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Am 18. August 1667 hielt Pfarrer Peter Rüedi seine erste Predigt in der neuen Kirche von Bözen, noch bevor diese eingeweiht und vollständig fertiggestellt war. Ein Untervogt namens Kaspar Amsler soll eine der neuen Kirchenglocken gestiftet haben. Leider gibt es dafür keinen schriftlichen Nachweis. Doch dank historischen Quellen aus dem 17. Jahrhundert, welche in unseren Archiven schlummern, erhalten wir dennoch einen Einblick in das Leben von Kaspar Amsler.
Der Berner Landvogt und das Amt des Untervogts
Die Herrschaft von Bern wurde hierzulande repräsentiert durch den Landvogt. Dieser war Patrizier und ein Vertreter der Berner Aristokratie. Er stand im Mittelpunkt der ganzen bernischen Verwaltung. Er regierte das Amt Schenkenberg mit seinen rund 5659 Einwohnern (gemäss Volkszählung von 1771). In den dazugehörenden 11 Kirchgemeinden war der Amtsuntervogt sein lokaler Stellvertreter.
Gemäss dem Historiker Max Baumann1) war das Amt des Untervogts die höchste Würde, die ein Untertan erreichen konnte. Seine Wahl erfolgte durch den Berner Rat, als oberstes politisches Gremium der Berner Regierung. Das Amt des Untervogt wurde normalerweise auf Lebenszeit verliehen. Da er den Berner Landvogt in schwierigen Geschäften beriet und bei Abwesenheit oder Krankheit vertrat, besass der Amtsuntervogt viel Einfluss und Macht. Andererseits stand er zwischen Mitbürgern und der Berner Obrigkeit, was ihn gelegentlich in Loyalitätskonflikte brachte. Die Amtsuntervögte stammten durchwegs aus der ländlichen Oberschicht.
Für die Kirchgemeinde Bözen mit den Dörfern Bözen, Effingen und Elfingen war es Kaspar Amsler, der während rund 25 Jahren das Amt des Untervogts innehatte von 1643 bis zu seinem Tod um 1668.
Das Bild zeigt das Gericht Bözberg bei einem üppigen Mal um 1566. Die beiden gleich gekleideten Männer hinter der Tafel sind vermutliche die beiden Untervögte Simon Burger ab Bözberg und Cunrat Herzog von Rein. Unten das Wappen des Gerichtes Schenkenberg.
Kaspar’s Taufe am 21. Dezember 1595
Kurz vor Weihnachten 1595 werden gleichentags insgesamt sieben Kinder getauft, für diese Zeit eine eher ungewöhnliche Anhäufung von Taufen. Vier Kinder waren aus Densbüren, das damals noch zur Kirchgemeinde Bözen (url) gehörte. Drei Kinder waren aus Bözen oder Effingen. Eines dieser Kinder war der zukünftige Untervogt Kaspar Amsler. Er wurde am 21. Dezember 1595 in der Kirche Bözen getauft. Seine Eltern waren Hans Amsler und Anna Falk aus Effingen.
Der Eintrag steht auf der nachträglich eingefügten Seite 89 im ersten Kirchenbuch der Kirchgemeinde Bözen von 1562 bis 1604:
Eodem die ein Kind toufft heisst
Caspar der Vatter Hanns
Amssler die Mutter Anna Falck
Zügen Caspar Büchli, Verena Vögttly
Kaspar Amsler und seine zwei Heiraten
Am 28. Juni 1624 heiratet Caspar Amsler eine Verena Büchli. Die beiden brachten in den nächsten 10 Jahren insgesamt 6 Kinder zur Taufe: zuerst Johannes im August 1625, dann Heinrich, Anna, Ursula, Verena und im Februar 1635 noch einmal eine Verena. Sehr wahrscheinlich starb die junge Mutter bei der Geburt dieses Mädchens.
