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Bilder der geteilten Macht: zur Ikonographie eines politischen Programms
Freitag, 10. Juni
09:15 bis 10:45 Uhr
Raum 3120
Als die französischen Revolutionäre am 21. Januar 1793 Ludwig XVI unter das Fallbeil brachten, richteten sie nicht nur die Person des Königs hin, sondern symbolisch auch die Machtordnung des Ancien Régime. Sie schufen so ein einprägsames Bild der neuen Macht, das allerdings nicht ohne den Verweis auf die alte auskam: Als der Scharfrichter der Menge triumphierend das leblose Haupt des Königs entgegenstreckte, führte er der versammelten Öffentlichkeit die Unrechtmässigkeit des von Gottes Gnadentum eingesetzten Machtträgers als Beweis für die Legitimität der neuen Ordnung vor Augen. Die Szene wurde in verschiedenen Kupferstichen bildlich festgehalten und zirkulierte in zahlreichen Abzügen in ganz Europa. So war der tiefgreifende Wandel von Ordnungs- und Machtstukturen, den die „Alte Welt“ im Folgenden erfasste, von allem Anfang an durch die ikonographische Visualisierung von Macht begleitet. Eine Visualisierung, die die Macht in Unabhängigkeit von der Person des Herrschaftsträgers neu entwerfen musste.
Während sich Frankreich zu einem zentralistischen Etat-Nation wandelte, entstanden in Mitteleuropa Föderativnationen: mit dem Deutschen Bund von 1815, dem Schweizer Bundesstaat von 1848 und dem deutschen Kaiserreich von 1871 wich die Einheitskonstruktion der Herrschaft Modellen polyzentrischer Ausgestaltung der Macht: kleinräumige, gleichgewichtige Handlungseinheiten wurden hier partiell von weiträumigeren Formen der Macht überlagert. Dieser Wandel der Machtstrukturen kann weiterverfolgt werden bis in eine Gegenwart hinein, die geprägt ist von komplexen Ordnungen und globalen Netzwerken.
Gerade im Fall vielschichtiger Ordnungssysteme stellt sich unwillkürlich die Frage nach der Art und Weise, wie diese abstrakte Macht bildlich dargestellt werden kann. Zwar fand das frühneuzeitliche Herrscherportrait in den Landespersonifikationen einer Germania oder Helvetia in gewisser Weise ihre Nachfolge, dennoch mussten gerade in komplexen politischen Ordnungen darüber hinaus gänzlich neue Formen gefunden werden, Macht visuell zu repräsentieren: Gefragt war eine unpersönliche Bildsprache – eine Ikonographie des „Wir“.
In diesem Panel soll denn nach den kognitiven Strukturen plurizentrischer Machtordnungen gefragt werden, wie sie sich im Bild manifestieren: Wie wird die Vermittlung von Einheit und Vielheit bildlich ausgestaltet? Das Panel möchte darlegen, in welchen Denkfiguren und Bildsprachen das Verhältnis zwischen kleinräumig begrenzter Macht und assoziativen politischen Ordnungen und Netzwerken veranschaulicht und kulturell wirksam gemacht wird. Gleichzeitig soll das Panel die Fragen nach visuellen Anknüpfungspunkten und Bezugsräumen komplexer Machtordnungen diskutieren.