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Die weltwirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre war gezeichnet von den Nachwehen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und von den in zahlreichen Ländern darauf folgenden Staatsschuldenkrisen. Für die Schweiz kam hinzu, dass die Furcht vor einem Auseinanderbrechen des Euroraumes zu einer starken Nachfrage nach Schweizer Franken führte und diesen dadurch stark aufwertete. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Schweizer Wirtschaft in dieser Zeit vergleichsweise gut geschlagen hat und das Wirtschaftswachstum höher ausfiel als in vielen vergleichbaren Ländern.
Das Wachstum der letzten zehn Jahre war allerdings in erster Linie ein quantitatives Wachstum, das auf einem erhöhten Arbeitsvolumen aufbaute. Zurückzuführen war dies neben der starken Zuwanderung auch auf eine nochmalige Steigerung der bereits hohen Erwerbsbeteiligung. Für die längerfristige Entwicklung des Wohlstandes interessiert jedoch weniger das quantitative Wachstum, sondern vielmehr die Frage der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität (siehe Kasten). Diese definiert letztlich den realen Lebensstandard, denn die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung ist eng verbunden mit dem Einkommen, welches die Produktionsfaktoren erhalten (Löhne, aber auch Kapitaleinkommen).
Ein solch qualitatives Wachstum ist nicht ausschliesslich auf das materielle Konsumwachstum zu reduzieren. Vergleicht man das Leben heute mit jenem vor hundert Jahren, so sind die grössten Früchte des Wachstums in der kürzeren Arbeitszeit, dem medizinischen Fortschritt, der Mobilität oder dem ausgebauten Wohlfahrtsstaat zu verorten.
Schweiz hat Spitzenplatz verloren
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz sind offensichtlich von hoher Qualität. Dennoch zeigt sich hierbei für die Schweiz eine erstaunliche Entwicklung: Diese Qualität der Rahmenbedingungen spiegelt sich nicht – wie es zu erwarten wäre – in einem überdurchschnittlichen Wachstum der Produktivität. Ganz im Gegenteil und entgegen der Entwicklung beim gesamtwirtschaftlichen Wachstum: Die Zunahme der Arbeitsproduktivität hat sich in den letzten Jahren, insbesondere seit der Finanzkrise, weiter verlangsamt.
Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich zwar in vielen Ländern. Betrachtet man jedoch die längerfristige Entwicklung, so ist die Schweiz deutlich zurückgefallen und hat ihren Spitzenplatz in Bezug auf das Niveau der Produktivität mittlerweile verloren (siehe Abbildungen 1 und 2). Mit anderen Worten: Wir müssen mehr arbeiten als die Bevölkerung in vergleichbaren Ländern, um einen ähnlich hohen Wohlstand zu erreichen.
Abb. 1: Entwicklung der Arbeitsproduktivität
Anmerkung: Reale Entwicklung der Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandprodukt / geleistete Arbeitsstunden).
Quelle: BAK Basel, OECD / Die Volkswirtschaft
Abb. 2: Niveau der Arbeitsproduktivität
Anmerkung: Reale Entwicklung der Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandprodukt / geleistete Arbeitsstunden).
Quelle: BAK Basel, OECD / Die Volkswirtschaft
Produktivität als Pfeiler der Wachstumspolitik
Vor diesem Hintergrund präsentierte der Bundesrat vor rund einem Jahr einen Grundlagenbericht für die «Neue Wachstumspolitik».[1] Im Mittelpunkt steht dabei nach wie vor die Erhöhung der Arbeitsproduktivität.
In aktuellen Diskussionen werden jedoch zunehmend die negativen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums auf Umwelt, natürliche Ressourcen und Infrastruktur betont. Zudem zeigen die Erfahrungen der Finanz- und Wirtschaftskrise: Um ein nachhaltiges Wachstum zu erzielen, gilt es schwerwiegenden Krisen vorzubeugen. Auch diese Aspekte hat der Bundesrat berücksichtigt, indem er die Wachstumspolitik neu auf drei Säulen stellt. So hat er nebst der Erhöhung der Arbeitsproduktivität auch die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaft und die Milderung der negativen Nebenwirkungen des Wachstums ins Zentrum gerückt. Der Bundesrat strebt damit eine nachhaltige und langfristig orientierte Wachstumspolitik an, die auf den Wohlstand der Bevölkerung und nicht auf die blosse Quantität des Wirtschaftswachstums fokussieren soll.
In diesem Kontext erteilte er dem Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) den Auftrag, geeignete Massnahmen zu den drei Säulen zu erarbeiten. Das Schwerpunktthema «Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft» der Ressortforschung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) soll zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität die analytischen Grundlagen liefern. Hierzu ist für die Schweiz vergleichsweise wenig bekannt.[2]
Branchen, Qualifikation und Investitionen im Fokus
Längerfristig wird das Wachstum der Arbeitsproduktivität durch die Produktionsseite der Wirtschaft bestimmt. Eine Studie des Forschungsinstituts BAK Basel hat deshalb die Branchenstruktur betrachtet. Tatsächlich scheint die Schweiz selbst in traditionell starken Segmenten wie dem Bankensektor oder dem Maschinenbau bei der Produktivität den Anschluss an die führenden Länder verpasst zu haben.
