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Das Zürcher Slavische Seminar 1961-1981
Auch an der Universität Zürich haben sich die slavistischen Studien erst allmählich und nicht sehr kontinuierlich entwickelt. Weder die oben erwähnte frühe Habilitation des Thurgauers Friedrich Haag, der u.a. bereits im Wintersemester 1881/82 erstmals ein Seminar über Puschkins Versroman „Evgenij Onegin“ hielt, noch die Anwesenheit recht starker Gruppen von slavischen Studenten seit den späten 1860er Jahren bis 1914 haben bewirken können, dass man die Slavische Philologie als Fach einführte. Allerdings gab es hin und wieder Vorlesungen und andere Lehrveranstaltungen über slavische Sprachen und Literaturen oder aus anderen Gebieten der slavischen Kulturen; namentlich Eduard Schwyzer und Manu Leumann haben gelegentlich solche angeboten. Zwischen 1921 und 1936 hatte der aus Russland emigrierte A. V. Leontieff an der Zürcher Universität einen Lehrauftrag für Russische Sprache und Literatur. Das Fach Slavische Philologie war dann seit 1936 durch den Privatdozenten Ernst Dickenmann vertreten. Er erhielt 1946 in Bern und 1957 in Zürich je ein halbes Extraordinariat für Slavistik; 1959 folgte er einem Ruf als Ordinarius an die Universität Münster i.Westfalen. Als Lektor für Russisch wirkte von 1959 bis zu seinem Tode (1963) Kita Tschenkeli, der sich vornehmlich durch seine zweibändige Einführung in die georgische Sprache (1958) und das dreibändige Georgisch-deutsche Wörterbuch (1960-1974) verdient gemacht hat.
Ein Lehrstuhl für Slavische Philologie wurde erstmals mit der Berufung von Peter Brang aus Bonn auf Beginn des Sommersemesters 1961 geschaffen (Extraordinariat, ab Sommersemester 1964 Ordinariat). Brang vertrat zunächst das gesamte Fach, bis 1974 ein gesonderter Lehrstuhl für Slavische Sprachwissenschaft eingerichtet wurde, auf den man Robert Zett als Extraordinarius (1977 Ordinarius) berief. Gleichzeitig mit der Berufung von Peter Brang wurde auch das Slavische Seminar gegründet. Es war bis zum Herbst 1961 zunächst im Schönleinzimmer des Hauptgebäudes untergebracht und erhielt dann Räume an der Florhofgasse 11, in enger Nachbarschaft des Indogermanischen und des Klassisch-Philologischen Seminars. Angesichts der steigenden Studentenzahlen und des raschen Wachstums der Seminarbibliothek reichten diese Räumlichkeiten bald nicht mehr aus. Zu Beginn des Wintersemesters 1966 konnte das Seminar, zusammen mit dem Volkskundlichen Seminar und dem Soziologischen Institut, den Neubau Zeltweg 63 beziehen. Bereits Ende des Jahres 1969 war jedoch abzusehen, dass der Slavistik, als besonders bücherintensivem Fach, auch diese Räumlichkeiten bald nicht mehr genügen würden. Auf Grund von Berichten der Seminarleitung über den langfristigen Bedarf begannen dann während des Jahres 1971 die Planungsarbeiten für eine Unterbringung des Seminars an der Plattenstrasse 43. Mit dem Einzug in die Seminarräume an der Plattenstrasse 43 im Herbst 1981 waren die Raumprobleme des Slavischen Seminars auf lange Zeit gelöst.
Entsprechend dem kontinuierlichen Ausbau des Seminars wurde 1966 eine zweite und 1971 eine dritte Assistentenstelle bewilligt. Darüber hinaus konnte anlässlich der Berufung von Robert Zett eine vierte Assistentenstelle geschaffen und eine dieser Stellen in die eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters umgewandelt werden. Gleichzeitig erhielt das Seminar eine halbe (ab 1978 eine ganze) Sekretärinnenstelle.
Als Nachfolger von Peter Brang auf dem Lehrstuhl für Slavische Philologie wurde 1991 JOCHEN-ULRICH PETERS (geb. 1943) gewählt. Er hatte in Berlin 1972 mit einer Arbeit über Turgenevs „Zapiski ochotnika innerhalb der očerk-Tradition der 40er Jahre promoviert und sich mit der Abhandlung Kunst als organisierte Erfahrung (über Kunsttheorie, Literaturkritik und Kulturpolitik bei A. V. Lunačarskij, München 1980) habilitiert. Seine Studie Russische Satire im 20. Jahrhundert erschien 1984 in den Artemis-Einführungen (München und Zürich). Aus dem Interesse für den Zusammenhang zwischen diesem literarischen Genre und der gesellschaftlich-sozialen Realität entstand das Buch Tendenz und Verfremdung. Studien zum Funktionswandel des russischen satirischen Romans im 19. und 20. Jahrhundert (Bern 2000). Peters hat sich insbesondere auch mit Majakovskij befasst (Poesie und Revolution, 1979) sowie mit der Dichtung von Anna Axmatova. Unter dem Titel Enttabuisierung. Essays zur russischen und polnischen Gegenwartsliteratur erschien 1996 ein von ihm gemeinsam mit G. Ritz herausgegebener Band, der auf ein Zürcher Kolloquium des Jahres 1994 zurückgeht.
