Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03396.jsonl.gz/2084

"Darf ich meinen Wagen in Ihren Stall fahren?"
von Tim Brookes, USA
Ich hatte die ausgefallene Idee, ein Elektromobil zu leasen und es im
Winter durch Vermont zu fahren. Meinen eigenen Wagen, einen 1986er Volvo, muss ich
verkaufen bevor ich ihn auf den Autofriedhof werfe, und ich bin neugierig auf
Elektromobile: Warum brauchen die so lange, bis sie sich durchsetzen? Sind sie vielleicht
wie Golfwagen? Und halten die Batterien die Kälte in Vermont tatsächlich aus?
Vor meiner Entscheidung schlug mir Richard Watts (der Direktor des
EVermont Projekts) vor, ich solle zum Elektrizitätswerk Burlington auf eine Testfahrt mit
Ron Manganiello. Ron ist Ingenieur und glaubt so fest an alternative Energien, dass er
darauf hofft, ein Twike zu kaufen, ein hybrid-elektrisches Fahrzeug und Fahrrad. Wer sagte
da, die amerikanische Mittelklasse sei verweichlicht?
Das vorhandene Auto war auf den ersten Blick eine Enttäuschung. Ich
erhoffte mir etwas futuristisches, sogar ausgefallenes, einen elektrischen Golfwagen oder
eines dieser kugelförmigen Autos aus dem Film "Sleeper" von Woody Allen, nicht
einen auf Elektroantrieb umgerüsteten Geo.
Ron schlug die Klappe zum Benzintank auf. "Da steckst du ein",
sagte er, und da: ein Elektrostecker, alt bekannt und gleichzeitig so fehl am Platz wie
ein Gebiss im Konfitürenglas. Er ging herum nach vorne und steckte das
Verlängerungskabel bei der Ladestation aus, eine Bewegung, die mir irgendwie bekannt
vorkam. Später fiel mir ein, woran es mich erinnerte: an den Cowboy im Film, der zum
Haupt des Pferdes geht, es vom Geländer losbindet, die Zügel zusammenrafft und auf den
Sattel steigt.
Der Motorraum war winzig und schien trotzdem halb leer. Benzintank und
Benzinheizung waren beide so gross wie der restliche Klimbim. Elektromotoren sind sehr
klein und kompakt, mit einem Bruchteil von beweglichen Teilen, und kein Abrieb und
Verschleiss eines Benzinmotors.
Ich stieg ein und drehte den Schlüssel. Nichts passierte. "So ist
es", sagte Ron grinsend. Und bei diesem Funken aus Nichts wurde eine Menge klar.
Benzinmotoren verbrennen Benzin und verursachen Abrieb und Verschleiss auf den Teilen und
lassen Abgase raus, die ganze Zeit, ob sich der Wagen bewegt oder nicht. Ich war wie vom
Donner gerührt. Wie konnten wir je sagen, das sei kein totaler Blödsinn? Zudem sind sie
grossartig ineffizient wenn sie aufstarten, wenn sie im Leerlauf drehen oder bei langsamen
Geschwindigkeiten, mit anderen Worten, fast die ganze Zeit, wenn sie zum Pendeln gebraucht
werden oder zur Fahrt zum Einkaufen und zurück. Ein Elektromotor ist, bildlich gesagt,
wie kochen mit Gas: eingeschaltet, wenn man's braucht, sonst ausgeschaltet.
Ein Elektromotor ist tatsächlich so effizient, dass er kaum heiss wird
und das ist eigentlich ein Nachteil in Vermont. Ein Benzinmotor keucht und schwitzt
vom hin-und-her, daher können wir einfach etwas von dieser Wärme in den Innenraum
abzweigen und das beste aus seiner lausigen Arbeit machen. Das Armaturenbrett von Ron's
E-Mobil erschien dagegen nur aus Heizungsschaltern zu bestehen. Dieses besondere Modell
hatte eine Benzinheizung, mit der doppelten Funktion, die Reichweite zu erhöhen: das
Benzin kann in einen kleinen Verbrennungsmotor eingespiesen werden. Ron fuhr den Geo von
Waterbury nach Sharon, über Hügel und so, "und ich hatte eine Menge Energie übrig,
als ich Sharon erreichte". Es gab auch eine elektrische Heizung und noch etwas.
