Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03558.jsonl.gz/1788

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1987 von Andrew Bond
Am 5. Mai 1987 wurde der Christliche Verein Junger Männer und Frauen (Cevi) Wädenswil 125 Jahre alt. Dieser Geburtstag gab den Anlass, ein Jubiläumsjahr auszurufen, das mit grosser Öffentlichkeitsarbeit und einer Fülle von Spezialanlässen gebührend gefeiert wurde.
Zur Geschichte des Cevi
YMCA London
George Williams, ein junger Textilarbeiter, gründete mit einem Dutzend Kollegen am 6. Juni 1844 den «Evangelischen Verein Junger Manufakturhändler». Aus dem anfänglichen Gebetskreis wuchs eine missionarische Jungmännerarbeit heran, die Linderung im sozialen Elend der Zeit und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen als Ziel anstrebte. Bald danach wurde der Verein erweitert. Seine neue Bezeichnung war «Young Mens Christian Association» (YMCA/CVJM). Die Zeit war reif für den jungen YMCA. Er breitete sich schnell aus und blühte nicht nur in London auf. Bereits elf Jahre nach seiner Gründung lud der YMCA zur ersten Weltkonferenz nach Paris ein, an der sich Teilnehmer aus sieben Staaten beteiligten.
George Williams, Gründer der ersten Cevi-Gruppe.
Made in Switzerland
Schon an der ersten Weltkonferenz war eine Schweizer Delegation dabei. An der Spitze der helvetischen Gesandtschaft stand Henry Dunant, der übrigens auch Hauptinitiator der Konferenz war. Während einer Geschäftsreise lernte Dunant den Cevi in London kennen. Darauf gab er der Bibelgruppe, der er angehörte, 1852 den Namen «Union Crétienne des Jeunes Gens» (CVJM). Somit fasste der Cevi zuerst am Genfersee, dann, via Waadt, Bern, Basel und Zürich, in der ganzen Schweiz Fuss. Die internationalen Kontakte, die Dunant durch den Cevi erwarb, erleichterten später die rasche Verbreitung seiner Idee, eine neutrale, in Friedenszeiten ausgebildete Sanitätstruppe zu schaffen. Daraus entstand das Rote Kreuz, das, wie auch der Cevi, wegen Dunant seinen Hauptsitz in Genf hat.
Der Christliche Verein Junger Frauen Lady Arthur Kinnaird war eine engagierte Londonerin. Gemeinsam mit Florence Nightingale, der Erfinderin des Krankenschwesterberufs, betrieb sie in der britischen Metropole ein Frauenheim. Junge Frauen wurden als Pflegerinnen ausgebildet, erhielten Unterricht in Allgemeinbildung und persönlicher Betreuung. Lady Kinnaird hatte den Wunsch, eine Gruppe von Frauen zu finden, die ihrer Arbeit eine Rückenstärkung im Gebet geben könnte. Auf ihrer Suche traf sie auf die Gebetsgruppe von Emma Robarts. Aus dem Zusammentreffen beider Frauen entstand 1877 der CVJF. Auch diese Vereinigung erlebte eine rasche Ausbreitung.
Die ersten fünfzig Jahre in Wädenswil
Am 5. Mai 1862, also knappe achtzehn Jahre nach der Gründung der ersten Cevigruppe in London, setzten sich einige junge Männer aus dem 6000 Einwohner zählenden Dorf Wädensweil zusammen und beschlossen, sich dem CVJM anzuschliessen. Sonst wissen wir aus dieser Zeit so gut wie nichts. Wir können aber annehmen, dass sich die ersten Ceveler allwöchentlich zu Gebet und Bibelstudium trafen.
Freischulhaus ob der reformierten Kirche Wädenswil, abgebrochen 1950.
Als die Gruppe wuchs, stellte ihr Julius Hauser einen Raum in der Freien Schule als Versammlungslokal zur Verfügung. Dieselben Männer gründeten im Herbst 1862 den Evangelischen Verein und wirkten ein paar Jahre später bei der Eröffnung der ersten Sonntagsschule in Wädenswil kräftig mit. Unter ihnen waren auch Lehrer der Freien Schule. Diese eröffneten im Jahre 1881 einen christlichen Lesesaal, der ein paar Mal wöchentlich den jungen Wädenswilern, übrigens über 30 Jahre lang, Zeitschriften, Bücher und eine gesellige Atmosphäre anbot.
1903 führte der Cevi einen Konfirmandenabend durch, und 1912 beging man in kleinen Rahmen, gemeinsam mit dem Evangelischen Verein, die 50-Jahr-Feier.
1912 bis 1962 Durch die Gründung einer Bubengruppe, 1917, bereicherte Arnold (Noldi) Harder das Vereinsleben im Cevi. Neben dem Jungtrupp für Burschen von 13 bis 18 Jahren und dem Männerverein für alle über 18, schritt seine Gruppe in die Zwischenkriegszeit. Über diese Jahre wissen wir bereits etwas mehr, vor allem aus den Erzählungen alter Wädenswiler. Alle Gruppen trafen sich am Montagabend zu ihrem Programm. «In der Noldigruppe trafen wir uns allwöchentlichen im Vereinshaus für zwei bis drei Stunden. Die Abende begannen mit einer christlichen Einleitung, der dann je nach Programm eine Diskussion, ein Vortrag, Spiele, Singen oder Turnen folgte. Höhepunkt eines solchen Abends war nicht selten ein lustiges Nidelessen», erinnerte sich H. S. Eine Zeitlang stellte der Cevi sogar sein eigenes Jugendorchester. Ende der zwanziger Jahre und in den dreissiger Jahren verlieh eine besondere Aktion dem Cevi Schwung. «Sonntags fuhren wir zu den Baustellen des Wägitaler und später des Sihltaler Stauwerks hinauf. Wir besuchten die Arbeiter, brachten ihnen Lesestoff, Kleidungsstücke und Schuhe, spielten und diskutierten mit ihnen, hielten Gottesdienste und Andachten. Auf unsere Besuche haben sich die Arbeiter stets gefreut: wehe wenn wir einmal nicht kamen» erzählt E.F. nur allzugerne.
Danach folgte eine Zeit der Stagnation. 1951 siedelte der Cevi ins neu erstellte Evangelische Vereinshaus an der Fuhrstrasse über.
Ende der fünfziger Jahre betreute Noldi Harder seine Gruppe nicht mehr regelmässig. Freund füllten die Lücke, bis Willy Plattner, ein ehemaliger Padfinder, 1960 die Jungschar eröffnete. Sein erster Helfer war Walter Hunziker (WaHu). Die Veranstaltungen der Hundertjahr-Feier dauerten 1962 eine Novemberwoche lang. Emanuel Hunziker redigierte eine Festschrift, die einerseits wertvolle Informationen über die ersten 100 Jahre und andererseits einen Einblick in die damalige Arbeitsweise der verschiedenen Gruppen bietet.
Während dieser Zeit entstand auch die erste Mädchengruppe.
Die letzten 25 Jahre
Männerverein und Jungtrupp bleiben bis Mitte der siebziger Jahre bestehen. Danach verschwand diese Arbeitsform (auch in der übrigen Deutschschweiz) von der Bildfläche. Gegen diesen zwar bewährten, aber statisch gewordenen Cevi baute ein Reallehrer aus Seuzach, Rolf Wehrli (Rolly), das neue, inzwischen weltbekannte sogenannte «Zürcher Modell der Jungschararbeit» auf. Das von ausgebildeten Leitern geführte, samstägliche Erlebnisprogramm steht dabei neben einem nach Jahrgängen aufgeteilten Aufbau im Mittelpunkt.
Das Jugendhaus soll auch Platzprobleme lösen.
Wahu, der 1964 von einem Tag auf den anderen Abteilungsleiter geworden war, arbeitete eng mit Rolly zusammen. Dies brachte den «Cevi Wädi» neue Motivation und neuen Aufschwung. Ende der sechziger Jahre gehörten ihm etwa 30 Buben und 20 Mädchen an.
Bis 1984, also 20 Jahre lang, lenkte WaHu das Geschick der Abteilung. Ein Serienabgang von Leitern 1978 zwang ihn, wieder neu anzufangen. Die Buben von damals sind die Führer von heute! Gleichzeitig konnte sich die Mädchenabteilung zu einer ansehnlichen Schar aufschwingen.
Von etwa 1964 bis 1977 führte der Cevi alle Jahre ein Wochenendlager im Mistlibühl durch. Diese Tradition musste aufgegeben werden, als die Jungscharen zu gross wurden. 1975 errichteten Ceveler in einer Arbeitswoche das Cevi-Hüsli Rötiboden. Eine Abteilungsolympiade im Steinacher 1977 war der Hauptanlass der Feier «70 Jahre Jungschar». Um 1980 fanden sich erstmals Führer und Führerinnen zu gemeinsamen Skiferien zusammen. Aus dieser Gruppe entstand der heutige Führungskreis, aus dem die «Neue Cevi Zeitung», Führerlager im Sommer und im Winter, «Stilli»-Gruppen und weitere Anlässe und Traditionen hervorgingen, die sich einer stets wachsenden Teilnehmerzahl erfreuten.
Naturerlebnisse.
1984 übernahm Martin Kostezer (Banania) die Zügel der Bubenabteilung, Doris Hürlimann (Flup) 1986 von Anita Hunziker jene der Mädchen. Unter ihnen ist mit Hilfe der anderen Stufenleiter und Führer der Cevi zur grössten Jungendorganisation in Wädenswil angewachsen. Er zählt heute über 300 Kinder und Jugendliche.
Zum Geburtstag des Cevi erschien eine 52seitige, reich dokumentierte Festschrift, die auf folgende Spezialanlässe hinwies:
-Geburtstags-Galadiner für Leiter und Leiterinnen am 5. Mai.
-Cevi-Tag in der Stadt Wädenswil am 20. Juni.
-Musical-Uraufführung «Das Wunder von Narnia» am 29./30. August.
-Exklusiv-Führerferien in Südfrankreich. -Volleyballnacht für Wädenswiler Jugendgruppen am 14. November 1987.
Die nächsten 25 Jahre
Der Cevi muss sich in Zukunft wegen der wachsenden Kinderarbeit vermehrt der Jugendarbeit zuwenden. Er muss dem Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich im Cevi auch anders als nur als Führer bewegen und eine sinnvolle Freizeit finden zu können. Dazu arbeiten die Leiter und Leiterinnen des Cevi an zwei Projekten. Die Talentgruppen sollten den Jugendlichen Möglichkeiten schaffen, sich auf einer ihnen zugeschnittenen Ebene kreativ zu betätigen und einer Gruppe anzugehören. Damit verbunden soll ein Jugendhaus in erster Linie den eigenen , aber auch aussenstehenden Jugendlichen einen Ort der ungezwungenen, nicht konsumorientierten Begegnungen bieten, der die Begleitung der jungen Menschen in der «heikelsten Zeit» ihres Lebens, der Pubertät, ermöglichen soll.
Mit einer reichen Vergangenheit im Rücken, zieht der Cevi mit seiner Sicht für die Nöte und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit voller Kraft in die nächsten 125 Jahre.