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Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 13. April 1966 von Peter Ziegler
Der Galgen auf dem Galgenrain
Der oberhalb der Seferen gelegene, gegen die Seeseite steil abfallende Nagelfluh- und Mergelhügel, auf dessen Kuppe das Bürgli steht, trägt in Grundprotokollen, Gültbriefen, Urbaren und auf alten Landkarten bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus die Flurbezeichnung «Galgenrain». Auf jener weitausschauenden Höhe am Westende des Dorfes, und damit in nächster Nähe der Hauptstrasse Zürich–Chur, welche sich früher anstelle der heutigen Bürglistrasse als «Galgengass» über die Anhöhe zog − lag nämlich bis zum Jahre 1646 der Richtplatz der Herrschaft Wädenswil mit dem Galgen. Hier wurden schon unter den Johannitern, welche zwischen 1287 und 1549 in Wädenswil die Blutgerichtsbarkeit ausübten, durch den Landtag Todesurteile über Mörder, Räuber und Hexen vollstreckt. Die erste Erwähnung der «Galgenhofstatt» zu Wädenswil, die ich bis jetzt nachweisen kann, datiert vom 11. Dezember 1543.1 Es handelt sich um einen Gültbrief für Hans Epprecht, dessen Liegenschaft an den Zürichsee, an die Sefer, an die Galgenhofstatt und an die Müllihalten grenzte.
Klarer lassen sich die Verhältnisse in den Urkunden aber erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts fassen, das heisst von dem Zeitpunkt an, da die Herrschaft Wädenswil als Landvogtei dem zürcherischen Stadtstaat angegliedert war. Am 20. April 1559 schrieb der damals amtierende Landvogt Hans Röuchli an den Rat von Zürich, das Hochgericht zu Wädenswil, das heisst der Galgen, sei seit einigen Jahren «von elty nidergefallen»2. Er bat darum die Obrigkeit, sie möge den Galgen wieder zimmern und aufrichten lassen, damit er seine abschreckende Wirkung von neuem auf die vielen Bettler und Landstreicher ausübe. Die Bitte des Landvogtes wurde erhört, und noch im selbigen Jahr stand auf dem Galgenrain ein neu gezimmerter Galgen. Eine Entschädigung an Heini Blattmann, der das nötige Holz auf den Richtplatz gefahren hatte, die Zimmermannslöhne und die Ausgaben für das Aufrichten stellte man zulasten der Landvogtei in Rechnung3. Der GaIgen stand ein halbes Jahrhundert lang in Gebrauch und wurde dann im Jahre 1616 erneuert. Die Arbeit wurde dem Steinmetz Rudolf Sprüngli von Männedorf verdingt. Seine neidischen Konkurrenten legten ihm dafür den Spottnamen «Galgenmacher» zu. Der Zürcher Rat schützte aber den Steinmetz mit folgendem Beschluss: Wenn Sprüngli die zum Hochgericht dienenden Steine gerüstet hat, sollen nach altem Brauch alle Handwerker beim Aufrichten helfen, «damit desshalb keiner dem andern nützit ufzuheben und zuo verwysen habe»4. Der genaue Standort des Galgens ist unbekannt. Wir dürfen jedoch mit gutem Grund annehmen, man habe dafür den höchst gelegenen Punkt ausgewählt, also etwa den Ort am Westende der nachmaligen Bürgli-Liegenschaft.
Nachdem sich die Herrschaftsleute im Jahre 1646 im Wädenswi1er Handel gegen das Stadtregime aufgelehnt hatten, beschloss der Rat am 28. April 1647, der Herrschaft Wädenswil zur Strafe das Recht, selbst hohes Gericht halten zu dürfen, zu entziehen5. Im Juni reiste der Zürcher Bauherr Berger im Auftrag der Obrigkeit nach Wädenswil, um mit einigen Gesellen das Hochgericht ob der Seferen «gentzlich zu rasieren»6. Die einzelnen Stücke des Galgens wurden auf ein Schiff verladen und im Zürichsee versenkt, wobei man die Werkleute streng überwachte, «damit kein unfug entstanden».
