Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03579.jsonl.gz/557

Annette von Leos Carax ist ein schöner Film, aber er wäre noch schöner, wenn nicht die ganze Zeit über musiziert und gesungen würde. Es sei denn, man ist ein grosser Fan der Sparks, die für Carax Drehbuch und Score schrieben. Herausgekommen ist jedenfalls ein (Rock-)Musical, in dem Carax eine Welt des reinen, kalten und verallgemeinerten Spektakels besingt, eine Welt, aus der jeder Lyrismus verschwunden zu sein scheint – und das auf ungeheuer lyrische Art und Weise.
Also ein Musical. Man braucht dazu, und Carax zeigt es von der ersten Szene an, Leute, die Musik spielen (die Sparks in einem Studio), und jemanden, der sie mixt (er selbst, in einem Tonstudio, in Gesellschaft seiner Tochter). Man braucht Sängerinnen und Schauspieler, die sie singen und verkörpern und die wir in einer langen Plansequenz abfangen, wie sie das Studio verlassen, raus auf die Strassen gehen. Da wäre einmal Henry, gespielt von Adam Driver, ein Stand-up-Comedian, und Marion Cotillards Ann, eine Opernsängerin. Zwei Stars, die ein Liebespaar sind. Sie besteigt eine Limousine, die sie zur Oper bringt; er setzt sich auf sein Motorrad und rast zu seiner allabendlichen Show. Wie ein Boxer im Bademantel bereitet er sich auf seinen Auftritt vor, zerdrückt Bananen im Aschenbecher und schlurft auf die Bühne, wo er sein Publikum mit geschmacklosen Zoten zum Lachen zwingt, als würde er es kitzeln, was durch einen mechanisch-stechenden «Ha-ha-ha»-Gesang hervorragend zur Geltung kommt. «I killed them», sagt Henry später zu Ann, die, ganz ätherische Diva, ihm antwortet: «And I saved them».
Das Publikum töten, das Publikum retten, das sind die letzten und radikalen Optionen, zwischen denen alle Kunst, und damit die Kunst des Kinos, bei Carax heute zögert. Es gibt keine Zwischentöne mehr, keine Nuancen, dazu sind die Dinge zu ernst. In seinem letzten Film, dem genialen Holy Motors, ging es noch darum, durch den Reigen der vielen von Denis Lavant verkörperten Rollen eine Welt, aus der die alten Götter verschwunden waren (die grossen Maschinen, die Mitchell-Kameras, mit denen Carax seine ersten Filme gedreht hatte und die er in Interviews immer wieder erwähnt, der Glanz des alten Kinos), erneut zu verzaubern: Da die Welt zunehmend voller kleiner digitaler Kameras steckt, kann jede*r zum Schauspielenden werden und ihr ein wenig Poesie zurückgeben. Nun aber, knapp zehn Jahre später, sind die Kameras überall, sodass wir sie nicht mal mehr wahrnehmen. Das Spektakel ist total geworden. Daher das permanente Gesinge, auch wenn es, wie gesagt, nerven kann.
Das Spektakel gebiert seinerseits nur neues Spektakel. Der destruktive Henry und die erlösende Ann zeugen und kriegen ein Kind, die titelgebende Annette. Die ist eine Puppe, was eine irre Idee ist und wunderbar animiert. Die Puppe ist dermassen rührend, dass man für sie weit mehr Empathie aufbringt als für sämtliche Menschen, die sich in dem Film herumtreiben. Annette erweist sich als Wunderkind mit einzigartig schöner Stimme, woraufhin der destruktive Henry «Baby Annette» zum Weltstar macht und auf sämtliche Bühnen des Planeten zerrt, um seine Taschen zu füllen.
Das Spektakel untergehen lassen, das Spektakel retten: Es gibt nur noch diese beiden Optionen, und Carax geht bei beiden in die Vollen. Er zeigt uns eine Show-Welt in ihrer brachialen Hässlichkeit. Henry hat seinen MeToo-Moment, wenn ihm verschiedene Frauen sexuellen Missbrauch vorwerfen. Ansonsten gibt es schrille TV-Celebrity-Formate, Lasershow-befeuerte Massenveranstaltungen in Football-Stadien und Kinder-Stars wie Baby Annette, die wie ein digitaler Klon als austauschbares, auf sämtlichen Bildschirmen vervielfältigbares Maskottchen erscheint, über das alle Welt verfügen kann. Die Szenen, in denen Annette mit ihrem Kuscheltier auf der Bühne steht, sind grossartig; ein einsames Kind, durch dessen Mund, wie eine Rache an Henry und ein Trost für das Mädchen, die Stimme der abwesenden Mutter zurückkehrt. Auf der Seite der «Rettung» finden sich ausserdem Rückprojektionen wie im alten Kino, Opernbühnen, die sich zu Wäldern hin öffnen, magische Laternen und Einblendungen von Ann, die Henry vor Augen treten, bei einer nächtlichen Motorradfahrt durch die Wüste: Trugbilder der Schönheit in einer trostlosen Einöde.
Die Frage ist, ob das Publikum für diese Rettung des Spektakels bereit ist. Denn diese hat einen Preis: Das Publikum muss seine geliebten Figuren loslassen. Mit Henry schickt Carax einen dezidierten Kotzbrocken ins Rennen, mit dem es sich kaum identifizieren kann. Als würde Carax die Zuschauer*innen auffordern, sich nicht den Charakteren, sondern den Formen zuzuwenden: dem Dekor, der Kamera, der Mise en Scène, dem Blick des Autors – und Annette. Gerade sie verkörpert das Schicksal von hölzernen, ausgesaugten Charakteren, die nur durch das Begehren und die Identifikation der Anderen existieren (der Eltern, der Zuschauer*innen) – und gleichzeitig, als Artefakt, die Rache der Form an der Inhaltssucht: eine Wunderpuppe des Kinos, ausgestattet mit der rührenden Fähigkeit, die Liebe zu ihm erneut zu erwecken.
START 30.12.2021 REGIE Leos Carax BUCH Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael KAMERA Caroline Champetier SCHNITT Nelly Quettier MUSIK Ron Mael, Russell Mael DARSTELLER*IN (ROLLE) Adam Driver (Henry McHenry), Marion Cotillard (Ann Desfranoux), PRODUKTION CG Cinéma, Arte France Cinema, F/USA/MEX/D/BE/J 2021 DAUER 140 Min. VERLEIH Filmcoopi
Gefällt dir Filmbulletin? Unser Onlineauftritt ist bis jetzt kostenlos für alle verfügbar. Das ist nicht selbstverständlich. Deine Spende hilft uns, egal ob gross oder klein!