Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03211.jsonl.gz/1351

Im Januar 2021 jährte sich zum 108. Mal der Todestag von Dr. Xavier Mertz. Er war der erste Schweizer, der die Antarktis betrat. Das Crew-Mitglied der Expedition von 1911-1914 unter dem Expeditionsleiter Douglas Mawson fand ein schlimmes Ende im ewigen Eis. Eine Rekonstruktion anhand seines Tagebuches.
«Man sieht deutlich, wie Glück und Unglück nicht weit entfernt voneinander liegen. So ist der Weltenlauf», notierte Xavier Mertz am 4. November 1911 in sein Tagebuch, als er beschrieb, wie seine Kameraden in der Eiswüste Post mit guten und schlechten Nachrichten erhielten. Wie recht er doch hatte: 14 Monate später war Xavier Mertz tot. Eingeholt von den Folgen eines Unglücks, das im Grunde auf Zufall beruhte, und vergiftet vom Fleisch der Hunde, für die er verantwortlich war. Wo doch alles so gut wie perfekt gelaufen war. Aber beginnen wir mit der Geschichte des ersten Schweizers, der je die Antarktis betreten hatte, ganz von vorn. Xavier wird 1883 geboren als eines von sechs Kindern der Basler Unternehmerfamilie Mertz. Sein Vater Emil hatte es als Besitzer einer grossen Klimaanlagen-Fabrik zu Wohlstand gebracht.
Er selber studierte in Basel Philosophie, Geologie und Jurisprudenz und war darüber
hinaus ein hervorragender Alpinist und Skifahrer: Als Wettkampf-Sportler brachte es Xavier immer wieder in die Schlagzeilen der Zeitungen. Ausserdem war er ein begeisterter Fotograf.
Man weiss heute nicht mehr genau, was ihn antrieb, sich für eine Antarktis Expedition anzumelden: 1910 bewarb er sich schriftlich beim australischen Geologen Douglas Mawson für dessen geplante staatliche Antarktis-Expedition: Von der Station an der Küste des Adelie-Landes aus sollte er während zweier Jahre rund 2400 Kilometer Küste desjenigen Teils der Arktis kartografieren, der direkt gegenüber von Australien lag. Ferner sollte er das erste Funknetz des Südkontinents aufbauen und erforschen, wie der Magnetismus der Antarktis für die Luftfahrt genutzt werden könnte. Auch der erste Überflug über den Südpol war geplant, aber das Flugzeug erlitt einige Wochen vor dem Start der Expedition eine Bruchlandung.
Douglas Mawson wies die Bewerbung aus Basel zurück. Aber Mertz liess nicht locker und flog kurzerhand nach London, als Mawson dort weilte, und stellte sich ihm persönlich vor. Mawson fand offensichtlich Gefallen am engagierten und topfitten Bergsteiger und nahm ihn ins Team auf: Der erste Schweizer, der die Antarktis betreten sollte, war nun Mitglied der ersten australischen Antarktis-Mission. Er sollte unter anderem für die 48 grönländischen Schlittenhunde verantwortlich sein. Einem der Hunde gab er den Namen Bethli, einen anderen benannte er nach seiner Heimatstadt Basilisk.
Um Mitternacht vom 27. auf den 28. Juli 1911 stach das Expeditionsschiff «Aurora» in London in See Richtung Tasmanien und von dort weiter zum Adelie-Land. «Für zwei bis drei Jahre ging es in die Welt hinaus!», schrieb Mertz voller Zuversicht in sein Tagebuch.
Am 18. Januar 1912 setzte die «Aurora» 18 Männer an der Küste des Adelie-Landes am Cape Denison ab und mit ihnen die Hunde, 5200 Kisten Ausrüstung, 18’000 Liter Benzin, 5900 Liter Petroleum, Bauholz, Telegrafenmasten und tonnenweise Proviant. Eine zweite Forschungsstation richteten weitere acht Männer rund 600 Kilometer westlich des Stützpunktes ein. Mitte März 1913 sollte das Schiff die Männer wieder abholen. Xavier Mertz war beim Haupttross eingeteilt.
