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Ein seltsamer Berg
Von Fritz Schütt.
Mit völlig lotrechten Wänden schnellt der Turm, ohne jedweden Überhang, ohne irgendwelche Verbindung mit den Flanken des Tales als ein Riesenobelisk von etwa 200 Meter Höhe frei aus dem Talgrund auf: ein einzigartiges Schaustück, geradezu « ein naturwidriges Naturwunder » — so sah er aus, der Campanile di Val Montanaia in den Karnischen Voralpen.
Doch auch hier hatte sich schon kühner Mut versucht. Die zwei italienischen Führerlosen Cozzi und Zanutti unternahmen am 7. September 1902 zwei verwegene Versuche und gelangten bis zu einer Kanzel unter der Verdickung des Turmes. Aber umsonst, der Berg war stärker als sie. Aber sie wollten im nächsten Jahre wiederkommen, um den Sieg zu ernten, der sie damals nur noch etwa 15 m vom Erfolg trennte. Aber schon am nächsten Tag erhielt dieses Felswunder wieder Besuch. Die drei Deutschen Wolf von Clanvell, Günther von Saar und Karl Domenigg umkreisten ihn, um eine Ersteigungsmöglichkeit festzustellen. Neun Tage liess ihnen das Geheimnis dieses Turmes keine Ruhe mehr, so dass die beiden ersteren versuchten, am 17. September das Rätsel zu lösen. Auf dem gleichen Weg, den die Italiener genommen hatten, gelangten sie zur Kanzel. Sie standen vor der Entscheidung. Ein senkrechter, unten überhängender, sehr enger Riss brachte sie noch 5 Meter höher, darüber noch einige Meter gestufter Fels, dann aber wölbt sich weit vorklaffend rotgelber, ganz glatter Fels empor. Hier hatte sich Cozzi zur Rückkehr entschliessen müssen. Eine handbreite Leiste zieht da nach links um die Ecke, oben weit von gelbsplittrigem Fels überhangen, nach unten in einer Wand abbrechend, die bis zum Karboden glatt abstürzt.
Es muss versucht werden! Die Hand auf die Leiste stützend, den Körper über sie gebeugt, finden die Füsse unverhofft Halt in Löchern, die in die Felswand unter der Leiste eingefressen sind. Der Erhaltung des Gleichgewichts wegen kann man die Tritte nicht erspähen, man muss sie ahnen und suchen. Der Tastsinn des Fusses muss hier das Auge ersetzen. So schob sich Saar an die Kante, hinter der das ausgekundschaftete Band gleich beginnen musste. Und welche Überraschung, da zeigte es sich auch schon. Als wahre Fahrstrasse, bis zu einem halben Meter breit, führte es in gleicher Ausgesetzt- heit, aber doch wesentlich leichter zu dem Riss, der eng und weit überhängend anhebt, an Steilheit und Schwierigkeit aber rasch abnimmt. Das verwegene, gefährliche Spiel war gewonnen, denn was am Gipfelaufbau nun folgte, das bot zwar Schwierigkeiten, hielt aber doch keinen Vergleich gegen das Über-wundene. Mit dem Steinmann am Gipfel erbauten Clanvell und Saar ihr Siegesmal.
Bergsommer 1930. Nur ungern denkt mancher zurück an die erste Augusthälfte, wo Witterungsumschläge nicht gekannter Art fast alle Pläne zunichte machten. So scheiterte manche Fahrt im Regen, der oft nachts, wie im tiefen Winter, in tollen Schneefall ausartete.
Noch lange blieb der Himmel schwarzgrau, wir Campanile di Val Montanaia.
Zeichnung von G. Gloor.
trabten dennoch eines Tages schwerbepackt über Calalzo zum Rifugio Padova hinauf. Ein neuer Tag kam herauf, wirklich ein ganz neuer mit Sonne und blauem Himmel. Und in dieser einsamen Herrlichkeit zog uns etwas wie unsichtbarer Magnet. Ein schwerer Geröllschinder ist zwar der « Hübel-weg » zum Felsfenster hinauf, drüben wieder hinunter, um von neuem sich in der Gluthitze durch ein Geröll- und Schneekar zur Forcella Val di Montanaia hinaufzuplagen. Da tat sich uns plötzlich ein ganz unerwartetes Bild auf, das jede Vorstellung in unserem Geiste weit übertraf, denn mitten im Gipfelkranz der Karnischen Voralpen stand drunten auf einer grünen Wiese der Campanile. Wir stürmten hinunter und begannen um 12 Uhr den Einstieg.
Eine historische Stelle nach der anderen blieb hinter uns, wie Cozzi-riss, Stütztraverse-Clanvelriss und Ringband, deren Schwierigkeit heute bei der vollendeten Form der Klettertechnik kaum noch aufhält, aber vor 28 Jahren zweifellos eine Glanzleistung darstellte. Wie die Katzen liefen wir vollends den letzten Aufbau hinan, dann kündete die Gipfelglocke dieser stolzen Zinne ihren 147. Besuchin die Runde. Wie mächtige Akkorde brausten die metallenen Klänge aus der unheimlichen Stille der Felswände zurück, ein seltsamer und feierlicher Moment. Frei von allen Hüllen « galten » wir uns über zwei Stunden auf diesem kühnen Obelisk in der Sonne, dann hiess es scheiden von diesem Plätzchen, das wir als eines der schönsten in der Alpenwelt erkannten. Bis zum Ringband kletterten wir hinab, dann wirbelten zur Seilfahrt unsere beiden Seile über die Nordwand hinunter, und nach 37 Meter freier Luftfahrt landeten wir drunten auf dem Vorbau.
Wieder standen wir kurze Zeit später auf der üppigen Wiese mit den duftenden gelben Aurikeln und blauen Enzianen und gönnten uns nochmals eine kurze Rast am plätschernden Bächlein beim Anblick dieser zur seltsamen Form erstarrten Steinsäule. Und als wir uns droben in der Forc di Val Montanaia wieder von dem steilen Geröllschinder ausruhten, erlebten wir nochmals ein farbiges Schauspiel von noch kaum gesehener Pracht. Denn im Norden zeigten sich hinter den grandios zerhackten Felsgraten der Karnischen Berge der formenschöne Anteiao und die wuchtigen Drei Zinnen im bezaubernden Lichte des Abends. Aber das alles verblasste gegen das, was im Süden, aus dem Tale, aus dem wir soeben gekommen, vorging: wie riesige Kobolde schob sich ein wallendes Wolkenmeer mit grosser Schnelligkeit das Tal herein, schon wurden die Nachbarn des Campanile unsichtbar, da hatten ihre Krallen auch das kühne Bergwunder erreicht. Nochmals wehrte der Riese da drunten, teilte die vielfarbige Masse an seinem schlanken Leib, aber nur für kurze Zeit, denn von neuem stürzten sie über ihn her, nochmals zeigte er gespensterhaft seine Umrisse in diesem stummen Kampfgewühl, dann verschluckten sie ihn, um sein lockendes Geheimnis vor der Nacht zu schützen. Und stumm und gebannt erlebten wir diese eindrucksvollste Bergstunde.