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Der frisch eingesetzte Präsident des FC Basel über millionenschwere Offsidepfiffe, den Fall Sion und die Modernisierung des Schweizer Fussballs.
WOZ: Herr Heusler, es ist eine schwierige Zeit für den Fussball, oder?
Bernhard Heusler: Leider ja. Auf Nebenschauplätzen geben wir ein schlechtes Bild ab. Bei Xamax ist die Gefahr gross, dass die Mannschaft keine Rückrunde spielt. Und wie der FC Sion auf den Abzug von 36 Punkten reagieren wird, weiss auch niemand.
Um ein Haar wäre der Schweizer Fussballverband von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen worden, was für den FC Basel bedeutet hätte, dass er nicht in der Champions League hätte spielen dürfen. Wie sehen Sie als Jurist den Streit zwischen dem FC Sion und der Fifa?
Um ein Haar ist übertrieben. Als Jurist weiss ich vor allem, dass ich mich noch mehr als die Laien zurückhalten sollte damit, Fälle zu beurteilen, deren Dossiers ich nicht genau kenne. Ich äussere mich deshalb nicht zum Streit zwischen der Fifa und dem FC Sion. Ich weiss nur, dass wir vom FC Basel die Saison besser mit 37 Punkten Vorsprung vor Sion abschliessen (lacht).
Trotzdem: Können Sie die Geschichte für uns Laien kurz zusammenfassen?
Ursprünglich ging es darum, ob der FC Sion im Frühling 2008 den ägyptischen Goalie Essam al-Hadary dazu verleitete, seinen Vertrag in Ägypten zu brechen. Dafür wurde Sion höchstrichterlich mit einer Transfersperre belegt. Im Sommer 2011 noch offen war allein die Frage, ob diese Sperre schon verbüsst worden war oder nicht …
… weil das Urteil mitten in einer Transferperiode gesprochen wurde.
Leider wurde versäumt, den hochdelikaten Fall vor Beginn der Transferperiode letztinstanzlich abzuschliessen. So blieb nur die Hoffnung, dass Christian Constantin sich zur Sicherheit weiterer Transfers enthält.
Eine etwas naive Hoffnung, oder? Christian Constantin hat schon einmal vor Bundesgericht die Reintegration des FC Sion in eine laufende Meisterschaft erzwungen.
In der Schweiz kennen wir diese Seite von ihm. Der Weltverband kannte sie dagegen noch nicht.
Es wäre umgekehrt allerdings eine Bankrotterklärung gewesen, hätte man Constantin aus Angst vor einem Machtkampf gewähren lassen.
So meine ich das nicht. Die Rechtslage ist komplex. Durch die nicht geklärte Rechtslage ist erst eine Strategie möglich geworden, wie wir sie aus dem Baurecht kennen: Ist die Bewilligungslage unklar, ob zwei oder drei Stockwerke gebaut werden dürfen, wird ein drittes gebaut, um ein Fait accompli zu schaffen.
Kolumnist Pedro Lenz hat es in der WOZ so zusammengefasst: Constantins «Verbrechen» bestehe darin, dass er die Zivilgerichte angerufen habe. Und Zivilgerichte seien für die Fifa das Böse …
Das ist zu absolut ausgedrückt. Natürlich hat Constantin kein «Verbrechen» begangen, er hat kein Schmiergeld bezahlt, er hat keine Spiele gekauft. Aber er ist mit seinen Spielern einen Weg gegangen, den die Fifa nicht tolerieren kann, weil das sonst überall vorkommen würde. Stellen Sie sich vor, der Fall wäre in Kuweit geschehen – hätte man nicht auch in der Schweiz nach der Fifa gerufen und gesagt, die sollen jetzt durchgreifen, egal, was ein Bezirksgericht irgendwo entscheidet? Im Fussball muss man mit subjektiv empfundenem Unrecht umgehen können …
Das behauptet Fifa-Boss Sepp Blatter auch immer. Muss denn das so sein?
Natürlich. Der Fussball, das Spiel an sich, lebt von Zufälligkeiten. Ob ein Spieler einen Schuss an die Latte oder ins Tor setzt, macht den Unterschied aus zwischen Versager und Held. Davon lebt der Sport. Schauen Sie: Wir verlassen auch mal das Stadion in der Überzeugung, dass wir neunzig Minuten lang ungerecht behandelt worden sind. Aber das darf nicht bedeuten, dass wir nach dem Spiel einen Paragrafen suchen, mit dem wir den Schiedsrichter verklagen können.
Ist das nicht ein Grundproblem, wenn es bei einem solchen Spiel plötzlich um sehr viel Geld geht?
Natürlich. Als wir 2008 gegen Vitoria Guimarães um den Einzug in die Champions League spielten, erzielten die Portugiesen in der 90. Minute ein Tor. Der Linienrichter entschied fälschlicherweise auf Offside – ich blickte damals auf der Tribüne hinter mich und sah, wie für den portugiesischen Präsidenten eine Welt zusammenbrach, weil er wusste, sein Klub hatte gerade zwanzig Millionen verloren. Das ist nicht so wie früher, als man sich auch mal sagen konnte: «Dann sind wir jetzt halt nicht Schweizer Meister.» Das Geld macht uns zunehmend intoleranter gegenüber der Zufälligkeit des Spiels.
Heisst das, auch der aktuelle Streit ist ein Ausdruck der Modernisierung des Spiels?
Die Heftigkeit des Streits ist das sicher. Da geht es um viel Geld: für den Verein FC Sion, der den Spielern weiter Lohn bezahlen muss, für die Spieler, die sich nicht präsentieren können und deren Marktwert damit in Gefahr ist, sowie für deren Agenten, die natürlich auch noch zusätzlichen Druck ausüben.
Der Wirtschaftsanwalt Bernhard Heusler (48) ist seit dem 1. Januar 2012 Präsident des FC Basel. Er tritt die Nachfolge der langjährigen FCB-Mäzenin Gigi Oeri an.