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Die 2000-Watt-Vision und die 1300-Watt-Gesellschaft
Es genügt nicht, zu bilanzieren und effizienter zu werden: Welche Konsequenzen hinter der 2000-Watt-Vision stehen müssten. Und warum wir möglichst bald die «1300-Watt-Gesellschaft» realisieren sollten – die übrigens sehr wohl möglich ist und erst noch jedem einzelnen grossen Nutzen bringt.
Was 2000-Watt bedeuten, ist vielen nicht klar. Daher werde ich Ihnen zum Einstieg etwas über die Einheit «Watt» und über die Zahl 2000 erzählen. «Watt» hören wir meist im Zusammenhang mit elektrischem Leistungsverbrauch irgendwelcher Geräte. Das «Watt» ist nach James Watt benannt.
James Watts Verdienst war insbesondere, die Effizienz von Dampfmaschinen massgebend zu verbessern. Er verstarb im Jahr 1819 im Alter von 83 Jahren, ein Jahr vor der Entdeckung der magnetische Wirkung des elektrischen Stroms, welche die Erfindung von Elektromotoren ermöglichte. Weitere 60 Jahre später spendete die erste Glühlampe Licht. Heute beurteilen wir Lampen mit «Watt», obwohl das wenig aussagt: Mit den Lumen-Angaben moderner Sparlaternen tun wir uns schwer – so achten wir gerne auf den Vergleich, «so hell wie eine 60-Watt-Birne», oder ähnlich.
James Watt kannte die Wattbezeichnung nicht. Vielmehr führte er «Pferdestärken» als Mass der Leistung ein – nämlich wie viele Pferde durch eine Dampfmaschine ersetzt werden konnten. Pferde müssen glücklicherweise kaum mehr ihr Leben als Arbeitstiere fristen. Zu Ehren von James Watt bezeichnen wir Leistung – ob elektrisch oder mechanisch erzeugt – als «Watt» oder auch als «Kilowatt per Stunde».
Damit wir uns eine Vorstellung machen können, was Watt bedeutet:
- Mit einem Watt kann man drei Minuten mit einem modernen Laptop arbeiten.
- Mit zehn Watt kann man 30 Sekunden staubsaugen.
- Mit hundert Watt kann man vier Minuten die Haare föhnen.
Es geht also immer um die pro Zeiteinheit geleistete Arbeit. Fehlt die Zeitangabe, wie bei «2000 Watt», handelt es sich um eine kontinuierliche, gemittelte Leistung des Verbrauchs.
Die «Erfinder der 2000-Watt-Gesellschaft», die ETH-Zürich, wollte einen nachhaltigeren Kurs vorgeben. Zugrunde liegen unter anderem die Untersuchungen eines Teams rund um José Goldemberg, Rektor der Uni Sao Paulo und brasilianischer Umweltminister. Sie stellten fest, dass das Wohlbefinden der Menschen bis zu einem Energieverbrauch von rund 1000 Watt stetig ansteigt, danach aber deutlich abflacht. Die ETH Zürich, welche ihre 2000-Watt-Vision in den 90ern entwickelte, verdoppelte die Zahl mit dem Verweis, dass dies dem damaligen durchschnittlichem Weltverbrauch entspreche. Ob dieser nachhaltig war, wurde nicht überprüft. Dass seither die Weltbevölkerung zugenommen hat, findet auch keinen Niederschlag.
Nun, machen wir mal eine einfache Rechnung:
Mit Primärenergie ist übrigens der ursprüngliche Energieträger gemeint. Also nicht etwa Benzin, Diesel und Heizöl, sondern Erdöl. Bei der Umwandlungen in sekundäre Kategorien fallen Verluste an.
Seit dem Jahr 2003 wird von der Organisation «Global Footprint Network» der Ökologische Fussabdruck ermittelt. Für das besagte Jahr 2010 liegt dessen Biokapazitäts-Wert beim Faktor 1,8. Mit diesem Faktor wird von der selben Organisation jeweils auch der «Welterschöpfungstag» bestimmt. Ab dem Tag kann die Erde die verbrauchten Ressourcen nicht mehr reproduzieren. Im Jahr 2010 war das am 21. August der Fall.
Nun noch eine Rechnung, sie mag gewagt sein, aber sicher nicht ganz abwegig: Teilen wir den durchschnittlichen Primärenergiebedarf durch diesen Biokapazitäts-Faktor, ergibt das 1281 Watt pro Person.
Anders gesagt, würden wir weltweit pro Person knapp 1300 Watt verbrauchen, könnte der Planet uns Menschen gleichberechtigt und langfristig ertragen. Doch davon sind wir leider meilenweit entfernt.
Die 2000-Watt-Gesellschaft verspricht, als «Weltformel» eine gerechte Verteilung der Ressourcen zu gewährleisten. Heute stehen in sehr armen Ländern insbesondere auf der südlichen Erdhalbkugel nur wenige hundert Watt zur Verfügung – der Durchschnittsverbrauch Afrikas liegt bei rund 890 Watt, etwa im Kongo liegt er noch viel tiefer.
Wir hier in der Schweiz verbrauchen durchschnittlich jedoch 8300 Watt. Sollten Sie eine andere Zahl im Kopf haben: Bei den 8300 Watt ist auch die importierte graue Energie berücksichtig, die bisher leider meist vernachlässigt wurde. Gewöhnen Sie sich also daran, dass wir unseren Ressourcenverschleiss nicht einfach «nur» dritteln können.
Natürlich stimmen all diese Zahlen nicht bis ins letzte Detail. Doch sie zeigen klare Tendenzen auf. Und sie veranschaulichen, dass wir so nicht weitermachen machen dürfen wie bisher; dies können wir uns definitiv nicht leisten.
Kritiker der 2000-Watt-Vision führen ins Feld, dass dabei noch ein Viertel fossiler Energie «gestattet» werde. Stattdessen könnte der heutige Energiebedarf alternativ erzeugt werden. Doch, was würde das bedeuten?
2011 stammte in der Schweiz rund 54% der Energie aus fossilen Quellen. Knapp 25% waren nuklearen Ursprungs.
Was würde mit unseren Flüssen und Seen, mit unseren Wäldern und Landschaften geschehen, wenn wir die verbleibende 21% an Wasserkraft, Biomassennutzung, sowie Wind- und Sonnenenergie-Gewinnung faktisch verfünffachen müssten? Heute schon wird die Ökosphere mit Monokulturen zerstört, um etwa mit Mais und Raps fossile Energieträger zu ersetzen. Es dürfen nicht noch mehr Flächen der Nahrungsmittelproduktion entzogen werden. Wie auch immer, wir kommen nicht darum herum, wir müssen unseren Energie- und Ressourcenverschleiss drastisch einschränken!
Doch die 2000-Watt-Vision ist nicht nur auf Leistungsreduktion aus, vielmehr soll ja auch der Treibhausgas-Ausstoss auf umgerechnet eine Tonne CO2 reduziert werden. In der Schweiz liegt er derzeit bei 8,6 Tonnen pro Person.
Nur schon der hiesige Konsum an tierischer Nahrung produziert wesentlich mehr als 1 Tonne Treibhausgas: Gemäss der WWF-Studie «Klimawandel auf dem Teller», die im Jahr 2012 den Lebensmittelkonsum in Deutschland untersuchte, setzt jeder Bundesbürger über die Ernährung 2 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr frei. Beinahe 70% stammen dabei aus der der Produktion von tierischer Nahrung. Denn Rinder, Kühe und Schafe setzen beim Verdauen Methan frei, das ist über 20 mal klimaschädlicher als CO2.
Doch das Methan wird auch freigesetzt, wenn Kühe und Schafe nur zur Milchproduktion gehalten werden. Wer also der 2000-Watt-Gesellschaft angehören will, der konsumiert wesentlich weniger tierische Produkte und ist mindestens zeitweise Veganer. Das wirkt sich übrigens auch positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit aus.
