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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§18. Widerlegung
1.
Auf diese meine Einwendungen antwortete die Lehrerin also: „Nach den Regeln der Rhetorik hast du einen kräftigen Angriff auf die Lehre von der Auferstehung unternommen und sie mit Einwänden bestürmt, welche die Wahrheit scheinbar niederzureißen drohen, so daß weniger Unterrichtete hinsichtlich des Geheimnisses in Zweifel gestürzt und zur Meinung gebracht werden könnten, die Einwände wären nicht ohne Grund gemacht worden. In Wirklichkeit aber ist die Wahrheit nicht gefährdet, selbst wenn wir nicht imstande sind, mit gleicher Gewandtheit zu erwidern. Vielmehr liegt die Wahrheit hierüber in den verborgenen Schatzkammern der Weisheit gut verwahrt, um dann offenbar zu werden, wenn uns die tatsächlich vollzogene Auferstehung selbst ihre Geheimnisse enthüllt und wir keine Worte mehr nötig haben, um die Berechtigung unserer Hoffnung zu erweisen. Gleichwie Schlaflose nächtlicherweile über die Pracht des Sonnenglanzes hin und her reden mögen, das Aufleuchten der Strahlenpracht aber jede Schilderung in Worten sofort überflüssig macht, so wird uns der Augenblick, wo wir die Auferstehung am eigenen Leib erfahren, alle Mutmaßungen als vergeblich [S. 326] erscheinen lassen, denen wir uns jetzt über unsere Wiederherstellung hingeben. Dennoch dürfen wir die vorgebrachten Einwände nicht ganz unerörtert lassen; daher wollen wir die Untersuchung über sie in folgender Weise aufnehmen:
In erster Linie wollen wir Zweck und Ziel der Auferstehungslehre überprüfen und die Absicht untersuchen, in welcher sie von der Heiligen Schrift verkündet und von uns geglaubt wird. Um sie also in der Form einer Begriffsbestimmung etwas zu umschreiben, wollen wir uns dahin ausdrücken, daß die Auferstehung die Zurückführung unserer Natur in jenen Zustand ist, den sie anfangs hatte. In dem ursprünglichen Zustand aber, dessen Schöpfer Gott selbst war, gab es weder Greisenalter noch Kindheit, weder Krankheiten noch Schwachheiten noch sonstwie körperliches Elend (denn billig war es, daß Gott dergleichen nicht schuf), sondern ein göttlich Ding war die Menschennatur, ehe das Menschengeschlecht sich zum Bösen verleiten ließ; als aber die Sünde ihren Einzug hielt, brachen alle jene Übel über uns herein. Darum sollte ein Leben, das sich frei von Sünde hält, auch den Folgen der Sünde nicht unterworfen sein. Denn wie die in kalten Gegenden Reisenden leicht von Frost befallen werden, dagegen die in Sonnenglut Wandernden bald gebräunte Hautfarbe bekommen, beide aber, wenn sie weder der Kälte noch der Hitze ausgesetzt sind, sowohl des Frierens als auch der braunen Farbe los werden und niemand bei dem Fehlen der Ursache von letzterer noch eine Wirkung erwartet, so ist unsere Natur, seitdem sie sich den Leidenschaften preisgegeben hat, in die Folgen derselben verstrickt worden; wenn sie jedoch zur Glückseligkeit zurückkehrt, wo die Leidenschaft nicht mehr herrscht, so ist sie auch den Folgen der Sünde nicht mehr ausgesetzt. Da nun alles, was der menschlichen Natur aus dem unvernünftigen Leben beigemischt ist, nicht eher in uns eintrat, als bis das Menschengeschlecht in die Sünde wegen seiner Leidenschaftlichkeit verfiel, so werden wir, wenn wir die Sündhaftigkeit hinter uns lassen, auch ihr ganzes Gefolge gleichfalls hinter uns lassen. Infolgedessen liegt kein vernünftiger Grund vor, daß wir fürchten müßten, in jenem Leben würden wir etwas von den Übeln antreffen, [S. 327] welche uns hier der Sünde wegen heimsuchen. Denn wie jemand, sobald er seinen zerrissenen Rock ausgezogen hat, die durch letzteren verursachte Verunstaltung nicht mehr an sich erblickt, so wird, wenn wir dieses häßliche Totengewand, das aus Tierfellen gefertigt uns angelegt wurde ― unter dem Tierfell ist die Gestalt der unvernünftigen Natur, des Tieres, zu verstehen, mit welcher wir seit unserer Hingabe an die Leidenschaft umkleidet sind ―, ausgezogen haben, jedes Stück dieses uns einhüllenden Tierfelles mit dem Ablegen des Ganzen zugleich abgelegt. Was wir aber mit dem Tierfell überkommen haben, ist die Begattung, die Empfängnis, die Geburt, der Schmutz, die Mutterbrust, die Nahrung, die Entleerung, das bis zur Reife fortschreitende Wachstum, die Vollkraft, das Alter, die Krankheit, der Tod. Wenn wir nun das Tierfell nicht mehr tragen müssen, wie könnte dann noch etwas von dem an uns haften, was von jenem herrührt? Gerade deshalb, weil wir in jenem Leben einen ganz anderen Zustand erhoffen dürfen, so ist es nutzlos, Dinge, welche für jenes andersartige Leben gar nicht in Betracht kommen, gegen die Lehre von der Auferstehung ins Feld zu führen. Denn was hat Magerkeit und Dickleibigkeit, Auszehrung und Vollsäftigkeit und dergleichen Eigenschaften des vergänglichen Menschenkörpers mit jenem Leben zu tun, das von dem flußartig dahingleitenden und vorübereilenden Verlauf des irdischen Daseins vollständig verschieden ist.“