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1917–2017: 100 Jahre Russische Revolution
Das Jubiläumsjahr zur Russischen Revolution, eines der markantesten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, gab Anlass zu verschiedenen Veranstaltungen, Publikationen und Sendungen. Als Aufnahmeland zahlreicher politischer Emigranten und Exilrussen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Schweiz im Kontext der Russischen Oktoberrevolution einen besonderen Platz ein.
Julia Richers, Professorin an der Universität Bern und Spezialistin für die Geschichte Russlands und der Sowjetunion, setzt sich nachfolgend mit dieser einschneidenden Umwälzung auseinander. Für Ihren Beitrag danken wir ihr ganz herzlich. Daran anschliessend erinnern wir an die schweizerisch-russischen Beziehungen vor 1917.
Die Russische Revolution und die Schweiz
Flucht in die Schweiz
Marxistische und sozialdemokratische Organisationen hatten in Russland bis zum Ausbruch der Februarrevolution 1917 keinen einfachen Stand. Kaum gegründet, wurden sie verboten, ihre Mitglieder inhaftiert oder in die Verbannung geschickt. Viele Sozialistinnen und Sozialisten entkamen einer Verhaftung durch die Flucht ins westliche Ausland. Hier spielte die Schweiz eine herausragende Rolle. Ihre politische Stabilität und Neutralität sowie die in der Bundesverfassung garantierte Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, die vor einer politischen Verfolgung schützten, waren massgebliche Faktoren für die Zuwanderung aus Russland. In Genf entstand damals eine erste grosse russische Kolonie, wo 1883 Georgi Plechanow, Pawel Axelrod, Vera Sassulitsch und andere die einflussreiche marxistische Gruppe «Befreiung der Arbeit» gründeten. Gemeinsam mit Lenin und Juli Martow gaben sie ab 1900/1901 das wichtige Parteiorgan «Iskra» (Der Funke) der 1898 in Minsk gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands heraus.
Nach Genf waren auch die Universitätsstädte Zürich und Bern ausserordentlich wichtige Zufluchtsstätten. Ein Alleinstellungsmerkmal der Schweiz ist jedoch, dass sich revolutionäre Geschichte nicht nur in den urbanen Zentren abspielte, sondern gerade auch in entlegenen Orten wie Davos, Beatenberg, Sörenberg, Zimmerwald und Kiental.
In der Forschung wurde lange das Bild isoliert lebender Exilrevolutionäre vermittelt. Doch bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sich an mehreren Veranstaltungen enge freundschaftliche Netzwerke zwischen der Schweizer Sozialdemokratie und den Exilrevolutionären bildeten, die für die Zeit des Ersten Weltkriegs von entscheidender Bedeutung werden sollten. Wie eng die Bindungen werden konnten, zeigt die auffällige Häufung an Eheschliessungen zwischen Schweizer Sozialdemokraten und russischen Revolutionärinnen, etwa die Heirat von Robert Grimm und Rosa Grimm oder von Fritz Brupbacher und Lydia Kotschetkowa, und auch Fritz Platten ging mehrere Bindungen mit russischen Revolutionärinnen ein.
Die Schweiz als Tagungsort der Kriegsgegner
Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebten viele Exilrussen in der Eidgenossenschaft. Weitere gelangten in den ersten Kriegswochen in die Schweiz, so etwa Lenin mit seiner Ehefrau Nadeschda Krupskaja, Grigori Sinowjew, Angelica Balabanoff und Leo Trotzki. Äusserst aktiv beteiligten sie sich an den zahlreichen, 1915/1916 in und um Bern stattfindenden sozialistischen Konferenzen gegen den Krieg. Zu diesen zählten auch die von Grimm organisierten geheimen Konferenzen von Zimmerwald und Kiental. Was die Konferenzteilnehmenden verband, war der leidenschaftliche Kampf gegen den Krieg, was sie unversöhnlich voneinander trennte, war die Frage der Kampfmittel und der Taktik der Friedensaktion: Sollte sie auf parlamentarisch-demokratischem Weg oder über den revolutionären Umsturz erfolgen? Um Lenin bildete sich damals der Kreis der sogenannten Zimmerwalder Linken, die den Krieg so rasch wie möglich in einen revolutionären Bürgerkrieg umzuwandeln beabsichtigte. Lenin war es – obwohl in der Minderheit – gelungen, hier einen radikalen Block zu bilden und damit die Zimmerwalder Bewegung in einen revolutionären und einen gemässigten, zentristischen Flügel zu spalten.
