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Die umfassenden Ausgrabungen im Basler Münster von 1973/74 wurden für die vormittelalterliche Zeit vom Verfasser geleitet. Dieser Band II schliesst an die 1979 publizierte Dissertation über die spätkeltischen und frührömischen Funde an. Im Mittelpunkt stehen hier die Funde und Befunde der nachaugusteischen Zeit, besonders die Baureste eines grösseren spätrömischen Baukomplexes. Auf diesen geht die Orientierung der ersten christlichen Kathedrale und ihrer Nachfolgebauten bis heute zurück.
Und die Geschichte der Aufhellung der Frühgeschichte Basel ging zügig weiter. 1974 musste wegen des Einbaus einer Bodenheizung im Basler Münster das Innere abgetieft werden.
Beauftragter Ausgrabungsleiter war der renommierte Mittelalterarchäologe Hans-Rudolf Sennhauser aus Zurzach, der allerdings schon damals in einem Konflikt mit Exponenten der Basler Bodenforschung stand.
Ich wurde gewissermassen der Kompromisskandidat für die Leitung der Untersuchung der vormittelalterlichen Schichten und Befunde.
Das war für mich wieder ein Glücksfall, denn unter dem mittelalterlichen Kirchenboden und den römischen Fundamenten kamen unerwartet gut erhaltene Schichtpakete der frührömischen und spätkeltischen Zeit zum Vorschein, wie man sie vorher in Basel noch nie (und bis heute) gesehen hatte. Sie bestanden von oben nach unten aus einer
- römischen Strasse,
- einer grauen Lehmschicht mit Abdrücken einer Holzkonstruktion,
- einer jüngeren spätekeltischen und
- einer älteren spätkeltischen Strasse.
Links: Blick ins Basler Münster mit dem freigelegten ottonischen Boden; direkt darunter begannen die römischen und noch älteren Schichten. Rechts: Die freigelegte keltische Strasse (helle Fläche) mit Pfostenspuren des vermuteten Sakralbaues
Das Fundmaterial aus diesen Schichten konnte ich zusammen mit den Befunden im Rahmen einer Dissertation bearbeiten, bereits mit Hilfe von EDV übrigens. Damit wurden diese Horizonte bis heute zu Leitschichten der Münsterhügel- Forschung und Basel wurde zu einem Referenzort der europäischen Forschung zur spätkeltisch-frührömischen Übergangszeit.
In der 1979 publizierten Dissertation wurde die Basler Siedlung auf dem Münsterhügel in den grösseren Zusammenhang gestellt. Der Schlussatz der entsprechenden Passage S. 136 hat bis heute gewisse Gültigkeit behalten: „Wahrscheinlich ist die Befestigung des Oppidums nicht gegen einen bestimmten Gegner angelegt worden, sondern wegen der allgemeinen unsicheren politischen Situation im mittleren Jahrhundertdrittel, in dem – wie wir von Caesar erfahren – die Kriegsparteien zum Teil jährlich wechseln konnten.“
Mediterraner Schub – langsam, aber sicher
Die archäologische Forschung lebt ja weitgehend von Abfall, vor allem von Tonscherben. Eine Konstante im keltischen Fundgut Basels ist die allmähliche Zunahme römisch beeinflusster oder aus dem Süden importierter Keramik.
Heute weiss man, dass dahinter ein langer, graduell zunehmender Akkulturationsprozes steht. Dazu gehörte die Übernahme von römischen Trink- und Esssitten vor allem durch den keltischen Adel.
(Diese Veränderung im keramischen Gut war wohl nur der Spiegel eines allgemeinen Phänomens, der sich dank der Keramikfunde besonders gut nachvollziehen lässt.)
Die Geschichte der Südeinflüsse beginnt in Basel mit dem Import von in Amphoren abgefülltem Wein schon im 2. Jahrhundert v. Chr., gefolgt von weiteren Flüssigkeiten wie Fischsaucen in Amphoren, auch aus Spanien. Dann kommen im mittleren Jahrhundertdrittel die schon genannten Dolien dazu.
Sie stehen wohl ebenfalls mit veränderten Zubereitungssitten der Kelten in Zusammenhang. Ich vermutete schon einen Zusammenhang mit der Verwendung von importiertem Olivenöl, das vielleicht schon damals in der Küche die Butter teilweise zu ergänzen begann (vgl „Die Schweiz zur römischen Zeit, S. 60).
Mit dem Olivenöls der römischen Zeit habe ich mich später in Zusammenhang mit der Cato-Nacherzählung „Übrigens bin ich der Meinung …“ ausführlich beschäftigt.
Rückseite einer Potinmünze der keltisch-frührömischen Übergangsphase mit der Legende CANTORIX
Der Übergang zu den Römern
Die Forschung ist sich bis heute einig, dass auf dem Basler Münsterhügel während etwa 50 Jahren eine blühende keltische Siedlung bestand. Deren Hauptachse war eine gut 10 Meter breite, quer durchs Münster verlaufende Strasse. In deren Mitte konnte mittels Pfostenspuren und einer Grube ein öffentliches Gebäude nachgewiesen werden, das wohl als Kultanlage diente, in der Opferhandlungen stattfanden. Dieser mehrperiodige Bau aus mächtigen Holzsäulen überlebte den Übergang von der spätkeltischen in die römische Zeit nicht.
Die Strasse selbst wurde grossflächige mit einer grauen schlammigen Lehmschicht überdeckt, über die eine Holzkonstruktion zu liegen kam. Diese unterste römische Schicht enthielt neues Sachgut, ganz wenige römische Münzen, aber mehrere gegossene Münzen keltischer Art mit der Aufschrift CANTORIX. Diese Münzen mit einem keltischen Namen in lateinischer Schrift begann ich auszuwerten und kam zum Schluss, dass dahinter keltische Hilfskontingente im Dienste Roms zu sehen sind, die vor dem bisher gültigen Schlüsseldatum 15 v. Chr. am Rhein in Erscheinung traten.
