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Diop: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, hat diese neue Realität verschiedene Ebenen.
WW: Ich würde sagen, es sind verschiedenen Tiefen, in die man eintaucht.
Diop: Aber letztendlich ist es doch nur dieser eine Augenblick.
WW: Ja. Dieser eine Augenblick ist gleichsam das Transportmittel in tiefere Erfahrungsbereiche. Meister Tozan führt uns das im folgenden Koan vor. Tozan hielt eine Gedenkfeier für Ungan vor dessen Bildnis. Er sprach die Geschichte des Bildes an, worauf ein Mönch fragte: „Was bedeutet Ungans Ausspruch ‘Nur dies, nur dies!’?“ „Damals hätte ich die wahre Absicht meines Meisters beinahe missverstanden“, antwortete ihm Tozan. Der Mönch erwiderte: „Ich frage mich, ob Ungan Bescheid wusste oder nicht.“ „Wie hätte er es so sagen können, wenn er nicht Bescheid wusste? Wie konnte er wagen, es so zu sagen, wenn er Bescheid wusste?“ sagte Tozan.
Diop: Haben Sie über diesen Tozan nicht schon früher gesprochen?
WW: Ja. Tozan lebte von 807-869 in China. Er war Schüler und Dharma-Nachfolger von Ungan und ist nicht zu verwechseln mit Tosan, dem Schüler und Dharma-Nachfolger von Ummon. Von Tozan stammen auch die „Fünf Grade der Erscheinungswelt der Wirklichkeit“, im japanischen Goi genannt, die noch heute in der Zen-Schulung eine wichtige Rolle spielen und jede Koan-Schulung abschließen. Als Tozan, noch Novize, in einem Kloster seinen Meister, der der buddhistischen Vinaya-Schule angehörte, nach der Bedeutung einer Zeile im Herz-Sutra fragte, konnte ihm dieser keine Antwort geben. So machte er sich auf, um von Meistern der Zen-Schule Aufschluss zu bekommen. Er reiste durch das Land und suchte die großen Zen-Meister seiner Zeit auf. Zuerst kam er zu Nansen. Nach einem Gespräch erkannte dieser die Begabung Tozans und nahm ihn als Schüler an. Einige Zeit später wanderte Tozan weiter zu Isan, der ihn aber fortschickte zu Ungan, dessen hervorragendster Schüler er wurde. Bei ihm erfuhr er auch seine erste Erleuchtungserfahrung. Etwa fünfzigjährig wurde Tozan Abt und ließ sich auf dem Berg Tung-shan nieder, dessen Name auf ihn überging. Er führte viele Schüler auf dem Zen-Weg, bis er in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr in Versunkenheit sitzend starb.
Diop: Tozan hält also eine Gedenkfeier für seinen verstorbenen Meister Ungan ab.
WW: Ja und er nimmt Bezug auf eine Begebenheit mit seinem Meister, den er um einen Rat bat: „Wenn ich nach deinem Tod gefragt werde, ob ich dein Bildnis habe oder nicht, was soll ich antworten?“
Diop: Was meint er mit diesem Bildnis?
WW: Die Geschichte des Bildes ist folgende: Als Tozan noch ein junger Mönch war, verließ er Ungan. Er fragte: „Wenn ich nach deinem Tod gefragt werde, ob ich dein Bildnis habe oder nicht, was soll ich antworten?“ Nach einer langen Pause antwortete Ungan: „Nur dies, nur dies!“ - Mit ‘Bildnis’ ist hier das Wesen des Buddhismus gemeint, die Essenz des Zen, unsere verwirklichte Wesensnatur. Ungan antwortete nach einer langen Pause: „Nur dies, nur dies!“, worauf ein Mönch fragte: „Was bedeutet Ungans Ausspruch ‘Nur dies, nur dies!’?“
Diop: Was soll das heißen?
WW: Die Dynamik steckt in jedem Augenblick. „Damals hätte ich die wahre Absicht meines Meisters beinahe missverstanden“ bedeutet jedoch nicht: „Das ist es! Das ist es!“ „Wie hätte er es so sagen können, wenn er es nicht erfahren hätte? Trotzdem, wie konnte er es wagen, es so zu sagen.“ Das ist für jeden Übenden eine gefährliche Klippe. Wie konnte er es wagen, es so zu sagen, wenn er es verwirklicht hat? Das ist der Punkt, den wir durchschauen müssen. Jeder Augenblick beinhaltet die vollständige Realität, die sowohl Leben als auch Tod mit einschließt. Wenn wir uns ernsthaft bemühen, können wir das Erscheinen dieser einzig wahren Realität erfahren. Jeder Augenblick enthält alles, jedes Wesen, das ganze Universum. Er ist in sich vollkommen. Deshalb ist jedes Tun so wichtig, ob wir am Computer arbeiten oder die Natur betrachten, ob wir gehen, sitzen, stehen oder liegen.
