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Jenseits der östlichen Esoterik - besitzt Europa einen eigenen geistigen Schulungsweg?
(Der folgende Artikel erschien ebenfalls in der Berliner Esoterikzeitschrift SEIN am 9. Mai 2016)
Die meisten esoterischen Programme, die in Europa und Amerika angeboten werden, weisen eine mehr oder weniger deutliche Anbindung an Traditionen auf, die in Indien, Japan, Tibet und China, im Schamanismus Afrikas und Russlands, dem Sufismus des alten Persiens oder in einem der Ashrams oder Klöstern aus den hundertfältigen Schulen von Yoga, Tantra, Taoismus und Zen entstanden sind. - Nochmals: Besitzt die europäische Menschheit, unbeeinflusst vom Osten, denn keine eigene Esoterik? - Wenn doch, worin liegt ihre Differentia specifica zum esoterischen Mainstream der Osttradition?
Die Reinkarnationsidee bei Lessing enthält das Gegenteil der östlichen Lehre. Zunächst das vorbereitende Lehrgut. Das liegt im deutschen Idealismus und in der Klassik vor. Man lese etwa die Begründung der Wiederverkörperung in Lessings Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts", die Lessing zufolge allein auf der Tatsache von Wiederverkörperungen möglich ist. -
«Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf Einmal so viel weg, daß es der Mühe wieder zu kommen etwa nicht lohnet?» (§98)
Dies schrieb er lange bevor Übersetzungen indischer Schriften in Deutsch vorlagen. Lessings Gedankengänge bereiteten die Erlebnistiefe und die Denkdisziplin der drei grossen Idealisten Fichte, Schelling und Hegel vor. Der für die akademische Wissenschaft so bedeutungsvolle Kant gehört einer anderen Kategorie an. Er ist der Dogmatiker der Erkenntnisgrenzen ("Ich musste das Erkennen beschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen", was er mit seinem spekulativen "Ding an sich", das immer im Transzendenten verbleibt, erreicht hat.) Bei Lessing kündet sich das Reinkarnationsverständnis des europäischen Okkultismus an, welche der bekannten Osttradition diametral entgegengesetzt ist. Denn diese lehrt die Befreiung vom Rad der Wiedergeburten, kennt eigentlich gar keine Schulung des Reinkarnationswillens, sondern nur die Exkarnationssehnsucht als Grundlage ihrer Weisheitsträume.
Das Trifolium Hegel, Schelling, Fichte. Diese Philosophen liessen das scholastisch begriffliche Spekulieren hinter sich und begannen, das erzeugende Denken, die Denkakte in ihrer Beziehung zur Ich-Bildung wie ihr Verschmelzen mit der objektiven Logik der Begriffswelt seelisch zu beobachten. Damit eroberten sie der Wissenschaft ein neues Wahrnehmungsfeld. Alle drei verschafften sich dabei vielfältige Erfahrungen sinnlichkeitsfreier Zustände. Fichte mit Betonung des reinen Denkwillensakt als dem Garanten des Ich-Bewusstseins, ja der ursprünglichen Ich-Bildung. ("Das Ich lebt von des Denkens Gnaden" wird später auch Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" sagen.) - Hegel muss als der grösste Mystiker der objektiv gesetzmässigen Begriffswelt gelten (die sich hinter dem subjektiv verfälschten Meinen, Wähnen und Behaupten verbirgt und deren wir uns durch Schulung der seelischen Beobachtung inne werden können). - Er erfuhr den „Geist als das Begreifende und das Begriffene; er hat den Begriff zu seinem Dasein." (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften II 537). - Wir verdanken ihm überaus hellsichtige Unterscheidungen, die eine innere Verwandtschaft mit Shankaras Klassiker "Das Kleinod der Unterscheidung" (um 800 n. Chr.) aufweisen. Etwa diejenige zwischen Seele und Geist, zwischen Idee, Natur und Geist und bezüglich des Geistes zwischen dem Begriff des Geistes, dem subjektiven Geist, dem objektiven Geist und dem absoluten Geist. Hegel wandte sich in seiner "Phänomenologie des Geistes" gegen die „Erbauungsphilosophie“ seiner Zeit, die „sich zu gut für den Begriff und durch dessen Mangel ihre Vorstellungen für ein anschauendes und poetisches Denken hält“ . Einige, unter ihnen sein Schüler Karl Marx, haben ihn als Fetischist der Logik missverstanden, weil auch sie die "Arbeit des Begriffs" scheuten und ihr Selbstgefühl im Politisieren verstärken und nicht in der Hingabe an die in sich geschlossene Welt des Geistes aufzugeben wagten. Schelling, der Nachfolger Hegels auf dessen Berliner Lehrstuhl, erweiterte in seinem Spätwerk, das seine "positive Philosophie", wie er sie nannte, enthält, die Gedankenflüge über die Schwelle des Todes hinaus, in eine philosophische Theosophie hinein. (Etwa in "Clara – Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt.")
