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Es ist fast wie im Märchen. Ein mächtiger, reicher Mann, den in seiner Heimat alle kennen, will in seinem eigenen Garten nur die allerschönsten Bäume haben. Also fährt er durch das Land und sucht alle Bäume, die über hundert Jahre alt sind. Man sagt, dass einen der Besitz von ihnen länger leben lasse. Die Bäume lässt der Mann dann von seinen Dienern, die man heute «bezahlte Arbeiter» nennt, über Berg und Tal, Land und Meer transportieren. Seinem Volk, zu dem auch Umweltaktivisten zählen, die ihn kritisieren, erklärt er: «Das ist mein Hobby, ich liebe grosse Bäume. Riesige Bäume machen mir Spass.» Früher war er einmal der Präsident, aber man sagt, dass er auch heute noch der mächtigste Mann des Landes sei. Die Arbeiter haben Respekt vor ihm und seinem Geld, vielleicht auch ein bisschen Angst. Wenn sie über ihn sprechen, dann nur leise, als ob er sie hören könnte.
Sie haben keine Wahl, also machen sie sich an die Arbeit. Zuerst heben sie einen tiefen Graben um den Baum aus, damit sie dicke Stahlrohre unter dessen Wurzeln schieben können. Dann kommt ein grosser Kran, der den Baum samt seinen Wurzeln aufrecht auf einen oder zwei Lastwagen hebt. So wird der Baum schliesslich zur Küste gefahren, wo er auf ein Schiff verladen und übers Meer transportiert wird. Während all dies geschieht, widmet sich der mächtige, reiche Mann seinen anderen Geschäften. Zum Beispiel muss er gerade eine grosse Schweizer Bank verklagen, weil einer ihrer Angestellten ihm Geld gestohlen hat, das er so sicher wie in einer Oase vermutete. Als reichster Mensch in seinem Land bleibt ihm aber immer noch so viel, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht.
Schon gar nicht die Moral
Von dem allem handelt der Film «Grosser Baum auf Reise» aber nicht. Da geht es bloss um einen grossen Baum, der auf eine eindrückliche Reise durch ein Land im Osten geht, das Georgien heisst. Früher war es Teil eines noch viel grösseren Reiches, aber dann ging dieses unter, wobei einige Männer sehr reich geworden sind. Die meisten Leute sind aber so arm geblieben, dass sie froh sind, wenn ihnen jemand einen alten Baum abkauft, der sowieso nur Schatten auf den Gemüsegarten wirft. Und weil die Strassen oft zu schlecht sind, um mit den schweren Lastwagen einen grossen Baum zu transportieren, lässt der reiche Mann sie neu bauen. Da sind dann auch die armen Leute wieder froh. Und wenn andere Bäume zu nahe an der Strasse stehen und so den Transport des grossen Baums behindern, werden sie abgesägt. Das ist nicht schlimm, denn Bäume wachsen ja wieder nach.
Man muss allerdings zugeben, dass im Unterschied zu einem Märchen hier nicht so viel passiert. Auch wird einem nichts erklärt, schon gar nicht die Moral von der Geschichte. Man muss sich seine Gedanken selber machen. Darüber, ob das überhaupt gerecht ist, dass ein reicher Mann die schönsten Bäume des Landes für sich alleine haben kann. Und ob die Bäume nicht vielleicht glücklicher an jenem Ort waren, an dem sie die letzten hundert Jahre verbracht haben.
Und wer sich keine solchen Gedanken machen will, kann immerhin darüber staunen, zu was Menschen mit genug Einfallsreichtum, Geld und Skrupellosigkeit fähig sind. Jedenfalls interessiert es den Mann nicht, ob die Leute, in deren Dorf der grosse Baum stand, diesen vermissen werden. Einmal sieht man, wie sie den beiden Lastwagen, auf denen der Baum langsam aus dem Dorf herausgefahren wird, stumm hinterherlaufen. Als ob jemand gestorben wäre. Eine Frau ist so traurig, dass sie sich ihre Tränen abwischen muss.
Schätze im Garten
Die Regisseurin Salomé Jashi, die wie der reiche Mann aus Georgien kommt, hat mit «Grosser Baum auf Reise» einen wirklich schönen Film gemacht, der einen zum Staunen und Nachdenken bringt. Vor vielen Jahren hat ein anderer Regisseur namens Werner seinen liebsten Feind Klaus ein Schiff von einem Fluss über einen Berg in einen anderen Fluss ziehen lassen. Schon damals war man nicht sicher, ob man von einer solchen Leistung beeindruckt sein oder ob man darüber den Kopf schütteln soll. Das war aber nur ein Film, während die Geschichte mit den Bäumen wahr ist.
Der Film heisst auf Englisch übrigens «Taming the Garden», was übersetzt «Den Garten zähmen» bedeutet. Man würde da sofort an den Garten Eden aus der Bibel denken, aus dem die Menschheit vertrieben wurde, weil sie die Regeln nicht befolgt hat. Oder vielleicht geht es sogar um die ganze Welt, die vom Menschen gezähmt wird, weil sie einem vielleicht in ihrer natürlichen Form nicht so gut gefällt oder weil sich mit den Schätzen, die in ihr vergraben sind, noch mehr Geld verdienen lässt. Die Verantwortlichen, die den Film in der Schweiz ins Kino bringen, dachten jedenfalls, dass dieser Titel zu kompliziert sei, und haben ihn «Grosser Baum auf Reise» genannt, was ja durchaus der Wahrheit entspricht. Und wenn man sich über diese Entscheidung ein wenig lustig machen kann, kann der Film natürlich nichts dafür. Er zeigt einfach, was da passiert, in diesem Land, mit diesen Bäumen, auf dieser Erde, auf der reiche Männer solche Gärten anlegen können, in der die Bäume dann mit dicken Stahlseilen gestützt werden und mit Sprinkleranlagen begossen werden müssen, weil sie sonst sterben.
Jetzt im Kino oder online auf www.grosserbaum-schauen.ch
Grosser Baum auf Reise – Taming the Garden. Regie: Salomé Jashi. Georgien/Schweiz/Deutschland 2021