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Am Ende des Films erzählen die Schwarzen Cowboys und ein Cowgirl in wenigen Sätzen von ihren Wünschen. Man hat sie zuvor als Laiendarsteller*innen in Nebenrollen gesehen, in einem Spielfilm, der ihr Leben und ihren Alltag als Hintergrund für seine fiktive Geschichte verwendet. «Yes, in Nord-Philly we ride horses», erzählt die junge Frau stolz in die Kamera, während neben ihr schon der Abspann läuft. Und sie ist davon überzeugt, dass der Reitstall, in dem sie gearbeitet hat, für sehr viele Schwarze eine ganz besondere Bedeutung hatte – weil sie sonst nichts hatten.
Mittlerweile bebaut die Stadtregierung von Philadelphia das Gebiet, in dem sich die Reitställe der Fletcher Street befanden, mit Wohnungen und Geschäften. Weshalb in Concrete Cowboy eine Schrifttafel nicht ohne Pathos und Melancholie verkündet, dass die mittlerweile Heimatlosen auf der Suche nach einem festen Stall seien, um ihr Erbe lebendig zu halten.
Man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass dieser Netflix-Film ein grossartiger Dokumentarfilm hätte werden können. Doch Produzent und Hollywoodstar Idris Elba in einer Hauptrolle sowie sein Regisseur Ricky Staub hatten einen Spielfilm vor Augen, der sich dieses Szenarios nur bedient.
Deshalb erzählt Concrete Cowboy die Coming-of-Age-Geschichte eines jugendlichen Schwarzen, der in der Schule wieder einmal Mist gebaut hat und nun selbigen in den Pferdeställen wegschaffen muss: Cole ist bockig, aggressiv und bester Kandidat dafür, auf die sogenannte schiefe Bahn im Leben zu geraten. Als sich seine alleinerziehende Mutter nicht mehr zu helfen weiss, packt sie den scheinbar missratenen Nachwuchs kurzerhand ins Auto und stellt ihn wie ein Gepäckstück vor die Tür seines Vaters Harp, den Cole seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Und auch nicht gleich findet, weil dieser sich mit anderen Cowboys hauptsächlich bei den Pferden im nahen Stall herumtreibt.
Dass Concrete Cowboy seine Agenda – konkret die Sichtbarmachung einer bislang wenig wahrgenommenen Kultur der Schwarzen Cowboys – wichtiger ist als ihre filmische Umsetzung, ist von Beginn an ersichtlich. Nicht zuletzt deshalb wirken Coles Mannwerdung und Herzensbildung wie ein uninspiriert auferlegtes Prüfungsverfahren. Der zu lösende Vater-Sohn-Konflikt, Coles Freundschaft mit dem wildesten Pferd im Stall, die Gefährdung seiner Resozialisierung durch den drogendealenden Cousin Smush und ein angedeutetes Romantic Interest: Schritt für Schritt arbeitet sich das Drehbuch nach dem Baukastenprinzip an den Themenfeldern ab, während die Kamera die desolaten Ställe und schmutzigen Strassen in sattgelbem Gegenlicht festhält.
Der amerikanische Western hat die Schwarzen Cowboys tatsächlich nicht weniger vernachlässigt als die chinesischen Eisenbahnarbeiter. Als moderner Stadtwestern verfolgt Concrete Cowboy somit einen doppelten Auftrag: als Hinweis auf diese historische Missachtung und auf die Gegenwart, in der sich die Geschichte für jene am unteren Rand der Gesellschaft zu wiederholen droht. Oder sich noch immer nicht verändert hat. Wenn am abendlichen Lagerfeuer zwischen den Abbruchhäusern die Cowboys sich über das Whitewashing in Hollywoodwestern beklagen, sprechen sie somit auch über jetzige Situation und nach wie vor unsichtbare Existenz.
Das Zuhause sei kein Ort, sondern die Familie, erklärt Harp seinem Sohn und meint damit den Zusammenhalt der Schwarzen Community in der Fletcher Street. Dass sich Concrete Cowboy letztlich dennoch nicht vom Bild der heilen Kleinfamilie als Lösung verabschieden mag, wirkt deshalb so, als würde man ein Pferd von hinten aufzäumen.
START 02.04.2021 REGIE Ricky Staub BUCH Ricky Staub, Dan Walser VORLAGE Greg Neri KAMERA Minka Farthing-Kohl SCHNITT Luke Ciarrocchi MUSIK Kevin Matley DARSTELLER*IN (ROLLE) Idris Elba (Harp), Caleb McLaughlin (Cole), Lorraine Toussaint (Nessie), Jharrel Jerome (Smush), Clifford «Method Men» Smith (Leroy) PRODUKTION Waxylu Films, Neighborhood Film, Green Door Pictures, USA 2020 DAUER 111 Min. STREAMING Netflix
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