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Er war lungenkrank, hatte eine künstliche Herzklappe, ein schwaches Herz, Wasser in der Lunge und geschwollene Füsse. Deshalb wurde der 67-jährige Mann aus dem Pflegeheim in ein Spital verlegt. Dort bekam er ein entwässernd wirkendes Medikament, worauf es mit dem Atmen rasch besser ging.
Dann wurde wegen der Corona-Pandemie noch ein Nasenrachenabstrich gemacht.
Der Patient, der wegen seiner künstlichen Herzklappe einen Blutverdünner brauchte, begann sofort heftig aus der Nase zu bluten. Das Teststäbchen hatte eine Arterie in der Nase verletzt.
Die Ärzte gaben ihm Sauerstoff zum Atmen. Trotzdem fiel der Sauerstoffgehalt in seinem Blut auf noch tiefere Werte als vor dem Eintritt ins Spital. Notfallmässig intubierten die Ärzte den Senior und beatmeten ihn künstlich. Er kam auf die Intensivstation. Dort tamponierten ihm Hals-Nasen-Ohren-Ärzte die Nase und stillten so die Blutung.
In den Folgetagen missglückten zwei Versuche, ihn zu extubieren, so dass der Mann wieder hätte selbst atmen können. Beide Male entwickelte er Herzrhythmusstörungen und der Sauerstoffgehalt in seinem Blut sank erneut bedrohlich tief. Also wurde er zweimal wieder intubiert. Schliesslich erhielt der Senior einen Luftröhrenschnitt, um ihn längerfristig maschinell zu beatmen, sowie eine Magensonde, um ihn mit Flüssigkost zu ernähren.
Als Nächstes zog sich der 67-Jährige im Spital eine Lungenentzündung zu.
Am 25.Tag des Spitalaufenthalts fand man ihn blau angelaufen und ohne Pulsschlag. Die Wiederbelebung glückte.
Nach 72 Tagen im Spital konnte der 67-Jährige schliesslich in eine Reha-Einrichtung entlassen werden. Über eine Kanüle in der Luftröhre erhielt er beim Atmen nur noch ein wenig maschinelle Unterstützung.
«Dieser Fallbericht wurde verfasst, um den schlimmstmöglichen Ausgang eines Nasenrachenabstrichs zu verdeutlichen», schrieben seine Ärzte und warfen die Frage auf, ob routinemässige Corona-Abstriche bei Patienten mit niedriger Wahrscheinlichkeit für Covid und hohem Blutungsrisiko wirklich sinnvoll seien. Wenn schon, schlugen sie vor, sei in solchen Fällen wohl eine andere Art von Corona-Test besser als ausgerechnet ein Nasenrachenabstrich.
Kolumne «Dr. Kurios»
Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren immer wieder unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Aus ihren früheren Kolumnen sind bisher zwei Bücher hervorgegangen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel«.
Mit Hirnhautentzündung ins Spital
Diese Empfehlung hätte wohl auch eine Frau in den USA unterschrieben. Sie stellte sich mit akuten, heftigen Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen vor. Sobald sie ihren Kopf nach vorn beugte, verschlimmerte sich der Schmerz. Zudem war sie lichtscheu und hatte Schüttelfrost.
Zwei Monate zuvor hatte sie bei einem Corona-Nasenrachenabstrich ein «Knallen» und intensive Schmerzen verspürt. Seitdem litt sie an wechselnd starken Kopfschmerzen. Aus ihrem linken Nasenloch lief ein wässriges Sekret, mitunter hatte sie auch Fieber.
Die 54-Jährige bekam Medikamente gegen Heuschnupfen und gegen Lungenentzündung – aber ihre Beschwerden besserten sich nicht. Dies war auch nicht zu erwarten. Denn was da aus ihrer Nase tropfte, war kein Schnupfen, sondern Hirnwasser. Das ergab die Laboruntersuchung der Flüssigkeit.
Bei ihr hatte die Hirnhaut kleine Ausbuchtungen. Sie wölbten sich wie winzige Ballons durch kleine Lücken im Knochen der Schädelbasis in Richtung Nase vor.