Neben der Ernährung, die mit 28% gesamthafter Umweltbelastung kräftig zu Buche schlägt, gibt es drei weitere Bereiche, in denen sowohl der Ausstoss von Treibhausgasen, als auch der Verbrauch von Ressourcen reduziert werden muss: Mobilität, Wohnen und die gesamte Infrastruktur wie etwa das Gesundheitswesen, Bildungseinrichtungen, Kläranlagen, Müllverbrennung, Strassenbau, Energieversorgung etc.
Um die 2000-Watt-Gesellschaft wird einiges an Wirbel gemacht: Städte werden als «Energiestädte» gelabelt und Regionen bewerben sich zum Programm der «Energie-Regionen».. Was steckt dahinter? Wer diesen Weg beschreitet, verpflichtet sich, die 2000-Watt und 1 Tonne CO2 bis im Jahre 2100 zu erreichen. Das werde ich nicht mehr erleben. Bis 2050 – das werde ich vermutlich auch nicht erleben – sollen 3500 Watt bei 2 Tonnen CO2 erreicht werden. Und wie das gemacht wird, ist ziemlich unklar. Bisher wird vor allem mal bilanziert.
Politiker, die solche Verpflichtungen eingehen, haben mit den vielen Wiederwahlen, die dazwischen liegen so viel zu tun, dass sie neben Bilanzen kaum Nägel mit Köpfen machen werden.
Jahr für Jahr nimmt die Mobilität auf Strasse und Schiene zu. Die 2000-Watt-Vision hat hier keine Wirkung gezeigt, sieht man davon ab, dass es Arbeitsgruppen zu Mobilitätsmanagement und Parkplatzbewirtschaftung gibt. Immerhin wird das Velo vor allem in den Städten nicht mehr so stiefmütterlich behandelt, wie noch vor ein paar Jahren.
Im Durchschnitt legt ein Schweizer jedes Jahr 4500 Flugkilometer zurück, das ergibt rund 1,4 Tonnen CO2 aufs persönliche Konto. Mit dem Auto kurvt er weitere 10'000 Kilometer über die Strassen, bei dem aktuellen Durchschnittsverbrauch von 6,39 Liter sind das nochmals 1,5 Tonnen CO2. Wohlgemerkt: Weder der Betrieb der Flughäfen noch der Bau von Flugzeugen, Fahrzeugen und Strassen sind mit eingerechnet. Das geht aufs Konto «Infrastruktur»
Da wird also richtig ausgepustet. Nur stehen dem kaum Massnahmen gegenüber. Wie wäre es zum Beispiel, Kerosin zu besteuern und auf Treibstoffe CO2-Abgaben einzufordern? Nein, man überlässt es den Konsumenten, selber CO2-Abgaben etwa via MyClimate zu bezahlen. Und das ist ein Ablasshandel, der weder das Konsumverhalten hinterfragt noch ändert.
Kommen wir zum Thema Bauen und Renovieren. Da sieht es etwas besser aus. So haben Architekten mit dem «SIA-Effizienzpfad Energie» bereits ein brauchbares Werkzeug in den Händen, um ihre Bauten 2000-Watt-tauglich zu machen. Ob sich die Bewohner dann auch entsprechend verhalten, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Doch, muss den neu gebaut werden? Besser wäre, die bestehende Bausubstanz zu optimieren oder umzunutzen. Schliesslich ist etwa Beton selber ein Klimakiller: Jede Tonne Beton verursacht rund 100 Kilogramm Treibhausgase und braucht immens viel Energie – von der Herstellung bis hin zur Verarbeitung vor Ort.
Hauptgrund für die rege Bautätigkeit ist der zunehmende Wohnflächenbedarf. Im Durchschnitt belegen wir pro Person rund 50 Quadratmeter Wohnfläche. Damit ist die 2000-Watt-Gesellschaft nicht zu machen. In den Fünzigerjahren beansprucht ein Einwohner Zürichs rund 25 Quadratmeter Wohnraum.
