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Von CNN zu MMS
„Baghdad Calling“ und „Why, Mister Why?“ von Geert van Kesteren
Youtube und MMS statt CNN und Magnum-Fotografie: Das Beispiel Iran zeigt, dass die Medien ihre Rolle im Zeitalter der Berichterstattung 2.0 überdenken müssen. Der niederländische Fotojournalist Geert van Kesteren macht mit seinen Reportagen über den Irak beispielhaft vor, wie sich der Journalismus den stetig wandelnden medialen Technologien anpassen kann.
Mit „Baghdad Calling“ beweist er, dass qualitativ hochstehender Journalismus mit medial bescheidenen Mitteln möglich ist. Wo Geert van Kesteren mit „Why, Mister why?“ im Jahr 2004 die Reizüberflutung des Breaking-News Journalismus thematisierte, zeigt er im Jahr 2008 schlichte MMS aus den Telefonen irakischer Flüchtlinge.
„Baghdad Calling“, 2008
Mit „Baghdad Calling“ hat der niederländische Fotojournalist Geert van Kesteren grosse internationale Anerkennung gewonnen, ohne selber eine Kamera in die Hand zu nehmen. Da es für Journalisten in den letzten Jahren immer gefährlicher wurde, sich im Irak zu bewegen, machte van Kesteren mehrere Reportagen über die zahlreichen irakischen Flüchtlingen in Syrien und Jordanien, um damit indirekt den brodelnden Konflikt im Irak dokumentieren zu können. Doch dies stellte den Reporter nicht zufrieden.
Im Interview (2007 mit Brigitte Lardinois) erzählt van Kesteren, dass er über den Inhalt seiner Bilder zunehmend frustriert geworden sei:
„Sie zeigen den Alltag der Flüchlinge, aber was gibt uns das? Der Flüchtling mietet eine Wohnung, versucht, einen kleinen Job zu finden, lebt von seinem Ersparten und überlebt, bis das Geld alle ist – es gibt nämlich keine Unterstützung von aussen. Dieses Leiden ist nicht so fotogen wie beispielsweise die Qual der Flüchtlinge aus dem Kosovo, die schneebedeckte Berge überqueren mussten, verwundet und mittellos. Das Leiden der Irakischen Flüchtlinge ist sehr viel weniger offensichtlich.“
Das alltägliche Leben dieser Flüchtlinge ist das einzige, was ein Fotograf aufnehmen kann, und dieses erweist nicht besonders aussagekräftig; das Leid zwischen Geldsorgen oder der Angst um Familienmitglieder manifestiert sich selten visuell. Wie zeigt ein Fotojournalist das wirkliche, unsichtbare Problem – die Gewalt des Krieges, die diese Menschen zu Flüchtlingen gemacht hat, die Bilder, die sie in ihren Köpfen tragen?
Leichenschau per MMS
Das Mobiltelefon ist für viele dieser Irakis die einzige Verbindung in die Heimat, und da ein Telefon heutzutage viel mehr ist, als ein Draht zur Übertragung von Tönen, bietet es eine vornehmlich visuelle Verbindung nach Hause. Das Mobiltelefon wird im besten Fall als Familienalbum genutzt; im Schlimmsten dazu, die Angehörigen im Ausland über den Tod eines Familienmitglieds zu informieren oder sie gar zu bitten, die Leiche zu identifizieren. Kriminelle und Mörder beweisen ihre Taten per MMS, und offizielle Presseagenturen berichten mit Handybildern über die Ereignisse des Krieges – das Mobiltelefon wurde für die Zivilbevölkerung des Irak zu einem modernen Äquivalent der Zeitung.
Van Kesteren sammelte Bilder aus diesen Telefonen und präsentiert sie mit „Baghdad Calling“ als Dokument eines Krieges, der sich der professionellen Bericherstattung zu entziehen sucht. Die Unschärfen und sichtbaren Pixel verleihen den Bildern den Eindruck des Unmittelbaren, der direkten Beteiligung am Geschehen. Die niedrige technische und optische Qualität wirkt stärker und direkter, als es ein professionell bearbeitetes Bild je könnte. Dies sind die Bilder, die Menschen täglich mit sich herumtragen – auf der SIM-Card.
Why, Mister Why?, 2004
Rückblende: Im Jahr 2004 präsentierte derselbe van Kesteren der Welt den Irakkrieg unter dem Titel „Why, Mister Why?“ zweifach: Einmal in traditioneller Buchform und einmal als zeitgemässe Webseite (whymisterwhy.com).
