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von Sarah Tibuni
Astor war ein Faulpelz. Seine Siesta war berühmt, ja sie galt mit den Jahren fast schon als touristische Attraktion. Immer öfter kam es nämlich vor, dass die Bewohner von Port-Louis ihre fremdländischen Gäste nicht nur in den alten Hafen oder den Couvent Saint-Francois führten, sondern auch an den Strand von Lugrin im Süden der Stadt. Dort lag Astor, das einzige Dreisternemonument der Insel, wie manche behaupteten. Seine Schlafzeiten entsprachen den Öffnungszeiten der städtischen Museen, was seinem Ruf als Kulturdenkmal zusätzlich Gewicht verlieh: Von zehn Uhr morgens bis abends um fünf hielt Astor da sein Nickerchen ab, Tag für Tag und stets unter der gleichen Kalparikpalme.
Das Attraktive an Astors Schlaf war aber weder das tiefe Schnarchen, das ihm die Mücken vom Leib zu halten schien, noch waren es die Wortfetzen und Satzruinen, die dann und wann über seine Lippen torkelten und aufmerksamen Zuhörern eine Ahnung von seinen Träumen geben konnten. Das Sehenswürdige an dieser Siesta war die Technik, die Astor entwickelt hatte, um während der ganzen Zeit im Schatten der Palme zu liegen. Er bediente sich hierfür einer Sanduhr, die er hinter seinem Kopf platzierte. Diese Uhr verfügte über eine kleinen Mechanik, die nach einer Stunde, wenn aller Sand abgelaufen war, ein sanftes Klingeln hören liess. Ohne die Augen zu öffnen und wohl auch ohne wirklich aufzuwachen, griff Astor sodann mit beiden Händen nach der Uhr und wälzte sich, unendlich langsam, ein und ein halbes Mal um die eigene Achse nach links – so, dass der Sand wieder durch das Glas zu rinnen begann. Auf diese Weise bewegte sich Astors Körper im Verlauf der Stunden um den halben Baum – stets dem Schatten folgend. «Ein Glockenspiel unter Valium», spotteten die Europäer, während manche Gäste aus den Staaten vermuteten, Astor werde wohl dereinst als Sonnenuhr reinkarniert.
Astor war zwar ein Faulpelz, doch hielt er akribisch an seinem Tagesablauf fest. Punkt fünf Uhr abends schlug er die Augen auf, schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und trat den Weg in Richtung Stadt an. Diese Zigarette, so behaupteten böse Zungen, diene ihm lediglich zur Erinnerung daran, dass er jetzt wach sei und nicht mehr unter der Palme schlafe. Tatsächlich war der Unterschied klein, denn Astor ging als kämpfe er sich durch eine Welt aus Watte, jeder Schritt ein unwiderlegbarer Beweis für die Existenz der Schwerkraft. Kurz nach sechs Uhr dann liess er sich in der «Bar du Port» auf einen Hocker fallen und bestellte, nach einer kleinen Verschnaufpause, mit erschöpfter Stimme seinen Dekolaj.
Astor war kein gern gesehener Gast in der «Bar du Port» – das liess schon das verzweifelte Gesicht erkennen, mit dem ihm Patron Pierre den Rum servierte. Am liebsten hätte er diesem «Schlum mer denkmal» den Zutritt zu seinem Lokal verboten. Das Schlimmste aber war: Er fand keine wirklich haltbaren Gründe für ein solches Verdikt. Astor trank nicht zu viel, redete kaum, war weder laut noch unhöflich und bezahlte jedes Glas sofort. Pierres Verzweiflung hatte denn auch ganz andere Ursachen: Wenn Astor das Lokal betrat, dann verbreitete seine Schläfrigkeit eine Stimmung, die sich nicht nur wie flüssiges Blei auf die anderen Gäste legte, sondern sogar die Gläser und Flaschen zu erfassen schien. Alles ging dann plötzlich abwärts: Gäste, die eben noch fröhlich geplaudert hatten, nickten unvermittelt ein und manche kippten gar von den Stühlen. Gläser fielen aus geheimnisvollen Gründen zu Boden und selbst Pierre, der sonst doch eine sichere Hand hatte, liess ständig Flaschen fallen. Ja einmal war sogar eine Taube tot vom Dach auf den Vorplatz gefallen – vor lauter Schläfrigkeit wahrscheinlich.
