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David Hajdu, Journalist und Buchautor, geboren und aufgewachsen in Phillipsburg, New Jersey, lebt in New York, Manhattan. Er ist vielge- rühmter Autor der Publikation „Lush Life: a Biography of Billy Strayhorn“, ein mehrfach Award-nominiertes Buch, vom Leben des amerikanischen Jazzkomponisten Billy Strayhorn handelnd (1915-1967), der im Schatten des Ruhms von Duke Ellington stand. Hajdu, der 1978 in New York für „The Village Voice“ und „Rolling Stone“ zu schreiben begann, war Grün- dungsmitglied der Zeitschrift „Video Review Magazine“ (1980-1999) und Verfasser zahlreicher Beiträge für „The American Scholar“, „The New Yorker“, „The New York Times Magazine“, „The New York Review of Books“, „The New Times Book Review“, „Vanity Fair“ und andere. Hajdus volle Biografie und Tätigkeiten sind im Internet unter www.davidhajdu.com zu finden. Seine neueste Publikation, auf die man gespannt sein darf, findet hierzulande erst Eingang in die Bibliotheken: „The ten-cent plague: the great Comic-Books scare and how it changes America“, erschienen in New York bei Farrar, Straus & Giroux 2008.
Mit seiner Publikation „Positively 4th Street“, nun schon einige Jahre alt und in den USA und Kanada ein älterer „Hit”, so anekdotisch und detailsreich, so dass man ihn mehrmals lesen muss, um seinen Inhalt einigermassen in Griff zu bekommen, was man jedoch freiwillig und mit Vergnügen tut.
Vom jugendlichen „Quartett“, von dem der vierfache biografische Bericht handelt, sind zwei ihrer Protagonisten dank ihrem Talent und Draufgän- gertum schon jung zu legendärer Berühmtheit gelangt, nämlich Joan Baez und Bob Dylan. Den anderen beiden, mit denen ihre Schicksale früh eng verflochten sind, war wenig Glück beschieden, auch ihr Name ist sehr viel weniger Leuten bekannt: der Mimis, von Joans jüngeren Schwester, und der Richard Fariñas, ihres ersten Mannes und ihrer Jugendliebe. Beide sind heute eher nur noch für Insiderkreise ein Begriff wie Musikern und Liebhabern der frühen Folk-Rock-Kultur der 60er Jahre sowie ihrer engeren Fangemeinde.
„Positively 4th Street“ ist ein gut recherchierter, aus zahllosen persönlichen Kontakten, Gesprächen, Aufzeichnungen und Interviews hervorgegangener, anekdotischer Bericht über eine heute nostalgisch anmutende Ära der Popkultur, die aber immer noch weltweit viele Gemüter bewegt und als Legende von heute unvorstellbar unkonventionellen Ereignissen neugierig macht. Was ihn berührend macht, ist die unmittelbare Sicht aus direkter Nähe, aus der Sphäre seiner Protagonisten, oder von einem Standpunkt aus, wie diese sich damals innerhalb ihrer Clique präsentierten und von diesen wahrgenommen wurden, also gleichsam aus der nachsichtigen Position eines danebenstehenden „Hausfreundes“. Ist diese Pose auch nur fiktiv, so überzeugt sie doch. Mit einfühlsamer Imagination und Sensibilität werden komplexe und sich verwickelnde persönliche Situationen nachempfunden.
Hajdus Buch beginnt mit den Kindheitsjahren der beiden Baez-Schwestern und folgt, die Fäden der einzelnen Schicksale nacheinander aufnehmend und miteinander verbindend, sämtlichen Ereignissen und Episoden bis zum späteren tragischen Schicksal Richard Fariñas und darüber hinaus. Aufbe- schworen wird nach direkten, persönlichen Quellen die frühe Zeit des Folk Music Revivals, Umfeld, Charakter und Neigungen ihrer Protagonisten, ihre persönlichen Verwicklungen, Vorzüge, Schwächen und Ambitionen, der sich rasch festigende Ruhm, aber Hand in Hand hiermit auch die innere Fragi- lität dieser Schlüssefiguren der berühmt gewordenen Generation der 60-er Jahre.
Die Familie Baez gehörte zum akademischen Milieu im Amerika der 50-er Jahre. Albert Baez (1912-2007), mexikanischer Abstammung, in Brooklyn aufgewachsen, war Mathematiker und Physiker, seine Frau Joan Bridge war Schottin. Albert Baez Tätigkeit, beginnend gegen 1949, brachte mehrere Ortswechsel mit sich, so dass die Familie abwechselnd in den USA, in Frankreich, in der Schweiz, in Italien und kurze Zeit sogar im Irak lebte, Aufenthalt, über den Albert Baez in einem zusammen mit seiner Frau geschriebenen Buch berichtet hat („A Year in Baghdad“, 1988). Joan, seine zweite und berühmteste Tochter, 1941 in Staten Island geboren, erlebte schon 1951 als Zehnjährige in Bagdad deprimierende Szenen von Armut und Grausamkeit. Aber nicht nur die sozialen, auch die poetischen Seiten dieses Aufenthalts blieben Eindrücke, die sie fürs Leben prägten. Der idealistische, ethisch integre Albert Baez, ein Pazifist, lehnte während der Zeit des Kalten Krieges ein lukratives Angebot der Rüstungsindustrie ab: nämlich sich in Los Alamos im Atomforschungs-Laboratorium der USA am Bau der Atom- bombe zu beteiligen. Ein ähnlicher Idealismus und die gleiche Zivilcourage sollte später auch seine Töchter Joan und Mimi prägen. Albert Baez‘ Publi- kation „The New College Physics: A Spiral Approach“ (1968) gilt immer noch als ein führendes Lehrbuch der Physik. Er war auch Miterfinder des Rönt- genmikroskops, der heute noch in der Medizin verwendet wird. Albert Baez zog wegen seiner Berufung ans MIT 1959 in die Nähe von Boston, womit seine Familie in eine neues und aufregendes Umfeld geriet.
