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Zürich: Orell Füssli Verlag; 2020.
480 Seiten.
Preis: 35,90 CHF.
ISBN: 978-3-280-05722-3.
Was für eine Absicht leitete den Autor, dieses Buch zu schreiben? Auf S. 12 in der Einleitung schreibt Urbaniok: «Das Buch soll zum kritischen Nachdenken anregen und dazu, sich eine eigene Meinung zu bilden. Denn unabhängige und mündige Bürger, die sich an humanistischen Idealen orientieren, sind der wichtigste Faktor in dem Versuch, die Welt besser zu machen, als sie derzeit ist.» Und er glaubt, dass ein Buch dazu beitragen kann, dieses Ziel zu erreichen, denn schon Vasari (1511 geb.) hatte mit einem Buch «gesellschaftliche Wahrnehmungen und damit gesellschaftliche Realitäten geprägt und verändert […]», so Urbaniok (S. 111).
Der Titel lehnt sich an Kants Kritiken an; dabei muss aber davon ausgegangen werden, dass man mit dem Terminus Vernunft doch eigentlich ein Ideal bezeichnet, dem nachgelebt wird. Hier wird sie aber wie eine anthropologische Grösse behandelt, ein Resultat der Evolution. Und somit als Bestandteil des Mängelwesens Mensch. Auf S. 17 verzeichnet der Autor die «Schwachstellen».
«Denken und Wahrnehmung bewegen sich in einer vorgegebenen Struktur. Diese Struktur ist mit einem Betriebssystem vergleichbar, ohne das die 'Maschine' gar nicht laufen würde.»
Beim Installieren der Programme für unsere Wahrnehmung hat, so Urbaniok, die Evolution «allerdings zahlreiche ‹Bugs› eingebaut». Die Fehleranfälligkeit der Vernunft illustriert er (S. 12) mit einem Beispiel, auf das er immer wieder verweist: Der eine Urmensch gehe davon aus, das Rascheln im Busch stamme von einem Löwen und folglich mache er sich aus dem Staub. Ein anderer Urmensch warte auf weitere Informationen; er wisse, dass nur selten ein Löwe die Ursache des Raschelns sei. Aber das eine Mal, da ihn doch ein Löwe erwischt, schlägt die evolutionären Chancen statt ihm dem Angsthasen zu.
«Die Evolution hatte also gute Gründe (…) die Geschwindigkeit und Eindeutigkeit einer Urteilsbildung weit höher zu gewichten als deren Wahrheitsgehalt. Hier wird klar, worin der schlagende Vorteil dumpfer Automatismen und total verzerrter Beurteilungen liegt. Die Folgen dieser evolutionären Ausrichtung der Vernunft sind insbesondere in der modernen Informationsgesellschaft gar nicht hoch genug einzuschätzen.»
Der Gerichtspsychiater Urbaniok hat mit seinen Mitarbeitern einen Test [1] entwickelt, der für die Risikobeurteilung der Straftäter eingesetzt wird. Kritiker aus dem Expertenumfeld warnen vor der Anwendung solcher Instrumente, weil die Verantwortlichen, Richter und psychiatrische Experten, sich in einer unter Umständen falschen Sicherheit wiegen, wenn sie ein solches Instrument als Grundlage zur Beurteilung der Täter-Persönlichkeit einsetzen, um Entscheide zu fällen, die über jahre- und jahrzehntelange Freiheitsberaubung bestimmen [2].
Im nun vorliegenden Buch zeigt der in der Gerichtspsychiatrie einflussreiche Autor, auf was für Wissensbestände er sich stützt, wenn er allgemeiner über die Menschen nachdenkt als in der engeren Welt der Forensik. Das psychologische, philosophische, soziologische und naturwissenschaftliche Arsenal, das der Autor vor uns ausbreitet, ist sehr umfangreich und dabei im Einzelnen stets ein wenig zu knapp wiedergegeben, sodass die Lektüre ermüdend und teilweise sogar frustrierend sein kann.
Inwiefern soll Darwin Kant schlagen? – Um es vorwegzunehmen, ich habe die Antwort im Buch, dessen Konzept und Sprachduktus verwirrlich sind, nirgends finden können.
