Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03464.jsonl.gz/47

Das Bergell
Das Bergell ist ein kurzes, steiles und tiefes Tal der südlichen Alpen. Auf beiden Talseiten erheben sich mehrere über 3'000 m hohe Berge. Berühmt sind vor allem die Granitberge der Scioragruppe und des Albigna- und Fornogebiets. Von ganz nah erlebt man diese Berge entlang der Route "Vier Hüttenzauber".
Von Maloja verläuft das Tal nach Südwesten bis nach Chiavenna. Der Höhenunterschied beträgt fast 1500 m auf einer Distanz von nur 30 km. Der obere Teil des Bergells ist Teil des Kantons Graubünden und somit auf Schweizer Boden.
Die politische Grenze mit dem Oberengadin verläuft jenseits der europäischen Wasserscheide vom Lunghin durch den Silsersee. Die Landesgrenze trennt das Tal längs zweier Zuflüsse der Maira bei Castasegna.
Das Bergell führt von Casaccia aus nordwärts zum einen über den Septimerpass in den Oberhalbstein. Zum andern führt das Haupttal über den Malojapass und das Oberengadin zum Julierpass und weiter zur Alpennordseite. Diese Durchgangsroute war seit der Römerzeit bis um das Jahr 1600 die wichtigste der Zentralalpen. Andere, weniger wichtige Pässe, führen ins Averstal sowie durch das Valmalenco und Val Masino ins Veltlin.
Der Hauptfluss im Bergell heisst Maira, der in Italien unter dem Namen Mera in den Comersee mündet. Die Wasserscheide bei Maloja ist aus geologischer Sicht besonders interessant. Diese Gegend wurde durch das Einwirken von Wasserkräften in jüngster Zeit modelliert. Die Erosion hat die Laufrichtung des Hauptflusses um 180° gedreht. Heute fliesst der Fluss Maira in Richtung Poebene, früher, wie der Inn, gegen Osten. Dies bezeugen die Ausrichtung der Seitentäler Maroz, Forno und Albigna.
Natur und Landschaft
Die grossen Höhenunterschiede und eine ausgeprägt verschiedenartige Exposition beeinflussen die südliche Vegetation, die sich in grosser Vielfalt zeigt. Laub- und Nadelwälder, Wiesen und Weiden sind die typischen Landschaftsbilder im Tal. Die Waldgrenze liegt bei etwa 2'000 Höhenmeter.
Obwohl im Winter weite Teile des Tales ohne Sonneneinstrahlung bleiben, ist das Klima mild. Das milde Klima ist stark vom Mittelmeer beeinflusst. Die mittlere Niederschlagsmenge liegt auf 1'000 Höhenmeter bei 1'400 mm, mit Niederschlagspitzen im Mai, August und Oktober. Der kälteste Monat ist Januar, der wärmste ist Juli.
Die Vegetation und damit auch die Landschaft wurden teilweise durch den Menschen sichtbar verändert. So wurden in den letzten 1'000 Jahren für die Viehzucht günstigen Gebiete gerodet. Dies führte zu einer mosaikartigen, vielfältigen Landschaft, die von offenen Wiesen und geschlossenen Wälder, von weiten Weideflächen und felsigen, mit Eis bedeckten Hängen geprägt ist.
In neuester Zeit geht die Viehhaltung stark zurück. Deshalb sind die typischen Maiensässe, die auf halber Talhöhe am Südhang liegen, stark von der Waldzunahme gefährdet. Das durch die Bauern im Tal geprägte wichtige Kulturgut droht damit verloren zu gehen.
Auf Schweizer Seite zählt das Bergell eine bescheidene Anzahl Dörfer: Maloja, Casaccia, Vicosoprano, Borgonovo, Stampa, Coltura, Montaccio, Promontogno, Bondo, Soglio und Castasegna. Hinzu kommen einige kleinere Siedlungen und einzelne, zerstreute Wohneinheiten.
Bevölkerung und Kultur
Obwohl seit jeher auch gegen Norden offen, ist das Tal geografisch und kulturell gegen Süden ausgerichtet.
Das Bergell es ist eines von vier Bündner Tälern, in denen man Italienisch spricht und Italienisch auch die Amtssprache ist. Die heimische Bevölkerung spricht im Alltag noch immer den Bergeller Dialekt mit seinen romanischen und lombardischen Sprachelementen.
Die ältesten Funde, die das Vorkommen des Menschen im Tal beweisen, stammen aus dem Mesolithikum (Mittelsteinzeit, 9'000 – 5'500 v.Chr.). Die damaligen Menschen jagten Steinböcke, Hirsche, Murmeltiere, Hasen, Alpenschneehühner oder andere Wildtiere. Wichtig war auch die Fischerei.
Während diese Ureinwohner in neue Gebiete vorstiessen, liessen sie im Plan Canin im Fornotal Mikrolithen aus Silex und Holzkohle liegen, die auf das Jahr 6'800 v. Chr. datiert wurden.
