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Vor der Ankunft der Portugiesen (1500) hatten die eingeborene Bevölkerung ihre eigenen Formen von Kunst und Architektur entwickelt, welche im Vergleich mit anderen präkolumbianischen Kulturen, wie zum Beispiel den Inkas, Mayas oder Azteken, äusserst primitiv erscheinen. In der Tat, auch die ersten Kolonisten aus Europa waren enttäuscht von dem, was sie vorfanden. Anstelle von reichen Städten, eindrucksvollen Palästen, Tempeln und massiven Steinmauern, sahen sie sich relativ kleinen Gruppen von halbnackten Indianern gegenüber, die in mit Palmstroh gedeckten Hütten lebten.
Das tropische Klima und ihr angestammtes Nomadenleben erlaubten jenen Eingeborenen nicht, permanente Städte zu entwickeln oder solide Konstruktionen. Stattdessen spielte sich ihre Existenz in „Tabas“ ab – zeitlich begrenzten Wohnstätten, die von einer Gruppe „Ocas“ (kollektiven Hütten gefertigt aus Zweigen, Blättern und Pflanzenfasern) gebildet wurden, platziert rund um einen zentralen Versammlungsplatz. Nach einem Jahr oder zwei verliessen sie eine solche „Taba“ dann wieder, um zu einem neuen Ort zu wandern – auf der Suche nach besseren Jagdbedingungen und neuen Feldern für ihre einfache Landwirtschaft. Einige wenige Beispiele solcher interessanter Hüttenbau-Techniken können im „Museu do Índio“ in Rio de Janeiro und anderen entsprechenden Institutionen im ganzen Land besichtigt werden.
Brasilianischer Kolonialstil:
Die ersten portugiesischen Kolonisten, die in Brasilien im 16. Jahrhundert anlandeten, standen vor vielen Problemen, auch hinsichtlich der Konstruktion ihrer Wohnhäuser, ihrer Forts, Kirchen und all der anderen notwendigen Gebäude. In erster Linie fehlten ihnen die Rohmaterialien, wie Steine, Dachziegel und Mörtel. Zweitens bestanden ihre Kontingente in der Regel nur aus wenigen Handwerkern, wie Zimmerleuten oder Maurern. Also mussten sie improvisieren, indem sie ungewöhnliche Bautechniken entwickelten und neue Materialien ausprobierten. Im Hinterland, in Orten wie São Paulo, Goiás und Minas Gerais, wurden die meisten Häuser dieser Epoche aus „Taipa de Pilão“ konstruiert. Diese Technik bestand aus der Verwendung eines holz- und reisiggeformten Skeletts für dicke Wände. Dieses Skelett wurde dann mit einer Mischung aus Lehm, pflanzlichen Fasern, Pferdehaaren, Ochsenblut und Dung ausgefüllt, die pro Auftrag zwischen zwei bis drei tagen trocknen musste. Die Dachziegel aus Lehm wurden von den weiblichen Sklaven auf ihren Oberschenkeln modelliert – daher ihre charakteristisch gewölbte Form – um dann in der Sonne zu trocknen.
Es ist sehr einfach, Häuser des brasilianischen Kolonialstils zu identifizieren. Ihre Formen, Farben und Konstruktionstechniken sind über drei Jahrhunderte kaum verändert worden. Erst einmal präsentieren sie immer breite, gut sichtbare Dächer aus roten Lehmziegeln, die sich weit über die Wände erstrecken und in Traufen auslaufen. Alle Gebäude waren gestrichen mit weisser Kalkverdünnung, auffallende Farben wurden nur an Fenster- und Türrahmen verwendet. Letztere waren aus Holz gefertigt und präsentierten, in der Regel, am oberen Rand einen schwungvollen Bogen. Im 19. Jahrhundert hat man dann Schiebefenster mit 10×10 Zentimeter grossen Glaszellen in die meisten dieser Häuser eingebaut – Beispiele finden sich in den typischen Kolonialstädtchen von Paraty (Rio de Janeiro), Ouro Preto (Minas Gerais) und dem historischen Stadtteil von Salvador (Bahia).
Die Türen und Fenster der städtischen Kolonialhäuser öffneten sich direkt zur Strasse hin. Höfe platzierte man niemals vors Haus, sondern innerhalb desselben und schuf so luftige „Pátios“ (Innenhöfe), welche die Privatsphäre der Familie schützten. Die Möbel waren äusserst schlicht und rustikal. Oftmals bestand die einzige Möblierung eines Schlafzimmers zum Beispiel, aus dem Bett und einer ledernen Truhe, in der Kleidung und einige andere persönliche Dinge aufbewahrt wurden. In der Kolonialzeit gehörte es zum höchsten Status, wenn man in einem so genannten „Sobrado“ wohnte – einem Haus mit mehr als nur einem Stockwerk – in der Regel zwei. In diesem Fall wurde das Erdgeschoss für den geschäftlichen Teil benutzt, und oben befanden sich die Privaträume der Familie des Besitzers.
Privathäuser, öffentliche Gebäude beliess man in der Regel ohne grossartige Dekoration ihrer Fassaden. Dagegen verschwendete man die ganze Raffinesse, Stil und Sophistikation in der Kunst, Architektur und Dekoration auf die zeitgenössischen Kirchen, Klöster und Kathedralen. Die grösseren religiösen Orden, wie die der Jesuiten, Franziskaner, Karmeliter und Benediktiner, brachten die letzten künstlerischen Trends aus Europa mit nach Brasilien – besonders die des Barock und des Rokkokko.
In Brasiliens religiöser Architektur setzten sich zwei unterschiedliche Strömungen durch. Innerhalb der bedeutendsten Städte, nahe an der Küste und deshalb unter grösserem Einfluss der europäischen Kultur, wurden die Kirchen und Klöster nach den vorgegebenen Plänen aus Portugal, Italien und Spanien gebaut. Einige waren originalgetreue Kopien von Jesuiten- oder Benediktiner-Tempeln in Europa. Beispiel dieser Konstruktionen finden sich in Salvador (die Igreja de São Francisco und die Kathedrale) oder in Rio de Janeiro (Mosteiro de São Bento, Convento de Santo Antonio) und in Olinda (Kirche und Konvent Nossa Senhora das Neves).
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde in der Region des heutigen Minas Gerais Gold gefunden. Eine der ersten administrativen Massnahmen der portugiesischen Krone als Antwort auf diese Entdeckung war, die traditionelle europäische Gesetzgebung innerhalb der Minengebiete aufzuheben. Die königliche Administration wollte die Kontrolle über die Minen selbst übernehmen, die Besteuerung und den Transport des Goldes, und, da die Mönche und andere religiöse Ordensmitglieder als die schamlosesten unter den Schmugglern des edlen Metalls bekannt waren (sie pflegten unter anderem die Gold-Pepitas in hohlen Heiligenfiguren zu verbergen), entzog man ihnen die staatliche Fürsorge, welche ihnen in anderen Regionen des Landes zur Verfügung stand. Deshalb wurden die meisten Kirchen in Städten wie Ouro Preto, Mariana, Congonhas und Sabará von lokalen Vereinigungen gebaut, den so genannten „Dritt-Orden“. Diese selbst geschaffenen Orden besassen viel Gold und den Willen, herrliche Tempel zu errichten, aber, obgleich sie ihre Projekte so europäisch wie möglich zu gestalten beabsichtigten, kamen sie doch kaum an die Original-Zeichnungen heran in ihren Orten „am Ende der Welt“. Also suchten die lokalen Künstler nach einer eigenen Ausdrucksform. Inspiriert durch Beschreibungen und Informationen aus zweiter Hand schufen sie ihre eigene Interpretation des Barock, deutlich infiziert von regionalen Einflüssen und regionaler Kultur. Dies ist der Hintergrund des originellen und sehr eigenwilligen „Mineirischen Barocks“.
Anfang des 18. Jahrhunderts, als überall Gold in Minas Gerais gefunden wurde, waren die Interieurs der Kirchen die Hauptattraktion, reich und schwer mit beschnitztem Holz und Gold dekoriert. Viele der Kirchen aus jener Zeit werden den Besucher überraschen, denn ihre Fassaden und Aussenanlagen bilden einen enormen Kontrast zu ihren überschwänglich dekorierten Kirchenschiffen und Altären im Innern. Als die Produktion der Minen abzunehmen begann, verlegte man die künstlerische Ausarbeitung mehr auf die Aussengestaltung der Kirchen – mit abgerundeten Fassaden, Rundtürmen und versetzten Wänden. Beispiele sind die Kirchen von São Francisco de Assís und Rosário in Ouro Preto. Als schliesslich das Gold für die Gestaltung der Wände ganz versiegte, wurde es von Wandmalereien ersetzt.
Der Anfang des 19. Jahrhunderts brachte die bis dato grösste Veränderung in der Geschichte der brasilianischen Architektur. Als Napoleon im Jahr 1808 Portugal besetzte und die portugiesische Königsfamilie, begleitet von zirka 15.000 reichen Familien, sich nach Rio de Janeiro absetzte, brachten sie ihre eigenen „modernen“ Vorstellungen hinsichtlich Kultur, Kunst und Architektur mit sich über den Ozean. 1816 lud dann der König Dom Joao IV eine Gruppe französischer Künstler nach Brasilien ein, um die Brasilianer mit den neuesten Trends auf dem Gebiet der Malerei, der Skulptur, der Dekoration und der Architektur zu unterweisen. Dies war der Beginn der neoklassischen Ära in Brasilien. Eine „Kaiserliche Akademie der Schönen Künste“ wurde gegründet und alle Regierungsgebäude wurden fortan in neoklassischem Stil errichtet. Ein grosser Name dieser Zeit ist der des französischen Architekten Grandjean de Montigny, dem die meisten Häuser und öffentlichen Gebäude von Rio de Janeiro in neoklassischem Stil zugeschrieben werden.
Die Reichen und Berühmten wünschten sich auch ihre Privathäuser in diesem modernen Baustil, und das revolutionierte die gesamte brasilianische Art zu bauen. Die breiten Dächer wurden fortan hinter einer kleinen Mauer verborgen. Fenster und Türen bekamen Rundbögen und die Mauern wurden in Ocker und hellen Pinktönen gestrichen. Öffentliche Gebäude und Kirchen ähnelten plötzlich antiken griechischen Tempeln, mit dreieckigen Podesten und Säulen. Dieser neuartige Baustil verstand sich allerdings nicht besonders gut mit dem brasilianischen Klima. Der koloniale dagegen, mit seinen ausladenden Dächern, bot besseren Schutz vor den intensiven tropischen Regengüssen und, als Konsequenz, setzte sich der neoklassische Stil niemals im Hinterland durch.
Selbst als die Kaffeepflanzer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aussergewöhnlich reich wurden und sich für importierte Trends interessierten, liessen sie zwar ihre Wohnungen in der Stadt in jenem neuen Baustil errichten, behielten aber die ausladenden Dächer der Gehöfte auf ihren Fazendas im alten Stil bei – obwohl es einige unter ihnen gab, die zumindest ein paar neoklassische Details an Fenstern, Türen und eventuell der Innendekoration hinzufügten. Gute Beispiele dieser „Verquickung der Stile“ kann man nahe bei Rio de Janeiro entdecken, in kleinen Orten wie Vassouras, Valenca, Barra do Piraí und Bananal, wo einige dieser antiken Fazendas für den öffentlichen Besuch geöffnet sind.
Es gibt besonders zahlreiche Beispiele für neoklassische Gebäude in Rio de Janeiro, wie zum Beispiel das „Museu Nacional“, das Hospital „Santa Casa de Misericordia“, das Geburtshaus von Rui Barbosa und das „Instituto Benjamin Constant“. Sehr nahe von Rio de Janeiro, in Petrópolis, befindet sich das „Museu Imperial“ – ehemals die Sommerresidenz des Kaisers – auch dieses Gebäude ist ein gutes Beispiel neoklassischer Bauweise. Dieser Stil beeinflusste die brasilianische Architektur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und war der „offizielle Baustil“ des Ersten und Zweiten Brasilianischen Imperiums.