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(The Choice of Heracles/Hercules; Hercule à la croisée des chemins)
Die Zweiwegelehre hat heidnisch-antike wie jüdisch-christliche Wurzeln:
Xenophon (gest. nach 355 BCE), »Memorabilien« (= Erinnerungen an Sokrates) 2, 1, 21–34.
Matthäus-Evangelium 7,13-14: Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden!
Die bildliche Umsetzung der Zweiwegelehre hat unterschiedliche Ausprägungen.
Die Vorstellung des Buchstabens Y findet sich als prägnant ausformulierter Text zuerst bei Persius (34–62), Satire III, Vers 56f. Er schreibt (gegen die verweichlichte römische Jugend):
et tibi quae Samios diduxit littera ramos
surgentem dextro monstrauit limite callem.
Auch zeigte dir jener Buchstabe, der die pythagoreischen Äste auseinanderklaffen [ließ >] lässt, durch seinen rechten Strich den emporsteigenden Bergpfad.
Wir folgen den Dokumenten chronologisch.
Wegen ihrer multiplizierenden Potenz sei aus der Fülle der Belegstellen hervorgehoben die Stelle bei Isidor von Sevilla, »Etymologien« (I,iii,7), der sagt, dass der rechte Weg beschwerlich (dextra pars ardua) ist, der linke bequemer (facilior):
Der Kirchenvater Basilius von Cäsarea († 379), »Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der heidnischen Literatur« (Ad adolescentes), kennt die Geschichte:
Und damit endlich einmal ein deutschsprachiges (und damit leichtverständliches!) Zitat zum Zug kommt, hier die Stelle aus Notkers Kommentar zu Martianus Capella:
Ein pseudo-vergilisches Gedicht; aus der Vergil-Ausgabe des Sebastian Brant Straßburg 1502. (Der Text galt im 16. Jh. als antik; er wird noch von Cesare Ripa zitiert. Moderne Datierungen schwanken zwischen dem 5. und 11. Jh.)
Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis … expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, … 1502. — Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502 --- unter "Kleinere Schriften"
Littera Pythagorae discrimine secta bicorni,
Humanae vitae speciem praeferre videtur.
Nam via virtutis dextrum petit ardua callem
Difficilemque aditum primum spectantibus offert,
Sed requiem praebet fessis in vertice summo.
Molle ostentat iter via lata, sed ultima meta
Praecipitat captos; voluitque per ardua saxa.
Quisquis enim duros calles [casus] virtutis amore
Vicerit, ille sibi laudemque decusque parabit.
At qui desidiam luxumque sequetur inertem
Dum fugit oppositos incauta mente labores
Turpis inopsque simul miserabile transigit aevum.
Hans Sachs hat das am 24. Juli 1534 so umgedichtet:
Der buchstab Pitagore Y, bayderley straß, der tugent und untugend.
Virgilius, der best poet,
Gantz klerlichen beschreiben thet
Zu undterricht der zarten jugend
Beyde der wollüst und der tugendt
Durch ein kriechischen buchstab (wist!),
Der hie oben verzeichnet ist,
Welchen Pitagoroß erfand
Und wirt ein ypsilon genandt,
Virgilius der spricht (versteh!):
Dieser buchstab Pytagore
Ist oben zerspalten von weytten
Gleich wie zway hörner auff baid seyten,
An zu schawen, sam zeig er, das
Menschlichs lebens zwayerley straß.
Erstlich der hoch weg zayget an
Der tugend straß, der ghrechten pan;
Die bringet erstlich im anfang
Entgegen ein hertten angang;
Den müden aber gibt er rhu.
So sie kummen hin nauff darzu
Der höchsten tugentsamen spitzen,
Da mügen sie geruhsam sitzen.
Die ander straß gar senfft und weit
Zeigt uns an die wollustbarkeit.
Aber das letst zil stürtzt die armen
Ab durch die felsen an [ohne] erbarmen.
Wer nun der hertten fell entpfind,
Durch lieb der tugend uberwind,
Der wirt im zu ewigen zeitten
Lob, ehr und grosses preiß bereyten.
Wer aber in faulkeyt besteht
Und dem schnöden wollust nach geht,
Sich vor der tugent arbeit hüt
Mit unfürsichtigem gemüt,
Der selbig arm, elend und schendlich
Verzeren muß sein alter endlich.
So end sich des poeten dicht,
Ein schöne kurtze undterricht
Zwischen dem wollust und der tugend
Zu Warnung der blünden Jugend,
Die allmal ein falsch urtail feit,
Wollust für tugend ausserwelt.
Der tugent straß haist streng und hart,
Langwillig und trawriger art;
Derhab sie auch mit grossem hauffen
Der schnöden woüst nach ist lauffen.
Die Straß dünckt sie süß, senfft und gut.
Darauff verdirbt manch junges blut.
[…]
Hans Sachs, Werke hg. Adelbert von Keller Band III, S.92–94 (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart CIV), Tübingen 1870.
Sebastian Brant, »Narrenschiff« (1494); Kapitel 107 (moderne Zählung) Von lon der wisheit
Zůr rechten hand fyndt man die kron
Zůr lyncken hant / die kappen ston
Den selben weg / all narren gon
Vnd fynden entlich / bœsen lon
Der Text bei Brant nimmt ausführlich Bezug auf Hercles. Die beiden Zweige des Y werden mit Krone und Narrenkappe markiert; auf der (im heraldischen wie moralischen Sinne) rechten Seite steht ein schlicht gekleideter Gelehrter mit Buch / links ein protzig gekleideter Mann ohne Buch; wenn der Hintergrund etwas besagt: rechts vor einem Wald / links vor einer Stadt.