Statt ein Gästezimmer pro Wohnung wären Gästezimmer in Überbauungen, die bei Bedarf dazu gemietet werden können nicht nur ökologischer, sondern auch kostengünstiger. Je interessanter die Wohnumgebung ist, desto eher werden die Menschen nicht zuhause verweilen. So kommt man in einer spannenden Nachbarschaft gut mit einem individuellen Wohnraumbedarf von 20 bis maximal 35 Quadratmetern aus. 35 Quadratmeter ist übrigens die durchschnittliche Wohnfläche der Genossenschaften Zürichs. Die bieten praktisch in jeder Überbauung Gemeinschaftsräume an, um etwa Feste feiern zu können. So braucht es auch kein Wohnzimmer mehr in Übergrösse; das ist ja eh nicht gemütlich.
Das interessanteste Projekt der 2000-Watt-Vision ist auch das erste und bisher einzige, welches als «2000-Watt-Areal» ausgezeichnet wurde: «Greencity» in Sihl-Manegg bei Zürich. Es ist erst im Bau und kann nächstes Jahr bezogen werden.
Das Areal wird nicht nur für Wohnzwecke hergerichtet. Vielmehr soll dort auch gearbeitet und gelebt werden. Durchschnittlich sind die Schweizer täglich 36 Minuten unterwegs, um ihre Freizeit erleben zu können. Für das Pendeln zur Arbeit verbrauchen sie 22 Minuten. Wer in Greencity lebt und möglichst auch arbeitet, dürfte somit wesentlich mehr Zeit zur Verfügung haben, die sonst im Verkehr abhanden kommt.
So idyllisch das Bild wirkt: Hier haben wir ein Problem. Wer so lebt, hat in aller Regel weder die Erwerbseinkünfte vor Ort, noch den Einkaufsladen in Fussdistanz. Auch der Freundeskreis dürfte nicht ausschliesslich durch die Nachbarschaft abgedeckt werden.
Das Dorfleben ist in den meisten Fällen wenig ökologisch. Es werden viel zu grosse Häuser von viel zu wenig Menschen bewohnt und zudem müssen Motorfahrzeuge benutzt werden, um überhaupt so leben zu können.
Erst der immense Ausbau der Verkehrsinfrastruktur mit Autobahnen und S-Bahn erlaubte die Zersiedelung der Schweiz.
Übrigens, das Idyll auf dem Bild ist glücklicherweise eher die Ausnahme: in Dörfern leben lediglich 26,3% der Schweizer Bevölkerung. 36,4% hausen in Städten und 37,3% in der Agglomerationen.
Dort wo die meisten Einwohner der Schweizer leben, in der Agglomeration, lässt die Nahversorgung sehr zu wünschen übrig. Läden sind in aller Regel kaum zu finden: Es bleibt nichts anderes übrig, als entfernte Einkaufszentren aufzusuchen. Aber es geht ja nicht nur um den Laden, vielmehr fehlen Zentren, wo sich das Leben abspielt, wo man sich trifft. Früher hatte jedes Dorf und jedes Quartier ein belebtes Zentrum. Doch diese Zentren wurden von der Automobilität gefressen.
Auch in städtischen Wohnsiedlungen sieht es nicht viel besser aus. Zentren wurden schon gar nicht erst vorgesehen, anstelle davon wurden Parkplatzverordnungen durchgesetzt. Auch um die Nahversorgung ist es nicht besser bestellt. Wohl waren in den Erdgeschossen Läden vorgesehen. Doch die Grossverteiler mit den grossen Parkplätzen saugten die Kunden ab, so dass die meisten «Lädeli» schliessen mussten. In den Innenstädten verschwanden die Nahrungsmittelhändler ebenfalls, dort wurden sie etwa von Kleiderläden verdrängt, welche mit ihren hohen Margen die steigenden Boden- und Mietpreise noch bezahlen können.
