Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/1032

mehr
einzelnen einfachen Teiltöne getrennt. Ganz dasselbe ist bei einem Accord der Fall. Durch den Klang oder durch den Accord werden alle diejenigen elastischen Gebilde in unserm innern Ohre erregt, deren Tonhöhe, für welche sie abgestimmt sind, den verschiedenen in der Klangwelle enthaltenen einzelnen Tönen entspricht, sodaß ein geübtes Ohr [* 2] beim gleichzeitigen Ertönen vieler Klänge deutlich jeden einzelnen Klang unterscheiden, ja aus einem Orchester sogar ein einzelnes Instrument heraushören und für sich verfolgen kann.
Die Empfindung der Klangfarbe kommt dadurch zu stande, daß ein Klang außer den seinem Grundton entsprechenden akustischen Endapparaten auch noch eine Anzahl anderer erregt, sonnt in mehrern verschiedenen Gruppen von Nervenfasern Empfindungen hervorruft; die Empfindung von Geräuschen wird durch plötzliche, gewöhnlich schnell gedämpfte Bewegungen gewisser specifischer akustischer Endapparate hervorgerufen. Als solche dämpfende Apparate gelten die Ohrsteinchen in den Vorhofssäckchen sowie die Deckhaut des Cortischen Organs.
Über die physiol. Bedeutung der halbzirkelförmigen Kanäle gehen die Ansichten der Forscher noch weit auseinander. Während von der einen Seite die Bogengänge als eine Art Dämpfungsapparat der Wellenbewegungen des Labyrinthwassers angesehen werden, wonach die gleichzeitig in beide Öffnungen eines jeden Kanals eintretenden Schallwellen sich in der Mitte begegnen und so in ihrer Bewegung gegenseitig vernichten, sprechen neuerdings andere Forscher den halbzirkelförmigen Kanälen jedwede akustische Funktion ab, halten sie vielmehr für eine Art Sinnesorgan, welchem die Erhaltung des körperlichen Gleichgewichts obliegt.
Thatsache ist, daß bei Tauben [* 3] und andern Tieren nach der Zerstörung der häutigen Bogengänge des Labyrinths das Gehör [* 4] erhalten bleibt, während es nach Zerstörung der Schnecke vollkommen vernichtet wird. Dagegen stellen sich bei den betreffenden Tieren sehr auffallende Störungen des Gleichgewichts ein, indem sie in ihren Bewegungen unbeholfen werden, leicht umfallen, schließlich auch das Vermögen zu stehen verlieren u. dgl. Wesentlich unterstützt wird diese Hypothese durch die den Ohrenärzten schon längst bekannte Erfahrung, daß gewisse Erkrankungen des innern Ohrs, nämlich diejenigen, bei denen das häutige Labyrinth zerstört ist, mit hartnäckigem Schwindel (sog. Ohrenschwindel oder Gehörschwindel) verbunden sind.
Um die Richtung des Schalls zu beurteilen, pflegen wir die gegenseitigen Schalleindrücke auf beide Ohren zu benutzen, indem wir aus der verschiedenen Intensität beider Eindrücke in beiden Ohren den Schluß ziehen, daß der Schall [* 5] in der Richtung des stärker erregten Ohrs stattfinde. Verstopft man sich im Finstern, wo der Gehörssinn nicht durch das Gesicht [* 6] unterstützt wird, das eine Ohr, so ist man nicht im stande, die Schallrichtung zu beurteilen. Weiterhin verschafft uns die Ohrmuschel durch die Reflexion [* 7] der Schallwellen, die an ihr stattfindet, darüber Aufschluß, ob der Schall von vorn oder hinten kommt; wir verlieren sofort das Urteil über die Schallrichtung, wenn die Ohrmuschel dicht am Kopf befestigt wird, ja unser Urteil hierüber kann sogar geradezu verkehrt werden, wenn wir uns eine künstliche Ohrmuschel ansetzen, welche die umgekehrte Stellung der natürlichen hat.
