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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1992 von Peter Ziegler
Der Name «Sust», auch im Passnamen Susten geläufig, erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Hauses. Das Rätoromanische «susta» oder «suosta» bedeutet Schuppen oder Warenlager, das Italienische «sosta» «Ruhe, Rast oder Stillstand». Eine Sust war eine gedeckte Halle zum Einstellen der Saumtiere und Wagen mit den Gütern, oder allgemeiner: ein öffentliches Lagerhaus für Waren aller Art. Susten gab es an den wichtigen Transportrouten über die Alpenpässe; Susten gab es auch an Wasserwegen, am Zürichsee seit dem Spätmittelalter in Horgen.
Das 1840 erbaute zweistöckige Lagerhaus Sust (links) am Susthafen. Rechts davon das Hotel «Seehof». Aufnahme um 1870.
1834 stellte der Zürcher Regierungsrat fest, am linken Ufer des Zürichsees sei ein weiteres Lagergebäude wünschbar. Wädenswil mit aufstrebender Industrie und bedeutendem Handel war bereit, eine Sust und eine Haabe – einen Hafen – zu erstellen. Die Gemeindeversammlung vom 6. Dezember 1835 bestimmte als Standort für die Schifflände und das neue Sustgebäude das Areal ausserhalb des Schützenhauses am Plätzli. Am 27. Februar 1840 begann man mit dem Ausgraben des neuen Seehafens. Die Arbeiten wurden durch Gemeindebürger im Frondienst ausgeführt. Täglich arbeiteten 40 bis 50 Männer. Am 21. März 1840 war die Grube, die sich vom Schützenhaus gegen Osten erstreckte, genügend tief. Jetzt konnte man den Damm durchstechen, der das Eindringen des Seewassers verhütet hatte. Mit Wucht strömte das Wasser in die neue Haabe und füllte sie innert sieben Minuten. Eine grosse Menge Zuschauer verfolgte das seltene Schauspiel.
Bereits im Dezember 1839 hatte Steinmetz Blattmann mit den Bauarbeiten an der zweistöckigen Sust begonnen. Am 20./21. Juli 1840 wurde das am bergseitigen Rand der Haabe gelegene Gebäude aufgerichtet. Auf der dem Hafen zugewandten Seite war eine Verladerampe vorgebaut. Selbst eine kranartige Aufzugsvorrichtung fehlte nicht. Die Linthschifffahrtskommission, welche damals den Güterverkehr auf dem Zürichsee besorgte, stellte eine grosse Dezimalwaage. Die Gemeinde als Eigentümerin der Sust gab das neue Lager- und Waaghaus einem Sustmeister auf sechs Jahre in Pacht. Zu den grossen Kunden der Sust gehörte um 1853 unter anderem die Spinnerei Henggeler in Neuägeri, die sämtliche Baumwollsendungen nach Wädenswil kommen liess, von wo aus sie mit Pferden an ihren Bestimmungsort geführt wurden.
1863 übernahm die neue Dampfschiffgesellschaft des linken Seeufers die Sust, 1867 die auf Vorschlag von Heinrich Blattmann, Amlungfabrikant zum Grünenberg, gegründete Speditionsgesellschaft Wädenswil, die mit ihren vier Schleppkähnen durchaus in der Lage war, den Güterverkehr und zugleich die Verwaltung der Sust zu besorgen.
Gleichzeitig mit dem Bau der Sust in den Jahren 1839/40 entstanden in diesem Abschnitt auch die Seestrasse sowie das benachbarte Haus «Seehof», bis 1862 ein renommiertes Hotel.
1870 bildete sich ein Initiativkomitee für eine Eisenbahn von Wädenswil nach Einsiedeln. Für den Bau des Bahnhofs und des Trasses bedeutete der Hafen bei der Sust ein Hindernis. Am 9. Juni 1872 schloss darum das Eisenbahnkomitee mit dem Gemeinderat Wädenswil einen Vertrag, wonach die Gemeinde Wädenswil dem Komitee zur Erstellung des Bahnhofs unter anderem den Landungsplatz beim «Seehof» und den Hafen bei der Sust zum Auffüllen überliess. Als Gegenleistung verpflichtete sich das Bahnunternehmen, vor dem Hotel «Engel» eine neue Haabe anzulegen.
Mit dem Eindecken des Susthafens verlor die Wädenswiler Sust viel von ihrer ehemaligen Bedeutung. 1890 stellte sich für die Gemeinde die Frage, wie sie diese Liegenschaft einträglicher nutzen könnte. Aufgrund des Gemeindeversammlungsbeschlusses vom 3. August 1890 wurde das erste Obergeschoss um 70 Zentimeter erhöht, und darüber errichtete Baumeister Rudolf Kellersberger nach den Plänen des Wädenswiler Architekten Karl Schweizer ein zweites Stockwerk. Der alte Dachstuhl fand wieder Verwendung.
