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Der Lerner
von Cedric Weidmann
Er sass immer in seinem Zimmer und lernte sehr laut. Es wurde viel darüber gemunkelt, was er lernte. Er lernte mit einem Elch in seinem Zimmer. Er lernte auch in der Nacht und an Silvester. «Schau mal da oben», sagte man und zeigte auf das geöffnete Fenster, in dem eine kleine Tischlampe brannte. Die Schnauze des Elches kam aus dem Zimmer und der Dampf seines Atems verschwand aus dem Schimmer der Partylichter. Man ahnte sein Aufsteigen in den Sternenhimmel nur.
«Warum muss er nur immer so laut lernen?», beklagten sich seine Mitbewohner beieinander, wenn sie es nicht mehr aushielten. Sie sahen ihn so selten, dass sie gar nicht wussten, was sie ihn fragen sollten. Er tauchte gelegentlich mit Einkäufen in der linken und einem grossen Eimer gefrorener Beeren in der rechten Hand auf, und verschwand in seinem Zimmer, nachdem man ihn gefragt hatte, was er denn eigentlich lerne, und er antwortete, für sein Studium; und auf die Frage, ob er wirklich einen Elch im Zimmer halte, mit der Schulter zuckte; und erwiderte hatte, er sei gerade mit der Freundin im Kino gewesen, als man ihn fragte, wo er gewesen sei. Er lernte besonders laut im Winter. Den Kot des Elchs warf er direkt aus dem Fenster, direkt in das Beet im Hintergarten, das sich eines blühenden Wachstums erfreute. Die Freundin hatte man nie wirklich gesehen, man kannte wohl einen, der sie gesehen hatte, aber sich nicht mehr erinnern konnte, und beteuerte, sie sei vollkommen vergessenswürdig gewesen.
Es war nicht einmal so, dass die WG willentlich die Augen verschloss oder besonders unbeteiligt war. Oft stand einer in der Küche am Kochen, hörte ihn von oben lernen, und fragte sich, was es mit dem Elch, was es mit dem ständigen Lernen auf sich hatte. War die Fragerei weit getrieben, näherte er sich entschlossen der Zimmertür, hob die Hand schon zum Klopfen und zögerte erst beim Gedanken, ob er den Reiz und den Charme dieses Menschen und dieser Wohnung nicht zerstören würde, wenn er Genaueres erführe, was selbstverständlich ein ganz irrer und als heillos romantischer Gedanke sofort erkennbar war, und meistens pfiff der Kochtopf oder die Eieruhr klingelte, bevor er sich zu einer Entscheidung hatte durchringen können.
Ausserdem war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man selbst diejenigen, die in blanker Verzweiflung das Pult umklammerten oder die in langen Phasen des Studiums kümmerlich über einer Tischlampe verbogen waren und selbst bei Bedenken über ihre gesundheitliche Verfassung, nicht aus dem Schockzustand erlöste, solange man von ihnen wusste, dass sie lernten, denn jeder lernte immer nur für sich.