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Als Benjamin Ziskind bei einem Cocktailempfang für Singles im Museum vor seiner eigenen Unbeholfenheit flüchtet, findet er sich plötzlich einem Bild gegenüber, das ihm nur zu vertraut ist: eine kleine Studie von Marc Chagall, die jahrelang in ihrem Wohnzimmer gehangen hatte. Kurz entschlossen nimmt er das Bild von der Wand und nimmt es mit nach Hause...
Diesen fulminanten Einstieg - der sich im übrigen auf eine kurze Notiz eines kuriosen Kunstraubs bezieht - beginnt ein Roman, der mich beim Lesen von der ersten Seite weg auf wundervolle Weise zugleich unterhalten und angeregt hat.
Benjamin Ziskind ist der um wenige Minuten ältere Teil eines Zwillingspaares; als Wunderkind hatte er eine Karriere in einer Fernsehshow hinter sich, doch nun, mit knapp dreißig, war von diesem Status nicht mehr viel übrig. Er arbeitete als festangestellter Fragenschreiber für ein Fernsehquiz; seine Ehe wurde gerade geschieden, seine Wohnung ausgeräumt, seine Mutter war vor einem halben Jahr gestorben, und seine Zwillingsschwester war nun auch noch schwanger.
Doch zurück zum gestohlenen Bild. Wie war dieser Chagall eigentlich in den Besitz der Familie gekommen? In den zwanzigerjahren unterrichtete Chagall in einer jüdischen Waisenkolonie; einer seiner Schüler malte ein Bild, das Chagall so gut gefiel, das er es aufhängen wollte. Doch Boris, vom Leben bislang nicht sonderlich verwöhnt, wollte wissen, was er als Gegenleistung dafür erhalten würde - und durfte sich ein Bild seines Lehrers aussuchen.
Zu Besuch beim Lehrer war auch der "Nister", der Verborgene, ein jiddischer Dichter, dessen absurde Geschichten immer weniger verstanden (und gedruckt) wurden; auch er beschloss, den Jungen zu beschenken, und stopfte die Manuskriptseiten zu einer eben fertiggestellten Geschichte in den Rahmen des Bildes.
Und so wird ein weiter Bogen gespannt von den Progromen in Russland, über die so unterschiedlich verlaufenden Karrieren Chagalls und des Nisters, über Verrat und Liebe, über die unterschiedlichsten Kriege hinweg.
Das Buch ist zum Bersten voll mit Geschichten; hinter jedem Bild verbirgt sich noch, im Rahmen verborgen, eine weitere Geschichte. So erfahren wir von der einen Begegnung, die der Nister mit dem damals am Zenit seines Ruhms stehenden Perutz; die Geschichten der vergessenen jiddischen Autoren erleben neuen Glanz, als sie von Benjamins und Zaras Mutter neu illustriert unter ihrem Namen erscheinen; Benjamins Briefe an seinen Bar Mizwah-Bruder nach Tschernobil werden zwar nicht von diesem, wohl aber von dessen Mutter gelesen und bringen im letzten Endes einen Schwager ein; und Benjamins kurzentschlossener Kunstraub führt dazu, dass er sich tatsächlich noch einmal verliebt.
Und dann gibt es noch diese andere Welt, die kommende Welt, in die die Gestorbenen, die Nicht-mehrs, wandern, wo sie dann die NochNichts auf ihr zukünftiges Erdendasein vorbereiten, sie mit Kunst füttern, mit Literatur betrunken machen, in Liebe, Kummer und Leidenschaft baden, um sie für die Herausforderung des Lebens zu stärken.
Quelle: die-leselust.de
Die kommende Welt, von Dara Horn