Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03300.jsonl.gz/1459

Ein Federchen vom Schutzengel...
Ein Federchen vom Schutzengel
Hoch oben am Himmel, weit hinter den Wolken, die wir sehen können, wohnen die Engel. Manchmal, wenn die Sonne untergeht, fliegen sie zwischen den Farben des Abendrots hin und her und schauen auf die Erde hinunter. Das tat auch der kleine Zölestin, ein noch sehr junger Engel mit kurzen Flügelchen. Er träumte davon, einmal auf die Erde fliegen zu dürfen. Am liebsten wäre er ein Schutzengel geworden, so ein Engel, der aufpasst, dass den Menschenkindern nichts Böses geschieht. Zölestin sagte das dem Himmelswächter Petrus. Der aber schüttelte nur den Kopf: „Dafür bist du noch ein wenig zu klein und deine Flügelchen sind noch zu kurz. Warte ein wenig, bis sie gewachsen sind.“
Doch Zölestin war kein sehr geduldiger Engel. Warten? Das dauerte ihm einfach zu lange. Und darum ging er eines Tages zur Sonne und sagte: „Kannst du mir nicht ein wenig von deiner Wärme geben, damit meine Flügel schneller wachsen?“ Da schenkte ihm die Sonne viele warme Strahlen. Und tatsächlich, die Flügel wurden von der Sonnenwärme ein Stückchen länger.
Voll Stolz zeigte das der kleine Zölestin dem Petrus und fragte: “Darf ich jetzt auf die Erde?“ Der Himmelswächter zupfte dem Engel an den Flügeln herum und meinte: „Die sind immer noch zu kurz.“ Aber Zölestin gab nicht auf. Jetzt ging er zum Mond und bat ihn: „Kannst du mir nicht auch etwas geben, damit meine Flügel schneller wachsen?“ Da schenkte ihm der Mond silberne Traumstrahlen. Und tatsächlich, die Flügel wurden von den Traumstrahlen wieder ein Stück länger. Voll Freude zeigte dies der Zölestin dem Petrus und fragte noch einmal: „Darf ich jetzt auf die Erde?“ Petrus schaute sich die Flügel genau an. „Gut so, mein Kleiner“, lobte er, „aber für einen Erdenflug sind sie immer noch zu kurz.“
Das machte den Engel Zölestin sehr traurig. Er setzte sich auf einen Stern und weinte bitterlich. Auf einmal war er umringt von vielen anderen Sternen. Die tanzten um ihn herum und riefen: „Du darfst nicht traurig sein, wenn du auf die Erde willst. Du sollst den Menschen Freude bringen. Deshalb schenken wir dir jetzt Sternenglitzernde Fröhlichkeit. “ Während die Sterne tanzten und tanzten und dem Zölestin leuchtende Fröhlichkeit schenkten, wurden die Flügel des Engels wieder ein Stück länger. Ob das wohl jetzt reichte?
Etwas ängstlich wanderte Zölestin zu Petrus und fragte ein drittes Mal: „Darf ich nun zur Erde fliegen?“ Der alte Himmelswächter wiegte den Kopf hin und her: “Na ja, die Sonne hat dir Wärme geschenkt, der Mond silberne Traumstrahlen und die Sterne haben dir glitzernde Fröhlichkeit gebracht. Deine Flügel sind schon recht schön lang.
Wenn ich dir jetzt noch ein himmlisches Licht mitgebe, dann könntest du wohl ein echter Schutzengel werden.“
Ach, was freute sich da der Zölestin. „Und wann, wann darf ich auf die Erde?“ wollte er wissen. Petrus schmunzelte: “Soeben ist da unten ein Kind geboren. Eine kleine Julia kam auf die Welt. Du sollst ihr Schutzengel werden. Hier nimm das himmlische Licht und beeile dich.“ Das liess sich Zölestin nicht zweimal sagen. Er griff nach dem Licht und rutschte auf einem Mondstrahl geradewegs zu dem Bettchen, in dem das neugeborene Kind lag. Ja, und so ist der Engel Zölestin zu der Julia gekommen. Er hielt ihr das Händchen, als sie noch ganz klein war und schrie, und er tröstete sie, wenn sie Bauchweh hatte oder zahnte.
Inzwischen ist Julia gewachsen und ihr Schutzengel ebenfalls. Noch immer passt er auf das kleine Mädchen auf. Er wird es auch nie verlassen. Am Tage umhüllt er es mit den wärmenden Strahlen der Sonne und in der Nacht leitet er silberne Mondstrahlen in den Schlaf des Kindes. Wenn Julia einmal traurig ist, dann holt er die Fröhlichkeit der Sternenwelt für sie vom Himmel herunter. Vor allem aber lässt er das schützende himmlische Licht über ihr nie ausgehen.
Der Engel Zölestin liebt seine Julia sehr, wie dass alle Schutzengel tun. Er bedauert nur, dass Julia, seit sie grösser geworden ist, ihn nicht mehr sehen kann. Aber das geht wohl auch den anderen Schutzengel so. Doch Zölestin hat sich wieder einmal etwas Besonderes ausgedacht. Ab und zu zupft er ein Federchen aus einem seiner Flügel und legt es aufs Kinderbett. Wenn dann die Mutter am anderen Morgen das Federchen findet und sagt: “Sieh mal, Julia, das ist sicher von deinem Schutzengel“, dann freut sich Zölestin natürlich sehr.
Ob das die anderen Schutzengel manchmal auch so machen? Nun ja, wenn da irgendwo bei uns mal ein Federchen herumfliegt, dann ist das sicherlich entweder von einem Vogel oder von einem Engel.