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| Athanasius (295-373) - Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns (De incarnatione Verbi)

42.
Wie einer angesichts der Tatsache, daß der ganze Körper vom Menschen in Bewegung gesetzt und beleuchtet wird, mit seiner Behauptung, es sei ungereimt, die Kraft des Menschen auch in der Fußzehe anzunehmen, wohl für unverständig erachtet würde, da er trotz seines Zugeständnisses, daß er den ganzen Körper durchdringt und bewegt, ihn nicht im Einzelteile sein ließe, so sollte auch der, der gläubig zugibt, daß der Logos Gottes im Weltall ist und das Weltall von ihm beleuchtet und bewegt wird, es nicht ungereimt finden, wenn ein menschlicher Körper von ihm bewegt und erleuchtet wird. Wenn sie aber deshalb, weil das Menschengeschlecht kreatürlich und aus dem Nichts entstanden ist, es nicht für passend finden, daß wir von [S. 657] einer Erscheinung des Heilandes in einem Menschen reden, so müssen sie ihn auch von der ganzen Schöpfung ausschließen; denn auch sie ist durch den Logos aus dem Nichts ins Dasein getreten. Wenn es aber nicht ungereimt klingt, daß der Logos in der Welt weilt trotz ihrer Kreatürlichkeit, dann ist es doch auch nicht ungereimt, wenn er in einem Menschen sich befindet. Denn was sie vom Ganzen denken wollten, das müssen sie auch vom Teile annehmen; ein Teil vom Ganzen ist ja, wie ich vorhin sagte, auch der Mensch. So ist es also durchaus nicht ungehörig, wenn der Logos sich in einem Menschen befindet und alles von ihm und durch ihn Licht, Bewegung und Leben erhält, wie auch ihre Schriftsteller sagen: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir"1. Was sagen wir also Lächerliches, wenn (tatsächlich) der Logos das, worin er weilt, als Werkzeug benützt, um sich zu offenbaren. Wäre er nicht in ihm gewesen, so hätte er sich seiner auch nicht bedienen können. Wenn wir sodann bereits zugegeben haben, daß er im Ganzen und in den Einzelteilen ist, wie sollte es unglaublich sein, wenn er sich in dem, worin er weilt, auch sichtbar macht. Denn wenn er mit seinen Kräften ganz in die Einzelteile wie ins Ganze eingeht und alles reichlich versieht2, und wenn er durch die Sonne oder den Mond oder den Himmel oder die Erde oder das Wasser oder Feuer sich offenbaren wollte, so würde es wohl niemand beanstanden, wenn er sich auf diese Weise vernehmen ließe und sich und seinen Vater zu erkennen gäbe; er schließt ja alles in einem Akt in sich zusammen und ist mit allem und in jedem Einzelteile zugegen und offenbart sich, ohne gesehen zu werden. Geradeso ist es wohl auch nicht ungereimt, wenn er, der alles ordnet und das Ganze belebt und den Menschen sich kundgeben wollte, sich eines menschlichen Leibes als eines Werkzeuges zur Mitteilung der Wahrheit und zur Offenbarung des Vaters bedient hat. Ein Teil vom Ganzen ist ja auch die Menschheit. Und wie der Verstand, der den ganzen [S. 658] Menschen durchwaltet, durch ein Glied des Leibes, die Zunge, sich offenbart, und dabei doch wohl niemand behauptet, dadurch verliere das Wesen des Verstandes, so erscheint es doch wohl auch nicht unpassend, wenn der Logos, der in allem ist, einen Menschen als Werkzeug benützt hat. Denn wenn es, wie vorhin gesagt, unziemlich war, daß er einen Leib zum Werkzeug nahm, dann gehörte es sich auch nicht, daß er im Weltall weilt.
1: Apg. 17, 28.
2: Nämlich mit Kraft.