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- 22. März 2016
David Graeber ist Anthropologe. Umstände, an die wir uns gewöhnt haben und wo wir uns nur noch punktuell ärgern schaut er so an, als ob er als Ethnologe fremde Sitten studieren würde die ihn gleichwohl auch betreffen; diesmal geht es um Bürokratie.
Es ist ein witziges, virtuoses Gedankenspiel, das Graeber vorlegt. Er beschreibt viel zum Thema Macht, bürokratische Polizisten, weshalb es so viele Krimis in TV und Buchform gibt. Und bringt unerwartete Sichtweisen zu Tage, die Alltägliches betreffen, worüber man sich täglich ärgert aber nicht genübend nachdenkt. Im Klartext: der unsägliche Controlling-Aufwand in vielen Projekten, die Dokumentationswut, der Formularkrieg, die Begrenztheit von administrativen Abläufen, dies alles wird neu beleuchtet und aus einer frischen Sicht interpretiert. Er beschreibt Bürokratie als strukturelle Gewalt, als Ort, wo heute Entfremdung entsteht. Bürokratie sei der Versuch einer Komplexitätsreduktion – mit dem Nachteil, dass sie Gewalt anwende, damit alles in die komplexitätsreduzierten Abläufe passt. Als eines der Beispiele führt er eine Erhebung an, die aufzeigt, dass die Polizei in den USA vor allem dort Gewalt anwende, wo jemand unschuldig sei – Unschuldige argumentieren, es handle sich um einen Irrtum; dies ist im Prozess des Verfahrens der Verhaftung nicht vorgesehen. Effektiv spüren jene die Prügel am Wenigsten, die schuldig sind, weil das Prozedere besser auf diese passt.
Graeber zeigt auch auf, weshalb Mächtige nicht viel zu ihrem Verhalten kommunizieren müssen, da jene die dieser Macht ausgeliefert sind, sich selbst überlegen müssen, wie sie die Mächtigen möglichst nicht ärgern und gut stimmen können. Die Arbeit des Verstehens wird den Ohnmächtigen überlassen. Das sei mit ein Grund, weshalb es nur von Ohnmächtigen Theorien über das Funktionieren der Macht gibt.
Eine lustvolle Denke, die auch mal James Bond, Vampire und Batman zur Illustration von Strukturalismus und anderen Interpretationsmodellen nutzt.
Graeber belegt, dass sich der viel beschworene Fortschritt seit den 50-Jahren verlangsamt hat – es sind nachweislich weniger neue Konzepte, Technologien, Ideen geschaffen worden – lediglich eine Optimierung von Speichervermögen und Rechnergeschwindigkeiten, die sich denn auch noch seit bald 20 Jahren im immer gleichen Tempo vergrössern – ansonsten eine Lähmung von Forschung, Wiesenbildung und Neuerungen. Leute wie Einstein würden heute keine Chance mehr haben, und was an Neuerung geschehe, werde letzten Endes lediglich eingesetzt, um raffiniertere Formulare zu schaffen.
Ein fulminantes Plädoyer für eine entwicklungsorientierte, kreative Gesellschaft zeigt, dass viel Änderung nötig ist, um uns auf der aktuellen Bürokratie heraus in entwicklungs- und lösungsorientierte Welten zu holen.