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Nichts Neues unter der Sonne?
Oder: Wie ein Text von gestern unvermutet aktuell werden kann
„Und dann werden wir vermutlich das gleiche sagen, was Louis XVI 1793 auf dem Weg zur Guillotine gesagt haben soll: ‚Das alles habe ich schon seit Jahren gewusst. Wie kam es, dass ich es nicht glauben wollte.’“ Das war der pointierte Schlussabschnitt einer Kolumne, die der Schriftsteller E. Y. Meyer am Mittwoch, dem 25. Januar 1989, schrieb; sie erschien damals unter dem Titel „Vertrauen“ in zwei Zeitungen.
„Europas Demokratien“, so begann Meyers Text, „werden von Affären geschüttelt, die, wie es heisst, das Vertrauen in ihr Gefüge erschüttern.“
Hier in Stichworten die damals bekannt gewordenen Affären:
Schweiz: Affäre Kopp, Geldwäscherei im Zusammenhang mit dem internationalen Drogen- und Waffenhandel.
Bundesrepublik Deutschland: illegale Atomgeschäfte und die Libyen-Affäre, d. h. Mithilfe deutscher Chemie-Betriebe an der Errichtung von Anlagen zur Giftgasproduktion, beides von der Regierung zunächst geleugnet.
Frankreich: Immense Börsen-Insider-Geschäfte und der Verdacht, der damalige Staats¬präsi¬dent könnte darein verwickelt sein, aber auch Schweizer Banken.
Oesterreich: Lucona-Affäre, ein ungeheuerlicher Versicherungsbetrug – ein Hochseefrachter wurde versenkt, was man nachher als Unfall und Mord darstellte – und vermutlich waren auch hier höchste Politiker involviert.
So weit, knapp zusammengefasst, der Anfang von Meyers Kolumne. Es folgt eine scharfsinnige Betrachtung, die man ohne Abstriche, gleichsam 1: 1 auf die Ereignisse übertragen kann, die seit einiger Zeit das internationale Finanzwesen durcheinander rütteln und die zuletzt uns alle irgendwie treffen werden.
Im Unterschied zu damals ist das heutige Debakel nicht mehr eine Abfolge einzelner Skandale in einzelnen Ländern, es ist eine globale Angelegenheit; man müsste, sagt Meyer, den oben zitierten Eingansgsatz ändern:
„Die Welt wird von Krisen geschüttelt, die, wie es heisst, das Vertrauen in ihr Gefüge erschüttern.“
Alfred Reber
VERTRAUEN
Von E. Y. Meyer
…
Überall Machtmissbrauch, kriminelle Handlungen und illegale Geschäfte mit Riesengewinnen.
Und es spielt keine Rolle, ob in den betreffenden Demokratien traditionell rechte oder linke Parteien die Regierung bilden.
Zu Affären geworden sind, was man nicht vergessen darf, jedoch immer nur diejenigen Fälle, die letzlich auch aufgedeckt worden sind – und unwillkürlich drängt sich einem in diesem Zusammenhang deshalb auch das Bild von der Spitze des Eisbergs auf.
Gleichzeitig feiert man in Frankreich das ganze Jahr 1989 hindurch – in einem riesigen Ver¬marktungsprozess – den 200. Geburtstag der Französischen Revolution.
Höhepunkt des Rummels, der eine Mischung aus Historie und Hysterie darstellt, wird am 14. Juli, dem Jahrestag der Erstürmung der Gefängnisfestung Bastille durch eine andrängende Volksmasse, die Eröffnung der an dieser Stelle errichteten neuen Opéra de la Bastille, einer sogenannten Volksoper, in Verbindung mit einem Weltwirtschaftsgipfel sein.
Man baut in Frankreich heute wieder Pyramiden und Triumphbögen – und schreckt nicht davor zurück, einen dieser Bögen, ein futuristisches Eingangstor zum total synthetischen Wolkenkratzerviertel La Défense, als Prestigebauwerk für die Revolutionsfeierlichkeiten zu erklären und „Triumph der Menschheit“ zu nennen.
Wir haben es wirklich weit gebracht, seit der Holländer Pieter Brueghel um 1563 sein grosses Bild „Der Triumph des Todes“ malte.
Wenn eine Revolution, wie es die Französische war, jedoch so gefeiert werden kann, kann es mit dem Vertrauensverlust in unseren Demokratien und in die Demokratie gegenwärtig, wie es scheint, aber doch nicht so weit her sein – und Parallelen zwischen der Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution und unserer heutigen Zeit will selbstverständlich niemand sehen.
Die „Nach uns die Sintflut“-Haltung des französischen Adels vor der Revolution ist heute die Haltung von uns allen geworden.
Solange es uns, der grossen Mehrheit der Menschen in den Kunst-Welt-Paradiesen unserer hochindustrialisierten Gesellschaften, nur gut oder lieber noch besser geht – scheint uns alles egal und also auch alles möglich zu sein, auch jedwelche Affären also.
Solange es uns, wenn auch nur oberflächlich und materiell, gut geht, leben wir weiterhin in einem mehr oder weniger blinden Vertrauen in unsere gegenwärtige Lebensweise – im Dienst des, wie wir meinen, unbegrenzt weiterführbaren sogenannten Wirtschaftswachstums.
