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Unsere heutige Artillerie umfasst zwar die wesentlichen Elemente, die zur Planung, Führung und Leitung von indirektem Feuer benötigt werden. Sie entspricht aber nicht mehr allen Einsatzanforderungen. Für die Artillerie mittlerer Reichweite (bis 100 km) wird aktuell ein Ersatz evaluiert. Im Zentrum steht die Ablösung der 1968 erstmals beschafften Panzerhaubitze M109.
Mit den Rüstungsprogrammen 1968, 1974, 1979 und 1988 hat die Schweiz total 581 Panzerhaubitzen M109 beschafft. 133 davon wurden mit dem Rüstungsprogramm 1997 werterhalten (Panzerhaubitzen M109 KAWEST WE). Die nicht werterhaltenen Panzerhaubitzen wurden verkauft oder entsorgt. Teilweise wurden sie auch für die Ersatzteilgewinnung verwendet oder dem Kulturgut zugewiesen. Mit der WEA verbleiben noch vier Artillerieabteilungen. Diese können mit 96 werterhaltenen Panzerhaubitzen vollständig ausgerüstet werden. Die verbleibenden 37 werterhaltenen Panzerhaubitzen decken den Ausbildungsbedarf sowie die logistische Umlaufreserve und die technische Reserve ab. Die Panzerhaubitzen M109 KAWEST WE erfüllen die heutigen Anforderungen an Schutz und Mobilität, Präzision und Reichweite sowie Vernetzung allerdings nicht mehr. Auch diverse Umsysteme sind veraltet.(1)
Einsatzzweck Artillerie mittlerer Reichweite
Indirektes Feuer ist ein wesentliches Element, das eine Armee zur Erfüllung ihrer Verteidigungsaufgabe benötigt. Verfügen eigene Truppen nicht über Bogenschusswaffen, können sie auf einem modernen Gefechtsfeld nicht erfolgreich eingesetzt werden. Sie würden durch das gegnerische Feuer permanent in Deckung gezwungen, könnten sich nicht bewegen und die Kampffähigkeit des Gegners nicht einschränken.
Die Artillerie mittlerer Reichweite ist die Schwergewichtswaffe auf Stufe Brigade. Die eingesetzten Kampfverbände sollen aus primär dezentralen Stellungen mit präzisen indirekten Mitteln unterstützt werden können. Dabei soll die Fähigkeit vorhanden sein, identifizierte Ziele in der Grösse von Einzelfahrzeugen innert weniger Minuten punktgenau zu bekämpfen. Daneben sollen aber auch Flächenziele bekämpft werden können (z. B. Massierungen von gegnerischen Truppen, Waffensystemen oder Fahrzeugen). Heutiger Standard ist eine Reichweite von 50 km. Als Ambitionslevel gelten 75 km und als Fernziel rund 100 km mit entsprechend reichweitengesteigerter Munition.
Auf kurze Distanzen (bis 10 km) werden Mörsersysteme eingesetzt. Diese erlauben der unteren taktischen Stufe (Bataillon) rasch Feuerschwergewichte zu legen (z. B. auf gegnerische Truppenansammlungen oder Fahrzeuge). Durch die steile Flugbahn eignen sie sich besonders gut für den Einsatz im überbauten Gelände. Auf grössere Distanzen (über 100 km) wird Raketenartillerie oder die Luftwaffe eingesetzt. Dabei sollen gegnerische Verbände beim Aufmarsch oder hochwertige Ziele bekämpft und in ihrer Mobilität behindert werden können. Der Gegner wird daran gehindert, Truppen und Material zum Einsatz zu bringen, bevor es zu einem direkten Kontakt mit eigenen Truppen kommt.(2)
Laufende Beschaffung
Die Grundlage für neue Artilleriegeschütze geht auf die Erfüllung des Postulats Frick „Zukunft der Artillerie“ von 2016 zurück. Darin hält der Bundesrat fest, dass auch inskünftig verschiedene Waffensysteme nötig seien, um Kampfverbände mit indirektem Feuer unterstützen zu können. Unter anderem ein 15,5-cm-Artilleriesystem, das über eine mittlere Reichweite verfügen soll. Ein solches Geschütz sei das Hauptsystem der Artillerieabteilungen, die den Kampf der mechanisierten Brigaden mit rasch verlegbarem Bogenfeuer unterstütze, indem sie einen Gegner stoppen, niederhalten oder zerschlagen.(3)
Mit der Armeebotschaft 2019 wurde schliesslich ein Kredit von 30 Mio. CHF für die Beschaffungsvorbereitung eines neuen Artilleriesystems gesprochen. Ziel ist 2023 die Beschaffungsreife zu erreichen und das Vorhaben in den Folgejahren zu beantragen. Die Einführung erfolgt frühestens Ende der 2020er-Jahre.
