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Francesco de Sanctis war nicht der einzige Revolutionär und Zuchthäusler, dem das liberale Zürich mit seinem neu gegründeten Polytechnikum Mitte des 19. Jahrhunderts eine Bleibe bot.
Auch Johann Gottfried Kinkel (1815-1882) war 1849 in Deutschland zum Tod und dann zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden, konnte jedoch 1866 am Zürcher Polytechnikum eine Professur für Archäologie und Kunstgeschichte antreten. Wie war diese abenteuerliche Wendung des Schicksals zustande gekommen?
Kinkel als Theologe, Politiker, Zuchthäusler und Exilant
Gottfried Kinkel, am 11. August 1815 als Sohn eines Pastors in Bonn-Oberkassel geboren, hatte ursprünglich in Bonn und Berlin Evangelische Theologie studiert. 1836 in seiner Heimatstadt zum Dozenten für Kirchengeschichte berufen, wurde er 1843 wegen einer als skandalös empfundenen Heirat mit der geschiedenen Katholikin und Schriftstellerin Johanna Mockel (1810-1858) von der Theologischen Fakultät ausgeschlossen. Kinkel konnte glücklicherweise und ganz seinen Neigungen entsprechend, in die Philosophische Fakultät wechseln, wo ihm 1846 eine ausserordentliche Professur für Kunst- und Literaturgeschichte übertragen wurde.
Als Journalist und späterer Redaktor bei der liberalen „Bonner Zeitung“ begann er sich immer stärker in der demokratischen Bewegung des politischen Vormärz zu engagieren. Zum überzeugten Republikaner geworden, galt er bald als eine der führenden Figuren der 1848er-Revolution.
Im Februar 1849 wurde Gottfried Kinkel als linksdemokratischer Kandidat in die Preussische Nationalversammlung gewählt, die im Frühling 1849 bereits wieder aufgelöst wurde, was die Republikaner auf die Barrikaden und zu den Waffen trieb. Kinkel beteiligte sich daraufhin am Siegburger Zeughaussturm im Mai 1849 und am badisch-pfälzischen Aufstand im Juni desselben Jahres, wurde gefangengenommen und zum Tode verurteilt. Der preussische König Friedrich Wilhelm IV. begnadete Kinkel, der zum Märtyrer der Republik zu werden drohte, schliesslich zu lebenslanger Haft. Dank der Bestechung eines Gefängniswärters durch die Ehefrau Kinkels gelang es dem 21jährigen Studenten Carl Schurz (1829-1906) – dem späteren Innenminister der Vereinigten Staaten von Amerika – unter Todesgefahr seinen ehemaligen Lehrer und Freund im November 1850 aus dem Spandauer Gefängnis zu befreien.
Nach dieser spektakulären Flucht landete Gottfried Kinkel im Exil in London, wo er zunächst als Dozent für deutsche Sprache an verschiedenen Colleges tätig war. Seine Frau Johanna gab Gesangs- und Musikunterricht.
Dear Madam,
It gave me great pleasure that by an easy arrangement with Miss Fox I have been able to accomplish your wishes in regard of the German Classes, and I hope you will have found your son in good health and a comfortable students bachelorhood.
Believe me, dear Madam,
Your faithfully
Gottfried Kinkel.
Brief vom 2. Juni 1852 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 129: 19, Gottfried Kinkel an Unbekannt, 02. Juni 1852)
Im Londoner Exil machte Kinkel sich vor allem als Kunsthistoriker einen grossen Namen. Er hielt im Auftrag der britischen Regierung ab 1861 Vorträge zur älteren und neueren Kunstgeschichte am South-Kensington Museum. Er soll damit den Grundstein zum Unterrichtsfach Kunstgeschichte in England gelegt haben.
1866 erreichte ihn schliesslich der Ruf ans Polytechnikum in Zürich als Professor für Archäologie und Kunstgeschichte.
„Denn das Schöne gehört nicht den Gelehrten: an ihm sich zu erfreuen ist jedem fühlenden Herzen gegeben“
Kinkel unterrichtete in Zürich fortan an der VII. Abteilung der Polytechnischen Schule, der Freifächerabteilung. Ein Blick in die damaligen Vorlesungsverzeichnisse zeigt, dass seine Lehrtätigkeit breit gefächert war, von kunstgeschichtlichen Themen bis über Vorlesungen zu Goethes „Faust“ oder Shakespeare, über den er in Englisch dozierte.
Weitherum bekannt wurde Kinkel in Zürich als Direktor der Archäologischen (Abguss-)Sammlung für seine abendlichen Führungen im „Antikensaale“, der Gips-Antikensammlung im Gebäude des Polytechnikums. Bis zu hundert Personen sollen jeweils daran teilgenommen haben. Die Führungen waren öffentlich und jede(r) konnte daran teilnehmen, sofern man eine Gebühr entrichtet hatte. „Denn das Schöne gehört nicht den Gelehrten: an ihm sich zu erfreuen ist jedem fühlenden Herzen gegeben“, schreibt er in der Vorrede (S. V) seiner Schrift über „Die Gypsabgüsse der Archäologischen Sammlung im Gebäude des Polytechnikums in Zürich. Erklärt von Gottfried Kinkel“, die er 1871 wegen grosser Nachfrage von Seiten des Publikums herausgab:
Titelblatt mit Widmung (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 129: 18)
Herrn Rudolf Bühlmann
Hochachtungsvoll
und in freundlicher Erinnerung an die Arbeitstage
in 14 B. des Polytechnikums
GKinkel.
