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Während seiner Tätigkeit als Grafikdesigner, Werbegrafiker und konkreter Künstler arbeitet der Basler Karl Gerstner (1930–2017) auch zwei komplette Schriften aus, die bis heute über Fonts-Bibliotheken im Web erhältlich sind. Wer aber besitzt die Rechte an Gerstners Schriften?
Von Isabelle Kirgus
Im Jahr 1993 meldet die Berliner Firma H. Berthold AG Konkurs an. Damit endet die glanzvolle Firmengeschichte der in den 1920er-Jahren grössten Schriftsetzerei der Welt. Berthold hatte viele grosse Schriftgestalter unter Vertrag, Bauhaus-Künstler wie Herbert Bayer, aber auch den prägenden Erneuerer älterer Schriften, Günter G. Lange (1921–2008), der zugleich künstlerischer Leiter der Firma Berthold war. Während andere Schweizer Grafiker und Schriftgestalter mit der Haas’schen Schriftgiesserei in Münchenstein bei Basel zusammenarbeiteten, wo auch die Schrift «Helvetica» vertrieben wurde, band sich der Basler Karl Gerstner vertraglich an die Berliner Firma, die in Typographenkreisen Weltruhm genoss. Seine Schriften «Gerstner Programm» sowie «Gerstner Original», um die es hier gehen soll, waren bei Berthold im Angebot.
Eine Schrift für IBM
In den frühen 1980er-Jahren erhält Karl Gerstner den Auftrag, eine Firmenschrift für das Unternehmen IBM zu entwerfen. Gewünscht war eine Serifenschrift, also eine gut leserliche Schrift mit kleinen Strichen an den Buchstaben. Doch Gerstner entwirft eine komplett neue, massgeschneiderte Schrift ohne Serifen, die er «IBM Original» nennt. Die Präsentation der Schrift vor der Geschäftsleitung von IBM ist nicht erfolgreich: Die «IBM Original» wird abgewiesen. Glücklicherweise erhält Gerstner das Patent an seinen Entwürfen und publiziert die von ihm entwickelte Schrift 1987 unter dem Markennamen «Gerstner Original» bei Berthold in Berlin.
«Der Zeit voraus»
Gerstner hatte sich zeit seiner beruflichen Tätigkeit intensiv mit Typographie beschäftigt, naheliegend, da er als Grafiker und Werbefachmann Bild und Text für seine Kunden in kongruente Entwürfe umsetzte. Dabei ist ihm «die Schrift (…) das Medium zur Kommunikation, die Typographie (…) die Verpackung. Die Schrift muss lesbar sein, aber die Typographie muss zum Lesen einladen.» Und genau dies erreicht er mit «Gerstner Original» auf kongeniale Weise: Es ist eine sehr moderne, eine hochästhetische Schrift, die dem Urteil von Gerstners Weggefährten gemäss «der Zeit voraus» war. «Gerstner Original» orientiert sich offensichtlich an serifenlosen Grotesk-Schriften, repräsentiert aber etwas Neuartiges: Fliessende Binnenräume innerhalb der Lettern, insbesondere bei den Versalien (Grossbuchstaben) «B» oder «P» oder auch bei der Zahl «8». Sensationell schön gelang auch die Umsetzung der Umlaute. Erstaunlicherweise fand diese Schrift wenig Anwendung. Vor allem Karl Gerstner selbst verwendete sie für seine eigenen Publikationen und seine Korrespondenz. Zudem baute er die Schrift in verschiedenen Verfeinerungsstufen weiter aus.
Wem gehört sie nun, die Schrift?
Bis 1993 war die «Gerstner Original» bei Berthold unter Lizenz. Danach wird die Rechtslage unklar. Nach der Liquidierung der H. Berthold AG durch das Berliner Amtsgericht Charlottenburg wird deren Schrift-Bibliothek «heimatlos». Die Berthold-Schriften tauchten auf Ebay oder auf diversen Plattformen für «Fonts» auf. «Gerstner Original» wurde etwa bei der Berliner Firma Babylon Schrift Kontor GmbH auch unter dem Namen «kg original» vertrieben. Später behauptete die Chicagoer Firma «Berthold Types Ltd.», 1997 alle Berthold-Schriften inklusive der Rechte erworben zu haben. Karl Gerstner sah das anders: Bereits kurz nach dem Konkurs der H. Berthold AG erklärte er dem Berliner Gericht schriftlich, dass er das Copyright auf seine beiden Schriften zu sich zurücknehme. Am 25. August 2022 gab die Firma Monotype Imaging Holdings Inc. («one of the world’s largest type foundries») aus Massachusetts bekannt, das Inventar der «Berthold Types Ltd.» gekauft zu haben. Nunmehr bietet sie die «Gerstner Original» unter dem Namen «Gerstner® Original BQ» an.
Ausblick
Gerstners Schriftentwürfe gehören zum «immateriellen Kulturerbe» der Schweiz. 2014 wurden das «Schweizer Grafikdesign und die Schweizer Typografie» als eine von acht lebendigen Traditionen für die entsprechende UNESCO-Liste vorgeschlagen. Eine Aufnahme ist aber noch nicht erfolgt – diese wäre allemal eine posthume Genugtuung für Karl Gerstner.
Karl Gerstner, 1930 in Basel geboren, 2017 ebenda verstorben. Absolvierte eine Grafikerlehre bei Fritz Bühler und besuchte Kurse an der Gewerbeschule Basel bei Emil Ruder. Zusammen mit Markus Kutter gründete er 1959 die Werbeagentur Gerstner + Kutter, die 1962 unter Beteiligung von Paul Gredinger zur GGK wurde und sehr erfolgreich war. Gerstner beeinflusste das Grafikdesign während vieler Jahrzehnte und schuf, die visuelle Kommunikation bis heute prägende, «Corporate designs» (Capital, Langenscheidt, Swissair, etc.). Sein Nachlass – Werbekampagnen, Schriftentwürfe, Farbkarteien, Korrespondenzen etc. – befindet sich in der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek, ebenso wie das Archiv der Agentur GGK.
Literatur und Quellen
Letzte Änderung 19.01.2023