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Man kennt wohl eher den gleichnamigen Film Vittorio de Sicas von 1970, der auf dem Roman Bassanis beruht. Allerdings war Bassani über die Verfilmung nur mässig glücklich. Vor allem die Figur des Protagonisten Giorgio schien ihm missglückt, indem der im Film einfach nur ein dummer Junge war. Im Buch entspricht Giorgio ein (wie bei Marcel Proust) namenloser Ich-Erzähler, der eben nicht nur ein dummer Junge ist. In diesem Ich-Erzähler – und hier zeigen sich fundamentale Unterschiede zwischen Film und Literatur, die dafür sorgen, dass die meisten Literaturverfilmungen scheitern – steckt nämlich nicht nur der Teenager und Twen zur Zeit der Ereignisse, sondern auch dessen rund 50 Jahre älteres Alter Ego. Somit werden alle Handlungen des Jünglings aus der Sicht eines reiferen Menschen interpretiert. Das Erzähl-Ich ist sozusagen verdoppelt: ein Jüngling, dessen Geist aber die Reife des alten Mannes vorweist. Das zeigt sich u.a. auch daran, dass gleich im Vorwort der Ich-Erzähler das Schickal der Finzi-Continis referiert – das Interesse des Lesers soll nicht darin liegen, was geschieht, sondern wie es Ich-Erzähler und die übrigen Figuren aufnehmen und interpretieren.
Il giardino dei Finzi-Contini von 1962 ist vordergründig die Geschichte der geistig-seelisch-sexuellen Entwicklung des Ich-Erzählers und seiner Adorata, Micòl Finzi-Contini. Beide stammen aus einigermassen wohlhabenden jüdischen Familien in Ferrara – die Finzi-Contini aber die bei weitem wohlhabendere Familie. Nicht das verunmöglicht allerdings eine Verbindung der beiden, sondern ihre Jugend und Unerfahrenheit, die sie daran hindert, mit dem eigenen Körper oder der eigenen Sexualität umgehen zu können.
Aber Il giardino dei Finzi-Contini ist kein Liebesroman und nur in eingeschränktem Masse ein Entwicklungsroman. Vor allem ist er ein Panorama der wohlhabenden jüdischen Gesellschaft Mitte und Ende der 1930er Jahre in Italien. Während der italienische Faschismus ursprünglich die Juden in Ruhe liess (was dazu führte, das selbst Juden dem Partito Fascisto beitraten, wie Bassani nebenbei notiert), wurden ab 1938 die Leggi razziali erlassen. Bassanis Protaginisten erfahren sie am eigenen Leib in Form der Tatsache, dass die wohlhabenden jungen Leute jüdischer Herkunft aus dem Tennisclub ausgschlossen werden. Sie treffen sich nun halt informell auf dem einzigen privaten Tennisplatz der Stadt – dem der Finzi-Continis. Allerdings interessiert den Autor die Tatsache, dass der Anti-Semitismus in Italien ab 1938 zunimmt, um in Deportationen in Vernichtungslager zu enden, nur nebenbei. Hauptsächlich finden wir in Il giardino dei Finzi-Contini eine Schilderung des Untergang einer gutbürgerlichen Gesellschaft, die einigermassen an Thomas Manns Die Buddenbrooks erinnert. Will sagen: Die Beihilfe, die der Faschismus an den Untergang dieser Welt liefert, ist bei Bassani sekundär – dieses jüdische Bürgertum, so der Eindruck beim Lesen, wäre so oder so zu Grunde gegangen. Deshalb schon zu Beginn die Mitteilung des Ich-Erzählers, dass die Finzi-Continis in einem Konzentrationslager enden werden.
Fazit: Die Lektüre des Romans lohnt sich – vor allem wegen der komplex angelegten Figur des Ich-Erzählers,
Wie man unschwer aus dem Titel des Aperçus schliessen kann habe ich die Übersetzung von Jamie McKendrick ins Englische gelesen, erstmals 2007 bei Penguin erschienen, hier in der Ausgabe der Folio Society von 2014.
Ein Wort noch zur deutschen Übersetzung des Titels (den Rest der Übersetzung kenne ich nicht): Es scheinen mir da gleich zwei Fehler vorhanden zu sein. Zum einen besitzt die Familie Finzi-Contini nur einen Garten – offenbar sind Übersetzer oder Verleger die Hängenden Gärten der Semiramis in die Quere gekommen. Zum andern will mir scheinen, dass beim Familiennamen das Plural-S fehlt. Weder ist Finzi-Contini im Italienischen Mehrzahl (auch ein einzelner Finzi-Contini heisst Finzi-Contini; anders ist es, nebenbei gesagt, beim Spaghetto, wo die Mehrzahl tatsächlich Spaghetti lautet, und nicht, – bitte, bitte – Spaghettis), noch ist bei Bassani nur der Garten der Micòl Finzi-Contini gemeint, wie im Deutschen, wenn ich vom „Garten der Huber“ spreche und damit (sehr unhöflich) den Garten der Frau Huber meine. (Nämlich: Wenn ich den Garten der Familie Huber meine, würde ich vom „Garten der Hubers“ sprechen.)