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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Viertes Buch: Regeln für die Novizen.
17. Ursprung der frommen Lesung bei Tisch und Beobachtung des Stillschweigens bei den ägyptischen Mönchen.
Die Sitte der Tischlektüre in den Klöstern stammt unseres Wissens nicht von den Ägyptiern, sondern von den Kappadoziern. Diese Letzteren haben ohne Zweifel nicht so sehr zum Zwecke der geistlichen Uebung diese Einrichtung getroffen, als vielmehr zur Einschränkung des überflüssigen und müßigen Geplauders und besonders zur Verhütung von Streitigkeiten, die beim Essen nicht selten entstehen: denn [S. 72] sie lebten der Überzeugung, diese Mißstände durch kein anderes Mittel verhüten zu können. Es herrscht aber bei den ägyptischen, noch mehr jedoch bei den tabenensischen Mönchen in solchem Grade allgemeines Schweigen, daß, wenn die so zahlreiche Genossenschaft vereint sich zum Mahle niedergelassen hat, ausser dem Vorsteher der Dekanie Keiner auch nur zu nicken wagt. Und wenn er bemerkt, daß Etwas auf- oder abgetragen werden muß, macht er dennoch lieber durch ein Geräusch, als mit der Stimme darauf aufmerksam. Ja eine solche Strenge wird bezüglich des Stillschweigens beim Essen beobachtet, daß die Mönche einen Schirm über die Augenlider herablassen, damit der freie Blick nicht zu neugierig herumschweifen kann. Dieser Schirm gewährt ihnen nur den Blick auf den Tisch und die auf demselben ihnen vorgesetzten und von ihnen zu genießenden Speisen, so daß Keiner bemerkt, wie und wie viel der Andere ißt.