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Payerne___________________12. August 2001, Mittag
Lieber Herr Beyeler
Sicher kennen Sie die rhythmisch gegliederte Raumwelt der Abbatiale in Payerne, in der zur Zeit die Ausstellung Peinture & Musique läuft, vielleicht hören Sie das stetige Plätschern des Brunnens im Innenhof der Abteikirche und das Gurren der Tauben, wenn ich Sie mit Worten hierher verführe, hinein in die braun gelb roten Farbabstufungen der Backsteinmauer, hinein in die Graugrün - und Brauntöne der Sandsteinquader bis zum Smaragdgrün der Dachziegel des Turms und zu den vier goldenen Kugeln auf den Spitzen der vier kleinen Türmchen.
Die kleinen Fensterbogen, die Freskenfragmente, die Taubenfeder, die im feinmaschigen Fenstergitter steckt, die kleine vermauerte Türe an der Ostseite, bevor Sie zum Salle Cluny abtauchen, in der Backsteinmauer das Fragment eines angefangenen Bogens aus älterer Zeit und direkt unter der Dachrinne schwärmen Bienen, sammeln sich in der Hitze des Mittags wild um eine ausgeflogene neue Königin. Im Hintergrund das Hupkonzert einer Hochzeitsgesellschaft, die das verschlafene Städtchen durchquert.
Wenig braucht es, zwei drei weitere Schirmherrschaften, ein kleiner Zeitenwind der ins Gemäuer fährt und seine Strukturen noch stärker verwischt, und schon haben wir ein Gemälde von Mark Tobey. Drei kleine Gemälde von ihm werden in der Ausstellung der Abbatiale zu meiner Freude gezeigt. Bei der Composition, Nr. 59 verweile ich besonders lange:
Wie ein Traum auf dem Flussgrund taucht aus der Stille, in der nichts mehr die Bewegung des Werdens, den Strom des rhythmisch gegliederten Seins unterbricht, der Rundbogen aus Pavésteinen auf und verschwindet wieder, auf der Wasseroberfläche sind orange Wasserläufer unterwegs. Rhythmen tauchen auf und verschwinden verbinden sich mit andern Rhythmen, überlagern einander und sind doch alle abgestimmt auf einen geheimen gemeinsamen Hintergrundsrhythmus, dem sie alle verpflichtet sind: dem Tanzschritt des Bildes und mehr: dem Tanzschritt der Gemäuer im Hintergrund, in die das Bild gefügt ist.
Bei mir zuhause liegt der Ausstellungskatalog der Ausstellung von damals: Mark Tobey zum Achtzigsten, Dezember 1970 - Januar 1971, Galerie Beyeler:
„I like best to see in nature what I want in my painting. When we can find the abstract in nature we find the deepest art“
Erinnern Sie sich?
Ich schliesse mich den guten Wünschen an: Herzliche Gratulation auch von mir zu Ihrem Achtzigsten! Ich wünsche Ihnen weiterhin gute Energien zum Wirken und Leben.
Mit freundlichen Grüssen
Fritz Mühlemann
Es ist Mark Tobey, der John Cage bei einem Spaziergang in Seattle die Augen öffnet, indem er einfach sah, was es zu sehen gab. (Thomas Wagner, Die Musik der Stille, Art, September 2012)