Das Corona-Teststäbchen hatte genau eine solche, sogenannte Meningozele an der Schädelbasis durchstochen. Seither lief dort Hirnwasser aus, was die Kopfschmerzen verursachte – und das Risiko barg, dass über das Leck Krankheitserreger aus der Nase ins Gehirn gelangten.
Das war nun eingetreten: Die 54-Jährige hatte eine Hirnhautentzündung. Etwa zehn Prozent der Betroffenen sterben daran. Diese Frau kam dank sofortiger antibiotischer Behandlung und einer Operation, um das Leck zu verschliessen, mit leichten neurologischen Schäden davon.
Teststäbchen durchbohrt den Knochen
Etwa eine von 35’000 Personen hat angeborenerweise eine oder mehrere Meningozelen. Selten bilden diese sich auch nach einem Schädeltrauma, nach einer Operation oder bei starkem Überdruck im Kopf.
In mehreren anderen Fällen brauchte es nicht einmal eine solche Meningozele. Dort genügte ein «traumatisch» ausgeführter Nasenrachenabstrich.
Bei einem 41-Jährigen beispielsweise, der immer wieder einen Coronatest benötigte, um reisen zu können, durchstiess ein Arzt mit dem Teststäbchen den dünnen Knochen an der Schädelbasis, der den Nasenraum vom Gehirn trennt. Auch diesem Patienten tat der Abstrich ungewöhnlich weh. Tage später lief ihm klare Flüssigkeit aus der Nase, immer wenn er sich nach vorn beugte.
Der Mediziner hatte das Stäbchen nicht wie vorgeschrieben annähernd waagrecht in die Nase eingeführt, sondern fälschlicherweise steil nach oben. Der Geschädigte musste sich ebenfalls operieren lassen.
Solche routinemässig verlangten Coronatests bescherten weiteres Unheil: Eine 73-Jährige in den USA zum Beispiel wollte ihren grauen Star operieren lassen. Dafür benötigte sie ein negatives Testresultat – und «bezahlte» dafür mit einem Nasenbruch.
Denn während des Nasenrachenabstrichs wurde sie, vermutlich aufgrund eines Reflexes, den das Teststäbchen im Rachen auslöste, kurz ohnmächtig und fiel bewusstlos vornüber. Der Test bestätigte danach immerhin, dass sie kein Corona hatte.
Eitriger Abszess unter dem Auge
Bei einer anderen – vor dem Nasenrachenabstrich kerngesunden – Frau schwoll drei Tage nach dem Test die Nase rechts an. Die 35-Jährige arbeitete als Pflegekraft und musste sich alle fünf Tage einem Coronatest unterziehen, so verlangte es ihr Arbeitgeber. Sie erinnerte sich, dass ihr der letzte Coronatest an einem Mittwoch im Dezember 2020 besonders weh getan hatte.
Die leicht gerötete Schwellung breitete sich mit jedem Tag weiter aus. Eine Woche nach dem Coronatest sah die Frau auf dem rechten Auge schlechter. Mittlerweile erstreckte sich die sehr schmerzhafte Schwellung von ihrem rechten Oberlid bis hinunter zur Wange.
Den Grund dafür zeigte ein Computertomogramm: Unterhalb der rechten Augenhöhle war ein Eiterherd, der sich entlang des Nasenknochens bis zur Wurzel des Eckzahns ausdehnte. Dank sofortiger Antibiotikainfusionen heilte dieser Abszess. Die Patientin konnte das Spital nach zwei Tagen wieder verlassen. «Die Risiken des Abstrichs sollten den Patienten mitgeteilt werden», rieten die Ärzte. Doch in diesem Fall kam der Rat zu spät.