Tobias Stimmer hat in der überarbeiteten Ausgabe 1547 (hier Der CVI. Narr) das Bild verändert: Der Mann auf der Narren-Seite hält ein Buch / der Mann auf der rechten Seite in bürgerlichem Gewand hält kein Buch; allerdings hat er auch die Hintergründe ausgetauscht.
Das passt besser zu den Eingangsversen Brants (und zu seinem Zitat 1.Cor 3,19: Sapientia hujus mundi stultitia est apud Deum):
Noch grosser kunst steltt mancher thor
Wie er bald werd meyster/ doctor/
Vnd man jnn haltt/ der weltt eyn liecht
Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; Aber/ […] Durch den hochgelerte Johan. Geyler in Lateinischer sprach beschrieben. Jetzt aber mit sonderm fleiß auß dem Latein inn das recht hoch Teutsch gebracht […] Durch Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574.
In der lateinischen Übersetzung des Narrenschiffs von Jacob Locher (1497) wird Herkules träumend gezeigt; eine Erfindung Brants, der sich von der Szene des Paris-Urteils hat inspirieren lassen (vgl. Panofsky S.58ff.)
Stultifera navis, a Jacobo Locher, cognomento Philomusum Suevum in latinum traducta translata, cum suppletionibus eiusdem Sebastian Brant, Basel: Johann Bergmann 1497; fol. 130r: Concertatio virtutis cum voluptate — Vorzüglich erschlossenes Digitalisat der TU Darmstadt: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-ii-219
Nina Hartl, Die »Stultifera navis«: Jakob Lochers Übertragung von Brants »Narrenschiff«, Teiledition und Übersetzung. Münster u.a.: Waxmann 2001 (2 Bände); Nr. 114: Concertatio Virtutis cum Voluptate = Herakles am Scheideweg = Band I, S. 150ff. / II, S. 316–333 [Text und dt. Übersetzung]
(Erste) Bildunterschrift:
Wettstreit von Virtus und Voluptas
Betrachte den Kampf der Virtus und der schamlosen Voluptas, sieh sodann ihre eitlen Freuden! Herkules° so lesen wir, sah, als er einmal schlafend dalag, [vor sich] zwei unterschiedlich schwierige Wege. Die Beschaffenheit und das Ende beider und sein Leben und Ziel bedenkend, begann er den Weg der Virtus zu gehen. (Übersetzung von N. Hartl)
Bild:
Auf der Bild-Ebene der Wirklichkeit liegt ein Mann mit Rüstung (den Helm mit Helmbusch hat er abgelegt) - Herakles - schlafend auf dem Boden (Rüstung: auch Bezug zur Vorstellung des ›miles christianus‹?). Die beiden Hügel mit Frauen gehören zur Bild-Ebene des Traums.
Die Bild-Ebene ist bildnerisch und inhaltlich zweigeteilt. Das entspricht den Ausdrücken concertatio (Titel) und conflictum (Z.1) sowie ambiguas / difficilesque.
Die im Text berichtete - hier im Traum stattfindende - Erwägung (scrutans) und Entscheidung (virtutis coepit inire viam) kann im Bild nicht dargestellt werden. Auf anderen Bildern weist Herakles mit einer Handgeste auf die rechte Seite.
Der gelehrte Buchdrucker Geoffroy Tory (1480–1533) wollte mit seinem der Typographie gewidmeten Buch Champfleury von den gebrochenen Schriften zu einer an der antike orientierten Typographie führen. Über Anweisungen zum Schnitt der Buchstaben hinaus gibt er auch allegorische Auslegungen der einzelnen Buchstaben.
Geoffroy Tory, Champ fleury. Au quel est contenu l’Art & Science de la deue & vraye Proportion des Lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres Antiques, & vulgairement Lettres Romaines proportionnees selon le Corps & Visage humain, Paris 1529. — Vorzüglich erschlossenes Digitalisat mit maschinenlesbarem Text: http://www.bvh.univ-tours.fr/Consult/index.asp?numfiche=649 (Bibliothèques Virtuelles Humanistes - Bibliothèque municipale de Blois)
Zum Buchstaben Y (Le Tiers Livre, Lettre Y, fol 62v) bringt er die pythagoräische Geschichte:
Pour vous bailler myeulx a cognoistre ceste Pytagorique / & divine lettre Ypsilon, je la vous ay figuree encores cy dessoubz et Imagineres que la jambe droicte & plus large est la voye de Adolescence, Le bras de la dicte Lettre qui est plus large, la voye de volupte. & le bras plus estroit / la voye de vertus / afin qu’en facez ung Festin pendu en l’estude & contoir de vostre bonne memoire, & vertueuse contemplation
Contemplez icy le gracieulx & beau Festin que je vous ay faict, o jeunes & bons amateurs de Vertus, & y prenez bien garde commant a la pante de la voye de volupte je ay figure & atache une espee, ung foit, des verges, ung gibet, & ung feu. pour monstrer qu’en fin de Volupte dependent & s’ensuyvent tous miserables maulx & griefz torments. Du coste de la voye de Vertus, je y ay faict une aultre pante, ou j’ay mis & atache en deseing & figure, ung chapeau de Laurier, des Palmes, des Sceptres, & une Coronne, pour bailler a cognoistre & a entendre, que de Vertus vient toute gloire pure, tout pris, tout honneur, & toute royalle domination.
