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Fussball ist ein einfaches Spiel. Dessen gedrucktes Regelwerk mittlerweile trotzdem stolze 248 Seiten umfasst.
Nebst Präzisierungen der bestehenden Regeln ist die Einführung des Videoschiedsrichters (VAR) ein Grund dafür, dass das Reglement aufgebläht wurde. Vor fünf Jahren wurde er eingeführt, zunächst testweise im niederländischen Cup. Danny Makkelie kam in die Schlagzeilen als erster Schiedsrichter, der sich vom VAR helfen liess, als dieser einen Entscheid auf dem Feld, Gelb für ein Foulspiel, in einen Platzverweis änderte.
Nun steht just dieser Danny Makkelie erneut im Fokus der Fussball-Öffentlichkeit. Weil er in der Verlängerung des EM-Halbfinals zwischen England und Dänemark (2:1) auf den Penaltypunkt zeigte. Der englische Angreifer Raheem Sterling war im Strafraum zu Fall gekommen, unweit des bestens postierten Schiedsrichters.
Gesucht und gefunden – so lässt sich die Szene zusammenfassen. Sterling sucht einen Kontakt mit den Verteidigern, er findet ihn und lässt sich fallen. Den Penalty verwertet Harry Kane im Nachschuss zum Siegtreffer, er schiesst England damit in den Final.
Vor den Bildschirmen sass als Videoschiedsrichter Pol van Boekel – und damit der gleiche Unparteiische, der Makkelie schon vor fünf Jahren bei der VAR-Premiere beriet. Doch dieses Mal stiess er den Entscheid nicht um, weil es den Kontakt unzweifelhaft gab, so leicht er auch gewesen sein mag. Und es ist die Leitlinie der UEFA für diese EM, dass bei einem Kontakt der Schiedsrichterentscheid nicht angetastet wird. Weil er den Kontakt eben in der realen Geschwindigkeit gesehen und ihn als foulwürdig eingestuft hat.
Und damit sind wir mittendrin im grossen Dilemma um den VAR: Wann darf er sich überhaupt zu Wort melden? Unter Regel 5, Punkt 4 ist festgehalten:
Der Schiedsrichter darf ausschliesslich bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden übersehenen Vorfällen im Zusammenhang mit folgenden Situationen von einem VAR unterstützt werden:
Stein des Anstosses ist die Formulierung «klare und offensichtliche Fehlentscheidungen». Der gesunde Menschenverstand sagt: Einen umstrittenen Penalty-Entscheid in der Verlängerung eines EM-Halbfinals sollte man sich lieber nochmals anschauen, um ganz sicher zu sein, wenn man diese Möglichkeit schon besitzt.
Aber Regeln gelten für jede Situation gleich. Ob 1:1 in der Verlängerung des EM-Halbfinals oder 87. Minute eines Super-League-Spiels, das schon 3:0 steht: Die Umstände dürfen keine Rolle spielen. Es geht einzig und allein darum, ob der Foulpfiff ein klarer und offensichtlicher Fehlentscheid war.
Und das ist es, was so viele Fans am VAR stört: Dass dem Schiedsrichter keine zweite Chance gegeben wird. Makkelie hätte sich die Szene nochmals auf dem Bildschirm ansehen können. Vielleicht wäre er zum gleichen Schluss gekommen wie im ersten Moment, vielleicht hätte er seinen Entscheid zurückgenommen. Aber er hätte nicht in einem Sekundenbruchteil darüber entscheiden müssen, sondern hätte sich Zeit für ein endgültiges Urteil nehmen können.
Nun mag man einwenden, dass Fehler zum Fussball gehören und dass ein Stürmer auch keine zweite Chance erhält, wenn er den Ball am Tor vorbeischiesst. Aber das ist nicht der Punkt, denn der Schiedsrichter soll nicht seinen Anteil am Spektakel liefern, sondern möglichst korrekte Entscheide fällen. Und da wir die Technologie nun haben, sollten wir sie nutzen.
Diese ist indes Fluch und Segen zugleich. Als es den VAR noch nicht gab, fiel es uns schon schwer genug, umstrittene oder falsche Schiedsrichterentscheide zu akzeptieren. Aber man lernte, sich damit zu arrangieren, und man tröstete sich damit, dass Menschen halt Fehler machen und selbst Schiedsrichter so etwas wie Menschen sind.
