Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03658.jsonl.gz/2505

Wem verdanken wir den Stress?
Editorial von Dr. med. Franz Caduff
Chefarzt Privatklinik Wyss
Sagt Ihnen der Name Hans Selye etwas? Wenn ja, dann wissen Sie vermutlich das meiste zum Thema Stress. Falls nein, lohnt es sich, weiter zu lesen. Die Lebensgeschichte von Hans Selye (1907 – 1982) ist ebenso facettenreich wie turbulent. Aus einer katholischen, in Wien ansässigen ungarischen Familie stammend, wächst er im damaligen österreichisch-ungarischen Kaiserreich auf, studiert an der deutschen Universität in Prag Medizin und wandert 1934 nach Kanada aus, wo er Professor für Biochemie wird. In Montreal schreibt er 1936 einen ersten Aufsatz über «Stress». Der Begriff ist damals in der deutschen Sprache unbekannt und wird aus der Materialkunde – Stress (engl.) bedeutet Druck, Belastung, Zug – entlehnt. Mit diesem Aufsatz und insgesamt über 1700 weiteren Arbeiten und 39 Büchern wird Hans Selye zum Vater der Stressforschung. «Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt – Stress» fasst der Autor sein Lebenswerk zusammen.
Selye hat gerne die Geschichte der «Entdeckung» des Stresses erzählt. Als Medizinstudent fällt ihm auf, dass viele Patienten in der Anfangsphase ihrer Krankheiten dieselben Symptome zeigen, und zwar unabhängig davon, welche Krankheit sich schlussendlich entwickelt. Die meisten fühlen sich unwohl, haben Fieber, diffuse Schmerzen, Magenprobleme, Appetit- und Schlafstörungen. Seyle fragt sich, ob ein «allgemeines Anpassungssyndrom» existiert und was es wohl auslöst. Jahre später führt er experimentelle Untersuchungen an Ratten durch, denen er verschiedene Organextrakte injiziert. Er beobachtet, dass immer die gleichen Reaktionen auftreten, nämlich Fieber, Lethargie, eine Vergrösserung der Nebennierenrinde, sowie Blutungen im Magen und den Eingeweiden, was er sich zunächst nicht erklären kann. Schliesslich fällt sein Blick auf eine Flasche mit Formalin, das er zur Konservierung der Organextrakte verwendet. Er entdeckt, dass es gar nicht die Organextrakte sind, welche bei den Versuchstieren die Symptome auslösten, sondern das Formalin. Dann erinnert er sich an seine Erfahrungen aus der Studentenzeit. Kann es sein, dass so unterschiedliche Schädlinge wie Bakterien, Viren und Chemikalien in der Anfangsphase dieselben Symptome auslösen? Gibt es so etwas wie eine «universelle Abwehrreaktion»? Selye postuliert, dass «der Organismus über ein allgemeines, nicht spezifisches Reaktionsmuster verfügt, mit dem er auf die potentiellen Schäden durch krankheitsauslösende Faktoren antwortet». Das Konzept «Stress» ist geboren.
In späteren Schriften unterscheidet Selye zwischen «distress» (engl. Jammer, Elend) für Belastungen, bei denen die Resistenz des Organismus überschritten wird und «eustress», einer eigenen Wortschöpfung, welche die positiven, anregenden Wirkungen von Stress kennzeichnet. Die wissenschaftliche Stressforschung ist seither weiter gegangen, doch die Begriffe haben sich erhalten. Und in der Umgangssprache ist Stress zum Synonym für alles geworden, was einen «stresst». Selye sei Dank!
Chronischer Stress und seine Folgen
Stresserleben führt via hormonelle Steuerungselemente zu körperlichen Reaktionen, die bei anhaltender und übergrosser Dosierung zu physischen und psychischen Krankheiten führen können.
Akuter Stress als Lebenselixier
Tier wie Mensch sind gut auf die Bewältigung von akutem Stress eingerichtet. Bedrohen Krankheitserreger, Hitze, Kälte, aber auch Fressfeinde oder andere Gefahren das Gleichgewicht des Lebens, so wird über das Gehirn reflex-artig eine Kette von hormonellen Reaktionen ausgelöst, welche den Organismus befähigen, sich zu verteidigen. Herzfrequenz und Blutdruck steigen an, die Atmung wird beschleunigt, für Muskulatur und Gehirn wird mehr Energie zur Verfügung gestellt, die Körpertemperatur steigt an, die Infektabwehr wird aktiviert, der Organismus stellt sich mental auf Kampf (Fight), Flucht (Flight) oder Erstarrung (Freeze) ein. Nach Abklingen des akuten Stresses normalisieren sich diese körperlichen und seelischen Reaktionen wieder, die Erregung klingt ab, der Organismus kann sich erholen.
