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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

5. Vortrag.
1.
[Forts. v. [S. 67] ] Nach dem Willen des Herrn sind wir zu dem Tage unseres Versprechens gelangt; er wird auch dies verleihen, daß wir zur Einlösung eben dieses Versprechens gelangen. Dann nämlich ist das, was wir sagen, sowohl uns wie euch nützlich, wenn es von ihm ist; was aber vom Menschen ist, ist Lüge, wie unser Herr Jesus Christus selbst gesagt hat: „Wer Lüge redet, redet von dem Seinigen“1. Niemand hat von dem Seinigen etwas, außer Lüge und Sünde. Wenn aber der Mensch etwas von Wahrheit und Gerechtigkeit hat, dann ist es von jener Quelle, nach der wir in dieser Wüste seufzen müssen, damit wir, daraus gleichsam durch einige Tropfen benetzt und auf dieser Pilgerschaft inzwischen getröstet, um nicht auf dem Wege zu erliegen2, zu seiner Ruhe und Sättigung kommen können. Wenn also „wer Lüge redet, von dem Seinigen redet“, so redet, wer Wahrheit redet, aus Gott. Wahrhaft ist Johannes, die Wahrheit ist Christus; wahrhaft ist Johannes, aber jeder Wahrhafte ist durch die Wahrheit wahrhaft; wenn also Johannes wahrhaft ist und der Mensch nur durch die Wahrheit wahrhaft sein kann, durch wen war er dann wahrhaft, wenn nicht durch denjenigen, der gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit“3? Es könnte also weder die Wahrheit gegen den Wahrhaften noch der Wahrhafte gegen die Wahrheit aussagen. Den Wahrhaften hat die Wahrheit gesandt, und deshalb war er wahrhaft, weil er von der Wahrheit gesandt war. Wenn die Wahrheit den [S. 68] Johannes gesandt hatte, dann hatte ihn Christus gesandt. Aber was Christus zugleich mit dem Vater tut, das tut der Vater, und was der Vater zugleich mit Christus tut, das tut Christus. Weder tut der Vater etwas getrennt vom Sohne, noch tut der Sohn etwas getrennt vom Vater: unzertrennlich ist die Liebe, unzertrennlich die Einheit, unzertrennlich die Majestät, unzertrennlich die Macht, gemäß den Worten, die er selbst sprach: „Ich und der Vater sind eins“4. Wer also sandte den Johannes? Wenn wir sagen, der Vater, reden wir die Wahrheit; wenn wir sagen, der Sohn, reden wir die Wahrheit; deutlicher aber drücken wir es aus, wenn wir sagen: der Vater und der Sohn. Den aber der Vater und der Sohn sandte, hat der eine Gott gesandt, da der Sohn gesagt hat: „Ich und der Vater sind eins“. Wie also kannte er den nicht, von dem er gesandt wurde? Er sagte ja: „Ich kannte ihn nicht, aber der mich gesandt hat, im Wasser zu taufen, der sprach zu mir“. Ich frage den Johannes: Der dich gesandt hat, im Wasser zu taufen, was sprach er zu dir? „Über welchen du den Geist herabsteigen siehst, wie eine Taube, und auf ihm bleiben, der ist es, welcher tauft im Heiligen Geiste.“ Das, o Johannes, sprach zu dir der, welcher dich gesandt hat? Ohne Zweifel dies. Wer also hat dich gesandt? Vielleicht der Vater. Wahrhaft ist Gott der Vater, und die Wahrheit ist Gott der Sohn; wenn der Vater ohne den Sohn dich gesandt hat, dann hat dich Gott ohne die Wahrheit gesandt; wenn du aber deshalb wahrhaft bist, weil du die Wahrheit redest und aus der Wahrheit redest, dann hat dich der Vater nicht ohne den Sohn gesandt, sondern der Vater und der Sohn haben dich zugleich gesandt. Wenn also auch der Sohn dich gesandt hat zugleich mit dem Vater, wie kanntest du den nicht, von dem du gesandt wurdest? Den du in der Wahrheit gesehen hattest, der hat dich gesandt, damit er im Fleische anerkannt würde, und gesprochen: „Über welchen du den Geist herabsteigen siehst, wie eine Taube, und auf ihm bleiben, der ist es, welcher tauft im Heiligen Geiste“.
1: Joh. 8, 44.
2: Diese Worte (von „Niemand hat“ an) bilden den vielbesprochenen Kanon 22 des Konzils zu Orange (529). Siehe Denzinger, Enchiridion N. 195 (165).
3: Joh. 14, 6.
4: Joh. 10, 30.