Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03237.jsonl.gz/479

Weg damit? Die Statuen des belgischen Königs Leopold II., des englischen Sklavenhändlers Edward Colston oder Bergbauunternehmers Cecil Rhodes sollen entfernt werden oder sind bereits verschwunden. Die drei Männer hatten in der Kolonialzeit in Afrika Unrecht begangen.
Nach dem Mord an dem schwarzen US-Amerikaner George Floyd beschäftigt man sich auch in Europa wieder mit der Kolonialzeit. Das Stürzen von Statuen setze ein starkes Zeichen, sagt der Historiker und Afrika-Wissenschaftler Andreas Eckert. Aber jedes Denkmal ermögliche auch Diskussionen.
Andreas Eckert
Andreas Eckert ist Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität und Professor für die Geschichte Afrikas. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert und besonders das Thema Kolonialismus.
SRF: Hat es Sie überrascht, dass diese Statuen gerade jetzt entfernt werden sollen?
Andreas Eckert: Kritik an diesen Denkmälern und an der mangelhaften Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit gibt es schon lange. Sie kam immer in Wellen und verebbte dann leider auch oft wieder.
Durch die Ereignisse in den USA ist eine neue Dynamik in die Debatte gekommen. Und Rassismus ist in vielen europäischen Gesellschaften weiterhin tief verbreitet.
Die Statuen von Leuten, die eng mit dem kolonialen Projekt oder mit dem Sklavenhandel verbunden waren, bieten sich an, um den Protest und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung an ihnen zu manifestieren.
Die Lösung kann nicht darin bestehen, die ganzen Statuen abzubauen.
Man weiss schon länger um das Kolonialerbe. Auch die Aufarbeitung findet nicht erst seit gestern statt. Weshalb haben die Behörden die Statuen nicht von sich aus entfernen lassen?
Man kann das gut am Beispiel des englischen Sklavenhändlers Edward Colston beschreiben, dessen Statue ja auf eindrücklicher Weise abgerissen und in den Fluss geworfen wurde.
Colston hat als Sklavenhändler viel Geld gemacht und einen Teil dieses Geldes auch in philanthropische Unternehmungen gesteckt. Er hat Krankenhäuser, Schulen und Armenhäuser finanziert und damit etwas zur Geschichte der Stadt Bristol beigetragen, wo er herkam und gelebt hat.
Man glaubte, das ausmanövrieren zu können – etwa durch eine kleine Plakette an die Statue, die darauf hinweist, dass Colston nicht nur Philanthrop war, sondern sein Geld durch ein schmutziges Geschäft verdient hat.
Viele Politiker und Verantwortliche haben das Thema Kolonialismus und die Auswirkungen bis heute nicht richtig ernst genommen. Aber das ist eine Vergangenheit, die nicht vergehen wird.
Wie sollten wir generell in Europa mit solchen Statuen umgehen? Sollten wir sie einfach systematisch entfernen?
Die Ereignisse in England oder Belgien haben eine hohe, machtvolle Symbolik. Aber die Lösung kann nicht darin bestehen, die Statuen abzubauen.
Denkmäler können, wenn sie auch in einen Kontext gestellt werden, helfen, diesen dunklen Teil der Geschichte zugänglich zu machen – nicht nur für Spezialisten, die das Thema ohnehin lange beackert haben.
Es ist ja nicht das erste Mal, dass in der Geschichte Europas ein Bildersturm stattfindet. Der letzte grössere war 1989/90 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Kann man die Ereignisse miteinander vergleichen?
Nur bedingt. Damals waren es ja die Sieger, die die Statuen der Besiegten abgebaut haben. Das ist ja ein nicht unübliches Verfahren.
Jetzt werden die Statuen nicht unbedingt von den Siegern abgebaut. Sondern von jenen, die sich immer noch unterdrückt fühlen. Von jenen, die das Gefühl haben, dass Rassismus und die langen Schatten des Kolonialismus immer noch nicht richtig thematisiert werden.
Das Gespräch führte Philippe Erath.