In der aktuellen Planung ist die Beschaffung mit der Armeebotschaft 2026 vorgesehen. Das Budget beträgt 750 Mio. CHF und umfasst nebst der Ablösung der Panzerhaubitzen M109 auch Präzisions- und Sprengmunition sowie geschützte Logistik.
Die wesentlichen Anforderungen sehen wie bis anhin ein 15,5 cm Kaliber, aber neu radgestützte Fahrzeuge vor.
Aktuell verbleiben noch zwei Hersteller im Evaluationsverfahren:
- BAE Systems aus Schweden mit dem ARCHER;
- Krauss-Maffei Wegmann aus Deutschland mit der RCH 155 (Remote Controlled Howitzer).
Bereits aus der Evaluation ausgeschieden sind:
- Elbit Systems aus Israel mit ATMOS 2000 (Autonomous Truck Mounted Howitzer System);
- Nexter aus Frankreich mit dem CAESAR (Camion équipé d’un système d’artillerie);
- Rheinmetall aus Deutschland mit der RWSPH (Rheinmetall Wheeled Self-propelled Howitzer).
Moderne Artilleriegeschütze
Die Funktionsweise moderner Artilleriegeschütze ist im Grundsatz unverändert. Hingegen sind einzelne Komponenten stark optimiert worden, um insbesondere die Reichweite und Feuerdichte zu erhöhen. Eine entscheidende Rolle für die Reichweite spielt die Rohrlänge. Alle in der laufenden Beschaffung evaluierten Geschütze haben ein L52-Rohr (52x das Kaliber). Für die Feuerdichte ist mitunter die Leistungsfähigkeit des Geschossladers (automatisch oder halbautomatisch) zentral. Ebenfalls können heutzutage mit MRSI-Fähigkeiten (Multiple Round Simultaneous Impact) mehrere Geschosse in unterschiedlichen Elevationen abgefeuert werden, welche dann durch die unterschiedlich langen Flugbahnen gleichzeitig im Ziel eintreffen.(5)
Stark verbessert wurde auch der Schutz und die Beweglichkeit des Trägerfahrzeuges. Diese sind aber stark gelände- und einsatzabhängig, weshalb ganz unterschiedliche Ausführungen bestehen. Überlebenswichtig ist eine kurze Verweildauer in der Feuerstellung. «Schiessen-und-Verschwinden» innerhalb von 150 Sekunden sind zum Imperativ geworden. Solch rasche Stellungswechsel sind mit gezogenen Haubitzen nicht möglich.(6)
Erneuerung des Gesamtsystems Artillerie
Auch wenn aktuell der Fokus auf dem Artilleriegeschütz liegt, darf nicht vergessen bleiben, dass die Artillerie ein komplexes Gesamtsystem ist. Ihre Schlagkraft wird durch alle Systemkomponenten beeinflusst. Die Politik hat die finanziellen Mittel so zur Verfügung zu stellen, dass die Armee ein lückenloses Gesamtsystem Artillerie beschaffen kann. Dazu gehören auch ein Flugbahnradar um gegnerisches Feuer zu detektieren, neue Feuerführungs- und Feuerleitungssysteme, Systeme zur Messung der meteorologischen Verhältnisse, Beobachtungsinstrumente zur Beleuchtung von Zielen (sei es mittels Drohnen oder terrestrischer Beobachterequipen, sogenannte Forward Observer Teams), Munition für unterschiedliche Einsatzbereiche, geschützte Logistikelemente, Infrastruktur zur Lagerung von Munition und Betriebsstoff sowie Simulatoren für die Ausbildung und Trainings auf unterschiedlichen Stufen.
Quellen
- Bundesrat. (2018). 18.022 Armeebotschaft.
- VBS (Hg.). (2019). Grundlagenbericht über die Weiterentwicklung der Fähigkeiten der Bodentruppen, Zukunft der Bodentruppen.
- Bundesrat. (2016). Zukunft der Artillerie, Bericht in Erfüllung des Postulates 11.3752.
- Bundesrat. (2019). 19.022 Armeebotschaft.
- Brutschy, M. (2021). Ein neues Geschütz für die Artillerie. SOGAFLASH, 2021.
- Bachmann, Th. (2022). Ukraines Transformationsprozess mitten im Krieg. ASMZ, 08/2022.