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Michael war frustriert. Seine Arbeit befriedigte ihn zwar, aber seit über zwei Jahren wartete er auf die Ernennung zum Partner in der Kanzlei. Seine Tochter, gerade drei Jahre alt, sah er nur am Wochenende, welches er jedoch dringend zur Erholung brauchte. Am liebsten stieg er dann aufs Mountainbike, zumindest bei adäquatem Wetter.
Letzte Woche war sein Geburtstag, doch Zeit zum Feiern hatte er nicht gefunden. Seine Lebensfreude fühlte sich wie an, ein grauer verregneter Nachmittag. Es war lange her, dass er sich so richtig wohl fühlte. Die Stimme im Kopf erklärte ihm mehrmals täglich, „das ist alles völlig normal, das ist der Preis für meine Karriere“. Und doch: Er fühlte sich gestresst und unwohl. Im Hinterkopf lauerte der Gedanke, ob dies alles Vorboten für einen Burn-out sein könnten.
Lange hatte er seinen besten Freund nicht gesehen und der Abend in Bar, über alte Zeiten zu reflektieren, hatte ihm gutgetan. „Bist du im Hamsterrad?“, und „Schon mal mit einem Coach gearbeitet?“ hatte ihn sein Freund gefragt.
Monate später war er dem Rat seines besten Freundes gefolgt und hatte sich mit dessen Coach getroffen. Am Anfang war es nicht angenehm für Michael: die Fragen des Coaches waren zwar wohlgesinnt, aber heikel. Nach der ersten Session fühlte er sich trotzdem etwas wohler und entschied weiterzumachen. Der Coach hatte ihm angeboten, in den nächsten Sessions über seine Grundwerte zu sprechen. Zögerlich hatte er sich darauf eingelassen, meinte er doch, er wäre sich im Klaren, was wichtig für ihn sei, zumindest bis zu dem Moment, als er seine acht wichtigsten Werte für sein Leben definieren wollte …
Dies ist eine wahre Geschichte aus meinem Leben als Coach: In der zweiten Sitzung, als wir seine Grundwerte auf dem Flipchart in Michaels Büro niederschrieben, fing er an zu lachen. Wenn jemand lacht, dann lache ich erst mal mit, hatte aber keine Ahnung was er so lustig fand: „Ich bin der größte Idiot auf diesem Planeten …“, sagte er, „… sind meine wesentlichen Grundwerte doch Familie und Gesundheit und ich rackere mich unglücklich zu Tode in meinem Job …“. Blieb mir nur zu sagen, „Der größte Idiot, das glaube ich nicht, ich bin ja auch noch im Raum.“
Sechs Monate später: Michael arbeitet in einer kleineren Kanzlei, ist erfüllt durch seine Arbeit, verbringt ausreichend Zeit mit seiner Familie, zweites Kind ist unterwegs, er hat 6 Kilogramm abgenommen und ist glücklich.
Ein Schlüssel zum Glück
Was immer man tut, was immer man bewertet, wann immer man etwas entscheidet:
Man handelt bewusst oder unbewusst auf der Basis der eigenen Grundwerte (Werte).
Erkennt man seine eigenen Werte oder jene von anderen Menschen, dann sieht man die Identität einer Person. Werte entstehen alle von außen durch das Umfeld. Babys haben keine Werte, übrigens genauso wie sie auch keine Glaubenssätze haben. Werte entstehen durch Erfahrungen – positive und negative –, Kindheitserlebnisse, Familie, Freunde, TV, Politiker, Kultur, Bücher, dem Heimatland, Gespräche und vieles mehr.
Wann immer wir entscheiden, was richtig und was falsch ist, etwas als gut oder schlecht bewerten, betrachten wir die Situation wie mit einer Spezial-Brille durch einen Filter unserer Werte. Es gibt keine guten oder schlechten Werte, es gibt nur Werte, die für die eine Person eben wichtig und richtig oder eben nicht wichtig sind. Werte basieren auf ganz persönlichen Empfindungen, versteht doch jeder etwas anderes, zum Beispiel unter Freiheit. Werte sind implizite Erinnerungen, die in uns, im Hintergrund, einfach da sind. Sie kommen uns jedoch nicht als Erinnerung vor. Sie stecken tief im Reptilien-Hirn und geben uns, wenn erfüllt, ein gutes Gefühl. Werte sind Motivatoren, entweder hin zu etwas Gutem oder weg von etwas Schlechtem.
In meiner Welt ist eine Voraussetzung zum Glücklichsein, in Harmonie (ohne Konflikte) mit seinen Werten zu leben. Dazu muss man diese (er-) kennen und in Betracht ziehen, dass die Hierarchie der Werte eine Rolle spielt. Auch ist es gleichermaßen notwendig, sich Klarheit über seine „Anti-Werte“ zu verschaffen, denn auch diese sind Wertvorstellungen, die uns beeinflussen.
