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Aus meinem Fenster sehe ich ein altes Bauernhaus. Der rechte, größere Teil des Hauses stammt aus den Zwanzigern, später wurde links noch ein Teil angebaut. Das Haus sieht von jeder Seite anders aus, je nach dem, ob man gerade auf den älteren oder den neueren Teil blickt – oder die Kombination von beiden. Der alte Teil ist aus braun gestrichenem Holz und hat weiße Fensterrahmen ohne Läden. Der neue Teil ist im typischen gelblichen Fassaden-Beige verputzt, die Fenster sind mit ebenfalls typischen grünen Läden versehen. Das Dach wurde wahrscheinlich einmal erneuert, es bildet über den beiden Hausteilen optisch eine Einheit. Auf dem Dach sind zwei Schornsteine und ein dünnes Rohr. Vier oder fünf Dachfenster sind gleich eingefasst, aber unterschiedlich groß und ohne ein erkennbares Muster angeordnet. Im alten Teil befindet sich über dem Eingang ein geräumiger Balkon, seine Verglasung imitiert ein Sprossenfenster. Ich sehe nur den ersten Stock und das Dach, das Erdgeschoss wird von Büschen und kleinen Bäumen vor meinem Fenster verdeckt. Vor dem neuen Teil steht ein Schuppen, sein Unterbau ist gleich verputzt, wie der neue Teil selbst, der Aufbau aber aus braunem Holz gemacht wie der alte. So verbindet der Schuppen die beiden Hausteile zu einem Ganzen und lässt ihr unterschiedliches Aussehen gewollt erscheinen.
Vor dem alten Hausteil sehe ich noch die obere Hälfte eines Trampolins, ab und zu erscheint im meinem Blickfeld ein Kinderkopf, das blonde Haar bewegt sich im Takt des Hüpfens. Manchmal kommt ein zweiter Kopf hinzu. Hinter dem Trampolin leuchtet im frischen Weiß ein Fußballtörchen. Dahinter erstreckt sich der Rasen, gesäumt von blühenden Sträuchern, die gleichzeitig als Hecke dienen. Die Hecke trennt den Garten von der ruhigen Straße, auf deren anderer Seite ein modern aussehendes weißes Gebäude mit blauen Fensterrahmen und dunkelrotem Ziegeldach steht. Unter einer großen Tanne, die majestätisch über dem Garten ragt, steht ein hübsches weißes Spielhäuschen aus Holz, an seiner Wand ist ein kleines Lager für Kaminholz angebracht.
Was sich auf der Wiese vor dem Haus abspielt, kann ich nicht sehen, das satte Grün des Goldregens, des Holunders und des kleinen Ahorns in meinem Garten verdecken mir die Sicht. Die Wäscheleinen im Garten der Nachbarn ergänzen die Szenerie.
Ich öffne das Fenster, Geräusche strömen herein (da merkt man sofort, wie gut die neuen Fenster vor Lärm schützen). Kinder plappern und schreien, schrill, allgegenwärtig und pausenlos, das Quietschen des Trampolins bildet eine passende Geräuschkulisse. Ab und zu höre ich Erwachsene den Kindern zurufen oder miteinander reden. Ihre friedlichen Stimmen werden vom Lärm der nächstgelegenen Baustelle übertönt. Monotones Dröhnen, nicht besonders laut, aber in einem unangenehmen Ton, gefolgt von metallenem Rasseln und Rattern, verbreitet sich über dem Quartier. Schwere Baumaschinen fahren vor, ihre Motoren heulen angestrengt. Dumpfes Pochen untermalt die Kakofonie.
Ich versuche den Baulärm zu verdrängen und lausche, erkenne kurz das leise Rascheln der Blätter im Wind. Doch gleich verstummt das Rascheln wieder, die Kinder schreien, das Trampolin quietscht, die Baumaschinen dröhnen noch lauter.
Die Luft ist frisch und kühl. Dunkle Wolken ziehen langsam am Himmel vorbei, ich muss einige Sekunden hinsehen, um ihre Bewegung zu erkennen. Sie bringen einen kräftigen Wind, werden noch dunkler, bedrohlicher. Selbst die große Tanne schaukelt jetzt. Es sieht nach einem kommenden Unwetter aus, aber die Kinder schreien weiter und rattern mit ihren Spieltraktoren herum, Erwachsene mahnen sie ohne besonderen Nachdruck.
Ich schließe das Fenster wieder, die Geräusche treten zurück, das Kindergeschrei und der Baulärm sind aus meiner Welt verbannt. Ich lehne mich in meinem Bürostuhl zurück. Jetzt sehe ich über dem Sichtschutzstreifen an meinem Fenster nur noch den Dachgiebel des Bauernhauses und die Spitze der Tanne.
Und was siehst du aus dem Fenster?