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Am
Institut für Informatik wurde zwischen 1978 und 1980 ein Computer
entwickelt, der über einen grafikfähigen Bildschirm, Fenstertechnologie
und eine Maus verfügte. Die so genannte Lilith wurde rund fünf Jahre vor
dem ersten Macintosh in Betrieb genommen und an der ETH bis 1990 benutzt. Ein Versuch zur
Kommerzialisierung misslang, der Know-how-Transfer von der Hochschule
zur Privatwirtschaft nahm andere Wege.
In den Jahren 1976/77 weilte Niklaus Wirth als Gast am Forschungszentrum von Xerox in Palo Alto/Kalifornien (PARC). Dort arbeitete er mit einer modernen Workstation namens Alto, die gegenüber den bekannten Grossrechneranlagen mit textbasierten Terminals ganz neue Möglichkeiten bot. Jedem Benutzer stand ein eigener Computer zur Verfügung. Die Eingaben erfolgten nicht nur über die Tastatur, sondern auch über ein neuartiges Zeigeinstrument namens "Maus". Texte und Grafiken konnten in mehreren "Fenstern" am Bildschirm dargestellt werden. Dies alles waren neue Metaphern im Umgang mit Computern, die dann erst 1985 mit der Einführung des Macintosh weite Verbreitung fanden.
Den Alto-Computer gab es nicht zu kaufen. Von den Xerox Parc-Leuten erhielt Wirth als symbolisches Abschiedsgeschenk eine schön verpackte Computermaus. Zurück in der Schweiz gab es für ihn zwei Möglichkeiten: Entweder er verzichtete auf die Neuerungen der Workstation und begnügte sich damit, wieder mit einem textbasierten Terminal über langsame Leitungen auf einen Grossrechner zuzugreifen. Oder aber er baute mit seiner Gruppe eine eigene Workstation nach dem Vorbild des Alto. Wirth entschied sich für Letzteres.
Der Professor entwickelte
in seiner Gruppe ein Konzept für eine eigene Workstation. Im Zentrum stand der Versuch einer Ko-Entwicklung von Hardware
und Software. So entstanden die Programmiersprache
Modula-2 (als Nachfolger von Pascal), das Betriebssystem Medos und der
Rechner Lilith. An Letzterem beteiligte sich Richard Ohran
aus Utah. Nach der Fertigstellung von zwei Prototypen wurde innerhalb der ETH ein Projektantrag für den
Bau von 20 Maschinen gestellt. Das Grundkonzept
der Lilith übernahm man vom Xerox Alto. Die Programmierung
erfolgte ausschliesslich in Modula-2. Programme wurden in
einen Zwischencode, den so genannten M-Code, kompiliert, den die
Maschine direkt ausführen konnte. Mit Hilfe dieses Zwischencodes
konnte der "Semantic Gap" zwischen Hochsprache
und Maschineninstruktionen überbrückt werden. Zur Eingabe wurde neben der Tastatur auch eine Maus verwendet, und zur Anzeige
stand ein grafikfähiger Bildschirm mit 704 x 928 Pixel zur
Verfügung.

