Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/982

Kleinasien,
die große westasiat.
Halbinsel, die, zwischen 36° und 42° nördl.
Br. und zwischen
26° 20' und 42° östl. L. v. Gr. gelegen, sich westwärts
vom
Euphrat zwischen dem
Schwarzen und dem
Mittelländischen
Meer bis an das Ägeische und das
Marmarameer ausdehnt und jetzt
einen Teil des türkischen
Reichs bildet (s.
Karte
»Türkisches Reich« u. »Mittelmeerländer«).
Gegen O. hat
Kleinasien keine natürliche geographische oder ethnographische
Grenze; eine
Linie, von
Trapezunt oder
der Rionmündung nach der
Spitze des Issischen
Meerbusens gezogen,
ist als östliche Begrenzung rein willkürlich.
Ebenso hatte das Altertum keinen eignen Namen für das Land; derselbe kam erst im 5. Jahrh. n. Chr. auf, gleichsam im Gegensatz zum übrigen Asien, [* 2] ist aber auch in anderm Sinn zutreffend, insofern die Halbinsel in allgemeinen Umrissen die Bodengestalt des großen Asien wiederholt: Tafelland in der Mitte, Randgebirge und Terrassenländer an den Seiten. Vom armenischen Hochland ziehen die Ketten aus, welche das Tafelland der Mitte umschließen; sie verfolgen im allgemeinen die Richtung von ONO. nach WSW.
Den Nordrand bildet ein durch die Thäler der Pontuszuflüsse häufig durchbrochener Bergzug, der, dem Rande des Schwarzen Meers parallel, nach W. bis zum Ida und dem Kap Baba zieht und in seinen höchsten Gipfeln die Höhe von 2200 m erreicht. Den Südrand bildet der Taurus mit seinen Fortsetzungen, ebenfalls keine zusammenhängende Kette, aber doch einheitlicher und gewaltiger als die Berge im N. Vom armenischen Plateau zieht ein mächtiger Zug nach SW. und trägt im N. der Bucht von Alexandrette Gipfel von 3200 m. In nördlicher Fortsetzung begleitet er die Küste des Mittelmeers, [* 3] erreicht im Bulgar Dagh 3477 m Höhe, steigt im Lykischen Taurus noch einmal zu 3200 m an und läuft schließlich in langen, schmalen Halbinseln ins Ägeische Meer aus.
An der
Nord- und Südseite lassen die schroff abstürzenden
Gebirge nur einen schmalen Küstensaum; nur nach W. senkt sich
das Bergland sanfter und in mehreren
Terrassen dem
Meer zu. Die
Küsten selbst sind fast überall steil
und ausgebuchtet, namentlich auf der Westseite in seltenster
Weise ausgezackt; längs der Südküste reichen die steilen und
hohen Felsenmassen oft bis an das
Meer. Nach dem Innern dachen sich die Randgebirge allmählich ab und bilden die im
Durchschnitt
800-1000 m ü. M. gelegene Scheitelfläche von
Kleinasien, welche
teils aus welligen
Becken, teils aus völlig horizontalen
Plateaus besteht und eine
Menge unregelmäßiger Bergzüge und einzelne
Hochgipfel enthält.
An den Berghängen finden sich wohl einzelne gut bewässerte Strecken sowie fruchtbare Thalmulden; im ganzen aber ist das innere Tafelland (fast ein Drittel des Ganzen) ein wasserloses, pflanzenarmes, oft sogar steppenartiges, daher einförmiges und heißes Gebiet, während die Randterrassen sich durch eine reiche Vegetation und hochstämmige Wälder auszeichnen. Das Tafelland hat das Klima [* 4] des nördlichen Frankreich oder Deutschland, [* 5] nur daß die Winter viel kälter und die Sommer viel heißer und trockner sind.
Der
Boden ist vielfach mit Salzkristallen geschwängert; auch zahlreiche
Salzseen und Steppenflüsse gibt
es. Ohne
Zweifel ist auch dieses
Tafelland durch vulkanische Thätigkeit erschüttert und unterwühlt worden; dafür sprechen
der
Name des »verbrannten
Phrygien« und die erloschenen
Vulkane:
[* 6] der 3860 m hohe
Ardschisch (Argäus der Alten) bei
Kaisarieh
und südwestlich davon der Hassan
Dagh (2400 m). Die
Flüsse
[* 7]
Kleinasiens sind entweder Gebirgswasser kürzern
Laufs, die vom Randgebirge zum
Meer gehen, oder größere
Flüsse, die auf dem
Tafelland entspringen und die Randgebirge durchbrechen.
