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Ökologische Kampagnen, Aktionen der Regierungen und die Isolierung haben bis heute den Kern Amazoniens bewahren können – aber der Druck von aussen entwickelt sich zu einer wachsenden Bedrohung des ambientalen Gleichgewichts in der Region.

Ecosia und Forestle sind zwei umweltfreundliche Suchmaschinen, die von Yahoo, Bing, dem World Wide Fund For Nature (WWF) und der Naturschutzorganisation “The Nature Conservancy” unterstützt werden. Ecosia und Forestle funktionieren im Grunde wie andere Suchmaschinen, jedoch spenden beiden einen grossen Prozentsatz der Sucheinnahmen an Regenwaldschutzprojekte des WWF oder für The Nature Conservancy
Dadurch können die Nutzer mit jeder Suchabfrage etwa zwei Quadratmeter Regenwald bei Ecosia und etwas mehr als 0,1m² Regenwaldfläche bei Forestle retten – ohne auch nur einen einzigen Cent zu bezahlen.
Sieben von zehn im brasilianischen Amazonas-Regenwald gefällten Bäumen stürzen in drei Bundesstaaten zu Boden: Mato Grosso, Pará und Rondônia. Im Gegensatz dazu können die Bundesstaaten Amapá, Amazonas und Roraima auf 95% ihres unberührten Regenwaldes stolz sein. Dies ist das gegenwärtige Bild des meist bewachten, kostbaren und umworbenen Schatzes der Natur auf unserem Planeten – wegen seiner biologischen Diversifikation, seiner unzähligen kostbaren Trinkwasserquellen und seiner die Biosphäre regenerierenden Eigenschaften. Kurz gesagt: die Situation Amazoniens gleicht einem gut behüteten Brutkasten, der aber von allen Seiten von Gefahren umgeben ist. Die grösste Gefahr sind wir selbst, die Menschen, die Zivilisation, die darauf aus ist, die Grenzen des Regenwaldes zu beschneiden.
Mitten im 21. Jahrhundert, nach Jahrzehnten ökologischer Bewusstmachung, lebt man an der Peripherie Amazoniens immer noch nach der brutalen Lehre des Simon Bolivar (1783-1830): “Wenn die Natur gegen uns ist, sind wir gegen die Natur“. Bolivar, der Venezuela, Ekuador, Peru, Kolumbien und Bolivien vom spanischen Joch befreit hat, sah in der Natur lediglich ein weiteres Joch, aus dem es sich zu befreien galt. Dieselbe Mentalität herrscht immer noch unter den Siedlern in den Grenzgebieten des Regewaldes – und wird von den modernen Invasoren als Grund für den wirtschaftlichen Rückstand angegeben. Alfred Homma, ein Forscher des “Centro des Pesquisa Agropecuária do Trópico Úmido”, sagt dazu: “Die Wahrheit ist, dass jene Millionen von Bewohnern, welche innerhalb der geschützten Areale Amazoniens leben, sich von Produkten ernähren, die in Mato Grosso, Pará und anderen als Zerstörer des Regenwaldes gebrandmarkten Bundesstaaten kultiviert wurden“.
In seinem Innern gelingt es dem Regenwald, seinen Metabolismus relativ intakt zu halten – obwohl er an vielen Stellen unter der illegalen Invasion von Goldschürfern leidet, oder der chirurgischen Extraktion von kommerziell wertvollen Baumarten, wie zum Beispiel dem “Mogno“, dessen Stamm in Brasilien 1.200 Reais bringt, jedoch nach seiner Bearbeitung auf dem internationalen Markt zwölfmal soviel wert ist! Der amazonensischen Brutkasten beherbergt gegenwärtig zirka 23 Millionen Brasilianer, eine Bevölkerung, die zweimal so schnell wächst wie der Durchschnitt der restlichen Bevölkerung. Die wachsenden Bedürfnisse dieser Bewohner sind ein bedeutender Faktor, welcher die Wirtschaft an den Grenzen des Regenwaldes ankurbelt. Jeder einzelne der 750.000 Kleinbauern brennt jährlich zwischen einem und drei Hektar Wald ab. Was sie produzieren, ist gerade ausreichend für die Selbsterhaltung. Wenn etwas übrig bleibt, wird es an die Bewohner des inneren Regenwaldes verkauft. Das Heer jener Kleinbauern ist aber nur ein Brennpunkt der Zerstörung.
