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Dies ist ebenfalls eine Legende der Kamaiurá-Indios, die heute im “Parque Nacional do Xingu“ leben. Aber “Kuarup – das Fest der Toten“ wird am Xingu noch heute gefeiert – inzwischen von allen siebzehn dort ansässigen Stämmen.
Mavutsinim hatte sich in den Kopf gesetzt, die Toten seines Volkes zurück ins Leben zu rufen. Er begab sich in den Wald, schnitt drei mannshohe Holzklötze aus einem “Kuarup“-Baum, schleppte sie ins Dorf und malte sie an. Nach dem er mit dem Anmalen fertig war, setzte er den Holzklötzen einen Kopfschmuck aus Arafedern auf, legte ihnen Halsketten um und Bänder aus Baumwolle. Als er fertig war, befahl Mavutsinim den Männern des Dorfes, die drei Holzklötze in der Mitte des Dorfplatzes aufzustellen und im Erdboden zu verankern. Nun rief er den “Sapo Cururu“ (eine Krötenart) und das “Cutia“ (Agouti – Nagetierart) herbei – zwei von jeder Art – die vor den “Kuarup“ singen sollten. Dann befahl er den Frauen des Dorfes, gebackene Fische und “Beijus“ (Maniokfladen) unter den Anwesenden zu verteilen.
Die “Maracá-êp” (Vorsänger) hatten sich vor jenen Baumklötzen aufgestellt, sangen ohne Unterlass und schwangen ihre Rasseln, um die “Kuarup“ ins Leben zurück zu rufen. Die Männer des Dorfes wollten von Mavutsinim wissen, ob sich die Holzklötze wirklich in Menschen verwandeln würden – und er antwortete ihnen mit “Ja – die Klötze des Kuarup werden zu Menschen werden, sich bewegen wie Menschen und leben wie Menschen“!
Nachdem alle Fische verzehrt waren, begannen die Leute sich zu bemalen, zwischendurch machten sie ihrer Erregung durch wilde Schreie Luft – auf einmal schrien alle wild durcheinander. Nur die “Maracá-êp“ liessen sich nicht stören, sondern sangen unverdrossen weiter, so wie es Mavutsinim befohlen hatte. Nach der ersten Hälfte des Tages schwiegen die Sänger dann plötzlich – jetzt wollten die Leute die Kuarup beweinen, die ihre Toten repräsentierten, aber Mavutsinim erlaubte es ihnen nicht, sagte, dass diese Kuarup sich in lebendige Menschen verwandeln würden, und deshalb nicht beweint werden dürften.
Am Morgen des zweiten Tages verbot Mavutsinim allen Anwesenden, die Kuarup anzusehen. “Niemand darf sie anschauen“, sagte er – und wiederholte das Verbot immer wieder – “seid geduldig und wartet“! Mitten in der Nacht dieses zweiten Tages begannen die Holzklötze sich ein wenig zu bewegen – die Ketten und Baumwollschnüre zitterten ein bisschen, und die Federkronen bogen sich, wie vom Wind bewegt.
Das Holz schien sich verwandeln zu wollen. Mavutsinim hörte nicht auf mit seinen Ermahnungen, auf keinen Fall zu den Kuarup hinzusehen. Man musste warten. Die Sänger – nur die “Cururus“ und die “Cutias“ – erhoben ihre Stimmen zu einem donnernden Choral, als sie bemerkten, dass die Kuarup die ersten Lebenszeichen von sich gaben. Die Klötze bewegten sich stärker – offensichtlich wollten sie sich aus den Gruben befreien, in die man sie zur Befestigung eingesetzt hatte. Als der dritte Tag anbrach, nahmen die Kuarup von der Mitte nach oben bereits menschliche Körperformen an – die Brust hatte sich gewölbt, Arme traten hervor und das Rund eines Kopfes hatte sich unter der Federkrone gebildet. Die untere Hälfte war noch Holz. Mavutsinim fuhr fort seine Leute zu ermahnen, auf keinen Fall hinzusehen. “Habt Geduld … wartet …. wartet und seht nicht hin”, wiederholte er unablässig.
Die Sonne ging auf – die Sänger sangen ohne Unterbrechung – die Arme der Kuarup begannen zu wachsen. Eins der Beine hatte bereits Fleisch angesetzt – die andere Seite war noch Holz. Nach der ersten Tageshälfte begannen aus den Holzklötzen richtige Menschen heraus zu wachsen – alle drei bewegten sich heftig in ihren Standlöchern – jetzt schon mehr Mensch als Holz. Mavutsinim schickte alle Anwesenden in ihre Hütten zurück und befahl, sämtliche Eingänge der Behausungen zu schliessen – nur er blieb draussen, zusammen mit den Kuarup. Nur er, ihr Schöpfer, durfte sie ansehen. Und als ihre Verwandlung fast vollendet war, befahl er allen Dorfbewohnern, nun aus den Häusern heraus zu kommen und schreiend, mit viel Lärm, ihre Freude zu zeigen, und im Angesicht mit den Kuarup laut zu lachen. Allerdings hatte Mavutsinim empfohlen, dass jene Männer, die in der vergangenen Nacht mit ihren Frauen Beischlaf hatten, nicht heraus kommen sollten.
Nur einer hatte in der vergangenen Nacht mit einer Frau geschlafen. Er blieb im Innern seines Hauses. Aber seine Neugier liess ihm keine Ruhe – also begab er sich schliesslich doch zu den Andern nach draussen. Als er seinen Blick den Kuarup zuwandte, hörten die plötzlich auf, sich zu bewegen, erstarrten und wurden wieder zu Holz.
Mavutsinim wurde sehr zornig und schimpfte den Mann aus, der nicht auf ihn gehört hatte. Immer noch wütend sagte er: “Ich wollte die Toten ins Leben zurück rufen. Wenn jener, der in der Nacht mit einer Frau geschlafen hat, nicht heraus gekommen wäre, wie ich es empfohlen hatte, wären die Kuarup zu Menschen geworden – und die Toten wären zu uns zurückgekommen bei jedem neuen Kuarup“. Und nachdem sein Zorn verraucht war, fügte er hinzu: “Nun gut – ab jetzt wird es immer so sein, dass die Toten durch den Kuarup nicht mehr lebendig werden. Ab sofort wird es nur noch ein Fest zu Ehren derer sein, die von uns gegangen sind“.
Mavutsinim befahl, dass man die Holzklötze nun aus ihren Löchern entferne – als die Leute den Schmuck abnehmen wollten, liess er es nicht zu. “Sie sollen genauso bleiben“, sagte er. Und dann befahl er den Männern, die Holzklötze, so wie sie waren, mitsamt ihrem Feder- und Halsschmuck, in den Fluss zu werfen oder tief im Wald zu vergraben. Niemand erinnert sich mehr, wo sie verblieben sind, aber sie sind immer noch da, im “Morená“ (Kamaiurá-Bezeichnung für den Rio Xingu).