Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03364.jsonl.gz/585

Psychoscope-Blog – Viktimisierung in der Kindheit und Sexualstraftaten: Besteht ein kausaler Zusammenhang?
In zahlreichen Studien wird hervorgehoben, dass in der Kindheit erlebte Viktimisierungen und/oder Traumata mit einem erhöhten Risiko einhergehen, als Jugendlicher oder Erwachsener Straftaten oder Verbrechen zu begehen. In der Kriminologie ist dieses Phänomen gut bekannt, und es zeigt die Wechselwirkungen zwischen den Viktimisierungs- und Aggressionsprozessen. Für Sexualstraftaten gibt es Vergleichsstudien zwischen der allgemeinen Bevölkerung und inhaftierten Personen. Diese Studien zeigen, dass viele Sexualstraftäter in ihrer Kindheit viktimisiert wurden (siehe Literaturliste unten). Die meisten der vorhandenen Studien beziehen sich auf «offline» begangene Straftaten; Online-Sexualstraftaten sind hingegen bisher nur wenig untersucht worden.
Ausgehend von dieser Feststellung bestand das Ziel der Studie von Chopin, Fortin und Paquette (2022) darin zu erforschen, welche Rolle eine Viktimisierung in der Kindheit für die Entwicklung von Risikofaktoren spielt, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Beteiligung an Online-Sexualstraftaten gegenüber Minderjährigen einhergehen.
Viktimisierung und die Entwicklung von Risikofaktoren
Die Stichprobe von Chopin et al. umfasste 199 Männer, die im Zeitraum von 2001 bis 2020 in Kanada Online-Sexualstraftaten begangen hatten. Von diesen gaben 77 an, während ihrer Kindheit Opfer von Missbrauch oder Misshandlungen gewesen zu sein.
Das erste Ergebnis war der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen der während der Kindheit erlebten Viktimisierung und den im Erwachsenenalter vorhandenen Risikofaktoren für die Begehung von Online-Sexualstraftaten an Minderjährigen. Dieses Ergebnis deckt sich im Übrigen mit der Literatur zu «offline» begangenen Sexualstraftaten (siehe Literaturliste unten). Dies legt nun eine besondere Betonung auf die Beziehung zwischen Viktimisierung und Präsenz einer straftatfördernden Kognition, insbesondere durch die Entwicklung von sexuellem Interesse an Kindern, antisozialem Verhalten und Beziehungsproblemen.
Darüber hinaus wird in der Studie hervorgehoben, dass Kognition und Verhalten im Erwachsenenalter je nach erlittener Viktimisierungsart unterschiedlich sind. Genauer gesagt tendieren während der Kindheit sexuell missbrauchte Menschen stärker zur Entwicklung von Risikofaktoren für die Begehung von Online-Sexualstraftaten gegen Kinder als Menschen, die in ihrer Kindheit ein physisches und/oder psychologisches Trauma erlebt haben. Dieses Ergebnis bekräftigt frühere Studien, die darauf hinwiesen, dass sexueller Missbrauch in der Kindheit das wichtigste Trauma für die Prognose für die spätere Begehung von Sexualstraftaten ist.
Die Studie von Chopin et al. betont ebenfalls, dass Polyviktimisierung gemäss dem Konzept des kumulativen Effekts zur Entwicklung einer grösseren Anzahl von Risikofaktoren beiträgt. Dies entspricht auch den Ergebnissen früherer Studien, in denen gezeigt wurde, dass die Kombination mehrerer Traumaformen mit der Ausbildung mehrerer Störungen und Problemverhaltensweisen in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter verbunden ist.
Schliesslich ergab sich aus der Studie, dass der Zusammenhang zwischen Viktimisierung und Risikofaktoren komplex ist. So ist der in der Kindheit erlebte Missbrauch bei Online-Sexualstraftätern zwar direkt mit der Entwicklung einer Kognition verbunden, die die Begehung von Sexualstraftaten sowie Drogenabhängigkeit begünstigt; sexuelles Interesse an Kindern sowie das Gefühl von Einsamkeit sind aber ihrerseits indirekte Folgen der in der Kindheit erlittenen Traumata.
Literatur
Abbiati, M., Mezzo, B., Waeny-Desponds, J., Minervini, J., Mormont, C., & Gravier, B. (2014). Victimization in childhood of male sex offenders: Relationship between violence experienced and subsequent offenses through discourse analysis. Victims & Offenders, 9(2), 234–254.
Chopin, J., Fortin, F., & Paquette, S. (2022). Childhood victimization and poly-victimization of online sexual offenders: A developmental psychopathology perspective. Child Abuse & Neglect, 129, 105659.
Levenson, J. S., & Socia, K. M. (2016). Adverse childhood experiences and arrest patterns in a sample of sexual offenders. Journal of Interpersonal Violence, 31(10), 1883–1911.
Leach, C., Stewart, A., & Smallbone, S. (2016). Testing the sexually abused-sexual abuser hypothesis: A prospective longitudinal birth cohort study. Child Abuse & Neglect, 51, 144–153
Kommentare
Die Kommentare sollen einen konstruktiven Dialog ermöglichen und die Meinungsbildung und den Ideenaustausch fördern. Die FSP behält sich das Recht vor, Kommentare zu löschen, die nicht diesen Zielen dienen.