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Classement thématique série 1848–1945:
I. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ÉTATS
I.12 FRANCE
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Bei der Wichtigkeit, welche die gegenwärtige politische Situation speziell auch für die Schweiz hat (mit ihrem an die kriegsbereiten Mächte angrenzenden Gebiete), fand ich mich bewogen, heute als an dem gewöhnlichen Audienztage mich auf das Cabinet des Ministers des Äussern zu begeben. Unter Hinweisung auf dieses Interesse der Schweiz ersuchte ich Herrn Drouyn de l’Huys mir bezüglich der Frage des Kongresses u. der Situation überhaupt, diejenigen renseignements zu geben, welche mir immer mit der Diskretion vereinbar seyen. Ich bemerkte ihm einleitend «ich mache es mir um so mehr zur Pflicht, von Zeit zu Zeit meiner Regierung über die Lage der Dinge Bericht zu erstellen, als je nach Umständen die Schweiz im Fall seyn werde, alle diejenigen militärischen Massregeln zu treffen, welche sie zu Wahrung ihrer völkerrechtlichen Stellung für nothwendig u. zweckmässig erachte. Ich wisse, dass gerade gegenwärtig eine besondere Commission für Vorbereitung allfällig nothwendig werdender Massregeln nach Bern einberufen sey u. es liege hierin für mich ein Grund mehr, meine Regierung so zuverlässig als möglich über die Situation zu unterrichten.» Solche renseignements zu erhalten, sey der einzige Zwek meines heutigen Besuches. Drouyn de l’Huys antwortete mir im Wesentlichen folgendes: «Er sey mit Vergnügen bereit, meinem Wunsche zu entsprechen. Nachdem im Jahr 1863 der vom Kaiser gemachte Vorschlag zu einem Kongress verworfen worden, sey es nicht in der Aufgabe der französ. Regierung gewesen, zu einem Congresse die Initiative zu ergreifen. Bei der allgemeinen Stimmung zu Gunsten des Friedens, die vielfach laut geworden, habe aber die franz. Regierung nicht ermangelt, jeden Anlass zu benuzen, um zu Gunsten der Erhaltung desselben ihren Einfluss geltend zu machen; u. nachdem sowohl England als Russland Geneigtheit geäussert haben, an Conferenzberathungen im Interesse der Erhaltung des Friedens theilzunehmen, habe auch die französische Regierung ihre Bereitwilligkeit zu solchen Verhandlungen zu erkennen gegeben. Man habe sich nach dem Vorschlag einer von ihm entworfenen Note unter England, Russland & Frankreich verständigt, diejenigen Mächte, welche zum Kriege sich vorbereiten, zu einer solchen Konferenz nach Paris einzuladen. Die Form sey folgende: Eine identische Note, hier vereinbart, werde von den Kabineten von London, Petersburg & Paris ihren politischen Agenten in Florenz, Berlin, Wien u. Frankfurt übermittelt werden. Die Leztern werden bei dem betreffenden Minister des Äussern gemeinsam eine Audienz verlangen, diese identische Note mittheilen u. in dieser Weise Italien, Ostreich, Preussen u. den Deutschen Bund einladen, an solchen Conferenzberathungen Theil zu nehmen. Die Fragen, welche in der Note, die gewissermassen das Programm zur Conferenz bilde, bezeichnet seyen, seyen folgende: Venetien, die Elbherzogthümer u. die Reform des Deutschen Bundes. Wenn drei Grossmächte solche Vorschläge machen, so dürfe man annehmen, dass es ihnen mit Erhaltung des Friedens Ernst sey, u. dass die zum Kriege rüstenden Mächte sich daher wohl besinnen werden, ihren Vorschlägen einen «refus» entgegen zu sezen. Auch habe er allen Grund zu glauben, dass die Conferenz wirklich zu Stande komme. Ob es ihr denn wirklich gelingen werden, die im Conflikte liegenden gewichtigen Interessen auszugleichen, darüber kann u. dürfe er sich natürlich kein Urtheil anmassen. Man dürfe aber jedenfalls nicht übersehen, dass die Wünsche für Erhaltung des Friedens in Europa so allgemein u. so entschieden sich geltend machen, dass es schon ein grosser Schritt zur Erhaltung desselben sey, Zeit zu gewinnen, wie diess das Zustandekommen der Konferenz nothwendig mit sich bringe. Jeder Tag, welcher den Ausbruch der Feindseligkeiten hinausschiebe, sey ein Gewinn für die Friedenspolitik, welche die drei Mächte bei ihrem Vorschlag geleitet habe. Er begreife es sehr wohl, wenn auch die Schweiz sich für alle Eventualitäten bereit halte, glaube aber nicht im entferntesten, dass ihrer Neutralität von irgend einer Seite her Gefahr drohe. Was speziell die Stellung Frankreichs zur Schweiz betreffe, so kann er nur bestätigen, was von der kaiserlichen Regierung wiederholt schon der Schweiz gegenüber erklärt worden sey; dass Frankreich die schweizerisch. Neutralität nicht nur selbst achten werden; sondern dass Frankreich nie zugeben könnte, dass sie von irgend einer Macht je gefährdet würde. Er sey aber fest überzeugt, dass der Schweiz von keiner Seite Gefahr drohe.»