«Er ist wie eine Art umgestülpter Zyklon», hatte der Wirt vor einiger Zeit sein Problem dem Stadtrat zu schildern versucht: «Er wirkt nicht durch seine Windstärke, sondern durch das Gegenteil davon». Lange hatte der Rat die Frage diskutiert, ob sich wohl aus dem Umstand, dass jemand wie das Gegenteil von Windstärke wirkt, irgendein juristischer Sachverhalt würde ableiten lassen. Allein, es nütze alles nichts: Man konnte Astor keines Vergehens überführen, das ein Lokalverbot gerechtfertigt hätte. Auch mit den Geschäften des Herrn Pierre ging es derweilen abwärts: Die Gäste begannen die «Bar du Port», einst eines der lebendigsten Lokale am Hafen von Port-Louis, immer mehr zu meiden und wanderten zu der Konkurrenz ab. Manches Mal hatte Pierre seinen schwierigen Gast ganz sanft dazu zu bringen versucht, doch auch einmal das «Café Nion» am anderen Ende des Hafens mit seiner Anwesenheit zu beehren – als besonders überzeugendes Argument hatte er angeführt, dass man im «Nion» auf viel bequemeren Stühlen sitze. Es nütze nichts – und Pierre wusste auch genau warum: Die Konkurrenz lag dreihundert Schritte weiter von Astors Palme entfernt. – In seinen Träumen malte sich Pierre die verschiedensten Methoden aus, wie er Astor von seinem Tresen entfernen könnte: Er dachte an Pistolen und Messer oder daran, etwas Rattengift im Rum seines Gastes aufzulösen. Er hatte sich auch schon überlegt, einen jener schwarzen Magier aufzusuchen, die den Menschen böse Schicksale anzaubern können. All diese Pläne aber lösten sich in Luft auf, wenn Pierre den friedfertigen Astor vor sich am Tresen sah. Man konnte ihm einfach nichts antun.
Die Wende trat eines Morgens in der Gestalt einer französischen Erzieherin in die «Bar du Port» ein: «Regel mässig keit», so dozierte sie in bestem Pariserisch, «Regel mässigkeit ist das A und O jeder Erziehung: Gerade für Kinder ist es wichtig, dass sie wissen, wann es Essen gibt, wann sie spielen dürfen, wann es Zeit für das Bett ist und so weiter». Ihre Freundin, eine junge Kindergärtnerin aus Santa Lemusa, nickte versonnen und nippte an ihrem Orangensaft – in Gedanken ganz offensichtlich weit entfernt von jedem Kinderhort. Pierre aber, der hinter dem Tresen gerade eine Schachtel mit neuen Gläsern zu öffnen versuchte, war plötzlich hellhörig geworden: «Was geschieht denn, wenn man diesen regelmässigen Tagesablauf stört?», fragte er und machte sich mit Hingabe daran, den Zink abzuwischen, auf dem allerdings nicht ein Stäubchen zu sehen war. Die Erzieherin schob ihre Oberlippe leicht vor, was bei Pariserinnen immer bedeutet, dass sie Metro fahren oder andere soziale Niederungen wittern: «Na, die Kinder werden launisch, unruhig und unberechenbar – neurotisch eben, wenn sie verstehen, was das heisst». Mit einem letzten Schwung schloss Pierre seine Putzarbeit am Tresen ab, warf mit Eleganz das Tuch über die Schulter und richtete sich zu voller Grösse auf: «Oh ja, ich weiss, was das bedeutet», sagte er etwas zu laut und ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. «Darf ich Ihnen noch einen Orangensaft offerieren?»
