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Weiter: Der Morgen danach
»Das werde ich ganz bestimmt nicht tun, Tavoran«, antwortete Kerys. Die Entschlossenheit in ihrer Stimme überraschte ihn und traf ihn mitten ins Herz.
»Warum nicht?«
Kerys zog ihre Hand aus seiner zurück. »Weil es nicht gut ist, sich mit dem Lesh’Rakha anzulegen. Die Seelen der Verstorbenen gehören dem Ur-Geist und nicht in die Hände von Magiern und Mördern.« Sie warf ihm einen zornigen Blick zu. »Es reicht schon, wenn du es auf die Seelen der Lebenden abgesehen hast, also lass gefälligst die der Toten in Ruhe.«
Tavoran wollte etwas erwidern, aber sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.
»Die Seelen müssen zum Lesh’Rakha zurückkehren, damit sie ihre Ruhe finden und er sie eines Tages auf eine neue Reise schicken kann. Und ich werde mich nicht gegen den Willen des Ur-Geistes stellen.«
Tavoran schwieg und spürte, wie sich Enttäuschung in ihm breitmachte, und er musste sich zusammenreißen, dass sie nicht in Verzweiflung umschlug. Er schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. Nur weil Kerys sich weigerte, ihm zu helfen, hieß das noch lange nicht, dass er keinen anderen Magier für diese Sache finden würde.
»Na gut«, sagte er schließlich und räusperte sich. Er versuchte, die Enttäuschung in seiner Stimme zu verbergen, war sich aber nicht sicher, ob es ihm wirklich gelang. Kerys entspannte sich ein wenig und legte in einer versöhnlichen Geste die Hand auf sein Knie.
»Glaub mir, es ist besser so.«
Tavoran entschied, nicht weiter auf dieses Thema einzugehen. Er hatte seinen Entschluss bereits gefasst: Er würde einen anderen Magier finden, der das tat, wozu Kerys sich weigerte. Der Mord an der jungen Frau sollte schließlich auch nicht umsonst gewesen sein.
»Wie du meinst«, knurrte er und klang dabei verärgerter, als er beabsichtigt hatte. Mit dem Kinn deutete er auf das Mal auf seiner Brust. »Hilfst du mir wenigstens damit?«
Tavoran war nicht sonderlich überrascht, als Kerys erneut verneinte.
»Tut mir leid, Tavoran, aber meine magische Macht reicht dazu nicht aus«, sagte sie und schüttelte langsam den Kopf, so als würde sie darüber nachdenken, ob sie Recht hatte.
»Wie kannst du das wissen? Du hast es nicht einmal versucht«, hakte Tavoran nach.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Rinayas ihn mit verärgertem Blick musterte. Kerys Bruder hatte die Augenbrauen zusammengezogen und die Arme vor der Brust verschränkt. Es war offensichtlich, dass er nichts von Tavorans Bitte hielt.
»Wenn meine Schwester sagt, dass es nicht geht, dann ist das so«, mischte er sich ins Gespräch ein, dem er bisher schweigend gefolgt war. »Du hast uns schon genug Ärger gebracht, nun lass es gut sein. Ich will nicht, dass du Kerys weiter in Gefahr bringst.«
Tavoran entging der drohende Unterton in seiner Stimme nicht.
»Lass gut sein, Rinayas«, entgegnete Kerys. Sie stand auf, machte ein paar Schritte auf ihren Bruder zu und legte ihm die Hände auf die verschränkten Arme. »Ich weiss, was ich tue. Bitte, geh raus und sieh nach den anderen.« Sie machte eine Kopfbewegung zu Tavoran hin, blickte ihn aber nicht an. »Wahrscheinlich platzt schon das ganze Lager vor Neugier und will endlich erfahren, was dieser Schurke mitten in der Nacht hier verloren hat.«
Das Zelt war erfüllt vom überwältigenden Geruch nach verkohltem Harz, der in der Nase brannte und Tavoran die Tränen in die Augen trieb. Kerys hatte sich erschöpft vor ihm niedergelassen und blickte ihn mit sorgenvollem Blick an. Ihr Gesicht war bleich, die Augen glänzten wässrig und ihre Hände zitterten. Mit fahrigen Bewegungen räumte sie die Kräuter und magischen Utensilien zusammen, mit denen sie die letzte Stunde versucht hatte, den Fluch von Tavoran zu nehmen.
»Ich kann dir wirklich nicht helfen.« Ihre Stimme zitterte und war seltsam dünn, und es klang eher nach einer Entschuldigung als nach einer Feststellung.
Tavoran seufzte und ließ sich auf die Bettstatt zurückfallen. Seine Brust schmerzte, er spürte die magische Energie in seinen Gelenken schmerzen, die nicht nur vom Fluch und dem Mal, sondern auch von Kerys’ Zaubern ausgegangen war. Er rechnete ihr hoch an, dass sie versucht hatte, den Fluch zu lösen, obwohl es schon von Beginn an ein aussichtsloses Unterfangen gewesen war.
Jetzt, da er sie so sah, zitternd und mit den Kräften am Ende, überkam ihn das schlechte Gewissen. Sie hatte viel magische Energie für ihn aufgewendet und ihren Verstand und vielleicht sogar ihr Leben für ihn riskiert. Für ihn und eine Bitte, die sie nie hatte erfüllen können, weil sie schlichtweg dieser Art von Magie nicht gewachsen war. Sie hatte es gewusst, ihm den Gefallen aber trotzdem getan. Vielleicht hatte sie das schlechte Gewissen geplagt, weil sie sich geweigert hatte, ihm mit Lyndias Seele zu helfen.
