unserer Ausgabe.
Max Herrmann-Neisse
Max Herrmann-Neisse (1886-1941), geboren in der schlesischen Stadt Neisse, war ein bedeutender Schriftsteller und Lyriker. Von 1905 bis 1909 studierte er in München und Breslau Literatur- und Kunstgeschichte. 1909 ging er zurück nach Neisse, um als freier Schriftsteller zu leben. Ab 1911 erschienen Gedichte Herrmann-Neisses in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift »Die Aktion« und bald darauf auch in dem von Alfred Kerr herausgegebenen »Pan«, den beiden führenden Zeitschriften der modernen Literatur. Für seinen 1914 im S. Fischer Verlag erschienenen ersten grösseren Gedichtband erhielt er 1924 den Eichendorff-Preis. 1917 zog er mit seiner Frau nach Berlin, wo er in sozialistischen und anarchistischen Kreisen verkehrte. Allein 1919 erschienen vier Bücher Herrmann-Neisses, die von der Kritik und Autoren wie Else Lasker-Schüler oder Oskar Loerke begeistert aufgenommen wurden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er hauptsächlich mit Buchbesprechungen, Theater- und Kabarettkritiken. Neben seinen Gedichten begann Herrmann-Neisse verstärkt erzählende Prosa zu schreiben. 1920 erschien der autobiographische Roman Cajetan Schaltermann. Die meisten Texte dieser Zeit sind noch stark vom Expressionismus geprägt. 1927 erhielt Herrmann-Neisse den Gerhart-Hauptmann-Preis. In den späten 1920er Jahren war Herrmann-Neisse einer der bekanntesten Berliner Literaten, wozu neben seinen Texten auch die auffällige Gestalt und Erscheinung beitrugen. Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 floh Herrmann-Neisse gemeinsam mit seiner Frau zunächst in die Schweiz, dann über die Niederlande und Frankreich nach London, wo er sich im September 1933 niederliess. Herrmann-Neisse gründete Ende 1933 gemeinsam mit Lion Feuchtwanger, Rudolf Olden und Ernst Toller den Exil-PEN, doch blieb er in England ansonsten weitgehend isoliert. Im April 1941 starb er in London an den Folgen eines Herzinfarkts.