Ein zweites Bild ist noch deutlicher:
Nicolas du Chemin († 1576) druckt seit 1549 in Paris musikalische Werke; dabei verwendet er als Druckermarke das pythagoreische Y. Der Text: Elige (wähle aus) — via lata (der breite Weg) [führt zu] poenam (Bestrafung, Qual) / via arcta (der schmale Weg) [führt zu] gloriam (Ehre).
(Ausschnitt) Missa cum quinque vocibus … auctore D. Claudio de Sermisy, Paris 1556. — http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b55008880s
Das Bild von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) (Quelle: wikimedia) ist betitelt: Sollicitant iuvenem virtus ac blanda voluptas (Es irritieren den Jüngling die Tugend und die einschmeichelnde Sinnlichkeit.)
Lorenzo Lotto malt 1550 eine »Allegoria degli appetiti dell’anima razionale« (Washington, National Gallery of Art) Hier sind die beiden Orientierungen durch den grünenden und den abgebrochenen Teil eines Baumes realisiert, auf der guten Seite beschäftigt sich ein nacktes Kind mit Zirkel, Winkelmaß und dergleichen – auf der schlechten ergibt sich ein Faun dem Trunk; im Hintergrund ein Schiffbruch.
Aus dem Emblembuch von Gerard de Jode (1509–1591), Mikrokósmos = Paruus mundus, Antwerpen: de Jode 1579.
Hercules elegit virtutis callem = Hercules wählte den Pfad der Tugend. Als Hercules unter einer Fichte schlief, erblickte er auf der einen Seite die Göttin der Tugend, die ihm einen schwierigen Weg in die Höhe wies, auf der anderen Seite Venus, die ihm einen angenehmen Weg zeigte, der jedoch abschüssig ist und ins Verderben führt.
Die Kombination des Y mit einem Baum kann auf der ›Bedeutungsaffinität‹ (W. Harms 1975, S.100f.) des pythagoreischen Buchstabens mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen (Genesis 2.9 und 17) basieren.
Auf dem Titel von Martin de Vos / Johann Sadeler [Kupferstecher], Boni et mali Scientia et quid ex horum cognitione a condito mundo succreverit declaratio, Antverpiae 1583 ist der Baum, unter dem Adam und Eva (melancholisch) sitzen, in Form eines Y gestaltet; unten erkennbar die Schlange mit dem angebissenen Apfel im Maul; auf der Tafel steht das Y mit der Beischrift Humanæ vitæ species (etwa: so ist das Leben des Menschen beschaffen).
Digitalisat: Wellcome Library, London, V0025305
Das Motiv ist wie zu erwarten in der Emblematik beliebt.
• Jean Jacques Boissard, Emblematum liber […] avec l’interpretation Françoise, Metz: Jean Aubry & Abraham Faber 1588. — Digitalisat: http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FBOa006
• Nikolaus Reusner (1545-1602), Aureola Emblemata, Thobiae Stimmeri Iconibus affabre effictis exornatus, Straßburg: B. Jobin 1587.
Das Bild von Tobias Stimmer erscheint zuerst in Fischarts Ehzuchtbüchlein (1578; weitere Auflagen 1591, 1597); dann in Holtzwarts Emblematum Tyrocinia (1581). (Reusner erfährt noch Auflagen 1591 und 1600.)
Die Wege links und rechts sind im heraldischen Sinne als bös und gut konnotiert, so wie auf den Bildern, wo Herakles den Bildbetrachter anschaut und wie ein Lehrer sagt: rechts ist der gute Weg. Stimmer zeigt den Herakles, als hätte sich dieser eben umgedreht, in Rückenansicht. Das fordert den Betrachter auf, sich mit Herakles zu identifizieren. Aber die Konnotationen von rechts und links stimmen so nicht mehr.
• Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim 1611/13; unter dem Titel: Sinn-Bilder, (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983. – I,14 Nescio quo vertam mentem … Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll. In griechischen Buchstaben über Herakles steht πότερον (póteron) = ›einer von beiden‹ / ›welcher von beiden‹ / ›ob … oder‹.
Beim Emblem von Jacob Bruck führen die Enden des Y einerseits zu Palmzweig, Kronen, Kranz; anderseits zu Schwert mit darum gewickelter Fessel.
Links (betrachterseitig) ist ein römischer Triumphzug dargestellt, ein Zeichen großer Ehrerweisung; das Hausdach ist angeschrieben mit [regio? latus?] honoris – rechts steht eine Statue von Herakles mit Keule in der linken, den Äpfeln der Hesperiden in der rechten Hand und über den linken Unterarm gelegtem Löwenfell; das Hausdach ist angeschrieben mit virtutis.
Die Verse dazu [abgedruckt bei Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1295]:
Virtute meremur honores – Durch Tugend verdienen wir Ehre
Nach dem anfang ° wir finden balt/
Zwen Weg/ der breit zur Straffe schalt. °°
Der schmale ist der Tugendt Steg/
Die Tugendt ist der Ehren Weg.
