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Eine X- und eine Y-Achse, dazwischen eine Kurve, die aussieht wie die Silhouette eines Elefanten: Die sogenannte «elephant chart» zeigt die Auswirkungen der Globalisierung auf die Einkommen dieser Welt. Die erstaunliche Karriere einer einfachen Grafik.
Der 30 Seiten starke Bericht, den der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanovic 2012 für die Weltbank verfasste, bot inhaltlichen Sprengstoff. Milanovic hatte die weltweite Entwicklung der Einkommen zwischen 1988 und 2008 untersucht, einem Zeitraum, der auch als dritte Phase der Globalisierung bezeichnet wird. Seite 13 enthielt eine Grafik, die auf der X-Achse die globale Einkommensverteilung in Prozenten zeigte – von den Ärmsten bei 5 Prozent bis zu den Reichsten bei 100 Prozent –, auf der Y-Achse dagegen das reale Einkommenswachstum, gemessen in sogenannten «internationalen Dollars», einer von der Weltbank berechneten Vergleichswährung. Die Kurve steigt beim ärmsten Viertel der Menschheit scharf an, verharrt bis zum reichsten Drittel auf hohem Niveau, fällt dann bei drei Vierteln bis auf Null oder gar negative Werte ab, um erst beim allerreichsten einen Prozent aller Einkommen wieder stark anzusteigen. Im Klartext: Die vielen Armen, die Mittelschicht in den Schwellenländern vor allem Ostasiens und die wenigen Allerreichsten dieser Welt haben von der Globalisierung massiv profitiert; der Mittelstand der wohlhabenden Länder dagegen hatte ein Nullwachstum, wenn nicht gar einen Wohlstandsverlust zu beklagen. «Viele dieser Menschen», schrieb Milanovic zur Erklärung, «kommen aus früheren kommunistischen Ländern oder aus Lateinamerika, und auch die Einkommen vieler Bürger reicher Länder haben stagniert».
Nicht die Armen dieser Welt, sondern ausgerechnet der wohlhabende Mittelstand als Globalisierungsverlierer: Die Grafik widersprach jeder Intuition. Und weil sie frappant einem Elefanten mit erhobenem Rüssel ähnelte, machte sie als «elephant chart» eine publizistische Blitzkarriere. «Die wichtigste Grafik des letzten Jahrzehnts», wie sie zeitweilig gar genannt wurde, musste für eine ganze Reihe politischer Deutungen herhalten: für den Aufstieg populistischer Bewegungen in West- und Osteuropa, für den Brexit, für die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Indes: Der Elefant erwies sich als nicht ganz so mächtig, wie 2016 der Analyst Adam Corlett und die britische Resolution Foundation nachwiesen. Das Problem: Milanovic hatte das überproportionale Bevölkerungswachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern nicht berücksichtigt. In den letzten Jahrzehnten waren dort die Bevölkerungszahlen rascher gestiegen als in den reichen Industriestaaten. Der Anteil der Ärmeren an der Weltbevölkerung nahm daher zu, was die weltweite Statistik nach unten drückte. Das bedeutete auch: Einkommen, die zu Beginn im 70-Prozent-Abschnitt lagen, wanderten in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich nach oben, um am Ende in der Gegend von 75 Prozent zu landen. Die Untersuchung verglich also streng genommen Äpfel mit Birnen, sprich: die Einkommen ungleich vermögender Menschen miteinander und unterschätzte so insgesamt das Einkommenswachstum.
Das allerdings macht aus dem Elefanten noch lange keine Maus, im Gegenteil: Seine Form bleibt auch in Corletts bereinigter Berechnung (mit etwas Fantasie) ein Rüsseltier; allerdings zeigt die Chart diesmal eher ein Mammut. Über alle Einkommensschichten hinweg zeigt sich nämlich ein höheres Einkommenswachstum; selbst die Mittelschicht der reichen westlichen Länder, also die vermeintlichen Globalisierungsverlierer, verzeichnen nun Zuwächse von 5 bis 20 Prozent. Doch auch Corlett stritt nicht ab, dass die Globalisierungsgewinne in vielen Ländern der Welt unverhältnismässig stark den Allerreichsten zugeflossen sind.
Bleibt das Problem der Aktualität: Die Hochphase der Globalisierung ist längst vorüber. Milanovic hat seine Darstellung daher aktualisiert, zuletzt im Juli 2020. Das Ergebnis: Zwischen 2008 und 2013 zeigte sich bei den höchsten Einkommen kein erhobener Elefantenrüssel mehr, im Gegenteil: In diesen sechs Jahren verzeichnete die ärmere Hälfte weltweit deutliche Zuwächse; die mittleren Einkommen stiegen gar um mehr als die Hälfte an. Zu den Verlierern zählten diesmal ausgerechnet die Reichen der Welt, deren reale Einkommen mehr oder weniger stagnierten. Das aber lag nun nicht mehr an den Folgen der Globalisierung, sondern vielmehr an der 2008 ausgebrochenen Finanzkrise. Die globale Rezession, so schreibt Milanovic, habe die reichen Länder ungleich stärker getroffen als etwa das aufstrebende Asien. Namentlich das starke Wachstum in China und Indien habe die Ungleichverteilung abgeschwächt: «Eine deutliche Auswirkung der Finanzkrise war, dass sie das zuvor enorme Einkommenswachstum bei den reichsten Menschen dieser Welt zum Stillstand brachte».
Wie sich dereinst der Schock der Corona-Pandemie auf die weltweiten Einkommen auswirken wird, darüber kann allerdings auch Milanovic nur spekulieren. Eines aber sei jetzt schon klar: «Das Virus hat der Weltwirtschaft einen gewaltigen Schock versetzt, und die Auswirkungen auf die globale Einkommensverteilung werden vermutlich noch lange andauern, auch wenn wir sie zur Zeit noch nicht messen können».