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Über die Eiszapfen bei Zweilütschinen und die Faszination des Eiskletterns einst und heute.
„Below Zweilütschinen the road was quite bare of snow, but above that place it was lying, though to no great depth. Thick mists and falling snow concealed all distant view, and there was nothing to attract attention but the immense icicles which fringed the precipitous rocks on the north side of the road.“
So erlebte der englische Alpinist Adolphus Warburton Moore (1841-1887) die Szenerie auf dem Weg von Interlaken nach Grindelwald, während eines ersten Aufenthaltes in den winterlichen Alpen im Dezember 1866, zusammen mit Horace Walker, ebenfalls Mitglied des Alpine Club. In den Sommern 1864 und 1865 war Moore äusserst erfolgreich zu Berg gegangen und hatte die Erstbesteigungen der Barre des Écrins, des südlichsten Viertausenders, des Piz Roseg, des Obergabelhorns und der Pigne d’Arolla gemacht. Zudem war ihm am 15. Juli 1865, nur einen Tag nach der Matterhorn-Tragödie, die erste Durchsteigung der Brenvaflanke am Mont Blanc, einer der höchsten (und schönsten) Eis- und Felsflanken der Alpen, geglückt; mit dabei waren unter anderen Freund Horace und der Meiringener Bergführer Melchior Anderegg. Ein ganz grosser Schritt ins alpinistische Neuland.
Die Winterferien in Grindelwald waren dies auch. Die beiden Alpinisten reisten ins Dorf am Fusse von Eiger, Schreck- und Wetterhorn mit der Absicht, „to get a little chamois-hunting, and a little mountaineering“, wie Moore im Artikel „On some Winter Expeditions in the Alps“ schrieb, der im vierten Band des Alpine Journal von 1869 publiziert wurde. Das AJ ist die älteste noch immer herausgegebene Bergzeitschrift; ihr Vorgänger – und gleichzeitig die erste bergsportliche Publikation eines Vereins – ist „Peaks, Passes, and Glaciers. A Series of Excursions by Members of the Alpine Club“. Davon erschienen von 1859 bis 1862 drei Bände, die seit ein paar Wochen meine Bergbuchsammlung bereichern. Was ich aber nicht wusste und erst durch Tony Astill, den englischen Grandseigneur der alpinistischen Antiquare, erfuhr (und erhielt): 1932 kam ein vierter Band heraus, sozusagen ein „best of“ aus der Pionierzeit von PPG und AJ. Und genau darin fand ich die Beschreibung der Eiszapfen bei Zweilütschinen. Wie würde Moore heute staunen, wenn er an all den gefrorenen Wasserfällen dort und überhaupt in der Schweiz die Kletterer sähe, die sich mit Hightech-Geräten und Können an den fragilen Gebilden emporhacken.
Ähnliches taten Moore und Walker beziehungsweise ihre Führer Christian Almer, Peter Bohren und Melchior Anderegg auch. Am 23. Dezember starteten sie um 3 Uhr nachmittags zu einer Tour, die definitiv mehr war als „a little mountaineering“: Von Grindelwald (986 m) über den Unteren Grindelwaldgletscher, das Eismeer und durch einen wilden Eisbruch, den die fünf bei Mondlicht bewältigten, hinauf ins Finsteraarjoch (3286 m), das sie um 1.15 Uhr erreichten. Dann ging‘s über den zerschrundeten Finsteraargletscher hinab, über den Strahlegggletscher wieder hoch zum Strahleggpass (3352 m), hinab aufs Eismeer und zurück nach Grindelwald, „where we arrived at 1 P.M.“. Fazit von Moore: „The expedition had been less arduous and far more successful than we had ever ventured to anticipate.“ Am meisten Eindruck hatten „the passage of the ice-fall by moonlight and the midnight view from the Finsteraarjoch“ gemacht.
Dies im Gegensatz zum berühmten Staubbachfall ob Lauterbrunnen, den die beiden Engländer vor der 22stündigen Expedition ins Eisgebirge von Grindelwald besucht hatten: „There was very little water, and our expectations of seeing the fall converted into a gigantic icicle were disappointed.“
Heutige Eiskletterer sehen das in etwa auch so. Was sie aber nicht daran hindert, trotzdem hochzuklettern. Pickel und Steigeisen können ja auch im Fels verankert werden; Drytooling nennt man das, Trockengeräteln. Adolphus Warburton Moore hätte sich für diese Spielart des Alpinismus bestimmt erwärmen können. Und hätte dann im Band West der beiden brandneuen Führer von Urs Odermatt zum Eisklettern in der Schweiz über das Lauterbrunnental gelesen: „Vor ein paar Jahren noch, war vor allem das kleine Gebiet bei Sulwald sehr gefragt. Mixed war das Zauberwort und das Klettern an freihängenden Zapfen war neu und aufregend. In der Zwischenzeit haben sich die Interessen der Topkletterer wieder auf grosse Wände verlagert und was da an Routen eröffnet wurde verschlägt einem der Atem.“
Urs Odermatt: Hot Ice. Eisklettern in der Schweiz. Band West und Ost. Mountain Consulting – The Edition, Uster 2011, Fr. 59.- pro Band.