Joan war die mittlere der drei Töchter neben der vier Jahre jüngeren Mimi und der älteren Pauline, die 1960 den heute weltweit berühmten amerika- nischen Künstler Brice Marden heiratete, Ehe, die aber 1969 endete. (Brice Marden war im übrigen um 1966 Robert Rauschenbergs Assistent gewesen). Joan interessierte sich früh schon mehr als für alles andere für Musik. Fleissiger als mit ihren Studien an der Boston University, wo sie sich für Drama eingeschrieben hatte, trieb sie sich in den Cafés und Clubs en vogue von Boston und Cambridge herum, bevölkert von Studenten, Intellektuellen und ambitionierten Dichtern, Literaten, Sängern und Musikern. Sie trat in den Anfängen für kleine Gagen von zehn, zwanzig Dollar auf, sogar zwei mal wöchentlich im Club 47 Mount Auburn in Cambridge, mit einem Repertoire, das sie teils von zu Hause kannte, teils begierig von anderen aufgeschnappt hatte, wie das ihrer ihr gitarristisch überlegenen Kollegin an der Universität, Debbie Green; dies gehört nicht zu den einnehmendsten Episoden im Leben Joans. Joan, die sich für unattraktiv hielt, stand fürs Leben gern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines Publikums und tat alles, um sich diese zu verschaffen. Ihre Umgebung eroberte sie rasch mit ihrem madonnenhaft scheuen Ernst, aber auch mit ihrem nach Erfolg haschenden Draufgängertum, erst im familiären Umkreis, nun aber in den Clubs und Kaffehäusern.
Joans tatsächliche Karriere begann nach zahlreichen kleineren Auftritten und hippiehaften Anfängen 1959 eher zufallsmässig als programmiert am verregneten Newport Folk Festival, dem wichtigsten Ereignis dieser Art zu jener Zeit, wo ihr von ihr hartnäckig abgewarteter, inoffizieller Auftritt, bewusst barfüssig und verregnet belassen, in diesem zur Zeitstimmung passenden no care-Outfit spontan das junge Publikum eroberte. Bald wird sie als „Star“ von Musikproduzenten wie Albert Grossman aus Chicago, dem späteren Manager Bob Dylans, im Business begehrt, ihre Coolness wird als sexy empfunden und ihre Stimme verspricht viel Geld. Joan Baez zieht aber der ihr allzu formell und einschüchternd erscheinenden Columbia Records die gemässigtere, auf Folkmusik spezialisierte Firma Vanguard Records vor, die 1960 ihr erstes Album produziert.
(Eine DVD in Schwarz-Weiss, 1967 produziert von David Lerner und 2005 herausgekommen bei Eagle Rock Entertainment, dokumentiert die Newport-Folk Festivals 1963-1966 mit den Auftritten zahlreicher Bands und Musiker, die zu dieser Zeit Rang und Namen hatten oder auf dem Weg dazu waren, darunter Joan Baez, Theodor Bikel, Mike Bloomfield, Paul Butterfield und The Butterfield Blues Band, Johnny Cash, Judy Collins, Donovan, Bob Dylan, Richard und Mimi Fariña, die Freedom Singers, Son House, Brownie McGee, Sonny Terry, Odetta, Pete Seeger, Peter, Paul & Mary und andere).
Hajdus flessig gesammelten, hochinteressanten Insiderinformationen zum Folk Music Revival der frühen 60er Jahre vor allem in Greenwich Village, New York, gehören zu den lesenswertesten Seiten seines Buches. Die zwar intellektuell nicht uninteressierte Jugend, die Sartre und Allen Ginsberg, Dylan Thomas und Hemingway las, aber nach einer spontaneren Art von Authentizität Ausschau hielt und vom bereits als passé betrachteten Mainstream der kommerziellen Musik, darunter auch Jazz und Rock’n‘ Roll, nicht definitiv beeindruckt blieb, fand eine neue Identität im Folk Music Revival: zurück zu den Wurzeln oder was sie auch immer dafür hielt, zur ungeschliffenen Romantik und mit der Aura des Mysteriösen umhüllten Dramatik alter Balladen. Schwarzer Blues, Gospel, Jazz, Rock‘n’Roll, Country, Hilly-billy, Bluegrass und andere rural oder urban geprägte Musikstile bildeten so nebenbei das breite Spektrum der amerikanischen Tradition, aus der ein jeder nach Bedarf schöpfen konnte und die jedermann kannte.
