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Meine Mutter
Muëti Ruth Pfister-Ramseier
Meine Mutter war für mich die Geborgenheit in Person. Sie war einfach immer da und lebte für ihre Familie. Mit ihrer inneren Ruhe und Geduld entstand Harmonie von selbst. Nicht dass sie auch resolut den Gehorsam erzwingen oder wenn nötig laut werden konnte.
Sie wurde 1927 als jüngstes von 6 Kindern geboren in Langnau im Emmental. Der älteste Bruder war da schon 22, die älteste Schwester 19 Jahre. Nach der Schule absolvierte sie eine Verkäuferinnen-Lehre. Seit der Heirat mit meinem Vater 1951 war sie nie mehr berufstätig, sondern Hausfrau und Mutter. 1946 mit 19 wohnte sie in Bern und arbeitete dort beim Elektrogeschäft Berger im Verkauf. Wie die nachstehende Postkarte zeigt, wurde auch für kurzfristige Mitteilungen nicht das Telefon benutzt. Mit dem Gruss vom Reneli ist der Sohn René ihrer 19 Jahre älteren Schwester Ida gemeint, welche damals bereits in Horgen wohnte, dem Wohnort ihres zukünftigen Gatten.
Postkarte statt Telefon
Mit 24 heiratete sie meinen damals 31-jährigen Vater, zog zu diesem auf den Bauernhof seiner Eltern in Horgen und brachte 1951 ihre erste Tochter zur Welt. Von ihrer Schwiegermutter sei sie von Anfang an abgelehnt worden, vermutlich weil sie bei der Hochzeit bereits guter Hoffnung war. Ich kann mich an kein einziges längeres Gespräch zwischen den beiden erinnern in all den Jahren. Und dazu war auch noch das Verhältnis Ehemann-Schwiegervater vorbelastet. Ihr Mann verliess sein Elternhaus 1939 im Streit, weil ihm der Vater die selbständige Landschaft-Gärtnerei verweigerte.
Meine Mutter war ausgeglichen, selbstsicher und duldsam. Sie wusste was sie wollte und was sie nicht wollte. Gerede von anderen störte sie nicht, die sollen doch. So konnte sie auch die Antipathie ihrer Schwiegermutter einfach wegstecken. Gewohnt wurde zwar im gleichen Haus mit zwei Eingängen, man sah sich, war höflich aber hatte sich nichts zu sagen und blieb distanziert über Jahrzehnte. Sie machte sich nichts daraus, sah grundsätzlich nur das Gute. Sie hat nie geraucht, Alkohol trank sie nur ausnahmsweise anstandshalber zum Anstossen in Gesellschaft.
Der Kontakt zu ihren Eltern und Geschwister war eher spärlich mit Ausnahme zur älteren Schwester Ida (meinem Gotti), welche ebenfalls in Horgen wohnte. Das Emmental war damals nicht gerade am Weg mit vier Kindern und wurde vielleicht einmal im Jahr besucht. Ihr Bruder Ernst war ein Direktor bei den Verkehrsbetrieben Zürich, seine Frau Toni war die Gotte meiner Schwester Ruth. Die Schwester Gret lebte bei Solothurn und war die Gotte meiner Schwester Thesi. Der Bruder Hans lebte in Zürich und kam ab und zu vorbeischauen. Meine Mutter ging später monatlich zwecks Reinigung in seine Wohnung und fand ihn 1981 im Alter von 58 tot hinter der Wohnungstür liegen. Sie habe über ihn hinweg steigen müssen um in der Wohnung telefonieren zu können.
In die Ehe mit der Aussteuer eingebracht hatte sie eine Nähmaschine Pfaff mit Pedal-Antrieb. Damit konnte sie nach Schnitt-Muster die Kleider selber herstellen. Ebenfalls hatte sie zwei dicke Bücher, ein Kochbuch und einen Leitfaden für die perfekte Hausfrau und Mutter. Was sie dann im Vollzeit-Dienst rund um die Uhr auch war.
Mit uns Kindern war die Mutter fürsorglich behutsam und nachsichtig, solange wir nicht über die Stränge schlugen. Bei Bedarf half sie bei den Hausaufgaben für die Schule. Diskutiert wurde nicht im Zweifel, wir mussten gehorchen. Sie kochte gerne und gut. Mein Vater verlangte zu jeder Mahlzeit voraus eine Suppe, der Salat wurde, anders wie heute üblich, erst zum Schluss gegessen. Zum Mittagessen wurden um 12.30 Uhr die Nachrichten auf Radio Beromünster gehört und da durften wir, wenn Vater dabei war keinen Mucks machen. Wir mussten aufessen und am Tisch sitzen bleiben bis alle fertig waren.
Zur Wiënacht trafen sich traditionell am 26. Dezember alle ihre Kinder mit Enkelkindern zum gemeinsamen Essen und anschliessenden Feiern. Die Enkelkinder waren gerne bei ihr zu Besuch, gelegentlich auch während dem Jahr. Zu runden Geburtstagen ihres Mannes wurde im Alter jeweils die Eichloch-Hütte oben im Wald angemietet und dort mit der nahen und weiteren Verwandtschaft gefestet.
Acht Enkelkinder 1984
Nach dem Umzug 1994 in eine 2-Zimmer-Wohnung der Alters-Siedlung Tannenbach wartete sie zu lange, bis ihr Mann 2010 dann doch mit Alzheimer ins Pflegeheim musste, wo er 2017 verstarb. Sie wollte ihren Mann nicht einfach weggeben, behielt ihn trotz seiner Demenz bei sich und musste schliesslich selber in ärztliche Behandlung. 2014 erfolgte ihr Umzug in ein Zimmer im Tödiheim, dem Altersheim der Gemeinde Horgen. Schon kurz danach zwangen sie degenerierte Knie-Gelenke (leider) dauerhaft in einen Rollstuhl. Im Alter gegen 90 nahm auch das Sehvermögen stark ab. Sie konnte nicht mehr lesen und fernsehen, hörte nur noch Radio. Doch sie beklagte sich nie, nein, ihr gehe es gut.