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Text: Sarah Kohler
Fotos: Isolde Ohlbaum / z.V.g.
Die Hälfte hatte er geschafft, zumindest beinahe. Auf vier Bände war Hermann Burgers Werk «Brenner» angelegt, und der Autor hatte dem Verlag die einzelnen Teile der Tetralogie im Abstand von jeweils einem Jahr in Aussicht gestellt – fertig wurden schliesslich der erste Band sowie sieben Kapitel des zweiten Buchs. Dann nahm sich Burger das Leben: Am 28. Februar 1989 starb er im Alter von 46 Jahren an einer Überdosis Medikamente. Just einen Tag vor der Publikation des ersten «Brenner»-Bands mit dem Titel «Brunsleben».
Darüber, dass Burger zu den ganz grossen Autoren der deutschsprachigen Literatur zählte, herrscht in Fachkreisen Einigkeit. Unbändige Erzählfreude, Präzision und sprachliche Originalität werden ihm genauso attestiert wie Brillanz, Komplexität und ein immenses Wissen. Er galt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz nach Dürrenmatt und Frisch. Sein früher Förderer Marcel Reich-Ranicki nannte ihn in einem Nachruf «einen der originellsten Sprachkünstler der deutschen Literatur» und charakterisierte ihn unter anderem so: «Er war ein Mensch mit einer grossen Sehnsucht nach dem Glück.» Gefunden hat es Burger nicht.
Als Spross der berühmten Aargauer Zigarrendynastie wuchs er in Menziken auf. Sein künstlerisches Talent zeigte sich früh; schon als Kind malte und zeichnete er, spielte verschiedene Instrumente, dichtete und schrieb. 1976 debütierte der Student (Architektur, Germanistik und Kunstgeschichte) mit der Gedichtsammlung «Rauchsignale». Ab 1974 war Burger als Privatdozent für deutsche Literatur an der ETH Zürich sowie als Feuilletonredaktor beim «Aargauer Tagblatt» tätig. Zwei Jahre später erschien sein erster Roman «Schilten», der viel Beachtung fand. Doch das Gemüt des Künstlers, der das Schreiben als lebenserhaltenden Prozess verstand, trübte seinen Erfolg: Burger litt unter schweren Depressionen, seine Ehe mit der Juristin Anne Marie Carrel ging in die Brüche, die beiden Söhne brachen den Kontakt ab.
Der Schmerz darüber spielt in «Brunsleben» eine tragende Rolle, und auch andere Schlüsselmomente sowie all jene Menschen, die ihm wichtig waren, finden sich zumindest in Andeutungen wieder. Klar zu erkennen ist der Autor selbst im Protagonisten Hermann Arbogast Brenner. Als Erzähler lässt dieser das Leben Revue passieren und kündigt bereits im zweiten Kapitel den bevorstehenden Suizid des Autors an: Der rote Ferrari (Burger war der erste deutschsprachige Dichter, der einen solchen fuhr) wird mit der Begründung angeschafft, dass «Sparen, Geizen, Hamstern» für einen Mann keinen Sinn mehr habe, dessen Zeit mit Sicherheit in Kürze ablaufen werde.
Dass die Erstausgabe von «Brunsleben» im Suhrkamp-Verlag eine in Zigarrenrauch gehüllte Figur ziert, kommt ebenfalls nicht von ungefähr. Burger war nicht nur ein Nachfahre von Zigarrenproduzenten, sondern auch ein leidenschaftlicher Genussraucher. Seiner Passion setzt er im ersten «Brenner»-Band ein symbolträchtiges Denkmal: Der klassischen Anzahl Zigarren in einer Kiste entsprechend, umfasst das Buch 25 Kapitel, die jeweils den Namen einer Zigarrenmarke tragen. Ausserdem bereitet der Künstler die Geschichte ziemlich raffiniert nach dem Modell Deckblatt (Gegenwart), Umblatt (Tabakhistorie) und Einlage (Kindheit) auf.
In seinem auf vier Bände angelegten Roman «Brenner» erzählt Autor Hermann Burger die Lebensgeschichte des «verhinderten Tabakfabrikanten» und Zigarrenconnaisseurs Hermann Arbogast Brenner. Der erste Band «Brunsleben» erschien einen Tag nach Burgers Freitod am 28. Februar 1989. Der zweite Band «Menzenmang» bricht im siebten Kapitel ab, von den Folgebüchern «Waldau» und «Gormund» existieren lediglich Umschlagsentwürfe. Die 2014 erschienene Werkausgabe im Verlag Nagel & Kimche enthält ein Nachwort von Kaspar Villiger.
Brenner 1 & 2
Autor: Hermann Burger
Herausgeber: Simon Zumsteg
Verlag: nagel-kimche.ch
Preis: CHF 34.90