Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03391.jsonl.gz/343

Biotechnische Produkte weltweit fördern
„Die meisten westlichen Ärzte haben, trotz des schrecklichen Tributs, den die Krankheit von El Salvador bis Südasien gefordert hat, nicht einmal davon gehört“, berichtete der Kardiologe Jeff Ritterman von den „Physicians for Social Responsibility“ (Ärzte für soziale Verantwortung). Nun glauben sie, den Ursachen einer mysteriösen chronischen Nierenerkrankung auf der Spur zu sein, die seit Jahren Mittelamerika, Indien und Sri Lanka heimsucht. Die Krankheit ist bekannt unter dem englischen Akronym CKDu, eine chronische Nierenerkrankung, wobei das „u“ für unbekannte Ursache steht. Sie trifft vor allem einfache Bauern, die bei grosser Hitze ihre Felder bestellen. In allen Fällen waren sie Pflanzenvernichtungsmitteln und schweren Metallen ausgesetzt.
„Die Insel der Witwen“
CKDu ist inzwischen die zweithäufigste Todesursache bei Männern in El Salvador. Das sieben-Millionen-Einwohnerland, etwa halb so gross wie die Schweiz, hat weltweit die höchste Sterberate infolge von Nierenerkrankungen. In El Salvdor und Nicaragua sterben mehr Männer an CKDu als an HIV/AIDS, Diabetes und Leukämie zusammengenommen. In einem kleinen Landstrich in Nicaragua sind so viele Männer gestorben, dass die Gegend „Die Insel der Witwen“ genannt wird. In Sri Lanka starben bisher über 20 000 Männer an CKDu.
In einer Untersuchung, die Sherlock Holmes Ehre machen würde, stellten drei Ärzte in Sri Lanka nun eine Hypothese auf, die den Ursprung der Krankheit erklären könnte. Der chemische Auslöser musste in der Lage sein, eine stabile Verbindung mit Schwermetallen (Arsen, Kadmium), wie sie im Grundwasser und in den Böden Mittelamerikas, Sri Lankas und Indiens zu finden sind, einzugehen und diese Metalle vor dem Stoffwechselprozess (Metabolisierung) der Leber zu schützen. Diese Eigenschaften fanden sich in Glyphosat, einer chemischen Verbindung der Gruppe der Phosphonate und Hauptbestandteil vieler Herbizide, vor allem dem weltweit populärsten, das unter dem Namen „Roundup“ von der US-Firma Monsanto vertrieben wird.
Umwerfende Geschäftsidee
Zwar erfordert die Hypothese der Ärzte weitere Untersuchungen und bezweifelt Monsanto, dass ihr Herbizid die Ursache sein könnte, doch sowohl Sri Lanka als auch El Savador haben auf Glyphosat basierende Herbizide inzwischen vom Markt genommen. Auch andere Länder notierten die Gefährlichkeit des Mittels. In Kanada stellten Wissenschaftler fest, dass sich bei Frauen, die Glyphosat ausgesetzt waren, das Risiko von Fehlgeburten verdoppelt hatte. An der Universität im französischen Caen zeigten Untersuchungen, dass ein Grossteil menschlicher Plazentazellen, die 18 Stunden Glyphosat-Konzentrationen ausgesetzt waren, starb.
Monsantos Geschäftsidee ist umwerfend. Die Firma entwickelte das Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ und gleichzeitig genetisch veränderte Organismen (GMO), Sojasamen, Weizen-, Reis oder Maissamen, die Roundup-resistent sind, somit aufs Wunderbarste gedeihen, während alle unerwünschten Gräser auf den Feldern verschwinden. Doch die Natur liess sich nicht narren und entwickelte nun ihrerseits Roundup-resistentes Unkraut, sogenanntes Superunkraut, das die Bauern und Farmer mit immer mehr Herbiziden bekämpften.
