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Glückwünsche sind gut – Engagement ist besser.
116 Jahre Rotary – keine runde Zahl, eigentlich eine ganz gewöhnliche Jährung der Grün-dung in Chicago. Der Gründungsakt im Jahr 1905 war allerdings auch kein Startsignal für grosse Jahresfeiern: er fand nicht in einem 5-Stern Hotel in einem Luxusresort statt, son-dern an einem schlichten Bürotisch im 7. Stock eines Geschäftshauses.
Die vier Gründer hatten sich zusammengefunden, um eine Gemeinschaft verlässlicher Geschäftspartner auf die Beine zu stellen. Grund dazu gab es genug, Chicago war damals geprägt von explosi-onsartigem Wachstum, Korruption, Menschenhandel, Bordellen, Obdachlosen, Verbrechen und Gestank der Schlachthöfe. Bereits 1907 erwies sich der Zweck, Freundschaft zu pfle-gen und gute Geschäfte abzuschliessen als zu eng, neu kamen Beiträge für die Verbesse-rung der Lebensbedingungen im Umfeld dazu. Das erste Gemeindienstprojekt war eine Toilettenanlage, deren Spuren heute noch sichtbar sind.
In den Jahren 1918 bis 21 breitete sich Rotary weltweit aus, die Mitgliederzahl stieg bis 1990 auf 1.2 Mio an. Meilensteine waren 1917 die Gründung der Foundation, 1927 der Start des Jugendaustauschs, 1943 - 46 die Mitarbeit bei der Gründung der UNO. Dann er-weiterte Rotary seinen Aktionsbereich auf die jungen Erwachsenen, was 1968 zur Charter des ersten Rotaract-Clubs führte. Seit 1971 bieten wir RYLA an, unserer Leader-Ausbildung für junge Menschen. 1988 wurde anlässlich der Convention in Philadelphia die Poliokampagne beschlossen, bei Bekanntgabe des Sammelergebnisses von 220 Mio. USD spielte eine Brassband auf, Feuerwerk wurde gezündet und 15'000 Ballone schwebten in den Saal. Nach mehreren vergeblichen Anläufen im Council of Legislation wurden auf-grund eines Gerichtsentscheids 1987 die ersten Frauen aufgenommen, 1989 akzeptierte dann auch das CoL diese Verfassungsänderung. Weitere Wegmarken der Vergangenheit sind die Wiedereinführung von Rotary in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ab 1990 und die erfolgreiche Einführung des neuen Grant Modells mit den 6 Schwerpunktbe-reichen im Jahr 2013.
Und nun zum 116. Jahr – ist es bedeutungslos im Vergleich zu all diesen denkwürdigen Daten? Ich denke nein: Wir stehen in diesem Jahr inmitten einer Umbruchphase. Das Pro-jekt einer Neuorganisation mit weltweit 40 Regionalzentren und 900 «Leadern» anstelle der 332 Distriktsgovernors wird allerdings nicht weiterverfolgt. Es hat uns aber dazu animiert, grundsätzlich über unsere Organisation nachzudenken. Dieser Denkprozess ist durch die Corona-Pandemie noch gewaltig verstärkt worden. Innert kürzester Zeit hat sich ein Gross-teil der Clubs für Hybrid-Zusammenkünften entschieden. Online-Besprechungen sind zur Regel geworden und zeigen, dass nicht nur Viren, sondern auch Rotarierinnen und Rotarier eine globale Ausbreitung haben. Holger Knaack wird als erster Präsident in die Geschichte von Rotary eingehen, der während seines Amtsjahrs keinen Fuss in sein Büro in Evanston gesetzt, aber mit mehr Menschen als alle seine Vorgänger gesprochen hat. Rotary wird weiblicher, das Board of Directors setzt sich im 116. Jahr aus 9 Frauen und 10 Männern zusammen. Eine Première ist, dass im 116. Jahr erstmals eine Frau, die Präsidentin-elect, Jennifer Jones, das Jahresmotto für ihr Rotary Jahr 22/23 bekanntgeben wird.
Wir werden organisatorische Weichen für die Zukunft stellen: wie schaffen wir neue Mög-lichkeiten, um es jungen Menschen im stark geänderten Umfeld zu ermöglichen, Familie, Beruf und Rotary zu harmonisieren? was geschieht in Form von persönlichen Anlässen, was online? wie gestalten wir die Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen? was soll zentral, was regional entschieden werden? wie wird der Status von Rotaract in Zukunft ge-staltet? Schliesslich setzen wir einen weiteren wichtigen Meilenstein: der neue Schwer-punktbereich Umwelt wird operationell. Kurz: das 116. Rotary-Jahr ist voller Herausforde-rungen und Chancen für die Zukunft. Wie diese aussieht, bestimmen wir alle gemeinsam: wir sind dazu aufgerufen, Rotary nicht nur alles Gute zu wünschen, sondern durch tatkräf-tigen Einsatz für eine gute Zukunft zu sorgen.
PDG Urs Klemm