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Jetzt ist er da, der Tag, für den mich Zar während der Sprechstunde im Mai 2011 gebeten („bestimmt“) hat, beim Trauerkommers anlässlich seiner Beerdigung, die studentischen Abschiedsworte zu sprechen. Er hat mir nun diese Aufgabe relativ einfach gemacht, dadurch, dass er sein curriculum vitae detailliert aufgezeichnet hat. Die Familie des verstorbenen Subsilvaners, Bodaners, Kyburgers und Corona Wilensers Walter Schär v/o Zar hat mir den Auszug aus Zars akademischer Laufbahn ausgehändigt. Zar hat ihn offensichtlich im hohen Alter geschrieben. Der Text trägt unverkennbar seine Handschrift und ist in der „Ich-Form“ geschrieben. Unverändert, so Zar, darf ich ihn, ergänzt mit einigen persönlichen Gedanken, hier wiedergeben. Dabei sind einige Wiederholungen aus der Würdigung während dem Trauergottesdienst unumgänglich:
„Meine Wiege stand im Spital Frauenfeld. Am 27. Mai 1929, an einem Sonntagmorgen, kam ich zur Welt. Mit der Wil-Frauenfeld-Bahn brachte meine Mutter ihren Sprössling nach Wil in die siebenköpfige Familie, wo – Ogi lässt grüssen – Freude herrschte.
Mein Vater führte eine bekannte Fensterfabrik, wo ich als findiger Bengel verbotene Spielplätze entdeckte und Rutschpartien mit Kollegen in Hobelspänen organisierte. So begann ich, mein Organisationstalent zu entdecken.
Nach vollendeter Primar- und zweijähriger Sekundarschulzeit brachte mich meine Mutter nach einem Lausbubenstreich ins Benediktinerkollegium Sarnen. Vielleicht erkannte sie im Fauxpas ihres Sohnes eine göttliche Fügung. Jedenfalls hegte sie seit dem Brand, den ich im Tintenfass des Lehrers gelegt hatte, die stille Hoffnung auf geistliche Pläne wenigstens ihres Benjamins. Doch weit gefehlt mit solch‘ frommen Phantasien.
Auch in Sarnen folgten sich in zeitlichen Abständen Streiche, wobei ich im ehemaligen Klassenkameraden Albert Scherrer v/o Vino (Kyburger) einen edlen Gefolgschafter fand. 1951 bestand ich die Matura und verliess nach sieben herrlichen Gymnasialjahren die Innerschweiz.
Nun wollte ich Apotheker werden, doch wegen des fortgeschrittenen Alters meines Vaters, liess ich mich an der damaligen Hochschule für Sozial- und Wirtschftswissenschaften in St. Gallen HSG (heute Universität St. Gallen) immatrikulieren und schloss das Studium 1956 mit dem Lizentiat der Betriebswissenschaften (lic.oec) ab.
Im Militär brachte ich es bis zum Hauptmann der Sanität. Ich begann zuerst als Infanterist. Nach dem Abverdienen verschiedener Rangordnungen war ich u.a. Bataillonsadjudant bei Kurt Furgler und Rudolf Blocher. Wenn Schweizer Offiziere am späten Abend ihres Lebens noch etwas in Erinnerung behalten haben, so ist es ganz gewiss der Mythos „Hunderter“. Auch ich erinnere mich an diese Tortur.
An der HSG trat ich der Verbindung Bodania bei. Die Devise dieser Verbindung entsprach meiner Lebenshaltung.“
Im Goldenen Buch der Kyburger berichtet er:
„Und nun beginnt die stürmisch-schöne Zeit
des Studiums und der Burschenherrlichkeit.
Die Hochschulstadt St. Gallen war mein Ziel
und erst nicht weit vom schönen Städtchen Wil.
Der Wirtschaftswissenschaft zu frönen
daran musst‘ ich mich erst gewöhnen.
Vorab erwarb ich einen sichern Hort,
Bodania schien dafür der rechte Ort.
Die Jahre schwinden, der Vater drängt,
bis dass das Lic. Im Rahmen hängt.“
„Ende der Zürcher Aktivzeit wurde ich eingeladen, der akademischen Kommentverbindung Kyburger beizutreten. In beiden Verbindungen durfte ich Freundschaften schliessen, die bis ins hohe Alter in Treue gehalten haben.