Es gibt Zonen, in denen hauptsächlich gearbeitet wird. Es gibt Zonen fürs Wohnen. Es gibt Zonen, in denen eingekauft wird. Und in der Freizeit werden die Naturzonen eingenommen. Wir müssen zwischen diesen Zonen herum rollen, denn zu Fuss schaffen wir es nicht. Die Raumplanungsbehörden haben zu stark auf Mobilität gesetzt, heute ersticken wir beinahe daran. Die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft ist also auch eine raumplanerische Aufgabe.
Vermutlich werden Sie den Eindruck nicht los, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, um unseren Enkeln eine halbwegs lebenswerte Welt zu überlassen. Doch Verzicht will niemand. Aber vielleicht ist der Verzicht gar ein Gewinn: Wenn auf den Strassen nur noch wenig Autos fahren, kann ich sie beinahe jederzeit überqueren. Wenn die Nahrungsmittel aus der Region stammen, kann ich viel eher auf saubere Erzeugung vertrauen – im Gegensatz etwa zu Importen aus Spanien. Wenn ich nur noch in Ausnahmefällen fliege, wird schon die Reise Teil des Urlaubs sein.
Wenn wir uns mal besinnen, wie wir leben, fällt auf: Die meisten Menschen hier in der Schweiz arbeiten ein hundert Prozent Pensum, um genug zu verdienen. Genug, um sich all die Dinge zu leisten, die die anderen auch haben: Ein Tablet, ein Gasgrill, ein automatischer Staubsauger, durchschnittlich 15 Kilogramm Kleider pro Jahr und und und.
Das Wort «Shopping» bezeichnet nicht die Beschaffung irgendwelcher benötigter Güter. Viele sehen «Shopping» als eine Freizeitbeschäftigung, als Hobby an.
Mit dem Konsumieren verbringen wir unheimlich viel Zeit. Nicht dass der Kaufprozess lange dauern würde, nein das ist schnell erledigt. Konsumieren beginnt bei den Überlegungen, was man sich leisten könnte: Bei technischen Geräten werden die Details verglichen, abgewogen, überlegt, da wird gelitten und verworfen, wieder aufgenommen neu betrachtet. Beim Kleiderkauf ist das genau so.
Neben den Grundbedürfnissen, nicht frieren zu müssen, genügende Lebensmittel und ein Dach über dem Kopf zu haben, leistete man sich vor dreissig Jahren etwa eine Armbanduhr, eine Stereoanlage, vielleicht hatte man auch einen Fernseher und – verglichen mit den heutigen Panzern – ein kleines Auto. Zweimal im Jahr fuhr man in die Ferien: Im Sommer ins Tessin, im Winter in die Berge. Mit einem solchen Lebensstil würde man heute als «armer Schlucker» bezeichnet.
Wenn Arbeitskollegen ein neues Handy haben, muss man doch mithalten. Wenn Freunde schnell zwei Wochen nach Indonesien fliegen, kann man nicht durch den Schwarzwald wandern, sondern «muss» etwa Urlaub auf Bali buchen. So zu sein, wie die anderen sind, ist ein starkes menschliches Bedürfnis. Doch künftig werden diejenigen, die wenig brauchen als souverän gelten. Und jene die viel brauchen, dürften zusehends geächtet werden. Denn das sind ja diejenigen, welche uns die Lebensgrundlag rauben.
Das Wachstumswunder nach dem zweiten Weltkrieg hat uns zu Konsum-Lemmingen geformt. Unsere Sucht ist das Einkaufserlebnis. Doch das ist ein Rausch, der nicht lange anhält, bald wieder herrscht Leere und etwas Neues muss her. Die Shopping-Sucht kostet nicht nur wertvolle Freizeit, sondern auch viel Ressourcen, Energie und erst noch viel bitter verdientes Geld. Was geshoppt wird, wird bald mal fortgeworfen.
Unser Suchtverhalten wird kräftig angeheizt: Letztes Jahr wurden in der Schweiz 4,81 Milliarden Franken für Werbung ausgegeben. 4,81 Milliarden, um Bedürfnisse zu suggerieren. Ein absolut unnötiger Wahnsinn, den wir erst noch selber berappen müssen: Mit dem Konsum bezahlt jede Einwohnerin und jeder Einwohner der Schweiz im Schnitt also beinahe 600 Franken dafür, von Firmen mit immer lausigeren Produkten umworben zu werden. Lausiger werden die Produkte, damit sie schneller wieder ersetzt werden müssen; die so genannte geplante Obsoleszenz ist immer häufiger anzutreffen.
Früher waren Plätze und Höfe in den Siedlungen Orte, wo man sich traf, wo produziert, gehandelt, lamentiert, diskutiert und ausgetauscht wurde. Heute werden auf Plätzen und Höfen Autos parkiert. Shopping-Malls und Einkaufsstrassen, die ironischerweise oft auch als «Begegnungszonen» ausgeschildert sind, traten anstelle der Räume, die wir früher für unsere sozialen Kontakte nutzten. Aber das ist kein Ersatz. Und Konsum repariert auch nicht den Schaden, den wir mit der Arbeit erleiden – dafür kriegen wir ja eine «Entschädigung».
Der Weg in die 2000-Watt-Gesellschaft ist also auch der Weg weg vom quantitativen hin zum qualitativen Konsum. Der Nutzen: Ich spare Zeit und auf lange Sicht auch Geld. Und die Werbung können Sie weiterhin beachten, doch lassen Sie einfach die Finger von Dingen, die stark beworben werden. Sie taugen in aller Regel nichts. Denn was gut ist, braucht keine schreiende Werbung; es hat zufriedene Nutzer, die das auch kundtun.
Die 2000-Watt-Vision ist nicht machbar, wenn wir nicht suffizienter konsumieren. Und das macht nur Sinn und Spass, wenn wir subsistenter produzieren und wirtschaften. Beides zusammen macht uns resilienter, also überlebensfähiger. Das wird in Zukunft wichtig werden, wenn die fossilen Treibstoffe teuer werden, wenn die Auswirkungen des Klimawandels dramatisch werden. Und das hingegen werde ich wohl noch erleben.
Neustart Schweiz bewegt sich genau in diesem Themenkomplex. Daher werde ich Ihnen nun kurz unser Nachbarschaftsmodell erläutern. Mit diesem Modell können die Klimaziele bei hohem Wohlstand realisiert werden. Wir haben zudem auch Vorschläge für eine neue raumplanerische Strukturierung der Schweiz. Beides zusammen ermöglicht eine Gesellschaft, die unter der 2000-Watt-1-Tonne-CO2-Grenze ein «Buen vivir» lebt. Buen vivir bedeutet ein gutes und glückliches Leben, das nicht auf Kosten von Menschen und Natur geht.
Beginnen wir mit der Nachbarschaft: Das sind bestehende oder auch neue Siedlungen mit 350 bis 800 Personen – im Schnitt etwa 500. Diese Menschen leben nicht nur dort, sondern arbeiten möglichst auch vor Ort. Eine solche Nachbarschaft betreibt ein Mikrozentrum, welches den täglichen Bedarf abdeckt. Kernstück davon ist die Lebensmittelversorgung. Die Nahrung liegt uns wie gesagt besonders am Herzen: Eine Kilokalorie Nahrung auf dem Teller verbraucht derzeit zehn Kilokalorien Erdöl. Da müssen wir uns künftig etwas besseres einfallen lassen. Und die Klimaveränderung wird vor allem die Hochleistungslandwirtschaft tangieren; lokale landwirtschaftliche Diversität kann sich dagegen viel besser auf die unumgänglichen Veränderungen einstellen.
