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von Marianne Doran

Der Gender-Aspekt, also die Frage nach der Differenz zwischen den Geschlechtern in Bezug auf gesellschaftlich erwartete Verhaltensmuster und soziales Ansehen einerseits und die Muster innerhalb eines Geschlechts andererseits, beschäftigt Männer gleichsam wie Frauen. Gerade in einem Berufsfeld, in welchem Frauen stark unterrepräsentiert sind, interessiert die Frage brennend.
In fast jedem klassischen Orchester spielen Instrumentalistinnen. Aber noch zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts kam es bei den Berliner Philharmonikern zu einem Eklat, da die männlichen Orchestermitglieder sich weigerten, mit der Klarinettistin Sabine Meyer zusammenzuarbeiten, obwohl sie von ihrem Können her für dieses Orchester qualifiziert war. Seitdem hat immerhin in der Klassik die Bühnenpräsenz von Musikerinnen mit Streich- und Blasinstrumenten stark zugenommen. Diese Entwicklung scheint im Jazz nur punktuell eingesetzt zu haben. Die Jazzszene ist von Männern dominiert. Diese Unterrepräsentation der Frauen ist auch in der Ausbildungssituation an Jazzabteilungen erkennbar. Der geringe Frauenanteil in der Jazzausbildung/Musikhochschulen in der Schweiz von 11,6 % wird oft diskutiert. In andern künstlerischen Ausbildungen liegt der Frauenanteil bedeutend höher. An der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern beispielsweise liegt der Frauenanteil in Abteilung bildende Kunst bei ca. 55 %, über alle Studiengänge verteilt wird er auf über 65 % geschätzt.
Welche Faktoren tragen dazu bei, dass sich nur sehr wenige Frauen für die Berufsausbildung Jazzmusikerin entscheiden. Neben dem Prozess der Berufsfindung stellt sich auch die Frage nach der Identität der Musikerinnen. Wie nehmen sie sich als Frau und als Jazzmusikerin in einem männlich geprägten Milieu wahr?
Gender Studies
Unter dem Begriff Gender Studies versteht man die Wissenschaft der Geschlechterforschung. Es wird auch vom sozio-kulturellen Geschlecht, von Geschlechterdifferenz, Geschlechterzuschreibung oder auch von Geschlechteridentität gesprochen.
Der Begriff gender beschreibt nicht nur die Differenzen zwischen den Geschlechtern in Bezug auf gesellschaftlich erwartete Verhaltensmuster und soziales Ansehen, die in einer gegebenen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt herrschen, sondern er stellt auch unterschiedliche Muster innerhalb eines Geschlechts dar, die in Abhängigkeit von vielfältigen Faktoren – wie ethnische Zugehörigkeit, Religion oder Klassenzugehörigkeit – innerhalb einer Gesellschaft konstruiert werden. Die Kategorie gender repräsentiert somit veränderbare, kulturell bedingte Geschlechtszuschreibungen, die nach bestimmten Regeln die Beziehungen der Geschlechter zueinander und das Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft organisieren. Aufgabe der Gender Studies ist es, herauszufinden, welche konkreten Machtstrukturen hinter einem solchen Regelsystem stehen, wer innerhalb der Gesellschaft möglicherweise ein Interesse an der Festschreibung und Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen hat und inwieweit jedes Mitglied der Gesellschaft im alltäglichen Leben am symbolischen Vollzug dieser überlieferten Rollen beteiligt ist. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Mechanismen, die zu einer bestimmten Ordnung der Geschlechter führen, und die ständig wiederholte Festschreibung der Ungleichheit der Geschlechter zu durchbrechen.
Gender Studies in der Musikwissenschaft
Für die Musikwissenschaft stellt die Frauenforschung eine Vielzahl an Informationen über Frauen zur Verfügung, die aktiv am Musikleben als Komponistinnen, Musikerinnen oder Dirigentinnen teilnehmen oder teilgenommen haben und die dennoch im Kanon der musikalischen Meisterwerke, in den Musiklexika und in der Musikgeschichtsschreibung verschwiegen werden. Für die Gender Studies ergibt sich daraus die Frage, wie es zu diesem Verschweigen von Frauen in der Musikgeschichte gekommen ist, weshalb sie von der musikalischen Öffentlichkeit ausgeschlossen und in die Privatsphäre abgedrängt wurden und nach welchen Kriterien ihre Werke bewertet wurden.
