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Philosophen sagen, dass wir nur Unterscheidbares wahrnehmen können. Physiker sagen, dass 'Welt' Energie und Energie Sinuskurve sei. Historiker sagen, Geschichte finde immer in Wellen statt. Ich behaupte, 'Unterscheidbarkeit' sei die in die Semantik übertragene Geometrie der Sinuskurve bzw. der Wellenform - oder umgekehrt: Sinuskurve, Welle sei die in die Geometrie übertragene Semantik der Unterscheidbarkeit. Es handle sich nur um verschiedene Ausdruckssysteme, die dasselbe Phänomen einzufangen und zu beschreiben versuchen. Spirituelle sagen, dass wir Ununterscheidbares oder 'Ganzes' zumindest ahnen, spüren, erleben - also doch irgendwie wahrnehmen, aber nicht qualifiziert mit Worten oder geometrischen Symbolen beschreiben können. Allerdings seien Annäherungen möglich. In der Geometrie über den 'Kreis', in der Physik über die 'Kugel', in der Theologie über 'Gott', in der Psychologie über 'Integration', in der Spiritualität und in vielen Religionen über Metaphern wie 'All-Einheit', 'Gott', 'Tao', Nirwana' etc. – immer verbunden mit dem Versuch, sich diese Bezeichnungen grenzenlos – oder gar nicht – vorzustellen. Alle verbalen Konnotationen sind mit einer in sich widersprüchlichen Semantik behaftet, mit Begriffen, die keine sein wollen, keine sein können, da sie nicht abgrenzbar, nicht unterscheidbar sind, da sie alles – oder nichts – umfassen, die totale Leere oder die totale Fülle als Vorstellungshilfe benutzen. All diesen Versuchen, die Ununterscheidbarkeit zu fassen, ist gemeinsam, dass sie sich jeder analytischen Decodierung verweigern, jeder konkretisierenden Vorstellung entziehen, entziehen sollen.
Wem das nur graue Theorie ist, der versuche sich ganz praktisch in der Liebe, dem konkreten Pendant zu den aufgeführten theoretischen Ansätzen. Je weniger Bedingungen der Praktiker dabei an den, die oder das zu Liebende, an die Auslösung seiner Liebesgefühle für irgendetwas stellt, desto mehr verblassen die Unterschiede unter den potenziellen Liebesobjekten, nimmt die Amplitude der Sinuskurve ab, nähern sich Wellenberg und Wellental einander an. Die Unterscheidbarkeit der Liebesobjekte, im geometrischen Bild aber auch der einzelnen Punkte der Sinuskurve, nimmt auch ab mit der Zuwendung, Annäherung und Integration – so lange, bis die Beobachtung, die Analyse gar nicht mehr möglich ist, da der dafür zwingend erforderliche Abstand zwischen Beobachter und Beobachtetem, die sogenannte Subjekt-Objekt-Spaltung marginal wird oder temporär sogar ganz verschwindet. Im Bild der Sinuskurve geschieht das, wenn wir den Parameter 'ZEIT' wegnehmen – was jeder hingebungsvoll Liebende schon erlebt hat – , wenn wir also der Zeit ein Schnippchen schlagen und aus dem Nacheinander von Wellenberg und Wellental ein Miteinander, ein 'gleichzeitig', ein 'Jetzt', ein völliges 'In-der-Gegenwart-Sein' machen: dann schiebt sich der Wellenberg über das Wellental – und gemeinsam bilden sie einen Kreis. Wenn wir jetzt auch noch den 'RAUM' wegnehmen – auch dieses subjektive Erlebnis sollte keinem Liebenden fremd sein: das Gefühl, dass sich das Bewusstsein für den Ort, den Raum verflüchtigt, dass es egal ist, wo man sich befindet, ob man sich überhaupt 'irgendwo' befindet – wenn wir uns also auch noch vom Raum lösen in der Liebe, schrumpft in der Bildwelt der Geometrie der Kreis zum Punkt, der keine räumliche Ausdehnung hat, der nichts – oder alles – enthält. Sind Zeit und Raum einmal weg, fällt es leichter, auch die Bedingung der Verknüpftheit zwischen dem Wahrgenommenen aufzugeben. Denn gerade Liebe entzieht sich der kausalen Analyse und das subjektive Erlebnis der Verschmelzung hilft den Liebenden, sich nicht als kausal verknüpft, sondern als vereinigt zu erleben. Damit ist auch die Bastion des Egos geknackt: das Ich löst sich in der Liebe auf – oder umgekehrt gesagt: Wenn es sich nicht auflöst, handelt es sich nicht um die Liebe, die hier gemeint ist, sondern allenfalls um Begehren, Haben-Wollen, Gier, Machtanspruch. Der grösste Stolperstein in diesem entschöpfenden Prozess ist der fünfte Schöpfungsparameter: die Wertung. Alles Wahrgenommene wird nämlich vom Wahrnehmenden blitzschnell bewertet. Das kann durchaus überlebensrelevant sein – und zumindest in der ersten Lebenshälfte, wenn es darum geht, die Schöpfungsparameter auszuloten und zu erleben, wollen und sollen wir ja 'überleben'. Aber die Wertung ist wie die vier anderen Schöpfungsparameter auch ein unheimlicher Klotz am Bein des sich Entwickelnden.