Noch am selben Morgen machte Pierre, was nur selten geschah, aber angesichts der ohnehin immer rarer werdenden Gäste niemanden erstaunte, seine Bar für eine Stunde zu. Er schlenderte aus der Stadt heraus zur Plage de Lugrin. Dort lag Astor mit seiner Sanduhr im Schatten der Palme und schnarchte leise im Rhythmus der Brandung, die sanft über die Kiesel schäumte. Die Papierchen von Energieriegeln, die über den Strand trieben, zeugten davon, dass eben noch Touristen Astor besichtigt haben mussten – auf Santa Lemusa nämlich misstraut man dieser Art von industrieller Ernährung. Zur Zeit aber war weit und breit kein Mensch zu sehen. Vorsichtig trat Pierre unter die Wedel von Astors Palme und ging neben dem Schläfer in die Knie: «Astor, wie geht es dir?», flüsterte er und beobachtete aufmerksam die Züge seines schwierigen Stammgastes. Nichts geschah, Astor schlief, da gab es keine Zweifel. Nun stellte Pierre eine kleine Reisetasche neben Astors Kopf, schlug sie auf und griff, mit grösster Vorsicht, nach der Sanduhr, die erst zur Hälfte abgelaufen war. Er packte sie in die Tasche, erhob sich und schlich auf Zehenspitzen davon. – Erst als der Strand ausser Sichtweite war, atmete er richtig durch. Es war geschafft. Entweder würde Astor aufwachen, wenn er plötzlich die Sonne auf seinem Köper spürte – oder aber er würde sich einen teuflischen Sonnenbrand holen, der ihn noch Tage am Schlafen hindern dürfte. In jedem Fall war Astors Rhythmus gestört, würde sein Gast endlich neurotisch werden. Auch wenn Pierre sich nicht viel unter einer Neurose vorstellen konnte – eines wusste er: Es machte die Leute nervös. Und genau das war es, was er Astor von ganzem Herzen wünschte.
Zurück in seiner Bar versuchte Pierre, sich nichts anmerken zu lassen. Wie üblich klagte er über die Hitze, den schlechten Gang der Geschäfte, liess dann und wann im Gedanken an Astor eine Flasche fallen und unterdrückte das Grinsen, das sich immer wieder in seine Gesichtszüge drängen wollte. Die Stunden des Nachmittags vergingen – ohne, dass etwas geschah. Es wurde vier Uhr, dann fünf Uhr. Immer öfter blickte Pierre auf das Zifferblatt des Weckers, der seit Jahren schon am immer gleichen Platz im Flaschenregal seine treuen Dienste tat. Heute allerdings schien es ihm, als klebten die Zeiger an den Minuten und Stunden fest, als sei die Zeit selbst infiziert von einem unsichtbaren, astorianischen Virus.
Um halb sechs Uhr hatte Pierre schon den achten sek intus, doch auch der Alkohol beruhigte ihn heute nicht. Nervös fuhr er mit dem Tuch über die Tische, wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag, und trat schliesslich auf die Strasse hinaus. Kein Astor weit und breit. Nun begann Pierre, vor seiner Bar auf und ab zu gehen, erst zählte er seine Schritte, dann die Zigarettenstummel am Boden, schliesslich die Schreie der Möwen, die über dem Hafen kreisten. Es wurde sechs Uhr. Und da, endlich tauchte Astor am Ende der Strasse auf und bewegte sich – mit ungewöhnlicher raschem Schritt, wie Pierre zu bemerken glaubte – auf die «Bar du Port» zu. – Schnell stellte sich der Wirt hinter dem Tresen auf, nahm ein Tuch zur Hand und begann mit ausserordentlicher Aufmerksamkeit an einem Glas herumzureiben. Astor trat in die Bar, liess sich auf einen Hocker fallen und bestellte seinen Dekolaj. Alles schien wie immer. Und doch glaubte Pierre, ein ungewöhnliches Funkeln in Astors Augen zu bemerken. Auch stürzte sein Gast den ersten Rum, an dem er sonst fast eine Stunde zu nippen pflegte, in einem Zug herunter. Pierre schenkte nach – und wieder, zack und weg. Erst nach dem fünften Glas traute sich Pierre, das Wort an Astor zu richten: «Du hast ja einen Durst heute», sagte er und versuchte seiner Stimme einen möglichst beiläufigen Klang zu geben.