Am windigsten Platz der Erde
Was die Männer nicht wissen konnten: Sie erstellten ihre Station ausgerechnet an einem der windigsten Orte der Welt! Hier treffen die Eiswinde aus dem Inneren des Kontinents aufeinander und strömen ins offene Meer hinaus. Die über das ganze Jahr verteilte durchschnittliche Windgeschwindigkeit beträgt auf Cape Denison 70 Stundenkilometer, das entspricht Windstärke 8.
Tagelange Windstürme mit 160 Stundenkilometern und entsprechendem Schneetreiben sind keine Seltenheit. Der von der Expedition gemessene Rekord lag bei sagenhaften 320 Stundenkilometern.
Wie dramatisch sich solche Wetterverhältnisse auf die Arbeit der Forscher auswirkten, notierte Xavier Mertz am 26. April in sein Tagebuch: «Die Beobachtungsstation ist zehn Meter von der Hütte entfernt. Correl (eines der Crew-Mitglieder, Anmerkung der Redaktion) wurde auf dem Weg dorthin zwei Meter neben der Hütte vom Wind umgeschmissen, verlor die Richtung und wanderte, nichts wie Schnee sehend, um die ganze Hütte herum. Er landete zuletzt auf dem Kohlehaufen und fand sich nach eindreiviertelstündigem Kampf zurecht.» Das sind harte Bedingungen für 14- bis 16-stündige Arbeitstage bei unter minus 20 Grad.
Trotzdem gefällt es Mertz auf Cape Denison, denn an einem anderen Tag notierte er: «Der Trieb des Forschungsreisenden, Neues und Unbekanntes zu sehen, beseelt einen jeden von uns. Wir sind auf Boden, der noch nie von Menschen betreten wurde. Ich jodle vor Freude in die Stille des Abends und tanze über den glatten Schnee.»
Immer wieder unternehmen Trupps tage und wochenlange Erkundungsfahrten auf Hundeschlitten ins Landesinnere und entlang der Küste.
Ausschwärmen in Teams
Die grösste dieser Expeditionen startet am 10. November 1911: Sechs Gruppen brachen gleichzeitig in verschiedene Richtungen auf. Die längste und beschwerlichste der vorgesehenen Fahrten in die Nähe des magnetischen Südpols hatte Expeditionsleiter Mawson für sich selbst bestimmt. Als seine Begleiter wählte er die zwei tüchtigsten Männer aus: Den englischen Forscher Belgrave Edward Ninnis und Xavier Mertz. «Zum Abschieds-Frühstück genossen wir feine Pinguineier-Omeletten», schrieb letzterer in sein Tagebuch.
Die Reise ist beschwerlich. Immer wieder sind die drei von tagelangen Stürmen festgesetzt.
«Wir mussten anhalten, weil drei Hunde in Gletscherspalten gefallen waren» (20. November).
«Nach dem Lunch fiel Ninnis in eine Spalte zwei Fuss vor unserem Zelt. Erst als wir durch das Loch in die Tiefe blickten, merkten wir, dass unser Lager mitten auf einer
Gletscherspalte stand. Wir retteten Ninnis» (21. November).
«Unangenehmes Licht, so dass man die Bodenformationen vor den Füssen nicht unterscheiden konnte. Zwölfeinhalb Meilen Tagesleistung» (26. November).
«Unten angekommen, vermissen wir Bethli» (26. November).
«Bethli ist nicht mehr erschienen» (28. November).
«Neun Meilen betrug die Tagesleistung. Recht respektabel, da die Oberfläche zeitweise zum Verzweifeln war. Die Schlitten stürzten um und um, mussten immer wieder aufgerichtet, aufwärtsgestossen werden. Beinahe hätte ich den rechten Unterarm gebrochen, als der schwere Schlitten einmal über mich hinwegpurzelte. Die Hunde tun ihr Bestes, doch oft reichen ihre Kräfte nicht aus» (2. Dezember).
«Drift, Wind, Wind, Drift (Schneesturm, Anmerkung der Redaktion). Wir können nur den ganzen Tag in den Schlafsäcken liegen» (6. Dezember).
«Wind, Drift, Drift, Wind» (7. Dezember).
Und schliesslich am 14. Dezember: «Wir sind jetzt 31 Tage auf Reisen und 270 Meilen weit gekommen» (11. Dezember). Das sind rund 430 Kilometer.
