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In ihrem Roman "Überleben am Red River" erzählt die Berner Schriftstellerin Therese Bichsel vom Schicksal von Schweizer Auswanderern in den 1820er-Jahren in Nordamerika. Sie rückt dabei das Schicksal von jungen Frauen, die vielfach zwangsverheiratet wurden, in den Vordergrund.
Es gibt ein Video einer Hilfsorganisationexterner Link. Es zeigt eine 12-jährige syrische Braut, die neben ihrem Ehemann posiert, der so alt ist, dass er ihr Grossvater sein könnte. Die Szene, gedreht in Libanon, ist zwar von Schauspielern gestellt, aber geschieht so in der Realität jeden Tag in vielen Ländern. Das Video ist Teil einer Kampagne, um auf die Praxis von Kinderehen aufmerksam zu machen.
Vorkommnisse wie diese haben Therese Bichselexterner Link zu ihren Recherchen bewogen - und zum Schreiben eines historischen Romans. Im Fokus stehen bei ihr aber nicht zeitgenössische Zwangsehen in Syrien, sondern historische in Nordamerika, welche einen starken Schweizer Bezug haben. Denn vor rund 200 Jahren wurden auch Schweizer Mädchen und Frauen zwangsverheiratet.
In "Überleben am Red River"externer Link verzichtet die Berner Autorin auf den klassischen Ansatz, die Geschichten europäischer Siedler in Nordamerika durch die Augen von Männern zu beschreiben. Stattdessen bringt Bichsel die weitgehend unbekannten Schicksale von Frauen ans Licht. "Als ich über die Zwangsehen schrieb, las ich in der Zeitung von syrischen Mädchen, die gezwungen wurden, ältere Männer zu heiraten. Diese Parallele war eine der Ideen für mein Buch", sagt sie.
Hoffnung aufs Paradies
Wir sitzen in Bichsels Wohnung in einem grünen Quartier von Bern. Die Autorin erzählt von ihren Beweggründen und der Herausforderung, genug Details über die Frauen und Mädchen herauszubekommen, um die Figuren und Handlungen in ihrem Roman realitätsnah beschreiben zu können.
Im Fokus steht eine Gruppe von Schweizer Auswanderern. Die rund 170 Männer, Frauen und Kinder ziehen 1821 nach Nordamerika, genauer in die Red-River-Kolonie. Dabei handelt es sich um ein grosses Gebiet, das heute Teile der kanadischen Provinz Manitoba sowie der US-Bundesstaaten Minnesota und North Dakota umfasst.
Die meisten sind Bauernfamilien, sie sind arm und stecken in wirtschaftlichen Nöten. Dies bewegt sie zur Abreise. Ein hinterlistiger Armeeoffizier namens Rudolf von May verspricht ihnen fruchtbares Land und reiche Ernten. Er hat Schulden und hofft, diese mit dem Geld der ahnungslosen Auswanderer abzahlen zu können. Als die Siedler in der Kolonie ankommen, sind die Felder ausgezehrt und die Vorräte erschöpft, und ein harter Winter bricht an.
Bichsel lebt in Bern und Interlaken. Die Hauptstadt war auch die Stadt von Rudolf von May und die Heimat von einer der Siedlerfamilien. Auch die Archive, wo Bichsel einen Teil ihrer Forschung tätigte, liegen in Bern.
"Den Schweizer Bauern ging es sehr schlecht"
Die Autorin pendelt zwischen Bern und Interlaken mit dem Zug. Es ist eine kurze Strecke. Innerhalb weniger Minuten ist sie ausserhalb der Stadtgrenze und im grünen Aaretal, von wo aus man die schneebedeckten Gipfel der Berner Alpen sieht.
Auf dem Weg dorthin passiert der Zug Dörfer, die am Hang liegen, darunter auch eines, wo eine weitere Auswandererfamilie ihren Ursprung hat - die Rindisbachers. Die Zeit sei damals eine andere gewesen, sagt Bichsel. Wegen einer Reihe schlechter Ernten verarmte die Familie und wurde deshalb auch anfällig für die Annäherungsversuche des Armeeoffiziers von May.
"Weil wir heute ein gutes Leben führen und viele Möglichkeiten haben, vergessen wir oft, dass viele Schweizer Bauern bis vor 100 Jahren auswandern mussten, um ein besseres Leben zu finden", erzählt sie.
Die Autorin fand eine Fülle von Dokumenten über das Reiseziel der Rindisbachers, die Red-River-Kolonie, sowohl im Internet als auch in den Archiven. Sie recherchierte zu den damaligen Verhältnissen in der Schweiz und fand auch Originalberichte und Briefe, die von May und die Siedler verfasst hatten.
Unter anderem stiess sie auf einen detaillierten Bericht einer älteren Frauexterner Link: Ann Adams (geb. Scheidegger) war erst elf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in Amerika ankam. Adams beschreibt die Reise aus der Schweiz und die Jahre in der Kolonie. In einem Kapitel mit dem Titel "Ein harter Wettbewerb für Frauen" beschreibt sie, wie sofort nach Ankunft der Schweizer amerikanische Soldaten in die Siedlung strömten, begierig darauf, eine Frau zu bekommen.
