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Das scharfe Gewürz («Piri Piri») wurde am Ende der Zugaben als rote Peperoncini im Cocktail-Glas den Musikern auf der Bühne gereicht. Die Band kriegte herzhaften Applaus, nicht nur nach dem Finale, sondern nach jedem Stück. Als «Musik mit Wippfaktor» angekündigt, spielten Piri Piri eine Mischform aus Django Reinhardt-Roots und Kurpark-Swing. Ein ferner Blues mochte punktuell mit wirken, ein Hauch Ragtime. So oder so: Ein Zeitfenster in die Dreissiger Jahre wurde geöffnet, eine Empfindung von frühem Jazz in Europa geweckt, an dessen Anfang der Gypsy-Swing von Django Reinhardt stand. Django hat einen kurzen Exkurs verdient: Django Reinhardt (1910-1953) zählt neben Jimi Hendrix zu den wirklich grossen Gitarristen des 20. Jahrhunderts. Er stammte aus einer Tsiganes-Familie in Belgien. In den Zwanziger und Dreissiger Jahren lebte die Familie in einem Wohnwagen in Paris. Django wurde mit seinem erstaunlichen Gehör und seinem Talent auf der sechssaitigen Banjo-Gitarre schon als Jugendlicher unter den Roma-Musikern bekannt. 1928 machte er seine ersten Plattenaufnahmen. Im gleichen Jahr wurde bei einem Wohnwagenbrand seine linke Hand verkrüppelt. Der Unfall führte dazu, dass er sein furioses Single-Note-Spiel entwickelte, da er mit drei Fingern nur schwierig Akkorde greifen konnte. 1934 gründete Django Reinhardt zusammen mit dem Geiger Stéphane Grappelli das «Quintette du Hot Club de France», das schnell international bekannt wurde und in den fünf Jahren seines Bestehens Dutzende von Schallplatten aufnahm. Django Reinhardts Position in der Jazzgeschichte ist legendär: «Er war der erste europäische Musiker, der ganz im Sinne des Jazz einen eigenständigen Personalstil entwickelte, in dem er seine musikalische Herkunft aus der Manouche-Kultur mit leichtfüßig swingenden Jazzrhythmen verband, instrumentale Virtuosität mit einfallsreicher Spontaneität» (Wolfram Knauer). Die Musik von Piri Piri ist schon von der Besetzung her anders gelagert als Django's Formation: Das Quintette Hot Club de Paris spielte mit Geige, zwei Rhythmusgitarren, Sologitarre und Kontrabass. Piri Piri besteht aus den zwei Gitarristen Christian Wallner und Pete Borel, dem Bassisten David Zopfi und dem Perkussionisten Pit Furrer. Eine etwas nonkonforme Erweiterung erfuhr der Sound an der CD-Taufe durch die beiden Gäste Alessandro d'Episcopo (Piano) und Pascal Bruggisser (Akkordeon), die bei einzelnen Stücken auch auf der CD mit wirken. Das Ergebnis war ein moderat gecrossoverter Gypsy-Jazz, der mit fortschreitendem Konzert immer lockerer wurde und mit dem Zigeuner-Standard «Les yeux noirs» seinen emotionalen (Intro von Pete Borel) und Geschwindigkeitsrekord verdächtigen (Christian Wallner) Schlusspunkt fand. Alleine schon den beiden Gitarristen zuzuhören und ihre Fingerkapriolen zu verfolgen, war eine Freude: Wie sie sich abwechselten, furiose Linien schlängelten, melodiös und flüssig improvisierten und mit rhythmischen Riffs synkopierten, erhellte die November beschlagenen Gemüter. Wallner, der sein Handwerk bei Gypsy-Gitarristen in Holland gelernt hat und mit Akribie weiter verfeinert, pflegt bewusst die traditionelle Linie des Gypsy-Swing. Er tut dies mit Verve und einer bemerkenswerten Virtuosität, die er gut unter Spannung hält. Borel zapft aus seiner Blues- und Rock-Vergangenheit (Dead End Cowboys) sein eigenes Vokabular an und bringt es elegant in einen swingenden Flow. Kaum zu glauben, wenn man ihn so jazzig auf dem akustischen Instrument hört, dass er ebenso gut mit einer elektrischen Gitarre rocken könnte. Pascal Bruggisser zauberte auf dem Akkordeon ein Gefühl von mediterranem Süden in die Melodien, Alessandro D'Episcopo wieselte puren Jazz aus den Tasten. David Zopfi, der sonst mit Led Airbus harten Rock greift, wurde zum kompetenten Mitswinger. Und Pit Furrer hielt mit minimalster Schlagzeug-Ausrüstung (Snare, Hi Hat) und dem Cajon die Fuhr mit den nötigen Streichel-Besen-Feinheiten auf Trab. Man hätte am gleichen Abend auch Grizzly Bear in Basel oder das Lucerne Jazz Orchestra in der Jazzkantine erleben können. So oder so hat man etwas verpasst, immer und überall. Piri Piri waren die wohlverdiente Alternative. Eigentlich müsste man sie an einem lauschigen Sommerabend im Freien geniessen oder in einem kleinen verrauchten Club mit Stimmengemurmel und Gläsergeklingel. Aber auch im Kleintheater Luzern war das ein «Hot Quartette du Lucerne»! Piri Piri: Henrietta, CD, 2009 (www.piriswing.ch)
Saitenflitzer aus dem Luzerner Wohnwagen
Entspannter Sound, flirrende Gitarristenfinger und eine Erinnerung an den alten Süden, den man nie kannte: Die Luzerner Gypsy-Swing-Formation Piri Piri hat im praktisch ausverkauften Kleintheater Luzern ihre erste CD gefeiert.