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Anfangs September wanderte ich zum Morteratschgletscher. Das mächtige Eis des volumenstärksten Gletschers der Schweizer Ostalpen hat sich in den letzten hundert Jahren über zwei Kilometer zurückgezogen. Dieser Anblick ruft mir Jeremy Rifkins Narrativ für das 21. Jahrhundert in Erinnerung. Er hat es jüngst unter dem Titel «Die dritte industrielle Revolution» publiziert.
Nach Rifkin haben wir in Europa und Nordamerika in den letzten 200 Jahren zwei industrielle Revolutionen durchlebt. Angetrieben wurden sie einmal von der Erfindung der Dampfmaschine und später des Verbrennungsmotors. Als Antrieb des Automobils symbolisiert Letzterer das Zeitalter der fossilen Brennstoffe. Ihn ihm konnten in einem noch nie dagewesenen Ausmass individuelle Konsum- und Mobilitätsbedürfnisse befriedigt werden.
Mit der steigenden Nachfrage nach fossilen Brennstoffen – vorab in China und Indien – indes verknappt sich das Angebot zunehmend. In der Folge steigen die Preise für Erdöl und die auf der Basis dieses Rohstoffes hergestellten Konsumgüter verteuern sich. Internationale Spannungen wegen der noch vorhandenen Erdölreserven nehmen zusehends zu. Schliesslich schädigt der ungehemmte Verbrauch fossiler Brennstoffe nachweislich die Lebensgrundlagen auf der Erde. Wenn wir auf dem eingeschlagenen Pfad der Zweiten Industriellen Revolution weitergehen, dann bedeutet dies das Ende der westlichen Zivilisation.
Neue Kommunikations- und Energieformen
Wollen wir diesem dunklen Zukunftsszenario entgehen, braucht es nach Rifkin eine Dritte Industrielle Revolution. Sie soll während der nächsten 40 Jahre der Wirtschaft neuen Schub verleihen, die Politik erneuern und die gesellschaftlichen Verhältnisse umgestalten. Auslöser von industriellen Revolutionen, so die zentrale These von Rifkin, ist immer das Zusammentreffen einer neuen Kommunikationstechnologie mit einem neuen Energieregime.
Die von Dampfkraft angetriebene Erste Industrielle Revolution beispielsweise brachte die Printmassenmedien hervor. Die Dampfdruckpresse erlaubte die Herstellung von Zeitungen, Magazinen und Büchern in einem höheren Tempo und zu niedrigeren Kosten. Die von fossilen Brennstoffen befeuerte Zweite Industrielle Revolution ging einher mit der Verbreitung elektrischer Massenmedien wie Telefon, Radio und Fernsehen. Bei der Dritten Industriellen Revolution schliesslich paaren sich nach Rifkin erneuerbare Energien mit der Internettechnologie. Die Ausbreitung dieser Energieformen und Technologie soll – wie erwähnt – gut 40 Jahre dauern, hohe Investitionen auslösen und neue Arbeitsplätze schaffen.
Bei der Lektüre des Buches von Rifkin ist mir einiges vertraut vorgekommen. Im Anschluss an Nikolai Kondratjews Theorie der langen Konjunkturzyklen argumentiere ich schon längere Zeit für die These, dass ein grundlegender Wandel im Gange ist, der uns in die sogenannte Netzwerkgesellschaft führt. Auch der russische Ökonom behauptet, dass wirtschaftliche Boomphasen typischerweise 40 bis 60 Jahre dauern. Sie werden ihm gemäss immer durch eine neue Basisinnovation (Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrifizierung, individuelle Mobilität usw.) ausgelöst. Eine weitere und wichtige Übereinstimmung zwischen Kondratjew und Rifik liegen in der Behauptung, dass diese Zyklen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik und Gesellschaft nachhaltig verändern.
Es stellt sich also die interessante Frage, nach was für Ordnungsprinzipien sich die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Dritten Industriellen Revolution ausrichten werden.
Neue Ordnungsprinzipien
Die Kommunikations- und Energiesysteme der ersten beiden Industriellen Revolutionen brachten nach Rifkin zentral gesteuerte und hierarchisch-bürokratisch organisierte Organisationsformen hervor. Am Beispiel der Entwicklung der Eisenbahn zeigt der Autor auf, dass es in der Ersten Industriellen Revolution erstmals viel Kapital sowie eine grosse Organisation und Administration brauchte, um das Verlegen von Schienen über hunderte von Kilometern hinweg zu organisieren. Eine so hochkomplexe Aufgabe konnte nicht ohne eine Kommunikation funktionieren, die von oben nach unten klare Befehle erteilte. Gleiches gilt für die Erdölindustrie in der Zweiten Industriellen Revolution: «Fossile Brennstoffe – Kohle, Öl und Erdgas – sind elitäre Energien aus dem einfachen Grund, dass man sie nur an bestimmten Orten findet. Es bedarf eines erheblichen militärischen Engagements, um sich zunächst den Zugang zu ihnen und dann ihre geopolitische Verwaltung zu sichern, aber nur so vergewissert man sich ihrer Verfügbarkeit. Ausserdem bedarf es eines zentralen, hierarchischen Befehls- und Kontrollsystems sowie massiver Kapitalkonzentration, um sie aus der Erde unter die Leute zu bringen.»
Die Kommunikationstechnologie der Dritten Industriellen Revolution nun, das Internet, vernetzt Wirtschaft und Gesellschaft zwar weltweit, sie zeichnet sich aber auch durch einen dezentralen Charakter aus. Das Netz der Netze macht Lokales global und umgekehrt Globales lokal zugänglich. In den kommenden Jahren trifft die glokale Internettechnologie nach Rifkin auf ein neues Energieregime, das ähnlich organisiert sein wird. «Die Paarung von Internettechnologie und erneuerbaren Energien», so Rifkin, «führt zu einer Dritten Industriellen Revolution. Im 21. Jahrhundert werden Hunderte von Millionen Menschen ihre eigene grüne Energie erzeugen – in ihren Häusern, in Büros, in Fabriken – und diese mit anderen über intelligente dezentrale Stromnetze – ˂Internetze˃ – teilen. So wie die Menschen heute ihre eigenen Informationen erstellen und über das Internet mit anderen teilen.»
Lebten wir in den ersten beiden Industriellen Revolutionen in einer 1:n-Wirtschaft (zentral gesteuerte und hierarchisch-bürokratische Wirtschaft), so stehen wir – wie Rifkin behauptet – auf der Schwelle zu einer n:n-Wirtschaft (kollaborative Wirtschaft). Wie erwähnt, wird diese Entwicklung auch nachhaltige Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft zeigen.
Wo stehen wir heute?
Ich möchte die geneigte Leserin und den geneigten Leser anregen, die aktuellen Diskurse in unserem Land vor dem Hintergrund dieser eben angestellten Überlegungen zu beobachten. Zwei Stichworte dazu sind: Energiestrategie 2050 und Netzpolitik. Und ich bleibe gespannt, wo der Morteratschgletscher in zehn Jahren stehen wird.
Weiterführend
- Die Energiezukunft liegt in intelligenter Vernetzung Doris Leuthard in der NZZ vom 5.5.2014
- ‘Connecting Europe’ – business leaders and policy-makers strongly support the Commission’s 50 billion plan for strategic infrastructure investment in transport, energy and internet Press release European Commission vom 2.10.2012
Bildquelle
- Ch. Schenkel