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Kapitel 6: Létoile
***
Bonnie lauschte an der Tür, die von den Garderoben zum öffentlichen Bereich des Cabarets führte. Um diese Zeit sollte er entweder leer sein oder es wurde darin geübt.
Beides traf nicht zu, denn Bonnie hörte definitiv Tanzschritte auf dem Parkett, aber gleichzeitig blieben die bellenden Befehle von Madame La Grande aus.
Es dämmerte Bonnie, als die Tanzschritte für einen Moment ausblieben und sie gedämpfte Stimmen hörte.
Sie hatte von den anderen Tänzerinnen davon gehört, dass Grande Madame nach neuen Talenten suchte. Heute war also Vortanzen angesagt.
Sie erinnerte sich gut daran, wie nervös sie selber bei ihrem ersten Vortanzen gewesen war, trotzdem konnte sie es nicht lassen, einen Blick zu riskieren. Sie öffnete die Tür und huschte aus der Garderobe. Dann zwängte sie sich zwischen der Wand und dem zur Seite gezogenen Samtvorhang hindurch. Der Saal war nicht abgedunkelt, wie bei ihren Shows, deshalb war es auch kein Wunder, dass das erste, was Bonnie sah, Grande Madames tadelnder Blick war. Bonnie zuckte kokett mit den Schultern und setzte sich auf einen freien Stuhl, dann widmete sie sich der Bühne.
Die Tänzerin wirkte etwas verkrampft, aber ihr burgundfarbenes Lächeln saß perfekt.
»Encore une fois«, meinte Grande Madame und klatschte in die Hände.
Der Blick der Tänzerin huschte kurz zu Bonnie und diese schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
Bevor sie sich in Pose warf, schüttelte das Mädchen – was war sie? Knapp zwanzig? – ihre braunen, von den Spitzen bis zu den Ohren gewellten Haare. Dazu trug sie einen scharf geschnittenen Bob und ihre Augen waren markant geschminkt, was ihr ein dramatisches Aussehen verliehen trotz des sonst weichen, rundlichen Gesichtes.
Sie war süß.
Gespannt stützte Bonnie ihr Kinn auf ihre gefalteten Hände und beobachtete den musiklosen Auftritt.
Die Tänzerin hatte gewagte Ideen, keine Frage und das gefiel Bonnie. Sie spielte mit dem kontinuierlichen Übergang der peinlich Berührten zur Kokettierenden, Schamlosen, und wechselte zärtliche Streicheleinheiten über ihre Arme und Beine ab mit zackigen, wilden Tanzschritten und freizügigen Posen. Auch wenn sie ihre Alltagskleidung anbehielt, so jagte es eine Welle der Aufregung durch Bonnies Körper, wenn sie sich die Tänzerin in ein einer richtigen Show vorstellte. Bonnie war versucht, sie mit Rufen und Pfiffen anzufeuern, denn es gab nichts Unangenehmeres, als ohne Musik und vor einem stummen Publikum zu tanzen. Aber sie wollte nicht riskieren, dass Grande Madame sie rauswarf.
Soeben hatte das Mädchen ihnen den Rücken zugekehrt und ging mit geschlossenen Beinen in die Hocke. Ihre Hände strichen über ihre Knöchel und Beine, während sie sich langsam hochstemmte. Sie kostete die Bewegung aus und Bonnie spürte ein Kribbeln, als würde die Tänzerin Bonnies Hintern streicheln und nicht ihren eigenen.
Als sie aufrecht stand, verpasste sie sich selbst einen heftigen Klaps auf die Oberschenkel, überkreuzte die Beine und vollführte eineinhalb Drehungen. Sie spreizte die Beine und legte zum Abschluss einen so überraschenden Spagat hin, dass Bonnie und Grande Madame gleichermaßen ein erschrockenes Hissen entwich.
Die Tänzerin strahlte in die Ränge und Bonnie konnte nicht anders, als zu Applaudieren.
»Merci beaucoup«, sagte Grande Madame laut. »Das war sehr interessant. Ich melde mich.«
Die junge Tänzerin erhob sich und bedankte sich so leise, dass Bonnie es fast nicht hören konnte. Als sie von der Bühne huschte und den Raum verließ, setzte sich Bonnie zu Grande Madame an den Cocktailtisch.
»Was denkst du?«, fragte Madame gerade heraus.
»Sie könnte frischen Wind hineinbringen.«
Ihre Chefin nickte.
»Ihre Abläufe sind nicht ganz sauber. Kannst du dir Zeit nehmen, ihr den einen oder anderen Kniff zu zeigen?«
Bonnie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Sie wollen sie einstellen?«
Grande Madame sah sie streng an.
Sie blickte aber immer streng und Bonnie wusste, dass ihre äußere Härte oftmals aufgesetzt war. Nicht so jedoch während der Proben oder wenn es um das Einstellen neuer Leute ging.
Ihr Cabaret war klein und hatte nur durch Bonnies unfassbare Auftritte an Bekanntheit gewonnen – die Leute nannten es magisch, auch wenn sie keine Ahnung hatten, dass es echte Magie war, die mit ihren Sinnen spielte. Dennoch, das Cabaret musste sich durchsetzen gegen die frequentierten Nachtklubs wie das Tabarin oder das Folies-Bergère.
