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Bei Stehpartys und anderen Anlässen, bei denen wir gerne unsere Mitmenschen in Augenschein nehmen, fallen gelegentlich Bemerkungen wie ‘Ist der aber blasiert’, ‘Ist die aber aufgeblasen’, ‘Mann, ist der prätentiös’ und so weiter. Bemerkungen wie diese nehmen auf Eigenschaften Bezug, die das Gegenteil einer Eigenschaft sind, die man zusammenfassend als ‘Authentizität’ bezeichnen kann. Authentizität ist ein Ideal, auf das wir bisweilen unser Verhalten oder vielleicht sogar unser Leben ausrichten. Und Selbsthilfe-Gurus bieten in Bestsellern und TV Shows ihre zweifelhafte Hilfe an, wenn wir versuchen, dieses Ideal zu erreichen.
Philosophische, religiöse und literarische Arbeiten aus den letzten drei Jahrtausenden bezeugen, dass das Ideal der Authentizität auch im Leben früherer Menschen eine wichtige Rolle gespielt hat. Auf dieses Ideal bezieht sich der Satz „Erkenne Dich selbst“, der im Apollotempel in Delphi geschrieben steht, und den Platon als Aufforderung zur Erkenntnis einer unsterblichen Seele begreift. Auf dieses Ideal bezieht sich auch Luther, wenn er sagt, dass wir nicht durch gute Werke vor Gott gerecht werden, sondern allein durch den Glauben an Christus. Und auf dieses Ideal bezieht sich Shakespeare, wenn Polonius seinem Sohn die folgenden Worte mit auf den Weg gibt: “To thine own self be true.” Nur hat dieses Ideal bei Platon, Luther und Shakespeare und durch die Zeiten natürlich nicht dieselbe Bedeutung.
Welche Bedeutung hat dieses Ideal für uns heute? Ich möchte im Folgenden eine Antwort skizzieren, die auf „Sein und Zeit“ – das Hauptwerk Martin Heideggers – zurückgeht. Heidegger war von 1933 – 1945 Mitglied der NSDAP. Er hat sich mehrfach antisemitisch geäußert und diffamierende Gutachten gegen Kollegen verfasst. Sein späteres Schweigen über seine NSDAP-Mitgliedschaft, seine antisemitischen Äußerungen sowie seine diffamierenden Gutachten sind durch nichts zu entschuldigen. Der Begriff von Authentizität (oder „Eigentlichkeit“), den er in „Sein und Zeit“ entwickelt, erscheint mir aber attraktiv, weil er sehr erhellend ist, keinen sonderlich problematischen Begriff von Selbst oder Individuum voraussetzt und die Hilfe, die TV Gurus und Bestseller-Autoren anbieten, als Posse entlarvt.
Nach Heidegger zeichnet sich unser Selbst durch praktische Fähigkeiten zum Umgang mit Artefakten aus. Artefakte sind hergestellte Gebrauchsgegenstände wie Fußbälle, Schraubenzieher, Violinen und so weiter. Ein hergestellter Gebrauchsgegenstand ist nach Heidegger aber auch die Sprache. Die Fähigkeiten zum Umgang mit Artefakten sind in den allermeisten Fällen solche, die wir von anderen Menschen erlernen. In wenigen Fällen geben wir diese Fähigkeiten an andere Menschen weiter. Und in den seltensten Fällen bilden wir diese Fähigkeiten selbst aus, bevor wir sie an andere Menschen weitergeben.
Ein profanes Beispiel: Die Fähigkeit, Fußball zu spielen, erlernen wir in den allermeisten Fällen von Trainer*innen. In wenigen Fällen werden wir selbst Trainer*innen, welche die Fähigkeit, Fußball zu spielen, an andere Menschen weitergeben. In den seltensten Fällen heben wir (wie, sagen wir, Johann Cruyff) das Fußballspiel auf eine höhere Stufe, bevor wir es Anderen (wie, sagen wir, der Jugend des FC Barcelona) beibringen.
Ein weniger profanes Beispiel: Die Fähigkeit, über Raum und Zeit zu sprechen, erlernen wir in den allermeisten Fällen von Physiker*innen. In wenigen Fällen werden wir selbst Physiker*innen, welche die Fähigkeit, über Raum und Zeit zu sprechen, an andere Menschen weitergeben. In den seltensten Fällen gelingt es uns (wie Einstein), den Begriff von Raum und Zeit komplett neu zu definieren, bevor wir ihn an Andere (d.h. nachfolgende Generationen von Physiker*innen) weitergeben.
Ein noch weniger profanes Beispiel: Die Fähigkeit, über unser Selbst zu sprechen, erlernen wir in den allermeisten Fällen von Philosoph*innen. In wenigen Fällen werden wir selbst Philosoph*innen, welche die Fähigkeit, über unser Selbst zu sprechen, an andere Menschen weitergeben. In den seltensten Fällen gelingt es uns (wie Heidegger), den Begriff des Selbst komplett neu zu definieren, bevor wir ihn an Andere (d.h. nachfolgende Generationen von Philosoph*innen) weitergeben.
Nun sind Fähigkeiten, die wir nicht selbst ausbilden, klarerweise Fähigkeiten, die andere Menschen auch haben. In den allermeisten Fällen ist unser Selbst also eines, das sich von dem Selbst anderer Menschen gar nicht unterscheidet. Dass sich unser Selbst von dem Selbst anderer Menschen in den allermeisten Fällen gar nicht unterscheidet, bedeutet nicht, dass wir nicht authentisch sein können, wenn wir keine praktischen Fähigkeiten selbst ausbilden, bevor wir sie an nachfolgende Generationen weitergeben. Nicht authentisch sind wir nur, wenn sich unser Selbst von dem Selbst anderer Menschen nicht unterscheidet und wir so tun, als ob sich unser Selbst von dem Selbst anderer Menschen unterscheidet.
Authentisch dagegen sind wir, wenn sich unser Selbst von dem Selbst anderer Menschen nicht unterscheidet und wir auch nicht so tun, oder wenn sich unser Selbst von dem Selbst anderer Menschen unterscheidet (wenn wir also praktische Fähigkeiten selbst ausbilden, bevor wir sie an nachfolgende Generationen weitergeben). Es sei erwähnt, dass die zweite Bedingung nicht nur bei Heroen wir Cruyff, Einstein oder Heidegger, sondern in abgeschwächter Form auch bei weniger bekannten Fußballer*innen, Physiker*innen oder Philosoph*innen erfüllt ist. Außerdem kann diese Bedingung natürlich auch bei anderen Sportler*innen und Wissenschaftler*innen sowie Künstler*innen und Handwerker*innen erfüllt sein. Und schließlich müssen die „nachfolgenden Generationen“ nicht Generationen von Menschen über die Jahrhunderte oder auch nur Jahrzehnte sein. Es genügt, wenn selbst ausgebildete Fähigkeiten an einige wenige Menschen gewinnbringend weitergegeben werden.
Dieser Begriff von Authentizität ist erhellend, weil er uns klar macht, was Leute meinen, wenn sie bei Stehpartys und ähnlichen Anlässen den herzlosen Blick schweifen lassen und Andere als ‘aufgeblasen’, ‘blasiert’ oder ‘prätentiös’ bezeichnen (sie meinen, dass die so bezeichnete Person so tut, als ob sich ihr Selbst vom Selbst anderer Personen unterscheidet, obwohl es dies nicht tut). Dieser Begriff setzt keinen sonderlich problematischen Begriff von Selbst oder Individuum voraus (er ist z.B. nicht vom Leib-Seele-Problem betroffen, weil er keinen Begriff unseres Selbst als eines denkenden Subjekts voraussetzt). Dieser Begriff entlarvt die Hilfe, die Bestseller-Autor*innen und TV Gurus anbieten, als Posse, weil er zeigt, dass Authentizität Demut und Bescheidenheit erfordert, oder Entschlossenheit zu viel Übung und Training und einer Lösung von Problemen, von der andere Menschen profitieren können.