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Allein schon die Vorbemerkungen fesseln die Leserin. Mit lockerer Feder berichtet Judith Schalansky, was während ihrer Arbeit an dem Buch verglühte (die Raumsonde Cassini), zerschellte (Marslander Schiaparelli), verschwand (eine Boeing 777), zerschlagen, gesprengt oder eingeschläfert wurde, einstürzte oder in Flammen aufging. Beim Lesen wird einer ganz klamm ums Herz. Doch dann listet Schalansky auf, was zur selben Zeit entdeckt, freigelegt oder rekonstruiert werden konnte.
Am Leben zu sein, so Schalansky, bedeutet, Verluste zu erfahren. Diese Verluste seien jedoch nicht total, da sich Materie nicht in nichts auflösen kann, sondern jeweils nur andere Formen annimmt oder – im besten Fall – irgendwann ziemlich unverändert auftaucht oder zugänglich gemacht wird, wie es etwa gelang, die mit Packpapier verklebte Doppelseite aus Anne Franks Tagebuch wieder lesbar zu machen.
Aus der unendlichen Fülle der bisher der Menschheit widerfahrenen Verluste wählt Schalansky zwölf Beispiele u.a. aus Malerei, Literatur, Tierwelt oder Architektur aus. Auf jeweils einer Buchseite wird eingangs sozusagen die Geburt des zu beschreibenden Sujets mit einem * markiert, dessen Untergang, Zerstörung oder Verschwinden mit einem †.
Der Auftakt ist Tuanaki gewidmet, einer Gruppe kleiner Inseln, die einst Teil der Cook-Inseln waren und vermutlich um den Jahreswechsel 1842/43 bei einem Seebeben untergingen. Dramatisch inszensiert erleben wir sodann, wie in einer römischen Arena eine kaspische Tigerin mit der Lanze eines Kämpfers durchbohrt und deren Kadaver zu all den anderen in die Katakomben geworfen wird. Seit 1970 gilt diese Unterart der Tiger als ausgestorben.
In einem anderen Essay begleiten wir die Ich-Erzählerin von der Quelle des Flusses Ryck bis zur Mündung in die Ostsee im Hafen von Greifswald, dem Geburtsort der Autorin. Doch es nicht etwa der Hafen selbst, der in dem Buch Aufnahme findet, sondern ein Gemälde von Caspar David Friedrich, der den Hafen in den Jahren zwischen 1810 und 1820 voller Masten von Segelschiffen und Jachten malte. Im Rahmen der Ausstellung 'Werke deutscher Romantiker' wurde 1931 im Münchner Glaspalast auch dieses Gemälde ausgestellt. Am 6. Januar brach dort ein Feuer aus, das über 3000 Bilder zerstörte, darunter sämtliche Werke der Sonderausstellung. Unter dem Titel Enzyklopädie im Walde erfahren wir von Armand Schulthess, der im Alter von 50 Jahren seine Stelle als Bürogehilfe im Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement aufgab und im Jahr 1951 in das Valle Onsernone übersiedelte, wo er nach und nach mehr als tausend Tafeln eigenhändig beschriftete, um damit das Wissen der Menschheit zu speichern und seinen grossen Kastanienhang in eine Enzyklopädie des Wissens zu verwandeln. Im Juli 1973 liessen Erbberechtigte den Hain zerstören und das Haus mit seiner immensen Bibliothek räumen. Bis auf wenige Tafeln und selbstgemachte Bücher übergaben sie alles der Kehrrichtverbrennung, was zweifelsohne ein immenser Verlust bedeutet.
Noch ein letztes Beispiel sei hier erwähnt. Es sind Sapphos Liebeslieder, der bis heute bekannten Lyrikerin, Lehrerin oder was sie alles darüber hinaus noch gewesen war, gewesen sein soll. Wir wissen wenig über ihr Leben, weshalb Schalansky zu Recht meint, dass jede Zeit sich ihre eigene Sappho erschuf und immer noch erschafft. Die Lieder der Sappho entstanden um 600 v. Chr. auf der im Osten der Ägäis liegenden Insel Lesbos, die seit einiger Zeit wegen des Flüchtlingselends eine traurige Bekanntheit erlangt hat. Saphhos Dichtung sei irgendwann in der byzantinischen Epoche verloren gegangen. Da sich jedoch über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Philosophen, Dichterinnen und Grammatiker auf sie beriefen oder sie zitierten, sind zumindest, wenn auch nur lückenhaft, einige Texte von ihr erhalten geblieben.
In ihrem auch optisch ansprechenden Buch verwebt Judith Schalansky Historisches und Persönliches miteinander, wechselt in ihren Beiträgen zwischen Essay, Erzählung und Phantasie, wobei sie keine Sentimentaliäten aufkommen lässt, obwohl das Thema Verlust zweifelsohne dazu verleiten könnte. Beim Lesen des Buches verändert sich allmählich und auf angenehme Weise der eigene Blick auf Vergangenes oder noch zu Vergehendes.
Ironie des Schicksals: Während meiner Lektüre ging in einem Funkloch und inmitten einer mit Felsbrocken und Kraut übersäten Alpwiese † mein Handy verloren. Stundenlang suchte ich es an dem Ort, von dem ich glaubte, es verloren zu haben. Erfolglos. Dann, drei Tage später, die Nachricht einer Rinderhirtin, sie habe es * gefunden! Verloren war es, jedoch nicht unwiederbringlich – also ganz in Schalanskys Sinn.
Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Berlin: Suhrkamp, 2020. 251 S.
Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.
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