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Wer in Saudi-Arabien in leitender Funktion in einem Hotel arbeitet, muss auf allerhand gefasst sein. Zum Beispiel darauf, dass sich das Hotel plötzlich vom Roten Meer zu entfernen beginnt. Nördlich von der Millionenstadt Jeddah wird durch Aufschüttungen Land im Meer gewonnen und eine Flaniermeile erstellt. So nimmt die Distanz zwischen dem Meer und dem 1982 erstellten Hotel Albilad zu. In den Anfängen führte noch eine Strassenpiste zum Hotel. Im Umkreis von 15 Kilometern waren nur das Meer und die Steinwüste zu sehen.
Mit solchen Entwicklungen ist der 43-jährige Schweizer Adrian Meyer im Königreich von Saudi-Arabien konfrontiert. Vor über zehn Jahren war er über Mövenpick ins Land gekommen, worauf sich sein Wirkungskreis über die Jahre sukzessive ausdehnte. Heute ist Meyer im Hotel Albilad, das 182 Zimmer und 43 Gartenbungalows bietet, für Food&Beverage zuständig, die auch das Catering für Hochzeitsgesellschaften und Botschaftsanlässe übernimmt. Meyer wohnt mit seiner Ehefrau Erika, die in der englischen Schule arbeitet, aus Gründen der Integration in einem Haus in der Stadt und nicht in einem abgeschotteten Compound, in dem Expats zu Hause sind und westliche Kultur gelebt wird. «Jeddah hat Qualität zu bieten, hier hat es alles», sagt der ausgebildete Taucher Meyer, «vorne das Rote Meer, hinten das Hochplateau Saudi-Arabiens – und noch etwas Wüste. Hier ist nicht alles nur braun, braun und nochmals braun.»
Doch das Leben auf der arabischen Halbinsel ist für Europäer gewöhnungsbedürftig, und nicht nur der Feuchtigkeit und der Temperaturen wegen, die im Sommer gegen 50 Grad Celsius klettern können. Der Schweizer Meyer muss sich mit Frauenrechten auseinandersetzen, mit dem täglich fünfmaligen Gebet und mit Einschränkungen. Beim Kochen muss er auf jeglichen alkoholischen Zusatz verzichten. Und zum Essen gibt es kein Glas Wein. Doch den Alkohol, der nur versteckt oder hinter Botschaftsmauern getrunken werden kann, vermisst Meyer nicht. Weder beim Essen noch in der Küche. «Alkohol kann durch Fruchtsäfte ersetzt werden. Zudem wird das Essen ohne alkoholische Getränke umso wichtiger», sagt er. Um zum Beispiel beim Risotto das «Wein-Feeling» zu haben, greift Meyer in der Küche auf alkoholfreien Wein zurück.
Wer so lange in Saudi-Arabien lebt und arbeitet, stellt in der so anderen Welt Kontakte her, die multikultureller fast nicht sein könnten. Im Hotel Albilad sind über 320 Personen beschäftigt, die gegen 20 Nationen und 4 Religionen repräsentieren. Da ist Respekt und Rücksicht gefragt, zum Beispiel auf die Gebetszeiten, die auch in der Küche des Albilad eingehalten werden. Die Vielfältigkeit birgt Schwierigkeiten und hat immer wieder längere Diskussionen zur Folge, ist aber auch die Chance, tiefen Einblick in fremde (Ess-)Kulturen zu erhalten. Vom Inder erfährt Meyer die Zaubermischung, die zum besten Biryani-Gericht überhaupt führt. Wie viel und welches Curry? Und welche Kräuter? Der Inder weiss Bescheid. In Jeddah habe er das Verständnis für andere Kulturen vergrössert und die Sozialkompetenz geschliffen, sagt Meyer, zudem habe er sein Koch-Spektrum erweitern können. Als Mitbegründer des Saudi Arabian Chefs Table Circle (SATCT) organisiert er in Jeddah etwa auch Koch-Meisterschaften.
Da der Oberaargauer ein guter Botschafter und Netzwerker ist, tauschte sich Meyer eines Abends an einem Tisch im Restaurant mit einem jungen Saudi aus. Das Thema: Kann man am Roten Meer allenfalls mit einem mobilen Verpflegungsstand punkten, der Raclette anbietet?
Frauen arbeiten im Hotel Albilad nicht. Oder nur, wenn im Catering Hochzeiten bedient werden, die geschlechtsspezifisch strikt getrennt durchgeführt werden. Hier die Männer unter sich, dort die Frauen. Von Anfang bis zum Schluss ist das so. Natürlich können nur Frauen Frauen bedienen. Im Küchensektor müsste die Leitung des Hotels allerdings eine separate Küche einbauen, wenn sie Frauen anstellen möchte. Die Geschlechter werden getrennt. Wie in den Kaffees und Restaurants. «In Bürojobs arbeiten immer mehr Frauen», sagt Meyer, «es kann auch sein, dass Frauen arbeiten wollen und sie die Männer daran hindern.» Saudi-Arabien ist eine eigene Welt.
Wer Hotelier in der Wüste ist, weiss, dass er praktisch alles importieren muss. Das verlangt logistisches Flair. Von Vorteil ist die Nase dafür, über welche Händler die Ware bezogen wird – und über welche nicht. Aber viel ist möglich im reichen Ölstaat. Auch hier wird zum Beispiel die Spargelsaison eingeläutet – mit Ware aus Europa.