Erneut streckte Astor das Glas aus, Pierre schenkte ein. «Du wirst nicht glauben, was mir heute passiert ist», kam es leicht zitternd aus der Kehle des Strandschläfers. «Ich wache auf, gegen Abend, wie immer zur selben Zeit und will meine Sanduhr einpacken – doch die ist weg. Irgend ein Halunke muss sie gestohlen haben während ich schlief – nur wer tut denn so etwas?». Pierre zog beide Augenbrauen hoch, sehr hoch, zuckte mit den Schultern und schenkte nochmals ein. «Doch das ist bloss der Anfang. Noch während ich überlege, wer meine Sanduhr gestohlen haben könnte, werde ich mir plötzlich bewusst, dass ich ja auf der falschen Seite der Palme aufgewacht bin – da nämlich, wo ich mich am Morgen zu Beginn meiner Siesta ausstrecke. Eigentlich hätte ich also in der prallen Sonne liegen müssen, doch bin ich im Schatten aufgewacht – verstehst du? Erst denke ich, dass ich mich wohl in der Zeit geirrt habe, doch dann sehe ich, dass der Schatten aller übrigen Palmen am Strand auf der anderen Seite steht. Nur der Schatten meiner Palme hat sich ganz offensichtlich mit dem Lauf der Sonne nicht bewegt. Das gibt es doch nicht, sage ich mir und starre in die Krone des Baumes – um zu sehen, ob sich da nicht vielleicht jemand einen Scherz mit mir erlaubt. Da jedoch beginnt der Schatten meiner Palme plötzlich zu wandern, ganz langsam nur, doch nach wenigen Sekunden stehe ich bereits in der prallen Sonne – und nach einer Minute bloss hat sich der Schatten auf jene Seite des Baumes verlegt, wo er gewöhnlich um diese Uhrzeit liegen muss».
Pierre war sich sicher: Das war die Neurose. Aus der Regelmässigkeit seiner Siesta gerissen hatte Astor ganz offensichtlich den Verstand verloren – zumindest litt er wohl an einem schweren Sonnenstich oder einer massiven Ausdörrung. Seltsam war nur, dass sich in Astors Gesicht keinerlei Rötungen oder andere Spuren eines Sonnenbrandes finden liessen. Unterdessen waren weitere Gäste in das Café getreten. Dass der schläfrige Astor etwas erzählte, war ja wirklich aussergewöhnlich und hatte diejenigen neugierig gemacht, die an der «Bar du Port» vorbei zum «Café Nion» schlendern wollten. Nun wurde Astor von allen Seiten mit Fragen bedrängt. Die einen wollten Details erfahren, andere die ganze Geschichte noch einmal hören – dritte machten sich mit ironischen Bemerkungen über Astors Geisteszustand lustig. Doch das war Astor gleichgültig: Zum ersten Mal in seinem Leben stand er wach im Mittelpunkt des Interesses – und das genoss er ganz offensichtlich. Astor war nicht wiederzuerkennen. Seine Schläfrigkeit war wie weggewischt – frisch erzählte er wieder und wieder, was ihm am Strand von Lugrin passiert war. Auch Pierre war zufrieden, denn immer mehr Leute strömten in die «Bar du Port» um die Geschichte aus erster Hand zu hören. Laut und ausgelassen ging es zu und her, der Rum floss in Strömen, es wurde gelacht und heftig diskutiert – fast so wie in alten Zeiten.
Schnell verbreitete sich die Geschichte in der ganzen Stadt. Und als Astor am nächsten Morgen an den Strand von Lugrin kam, standen die Leute in Scharen um seine Palme herum und diskutierten. «Hört zu!», Astor klatschte in die Hände, «ich habe heute Nacht herausgefunden, was gestern passiert ist: Meine Palme, unter der ich so viele Tage schon schlief, wollte mich nicht nur vor der Sonne schützen, sie wollte mit mir sprechen. Palmen aber sind schüchterne Wesen, ganz besonders wenn es Kalparikpalmen sind. Solange ihr alle hier herumsteht, wird sie nicht mit mir sprechen wollen. Also müsst ihr gehen, zieht euch zurück, sonst passiert gar nichts.» Und wieder klatschte Astor, trat an die Palme heran und legte seine Hand zärtlich auf den Stamm.