Bereits ein Jahr später heiratet Kaspar Amsler zum zweiten Mal. Am 20. Juni 1636 heiratet er Anni Vögtli. Die beiden liessen zusammen 4 Kinder taufen: Margret, Heinrich, Jacob und Catrina.
Es muss sich bei diesen beide Ehen um denselben Kaspar Amsler handeln. Von den beiden Amsler Familien, die damals in Effingen wohnhaft waren, taufte nur die Familie des Hans Amsler und der Anna Falk (siehe oben) einen Knaben auf den Namen Kaspar.
Kaspar Amslers Rolle als Untervogt hilft uns auch bei der Familienforschung. Nach seinem Tod erscheint die Bezeichnung „Vogt’s Sohn“ in den Effinger Gerichtsakten gleich für zwei Söhne von Kaspar. Sowohl Hans aus der ersten Ehe, wie auch Jacob aus der zweiten Ehe werden erwähnt als „Vogt’s Sohn“.
Tanzen verboten
Die Hochzeit von Kaspar und Anna wurde am 10. Juli 1636 in der Taverne „zur Glocke“ in Effingen gefeiert. Dass an diesem Fest getanzt wurde, blieb leider kein Geheimnis und erregte die Aufmerksamkeit des Chorgerichts.
Den 10. July sind citiert worden und ershinen
Baschi Hertzog, Jogli Hubeli, Caspar Brack
R. Baschi Heüwberger, Hans Schwartz, Felix Büchli
Item Ursula Prack von Gallenkilch, Anni
Eichkärn, die Wirtin von Effigen samt ihrer
magt, Anni und Freni Schneitler, Rägel
Nussboum, und Elsi Prack.
Dise waren anklagt, sy heigind an Caspar
Amslers hochzyt getantzet, sind bekantlich,
bädten um gnad, verheisen besserung sind ge
straft worden: ein mansperson um 6 Gulden
Ein wybsperson um 10 Schilling.
Zusammenfassung der Transkription
Am 10. Juli 1636 mussten 6 Männer und 7 Frauen vor dem Chorgericht erscheinen. Darunter war auch die Wirtin der Taverne in Effingen, dem Gasthaus Glocke. Sie wurden angeklagt an Kaspar Amsler’s Hochzeitsfeier getanzt zu haben. Sie waren geständig, baten um Gnade und versprachen Besserung. Die Busse betrug 6 Gulden fier die Herren und 10 Schilling für die Damen.
Zwar versprachen die Gebüssten Besserung, das Tanzen war ein verbreitetes und vor allem unter den jüngeren Dorfbewohnern sehr beliebtes Vergnügen. So finden sich über die Jahre immer wieder Wiederholungstäter. Erst in der ersten Hälft des 18. Jahrhunderts wurde das Berner Tanzverbot von 1573 gelockert.
Kaspar Amsler, erstmals bezeugt als Untervogt 1643
Anlässlich einer Verleumdungsklage im August 1643 musste eine Zeugin befragt werden. Dem folgenden Auszug aus dem Chorgerichtsmanual entnehmen wir, dass die Befragung durch Kaspar Amsler und Hanß Fuchs durchgeführt wurde:
han deswegen dieselbig ins Pfrundhuss be
schickt, und dieselbig im bysin des undervogts
Caspar Amsler und Hanß Fuchsen ge
fragt ob sie etwas unehrlichs uff Rudi…
Dank dieses Verhörs haben wir den ersten Nachweis, dass Kaspar Amsler als Untervogt tätig war. Er übte dieses Amt somit seit mindesten 1643 aus.
Amtsrechnungen Schenkenberg - die Pest und der Tod von Kaspar Amsler
Zwei Einträge in den Schenkenberger Amtsrechnungen geben uns Hinweise auf Leben und Sterben von Kaspar Amsler. Damals war man der Obrigkeit für jeden Todesfall eine Abgabe schuldig, die der Untervogt einzuziehen und abzuliefern hatte. Dank diesen Aufzeichnungen wissen wir nicht nur, dass Kaspar Amsler in der Tat das Amt des Untervogts bekleidete, sondern auch dass er zwischen 1667 und 1668 starb, vermutlich an der damals grassierenden Pest. In den Schenkenberger Amtsrechnungen findet sich 1667 der nachstehende Eintrag:
So zahlt mir Undervogt Ambsler von Effingen. noch von
-18 Haußvätteren, so in der Kilchöri Bötzen, an der ley-
digen Seüch gestorben. in allem
Ann Pfennigen 17 Pfund 14 Schilling 8 Pfennig
Was sonst über diß, an der Contagion, für Haußvätter ge-
storben sind, deren todfahl hat biß dato nit können bezogen
werden; soll aber zu seyner Zeit, geliebts Gott, in troüwen
bezogen und verrächnet werden.
Zusammen gefasst benennt der Eintrag die Schulden für den Tod von 18 Haushaltsvorstehern. Die Todesursache ist die „leidige Seuche“. Der Untervogt Amsler von Effingen bezahlt die geforderte Summe. Die noch ausstehenden Abgaben für weitere Todesfälle aufgrund der „Ansteckung“ sollen zu seiner Zeit beglichen werden.
Im darauf folgenden Jahre 1668 liest man folgendes:
So zalt Undervogt Brack von Effingen die von Undervogt Amssler sel. verndrigen Jahrs in selbiger Kilchhöri, unbezogene Todtfähl. Annpf iii Pf xvii
Mit diesem Eintrag wird bezeugt, dass Untervogt Brack von Effingen die ausstehenden Abgaben bezahlt, welche vom verstorbenen Untervogt Amsler im letzten Jahr noch nicht beglichen worden sind.
Somit wissen wir etwas mehr über die damals grassierende Pest und ihre zahlreichen Opfer. Darunter war auch unser Untervogt Kaspar Amsler, der im Alter von rund 73 Jahren verstarb. Zwischen 1667 und 1668 wurde dessen Stelle neu besetzt durch Untervogt Brack von Effingen.
Obwohl die Totenrodel der Kirchgemeinde Bözen für diese Zeit fehlen, wurde ausnahmsweise im 2. Kirchenbuch um 1668 eine Liste von 51 Pesttoten geführt. Der vorgenannte Kaspar Amsler fehlt auf dieser Liste und die Anzahl der Opfer war wohl noch weit höher.
Grundbesitz in Bözen und Effingen
Eine weitere aufschlussreiche Informationsquelle ist das Schenkenberger Bodenzinsurbar von 1625. Zusätzlich zur Auflistung der zinspflichtigen Güter finden sich hier auch deren Besitzer. In einem Nachtrag von 1652 wurde festgehalten, ob sich die Besitzverhältnisse geändert hatten.
In insgesamt acht Fällen lautet die Handänderung auf „Hans Amsler von Effingen, Vogts Sohn“, ähnlich dem folgenden Beispiel:
Besitzt Hanns Keller, 1652 hatt Hanss Amsler dess Vogts Sohn (Andere Hand)
Johannes (Hans) Amsler war der älteste Sohn Kaspars, er wurde 1625 geboren. Er heiratete 1647 Verena Brändli und verstarb dann allzu früh, vermutlich bereits im Alter von 32 Jahren. Vor seinem Tode kam er offensichtlich zu viel Land, sowohl in Effingen als auch in Bözen.
Diese Güter stammten entweder von seinem Vater oder aber er konnte diese in jungen Jahren erwerben. Weiteres ist über ihn nicht bekannt.
Der Untervogt Kaspar Amsler war der Grossvater des 1652 geborenen „Bäldi Hans“ über den wir einiges mehr berichten können. Auch dessen Ehefrau Anna Heuberger war recht bekannt in jungen Jahren und erschien mehrmals vor dem Chorgericht.
1): Max Baumann, „Rein und Rüfenach“ 1998