Schätzungsweise müssten mehrere Tausend Menschen in der Schweiz betroffen sein
Insgesamt erwiesen sich die Nasenrachenabstriche mit einer Komplikationsrate von eins bis acht pro 5000 Tests als riskanter, verglichen mit anderen Testmethoden. Angesichts von über 18 Millionen offiziell registrierten PCR-Tests während der Corona-Pandemie allein in der Schweiz ergäbe dies, vorsichtig geschätzt, hierzulande mehrere Tausend Personen mit Komplikationen.1
Doch auch beim Nasenabstrich, gefolgt vom Rachenabstrich durch den Mund, sind die Anwender nicht vor Schäden gefeit: In 0,026 Prozent der Fälle – plus einer unbekannten Dunkelziffer – komme es dabei zu Komplikationen, schätzten Lübecker Wissenschaftler anhand einer Stichprobe von über 11’000 Tests bei mehr als 3000 Personen.
Teststäbchen landete in der Bauchhöhle
Ein Mann in der Niederlanden kann davon ein Lied singen. Der 56-Jährige litt seit vier Stunden an zunehmend heftigeren Bauchschmerzen. Sein Herzschlag betrug 120 Schläge pro Minute und im Blut hatte er übermässig viele weisse Blutkörperchen. Die Aufnahmen im Computertomografen zeigten, dass er Luft im Bauchraum hatte – Zeichen dafür, dass Gas aus dem Darm ausgetreten war. Sein Darm leckte folglich irgendwo. Ein lebensgefährlicher Zustand.
Notfallmässig kam der Patient in den Operationssaal. Als die Chirurgen seinen Bauch öffneten, fanden sie aber kein Loch in der Darmwand. Stattdessen sahen sie in der Bauchhöhle ein Corona-Teststäbchen.
Aufgrund seiner Vorgeschichte zählte der Mann zu den besonders Covid-gefährdeten Personengruppen. Er hatte bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Stark übergewichtig, liess er sich im Alter von 38 Jahren ein Magenband einsetzen. Mit 45 Jahren bekam er einen Magenbypass. In den Folgejahren gab es mehrere Komplikationen, zum Beispiel Narbenbrüche, so dass er mehrmals unters Messer musste und eine halbseitige Zwerchfelllähmung zurückblieb, was seine Atmung beeinträchtigte.
Mit dem Endoskop aus der Nase geborgen
Deshalb war ihm geraten worden, regelmässig Corona-Selbsttests durchzuführen. Während der Omicron-Welle empfahl das niederländische Gesundheitsministerium zudem, den Abstrich mit dem Teststäbchen tief im Rachen zu machen. Beide Ratschläge hatte der Mann befolgt – und dabei zwei Wochen zuvor versehentlich ein Teststäbchen verschluckt.
Da die meisten kleinen, verschluckten Fremdkörper bei gesunden Menschen komplikationslos ihren Weg durch den Darm und wieder nach draussen finden, empfahl der Hausarzt, einfach abzuwarten. Im Fall dieses mehrmals operierten Mannes mit Verwachsungen am Darm ging das jedoch schief.
Bei ihm bahnte sich das Stäbchen – vermutlich auf den letzten 35 Zentimetern der Strecke – den Weg durch die Darmwand hindurch anstatt in Richtung des natürlichen Ausgangs. Immerhin verschloss sich das kleine Loch in der Darmwand danach von selbst wieder und heilte. Der Patient konnte das Spital vier Tage nach der Operation verlassen.
Andere Betroffene hatten mehr Glück: Im deutschen Lübeck konnten Hals-Nasen-Ohren-Ärzte ein abgebrochenes Teststäbchen mit dem Endoskop aus der Nase eines 53-Jährigen holen, während es bei einem 55-Jährigen die Darmpassage komplikationslos meisterte.
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1 Nachtrag: Diese unerwünschten Folgen können auch milder sein als die in diesem Artikel geschilderten Verläufe.
Quellen: «Cureus», «Clinical Practice and Cases in Emergency Medicine», «OTO Open», «Journal of Neurosurgery Case Lessons», «Therapeutic Advances in Allergy and Rhinology», «BMJ Case Reports», «American Journal of Rhinology & Allergy», «American Journal of Otolaryngology», «European Respiratory Journal», «International Journal of Surgery Case Reports», «American Journal of Rhinology & Allergy»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.