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Einem überdrehten, zum ersten Mal in der Disco sich bewegenden Teenager gleich vollführt ein lärmendes Propellerflugzeug über dem Genfersee seine Kapriolen, holt aus zu verschraubten Loopings, hinterlässt vielfarbenen Rauch, donnert tief über die Dächer von Montreux.
Wieso störe ich mich daran, wenn ein Mensch, der enorm gut fliegen kann, dies geniesst und nicht zögert, Tausende von Menschen auf sein Talent aufmerksam zu machen? Zeigt er nicht genau jene Lebensfreude, an der es mir, da ich nichts Besseres zu tun habe, als mich über Fluglärm zu ärgern, offenbar fehlt?
Die im Lärmschatten mitfliegenden Fragen begleiten mich, während ich aufsteige durch einen Wald, aus dessen Baumkronenlücken ich hin und wieder auf einen traumklar in der Sonne liegenden See blicke, dessen Glanz mich rührt, als wäre ich persönlich gemeint. Perlen sammle ich auf der Stirn und achte auf das Tempo; nach 16 Uhr erst bin ich in Veytaux einem Bus entstiegen; etwas luxuriös spaät vielleicht. Aber ich habe nun zwei volle Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet; das frühe Aufstehen, die fixe Idee, sich ungesäumt, kaum liegen ein paar Haferflocken zwischen den Zähnen, nützlich zu zeigen, sie können mich lecken, wo ich hübsch bin; Trägheit, Umwege und Ineffizienz gehören jetzt kultiviert!
Den 1600 Meter über mir liegenden Gipfel des Rochers de Naye möchte ich trotzdem erreichen, ehe es dunkelt. Einfach, um mir ohne Eile einen Platz für eine Nacht unter freiem Himmel suchen zu können.
Nach einer Weile erreiche ich einen baumlosen Geländevorsprung, auf dem sich Gleitschirmflieger versammelt haben. Ein Zweierteam ist startklar; sie scherzen, nesteln am Hüftgurt herum, aber kaum füllt sich die nahe Windhose, zieht eine Hand an der Leine, der Schirm löst sich vom Gras, und nach wenigen Schritten schon hängen sie an einem Textil, das ähnlich einer beschützenden Hand über ihnen schwebt.
Auf dem Gipfel des Rochers de Naye ist es schattig und kühl – um ins gewiss noch besonnte Seitental zu gelangen, steige ich ab auf eine Rinderalp. Begafft von Kühen stehe ich vor einem Wegweiser; ratlos. Nach einem Steinschlag ist genau jener Weg gesperrt, den ich benötige, um an die Abendsonne zu gelangen. Das Gebimmel der Kuhglocken geht mir auf den Keks; übernachten kann ich hier nicht.
Also gehe ich ganz runter, ins Tal, durchstreife einen krautigen Wald, steige wieder hoch, steige so lange, eine Lampe auf der Stirn, durch feuchte Haine und bimmelnde Kuhherden, bis ich fast, es ist 22 Uhr, wieder den Gipfel des Rochers du Naye erreiche. Wie war das mit den Umwegen, mit der Ineffizienz?
Am Fuss eines containergrossen Felsens finde ich zwei flache Quadratmeter, rolle den Schlafsack aus, gucke hinauf zu den Stecknadelköpfen der Sterne. Zu hören ist jetzt nichts als das Gieren der sich auf ihrer Achse drehenden Erde. Erschöpft und glücklich zerbeisse ich das lauteste Knäckebrot der Welt.
Anderntags steige ich hinab nach Les Cases, wo ich, auf einen schmalspurigen Zug wartend, die Blüte eines Wiesenbocksbarts pflücken will, die ziemlich lecker sein soll. Eine Biene kommt herangesummt; angesichts des kargen Angebots an blühenden Pflanzen ziehe ich die Hand zurück. Zupfe stattdessen von einigen älteren Schafgarbeexemplaren die obersten Blätter ab und lege sie mir aufs Brot. Eine Würdigung der Biene, die weder mit Benzin noch mit dem Wind fliegt.