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Steiner Leonhard, * 9.11.1836 Zürich, † 13.12.1920 Zürich
Leonhard Steiner war der Sohn eines begüterten Seidenindustriellen
und wurde entgegen seinen künstlerischen und musischen Neigungen gezwungen, das
väterliche Geschäft zu übernehmen, an welchem viele Familienangehörige beteiligt
waren. Wegen seiner Uneigennützigkeit, wegen seiner Bereitschaft, kulturellen Bestrebungen,
dem Vereinsleben und der Öffentlichkeit zu dienen, war er allgemein beliebt. So
wurde in weitestem Freundeskreis bedauert, dass seine Firma
— mitsamt dem Sitz in Mailand — 1869 bis 1876 schwere Verluste erlitt und um 1879/1880 aufgeben musste.
In der Geschichte des Zürcher Börsenvereins, dessen letzter Präsident Leonhard Steiner war, wurde er in den Jahren des Umbruchs zur eigentlichen Schlüsselfigur. Er hatte das Präsidium des Börsenvereins inne, als diesem die Aufgabe erwuchs, die Wirtschaft Zürichs im neu gegründeten Schweizerischen Handels- und Industrieverein zu vertreten. Ausserdem präsidierte er 1874 und 1875 die aus dem Börsenverein abgezweigte Kaufmännische Gesellschaft, die sich später den weitaus zutreffenderen Namen «Zürcher Handelskammer» gab. In Personalunion führte er demnach gleichzeitig den Vorsitz des Börsenvereins, des Schweizerischen Handels- und Industrievereins (später und heute noch «Vorort» genannt) und der Kaufmännischen Gesellschaft, die das Erbe des Börsenvereins antrat. Einzig seine Stellung zum Effektenbörsenverein kennt man nicht genau.
|Ehepaar Leonhard und Anna Steiner-Cramer|
Wie weit sein Missgeschick als Unternehmer durch die Überhäufung mit anspruchsvollen ehrenamtlichen Geschäften mitverursacht war, wissen wir nicht. Jedenfalls schmolzen seine Finanzen zusammen. Doch bedeutete das keineswegs den Verlust seines gesellschaftlichen Ansehens und seiner persönlichen Hochschätzung. Viele Freunde hielten unentwegt zu ihm und blieben ihm treu. Über seine geschäftlichen Schwierigkeiten hat er eine Rechtfertigung veröffentlicht, in der er nichts beschönigt und wohl auch nichts verschweigt. Diese Schrift — «Zur Verteidigung» lautet ihr Titel — enthält eine ausführliche Darstellung des Seidengeschäftes und der damit verbundenen Gefahren, so dass seine Schilderung einen hohen dokumentarischen Wert besitzt.
Er war sechsundvierzig Jahre alt, als er sich entschloss, seine Existenz vollständig auf jene Gaben zu gründen, die ihm von der Natur verliehen waren. Feder und Pinsel sollten fortan seine Werkzeuge sein. Und er handhabte beides mit Sachkenntnis, künstlerischem Sinn, seelischem Schwung und grossem Fleiss, so dass er es auf den Gebieten, die er pflegte, zu einer populären Meisterschaft brachte. Es gelang ihm, als Maler und Poet seine zehnköpfige Familie durchzubringen. Er malte Hochgebirgslandschaften und Naturstücke, die sich wegen ihrer Gefälligkeit und Formtreue grosser Beliebtheit erfreuten.
Aquarell, Walensee bei Quinten
Dazu kam die Leichtigkeit des schriftlichen Ausdrucks in der Mundart
wie in der Schriftsprache. Er schuf eine Reihe von Lustspielen, die vor vollen Häusern
über die Bretter gingen. Bei der Schriftleitung des Schweizerdeutschen Wörterbuches
galt er als Experte für die Mundart der Stadt Zürich. Sein Wirken stand auch in
enger Verbindung mit dem Musikleben der Stadt, auf das er als langjähriger Präsident
des Männerchors etwa bei der Berufung Wilhelm Baumgartners oder Karl Attenhofers
entscheidenden Einfluss nahm. Zu dem Festspiel, das er zum zehnjährigen Bestehen
des Gemischten Chors verfasste, hat Franz Hegar die Musik komponiert.
Die Achtung und Verehrung, die ihm als Maler der Alpenwelt und als Heimatdichter bis ins hohe Alter entgegengebracht wurden, hatten sein unternehmerisches Missgeschick, aber auch seine wirtschaftspolitischen Verdienste längst vergessen lassen und überstrahlt.
Der Maler Leonhard Steiner an der Arbeit
Wir verdanken das Foto Elisabeth Davies, einer Urenkelin des Künstlers.
Leonhard Steiner im Maderanertal, Sommer 1911. Aufnahme von Dr. Jäger
Die obigen zwei Fotos hat Prof. V. Ziswiler freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Leonhard Steiner als erfolgreicher Schriftsteller und Autor von Volkstheaterstücken: