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Am Tag #38 von Klimaspuren geht es um einen Hügel bei La Sarraz: den Mormont. Dieser Hügel war schon immer etwas Besonderes: eine Kultstätte der Helvetier, ein Hindernis für den Verkehr zwischen dem Genfersee und dem Mittelland. Zur Zeit aber sorgt der Mormont für heftige Auseinandersetzungen, weil die Firma Holcim hier einen gewaltigen Kalksteinbruch betreibt, um Zement herzustellen. Bei der Zementproduktion werden Unmengen des im Kalk gebundenen Kohlendioxids freigesetzt, was in der Schweiz etwa 9 % aller menschengemachten CO2-Emissionen ausmacht — Grund genug, diesem Hügel des Anstosses einen Besuch abzustatten!
100 v. Chr. hatten die Helvetier auf dem Mormont eine der grössten Kultstätten der keltischen Welt. 2006 wurde die bedeutende Kultstätte auf der Hügelkuppe entdeckt, weil Holcim den Kalksteinbruch erweitern wollte und deshalb Sondierungen durchführen liess (vgl. Dokumentation Le Mormont von Archeodunum als PDF).
Der Mormont trennt als Riegel zwischen der Ebene von Orbe und dem Tal der Venoge die Einzugsgebiete von Rhein und Rhone. Westlich und östlich des Hügels befinden sich die niedrigsten Übergänge zwischen Mittelland und Lac Léman — kein Wunder, verlief hier schon zu Römerzeiten eine wichtige Handelsroute.
Als die Herren von Grandson ihr Machtgebiet nach Südwesten ausdehnten, errichteten sie 1049 auf einem Felsvorsprung westlich des Mormont einen befestigten Kontrollposten an der wichtigen Handels- und Pilgerstrasse. Mit dem späteren Schloss La Sarraz konnten sie den Verkehr von Frankreich über den Pass Col de Jougne (bei Vallorbe) durch das Waadtländer Mittelland und über den Grossen Sankt Bernhard nach Italien kontrollieren.
Auch der Canal d’Entreroches hatte einen strategischen Hintergrund: Zur Zeit des Dreissigjährigen Kriegs (1618 – 1648) suchten die reformierten Niederlande nach einem sicheren Handelsweg zur Umschiffung des katholischen Erzfeindes Spanien. Sie finanzierten deshalb den Bau eines Kanals, der von Yverdon durch die Orbeebene und den Mormont über das Flüsschen Venoge bis zum Lac Léman geführt hätte. Von 1638 bis 1648 war der Kanal zwischen Yverdon und Cossonay fertiggestellt. Nach zehn Jahren Bauzeit fehlten noch 59 Höhenmeter und 12 Kilometer bis zur Mündung der Venoge in den Genferseee. Da die Venoge ein beträchtliches Gefälle aufweist, hätten 40 Schleusen gebaut werden müssen. Angesichts der technischen Schwierigkeiten und der finanziellen Unwägbarkeiten gaben die niederländischen Geldgeber das Projekt auf.
Donnerstag, 8. Juli, Tag #38
- Route: La Sarraz – Mormont – Penthalaz – St-Sulpice (Lausanne)
- Distanz: 31 km / 7.5 h
- Aufstieg: 260 m, Abstieg: 380 m
- Mein Total: 231 km / 64 h / Aufstieg: 5850 m / Abstieg: 5600 m
Negativ
- Technischer Kalkkreislauf). Das Hauptproblem dabei ist nicht die hohe Temperatur, auf die der Kalk erhitzt werden muss (die lässt sich auch mit dem Verbrennen von Kehrricht erreichen), sondern die Freisetzung des geogenen CO2, die im Gesamtprozess ca. 60% des CO-Ausstosses ausmacht, wie Prof. Simone Stürwald in ihrem Beitrag Ist Zement ein Klimakiller? schreibt. In ihrem Beitrag präsentiert sie Alternativen und stellt die wohl wichtigste Klima-Frage im Zusammenhang mit der Bauindustrie: „Muss überhaupt (neu) gebaut werden?“ Für einmal beginne ich mit dem Negativen — und das hat hier am Mormont einen Namen: Holcim. Das Zementwerk in der waadtländer Gemeinde Eclépens wird immer gefrässiger und das gigantische Loch im Mormont wächst jedes Jahr schneller. Die Zementherstellung zerstört nicht nur den Hügel, der schon den Kelten heilig war, sondern ist überaus klimaschädlich. Denn für die Produktion von Zement, dem Bindemittel im Beton, wird Kalk gebrannt (eine uralte, bereits in der Antike weit verbreitete Methode, um Mörtel herzustellen). Dabei wird in einem Kalkofen kalkiges Gestein erhitzt. Ab einer Temperatur von etwa 1000 °C wird das Calciumcarbonat CaCO3 entsäuert und es entsteht Branntkalk, chemisch Calciumoxid CaO, sowie Kohlenstoffdioxid CO2 (vgl.
