Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/2531

«Entartete» Musik als Lebensretterin
Erschienen im jüdischen Wochenmagazin tachles am 28. April 2023.
Die Geschichte von Goebbels’ Jazz Band ist aussergewöhnlich. Wie sind Sie darauf gestossen und was hat Sie motiviert, ein Buch darüber zu schreiben?
Ich bin über eine Familienrecherche auf das Thema gestossen. Ich habe zwei Vorfahren, die in Bern wegen Hochverrats geköpft wurden. Im Zuge meiner Studien zu diesem Thema stiess ich auch auf den Radiomoderator William Joyce, der ja untrennbar mit Mr. Goebbels Jazz Band verbunden ist. Joyce wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auch wegen Hochverrats hingerichtet. Ich bin dann der Frage nachgegangen, welche Rolle die Band im Zuge der nationalsozialistischen Propaganda unter Joseph Goebbels spielte. Die Tatsache, dass die Musiker während des Zweiten Weltkriegs als Propagandamittel für einen deutschen Auslandsender in Grossbritannien «entartete» Musik wie Jazz spielten und unter den Musikern auch Homosexuelle, Juden und Ausländer waren, hat mich fasziniert. Immerhin haben rund sechs Millionen Briten der Musik täglich im Radio gelauscht. Das natürlich auch vor dem Hintergrund, dass BBC massiv zensiert wurde und viele Menschen daher Auslandsender hörten.
Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Ich habe erst über die Band und ihre Mitglieder gelesen, wobei die Quellenlage sehr komplex ist. Schliesslich habe ich mich auf Musiker fokussiert, die von Anfang bis Ende in der Band waren, deren Schicksale aber natürlich sehr unterschiedlich sind. Anschliessend habe ich verschiedene Schauplätze besucht und bin auf den Spuren besonders von William Joyce gewandelt. In der Band spielten auch Juden oder Homosexuelle, die sonst verfolgt worden wären oder an der Front hätten dienen müssen. Diese Musiker haben um ihr Überleben gespielt. Genau. Ein Gegenbeispiel ist ja der jüdische Jazzgitarrist Coco Schumann, an dem man gut sieht, wie es den Männern ergehen konnte, wenn sie nicht in der Band spielten. Er hat den Todesmarsch 1945 glücklicherweise überlebt.
Die Mitgliedschaft in Mr. Goebbels Jazz Band war für die Musiker tatsächlich eine Frage über Leben und Tod. In Ihrem Buch geht es immer wieder um Wahrheit und Fiktion. Wie detailtreu ist der Roman?
Da es um Propaganda geht, ist dies natürlich eine der zentralen Fragen im Roman: Was ist wahr, was falsch? Was sind Narrative, die uns besser passen und die wir glauben möchten? Sämtliche Adressen, Telefonnummern, U-Bahnlinien, Daten und Biografien stimmen im Wesentlichen. Auch viele der Dialoge sind tatsächlich genau so überliefert worden. Margaret, die Frau von William Joyce, ist eine wichtige Quelle, da sie nach dem Zweiten Weltkrieg an einer Biografie über ihren Mann beteiligt war. Interessant ist ja auch, dass William Joyce sich in Berlin in Anspielung auf seinen Nachnamen William Fröhlich nannte, auch dieses Detail passt zur Frage nach Wahrheit und Fiktion.
Sie schreiben, dass das Wesen der Propaganda und der literarischen Fiktion aufs Eigenartigste kurzgeschlossen ist.
