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Manche Menschen leiden an einer sonderbaren Störung des Gehirns: Sie können sich keine Gesichter merken. Wie das ist, erzählt uns eine Mutter, die anonym bleiben muss.
Ich kann Männer und Frauen unterscheiden, ich kann sehen, ob jemand blond ist, ich kann sehen, ob jemand hübsch ist. Die Menschen sehen für mich unterschiedlich aus, aber ich kann nicht erkennen, wer vor mir steht. Mein Gehirn kann die Informationen über Gesichter nicht mit Erinnerungen verknüpfen.
Am einfachsten ist es für mich, Menschen an ihrer Stimme zu erkennen. Wie klingt die Stimme und welche typischen Wörter verwendet mein Gesprächspartner? Aber auch das Gangbild und Bewegungsmuster sind wichtig. Neigt jemand seinen Kopf zur Seite, hat sie X-Beine, macht er eine typische, auffällige Handbewegung? Das alles sind für mich Anker, um eine Person zu identifizieren.
Klamotten und Frisuren eignen sich weniger als Strategien, um meine Mitmenschen zu erkennen, weil sie sich manchmal verändern. Wobei ein typisches Armband helfen kann.
Mein Mann sagt manchmal zum Spass, ich soll in die Orthopädie gehen, weil ich so gut körperliche Fehlstellungen erkennen kann. Ich habe auch schon Leute zum Arzt geschickt, die nichts von ihrer schiefen Hüfte wussten. Für mich ist es einfacher, jemanden von hinten zu identifizieren, weil ich genau hinsehen muss, um einen Anker zu finden. Ich muss mein Gegenüber regelrecht scannen, und das mögen die Leute natürlich nicht, wenn ich sie von vorne von oben bis unten anschaue.
Bis ich Mitte 30 war, dachte ich halt: Ich bin eben etwas dumm. Ich wusste lange nichts von meiner Gesichtserkennungsschwäche. Sondern ich dachte, das ist normal so, ich bin eben nur etwas schlechter als andere darin, jemanden zu erkennen. Ich habe deswegen als Kind Gruppen gemieden und galt als Aussenseiterin. Ich habe mir eher intuitiv Freunde gesucht, die irgendwie auffielen. Weil sie rothaarig oder dick waren, oder weil sie stotterten.
Später, als eines unserer Kinder schon in die Grundschule ging, wurde bei einem Elternabend ein Bild von meinen Kindern von einem Grillfest hochgehalten.
Die anderen Eltern haben gedacht, ich wäre verträumt oder so, aber mir war es einfach nur unendlich peinlich. Ich habe mich später einer Mutter anvertraut: «Du, mir fällt es schwer, andere Menschen zu erkennen.» Noch so ein Aha-Moment.
Wenig später wurde mir alles klar. Die Grundschullehrerin von meinem Sohn meinte, er sei irgendwie seltsam. Vielleicht hochbegabt, vielleicht sogar ein Autist. Wir haben uns in einem Forum für Hochbegabte ausgetauscht und dort hörten wir zum ersten Mal von PA. Später liessen wir uns testen und dann kam tatsächlich heraus, einige meiner Kinder und ich haben die Gesichtserkennungsschwäche. Wahrscheinlich auch die Familie meines Vaters.
Und wahrscheinlich ist mein Sohn sogar hochbegabt, denn er konnte in der Schule ein paar Klassen überspringen. Hochbegabung geht offenbar oft mit PA einher. Mit Autismus hat das aber nichts zu tun.
Für mich ist PA keine Krankheit, sondern eher eine Einschränkung, so wie Farbenblindheit oder eine Lese-Rechtschreibschwäche. Wobei, wer nicht richtig lesen kann, ist abhängiger von anderen. Ich fühle mich eher weniger von anderen abhängig, weil ich früh gelernt habe, alleine auszukommen.
Bloss habe ich das Gefühl, dass Informationen bei mir im Gehirn nicht am richtigen Ort abgespeichert sind oder dass mir der Zugriff auf Dateien fehlt, wie bei einem Computer, den man falsch benutzt.
Das ist es, was das Leben mit PA so schwierig für mich macht.