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Denn Valjavec ist der Prototyp eines biederen Universitätsprofessors, der sich viel Wissen angelesen hat, dieses Wissen aber allenfalls referierend wiederzugeben in der Lage ist. Egal um welchen Bereich es sich handelt: Es ist eine Aufzählung von Personen, Daten, Jahreszahlen, die relativ unzusammenhängend präsentiert werden und die genau das nicht zu vermitteln imstande sind, was einleitend als die Aufgabe des Buches betrachtet wurde. Keine Gesamtschau, sondern Aufzählungen enzyklopädischen Charakters, kaum ein eigener Gedanke (und wenn man denn auf einen solchen trifft, so ist er von profunder Trivialität), nicht das geringste Verständnis für Zusammenhänge.
Dazu kommen völlig unreflektierte Urteile: Über Mendelssohn weiß er nichts weiter zu berichten, als dass er „kein selbständiger Denker gewesen sei“ und „seine Zeitgenossen ihn stark überschätzt hätten“. Insgesamt werden Mendelssohn 6 Zeilen gewidmet (inklusive obiger Beurteilung), eine Begründung erwartet man vergebens. Ähnlich wird mit zahlreichen anderen Schriftstellern, Philosophen oder Wissenschaftlern verfahren, wobei auch positive Urteile (Leibniz wird als „erhaben über seine Zeit“ bezeichnet) jeglicher Fundierung entbehren: Über das gesamte Buch hin hat man den Eindruck, oberflächliche und stark subjektiv gefärbte Kurzeinträge zu allerhand Personen zu lesen. (Beispielhaft auch die Charakterisierung des Schriftstellers Karl Friedrich Bahrdt als “zügellos”, der “vulgär gehaltene Schriften” verbreitet habe: Begründet wird dies in einer Fußnote damit, dass Bahrdt die Hostie “als eine aus Mehl und Wasser zu bereitete Gottheit” bezeichnet habe.)
Die persönliche Einstellung des Autors ist unschwer zu erraten: Eine konservativ-antiwissenschaftliche Grundeinstellung, die mit den Tröstungen der Religion liebäugelt und das metaphysische Bedürfnis des Menschen betont (dem die neue Zeit – warum auch immer – nicht gerecht werden kann). Die Aufklärung hat die Büchse der Pandora geöffnet, sie hat das technisch-wissenschaftliche Zeitalter eingeleitet und ist somit implizit für das Unglück unserer modernen Zivilisation verantwortlich. Wie überhaupt die Technik den „einzelnen seiner bisherigen Stellung beraubt“, seine Bewegungsfreiheit im Vergleich mit der absolutistischen Zeit eingeengt habe. Die neue Biologie verhindere, dass im Menschen weiter das Ebenbild Gottes gesehen werde, die Ehrfurcht vor dem Leben schwinde (und interessanterweise erwähnt er in diesem Zusammenhang Häckel und dessen Rassenhygienegedanken).
Interessant ist das nicht deshalb, weil die Verbindung zwischen all diesen desperaten Gedanken wenig folgerichtig erscheint, sondern wegen der Vergangenheit Valjavec’. Wenn auch ein Felix von Schroeder in einem betulichen Nachruf den frühverstorbenen Autor als Idealist bezeichnet, „dem alles Schlechte im Grunde unverständlich war“, so bleiben bei genauerer Betrachtung doch Zweifel an der hehren Gesinnung: Schroeder erwähnt – wie es der Zufall will – nichts über die Zeit des 1000jährigen Reiches und so erfährt man auch nicht, dass Fritz Valjavec Untersturmführer der SS war und dass seine Einheit an der Erschießung von 100 Juden beteiligt war , wobei es Zeugenaussagen gibt, dass Valjavec selbst „Genickschüsse abgegeben“ habe. Zum Zeitpunkt seines Todes (1960) war ein Ermittlungsverfahren bezüglich seiner Tätigkeit in der Einheit Sk 10b anhängig (zuvor war er aber schon rehabilitiert worden und hatte ein Ordinariat in München erhalten). Insofern stellt die Verbindung von Aufklärung, Wissenschaft (Häckel) und der Vernichtung „unwerten Lebens“ (sic) schon eine ganz besondere Unverfrorenheit dar, die aber andererseits paradigmatisch für das Verhalten vieler NS-Akademiker ist.
Allerdings hätte das Buch aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit des Autors nicht unlesbar sein müssen: Valjavec ist aber nicht nur als Person fragwürdig, sondern auch als Historiker von sehr bescheidener Qualität. Das vorliegende Buch ist jedenfalls ein langweiliges, uninspiriertes Machwerk, das ich guten Gewissens hätte nach wenigen Seiten weglegen sollen. Vielleicht können diese Zeilen zumindest dazu dienen, anderen diese Lektüre zu ersparen.
Fritz Valjavec: Geschichte der abendländischen Aufklärung. Wien, München: Herold 1961.