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… Die Rückkehr von Herrn Lepsius, der auf einer dreijährigen Expedition nach Ägypten, Nubien, dem Sinai und nach Palästina nicht einen seiner acht Gefährten verloren hat, erinnert uns häufig an Ihre Arbeiten. Durch diese so gut vorbereitete und so klug durchgeführte Expedition erfahren Geschichte und Archäologie eine unschätzbare Bereicherung. 1.300 großartige Zeichnungen, Tausende von Papierabdrücken, an Ort und Stelle angefertigt, und alle Manuskripte sind bereits eingetroffen. Zwei mit den Denkmälern beladene Schiffe werden im April abfahren. Herr Lepsius bringt Fragmente von Denkmälern aller Dynastien mit, von der 4. Manethonischen bis zu den Ptolemäern und zu den römischen Kaisern nach Caracalla bis zu Decius. Diese Originaldenkmäler, welche die Namen der 4., 5. und 6. Dynastie, 3.000 und 2.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, tragen, sind von großer Bedeutung für unser neuerbautes Ägyptisches Museum, da alles, was vor dem Einfall der Hyksos liegt, äußerst selten ist, selbst in Turin, bei Ihnen und in London. Von den beiden in Philae kopierten bilinguen Dekreten spreche ich hier nicht, denn ich glaube, Sie haben sie von Herrn Ampère bekommen. Die Ausbeute an Bildern und Inschriften aus dem Land der alten Kupferminen auf der Halbinsel des Sinaï, welche den Namen des Cheops tragen, gehört zu den größten; man hat in Wadi Magara Gipsabgüsse davon genommen; die Trümmer und die vollständigen Pläne des Labyrinthes, einen kolossalen Widder vom Berg Barkal mit Bild und Inschrift von Amenophis-Memnon, die großen Felsen des Nilmessers von Senneh mit einer Inschrift von Amenemha-Moris (ein Beweis, daß vor 4.000 Jahren die mittlere Höhe des Flusses an jenem Ort 22 Fuß über der heutigen lag); 4 auf die 4. Dynastie zurückgehende Grabkammern, entnommen auf der Hochebene von Gizeh, eine kolossale Büste des Horus aus der 18. Dynastie, die Figuren von Amenophis und Ahmes Nefanari, hunderte von Ziegeln mit Daten und 5 große historische Papyri ähnlich denen des Britischen Museums, das sind Schätze, die Sie zu uns führen sollten. Herr Lepsius hat sich, bevor er seine vorbereitenden ägyptischen Studien in Turin, in Pisa, in Rom, in Paris und in London aufnahm, nur mit Sanskrit, Hellenismus, eugubischen Tafeln und Philosophie der Sprachen beschäftigt. Dieses philologische Interesse führte ihn auf dieser Reise dazu, vollständiges Material mitzubringen: 1. von der mittelafrikanischen Negersprache Kongara; 2. von der Nuba-Sprache in zwei Dialekten. Von dieser Sprache, die nie geschrieben wurde, bringt er etwa zwanzig Lieder mit und Übersetzungen der Lokmanschen Fabeln sowie Teile von Tausend und eine Nacht, die ein Nubier aus dem Arabischen in die Nuba-Sprache übersetzt hat; 3. von der Bega-Sprache, die zwischen dem Nubischen Nil und dem Roten Meer vom Volk der Bischari gesprochen wird. Das ist ein Zweig der großen Familie der kaukasisch-asiatischen Sprachen, der Verbindung hat mit der gegenwärtigen Form des äthiopisch-meroitischen Idioms. Neben den griechischen und sinaitischen Inschriften bringt Herr Lepsius auch alte äthiopische Inschriften mit, welche direkt in den Pyramiden von Meroe gefunden wurden und in einem unbekannten Alphabet, zuweilen den griechischen Buchstaben etwas ähnlich, abgefaßt sind; die Kenntnis der Bega-Sprache wird die Deutung erleichtern. Dieser linguistische Teil, von so großer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit, verbindet sich mit den erstaunlichen Forschungen von Herrn Roses, heute Dragoman in Konstantinopel, den der König für zwei Jahre in die Täler des Kaukasus geschickt hatte, damit er in der Sprache der Osseten die Ursprünge des indogermanischen Zweigs erkunde; im Lasischen und im Mingrelischen die Ursprünge des iberischen oder grusischen Zweigs, zu welchem die Sprache des alten Kolchis gehört. Herr Roses ist der Bruder des großen Indianisten, der in London gestorben ist; mit seinen umfassenden linguistischen Kenntnissen und seiner lebhaften Begabung wird er seinen Bruder vollkommen ersetzen. Es ist ohne Zweifel verdienstvoll, Reisen zu veranlassen, um nicht nur Pflanzen und Käfer zu suchen, sondern linguistische Zeugnisse.
Baron von Humboldt.
Auszug aus einem Brief an Herrn Jomard