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Jakub Samochowiec forscht am Gottlieb Duttweiler Institut und ist Co-Autor der Studie «Die neuen Freiwilligen». Im Interview skizziert er, was Freiwilligenarbeit und Zivildienst zu einer robusteren Gesellschaft beitragen können. Die Fragen stellte Gregor Szyndler.
Ein Argument gegen einen auf Frauen und niedergelassene AusländerInnen ausgeweiteten Zivildienst ist: «Das schadet der gemeinnützigen Arbeit!» – Was sagen Sie als jemand, der u. a. zu Freiwilligenarbeit forscht, dazu?
Es kommt darauf an, was man für einen solchen Dienst erhält. Kriegt man eine Entlöhnung oder ein Zeugnis, kann man sich schon fragen: «Warum sollte ich das andernorts freiwillig tun, wenn ich hier etwas dafür kriege?» – Andererseits kann ein freiwilliger Zivildienst auch ein Einstiegstor für Freiwillige sein. Hier können in strukturiertem Rahmen Wirksamkeits-Erfahrungen gemacht werden, die vielleicht zu weiterem Engagement verleiten.
Wurde je untersucht, ob es eine Korrelation zwischen der Anzahl geleisteter Zivildienst-Tage und freiwilligem Engagement gibt?
Das habe ich so konkret nie recherchiert. Es ist vorstellbar, da Zivildienstleistende Menschen sind, die aus Überzeugung bereit sind, mehr als das absolute Minimum zu leisten.
Wie könnten mögliche Fragestellungen lauten, mit denen ein solcher Zusammenhang untersucht werden könnte?
Am einfachsten wäre es, zu schauen, wie gross der Anteil an freiwillig Engagierten unter ehemaligen Zivildienstleistenden ist und das mit anderen Gruppen zu vergleichen. Also etwa mit Leuten, die untauglich sind, nur das Minimum im Militär absolviert haben oder auch weitergemacht haben. Würden da Unterschiede gefunden werden, kann man das immer noch unterschiedlich erklären: 1. Menschen, die Zivildienst machen, sind anders als solche, die es nicht tun. 2. Das Leisten des Zivildienstes verändert die Zivildienstleistenden. Vielleicht macht Zivildienst empfänglich für Engagements nach dem Zivildienst, etwa aufgrund von den bereits erwähnten Wirksamkeits-Erfahrungen, die man im Zivildienst gesammelt hat.
Wie hat sich das Volumen der Freiwilligenarbeit in den letzten Jahrzehnten geändert?
Die formelle Freiwilligenarbeit nimmt stetig ab. Immer weniger Leute wollen sich langfristig und verbindlich engagieren in Vereinen oder anderen «formellen» Settings. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Leute irgendwie egoistischer werden, sondern daran, dass sich traditionelle Strukturen auflösen. Früher war etwa die Teilnahme im Gesangsverein der «Default», weil Eltern und Grosseltern schon dort waren. Informelle Freiwilligenarbeit ist schwerer zu definieren und zu messen. Je nach Definition geht sie mal rauf, dann runter.
Was ist informelle Freiwilligen-Arbeit?
Das ist Freiwilligenarbeit, die nicht in einer offiziellen Institution stattfindet. Das können Nachbarschaftshilfen, Organisation von kulturellen Anlässen oder das Verfassen von Wikipedia-Artikeln sein. Viele Leute, die das tun, sind sich überhaupt nicht bewusst, dass sie da informelle Freiwilligenarbeit leisten.
Sie forschen zu den «neuen Freiwilligen» – was zeichnet sie aus?
Die neuen Freiwilligen sind freiwilligere Freiwillige als frühere Freiwillige, da sie nicht in bestimmte Rollen hineingeboren werden, wie etwa Frauen in traditionelleren Gemeinschaften. Sie wollen nicht nur vordefinierte Aufgaben ausführen, sondern selber mitentscheiden und mitgestalten. Sie tun viel mehr Dinge auch einfach, weil es Spass macht und nicht aus Aufopferung heraus. Damit hängt zusammen, dass sie sich weniger gerne festlegen und lieber spontan mitmachen und jederzeit auch wieder aufhören können wollen.
Sie forschen zu «gesellschaftlicher Resilienz». Was ist das?
Die Fähigkeit einer Gesellschaft, auf Notlagen und Stress zu reagieren. Wichtig sind soziale Strukturen. Ein Beispiel ist die vietnamesische Community in New Orleans. Durch Vernetzung konnte sie 2005 besser auf den Hurrikan Katrina reagieren als weniger eng vernetzte Communitys.
Was können wir für die gesellschaftliche Resilienz tun?
Weil traditionelle Strukturen wegfallen, müssen neue entstehen. Dazu braucht es Freiräume, damit die neuen Freiwilligen gemeinsam Dinge informell auf die Beine stellen können, etwa einen Quartierflohmarkt organisieren. Dadurch steigt die Vernetzung und es entstehen Strukturen, die die Resilienz fördern. Freiräume sind aber auch regulatorisch. In der Schweiz wollen wir uns gegen alles versichern, mögliche Gefahren und Misserfolge aus dem Weg räumen und Missbräuche verunmöglichen. Das führt dazu, dass sogar Quartier-Räbeliechtli-Umzüge ein Sicherheitskonzept brauchen.
Welche Supertrends sind am wichtigsten in den kommenden Jahren?
Es gibt sehr viele spannende und wichtige Veränderungen: Alterung, Individualisierung, Urbanisierung, Digitalisierung oder der Klima-Wandel.
Welchen Beitrag können freiwilliges Engagement und Zivildienst leisten?
Der Staat kann nur langsam auf Veränderungen reagieren. Das ist z. T. auch gut so. Es braucht eine dynamische, resiliente Zivilgesellschaft, die Dinge auf eine weniger formelle Art anpackt und Experimente wagt. Freiwilligenarbeit und Zivildienst können Ausdruck dieser Zivilgesellschaft sein und schaffen gleichzeitig solche Strukturen. Im Zivildienst können etwa Kontakte mit Menschen entstehen, denen man sonst nie begegnen würde.
Jakub Samochowiec, Leonie Thalmann, Andreas Müller: «Die neuen Freiwilligen», Rüschlikon: GDI 2018 (dt., frz & engl. erhältlich).