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Nicht ausgewiesenes Eigenkapital
Stille Reserven sind Kapitalreserven und bilden Eigenkapital. Im Gegensatz zu den offenen Reserven, die in der Bilanz unter einer eigenen Position geführt werden, werden die stillen Reserven nicht ausgewiesen.
Latenter Anspruch
Die stillen Reserven sind kein liquides Aktivum, sondern vielmehr eine rechnerische Grösse. Solange die stillen Reserven nicht realisiert und zu offenem Eigenkapital werden, besteht für den am Geschäftsvermögen Beteiligten hierauf nur ein latenter Anspruch.
Stille Reserven und deren Bildung und Auflösung haben insbesondere die folgenden Funktionen:
- Substanzerhaltung: Durch Bildung stiller Reserven kann der insbesondere in Inflationszeiten drohenden Gefahr einer Substanzverzehrung vorgebeugt werden.
- Erfolgsregulierung: Durch Bildung und Auflösung von stillen Reserven kann der auszuweisende Gewinn so beeinflusst werden, dass sowohl in guten als auch in schlechten Wirtschaftszeiten eine konstante Dividende ausgeschüttet werden kann. Die Erfolgsregulierung über die Bildung und Auflösung von stillen Reserven kann insbesondere für Gesellschaften, deren Beteiligungspapiere an der Börse gehandelt werden, insoweit entscheidend sein, als sich damit allzu starke Schwankungen des Börsenkurses vermeiden lassen.
- Selbstfinanzierung: Die Reserven stellen als zurückbehaltener Gewinn eine Eigenfinanzierungsquelle dar. Ein höherer Selbstfinanzierungsgrad bedeutet eine gewisse Unabhängigkeit vom Geld- und Kapitalmarkt und erhöht dadurch die finanzielle Stabilität und mindert die Krisenanfälligkeit.
Zulässigkeit stiller Reserven
Nach OR
Die Zulässigkeit der Bildung bzw. der Entstehung stiller Reserven entspricht eigentlich dem gesetzlich verankerten Vorsichtsprinzip (Art. 958c Abs. 1 Ziff. 5 OR). Das Vorsichtsprinzip seinerseits besagt, dass «erkennbare, aber noch nicht eingetretene Verluste und Risiken, soweit deren Ursache auf das Geschäftsjahr oder frühere Jahre zurückgeht, aufwandwirksam zu verbuchen» sind (REICH, Steuerrecht, § 15 Rz. 82), vgl. auch den synonymen Begriff «Imparitätsprinzip» (BÖCKLI, § 8 Rz. 121 ff.). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung handelt es sich um eines der wichtigsten Prinzipien zur Bewertung von Aktiven (BGE 115 Ib 55, 59 E. 5b). Im schweizerischen Rechnungslegungsrecht, das den Gläubigerschutz zum Ziel hat, soll es sicherstellen, dass sich ein Unternehmen im Vergleich zu seinen tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen nicht zu positiv darstellt.
Das schweizerische Obligationenrecht enthält mit Bezug auf die Bewertung von Aktiven lediglich Höchstbewertungsvorschriften und lässt dadurch die Verbuchung von Aktiven zu einem tieferen Wert als deren Verkehrswert zu. Dieser gesetzgeberische Mechanismus führt schliesslich zur Entstehung von stillen Reserven. Dies gilt sowohl für Zwangs- als auch für Willkürreserven.
Nach Steuerrecht
Während das Rechnungslegungsrecht vom Gläubigerschutz ausgeht und eine eher pessimistische Darstellung der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens anstrebt, stellt das Steuerrecht auf den «tatsächlich erwirtschafteten Periodengewinn» des Steuerpflichtigen ab. Um dieses Spannungsfeld zwischen handelsrechtlicher Darstellung und steuerrechtlich geforderter Gewinnermittlung zu überwinden, enthält das Steuerrecht eine Reihe von Korrekturvorschriften (Art. 59 DBG geschäftsmässig begründeter Aufwand), Abschreibungen (Art. 62 DBG) und Rückstellungen (Art. 63 DBG, Aufzählung nicht abschliessend), bei deren Anwendung durch die Veranlagungsbehörde – nebst der mit der Steuererklärung eingereichten Handelsbilanz – eine Steuerbilanz erstellt wird. Diese weist die Differenzen zwischen handels- und steuerrechtlicher Gewinnermittlung aus und führt in der Regel zu einem höheren, steuerbaren Ergebnis, indem z.B. vorgenommene Abschreibungen oder verbuchte Spesen von der Steuerverwaltung nicht akzeptiert werden.
Entstehung stiller Reserven
Stille Reserven entstehen mittels:
- Unterbewertung der Aktiven
- Überbewertung der Verbindlichkeiten
Unterbewertung der Aktiven
Zu einer Unterbewertung der Aktiven führen die folgenden Vorgänge:
- Übermässige Abschreibungen: Auf der Aktivseite können stille Reserven durch übermässige Abschreibungen gebildet werden. Sie entstehen im Umfang, in dem die Abschreibung die tatsächliche Wertverminderung des Aktivums übersteigt. Die Abschreibung einer Maschine beispielsweise, deren tatsächliche Nutzungsdauer acht Jahre beträgt, um 25% pro Jahr, führt in den ersten vier Jahren zur Bildung von stillen Reserven im Umfang von 12,5% pro Jahr.