Mit der Entfernung des Galgens hatte der Galgenrain, wie die Richtstätte im Volksmund genannt wurde, seine Rolle ausgespielt. Die Flurnamen Galgenrain; Galgengass und Galgenhölzli für ein Wäldchen, das sich über die Hügelkuppe zog, lebten aber weiter und erinnerten zum Teil noch bis ins 20. Jahrhundert hinein an den Ort, wo man in der Landvogtei Wädenswil die Todesstrafe durch Hängen vollzogen hatte7.
Das Haus «Zur Felsenburg» am Galgenrain
Nachdem der Galgen auf der Höhe des Galgenrains entfernt worden war, verstrichen etliche Jahrzehnte, bis sich in der Nähe des verrufenen Gebietes Leute ansiedelten. Westlich der Galgenhofstatt entstand 1748 das Riegelhaus «Zum Letten». Dorfwärts waren die Säge am Sagenrain und das Bauernheimwesen der Familie Haab (heutige Liegenschaft Bürglistrasse 1) lange Zeit die nächst gelegenen Häuser. Zum Grundbesitz des Kirchenpflegers Jakob Haab gehörten 1754 auch grosse Teile des Galgenrains. Dessen sonnige Südseite war damals mit Reben bewachsen. Noch wusste man aber um die Vergangenheit des Gebietes. Als Haab nämlich den Rebberg von den Söhnen des Caspar Baumann «bey der Sagen» ergantete, vermerkte man im Grundprotokoll, dass in diesem an der Galgengass gelegenen Rebgebiet sich ein «Stückli» befinde, das «wegen bekannter Ursach dis orts ausgedungen seyn sole»8. Eine ähnliche Formulierung findet sich schon im November 1693, als die Liegenschaft ob der Säge noch Besitz der Baumann war9.
In den Jahren 1824/25 erbaute der Zimmermann Heinrich Zollinger «hinter der Sagen zu Wädenschwyl» am aussichtsreichen Ostabhang des Galgenrains das Haus «Zur Felsenburg», das auf Zeichnungen und Gemälden aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedentlich dargestellt wird. Es war ein in den Hang eingetiefter, würfelförmiger Baukörper mit Walmdach, zwei Stockwerken und seeseitig bewohnbarem Untergeschoss. Im Dezember 1835 veräusserte Heinrich Zollinger, der nun den «Steinberg» an dar neu erbauten Seestrasse bewohnte, das Felsenburg-Heimwesen samt Wiesland und Felsenbord dem Schreiner Heinrich Suter. Zehn Jahre lang wollte dar Verkäufer aber den hintern Keller noch nutzen, und ausser der Kaufsumme, so wurde weiter vereinbart, sollte der Schreiner dem alten Eigentümer eine Kommode aus Nuss- oder Kirschbaumholz sowie ein Dutzend hölzerne Sessel zukommen lassen10.
Ein in Gemeindebesitz befindliches Oelgemälde des Wädenswiler Landschaftsmalers Johann Gottfried Steffan (1815–1905), entstanden um 1842, zeigt in der Sicht vom See her den steil abfallenden, felsigen Galgenrain mit dem Galgenhölzli auf der Kuppe. Im Vordergrund ist am Ufer eine jener Steinhauerhütten zu sehen, deren es damals in Wädenswil noch recht viele gab. Am linken Bildrand erkennt man das in den Osthang des Hügels hineingebaute Haus Zur Felsenburg, das nach einem damaligen Besitzer häufig auch Suterhaus genannt wurde. Der bewaldete Galgenrain und seine Umgebung machen den malerischen Eindruck unverschandelter Natur. So blieb es bis ums Jahr 1860.
Galgenrain und Galgenhölzli. Ölgemälde von Johann Gottfried Steffan, um 1842.
