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Form der Darstellung ist bei ihr, wie bei der dramatischen Poesie, das Nacheinander (die Succession), nur daß in der epischen
Dichtung das nacheinander Dargestellte (die einzelnen Momente der Erzählung) zwar aufeinander folgt, aber nicht eben, wie in der
dramatischen (die einzelnen Akte der Handlung), auseinander folgen muß. Die Verbindung der in der Zeit aufeinander folgenden
Begebenheiten in der epischen. Dichtung kann daher eine wunderbare entweder sein (wie im Märchen und Epos), oder doch wenigstens
scheinen (wie im Roman und in der Novelle), während sie in der dramatischen eine nach dem Kausalgesetz
notwendige nicht nur sein, sondern auch scheinen muß.
Jene gestattet daher entweder wirklich (wie im Märchen und Epos) oder doch wenigstens dem Scheine nach (wie im Roman und in der
Novelle) den Eingriff übernatürlicher (persönlicher oder unpersönlicher, launischer oder sittlicher, guter oder böser)
Mächte in den Lauf der Ereignisse (das Walten der Gottheit oder des Schicksals, dämonischer, neckender
oder gesetzmäßig herrschender Geister, Mächte des Lichts und der Finsternis); das Drama schließt diesen aus (duldet keinen
deus ex machina).
Odysseus, der von Athene
[* 4] in der Fremde und zu Hause, Dante, der von Vergil durch Hölle und Himmel
[* 5] geleitet wird, sind epische,
Ödipus, der durch seine Selbstverblendung, Lear, der durch seine Unbesonnenheit, Richard III., der durch seinen
verbrecherischen Ehrgeiz sein Schicksal heraufbeschwört, sind dramatische Helden. Jene werden bewegt, diese bewegen sich selbst.
Jene zieht der Fluß der Begebenheiten mit sich fort, diese bringen ihn hervor. Verglichen mit dem rasch zum Ende fortstürzenden
dramatischen ist der epische Fortgang in der Zeit ein zögernder.
Während im Drama jeder Moment der Handlung nur dazusein scheint, um den folgenden aus sich hervorzutreiben,
trägt die augenblickliche Lage im Epischen keine genügende Notwendigkeitin sich, zu einer nächstfolgenden überzugehen; die
treibenden Mächte (Zufall oder Schicksal, freundliche oder feindliche) liegen außerhalb (nicht, wie im Drama, innerhalb) der
Begebenheiten. Die Epik »hat Zeit«; es steht ihr
frei, bei der in
einem gewissen Zeitaugenblick vorhandenen Lage der Dinge und Personen beliebig zu verweilen, das eben Gegenwärtige behaglich
ins Breite
[* 6] auszumalen, zu der ersten Dimension
[* 7] (der Zeitfolge) die zweite (das Gemälde des Gleichzeitigen) hinzuzufügen,
das erzählende Element durch das beschreibende zu ergänzen.
Das Interesse, das sie erweckt, ist daher ganz verschieden von jenem, welches die dramatische Darstellungsform
erzeugt. Wie der epische Held, ist der epische Zuhörer geduldig;
jener wartet sein Los, dieser den Fortgang der Erzählung
ab;
jenes weiß ersterer ebensowenig von sich wie diesen der Hörer von dem bisher Vernommenen abhängig;
jenes wie dieser
kann durch ein (wirkliches oder doch anscheinendes) Wunder ganz wider berechtigte Erwartung ausfallen.
Vom dramatischen Helden wie vom Zuschauer des Dramas gilt das Gegenteil;
jenen treibt es zur That, die sein Los, diesen zum
Ausgang der Handlung, der seine Erwartung besiegelt;
jener weiß sein Geschick von seinem Thun, dieser das künftig Eintretende
von dem bereits Geschehenen abhängig;
jenes wie dieses könnte nur durch ein (vom Drama ausgeschlossenes) Wunder wider die
berechtigte Erwartung ausfallen.
Durch dieses Passivitätsgefühl hat die Stimmung des epischen Helden wie des epischen Hörers
etwas mit der religiösen (dem Abhängigkeitsgefühl und der Ergebung in das von außen verhängte Schicksal) gemein,
das dem dramatischen fremd ist. Der epische Held duldet, der dramatische kämpft gegen sein Schicksal. Um dieser mit dem Gegenstand
religiöser Verehrung verwandten Wirkung auf das Gemüt willen ist die epische Darstellungsform zur Aufnahme religiösen Gehalts
vorzüglich geeignet, welche sie noch durch die Duldung wunderbaren oder doch wunderbar scheinenden Zusammenhanges
unter den erzählten Begebenheiten unterstützt.
Am geeignetsten aber zu diesem Zweck ist diejenige Gattung der Epik, welche den letztern nicht bloß duldet, sondern fordert,
die wunderbare Fügung der erzählten Begebenheiten durch übernatürliche Mächte nicht bloß dem Anschein nach, wie der
Roman, oder nicht einmal dem Scheine nach, wie die Erzählung, sondern wirklich zuläßt und dabei den Schein
der Wunderbarkeit nicht, wie das Märchen (welches das Übernatürliche als natürlich darstellt), vermeidet, sondern durch
ausdrückliche Darstellung des Übernatürlichen als eines solchen provoziert.