||Wie wenig vertraut insbesondere das Konzept der Maus zu Beginn der 1980er Jahre war, zeigt die Fotografie einer Lilith, die für eine Presseinformation aufgenommen wurde. Im Fotostudio wurden Monitor, Tastatur, Maus und Mausunterlage sorgfältig angeordnet, das Mauskabel verläuft in geschwungenen Kurven zum Bildschirm. Der Betrachter stutzt beim zweiten Hinsehen: Die Maus liegt um 180 Grad verdreht, die Knöpfe schauen dem Benutzer entgegen. Das Eingabegerät hätte in dieser Position unmöglich benutzt werden können. Der Fotograf sah sich offensichtlich zum ersten Mal mit einer Computermaus konfrontiert und wusste nicht genau, wie sie eingesetzt wurde.|
Die Lilith hatte am Institut für Informatik zwei Funktionen zu erfüllen. Erstens diente sie in den Gruppen von Niklaus Wirth und Carl A. Zehnder als Arbeitsinstrument. Nicht nur die Professoren und Assistenten arbeiteten damit, sondern auch die Sekretärinnen. Für die Studierenden wurde ein Arbeitsraum mit Liliths ausgestattet, die Workstation ermöglichte einen Programmierunterricht mit modernsten Mitteln. Die Übungsprogramme konnten direkt kompiliert und gestartet werden; bei Fehlern konnte der Code sofort geändert und ein neuer Versuch unternommen werden. Das lange Warten auf Reaktionen eines Grossrechners entfiel. Die zweite Funktion der Lilith bestand darin, dass sie ab 1980 zu einem Nukleus für zahlreiche weitere Forschungsprojekte wurde. Es wurden verschiedene Applikationen und sogar Spiele darauf programmiert. Wirth stellte zudem einen Typografen ein, der für den WYSIWYG-Texteditor Schriften entwarf. Aufbauend auf der Lilith entstanden zum Beispiel das relationale Datenbanksystem LIDAS oder das Information Retrieval System Caliban. Bei beiden Projekten wurde ein Augenmerk auf die Gestaltung der Benutzerschnittstelle gelegt. Im Gegensatz zu früheren Softwareprojekten hatte sich in diesen interaktiven Systemen die Technik dem Menschen anzupassen - und nicht umgekehrt.
Auf den Namen "Lilith" war Wirth durch einen befreundeten Psychiater gekommen, der ihm von einer verführerischen Dämonin aus der jüdischen Mythologie mit diesem Namen erzählte. Wirth sah, wie die Männer am Institut auch nachts und am Wochenende an der Workstation arbeiteten und ihr buchstäblich erlegen waren.
Ein Versuch zur kommerziellen Vermarktung der Lilith wurde 1982 unternommen. Heinz Waldburger, vormals Informatik-Chef bei Nestlé, gründete ein Startup-Unternehmen namens DISER. Die Architektur der Lilith war so modern, dass man annahm, eine Nachfrage würde sich praktisch automatisch einstellen. Vermarktung und Vertrieb waren wenig durchdacht, es war zum Beispiel unklar, an welche Zielgruppen sich die Lilith genau richtete. DISER stand zudem finanziell auf schwachen Füssen. Für den Aufbau einer Schweizer Computerfirma und insbesondere einer Verkaufsorganisation war kaum Risikokapital vorhanden. Die grosse Nachfrage nach DISER-Workstations blieb aus, und die Kommerzialisierung des ETH-Computers musste bereits 1983 wieder abgebrochen werden. Insgesamt waren 120 Computer verkauft worden. Das gleiche Schicksal ereilte übrigens den Alto-Computer vom Xerox PARC. Sein Nachfolger, vermarktet unter dem Namen "Star", blieb ebenfalls erfolglos.
Der kommerzielle Misserfolg
der Lilith wird zum Teil bis heute als Beispiel für die
angeblich schlechten Beziehungen zwischen ETH-Informatikern und
Industrie angeführt. Doch ist es wirklich die Aufgabe einer
Hochschule, für die Industrie Produkte zu entwickeln, die sich
dann praktisch ohne Zusatzaufwand in Geld umwandeln lassen? Der Erfolg der Lilith
liegt auf einer ganz anderen Ebene: Sie ermöglichte die Entwicklung von Software für das neue Paradigma der Computer-Technik zu einem Zeitpunkt,
als die dazu nötigen Werzeuge auf dem Markt noch gar nicht erhältlich
waren. Sie erlaubte die Ausbildung von Studierenden an diesen
Methoden und Werkzeugen und ermöglichte die Vergabe
zukunftsweisender Themen an die Doktoranden und Forscher. Sowohl die
Methoden der modularen als auch der objektorientierten Programmierung
entstanden im Umfeld der Rechner Alto und Lilith. Die Sprachen Pascal und
Modula, und später Oberon (1989), dienten in mancher Hinsicht den
Sprachen Java (1995) und C# als Vorbilder.
Tobias Wildi
©
2005
ETHistory 1855-2005
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18.4.2005 |
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