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Das Piketthandy klingelte um 02.00 in der Nacht. Einem Patienten auf der Intensivstation gehe es zusehends schlechter und die Familie wünsche Begleitung und ein Gespräch mit der Seelsorge. Es wurde mir von Seiten des Behandlungsteams auch gesagt, dass sie nicht wissen, ob der Patient überleben werde. Er sei dem Tod näher als dem Leben. Seine Blutwerte waren schlecht und er lag im Koma. Er bekam viele Medikamente, wurde über die Maschinen beatmet und all seine Kreislaufwerte wurden engmaschig überwacht.
Als ich an seinem Bett stand, berührte ich seinen Unterarm und sagte zu ihm, dass ich mich jetzt um seine Familie kümmern werde und später nach dem Gespräch mit seinen Liebsten wieder zurückkomme an sein Bett. Ich redete so mit diesem Patienten, im Wissen darum, dass ich keine Antwort bekommen werde. Das Reden hilft mir, einen normalen Umgang mit Menschen im Koma zu pflegen. Vielleicht spreche ich mir aber auch so immer wieder selbst Hoffnung, Zuversicht und Mut zu.
Der Patient überlebte die Nacht und auch die weiteren Tage. Ich hatte dann Ferien und sah diesen Mann und auch die Familie nicht wieder.
Aber als ich zwei Jahre später wieder für einen Einsatz über Pikett, allerdings im Bettenhochhaus, gerufen wurde, stutzte der Patient, als wir uns begrüssten. Dann sagte er: «Kennen wir uns nicht?» Er schaute mich an und sagte, er kenne mich irgendwoher. Und dann sagte er plötzlich unvermittelt: «Waren Sie nicht diejenige, die meiner Familie beistand, als ich auf der Intensivstation lag?» Ich war verblüfft, wusste erst nicht, was ich sagen sollte, und versuchte mich dann zu erinnern. Just in diesem Moment kam seine Ehefrau ins Zimmer, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen und mir wurde klar: Er hatte meine Stimme von jener Nacht auf der Intensivstation wiedererkannt.
Isabella Skuljan