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Pandemien und Epidemien erlauben die Untersuchung, wie vergangene Gesellschaften einem solchen «Stresstest» begegnet sind. Daraus lassen sich interessante Fragen zum historischen Umgang mit Infektionskrankheiten ableiten. Drei Beispiele – Pest, Chlorea und die Spanische Grippe – sollen die Rolle von Pandemien in der Schweizer Geschichte beleuchten.
Die Pest erreichte im 14. Jahrhundert zuerst das Tessin und das Rhonetal. Kurz darauf brach sie in den Jahren 1348 und 1349 in den meisten Städten und Landschaften der heutigen Schweiz aus. Die Stadt Bern war beispielsweise vorübergehend mit bis zu 60 Todesfällen pro Tag betroffen. Bis ins 17. Jahrhundert gehörten Pestwellen in der Schweiz zum Alltag. Die Seuche verursachte erhebliche Sterblichkeitsspitzen, aber die Zahlen sind schwer zu überprüfen. Die Sterblichkeit in Europa wird zur Zeit des Schwarzen Todes auf zwischen 25 und 50 Prozent der Bevölkerung geschätzt.
Im Jahr 1565 fiel beispielsweise der Zürcher Stadtarzt der Pest zum Opfer, die im Kanton über 30’000 Tote forderte. Der Basler Stadtarzt Felix Platter, ein Zeitgenosse und Berufskollege, überlebte mehrere Pestausbrüche und gilt dank seines Berichtes über die Epidemie von 1610 bis 1611 als Pionier der Epidemiologie. Von einem Gesundheitswesen im modernen Sinn kann man für die Pestzeit jedoch nicht sprechen.
Geisslerzüge gegen Pest
Unterstützung im Kampf gegen die Infektionskrankheit erhoffte man sich damals vor allem von Gott: Ein verbreitetes, religiös motiviertes Muster waren Märsche gegen die Krankheit – sogenannte Geisslerzüge. Ebenfalls typisch für die Zeit waren Judenverfolgungen. In der Schweiz wurden zur Zeit des Schwarzen Todes 28 jüdische Gemeinden zerstört. Offenbar tolerierte der Bürgermeister Zürichs, Rudolf Brun, das Zürcher Pogrom vom Februar 1349, bei dem man Juden vorwarf, die Brunnen zu vergiften. Die Pest betraf aber nicht nur die Städte. So starben bei der Pestwelle von 1565 beispielsweise deutlich mehr Menschen auf dem Land als in der Stadt.
Die wirtschaftlichen Folgen waren gravierend: Viele ländliche Gehöfte wurden als Folge der Pest aufgegeben, während die Städte ihre Bevölkerungsverluste wieder ausgleichen konnten. Die Städte waren also einerseits Zentren der Pest, sie profitierten andererseits aber auch von den Zuwanderern vom Land.
Cholera zeigt Ungleichheit
Ab 1800 setzte in der Schweiz die Industrialisierung ein. Als Folge verschärfte sich die soziale Ungleichheit. Das frühneuzeitliche Verständnis hatte noch zwischen würdigen (zum Beispiel Alten) und unwürdigen (arbeitsfähigen, aber unwilligen) Armen unterschieden. Mit der Industrialisierung wurde diese Unterscheidung unhaltbar, weil abhängige Lohnarbeit für den Lebensunterhalt oft nicht ausreichte. Die ab 1830 auftretenden Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts wurden damit zu einer Art Lupe, mit der die soziale Ungleichheit in den Städten sichtbar wurde. Dies zeigte sich beispielsweise in der Zürcher Choleraepidemie von 1855, als 114 Personen starben. Die Ärzte der Zeit glaubten, die betroffenen Armen seien mehr oder weniger selbst schuld, wenn sie an der Cholera erkrankten.
Erst während der Epidemie von 1867 mit 481 Opfern im Bezirk Zürich rückte man von diesem Bild ab. Nun begann man die Epidemien als «Warntafeln» zu deuten, die auf soziale Problemlagen hinwiesen. Die Epidemie wurde in Zürich zum politischen Ereignis, das der damaligen «Demokratischen Bewegung» Zürichs Auftrieb gab. Ein Projekt des Stadtingenieurs Arnold Bürkli zur hygienischen Sanierung der Stadt war schon vor der Epidemie beschlussfertig gewesen – nun konnte es rasch umgesetzt werden.