Die
Wasserscheide zwischen dem
Schwarzen
Meer und
Mittelmeer geht mitten durch das
Tafelland. Sie sind sämtlich nur als Ernährer
der
Vegetation wichtig, schiffbar ist keiner. Der bei weitem größte
Fluß ist der
Kisil Irmak (ein Pontuszufluß);
dem
Schwarzen
Meer gehen ferner zu der
Sakaria (bei den Alten Sangarius) und der
Jeschil Irmak
(Iris). Ins
Marmarameer fließen:
die vereinigten Susurlu
Tschai und Adyrnas
Tschai
¶
mehr
(Makestos); ins Ägeische Meer: der Sarabad oder Gediz Tschai (Hermos der Alten), der kleine Menderez Tschai (Kaystros) und der große Menderez (Mäandros);
ins Mittelmeer: der Kodscha Tschai (Xanthos), Köprü Su (Eurymedon), Gök Su (Kalykadnos), Tarsus Tschai (Kydnos), Seihun (Saros) und Dschihan (Pyramos).
Von den zahlreichen Seen sind der Salzsee Tus Tschöllü im NO. und der Beischehr Göl und Egerdir oder Hoiran Göl im W. von Konia, der Isnik Göl im NO. von Brussa, der Abolonia- und Maniassee im S. des Marmarameers die namhaftesten.
Kleinasien ist in Bezug auf historische Erinnerungen und auf die Lage für den Handel mit keinem andern Lande des
Orients zu vergleichen, obschon es sich gegenwärtig infolge der Türkenherrschaft in einem traurigen Zustand befindet,
und nicht ohne Grund hat Roß das Land deutschen Kolonisten eifrig empfohlen. Der Boden ist, mit Ausnahme der sterilen Strecken
der Tafelfläche, ergiebig und zum Teil sehr fruchtbar; er wird nie gedüngt und nur von einem sehr rohen
Pflug
[* 9] aufgerissen, und dennoch gibt er immer Frucht.
Die reichsten Landschaften sind die Gebirgsregionen, in welchen neben dem Korn noch alle Schätze der südeuropäischen Vegetation
gedeihen. Unter den offenen, fruchtbaren Thälern sind die wichtigsten: die des Kisil Irmak und des Jeschil Irmak (für Kornbau
und Seidenzucht gleich geeignet) und das malerische Thal
[* 10] des Gök Su mit fast tropischer Vegetation. Für
den Handel zugleich sind die vier gegen das Ägeische Meer sich öffnenden Thäler, das des Mäandros, Kaystros, Hermos und Kaikos,
von großer Wichtigkeit; sie liefern namentlich Reis, Tabak,
[* 11] Mais, Opium, Getreide
[* 12] und Olivenöl, für welches
überhaupt das Klima
Kleinasiens außerordentlich geeignet ist.
Treffliches Bauholz findet sich vorzugsweise an den Südküsten in Menge, wird aber von den Türken greulich verwüstet. Die Valone, besonders aus der Ebene von Troja, [* 13] von Mytilene und Chios und aus Karien, gelangt über Smyrna nach Europa; [* 14] der Tabak von Bergama, Manissa, Adalia und namentlich von Samsun ist in der ganzen Türkei [* 15] berühmt. Für die Gewinnung von Seide [* 16] sind Brussa und Amasia Hauptorte. In den Thälern erntet man vom Mai bis Juli, auf den Hochebenen im Spätsommer; letztere sind spärlicher bebaut.
Mohn, zur Bereitung von Opium, wird in ganz
Kleinasien gebaut, besonders aber auf den Plateaus im großen. Alles
Opium
Kleinasiens führt England nach Ostasien. Unter dem Vieh in
Kleinasien ist vor allen die Angoraziege zu nennen, die nur in Einer
Gegend, westlich vom Kisil Irmak, fortkommt und in jeder andern ausartet, deren Zahl aber durch Futtermangel und Kälte im
Winter 1874/75 beträchtlich reduziert wurde. Auf den hohen Tafelländern nomadisieren Herden von Schafen,
Ziegen und Pferden, von denen besonders letztere (Nachkommen der alten kappadokischen Rasse) durch Behendigkeit und Stärke
[* 17] ausgezeichnet
sind.
Auch an wilden Tieren: Panthern, Bären, Wölfen, verwilderten Hunden etc., fehlt es dem Land nicht. Von Mineralien [* 18] finden sich Kohle im Nordwesten bei Eregli (hauptsächlich in Konstantinopel [* 19] als Brennmaterial benutzt), Blei [* 20] bei Smyrna, Adana u. a., Gold [* 21] bei den Dardanellen, Mangan in bedeutenden Lagern, Antimon (auf Chios und bei Aidin), Boracit, Chromerz, Schmirgel, Eisenerze, Schwefel, Nickel, Alaun, [* 22] Schleifsteine von großer Güte u. a. Bedeutende Steinsalzlager befinden sich im Becken des Kisil Irmak (zwischen Kaledschik und Osmandschik).
