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Lange Drähte spannen sich kleinen Seilbahnen gleich von der fast leeren Bühne in den gut gefüllten Zuschauerraum, an einigen von ihnen hängt die obere Hälfte einer gläsernen Sanduhr. Jens Nielsen betritt kahl geschoren, athletisch, in schlichtes Schwarz gewandet die Bühne, nimmt den Stöpsel aus der Sanduhr, der Sand (es handelt sich um kleinste Glaskugeln) beginnt in stetem, feinem Strahl auf den Bühnenboden zu rinnen. Man ahnt: Ist die Uhr leer, ist das Stück zu Ende. Nielsen synchronisiert die kleine Sanduhr an seinem Handgelenk mit der grossen; man ahnt, wie oft in seinen Stücken wird es um die Zeit an sich gehen. Er lässt die Uhr an den Drähten über die Köpfe des Publikums gleiten, dieses gleichsam mit synchronisierend, es einbeziehend in den Fluss der Zeit, berieselt vom Sand als ihrem Sinnbild.
Dann beginnt der Text. Vorweg: Ich kenne unter den gegenwärtigen Literaten nur wenige, die einen so überlegenen Umgang mit der Sprache pflegen, die auch komplizierte Verläufe mit Leichtigkeit begrifflich machen, die mit wenigen Worten so starke Bilder evozieren können. Der Icherzähler, eine unbekümmert Grenzen überschreitende, eigenartig unsympathische und doch so liebenswerte Figur, beschreibt zunächst den Besuch in einem medizinischen Institut. Als er sich dem Eingang nähert, bekennt er, nicht zu wissen, wie er dorthin gelangt ist – das heisst, das wisse er schon, aber nicht, warum –, aber: «Ich glaubte – ich hoffte! –, eine Begegnung zu erleben, ich würde zum Beispiel abgewiesen.» Das geschieht nicht, der Erzähler landet über Umwege («Warum stellen wir uns in einem Aufzug eigentlich immer sofort mit dem Gesicht zur Tür? Die Wände sind doch meist viel sorgfältiger gearbeitet») in der Bibliothek des Instituts, begegnet einer angehenden Ärztin, unterzieht sich in Eigenregie einem Test für Neugeborene, weil der doch, als er zur Welt gekommen sei, noch nicht durchgeführt worden sei, wird auf eine Bissverletzung am Oberschenkel aufmerksam gemacht («Das ist kein Blut, das sind die Reste einer türkischen Spezialität – ich wollte sie essen, aber sie wollte nicht»), redet sich um Kopf und Kragen in wilden Assoziationsketten und behält trotzdem immer die Überhand. Dann berichtet er von einer Fahrt in der U-Bahn – «das war kürzlich, also von der Bibliothek aus gesehen, als ich dort aus dem Fenster blickte, hätte ich mich beinahe noch auf dem Bahnsteig sehen können» –, Zeit wird also zur räumlichen Erfahrung, tatsächlich zur vierten Dimension, wird über die evozierten Bilder quasi physisch anfassbar. Wir erfahren, dass es sich bei den Spuren auf dem Oberschenkel tatsächlich um einen Hundebiss handelt, der unmittelbar vor dem Institutsbesuch in der U-Bahn geschah, konsequent aber wird er als «türkische Spezialität» bezeichnet, die Bezeichnung wird aber in einem längeren Exkurs erst auf Hunde im Allgemeinen und dann auf Hundescheisse ausgeweitet. Hundescheisse an den Schuhen – für den Erzähler eine Höllenqual. Und auch für den geneigten Zuschauer: Nielsen hat sich vor dem Ausflug ins Schuhgeschäft und der Schilderung der komplizierten Weise, wie die Ichfigur Schuhe kauft, beiläufig einen linken Schuh über den rechten Fuss gezogen (den Schuhlöffel liess er an den Seilbahnfäden auf die Bühne rollen, wie auch die spärlichen anderen Requisiten) und behält diesen die ganze zweite Hälfte des Stücks an – es macht einem beim Zuschauen physisch weh. Szenen- und Zeitwechsel, nach dem Institutsbesuch: Wir treffen den Icherzähler am Bahnsteig der S-Bahn, er soll einem Fernsehteam Auskunft über die Vorzüge des örtlichen öffentlichen Verkehrs geben, alles, was ihm in den Sinn kommt, ist aber der gut funktionierende Ticket-Schwarzhandel. Bevor er weiter ausführen kann, wird er Zeuge eines Beinahe-Unfalls: Ein Fahrgast, der sich noch bei schliessenden Türen noch in einen Waggon pressen wollte, wird von der Tür eingeklemmt und fällt, ein Bein bleibt stecken und ragt nach draussen. Der Icherzähler eilt hinzu, will helfen – und nun wird ein weiterer Aspekt der Zeit bearbeitet, ihre subjektive Dehnbarkeit: Die Schilderung des Vorfalls, der nur wenige Sekunden dauerte, nimmt über zehn Minuten in Anspruch. Weiterer Szenenwechsel, ein Waschsalon. Der Icherzähler fragt eine Frau, deren Trommel nicht ganz voll wird, ob er seine Socken mitwaschen dürfe.
