Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03431.jsonl.gz/2928

Ausgehend von Amerika, wo sich Sandra Felton 1981 als Messie (engl. „Unordnung“, „Chaos“) outete und in der Folge die ersten Selbsthilfegruppen gründete, sprang die Bewegung zunächst nach Deutschland über. Seit 2001 sprechen die Messies auch in der Schweiz über ihre oft erdrückenden Probleme mit zu viel an Ware und zu wenig an Ordnung in den Dingen, Terminen usw. Allerdings tun sie das fast nur im Rahmen von geschützten Selbsthilfegruppen, denn die Scham über ihre Unfähigkeit, mit den Dingen des täglichen Lebens sowie auch mit Strukturen und Terminen so umzugehen, wie sie sich es eigentlich selbst wünschen ist fast immer enorm gross.
Damit ist schon ein ganz wesentlicher Aspekt des Messie-Seins angesprochen: Die Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen. Praktisch alle Messies sind sich voll bewusst, dass sie in ihren vier Wänden derart viel Lesestoff angehäuft haben, dass sie den im ganzen noch bevorstehenden Leben nicht verarbeiten können. Die logische Folge daraus müsste sein, dass sie sich mindestens von den älteren Schriften trennen. Doch das Wollen stösst fast immer auf eiserne Schranken, weil es reflexartig eine Gegenreaktion auslöst: „Das ist ein interessanter Artikel“, „zu schade zum schon Fortwerfen“ etc. Anders ist es mit dem Vorsatz, endlich Ordnung zu schaffen. Fast alle Anläufe in diese Richtung scheitern an der eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit (zum Teil auf Grund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms ADS), der Ablenkbarkeit, der chronischen Zeitnot und – paradoxerweise – dem Perfektionismus, dem ein überwiegender Teil der Messie-Betroffenen zwanghaft erliegt.
Die Messie-Persönlichkeit
Johannes von Arx | 10.12.2005
Ausgehend von Amerika, wo sich Sandra Felton 1981 als Messie (engl. „Unordnung“, „Chaos“) outete und in der Folge die ersten Selbsthilfegruppen gründete, sprang die Bewegung zunächst nach Deutschland über. Seit 2001 sprechen die Messies auch in der Schweiz über ihre oft erdrückenden Probleme mit zu viel an Ware und zu wenig an Ordnung in den Dingen, Terminen usw. Allerdings tun sie das fast nur im Rahmen von geschützten Selbsthilfegruppen, denn die Scham über ihre Unfähigkeit, mit den Dingen des täglichen Lebens sowie auch mit Strukturen und Terminen so umzugehen, wie sie sich es eigentlich selbst wünschen ist fast immer enorm gross.
Messie- versus Vermüllungssyndrom
Die immer stärker anwachsende Flut an Informationsträgern aller Art – vorab natürlich Zeitungen, Dokumentationen, Bücher – ist so etwas wie das Symbol der Messies. Daneben findet sich bei ihnen zu Hause häufig ein Übermass an Haushaltsgegenständen , Bastelartikeln, Hobbyutensilien (auch wenn das Hobby längst aufgegeben wurde) etc. Ein Wort an dieser Stelle zur Abgrenzung vom so genannten Vermüllungssyndrom [1]): Auch wenn gewisse Wurzeln gemeinsam sind mit dem Messiesyndrom , so gibt es doch gewichtige Unterschiede. Beim ersteren sind häufiger Psychosen, Demenz, Vereinsamung etc. Auslöser; die Betroffenen lassen sich quasi fallen. Bei den Messies hingegen ist das Problem zwischen den Polen Nicht- Loslassen-Können und Perfektionismus angesiedelt. Freilich leiden Messies fast immer auch unter begleitenden Faktoren wie mangelndem Selbstvertrauen, sozialer Isolation, Depression, Phobien, Süchten. Zwangsverhalten in Reinkultur dagegen findet sich nur bei einer Minderheit der Messies. Festhalten, Perfektionismus sind ja an sich schon Verwandte des Zwangs. Übrigens: Die Professorin an der Universität Duisburg- Essen, Gisela Steins, spricht richtigerweise von „Desorganisationsproblemen“ [2].
Steine des Anstossens
Wir sehen: Die Messie-Persönlichkeit lässt sich also nicht auf einen einfachen Nenner bringen. So auch die von Armin (Name geändert) , der von einem Handel mit technischen Geräten lebt, einst diffizilen Aufgaben in einem militärischen Bereich nachging und sich nach wie vor für mehrere Hilfswerke in Lateinamerika sowie im Nahen Osten engagiert. „Auf meinen Weltreisen war ich schon immer der Sammlertyp, brachte Uniformenabzeichen zurück aus Ländern, die heute nicht mehr existieren“, blickt Armin zurück. Vielfältigkeit kann aber auch ein Fallstrick sein. So sammelten sich im Lauf der Zeit so viele Apparaturen, Maschinen, Motoren, Regler, Trafos, Kabel, alte Radioempfänger usw. an, dass sie seinen Haushalt bis hart an die Benutzbarkeitsgrenze ausfüllte.
Weil schliesslich kein Platz mehr war für die Wundertüten aus Industrieausschuss oder Liquidationen („das gibt es bald nur noch bei mir“), häuften sich diese Dinge im Vorhof an, der aber unmittelbar an die Dorfstrasse angrenzte. Folge: Armin kam in Konflikt mit den Behörden, welche ihm schliesslich die Zwangsräumung androhten. Die „Lösung“ kam dann allerdings in Form einer Frau aus einem fernen Land, die zwar den Sammler liebte, aber nicht dessen Chaos. Gemeinsam schafften sie sich wieder Freiraum und Armin konnte sich von vielem trennen, das realistischerweise kaum mehr eine Chance hatte, nochmals für irgendetwas gebraucht zu werden.
