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Als soziale Lebewesen sind wir Menschen auf die Fähigkeit angewiesen, uns in andere Personen hineinzuversetzen. Indem wir die Perspektive des anderen einnehmen, unterstellen wir dieser Person eigene Gedanken, Gefühle, Meinungen, Bedürfnisse und gar Absichten und richten uns daran aus. Dieses Vermögen wird in der Psychologie als «Theory of Mind» (zu Deutsch “Theorie des Mentalen“) bezeichnet: Die aus dem Ich-Bewusstsein abgeleitete Erkenntnis, dass auch andere Lebewesen – insbesondere Artgenossen – über ein ähnliches Bewusstsein verfügen. Diese Fähigkeit des „Gedankenlesens“ entwickelt sich beim Menschen in den ersten vier bis fünf Lebensjahren. In ihrer Übertragung auf Tiere ist diese Fähigkeit der mentalen Zuschreibung hingegen sehr umstritten und auch nicht zu leicht nachzuweisen — wie es ja auch schon betreffs ihres Vermögens zum Denken, zu Emotionen und zu einem Ich-Bewusstsein der Fall war.
In diesem Beitrag wagen wir uns nun einen kleinen Schritt aus dem reinen Innenleben von Tieren hinaus in deren soziales Umfeld.
„Ich sehe was, was du nicht siehst…“
Sich in die Perspektive eines anderen hineinzuversetzen, kann je nach Situation unterschiedlich schwer sein. Relativ einfach ist zum Beispiel diese Situation: Ich verstecke eine Nuss und sehe, dass das jemand anderes beobachtet. Ich schlussfolgere daraus, dass auch der andere jetzt weiss, wo die Nuss steckt. Bekannt ist diese Theorie in der Wissenschaft als das «Competitive feeding paradigm». Den Wissensstand von Artgenossen in dieser Weise einschätzen können verschiedene Tierarten, beispielsweise Raben. Kognitionsbiologen der Universität Wien konnten dies anhand eines Experiments nachweisen, in dem sie das Konkurrenzverhalten von Raben nutzten. Raben verstecken gerne überschüssiges Futter und plündern auch mal die Verstecke anderer Raben.
In einem ersten Schritt ihres Experiments wiesen die Wissenschaftler nach, dass Raben ihr Futter nur dann gut versteckten, wenn Artgenossen in einem angrenzenden Raum sichtbar und gleichzeitig hörbar waren. In einem zweiten Schritt wurde den Raben ein Guckloch gezeigt, das ihnen erlaubte, in den Nachbarraum zu spähen. Wenn die Raben vom Nachbarraum Laute von anderen Raben hörten, versteckten sie ihr Futter in der gleichen Weise, als ob ihre Artgenossen sichtbar wären. Der Trick: Die Anwesenheit von Artgenossen wurde hier bloss über Playback-Laute simuliert. Die Raben konnten also das Verhalten von Artgenossen gar nicht beobachten und beurteilen. Trotzdem agierten sie, als ob sie selbst beobachtet werden. Daraus schliessen die Wissenschaftler, dass die Raben ihre eigene Fertigkeit – nämlich durch das Guckloch zu spähen und einen anderen Raben zu beobachten – auch von ihren Artgenossen erwarten.
Hunde wissen, dass wir nicht wissen
Eine weitere Methode, die Theory of Mind zu untersuchen, ist es, ein Tier den Wissensstand anderer einschätzen zu lassen. Bei Hunden wurde nachgewiesen, dass sie den Wissensstand von Menschen einschätzen können. Konkret konnten die Hunde bei einem Experiment unterscheiden, ob ein Mensch tatsächlich wusste, in welchem Behälter Futter für das Tier versteckt wurde – oder ob er nur so tat. Getestet wird diese Fähigkeit anhand des sogenannten «Knower-Guesser»-Experiments.
So geht’s: Eine Person versteckt Futter unter einem von vier Hütchen, wobei alle vier Hütchen nach Futter riechen — der Hund kann sich also nicht auf seinen Geruchssinn verlassen. Zwei weitere Leute sind dabei links und rechts von der Person positioniert, die gerade das Futter versteckt (ohne dass der Hund dabei die Handgriffe der Person mit dem Futter selbst sieht). Eine der beiden aussenstehenden Personen hat dabei den „Verstecker“ im Blick (Knower), die andere Person sieht von ihm weg (Guesser). Diese beiden Personen zeigen anschliessend je auf ein Hütchen — der wissende Beobachter zeigt auf das gefüllte, der andere auf eines der leeren. Die Hunde müssen jetzt also entscheiden, welche der beiden Personen wohl besser darüber Bescheid weiss, wo das Futter versteckt ist: Sie müssen sich in die räumliche Lage der beiden versetzen. Dies gelingt ihnen mit Bravour: 80% der Hunde nehmen die Hilfe des richtigen Menschen an.
