Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03633.jsonl.gz/526

Vergesst das eine Prozent der Superreichen
Nicht ein Prozent der Superreichen ist es, das die Regeln macht, sondern die obere Mittelschicht.
Wer reich ist, sollte das auch zugeben, vor allem sich selbst gegenüber. Von einem Prozent der Superreichen zu sprechen in der Annahme, alle anderen gehörten zu «den 99 Prozent» sei gefährlich und falsch. Das schreibt der britische Ökonom und Autor Richard Reeves in der «New York Times» und vergleicht dazu zwei Systeme – das britische und das der USA.
Autor Richard V. Reeves
Nicht die Superreichen seien an der wachsenden Ungleichheit schuld, sondern die obere Mittelschicht. Durch Gesetze und Regeln, die in Grossbritannien teilweise längst abgeschafft sind, sorge ein Fünftel der US-Bevölkerung dafür, dass sie ihre Privilegien behalte oder ausbauen könne. Im Unterschied zur britischen Upper Class sei das den Reichen in den USA aber nicht einmal bewusst, schreibt Reeves.
Die Schere zwischen arm und reich weitet sich auf der ganzen Welt. Das weiss man spätestens, seit der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty 2014 das Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» veröffentlichte, in dem er feststellte, dass Einkommen aus Kapitalvermögen sehr viel schneller zunehmen als die aus Arbeit. Und erst recht, seit eine Oxfam-Studie 2015 vorrechnete, dass acht Superreiche inzwischen mehr besitzen als die Hälfte der Weltbevölkerung zusammen.
Beide Studien wurden inzwischen kritisiert. Mit der sozialen Mobilität sieht es aber weltweit sehr viel schlechter aus, als es in Gesellschaften sein sollte, in denen theoretisch Chancengleichheit herrscht.
Das Märchen von der Leistungsgesellschaft
Reeves gräbt dazu den Begriff der sozialen Klasse aus. Klassen – das gibt es nicht in den USA, dachte er lange Zeit. Es würde dem amerikanischen Mythos von der sozialen Aufwärtsmobilität, der Geschichte vom Self-Made-Man, ja auch drastisch widersprechen. Er habe sich geirrt, schreibt er heute.
Der Öknom erinnert sich, wie seine Mutter, die aus der britischen Arbeiterklasse stammt, sich bemühte, ihre und seine seine Aussprache zu verbessern. Dass man es mit einem «Working-Class-Accent» in Karrieredingen schwer hat, versteht sich in Grossbritannien von selbst. Dabei kommt Reeves keineswegs aus einer «Arbeitergegend». Die Stadt, in der er aufwuchs, habe dennoch zu 60 Prozent für den Brexit gestimmt, führt er als Beweis ihrer Bodenständigkeit an. Seit der letzten Parlamentswahl habe Petersborough den ersten Labour-Abgeordneten seit 16 Jahren.
Das Klassensystem, das keines sein will
Labour, Tory – diese Unterscheidungen gibt es in den USA nicht. Parteien und politische Einstellungen ja, aber Klassengesellschaft sei eine Kuriosität, die man sich in britischen TV-Serien wie «Downtown Abbey» ansehe, hat Reeves beobachtet. Dabei seien Klassen in den USA genauso fest etabliert wie in Europa, stellt er fest, besonders nach oben hin.
Einfach erklärt: Richard Reeves 2014 über die Chancengleichheit in den USA. (Bookings Inst.)
Während das Klassensystem fest zur britischen Gesellschaft gehört, halten reiche US-Amerikaner am Mythos der Leistungsgesellschaft fest. So können sie ihre Erfolge auf die eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen zurückführen, statt auf ein ungerechtes soziales System.
Kein britischer Premier könne es sich politisch leisten, seine Kinder auf eine Privatschule zu schicken, führt Reeves als Beispiel an, nicht einmal David Cameron, der selbst das Elite-Internat Eton besucht hat. Im Gegensatz dazu hätten selbst sehr liberal denkende US-Politiker nicht das geringste schlechte Gewissen dabei, jedes Jahr zehntausende Dollar Schulgeld zu bezahlen.
Es gibt keine Armutsfalle, sondern eine Insel des Wohlstands
Wer sich in den USA in der oberen Mittelklasse bewegt, verfügt über ein durchschnittliches Haushaltsjahreseinkommen von 200‘000 Dollar. Und er hat in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich einiges dazugewonnen. Im obersten Fünftel der Einkommensskala sind die Einkommen vor Steuern seit 1979 um ein Drittel mehr gestiegen als bei den anderen 80 Prozent der US-Bevölkerung.
