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Die meist in den Sozialwissenschaften verwendete Toponymie ist ein Instrument, das sich sowohl für Forschende, die in der Arktis arbeiten, als auch für andere indigene Gemeinschaften als nützlich erweisen kann. Ein kürzlich veröffentlichter Artikel gibt einen Überblick über die Projekte, die für die Ortsnamen der Inuit in Kanada verantwortlich sind, und macht sie über eine interaktive Online-Karte zugänglich.
In der Anthropologie und Archäologie wird die Toponymie seit langem verwendet und könnte fast als Insidergeheimnis durchgehen. Obwohl zahlreiche Studien die Ortsnamen der Inuit dokumentieren und darüber schreiben, sind sie schwer zugänglich oder werden manchmal überhaupt nicht erwähnt. Als unmittelbare Folge dieser mangelnden Sichtbarkeit geht die Toponymie nur selten über ihren eigenen Bereich oder den der Sozialwissenschaften im weiteren Sinne hinaus. Die Etymologie eines Ortsnamens zu kennen, bedeutet jedoch, seinen Ursprung, seine Bedeutung und seine Geschichte zu kennen. Eine Informationsquelle, die sowohl für die Wissenschaft im Allgemeinen als auch für indigene arktische Gemeinschaften oder für die politische, rechtliche und kulturelle Welt nützlich ist.
Zwei Forscherinnen der Abteilung für Anthropologie und Archäologie der Universität Calgary haben sich zusammen mit einem unabhängigen kanadischen Forscher die Aufgabe gestellt, Studien zu katalogisieren, die die Ortsnamen der Inuit dokumentieren, und sie über eine interaktive Online-Karte zugänglich zu machen. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse letzte Woche in der Zeitschrift Polar Science. Die interaktive Karte ist nun auch online verfügbar.
Wie das Autorenteam anmerkt, sind Ortsnamen nicht nur für die Wissenschaft und die betroffenen Gemeinschaften wichtig, sondern auch mit historischen oder kulturellen Informationen verbunden: „Traditionelle Ortsnamen der Ureinwohner sind sprachlich und kulturell bedeutsam, weil sie mit räumlichen, zeitlichen und kulturellen Bedeutungen verbunden sind, einschließlich des Wissens, das mit dem Namen weitergegeben werden soll, wie kulturell bedeutsame Geschichten, Lieder und Jagdgebiete“, sagt M. Cecilia Porter, Doktorandin in Arktischer Anthropologie und Archäologie und Hauptautorin des Artikels.
Da sie visuelle und klangliche Bilder, metaphorische Bezüge und Hinweise auf saisonale Touren enthalten, können Ortsnamen Hinweise auf die Umwelt widerspiegeln und Beweise für sich im Laufe der Zeit verändernde Umweltbedingungen liefern oder einfach ausgedrückt, eine Quelle für Daten zum Klimawandel für Wissenschaftler sein.
Dennoch werden indigene Ortsnamen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die Arktis selten verwendet, im Gegensatz zu Namen, die aus dem kolonialen Erbe stammen. „Es ist notwendig, dass die Arktisforschung die Möglichkeit erhält, die Namen der Inuit nicht nur als Ersatz für koloniale Namen zu betrachten, sondern als Orientierungspunkte in ontologischen, historischen und ökologischen Zusammenhängen“, betont das Autorenteam. Ein solcher Ansatz würde auch die Geschichte und die Präsenz der Inuit legitimieren, während der Mythos von Terra Nullus entkräften würde.
Ausserdem ist es eine Antwort auf die wachsende Forderung nach Anerkennung des Fachwissens indigener Völker im Arktis-Management.
Link zur Studie : M. Cecilia Porter, Alyssa Parker, Matthew Walls, Indigenous place names in arctic Canada: A publicly accessible inventory of projects, Polar Science,2023, 101002, ISSN 1873-9652, https://doi.org/10.1016/j.polar.2023.101002.
Die interaktive Karte ist hier verfügbar.
Mirjana Binggeli, PolarJournal