Politischer Druck
All das kümmert Washington wenig, im Gegenteil. Die US-Regierung drohte El Salvador, 277 Millionen Hilfe zurückzuhalten, sollte das Land nicht GMO-Samen von Monsanto, sondern Samen von den eigenen, heimischen Bauern kaufen. Ausländische Firmen hätten ihnen Samen verkaufen wollen, so erklärte ein Vertreter der salvadorianischen Farmer den Widerstand, „deren Haltbarkeitsdatum bereits überschritten war, und die sie anderswo nicht mehr loswurden.“ Erst nachdem Artikel über das Verhalten Washingtons in der amerikanischen Presse erschienen und 16 Mitglieder des Repräsentantenhauses Aussenminister John Kerry drängten, Monsantos Interessen nicht mit der Auszahlung der Hilfsgelder zu verknüpfen, gab die Regierung Anfang Juli nach.
Aber Washington bleibt hartnäckig, nicht nur im eigenen Hinterhof Mittelamerika. Schon 2013 berichtete „Food & Water Watch“, eine unabhängige, dem deutschen „Lebensmittel-TÜV“ ähnliche Organisation in Washington, über Direktiven des State Departments an seine Botschaften, biotechnische Produkte weltweit zu fördern und sich offen für die Anliegen der biotechnischen Unternehmen zu zeigen. Die Botschafter nahmen sich die Anweisung zu Herzen. Wer ihrem Drängen nicht schnell genug nachgab oder sogar widerstand, bekam sehr schlechte Betragensnoten.
Druck auf die EU
„Wir sollten eine langfristig angelegte, angemessene Liste von Vergeltungsmassnahmen erstellen, die in der EU durchaus Schmerzen verursachen“, empfahl der Botschafter der Vereinigten Staaten in Paris, Craig Stapelton, 2007 seinen Vorgesetzten am Potomac, nachdem Frankreich die Einführung eines genetisch veränderten Saatguts von Monsanto untersagt hatte. „Die Liste sollte nachhaltig auf einen langen Zeitraum angelegt sein, da wir keinen schnellen Erfolg erwarten können. Dass wir Vergeltungsmassnahmen ergreifen, wird die Befürworter der Biotechnologie stärken und klarmachen, dass der derzeitige Weg die EU wirklich teuer zu stehen kommen kann.“
Frankreich liess sich nicht schrecken. 2012 sprach ein Gericht in Lyon Monsanto sogar schuldig, einen französischen Bauern chemisch vergiftet zu haben. Paul François litt unter Gedächtnisverlust und Kopfschmerzen, nachdem er Monsantos Unkrautvernichtungsmittel „Lasso“ ausgesetzt gewesen war, das inzwischen in den meisten Ländern verboten ist.
„Klimaangepasste“ Pflanzen
All diese Probleme erwähnt die Bill and Melinda Gates-Stiftung auf ihrer Webseite nicht, wo zwischen Beschreibungen vom Kampf gegen den Hunger afrikanische Bauern freundlich lächeln. Dort versprechen Bill und Melinda, den Bauern nachhaltige Anbaumethoden beizubringen, „die ihnen helfen, auf weniger Land, mit weniger Wasser, Düngemitteln und anderen teuren Vorleistungen mehr zu ernten und dabei gleichzeitig die natürlichen Ressourcen für zukünftige Generationen zu bewahren.“
Das WEMA-Programm (Wassereffizienter Mais für Afrika) sollte offiziell die Erträge von Mais steigern, die weniger empfindlich auf Hitze und Trockenheit reagieren und wurde von der African Agricultural Technology Foundation (AATF) umgesetzt. AATF wiederum wird von USAID, dem Vereinigten Königreich sowie mit einer 47-Millionen-Dollar-Spende der superreichen Philanthropen Warrant Buffet und Bill Gates finanziert. AATF ist nicht mehr als ein amerikanischer Lobbyverband zahlloser NGOs, die bei afrikanischen Regierungen moderne landwirtschaftliche Technologien anpreisen.
