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Agnus castus
ZENTRALE BEGRIFFE
Will sich nicht zu sehr mit der Welt verbinden. Wird gefühllos für die äussere Welt. Fühlt sich isoliert und kontaktlos. "Kopfschmerzen wie vom Verbleib in einem Zimmer mit stickiger Luft und düsterer Atmosphäre".
Zahlreiche Beziehungsprobleme, am meisten dort, wo Verbindlichkeit gefordert ist. Sexualität klappt besser ausserhalb der Ehe. Kann kompensatorisch ein ausschweifendes Sexualleben führen oder in Enthaltsamkeit und Impotenz verharren.
Nervös, zerstreut, unzufrieden mit sich selbst.
Worauf richtet sich der Fokus der inneren Aufmerksamkeit?
Ein Hauptbereich der Problematik liegt bei Agnus castus sicher in der Sexualität. Die grösste Empfindlichkeit hat er dort, wo es um Bindung, Verpflichtung, Vereinigung geht.
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Die Themenliste umfasst eine inhaltlich gruppierte Sammlung von Original Prüfungssymptomen
Wie zeigt sich das Leiden des Patienten? (Sekundäre Psora)
Wie kompensiert er sein Leiden? (Egotrophie, Egolyse, Alterolyse)
Wie lautet die eigentliche Hypothese „nach Masi“? (Primäre Psora)
Hier finden Sie spannende Interpretationen von einzelnen Themen oder Symptomen
Lesen Sie mehr zur Substanz
1. Folgen geheimer Laster, oder von Hochzeit
Kranke, die infolge geschlechtlicher Ausschweifungen und geheimer Laster zusammengebrochen sind. Kt
Das Mittel heilte eine Frau, die sich geheimen Lastern hingegeben hatte und nach ihrer Hochzeit feststellte, dass sie keinerlei sexuellen Anreiz mehr empfand. Später wurde sie schwanger; aber nach der Entbindung hatte sie keine Milch. Kt
Es heilt Gebärmutterblutungen und stellt die unterdrückte Regel bei jungen Frauen "mit einer Vergangenheit" wieder her. Kt
Der bedauernswerte, jämmerliche junge Mann, gebrochenen Herzens über sein früheres Leben, findet sich jetzt jung verheiratet – und impotent! Er hatte eine Gonorrhö gehabt; er hatte exzessiv gelebt, und jetzt leidet er an erschlafften und kalten Genitalien, Emissionen, Prostatasekretion beim Stuhlgang. Seine junge und schöne Frau erregt keine Erektion bei ihm, obwohl er erst kürzlich einen heimlichen Erfolg hatte, und am Morgen Erektionen hat, aber nicht mehr. Kt*
Unverheiratete Menschen, die an nervöser Schwäche leiden. He 47.3
2. Melancholisch-hypochondrische Gemüthsstimmung den ganzen Tag; es ist ihm, als wäre ausser ihm nichts vorhanden; er ist immer mit sich unzufrieden, unfähig zu irgend einem Geschäfte; er ist ganz fühllos für die Aussendinge und fällt leicht bei der Arbeit in einen gedankenlosen Zustand. St 130
3. Gemüthsstimmung, als wenn er sich selbst für nichts hielte, wo er denn wünscht, dies üble Gefühl seines Daseins los zu werden und lieber tot zu sein; zu dieser Zeit hat er keinen Muth zu irgend etwas; ausser diesem Zustande ist er in Überspannung, er möchte deklamiren usw. St 130
4. (...) ausser diesem Zustande ist er in Überspannung, er möchte deklamiren usw. St 130
5. Vergesslichkeit
Ungeheure Zerstreutheit, Abwesenheit des Geistes, Unbesinnlichkeit; er wusste z.B. beim Kartenspiel, was ihm sonst so geläufig war, nicht was er für eine Karte geben sollte, nicht was am Spielen war, oder was er thun sollte. St 4
Gemüt; Vergesslichkeit; vergisst ihre Einkäufe, geht hinaus und lässt sie liegen. Rep
6. Tod, sterben
Niedergeschlagen, fürchtet den nahenden Tod. He 1.3
Traurig und verzweifelt; wiederholt ständig, dass sie sterben wird, dass es keinen Zweck hat, irgendetwas zu tun. Bei Kopfschmerzen. Bei Fehlen der Muttermilch. He 1.4
