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Vor 100 Jahren, am 11. April 1915, kam «The Tramp» ins Kino. Die berühmteste Figur von Charlie Chaplin gilt als prägendste Gestalt des Stummfilms – neu erleben kann man sie ab 2016, wenn in Vevey das erste Chaplin-Museum der Welt eröffnet wird.
Es dauert ein paar Sekunden, da liegt er zum ersten Mal im Dreck. Der namenlose Landstreicher mit Zweifingerschnauz, zu weiter Pluderhose und Melone auf dem Kopf spaziert mit seinem Stock in der Hand und seinem Bündel unter dem Arm eine Strasse entlang, als er wegen eines vorbeifahrenden Autos zur Seite springt. Das moderne Bürgertum, verkörpert durch die rücksichtslosen Autofahrer, braust vorbei, ohne sich um jenen zu kümmern, der auf der Strecke blieb.
Am Ende aber hatte der «funny little fellow» meistens die Oberhand: Er behielt seine Würde, und manchmal gab’s noch ein Mädchen dazu. Charlie Chaplin entwickelte mit der Figur des «Tramp» die erste Ikone auf den Leinwänden des Kinos – und sich selbst zum Weltstar einer Unterhaltungsgattung, die sich erst gerade aus der Wiege erhob.
Die Erfindung des Slapstick
Hollywood, wo er, 1889 in eine bettelarme Familie in London geboren, als Bühnenschauspieler auf Tour 1913 haltmachte, war damals nur ein kleiner Vorort von Los Angeles, doch wurden dort schon Filme gedreht. Sehr kurze in der Regel, mit stets wiederkehrenden Figurenelementen, die die ersten Archetypen der Filmgeschichte schufen. Dazu gehörte die Gruppe der ordnungsbesessenen Polizisten, die jeden Aufruhr niederknüppelten und dem Genre damit seinen Namen gaben: Slapstick.
Chaplin fügte mit dem «Tramp» eine eigene Figur hinzu. Ihre Anfänge verlieren sich im Legendenschrank aus der Frühzeit der Traumfabrik: Seine zu weite Pluderhose und das zu enge Jackett soll er im Kostümfundus der frisch gegründeten Keystone-Studios, wo er seine erste Anstellung hatte, gefunden haben. Bereits in seinem zweiten Film als Darsteller hat er sie eingesetzt. In «Kids Auto Races At Venice» spielte Chaplin erstmals den «Tramp», der mit seiner Neugier und seinen Grimassen die Filmaufnahmen eines Seifenkistenrennens stört. Hier noch eine Nebenfigur, hat Chaplin die Gestalt, die ihn berühmt machen sollte, bereits vervollkommnet. Schnauz, Stock, Melone – alles da.
Chaplin konnte sich kaum noch von der Figur lösen
Ein Jahr später folgte mit «The Tramp» die erste Hauptrolle, für die Chaplin gleich selbst Regie führte. Mit der Figur wurde er derart erfolgreich, dass er sie fortan noch Dutzende Male spielen sollte, in Kurz- wie in Langspielfilmen, und der frühen Karikatur fortlaufend mehr innere Tiefe verlieh. Unvergessen sein Tanz mit den aufgespiessten Brötchen in «Goldrush», legendär seine stuntreife Rennerei über die Dächer im autobiografisch gefärbten Kindheitsdrama «The Kid».
Und in «Modern Times» schickte er die Figur des liebenswerten Tramps ins gnadenlose Räderwerk der Moderne: Der kleine Arbeiter, der in der Katerzeit der «Great Depression» von der fortschreitenden Industrialisierung wortwörtlich in die Zange genommen wird. Da haben seine Filme bereits eine abendfüllende Länge angenommen, sind ebenso politisch-gesellschaftskritisch wie auch humoristisch und arbeiten mit Millionenbudgets, aber etwas ist geblieben: der «Tramp», das Gesicht des Stummfilms, dessen Überführung ins Zeitalter des Tonfilms Chaplin stets verweigerte.
Erst in «Modern Times», 20 Jahre nach dem Leinwanddebüt der Figur, liess er erstmals die Stimme des Tramps hören, ohne jedoch mit seinem Bekenntnis zum Stummfilm zu brechen: In der Tanzszene singt er ein Lied, ohne jedoch den Worten Bedeutung zuzumessen. Es ist ein Kauderwelsch, gespickt mit französischer und italienischer Lautmalerei.
Auch wenn der Schnauz in der Hitler-Parodie «Der Grosse Diktator» zwangsläufig noch einmal auftauchte, so bedeutete Chaplins Übertritt in den Tonfilm doch das Ende seiner berühmtesten Figur. Damals, in den 1930er-Jahren, war Chaplin bereits ein unangefochtener Weltstar, und die Retrospektive dieses Lebens, das in den Londoner Armenvierteln des ausgehenden 19. Jahrhunderts begann und in Reichtum und Ruhm endete, wird man ab nächstem Jahr am Ort seines letzten Schauplatzes begutachten können, an den Ufern des Genfer Sees.
Im Manoir de Ban, einem Luxusanwesen in Vevey, verbrachte Chaplin die letzten 25 Jahre seines Lebens, nachdem er 1952 der USA wegen dem antikommunistischen Furor der Mc-Carthy-Jahre den Rücken kehren musste.
Chaplin starb 1977, seine letzte Frau Oona folgte ihm 1991, danach stand das Anwesen im Besitz der Chaplin Foundation jahrelang leer. Gegenwärtig wird es nun renoviert und ausgebaut, 2016 soll es als Charlie-Chaplin-Museum öffentlich zugänglich gemacht werden: als modernes, mit Multimedia hochgerüstetes Zentrum, in dem nicht nur die rund 80 Filme Chaplins zu sehen, sondern auch mittels nachgebauter Kulissen die Landschaften seiner berühmtesten Szenen begehbar sein werden. Inklusive, so ist anzunehmen, des Farmbetriebs, in dem der «Tramp» eine seiner grossen Lieben fand, wieder verlor und unverzagt wieder die Strasse unter seine ausgelatschten Schuhe nahm. Damals, vor 100 Jahren.