Kulturelle Erzeugnisse stehen in unmittelbarem Bezug zur Bildung von gender; an der Musik lassen sich viele Aspekte des kulturell gebildeten Geschlechterverhältnisses musikanalytisch, zeit-, sozial- und ideengeschichtlich analysieren. Aus dieser Perspektive gesehen, ist die Frauen- und Geschlechterforschung ein integraler Bestandteil der musikwissenschaftlichen Forschung.
Rahmenbedingungen für das musikalische Wirken von Jazzmusikerinnen
Lust und Kreativität sind essentielle Momente in der künstlerischen Selbstentfaltung. Doch im welchem Mass Frauen ihre Kreativität im Alltag umsetzen konnten und können, hängt bis heute von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Beim Blick auf die historische Situation von Frauen zeigt sich, dass sie über Jahrhunderte hinweg daran gehindert wurden, ihre Kreativität auszubilden und auszuleben.
Mädchen werden noch immer eher dazu erzogen, sich fremden Willen unterzuordnen und sind stärker auf die Anerkennung von Erziehungspersonen angewiesen. Dadurch wird verhindert, dass sie eine eigenständige Lust an der Musik entwickeln können. Gerade aber beim Aneignen und Ausüben von Jazzmusik spielen Lust und Kreativität eine wichtige Rolle. Neben rein musikalisch-handwerklichen Fertigkeiten stehen beim Jazz die Fähigkeit zur Improvisation, die Lust am freien Spiel und der Reiz am Experiment im Mittelpunkt. Ein selbständiges Erarbeiten der Musik und Erfahrungen im Umgang mit dem Instrument sowie ein gewisser Freiraum und Kreativität sind erforderlich. Die Erziehung von Mädchen dazu, sich zurückzunehmen und in den Hintergrund zu treten, steht jedoch im Widerspruch zu diesen Aspekten und erschwert den Erwerb dieser jazzmusikalischen Qualifikation. Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen sind notwendig, um sich in einem Jazzensemble behaupten zu können, sei dies bei der Beanspruchung einer Soloimprovisation innerhalb eines Stücks, der mutigen Akzentuierung einer bestimmten Stelle oder in der Regulierung der Lautstärke des eigenen Instruments. Eine defizitäre Selbstbewertung wirkt sich bei Jazzmusikerinnen hemmend aus.
Dass Frauen in der Jazzmusik einen so geringen Anteil haben, hängt auch eng mit der Tatsache zusammen, dass diese Musik mit männlichen Attributen wie aggressiv, wild, ekstatisch in Verbindung gebracht wird, die konträr zu dem immer noch gängigen Frauenbild stehen. Die Instrumentenwahl ist geschlechtsspezifisch. Die Zuordnung der Instrumente ist auf Vorurteile zurückzuführen, die jeder Geschlechterrolle stereotype Merkmale zuschreiben. Entscheidend dafür sind Klangfarbe des Instruments, Stimmlage, mögliche Lautstärke, der Anteil elektronischer Technik und der Körperausdruck, der beim Spiel entsteht. Im Jazz viel gespielte Instrumente wie Trompete, Posaune, Saxofon, Schlagzeug, E-Gitarre oder Bass werden eher mit dem männlichen Geschlecht assoziiert, während bei Instrumenten wie Klavier, Flöte, Klarinette oder Violine angeblich weibliche Eigenschaften mitschwingen. Die musikalische Sozialisation in Elternhaus, Schule und Freizeitbereich führt Mädchen bevorzugt an Instrumente heran, die sich wenig für eine im Jazz angestrebte Ausdrucksweise eignen. Damit sind die Musizierenden oft von vorne herein auf eine musikalische Sparte festgelegt. Es fehlen weibliche Jazzinstrumentalistinnen als Identifikationsmöglichkeit. Ohne Vorbilder können heranwachsende Mädchen nur schwer auf die Idee kommen, Jazzmusik zu spielen. Die wenigen existierenden Vorbilder erfahren in den Medien oft eine Darstellung, die unabhängig von den musikalischen Fähigkeiten stark mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht wird, das Aussehen und Auftreten von Jazzmusikerinnen spielt in den Medien eine überproportional grosse Rolle.
