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Mit vielen unbeschreiblich schönen Erinnerungen verliessen wir in Ushuaia unser Expeditionsschiff „Ocean Endeavour“. Als erstes mussten die ausgeliehenen Skihosen und Handschuhe zurückgegeben und Emma vom Parkplatz geholt werden. Da Filou noch ein paar Tage länger in seiner Hunde-Ferienoase blieb, machten wir uns auf, den Nationalpark Tierra del Fuego zu erkunden. Dann folgten drei Tage Werkstatt: 1 x Ölwechsel und zwei Tage lang ein paar Risse im Motorraum schweissen. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Schotterpisten ihren Zoll forderten…
Dann waren wir endlich bereit für die Weiterreise! Natürlich gleich auf der nächsten Wellblechpiste! Wir besuchten die Estancia Haberton am Beaglekanal und lernten bei der Besichtigung viel über die Geschichte der Besitzer und das Leben am Ende der Welt.
Im Jahr 1845 wurde unter einer Brücke in Bristol/GB ein Findelkind gefunden. Weil man auf seiner Kleidung ein aufgesticktes „T“ fand und weil er unter einer Brücke lag, wurde er Thomas Bridges genannt. Er wurde von einem Missionspaar adoptiert, welches dann zu den Falklandinseln aufbrach, um die Indigenen zu bekehren. Thomas wuchs mit den Kindern des Dorfes auf und lernte schnell deren Sprache und Gebräuche. Als seine Adoptiveltern nach England zurückkehrten, war Thomas nur gerade 18 Jahre alt und entschied sich, die Mission zu übernehmen. Er segelte nach England, heiratete und kehrte mit einem in seine Einzelteile zerlegtem Haus nach Feuerland zurück, wo er und seine Frau die ersten permanenten europäischen Siedler wurden. Waren bisher alle Versuche der Christianisierung fehlgeschlagen, hatte Thomas Erfolg, da er die Sprache und Gebräuche kannte und respektierte. Nach einer verheerenden Masernepidemie, der ein Grossteil der Indigenen zum Opfer fiel, entschied sich Thomas, das Missionieren aufzugeben und sich der Landwirtschaft und Schafzucht zu widmen. Die Estancia Haberton ist bis heute im Besitz derselben Familie. Nach dem während eines extrem kalten und langen Winters (1995) der gesamte Viehbestand verhungert war, gab die Familie die Landwirtschaft auf und führt jetzt täglich Touristen über das Gelände und in die Scheunen des Hofes.
Die Ländereien der Estancia liegen wunderschön am Beaglekanal und es darf „wild“ übernachtet werden. Obwohl Feuerland für seien starken Winde bekannt ist, hatten wir Glück und verbrachten einen warmen Sonntag an der Sonne liegend.
Von jetzt an ging es nun wirklich nordwärts. Wir verliessen Ushuaia dem Rio Olivia nach über den Garibaldi-Pass. Da wir nach Chile einreisen würden, mussten wir in Rio Grande die Ausreisepapiere für Filou erneuern. Danach gings frisch-fröhlich einem kleinen Grenzübergang entgegen, den wir auf der Karte entdeckt hatten. Nach 2 Stunden Holperpiste standen wir an der argentinischen Seite der Schranke und wurden von der Aduana aufgeklärt, dass dieser Übergang seit Corona von den Chilenen geschlossen wurde und auch nicht mehr aufgehen würde… Hätten wir am Morgen die App Ioverlander konsultiert, hätten wir das gewusst… haben wir aber leider nicht und so gings wieder zwei Stunden holperdipolper zurück nach Rio Grande und von da weiter zum Grenzübergang San Sebastian. Nach einem langen Fahrtag erreichten wir unser Etappenziel und besuchten am folgenden Morgen eine weitere Pinguineria, den Parque Pinguino Rey. Königspinguine (die zweitgrösste Pinguinenart) leben hauptsächlich auf Südgeorgien. Um sie dort zu sehen, muss man die 3wöchige Antarktistour buchen, was wir nicht gemacht hatten. Aber hier an der Bahia Inutil (nutzlose Bucht) hat sich vor einigen Jahren eine Gruppe dieser hübschen Pinguine niedergelassen und kehrt jährlich zum Ausbrüten der Eier und Aufzucht der Jungtiere hierher zurück.
