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Trotz einem enormen Potenzial an Wasserkraft herrscht in Tadschikistan Strommangel. Die Menschen heizen daher mit Holz, was teuer ist, gravierende Folgen für die Umwelt hat und gesundheitliche Gefahren mit sich bringt. Mit Aufforstung und effizienteren Öfen kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden.
Tadschikistan, das ärmste Land der ehemaligen Sowjetunion, besteht zu über 90 Prozent aus Bergen und ist somit das Wasserschloss Zentralasiens. Jedes Jahr fliessen 64 Milliarden Kubikmeter Wasser durch das Land. Das Wasserstrompotenzial ist riesig (optimistisch geschätzt 527 Milliarden KWh/Jahr). Die Wasserkraft deckt 98 Prozent des Jahresstromverbrauchs. Jedoch wird das Potenzial bei weitem nicht ausgenutzt. Heute erreicht die jährliche Wasserstromproduktion kaum 16 Milliarden KWh. Die Stromnachfrage in Tadschikistan ist unter anderem deshalb besonders hoch, weil Heizalternativen nur beschränkt verfügbar sind. Während 44 Prozent des produzierten Stroms vom Wohnsektor verbraucht werden, gehen weitere 40 Prozent der Stromnachfrage auf das Konto der Aluminiumfabrik Talco. Zudem exportiert das Land Strom nach Afghanistan.
Im Winter, wenn die Nachfrage aufgrund der empfindlichen Kälte hoch ist, aber die Flüsse wenig Wasser führen, ist das Stromdefizit besonders ausgeprägt. Als Konsequenz wird der Strom in den ländlichen Gegenden streng rationiert, und man muss landesweit mit häufigen Stromausfällen rechnen. Über 70 Prozent der tadschikischen Bevölkerung lebt in ländlichen Gegenden. Ab Mitte Oktober bis April/Mai müssen die Leute auf dem Land aufgrund von Rationierungen mit drei bis sieben Stunden Strom pro Tag auskommen. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für ihr Leben sowie für die Umwelt.
Schlechte Luft wegen Holzheizungen
Ohne konstante Stromversorgung sieht sich die Bevölkerung gezwungen, alternative Heiz- und Kochmöglichkeiten zu nutzen. Somit werden landesweit Koch- und Heizöfen eingesetzt, die auf dem Land hauptsächlich mit Holz beheizt werden. Die Familien holen Holz aus den wenig bewaldeten Zonen um die Dörfer. Diese zeitintensive Arbeit wird vornehmlich von Kindern erledigt. Als Brennstoff stellen Frauen und Mädchen im Sommer auch „Mistkuchen“ her: Der Dung wird auf den Feldern gesammelt, mit Stroh gemischt, und von Hand in eine Kuchenform geknetet, bevor sie ihn in der Sonne trocknen. Wenn die eigene Holzsammlung nicht reicht, muss Holz gekauft werden. Laut einem Bericht der Weltbank entsprechen die monatlichen Ausgaben der ärmsten ländlichen Haushalte für Energie im Winter 25 Prozent ihres Einkommens. Die Familien reduzieren lieber ihre Ausgaben für Nahrungsmittel und Kleidung als jene für Energie. Auch Schulen und Krankenhäuser sind mit Stromrationierungen konfrontiert, was ihre Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt. Die ortsüblichen Holzöfen ermöglichen es der ländlichen Bevölkerung zwar, stromunabhängig ihre Häuser zu beheizen und zu kochen. Doch ihre Nutzung hat gesundheitliche Konsequenzen: Tadschikistan gehört zu den 25 von Luftverschmutzungskrankheiten am meisten belasteten Ländern. Frauen sind besonders betroffen, denn sie sind traditionell für die Hausarbeiten zuständig.
Gravierender Schwund der Wälder
Die mangelnde Stromversorgung verursacht in Tadschikistan aber auch erhebliche Umweltschäden. Weil Holz zum Heizen und Kochen ständig gebraucht wird, werden in den ländlichen Gegenden das ganze Jahr Bäume gefällt, vorwiegend in der Nähe der Dörfer, aber auch immer weiter vom Dorf entfernt. Schätzungen zufolge war vor 100 Jahren rund ein Viertel der Landesfläche von Wald bedeckt. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind es heute bereits weniger als 3 Prozent. Die Folge davon sind häufigere Naturkatastrophen wie Überflutungen und Schwammlawinen.
Der Klimawandel ist in Zentralasien mit durchschnittlichen Erwärmungen zwischen 1950 bis 2000 von 1,2 bis 2,1 Grad Celsius weit stärker ausgeprägt als im globalen Durchschnitt, der bei 0,47 Grad liegt. Diese Tendenz zu stoppen ist nur möglich, wenn gezielte Aufforstung betrieben wird, um das Wasserschloss Zentralasiens zu erhalten. Erste Initiativen haben hier schon Wirkungen gezeigt, unter anderem auch durch Projekte von Nichtregierungsorganisationen wie der Caritas Schweiz. Neben Aufforstung ist auch ein effektives Weidemanagement wichtig. Es kann verhindern, dass umherstreunendes Vieh die Setzlinge der Wiederaufforstung zertrampelt und damit Erosionsprozesse beschleunigt.
Bessere Weidenutzung, Aufforstung und optimierte Öfen
Der Staat kann die Probleme des Landes nur beschränkt lösen, und die Zivilgesellschaft ist zu schwach organisiert, um diese Herausforderungen selbst anzugehen. In Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen, Regierungsbehörden und internationalen Gebern wie der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) wird versucht, die Zivilgesellschaft sowie private Wald und Weidenutzer zu befähigen, ihre natürlichen Ressourcen selber nachhaltiger zu bewirtschaften. Das ist auch der Fall in einem von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziertem Aufforstungsprojekt, in dem Forstnutzer Nutzungsrechte von staatlichen Forstbetrieben überschrieben erhalten. Dies motiviert die Nutzer, den Wald in ihrem eigenen Interesse nachhaltig zu bewirtschaften, und hilft dem Forstamt, ihre Wälder vor Raubbau durch Dritte zu schützen.
Holz als Brennstoff ist ein wichtiger Aspekt der Forstwirtschaft. Daher muss auch bedacht werden, wie die Nachfrage verringert werden kann. Effiziente Heiz- und Kochtechnologien spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die grosse Herausforderung ist es Öfen zu bauen, die weniger Holz brauchen, dafür aber mehr können, sparsamer und trotzdem günstig sind. Mit effektivem Knowhow-Transfer und Einbezug von lokalen Schmieden und Ofenherstellern ist das durchaus machbar.