Dann wurde der Hügel umgestaltet und weiter überbaut. Dies geschah durch den Wädenswiler Seidenindustriellen
August Gessner-Theiler (1815–1896)
Gessner war im Jahre 1841 nach Wädenswil gekommen und als Teilhaber in das Seidenstoffgeschäft Theiler & Steiner eingetreten, das seit dem 1. August 1841 unter der Firmenbezeichnung Steiner, Gessner & Co. geführt wurde. Von 1849 zeichnete Gessner als alleiniger Besitzer des Unternehmens, welches damals Stoffe nach Holland, den Vereinigten Staaten, nach Italien, Frankreich, Deutschland, Belgien und Dänemark exportierte. Der Industrielle beschäftigte weitgehend Heimarbeiter; die Vorwerksarbeiten erledigte man im alten Dorfschulhaus, dem unterhalb des Pfarrhausees gelegenen «Rosenhof». Gessner sah voraus, dass die Liegenschaft am Fuss des Kirchhügels für den Betrieb seiner Seidenwinderei bald einmal zu knapp werden könnte. Er wollte sich rechtzeitig Ellbogenfreiheit verschaffen und nahm jede sich bietende Gelegenheit war, benachbarte Liegenschaften des Rosenhofs, darunter die ehemalige Seidenfarb des Heinrich Marthaler (heute Schönenbergstrasse 3). In den 1860er Jahren erstand er am Schulweg in der Eidmatt vier Wohnhäuser mit Nebengebäuden und Umgelände und schuf so jenes zusammenhängende Areal, das von seinem Sohn Emil Gessner-Heusser (1848–1917) um die Jahrhundertwende zur Liegenschaft Rosenmatt ausgeweitet werden konnte.
August Gessner.
Noch bevor sich Gessner im Jahre 1877 im Neuwiesenquartier südöstlich des Krähbachs einen grossen Bauplatz für die 1881/82 erstellte mechanische Seidenweberei sicherte, griff er zu Beginn der 1860er Jahre nach dem Galgenrain. Denn dieser Hügel schien ihm wie kein zweiter geeignet für den Bau eines Sommersitzes.
Die erste Bauetappe von 1862–1864: Pavillon mit Veranda und Turm
Da um 1860 das Sutersche Felsenburg-Heimwesen nicht feil war, konnte August Gessner nicht den ganzen Galgenrain erwerben. Er musste den Hügel etappenweise aufkaufen, und etappenweise entstand darum auch der Sommersitz Bürgli.
Im Oktober 1860 erwarb August Gessner vom Zimmermann Heinrich lsler «Zur Lindenburq» «ein Stück Felsenbord und Land ob des Verkäufers Haus11. Auf diesem Areal, das sich von der Seestrasse über den Hügel zur alten Landstrasse, der ehemaligen Galgengasse, hinzog, verwirklichte der Seidenindustrielle in den kommenden Jahren die erste Etappe seines grossen Bauvorhabens: den Pavillon mit Veranda und Turm. Bevor man aber mit den Bauarbeiten beginnen konnte, musste der Hügel terrassiert werden. Der schmale Landstreifen, der einerseits durch die Galgengasse, anderseits durch den seeseitigen Steilhang begrenzt war, sollte maximal ausgenützt werden. Dies war möglich, indem man seeseitig mächtige und kostspielige Stützmauern in den Hang hineinbaute und dahinter Land anschüttete. Gleichzeitig legte man einen mehrfach geknickten Weg an, der von der Höhe des Hügels zum Boots- und Badehaus am Zürichsee hinunterführte. Eine Höhle im felsigen Hang wurde zur Grotte ausgestaltet.
Auf dem eingeebneten Hügelrücken oberhalb der Felsenburg setzten in den Jahren 1861 oder 1862 die Bauarbeiten ein, welche 1863, spätestens 1864 zum Abschluss gelangten. Was entstand, erregte weitherum Bewunderung. Gessner wich völlig von der landesüblichen Bauweise ab und erstelIte ein aus mehreren Trakten gefügtes Wohngebäude mit Rundturm, welches in seiner Mischung von klassischem und neugotischem Baustil an die Architektur des Mittelmeerraumes erinnerte. Zeichnungen und Fotografien veranschaulichen die eigentümliche Bauweise recht deutlich. Sie zeigen, mit Blick vom See her, auf dem Hügelplateau die beiden versetzten, durch Mauern gestützten Terrassen. Auf der höher gelegenen, nordwestlichen, erhebt sich der Pavillon mit mehrfach gebrochener Fassade und dem von gezackten Zinnenmauern eingefassten Flachdach. Rechts davon ragt der Rundturm auf, dessen Plattform ebenfalls zinnenbewehrt ist.
