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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
66. Nichtwissen als Nichtsprechen.
Der Herr Jesus Christus, der als Gott die Herzen und Nieren durchforscht,1 besitzt nicht eine solche Schwachheit des Wesens, daß er Nichtkenntnis habe, da ersichtlich eben dasjenige nur aus einer wesenhaften Erkenntnis hervorgeht, was er nicht kennt. Wenn also einige ihm ein Nichtwissen zuschreiben, so mögen sie in Furcht auf das Wort dessen sich gefaßt machen, der ihre Gedanken kennt: „Was denkt ihr Böses in eurem Herzen?”2 Wenn er nämlich in einer ganz genauen Erkenntnis der Gedanken und Taten bisweilen wie ein Unwissender über Gedanken und Taten Fragen stellt, etwa an die Frau wegen des Anfassens des Rocksaumes3 oder an die Apostel über die verschiedene Auffassung der Worte4 oder an die Weinenden wegen des Begräbnisplatzes des Lazarus,5 dann darf man sein Nichtkennen nicht deuten als ein Nichtkennen, sondern als ein Sprechen. Sein Wesen läßt es nämlich nicht zu, daß derjenige die Begräbnisstätte des Lazarus nicht kenne, der trotz seiner Abwesenheit um dessen Tod und Begräbnis weiß; daß derjenige den Glauben der Frau nicht erkannt habe,6 der die Gedanken sieht; daß derjenige um die Meinungsverschiedenheit der Apostel nicht gewußt habe, der dessen nicht bedarf, über etwas befragt zu werden.7 Es ist vielmehr freier Entschluß dessen, der alles [S. 145] kennt, von einem Nichtkennen eben dessen zu sprechen, was er sehr wohl kennt, wenn etwa bei Abraham das Wissen eine Zeitlang unerkennbar gehalten wird oder bei den törichten Jungfrauen und den Übeltätern der Sünde die Erkenntnis als Unwürdigen verweigert wird oder beim Geheimnis des Menschensohnes die Frage des Nichtwissenden seiner Menschennatur entspringt. In all dem, worin die Schwachheit unseres Wesens festgelegt wird, hat er sich der Wirklichkeit der körperlichen Geburt angeglichen, nicht aber so, daß wesensmäßig schwach sei, wer Gott ist, sondern so, daß der menschgewordene Gott die Schwachheiten der Menschen angenommen hat, so aber angenommen, daß das unveränderliche Wesen nicht zu einem schwachen Wesen herabgemindert wurde, sondern so, daß in dem unveränderlichen Wesen das Geheimnis der (Mensch-) übernahme bestehe. Denn wer Gott war, ist Mensch, noch hat aufgehört, Gott zu sein, wer Mensch ist.
Indem also das Wort sich als geborenen Menschen gibt und bewährt, bleibt es Gott und bedient sich sehr oft jener Sprechweise, die ihm als Menschen zukommt, wie ja doch auch die Bekundung Gottes oft die der Menschen ist, wenn er dasjenige nicht kennt, was nicht zur gehörigen Zeit gesprochen oder nicht als Verdienst erkannt werden soll.
1: Ps. 7, 10 [hebr. Ps. 7, 10].
2: Matth. 9, 4.
3: Luk. 8, 45.
4: Matth. 16, 13.
5: Joh. 11, 34.
6: Luk. 8, 48.
7: Joh. 16, 30.