Könnte ein Grund hierfür sein, dass die besser qualifizierten Arbeitskräfte zunehmend in wenig produktiven Branchen wie dem Gesundheitssektor oder beim Staat arbeiten? Und findet eine unnötige Akademisierung statt? Die Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos greift diese Fragen auf und untersucht die Konsequenzen für die Arbeitsproduktivität.
Besonders irritierend ist die Entwicklung im wissensintensiven Dienstleistungssektor, wo das Produktivitätswachstum teilweise sogar rückläufig war. Die Studie von B,S,S. Basel und der Konjunkturforschungsstelle der ETH untersucht, warum unter anderem die IT-Dienstleistungen in den letzten Jahren gemäss Statistiken rund 30 Prozent unproduktiver wurden. Dies insbesondere im Gegensatz zu den ausländischen Pendants. Gibt es möglicherweise ein Messproblem?
Die wissensintensiven Dienstleistungen haben wie andere Dienstleistungsbranchen eine geringe Kapitalintensität: Sie können Produktivitätswachstum weniger als andere Branchen durch den Einsatz von Kapital erzielen. Einiges deutet darauf hin, dass die Kapitalinvestitionen im Vergleich zum starken Wachstum der Beschäftigung und der Qualifikation zu gering ausfielen. Eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und der Universität St. Gallen sucht nach strukturellen Gründen für diese Entwicklung. Ist es die Auslagerung der Produktion und damit die Verlagerung von Investitionen in Billiglohnländer? Dies scheint keine wesentliche Erklärung zu sein, was etwas erstaunen mag.
Denn eine zweite Studie von RWI und Universität St. Gallen zeigt auf, dass die Offenheit der Schweizer Volkswirtschaft bislang unterschätzt wurde. Dies gilt jedoch nur für den Warenhandel. In vielen Dienstleistungsbereichen ist die Schweiz hingegen als recht geschlossen zu betrachten. Aus dem Blickwinkel der Internationalisierung bestätigt die Studie die Bedeutung der einzelnen Branchen für die Produktivitätsentwicklung.
Die Schweiz ist aber nicht nur bezüglich Branchen, sondern auch bezüglich der Regionen vielfältig. Wie sich eine Region entwickelt, hängt nicht nur von den regionalen Standortfaktoren ab, sondern auch von der regionalen Branchenzusammensetzung. Zudem nehmen Branchen in verschiedenen Regionen unterschiedliche Tätigkeiten wahr und haben auch dadurch ein unterschiedliches Produktivitätspotenzial. Ist die stark dezentrale Struktur der Schweizer Wirtschaft daher eine Stärke, oder hält sie das Produktivitätswachstum zurück? Eine Studie der beiden Beratungsunternehmen Ecoplan und Fahrländer Partner untersucht, ob die Produktivitätssteigerungen der letzten Jahre aus den ohnehin schon produktiveren Zentren kamen oder ob die peripheren Regionen aufholen konnten.
Potenzial vorhanden
Insgesamt zeigen die Studien die enorme Vielfältigkeit der Schweizer Wirtschaftsstruktur auf. Dabei ist der Strukturwandel in der Schweiz durchaus differenziert zu betrachten. Trotz einer dynamischen Entwicklung der wenig kapitalintensiven, binnenorientierten und staatlichen Sektoren erfolgte der Strukturwandel insgesamt hin zu überdurchschnittlich produktiven Branchen. Aber das Produktivitätswachstum ist stark einseitig verankert. Sowohl was die Branchen (wenige, volatile Branchen) als auch was die regionale Abstützung anbelangt.
Es deutet zudem einiges darauf hin, dass das starke und quantitative Wachstum der letzten Jahre nicht unbedingt die Produktivität förderte. Namentlich die Investitionen hielten nicht Schritt mit der Beschäftigungszunahme – was auch längerfristig das Produktivitätswachstum weiter bremsen könnte. Zuversichtlich für die Zukunft stimmt dagegen, dass die Qualifikation der Bevölkerung zugenommen hat und insbesondere jene der Zugewanderten überdurchschnittlich hoch war.
Die Studien weisen schliesslich auf die Bedeutung der Preisentwicklungen hin. Dies ist in erster Linie zwar ein Problem bei der Messung der Produktivität: So sollten für die Erfassung der realen Produktivitätszunahmen die Qualitätsverbesserungen, die zum Beispiel auch aus Verbesserungen beim Humankapital stammen, von den reinen Preisveränderungen getrennt werden können; besonders schwierig ist die Erfassung bei Dienstleistungen; die Messprobleme erschweren daher gerade die Abbildung des Strukturwandels hin zu wissensintensiven Tätigkeiten.
Doch Preise haben auch eine reale Bedeutung für die Entwicklung der Produktivität – zum Beispiel über den Einfluss von Investitions- und Vorleistungsgüterpreisen auf die Investitionsentscheidungen. Und mit dem hohen Preisniveau in der Schweiz, der Tendenz des immer stärker werdenden Frankens und der im Vergleich zum europäischen Ausland eingeschränkten Möglichkeiten des Imports kommt den Preisen in der Schweiz eine besondere Bedeutung für das Potenzial zur Steigerung der Produktivität zu.
- Bundesrat (2015). Grundlagen für die Neue Wachstumspolitik, 21. Januar 2015.
- Die sechs Studienberichte sind auf www.seco.admin.ch unter dem Stichwort Strukturberichterstattung abrufbar