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Flipped Classroom wird seit einiger Zeit als Unterrichtsmethode diskutiert. In Coronazeiten hat die Methode nochmals an Interesse gewonnen. Flipped Classroom tönt modern und wird gerne mit neuen Medien, v.a. YouTube Videos, in Verbindung gebracht. Es gibt gerade in naturwissenschaftlichen Fächern und auf Hochschulstufe glühende Verfechter der Methode. Ich erkläre, warum ich für die SILVIVA Erfa Tagung 2020 eine Art Flipped-Modell gewählt habe- und das mit LOL.
Das «flippen» im Flipped Classroom besteht darin, dass die Lernenden die Instruktion / die Theorie / den Stoff individuell, asynchron vor der Präsenzphase selbständig erarbeiten. Die Zeit im Präsenzlernen wird für Fragen, Übungen, Diskussionen, Reflexion verwendet.
Zuerst die Hausaufgaben, dann die Schulstunde
Vor der Schulstunde schauen die Lernenden zum Beispiel ein Video über die Winkelsumme in Drei-, Vier- und Vielecken und machen dabei ein paar einfache interaktive Übungen. In der Klasse können dann (nach dem Beantworten von Fragen) die Lernenden z.B. in Gruppen eine allgemeine Formel für die Winkelsumme in n-Ecken herleiten und mit weiteren Übungen das Ganze noch vertiefen.
Mehr Autonomie für Lernende und die Zeit besser nutzen
Die Lernenden haben die Möglichkeit, die Lehrinhalte selbstbestimmt und im eigenen Tempo zu bearbeiten. Sie gewinnen so an Autonomie. Häufig werden Lern-, Erklär oder Inputvideos verwendet. Das ermöglicht es den Lernenden auch, die Sequenzen mehrmals zu wiederholen.
Während der Präsenzphase können Fragen, die in der Vorbereitung aufgekommen sind, geklärt und diskutiert werden. Ausserdem soll der vorbereitete Stoff von den Lernenden möglichst selbständig geübt werden. Die Lehrenden sind eher Moderatoren oder Coaches.
Aktuell in Coronazeiten
Im Notfallfernunterricht während den Schulschliessungen aufgrund der Corona Pandemie hat sich diese Methodik fast aufgedrängt. Die Präsentationen «des Stoffs» konnten relativ einfach gefilmt und online zur Verfügung gestellt werden, oder es wurden bereits bestehende (mehr oder weniger) gute Darstellungen des Lernstoffes verwendet. Die Lernenden, den nicht dauernden Zugang zu einem Computer oder zu Internet hatten, konnten die Inhalte dann lernen, wenn es für sie möglich war. Und die kurzen, wertvollen gemeinsame Onlinezeiten konnten so für Fragen, Austausch und Diskussion genutzt werden.
Kein neuer Ansatz und Gefahr der Überforderung
Es gibt aber auch einige Kritik an der Methode. Abgesehen davon, dass bei den Lernenden die technischen Mittel vorhanden sein müssen, um die – meist digital vorhandenen - Inhalte überhaupt sehen zu können, können sie bei Problemen oder Fragen die Lehrenden nicht direkt ansprechen. Im schlechtesten Fall werden die Lernenden mit ihren Problemen allein gelassen und dieser Stress kann nicht aufgefangen werden.
Natürlich wird beim Flipped Classroom auch nichts daran geändert, dass die Lehrenden die Inhalte bestimmen und auf eine Art und Weise präsentieren (und so festlegen, was richtig und wichtig sei) und die Lernenden «den Stoff» so zu internalisieren haben. Ohne didaktische Reflexion besteht die Gefahr, weiterhin von einem «behavioristischen Lernverständnis auszugehen, um einfache digitale Werkzeuge brauchen und einsetzen zu können» (Philippe Wampfler).
Warum benutze ich einen Flipped Classroom Ansatz für die Erfa 2020?
Ich probiere, mit einer nicht abschliessenden Aufzählung im Sinne von WOL (Working out loud) oder eher LOL (Learning out loud) zu zeigen, warum ich für die Gestaltung der Erfa Tagung 2020 eine Art Flipped Classroom Modell wähle:
- Die Methodik passt zum Thema «NUB in Zeiten der Digitalität»:
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- Viel Wissen zu Digitalität (und NUB) ist bereits online vorhanden.
- Könnte die Verknüpfung von asynchronen Selbstlernphasen (mit den digital vorhandenen Inhalten) und dem Präsenzlernen ein Modell für NUB in digitalen Zeiten sein?
