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In der Schweiz bessern die Kantone ihre Finanzen auf, in dem sie "tiefe Autonummern" versteigern. Die Nachfrage ist gross.
Im Kanton Bern ist gar ein Gesetz in Vorbereitung, das den "Zwangseinzug" von tiefen Nummern möglich machen will.
Wie so oft, wenn es um das Auto geht, handelt der Mensch – hier mehrheitlich der Mann – unsachlich, ja beinahe unerklärlich. Auch die folgende Geschichte gehört in diese Kategorie.
Sie handelt von Autonummern (so werden in der Schweiz die Kfz-Kennzeichen genannt), und es war die Regierung des Kantons Bern, welche den Stein ins Rollen brachte.
Tiefe Nummern einziehen
Die Berner Kantonsregierung hat nämlich ein Gesetz in die Vernehmlassung – in die Beurteilung von Behörden und Interessenvertreter – geschickt, das will, dass die Regierung die tiefen Autonummern einziehen darf.
Diese Absicht hatte einen Aufschrei der Sonderklasse zur Folge. Die Regierung will nämlich die Autonummern nicht nur zwangs-einziehen, sondern anschliessend dem Meistbietenden versteigern.
Jean François Jöhr, Generalsekretär der Polizei- und Militärdirektion des Kantons Bern, bestätigte gegenüber swissinfo, dass das Gesetz geplant ist, und dass der Entwurf demnächst im Parlament behandelt wird. Wird das "Gesetz zum Einzug der Autonummern" beschlossen, ist es fast sicher, dass das Referendum dagegen ergriffen wird.
"Im Kanton Bern", so Löhr, "haben traditionell die Taxifahrer tiefe Autonummern." Es gibt sogar Leute, die gründen ein Taxiunternehmen, um zu einer tiefen Berner Nummer zu gelangen. "Sie alle müssten dann die Nummer abgeben, damit sie der Kanton versteigern kann." Um die Kantonsfinanzen aufzubessern, fügt Jöhr an.
Autonummer adelt
Diese fremd anmutende Aktivität des Kantons bedarf einer Erklärung, denn es handelt sich um eine gesamtschweizerische Eigenart.
Die Verwaltung der Autonummern ist in der Schweiz kantonal geregelt. Eigentlich sagt sie aus, dass der Fahrzeughalter eine Haftpflicht-Versicherung abgeschlossen hat.
Als vor rund hundert Jahren die "Automobilisierung" der Schweiz einsetzte, begannen die Kantone mit der fortlaufenden Nummerierung der Halter. Der erste in Zürich erhielt ZH 1, der in Genf GE 1 und der in Bern BE 1. So ging das weiter.
Mit der Zeit stiegen die Nummern in die Hunderttausende und die tiefen Autonummern wurden plötzlich gesucht. Aber warum?
Die Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry sagt gegenüber swissinfo, dass der Sachverhalt zwar nicht wissenschaftlich untersucht worden sei, für sie, die viel mit Autofahrern aller Schattierungen zu tun habe, sei die Sache jedoch klar.
Es handle sich hier einmal mehr um eine unsachliche emotionale Beziehung zum Fahrzeug, wie sie sich auch in andern Bereichen rund um das Auto zeige.
"Die tiefe Autonummer symbolisiert: Ich bin jemand, der schon lange dazugehört. Ich bin eine erfahrene Person, ein besserer Autolenker."
Das bestätigt auch Jean François Jöhr. Bereits würden tiefe Autonummern vom Grossvater auf den Vater und dann auf den Sohn weitergegeben. "Die Familie will damit zeigen, dass sie eben schon lange dazugehört, eine Tradition hat."
Streng genommen könne niemand eine Autonummer besitzen, sie sei eine Leihgabe des Kantons. Jedoch seien mittlerweile Möglichkeiten geschaffen worden, dass (gegen Gebühr) eine Autonummer im Familienbesitz bleiben kann.
Kantone profitieren
Die Kantone in der Schweiz ziehen aus dieser Verherrlichung der tiefen Autonummer Profit. Der Kanton Basel-Land hat pro Monat 50'000 Franken budgetiert für die Versteigerung tiefer Autonummern.
Die Versteigerung der Nummern hat dem Kanton Graubünden 2004 rund 760'000 Franken gebracht. Ein Händler aus Zürich zahlte für GR 7 über 60'000 Franken.
Im Thurgau kosten dreistellige Autonummern um 3000, vierstellige sind ab 1500 Franken zu haben. Der Thurgau hat seit Dezember 2002 so rund 1,7 Mio. Franken eingenommen.
Im Kanton Schwyz hat die Regierung beschlossen, die Fahrzeuge der Verwaltung, die traditionell tiefe Nummern haben, einzuziehen. So hat die Verwaltung ihre eigenen Autonummern versteigert. SZ 3 war nicht unter 10'000 Franken zu haben.
Was die Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry am meisten erstaunt ist die Tatsache, dass auch viele junge Leute eine tiefe Autonummer wollen. Offensichtlich sei die Mär von "tiefe Autonummer gleich besserer Autofahrer" schon tief in der Schweizer Bevölkerung verwurzelt.
swissinfo, Urs Maurer
Fakten
Die Verwaltung der Autonummern ist in der Schweiz kantonal geregelt.
Viele Kantone versteigern tiefe Autonummern, andere verlosen sie gegen Entgelt.
Das Geld fliesst in die Kassen der Kantone.
Autonummern sind nur geliehen.
In der Schweiz gab es 2003 über 3,6 Mio. Personenwagen.