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Der «Literaturpapst» Marcel Reich-Ranicki war einer seiner grössten Förderer. Und so schrieb er in seinem Nachruf auf Hermann Burger: «Die deutsche Literatur hat einen ihrer originellsten Sprachkünstler verloren.»
Das war 1989. Grund dafür, dass die deutsche Literatur diesen Sprachmagier verlor, war eine Überdosis Schlafmittel. Ohne diese hätte der 1942 in Menziken geborene Autor, den man vor allem für seinen Roman «Schilten» kennt, seinen diesjährigen 80. Geburtstag vielleicht noch erlebt.
Bisher unveröffentlichte Texte
Der Germanist Simon Zumsteg nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, einmal mehr an Hermann Burger zu erinnern. Bereits 2014 hat Zumsteg eine viel gelobte, achtbändige Sammlung mit Burger-Texten veröffentlicht. Jetzt bringt er eine weitere Lese-Ausgabe mit teils bisher unveröffentlichten Texten heraus. Titel: «Hermann Burger. Zauberei und Sprache».
Zeitlebens hat sich Hermann Burger fürs Zaubern interessiert. Die neue Lese-Ausgabe bündelt nun mehrere seiner Texte rund um das Thema «Magie».
Hermann Burgers Lebensthemen
Die Literaturwissenschaft fast Burgers Themen mit drei Cs zusammen: das Cimiterische, das Circensische und das Cigarristische.
- Das Cimiterische, abgleitet vom lateinischen Wort für «Friedhof» («cimeterium»), steht für Burgers dauernde Beschäftigung mit dem Tod.
- Das Circensische verweist auf seine Faszination fürs Zaubern und Spielen.
- Das Cigarristische schliesslich erinnert an seine Zigarren- und Zigarettensucht.
Zampanos und Zungenbrecher
Herzstück ist eine Erzählung mit dem Zungenbrecher-Titel «Diabelli, Prestidigitateur». «Prestidigitateur» ist ein Fremdwort für «Taschenspieler» oder «Schnellfingerkünstler».
In der Erzählung geht es um einen abgehalfterten Zauberer, der seine Tätigkeit aufgeben will. Er sei zum Zaubern nicht mehr in der Lage, weil er all sein Können verjuxt habe.
Zu den Texten in «Zauberei und Sprache», die bislang noch nie gedruckt wurden, zählt die Erzählung «Wenn Kafka dem Entfesselungskünstler Houdini begegnet wäre».
Kafka war erklärtermassen Burgers Lieblingsautor. Und Houdini sein Lieblingsmagier. In besagtem Text stellt Burger ein Gedankenspiel an und fragt: Wie hätte es sich auf Kafka und sein Schreiben ausgewirkt, wenn er je eine Houdini-Show besucht hätte?
Meister der Selbstinszenierung
Neben den Texten zur Magie, einer praktischen Zeittafel zu Burgers Leben und Werk sowie einem Nachwort von Herausgeber Zumsteg finden sich im Band auch viele Fotos. Aufgenommen hat sie die bekannte deutsche Fotografin Isolde Ohlbaum.
Die Bilder zeigen die Tiefe von Burgers Wesen – wie auch seine Exzentrik samt seiner Bereitschaft, sich selbst in Szene zu setzen: Mal hockt Burger in einem Käfig, mal liegt er auf der Motorhaube eines Ferraris, meist hat er eine Zigarre im Mund oder eine Zigarette in der Hand oder andersherum.
Sprachvirtuose ohne Zaubertalent
Dass Burger viel über Magie schrieb, ist der eine Grund, weshalb Herausgeber Zumsteg den neuen Band unter dieses Motto gestellt hat. Der andere Grund ist die Magie von Burgers Sprache selbst. «Magisch sind für mich zum Beispiel seine verschachtelten Sätze, mit denen Leserinnen und Leser regelrecht eingelullt werden», so der Germanist. Er lobt die «nachgerade lyrische Qualität seines Stils».
Gelegentlich hat sich der Sprachmagier Hermann Burger übrigens selbst als Zauberer versucht. Vor allem Schwebetricks mochte er. Burger-Kenner Simon Zumsteg ist zu jung, als dass er einer Vorführung Burgers noch hätte beiwohnen können. Von Zeitzeugen habe er aber erfahren, «dass es mit Burgers Talent als Zauberer wohl nicht allzu weit her war».
Buchhinweis
«Hermann Burger. Zauberei und Sprache», herausgegeben von Simon Zumsteg, mit Fotografien von Isolde Ohlbaum. Nagel & Kimche, 304 Seiten.