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Virginia Overtons Kunst generiert eine Art interpretative und emotionale Gemeinschaft, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das aus der spezifischen kulturellen Textur der Ausstellungsorte erwächst, die sie bespielt.
Die meisten ihrer in Bern gezeigten Arbeiten bestanden aus Materialien, die sie in der Kunsthalle selbst oder in deren unmittelbarer Umgebung vorfand: Ein Metallschild, das für eine bestimmte Sorte Hühnerfutter wirbt, ein altes Foto der Fassade unseres Hauses und Ähnliches. Mit diesen Objekten und Bildern orchestrierte Overton eine Reihe von architektonischen und allegorischen Echos, die zugleich die bäuerlich-agrarischen Wurzeln unserer Region evozieren und die bürgerlich-urbane Geschichte unserer Stadt vergegenwärtigen. Dabei referierte sie auch auf die legendäre Avantgarde-Vergangenheit der Kunsthalle Bern in den späten Sechzigerjahren, etablierte aber zugleich eine leere Bühne für das, was noch kommen wird.
„Parquet“ (2013), das von der Stiftung Kunsthalle Bern angekaufte Werk, ist eines von fünf Parkettfragmenten aus dem frühen 20. Jahrhundert, die Overton in einer Scheune bei Langenthal fand. Das moderne Fischgrätenmuster des Parketts ist fast identisch mit der Gestaltung des Parkettbodens in der Kunsthalle Bern. Diese Arbeiten wurden an den Wänden des Untergeschosses ausgestellt und erzeugten gleichsam ein Verschwimmen der Wahrnehmung, als ob der Boden des Untergeschosses in geklonter Form an der Wand hinge. Viele Besucherinnen und Besucher der Ausstellung glaubten tatsächlich, dass diese Stücke gelackten Parketts aus dem Fussboden der Kunsthalle gerissen worden seien – an einem Punkt hatte Overton denn auch das Originalparkett der Kunsthalle mit einem Kieferholzboden überdeckt, in dem das sternförmige Muster des Glasdachs zitiert wurde. Erst bei einem genaueren Blick auf die etwas grösser bemessenen Blöcke und den dunkleren Firnis wurde klar, dass „Parquet“ nicht dem Kunsthalle-Boden entspricht und jedes dieser Werke eine distinkte Arbeit darstellt, die wie ein Gemälde zu rezipieren ist.
Solche Zustandsveränderungen basieren auf Resonanzen zwischen Overtons Arbeiten und deren (gemalten) Modellen, sowie auf dem spezifischen Ausstellungskontext. Zunächst resultiert schon nur aus der Materialität der Parkettfragmente eine serielle readymade- Komposition (mit komplexen Modulationen der Oberflächenstruktur, von stumpfen bis zu polierten, von verschmutzten und sonnengebleichten bis zu staubdunklen Flächen) – eine Komposition, die auf einschlägige Traditionen der abstrakten Malerei anspielt. Diese kunsthistorischen Spuren werden durch die Künstlerin sodann noch akzentuiert: Im spielerischen Umgang mit Formaten und Ausstellungsmodi schuf installierte sie ihre Werke eingedenk bestimmter Phasen und Augenblicke aus der Geschichte der Kunsthalle Bern. Die Hängung der Werke im ersten Kellerraum gemahnte an Olivier Mosset, mit dem Virginia Overton in New York ein Studio teilt, und der zweite Raum vergegenwärtigte den Geist der grossformatigen und geometrischen Abstraktmalerei, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in den USA aufkam. Das monumentalste dieser Stücke, das sich nun im Besitz der Stiftung Kunsthalle Bern befindet, beschwört mithin in Form einer einzigen, minimalen Geste die epochalen „Black Paintings“ von Frank Stella herauf, aber auch legendäre Kunsthalle-Ausstellungen wie „Formen der Farbe“ (1967) – und überhaupt den zutiefst urbanen und modernen Charakter des Kunstorts Bern.