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Auf Gedeih und Verderb: General Leslie R. Groves (Matt Damon) gewinnt den bedeutenden Physiker J. Robert Oppenheimer (Cillian Murphy, links) für das Manhattan-Projekt, um eine Atombombe zu entwickeln. (Universal)
«Prometheus» am Pranger
oder die Tragik eines Physikers
«Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten», zitiert J. Robert Oppenheimer eine Stelle aus einer Schrift des Hinduismus, nachdem er die verheerenden Auswirkungen der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki 1945 wahrgenommen hatte. Er fühlte sich mitschuldig an einer Bombe, die zwar zur Kapitulation Japans geführt, aber auch über 200'000 Menschenleben gefordert hatte.
Die atomare Bedrohung – wer hätte das gewusstt! – ist wieder aktuell geworden durch Putins Ukraine-Krieg und seine Drohgebärden. Das hatte Christopher Nolan sicher nicht im Sinn, als er das Filmprojekt «Oppenheimer» 2021 entwickelte. Sein Drehbuch basiert auf der Oppenheimer-Biographie «American Prometheus» (2006) von Kai Bird und Martin J. Sherwin. Nolans Historiendrama ist historisch gesehen sehr genau, was Geschehnisse und Menschen angeht. Das Drama schildert Oppenheimers Entwicklung und Forscherarbeit, seine Haltung und Zweifel, sein wissenschaftliches Engagement, sein Umfeld, auch seine militärischen und politischen Mitstreiter oder Kontrahenten – von Genie Einstein (Tom Conti) bis zum grantigen General Groves (Matt Damon) und Drahtzieher Strauss (Robert Downey Jr.). Hauptdarsteller Cillian Murphy hat gar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem realen J. Robert Oppenheimer (1904-1967).
Er ist die zentrale Figur, der Kristallisations- und Brennpunkt: Oppenheimer, phänomenal verkörpert und gespielt vom irischen Schauspieler Cillian Murphy, der in zahlreichen Nolan-Filmen mitgewirkt hat – wie beispielsweise «Inception», «Dunkirk» oder den «Batman»-Filmen «Batman Begins» und «The Dark Night Rises». Das Drama um die Entwicklung der Atombomben, seine Vor- und Nachgeschichte spielt sich auf drei Ebenen ab. Einmal erleben wir den jungen New Yorker Oppenheimer, seine Lehrjahre an den Universitäten von Cambridge, Göttingen und Zürich, sein Aufstieg zu einem angesehenen Physiker, seine Arbeit über Quantenmechanik, Begegnungen mit Wissenschaftlern wie Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer), Niels Bohr (Kenneth Branagh) Edward Teller (Benny Safdie) oder Nobelpreisträger Albert Einstein (Tom Conti). Mit dem greisen Weisen diskutierte er über die Atombombe, mögliche Folgen und Kettenreaktionen. U.a. holt er Edward Teller ins Manhattan-Projektteam, doch der wird ihn 1954 bei einer Anhörung anschwärzen.
Ebendiese Anhörung des Sicherheitsausschusses 1954, in schwarzweissen Bildern, bildet einen roten Faden. In Zeiten der Kommunistenhatz unter McCarthy gerät auch Oppenheimer ins Visier nationalistischer Kräfte, weil er in früheren Jahren Kontakt mit Kommunisten gepflegt hat, mit seinem Bruder Frank (Dylan Arnold), seiner Frau Kitty (Emily Blunt), die vor Jahren für kommunistische Ideen offen war, oder Klaus Fuchs (Christopher Denham), der tatsächlich als Spion entlarvt wurde.
Vor allem der Leiter der Atomenergiekommission, Lewis Strauss (Robert Downey Jr.), intrigiert aus verletzter Eitelkeit, um Oppenheimer zu diffamieren, aber auch weil der die Entwicklung der H-Bombe (Wasserstoffbombe) gebremst hatte. Den Schwerpunkt, vor allem visuell, bildete Los Alamos, die Forschungsstätte für 3000 Mitarbeiter. Diese abgeschottete Wissenschaftssiedlung hatte man aus dem Sand von New Mexicos gestampft (Kosten des Manhattan-Projekts 2 Milliarden Dollar). Hier fand der entscheidende Test («The Gadget») statt. Von hier aus wurden die beiden Atombomben «Little Boy» und «Fat Man» auf ihre zerstörerische Reise nach Japan geschickt.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs versucht Präsident Truman (Gary Oldman) dem gefeierten Wissenschaftler Oppenheim, dessen Zweifel am Unternehme wuchsen, der sich mit vagen Schuldgefühlen quälte, zu entkräften. Das Treiben des Kommissärs Strauss hatte Wirkung gezeigt, Oppenheim geriet in Misskredit. Man entzog ihm das Vertrauen. Der Ausschuss entzog Oppenheimer 1954 die Sicherheitsfreigabe, heisst das Vertrauen. Dem Ausschuss gehörte auch ein gewisser John F. Kennedy an, und der hatte gegen diesen Entschluss gestimmt.
Die Verzahnung der Geschehnisse rund um den «Vater der Atombombe» von den Zwanzigerjahren bis in die späten Fünfzigern gelingt Regisseur Nolan brillant. Auch wenn die beiden Frauenfiguren, die widerborstige Gattin Kitty und die unglückliche Geliebte Florence (Jean Tatlock), eher Randfiguren in dieser mörderischen Männerwelt bleiben. Das Erstaunliche: In den drei Kinostunden kommt keine Langeweile auf. Das ist sicher einerseits auf die grossartige Besetzung zurückzuführen, auf die clevere Dramatisierung und Visualisierung des explosiven Stoffes (man sollte sich den Film in einem IMAX-Kino anschauen), andererseits auf die Brisanz des Themas, das wider Erwarten ungeheuer zeitnah und aktuell wurde. Mit «Oppenheimer» gelang Nolan ein Kinogeniestreich, der wie Kubricks «2001: A Space Odyssey» oder Coppolas «Apocalypse Now» in die Kinogeschichte eingehen wird.
USA/GB 2023
180 Minuten
Buch und Regie: Christopher Nolan
Kamera: Hoyte van Hoytema
Besetzung: Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Harnet, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Tom Conti, Matthias Schweighöfer
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