Diop: Sie meinen, sowohl der Stein am Wegesrand wie auch der Mensch, dem wir begegnen, ist untrennbarer Bestandteil des Ganzen, ist das Ganze?
WW: Ja. Dogen sagt: „Jeder Augenblick enthält die ganze Welt.“ Zu diesem Verständnis müssen wir durchbrechen, um die Bedeutung unseres Handelns zu erkennen.
Diop: Was bedeutet das für unsere Übung?
WW: In unserer Übung sollten wir an jeden auftauchenden Augenblick ganz natürlich herangehen, ohne dass wir uns Gedanken darüber machen. Das nenne ich unmittelbare Verwirklichung. In dieser Verwirklichung, die sich ständig erneuert, erscheint weder Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, denn sie ist frei von jeder Zeit. Wir müssen nach nichts suchen und wir können auch nichts finden. Erleuchtung ist immer hier und jetzt. Sie geschieht in diesem Augenblick, klar und vollkommen. „Nur dies, nur dies!“
Diop: Nur dies?
WW: Das Koan könnte auch so heißen: Mönch: „Was bedeutet Ungan’s Ausspruch ‚nur dies’?“ Tozan: „Es bedeutet nicht, das ist es.“ Mönch: „Hat Ungan es verwirklicht?“ Tozan: „Es ist sehr gefährlich, es auf diese Weise auszudrücken.“
Unsere Aufgabe ist es, jetzt zu beginnen, in diesem Leben, in diesem Jahr, an diesem Tag, in dieser Stunde, in diesem Augenblick. Wo anders können wir unser Leben sonst leben als in diesem Augenblick? Nur jetzt können wir glücklich sein, nicht gestern, nicht morgen. Alles andere ist nur Gedankenkonstruktion. Nur jetzt können wir unser wunderbares Leben wahrnehmen, nicht gestern oder morgen. Deshalb rate ich, sich nicht Überlegungen und Träumereien hinzugeben. „Nur dies, nur dies!“ Die ganze Ewigkeit liegt in diesem Augenblick. Alles ist neu, nichts wiederholt sich. Wir gehen zum ersten Mal auf die Toilette, wir waschen uns zum ersten Mal die Hände, wir gehen zum ersten Mal die Treppen hoch. Jeder Augenblick ist eine Uraufführung deines Lebens, ganz neu, ganz original.
Diop: Aber was liegt hinter dem Ende und vor jedem Anfang?
WW: Das Eine ist in diesem Augenblick vollkommen enthalten. Was hinter dem Raum liegt und jenseits aller Zeit, offenbart sich in diesem Augenblick. Wir benötigen dazu keinen besonderen Geist, keine besonderen Voraussetzungen. Wir können es jetzt, in diesem Moment, verwirklichen. Wir müssen nur unser begriffliches Denken aufgeben und nur diesen einen Augenblick betrachten, nichts dazutun nichts wegnehmen, ihn lassen, wie er ist, klar und rein. „Nur dies, nur dies!“ Wir sollten nicht versuchen, den Augenblick verstandesmäßig zu begreifen: „Warum ausgerechnet ich?“ Warum ausgerechnet jetzt!“ Im gleichen Augenblick verfinstert sich unsere Wesensnatur wie die dunklen Wolken, die sich vor die Sonne schieben. Huang-po hat einmal gesagt: „Ein einziger Augenblick dualistischen Denkens genügt, um euch wieder an die zwölffache Kette der Verursachung zu binden.“
Diop: Was meint er mit dieser zwölffachen Kette?
WW: Die zwölffache Kette der Verursachung, der Kausalität, besteht aus Unwissenheit, Tat, Bewusstsein, Name und Form, den sechs Sinnesorganen, Berührung, Wahrnehmung, Wünschen, Bindung, Existenz, Geburt und Tod. Huang-po sagt weiter: „Unwissenheit setzt das Rad der Verursachung in Bewegung und schafft dadurch eine endlose Kette von karmischen Ursachen und Wirkungen. Dies ist das Gesetz, das unser Leben bis ins hohe Alter und in den Tod hinein beherrscht.“
Diop: Er meint, es gibt keine andere Vollkommenheit als in diesem Augenblick?