Externe Wert-Konflikte
Leicht und überall zu finden vom Individuum über Unternehmen bis hin zu Staaten:
„Dies sind meine Werte, sie sind besser als deine und wenn du das nicht anerkennst, dann oktroyiere ich sie dir auf wegen deiner Ignoranz.“
Wieviel Konflikte können mit dieser Aussage definiert werden? Vermutlich die meisten.
Wenn wir eine bestimmte Person weniger sympathisch finden oder uns unwohl in ihrer Umgebung fühlen, dann hat das oft mit den eigenen Werten zu tun. Vielleicht ist er/sie ein Rassist und für mich ist Toleranz wichtig, oder er/sie ist aggressiv und ich bin für Frieden und Harmonie und vermeide Konflikte. Jeder dieser Gründe kann ausreichen, wenn uns unser Wert wichtig ist, eine bestimmte Person abzulehnen oder zumindest ihr aus dem Weg zu gehen. Mit meinen Kunden betrachten wir bestehende externe Konflikte und häufig fällt der Fokus auf Konflikte am Arbeitsplatz, können doch dort massive Felsbrocken den Weg zum Glücklichsein und zur Lebensfreude erschweren.
Interne Wert-Konflikte
Für Jahre oder Jahrzehnte tragen manche interne Wert-Konflikte mit sich herum, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man weiß, irgendetwas ist nicht in Ordnung (schlimmer noch, man glaubt, „so ist das Leben“) und chauffiert weiter in der Hoffnung, dass es von allein besser wird. Interne Konflikte nähren Stress. Davon gibt es drei Arten:
Typ 1: Man hat einen Grundwert, aber lebt ihn nicht (oder vernachlässigt ihn)
Im Prinzip so offensichtlich, dass man unglücklicherweise oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Häufig gebrauchte Wörter sind bei internen Konflikten, die man nicht lebt, „eigentlich, sollte, möchte, könnte, muss“, um Situationen, Ziele oder Empfindungen zu erklären. Man lebt im Konjunktiv, anstatt Entscheidungen zu treffen und Klarheit zu schaffen.
Typ 2: Man hat gegensätzliche Werte, die sich eliminieren
Ein konstruiertes Beispiel: Magdalena lebt in einer unbefriedigenden Ehe. Mehrmals hatte sie schon entschieden, die Beziehung zu beenden. Sie hat keine Kinder und doch war sie nicht fähig, die entsprechenden Schritte vorzunehmen. Sie fühlte sich eingeengt und konnte sich trotzdem nicht befreien, obwohl sie wusste, dass es besser für sie wäre. Ihr Nummer 1 Grundwert war „Freiheit“ und ihr Nummer 1 Anti-Wert „Konflikte“. Dieses Dilemma zu erkennen, löste zwar nicht das Problem, aber das Bewusstsein darüber machte es um vieles einfacher, mit entsprechenden Situationen umzugehen. Unfähig zu handeln, ist etwas anderes als zu sagen: „Ok, ich erkenne, es ist ein Konflikt in meinen Werten“ und sich dann zu fragen: „Wie will ich damit umgehen? Was könnte ich tun, um diesen internen Konflikt aufzulösen?“
Typ 3: Man hat überlappende Werte, die sich gegenseitig aufheben
Angenommen man hat „Familie“ als Nummer 1-Wert und „Freiheit“ als sehr nahe Nummer 2. Freiheit in diesem Beispiel meint finanzielle Freiheit. Um all das Geld zu verdienen, welches für diese Freiheit notwendig ist, mag bedeuten, mehr und mehr arbeiten zu müssen. Dabei bleibt weniger Zeit für die Familie und sie wird vernachlässigt. Einer der beiden Werte wird irgendwann nachgeben müssen. Im Idealfall trifft man bewusste eine Entscheidung, hinter der man stehen kann und die für Klarheit sorgt und die dann für einen „stimmig“ ist.
Erfüllung, Wohlbefinden, Balance und persönliche Entwicklung sind offensichtliche Ziele im Leben. Wenn du deine Werte verinnerlicht hast, dann gehst du mit mehr Bewusstsein und Achtsamkeit für dich durchs Leben. Hand aufs Herz, wenn du dich jetzt fragen würdest, was deine acht wichtigsten Grundwerte sind, könntest du diese spontan einem 7jährigen erklären?
Für mich war das in der Vergangenheit gar nicht so einfach. Wenn du möchtest, könntest du es hier mit einem Arbeitsblatt für Grundwerte (PDF 39 Werte-Beispiele oder hier mit 348 Beispielen) ausprobieren.
Eine Freude, die von außen kommt, wird uns auch wieder verlassen. Jene Werte aber,
die im Inneren wurzeln, sind zuverlässig und dauernd.
(Lucius Annaeus Seneca)