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Zweitgeborene haben in der Regel den Ruf, unbekümmerter und sozialer zu sein, als ihre erstgeborenen Geschwister. Aber ebenso wird ihnen nachgesagt, dass sie kleine Unruhestifter seien. Das liegt laut einer Studie des MIT daran, dass Erstgeborene in der Regel in den ersten Jahren die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern haben, während die zweiten in der Reihe von Anfang an um die Beachtung der Eltern kämpfen müssen und diese von Beginn an geteilt werden muss. Die Untersuchung bezog sich vor allem auf Brüderpaare. Doch nicht nur bei uns Normalsterblichen ist die Reihenfolge der Geburt teilweise von grosser Bedeutung, in Adelsfamilien ist das ganze noch viel komplizierter.
Harry, der Ersatzprinz
Familien, in denen der oder die Erstgeborene relevanter scheint, als der oder die Zweitgeborene, sind vor allem die Königsfamilien. Die Reihenfolge der Geburt bestimmt in vielen Fällen nämlich, wer eines Tages auf dem Thron des Landes sitzen wird – und wer durch diese künftige Rolle von Anfang an ganz anders aufs Leben vorbereitet wird. Vor allem ein Brüderpaar, bei dem der Zweitgeborene Probleme macht, ist im Moment Prinz William (40) und Prinz Harry (38). William ist seit dem Tod von Queen Elizabeth II. (†96) der Kronprinz, aber schon von Geburt an wurde er auf die Aufgabe als künftiger König vorbereitet und als Thronfolger erzogen. Er war der «Heir», also zu deutsch: «Erbe», doch was bedeutete das für seinen jüngeren Bruder Prinz Harry?
Ihm wurde sein ganzes Leben lang das Gefühl gegeben, er sei nur der «Spare», also die «Reserve», sollte William etwas zustossen. Mit diesem Gedanken wuchs Harry also auf und dieser Status in der Familie prägte sein Heranwachsen – und seine Psyche. Das Ausmass der mentalen Belastung, die Harry als Zweitgeborener ertragen musste, wurde nun in seinen Memoiren, die er passender Weise – und vielleicht auch provokativ – «Spare» nannte, bekannt. Aus seinen Berichten und Erinnerungen liest man heraus, dass Harry sich offenbar stets als Prinz zweiter Klasse fühlte, denn William schien schon immer wichtiger zu sein als Harry.
Bereits bei Harrys Geburt soll Vater Charles (74) gesagt haben, dass er seine Pflicht erfüllt habe, indem er einen Erben und einen Ersatz für die Krone geliefert habe. Mit den Jahren und vor allem mit der Geburt von Williams erstem Kind, Prinz George (9) sah es so aus, als würde Harry immer unbedeutender werden. Denn mit jedem Kind, welches William und seine Frau Prinzessin Kate (41) hatten, rutsche Harry immer weiter nach unten auf der Liste der Thronfolger. Dann lernte er seine Ehefrau Meghan (41) kennen, die beiden heirateten, kehrten dem Leben am Hof den Rücken zu und zogen in die USA. Es folgten Interviews über die Royal Family, eine Netflix-Doku und nun also das grosse Enthüllungsbuch von Harry, welches manchmal fast wie ein persönlicher Rachefeldzug des Zweitgeborenen wirkt, des «Reserve-Prinzen».
Auch Joachim tut sich schwer
Aber Harry ist mit seinem Gefühlsdilemma nicht alleine, denn auch in anderen Königshäusern macht der Status des Zweitgeborenen zu schaffen und sorgt für Unruhe in der Familie. Ein prominentes Beispiel dafür ist etwa Prinz Joachim von Dänemark (53). Einst war das Verhältnis zwischen ihm und Bruder Kronprinz Frederik (54) sehr gut, Joachim war beim Volk beliebt und die Tatsache, dass er stets im Schatten seines Bruders stehen wird, schien ihn nicht sonderlich zu stören. Doch es sollte sich alles ändern.
Joachim durchlebte eine Scheidung, Frederik fand in Kronprinzessin Mary (50) seine grosse Liebe und die Däninnen und Dänen liebten die beiden. Mit einem Mal schien ein Konkurrenzkampf zwischen dem Brüderpaar aufzuflammen, den niemand erwartet hat. Joachim fühlte sich immer überflüssiger am Hof und so zog er mit seiner neuen Frau Prinzessin Marie nach Paris, fernab vom Leben im Palast.
Letztes Jahr trug Königin Margrethe (82) auch noch zu Joachims ungutem Gefühl bei und verkündete, dass sie seinen vier Kindern zum neuen Jahr, also 2023, die Titel entziehen würde. Joachim kochte vor Wut und fühlte sich übergangen. Die Königin wollte die Monarchie verschlanken und der Zweitgeborene sowie dessen Familie musste unter dieser Entscheidung leiden, da er für den Palast offenbar nicht wichtig genug zu sein scheint.