Mit Porvenir erreichten wir die erste „grössere“ Ortschaft in Chile. Da wir in Argentinien vor der Grenze alles aufessen mussten (Obst, Gemüse, Fleisch), steuerten wir voller Vorfreude einen Supermercado an (den grössten im Ort). Es macht immer Spass, das erste Mal in einem neuen Land einkaufen zu gehen. Ok, der Laden war nicht ganz so gross, ok, Porvenir ist beinahe am Ende der Welt. Aber mir blieb echt die Spucke weg, als ich vor dem Obst und Gemüse stand: schimmlige Tomaten, braune, weiche Auberginen, schrumpelig-schwammige Peperoni, vor sich hin faulende Nektarinen und zerquetschte Kirschen. Wer in Gottes Namen kauft sowas? Ich jedenfalls nicht! Wir fanden ein Päckchen Scheibenkäse, kauften es und verliessen das Geschäft schleunigst wieder. Am nächsten Morgen würden wir in aller Frühe mit der Fähre nach Punta Arenas übersetzen und da hoffentlich was Besseres finden. (Inzwischen bin ich schon öfters in chilenischen Supermercados gewesen und nein, es wurde nicht besser. Aber manchmal hat man Glück und erwischt was frisches, unverbeultes).
Mit der Fähre liessen wir Feuerland hinter uns und befanden uns in Punta Arenas auf dem chilenischen Festland.
Eine halbe Tagesreise weiter nördlich befindet sich Puerto Natales, der Ausgangspunkt für Ausflüge in den Nationalpark Torres del Paine. Der Ort quillt beinahe über vor lauter Touristen, dafür gibt es viele Restaurants und einen brauchbaren Laden. UND eine Tierärztin, die mit einem Dogsitter zusammenarbeitet. So konnten wir Filou von Dienstagnachmittag bis Samstagmorgen bei Sebastian lassen (der ihn mit zu sich ins Bett nahm 🙂 und den legendären Park erkunden. Wir reisten gleich am Dienstagabend noch 2 Stunden zum Nordeingang und starteten am nächsten Morgen um 7:00 Uhr die Tageswanderung zur Base de las Paines. Nach dem Einlaufen im Flachen ging es bergauf zum Windy Pass und runter zum Camp Refugio Chileno. Von hier ging es bergauf und bergab durch einen Wald, bevor es knapp 2 km neben und über ein Geröllfeld steil bergauf zum Lago Torre ging. Der Anstieg war schon sehr herausfordernd, berührten meine Knie doch bei jedem Schritt beinahe mein Kinn, so hoch waren die Felstritte! Aber die Aussicht auf die Torres entschädigte für die Tortur! Und vor den steilen Felswänden zogen Kondore ihre Kreise. Nach einer knappen Stunde Pause machten wir uns mit viiiiiieln anderen Wanderern an den Abstieg. Der schmale Weg erlaubte kein überholen, man war in einer langen Menschenschlange gefangen. Zudem kam uns eine weitere Menschenschlange bergauf entgegen, dieser musste immer wieder zum Passieren Platz gemacht werden und es kam zu richtigen Verkehrsstaus. Dazu musste man im steilen Gelände aufpassen, wohin man seine Füsse stellte. Endlich war der Waldweg erreicht und das Gedränge vorbei. Beim Camp hätte ich am liebsten meinen nicht eingepackten Schlafsack ausgepackt und dort die Nacht verbracht. Aber das nützte ja nichts, nach einer kurzen Pause quälte ich mich den Windy Pass hoch und staunte über die an mir vorbeirennenden Trailrunners. Wieso hatten die noch soviel Energie? Zum Glück gings bald nur noch runter und dann über die Ebene zurück zum Parkplatz, wo wir gleich die Nacht verbrachten. Übrigens würde was ganz anderes hier stehen, wenn Felix den Bericht geschrieben hätte! So etwas in der Art „gemütliche Halbtageswanderung“ oder ähnliches.
Am Donnerstag waren dann nur Sightseeing und Spaziergänge vorgesehen. Als erstes wollten wir abklären, warum die Laguna Azul „Laguna Azul“ heisst. Auf dem Weg dorthin machten wir beim Wasserfall des Rio Paine halt mit Blick auf die Torres des Vortages. Diese liessen sich nochmals von der Blauen Lagune aus bestaunen. Auch bei der Weiterfahrt durch den Park verschlugen uns die so steil aufragenden Gipfel und die vielen Gletscher immer wieder die Sprache. Dazwischen tiefblaue Seen eingebettet in die karge Landschaft.
