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Mit Farben durch den Sommer
Violett - die Farbe des Jahres
Wenn wir das Regenbogenspektrum der Farben anschauen, geht am einen Ende, mit den längeren Wellen, die für unsere Augen noch unsichtbare Farbe Infrarot in das für uns sichtbare Rot über. Am anderen Ende des Regenbogens steht die Farbe Violett, die jenseits des sichtbaren Bereichs ins Ultraviolette wechselt. Als Kombination zweier Farben, welche so unterschiedliche Empfindungen auslösen wie Rot und Blau, gilt Violett als Farbe der Mystik, der Spiritualität und der Transzendenz. Zu Violett wird die Abenddämmerung assoziiert, während welcher wir unterschiedlichste violette Töne beobachten können, bevor der Tag endgültig in die Nacht übergeht. Vielleicht darum gilt Violett auch als Farbe der Trauer. Für mich ist diese Bedeutung der Farbe trotz des Sommers gerade sehr aktuell. Der schreckliche Krieg in der Ukraine erfüllt nicht nur mich mit tiefer Trauer.
Violett als liturgische und religiöse Farbe
In der katholischen und der lutheranischen Kirche werden zur Passionszeit und auch in der Adventszeit, welche traditionell früher als Busszeit galt, violette Stolen getragen. In katholischen Kirchen gibt es sogar die Tradition, Kreuze mit violetten Tüchern zu verhüllen. Sie gilt als Farbe der Trauer, der Busse, des Fastens, des Übergangs, der Besinnung und der Innerlichkeit. Jesus Christus ist die priesterliche Verkörperung der Farbe Violett in ihrer Vereinigung des irdischen Rot (Menschgeworden) mit dem himmlischen Blau (Gottes Sohn). Sein Weg des Leidens schliesslich macht ihn zu einem Archetypen der Farbe Violett. Er ist der Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott. In der Chakrenlehre wird Violett dem obersten Kronenchakra zugeordnet (und Rot dem Wurzelchakra, es sind die sieben Farben des Regenbogens, welche aufsteigend den Chakren zugewiesen werden). So ist es auch hier die Farbe, welche über das Menschsein hinausweist und uns mit dem Göttlichen, Himmlischen, verbindet und in Berührung bringt.
«Um die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu betonen, wurde Lila in den Anfängen des 19. Jahrhunderts in der Frauenbewegung zur Farbe der Wahl.»
Violett als Farbe der Frauenbewegung
Männlich wurde früher mit der Farbe Rot verbunden, Weiblich mit Blau (vgl. Mariendarstellungen). Um die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu betonen, wurde Lila in den Anfängen des 19. Jahrhunderts in der Frauenbewegung zur Farbe der Wahl. Darin schwingt ein altes Wissen mit, welches nichts an Aktualität eingebüsst hat. Wir alle haben beide Anteile in uns drin, Männliche und Weibliche, unabhängig davon, in welchem Körper wir leben. In der Jungschen Tiefenpsychologie gehört es zur Selbstwerdung dazu, den gegengeschlechtlichen Anteil in sich zu integrieren, Anima oder Animus genannt. Menschen, die queer sind, vielleicht sogar zwischen den Geschlechtern stehen, tun dies schon lange und bewusst. Die Fähigkeit, zu verbinden, was gegensätzlich erscheint, hat auch einen transzendierenden Aspekt. So führt faszinierenderweise auch dieses verbindende Dazwischen hin zum Jenseitigen, Unnennbaren, welches wir Gott nennen.
Annette Spitzenberg