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Vor zehn Jahren habe ich dazu kurz etwas in unserem damaligen Katalog geschrieben. Oft ist es interessant zu verfolgen, was sich in der Zwischenzeit an neuen Erkenntnissen ergeben hat. Lassen Sie mich zunächst erneut zusammenfassen, wie es zu dieser Notausgabe gekommen ist.
Die Oberpostdirektion in Bern plante auf den 1. Januar 1852 eine Taxreform. Darin gab es für sämtliche Tarifarten keine «gebrochenen Frankaturen» mehr. Also keine Tarife zu 21⁄2 Rappen oder 71⁄2 Rappen usw., sondern nur noch Abstufungen von jeweils 5 Rappen. Auf diesen Zeitpunkt waren die 21⁄2-Rappen-Marken (Orts-Post und Poste Locales) nicht mehr nötig und wurden in der «Marken - losen Zeit» (vom 25.12.51 bis 31.12.51) denn auch von allen Postschaltern zurückgezogen.
Im Laufe des Jahres 1851 realisierte man in Bern, dass der vorrätige Bestand an 21⁄2-Rappen- Marken nicht mehr bis zum Jahresende ausreichen würde. Aus diesem Grunde beauftragte die Oberpostdirektion den Lithografen Carl Durheim in Bern, der bisher schon diese Ausgaben gedruckt hatte, eine zusätzliche Lieferung dieser Wertstufen vorzunehmen. Dieser führte diesen Auftrag in Eile aus, indem er den Druck nicht – wie sonst üblich – durch die Herstellung eines neuen Drucksteines durch Umdruck vom Urstein bewerkstelligte, sondern indem er auf die zuletzt benutzten Arbeitssteine zurückgriff. Das geschah einmal durch den Poste Locale-Stein, bei welchem die Kreuzeinfassung abgeschabt worden war. Daraus entstanden die überaus seltenen Poste Locales ohne Kreuzeinfassung. Es hat sich hier sicherlich nur um eine sehr kleine Bogenzahl gehandelt.
Uns interessieren nun aber die Drucke vom Orts-Post-Stein. Dieser muss entweder schon stark abgenützt oder aber beschädigt gewesen sein. Jedenfalls erfolgte der Druck dieser Notausgabe nur in einem einzigen 40er-Bogen und zudem musste dieser erst einmal repariert werden. Die beiden äussersten senkrechten Reihen des Bogens waren offenbar nicht mehr brauchbar, weshalb sie Durheim abschabte. Überaus interessant nun: die äusserste rechte, senkrechte Reihe ersetzte er duch die zweitäusserste Reihe, sodass dort nun nebeneinander immer zwei gleiche Typen vorkamen! Also anstatt Typen 7 und 8 (usw.) wie üblich, die Typen 7+7, 15+15, 23+23, 31+31 und schliesslich 39+39! Auf der linken Bogenseite kopierte Durheim nun aber nicht die zweite senkrechte Reihe, sondern die dritte! Auf diese Weise enstanden die Einheiten mit den versetzten Typen. Anstelle von Typen 1+2 wie üblich (usw.), entstanden die Typenfolgen 3+2, 11+10, 19+18, 27+26 und schliesslich 35+34.
Dieser Notbogen hatte demnach folgende Typenfolge:
Dass auch von dieser Aushilfs- oder Not-Ausgabe der Orts-Post nur wenige Bogen gedruckt und in Umlauf gekommen sein können, zeigt die Statistik von Bernhard Geiser, dem sicherlich grössten Forscher in unseren Alt-Schweiz- und insbesondere in den Marken der Durheim-Ausgabe. Er hat bis heute lediglich rund je ein halbes Dutzend Paare mit versetzten und mit gleichen Typen aufgelistet und dazu noch weniger Briefe. Diese Statistik ist zweifelsohne nicht komplett (wie jede Statistik), aber sicherlich weit fortgeschritten. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Notausgabe des Orts-Post-Bogens noch wesentlich seltener ist, als jene bei den Poste Locales. Ein Stück der Poste Locale ohne Kreuzeinfassung notiert im Katalog des Schweiz.-Briefmarken- Händlerverbandes mit 35’000.– für ein gestempeltes Luxusstück und mit 130’000.– für einen ebensolchen Brief. Bei der Notausgabe der Orts-Post müssen wir nicht auf ein Einzelstück, sondern auf je ein Paar zurückgreifen und haben die Bewertung mit 90’000.– für ein gestempeltes fehlerfreies Paar (ungebrauchte Paare sind bis heute nicht bekannt geworden) und von 170’000.– für einen tadellosen Brief. Da vorderhand noch sehr viel mehr Poste Locales ohne Kreuzeinfassung (lose und auf Brief) bekannt sind als Orts-Post-Paare mit versetzten oder gleichen Typen, müsste der Preisunerschied hier noch erheblich grösser sein.
