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Ungezählt waren die Seetage vergangen, und immer noch folgte der weisse Albatros dem schnellen Dreimastklipper mit Kurs Kap Horn. Als die Segel sich mit kräftigem Wind zu füllen begannen und die erste salzige Gischt die Holzplanken des Vorderdecks erreichte, fing das Schiff an zu rollen. Dem Smut in der engen Kombüse rutschten die Töpfe vom Herd. Nur das laute Heulen und Brausen des Windes verhinderten, dass sich die Flüche des Schiffskochs mit denjenigen der Matrosen an Deck vermischen konnten. Sie nämlich deckten den weissen Albatros weit hinten über dem Kielwasser mit unanständigen Verwünschungen ein, denn er, der grosse, stille Segelflieger, war Schuld am Sturm bei Kap Horn – wer denn sonst!
Seit Menschengedenken ranken sich Sagen und Mythen um den Wanderalbatros, den grössten fliegenden Vogel der Erde. Als damals die Entdecker der stürmischen Meere nach Hause kamen, erzählten sie mit einer gewissen Scheu von grossen Vögeln weit, weit entfernt von Land. Und mit dem Respekt und der Ehrfurcht schwang in jenen Geschichten auch immer ein beunruhigendes Gefühl von Angst mit. Oftmals tauchten nämlich Albatrosse während grosser Stürme in den südlichen Ozeanen auf. Deshalb sprachen die Mannschaften der alten Segelschiffe von den „Albatros-Breiten“, sobald ihre Klipper die Zonen der Brüllenden Vierziger und der Rasenden Fünfziger (etwa am Kap Horn) erreicht hatten. Die Seeleute vergangener Zeiten schoben dem Albatros die Schuld am schlechten Wetter zu, und gar mancher dieser Vögel musste sein Leben lassen, weil man ihn aus Aberglauben abschoss in der Hoffnung, der Sturm würde sich legen.
Andere Seefahrer hingegen vermuteten, dass Albatrosse die Seelen ertrunkener Kollegen mit sich tragen, und sie hätten deswegen nie im Leben einem Albatros etwas zu Leide getan. Auch die nautische Berufsgattung der Proviantmeister wusste Geschichten über den Albatros zu erzählen. Unterbezahlt und in ständiger Sorge um ihre Buchhaltungsunterlagen (sie hätten in Seegefechten zerstört, von Ratten zerfressen oder vom Sturm durchnässt werden können…), wehte dem Proviantmeister noch dazu ein ständiges tiefes Misstrauen der Matrosen entgegen. Ganz Abergläubische waren sich sicher, dass der Albatros die Seele eines verstorbenen Proviantmeisters verkörpern würde, der unablässig seinem alten Schiff folgt und darauf hofft, durch noch mehr Betrügereien und Knauserigkeit die Mannschaft weiter zu plagen.
Majestätischer Dauersegler
Der Wanderalbatros – was für ein Vogel! Sein dynamischer Segelflug knapp über den Wellen der südlichen Ozeane bleibt in seiner Eleganz und Erhabenheit allen unvergesslich, denen es vergönnt war, einen Wanderalbatros zu beobachten. Fast meditativ scheint er ohne die geringsten Anzeichen einer Kraftanstrengung wie in einer immerwährenden Zeitlupe majestätisch mit dem Wind und den Wellten zu spielen. Ein Meister der Flugkunst!
Als ausgesprochener Hochseevogel zählt der Wanderalbatros zusammen mit Sturmschwalben und Sturmvögeln zu den Röhrennasen. Er ist nicht nur unter den weltweit etwa 22 Albatros-Arten der grösste von allen – mit seiner Flügelspannweite von bis zu 3,5 Metern gibt es keinen grösseren fliegenden Vogel irgendwo sonst auf der Welt. (Weil der Art-Status einiger Populationen einsamer subpolarer Inseln unter Fachleuten umstritten ist, schwankt die Artenzahl je nach Quelle.)
