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Teresa Vena
13. Januar 2023
Ivo Kummer, Leiter der Abteilung Film im BAK, warnt vor einer leichtfertigen Benutzung des Begriffes Koproduktion. So solle man nur Projekte nennen, die als solche offiziell von seiner Behörde anerkannt wurden. Jede andere Produktion sei vielmehr eine Zusammenarbeit, Co-Finanzierung oder eine Beteiligung. Die Begrifflichkeit ist insofern von Bedeutung, als nur diese anerkannten Koproduktionen in den behördlich unterstützten Kreislauf von Verwertung, Promotion und Reinvestition kommen. Sie profitieren von Fördermitteln wie «Succès Cinéma» oder «Succès Festival», sie kommen in den Katalog von Swiss Films, sie hinterlassen Spuren in den Statistiken zur Ermittlung des Marktanteils von Schweizer Filmen im In- und Ausland oder ihre Beteiligung an internationalen Festivals.
Weil Swiss Films Schweizer Produktionen und majoritäre Schweizer Koproduktionen weitgehend als gleichwertig betrachtet, lässt es sich nicht auf den einzelnen Filmtitel genau ausrechnen, aber die Tendenz ist eindeutig: Bei den zu internationalen Filmfestivals eingeladenen Schweizer Filmen sind Koproduktionen omnipräsent. 18 von 56 Filmen sind 2021 minoritäre, weitere rund 20 majoritäre Koproduktionen. Schaut man auf die verbuchten internationalen Eintritte (Box Office-Resultate), sieht es ähnlich aus. Ganz oben auf der Liste der publikumsstärksten Schweizer Filme stehen Koproduktionen. Von den 2021 insgesamt 250’000 weltweit verkauften Karten für 50 exportierte Schweizer Filme gehen allein 120’000 auf das Konto der minoritären Schweizer Koproduktion mit Italien «Ariaferma». Für die internationale Wahrnehmung des Schweizer Films sind Koproduktionen also von substanziellem Gewicht.
Die Koproduktionen reflektieren natürlich nur einen Teil der tatsächlichen heimischen Produktion. Eine grosse Diskrepanz besteht interessanterweise zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen. Während fiktionale Werke ungefähr in einem Verhältnis von 60:40 mehrheitlich als Koproduktionen hergestellt werden, überwiegen im dokumentarischen Fach mit etwa 20:80 die nur von Schweizer Geld finanzierten Projekte.
Um die vielen Koproduktionen zu ermöglichen, muss die Schweiz als Koproduktionsland attraktiv gemacht werden. Die Herstellungskosten sind hier höher als in anderen Ländern, und als Aussenseiter innerhalb der EU-Massnahmen bestehen für die Schweiz zusätzlich Hemmungen, auch wenn sie beispielsweise an Eurimages teilnimmt oder Mitglied des Europäischen Übereinkommens über die Gemeinschaftsproduktion von Kinofilmen bleibt. Da gilt es, strategische Abkommen einzugehen. Diese bestehen unter anderem mit Deutschland, Frankreich und Italien, den drei häufigsten Koproduktionspartnerländern der Schweiz. Eines der Ziele von solchen Vereinbarungen ist die Reziprozität. Produzieren die Länder, die mit einem eigenen Abkommen an die Schweiz gebunden sind, Filme mit der Schweiz, verpflichtet sich die Schweiz, zu einem ähnlichen Prozentsatz sich an Filmen im Partnerland zu beteiligen.
Weswegen legt die Schweizer Filmförderung so viel Wert auf Koproduktionen? Das Geld für die Produktion von durchschnittlich 20 bis 26 Spielfilmen im Jahr könne die Schweiz nicht alleine aufbringen, ist eine vielgehörte Meinung. Doch ist dieses Argument stichhaltig? Denkbar wäre ja, das Geld, das hier hinein- und hinausfliesst, gebündelt in die eigene Produktion zu investieren.
Zur Verfügung stehen würden die 19,8 Mio. Schweizer Franken, die 2021 allein in die selektive Filmförderung des Bundes geflossen sind. Nimmt man die kantonalen Förderstellen und das Fernsehen hinzu, kam 2021 eine Gesamtsumme von 86,6 Mio. Franken an staatlicher oder parastaatlicher Filmförderung zusammen.
Vor Grossproduktionen scheut man bekanntlich eher zurück. «Grounding» (2006) von Michael Steiner bleibt mit einem Budget von 4 Mio. Franken in der jüngeren Schweizer Produktionsgeschichte bisher eine Ausnahme. «Zwingli» (2019) von Stefan Haupt, der 6 Mio. Franken kostete, oder «De Räuber Hotzenplotz» (2022) von Michael Krummenacher, 9 Mio. Franken, sind Koproduktionen mit Deutschland. «Würden nur wenige grosse Filme gefördert, bliebe kein Raum für die gesetzlich festgelegte Angebotsvielfalt, die unser Land auch ausmacht», sagt Laurent Steiert, stellvertretender Leiter der Sektion Film beim BAK.
Damit verweist er auf die immateriellen Gründe, die für Koproduktionen sprechen. Ihm schliesst sich auch der neue künstlerische Leiter der Solothurner Filmtage, Niccolò Castelli, an: «Der Austausch führt zu Diversität», sagt er. Auch im Solothurner Programm sind mehrere der gezeigten Langfilme Koproduktionen. Ein Film sei schweizerisch, weit über die Nationalität des Autors oder der Autorin hinaus. Es gebe keine eigene «Schweizer Identität»; jemand, der in der Schweiz sozialisiert worden sei oder entscheidende Jahre hier verbracht habe, könne genauso eine schweizerische Perspektive auf ein Thema werfen. So sei es auch beim diesjährigen Eröffnungs-Dokumentarfilm «This Kind of Hope»: Die schweizerisch-deutsche Koproduktion des schweizerisch-polnischen Regisseurs Pawel Siczek wirft einen Blick auf die Geschichte und Gegenwart von Belarus. Das Gleiche gelte für das Spielfilmdebüt «Until Branches Bend» der Schweizerin Sophie Jarvis, die in Kanada lebt.
Zur gegenseitigen intellektuellen Beeinflussung kommt eine fachliche. Verdichtet sich das Netzwerk der Schweizer Filmbranche vermehrt, liesse sich vielleicht auch die im Licht der zu erwartenden «Lex Netflix»-Auswirkungen mehrfach geäusserten Sorge um den Nachwuchsmangel entschärfen.