Zetts Nachfolge auf dem Ordinariat für Slavische Sprachwissenschaft trat nach einer zweijährigen Vakanz 1993 DANIEL WEISS (geb. 1949) an. Er hatte 1975 in Zürich mit der Studie Syntax und Semantik polnischer Partizipialkonstruktionen im Rahmen einer generativ-transformationellen Sprachbeschreibung promoviert. Noch vor der geplanten Habilitation war er 1982 nach Hamburg berufen worden, 1988 folgte der Ruf nach München. Früh an den „Konstanzer slavistischen Arbeitstreffen beteiligt, veranstaltete er 1979 das fünfte und 1994 das 20. Treffen dieser Forschungsgruppe. Für seine weitere Entwicklung war der post-doc-Aufenthalt in Moskau 1976 maßgebend, der vor allem zu bis heute währenden intensiven wissenschaftlichen und persönlichen Kontakten mit den führenden Vertretern der sogen. Moskauer Semantischen Schule führte. Weiss hat über 100 z.T. recht umfangreiche Aufsätze verfasst, die zunächst vorwiegend textlinguistisch ausgerichtet waren, mit einem ersten Fokus auf der Grammatik des Textverweises (zu diesem Thema leitete er in Hamburg ein von der DFG finanziertes Forschungsprojekt), dann auch auf Problemen der Satzkonnexion. Seit der Mitte der 1980er Jahre galt sein Interesse zunehmend der Sprache der Politik im Realen Sozialismus. Daraus ist ein grösseres, interdisziplinär orientiertes, aber linguistisch zentriertes SNF-Forschungsprojekt hervorgegangen („Zur Geschichte der verbalen Propaganda im Realen Sozialismus”, finanziert 1996-2001), das anhand von russischem und polnischem Material in unterdessen über 40 Publikationen einen breit gefächerten Gegenstandbereich beschlägt. Ein Sammelband zum Thema „Der Tod in der Propaganda” erschien 2000. In jüngster Zeit beschäftigte er sich im Zusammenhang mit einem von der EU finanzierten transnationalen Forschungsprojekt ausführlich mit dem Thema „Nahrung in der Sowjetwerbung und –propaganda”. Daneben verfolgt Weiss weitere Schwerpunkte, insbesondere die typologische und kontrastive Charakterisierung des modernen Russischen und Polnischen, Einzelfallstudien in lexikalischer Semantik, formale Sprachmodelle, zeitweilig auch Sprache und Sexus.
GERMAN RITZ (geb. 1951), mit der Studie 150 Jahre russische Heine-Übersetzung (Bern 1981) in Zürich promoviert, hat sich ebenda 1989 mit dem Buch Die polnische Prosa 1956-1976. Modellierung einer Entwicklung (Bern 1990) habilitiert und ist seit 1996 Titularprofessor. Nach einer Reihe von Aufsätzen zur russischen Literatur hat er besonders in den 90er Jahren das Schwergewicht seiner Forschung auf die polnische, teilweise auch die tschechische Literatur verlegt. Jarosław Iwaszkiewicz. Ein Grenzgänger der Moderne ist eine 1996 in Bern veröffentlichte Monographie betitelt, eine weitere erschien in Podkowa Leśna 1998: Jaroslaw Iwaszkiewicz i Stefan George (Eine polnische Deutschlandbegegnung). Teils in deutscher, teils in polnischer Sprache erschienen in Krakau 1999, gemeinsam mit G. MATUSZEK herausgegeben, die Vorträge des Zürcher Kolloquiums Literarische Rezeption und literarischer Prozess. Zu den polnisch-deutschen literarischen Wechselbeziehungen vom Modernismus bis in die Zwischenkriegszeit. Zu seinen verschiedenen Bemühungen um die Gender-Problematik in der schönen Literatur gehörte ein weiteres Kolloquium (1999) über Neues Geschlechterbewusstein in Sprache und Geschichte der Moderne. Gender in der polnischen und russischen Jahrhundertwende (Krakau 2000).Der Wechsel der beiden Lehrstühle und die Aufnahme einer ständigen Lehrtätigkeit (jeweils 4 Stunden) durch Ritz fielen auf den Höhepunkt des studentischen Interesses an Slavistik, die im Zusammenhang mit der Öffnung Osteuropas infolge der Perestrojka in der Mitte der 1980er Jahre und der Wende von 1989 stand. In dieser Zeit mussten vor allem die Russischkurse des Grundstudiums verdoppelt werden. Im Verlaufe der 90er Jahre ging, wie überall im deutschsprachigen Raum, das Interesse an Slavistik wieder zurück, hat