Behufs feinerer Bestimmung der Schallrichtung suchen wir durch Drehungen des Körpers und Kopfes die Stellung des Ohrs auf, bei der wir den Schall am intensivsten hören, und verlegen dann in diese Linie die Schallleitung. Die Entfernung des Schalls beurteilen wir aus der größern oder geringern Intensität der Schallempfindung, wobei freilich gar häufig Fehler mit unterlaufen (akustische Täuschungen im Theater, [* 8] bei Bauchrednern u. dgl.). Das Hören mit beiden Ohren gewährt, analog dem Sehen [* 9] mit beiden Augen, nicht nur eine gegenseitige Unterstützung und Ausgleichung von einseitigen Fehlern, sondern auch, wie eben erwähnt, eine wesentliche Beihilfe zur Bestimmung der Richtung der Schallquelle; übrigens scheint es nicht, wie beim Auge [* 10] das Einfachsehen, durch identische Punkte im Ohre (welche durch ihre gleichzeitige Erregung nur einen einfachen Sinneseindruck hervorbringen) veranlaßt zu sein, sondern mehr auf Gewöhnung zu beruhen. Einen einzigen Ton, der die gleichstimmigen Cortischen Pfeiler in beiden Ohren erregt, hören wir zwar mit beiden Ohren nur einfach, sind aber im stande, zwei qualitativ gleiche Gehörseindrücke von verschiedener Intensität, auf je ein Ohr einwirkend, gesondert zu empfinden. (S. Binaureales Hören.)
Nicht alle Gehörsempfindungen beruhen auf Übertragung von Schallwellen auf das Gehörorgan (sog. objektive Gehörsempfindungen); auch beim Fehlen jedweden objektiven Schalls können die Gehörnerven, ganz analog den Sehnerven, infolge abnormer Erregung durch Unregelmäßigkeiten im Blutlauf (Blutarmut, Blutandrang u. dgl.), durch Schwäche und widernatürliche Erregbarkeit des Hirns und Hörnervensystems, sowie durch mancherlei Gifte und Krankheiten Veranlassung zu subjektiven Gehörsempfindungen geben, die den objektiven täuschend ähnlich sein können.
Hierher gehören das Nachtönen, das Ohrenklingen, Ohrensausen, das Hören musikalischer Töne u. dgl. Das bei geschlossenen Gehörgängen entstehende Sausen rührt unzweifelhaft davon her, daß man dann besser durch Knochenleitung hört und daher die Muskelgeräusche des Kopfes, sowie die Reibungsgeräusche des Blutes in den Kopfgefäßen wahrnimmt. Von den subjektiven Gehörsempfindungen sind die entotischen, d. i. im Innern des Ohrs entstehenden, wohl zu unterscheiden, objektive Wahrnehmungen, deren Ursache jedoch im Gehörorgan selbst liegt.
Hierher zählen brausende Geräusche, hervorgebracht durch Schwingungen der Luft im äußern Gehörgang oder in der Paukenhöhle, wenn diese von der äußern Atmosphäre abgesperrt sind (Verstopfung der Ohrtrompete oder des äußern Gehörgangs), knackende Geräusche im Ohre bei Anspannung des Trommelfells unter kräftiger Kontrattion der Kaumuskeln, Klopfen im Ohre, hervorgebracht durch das Pulsieren der Kopfschlagadern (besonders wenn man mit dem Ohr auf einem harten Körper liegt) u. dgl. m. Derartige entotische und subjektive Gehörsempfindungen werden in der Regel weder von Gesunden noch von Ohrenkranken nach außen verlegt, sondern richtig als subjektive empfunden; dagegen können sie bei Trübung des Verstandes (Geisteskrankheit) sehr leicht Anlaß zu Hallucinationen (s. d.) geben.
Litteratur. Rüdinger, Atlas [* 11] des menschlichen Gehörorgans (3 Lief., Münch. 1867-75);
Helmholtz, Die Lehre [* 12] von den Tonempfindungen (4. Aufl., Braunschw. 1877);
Bernstein, [* 13] Die fünf Sinne des Menschen (Bd. 12 der «Internationalen wissenschaftlichen Bibliothek», 2. Aufl., Lpz. 1889);
Hensen, ¶
mehr
Physiologie des (in Hermanns großem «Handbuch der Physiologie», Bd. 3, Tl. 2, ebd. 1880).