Wirklich erschüttert kann unser Vertrauen in unsere heutige Lebensweise wohl erst werden, wenn die mit der Bevölkerungsexplosion andrängenden Volksmassen und die damit verbundene Plünderung und Zerstörung des lebensfähigen Raums, der natürlichen Umwelt dieses Planeten, dazu führen, dass es uns wirtschaftlich plötzlich einmal wieder bedeutend schlechter gehen wird.
Wenn die Energie- und Rohstoffvorräte zu Ende gehen und die Umweltkrisen zu immer häufigeren und grösseren Katastrophen auswachsen.
Wie das dann aussehen kann, hat Ivan Illich in eindrücklicher Weise schon 1975 in seinem Buch Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik beschrieben:
„Binnen sehr kurzer Zeit wird die Bevölkerung das Vertrauen nicht nur zu den herrschenden In¬stitutionen, sondern auch zu den Verwaltern der Krise verlieren. Die Machtbefugnis dieser Institutionen, Werte zu definieren (die Erziehung, die Geschwindigkeit, die Gesundheit, die Wohlfahrt, die Information oder Sicherheit), wird plötzlich zerrinnen, wenn ihr illusorischer Charakter erkannt wird. – Ein unvorhersehbares und wahrscheinlich geringfügiges Ereignis kann als Zündkapsel der Krise wirken, ähnlich wie der Schwarze Freitag in Wall Street die Weltwirtschaftskrise eingeleitet hat … die Organisation der ganzen Wirtschaft im Hinblick auf das bessere Leben ist das Haupthindernis für das gute Leben. Diese Erkenntnis könnte die Kraft haben, die öffentlichen Vorstellungen umzustülpen. Von heute auf morgen könnten wichtige Institutionen jede Respektabilität, jede Legitimität und ihren Ruf verlieren, dem öffentlichen Wohl zu dienen. Dies ist es, was der römischen Kirche während der Reformation und der französischen Monarchie 1793 widerfuhr. Über Nacht wurde das Undenkbare offenbar.“
Dann werden wir wahrscheinlich sehr vieles plötzlich ganz anders sehen.
Dann werden wir erkennen, dass das, was wir 200 Jahre lang euphorisch „Wirtschaftswachstum“ genannt haben, in Wirklichkeit gar kein Wachstum war, sondern eine gigantische Produktion toter Güter: ein Herstellen, Machen, Bauen und Konstruieren von leblosen Gegenständen, die nichts mit Natur- und Wachstumsvorgängen zu tun haben.
Dann werden wir erkennen, dass das vermeintliche „Wachstum“ in Wirklichkeit Verminderung war – Verbrauch und Aufzehrung der eben gerade nicht nachwachsenden Bodenschätze nämlich.
Und wir werden erkennen, dass die künstliche Welt, mit der wir uns umgeben haben, eine tote Welt ist.
Auch wenn wir die prächtigsten und teuersten Kunstwerke, die die grössten Künstler hervorgebracht haben, ansehen, werden wir dann plötzlich merken, dass wir immer mehr nur noch in einen Spiegel gesehen haben: dass wir nur noch die von uns gemachten tote Dinge und damit uns selbst gesehen haben und dass wir uns deshalb auch immer schneller und qualvoller gelangweilt und – zum Beispiel mit Drogen – in noch künstlichere Welten zu fliehen versucht haben.
Und dann, wenn auch die letzten Energie- und Rohstoffvorräte dieses Planeten aufgebraucht sein werden und ihn geopolitische Erschütterungen und Umwälzungen in einem bisher noch nicht gekannten Ausmass heimsuchen – und in dieser Beziehung haben wir ja, weiss Gott, schon einiges gekannt –, werden wir vielleicht auch merken, dass wir, um diese Katastrophen zu verhindern, unser Rezept, dass eine Bevölkerung sich in Zahl und Lebensstil sinnvoll auf ihre natürliche Umwelt abstimmen sollte, nicht nur den sogenannten Entwicklungsländern hät¬ten empfehlen, sondern lieber auch selbst hätten anwenden sollen.
Wenn das regelnde Naturgesetz des Todes, dem der Mensch, im Gegensatz zu den toten Gegenständen, die er produziert, als Lebewesen eben unterliegt, unerbittlich und wohl mit der gan¬zen Gewalt des von uns produzierten Waffenpotentials wieder für die Herstellung eines Gleichgewichts in der Natur sorgt – dann werden wir uns vielleicht auch wieder an das erinnern, was die weitsichtigen Warner schon lange geschrieben haben.
A. M. Klaus Müller 1972 zum Beispiel in seinem Buch Die präparierte Zeit: „Solche Überlegungen lassen es als durchaus möglich erscheinen, dass einem in absehbarer Zeit eintretenden Weltnotstand nur durch Einführung diktatorischer Vollmachten auch in den parlamentarisch regierten Ländern zu begegnen ist.“
Und dann werden wir vermutlich das gleiche sagen, was Louis XVI 1793 auf dem Weg zur Guillotine gesagt haben soll: „Das alles habe ich schon seit Jahren gewusst. Wie kam es, dass ich es nicht glauben wollte.“
E. Y. Meyer – www.eymeyer.ch