Da erlangst du von Gott die Cron/
Zum Triumph in deß Himmels Thron.
°) Gemeint ist: bei Sonnenaufgang; nach dem französischen Text am Ende der Ausgabe von 1615 Si tost que nous voyons de Phœbus la lumiere. / Esclairer de nos yeux L'une & lautre paupiere Damit könnte gemeint sein: sobald man ins Alter der Vernunft kommt.
°°) ›zu Pein bzw. Tadel führt‹ (vgl. schalten-1 im Grimmschen Wörterbuch)
• Iacobi â Bruck Angermundt cogn. Sil. Emblemata moralia & bellica, nunc recens in lucem edita 1615. > https://archive.org/details/iacobiabruckange00bruc
La lettera Greca Y si aggiunge allo scettro per dinotare quella sententia di Pitagora Filosofo famoso, che con essa dichiarò che la vita humana haveva due vie, come la sopradetta lettera è divisa in due rami, del quale il destro è come la via della virtù, che da principio è angusta et erta, ma nella sommità è spatiosa et agiata, et il ramo sinistro è come la strada del vitio, la quale è larga et commoda, ma finisce in angustia et precipitii, sì come molto bene spiegano i versi, i quali si attribuiscono a Virgilio.
Cesare Ripa, Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cauate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603: Libero Arbitrio (S.296) — Vgl. das Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603
Eine interessante Kombination von Y und Leiter-Allegorie im Flugblatt »L’Eschelle du Ciel & de l’Enfer« (1603); beschrieben von Wolfgang Harms in: Illustrierte Flugblätter aus den Jahrhunderten der Reformation und der Glaubenskämpfe. Herausgegeben von Wolfgang Harms. Bearbeitet von Beate Rattay. Kunstsammlungen der Veste Coburg 1983; Nummer 116.
Die zum Laster verführende Personifikation L’Orgveil de la Vie sitzt auf einem Pfau – die nach unten in einen Höllenrachen führende Leiter hat als Holme La conuoitise des yeux und Le desir de la cher [chair ›Fleisch‹]; sie beginnt mit der Sprosse Curiosité, weitere Sprossen sind z.B. Joie illicite, Mesdicance, Rebellion.
Die vom Engel Grace de Dieu empfohlene nach oben führende Leiter beginnt mit der Sprosse Haine de peché und führt über Charité zu Gott (als Tetragramm JHWH).
VIA PERDITIONIS ET VIA SALUTIS — Zwen Weeg/ deren einer zum Verderben/ der ander zum Leben führet.
Kupferstich, Augspurg: D.Custos 1617; abgebildet bei W.Harms / J.R.Paas / M.Schilling / A. Wang, Illustrierte Flugblätter des Barock. Eine Auswahl, Tübingen: Niemeyer 1983; S.34f.
Die dekolletierte ›Dame Welt‹ (beachte das astronomische Symbol der Erde ♁ auf dem Haupt) zeigt dem Kavalier den blüten-bestreuten Weg, der zum Höllentor führt; der Engel weist auf den Weg, der vorbei an Dornen zur gegen die bösen Geister geschützten Gottesstadt führt. Ein lateinischer Text in Distichen und ein deutscher in Knittelversen sind dem Bild beigegeben:
Der junge Mensch ist zweiffels voll/
Vnwissend/ welchen Weeg er soll
Zu gehn fürnemmen/ dann das Weib/
So hie gebildet schön von Leib/
Jm zeigt der Welt Stoltz vnd Pracht.
Vnd jhm weltliche Wollust macht/
So honig süß/ bildet jhm ein/
Wie er mög allzeit frölich sein/
Vnd gut täg haben in seim leben/
Wann er jhr Gehör solte geben/
So führt sie jhn den Weeg zur Höllen.
Zu jhm sich aber thut gesellen/
Auff andrer seit/ ein guter Geist/
Der jhm den Weeg zum leben weißt/
Mahnt jhn von der Welt Wollust ab/
Ein schmalen vnd sehr rauchen Weeg/
Doch sey es der recht Himmel steg.
Literatur: Wolfgang Harms, Das pythagoreische Y auf illustrierten Flugblättern des 17. Jahrhunderts, in: Antike und Abendland, Band 21 (1975), S.97–110.
Aegidius Albertinus (1560-1620) zitiert in seinem Hiren schleifer, München Niclas Hainrich 1618 die antike Geschichte nur gerade an und zieht sonst ähnliche biblische Vorstellungen bei. Der Titel lautet: Der Hercules schläfft vnder einem baum. Der Text zum Bild beginnt: Es sahe der H.Johannes in seiner Offenbarung am 12.Cap. zwey Weiber/ die waren einander sehr vngleich/ die eine ward ein Braut deß Bräutigams genennt/ die andere ander ein Huer: Die Braut des Lambs verzehrte ihr Leben in der Einöd/ mit Müh vnnd Arbeit: Die andere aber in allerhandt Wollüsten […].
Der Kupferstecher hat die beiden Frauengestalten mit Dornen bzw. Blumen umgeben; hinter der tugendhaften erhebt sich ein Berg. Aber die Symbolik des Baums (blühender/verdorrender Ast) hat er nicht ganz erfasst.