Die Leute murrten, einige lachten auch. «Das ist ja eine schöne Geschichte, die du uns da auftischen willst», rief eine junge Frau. «Wahrscheinlich will er nur in Ruhe schlafen», meinte eine andere. Schliesslich aber trotteten sie davon. Die meisten kehrten kopfschüttelnd an ihre Arbeit zurück – eine kleine Gruppe aber versammelte sich auf einer Anhöhe oberhalb des Strandes, um Astor von dort aus zu beobachten. Dieser setze sich in den Schatten der Palme, das Gesicht ihrem Stamm zugekehrt. Nichts geschah. Einige glaubte zwar zu sehen, wie Astor seltsame Bewegungen mit seinen Schulter vollführe: Eine Art Zucken, mal nach rechts, dann mehrmals nach links. Aus dieser grossen Distanz aber waren auch sie nicht sicher, dass sich Astor wirklich bewegt hatte. Stunden verstrichen, die Sonne folgte ihrer Bahn und mit ihr veränderte sich auch der Schatten von Astors Palme. Ganz so, wie es die Natur nun mal vorgesehen hatte. Mehrmals musste Astor seine Position wechseln, um nicht in der prallen Sonne zu sitzen. Auf der kleinen Anhöhe allerdings, wo sich die Beobachter versammelt hatten, gab es keinen Schatten – und also gaben die Leute allmählich auf, kehrte einer nach dem anderen in die Stadt zurück. Es gab wirklich nichts zu sehen, da war man sich einig.
Trotzdem fanden sich gegen Abend ungewöhnlich viele Leute in der «Bar du Port» ein. Zwar glaubte niemand mehr an Astors Geschichte, doch wollte man auch nichts verpassen – und schliesslich war der Punch bei Pierre genauso gut wie im «Café Nion». Kurz nach sechs Uhr, pünktlich wie immer, trat Astor ins Lokal, schwang sich auf einen Hocker und bestellte seinen Dekolaj. Er strahlte und war sich sichtlich bewusst, dass alle Augen mehr oder weniger unverhohlen auf ihn gerichtet waren. Doch Astor nahm sich Zeit. Erst als das dritte Glas vor ihm stand, liess er ein leises «also» vernehmen. Und sofort wurde es ganz still in der Bar. Gemächlich nahm Astor noch einen Schluck und liess den Rum geniesserisch durch seine Kehle laufen.
«Ich habe mit ihr gesprochen», sagte er: «Sie reagiert auf die Bewegungen meines Körpers. Wenn ich die Schulter nach links ziehe, dann rückt ihr Schatten ganz leicht nach rechts. Ziehe ich die Schulter nach rechts, dann zuckt sie nach links. Das ist ihre Sprache, so redet sie mit mir. Und heute habe ich die ersten Worte gelernt.» Astor sprang von seinem Hocker und stellte sich breitbeinig in die Mitte des Raumes, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Arme wie Palmwedel ausgestreckt. Schnell und doch auch katzenhaft weich zuckte er mit der Schulter: rechts, rechts, links, rechts rechts. «So geht die Begrüssung», erklärte er und wiederholte die Bewegungen. Unweigerlich zuckte die ganze Bar mit: rechts, rechts, links, rechts, rechts. «Und das bedeutet: Ich finde dich nett», erklärte Astor: links, rechts, links, rechts, rechts – wieder ging die ganze Bar mit: links, rechts, links, rechts, rechts. – Sechs Ausdrücke hatte Astor an diesem ersten Tag gelernt – und er brachte sie allen bei, die an jenem denkwürdigen Abend in der «Bar du Port» ihren Punch genossen. Pierre schenkte aus, was er hatte, Astor erzählte, was er wusste, und das Publikum zuckte, was es konnte.
