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Internationale Städtepartnerschaften: Bürde oder Chancen für die Beteiligten?
Es war einmal ein Kriegsende, das Ende des fürchterlichen 2. Weltkriegs. So lässt sich der Einstieg in das Thema der Städtepartnerschaften finden. Die Welt war sich einig: Nie mehr Krieg! Diese hehre Absicht wurde öffentlichkeitswirksam dokumentiert, als sich die Regierungschefs von Frankreich und Deutschland, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, öffentlich annäherten und gemeinsam über präventive Massnahmen nachdachten.
Das Resultat ist hinlänglich bekannt. Ein deutsch-französischer Freundschaftspakt sollte als Brückenschlag zwischen den europäischen Erzfeinden ins Leben gerufen werden. In der Folge ging es darum, diesem Anspruch gerecht zu werden und das Versprechen mit praktizierter Gemeinsamkeit zu untermauern.
Städtepartnerschaften als Herausforderung über die Regularien hinaus
Der Treffpunkt war clever gewählt, als sich Delegationen von 50 Bürgermeistern im Jahre 1951 auf neutralem Boden in Genf trafen, um die Grundlagen für Partnerschaften auf Städteebene auszuloten. Sie gründeten am Lac Leman den „Rat der Gemeinden Europas“, der im Jahre 1984 in „Rat der Gemeinden und Regionen Europas“ (RGRE) umbenannt wurde. Ziel der Vereinigung: „. . . die Aussöhnung zwischen Völkern Europas und die kommunale Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg zu fördern“.
Diese Initialzündung funktionierte und führte innerhalb kürzester Zeit zu Länder übergreifenden Partnerschaften. Die Headlines der Presse berichteten regelmässig über „Jumelages – Städteverschwisterungen“ wie sie in der Beginnphase vor allem zwischen französischen und deutschen Städten und Gemeinden ins Leben gerufen wurden. In der Folge entstanden weitere partnerschaftliche Vernetzungen mit Städten aus den BENELUX- und EFTA-Staaten sowie mit der Republik Österreich, Grossbritannien und weiteren Ländern.
Auch über Partnerschaften, die zum Schmunzeln Anlass geben, gibt es zu berichten: Eine Pressemeldung berichtete über ein Jumelage-Trio bestehend aus dem französischen Ort Y, dem niederländischen Dorf Ee und der walisischen Kommune Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch – der Gemeinde mit dem längsten Ortsnamen Europas. Schaut man heute bei der Einfahrt in eine Stadt aus dem Auto und aufs Ortsschild, so prangen einem Achtung einflössende Städtepartnerschafts-Listen entgegen, die nicht selten auch überseeische Städtenamen beinhalten.
Partnerschafts-Nährboden: Kultur, Sprache, persönliche und wirtschaftliche Verbindungen
Während in manchen Kommunen ein bedenklich stimmender Städtepartnerschafts-Hype aufkam, der zu manchmal kaum handhabbaren Vernetzungen führte, übten sich andere Kommunen in Zurückhaltung. Dafür lassen sich ganz pragmatische Gründe aufzeigen. Städtepartnerschaften kosten Zeit und Geld und fordern eine sich permanent erneuernde Gestaltungskraft auf beiden Seiten. Es ist ein ständiges „Geben und Nehmen“. Nur so lassen sich Partnerschaften dauerhaft aufrecht erhalten.
Das ist wie in einer Ehe. Aber auch die internationalen kulturellen und in vielen Fällen geschäftlichen Beziehungen lassen sich auf dem Wege der Jumelage durchaus nachhaltig in entspannter Atmosphäre aufbauen, pflegen oder fortschreiben. Auch zwischenmenschliche Beziehungen mit Tiefgang, ja sogar Ehen werden dank der internationalen Kontakte häufig geschlossen und sorgen für Bindung in die nächsten Generationen.
Wer auf den Städte-Portalen europäischer Länder surft, der wird feststellen, dass auf nahezu allen Portalen ein Paragraf namens „Städtepartnerschaften“ aufgeführt ist. Wer diesen anklickt, findet im Minimum eine zuständige Verbindungsperson, die in Stabstellenfunktion mit direkter „Reporting-Line“ zum Bürgermeister ausgestattet ist. Überall dort, wo die Verschwisterung eine gewisse Tradition hat und oft seit mehr als 50 Jahren gepflegt wird, finden sich Website-Beiträge, die Impressionen zu den gepflegten Verbindungen vermitteln.
Die Schweiz – ein städtepartnerschaftliches Entwicklungsland?