Der See Tus Göl ist eine einzige ungeheure Masse kristallinischen Salzes, auch die Salzsümpfe des Wilajets Siwas sind
reich an
Salz.
[* 23] Seesalz gewinnt man an den Küsten. Unter den Metallwerken
Kleinasiens befindet sich nur eine einzige nach europäischer
Art eingerichtete Hütte, zu Tokat. Der Binnenhandel
Kleinasiens ist unbedeutend. Wie oben schon erwähnt,
ist ein fahrbarer Wasserweg in ganz
Kleinasien nicht vorhanden; aber auch an gebahnten Wegen fehlte es bis vor kurzem
dem Land. Erst in den letzten Jahren ist ein verhältnismäßig dichtes Netz von Chausseen gebaut worden, beziehentlich im Bau
begriffen.
Dazu kommt, daß die wilden Horden, welche ihre Herden in diese Gebiete treiben, die Karawanen vielfach
beunruhigen und ausplündern. In neuerer Zeit wurden Eisenbahnen von Smyrna einerseits nach Alaschehr, anderseits nach Ödemusch,
Tire, Aidin und Serai Köi, von Skutari nach Ismid und von Mersin nach Adana gebaut. Es sind dies die Anfangsglieder der großen,
von englischen Kapitalisten seit Jahren geplanten Euphratbahn, welche
Kleinasien von Skutari aus durchschneiden
und entweder, dem Euphrat folgend, den Golf von Persien
[* 24] erreichen und an dessen Nordgestade nach Karatschi fortgeführt werden
soll, oder, den genannten Strom überschreitend, über Herat und Kabul an das indische Eisenbahnnetz sich anzuschließen bestimmt
ist.
Die Küsten sind reich an Baien und Reeden, die sich für Handelsorte auf das trefflichste eignen; aber die meisten sind verödet. Der Exporthandel geht in den Hafenstädten des Südens meist durch die Hände europäischer Spekulanten, die dadurch den ganzen Vorteil an sich ziehen. An der den Nordwinden sehr ausgesetzten Nordküste ist Trapezunt durch seine Verbindung mittels österreichischer und englischer Dampfschiffe nach Konstantinopel jetzt deshalb wichtig geworden, weil der schwierige Karawanenweg nach Smyrna allmählich aufgegeben wird und die Produkte ihren Weg nach Trapezunt nehmen, wie denn auch die europäischen Waren nicht mehr über Smyrna, sondern über Konstantinopel und Trapezunt in das Innere befördert werden. - Die Bevölkerung [* 25] wird auf 5-6 Mill. geschätzt und ist im W. am dichtesten (rund 1½ Mill.). Den Hauptteil derselben bilden die ottomanischen Türken; 1/20 der Bewohner mögen Griechen sein, welche besonders im W., an der nordöstlichen Küste und in Kappadokien ansässig sind und nebst den Armeniern und Juden fast den ganzen Handel an sich gerissen haben. Außerdem finden sich Turkmenen, nomadisierende Juruken, Kurden, wenige Araber und eine kleine Anzahl Zigeuner im Land.
Bei den Byzantinern erhielt
Kleinasien den Namen Anatole (türk. Anadoly), d. h. »Land gegen den Aufgang«, eine Bedeutung, welche auch
der bei den Abendländern besonders für den Westrand übliche Name Levante hat. Administrativ zerfällt
in zehn Wilajets (mit Hinzurechnung des Wilajets Konstantinopel, zu welchem die Distrikte Skutari und Ismid gehören), nämlich:
Konstantinopel, Chodawendikjâr, Karasi, Aidin, Angora, Konia, Kastamuni, Trapezunt, Siwas und Adana (s. Karte »Türkisches Reich«).
Die antike Einteilung des Landes war folgendermaßen: Das Tafelland der Mitte umfaßt die alten Landschaften Phrygien, Galatien, Lykaonien und im O. Kappadokien. Die Nordterrasse stößt im O. mit der Landschaft Pontos an die Kaukasusländer; in der Mitte umfaßt sie Paphlagonien (die am meisten nach N. gerichtete Ausbiegung der Halbinsel), im W. Bithynien. Die nördlichste Landschaft der Westterrasse ist Mysien, die mittlere Lydien, die südliche Karien. Die Südterrasse schließt sich im W. durch die Landschaft Lykien an die Westterrasse an; weiter folgt ¶
mehr
Pamphylien und nördlich darüber Pisidien und als die östlichste Landschaft Kilikien. Vor letzterer liegt die Insel Cypern [* 27] sowie vor der Westküste zahlreiche Inseln, als Rhodos, Ikaria, Samos, Chios, Lesbos, Tenedos etc., die sich seit den ältesten Zeiten durch Kultur und Bevölkerung auszeichneten.
