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Philosophische (Religions-)Kritik hat in der ‘islamischen’ Welt spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Fuss gefasst, ist jedoch –wie die Philosophie im Nahen Osten allgemein – ein Stiefkind der Wissenschaft geblieben. Die in der europäischen Philosophiegeschichtsschreibung stets noch vorherrschende ‚eurozentrische Verengung’ (Lettow 2010) und kulturalistischen Sichtweisen spielen eine wesentliche Rolle in der Ausblendung der nahöstlichen Philosophie in europäischen akademischen Diskursen. In der Islamwissenschaft ebenso wie in der Philosophie, Ideen- und Kulturgeschichte gleich welchen Standorts gilt die im islamisch überprägten Kulturraum betriebene Philosophie mehrheitlich als ein der eigenen Kultur entfremdetes, blosses Imitat oder auch als eine Fehladaption der westlichen Philosophiepraxis.
Ein Perspektivenwechsel weg von dieser kulturessentialistischen Auslegung liegt nahe und lässt sich mühelos bewerkstelligen, wenn man die im Zeitalter des Imperialismus und des Postkolonialismus “geteilte Geschichten” des Nahen Ostens und Europa (Conrad/Randeria, 2002) in den Blick nimmt, die nicht selten auch fast zeitgleich zu ähnlich gelagerten wie empfundenen Problemstellungen und Lösungsversuchen führen. Diese etwas ‚globalere’ Perspektive auf philosophische Geschichtsschreibung wird in dem vom SNF geförderten und von mir geleiteten Projekt Philosophische Religionskritik im Nahen Osten – Geschichten west-östlicher Verflechtungen eingenommen.
Kritik an Religion, die nicht bloss einzelne Aspekte tradierten Glaubens an übernatürliche Kräfte und daraus abgeleitete Normen und Institutionen in Frage stellt, sondern sie als Systeme erachtet, die es aufzuheben oder mit Vernunftprinzipien und empirischen Beobachtungen in Einklang zu bringen, zu ersetzen oder als metahistorisches Faktum zu rekontextualisieren gelte, ist ein elementarer Faktor der ‘europäischen’ Moderne. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ist sie in Form von Aufklärungsphilosophien, Positivismus, Empirismus, Materialismus, Sozialismus, Marxismus, sowie Ideen von Nietzsche und Heidegger in den Nahen Osten gelangt. Kommuniziert worden sind diese Denkansätze zum einen durch sekundäre Medien, zum anderen durch persönliche Kommunikation wie Briefe, Auslandsaufenthalte, Intellektuellenzirkel im Exil oder universitäre Lehre. Diese zeugen oft von einem starken gegenseitigen ‘west-östlichen’ Interesse. So lud Auguste Comte 1853 den osmanischen Großwesir brieflich ein, die positivistischen Prinzipien anzunehmen. Viele dieser Prinzipien fanden in der osmanischen Elite Zustimmung. Umgekehrt begeisterten sich Intellektuelle und Politiker des Nahen Ostens während Studien, diplomatischer Aktivitäten oder Exilaufenthalten in Istanbul, Tiflis, Berlin, London, Paris, Teheran, Tripolis oder St. Petersburg für solche traditionskritischen Ideen und verbreiteten sie schriftlich wie mündlich. Zugleich suchten sie im gegenseitigen Austausch nach humanistischen, anthropozentrischen sowie evolutionistischen und auch wissenschaftlich materialistischen Wurzeln und Anknüpfungspunkten in vorislamischen Kulturen des Orients oder in heterodoxen islamischen Strömungen wie dem pantheistischen Sufismus. Diese ‘autochthonen’ Ideen werden dabei seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend ‘nationalisiert’ und für eine regenerierte iranische oder arabische Kultur in Anspruch genommen. Diese Inanspruchnahme weist deutliche Parallelen zu der Nationalisierung lange Zeit missachteter Traditionsstränge in Europa auf, etwa der mittelalterlichen Mystik durch protestantische Theologen und Philosophen in Deutschland, auch wenn diese allein die Mystik mit “wahrem religiösen Charakter” als “deutsch” erachteten und pantheistische Mystik als “unrein” bzw. “häretisch” ablehnen. Die Vermittlung neuer Ideen erfolgte darüber hinaus bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht selten auch über europäisches Lehrpersonal an arabischen, iranischen oder türkischen Universitäten. Französische Heidegger-Rezipienten der ersten Generation etwa lehrten in Teheran und Kairo und lieferten ein weiteres Instrumentarium für eine Loslösung aus überlieferten Denk- und Glaubenstraditionen.
Innerhalb des Rahmenprojekts sind zwei einander thematisch berührende, aber in sich geschlossene Teilprojekte angesiedelt:
Religionskritik am Beispiel dreier iranischer Dissidenten: Āḫūndzāde (1812-1878), Kermānī (1853/54-1896) und Kasrawī (1890-1946), durchgeführt von Mahdi Rezaei-Tazik und
Existenzphilosophie in Ägypten – ʿAbd ar-Raḥmān Badawīs (1917-2002) Versuch einer “kopernikanischen Wende”, durchgeführt von Sevinç Yasargil.
Beide Projekte versuchen, die lokal ausgetragenen philosophischen Diskurse in ihrer Komplexität zu erfassen; in dem ‚Verwobensein’ in die europäische und US-amerikanische Philosophietradition, der Genese in einem spezifischen sozial- und philosophiegeschichtlichen Kontext und in ihrem partikularen wie universalen Geltungsanspruch.
