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In jeder Hinsicht unerwartet erzählt Rachel Yoder über das Muttersein in unserer Zeit. Klingt banal, aber ich verspreche, das Ergebnis ist phänomenal.
Die Hauptfigur, nur «Mutter» genannt, hat nach der Geburt ihres Sohnes zunächst noch zu arbeiten versucht, musste aber irgendwann aufgeben. Nun ist sie in der privilegierten Position, «nur» Hausfrau und Mutter sein und sich tagein, tagaus um ihren Sohn kümmern zu können. Doch warum fühlt sie sich nicht privilegiert? Warum hat sie den Eindruck, gescheitert zu sein? Und wie soll sie mit der unbändigen Wut umgehen, die sie immer wieder überkommt? Aus der Mutter wird Nightbitch, eine Hündin, die nachts umherstreift, kleine Tiere reisst und sich ganz ihren Instinkten überlässt. Ob die Verwandlung die erhoffte Erlösung birgt?
Rachel Yoder schreibt chronologisch und als allwissende Erzählerin aus Sicht ihrer Protagonistin. Die Ereignisse dieses Sommers schildert sie überwiegend in Innenansichten der Mutter, ihren Gedanken und Gefühlen. Die Mutter ist oft sarkastisch. Entsprechende Aussagen bzw. Gedanken sind kursiv geschrieben. In ihrer Verzweiflung findet sie in der Bibliothek ein (fiktives) Buch, aus dem sie im Folgenden immer wieder zitiert, wir bekommen es somit auch mit einer Form von Interliterarität zu tun. Als die Mutter beginnt, der Autorin Mails zu schreiben, hat dies Ähnlichkeiten mit Beten. Der Besuch einer Party wiederum mutet sektenartig an, der realitätsnahe Anlass – die Bewerbung eines idealen Geschäftsmodells für Mütter zum Erwirtschaften eines passiven Einkommens – wirft ein Schlaglicht auf die beruflichen Aussichten des Mutterseins.
Die Autorin schildert die tiefe Verzweiflung, Frustration und Wut von Müttern bzw. denen, die sich ausschliesslich um die Kinder kümmern, auf treffende, urtümliche, teils beissende, oft komische Art und Weise. Sie zeigt, was auch heute immer noch im Argen liegt und bedient sich bei der Lösungsfindung eines fantastischen, völlig überraschenden Weges: der Hundwerdung ihrer Protagonistin. Wie die Mutter aus ihrer Verwandlung eine Performance macht, so ist auch dieses Buch eine einzige Kunstperformance: leicht verstörend, zutiefst bewegend und unvergesslich!
Übersetzt von Eva Bonné.