Am nächsten Morgen wiederholte sich die ganze Szenerie. Wieder waren Leute zum Strand gekommen, wieder bestand Astor darauf, allein mit der Palme zu reden. Erneut verzog sich das Publikum murrend, und auch an diesem Tag gab es einzelne, die das Geschehen aus Distanz zu beobachten versuchten. Am Abend dann versammelten sich noch mehr Gäste in der Bar von Pierre, der nun ohne unterlass strahlte. Viele, die Astor am Vorabend erlebt hatten, waren wiedergekommen – andere stiessen neu dazu. – Wohl glaubten nicht alle, die unter Astors Anleitung zuckten und so neue Wörter der Kalparikpalme lernten, auch wirklich an diese ganze Geschichte – schliesslich durfte nie jemand dabei sein, wenn Astor mit der Palme sprach. Die Schaulustigen, die sich täglich auf der kleinen Anhöhe über dem Strand von Lugrin versammelten, wurden sich schliesslich darin einig, dass Astors Körper tatsächlich zuckte. Die Beobachtungen gingen indes auseinander, was das Verhalten der Palme betraf: Die einen glaubten zu sehen, wie der Schatten der Palme auf Astors Bewegungen reagierte. Andere waren überzeugt, dass diese vermeintlichen Antworten des Baumes bloss die Folge des Windes waren, der die Palmwedel bewegte.
Am meisten Zweifel äusserten die fremdländischen Gäste, die man am Anfang noch regelmässig und nicht ohne einen gewissen Stolz zu der kleinen Aussichtsplattform über Astors Palmstrand führte. Sie glaubten kein Wort von der ganzen Geschichte. Die Europäer waren eher amüsiert, die Amerikaner leicht verärgert – so jemand, behaupteten sie, würde bei ihnen zu Hause längst wegen Betrugs vor Gericht stehen. Das führte allerdings nur dazu, dass die Bewohner von Port-Louis ihre Gäste immer seltener an den Strand von Lugrin brachten – die Strahlkraft einer Geschichte gilt auf Santa Lemusa eben mehr als amerikanisches Rechtsbewusstsein. – Ausserdem gab es ein schlagendes Argument für die Wahrheit von Astors Darstellungen: Die unglaubliche Verwandlung seiner Person nämlich. Aus dem Faulpelz, dessen Schläfrigkeit der halben Stadt die Lider senkte, war ein vor lebensfreudiger Mann geworden, dessen Körper eine warme Kraft zu durchströmen schien. Und wer am Abend in der «Bar du Port» die Sprache der Palme lernte, der spürte in sich selbst die Freude, die von diesen Bewegungen ausging: «Dem Herzen der Palme kommst du dabei nicht wirklich näher», pflegte Pierre zu philosophieren: «Aber es ist, als seist du dem eigenen Herzen weniger fremd – vor allem nach dem dritten oder vierten Punch».
Ja, sie liefen ausgezeichnet, die Geschäfte des Herrn Pierre, der nun gar eine nicht mehr ganz junge Französin eingestellt hatte, die ihn bei der Arbeit am Tresen unterstützte. Sie war als Touristin auf die Insel gekommen und man munkelte, dass sie sich in das freundliche Strahlen des Wirtes verliebt habe. Auch das war wohl eindeutig eine Folge der abendlichen Lektionen. – Derweilen drang Astor immer tiefer in das Sprachsystem der Palme ein. Die vier Elemente, so fand er heraus, bestanden aus jeweils nur drei «Silben», wie er die einzelnen Bewegungen nannte: rechts – rechts – links für Erde, links – links – rechts für Himmel, links – rechts – links für Wasser und rechts – links – rechts für Feuer. Die viersilbigen Ausdrücke bezeichneten Dinge wie Herz (links – rechts – links – rechts) oder Liebe (rechts – links – rechts – links). Mit fünf Silben liessen sich dann schon kleine Sätze formulieren zum Beispiel rechts – rechts – links – rechts – links, was nach Astors Meinung ganz klar bedeutete: «Heute ist es heiss».
