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Die Diener der Zürcher Kirche tragen nicht nur auf der Strasse, sondern auch, wenn sie predigen und die Sakramente verwalten, gewöhnliche, aber ehrbare Kleidung wie andere ehrbare Bürger, und nicht Schauspielerkleidung. Was Ludwig Lavater, Schwiegersohn von Heinrich Bullinger und Vorsteher der Pfarrschaft, 1559 über die Ordnung der Zürcher Kirche schreibt, in diesem Fall über die Kleidung der Pfarrer, wirft ein Licht auf das neue Verständnis des Pfarramts: Der Pfarrer trägt Zivil und ist citoyen und quotidien, Bürger und Zeitgenosse wie alle anderen in der modernen Stadt. Er ist nicht mehr Angehöriger eines eigenen Stands, der Geistlichkeit, wie der Priester Glied des Klerus ist, sondern hat einen modernen Beruf. Seine Autorität hängt nicht mehr am Stand, sondern an seiner Professionalität. Äusseres Zeichen ist daher auch nicht mehr der Habit des Mönchs oder die Soutane des Priesters, die als Standeskleidung seit seiner Investitur, der rituellen Einkleidung, den Kleriker oder Monastiker als Angehörigen des ersten Stands kennzeichnen. Schauspielerkleidung nennt Lavater dies süffisant. Nur noch ehrbar soll die Kleidung sein, decently and in order, ansonsten aber gewöhnlich.
Lavater klärt auch für alle, die gern um ihn streiten, dass es einen Talar für Reformierte nicht gibt. Tatsächlich wird er auch erst 1811 eingeführt, und zwar senkrecht von oben durch Kabinettsordre König Friedrich Wilhelms III. von Preussen, nämlich zur Kennzeichnung der vom König gewollten Autorität seiner Amtspersonen im Moment, da sie öffentlich lehren: Richter, wenn sie zu Gericht sitzen, Professoren, wenn sie lesen, Pfarrer, wenn sie predigen, auch Rabbiner, wenn sie die Tora lesen. Der reformierte Pfarrer ist aber nicht vom König gesandt, sondern von Gott, und er braucht für das, was er zu sagen hat, nicht dessen Autorität, denn das Wort, das er interpretiert, hat seine eigene Autorität.
Der Pfarrer ist Diener des göttlichen Worts, nicht des königlichen: verbi divini minister ist er, ein VDM. Die bis heute benutzte Abkürzung, die er sich mit seiner Ordination erwirbt, macht ihn wählbar für das Pfarramt. Sie ist unverlierbar, während der Titel des Pfarrers von Wahl und Amtsdauer abhängig ist. Die Ausübung des Pfarramts aber gipfelt, wie der Titel deutlich macht, im Predigtgottesdienst. Das Wort steht in der Mitte. Profession des Pfarrers ist es, das Wort gegenüber dem Leben und das Leben gegenüber dem Wort zu interpretieren. Er dient ihm und übt selbst, im Unterschied zum Kleriker der Ständegesellschaft, mit dem Wort keine Herrschaft aus. Als moderner Berufsmensch schuldet er seiner Gemeinde seine Professionalität, seinen Glauben schuldet er allein Gott.
Foto: flickr/Gabrielle Ludlow