Chronischer Stress als schleichendes Gift
In der modernen Welt hat sich dieses physiologische Auf und Ab gewandelt. Viele Menschen sind in der Arbeitswelt, manchmal auch im Privatleben, einem ständigen, hohen Stresspegel ausgesetzt. Anfänglich und nach Erholungspausen kann Stress durchaus belebend wirken; Dauerstress über Jahre hingegen hat schwerwiegende körperliche und seelische Folgen. Im Arbeitsleben haben sich zusätzlich zum allgemeinen Zeit- und Aufgabendruck vor allem zwei Situationen als besonders belastend herausgestellt; einerseits das Missverhältnis zwischen den Anforderungen einer Arbeit und der «Gratifikation» für diese Arbeit, wobei Lob und Anerkennung wichtiger sind als Lohn oder Bonus. Andererseits der subjektive Eindruck der Arbeitnehmenden, keinen Einfluss auf die Anforderungen am Arbeitsplatz zu haben. Mangelnde Wertschätzung, wie auch das Gefühl des Ausgeliefertseins sind also wichtige Stressoren.
Wie reagiert der Körper auf chronischen Stress?
Viele Vorgänge sind noch nicht abschliessend geklärt. Gesichert ist, dass bei Dauerstress ein chronisch erhöhter Spiegel der Stresshormone Cortisol und Noradrenalin vorliegt, wobei es zu einer Aufschaukelung der gesamten hormonellen Achse vom Gehirn (Hypothalamus) über die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) bis zur Nebenniere kommt. Chronisch erhöhte Cortisolspiegel führen zu Erhöhung des Blutzuckers, zu einer Resistenz der Zellen gegenüber Insulin, sowie zu einer Störung im Fettstoffwechsel, was die Gefahr eines Diabetes mellitus II und einer Fettsucht (Adipositas) erhöht. Chronischer Stress schwächt zusätzlich die körpereigene Abwehr, vor allem über eine Hemmung der «natürlichen Killerzellen», was zu vermehrter Infektanfälligkeit führt. Jahrelang erhöhte Cortisolspiegel vermindern zudem die Knochendichte, was zu vermehrten Knochenbrüchen führen kann.
Der chronisch erhöhte Spiegel von Noradrenalin führt zu Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) und zu einer Aktivierung der Blutplättchen (Thrombocyten). Beides sind Risikofaktoren für Arteriosklerose und hiermit für Schlaganfall und Herzinfarkt. Zudem kommt es durch erhöhte Noradrenalinspiegel häufiger zu Herzrhythmusstörungen.
Dauerstress hat zudem eine Uebererregung des sympathischen Nervensystems zur Folge, was zu Erschöpfung gewisser Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Serotonin und Noradrenalin im Gehirn führt. Die Folgen bestehen zunächst aus Nervosität, Schlafstörungen und Erschöpfung, den typischen Symptomen des «Burn-Outs», später kann es zu Angst-Panikstörungen, Depressionen, sowie zu psychosomatischen Störungen wie chronische Schmerzen, Allergien und sexuelle Störungen kommen.
Autor:
Dr. med. Franz Caduff
Chefarzt
Privatklinik Wyss
Stressbewältigung durch Achtsamkeit
Stressresistenz hat viel mit innerer Gelassenheit zu tun, die trainiert werden kann. Wer seinen Körper und dessen Stresssignale kennt, und wer sich von vergangenen Verletzungen befreien kann, hat schon einiges an Stressresistenz verinnerlicht.
Stress ist steuerbar
Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, wie es dazu kommt, dass eine Situation Sie nahe an einen Nervenzusammenbruch bringt, während Ihr Kollege/Partner in Anbetracht derselben Situation beneidenswert gelassen und ruhig bleiben kann. Der Gedanke, dass Sie auch selbst etwas dazu beitragen, wenn Sie sich dermassen aufregen, liegt nahe. Es dürfte Sie vermutlich dann auch interessieren herauszufinden, wie Sie Ihr Stresserleben vermindern könnten. Eine Möglichkeit, dies zu erforschen besteht darin, dass Sie mit Achtsamkeit sich selbst zuwenden. Achtsamkeit hier heisst, die eigene Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten und allem, was Sie wahrnehmen, mit einer offenen, nicht wertenden Haltung zu begegnen. Sie gestatten auf diese Weise Ihren Empfindungen, Gefühlen, Gedanken sich zu entfalten und damit sich selbst zu erfahren so wie sie gerade sind, ohne jeden Druck, anders sein zu müssen. Schon alleine dieser Aspekt der achtsamen Zuwendung hat eine befreiende und beruhigende Wirkung.
