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Für einige ist der Super Bowl das Sport-Highlight des Jahres, für andere ein Symptom eines perversen US-Kulturimperialismus. Für mich ist es eine Auseinandersetzung mit meinen inneren Dämonen. Zumindest in diesem Jahr.
Ein lauer Oktobertag im Candlestick Park, dem altehrwürdigen Zuhause der San Francisco 49ers. Auf dem Rasen mühen sich die Kalifornier gegen die damaligen Prügelknaben, die Cleveland Browns, ab. Das Spiel augenscheinlich zähe Kost, Sascha Ruefer würde es zweifellos «zerfahren» nennen. Und irgendwo inmitten all der verworfenen Hände und lamentierenden Mäuler in den Rängen: ein 18-jähriger Jodok – fasziniert, aber vor allem verwirrt.
Ausser einigen abenteuerlichen Versuchen, im Videospiel «Madden 2010» zu reüssieren, vom Football komplett unberührt, sass ich da im Stadion neben meinen engsten Freunden, zwischen Experten und Cholerikern und frönte einem Stück amerikanischer Kultur, das an Kommerzialisierung und Perversion kaum zu überbieten schien.
Als Michael Crabtree einen kurzen Pass zum vorentscheidenden 17:0 fing, lag man sich zwischen Lightbeer und Nachos spontan in den Armen; Duftnote: Nylonschweiss. Diese Szene in Slow Motion und Filmkritiker würden den Film als «intime Hommage an die Gesellschaft» bezeichnen.
Der Herr hinter mir – ich mauserte mich im Verlauf des Spiels zu einem verlässlichen High-Five-Partner für ihn in Situationen, die ich nicht verstand – fragte: «You don't really get it, do ya?». Ich lächelte schweizerisch zurück, woraufhin er schulterklopfend hinzufügte: «Appreciate that, man». Ich weiss nicht wieso, aber eine Liebe ward geboren. (Zu den Niners, nicht zu ihm.)
Ich setzte mich in der Folge intensiv (video)spielerisch mit American Football auseinander, verfolgte fortan auch die Saisons und dabei vor allem die Spiele der 49ers regelmässig (an dieser Stelle ein Hoch aufs Studentenleben.) Nach zwei Saisons waren sie dann auch offiziell «meine» Niners.
Und nach der erfolgreichen Quickie-Ära mit Quarterback Colin Kaepernick und Coach Jim Harbaugh (die mich automatisch zum Modefan machte), schritten wir bereits obligat durch eine lange leistungsmässige Talsohle, die meine Liebe unweigerlich zur Inbrunst katalysierte.
Aber jetzt sind wir wieder da! Mit dem besten Coach, dem besten Tight End, der besten D-Line, dem besten Cornerback und dem hübschesten Quarterback. Eine neue Generation, strotzend vor schierem Stolz und brachialer Dynamik in der rot-goldenen Uniform – ganz oben, im Super Bowl, wo wir hingehören. Und ich? Im tiefsten Kampf mit mir selbst.
Das Problem ist nicht, dass ich Angst habe, zu verlieren. Denn das werde ich ohnehin. Football ist anders als zum Beispiel Fussball. Im Fussball hat mein Team noch nie verloren, ohne dass irgendein externer Faktor (Schiedsrichter, Verletzungen, Höhe des Rasens, Nicht-Einhalten eines Rituals) dabei eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Mein Team ist immer das beste. No. Matter. What.
Im Football ist das nicht genauso kategorisch, aber einigermassen vergleichbar. Normalerweise. Auftritt Patrick Mahomes – Quarterback der Kansas City Chiefs. Unserem Gegner im Super Bowl.
Was mich (als Fan des Sports an sich) betrifft, ist dieser Bursche das Beste, was dem Football passieren konnte. Er vereint Spielintelligenz, Kraft, Dynamik, Kreativität, Mut und Präzision, wie es niemand je getan hat, den ich aktiv habe spielen sehen. Kein Roethlisberger, kein Rodgers, kein Brees, kein Romo und auch kein Brady. Mahomes ist ein Quarterback sui generis. In meinen Augen zumindest.
Und anders als es im Fussball der Fall wäre, hoffe ich darauf, dass Mahomes ein Feuerwerk zündet. Ich will sehen, wie er die Verteidigung zerpflückt, wie er improvisiert, brilliert, will erleben, wie er meinen Adrenalinspiegel zur späten Stunde durch die Decke jagt, mir den Atem im Hals stocken lässt. Und ja, ich will auch irgendwie, dass er gewinnt. Was für mich gleichzeitig das Schlimmste wäre, was im Super Bowl passieren könnte.
Ich liebe die Niners und bewundere Mahomes. Es fühlt sich an, als würde dich dein/e Partner/in für jemanden verlassen, den du selber als perfekt wahrnimmst, dem du es – es mag irrational klingen – gönnen magst. Bin ich illoyal? Ein «Plastic Fan»? Bin ich es wert, ein «Niner» zu sein? Herzbruch und Verständnis. Welch seelische Qual!
Ich kann es auch als Win-Win-Situation betrachten. Aber egal, welcher Win es sein wird, er wird durch eine bittere Note verfeinert sein. Kein süsser Nektar des Erfolgs also, sondern ein gefühlsmässiger Kompromiss. Vielleicht einfach der Beweis dafür, dass es besser nicht hätte kommen können.
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