Den letzten Tag im Park verbrachten wir am Lago Grey, in dem ein paar Eisberge des Grey-Gletschers schwammen. Man könnte hier eine Bootsfahrt zum Gletscher buchen, wir kommen aber aus der Antarktis und können uns nicht vorstellen, das der Grey-Gletscher dem Vergleich standhalten könnte. So spazierten wir auf einer Halbinsel im See herum und genossen die Ruhe ganz ohne andere Touris. In den Bäumen entdeckten wir sogar grüne Papageichen. Beim letzten Mittagessen an der Sonne hoch über dem Rio Serrano und der Lodge zwischen den Flussschlingen verabschiedeten wir uns vom Parque Nacional Torres del Paine und machten uns auf den Weg zurück nach Puerto Natales mit letzten schönen Aussichten am Lago del Toro.
Am Samstag stellte die Tierärztin ein neues Gesundheitzeugnis für Filou aus, wir mussten aber bis Montag warten, bis das Vet.+und Landwirtschaftsamt wieder geöffnet hatte. Aber in Puerto Natales lässt es sich gut sein, ausser man versucht Samstagnachts am Hauptplatz auf dem Parkplatz zu schlafen…
Am Montag ergatterten wir endlich das Papier, dass Filou für zwei Monate freie Grenzübertritte zwischen Chile und Argentinien gewährt! Das erleichterte uns das Reisen enorm. Wir fuhren gleich an die nächste Grenze und befanden uns wieder in Argentinien. Dieser wiederholte Grenzübertritt war notwendig, weil auf chilenischer Seite keine Strasse nach Norden führt…
El Calafate (Die Berberitze) liegt am Lago Argentina, den türkisblauesten See, den ich bis dahin gesehen hatte. Auch dieses Städtchen lebt vom Tourismus, denn es ist das Eingangstor zum südlichen Teil des Parque Nacional los Glaciares. Hier fanden wir für Filou einen Tagesplatz und konnten so ungehindert den Gletscher Perito Moreno besichtigen. Auf Aussichtsplattformen und Stegen kommt man dem gewaltigen Gletscher schon sehr nah. Der Gletscher schiebt sich täglich etwa 40cm in den Lago Argentino, es knackt wiederholt bevor riesige Stücke abbrechen und mit lautem Getöse in den See donnern. Die Front der Gletscherzunge ist 70 Meter hoch, seitlich davon sind es etwa 40 Meter. Bei einer Breite von 5km und einer Länge von 30km ist dieser Ausläufer des Südpatagonischen Eisfeldes ganz schön gross! Er ist zwar der berühmteste, aber der wenige Kilometer entfernte Gletscher Upsala ist der Grösste Gletscher Südamerikas. Das sind nur zwei der acht Gletscher, die sich vom südlichen Patagonischen Eisfeld nach Argentinen herabschlängeln und im Lago Argentino kalben. Drei weitere enden in kleine Lagunen, die sich über kurze Flüsse ebenfalls im See ergiessen.
Ebenfalls zum Nationalpark Los Glaciares gehört das Gebiet um den Mount Fitz Roy weiter nördlich. Hier starten die Wanderwege ins Berg- und Gletscherparadies in der Ortschaft El Chalten. Im Ort darf Filou spazieren geführt werden, überall sonst gilt Hundeverbot. Deshalb planten wir nur eine kleine Wanderung zur Laguna Capri und zurück. So lange konnte Filou längstens alleine im Womo bleiben. Aber dann war es so schön dort oben und der Blick auf den Cerro Fitz Roy so gewaltig, dass wir weiterwanderten. Wir nahmen aber nicht den steilen Aufstieg zum Lago de los Tres sondern einen Pfad der ohne grosse Steigungen in den Wanderweg zur Laguna Torre mündete. Von hier hatten wir einen wundervollen Blick auf den markant spitzen Cerro Torre. Bis wir wieder am Womo waren, waren 6,5 Stunden vergangen, die Filou vermutlich grösstenteils auf unserem Bett schlafend verbracht hatte. Der alte Junge ist ja auch schon 12 Jahre alt. Als Belohnung gabs eine ausgiebige Runde durchs Dorf, bevor wir uns auf den Parkplatz beim Ranger-Zentrum stellten und den Abend in einer grossen Runde deutschsprechender Reisenden ausklingen liessen.
Den ganzen nächsten Tag sassen wir im Auto und fuhren auf der Ruta 40, (der Panamericana) weiter nordwärts. Etwa 70km der einzigen Strasse weit und breit sind hier nicht befestigt, das heisst es holperte ununterbrochen. Kaum fing der Teer wieder an, war Abend und wir holperten eine Nebenstrasse hinunter zum Lago Cardiel, der genauso stechend blau war, wie alle Seen in der Umgebung. Aber warum wächst an diesem See kaum etwas? Die hohe ionische Zusammensetzung des Wassers macht es für den Menschen ungeniessbar, Schafe, Nandus, Guanacos und Hasen kommen aber zum Trinken ans Ufer und knabbern die spärlichen, vertrockneten Grashalme im Umland. Häuser gibt es am ganzen See keine, aber um uns herum campierten ein paar Argentinier und Deutsche. Nach den doch eher lauten Nächten in und um die Nationalparks war es hier beinahe gespenstisch still.