Schwerer Brocken
So beeindruckend wie die Flügelmasse ist auch die Körperlänge: von der Schnabelspitze zur letzten Schwanzfeder misst so ein Wanderalbatroskörper schon mal bis zu 1,35 Meter. Und hätte es irgendwo im Südozean eine Waage, man würde ein Gewicht zwischen etwa 9 und fast 12 Kilogramm feststellen. Männchen sind bis 20 Prozent grösser als Weibchen, was einem als Vogelbeobachter die exakte Bestimmung eines Wanderalbatros allerdings kaum erleichtert. Es ist grundsätzlich gar nicht so einfach, einen Wanderalbatros von einigen anderen Grossalbatrossen zu unterscheiden. Vor allem der Südliche Königsalbatros sieht ihm sehr ähnlich. Je jünger ein Wanderalbatros, desto brauner ist der Gesamteindruck des Gefieders (gilt leider auch bei den anderen…). Aber auch das mehrheitlich weiss wirkende Federkleid ausgewachsener Wanderalbatrosse ist an gewissen Stellen sehr unterschiedlich dunkel gefärbt, je nach Geschlecht, Alter und Brutgebiet.
Ornithologen schätzen, dass es heute weltweit, d.h. nota bene rund um die Antarktis, etwa 6000 Brutpaare von Wanderalbatrossen gibt, oder etwa 20’100 ausgewachsene Individuen – Tendenz abnehmend. Obwohl Wanderalbatrosse in allen Meeren rund um die Antarktis anzutreffen sind, haben sie sich – wenn’s um die Frage des Brütens geht – einige wenige kleine, windige Inseln am nördlichen Rande des Südozeans ausgesucht. Ein Viertel aller brütenden Wanderalbatrosse lebt auf Südgeorgien, über die Hälfte teilen sich die beiden winzigen, sturmumtosten Inseln Prince Edward Island und Marion. Und gut ein Zehntel findet sich auf den zu Frankreich gehörenden Inselgruppen Crozet und Kerguelen.
Der Mythos von der Treue
Jeder Wanderalbatros kehrt mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 90 Prozent jeden zweiten November zum Brüten in die nähere Umgebung des letztmaligen Nestes in „seiner“ Kolonie und auf „seine“ Insel zurück, wo er einst das gleissende Licht der südlichen Welt erblickt hatte. Frühestens im Alter von 5 Jahren kann er zur ersten Brut schreiten, wobei ein durchschnittlicher Wanderalbatros aber erst mit 9 oder 10 Jahren sein Single-Leben aufgibt. Die Wahl des zukünftigen Lebenspartners ist eine entscheidende Frage – weshalb Wanderalbatrosse zu den wählerischsten aller Seevögel gehören. Denn schliesslich wählt der Albatros seinen Ehepartner fürs ganze Leben aus. Die berühmte Partnertreue unter den Wanderalbatrossen hat allerdings durch eine wissenschaftliche Studie arg gelitten. Auf der Marion-Insel im südlichen Indischen Ozean hat man beobachtet, dass es mit der lebenslangen Treue, die den Albatrossen nachgesagt wird, nicht weit her ist: aussereheliche Vaterschaften sind bei fast einem Fünftel aller Paare dieser windigen Insel gang und gäbe. Und Weibchen von Paaren, die ohne Nachwuchs bleiben, sind mit Seitensprüngen ihrer Partner einverstanden.
Bei so viel Nachsicht erstaunt es auch nicht, dass sich verpaarte Vögel intensiv begrüssen, wenn sie nach vielen Wintermonaten als Einzelflieger irgendwo im Südozean im November nach Hause finden. Dieses Begrüssungsritual und das anschliessende Balzverhalten ist etwas vom schönsten, was man bei Tieren erleben kann. Würdevoll, ja feierlich, umschreiten sich die Vögel und überbieten sich fast in ihren Repertoires: Schreittänze werden vorgeführt, Schnabelfechten, Verbeugungen, Schnabeltrommeln, Himmelsdeuten, oder – noch ausgeprägter und äusserst fotogen: das Hochwerfen des Kopfes.
Gelege nur alle zwei Jahre
Das einzige, rund 500 Gramm schwere Ei wird im Dezember/Januar gelegt. Jeder Partner brütet dann 8 bis 15 Tage lang bis zur Ablösung; es wurden auch schon bis zu 40 Tage beobachtet. In dieser Zeit verliert der brütende Vogel möglicherweise bis zu einem Drittel seines Körpergewichtes. Gut 80 Tage dauert es, bis der Jungalbatros etwa im März schlüpft. Von nun an thront der Jüngling gegen 280 Tage lang auf seinem Nest – eine enorm lange Zeit in der Vogelwelt. Nach der gemeinsamen Kinderbetreuung durch beide Elternteile ist der Jungvogel im November flügge. Danach wollen die alten Wanderalbatrosse nichts mehr weiter von ihrem Einzelkind wissen.