Welche methodischen und theoretischen Zugänge eignen sich, um eine solche (alternative bzw. polyzentristische) Philosophiegeschichte zu schreiben? Zu den verflechtungsgeschichtlichen Ansätzen (Histoire croisée, Transfer-, Wissensgeschichte) und philosophiegeschichtlichen Perspektiven (Quentin Skinner und John G. Pocock), die bereits in der ersten Projektskizze berücksichtigt wurden, haben wir nun noch begriffsgeschichtliche Perspektiven hinzugezogen, um auf diese Weise Hybridisierung, semantische Verschiebungen und neue Wortschöpfungen besser erfassen und mit zeitgleichem sozialen Wandel in Beziehung setzen zu können.
Im Teilprojekt Religionskritik am Beispiel dreier iranischer Dissidenten: Āḫūndzāde (1812-1878), Kermānī (1853/54- 1896) und Kasrawī (1890-1946) untersucht Mahdi Rezaei-Tazik die Entstehung und Entwicklung von Religionskritik im Sinne der Aufhebung, Substitution oder Neubestimmung der Religion unter ‘iranischen’ Intellektuellen seit der direkten Auseinandersetzung mit der intellektuellen und materiellen ‘Moderne’ bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Begriffe und Argumente von den drei iranischen Philosophen wurden bereits systematisiert und zueinander in Bezug gesetzt. Insbesondere Kasrawīs Religionskritik hat sich als wesentlich vielschichtiger erwiesen als anfänglich vermutet und wird von einer konstruktiven Vision einer “reinen Religion” (pākdīnī) begleitet. Diese setzt sozialdarwinistischen und materialistischen Konzepten humanistische, friedensstiftende Werte und Begriffe entgegen und sucht der Glaubenszersplitterung in Iran ein Ende zu bereiten.
Neben dieser vergleichenden Studie, die als Monographie erscheinen wird, bereitet der Projektbearbeiter die Publikation verschiedener kommentierter Übersetzungen vor, mit denen er an seine bereits erschienenen Veröffentlichungen anknüpfen wird (in: „Wissenschaft, Philosophie und Religion– Religionskritische Positionen um 1900“, Hg. von Anke von Kügelgen, Klaus Schwarz Verlag, Berlin, 2017, S. 121-228). Zudem ist eine spätere Übersetzung seiner Dissertation ins Persische geplant, um die Ergebnisse nicht nur für die europäische Philosophiegeschichte, sondern auch lokal fruchtbar zu machen.
Sevinç Yasargil widmet sich im Teilprojekt Existenzphilosophie in Ägypten – ʿAbd ar-Raḥmān Badawīs (1917-2002) Versuch einer “kopernikanischen Wende” der analytischen und werkimmanenten Interpretation der für ihre Studie aussagekräftigen philosophischen Schriften Badawīs und erarbeitet dafür auch die dafür relevanten europäischen philosophischen Schriften, insbesondere diejenigen der französischen Heideggerrezipienten. Die Dissertation erzählt ihre Geschichten west-östlicher Verflechtungen entlang ausgewählten zentralen philosophischen Begrifflichkeiten wie etwa Freiheit, Intuition, Angst und existentiellem Sprung. Nebst einer hermeneutischen Analyse der Begrifflichkeiten wird der Fokus ebenfalls auf die Pragmatik der untersuchten Texte gelegt, d.h. auf die unterschiedlichen Funktionen und die spezifischen Verwendungen der Begriffe, die Intentionen und Überzeugungen des Autors. Die Begriffe werden nicht nur als Bausteine von Badawis philosophischem System verstanden, sondern geben gleichzeitig Aufschluss über philosophie- wie sozialhistorische Momente, wie etwa beispielsweise die Abgrenzung und Überwindung von Bergson mit Heidegger (Intuition), der massgebende Einfuss der von Heisenberg 1927 aufgestellten Unschärferelation auf die zeitgenössischen philosophischen Debatten (existentieller Sprung), die Verquickung mit der eigenen Philosophietradition in Form der islamischen Mystik (Angst), oder der angestrebte epistemologische Bruch mit dem und die Erneuerung des arabischen Denkens in der Betonung der Freiheit zum Handeln des Individuums im Kontext des Prozesses der Dekolonisierung und der autoritären staatlichen Strukturen. Erste Überlegungen zum Begriff der Angst wurden im Sammelband Heidegger in the Islamicate World, hrsg. Kata Moser und Urs Gösken, Rowman & Littlefield International: London 2019 veröffentlicht (“Anxiety, Nothingness, and Time. Abdurrahman Badawi’s Existentialist Interpretation of Islamic Mysticism”).
Als Zwischenstand unserer Forschung lässt sich festhalten, dass das Ausmass an Wissenstransfer, an Adaption, Umformung und Weiterentwicklung ‘westlicher’ umfassender wie partieller philosophischer Religionskritik, und auch der Inwertsetzung verschütteter oder tabuisierter ‘islamischer’ und ‘vorislamischer’ Ideen noch weitaus grösser ist als bereits vermutet. Ausblicke auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und das beginnende 21. Jahrhundert zeigen, dass die Vielfalt der kritischen Ansätze weiter zugenommen hat und vermutlich damit einhergehend eine “Religionsphilosophie” in der MENA-Region zunehmend an Konturen gewinnt.
Das Projekt ist Teil des Forschungsschwerpunkts Philosophie in der nahöstlichen Moderne an der Universität Bern und versteht sich als solches als ein Beitrag zu einer polyzentrischen Philosophiegeschichtsschreibung.