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Jahresdossier: Frauen bei den PTT
Als grösste Arbeitgeberin der Schweiz schrieben die PTT auch ein wichtiges Kapitel der Schweizer Arbeiterinnengeschichte. Dabei dominierten seit der Gründung der schweizerischen Post 1849 sowie der eidgenössischen Telegrafenbetriebe 1852 Männer das Berufsbild der Beamten. 1991, im Jahr des Frauenstreiks, waren knapp ein Drittel der Angestellten Frauen: 19'000.
Auch wenn damit die meisten Beamten und das gesamte Kader Männer waren, bekleideten Frauen immer essentielle Posten, wenn auch in schlechter gestellten Arbeitsverhältnissen. Über sexistische Klischees in gewisse Nischenberufe verbannt, erledigten sie die harten Fleiss- und Konzentrationsjobs in Telefonzentralen, in Rechenzentren als Locherinnen und Operatricen oder im Postcheckdienst als Gehilfinnen. Auch im geachteten Dienst der Sozialberatung arbeiteten vorwiegend Frauen und übernahmen damit wichtige und zugleich besonders belastende Betreuungs- und Unterstützungsfunktionen.
Physisch anstrengende Arbeiten hingegen, wie etwa der prestigeträchtige Bahnpostdienst, der als Sprungbrett zur PTT-Karriere diente, waren Männerbastionen und blieben Frauen verschlossen – nur in Krisen und Kriegen, als es an Arbeitskräften mangelte, traute man Frauen zu, was man ihnen unter normalen Umstände nicht zutraute: Als Reservearbeitskräfte arbeiteten Frauen, die in guten Zeiten in wenige, schlecht bezahlte Sparten verbannt wurden. Sie durften berufstätig sein, solange sie niemandem den Job wegnahmen. So galt auch noch lange: Wer heiratete, musste gehen, denn, so schrieb Posthistoriker Ernest Bonjour: «In solchen Fällen wäre die Belassung der Poststelle in den Händen der Frau nicht sozial.»
Frauenberufe
Die PTT boten eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Arbeiten: Von den Büroangestellten in der Generaldirektion über die Leitungswartenden der Telegraphen-Infrastruktur bis zu den Postauto-Lenkenden. Die meisten der Berufe waren lange Zeit klar einem Geschlecht zugeteilt: Die Stimme, die die Telefonverbindungen in alle Welt herstellte, hatte weiblich zu sein, währenddem sich nur Männer im anspruchsvollen Bahnpostdienst bewähren durften – so die an Stereotypen orientierte und frauenverachtende Aufteilung. Frauen standen damit die Berufe der Telefonistin, der Sekretärin und im Bereich der Datenverwaltung der Lochkarten-Locherin und später der Operatrice von ersten Computern offen. Als Gehilfinnen nahmen sie in Poststellen häufig ähnliche oder gleiche Aufgaben wie ihre verbeamteten männlichen Kollegen wahr, waren aber in der Lohnklasse tiefer eingestuft. Ausnahmen bildeten die Telefonzentralen, in denen auch das Aufsichtspersonal ausschliesslich weiblich war.
Im Dossier zu Frauenberufen auf Wikimedia finden sich eine Anfrage der dt. Reichspost zur Erfahrung mit weiblichen Telefonistinnen, Personalstatistiken, die Lohnklassen und Berufssparten nach Geschlechtern 1971 aufschlüsseln, Betriebsvorschriften von Telefonistinnen sowie Werbematerial für Frauenberufe bei den PTT.
Hierarchisches Gefälle
Über die jungen Frauen, die bei den PTT ausgebildet wurden, bestimmten zuhause die Väter, im Betrieb männliche Vorgesetzte. Die Väter (und später Ehemänner) waren es, die die Erlaubnis zur Arbeit erteilten; die Chefs, die die Kriterien zur Einstellung festlegten, die Frauen bewerteten und bei allfälligen Vergehen auch wieder entliessen. Die Orientierung am Familienleben und der Verheiratung bildeten enge Schranken für die berufliche Verwirklichung der PTT-Mitarbeiterinnen. Und wo verheiratete Frauen weiterhin ihrer Arbeit nachkommen wollten, regte sich männlicher Widerstand. Wie spricht das Patriarchat über die Frauen?
Im Dossier zu Hierarchien zwischen weiblichen und männlichen Angestellten auf Wikimedia finden sich Formulare und persönliche Schreiben, die Frauen die Arbeit bei den PTT von Seiten Ehemann erlauben, Erwägungen von Männern über die Anstellung weiblicher Arbeitskräfte und ein Zeugnis, das die "Maxi-Frisur" und den "Mini-Rock" einer "geistig beweglichen" Angestellten als "gewagt" bewertet.
Die Klischees um das Fräulein im Betrieb
1904 beschloss der Bundesrat, das unverheiratete weibliche Personal fortan nicht mehr als «Jungfer», sondern als «Fräulein» zu bezeichnen. Die Männer der PTT sorgten sich aber auch in paternalistischer Manier um das Wohlergehen der «Fräuleins» im Betrieb: Für Telefonistinnen, die erst spät aus dem Dienst entlassen wurden, sollte das Taxi nachhause finanziert werden. Ganz grundsätzlich hatten die Männer sehr genaue Vorstellungen darüber, wie ihre weiblichen Kolleginnen funktionierten und zu funktionieren hatten, wie die Qualifikationsarbeit «Die Frau im schweizerischen Postdienst» eines PTT-Kader-Mannes verrät.
Die Unterlagen, die unterschiedliche Klischees gegenüber Frauen bezeugen, finden sich gesammelt in dem entsprechenden Dossier auf Wikimedia Commons.
