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Felicity
Manch einer gilt als mutig, nur weil er Angst hatte,davonzulaufen.
An diese Worte musste ich denken, als ich die Treppe der Subway-Station 7th Avenue hinaufstieg und auf das riesige Gebäude vor mir zuging. Ich wusste nicht mehr genau, von wem das Zitat war – vermutlich Emerson, schließlich war mein Englischlehrer besessen von ihm gewesen –, aber es passte. Ich fühlte mich nämlich kein bisschen mutig, weil ich hier war. Allerdings hatte ich zu viel Angst vor dem, was passieren würde, wenn ich jetzt wieder umdrehte.
Die Schiebetüren öffneten sich und gaben den Blick auf das Innere des Gebäudes frei. Die Eingangshalle war riesig, noch größer als erwartet, obwohl ich vor meinem Besuch hier alles über die Firma gelesen hatte. Ich atmete tief ein, packte den Gurt meiner Tasche fester und schritt auf den Tresen zu, an dem ein junger Mann saß, der gerade telefonierte. Er gab mir ein Zeichen, dass ich kurz warten sollte.
»Nein, Mr Grant ist zurzeit in einem Meeting. Ja, ich sage es ihm.«
Mr Grant. Ich spürte, wie mein Puls sich noch mal beschleunigte, als ich den Namen des Mannes hörte, wegen dem ich hier war. Irgendwie hatte ich nicht daran geglaubt, dass ich ihm eines Tages begegnen würde, aber da stand ich nun. Und es gab kein Zurück.
»Willkommen bei Grant Industries. Was kann ich für Sie tun?« Der Mann sah mich an. Er hatte eine wahnsinnig gepflegte Frisur, fiel mir auf. Kein Haar stand ab, nicht ein einziges. Überhaupt wirkten die Menschen in New York alle, als wäre ihr Äußeres eine echt ernste Angelegenheit, aber ganz anders als in Los Angeles. In meiner Heimatstadt legte man wenig Wert auf teure Kleidung oder Haarschnitte, dafür machte man eher einen Kult um das, was unter den Klamotten steckte. Hier in New York schien es extrem wichtig zu sein, wie teuer der Anzug war oder von welchem Label die Schuhe stammten. Ich war froh, dass ich für diesen Anlass Bluse und Blazer angezogen hatte. Das waren keine Sachen, die ich im Alltag trug, aber sie halfen dabei, mich seriös zu fühlen. Wie jemand, den man ernst nehmen konnte.
»Ich möchte gern zu Mr Grant«, sagte ich so selbstbewusst ich konnte, während mein Herz mir schmerzhaft gegen die Rippen schlug. Ich spürte Wut, begleitet von einer gewissen Traurigkeit. Die Mischung war vertraut – schließlich war ich als Kind traurig und als Teenager vor allem wütend gewesen, weil er nichts von mir wissen wollte.
Der Typ tippte etwas auf seinem Computer ein. »Wie ist Ihr Name, Miss?«
»Everhart. Felicity Everhart.« Es klang ein bisschen wie bei James Bond, aber der Witz darüber blieb mir im Hals stecken.
»Haben Sie einen Termin, Miss Everhart?« Nun schaute er auf eine Weise, die mir verriet, dass er die Antwort auf seine Frage bereits kannte. Schließlich gab es in seinem Kalender keinen Eintrag mit meinem Namen. Ich war unangemeldet hergekommen. Alles andere hätte nicht funktioniert.
»Nein«, antwortete ich ehrlich. »Aber ich hoffe, dass Mr Grant dennoch kurz Zeit für mich hat. Fünf Minuten reichen völlig. Oder vielleicht drei?«
»So, das hoffen Sie also. Und was bringt Sie zu dieser Annahme?«
Allmählich drängte sich mir das Gefühl auf, den größten Fehler aller Zeiten gemacht zu haben. Wieso war ich hergekommen? Warum genau hatte ich das für eine gute Idee gehalten? Ach ja, richtig. Weil ich an diesem einen Abend auf meiner Europareise am Strand von Praia dos Três Irmãos entschieden hatte, meine Heimatstadt zu verlassen und in New York studieren zu wollen. Und deswegen einen Flug gebucht hatte, um drei Wochen nach der Zusage i