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1: Die Finanzkrise (S. 12-13)
Millionäre, die sich nichts kaufen können
»Lauf schnell zum Bäcker und kauf ein Brot!«, sagte die Mutter und drückte der kleinen Martha einen Geldschein in die Hand. Darauf war eine Zahl gedruckt: <ip-pii>. Das Stück Papier, das die kleine Martha in der Hand hielt, war 10 Milliarden Mark wert. Das sollte wohl für einen Laib Brot reichen! Doch egal wie schnell Martha zum Bäcker flitzte, als sie ankam, reichte ihr Geld nicht mehr. Man schrieb das Jahr 1923, und die deutsche Wirtschaft litt unter einer sogenannten »Hyperinflation«. Laufend gab die Reichsbank neue Banknoten mit astronomischen Zahlen aus, die jedoch nur eine Kaufkraft in Höhe von Pfennigwerten besaßen. Die Preise vervierfachten sich Woche für Woche. Trauriger Höhepunkt: Im November 1923 kostete ein Brot 470 Milliarden Mark. Alle waren Millionäre, aber keiner konnte sich etwas kaufen.
Als ich Kind war, hat mir meine Großmutter von dieser Zeit erzählt, die sie selbst als Kind erlebt hatte. Die Geschichten verschmolzen mit den Berichten von der Weltwirtschaftskrise 1929, die ich später in der Schule hörte, zu einem bizarren Gesamteindruck von Wirtschaft, wie ihn wohl viele Menschen im Kopf haben: Wenn jetzt die Rede ist von der schlimmsten Wirtschaftskrise nach 1929, dann schießen uns Bilder durch den Kopf, die wir in Wahrheit nur aus Filmen kennen – von verarmten Millionären, die von Hochhäusern springen, und von Arbeitslosen, die um Beschäftigung und Brot betteln. Ist es wieder so schlimm? Nein, ist es nicht. Und man muss lernen zu unterscheiden: zwischen der Hyperinflation von 1923 und dem Schwarzen Freitag 1929 genauso wie zwischen der aktuellen Krise und der Großen Depression in den 1930er Jahren. Sicher, es gibt eine Wirtschaftskrise – und zwar eine nicht zu unterschätzende. Ähnlich wie in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist sie die Folge einer Krise des Finanzmarkts, bei der Banken und Kreditinstitute durch riskante Geldgeschäfte erst viel Geld und dann noch viel mehr Geld verloren haben. Doch wir haben aus der letzten großen Krise gelernt, Politiker rund um den Globus haben – mit Rat und Unterstützung von Ökonomen aus aller Welt – durch gezielte Eingriffe bisher das Schlimmste verhindert. Vor allem die Bankenrettungsprogramme haben verhindert, dass es eine Krise wie 1929 gab und voraussichtlich geben wird.
Auch damals platzte eine Blase an der New Yorker Börse, doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte allgemein die Überzeugung vor, dass Auf- und Abwärtsbewegungen nun mal zu einer freien Marktwirtschaft dazugehörten.