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Er ist zweifellos einer der talentiertesten Fussballer unseres Planeten: unberechenbar, vielseitig einsetzbar, mit einem tollen Antritt und einem harten Schuss gesegnet, physisch und technisch äusserst stark. Mehr als Mario Balotelli kann man nicht mitbringen, um auch zu einem der besten Spieler der Welt zu werden. Und doch ist fraglich, ob es «Super Mario» so weit bringen wird. Nicht wegen seinen Leistungen auf dem Feld, sondern wegen der nicht abreissen wollenden Serie an Undiszipliniertheiten und Eskapaden.
Sein oft als schwierig bezeichneter Charakter fiel schon früh auf. Nachdem sein Förderer Roberto Mancini bei Inter Mailand entlassen wurde, schwelte zwischen Balotelli und dem neuen Trainer José Mourinho ein offener Konflikt, worauf der Stürmer tatsächlich in einem Trikot der AC Milan in einer italienischen TV-Sendung auftrat. Im ersten Spiel nach seiner Sperre wusste er nach dem Schlusspfiff nichts besseres, als sein Shirt auf den Boden zu schmeissen, somit war er für Fans, Mitspieler und den Verein nicht länger tragbar.
Mit einem stolzen Gewinn wurde er zu Manchester City verkauft, wo er wieder unter Mancini auflaufen konnte. Und da wurde er als jener Junge bekannt, der schlicht nicht mit dem Druck, dem Ruhm und dem Geld umgehen kann. Auf dem Feld häuften sich grobe Fouls – sein Total bei den Blues steht mittlerweile bei 4 Platzverweisen sowie einer nachträglich ausgesprochenen Sperre von 4 Partien, weil er Tottenhams Scott Parker auf den Kopf getreten war – dazu gesellten sich einige Verfehlungen neben dem Feld. Er fuhr gleich mehrere Luxuskarossen zu Schrott, spielte in seinem Haus mit Feuerwerkskörpern herum bis die Löschfahrzeuge ausrücken mussten, beleidigte die Stadt Manchester («Ich bin hier nicht glücklich, ich mag die Stadt nicht») und nach der Wahl zum «Golden Boy 2010» seinen Arsenal-Konkurrenten Jack Wilshere («Wie heisst der? Wil…? Kenn ich nicht. Aber ich werde ihm die Trophäe zeigen, wenn ich gegen ihn spiele, und ihn dran erinnern, dass ich sie gewonnen habe»), und er schoss mit Dartpfeilen auf City-Junioren. Hinzu kommt sein exzessiver Lebensstil: Der Garten seines Hauses wurde in eine Rennstrecke für Quad-Bikes umgebaut, er besuchte trotz Ausgangssperre vor einem Spiel ein Pub und schmiss für 1000 Pfund eine Lokalrunde. Und auf Italiens Ersatzbank bei einem Spiel gegen die Färöer hantierte er mit einem iPad herum. Wäre Balotelli eine Figur aus einem Fussballfilm, man würde sie für überzeichnet und übertrieben halten.
Bislang schlugen bei ihm sämtliche «Erziehungsmethoden» fehl. Weder die harte Hand von Mourinho noch die väterlichen Versuche von Mancini («In seinem Alter macht man nun mal noch Fehler. Er ist verrückt, aber ich liebe ihn, weil er ein guter Mensch ist») konnten den Sohn ghanaischer Immigranten von seinen Fehltritten abbringen. Nach dem Platzverweis beim wohl meisterschaftsentscheidenden 0:1 gegen Arsenal ist nun auch bei Mancini der Kragen geplatzt und er kündigte an, dass Balotelli in dieser Saison keine Rolle mehr spielen werde und im Sommer zum Verkauf stünde: «Ich bin mit ihm fertig!» Der in Ungnade gefallene konterte, indem er angab, die Nationalmannschaft komme ohnehin «vor allem anderen». Doch auch da stehen seine Karten schlecht. Azzurri-Trainer Cesare Prandelli stellte nach dem jüngsten Aussetzer seine EM-Teilnahme in Frage. Bereits zuvor hatte er aus disziplinarischen Gründen auf sein Stürmerjuwel verzichtet.
Für die britische Yellow Press ist Balotelli indes ein Glücksfall. Nicht erst seit seinem missglückten und auf Youtube verewigten Versuch, ein Überziehleibchen anzuziehen, wird er schonungslos als «Spatzenhirn» («The Sun») verhöhnt, jede noch so kleine Episode aus seinem wilden Leben wird genüsslich ausgeschlachtet und ausgeschmückt. Die Urteile über ihn könnten hingegen unterschiedlicher nicht ausfallen. Die einen halten ihn «sogar für den Profifussball zu dumm», andere bemitleiden ihn, weil er seine Jugend nicht ausleben durfte und von den Anforderungen an einen modernen Profifussballer überfordert ist, wieder andere halten ihn für «die coolste Sau der Welt» (Benjamin Kuhlhoff). Die Wahrheit liegt – wie so oft – wohl irgendwo dazwischen.
Zwischen den aalglatten und nicht selten langweilig wirkenden Kickern von heute wirkt Balotelli wie ein Fremdkörper. Mit seinen Allüren ist er mehr Rockstar denn Profisportler. Er ist ein George Best in einer Zeit, die so ein Verhalten nicht mehr toleriert. Dabei ist es genau diese Verrücktheit, die ihm seine Geistesblitze auf dem Platz erst ermöglichen. Wer ihn in ein Korsett zu zwängen versucht, der raubt ihm eine grosse Stärke. Dass er sich keine Platzverweise mehr erlauben kann, hat er hoffentlich nach Mancinis heftiger Reaktion gelernt. Wenn ihm seine sonstigen Extravaganzen toleriert werden, kann er zum besten Stürmer der Welt werden. Ich hoffe für ihn und die Fussballwelt, dass seine Lust nicht durch stetiges Disziplinieren verloren gehen wird.