Der Autor meint offenbar, die Entwicklungslehre habe mehr aufklärerisches Potenzial als der Kant'sche philosophische Diskurs. Und von den grossen Aufklärern nach ihm, Marx, Freud und der Frankfurter Schule, hält er nicht viel. Er meint, alle Ergebnisse dieser Philosophen krankten daran, dass sie rigide ideologische Positionen oder pure Spekulation verträten. Allerdings haben gerade Marx und Freud die Geschichte der menschlichen Entwicklung (Stammesgeschichte, Phylogenese) für ihre wissenschaftlichen Forschungen ausgiebig herangezogen. Bei Freud, der hauptsächlich im Bereich der individuellen Psychologie, der Medizin und der Sozialpsychologie arbeitete, war allerdings neben der Phylogenese auch die Ontogenese (Entwicklung des Einzelnen) das Thema. So konnten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie eine Persönlichkeit entsteht und sich gegebenenfalls in einer Psychotherapie verändern kann. Eine Persönlichkeitslehre, die schwergewichtig auf der Phylogenese fusst, traut sich Beurteilungen zu, die zu folgenschweren Entscheidungen – auch über Leben und Tod, wie die Geschichte der Euthanasie zeigt – führen. Eine genügende Gewichtung des ontogenetischen Gesichtspunktes ist für die Beurteilung einer Persönlichkeit unabdingbar und baut höhere Hemmschwellen ein. Denn angesichts der Entwicklung eines Individuums lässt sich erahnen, was für Veränderungspotential dieses hat, was für die Prognose entscheidend ist. Wenn im Gefängnis Therapien durchgeführt werden, wird aufgrund des Menschenbildes, dem Urbaniok und seine Schüler angehören, in erster Linie daran gearbeitet, dass die Delinquenten ihre Phantasien, die sie zu den kriminellen Taten getrieben hatten, zu unterdrücken lernen (S. 225 f.). Die Psychotherapie strebt aber zumeist eine Bereicherung und Ausweitung der Phantasietätigkeit und des Denkens an, sodass auf stereotype pathogene Abwehrmechanismen allmählich verzichtet werden kann.
Was Urbaniok zu den Persönlichkeitstypen und -störungen ausführt, fusst offenbar weitgehend auf seiner Auffassung der Evolution. Ausgiebig sein eigenes Buch über das Prognoseinstrument für gefährliche Straftäter zitierend, bezeichnet er die von ihm definierte «kaltblütig manipulative Persönlichkeit» (S. 57 f.) als eine übersteigerte Form des einen Poles der Menschlichen Natur: «Die egoistische Selbstbehauptung bzw. de(r) Wille zur Macht.» Am anderen Pol wäre die Kooperation.
Das Anliegen des Buches ist die Kritik und Selbstkritik, die Förderung des friedlichen Zusammenlebens, des Humanismus. Dass der Autor dabei den evolutionären Gesichtspunkt favorisiert und die Aufklärung, deren Begriff er von Kant übernimmt, in den zweiten Rang verweist («Darwin schlägt Kant»), leuchtet auch bei wiederholter Lektüre nicht ein. So ist die Beurteilung der Frankfurter Schule schwankend, bald ablehnend, bald zustimmend. Zustimmung findet hier die Frankfurter Kritik an «Messbarkeits- und Verwertungswahn und den potenziellen Ausbeutungsfolgen profitorientierten Wirtschaftens» (S. 196). Ablehnung hingegen illustriert Urbaniok mit einem Zitat aus der «Dialektik der Aufklärung» [3], das durch seine Dichte und damit einhergehende Schwerverständlichkeit auffalle (S. 194 f.). Statt zu erklären, was mit dem Zitat gemeint sein soll, verurteilt Urbaniok apodiktisch die Autoren Horkheimer und Adorno und verneint den Gehalt ihrer Aussagen («viel heisse Luft, viel Theaterdonner, aber wenig Substanz»).
Nietzsches Schriften, auch sie eine Kritik an der Aufklärung, scheinen dem Autor zu gefallen. Aber man kann Nietzsche ja auch aufklärerisches Potenzial zubilligen, ebenso wie Freud und den Frankfurter Soziologen.
Das Buch soll dem Leser dazu verhelfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Der Autor stellt sich als Vorbild zur Verfügung. Selbstbewusst demonstriert er, wie er sich zu fast allem in der Welt – zu ganz allem geht nicht wegen der notwendigen räumlichen Begrenzung – eine eigene Meinung bildet. Je nach Neigung des Lesers wird er auf Zustimmung oder Ablehnung, auf Bewunderung (schon wegen der grossen Menge von Verweisen) oder Kritik stossen. Ist der Leser naiv wie Felix Krull in Thomas Manns Roman, wird er dem Professor – im Roman heisst er Kuckuck – fasziniert zuhören und folgen. Das Urteil von Fachkollegen hingegen dürfte unter anderem von deren medizinethischen Haltung abhängen.
