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Im St. James's Park im Herzen von London, wo früher Könige Enten jagten und heute der Premierminister seine Jogging-Runden dreht, spielen sich regelmässig seltsame Szenen ab. Grüne Vögel flattern von den Bäumen und lassen sich auf den Menschen nieder.
Die taubengrossen Sittiche mit ihren roten Schnäbeln setzen sich auf die Arme und Schultern eines Mannes und versuchen den Apfel zu erobern, den er gerade isst. Sie picken ihm, mehr oder weniger freundlich, solange ins Ohr, bis er ihnen die Frucht endlich lachend überlässt.
Dem Biologen Nick Hunt sind solche Szenen bestens vertraut. Er hat ein ganzes Buch über Parkvögel geschrieben. «Es ist ja fast unmöglich, keine Freude an diesen Tieren zu haben», sagt er. Das treffe besonders in einer Metropole wie London zu, wo es nicht so einfach sei, mit der Natur in Kontakt zu kommen.
Hat Hendrix die Vögel freigelassen?
Die grünen «Parakeets» stammen ursprünglich aus Indien. Wie die exotischen Vögel nach London gelangt sind, darüber kursieren unzählige Mythen. Die berühmteste Geschichte lautet so: Jimi Hendrix habe 1968 mitten in London zwei dieser Sittiche in die Freiheit entlassen.
«Als Zeichen des Friedens, der Liebe oder in einem psychedelischen Rausch», sagt Hunt. Es gebe für die Geschichte zwar keine Beweise, sicher aber sei, dass Hendrix zu dieser Zeit in der Nähe gewohnt habe.
Büxten sie aus Filmstudio aus?
Gemäss einer anderen Legende entwischten die Vögel bei Dreharbeiten 1958, als in London der Filmklassiker «African Queen» mit Humphrey Bogart und Kathrin Hepburn gedreht wurde. Der Film spielt in den Sümpfen im Herzen Afrikas.
Laut Hunt sollen dabei Sittiche auf dem Filmset in den Isleworth Film Studios verwendet worden sein. Die exotischen Statisten seien dann entweder abgehauen oder nach den Dreharbeiten freigelassen worden.
Interessanterweise ist im ganzen Film kein einziger grüner Papagei zu sehen. Die Vögel müssten also abgehauen sein, bevor die Aufnahmen überhaupt begonnen haben. Die Wahrheit könnte durchaus banaler sein: Vielleicht hat ein Kolonialbeamter einst ein Paar «Parakeets» aus Indien zurückgebracht und deren Nachkommen sind früher oder später aus einer Voliere entwischt.
Metapher in der Politik
Die Vögel inspirieren auch die Politik: Denn obschon erste Berichte über frei lebende Sittiche im Südwesten von London bereits 1930 auftauchten, würden einige Leute diese mit dem Klimawandel in Verbindung bringen, erzählt der Biologe Hunt.
Für andere seien die Vögel dagegen ein Symbol für die unerwünschte Immigration. So sei rund um das Brexit-Referendum argumentiert worden, die fremden Vögel würden die einheimischen verdrängen. Dasselbe passiere gerade bei den Menschen.
Und dann gebe es natürlich noch die zoologischen Puristen und Ornithologen, welche die Exoten schon lange beseitigen möchten, weil sie nicht zum lehrbuchmässigen Inventar der britischen Fauna gehörten, so Hunt.
Das sei ein seltsames Argument, denn alles in der Metropole London sei künstlich und verdränge die Natur: «Mitten in dieser Metropole aus Stahl und Beton zu stehen und mit dem Finger auf diese Vögel zu zeigen, scheint mir ein bisschen seltsam.»
Entwischt. Entflogen. Entlassen. Wie Adam und Eva nach London gekommen sind, bleibt wohl ihr Geheimnis. Tatsache ist jedoch: Sie beflügeln die Fantasie der Menschen. Und sie sind gekommen, um zu bleiben: Die Zahl ihrer Nachkommen wird mittlerweile auf 10'000 geschätzt.