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Gurtner, Jakob (1909-1990)--DB1404
Person
Lebensdaten
26.12.1909-06.04.1990
Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort
Wahlern
Zivilstand, Konfession, Nachkommen
Verheiratet mit Anna Gurtner-Küng; Vater von Werner und Gertrud Anna
Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen
Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit
Ausbildung
Primarschulen in Bellikon, Rometschwil und Spreitenbach
Berufsausübung
Staatsförster in Biel 1952-1974; Meisterknecht in Etzelkofen bei Buri, Dewet (1901-1995)--DB597; Melker und Landarbeiter auf verschiedenen Landwirtschafts- und Alpbetrieben
Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen
Schweizerischer Bauernverband (SBV): Vorstandsmitglied 1971-; Schweizerischer Bäuerlicher Dienstbotenverein: Sekretär 1951-1982 (Nachfolger von Greter, Clemens (1916-1990)--DB1337 und Vorgänger von Badertscher, Hansruedi--DB167), Der Landwirtschaftliche Angestellte: Redaktor -1969 (als Vorgänger von Haltinner, Hans (1910-1992)--DB1471); Berner Dienstbotenverein (BDV) (später Berner Landarbeiterverein BLAV): Sekretär 1942-1984; OGG: Sekretär der Kommission für Dienstbotenfragen 1945-1983, Mitglied der Kommission für Dienstbotenfragen 1942-, 1984 erhielt er von der OGG die Verdienstmedaille
Funktionen in anderen Institutionen
Funktionen in der Politik
Biographische Skizze
Jakob Gurtner besuchte die Primarschulen in Bellikon, Rometschwil und Spreitenbach. Von 1934 an arbeitete er als Melker, Hirt, Magaziner, Lagerleiter, Versicherungsagent und Meisterknecht. Im Zweiten Weltkrieg erhielt er die prestigeträchtige Stelle als Melker auf dem Gutsbetrieb der Heil- und Pflegeanstalt in Münsingen. Hier betreute Gurtner nicht nur einen grossen Viehbestand, sondern kam 1941/42 auch in Kontakt mit Schüpbach, Karl (1886-1962)--DB3267 von der Landwirtschaftlichen Schule Schwand, der sich für einen organisatorischen Zusammenschluss und eine wirtschaftliche Besserstellung der Dienstboten einsetzte. Der ETH-Agronom Schüpbach und der Melker Gurtner waren im Februar/März 1942 im Aaretal die treibenden Kräfte beim Versuch, die landwirtschaftlichen Dienstboten im Kanton Bern in lokalen Vereinen zusammenzuschliessen. Dabei ebenfalls eine wichtige Rolle spielten die Dienstboten Gerber, Otto--DB1238 und Hirschi, Gottfried (1909-1975)--DB1595.
Inspiriert wurden die Berner durch die Vorgänge im Kanton Freiburg, wo schon 1941 ein kantonaler Dienstbotenverband gegründet worden war. Dessen Sekretär, Piller, Jean (1912-1998)--DB2719, versuchte, die Knechte auch auf gesamtschweizerischer Ebene zu organisieren. Im Frühling 1942 wurden denn auch in Luzern und Zürich weitere kantonale Dienstbotenvereine ins Leben gerufen. In Bern schlossen sich die im Winter 1942 entstandenen lokalen Dienstbotenvereine im Frühling des gleichen Jahres zuerst in regionalen Vereinen im Aaretal, im Amt Fraubrunnen und im unteren Emmental zusammen, Ende September dann auch in einem kantonalen Verband. An der Gründungsversammlung des Bernischen Dienstbotenverbandes am 27. September in Schönbühl wurde Jakob Gurtner zum Sekretär gewählt. Und auch bei den Vorbereitungen für einen Zusammenschluss der Dienstboten auf gesamtschweizerischer Ebene spielte er eine wichtige Rolle. Von 1951 an amtierte Gurtner als Sekretär des schweizerischen Verbandes. Mit der Gründung des Zentralverbandes bäuerlicher Dienstboten und Arbeitnehmer der Schweiz im Juli 1945 schafften die Knechte, was ihre Meister, die Bauern, schon am Ende des 19. Jahrhunderts und die Bäuerinnen in der Zwischenkriegszeit bewerkstelligt hatten: sich in eigenständigen Organisationen zusammenzuschliessen.
Das Jahr 1942 wurde zu einem Wendepunkt in Jakob Gurtners Leben. Denn gleichzeitig mit der Übernahme der Verbandstätigkeit trat er auch eine neue Stelle an, wechselte er doch auf den grossen Landwirtschaftsbetrieb von BGB-Grossrat Buri, Dewet (1901-1995)--DB597, dem späteren Regierungs-, National- und Ständerat, in Etzelkofen. Hier arbeitete Gurtner während zehn Jahren als Meisterknecht und seine Frau Anna als Köchin. Nach Karl Schüpbach lernte Gurtner mit Dewet Buri einen weiteren Repräsentanten der ländlichen Oberschicht im Kanton Bern persönlich näher kennen. Im Gegensatz zum Landwirtschaftslehrer in Münsingen, der sich als rabiater Gegner der Jungbauern-Bewegung profiliert hatte, war Buri anfänglich selber in der bäuerlichen Bildungsbewegung der Jungbauern tätig. Diese bemühten sich aktiv, aber erfolglos um die Integration der Dienstboten in ihre von mittleren und grösseren Bauern dominierte Organisation. Wichtig für Gurtners Werdegang als Verbandssekretär war, dass Buri die Situation der landwirtschaftlichen Angestellten auch aus eigener Erfahrung kannte. Denn bevor er den Hof seines Schwiegervaters 1927 pachten konnte, arbeitete er als Angestellter auf dem Tannenhof im Grossen Moos, dem Arbeiter-Heim wo ehemalige Insassen der Strafanstalt Witzwil auf das Leben nach dem Strafvollzug vorbereitet wurden.
