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In verschiedenen geschichtlichen Persönlich-Beiträgen lasen sie Episoden aus unserer Firmengeschichte. Zwangsläufig wurden Sie dabei mit dem Namen und dem Werk des Firmengründers Julius Settelen konfrontiert. In den letzten Beiträgen konnten Sie sich über die Jugendzeit, den Einstieg ins Geschäftsleben, den Überlebenskampf mit dem Rösslitram, die Übernahme der Basler Droschkenanstalt und die Familiengründung informieren. In dieser Ausgabe geht es um den unternehmerischen Aufstieg, das politische und soziale Engagement und den allzu frühen Tod
Es bedarf eines zwanzigjährigen Kampfes bis sich Julius Settelen als Fuhrhalter zu etablieren vermag. Wie aus seinen Steuerakten hervorgeht, verbessern sich ab 1903 die Einkommens- und Vermögensverhältnisse zusehends. Zuerst baut er, praktisch vis-à-vis vom Betrieb an der Davidsgasse, für seine Familie an der Ecke Hebelstrasse/Schanzenstrasse ein Einfamilienhaus. Als ihm das Bürgerspital vorschlägt, seine Liegenschaft an der Davidsgasse (2'274m2) gegen ein unbebautes Terrain an der Türkheimerstrasse (8'451m2) abzutauschen, greift er zu. Zur Finanzierung des Neubaus, der in den Jahren 1906/07 hochgezogen wird und dessen Fertigstellung er nicht mehr erleben wird, gewährt ihm das Bürgerspital eine Hypothek von Fr. 525.000.- sowie einen Baukredit zu Vorzugskonditionen. Eine weitere Hypothek von Fr. 260.000.- erhält er von der Handwerkerbank. Das Spital erwirbt mit der Zeit alle Parzellen entlang der Davidsgasse zwecks Arrondierung ihres Areals. Es wird aber noch weit über 30 Jahre dauern, bis die Gebäude und Gärten dem Neubau des Spitals - eingeweiht 1946 - entlang der Spital- und Schanzenstrasse weichen müssen. Der «Settelenhof», wie er vom Pflegepersonal genannt wird, beherbergt als Zwischennutzung lange Jahre den Krankentransportdienst. Der Neubau Türkheimerstrasse 17, dessen Grundriss und Volumen während 100 Jahren praktisch unverändert bleibt, zeugt noch heute von der Weitsicht und dem Qualitätsbewusstsein von Julius Settelen und dessen Generalunternehmung Gebrüder Stamm.
Eigentlich müsste man meinen, dass Julius mit seinen geschäftlichen Bestrebungen reichlich ausgelastet ist - ist er aber offensichtlich nicht. 1877 absolviert er seine Rekrutenschule beim «Train» und bringt es später, ohne grosse militärische Ambitionen, bis zum Wachtmeister. Offensichtlich findet er dort den Kontakt zum Pferd. Es bedeutet ihm mehr als nur eine rein materielle «Traktionskraft». Julius wird nicht nur Mitglied des Reiterklubs beider Basel sondern auch Vorstandsmitglied des Basler Tierschutzvereins, wo er mit Vorträgen für die Achtung des Tieres eintritt. Es erstaunt, dass der Stadtmensch Julius 1902 ein Referat zum Thema «Vögel als Wetterpropheten» hält. Er liebt Ausritte oder Fahrten mit der Familie hinaus in die freie Natur und lässt auch andere an dieser Freude teilhaben. So initiiert er die jährliche Spazierfahrt mit den Pfründern und deren BetreuerInnen. Er selbst muss ein ausgezeichneter Gespannfahrer gewesen sein. Frisch zugekaufte, stadtunerfahrene Pferde fährt er oft selbst ein. Im August 1899 brennt ihm ein solches Gespann durch. Dabei überschlägt sich sein Break beim Tellplatz. Eine offene Fraktur im Unterschenkel-Fussbereich bedingt einen längeren Spitalaufenthalt. Der schlecht verheilte Bruch führt zudem zu einer Arthrose im Fussgelenk. Julius geht fortan am Stock. Gegenüber Pfarrer A. Albrecht, der Julie und Julius seinerzeit getraut hat und ihn im Spital besucht, äussert sich Julius mehr lächelnd als klagend: «Unsereiner hat von Zeit zu Zeit eine Lektion nötig, und wir können viel daraus lernen». Klagen ist ohnehin nicht seine Sache. Er ist ein Mann der Tat. So organisiert er ohne behördlichen Auftrag am 14. Juni 1891 bei der Eisenbahnkatastrophe von Münchenstein mit eigenen und fremden Fahrzeugen den Abtransport der Verletzten. Ein weiterer Beleg für seine spontane Einsatzbereitschaft ist eine Dankesurkunde des Regierungsrats Schaffhausen. Er bedankt sich bei Julius Settelen, weil er unter Einsatz seines Lebens am 16. Juli 1895 den Arzt Dr. Ernst Rippmann in Stein am Rhein vor dem sicheren Ertrinken gerettet hat.