Daß die meisten Tiere hören, d. h. die Schallwellen der Luft bez. des Wassers oder auch die Erschütterung des Bodens oder Gegenstandes, auf dem sie sich befinden, lehrt der Augenschein, aber nicht bei allen haben sich Organe auffinden lassen.
Bei allen Wirbeltieren (abgesehen vom Amphioxus) sind Gehörorgane leicht nachweisbar. Sie befinden sich immer paarig am Kopf, liegen ihm seitlich an oder sind in der Regel durch Entwicklung besonderer knöcherner Umhüllungen in ihm mit aufgenommen. Bei den Säugetieren zeigt das Ohr in der Regel, wie beim Menschen, drei Abschnitte als äußeres, mittleres und inneres Ohr. Das äußere Ohr ist ein von spangen- oder muschelförmigen Knorpelstücken gestützter, oft durch Haarsäume vergrößerter, durch besondere Muskeln [* 15] beweglicher, schallauffangender Apparat, welcher bei Wüsten- und Steppenformen (Hasen, Pferden, Füchsen, Erdferkel) in der Regel am besten entwickelt ist, bei erd- und wasserbewohnenden Formen (Maulwurf, Seehunden, Waltieren, Monotremen) rudimentär wird oder ganz verschwindet. Im mittlern Ohr ist der Steigbügel nicht immer durchbohrt, z. B. bei Monotremen, die auch statt Hammer [* 16] und Amboß nur einen Knochen [* 17] besitzen. Bei einer Anzahl Insektenfresser [* 18] und Nager steckt quer durch die Schlinge des Steigbügels ein feines Knochenstäbchen, bei andern geht eine Arterie [* 19] hindurch, deren Vorhandensein man früher mit dem Winterschlaf in Zusammenhang brachte. Das innere Ohr zeigt eine im Felsenbein eingeschlossene, 1 1/2-5, in der Regel 2 ½ Umgänge machende Schnecke, die nur bei Monotremen rudimentär ist, sowie stets 3 halbzirkelförmige Kanäle.
Auch die Vögel [* 20] haben dieselben drei Abschnitte an ihren Ohren, aber der äußere ist meist nur durch besonders dünne, haarartige Federn dargestellt, nur gewisse Raubvögel [* 21] (Falken, ganz besonders aber Schleiereulen) zeigen eine am Rande mit Federn besetzte Hautfalte, die aber vor, nicht hinter der Ohröffnung liegt. Das mittlere Ohr hat eine verhältnismäßig größer als bei Säugern entwickelte Paukenhöhle, die nicht nur durch eine, sich mit ihrem Gegenüber vereinigende und gemeinsam in die Rachenhöhle mündende Eustachische Trompete mit dieser, sondern durch eine Reihe anderer Öffnungen mit luftführenden Zellen gewisser Schädelknochen im Zusammenhange steht. Am Labyrinth sind die halbzirkelförmigen Kanäle sehr groß, die Schnecke ist nicht gewunden, sondern stellt eine gebogene am geschlossenen Ende zur sog. Lagena erweiterte Tüte dar.
Ähnlich ist die Schnecke auch bei den Reptilien beschaffen. Das ovale Fenster ist hier immer von einem Knöchelchen geschlossen (operculum), von dem ein einzelnes Knochenstäbchen, die Columella, an das Trommelfell tritt, entweder direkt oder an ein kleines in ihm befestigtes Knöchelchen. Den Schlangen [* 22] und manchen schlangenartigen Echsen fehlt Paukenhöhle, Eustachische Trompete und Trommelfell, letzteres auch den Chamäleons. Bei Krokodilen findet sich eine Hautfalte als Spur eines äußern Ohrs.
