Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03263.jsonl.gz/694

Die Verlangsamung der Wirtschaftsaktivitäten durch die Corona-Pandemie war nur ein kurzzeitiger Effekt und ist längst durch einen deutlichen Wiederanstieg der Treibhausgasemission in der Atmosphäre kompensiert.
Die weltweit ergriffenen und angestrebten Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels reichen nicht aus. Die Energiewende verläuft nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) weltweit viel zu langsam. Mit den derzeitigen Plänen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gelänge der Weltgemeinschaft bis zum Jahr 2050 gerade einmal eine Verringerung von 40 Prozent (statt der im Pariser Abkommen von 2015 geplanten 100%). Dies würde den globalen Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts im günstigen Szenario auf 2,1 Grad begrenzen. Im ungünstigen Fall berechnen die Wissenschaftler*innen eine Erwärmung um 2,6 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit, mit womöglich katastrophalen Folgen. Um das eigentlich angestrebte 1,5-Grad-Ziel noch halten zu können, müsste die Welt die jährlichen Treibhausgas-Emissionen in den nächsten acht Jahren halbieren.
Renaissance der AtomkraftIm frischen Wind dieser dringend notwendigen Dekarbonisierung erlebt eine grün-gewaschene Atomenergie neuen Zuspruch. Im aktuellen französischen Wahlkampf überbieten sich dieKandidaten und Kandidatinnen in ihren Plänen für die Atomkraft. Die rechtspopulistische Marine Le Pen will sechs neue AKW bauen und im Gegenzug Windräder demontieren. Der aufstrebende rechtsextreme Eric Zemmour will gleich zehn neue Meiler errichten. Auch der französische Präsident Macron kündigte im Oktober zur Unterstützung der ökologischen Wende die Förderung kleiner modularer Atomreaktoren SMR (Small Modular Reactor mit einer Leistung zwischen 25-500 Megawatt) an: „Ohne Atomkraft kann Europa seine Klimaziele nicht erreichen”. Bis 2030 will er eine Milliarde Euro in die Technik der Mini-AKW investieren.
Benötigt werden diese Reaktoren seiner Meinung nach für eine dekarbonisierte Wasserstofferzeugung. Bei derErzeugung von Wasserstoff als Energieträger gehen 2/3 der ursprünglich aufgewendeten Energie verloren. Nur 1/3 kann am Ende z.B. in Wasserstoff betriebenen Motoren genutzt werden. Im Schnitt benötigt ein Brennstoffzellenfahrzeug die 2,5-fache Menge an Strom, um die gleiche Strecke zurückzulegen, wie ein Batterie-betriebenes Fahrzeug.
In einem Aufruf, der parallel in mehreren europäischen Zeitungen erschien, verlangten der französische Wirtschaftsund Finanzminister LeMaire und weitere Minister aus Rumänien, Tschechien, Finnland, der Slowakei, Kroatien, Slowenien, Bulgarien, Polen und Ungarn ein klares Bekenntnis der EU: „Kernenergie muss wie alle anderen kohlenstoffarmen Energiequellen behandelt werden.” Das Gütesiegel „Do No Significant Harm” (kurz: DNSH) sollen Technologien erhalten, die eine starke Verminderung der Treibhausgase ermöglichen und zugleich keine signifikanten neuen Umweltschäden anrichten. Ob die Kemkraft das DNSH-Kriterium erfüllt, darüber wird aktuell gestritten. Die EU-Kommission hat die DNSH-Frage zunächst an ihren wissenschaftlichen Dienst, das Joint Research Centre, weitergereicht. Dessen Gutachten fiel im Juli dieses Jahres zugunsten der Kernenergie aus. Auch die Britische Regierung hat im Oktober den Bau neuer Atomkraftwerke angekündigt um (02 einzusparen.
