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Die Red Blue Crew rast in einer Rakete den Klösterlistutz hinunter. Zuerst kommt die Blue Shark Kurve, dann die Diabolica. «Eine Kiste, die schwer zu kontrollieren ist, aber wenn man es schafft, sehr schnell sein kann», dröhnt die Stimme einer der beiden Kommentatoren aus dem Lautsprecher. Das stellen die beiden Fahrerinnen unter Beweis. Die eine sitzt vorne in der Rakete am Steuer, die andere hat die Kiste am Anfang angestossen und springt nun auf der Zielgeraden hinten auf. Jetzt nimmt die Seifenkiste nochmals richtig Schwung auf und rast durchs Ziel. Das Publikum klatscht, die Moderatoren kommentieren die Zeit. Die beiden Mädchen bremsen ihr Gefährt und steigen freudestrahlend, aber konzentriert aus. Es gilt, die Rennbahn zu räumen, die nächsten sind schon am Start.
Die Geschichte der Seifenkistenrennen begann 1904 in der Stadt Oberursel in Deutschland, als eine Gruppe Jungs inspiriert von einem Automobilrennen ihre eigenen Holzautos bastelte und ein Rennen veranstaltete. Von da an verbreitete sich das Rennfieber in Europa und Amerika. Zusätzliche Berühmtheit erlangten solche Rennen mit dem Film «Kid Auto Races at Venice» von 1914, in dem auch Charlie Chaplin seinen ersten Fernsehauftritt als Tramp hatte. Der Name «Seifenkiste» rührt von einem Werbegag einer amerikanischen Seifenfirma her, die die Umrisse eines Kinderautos auf ihre Verpackungskisten zeichnen liess. Das erste in der Schweiz bekannte Rennen fand 1934 im aargauischen Biberstein statt. Das Rennen in Bern wurde erstmals Ende der 1980er Jahre vom Pionier der offenen Arbeit mit Kindern und dem späteren Autor des «Allgemeinen Ratgebers für Seifenkisten» Babu Wälti zusammen mit dem damaligen Leiter des Schützenweg-Spielplatzes Tinu Baud und weiteren Aktiven aus dem Umfeld dieses Abenteuerspielplatzes initiiert. Anfangs fand das Rennen am Scheibenrain im Wylergut statt, Anfang der 1990er wurde es aber an den besser geeigneten Klösterlistutz verlegt, wo es seither stattfindet.
Es ist Sonntag, grosser Renntag am Klösterlistutz hier in Bern. Der Himmel hält sich bedeckt. Die Stimmung ist ausgelassen. Gross und Klein stehen neben den Heuballen, die die Rennstrecke begrenzen oder schauen von der oberen Strasse auf die Rennstrecke hinunter. Es gibt Stände zur Verpflegung der Rennteams und der Zuschauer*innen, eine Werkstatt für reparierungsbedürftige Seifenkisten und sogar einen Stand mit Rennutensilien zum Verkauf. Das alles erinnert mich ein wenig an die Skirennen aus meiner Kindheit. Nur dass alles viel farbenfroher und entspannter daherkommt. Und dass die Erwachsenen am Rand der Rennstrecke nicht nur für ihre eigenen Kinder mitfiebern, sondern jeder Seifenkiste mit gleich grosser Begeisterung beim Runterflitzen zuschauen, ob sie nun selbst Hand angelegt haben oder nicht. (Man munkelt, dass die Väter am Bauen der Seifenkisten fast mehr Freude hätten als ihre Kinder).
David Fürst im Gespräch mit Vera Stoll, Mitorganisatorin der Grossen Berner Renntage. Im Hintergrund die Probeläufe von Samstag.
Es ist aber auch unmöglich, sich nicht begeistern zu lassen. Da fahren Wikingerschiffe, Sanitätswagen und Feuerwehrautos (mit echter Wasserspritze) den Hang herunter, ein Bändbus, eine Tschuttichischte (mit Fussballschuhen und halben Bällen), ein Wagen, der ganz mit Nespressokapseln bedeckt ist, ein Glacécornet mit dem Teamnamen «Gelateria di Bremgarten», ein Oldtimer (das Team trägt Hosenträger und Gehstock) und sogar ein gewaltiger Blauwal mit Seemöwe auf der Schwanzflosse. Einige Teams haben mehr Wert auf die Gestaltung ihrer Kisten gelegt, andere auf die aerodynamische Form, um möglichst schnell herunterbrettern zu können. Die Wagen werden von mindestens zwei Kindern geführt, manchmal sind es aber auch bis zu sechs Kinder, die als Rennteam starten. Üblicherweise sitzt eines vorne im Wagen am Steuer und die anderen schieben es von hinten an und versuchen, der Kiste nach den engen Kurven wieder Schwung zu verleihen. Die kleineren sitzen oft zu zweit im Wagen und ruckeln den Hang hinunter, so gerade eben die Sharky Pilots. «Sie fahren sehr sicher, sehr kontrolliert», schallt es wohlwollend aus den Lautsprechern, die Zuschauer*innen applaudieren. Hier geht es trotz Rennen nicht um gut oder schlecht. Hier machen alle alles richtig, nach ihren Möglichkeiten. Hier stehen für einmal die Kinder im Zentrum. Und auch das Kind im Erwachsenen.
Am Start geht es heute, Sonntagnachmittag, sehr geordnet zu. «Man merkt, dass sie gestern geübt haben», ruft ein Helfer dem anderen zu. Am Vortag bei den Probedurchläufen habe hier oben noch ein einziges Durcheinander geherrscht. Nun aber, beim mittlerweile zigsten Lauf sind die Kinder geübt und sehr konzentriert bei der Sache. Schliesslich gilt es die Kiste schnell und sicher den Hang hinunterzubringen. Die Steigung ist nicht ganz ohne. Einige Kisten landen in der Kurve in den Heuballen, eine überschlägt es sogar. Obwohl, schlimme Verletzungen gebe es sehr selten, erklärt mir einer der Helfer am Start. In den letzten zwanzig Jahren habe nur einmal ein Kind den Arm gebrochen. Ihm zu Ehren sei die erste Kurve benannt, die Blue Shark Kurve.
Oben bringen nun die Jungle Girls ihre Seifenkiste in Startposition. Der grüne Wagen ist mit Plüschpandas und Plastikblumen geschmückt, an den Rädern grinst ein Gorilla und die Mädchen tragen Jaguarpullover. Sie starten in der Kategorie «Formel GT», das heisst sie sind höchstens zehn Jahre alt, haben schon Rennerfahrung und ihr Wagen verfügt über bessere Räder und Lenkung. Die verschiedenen Kategorien sind nach Alter und Bauweise der Wagen unterteilt. In einer eigenen Kategorie starten diejenigen die zwischen 15 und 18 Jahre alt sind – der Fairness halber. Teams wie «Dini Muetter isch HÄSSIG» sind denn auch die schnellstens mit einer Zeit von unter 20 Sekunden.
Aber eigentlich geht es an diesem Sonntag gar nicht in erster Linie ums Gewinnen, sondern um den Teamgeist. Deshalb gibt es auch nicht nur Preise für die Schnellsten. Sondern auch für die mit der am kreativsten gebauten Seifenkiste und die mit dem besten Fahrstil und Teamgeist. Und für alle eine Rennurkunde. Davon hätten sich die Veranstalter meiner früheren Skirennen ruhig einige Scheiben abschneiden können.