Er schloss die Augen und lauschte den Klappern und Rascheln, als Kerys ihre Sachen zusammenräumte und verstaute. Seine Gedanken kreisten um den Fluch, den Seelensammler und Lyndia, und ein Gefühl der Unruhe überkam ihn. Insgeheim fragte er sich, was wohl schwieriger wäre: Einen Magier zu finden, der sich mit dem Lesh’Rakha anlegte, oder einen, der mächtig genug war, um den Fluch eines Gottes zu lösen.
»Woran denkst du?«
Er hatte gar nicht bemerkt, dass das Klappern aufgehört hatte. Die Stille im Zelt war beinahe erdrückend.
»Wo ich jemanden finde, der mir helfen kann.«
Kerys schwieg und Tavoran hoffte, dass sie seine Antwort nicht als Vorwurf verstand. Ein paar Augenblicke lauschte er der Stille im Zelt, dann öffnete er die Augen und erhob sich von der Bettstatt. Er würde schon jemanden finden, der tat, was er verlangte.
Er griff nach dem Hemd und streifte es sich über. Als das Mal unter dem groben Leinenstoff verschwand, empfand er ein Gefühl der Erleichterung, denn jetzt, wo es verdeckt war, kam ihm die Situation nicht mehr ganz so schlimm vor. Er gab sich einen Moment dem trügerischen Gefühl hin, wohl wissend, dass es sich bald wieder ändern würde.
»Wo willst du hin?«
Kerys hatte sich zu Tavoran umgedreht und blickte ihn fragend an. Sie schwankte leicht und stützte sich mit einer Hand auf dem kleinen Tischchen ab, und Tavoran fürchtete, dass sie jeden Augenblick die Besinnung verlieren könnte.
Er zögerte. Eigentlich wollte er sich auf die Suche nach einem Magier machen, doch als er sah, in welch erbärmlichen Zustand sich Kerys befand, überlegte er es sich anders. Jetzt, mitten in der Nacht, würde er sowieso niemanden finden, der ihm helfen konnte, außerdem würde ihm Rinayas nie verzeihen, wenn er Kerys einfach so zurückließ.
»Etwas zu deiner Stärkung finden«, antwortete Tavoran schließlich. »Du siehst furchtbar aus.«
Als er mit ein paar Fladenbroten und einigen Stücken getrocknetem Lammfleischs in das stickige Zelt zurückkehrte, war Kerys bereits auf ihrer Bettstatt eingeschlafen. Er setzte sich neben sie und fühlte ihre Stirn, die heiß glühte und vor Schweiß glänzte. Ihre Hände hatte sie in die weichen Stoffe gekrallt, und im schummrigen Licht der Laterne konnte Tavoran die Fingerknöchel sehen, die durch die Haut stachen. Ihr Atem ging schwerfällig und rasselnd, und manchmal sprach sie im Schlaf Worte in einer Sprache, die er nicht verstand.
Sein Blick glitt über ihre schlanken Arme und blieb an den ringförmigen Narben an ihren Handgelenken hängen. Täuschte er sich, oder waren sie breiter und wulstiger geworden, seit er das letzte Mal darauf geachtet hatte? Die Haut sah aus, als wären die Wunden erst kürzlich entstanden und nicht bereits seit einem Jahr vernarbt.
Tavoran seufzte. Gedankenverloren lehnte er sich gegen eine der Zeltverstrebungen und tastete nach dem Mal unter seinem Hemd. Seine Fingerspitzen berührten die verschlungenen Linien und sie fühlten sich an, als würde sich unter der Haut etwas befinden, das nicht zu ihm gehörte.
»Noch nicht.«
Erschrocken sog er die Luft ein, als ihm bewusst wurde, dass er diesen Gedanken soeben laut ausgesprochen hatte. Doch war es auch wirklich seiner? Er lauschte in sich hinein und wartete darauf, wieder die fremde, uralte Stimme zu vernehmen, doch er hörte nichts.
Sein Blick fiel auf Kerys. Seine Befürchtung, sie womöglich geweckt zu haben, bestätigte sich nicht. Noch immer schlief sie tief und fest und murmelte hin und wieder unverständliche Worte.
Er hoffte, dass sie die heutige Nacht unbeschadet überstand. Sollte sie morgen früh wütend auf ihn sein, so konnte er damit umgehen, aber wenn ihr Verstand unter der Verbindung mit dem Lesh’Rakha heute Nacht zu sehr gelitten hatte, könnte er sich das trotz allem nicht verzeihen. Er musste sich eingestehen, dass er nicht an die Konsequenzen gedacht hatte. Er hätte sie nicht dazu drängen dürfen.
Er verzog das Gesicht, griff nach dem Fladenbrot und einem Stück Fleisch und ass ein paar Bissen. Während er darauf herumkaute, fiel ihm ein, dass er schon eine Weile nichts mehr gegessen hatte. Das Gefühl, endlich wieder etwas im Magen zu haben, beruhigte ihn, und eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus.
Als ihm die Augen zufielen und er in den Schlaf hinüberglitt, galt sein letzter Gedanke Lyndia. Er würde sie wiedersehen.
Er musste nur einen Magier finden, der es wagte, sich mit dem Lesh’Rakha anzulegen.
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