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Fragen wir spontan eine x-beliebige Person aus unserem Umfeld, welche Menschen ihr im Zusammenhang mit Hochbegabung in den Sinn kommen, werden mit grösster Wahrscheinlichkeit Namen wir «Einstein», Hawking oder «da Vinci» fallen, evt. auch Mozart oder Picasso. Nun lässt sich fragen, ob all die erwähnten Personen im landläufigen Sinn hochbegabt, also mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet waren. Bei den Wissenschaftlern fällt die Antwort wohl leichter also bei den Mozart und Picasso, die sich mit immenser Produktivität und Kreativität hervortaten.
Dieses kleine Gedankenexperiment zeigt, wie wenig Trennschärfe wir im Alltag zwischen beiden Begriffen ziehen. In diesem Blogartikel sehe ich, wie in der Forschung üblich, Hochbegabung als weit überdurchschnittliche Intelligenz, die zu einer hohen Problemlösefähigkeit führt.
Was aber ist denn Kreativität?
Der im Alltag fast schon inflationär gebrauchte Begriff, der oft auf die gestalterischen Domänen wie Musik und bildnerisches Gestalten reduziert wird, stammt aus dem Lateinischen „creare“ und bedeutet „kreieren“, „erschaffen“, also etwas in die Welt setzen, das vorher nicht vorhanden war. In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle und Ansätze: Das klassische Modell umfasst die kreative Person, das kreative Produkt, den kreativen Prozess und die kreative Umgebung.
Mehr zu diesen drei Aspekten finden sich auf meiner Webseite:
Wo ist der Zusammenhang zwischen Kreativtät und Intelligenz?
Die Frage nach dem Zusammenhang von Intelligenz und Kreativität war in der frühen Kreativitätsforschung eines der zentralen Probleme. Setzt das eine das andere voraus oder sind sie vollkommen unabhängig voneinander?
Der
Kreativitätsforscher J.P. Guilford, der Kreativität als Teil der Intelligenz erachtet, entwarf ein Würfelmodell, das die drei Ebenen Inhalt, Operation und Produkt unterscheidet. Damit würden sich
150 Aspekte von Intelligenz herausarbeiten lassen. Das für uns als Erzieherinnen, Pädagoginnen und Eltern Entscheidende ist, dass Guilford als Erster das divergente Denken als Facette
der Intelligenz bezeichnete und gleichzeitig auch aufzeigte, wie dieses erfasst werden könnte. Ganz anders nämlich als beim konvergenten Denken, das versucht, linear die einzig korrekte Lösung
herauszuarbeiten, sind bei divergentem Denken möglichst viele und auch unkonventionelle Lösungen, die verschiedene Bereiche tangieren, gesucht. Originalität, Ideenflüssigkeit und Flexibilität
sind demnach Versuche, Kreativität zu quantifizieren und letztendlich zu messen. Allerdings geht Kreativität weit über divergentes Denken hinaus. Aber im Alltag können wir mit Fragestellungen,
die auf viele Möglichkeiten abzielen, helfen, Kreativität herauszukitzeln. Auch kann es sinnvoll sein, sich ein Repetoire an Kreativitätstechniken anzueignen, die zu gegebener Zeit unterstützend
eingesetzt werden können.
Als Beispiel für Fragen, die auf divergentes Denken abzielen, zitiere ich Guilford mit seinem Klassiker: «Nennen Sie möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein!» Wie viele kommen Ihnen so spontan in den Sinn? Fünf? Zehn? Zwanzig? Die Möglichkeiten sind ungezählt, wenn wir der Phantasie ihren Lauf lassen!
Eine weitere Idee der psychologischen Forschung war, dass Kreativität und Intelligenz erst ab einem gewissen IQ- Level zwei verschiedene Dinge sind. Diese These wird aber nach wie vor unterschiedlich beurteilt, was auch damit zusammenhängen kann, dass sowohl Intelligenz wie Kreativität auf unterschiedliche Art und Weise gemessen werden können.