Joans jüngere Schwester Mimi, schöner als diese, wenn auch weniger geistreich und schüchterner, war von jung auf interessiert an Ballett und spielte zuerst Violine. Mimi hatte eine reine Sopranstimme, heller und feiner als Joans vibrierender Mezzosopran, und ein bemerkenswertes Talent für die Gitarre. Beide Schwestern verfolgten ihr Interesse für Musik, sangen und wetteiferten im Gitarrenspiel, worin Mimi Joan ebenso übertraf wie diese Mimi im Gesang. Mit Joans Leben als Studentin in Boston, das sie bald aufgab, um sich ausschliesslich ihrer Karriere als Sängerin zu widmen, kam Trennung, aber auch Bewegung ins Leben der beiden Baez-Schwestern: Mimi war noch zu jung für die Universität, Joans zahlreichen Verehrer zogen aber scharenweise mit ihren Motorrädern zum Haus der Familie Baez, das sie als „privaten Club“ betrachteten, zur Freude zwar der aufgeschlossenen Mutter, aber sehr zum Verdruss des ruhigeren Vaters Albert Baez, Besuche, von denen aber auch die jüngere Mimi profitierte.
Mit diesem Einstieg umreisst Hajdu die euphorische, offene, wenn auch gesellschaftlich und sozial brisante Aufbruchstimmung Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre in Amerika: eine erst in Orientierung begrif- fene, unkonventionelle Ära mit spontanen Möglichkeiten. Die Musikkultur ist vielfältig und traditionsreich, aber noch nicht so marktorientiert und übersättigt wie in späteren Jahrzehnten. Eher wenige „Grössen“ beherr- schten das Feld wie die Sängerin Odetta (erst an einer Karriere als Opern- sängerin interessiert), oder der Ruhm und Kommerz abgeneigte Pete Seeger, der programmatisch für die „home made“ Musik des Einzelnen, das Amateurhafte einstand und damit zahlreiche Newcomer ermutigte und inspirierte.
Bob Dylan, mit seinem zivilen Namen Robert Zimmermann, in Duluth, Minnesota nördlich von Chicago geboren, war sehr jung der kulturellen Ereignislosigkeit seines Midwest entflohen. Nachdem er sich im Herbst 1959 18-jährig an der Universität Minneapolis eingeschrieben hatte und sich dort eine Weile in den Kaffehäusern von Dinkytown herumtrieb, gele- gentlich schon unter dem Pseudonym Bob Dillon als Folksänger auftrat, geriet er auf abenteuerlichen Umwegen und ohne Mittel nach New York. Dylan war fast von den Babyschuhen an musikinteressiert: Blues, Gospel, Country, Hilli-billy, Rock n’Roll und anderes und als tatsächlicher Ausgangspunkt, der Folk Music Revival.
Von Freunden und Kameraden als nervöse und komische, jungen Frauen eher mütterliche Gefühle inspirierende Gestalt, und einmal fernab von zu Hause als bewusst provozierender, seine Person, Herkunft, Abenteuer und Erlebnisse betreffenden Fragen konstant ausweichender Fantast und Flunkerer beschrieben, besuchte Dylan sein anfängliches Sänger-Idol Woody Guthrie im Dezember 1960 im Brooklyn State Hospital, wo dieser mit Huntington’s Disease krank darniederlag. Zufällig in Madison, Wisconsin, an Fred Underhill geraten, der nach New York nach Hause fuhr, Bob fuhr mit. In der Folgezeit verliess er kaum mehr Greenwich Village, das bunte, bohèmehafte Zentrum des modischen Folk Revivals in New York. Bob trug bereits eine schwer verdauliche, gemischte Menge von musikalischem Material und aufgeschnappten Eindrücken mit sich, die er aber in den ersten Anfängen noch kaum musikalisch klar artikuliert und selbstsicher vorzei- gen konnte, was auf seine Umgebung teils komisch wirkte.
Die zahlreichen jungen Möchtegerns, die sich in den Caféhäusern im Village und um Washington Square herumtrieben, scharten sich mehr als um andere Sängerinnen um die sich zielstrebig profilierende „Folk-Queen“ Joan Baez, weniger um deren jetzt verheiratete Konkurrentin Carolyne Hester. So auch Bob, den mehr ihr Weg zum Ruhm als ihre musikalischen Inhalte interes- sierte. Gleich Bob, hatte auch Joan in den Anfängen ein Idol, dessen Lieder sie sang, nämlich Pete Seeger, den sie sehr jung schon an einem Konzert erlebt hatte. (Den frühen Tagen ihrer Bekanntschaft mit Dylan wird später Joan Baez, die in ihrer späteren Autobiografie die spätere Kühlheit Dylans nicht beschönigt, melancholisch in ihrem ihm gewidmeten Song „Dia- monds and Rust“ ein Denkmal setzen).
Dylan zeigte zum Ärger Joans von Anfang an lebhaftes Interesse auch an deren schöneren Schwester Mimi. Bald bewegt er sich selbstverständlich im Kreis der beiden attraktiven Schwestern. Mit zum Clan gehört Richard Fariña, ein seltsamer, ebenso exotischer wie poetisch-närrischer Paradies- vogel. Gebürtig aus Flatbush, Brooklyn, war Richard als einziges Kind seiner Mutter so wohlbehütet, dass seine Abgeschiedenheit aus ihm einen Träumer machte, der mit seinen Fantastereien seine Umgebung sowohl verblüffte als auch charmierte. Fariña hatte etwas mehr als andere von der Welt gesehen, war schon jung in Kuba, Irland, Europa gewesen. Ihm wie Dylan gemein war die Selbstmystifizierung und Selbstinszenierung, worin sie sich beide wohl auch beeinflusst haben mögen.
