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Mit respektvollem Abstand setzte ich mich zu Lars, dem verwilderten Strassenkater. Ich hatte ihn eine Weile «angefüttert» und er fasste langsam Vertrauen. Als er fertig gefressen hatte, fing ich leise mit ihm zu reden an. Er hörte mir zu. Ich versuchte die Hand etwas zu heben, damit er daran schnuppern konnte. Erst legte er die Ohren zurück und bekam geweitete Schreckensaugen, er duckte sich, aber er lief nicht weg so wie sonst. Ich redete beruhigend auf ihn ein und da geschah etwas ganz Erstaunliches. Er stellte den Schwanz in die Höhe und stiess sich von den Vorderpfoten ab, so dass sein Kopf in meine Hand hineinstiess. Dazu liess er ein dunkles Schnurren hören: Er wollte gestreichelt werden! Mir kamen die Tränen, so war ich gerührt. Ich strich zwei Male über das Fell, das sich noch etwas borstig anfühlte. Dann schnappte er nach meiner Hand, die ich gerade noch wegziehen konnte. Das war wohl für beide etwas zu viel gewesen. Lars rannte erschrocken davon und ich blieb erstaunt zurück. Das war ein durchschlagender Erfolg gewesen.
Von diesem Tag an, liess er immer mehr Nähe zu. Bald strich er mir um die Beine. Und irgendwann lag er auf dem Sofa, als ich am Morgen aufstand. Sein Fell wurde weiss und weich. Leider akzeptierte er meinen schwarzen Kater Luna nicht, was ja vorauszusehen war. Dieser ging sofort auf Abstand. Aber ich schaute immer dafür, dass Luna zuerst sein Futter bekam und Lars erst als zweiter an der Reihe war. Dies machte Lars aber keinen Eindruck. Immerhin arrangierten sich die Katzen, dass jede ihr Schlafplätzchen hatte. Und Lars durfte nie in unsere Schlafräume, Luna hingegen schon. So demonstrierte ich die Rangordnung. Aber Lars hatte seine eigene.
Eines Tages brachte ich es fertig, Lars mit Wurst in einen grossen Transportkäfig zu locken. Die ersten beiden Versuche misslangen. Das erste Mal war die falsche Katze drin, das zweite Mal war die Wurst draussen und die Katze verschwunden, aber der Käfig zu. Erst beim dritten Mal sass ein trauriger Lars im Käfig. Er schrie vor lauter Angst und schlug gegen die Gitterstäbe. Er tat mir leid, aber der Tierschutzverein wünschte, dass er kastriert wurde und bezahlte dies auch. Er war schon um einiges ruhiger geworden, seit ich ihn gezähmt hatte, aber es sollte noch besser werden. Mit Mühe trug ich den schweren Käfig die paar Häuser weiter zum Tierarzt, der ihn dann kastrierte, wog und impfte. Sobald er aus der Narkose erwachte, liess er ihn frei, weil Lars in Gefangenschaft so panisch war. Ich dachte, dass er es mir nun übel nehmen würde und nicht mehr zu uns nach Hause käme. Aber ich hatte nicht mit seiner Treue gerechnet. Anscheinend merkte er, dass ich es nur gut mit ihm meinte. Er erholte sich schnell, wurde zwar noch anhänglicher, so dass er auch mit meinen Kindern schmuste, aber Männer und andere Katzen mochte er einfach nicht.
Momo Appenzeller,
30.4.2016, 115. Jahrgang, Nr. 121.
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