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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
64. Gottes Wissen als Gottes Sprechen.
Es ist also kein Zweifel statthaft, daß Gottes Wissen mehr mit Rücksicht auf die Zeit als mit Rücksicht auf eine (innere) Umänderung bestehe. Denn mit Hinblick auf sein Wissen gilt mehr die Zeit der Bekundung seines Wissens als der Erlangung, wie wir auch aus den Worten an Abraham belehrt werden: „Leg deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts an! Denn jetzt habe ich erkannt, daß du deinen Gott fürchtest und du meinetwegen deines geliebten Knaben nicht geschont hast.”1
Jetzt also weiß Gott; das Jetzt-wissen ist aber das Geständnis eines vorigen Nichtwissens. Das aber fällt nicht Gott zur Last, auch dieses nicht, daß er vorher um die gläubige Treue Abrahams nicht gewußt habe, von dem es heißt: „Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet.”2 Daß er jetzt erkannte, bedeutet die Zeit, zu der Abraham das Lob empfing, nicht aber die, zu der Gott zu wissen begann. Abraham hatte nämlich durch das Brandopfer seines Sohnes seine Liebe zu Gott bewährt: Gott erkannte dann, als er sprach. Weil man von ihm ein vorhergehendes Nichtwissen nicht annehmen darf, so muß man annehmen, er habe deswegen jetzt erkannt, weil er jetzt spricht.
Von dem Übervielen, was im Alten Testament über das Wissen Gottes enthalten ist, wurde nur diese [S. 143] Erzählung des Beispiels wegen von uns dargelegt, damit man das Nichtwissen Gottes nicht als ein Nichtkennen fasse, sondern auf die Zeit beziehe.
1: Gen. 22, 12.
2: Gen. 15, 6; Röm. 4, 3.