Die Februarrevolution und die Rückkehr nach Russland
Die unverhoffte Kunde vom Ausbruch der Februarrevolution überraschte 1917 alle. Die russischen Revolutionärinnen und Revolutionäre im Schweizer Exil empfanden es als schier unerträglich, an den grossen Umwälzungen, für die sie Jahre ihres Lebens geopfert hatten, nicht teilnehmen zu können. Entsprechend rasch wurden Rückkehrpläne geschmiedet, was sich jedoch angesichts der Kriegssituation als hürdenreiches Unterfangen herausstellen sollte. Zur weiteren Planung wurde umgehend ein parteiübergreifendes «Zentralkomitee zur Rückkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten» gegründet, das jene 564 Exilantinnen und Exilanten vertrat, die sich zur Zimmerwalder Bewegung bekannten. Dazu gehörten neben Menschewiki, die Bolschewiki, Sozialrevolutionäre und Mitglieder des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes.
Grimm wurde beauftragt, über den Schweizer Bundesrat Arthur Hoffmann Kontakt zur deutschen Gesandtschaft in Bern herzustellen, um die Chancen einer Durchreise durch Deutschland auszuloten. Die deutsche Seite, die sich von den russischen Revolutionären eine massive Destabilisierung Russlands erhoffte, willigte rasch ein und stellte einen Zug zur Verfügung, der am 9. April 1917 den Zürcher Hauptbahnhof verliess. Im Zug, der von Platten begleitet wurde, befanden sich neben Lenin, Krupskaja, Sinowjew und Karl Radek zahlreiche weitere Revolutionäre, die alle in der anschliessenden Oktoberrevolution eine überaus tragende Rolle spielen sollten.
Während man die Februarrevolution in der Schweiz noch weitgehend positiv bewertet hatte, verurteilten viele die Oktoberrevolution aufgrund ihres Umsturzcharakters, ihrer Radikalität und ihrer revolutionären Ausdehnungsgefahr. So ging ein Teil der politischen Schweiz davon aus, dass der Landesstreik im November 1918 ein Resultat bolschewistischer Agitation sei. Man verwies die quasi-diplomatische Vertretung Sowjetrusslands, die Sowjetmission in Bern, des Landes und brach Kontakte zum ersten sozialistischen Staat der Welt kurzerhand ab.
Julia Richers
ordentliche Professorin für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte, Universität Bern
Weiterführende Literatur
Julia Richers, «Die Schweiz als Zufluchtsort und Wegbereiterin der Revolution», in: 1917 Revolution. Russland und die Folgen, hg. von Deutsches Historisches Museum, Schweizerisches Nationalmuseum, 2017, 69-81.
Zur Russischen Revolution bieten die Diplomatischen Dokumente der Schweiz ein e-Dossier.
Schweiz – Russland: Migration und Reisen
Beim Ausbruch der Russischen Revolution 1917 lagen die Anfänge der Kontakte zwischen der Schweiz und Russland bereits mehrere Jahrhunderte zurück. Diese gründeten nicht bloss auf den Beziehungen zweier Länder, sondern vielmehr auf den Zehntausenden Männern und Frauen, die nach Osten oder in umgekehrter Richtung nach Westen reisten, um im Zielland für einen Kurzaufenthalt oder für immer zu bleiben.
Richtung Osten
Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts bis 1917 liessen sich mehr als 20'000 Schweizer im Zarenreich nieder. Das Land lockte - dank seiner an Westeuropa orientierten Modernisierungsbestrebungen - mit guten Berufsaussichten in den Bereichen Landwirtschaft, Bauwesen, Wissenschaft, Industrie und Erziehung (Hauslehrer). Einige der Schweizer Auswanderer bewegten sich in den höchsten Kreisen, so François Le Fort, Freund Peters des Grossen, oder Frédéric-César de La Harpe, Hauslehrer und Berater des zukünftigen Zaren Alexander I. Unter den herausragenden Mathematikern an der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg lehrte auch Leonhard Euler. Im 19. Jahrhundert brachten die wegen der Krise der Milchwirtschaft emigrierten Berner Käser ihr Wissen in die russische Produktion ein. Waadtländer Winzer gründeten auf Einladung Alexander I. eine Kolonie in der Nähe von Odessa. Zahlreiche Westschweizerinnen fanden eine Anstellung als Gouvernante in Oberschichtfamilien oder gar in jener des Zaren wie Jeanne Huc-Mazelet. Nach der Revolution mussten rund 8'000 Personen, oft völlig verarmt, in die Schweiz zurückkehren.
Tessiner Baumeister in St. Petersburg und Moskau
Tessiner Architekten prägten das Stadtbild der kaiserlichen Hauptstädte. Der 1703 von Peter dem Grossen nach St. Petersburg gerufene Domenico Trezzini spielte beim Aufbau der neuen Hauptstadt eine bedeutende Rolle. Er plante ganze Stadtteile und realisierte zahlreiche Bauwerke wie die Kathedrale St. Peter und Paul. Domenico Gilardi, Sohn von Giovanni Battista, beteiligte sich nach dem Brand von 1812 am Wiederaufbau Moskaus. Unter den unzähligen, in Moskau tätigen Tessiner Baumeistern des 15. bis 19. Jahrhunderts sind Carlo Rossi und Ippolito Monighetti hervorzuheben. Letzterer leitete auch den Bau der russisch-orthodoxen Kirche in Vevey.
