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Die Feier fand erst im Zug statt
Unvergessen Er spielte Eishockey in Zeiten, als Spieler und Staff noch mit dem Zug an die Auswärtsspiele reisten – oder auch mal selber den Materialbus lenkten. Und er stieg mit dem EHC Olten zweimal auf. Pius Rudolf von Rohr erinnert sich an den erstmaligen NLB-Aufstieg in der Saison 1969/70.
Von: Achim Günter
Pius Rudolf von Rohr wurde 1948 in Olten geboren. Er wuchs zusammen mit einem älteren und einem jüngeren Bruder sowie einer Schwester in der «Seifi» auf, auf dem Gelände der Firma Sunlight im Oltner Industriequartier. Sein Vater arbeitete dort als Maschinenmeister. Er habe eine «sehr schöne, einfache» Jugendzeit verbracht. Im Winter spielte er jeweils mit seinen Brüdern auf einem eigenhändig vereisten Weg auf dem Firmenareal Eishockey und lernte das Schlittschuhfahren, 1963 anlässlich der Aaregfrörni einmal sogar auf der Aare oberhalb des Winznauer Stauwehrs. Die ersten Occasionsschlittschuhe erwarb er gemeinsam mit seinem Bruder Leonhard für drei Franken. Die Stöcke erhielten die beiden Brüder vom Schreiner der «Seifi», der diese eigens für sie angefertigt hatte. Anfang der 60er-Jahre trat er dem EHC Olten bei.
«Bevor ich zum Eishockeyklub ging, war ich im Turnverein aktiv gewesen. Mit mir wechselten dann gleich einige vom TV zum EHC – wir wurden eine richtig verschworene Bande. Es gab Jahre, in denen ich im Winter kaum einen Tag nicht auf der Eisbahn war. Mein erster Trainer hiess Oldrich Kucera, ein ganz bekannter Tschechoslowake. Er war für mich wie ein Vater. Zwei-, dreimal nahm er mich zur Seite und sagte: «Du musst breit fahren, etwas in die Knie gehen. Du musst fahren so wie wenn du hast Kartoffelsack zwischen Beine!» In der dritten Bezirksschule, als 15-Jähriger, kam ich in die erste Mannschaft. Damals spielte der EHC Olten in der 2. Liga. Ich war immer einer der schnellsten im Team, spielte meist am linken Flügel. Tore erzielt habe ich nicht allzu viele, doch ich lieferte den Kollegen viele Torvorlagen.
1966 stiegen wir in die 1. Liga auf. Der Trainer hiess damals über Jahre Tino Catti, der erst im letzten Jahr verstorben ist. In der SBB-Werkstätte absolvierte ich zu jener Zeit eine Lehre als Maschinenschlosser. Fünf, sechs weitere Spieler des Teams taten es mir gleich. Ich schloss die Lehre 1968 als Jahrgangsbester des Kantons Solothurn ab.
In der Saison 1968/69 belegten wir den ersten Rang in unserer 1.-Liga-Gruppe, scheiterten aber in den Aufstiegsspielen. In der Folgesaison 1969/70 begannen wir die Saison mit einem Trainingslager in Kladno bei Prag. Von den 16 Spielen in der regulären 1.-Liga-Saison gewannen wir danach deren 14. Eines endete mit einem Unentschieden, eines verloren wir. Wir wurden Gruppenerste und es folgten Aufstiegsspiele gegen Zug und Uzwil. Das dritte und schliesslich entscheidende Spiel fand in Uzwil statt. Die Billette für die Zugfahrt nach Uzwil und die Eintrittstickets ins Stadion verkaufte eine junge Angestellte der Sportabteilung im «von Felbert» – für die Mannschaft wie auch für die Fans. Wir fuhren alle gemeinsam in die Ostschweiz. Mehrere hundert Schlachtenbummler begleiteten uns. Bei jenem Spiel wurde auch der Schlachtruf «Hopp Dreitanne, no ne Fanne» bekannt. Franca von Arb, die Frau des damaligen EHCO-Statistikers Kurt von Arb, war Italienerin und kreierte den. Sie konnte allerdings das «Pf» nicht aussprechen. Darum hiess es zu Beginn nicht «Pfanne», sondern «Fanne».