Solange wir den beschriebenen Entschöpfungsprozess insgesamt oder in seinen einzelnen Schritten negativ werten, werden wir ihn zu vermeiden suchen – wie alles, was wir negativ werten. Diese Vermeidungsstrategie kann die halbe Energie, das halbe Leben auffressen. Die andere Hälfte bliebe dann der Gierstrategie vorbehalten, also dem Erstreben dessen, was wir positiv bewerten. So entsteht ein Dauerkampf, ein mühevolles Changieren zwischen Ergattern und Wegstrampeln, gejagt von den eigenen Wertungen. Wenn es gelingt, die Sinuskurve der Wertungen zu glätten, auch hier den entschöpfenden Prozess stattfinden zu lassen, dann wird auch die Wertung von Schöpfung und Entschöpfung, von Geburt und Tod, von Inkarniertsein und Nichtinkarniertsein milder – und verschwindet vielleicht eines Tages sogar ganz. Auf dem Weg zum Ziel – falls man denn das freiwillige und bewusste Durchleben des Schöpfungs- und Entschöpfungsprozesses als Ziel wählen will – auf dem Weg in die Ununterscheidbarkeit wird das Wahrgenommene mit immer weniger Wertung versehen, erhält immer mehr 'gleiche Gültigkeit', was nicht zu verwechseln ist mit Gleichgültigkeit im Sinne von 'Wurstigkeit'. Allem Wahrgenommenen gleiche Gültigkeit zuzumessen bedeutet, alles anzunehmen als richtig, auch wenn es uns vordergründig als falsch erscheint. Gleiche Gültigkeit meint, alles anzunehmen als sinnenthaltend, auch wenn es uns vordergründig als sinnlos erscheint; mit allem Wahrgenommenen einverstanden zu sein, auch wenn wir vordergründig überhaupt noch nicht einverstanden sind damit. Das ist – wohlverstanden – einer der Schritte zum Ziel der Ent-Schöpfung, des Nach-Hause-Wegs in die Ununterschiedenheit. Zuerst muss man aber von zuhause weg gehen, den Weg in die Unterscheidbarkeit, in die Schöpfung hinein gehen. Wer zuhause bleibt, kann nie nach Hause kommen – eine Einsicht, die im Gleichnis vom verlorenen Sohn dem brav daheim, beim 'Vater', in der Einheit gebliebenen Bruder nicht vergönnt ist. Er hat nicht verstanden, dass die Nabelschnur durchtrennt werden muss, dass es das Verlassen des wohlig-sicheren Heims, ja das Nein zum Vater braucht, die Trennung, den Abstand von dem, was wir hier mit der Metapher 'Zuhause' umschreiben, um überhaupt zu leben, zu er-leben, wahrzunehmen. Es gibt kaum etwas, was von unserer sicherheitshysterischen Gesellschaft mit ihrem Streben nach dem totalen Fürsorgestaat weniger verstanden wird als diese Notwendigkeit, in die Unsicherheit zu gehen, sich dem Mangel auszusetzen, Gefahr zu erleben, Abenteuer zu bestehen. Es reicht nicht, ein Leben lang im warmen Fruchtwasser des Wohlfahrts-Kollektivs zu schwadern. Es braucht das Bewusstsein eines vom Rest des Wahrgenommenen abgetrennten Egos. Es braucht den Spalt, den Abgrund zwischen dem Ich und der Welt, die ohne Abstand nicht entdeckt werden kann. Diese Einzigartigkeit der Identität, aber auch die Isolation und Einsamkeit, die das abgetrennte Ego vermittelt, ist ein Abenteuer, das genau so gut beglückend wie zutiefst deprimierend erlebt werden kann. Und um überhaupt etwas zu erleben, nur schon um sich selbst als abgetrennte Entität wahrzunehmen, braucht das Ego Zeit und Raum und Verknüpfungen zwischen den wahrgenommenen Dingen untereinander und zu sich selbst. Und will das Ego handeln und überleben, muss es werten, muss es Prioritäten und Grenzen setzen, lernen, zu