- Die Methode passt zur Form der Austausch-Tagung:
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- Die wertvolle Zeit während der Tagung möchte ich – und aus Erfahrung auch die meisten Teilnehmenden – gemeinsam für Austausch, Diskussion und Entwicklung nutzen. Lange Vorträge und Panels von Expert*innen «stehlen» die kostbare gemeinsame Zeit.
- Die SILVIVA Erfa Tagung ist ein Treffen von Fachleuten. Da ist schon sehr viel Kompetenz vorhanden. Es braucht keine Expert*innen, die sagen, wie es «richtig geht». Es geht darum, möglichst vielen Fachleuten vor Ort möglichst viel Austausch zu ermöglichen.
- Wir haben so die Möglichkeit, uns bereits vor-, während und auch nach der Tagung zum Thema auszutauschen.
- Das Vorwissen kann gesammelt und öffentlich zur Verfügung gestellt werden.
- Die Methodik passt zur Zeit: Es ist «dank» Corona gerade Mode, Flipped Classroom Modelle umzusetzen (sieh oben). Höchste Zeit, sich damit auseinander zu setzen.
- Die Methode ermöglicht es mir, mich selber tiefer ins Thema einzuarbeiten und dabei Inhalte vorzustrukturieren und zur Verfügung zu stellen (vgl. Blogbeiträge zu «NUB und Digitalität»)
- Ich vermute bei den Teilnehmenden sehr unterschiedliche Voraussetzungen beim Vorwissen zum Thema Digitalität. Das kann mit einer individuellen Vorbereitung ev. abgefedert werden.
- Die Methode wird häufig auf Hochschulstufe angewendet und bietet sich meines Erachtens sehr für Erwachsenenbildung an (speziell für Weiterbildungen).
- Wir können die Phasen, vor-, während und nach der Tagung mit den jeweils passenden Methoden nutzen.
- Die vorgängig veröffentlichen Inhalte könnten auch Personen interessieren, die nicht an der Tagung teilnehmen können. So teile ich mein Lernen…
- … und ihr hoffentlich eure Erfahrung und euer Lernen?
Findet ihr weitere Gründe, warum es gut sein könnte, die SILVIVA Erfa Tagung mit einem Flipped Classroom ein Ansatz zu gestalten? Oder habt ihr andere Vorschläge?
Habt ihr bereits Erfahrung mit Flipped Classroom gemacht? Welche? Ev. in der NUB? Ev. gar in der NUB mit digitalen Hilfsmitteln? Teilt diese gerne auch hier in den Kommentaren.
Christian Stocker, Stiftung SILVIVA
Ein paar weiterführende Links zum Thema:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Umgedrehter_Unterricht
- https://ethz.ch/de/die-eth-zuerich/lehre/lehrentwicklung/designing-teaching/flipped-classroom.html
- https://www.e-teaching.org/lehrszenarien/vorlesung/inverted_classroom
- https://web.fhnw.ch/plattformen/hattie-wiki/begriffe/Umgedrehte_Klassenzimmer
- https://techblog-schule.de/trends/flipped-classroom-was-ist-das
- https://phzh.ch/Forschungsdatenbank_files/571/Kurzbericht%20Flipped%20Classroom%202014.pdf
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Christian Stocker (Mittwoch, 29 Juli 2020 11:56)
Eine weitere häufig gelesene Kritik an der Methode Flipped Classroom ist, dass es (mehr oder weniger häufig) vorkommt, dass die Lernenden «den Stoff» nicht rechtzeitig zum gemeinsamen Präsenzunterricht gelernt hätten.
Egal welche Methoden man anwendet, wenn die Beteiligten nicht mitmachen (wollen, können), funktioniert sie nicht. Die Frage ist dann ja, _warum_ machen sie nicht mit.
Neben situativen, individuellen, z.B. persönlichen oder technischen Problemen, die die Ursachen dafür sein können, könnte das – wenn es häufiger vorkommt – auch tiefer liegen.
Und zwar, dass mit der Aufgabe den Stoff zu lernen die Verantwortung des Lernens aber nur Teile der Kompetenzen (hier nicht im pädagogischen Sinne verstanden, sondern als «Rechte und Befugnisse») an die Lernenden delegiert wird. D.h. die Lernenden können zwar z.B. ihre Zeiteinteilung, nicht aber die Form des Lernens, die Methodik steuern. Geschweige denn haben sie die Möglichkeit der Themensetzung, der Auswahl des Lerninhaltes. Dieses Ungleichgewicht (Inkongruenz) von Verantwortung und Kompetenz kann - wie auch in der übrigen Arbeitswelt - zu Frustration führen.