Es scheint mir tatsächlich, dass Propaganda und die literarische Fiktion sehr viele Ähnlichkeiten aufweisen. Man erzählt auch beim Romanschreiben Dinge, von denen wir glauben, dass sie wahrscheinlich so geschehen können. Ist dies nicht der Fall, ist Literatur kaum überzeugend. Auch die Propaganda arbeitet nicht unbedingt mit Wahrheit, sondern vielmehr mit Wahrscheinlichkeiten. Hier ähneln sich die beiden Verfahren, wobei die Intention natürlich eine ganz andere ist. Mit einem Roman möchte ich Dinge zur Diskussion stellen oder aufzeigen, aber ich möchte niemanden zu einer Handlung oder Tat instrumentalisieren. Spannend ist, dass die Propagandisten während des Nationalsozialismus genau kontrolliert haben, was bei Hörerinnen und Hörern ankommt. Sie haben ihr Programm immer wieder angepasst. Die antisemitischen Songtexte waren zum Beispiel in England weniger beliebt als beispielsweise Spitzen gegen Churchill oder die Klassengesellschaft allgemein. Goebbels war mithilfe seiner Geheimdienste sehr gut darüber informiert, was für eine Meinung über William Joyce und die Jazz Band herrschte.
William Joyce oder Fröhlich war auf Sendung auch bekannt als «Lord Haw Haw». Wie kam er als Brite dazu, in Deutschland für das Auslandspropagandaradio zu arbeiten?
Er war gebürtiger Ire mit amerikanischer Nationalität. In England ist er zum Faschisten und Nationalsozialisten geworden. Schliesslich ist er mit seiner Frau Margaret aus England geflohen, weil er anonym vor einer Verhaftung gewarnt worden ist. Beide flohen 1939 nach Berlin, wo sie gewisse Kontakte zu Nazis hatten. Joyce hat dann relativ schnell als Radiomoderator eine Stelle gefunden, wofür er aufgrund seiner politischen Ausrichtung geeignet war. Er hat vermutlich einen Grossteil der Texte jener Propagandasongs geschrieben, die danach vom Jazzorchester gespielt wurden.
Die Propaganda-Aktionen von Goebbels, entartete Musik oder verbotenen Swing zu produzieren, scheinen auf den ersten Blick bizarr zu sein.
Absolut. Beliebt war zum Beispiel ein Stück vom amerikanischen Juden Benny Goodman, das auch noch aus dem Olympiajahr 1936 bekannt war. Natürlich war ein Song wie dieser eigentlich strengstens verboten. Ebenso wie andere Jazz-Stücke, die als «entartet» galten. Um den Engländern zu gefallen, war dann aber genau diese verbotene Musik hinter den geschlossenen Türen des Aufnahmestudios wieder gefragt.
Wie war der Erfolg der Jazz-Band? Sie trat ja nicht nur live für das Auslandradio auf, sondern spielte auch in Clubs.
Die Band spielte einerseits jeden Vormittag live für den deutschen Auslandsender «Germany Calling» in England. Sie übte in einem Matratzenlager, das direkt neben dem Haus des Rundfunks in Berlin lag. Es wurde dort geprobt, weil die Radiostudios komplett überfüllt waren, denn das Auslandradio sendete von 1939 nach Polen, Frankreich, Dänemark und in andere Nachbarländer. Bis 1941 wurde das Angebot sogar bis nach Chile oder Brasilien ausgedehnt. Neben den Live-Aufnahmen trat die Band auch in Clubs auf, in unterschiedlichen Kombinationen und unter verschiedenen Namen. Berlin ist nicht ohne Grund als Jazz-Metropole im Krieg bekannt. Goebbels war es auch wichtig, den Schein der Normalität zu wahren. Anders als in anderen deutschen Städten wurde deshalb in Berlin der Betrieb von Kinos, Bars und Vergnügungslokalen so lange wie irgend möglich aufrechterhalten.
Im Fokus des Romans steht auch der Schweizer Autor Fritz Mahler, der einen Propagandaroman über die Band schreiben und deren Erfolg dokumentieren soll.
Die Figur Fritz Mahler ist eine Fiktion von mir. Es ging mir darum, die Welt und das Propagandaministerium so zu beschreiben, wie es zur damaligen Zeit gesehen wurde. Ich wollte nicht als wissender Erzähler aus der heutigen Zeit heraus berichten und brauchte daher eine Stimme, die Dinge von aussen betrachtet und selber eigentlich nicht versteht, was in Berlin läuft. Mahler stellt daher viele Fragen im Buch und dient mir als wichtige Recherchefigur.
