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vivo international in der Demokratischen Republik Kongo
Über Jahrzehnte war der Osten der Demokratischen Republik Kongo, im Grenzgebiet zu Ruanda und Burundi mit den beiden wichtigen Städten Goma und Bukavu im Norden und Süden des malerischen Kivusees, ein Ort der Gewalt und des Terrors marodierender Guerillagruppen und bewaffneter Banden. Warlords bereichern sich an den enormen Rohstoffreserven des Landes, auf Kosten der Zivilbevölkerung, die zahlreiche Opfer zu beklagen hat. Besonders gegen Frauen richtete sich die Gewalt in einem unfassbaren Ausmass. Auch der Völkermord in Ruanda und dessen Folgen stehen mit diesen Geschehnissen in einem Zusammenhang. Seit 1999 sind in der Region Blauhelm-Soldaten mit UNO-Mandat stationiert, aber erst mit der Zeit entwickelte sich diese anfangs MONUC und später ab 2010 MONUSCO genannte Friedenstruppe zu einem Stabilitätsfaktor in der Region. Und erst im Verlauf durfte die Friedenstruppe im Rahmen immer wieder erweiterter UN-Mandate auch aktiv in das Kampfgeschehen eingreifen. Es kam im Laufe vieler Jahre bis Jahrzehnte immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzung und damit auch zu zahlreichen Kriegsverbrechen auf allen Seiten. Erst in der letzten Zeit hat sich die Lage deutlich beruhigt. Zahlreiche Hilfsorganisationen sind vor allem mit Unterstützung der Weltbank rund um den Kivusee tätig, so auch vivo international. Zu diesem Zweck wurde auch eine in Goma ansässige Niederlassung von vivo ins Leben gerufen. Seit der Kongo nun der Organisation Ostafrikanischer Staaten beigetreten ist besteht mehr Hoffnung auf Frieden und wirtschaftliche Entwicklung.
Ziel der Arbeit von vivo congolais ist im Rahmen eines sehr umfangreichen, von der Weltbank geförderten Projektes die Belastung der Bevölkerung der Region durch Traumafolgestörungen in epidemischem Ausmass zu verringern und dem Weitertragen von Gewalt und Verrohung, die sich vor allem gegen Frauen richtet, in die Zivilgesellschaft und in die Familien Einhalt zu gebieten. Das Mittel zum Zweck ist die Narrative Expositionstherapie NET, die in verschiedenen Versionen angewandt werden soll. NET wurde aus der Testimonial-Therapie entwickelt, die zur therapeutischen Bearbeitung psychischer Folgen von Folter 1980 von chilenischen Psychotherapeuten entwickelt wurde und einem die auf dem Boden der Würdigung der Biografie der Betroffenen einzelne belastenden und positive Lebensereignisse bearbeitet.
Die Testimonial-Therapie wurde dann durch kognitiv-behaviorale Elemente der Traumaexpositionstherapien ergänzt und es wurde ein leicht vermittelbaren neuropsychologische Störungsmodell des Traumagedächtnisses entwickelt, das die Vorgehens- und Wirkungsweise leicht verständlich erklärbar und vermittelbar macht. Das Ziel ist es möglichst viele dafür geeignete Personen in NET auszubilden damit diese möglichst viele traumatisierte Menschen in ihrer Nachbarschaft behandeln können. Unterstützt werden wir dabei durch die Gemeinde-Basisorganisationen (OBC) des Fonds Social im Kongo. Dort werden geeignete Personen ausgewählt und wir machen mit diesen Personen, meist sind es Frauen, einen dreiwöchigen Grundkurs und nach drei bis sechs Monaten einen Refresherkurs von 2 Wochen Dauer in NET. Ausserdem werden Supervisoren ausgebildet und diesen Supervisoren werden wieder eigene Supervisoren zur Seite gestellt. Die Ausbildungskandidatinnen sind in der Regel weder Ärzte noch Psychologen, sondern Gemeindemitarbeiterinnen, die mit sozialen Aufgaben betreut sind. Voraussetzung zur Ausbildung in NET sind neben ausreichenden Kenntnissen in Lesen und Schreiben vor allem eine genügende Empathiefähigkeit und die Bereitschaft sich einzulassen, sich mit den sehr schlimmen Geschichten ihrer Nachbarn auseinandersetzen zu wollen.