Bei diesem Spiel habe ich zufälligerweise das erste Tor erzielt – nach einem präzisen Zuspiel von Sturmpartner Pierino Villa. Am Ende stand es 4:2 für uns. Der erstmalige Aufstieg in die NLB stand somit fest. Im Stadion konnten wir nicht mehr gross feiern, wir mussten ja den Zug erreichen. Erst auf der Heimfahrt im Zug gab es eine spontane Feier, zusammen mit den Schlachtenbummlern. Es gab den einen oder anderen Spieler, der gerne mal ein Bier trank oder eine Zigarette rauchte – nicht alle waren Engel… Aber ich dürfte damals auf der Heimfahrt eines meiner ersten Biere überhaupt getrunken haben. Auf jener Heimfahrt lernte ich auch meine spätere Frau kennen. Das war die junge Frau, die beim «von Felbert» arbeitete und die Tickets organisiert hatte. Auf dieser Fahrt funkte es zwischen uns. Jeannette stammte aus Bern. Bald darauf verabredeten wir uns. Im Januar 1972 heirateten wir, im März kam dann unser erster Sohn René auf die Welt.
Als wir morgens nach 1 Uhr auf dem Oltner Bahnhof eintrafen, waren unglaublich viele Leute vor Ort. Das Aufstiegsspiel hatte zum Glück am Samstag stattgefunden, so dass wir am nächsten Tag nicht zur Arbeit erscheinen mussten. An die weiter entfernten Auswärtsspiele fuhren wir zu 1.-Liga-Zeiten eigentlich immer mit dem Zug. Mit dem Materialbus fuhr hin und wieder sogar ein Spieler an die Auswärtspartien. Auch ich erinnere mich, mal mit dem Material nach Ambrì gefahren zu sein. Wir arbeiteten alle 100 Prozent. Dreimal pro Woche trainierten wir, dazu kam das Spiel am Wochenende. Den höchsten Lohn, den ich als Eishockeyspieler jemals erhalten habe, betrug rund 2000 Franken pro Saison.
Das vierte und letzte Spiel der Aufstiegsrunde 1970 gegen den EV Zug gewannen wir zuhause 3:0, doch das hatte keine Bedeutung mehr. Anschliessend gab es eine schlichte Feier im Rotary-Saal des Hotels Terminus. Als krönenden Abschluss der Saison lud uns später auch noch die Einwohnergemeinde der Stadt Olten zu einem «Fest der Freude» ins Stadthaus ein. Das war aber erst, nachdem wir uns gegen den Westgruppensieger und Mitaufsteiger in die NLB, Forward Morges, auch noch den Titel als 1.-Liga-Meister gesichert hatten. Nach je einem 6:4 in den ersten beiden Partien schlugen wir Morges im Kleinholz gleich mit 12:2!
Damals spielten fast nur Einheimische beim EHCO. Einer kam vielleicht aus Rothrist, ein anderer aus Aarau oder Solothurn. Aber wirklich Auswärtige gab es keine. Die allermeisten kannten sich auch privat oder hatten sogar die Schulzeit oder Lehre gemeinsam absolviert. In der ersten NLB-Saison stiessen dann erstmals Auswärtige zum Team, aus Langnau und Basel. Und erstmals verpflichtete der EHC Olten mit dem Kanadier Ray Picco einen Ausländer.
In der Aufstiegssaison spielte ich im Sturm mit Peter Schümperli und Pierino Villa. In jener Saison erzielte unsere Sturmformation am meisten Tore. Mit beiden damaligen Sturmkollegen pflege ich heute noch Kontakt. Überhaupt treffen sich die ehemaligen Spieler alle drei Monate im «Isebähnli». Da kommen jeweils 14, 16 oder sogar 20 Personen zusammen, ehemalige Spieler, aber auch Funktionäre. »
1977 beendete Pius Rudolf von Rohr seine Laufbahn, spielte aber in der zweiten Mannschaft und später bei den Senioren weiterhin Eishockey. Nach verschiedenen beruflichen Stationen zuvor verdiente der gebürtige Oltner sein Geld seit 1975 als Maschinentechniker im Kernkraftwerk Gösgen. Diesem Arbeitgeber blieb er 39 Jahre treu. Dem Ehepaar Rudolf von Rohr wurden zwei Söhne geschenkt. Der ältere kam 1991 bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Der jüngere, der heute 46-jährige André Rudolf von Rohr, wurde wie sein Vater Eishockeyspieler, war Junioren-Nationalspieler und trug in den 90er-Jahren die Trikots des EHCO und der ZSC Lions. Heute geniesst der bald 73-jährige Pius Rudolf von Rohr das Rentnerleben gemeinsam mit seiner Frau. Leidenschaftlich unterhält er in die Jahre gekommene Motorräder und Autos, führt noch immer Schlosserarbeiten aus oder kümmert sich um seine drei Enkel. Und er pflegt eine enge Freundschaft mit seinem ehemaligen Teamkollegen Albin «Bine» Felc. Den Slowenen, im Mai 80 Jahre alt geworden und als einer der besten EHCO-Ausländer (1971 bis 1974) aller Zeiten in Erinnerung, besucht Pius Rudolf von Rohr mindestens einmal jährlich in dessen slowenischer Heimat.