Milch spärlich oder versiegt; oft mit grosser Traurigkeit; sagt, dass sie sterben wird. He 24.2
Gemüt; Suizidalität; bei Manie; im Wochenbett mit Abneigung gegen Ehemann, Säugling und Koitus. Rep Cho
7. Mutlos und unfähig etwas zu tun
(...) wiederholt ständig, (...) dass es keinen Zweck hat, irgendetwas zu tun. He 1.4
(...) er ist immer mit sich unzufrieden, unfähig zu irgend einem Geschäfte (...). St 130
(...) zu dieser Zeit hat er keinen Muth zu irgend etwas (...). St 130
8. Angst und Schwäche
Ängstlich, furchtsam und schwach. He 1.6
Grosse Schwäche, wie bei heftiger Angst, mit Gefühl, als ob ein Durchfall entstehen wollte, im Stehen. St 129
Ängstliche, unerinnerliche Träume. St 118
Im Schlafe fährt sie zuweilen zusammen, als wenn sie erschräcke und wacht auf. St 116
Krampfbeschwerden der Hypochondriker. He 36.1
9. Gemüt; Delusion; von Wohlstand. Rep
10. Öfteres Schlucksen bei verdriesslichem, zu Ärgerniss geneigtem Gemüthe. St 43
11. Kopfschmerzen in der oberen Kopfhälfte, wie vom Verbleib in einem Zimmer mit stickiger Luft und düsterer Atmosphäre; Fixieren der Augen auf einen Punkt besserte sie. He 3.4
12. Lesen
Er findet Lesen schwer; muss einige Sachen zweimal lesen; kann mit seiner Aufmerksamkeit nicht bei einer Sache bleiben. He 1.2
Beim Lesen bekommt er zusammenziehenden Kopfschmerz. St 7
Augenbrennen und Kopfschmerzen vom Lesen am Abend. He 5.1
13. Stimme, als hätte sie Wolle im Hals, klanglos. He 25.1
14. Sehen
(...) Fixieren der Augen auf einen Punkt besserte sie. He 3.4
Lichtscheu. He 5.4
15. Täuschung des Geruchssinnes, es riecht ihm bald wie Moschus, bald wie Hering, und keines davon ist in der Nähe. St (5)
16. Hören
Ohrklingen, mehr brausend. St 28
Schwerhörigkeit. He 6.2
17. Geschmack wie von einem galvanischen Reize im Munde, wie kupfrig metallisch. St 37
18. Schwere des Kopfes mit Druck im Nacken, es ist als wollte das Haupt vorwärts sinken. St 5
19. Wie von einem Schlag
Schmerzen in der Schläfe wie von einem Schlag. He 3.5
Reissende Schmerzen über rechtem Auge und Schläfe, als ob man einen Schlag auf das Auge bekommen hätte, verbunden mit Schmerzhaftigkeit bei Berührung, schlimmer durch Bewegung, schlimmer am Abend, dauert mehrere Tage. He 3.2
20. Hart drückender Schmerz, wie von einem Stein, auf dem Nasenrücken, dem rechten Nasenbein und zwischen der rechten Augenbraue und der Nasenwurzel, welcher beim Draufdrücken verschwindet. St 31
21. Berührung verschlimmert
Drückendes Reissen im linken Scheitelbeine, bei Berührung und Bewegung heftiger. St 14
Harter Druck in der (Leber-) Gegend der letzten wahren und ersten Ribbe rechter Seite, bei Berührung heftiger. St 49
Lähmiges, zuckendes Ziehen in den Mittelhandknochen des linken Zeigefingers, bei Berührung heftiger. St 87
St 14, 31, 75, 79, 81, He 3.2, 10.2
22. Bewegung verschlimmert
Bewegung verschlimmert Reissen und Druck im Kopf, Druck in Achselhöhle und Arm; Schmerzen in den Hüften. He 35.4
St 83, 92, 94, 96, 110, He 3.2
23. Verletzung, Verstauchung
Kann bei Prellungen oder Wunden angezeigt sein. He 45.1
Verstauchungen und Verrenkungen der Gelenke. He 45.2
Zerrungen durch etwas zuviel Heben. He 45.3
Verhütet Wundreiben beim Gehen. He 45.4
24. Jucken im Gesicht
Fein stechendes Jücken an verschiedenen Stellen im Gesichte, das auf jeder Stelle erst mit einem langen Stiche anfing. St 20
Ameisenkriechen, das zum Kratzen reizt auf dem rechten Backen. St 29
Fressendes Jücken an der Nasenspitze. St 32
St 30, 33, 36
25. Scharfe Stiche
Ungeheure, tiefe, scharfe Stiche am After im Steissbeine. St 55
Scharfes Nadelstechen an der innern Seite des rechten Oberschenkels ganz oben. St 93
