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Der Dieb konnte unbesorgt sein, Eduard Engel war 1938 gestorben. Er hätte sich auch nicht wehren können, wenn er noch gelebt hätte: er galt als «Jude», und seine Bücher waren ohne Schutz.
Kurz zu Opfer und Täter: Engel (1851-1938) war Sprach- und Literaturwissenschafter und verfasste erfolgreiche Literaturgeschichten des Deutschen, Französischen, Englischen und Nordamerikanischen; seine «Deutsche Stilkunst» erschien 1911, letztmals 1931 in einunddreissigster Auflage. Reiners (1896-1957) war Unternehmer und ohne tiefere Kenntnis von Sprache und Literatur.
In seinem ganzen Ausmass hat den Diebstahl noch niemand festgestellt. Vor drei Jahren veröffentlichte Anke Sauter eine grosse Untersuchung: «Eduard Engel, Literaturhistoriker, Stillehrer, Sprachreiniger». Sie widmet Reiners, da ihr Ziel eine Gesamtdarstellung war, nur wenig Raum; sie bündelt und ergänzt einige ältere Beobachtungen und meint, dass Reiners aus Engels Buch «etwas durchaus Eigenständiges gemacht» habe. Das ist nicht richtig; wenn man Reiners abnimmt, was er von Engel hat, steht er mit leeren Händen da. Die Prüfung im grösseren Zusammenhang ist aufwendig, denn Reiners hat nicht nur aus der «Stilkunst» abgeschrieben, sondern auch aus weiteren Werken Engels, dies in Hunderten von Fällen. Es folgt ein Überblick in sieben Abschnitten.
Erstens: Reiners übernimmt das Grundsätzliche. – Engel: «Alles Wichtigste in der Stillehre nimmt von selbst die Form des Verneines an.» «Lehrbar ist nur, die angebildeten Laster des Satzes, wie des Stiles überhaupt, abzutun.» Reiners: «Daher ist jede Stilanleitung zum guten Teil negativer Natur: es ist wichtiger und leichter, Stillaster abzulegen als Stiltugenden zu erlernen.» Hierher gehört auch die Begrifflichkeit Engels, die anschaulich und unakademisch ist, wie es seinem Stilideal entspricht. Er verwendet Ausdrücke wie: Bandwurmsatz, Kettensatz, Stopfsatz, Stilgecken. Das Zusammenspiel dieser Bestimmungen gehört zum Eigentümlichen seines Buches; sie alle findet man bei Reiners wieder.
Zweitens: Reiners übernimmt Kenntnisse aus Literatur- und Sprachgeschichte. – Engel: «In früheren Zeiten machten die besten Schreiber sich und den Lesern die Sache leicht, indem sie einfach gliederten: ‹zum ersten, zum zweiten, zum dritten› und so fort. Luther bedient sich dieser Anordnung mehr als einmal; in der Schrift ‹Von der Freiheit eines Christenmenschen› wird sie bis ‹zum dreißigsten› durchgeführt, ohne uns zu ermüden.» Reiners, mit leichter Verallgemeinerung: «Luther pflegte seine Schriften mit zum ersten, zum zweiten und so weiter zu gliedern; in der Freiheit eines Christenmenschen bis zum Dreißigsten.»
Engel erwähnt ein Fremdwörterbuch des Jahres 1571, nötig für Leser, «die nicht lateinkundig waren wie die Müller, Schulzen, Schmiede, Bäcker, Schneider, die sich der anständigen Deutschen Namen ihrer Eltern schämten und sich in Mylius, Scultetus, Faber oder Fabricius, Pistorius, Sartorius umgeadelt hatten». Reiners, mit kleinen Verschiebungen: «Im 17. Jahrhundert haben Tausende von Deutschen ihre ehrlichen Namen Müller, Schulze und Schmidt umgeändert in Mylius, Scultetus und Fabricius, weil sie diese lateinischen Wörter für vornehmer hielten.»
Drittens: Reiners übernimmt Literaturstellen, auch ganz entlegene. – Engel kennt die literarischen Schatzkammern vieler Sprachen und bietet seinen Lesern die schönsten Stücke daraus. Als besonders geglücktes Bild führt er, ohne weitere Angabe, Goethes Vergleich an: «Ich komme mir vor wie jenes Ferkel, dem der Franzos die knupperig gebratene Haut abgefressen hatte, und es wieder in die Küche schickte, um die zweite anbraten zu lassen.» Reiners kann gar nicht anders, er muss diese Stelle auch haben, schreibt ab und fügt an: «Jeder dieser Vergleiche haftet in unserem Gedächtnis (…).» Reiners zitiert in dieser Form allerdings nicht so, wie Goethe am 13. September 1778 an Charlotte von Stein schrieb. Reiners einziger Beitrag ist die Veränderung von knupperig in knusperig.
Viertens: Reiners übernimmt Urteile zum Stil. – Engel stellt die Stilfigur der Antithese, des Gegensatzes vor und meint: «Bei Nietzsche bekommt man durch das geflissentliche Bevorzugen der gegensätzlichen Umdrehung den Eindruck, daß er an jedem…