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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

3. Buch
7. Kapitel: Im Gegensatz zu den Juden konnten sich die Heiden nicht von einem verderblichen, buchstäblichen Festhalten an den Zeichen losmachen und verfielen so in Götzendienst
11. Die Christengemeinden nun, die so handelten, waren aber, wie die Heilige Schrift berichtet, keine Gemeinden von Heiden; denn da diese ja von Menschenhand gemachte Bilder für wirkliche Götter hielten, so wurden sie (dem Heiligen Geiste) nicht so nahestehend befunden. Wenn auch einige unter den Heiden diese Bilder wie bloße Zeichen zu deuten suchten, so bezogen sie dieselben doch nur auf den Dienst und die Ehre eines Geschöpfes. Was nützt es mir, daß man z. B. ein Bild des Neptun nicht für den Gott selbst halten darf, wenn ich aber doch glauben muß, daß dadurch das ganze Meer und sogar auch noch alle übrigen Gewässer, die aus Quellen hervorsprudeln, angedeutet werden? So wird der Gott, wenn ich mich recht erinnere, von einem Dichter der Heiden1 also beschrieben:
| „Wenn du, Vater Neptun, die ergrauten Schläfen bewegest, >| Dann ertönet des Meeres Gewölb. Aus dem Kinne dir fließet >| Stets das unendliche Meer, und Flüsse irren aus Haaren.“
Das sind Schoten, die rauschend unter einer süßen Schale ihre Kerne schütteln: es ist aber keine Speise für Menschen, sondern nur für die Schweine. Wer das Evangelium versteht, der versteht auch meine Worte2. Wenn es eine solche Bedeutung ist, auf die ich das Bild des Neptun zurückführen muß, so kann mich das nur dazu bestimmen, daß ich eben weder das Bild noch seine Bedeutung verehre. Denn so wenig wie irgendeine Statue ist auch das Meer für mich ein Gott. Das gebe ich allerdings zu, daß noch tiefer diejenigen Menschen gesunken sind, welche Werke aus Menschenhand für Götter halten, als diejenigen, die wenigstens Werke aus Gotteshand für solche halten. Wir Christen aber dürfen nur Gott allein lieben und verehren3, der all das erschaffen hat, wovon jene die Bilder als Götter oder wenigstens als Zeichen und Bilder von Göttern verehren. Wenn es daher schon fleischliche Knechtschaft verrät, einem zum Nutzen eingesetzten Zeichen zu folgen anstatt der Sache, zu deren Bezeichnung es eingeführt wurde, eine wieviel schlimmere Knechtschaft ist es dann, die eingesetzten Zeichen nutzloser Sachen für die Sachen selbst zu nehmen? Bezieht man sie aber auf den durch sie angedeuteten Gegenstand und verpflichtet man den Geist zu dessen Verehrung, so ist man trotzdem nicht weniger frei von knechtischer und fleischlicher Last und Hülle.
1: Vgl. Baehrens, Fragm. poet. Röm. p. 388.
2: Luk. 15, 16.
3: Deut. 6, 4.