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Bei der Anreise ins Katastrophengebiet ist das Ausmass der Zerstörung durch die Erdverflüssigung bereits aus der Luft sichtbar. Ganze Landstriche sehen aus wie mit einem gigantischen Löffel umgerührt. Es wird still im voll besetzten Flugzeug. Die Passagiere bestehen hauptsächlich aus bemittelten Einheimischen, die nach dem Erdbeben geflüchtet sind. Nun, einen Monat nach dem Beben, kehren sie zurück.
Der Müllmann
Während die Rückkehrer erschüttert nach unten schauen, redet der Indonesier neben mir unbeeindruckt weiter. Wie die meisten Katastrophenhelfer, die ich in den kommenden Tagen kennenlerne, ist auch er ein spezialisierter Desaster-Profi. Er stammt aus Ace, ist beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) angestellt und eigentlich gegenwärtig in Bangladesch stationiert und mit der Rohingya-Krise beschäftigt. Im weltweit grössten Flüchtlingscamp der Welt koordiniert er die Abfallentsorgung. Er wurde kurzfristig nach Indonesien berufen, weil der indonesische Staat ausländische Helfer nur im Ausnahmefall im Katastrophengebiet zulässt. Lokale Fachkräfte sind rar, zumal viele noch mit den Arbeiten auf Lombok beschäftigt sind, wo bereits im August 2018 ein Erdbeben für grossflächige Verwüstung gesorgt hat. Er erklärt mir seine Aufgabe: «Ich bin der Müllmann. Ich bin in den kommenden Wochen dafür verantwortlich, dass in den Camps und zerstörten Dörfern keine Seuchen ausbrechen. Viele Leichen konnten noch nicht geborgen werden und liegen knapp unter der Oberfläche oder unter den Trümmern der Häuser. Zudem unterstütze ich die lokalen Behörden bei der Beseitigung des ganzen Schuttes. Hierbei achten wir darauf, dass möglichst viel brauchbares Material wiederverwertet wird.»
In Palu angekommen, fahre ich zur Partnerorganisation von Caritas Schweiz. Auf dem Weg durch die Stadt ist sichtbar, dass einige Quartiere das Erdbeben fast unbeschadet überstanden haben, während andere in Trümmern liegen. Die ganze Küstenzone ist komplett vom Tsunami verwüstet. Die ehemalige Strandpromenade ist von Trümmern übersät. Eine Gruppe von Kühen schlendert durch den Schutt und über die Überbleibsel der zerstörten Häuser. Da ragt ein Sofa heraus, dort liegen eine zerbeulte Pfanne und kaputtes Kinderspielzeug. Ich denke an den Müllmann vom Flugzeug. Bis das alles weggeräumt ist, werden Monate vergehen…
Eine logistische Meisterleistung
Wie die meisten Organisationen, die hier auf Sulawesi Nothilfe und Wiederaufbau leisten, hat auch unsere Partnerorganisation IBU (indonesisch für «Mutter») ihr Büro auf der indonesischen Hauptinsel Java, zweieinhalb Flugstunden von Sulawesi entfernt. Nach dem Erdbeben mussten alle humanitären Organisationen in Palu schnell ein temporäres Büro und eine Operation mit Logistik und Fahrzeugflotte einrichten. IBU hat das grosse Haus einer lokalen Familie zum Stützpunkt und Warenlager umfunktioniert. Die Besitzer sind nach Java geflüchtet und kommen aus Angst vor Nachbeben erst in einigen Wochen zurück. Das Haus haben sie IBU kostenlos zur Verfügung gestellt: «Unser Beitrag an die Hilfe.» Das etwa zehnköpfige IBU-Stammteam koordiniert von hier aus die Feldeinsätze der Fachkräfte.
Kaffee wird herumgereicht. Geschlafen haben die Mitarbeitenden in den letzten Wochen nur stundenweise. IBU realisiert mehrere Projekte mit unterschiedlichen Gebern. Es gibt viel zu tun. Nothilfe eilt – die Betroffenen sind dringend angewiesen auf schnelle Versorgung mit behelfsmässigen Unterkünften, Lebensmitteln, Wasser, Hygieneartikeln. Viele Überlebende sind von den Ereignissen schwer traumatisiert und benötigen psychosoziale Betreuung. Alles muss organisiert, auf dem Luft-, See- oder Landweg nach Palu transportiert und die Verteilung der Waren und die Bereitstellung der Dienstleistungen unter den Organisationen vor Ort koordiniert werden. Viele Güter sind vergriffen, die Transportwege komplett überlastet und die Vorgaben der Regierung kompliziert. Die Wände in der IBU-Zentrale sind bedeckt von Postern mit Karten, Telefonnummern, Einsatzplänen und den Übersichten, wo wann die thematisch organisierten Koordinationstreffen stattfinden. Eine Gruppe Freiwilliger wird gerade in einem Zimmer auf ihre Aufgaben vorbereitet.
Alle haben jemanden verloren
Ein Feldteam von IBU ist heute im Flüchtlingscamp von Balaroa im Einsatz. Viele Brücken und Strassen sind zerstört, weshalb es nicht ganz einfach ist, den Weg zum Camp zu finden. Unterwegs erzählt mir der Fahrer Dedi, dass er nicht mehr schlafen kann seit dem 28. September. Die Angst, sie kommt zurück, Nacht für Nacht. Dann betet Dedi zu Allah und dankt ihm, dass er sein Leben und sein Haus verschont hat. Nur 25 Meter neben Dedis Haus begann die Zerstörung durch Erdverflüssigung: «30 Meter mehr und ich wäre tot. Das ist eine Warnung von Allah.» Einige seiner Freunde sind am 28. September verschwunden. Vom Erdboden verschluckt.
Text: Ethel Grabher, Caritas Schweiz
Bild ganz oben rechts: Die Küstenzone von Palu ist komplett verwüstet. (c) Ade Nuriadin/Deutsche Caritas
Bild oben links: Die Verteilung von Hilfsgütern auf Sulawesi ist eine grosse Herausforderung. (c) Caritas Indonesien
Bild links: Ethel Grabher, Caritas Schweiz. (c) IBU
Ethels Bericht aus Sulawesi, Oktober 2018
Im Camp Balaroa traf Ethel die Mutter Ida, die ihr erzählt hat, wie sie knapp dem Unheil entkam und all ihr Hab und Gut verlor. Hier weiterlesen: