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Man nannte sie die «Hexe von Positano»: Die australische Fantasykünstlerin Vali Myers lebte und arbeitete lange in Italien. Später hielt sie in New York Hof und tätowierte unter anderem die Musikerin Patti Smith. Eine Ausstellung im Museum HR Giger widmet sich der Künstlerin.
Sie war ein Nachtschattengewächs, verabscheute den Tag und liebte die Nacht. Und wie die Göttinnen Kybele, Artemis oder Aphrodite war die Fantasykünstlerin Vali Myers (1930–2003) eine Herrin der Tiere: Sie lebte zusammen mit Schildkröten, Hennen, Raben, Eulen, Schweinen, Aalen, Mäusen, Schlangen, Katzen und Eseln. Zudem stürmten ihren überraschten BesucherInnen zeitweise mehr als vierzig Hunde entgegen.
Am liebsten aber waren ihr die Füchse. Die kinderlos gebliebene Künstlerin bestattete ihre Füchsin Foxy gar als «only beloved daughter of Vali Myers (1965–1979)», als «einzige geliebte Tochter». Ihre anderen Kinder waren die mystisch aufgeladenen Bilder, die sie zu Lebzeiten in Amsterdam, London, New York oder Sydney ausstellte, nachdem sie nachts beim Schein einer Gaslampe oft monatelang, manchmal sogar jahrelang an ihnen gearbeitet hatte.
«Opiumjahre» in Paris
Einige von Myers’ künstlerischen Nachtgeschöpfen sind derzeit im Museum HR Giger in Gruyères unter dem Titel «Night Flight» zu Gast, neben der ständigen Ausstellung mit den Werken des Alien-Erfinders. Eingerichtet hat die repräsentative Schau mit Zeichnungen, Prints und Malereien die australische Regisseurin und Geschäftsführerin von Myers’ Nachlass, Ruth Cullen. Zu sehen sind auch die Filme «The Tightrope Dancer» (1989) und «The Painted Lady» (2000), die Cullen über das Leben und Schaffen von Myers gedreht hat und die einen nachhaltigen Eindruck von der verblüffenden Persönlichkeit dieser Künstlerin vermitteln.
Myers wuchs während der dreissiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Sydney und Melbourne auf. Als Mädchen boten ihr das Zeichnen und Tanzen die einzigen Alternativen zum bürgerlichen Bildungskanon, den sie verabscheute. 1950 wanderte die Zwanzigjährige mit der leuchtend roten Haarpracht von Australien nach Paris aus und lernte dort die Schriftsteller Jean Genet, Tennessee Williams und Jean Cocteau kennen. Sie führte ein wildes, aber auch unglaublich hartes Leben. Myers’ «Opiumjahre», wie sie selber diese Zeit nannte, wurden vom niederländischen Fotografen Ed van der Elsken im Fotoband «Love on the Left Bank» (1956) mit Schwarzweissbildern dokumentiert. In Paris entstanden auch die «Nigredo»-Blätter, Myers’ hauchzarte Schwarzweisszeichnungen, die den Einfluss von Alfred Kubin und Max Ernst verraten.
Aus ihrer Existenz als Bohemienne, aus dieser von ekstatischen Momenten unterbrochenen Selbstzerstörung durch Armut, Hunger und Sucht, suchte die Künstlerin einen Ausweg. Sie fand ihn 1958 in Il Porto, einem südlich von Neapel gelegenen einsamen Tal. Auf einem verlassenen Anwesen machte sie einen im maurischen Stil erbauten Pavillon aus dem 19. Jahrhundert neu bewohnbar. Dort lebte sie als «Hexe von Positano», zuerst zusammen mit Rudolf Rappold, dann mit Gianni Menichetti, der 2007 die liebevoll geschriebene Biografie «Vali Myers. A Memoir» veröffentlichte. Das Tal, in dem der Künstler und Aktivist Menichetti heute noch wohnt, wurde 1988 auf Myers’ Initiative hin zu einem WWF-Schutzgebiet erklärt. In Italien kehrten auch die Farben in ihre Bilder zurück.
Im «Africana» mit Jackie Onassis
In den ersten Jahren verliess Myers dieses Tal nur, wenn sie ihre Arbeiten irgendwo ausstellte, mit den Fahrenden von Neapel heidnische Rituale feierte oder in einer nahen Bar dem Teufel ein Ohr abtanzte. Im Nachtclub Africana wohnte eine Zeit lang sogar der Jetset ihren aussergewöhnlichen Performances bei, darunter Jackie Kennedy Onassis. Il Porto blieb bis zum Schluss das imaginäre Zentrum von Myers’ Existenz – sogar als sie zwischen 1970 und 1992 im Zimmer 631 des legendären New Yorker Künstlerhotels Chelsea Hof hielt. Sie empfing dort den Beat-Dichter Gregory Corso, tätowierte Patti Smith einen Blitz aufs Knie und erhielt von Andy Warhol den Ratschlag, ihre Zeichnungen als Prints zu verkaufen. Während ihrer letzten Lebensjahre zog Myers für medizinische Behandlungen in ihre alte Heimat Australien zurück, wo sie 2003 im Alter von 73 Jahren starb.
Die Ausstellung in Gruyères schafft es, das psychedelische, feenhafte und paganistische künstlerische Universum von Vali Myers wiederaufleben zu lassen. Erfahrbar wird dabei auch die Künstlerin selbst, die mit ihren zahlreichen Tätowierungen an Körper und Gesicht wie ein leibhaftiges Kunstwerk auftrat. Oder wie es in einem Gedicht heisst, das ihr der Post-Beat-Poet Ira Cohen widmete:
Vielleicht kann dir die Füchsin mit dem Ei
im Maul besser erzählen
wie die Röte den Regen eroberte
oder wie sich die blauen Linien
um die Brustwarze schlängeln & ich bin sicher
dass der Hund die Bedeutung
des Frauenhaarkrauts besser kennt
oder die Geheimnisse von Lavendel unter Kissen.
Aber nur der harpunierte Wal
kann dir, während er sich aufbäumt & ins Sonnenlicht steigt, erzählen
wie sehr er deine blaugrünen Augen hasst,
wie viel ein Walherz wiegt
wenn es endlich zu schlagen aufhört.
Die Ausstellung «Night Flight» mit Werken von Vali Myers ist noch bis im Mai 2016 im Museum HR Giger in Gruyères zu sehen. www.hrgigermuseum.com