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Eine alltägliche und zugleich bemühende Form der kulturellen Aneignung ist es, Dichter und Denker zu zitieren, deren Werk der – oder die – Zitierende weder gelesen noch verstanden hat. Sinngemäss klingt das so: «Wie wir alle wissen, sagte schon der alte Grieche Goethe ‹non vitae sed scholae discimus›!»
An solches fühlte sich die Askforce bei den Zeilen von Stephan H. aus S. erinnert. Stephan H. behauptet, er schreibe – etwa seiner Liebsten – noch richtige Briefe. Und er klagt: «Neulich fiel mir beim Briefeschreiben gar nichts mehr ein. Da hoffte ich, die Muse möge mich küssen.» Er frage sich aber: «Kann die Muse nur küssen? Oder muss ich damit rechnen, dass sie mir auch mal eine runterhaut?»
In Ihrem Fall, lieber Stephan H., ist das Risiko, eine geschmiert zu kriegen, in der Tat beträchtlich. Sie hoffen nämlich, «die Muse» – im Singular – möge Sie küssen. Sie wissen also nicht, dass «die Musen» grundsätzlich im Plural auftreten – als Nonett von Schutzgöttinnen der Künste. Bevor wir die Tragweite Ihres Irrtums ausleuchten, deshalb zunächst die Repetition:
Klio (Κλειώ), Muse der Geschichtsschreibung, Euterpe (Εὐτέρπη), Muse der Lyrik, Melpomene (Μελπομένη), Muse der Tragödie, Erato (Ἐρατώ), Muse der Liebesdichtung, Terpsichore (Τερψιχόρη), Muse des Tanzes, Urania (Οὐρανία), Muse der Astronomie, Thalia (Θάλεια), Muse der Komödie, Polyhymnia (Πολύμνια), Muse des Gesangs, Kalliope (Καλλιόπη), Muse der epischen Dichtung – und als assoziiertes Mitglied im Musentempel schliesslich noch die Pampelmuse, die Muse aller Pampel. – Grundsätzlich falsch ist übrigens die Behauptung, der Musenalpexpress sei die Schnellbahn aller Musen gewesen.
Sie ahnen es bereits: Wenn Sie uninspiriert vor dem weissen Blatt auf einen Musenkuss warten, müssten Sie wissen, ob Ihr Werk Gedicht, Komödie, Tragödie oder Epos werden soll; ob Sie also Euterpe, Thalia, Melpomene oder Kalliope um einen Kuss anflehen wollen. Ohne klare Ansage wird die eine oder andere Muse sonst stinkesauer. Und dann wird es echt unangenehm. Man merkt das etwa jenen quälenden literarischen Werken an, die sich nur damit erklären lassen, dass hier eine Muse nicht geküsst, sondern eher zugebissen hat. Oder sogar dreingeschlagen.
Denkbar ist auch, dass Sie gelegentlich von der Empfängerin Ihrer Briefe eine geschmiert kriegen. Sie zimmern sich nämlich eine zu simple Welt: Da wollen Sie Ihrer Liebsten innigste Zuneigung beweisen, sehnsüchteln aber zeitgleich, irgend so ein gespielinnenähnliches Inspirationswesen in wallendem Gewand möge Ihnen die Mühe Ihrer schriftlichen Beziehungspflege abnehmen. Und das erst noch küssenderweise. Echt: So funktioniert das nicht.
Besser, Sie sparen sich das Briefporto, suchen die Adressatin selber auf und applizieren ihr einen Kuss direkt auf die Wange. Das kann auch ohne das Zutun von Musen recht gut gelingen.
Askforce Nr. 1052
26. Dezember 2022