"Ich weiss nicht, wozu dieser Schalter gut ist", sagte Ron mit schiefem Blick.
Die andere neue Anzeige war der Ladungsmeter, entsprechend der
Benzinuhr. Bei Ron mass es die Anzahl der verbrauchten Ampérestunden. Bei Null ist die
Batterie vollgeladen, bei 40 macht der Wagen nach und nach schlapp. Der Zeiger stand
gerade bei 20.
Als ich losfuhr, beschleunigte der Geo überraschend schnell. "Es
ist eine verbreitete Fehleinschätzung", sagte Ron, "zu glauben, E-Mobile seien
zum Heulen. Es gibt einen Verein in Kalifornien, der Dragster-Rennen mit E-Mobilen
durchführt, und sie übertrumpfen Benzinautos regelmässig. Solch herausfordernde
Leistung leert die Batterie ziemlich schnell, was zu erwarten ist, denn es verbrennt auch
eine gigantische Menge Benzin."
Es hat keine Gangschaltung im üblichen Sinn, was mir zwei
Anfängerprobleme bescherte. Du kannst den Wagen nicht mit eingelegtem Gang blockieren,
dafür sollte man besser die Parkbremse verwenden oder, wie beim Postwagen einen Klotz
unters Rad werfen, damit er nicht davonrollt. Das tönte alles etwas primitiv, aber es
überraschte mich nicht so sehr, wie das, als ich bei einem Stop-Schild anhielt und
merkte, dass ich zurückrollte gegen eine ebenso überrascht dreinschauende Dame im Wagen
dahinter. "Es tut mir leid", sagte Ron. "Lass deinen Fuss auf dem Gaspedal,
damit der Motor gegen das Gefälle anzieht." Das sagst du mir erst jetzt, dachte ich.
Der Motor machte praktisch keinen Lärm, sogar auf der Schnellstrasse,
wo wir beschleunigten und mit respektablen 80 km/h dahinsegelten. Ich hätte schneller
fahren können, aber damit die Batterien entsprechend schneller ausgepumpt. Es dämmerte
mir langsam, dass das Fahren mit einem E-Mobil einen dauernd daran erinnert, dass die
Vorräte der Erde begrenzt sind; in einem Benzinauto, mit Tankstellen an jeder Ecke,
denken wir, es kommt nur darauf an, wie voll unsere Brieftasche ist.
Wir schnurrten in der Stadt umher und zurück; nach 25 Minuten war die
Batterieanzeige gegen 30 geklettert, obwohl sie bei jeder Talfahrt etwas zurückkroch,
weil das E-Mobil, wie alle Fahrzeuge von EVermont, mit Energierückgewinnung beim Bremsen
ausgerüstet ist, mit anderen Worten: wenn man talwärts fährt, wird der Motor zum
Generator, um die Batterie wieder aufzuladen.
Zum ganzen Thema gäbe es natürlich noch viel zu sagen (Welches ist der
aktuelle Stand der Batterieforschung? Warum weigern sich die grossen Autofirmen, E-Mobile
in Staaten wie Arizona zu liefern, die verzweifelt danach schreien? Würde ich einen
Elektroschock abkriegen, falls die Steckdose voll Eis wäre?), aber ich war bereits ein
Anhänger. Was denn sonst, weil diese Technik zu einer angenehmen Besuchsform aus dem
neunzehnten Jahrhundert anregt: Wenn ich zu jemandem hereinkomme, sage ich "Kann ich
einstecken?" Das ist wie wenn ich fragen würde, ob ich mein Pferd in den Stall
führen darf.