Einige der Ausdrücke kamen richtiggehend in Mode auf Santa Lemusa – auch ausserhalb der abendlichen Lektionen in der «Bar du Port». So wurde es etwa üblich, seinen Dekolaj durch eine links – rechts – links – links – rechts Bewegung zu bestellen – gemäss Astor hiess dies nämlich: «Ich habe Durst». Und wer nach einem Kuss verlangte, bewegte sich rechts – rechts – links – rechts – links. Dies allerdings führte manchmal zu Missverständnissen, denn das verwandte rechts – rechts – links – links – rechts bedeutete «Ich habe zu viel getrunken». – Insgesamt aber zuckte halb Santa Lemusa im Rhythmus der Palme fröhlich vor sich hin. Astor betrieb seine Konversationen am Strand und verfeinerte laufend sein Vokabular. Pierre machte glänzende Geschäfte und seine französische Gehilfin himmelte ihn an.
An einem Sonntag im Juli aber passierte es. Leila war mit 100 Kilometern pro Stunde zwar wirklich kein Jahrhundertzyklon, ja sie erreichte nicht einmal Hurrikanstärke. Und abgesehen von ein paar schlecht befestigten Fischerboten, die von einer kleinen Springflut aufs Land geworfen wurden, richtete Leila nur wenig Schaden an. Der Zufall aber wollte es, dass ein Ruderboot, das vor dem Strand von Lugrin festgemacht war, ausgerechnet gegen Astors Palme geschleudert wurde. Der Stamm brach entzwei und die Krone wurde von nachfolgenden Wassern auf dem Strand zermalmt, die Stücke von den Winden über die halbe Insel verteilt.
Leila erreichte ihren Höhepunkt mitten in der Nacht, doch auch am nächsten Morgen prasselte der Regen noch aus allen Richtungen auf die Insel nieder und richtete da und dort kleinere Überschwemmungen an. Trotzdem kämpften sich viele Leute bis zum Strand von Lugrin durch, wo das Meer immer noch mit bedrohlicher Wucht gegen das Ufer krachte. Astor sass, völlig durchnässt, vor seiner Palme, die wie ein riesiger Holzsplitter aus dem Boden ragte. Er bewegte sich nicht und hielt seine Augen geschlossen. Scheu traten die Leute zu ihm heran, doch niemand wagte es, ihn anzusprechen oder gar zu berühren und also standen sie stumm in einem Halbkreis um ihn herum. Einzig Pierre getraute sich, dem Freund ein Cape über die Schultern zu legen. Drei Tage lang ging das so und ohne Unterlass waren Leute da, die Pierre auf diese stumme Weise ihre Anteilnahme ausdrücken wollten. Irgendwann hörte der Regen auf und die Sonne verwandelte die Nässe in schweren Dunst, der sich über alles legte und auch das Gemüt zu Boden drückte. Astor sass unbewegt da und hielt seine Augen geschlossen. Gegen Abend des dritten Tages jedoch kam plötzlich Leben in ihn, ganz sanft begann er seinen Oberkörper hin und her zu wiegen, nach einer Weile öffnete er die Augen und ja, er lächelte sogar.
«Gib mir dein Messer», sagte er zu Pierre, der mit sorgenvollem Gesicht dicht bei ihm stand. Nach einigem Zögern reichte ihm der Wirt die kleine Machete, mit der er gewöhnlich Kokosnüsse für einige seiner Drinks zu zerteilen pflegte. Astor trat an den Baum heran und machte sich mit dem Messer an dem Stamm zu schaffen. Nach einiger Zeit löste er ein grosses, röhrenartiges Stück aus dem innersten Kern der Palme und packte es sanft in sein Hemd. – Gefolgt von einem ganzen Trupp von Leuten, die sich gegenseitig etwas ratlos anschauten, schritt Astor nun in Richtung Stadt davon. Man gelangte zur «Bar du Port», wo sich Astor in der Küche einschloss. Lang standen die Menschen in der Bar herum, manche sprachen leise miteinander, andere nippten stumm an ihrem Rum. Niemand wusste, was er erwartete, niemand hätte sagen können, warum er blieb. Und doch wollte niemand gehen. Es war den Menschen als sei mit der Palme auch ein Stück Freude aus ihrem Innern gewirbelt worden.
