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20 Minuten online
von Klaus Zaugg, 20 Minuten online - Kevin Lötscher wagt beim EHC Biel einen Neuanfang in der NLA. Im Interview spricht er über seinen Unfall, Trainer Kevin Schläpfer und die Möglichkeit, dass aus ihm ein Verteidiger werden könnte.
Ihr Unfall liegt nun bald zwei Jahre zurück. Wie gehen Sie mit den Erinnerungen um?
Ich denke nicht mehr darüber nach. Ich kann nicht ändern, was passiert ist. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann.
Hadern Sie manchmal mit dem Schicksal?
Nein. Ich habe inzwischen eine positive Einstellung gefunden. An diesem 14. Mai 2011 ist nicht meine Karriere unterbrochen worden. An diesem 14. Mai habe ich ein zweites Leben geschenkt bekommen.
Hatten Sie mit der Unfallverursacherin seither Kontakt?
Sie hat sich bei mir per SMS entschuldigt und mir mitgeteilt, dass es ihr leid tue. Aber ich wusste nicht recht, was ich mit einer solchen Entschuldigung anfangen soll. Ich habe schliesslich geantwortet, sie solle sich keine Sorgen um mich machen.
Sie haben sie nicht getroffen?
Nein. Ich wüsste gar nicht, wie ich bei einer persönlichen Begegnung reagieren würde und wie ich mich verhalten sollte. Es ist passiert und es bringt nichts, wenn ich mich nun noch auf diese Weise mit der Vergangenheit auseinandersetze. Ich habe keinerlei Rachegefühle und ich wünsche mir auch nicht, dass sie ins Gefängnis muss. Sie soll sich einfach vor Gericht verantworten und nach Recht und Gesetz bestraft werden.
Woran erinnern Sie sich eigentlich noch?
An die beiden ersten Spiele gegen Frankreich und Weissrussland. Aber ich habe keine Erinnerungen mehr an die übrigen vier Spiele. Es gibt noch ein paar Erinnerungen an den letzten Tag, als wir im Ausgang waren und vom Abreisetag, als wir am Flughafen ein Bier kauften. Ich sehe noch das Innere des Flugzeuges und erinnere mich, dass nur wir drin waren, weil es ein Charterflug war. Alles in allem fehlen mir die Erinnerungen an sechs Wochen meines Lebens. Als ich wieder zu mir kam, erkannte ich die Menschen um mich herum sofort. Aber ich wusste nicht einmal mehr, dass ich Eishockey gespielt hatte. Als mir mein Vater sagte, ich sei Eishockeyspieler, fragte ich ihn, wo ich denn spiele, und als er mir sagte, beim SC Bern, glaubte ich an einen Scherz und sagte: Oh, cool. Ich musste alles wieder lernen: Essen oder zur Toilette gehen.
Sind Sie für Ihre Gegenspieler auf dem Eis wieder der Eishockeyspieler Kevin Lötscher oder immer noch ein Unfallopfer?
Am Anfang habe ich gespürt, dass gewisse Hemmungen da waren. Das kann ich sehr gut verstehen, ich würde ja in einem solchen Fall wohl ähnlich reagieren und keinen richtigen Check wagen. Inzwischen hat sich alles normalisiert. Ich bin gegen Schluss der Saison in Sierre auch im Powerplay und Boxplay eingesetzt worden und war ein Spieler wie jeder andere auch. Das ist sehr wichtig für mich. Denn sonst weiss ich nicht, wo ich in meiner Entwicklung stehe. Ich kann nur allen Gegenspielern sagen: Ich bin okay, ihr könnt gegen mich voll spielen.
SCB-Sportchef Sven Leuenberger sagt, Sie seien bereits im Sommer bei den Fitnesstests einer der besten Spieler gewesen.
Ja, das stimmt. Soviel ich weiss, war ich bei den ersten Tests vor dem Beginn des Sommertrainings der Beste und bei den Tests am Ende des Sommertrainings gleich hinter Ivo Rüthemann. Aber das ist für mich keine so grosse Überraschung.
Keine Überraschung?
Es ist etwas schwierig zu erklären. Ich arbeite ja nicht nur für eine gute Form. Für mich ist es erst um die Rückkehr in ein normales Leben gegangen und nun geht es um die Fortsetzung meiner Karriere. Ich muss alle meine Energien mobilisieren und das überträgt sich auf mein Trainingsverhalten. Wenn es um Kniebeugen, Liegestützen oder Klimmzüge geht, dann kann ich einfach nicht sagen: Okay, lass es gut sein, genug ist genug. Ich will noch mehr und noch mehr und noch mehr. Da bin ich wohl beim Sommertraining mit einer ganz besonderen Einstellung am Werk gewesen.
Sie bekommen nun beim EHC Biel noch einmal eine Chance. Wann ist Ihr erster Trainingstag?