Im Westen werden Guerrilheiros und Drogentransport von der Brasilianischen Regierung bekämpft – mit der Aufstockung der militärischen Präsenz in dieser Region. Im Norden ist, aus der ambientalen Perspektive gesehen, die Situation besonders positiv. Die Konflikte zwischen Indianern und Bauern im Bundesstaat Roraima sind ein ernstes gesellschaftliches Problem. Was sonst ein besonderes Problem für die Umwelt bedeutet – die wachsenden Grossstädte – entfällt in dieser Grenzregion zu Venezuela, die höchstens ein paar kleinere Orte auf venezuelanischer Seite aufzuweisen hat, in denen viele Brasilianer einkaufen. Auf diese Weise fliesst deren Geld ins Nachbarland, das sich seinerseits ebenfalls gezwungen sieht, abzuholzen und Pflanzungen anzulegen.
Die grösste Zerstörung kommt aus dem Osten, mit den Sägewerken und den Viehzüchtern. Auch vom Süden droht ernste Gefahr – in Form eines Invasions-Zyklus, der vom Erfolg der Soja-Plantagen im Mittelwesten motiviert wird: Je näher am Äquator desto höher die Produktion, so heisst es – was bereits den Korridor einer Übergangsvegetation zwischen “Cerrado“ (Grassavanne) und Regenwald bedroht. Auf ihren empfindlichen und durchlässigen Grenzen wird Amazonien in einem Rhythmus abgeholzt, der wesentlich schneller voranschreitet als die Aggressionen in seinem Zentrum. Zwischen 1990 und 2002 hat man zirka 22 Millionen Hektar Regenwald abgebrannt. Diese Fläche entspricht Belgien, Dänemark, Holland und Portugal zusammengenommen! Mehr als 70% dessen, was der Regenwald jährlich einbüsst, wird von seiner Peripherie abgeholzt.
Der neueste Druck auf Amazonien verändert das traditionelle Modell der Brandrodung. Sein Zentrum befindet sich an der südlichen Regenwaldgrenze und heisst “SOJA“. Um die Vormarschgewalt dieses Phänomens zu begreifen, müssen wir in die 70er Jahre zurückgehen. Zu jener Zeit war das ökologische System im Süden Amazoniens, der “Cerrado“, fast ein menschenleeres Gebiet. Die berühmte Strasse “Belém – Brasília“ war ein roter Kratzer im grünen Wald – ein sauberer Schnitt im so genannten “Verlorenen Kontinent“ – der hie und da mal von einem mutigen LKW-Fahrer unter die Räder genommen wurde. Nun, wie man weiss, verwandelte sich die Ebene des “Cerrado“ in eine Kornkammer, und die staubige Strasse in eine Achse des Fortschritts in Richtung Norden. Der “Cerrado“ produziert inzwischen 46% der brasilianischen Sojaernte und 41% der Schlachtrinder Brasiliens. Die in Mato Grosso mit Soja bepflanzte Fläche ist seit 1990 um 400% gewachsen.
Die Sojabohne erreichte diesen Bundesstaat gegen Ende der 70er Jahre und wurde anfangs auf gerodeten Flächen rund um die Hauptstadt Cuiabá angepflanzt. Im Verlauf von zwanzig Jahren rückte die Soja 500 km weiter nach Norden vor, in direkter Linie in Richtung des Regenwaldes. “Die Sojabohne hat die Macht, Grenzen zu überschreiten, denn ihre Produzenten haben das Kapital und wollen ihre Plantagen erweitern“, erklärt João Paulo Capobianco, Sekretär der Abteilung “Biodiversifikation und Wälder“ des Umwelt-Ministeriums. Heute pflanzt man Soja intensiv in den Tälern des Rio Araguaia und Sinop, im Norden von Mato Grosso. Satellitenfotos haben sogar schon Plantagen viel weiter nördlich geortet“.