- Keine Aktivierung: Stille Reserven können auch durch Nichtaktivierung von Wirtschaftsgütern gebildet werden. Solche stillen Reserven entstehen vor allem im Zusammenhang mit dem Erwerb von Wirtschaftsgütern, die, obwohl sie zu aktivieren wären, als Aufwand verbucht werden.
- Kapitaleinlage: Stille Reserven entstehen auch durch verdeckte Kapitaleinlagen eines Teilhabers einer Personengesellschaft oder eines Beteiligten einer Kapitalgesellschaft.
Praxisbeispiel
Legt ein Komplementär in seine Kollektivgesellschaft ein Fahrzeug, das einen tatsächlichen Wert von CHF 30'000.– aufweist, zu einem Buchwert von CHF 20'000.– ein, so entstehen im Umfang von CHF 10'000.– stille Reserven.
- Wertsteigerung eines Aktivums: Stille Reserven können auch ohne aktives Zutun des Unternehmers oder Gesellschafters entstehen. Dies geschieht in der Regel insbesondere dann, wenn ein Aktivum aufgrund der Marktsituation eine Wertsteigerung erfährt, buchmässig aber unverändert zum bisherigen Wert verbucht bleibt.
Praxisbeispiel
Verfügt ein Unternehmen über eine Kapitalliegenschaft, die es zu einem Preis von CHF 800'000.– erworben hat, und steigt deren Wert aufgrund des bewegten Liegenschaftenmarkts auf CHF 1'000'000.–, so entstehen dadurch, unter der Voraussetzung, dass eine buchmässige Korrektur nicht erfolgt, stille Reserven im Umfang von CHF 200'000.–.
- Goodwill: Eine besondere Art von stillen Reserven bildet der Goodwill. Der Goodwill entspricht dem Wert, der einem Unternehmen aufgrund seiner Kundschaft, seines Know-hows, seiner Geschäftslage, seines Renommees etc. zukommt. Da die im Goodwill liegenden stillen Reserven nicht durch Unterbewertung irgendwelcher Wirtschaftsgüter entstehen, sondern durch die wirtschaftliche Aktivität des gesamten Unternehmens, stellt sich die Frage ihrer Realisierung in der Regel auch erst zum Zeitpunkt der Veräusserung des gesamten Unternehmens oder bestimmter Einheiten davon.
Wichtig
Eine Unterbewertung von Aktiven führt zur Verminderung des buchmässig ausgewiesenen Eigenkapitals und zur Verringerung der Bilanzsumme sowie in der Regel zur Verminderung des Buchgewinns.
Überbewertung der Verbindlichkeiten
Zu einer Überbewertung der Verbindlichkeiten führen folgende Vorgänge:
- Rückstellungen: Auf der Passivseite können stille Reserven durch geschäftsmässig nicht begründete Rückstellung gebildet werden. Sie entstehen im Umfang der Differenz zwischen den vorgenommenen Rückstellungen und jener Rückstellung, die zur Abdeckung des tatsächlichen Risikos erforderlich wäre.
- Überbewertung von Schulden: Stille Reserven können auch durch Überbewertung von Schulden entstehen. Die Bildung solcher stillen Reserven erfolgt meistens im Zusammenhang mit der Bewertung von Verbindlichkeiten in fremder Währung mit der Begründung eines Wechselkursrisikos.
- Fiktive Schulden: Der Ausweis fiktiver Verbindlichkeiten ist unzulässig. Dies ergibt sich zwar nicht explizit, jedoch immerhin indirekt aus dem Gesetz und insbesondere aus der Botschaft zum neuen Rechnungslegungsrecht (vgl. PETER BÖCKLI, Neue OR-Rechnungslegung - Herausgegriffene Probleme und Lösungsansätze, in: ST 11/2012, S. 831 sowie Botschaft zur Änderung des Obligationenrechts (Aktienrecht und Rechnungslegungsrecht sowie Anpassungen im Recht der Kollektiv- und der Kommanditgesellschaft, im GmbH-Recht, Genossenschafts-, Handelsregister- sowie Firmenrecht) vom 21.10.2007, 1705, Ziff. 2.2.2.).
- Wertminderung einer Verbindlichkeit: Auf der Passivseite können auch stille Reserven entstehen ohne aktives Zutun des Unternehmers oder Gesellschafters. Dies geschieht, wenn der tatsächliche Wert einer Verbindlichkeit sinkt, buchmässig aber nach wie vor der Nominalwert beibehalten wird. Solche stillen Reserven entstehen vor allem im Zusammenhang mit Verbindlichkeiten, die auf inflationsgefährdete fremde Währungen lauten.
Wichtig
Die Überbewertung von Verbindlichkeiten führt, wie eine Unterbewertung von Aktiven, zur Verminderung des buchmässig ausgewiesenen Eigenkapitals und des Buchgewinns. Im Gegensatz zur Unterbewertung von Aktiven führt die Überbewertung von Verbindlichkeiten jedoch nicht zur Verringerung der Bilanzsumme.