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Dorothee Elmigers Buch «Aus der Zuckerfabrik» führt vom Traum eines Kindes über den Traum eines Lottokönigs zum Albtraum des Kolonialismus und wieder ins Alltägliche. Wir erleben beim Lesen die Entstehung der Literatur beim Schreiben.
Variationen zur Kolonialgeschichte, ausgehend von einem Arbeiter, der im Lotto gewinnt und sogleich wieder alles in den Sand setzt. Elmigers Buch ist von solcher Fülle, dass man zu dem zwar lakonischen jedoch zugleich kryptischen Titel Aus der Zuckerfabrik sich bei der Lektüre jede Menge barocker Untertitel ausdenken will. Beim Lesen erinnert man sich auch an Rainer Maria Rilkes Karussell mit dem weissen Elefanten, der dann und wann auftaucht. Hier wären es wohl die «zwei Figuren aus Ebenholz oder schwarzem Stein», die aus der Konkursmasse des ersten Schweizer Lottomillionärs Werner Bruni versteigert werden und angeblich von Haiti, der Zuckerinsel stammen.
Werner Bruni, Lottokönig 1979, mit seinem Buch «Werner Bruni. Einmal Millionär und zurück» von 2010. (Quelle: Verlag Wörterseh auf Youtube)
Fragmente und Schnipsel, die auf- und wieder abtauchen, erzeugen einen Sog, dass man immer weiterlesen muss. So schreiben ist weit weg von der üblichen Flut an neuer Literatur, die im Angebot steht. Elmiger reflektiert die Entstehungsbedingungen ihres Textes mit, eine Handlung ist unwichtig. Gewiss, da sind Handlungsfragmente, Nacherzählungen von Literatur, die Spurensuche in Montauk oder im Archiv des Schweizer Fernsehens, wo die Filme zum Lottokönig lagern.
Was also ist in dieser Zuckerfabrik drin? Montauk von Max Frisch wird in Montauk nacherzählt nachgelebt und gendernd umgedreht, Ellen Wests Gedichte und Krankheit wird ebenso reflektiert wie die Entwicklung der Teresa von Avila zur ekstatischen Seherin, oder jenes von Lottokönig Werner Bruni, der aus seinem bescheiden-zufriedenen Leben katapultiert wird und scheitert, so wie Toussaint Louvertures Revolution um 1800 auf Haiti, wo Bruni im wieder bescheidenen Leben nach dem Lottogewinn eine Villa saniert.
Toussaint Louverture wollte die Sklaven auf Haïti befreien und gründete nach französischem Vorbild eine Republik. Er wurde verraten und starb in einer Festung im Jura. Malerei von John Kay, 1805
Und wie wird Aus der Zuckerfabrik erzählt? Es ist kein Roman, es ist trotz der vielen Anmerkungen am Textende auch kein wissenschaftlicher Bericht, sondern eine Sammlung von Inhalten, die der Autorin im Lauf der Recherche begegnet sind: Lektüren sind eingeflossen, Beobachtungen auf Reisen und Reflexionen, Träume und Politisches, Gier und Freude, Ekstase und Askese werden verhandelt, der Zucker steht ebenso für die Gier nach Süssem wie für die Gier nach Macht mit der Kehrseite Unterdrückung und Ausbeutung. Genial gefügt in der Szene des bei der Einladung zum Tee aus der Zuckerdose naschenden Adam Smith, dem Theoretiker des Wirtschaftsliberalismus.
Was das Lesen des Buchs – eine sehr offen konzipierte Textsammlung, die parallel zum Alltag einer Intellektuellen und zugleich sehr wachen Existenz unserer Zeit verläuft – so speziell und spannend macht: Die Erzählerin führt uns durch ganz unterschiedliche Leküren, die ihr im Lauf der Entstehung des Manuskripts begegnet sind und deren Einbau ins Konglomerat der Gedanken notwenig wurden, wobei sie uns sehr direkt teilnehmen lässt.
Warum nicht einfach dazu stehen, dass der Stoff, der sich ansammelt während des Schreibens und Lebens nur in einem sehr offenen Umgang zu bewältigen ist, analog zu den zahllosen Interventionen einer globalisierten und digitalisierten Welt, denen wir alle ausgesetzt sind? Diese Poetik wird auch begründet: «Es ist doch ganz einfach so, dass immer alles Mögliche geschieht, während ich da an meinem Schreibtisch sitze, (…) und das muss dann natürlich alles auch erzählt werden, weil das ja die Bedingungen sind, unter denen der Text entsteht».