Die Gier der Soja-Pflanzer wäre weiter kein ökologisches Problem, wenn sie nicht direkt mit einer illegalen und unproduktiven Abholzung des Waldes einherginge – und den Viehzüchtern Vorschub leistete. Die Soja-Pflanzungen des “Cerrado“ produzieren zirka 3.000 Kilo pro Hektar – ein bisschen mehr als in den USA. Die Produktivität einer solchen Pflanzung ist in einem Jahrzehnt um 70% gestiegen. Dank dieses Produktionswachstums war es nicht nötig, die bestehende landwirtschaftliche Grenze auszuweiten. Im übrigen Teil des Landes hat sich das mit Soja bepflanzte Areal ebenfalls kaum verändert. Mit Bargeld in der Hand, kauft der Soja-Pflanzer in Mato Grosso Land auf, welches zuvor von Viehzüchtern besetzt war – und letztere kaufen ihrerseits Neuland von illegalen Holzfällern, die dieses Land abgeholzt und damit als Weideland vorbereitet haben.
Im Süden Brasiliens, wo das Land zirka zwanzigmal so viel wert ist, als es an der Peripherie des Amazonas-Regenwaldes kostet, muss der Soja-Pflanzer sich mit der Erhöhung seiner Produktion auf demselben Areal begnügen, wenn er seinen Gewinn erhöhen möchte. In der Nachbarschaft des Regenwaldes ist das anders: Dort verfährt man wirtschaftlicher, indem man Land von den Viehzüchtern dazukauft. Auf diese Weise schiebt sich der Rodungs-Zyklus immer weiter nach Norden vor. “Die Rodung ist ein Teil des Expansionsprozesses der amazonensischen Grenze und muss ganz objektiv betrachtet werden. Er wird zu einem Problem, falls man den Wald verliert, ohne dass aus ihm ein landwirtschaftliches Produktionssystem entsteht, das der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ambientalen Entwicklung der Region zugute kommt“, erklärt Daniel Nepstad, Wissenschaftler am “Institut für Ambientale Forschung Amazoniens“ (IPAM). Wenn die Sojabohne den Zyklus der Expansion ins Regenwaldgebiet nicht fördern würde, wäre sie ein guter Nachbar für den Regenwald. Das Problem ist jedoch, dass die Soja den Viehzüchter finanziert und dieser den Holzfäller, welcher dadurch motiviert wird, immer weiter nach Norden vorzudringen und die gerodete Fläche zu erweitern.
In den letzten Jahren haben Privatinitiativen den Staat als Propulsoren der Bezwingung Amazoniens abgelöst. Die Region hat sich in die globale Wirtschaft integriert und ist weniger abhängig vom Auf und Ab des übrigen Brasiliens geworden. Selbst mit dem derzeitigen langsamen Gang der Wirtschaft in Brasilien, ist die Tendenz in der Wirtschaft Amazoniens recht positiv. Die internationalen Preise für Soja und Fleisch werden von den “Fazendeiros“ täglich abgehört. Ein unveröffentlichter Report mit dem Titel “Abholzung in Amazonien: über die chronische Notwendigkeit hinaus“, verfasst von der IPAM, zeigt auf, dass in den letzten zehn Jahren 75% der Regenwald-Abholzung auf das Konto der extensiven Viehzucht gehen – besonders an der Waldperipherie – und die einen Bogen formt, der die Bundesstaaten Pará, den Norden von Mato Grosso und einen Teil von Rondônia umfasst. Die Viehherde in dieser Region hat sich zwischen 1990 und 2001 verdoppelt!
