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Ihr siebter Roman, «Rosie Carpe», für den die in Paris lebende senegalesische Schriftstellerin mit dem Prix Femina 2001 ausgezeichnet worden war, ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.
Das Bild auf dem Buchumschlag zeigt fast eine Idylle: Würde man bei dem karibischen Holzhäuschen ein paar Stühle auf die Veranda stellen und im Inneren ein Licht brennen lassen, dann könnte man die Geschichte einer Familie erzählen, die mit bescheidenen Umständen recht zufrieden ist. Nur die türkisgraue Farbgebung sorgt für Unbehagen - zu Recht. Denn Marie NDiayes Roman «Rosie Carpe» hat mit einer Idylle nichts zu tun. Vielmehr sind ihre Figuren von tiefstem Elend beherrscht, weniger materiellem als seelischem Elend, das durch die Tatsache, dass sie sich von ihm beherrschen lassen, nur noch drückender wird: Lange habe ich kein so negatives, pessimistisches Buch mehr gelesen. Aber auch keines, das den Wurzeln und dem Erleben des Elends so konsequent auf den Grund geht.
Rosie Carpe ist Tochter liebe- und interesseloser Eltern aus der französischen Provinz. Zusammen mit ihrem Bruder Lazare hat sie das Haus frühzeitig verlassen und die von den Eltern festgesetzten Massregeln bewusst missachtet, nicht nur aus Protest, sondern auch um die Eltern zu zwingen, sich mit dem Schicksal der Kinder zu beschäftigen. Ohne Erfolg: Beide sind ihnen schlicht egal. Rosie, die in einem Hotel arbeiten kann, wird nun von ihrem Chef geschwängert und ist später mit ihrem Sohn Titi völlig überfordert. Aber wenigstens finanziell kann sie sich über Wasser halten. Lazare hingegen versackt komplett, er entwickelt sich zu einem üblen Schnorrer und Betrüger, der einem Geschäfte versprechenden Abel schliesslich auf die Karibikinsel Guadeloupe folgt.
Dort spielt ein gewichtiger Teil des Romans: Rosie sucht Lazare, der ihr von seinem neuen Leben viel vorgeschwärmt hat - und findet ihn miserabler vor denn je, auf Kosten seines früheren Kollegen Lagrand lebend. Dieser Lagrand, ein Einheimischer, ist in jeder Beziehung das Gegenteil von Lazare. Er kümmert sich um Titi, beschützt Rosie, liebt sie vielleicht und heiratet sie schliesslich. Da hat sich die gesamte Familie Carpe, mitsamt den französischen Eltern, schon längst auf der Insel breit gemacht.
Die grosse Klasse der 1967 in Frankreich geborenen Marie NDiaye - die Eltern wanderten aus Senegal ein - liegt in ihrem langen Atem. Die äussere Handlung, nicht besonders reichhaltig, verknüpft sie durchgehend mit einer minutiösen, erstaunlich konsequenten Ausleuchtung des Innenlebens ihrer Figuren. Wenn Lagrand etwa beobachtet: «Das war der Grund, warum Rosie sich so widerstrebend bemüht hatte, Titis Blut zu stillen, wie ihm aufgefallen war. Sie wünschte verzweifelt, dass der Junge verschwände», dann erlebt man hier mit, wie sich Erkenntnis entwickelt. Manchmal entstehen daraus fast Stilblüten («sie wusste nicht, wie es sein konnte, dass sie unfähig war, sich zu weigern») - aber eben nur fast, denn der Satz ist in sich wahr. Szene um Szene entfaltet NDiaye das Psychogramm einer verrotteten Familie, das sie nur gelegentlich selbst überspitzt: Denn bisweilen fragt man sich, ob Gefühle und Eindrücke wirklich immer auf den kognitiven Begriff gebracht werden können. Aber die Autorin treibt die Sagbarkeit so weit, dass Rosies seelische Orientierungslosigkeit mit Händen greifbar zu sein scheint.
Als Höhepunkte des Romans könnten diejenigen Szenen gelten, in denen die Autorin Rassismus sichtbar macht, mal einen ganz beiläufigen (wenn Rosies Mutter Lagrand von ihren Plänen erzählt und wie nebenbei fragt: «Verstehen Sie?», als ob ihm das zu hoch sein könnte), mal einen brutal erniedrigenden (wenn eine Passantin mit den Umstehenden gewettet hat, dass es ihr gelingt, Lagrand die Zunge ins Ohr zu stecken). NDiaye porträtiert die französisch-karibische Insel als einen Ort immer noch existierender kolonialer Konflikte, an dem eine weisse Familie, ganz egal wie unwürdig und verkommen, sich in jedem Moment einem Schwarzen überlegen fühlt, ganz gleich wie integer und wohlsituiert er auch sein mag.