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Die Siedlungsgenossenschaft Freidorf bei Basel hat vor einigen Monaten ihr 100jähriges Jubiläum gefeiert und nun einen beeindruckenden Bildband über ihre Geschichte herausgegeben. Dieser soll hier vorgestellt werden.
Aus dem Einleitungskapitel:
«Die Siedlungsgenossenschaft Freidorf wurde am 20. Mai 1919 von 93 Siedlerinnen und Siedlern gegründet (alles Angestellte des Verbandes Schweizerischer Konumgenossenschaften VSK und seiner Betriebe). Mitten auf der grünen Wiese zwischen Basel und Muttenz erbaute Architekt Hannes Meyer eine Mustersiedlung aus 150 Reiheneinfamilienhäusern in Form einer Gartenstadt. Die Siedlung verstand sich als Vollgenossenschaft, eine Kombination aus Konsum- und Wohngenossenschaft. Die Utopie, die für Familien ein geräumiges Haus im Grünen mit eigenem Nutzgarten vorsah, war Realität geworden. Die Wohnhäuser sahen unabhängig von ihrer Grösse alle gleich aus. Jedes war mit Wandschränken, fliessendem warmem und kaltem Wasser, einem Bad und Elektrizität ausgestattet. Zu jedem Haus gehörte ein mindestens 200 Quadratmeter grosser Garten. […]
In seinen Anfängen war das Freidorf eine nahezu autonome Dorfgemeinschaft mit über 600 Bewohnern und einer eigenen Schule. Was der eigene Nutzgarten oder die gemeinschaftlich bewirtschafteten Pflanzplätze nicht hergaben, wurde im eigenen Freidorf-Laden bezogen und mit Freidorfgeld bezahlt. Die Freizeit verbrachten die Siedlerinnen und Siedler innerhalb der Freidorfmauern. Es gab ein Restaurant, eine Kegelbahn, eine Bibliothek, einen Volkschor, Sportvereine für Männer und Frauen, einen Kleintierzuchtverein und eine Sparkasse. Es wurde gemeinsam geturnt, musiziert, Theater gespielt, getanzt und gefeiert. Der Ort dieses Treibens waren das Genossenschaftshaus und die grosse Spielwiese im Zentrum der Siedlung. Der Anspruch der Gründerväter um Bernhard Jaeggi war umfassend. Ziel war nichts weniger, als einen ‹besseren Menschen› zu erzielen.» (S. 6)
Vorgeschichte
Versuche, integrierte oder eben Vollgenossenschaften aufzubauen, gab es bereits im 19. Jahrhundert. Unter einer Voll- oder integrierten Genossenschaft versteht man einen Zusammenschluss einer grösseren Gruppe von Personen, die nicht nur einzelne Wirtschaftsbereiche wie Wohnen, Konsum, gemeinsame Einkäufe oder ähnliches gemeinschaftlich organisieren, sondern – integriert – weitere Lebensbereiche wie Arbeit, Produktion, Dienstleistungen, Schule, Freizeit, Gesundheitswesen, Altersvorsorge usw. einbeziehen.
Die Pioniere von Basel um Bernhard Jaeggi konnten von einem reichen Erfahrungsschatz der internationalen Genossenschaftsbewegung profitieren. Dazu zwei Beispiele:
Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte der schottische Fabrikant und Sozialreformer Robert Owen Utopien für ein weitgehendes gemeinschaftliches Zusammenleben, das sowohl die Arbeit wie den Konsum erfasste, und er setzte sie in die Tat um – zuerst in Schottland (New Lamarck) und danach in den USA. Es blieb nicht bei der Utopie. 1825 kaufte er im Bundesstaat Indiana Land und gründete die Mustergesellschaft New Harmony. Etwa 800 Personen folgten seinem Aufruf, mit ihm ein Experiment für ein umfassendes genossenschaftliches Zusammenleben zu wagen. New Harmony dauerte zwei Jahre, scheiterte aber an persönlichen Spannungen.
