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Terni
Über Terni vermerkt der Touring Club Führer (Ausgabe 1986), den mir Franz Füeg überlassen hat, folgendes:
„TERNI, m 130, ab. 111’470; capoluogo di provinca; sede verscovile. – Importante centro industriale, d’aspetto quasi completamente moderno, situato al margine orientale di una pianora ricca di acque.“
Teil 2: TERNI. Wenn man eine Karte Italiens ausschneidet und das Stück Karton mit einer Nadel bei Terni aufspiesst (selbstverständlich darf man Sardinien und Sizilien nicht ausser Acht lassen!) so schwebt das Land im Gleichgewicht. In Italien bekommt man immer wieder zu hören, wie schwierig es sei, dieses Land zusammen zu halten. In Terni ist die „Cascata delle Marmore“ (Film hier), die schon 1816 Lord Byron bewog, von „schrecklicher Schönheit“ zu sprechen. Ja, vielleicht ist es genau das, was wir an Italien so lieben.
Die „Cascata delle Marmore“ ist ein technisches Spektakel, an dem die Römer 271 v. Chr. und dann neben vielen anderen der Architekt Andrea Vici 1787 auf Geheiss des Papstes Ausserordentliches vollbracht haben, einen 165 m hohen Wasserfall, der nachmittags um 15 Uhr abgestellt werden kann. Die grossen Wassermassen führten bereits im 19. Jahrhundert zur Ansiedlung der Stahlindustrie in Terni. Damit steht unser Besuch hier in Verbindung.
„Schreckliche Schönheit“, nein ein starkes Empfinden einer menschlichen Haltung berührte mich im Quartier Matteotti in Terni unmittelbar. Hier können sich Menschen entfalten! Da muss jemand gewirkt haben, der die Bedürfnisse kennen wollte, der in der Lage war, aus allem eine Figur und ein Werk zu formen, das einen weiten Horizont hat, den des Gemeinwohls.
Das Quartier strahlt eine Vielfalt und Komplexität aus, die dem Leben entspricht. Unterschiedlichste Wege ziehen sich durch die grünen Innenbereiche mit Bäumen, längs dazu, in Querrichtung durch die Treppenanlagen, über hoch liegende Stege oder über den Sockel, wo die Autos untergestellt sind und entlang und quer zu den Strassen. Es sind nicht einfach Wege, nein, man findet Räume, Begegnungsorte, kleine Plätzchen, einen Ort unter einem Baum. Der öffentliche Raum ist unglaublich facettenreich, nicht für sich alleine sondern als Teil eines Ganzen, der Bauten mit kleinen Sitzplätzen vor den Wohnzimmern, hängenden Gärten im zweiten und im dritten Geschoss und den Fassaden, die vor- und zurückspringen, wie eine Haut, die alles aufnimmt und mit bedacht formt. Und das Quartier findet einen grossartigen Rand mit einem fünfgeschossigen, langen Haus dessen Dach der Allgemeinheit offen steht.
Die Planung und der Bau des Quartiers Matteotti in Terni gingen von einem intensiven Partizipationsprozess aus der nicht abgebrochen wurde bis das Werk vollendet war (1969 -1975). Der Architekt Giancarlo De Carlo machte diesen Prozess zur einzigen aber entscheidenden Bedingung. Dafür arbeitete er eng mit dem Soziologen Domenico De Masi aus Rom zusammen (Film hier).
Giancarlo De Carlo sagte unter anderem:
„Molti, sprovveduti o furbastri, pensano che partecipazione vuol dire trascrivere quello che i tuoi interlocutori chiedono. E da questi bisogna guardarsi perché sono quelli che non credono nell’architettura, sono quelli che così si compensano di non saper fare architettura.“
„Viele Leute, ob ahnungslos oder schlau, denken Partizipation bedeute, dass zu umschreiben was ihre Gegenüber verlangt. Das sind diejenigen, auf die wir achten müssen, denn es sind jene, die nicht an Architektur glauben, es sind diejenigen, die ihr Unwissen kompensieren, weil sie nicht wissen, wie man Architektur macht.“
“In realtà la partecipazione trasforma la progettazione architettonica da quell’atto imperativo, che finora è stata, in un processo. Un processo che prende avvio dallo svelamento dei bisogni degli utenti, passa attraverso la formulazione di ipotesi organizzative e formali, approda a una fase di gestione dove, anziché concludersi, si riapre in una ininterrotta alternanza di verifiche e rimodellazioni che retroagiscono sui bisogni e sulle ipotesi, sollecitando la loro continua riproposizione”
"In Wirklichkeit verwandelt Partizipation den architektonischen Entwurf von jenem gebieterischen Akt, der er bis jetzt war, in einem Prozess. Ein Prozess, der vom Enthüllung der Bedürfnisse der Benutzer ausgeht, die Formulierung organisatorischer und formaler Thesen durchläuft, zu einer Phase des Verwaltens kommt, die, anstatt zu enden, in einem ununterbrochenen Wechsel von Überprüfungen und Umformungen auf die Bedürfnisse und Thesen zurückwirkt und so auf eine endlose Wiederholung drängt.“
Ich frage mich, wie der Städtebau- und Architekturdiskurs wieder auf die zentralen Fragen des Lebens geführt werden kann, wo Bedürfnisse und Werte von Menschen, die wirklich eine Behausung brauchen, eine Rolle spielen? Ich würde mich freuen über einen Austausch zu diesen Fragen.
Verfasst von: Patrick Thurston