Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/1374

Ian Flemings typischer Mix aus Sex und Gewalt überkam die Welt als Überraschung, als 1953 sein Roman «Casino Royale» erstmals erschien. Noch hatte man sich nicht vom Zweiten Weltkrieg erholt. Die Befreiung der 60er schien weit weg. Kürzungen, Abschwächungen und sogar Zensur waren unumgänglich, oft von den Verlegern selbst verantwortet, um ihre Leser nicht abzuschrecken.
Die Vereinigten Staaten zeigten sich damals empfindlicher als andere Länder. Für diesen Markt wurden viele Passagen mit Sex und Folter in «Casino Royale» stark abgeschwächt. Kontroverser waren Teile in Flemings zweitem Roman «Live and Let Die», die als rassistisch angesehen wurden. Ein Kapitel, in Grossbritannien mit dem Titel «Nigger Heaven», wurde in «Seventh Avenue» umbenannt. Auch Dialoge schrieb man um, beispielsweise eine Szene, in der ein schwarzer Mann mit seiner Freundin streitet.
Zucht innen, Sex aussen
Als die ersten von Flemings Romanen dann als Taschenbücher herausgegeben wurden, schrieben die Verleger Titel ganzer Bücher um – allerdings nicht, um sie zu entschärfen, sondern sie im Gegenteil sexuell aufreizender zu machen.
1955 in den USA erstmals als Taschenbuch veröffentlicht, hiess «Casino Royale» «You Asked For It» (etwa: «Du hast es gewollt»). Der Preis war 25 Cent, das Cover zeigte die anrüchige Vesper Lynd in Unterwäsche. Ähnlich auch die Bearbeitung des dritten Romans «Moonraker», der in den USA ein Jahr später als Taschenbuch mit Titel «Too Hot to Handle» («Zu heiss für eine Berührung») erschien.
«Diamonds Are Forever», 1956 in Grossbritannien veröffentlicht, bekam eine Variante dieser Bearbeitung – eine Form von Selbstszensur: Fleming erlaubte sich den Scherz, einen seiner Bösewichte im Buch «Boofy Kidd» zu nennen, und implizierte, dass der Mann homosexuell war. «Boofy», darüber war sich Fleming völlig im Klaren, war auch der Spitzname von Arthur Gore, später Graf von Aran und ein Cousin von Flemings Frau. Gore fand den Scherz gar nicht amüsant und protestierte, worauf Fleming selbst den Namen änderte.
Aufruhr wegen Gewalt in Zürich
Auch bei «The Spy Who Loved Me» von 1962 war es Fleming, der zurückruderte. Szenen von Vergewaltigung und Abtreibung (in Zürich) wurden von der Öffentlichkeit harsch kritisiert. Fleming war von der Kritik so betroffen, dass er seinem Verleger verbot, den Roman als Taschenbuch zu veröffentlichen. Nach Flemings Tod wurde dieses Verbot jedoch aufgehoben, im Mai 1976 wurde das Taschenbuch mit einer Auflage von 400'000 herausgegeben.
Nicht nur in Grossbritannien und den USA gab es Zensur und Änderungen. In den meisten Ländern wurden die Romane gekürzt, auch in Deutschland und der Schweiz, oft aus moralischen Gründen.
Manchmal wurden Flemings Geschichten auch ganz verboten. In Irland verbannte die Zensurbehörde «Live and Let Die» von den Regalen. Acht Jahre später verboten die Zensoren in Australien «The Spy Who Loved Me».
Goldfinger wurde beinahe «Goldprick»
Die möglicherweise kontroverseste Episode von Selbstzensur passierte jedoch nie. Als Fleming seinen Bösewicht im gleichnamigen Buch «Goldfinger» taufte, hatte er ein ganz bestimmtes Vorbild im Kopf: den Architekten Erno Goldfinger, eine flüchtige Bekanntschaft Flemings. Er verabscheute ihn für seinen brutal-modernistischen Stil beim Bau von Hochhäusern.
Als der echte Goldfinger davon Wind bekam, drohte er zu klagen. Fleming gab sich unbekümmert. Er drohte, sollte es zu einer Verfügung kommen, den Namen in «Goldprick» (etwa: «Goldener Mistkerl») zu ändern. Und Büchern eine entsprechende Erklärung für die Änderung beizulegen.
Übersetzung von Michaël Jarjour
Sendehinweis
Ian Flemings Leben als Serie, ab 25. August auf SRF 1.
Fleming – Der Mann, der Bond wurde
Zum Autor
Andrew Lycett ist ein britischer Journalist und Autor von Ian Flemings Biografie, die 1995 im W&N-Verlag erschien.