Ein weiteres ähnliches Beispiel finden wir in der Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Zürich. Karl Bürkli hatte 1851 den Zürcher Konsumverein gegründet. Bürkli orientierte sich am Gedankengut von Charles Fourier (1793–1837) und Victor Considerant, die in Paris an der Ecole sociétaire Ideen für ein gemeinschaftliches Leben entwickelt hatten, die sowohl Arbeit, Konsum und auch gemeinschaftliches Leben umfassten. Auch Considerant und Bürkli schritten zur Tat. Ihre international zusammengesetzte Gesellschaft plante in Texas auf der «grünen Wiese» eine Mustersiedlung von etwa tausend Personen. Sie hatten Grosses vor. Ein Voraustrupp reiste in die Gegend von Dallas und kaufte 52 km2 Land und leistete erste Vorarbeiten. Die anderen folgten. Dazu gehörte Karl Bürkli mit dreissig Zürchern. Das Projekt war sehr ambitioniert, und die Schwierigkeiten waren immens. Das Experiment scheiterte nach drei Jahren, und die Siedler kehrten enttäuscht in ihre europäischen Länder zurück. Künftige Genossenschaftspioniere konnten aus den Erfahrungen solcher Versuche lernen.
Karl Bürkli liess sich jedoch nicht entmutigen und half bald wieder als Geschäftsführer beim Aufbau des Konsumvereins Zürich. Die Zürcher Bevölkerung wählte ihn in den Kantonsrat, und er wurde zu einem wichtigen Mitglied in der Demokratiebewegung seines Kantons. So war es sein Verdienst, dass 1869 der noch heute gültige Genossenschaftsartikel in die Verfassung Eingang fand, in dem stand: «Der Kanton fördert das auf Selbsthilfe beruhende Genossenschaftswesen und erlässt Arbeiterschutzgesetze.» (vgl. dazu Wüthrich 2018, S. 71–85)
Pestalozzi und Zschokke weisen den Weg
Während Karl Bürkli in Zürich den Konsumverein aufbaute, wurden in allen Regionen der Schweiz zahlreiche Konsumvereine gegründet – 1864 auch in Basel. 1889 schlossen sich die meisten zum Verein Schweizerischer Konsumvereine (VSK) zusammen, der die Interessen seiner Mitgliedsverbände wahrnahm und ihre Aktivitäten koordinierte. Der Konsumverein Zürich ging eigene Wege und blieb bis 1998 selbständig. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der VSK bereits 400 Mitgliedsverbände und beschäftigte 600 Mitarbeiter. Bernhard Jaeggi war von 1908–1934 Geschäftsführer des VSK, der in Basel seinen Sitz hatte.
Berhard Jaeggi sollte eine massgebende Rolle spielen bei der späteren Gründung und dem Aufbau des Freidorfs bei Basel. Er diskutierte mit seinen Mitarbeitern im VSK die drängenden Fragen des Genossenschaftswesens ähnlich, wie Karl Bürkli dies ein halbes Jahrhundert zuvor getan hatte. Dazu gehörte die offene Frage, ob und wie eine konventionelle Genossenschaft zu einer Vollgenossenschaft erweitert werden kann. Man könnte an der Peripherie von Basel eine genossenschaftliche Mustersiedlung bauen, war eine Idee. Darin würden die Mitarbeiter des VSK in günstigen Wohnungen leben und sich in eigenen Gartenanlagen zum Teil selber versorgen. Ein eigener Laden würde die zusätzlich benötigten Güter anbieten. Nach und nach könnten später, gestützt auf ein wachsendes Gesamtvermögen und dank zunehmendem Gemeinsinn, weitere Lebensbereiche einbezogen werden, ähnlich wie es die Pioniere im 19. Jahrhundert versucht hatten.
Bernhard Jaeggi und sein Unterstützerkreis hatten einen weiteren Aspekt im Auge: Es brauche mehr als eine gut durchdachte genossenschaftliche Organisation. Die Beteiligten müssten angeleitet und begleitet werden, damit sie die genossenschaftlichen Grundsätze auch leben und in ihrem Gefühl verankern. Kurz gesagt: Es braucht Erziehung. Dazu orientierten sie sich an zwei Grössen der schweizerischen Pädagogik, Heinrich Pestalozzi und Heinrich Zschokke.
Heinrich Pestalozzi (1746–1827) verfolgte mit seinem Credo «Kopf, Herz, Hand» einen betont ganzheitlichen Ansatz. Die Erziehung sollte in erster Linie in der «guten Stube» der Familie beginnen. Pestalozzi schwebte ein System «der kleinen Kreise» vor. Von der intakten Familie strahlt die Verbesserung in der Lebenshaltung auf die Nachbarschaft, das Dorf und weiter in die ganze Welt aus. Oder wie es ein Zeitgenosse von Pestalozzi, der Pfarrer und Dichter Jeremias Gotthelf (1757–1854), ausdrückte: «Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»
Heinrich Zschokke (1771–1848) war für die angehenden Siedlungspioniere von Basel ein weiterer pädagogischer Leuchtturm für das Genossenschaftswesen. Zschokke war überzeugt, dass erst durch die Verbindung reifer und tüchtiger Einzelmenschen eine wahrhaft genossenschaftliche Gemeinschaft entstehen kann. Er schrieb 1810 den Roman «Das Goldmacher-Dorf». Wer diesen Buchtitel liest, denkt vielleicht, Zschokke beschreibe das Leben in einem Dorf, wo Gold gefunden wurde oder Alchemisten versuchten, Gold herzustellen. Wer jedoch darin liest, merkt bald, dass es Zschokke um etwas ganz anderes geht. Er zeigt in seinem Roman auf, dass es noch etwas gibt, das noch weit wertvoller ist als Gold: Oswald, die Hauptfigur des Romans, kehrte nach seinem Dienst bei den Soldaten in sein Heimatdorf zurück. Er fand die Bevölkerung verwahrlost und in bitterer Armut. Es gelang ihm, seine Mitbewohner anzuleiten, auf die Erziehung ihrer Kinder zu achten, gute Schulen einzurichten und ganz allgemein in den Familien und in der Gemeinde ein sittliches und gemeinschaftliches Leben zu führen. Auf diesem Wege kamen die «Goldmacher» zu wahrer Freiheit und auch materiell zu Wohlstand.
Neuanfang nach Krieg und Spanischer Grippe
Als am Ende des Ersten Weltkrieges die soziale Not und die Ernährungssituation auch in der vom Krieg verschonten Schweiz dramatische Ausmasse annahmen, war Bernhard Jaeggi entschlossen zu handeln. Jaeggi war ein langjähriges Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Er war mehrere Jahre im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt und im Nationalrat in Bern. Als sich die Partei im Vorfeld des Generalstreiks radikalisierte, trat er aus und begann, sein eigenes Projekt zur Linderung der Not in die Tat umzusetzen. Es ging ihm nicht nur um günstigen Wohnraum, sondern er wollte zusätzlich den verunsicherten Menschen nach dem Krieg eine Orientierung geben – ganz ähnlich wie Oswald im Goldmacher-Dorf. Dazu gehörte Genossenschaftlichkeit im Wohnen, in der Arbeit und im Zusammenleben.