Eine Abbildung zeigt, vom Ostende der oberen Terrasse her, einen Überblick über die Parkanlagen und den mehrteilig aufgegliederten Bau. Von links nach rechts lassen sich unterscheiden:
- eine Umfassungsmauer, welche das Gessnersche Areal bergseits von der Galgengasse trennt.
- eine gedeckte Eingangshalle, deren Dach als Zinne ausgestaltet worden ist, mit bergseits anschliessendem Tor als Durchgang zum hinteren Park.
- ein quaderfömiger Wohntrakt mit Zinnenaufbau und ausgezähnter Brüstung.
- ein flach abgedeckter Zwischentrakt, der überleitet
- zum seeseitigen, polygonal abgeschlossenen Teil des Pavillons.
- ein auf der Nordwestseite angebauter Rundturm mit Schiessscharten sowie mit Pechnasen unterhalb der Wehrplatte.
- ein dem Seetrakt östlich vorgebauter einstöckiger Seitenflügel (mit Küche im Untergeschoss), in den Ecken mit unbedachten Scharwachttürmen geziert.
- eine mit Mauern begrenzte Gartenterrasse mit grossem sechsseitigem Brunnenbecken und gegossenen Schalen, in denen Agaven wachsen.
Ausser der eigentümlichen Verschachtelung der einzelnen Baukörper fällt vor allem die Fülle der verschiedenen imitierten Bauformen auf, die bald der Neuromanik, bald der Neugotik, der Neurenaissance oder dem Klassizismus zuzuweisen sind. Der Romanik ist das Rundbogenfries an der Zinne des bergseitigen Wohntraktes entlehnt. Der Durchgang vom vorderen zum hinteren Park mahnt an den Tudorbogen der englischen Spätgotik. Der Gotik entlehnt sind auch Masswerkformen in der Mauerbrüstung der Terrasse, das Glockentürmchen auf der Gartenmauer, ferner der Wimperg in der Fassade des bergseitigen Wohnteils. Die Eingangshalle anderseits erinnert an die Tragkonstruktion von Bahnhofhallen der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und in der Tat hatten die beiden Architekten, welche Gessners Sommersitz auf dem Galgenrain geschaffen hatten − Johann Jakob Breitinger (1814–1880) und Leonhard Zeugheer (1812–1866) − sich ausgiebig mit Bahnhofprojekten befasst und sich zuletzt beim Projekt für den Neubau des Zürcher Hauptbahnhofs (1861) mit dem technischen Element vertraut gemacht. Zeugheer hatte sich als Erbauer des Kantonsspitals, der Kirche Zürich Neumünster einen Namen gemacht. Breitinger war mit dem Gasthof auf dem Üetliberg, dem Bahnhof Romanshorn und der Grossmünsterkapelle Helferei in Zürich hervorgetreten. Die Bauausführung des Wohnhauses mit Pavillon zum Bürgli war dem Wädenswiler Baumeister Jean Gasser übertragen worden und brachte auch den ortsansässigen Steinmetzen − die Bauten wurden weitgehend aus Sandstein erstellt − guten Verdienst.
