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Kühe können abrupt oder schrittweise trockengestellt werden. Die Variante «schrittweise» zielt darauf ab, die Milchproduktion vor dem Trockenstellen zu verringern. Dies senkt das Euterinfektionsrisiko in der Galtzeit und ermöglicht verringerten und gezielten Einsatz von antibiotischen Trockenstellern (selektives Trockenstellen). Gängige Methoden, um die Milchproduktion vor dem Trockenstellen zu verringern, sind das Überspringen einzelner Melkzeiten und die Reduktion des Nährstoffgehaltes im Futter. Allerdings bergen diese Methoden Risiken wie Störungen des Zitzenverschlusses, ausbleibenden Spüleffekt beim Melken, Stoffwechselbelastungen und erhöhtes Stresslevel.
Ein alternativer Ansatz, um die Milchproduktion vor dem Trockenstellen zu senken, ist, das Euter für einen bestimmten Zeitraum von zum Beispiel vier bis zehn Tagen vor dem Trockenstellen unvollständig zu melken. Über diesen Zeitraum wird der Ausmelkgrad des Euters schrittweise verringert, indem das Melkzeug frühzeitig nach einer vordefinierten, gemolkenen Menge abgenommen wird. Eine aktuelle Studie am Campus Frankenforst der Universität Bonn in Deutschland wendete diesen Ansatz mithilfe einer im Melkstand installierten Software an. Bei Erreichen einer individuell festgelegten, ermolkenen Menge wurde das Melkzeug automatisch abgenommen. Die Milchproduktion wurde durch unvollständiges Melken vor dem Trockenstellen um durchschnittlich 35 Prozent verringert. Darüber hinaus wurden keine erhöhten Zellzahlen und kein Fall von Mastitis durch unvollständiges Melken festgestellt. Zusätzlich lassen Ultraschalluntersuchungen eine geringere Beanspruchung der Zitze durch die verkürzte Melkdauer vermuten. In einer Onlineumfrage wurden Schweizer Landwirtinnen und Landwirte zu ihren Trockenstellmethoden und zu ihrer Haltung gegenüber diesem alternativen Ansatz befragt.
Aktuelle Trockenstellmethoden
Die Galtzeit dauert bei den teilnehmenden Betrieben durchschnittlich 57 Tage. Ausschlaggebend für den Zeitpunkt zum Trockenstellen sei gemäss Umfrage hauptsächlich das berechnete Abkalbedatum, wobei auch die Höhe der Milchleistung und die Eutergesundheit eine Rolle spielen. Die Ergebnisse zeigen, dass auf den Betrieben 35 Prozent der Kühe beim Trockenstellen noch über 15 kg Milch pro Tag produzieren.
Insgesamt gaben 55 Prozent der Befragten an, ihre Kühe schrittweise trockenzustellen (Grafik 1). Dabei wurden am häufigsten eine Futterumstellung und eine gleichzeitige Verringerung der Melkzeiten angewendet. Nach Angaben der Befragten wird Antibiotika auf 74 Prozent der Betriebe selektiv zum Trockenstellen eingesetzt (Grafik 2). Es zeigte sich, dass antibiotische Trockensteller von 44 Prozent und interne Zitzenversiegler von 43 Prozent der Befragten eher häufig bis immer zum Trockenstellen verwendet werden. Hochleistungskühe erhalten tendenziell häufiger antibiotische Trockensteller als Kühe mit geringeren Jahresmilchleistungen. Knapp ein Viertel der Befragten gab an, dass sie bei den Kühen nach dem Trockenstellen «Milch laufen lassen» beobachten, was zu einem erhöhten Risiko für Mastitis-Neuinfektionen führt. Abgesehen davon beobachten die Befragten auch Anzeichen von eingeschränktem Wohlbefinden der Kühe, wie zum Beispiel vermehrtes «Brüllen», verringerte Fresslust oder Liegezeit beim Trockenstellen.
Einschätzung des unvollständigen Melkens
Die Teilnehmenden wurden auch nach ihren spontanen Assoziationen zum Ansatz des unvollständigen Melkens zum Trockenstellen gefragt. Knapp sechs Prozent der Befragten gaben an, diesen Ansatz bereits zu kennen oder schon anzuwenden. Zudem wurden Assoziationen wie «interessant» und «ausprobieren» genannt. Allerdings wurden auch Unsicherheiten hinsichtlich der Eutergesundheit, Umsetzbarkeit und Milchablieferung geäussert. Im Hinblick auf die Milchablieferung ist festzuhalten, dass die Ablieferung des «ganzen Gemelks» mittlerweile nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben ist.
Insgesamt 57 Prozent der Befragten sind gemäss eigener Angaben bereit, unvollständiges Melken vor dem Trockenstellen auszuprobieren. Diese Ausprobierbereitschaft steigt auf 69 Prozent, wenn eine automatische Durchführung im Melkstand und Melkroboter möglich wäre. Für die Anwendung dieses Ansatzes sind den Befragten die Eutergesundheit, Milchqualität, das Tierwohl, weniger Antibiotikaverbrauch und eine einfache Anwendung am wichtigsten (Grafik 3).
Für wen bietet sich dieser Ansatz an?
Vor allem bei hohen Milchleistungen von mehr als 15 kg am Ende der Laktation bietet sich die Verringerung der Milchproduktion durch unvollständiges Melken an, um das Risiko für Mastitis-Neuinfektionen und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens der Kühe zu vermindern.
Für das unvollständige Melken muss ein Milchmengenmessgerät zur Verfügung stehen. Dieses wird benötigt, um den richtigen Zeitpunkt der Melkzeugabnahme zu bestimmen. Das Melkzeug wird nach einer absolut gemolkenen Menge und nicht nach der Durchflussmenge abgenommen.
Derzeit ist die Anwendung dieses Ansatzes nur durch manuelle Melkzeugabnahme möglich. Forschung und Industrie arbeiten daran, dass zukünftig eine Software für die automatische Verringerung der Milchleistung durch unvollständiges Melken im Melkstand und Melkroboter zur Verfügung steht.
Bis dahin besteht weiterer Forschungsbedarf, um die Auswirkungen der Anwendung des unvollständigen Melkens in der Praxis zu untersuchen. Dieser Ansatz wurde bisher nur auf Forschungsbetrieben und an eutergesunden Kühen getestet. In den ersten Versuchen konnte die Milchleistung vor dem Trockenstellen erfolgreich verringert werden, ohne die Eutergesundheit der Kühe zu gefährden. Daher scheint dieser Ansatz zukunftsträchtig zu sein, mit dem Potenzial, den Antibiotikaverbrauch beim Trockenstellen zu verringern und gleichzeitig das Tierwohl zu fördern.
Die Studie
Die Onlineumfrage von Agroscope fand im Frühjahr 2021 statt. Man wollte herausfinden, welche Methoden die Milchviehhalter und Milchviehhalterinnen zum Trockenstellen benutzen und was sie vom Ansatz des unvollständigen Melkens halten. Es haben 518 Milchviehhaltende aus der Deutsch- und der Westschweiz anonym teilgenommen.