Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/1511

«Wie, du schaust das Spiel nicht?» Mein Arbeitskollege Kevin Hofer, Editor bei digitec, guckt mich verdutzt an. Es ist 16 Uhr, als ich am Dienstag, pünktlich zum Anpfiff des Achtelfinals Schweden gegen die Schweiz, meine sieben Sachen zusammenpacke und mich auf den Heimweg mache. «Du schreibst doch für den Bereich Sport. Also solltest du nicht? Ich meine, gerade du, wo du doch für den Bereich Sport schreibst … da solltest du doch das Spiel schauen!» Nein, sollte ich nicht. Denn was jetzt kommt, kenne ich schon.
Ich habe kein Spiel der Schweiz an einer WM oder EURO seit 1994 verpasst. Legendär der Freistoss von Georges Bregy zum 1:0 gegen die USA.
Kurz darauf gibt es Freistoss für die Amerikaner. Ich höre Beni Thurnheer heute noch sagen: «Es gibt keinen Zweiten wie Bregy.» Acht Sekunden später zappelt der Ball im Netz. Die Amis haben zwar keinen Bregy, aber sie haben einen Wynalda. Ich erinnere mich an das grossartige 4:1 der Schweiz gegen Rumänien im Silverdome von Detroit. Das alles ist 1994, als die Schweiz nach 28 Jahren endlich wieder an einem grossen Turnier dabei ist.
1996 trifft Kubi an der EURO mittels Penalty im Eröffnungsspiel gegen England zum 1:1. Dann kommt die Europameisterschaft 2004 in Portugal und die Spuckaffäre Alex Frei. Vier Jahre später spuckt Alex nicht, er verletzt sich beim Heimturnier im ersten Spiel gegen Tschechien und ist raus, kurz darauf auch die Schweiz.
2010 schiesst Fernandes die Eidgenossen in Südafrika gegen den späteren Weltmeister ins Glück. Das einzige Spiel, das die Spanier im gesamten Turnier verlieren, der einzige Sieg der Schweiz und Grund für rot-weissen Jubel.
Oft spielt die Mannschaft an grossen Turnieren nicht schlecht, manchmal sogar richtig gut. In den wirklich wichtigen Momenten agiert sie jedoch häufig zögerlich, ja beinahe ängstlich und verliert stets. Nüchtern betrachtet ist die Bilanz verheerend:
All diese Spiele habe ich am TV mitverfolgt. Habe mitgefiebert, gehofft, gelitten und im Gegensatz zur Mannschaft immer wieder daran geglaubt, dass die Schweiz ein wichtiges Spiel auch mal gewinnen kann. Am Ende steht stets die Enttäuschung. Woran liegt es? An der Einstellung, am Willen?
Und plötzlich überkommt mich ein schauriger Gedanke: Was, wenn es am Ende an mir liegt? Darum habe ich entschieden, nun einfach mal wegzuschauen. «Immer wenn ich zuschaue, verlieren sie.» Wie oft hast du diesen Satz schon gehört oder selbst gesagt? Deshalb will ich es jetzt genau wissen und teste diese These. Liegt es an mir, bin ich Schuld und die Nati verliert jedes wichtige Spiel an einer WM oder EURO nur, weil ich zusehe?
Ich schreibe diese Zeilen am Dienstag, 3. Juli 2018 im Zug zwischen Zürich und Basel. Wie gesagt, ich schaue den Achtelfinal gegen Schweden nicht. Keine Ahnung, ob die Schweiz gut oder schlecht spielt. Das Resultat kennen wir unterdessen:
Same shit, different day. These widerlegt. An mir liegt es nicht. Also dann, auf ein Neues in zwei Jahren.
Solange brauchst du nicht auf einen weiteren Text von mir zu warten. Einfach meinem Autorenprofil folgen.
Du musst angemeldet sein, um einen neuen Kommentar zu erfassen.
finden diesen Kommentar hilfreich
finden diesen Kommentar hilfreich
finden diesen Kommentar nicht hilfreich
Du bist nicht mit dem Internet verbunden. Stelle bitte sicher, dass du eine funktionierende Verbindung hast um auf der Seite weiter zu navigieren.