Wir fuhren weiter durch die trockene Meseta, Blicke auf die schneebedeckten Andengipfel erhaschten wir nur noch selten. Unser Tagesziel war die Cueva de las Manos. Bis zur originellsten Tankstelle/Hotel/Restaurant/Gemischtwarenladen in Bajo Caracoles war die RN 40 geteert, oder sagen wir mal: Teer und Nichtteer hielten sich die Waage. Wir kamen kaum vom Fleck und so gab es eben an dieser Tankstelle eine lausige Pizza mit extra/extrem viel Käse zu Mittag. Wir teilten sie uns, den Rest gabs zum Znacht. Nach dem Volltanken (keine Kreditkarte) verliessen wir das bisschen Teer und fuhren hinein in die Mesetas. Es schüttelte wieder ununterbrochen und Hardware (Womo) und Software (ich) wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Kurz vor dem Parkplatz erschraken wir ab einem seltsamen Geräusch das von Emmas Hinterteil zu kommen schien. Sch… die Halterung der hinteren Stossstange war links gebrochen und die Stossstange wabberte auf dieser Seite auf und ab.
Auf dem Parkplatz der Cuevas angekommen, musste als erstes der Unterfahrschutz abmontiert werden. Die Vorstellung, von jetzt an immer eine Stossstange ein und ausladen zu müssen, stinkte uns gewaltig! Wir zogen wiedermal die App Ioverlander zu Rate und entdeckten in der nächsten Stadt (die Stadt Perito Moreno), wo wir nach Chile überwechseln wollten, eine Werkstatt, wo man Sachen schweissen lassen konnte. Beruhigt, wandten wir uns den Höhlen zu, für welche wir ja den mühsamen Weg auf uns genommen hatten. Wir nahmen an einer 1,5 Stunden langen Führung zu den Höhlenmalereien mit den Negativ-Handabdrücken und Guanaco-Jagdszenen teil, die zwischen 8000 und 1500 vor Chr. von den Tehuelches gemalt wurden. Felix findet, die Guanacos hätten grosse Ähnlichkeit mit den Rentieren, die wir letzten Sommer auf Felsen gemalt/geritzt in Norwegen gesehen haben. 🙂
Das Umland ist sehr trocken, nur unten im Canyon, wo der Rio Pinturas fliesst leuchteten uns grüne Bäume entgegen, wie eine Oase.
Die Nacht verbrachten wir auf dem Plateau über dem Canyon in absoluter Stille unter einem Sternen übersäten Himmel.
Stossstange gut einwickeln und ins Womo legen und los ging am nächste Tag die Fahrt, hoffnungsvoll der Werkstatt entgegen. Und wir wurden auch tatsächlich fündig. Während der nette Mann sich sofort an die Schweiss-Arbeit machte, unterhielt ich mich mit Frau und Sohn aufs Beste. Nach zehn Minuten konnte die Stossstange wieder montiert werden und wir bedankten uns bei der ganz tollen Familie und fuhren ein paar Strassen weiter bis zur Tankstelle, wo wir die Nacht verbrachten. Für den nächsten Tag planten wir den neuerlichen Grenzübertritt nach Chile zur berühmten Strasse Carretera Austral. Aber davon das nächste Mal!
3 Gedanken zu “Von Ushuaia zu den schneebedeckten Gipfeln der Anden”
Beim Betrachten der faszinierenden Walfischknochen kommt mir das empfehlenswerte Buch „Zur See“ von Dörte Hansen in den Sinn. Sie beschreibt, wie diese auf der beschriebenen Nordseeinsel als Gartenzäune verwendet wurden. Mit euren Bildern wird mir klar, dass das auf der Hand liegt….
Ich bin nicht traurig, dass ich sie auf euren Bildern nicht riechen kann.
Hoi Sabine
Ja, auch hier werden die Walknochen auf unterschiedlichste Arten gebraucht. Es sind Biologiestudenten, die ihre Semesterferien damit zubringen, die Knochen vom Fleisch zu befreien.
Vielleicht wird der Knochenleim daraus gemacht, den ich für meine Leinwände verwende….
Auch Stefan ist enorm beeindruckt von den phantastischen Landschaften!
Wir freuen uns auf die Fortsetzung eurer Erlebnisse.