In der mir bekannten Welt der Psychiatrie und Kinderpsychiatrie gibt es zwei Lager, die sich mal recht ordentlich, mal eher schlecht vertragen. Im einen befinden sich die Vertreter einer biologistischen, lerntheoretischen und statistisch orientierten Ausrichtung, im andern Psychoanalytiker und humanistische oder existenzialistische Therapeuten verschiedener theoretischer Observanz. Im ersteren gilt Forschung nur als Forschung, wenn die Fragen so gestellt werden, dass man bei den Antworten Irrtumswahrscheinlichkeiten berechnen kann. Im andern gilt schon als Forschung, wenn Dispositive geschaffen werden, die erlauben Kenntnisse zu generieren, die über die Grenzen des Mess- und Berechenbaren hinausreichen. Der Kampf zwischen den beiden Lagern ist nicht nur einer Sachlogik geschuldet. Er hat auch eine politische Dimension. Es geht beispielsweise um Rivalitäten beim Besetzen von Stellen, von denen aus die Lehre verbreitet wird oder um die Zuteilung von Geldern für Forschung und therapeutische Praxis.
Die Dualität der beiden psychotherapeutischen Strömungen widerspiegelt sich auch in der Auffassung von medizinischer Ethik und deren praktischer Anwendung. Im Lager der biologistisch und statistisch orientierten Psychiatrie gilt es beispielsweise als ethisch vertretbar, Patienten von einer möglicherweise wirksamen Behandlung auszuschliessen, damit sie als Kontrollgruppe dienen können, was von den psychoanalytisch orientierten Therapeut(inn)en abgelehnt wird. Diese lehnten, von Ausnahmen abgesehen, auch die heute als verwerflich beurteilten Massnahmen für die Volksgesundheit, wie sie anfangs des letzten Jahrhunderts von der Psychiatrie im Allgemeinen gutgeheissen und praktiziert wurden, bis zur massenhaften missbräuchlichen Praxis in der nationalsozialistischen Welt, ab. Und sie lehnen auch die Therapien ab, die heute im Massnahmenvollzug den Patient(inn)en aufgezwungen werden. Im Gegensatz zur von Urbaniok propagierten auf Zwang beruhenden Methode hat der Psychoanalytiker Ernst Federn (1914-2007) in der österreichischen Anstalt Stein langjährige Psychoanalysen mit Strafgefangenen, die dazu von sich aus motiviert waren, durchgeführt. Aufsehen erregt hat aber in der Schweiz kürzlich der Fall eines analytisch orientierten Psychiaters, der äusserst fragwürdige Medikamentenversuche an Patienten in den 50er bis 70er Jahren durchgeführt hat: Der Daseinsanalytiker Roland Kuhn [4], der Entdecker des ersten wirksamen Antidepressivums Tofranil, der in der Klinik Münsterlingen die Patienten ungefragt und oft zu deren Schaden in die Prüfung neuer Substanzen einbezog.
Urbanioks schwer lesbares prätentiöses Buch wurde in der Neuen Zürcher Zeitung von Urs Hafner wegen dessen Oberflächlichkeit und Unbescheidenheit gnadenlos kritisiert. Es sei einem engagierten Praktiker der forensischen Psychiatrie wie Urbaniok wohl erlaubt und gegönnt, dass er Ausflüge und Höhensprünge in philosophische Sphären macht. Mit einer kürzeren und konziseren Darstellung seiner Sicht hätte der Autor den Leser/innen aber mehr gedient.
Referenzen
1 Urbaniok F. FOTRES: Forensisches operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System. Diagnostik, Risikobeurteilung und Risikomanagement bei Straftätern. Berlin: MWV; 2016.
2 Zur Kritik am forensischen Wirken Urbanioks siehe Bernard S. Gefährdung der Grundrechte durch strafrechtliche Veränderungen. Widerspruch 2019; 38(73), 2019, Zürich, Rotpunktverlag, S.81-90, sowie Gmür M. Das Szepter der forensischen Psychiatrie. Ibid., S. 91-100.
3 Adorno TW, Horkheimer M. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (16. Aufl.). Berlin: Fischer Taschenbuch; 2006
4 Meier M, König M, Tornay M. Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980. 2. Aufl. Zürich: Chronos Verlag; 2020.
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