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Die Begriffe F., bourg und borgo bezeichnen Siedlungen zwischen Stadt und Dorf mit polit., wirtschaftl. und religiös-kulturellen Zentrumsfunktionen, die nicht mit einem umfassenden Stadtrecht, sondern allenfalls mit einzelnen Privilegien wie z.B. dem Markt- oder dem Burgrecht ausgestattet waren (Märkte). Solche Vor-, Klein- und Kümmerformen der Stadt waren z.T. das Ergebnis langer, schon im HochMA einsetzender Entwicklungen, die oft nicht in Quellen zu fassen sind; z.T. erhielten aber auch Dörfer das Marktrecht von den Landesherren im Zuge des spätma. Ausbaus der Territorien.
Die mittelhochdt. Bezeichnung F. tritt seit dem 13. Jh. in den Formen flecken und marktfleck in den Quellen auf. Als F. galten Ortschaften wie Appenzell, Herisau, Altdorf (UR) und Schwyz, aber auch Langnau im Emmental oder Beromünster. Viele F. entstanden im Schutz von Burgen oder Klöstern, andere sind aus agrar. Einzelhofsiedlungen oder geschlossenen Dörfern hervorgegangen. Im 12. Jh. boten sie das Bild kleiner, locker um die Kirchen gruppierter Häusergruppen. Durch das Fehlen von Mauerringen oder anderen Befestigungen unterschieden sich die F. von den Städten. Charakteristisch für sie waren die zentralen Haupt- oder Marktplätze, an deren Rändern die Pfarrkirche und eventuell auch das Rathaus lagen. Dazwischen fügten sich Holzhäuser, die teilweise gereiht waren, aber keine geschlossene Front bildeten.
Auffallenderweise sind F. im Gebiet der heutigen Deutschschweiz grösstenteils im voralpinen und alpinen Raum zu finden, da der Prozess der ma. Städtegründungen hier aus vorwiegend topograf. Gründen Halt machte, obwohl sich diese Kulturräume von ihrer Wirtschafts- und Sozialstruktur vielleicht auch für Stadtgründungen geeignet hätten. Einige F. im alpinen Raum verdankten ihr Marktrecht der direkten Erteilung durch den Kaiser.
Ab dem 13. Jh. nahmen einige der F. die Stellung eines Hauptortes in unabhängig werdenden ländl. Gebieten ein. Diese F. zeichneten sich durch den Entwicklungsstand des Gemeinwesens und ein entsprechendes Bewusstsein aus; Schwyz führte z.B. damals ein eigenes Landessiegel. In diesen polit. Zentren lagen das Rathaus und die Gerichtsstätte für das dazugehörige Gebiet, und deren Bewohner besetzten jeweils die meisten gemeinsamen Verwaltungsämter. Die Einwohner der umliegenden Dörfer, die oft nur über eine Kapelle verfügten, waren hier kirchgenössig. Unter Umständen konnte dieser spezielle Typus des F.s später in wirtschaftl. Hinsicht stadtähnl. Charakter annehmen, wie beispielsweise Schwyz, in dem sich die Handwerker im 15. und 16. Jh. zu Zünften zusammenschlossen.
Die Begriffe bourg und borgo der franz. bzw. der ital. Sprache haben eine ähnl. Bedeutung. Seit dem HochMA wurden überdies zuerst mit dem lat. burgus und dann auch mit der ital. und franz. Form die Handwerker- und Kaufleutesiedlungen bezeichnet, die sich in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Klosters, einer Burg, eines Bischofssitzes oder aber auch ausserhalb der Mauern einer schon bestehenden Siedlung entwickelten (siehe auch Vorstädte). Diese Siedlungen bestanden anfänglich oft nur aus zwei Häuserreihen, die sich längs der Ausfallstrasse erstreckten. Häufig wurden diese bourgs bzw. borghi später in den Mauerring miteinbezogen. Im Sottoceneri nannte man im 12. Jh. auch die mit der Stadt Como verburgrechteten Dörfer burgi bzw. borghi. Die Bewohner dieser Ortschaften genossen die stadtbürgerl. Privilegien, ausserdem waren sie von den onera rusticana befreit ( Ausbürger).
Literatur
– H.-W. Ackermann, Beitr. zur Verfassungsgesch. des Appenzellerlandes bis zu den Befreiungskriegen, 1953
– L. Carlen, «Alpenlandschaft und ländl. Verfassung besonders im Tirol, im Wallis und in den Walsersiedlungen», in Monfort 21, 1969, 335-353
– Kdm AR 1, 1973, 50-54
– Kdm SZ NF 1, 1978, 49-62
– Kdm AI, 1984, 129-140
– F. Häusler, Die alten Dorfmärkte des Emmentals, 1986
– W. Meyer, 1291. Die Geschichte, 1990
– Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 2/2, 1991, 724-727
– T. Fuchs et al., Herisau, 1999, 100-104
Autorin/Autor: Beat Häusler