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Immer wieder liest man, dass es am Rheinknie schon Mitte des 14. Jahrhunderts Stadtpfeifer gegeben habe – und stellt dann automatisch einen Zusammenhang zu den drey scheenschte Dääg her. Das ist aber nicht ganz korrekt.
Stadtpfeifer
Früher hatte jede Schweizer Stadt ihren Stadtpfeifer. Aber mit de Pfyffer an der Basler Fasnacht hatte dieses Amt herzlich wenig zu tun. Diese gutbezahlten Musikbeamten waren ausgebildete Multi-Instrumentalisten, die für Musikdarbietungen im Rahmen zeremonieller und militärischer Angelegenheiten angestellt waren. Sie konnten Flöte, Horn, Trompete, Fanfare spielen – und meistens auch noch ziemlich gut trommeln.
In Armeediensten
Pfeifer gab und gibt es zudem in Armeediensten, im angelsächsischen Raum sowie in den USA sind diese in der Regel mit so genannten Fifes ausgerüstet, das korrekte deutsche Wort für dieses Instrument heisst Schwegel. Es handelt sich dabei um einfache hölzerne Querflöten, die viel leiser sind als unsere Basler Dybli und Spez. Die Kombination Flöte und Trommel, in Schottland übernimmt bekanntlich der Dudelsack die melodische Rolle, im militärmusikalischen Kontext kann bis ins Altertum zurückverfolgt werden. Wobei die ersten Flöten, die dabei zum Einsatz kamen, aus Knochen geschnitzt wurden. Aus der Schweizer Armee verschwanden die Pfeifer allerdings in den Dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts, die Tambouren haben sich hingegen bis heute gehalten. – Dafür kamen die Piccolos im bürgerlichen Jahrhundert an die Basler Fasnacht.
Nach Gehör
Georg Duthaler hat den Ursprünge des fasnächtlichen Pfeifens in unserer Stadt nachgespürt, er war einer der ersten, der sich seriös damit befasste. Der erste Basler Pfeifer, auf den er bei seinen Nachforschungen gestossen ist, war der Waisenvater Johann Jakob Schäublin (1822 – 1901). Schäublin hat ein Singbuch verfasst, das sich in seiner Zeit grosser Beliebtheit erfreut hat, es hiess «Lieder für jung und alt». Seit seiner Kindheit besass er ein einfaches altmodisches Piccolo mit einer Klappe, seine Eltern hatten es ihm an einem Stand gekauft. Ein Drechslermeister habe ihm in Weil am Rhein Lektionen auf dem Instrument erteilt. Damals spielten die meisten Pfeifer nach Gehör. Und J.J. Schäublin pflegte an der Fasnacht zu pfeifen. Er war ein Pionier auf diesem Feld.
1853
Die ersten Fasnachts-Pfeifer, die urkundliche Erwähnung fanden, sind an der Fasnacht 1853 aufgetaucht, sie hätten dreistimmig alte Militärmärsche gespielt. Und seien dafür «richtig entlöhnt» worden. Auf historischen Bildern, die Szenen aus unseren drey scheenschte Dääg darstellen, sind Pfeifer erst ab 1856 dargestellt. Zeitungsannoncen für den Kauf von Piccolos sind ab 1954 belegt. Auf älteren Fasnachtshelge können wir sehen, dass zum Trommeln, wie an vielen Orten in der Schweiz Fanfaren, bzw. Clairons, geblasen werden.
Gassenhauer
Die ältesten Märsche, die während der drey scheenschte Dääg gepfiffen wurden, waren die Alten und die Neuen Schweizer, deren Grundlagen Mitte des 18. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden, der Morgestraich sowie militärische Signalrufe und Ordonnanzen, wie sie etwa in der Pfyfferdaagwacht, im Saggodo oder in der Pfyffer Retraite zu hören sind. Der Arabi, eine Kombination alter britischer Grenadiermärsche, irischer Tänze und Lieder, ist 1883 an die Basler Fasnacht gekommen – und wurde blitzschnell zum Gassenhauer.
Form gegeben
Die Version, die wir heute kennen, wurde 1945 veröffentlich, arrangiert von Karl Schell – dazu kam ein Trommeltext, den der berühmte Trommeldoktor «Frutz», Fritz Berger, verfasst hatte. Diese beiden grossen Basler Fasnachtskomponisten haben auch den «Alte» und de «Neue», die Form gegeben, die wir heute auf der Strasse spielen. Schon einige Jahre zuvor, nämlich 1939, wurde die Version des Baslermarsches erstellt, die man noch heutzutage kennt, von Willi Haag und «Frutz» Berger. Übrigens ist es sehr wahrscheinlich, dass es im 19. Jahrhundert auch zu den Trommelmärschen, die zum Vogel Gryff gehören, Pfeiferstimmen gegeben hat.
Gerade mal 12 Märsche
Langsam ist es gewachsen, das Repertoire der Basler Pfeifer- und Trommlermärsche. Am Drummeli 1914, dem ersten, das im Kiechli-Theater durchgeführt wurde, bestand das Repertoire der Cliquen aus gerade mal zwölf Märschen, es gab aber 18 Stammcliquenauftritte, einige Märsche mussten also wiederholt werden. Das kann man sich in unseren Tagen, wo praktisch zu jedem Anlass ein Märschlein – wobei viele davon Eintagsfliegen bleiben – komponiert wird, gar nicht mehr vorstellen.
Aus Byzanz
Zum Schluss noch einige Worte über das Instrument. Natürlich basiert das Piccolo auf der Querflöte, die gegen Ende des 11. Jahrhunderts nach Europa gekommen ist, und zwar aus Byzanz, dem heutigen Konstantinopel. Ab dem 14. Jahrhundert haben Trommler und Querflötenspiele nachweislich europäische Heere begleitet. Ab dem 16. Jahrhundert kommen plötzlich verschiedene Grössen der Querflöte ins Spiel, in diesem Zusammenhang ist erstmals vom – oben erwähnten – Schwegel die Rede, aber auch von der Zwerchpfeife und von der Schweitzerpfeife, auch Fifre (franz.) genannt.
Erwin Oesch
Im frühen 18. Jahrhundert wurde dann das Piccolo erfunden, die Mutter jener Modelle, die wir heute kennen. Erst im Jahr 1950 hat Erwin Oesch, ein Instrumentenbauer, der aus der Ostschweiz ans Rheinknie gezogen ist, das Basler Dibly geschaffen und – kurz darauf – das Spez mit den grob gebohrten Löchern, das eben gut für zweite Stimmen geeignet ist, aber auch einen fetteren, runderen Ton aufweist, den fortgeschrittene Pfeiferinnen und Pfeifer bevorzugen. Instrumente also, die speziell für die Basler Strassenfasnacht geeignet sind. Vorher waren in Basel Piccolos der deutschen Marke Wurlitzer beliebt gewesen, die in der berühmten Instrumentenbauerstadt Markneukirchen hergestellt wurden.