Mimi Baez hatte den acht Jahre älteren jungen Mann kubanisch-irischer Abstammung in Paris kennengelernt, wo sich ihr Vater seit 1961 im Auftrag der UNESCO aufhielt. Mimi machte zu dieser Zeit noch die High School über Fernkurse, interessierte sich für Ballett und trieb sich in Paris herum, wo sie bezüglich Gitarrenspiel viel von Strassenmusikern aufschnappte. Im Früh- jahr 1962 reisten zahlreiche Folksäger nach Paris, unter ihnen Richard Fariña und seine Frau, die attraktive Folksängerin Carolyne Hester. Typischerweise für ihn, der als notorischer Liebhaber hübscher Frauen galt, hatte Fariña Carolyne im Village in New York bereits nach kaum mehr als zwei Wochen Bekanntschaft so verzaubert, dass sie ihn frisch weg heiratete. Richard zeigte sich bald nicht nur ausschliesslich literarisch, sondern auch musikalisch ambitioniert und trat bereits bald ab und zu als Neben-act neben seiner Frau auf. Mimi, noch kaum dem Teenager-Alter entwachsen, und Richard verliebten sich in Paris, trafen sich und korrespondierten. Die Ehe Fariñas ging nach dem Edinburgh Folk Festival, an dem auch Carolyne Hester auftrat, wegen Mimi bald in die Brüche, Mimi und Richard heirateten aber im April 1963 romantischerweise in „geheimer Ehe“ in Paris.
Hajdu folgt den weiteren komplizierten Episoden des Lebens und der Freundschaft seiner vier Protagonisten in den USA, vor allem in New York und in Kalifornien. Sie sind nicht nur Freunde, sondern auch Konkurren- ten: Dylan und Fariña ambitionierte und talentierte Poeten, Dylan bereits ein vielversprechender, von voraussehenden Leuten beachteter Sänger und Songwriter; Joan und Mimi an Aussehen und im Gesang miteinander rivali- sierende, begabte Sängerinnen. Scherzend und scheinbar leichtsinnig tasten sie sich vorwärts, gänzlich im eigenen Kreis absorbiert, ohne gesell- schaftliche Verpflichtungen, im Innersten angespornt vom grossen Traum nach Ruhm und Erfolg, der sich für sie bereits abzuzeichnen beginnt.
Für den noch auf der Kippe zwischen Aufstieg und Unbekanntheit begrif- fenen Dylan ist die Bekanntschaft und Liason mit der draufgängerischen, rasch und mühelos zur Berühmtheit gelangten Joan Baez sowohl interessant als auch vorteilhaft. Es ist vorerst Joan, die ihn mit zunehmender Bekannt- heit unter die Fittiche nimmt und als Newcomer und „surprise-act“ bei ihren Konzerten auf der Bühne präsentiert, eine Grosszügigkeit nicht ganz ohne Eigennutz und Eitelkeit ihrerseits, was ihr der empfindliche Dylan bald heimzahlen wird. Dylan wird sie bald alle an Bekanntheit überragen und sogleich versuchen, Joans anfänglich gönnerhafte Rolle, die ihn kränkt, sobald er selbst Anerkennung findet, zu redimensionieren. Dylan wird auch sehr rasch erkennen, dass seine musikalischen Ambitionen und Interessen anders geartet sind als die der Baez. In den Anfängen stehen ihre Chancen ähnlich, sie sind kaum mehr als begabte Nobodies mit grossen Träumen, jugendlicher Anziehung und einigem Witz und Nonchalance, die ihre Unsi- cherheit, Sensibilität und Eifersucht hinter der Maske von Bluff, Lachen und Scherz verbergen. Sie alle suchen nach Wegen, um sich ins beste Licht zu rücken, und sind völlig ohne Erfahrung darauf angewiesen, ins Blickfeld der kommerziell etablierten Musikindustrie und als Poeten und Songwriter die von Verlagen zu gelangen. Das bohèmehafte Umfeld von Greenwich Village allein ist ungeeignet, sie auch in lukrativer Weise berühmt zu machen.
Mit Albert Grossman aus Chicago, auf dessen materiellen Kalkül an seinem Talent Dylan in den Anfängen bekanntlich erst wenig achtete und mit dem er später wegen seinem ungeheuren Profit an seinem musikalisch-poeti- schen Genie in harschen Streit geriet, machte der Sänger abr auch seinen ersten grossen Schritt in die glorreiche Zukunft: im wesentlichen verdankte er Grossmanns grobem, aber sehr zielstrebigen Managertalent den Anfang seiner steilen Karriere.
Mimi Baez, jünger, schüchterner und unreifer als ihre Schwester Joan, jung schon abenteuerlich mit dem sensiblen Richard Fariña in Ehe verbunden, einer ebenso schillernden wie begabten, sich selbst gerne mystifizierenden Figur mit Ambitionen, von denen seine literarische Begabung sicherlich die grössere war, war kein Glück beschieden wie Joan und Bob, die von Unbill weitgehend verschont blieben, wenn man vom von Dylan selbst verschul- deten, von aussen gesehen unsinnig selbstzerstörerischem, exzessiven Drogenkonsum in seinen frühen Jahren absieht. Von der prekären Genera- tion der Sechzigerjahre, bei der sowohl das Glück des Aufstiegs aus dem Nichts als auch die mögliche Tragödie nahelagen, traf es bald die beiden weniger Wilden, nämlich Richard und damit auch Mimi.
Der 30. April 1966 ist der 21. Geburtstag von Mimi und zugleich ein wichti- ger Tag im Leben Richard Fariñas. Er läuft nicht ohne Konflikte zwischen dem Paar ab. Fariña, dessen literarisches Erstlingswerk „Been Down So Long It Looks Like Up to Me“ soeben erschienen ist, freut sich auf seine Party, welche die Buchhandlung-Café „Thunderbird“ in Carmel Valley, Kalifornien, für den jungen Autor zum Signieren seines neuen Buchs veranstaltet. An- schliessend wird die bisher von Richard geheimgehaltene, von ihm organisierte Geburtstagsparty für Mimi gefeiert, die sich an diesem Tag von ihrem Mann vergessen glaubt und sich deshalb unglücklich fühlt.