Ab 2030 will Rolls-Royce neu entwickelte Mini-Atomkraftwerke bauen und hat sich hierfür EntwickIungsgelder in dreistelliger Millionenhöhe gesichert. 84 Reaktoren seien derzeit in 18 Ländern im Bau, so die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), insgesamt werden 70 verschiedene Typen der Mini-Atomkraftwerke entwickelt. Russland hat mit der „Akademik Lomonossow” das erste SMR-Kraftwerk entwickelt gleich ein schwimmendes. Es liegt im Nordpolarmeer vor Anker, unweit Stadt Pelenek.
Es gibt kaum noch Zweifel, dass die EU-Kommission die Kernkraft als „grüne“, nachhaltige Energie einstufen wird. Mit der sogennnaten „Taxonomie” (eine Art Nachhaltigkeitslabel) legt Brüssel fest, welche Technologien mit den Klimazielen der EU vereinbar und damit förderungswürdig sind. Damit wäre derWeg für Investitionen in neue Atomkraftwerke frei. Die Entscheidung der Kommission wird im Dezember erwartet. Beim letzten EU-Gipfel Ende Oktober hatten sich zwölf Staaten, geführt von Frankreich, für die Aufnahme von Atomenergie in die Taxonomie ausgesprochen. Die Gruppe der Gegner umfasst dagegen nur fünf Staaten, darunter Deutschland. Doch selbst in Deutschland, wo nach dem Super-GAU in Fukushima 2011 der endgültige Ausstieg“ aus der Atomkraft besiegelt wurde, mehren sich rechtskonservative Stimmen, die ‚klima-bewusst’ eine Revival der Atomenergie fordern.
Jetzt im Zuge eines (halbherzigen) „Kohleausstiegs” bis 2038 — wollen einige den atomaren Rückwärtsgang einlegen. Ein CDU-Positionspapier des Bundesfachausschuss Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern erwägt die Rückkehr zur Kernkraft. Das ist Wasser auf die Mühlen des konservativen Parteiflügels: Man wolle ‚Technologie-offen” bleiben. Auf der Liste der Unterstützer*innen dieser Idee steht unter anderem die eingangs erwähnte internationale Energieagentur IEA, die Subventionen für die nukleare Energieerzeugung fordert. In ihren Analysen wird die Atomenergie in einem Zug mit erneuerbaren Energien als klimafreundliche Energiequelle genannt.
Das ist nachweisbar unsinnig. Nur wer den Blick auf den reinen Reaktorbetrieb einschränkt, kann ein AKW klimagasfrei nennen: Wenn die gesamte Kette Bergbau, Aufbereitung, Anreicherung, Transport, Kernspaltung berücksichtigt wird, entspricht der Klimagasausstoss eines AKW dem eines Gaskraftwerks — das ungelöste Entsorgungsproblem noch nicht mal eingerechnet.
Um Kohle, Öl und Gas zu ersetzen, müssten hunderte AKW gebaut werden. Beim derzeitigen Verbrauch von Uran beträgt die Kapazität nur einige Jahrzehnte. Kommen hunderte neuer Anlagen dazu entsprechend weniger. AKW werden für Laufzeiten von etwa 40 Jahren kalkuliert wenn viele neue Anlagen hinzukommen, geht diese Rechnung nicht mehr auf. Der sogenannte »energy cliff« beschreibt den Moment, bei dem zur Herstellung eines Brennstoffes genauso viel Energie investiert wird, wie dieser dann freisetzen kann. Beim Uran ist die kritische Stelle der Abbau.
Ab einer Konzentration von 0,04% Uran im Erz ist der cliff erreicht: Bei niedrigerer Konzentration ist es wirtschaftlicher, die Energie, die in den Abbau gesteckt wird, direkt zu nutzen und das Uran in der Erde zulassen. Aktuelle Minen bauen bereits Erz mit weniger als 1% Urangehalt ab - der cliff ist nicht mehr weit. Ergo: Atomenergie als Lösung des Klimawandels zu propagieren ist Augenwischerei.