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von Dr. Jana Nikitin
Sie haben gerade in der Migros eingekauft und merken erst beim Einräumen des Einkaufs in die Tasche, dass in der Ecke des Einkaufswagens ein Duschgel liegt, das Sie dort vergessen und folglich nicht bezahlt haben. Sie wissen, dass die Verkäuferin an der Kasse davon keinen Schaden trägt, wenn Sie das Duschgel jetzt einfach einpacken, und dass die Migros eigentlich mit solchen Verlusten rechnet. Andererseits ist Ihnen natürlich klar, dass das ein Betrug wäre und dass das einzig ehrliche Verhalten ist, das Duschgel nachträglich zu bezahlen. Was machen Sie? Das hängt unter anderem davon ab, wie ausgelaugt Sie gerade sind, wie eine amerikanische Forschergruppe in ihren Studien nachgewiesen hat.
Die Forscher sind davon ausgegangen, dass ehrliches Verhalten ein gewisses Mass an Selbstkontrolle benötigt und dass folglich fehlende Selbstkontrolle (z.B. bedingt durch Müdigkeit) zu unehrlichem Verhalten führt. Wir sind also nicht von Natur aus ehrliche Wesen, sondern Egoisten, die gegen eigennützige Impulse ankämpfen müssen, um trotzdem sozial erwünscht zu handeln.
In ihren Studien haben die Forscher eine Gruppe Studierender eine schwierige Aufgabe ausführen lassen, die die Selbstkontrolle beanspruchte. In einer anschliessenden Aufgabe sollten die Probanden mathematische Knacknüsse lösen. Für jede richtige Lösung haben sie einen kleinen Geldbetrag bekommen. Nach 5 Minuten sollten sie angeben, wie viele Aufgaben sie richtig gelöst haben. Das konnten sie selber überprüfen, ihre Aufgabenblätter dann vernichten und anschliessend sich selber das Geld auszahlen. Die Probanden wussten also, dass es keine Möglichkeit gab nachzuprüfen, ob sie ehrlich handelten. Die Ergebnisse der Studie bestätigten die Vermutung der Forscher, dass nur Personen, deren Selbstkontrolle durch die erste Aufgabe vermindert wurde, sich dazu verleiten liessen zu mogeln. Sie haben über 80% mehr Geld für ihre «gelösten» Aufgaben genommen als eine Vergleichsgruppe, die über ein normales Mass an Selbstkontrolle verfügte.
Menschen sind also eher geneigt zu betrügen, wenn sie nicht ihr gewöhnliches Niveau an Selbstkontrolle haben. Lassen sie sich aber auch leichter auf Situationen ein, die Betrug ermöglichen? Die Antwort lautet ja, wie die Ergebnisse der zweiten Studie zeigen. Auch hier haben die Probanden (Studierende) zuerst eine schwierige, ihre Selbstkontrolle beanspruchende Aufgabe ausgeführt. Kurz darauf wurden sie dazu eingeladen, mehrere Wissensfragen zu ihrer Universität zu beantworten. Anschliessend sollten sie ihre Antworten auf ein Antwortblatt übertragen. Für jede richtig beantwortete Frage erhielten sie einen kleinen Geldbetrag. Die Leiterin der Studie liess sie auswählen, ob sie ein leeres Antwortblatt wollen oder eins, an dem die richtigen Antworten schon markiert waren. Wie erwartet, haben die Probanden mit verminderter Selbstkontrolle viel öfter das Blatt mit den vorgemerkten Antworten gewählt als eine Vergleichsgruppe (74% zu 40%) und sie haben dann auch mehr richtige Antworten angekreuzt. Wichtig ist, dass die Forscher zusätzlich zeigen konnten, dass es den Probanden nicht bewusst war, dass ihre Selbstkontrolle sich auf ihr (un)moralisches Verhalten ausgewirkt hat.
Wenn Menschen Mühe haben, sich zu kontrollieren, neigen sie dazu, zu betrügen. Wir brauchen ein gewisses Mass an Selbstkontrolle, um moralisch und ehrlich zu handeln. Die Studien zeigten, dass eine verminderte Selbstkontrolle zu betrügerischem Verhalten führen kann. Als dessen Entschuldigung kann sie aber natürlich nicht dienen.
Quelle: Mead, N.L., Baumeister, R.F., Gino, F., Schweitzer, M.E., & Ariely, D. (2009). Too tired to tell the truth: Self-control resource depletion and dishonesty. Journal of Experimental Social Psychology, 45, 594–597.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.