Die Tragödie bahnt sich für alle unerwartet an. Ein mit dem Mann der dritten Baez-Schwester Pauline bekannter Typ, Willie Hinds, nimmt Richard Fariña mit auf eine kurze Ausfahrt auf dem Rücksitz seiner Harley Davidson über die schön gelegenen, aber tückisch kurvigen Strassen der Hänge von Carmel Valley. Von dieser Fahrt, die in einer Kurve fatal endet, kehrt Richard Fariña nicht mehr lebend zurück, er erliegt seinen schweren Verletzungen noch am Unfallort. Auch Willie Hinds überlebt den Unfall nur mit schweren Verstümmelungen. (Die meisten kennen die berühmt gewordene Geschichte Dylans, der 1966 bei Woodstock knapp demselben Schicksal, dem Tod durch einen Motorradunfall, entging). Mimis Leben ist gebrochen: mit 21 Jahren, an ihrem Geburtstag, ist sie bereits Witwe. Mimi wurde, wie sie selber sagte, nach diesem tragischen Vorfall schnell erwachsen.
Joan Baez, nunmehr etabliert als eine Ikone des Folksongs, hat sich bald mit dem Ende ihrer Liason mit Dylan abzufinden, von dem sie nichts ahnt. Es mag letzteren gekränkt haben, dass sie, hellsichtig genug bezüglich ihrer Charakterunterschiede, seinen Heiratsvorschlag ablehnte. Dylan, der noto- risch Mehrfachbeziehungen unterhielt, hatte sich inzwischen in das attrak- tive, musikalisch nur wenig interessierte Model Sara Lownds verliebt und sie zu seiner Frau auserkoren, was er bis zur Hochzeit mit ihr geheimhielt. Liebe und Konkurrenz sind hier nun getrennte Bereiche im Gegensatz zum ewigen Rivalisieren mit der vorläufig bekannteren Joan Baez.
Prekäre Episoden in London, bei dem Joan Baez noch nichts vom definitiven Ende ihrer Beziehung mit Dylan ahnt, zeigt A.D. Pennebakers dokumentari- scher Film „Don’t Look Back“ (1967), der auch als Video erhältlich ist. Die grossherzige Joan Baez, die Dylan seine aggressive, von Ressentiment geprägte Ablehnung ihr gegenüber zu Ende ihrer Beziehung nur schwer verdaut hat, aber später verzieh, heiratete 1968 den Anti-Vietnamkriegs-Aktivisten David Harris; aus dieser Ehe stammt ihr Sohn Gabiel Harris, der Perkussionist wurde.
Mimi Baez, die nie wirklich ihre Jugendliebe Richard Fariña und seinen tragisch frühen Tod verschmerzt hat, zog nach San Francisco und heiratete nach Zwischenepisoden den Produzenten von Mercury Records Milan Melvin, Ehe, die nur drei Jahre dauerte. Sie betätigte sich fortan als Sängerin, Gitarristin und als soziale Aktivistin und gründete 1972 mit wenig Mitteln, knapp 19‘000.- Dollar Startkapital, die Vereinigung „Bred and Roses“, die durch zahlreiche, sich jährlich wiederholende Benefizkonzerte vor allem in amerikanischen Gefängnissen berühmt wurde und später grosse Beträge einbrachte. Unter den Musikern, die sich daran beteiligten, waren Neil Young, Joni Mitchell, Paul Simon, Van Morrison, Willie Nelson, Joan Baez, heute alles bekannte Grössen der frühen Pop-Generation (siehe im Internet unter www.breadandroses.org).
Mimis Karriere war nie so bekannt wie jene Joans, die ihre Schwester immer von einer Karriere wie der ihren abzuraten versuchte. Sie trat mit den in der Bay Area um San Francisco populär gewordenen Rockgruppen aus der psychedelischen Szene „Jefferson Airplane“ und „Quicksilver Messenger Service“ und den eklektischeren „Greatful Dead“ auf, aber auch mit B.B. King, und 1967 in Japan in einer gemischten Show mit Tanz neben Judy Collins, Bruce Leghorn und Woodie Guthries ältestem Sohn Arlo Guthrie. Leghorn war ein erfahrener Multiinstrumentalist, der auf allen drei von Mimis und Richards CDs ihren Stücken mit seiner elektrischen Gitarre sozusagen Rückgrat verlieh. 1967 war Mimi auch bei der Comedy-Truppe „The Com- mittee“. Mimi gehörte also mit zur musikalischen Crew ihrer Zeit, ihre Karriere war nicht unbedeutend: sie trat mehrfach mit bekannten Profi- musikern auf, spielte Comedy, war an Filmproduktionen beteiligt. Von der wegen exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum jung verstorbenen Janis Joplin übernahm sie - nicht zu deren Entzücken - ihren hippiehaften Liebhaber Milan Melvin, verkehrte aber auch mit ihren Freundinnen. Nichtsdestoweniger blieb Mimis Leben durch den einschneidenden tragischen Tod ihrer ersten Liebe geprägt.
