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Das integrierte Rheinprogramm, kurz IRP, wurde vom Bundesland Baden-Württemberg ins Leben gerufen, weil sich die in einem Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich von 1982 vereinbarten Hochwasserschutzmassnahmen als nicht ausreichend herausgestellt haben. Mit den Massnahmen werden die deutschen Ballungsräume Karlsruhe, Mannheim, Ludwigshafen sowie die weiter nördlich liegenden Siedlungsgebiete am Mittel- und Niederrhein langfristig vor Überschwemmungen geschützt.
Die grossen Wassermassen, welche bei Schneeschmelze und gleichzeitig starken Niederschlägen entstehen, sollen langsamer abfliessen. Während der grossen Gewässerkorrektionen seit dem 19. Jh. wurde noch das Gegenteil beabsichtigt. Das Wasser sollte durch Kanalisierung und Begradigung schneller abfliessen. Wenn jedoch aus mehreren korrigierten Gewässern grosse Wassermassen zusammenkommen, entsteht eine Art Flutwelle, die im Unterlauf zu verheerenden Überschwemmungen führen kann.
Das IRP beinhaltet 13 Rückhalteräume auf der deutschen Seite zwischen Basel und Mannheim. Davon sind mindestens neun als Polder (temporäre Überschwemmungsflächen) ausgelegt (siehe Tabelle). Dies sind von Dämmen umgebene Flächen, die das Hochwasser ab einem bestimmten Pegelstand aufnehmen. In vier Bereichen kann der Rhein die Flächen natürlicherweise überfluten. Die Rückhalteräume sind durchschnittlich 500 Hektaren gross und können 13 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Bei einer maximalen Flutung würde das Wasser (gerechnet über die ganze Fläche) 2,5 Meter hoch stehen. Geplant sind 6,5 Quadratkilometer Überflutungsflächen, die insgesamt 167 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten können. Im Vergleich: Vor der Rheinkorrektur im 19. Jh. betrug die Fläche der natürlichen Überschwemmungsgebiete 130 Quadratkilometer.
Die neue Funktion des Altrheins als Überschwemmungsfläche funktioniert nur, wenn mit vereinten Kräften gearbeitet wird. Frankreich hat bereits die Polder Erstein und Moder erstellt und den Sonderbetrieb ihrer Kraftwerke eingeführt: Der Schiffahrtskanal mit den Kraftwerken kann nur 1400 Kubikmeter pro Sekunde aufnehmen. Bei grösseren Hochwassern werden die Rheinkraftwerke abgeschaltet und das überschüssige Wasser wird in den Altrhein geleitet. Um das Wasser im Altrhein zurückzuhalten, wurde der Althrein beispielsweise bei der Kandermündung, wenige Kilometer nördlich von Basel, aufgeweitet. Wenn das Hochwasser abklingt, fliesst das Wasser auf diesen Rückhalteflächen langsam ab und kann so die Hochwasserspitzen dämpfen.
Die kontrolliert gefluteten Rückhaltebereiche führen auch zu ökologischen Aufwertungen. Es entwickelt sich eine angepasste Flora und Fauna, sofern die Flächen auch zwischen den grossen Hochwassern überschwemmt werden. Die Wassermengen für ökologische Flutungen sind allerdings beschränkt, da die Kraftwerke im Normalfall das Wasser für die Energieproduktion nutzen möchten.
Einige Flächen werden vom Rhein regelmässig überflutet. Auf diesen entwickelt sich ein Auenwald mit Weiden, Erlen, Pappeln sowie Eschen und Eichen. Auenwälder besitzen eine hohe Artenvielfalt. Sie sind aber als Folge der Gewässerkorrektionen in der Region Basel nur noch als Relikte zu finden. Die Überschwemmungsflächen dienen auch der Lebensraumvernetzung entlang des Rheins und erleichtern die Wanderungen von Tierarten entlang des Gewässers.
Für Fische ist die Durchgängigkeit sehr wichtig. Bei Wanderhindernissen wie Wehren, Kraftwerken und Abstürzen wurden deshalb diverse Massnahmen getroffen: Fischtreppen, Raugerinne und Umgehungsgewässer wurden geplant und zum Teil schon realisiert. Die Betreiberin des Kraftwerks Kembs, die Electricité de France (EDF), hat einen neuen Fischpass errichtet und versucht mit kontrollierter Seitenerosion bei Hochwasser wieder mehr lockeren Kies in den Rhein zu bringen. Dieses Geschiebe ist wichtig als Laichsubstrat für Bachforellen, Nasen, Lachse und Meerforellen. Von den höheren Fischdichten profitiert auch die lokale Fischerei. Die entstandenen naturnahen Flächen sind aber auch als Erholungsraum für die Bevölkerung sehr wichtig. An Sommertagen verbringen viele Leute ihre Freizeit an gut zugänglichen Stellen des Altrheins und lernen so auch einen naturnahen Fluss mit seiner Tier- und Pflanzenwelt kennen.
Auch die Wirtschaft profitiert von den Massnahmen. Das Risiko von Schäden an den Städten im Mittelrhein nimmt ab, und Immobilien an ehemals hochwassergefährdeten Standorten erfahren durch den verbesserten Hochwasserschutz eine Wertsteigerung. Wegen dem reduzierten Risiko sinken die Versicherungsprämien. Für den Hochwasserschutz in den dicht besiedelten Gebiete lohnen sich die 1,2 Milliarden Euro teuren Massnahmen, die bis zur Fertigstellung 2028 eingeplant sind. Als Vergleich: der wirtschaftliche Schaden eines 200-jährlichen Hochwassers zwischen Iffezheim und Bingen wurde auf 6,2 Milliarden Euro geschätzt.
Die Überflutungsflächen liegen meistens in früher intensiv genutzten Gebieten. Vor allem Landwirtschaftsflächen erleiden bei Überflutungen grosse Schäden durch den Abtrag des Ackerbodens und die Zerstörung der angebauten Kulturen. Hochwasser kann auch Probleme schaffen durch das Wasser, das in den Poldern versickert. Dadurch steigt der Grundwasserspiegel in der Umgebung an und kann an unterirdischen Gebäudeteilen und Bauwerken Schäden verursachen. Das Flusswasser kann zudem in Trinkwasserförderungsanlagen gelangen, die nahe am Rhein liegen. Das Trinkwasser wird mit Fäkalkeimen verunreinigt und muss entkeimt oder verworfen werden. Um Schäden an Infrastruktur und Trinkwasserversorgung zu vermeiden, wurden deshalb an einigen Stellen Pumpwerke errichtet, die den Grundwasserspiegel bei Überflutungen auf dem gewohnten Niveau halten sollen.
DK / DS
Teilprojekte Integriertes Rheinprogramm
Quelle: Regierungspräsidium Freiburg
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