Und das konnte sie nur mit den talentiertesten Tänzerinnen und Tänzer.
»Falls sie schnell dazulernt«, erklärte Grande Madame. »Sie kann nächste Woche in Canelles Show mittanzen. Wenn sie mich überzeugt, kann sie bleiben.«
Bonnie nickte. Das war auf jeden Fall zu schaffen.
Als Madame sich erhob, fragte Bonnie: »Wie heißt sie?«
»Ihr Bühnenname ist Ciel d’Étoiles.«
»Ciel d’Étoiles«, wiederholte Bonnie und spürte das selige Lächeln auf den Lippen.
***
Glenna öffnete die Augen und erkannte, wie Priscilla nach ihrem ersten Schluck das Glas abstellte. Die Erinnerungen überkamen sie immer intensiv, aber sie dauerten in Wahrheit nie länger als ein paar Sekunden an. Und dann waren sie fort. Für immer.
Ganz klein hatte Glenna auf der Etikette der Flasche ein Datum notiert. Der 15. April 1926. Was auch immer an diesem Tag geschehen war, es musste eine schöne Erinnerung gewesen sein, das spürte sie tief in ihrer Brust.
Bevor sie etwas unternehmen konnte, war Janet von ihrem Stuhl aufgestanden und warf ihr ein entschuldigendes Lächeln zu.
»Es tut mir leid, aber ich muss leider los. Aidans Babysitter muss heute früher weg.«
Sie packte ihre Jacke und die Handtasche, dann drückte sie noch einmal Glennas Arm.
»Wenn du etwas brauchst, melde dich einfach, ja?«
Glenna war etwas überrumpelt von dem raschen Abschied, konnte aber nichts anderes tun, als ihn hinzunehmen.
Was für eine Verschwendung von magischem Whisky, aber sie hatte ja noch die anderen Damen da.
»Mach ich, Liebes«, sagte sie.
Als Janet gegangen war, nahm Glenna nun ebenfalls einen Schluck von ihrem Glas, dann schloss sie erneut die Augen und ignorierte das Gespräch, das die anderen drei aufgenommen hatten.
Sie malte sich ein Bild vor dem inneren Auge. Sie zeichnete zarte Flügel, schwarze Knopfaugen und ein liebliches Trällern. Sie gab dem Bild einen Auftrag und einen Sinn und ließ es entweichen.
»Oh nein!«, hörte sie Eileen sagen und Glenna riss die Augen auf.
Doch durch das offene Fenster war nur ein kleiner Vogel hereingeflattert mit grünem Bauch und bläulichen Flügeln. Er setzte sich auf die Lehne von Dorothys Stammplatz und legte das Köpfchen leicht schräg.
»Der Arme«, sagte Eileen und legte die Hand vor ihren Mund.
»Er sieht nicht aus, als wäre er verängstigt«, meinte Priscilla.
Der Vogel hüpfte etwas nach links und dann wieder nach rechts und trällerte vor sich hin.
»Ein Grünfink«, half Glenna den Damen auf die Sprünge und atmete erleichtert aus.
»Tatsächlich«, hauchte Lisbeth. »Wie der Kleine, den Dorothy damals von Hand aufgepäppelt hat, wisst ihr noch?«
Priscilla nickte und ein leises Lächeln stahl sich auf die Gesichter der Frauen.
Natürlich erinnerten sie sich. Dorothy war aus dem Häuschen gewesen und hatte jede Minute für den kleinen Fratz geopfert.
»Vielleicht ist es derselbe?«, meinte Eileen. »Vielleicht will er auf Wiedersehen sagen.«
Sie nickten alle andächtig und Glenna konnte sich sogar vorstellen, dass sie das wirklich glaubten.
Glenna wusste, dass es nicht derselbe Vogel war. Dieser Vogel hier existierte nur in der Vorstellung der vier versammelten Frauen. Aber es genügte, um die Runde von Dorothy Abschied nehmen zu lassen.
Der Vogel plusterte die Federn, dann sang er ein letztes Lied und verschwand wieder durch das Fenster.
»Tschüss, kleiner Vogel«, rief ihm Eileen hinterher und musste tatsächlich eine Träne verdrücken, wie es schien.
Glenna ließ sich in ihrem Stuhl zurücksinken und blickte etwas wehmütig auf die Whiskyflasche mit dem Datum. Sie hatte eine Vermutung, welche Erinnerung sie soeben für den kleinen Vogel geopfert hatte. Im April dieses Jahres war etwas geschehen, das ihr Leben verändert hatte und sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie genau dies von statten gegangen war.
Ein Band legte sich um ihren Hals.
Es war immer dasselbe. Wenn sie ihre Magie wirken wollte, so musste sie starke Erinnerungen destillieren. Je stärker, desto besser. Etwas Belangloses genügte nicht dafür.
Glenna wurde aus ihren Gedanken gezerrt, als das Telefon der Rezeption klingelte.
Mit einem Seufzen erhob sie sich aus dem Stuhl.
»Ihr entschuldigt mich, meine Lieben.«
Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:
Vorschau auf das Kapitel „Drei Regeln“ von nächster Woche: