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Über zwei Dinge durften wir nicht sprechen: Religion und Politik
Ich habe Manar Kerdy an der Uni Basel besucht, wo er seinen Doktor macht. Er sitzt in einem kleinen Raum, vollgestopft mit Schädeln und Knochen. Auf einem Tisch ein grosser Haufen an kleinsten Knöchelchen. Im Regal Schädel von Rindern, Ziegen und Schafen. Die Knochen seien teilweise eine Million Jahre alt, sagt Manar Kerdy.
Wir treffen uns, um über seine Heimat Syrien zu sprechen. Das Studentenleben in Aleppo sei streng gewesen, sagt Manar. Aber an den Wochenenden und an freien Tagen sei er mit Freunden zur Zitadelle. Zum Quatschen und Shisha rauchen.
Das Leben war gut. Ich hätte nie gedacht, dass es eines Tages so weit kommen würde.
Allerdings: Über zwei Dinge durfte man nicht sprechen, sagt Manar - über Religion und Politik. Wer seinen Mund aufmachte, um aufzumucken, riskierte in den Kerkern von Machthaber Assad zu verschwinden.
Eine schwierige Situation, wenn der Vater Kommunist ist und die Familie nicht religiös. Sein Vater hatte eine Baufirma, seine Mutter arbeitete als Anwältin.
Die Wände hatten Ohren. Wir mussten aufpassen, was wir wo sagten.
Das rettende Angebot aus der Schweiz
Syrien war ein Paradies für Archäologen und lockte Forscher aus aller Welt an. Auch aus der Schweiz. Manar war in seiner Heimat auf einer Grabung mit Forschern der Uni Basel. Später wurde Manar von den Baslern eingeladen, in Basel seine Doktorarbeit zu schreiben und bekam Stipendien. Damals konnte er nicht wissen, dass er so dem Krieg entrinnen wird.
Als 2011 die Unruhen ausbrachen und zum Bürgerkrieg wurden, befand sich Manar bereits in der Schweiz, während Familie und Freunde den Krieg erlebten. Er hatte Angst um seine Familie und schaffte es, sie in die Schweiz zu holen. Sie haben Asyl erhalten. Manar hat aber auch viele liebe Menschen verloren.
Ich kenne mindestens 20 Leute, die im Krieg umgekommen sind.
Er kannte auch den Chef-Archäologen der antiken Oasenstadt Palmyra. Er wurde vom IS enthauptet, sein Leichnam an einer antiken Säule aufgehängt. Der IS sieht Archäologen als Ketzer an.
Der Traum vom wieder Nachhause gehen
Es war Manars Traum, an der Universität Basel seinen Doktor zu machen, um dann zurück nach Syrien zu gehen und dort zu arbeiten. Um zu forschen und zu graben, in einem Land, das voll von Schätzen ist und längst nicht vollständig erforscht.
Er habe eine Chance bekommen, die viele seiner Kollegen gerne gehabt hätten, sagt Manar. Aber er hat trotz des Bürgerkriegs seine Hoffnung nicht aufgegeben. Er glaube an die Syrer.
Eines Tages werden wir zurückkehren und Syrien wieder aufbauen. Ich werde dabei sein.
Mir ist das Gespräch mit Manar noch sehr lange durch den Kopf gegangen. Er hätte niemals gedacht, dass sein Leben jemals eine solche Wende nehmen würde. Das könnte jedem von uns passieren, denke ich.