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Wenn Kinder Angst haben
Wenn Gefahr droht, ist Angst eine natürliche Reaktion. Doch wann ist sie normal und wann übertrieben? In Rahmen einer Serie über Störungen bei Kindern und Jugendlichen antwortet heute Nadine Hilti, Mitarbeiterin bei der Psychologischen Beratungsstelle der Universität Freiburg.
Mit NADINE HILTI sprach
IRMGARD LEHMANN
Max kann nicht einschlafen und grübelt über das im Fernsehen gezeigte Erdbeben nach. Er macht sich Sorgen, ob er wohl alle Hausaufgaben richtig gemacht und ob den Eltern auch nichts passiert, wenn er nicht da ist? Sind solche Ängste normal oder übertrieben?
Max leidet eindeutig unter einer generalisierten Angststörung. Das Kind macht sich exzessiv Sorgen über mehrere Bereiche. Max leidet darunter und ist dadurch in seinem Alltag eingeschränkt. Er ist sehr oft erschöpft und gereizt.
Kinder mit Trennungsangst leiden unter starken Ängsten, wenn sie sich von den Eltern trennen müssen. Es gibt aber auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, welche vor allem in sozialen Situationen Angst haben, dass sie von anderen Menschen kritisiert und bewertet werden könnten. Man spricht hier von sozialer Phobie. Die Agoraphobie wiederum bedeutet beispielsweise, dass Menschen an Orten, an welchen sie keine Fluchtmöglichkeit sehen (z. B. grosser Platz mit vielen Menschen), Angst bekommen. Ausserdem gibt es spezifische Phobien: Wie etwa die Angst vor bestimmten Tieren, Situationen oder Objekten.
10 bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben irgendwann in ihrem Leben eine Angststörung.
Welches sind die Auslöser für diese Störungen?
Die Faktoren, die zu Angststörungen führen können, sind vielfältig. Zum einen kann durch ein schreckliches Erlebnis (z. B. ein Hundebiss) eine Angststörung verursacht sein. Ob jedoch eine Störung ausbricht, hängt auch davon ab, ob das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene eine Disposition (Veranlagung) für eine solche Störung hat.
Wenn ein Kind beispielsweise von Geburt an eher schüchtern, ängstlich und zurückhaltend ist, wäre das Risiko für eine Angststörung erhöht. Weiter haben Eltern, Lehrer und auch Freunde des Kindes Einfluss auf die Entwicklung einer Angststörung. Wenn die Eltern dem Kind, welches z. B. unter der Trennungsangst leidet, nachgeben und immer zu Hause bleiben, kann das Kind nicht erleben, dass den Eltern nichts passiert und diese heil zurückkommen.
Was können Eltern unternehmen, wenn sie bei ihrem Kind eine starke Angst feststellen?
Wichtig ist für Eltern, die selber keine grossen Ängste haben, zu versuchen, ihr Kind ernst zu nehmen. Sie sollten ihr Kind – falls die Angst übertrieben ist – nicht überbehüten, d. h. nicht vor ungefährlichen Situationen schützen. Sie können ebenfalls versuchen, immer ihr Kind zu loben, wenn es sich etwas getraut hat. Eltern können auch ein gutes Vorbild sein, indem sie ihrem Kind vormachen, wie man die Angst bewältigen kann. Wenn die Eltern jedoch feststellen, dass die Ängste zu gross sind, sollten sie mit dem Kind darüber sprechen und einen Experten aufsuchen.
Die Verhaltenstherapie von Angststörungen beinhaltet meistens eine Kombination aus mehreren Behandlungselementen. Der Angstpatient muss z. B. lernen, dass keine Katastrophe passiert, wenn er sich der unrealistischen «Gefahr» aussetzt – wie z. B. Lift fahren.
Die Psychologin FSP Nadine Hilti ist Mitarbeiterin bei der Psychologischen Beratungsstelle des Departements für Psychologie der Universität Freiburg.
Im Rahmen der Serie ist am 7. November 2005 ein erster Artikel in den FN zum Thema «Bettnässen» erschienen.