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In den USA nehme Ungleichheit langsam groteske Formen an und niemand nehme Notiz davon, schreibt die Finanzexpertin, Journalistin und Autorin Nomi Prins in einem Kommentar auf «Tom Dispatch».
Beispiel? Die US-Amerikaner des reichsten einen Prozents haben ein 40mal höheres Einkommen als 90 Prozent der Bevölkerung. Die 0,1 Prozent reichsten US-Amerikaner «verdienen» sogar 198 mal mehr als die unteren 90 Prozent. Diese deutlich weniger verdienenden 90 Prozent aber tragen die Lasten von Dreivierteln aller privaten Schulden in Höhe von insgesamt 13‘500 Milliarden Dollar. Und: Wer bereits wohlhabend ist, hat nicht nur grössere Chancen auf ein hohes Einkommen, finanzielle Potenz wird auch immer mehr zur Grundlage politischer Macht. Ausnahmen wie die populäre Demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez bestätigen diese Regel. Der Präsident der USA ist nicht zufällig Milliardär.
Die Ungleichheit kam in kleinen Schritten
Den ohnehin schon Wohlhabenden das Geld, dem durchschnittlichen Bürger die Schulden: «Wer da hat, dem wird gegeben», sagt sich da mancher, aus Unmut oder Resignation. Gemeint ist: wer reich ist, der wird fast von selbst immer reicher und mächtiger.
Das sei nicht einfach so, sondern es sei so gekommen, in kleinen Schritten, sagt Prins. Sie verweist auf den Unterschied zwischen Besitz und Einkommen. Einem US-Amerikaner, der das Mediangehalt von jährlich 31‘000 Dollar verdient, blieben nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungen ungefähr 26‘000 Dollar, führt sie an. Hätte er keinerlei Ausgaben, bräuchte er 38 Jahre, um eine Million zu sparen. Hat jemand diese Million von Anfang an, bekommt er bei einem Zinssatz von 2,25 Prozent und abzüglich Steuern jedes Jahr 19‘000 Dollar – ohne mehr dafür zu tun, als gelegentlich zur Bank zu gehen und die Steuererklärung auszufüllen.
«Wer da hat, dem wird gegeben», ist ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium und taucht als «Matthäus-Effekt» zum Beispiel in der Soziologie wieder auf. Dort bezeichnet es einen kleinen Vorteil, der sich nach einiger Zeit zu einem grossen Vorsprung auswächst.
Von einem Crash zum nächsten – wie die Banken reicher wurden
Ob es im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» Zeiten gab, in denen die Startbedingungen für alle gleich oder wenigstens ähnlich waren, darüber lässt sich streiten. Lange waren zumindest die Aufstiegschancen intakt. Im «vergoldeten Zeitalter» von 1870 bis zur Jahrhundertwende erlebte das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung durch technologischen Fortschritt, aber auch da gab es Korruption und grosse Armut.
In die Jahre danach, beschreibt Prins, fiel das erste Bail-Out. 1907 bekamen die Banken Geld, um die Wirtschaft zu retten und einen Run auf die Banken zu verhindern. Die so unterstützten Grossbanken segelten damit in den historischen Crash von 1929, die kleinen Häuser, bei denen vor allem die Durchschnittsbürger ihre Ersparnisse hatten, gingen unter. 1935, immerhin, wurde die Sozialversicherung eingeführt.
Alle Zahler sind gleich – ausser den Reichen
Das Zitat «wer da hat, dem wird gegeben» wird heute allerdings falsch verstanden. Das biblische Gleichnis, aus dem der Satz entnommen ist, besagt, dass jemand, der im geistlichen Sinne «viel hat», umso mehr verpflichtet ist, etwas daraus zu machen – zum Wohle aller. Übertragen auf die materielle Ungleichheit in den USA passierte aber genau das Gegenteil.
Die Sozialversicherungsbeiträge, zu denen Angestellte 6,2 Prozent ihres Einkommens und die Arbeitgeber nochmals soviel beitragen, sind bei 132‘900 Dollar gedeckelt. Die, die besonders zum Wohle aller beitragen könnten, tun das also nicht. Donald Trump prahlte 2016 damit, er gebe nur 0,002 Prozent seines Einkommens für Sozialversicherungen aus. Nach Recherchen der «New York Times» hat er seit seiner Geburt in heutige Vermögenswerte umgerechnet 413 Millionen Dollar an Vermögen und 140 Millionen Dollar an Darlehen von seinem Vater bekommen.