Mein Vulgo „Zar“ widerspiegelt zwar nicht meine Lebensfreude, nicht meine Freude am gesellschaftlichen Leben. Es wurde mir bei der Verbindung Subsilvania verabreicht, weil ich ein Musikfreund von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ war, dessen Opera Buffa in Wil zu meiner Studienzeit mehrmals aufgeführt wurde. Ich schwärmte davon.
Bei der Bodania wurde ich im Jahre 1955, obwohl ich mein Nachtlager in Wil aufschlagen musste, zum Consenior gewählt.
Nach dem Abschluss an der Hochschule verbrachte ich einen mehrmonatigen Aufenthalt in London und danach trat ich ins Berufsleben ein und schnupperte kurz beim Handelsgeschäft Siber und Herger, um 1957 einzusehen, dass ich mich als Betriebsorganisator bei der damaligen Bankgesellschaft in Zürich, meinen Neigungen entsprechend, besser entfalten konnte.
Im September 1956 vermählte ich mich mit Liliane Jaluzot aus Zürich.“
Dazu im Goldenen Buch:
„In Zürich liess ich mich dann nieder
und lernte neu, von Anfang wieder.
Beruf und Studium, ach herjeh,
der Unterschied tut etwas weh.
Das Bankfach und Computerwesen,
Organisation und andere Thesen.
In dieser Stadt fand ich genau,
was mir noch fehlte: meine Frau.
Der Söhne drei gebar sie mir,
getauft sind sie, doch nicht mit Bier.
Wenn dann zu Hause alles schrie,
sah man mich selten, oder nie.
Ich hatte eine zweite Klause,
bei Kyburgers war ich auch zu Hause.“
„Liliane hatte als Französli aus der Vorstadt von Paris ihre Jugendzeit mehrheitlich am Zürichberg bei unseren gemeinsamen Verwandten zugebracht. Dort konnten wir mit den Bodaner-Kyburgerfreunden spontane, fröhliche Feste feiern.
Unserer 62-jährigen Ehe wurden 3 Söhne geschenkt, welche uns, zusammen mit ihren Familien (insgesamt 6 Enkelkindern) sehr viel Freude bereiten.
Im Jahre 1960 übernahm ich den Neuaufbau der Betriebsorganisation der Lebensversicherungsgesellschaft Vita am Mythenquai in Zürich, wo ich weiterhin Erfahrungen im Fach- und Führungsbereich sammeln durfte.
Im Jahre 1970 wählte mich der Regierungsrat des Kantons. St. Gallen als administrativer Direktor an die Kantonale Psychiatrische Klinik Wil. 1970 verliessen wir wehmutsvoll das schöne Heim in Oberrieden über dem Zürichsee und zogen in meine Heimatstadt, wo ich die Klinik in 24 Jahren strukturell, baulich und kulturell zu Gunsten der Klinikbewohner stark verbessern durfte. Meiner lieben Frau verdanke ich es sehr, dass sie meinem sozialen und öffentlichen Engagement wohlwollend beistand und, wenn nötig, liebevoll unterstützte.
So war ich 12 Jahre lang Kirchenpräsident der Kirchgemeinde Wil und danach 16 Jahre lang Administrationsrat des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen, der demokratischen Institution, die das hierarchische Bistum in finanziellen, baulichen, sozialen und gesellschaftlichen Belangen begleitet.
Neben meinem Engagement in der Familie, in Haus und Hof, wo meine liebe Frau als perfekte Hausfrau und Gastgeberin wirkte, fand ich Erfüllung, Abwechslung im Sport, beim Musizieren, im St.V., vorab in den Verbindungen Bodania, Kyburger und Corona Wilensis.“
So sagt auch Liliane, dass sich Zar nie glücklicher gefühlt habe als in Studentenkreisen.