In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Aktivitäten mancher schweizerischer Städte. Vergleicht man die Aktivitäten in den Schweizer Kantonen in der Totalen mit jenen in anderen Ländern Zentraleuropas, so stellt man fest, dass es Unterschiede gibt. In Kirchenkreisen würde man die Schweiz vermutlich mit „Diaspora“ betiteln, denn die Verschwisterungen über Landesgrenzen hinweg sind ein rares Gut.
Basel Stadt und Land haben sich der Idee vollen Herzens verschrieben
Sehr polyglott geben sich Stadt und Land Basel. In Shanghai hat die Stadt einen asiatischen Städtepartner mit wirtschaftlich interessanter Attitüde gefunden. Beide verstehen sich als bestens etablierte Life-Science- und Wissens-Hubs mit weithin ausstrahlender Wirtschaftskraft und kulturellem Erbe. Das schuf 2007 Grundlagen für die Verschwisterung.
Ein besonders reizvoller Ansatz ist das seit dem Jahr 2002 bestehende transatlantische „Sister State Agreement“ zwischen dem Kanton Basel-Stadt und dem US-Bundesstaat Massachusetts. Beide Partner verbindet die ausgeprägte Life-Science-Szene ebenso wie High-Tech-Standortqualitäten. Wissenschaft, Bildung, Kultur, Sport und Wirtschaft sind die „Driving Forces“ der quicklebendigen Partnerschaft mit überraschenden Resultaten.
Doch die Basler haben noch mehr „in petto“. Die Spur führt in den „Sunshine State Florida“. Im Jahr 2002 feierte die „ArtBasel Miami Beach“ Premiere. Sie bildete die Plattform für eine enge Beziehung zwischen beiden Städten, die im November 2011 in einen Städtepartnerschaftsvertrag mündete.
Luzern setzt Akzente bei den Verschwisterungen
Unter der Postadresse: Stadt Luzern, Städtepartnerschaften, Hirschgraben 17, 6002 Luzern sowie einer eigens eingerichteten Website kann sich der Interessierte über die Aktivitäten der Kommune am Vierwaldstätter See informieren. Mit Bournemouth pflegt man seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich gemeinsame Aktionen und Projekte in den Bereichen Bildung, Kunst, Denkmalschutz, Sport, Tourismus, Umwelt, Verkehr und Wirtschaft.
Ein besonderes Verhältnis pflegt man zur Skyscraper-Metropole Chicago. Dort, im lebensbejahenden „Quartier Wicker Park“ ist Luzern mit einem eigenen Wohnatelier für Kunstschaffende präsent. Künstlerisches Schaffen im Great-Lake-District, ohne finanziellen Druck – so lautet die Devise dieses Engagements. Ein lebendiger Verein Luzern-Chicago bildet die gerne genutzte Kontakt-Plattform für Bürger aus beiden Städten.
Weitere städtepartnerschaftliche Akzente setzen die Verschwisterungen mit der im Süden Polens gelegenen polnisch-tschechischen Doppelstadt Cieszyn sowie der mährischen Barockstadt Olomouc. Berufspraktika und sportlicher Austausch sowie soziale Projekte stehen hier im Mittelpunkt.
Impulsgeber für die Partnerschaft zwischen Luzern und Guebwiller/Murbach ist der Verein „Freunde von Murbach“, und ein Beispiel für die erfolgreiche Projektarbeit ist die im Jahre 2002 mit finanzieller Hilfe der Stadt Luzern sanierte Abteikirche in Murbach.
Bern – Berlin: Zwei „bärige“ Hauptstädte
Die Hauptstädte der Schweiz und Deutschlands – Bern und Berlin – glänzen mit sehr eigenständigen Profilen. Was sie verbindet, ist der Bär im Wappen! In Sachen Jumelage gehen die bärigen Städte allerdings getrennte Wege. Die ehemals freie Reichsstadt in der Greater Geneva Berne Area mit ihren 23.8 Prozent Ausländeranteil verzichtet bewusst und mit Verweis auf einen Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 1979 auf Städtepartnerschaften. Es gab allerdings anlässlich der Fussball-Europameisterschaft 2008 ein temporäres Zweckbündnis mit Salzburg und den drei weiteren Austragungsorten Basel, Genf und Zürich. Diese Allianz hatte das Sportereignis zum Inhalt, mehr nicht. Man pflegt Beziehungen zu anderen Städten, mit zumeist projektspezifischem Charakter.
Die andere Stadt mit dem Bär im Wappen – Berlin – kann hingegen eine Kollektion von Städtepartnerschaften mit transatlantischen Juwelen vorweisen. Bären, so dozierte schon Alfred Brehm in „Brehms Tierleben“ sind wenig gesellige Tiere. Lediglich zur Paarung trifft man sich. Na, wie wär´s, ihr Bären aus Bern und Berlin?