Die zweite Bauetappe von 1872/73: Wohnhaus, offene Halle, Teile der Ringmauer mit Tor
Kaum war der Bau im Jahre 1864 fertiggestellt arbeitete Gessner auf die Verwirklichung der zweiten Etappe hin. Es folgten vorerst weitere Landkäufe, 1864 erwarb der lndustrielle Land und Felsenbord vom Küfer Gottlob Leuthold an der Seferen12. 1865 kaufte er Grundstücke bei der Galgengasse. Wenig später erwirkte er, dass durch eine bergseitige Verlegung des Stassenzuges ein Landstreifen frei wurde, der zum Gessnerschen Bürglipark geschlagen werden konnte13. Nachdem 1868 und 1869 weitere Käufe gefolgt waren14 wurde August Gessner 1871 mit dem Schreiner Johannes Suter über den Verkauf des Felsenburg-Heimwesens handelseinig15.
Mit dem Erwerb dieser lange anvisierten Liegenschaft auf dem aussichtsreichen Vorsprung dorfwärts des Sommersitzes war Gessner einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Im Jahre 1873 liess er das Suterhaus bis auf die beiden Kellergewölbe niederreissen, und auf den alten Fundamenten entstand ein neues, zweistöckiges Gebäude, im Stil dem Pavillon von 1862/64 angepasst.
Er ist ebenfalls mit einem Flachdach gedeckt, das als Zinne dient. Die vier Ecken sind mit erkerartigen Türmchen bewehrt. Im Gegensatz zum Anbau an den Pavillon der ersten Bauphase, wo dieses Element auch schon auftaucht, übersteigen die Türmchen hier die Höhe des Zinnenkranzes. Die Fenster sind einheitlich und streng rechteckig gehalten, im Unterschied zum älteren Bau, wo noch mehrere Fensterformen gewählt worden sind. Die Fensterstürze aller Räume des oberen Geschosses des Gessnerschen Wohnhauses von 1873 sind verziert. Sie zeigen als Steinhauerarbeit abwechselnd die vier Motive aus dem Familienwappen des Besitzers: Delphin, Adler, Löwe und Basilisk.
Familienwappen von August Gessner aus der reformierten Kirche Wädenswil.
Im Zusammenhang mit dem Bau des unteren Wohntraktes der Bürgli-Liegenschaft in den Jahren 1872/73 wurde auch die Umfassungsmauer − mehrfach abgetreppt − längs der Galgengasse weiter hangabwärts gezogen. An der Mauerinnenseite liess Gessner in einer mit Satteldach überdeckten Nische − einer Art Schildwachhäuschen − einen Brunnen aufstellen, dessen grabsteinartige Stud folgenden Spruch trug: «Wasser, du edles Nass, gesund hältst du und rein den, der dich liebt». Den dorfseitigen Abschluss der Ringmauer bildete ein zwischen Galgengasse und neuem Wohnhaus gelegenes, mächtiges Portal. Es wies gotische Spitzbogenform auf und war von einem Treppengiebel überhöht. Vom Portal weg führte ein gepflasterter Weg durch den Park hinauf zum Pavillon. Der Aufgang konnte mit Kutschen befahren werden. Auf der Innenseite des Portalgiebels liess Gessner wiederum einen Spruch einmeisseln: «Keine Freude ohne Leid!» Der Industrielle muss eine Vorliebe für Aphorismen gehabt haben. Schon am Pavillon von 1863 hatte er anbringen lassen: «Trau, schau wem!» Und beim Eingang ins Wohnhaus von 1872/73 prangte der für Handwerker nicht sehr schmeichelhafte Satz: «Die Zimmerer und die Maurer, die sind so rechte Laurer, ehe sie messen, essen und vergessen und sich besinnen, ist die Zeit und der Tag von hinnen!» Ob wohl Gessner hier Erfahrungen niedergelegt hat, die er beim Bau des Bürglis hatte machen müssen?
Unteres Bürgli mit Tor von 1873.
Bürgli mit Torbogen von 1873.