Richtung Westen
Die Schweiz ihrerseits übte vor dem Ersten Weltkrieg eine grosse Anziehungskraft auf die Russen aus. Unter den russischen Eliten trug Nikolai Michailowitsch Karamzin mit seinen Schriften und der Übersetzung schweizerischer Idyllen zur Verbreitung eines verklärenden Schweizbilds bei. Russische Adlige bereisten als Touristen die Schweiz, wobei sich einige dauerhaft niederliessen. Viele an Tuberkulose Erkrankte machten Kuraufenthalte in Sanatorien. In Davos eröffnete die russische Regierung 1911 gar eine konsularische Vertretung. Zahlreiche Schriftsteller wie Dostojewski, Gogol, Turgenew und Tolstoi hielten sich für kurz oder lang in der Schweiz auf. Ab den 1860er Jahren suchten politischen Oppositionelle, unter ihnen führende Figuren des Anarchismus und des Kommunismus, Zuflucht in der Schweiz, wo sie ihren Kampf fortsetzten (Bakunin, Kropotkin, Trotzki und Lenin). Eine weitere gewichtige Gruppe bildeten russische Studierende, deren Anteil im Sommer 1914 mehr als ein Viertel aller an den Schweizer Universitäten Immatrikulierten betrug. Der Krieg und die Russische Revolution setzten diesem Austausch ein jähes Ende.
Russische Studentinnen in der Schweiz
Unter den russischen Studierenden in der Schweiz waren die Frauen in der Mehrzahl. Die Feminisierung der Hochschulen vom Ende des 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war weitgehend darauf zurückzuführen. Im Russischen Reich hatten Frauen, insbesondere Angehörige von diskriminierten Minderheiten, kaum Zugang zu höheren Studien, während die Schweizer Universitäten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihnen dies ermöglichten. Russinnen studierten vorzugsweise Medizin, so Nadeschda Suslowa, die 1867 an der Universität Zürich als erste Frau in der Schweiz promovierte, und Lina Stern, ab 1918 erste ausserordentliche Professorin an der Universität Genf. Zu den Vorkämpferinnen gehört auch die Philosophin Anna Tumarkin, die an der Universität Bern 1898 habilitierte und dort als erste Dozentin lehrte.
Benziger Einsiedeln: Weltverlag im Klosterdorf und … im HLS
Das Neue HLS beabsichtigt, näher am Puls der Forschung zu sein und neue, für die Schweizer Geschichte relevante geschichtswissenschaftliche Entwicklungen und Ergebnisse zeitnah im Lexikon abzubilden. Die Möglichkeit, das Artikelkorpus auf diese Weise zu dynamisieren und in Zusammenarbeit mit Forschenden aktuelles historisches Wissen zu produzieren und zu vermitteln, ist eine der zentralen neuen Perspektiven des online-Lexikons.
Internationaler Medienkonzern
Aus aktuellem Anlass weisen wir hier auf eines der sich zurzeit in Umsetzung befindlichen Projekte hin, welches diese Forschungsnähe exemplarisch aufzeigen wird. Es hat den Benziger Verlag zum Thema, der sich von Einsiedeln aus in enger Wechselwirkung mit der katholischen Kirche zu einem global tätigen katholischen Medienkonzern entwickelte. Die Geschichte des Unternehmens, das die Schweizer Verlagslandschaft mehr als zweihundert Jahre lang prägte, wurde in einer Doktorarbeit vom Historiker Heinz Nauer untersucht. Aus seiner Auswertung des umfangreichen Benziger-Nachlassarchivs sind nun ein Buch (Fromme Industrie. Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750-1970, Baden 2017) und eine Ausstellung (Museum Fram, Einsiedeln) entstanden, die der Öffentlichkeit soeben vorgestellt wurden und die Geschichte des «Weltverlags im Klosterdorf» aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.
Verlags- und Familiengeschichte im HLS
Früchte dieser Forschungsarbeit werden bald direkt ins HLS einfliessen: In zwanzig neu verfassten Lexikonartikeln wird dieses wichtige Kapitel der Schweizer Verlagsgeschichte von Heinz Nauer auch in kompakter Form dargestellt. Dank der Mehrsprachigkeit des HLS wird es zudem einem französisch- und italienischsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Ein Beispiel dafür, wie das HLS seine Aufgabe versteht, als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu wirken. Das Projekt mit den neu konzipierten, multimedialen Biografien, Familien- und Sachartikeln rund um den Verlag und die Familie Benziger wird 2018 nach der Aufschaltung unserer neu gestalteten Webseite ausführlicher vorgestellt.
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