Immer der Nase nach
Albatrosse legen riesige Strecken im Flug zurück, ohne dabei kaum jemals mit ihren Flügeln aktiv zu schlagen. Energie gewinnen aus dem Wind, heisst das Motto, und der dynamische Gleitflug bietet diesem riesigen Vogel dabei die besten Resultate: ansteigen gegen den Wind, absteigen mit dem Wind bis äusserst knapp übers Wasser. 80 bis 90 Prozent der Energie zum Gleiten liefert der Wind, der Rest stammt von den Wellen.
Ändert ein Wanderalbatros während des dynamischen Gleitfluges seine Richtung, kippt er seine Flügel manchmal mehr als 90 Grad – aber sein Kopf, die Schaltzentrale, bleibt immer perfekt in der gleichen Position ausgerichtet. Das Gleiten unter Ausnutzung des Windes und der Wellen ist derart energiesparend, dass der Herzschlag eines im Wind gleitenden Albatrosses demjenigen eines ruhenden Vogels entspricht – keine Anstrengung, keine Hektik.
Allerdings sind Wanderalbatrosse bei schwachem Wind oder bei Windstille zum Herumsitzen auf der Meeresoberfläche verdammt…
Von Wissenschaftlern angebrachte Sender bieten uns auch fernab vom Land einen Einblick in das Flugverhalten der Albatrosse. So lagen etwa die gemessenen Höchstgeschwindigkeiten bei über 85 Kilometer pro Stunde. Ein anderer Wanderalbatros unter wissenschaftlicher Beobachtung legte in zwanzig Stunden 1014 Kilometer zurück, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 72 Kilometern pro Stunde.
Das scheinbar ziellose Herumfliegen über die Weiten des Südozeans dient natürlich der Suche nach Nahrung. Zu diesem Thema hat eine zoologische Studie unter der Leitung von Gabrielle Nevitt, einer Verhaltensforscherin der Universität von Kalifornien, Spannendes aufgedeckt: Wanderalbatrosse riechen ihre Nahrung aus bis zu 20 Kilometern Entfernung, und rund die Hälfte aller Nahrungsflüge geht der Nase nach! Erstmals ist es dieser Forscherin und ihrem Team gelungen, frei lebende Wanderalbatrosse anhand hochpräziser GPS-Sensoren sowie winzig kleiner Magenthermometer (welche anzeigten, wann der Vogel frass) auf den weiträumigen Nahrungsflügen zu verfolgen. Kombiniert mit Winddaten der Meteorologen konnte Nevitt das Flugverhalten der Wanderalbatrosse, deren Flugroute sowie auch Ort und Zeit eines Beutefanges herausfinden.
Nevitt erkannte mehrere unterschiedliche Flugverhalten von Wanderalbatrossen auf Nahrungssuche. Da gab es diejenigen, die „direkt“ flogen – solche Albatrosse änderten ihre allgemeine Flugrichtung nicht, und sie kümmerten sich nicht um die Windrichtung, denn sie steuerten eine Beute auf dem Wasser an, die sie eindeutig im Auge hatten. Diese Direktflieger reagierten offensichtlich auf visuelle Signale; sie sahen ihr Nahrung und steuerten direkt darauf zu. Dann gab es die „Abbieger“: diese Albatrosse änderten plötzlich die Richtung, um direkt gegen den Wind zu fliegen – ein Anzeichen dafür, dass sie den Geruch von Beute aufgenommen hatten. Schon länger war bekannt, dass Wanderalbatrosse grosse, gut ausgebildete Riechkolben besitzen, die zu den grössten in der Vogelwelt zählen. Und jetzt ist der Beweis erbracht, dass diese Riechorgane auch tatsächlich zum Einsatz kommen!
Obwohl der Tisch für die Albatrosse im Südozean reich gedeckt und das Meer gross ist, wählen Wanderalbatrosse der gleichen Kolonie je nach Alter und Geschlecht unterschiedliche Gebiete zur Nahrungssuche aus. Eine solche Aufteilung der Nahrungsressourcen führt dazu, dass sich bei den Wanderalbatrossen der Crozet-Inseln südöstlich von Südafrika nur alte Männchen südlich der Polarfront verköstigen. Der Klimawandel bringt diese alte Ordnung aber durcheinander – siehe Kasten.
Die Polarfront schlängelt sich auf einer Position von etwa 50° südlicher Breite durch die Ozeane rund um die Antarktis; sie ist die Trennlinie zwischen den sehr kalten polaren Oberflächenwässern im Süden und den wärmeren Wassermassen nördlich davon.