Die dritte Etappe von 1884–1888: Aufbau der Giebeldächer
In die Bauzeit des dorfseitigen Wohntraktes und des Tores gehört wohl auch der Abschluss auf der Nordwestseite: die gegen den hinteren Park zu offene Halle und der seeseitige Viereckturm. Damit war das Bürgli fertiggestellt. Doch Herr Gessner konnte nicht eitel Freude haben an seinen Bauten. Trotz den mächtigen Verbauungen traten am seeseitigen Steilhang häufig Rutschungen auf, die kostspielige Reparaturen nach sich zogen. Auch im vorderen Sommerhaus und im Pavillon und Turmbau war nicht alles zum Besten bestellt. Die zu Zinnen ausgestalteten Flachdächer − eine damals viel bewunderte Seltenheit in der Zürichsee Gegend − waren nicht dicht. Immer wieder rann das Wasser durch die Zementbedachungen, vor allem den seitlichen Mauern entlang. Ständig musste an den undichten Dächern geflickt werden. Aber die Bemühungen der Handwerker waren umsonst! Nun riet man Gessner, die Zementflächen mit Asphalt zu überziehen, was um 1880 geschah. Genützt hat es nicht viel. Auch Bleiblechverkleidungen an den Seitenwänden erbrachten keine absolute Dichtigkeit. Die zumeist im Taglohn ausgeführten Arbeiten verschlangen viel Ge1d, und der Erfolg war so gering, dass sich August Gessner ums Jahr 1883 abermals nach einer neuen Lösung umsehen musste. Er nahm zu diesem Zweck Verbindung auf mit einer Kapazität aus dem Baufache: mit Alfred Friedrich Bluntschli (1842–1930), dem Professor für Baukunst an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Dieser riet ihm, den Bauten Steildächer aufzusetzen. Gessner ging auf den Vorschlag ein. Damit nahmen die Gebäude auf dem Galgenrain Burgenform an. Und von jetzt an tritt auch der Name «Bürgli» häufiger auf, der sich im Grundprotokoll von 1877 erstmals findet16.
Die Dachaufbauten wurden etappenweise verwirklicht. Als erstes versah man das − 1941 abgebrochene − Sommerhaus mit einem Dachstuhl. Die diesbezügliche Baueingabe bei der Gemeinde erfolgte am 1. Mai 188417. Über der Ost- und Westfassade wurde danach je ein Treppengiebel aufgemauert, und zwischen hinein fügte man das mit Lukarnen versehene Satteldach. Ein weiterer Treppengiebel entstand über einem kleinen Vorbau auf der Seite gegen die Galgengasse. Der Schlussstein dieses Giebels trug das Baujahr 1884. Den vier Ecktürmchen am Sommerhaus setzte man Spitzhelme auf. Gleiche Ziertürmchen stellte man auf die Scheitel der Treppengiebel.
Nach dem Aufbau der Giebeldächer, 1885.
In einer weiteren Bauphase wurden die Gebäude von 1863 mit Steildächern versehen. Das betreffende Umbauprojekt trägt das Datum 27. Februar 188518. In einer Faustskizze mit Massbeschreibungen legte Baumeister Jean Gasser dem Gemeinderat die vorgesehenen Äenderungen dar. Kurz und bündig hiess es im Begleitbrief an die Behörden:
«Herr August Gessner will am Bürgli verschiedene Bedachungen vornehmen, die Massbeschreibungen davon lege bei, wollen Sie dieses als Baugespann betrachten und publizieren lassen.
Wädensweil, den 27. Februar 1885
Mit Hochachtung: Joh. Gasser Baumeister.»
Mit der Fertigstellung der Dachaufbauten auf Pavillon und Rundturm um 1888 hatte das Bürgli im Wesentlichen jenes Gepräge erhalten, das es bis zum Sommer 1941 aufwies. Zeitgenossen bewunderten und bestaunten den neu gestalteten Bau. Nahezu alle Wädenswiler Ansichtskarten aus der Zeit um 1900 zeigten die Anlage Bürgli, die manchmal auch als Schloss Wädenswil bezeichnet wurde. Am häufigsten bildete man Gessners Sitz in der Sicht vom Zürichsee her ab. Auch kitschige Karten − Bürgli-Ansicht in Rebenblatt oder Bürgli mit Glimmer − waren im Verkauf. Reiseführer und Prospekte lobten das «ungemein anmutige Bürgli» ebenfalls und fanden, der Wädenswil flankierende Bau gereiche dem Dorf zur besonderen Zierde.