Wir können gut drei Wochen ohne Handy überleben – das kann man mal im Urlaub üben. Aber drei Wochen ohne Nahrung ist tödlich. Und zudem ist gemeinschaftliches Essen die Basis von Interaktion zwischen Menschen: Beim Essen werden nicht nur soziale Kontakte vertieft, sondern auch Geschäfte besiegelt oder Initiativen gestartet – und vieles mehr.
Mindestens 60 Prozent der gesamten Nahrung kann von Agrarbetrieben in der Nähe umweltgerecht produziert und zur Verfügung gestellt werden – am besten mit direkten vertraglichen Bindungen. Die Bewohner der Nachbarschaft finanzieren den Agrarbetrieb, also die Bodennutzung und die Löhne. Dafür erhalten sie die Erzeugnisse ohne Umwege ins Lebensmitteldepot zugestellt. Das ist für die Bewohnerschaft an sieben Tagen 24 Stunden zugänglich.
Die Bewohner müssen also nichts mehr in ihren eigenen Kühlschränken und Kästen horten, sondern können sich laufend bedarfsgerecht im Lager eindecken. So wird bei Verpackung und Transport eingespart und gleichzeitig die Qualität gesteigert. Werden zudem Milcherzeugnisse und Fleisch mittels Vertragslandwirtschaft beschafft, geht es mit der realisierbaren Versorgungsquote wesentlich näher an die 100 Prozent.
Anders gesagt brauchen wir für die ineffiziente Nahrungsmittellogistik der Grossverteiler, bei der nur schon zwischen Produzent und Händler 50% im Müll landet, komplett neue Strukturen.
Doch Migros, Coop und Co. Haben weiterhin eine Funktion: Mit weniger Filialen als heute kann ein Sortiment aus nicht alltäglichen Dingen bestehen. Die bei den Grossverteilern wegfallenden Stellen werden ja in den Nachbarschaften geschaffen.
Die Agraranbindung kann genossenschaftlich oder als Abonnement ausgelegt sein. Wünschenswert sind Modelle, bei welchen die Nachbarschaftsbewohner beispielsweise zwei Tage pro Jahr mitarbeiten; das erhöht Vertrauen und Zuspruch enorm und macht erst noch viel Freude. Wenn es der Agrarbetrieb erlaubt, kann er der Nachbarschaft gar zur Naherholung dienen. Das ist so beim Jardins de Cocagne nahe Genf der Fall. Dieser gemeinschaftlich organisierte Produktionsbetrieb besteht bereits seit drei Jahrzehnten und stellt ein Vorzeigebetrieb der Vertragslandwirtschaft dar: Insbesondere an Wochenenden trifft man sich dort, tauscht sich aus, pflegt das Gemüse und die Kontakte, backt etwa Pizzas und feiert Feste für Jung und Alt.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch die Umgehung des Detailhandels wird die Nahrungsversorgung preisgünstiger bei höherer Produktqualität. Die Bewohner kennen die Produktionsbedingungen, die mindestens nach biologischen Kriterien ausgelegt sein sollten. Der Landwirtschaftsbetrieb hat ein sicheres Einkommen und ist nicht den Handelspreisen und Schuldzinsen unterworfen. Und Ernteausfälle werden von den Konsumenten mitgetragen. Stadt- und Landbewohner erhalten Bezug zueinander, die Städter lernen naturnaher zu leben – mindestens was die Saisonalität betrifft. Und die Transportwege sind kurz gehalten.
Jede Nachbarschaft betreibt ein Mikrozentrum, welches mehr als nur das Lebensmitteldepot beherbergt. So ist die Grossküche ist ein weiterer wichtiger Baustein. Auch sie bedient sich im Lebensmitteldepot. Sie produziert Speisen für Konsumation im Essensraum und für Take-Away. Logischerweise wird es jeweils saisonale Überangebote geben, etwa Tomaten im Spätsommer. Doch die Grossküche kann dies mit ihrer Kreativität meistern; sei es durch direkte Verarbeitung oder durch Konservierung. Apropos kochen: Selbstverständlich kann in den Wohnungen der Nachbarschaft gekocht werden – die Grossküche ist ein Zusatzangebot, welches die Nachbarschaften sozialer, ökologischer und viel spannender als konventionelle Siedlungen mach.
