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Zwischen Piz da la Margna und Piz Fedoz
Mit 1 Bild ( 78Von Henry Hoek
( Davos ) Einer der ganz wenigen Pässe in der Schweiz unter 2000 Meter, die Norden und Süden verbinden, ist das Ende des oberen Engadins, der Pass von Maloja. Wenige Pässe auch weisen eine so gute und bequeme Strasse auf, und wenige haben daher einen so grossen Verkehr. Östlich von Maloja steht als Wächter ( und Talabschluss des Engadins ) der Piz da la Margna, der westlichste Gipfel der Berninagruppe im engeren Sinn; westlich der Passhöhe erhebt sich der leichte und aussichtsreiche Piz Longhin, der südlichste Gipfel der Lagrevgruppe, in dessen Nähe die Wasserscheiden der Nordsee, des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres sich treffen. Beide Berge sind viel besucht. Die Seenlandschaft des obersten Engadins ist eine europäische Berühmtheit, die von Tausenden besucht wird. Um so seltsamer, dass in unmittelbarer Nähe dieser grossen Verkehrsstrasse und dieser weltberühmten Seen eines der einsamsten Täler Graubündens eingesenkt liegt zwischen dem Westkamm des viel besuchten Fextales ( Piz Fora, Piz Güz, Piz Led und Mott'Ota ) und dem anderen Kamm, der vom Piz Fora über Monte del Oro, Piz Muretto, Piz Fedoz und Crast Fedoz zur Margna zieht. Bei dem winzigen Weiler Isola am Silser See findet dieses öde und verlassene Fedoztal sein Ende, nachdem der kleine Fluss die Glazialstufe an seinem Ausgang teils durchnagt, teils durch einen schönen Wasserfall überwunden hat. Eine einzige Alp ( Casternam ) liegt auf dieser Talstufe, von der man in stundenlanger Wanderung auf elendestem Pfad in schwacher Steigung hinaufsteigt zur Zunge des steilen Fedozgletschers im Hintergrund. Auch dieser Gletscher ist heute stark im Rückgang, und das Bild des Talschlusses hat sich in den letzten Jahrzehnten ( fast könnte man sagen: zum Erschrecken ) verändert. Halbwegs kommt man vorbei an der mehr als primitiven Hütte der Hirten, die das Jungvieh im Tal betreuen. Sonst weist das ganze Tal kein menschliches Bauwerk auf...
Sehr, sehr steil steigen beidseitig die Talwände hinan zu den Bergen in Osten und Westen, deren Namen ( die kaum jemand kennt ) schon genannt wurden. Mott'Ota freilich ist ein beliebter Aussichtspunkt — ein harmloser Spaziergang für die Gäste von Sils; und oft bestiegen wird auch der Piz da la Margna, dessen Aussicht eine der schönsten weit und breit ist.
Die Gipfel des Ostkammes werden noch gelegentlich begangen, aber die des Westkammes sind beinahe unbekannt.
Der Klubführer ( « Bündner Alpen, Band V, Berninagruppe » ) führt in diesem Kamme zwischen Piz da la Margna und Piz Muretto nur zwei Gipfel auf, Crasta da Fedoz ( 3077 m ) und Piz Fedoz ( 3196 m ), und spricht von « mehreren Türmen, die nach Süden steil abgeschnitten, während sie auf der N-Seite ganz plattig sind... Die Topographie dieses Gebietes lässt sehr zu wünschen übrig. Die Gipfel wurden wahrscheinlich von Jägern alle bestiegen. Aber dieses Gratstück ist trotzdem eine der unbekanntesten Ecken der ganzen Berninagruppe. Weitere Erkundigungen sind sehr erwünscht. » Und zwischen Piz Fedoz und Piz da la Margna gibt der Klubführer nur einen Übergang an von der Val Fedoz nach der Val Muretto oder nach dem Fornogebiet. Das ist die Forcella da la Margna ( 2891 m ). Dazu findet sich die Bemerkung: « Der SA. ( 1927 ) schreibt falsch Fuorcla da Margna... Es ist zwar die niederste Einsenkung des Hauptkammes im Süden des Piz da la Margna, aber sie wird nur von den Jägern benützt. » Und weiter: Die Forcella da la Margna ist « der einzig leichte Übergang zwischen den zwei Gipfeln ( Piz da la Margna und Piz Fedoz ). Der SA. deutet weiter südlich noch einen zweiten Übergang an, aber er ist viel schwieriger als die Karte vortäuscht. » Wie liegen die Verhältnisse, die weder Strutt noch Corti noch M. Kurz persönlich kennen, nun tatsächlich?