Mit den Zürcher Bodanern wurde die Amicitia intensiv gepflegt. Mit Freunden wie Pfiff, Zatopek, Zorro, Poldi, Blitz und weiteren, liess er die alte Burschenherrlichkeit hochleben. Während der Ferien von Zar und Liliane im Hotel Winkelried in Stansstad, entwickelten sich durch die Sogwirkung von Zar und Pfiff mehrfach unvergessliche, fast GV-ähnliche Festzirkel. Wild zu- und hergegangen war es in den Jahren 57-59 auch in Zermatt, ein Ausflug ohne Frauen, bei dem die St.Ver neben starker Trinkfestigkeit, durch signierte Hemdenkragen auffielen. Highlights in St. Gallen waren Treffen mit Studentenpfarrer Thalmann v/o Cato und Schönenberger v/o Hengst. An der traditionsreichen Wallfahrt zum Kloster Wonnenstein, jeweils am 1. Samstag im Dezember, nahm Zar 55 mal teil. An der 1. GV des neugegründeten „Verein Kloster Maria Rosengarten Wonnenstein“ am 1. Mai 2015 wurde Zar von Bischof Markus mit weiteren Unterstützern des Frauenklosters, zum „Klosterbruder“ ernannt. Regelmässig besuchte er mit Bölle die Winterthurer-Bodaner um Okult.
An den Kyburger-Anlässen und Stämmen nahm Zar mit Freude und Begeisterung teil. Was ihn dabei beeindruckte, waren die interfakultären Diskussionen, im Gegensatz zu den etwas monothematisch- kommerziellen Gesprächen bei den Bodanern. Nicht zuletzt dank Dogma, der ihn in den letzten Jahren immer wieder mit an GV/GC, Weihnachtskommers u.a. mitnahm, blieb ihm studentisches Tun bis ins hohe Alter vergönnt.
Zurück nach Wil. Seine Verdienste für Kirche und Staat, vorallem um die psychiatrische Klinik Wil, blieben auch der Fasnachtsgesellschaft Wil nicht verborgen. Die FGW ernannte ihn dafür am Hofnarrenball 1991 zum 2.von bisher 29 Hofnarren. Noch am Fasnachtsonntag 2018 reihte er sich stolz, mit Narrenkappe und goldener Hofnarrenplakette geschmückt, in das fasnächtliche Treiben der FGW und der Hofnarren ein.
Ueber 25 Jahre lang war er Mitglied im „½ 5 Uhr-Stamm“, eine Vereinigung handverlesener, älterer Wiler Persönlichkeiten, die sich wöchentlich am Montag um ½ 5 Uhr im Hotel Schwanen einfindet. In ungezwungenem, gemütlichen Rahmen tauscht man sich während einer Stunde aus, diskutiert über Politik und Lokalia. Bis vor einigen Wochen konnte Zar daran teilnehmen und brachte seine Meinungen prononciert in die Runde ein.
Dann wieder Zar:
„Als passionierter Naturfreund genoss ich über 25 Jahre lang die Jagd im eigenen Revier auf dem Hemberg, mit Jägerfreunden in vielen heimischen und als Gast in ausländischen Jagdgründen. So wurde mir das studentische Lied: „Ich schiess den Hirsch im wilden Forst, im tiefen Wald das Reh…“ zum Lieblingslied. Mit Inbrunst sangen wir damals auch die letzte Strophe: „Und wenn ich einst gestorben bin und lieg im kalten Schrein, als braver Bursch, wie ich gelebt, will ich begraben sein. Dann gebt mir auch mein Cerevis, den Schläger in die Hand und schlingt mir um die kalte Brust das rote- und rosa-weiss-grüne Band.“
Doch mählich liessen die Kräfte nach. Im letzten Herbst wechselten Zar und Liliane von der selbständigen Wohnsituation ins Alterszentrum Sonnenhof, wo sich die beiden erstaunlich schnell und gut einlebten. Mitte Mai verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Zar dramatisch, die Hospitalisation war zwingend. Am 27. Mai versammelte sich, anlässlich seines 89. Geburtstages, nochmals die ganze Familie um das Krankenbett. Es sollte der Abschiedsbesuch werden. Zwei Tage später schloss sich für Zar, ein Humanist, ein Familienmensch, ein wunderbarer, liebenswerter Mensch und treuer St.Ver, der Lebenskreis.
Zum Schluss dankt Zar allen Bodanern, Kyburgern, Corona Wilensern, Gästen und weiteren Freunden, die ihm das letzte Geleit gegeben haben herzlich.
Zar, er ruhe in Frieden
Eugen Hälg v/o Chrüüter, Kyburger