Die geistvollsten Dichterdenker: J.W. von Goethe und Friedrich von Hardenberg (Novalis) Die drei Denker wurden assistiert von den beiden grossen Dichtern Goethe und Novalis, wobei Novalis' Fragmente uns die sichersten Indizien für ein originäres Erfahrungswissen übersinnlicher Welten vermitteln. Goethe in einem Brief vom 19.3.1827 an seinen langjährigen Freund Zelter:
"Wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander, vom Weltgeist berufen, in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in denen wir uns schon erprobt haben, nicht versagen!"
Novalis hinterliess nach seinem Tod mit 29 Jahren eine erstaunliche Fülle philosophischer Aufzeichnungen voller exakter Aussagen über das Verhältnis der Sinneswelt zur Geisteswelt. Etwa in "Blütenstaub":
«Das willkürlichste Vorurteil ist, dass dem Menschen das Vermögen außer sich zu sein, mit Bewusstsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnliches Wesen zu sein. Ohne dies wäre er nicht Weltbürger, er wäre ein Tier. Freilich ist die Besonnenheit, Sichselbstfindung, in diesem Zustande sehr schwer, da er so unaufhörlich, so notwendig mit dem Wechsel unsrer übrigen Zustände verbunden ist. Je mehr wir uns aber dieses Zustandes bewusst zu sein vermögen, desto lebendiger, mächtiger, genügender ist die Überzeugung, die daraus entsteht; der Glaube an echte Offenbarungen des Geistes. Es ist kein Schauen, Hören, Fühlen; es ist aus allen dreien zusammengesetzt, mehr als alles Dreies: eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, eine Ansicht meines wahrhaftesten, eigensten Lebens. Die Gedanken verwandeln sich in Gesetze, die Wünsche in Erfüllungen. Für den Schwachen ist das Faktum dieses Moments ein Glaubensartikel» (Nr. 22)
Der Glaube an echte Offenbarungen des Geistes wird für den "Schwachen", der sich den Geistoffenbarungen nicht in wissenschaftlicher Vollbewusstheit zuneigt, zum Glaubensartikel! - Novalis weist damit darauf hin, dass der Zustand der geistigen Erkenntniserfahrung nicht eintreten kann, wenn die seelische Aktivität nicht mindestens so hoch ist, wie wir sie im Denken abstrakter Zusammenhänge erüben können:
«Im eigentlichen Sinn ist Philosophieren ein Liebkosen - eine Bezeugung der innigsten Liebe zum Nachdenken, der absoluten Lust an der Weisheit.» - «Wenn man anfängt über Philosophie nachzudenken, so dünkt uns Philosophie, wie Gott und Liebe, alles zu sein. Sie ist eine mystische, höchstwirksame, durchdringende Idee, die uns unaufhaltsam nach allen Richtungen hineintreibt. Der Entschluss zu philosophieren, Philosophie zu suchen, ist der Akt der Manumission, der Stoss auf uns selbst zu.»
Und im Anschluss an seine tiefschürfenden Fichte-Studien:
«Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche Selbstoffenbarung. Erregung des wirklichen Ich durch das idealische Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen. Der Entschluss zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche Ich, dass es sich besinnen, erwachen und Geist sein solle. Ohne Philosophie keine echte Moralität, und ohne Moralität keine Philosophie.» Novalis war der Anschauung, dass weder Kinder noch die alten Orientalen Philosophie kannten noch benötigten, denn «Philosophie muss die Fehler unserer Erziehung gutmachen - sonst hätten wir sie nicht nötig.» - Und: «Die Siesta des Geisterreichs ist die Blumenwelt. In Indien schlummern die Menschen noch immer, und ihr heiliger Traum ist ein Garten, den Zucker- und Milchseen umfliessen.»
Die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners.
