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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XII. Rede
5.
Mir schien es das Beste und Ungefährlichste zu sein, eine Mittelstraße zwischen persönlichem Verlangen und Furchtsamkeit einzuschlagen und sowohl dem Verlangen wie dem Geiste nachzugeben, d. h. einerseits das Amt nicht vollständig abzuweisen, um mich nicht der Gefahr auszusetzen, die Gnade zu mißachten, anderseits aber auch nicht mich in die Schwierigkeit zu begeben, und eine Bürde, die meine Kraft übersteigt, mir aufzuladen. Der eine (der ohne weiteres abweist) würde den Weg der Unsicherheit1, der andere (der auch das schwierigste Amt übernimmt) den der Selbstüberhebung und beide den der Torheit gehen. Zeichen von Frömmigkeit und Vorsicht ist es, bei der Übernahme eines Amtes es zu machen wie bei der Aufnahme von Speisen, d. h. sich nach seinen Kräften zu richten und das Amt, das den Kräften entspricht, anzunehmen, dasjenige aber, das die Kräfte übersteigt, zurückzuweisen. Durch Mäßigung bewahrt der Körper seine Gesundheit, die Seele ihre Ruhe. Ich weigere mich daher jetzt nicht, zugleich mit meinem guten Vater die Seelsorge zu übernehmen; ich will dem Jungen gleichen, das nicht untätig sich im Fluge in der Nähe des mächtigen, hochfliegenden Adlers hält. Später aber will ich mich im Fluge dem Geiste überlassen auf allen Wegen, die er will. Wenn er mich leitet, soll keiner die Gewalt haben, mich von seinen Wegen abzubringen. Es ist angenehm, dem Vater die Mühen abzunehmen und eine Herde zu leiten, die einem vertrauter ist als eine fremde und unbekannte. Es ist auch noch, wie ich beifügen möchte, Gott erwünschter, [S. 269] soferne ich nur mich nicht durch die Liebe täuschen und durch das Vertrautsein irreführen lasse. Doch ist es nicht so ersprießlich und sicher, als wenn einer freiwillig die Herrschaft über Freiwillige übernimmt. Unser Prinzip ist es nämlich, nicht mit Gewalt und gezwungen, sondern freiwillig zu führen. Durch Gewalt wird auch anderen Organisationen die Existenzmöglichkeit genommen; denn wer mit Gewalt beherrscht wird, strebt darnach, bei Gelegenheit sich wieder frei zu machen. Freiheit gibt ganz besonders unserer Organisation, bzw. unserer Seelenführung Kraft. Das Geheimnis des Gutseins liegt nicht in der Gewalt, sondern in der Freiheit.
1: Die Handschriften lesen: καὶ τὸ μὲν κεφαλῆς ἄλλου [kai to men kephalēs allou]. Combefisius korrigierte: . . . κεφαλῆς φαύλου [. . .kephalēs phaulou]. Ich lese: καὶ τὸ μὲν ἐπισφαλοῦς . . . [kai to men episphalous . . .].