Das Drei-Ringe-Modell
Mit seinem «Drei-Ringe- Modell» war Joe Renzulli (1978) der erste Begabungsforscher, der eine starke Akzentverschiebung vom Potenzial zur Leistung einführte. Welches Kind hoch begabt ist und welches nicht, interessierte ihn weniger als die Frage, was einige Menschen befähigt, ihr intellektuelles, motivationales und kreatives Potenzial in Hochleistung umzusetzen, während dies andere mit vergleichbaren Potenzialen nicht schaffen. Primär geht es Renzulli jedoch um die Freude am Lernen, die in einem Unterrichtssetting, das die Interessen des Kindes und seine Kreativität berücksichtigt, unterstützt werden sollte.
In seinem „Drei-Ringe-Modell“ beschreibt Renzulli das Zusammenspiel von drei Hauptfaktoren: „Überdurchschnittliche allgemeine oder spezifische Fähigkeiten (nicht zwingend herausragende Fähigkeiten), Kreativität zum Aufspüren von Problemsituationen und zur Generierung verschiedener Lösungsmöglichkeiten, sowie hohes Engagement (eine fokussierte Form von Motivation) zur Umsetzung der besten Lösung“ (Rogalla und Renzulli, 2007).
Fokussieren sich Lehrpersonen und Anbieter von Förderprogrammen zu sehr auf das Potenzial, also die angeborener Intelligenz, kann die Gefahr bestehen, dass viele fähige Kinder, die keine weit überdurchschnittliche Intelligenz aufweisen, von speziellen Förderprogrammen ausgeschlossen werden. In einer Kontrollgruppenstudie von Reis (1982) konnte nachgewiesen werden, dass Kinder mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz ebenso hochwertige kreative Projekte erstellen konnten wie Kinder mit einer weit überdurchschnittlichen Intelligenz (IQ von mindestens 130).
Renzulli distanziert sich klar von einer statischen Intelligenzdefinition und bringt seine entwicklungsorientierte Position durch die Auffassung zum Ausdruck, dass eine Person nicht als hochbegabt geboren wird, sondern vielmehr hochbegabtes Verhalten entwickelt. Voraussetzung für diese dynamische Entwicklung von Begabungen ist allerdings das optimale Zusammenwirken dieser drei Persönlichkeitsmerkmale. Nur dann könne sich hohe Leistung zeigen.
Deshalb fordert Renzulli, dass bei möglichst vielen Kindern ein Bereich mit hohen Fähigkeiten diagnostiziert wird und in diesem Bereich Kreativität und Engagement gefördert werden. Hier (z.B in Sprache) soll durch die Interaktion der drei Faktoren Kreativität, hohe intellektuelle Fähigkeiten und Engagement kreative anspruchsvolle Leistung wie z.B. das Schreiben von Gedichten entstehen können. Zudem sollten 15-20 % der Kinder mit besonders hohen Lernvoraussetzungen Fördermassnahmen in Form von Anreicherung des Lernstoffes erhalten.Renzulli lehnt die einseitige Diagnostik über Intelligenztests ab und fordert, dass Faktoren wie Aufgabenzuwendung und Kreativität berücksichtigt werden müssen, um nicht nur die sogenannten "Schulbegabten" zu entdecken, sondern auch die "kreativ-produktiv Begabten".
Man tut als Eltern Kindern keinen Gefallen, wenn man sie dem Nürnberger Trichter gleich mit reproduzierbarem Wissen abfüllt. Natürlich fragen vor allem Kinder mit hohem Potenzial ihren Bezugspersonen Löcher in den Bauch. Aber anstatt sie einfach mit Antworten, die dann wahrscheinlich mit den Fragen «aber warum?» und „und dann?“ quittiert werden, ruhigzustellen, ist es viel spannender und zielführender, Kinder nach ihren Meinungen und Gedankengängen zu fragen. Diese Gedankenkonstrukte beruhen auf ihrem (Vor-) Wissen, mögen vielleicht in ihrer Ausdrucksweise sehr simpel sein und sind doch verblüffend logisch. Kinder zum eigenständigen Denken anzuregen, ist eine Aufgabe, die nicht immer einfach ist. Gerade auch deshalb plädiere ich für Spielzeug, das multifunktional einsetzbar ist, das Raum für Phantasie und Vorstellungsvermögen gibt. Die heutigen Kinder werden sich mit Problemen konfrontiert sehen, an die wir Erwachsenen nicht einmal denken und deren Lösungen ein hohes Mass an kreativem, unkonventionellem Denken erfordern. Wir tun uns allen einen grossen Gefallen, wenn wir in Alltag und Unterricht Platz dafür schaffen.