Mimis und Richard Fariñas Leben und musikalisches Schaffen wurden bereits kurz darauf Gegenstand eines regelrechten Revivals: 1971 brachte Vanguard Records „The Best of Mimi and Richard Fariña“ heraus, Paramount eine Adaptation von Richards literarischem Erstling „Been Down So Long It Looks Like Up To Me“. Am ihm gewidmeten, von Robert Greenwood 1971 produzierten Musical „Long Time Coming and Long Time Gone“, einer gemischten Sketch aus Lyrik, Szenen, usw. nach Richards Texten und Ereignissen aus seinem Leben, das in Boston und New York lief, wirkten Mimi, Joan, Judy Collins und Richards Vater mit, mit Richard Gere als Fariña und der später durch ihre Rolle im Musical „Jesus Christ Superstar“ bekannt gewordene Vicki Sue Robinson in der Rolle Mimis.
Mimi starb nach einem bunten und bewegten Leben, auf Grund ihres sozia- len Aktivismus von vielen verehrt, vom oberflächlichen Musikbusiness mehr enttäuscht als angezogen, schon im Jahre 2001 erst 56-jährig an einem Krebsleiden. Ihr Name und der ihrer Jugendliebe Richard Fariña ist heute nur noch mehr einer kleineren Gemeinde bekannt, insbesondere denen, die sich mit der Kultur der 60er Jahre befassen, oder derselben Generation angehö- ren und deren Anfänge miterlebt haben.
Die Legende Dylan und seine originellen, poetisch-musikalischen Visionen, seine dauernd im Wandel befindlichen Evergreens, die dieser an die neuen Bedürfnisse der Zeit und ein musikalisch sehr anders orientiertes Publikum anzupassen versucht, füllen heute noch riesige Konzertsäle, wenn auch der einst mit einem schönen Naturbariton und besonderem Talent für ein- drückliche poetische Rezitation begabte junge Folk-Rockstar heute als legendärer „Altrocker“ gilt, und seine Strategien zunehmend von der Melodie auf den Rhythmus, vom Gesang auf neue Rockarrangements und das Experimentieren mit unterschiedlichen Stilrichtungen verlegt hat. Dylan parodiert sich oft selbst, und kann auf diese Weise mit postmodernem Chic immer dem Vorwurf entgehen, dasselbe zu machen wie schon früher; irgendwo hat er recht: derselbe kann immer noch König sein, sofern sein Kleid nur neu ist. Von seiner Generation ist dies nur wenigen gelungen.
Der spannende und unparteiisch geschriebene Bericht David Hajdus geht nahe, teils sogar unter die Haut. Bezüglich der Einzelheiten und Episoden dieser ganzen Generation erweist sich der Autor als gründlicher Kenner wenn nicht gar als Insider. Das Buch konzentriert sich auf das schier unüberblickbare Auf und Ab der wechselvollen Episoden einer freund- schaftlichen und kameradschaftlichen, teils auch von Eifersüchteleien und Misstrauen geprägten, rivalisiernden Beziehung zwischen den vier Protago- nisten, und dem unmittelbaren Echo und der Rivalität ihres ähnlich ambi- tionierten Umfelds. Ohne Effekthascherei, aber auch ohne Beschönigung gewisser Charakterschwächen seiner „Helden“ wird ein stark nachfühlbares Viererportät gezeichnet, und parallel dazu die „missionarische Zeit“ einer in Entstehung begriffenen musikalischen Popkultur geschildert. Man gewinnt offene, aber niemals blossstellende Einblicke in die heroischen Jahre der Popkultur. Hajdu bringt seine vier Figuren lebensnah in den Focus der Gegenwart, ohne Voyeurismus und Moralismen, mit purer Einfühlung. Sein Buch erfüllt den Auftrag, dass man als Leser „mit dabei sein kann“, gerade genug auf Distanz, um nicht den voreiligen Schluss zu ziehen, man kenne die letzten Wahrheiten.
Noch interessanter wird die Lektüre, wenn man ein wenig ausgreift und sie mit der heute nicht mehr neuen, sehr offenherzigen Autobiografie von Joan Baez, und den unlängst erschienenen, weltweit mit Spannung erwarteten „Chronicles, Volume One“ von Bob Dylan verbindet, der über den eigenen Aufbruch aus dem Midwest und sein Anfänge in New York und Späteres berichtet. Man bekommt viel mit über die einzigartige Stimmung dieser Stadt und den Village. Privates wird nur wenig preisgegeben. Die allzu spekulative und mystifizierende „sekundäre“ Literatur über Dylan kann einen mit der Zeit auch nerven, so wie auch die übertriebene Neugier mancher Fans; Hajdus Buch kann man diesen Vorwurf allerdings nicht machen.
Baez, Joan, We shall overcome – Mein Leben. Aus dem Amerikanischen von Christiane Müller. Bergisch Glimmer, Gladbach-Lübbe, cop. 1987. (Originaltitel: And a voice to sing with, 1987, Joan Baez‘ zweite Autobio- grafie).
Dylan, Bob, Chronicles, Volume One. Simon & Schuster, New York-London-Toronto-Sydney 2004.
Empfehlen kann man auch den älteren, hochinteressanten abenteuerlichen Bericht des „Dust Bowl Poeten“ Woody Guthrie über sein eigenes Leben: «Bound for Glory», New York, E.P. Dutton 1943, in dem man etwas über ein uns nunmehr unbekannteres, ärmeres Amerika erfährt, in dem interessante Schicksale möglich waren. Guthrie als authentischer, fahrender und dich- tend-singender Vagabund wurde für mehrere Musiker des Folk Music Revival in den Anfängen als Idol ausschlaggebend, so für Bob Dylan, Ramblin‘ Jack Elliott und seinen Sohn Arlo Guthrie selbst.