Diese Gattung ist das Epos oder Heldengedicht. Dasselbe ist rein religiöser Natur, d. h. es setzt den Glauben an das Dasein
und Walten übernatürlicher (nicht notwendig sittlicher) Mächte voraus, von deren Leitung das Menschenschicksal abhängt.
Jede Form der Religion, d. h. jede der verschiedenen Auffassungen jener Mächte (als persönliche oder
unpersönliche, als dämonische und göttliche, Zufalls- und Schicksalsgewalt), hat ihr eignes der religiöse Unglaube, für
welchen dergleichen überhaupt nicht vorhanden sind, kann keins haben.
Die Stelle desselben vertritt der Roman, in welchem der Lauf der Begebenheiten »romanhaft«, d. h.
dem Scheine nach wunderbar, in Wahrheit aber natürlich ist, während er im E. dem Schein und dem (geglaubten) Sein nach übernatürlich
ist. Das Epos gehört der religiösen, der Roman wie das Drama der philosophierenden Bildungsstufe des Menschen
und der Menschheit an. »Homer und Hesiod haben den Griechen ihre Götter gemacht.« Da das eigentlich Handelnde im E. nicht
der epische Held, sondern die führenden Mächte sind, so kann von einer Einheit derHandlung, wie im Drama, wo die That des
Helden sein Los erzeugt, im E. nicht die Rede¶
mehr
sein. Dem epischen Helden wird sein Los verhängt, der dramatische verhängt es sich selbst. Sollen daher die erzählten Begebenheiten
durch eine andre als durch die lockere Einheit derselben Zeitlinie verbunden sein, in welche sie fallen, so kann dies nur
durch die Einheit der leitenden Person (des epischen Helden) oder der thätigen Mächte (der leitenden Götter-
oder Schicksalsgewalt) oder beider zugleich sein. Dante, der, von Vergil geführt, die Reise durch die Hölle und das Fegfeuer,
von Beatrice geleitet, jene durchs Paradies vollführt, ist der epische Held, dessen Einheit die Teile des epischen Gedichts
zu einem Ganzen verknüpft, wie die Person des Odysseus die Schiffermärchen der »Odyssee«.
Die Entstehung des Epos aus einzelnen Liedern, deren jedes die Begebenheit nur eines oder weniger Zeitmomente, deren
Zusammenfassung aber die Begebenheiten einer ganzen Zeitreihe von beträchtlichem Umfang umfaßt, ist durch die lockere Einheit derPerson (des einzelnen Helden oder seines ganzen Geschlechts in auf- und absteigender, ja sogar in den Seitenlinien:
Lajos' Haus; die Atriden; die Nibelungen; Marko Kraljevic u. a.) oder der waltenden Mächte (die olympische, indische, nordische
Götterwelt; das Reich des Lichts und der Finsternis im persischen, Himmel und Hölle, Christus und Satan im christlichen Epos) nicht
nur möglich, sondern bei vielen derselben (wie beim Homerischen, indischen, serbischen Epos) sogar
wahrscheinlich gemacht.
Gegen die auf diesem Weg liegende Gefahr eines »unendlichen Epos« (desgleichen die Weltgeschichte ist) gilt die Warnung des Aristoteles,
daß das Epos sowenig wie die Tragödie (d. h. das Drama überhaupt) eine gewisse die Überschaubarkeit hindernde Ausdehnung
überschreiten, noch unter einer solchen im entgegengesetzten Sinn zurückbleiben solle. Die Abschnitte des Dramas, das eine
in der Zeit sich bewegende Handlung ist, werden durch die Ruhepunkte der Handlung, jene des Epos dagegen, das eine sich durch
die Zeit ausdehnende Erzählung ist, durch die Abschnitte der Zeit, welche die letztere braucht, festgesetzt.
Daß die Stillstände
der Erzählung jedesmal mit einem Stillstand des Erzählten zusammenfallen, ist dabei allerdings möglich,
aber keineswegs notwendig. Nicht bloß der Märchenerzähler (Scheherezade), sondern auch der epische Dichter (Ariost) bricht
seine Erzählung ebenda ab, wo sie am spannendsten wirkt; jener verschiebt die Fortsetzung auf den folgenden Tag,
dieser auf den folgenden (d. h. am folgenden Tag vorzutragenden) Gesang. Die Märchen der »Tausendundeine Nacht«, die Erzählungen
des Dekameron, Heptameron sind nach Tagen eingeteilt; die Gesänge des für die Recitation, wie das Drama für die Aufführung
(nicht zur Lektüre), bestimmten Epos sind bestimmt, tagweise vorgetragen zu werden.