Die Choleraepidemie wirkte also als Katalysator für diese städtebauliche Mammutaufgabe. Im Sinne der damals vorherrschenden wissenschaftlichen Umwelthygiene lösten die Städte ihre Probleme, ohne den Handel und die Produktion einzuschränken. So wurde während der Epidemien in den Zürcher Fabriken weitergearbeitet. Der Regierungsrat und auch die Stadt setzten alles daran, um Wirtschaft und Handel nicht zu beeinträchtigen. Mittelfristig beeinflusste die Choleraerfahrung auch die Schweizer Gesundheitspolitik. Der Bundesrat präsentierte 1879 seine Botschaft «Einrichtung und Massnahmen zur Verhütung und Bekämpfung gemeingefährlicher Epidemien», was letztlich zur ersten Fassung des Epidemiengesetzes und zur Gründung des heutigen Bundesamtes für Gesundheit (BAG) führte. Interessant aus heutiger Sicht ist, dass die erste Vorlage des Epidemiengesetzes vom Volk im Jahr 1882 wuchtig verworfen wurde, denn der im Gesetz vorgesehene Zwang zur Pockenimpfung war in der Bevölkerung äusserst umstritten. Vier Jahre später wurde das revidierte Gesetz ohne Impfzwang dann angenommen, ein Referendum kam nicht zustande.
Machtlose Medizin
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges brach die Spanische Grippe in der Schweiz aus. Der Bundesrat entschloss sich im Oktober 1918, die Grippe kurzfristig als gemeingefährliche Krankheit einzustufen und damit die Anzeigepflicht einzuführen. Trotzdem lässt sich nur schätzen, dass ungefähr die Hälfte der damaligen Wohnbevölkerung an der Grippe erkrankte. Ab Juli 1918 lag die monatliche Zahl von Grippetoten in der Schweiz bei über 1000, im Oktober und November 1918 sogar bei über 5000 Toten. Gesamthaft starben in der Schweiz 24’500 Personen daran.
Neben einer männlichen Übersterblichkeit war vor allem die starke Betroffenheit von jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 auffällig. Die deutschsprachige Bakteriologie erlebte mit der Spanischen Grippe eine Krise, denn der oft genannte Pfeiffer-Bazillus erwies sich nicht als die erhoffte wissenschaftliche Erklärung der Grippe. Die typischen Sekundärinfekte der Grippe wie etwa Lungenentzündungen konnten therapeutisch kaum aufgefangen werden, die Medizin war weitgehend machtlos. Damit sorgte die Pandemie für einen fast kompletten Zusammenbruch des Gesundheitswesens. In der Schweiz konzentrierten sich die Anstrengungen auf die Pflege der Kranken. Dabei zeichneten sich verschiedene Frauenorganisationen durch die Einrichtung von Pflegezimmern und die Unterstützung von Notspitälern aus. Die Bedeutung dieses Einsatzes geriet allerdings rasch in Vergessenheit.
Ebenfalls stand die Pandemie in der Schweiz unter dem Einfluss der politischen Krise der Nachkriegsmonate, die im Landesstreik von November 1918 mündete. Die Vertreter des Bürgertums, etwa Bundespräsident Felix Calonder, warfen der Arbeiterschaft vor, die Pandemie zu verantworten. Das Oltener Komitee um den sozialdemokratischen Nationalrat Robert Grimm wies hingegen darauf hin, dass erst durch das Truppenaufgebot zur Bekämpfung der Arbeiterschaft die Seuche angetrieben worden sei. Eine bundespolitische Strategie zur Bewältigung einer Pandemie existierte nicht, sodass von Stadt zu Stadt und von Kanton zu Kanton unterschiedliche lokale Massnahmen getroffen wurden. Der Bundesrat diskutierte in der Folge «eine Art Landesverteidigung gegen Seuchen», aber bis zu einem vernünftigen Pandemieplan sollten noch einmal fast neunzig Jahre vergehen.
Kaum Lehren möglich
Zusammenfassend lässt sich sagen: Bei den Infektionskrankheiten Pest, Cholera und Spanische Grippe spielte die medizinische Behandlung von Kranken eine untergeordnete Rolle. Die Pest spielte sich als lokales Drama ab und unterstützte einen raschen wirtschaftlichen Strukturwandel in einer von der Religion dominierten Schweiz. Die Cholera war ein Hinweis auf Probleme der sozialen Ungleichheit, deren wirtschaftliche Folgen abgesehen vom Projekt der Stadtsanierung überschaubar waren. Die Spanische Grippe schliesslich führte zu einem kompletten Zusammenbruch des Gesundheitswesens.
Die politische Bewältigung der Grippe kam praktisch ohne Experten aus, denn Landesstreik und Armeemobilisierung dominierten die Diskussion. Es erwies sich in der Schweiz als schwierig, politische Lehren aus Pandemien zu ziehen. Vor diesem Hintergrund wird es spannend zu beobachten sein, wie Covid-19 die gesundheitspolitischen Diskussionen der nächsten Jahre beeinflussen wird.