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Peter Beutler: Der Blausee-Skandal
In der Nähe des Blausees, dem Touristen-Hotspot im Berner Oberland, wird in einem Steinbruch ein schwer verletzter Umweltaktivist gefunden, der kurze Zeit später seinen Verletzungen erliegt. Der Kantonspolizist Stucki beginnt zu recherchieren, stösst jedoch auf starke Widerstände. Der Autor Peter Bleuler ist bekannt für seine Krimis mit Bezug zu realen Geschehnissen, dieses Buch ist aber brisanter als jedes andere von ihm. So sehr, dass Bleuler auch schon aus Radiound TV-Sendungen ausgeladen wurde. Denn seit 2018 sind in der Fischzucht-Anlage des Blausees mehrere zehntausend Forellen verendet. Die Besitzer des Sees vermuten einen Zusammenhang mit dem Steinbruch Mitholz oberhalb des Sees, die Umstände sind jedoch bis heute ungeklärt. Hochspannender Umweltkrimi, was Fakten und Beweise angeht, aber mit Vorsicht zu geniessen.
Peter Beutler: Der Blausee-Skandal, Emons Verlag, Köln, 350 Seiten, ca. 25 Fr.
Amélie Nothomb: Der belgische Konsul
Amélie Nothomb erzählt aus dem Leben ihres Vaters, der im Jahr 1964 im Kongo durch die grösste Geiselnahme des 20. Jahrhunderts geführt hat. Patrick Nothomb, der jeweils die Forderungen der Rebellen übermitteln musste, überlebte, obwohl oder gerade weil er die politisch höchstrangige Geisel war. Doch wer war Patrick Nothomb? Seine Tochter erzählt in einen Roman verpackt, wie er bei seiner Mutter aufwuchs, dass seine wichtigste Bezugsperson der Grossvater war, ein Patron, der ihm später die Hochzeit mit einer Frau aus weniger gutem Hause verbieten wollte, und verrät, wie er bei der Geiselnahme seine Blutphobie überwinden musste. Ein mehrfach ausgezeichnetes, intimes, süffig und poetisch zu lesendes Familienporträt.
Amélie Nothomb: Der belgische Konsul. Diogenes Verlag, Zürich, 141 Seiten, ca. 31 Fr.
Mathilda Prall: Herzneurosen
Mini denkt mehrmals am Tag an den Tod. Dann bekommt sie Kopfschmerzen und Migräne und googelt Begriffe wie Hirntumor, Sehstörungen, Blindheit, Krebs. Sie ist Anfang zwanzig und in ziemlich allem verunsichert – auch durch ihre tragische Familiengeschichte. Sie sucht nach Verbundenheit, dem Sinn in ihrem Leben irgendwo zwischen Partys, spirituellen Ritualen und Beziehungen. Vieles verwirrt sie oder ist ihr zu anstrengend, so bleibt sie oft lieber passiv. Doch dann hat sie ein Fotoshooting und die Aktbilder daraus kommen auf Instagram sehr gut an, Mini entdeckt endlich Ambitionen. Sie erhält eine Anfrage einer nachhaltig- spirituellen Marke und wird kurzerhand deren Gesicht. Bis sie merkt, dass alles erneut viel komplexer ist als gedacht. Ein feinfühliges Debüt über die Herausforderungen der heutigen Zeit zwischen Erwachsenwerden, Feminismus, Queerness, Spiritualität und Digitalisierung.
Mathilda Prall: Herzneurosen. Verlagsbuchhandlung, Schöffling & Co., Frankfurt am Main, 336 Seiten, ca. 34 Fr.
Pedro Lenz: Primitivo
Für alle, die nicht so gern in Mundart lesen, gibt es «Primitivo » von Pedro Lenz jetzt auch auf Hochdeutsch. Der Schweizer Autor schafft es wie kein anderer, die Lebensgeschichten der vermeintlich kleinen Leute in der Schweiz zu erzählen: poetisch, melancholisch und dennoch komisch. Es ist der Sommer 1982. Der 17-jährige Charly verliebt sich, trinkt am Fluss geklauten Bacardi, fährt mit dem Mofa ans Polo-Hofer-Konzert – dazwischen philosophiert er mit dem alten, kleinen Primitivo bei Käse, Schinken und Wein über Geld und die Liebe, Poesie und die Arbeit in der Schweiz. Nun, wo Primitivo gerade ein Freund geworden ist, stirbt er und Charly ist in seinem jungen Leben plötzlich auf sich gestellt. Der Schweizer Autor Pedro Lenz wurde soeben absolut verdient mit dem internationalen Jonathan-Swift-Preis für satirische und komische Literatur ausgezeichnet
Pedro Lenz: Primitivo. Verlag Kein & Aber, Zürich, 240 Seiten, ca. 30 Fr.
Linus Reichlin: Der Hund, der nur Englisch sprach
Der sechzigjährige Felix stösst in seinem Bücherregal auf einen uralten LSD-Trip. Er könnte googeln, ob das LSD noch wirksam ist oder die Wirkung sich mit der Zeit verändert, er entscheidet sich aber, es einfach auszuprobieren. Bald schon kratzt ein Hund an seiner Haustür, der mit ihm Englisch spricht und sich sofort in seiner Wohnung breitmacht. Ein irrwitziger, spannender, philosophischer Roman über das Älterwerden und nicht zuletzt über die Versöhnung mit sich selbst und der eigenen Geschichte.
Linus Reichlin: Der Hund, der nur Englisch sprach, Verlag Galiani Berlin, 313 Seiten, ca. 34 Fr.