Das erweiterte Haus konnte 1891 als Verwaltungsgebäude an die neu gegründete Schweizerische Südostbahn (SOB) vermietet werden, welche die Nachfolge der Aktiengesellschaft Wädenswil-EinsiedelnBahn angetreten hatte. Im Erdgeschoss war bergseits das Spritzenmagazin der Wädenswiler Feuerwehr untergebracht, im seeseitigen Teil je ein Magazin für die Gemeinde und die SOB. Das erste Stockwerk enthielt eine Abwartswohnung und drei Büroräume für die SOB, das zweite Stockwerk vier Büros und ein Sitzungszimmer für das Bahnunternehmen.
Im Sommer 1932 verlegte die Südostbahn ihre Verwaltungsbüros in den neuen Bahnhof der SBB. Nun interessierte sich die Post für die leerstehenden Räume; man wollte hier die projektierte Telefonzentrale verwirklichen. Dazu hätte man aber auch die benachbarte Liegenschaft «Seehof» gebraucht, und die war nicht zu kaufen. So scheiterte das Vorhaben. Nun gedachte der Gemeinderat die Sust zu verkaufen. Wegen der Krise gingen aber nur tiefe Angebote ein, und zudem machte sich Opposition gegen den Verkauf dieser Gemeindeliegenschaft bemerkbar. Auch Verhandlungen mit dem Kanton – Wädenswil hätte das Gebäude gerne zur Verbreiterung der Seestrasse veräussert – brachten keine Resultate. So wurde zunächst das Arbeitsamt in der Sust untergebracht, und dann interessierte sich die Gewerbliche Fortbildungsschule für die zentral gelegenen Räume.
Die Gemeindeversammlung vom 9. Juli 1934 bewilligte den Umbau der Sust für Schulzwecke und gleichzeitig eine Aussenrenovation. Nach den Plänen von Architekt A. Wernli wurden im ersten Geschoss aus je zwei Zimmern zwei grosse neue Schulzimmer geschaffen; ein weiterer Raum diente als Lehrerzimmer; die Abwartswohnung wurde renoviert. Im zweiten Stockwerk bildete man aus vier Zimmern zwei weitere Schulräume, dazu kamen Toiletten, Garderobe sowie ein Sammlungszimmer.
Die Kosten für den Innenumbau kamen auf 22 200 Franken zu stehen, für Mobiliar gab man 3 000 Franken aus, für die Aussenrenovation 7 800 Franken, was einem Gesamtaufwand von 33 000 Franken entsprach. Allerdings war es die Zeit, da man eine Postkarte – nach heutigem Begriff zum A-Post-Tarif – in der Schweiz noch mit einer 10-Rappen-Marke verschicken konnte und da ein Kilogramm Kalbfleisch 3 Franken kostete, ein Kilogramm Santos-Kaffee 2 Franken 20 Rappen und ein Kilogramm Griesszucker 30 Rappen.
Ein weiterer Innenumbau erfolgte 1954. Damals entstand im ersten Obergeschoss anstelle der früheren Schulzimmer eine zweite Wohnung, mit Wohnküche und drei Zimmern.
Die mit Wädenswils Vergangenheit eng verflochtene Sust ist ein schlichter, wohlproportionierter Bau unter Walmdach. Kein Wunder, dass das gemeindeeigene Haus bei der Inventarisation wichtiger Baudenkmäler als schützenswertes Gebäude eingestuft und darum 1991 in seinem Äusseren stilgerecht restauriert worden ist.
DIE AUSSENRENOVATION VON 1991
Nachdem der Gemeinderat am 1. Juli 1985 beschlossen hatte, im Haus Sust ein Jugendzentrum einzurichten, erfolgte im Winter 1986/87 der Innenumbau des Hauses, und zwar mit beachtlicher Eigenleistung unter Leitung der Jugendarbeiter.
Auch das Äussere des markanten Gebäudes am Dorfeingang von Richterswil her bedurfte dringend der Sanierung. Der Verputz wies überall Schäden auf, die Sandsteingewände waren abgewittert, die einfach verglasten Fenster undicht. Das nicht isolierte Dach harrte dringend der Neueindeckung.
Im Frühling 1989 bewilligte der Gemeinderat einstimmig den Kredit für die Aussenrenovation der Sust. Wegen der Hochkonjunktur wurden die Arbeiten allerdings nicht sofort in Angriff genommen. Im Januar 1991 erhielt dann der Wädenswiler Bautechniker Jürg Manser den Bauleitungsauftrag für die Aussenrenovation der Liegenschaft Sust, Seestrasse 90. Nach einer intensiven Planungszeit konnte im Mai das Fassadengerüst gestellt werden. In der ersten Bauphase, ab anfangs Juni, erstellte man ein Unterdach, man deckte das Dach neu ein und flickte oder ersetzte die Fenstereinfassungen aus Naturstein. Auf Anregung der Natur- und Heimatschutzkommission wurde an der Längsfassade Richtung «Seehof» das nicht aus der Bauzeit der Sust stammende zweite Tor entfernt und bis auf eine Fensteröffnung zugemauert.
Das Haus weisst grosse Schäden auf. Die Aussenrenovation ist dringend.