Dieselben haben daher, wie die regelmäßigen Zeitabschnitte (Stunde, Tag, Jahr), untereinander gleiche
Länge, gleichviel welche Zeit das Erzählte umfassen mag. Die Zahl der Akte im Drama ist durch die Geschlossenheit der Handlung
und deren organischen Fortschritt bestimmt, die Zahl der Gesänge im E. willkürlich. Nicht nur die gleichzeitigen Begebenheiten
verschiedener Personen können zusammen verwoben (Mehrheit epischer Helden), sondern Begebenheiten einer
frühern Zeit können der Erzählung der gegenwärtigen eingeflochten werden (Episoden).
In der Regel hat der Erzähler allein das Wort; er kann dasselbe an einen seiner Helden abtreten, der es im eignen oder wieder
im Namen eines andern führt. Die lebhaftere Darstellungsweise, welche dadurch entsteht, ist der dramatischen
ähnlich, so daß manches epische Gedicht sich mit Leichtigkeit in ein dramatisches verwandeln ließe (z. B.
das Gespräch des Glaukos und Diomedes bei Homer), aber nicht gleich. Der epische Dichter stellt auch diese den Helden selbst
in den Mund gelegten Reden als geschehene (nicht als geschehende), als bloße Begebenheiten dar; das historische
Präsens ist ganz vom dramatischen verschieden.
In Bezug auf die Entstehung wird das kunstmäßig entstandene (Kunstepos) dem naturwüchsigen Epos (Volksepos)
entgegengesetzt. Fast alle großen Kunstepen sind aus der Überarbeitung von ursprünglichen Volksepen hervorgegangen. Die
Anfänge derselben verlieren sich bei den verschiedenen Völkern in ihr vorgeschichtliches Altertum. Die Heldenlieder der
Chinesen hat Konfutse im »Schi-King« gesammelt; die Heldenthaten des Ägypterkönigs Ramses d. Gr. feiert das in
einem Papyrus erhaltene historische Gedicht seines Hofpoeten Pentaur; das Siegeslied der Deborah (um 1300 v. Chr.) und die zwölf
zusammenhängenden Abenteuer der (an den Sonnen- und Heraklesmythus mahnenden) Simsonsage zeigen die Spur epischer Heldendichtung
bei den alten Hebräern.
Ein eigentliches Epos aber findet sich erst bei den Völkern arischer Abstammung und zwar sowohl
bei jenen des Orients (Inder und Iranier) als des Occidents (Gräko-Italiker, Kelten, Germanen und Slawen). Von den beiden Hauptepen
der Inder stellt das eine, der »Mahâbhârata«, den Kampf zweier arischer Heldengeschlechter, der Kuruinge und Panduinge, unter
sich, das andre, das »Râmâyana«, den Kampf des Sonnenhelden Rama, als Repräsentanten des Ariertums, mit
den dunkelfarbigen, in der Volksmeinung zu Affen
[* 14] gewordenen Ureinwohnern des Landes (den sogen. Drawidastämmen) dar.
Als Verfasser des erstern wird Vjasa (der »Ordner«, so daß dieser Name auch den bloßen Sammler und Bearbeiter vorhandener
Lieder bedeuten kann), als jener des zweiten Valmîki genannt; beide haben wiederholt (wie es wahrscheinlich
ist, noch in der Zeit nach Christus) Umarbeitungen durch Einschübe und Erweiterungen erfahren. Der Charakter des Wunderbaren
wird dem geschichtlichen Kern beider Dichtungen dadurch verliehen, daß die kämpfenden Helden teils Söhne und Enkel von Göttern,
teils selbst Inkarnationen von solchen sind.
Das unterliegende Geschlecht hat im »Mahâbhârata« durch gewaltsamen Thronraub, aber auch das siegreiche
dadurch schwere Schuld auf sich geladen, daß das Haupt desselben seine eigne Gattin frevelhaft im Würfelspiel auf einen Wurf
gesetzt und verloren hat. Nachdem die Kuruinge, ihren Thronraub sühnend, gefallen sind, werden auch die Panduinge zur Strafe
für ihren Frevel bis auf den letzten Mann erschlagen. Unter den zahllosen Episoden, welche die einfache
Handlung umranken, ragt die Liebesgeschichte Nals und Damajantis durch Treue und Zartheit hervor.
Für diese Treue gegen die Pflicht verleihen die Götter ihm den Sieg über die finstern Riesen
der Insel (Ceylon),
[* 16] die ihm die
Gattin geraubt haben, und führen ihn nach 14 Jahren des Exils glorreich auf den Thron seiner Väter zurück.
In der spätern Gestalt des indischen Epos trat die Götternatur der Helden, die nun fast sämtlich Inkarnationen der Gottheit
selbst werden, immer mehr hervor und artete der wunderbare Charakter der Begebenheiten ins Maßlose, Abenteuerliche und Phantastische
aus, während die physische Helden- ebenso wie die ethische Entsagungskraft (letztere namentlich in der
Form übermenschlichen Büßertums) ins Grenzenlose gesteigert ward.