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Frau Huber war eine exzellente Köchin. Ein besonderes Faible hatte sie für exotische Gerichte. Mindestens einmal wöchentlich überraschte sie ihren Man ...
Frau Huber war eine exzellente Köchin. Ein besonderes Faible hatte sie für exotische Gerichte. Mindestens einmal wöchentlich überraschte sie ihren Mann Franz mit einer Speise, die er bislang nicht mal dem Namen nach gekannt hatte, und da er auf kulinarischem Gebiet so gut wie vorurteilsfrei war, schmeckte es ihm meistens ganz ausgezeichnet. Eines Abends nun kam Franz von der Arbeit nach Hause und sagte zu seiner Frau: «Heute bin ich in der Kantine beim Mittagessen zufällig neben dem Chef gesessen. Er ist ein echter Feinschmecker, weisst du, er isst nur aus Solidarität mit uns in der Kantine, feiner Zug von ihm ... ja, jedenfalls haben wir ein bisschen über kulinarische Spezialitäten geplaudert, und wie ich ihm von deiner Vorliebe für exotische Gerichte erzählt habe, hat er mich einen Glückspilz genannt ... ja, siehst du, und da habe ich ihn und seine Frau spontan für morgen zum Abendessen eingeladen ... ich hoffe, das ist kein Problem für dich, oder?» - «Aber nein, Schatz, natürlich nicht», antwortete sie lächelnd. «Du weisst doch, dass ich sogar besonders gern für Gäste koche.» - «Danke. Ich hab mir ja gleich gedacht, dass du nicht nein sagen wirst, weil meinen Chancen auf Beförderung schadet es ganz bestimmt nicht, wenn ich auch privat Kontakt mit dem Chef habe. Es muss aber etwas ganz Spezielles sein, nicht irgendwas, was es in jedem China-Restaurant gibt.» Frau Huber überlegte kurz und sagte dann: «Ich glaube, ich habs. Die Lieblingsspeise der brasilianischen Tapirapé-Indianer. Ich bin hundertprozentig sicher, dass dein Chef das noch nie gegessen hat.» - «Äh ... glaubst du wirklich, dass das das Richtige ist?», fragte Franz skeptisch. «Soviel ich weiss, essen diese südamerikanischen Indianer alles Mögliche, zum Beispiel Schlangen und Eidechsen ...» - «Und Käferlarven», fügte Frau Huber hinzu. «Aber ich kann dich beruhigen. Bei ihrem Lieblingsgericht handelt es sich schlicht und einfach um eine auf eine ganz besondere Art und Weise zubereitete Mais-Erdnuss-Suppe.»
Der Chef, seine Gattin und Franz sassen am festlich gedeckten Tisch, als Frau Huber mit dem dampfenden Suppenkessel aus der Küche kam. «Mais-Erdnuss-Suppe auf Tapirapé-Indianer-Art», verkündete sie. «Also, wenn diese Suppe so gut schmeckt wie sie riecht ...», bemerkte der Chef, während Frau Huber die Teller füllte. «Guten Appetit», sagte Frau Huber. Der Chef nahm seinen Löffel, kostete - und schloss verzückt die Augen: «Mein Kompliment, Frau Huber, diese Suppe gehört zum Besten, was ich in meinem ganzen Leben gegessen habe, diese Dingsbums-Indianer haben wirklich Geschmack, das muss man ihnen lassen.» Auch seine Frau war voll des Lobes, und als die Teller leer waren, liessen sich sowohl sie als auch ihr Mann nicht weniger als dreimal noch einen Nachschlag geben.
«Unübertrefflich, Frau Huber. Wirklich unübertrefflich», stellte der Chef fest, als er sich endlich satt und zufrieden zurücklehnte. «Es freut mich, dass es Ihnen so gut geschmeckt hat», sagte Frau Huber und errötete ein wenig vor Stolz. «Ich kann meinem Mann nur beipflichten, diese Suppe war ein Gedicht», erklärte die Frau des Chefs. «Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das Rezept zu geben?» - «Aber nein, ganz im Gegenteil,», sagte Frau Huber. «Also, das Gericht besteht tatsächlich nur aus Mais und Erdnüssen, ungefähr zu gleichen Teilen, aber das ist nicht so wichtig, weil das Besondere daran ist die Zubereitungsart. Dieses Gericht darf übrigens - zumindest bei den Tapirapé-Indianern - nur von Frauen zubereitet werden. Die Vorarbeiten sind ziemlich zeitraubend und ermüdend, deshalb arbeiten bei den Tapirape-Indianern immer mehrere Frauen zusammen. Allein ist das wirklich fast nicht zu schaffen, aber zum Glück hatte meine Mutter Zeit, um mir zu helfen, sonst wäre ich womöglich gar nicht rechtzeitig fertiggeworden. Aber ich merke gerade, dass ich ein wenig vom Thema abgekommen bin, also, zurück zum Rezept: Zunächst mischt man den Mais mit den Erdnüssen. Dann nimmt man einen Löffel davon in den Mund, zerkaut gründlich, bis man einen süsslichen Geschmack im Mund hat, und spuckt den Brei dann in den Topf, und so weiter, bis alles zerkaut ist. Anschliessend wird das Ganze nur noch erhitzt, und fertig ist die ... aber was haben Sie denn auf einmal? Was ist denn los?» Kaum zwei Sekunden später hingen der Chef und seine Frau über der Kloschüssel und kotzten, was das Zeug hielt, während Herrn Huber nichts anderes übrig blieb, als die Waschbecken zu benutzen. Als die Gäste sich bald darauf ziemlich frostig verabschiedeten, wusste Franz, dass der nächste Abteilungsleiter in seiner Firma höchstwahrscheinlich nicht Huber heissen würde.