Wassermangel in grossen Teilen Afrikas und Asiens schuf einen schnell wachsenden Markt für „klimaangepasste“ Pflanzen, dessen Volumen auf 2,7 Milliarden Dollar geschätzt wird. Führende biotechnische Unternehmen wie Monsanto, Syngenta, Bayer oder Dowe liefern sich einen Wettlauf bei der Entwicklung neuer, wetter- und klimafester Pflanzen, um an dem lukrativen WEMA-Programm teilzuhaben. Monsanto liegt dabei vorn und hat schon in fünf Subsahara-Staaten die amtlichen Bewilligungen zur Einführung ihrer GMO erhalten.
Tolles Ergebnis
2009 entdeckten die beiden Chemieriesen Monsanto und BASF eine Bakterie, die Pflanzen helfen soll, mit weniger Wasser auszukommen. Daraus entwickelten die Firmenlaboratorien einen Maissamen, der unter der Bezeichnung MON 87460 bekannt ist. Erprobt wurde der neue Samen in Südafrika, in Kenia, Tansania, Uganda und Mozambique, wo Samen-Produzenten und –Forscher die genetisch veränderten Samen kostenfrei erhalten, und Kleinbauern den Mais pflanzen dürfen, ohne die sonst üblichen Abgaben an Monsanto bezahlen zu müssen. Gleichzeitig schenkten Monsanto und BASF WEMA und seinen Partnerorganisationen Technologie und transgene Organismen, nachdem die Gates-Stiftung 500`000 Aktienanteile von Monsanto im Wert von 27, 6 Millionen Dollar gekauft hatte. Insgesamt flossen bereits 1,7 Milliarden Dollar von der Gates-Stiftung in diese gentechnische Revolution.
2013 brachte WEMA 15 Maissorten auf den Markt, die auch in Trockenheit gedeihen, 84 weitere sind in der Warteschleife für nationale Testläufe. „Das ist ein tolles Ergebnis“, freute sich Sylvester Oikeh, der WEMA Projektmanager. „In der Geschichte der Maisforschung hat nur einer – WEMA – 15 Arten in einem einzigen Jahr hervorgebracht. WEMA ist auf Kurs und wird den Bauern in Kenia, Tansania, Mozambique, Südafrika und Uganda in seiner zweiten Phase mindestens 25 Kreuzungen liefern.“
Die Bedeutung der Kleinbauern
Weit weniger euphorisch äussern sich die Autoren des Weltagrarberichts der Unesco. Der Bericht unter dem Titel „Landwirtschaft am Scheideweg“, an dem neben diversen UN-Organisationen 60 Regierungen und mehr als 400 Wissenschaftler aus aller Welt mitgearbeitet haben, kritisiert, „die heute übliche industrielle Landwirtschaft braucht einen hohen Einsatz von Energie, Dünger und Pestiziden“ und sei „nicht mehr zeitgemäss. Vielmehr sind kleinbäuerliche und ökologische Anbaumethoden nötig.”
Kleinbauern, so ein UN-Bericht, könnten innerhalb einer Dekade ihre Nahrungsmittelproduktion mit einfachen agroökologischen Methoden verdoppeln. „Nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand erzielen agroökologische Methoden zur Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion besonders unter ungünstigen Umweltbedingungen viel bessere Resultate als der Einsatz von chemischen Düngemitteln“, sagte Olivier De Schutter, UN-Sonderberichterstatter und Autor des Berichts. „Malawi, das vor wenigen Jahren den massiven Einsatz von chemischen Düngemitteln subventionierte, wechselte inzwischen zu agroökologischer Landwirtschaft, was 1,3 Millionen der ärmsten Menschen zugutekommt. Die Maiserträge stiegen von einer Tonne pro Hektar auf drei Tonnen.“
Private Firmen wie Monsanto würden nie in Agroökologie investieren, meint De Schutter, weil diese keine neuen Märkte für landwirtschaftliche Chemieprodukte oder genetisch modifizierte Samen öffneten. „Es liegt also an den Regierungen und der Öffentlichkeit, den Wechsel zu einer umweltverträglicheren Landwirtschaft zu vollziehen.“
Kommentare
Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.