Die Frau willigt nach lakonischem Wortwechsel ein, verbittet sich aber ein weiteres Kennenlernen: «Bleiben Sie hier und beobachten Sie die Wäsche – Sie können etwas lernen dabei.» Hierbei handelt es sich um einen älteren Text, der quasi als Zugabe verwendet wird respektive als Gangreserve: Kurz darauf rinnt der letzte Sand aus der Sanduhr, Licht weg, das Stück ist aus. Sieben Vorhänge erklatscht sich das begeisterte Publikum. Diese kurze Schilderung vermag natürlich nicht zu umschreiben, wie grossartig der Abend ist. Während man bei den meisten Lesungen findet, der/die SchriftstellerIn möge sich doch eineN SchauspielerIn mieten, weil die meisten AutorInnen ihre Texte bei Eigenlesung derart vernuscheln und verunstalten, dass man nie und nimmer das Buch kaufen würde, ist Nielsens Vortrag schlicht perfekt. Die Texte sind von gnadenloser Brillanz, unschlagbar komisch, peinlich präzis in den Beobachtungen menschlicher Irrwege und von grossmeisterlicher Absurdität. Auch ein sehr geschätztes nielsensches Stilmittel kommt immer wieder zum Einsatz: Sätze, die der Zuschauer im Kopf selber zu Ende bringen kann, werden auf der Bühne nicht zu Ende gesprochen. Das Publikum ist ja nicht … weshalb also die Sätze zu Ende … wenn die Bilder so viel stärker … Das Stilmittel wird sehr bewusst … es wirkt nie manieriert. Und dann ist da die Art des Vortrags. Perfekt in Diktion, Mimik, Gestik, Sprachmelodie, Körpereinsatz. Es wäre dem gelernten Schauspieler ein Leichtes, noch mehr auf die Körperlichkeit, also die vordergründige Komik zu setzen; ebendiese Körperlichkeit wird aber sparsam und wohldosiert eingesetzt, nie verkommt sie zur billigen Effekthascherei, nie übertüncht sie den Text. Die Worte stehen immer im Vordergrund. Fazit: Ein ganz, ganz grosser Abend. Wir haben Tränen gelacht, gelitten, waren bestens unterhalten. Wer immer die Möglichkeit hat, Nielsen zu sehen: Hingehen! Unbedingt! Eine Möglichkeit, ihn als Dramatiker zu erleben, bietet sich im Oktober: Dann wird seine Theaterkombo, das Trainingslager, die ersten zwei Stücke des «Heimat»-Quartetts («Die Rückkehr der Bümpliz» und «Keine Aussicht auf ein gutes Ende») im Kleintheater aufführen. Nicht verpassen! Und ein weiterer Hinweis: Kunst DIN A6 hat wieder zugeschlagen, diesmal nahm sich Carmela Maria Gander der Tim-Buktu-Postkarten an – in äusserst aufwendiger Weise: Sie entfernte die Druckschicht von den Karten, benähte die Kartenrümpfe mit Motiven des Drucks und goss sie in DIN-A6-grosse Wachsblöcke ein. Das Resultat ist von berückender Schönheit und trotz der Massigkeit von elfenhafter Ästhetik. Noch bis März zu bewundern im Bistro des Kleintheaters.