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Eine gute Geschichte besteht aus verschiedenen Informationen, die notwendig sind, damit eine Geschichte rund ist. So gesehen kann man Geschichten mit Molekülen vergleichen. Fehlen bestimmte Teile, funktionieren sie nicht:
Für jedes dieser Info-Elemente gibt es eine multimediale Umsetzung. Diese Umsetzung findet man mit einer einzigen Regel: «Form follows function» – die Funktion bestimmt die Form.
Für eine erste Annäherung helfen vier Fragen:
Welchen Teil der Geschichte möchte unser Publikum lieber
- hören (Ton)?
- sehen (Foto / Grafik / Illustration)?
- schauen (Video)?
- lesen (Text)?
Wenn wir also z.B. für eine Reportage eine Bauernfamilie beim Aufzug auf die Alp begleiten, sind die folgenden Antworten naheliegend:
- Gerne würde man die eigentümlichen Pfiffe hören, mit denen der Grossvater seine Kühe aus dem Stall lockt.
- Man möchte das Gesicht des Grossvaters sehen, der seit 60 Jahren jeden Sommer auf der Alp verbringt.
- Man möchte seinen Enkeln zuschauen, wie sie in aller Frühe den leicht nervösen Kühen vor Abmarsch die liebevoll gesteckte Blumendekoration umhängen.
- Und vielleicht möchte man lesen, wie es sich anfühlt, an diesem kühlen Morgen in der totalen Dunkelheit loszulaufen.
Bei kleineren, einfachen Geschichten ist diese Methode hilfreich. Bei komplexeren und grösseren Themen ist die Gefahr gross, den Überblick zu verlieren. Um das zu verhindern haben wir am MAZ ein Flussdiagramm entwickelt, das ermöglicht, ein Thema systematisch aufzuschlüsseln (aktuelle Versionen können als interaktives PDF auf der MAZ-Seite heruntergeladen werden):
Wie funktioniert das Storytelling-Tool?
Gestartet wird mit der Frage «Was kommt in der Story vor?». Jede der sechs Anschlussfragen (zu Personen, Ereignis, Schauplatz, Funktionsweise, Rückblick oder Zahlen/Statistiken) muss mit «Ja» (grüner Haken) oder «Nein» (rotes Kreuz) beantwortet werden und führt schliesslich zu farbigen Boxen, welche das optimale Format für die einzelnen Elemente Ihrer Story zeigen.
Um bei unserem Beispiel zu bleiben:
- Kommen in der Geschichte Menschen vor? Ja, es gibt Menschen. Ja, ihr Aussehen ist wichtig, weil die ganze Familie in der Tracht auf die Alp zieht. Toll wären also zum Beispiel schöne Reportagen-Fotos. Machen die Personen etwas Interessantes? Ja, man kann ihnen zuschauen, wie sie die Kühe auf die Alp treiben, was Sie in einem Video in Ton und Bewegtbild bestens festhalten können.
- Ereignet sich etwas? Ja, der mehrstündige Aufzug wird durch das ständige Glockengebimmel und seltenen Rufen der Bauern begleitet, ev. könnten Sie einen Ton in der Endlosschlaufe unter die Scroll-Reportage legen.
- Gibt es einen Schauplatz (Ort)? Ja. Da die Alp, das Ziel der Familie, nicht bekannt ist, wäre eine Karte angebracht. Da die Hütte und der Stall idyllisch gelegen sind, macht ein Foto Sinn, bei guter Überschaubarkeit könnte man den Hof und die Umgebung sogar mit einem 360°-Panoramabild zeigen.
- Muss man etwas erklären (Funktionsweise)? Ja. Der Alpaufzug ist an strenge Rituale gebunden, die z.B. mit einer Infografik erklärt werden können.
- Ist ein Rückblick (Archiv) sinnvoll? Ja. Der Grossvater der Familie hat vielleicht als junger Mann Fotos auf der Alp gemacht, die er in einer Audioslideshow kommentieren könnte.
- Gibt es interessante Zahlen (Statistik)? Ja. Denn immer weniger Bauern ziehen auf die Alp.
Muss ich alle Formate einsetzen?
Nein! Das Storytelling-Tool schlägt Formate vor, die eingesetzt werden können:
Das heisst aber nicht, dass du sie zwingend alle brauchen musst. Ganz im Gegenteil. Die Regel heisst «so wenig wie nötig!». Du bist Journalist, Journalistin. Fokussiere. Und selektioniere, indem du folgende Punkte beachtest:
- Deine Marke / Dein Medium: Passen die gewählten Formate oder die Kombination davon zu deiner Medienmarke / deinem Medium?
- Dein Publikum: Wo ist es, wie viel zeit hat es? Welches Interface nutzt es?
- Usability: Sind diese Formate für Nutzerinnen und Nutzer einfach zu verstehen und zu handhaben? Funktionieren sie auf den von den Userinnen und Usern genutzten Betriebssystemen? Sind sie auf die Bildschirmgrösse angepasst?
- Ressourcen: Verfügst du oder dein Team über genug Zeit, Kenntnisse sowie die notwendige Infrastruktur?
Das bringt dich dann zu einer Umsetzung mit weniger multimedialen Elementen:
Hilft mir das Tool, das richtige Thema zu wählen und die Geschichte richtig zu erzählen?
Nein. Das Tool hilft bei der Entscheidung, wie die einzelnen Elemente multimedial umgesetzt werden können. Es hilft nicht zu entscheiden, wie die einzelnen Elemente zu einer Geschichte verwoben werden. Du musst als Journalistin, als Journalist selber entscheiden, wie du die Geschichte erzählen musst.
Im Buch «Storytelling für Journalisten» von Marie Lampert und Rolf Wespe findest du einen guten Überblick zum Thema mit vielen praktischen Beispielen.
Zeigt mir das Tool, in welcher Reihenfolge ich die Elemente anordnen soll?
Nein. Das Tool hilft dir nur auf der Ebene der einzelnen Elemente. Es ist keine Anleitung für eine passende Dramaturgie.
Warum muss ich mehr planen als früher?
Stell vor, du stehst mit dem alten Bauern im Stall, er erzählt dir von seinen ersten Alpaufzügen, während seine Enkel noch einmal kontrollieren, ob die Blumengestecke gut sitzen. Plötzlich dann das Signal: Es geht los! Als Print-Journalist kannst du dich mittreiben lassen. Mit Buchstaben lässt sich alles auch später rekonstruieren. Für das Video mit den Vorbereitungsarbeiten und die Fotos bist du dann aber zu spät.
Beim multimedialen Arbeiten ist deshalb eine minutiöse Planung aus drei Gründen unumgänglich:
- Damit du sicher genügend und vor allem das richtige Material zurückbringst.
- Damit du weisst, was du wann machen musst und was wieviel Zeit braucht (nicht nur bei der Recherche, sondern auch bei der Umsetzung).
- Damit du die richtige Infrastruktur dabei und die passenden Tools zur Verfügung hast.
Leg dir auch im Vorfeld fest, auf welche Inhalte und Formate du verzichten möchtest. Das gibt dir Zeit, dich auf das Wesentliche zu fokussieren.
Mehr Tipps zum Thema «richtig Planen» gibt es hier.