Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/1596

Ettore Sottsass – ein Designer des Anti-Designs – Teil 1
Kann ein Designer ein Anti-Designer sein? Welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Welches Konzept steckt dahinter? Gibt es überhaupt eins? Vielleicht ist es ganz im Sinne von Ettore Sottsass (1917-2007), diese Fragen einfach im Raum stehen zu lassen und nicht zu beantworten. Vielleicht hilft aber auch ein Blick auf seine Biografie und sein Lebenswerk, sich dem scheinbaren Paradoxon von Design und Anti-Design anzunähern.
Sottsass wurde in Innsbruck geboren. Sein Vater war Architekt, und der Sohn trat in dessen Fussstapfen. Er studierte von 1935 bis 1939 am Polytechnikum in Turin, wandte sich aber schon bald auch anderen kreativen Tätigkeiten zu. Im Laufe seiner langen Karriere war er Fotograf, Zeichner, Philosoph – vor allem aber Designer.
Zu Beginn der 1950er Jahre gründete er sein erstes eigenes Studio in Mailand. 1957 stieg er als künstlerischer Leiter bei Poltronova (Florenz) ein, wo er viel mit dem damals brandneuen Werkstoff Fiberglas experimentierte und Lampen und Möbel entwarf. Bereits ein Jahr später begann seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Olivetti, dem führenden italienischen Büromaschinenhersteller. Sie sollte mehr als drei Jahrzehnte andauern und zu einigen der bekanntesten Schöpfungen Sottsass‘ führen, darunter den ersten Computer von Olivetti, das Modell „Elea“, und 1968 die berühmte knallrote Schreibmaschine „Valentine“, die es bis ins Museum of Modern Art geschafft hat. Für die Büromaschinen wurde Sottsass mehrfach mit dem „Compasso d’Oro“ ausgezeichnet, einem der begehrtesten italienischen Designpreise. Er selbst nannte die Zeit, die er für Olivetti tätig war, „friedlich“ und „glücklich“.
Ein weiterer wichtiger Abschnitt im Leben und Schaffen von Ettore Sottsass begann im Jahr 1981 mit der Gründung der Gruppe „Memphis“, einem Zusammenschluss aus Designern, Architekten, Künstlern und Personen aus anderen Bereichen. Die Mitglieder – neben Sottsass u.a. Michele De Lucchi, Matteo Thun, Aldo Cibic, Martine Bedine und die Journalistin Barbara Radice – schufen eine lebens- und farbenfrohe, völlig neue Formensprache, die sich gegen das bestimmende High-Tech- und Funktionaldesign der 1970er Jahre wandte. Es sollte ein „radikales“ Design entstehen, ein „Anti-Design“. Und hier klärt sich dann (vielleicht) auch die Eingangsfrage.
Sottsass und De Lucchi kannten sich bereits von der Zusammenarbeit in der Gruppe „Studio Alchimia“ her. Diese hatte sich 1976 gegründet. Die Mitglieder einte ein tiefes Misstrauen gegen die grundsätzliche Entwicklung und Ausrichtung der Gesellschaft sowie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen mit den Problemen des damals modernen Designs. Ziel von „Alchimia“ war es, den Beruf des Designers von elitärem Gehabe und Überheblichkeit zu befreien sowie ihn zu entmythologisieren. Sottsass trennte sich nach einiger Zeit von „Alchimia“, weil ihm die Gruppe zu introvertiert und intellektuell ausgerichtet war und sich nicht gegenüber einem breiteren Publikum öffnen wollte. Dies aber war eines seiner erklärten Ziele.
Beim ersten Treffen von „Memphis“ lief zwischendurch das Lied „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ von Bob Dylan, das Sottsass zur Namensgebung inspirierte. „Memphis“ stand einserseits für das altägyptische Herrschaftszentrum unter dem Pharaoh Ptah, andererseits für lauten Rock’n’Roll in Elvis-Presley-Manier, für Sottsass die Symbiose von Erhabenem und Trivialem. Genau dies sollten auch die Designprodukte von „Memphis“ widerspiegeln. Als „politisches“ Ziel war vorgegeben, gutes Design für die breite Masse und nicht nur für elitäre Kreise zu schaffen.
„Memphis“ hatte keine Auftraggeber, keine organisatorische Struktur und arbeitete völlig ohne kommerziellen Druck. Unter diesen Voraussetzungen entstanden fantasie- und lustvolle Formen für den Alltag, teilweise aus der Tierwelt entlehnt, teilweise aus elementaren Körpern wie Würfel, Kegel, Pyramiden oder Kugeln zusammengesetzt. Als Material diente dabei häufig buntes Laminat aus Kunststoff. Obwohl die Möbel von „Memphis“ deutlich von der Pop-Art inspiriert waren, gelang es den Mitgliedern, eine eigenständige Optik und Formensprache zu entwickeln.
Nur wenige Monate nach der Gründung präsentierte „Memphis“ in Mailand die ersten rund 40 Objekte auf einer Ausstellung. Allein zur Eröffnung kamen 2’500 Besucher und zahlreiche Journalisten aus aller Welt. Die Reaktionen des Publikums und der Fachwelt waren sehr unterschiedlich und reichten von totaler Euphorie bis zu entrüsteter Ablehnung. Von Kollegen alter Schule wurden die Entwürfe als kurzzeitige Modeerscheinung abgetan. Aber so ganz konnte sich wohl niemand dem Charme der Exponate entziehen. Jasper Morrison beispielsweise, ein Purist in der Designerwelt, erzählte einige Jahre später, er sei einerseits angewidert gewesen, habe den vollzogenen „totalen Tabubruch“ andererseits aber auch als eine Befreiung empfunden.
Oberstes Bild: © Zanone – wikimedia.org