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Wie schreibt man mit Stoffen Geschichte?
Das gelingt nur selten. Zwar entwerfen wir alle drei Monate etwa 200 neue Stoffe, aber daraus entstehen eigentlich nur sehr wenige Schönheiten. Wenn wir einen schönen Stoff produzieren, die Mode daraus ein schönes Kleid anfertigt, und dieses von einer speziellen Person im richtigen Moment getragen wird, dann kann Geschichte entstehen.
Kennen Sie ein Beispiel?
Jackie Kennedy. Jeden Tag trug sie ein neues Kleid, vielleicht zwölf davon haben Geschichte geschrieben wie das blutverspritzte Chanel-Kleid, das sie am Tag des Attentats trug. Auch Michelle Obamas grünes Kleid, das sie bei der Inauguration ihres Mannes trug, wurde zur Ikone. Solche Kleider schreiben Geschichte, weil man sich auf ewig an diese Momente erinnert.
Sie entwickeln alle drei Monate 200 neue Stoffe. Haben Sie nie Angst, keine Ideen mehr zu haben?
Doch, die begleitet mich permanent. Vor jeder Kollektion spüre ich eine gewisse Leere und Angst. Aber die steckt in jedem Menschen. Es ist gut, wenn man von dieser Angst begleitet wird, aber man muss wissen, wie man mit ihr umgehen kann, so verliert man sie auch wieder. Dann nämlich, wenn man mit der Arbeit beginnt: Der Knopf löst sich, ich weiss, was ich kreieren will.
Zu Ihren Kunden zählen die grössten Modehäuser der Welt. Wie kam es dazu?
Wir schauen in St. Gallen auf 800 Jahre Textilindustrie zurück. Sie musste etliche Krisen überstehen und erfand sich immer wieder neu. Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Stickerei – auch die konnte irgendwann industriell hergestellt werden, deshalb geriet Jakob Schlaepfer in die Krise. 1963 erwarb die Firma das Paillettenpatent und stellte Pailletten industriell her, wodurch glänzende Stoffe bezahlbar wurden. Das hat es den Couturiers ermöglicht, Prêt-à-porter-Linien zu entwerfen, die günstiger waren als die Haute Couture.
Jakob Schlaepfer ist dafür bekannt, mit ausgefallenen Techniken Stoffe zu produzieren.
Jedes Kind hat heute Pailletten auf den Turnschuhen, das ist also nicht mehr das, was man aus St. Gallen erwartet. Wir wissen, dass es permanente Innovation braucht. So haben wir mit Swarovski Steine entwickelt, die man auf Stoffe kleben kann, dann kam die neue Elektronik des Druckens und Fotokopierens. Da haben wir einfach mal Stoffe durchgelassen und Drucker verschlissen. Wir haben viel mit Inkjet experimentiert und früh an Lasertechnik geglaubt. Heute sind wir intensiv mit 3-D-Druck beschäftigt und haben neue Maschinen dafür im Bau. 500 Jahre nach der Erfindung der Spitze haben wir erstmals einen Spitzenkragen aus Silikon gedruckt.
Hat der mehr Wert als einer aus herkömmlicher Spitze?
Er ist wahrscheinlich im Moment gleich teuer, weil es eine Innovation ist und man noch langsam produziert. Dadurch ist es ein Luxusartikel. Aber auch der wird einmal massentauglich sein. Wenn die Mode etwas Tolles daraus macht, will es die ganze Welt.
Die Natur täuscht uns nie. Sie ist immer richtig und das Mass aller Dinge
Was folgt auf den 3-D-Druck?
Wir entwickeln immer viele Dinge gleichzeitig. Hologramme und Feuerfolie sind vielversprechend. Dinge, die für den Alltag entstehen, kann man auch im Textilen einsetzen.
Um Ihre Kunden befriedigen zu können, müssen Sie den Modetrends immer einen Schritt voraus sein. Wie funktioniert das?
Wir schwimmen auf der Modewelle mit, zum Beispiel auch mit Chanel. Wir sehen, was jetzt für eine Kollektion entsteht, und wissen, dass es das nächste Mal etwas anderes sein muss. Wir versuchen herauszufinden, wo etwas spannend ist. Dort knüpfen wir an, schauen, ob wir etwas noch interessanter machen können. Oft ist es eine Weiterentwicklung von bestehenden Stoffen.
Blick in die Firma Jakob Schlaepfer
Wie inspirieren Sie sich?
Innerhalb der Modewelt. Die Natur wird für mich aber immer die grösste Inspirationsquelle bleiben, mein riesiger Garten mit Gemüse und Blumen zum Beispiel. Die Natur täuscht uns nie. Sie ist immer richtig und das Mass aller Dinge. Und schliesslich liefern Weltarchive und Sammlungen in Museen Inspiration. Man sagt ja, die Antike ist unsere Zukunft. Etwas ganz Neues zu erschaffen, ist eigentlich gar nicht mehr möglich. Alles ist lediglich eine Neuinterpretation des Bestehenden.
Was macht den Unterschied zwischen einer Neuinterpretation und einer Kopie?
Mit einer Kopie versucht man, etwas Bestehendes so genau wie möglich nachzumachen. Daran scheitert man, weil man nicht mehr in demselben Zeitgeist lebt. Eigentlich will man vorwärtsschauen. Ein Beispiel dafür ist Karl Lagerfeld: Er ist kein Createur, seine eigene Linie finde ich miserabel. Aber wie er Chanel neu interpretiert, ist grossartig.
