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Was macht eine schöne Frau aus, fragt Delphine Seyrig zu Beginn des Films und antwortet gleich selbst: Es sind nicht der perfekte Körper, die schönen Kleider, sondern vielmehr etwas anderes... Am ehesten wohl ihr Esprit. Das Zitat stammt von Marguerite Duras, doch scheint es wie geschaffen, das ureigene Wesen der faszinierenden Schauspielerin in Worte zu fassen. Bereits zehn Jahre sind es her, seit Delphine Seyrig im Alter von 48 Jahren in Paris verstarb. Wie kommt es, dass dieser legendären Darstellerin seither weder Monografie noch Filmporträt gewidmet wurde?
Die Westschweizer Dokumentarfilmerin Jacqueline Veuve war mit ihr befreundet und widmet ihr nun eine filmische Hommage, die Schaffen und Persönlichkeit dieser eindrücklichen Figur würdigt.
Delphine Seyrig weist eine bemerkenswerte Filmografie auf: Ihr erster Auftritt geht ins Jahr 1958 und Robert Franks Kultstreifen Pull My Daisy zurück. Zum Star wurde sie in der Hauptrolle von Alain Resnais’ L'année dernière à Marienbad (1961), gefolgt von Muriel (1963) und Truffauts Baisers volés (1968), Bunuels La voie lactée (1969) und Le charme discret de la bourgeoisie (1972). In den Siebzigerjahren engagierte sie sich aktiv in der Frauenbewegung und wurde zu einer zentralen Figur in der Geschichte des feministischen Films: Sie verkörperte die Hauptrollen in Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975), in Marguerite Duras’ India Song (1975), in Liliane de Kermadecs Aloise (1975) sowie in Ulrike Ottingers Freak Orlando (1981), Dorian Cray im Spiegel der Boulevardpresse (1984) und Johanna D'Arc of Mongolia (1988).
In ihrem Montagefilm vereinigt Veuve Ausschnitte aus Familienfilmen, die von glücklichen Ferientagen im Haus von Seyrigs Schweizer Grossmutter erzählen. Aufnahmen ihrer Auftritte in Film und Theater, eigene Statements in einem seltenen Interview mit Claude Lanzmann sowie Aussagen von mit ihr befreundeten Zeitgenossen, mit ihrem Sohn Duncan Youngerman oder mit Freddy Buache beleuchten die zahlreichen Facetten ihrer Person. Von ihrem ansteckenden Enthusiasmus und ihrer verführerischen Faszination ist da die Rede. Von ihrer Ausbildung in Strasbergs Actor’s Studio und ihrer Professionalität. Von dem unvergleichlichen Timbre ihrer Stimme, die rau und melodiös zugleich über ein erstaunliches Register verfügte. Und von ihrer Zurückhaltung, was ihr Privatleben betraf - was auch Veuve in ihrem Porträt respektiert.
Delphine Seyrig - Portrait d'une comète erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit - und man mag auch die eine oder andere Persönlichkeit - Robert Frank, Ulrike Ottinger, Chantal Akerman - vermissen. Andererseits lag Veuve daran, nicht nur die künstlerische, sondern auch die politische Seite Seyrigs zu dokumentieren: ihr Engagement und ihre vehement-kompromisslosen Statements für die Abtreibung und gegen die Diskriminierung der Frau. War dies der Grund, weshalb sie trotz ihrer unbestrittenen Bravour im Lauf ihrer Karriere immer weniger von männlichen Regisseuren für die Zusammenarbeit angefragt wurde? Und ist dies die Erklärung dafür, dass ihr eine Würdigung ihres Startums bisher verwehrt blieb? Veuves Dokumentation leistet trotz ihrer Fragmenthaftigkeit eine sensible Annäherung an die schillernde Persönlichkeit. Dass die Fragen offen bleiben, spricht für sich.