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Frau C. wähnte sich wie Herr K. in Kafkas Roman «Der Prozess». Sie wollte nichts Geringeres als die ID ihres 16-jährigen Sohnes erneuern. Sie ersuchte via Internet um einen Termin und füllte den entsprechenden Fragebogen aus. Darin gab sie an, dass sie über das alleinige Sorgerecht verfüge.
Im Internet las sie, dass alleinerziehende Mütter mit alleinigem Sorgerecht das Scheidungsurteil mit dem Sorgerechtsentscheid mitbringen müssten. Heja. Es könnte ja sein, dass die Mutter gar
nicht über das alleinige Sorgerecht verfügt und der Vater etwas dagegen haben könnte, dass dem 16-Jährigen die ID erneuert würde. Dennoch liess Frau C. das Scheidungsurteil zu Hause, denn ihr
Ex-Mann ist verstorben.
Auf dem Amt an der Effingerstrasse in Bern erklärte Frau C. der pflichtbeflissenen Beamtin, weshalb sie das Scheidungsurteil nicht mitgenommen habe. Doch laut der Dienst habenden Beamtin, die ein vergleichbares Verhalten an den Tag legte wie der Untersuchungsrichter in Franz Kafkas «Der Prozess», gibt es keine ID ohne Unterschrift des Vaters. Frau C. wiederholte, was sie eben erst gesagt hatte, dass der Vater verstorben sei und es deshalb saumässig schwierig sei, von ihm eine Unterschrift zu erheischen. Der 16-Jährige verdrehte die Augen. Die Beamtin entschuldigte sich.
Und doch kam Frau C. nicht umhin, das Scheidungsurteil einzureichen. Es könnte ja sein, dass der Gymnasiast einen Vormund habe, musste sie sich sagen lassen. Nun, gemäss Scheidungsurteil hatte die alleinerziehende Frau C. das gemeinsame Sorgerecht. Mit dem Tod des Ex-Mannes mutierte logischerweise das gemeinsame Sorgerecht zum alleinigen. Und ob der Filius über einen Vormund verfügt oder nicht, steht nicht im Scheidungsurteil. Trotzdem musste Frau C. das Dokument nachliefern, und, wow, der 16-Jährige hat wieder eine ID. Ich hoffe, der Sohn von Frau C. wird sich als Maturalektüre «Der Prozess» von Franz Kafka zu Gemüte führen. Seine persönliche Erfahrung wird es ihm erlauben, die staunenden Experten an der Reifeprüfung davon zu überzeugen, dass die Geschichte des Herrn K . keineswegs surreal ist.
Erschienen in der BZ am 28. Oktober 2014