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Schon vor über zwei Millionen Jahren wuchs die Stechpalme (Ilex aquifolium) auf unserem — damals deutlich wärmeren — Kontinent, und zwar in einer subtropischen Waldgesellschaft. Die Stechpalme ist trotz des sich abkühlenden Klimas in Europa geblieben. Eine Exotin ist sie also nicht, doch sie ist ein bemerkenswertes Relikt aus einem anderen Erdzeitalter.
Ausbreitung dank unseren Vorfahren
Nach der letzten Eiszeit breitete sich die Stechpalme aus ihrem südwestiberischen Refugium nordwärts aus. Damals war sie noch kein häufig vorkommender Baum. Erst als der Mensch im Verlauf der Jungsteinzeit sesshaft zu werden begann und die dichte Waldlandschaft für seine Ansprüche mehr und mehr aufbrach, nahm ihre Häufigkeit deutlich zu. Einer der Gründe dafür ist, dass die Stechpalme nur an lichteren Standorten in den Wäldern blüht und fruchtet. Die Ausbreitung über Samen wird daher zugenommen haben. Entscheidender war aber, dass zunehmend Vieh wie Ziegen, Schafe und Rinder gehalten und zum Weiden in die Wälder getrieben wurde. Dort hat es alles erreichbare Grün, und damit auch die nachwachsenden Waldbäume, abgeweidet. Lediglich wehrhafte Gehölze wie der Wacholder oder die Stechpalme wurden verschont und konnten sich nun ungehindert von konkurrierendem Unterholz in den immer lichteren Wäldern ausbreiten.
Pflanze mit grosser Symbolik
Da Bäume mit immergrünem Laub in Mitteleuropa sehr selten sind, wurde die Stechpalme von den Germanen und den Kelten geschätzt. Schon vor der Eroberung Britanniens durch die Römer war es wohl Sitte, den Wohnraum mit beerentragenden Stechpalmen-Ästen und Efeu zu schmücken. Das sattgrüne Laub und die kräftig roten Beeren, die im Spätherbst heranreifen, verkörpern die Farben der Hoffnung und der Liebe. Im Christentum werden sie verbunden mit Leben und Blut. Am Palmsonntag wird der Einzug von Jesus in Jerusalem gefeiert. Zu diesem christlichen Feiertag werden in der gemässigten Klimazone mangels echter Palmenzweige die Zweige von immergrünen oder bereits ergrünten Pflanzen wie Weiden, Buchsbaum, Efeu und Stechpalmen als Palm geweiht. Von dieser Tradition lässt sich der Namensteil «Palme» ableiten. Heute sind sie besonders in Grossbritannien und Amerika als Weihnachtsschmuck sehr beliebt — sogar so beliebt, dass der Stechpalme ein Weihnachtslied gewidmet ist (Deck the Halls).
Verhängnisvolle Beliebtheit
Diese Beliebtheit wurde der Stechpalme Anfang des letzten Jahrhunderts zum Verhängnis. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen die immergrünen Zweige der Stechpalme derart in Mode, dass ganze Wagenladungen in den Wäldern geerntet wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Stechpalmen-Schnittgrün gar in Regionen exportiert, in denen es keine wild wachsenden Stechpalmen gibt. Dieser Raubbau führte zu immer lauter werdenden Protesten von Natur- und Landschaftsschützern. In den 1920er-Jahren wurden deshalb erste lokale Verbote und anschliessend regionale Schutzverordnungen erlassen. Seit 1935 steht die wild wachsende Stechpalme in Deutschland und in der Schweiz unter besonderem Schutz. Sie darf weder kommerziell noch privat gepflückt, beschnitten oder ausgegraben werden.
Ausserhalb der Nutzung als Zierpflanze hat die Stechpalme kaum einen direkten Nutzen für Menschen. Sie ist aber ein wichtiger Teil des Waldökosystems, denn ihre Blüten dienen im Sommer den Bienen als Nahrung, und im Winter ergänzen die roten, leicht giftigen Beeren der weiblichen Pflanze den Speisezettel von Vögeln.
Stechpalmenzweige werden gerne als Weihnachtsschmuck benutzt, da die Blätter und Früchte auch in warmen Wohnräumen lange an den Zweigen halten. Phil Hearing, Unsplash
Die Stechpalme trotzt dem Klimawandel
In der heutigen menschengemachten Erderwärmung wird die anpassungsfähige Stechpalme zur Gewinnerin. In den letzten drei bis vier Jahrzehnten hat sie sich bereits entlang der Westküste Norwegens weiter nach Norden und in Dänemark weiter nach Osten ausgebreitet. Von ihrem Vorkommen an der deutschen Ostseeküste aus erschliesst sie sich mittlerweile bereits in Polen neue Lebensräume. Auch im zentralen Verbreitungsgebiet der Stechpalme in Mitteleuropa wird sie von den überdurchschnittlich hohen Temperaturen im Herbst und Winter profitieren, denn sie ermöglichen ihr eine längere Vegetationszeit. Ob und wie stark sich die Ausbreitung des Stechpalmenvorkommens auf die Waldhabitate auswirken wird, lässt sich derzeit erst schwer abschätzen. Die Ausbildung einer immergrünen zweiten Baum- oder Strauchschicht könnte aber das Lichtklima am Boden drastisch verändern und somit auch Auswirkungen auf die Naturverjüngung in den Wäldern haben.