Reeves zitiert dazu Gary Solon, einen der führenden Experten für soziale Mobilität: «Statt einer Armutsfalle gibt es eher eine Affinität am andere Ende – eine Art ‚Wohlstands-Falle‘, wenn Sie so wollen». Die Nachkommen der Reichen bleiben meist in derselben Schicht, sie steigen maximal in das nächste Fünftel auf der Vermögensskala ab. Das obere Fünftel sei eine Schicht, die sich selbst reproduziert.
Die Geldmaschine Wohnen-Bildung-Steuerprivileg
Geld steht dabei zuerst gar nicht im Mittelpunkt. Die gehobene Mittelklasse gestaltet die Gesetzgebung zu Wohnort und Bildung und grenzt sich damit ab. Das fängt damit an, dass man am selben Ort wohnt – die Zonenaufteilung, wie sie in den USA ausgeprägt ist, begünstigt die Bildung von homogenen Vierteln. Das Resultat seien «Gated Communites» für Reiche, nur ohne Zaun, legt Reeves dar. Die Kinder besuchen nahegelegene Schulen, wo sie unter sich bleiben. Gute Schulen wiederum machen die Gegend attraktiv und steigern den Wert von Häusern und Grundstücken.
Wenn es ans Versteuern geht, profitiert die obere Mittelklasse weiter. Die Hypothekenzahlungen für die teuren Häuser in den besseren Vierteln lassen sich von der Steuer absetzen – jeder Versuch, dieses Privileg in den USA abzuschaffen, ist bisher gescheitert.
Wer für die Ausbildung der Kinder spart, ist ebenfalls besser gestellt. Dank eines Gesetzes von 2001, dem «529 College Savings Plan», sind die Gewinne aus solchen Anlagen steuerfrei. Die meisten Staaten erlauben es ausserdem, Erspartes bis zu einem bestimmten Betrag von der Steuer abzuziehen. In einem Land, in dem viele Studenten nach dem Studium jahrelang Kredite abzahlen müssen, ein unbestreitbarer Vorteil. Davon profitieren natürlich nur diejenigen, die auch etwas zurücklegen können.
Alle politischen Versuche, das System zu ändern, sind bisher gescheitert
Dieses System aus Vorteilen bei Wohnung, Bildung und Vermögensaufbau verstärkt sich selbst. Politische Vorstösse, die diese Ungleichbehandlung abschaffen wollen, sei es durch Änderung der Einzonungsvorschriften, Durchmischung von Schülern in Bildungseinrichtungen oder Steuerreformen, treffen auf den erbitterten Widerstand der oberen Mittelklasse.
Die Rhetorik «wir sind die 99 Prozent» sei faktisch ein Selbstbedienungs-Argument, dass es Menschen mit einem gesunden sechsstelligen Einkommen erlaube, sich im selben Boot mit durchschnittlichen US-Amerikanern zu fühlen und den Superreichen die Schuld an der wachsenden Ungleichheit zu geben.
«Gebt endlich zu, dass ihr reich seid»
Im Ende gebe er der britischen Klassengesellschaft den Vorzug, schreibt Reeves. Da bestehe wenigstens Hoffnung. Die britische Oberschicht hätte zumindest den Anstand, sich schuldig zu fühlen, wenn sie sich auf Kosten aller anderen bereichere.
Die Reichen der USA glaubten weiterhin fest an Leistungsgesellschaft, Glück und eigenes Können: «Diejenigen, die die obere Mittelklasse ausmachen, wollen nicht nur ihre Privilegien behalten. Sie denken, sie verdienen sie», schreibt er. Ein erster Schritt wäre es, diese Privilegien auch zu erkennen. «Gebt endlich zu, dass ihr reich seid», fordert er sie auf.
_
Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund einer Publikation der «New York Times» erstellt.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Der britische Ökonom und Autor Richard V. Reeves beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der sozialen Mobilität, gesellschaftlicher Ungleichheit und Integration. Sein jüngstes Buch «Dream Hoarders: How the American Upper Middle Class Is Leaving Everyone Else in the Dust, Why That Is a Problem, and What to Do about It», ist im Juni 2017 erschienen.
Weiterführende Informationen
Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende
Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:
Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000
Einzahlungsschein anfordern: <email-pii> (Postadresse angeben!)
11 Meinungen
Reich wird man in der Regel nicht durch Arbeit, sondern durch Realkapitalbesitz (Aktien, Immobilien, Rohstoffe) oder durch Erbschaft. Volkswirtschaftlich schädlich wird Reichtum erst, wenn er mit Luxusgütern verprasst wird, sonst bleibt er ja – vielfach als risikotragendes Kapital – der Wirtschaft und damit auch den Arbeitnehmenden – erhalten. Daher sollten nicht primär Löhne oder Vermögen höher besteuert werden, sondern deren Verwendung für Luxusgüter und –dienstleistungen via eine progressive Konsumsteuer.
