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Bühne der Geschichte(n)
Von Bruno Rauch. Aktualisiert am 06.01.2016
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Datum und Uhrzeit
Was bisher am Neumarkt geschah
«Weder unbesonnen noch furchtsam, sondern vorsichtig und grossherzig» (lateinischer Sinnspruch im Giebelfeld des heutigen Theaters am Neumarkt).
1742 Umbau der Liegenschaft zum Zunfthaus «Zur Schuhmachern» durch den Architekten David Morf. Zunftlokal, Druckerei und Sitz der von Johann Jakob Bodmer gegründeten Historisch-Politischen Gesellschaft.
1811–1877 Die Töchterschule als Mieterin.
1840 Gründung des Arbeiterbildungsverein «Eintracht»
1888 Der Arbeiterbildungsverein kauft das Haus, Einrichtung des Speiselokals «Eintracht», Versammlungslokal
1932 Übernahme durch die Stadt (eigentlich zum Abriss im Rahmen der Altstadtsanierung); ab 1945 Theaterbetrieb (Tribüne, Cornichon, Kleines Theater Zürich).
1965 Gründung des Theaters am Neumarkt; Leiter: Felix Rellstab.
12.1.1966 Eröffnung mit Vaclav Havels «Das Gartenfest». Erst- und Uraufführungen von Handke, Pinter, Beckett, Mrozek, Gombrowicz, Ionesco, Saunders, Kroetz, Hein, Jelinek und vielen anderen bis hin zu Widmers «Top Dogs».
Seit 1967 Sitz der Zunft Hottingen.
Mit einem dezidierten «Jein» antwortet die Regisseurin Friederike Heller auf die Frage, ob sie den Text zum neuen Stück selbst geschrieben habe. Eher würde sie von einem Sampling sprechen. Einem Abklopfen und Ausloten der Geschichte und der Geschichten ums und im Theater am Neumarkt. Beim intensiven Stöbern in den Archiven gelangte sie zur Einsicht, dass sie das 50-Jahr-Jubiläum mit politischen und kulturellen Ereignissen würde verknüpfen wollen, die nochmals ein halbes Jahrhundert weiter zurück liegen: 1916, als an der Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire eröffnet wurde und im Gewerkschaftshaus Neumarkt 5 die Zürcher Linke von Greulich bis Grimm und Weltrevolutionäre wie Trotzki und Lenin ein- und ausgingen. Camouflage, Opposition und Infragestellen des Etablierten scheinen da durchaus verbindende Elemente zu sein, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen und Positionen zu und gegen Kampf und Krieg.
Das Spannungsfeld zwischen der neuen ästhetischen Bewegung des Dada und der Weltrevolution – Kunst- und Weltgeschichte sozusagen Tür an Tür – scheint eine reizvolle Folie für einen «Festakt» abzugeben, wie die Jubiläumsproduktion im Untertitel bezeichnet. Der Titel ist Programm: Der Theatersaal wird zur Festhütte, wo die Dada-politische Revue in Szene geht. Und keck zwischen den Zeiten hin- und herswitcht. Möglicherweise sind unter den Gästen Hugo Ball und seine Muse und spätere Frau Emmy Hennings. Vielleicht auch Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, das damals Noch-nicht-Ehepaar Hans und Sophie Taeuber-Arp. Möglicherweise gar Lenin, getarnt mit Perücke.
Sie wolle jedoch nicht eine Dada-Veranstaltung nachstellen, sagt Heller, sondern sich vielmehr auf das Gedankenspiel einlassen zu erforschen, was jene turbulente, brodelnde Zeit mit der unseren gemeinsam hat – Stichworte: Immigration, Fremdheit, Flucht, Instabilität. Jedenfalls ist stapelweise Material in Form von Manifesten, Lautgedichten, Musik, Karikaturen, Liedern und Pamphleten vorhanden, rezitiert, gespielt, gesungen von fünf Schauspielern, unterstützt von Musiker Peter Thiessen, Kopf der Band Kante. – Und die theatermässig ebenfalls spannenden 1960er-Jahre? Die erhoffen wir uns für das nächste runde Jubiläum!