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Sigfried Schibli, Basler Zeitung (27.01.2014)
«Das schlaue Füchslein» von Leos Janácek am Theater Bern
Leos Janácek (1854–1928) war ein erstaunlicher Mann. Mit 63 Jahren verliebte er sich in die 38 Jahre jüngere Kamilla Stösslova, und diese Liebe entfachte in ihm Lebenskräfte, die ihn im Pensionsalter noch einmal ein Direktorenamt am Konservatorium seiner Heimatstadt Brünn annehmen liessen. Überdies setzte die in über 700 Briefen dokumentierte Liebe ein schöpferisches Potenzial in ihm frei, dem wir die Opern «Katja Kabanova», «Das schlaue Füchslein», «Die Sache Makropoulos» und «Aus einem Totenhaus» verdanken.
Das «Füchslein» ist die verspielteste aller Janácek-Opern, musikalisch weniger verzwickt als «Katja Kabanova» und weniger pessimistisch als das «Totenhaus». Menschen und Tiere treten in märchenhaft-utopischer Form zueinander in Beziehung, wobei das Verhältnis des Försters – die männliche Hauptfigur – zur jungen Füchsin Schlaukopf ein wenig demjenigen Janáceks zu seiner Geliebten ähnelt.
Die Eifersucht der Ehegattin ist in beiden Fällen gegeben – verständlicherweise. Mit dem Unterschied, dass das Füchslein in der Oper einen männlichen Fuchs findet und mit ihm viele, viele Kinderlein bekommt, bis es einen tragischen Tod durch den Wilderer Haratscha findet. Was Janácek lebensphilosophisch mit dem Gedanken verbindet, dass das Sterben der einen das Aufkommen der anderen ermöglicht. Am Ende tritt eine Jungfüchsin, ein Töchterchen der Mutter Schlaukopf, ins Leben des Försters. Dieser gelobt, mit ihm humaner zu verfahren als mit seiner Mutter.
Auch Kindern zugänglich
Dem Theater Bern, das sich jetzt «Konzert Theater Bern» nennt, nachdem das Orchester mit dem Theater verheiratet wurde, ist eine vorzügliche Interpretation dieses zauberhaften Werks gelungen. Sie profitiert zunächst von der intelligenten und witzigen Regie von Markus Bothe, der die Tierfiguren gekonnt zu führen versteht (unterstützt durch die Choreografie von Norbert Steinwarz) und die drei Akte durch wiederkehrende Bildelemente wie das Krankenbett des Försters miteinander verschränkt (Bühne: Ralph Zeger).
Janáceks (und Bothes) Sicht auf die Tierwelt ist bei aller Komödiantik nüchtern: Dem Füchslein gelingt es zwar, die Flinte des bösen Wilderers zu ergreifen, aber abdrücken kann es dann doch nicht. Die Ordnung der Welt sieht vor, dass Menschen Tiere töten und nicht umgekehrt. Obwohl es in dem Stück nicht ohne Gewalt zu- und hergeht, kann die Aufführung sogar Kinderfamilien empfohlen werden.
Im Orchestergraben steht eine erst 27-jährige Dirigentin aus Litauen, die seit dieser Spielzeit erste Kapellmeisterin des Berner Hauses ist: Mirga Grazinyte-Tyla. Sie führt das Berner Symphonieorchester mit wahrem Feuereifer und einigem Erfolg durch die Janácek-Partitur, die durch lüpfige volksmusikalische Einsprengsel überrascht, um dann unvermittelt fast Minimal-Music-artige Repetitionsschlaufen zu zeigen. Fast durchwegs war das Orchester diesen Anforderungen gewachsen, erst im dritten Akt liess es merklich an Präzision und Tonschönheit nach.
In der Titelpartie der Füchsin ist die junge Camille Butcher zu erleben, die ihren schlanken, etwas kleinen Sopran höchst musikalisch und rollengerecht einsetzt. Den Förster singt und spielt ein anderer Sänger aus Grossbritannien, Robin Adams mit kräftigem, klar zeichnendem Bariton. Die Inszenierung zeigt ihn als Kranken im Bett, sodass das Ganze als Fiebertraum eines Delirierenden interpretierbar ist.
Amüsante Doppelrollen
Einige Sängerinnen und Sänger sind in mehreren Rollen eingesetzt, so die exzellente ukrainische Mezzosopranistin Christine Daletska, die sowohl den Dackel als auch den männlichen Fuchs singt und in beiden Partien sängerisch und darstellerisch brilliert. Der Tenor Andries Cloete singt den Schulmeister wie die Mücke, und Kai Wegner ist ein in jeder Hinsicht imponierender Pfarrer, der seinen Bass und seinen Körperumfang auch dem trägen Dachs leiht.
In der kurzen, aber spielentscheidenden Partie des Haratscha ist der Bass Pavel Shmulevich zu hören, als misslaunige Försterin Claude Eichenberger.