Ninnis bricht ein
Am 14. Dezember nimmt die Tragödie ihren Anfang. Als letzter in der Dreierkolonne stürzt Belgrave Ninnis von den beiden anderen unbemerkt mitsamt Schlitten und Hunden in eine Gletscherspalte, «wie wir Hunderte die letzten Wochen passiert hatten». «150 Fuss tief erspähten wir in einer Spalte den hinteren Teil von Ninnis’ Schlitten. Ein leises Hundegewinsel drang zur Oberfläche, wo wir lagen, lauschten und berieten. Kein anderer Ton war zu vernehmen.» Mertz vermutet, dass Ninnis’ Schlitten im hinteren Teil eingebrochen ist und Ninnis vom auf ihn fallenden Schlitten erschlagen wurde. «Wir warteten Stunden und Stunden», das Hundegewinsel verstummte, Ninnis war tot. Verschlimmernd kam der Materialverlust hinzu: «Erst spät realisierten wir, dass fast all unser Essen, unsere Zelte, Pickel, Schaufeln mit dem Schlitten und den Hunden in die Spalte gegangen waren.»
Mit den wenigen Resten ihrer Ausrüstung und ihres Proviants, die auf den anderen beiden Schlitten verstaut waren, treten Mawson und Mertz unverzüglich die Rückkehr zur Station an. Sie wissen, dass es ein Wettlauf mit dem Tod wird.
Tagelang marschieren sie zurück, werden von Schnee- und Windstürmen festgesetzt, marschieren bei gutem Wetter die ganze Nacht durch. Aus ihren Jacken bauen sie notdürftig Zelte zum Schlafen und Segel für die Schlitten. Das Essen ist mehr als knapp. Die Hunde sind erschöpft, einer nach dem anderen macht schlapp.
17. Dezember: «Mawson konnte kaum schlafen vor Schmerzen. Schneeblindheit.»
Am gleichen Tag erschiessen sie den ersten Hund und verfüttern ihn an die anderen Hunde.
18. Dezember: «Wir essen jetzt Hundefleisch, ist besser als nichts. Von den letzten drei Hunden zog nur Ginger, so dass Mawson und ich uns tüchtig ins Zeug legen mussten, um den Schlitten vorwärts zu bringen.»
23. Dezember: «Sechs Uhr morgens. Fünfeinviertel Meilen weit. Seit der Unglücksstelle, an der wir Ninnis verloren, sind wir jetzt 115 Meilen unterwegs.» Das sind 184 Kilometer in 9 Tagen. 250 Kilometer lagen noch vor ihnen.
24. Dezember: «Wir müssen schneller reisen, soll unser Proviant ausreichen. Aus Pavlovas Beinen kochten wir eine Suppe.»
26. Dezember: «Recht kalt, so dass die Finger selbst in Filz- und Pelzhandschuhen konstant steif bleiben.»
27. Dezember: «Dieser Drift ist ungemütlich, weil alles einfach langsam nass wird. Wenn ich nachts im Schlafsack liege, merke ich, wie ein Kleidungsstück nach dem anderen auf meinem Leibe allmählich langsam auftaut. Gemütlich kann man derartige Verhältnisse nicht gerade nennen.»
1.Januar 1913: «Neujahr! Kein Reisewetter. Licht unglaublich schlecht, Himmel bewölkt, deshalb kamen wir nicht weit. Das Hundefleisch scheint mir nicht zu bekommen, denn gestern war mir etwas flau.»
Zu Tode erschöpft
Das sind die letzten Worte, die Mertz in sein Tagebuch notiert. Mawson schrieb später in seinem Buch über diese Expedition, Mertz habe «erst auf meine nachdrückliche Frage» heftige Schmerzen im Unterleib zugegeben. «Es war klar, dass sein Zustand bedenklicher war, als er meinte.»
Diesen und zwei weitere Tage ist Mertz ausserstande, weiter zu marschieren. Wertvolle Zeit verstreicht ungenutzt. Am 6. Januar brechen die beiden wieder auf, aber schon nach ein paar Kilometern ist Mertz so schwach, dass Mawson ihn auf den Schlitten setzt und zieht. Vor lauter Kälte beginnt sich bei beiden, die Haut vom Körper zu lösen.
