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Die Welternährung und die regionale Ernährung stehen auf dem Prüfstand.
Der Weltagrarrat (IAASTD) hat 2008 – also schon vor 11 Jahren – in seiner Studie «Landwirtschaft am Scheideweg» («Agriculture at Crossroads») dazu aufgerufen, die Weltagrarpolitik radikal zu überdenken. Er hat ermahnt, dass der derzeitige, den Weltmarkt beherrschende Bewirtschaftungsstil die Welternährung nicht werde sicherstellen können. Vielmehr sei eine kleinräumig standortorientierte, vielfältige Landbewirtschaftung erforderlich. Dies entspricht den gärtnerischen Bewirtschaftungsmustern aller Hochkulturen mit knappen Flächen und hohen Bevölkerungsdichten. Diese Art der Bewirtschaftung hat uns auch in den vergangenen Notzeiten des Zweiten Weltkrieges das Leben gerettet.
Der Hauptstrom der internationalen Agrarwirtschaft verläuft jedoch weiterhin in die Gegenrichtung. Die Arbeitsproduktivität wird zulasten der Flächenproduktivität, der Vielfalt und der natürlichen Bodenfruchtbarkeit maximiert. Den Ton geben hierbei die Grosslandwirtschaften in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland1 an. Hinzu kommt noch, dass das Grosskapital, das die Unhaltbarkeit der derzeitigen Weltfinanzordnung erkennt, in den Bodenaufkauf flüchtet, und dass ausbeutende Grosskonzerne und Staaten wie China sich fruchtbares Land im Ausland mittels die Bauern vertreibendem Aufkauf aneignen. Dies alles führt zu einer Landbewirtschaftung aus der Ferne (Remote Management), in der der innige persönliche Kontakt zu Boden, Pflanze und Tier verlorengeht. Die als Zukunftsmantra angesehene Digitalisierung unterstützt dieses Muster.
Ein seelenloses Agrarmanagement gewinnt immer mehr Raum und vergisst, dass der einzige Wirtschaftszweig, der das Wort Kultur in sich trägt, die Agrikultur ist.
L. C. I. Columella (gestorben um 70 n. Chr.) hat diese Gefahr bereits im Vorwort zu seinen 12 Büchern über die Landwirtschaft aufgezeigt.2 Er schrieb: «Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass uns dies3 nicht durch die Ungunst des Klimas, sondern durch unser eigenes Versagen widerfährt, da wir die Bodenbewirtschaftung, der sich bei unseren Vorfahren gerade die besten Männer mit grösster Kunst und Liebe angenommen haben, den miserabelsten Sklaven wie Henkern zur Misshandlung des Bodens übergeben haben.» Einen gegenteiligen Hinweis bringt Graf Hartig4 in seinen «Kurze[n] historische[n] Betrachtungen über die Aufnahme und den Verfall der Feldwirthschaft bey verschiedenen Völkern», Wien und Prag 1786, bezüglich Japan: «Japon giebt seinem Bewohner, nicht so wie China, einen fruchtbaren Boden zu bebauen; sandige Gründe, steinige Gegenden und Gebirge sind hier natürliche Hindernisse des Landbaues. Aber die Berge werden mit Getreide bedeckt, und der arbeitsame Japoneser zieht selbst den Plug in jenen steilen Gebirgen, wo das Zugvieh zur Arbeit nicht mehr gebraucht werden kann. Durch die reichste und künstlichste Düngung wird der sandige Boden in den fruchtbarsten Acker verwandelt; alte Geräthschaften und Kleider, Austern und Muscheln, alles wird von ihnen angewandt, um durch die Vermehrung des Düngers der Erde ihre Gaben gleichsam mit Gewalt abzuzwingen.» Die kleinen Iseki- und Kubota-Allradtraktoren, die derzeit in unseren Stadtgärten und Parks fahren, sind die modernen Nachfahren dieser kleinräumigen Landbewirtschaftung, die nun durch die Öffnung für billige US-Importe zugrunde geht.
Wir können es auf den Punkt bringen: Wenn der unmittelbare Kontakt zu Boden, Pflanze und Tier verlorengeht sowie Grosstechnik und Billigimporte die Aufgabe der nur kleinräumig zu bewirtschaftenden schwierigen Lagen bewirken, und letzteres als «natürliche, dem Stand der Technik entsprechende Strukturbereinigung und Modernisierung» gepriesen wird, dann geht die angepasste Naturbewirtschaftung, die Agrikultur, verloren und damit auch die Ernährungssicherheit der kommenden Generationen.
Der Aufruf des Weltagrarrates5 und die jüngste von Österreich nicht unterzeichnete Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 17.12.2018 über die Rechte der Bauern und anderer Personen, die in ländlichen Gebieten arbeiten, sollten ein Umdenken bewirken.
Wenn in Österreich pro Tag rund 6 Kleinbauern aufgeben, sollten die Alarmglocken läuten. Denn nur die das Handwerkszeug und schwieriges Gelände beherrschenden Bauern können im Krisenfall – und diesen können wir nicht ausschliessen – gärtnerisch intensivieren und die lokale Grundversorgung sicherstellen.
Bäuerliches Wirtschaften betrachtet die Natur als anvertrautes Gut, mit dem es in Interaktion steht. Es ist eine Kultur des Umganges mit dem Lebendigen. Man kennt seine Äcker, seine Pflanzen und sein Vieh und fühlt sich mit ihnen verbunden. Mein verstorbener Gastvater6, der Bauer Franz Steindl, blickte bei einer Spatenprobe den Boden an und roch an ihm, um dann etwa zu sagen: «Bub, dem Boden geht es gut.» Seine Tiere hatten alle einen Namen und hörten auf diesen. Anzeichen von Erkrankungen merkte er sofort.
Bei innigem Kontakt vermag die rechte Gehirnhälfte den Zustand komplexer Systeme spontan zu erkennen und so zu helfen, angepasst zu intervenieren. Dies können vorgegebene Programme nicht gewährleisten.
Die Bauern als Gestalter, Hüter und Vorposten der Kulturlandschaft können auch bei Naturgefahren rasch und angepasst intervenieren (zum Beispiel Wasserableitung und Brandbekämpfung). Sind sie nicht mehr vor Ort, werden Schäden erst bemerkt, wenn das Ausmass bereits gross ist. Dies ist leider international festzustellen.
Es geht jedoch noch um mehr: Es geht um eine von innen her getragene Kultur des Lebens, die wir gegenwärtig ausrotten. Man spricht nicht mehr vom «Bauern», sondern vom BFU (Bäuerliches Familien-Unternehmen) und vom Management der Naturressourcen. Im offiziellen Titel des zuständigen Ministeriums kommt die Landwirtschaft nicht mehr vor.
Der Servitenpater, Pater Bonfilius (Franz) Wagner, den man nach dem Fall des Eisernen Vorhanges mit 65 Jahren in seine alte Heimat Gratzen (heute Nové Hrady) in Südböhmen zurück entsandt hat und der das Kloster Gratzen und den Wallfahrtsort Brünnl (nun Dobrá Voda) vor dem vollen Untergang gerettet hat und wiederbelebte sowie die Jugend zu neuem Anfang begeisterte, sagte vor seinem Tod 2005: «Das Ende der Welt kommt, wenn der allerletzte Bauer und der/die allerletzte Ordensmann oder Ordensfrau sterben wird, wenn niemand mehr den Boden bebauen wird und es niemanden mehr geben wird, der für die Welt beten würde.» Natursorger und Seelsorger sterben offenbar Hand in Hand, wenn wir nicht endlich aufwachen und gegensteuern. •
* Heinrich Wohlmeyer stand an der Wiege der Nachhaltigkeitskonzepte und baute die Österreichische Vereinigung für Agrar- und Lebenswissenschaftliche Forschung und die Österreichische Gesellschaft für Biotechnologie auf. Heinrich Wohlmeyer lehrte an der Technischen Universität Wien und an der Universität für Bodenkultur in Wien. Heute bewirtschaftet Wohlmeyer einen Bergbauernhof in Lilienfeld (Österreich).
1 Neuseeländisches Schaf aus Massentierhaltung unterbietet die heimischen Schafbauern und wird als «grün» angepriesen, obwohl die Futterwirtschaft unter Herbizid-Ausbringung und Düngung aus der Luft erfolgt.
2 De re rustica libri duodezim. Tusculum-Bücherei, Artemis Verlag München 1981
3 Die beklagte abnehmende natürliche Bodenfruchtbarkeit.
4 Er war weitgereist und Mitglied der königlichen Akademie zu Marseille und des akademischen Museums in Paris.
5 An dem Österreich im Unterschied zur Schweiz nicht teilgenommen hat.
6 Ich wurde als Kind von einer Bauernfamilie aufgenommen.
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