Ebenso wie Harry wird Joachim laut eigener Aussage nun auch in die USA ziehen, allerdings an die Ostküste, da er in Washington D.C. «einen Top-Job in der Verteidigungsindustrie» erhalten habe. Aber noch mehr: Wie «Bunte» schreibt, wird Joachim als «tickende Zeitbombe» angesehen, denn auch von ihm wird ein Enthüllungsbuch erwartet. Da fragt man sich, wieso die Royals solche Probleme haben, ihre Differenzen im Privaten bei persönlichen Gesprächen zu überwinden und stattdessen immer alles gleich in Memoiren verpackt und an die Welt verkauft werden muss.
Carl Philip – der Kronprinz, der kein Kronprinz mehr ist
In Skandinavien gibt es aber noch ein weiteres Königshaus, in dem ein Zweitgeborener allein wegen der Geburtenreihenfolge Nachteile erleiden musste. Die Rede ist von Prinz Carl Philip von Schweden (43). Der jüngere Bruder von Kronprinzessin Victoria (45) war zu Beginn seines Lebens noch Kronprinz, doch dann änderte König Carl Gustaf (76) das Gesetz – wenn auch nur widerwillig – und nun waren die Geschlechter in der Thronfolge gleichgestellt und es galt das Recht des erstgeborenen Kindes. Das hiess, dass Victoria mit einem Mal Kronprinzessin wurde – und Carl Philip damit ein beachtliches Erbe durch die Lappen ging.
Carl Philip scheint mit diesem Wechsel allerdings nie ein besonders grosses Problem gehabt zu haben – es war eher sein Vater, der davon nicht begeistert war und dies mehr als einmal betonte. Erst kürzlich sorgte der schwedische Monarch damit wieder für Aufsehen, machte aber wenige Tage darauf einen Rückzieher und erklärte, dass er die Änderung für Carl Philip schlichtweg unfair gefunden haben. Mit dem Entzug des Kronprinzentitels verlor der Zweitgeborene eine Hinterlassenschaft von fünf Millionen Franken – eine Regelung aus einem Testaments Napoleons, die dem Kronprinzen des Landes diesen Betrag zuspricht. Carl Philip hat sich allerdings nie über diese Änderung beschwert und geniesst sein Leben im Schatten seiner Schwester. Denn schliesslich ist die Geburtenreihenfolge nicht nur ein Fluch für die «Spares».
Als Erstgeborener, als Kronprinz oder Kronprinzessin hat man vielleicht einen höheren Status in der Familie, ein höheres Ansehen beim Volk und – im Fall von Kronprinzessin Victoria – offensichtlich auch ein höheres Erbe. Aber dabei sollten die Geschwister im Hintergrund nicht vergessen, dass ihr älterer Bruder oder ihre grosse Schwester ihnen auch ein Leben mit mehr Freiheiten bescheren. Als Thronfolger oder Thronfolgerin sind die Anforderungen an die Person sehr viel grösser, man steht viel mehr im Rampenlicht, im kritischen Blick der Öffentlichkeit. Jeder Fehler könnte der Monarchie schaden, denn diese Personen sollen schliesslich einmal auf dem Thron des Landes sitzen und wenn das Volk mit ihnen unzufrieden ist, kann das schnell weitreichende Folgen haben.
Die Reserve ist nicht so wichtig
Als Zweitgeborener ist man da etwas weniger interessant und das kann durchaus seine guten Seiten haben. Wäre Harry etwa vor William geboren worden, wäre sein Rückzug als Senior Royal ein sehr viel grösserer Skandal gewesen – denn schon der Bruder seines Ur-Grossvaters war Thronfolger, verliebte sich in eine amerikanische Schauspielerin und zog mit dieser in die USA, womit der jüngere Bruder als künftiger König einspringen musste. Da Harry aber an zweiter Stelle kam, waren die Auswirkungen seiner Entscheidung nicht ganz so weitreichend. Ist es vielleicht das, was ihn stört? Dass es vergleichsweise geringe Konsequenzen für das Königshaus hatte, dass er dem royalen Leben den Rücken kehrte?
Und auch Joachim kann sich eigentlich glücklich schätzen, nicht Kronprinz zu sein, denn das ermöglichte ihm einen Umzug mit seiner zweiten Ehefrau Marie nach Paris und nun bald in die USA. Als Thronfolger wäre er an Dänemark gebunden gewesen. Und ob es in dieser Funktion so gut angekommen wäre, als er sich scheiden liess, ist ebenfalls fraglich.
Der einzige, bei dem es wirkt, als wisse er es fast schon zu schätzen, nicht die grosse Last eines Thronfolgers auf den Schultern tragen zu müssen, ist Prinz Carl Philip. Der Schwede scheint es viel zu zu geniessen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen und seinem Hobby, dem Rennsport zu frönen. Als zukünftiger Monarch hätte er wohl weitaus weniger Freiheiten, denn auch wenn Carl Philip aktiv für die Krone arbeitet, muss er lange nicht so ein Workaholic sein wie seine grosse Schwester. Vielleicht sollten sich seine Kollegen aus Dänemark und Grossbritannien eine Scheibe vom schwedischen Prinzen abschneiden, denn dieser zeigt, dass der Rang des Zweitgeborenen nicht nur Fluch ist, sondern durchaus auch ein Segen sein kann.