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Der Überflieger – The Aviator von Martin Scorsese
Millionär, Flugzeugpilot und -konstrukteur, Filmproduzent, Erfinder des Büstenhalters; dazu noch Affären mit fast allen Hollywoodstars seiner Zeit und eine immer dramatischere Ausmasse annehmende Bakterienphobie – Howard Hughes war wahrlich eine schillernde Persönlichkeit, scheinbar wie geschaffen für ein üppiges Filmportrait. Oder vielleicht doch nicht? Eignet sich eine so widersprüchliche und kaum einfühlbare Figur wie Hughes tatsächlich dazu, um in die glatt ablaufende Dramaturgie eines Hollywoodfilms eingespannt zu werden?
Immerhin führt bei The Aviator kein Geringerer als Martin Scorsese Regie: Für ihn stellt das Biopic – wie er selbst zugibt – die Möglichkeit dar, sich nach seinem gescheiterten Opus magnum Gangs of New York zu rehabilitieren; keine Herzensangelegenheit also, sondern eine Auftragsaufarbeit, die es solide zu erledigen gilt.
The Aviator konzentriert sich auf die dreissiger und vierziger Jahre, als Hughes mit Filmen erfolgreich war, die Fluggesellschaft TWA übernahm und die alles beherrschende PanAm zum Machtkampf herausforderte; von seinen Affären stehen lediglich zwei im Mittelpunkt, jene mit Katherine Hepburn und Ava Gardner.
Hughes (Leonardo DiCaprio) setzt immer auf volles Risiko, die Produktion seines Prestigeprojekts Hell’s Angels – ein Fliegerfilm mit einigen der tollkühnsten Flugaufnahmen der Filmgeschichte –, etwa nimmt epische Dimensionen an. Doch das Wagnis lohnt sich: der Film wird zum Kassenschlager. Andere Projekte sind weniger erfolgreich, die Hercules, ein gigantisches, wegen Metallknappheit vollkommen aus Holz gebautes Transportflugzeug für die US-Army, wird erst knapp zwei Jahre nach Kriegsende fertig gestellt und wird sich nur einmal für einen kurzen Demonstrationsflug in die Luft erheben. Und bei einem anderen Probeflug stürzt Hughes ab und wird mehr tot als lebendig geborgen. Nun zieht er sich vollkommen von der Welt zurück und entwickelt in seiner Bakterienhysterie abstruse Reinlichkeitsrituale. Gleichzeitig wird der Kampf gegen PanAm immer mehr zu einer üblen Schlammschlacht.
Scorsese erzählt die Geschichte eines Bessenen, der nur in Superlativen denken kann und für den es keine echten Hindernisse gibt. Der Film erzählt diese Vita mit viel Schwung, DiCaprio ist so gut wie schon lange nicht mehr, und Cate Blanchett trägt zwar ein wenig dick auf als scharfzüngige Hepburn, ist aber dennoch eine der witzigsten Frauenfiguren der letzten Zeit – Kate Beckinsale als Ava Gardner sieht dagegen einfach nur schön aus.
The Aviator ist auch ein Film über Hollywood und das Filmbusiness; um das zu veranschaulichen, folgt seine Farbgegung der Entwicklung der Filmtechnik und imitiert zu Beginn die in noch in vielen Belangen mangelhaften frühen Farbfilmverfahren. Das ist ein hübsche Idee, aber alle Zuschauer ohne intimere Kenntnis der Filmgeschichte werden sich wundern, warum bei Hughes Erbsen und Kohlfelder blau sind.
Leider kann es sich der Katholik Scorsese auch nicht verkneifen, Hughes in seiner Leidensphase als Jesus zu inszenieren, was wohl in erster Linie in den Obsessionen des Regisseurs und nicht in jenen der Hauptfigur begründet ist. Zudem erliegt das Drehbuch mitunter der Versuchung, Hughes’ Leben zu ‚erklären‘; so beginnt der Film mit einer Urszene, in der Hughes Mutter den kleinen Howard vor ansteckenden Krankheiten warnt; das ist ist nicht nur plumpe Küchenpsychologie, sondern auch dramaturgisch platt und simplifiziert den ansonsten sehr ansprechenden Film unnötig.
The Aviator in der Internet Movie Database