Absetzende, scharfe Stiche, da wo sich das Waden- und Schienbein vorne an die Fusswurzelknochen anfügen. St 105
Heftige Stiche an der linken grossen Zehe, so dass das ganze Glied zuckt. St 109
St 20, 54, 56, 77, 82, 85, 88, 91, 95, 100, 106, 108, 111-113
26. Ein knarrendes Geräusch in den Wirbeln. He 31.1
27. Oben in der linken Wade Empfindung, als würde die Haut inwendig mit einem Faden angezogen. St 99
28. Schwere am rechten Fusse; es ist als ob eine grosse Last in der Gegend der Fusswurzelknochen befestigt wäre, die ihn herabzieht, in jeder Lage. St 107
29. Füsse knicken beim Gehen auf Pflastersteinen leicht um. He 33.10
30. Im Freien: Hände schwitzen beim Gehen. He 39.5
31. Summen und Brummen im rechten Zeigefinger. St 89
32. Geruch nach altem Harn
Die Luft, die er aufstösst, riecht wie alter Harn, der an den Kleidern verblieben ist. He 16.1
Aus dem Rektum abgehende Blähungen riechen wie lange auf Kleidern verbliebener Harn. He 20.7
33. Essen und Trinken
Widerwille gegen alles Getränke. St 38
Mangel an Durst. St 39
Geniesst das Essen, aber es bekommt ihm nicht. He 14.2
Fühlt sich durch Essen unpässlich und voll. He 15.3
Warme Speisen und Getränke verursachen Zahnschmerzen. He 15.4
34. Eingeweide drücken nach unten
Im Stehen, erst Übelkeit in der Herzgrube, dann im Unterleibe eine Übelkeitsempfindung, als senkten sich alle Eingeweide abwärts. St 44
Übelkeit in der Magengrube beim Stehen; später plötzliche Übelkeit und ohnmächtige Schwäche im Bauch mit einem Gefühl, als drückten die Därme nach unten; er möchte sich mit seinen Händen aufrecht halten. He 16.3
35. Geschlechtstrieb
Erschlaffung der sonst sehr regen Zeugungskraft; das männliche Glied ist klein und schlaff. St 61
Die gewöhnliche, sehr starke Frühsteifigkeit mit Drang zum Beischlafe findet nicht statt; die Theile sind reizlos, schlaff und zum Beischlafe nicht aufgelegt. St 63
Sehr erhöheter Geschlechtstrieb, beständige Erektionen und wohllüstiges Gefühl in den ganzen Zeugungsorganen. St 65
Wollüstige Träume. St 119
Häufige Erektionen, wobei das männliche Glied unter wollüstigem Gefühl stärker anschwillt, als gewöhnlich. St (15)
Nach ausgeübtem Beischlafe erfolgt dieselbe Nacht eine Pollution und lang anhaltende Erektionen. St (16)
Verminderter Geschlechtstrieb, nach der Begattung aber Leichtigkeitsgefühl im Körper. St (9)
36. Ungewöhnlich starke Erektionen, ohne Veranlassung und ohne verliebte Gedanken; die Ruthesteifigkeit war mit einer Art wohllüstiger Wuth (ohne Drang zur Saamenausleerung) verbunden; er biss die Zähne vor Wohllustgefühl zusammen, eine halbe Stunde lang, früh beim Aufstehen aus dem Bette. St 69 (Heilwirkung)
37. Weibliches Geschlecht
Hysterie mit manischer Wollust. He 23.1
Sterilität; Ausbleiben der Menses und des geschlechtlichen Verlangens. He 23.2
Plazentaverhaltung. He 24.1
Die Vagina ist schlaff. Oft besteht Prolaps sowie reichlicher, eiweissähnlicher Ausfluss. Kt
38. Fehlende Muttermilch
Unterdrückung der Milch im Kindbett oder während der Stillperiode. He 24.3
(...) Später wurde sie schwanger; aber nach der Entbindung hatte sie keine Milch. Kt
Milch spärlich oder versiegt; oft mit grosser Traurigkeit; sagt, dass sie sterben wird. He 24.2 He 1.4
39. Hitze am ganzen Körper, dabei aber kalte Kniee, wie ein überlaufendes Feuer. St 128
40. Schlechte Folgen von nassen Füssen. He 39.1
In dieser Phase begegnen wir einem grundsätzlich melancholischen und ängstlichen Menschen Th 8, der an zahlreichen Beziehungsproblemen leidet. Er fühlt sich isoliert und kontaktlos, die Aussenwelt scheint nicht mehr zu existieren Th 2.
Seiner festen Partnerin kann er sich z.B. sexuell nicht nähern, während er in einer Abenteuer-Beziehung keinerlei Potenzprobleme kennt. Oder er klagt darüber, dass es ihm nicht gelinge, eine passende Partnerin zu finden, was ihn in einen nervösen, zerstreuten Zustand versetzt Th 1, 5, 12, 35.
Seine fehlende Verbindung mit der Aussenwelt macht ihn auch unsicher in Bezug auf sich selbst: Er ist ständig unzufrieden mit sich, seine Arbeit erscheint ihm nicht produktiv Th 2.
Egotrophie
In seiner Vorstellung von Vollkommenheit erlebt Agnus castus die chymische Hochzeit höchst lustvoll mit sich selbst: Ungewöhnlich starke Erektionen, ohne Veranlassung und ohne verliebte Gedanken; die Ruthesteifigkeit war mit einer Art wohllüstiger Wuth (ohne Drang zur Saamenausleerung) verbunden; er biss die Zähne vor Wohllustgefühl zusammen, eine halbe Stunde lang, früh beim Aufstehen aus dem Bette Th 36. Das heisst, Agnus castus will sich mit seinem sexuellen Bedürfnis nicht nach aussen wenden, er verschwendet quasi keinen Gedanken an eine gelebte Sexualität, vielmehr will er die Vereinigung von Männlich und Weiblich in sich selbst erleben.
Aus diesem Erfüllungsgefühl heraus entsteht auch sein überspannter Zustand, in dem er nur noch deklamieren möchte Th 4 – es kommt zur Logorrhö statt zur Pollution. Die Über-Spanntheit führt körperlich zum galvanischen, sprich elektrischen Geschmack im Mund Th 17. Die Wahnvorstellung von Wohlstand Th 9 entspringt möglicherweise dem gleichen Gefühl von Erfüllung.
Seine Neigung zum Deklamieren lässt sich auch als Kompensation seines Verlust-Erlebens verstehen: Er trägt anderen etwas vor, teilt ihnen quasi vom Katheder herab seine Erkenntnisse mit, statt mit ihnen in direkte Kommunikationsverbindung zu treten.
Den Verlust der Beziehungsfähigkeit kann Agnus castus durch eine höchst aktive Sexualität kompensieren. Er führt in dem Fall ein sprunghaftes, ausschweifendes Leben, immer auf der Suche nach der einen, wahren, wirklichen Verbindung Th 1, 35, 36. Nach dem Beischlaf verspürt er ein Leichtigkeitsgefühl im ganzen Körper – er ist beflügelt vom erfolgreichen Versuch, sich mit der Aussenwelt zu vereinigen Th 35.
Seine Kopfschmerzen bessern sich, wenn er die Augen auf einen Punkt fixiert Th 11: Durch das Fixieren scheint es ihm einen Moment lang zu gelingen, sich an die Welt zu heften, mit ihr in Verbindung zu stehen.
