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Zugleich machte er sich, vermöge der aus der Völkerwanderung hervorgehenden politischen Entwickelung
des Westens, von dem oströmischen Kaiserregiment unabhängig, und schon unter den Karolingern konnten in der fränkischen
MonarchieStimmen laut werden, durch welche für den Papst, als den in der Kirche unbedingt herrschenden Stellvertreter Christi,
in allem, was kirchlich sei, die Unterordnung der Staatsgewalt beansprucht wurde. Allerdings setzten die
Päpste diese Ansprüche damals nicht durch, vielmehr behandelten auch noch die sächsischen und ersten fränkischen
Kaiser die Bischöfe nach wie vor als von ihnen angestellte und abhängige, vielfach auch weltlich von ihnen verwendete Beamte
und den Papst nur als den ersten dieser Reichsbichöfe ^[Reichsbischöfe].
ergab sich ein plötzlicher Aufschwung nicht bloß des kirchlichen Selbstbewußtseins, sondern auch seiner sozialen Machtmittel;
nach einer Übergangsperiode gegenseitigen Ringens wurde der Staat von der kirchlichen Genossenschaft für lange unterjocht.
Das in und von der Kirche damals zur Geltung gebrachte kuriale oder papale System beruht auf dem Satz, der Papst
sei Stellvertreter Christi, und fordert demgemäß seitens der übrigen Kirchenobern die Anerkennung, daß niemand von ihnen
kirchliche Regierungsgewalt besitzen könne, außer auf Grund päpstlicher Vollmacht, seitens der christlichen Staatsgewalten
aber die Anerkennung, daß sie jedem vom Papst in Christi, d. h. Gottes, Vertretung gestellten Verlangen als Christen zu gehorchen
haben.
Das zu Grunde liegende Prinzip einer religiösen Pflicht der Staatsobrigkeit, für richtigen Gottesdienst im
Lande zu sorgen, hatte indes noch einen konfessionell-kirchlichen Charakter. Als daher die religiösen Motive des 16. Jahrh.
allmählich zurücktraten und man sich humanistisch gewöhnte, auch die
Politik unmittelbar aus den Alten zu lernen, ersetzte
man jenes religiöse Prinzip vielfach durch die antike Idee, daß es in der Natur des Staats liege, auch
die religiöse Einheit seiner Bürger zu bedingen.
Diese in späterer Zeit als Territorialismus bezeichnete Auffassung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche wurde wissenschaftlich
von Hobbes, Spinoza, vor allen von Grotius vertreten. Aber dieser territorialistische Staat war ebenso unduldsam aus politischen
Gründen, wie es der landeskirchliche aus religiösen gewesen war: beide litten nur Eine Kirche im Land.
Nachdem dann der WestfälischeFriede (1648) den beiden deutschen Hauptkonfessionen ihren kirchlichen Besitzstand von 1624 garantiert
hatte, wurde es in einer Mehrzahl deutscher Staaten zur politischen Notwendigkeit: sei es protestantische oder katholische,
sei es zweierlei protestantische Kirchen zugleich im Land zu haben, und mehr und mehr machte sich jetzt
folgende Auffassung geltend: Die Kirchen sind Privatvereine, Kollegia, deren es in einem Staate die verschiedensten nebeneinander
geben kann.
Sie werden von demselben geschützt, zugleich aber im Interesse des öffentlichen Wohls beaufsichtigt und, wenn nötig, in der
Freiheit ihrer Bewegung umgrenzt. Möglich, daß der Staat sich bewogen findet, einen einzelnen Kirchenverein
ganz zu verbieten (reprobatio); möglich, daß er andern die Grenzen
[* 12] jener Bewegung enger oder weiter zieht; möglich, daß
er einen oder mehrere sogar mit Privilegien ausstattet: immer behält er neben seiner Pflicht, sie zu schützen (jus advocatiae),
das Recht, sie zu beaufsichtigen und eventuell zu beschränken (jus inspectionis et cavendi).
Sie hat das große Verdienst, für das Verhältnis des Staats zur Kirche ein richtigeres Prinzip, das der Toleranz, aufgestellt
zu haben, welches, von allen modernen Staaten angenommen, das heutige Staatskirchenrecht beherrscht. Allerdings
hat die römisch-katholische Kirche das Toleranzprinzip niemals förmlich anerkannt, wie sie schon das reformatorische Landeskirchentum
nicht anerkannte; sie hat vielmehr allen seit dem 14. Jahrh. gegen sie erhobenen Widersprüchen gegenüber ihr altes Kurialsystem
festgehalten.
Der Staat gestaltete sich nämlich aus dem polizeilich-absoluten in den konstitutionellen Rechtsstaat um. Durch das Repräsentativsystem,
durch die Öffentlichkeit des modernen Staatslebens, die Vereinsfreiheit und die Freiheit der Presse
[* 15] wird dem Einzelnen oder
dem Verein auch auf den gesetzgebenden und indirekt auf den verwaltenden Staatswillen selbst bestimmend einzuwirken ermöglicht;
insbesondere sind zur Leitung der politischen Wahlen soziale Einflüsse benutzbar, so daß dann die leitende
Genossenschaft, indem sie ihre Vertreter in die Gemeinderäte, Provinzialstände und Abgeordnetenkammern sendet, auf die Regierung
der entsprechenden Kreise
[* 16] einen Einfluß ausübt.
Die Staatsregierungen gingen hierbei von einer kollegialistischen Auffassung, nämlich davon aus, es gelte die Reorganisierung
solcher katholischer Religionsgesellschaften, deren je eine von den Katholiken eines Staats gebildet werde.
Die Kurie hingegen hielt den Gesichtspunkt fest, daß sie eine einzige über die Welt ausgebreitete und nicht bloß die Katholiken,
sondern rechtlich alle Christen umfassende Kirchengenossenschaft vertrete. Sie gab diesem Standpunkt, obwohl sie ihn gelegentlich
als einen für jetzt unpraktischen bezeichnet hat, in jenen Verhandlungen unverhüllten Ausdruck; die Regierungen
aber, die von der sozialen und staatlichen Entwickelung, welche bevorstand, noch keine Ahnung hatten, würdigten dessen politische
Bedeutung damals nicht; Bayern
[* 18] ging sogar so weit, sich in seinem Konkordat ihm äußerlich zu fügen, während Preußen
[* 19] jedes
Eingehen auf dergleichen Ansprüche ablehnte, indem es sich seine Kirchenhoheitsrechte und seinen Staatsangehörigen
die Gewissensfreiheit ausdrücklich wahrte. Dies Beispiel ahmten die übrigen unterhandelnden protestantischen
Regierungen nach.
In der
Praxis blieben aber noch längere Zeit nach dieser Reorganisationsarbeit die polizeistaatlichen Zustände lebendig;
der Umschwung der Gesinnungen, von welchem oben die Rede war, zeigte seine ersten Wirkungen nicht früher als in einer um Mitte
der 30er Jahre mit dem Erzbischof von Köln,
[* 20] KlemensAugust v. Droste, ausgebrochenen Streitigkeit. Die römische
Kurie hatte von jeher ihr Prinzip, daß es Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen
[* 21] nicht gebe, vielmehr der Protestant
nichts als ein im Bann befindlicher Katholik sei, unter anderm auf die konfessionell gemischten Ehen angewendet, hatte aber
in Deutschland, wenigstens im nördlichen, eine gelindere Praxis schon seit etwa 1740 teils zugelassen,
teils ignoriert.
Diese Praxiswar in den östlichen preußischen Provinzen günstiger für die Gleichberechtigung als in den später erworbenen
westlichen ausgebildet. Als nun die Regierung, welcher die Parität ein der katholischen Kirche gegenüber gewissenhaft geübtes
Staatsprinzip war, die Praxis der östlichen Bischöfe auch bei den westlichen erzwingen wollte, allerdings
nicht ohne Fehler in der Ausführung, fand sie dort so allgemeinen und so heftigen Widerspruch, daß sie vor demselben (1838)
zurückwich.
So vorbereitet trat diese Genossenschaft in das Jahr 1848 ein. Die Verfassungsentwickelung in den deutschen Einzelstaaten
war ihr im allgemeinen günstig: sie ließ ihr die privilegierte Stellung, vermöge deren zur Aufrechthaltung kirchlicher
Ordnungen der weltliche Arm zur Disposition blieb, garantierte ihr genossenschaftliche Selbständigkeit
und gab ihr die Freiheit, ihren sozialen Einfluß nach Kräften zu steigern und politisch zu verwerten. Aber sie beließ dem
Staat sein kirchenhoheitliches Aufsichts- und Einschränkungsrecht, dessen Aufgeben die Bischöfe im Sinn des römisch-kurialen
Systems gleichfalls gefordert hatten.
Nur duldete die preußische Regierung eine Reihe von Jahren hindurch thatsächlich, daß die Bischöfe die
der Kirche eingeräumte bedingte Selbständigkeit als unbedingte handhabten. In Österreich
[* 22] erlangte diese souveräne kirchliche
Selbständigkeit vermöge des 1855 mit dem Papst abgeschlossenen Konkordats auch prinzipielle und rechtliche Anerkennung. Für
Süddeutschland wurde Baden
[* 23] zum Angriffspunkt erlesen, wo zwei Dritteile der Unterthanen einer protestantischen Landesherrschaft,
die sich 1848 schwach gezeigt hatte, Katholiken waren.
Wirklich gelang es dem dortigen Landesbischof, nicht bloß die badische, sondern gleicherweise die benachbarte württembergische
Regierung, nicht ohne österreichische Unterstützung, so einzuschüchtern, daß sie von der kirchlichen Souveränität
des PapstesHilfe erbaten und dieselbe in Verträgen zugesichert erhielten (1857, 1859), in denen, soviel dies in
großenteils protestantischen Staaten für jetzt thunlich erschien, der Inhalt des österreichischen Konkordats reproduziert
ward, während auch die hessen-darmstädtische Regierung zu einem ähnlichen, vorderhand
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