In Anbetracht der Tatsache, dass praktisch jeder Einwohner des Ostkongos traumatische Erfahrungen machen musste oder viele Menschen kennt, die traumatisiert sind, ist die Bereitschaft zur Mitwirkung sehr gross. Ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten, hier Conseillers genannt, erhalten ein einmaliges Honorar für jeden behandelten Fall. Supervisoren und Supervisorinnen der Supervisoren, sowie das administrative Personal von vivo congolais erhalten alle ein festes Gehalt. Effektivität und Wirkungsweise der NET-Therapien und von ForNET-Therapien bei ehemaligen Kombattanten wird durch begleitende wissenschaftliche Studien untersucht. Dementsprechend ist das Projekt zweigeteilt: Der grössere Teil findet unter Federführung der NGO vivo international statt und ein kleinerer Teil unter Federführung des psychologischen Instituts der Universität Konstanz. Im Rahmen des universitären Teils werden insbesondere Weiterentwicklungen von NET implementiert und evaluiert. Die wichtigste Weiterentwicklung dabei ist NETfaits (engl.: NETfacts). NET facts ist eine Anwendung, die alle Elemente von NET enthält, aber der kollektiven Aufarbeitung dient und vor allem den Zweck verfolgt, anhand des Besprechens gemeinsamer Erfahrungen, entlang der Lifeline eines Dorfes oder einer Gemeinschaft, ein Verständnis für traumatisierte Menschen zu entwickeln, deren Emotionalität und deren Verhalten, aber auch um Gewaltmythen (v.a. in Bezug zu allen Formen sexueller Gewalt) abzubauen und die Reintegration und den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu fördern. Stigmatisierung soll abgebaut werden und die Integration von traumatiserten Menschen (die ein Behandlungsangebot mit NET nutzen können), aber auch von zuvor mit ForNET behandelten ehemaligen Kombattanten soll durch die kollektive Aufarbeitung ermöglicht werden. Gewaltzyklen, bei denen die Gewalt aus kriegerischen Handlungen in die Zivilgesellschaft in Form sexueller und häuslicher Gewalt übergreift, sollen so unterbunden werden.
Eine erste Studie mit ca. 1000 Teilnehmenden (Robejans, Köbach, Narogg et al. 2022) zeigt bereits sehr deutlich, dass dieses Ziel mit der gewählten Methodik erreicht werden kann. Weitere psychobiologische Untersuchungen weisen ausserdem deutlich auf heilsame Effekte durch spezifischen Psychotherapie (hier ausschliesslich mit NET) stressbedingter Belastungen des Organismus hin, auch auf zellularer und molekularer Ebene.
Die Bilder zeigen einen Einsatz mit NETfacts in einem Dorf in der Provinz Nord-Kivu, das über bald 15 Jahre immer wieder von verschiedensten Rebellen und bewaffneten Gruppen heimgesucht wurde. Es wurden Massaker und Vergewaltigungen verübt. Ausserdem wurde das Dorf immer wieder ausgeraubt. Zeitweilig flohen die Bewohner in aller Richtungen, bis sie wieder in ihre angestammte Heimat zurückfanden. In der etwa zweieinhalbstündigen Sitzung wurde die Lifeline des Dorfes gelegt. Aus jeder Familie des Dorfes darf eine Person anwesend sein. Bei der Sitzung werden zunächst im Konsens die Hauptereignisse bestimmt, die das ganze Dorf betreffen und dann können einzelne Bewohner ihre individuellen oder nur ihre Familie betreffenden spezifischen Erfahrungen beisteuern und mit den Symbolen Blume (positive Erfahrung), Stein (traumatisches oder schwer belastendes Ereignis) oder Stock (Gewalt, die man gegen andere angewendet hat) versehen. Bspw berichtet eine Frau, dass sie miterlebte wie ihre Schwester mit ihrem Kind auf dem Arm von Rebellen ermordet wurde. Mutter und Kind wurden mit Macheten getötet. Zuvor berichtete eine Überlebende eines anderen Überfalls, dass sie kopfüber an ein Brett genagelt wurde und mit dem Kopf in Wasser gesteckt wurde. Insgesamt enthielt die Lifeline mehr als dreissig Steine und drei Blumen. Die Beteiligung an der NETfacts-Sitzung war sehr lebhaft uns sie dauerte auch länger als üblich. Im Anschluss fanden dann NET-Einzelbehandlungen für alle statt, die Bedarf angemeldet haben und die Symptome einer Traumafolgestörung haben. Diese werden durch die regionalen Conseillers durchgeführt.
Zwei Wochen später, nachdem bereits eine Reihe von supervidierten Einzelbehandlungen durch die Conseillers stattfanden, findet eine weitere kommunale Veranstaltung statt. Bei dieser werden nun aus den erhobenen Lebensgeschichten generierte und dann anonymisierte, exemplarische, aber fiktive Geschichten von Opfern von Gewalt erzählt sowie Geschichten von Gemeindemitgliedern die als Kindersoldaten in bewaffnete Gruppen zwangsrekrutiert wurden und selbst Täter wurden. In der Gemeinschaft wird dann darüber beraten, wie es diesen Personen wohl geht und welche Schwierigkeiten sie haben an der Gemeinschaft des Dorfes teilzuhaben und wie man sie unterstützen kann, wieder Teil der Dorfgemeinschaft zu werden.
Ablauf von NETfacts im Detail: Prä-Intervention: Individuelle Diagnostik und ggf. Überweisung zur supervidierten ForNET- oder NET-Behandlung bei den Conseillers. Etwas weniger als die Hälfte der Bewohner haben eine PTBS und sind dementsprechend für eine Behandlung geeignet.
Gemeinschaftliche Sitzung 1: Eine Community-Life-Line wird mit der Gemeinschaft aufgebaut.
Zweiwöchige Pause: Personen mit subklinischen Symptomen, erhalten das Angebot eine einzelne Behandlungssitzung zu erhalten. Ausserdem wird eine Auswahl von Narrativen für die weiteren gemeinschaftlichen Sitzungen vorbereitet.
Sitzungen 2, 3 und 4: Lesen und Besprechen der Erzählmuster und Diskussion der Wünsche für die Zukunft der Gemeinschaft