Zürich 15. Oct. 1870.
Sehr verdient gemacht hat sich Gottfried Kinkel auch um die 1867 erfolgte Gründung des Kupferstichkabinetts, der heutigen Graphischen Sammlung der ETH. Die obige Widmung gilt dem Maler Rudolf Bühlmann (1812-1891). Mit dem Ankauf von dessen Sammlung, die gegen 11‘000 Einzelblättern und gegen 150 gebundene Stichwerke umfasste, konnte Gottfried Kinkel 1870 den Grundstock zur Graphischen Sammlung der ETH legen. 2017 wird die Graphische Sammlung an der ETH Zürich ihren 150. Geburtstag feiern.
Epilog: Der schön(geistig)e Gottfried, Dichter und Frauenschwarm
Gottfried Kinkel nahm auch vielerlei Kontakte zum literarischen und künstlerischen Zürich auf. Er bemühte sich um die Vermittlung von Gegenwartskunst, hielt Vorträge über zeitgenössische Malerei und Literatur, so auch eine Festrede am 19. Juli 1869 zu Gottfried Kellers fünfzigstem Geburtstag. Dieser führte den Erfolg Kinkels bei seinen Vorträgen – vor allem beim weiblichen Publikum – unter anderem auf sein gutes Aussehen zurück. Kinkel sei „ein schöner Mann“ bemerkte Gottfried Keller in einem Brief an Theodor Storm vom 26. Februar 1879, der mit beiden befreundet war. Keller selbst litt ja Zeit seines Lebens unter seiner untersetzten und korpulenten Gestalt.
Gottfried Kinkel, ca. 1880 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv: Portr_00159)
Kinkel konnte aber nicht nur elegant formulieren und brillant vortragen, sondern auch dichten. Er verfasste in jüngeren Jahren Dramen („König Lothar von Lothringen“, 1842 oder „Nimrod“, 1857), die in Vergessenheit gerieten, das Versepos „Otto der Schütz“ (1846), mit dem er einige Berühmtheit erlangte, und Gedichte, deren Veröffentlichungen mehrere Auflagen erlebten. Als Lyriker war er zweifellos begabter denn als Dramatiker.
Visionär war Kinkel nicht nur in Bezug auf die Gründung des Kupferstichkabinetts am damaligen Polytechnikum, sein Engagement beim „Feuerbestattungsverein“ (1874 in Zürich als „Leichenverbrennungsverein Zürich und Umgebung“ gegründet) sollte Schule machen. Kinkel vertrat aus hygienischen und ästhetischen Gründen die Kremation Verstorbener: „Begraben oder verbrannt werden?“ war hier die heftig diskutierte Frage. Kinkel prophezeite damals schon den zukünftigen Siegeszug des Kremierens. Die erste technische Feuerbestattung der Neuzeit fand in Mailand 1876 statt.
Gottfried Kinkels Wunsch, nach seinem Ableben kremiert zu werden, ging nicht in Erfüllung. Er verstarb am 13. November 1882 an einem Schlaganfall und wurde unter grosser Teilnahme von Professoren und Studierenden auf dem Centralfriedhof Zürich (heute Sihlfeld) erdbestattet.
Erst am 15. Juni 1889 konnte das schweizweit erste Krematorium im Centralfriedhof Zürich, das Krematorium Sihlfeld, eingeweiht werden. Es war das dritte in Europa. Heute werden über 80% der Verstorbenen kremiert.
Dem anderen Gottfried übrigens, dem berühmteren, der 1880 ebenfalls dem hiesigen „Feuerbestattungsverein“ beigetreten war, war die Erfüllung dieses Wunsches vergönnt. Drei Tage nach seinem Tod wurde Gottfried Keller am 18. Juli 1890 im neu eröffneten Krematorium des Centralfriedhofs Zürich eingeäschert.
Die Stadt Zürich hat Gottfried Kinkel 1875 das Bürgerrecht geschenkt. Im Hochschulquartier wurde die Kinkelstrasse nach ihm benannt.
Quellen:
Martin Müller: Adler bis Wesendonck: deutsche und andere Ausländer in Zürich 1830-1914. 156 biographische Porträts. Zürich 2012, S. 178-180
Im Hochschularchiv der ETH Zürich befinden sich Dokumente aus dem Nachlass von Gottfried Kinkel. Der Nachlass besteht vor allem aus Briefen Kinkels aus seiner Zeit in England und der Schweiz sowie aus einigen Manuskripten, vor allem Gedichte. Ferner ist ein Biographisches Dossier zu seinem Leben und Werk vorhanden. Zu seiner Tätigkeit am Polytechnikum liefert das Schulratsarchiv Informationen.
Weiterführende Literatur: Wolfgang Beyrodt: Gottfried Kinkel als Kunsthistoriker. Darstellung und Briefwechsel. Bonn 1979
Archäologische Sammlung heute an der UZH: http://www.uzh.ch/outreach/museums/archaeologische-sammlung.html