Am 7. Januar ist Mertz so schwach, dass Mawson ihn in den Schlafsack helfen muss. Mertz kriegt Anfälle, er zittert und redet im Delirium, verstummt schliesslich. Noch in der gleichen Nacht stirbt er.
Lange Jahre vermutete man später, Xavier Mertz sei an einer Vitamin-A-Vergiftung gestorben, die vom Verzehr von Hundeleber herrührte. Heute nimmt man aber an, dass er starb, weil er überhaupt Fleisch ass und so viel auf einmal. Denn Xavier Mertz war Vegetarier. So viel Fleisch, wie er nun plötzlich ass, verkraftete seine Verdauung nicht – zumal er bereits sehr geschwächt war. Die Auszehrung, die ungewohnte, schwer verdauliche Nahrung und die extremen körperlichen Strapazen in beissender Kälte waren für Mertz eine tödliche Kombination. Douglas Mawson errichtete aus Xaviers Skis dessen Grab im ewigen Eis.
Der letzte Überlebende war nun noch 160 Kilometer von der rettenden Station entfernt. Unter schier übermenschlicher Anstrengung kämpfte sich Mawson Kilometer um Kilometer vorwärts, fiel mehrmals in Gletscherspalten, aus denen er sich wieder befreien konnte, die Haut seiner Füsse löste sich ab, das Haar fiel ihm büschelweise aus, während Tagen war er in einem Schneesturm gefangen, sein Proviant ging ihm aus. Mawson wäre vor Entkräftung und Hunger gestorben, hätte er nicht am 29. Januar einen riesigen Schneemann entdeckt, auf dessen Haupt ein Sack voll Nahrung deponiert war: Die Männer der Station, inzwischen alle wieder heil von ihren Expeditionen zurückgekehrt, hatten auf der Suche nach Mawson, Mertz und Ninnis dieses Depot errichtet. Die letzten 37 Kilometer waren jetzt noch machbar.
Mawson kann sich retten
Am 8. Februar am Nachmittag erreicht er schliesslich die Station auf Cape Denison und sah, wie just am Horizont das Schiff verschwand, das die Mannschaft wie geplant abgeholt hatte…
Doch zu Mawsons Glück blieben fünf Männer in der Station zurück, um nach den drei Vermissten zu suchen. Zwar konnten die Retter zum Schiff funken, dass dieses sofort zurückkommen sollte – auf genau dem Funknetz, das Mawsons Mannschaft zuvor errichtet hatte. Doch wegen des schlechten Wetters war es der «Aurora» nicht möglich, nochmals zur Küste zu fahren. Mawson und seine fünf Retter mussten fast ein Jahr lang auf das nächste Schiff warten. Kleines beziehungsweise grosses Detail am Rande: Am 14. Dezember 1911, also in der Zeit, als Mawson, Ninnis und Mertz auf ihrer Expedition unterwegs waren, erreichte Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol.
«Ein Charakter»
«Wir liebten ihn», schrieb Mawson später in seinem Buch «The Home of the Blizzard» über Xavier Mertz, «er war ein Charakter – grossmütig und vornehm.» Den ersten grossen Gletscher, den Mawson nach Mertzs Tod überquerte, benannte er nach seinem Schweizer Gefährten – den Mertz-Gletscher. Der 40 Kilometer breite und 160 Kilometer lange Gletscher, dessen Zunge weit ins Meer hinausragt, geriet 2010 weltweit in die Schlagzeilen, weil er von einer gigantischen schwimmenden Eisplatte gerammt wurde, wobei seine ins Meer ragende Zunge wegbrach. 1914 reiste Douglas Mawson nach Europa und besuchte auch die Familie Mertz, um ihr sein Beileid zum Verlust ihres Sohnes auszusprechen. Im Gepäck hatte er vermutlich auch das Tagebuch sowie die Fotografien. Erst Ende der 1960er-Jahre tauchte Xaviers Nachlass wieder auf. Im «Beobachter» erschien 1969/70 eine achtteilige Reportage über Mertz. Der verantwortliche Redaktor lieferte über 100 Bilder aus dem Mertz-Nachlass dem Staatsarchiv Basel-Stadt ab, wo sie sich heute noch befinden
Autor: Christian Hug
Bilder: Mitchell Library, State Library of NSW