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Wenn Sie ein Problem haben, fragen Sie Ihren Chef! Schließlich sollen Vorgesetzte Antworten haben und Antworten geben. Diese Forderung ist doch nicht völlig unberechtigt, nicht wahr? Obwohl – es wäre leicht, einen Führungsbrief darüber zu schreiben, wie viele Führungsprobleme daraus resultieren, dass Vorgesetzte gerade zu oft und zu schnell Antworten haben und geben. Das tue ich aber heute nicht.
Heute möchte ich mich auf die Fragen konzentrieren. Fragen sind ein überaus nützliches Werkzeug in der Toolbox der Führung (falls es denn überhaupt eine solche Werkzeugkiste gibt). Aber wie bei allen Werkzeugen gilt auch hier: Nützlich ist nur, was passt. Wenn Sie mit einem 12er-Schlüssel eine verhockte 10er-Mutter lösen wollen, vermurksen Sie sie nur.
Für Führungskräfte gibt es nämlich passende und unpassende Fragen.
Unpassende Fragen sind zum Beispiel:
- Haben Sie sich etwas dabei gedacht, als Sie ...? [Nein, natürlich nicht. Sollte ich?]
- Habe ich mich klar ausgedrückt? [Vermutlich schon, aber ich habe es dennoch nicht kapiert. Und akzeptiert schon gar nicht. Aber ich schweige jetzt lieber.]
- Muss ich vielleicht alles selbst machen? [Aber sicher, Boss, denn jeder andere wäre ja eh schlechter als Sie.]
- Liegt der Fehler vielleicht bei mir? [Nie im Leben, lieber Chef.]
- Kann ich mich auf Sie verlassen? [Ihr tief empfundenes Vertrauen in meine Zuverlässigkeit ehrt mich einfach immer wieder.]
- Würden Sie es mir überhaupt sagen, wenn Sie anderer Meinung wären? [Und wenn nicht – wie soll ich dann diese Frage beantworten?]
Nur am Rande: Die obigen Fragen sind nur dann immer unpassend, wenn Sie sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stellen. Wenn Sie die gleichen Fragen sich selbst stellen (und eine ehrliche Antwort wagen), dann sind sie ganz und gar nicht immer unpassend.
Passende Fragen (an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) sind – jedenfalls fast immer:
- Wie sehen Sie das Problem?
- Was kann ich zur Lösung beitragen?
- Stimmen die Voraussetzungen, damit Sie Erfolg haben können?
- Was würden Sie tun, wenn Sie ganz allein entscheiden könnten?
- Welche Möglichkeiten haben Sie geprüft, aber verworfen? Und was waren Ihre Gründe?
- Gibt es noch etwas, das Sie wissen oder haben müssen, um weitermachen zu können?
- Was ist Ihnen besonders wichtig bei ...?
- Was passiert, wenn wir ... nicht tun?
- Was verlieren wir gegenüber heute, wenn wir ... tun?
- Haben Sie noch eine gänzlich andere Idee?
- Was, glauben Sie, würden in dieser Sache Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von uns in der Führung erwarten?
Kleiner Zwischenhalt
Lassen Sie sich doch noch einmal die letzten paar Gespräche durch den Kopf gehen, die Sie mit Mitarbeitenden (oder anderen im Betrieb) geführt haben. Erinnern Sie sich an Fragen, die, zumindest nachträglich betrachtet, unpassend waren? Und warum? Erinnern Sie sich an passende, weiterführende Fragen? Können Sie sich den Unterschied erklären? – Und: Wo hätten Sie vielleicht besser eine gute Frage gestellt, statt eine schnelle Antwort gegeben?
Gute Fragen im richtigen Moment zu stellen, ist eine hohe Kunst. Wer sie beherrscht, vermag viel mehr zu bewirken als jene, die immer schon alles wissen und jedem zeigen, wo es langzugehen hat.
Einer meiner Lieblingswissenschaftler, ein wirklich kluger Mensch, erzählt in seiner Autobiografie, dass ihn seine Eltern, wenn er als Kind aus der Schule kam, nie gefragt haben: «Was hast du heute gekonnt/gewusst in der Schule?» Sie fragten ihn jedoch: «Hast du heute eine gute Frage gestellt in der Schule?»
Das sollten Sie beachten:
- Fragen Sie nicht, wenn Sie die Antwort schon kennen. Das dürfen nur Lehrer in der Schule.
- Fragen Sie nicht, wenn Sie die Antwort scheuen. Sie machen sich sonst lächerlich.
- Stellen Sie sicher, dass Sie die Antwort verstanden haben.
- Machen Sie etwas mit den Antworten, die Sie auf Ihre Fragen bekommen. Und zwar auch dann noch respektvoll, wenn Ihnen die erhaltene Antwort nicht gefällt.
- Vermeiden Sie alles, was man Ihnen als Desinteresse an der Antwort auslegen könnte.
- Fragen Sie sich, woran es liegen kann, wenn eine Antwort auf Ihre Frage komplett anders ausfällt, als Sie erwartet haben.
Dass es eher auf die richtige Frage ankommt als auf die richtige Antwort, weiss jeder richtige Fan des Science-Fiction-Kultbuchs «Per Anhalter durch die Galaxis». Dort werden nämlich dem grössten je erbauten Computer vom intergalaktischen Rat die wirklich abschliessenden Fragen nach dem Leben, dem Universum und allem gestellt. Nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren spuckt die Maschine die Antwort aus. Sie ist mit absoluter Sicherheit korrekt und lautet: «Zweiundvierzig».