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Wie der Ahnenforscher Albin Zenhäusern bis ins Jahr 1299 vorstiess. Was holländische TouristInnen in Baumwurzeln sehen. Und warum ein Berner Polizeiadjunkt den Trompetenspieler Zenhäusern anhielt.
WOZ: Herr Zenhäusern, seit wann interessieren Sie sich für die Geschichte von Unterbäch?
Albin Zenhäusern: Ich habe schon immer viel gelesen, viel geschrieben und gezeichnet. Immer, wenn mir etwas nicht einleuchtete, besorgte ich mir dazu in der Gemeindebibliothek ein Sachbuch. Oder ich bat meine Brüder, die auswärts arbeiteten, mir Bücher zu bringen. Zum Beispiel habe ich gerne über die «Weltwissenschaft» gelesen.
1992 haben Sie «Land und Leute von Unterbäch» herausgegeben. Wie ist die Idee für dieses Buch entstanden?
Die Geschichte meiner Ahnen hat mich von jeher beschäftigt. Als ich mich mit einer Frage an den Professor von Roten aus Raron wandte – er wusste vieles, noch aus der Zeit vor dem Unterbächer Kirchenbau 1555, als man noch auf Pergament schrieb – , sagte er: «Herrgott noch mal, Sie sollten die Ergebnisse Ihrer Nachforschungen in einem Buch festhalten!» So setzte ich mich hin und begann, alles aufzuschreiben, was mir nützlich und interessant erschien.
Wo fanden Sie all die Informationen?
Ich sammelte Artikel unserer Heimatforscher und Zeitungsberichte, suchte in verschiedenen Archiven. Aber der grösste Teil geht auf mündliche Überlieferungen zurück, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Angefangen habe ich mit den Stammbäumen …
Familienstammbäume?
Ja, ich habe zu jeder Familie aus Unterbäch einen Stammbaum erstellt. Dafür besorgte ich mir die Tauf-, Ehe- und Sterbebücher aus dem Kirchenarchiv unserer Gemeinde und dem der Nachbargemeinde und schrieb sie dann vollständig ab.
Woher stammt diese Faszination für das Leben der Vorfahren und die Dorfgeschichte?
Wahrscheinlich von Vaters Seite. Auch der Sohn meines Bruders forscht über die Geschichte des Wallis. Während andere am Sonntag einen Ausflug machten oder Jassen gingen, schrieb ich Bücher ab. Ich füllte viele Hefte. Alleine für die Stammbäume waren es ein bis zwei Hefte pro Familie. Bei der Familie Bitschin konnte ich die Vorfahren bis ins Jahr 1299 zurückverfolgen.
Und neben dem Nachforschen fanden Sie auch noch Zeit, Holzfiguren zu schnitzen?
Ja, die Touristen aus Holland waren richtig verrückt danach. Sie stiegen auf die Moränen und brachten verkrüppelte Wurzeln mit, die durch Schnee und Sonne spezielle Farben und Formen erhielten. Sie fragten mich, was ich darin erkennen würde – und ich sagte ihnen, was ich sah. Begeistert davon, dass sie dasselbe darin gesehen hatten, baten sie mich, die Wurzeln zu bearbeiten.
Haben Sie sich das Schnitzen selbst beigebracht?
Ja. Wobei: Schon mein Urgrossvater war Maler und Schnitzer, auch das war also schon ein wenig in mir drin. Begonnen hatte ich mit kleinen Figuren. Mit der Zeit wurde ich immer vielseitiger. Oft habe ich nach dem Schichtende in der Lonza am Abend noch geschnitzt. Es lief gut, ich war ziemlich fleissig. Zwar habe ich alles spottbillig verkauft – aber auch so kam ein wenig Geld herein. Die Holländer kauften mir alles ab. Sie nahmen alles mit, was sie einpacken konnten.
Und dann hätten Sie ja auch als Musiker beinahe noch Karriere gemacht. Wie kam es dazu?
Weil hier im Dorf im Winter nichts los war, arbeitete ich als Portier in einem Hotel in Wengen. Dort hatte es ein Dancing, wo abends die Skilehrer tanzten. Da trat ich als Jodler auf, zusammen mit einem Handorgelspieler aus Grindelwald. Bald kamen Leute auf mich zu und fragten mich, ob ich nicht in die Wengener Musik eintreten möge. Sie würden mich gut bezahlen. Aber ich war ja Portier und konnte also nicht.
Es blieb aber nicht bei diesem einen Angebot?
Nein. Nachdem ich die Aufnahmeprüfung an der Polizeimusikschule gemacht hatte, hätte ich in Zürich oder Bern der Polizeimusik beitreten können, die Examen waren für beide Städte gültig. Eines Tags kam ein Polizeiadjunkt aus Bern auf mich zu. Ich wunderte mich und sagte ihm gleich, ich hätte doch nichts verbrochen.
Und, was wollte er von Ihnen?
Er beruhigte mich und sagte, die Polizeimusik suche einen Jodler oder Musikanten. Sie hätten sich beim Militär umgehört, und dort habe man gesagt, ich sei ein ausgezeichneter Trompeter – sie hätten mich ein paarmal beobachtet und seien zum Schluss gekommen, dass man mich im Musik- wie auch im Jodlerklub gut brauchen könnte.
Wie haben Sie sich entschieden?
Zwei Tage später brannte unser Haus nieder. Als ich nach Bern abfahren wollte, sagte meine Mutter: «Nein, jetzt bleibst du hier, du kannst uns jetzt nicht im Stich lassen!» So ist dann eben doch nichts aus dem Musikertraum geworden. Von der Musik hätte ich wahrscheinlich leben können, aber was sollte ich tun? Bei mir ist vieles zum Teufel gegangen. So war es halt.
Albin Zenhäusern (93) hat im Lauf der Jahre nur ganz kurz in der «Üsserschwiiz» gearbeitet. Doch dort hätten sie den talentierten Jodler und Trompeter am liebsten gleich behalten.