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Stürmische Zeiten im reaktionären China
“Summer Palace” von Lou Ye
Die grossen Filme aus China, die bei uns Erfolg haben, sind historische Epen, welche in glamourösen Settings der grossen Dynastien spielen. “Summer Palace” ist etwas völlig anderes, eine Liebesgeschichte aus dem jungen China, deren Ästhetik und Geschichte mit legendären Kämpfen wenig zu tun haben. Stattdessen zeigt der Film eine neue chinesische Jugend, welche vielleicht von gerade jener Vergangenheit erdrückt wird.
Von Lukas Hunziker.
Yu Hong ist ein Mädchen aus der Provinz, die im Laden ihres Vaters arbeitet, bis sie von einer Universität in Peking akzeptiert wird und ihr Zuhause verlässt. In der Nacht vor ihrer Abreise schleicht sie sich mit ihrem Freund weg und macht im hohen Gras auf einem Hügel ihre ersten, wenig erotischen sexuellen Erfahrungen. In Peking angekommen teilt sie sich mit mehreren anderen Mädchen ein winziges Zimmer, Privatsphäre hat sie praktisch keine. Doch dann lernt sie Li Ti kennen, welche sie in das Studentenleben der Parties, politischen Diskussionen und sexuellen Erfahrungen einführt. Yu Hong geht eine leidenschaftliche Liebe mit Zhou Wei, schläft mit ihm erst noch bei gelöschtem Licht unter der Decke, lebt aber bald eine offene Sexualität mit ihm. Als sie ihn jedoch einmal mit einer anderen Frau sieht, beginnen die beiden, sich gegenseitig weh zu tun und absichtlich zu verletzen, obwohl sie wissen, dass sie sich gegenseitig mehr lieben als alles andere. Nach den Studentenunruhen mit dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens trennen sich die Wege der beiden jedoch vorläufig – Yu Hong kehrt nach Hause zurück, Zhou Wei reist nach Deutschland, um dort bei einem Freund zu wohnen. Trotzdem sind die beiden in Gedanken nur beieinander.
Fremd aber verlockend
“Summer Palace” ist weniger ein politischer Film wegen seinen Bezügen zu den Ereignissen von 1989, als wegen seiner freizügigen Darstellung von Sexualität und einer starken Frauenfigur, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und Moral selber definiert. Es sei jedoch gleich erwähnt, dass die Sexszenen für einen chinesischen Film freizügig sind, während sie auf uns kaum skandalös wirken. Generell dürfte der Film beim westlichen Publikum etwas Mühe haben, da sich die Themen doch eher an ein chinesisches Publikum richten und man sich ohne gewisse historische und soziale Vorkenntnisse über China doch etwas allein fühlt mit der Geschichte. Umgesetzt ist diese jedoch sehr gekonnt; die vorwiegend dunklen Bilder, aufgenommen von einer ruhig geführte Handkamera, die sich oft wiederholende aber wunderbar passende Musik und das subtile und einnehmende Spiel der Darsteller vermögen zu faszinieren.
Leider verliert sich das Zusammenspiel dieser formalen Elemente und der dichten Geschichte im zweiten Teil. Die politischen Ereignisse setzen in der Mitte des Films ein, und die häufigen Schauplatzwechsel und die Einführung neuer, vorwiegend enigmatischer Figuren, deren Funktion in der Geschichte man nicht wirklich erkennen kann, nehmen der zweiten Hälfe die Atmosphäre, die im ersten Teil so kunstvoll aufgebaut wurde. Und so wird die erst berührende Liebesgeschichte undurchsichtig und der tragische Schluss vermag einen wenig mitzunehmen. Sehen sollte man den Film trotzdem; gerade in Zeiten wo man China wenig Sympathie entgegenbringt kann, tut es gut zu sehen, dass es so etwas wie eine neue, kritische, aufgeklärte Generation in China gibt.
Ausstattung
Leider kommt die DVD ohne Bonusmaterial aus – was gerade deshalb schade ist, da ein Interview mit Regisseur Lou Ye dem Film einem westlichen Publikum vielleicht hätte näher bringen können.
Seit dem 29. Februar 2008 im Handel.
Originaltitel: Yihe Yuan (China, Frankreich 2006)
Regie: Lou Ye
Darsteller: Hao Lei, Guo Xiaodong, Zhang Xianmin, Hu Ling
Genre: Drama
Dauer: 138 Minuten
Sprachen: Mandarin
Untertitel: Deutsch, Französisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Trailer
Vertrieb: Max Vision
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