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White Noise 1999 - Computermusik 1957-1998
Mit Werken von Gerald Bennett, Rainer Boesch, Bruno Spoerri, Gary Berger und Michael Heisch
Die Verwendung von Computern für musikalische Ziele begann schon Ende der fünfziger Jahre. Allerdings war sie lange Zeit auf die wenigen Orte beschränkt, wo grosse Computer für musikalisch Interessierte zugänglich waren, das heisst auf die grossen Universitäten. Erst nach 1980, als Computertechnik auch für kleinere Budgets erschwinglich wurde, konnten sich digitale Klangerzeuger und Spielhilfen durchsetzen. Heute wird ein wesentlicher Teil der populären Musik mit Computerhilfe produziert; die analogen Synthesizer geniessen eine Modewelle der Nostalgie.
Die Veranstaltungsreihe WHITE NOISE versucht, verschiedene Seiten des musikalischen Arbeitens mit Computerhilfe zu zeigen, von der Forschungsarbeit in den Universitäten bis zum voraussetzungslosen Spiel mit vorgeformten Klangbausteinen.
Im Einführungskonzert am 14. Januar 1999 kommt im ersten Teil die "klassische" Computermusik zum Zug, mit einem wichtigen Werk von Gerald Bennett, das im Schweizerischen Zentrum für Computermusik realisiert wurde, und einer kurzen Einführung in die Entwicklung der Computermusik. Im zweiten Teil werden Schweizer Werke von Rainer Boesch, Gary Berger, Michael Heisch und Bruno Spoerri aufgeführt, die verschiedene Arbeitsweisen mit Klangmaterial und den Einbezug von Improvisation und Live-Elektronik zeigen.
Programm 1999: FORTY YEARS + TWO Computer Music
1.Teil:
Gerald Bennett: Kyotaku für Shakuhachi und Tonband (1987)
Andreas Fuyû Gutzwiller, Shakuhachi
Der Name Kyotaku hat mehrere Bedeutungen; alle sind für dieses Werk von Wichtigkeit. Die shakuhachi ist eine japanische Bambusflöte. Während vielen Jahrhunderten ist sie vor allem von zen-buddhistischen Mönchen des japanischen Fuke-Ordens gespielt worden. Die Legende erzählt, daß der Gründer des Ordens, der chinesische Mönch P'u K'o (japanisch Fuke), eine Handglocke (taku) mit sich getragen hat, um beim Betteln die Aufmersamkeit der Passanten auf sich zu lenken. Ein gewisser Chang Po soll eine Bambusflöte gemacht haben, die den Klang dieser Glocke imitiert hat und die er kyotaku nannte, das heißt, "falsche Glocke". Diese Flöte, die heutige shakuhachi, ist im dreizehnten Jahrhundert von China nach Japan gebracht worden. Dort verstand man unter kyotaku nicht nur das Instrument, sondern auch eines der Stücke aus dem alten chinesischen Repertoire. In der Kinko-Schule des Shakuhachi-Spiels, wo nach der Auflösung der Fuke-Sekte im 19. Jahrhundert die konservative Tradition weiter gepflegt wurde, wird dieses alte Stück unter dem Namen Shin Kyorei - "Der Wahre Geist der Leere" - immer noch gespielt.
Kyotaku bedeutet also sowohl das Instrument als auch ein Stück Musik. Ich habe Shin Kyorei, das alte Kyotaku, als eine Art Gerüst in meinem Werk benutzt. Die beiden Stücke haben dieselbe Dauer, und der formale Ablauf der älteren Musik bestimmt sehr genau denjenigen meiner Musik. Die Harmonik der Bandmusik, die Tonhöhen der Shakuhachi-Stimme aber auch viele Details ihrer Phrasierung, sowie die Proportionen von Shakuhachi- und Band-Stimmen sind aus der älteren Musik streng abgeleitet worden. Doch bedeutet hier Kyotaku auch "falsche Glocke", denn die Bandmusik verbindet oft Eigenschaften von Shakuhachi und Glocken: Flötenklänge mit den Teiltönen von Glocken, Glocken mit der spektralen Entwicklung der shakuhachi, um eine Klangwelt zu erreichen, die sich zwischen diesen beiden so verschiedenen Instrumenten ansiedelt.
Kyotaku ist 1987 geschrieben worden. Das Zuspielband wurde im Schweizerischen Zentrum für Computermusik realisiert. Kyotaku ist Andreas Gutzwiller gewidmet.
Newman Guttman: The Silver Scale (1957) / Pitch Variations (1957)
Ercolino Ferretti: Trio (1965)
Rainer Boesch: Mécaniques (1970)
Mechaniken von Planetenbewegungen, Uhrwerken, die Verzahnung verschiedener Elemente, die in sich ein Ganzes formen, unerwartete Ereignisse, die ein Leben ausmachen, haben mich immer schon fasziniert. Während einer Reise durch das Elsass, die sich aus einer tragischen Verzahnung von Ereignissen ergeben hat, fand ich ein altes, mechanisches Klavier. Ich nahm es auf, wissend, dass ich die extraordinären, geheimnisvollen Klänge dieser alten Mechanik, die mich zum Träumen brachten, einmal verwenden würde.
Mécaniques komponierte ich mit konkreten Klängen der Stimmen, Klavier- und Pianolaklängen und dem Synthesizer, welcher mich als jungen Komponisten faszinierte. Das Stück ist als Auftrag des GRM entstanden und ist eine Konzertversion eines Satzes von "Fêtes" (1969, Vaison la Romaine, für grossen Chor, Mimen und Tonband).
Werner Kägi: Jean-Claude Risset / Songes (1979)
Barry Truax: Wave Edge (1983)
2. Teil: Neue Werke aus Zürich
Gary Berger: Link (1998)
Rico Gubler, Saxophon & Tonband
Link für Alt-Saxophon und Live-Elektronik (1998)
Der Titel dieses Werkes bezieht sich auf Verknüpfungen struktureller Prozesse. Das Spiel des Saxophons steuert den Computer und löst in diesem nicht-lineare (Re-) Aktionen aus. Entwicklungen und Tendenzen treten fragmentarisch auf, zeitweise in sich entgegenwirkenden Funktionen.
Michael Heisch: Theuth I (1997)
Tonband
Theuth I (1997)
Während einer längeren Zeit war ich wegen eines Spontanpneumothoraxes hospitalisiert.
Die schmerzhafte Erfahrung und Erinnerung rund um meinen kollabierten linken Lungenflügel setzte ich in den beiden Kompositionen Theuth I und II um. Als Ausgansmaterial diente lediglich ein kurzes Ein- und Ausschnaufen, das ich mit Mikrofon aufnahme und elektronisch verarbeitete. Im weitesten Sinne interessierte mich in den beiden Kompositionen, an welcher Stelle der Kippmoment einsetzt und aus den elektronisch bearbeiteten Atemstrukturen Silben sich zu formen beginnen. Der Titel Theuth entstammt der griechischen Mythologie. Theuth war der Gott der Silben und des Atems
Bruno Spoerri: Not what it seems to be (1998)
Bruno Spoerri, synthophone & Live- Elektronik
Ein Saxophon, das kein Saxophon ist - Aktionen, die Anderes bewirken als erwartet - ein interaktives Spiel mit elektroakustischen Illusionen - für einen improvisierenden Spieler, gesteuert durch ein Computer-Regelwerk.
Veranstaltungen im ersten Halbjahr 1999
Von Bruno Spoerri
"In fact: with suitable control devices virtually any sound can be produced", versprach der Sprecher auf der ersten Werbeschallplatte von 1967 der R.A.Moog Company in Trumansburg (USA). Die Klänge, die als Beweis daraufhin folgten, haben bei heutigen Zuhörern einen garantierten Lacherfolg - damals wurden sie ernst genommen und galten als Vorbild für das technisch Erreichbare. Die Schallplatten der ersten Jahre, vor allen andern "Switched-on Bach" von Walter Carlos, erzeugten eine unglaubliche Nachfrage nach synthetischen Sounds und halfen mit, einen neuen Zweig der Musikindustrie zu etablieren.
Dabei war elektrisch erzeugte Musik damals keineswegs neu. Ihre Geschichte geht mindestens auf die Jahrhundertwende zurück - vielleicht sogar bis 1876, als Elisha Gray seinen "Musical Telegraph" vorführte . Fast alle Instrumente der Frühzeit waren allerdings Einzelstücke, die kaum einen Einfluss auf die musikalische Praxis ausübten. Immerhin erhielt Thaddeus Cahill's "Telharmonium", eine Monstermaschine, die das Prinzip der Hammond-Orgel um Jahrzehnte vorwegnahm, eine grosse Publizität. Die begeisterte Beschreibung der neuen Möglichkeiten durch Ferruccio Busoni in seinem "Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkunst" (1907) beeinflusste eine Reihe von Komponisten.
Das Theremin (1917), genannt nach dem russischen Erfinder Lew Termen, die Ondes Martenot des Franzosen Maurice Martenot (1928) und das Trautonium des deutschen Ingenieurs Friedrich Trautwein (1930) wurden in kleinen Stückzahlen produziert. Wirklich erfolgreich war nur die Hammond-Orgel (1935) des Amerikaners Laurens Hammond, zuerst als Ersatz für aufwendige Kirchenorgeln und dann als Modeinstrument der Unterhaltungsmusik.
Nach dem 2.Weltkrieg wurde intensiv an neuen Techniken und Kompositionsverfahren gearbeitet, meist in der Abgeschiedenheit von Labors der Radiostudios. Die mühsame und langwierige Arbeit an den teuren Apparaturen engte den Kreis der Benutzer stark ein. Es entstand dennoch eine Reihe von Werken, die egweisend waren und heute noch anhörenswert sind.
Nach dem Vorbild dieser elektronischen Studios wurden anfangs der sechziger Jahre vereinfachte kompakte Mini-Studios konstruiert, die unter dem Namen Synthesizer vermarktet wurden. Erst diese Geräte brachten elektronisch erzeugte Klänge ins Bewusstsein der meisten Musikhörer. Pop- und Jazzmusiker und Filmmusik-Komponisten erkannten zuerst das Potential der neuen Klangerzeuger und machten sie sich ohne viele grundsätzliche Ueberlegungen zu eigen.
Die Verwendung von Computern für musikalische Ziele begann schon Ende der fünfziger Jahre. Allerdings war sie lange Zeit auf die wenigen Orte beschränkt, wo grosse Computer für musikalisch Interessierte zugänglich waren, das heisst auf die grossen Universitäten. Erst nach 1980, als Computertechnik auch für kleinere Budgets erschwinglich wurde, konnten sich digitale Klangerzeuger und Spielhilfen durchsetzen. Heute wird ein wesentlicher Teil der populären Musik mit Computerhilfe produziert; die analogen Synthesizer geniessen eine Modewelle der Nostalgie.
Die Veranstaltungsreihe "white noise" versucht, verschiedene Seiten des musikalischen Arbeitens mit Computerhilfe zu zeigen, von der Forschungsarbeit in den Universitäten bis zum voraussetzungslosen Spiel mit vorgeformten Klangbausteinen.
Im Einführungskonzert am 14. Januar 1999 kommt im ersten Teil die "klassische" Computermusik zum Zug, mit einem wichtigen Werk von Gerald Bennett, das im Schweizerischen Zentrum für Computermusik realisiert wurde, und einer kurzen Einführung in die Entwicklung der Computermusik. Im zweiten Teil werden Schweizer Werke von Rainer Boesch, Gary Berger, Michael Heisch und Bruno Spoerri aufgeführt, die verschiedene Arbeitsweisen mit Klangmaterial und den Einbezug von Improvisation und Live-Elektronik zeigen.
In den beiden Workshop-Abenden im Februar und März stellen wir verschiedene Teilaspekte der musikalischen Arbeit mit dem Computer vor. Wilhelm Seefeldt programmiert mit Hilfe der Computersprache MAX, einer Entwicklung des Pariser Computermusikzentrums IRCAM. Er steuert mit Zufallsalgorithmen seine Synthesizer und erzielt damit reizvolle Resultate. Hans Deyssenroth entwickelte schon um 1980 ein Computerprogramm, das in bestimmten Grenzen jazzartige Improvisationen lieferte. Er wird seine heutige Arbeit zeigen. Martin Neukom arbeitet mit Anwendungen der Chaostheorie, deren Ergebnisse er für seine Musik nutzbar gemacht hat.
Bruno Spoerri ist Musiker und in der Welt der Unterhaltungsmusik, des Jazz und der E-Musik gleichermassen heimisch. Er betreut im Auftrag des Migros Kulturprozents die Serie WHITE NOISE von „digital brainstorming“.
Veranstaltungen im zweiten Halbjahr 1999
Von Bruno Spoerri
Die Vorgeschichte der heutigen elektroakustischen Musik ist zum grössten Teil vergessen. Erst seit kurzem wird ernsthaft versucht, die Wurzeln der heutigen technikorientierten Musik zu suchen und die Aufzeichnungen, Geräte und Tondokumente zu sichten und - soweit noch möglich - zu retten. Bei dieser Arbeit stösst man auf Schritt und Tritt auf anregende, oft auch wunderliche Ueberlegungen und Zusammenhänge.
Wiederholung ist seit jeher ein wichtiges Formelement der Musik. Absolut exakte Wiederholung von musikalischen Elementen wurde aber erst möglich durch technische Hilfsmittel, nämlich durch mechanisch gesteuerte Instrumente und durch die mechanische oder elektrische Tonaufzeichnung. Klang als musikalisches Grundmaterial, das beliebig manipulierbar und unabhängig von einem Interpreten einsetzbar war, wurde durch die Schallplattenaufzeichnung verfügbar. In den Jahren zwischen 1900 und 1930 wurde intensiv über die neuen Möglichkeiten der Technik nachgedacht, und es wurden Experimente theoretisch formuliert und auch ausgeführt, die heute noch zum Nachdenken anregen.
Die Veranstaltung vom 13. September möchte den Ursprüngen eines der wichtigsten Prinzipien heutiger Techno-Musik nachgehen: der Loop-Technik. Beginnend mit den Schallplattenexperimenten von Hindemith (1930!), dann den Anfängen der Musique Concrète (Pierre Schaeffer - Pierre Henry) und weiter zu den Tonbandexperimenten in Europa und den USA in den 50er- und 60er-Jahren, möchte der Abend eine kleine, unvollständige Geschichte der Verwendung von Loops (Endlosschleifen) in der Musik vorzeigen. Die Entstehung eines loop-basierten Stücks mit Tonbandschleifen-Technik wird gezeigt. Im zweiten Teil stellt der junge Musiker Chris Silence seine Arbeit mit den neuen digitalen Technologien vor.
Mit der Frühzeit der elektronischen Musik befasst sich auch die Nachmittags-Veranstaltung am 12. Dezember. Unter dem Titel "Electro-Saurier" werden Filme und Dokumente zum Telharmonium, zum Theremininstrument, über Oscar Sala und sein Mixturtrautonium und über weitere Pioniere der elektronischen Musik gezeigt. Dazu kommen einige neuere Filme, die elektronische Musik mit Film- und Computergrafik-Bildern verbinden.
Mit der heutigen Zeit und der Zukunft befassen sich die anderen zwei Veranstaltungen dieses Herbstes.
Musik wird von den meisten Menschen fast ausschließlich über elektronische Medien gehört. Diese Medien interpretieren Musik in oft unterschätztem Ausmass. Der überwiegende Teil der Klänge, die wir täglich wahrnehmen (oder denen wir ausgesetzt werden), sind künstlicher Natur. Selten denkt man über ihren Ursprung nach, noch weiß man, wer sie gestaltet hat.
Der neue Ausbildungslehrgang "Audio-Design" an der Musikhochschule Basel versucht dem Rechnung zu tragen und Musiker auszubilden, die hohe musikalische Kompetenz mit fundierten technischen Kenntnissen verbinden.
Der Leiter dieses Ausbildungslehrgangs Wolfgang Heiniger wird am 6. Oktober versuchen einen Einblick in die Tätigkeiten eines Sound- oder Audio-Designers zu geben, den Ausbildungslehrgang "Audiodesign" vorstellen und folgenden Fragen nachgehen:
- Was ist Sound-Design, was ist Audio-Design ? (vom Klangphoto zur Semantik der Klänge)
- Was kann Sound-Design, resp. Audio-Design, und was nicht ? (vom Unterschied zwischen Fake und Betrug)
Ein noch ungelöstes Problem der elektroakustischen Musik ist die Klangprojektion: wie soll die Musik im Konzert gespielt werden? Da elektroakustische Werke in der Regel stereo komponiert werden, ist es üblich, sie im Konzert mit zwei Lautsprechern aufzuführen. Manchmal kommen zusätzliche Lautsprecher hinzu, die von hinten oder von der Seite das Stereo-Signal stützen. Doch spielt sich unser Alltag nicht stereo ab - wir sind ständig von Klang aus allen Richtungen umgeben. Die wirkliche Welt klingt immer viel klarer und schöner als ein Lautsprecher.
Am 8.November werden Gerald Bennett, Johannes Schütt und Hannes Wyss eine Technik der Beschallung, aber auch der Komposition vorstellen, die Komponisten erlaubt, ihre Werke im dreidimensionalen Raum zu konzipieren und zu realisieren und dadurch ein Klangbild zu erzielen, das der Wirklichkeit näher kommt als die traditionelle Stereophonie. Tonbeispiele illustrieren unterschiedliche Techniken der Klangprojektion (Monophonie, Stereophonie, Quadrophonie, Surround, etc.) sowie Kompositionen, die von dreidimensionaler Klangprojektion Gebrauch machen.