Wachstum, das nur wenigen nützte
Auch in der letzten Finanzkrise 2007/2008 reagierte die Nationalbank, wie schon 80 Jahre vorher. Die Federal Reserve Bank, kurz Fed, kaufte für 4‘500 Milliarden Dollar Anleihen und Pfandbriefe, um die Last der Banken zu verringern, und reduzierte den Zinssatz auf Null. Geld wurde billig, Banken konnten leichter neue Kredite aufnehmen.
Seither habe sich der Dow Jones verdreifacht, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei jedoch nie über drei Prozent gestiegen. Die Ungleichheit sei damit deutlich schlimmer geworden. Wer Geld hatte, investierte es in die durch die Krise abgewerteten Aktien oder kaufte Immobilien. Vier Fünftel der US-Amerikaner kauften jedoch keine Aktien, sondern mussten und müssen schauen, dass das Geld bis zum nächsten Gehalts-Scheck reiche, sagt Prins.
Die Fed habe die grössten Finanzhäuser und Unternehmen der USA mit insgesamt 16‘000 Milliarden Dollar unterstützt, zitiert sie Bernie Sanders. «Das ist Sozialismus für die Reichen und ‹kommt-alleine-klar› für alle anderen», sagte er. Der grösste Teil des US-Wohlstands liege nun bei Grossbanken, Spekulanten und den globalen Unternehmen, schreibt Prins. Die Hälfte der US-Aktien gehöre einem Prozent der Bevölkerung.
Die Mauer im Portemonnaie
Die «Räuberbarone» des «vergoldeten Zeitalters» hätten wenigstens viel für den Fortschritt getan, sagt Prins. Beispielsweise hätten sie die Eisenbahn im Land finanziert. Die Generationen nach ihnen gründeten und finanzierten Silicon Valley (die erste IT-Blase platzte um die Jahrtausendwende). Trumps bisher einziger Beitrag zur Infrastruktur sei dagegen die Ankündigung einer Mauer an der mexikanischen Grenze. Die wesentlich schlimmere Mauer, sagt Prins, entstünde inzwischen zwischen denen, die viel haben, und dem grossen Rest.
Die USA seien mit diesem Problem allerdings keineswegs allein. Auch weltweit nimmt die Ungleichheit nicht etwa ab, sie steigt seit Jahrzehnten. Ungleichheit wirkt sich nachteilig aus auf die Gesellschaft, auf die Gesundheit der Bevölkerung und auch auf die Lebenserwartung, listet zum Beispiel die Seite «inequality.org» auf. Im schlimmsten Fall führt sie zu Instabilität und zu Konflikten. Sogar die Fed macht sich mittlerweile Sorgen. «Einkommensungleichheit kann zu einer niedrigen Gesamtnachfrage, Deflationsdruck, übermässigem Kreditwachstum und finanzieller Instabilität führen», steht in einer im Dezember 2018 veröffentlichten Studie der US-Nationalbank.
«Schlimmer als im letzten Jahrhundert»
«Wir haben gesehen, wie das Geld einfach durch Banken und massive Spekulationen weiter nach oben fliesst, während das Wirtschaftsleben derjenigen, die nicht an der Spitze der finanziellen Nahrungskette stehen, weitgehend stagniert oder schlechter geworden ist», sagt Prins. Das Ergebnis sei eine weitreichende Ungleichheit, wie sie im letzten Jahrhundert noch unvorstellbar gewesen wäre.
- Siehe auch «Makers and Takers – So haben die Banken die Macht übernommen» (auf Infosperber).
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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts in «The Nation» und anderer Quellen erstellt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Nomi Prins ist eine US-Journalistin und Autorin, die sich mit US-Wirtschaftsthemen befasst. Die ehemalige Bankerin ist die Autorin der Bücher «Collusion: How Central Bankers Rigged the World» und «All the Presidents' Bankers: The Hidden Alliances that Drive American Power».