Oberes Bürgli um 1900.
Nicht nur Ringmauer, Tore und Fassaden des Bürgli erinnerten an eine Burganlage; auch die Ausstattung einzelner Räume gemahnte an mittelalterliche Verhältnisse. Da gab es ein Zimmer mit bemalter Balkendecke; ein anderes hatte eine mit Schnitzwerk reich verzierte Holzdecke in imitierter Gotik. Ein Rittersaal mit Cheminee in Marmor bildete Gessners besonderen Stolz. Die hier aufgehängten Harnische, Spiesse, Hellebarden und Pulverhörner waren allerdings nicht echt, sondern stammten aus einem deutschen Kostümverleihhaus.
Rittersaal im Oberen Bürgli.
In anderen Räumen gab es mit Blumen verzierte Stofftapeten, farbige Glasfenster und Wandmalereien. In scharfem Kontrast zu den kopierten mittelalterlichen Elementen standen die eisernen Läden, welche hinter allen Fensterscheiben und Türen zugeklappt und mit einem Dreikantschlüssel geschlossen werden konnten. Dafür war das Bürgli vor Einbrechern sicher! Der schön gelegene Sitz wurde aber von der Familie des August Gessner äusserst selten bewohnt, was unter anderem dazu führte, dass man sich über das Bürgli und seine Besitzer allerhand Dinge erzählte.
Am 9. Mai 1896 starb der Seidenfabrikant August Gessner. Bei der Teilung der Erbschaft im März 1897 wurde die Bürgli-Liegenschaft − umfassend 66 Aren und 89 Quadratmeter Gebäudefläche, Garten, Parkanlagen und Felsenhalde − der Tochter Sophie Gessner übertragen19.
Das Bürgli von Osten, um 1900.
Das Bürgli vom See her um 1900.
1908 – 1941 – 1966 Etappen des Niedergangs
Um die Jahrhundertwende wohnte Fräulein Sophie Gessner im Bürgli, zusammen mit der Kindergärtnerin Rüegger. Ungefähr um dieselbe Zeit sammelte sich um das gebildete Fräulein ein Kreis jüngerer Studenten, Künstler und Maler. Zu ihnen gehörte unter anderem der Maler Ungricht und Lehrer Adolf Attenhofer. Ihm, dem nachmaligen Kantonsschulprofessor in Chur, stellte Sophie Gessner eine reichhaltige Bibliothek und finanzielle Mittel für die Weiterausbildung zur Verfügung. Im April 1907 übertrug sie ihm sogar schenkungsweise die unausgeschiedene Hälfte ihrer Bürgli-Liegenschaft. Die Erben der 1908 verstorbenen Sophie Gessner wollten jedoch den ganzen Bürgli-Besitz in ihrer Hand wissen und fochten darum die letztwillige Verfügung an. Attenhofer trat sein Eigentum wieder ab; die Erben ihrerseits verpflichteten sich, dem Lehrer eine Rente auszurichten.
Mit dem Rückkauf der halben Liegenschaft durch die Erben Gessner wurde eine längere Reihe rasch wechselnder Besitzer eröffnet. Und gleichzeitig setzte die Zerstückelung des von August Gessner arrondierten Besitzes ein. Von 1908 bis 1910 gehörte die Liegenschaft dem Fabrikanten Heinrich Blattmann-Ziegler «zum Grünenberg»; von 1910 bis 1923 − um je eine Parzelle an der Seestrasse und am Seeweg verkleinert − dem Privatier Otto Karl Köppern, weIcher die Villa im Sommer 1910 umbaute und um einen Anbau erweiterte. Köppern war es auch, welcher für den Obergärtner dorfwärts seines Sitzes das «Falkenbürgli» bauen liess und der beim Haupttor die Gipsbüste eines Nachtwächters mit Hellebarde, Laterne und Schlüsselbund befestigte. Auf Land westlich des Bürgli, welches Heinrich Blattmann und Otto Karl Köpprn der politischen Gemeinde Wädenswil im September 1911 schenkten, legte man eine öffentliche Aussichtsterrasse an.
