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Und dann gibt es überzeugende Werke, wie die Bakunin-Biografie von Madeleine Grawitz, welche den äusseren Umständen, die einen Lebenslauf mit beeinflussen, auch ein grosses Gewicht geben. Und es gibt Biografien, wie diejenige des (sowjet-)russischen Physikers und Dissidenten Juri Orlow, anhand derer eine turbulente Zeit aus der hautnahen Perspektive des Einzelschicksals verständlich wird.
Die soeben im Nautilus Verlag wieder erschienene Autobiografie von Emma Goldman hat beides. In einer angenehm zugänglichen Sprache beschreibt Emma Goldman ihr Leben von ihrer Geburt bis 1931. Ihre wahre "Geburt" ist aber nicht die Niederkunft im damals russischen Kaunas im Jahr 1869, sondern der 15. August 1889 – der Tag ihrer Ankunft in New York. Soeben hatte sie die bedrückende Strenge ihres Vaters, die monotone Plackerei in einer Textilfabrik und eine missglückte Ehe hinter sich gelassen und war auf- und ausgebrochen um die Emma Goldman zu werden, die uns allen ein Begriff sein sollte. Sehr schnell fand sie den Anschluss an die deutsch- und jiddischsprachigen AnarchistInnenszenen.
An ihrem ersten Tag in New York trifft sie auf zwei Männer, die für ihr Leben prägend sein sollten: Alexander Berkman und Johann Most. Bald entwickelt sie sich zu einer mitreissenden Rednerin und gerät ins Visier der Behörden. Prägend für ihr ganzes Leben sollten vierzehn Jahre sein. Vierzehn Jahre in denen Alexander Berkman, den sie stets Sascha nennt, im Gefängnis steckt. Immer wieder bezieht sie sich auf dieses prägende Erlebnis, als etwas das in ihr Kräfte weckt und das sie zum Nachdenken bringt.
Überhaupt ist die Schilderung ihres Lebens eine sehr persönliche. Die politischen Ideen, ihre damals unerhörten Vorstellungen von Liebe, Moral, Bildung und Erziehung tauchen meistens nur dann explizit auf, wenn sie über ihre persönlichen Beweggründe spricht.
LeserInnen der Biografie erhalten zwar ein gutes Bild davon, wer die Person Emma Goldman war, aber sollten nicht darauf hoffen nebenbei auch noch den Kosmos ihrer Ideen erforschen zu können. Als Aufmacher verwendetet der Nautilus-Verlag auf dem Buchrücken ein Zitat von J. Edgar Hoover: "Emma Goldman ist ohne Zweifel einer der gefährlichsten Anarchisten in diesem Land." In meinen Augen zeigt das dieser Rezension vorangestellte Zitat besser auf, wie Staat oder staatsbejahende Menschen fast jeglicher Couleur auf sie reagiert haben.
Bild: Emma Goldman im Jahr 1911. / T. Kajiwara (PD)
Ansonsten ist die Biografie in der vorliegenden Ausgabe sehr gut gemacht, das auffällige Umschlaglayout des gebundenen Buchs gefällt und es ist abgesehen von sehr wenigen Fehlern (der auffälligste ist ein falscher Zeilenumbruch) gut lektoriert.
Die veranschaulichenden Bilder in der Mitte des Buches sind gut ausgewählt und illustrieren sowohl Emmas und Alexander Berkmans Entwicklung, als auch den Kreis der Personen, die für Emma Goldman wichtig waren.