Geschichte. In der Geschichte ist als das Übergangsglied vom Morgenland zum Abendland von nicht geringer Bedeutsamkeit, nicht sowohl, weil seine Bewohner jemals eine Gesamtnation oder Ein politisches Ganze gebildet hätten, sondern weil es von jeher der Kampfplatz und die Beute der sich hier in Krieg und Handel begegnenden Völker gewesen ist. Selbständige Reiche der Halbinsel waren immer nur vorübergehende Gebilde, die fremden Eroberern unterlagen. In ältester Zeit waren die Reiche der Phrygier und der Lydier mächtig, und der mit griechischen Kolonien bedeckte Westrand war eine bewegte Stätte blühenden Handels und reger geistiger Entwickelung.
Nach dem Sturz des lydischen Reichs 548 v. Chr. wurde
Kleinasien mit dem Perserreich vereinigt. Um die griechischen
Städte war zwischen Persern und europäischen Griechen langer Streit, bis Alexander durch seinen Siegeszug auch diese Halbinsel
in Besitz nahm. Nach seinem Tod 323 ward sie teils eine Provinz des syrischen Reichs, teils entstanden einzelne kleine Königreiche,
wie Pergamon,
[* 28] Bithynien, Kappadokien u. a. Die Römer
[* 29] betraten es zuerst 190 im Kriege gegen Antiochos und
machten 133 den nordwestlichen Teil unter dem Namen Asien zur Provinz.
Noch einmal erstand in Pontos ein mächtiges einheimisches Reich, und der Name des Mithridates (120-64) wurde selbst von den Römern
gefürchtet. Als auch er zuletzt unterlag, wurde
Kleinasien dem römischen Reich einverleibt. Handel und Ackerbau
erhoben sich zu neuer Blüte;
[* 30] es wurden neue Städte erbaut und alte verschönert. Die Blütezeit reicht noch in die christliche
Ära hinein, wo in
Kleinasien die sieben Kirchen Asiens entstanden, die zerstreuten Gemeinden der Apostel sich bildeten und die Konzile
zu Nikäa und Chalcedon gehalten wurden.
Bei der Teilung des römischen Reichs in eine östliche und eine westliche Hälfte (395) fiel an das Ostreich. Bald nach dem Aufkommen des Islam wurde es mehrfach von arabischen und turanischen Horden überfallen und stückweise besetzt; dennoch gelang es den Türken, welche im 11. Jahrh. eindrangen und hier das Sultanat von Ikonion gründeten, erst zu Ende des 13. Jahrh. die Zivilisation zu ertöten, besonders nachdem der wilde Osman im 14. Jahrh. in Bithynien ein selbständiges Reich errichtet hatte.
Mit der Eroberung Brussas durch seinen Sohn Murad beginnt das neue osmanische Reich, und das Land sank unter der Türkenherrschaft so tief wie wenig andre. Um 1400 überschwemmte es noch Timur mit seinen Mongolen, und danach befestigten sich die Türken durch die Eroberung Konstantinopels und Trapezunts. Seitdem haben willkürlich schaltende Paschas das Land unablässig ausgesaugt, und die einst mit prachtvollen Städten besetzte Halbinsel, eins der schönsten Länder der Erde, befindet sich in einem Zustand der Verwilderung und des Elends.
Aber trotzdem ist
Kleinasien die wichtigste und immer noch bevölkertste Provinz der asiatischen Türkei.
Vgl. Cramer, Description of Asia Minor (Oxf. 1832, 2 Bde.);
Texier, Asie Mineure (Par. 1838, 6 Bde.);
Hamilton, Researches in Asia Minor (Lond. 1842, 2 Bde.);
Vivien de Saint-Martin, Asie Mineure (Par. 1845, 2 Bde.);
Tchihatchef, Asie Mineure (das. 1853-69, 4 Tle. in 8 Bdn.);
Lennep, [* 31] Travels in little known parts of Asia Minor (Lond. 1870, 2 Bde.);
»Beiträge zur Geschichte und Topographie Kleinasiens« von Adler, [* 32] Hirschfeld und Regely, herausgegeben von E. Curtius (Berl. 1872);
v. Scherzer, Smyrna etc. (Wien [* 33] 1873; 2. Aufl. der französischen Bearbeitung, Leipz. 1880);
Stark, Nach dem griechischen Orient, Reisestudien (Heidelb. 1875);
Seiff, Reisen in der asiatischen Türkei (Leipz. 1875);
Georgiades, Smyrne et l'Asie Mineure (Par. 1885);
Tchihatchef, Kleinasien (Leipz. 1887). -
Über die neuern Forschungsreisen in Kleinasien vgl. Asien, S. 938.