Haus Sust, Fassade gegen den «Seehof», 1991. Erstes Obergeschoss von 1840 in Bruchsteinmauerwerk, zweites Obergeschoss von 1890 in Backstein.
Jugendhaus Sust von Osten, nach der Aussenrenovation, Januar 1992.
Bis Ende August waren die Dacharbeiten abgeschlossen und die Natursteinarbeiten soweit fortgeschritten, dass der Fassadenputz erstellt werden konnte. Im Oktober wurde der Fassadenabrieb aufgezogen und Mitte November der Verputz gestrichen. Nach der Montage der neuen Isolierglasfenster und nach Abschluss der Malerarbeiten am Dachgesims und an den Fenstern konnte das Fassadengerüst am 22. November entfernt werden. Mit dem Einhängen der Jalousieläden vor den Weihnachtstagen ging die Aussenrenovation nach viermonatiger Planungs- und achtmonatiger Bauzeit termingerecht zu Ende. Die Pflästerung der Umgebung wurde auf Ende Februar 1992 abgeschlossen.
Jugendhaus Sust von Norden, nach der Aussenrenovation, Oktober 1992.
VON DER DISCO ZUM JUGENDHAUS
Im Jahre 1968 wurde der Verein Jugendzentrum Wädenswil (JZW) gegründet. Er betrieb zunächst eine Art Disco im Realschulhaus Fuhr, die 1975 in die neuen Räume der Gemeinschafts- und Freizeitanlage Untermosen verlegt werden konnte. Gleichzeitig unterstellte man das Jugendzentrum dem Verein GeFU. Der Verein JZW blieb indessen bestehen und finanzierte seinen Betrieb, inklusive eine halbe Jugendarbeiterstelle, nach wie vor selbst. Die Einnahmen stammten hauptsächlich aus dem Disco-Betrieb und dem Flohmarkt.
Einnahmen aus dem Flohmarkt bessern das Budget auf.
Im Jugendhaus Sust gibt es auch ein gemütliches «Kafi» mit Kochgelegenheit.
1980 strebten die Jugendlichen nach mehr Eigenständigkeit und wollten eine klare Trennung vom GeFU. 1981 wurde der Verein neu strukturiert; die Stadt stellte weiterhin kostenlos die Luftschutzräume im Schulhaus Untermosen zur Verfügung. Der Wunsch nach einem eigenen Jugendhaus blieb indessen bestehen. Die Jugendlichen wollten nicht mehr länger «unter Tag» verbannt werden.
1985 stimmte das Gemeindeparlament der Umwandlung der Liegenschaft «Sust» in ein Jugendzentrum zu und bewilligte einen Betrag von 200 000 Franken für den Innenumbau. Die Jugendlichen ihrerseits und deren Betreuer wirkten bei der Umgestaltung tatkräftig mit und leisteten so ihren Beitrag an das neue Haus.
Jugendhaus Sust. Angeregte Diskussionsrunde.
Frohe Stunden im Jugendhaus Sust.
Seither ist die Sust ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche aller Schichten und Altersgruppen (12jährige wie 22jährige). Im «Kafi», dem eigentlichen Herz des Hauses, besteht kein Konsumationszwang, und es wird hier auch kein Alkohol ausgeschenkt. Hier lässt sich schwatzen, Musik hören, Musik machen oder einfach «hängen». Auch ein Schrank voller Spiele steht zur Verfügung. In einer angrenzenden kleinen Küche können die jungen Leute nach Lust und Laune kochen. Ein Raum im Erdgeschoss kann für Konzerte, Theater oder Kabarett genutzt werden; mit Billiard-, Töggeli -und Ping-Pong-Tisch dient er auch als Spielraum. Im obersten Stock befinden sich das Büro der Leiter, ein kleines Sitzungszimmer für TeamSitzungen und Einzelgespräche, ein Gruppenraum, ein Layout-Raum sowie ein Material- und Werkzeuglager. Der Aufenthaltsraum im Obergeschoss steht auch ausserhalb der Öffnungszeiten zur Verfügung. Hier können Tanzgruppen, Brassbands, Breakdancers oder Jazzer üben. Der grosse Partyraum im Erdgeschoss kann für wenig Geld gemietet werden.
Wer gewinnt den Fussballmatch?
Das Jugendhaus Sust wird von einem Dreierteam – im Winter durch einen Praktikanten verstärkt – betreut. Die Sozialarbeiterin Nelli Lauber und die Jugendarbeiter Michael Goetz und Christian Burkhardt teilen sich in 2¼ Stellen. Während der Öffnungszeiten ist immer jemand von der Leitung anwesend, der sich um den Barbetrieb kümmert, die Freuden und Sorgen der Besucherinnen und Besucher abhört und neue Initiativen unterstützt.
Nach der Aussenrestaurierung wurde das Jugendhaus Sust, dessen Betrieb während der Bauarbeiten auf Sparflamme laufen musste, am Samstag, 1. Februar 1992, wieder eröffnet. Im ganzen Haus herrschte eine fröhliche Stimmung, und viele junge Besucherinnen und Besucher machten den Anlass zu einem vollen Erfolg.