Während der Eisenzeit (in Mitteleuropa 800 v.Chr. bis Zeitwende) wird das südliche Graubünden dem Lepontischen Gebiet zugewiesen, wo sich eine regionale Gruppe hervortat, die der Kultur der lombardischen Golasecca gehörte.
Schon im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus hatten die Römer die Poebene und angrenzende Bergtäler erobert. Auch das Bergell stand am Ende der Eisenzeit unter römischem Einfluss und wurde Teil der „Gallia Cisalpina Transpadana“. Das Bergell stand zuerst unter der Präfektur von Como und dann, nach dem Jahr 350, unter „Rätia prima“.
Im vierten Jahrhundert wurde das Tal durch San Gaudezio christianisiert. Im Jahr 960 bot Kaiser Otto I das Bergell dem Bischof von Chur an, der so die Kontrolle über dem Septimer- und Julierpass erlangte. Im hohen Mittelalter war das Bergell eine Talgemeinschaft und genoss grosse Freiheitsrechte. Von den vier italienischsprachigen Südtälern hat nur das Bergell die Reformation angenommen und bis heute erhalten. Im Jahr 1990 waren 71 % der Bewohner reformiert.
Durch den Ausbau neuer Alpenstrassen wie Gotthard oder Splügen und damit der Abwertung des Bergells als wichtiger Handelsweg wurde im späten Mittelalter eine Neuorientierung der Bevölkerung hin zur Landwirtschaft und zur Bewirtschaftung der Maiensässe in höheren Lagen nötig.
Längs der Transitachse, die vom Comersee ins Engadin und weiter nach Norden führt, fanden immer wieder Begegnungen zwischen wichtigen Persönlichkeiten statt. Leute des kulturellen und politischen Lebens in Europa sind durch das Tal gereist oder haben sich sogar darin aufgehalten. Berühmte Familien wie die Castelmur oder die von Salis haben zum kosmopolitischen Ambiente beigetragen.
In den letzen 150 Jahren wurde das Tal durch eine grosse Auswanderungswelle geprägt, die u.a. zur Kultur der Bergeller und Bündner Zuckerbäcker führte. Diese waren im 19. Jahrhundert in vielen europäischen Städten erfolgreich tätig. Viele fähige und initiative Persönlichkeiten haben sich nach ihrer Auswanderung fern ihrer Heimat wirtschaftlich oder kulturell entwickeln können und es zu hohem Ansehen gebracht.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerungszahl auf 2'100 gestiegen und sank bis 2010 auf 1602 Einwohner. Bemerkenswert ist heute die starke Präsenz von Leuten aus anderen kulturellen Regionen. Diese Personen, oft auch aus familiären Gründen ins Tal gekommen, sind gut integriert und nehmen am politischen und kulturellen Leben teil.
Seit dem 1. Januar 2010 besteht das Tal nur noch aus einer politischen Gemeinde, der Gemeinde Bergell. Diese hat sich aus den 5 alten Gemeinden (Castasegna, Soglio, Bondo, Stampa und Vicosoprano) gebildet und integriert auch drei alte Bürgergemeinden (Castasegna, Soglio, Stampa).
Wirtschaft
Die gute wirtschaftliche Lage des Bergells ist vor allem der Nutzung der Wasserkraft zuzuschreiben. Die reichlichen Wassermengen, die von alpinen Landschaften das Tal hinunterfliessen, werden vom Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz) genutzt.
Die Bergeller Wirtschaft profitiert auch von der touristischen Lage zum nahen Engadin. Dies trifft insbesondere für Maloja zu, das politisch zwar Teil der Gemeinde Bergell ist, geografisch aber eng mit der Tourismusorganisation Engadin St. Moritz verbunden ist.
Im Tal selber trägt der Tourismus mit seinen guten Wander- und Bergsteigerangeboten zur Prosperität kleinerer Hotel- und Restaurantbetriebe bei.
Einen wirtschaftlichen Beitrag leisten auch die Landwirtschaft, die Bauwirtschaft, der Schweizer Zoll in Castasegna, der Handel und das Gewerbe. Letztere produzieren unter anderem auch weitherum geschätzte Bergeller Spezialitäten.
Neue oder auszubauende Möglichkeiten zur notwendigen wirtschaftlichen Entwicklung des doch etwas abgelegenen Bergells liegen wohl im kulturellen und touristischen Sektor sowie in der Produktion von typischen Bergeller Erzeugnissen.
Künstlerdynastie
Statements
Stampa und das Bergell bildeten den fortwährenden und verbindenden Bezugspunkt für vier der bedeutendsten Schweizer Künstler: Giovanni, Augusto, Alberto und Diego Giacometti. Diese historische Konstellation und das heute noch erhaltene Atelier eröffnen zusammen mit dem Bestand der Werke in der Ciäsa Granda die einmalige Chance, das im Kontext des Bergells stehende Schaffen aller vier Künstler einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) begegnet der Initiative mit grosser Sympathie und freut sich darauf, die Aktivitäten zum Aufbau des Centro Giacometti wissenschaftlich zu unterstützen.
Dr. Roger Fayet, Direktor des Schweizer Institutes für Kunstwissenschaft, Zürich, 25.5.12