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Als die Bilder laufen lernten … Der Tüftler, Unternehmer, Pionier und Filmproduzent François-Henri Lavanchy-Clarke brachte das Kino in die Schweiz.
Ein Brückenbauer zur ModerneZum Interview
Wenn von Vätern des Kinos die Rede ist, werden meistens die Brüder Lumière genannt. Auguste (1962–1954) und Louis Lumière (1864–1948) lebten in Lyon und entwickelten 1894 den ersten brauchbaren Cinematographen. Sie wurden weltbekannt. Ein anderer ebenso innovativer und produktiver Pionier in der Entwicklung von Film und Kino stammt aus der Schweiz. François-Henri Lavanchy-Clarke betrieb 1896 anlässlich der Schweizer Landesausstellung in Genf ein erstes Kino. Filmhistoriker Hansmartin Siegrist aus Basel hat seine Spuren aufgenommen und mit seinem Team archäologische Arbeit geleistet, um das Werk dieses genialen Filmkünstlers und Unternehmens ans Licht zu bringen.
Bereits 2019 entstand das voluminöse Buch «Auf der Brücke zur Moderne. Ein erster Film über Basel samt Panorama der Belle Époque» (Christoph Merian Verlag, 439 Seiten). Hier werden nicht nur die Film- und Kinopioniere Ende des 19. Jahrhundert, ihre Arbeit, Errungenschaften und Produktivität beschrieben, sondern auch ein epochales Kapitel Schweizer und Basler Wirtschafts- und Kulturgeschichte erfasst. Im Zentrum steht der erste Basler Film: «Lumière 308 Bale: Pont sur le Rhin», anno 1896 gedreht, je nach dem 48 Sekunden lang in 757 Einzelbildern. Akribisch wird dieser Film im wahrsten Sinn des Wortes aufgeblättert.
Buch und Forschung zum ersten Basler Film bildeten dann die Grundlage für den Dokumentarfilm «Lichtspieler». Wie der geniale Lavanchy-Clarke die Schweiz ins Kino holte» von Hansmartin Siegrist. Im Mittelpunkt steht der rührige Selfmade-Mann, Philanthrop und Unternehmer François-Henri Lavanchy, der infolge seiner Heirat (1879) mit der Engländerin Jenny Elisabeth den Namen Clarke annahm. Er war ein Phänomen: Forscher, Tüftler, Produzent, Konzessionär des Hauses Lumière, Marketingpionier, Netzwerker und Unternehmer. Er forcierte als Generalagent 1889 die Marke «Sunlight Soap» der Lever Brothers in England, gründete die eigene Seifenfabrik Helvetia, in Olten, 1909 in «Sunlight» umbenannt. Er engagierte sich für Sehbehinderte, drehte unzählige Filme und trat oft selber darin auf.
Dozent und Filmhistoriker Siegrist fächerte das Leben dieses verkannten, vergessenen Genies auf. Dazu dienten besonders 50 frühe Filmrollen mit Schweizer Sujets, die in einem Pariser Archiv entdeckt wurden. Zu sehen sind Bilder vom Schaffhauser Rheinfall, von St. Gallen (Broderbrunnen) oder der Landesausstellung in Genf, von der Eröffnung des Landesmuseum in Zürich 1898 und vom Streit um Hodlers Wandbilder, von Zermatt (Zermattbahn) oder Bern (Staatsbesuch des Königs von Thailand, Bärengraben). Und natürlich von Basel mit Fasnachtsumzügen, Abriss und Neubau der Rheinbrücke oder vom letzten Pferderennen auf der Schützenmatte.
Dabei sind zwei Aspekte hervorzuheben, die der Film anschaulich illustriert: Die Inszenierung der dokumentarischen Aufnahmen und die geschickte Einstreuung winziger Werbung, heute würde man von Product-Placement sprechen. Immer wieder taucht die Luxusseife «Sunlight» auf. Gern platzierte sich Lavanchy-Clarke auch selber (wie später Hitchcocks Cameo-Auftritte in seinen Kinofilmen).
Geschickt schlägt der akribische Filmforscher und Filmer Siegrist eine Brücke von damals zur Gegenwart, verschmilzt Ansichten von gestern mit heute. Die Statements von Historikern (Diana Blome, Roland Cosandey, Sabine Flaschberger, Jakob Tanner u.a.), Archivaren (Laurent Mannoni, Dominique Moustacchi, Jeanette Strickland) und anderen Experten (Jan Oldenhuizing, Cannes, Brigitte Paulowitz, Bern oder Ricarda Stegmann, Fribourg) vertiefen die historischen Aufnahmen. Allemal ein erhellendes Lichtspiel für den Lichtspieler aus der Schweiz.
Schweiz 2022
102 Minuten
Buch und Regie: Hansmartin Siegrist
Kamera: Reinhard Manz
Mitwirkende: Diana Blome, Roland Cosandey, Sabine Flaschberger, Philipp Gasser, Laurent Mannoni, Dominique Moustacchi, Jan Oldenhuizing, Beatrice de Pastre, Brigitte Paulowitz, Ricarda Stegmann, Jeanette Strickland, Jakob Tanner