Julius ist nicht nur aktiver Sänger bei der Basler Liedertafel, sondern ab 1888 auch aktives Mitglied beim «Quodlibet». Diese 1858 gegründete Institution mit den Sektionen Theater, Gesang, Musik und Humor wird heute als «Mutter des Fasnachtskomitees» gepriesen. Für mehr als ein halbes Jahrhundert ist sie das eigentliche Zentrum des bürgerlichen Kulturlebens unserer Stadt. Die Sektionen des «Quodlibet» organisieren erstaunlich viele Eigenproduktionen für ihre Mitglieder und häufig auch für die Öffentlichkeit. Kommt es irgendwo in der Schweiz zu einer Katastrophe, so gibt man spontan eine Benefizvorstellung und sammelt damit erstaunlich hohe Spenden. Jährlich werden Ausflüge in die ganze Schweiz oder ins angrenzen de Ausland organisiert, meist im Extrazug und in Begleitung der Jägermusik oder anderer Musikformationen. Immer gut besucht sind die Neujahrs- und Fasnachts-Maskenbälle. Die Jahresversammlung endet jeweils mit einem Bankett und Produktionen der Sektionen. Das Engagement von Julius bleibt nicht auf gesellschaftlich-kulturelle Bereiche beschränkt. Ab 1903 ist er Mitglied der GGG-Kommission für die Wärmehütten. Diese unterhält Räumlichkeiten bei den Bahnhöfen, wo Dienstmänner, Taglöhner, Fuhrleute und dgl. bei schlechtem Wetter Unterschlupf finden, bis Ihre Dienste gefragt sind. Deren Arbeit besteht etwa im Ausladen von Bahnwagen, Gepäck oder Warentransporten und dem Treiben von Viehherden zum städtischen Schlachthof. Als «Heuwoogschangi» bezeichnet der Volksmund noch lange Jahre diese Art von Gelegenheitsarbeiter.
Ab 1889 amtet Julius im Gewerblichen Schiedsgericht als Arbeitsgebervertreter des Transportwesens. Bereits 1897 wird er zum Ersatzrichter und ab 1898 zum Mitglied des Zivilgerichtes gewählt. Ab 1899 sitzt er im Grossen Rat - zuerst als Vertreter des Aeschenquartiers, und später als Vertreter des St.Johannquartiers. Der Rat delegiert ihn in folgende Kommissionen: Unterhalt der Macadamstrassen (1900), Inspektion der Kleinkinderanstalten (1901), Rechnungskommission (1902) und Prüfung der Kleinkinderlehrerinnen (1903). Ab 1906 ist er zusätzlich Kolonnenleiter der Sanitätshilfskolonne des Basler Roten Kreuzes. Alle diese Ämter sind die Folge seiner Mitgliedschaft in der Freisinnig Demokratischen Partei (FDP) Basel. Als Gegengewicht zur «Konservativen Partei» der so genannten «Altbasler" sammeln sich in der FDP die liberalen Neuzuzüger, auch «Neubasler» genannt. Sie politisieren aus der Mitte und versuchen auch die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten. Ein Spagat, der immer wieder zu Spannungen und offenen Streitereien innerhalb der Partei führt.