Reizwörter
Als Vielbeschäftigter und noch immer Vielreisender schaffte er es nicht, in eine Selbsthilfegruppe (SHG) zu gehen. Dies im Unterschied zu vielen anderen Messies, welche ihre Hoffnung auf diese bewährte Institution setzen. Heute existieren in Zürich, der Nordwest- und Ostschweiz SHGs. An anderen Orten gibt es Bestrebungen, neue zu gründen. Betroffene finden dort Leidensgenossen , können ihre Probleme mit dem Alltag aussprechen und erfahren auf diese Weise Solidarität. Angehörige von SHGs bauen auch Kontakte auf privater Ebene auf. Sie machen manchmal gute Erfahrungen mit gegenseitigen Besuchen. Dabei halten sie sich wohlweislich zurück mit allen Formeln der Art: „Das ist jetzt wirklich nicht mehr brauchbar“ und „diese Zeitungen sind ja schon mehr als zehn Jahre alt, wollen wir die nicht gleich zum Altpapier legen?“ Das sind Reizwörter, welche die Brücke abrupt zum Einsturz bringen können. Denn nebst dem rein rational fassbaren (Rest)wert von Informationen und Waren beinhalten sie auch einen symbolischen Wert. Und so hört man in Messie-Kreisen nicht selten Sätze wie „Wenn mir jemand etwas aus meinem Haushalt wegnimmt ist das so, wie wenn man mir etwas aus meiner Person herausreissen würde.“
Freilich zeigen sich auch immer wieder die Grenzen solcher Gruppen. Zum einen neigen Messies mehr als „Normalos“ (oder gar „Cleenies“, wie die Menschen am anderen Ende der Chaos-Skala genannt werden) zu fast unbremsbarem Redefluss. Das kann in einer Gruppe, in welcher ja alle gleichberechtigt zum Zug kommen sollen, erheblich stören. Zum andern besteht die Gefahr, dass man beim dauernden Aussprechen von Klagen über das häusliche Elend und den schon wieder gescheiterten Versuch, Ordnung zu schaffen gegenseitig die negative Stimmung verstärkt. Deshalb sollten die Mitglieder von SHGs auf keinen Fall nur die problematische Seite des Messie-Daseins beklagen, sondern sich auch auf ihre eigenen Ressourcen besinnen. Vor allem aber sich als Persönlichkeiten zu akzeptieren, in deren Leben die Messie-Problematik nur ein Teil ist, währenddem andere Teile ihre individuelle Qualität verkörpern. Und das heisst, sich nicht selbst dauernd unter Druck zu setzen „jetzt endlich vorwärts zu kommen mit dem Aufräumen“. Denn dies ist das Rückkopplungsglied im ewigen Teufelskreis, der da etwa heisst: Vorsatz, Versagen, Verzweiflung.
Neue Wege
Wir sollten deshalb neue Wege beschreiten: Wir sind Messies nicht nur auf der Ebene des zwanghaften Aufbewahrens und des Chaos. Wir sind Menschen mit einem Charakter , der – wie bei allen Nicht-Messies – einer Ansammlung von positiven und negativen Eigenschaften samt allen Zwischentönen beinhaltet oder – mit einem Anklang an Freud – mit Licht und Schatten. Zu letzterem gehört augenscheinlich das mangelnde Selbstvertrauen vieler Messies. Wenn wir in den SHGs auf die Stärkung der Persönlichkeit als Ganzes hin arbeiten, dann ist längerfristig wohl mehr und Nachhaltigeres erreicht als ein kurzer Aufräumerfolg nach einem Motivationsschub. Aus dem Schatten wächst selten Gutes, sehr wohl aber aus dem Licht.
[1] Das Vermüllungssyndrom –Theorie und Praxis (2001). Von Peter Dettmering und Renate Pastenaci. Klotz, Eschborn
[2] Das Messie-Phänomen – Desorganisationsprobleme. Von Gisela Steins. Pabst Sience Publishers, Lengerich
Ein weiteres Buch, welches einen tiefen Einblick ins Messie-Sein, in die Gefühle, Ängste und Probleme der Messies vermittelt ist die empirische, volkskundliche Untersuchung auf der Basis von intensiven Gesprächen mit elf Betroffenen: «Messies» Alltag zwischen Chaos und Ordnung. Von Annina Wettstein. Aus der Reihe Zürcher Beiträge zur Alltagskultur , Band 14, Volkskundliches Seminar der Universität Zürich. Der im September 2005 gegründete Verband "Lessmess" hat seine eigene Infoseite www.lessmess.ch. Hier kann man sich auch eintragen für das lessmess-info, mit dem über die Verbandsaktivitäten informiert und auf Aktualitäten wie Medienberichte hingewiesen wird. Auf der Stammseite der Messie-Bewegung der Schweiz www.messies.ch finden sich zwei Vorträge sowie ein Messietest von Johannes von Arx.
Autor / Korrespondenzadresse
Johannes von Arx
Elektroingenieur HTL
freier Journalist und selbst betroffener Messie
Murwiesenstrasse 31, 8057 Zürich
Email: <email-pii>