Den Amphibien fehlt eine Schnecke, nur bei einigen ungeschwänzten Lurchen findet sich eine kleine, allenfalls als Rudiment einer solchen anzusprechende Ausbuchtung. Das ovale Fenster wird von einer Knorpelplatte geschlossen, die da, wo eine Paukenhöhle und Eustachische Trompete (wie bei den Blindwühlern, geschwänzten Lurchen und der Knoblauchskröte) fehlt, nach außen verlängert ist und sich an einen Schädelknochen (Quadratbein, s. Schädel) anlegt. Wo eine Paukenhöhle vorhanden ist, findet sich auch eine Columella, die von der Knorpelplatte an das Trommelfell tritt. Ein äußeres Ohr fehlt vollkommen und die Oberhaut verdünnt sich auf dem Trommelfell, mit dessen Oberfläche sie nach innen direkt verwachsen ist.
Die Fische [* 23] haben eigentlich nur ein inneres Ohr, Paukenhöhle, Eustachische Trompete und Gehörknöchelchen fehlen als solche vollkommen und die ihnen zum Teil entsprechenden Teile sind ganz anders entwickelt und haben ganz andere physiol. Bedeutung (s. Schädel). Die Rundmäuler haben einen Vorhof und (der Inger, s. d.) einen oder (die Neunaugen) zwei halbzirkelförmige Kanäle, alle andern Fische deren drei. Der Schnecke entspricht ein einfacher Gehörsack, dessen Höhlung nur ganz ausnahmsweise mit der des Vorhofs in Zusammenhang steht. Im letztern befinden sich mehrere kleinere Gehörsteinchen (Otolithen) oder bloß einer (der Lapillus), im Gehörsack deren zwei, ein größerer vorderer (die Sagitta) und kleinerer hinterer (der Asteriscus), die bei den einzelnen Fischarten meist von ganz bestimmter Gestalt sind und denen man bei gewissen Fischen besondere Heilkräfte zuschrieb.
Unter den wirbellosen Tieren lassen sich Gehörorgane namentlich bei wasserbewohnenden Formen nachweisen. Bei Weichtieren sind sie weit verbreitet in Gestalt häutiger Säckchen, deren Innenwand mit nervösen Elementen ausgekleidet ist (Otocysten) und die im Binnenraum ein oder mehrere frei schwebende Konkremente (Otolithen) enthalten. Ganz ähnlich gebaute Organe finden sich bei Würmern und in einzelnen Fällen bei Stachelhäutern.
Auch bei verschiedenen Gliederfüßern sind Gehörorgane nachgewiesen worden. Bei höhern Krebsen findet sich im Basalglied der innern Fühler ein Hohlraum, der bei manchen Formen mit der Außenwelt kommuniziert, bei andern nicht, und eine mit feinen Härchen besetzte Leiste enthält, in welche Nervenfasern eindringen,die mit ihren Spitzen in einer, unregelmäßige Sandkörner und andere Fremdkörper enthaltenden gelatinösen Masse endigen. Bei Insekten [* 24] finden sich an verschiedenen Körperstellen einzelne oder gruppenweise zusammenstehende mikroskopische Stäbchen, die eine nervöse Endanschwellung enthalten und Hörorgane sein sollen (chordotonale Organe).
Bei den Schnarrheuschrecken (Acridiidae) liegen an der Seite des ersten Hinterleibringes und bei den Grillen oder Grabheuschrecken (Gryllidae) sowie bei den Laubheuschrecken (Locustidae) in den Schienen der Vorderbeine eigentümliche Organe (tympanale Organe) in Gestalt von Bläschen, die nach außen durch eine zarte Haut [* 25] geschlossen sind und an die ein aus dem ersten Brustganglion entspringender Nerv tritt, der sich in denselben in besondere Endzellen (Nervenstifte) auflöst.
Litteratur. Weber, De aure et auditu hominis et animalium (Lpz. 1820);
Buchanan, Physiologigal illustrations of the organ of hearing (Lond. 1828);
Hagenbach, Die Paukenhöhle der Säugetiere (Lpz. 1835);
Breschet, Recherches anatomiques et physiologiques sur l'organe de l'ouie des poissons (Par. 1838);
Hyrtl, Vergleichend-anatom. Untersuchungen über das innere Gehörorgan (Prag [* 26] 1845);
Meyer, Études histologiques sur le labyrinthe membraneux chez les reptiles et les oiseaux ¶