Es könnte ein Symptom dafür sein, dass die Methode «nur den halben Weg» geht. Sie kann die Selbstverantwortung fördern, wenn es funktioniert sogar die Selbstwirksamkeit, aber die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts (4 K-Modell: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) fördert sie höchstens zur Hälfte; und das auch nur, wenn der Präsenzunterricht richtig gut aufgebaut ist.
Christian Stocker (Montag, 03 August 2020 12:51)
Ein Hilfsmittel zu WOL / LOL, das wir im SILVIVA Team nutzen, möchte ich euch gerne hier noch vorstellen. Weil es m.E. passt und ich etwas stolz bin, wie wir im Team lernen. Ein Lernraum sind unsere Teamsitzungen. Und die wären nicht einen Bruchteil so effizient ohne unsere Vor- und Nachbereitung, die auch ein gutes Beispiel für eine Arbeitsweise in einer Kultur der Digitalität ist.
Unsere Teamsitzungen finden 1x pro Monat, mit allen Teammitgliedern, ca. für ½ Tag+ statt. I.d.R live, aber während Corona auch gerne mal via Zoom. Auch vorher haben wir immer mal wieder einzelne Teammitglieder die nicht vor Ort sein konnten per Skype oder ähnlichem zugeschaltet. Wir bereiten die Sitzungen immer gleich vor:
Das *Team-Sitzungsdokument* (ein einfaches Word-Dok) ist das zentrale Hilfsmittel. Es wird von allen vor den Sitzungen ausgefüllt und dort werden die wichtigen Infos des letzten Monats und nächsten Arbeiten pro Person festgehalten (Titel: «Kurzinformationen zur laufenden Arbeit & Ausblick: was steht in den nächsten Wochen an, wer ist daran beteiligt / davon betroffen?»). Die Infos aus dem Team werden an der Sitzung nur bei Fragen geklärt oder ergänzt.
Es wird eine Liste mit Diskussionstraktanden geführt (Titel: Traktanden, 1. Prio, 2. Prio, Vorankündigungen). Nur diese werden dann an der Sitzung ausführlich behandelt.
Die für Teamentwicklung und für internes Lernen wichtigen Abschnitte im Dokument sind aber:
- «Neuigkeiten aus der NUB-, UB-, WP-, BNE-Szene»: Hier findet der formelle / informelle Austausch darüber statt, was wir aus dem Netzwerk (unseren Teilnetzwerken) wissen / gelernt haben.
- «Interne Weiterbildung: Hinweise auf Artikel / Bücher / Material / Weiterbildungen etc.»: Wer geht wohin? Wer müsste wohin gehen? Was läuft spannendes in der Szene?
- «Neue Bücher in der SILVIVA-Bibliothek» (übrigens, den Katalog der Bibliothek in Zürich kann man online einsehen und man kann uns gerne besuchen: https://www.silviva.ch/hilfsmittel/bibliothek/ ).
- «IT-Praxistipp»: Da wir alle unsere Computer +/- selber bedienen können müssen, sind diese IT Tipps ein wertvolles Hilfsmittel um Problemlösungen zu kommunizieren und Neues zu lernen. Die Tipps werden gesammelt und zentral gespeichert. So kann man auch später noch danach suchen. Wir benutzen übrigens asana (www.asana.com). Jetzt wo es alle im Team nutzen ein sehr gäbiges Tool, das unter anderem einige Mails «spart».
- «Methodik Tipp»: Da viele des Teams auch aktive KL sind, kann hier ein Austausch über neu gelernte (NUB) Methoden stattfinden. Auch diese sind zentral abgelegt und ich kann sie dann nachschlagen, wenn ich mal wieder eine methodische Idee suche.
- Und ganz neu: «Nachhaltigkeits-Tipp» Und, ob der Nachhaltigkeits-Tipp funktioniert, kann ich noch nicht sagen. Wir haben uns aber zum Ziel gesetzt, als Organisation bis 2030 klimaneutral zu sein und haben uns auch als Organisation und als Teammitglieder Jahresziele gesetzt und erste Massnahmen eingeleitet.
Das Dokument ist jeweils voll von Links und Verweisen. Was Einzelne lernen, wird in der Gruppe geteilt. Was uns in der physischen und digitalen Welt passiert, wird digital geteilt und hat wieder Auswirkungen auf die physische Welt.
Im Kern haben wir mit diesem einfachen digitalen Hilfsmittel mit wenigen sozialen Regeln (Algorithmen) aber ein sehr gutes Hilfsmittel geschaffen, das uns erlaubt, an den Sitzungen (meist) über das Wesentliche zu reden.