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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Alle Menschen dieser Welt sind Individuen. Zur Abgrenzung des Fremdartigen werden Zuweisungen erfunden, die angeblich alle Menschen einer bestimmten Nationalität betreffen würden. So kommen wir zu Meinungen über „die Deutschen“, „die Amerikaner“ oder „die Inder“, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nicht nur das, auch bestimmte Krankheiten oder Charakterzüge werden ihnen nachgesagt.
Meine Mutter hat uns Kindern erzählt, sie habe als junges Mädchen unter der „englischen Krankheit“ gelitten, darum seien ihr schon früh alle Zähne herausgefallen. Der Name Morbus Anglorum stammt von einem englischen Arzt im 17. Jahrhundert, Daniel Whistler. Er und Francis Glisson haben die Krankheit ausführlich beschrieben. Die heutige Bezeichnung ist Rachitis. Sie ist nachweislich nicht „typisch englisch“, sondern schon an Mumien aus dem alten Ägypten als Mangelernährungskrankheit diagnostizierbar.
Es gibt auch eine „deutsche Krankheit“. Seltsamerweise hat sie eine Bezeichnung in gemischt englisch-deutscher Sprache: die „german angst“. Der Begriff bezeichnet den angeblich deutschen Hang zum Grübeln und eine angeblich merkwürdige Zukunftsangst. Selbstverständlich gibt es dazu Bücher, die aufzeigen, wie diese Angst zu überwinden ist!
Kommen wir zur so genannten „Schweizer Krankheit“, manchmal auch in einem Wort geschrieben, gelegentlich auch „Schweizerheimweh“ genannt. Meines Erachtens lohnt es sich, etwas mehr über dieses Leiden zu erfahren.
Bevor ich mich dem Bezug zur Schweiz zuwende, gehe ich dem Wort „Heimweh“
nach. Dr. Ernst Wasserzieher schreibt in seinem Buch „Woher“: „Heimweh als Seelenzustand wird schon im 9. Jh. von Otfried beschrieben“, ohne allerdings den Begriff zu erwähnen. Otfried von Weissenburg ist der erste namentlich bekannte deutsche Dichter, der nicht nur lateinisch, sondern auch in althochdeutscher Sprache, er nannte sie allerdings „frénkisgon“ , also fränkisch, geschrieben hat. Das folgende Gedicht, hier in hochdeutscher Übersetzung, ist gemeint:
Otfried von Weissenburg:
„Ach Fremdland!
sehr bist du hart, du bist gar sehr schwer,
das sage ich dir fürwahr.
In Mühsalen leben,
die der Heimat entbehren,
ich habe es an mir erfahren;
ich fand nichts liebes an dir.
Ich fand in dir kein anderes Gut
ausser traurigen Sinn,
schmerzerfülltes Herz und mannigfaltigen Schmerz.
Wenn uns in den Sinn kommt,
dass uns heim verlangt,
nach dem Lande plötzlich
auch Sehnsucht uns ergreift,
fahren wir wie die Genossen,
auch eine andere Strasse,
den Weg, der uns wende
zu dem eigenen Lande.“
Aus: Dentinger, Jean: „L´age d´or de la littérature en Alsace“. Das Goldene Zeitalter der Literatur im Elsass, Mundolsheim: Jean Dentinger 1986, S.16.
Alle Quellen sagen aus, dass das Wort schweizerischer Herkunft sei. Eine Quelle berichtet folgendes: „Der Sunnenberg gestorben von heimwe, heisst es in einem Schreiben an den Rat der Stadt Luzern aus dem Jahre 1569.“
Das Schriftstück ist der bislang früheste Beleg für das Wort Heimweh.
Eine andere Quelle erwähnt, dass der früheste Literaturbeleg aus dem Jahr 1670 stamme: „Zu Nissa in Provinzia lagen etliche Fähnleid Eidgenossen, einem unter ihnen kam das Heim wehe an (wie mans nennet).“
Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm wurde das Wort vermutlich erstmals von Johann Jacob Scheuchzer im Journal „Seltsamer Naturgeschichten des Schweizer-Lands wochentliche Erzehlung“ vom 20. Mai 1705 benutzt.
Im ganzen 18. Jahrhundert war Heimweh ein durchaus schweizerisches Dialektwort und zugleich ein medizinisches Fachwort, „... das von den Dichtern wegen seines streng landschaftlichen Inhalts vermieden wurde; so konnte Goethe für Mignons Klage das Wort nicht verwenden (...). Erst um 1800 wird das Wort gemeindeutsch, mit der Romantik tritt es allgemein in unsere Dichtung ein“(Bergmann).
Es geht um ein Krankheitsbild, dass der Arzt Johannes Hofer in Basel 1688 zuerst beschrieben hat und damals noch Nostalgia (griechisch nòstos ‚Rückkehr’ und algos Traurigkeit, Schmerz, Leiden) genannt wurde. Die unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat und der Familie kann zu starker gesundheitlicher Beeinträchtigung führen, zu Auszehrung, Melancholie und Fieber, angeblich sogar bis zum Tod.
Anscheinend litten die Schweizer Soldaten, die im Ausland stationiert waren, am meisten darunter. In Frankreich sei das Absingen des Kuhreigens (Chue-Reyen), ein bekanntes Hirtenlied, bei Todesstrafe verboten gewesen, da es dazu führte, dass die Schweizer sich des Heimwehs nicht mehr erwehren konnten und Fahnenflucht begingen.
Es ist unwahrscheinlich, dass Soldaten im Ausland aus anderen Herkunftsländern dieses Gefühl nicht hatten bzw. nicht heute noch haben. Es leben so viele Menschen in der Fremde, und viele von ihnen werden es auch kennen.
Ich denke an die bekannten Nachtgedanken von Heinrich Heine:
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann die Augen nicht mehr schliessen
Und meine heissen Tränen fliessen ...
Heinrich Heine war nämlich, so schreibt er in seinem Gedicht, schon 12 Jahre nicht mehr in Deutschland gewesen. In seinen Worten klingt Heimweh mit.
Mein 5-jähriger Enkel kennt das Gefühl auch. Eigentlich wollte er bei den Grosseltern, also bei uns, übernachten, bekam aber Sehnsucht nach Hause. Er mache sich Sorgen um die Mama, meinte er. Wir haben ihn an diesem Abend noch zurückgebracht. Erst dann war er beruhigt. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er bei uns geschlafen hatte, aber in diesem Fall war ein Leidensdruck entstanden.
Ein Grabspruch auf einem Kirchhof in Luzern beschreibt das Gefühl, die Schweizerkrankheit, so:
Mit tausend Wünschen war er ausgegangen.
Das Ende war – bescheidenes Verlangen.
Ganz leise sprach er nur mit einer Hoffnung Keim:
Ich möchte heim!
Mich persönlich packt ab und an das Gegenteil des Heimwehs, das Fernweh. Doch das ist eine andere Geschichte!
Quellen
Bergmann, Karl: „Deutsches Leben im Lichtkreis der Sprache“, Verlag Diesterweg, Frankfurt/Main, 1926, S. 87.
Wasserzieher, Dr. Ernst: „Woher?“ Fer. Dümmlers Verlag, Bonn, 1974, S. 228.
Hinweis auf weitere Blogs zum Heimweh
02.02.2005: „Einblicke“ in unerfüllbare Migranten-Erwartungen