1622 verfertigen der Glasmaler Hans Heinrich Rordorf und der Verleger Johann Rudolf Wolf ein Emblembuch, dessen Bilder sie aus Bühnenbildern zu einem nie aufgeführten Drama Christoph Murer (1558–1614) beziehen und holprige Verse dazu schreiben.
XXXIX. Wäg zum Leben oder Todt – VIA VITAE vel MORTIS
Hercules/ der verrümbte Held/
Als er sich an den Scheidweg stelt/
Seins gefallens solt erwellet han/
Der Tugendt als der Laster ban:
Als er betracht jhr beyder end/
Hat sich zum weg der Tugendt gwendt.
aus: XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Eeiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachrichtund allen Liebhabern der Malerey in Truckgefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno .DC.XXII — Digitalisat: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598 — Literatur: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.
Aus dem kleinen Ratssaal Winterthur hat sich eine Ofenkachel erhalten, die Murers Bild und Text übernimmt:
Veröffentlichung mit freundlicher Genehemigung des Museums Lindengut Winterthur, in dessen Sammlungsdepot sich das Objekt heute befindet.
Jos Murer hatte der Virtus-Gestalt nicht nur einen Spinnrocken als Attribut beigegeben; vor ihr liegen Maurer-Werkzeuge (und gleich dort hat Murer signiert: CM). Seine Tugend liest in ihrem Buch BIBLIA, während ihre Winterthurer Kollegin – weitaus passender zu den vor ihr liegenden Werkzeugen – in ihrem Buch LABOR liest. Winterthur hatte offenbar immer schon eine positive Haltung zur Arbeit.
Vgl. Margrit Früh, Winterthurer Kachelöfen für Rathäuser (Diss. Uni Zürich 1977), in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt Nr. 95 (Rüschlikon 1981); Tafel 22 / Abb. 34. Digitalisat > http://dx.doi.org/10.5169/seals-395155
Am Scheidwäg nit verfehl, die rechte Straß erwehl.
O, es wöll, es wöll der Himmel! daß, zuo diser Zweyfelzeit,
die bald heüratreiffe Jugend von dem Scheidewäg nicht weit,
nicht verfehl der Tugendstraß, die zwar rüher [rauher] wird geschetzet
alß die sanfte Wollustbahn; aber nicht wie selbe letzet [Übles zufügt].
Tugendstraß zum Leben führet, in des Abrahamen Schoß [Luk 16,22],
da, wie Lazarus zuo werden höchster Freüden mitgenoß.
Aber jenner Wollustwäg, wie gebahnet er gepreiset,
mit dem Schlämmer in den Teich, ach! in Schwäfelteich verweiset.
Einer Tugendliebenden Jugend in Zürich, ab der Bürgerbibliothec für das 1652. Jahr, verehrt.
Kupferstich von Conrad Meyer (1618-1689); Text von Johann Wilhelm Simler (1605-1672).
Vgl. die Beschreibung der Graphischen Sammlung Stift Göttweig: http://www.gssg.at/gssg/displayDocument.do?objId=If_023
Comenius: Joh. Amos Comenii Orbis sensualium pictus. Hoc est omnium fundamentalium in mundo rerum & in vita actionum pictura & nomenclatura. Die sichtbare Welt / das ist / Aller vornemsten Welt=Dinge und Lebens=Verrichtungen Vorbildung und Benahmung, Nürnberg: Michael Endter 1658, Tafel CIX ›Ethica‹
Und noch 1832 heißt es: Dieses Leben ist eine Wanderschaft, oder ein Scheidweg, dessen linker Fußsteig breit, der rechte schmal ist; jener ist der des Lasters, dieser der Tugend. – Merke auf, Jüngling! ahme dem Herkules nach! verlaß den zur linken und verabscheue das Laster! Es ist zwar ein schöner Eingang, aber ein schändlicher und jäher Ausgang. […].
Neuer Orbis Pictus für die Jugend, oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens in 316 lithographirten Abbildungen mit genauer Erklärung in deutscher, lateinischer, französischer und englischer Sprache nach der früheren Anlage des Comenius bearbeitet und dem jetzigen Zeitbedürfnisse gemäß eingerichtet von J. E. Gailer, Reutlingen: J. C. Mäcken 1832. Nr. 257.
Postum erscheint ein Werk von Laurentius von Schnüffis (1633–1702): Lusus mirabiles orbis ludentis. Mirantische Wunder-Spiel der Welt, vorstellend die zeitliche Eitelkeit und Boßheit der Menschen/ auch anweisend Zur wharen/ un ewigen Glückseeligkeit. Opusculum posthumum A V.P. Laurentij von Schniffis […] durch einen seiner Brüder zum Druck befördert und vermehrt. Auch mit schönen Kupffern gezieret, Kempten: Gedruckt durch Caspar Rollen, und Augspurg zu finden bey Andreas Maschenbauer 1707. (Druckerlaubnis datiert 1702)
Im Vorwort seht: Die Welt unter denen Menschen ist anders nicht als ein eitel Spielwerck/ wie auf einer Schau=Bühne/ wo man eine Comœdie agiret/ allerhand Abwechslungen und Spiele fürgestellet werden. Einer kegelt/ der andere wirfft Kugeln. Jender spielt mit Karten/ diser mit Würffeln. […] Alles aber/ und was dergleiche mehr ist/ bestehet in der Eitelkeit/ in dem Wahn und einer blossen Einbildung. – Dagegen setzt Laurentius sein Buch, in dem die Spiele allegorisch-moralisch gedeutet werden.
Das zweite Spiel ist Grad oder Ungrad. Vermutlich ist das Kinderspiel gemeint, das so geht: Ein Spieler hält eine Anzahl Murmeln in der Hand und fragt einen anderen, ob diese Zahl grad oder ungrad sei. Wenn richtig geraten wird, gewinnt der Rater eine Murmel; wenn falsch, verliert er eine.
Pater Laurentius deutet die ungrade Zahl allegorisch auf verschiedene Dinge, z.B. in Strophe 5: Creutz/ und Leiden/ Unglück und alles Ungemach/ Die in das Hetz offt tieff einschneiden Vorauß/ wo der Geist Gottes schwach: Dahero rathet man vil lieber Grad als ungrad in diesem Spil: Ungrad sie [die Menschen] schüttelt wie ein Fieber Und schreckt sie/ wie ein Crocodil – Strophe 11: Ungrad ist ein gewises Zeichen Der Liebe Gottes […] Grad ist gemeinlich bei Gottlosen.
Die Figur auf dem zugehörigen Bild zeigt auf die beiden Wege: der des fröhlichen Hofmanns führt zu Flammenschwert und Zuchtrute – der des ein Kreuz Tragenden zu Palm- und Lorbeerzweig (?) im Strahlenkranz. Die Texte dazu: Auf Lust folgt Schmertz u: Leid | Auf Schmertz folgt Lust u: freid [Freude]. – Grad ist der weg der Höllen zu | Ungrad der weg zur Himmels ruh.
(Im Digitalisat der kais.kön.Hofbibliothek ist leider das bezüglich Y ebenso interessante Frontispiz unbrauchbar abgelichtet.)
Der skandalumwitterte Christian Friedrich Hunold (1680–1721), berüchtigt als galanter Kritiker der barocken Moralität, setzt 1718 in seine Ausgabe Auserlesene und theils noch nie gedruckte Gedichte unterschiedener Berühmten und geschickten Männer zusammen getragen und nebst seinen eigenen an das Licht gestellt von MENANTES, Erstes Stück Halle im Magdeburgischen Neue Buchhandlung [1718] folgendes Titelkupfer, wo die beiden Wege am Ende wieder zusammenführen:
Erklärung des Kupfers. An den Leser.
Die Poesie zeigt dir den breiten Weg/
Der voller Anmuth stecket.
Doch Hercules geht eine rauhen Steg;
Der aber keinen Edlen schrecket.
Bist du geschickt/ so gehe beyde.
Wo nicht/ so meide
Der Poesie beliebte Bahn.
Alcides [ = Herkules] steigt getrost den Felsen an;
Er tritt zuerst auf Drachen.
Ihm folgt ein Held; dem werden Rosen lachen/
Wo itzo Dornen stehn/
Er wird vergnügt/
Nachdem er sich besiegt/
Zur Weisheit und zur Tugend gehn.
In der Vorrede bringt er die bekannten Topoi zum Thema Nutzen der Poesie für einen tugendhaften Lebenswandel, dann fügt er hinzu, er wolle zeigen, Daß die Poesie ihre Liebhaber auf einem breiten und angenehmen Wege zur Weisheit und Tugend führe. Und: Man könne zur Weisheit und Tugend, nach welcher Hercules mit vieler Mühe auf einem rauhen Wege steiget, einiger massen durch die Poesie auf eine vergnügtere Weise gelangen.
Literaturhinweis: Wilhelm Voßkamp, Artikel »Christian Friedrich Hunold (Menantes)« in: Harald Steinhagen / Benno von Wiese (Hgg.), Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin: Erich Schmidt 1984, S.852–870.
Der berühmte englische Schauspieler David Garrick (1717–1779) war auf der Bühne ebenso gut in tragischen wie in komischen Rollen. Joshua Reynolds (1723–1792) malte 1760/61 das Bild »Garrick Between Tragedy and Comedy«, “a playful parody of the classical story of Hercules choosing between pleasure and virtue, designed to emphasise Garrick’s versatility”.
Quelle: wikipedia/commons
Beim Kupfer von Johann Heinrich Lips (1758–1817) nach der Zeichnung von Robert Strange (1721–1792) in Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente I, Leipzig und Winterthur 1775, nach S. 124 handelt es sich offensichtlich um eine Kopie des Ölbilds von Nicolas Poussin (circa 1636/1637).
Im Emblembuch des Ludovicus van Leuven, Amoris divini et humani antipathia, Anwerpen 1629 werden die beiden Wege auf zwei Bilder verteilt:
Dvas ciuitates, duo faciunt Amores; Hierusalem facit Amor Dei, Babylonem facit Amor sæculi.
- - - - -
Eine seltsame Kombination oder Kontamination von pythagoreischem Y und dem Motiv des Lebensbaums zeigt ein (von Schreiber auf ca. 1460 datierter) Einblattdruck:
Wien, Grafische Sammlung Abertina, Inv.-Nr.: DG1930/204 > http://tinyurl.com/jrq6feg
Der Jüngling mit dem Titulus derfreiwille steht auf einem gegabelten Baum. Ein Spruchband lässt ihn sprechen: ich habe czweyerhande wege | hilf got daz ich den besten phlege.
Auf der heraldisch linken Seite ruft ihm ein Teufel namens Werrebald u.a. – eine Geldkiste darreichend – zu: wiltu nach meynem wiln leben | so wil ich dir diz gelt czu eygen geben. Auf der guten Seite spricht ein Engel u.a.: mensche kere dich czu mir | das hymelrich daz gebe ich dir. (Oben erscheint Gottvater als Verheißung.)
Der Baumstamm wird von zwei teuflischen Gestalten abgesägt; links und rechts zeigen die Bilder von Mond und Sonne, dass damit die Zeit gemeint ist. Das erinnert an das Motiv der schwarzen und weißen Maus, die den Lebensbaum in der Einhornparabel bei »Barlaam und Josaphat« absägen.
Beschreibung bei Wilhelm Ludwig Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts, Band 4: Holzschnitte darstellend religiös-mystische Allegorien, Lebensalter, Glücksrad, Tod, Kalender, Medizin, Heiligtümer, Geschichte, Geographie, Satiren, Sittenbilder, Grotesken, Ornamente, Porträts, Wappen, Bücherzeichen, Münzen, Leipzig Hiersemann 1927; Nummer 1867 unter dem Titel "Der Jüngling auf dem Lebensbaum" > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/3558931
Interpretation von Nikolaus Henkel, Schauen und Erinnern. Überlegungen zu Intentionalität und Appellstruktur illustrierter Einblattdrucke des 15. Jahrhunderts, in: Einblattdrucke des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Probleme, Perspektiven, Fallstudien, hg. von Volker Honemann / Sabine Griese / Falk Eisermann, Tübingen 2000, S. 209-244.
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Die Sibyll von Tibur an der Albula hat das Y, das wir aus dem Emblembuch von Jean Jacques Boissard kennen, neben sich auf einem Podest stehen.
Templa meo Herculeum movit sub nomine Tibur.
Divorum interpres clara ubi visa fui.
Johann Christoph Salbach Philologischer-merckwürdiger Curiositäten/ Anhang und Fortsetzung Durch Beschreibung Der Sibyllen und andere dergleichen Wahrsagung Weibern-Geschichten/ Mit ihren Bildnüssen / Allen Liebhabern Historischer Wissenschafften zu Lieb aus der Englischen in die Hochteusche Sprach zum ersten mahl gebracht, In Verlegung, Ludwig Bourgeat, Universität-Buchführer in Mayntz 1678.
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Eine Variante der Ikonographie der Entscheidungsfindung (decision making) lässt die einflüsternden Figuren weg und zeigt nur die Weggabelung Y, beruhend auf dem Text Matt. 7,13-14.
Quelle (in guter Qualität): Wikipedia
Ein in vielen Stuben noch im vergangenen Jahrhundert verbreitetes Andachtsbild war die von Charlotte Reihlen (1805–1868) entworfene und von Paul Beckmann ausgeführte Chromolithographie Der breite und der schmale Weg.
Der Weg links führt durch das von Venus und Bacchus gezierte Tor, vorbei am Gasthof zum Weltsinn, bei dem gerade ein Maskenball ausgeschildert ist; an Theater und Spielhölle und Conversationshaus vorbei nach unter Blitzen brennenden und einstürzenden Städten – der Weg rechts vorbei an der Sonntagsschule, der Kinder-Rettungs-Anstalt und dem Diakonissenhaus ins Himmlische Jerusalem; alles mit Bibelzitaten kommentiert.
Betrüblicherweise gibt es, wenn man einmal links eingeschwenkt ist, kaum einen Durchgang zum schmalen Weg; immerhin an einer Stelle, wo ein Pastor auf ein Loch im Zaun hinweist. (Danke, Petra, für das Bild vom Flohmarkt!)
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Eine andere Variante der Ikonographie der Entscheidungsfindung (decision making) lässt die Weggabelung Y weg und zeigt nur zwei einflüsternde Figuren.
Beispiel: »Weißkunig«
Dieser autobiographisch zu verstehende Text berichtet von der Geburt, der Kindheit und der Jugend und von der Herrschaft und den Kriegstaten Kaiser Maximilians I. (1559–1519). Das unvollendete Buch wurde erst 1775 gedruckt (die originalen Holzschnitte; Text in Neusatz). Das Leonhard Beck († 1542) zuzuschreibende Bild zeigt den jugendlichen Maximilian im Astronomie-Unterricht.
Links (vom Betrachter aus gesehen) ein altes Weib, auf dem ein Teufelchen hockt, bedeutend die Schwarze Kunst der Seel verdamblich – rechts steht ein Mönch in Kutte mit Buch, darüber ein Engel, vertretend die wissenschaftliche Astronomie/logie. Der Text von Marx Treitzsaurwein sagt zu dieser Entscheidungsfindung – ein viel diskutiertes Thema der Zeit – nichts.
Quelle: Der Weiß Kunig, Wien 1775. – Reprint: Edition Leipzig 1985; hier Abb. 15.
Die beiden zum Guten weisenden wie zum Bösen verführenden Personifikationen überleben in Karikaturen im Comic-Strip für Kinder:
Dans la bande dessinée « Tintin au Tibet », il y a un épisode fameux qui montre bien le combat entre notre petit ange et notre diable. (Aus einer zerbrochenen Flasche tropft Whisky, und MILOU, deutsch "Struppi" leckt daraus, kommt auf den Geschmack, dann:) Un combat spirituel s’engage entre le petit diable de Milou qui lui suggère de picoler sans retenu et son Ange qui le met en garde. Milou tente de résister à son Diable, mais, …
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Bild der Serie MUCKI, in der Wochenzeitschrift »Schweizer Familie« 1959–1961; Bild und Text von Paul Michel (senior, 1906–2000).
Auch in der politischen Karikatur ist Herakles lebendig:
Der französische Präsident Giscard d’Estaing rät dem ›Deutschen Michel‹ auf den Engel der Moral mit dem Friedenspalmzweig in der Hand zu hören und keine Waffen zu exportieren, ... — Karikatur von Horst Haitzinger (*1939) im »Nebelspalter« 1981 / Heft 6, S.7. (Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Satiremagazins Nebelspalter vom 26.1.2016)
Und dann muss natürlich hingewiesen werden auf die ergreifenden Einflüsterungs-Szenen aus Otto Waalkes’ »Otto – Der Film« (1985)
Das Video ist aufgrund des Urheberrechtsanspruchs von Universum Film nicht mehr verfügbar.
Georg Friedrich Händel (1685-1759), »The Choice of Hercules« (1751)
http://www.hyperion-records.co.uk/dc.asp?dc=D_CDA67298 (Mit vorzüglichem Begleittext)
Johann Sebastian Bach, weltliche Kantate »Hercules auf dem Scheideweg«, BWV 213 – aufgeführt im September 1733 in Leipzig zum Geburtstag des elf-jährigen Kronprinzen von Sachsen
Das Sinnbild von Herakles am Scheideweg ist geleitet von mehreren Vorstellungen. Es gab auch Alternativen.
(1) Es gibt einen geradlinigen Weg zu einem Ziel, den man verfolgen soll.
Man braucht nicht bis zu Lessing zu gehen, der sagte: Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist. (»Die Erziehung des Menschengeschlechts«, § 91) – oder Brecht, der Andrea sagen lässt: Angesichts von Hindernissen mag die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten die krumme sein. (»Leben des Galilei« 14.Bild)
Zur politischen Klugheit gehörte während Jahrhunderten die Regel: Um bei widrigen Umständen dennoch zum Ziel zu gelangen, muss der Hofmann (mit einer noch heute gebräuchlichen Metapher) ›lavieren‹ können. Baltasar Gracián schreibt 1647: Ein weiser Mann […] bescheidet sich/ daß er bey dem auff ihn stürmenden Ungestüm/ eben als wie ein kluger Steuermann laviren und den Sturm mit Gedult aushalten müsse. Auff der See menschlichen Lebens ereignen sich vielerley Stürme und Ungewitter/ […] (»Handorakel« Maxime CXXXVI). Das Wort ›lavieren‹ kommt aus der Segeltechnik, wo es meint: ›gegen den Wind kreuzen‹ oder auch ›günstige Winde abwarten‹; vgl. Grimm, DWB s.v..
(2) Die Moral beruht auf einer Bifurkation, tertium non datur. Als gäbe es nicht die aristotelische Ethik des »Mittelwegs«. Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6: Die Tugend / Vortrefflichkeit ist eine Haltung, die in der Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. usw. Bei Furcht und Mut ist die Tapferkeit die Mitte. usw.
(3) Der Rat der hübschen Frau und die Verlockungen eines prächtigen Lebens führen zwingend ins Verderben. An den Höfen zelebrierte die Leisure Class eine Kultur mit Mahlzeitorgien, Feuerwerken, Festzügen, Galanterien u.a.m , wo die Adligen sich in üppiger Pracht überboten.
(4) Herakles wählt aufgrund des Ratschlags selbständig und zielstrebig (!) den Weg. Dagegen Cicero, »de officiis« I, xxxii,118:
Wenn nach der Erzählung des Prodikos – so steht es bei Xenophon – Herakles, sobald er in die Jugendjahre kam, eine Zeit, die von der Natur gegeben ist zu wählen, welchen Lebensweg ein jeder beschreiten will, hinausging in die Einsamkeit, dasaß, und als er zwei Wege sah, den einen des Genusses (voluptatis), den anderen der Tugend (virtutis), lange bei sich hin und her erwog, welchen Weg zu beschreiten besser sei – so konnte das vielleicht einem ›Spross des Zeus‹ begegnen, nicht aber uns (hoc Herculi, Iovis satu edito, potuit fortasse contingere; nobis non item, qui …), die wir jeweils die nachahmen, die nachzuahmen uns gut scheint, und uns nach deren Zielen und Streben treiben lassen. Meistens aber lassen wir uns, erfüllt von den Vorschriften der Eltern, nach ihrer Gewohnheit und Sitte (consuetudo, mos) lenken. Andere lassen sich dahintragen vom Urteil der Menge, und was der Mehrheit am schönsten scheint, das wünschen die meisten. Manche jedoch verfolgen aufgrund einer glücklichen und wertvollen Anlage ihrer Natur ohne Unterweisung durch die Eltern den rechten Lebensweg. (Übersetzung von Heinz Gunermann 1976)
Diese Zusammenstellung ist bestenfalls ein Trailer zu den magistralen Werken von Panofsky, D. Wuttke und W. Harms.
Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 5.2.2017 – 3881