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Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sind Sie auch der Meinung, dass man die Kultursubventionen ohne Weiteres halbieren könnte?
Wie käme ich dazu? Ich plädiere sicher nicht für die Liquidierung Tausender von Arbeitsplätzen: Orchestermusiker, Schauspieler, Bühnenarbeiter und ganze Chöre wären ihre Stelle los, wenn diese Forderung verwirklicht würde!
Vielleicht hat Pius Knüsel, Chef der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, aber recht, wenn er sagt: Die Kulturpolitik steht kurz vor dem Zusammenbruch.
Knüsel singt sein garstiges Lied in dem Buch «Der Kulturinfarkt», das er mit drei deutschen Kulturfunktionären verfasst hat. Besonders pikant an ihrer Forderung ist, dass alle vier im subventionierten Kulturförderungsbetrieb satt geworden sind. Jetzt blasen sie sich auf und fordern die Revolution. Das ist mehr als peinlich.
Man könnte es auch so sehen: Sogar der Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia glaubt, dass staatliche Subventionen den Kulturbetrieb immer teurer und funktionsunfähiger machen.
Knüsel und seine Kumpane wollen Markt, Markt, Markt. Sie sehen die Kultur als Produkt, das sich «dem Gesetz von Angebot und Nachfrage beugen» muss. Das passt in unsere Zeit, die alles privatisieren will – von den griechischen Inseln über italienische Kulturdenkmäler bis hin zur Zürcher Oper und den Stadttheatern. Die Künstler sollen ihre Kunst vermarkten – und scheitern, wenn sie keine Käufer finden.
Aber, lieber Frank A. Meyer, so falsch liegt Knüsel ja nicht, wenn er sagt, die Schweizer Literatur sei «selbstverliebt». Der Jazz sei «furchtbar brav». Das Theater «unnötig anstrengend». Auf «die Hälfte der Theater und Museen» könne man verzichten.
Diese Zitate sind erhellend. In der «Bild»-Zeitung formulierte es der grosse deutsche Kunstfreund Peter Raue so: «Vier Autoren, die durch Dummheit berühmt werden.»
Wie meinen Sie das?
Die Zitate kennzeichnen die Wut eines staatlich subventionierten Funktionärs auf alles, was ihm nicht passt. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel dafür, was diesen Kultur-Scharfrichter stört: «Die Privilegien des Establishments sollen zum Komfort aller werden.»
Ja und?
Es ist die alte elitäre Sicht, nach der die Hochkultur nicht zum Volk passt. Ich hatte im Berner Humboldtianum einen Deutschlehrer, der sich in ähnlichem Ton über Taschenbücher äusserte: «Nun soll wohl jedes Dienstmädchen Thomas Mann lesen.» Ich stand auf und verliess den Unterricht. In Knüsels Buch taucht ständig der Begriff «Kultur für alle» auf – als etwas, das er radikal ablehnt. Da hilft es auch nichts, wenn er gleichzeitig die Laienkultur fördern will.
Also soll alles bleiben, wie es ist?
In der Schweiz ist die Kultur bestens ausgestattet. Steuergelder schaffen Freiräume für Regisseure, Musiker, Schauspieler, Filmer und bildende Künstler. Die Freiheit der Kunst erfordert auch Freiheit vom Markt. Viele grosse Künstler hätte es nie gegeben, wären sie dem Markt ausgeliefert gewesen. Kreativität entsteht nicht nach ökonomischen Gesetzen, sondern aus dem Innersten des Menschen. Deshalb sind Künstler selbstverliebt. Sie sind ganz mit sich allein: damit ein Werk entsteht, das den Menschen etwas sagt, sie provoziert und inspiriert. Ein Werk wächst nach und nach in die Gesellschaft hinein. Findet es einen Markt – umso besser. Bis dahin muss man das Werk pflegen und behüten.
Ein wenig mehr Markt könnte der Kultur nicht schaden …
Der Markt pflegt nichts und behütet nichts. Er funktioniert nach dem Prinzip: Was sich nicht verkaufen lässt, hat keine Existenzberechtigung. Genauso vulgär argumentiert auch Pius Knüsel. Seine Gedanken sind so kalt wie das berühmte rote Herz von Jeff Koons. Der Unterschied: Jeff Koons’ Herz ist Kunst!
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