Hochzeitsnacht mit einem Fremden
Adams schreibt, dass sie damals als Kind die Zwangslage der Siedler kaum begriffen habe. Bichsel versuchte, zu begreifen. Mit der künstlerischen Freiheit einer Schriftstellerin gibt sie ein umfassendes Bild davon, wie das Leben für die Frauen und Mädchen in der Red-River-Kolonie gewesen sein könnte.
Ihre Hauptfigur ist Elisabeth Rindisbacher. Sie ist 21 Jahre alt und wie viele andere jungen Siedlerinnen muss sie in Amerika eine Zwangsehe mit einem Soldaten eingehen. Es ist ein Opfer, das sie für ihre obdachlose Familie erbringen muss. Dank der Heirat erhalten sie Unterschlupf in der kleinen Wohnung des Soldaten.
Bichsel berichtet, wie Elisabeth ihre Jungfräulichkeit an einen Mann verliert, der in der Hochzeitsnacht noch ein Fremder für sie war, wie sie ihm unterwürfig wird und wie es ist, in der Kolonie ein Kind zu gebären.
In einem Kapitel träumt Elisabeth davon, wieder in der Schweiz zu sein. Sie träumt von ihrer Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof im Dorf Eggiwil. Die Wiesen sind grün, es ist Frühling. Jakob (ihre erste Liebe) ist der Mann an ihrer Seite, sie hört ihn schnarchen und greift nach seiner Hand. Die Hand findet sie, als sie aber die Augen aufschlägt, liegt ein anderer Mann neben ihr.
Strapazen und Schönheit
Es sei nicht das erste Mal, das sie ein Buch über das Leben von Frauen schreibe, erklärt Bichsel. Dieser Roman sei aber besonders anspruchsvoll gewesen. "Ich vergrub mich in den Archiven. Wenn man lange genug sucht, wird man auch fündig", sagt sie.
Als erstes stiess sie jeweils auf die Namen von Männern. "Wenn sie Familie haben, findet man auch Informationen über ihre Frauen und Kinder. In Zusammenhang mit einigen bekannten Männern habe ich interessante Fakten über die Frauen entdeckt."
Der wohl bekannteste Mann in ihrer Geschichte ist Elisabeths Bruder Peter Rindisbacher. Der damalige Teenager ist heute wegen seiner Zeichnungen und Bilder bekannt, vor allem in Kanada. Er gilt als einer der ersten, der Szenen aus der Kolonie sowie aus dem Alltag der Ureinwohner abbildete.
Bichsel beschreibt den jungen Maler als den einzigen Schweizer, der nicht nur die Strapazen sah, sondern auch die Schönheit der neuen Welt. Er war ein neugieriger Mensch, der mehr über die Indianer erfahren wollte. Und er war ambitioniert und stets bemüht, sein Handwerk weiterzuentwickeln.
Doch Bichsel entschied, auf die Frauen zu fokussieren und sie aus dem Schatten der Geschichte hervorzuholen.
Golduhr gegen Essen
Bichsel erinnert an eine Szene aus dem Roman, in der die elfjährige Anni erlebte, wie die Schweizer Siedler im ersten Winter hungerten. Statt Geld für Essen anzunehmen, verlangte eine Engländerin die Golduhr von Annis Mutter. Vater schaut zu Mutter. Tränen laufen über ihre Wangen, aber sie nickt, wirft einen letzten Blick auf die Uhr und übergibt sie der Engländerin, die sie in ihre Schürzentasche gleiten lässt und wortlos verschwindet.
Nach nur fünf Jahren war der letzte Schweizer in den Süden gezogen. Der Tiefpunkt war eine Flut, die ihre Häuser hinwegschwemmte und fast die gesamte Siedlung zerstörte. Die Erfahrungen der Schweizer sind nur eine Fussnote in der Geschichte der Red-River-Kolonie.
Im Nachgang erholte sich die Kolonie und wuchs langsam aber stetig. Die Bauern konnten Jahr für Jahr ihre Ernteerträge, hauptsächlich Weizen, steigern. Heute wird die Kolonie vor allem wegen ihrer Rolle im Ränkespiel zwischen den USA und Kanadaexterner Link in den späten 1860er-Jahren erinnert. Damals kam es zu einer Rebellion, als grosse Teile von Red River von der Hudson Bay Company an die neugegründete Nation Kanada verkauft werden sollten.
Könnte sich auch die Autorin vorstellen, auszuwandern? Bichsel überlegt und antwortet: Sie habe in einem früheren Stadium ihres Lebens tatsächlich erwogen, nach Kanada auszuwandern. "Es ist das einzige Land ausser der Schweiz, das ich mir vorstellen könnte". Für ihre Recherchen sei sie auch nach Kanada gereist und habe das Land als sehr tolerant gegenüber Einwanderern empfunden. Im Gegensatz zu den USA. "Ich hatte den Eindruck, dass man im Kanada wirklich noch so leben kann, wie man will."
(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)