Eine CD mit den Originalkompositionen von Mimi und Richard Fariña habe ich vor Jahren in einem grossen CD-Shop in Toronto erworben: „Celebra- tions For a Grey Day“, eine Neuauflage ihrer im April 1965 bei Vanguard Records, Santa Monica, California, erschienenen Stücke. Ihre zweite CD erschien im Dezember 1965 ebenfalls bei Vanguard: „Reflections on a Crystal Wind“. Die Discografie und Literatur über Mimi und Richard Fariña sowie Hinweise, wie man an ihre CDs herankommt, findet man im Internet unter www.folker.de, oder auf ihrer Fansite.
Dylan selbst hat sich sowohl bezüglich des literarischen Talents als auch bezüglich seiner Begabung als Musiker-Songwriter über Richard Fariña nicht nur kritisch, sondern fast animos ablehnend geäussert. Seine Kritik greift bezüglich ihres Wahrheitsgehalts nicht ganz daneben (vgl. das genaue Zitat bei Hajdu, S. 278). Dylan meinte einmal harsch, Richard Fariña habe als Songwriter-Musiker grundlegend nichts zu sagen; er war auch Mimi gegen- über als Sängerin skeptisch.
„Celebrations for a Grey Day“ wirkt auch heute nicht als ein Werk wirklicher Profis, obwohl Mimi und Richard Fariña beide als Sänger und Musiker grundsätzlich begabt, auf ihre Weise als rhythmisch talentierte Instrumen- talisten waren. Mimi spielte auf ihren Produktionen die Gitarre, Richard „dulcimer“ (Hackbrett, Zither), die er rasch lernte und wie manche meinten, genuin beherrschte. Trotz Routine und Vertrautheit mit der amerikanischen Tradition wirkt die CD zu eklektisch. Vermischt werden Anlehnungen an Bluegrass, Folk Music, vielleicht kubanische und südamerikanische Musik und Irisches mit orientalisierenden Klängen, die arabisch-persisch, viel- leicht indisch inspiriert sind, eventuell auch der Sufi-Musik entstammen. Manche Komposition scheint bezüglich ihrer monotonen, pessimistischen Stimmung späteren Punk-Rock vorwegzunehmen. Sowohl Arrangements als auch Vortragsweise der beiden wirken unausgereift, trotz Bruce Leghorns Beteiligung an der Produktion, der der einzige wirkliche Profi war. Die Stücke wirken allzu glatt, allzu perfekt, es fehlt ihnen die Rauheit, Unaus- geschliffenheit der Anfänge, wie sie den jungen Dylan und auch den Stil von Joan Baez auszeichneten. Man vermisst im Kern ein musikalisches Konzept, die klare Ausrichtung an einer Tradition und eine Art innerer Dramaturgie bei den Stücken, die sich vor allem an der Oberfläche der ästhetischen Vortragsweise, nicht aber im Inneren einer musikalischen Grundidee bewegen.
Dylan, der keineswegs immer fehlerfrei sang noch Gitarre spielte, kann man diesen Vorwurf eigentlich bei keinem seiner Performances machen: er hatte die Tradition des Blues, des Folksongs, des Gospels, des Country nicht nur oberflächtlich, sondern tief und von Grund auf studiert, verstanden und seine „patterns“ absorbiert. So mochte er Mimis und Richards musikalisches Bemühen damals ganz richtig als oberflächlich und nicht zwingend beurteilt haben. Bei ihm stimmte diese „innere Dramaturgie“ der einzelnen Stücke und Balladen jedenfalls immer. Auch Joan Baez‘ oft von seiner ironischen oder auch innerlichen Art sich sehr absetzendene, pathetische Vortrags- weise übertrifft bezüglich ihrer Ausdruckshaftigkeit, dramatischen Struktur und Traditionsverhaftung jene ihrer Schwester Mimi, deren Vorzüge als die bessere Gitarristin man ihr durchaus zugestehen mag.
Mimi und Richard waren sehr jung. Welche Zukunft den beiden eine vertieftere Zuwendung zur Musik wirklich gebracht hätte, ist heute schwer zu beurteilen. Ihre musikalischen Experimente sind allemal das reizvolle Zeitzeugnis einer Generation im Aufbruch, die das „Professionelle“ erst einiges später in die Waagschale geworfen hat. Es gibt Ausnahmen wie Judy Collins und Peter, Paul & Mary, die als Profis auftraten. Hört man sich die Musik anderer aus dieser Zeit an, etwa Odettas und Pete Seegers‘, oder die Gesangstechnik von Joan Baez selbst, so entgeht kaum eine oder einer von ihnen objektiv dem Etikett der Amateurhaftigkeit. Joan Baez zum Beispiel war, wie sie es selber in ihrer Autobiografie zugibt, immer zu faul, sich gesanglich zu vervollkommen. Ihre anlagemässig grosse Stimme mit einem seltenen Timbre lernte sie autodidaktisch vorteilhaft zu gebrauchen: sie singt locker, mit offener Kehle und lässt den Ton vom Atem lang tragen, wodurch diese vibriert, und ihre gospelhaften Improvisationen sowie Wechsel in höhere Lagen ermöglicht, womit es aber gar nicht immer klappt. Die Baez hätte es auch im klassischen Bereich weit gebracht. Ihr Gesang lebt bezüglich ihrer Ȕberzeugungskraft aber mehr vom Idealismus ihres gesellschaftlich-politischen Engagements, vom Umstand, dass sie die Stimmträgerin einer ganzen Generation war, von ihrer Nonchalance und von ihrem persönlichen Charisma. Gewisse technische Schwächen lernte sie überspielen. Ihr Vortrag lebt aus ihrer Ikonenhaftigkeit und der Unkonven- tionalität ihres Auftretens. Joan Baez waren auch mehreere schöne Songs Dylans wie auf den Leib geschnitten, sie gehört jedenfalls zu seinen besten und sensibelsten Interpretinnen.
