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Eugène Ysaÿe, Obsession
Eugène Ysaÿe (1858 - 1931) gehörte zu den bedeutendsten Geigern seiner Zeit. Nachdem er wegen gesundheitlicher Probleme seine Karriere als Violinvirtuose beenden musste, machte er sich als Komponist und Dirigent einen Namen. 1923 komponierte er sechs Solosonaten, welche einen bedeutenden Stellenwert innerhalb der Violinliteratur haben.
"Obsession" ist die zweite - Jacques Thibaud gewidmete - Solosonate. Für die Flöte geeignet ist allerdings nur der erste Satz (poco vivace), weil dort keine Doppelgriffe vorkommen. Obsessiv ist Ysaÿes Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach. Der Satz beginnt wie das Präludium aus der Partita in E-Dur. Das Zitat wird aber umgehend verändert. Fast wie ein Schock ertönt die uralte Sequenz aus der Totenmesse, das Dies irae. Die Musik erklingt voller Leidenschaft und Kraft. Die Herausforderung dieses Stücks für die Flöte liegt in der Wiedergabe der Mehrstimmigkeit mit einem einstimmigen Instrument.
Seit ich diese Sonate vor einigen Jahren entdeckt habe, hat sie mich immer begleitet. Mir lag viel daran, diese Komposition an einem passenden Ort aufzunehmen. Als ich die Giacometti-Halle sah, wusste ich, dass dies der geeignete Rahmen war: Wegen der ungünstigen Lichtverhältnisse im ehemaligen Waisenhaus beschloss der Zürcher Stadtrat, die Deckengewölbe und die Wände künstlerisch ausgestalten zu lassen. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, den Alberto Giacometti gewann. Gemeinsam mit drei Gehilfen widmete sich Giacometti in den Jahren 1923 - 1925 dieser anspruchsvollen Aufgabe. Entstanden ist ein Feuerwerk von Farben, Formen und Mustern. Mit diesem Werk, das sofort grosse Beachtung fand, gelang dem Künstler der Durchbruch.
Heute dient das ehemalige Waisenhaus als Amtshaus 1 - bekannt als "Urania-Wache" - der Stadtpolizei Zürich als zentraler Standort in der Innenstadt von Zürich.
Die Bearbeitung für Querflöte wurde am 19. Oktober 2014 in der Giacometti-Halle, Zürich zum ersten Mal öffentlich gespielt und auf youtube veröffentlicht. Ich möchte mich an dieser Stelle bei Herrn Hans Baumgartner und den zuständigen Personen der Stadt und Stadtpolizei Zürich für die Erlaubnis und die wohlwollende Unterstützung ganz herzlich bedanken.