Im Fokus steht auch die Absurdität der nationalsozialistischen Gesetzgebung, wenn der Schlagzeuger Fritz Brocksieper sagt, er sei zu wenig Jude, um von der Wehrpflicht befreit zu sein, aber zu viel, um als Deutscher durchzugehen.
Ich finde ohnehin die Bezeichnungen sehr spannend. Warum spricht man von einem Halbjuden, aber nicht von einem Halbdeutschen? Man war auch Vierteljude und nicht Dreivierteldeutscher. Diese Absurditäten wollte ich aufzeigen. Halb- und Vierteljuden wie Brocksieper hatten in Deutschland durchaus Sorge davor, eingezogen zu werden – und so bot ihm die Jazz-Band Schutz vor einer doppelten Misere.
Im September 1943 wird die Band nach Stuttgart verlegt, Joyce bleibt in Berlin. Die Band aber sollte mitten im Krieg immer weiterspielen …
Auch der Sänger der Band, Charlie Schwedler, der vom Auswärtigen Amt angestellt wurde, ist in Berlin geblieben. Die Band hat aber von Stuttgart aus weiterhin produziert. Aus dieser Zeit gibt es praktisch keine Aufnahmen mehr. Aus der Berliner Zeit gibt es aber zahlreiche Schallplatten der Band, viele von ihnen befinden sich in privatem Besitz. Die meisten Bandmitglieder haben im Nachkriegsdeutschland als Musiker schnell wieder Fuss gefasst. Die Bandmitglieder haben das Ende des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart oder Tübingen überlebt und wurden recht zeitnah zur Unterhaltung der amerikanischen Truppen angeheuert.
Nach 1945 trat die Band vor amerikanischen Soldatenclubs auf.
Das US-Truppenblatt «Stars and Stripes» schrieb auf ihrer Titelseite: «We got Goebbelsʼ Band». Ein kleiner Kern der alten Band ist dann in Deutschland, dem Ödland des Jazzʼ, wieder durchgestartet. Die Musiker haben sehr schnell wieder Fuss gefasst und wurden teils auch in den Hausorchestern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angestellt. Brocksieper beispielsweise ist eine wichtige Figur in der Jazzgeschichte im Nachkriegsdeutschland. Er hat erst Ende der 1980er-Jahre Interviews über diese Zeit gegeben, bis dahin war es recht schwierig, Stimmen aus der damaligen Zeit zu finden. William Joyce wurde zum Tode verurteilt.
Entdeckt wurde er vom deutschen Juden Horst Pinschewer, der während des Zweiten Weltkriegs nach Grossbritannien geflohen war und als Geoffrey Perry dort in die Armee eintrat. Klingt auch wie eine unglaubliche Geschichte, ist aber wahr?
Ja. Geoffrey Perry war auch an der Befreiung von Belsen-Belsen beteiligt. Er war es, der William Joyce – eher per Zufall – aufgespürt hat, was zu dessen Verurteilung und zu dessen Tod geführt hat. Ein aus Deutschland geflohener Jude in der britischen Armee hat also den britischen Moderator, der nach Nazi-Deutschland floh und dort Karriere machte, ausfindig gemacht.
Aus welchem Grund schreibt ausgerechnet der ehemalige Berner Magistrat Samuel Tribolet aus dem 17. Jahrhundert das fiktive Nachwort Ihres Buches?
Mit ihm schlage ich einen Bogen zu meiner Familiengeschichte. Tribolet hat den Bauernkrieg 1653 ausgelöst, er war letzten Endes auch für die Hochverratsgeschichte in meiner Familie zuständig. Er war sehr korrupt und wurde am Ende selbst hingerichtet. Dieses Nachwort ist ein kleiner Seitenhieb meinerseits, das aber auch auf die immer wiederkehrende Thematik «Wahrheit oder Fiktion» lenken soll. Es ist ja mein Ansinnen, dass die Leserinnen und Leser sich nach der Lektüre meines Romans Fragen über das Wesen von Propaganda stellen.
Demian Lienhard: Mr. Goebbels Jazz Band. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2023.