Die Weibchen hingegen sowie jüngere Vögel und solche mittleren Alters überquerten die Polarfront nie, sie bleiben nördlich dieser Front – aber auch diese Gruppe der „Nordvögel“ sucht räumlich getrennt nach Nahrung: Junge Männchen starten von Crozet aus nach Osten, junge Weibchen hingegen nach (Nord)Westen.
Auch die Kolonien auf Südgeorgien teilen sich ihre Fluggebiet auf: Weibliche Tiere hielten auf den Patagonischen Schelf vor den Küsten Argentiniens zu und flogen hinauf bis vor Südbrasilien auf 28° südlicher Breite (wo die Langleinen-Fischerei aktiv ist), Männchen hingegen hielten sich mehrheitlich in Küstennähe bei ihrer Heimatinsel Südgeorgien auf, wo sie mit Industrie-Fischereischiffen in Konflikt geraten können, welche dort Jagd auf den Schwarzen Seehecht machen.
Tödliche Widerhaken
Treffen Wanderalbatrosse auf Fischereischiffe, folgen sie den Schiffen oft tagelang und stürzen sich auf den Fischabfall und den Ausschuss, der bei einer Verarbeitung des Fanges direkt an Bord anfällt und ins Meer geworfen wird. Eine willkommene Nahrungsquelle für Seevögel – wären da nicht tausende mit leckeren Ködern gespickte Fanghaken an langen Leinen! Bei der Langleinen-Fischerei zieht das Fangschiff eine oft 100 Kilometer lange Leine hinter sich durchs Meer. An der Hauptleine sind mehr als 2500 Seitenleinen mit Haken angebracht, die mit Ködern bestückt sind. Da Auftriebskörper solche Leinen nahe der Wasseroberfläche halten, verfangen sich Albatrosse in den Haken, weil sie nach den Ködern tauchen.
Viele Meeresvogelarten, aber auch Meeresschildkröten, Haie und Rochen sind massgeblich dadurch bedroht, dass sie zu Zehntausenden als unerwünschter Beifang der Langleinen-Fischerei verenden. In einer Untersuchung von BirdLife International zählte man erstmals alle Seevögel zusammen, die der Langleinen-Fischerei weltweit zum Opfer fallen. Trotz vieler Ungenauigkeiten, die sich hinter den gemeldeten Zahlen der Fischerei-Industrie verbergen, gelangte man zu erschreckenden Schätzungen: zwischen 160 000 und 320 000 Seevögel fallen demnach der Langleinen-Fischerei zum Opfer – jedes Jahr! Und dies widerspiegelt nur die vorhandenen Beifang-Meldungen; die Dunkelziffer an weiteren Vogelopfern wird als hoch eingestuft. Am häufigsten vertreten sind Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher, zu den weiteren Opfern zählen auch Möwen, Seeschwalben, Tölpel und Kormorane. Stellt die Langleinen-Fischerei bereits für relativ häufige Arten wie den Schwarzbrauen- und den Schwarzfussalbatros eine grosse Gefahr da, so wird sie für bedrohte Arten wie den Amsterdam- oder den Tristanalbatros zur eigentlichen Existenzfrage. Auch ist jetzt klar, dass die seit Jahrzehnten festgestellte Abnahme des Wanderalbatros auf Südgeorgien sehr stark von der uruguyanischen Hochseefischerei mitverursacht wird. Die Fangflotte Uruguays legt ihre Langleinen für Thunfische vor den Küsten zwischen der Mündung des Rio de la Plata und Südbrasilien aus – dort, wo die meisten Wanderalbatrosse aus Südgeorgien nach Nahrung suchen. Nicht verwunderlich (aber traurig), dass Uruguay den höchsten Anteil an Albatrossen im Beifang hat; er macht 84 Prozent aus.
Schön wäre es, hier vermelden zu können, dass die Arbeiter auf den Fangschiffen aus Aberglauben den Albatros schonen würden – denn technische Hilfsmittel zur Reduktion des Beifangs gibt es längst. Doch die modernen Seefahrer scheinen vergessen zu haben, dass der Albatros die Seelen Ertrunkener transportiert und nur schon deshalb unseren uneingeschränkten Schutz verdienen würde.
