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Herr Meier, wie kommt man dazu, ein eigenes Prognosemodell für den Konjunkturverlauf im Investitionsgüterbereich auf die Beine zu stellen?
Meier: Nach meinem Studium kam ich 1974 zu Starrag und dort war mein erstes Projekt, Produkte zu entwickeln, die dem Konjunkturzyklus der Werkzeugmaschinenindustrie entgegenlaufen sollten. Eine Teilaufgabe dabei bestand zu ergründen, warum es im Werkzeugmaschinensektor überhaupt zu diesen extremen konjunkturellen Ausschlägen kommt. Darauf konnte ich allerdings keine wissenschaftlich fundierte Antwort finden. Es gab nur das berühmt-berüchtigte Bauchgefühl, das besagte, rund alle acht Jahre geht es konjunkturell bergauf oder bergab. Bei meinen weiteren Recherchen im Laufe der Jahre entdeckte ich dann einen Zusammenhang zwischen Konsumgüter- und Investitionsgüterindustrie. So entwickelte ich schliesslich nach und nach ein Modell, wo ich die Schwankungen bei den Investitionsgütern als Ableitung der Zyklen beim privaten Konsum begreifen konnte.
Wie funktioniert Ihr Modell genau?
Meier: Kurz gesagt: Basis sind allgemeine Konjunkturindikatoren, also makroökonomische Daten wie Konsumverhalten oder Industrieproduktion, die von allen global wichtigen Märkten gesammelt und in ein mathematisches Modell gefüttert werden. Ein Algorithmus berechnet dann wiederum einen Index, der mit verschiedenen Parametern variiert werden kann. Zudem wird er mit einem Muster, beispielsweise dem Werkzeugmaschinenverbrauch in Japan, abgeglichen, um zu verifizieren, ob die gefundene Kennzahl mit dem vorhandenen Muster übereinstimmt.
Tönt kompliziert.
Burkart: Man kann es gut mit einer Wetterprognose vergleichen: Es gibt den Jetstream, der die globale Grosswetterlage abbildet; das sind die makroökonomischen Indikatoren, die in das Modell einfliessen. Und der Algorithmus macht jetzt nichts anderes als auf dieser Basis die regionale Wettersituation in der Schweiz oder im Berner Oberland zu definieren und zu prognostizieren. Es handelt sich beim Peter-Meier-Prognosemodell also um einen rein mathematischen Vorgang, ohne Bauchgefühl. Das ist der grosse Vorteil gegenüber anderen Konjunkturmodellen, beispielsweise von Banken oder Unternehmensberatern, wo immer auch die Befindlichkeit des Chefökonomen eine Rolle spielt. Deshalb ist auch der Übergang von Peter Meier auf die hpo forecasting ag kein Problem, weil die eigene Einschätzung der Konjunkturentwicklung so gut wie keine Rolle spielt.
Meier: Interessant ist, dass wir aus Branchenprognosen auch Prognosen für einzelne Unternehmen ableiten können. Denn wir haben erkannt, dass Firmen, die in gleichen oder ähnlichen Branchensegmenten unterwegs sind, den gleichen Schwankungen unterliegen wie die Branche selbst.
Wie aussagekräftig ist diese Konjunkturprognose für die Unternehmen?
Meier: Die Aussagen des Modells müssen einen konkreten Nutzen für die Betriebe haben, sonst würden sie keinen Sinn machen. Das heisst, wir können recht genau prognostizieren, ob und wie weit der Umsatz eines Unternehmens im nächsten Jahr nach oben oder nach unten geht.
Burkart: In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf ein Zitat von Mathias Kammüller, Geschäftsführender Gesellschafter unseres Kunden Trumpf verweisen: «Trumpf vertraut seit über zehn Jahren dem Peter-Meier-Prognosemodell, und wir sind immer wieder überrascht, wie akkurat die Prognosen unseren Geschäftsverlauf vorhersagen.»
Meier: Dabei genügt als alleinige Kenngrösse für unsere Prognosen der Auftragseingang des Unternehmens.
Das ist wirklich ausreichend?
Burkart: Ideal ist es, wenn wir den Auftragseingang über einen längeren Zeitraum von etwa 12 Jahren betrachten können. Uns interessiert auch nicht, ob aktuell gewisse Offerten in der Pipeline zum Kunden sind, die als Bauchgefühl die Betrachtung beeinflussen könnten. Jedes Firmenmodell wird dann einem Branchenmodell zugeordnet. Hier hat Peter Meier eine enorme Vorarbeit geleistet. Mittlerweile verfügen wir über rund 70 Branchenmodelle, egal ob es sich um Werkzeugmaschinen in Deutschland, Baumaschinen in China oder Textilmaschinen in Indien handelt. Wir füttern diese Modelle permanent mit Daten und bauen diese Reihe sukzessive aus. So haben wir neulich ein Modell zum Thema Humankapital entwickelt, wo wir das Auf- und Ab des Arbeitsmarktes prognostizieren können.
Meier: Wir können auch herausarbeiten, ob sich ein Unternehmen anders verhält wie die Branche, also beispielsweise besonders innovativ ist. Oder, wenn ein grosses Unternehmen Produktlinien für unterschiedliche Märkte unterhält, prognostizieren wir die Nachfrage nach den einzelnen Linien.
Braucht es eine kritische Masse, also eine bestimmte Unternehmensgrösse, damit das Modell funktioniert?
Burkart: Es hängt ein wenig davon ab, wie das Unternehmen aufgestellt ist. Wir haben einen Werkzeughersteller als Kunden, der macht rund zehn Millionen Franken Umsatz, fertigt aber hauptsächlich Kleinserien und Einzelteile. Da funktioniert unser Modell sehr gut, weil wir eben eine kritische Masse an Auftragseingangsdaten bekommen. Würde das gleiche Unternehmen nur wenige, aber sehr hochpreisige Maschinen im Jahr produzieren, wäre eine Prognose schwieriger. Je grösser das Unternehmen, je grösser der Auftragseingang, desto genauer und aussagekräftiger ist unser Modell.
Wenn ihr Modell so gut funktioniert, haben Sie dann auch den sehr überraschenden Crash von 2008/2009 prognostiziert?
Meier: Ich hatte ab 2006 Vorträge gehalten über die Krise, die 2008 gekommen ist. Wenige haben mir damals geglaubt; verständlicherweise. Es ist für Unternehmen schwierig nachzuvollziehen, dass man in einer Phase, wo die Konjunktur brummt und man gar nicht mehr weiss, wie man die Lieferfristen in Griff bekommen kann, plötzlich einen Gang herunterschalten soll ...
Hat es auch Unternehmen gegeben, die Ihnen zugehört haben?
Meier: Es gab in der Tat Firmen, die meine Prognosen ernst genommen haben. So hat mir ein Schweizer Kunde später mitgeteilt, ohne meine damalige Prognose hätte er in dieser Krise über 100 Mitarbeiter entlassen müssen, durch vorausschauendes Handeln konnte er diese Zahl deutlich reduzieren. Wobei für ihn noch wichtiger als die Prognose des konjunkturellen Absturzes meine Aussage war, dass die Krise nur von kurzer Dauer sein wird. Denn viele Unternehmen wurden davon überrascht, dass der Abschwung nur ein gutes halbes Jahr dauerte und danach der Aufschwung vehement einsetzte. Man befand sich noch im Zustand der Schockstarre und Personalanpassung, konnte deshalb den Aufschwung gar nicht bedienen. Besagter Kunde von mir gewann in dieser Phase deutliche Marktanteile hinzu.
Haben Sie auch eine Erklärung, warum es zu diesem brutalen Absturz 2008 gekommen ist?
Meier: Damals war der Auslöser eine Finanzkrise. Wir hatten das Phänomen, dass in Amerika der private Konsum deutlich mehr zulegte als die Wirtschaftsleistung. Dieser Konsum war zudem noch überwiegend fremdfinanziert. Es kam zu einer Blase und schliesslich zu einem Trendbruch. Dieser Trendbruch hatte für die Investitionsgüterbranche drastische Auswirkungen. Denn laut meinem Modell bedeutet ein Rückgang beim allgemeinen Trendwachstum von beispielsweise 3 auf nur noch 1,5 Prozent im Investitionsgütersektor einen Umsatzeinbruch von 50 Prozent. Diese Trendbrüche im Konsum gibt es zyklisch immer wieder.
Burkart: Mit dem Modell von Peter Meier können wir alle Krisen der letzten 50 Jahre schlüssig erklären, egal ob 1. oder 2. Ölkrise in den 1970-er Jahren, die lange Rezession in den 1990-er Jahren, die Dotcom-Krise Anfang der 2000-er Jahre oder eben die Finanzkrise 2008. Wie die nächste Krise heissen wird, wissen wir zwar noch nicht, aber wir wissen, dass sie kommt.
Wann genau wird dieses Ereignis eintreten?
Burkart: Noch in diesem Jahr. Beispielsweise erkennen wir, dass der Scheitelpunkt beim Auftragseingang der Schweizer MEM-Industrie bereits 2018 überschritten wurde. Beim Konsum befinden wir uns kurz davor. Wir haben zwar keine Blasensituation wie 2008, aber den beschriebenen Trendbruch wird es trotzdem geben.
Meier: Es kommt jetzt auch ein bisschen darauf an, welches der Zunder ist, der den Flächenbrand entfacht. Wie steil, also wie schnell es nach unten geht, können wir heute noch nicht sagen. Das sehen wir erst, wenn die Krise am Laufen ist.
Wie lauten Ihre Prognosen?
Burkart: Unser Modell zeigt ganz klar einen tiefen und länger anhaltenden Rückgang. Wir steuern also auf eine Rezession zu.
Meier: Wir erkennen durchaus, dass es im Schweizer Werkzeugmaschinenbereich einen Umsatzrückgang von bis zu 50 Prozent geben kann; im allgemeinen Maschinenbau von vielleicht 20 Prozent. Die Unternehmen der Schweizer MEM-Branche werden also unterschiedlich von diesem Konjunktureinbruch betroffen sein.
Burkart: Unsere Prognosen gehen davon aus, dass der Abschwung mindestens bis 2021, wahrscheinlich bis 2022 dauern wird.
Werden Sie dieses Szenario auch am diesjährigen Swissmem Symposium vorstellen?
Burkart: Selbstverständlich. Natürlich sind wir uns bewusst, dass dann vielleicht die eine oder andere Illusion zerstört wird, die der sehr gute Jahresverlauf 2018 geweckt hat.
Meier: Ich hatte bereits im vorigen Jahr bei meinen Vorträgen Andeutungen in diese Richtung gemacht. Da war die Überraschung im Auditorium deutlich spürbar.
Burkart: Die Heftigkeit und Klarheit der Aussagen unseres Modells erstaunt viele Unternehmen immer wieder.
Für die Schweizer MEM-Industrie kommt diese Ankündigung zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Mehr als ein Drittel der Unternehmen haben den Wechselkursschock von 2015 noch nicht verdaut.
Was würden Sie diesen Unternehmen raten?
Burkart: Aktuell könnte es von Vorteil sein, mit den Kreditgebern ein Gespräch über eine längerfristige Kreditlinie zu führen. Zentral ist es auch, die Fixkosten möglichst tief zu halten. Unsere Kunden haben diese Information bereits vor einem Jahr bekommen.
Dann könnte es jetzt vielleicht schon zu spät sein.
Burkart: Jede Krise bietet auch eine Chance, das hat sogar die Finanzkrise 2008 gezeigt. Vor allem für Unternehmen, die über ein vorausschauendes Management verfügen und nicht immer auf die nächsten Quartalszahlen schielen müssen, bieten sich Chancen. Wenn man in der Krise in der richtigen Zeit am richtigen Ort investiert, zahlt sich das meistens aus.
Meier: Ausschläge von minus 50 Prozent sind in der Werkzeugmaschinenbranche ja keine Seltenheit. Aber, ganz klar, es wird auch in dieser Krise eine gewisse Marktbereinigung geben.
Burkart: Wobei man jetzt nicht in Panik verfallen sollte. Es ist nicht die erste Krise, die uns bevorsteht. Der Konjunkturverlauf in der MEM-Branche war noch nie harmonisch und ist immer sehr hohen und tiefen Ausschlägen ausgesetzt.
Meier: Darum ist es auch so wichtig, dass man das Trendwachstum erkennt. Wenn man nicht weiss, wann der Boden erreicht ist und es wieder nach oben geht, kann das noch schlimmere Folgen haben als der eigentliche Konjunkturrückgang. Und ich sehe es als grossen Vorteil meines Modells, dass wir dieses Trendwachstum abbilden können.
Eigentlich müsste Ihr Prognosemodell zur Pflichtlektüre der Schweizer MEM-Branche gehören.
Burkart: Das sehen wir auch so (lacht). Wir glauben in der Tat, dass diese Modell einen enormen Nutzen für die Unternehmen hat.
Meier: Aber leider beschäftigen sich noch immer zu wenig Unternehmen mit den Möglichkeiten einer seriösen Prognose. Das war für mich auch ein Ansporn, meine Ideen und Gedanken in ein Buch zu fassen und die Zusammenhänge zu erklären, die hinter meinem Modell stecken. Ein Kapitel ist auch dem Thema Trendwachstum gewidmet.
(Peter Meier und Josua Burkart halten am 29. August um 11:10 Uhr im Rahmen des Swissmem Symposiums 2019 den Vortrag: «Was erwartet die MEM-Industrie 2020?»)
In seinem Buch «Die Wirtschaft als schwingendes System» versammelt Peter Meier seine Erfahrungen und Einsichten, die er im Laufe der Jahre mit seinem Prognosemodell für die Investitionsgüterindustrie gemacht hat. Er zeigt unter anderem auf, wie die Konjunkturmuster von den Absatzmärkten bestimmt werden. Er erklärt die negativen Auswirkungen einer zu hohen Wachstumsgeschwindigkeit genauso wie die daraus folgenden Trendbrüche. Er stellt Modelle vor, mit denen die Unternehmen solche volkswirtschaftliche Indikatoren präzise auf das eigene Geschäft übertragen können. Und schliesslich beschreibt er im Abschnitt «Wann kommt die nächste Krise?», wie man Anzeichen einer solchen erkennen und sich darauf vorbereiten kann. Das Buch erscheint im Juli im Hanser Verlag.