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Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
2009 und 2011 publizierte ich schon einmal Bier-Geschichten. In diesem aktuellen Blog sind neue Anekdoten und Bierbesonderheiten aufgeführt. 2 Episoden aus den vergangenen Blogs (s. Bloghinweise am Schluss), die sehr originell sind, werde ich hier nochmals präsentieren.
So wurde die Bierqualität geprüft
Ab dem 15. Jahrhundert wurde die Bierqualität mit dem Hosenboden geprüft. Bierkieser, so hiessen damals die Prüfer, mussten mit hirschledernen Hosen erscheinen. Einige Mass des zu prüfenden Bieres wurden auf die Sitzbank gegossen, dann setzten sich die Prüfer eine volle Stunde darauf. Während sie zechten, durften sie nicht den Platz verlassen. Blieben die Bierkieser an der Bank kleben, war das Bier in Ordnung. Das Bier enthielt dann die richtige Menge Malz. Blieben die Prüfer nicht kleben, dann wurde der Brauer meist mit Geldbussen bestraft ... aber nicht so brutal wie früher: Die Babylonier hatten strenge Gesetze. Auf einer 2,20 m hohen Dioritstele, die heute im Louvre in Paris ist, sind etwa 360 Gesetze eingemeisselt. Ein solches Gesetz ist auch dem Bierbrauen gewidmet. Da hiess es: „Wer zum Bier andere Zutaten als Gerste und Hopfen nimmt, wird in seinem Brautopf ersäuft.“
Quellen: „Wie? Was? Warum?“, Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh, 1984.
„Die Bier-Apotheke“ von Aljoscha Schwarz und Ronald Schweppe, Köln 1998.
Alte Hexe
In Zell im Wiesental (Landkreis Lörrach) lebte früher eine Frau, die eine scharfe, gebogene Nase und ein spitzes Kinn hatte. Kinder verspotteten die Frau, in dem sie ihr „Alti Hex“ nachriefen. Sie ärgerte sich sehr und hatte für Kinder nichts übrig. Die Kinder merkten die Abneigung und trieben es immer toller. Bei jeder Gelegenheit wurde sie von den Heranwachsenden gepiesackt. Sie wurde immer verhärmter und wollte nichts mehr von anderen Menschen wissen. Nur für ihren verstorbenen Mann, der zu Lebzeiten gerne einen trank, hatte sie etwas übrig. Bei jedem Friedhofsbesuch leerte sie eine Flasche Bier aufs Grab.
Quelle: „Weisch no?“ von Hans Fräulin, Zell, 1994.
Schnellster Bierschlucker
Der Brite Peter Dowdesweil kennt wohl nicht das genussvolle Schlürfen des Bieres. Er ist der schnellste Biertrinker der Welt. 1975 konsumierte er 1,41 Liter Bier in nur 5 Sekunden. Einen weiteren Rekord stellt er 1988 auf als er im Kopfstand innert 3 Sekunden ein britisches Pint (0,57 Liter) trank. 2001 schaffte er diese Menge im Stehen innert 2,1 Sekunden.
Bierdoping
Emil Zatopek(1922-2000), der Wunderlangstreckenläufer der 50er Jahre und Olympiasieger hatte ein Geheimrezept. Während des Laufes genehmigte sich die „tschechische Lokomotive“ gerne ein Helles. Das Bier verfehlte seine Wirkung nicht, er lief allen davon.
Das Zitat „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“, stammt von ihm.
Bier-Forscher
Der Münchner Physiker Arnd Leike bekam den Ig-Nobelpreis (Anti-Nobelpreis, satirische Auszeichnung) für seine „bahnbrechende“ Untersuchung über die Schaumstabilität von Bieren. Er fand heraus, dass sich der Schaum im Weizenbier 276 Sekunden, im Alt und Hellen deutlich weniger lang hielt.
Anmerkung: Leser des Textateliers wissen es, wie der Schaum ohne Schaumstabilisatoren im Bier entsteht (Blog vom 12.09.2012: „Rein: Deutsches Bier enthält keinerlei Schaumstabilisatoren“). Der Schaum auf dem Bier ist ein Zeichen für Qualität und dass es das richtige Mass an Kohlensäure enthält.
