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Der Morgen des 14. Juli beginnt für die junge Sidonie mit einem banalen Ärgernis: Sie wacht auf, weil sie von einer Mücke in den Unterarm gestochen wurde. Derlei Unbill ist im Sommer nicht ungewöhnlich, immerhin liegt das Schloss in der Nähe von Sümpfen. Aufopferungsvoll wird sich später die Königin um Sidonies Stich kümmern und den kleinen Schmerz rasch mit einer Salbe lindern; bevor andere Nichtigkeiten ihre Aufmerksamkeit beschäftigen. Als Vorleserin trägt Sidonie Verantwortung für die Zerstreuung Marie-Antoinettes. Jede ihrer flüchtigen Launen mit der entsprechenden Lektüre zu parieren, ist für sie ein ehernes Gebot. Schüchtern und ergeben buhlt sie um die Zuwendung ihrer Königin; sie kann ihr nichts abschlagen. Aber diese unbedingte Liebe wird ihre erste grosse Prüfung erfahren in diesen Sommertagen des Jahres 1789.
Kenner des Werks von Benoît Jacquot wird der Mückenstich an ein anderes, verdriessliches Insekt erinnern: an jene Fliege, die sich als Ablenkung, als Störfaktor in einem Schlüsselmoment von Sade Gehör verschafft. Einer musikalischen Note gleich erklingt sie im Resonanzraum einer Szene, in der eine junge Adlige die schwefelhaften Schriften des berüchtigten Marquis entdeckt. Ihr sacht enervierendes Summen unterstreicht die erotische und moralische Spannung, die zwischen ihnen entsteht. Jacquot beherrscht die Kunst der szenischen Diagonale, bringt noch das geringste Detail des Ambientes zum Sprechen.
In Les adieux à la reine nimmt der Regisseur wiederum die Französische Revolution in den Blick – so wie ihn überhaupt das achtzehnte Jahrhundert als Stofflieferant fasziniert, man denke an seine Marivaux-Adaptionen la Vie de Marianne und La fausse suivante sowie an seine Verfilmung von Benjamin Constants Novelle «Adolphe» und seine Inszenierung von Jules Massenets Oper «Werther». Weit radikaler noch als in Sade (der nur eine Episode aus dessen Leben erzählt, die Internierung mit anderen Adligen im Kloster von Picpus) verdichtet er hier die Schilderung der Umbrüche, in deren Verlauf die Exzesse einer Gesellschaftsordnung durch die einer anderen abgelöst werden, in Zeit und Raum. Die Handlung vollzieht sich in drei Nächten und vier Tagen, den Mikrokosmos Versailles verlässt der Film erst in seiner Schlusssequenz. Wie unter einem Brennglas konzentriert dieses intime Epos das Bild einer Gesellschaft, die in ihren Grundfesten erschüttert wird.
Diese Beschränkung der (Erzähl-)Zeit schärft die atmosphärische Empfänglichkeit für die Tageszeiten, vor allem den frühen Morgen und die tiefe Nacht, jeder Moment ist von verstörender Kostbarkeit. An jedem Morgen wacht Sidonie in einer Welt auf, die eine andere geworden ist als jene, von der sie sich abends verabschiedet. Die Romanvorlage von Chantal Thomas ist wesentlich in Rückblenden erzählt, die Drehbuchadaption von Gilles Taurand beharrt jedoch auf der entschiedenen Gegenwärtigkeit der Ereignisse. Den Blickwinkel führt sie indes ebenso eng wie der Roman: Der Zuschauer sieht nur, was Sidonie sieht oder was sich in ihrer Gegenwart ereignet. Die Kadrage der in Bewegung aufgelösten Tableaus betont das Fragmentarische der Wahrnehmung. Als Sidonie für einen Moment von den Hofdamen in ein dunkles Zimmer abgeschoben wird, ist auch die Leinwand schwarz (wie es schon einmal in Adolphe war). Eine Freundin Sidonies hat das Wort «Bastille» aufgeschnappt. Erst viel später wird die höfische Gesellschaft dessen Tragweite ermessen. Konsequent organisiert Jacquot seinen Film um den fatal eingeschränkten Blickwinkel seiner Heldin herum. Er kann sich mit ihr identifizieren. Den Pariser Mai hat er im gleichen Alter erlebt wie sie die Ereignisse dieses Sommers: als einen zunächst unbegriffenen Schock. Freilich weiss er achtsam zwischen Sidonies Blickwinkel und der Erzählperspektive zu unterscheiden. Der Zuschauer behält unweigerlich die historischen Weiterungen im Hinterkopf. Die ahnungsvoll dramatische Musik von Bruno Coulais spielt mitunter dezent hinüber in die Klangfarben des zwanzigsten Jahrhunderts.
Les adieux à la reine fügt sich mithin in die Reihe biografischer Filme, die Jacquot zuvor über Sade und Freud gedreht hat. Dem Bild, das sich jeweils die Nachwelt von ihnen gemacht hat, zieht er dabei einen doppelten Boden ein. Der Blick auf Marie-Antoinette wird gebrochen durch die Hingabe der unerfahrenen, arglosen Sidonie, die in ihrer Nähe den Roman ihrer eigenen Initiation erlebt. Diese Nähe beruht auch auf einer erotischen Faszination, einer unschuldigen Rivalität zu deren Favoritin Gabrielle de Polignac, die sich am Ende in einem grausamen Tauschhandel der Identitäten und Gefühle erfüllen soll. Jacquot verwickelt seine Figuren in das Unvorhersehbare. Alte Gewissheiten und Bindungen lösen sich wie im Zeitraffer auf, es bleibt ungewiss, wodurch sie ersetzt werden.
Romain Windings Kamera begleitet diese Verwerfungen mit eleganter Dringlichkeit, als ein umsichtiger, urteilsloser Zeuge. Auch hier begreift Jacquot Korridore, Gemächer und Türen als mentale Landschaften, die seine Figuren durchqueren müssen. Er bewahrt sich einen bewundernden Blick für das exquisite Ambiente, auch wenn die Sorge des Hofstaats um Trivialitäten aus historischer Warte frivol erscheint. Versailles filmt er wie einen leckgeschlagenen Ozeandampfer, einen Ort der Macht, an dem mit einem Mal Ohnmacht herrscht. Die gesellschaftliche Elite verharrt in ihrer Verblendung. Nichts in ihrem Leben, ihrer Kultur, ihrem Selbstverständnis hat sie vorbereitet auf die Herausforderungen, die sich ihr stellen. Chantal Thomas hat ihren Roman unmittelbar unter dem Eindruck des 11. Septembers geschrieben.