WW: Ja. Allem Vorausgegangenen und allem Zukünftigen werden wir nichts hinzufügen können. Bodhidharma sagt: „Wenn ihr an keiner Erscheinung haften bleibt, durchbrecht ihr sämtliche Schranken.“
Wir müssen unseren wirklichen Körper kennenlernen, der rein und unberührt ist. Wir alle leben in dieser „Wunderbaren Welt“, wie ich sie nenne, und jeder Augenblick ist die reine Wirklichkeit dieser „Wunderbaren Welt“. Unser Leben selbst ist diese „Wunderbare Welt“, voller Schönheit, voller Klarheit, voller Wunder, über die wir nur staunen können. Ein Augenblick ist die vollkommene Manifestation dieser „Wunderbaren Welt“. Darin gibt es nichts zu erreichen, weil alles bereits da ist. Darin gibt es auch nichts zu verbessern, weil alles gut ist, so wie es ist. Darin gibt es nichts, was man dazutun müsste, weil sie vollkommen ist. In dieser „Wunderbaren Welt“ schmeckt der Tee wie er schmeckt, der Zucker süß, das Salz salzig. In dieser „Wunderbaren Welt“ blüht die Blume rot, der Wind bewegt die Zweige und die Regentropfen klatschen auf das Blatt. In dieser „Wunderbaren Welt“ gibt es nichts zu erklären, nichts zu übermitteln und nichts, was uns von ihr trennt. Ein Vers im Mumonkan drückt dies so aus: „Der WEG liegt auf der Hand, aber die Menschen suchen ihn in weiter Ferne. Die Bauern benutzen ihn jeden Tag, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nicht für einen Augenblick können wir von ihm getrennt sein. Wovon wir getrennt sein können, das ist nicht der WEG.“ ES kann nicht gesagt oder in Worten ausgedrückt werden.
Diop: Und wer es trotzdem wagt?
WW: Der begibt sich auf einen gefährlichen Pfad. Im Goi steht geschrieben: „Die Welt der Wesensnatur ist vollkommen dunkel, es gibt dort nichts zu sehen. Weder Leben noch Tod, weder erleuchtete noch nicht erleuchtete Wesen.
Diop: Was meint Zen mit Dunkelheit?
WW: Wenn Zen vom Dunkel spricht, meint es, dass in der Leerheit nichts zu erkennen ist. Da ist nur dies, nichts weiter. Das ist die vollkommene Manifestation dieser „Wunderbaren Welt“. Dem kann man nichts hinzufügen.
Diop: Das „Sagen“ ist also bereits schon wieder ein „Hinzufügen“?
WW: Ja. Was bleibt, ist Schweigen. Unsere Wesensnatur verbindet den Himmel mit der Erde, die Wolken mit den Bäumen, die Form mit der Leere, das Absolute mit dem Relativen, ohne die geringste Spur von Gegensätzlichkeit. Der Himmel ist die Erde, die Erde ist der Himmel. Die Form ist die Leere, die Leere ist die Form. Das Absolute ist das Relative, das Relative ist das Absolute. In dieser „Wunderbaren Welt“ spiegelt sich alles im Spiegel der Weisheit. Schön und hässlich ist hier ohne die geringste Spur von Dualismus. Zwei Seiten, eine Münze. Wir müssen in die Ganzheit vorstoßen, um nicht in Halbheiten steckenzubleiben. Wir müssen jenseits von Leben und Tod, Sein und Nicht-Sein, Form und Leere gelangen. Dort ist unsere wahre Heimat. Die Verwirklichung des Zen-Weges ist die Verwirklichung des Alltags. Abu Sa’id, ein Sufi-Meister, drückt es so aus: „Der vollkommene Mystiker ist weder ein ekstatischer, in der Betrachtung der Einheit verlorener Schüler noch ein heiliger Einsiedler, der jeglichen Umgang mit den Menschen meidet. Der wahre Heilige geht unter den Leuten ein und aus und schläft und isst mit ihnen und kauft und verkauft auf dem Marktplatz und heiratet und nimmt teil am gesellschaftlichen Leben und vergisst Gott auch nicht für einen Augenblick.“
Den WEG zu gehen ist nicht schwer. Es ist einfach nur Anziehen, zur Arbeit gehen, Essen, Trinken, Schlafen.
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