Quelle der letzten beiden Episoden: www.bierundwir.de
Bier zur Fastenzeit
Da waren besonders die Bier-trinkenden Mönche froh. Sie durften auch während der Fastenzeit Bier konsumieren. Sie waren schlau und brauten ein besonders nahrhaftes Bier. Die Erlaubnis des Biertrinkens entstand so:
Einem Papst kam diese Trinkerei während der Fastenzeit zu Ohren. Er liess sich das „Starkbier“ der bayrischen Mönche nach Rom schicken. Der Transport dauerte jedoch sehr lange und das in Rom ankommende Bier schmeckte fade und war ungeniessbar. Der Papst war von den Mönchen, die dieses grauslig schmeckende Bier tranken, begeistert. Er erlaubte daraufhin den weiteren Genuss des Getränks. Zum Glück hat dieser Papst die wahren Verhältnisse nicht gekannt. Vielleicht hätte er anders entschieden, zumal Genüsse aller Art in der Fastenzeit verboten waren.
Quelle: www.brauerei-weihenstephan.com
Als es um einen Pfennig ging
Nach einem fast hundertprozentigen Malzpreisaufschlag 1909 wollten die oberschwäbischen Bierbrauer den Bierpreis für ein Glas um einen Pfennig erhöhen. Die Biertrinker organisierten darauf eine Protestversammlung und kündigten den Brauereien grimmige Fehden an. Die Brauer beharrten auf die Erhöhung, sie wollten ihre Betriebe nicht in Schwierigkeiten bringen. Die Bierliebhaber griffen darauf zu einem letzten Mittel: Sie mieden die Wirtschaften, die das teure Bier verkauften, auch wollten sie einen Monat lang auf Bier verzichten. Sie meinten, dies wäre erstens gesünder und zweitens spare man Geld! In einer Protestversammlung im Gasthof „Kranz“ waren 400 Personen anwesend. Sie forderten die Zurücknahme der Erhöhung und verlangten die Einführung eines einheitlichen Ausschankmasses mit folgenden Bierpreisen:
1 Liter 25 Pfennig, ½ Liter 13 Pfennig, 4/10 Liter 10 Pfennig und ¼ Liter 7 Pfennig.
Die Brauer blieben jedoch bei ihrem Standpunkt. Der Bierkrieg ging also weiter.
Am 15. März 1910 wurde der Bierboykott durch einen Kompromiss beendet. Die Preise wurden etwas gesenkt.
Quelle: „Alt-Wangener Erinnerungen“ von Karl Walchner, 2. Band, Wangen 1960.
Ochsen für Bier
Die Lörracher Bierbrauerei Lasser lieferte jahrelang ihr kostbares Nass auch in die Rheinweiler „Blume“. 1905 konnte jedoch die damalige Wirtin die Rechnungen nicht mehr bezahlen. Der 2. Chef von Lasser reiste an und verlangte mit Nachdruck die Begleichung der ausstehenden Kosten. Die Wirtin hatte jedoch kein Bargeld. In ihrer Not bot sie als Gegenleistung ihre 2 Ochsen an. Lieber 2 Ochsen als kein Geld, dachte sich der Firmenvertreter und war einverstanden. Es wurde ein Metzger beauftragt, der die 2 Ochsen abholen sollte, um diese zu schlachten. Kurz darauf erhielt die Firma Lasser einen Brief von der Wirtin mit folgendem Inhalt: „Lieber Herr Lasser, ich kann Ihnen nur einen Ochsen anbieten. Für den anderen Ochsen werde ich jeden Tag für Sie ein Ave-Maria und ein Vaterunser beten…“
Quelle: Mündliche Mitteilung von Michael Fautz, Lörrach.
Bier für Haut und Haare
Ein findiger Starcoiffeur verwendete Champagner als Fixativ (Haare werden nach dem Waschen präpariert, damit es gut hält). Dann kam man darauf, dass billigere Bier auch dies bewirkt. „Ein bekannter Coiffeur spricht pompös von seinem ‚Extrait’. Bis man eines Tages entdeckte, dass es verdächtig nach Hopfen und Malz riecht – ‚nur’ Bier ist.“
Bier und Kosmetik ist nicht abwegig. Der bayerische Hofapotheker Langfuss hatte ein probates Mittel für Frauen. Sie sollten sich ihr Gesicht und Busen mit Bierschaum einreiben.