Der mehrseitige Anhang mit Quellenverweisen ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Literatur nicht einfach so am Computer oder auf dem weissen Blatt entsteht, sondern in einem Umfeld vieler literarischer oder wissenschaftlicher Stimmen, heterogener Quellen und Eindrücke aus dem Alltag, die, in Variationen dekliniert, in einen Text fliessen. Bei Elmiger bleiben sie sichtbar, und das ist das wahrhaft Spektakuläre und Neue im Kanon der zeitgenössischen literarischen Stimmen. Dazu noch ihre elegante und sichere Sprache, konzis und lakonisch, leicht und prägnant: Voller Wohlklänge und Humor liest sich der Text, oder vielmer die Sammlung von Texten. als ob auch der Stoff leicht wäre. Dabei umfasst er unglaublich viel von dem, was sich an süssem und schrecklichem Begehren in Geschichte, Literatur und Leben ereignet.
Elmiger wagt es, die branchenüblichen Erzählmodi gegen den Strich zu bürsten. Und sie tut es alles andere als spekulativ, aber ihr Buch fiel auf. Es löste bei den wenigen Rezensenten und Kritikerinnen, die noch publizieren können, Begeisterung aus über den unorthodoxen Umgang mit diesem Wust an Stoffen, Zitaten, Lektüren, Beobachtungen und Erlebtem. Warum denn auch ordnen und sortieren, damit am Schluss ein sauber und clean geschriebener Text zwischen den Buchdeckeln steht? Wir erleben unsere Welt ja auch nicht aufgeräumt und ordentlich. So erschliessen sich die Zusammenhänge für die Lesenden ganz natürlich, und es entsteht dieser Erzählfluss, der einen nicht mehr loslässt.
Aus der Zuckerfabrik sei kein Protest gegen lineares Erzählen, sagte Dorothee Elmiger unlängst bei ihrer Lesung während der Solothurner Literaturtage. Wäre auch seltsam, denn so angenehm entspannt und gescheit, wie die Autorin nach den Mühen des Arbeitsprozesses mit ihren Stoffen umgeht, ist Schreiben aus einer Protesthaltung gar nicht vorstellbar. Nicht nur deshalb ist Dorothee Elmigers Recherche über Zucker von Kolonialismus bis Süssigkeiten, von Kleist bis Marx und von der verzückten Teresa von Avila bis zur verrückten Ellen West und weit drüber hinaus eine Wohltat. Sondern auch, weil der Text oder die vielen Texte (Flattersatz, auch kursiv, kurze Absätze und Statements) insgesamt einen Flow erzeugen, dem man sich – kaum darauf eingelassen und eingelesen – nicht mehr entziehen will.
Zu Anfang geht es mit der Ich-Erzählerin durch Gestrüpp, wo sie da und dort hängen bleibt, aber es gefalle ihr. Eine ungewöhnliche erste Seite, eine Metapher für den Schreibprozess. Durch dieses Gestrüpp muss auch ihr Publikum, bis die Wörter Bilder im Hirn generieren und man geführt von der Autorin die Welt entdecken kann – historisch, literarisch und politisch.
Ich habe mal zu jemandem gesagt, in diesem Buch möchte ich wohnen. Nicht dass es hier kuschelig zuginge. Im Gegenteil, diese Zuckerfabrik steht mit Genuss und Abgründen für die globale Gesellschaft. Es ist die Sprache, es sind die Variationen, vor allem das spürbar lustvolle Schreiben, denen man endlos folgen möchte. Aber zum Schluss muss man dieses Buch nicht enttäuscht, weglegen, weil der letzte Absatz dem Klippenspringer gilt. Ein Waghalsiger der nach dem tiefen Taucher wieder hoch zum Gestrüpp muss. Ihm folgen wir gern.
Titelbild: Dorothee Elmiger bei der Lesereise des Kantons Zürich in Affoltern am Albis. Foto: Eva Caflisch
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser-Verlag 2020. ISBN 978-3-446-26750-3
Dorothee Elmiger liest: Hier die nächsten Termine