Egolyse
Die Fühllosigkeit für die Aussendinge Th 2 führt in dieser Phase dazu, dass Agnus castus mutlos gegenüber Beziehungen wird und sich resigniert zurückzieht. Er ist bei der Arbeit völlig gedankenlos, sieht keinen Sinn mehr darin, weil es ihm nicht gelingt, sich mit seiner Tätigkeit zu verbinden Th 7. Auch in der Freizeit ist er ungeheuer zerstreut: Beim Kartenspielen weiss er nicht mehr, welche Karte er geben soll oder was er tun soll, beim Einkaufen lässt er die Waren im Geschäft liegen Th 5.
Extrem traurig reagiert die Frau auf ausbleibende Muttermilch: Wer selbst nichts ist, kann auch nichts geben. Dass die Milch nicht fliesst, scheint ihr zu beweisen, dass in ihr nichts ist, dass sie nicht nährend und befruchtend mit der Welt in Kontakt treten kann Th 3, 6.
Das üble Gefühl, als wenn er sich selbst für nichts hielte, möchte er schliesslich loswerden und lieber sterben Th 3.
Alterolyse
Das verdriessliche, zu Ärger geneigte Gemüt Th 10 könnte bei Agnus castus daher rühren, dass er den anderen vorwirft, ihn auszuschliessen, sich ihm zu entziehen. Er könnte z.B. nach der Hochzeit sehr enttäuscht und mit heftigen Vorwürfen an seine Frau reagieren, wenn er feststellen müsste, dass trotz der Verbindlichkeit dieser Beziehungsform nicht mehr innerer Kontakt zustande käme als vorher.
Welche „Conditio humana“ lehnt er ab? Wo wünscht er sich Vollkommenheit?
Agnus castus lehnt die Verbindung mit der Welt ab. Er will die Welt nicht wahrnehmen, sich nicht mit ihr vereinigen oder in ihr etwas befruchtend bewirken. Er will sich ihr nicht "vermählen".
Stattdessen wünscht er sich das All-Eins-Sein. In der Jung’schen Analyse symbolisiert die Hochzeit – während des Individuationsprozesses oder bei der Ganzwerdung der Persönlichkeit – die Versöhnung des Unbewussten, des weiblichen Prinzips, mit dem Geist, dem männlichen Prinzip DDS.
Agnus castus möchte diese Erfahrung der Vereinigung in sich selbst erleben, statt sich über die Hinwendung zum anderen Menschen und zur Welt mit dem Aussen zu verbinden.
Wo erlebt er deshalb ein Nichtgenügen, einen Verlust?
Weil er die Verbindung mit der Welt ablehnt, ist es ihm, als sei ausser ihm nichts vorhanden, er wird fühllos für die Aussendinge Th 2.
Durch den fehlenden Austausch verliert er die Möglichkeit, sich mit der Welt zu messen. Er hält sich selbst für nichts und hat keinen Mut zu irgend etwas Th 3.
Beim Lesen kann er mit seiner Aufmerksamkeit nicht bei einer Sache bleiben oder er bekommt Augenbrennen und zusammenziehende Kopfschmerzen Th 12.
Sobald er eine verbindliche Beziehung eingeht – z.B. durch Eheschliessung – verliert er das sexuelle Interesse Th 1, die Geschlechtsorgane werden klein, kalt und schlaff Th 35.
Was empfindet er infolge der Ablehnung als Bedrohung oder als Strafe?
Durch das verheerende Lebensgefühl, "nichts" zu sein, durch seine fehlende Verbindung mit der Welt, fühlt sich Agnus dem Tod nahe. Er fürchtet zu sterben oder sagt seinen Tod voraus Th 6. Ein Bild für seine innere Stimmung sind die Kopfschmerzen wie vom Verbleib in einem Zimmer mit stickiger Luft und düsterer Atmosphäre Th 11.
Denkbar ist auch, dass er sich davor fürchtet, nahe Beziehungen einzugehen, da er gerade dort, wo andere Menschen Verbundenheit und Reibung spüren, sein inneres Unvermögen wahrnimmt.
Wie könnte sich ein bewusster Umgang mit der Grundproblematik darstellen?
Agnus castus muss anerkennen, dass die Vereinigung der männlichen und weiblichen Seite in sich selbst durchaus möglich ist, dass er dazu aber in einer Erfahrungsphase von konkreter, gelebter Beziehung mit anderen Menschen reifen muss.