unterscheiden, was ihm und seinem Überleben als abgetrenntes Ego förderlich ist und was nicht. Und erst, wenn es das bis zum Überdruss ausgereizt hat, wenn es alle Höhen und Tiefen der Schöpfung erlebt und erfahren hat und sich eine Übersättigung einstellt, ist der Zeitpunkt für die Umkehr erreicht – und genau das meint der griechische Begriff der 'Katastrophe' ganz nüchtern und wertfrei: den Umkehrpunkt am Ende der Zeile. Der Wendepunkt am Ende des Weggehens eignet sich wunderbar zur Aufgabe einer ersten Wertung – hier der Negativwertung des Begriffs 'Katastrophe'. Wer sagt denn, dass der Heimweg weniger schön, weniger spannend, im doppelten Sinne weniger aussichtsreich und weniger erkenntnisreich sei als der Hinweg? Eine einseitig dem Materiellen, der sichtbaren Schöpfung, dem möglichst langen Inkarniertsein verfallene, sich verkrampft ans Greisentum klammernde Gesellschaft wie die unsrige tut sich verständlicherweise schwer mit dem Gedanken, Schöpfung und Ent-Schöpfung, dem Hinweg und dem Rückweg gleiche Gültigkeit zuzumessen. Dabei lässt sich die Optik durchaus umkehren: Nach dem langen Weg, den man eingekerkert ins eigene Ich, gefesselt an die unerbittlich fortschreitende Zeit, die bislang gegen alle Verewigungstrickser gesiegt hat, gefangen im mühseligen Raum, der uns immer nur einen Standort, eine Sichtweise aufs Mal erlaubt, und geknechtet vom Zwang, immer wieder werten zu müssen, um nicht kläglich unterzugehen – nach diesem langen Herumirren winkt am Ziel des Heimwegs die Befreiung von all diesen Fesseln, die uns zwar das Abenteuer des Lebenskampfes, aber nie die Verschmelzung, nie das wirkliche Einswerden mit dem Wahrgenommen ermöglichten. Innerhalb der Schöpfung bleibt es Sehnsucht, Ahnung, Geheimnis und Rätsel, das sich erst am Ziel des Heimwegs, nach der Überwindung oder Aufgabe der Schöpfungsparameter erschliesst. Weder Daheimbleiben noch Abkürzungen funktionieren auf diesem Rundweg. Das Gipfelerlebnis ist keines, wenn man sich mit dem Helikopter hinauffliegen lässt. Nur ein gegangener Weg ist ein Weg. Der Weise geniesst jeden Schritt des Weges und ist immer dort, wo er ist, in vollendeter Gegenwart. Er ist einverstanden mit dem Hinweg in die Schöpfung hinein – und einverstanden mit dem Rückweg aus der Schöpfung hinaus. Jeder Schritt hat ihm gleiche Gültigkeit. Immer, wenn es im gelingt, ganz in der Gegenwart zu sein, trickst er die Schöpfungsparamter aus. Denn im Jetzt kann er nicht werten, im Jetzt entrinnt er der Zeitachse und verliert sowohl den Abstand zum Wahrgenommenen wie die Möglichkeit, sein Ich über die Unterscheidbarkeit abzugrenzen. Wenn er sich im Jetzt noch von Liebe durchfluten lässt und verschmilzt mit dem Wahrgenommenen, das er ja eigentlich gar nicht mehr im klassischen Sinne wahrnimmt, dann hat er - zumindest für einen Augenblick - am Ziel des Entschöpfungsprozesses geschnuppert. Wer solche Erlebnisse hatte und hat, kann dann auch die Wertung der Polarität von Schöpfung und Entschöpfung aufgeben und das Ziel, von dem er gerade einen Zipfel erhaschte, als das Ziel der Schöpfung anschauen. Wieso soll denn eine Reise in ein neues Land, eine neue Welt nicht zuletzt wieder an den Ausgangspunkt zurückführen, an dem wir als andere, als Bereicherte, Grössere oder vielleicht sogar 'Ganze' ankommen?
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