Irren ist nicht nur menschlich
Was Verhaltensbiologen bislang nur Menschen zugetraut haben, ist die Einfühlung in komplexere Situationen, in denen auch abstrakte Handlungsmotive wie Erwartungen oder Meinungen einbezogen werden müssen. Eine Studie zeigt nun, dass Primaten es erkennen, wenn andere von einer falschen Annahme ausgehen. Dafür führten sie einen sogenannten «False Belief Test» durch, der auch zum Nachweis der Theory of Mind bei menschlichen Kindern angewendet wird.
Forscher aus Deutschland und Japan führten ihren insgesamt 41 Versuchs-Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans jeweils in Einzelsitzungen Videos vor. In diesem Film beobachtet jemand, wie sich ein Mann in einem King Kong-Kostüm hinter einem Heuhaufen versteckt. Die Person schaut dann zu, wie King Kong in ein neues Versteck hinter einem zweiten Heuhaufen wechselt. In einem weiteren Video startet die Szene ähnlich, doch bevor King Kong sein zweites Versteck aufsucht, verlässt der Beobachter die Szene. King Kong schlüpft unbeobachtet hinter den zweiten Heuhaufen, bevor der Beobachter wieder dazukommt: Wo soll er jetzt nach King Kong suchen? In einem weiteren Video läuft King Kong gleich ganz aus dem Bild. Kann der Beobachter wissen, dass er jetzt allein ist?
Die Wissenschaftler protokollierten während des ganzen Videos mithilfe eines Infrarotsensors, wohin die zuschauenden Affen ihre Augen richteten. Die Blickrichtung verriet, wohin die Tiere ihre Aufmerksamkeit richteten, sowie dann in der entscheidenden Endszene ihre Erwartung, wie sich die beobachtende Person verhalten würde. Das Ergebnis: Hatte der Mensch im Video den Wechsel des Verstecks mitbekommen, erwarteten sie, dass er sich zum „richtigen“ Haufen begibt. In den weiteren Drehbuchvarianten erwarteten die Affen die Suche am ursprünglichen, im Hinblick auf den späteren Versteckwechsel aber „falschen“ Haufen. Nach Schlussfolgerung der Forscher erkennen die Primaten also, dass nicht die objektive Realität (King Kong hockt hinter dem zweiten Haufen oder ist gar nicht da), sondern die subjektiven Annahmen des Beobachters (King Kong lauert hinter dem ersten Heuhaufen) dessen Handeln bestimmen. Damit bestanden erstmals Menschenaffen den False-Belief-Test: Eine Fertigkeit, die sich auch bei menschlichen Kindern erst nach dem vierten Lebensjahr entwickelt.
Von allen bisher behandelten Themen in der Verhaltensbiologie ist die Theory of Mind eines der neuesten Forschungsthemen. Drei gängige Experimente wurden in diesem Beitrag beschrieben. Es besteht aber noch ein starkes Bedürfnis, neue Methoden zu entwickeln: Einerseits, um sie zu verfeinern und ihre Interpretationen zu falsifizieren. Andererseits, um die Theory of Mind vielleicht auch noch bei weiteren Tieren mit unterschiedlichen Fertigkeiten und Wahrnehmungsspektren nachzuweisen. Insgesamt verdichten sich auch in diesem Forschungsfeld die Nachweise, dass wir Menschen mit unseren kognitiven Fähigkeiten keine einzigartige Ausnahme darstellen, sondern einfach nach unseren eigenen Bedürfnissen die Fertigkeiten verfeinerten, die auch der erweiterten Tierwelt zur Verfügung stehen.
Quellen und weitere Informationen:
Bugnyar, T. et al. (2016): Ravens attribute visual access to unseen competitors
Krupenye, C. et al. (2016): Great apes anticipate that other individuals will act according to false beliefs
Catala, A. et al. (2017): Dogs demonstrate perspective taking based on geometrical gaze following in a Guesser–Knower task
Krupenye, C. und J. Call (2019): Theory of mind in animals: Current and future directions