PTT-Literatur von und über Frauen
Auch in der Hausliteratur des grossen Bundesbetriebs lassen sich die Spuren männlicher Hierarchien und der zunehmenden feministischen Emanzipation nachzeichnen: Während 1979 trotz Stimmrecht die «Die Seite der Frau» vor sexistischen Klischees strotzte, schlugen die Autorinnen der 1990er bereits einen anderen Ton an.
Auf Wikimedia Commons zeigt das Dossier der PTT-Publikationen einige Artikel von und über Frauen in den PTT. Ebenso gibt es einen reaktionären Leserbrief, der sich gegen eine pointiert formulierte Kritik an patriarchalen Strukturen einer Mitarbeiterin richtet.
Sozialberaterinnen machen Care-Arbeit, auch im Betrieb
Die PTT erkannte, dass ein intaktes privates und Arbeitsumfeld essentiell für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen war: Entsprechend früh, in den 1950er Jahren, etablierten die Kreisdirektionen eine Anlaufstelle für diverse persönliche Probleme, deren Ziel es war, rasch und niederschwellig zwischen den Betrieben und den Angestellten zu vermitteln, Probleme zu lösen und, falls notwendig, auch tatkräftig zu unterstützen. Auch diese Arbeit wurde mehrheitlich von Frauen gestemmt: Obwohl ihnen Kompetenzen und Verantwortung für Kaderstellen abgesprochen wurden, setzte man in dieser wichtigen Care-Arbeit mehrheitlich auf Sozialberaterinnen. Trotzdem arbeitet der Stellenbeschrieb mit dem generischen Maskulin.
Im Dossier zu Sozialberaterinnen auf Wikimedia findet sich ein Stellenbeschrieb, ein Bericht zur Belastung der Sozialberaterinnen ebenso wie ein Artikel der PTT-Zeitschrift über die Arbeit einer Sozialberaterin.
Frauen gegen Krisen
Im Normalbetrieb galt es, die Stellen männlichen Arbeitskräften zu reservieren. In Krisenzeiten hingegen war der Erhalt des Betriebs auf Frauen angewiesen – die plötzlich Arbeiten verrichteten, die man ihnen vor und nach der Krise nicht zutraute. Ein Blick in die Akten der Weltkriege zeigt: Wenn Not am Mann war, kam die Frau!
In der Zusammenstellung auf Wikimedia Commons finden sich Dokumente aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, die die Rekrutierung von Frauen für die Arbeiten bei den PTT bezeugen. Überdies belegt ein Protokoll eine brisante Telefonabhörung während des Landesstreiks 1918.
Einsatz von Frauen als billige Arbeitskräfte und Verschiebemasse
Auch wenn es um das Geld knapp wurde, setzte man auf Frauenarbeit: Denn diese wurde, auch wegen der formalen Schlechterstellung als Gehilfinnen ohne Beamtenstatus beispielsweise, schlechter bezahlt. Die Verbilligung des Betriebs konnte erreicht werden, wenn pensionierte Beamte durch Frauen ersetzt wurden – das hatte System. Überdies gab es bei den weiblichen Angestellten eine grosse Fluktuation: Rund 20% der Frauen traten jährlich aus dem Betrieb – viele davon, weil sie heirateten. Diese flexiblen Arbeiter*innenbestände ermöglichten einfache Umstrukturierung ohne Widerstand: Alles auf Kosten der autonomen und gleichwertigen Arbeit.
Wie die Frauen strategisch durchdacht in prekären Anstellungsverhältnissen die teureren männlichen Beamten, die pensioniert wurden, ersetzen und damit den Betrieb verbilligen sollten, zeigt die Zusammenstellung von Archivalien auf Wikimedia Commons.
Frauen übernehmen den Betrieb
Doch die Frauen setzten sich durch: Ab den 1970ern drängen sie mit der Öffnung der Karrierelaufbahnen in die Männerbastionen des Post- und Telefonbetriebs vor und steigen vereinzelt in Kaderpositionen auf – die PTT verbieten es nicht mehr. Und mit der Aufbruchstimmung der 1990er Jahren und dem nationalen Frauenstreik des 14. Juni 1991 schreiten auch die PTT langsam voran, Karriereförderung zu betreiben und echte Gleichberechtigung anzustreben. Doch vielen Erfolgen stand die männliche Belegschaft mit ihren Ängsten gegenüber: Nur ungern liessen sie von ihren Privilegien.
Wie die Frauen Kaderstellen eroberten, beschreibt der Oral-History Artikel "Die Öffnung der Kaderlaufbahn für Frauen" auf der Plattform "Wir, die PTT".
Das Dossier auf Wikimedia Commons zeigt Unterlagen, die den Aufstieg von Frauen in festangestellte Positionen aber ebenso den Widerstand der Männer als gewerkschaftliche Einwände belegen.
Übersicht
Das Dossier basiert auf einer Zusammenstellung verschiedener Archivalien, die die Frauen in den PTT beleuchten. Sämtliche Dokumente, die hier auf dieser Website aufgeführt sind, finden sich auf Wikimedia Commons und sind dort systematisch abgelegt:
Die verlinkten Dokumente sind jeweils nur Ausschnitte von Archiv-Dossiers. Überdies schlummern noch ganze Schachteln voller Schätze, die nicht verzeichnet und digitalisiert vorliegen, in den Beständen. Dafür lohnt sich ein Besuch im PTT-Archiv. Auf dem folgenden PDF-Dokument ist eine ausführliche Übersicht der Archiv-Recherche zu Frauen in den PTT zusammengestellt:
Schliesslich können die PTT-Zeitschriften im Bibliotheksbestand des PTT-Archivs durchsucht werden: