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|Peter Meier-Classen im Gespräch
mit

Theodor W. Adorno
über den Bankrott der Philosophie und den Zeitkern der Wahrheit.

Adorno: Ich überhöre den amateurhaften Klang dieser Formulierung, für die ich selbst verantwortlich bin, nicht. Man wird im Allgemeinen die Antwort und den Gedankengang auf eine solche Frage erraten: erst werden alle Schwierigkeiten und Bedenken angehäuft, um schliesslich mit einem Jedennoch zu enden und das rhetorisch Bezweifelte zu bejahen.
Meier-Classen: Man traut einem, der von Amtes wegen Philosophie lehrte und dessen bürgerliche Existenz davon abhing, nichts Besseres zu. Wer eine Sache verteidigt, die der Geist des Zeitalters als veraltet und überflüssig abtut, begibt sich in die ungünstigste Position.
Adorno: Diese Fatalität muss einbeziehen, wer von der Philosophie sich nicht abbringen lässt. Er muss wissen, dass die Philosophie nicht mehr für die Techniken der Bemeisterung des Lebens verwendbar ist. Die Philosophie hat gegenüber den realen gesellschaftlichen Zwecken ihren Bankrott erklärt. Noch die Newtonsche Physik hiess Philosophie. Ein archaischer Rest, ein Rudiment jener Epoche früher griechischer Spekulation, in der handfeste Naturerklärung und sublime Metaphysik im Namen des Wesens der Dinge ungeschieden noch ineinander waren.
Meier-Classen: Das klingt sehr pessimistisch. Was die Philosophie demnach bräuchte, wäre eine gründliche Restauration, oder?
Adorno: Ach was! Restauration ist in der Philosophie so vergeblich wie sonst wo. Eine solche Restauration müsste sich hüten vor Bildungsgeklapper und weltanschaulichem Abrakadabra, und sie dürfte sich auch nicht einbilden, wissenschaftstheoretische Facharbeit oder was sonst als Forschung einherstolziert, sei Philosophie. Dies alles zu verbieten steht jedoch in unversöhnlichem Gegensatz zum herrschenden Bewusstsein.
Meier-Classen: Da bleibt wohl nur noch, dass die Philosophie ihren traditionellen Totalitätsanspruch aufgibt. Dieser kulminiert ja bei Hegel in der These von der Vernünftigkeit des Wirklichen.
Adorno: Philosophie, die sich als total, als System versteht, würde zum Wahnsystem. Gibt sie jedoch den Anspruch der Totalität auf und beansprucht sie nicht länger mehr, aus sich heraus das Ganze zu entfalten, das die Wahrheit sein soll, so gerät sie in Konflikt mit ihrer gesamten Überlieferung.
Meier-Classen: Also entweder ein Konflikt mit den herrschenden Meinungen oder ein Konflikt mit sich selbst. Das ist eine geradezu tragische Situation.
Adorno: Kritik der bestehenden Philosophien plädiert nicht für das Verschwinden von Philosophie oder gar ihren Ersatz durch Einzeldisziplinen wie etwa die Sozialwissenschaft. Die Kritik möchte formal und material jener Gestalt geistiger Freiheit helfen, die in den herrschenden philosophischen Richtungen keinen Platz hat.
Meier-Classen: Das würde wohl vor allem zwei Schulen betreffen: der den angelsächsischen Ländern verbreitete, ursprünglich von dem Wiener Kreis eingeführte logische Positivismus, und im deutschen Sprachbereich die ontologischen Richtungen. Unter ihnen Heidegger, sowie dessen französische Spielart, der Existentialismus.
Adorno: Positivismus und Ontologie. Sie sind einander anathema. Jener hat die Theorie Heideggers als sinnleer attackiert. Umgekehrt nennen die Ontologen Heideggerscher Provenienz das positivistische Denken als seinsvergessen. Umso schlagender ist die Koinzidenz der beiden Richtungen in einem entscheidenden Punkt: sie haben die Metaphysik als gemeinsamen Feind erkoren. Dass die Metaphysik wesentlich über das hinausgeht, was der Fall ist, und darum vom Positivismus nicht geduldet wird bedarf keiner Erläuterung. Der Name des Positivismus besagt ja, dass er sich ans Positive, Daseiende, Gegebene halten wolle. Aber auch Heidegger, geschult in der metaphysischen Tradition, hat von ihr nachdrücklich sich abzugrenzen gesucht.
Meier-Classen: Bei den Positivisten wie auch bei Heidegger, zumindest in seiner späteren Phase, richtet sich diese Abwehr gegen Spekulation. Bei den Positivisten wird der Gedanke, der sich deutend und interpretierend über die Fakten erhebt, als leere Begriffsspinnerei verfemt. Heidegger zufolge aber verfehlt das Denken in dem von der abendländischen Geschichte geprägten Sinn die Wahrheit.
Adorno: Es bleibt ungewiss, ob Philosophie als Tätigkeit des begreifenden Geistes, überhaupt noch an der Zeit sei, ob sie nicht zurückbleibe hinter dem, was sie zu begreifen hätte, nämlich dem auf die Katastrophe zutreibenden Zustand der Welt. Eine Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, braucht eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie. Dass diese nicht den Idealismus aufwärmen darf, sondern die gesellschaftliche und politische Realität und ihre Dynamik in sich hinein nehmen muss, bedarf keines Wortes.
Meier-Classen: Wie wichtig gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Realität sind den überhaupt noch dauerhafte Werte der Philosophie, also Einsichten und Wahrheiten, die Kulturen und Zeiten überdauern ?
Adorno: Es ist zu hoffen, dass die Philosophie diese Schuld der verblendeten Selbstsetzung nicht wiederholen wird, diese Idee der philosophia perennis, dieser Glaube, der Philosophie sei die ewige Wahrheit verbrieft. Gesprengt wurde diese Idee von Hegels erstaunlichem Satz, Philosophie sei ihre Zeit, in Gedanken erfasst. Als erster hat er damit Einsicht in den Zeitkern der Wahrheit gewonnen.
Meier-Classen: Nicht in die Wahrheit der Zeit, sondern in den Zeitkern der Wahrheit. Ein interessanter Gedanke. Die Philosophie muss sich mit dem Zeitkern der Wahrheit befassen?
Adorno: Das Rimbaudsche "ich faut etre absolument moderne" ist kein ästhetisches Programm und keines für Ästheten, sondern ein kategorischer Imperativ der Philosophie.
Meier-Classen: Denk zeitgemäss! - Theodor Adorno, besten
Dank für dieses Gespräch.
Inschrift auf der Gedenktafel an Adornos Wohnhaus in Frankfurt.