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In den Staaten des «Real existierenden Sozialismus» war die berufliche Gleichberechtigung der Frau aufgrund der dringend benötigten Arbeitskräfte schon sehr früh eine Selbstverständlichkeit. Im Westen erkannte man hingegen das Potential der Frauen im Arbeitsprozess erst viel später. In den Ostblockstaaten kam dem Krippenwesen daher eine eminent wichtige Rolle zu. Lange Zeit galt die realsozialistische Kleinkinderbetreuung auch bei uns im Westen als vorbildlich. Erst mit der Zeit und nach Öffnung der Akten konnten Forscher ein objektiveres Bild dieser Kindertagesstätten zeichnen, das neben den klugen und guten Ansätzen auch auf die Schattenseiten und Schwächen dieser Institutionen einging.
Staatlicher Ausbau der Krippen
Anfangs 1950er Jahre wurden in der Tschechoslowakei ein Viertel aller Kleinkinder in Krippen untergebracht. Die Nachteile dieser kollektiven Betreuung infolge des Mangels an geistig-seelischem Erleben der Kinder erlebten Eltern und Pflegepersonal hautnah. Trotz ungewisser Akzeptanz der Bevölkerung wollte der Staat die Krippen weiter ausbauen, und um dafür zu werben, wurde Anfang der 1960er Jahre ein Film mit wissenschaftlichem Anstrich in Auftrag gegeben. Die tschechoslowakische Regierung erhoffte sich eine positive Darstellung und er sollte den Vorteil von Kinderkrippen gegenüber der Familie betonen, denn die damalige Politik sah vor, dass Frauen berufstätig und Kinder währenddessen tagsüber in Heimen untergebracht waren. Der Regisseur Kurt Goldberger zog als Fachberater die Psychologen Dr. Marie Damborska und Zdeněk Matějček bei, die bereits eine Reihe von Untersuchungen über die Folgen der kollektiven Unterbringung von Kleinkindern durchgeführt hatten und in Fachkreisen bekannt waren.
Tschechische Kinderpsychologische Schule
Der Begründer der «Tschechischen Kinderpsychologischen Schule» Zdeněk Matějček (1922-2004), der unter anderem der Meinung war, dass eine Strafe nicht erzieht, wollte ursprünglich Lehrer werden. Da ihm der Staat nicht erlaubte, den Lehrerberuf auszuüben, begann er im Prager Institut zu arbeiten, wo er sich an den Forschungen über verschiedene Lernstörungen beteiligte und sich später der langfristigen Beobachtungen der Kinder (teilweise bis ins Erwachsenenalter) zuwandte, die ausserhalb ihrer eigenen Familie erzogen wurden und sozial gefährdet waren.
Bei diesen Beobachtungen befasste er sich mit der Frage nach den Grundbedingungen für ihre gesunde emotionale Entwicklung. Er untersuchte speziell Kinder, die einen grossen Teil des Tages in kollektiven Erziehungseinrichtungen verbrachten. Bei diesen Kindern stellte er teilweise schwerwiegende psychische Fehlentwicklungen fest, die er auf eine fehlende Bindung an eine konstante Bezugsperson und einen Mangel an gefühlsmässiger Zuwendung zurückführte. Seine Forschungsergebnisse stiessen unter den herrschenden politischen Verhältnissen bei den Behörden auf wenig positives Echo.
Deprivationsforschung
Matějček hat anhand eigener Vergleichsstudien und solcher aus dem damaligen Ostblock sowie internationaler Ergebnisse der Deprivationsforschung die Ursachen geistig-seelischen Mangelerlebens des Kindes in verschiedenen Lebenssituationen (Heime, Krippen, Horte, Familie) sowie diesbezügliche Schutzfaktoren beschrieben.
Er prägte den Begriff «psychische Deprivation», der einen psychischen Zustand des Organismus bezeichnet, der durch ungenügende Befriedigung der grundlegenden seelischen Bedürfnisse entsteht. Dieser Zustand kann entstehen, wenn es nicht gelingt, eine enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehung zum Mitmenschen aufzubauen (Bindungstheorie).
Die Untersuchungen zeigten, dass bei der vollständigen Kollektivbetreuung (Heime, Wocheneinrichtungen) der Einfluss der Familie gering ist, während bei der partiellen Gemeinschaftserziehung (Tageseinrichtungen) die Rolle der Familie als besonders wichtig erkannt wurde.