Ja, wir sind alle krank vom Kapitalismus. Die Frage ist, schaffen wir den Bewusstseinswandel oder lassen wir zu, dass die serbelnden Systeme uns in den Abgrund reissen? Geht es uns wirklich so gut, dass viele sehenden Auges den freien Fall bevorzugen?
99% - schauen wir mal, was aus dieser Initiative gemacht wird, der Vorschlag 150% Steuern ab 100000 Vermögensgewinn einzuführen - hängt stark von der Progression ab - meines Erachtens müsste das viel tiefer angesetzt werden. z.B. 50% ab 1000 SFR.
Weil die sehr hohen Vermögen sich immer stärker konzentrieren und das Geld viel zu sehr im Mittelpunkt steht - müsste dringend hier angesetzt werden.
Wie weit sind wir noch eine Demokratie? Wenn wir diese erhalten oder reaktivieren wollen, müssen wir dringend die Privatvermögen begrenzen. Die este Million müsste einfacher zu erreichen sein, als die dreissigste - heisst: ab 50 Mio Privatvermögen 50% Steuern.
Alle Unternehmen müssten Ihren Beitrag zum Gemeinwohl durch eine Gemeinwohl-Bilanz transparent aufzeigen. Denn diese hohen Vermögen sind unweigerlich mit der Wirtschaft verbunden. Jene Unternehmen, welche das GW schädigen dürfen keine Steuervergünstigungen erhalten.
Für Geringverdiener oder Menschen ohne Vermögen sollte es eine Minussteuer geben. Wir sollten Décroissance umsetzen können, ohne im Hamsterrad von Arbeit und Stellensuche gefangen zu bleiben und wir sollten die Menschen ermächtigen - ALLE - weltweit.
Wenn ich mir einmal anschaue, dass wir mittlerweile eine Situation haben, dass die Real wirtschaft auf dieser Erde, nur noch ein Anhängsel der Finanzwirtschaft ist, steuern wir auf ein gewaltiges Problem zu, wenn nicht umgesteuert wird.
Denn die Gefahren einer erneuten weltweiten Krise sind bis heute nicht gebannt. Heutzutage beträgt das Volumen nur der uns bekannten gehandelten Derivate zwischen 600 und 700 Billionen Dollar. Um das einmal ins Verhältnis zu setzen: Das ganze globale Bruttoinlandsprodukt, in anderen Worten alles, was die Länder produzieren, beträgt gerade einmal ungefähr 60 Billionen.
Basiert unsre Struktur auf einer Real-wirtschaft, die von Finanzdienstleistungen und von Finanzhäusern gefördert wird, oder ist unsere Welt eine finanzielle Welt, deren Ansprüche auf die Real-wirtschaft gehandelt werden?
Alle Händler möchten uns glauben machen, dass sie riesige Werte schaffen. In Wahrheit wird auf den Finanzmärkten aber niemals irgend etwas geschaffen. Es findet nur ein Transfer von Vermögen zwischen beteiligten Leuten statt.Denn tatsächlich produzieren sie keine realen Dinge, sie verkaufen keine realen Produkte, alles, was sie machen, ist Vermögen zu transferieren. Das bedeutet im Grunde, für jeden Gewinn gibt es auch einen Verlust.
Die progressive Konsumsteuer setzt nicht an den verbrauchten Gütern an. Die Basis ist ein Vergleich zwischen zwei jährlichen Steuererklärungen: Steuerbares Einkommen minus Vermögenszuwachs = Konsum.
Ich empfehle den Vorschlag von Götz Werner, Matthias Welk, Marc Friedrich in «Sonst knallt's» (eichborn, 2017): Alle Steuern abschaffen - bis auf eine. Besteuert wir nur der Konsum (Mehrwertsteuer). Eine Steuererklärung braucht es nicht mehr. Was wir konsumiere ist Privatsache, Gesellschaftsschädliches kann höher besteuert werden als der Grundbedarf. Die Unternehmer sind heute die Inkassostelle für den Staat, die Steuern bezahlen die Konsumenten auf den Produktpreisen. Reiner Leerlauf.
Die Ausführungsbestimmungen für diesen faszinierenden Vorschlag lassen wir hier weg. Arbeit für Finanzminister, die um ihren Job bangen.
Mit meinem Hinweis rege ich (bei infosperber) an zu Taten, zu denen auch Sie herzlich eingeladen sind. Bisher sind mir keine solchen von Ihnen bekannt! Ihre Rundumschläge bringen nur neuen Frust. Vielleicht haben Sie selbst den «falschen Floh» im Ohr?
Ihre Meinung
Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.