Diese frührömische graue Schicht wurde mittlerweile auch in anderen Aufschlüssen auf dem Münsterhügel angetroffen, mit den entsprechenden Leitfunden. Besonders die Leitungsgrabungen von 1978/79 sind durch Eckhard Deschler-Erb ausgewertet und in den grösseren Zusammenhang gestellt worden.
Die graue Leitschicht wurde auch mittels aufwändigen naturwissenschaftlichen Untersuchungen unter die Lupe genommen, die Andrea Hagendorn im Buch „Unter uns“ (S.209ff.) zusammenfasste. Demnach bestand während Monaten oder allenfalls Jahren hier keine Strasse mehr, sondern es bildete sich Vegetation. Erst danach kam ein neuer Bauschub, nämlich die Verlegung einer Balkenkonstruktion über dem Verlauf der überdeckten Keltenstrasse. Diese interpretierte ich noch als Substruktion eines „Langbaus“, heute aber wird sie mit entsprechenden Vergleichen als „Strasse mit Holzsubstruktion“ gedeutet.
Bild rechts: Stufenartig freigelegte Stratigraphie im Basler Münster von oben nach unten:
Augusteische Holzstruktur im grauen Lehm
Römische Strasse
Ecke des frührömischen Kellers
Spätrömisches Kieselfundament
Ottonischer Kirchenboden.
Es bleibt spannend
Für den Basler Münsterhügel ist die interessanteste Frage von kulturgeschichtlicher Bedeutung die – vereinfachend gesagt – nach dem Übergang von den Kelten zu den Römern. Kontinuität oder Diskontinuität?
Während ich die Befunde und Funde unter dem Münster eher mit einem schroffen Wechsel von einer einheimischen urbanen Siedlung zu einer frührömischen Militärstation interpretierte, nimmt man zur Zeit eher einen weicheren Übergang an.
Man geht von einem Nebeneinander römischer Militärpräsenz mit ziviler keltischer Bevölkerung hinter der Befestigung in der Zeit nach 52 v. Chr. (römischer Sieg bei Alesia) bis um die Zeitenwende aus. Ob diese Interpretation den Befunden und Funden auf längere Zeit standhält?
Die mit grossem Aufwand erstellte Hauptstrasse der keltischen Siedlung wurde um 30 v. Chr immerhin zeitweise aufgehoben und überwucherte. Das spricht eher für eine temporäre Verödung derselben, also für Diskontinuität.
Die Interpretation von archäologischen Befunden ist, wie die Datierung der Funde, stets ein Prozess von verschiedenen Erklärungsmodellen. Umso wichtiger sind klare Thesen, die man beim nächsten Grabungs- und Auswertungsschritt bestätigen oder verwerfen kann. In der Regel werden dann Erklärungsmodelle gewechselt, wenn ein Generationenwechsel in der Forschungsszene stattfindet.
Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute konnte die Archäologische Bodenforschung von Basel-Stadt auf dem Münsterhügel viele neue Aufschlüsse untersuchen, zusammen genommen insgesamt wohl eine grössere Fläche als in den Jahrzehnten zuvor.
Grosses Modell des Murus Gallicus von oben. Hergestellt von Marius Rappo für das Historische Museum Basel (heute im Depot)
Eine erste Zusammenfassung der Resultate gibt das schon genannte Buch „Unter uns“ von 2008. Mit Spannung wartet man aber seit längerem auf die eigentliche wissenschaftliche Auswertung dieser wichtigen neuen Aufschlüsse.
Früher musste man schnell graben und publizieren, mit dem Nachteil des (im Vergleich zu Heute) pauschalen Vorgehens, versuchte aber zügig eine Synthese zum Stand des Wissens vorzulegen und damit den Diskurs der Forschung in Gang zu halten.
Heute kann man länger untersuchen, mit dem grossen Vorteil, viel mehr Informationen sichern zu können, auch mit naturwissenschaftlichen Methoden. Damit verbunden ist der Nachteil der Schwierigkeit des Zusammenführens der vielen Informationen zu einem Ganzen, auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Spezialisierung der Akteure.
Früher dauerte in Basel die Spanne zwischen Grabungsende und Publikation 5 bis 10 Jahre, heute 20 bis 30 Jahre! (Dafür enthalten die Publikationen in der Regel nicht mehr hunderte, sondern über Tausend Fussnoten…)
Zur Kommunikation der Grabungsresultate an eine breitere Öffentlichkeit gehört die Ausstellung der Funde und Befunde. 1981 konnten die neuen Grabungsresultate im Historischen Musem Basel in der Barfüsserkirche im Untergeschoss präsentiert werden, mit einem grossen anschaulichen Modell des Murus Gallicus im Bau. Damit war für mich erstmals der Bogen zur Museumswelt geschlagen.
Digitale Publikationen
Die Ausgrabungen im Basler Münster I - Die spätkeltische und augusteische Zeit 1. Jahrhundert v. Chr. (1979)
Auswertung und Fundanalyse der von Andres Furger im Jahre 1974 im Inneren der Basler Kathedrale freigelegten Stratigraphie zur keltisch-römischen Übergangszeit. Die gut erhaltenen Fundhorizonte und Strukturen wurden nicht nur zu Leithorizonten für spätere Grabungen in Basel, sondern auch zur Grundlage der zeitlichen Differenzierung der Spätlatènezeit.
Das im ehemaligen Habegger Verlag erschienene Buch ist vergriffen, ein Scan ist in Vorbereitung.