Ein Mikrozentrum enthält all das, was die Nachbarschaft braucht. So ist ein Hammam möglich – um das energetisch zu verantworten, können die Wohnungen mit Duschen anstelle von Badewannen ausgerüstet sein. Ebenso kann eine Kinderkrippe realisiert werden. Weiter bieten sich eine Bibliothek, ein Reparaturservice etwa für Fahrräder, eine Wäscherei, ein Gästehaus, ein Geräteverleih und so weiter an.
Für den Betrieb der Mikrozentren empfehlen wir pro Betriebseinheit wie Küche, Wäscherei, Badeanlage, Tauschservice und Bibliothek etc. mindestens eine Stelle in Lohnarbeit zu schaffen. Damit wird die Professionalität gesichert. Zudem dürfen oder müssen sich die Bewohner mit Freiwilligenarbeits-Einsätzen beteiligen. Vier Stunden pro Bewohner und Monat können als Richtwert angenommen werden. Damit ist bereits ein reichhaltiges Angebot möglich. Dieses macht individuelle Hausarbeit teilweise obsolet und kompensiert so den Zeitaufwand für jeden Einzelnen.
Obwohl in multifunktionalen Nachbarschaften Menschen in Lohnarbeit angestellt sind, werden die Lebenskosten unter dem Strich tiefer ausfallen. Denn damit werden die bisherigen Konsum- und Mobilitätsmuster hinfällig, was enorme Einsparungen bringt.
Bei bestehenden Siedlungen empfehlen wir schrittweise vorzugehen. So kann man bspw. einen Verein oder eine Genossenschaft gründen, um ein Lebensmittellager, ein Gemüsegarten oder eine gemeinschaftliche Reparaturwerkstätte in Betrieb zu nehmen. Dann in einer anderen Gruppe wird vielleicht eine Kinderkrippe realisiert. Und so fort.
Von den Funktionen der Mikrozentren haben die Nachbarschaftsbewohner einen direkten Nutzen; sie erhalten täglichen Bedarf gedeckt, können sich einbringen und werden nicht zur Geldkuh degradiert – so dürften sich Mikrozentren etablieren.
Doch für den Umbau auf die Zivilgesellschaft zu vertrauen, wird alleine nicht funktionieren. Die Politik tut gut daran die Rahmenbedienungen für Nachbarschaftsbildung zu optimieren: Das beginnt bei vernünftig-kleinen Betriebs-Auflagen oder beim zur Verfügung stellen von Räumen und Land zum Gärtnern und allenfalls zum Bauen und endet bei der Raumplanung. Nachbarschaftliche Strukturen machen Wohnlagen attraktiv, bieten Arbeitsmöglichkeiten und senken die Lebenshaltungskosten. Natürlich bedingt das Investitionen. Doch das Geld ist grundsätzlich vorhanden, es geht nur darum, es in die richtige Richtung zu lenken.
Aus gesellschaftlicher Sicht ist die Umgestaltung unseres Konsum- und Mobilitätsverhaltens überlebenswichtig, da Klimaveränderungen Tatsache sind und wir ihre Auswirkungen immer mehr zu spüren bekommen. Wir müssen mit weniger Ressourcen auskommen. Wir müssen uns aufs postfossile und postnukleare Zeitalter zubewegen, weil diese beiden Energiequellen versiegen und grundsätzlich zu viele Probleme schaffen. Wir müssen uns verändern. Machen wir es lieber «by design», als «by desaster». Doch unabdingbar ist dazu die Vernetzung: In Nachbarschaften, in Gemeinden, territorienweit und global: Die seriösen Interessen am nachhaltigen Wandel müssen gebündelt werden.