Distanz gewinnen
In diesem Sinn achtsam sein bedeutet im Weiteren, dass Sie die Tätigkeit des Beobachtens in den Vordergrund rücken, während das Beobachtete in den Hintergrund tritt. Mit anderen Worten, Sie schaffen eine gewisse Distanz, aus welcher heraus Sie sich Ihrem Erleben zuwenden. So erlauben Sie sich zu erfahren, dass Ihre Gedanken nur Gedanken und nicht Tatsachen sind, aufgrund welcher Sie sich unter Druck gesetzt fühlten. Impulse zu einer voreiligen, automatischen und in der Regel stressverschärfenden Reaktion werden hinausgezögert und stattdessen wird der Raum für eine bewusste, besonnene Handlung eröffnet.
Wie lässt sich Achtsamkeit trainieren?
Jeder Mensch verfügt über die Fähigkeit, mindestens zu bestimmten Zeitpunkten, achtsam zu sein. Achtsam über einen längeren Zeitraum bleiben zu können, oft und in hohem Mass, erfordert allerdings Übung. Sie können dies selbst leicht überprüfen während Sie beispielsweise zum Einkaufen in Ihr Geschäft gehen. Auch wenn Sie sich vornehmen, Ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten, werden Sie höchstwahrscheinlich erleben, dass Sie abschweifen und sich immer wieder in Gedanken verlieren. Indem Sie einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung Ihres Körpers lenken, in diesem Beispiel etwa auf Ihre Schritte, den Kontakt Ihrer Füsse mit dem Boden, wird es Ihnen leichter fallen, die Erfahrung des gegenwärtigen Moments aufrechtzuerhalten. Bei vielen Achtsamkeitsübungen, wie Sie mittlerweile in verschiedensten therapeutischen Verfahren zur Anwendung kommen, steht denn auch die Bezugnahme auf das Körpererleben im Zentrum.
Das MBSR-Programm
Die heilsame Wirkung der Praxis von Achtsamkeit wurde während der letzten 20 bis 30 Jahre durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Stark zur Verbreitung des Achtsamkeitsprinzips als therapeutisches Instrument beigetragen hat der Amerikaner Jon Kabat-Zinn mit der Entwicklung seines MBSR-Programms. Die MBSR-Methode (Mindfulness Based Stress Reduction), wörtlich übersetzt «Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion» ist mittlerweile weltweit das meistverbreitete und am umfangreichsten untersuchte Programm zur Achtsamkeitsschulung. Es besteht aus acht wöchentlichen Einheiten zu zweieinhalb bis drei Stunden. Der Kern des Programms sind die drei Hauptübungen Bodyscan, achtsame Bewegung und Sitzmeditation, für deren Durchführung sich der Teilnehmer täglich zirka eine Stunde Zeit nehmen muss. Zusätzlich werden jede Woche aufeinander aufbauende theoretische Inhalte zum Thema Stress vermittelt.
Autor:
Dr. med. Eberhard Timischl
Leitender Arzt
Privatklinik Wyss
Für die Praxis
Selbsttest Stress - Burnoutgefährung:
Es fällt mir schwer, an die Arbeit zu gehen.
Ich gehe gerne zur Arbeit, weil ich dadurch den Problemen zu Hause entfliehen kann.
Am Arbeitsplatz herrscht hoher Arbeits- oder Wettbewerbsdruck.
Ich muss oft den Kopf für die Fehler anderer hinhalten.
Ich kann mir Namen und Zahlen nicht mehr gut merken.
Ich habe Schlafstörungen.
Nach den Ferien fällt mir der Arbeitsstart sehr schwer.
Ich bin öfter erkältet oder krank.
Während der Woche habe ich keine Energie mehr.
Ich hätte gern weniger Pflichten und Verantwortung.
Ich mag keine neuen Kontakte mehr anknüpfen.
Neue Aufgaben reizen mich nicht mehr wie früher.
Es gibt öfter Streit mit den Kindern oder nahen Personen.
Ich bin lärmempfindlicher geworden.
Mir fehlt die Zeit und Energie für Sport.
Ich setze mich nicht mehr so für meine Kollegen ein.
Mir passieren öfter kleine Unachtsamkeiten.
Ich trinke öfter ein Glas Alkohol als früher.
Ich fühle mich oft allein gelassen.
Mit einem Lottogewinn würde ich zuerst mal ganz lange Urlaub machen.
Je öfter Sie mit Ja geantwortet haben, desto gestresster sind Sie und desto näher bewegen Sie sich in Richtung Burnout. Eine Fachperson könnte Sie dabei unterstützen, die Ursachen des Stressaufkommens zu klären und Lösungen zu finden.
nützliche Links:
http://www.burnout-info.ch/
http://www.stressnostress.ch/
https://ecoaching24.net/
Achtsamkeitstraining: http://www.mbsr-verband.ch