Doch nun haben wir Maschinen und mit der Hilfe von Maschinen dürfen Menschen keine Fehler machen. Dabei sitzen wir dem Irrglauben auf, dass uns die Video-Technologie eindeutige Belege liefert. Das ist nicht so, denn wir vergessen, dass es im Fussball nicht nur schwarz und weiss gibt, sondern sich gerade bei Penalty-Entscheiden vieles in Graubereichen abspielt. Was in der Zeitlupe wie eine klare Schwalbe wirkt, ist es in Echtzeit vielleicht nicht, weil in hohem Tempo schon kleine Berührungen genügen, um aus dem Tritt zu kommen. Und dann ist ein vermeintlich nichtiger Kontakt ein Foul.
Im Grundsatz funktioniert der Videoschiedsrichter. Die Anzahl der Fehlentscheidungen ist zurückgegangen, und gerade an der EM war der VAR verglichen mit den nationalen Ligen nur selten ein Thema. Ganz auf null wird die Fehlerzahl nie sinken, weil hinter den Maschinen Menschen sitzen. Das zu akzeptieren müssen wir noch lernen.
Nachdem es den VAR nun einige Jahre gibt, scheint es an der Zeit zu sein, die Regeln aufgrund der gesammelten Erfahrungen zu justieren. Weshalb soll ein Schiedsrichter nicht automatisch jeden Penalty auf dem Bildschirm anschauen? Das dauert auch nicht länger als die sinnlosen Debatten, die Spieler nach einem Pfiff anzetteln.
Und wieso nicht jedem Trainer eine Challenge geben? So wie es in anderen Sportarten der Brauch ist. Der Trainer darf ein Mal pro Spiel – oder ein Mal pro Halbzeit – verlangen, dass der Schiedsrichter sich einen Entscheid noch einmal am Bildschirm anschaut. Liegt der Trainer richtig, behält er sein Challenge-Recht, bestätigt der Schiedsrichter seinen Entscheid, verliert er es.
Interessant ist auch, was Per Mertesacker gestern Abend in die Runde warf. Im ZDF fragte sich der deutsche Weltmeister, weshalb Schiedsrichter Makkelie in der fraglichen Szene nicht einfach sicherheitshalber weiterlaufen liess. Wäre sein Nicht-Pfiff ein klarer und offensichtlicher Fehlentscheid gewesen, hätte sich ja der VAR gemeldet und es hätte dennoch Penalty gegeben.
Im Zweifel weiterzuspielen würde allerdings die Rolle des Schiedsrichters stark schwächen. Es bräuchte ihn dann gar nicht mehr, er wäre nur noch der verlängerte Arm des VAR auf dem Platz. So wie mit der jetzigen Handhabung des Offsides der Hauptjob der Schiedsrichterassistenten überflüssig geworden ist. Weil selbst bei einem offensichtlichen Offside sicherheitshalber weitergespielt wird, bis sich der VAR meldet und den Entscheid bestätigt, den jeder mit blossem Auge gesehen hat.
Nach fünf Jahren mit dem Videoschiedsrichter stellen wir nüchtern fest: Nicht alles ist gut, wird es auch nie sein, aber vieles wurde besser. Wer befürchtet hatte, dass dem Fussball wegen der Einführung des VAR der Gesprächsstoff ausgehen wird, war auf dem Holzweg. Diskussionen über Schiedsrichterentscheide werden nie aussterben.
Und am Ende fahren die Götter wie Sterbliche. Am vergangenen Wochenende reichte es Valentino Rossi gerade noch zum 13. Platz. Viel besser wird es am Sonntag im 432. und letzten Rennen nicht mehr. Er hat den Zeitpunkt für seinen Rücktritt verpasst. Oder doch nicht? Nein, er hat den Zeitpunkt nicht verpasst. Weil er längst in den Sporthimmel der Legenden aufgestiegen und über diesen Zeitpunkt erhaben ist. Mit dem Privileg, so lange zu fahren, wie er mag. Darin ähnelt er Roger Federer.