Im Architekten Hannes Meyer fand Bernhard Jaeggi einen Mitstreiter. Es war ein Glücksfall. Dieser baute zwischen Basel und Muttenz in kurzer Zeit die Mustersiedlung Freidorf als Gartenstadt. Mit dem grossen Genossenschaftshaus, dem Platz davor, der grossen Spielwiese, den Strassen, den zahlreichen Wegen, den Vorgärten und auch den drei grossen Pflanzgärten bot Meyer eine Vielfalt an Räumen an für ein reichhaltiges Gemeinschaftsleben. Drei Allmenden (gemeinschaftlich genutzte Pflanzplätze) standen von Anfang an zur Verfügung. Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Äpfel, die in grossen Mengen konsumiert werden, sollten hier gemeinsam angebaut werden, während ergänzend Gemüse und Salate im hauseigenen Garten gezogen werden.
Die 93 Siedlerinnen und Siedler, welche das Freidorf 1919 gründeten, beteiligten sich mit einem Anteilsschein von Fr. 100.– (zum damaligen Geldwert). Der VSK hatte für die Kriegsjahre relativ grosse Reserven gebildet, die er zum Glück nicht brauchte. Diese konnten für das Projekt eingesetzt werden. In den Anfängen war das Freidorf eine nahezu autonome Dorfgemeinschaft mit ungefähr 600 Bewohnern mit eigenem Laden und einer eigenen Schule. Der Lehrer unterrichtete die 1. bis 8. Klasse miteinander. Es gab ein Restaurant, eine Kegelbahn und eine Bibliothek. Bald wurden ein Chor, ein Orchester und diverse Sportvereine gegründet. Bernhard Jaeggi stiftete mit seinen Sitzungsgeldern aus der Politik (die er jahrelang zusammengelegt hatte) das «Genossenschaftliche Seminar», das den Genossenschaftsgedanken pflegte und sich als Bildungszentrum entwickeln sollte. 1929 verlieh ihm die Universität Basel für seine Verdienste den Titel eines Ehrendoktors.
Leben in der Genossenschaft
In den Statuten des Freidorfs heisst es: «Der Zweck der Genossenschaft ist […] die Verbesserung der Lebenshaltung ihrer Mitglieder.» Zweifel bestanden von Anfang an. Wird das Projekt gelingen und nicht wie andere ähnliche Projekte an den Konflikten der Menschen untereinander scheitern? Wird das Zusammenleben funktionieren, arbeiten doch die Genossenschafter schon tagsüber miteinander und kommen nicht immer gut miteinander aus? Das Ziel war hoch, und die Genossenschaftspioniere waren gewillt, die Siedler vorzubereiten und zu begleiten. Dazu Bernhard Jaeggi, der bis zu seinem Tod im Jahre 1944 im Haus Nr. 115 wohnte: «Wenn wir in das Freidorf ziehen, müssen wir […] uns zu neuen Menschen erziehen. Das Freidorf soll ein Anschauungsunterricht werden, wie man die Welt aufbauen könnte.»
Die Gertrudgruppe (eine Reminiszenz an Pestalozzis Roman «Lienhard und Gertrud» von 1781) widmete sich in wöchentlicher Arbeit den Schriften Pestalozzis und Zschokkes.
Im siedlungsinternen Wochenblatt erschienen regelmässig Artikel mit Tips und Ratschlägen für ein «sittliches» Leben in der Gemeinschaft des Freidorfs. Noch während die Siedlung im Bau war, setzte die Verwaltung eine Reihe von Kommissionen ein. Als erste wird die «Erziehungskommission» genannt, die zuständig war für die Verbreitung und Vertiefung genossenschaftlicher Grundsätze.
Die eigene Schule wurde eingerichtet, noch bevor die erste Familie eingezogen war. Für die Bildung war eine eigene Bibliothek unabdingbar, die bald über einen Schatz von dreitausend Büchern verfügte. Überhaupt wurde viel in die Bildung investiert. Das «Genossenschaftliche Seminar» bot zahlreiche und vielfältige Ausbildungslehrgänge an.
Arbeit
Alle arbeiteten im Verband Schweizerischer Konsumgenossenschaften VSK. In den ersten Jahren engagierten sich etwa 140 Personen ehrenamtlich in sieben Kommissionen (für Bau, Finanzen, Laden, Unterhaltung, Erziehung, Gesundheit und Sicherheit). Für Bernhard Jaeggi war die Mitarbeit wichtig: «Es wird Genosse, wer schafft.»
