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Was macht Menschen gesund? Es war eine Studie über Frauen, die den Medizinsoziologen Aaron Antonovsky dazu brachte, diese Frage ins Zentrum seiner Forschung zu rücken. Der 1923 geborene Forscher untersuchte Ende der sechziger Jahre, wie Frauen mit der Menopause und den damit einhergehenden Problemen umgehen.
Er befragte im Rahmen dieser Studie auch 77 Holocaust-Überlebende zu ihrem Wohlbefinden und ihrem körperlichen und seelischen Gesundheitszustand. Dass fast ein Drittel dieser Frauen trotz ihrer extremen Erfahrungen bei guter Gesundheit war, grenzte für ihn an ein Wunder, das er ergründen wollte.
In seinem Buch «Health, Stress and Coping», das er 1979 veröffentlichte, plädierte er dafür, nicht nur die Entstehung von Krankheiten, also die Pathogenese, zu erforschen, sondern die Entstehung der Gesundheit in den Fokus zu rücken, die sogenannte Salutogenese.
Wer in seinem Leben einen Sinn sieht, lebt gesünder
«Damit hat Antonovsky das Denken völlig umgekehrt», sagt Claudia Meier Magistretti, Psychologieprofessorin an der Hochschule Luzern, die im kommenden Frühsommer ein Handbuch zur Salutogenese herausgeben wird. «Damals gab es einfach gesund und krank, und Krankheit musste man bekämpfen und verhindern. Antonovsky war der Erste, der sagte, die Gesundheit sei ein Kontinuum, und der wissen wollte, wie wir uns in Richtung Gesundheit bewegen können.»
Zentral für die Gesundheit ist in Antonovskys Modell der sogenannte Kohärenzsinn – ein Grundvertrauen ins Leben und in unsere Fähigkeiten, die Anforderungen, die das Leben an uns stellt , zu verstehen, zu bewältigen und ihnen einen Sinn zu geben. «Menschen mit einem starken Kohärenzsinn sind psychisch gesünder und haben auch weniger körperliche Beschwerden», sagt Meier Magistretti. Durch Studien belegt sei dieser Zusammenhang beispielsweise für Herzinfarkt, unterschiedliche Krebsarten, Diabetes oder Posttraumatische Belastungsstörungen.
Ein starker Kohärenzsinn stehe auch mit einer höheren Lebenserwartung und besserem Gesundheitsverhalten in Verbindung. «Der Kohärenzsinn ist ein Konzept, das wir mit Hilfe von Fragebögen erfassen. Dass es so vieles erklären kann, ist unglaublich, darüber staune ich noch immer», sagt Meier Magistretti.
«Wer immer hört: Dein Gehirnstoffwechsel ist gestört und darfst dies und jenes nicht tun, verliert irgendwann das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten.»Uwe Bening, Psychologe
Fokus auf gesunde Teile legen hilft beim Gesundwerden
Im Internet kursieren unterschiedliche Versionen des Fragebogens, aber Meier Magistretti betont, dass er für Forscher gedacht ist und dass diese beim Institut in Israel, das Antonovsky aufgebaut hat, anfragen müssen, um die autorisierte Version des Fragebogens zu erhalten. «Der Kohärenzsinn ist nicht ein Persönlichkeitsmerkmal, das man bei einer Einzelperson messen kann wie den IQ, und bei einem bestimmten Wert ist man dann gesund. Vielmehr kann man damit feststellen, wie stark der Kohärenzsinn einer Person im Verhältnis zu den übrigen Mitgliedern einer Gruppe ist.»
Antonovskys Modell hat Eingang gefunden in die Praxis, etwa in die Ausbildung von Pflegefachpersonen, Physio- und Ergotherapeuten, Hebammen, Psychologen und Psychiaterinnen. Auch die Stiftung Pro Mente Sana greift darauf zurück bei ihrer Arbeit mit psychisch kranken Menschen.
«Für viele ist es hilfreich, sich nicht nur als krank zu begreifen, sondern auch zu fragen: Wo genau stehe ich auf dem Weg zur Gesundheit?», sagt Uwe Bening. Der freiberufliche Psychologe war bis zum vergangenen Sommer bei der Stiftung Pro Mente Sana Verantwortlich für den Bereich Recovery. «Wer immer hört: Dein Gehirnstoffwechsel ist gestört, du musst dauerhaft Medikamente nehmen und darfst dies und jenes nicht tun, der lebt in ständiger Angst und verliert irgendwann auch das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Gesundung braucht aber Vertrauen.» Er erlebe oft, dass psychisch kranke Menschen im Austausch mit anderen Betroffenen Wertschätzung erfahren und dadurch wieder neue Handlungsfähigkeit erlangen.
Gesunde Lebensweisen auch anwendbar machen
«Als Fachpersonen müssen wir darauf achten, dass wir nicht sofort Tipps geben, sondern erst einmal Fragen stellen», sagt Hebamme Carole Lüscher-Gysi, die 2017 ein Zentrum für Salutogenese rund um die Geburt eröffnet hat. Antonovskys Theorie in die Praxis umsetzen heisst für sie: Alles, was sie mit den werdenden oder frischgebackenen Müttern bespricht, muss für diese verstehbar, handhabbar und bedeutsam sein.
«Beim Thema Rauchen etwa informiere ich nicht einfach, dass Rauchen schädlich ist für das Baby. Ich versuche, das Thema wertfrei anzusprechen.» Stelle sich im Gespräch heraus, dass die Frau vor allem in stressigen Situationen rauche, erarbeitet sie mit ihr andere Möglichkeiten der Stressbewältigung. «Ich muss der Frau das Gefühl geben: Dein Verhalten ist wichtig, du bist wichtig. So kann ich ihren Kohärenzsinn stärken.» Das sei auch deshalb wichtig, weil davon der Kohärenzsinn des Kindes abhänge.
Der Arbeit mehr Sinn geben, statt nur Stress abbauen
Wie die Salutogenese im Arbeitsalltag zu mehr Gesundheit führen kann, erforscht Psychologin Rebecca Brauchli vom Center of Salutogenesis der Universität Zürich. So ist gesünder, wer Job Crafting betreibt, also seinen Job aktiv mitgestaltet. «Es geht darum, dass man nicht nur Belastungen abbaut oder Stress reduziert, sondern auch Ressourcen aufbaut , die in Antonovskys Modell Grundvoraussetzung sind für die Entwicklung des Kohärenzsinns.» sagt Brauchli.
«Crafting bedeutet, seiner Arbeit mehr Sinn zu geben.»Rebecca Brauchli, Psychologin an der Uni Zürich
Man schaue beispielsweise, wie die Beziehung zum Chef und zu den Kollegen so gestaltet werden kann, dass man besser unterstützt wird. «Und wie man seine Arbeit inhaltlich attraktiver machen und ihr mehr Sinn geben kann», sagt Brauchli. «Das funktioniert sehr gut. Wer aktiv Ressourcen aufbaut, ist tatsächlich gesünder, das haben zahlreiche Beobachtungs- und Interventionsstudien gezeigt.»
Obschon Antonovskys Ideen heute vielen beinahe selbstverständlich scheinen, stellt Brauchli fest, dass die Salutogenese im Medizinstudium nach wie vor kaum ein Thema ist. «In der Medizinausbildung liegt der Fokus noch immer darauf, zu erkennen: Was macht krank, und wie kann man Krankheit bekämpfen oder verhindern – und nicht darauf, wie man Ressourcen stärken und die Gesundheit verbessern kann.»
Warum sind Frauen gesünder als Männer?
Frauen gelten gemeinhin als gesundheitsbewusster als Männer, doch sind sie das tatsächlich? «Es ist mehr als ein Klischee», sagt Psychologin Rebecca Brauchli vom Center of Salutogenesis der Universität Zürich. «Nur schon weil wir menstruieren, schwanger werden und eine Geburt erleben können, nehmen wir unseren Körper anders wahr als Männer», sagt sie.
Dieses andere Körperbewusstsein erkläre auch teilweise das sogenannte Mortalitäts-Morbiditäts-Paradoxon: die Tatsache, dass Frauen laut Statistik zwar häufiger krank sind als Männer, aber trotzdem länger leben. Sie gehen häufiger zum Arzt als Männer, zudem gilt Schwangerschaft als Krankheit. Die unterschiedliche Lebenserwartung der Geschlechter erkläre sich auch durch unterschiedliches Gesundheits- und Risikoverhalten. So rauchen und trinken Männer beispielsweise mehr als Frauen.
«Frauen verhalten sich in vielem gesünder als Männer», bestätigt auch Psychologin Claudia Meier Magistretti von der Hochschule Luzern. Dennoch findet sie, dass Frauen nicht grundsätzlich gesundheitsbewusster sind als Männer. «Frauen haben einfach eine andere Art, über Gesundheit zu sprechen », sagt sie. Was uns denken lässt, sie seien gesundheitsbewusster.
So habe etwa eine Studie zum Thema Migräne gezeigt, dass Frauen Kopfschmerzen oft sich selbst und ihrer
Psyche zuschreiben. Männer hingegen schrieben identische Beschwerden meist den äusseren Umständen zu und erklärten sie physiologisch.