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Die Verbindung von Hals und Korpus
Eine der Hauptfragen unseres Projekts zielte auf die Verbindung von Hals und Korpus ab. Welche Konstruktionen gibt es? Veränderungen an den Instrumenten betreffen zu einem überproportional grossen Anteil die Korpus-Hals-Verbindung. (Abb. 4 Computertomographie MI 404) Eindrücklich hat dies Klaus Martius am Instrument MI 404 aufgeschlüsselt. Diese Viola da gamba weist heute eine Überbauung des alten Griffbrettes auf. Dazu verfügt es über einen Halsfuss, der weitaus später zu datieren ist. Bemerkenswerterweise ist hier auch ein Oberklotz mit liegenden Jahresringen erhalten. Martius folgend könnte dieser sogar original sein. Ein ebenso beschaffener Oberklotz findet sich im Schwesterinstrument in der Vermillion-Sammlung. Alleine diese wertvolle Aufschlüsselung einer oder mehrerer komplizierter Umbau-, Erweiterungs- oder Reparaturarbeiten zeigt sehr anschaulich, mit welchen Situationen wir uns an anderen Viola da gamba-Instrumenten konfrontiert sahen – wenngleich auch nicht immer in so drastischem Ausmass. (Abb. 4, MfM 780 – Hals) Die Lira da braccio fächert diese reichen Varianten weiter auf. Dieses Instrument hat gegenwärtig eine Hals-Korpus-Verbindung, die zwischen Geigenbautradition und Lautenbau zu changieren scheint. Durch ihre massiven Zargen ist eine Konstruktion mit Schlitzen zum seitlichen Einschieben der Zargen in den Oberklotz nicht möglich. Und so lassen sich heute Reste eines vormals durchgesetzten Halses finden, in den die Zargen speziell eingepasst, aber nicht eingeschoben sind. Von aussen ist leider nur ein zu einem späteren Zeitpunkt stumpf angesetzter Hals mit verschiedenen Schichten zu erkennen.
Ich fasse zusammen: Es zeigt sich bezüglich der Konstruktionsmerkmale und der Korpusformen im Venezianischen Gambenbau um 1550 eine grosse Variantenvielfalt. An den Instrumenten der Linarolo-Familie haben wir gebogene und herausgearbeitete Zargen vorgefunden. Die intendierte Art der Kantenverbindungen von Decke und Zarge blieb jedoch unklar. Die Decken sind gewölbt, jedoch gibt es unterschiedliche Ausformung der Deckenwölbung, die vermutlich mit einer Kombination von unterschiedlichen handwerklichen Techniken erreicht wurde. Die Hals-Korpus-Verbindung bildet offenbar das Zentrum von Umbauten und Veränderungen. Die Frage nach einer singulären Lösung der «Hals-Korpus-Verbindung in Venedig um 1550» muss deshalb unbeantwortet bleiben.
So haben wir uns für die Rekonstruktion einer Viola da gamba der Ganassi-Zeit bezüglich der Zargen- und Deckenkonstruktion an unseren Untersuchungsbefunden orientiert. Das heisst: gebogene Zargen, grösstenteils keine Randüberstände und asymmetrisch verteilte Deckenstärken. Für die Hals-Korpus-Verbindung sind wir jedoch mit Verwendung des durchgesetzten Halses mit eingeschobenen Zargen nach der Vihuela (ca. 1500–1550) im Pariser Musée Jacquemart einer anderen Spur gefolgt.
Kehren wir zu unserer eingangs gestellten Forschungsfrage nach besonderen Konstruktionsmerkmalen der Viola da gamba zu Ganassis Lebzeiten in Venedig zurück, zeigen sich fast durchgängig Antworten ex negativo. Im Gegensatz zum Bereich der Ikonographie, bei der auf naturwissenschaftliche Analysemethoden der Restaurierung zurückgegriffen werden kann und somit zumindest verschiedene Stadien von Gemälden sowie deren Übermalungen und Veränderungen wieder sichtbar zu machen vermag, ist die Situation der erhaltenen Instrumente eine andere. Wir können heute keinen originalen Hals, keine ursprüngliche Deckenstärke oder den ersten Satz Monturteile wieder sichtbar machen. Selbst das professionelle Auge eines sehr erfahrenen Geigenbauers oder Organologen kann oft nur die Arbeit einer bestimmten Hand zuordnen, aber nicht mit Sicherheit einem bestimmten mit Namen belegten Instrumentenbauer. Jedoch können wir erhaltene Instrumente als das nehmen, was sie sind: wichtige Zeitzeugen durch mehrere Jahrhunderte – und dabei alle Fragen, Kritik und Zweifel gelten lassen.