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«The Great Dictator» gilt als einer der bedeutsamsten Filme von Charlie Chaplin. Die Parodie über den Nationalsozialismus und den weltweit zunehmenden Militarismus traf Anfang der 1940er-Jahre den Nerv der Zeit. Die Premiere von «The Great Dictator» in New York City am 15. Oktober 1940 war die einzige Premiere, bei der aufgrund der grossen Zuschauernachfrage zwei nebeneinander liegende Theater bespielt werden mussten. Im Jahr 1941 wurde «The Great Dicator» für fünf Oscars nominiert – auch für die beste Filmmusik.
Was Charlie in seinem Kopf hört
Im Juli 1940 beendete Charlie Chaplin die Dreharbeiten zu «The Great Dictator». Aber es gab noch viel zu tun. Unmittelbar nach Abschluss der Dreharbeiten und „immer noch voller Energie“, so erinnert sich sein Sohn, Charles Chaplin Jr., „wandte er seine Aufmerksamkeit dem Komponieren der Filmmusik zu”.
Wie bei seinen beiden vorherigen Filmen, «City Lights» (1931) und «Modern Times» (1936), kümmerte sich Chaplin auch eigenhändig um die Musik zu «The Great Dictator», wobei er gerne Komponist Hanns Eisler beigezogen hätte.
Doch nach einem gemeinsamen Austausch am Klavier war klar, dass sich eine Zusammenarbeit wegen künstlerischer Differenzen nicht ergeben sollte. Robert Lewis, ein Weggefährte von Chaplin und Schauspielkollege im Film «Monsieur Verdoux» (1947), schrieb in seiner Autobiographie: „Es war klar, dass selbst Bach, Beethoven oder Mozart Charlie nicht von dem hätten abbringen können, was er in seinem Kopf hörte.”
Meredith Willson (am Klavier) und Charlie Chaplin während der Arbeit an der Musik zu «The Great Dictator».
Zusammenspiel mit Komponist Willson
Chaplin arbeitete für die Filmmusik schliesslich mit dem 38-jährigen amerikanischen Komponisten Meredith Willson zusammen. Dieser ist heute vor allem für das Broadway-Musical „The Music Man” (1957) bekannt, für das er das Drehbuch, die Texte und die Musik schrieb. Chaplin kontaktierte Willson, nachdem er dessen zweite Sinfonie „Missions of California” gehört hatte, die im April 1940 mit Albert Coates und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra uraufgeführt wurde.
Willson gab in einem Artikel, der am 27. Oktober 1940 in der New York Herald Tribune veröffentlicht wurde, Einblicke in die Zusammenarbeit mit Chaplin: „Wir haben den Film in 70 Musiksequenzen aufgeteilt und verbrachten Wochen damit, diese mit Originalmusik zu versehen. Jede Musiknote, die im Film zu hören ist, wurde spezifisch hierfür neu komponiert, mit Ausnahme eines Auszugs aus Brahms› Ungarischem Tanz Nr. 5 und einem Stück aus der Ouvertüre zum dritten Akt aus „Lohengrin“ von Richard Wagner.”
Zu seiner kompositorischen Herangehensweise hatte Chaplin einige Jahre zuvor in Bezug auf seine Filmmusik zu «City Lights» bescheiden erklärt: „Ich habe sie nicht wirklich aufgeschrieben, ich habe Melodien geleiert und Arthur Johnston hat sie aufgeschrieben […]. Es ist alles einfache Musik, wissen Sie, passend zur Figur des Tramps.” Meredith Willson verriet jedoch, dass Chaplins Beitrag zur Musik zu «The Great Dictator» viel mehr war, als nur eine Melodie zu summen und den Komponisten das Aufschreiben der Musik zu überlassen: „Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der sich so sehr dem Ideal der Perfektion verschrieben hat, wie Charlie Chaplin. Ich war immer wieder aufs Neue erstaunt über seine Aufmerksamkeit für Details, sein Gespür für musikalische Phrasen oder das Tempo, um exakt die von ihm gewünschte Stimmung auszudrücken.”
Während den Musikaufnahmen im Studio.