sich seit Mitte der 90er Jahre aber stabilisiert, um nach 2000 wieder deutlich anzusteigen, so dass in den letzten Jahren im Grundstudium wieder Engpässe insbesondere in den Einführungskursen des Russischen – bis gegen 40 Studierende – auftauchten. Die Öffnung Osteuropas, von der vor allem die Staaten Mitteleuropas (Polen, Tschechien) profitierten, und das breitere Angebot in Slavischer Sprach- und Literaturwissenschaft ausserhalb der Russistik brachte eine wachsende Studentenzahl, die sich schwerpunktmässig mit Polonistik, Bohemistik und Serbokroatistik befassen. Dieses Interesse wird insbesondere von Vertretern (meist in zweiter oder dritter Generation) der verschiedenen slavischen Minderheiten in der Schweiz, die sich infolge der politischen und Arbeiteremigration nach 1945 in der Schweiz befanden, eingebracht, wobei die Gruppe der ehemaligen Jugoslawen neben den tschechischen Emigranten deutlich überwiegt. Seit den späten 1990er Jahren verzeichnen wir zudem eine wachsende Anzahl von russischen Studierenden aus Russland und der GUS.
Mit der Neubesetzung der Lehrstühle konnte die neue Stelle eines wissenschaftlichen Bibliothekars geschaffen werden und wurde die dritte Assistenzstelle in eine ständige Oberassistenz umgewandelt. Zum aktuellen Leitbild des Seminar gehört eine starke Ausdifferenzierung des Faches in Sprach- und Literaturwissenschaft, wobei neben dem traditionell führenden Angebot in der Russistik sukzessiv ein Ausbau der Polonistik und in jüngster Zeit des Serbisch / Kroatischen betrieben wurde. Der Ausbau wird von einem stark erhöhten Lehrangebot in der Sprachpraxis gestützt, wobei Russisch von 20 auf 24, Polnisch von 5 auf 10, Serbisch / Kroatisch von 4 auf 10 und Tschechisch von 5 auf 6 Wochenstunden erhöht wurden. Die ehemaligen festen Lehrauftragskontingente für die vier angebotenen slavischen Sprachen konnten in den letzten Jahren sukzessiv in feste Wissenschaftliche Mitarbeiterstellen umgewandelt werden. Die hohe Sprachkompetenz in den verschiedenen Slavinen prägt das Profil unserer Studiengänge und erhält auch in den neuen BA- und MA-Studiengängen einen grossen Stellenwert. In der Lehre wird eine gleichwertige Vertretung von Literatur- und Sprachwissenschaft vorab in den drei Schwerpunkten aufgebaut, fehlende Angebote insbesondere in der Südslavistik im Bereich der Sprachwissenschaft werden seit zwei Jahren durch eine Kooperation mit Konstanz zu kompensieren versucht. Die jüngste Schwerpunktbildung in der Südslavistik folgt dem neuen Profil der Abteilung für osteuropäischen Geschichte nach der Neuberufung von Nada Boškovska auf das WS 2004/05. Die enge Zusammenarbeit mit der Abteilung für osteuropäische Geschichte gehört zur Tradition des Seminars und soll in Zukunft in einem neuen gemeinsamen Studiengang innerhalb der neuen BA- und MA-Studiengänge festgeschrieben werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit garantiert auch die zunehmende kulturhistorische Ausrichtung des Faches. Neben der Ausdifferenzierung des Faches innerhalb der Slavistik hat insbesondere Peters seit den 90er Jahren eine starke Zusammenarbeit mit den anderen Philologien, der Philosophie und Kunstgeschichte initiiert. Dazu bot vor allem die enge Zusammenarbeit im Kuratorium des Fachs „Vergleichende Literaturwissenschaft“ eine gute Plattform. Dabei kam es vor allem darauf an, das Lehrangebot in der Komparatistik aufrecht zu erhalten und durch eine starke slavistische Komponente zu erweitern, nachdem die Wiederbesetzung des seit dem Sommersemester 1998 vakanten Lehrstuhls aus finanziellen Gründen bedauerlicherweise immer wieder aufgeschoben worden ist.
Die Grundlage der hier dargestellten Geschichte der Slavistik in der Schweiz und in Zürich bildet der nachfolgend aufgeführte Aufsatz von Peter Brang und Roland Aegerter.
Slawistik in der Schweiz, Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern. Wien. 2005, S. 125-149.