Auswertung der Umfrage
Bei der Umfrage standen statistische und sozialwissenschaftliche Aspekte im Zentrum. Die Befragungen wurden an allen schweizerischen und an ausgewählten europäischen Musikhochschulen, welche auch eine Jazzabteilung führen, durchgeführt.
Auswertung der Umfrage
Bei der Umfrage standen statistische und sozialwissenschaftliche Aspekte im Zentrum. Die Befragungen wurden an allen schweizerischen und an ausgewählten europäischen Musikhochschulen, welche auch eine Jazzabteilung führen, durchgeführt.
Klassische Abteilungen
Total Studienabschlüsse in den Jahren 1997 bis 2001
|97||98||99||00||01|
|Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen|
|37,85%||62,15%||45,25%||54,75%||37,25%||62,75%||41,76%||58,24%||41,84%||58,16|
Durchschnittlicher Frauenanteil: 59,21%
Art der Ausbildungsabschlüsse
|Musikpädagogische Ausbildungen (Instrumentalunterricht, Schulmusik, Grundausbildung, Rhythmik etc.)||66,03%|
|künstlerische Ausbildungen ( Performance, Solisten, Konzertreife, etc.)||55,05 %|
|Komposition, Dirigieren||14,8 %|
Auffallende Tendenzen bei den gewählten Instrumenten: ein besonders hoher Anteil an Pianistinnen oder etwa ein besonders tiefer Frauenanteil bei Schlaginstrumenten.
Jazzabteilungen
Total Studienabschlüsse in den Jahren 1997 bis 2001
|97||98||99||00||01|
|Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen||Männer||Frauen|
|93,55%||6,45%||95,46%||4,54%||81,82%||18,18%||82,15%||17,5%||88,58%||11,42%|
Durchschnittlicher Frauenanteil: 11,61%
Von den 11,6 % Frauen in der Jazzausbildung sind 55 % Sängerinnen und 45 % Instrumentalistinnen.
Jazzmusikerinnen
Vorbildung
Erstausbildung: Bei nur gerade 33% handelt es sich um eine Erstausbildung.
Einflüsse für die Wahl des Hauptinstruments (inklusive Gesang):
|Familiärer Einfluss||15 %|
|Einfluss durch Freunde||37,3 %|
|Einfluss durch Lehrpersonen||18,6 %|
|Einfluss durch Vorbilder||29,1 %|
Wahl zwischen einem klassischen oder Jazz-Studium:
|Kein Thema||75 %|
|Schwierig||25 %|
|Sehr schwierig||0|
Gründe für die Wahl eines Jazzstudiums:
Musikalische Vorbilder
75 % bezeichnen Vorbilder als wichtig. Dabei ist aber der Geschlechteraspekt nur für 25 % der Befragten von Bedeutung.
Berufsbild Jazzmusikerin, Komponistin
Ob es Frauen schwieriger haben als Männer, sich in der Szene zu behaupten, beantworten 75 % mit ja.
Ebenso möchten 75 % der Befragten von der künstlerischen Tätigkeit, also ohne Unterrichtstätigkeit, leben. Verschiedentlich werden aber erwartete Schwierigkeiten angetönt.
Bei der Frage, ob der Markt im Jazz im Vergleich zum klassischen Markt weniger attraktiv, d.h. weniger Angebote und Auftrittsmöglichkeiten habe, antworten 41 % mit ja, nur gerade 25 % bewerten die Berufschance gleich.
Das Konkurrenzverhalten von Frauen oder Männern im Berufsleben wird mit 58 % als vergleichbar bewertet, 25 % sagen aus, dass das Konkurrenzverhalten von Männern ausgeprägter ist.
Bedeutung von Improvisation und Solo
50 % empfinden das Improvisieren / Solieren als geschlechtsspezifisch, 16 % als nicht geschlechtsspezifisch.
Die Frage was bedeutet für dich Improvisieren wird u.a. wie folgt beantwortet:
75 % der befragten Frauen geben an, dass es den Männern einfacher oder gar viel einfacher fällt, sich Platz für ein Solo zu nehmen, 16 % bewerten das Verhalten als nicht geschlechtsspezifisch.
Geringen Frauenanteil in der Jazzmusik
Für den geringen Frauenanteil an Jazzschulen und auf der Bühne werden u.a. folgende Gründe genannt:
Frauenspezifische Frauenförderung im Jazz
Soll die Erhöhung des Frauenanteils spezifisch gefördert werden?
58 % beantworten diese Frage mit ja, zum Beispiel mit Bildungsangeboten in der Jugendzeit oder mit Einstellung von weiblichen Lehrpersonen. 33 % verneinen diese Frage, da die Förderung früher stattfinden muss. Bei einer spezifische Förderung an der Hochschule wird befürchtet, dass die Frauen dann weniger ernst genommen werden.
Schlussfolgerungen
Jazz auf einem Instrument zu spielen ist ein traditioneller Männerberuf. Dementsprechend ist die Jazzszene als Subkultur geprägt durch männliche Kontakte, Arbeits- und Lebensvorstellungen. Diese Feststellung ist auch auf die Ausbildungssituation zu übertragen: An der Jazzfakultät der Musikhochschule Luzern (Fachhochschulstufe) beispielsweise unterrichten 46 Männer und vier Frauen Die Jazzmusikerinnen erhalten keine Anleitung oder Einführung durch gleichgeschlechtliche Personen. Sie müssen sich in ihrer beruflichen Laufbahn an eine spezifische Form der männlichen Kultur anpassen.
In den Befragungen der Jazzmusikerinnen wird deutlich, dass für sie das Niveau der Musik an erster Stelle steht. Sie wollen gute Musik machen und, wenn das Level der MitmusikerInnen mit ihrem übereinstimmt, macht es für sie vom Können und Musikalischen her keinen Unterschied, ob Mann oder Frau spielt. Die Musikerinnen beanspruchen, hinsichtlich ihres Könnens mit den männlichen Musikern gleichgestellt zu sein. Trotzdem ist beim Musikmachen eine geschlechtsspezifische Zuordnung ihrer Person feststellbar. Sowohl in der Interaktion mit den Bandmitgliedern, mit dem Publikum oder mit den Lehrern im Unterricht wird das Geschlecht – oft ungewollt – relevant.
Frauen haben aufgrund ihrer Sozialisation und dem Fehlen von gleichgeschlechtlichen Vorbildern schwierigere Ausgangsbedingungen als Männer, um sich jazzmusikalische Qualifikationen anzueignen oder den Beruf der Jazzmusikerin anzueignen. Während der beruflichen Sozialisation müssen sie sich in eine männlich geprägte Arbeitswelt integrieren.
Frauenspezifische Förderungen in der Berufsausbildung oder auch zum Beispiel Frauenmusikfestivals oder Musiksendungen, die ausschliesslich über Frauen berichten, bergen die Gefahr, dass musikmachende Frauen marginalisiert werden. Dennoch können derartige Bestrebungen dazu beitragen, dass vermehrt Jazzpädagoginnen an Jugendmusikschulen unterrichten werden, dass Instrumentalistinnen in der Jazzszene bald keine Seltenheit mehr sind und folglich nicht mehr das Geschlecht, sondern die Musik der Musikerinnen im Vordergrund steht.
An Jazzausbildungsstätten, wo sich Frauen wie Männer gleichermassen wohl fühlen, stellt diese Tatsache nicht nur eine Bereicherung für die Frauen sondern auch für die Männer dar. Dieses klimatische Umfeld ist weniger mit spezifischer Frauenförderung als mit einer allgemeinen Sensibilisierung für Minoritäten zu erreichen.
Marianne Doran ist Co-Leiterin der Fakultät III (Jazz) und Koordinatorin für den Nicht-Hochschulebereich an der MHS Luzern.