Gefährdungspotenzial
Das Gefährdungspotenzial für eine psychische Deprivation unterschied er nach den folgenden drei Dimensionen:
- nach dem Ausmass, wie einzelne Einrichtungen die Erziehung der Familie ergänzen (Tageskrippen, Horte, Ganztagesschulen) oder ersetzen (Heime, Wochenkrippen),
- nach der Altersabstufung (Säuglinge, Kleinkinder, Kindergarten- und Schulkinder),
- nach dem Erziehungskonzept und den Persönlichkeitsfaktoren der Erzieher (Grossgruppen, Kleingruppen, Tagesmütter).
Die Untersuchungen zeigten, dass bei der vollständigen Kollektivbetreuung (Heime, Wocheneinrichtungen) der Einfluss der Familie gering ist, während bei der partiellen Gemeinschaftserziehung (Tageseinrichtungen) die Rolle der Familie als besonders wichtig erkannt wurde.
Je nach Einstellung und Persönlichkeit der Eltern zum Kind können die Krippen zu einem „Heim“ oder zu einer Stätte fruchtbarer erzieherischer Zusammenarbeit mit einem Entwicklungsstimulus werden. Als komplizierende Faktoren, die elterlicherseits etwa als Reaktion auf die Trennung vom Kind in Erscheinung treten, wurden zum Beispiel übertriebene Angst, Schuldgefühle, eine Kompensation der Trennung durch vorbehaltlose Nachgiebigkeit sowie ein Drang nach stetiger Sicherung der Liebe des Kindes festgestellt.
«Die Ärzte haben ganz klar festgestellt, dass die Kinder, welche täglich mehrere Stunden in einer Krippe verbringen, öfter krank sind. Ihre Immunität ist schwächer und ihr Verhalten – das haben die Krankenschwestern in der Krippe beobachtet, aber auch Eltern und Psychologen – war emotional labil, manchmal auch aggressiv gegenüber anderen Kindern. Denn das Zusammensein mit vielen anderen Kindern bedeutete Stress.» (Dr. Jaroslav Sturma, Schüler und Mitarbeiter von Matějček)
Positive Einflüsse
Matějček hob immer die Bedeutung des Familienmilieus für die Entwicklung des Kindes hervor. Er konnte beweisen, dass die Deprivation wieder geheilt werden kann, wenn das Kind aus einem Heim in die Familie zurückkehrt.
Die teilweise Gemeinschaftserziehung (Tageskrippe) kann dort einen positiven Einfluss ausüben, wo die Erziehung in der Familie vernachlässigt wird oder emotional unausgeglichen ist. Dem täglichen Kontakt der Eltern mit dem Fachpersonal einer Kinderkrippe kommt volksbildende Bedeutung zu, wobei gezielte Beratung ausserhalb der Krippen als wirksamer und dauerhafter angesehen wurde.
Vergleiche von Krippenkindern mit Kindern, die nur in der Familie lebten, zeigten teilweise eine ungenügende Gefühlsstimulation sowie eine gewisse Reifeverspätung in sozialer und emotionaler Hinsicht auf der Seite der Krippenkinder, die vorwiegend von der Persönlichkeit und Gefühlssituation der Erzieher abhing.
Verbreitung der Forschungsresultate
Das Resultat dieser Forschungen publizierte Matějček mit Josef Langmeier im Buch Psychische Deprivation im Kindesalter – Kinder ohne Liebe, das in verschiedene Sprachen übersetzt wurde und Eingang in die Fachwelt fand.
1963 entstand der Film Kinder ohne Liebe. Er zeigte jedoch, anders als von den Auftraggebern erwartet, negative Folgen der kollektiven Betreuung in damaligen Kindergärten und Wochenkrippen auf. Die Schlussfolgerungen von Damborska und Matějček wurden schon aus dem ersten Satz des Films deutlich:
„Was ein kleines Kind am Nötigsten braucht, ist die intensive und dauerhafte Gefühlsbindung zur Mutter. Wird dieser Kontakt unterbrochen und erhält das Kind keine Ersatzperson, zu der es ähnliche Beziehungen aufnehmen kann, so stellen sich seelische Schädigungen ein. “
Die sozialistischen Auftraggeber waren empört und reagierten mit einer Rufmordkampagne gegen die Autoren. Der Film selbst wurde verboten, die Kopien unter Verschluss gestellt.