Ein brüchiger, aber unschwer begehbarer Felsgrat führt vom Gipfel des Piz da la Margna in südsüdöstlicher Richtung hinüber zur Margnaschulter ( ca. 3060 m ). Es folgt ein sehr schwieriger Steilabbruch — der sich nur unter erheblichem Höhenverlust umgehen lässt — hinab zur Forcella da la Margna. Dieser Pass ( 2891 m ) ist von beiden Seiten leicht, wenn auch recht mühsam erreichbar. Von Osten, über « Cavörga » wird man den besten Weg leicht finden. Der Abstieg nach Westen ist aber nicht einfach. Man muss schon recht weit oben entweder nach links halten, ein wenig abwärts traversierend, und kommt in die Val Muretto; oder man steigt hoch oben traversierend nach Norden ab, über « Margna », und gelangt so direkt nach Maloja. Jeder Versuch, unmittelbar nach Cavloccio oder nach Piancanino abzusteigen, wird besser unterlassen. Ohne allergenaueste Lokalkenntnisse kommt man bestimmt in grosse Schwierigkeiten.
Südlich von diesem von Touristen fast nie begangenen Übergang erheben sich aus dem in gleicher Richtung weiterziehenden Kamm zwei recht auffallende Felstürme. Ihre Höhe steht auf keiner Karte; sie dürften etwas über 3000 Meter hoch sein. Zusammen mit dem kotierten Gipfel 3077 m weiter im Süden könnte man sie als « Crasta da Fedoz » bezeichnen. Sie lassen sich aber auch als unbedeutende selbständige kleine Gipfel ansprechen. In diesem Falle würde man sie am besten « nördlicher Nordturm » und « südlicher Nordturm » der Crasta da Fedoz nennen. Beide sind sie von Norden her ohne besondere Schwierigkeit zu erklettern, und beide brechen gegen Süden mit einer Steilwand ab. Auf der Westseite sind sie ohne nennenswerten Höhenverlust leicht zu umgehen. Es folgt eine deutliche und ziemlich tiefe Einschartung ( wohl etwas unter 3000 m ). Als Name würde ich vorschlagen Forcella da la Crasta. Von beiden Seiten ist sie leicht zu erreichen, und als Übergang nach Moretto oder Forno der Forcella da la Margna entschieden vorzuziehen. Über den Abstieg nach Westen gilt dasselbe, was über die Forcella da la Margna gesagt wurde. Ohne technische Schwierigkeiten kann man von hier aus über den Grat weiter nach Süden den Hauptgipfel dieses kleinen Massivs erreichen: Crasta da Fedoz ( 3077 m ). Auf der Karte ohne Namen. Der Kamm zieht weiter, ganz schwach sich senkend zu einem grossen, bastionartigen Felskopf ( etwa 3060 m ), der mit senkrechter Wand abbricht zu einer ganz auffallenden tiefen Scharte. Dieser Abbruch ist nur mit viel Höhenverlust zu umgehen. Der markante Einschnitt ist von Westen mühsam, aber unschwierig über grobes Blockwerk, von Osten durch eine steile Rinne gar nicht ganz leicht zu erreichen. Aus der Rinne im Osten ist das Eis erst in den letzten Jahren verschwunden. Bei den Einheimischen heisst dieser Übergang « Fuorcla da Bötsch »; die Höhe dürfte zirka 3000 m sein. Bötsch ist Lombardo-Italienisch und verdorben aus Buca. Gemsjäger werden diesen bei weitem interessantesten Pass zwischen Fedoz und Muretto wohl schon überschritten haben. Oben fand ich einen riesigen eingeklemmten Felsblock, unter dem man durchkriechen kann.
Bei einem Abstieg nach Westen muss man sich auch hier möglichst nach links halten ( unter dem Westgrat des Piz Fedoz ), so dass man die Val Muretto etwa in ihrem unteren Drittel erreicht. Von der « Fuorcla da Bötsch » gelangt man ohne grosse Schwierigkeiten, aber anstrengend und rauh, am besten immer etwas über die Westseite des Grates auf den Nordgipfel und von da auf den Hauptgipfel des Piz Fedoz ( 3194 m ).
Das Erforschen dieser Übergänge und kleinen Gipfel hat mir viel Freude gemacht. Aber selten nur war ich in einer einsameren Bergwelt.