Ich verdankte Herrn Drouyn de l’Huys diese mir gemachten Mittheilungen & fügte noch bei: «Ich theile zwar ebenfalls die Ansicht, dass der Schweiz zur Zeit von keiner Seite Gefahr drohe. Unter allen Umständen aber würde die Schweiz mit der grössten Entschiedenheit u. Opferbereitwilligkeit ihre Stellung, ihre völkerrechtliche Position nach jeder Seite hin zu wahren entschlossen seyn. In Berüksichtigung ihrer geographischen Lage sey es daher die Bundesregierung sowohl den Interessen des Landes als auch der öffentlichen Meinung schuldig, für alle Eventualitäten rechtzeitig die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Ich sey überzeugt, dass sie, ohne durch präzipitirtes Versprechen allzufrühe unsere Finanzkräfte zu compromittiren, immerhin zur rechten Zeit diejenigen Massregeln vorbereiten werde, welche den jeweiligen Umständen angemessen seyen.» Es blieb mir gerade noch die erforderliche Zeit übrig (in dem ich der erste war der heute ins Kabinet trat, da noch kein Ambassador eingetroffen war), Ihnen gedrängt über diese Unterredung mit dem Minister des Äussern, der gerade aus den Tuilerien gekommen war, noch mit heutiger?ost berichten zu können. Wenn auch, was ich voraus annehmen konnte, Drouyn de l’Huys über die Stellung, welche Frankreich je nach Umständen einnehmen werde, gänzlich hinweg geglitten ist, so war mir doch lieb, von ihm selbst zu erfahren, ob das Zustandekommen des Kongresses (da aber keine Souveräne erscheinen werden, so ist es eigentlich nur eine Konferenz) wirklich so ziemlich als gescheitert angesehen werden könne. Offiziellhat man natürlich von den kriegsbereiten Mächten noch keine Zusicherung, da ja die identische Note von Paris erst heute, von London morgen, und von Petersburg (wie Drouyn beiläufig sagte) vermuthlich erst übermorgen abgehen wird. Aus den Äusserungen v. Drouyn war aber doch der Schluss zu ziehen, dass die drei Mächte nach offiziösen Mittheilungen annehmen, dass der Einladung zur Conferenz werde entsprochen werden.
Im Vorzimmer traf ich mit Nigra zusammen. Er ist, wie es ihm seine Stellung gebietet, begreiflich, sehr rükhaltend. Doch erklärte er sehr bestimmt: «ohne Venetien zu erhalten, könne u. werde Italien nicht entwaffnen.» Überhaupt scheint man einverstanden zu seyn, dass während der Conferenz die Mächte ihre Bewaffnung festhalten, od. nach Umständen noch ergänzen können.
Wenn auch die Conferenz zu Stande kommt, so bezweifle ich in hohem Grade, dass sie zum Ziele, dh. zur Erhaltung des Friedens führe. Welches ist die Compensation, die man Ostreich für Venetien sichern kann? Immerhin ist es aber nicht ausser Acht zu lassen, dass Zeitgewinn unter Umständen doch in so fern auf die Situation influiren kann, als nach allen Berichten im preussischen Volke zu Stadt u. Land die Stimmung gegen den Krieg, wie sie längst da war, immer mehr zu manifestiren sich wagt. Was anfänglich mehr glimmte, trit allmählich klarer hervor. Wenn irgend wo noch ein Element liegt, dass der Erhaltung des Friedens förderlich ist, so scheint diess gerade dort, in der Stimmung des preussischen Volkes gesucht werden zu müssen. Noch füge ich bei, dass keine Rede davon ist, dass die drei neutralen Mächte irgend einen bestimmten Vergleichsvorschlag aufzuzeigen beabsichtigen.
- 1
- Rapport: E 2/463.↩
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