Dylan selbst brachte es später, als es zur Trennung von Joan Baez kam, mehrmals zum Ausdruck, dass seine Musik mit der ihren wenig gemein habe. Er meinte damit wohl auch diesen Aspekt der Stagnation, ihre mangelnde Ambition bezüglich Risiken, fehlende Schritte in Richtung musikalischer Grundlagen, einer anders orientierten Routine. Für solches interessierte sie sich wenig und liess es bei ihrem Naturtalent und ihrem aktivistischen Pathos bewenden.
Einiges lässt sich überspielen, anderes im Verlauf einer langen Karriere weniger. Ein Star kann es bei der eigenen Legende bewenden lassen oder versuchen, inhaltlich und formal neue Horizonte zu erobern. Dylan hat in dieser Hinsicht das „Ikonenhafte“ seiner eigenen Musik nur bedingt inte- ressiert, er hat seine Musik, seiner eigenen Wesensveränderung folgend, fortwährend verändert, manchmal zum Vorteil, manchmal zum Nachteil, aber dynamisch und neugierig gegenüber dem Neuen, immer der verge- henden Zeit gegenwärtig. Er hat mit seinen Grenzen und Möglichkeiten experimentiert, was ihm auch half, meistens dauerhaft im Blickfeld des Publikums zu bleiben. Er verstand es auch, trotz seiner eigenen im Schwinden begriffenen Gesangsfähigkeit weiterzumachen und selbst diesen Nachteil zu seinem Vorteil zu verrwenden: passt doch eine raue, ausgediente Stimme bestens zum Image, das er jung schon eher in komischer Art und Weise vorzugeben versucht hatte, zur Legende des „alten Hobo“ – heute ein überzeugendes Bild. Dylan hatte immer professionellen Mut, ganz abgesehen von der Breite seines musikalischen Spektrums, ohne seinen eigenen Aussage und seinem eigensten Stil untreu zu werden.
Was im klassischen Musikbereich geradezu unmöglich und intolerabel ist und die Qualität der Musik mindert wenn nicht gar ruiniert, machte einen nicht geringen Teil des Charmes und der Authentizität der frühen Folk- und Rockmusik aus. In den Sechzigerjahren waren die Grenzen für das „Genie“ noch relativ locker und vor allem sehr unakademisch gesetzt. Es bedurfte keiner Kurse und Diplome, um zu einem Namen als Sänger oder Musiker zu gelangen. Der Folk-Rock-Bereich hat nie wie der kommerzielle Pop-Bereich vorgemacht, geschleckte Pseudoqualität jedweder Art als erstklassig zu verkaufen. Man kann zwar technisch Perfektes produzieren, und doch bleibt der innere Gehalt oft hohl, nichtssagend und repetitiv, schon ewige Male gehört und damit uninteressant.
Demgegenüber kann auch in einer naturbelassenen Stimme und in unge- fähren, spontanen Arrangements und Vortragsweisen viel authentische Kraft liegen. Pete Seeger hatte diesbezüglich recht, dass Musik privat und hobbymässig im eigensten Umfeld praktiziert werden sollte. „Amateurhaft“ oder zumindest auch mit einem Hauch von spürbarem jugendlichen Bluff getränkt sind die meisten musikalischen Erzeugnisse des Folk-Revival in ihren Anfängen. Sie trat spontan, autodidaktisch und mit ihren eingebore- nen Qualitäten, intuitiv in Erscheinung. Ambitioniertere mauserten sich später nach und nach hoch, in Anbetracht der Anforderungen der Produk- tion der ersten Alben, zur Reife und Routine.
Den Reiz des Nostalgischen hat die CD von Mimi und Richard Fariñas, sie ist hörenswert und lässt es beklagen, dass den beiden kein glücklicheres Schicksal und keine längere Lebensspanne beschieden war. Hajdus Publikation schafft ein Gleichgewicht und einen dramatischen Kontrast zwischen Erfolg und Misserfolg, Leben und Tod, Spektakulärem und Privatem, rückt die spannenden Anfänge von Joan Baez und Bob Dylan als lebenden Stars, und das der beiden anderen postum nochmals ins Licht der Aufmerksamkeit.
Biografische Einzelheiten aller vier findet man unter anderem ganz gut zusammengefasst auch in: Wikipedia, The Free Encyclopedia. Zu Mimi und Richard Fariñas Leben und Werk und ihrer Erwähnung in Zitaten in der mittlerweilen recht angewachsenen Literatur zum Folk Music Revival und den bedeutenderen Figuren der frühen Pop-Bewegung, siehe im Internet unter: www.richardandmimi.com. Hier wird kein Anspruch auf Vollstän- digkeit erhoben, es gibt Sites, die detailreiche Informationen führen.
Positively 4th Street. The Lives and Times of Joan Baez, Bob Dylan, Mimi Baez-Fariña and Richard Fariña. North Point Press/Farrar, Straus and Giroux, New York 2001. First paperback edition, 2002).