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Wir beherbergen in unserem Kopf einen bemerkenswerten chemischen Olymp. Wir denken uns das Denken nämlich wie folgt: Nervenzellen kommunizieren miteinander, indem sie sich mit Neurotransmittern bespritzen, sobald ein elektrischer Impuls vorbeikommt; je nach Anzahl der Spritzer entscheidet die besprühte Zelle, ob sie ihrerseits einen Impuls abfeuert oder nicht.
Mit den Neurotransmittern verhält es sich allerdings wie mit den antiken Göttern: Es gibt mehrere davon, vier wichtige und eine ganze Reihe weniger bedeutender. Wäre es nicht einfacher gewesen, sich auf einen festzulegen, so wie es einfacher wäre, wenn alle dieselbe Sprache sprächen? Aber aus Gründen, die im Dunst unserer evolutionären Vorzeit liegen, gibt es davon mehrere, die an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Arbeiten verrichten.
Dopamin ist eindeutig Venus, das Molekül der sinnlichen Anerkennung. Serotonin ist Athene: Wer sich mit ihr anlegt, wird Visionär oder verfällt dem Wahnsinn. Acetylcholin ist Hephaistos, der sich im Maschinenraum abrackert, und wer ihn stört, beispielsweise durch Einnahme von Fliegenpilzen, dem ergeht es übel. Gamma-Amino-Buttersäure ist die friedensstiftende Göttin Eirene, unermüdlich eilt sie umher, um Brände zu löschen und neuronale Kreisläufe zum Aussöhnungskuss zu zwingen. Ich bin leicht reizbar, weshalb sie meine Hausgöttin ist.
Die chemischen Götter unseres zerebralen Olymps werden durch eine dünne, aber undurchdringliche Mauer, die Blut-Hirn-Schranke, vor ungebetenen Besuchern geschützt. Sie lässt nicht viel hindurch, aber was hindurchgelangt, zeigt grosse Wirkung. Alkohol, Betäubungs- und Beruhigungsmittel passieren die Schranke und helfen Eirene bei der Arbeit. Alle Menschen brauchen Selbstvertrauen, aber die meisten von uns sind schüchtern, und der Alkohol hilft ihnen, Freunde zu finden. Wir sollen alle unerschrocken sein, stattdessen leiden wir unter mörderischen, chronischen Ängsten, solange wir uns nicht mit Hilfe von Beruhigungsmitteln an friedvolle Orte versetzen.
Doch manchmal schlagen Eirenes Helfer über die Stränge. Michael Jackson starb an dem intravenös verabreichten Anästhetikum Propofol, das ihm nur vorübergehend zu Schlaf verhelfen sollte. Millionen Menschen auf der ganzen Welt ruinieren ihr Leben und das anderer durch Alkohol und Tranquilizer. Ein Team aus sieben kleinen Hilfsgöttern der Eirene brachte Heath Ledger ums Leben und beraubte uns eines grossen Schauspielers. Manche von uns können ohne sie nicht leben, aber sie können uns nicht nur aus den chemischen Sackgassen befreien, aus denen wir ohne Hilfe nicht herausfinden, sondern oft treiben sie uns immer weiter hinein.
Der Prometheus dieser Geschichte ist der britische Pharmakologe David Nutt. Seit Jahren vertritt er die Ansicht, unsere vordringlichste Aufgabe sei die Entwicklung besserer Titanen, die den Göttern in unserem Kopf zur Seite stehen, statt dass wir weiterhin Gifte wie Ethanol oder Zufallsfunde wie Valium benutzen. Noch ist kein Adler herabgeschossen, um Nutts Leber zu fressen, aber zweifellos gibt es in Europa viele schräge Politiker, die sich dies wünschen. In Wahrheit haben wir, wie Prometheus’ Bruder Epimetheus, die Büchse der Pandora geöffnet und beklagen die Missetaten von Eirenes Gehilfen, ohne ihrer Wohltaten zu gedenken. Bald wird der Tag kommen, an dem wir merken, dass der Krieg gegen die Drogen nur gewonnen werden kann, wenn wir Gehilfen entwickeln, die dieser Götter würdig sind.