Wer kauft sonst bei Ihnen ein?
Die ganze Modewelt. Alle wollen unsere Kollektionen sehen, weil sie exklusiv und teuer sind. Die professionellen Kunden schauen sich die 200 Stoffe in etwa 20 Minuten an. Die Unsicheren brauchen zwei bis drei Stunden. Dann folgt der emotionale Entscheid, man will etwas haben oder nicht. Erst dann kommt die Hürde: der Preis.
Wie viele Stoffe einer Kollektion kauft ein Label?
Oft bleibt es bei einem bis zwei. Das liegt am Budget, aber nicht nur. Unsere Stoffe sind zum Teil dreidimensional und schwierig zu verarbeiten, so viel Handarbeit kann nicht jedes Label investieren. Man könnte auch nicht eine ganze Kollektion aus unseren Stoffen machen, das sähe wahrscheinlich fürchterlich aus.
Und wenn zwei grosse Marken denselben Stoff wollen?
Bis in die 90er-Jahre war das kein Problem. Da gab es Modewochen, in denen sechs Designer den gleichen Stoff benutzten, aber unterschiedlich verarbeiteten. Heute braucht es Exklusivität, weil die Welt so transparent geworden ist. Da wir viele Stoffe produzieren, können wir die auch gewährleisten. Sobald sich ein Label für einen Stoff entschieden hat, zeigen wir ihn niemandem mehr. Interessant ist, wie sich Marken entscheiden. Wir haben in einer Kollektion vielleicht 20 Stoffe, von denen wir denken, dass sie Chanel gefallen könnten. Aber wenn wir ihnen nur diese 20 zeigen, fragen sie sofort, wo der Rest ist. Sie wollen immer alles sehen. Die Mode ist eben eine Hure.
Pardon?
Man kann sie nicht sättigen, sie will immer mit Neuem verführt werden. Sie greift nur dort zu, wo etwas interessant ist, und lässt dich fallen, wenn sie dich nicht mehr will. Sobald ein Stoff gemacht, gezeigt, verkauft ist, müssen wir ihn sofort vergessen und mit etwas Neuem beginnen.
Fragen Sie die Designer, was sie gern als Nächstes hätten?
Manchmal. Karl Lagerfeld sagt dann typischerweise: «Ich will etwas Neues, etwas Schönes.» Wenn die Designer einen konkreten Wunsch haben, versuchen wir, ihn zu erfüllen, vor allem bei Kunden wie Dior, Louis Vuitton und Chanel. Auch dann müssen wir ihnen aber den fertigen Stoff zeigen, bevor sie ihn kaufen.
Es ist toll, wenn man nicht im Rampenlicht steht
Ein Modedesigner steht im Rampenlicht, Sie hingegen, arbeiten im Verborgenen.
Ich finde das gut und schön so. Es ist toll, wenn man nicht im Rampenlicht steht.
Sind Sie so freier in der Kreation?
Ja, sehr. Wir können alle drei Monate eine neue Kollektion für die ganze Welt machen. Ein Designer ist eingeschränkt und muss für sein Label, nach seinem Code entwerfen.
Haben denn die Stoffe von Jakob Schlaepfer einen Code?
Ja, man muss erkennen können, wofür Jakob Schlaepfer steht: Für Stoffe aus industriellem Handwerk. Es ist nicht reine Handarbeit wie in Indien und nicht rein industriell wie in China, sondern eine Mischung. Man muss in den Stoffen die St. Galler Tradition spüren: 800 Jahre Textilschaffen, das sind Wurzeln und Gene, die wir selbst manchmal gar nicht mehr erkennen, aber sie sind da.
Sie sprechen von Wurzeln und Genen. Sind Stoffe lebendig?
Oh ja! Sie sind fliessend, bewegen sich mit dem Körper. Das ist die verführerische Komponente.
Gibt es einen Stoff, mit dem Sie nicht arbeiten würden?
Nein. Wir haben schon fast alles bearbeitet: Holz, Plastik, Silikon, Seide. Es gibt keine Grenzen.
Was würden Sie nie tragen?
Stoffe mit Geschmacksstoffen drin. (lacht) Aber man sollte in der Mode nie «nie» sagen.
Tragen Sie selbst nur teure Markenkleidung?
Nein, aber heute ist jedes Kleidungsstück eine Marke, irgendwie. Einiges lasse ich anfertigen, Hemden zum Beispiel. Ansonsten bewege ich mich nicht in der Welt, für die ich arbeite. Ich bin in St. Gallen daheim.
Gefallen Ihnen die Kleider, die aus Ihren Stoffen entstehen?
Teils, teils. Das Silikonkleid von Junya Watanabe für Comme des Garçons ist ein Paradebeispiel: Ich finde es toll, aber untragbar.
Ist dieses Kleid für Sie Kunst?
Ja, und doch ist es Mode. Für mich war Mode nie Kunst. Sie ist kurzlebig, eben modisch. Das ist der Unterschied zur Kunst, die eigenständig sein und sich nicht dem Markt anpassen sollte.
Sie sind seit 48 Jahren Kreativ-chef von Jakob Schlaepfer. Keine Angst vor der Pensionierung?
Nein, ich könnte noch gut weiterarbeiten. Aber es gibt Dinge, die ich nicht mehr gern mache, wie Administration. Die schöne Arbeit, das Kreieren, macht nur zehn Prozent der Zeit aus. Darum ist es gut, endgültig aufzuhören. So kann ich Neues anpacken.