Julius ist Vorstandsmitglied und Kassier. Von den vielen Verpflichtungen schier erdrückt, will er im Juni 1907 von beiden Funktionen entbunden werden. Man nimmt ihm zwar das Kassieramt ab, aus dem Vorstand will man ihn aber «partout» nicht entlassen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist folgende Formulierung von Dr. Alfred Fischer, der im Namen der FDP-Grossratsfraktion an der Abdankung von Julius folgende Worte spricht: «Sein kristallklarer Charakter, dem alles Verletzende, alles Verurteilende fremd war, prädestinierte ihn zum Amt des Schiedsrichters; in dieser Vermittlereigenschaft hat Julius Settelen der Partei seine grössten und schönsten Dienste geleistet, und dafür Dank, tief empfundenen Dank.»
Im Winter 1906/07 schliessen sich die Droschkenkutscher im «Fuhrmanns-Fachverein» zusammen. Auf deren Begehren werden Verhandlungen zur geregelten Arbeitszeit (12-Stunden-Tag), zu Überzeitzuschlägen sowie zu bezahlten freien Sonntagen und Ferientagen geführt. Nachdem eine praktisch unterschriftsreife Vereinbarung vorliegt, interveniert Arbeitersekretär Robert Grimm und verlangt ultimativ Erhöhungen des Taglohnes von Fr. 3.- auf Fr. 3.50 und der als «Tantieme» bezeichneten Umsatzbeteiligung von 8% auf 20%. Da die Lohnkosten bereits rund 50% der Betriebskosten einer Droschke ausmachen, wäre dieser Mehraufwand nur über eine Tariferhöhung wettzumachen. Weil die Tarifhoheit beim Regierungsrat liegt, ist an ein sofortiges Eintreten auf diese Forderungen nicht zu denken. Nach fünftägigem Streik nehmen die Droschkiers am 7. Juli 1907 - am «Bündelitag" - unverrichteter Dinge die Arbeit wieder auf.
Dieser Streik verletzt Julius zutiefst. Auf Grund der Quellen ist es klar, dass er sich bemüht, ein vorbildlicher Arbeitgeber zu sein. Er ist überzeugt, einen guten Draht zu seinen Mitarbeitern zu haben. Den überraschenden Streik muss er als Rückenschuss empfinden. Diese Auseinandersetzung, die Verpflichtungen durch den Neubau an der Türkheimerstrasse sowie die Engagements am Zivilgericht, im Gossen Rat und dessen Kommissionen sowie der Partei sind zu viel für ihn. Er leidet unter Anzeichen von Erschöpfung. Sein Arzt schickt ihn zur Kur nach Schuls. Hier stirbt er äusserst qualvoll am 31. Juli 1907 an den Folgen eines Gallensteindurchbruchs. Noch nicht ganz fünfzigjährig hinterlässt er drei unmündige Söhne und eine Witwe, die völlig unvorbereitet die Geschicke der noch jungen, grossen aber finanziell noch wenig konsolidierten Unternehmung weiterleiten soll. Auf seinem Grabstein im 1950 aufgehobenen Kannenfeldfriedhof war folgender Sinnspruch zu lesen: «Leben ein Kampf - Friede ein Sieg» - wie wahr!
Bei den Recherchen zu diesem Bericht tauchen erstaunlicherweise zu keinem Zeitpunkt Animositäten zwischen den Brüdern und der Schwester dieser Settelen-Generation auf. Zu allen möglichen Anlässen lädt man sich ein, ist Mitglied in denselben Vereinen und - wenn es ums Geschäft geht, gewährt man sich gegenseitig Darlehen oder unterschreibt Bürgschaften. Julius hätte wohl kaum ohne die Unterstützung und den Einfluss seiner Brüder Emil und Victor das "Rösslitram" heil über die Runden gebracht. Ob die überlieferten Gründe die einzigen sind, die zur geschäftlichen Trennung von Victor und später von Ernst führen, kann heute bezweifelt werden. Ist es nicht eher so, dass die beiden durch das ungebremste Streben von Julius nach raschem Fortschritt und risikoreichen Investitionen möglicherweise überfordert waren?