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Statt - wie angekündigt - über die Kindererziehung zu reden, soll heute der Marxismus als Weltanschauung kritisch betrachtet werden. Zunächst aber einige Worte über die Ziele der Paria.
Die Paria ist kein Magazin für Experten oder Studenten. Es geht hier nicht darum, mit Kennern über Materie zu reden, die Laien nicht verstehen können. Nein, das Ziel der Paria ist es auch Leuten, die absolut keine Kenntnisse in Sachen Philosophie oder Politik haben zu zeigen, dass die hier besprochenen Themen auch für ihr Leben von Bedeutung sind. Dies gilt ebenso für den Marxismus, der wohl auch aufgrund seiner sehr eigenen Sprache oft mit dem Vorwurf konfrontiert wird, er sei eine Bewegung unter Intellektuellen, obschon es sich beim Marxismus u.A. um die Vertretung der Interessen der Arbeitergesellschaft geht. Deshalb - um die Zugänglichkeit zu erleichtern - werde ich in diesem Artikel auf Zitate verzichten insofern sie die Analyse des Gegenstands nicht vereinfachen, um das Thema allgemein verständlich darzustellen. Dabei ist “allgemein verständlich” nicht als geistlose Vereinfachung der Tatsachen gedacht. Gemäss dem Ziel der Paria werden hier die philosophischen Grundlagen des Marxismus verständlich analysiert.
Die dem Marxismus zugrundeliegende Weltanschauung ist der sogenannte “Historische Materialismus”. Grob gesagt, geht es dem Historischen Materialismus darum, die materialistischen und ökonomischen Grundlagen von Prozessen zu analysieren, um damit aufzuzeigen, dass die Gesellschaft primär von der ihr zugrunde liegender Produktionsweise bestimmt ist. Das oft in diesem Zusammenhang verwendete Schlagwort “Das Sein bestimmt das Bewusstsein” verdeutlicht diesen Umstand: Durch das Sein, also mein wirkliches Leben - das grundlegend von den Produktionsbedingungen, in welchen ich lebe, bestimmt ist - mitsamt den Erfahrungen, die ich darin mache, komme ich zu gewissen Interpretationen der Wirklichkeit und zu gewissen Überzeugungen, die ich teile. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Ich sehe, wie auf der Strasse jemand geprügelt wird, und entwickle dadurch die Überzeugung: Ich will nicht, dass jemand geprügelt wird. Das Sein bestimmte mein Bewusstsein. Doch was hat es mit den Produktionsbedingungen auf sich?
Der Kapitalismus ist die Wirtschaftsordnung, die beispielsweise in der Schweiz und in Europa vorherrschend ist. Der Kapitalismus zeichnet sich gemäss Karl Marx (1818 - 1883) und Friedrich Engels (1820 - 1895) - den zwei Gründervätern der marxistischen Weltanschauung - vor allem durch Privateigentum an den Produktionsmitteln und seine Art der Akkumulation aus. Auf letzteren Begriff soll hier aufgrund seiner Komplexität nicht eingegangen werden. Marx und Engels glaubten, dass sich die Produktionsmittel (wie beispielsweise Maschinen, die zum produzieren taugen) in den Händen weniger Leute befinden, die diese zur Verfügung stellen. Die ökonomische Klasse dieser Wenigen nannte Marx “Bourgeoisie”. Heute wäre der Begriff “Arbeitgeber” wohl angebrachter.
Der Arbeiter, dessen ökonomische Klasse Marx “Proletariat” nannte, beginnt nun mithilfe der ihm zur Verfügung gestellten Produktionsmittel zu produzieren. Die Produkte wandern direkt in die Hände des Arbeitgebers, der diese auf den Markt bringt. Dem Arbeiter zahlt er nun aber nicht den exakten Betrag dessen, was er erwirtschaftet hat, nein, denn er zahlt ihm weniger, sodass er den Überschuss des Produzierten behalten kann. Diesen Überschuss nennen Marx und Engels Mehrwert. Der Arbeiter wird auf diese Weise ausgebeutet, ist aber zur Weiterführung der Arbeit gezwungen, da er nicht über die Produktionsmittel verfügt. Marx und Engels rufen aufgrund dieses Missstandes die Proletarier dazu auf, die bestehenden Umstände zu stürzen und die Produktionsmittel an sich zu reissen. Wie soll danach verfahren werden? Über diese Frage streiten sich Marxisten aus allen weltanschaulichen Ecken. Hier sollen nur missverständliche Anschauungen des Kommunismus behandelt werden.