Quelle: „Das kleine Buch vom Bier“
Schon die alten Ägypter nutzten das Bier für die Hautpflege. Plinius schrieb: "Die ägyptischen Frauen nutzen den Bierschaum, um das Aussehen der Haut zu verbessern.“
Auch heute schwören besonders Frauen für Bierzubereitungen, wie Hautcremes, Hautreinigungswasser, Bier-Heilerde, Bier-Avocado-Maske, Bier-Ei-Shampoo.
Im Buch „Die Bier-Apotheke“ sind solche Rezepte aufgeführt. Wer unter Schuppen und juckender Kopfhaut leidet, dem ist eine Bier-Kur mit verdünntem Apfelessig und einem Bier-Honig-Shampoo ans Herz zu legen.
Die Welt des Bieres
Bezüglich Gesamtabsatz von Bier liegt Deutschland hinter China, den USA und Brasilien an 4. Stelle.
Im Dreieck zwischen Bamberg, Bayreuth und Nürnberg gibt es 200 Braustätten (allein 100 im Landkreis Bamberg). Hier ist die Brauereidichte am grössten. Wer gerne herumwandert und dann noch Bierspezialitäten verkosten möchte, dem ist der Bierwanderweg empfohlen (www.bamberg.info). Wer die 14 km überwindet, bekommt eine Urkunde, die aussagt, dass er ein „Fränkischer Ehrenbiertrinker“ ist.
Inzwischen laden etliche Bierwanderwege in vielen Regionen Deutschlands ein.
In Bamberg ist auch das Brauereimuseum zu Hause (www.brauereimuseum.de).
Da freute sich der Staat: 2015 wurden 676 Millionen Euro an Biersteuer eingenommen.
Kaum zu glauben: Die weltgrößte Brauerei ist die 1993 gegründete Snow Beer aus Peking mit einem Jahresausstoss von rund 100 Millionen Hektoliter. Zum Vergleich sei die Radeberger-Brauereigruppe genannt. Dieser Konzern braut 11,7 Millionen Hektoliter im Jahr.
Der Pro-Kopf-Verbrauch an Bier liegt in China bei bescheidenen 24 Liter Bier pro Jahr. Die Deutschen tranken 106 Liter und die Tschechen 144 Liter Bier pro Kopf und Jahr. Die Tschechen sind Weltrekordhalter!
Die Zahl der Brauereien wächst weiter, wie der Brauer-Bund meldete. Heute gibt es in Deutschland 1388 Brauereien, darunter 50 „Mikrobrauereien“ mit einem Jahresausstoss bis 1000 Hektoliter.
Der Absatz von alkoholfreiem Bier steigt weiter. 2015 wurden 5,24 Millionen Hektoliter gebraut.
Die Deutsche Post gab zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebotes eine 45-Cent-Sondermarke heraus.
Hinweis: Im Technomuseum (www.technoseum.de) ist die Ausstellung „Bier. Braukunst und 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot“ bis zum 24. Juli 2016 zu sehen.
Internet
www.brauer-bund.de
www.brauereimuseum.de
Literatur
Bloedner, Dominik: „Das Bier und wir“, „Badische Zeitung“ vom 16.04.2016.
Grehl, Axel: „Unser Bier“ (Erlebnisausflüge zu Brauereien und Gaststätten in Baden-Württemberg), Belser Verlag, Stuttgart 2016.
Rothenhäusler, Paul: „Das kleine Buch vom Bier“, Sanssouci Verlag, Zürich, 1966.
Schwarz, Aljoscha; Schweppe, Ronald: „Die Bier-Apotheke“, vgs, Köln 1998.
Hinweise auf Blogs zum Thema Bier
12.09.2012: Rein: Deutsches Bier enthält keinerlei Schaumstabilisatoren
06.10.2011: Bier-Geschichten: Eiskeller, Brommel- und Wacholderbier
07.03.2011: Kater, Katzenjammer: Tipps gegen Brummschädel, Übelkeit
11.07.2009: Anekdoten über Bier: Qualitätsprüfung mit dem Hosenboden
21.11.2008: Kobe- und Kabierrind: Mit Bier-Massagen zu zartem Fleisch
14.06.2007: München wiederentdeckt: Im Hofbräuhaus und bei Dallmayr