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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).

Fünftes Buch
I. Kapitel
5.
1. Durch unsere früheren Darlegungen ist aber erwiesen, daß die Ungläubigen unverständig sind. "Denn ihre Wege sind verkehrt, und sie kennen keinen Frieden",1 sagt der Prophet. Und der von Gottes Geist erfüllte Paulus ermahnte, man solle sich "die törichten und unverständigen Untersuchungen verbitten; denn sie erzeugen nur Streitigkeiten."2 Und Aischylos hat ausgerufen:
"Bemüh' dich nicht umsonst um das, was dir nichts nützt!"3
2. Am vorzüglichsten ist ja, wie wir wissen, die Untersuchung, die sich mit dem Glauben verbindet und auf der Grundlage des Glaubens die erhabene Erkenntnis der Wahrheit aufbaut.4
3. Wir wissen aber auch, daß man nicht untersucht, was offenkundig ist (wie z.B. am hellichten Tag, ob es Tag ist) und ebensowenig das, was man nicht weiß, was aber auch nie offenkundig werden wird (wie z.B., ob es eine gerade oder eine ungerade Anzahl von Sternen gibt),5 aber auch nicht die sogenannten Umkehrsätze (ein Umkehrsatz ist aber ein solcher, den auch diejenigen, die das Gegenteil behaupten, in gleicher Weise vorbringen können, wie z.B. die Frage, ob das Kind im Mutterleib ein lebendes Wesen ist oder nicht).6 Der vierte Fall (bei dem eine Untersuchung nicht am Platze ist) ist der, wenn von der einen der beiden Seiten ein unwidersprechlicher und unwiderleglicher Satz vorgebracht wird.
4. Wenn demnach der Anlaß zu einer Untersuchung auf Grund aller dieser Fälle beseitigt wird, so gewinnt der Glaube an Bedeutung. Denn wir halten unseren Gegnern jenen Satz entgegen, dem nicht widersprochen werden kann, nämlich, daß Gott es ist, der spricht, und über jeden einzelnen Punkt, den ich wissen will, in der Schrift klare Auskunft gegeben hat.
1: Jes 59,8.
2: 2Tim 2,23.
3: Aischylos, Prometheus 44.
4: Vgl. 1Kor 3,10.
5: Die Beantwortung dieser Frage wurde von den Stoikern zu den Adiaphora gerechnet; vgl. Sext. Empir. Adv. math. XI 59 (Chrysippos Fr. mor. 122 v. Arnim).
6: Dieses Beispiel paßt nicht ganz; diese Frage ist nur insofern ein Umkehrsatz ((xxx)), als ihre Beantwortung je nach der Definition des Begriffs "lebendes Wesen" verschieden ausfallen wird; vgl. Strom. VIII 9 ff. Ein genaues Beispiel für einen Umkehrsatz gibt u.a. Gellius, Noct. Att. V 10 mit der Verabredung zwischen dem Rhetoriklehrer und seinem Schüler, wonach der letztere das Honorar nur zu zahlen hat, wenn er den ersten Prozeß gewonnen habe. Da er aber keinen Prozeß anfängt, verklagt ihn der Lehrer und sagt, der Schüler müsse in jedem Fall zahlen: gewinne er den Prozeß, gemäß der Verabredung, verliere er ihn, gemäß des Richterspruchs. Der Schüler kann diesen Satz "umkehren": gewinne er den Prozeß, so zahle er nichts gemäß des Richterspruchs; verliere er ihn, so zahle er nichts gemäß der Verabredung.