«The Great Dictator» – von und mit Charlie Chaplin
City Light Symphony Orchestra
Freitag, 15. November 2024 | 19:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal
Minutiöse Arbeit an Details
Charles Chaplin Jr., damals 15 Jahre alt, hat die Arbeit seines Vaters an der Musik für «The Great Dictator» aus nächster Nähe miterleben können:
„Die Musiker waren eigentlich musikalische Sekretäre, die Papas Diktat aufnahmen. Die Musik war immer seine. Er summte oder spielte seine Melodie, und die Musikerinnen und Musiker notierten sie und spielten sie ihm dann vor. Papa hörte genau zu. Er hatte ein wunderbares Gehör. […] Manchmal brauchte es ein paar Anläufe, bis die Melodie zu Papas Zufriedenheit war. Er und die Musiker arbeiteten nicht nur zu Hause lange, sondern noch länger im Studio, wo sie einen Projektor benutzten, um eine Szene abzuspielen, zurück zu spulen und wieder abzuspielen – bis die passende Musik in Vaters Kopf entstand. Sobald er sie hatte, gab er den Musikern eine Beschreibung, wie er sie für jede Szene haben wollte – das Tempo, den Rhythmus, den Stil. […] Manchmal, wenn Papa beschrieb, was er wollte, schüttelten die Musiker den Kopf, weil sein Timing einer Phrase, die zu einer bestimmten Handlung passte, manchmal so unorthodox war, dass es die Musiker aus der Bahn warf. Sie versuchten, ihm die technischen Gründe zu erklären, warum sie ihm nicht geben konnten, was er wollte. ˈNun, das ist mir egalˈ, sagte Vater. ˈBekommen Sie es einfach so hin, wie ich es will!ˈ Erst später erkannten sie, dass Vaters dramatischer Instinkt in Bezug auf Musik zwar unorthodox, aber brillant war. So arbeiteten sich Dad und seine tapferen Musiker Takt um Takt, Note für Note, durch «The Great Dictator».”
Dazu passen auch Meredith Willsons Erinnerungen an Chaplin in seiner Autobiografie: „Ich habe gesehen, wie er eine Tonspur nahm, zerschnitt und wieder zusammensetzte und dabei einige unvergleichliche Effekte erzeugte hat – Effekte, die einem Komponisten nie einfallen würden. Täuschen Sie sich nicht: Die Filmmusik zu «The Great Dictator» wird zwar mir zugeschrieben, aber die besten Teile davon waren alle Charlies Ideen, wie etwa die Verwendung der Ouvertüre aus „Lohengrin“ in der berühmten Ballontanz-Szene.”
Willson erzählt auch, wie Chaplin beim Dreh der Szene, in der der Barbier einen Kunden rasiert, eine Aufnahme von Brahms Ungarischer Tanz Nr. 5 laufen liess. Willson und das Orchester mussten das Stück anschliessend in perfekter Synchronisation zur geschnittenen Szene neu aufnehmen, was erstaunlicherweise auf Anhieb gelang.
Timothy Brock ist ein Experte in Sachen Chaplin-Filme und deren Filmmusik und restaurierte die Partituren von bereits 13 Chaplin-Werken.
Restauration durch Chaplin-Experte Timothy Brock
2023 gab das Chaplin Office in Paris für künftige Konzertvorführungen des Films eine Restaurierung der Filmmusik von «The Great Dictator» in Auftrag. Chaplin-Musik-Experte Timothy Brock nahm sich dieser Aufgabe an, hatte er doch bereits zwölf andere Chaplin-Filmmusiken restauriert: «Modern Times», «City Lights», «The Gold Rush», «The Circus», «The Kid», «A Woman of Paris», «A Dog’s Life», «Shoulder Arms», «Sunnyside», «The Idle Class», «Pay Day» und «The Pilgrim». Timothy Brock über die Musik zu «The Great Dictator»:
„Ein wiederkehrender Gedanke zu «The Great Dictator» war, dass es eine schreckliche Schande ist, dass es sich hierbei nicht um einen Stummfilm handelt. Denn nur sehr wenige Tonfilme wurden zu jener Zeit mit Live-Orchester gezeigt. Ich befürchtete, dass dieser Film und seine unglaubliche Musik nicht für eine Live-Aufführung in Frage kommen könnten. Aber jetzt, da die Technik uns diese Möglichkeit bietet und das Chaplin Office damit einverstanden war, bietet sich mit «The Great Dictator» eine weitere Gelegenheit, Chaplins Können auch als Komponist im Live-Format zu bewundern.
Ich glaube, dass «The Great Dictator» eine der schönsten und inspiriertesten Kompositionen enthält, die Chaplin je geschrieben hat: „Hope Springs Eternal“ ist eine langsame und ergreifende Passage, die er unweigerlich in den dunkelsten Momenten des Films einstreut, als wolle er einen Hoffnungsschimmer geben, wenn alles verloren scheint.“
Am 15. November 2024 dirigiert Timothy Brock das 75-köpfige City Light Symphony Orchestra für die Live-Aufführung von «The Great Dictator» im KKL Luzern.
Music by Charles Chaplin and Meredith Willson; Score restored for live performance by Timothy Brock.
The Great Dictator © Roy Export S.A.S. – Music for The Great Dictator © Roy Export Company Ltd. and Bourne Co. All rights reserved
Dieser Text basiert zu weiten Teilen auf einer Übersetzung von „The Score of The Great Dictator” von Arnold Lozano. Quelle: https://www.charliechaplin.com. Der Quote von Timothy Brock stammt von dessen Website: https://www.timothybrock.com/scores/the-great-dictator