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Kaffee trinken mit Woolf
«Ein Zimmer für sich alleinr» (1929) von Virginia Woolf
«Mit welcher berühmten, aber bereits verstorbenen Person würdest du gerne mal einen Kaffee trinken?», diese Frage hat mir mein Co-Eselsohr Sasha gestellt. Natürlich konnte ich ihr nicht bloss einen Namen nennen, aber Virginia Woolf war einer davon.
Meine erste Lektüre der Schriftstellerin und Verlegerin war der Essay «Ein Zimmer für sich allein». Das Buch ist aus zwei Vorträgen entstanden, die Woolf an am ersten britischen Frauencollege an der Universität Cambridge gehalten hat. Darin schreibt Woolf über die Ungleichheit der Chancen zwischen Mann und Frau. Sie schreibt davon, wie Frauen zwar Inhalt der Literatur sind, aber nur selten ihre Verfasserinnen. Und sind sie es doch, werden sie nicht gelesen.
Woolfs Worte schienen für mich wie die Ausformulierung meiner eigenen Gedanken. «Wie kann es sein, dass wir so oft nur männliche Autoren lesen?», habe ich mich während meiner Zeit am Gymnasium oft gefragt. Zwar sind Woolfs Texte über 90 Jahre alt und handeln vom viktorianischen Zeitalter, traurigerweise sind sie trotzdem sehr aktuell. Wie ich in meinem Text zum Buch «Frauenliteratur» von Nicole Seifert schon erläutert habe, gibt es auch im 21. Jahrhundert noch erschreckend viel Evidenz für eine Ungleichbehandlung der Geschlechter in der Literatur.
Was Woolfs Buch aber neben Ärger auch in mir ausgelöst hat, ist Glück. Seit ich ein kleines Kind bin, musste ich mein Zimmer nämlich nie mit jemandem teilen. Diesem Privileg, war ich mir lange Zeit nicht bewusst. Wie selbstverständlich habe ich mein Leben lang schon meinen eigenen Raum: zum Rückzug, zur Kreativität, zur Ruhe.
Woolf, die selber in einer wohlhabenden Familie Intellektueller aufgewachsen ist, beschreibt wie üblich es war, dass «der Mann der Familie» ein Arbeitszimmer hat. Dort konnte er sich zurückziehen, dort konnte er schreiben, war er ungestört. Frauen war dieser eigene Raum oft vorenthalten, was Woolf in «Ein Zimmer für sich allein» thematisiert. Zum einen geht es dabei ganz buchstäblich um ein eigenes Zimmer. Zum anderen spricht Woolf auch den Raum im übertragenen Sinn an: Für sich einstehen, sich gegen Normen und Erwartungen auflehnen und auch mal unangenehm sein. Das kann eben auch heissen, sich Raum zu nehmen.
In ihrem Essayband spricht Woolf nicht als sie selbst, sondern mit der Stimme einer Erzählerin zu uns. Damit schafft sie Distanz zwischen sich und der Thematik. Wer die Autorin kennt weiss aber, dass sie damit nicht eine tatsächliche Distanz ausdrücken wollte. Der Erzählstil wird vielmehr als Art und Weise verstanden, wie die Autorin ihre Gedanken stellvertretend für die vieler Frauen zum Ausdruck bringen wollte.
Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Die erfundene Schwester von William Shakespeare dient Woolf dabei als Projektionsfläche für ihre Überlegungen. Wäre Shakespeares Schwester genauso berühmt geworden, hätte sie die gleichen Möglichkeiten gehabt wir ihr Bruder? Im ersten Kapitel geht sie detailliert auf das bereits erwähnte «eigene Zimmer» ein, das nach ihr eine der beiden Grundlagen für die Freiheit zum literarischen Schaffen ist. Woolf sieht ausserdem Geld als notwendige Voraussetzung, um sich unabhängig zu machen.
Ihre Gedanken mögen heute vielleicht nicht bahnbrechend erscheinen. Zu ihrer Zeit benötigte das Aussprechen solcher Ideen aber noch mehr Mut, als es das heute tut. In den weiteren Kapiteln schreibt sie von Bildung für Frauen und von der weiblichen Literaturgeschichte. Sie schreibt, dass den Frauen in ihrer Zeit die weiblichen Vorbilder fehlten. Wieder empfand ich Glück darüber, dass ich heute auf eine Vielzahl solcher zählen kann.
Beinahe ehrfürchtig lese ich Woolfs Zeilen und hoffe stets, ihren Sinn und ihre Intention vollumfänglich in mich aufzunehmen und zu verstehen. Denn leider kann ich mir ihr nicht einfach so einen Kaffee trinken gehen, um sie danach zu fragen. Dafür habe ich aber viele andere Gegenüber (zum Beispiel mein Co-Eselsohr) mit denen ich das Gelesene diskutieren kann.
Tschäse und Bussi
Elena