Ayòbámi Adébáyò: Das Glück hat seine Zeit
in Nigeria im Bundesstaat Lagos. Seine Eltern können sein Schulgeld nicht mehr bezahlen und entscheiden, dass nur noch Eniolas Schwester die Schule besuchen soll – weil sie die Intelligentere sei. In einer Schneiderei könnte er eine Lehre machen, doch auch für das Lehrgeld fehlen der Familie die Mittel. Es bleibt ihm nur, vom Ausbruch und vom Glück zu träumen. Auch Wuraola träumt von Freiheit und einem anderen Leben, auch wenn sie aus reichem Hause kommt. Ihre Eltern erziehen sie streng und erwarten von ihr Höchstleistungen und Erfolg. Als Eniola sich einer Bande anschliesst, führen die Schicksale der beiden Jugendlichen tragisch zusammen. Ein politischer und gesellschaftskritischer Roman über Nigeria und die Scheren zwischen arm und reich, der einen mit voller Wucht und ohne Rücksicht auf Emotionen in seinen Bann zieht.
Ayòbámi Adébáyò: Das Glück hat seine Zeit. Piper-Verlag, München, 491 Seiten, ca. 36 Fr.
Julian Schmidli. Zeit der Mauersegler
Tschüge und Nino sind beste Freunde. Von den anderen Jungs werden sie schwul und «Tschinggen» genannt und gehänselt. Zuhause sind sie unter den Fittichen ihrer Väter: «Du bist ja schlimmer wie ein Mädchen», hört Nino von seinem Vater, der es nicht erträgt, wenn der Junge weint. Doch Tschüge und Nino halten zusammen wie ihre Lieblingsstars Terence Hill und Bud Spencer. Bis Leila im Dorf auftaucht und sich die beiden verlieren. Jahre später laden Tschüge und Leila zur Hochzeit ein, Nino soll unverhofft 57Trauzeuge werden. Die beiden Jugendfreunde reisen in einem kleinen Fiat mehrere Tage durch Europa zum Ort der Trauung im Kosovo. Ein schmerzhafter, intensiver und klärender Roadtrip durch die beindruckenden Landschaften des Balkans beginnt. Ob die beiden wieder zueinander finden? Der preisgekrönte Journalist und Filmemacher Julian Schmidli hat einen spannenden, witzigen und feinfühligen Debutroman über Männlichkeit und Freundschaft, die Liebe und nicht zuletzt über das Reisen geschrieben. Bitte mehr davon.
Julian Schmidli. Zeit der Mauersegler. Kein & Aber Verlag, Zürich, 270 Seiten, ca. 34 Fr.
Özge Inan: Natürlich kann man hier nicht leben
Am Abend vor Nilays sechzehntem Geburtstag brennt Istanbul, während sie selbst mit ihrer eingewanderten Familie in Deutschland im Wohnzimmer Pistazien isst. Sie entschliesst sich, Deutschland zu verlassen und sich in Istanbul den Jugendprotesten auf dem Taksim-Platz anzuschliessen, um für die Freiheit der jungen Türk:innen zu kämpfen. Dies, obwohl ihre Eltern 1980 nach dem grossen Putsch die Türkei verlassen hatten, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Familie ist erst ausser sich: Sie habe keine Ahnung von der Türkei, Nilay kenne nur eine Postkartenversion davon. Die linkspolitische Kolumnistin Özge Inan hat einen beeindruckenden Roman geschaffen über die türkische Geschichte, das Erwachsenwerden zwischen verschiedenen Kulturen und die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit.
Özge Inan: Natürlich kann man hier nicht leben. Verlag Piper, München, 237 Seiten, ca. 35 Fr.
Sarah Winman: Lichte Jahre
Als Ellis die Tagebücher seines verstorbenen Freundes Michael findet, erinnert er sich an die gemeinsamen Jahre, in denen die beiden versuchten, Gesellschaftsnormen und gängige Beziehungsformen aufzubrechen. Ellis reiste damals zusammen mit Michael aus dem grauen Oxford nach Südfrankreich. Sie folgten beide ihrer Sehnsucht nach Poesie und Kunst, nach Sonne und einem unbeschwerten Leben in Freiheit. Sie stürzten sich in eine rauschende Affäre, die auch nicht endete, als Annie hinzukam. Es folgte eine Dreiecksbeziehung – erst ohne Eifersucht, dann aber auch voller Trauer und Verlust. Ein queerer, polyamorer, romantischer Roman, der ohne Kitsch und Pathos auskommt und zuweilen an den Film «Vicky, Cristina, Barcelona» erinnert. Verführerisch, sinnlich und voller Gefühl lädt er ein, das Leben, so endlich es ist, in vollen Zügen auszukosten.
Sarah Winman: Lichte Tage. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 233 Seiten, ca. 34 Fr.
Paul Bradley Carr: 1414°
Die ambitionierte Journalistin Lou hat sich mit ihren Enthüllungsgeschichten über Vergewaltigungen und Machtmissbrauch dem Kampf gegen das Patriarchat im Silicon Valley verschrieben. Sie veröffentlicht Informationen über einen Vergewaltiger, der die Technologie seines Unternehmens verwendet, um seine Opfer ins Visier zu nehmen. Als zwei mächtige Männer Selbstmord begehen, gerät sie jedoch selbst unter Verdacht, ihre Macht als Journalistin missbraucht zu haben. Dem Autor Paul Bradley Carr ist ein hervorragend recherchierter Thriller über neue Technologien gelungen, nachdem er zwanzig Jahre lang über die dunkle Seite des Silicon Valleys für Publikationen wie «The Guardian» berichtet hat.
Paul Bradley Carr: 1414°. Goldmann Verlag, München, 397 Seiten, ca. 25 Fr.