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Vorstellungen von Musiklehrpersonen der Sekundarstufe 1 zur individuellen Förderung und Beurteilung des Singens
Am Beispiel der adoleszenten Stimme (Mutation) wird der aktuelle Forschungsstand und die Resultate einer Interviewstudie präsentiert.
Der Vortrag wurde im Rahmen des SGBF-Kongress 2020 online gehalten.
Inhalt
Singen war schon immer ein zentraler Bereich des Musikunterrichts der Schweiz. So stellte Kälin vor mehr als dreissig Jahren in einer Untersuchung zu den Musik-Curricula fest, dass das Lied nach wie vor eine zentrale Rolle im Musikunterricht spielt, da «das Praktische mit dem Lied identifiziert» (Kälin, 1976) wird. Nach der Jahrtausendwende hatte sich Musikpraxis über das Singen hinaus in den Curricula etabliert, das Singen spielte aber «in allen Lehrplänen aller Stufen die zentrale Rolle» (Huber, 2008). Diese Tradition setzt sich im Lehrplan 21 mit dem eigenen Kompetenzbereich «Singen und Sprechen» fort. Auch in Deutschland kann trotz gebrochener Singtradition (Lehmann-Wermser, 2008) seit der Jahrtausendwende ein gesteigertes Interesse an der Diskussion zum Singen beobachtet werden (Pezenburg & Dyllick, 2018), sowohl bezüglich empirischer Untersuchungen zur Wirkung von Sing-Angeboten als auch im Bereich der Entwicklung von Lehrwerken für Chorklassen, aber es gibt im ganzen deutschsprachigen Raum keine empirischen Untersuchungen zur Praxis des Singunterrichts auf der Sekundarstufe 1. Diesem Forschungsdesiderat soll mit der vorliegenden Untersuchung begegnet werden. In der Interviewstudie wurden Musiklehrpersonen der Sekundarstufe 1 aus dem Raum Nordwestschweiz zu ihren Vorstellungen bezüglich individueller Förderung und Beurteilung des Singens befragt. Die Interviews wurden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) untersucht. Am Beispiel des Umgangs mit mutierenden Knabenstimmen wird im Referat dargelegt, wie wenig Forschung aus dem englischen Sprachraum in Fachbüchern rezipiert wird, wie disparat der Umgang der Lehrpersonen mit dem Thema tatsächlich ist und wie schwierig sich die Verbindung von Wissen und Handeln (Wahl, 2013) gerade im Bereich Singen gestaltet.
Die Pflege von und der Umgang mit Knabenstimmen wird im deutschsprachigen Raum ausgiebig beforscht (Fuchs, 2009, 2013, 2015; Peterson, 2019), meist im Zusammenhang mit Knabenchören. Mutierende Knabenstimmen und sogenannte «Brummer» werden in Ratgebern zur Kinderchorleitung zwar thematisiert (Mohr, 1997, 2008), empirische Untersuchungen und daraus resultierende Überlegungen aus dem englischsprachigen Raum (Ashley, 2015; Harrison, Welch, & Adler, 2012; Thurman, 2013; Welch, 2006) werden in der musikpädagogischen Literatur aber erst seit kurzem rezipiert (Freer & Detterbeck, 2019) und erst in neuester Zeit wird zudem in der Fachdidaktik angemahnt, auch beim Singen individualisierende Unterrichtsformen zu entwickeln (Pezenburg & Dyllick, 2018). In der vorliegenden Untersuchung zeigt sich ein heterogenes Bild zum Thema «Stimmbruch». Neben Lehrpersonen, welche aus vermeintlich pädagogischen Überlegungen den Stimmbruch nicht thematisieren, um keine Scham zu erzeugen, führen andere Betroffene mit viel Beziehungsarbeit durch diese Phase. Im Gegensatz dazu nehmen weitere Lehrpersonen nur fehlende Motivation zur Kenntnis und kapitulieren. Auch das Thema «Brummer» wird sehr unterschiedlich gedeutet und bearbeitet. Während einige Lehrpersonen von vielen nicht therapierbaren Jungs berichten, verneinen andere deren Existenz oder führen an, die meisten Problemfälle erfolgreich behandeln zu können. In jedem Fall wird sichtbar, dass sich innerhalb der Stichprobe keine Muster zeigen, wie mit Knabenstimmen umgegangen wird. Obwohl im Sample durch die verschiedenen Ausbildungsvoraussetzungen unterschiedliche fachdidaktische Wissensbestände manifest sind, gibt es Hinweise darauf, dass biographische Episoden oft handlungsweisend sind die Förderung und Beurteilung im Unterricht.
Bibliographie: