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Vorbemerkung
Ich entwickle und beschreibe im Folgenden ein Modell, ein Welterklärungsmodell, vergleichbar einem Spiel, einer Theorie, einer Rechtsordnung, einem System. Wer an die absolute Wahrheit glaubt und sie hier oder irgendwo sucht, wer das, was er zu wissen glaubt, mit absolutem Gültigkeitsanspruch verziert - sozusagen als Sahnehäubchen - und mit dem Pathos des Fundamentalisten dem hier vorgestellten Modell entgegensetzt, wird enttäuscht sein. So sehr das Bedürfnis nach Auseinandersetzung, nach Debatte als menschlicher Archetypus verständlich , ja als 'condition humaine' oder sogar als zwingende Begleiterscheinung der Schöpfung, als Unterpfand des Lebens betrachtet werden kann, so unnötig scheint es mir, Konflikte über die Grenzen von Modellen hinaus schwappen zu lassen. Es lässt sich ja trefflich streiten innerhalb von Modellen, wie die beliebten Berufsgattungen der Anwälte und Politiker zeigen. Auch die Markt-Mitspieler und die Sportler bekämpfen sich innerhalb mehr oder weniger klar geregelter Modelle. Natürlich kann es vorkommen, dass irgend einer dieser Spieler kurzfristig vergisst, dass er sich in einem Modell befindet, und dass er sein Spiel mitsamt den Spielregeln für absolut, für die einzig wahre Wirklichkeit erklärt, dass er die Beschränktheit des Gültigkeitsanspruchs, die Relativität und Gemachtheit aller Spielregeln, aller Axiome von Theorien, aller Fundamente von Rechts-, Markt- und Gesellschaftsordnungen aus den Augen verliert - aber die Mitspieler sorgen in aller Regel recht schnell dafür, dass der 'Cavaliere' wieder auf den Boden des Spielfelds zurückfindet.
Wirklich gefährdet, in der Absolutsetzung ihrer Modelle stecken zu bleiben, sind - verständlicherweise - die religiösen Debattanten, insbesondere die Vertreter der monotheistischen Religionen mit all ihren Unterabteilungen, Abspaltungen und Sekten. Die Verengung des ursprünglich in allen Kulturen herrschenden Polytheismus auf einen einzigen Gott birgt die Gefahr der Absolutsetzung. Es ist durchaus nicht zwingend, aber naheliegend, dass man den 'Einen' dann auch gleich zum 'absolut Einzigen, einzig Wahren' kürt. In diese Falle nicht getreten ist als einzige Grossreligion meines Wissens der Buddhismus, der - ebenfalls als einzige Grossreligion - ernst machte mit dem auch bei den monotheistischen Religionen vorkommenden Gebot, sich kein Bild zu machen von Gott. Denn die Vorstellung eines Gottes als 'des Einzigen, Wahren, Alleinigen' ist ja bereits ein Bild.
Die religiös motivierten Gewaltkonflikte, die allerdings in den meisten Fällen mit sozialem Konfliktpotenzial vermischt sind, zeigen die Ausweglosigkeit, die meist unausweichliche Gewaltspirale, in die die Absolutsetzung eines Modells, ja nur schon eines einzigen Axioms eines Modells, einer einzigen Spielregel hineinführt. Wobei 'Ausweglosigkeit' bereits zu pathetisch klingt, denn man kann natürlich auch Gewalt als 'Weg' bezeichnen. Der Archetypus des Absolutsetzens der eigenen Interpretation des Wahrgenommenen sitzt so tief im Menschen - andersherum gesagt: der Mensch ist bei all seiner analytischen und technischen Intelligenz doch so unsäglich dumm geblieben -, dass sein Erkenntnisweg wohl kaum ohne Missbrauch des Erkannten, ohne Anwendung von Gewalt vorstellbar ist. Wenn ich also hier im Folgenden einen Ausweg skizziere, so bin ich mir bewusst, dass der erste Teil des Wegs, die Phase der Absolutsetzung der eigenen Wahrnehmung und der Versuch, ihre Gültigkeit mit Gewalt durchzusetzen, archetypisch zum menschlichen Weg gehört.
Die zweite hoch gefährdete Berufsgattung ist - erstaunlicherweise - die Wissenschaft. Es mag daran liegen, dass die Genese der Wissenschaft in der Reaktion liegt. Es war immer eine gegen die Herrschaft und den Wahrheitsanspruch des Religiösen gerichtete Tätigkeit, die sich bereits in der trotzig als Gegensatz zu 'glauben' verstandenen Nominalisierung des Verbs 'wissen' zeigt. Die Wissenschaft war nie die Agierende in diesem Kampf, sondern stets die Reagierende, die sich jeden Meter Terrain gegen die immer schon vor ihr herrschende Religion erobern musste. Wissenschaft war so gesehen nie frei, nie locker, nie ungebunden - sondern immer unter massivstem Druck. Denn auch ein erobertes Gebiet war nie sicher, es war wie das Zurückdrängen von Wasser: kaum zeigte sich irgendwo das kleinste Leck, drang das Religiöse wieder ein und überschwemmte das bereits wissenschaftlich bebaute Land. Aus dieser Sicht ist es nicht mehr so erstaunlich, dass die Wissenschaft in ihrem verzweifelten Kampf sich der gleichen Waffe bediente wie ihr Gegner: der Absolutsetzung ihrer Axiome. Im Abendland war dieser Prozess exemplarisch: Genau das, was die Aufklärung so geisselte an der Kirche, nämlich die Behauptung, ein Monopol auf die absolute Wahrheit zu haben, behauptete sie nun selbst.
Dieses Paradoxon entspricht einer alten Erkenntnis der Konfliktforschung: Je mehr man sich auf einen Gegner fokussiert, sich darauf konzentriert, in einen möglichst scharfen Gegensatz zu ihm zu treten, desto ähnlicher wird man ihm in allen Bereichen ausserhalb des Hauptfokus. Im Sport ist dies besonders gut ersichtlich, ja von den Regeln meist sogar befördert oder erzwungen: die Gegner müssen die genau gleiche Ausrüstung benützen, die gleichen Verhaltensweisen zeigen - im Fokus ist nur noch, dies besser zu tun als der andere. Der reaktionäre Kampf der sich selbst als 'Wissenschaft' feiernden Herangehensweise an die 'Welt' gegen die sich mit religöser Verbrämung tarnende gigantische Macht-Institution Kirche kann man auch als einen Kampf um das Diskurs-Monopol sehen. Wer bestimmt, was ein Wort bedeutet und wie es mit anderen Wörtern verknüpft ist, wer die Etikettier-Hoheit besitzt und sagt, welche Bezeichnung zu welcher Wahrnehmung gehört, hat eine erstaunliche Macht - jedenfalls solange ihm geglaubt wird. Und das klappt nur, solange die Verbalsprache als Kommunikationsmittel masslos überschätzt wird. So ist ein Konzept wie 'Eigentum' im Sinne westlicher Rechtsordnungen, das dem 'Eigentümer' eine bestimmte Verfügungsmacht über das 'Eigentum' verschafft, die er notfalls mithilfe der Staatsgewalt durchsetzen kann, abhängig von der verbalsprachlichen Etikettierung und der Macht, den Inhalt der Schublade zu bestimmen, auf der dieses Etikett klebt. So sind zum Beispiel Tiere, Pflanzen, Früchte, Sonnenstrahlen, Windböen etc. nicht erreichbar für das Konzept 'Eigentum'. Diskursmacht ist eine zuerst sprachliche, dann konkretisierte Grenzsetzungsbefugnis: Wer den Diskurs beherrscht, kann willkürlich Grenzen setzen, nicht nur zwischen Eigentumsbereichen, sondern überall. Deshalb war es entscheidend für die 'Wissenschaft', einen möglichst relevanten Teil der kirchlichen Diskursmacht an sich zu reissen.
Dazu gehörte ein Vokabular mit vorgegebenen Bedeutungen: 'Wissen' heisst, dank plausiblen Begründungen, dank lückenloser Kausalketten, dank jederzeit an jedem Ort unter gleichen Bedingungen wiederholbaren Experimenten, dank einer systematisch stimmigen Theorie Sicherheit haben bezüglich einer Behauptung. Der neue Gott war die Vernunft, die Rationalität, das im Kopf stattfindende Denken. Erkenntnis aus dem Bauch oder aus dem Herzen wurde als minderwertig abqualifiziert, Emotion, Intuition, Spiritualität wurden zu Wörtern, die im wissenschaftlichen Diskurs nichts zu suchen hatten. Weite Begriffe wie 'Geist' oder 'Bewusstsein' wurden gespalten oder reduziert auf rationales Denken bzw. rationale Selbstreflektion. Eine Innenwelt zu haben, über Vorstellungskraft zu verfügen - etwas, was allen höher entwickelten Tieren zugestanden werden muss, wurde verengt auf die Verbalsprache und damit auf den Begriff. Differentia specifica, den Menschen adelnder Unterschied wurde es, einen Begriff von etwas zu haben. Denn das - so liess sich vermeintlich leicht nachweisen - hatten die Tiere nicht, da sie ja nicht über Verbalsprache verfügten. Bei genauerem Hinsehen und Experimentieren hat man natürlich festgestellt, dass Tiere selbstverständlich in beeindruckender Weise kommunizieren, einfach in ihrer, nicht in unserer Sprache. Also musste eine Hierarchie etabliert werden zwischen den multimodalen Kommunikationsformen (mehr zur Multimodalität der Kommunikation HIER), um das vormals biblisch begründete Supremat des Menschen über den Rest der Natur zu legitimieren. Der Etikettier-Trick hiess 'Instinkt' und der pejorative Inhalt, den man in die Instinkt-Schublade stopfte, lautete: "Alles, was Tiere können, auch alles, was man unter 'Kommunikation' subsumieren könnte, ist 'nur' Instinkt, ist angeborene, genetisch determinierte Verhaltensweise. Die Tiere können gar nicht anders als sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten." Dies widersprach zwar jeglicher Empirie, aber das Konzept und der ganze 'Instinkt-Diskurs' wird bis heute mit grosser Verbissenheit verteidigt, gerade weil Man(n) ahnt, dass sich die menschliche Willkür sonst nicht mehr rechtfertigen liesse, dass offensichtlich würde, dass der Mensch über den Planeten verfügt, nur weil er es kann, weil er die Macht, die Gewalt, die Zerstörungsmittel dazu hat.
Mit diesem Entrée, das die üblichen anthropozentrischen Schöpfungsmythen in ein kritisches Licht stellt, möchte ich den Boden bereiten für eine Annäherung an die Entschöpfung, die versucht, weniger plump in die Falle der Anthropozentrizität zu treten. Ganz ist es nicht zu vermeiden, da wir bei allem guten Willen, unsere Sicht zu weiten und Standpunkte nicht-menschlicher Entitäten einzunehmen, doch nicht aus unserer Haut rauskönnen, ausser - wir gehen den Weg der Entschöpfung mit aller Konsequenz bis zu Ende.
Da der wissenschatliche Versuch, an die Thematik Schöpfung - Entschöpfung heranzugehen, nicht ganz ohne Anmerkungsapparat auskommt, folgt die Behandlung des eigentlichen Kernthemas dieser Denkaufgabe als PDF-File:
Schöpfung und Ent-Schöpfung
Und wem der philosophisch-sprachwissenschaftliche Weg zu beschwerlich oder schlicht ein Umweg ist, der kann sich die Lektüre des Essays sparen und sich ganz pragmatisch die Frage stellen, ob er nicht täglich beides im Kleinen erlebt, das Schöpfen im Sinne des Kreierens von Unterscheidbarem, von Wesen, Dingen, Vorstellungen, die Zeit und Raum beanspruchen und mit anderen Entitäten verknüpft sind - und auch die ausbalancierende Gegenbewegung des Ent-Schöpfens im Sinne des Aufhebens von Unterscheidungen, des Zusammenführens von Getrenntem, des Aufhebens oder Entwischens aus der Linearität der Zeit und der Fessel des Raums, des Entweichens aus der so plumpen, so gnaden- und humorlosen Verknüpfung der Kausalität, der schwarz-weissen und so oft als willkürlich erlebten und dementsprechend strittigen Zerlegung des Wahrgenommenen in Ursachen und Wirkungen. Tun wir nicht beides ständig? Und hat nicht auch beides Platz? Gibt es vielleicht eine Tendenz, eine sich wandelnde Gewichtung der beiden Gesten? Vermehrt schöpfender Gestus in der Jugend, der ersten Lebenshälfte, wo es um Profilierung des Egos, um Machtgewinnung, um Spurenlegen in Zeit und Raum geht, wo es wichtig ist, Ursache und nicht nur Erwirktes, von anderen Bewirktes zu sein? Und in der zweiten Lebenshälfte, im Alter, vermehrt der ent-schöpfende Gestus: ein Wachsen der Gelassenheit, des 'Fünfe gerade sein Lassens', nicht der Gleichgültigkeit, aber der gleichen Gültigkeit, der Nivellierung vieler früher als entscheidend und 'crucial' eingestuften Unterschiede, ein vermehrtes Empfinden der Gemeinsamkeit mit vielem, wenn nicht mit allem, was da kreucht und fleucht auf Mutter Erde, eine Verlangsamung des Eroberungsimpetus, ein immer stärkeres Schmunzeln über die Betriebsamkeit der Menschen, ein Abstandnehmen von Aktivismus und Weltverbesserung, eine Relativierung der eigenen Wichtigkeit, aber auch der Bedeutung der aktuellen Zeit und des aktuellen Lebensraums, eine vielleicht weniger scharfe, dafür umso mildere Sicht auf die sich seit ewigen Zeiten wiederholenden Muster und die winzige Bedeutung eines isolierten Wesens - und die so ungemein viel berauschendere Fülle des Ganzen, des vielfältig miteinander verwobenen Gemenges von Entitäten - und die nachlassende Wichtigkeit der Frage, was genau wie genau wann genau wirklich existiert, da ist, real ist, wirklich ist - das zunehmende Einverständnis damit, dass das Abenteuer Leben auch erlebenswert war, erlebenswert ist, wenn es sich nur um einen grossen Traum handeln sollte, sodass schliesslich auch die letzte ent-schöpfende Geste, das Loslassen des Körperfahrzeugs, das sogenannte 'Sterben' an Bedeutung, an Schärfe, an Relevanz, an Wirklichkeit verliert und viel mehr einem Hinübertreten gleicht, vielleicht einem neuen Anlauf-Holen für einen nächsten Schöpfungs-Gestus?