Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/1809

Von Bernanch über Berlang zu Berlingen
Berlingen am Untersee wurde gemäss «Chronik des Kantons Thurgau» 894 erstmals schriftlich erwähnt. Von den Einwohnern ihrer Nachbardörfer Esel genannt, bezeichnen die Berlinger diese ihrerseits u.a. als Araber, Dreizehner und Schössli-manne. Im 13. Jahrhundert Bernanch genannt, erscheint Berlingen 1768 auf einer Karte der Abtei St. Gallen als Bernang und entwickelte sich schliesslich zu Berlang und Berlingen. Selbst dem Untersee hat Berlang noch im 16. Jahrhundert den Namen gegeben, heisst es doch in der «Johannes Schlumpf Chronik» von 1547: «...das Dorf Bernang, nach dem der See Bernanger See genennt wird.» Sprachgeschichtlich hat sich der Name wohl von Bernang über eine Dissimilation zu Berlang und schliesslich – in Anlehnung an die verbreiteten -ingen-Namen (Kreuzlingen, Ermatingen) – zu Berlingen entwickelt. Das ursprüngliche Bernang leitet sich wahrscheinlich aus der Urform Berowanc her, was Feld des Bero bedeutet.
Der Frage, wie die Berlinger zum Übernamen Esel kamen, sind schon einige nachgegangen, und es gibt mehrere Deutungen: Die naheliegendste geht davon aus, dass sich die reichen Steckborner seinerzeit Esel zum Tragen von Lasten z.B. vom und zum Rebberg leisten konnten, während die armen Berlinger diese Lasten selber buckeln mussten und darum die Esel waren... Die schildbürgerliche Version ist die vom Esel, den die Berlinger zum Abgrasen des letzten Grünfleckens auf den Kirchturm hievten. Weil sie das per Seil um den Hals des Grautiers taten, streckte dieses schon bald die Zunge heraus – ein untrügliches Zeichen für die Dorfbewohner, dass der Esel nach dem Futter lechzte... Eine weitere denkbare Version ortet die Herkunft im Umfeld Napoleons III, als dieser noch auf Schloss Arenenberg residierte. Weil sein Gefolge das typische «aan» (also einer) naturgemäss als «âne» (französisch Esel) verstanden, bezeichnete es alsbald auch die Berlinger als solche.
Am wahrscheinlichsten aber ist die Erklärung von J. Thalmann in seinen «Wanderungen durch den Thurgau» von 1912: «Berlingen war früher der einzige Ort im Thurgau, wo Esel gehalten wurden. Die zumeist steile Lage der Weinberge machte dieselben zum Misttragen unentbehrlich.» Zu vermuten ist weiterhin, dass die Grautiere auch zum Säumen über den Weissen Felsen nach Steckborn dienten. Denn bekanntlich wurde die Strasse zwischen Berlingen und Steckborn erst 1830 erstellt, wie dem «Gemälde der Schweiz», Band 17 «Der Kanton Thurgau» von 1837 zu entnehmen ist.
Der Autor dieses Buchs, der evangelische Diacon J.A. Pupikofer, zeichnet ein farbiges Bild von Berlingen: «Die Bewohner dieses gewerbfleissigen Dorfes treiben vorzüglich Weinbau, Branntweinbrennerei, Weinhandel, Fischerei und das Böttcherhandwerk. Die Weinfässer, welche an der Konstanzer Kirchweihe zum Verkaufe angeboten zu werden pflegen, sind meistens in Berlingen verfertigt worden; das Holz dazu wird gewöhnlich aus Schwaben bezogen. Dem Getreide- und Gemüsebau eine grössere Ausdehnung zu geben hindert die Beschränktheit der Gemeindeflur, indem nahe bei dem Dorfe ein ziemlich steiler Bergrücken sich erhebt, und so das Dorf durch den Abhang und den See eingeengt ist; doch wird auch etwas Tabackbau mit Erfolg betrieben.
Der Seeweg erschloss den Berlingern die Handelsplätze und Marktorte (Konstanz, Steckborn) sowie den süddeutschen Raum. Die Gewerbe der Küfer, Gerber und Schuhmacher waren Berlinger Spezialitäten. Wegelin berichtet: «Bis 1870 gab es in Berlingen 30 bis 40 Schuster und ebenso viele Küfer. Bis in die 1890er-Jahre hinein erzeugten zwei Gerbereien ein beträchtliches Quantum Leder. 1978 ergänzt Alfons Raimann dieses Bild im «Hinweisinventar alter Bauten und Ortsbilder im Kanton Thurgau: Berlingen» um weitere Facetten:
«Die Berlinger hatten seit jeher keine leichte Existenz. Der schmale Seeuferstreifen, die steilen, für eine Bewirtschaftung schlecht geeigneten Hänge, die periodischen Überschwemmungen zwangen zu einem kargen, haushälterischen Leben. Der grösste Reichtum Berlingens lag in den Rebkulturen. Schon 1267 wird Wein als Zinsgut vermerkt, und Berlinger Wein scheint bevorzugt gewesen zu sein. Zahlreich sind die Belege dafür, dass Konstanzer und Steckborner Bürger ihre Rebgüter in Berlingen hatten – wobei dem See als Handels- und Verkehrsraum grosse Bedeutung zukam. Gustav Schwab lobt denn auch 1827 den besonders sorgfältigen Wein- und Obstbau der Berlinger.
Ende des 19. Jahrhunderts fand eine bescheidene Industrialisierung statt. 1871 kam die erste Stickmaschine nach Berlingen, einige Jahre später waren es bereits deren 40. 1892 wurde die Tricotfabrik A. Naegeli mit elf Arbeitskräften gegründet. 1923 zählte das Unternehmen 174 Mitarbeitende und blieb bis zu seiner Auflösung in den 1970er-Jahren der bedeutendste Arbeitgeber der Gemeinde. Diese Rolle übernahm nach und nach das 1943 eingerichtete Alters- und Pflegeheim, das bereits 1973 über 14 Häuser mit 250 Betten verfügte. Heute gehört das Unternehmen der Tertianum Gruppe an und firmiert als Perlavita AG für begleitetes Leben im Alter und Rehabilitationsklinik.
Die Form Berlang als frühere Bezeichnung für Berlingen hat sich bis heute als Bezeichnung für ein Kartenspiel gehalten, das nur in Berlingen und Steckborn bekannt ist. Beim so genannten Berlang (Tätigkeitswort Berlangen) wird mit drei Karten teilweise um hohe Einsätze gespielt (früher sogar um Hausrat und Grundstücke).
Auch der Beth, eine Art «Untersee-Pokern», ist ein praktisch nur noch in Berlingen und Steckborn gespielter Jass. Bethlen kann man zu dritt, zu viert oder zu fünft (wenn es unbedingt sein muss, sogar zu sechst). Ideal sind fünf Teilnehmer, weil das Spiel dann am interessantesten wird. Wer mehr über das Bethle erfahren möchte, setzt sich am besten an der Berlinger Chilbi jeweils Sonntag/Montag am vierten Juli-Wochenende zu den Kibitzen in den Hirschen-Garten und schaut der traditionellen Chilbi-Runde zu.