Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03430.jsonl.gz/1335

In Schweizer Trinkwasser fand man kleinste Mengen des «Roundup»-Herbizids Glyphosat. In Schweizer Gärten kommt es mit Abstand am häufigsten zum Einsatz. In Argentinien, wo Glyphosat aus Flugzeugen über Monokulturen gesprüht wird, kamen zuerst missgebildete Ferkel und dann missgebildete Kinder zur Welt. Mitten in einem Landwirtschaftsgebiet mit Sojaanbau wohnt die Familie der kleinen Nadja. Seit ihrer Geburt ist das Mädchen geistig und körperlich behindert.
Die Eltern und die lokalen Ärzte sind überzeugt, dass Pflanzenschutzmittel schuld sind.
Nadjas Mutter erklärte in der Sendung «Frontal21» des ZDF: «Als ich mit ihr schwanger war, gab es sehr viel Gift um uns herum. Sie haben immer wieder mit Flugzeugen gespritzt.»
Dank einer genetischen Veränderung ist Bt-Soja gegen das Glyphosat unempfindlich. Um alle andern Pflanzen und «Unkräuter» abzutöten, wurde das Herbizid in grossen Mengen über die Felder gesprüht.
Je näher an den gespritzten Feldern, desto mehr Fälle von Krebs und Missbildungen
In der Gegend der Kleinstadt La Leonesa im Nordosten Argentiniens hatte der Arzt Andres Carrasco im Jahr 2010 mit andern Forschern untersucht, ob Häufungen von Krankheitsfällen und Klagen der Bevölkerung etwas mit Herbiziden zu tun haben, die auf Reis- und Sojafeldern eingesetzt werden. Die behördlich bestätigten Resultate waren alarmierend (Comisión Investigadora 2010):
Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren erkrankten dreimal häufiger als anderswo an Krebs, und viermal häufiger kam es zu Missbildungen von Neugeborenen:
Je näher die Wohnorte an den gespritzten Feldern lagen, desto häufiger kamen Krebsfälle und Missbildungen vor.
Doch um definitiv zu beweisen, dass die Ursache Glyphosat ist, haben die Behörden bis heute keine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Im Gegenteil: Carrascos Befunde führten zu einer feindlichen Medienkampagne und zu anonymen Drohungen. Die einlussreiche Reis-Lobby habe Medien und Behörden im Griff, meinten Vertreter von «Amnesty International».
Den Zusammenhang mit dem enormen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sehen viele lokalen Ärzte als erwiesen an. Spitalarzt Medardo Avila-Vazquez erklärte gegenüber «Frontal21»:
«In den Abteilungen der Neugeborenen, hier, wie an anderen Universitätsspitälern, und überall in den Gebieten, in denen Soja und Mais mit viel Herbiziden angebaut wird, beobachten wir eine Zunahme an Neugeborenen, die mit Missbildungen auf die Welt kommen.» Es gebe Zeiten im Jahr, in denen sich «die Intensivstationen mit missgebildeten Kindern füllen».
In manchen Spitälern erreiche die Rate der Anomalien und Missbildungen fünf, manchmal sogar sieben Prozent aller Neugeborenen.
Vazques machte wie andere Ärzte vor allem das Pflanzengift Glyphosat verantwortlich:
«Glyphosat ist der Schlüssel zu den Gesundheitsproblemen, die wir hier haben.» Vazquez empört sich besonders darüber, dass Argentinien diese Futtermittel für andere Länder produziert, in denen damit Schweine und Hühner gefüttert werden. Tatsächlich wird der grösste Teil der Soja-Produktion als Futtermittel nach Europa und China verschifft. Ein Multi-Milliardengeschäft, seit Ablauf des Patents auch für die Nachahmerprodukte des Schweizer Konzerns Syngenta und von den deutschen Konzernen Bayer und BASF.
Vazquez mahnt: «Wer dieses Getreide kauft, macht sich mit schuldig, denn er muss wissen, dass Menschen hier getötet werden.»
Nur Gen-Soja widersteht Glyphosat
Der Agro-Konzern Monsanto verkauft das Soja-Saatgut als «Roundup-Ready». In Argentinien, Brasilien, Paraguay und den USA werden ganze Regionen meist von Flugzeugen aus mit dem Herbizid besprüht. Es tötet sämtliche Pflanzen und Unkräuter ab (links),
ausser das Gentech-Soja, dem das Pflanzenschutzmittel nichts anhaben kann. Der Boden muss nicht einmal mehr umgepflügt werden.
Nur Randnotizen in der Schweiz
In grossen Schweizer Medien ist über Risiken wenig zu lesen und zu hören. Nur einzelne kleine Meldungen:
- Experten der Weltgesundheitsorganisation stufen Glyphosat im März 2015 als «wahrscheinlich krebserregend» ein. Glyposat ist eine seit über dreissig Jahren eingesetzte und heute am häufigsten verwendete chemische Verbindung gegen Unkräuter.
- Migros und Coop geben im April 2015 bekannt, ihre Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten, vorsorglich aus ihren Bau- und Hobbymärkten zu entfernen. Vorher hatte die Stiftung für Konsumentenschutz SKS entsprechend Druck gemacht und eine Petition lanciert.*
- In geringen Dosen finden Kantonslabors Glyphosat in unseren Gewässern, seit 2010 auch in Proben von Grundwasser und Trinkwasser.
- In der Hälfte von vierzig Urinproben von Schweizer Frauen und Männern aus städtischen und ländlichen Gebieten wird Anfang 2015 das Herbizid Glyphosat nachgewiesen. Den Labortest gab die Zeitschrift «Gesundheits-Tipp» in Auftrag. Siehe auch «Glyphosat im Urin von Menschen in 18 europäischen Ländern»
- Der Agrokonzern Syngenta will den Vertrieb von Glyphosat «planmässig reduzieren», u.a. weil es immer mehr resistente Unkräuter gibt. Der Rückzug aus dem Glyphosat-Geschäft hat laut Konzernchef nichts mit aufgedeckten Risiken zu tun.
- Organisationen wie Greenpeace, Swissaid, Erklärung von Bern, Ärzte für Umweltschutz oder die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz verlangen seit längerem ein Verbot von Glyphosat.
—
Am 21. Juni erschien die Fortsetzung: Missbildungen und Deformationen in europäischen Schweineställen. Warum die Behörden kaum reagieren.
—
Wesentliches Material für diesen Beitrag stammt von der ZDF-Recherche der Sendung «Frontal21».
—
*Hier können Sie die Petition der Stiftung für Konsumentenschutz SKS unterschreiben. An der Petition beteiligen sich auch Greenpeace und die Ärzte für Umweltschutz..
—
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine