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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

1. Buch
29. Kapitel: Wir müssen wünschen, daß alle Gott lieben
30. Aus der Zahl all derer, die mit uns Gott genießen können, lieben wir teils solche, die wir selbst unterstützen, teils solche, von denen wir unterstützt werden, teils solche, deren Hilfe wir bedürfen oder deren Dürftigkeit wir abhelfen, teils solche, denen wir weder selbst einen Vorteil verschaffen noch von denen wir einen solchen erwarten. Das aber müssen wir doch wünschen, daß alle mit uns Gott lieben, und alles, womit wir unsere Mitmenschen unterstützen oder womit wir von ihnen unterstützt werden, muß sich auf dieses Ziel beziehen. Wenn einer z. B. in einem Theater, wo es doch so ruchlos zugeht, irgendeinen Schauspieler liebt und seine Kunst als ein hohes, ja höchstes Gut genießt, so liebt er alle, die seinen Schauspieler ebenso lieben; und das tut er nicht ihretwillen, sondern wegen dessen, den sie geradeso lieben wie er. Und je glühender er in seiner Liebe zu ihm ist, desto eifriger versucht er ihm auf jede Weise Liebhaber in großer Zahl zu verschaffen, und einer desto größeren Zahl von Zuschauern will er ihn zeigen. Sieht er einen, der kalt bleibt, so sucht er ihn, soviel er kann, durch Lobeserhebungen auf seinen Helden zu erwärmen; findet er aber gar einen Widersacher, so haßt er leidenschaftlich in ihm die Abneigung gegen seinen Liebling und arbeitet mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln darauf hin, diese Abneigung zu beseitigen. Was sollen daher wir in der Gesellschaft der Liebe Gottes tun, den zu genießen Seligkeit ist, von dem alle, die ihn lieben, sowohl ihr Dasein als auch ihr Lieben haben? Von ihm brauchen wir nicht zu fürchten, daß er einem, der ihn einmal kennt, mißfalle. Will er etwa geliebt werden, um von seinen Liebhabern eine Belohnung zu erhalten? Gibt nicht vielmehr er denen, die ihn lieben, eine ewige Belohnung: sich selbst, den Gegenstand ihrer Liebe? Daher kommt es, daß wir auch unsere Feinde lieben: wir fürchten uns nicht vor ihnen, als könnten sie uns den Gegenstand unserer Liebe entreißen; wir haben vielmehr Mitleid mit ihnen, weil sie uns um so mehr hassen, je weiter sie vom Gegenstand unserer Liebe getrennt sind. Werden sie aber einmal zu ihm bekehrt, so müssen sie ihn als das seligmachende Gut und uns als die Teilnehmer an einem solchen Gut lieben.