An der Ostgrenze hat der Marsch auf das Zentrum des Amazonas-Schatzes einen anderen Antrieb – die Straffreiheit für das Delikt illegalen Holzfällens. Die ersten grossen Sägewerke der Region wurden in den 70er Jahren in dem Ort Paragominas installiert, im Osten von Pará. Heute kann man den Lärm der Traktoren und Motorsägen schon 1.000 Kilometer weiter westlich vernehmen. Nach Daten der Weltbank und des “Instituto do Homem e Meio Ambiente da Amazônia“ (IMAZON) sind mehr als die Hälfte aller aus Amazonien stammenden Bäume illegal gefällt worden! Das bedeutendste Stimulanz zur Fällung der Bäume ist der enorme Gewinn bei diesem Geschäft. Die Nutzung des Waldes auf einer technischen Basis, welche den Wald als Ganzes schützt und erhält, bringt einen Gewinn von 71%. Das rücksichtslose Fällen der Bäume bringt 122%. Ausserdem zahlen die Sägewerksbesitzer keine Steuern, garantieren ihren Holzfällern keinerlei Arbeitsrechte und entnehmen dem Wald wesentlich mehr Holz, als ein Erhaltungs-Plan erlauben würde. “Die Sägereien sind der Vortrupp einer illegalen Besetzung Amazoniens, denn sie installieren eine Mindest-Infrastruktur für die spätere definitive Besetzung, und gleichzeitig garantieren sie den Besitz des Landes, das sie sich in den meisten Fällen einfach unter den Nagel gerissen haben“, sagt Adalberto Veríssimo, Wissenschaftler der IMAZON, dazu.
Schätzungen zeigen, wenn man die gegenwärtige Besetzungswelle des Regenwaldes nicht aufhält oder wenigstens verlangsamt, dass in den nächsten zwanzig Jahren 15% Amazoniens seine gegenwärtige Waldfläche verloren haben wird. Das scheint in reinen Zahlen ausgedrückt, nicht weiter alarmierend zu sein. Aber der Rhythmus der Zerstörung hat stark zugenommen. Die brasilianische Zivilisation hat fünf Jahrhunderte gebraucht, um eine Fläche abzuholzen, von der die Wissenschaftler schätzen, dass eine gleichgrosse in den nächsten zwanzig Jahren abgeholzt sein wird.
Trotz dieser Daten, welche auf den jüngsten Entwicklungen und der Gegenwart Amazoniens basieren, sind die Regenwaldschützer nicht vollkommen pessimistisch hinsichtlich seiner Zukunft. Grund ihres Optimismus ist der offizielle Schutz des gesamten Regenwald-Zentrums, sowie der Erfolg verschiedener wirtschaftlicher Aktivitäten, welche für das ökologische Gleichgewicht des Waldes harmlos sind, wie zum Beispiel die Industrien für Hochtechnologie in Manaus, die grossen Mineralien-Förderbetriebe und der Tourismus. Die kontinuierliche Beobachtung der Region durch Satelliten gibt ebenfalls Anlass zur Hoffnung. Früher konnten die ersten Satelliten eine natürliche Lichtung nicht von einer durch Abholzung entstandenen unterscheiden – und um auf einer solchen Satellitenfotografie überhaupt zu erscheinen, musste diese Lichtung wenigstens 8 Quadratkilometer gross sein. Die heutigen Fotos erlauben inzwischen sogar, den Pflanzenbestand der Fläche zu bestimmen, und sie erfassen bereits Lichtungen von nur 100 Quadratmetern! Mit dem Einsatz von 19 Radarstationen und acht Flugzeugen des Systems “Vigilância da Amazônia“ (Bewachung Amazoniens) SIVAM, hat sich die Kontrolle über den Amazonas-Regenwald in eine hoch präzise Operation verwandelt, die den Wissenschaftlern auch Daten über die Qualität des Wassers bestimmter Flüsse liefert und sogar über die Bewegung von Fischschwärmen. Die Quellen jedweder Aggression können mit absoluter Genauigkeit festgestellt werden. Jetzt heisst es lediglich das Gesetz anzuwenden!
Aus VEJA – von Leandra Peres und Leonardo Coutinho
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther für BrasilienPortal