Die Verhältnisse in Etzelkofen unterschieden sich in mancher Hinsicht von denjenigen auf vergleichbaren Betrieben im Bernbiet: Rudolf, das einzige Kind der Familie Buri, verbrachte seine Schulzeit in einem Internat in Graubünden. Zudem duzten sich Meister und Knechte hier nicht, dafür setzte sich der Bauer als Politiker aktiv für die Dienstbotenbewegung ein, obwohl das unter den grösseren Bauern nicht überall gern gesehen wurde, wie sein Spottname im Bernbiet - 'Knechtenheiland' - deutlich macht.
Für die Familie Gurtner waren die Verhältnisse bei Buris nahezu ideal: Die durch das politische Engagement des Meisters verursachten Abwesenheiten eröffneten dem Meisterknecht bei der Arbeit auf dem Hof ein grosses Gestaltungspotenzial. Und seine Frau musste nun nicht mehr als Tagelöhnerin auswärts arbeiten, sondern wurde als Köchin auf dem gleichen Hof fest angestellt. Auch die beiden Kinder halfen auf dem Hof mit und waren so in der Nähe ihrer Eltern.
1949 wurde Dewet Buri in den Regierungsrat gewählt. Drei Jahre später übergab er den Betrieb seinem Sohn - und dem Meisterknecht verschaffte er eine Stelle als Staatsbannwart in Biel. Als Bannwart beaufsichtigte und pflegte Gurtner während der Vegetationsperiode Wald, der dem Kanton gehörte; daneben ersteigerte er sich jährlich neu eine Fläche Wald zum Holzschlag im Akkord. Gurtner war von 1952 an in der Regel während 200 Tagen im Jahr beim Kanton angestellt; im Winter holzte er zusammen mit von ihm angestellten Waldarbeitern im Akkord und bewirtschaftete zusammen mit Anna und den zwei Kindern einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb am Rand der Stadt Biel. Seinem Engagement für die Dienstboten tat dieser Aufstieg zum Staatsangestellten und Kleinunternehmer keinen Abbruch. Er blieb eine zentrale Figur innerhalb der Dienstbotenorganisationen bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Er verfasste unzählige Protokolle und Briefe sowie einige Jubiläumsberichte. Und, was für die Erinnerung besonders wichtig ist, er bewahrte einen wesentlichen Teil seiner Unterlagen auf.
Jakob Gurtners Leben ist nicht das eines typischen Dienstboten im 20. Jahrhundert. Aber seine Biographie illustriert zentrale Aspekte von deren Lebensumständen. Dazu gehört die grosse geografische Mobilität; Gurtner dürfte mehr als ein Dutzend Arbeitsplätze gehabt haben, verstreut über weite Teile der Deutschschweiz. Sein Engagement in landwirtschaftlichen Organisationen hingegen ist atypisch; die meisten Knechte schlossen sich keiner berufsständischen Organisation an - zu Gurtners Ärger auch nicht den Dienstbotenvereinen.
Weder Gurtner noch die Dienstbotenverbände stellten in den protestantischen Kantonen die ländliche Sozialordnung je grundsätzlich in Frage. Eine Allianz mit den Gewerkschaften schlossen sie aus Rücksicht auf die defensive Situation der Landwirtschaft in der Industriegesellschaft grundsätzlich aus. Auch die OGG trug wesentlich dazu bei, dass bei Gurtner und den Dienstboten die Identifikation mit der bäuerlichen Landwirtschaft trotz den vielen individuellen Frustrationen erhalten blieb. Die 1942 errichtet Kommission für Dienstbotenwesen, der Gurtner von Anfang an angehörte - von 1945 bis 1983 amtierte er auch als Sekretär - setzte sich vor allem für die Umsetzung der Richtlöhne ein und organisierte alljährlich eine Tagung für Dienstboten in der reformierten Heimstätte Gwatt. Zusammen mit den Dienstbotenvereinen und bäuerlichen Organisationen setzte sie sich auch für den Aufstieg der Knechte ins Kleinbauerntum ein, wenn ein Dienstbote durch Heirat oder Erbschaft zu so viel Kapital kam, dass er einen Hof pachten oder gar im Eigentum erwerben konnte. Auch wenn viele nicht ein Leben lang Dienstboten blieben, so schafften doch nur wenige einen sozialen Aufstieg wie Gurtner, der vom Verdingbuben zum Staatsangestellten und Kleinunternehmer wurde. Dass er ab Mitte der 1950er-Jahre am Goldgrubenweg wohnte und aktiv im Moto-Club Biel mitmachte, ändert allerdings nichts daran, dass seine materielle Lage zeit seines Lebens prekär blieb.
Autor: Peter Moser
Quellen und Literatur
Eigene Publikationen
- 25 Jahre Bernischer Dienstbotenverband, o.O. 1967
- 40 Jahre Schweizerischer bäuerlicher Dienstbotenverband, o.O. 1985
Quellen
- AfA Personendossier Nr. 435
- Archivbestand Gurtner, Jakob (AfA Nr. 700)
- Moser, Peter: 'Die ungewöhnliche Karriere des Verdingbuben und Melkers Jakob Gurtner', in: Stuber, Martin (et al.) (Hrsg.): Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG (1759-2009), Bern, Stuttgart, Wien: Haupt, 2008, S. 207-210
Schlagworte
Suisse - SchweizKanton BernBernischer Verband landwirtschaftlicher Angestellter (BVLA)Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG)Schweizer BauernverbandSchweizerischer bäuerlicher DienstbotenverbandDer Landwirtschaftliche Angestellte