Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03177.jsonl.gz/3167

Lectio XXII
Wie in vielen anderen Bereichen setzten die römischen Ingenieure auch in der Wasserversorgung neue Massstäbe. Am Anfang allerdings stand eher die Wasserentsorgung, denn mit der Cloaca Maxima war es zunächst ein Entwässerungssystem, das die Voraussetzung für das gewaltige Wachstum der Siedlung an den sieben Hügeln schuf: Bei Regen nämlich lief das Wasser in verschiedenen Bächen von den Hügeln herab in die Ebene am Tiberufer, und wenn, wie so häufig, dann noch der Fluss selbst über die Ufer trat, standen die Gegenden um das spätere Forum Romanum und das Forum Boarium regelmässig unter Wasser, so dass inmitten der Siedlungen an den Hügeln eine sumpfige Ebene lag. Zwischen 580 und 520 v. Chr. wurde daher ein erster grosser Entwässerungskanal gebaut, die Cloaca Maxima, die alles Wasser aus dieser Ebene in den Tiber führte und sie so sicherte. Dieses Entwässerungssystem wurde im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut.
Die Siedlung wuchs und immer mehr Menschen zogen nach Rom, so dass das Trinkwasser aus örtlichen Brunnen und Quellen bald nicht mehr genügte. Das Wasser des Tibers, den schon römische Autoren als flavus (gelblich wie Lehm) beschrieben, war als Trinkwasser nicht geeignet. So begann man, sauberes Fluss- und Quellwasser aus der Umgebung in grossen Wasserleitungen nach Rom zu führen.
Der erste dieser sogenannten Aquädukte, die Aqua Appia, wurde schon 312 v. Chr. errichtet. Er fasste verschiedene Quellen, verlief mehrheitlich unterirdisch, war ca. 16.5 km lang und dürfte (je nach Angabe) um die 34’000 m3 Wasser (34 Mio. Liter) pro Tag nach Rom gebracht haben. Das klingt nach sehr viel, doch die römischen Wasserleitungen waren Laufwasserleitungen, d.h. das Wasser an Brunnen lief ununterbrochen, und was nicht gebraucht wurde, floss in die Kanalisation.
Der Wasserdruck entstand in diesen Leitungen nur durch das Gefälle, was eine exakte Planung der Bauwerke voraussetzte: Die Leitungsführung durfte weder zu steil noch zu flach sein, das Gefälle musste gleichmässig bleiben. Auf den 16,5 km der Aqua Appia sank die Höhe der Leitung nur um 10 m, also nur 60 cm pro km!
Der zweite Aquädukt, der Anio vetus (270 v. Chr.) fasste das Wasser des Flusses Anio und führte es über beinahe 65 km nach Rom. Du kannst dir vorstellen, dass es nicht leicht war, über solch eine lange Strecke ein konstantes Gefälle zu erreichen, doch die Römer beherrschten die dazu nötige Technik der Landvermessung in perfekter Weise. Auch der Anio vetus, der mit über 180’000 m3 etwa die fünffache Wassermenge brachte, verlief weitgehend unterirdisch.
Erst später, als das Territorium fest in römischer Hand und somit die Wasserzuleitung nicht mehr von Feinden bedroht war, begann man mit den typischen Bogenbauten die Unebenheiten des Geländes auszugleichen, ja ganze Täler zu überspannen. Diese Bogenbauten wurden meist aus Ziegelsteinen und Zement gemauert, die eigentliche Wasserleitung wurde mit Natursteinen und einem speziellen wasserdichten Verputz abgedichtet. Der Querschnitt der Leitung war meist der eines hochkantigen Rechteckes, die Leitung wurde gegen oben mit Steinplatten als Schutz gegen Hitze und Verunreinigung abgedeckt.
Unterirdische Leitungen hatten zum Teil auch gewölbte Decken; in regelmässigen Abständen befanden sich Wartungsschächte, durch die das zuständige Personal für die regelmässigen Wartungsarbeiten in die Wasserleitung steigen konnte.
Der Unterhalt der Aquädukte war sehr aufwändig. Er wurde organisiert von einem für die jeweilige Region zuständigen curator aquarum. Dem stadtrömischen curator aquarum unterstanden einige hundert Arbeiter und Sklaven.
Vieles, was wir über die römische Wasserversorgung wissen, stammt aus dem Werk De aquae ductu urbis Romae von Frontinus, der von Kaiser Nerva im Jahre 97 zum curator aquarum Roms ernannt worden war. In diesem Werk gibt er eine Bestandsaufnahme des zu jener Zeit existierenden Leitungssystems aus 9 Aquädukten und des innerstädtischen Verteilnetzes und beschreibt sowohl die technischen Anlagen als auch sehr konkrete Probleme, die er zu lösen hatte.
Dabei geht es nicht nur um die regelmässige Reinigung der Wasserleitungen, sondern auch um bauliche Unterhaltsarbeiten und die Reparatur von Schäden, die durch Abnutzung oder den Anschluss illegaler Leitungen zum Wasserdiebstahl entstanden waren, sowie um die Korruption unter den aquarii, den Wassermeistern.
In der Stadt gelangte das Wasser aus den Fernleitungen zunächst in ein sogenanntes castellum aquae, eine Verteileranlage, die das Wasser in das städtische Leitungsnetz einspeiste, das meist aus Bleileitungen bestand. Von dort aus führten Hauptleitungen über viele Unterverteiler zu den Rohren (fistulae) der Endverbraucher, d.h. der Brunnen, der Bäder oder privater Haushalte.
In Privathäusern mit Wasseranschluss fanden sich auch Wassertanks, in denen überflüssiges Leitungswasser für den Fall einer Leitungsunterbrechung gespeichert werden konnte. Um das Jahr 400 gab es in der Stadt Rom 11 Aquädukte, 11 Thermen, 856 Privatbäder und 1352 Brunnen.
Die reichliche Versorgung mit ständig fliessendem Wasser bedeutete aber auch, dass in Rom ein leistungsstarkes Kanalsystem zur Entsorgung des Abwassers angelegt werden musste. Effiziente Wasserversorgungs- wie auch Kanalisationssysteme finden sich in allen grösseren römischen Siedlungen. Besonders gut haben sie sich naturgemäss in Pompeii und Herculaneum erhalten. Die Versorgung aller grösseren Siedlungen am Golf von Neapel hing von nur einem einzigen Aquädukt, der sogenannten Aqua Augusta, ab.