Verbesserungen in Familiengesetz und Betreuungskonzepten
Die sozialistischen Auftraggeber waren empört und reagierten mit einer Rufmordkampagne gegen die Autoren. Der Film selbst wurde verboten, die Kopien unter Verschluss gestellt. Eine illegal hergestellte Kopie des Films konnte ausser Landes gebracht werden und wurde 1963 auf dem Filmfestival von Venedig aufgeführt. Er erhielt drei Auszeichnungen und wurde auch im Westen und in der breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Die Forschungsresultate fanden in Fachkreisen Beachtung und zogen unmittelbare Verbesserungen in den Betreuungskonzepten dieser tschechischen Einrichtungen nach sich.
Die internationale Bekanntheit, die der Film auf dem Filmfestival erreichte, schützte Matějček und seine Mitarbeiter vor der Verfolgung durch den kommunistischen Staat. Gemäss dem Psychologen Jaroslav Sturma war die positive Wirkung des Films so eindeutig, dass der tschechische Staat in den 1960er Jahren seine Familienpolitik ändern musste und im neuen Familiengesetz die Familie wieder den ersten Platz in der Erziehung des Kindes bekam. Die Forschungsresultate fanden in Fachkreisen Beachtung und zogen unmittelbare Verbesserungen in den Betreuungskonzepten dieser tschechischen Einrichtungen nach sich. Dank Matějček sah die Erziehung in den tschechischen Kinderheimen anders aus als in anderen osteuropäischen Ländern.
„Es gibt vieles, was wir noch lernen sollten. Die kleinsten Kinder verstehen wir immer noch nicht so richtig, weil uns das Kind nichts mitteilen kann. Wir versuchen sein Verhalten nur zu entschlüsseln und vermuten oder schätzen ab, was das Kind in etwa erlebt. Wir können uns davon aber durch kein Experiment überzeugen.“
Zdeněk Matějček
Matějček arbeitete von 1951 bis 1969 am Prager Institut für Sozialpädagogik (ab 1953 Psychiatrische Kinderambulanz), wo er sich mit der Diagnose und Behandlung von Störungen und Entwicklungsmängeln bei Kindern in Säuglings- und Waisenhäusern befasste und die psychischen Bedürfnisse von Kindern und ihren Problemen erforschte. Von 1969 bis 1990 lehrte Matějček am Institut für Weiterbildung der Ärzte und Apotheker in der Pädiatrieabteilung des ILF. Mit Joseph Langmeier gründete er die Prager Schule der Klinischen Psychologie. Von 1959 bis 1977 lehrte Matějček gleichzeitig an der Fakultät für Psychologie der Karls-Universität in Prag klinische Psychologie und führte psychologische Beratungen durch. Matejceks Lehre, dass die Familie das wichtigste Milieu für die Erziehung der Kinder darstellt, war in den Zeiten der kommunistischen Erziehung unbeliebt, weshalb ihm der Professorentitel erst nach der Wende verliehen wurde. Um die Bedeutung der Entwicklungspsychologie zu unterstreichen, gründete er in den 1990er Jahren die Stiftung Professor Matějček, die die besten Dissertationen auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie auszeichnet. Er hatte einen bedeutenden Einfluss auf einige Generationen von Kinderpsychologen und Kinderärzten. International ist er durch sein Werk über die psychische Deprivation im Kindesalter und den Film «Kinder ohne Liebe» bekannt geworden.
Quellen:
Josef Langmeier, Zdenek Matějček: Psychische Deprivation im Kindesalter, Kinder ohne Liebe. Verlag Urban & Schwarzenberg, München 1977.
https://www.youtube.com/watch?v=oa4xRXFch8k Kinder ohne Liebe (Ausschnitt)
https://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts Kinder ohne Liebe (Ausschnitt)
Weser-Kurier vom 26.6.2019: Risiken der Krippenbetreuung https://www.weser-kurier.de/landkreis-osterholz/die-kleinkinder-leiden-unter-stress-doc7e41e5hg63qbsob7ux