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Etrit Hasler über politische Protestnoten im Sport
In diesen Tagen geht ein Video um die Welt: Es zeigt den 71-jährigen Fernando Alvarez bei seinem Rennen an den Weltmeisterschaften des Schwimmverbands Fina. Alvarez hatte darum gebeten, eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags von Barcelona einzulegen, dies wurde vom Verband allerdings abgelehnt – weil eine Schweigeminute den Zeitplan durcheinanderbringen würde, wie ihm mitgeteilt wurde.
Alvarez entschied sich, die Aktion im Alleingang durchzuziehen. Als der Startschuss zum 200-Meter-Final der Männer im Brustschwimmen ertönte, sprang Alvarez nicht wie die anderen Athleten ins Wasser, sondern blieb auf seinem Startblock stehen, wo er eine Minute in Habachtstellung ausharrte, bevor er doch noch ins Becken sprang.
Natürlich hatte er mit seiner Entscheidung die Chance auf den Weltmeistertitel vergeben, die aufgrund seiner Qualifikationszeit für das Finale nicht unrealistisch erschien. Doch mit seiner Aussage, «dieses Gefühl war mehr wert, als wenn ich alle Goldmedaillen der Welt gewonnen hätte», wird er seither im Netz als Held abgefeiert. Dem Schwimmverband Fina scheint die Geschichte eher peinlich – Alvarez’ Endresultat wurde aufgrund des grossen Rückstands aus der Klassierung gelöscht (ein reguläres Vorgehen), und der Verband hat bisher keine der Dutzenden Medienanfragen aus aller Welt beantwortet und auch noch mit keiner eigenen Nachricht darauf reagiert.
Das passt ins Schema. Sportverbände sind zwar durchaus zur Stelle, um die olympische Botschaft des Friedens zu propagieren, wenn sie selber auf die Idee kommen. Man mag ihnen das nicht mal richtig verübeln – die meisten Gründe, zu protestieren, haben das Potenzial, irgendjemanden zu verärgern. Und wenn der Sport für etwas steht, dann dafür, dass man selbst mit Diktatoren und Massenmördern gemeinsame Sache macht, solange sie sich nur für den gleichen Ball, die gleiche Rennbahn oder die gleiche Arena ereifern mögen.
Umso schöner ist es, wenn Protestaktionen gegen den Willen der Verbände gelingen. So verwandelte Greenpeace 2013 unter Zuhilfenahme von fernsteuerbaren Antennen und einem Plastikbanner die Preisverleihung des Shell-Formel-1-Grand-Prix in Brüssel in ein Werbebild für ihre Website savethearctic.org – wie Greenpeace selber schrieb: «Banner: 50 €. 4 Autoradioantennen: 88 €. Shell blossstellen an ihrem grössten PR-Event des Jahres? Unbezahlbar.» Shell versucht seit vier Jahren, das Video der Aktion aus dem Netz verschwinden zu lassen, aber jedes Mal, wenn sie es von Youtube entfernen lassen, taucht es an drei neuen Stellen wieder auf.
Etwas weniger politisch, aber ähnlich peinlich für den Verband gestaltete sich eine inzwischen schon fast ritualartige Aktion der Basler Muttenzerkurve: Jedes Mal, wenn ein Fussballspiel kurzfristig vorverlegt wird, weil SRF nicht fähig ist, ein Fussballspiel und einen Tennismatch gleichzeitig zu übertragen, werfen die Fans Tennisbälle in rauen Mengen aufs Feld, um so den Spielbeginn zu verzögern. Beim ersten Mal, 2010 anlässlich des Matches zwischen Luzern und Basel, entlockte die Aktion angeblich sogar Schiedsrichter Massimo Busacca ein Lächeln und wurde international wahrgenommen.
Und natürlich nicht zu vergessen: der von Alain Sutter initiierte Protest gegen die Atombombentests unter Präsident Jacques Chirac, als die Schweizer Nationalmannschaft mit einem «Stop Chirac»-Transparent das Spielfeld betrat. Die Uefa reagierte umgehend, indem sie politische Kundgebungen auf dem Fussballplatz grundsätzlich verbot. Eine Klausel, die übrigens in den folgenden Jahren immer wieder herbeigezogen wurde – unter anderem immer wieder, um antirassistische Protestaktionen der Fankurven zu unterbinden. Das änderte sich erst 2003, als die Uefa dann selber eine Kampagne gegen Rassismus startete. Aber das war dann (natürlich) auch ganz ihre eigene Idee.
Etrit Hasler empfiehlt das Greenpeace-Video: www.youtube.com/watch?v=A8knKYALDDo