1924 erreichte die Bevölkerung mit 625 Personen ihren Höchststand (heute 413). Mit ihren zahlreichen Einrichtungen wurde die Siedlung zum Mittelpunkt für die Familien, und ein umfassendes Programm aus Festen, Informations- und Kulturveranstaltungen prägten das soziale Leben. Zahlreiche Vereine ergänzten das Angebot. Ein Teil der Mieteinnahmen floss in eine Stiftung, die weitere Siedlungsgenossenschaften ermöglichen sollte.
Darüber hinaus entstanden mit Bewilligung der Verwaltung kleinere Gewerbebetriebe wie eine Schneiderei, ein Schuhmacher oder ein Coiffeur, die auf eigene Rechnung wirtschafteten und meist einen Teil des Gewinns in einen der zahlreichen Siedlungsfonds spendeten. Wichtig war die gemeinsame Spar- und Hilfskasse, die unter dem Namen Wohlfahrtskasse heute noch existiert. Bis 1948 zahlten die Siedlerinnen und Siedler innerhalb des Freidorfs mit eigenem Genossenschaftsgeld. Das Wohnen, die Arbeit im VSK, das feine Netz der Kommissionen und Vereine sowie die regelmässigen Anlässe und Feste schweissten die Genossinnen und Genossen tatsächlich zu einer Gemeinschaft zusammen.
Der Pioniergeist der Gründerzeit hielt bis zum Zweiten Weltkrieg an. Auf die Kriegsjahre war die Genossenschaft gut vorbereitet, gehörte doch die Selbstversorgung zu einem hohen Grad bereits zum genossenschaftlichen Leben. Oft waren Soldaten einquartiert, die gut betreut wurden.
Die guten Jahre
Dazu ein Ausschnitt aus dem Buch: «Nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schweiz von einem lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung erfasst. Wohlstand, soziale Sicherheit und Massenkonsum änderten in wenigen Jahren den Alltag und die Lebensweise breiter Bevölkerungsteile. […] Die Zukunft, so das neue Leitbild, gehört nicht der dörflichen Selbstorganisation, sondern einer möglichst umfassenden Teilnahme am neuen, schillernden Massenkonsum. Dieser revolutionierte gleichermassen die Haushaltsführung und die Freizeitgewohnheiten. Kühlschränke, Waschmaschinen und andere Konsumgüter machten genossenschaftliche Einrichtungen wie Milchdienst und Wäscherei überflüssig, während TV und Auto die Unterhaltung aus dem Genossenschaftshaus in die Wohnzimmer oder gleich ganz ausserhalb der Siedlungsmauern verlegten.»
Das Leben und auch das Zusammenleben veränderten sich. Die Pioniergeneration um Bernhard Jaeggi war älter geworden oder bereits gestorben. 1967 wurde der Laden dem Allgemeinen Konsumverein beider Basel übergeben, und das Freidorf hörte auf, eine Vollgenossenschaft zu sein. Die zahlreichen Kommissionen hatten nicht mehr lange Bestand. Die Vereine verloren an Mitgliedern und lösten sich zum Teil auf. Auch die «Gartenstadt» veränderte sich. Der Garten muss pflegeleicht sein, oder die Gemüsebeete wichen mobilen Pools oder Trampolins.
Aber auch die Aktivitäten von heute sind gemeinschaftsfördernd: Kinderfeste, Seniorenausflüge, Kasperlitheater, Theateraufführungen, Flohmarkt und Adventsfeste. Es gibt Jass- und Tanzabende im Siedlersaal des Genossenschaftshauses. Geblieben ist auch der dörfliche Charme und Charakter. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums im Jahr 2019 spielte die Theatergruppe Muttenz zum Beispiel eine eigene Interpretation des Goldmacher-Dorfs von Zschokke an fünf Orten im Freidorf.
1968 kam es zu Meinungsverschiedenheiten über die Weiterentwicklung der Genossenschaft. Eine Mehrheit der Mitgliederversammlung beschloss auf Antrag des Vorstandes, das Genossenschaftshaus abzubrechen und Alterswohnungen zu bauen. Auch die Verwendung von wenig genutzten Grünflächen stand zur Debatte. Die Proteste kamen prompt von vielen Seiten. Der Denkmal- und Heimatschutz meldete sich zu Wort. Das Freidorf wurde zum Thema in den Diskussionsgremien der Architekten schweizweit, und die Zeitungen berichteten. Schliesslich äusserte sich die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission. Sie bezeichneten das Freidorf als «Pionierleistung unseres Landes» und betonten, dass das Hauptgebäude «die Genossenschaftsideale in beispielhafter Weise zum Ausdruck bringe». – Der Kanton verbot den Abbruch. Der neu gegründete Coop anerbot sich 1973, darin sein Rechenzentrum einzurichten, ohne das Haus äusserlich zu verändern.
Heute
In der Region Zürich wurden, ähnlich wie in Basel vor und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, zahlreiche Genossenschaftssiedlungen gebaut – ähnlich grosszügig mit viel Grünfläche wie im Freidorf. Die meisten werden heute abgebrochen und verdichtet neu gebaut, so dass mehr günstiger Wohnraum zur Verfügung steht. Das Freidorf in Basel steht nach wie vor und wird kontinuierlich erneuert – die Kanalisation, die Inneneinrichtungen, die Fassaden… Aktuell müssen die Dächer erneuert werden. Auch die Grünflächen bestehen noch, und das Glöcklein auf dem Turm des Genossenschaftshauses ist weitherum hörbar. Das Freidorf – nur dreieinhalb Kilometer vom Stadtzentrum von Basel entfernt – ist eine Insel in der heute stark überbauten Region.
Renaissance des Genossenschaftsgedankens
Vieles hat sich in den hundert Jahren verändert. Das Anliegen Bernhard Jaeggis, die Menschen zu erziehen und ihnen zu einer besseren Lebenshaltung zu verhelfen, hat sich gewandelt. Aber auch wenn der umfassende Ansatz aufgeben werden musste, blieben wichtige genossenschaftliche Grundsätze erhalten: eine gemeinsame und demokratische Verwaltung, ohne auf eine Rendite ausgerichtet zu sein. Für Ziele, die über das Wohnen hinausreichen, müssen sich die Bewohner selber einsetzen und Wege finden.
Einer zunehmenden Anzahl von Menschen ist es nicht egal, wie sie ihr Leben verbringen. Sie suchen nach Wegen, nachhaltiger und bewusster zu leben, Gemeinschaften aufzubauen und zu pflegen – idealistisch oder einfach nur pragmatisch. Oder wie es eine Freidörflerin ausdrückte: «Im gemeinsamen Tun entdecken die Menschen wieder, dass sie eigentlich soziale Wesen sind.»
Zum Schluss noch ein Wort zur Autorengruppe, die die historischen Abläufe feinfühlig schildert und mit einer Vielzahl von historischen Bildern illustriert. Ihr Werk ist gelungen! Sie haben ein wertvolles Dokument der Zeit- und Schweizergeschichte vorgelegt, das für wenig Geld erworben werden kann. •
Quellen:
Siedlungsgenossenschaft Freidorf 2019. Das Freidorf – die Genossenschaft, Christoph Merian Verlag 2019
Wüthrich, Werner. «Charles Fourier, Victor Considerant und Karl Bürkli als Wegbereiter der direkten Demokratie und des Genossenschaftswesens in der Schweiz des 19. Jahrhunderts»; in: Roca, René (Hg.). Frühsozialismus und moderne Schweiz, Basel 2018
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