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Meine lieben Mitbrüder,
bis zur Neuordnung der Liturgie sah das Pontificale Romanum für die Beisetzung der Bischöfe – aber auch der Könige, Staatenlenker und Regierenden – mehrere Absolutionsgebete vor. Der Anzahl entsprechend, bezeichnete man dieses Fürbittgebet die Quinque Absolutiones (die fünf Absolutionsgebete). Sie wurden zwar nie abgeschafft, aber kamen außer Gebrauch. Mit Summorum Pontificum aus dem Jahre 2007 – Jahr meiner Bischofsweihe – hat der damals regierende Papst Benedikt XVI. unter anderem auch dieses liturgische Gebet in Erinnerung gebracht.
Warum hat die Kirche bei der Beisetzung der Bischöfe diesen ausgedehnten Absolutionsritus angewendet? Die Kirche war sich der schweren Aufgabe eines Bischofs und Nachfolgers der Apostel bewusst. Sie hat dieses Amt daher immer auch auf dem Hintergrund der Rechenschaft betrachtet: Der Bischof muss über seinen Dienst Rechenschaft ablegen. Natürlich muss jeder Mensch über seine Lebensführung Rechenschaft ablegen. Die Rechenschaft eines Bischofs hat aber sicher ein eigenes Gewicht.
Die Kirche hatte bei der Ausformung der fünf Absolutionsgebete unter anderm das Gleichnis vom klugen und vom bösen Knecht vor Augen: „Wer ist denn der treue und kluge Knecht, den der Herr über sein Gesinde einsetzte, damit er ihnen zur rechten Zeit die Nahrung gebe? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht böse ist und in einem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich!, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen und mit Zechern isst und trinkt, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“ (Mt 24,45-51). Eben diese Worte zeigen die große Verantwortung eines Kirchenvorstehers. Im Lukasevangelium wird dieser Text ausgeweitet und erläutert, indem Jesus beifügt: „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen“ (Lk 12,48). Mit dem unerschöpflichen Schatz des Glaubens wird den Dienern der Kirche viel gegeben. Deshalb wird von ihnen viel zurückgefordert, von einem Bischof umso mehr. Über dieses anvertraute „Viele“ sagt uns Jesus an einer anderen Stelle, wo er über die Erfüllung des Gesetzes spricht: „Wer aber nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt 5,19). Da der Bischof der erste Lehrer, der erste Priester und der erste Hirte eines Bistums ist, müssen ihm diese Worte ganz besonders ans Herz gehen. Sie gehören zu seinem Beichtspiegel und sind bis zu seinem Ende Gegenstand der Gewissenprüfung.
Diese Worte – mit noch weiteren Texten der Heiligen Schrift – sind der Hintergrund für die Frage, warum die Kirche für die Seelenruhe der Bischöfe ganz besonders betete und betet. Es sollte uns allen und allen Priestern eines Bistums am Herzen gelegen sein, für die verstorbenen Bischöfe immer wieder Fürbitte einzulegen und die heilige Messe zu feiern. Denn ihre Verantwortung war und ist außerhalb des Gewöhnlichen.
Vor etlichen Jahren ließ sich beim Gedenkgottesdienst für einen Kardinal der zelebrierende Kardinal in folgender Weise vernehmen: „Was wird ein Bischof antworten, wenn die Frage an ihn ergeht: Zu deiner Zeit hat der Glaube abgenommen, ist die Glaubenskraft erlahmt, haben sich die Kirchen geleert, wurde die Treue zu den Lebensgesetzen erschüttert, ist der Wille zum Kind geschwunden, wurden viele Kinder nicht mehr getauft, haben sich die Ehescheidungsziffern erhöht, haben Priester die Reihen ihrer Mitbrüder verlassen, ist der Mut und die Kraft zur Totalhingabe des Lebens im Dienste Gottes und der Brüder in der Jugend erlahmt. Was hast du getan, um all dem entgegenzuwirken?“
Meine lieben Mitbrüder, Ihr seht: Es ist notwendig – und es ist ein Werk großer Barmherzigkeit – für die verstorbenen Bischöfe zu beten, nicht nur für jene unseres Bistums, sondern für die überall je wirkenden Bischöfe. Amen.
Meine lieben Mitbrüder,