Dass Agnus castus ein zentrales Problem im Bereich der Verbindung mit den Menschen und der Welt hat, zeigt sich in verschiedenen Symptomen in bildhafter Weise:
Die Stimme ist klanglos, als hätte sie Wolle im Hals Th 13. Das Sprechen dient nicht der Kontaktaufnahme, der Hals scheint mit Wolle verstopft, was die Stimme dumpf macht.
Im rechten Zeigefinger brummt und summt es Th 31. Es ist der Finger, mit welchem wir in verschiedenen Gesten eine Verbindung zur Welt schaffen, sei es beim Ermahnen, beim Hinweisen oder um die eigene Stimme abzugeben, bzw. unsere Meinung kundzutun. Agnus castus lehnt diese Hinwendung zu seinem Umfeld ab. Statt Bezug zu nehmen, brummt ihm der Finger.
Täuschung des Geruchssinnes, es riecht ihm bald wie Moschus, bald wie Hering, und keines davon ist in der Nähe Th 15.
Der Name "Moschus" ist entlehnt aus dem altindischen muska- "Hode, Hodensack". So benannt, da der Moschusbeutel mit Hoden verglichen bzw. gleichgesetzt wurde EWd. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um das Geschlechtsteil des Moschustieres, sondern um eine Duftstoffdrüse zwischen Nabel und Penisöffnung, mit welchem ein Weibchen zur Paarung angelockt wird. www.world-of-animals.de
Auch der Geruch nach Hering oder Fischlake kann in Bezug gesetzt werden mit ungepflegten Geschlechtsteilen.
Agnus castus kann diese Sinnestäuschung unterschiedlich aufnehmen: Strebt er seine egotrophe Vollkommenheitsvorstellung an, so wird er sich vor diesen Gerüchen ekeln. Er will sich dann nämlich nicht paaren, sich nicht in niederer fleischlicher Lust verbinden, vielmehr möchte er die Vereinigung ganz in sich allein erleben Th 36.
Oder aber er kompensiert seinen Beziehungsverlust durch häufige sexuelle Begegnungen. In diesem Fall täuscht ihm sein Geruchssinn ein "paarungsbereites" Gegenüber vor.
Die Luft, die er ausstösst, sowie die abgehenden Blähungen riechen wie lange auf den Kleidern verbliebener Harn Th 32. Zusammen mit dem Kopfschmerzsymptom wie vom Verbleib in einem Zimmer mit stickiger Luft und düsterer Atmosphäre Th 11 zeigt sich hier ein Bild von Verwahrlosung, ungepflegtem, kontaktscheuem Dasein. In der egolytischen Phase wäre diese Lebensform bei Agnus castus durchaus denkbar.
Agnus castus wird erwähnt als Mittel für Verletzungen Th 23. Da der Kontakt mit der Umwelt für ihn problematisch ist, kann man sich gut vorstellen, dass er zu Verletzungen, Missgeschicken oder Unfällen neigt.
Aus der gleichen Thematik erklärt sich das Schwitzen der Hände beim Gehen im Freien Th 30 oder das leichte Umknicken der Füsse auf Pflastersteinen Th 29. Er bewegt sich unsicher und ungeschickt in der Welt.
In der Wade die Empfindung, als würde die Haut inwendig mit einem Faden angezogen Th 27, und es ist, als ob eine grosse Last in der Gegend der Fusswurzelknochen befestigt wäre Th 28. Beide Symptome weisen auf ein Angebunden- oder Festgehaltensein hin. Er erlebt auf diese Weise eine Bindung in sich, in seinem Körper, statt eine Verbindung nach aussen.
