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Kunst
Marv in Love
Schon in seiner Interpretation des "Daredevil" hatte Frank Miller leidenschaftlich Ninjas auftreten und seine "Elektra" exzessive fernöstliche Kampftechniken vorführen lassen, schreibt Andreas C. Knigge im Vorwort zu vorliegendem Meisterwerk des Comic Artists, der auch schon mal mit "Ronin", einer sechsbändigen Miniserie, auf sich aufmerksam gemacht hatte. Aber für sein Gesamtkunstwerk Sin City, das bei cross-cult in einer siebenbändigen Ausgabe erschienen ist, zeigt Frank Miller sein ganzes Können, da er sich dafür alle künstlerischen Freiheiten nahm, die es zur Umsetzung seiner Fantasie eben braucht.
Marv & Goldie und Shakespeare
"Ein lausiges Zimmer in einem lausigen Teil einer lausigen Stadt. Die Klimaanlage ist ein scheppernder Schrotthaufen, der einen Drink nicht mal kühl hält, wenn man ihn direkt davorstellt. Ich starre eine Göttin an. Sie sagt, sie will mich. Sie sagt, ihr Name sei Goldie." In Sin City erzählt Frank Miller mit starker Anlehnung an den amerikanischen Film Noir, der wiederum auf den Romanen von Dashiel Hammet, Raymond Chandler und Mickey Spillane beruhte, die Geschichte einer unkonventionellen Liebe in drastischen S/W Bildern: Marv, ein gutmütiger, aber etwas einfach gestrickter Schlägertyp, Ex-GI und Psychopath erwacht nach einer heißen Liebesnacht neben der toten Goldie. Romeo & Juliet? Mitnichten. Denn Marv schluckt kein Gift, sondern will Goldie, die er eigentlich nur eine Nacht lang kannte, rächen. Goldie hatte ihn zwar auch nur benutzt, um Schutz vor ihren Verfolgern zu haben, aber Marv schert sich weniger um ihre Gefühle, als um seine: er hatte sie geliebt. "Ich will mich nicht beruhigen. Es wird Blut fließen, fässerweise. Wie in den alten Tagen, den Friss-oder-Stirb-Tagen.", schreit Marv durch die dunkle Nacht. Natürlich spielen auch die Lasso-schwingende Nancy und die Zwillingsschwester von Goldie eine wichtige Rolle in diesem hard-boiled Fiction Klassiker, der durch eine kongeniale Verfilmung zu einem Meisterwerk der Cinematographie wurde, hier aber als rohes Urgestein vorliegt, das sich kein Comic-Fan entgehen lassen sollte.
Jagd ohne Beute
"Ich liebe den Regen. Er hilft mir beim Denken", sinniert Marv und die graphische Verarbeitung seiner Gedanken korreliert perfekt mit den biochemischen Vorgängen in seinem Gehirn. Und bald kennt Marv auch den Urheber der Tragödie und wahren Schuldigen: Kardinal Roark. Die Jagd beginnt. Aber wer der Jäger und wer die Beute ist, das wird erst in Teil 7 endgültig geklärt sein. Nichts für schwache Nerven. Millers unkonventionelle Erzähltechnik hatte schon mit der Rückkehr des Dunklen Ritters, Batman, 1986 für Furore gesorgt und dem Verlag DC einen sensationellen Verkaufserfolg beschert. Aber was Miller damals schon auszeichnete, macht ihn auch heute noch zu einem der Größten seines Genres: er hatte einfach keine Lust, sich zum Rädchen einer gigantischen Marketing-Maschinerie zu machen und seine Rechte und seine Kreativität einem Konzern unterzuordnen, schreibt auch Knigge: "Dass ein Starzeichner wie Frank Miller den Marktführern den Finger zeigte und lieber bei einem kleineren unabhängigen Verlag veröffentlichte", wirkte damals nämlich auch für viele andere Künstler wie ein "Signal zum Aufbruch". Bei cross-cult liegen noch weitere sechs Bände in ähnlicher Ausstattung zu Sin City vor, jedes einzelne Abenteuer eine Geschichte für sich: Film Noir als Graphic Novel.