Eine geläufige, aber falsche Vorstellung des Kommunismus geht davon aus, dass in diesem keiner mehr Privateigentum besitzen wird. Alles gehört allen, sozusagen. Diese Aussage ist falsch. Was nämlich dem Staat übergeben wird, und zukünftig allen zur Verfügung stehen soll, sind die Produktionsmittel und nicht die Produkte an sich. Je nach Bedarf wird mehr produziert werden. Dadurch wird Ausbeutung, wie sie in kapitalistischen Unternehmen tagtäglich praktiziert wird, vorgebeugt.
Die Art der Produktion im Kapitalismus hat verständlicherweise Einfluss auf unser aller Leben. Da Arbeit im Kapitalismus als Markt organisiert ist, arbeitet man zu viel. Dies führt zur Planung des Alltags, der “Freizeit” gemäss der Arbeit, die man ausübt. Im Kommunismus würde ein genereller Arbeitszwang herrschen, und die Arbeitszeiten würden enorm senken. Man hätte mehr Zeit, Tätigkeiten nachzugehen, denen man nachgehen will, und keiner würde um Arbeitslosigkeit bzw. Armut fürchten. Die berühmte “Schere” zwischen arm und reich würde automatisch aufgelöst werden. Es klingt, wie eine Utopie, und doch handelt es sich um empirisch beobachtbare Tatsachen und Prozesse, die Marx und Engels beschrieben haben, und auf deren Grundlage sie sich über eine alternative Produktionsweise Gedanken gemacht haben.
Nun soll darauf eingegangen werden, welche Schwierigkeiten der Marxismus aufweist.
Es ist wichtig, darüber nachzudenken, wie es zu einer Revolution durch das Proletariat kommen sollte. Laut Marx und Engels ist dafür eine gewisse Stufe der Produktionsbedingungen notwendig. Ist diese erreicht, wird das Proletariat automatisch eine Revolution starten, und die bestehen Verhältnisse umstürzen. Marx und Engels waren der Überzeugung, dass das Ändern der Umstände mit der Selbständerung zusammenfallen. Wenn dies stimmt, dann ist die Frage berechtigt, wie es zu einer Revolution kommen sollte.
Heutzutage gibt es viele Arbeiter, die der Überzeugung sind, dass sie innerhalb des Kapitalismus ihr Leben verwirklichen können. Sie sind vielleicht nicht ganz zufrieden mit der Arbeit, die sie ausüben müssen, aber bestimmt werden sie am Ende ihres Lebens nicht sagen: Ich habe mich nicht selbstverwirklichen können, und das hängt mit der kapitalistischen Produktionsweise zusammen. Es wäre seltsam, wenn jemand so etwas sagen würde. Warum aber sagen dies so wenige, warum erliegen so viele Personen der Illusion, sie würden im Kapitalismus unter fairen Bedingungen ihrer Arbeit nachgehen? Wie kommt diese Illusion zustande? Und die wichtigste Frage: Wenn Personen also nicht die grundsätzliche Notwendigkeit erkennen, die bestehenden Verhältnisse umzustürzen, wie sollen sie dann eine Revolution starten?
Marx und Engels glauben, dass es durch die zunehmende Ausbeutung der Arbeiter für dieselben selbstverständlich wird, das Bestehende korrekt zu interpretieren, Dementsprechend sehen sie auch keinen Grund für Denker, die die Wirklichkeit auf verschiedene Weise zu interpretieren versuchen. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern, lautet sinngemäss ein berühmtes Zitat von Marx. Dementsprechend glaubten sie, dass die Arbeiterklasse keinerlei Illusionen unterliegen. Hierzu werden zwar widersprüchliche Angaben gemacht, jedoch scheinen Marx und Engels in dieser Frage zur Antwort zu tendieren, dass es zwangsweise zur Revolution kommen wird. Dass es Arbeiter gibt, die bis zum Ende ihres Lebens der Überzeugung unterliegen, dass sie sich selber verwirklichen konnten, ist ein Problem für die Weltanschauung des Historischen Materialismus. Denn wenn das “Sein” das “Bewusstsein” bestimmt, und der Arbeiter kontinuierlich ausgebeutet wird, dann sollte er doch im Laufe seines Lebens zum Bewusstsein gelangen, dass er ausgebeutet wird. Trotzdem kann täglich beobachtet werden, dass längst nicht bei allen Arbeitern der Fall ist.
Wäre es deshalb nicht angebracht, zuerst Arbeiter über ihre Situation aufzuklären und von ihren Illusionen zu befreien? Marx und Engels scheinen diese Überzeugung nicht geteilt zu haben. Dadurch stellt sich hier das praktische Problem einer illusionslosen Klasse der Arbeiter. Im nächsten Artikel der Paria soll ein Lösungsvorschlag für dieses Problem geboten werden.