Die ideelle Produktivität der grossen deutschen Denker und Dichter griff Rudolf Steiner auf, um als bedeutendster Schüler des grossen Meisters des esoterischen Christentums (Christian Rosenkreutz) die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu begründen, die wirkungsvollste esoterische Strömung des Westens, wenn man ihre bis ins Äussere der Zivilisation eingreifenden Gestaltungsimpulse auf den Gebieten von Landwirtschaft, Medizin, Pädagogik, Kunst und Wissenschaft in Betracht zieht. Mit Steiners Geisteswissenschaft verbunden sind unzählige Vorschläge für Meditation und Lebensführung (zB in "Wie erlangt man Erkenntnisse übersinnlicher Welten?"), die jedoch in der allgemeinen Esoterikszene nur von wenigen aufgegriffen werden. Von seinen Anhängern werden sie leicht in den Hintergrund betulicher Erörterung geschoben. Von einem «Akt der Manumission, der Stoss auf uns selbst zu» ist dabei wenig spürbar.
Einer der Gründe hierfür liegt im Missverständnis, das vielerorts gegenüber der Bedeutung des Denkens bei der Erlangung leibfreier Zustände herrscht. Der Anfänger der Meditation bemerkt die aufsteigenden Vorstellungen, die er als Störefriede seiner Konzentration durch verschiedene Mittel zu vertreiben sucht. Anstatt die Konzentration zu verstärken, gerät er in ein traumähnliches Dösen, das sich mit der verstärkten Eigenwahrnehmung seines höchst privaten und vergänglichen Leibesinneren verbindet. - «Lasst die Vorstellungen in eurer Seele aufsteigen und vergehen», heisst es dann etwa, oder der Guru verheisst: "Give me your mind and I'll give you peace» (Prem Rawat) oder der Schamane saugt in einem Feuerritual den Verstand aus dem Menschen (zu sehen im Film "Das Wunder der Lebenskraft"). Die moderne Geisteswissenschaft, welche die Disziplin und die geschärfte Beobachtung der naturwissenschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte in ihren Forschungsbereich mit aufnimmt, weist auf anderes hin. Es geht um eine lebenslange Verstärkung des Urrhythmus, der zwischen der seelisch beobachteten Vorstellungs- und Urteilsbildung und ihrem Gegenteil in Gang gebracht wird. Das Gegenteil, nämlich das Zurückziehen der Denkaktivität in sich selbst - behufs der Herstellung des von persönlichen Vorgaben geleerten Bewusstseins - muss gelernt sein. Wenn man die Denkkraft meidet und schwächt, hat man sie auch nicht zur Verfügung, wenn man ihre Gebilde, die Vorstellungen zurückdrängen soll. Man gerät dann nicht ins Überwache, sondern in allerlei somnambule Trancezustände, die zur Erlangung wahrer Erkenntnisse ebenso ungeeignet sind wie drogeninduzierte Bewusstseinszustände. Wenn dies nicht ins Auge gefasst wird, tritt die schemenhaft wiederholende Intellektualität eines Bekenners von Esoterikangeboten auf derselben Stelle. Denn um die höheren Leckerbissen des Lebens zu entdecken, die «liebkosende, innige Liebe zur Weisheit» (Novalis) muss auf die subjektive, leibbezogene Wellness als höchstes Ziel verzichtet werden. Diese kann zwar vorübergehend auf das stressüberreizte Nerven- Sinnessystem eine therapeutische Wirkung ausüben. Man sollte sie jedoch nicht als das in harmonischer Übereinstimmung Stehen mit der kosmischen Grundkraft oder gar als Erscheinung universellen Bewusstseins fehldeuten. Denn die Nebenwirkungen sind in diesem Fall bedenklich schwerwiegende. Sie stellen sich als Folge der anempfohlenen und ungeprüften Anweisung ein, dem Entstehen der denkenden Aktivität und ihrer Vereinigung mit Denkinhalten (Begriffe, Ideen, Vorstellungen) und Wahrnehmungen (Erinnerungsbildung) keine Aufmerksamkeit und an der erfahrungsgestützten Aufklärung über die hierbei auftretenden Abstufungen kein Interesse entgegenzubringen. Als sklerotisierende Einschlüsse dogmatischer Vorstellungen treten die erwähnten Nebenwirkungen auf, deren gefühlsbezogene Subjektivität nicht durchschaut werden kann, solange man der voraussetzungslosen Selbstbeobachtung aus dem Wege geht.