Mehr Wind, mehr Gewicht
Der Klimawandel sorgt für mehr Wind in der Antarktis und über dem Südozean. Davon profitiert der Wanderalbatros ausgiebig, wie neuste Studien zeigen.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Windfelder über dem Südozean verändert: Die Westwinde wehen stärker, und sie blasen weiter südlich als zuvor. Beide Auswirkungen kommen dem Wanderalbatros zugute, weil er nun schneller zu fliegen kann und deshalb weniger Zeit für die Nahrungssuche aufwenden muss.
Diese neue Einsicht in das Leben des grössten fliegenden Vogels verdanken wir der Studie eines internationalen Teams aus französischen und deutschen Wissenschaftern. Sie verglichen zahllose Daten über die zeitliche Dauer von Nahrungsflügen sowie über den Bruterfolg aus den vergangenen vier Jahrzehnten und die Körpermasse von Wanderalbatrossen der letzten 20 Jahre mit neuesten Untersuchungen an Vögeln der Crozet-Inseln. Dort verfolgte man dank Mini-Satellitensendern einzelne Wanderalbatrosse auf Nahrungsflügen bis zu 3500 Kilometer weit vom Brutplatz weg.
Es zeigte sich, dass Weibchen viel südlicher und in viel windigeren Ecken des Südozeans unterwegs waren als zuvor. Bisher waren Wanderalbatros-Weibchen von den Crozets mehrheitlich in Richtung subtropischer Gewässer im Norden geflogen, wo sie Opfer der Langleinenfischerei wurden. Dank der neuen „Jagdgründe“ im Süden, welche ihnen der Klimawandel beschert, finden sie ihre Nahrung in kürzerer Zeit und kommen nicht mit den Köderhaken der Fangflotten in Konflikt.
Mehr Erfolg beim Brüten
Indem die Weibchen jetzt – dank schnellerem Fliegen im stärkeren Wind – weniger Zeit auf See verbringen müssen, können sie sich länger dem Bebrüten des Eies widmen. Tatsächlich bemerkten die Forscher, dass der Bruterfolg unter den Wanderalbatrossen von Crozet zugenommen hat, und dass die Vögel dort heute um 1 Kilogramm an Gewicht zulegen konnten im Vergleich zu den langjährigen Durchschnittswerten.
Der Westwindgürtel auf der Südhalbkugel ist nicht nur für (Wander)Albatrosse zentral, er spielt auch für das globale Klima eine bedeutende Rolle. Stärke und Position dieses Windfeldes sind mindestens seit dem Höhepunkt der letzten Eiszeit ständigen Schwankungen unterworfen, wie eine Studie von Paläoklimatologen über das Urzeitklima festhält.
Dem Südozean rund um die Antarktis, wo die Westwinde grossflächig und ungestört von Kontinentalmassen wirken können, fällt wegen seiner Meereströmungen enormen Aussmasses ein dominierender Einfluss auf das Weltklima zu. Nebst grosser Mengen an Wärme, nimmt der Südozean allein etwa 40 Prozent desjenigen Kohlenstoffdioxids (CO2) auf, das weltweit in den Ozeanen gespeichert wird.
Da sich nun wichtige Meeresströmungen, wie der gigantische Antarktische Ringstrom, innerhalb des Südozeans nach Süden verlagern und sich damit auch die horizontale und vertikale Zirkulation der Wassermassen ändert, nimmt der Südozean bereits rund einen Drittel weniger CO2 auf als in den zwei Jahrzehnten davor. Zudem erwärmt sich das Wasser dort zusehends, verliert an Salzgehalt und wird immer saurer.
Veränderung geht weiter
Der Wanderalbatros scheint nun der Nutzniesser dieser aktuellen Veränderungen zu sein. Die frohe Botschaft, dass die weltweite Erwärmung des Klimas auch mal einer Tierart guttut, wird jedoch nur befristet gelten. Diese positive Auswirkung des Klimawandels auf die Wanderalbatrosse findet nämlich dann ihr Ende, wenn sich das Muster der Westwinde im Südozean weiter verändern sollte, wie es Klimaberechnungen vorhersagen.
Denn die Lage und die Intensität der Windfelder über dem Südozean hängen stark mit dem Ozonloch über der Antarktis sowie mit der von Menschen verursachten Zunahme an Treibhausgasen zusammen – beides sind stetig ändernde Grössen.
Als grösster fliegender Vogel der Erde mag man sich also kurzzeitig freuen über die laufenden ozeanischen und klimatologischen Veränderungen – als grösster lebender Verschmutzer dieser Erde müssten wir Menschen uns (einmal mehr) gehörig an den Ohren ziehen.
Von Peter Balwin (Text) und Heiner Kubny (Bilder)