Van Kesteren katapultierte sich damit in den Olymp der Fotojournalisten: Das Buch war blitzschnell vergriffen und ist schon heute ein begehrtes Sammlerstück. Doch die Webseite bleibt erhalten und steht allen zur Verfügung.
Noch viel stärker als das Buch arbeitet die Webseite whymisterwhy.com mit der medialen Überinformation. Im Stil der CNN-Nachrichten ziehen am unteren Rand des Blickfelds ‚Breaking News‘ über Geschehnisse im Irak vorbei; in fetten, roten Lettern schreien den Benutzer Schlagzeilen wie „WMD Contradictions: Bremmer and Blair at Odds“ oder „Car Bombs Rock Heart of Baghdad“ an. Mit einem komplexen Navigationssystem gelangt man schliesslich zu dem, was man sucht: den Bildern. Doch selbst diese können nicht in Ruhe betrachtet werden, sondern sie werden in einen ständig wandelnden Kontext gestellt: Einmal neben einer militärisch-genauen Karte, die den geografischen Aufnahmeort im Fadenkreuz zeigt. Ein andermal begleitet von einer herkömmlichen Bildlegende, wie man sie von Nachrichtenagenturen kennt. Und zuletzt neben einem längeren, gut recherchierten Hintergrundbericht, der das Geschehen in einen grösseren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang stellt.
Warum Krieg, warum Medien?
„Why, Mister Why?“, sei die Frage gewesen, die die Bevölkerung dem Fotografen, der als ‚embedded journalist‘ mit den US-Truppen unterwegs war, immer wieder gestellt habe. Eine Frage, die für van Kesteren mit dem grausamen Fortschreiten dieser ursprünglich als ‚Blitzkrieg‘ im Namen der Demokratie gerechtfertigten Aktion immer akuter wurde. Aus der Frage nach dem Warum des Krieges wurde für den Fotojournalisten die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten seiner Arbeit.
Die Seite whymisterwhy.com simuliert die Erfahrung von uns allen, die wir auf zahlreichen medialen Kanälen über Ereignisse wie den Krieg in einem fernen Land informiert werden: Gelangt man erst einmal hinter die Schlagzeilen, die Marktschreier der (Print)-Medien, bietet sich eine vielseitige Darstellung desselben Geschehens – immer begleitet von den Breaking News des Fernsehbildschirms, dem Bewusstsein, dass das Gezeigte eigentlich schon veraltet ist, die Aufbereitung der Information der Echtzeit hinterher hinkt. Die gleiche Fotografie erhält auf whymisterwhy.com je nach Kontext, in dem man sie betrachtet, eine andere Bedeutung: Die militärisch anmutende Karte versetzt uns in den Zustand des Offiziers, der sich in diesem Land als Feind bewegt, für den der Krieg in erster Linie eine strategische Herausforderung ist, das zerbombte Auto entweder Erfolg oder Gefahr für diese Strategie darstellt. Die Bildlegende wiederum lässt uns das Ganze mit der Brille des Nachrichtenjournalisten betrachten, der auf minimalem Raum um neutrale Information bemüht ist: Wer, was, wann wo; ein warum wäre schon spekulativ. Die ausführliche Hintergrundinformation wiederum bemüht sich fast ausschliesslich um dieses Warum, um ein Verständnis und eine Begründung des Geschehens. Unter all diesen Perspektiven nun werden die Fotografien betrachtet, die all das konkret Sichtbare eines Ereignisses wiedergeben, ohne Hintergrundinformationen oder Erklärungen bieten zu können: Den Staub der Strasse, die geborstenen Scheiben eines Autos nach einem Anschlag; die Gesten und Gesichter der Menschen, aber auch die Alltäglichkeit dieser Ereignisse, manifestiert zum Beispiel durch den Alltagsverkehr, der auf der Gegenfahrbahn normal weiterläuft.
Ist neutrale journalistische Berichterstattung – im Zustand des Krieges wie im ‚Normalzustand – möglich? Vielleicht ja. Wenn die verschiedenen Brillen immer wieder aufgesetzt werden, unter denen Menschen ein Ereignis betrachten. Im Jahr 2004 hiess das: professionell aufbereitete und vernetzte Multimedia-Inhalte. Vier Jahre später, als die Web-Version 2.0 in aller Munde war, bedeutete es, die Unmittelbarkeit und persönliche Anziehungskraft des sogenannten ‚user-generated content‘ professionell zu verarbeiten. Die Folgen des nächsten technologischen Paradigmenwechsels für die Medien werden sich zeigen – vielleicht wieder an van Kesterens Arbeit.
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