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Die Veröffentlichung durch Alistair Darling, Vorsteher des für das Energiedossier zuständigen Department of Trade and Industry (DTI), erfolgte mit einiger Verspätung. Zunächst waren Auflagen gemäss dem Entscheid eines High Court zu erfüllen. Dann wollte nach dem angekündigten Rücktritt von Premierminister Tony Blair sein designierter Nachfolger Gordon Brown eigene Akzente setzen. Die jetzt vorliegende endgültige Fassung des Weissbuchs, die 25 unterstützenden Zusatzdokumente sowie das Konsultationsdokument sind auf dem Government News Network einzusehen.
Kernenergie Teil des Energiemix
Das Weissbuch bestätigt den Energiebericht der Regierung von 2007: Die strategischen Ziele der Energiepolitik bis 2050 sind eine höhere Energieeffizienz und ein kohlenstoffarmer Versorgungsmix bei möglichst geringer Abhängigkeit von ausländischen Ressourcen. Das Weissbuch zeigt Wege auf, um die strategischen Ziele zu erreichen. Besondere Herausforderungen stellt die Sicherung der Stromversorgung, denn Grossbritannien muss in den kommenden 20 Jahren einen Drittel seiner Produktionskapazität ersetzen.
Dabei kommt laut Regierung der Kernenergie eine bedeutende Rolle zu, weil sie kohlenstoffarm ist und hilft, die Versorgung zu diversifizieren. Der Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke bzw. der Bau neuer Einheiten sei jedoch nur möglich, wenn die Vernehmlassung das öffentliche Interesse bestätige und die Privatwirtschaft zu den entsprechenden Investitionen bereit sei.
An bestehenden Standorten und wirtschaftlich
Sechs der 25 Zusatzdokumenten sind für die Kernenergie von besonderem Interesse, darunter ein Diskussionsbeitrag der Jackson Consulting über die Standortpolitik für Kernanlagen in Grossbritannien. Nach Prüfung technischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kriterien kommt der Beitrag zum kaum überraschenden Schluss, dass die bestehenden 14 Kernkraftwerksstandorte und allenfalls auch fünf Standorte mit anderen Kernanlagen am vorteilhaftesten abschneiden. Zwölf dieser Standorte könnten eine einzelne Reaktoreinheit mit einer Blockleistung von 1100-1600 MW aufnehmen, zehn sogar zwei. Da auch in Zukunft am meisten Strom im Süden Englands gebraucht wird, die Einbindung neuer Grosskraftwerke in das Verteilnetz dort am wenigsten kostet und die Meerwasser-Direktkühlung am günstigsten abschneidet, stehen Hinkley Point und Sizewell ganz oben auf der Liste der besten Standorte, gefolgt von Bradwell, Dungeness und Hunterston.
Ein weiteres Zusatzdokument vergleicht die im Energiebericht von 2006 errechneten Stromerzeugungskosten für vier bis sechs neue Kernkraftwerke (38-44 GBP/MWh, entsprechend 9-11 Rp./kWh) mit den neu evaluierten Kosten von Gaskraftwerken. Die Kosten und der Nutzen wurden gesamtwirtschaftlich berechnet: Sie umfassen nicht nur Bau, Betrieb, Versorgung und Entsorgung, sondern auch Faktoren wie Netzeinbindung, Vorhalten von Reservekapazitäten und Versorgungssicherheit. Das Dokument bestätigt den Kostenvorteil der Kernkraftwerke gegenüber Gaskraftwerken in der Grundlast für die Hauptszenarien klar. Kernenergie wäre auch dann günstiger, wenn auf jegliche Treibhausgasabgabe verzichtet wird. Der Vorteil ist am grössten, wenn bestehende Standorte weiter genutzt werden.
Zwanzig Wochen für Vernehmlassung
Die Regierung wünscht eine möglichst breite Teilnahme an der Vernehmlassung über die Rolle der Kernenergie im künftigen Energiemix. Die 18 ausformulierten Fragenkomplexe im aufgelegten Konsultationsdokument reichen von der Beurteilung des Treibhauseffekts und der möglichen Rolle der Kernenergie über Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Brennstoffkreislauf, Abfallpolitik, Bewilligungspraxis bis zur Fachkompetenz und Investitionsbereitschaft der Wirtschaft. Die Teilnahme an der Vernehmlassung ist grundsätzlich offen. Zusätzlich wird das DTI Hearings mit repräsentativen Vertretern der breiten Öffentlichkeit abhalten sowie Gespräche mit der Industrie, lokalen Körperschaften und Nichtregierungsorganisationen führen.
Die Auswertung der Stellungnahmen soll es der Regierung erlauben, allenfalls übersehene Gesichtspunkte in ihre Entscheidung einzubeziehen. Sieht sie sich in ihrer positiven Beurteilung des Nutzens neuer Kernkraftwerke bestätigt, wird sie die fälligen gesetzgeberischen Massnahmen einleiten, damit die Privatwirtschaft neue Kernkraftwerke baut.
Unabhängig davon hat das Nuclear Installations Inspectorate (NII) auf Anweisung des DTI jetzt schon ein Vorlizenzierungsverfahren für neue Reaktorsysteme eingeleitet. Damit soll Zeit gewonnen werden, um das Bewilligungsverfahren der ersten neuen Einheiten bis 2015 abzuschliessen und sie bis 2021 in Betrieb zu nehmen.
Lebhaftes Interesse der Industrie
In ersten Stellungnahmen haben Kernkraftwerkbetreiber und -lieferanten die vorwärts schauende Politik der britischen Regierung begrüsst und bestätigt, an der Vernehmlassung aktiv mitwirken zu wollen. British Energy, die Betreiberin der bestehenden Kernkraftwerke, kündigte an, die bereits laufende Prüfung von Standorten und geeigneten Partnern für Neubauten weiterzuführen.
Die Westinghouse Electric Company hat ihr Interesse am britischen Markt bekräftig und der NII bereits die Unterlagen zur Vorlizenzierung ihres neuen Reaktorsystems AP1000 vorgelegt. Auch die Electricité de France will ihre Erfahrung und Kompetenz in die Vernehmlassung einbringen. Weiter beabsichtigt sie, zusammen mit der Areva NP bei der NII ein Gesuch zur Vorlizenzierung des European Pressurized Reactor einzureichen. Dasselbe hat die Atomic Energy of Canada (AECL) für ihren fortgeschrittenen 1200-MW-Candu-Reaktor (ACR-1000) angekündigt.
Quelle
P.B. nach Department of Trade and Industry, British Energy, Electricit é de France, und Westinghouse, Pressemitteilungen, alle 23. Mai 2007 und AECL, Pressemitteilung, 29. Mai 2007
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