- Widerstand gegen neue Steinbrüche hat Folgen für die Zementindustrie in der Aargauer Zeitung vom 17.2.2021), und versucht deshalb, am Mormont noch herauszuholen, was herauszuholen ist, denn über kurz oder lang muss die Zementproduktion am Mormont eingestellt werden. Trotz der schweren Niederlage ist der Widerstand am Mormont nicht zu Ende — Das Menetekel des Mormont bleibt. Der Mormont eignet sich hervorragend, um die Klimaschädlichkeit der Zementindustrie aufzuzeigen. Folgerichtig hat die Klimabewegung den Mormont zur Zone à défendre (ZAD) erklärt und den Hügel besetzt. Nach einem halben Jahr Besetzung liess Holcim die ZAD polizeilich räumen, die ZADisten und ZADistinnen leisteten Widerstand. Holcim und die Behörden verfolgten und kriminalisierten die BesetzerInnen mit aller Härte, hielten an den Strafanzeigen fest und blieben unnachgiebig. Dieses rabiate Vorgehen zeigt: Holcim hat Schiss, dass ihr bald einmal der Rohstoff für die Zementproduktion ausgeht (vgl.
Positiv
- Eigentlich ist der Mormont durch den Eintrag Nr. 1023 im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) geschützt, allerdings sind genau diejenigen Gebiete, die Holcim in den nächsten Jahren für die Erweiterung des Kalksteinbruchs braucht, aus dem Schutzperimeter ausgeklammert.
- Der Widerstand gegen gegen die Ausweitung des Kalksteinbruchs ist breit: Der 2013 gegründete Verein zur Bewahrung des Mormonts — L’Association pour la Sauvegarde du Mormont (ASM) — ist ein Sammelbecken des Widerstands, hat sich viel Wissen in allen möglichen Fachgebieten erarbeitet und wehrt sich auf allen Ebenen gegen die Zerstörung des Mormonts. Nachdem der Rekurs gegen Holcims Erweiterungspläne vom Waadtländer Kantonsgericht abgelehnt worden ist, hat die ASM mit Hilfe von WWF, Helvetia Nostra und Pro Natura den Fall Mormont ans Bundesgericht weitergezogen.
- Les Vert∙e∙s vaudois∙es haben an ihrer GV beschlossen, eine kantonale Initiative zur Rettung des Mormonts zu lancieren. Die Sammlung der 12’000 Unterschriften beginnt demnächst (vgl. Medienmitteilung). Die Mormont-RetterInnen haben einen weiteren Pfeil im Köcher:
- Holcim-Direktor François Girod ist ein cleverer, geschmeidiger Typ. Gegenüber Klimaspuren gibt er sich gibt er sich ganz konziliant und sagt Dinge wie: „Im Prinzip sind wir auf eurer Seite, denn wir wissen, dass die heutige Zementproduktion klimaschädlich und ein Auslaufmodell ist. Deshalb tun wir unser Möglichstes, um unsere CO2-Emissionen zu reduzieren.“ Und tatsächlich: Holcim Schweiz verspricht Netto-Null bis 2050 und bemüht sich, mit einer Reihe von Massnahmen (Baustoffkreislauf schliessen, CO2-reduzierter Zement, ressourcenschonender Beton etc.) ökologischer zu bauen. Nur: Gar nicht mehr bauen wäre noch viel ökologischer!
- Last but not least präsentierten im Gemeindehaus von Penthalaz ein Vertreter und eine Vertreterin vom Grève du climat Vaud mögliche Alternativen, was ich nicht gerade berauschend fand, ist doch die Klimabewegung nicht mehr ganz am Anfang…