Zum Thema der Verbindung mit der Welt und den Menschen gibt es viele Mittel mit unterschiedlichen Nuancen:
Platinum fühlt sich erhaben über die Niedrigkeit der Welt. Kleinkram wie konkrete Beziehungen hat er nicht nötig. Er wünscht sich eine Art göttlicher Vereinigung, im Gegensatz zu Agnus castus, welcher die Vereinigung in sich selbst erfahren möchte. Beide leiden an der Beziehungslosigkeit, welche die jeweiligen Ansprüche mit sich bringen. RMM
Staphisagria lehnt es ab, mit der konkreten Welt in Reibung zu geraten. Seine egotrophe Erhabenheit, seine Entrüstung über den Schmutz, die Unwürdigkeit, das Niedere im realen Leben macht es ihm schwer, Verbindungen einzugehen. s. Kapitel Staphisagria
Aristolochia möchte hinter das Geheimnis kommen wie die Verbindung zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Universum funktioniert. Dieses Ziel will er erreichen, ohne sich auf eigene Beziehungen einzulassen. s. Kapitel Aristolochia
Conium möchte aus sich heraus Neues schaffen. Er lehnt die Kooperation ab und hat deshalb Mühe, Verbindungen einzugehen. RMM
Hyoscyamus lehnt die ideelle, freundschaftliche, platonische Form der Liebe ab. Alles, was er nicht ganz konkret physisch besitzen oder sich nehmen kann, hat für ihn keine wirkliche Bedeutung. Den immateriellen Formen der Liebe spricht er jeden Wert ab. Er fühlt sich nur mit Menschen wirklich verbunden, mit denen er Sex haben kann. s. Kapitel Hyoscyamus
Ranunculus bulbosus wünscht sich vollkommene Verschmelzung mit seiner Umgebung, er möchte sich ungetrennt und vereinigt erleben. Seine Sehnsucht zielt auf eine symbiotische Verbindung. s. Kapitel Ranunculus bulbosus
Mit Caladium hat Agnus castus das Symptom der Sterilität gemein. Wie Agnus castus hat er Mühe, auf die Welt zuzugehen, jedoch weil er in keiner Weise Spuren hinterlassen will. Aus diesem Grund ist die Sexualität auch da ein zentrales Thema. s. Kapitel Caladium
Weitere Mittel, deren Problematik sich jeweils um Beziehungen dreht, sind Natrium muriaticum, Ignatia, Sepia, Phosphor und dessen chemische Verbindungen, Antimonium crudum, Anantherum, usw.
ZUR SUBSTANZ
Agnus castus, Vitex agnus-castus, Keuschlamm, Mönchspfeffer (Familie: Lamiaceae)
Ein Strauch, der an feuchten Stellen in Südeuropa wächst.
ANMERKUNGEN
Schon in den ältesten, bis herab auf die neuren Zeiten, bediente man sich verschiedener Theile dieses Gewächses zu künstlicher Besänftigung des Befriedigung fordernden Geschlechtstriebes, was namentlich in Klöstern häufig stattgefunden haben soll, aus welchem Grund die Beeren desselben von Serapion den Namen Mönchspfeffer erhielten. St
Wir finden fragwürdige Übersetzungen von Agnus-castus-Symptomen in die Repertoriumssprache. Es ist in folgenden Rubriken als einziges Mittel aufgeführt:
Repertorium: Gemüt; Lesen; verlangt nach; Orator, will lesen wie ein
Originalsymptom: (...) ausser diesem Zustande ist er in Überspannung, er möchte deklamiren u.s.w. St 13
Repertorium: Gemüt; Delusion; Körper, Körperteile; leichter als Luft; Umarmung nach zärtlicher
Originalsymptom: Verminderter Geschlechtstrieb, nach der Begattung aber Leichtigkeitsgefühl im Körper. St (9)
QUELLEN
Überarbeitung im Rahmen der Arzneimittelstudiengruppe Lörrach, März 2004
|St

He
Kt
Kt*
RMM
Rep
DDS
EWd
Bild
|Stapf, Archiv für die Homöopathische Heilkunst, Band 10/1, Leipzig 1831, Band (13/2), Leipzig 1833|
Hering Constantin, The Guiding Symptoms of our Materia Medica, New Delhi 1989, Band 1
Kent, James T., Kents Arzneimittelbilder, Heidelberg 1988
Kent, James T., Lectures on Homoeopathic Materia Medica, Philadelphia 1923
Susanne Studer, Esther Ostermünchner, Revidierte Materia Medica Homoeopathica Band 1, HIZ, Hägglingen 2002
Cho – Choudhouri N.M.
Chevalier/Gheerbrandt, Dictionnaire des Symboles, Laffont, Paris 1982
Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, de Gruyter, Berlin, New York 1999
Susanne Studer