Am 15. April. Ich möchte hier aber noch etwas zum SC Bern sagen. Dass mein Vertrag beim SCB nicht verlängert worden ist, kann ich sehr gut verstehen. Ich bin jetzt noch nicht der Spieler, den der SCB mit seinen hohen Ansprüchen braucht, und es wäre mir mit einer Vertragsverlängerung in Bern nicht gedient gewesen. Es ist mir ein Anliegen, allen beim SCB noch einmal für alles zu danken. Der SCB hat mit mir einen Spieler geholt, der Tore schiessen und die Mannschaft verstärken sollte und um den man sich nicht weiter kümmern musste. Sie haben aber nach meinem Unfall einen Spieler bekommen, der um die Rückkehr in die Normalität des Lebens kämpfen musste. Der SCB hat für mich viel, viel mehr getan als von einem Profiunternehmen verlangt werden konnte. Wenn es heisst, es gebe keine Rücksichten im Profisport, dann hat der SCB das Gegenteil bewiesen. Wenn ich nur daran denke, was Sportchef Sven Leuenberger alles getan hat, um mir zu helfen und mich weiterzubringen. Es ist mir wirklich Anliegen, das nochmals zu sagen. Nicht dass der Eindruck entsteht, der SCB habe mich nach zwei Jahren einfach fallen gelassen.
Welche Abmachung haben Sie mit Biel?
Ich werde ab dem 15. April das Sommertraining mitmachen und dann im Eistraining versuchen, mir einen Platz in der Mannschaft zu erkämpfen. Wenn wir sehen, dass es für die NLA wieder reicht, bekomme ich einen Vertrag. Wenn es nicht für die NLA reicht, werde ich es nächste Saison noch einmal in der NLB probieren. Ich kämpfe um meine Rückkehr ins Eishockey, solange ich spüre, dass ich Fortschritte machen. Ich will mir nicht in ein paar Jahren den Vorwurf machen, nicht wirklich alles probiert zu haben. Privat ändert sich vorerst für mich durch den Wechsel zu Biel nichts.
Wissen Sie schon, was Sie tun werden, wenn es nicht reichen sollte?
Wahrscheinlich werde ich als Unterhosen-Model arbeiten. Nein, jetzt ernsthaft, ich mache mir darüber keinerlei Gedanken. Mein Vater hat darauf bestanden, dass ich eine Lehre machen muss, bevor ich einen Profivertrag als Spieler unterschreibe. Das hat mich damals verärgert. Aber heute bin ich meinem Vater dafür sehr dankbar. Ich habe meine KV-Lehre abgeschlossen. Ich weiss also, dass es auch ohne Eishockey weitergehen wird. Vielleicht will ich dann nicht mehr in einem Büro arbeiten. Ich mag mehr eine Arbeit, bei der ich viel mit Menschen zu tun habe und Menschen von etwas überzeugen kann.
Bei Ihrem Comeback-Versuch spielt Trainer Kevin Schläpfer eine zentrale Rolle.
Ja, es ist entscheidend, dass ich mit einem Trainer zusammenarbeiten kann, der mich in die NLA zurückbringen will und an mich glaubt. Ich spüre, dass Kevin Schläpfer davon überzeugt ist, dass ich es schaffen kann. Er wird alles von mir fordern und ich ahne schon, dass ihn manchmal hassen werde und ihn nicht mehr sehen möchte. Aber nur so einer bringt mich weiter.
Sie waren in ihrem letzten Spiel gegen die USA am 9. Mai 2011 der beste Schweizer Stürmer und steuerten zum 5:3-Sieg zwei Tore bei. Alle sehen in ihnen einen Topskorer. Könnte es aber nicht auch sein, dass Sie Ihre Karriere in einer anderen Rolle fortsetzen? Sie sind gross und kräftig, Sie haben eine grosse Reichweite und Sie können das Spiel sehr gut lesen. Biel hat akute Verteidiger-Not. Könnten Sie mit Ihrer NHL-Postur nicht auch einen Versuch als Verteidiger machen?
Könnte es nicht auch die Torhüterrolle sein? Spass beiseite: Meinem Vater ist schon nachgesagt worden, er könne nicht rückwärtsfahren (er war Nationalstürmer, Anm. d. Red.) und bei mir ist es nicht anders. Ich will halt lieber im Spiel etwas kreieren als etwas verhindern. Aber Sie haben schon recht: Es kann sein, dass mir das schnelle Durchspielen vor dem gegnerischen Tor nie mehr so leicht fällt wie vor meinem Unfall und ich deshalb eine andere Rolle suchen muss. Auf jeden Fall werde ich dort mein Bestes geben, wo mich Kevin Schläpfer hinstellt. Es ist letztlich nicht wichtig, was ich spiele, sondern dass ich spiele.
Sie sind unter Kevin Schläpfer in Biel vom NLB-Spieler zum Nationalstürmer gereift. Wie haben Sie ihn erlebt?
Wir haben seither eine ganz persönliche Beziehung und der Kontakt zwischen uns ist auch nach dem Wechsel zum SC Bern nie abgebrochen. Kevin Schläfer ist ein Spinner und genau deswegen mag ich ihn. Er macht aus dem Gefühl heraus, was er will und lässt sich dabei von niemandem dreireden. Bei ihm weiss ich immer, woran ich bin, er verstellt sich nie und er sagt das, was er denkt, gerade heraus.
Haben Sie sich durch den Unfall eigentlich verändert?
Meine Mutter sagt, ich sei etwas ruhiger und überlegter geworden. Mein Vater und mein Bruder und sonst alle, die mich gut kennen, sehen keine Veränderung. Ich sei immer noch so wie immer und mache immer ständig diese dummen Sprüche. Ich glaube aber schon, dass sich etwas verändert hat. Vor meinem Unfall war ich mehr ein Spieler. Ich denke, nun bin ich, nach allem, was ich durchgemacht habe, mehr ein Kämpfer geworden.