Bislang haben wir immer von einem Paar dieser Orts-Post aus diesem Aushilfsbogen gesprochen. Also von einem Paar mit versetzten oder aber mit gleichen Typen. Oder sinngemäss von einer noch grösseren Einheit, in welcher solch ein Paar vorkommt. Wie steht es nun aber mit einem Einzelstück der Orts-Post-Marke mit Kreuzeinfassung? Kann man feststellen, ob ein Einzelstück aus diesem seltenen Aushilfsbogen stammt oder aus einem der früheren, normalen Druckbogen? Wir konnten neulich zwei Stücke erwerben, mit welchen man durchaus auch bei einer Einzelmarke beweisen kann, dass sie aus diesem seltenen Bogen stammen. Und zwar ist dies bei der senkrechten Reihe rechts aussen, also bei den gleichen Typen relativ leicht möglich, indem der Abstand dieser beiden Randmarken (also zwischen den gleichen Typen) grösser ist als normal. Augenfällig grösser!
Als Beispiel nehmen wir die lose Marke der Type 31.
Links weist diese einen übergrossen Abstand zur Nachbartype auf. Und rechts den Bogenrand! Also muss diese Type 31 ganz klar auf dem Bogenfeld der Type 32 gedruckt worden sein und damit aus diesem Notbogen und aus einem Paar mit den gleichen Typen 31+31 stammen!
Dann die Type 39 (auf einem Briefteil von Steffisburg).
Links wiederum ein übergrosser, also abnormaler Abstand zur Nachbartype und rechts erneut der Bogenrand. Diese Type 39 muss demzufolge ganz klar auf dem Bogenfeld 40, also in der rechten unteren Bogenecke des Notbogens gedruckt worden sein und damit ebenfalls aus einem Paar mit den gleichen Typen 39+39 stammen! Aufgrund der eigenartigen, unverwechselbaren, ja «hohlen» Rautenstrichen kann mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass beide Stücke von Steffisburg stammen und evtl. sogar auf demselben Brief verwendet worden sind.
In der linken Bogenhälfte mit den versetzten Typen ist es etwas schwieriger, indem der Abstand zwischen den versetzten Typen auch ein klein wenig grösser ist als normal, aber nicht so augenfällig wie rechts aussen. Klar ersichtlich sind immerhin Stücke der Typen 3, 11, 19, 27 und 35, falls diese links einen Bogenrand aufweisen. Dann ist der Nachweis gegeben, dass es sich um Randtypen, also um die versetzten Typen handelt.
Wie sind solche Einzelstücke aus diesem Aushilfsbogen zu bewerten? Sicherlich sehr viel niedriger, als Paare mit versetzten resp. gleichen Typen. Diesbezüglich hat sich natürlich noch kein Markt gebildet. Ich denke, dass ein vernünftiger Ansatz in den Katalogen bei rund 10-20% des Paarpreises (für versetzte, resp. gleiche Typen) liegen muss. Je nach Klarheit des Nachweises, ob es sich um ein Stück aus diesem Aushilfsbogen handelt. Wie gesagt, es müsste einigermassen klar ersichtlich sein, dass es sich um eine dieser seltenen Typen handelt. Bernhard Geiser ist dabei, diesen ganzen Aushilfsbogen zu rekonstruieren. Wenn eines Tages diese Arbeit einmal geleistet und dafür ein Bestimmungsbuch vorhanden sein wird, kann man auch Typen innerhalb dieses Not - bogens klar platzieren. Solche Stücke (also nicht von den Randtypen) wären nicht gleich hoch zu bewerten, aber wohl auch einiges höher als normale Orts-Post-Marken. Einfach, weil es sich um einen (sehr) seltenen Druckstein handelt. Dabei ginge es wie bei den Rayon II und I hellblau um die Bewertung des Drucksteines und nicht um einen Zuschlag für ein Stück, das auf einem «falschen» Bogenfeld gedruckt worden ist.
Sie können diese Arbeit von Bernhard Geiser unterstützen, der die Orts-Post und Poste Locales allgemein rekonstruiert. Dieses Lebenswerk kann nur durch die Mithilfe möglichst vieler Sammler und Händler, wie auch der Prüfer vollendet werden, die ihm diesbezügliche Stücke (vor allem Paare und grössere Einheiten oder eben Einzelstücke mit abnormal breiten Abständen zu den Nachbarmarken) zwecks Dokumentation vorlegen. Wir sind Ihnen gerne bei der Kontaktaufnahme behilflich.