Falkenbürgli.
Auf Köpperns Tod im Jahre 1923 folgte eine weitere Aufsplitterung des Bürgli-Areals. Pavillon, Turm und offene Halle − das heisst die ältesten Bauten auf den Westplateau − gingen durch Kauf an die Gebrüder Ernst und Max Schnyder, Seifenfabrikanten in Madretsch bei Biel, über. Der östliche Teil der Bürgli-Liegenschaft verblieb im Besitze der Witwe Katharina HeIena Köppern, welche 1929 Parzellen am See für Familiengärten veräusserte. Im Sommer 1931 verkaufte Witwe Köppern, wohnhaft «Zum Falkenbürgli», den Rest der Liegenschaft an den in Zürich lebenden Kaufmann Ernst Wieland, welcher im vorderen Bürgli ein Naturheilinstitut einrichten wollte. Das Vorhaben misslang jedoch, und im Zwangsverwertungs-Verfahren kamen Land und Bauten an Karl Pruppacher, Landwirt in Zürich. Dessen Erben veräusserten das vordere Bürgli samt Umschwung dem Fabrikanten Paul Blattmann-Stähli. Dieser liess das 1873 erstellte Bürglihaus im Spätsommer 1941 abbrechen, während zwischen diesem Bau und dem oberen Bürgli gleichzeitig das moderne Landhaus (Bürglistrasse 8) aus dem Boden wuchs.
Liegenschaft Bürgli. Flugaufnahme um 1930.
Die obere, ältere Bürgli-Liegenschaft verblieb bis 1944 im Besitz des Fabrikanten Ernst Schnyder-Streuli. Von seinen Erben kam sie dann an Frau Margrit Testorpf-Blattmann.
Etappenweise ist das Bürgli vor rund hundert Jahren entstanden, auf Land, das der Seidenindustrielle August Gessner Stück für Stück erworben hat. Etappenweise ist die Anlage auch wieder verschwunden. Parzelle um Parzelle kam in anderen Besitz. 1941 fiel ein erster Teil der Gebäude: Wohnhaus mit Anbau, Tor und Ringmauerpartie. Wenige Wochen werden noch verstreichen, dann wird man auch den Rest der Bürgli-Bauten niederreissen, und dann wird nur noch ein Strassenname an die einst viel bewunderten und gepriesenen Bauten aus den 1860er und l870er Jahren erinnern. Instabiler Baugrund − ein Teil des Hangs rutschte Richtung Seestrasse ab − und Baufälligkeit der Gebäude zwingen zum Abbruch.
Peter Ziegler
Oberes Bürgli vor dem Abbruch, 1966.
Löwen als Zierde.
Anmerkungen
StAZH = Staatsarchiv Zürich
1 StAZH, C V 1, 18
2 StAZH, A 150.2
3 StAZH, F III 39, Landvogteirechnung 1559/60
4 StAZH, Ratsmanual vom 25.2.1616
5 StAZH, Ratsmanual vom 28.4.1647
6 StAZH, F III 38, Landvogteirechnung 1647
7 StAZH, B XI Wädenswil, Grundprotokolle 1831, S. 271; 1748, S. 119, 129; 1741, S. 505; 1741, S. 502; 1791, S. 277; 1818, S. 351; 1826, S. 476.
8 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1741, S. 505
9 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1694, S. 134a
10 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1836, S. 17
11 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1860/62, S. 6/7
12 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1863/64, S. 508
13 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1864/66, S. 250–252
14 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1867/68 S. 214/215; 1868/69, S. 452
15 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1871/73, S. 7–9
16 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1877, S. 451
17 Stadtarchiv Wädenswil, IV B 61a, Bauprojekt Nr. 252
18 Stadtarchiv Wädenswil, IV B 61a, Bauprojekt Nr. 262
19 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1895/97, S. 528 ff.