Nach drei Stunden, endlich, öffnete sich die Türe der Küche und Astor trat heraus. Über seinem Kopf balancierte er eine riesige Schüssel und sein Körper wippte hin und her links – rechts – links – rechts, der Rhythmus des Herzens. «Esst», sagte Astor und stellte die Schüssel auf einen Tisch. Ein nussartiges Aroma, eingehüllt in den Duft von Limetten und Knoblauch, machte sich im ganzen Raum breit. «Esst, es ist das Herz der Palme.» Einer nach dem anderen traten sie an die Schüssel heran, nahmen mit den Fingern ein Stück Palmherz heraus und assen es. Vielleicht lag es tatsächlich an diesem Palmstück, vielleicht aber auch nur daran, dass sie gemeinsam etwas taten – auf jeden Fall fühlten alle, wie ihnen ein frischer Wind durch die Herzen zu wehen begann. Und fast war ihnen, als spürten sie wieder der Rhythmus der Palme durch ihren Körper pulsieren.
Astor verliess noch in derselben Nacht die Insel. Niemand hat je erfahren, wohin ihn die Winde getrieben haben. Nur einmal, Jahre nach jenem denkwürdigen Abend in der «Bar du Port», erzählte ein Tourist aus Paris, dass er in einem kleinen Theater in Nizza eine Aufführung gesehen habe, die von einem alten Mann aus der Karibik inszeniert worden sei: «Le chant du kalparik», der «Gesang der Kalparik», habe das Stück geheissen – eine etwas bizarre Mischung aus Poesie und Tanz. Vielleicht war es ja wirklich Astor, der da im fernen Nizza das Lied von den Palmen seiner Heimat sang. Doch zu jenem Zeitpunkt gehörte die Geschichte von Astor längst einer entfernten Vergangenheit an – nur die ältesten Bewohner von Santa Lemusa erinnerten sich noch an jene Abende in der «Bar du Port», als sie mit Astor in der Sprache der Palme zuckten.
Pierre, der wenige Wochen nach Astors Verschwinden seine Französin geheiratet hatte, versuchte zwar, die Palmensprache weiterhin zu einem Markenzeichen seines Lokals zu machen. Er engagierte eine Band, die jeden Abend zu den von Astor überlieferten Rhythmen improvisierte. Allein mit der Zeit verschwanden die Figuren der Palme immer mehr im Klangkörper der Musik, bis sie sich schliesslich nicht mehr heraushören liessen. Die «Bar du Port» allerdings wurde so zu einem der begehrtesten Musiklokale der Stadt. – Nachhaltiger wirkte sich ein anderer Aspekt von Astors Geschichte auf die Gebräuche der Insel aus. Heute noch gehen die Bewohner von Santa Lemusa, wenn Zyklone ihre Verwüstungen angerichtet haben, an die Strände der Insel und lösen die Herzen aus den vom Unwetter gefällten Palmen. Um die richtige Zubereitung allerdings ist, wie so oft auf Santa Lemusa, längst ein kulinarischer Streit entbrannt – und so glaubt heute jede Familie, dass nur sie allein über das originale Rezept von Astor verfügt. – Noch etwas anderes hat Astor auf der Insel mitgeprägt. Wer sich auf Santa Lemusa traurig oder verwirrt fühlt, der geht ans Meer und macht dort einen «Astor», wie das bis heute heisst: Er breitet die Arme waagerecht aus, schliesst die Augen und bewegt seinen Körper im Rhythmus von Wind und Wellen sanft hin und her: links – links – rechts – links – rechts – links – links – links – rechts – links – links – rechts – links – rechts – links – links…
First Publication: 7-2002
Modifications: 26-2-2009, 18-8-2011