Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03324.jsonl.gz/849

Die Kulturkommission
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1980 von Hans-Paul Bosshardt
Im Januar 1975 reichten die Gemeinderäte Max Niederer und Peter Ziegle
r ein Postulat für die Schaffung einer Bildungs- und Kulturkommission
ein. Diesem Anliegen stand der Stadtrat anfänglich skeptisch gegenüber, weil er befürchtete, durch eine städtische Kulturkommission würden die verschiedenen privaten kulturellen Aktivitäten konkurrenziert und sogar beeinträchtigt. Der Stadtrat beantragte deshalb dem Gemeinderat, diesem Postulat nicht zu entsprechen. Im Januar 1978 beschloss der Gemeinderat jedoch, dieses Postulat aufrecht zu halten, weil er glaubte, dass eine solche Kommission den Stadtrat in den vielfältigen Fragen der Kulturpolitik werde beraten können, so dass sich daraus vielmehr eine Unterstützung und Förderung des kulturellen Lebens in unserer Stadt ergeben könne. Zwei weitere Vorstösse im Gemeinderat und einem Beitragsgesuch der Stadt Zürich an die vier grossen Kulturinstitute (Opernhaus, Schauspielhaus, Tonhalle und Kunsthaus) gaben weitere Impulse. Der Stadtrat nahm daraufhin die Vorbereitungen zur Bildung der Kulturkommission an die Hand und wurde dabei von der Spezialkommission, die der Gemeinderat zur Prüfung der Beitragsleistungen an die Kulturinstitute der Stadt Zürich bestellt hatte, unterstützt und beraten.
Die personelle Zusammensetzung der Kommission soll die Verbindungen zu den verschiedenen Kulturträgern, zu allen sozialen Schichten und zu den politisch entscheidenden Instanzen gewährleisten, doch sollten ausübende Künstler und andere in kulturellen Organisationen schon engagierte Personen der Kommission eher nicht angehören. Der Stadtrat erliess im September 1979 einen öffentlichen Aufruf zur Mitarbeit in diesem Kulturforum, der ein erfreuliches Echo fand. Weil die Kommission nicht mehr als neun Mitglieder zählen sollte, konnten nicht alle Nominationen berücksichtigt werden. Nach Art. 32.1 der Gemeindeordnung wählte der Stadtrat im Dezember 1979 als Mitglieder in die beratende Kommission für Bildung und Kultur:
Dr. Hans-Paul Bosshardt, Fuhrstrasse 10; Dr. Hans Frey, Büelenebnetstrasse 16; Berti Hottinger-Bossert, Oberödischwend; Regula Humm-Rellstab, Töbeliweg 6; Barbara Kupper-Intrass, Tiefenhofstrasse 19; Stadtpräsident Walter Rusterholz
; Hedwig Schärer-Wunderli, Zugerstrasse 51; Hans-Jürg Stocker, Schönenbergstrasse 36, und Christian Wezel, Eichmüli. Das Präsidium wurde Dr. Hans-Paul Bosshardt übertragen und als Sekretärin amtet Berti Hofstetter, Sekretärin in der Präsidialabteilung der Stadtverwaltung. Nach dieser langen Vorgeschichte konnte die Kommission am 30. Januar 1980 zu ihrer ersten Sitzung zusammentreten und ihre Tätigkeit aufnehmen. Zur Bearbeitung der verschiedenen Aufgabenbereiche wurden vier Ausschüsse gebildet:
1. Ton: Musik, Konzert, Gesang
2. Licht und Farbe: Malerei, Grafik, Film, Bildhauerei, Architektur
3. Wort: Theater, Kabarett, Literatur, Bibliothek
4. Information: Propaganda, Presse, Schulen, Erwachsenenbildung, Kontakte zu anderen Stellen
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit umschreiben diese Stichworte in groben Zügen den weiten Tätigkeitsbereich der Kommission. Sie machen deutlich, dass Kulturpolitik nicht eine unter vielen anderen Aufgaben der Stadtbehörde ist, sondern dass es gilt, kulturellen Zielsetzungen in allen Bereichen der Politik vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken. Ideelle Werte, wie eine ästhetische Umwelt, aktive Teilnahme am geistigen Leben oder eine intakte Natur, gewinnen in letzter Zeit glücklicherweise wieder an Bedeutung, und dem muss auch die Politik Rechnung tragen.
Dementsprechend war auch die Tätigkeit der Kommission in ihrem ersten halben Jahr schon sehr vielseitig, obwohl noch nicht alle Aufgaben in Angriff genommen werden konnten. Die Kommission beschäftigte sich neben einer recht grossen Zahl von Beitragsgesuchen von Vereinen, kulturellen Organisationen und auch von Einzelpersonen aus unserer Stadt, aus unserem und auch anderen Kantonen und sogar aus dem Ausland besonders eingehend zum Beispiel mit dem Renovationsvorhaben der Glärnischhalle oder mit der Frage, wie der Raumbedarf etwa der Musikschule, der öffentlichen Bibliothek der Lesegesellschaft, einer Ausländervereinigung oder auch einzelner Künstler mit dem allgemeinen kulturellen Anliegen auf Wiederbelebung des Stadtzentrums, besonders der Kirchenschutzzone (Sonne
, Eisenhammer
usw.) verbunden werden kann.
Zur Lösung dieser vielfältigen Aufgaben wählte die Kommission ein pragmatisches Vorgehen, indem die einzelnen Sachfragen nicht an theoretischen Massstäben gemessen, sondern nach dem praktischen Nutzen für unsere Stadt beurteilt wurden. Dies heisst nun nicht, dass materielle Argumente im Vordergrund standen; ganz im Gegenteil: Der im laufenden Finanzjahr erstmals vorgesehene Budgetkredit für «Kulturförderung» gibt dem Stadtrat und damit auch der Kulturkommission den nötigen Spielraum. Es wird sich zeigen, ob der jährliche Betrag auch in Zukunft ausreicht. Im Vergleich mit anderen Städten und Gemeinden sind die Leistungen der öffentlichen Hand in Wädenswil noch immer bescheiden. Glücklicherweise werden sie durch substanzielle Beiträge privater Mäzene und durch viele private Leistungen ergänzt. Die Finanzen sind denn auch nicht der limitierende Faktor im kulturellen Leben von Wädenswil. Limitierend ist vielmehr der Mangel an Ideen und die konservative Sattheit. Wie sonst könnte es geschehen, dass markante und sogar architektonisch wertvolle Gebäude im Herzen unserer Stadt leerstehen oder nur unzureichend benützt werden und oftmals sogar verlottern, während gleichzeitig ein akuter Mangel an geeigneten Räumlichkeiten für kulturelle Aktivitäten besteht. In modernen Mehrfamilienhäusern ist es für einen Trompeter schwierig, Fanfarenklänge zu schmettern, ohne die Geduld der Nachbarn übermässig zu strapazieren. Wo soll er aber üben? Und wo soll ein Bildhauer ungestört und ohne zu stören arbeiten können? Wo finden Kunstmaler ein geeignetes Atelier? Wo finden Ausländervereine günstige Räumlichkeiten für Sprachkurse? In den erwähnten Gebäuden lassen sich die notwendigen Räumlichkeiten gut einrichten, und auch die nötige Atmosphäre wird sich sicherlich ergeben. Zwar kann weder mit Geld noch mit Politik Kultur erzeugt werden, aber beide sind doch recht dienlich, um günstige Voraussetzungen zu schaffen. Die Kulturkommission sieht denn auch in der Erhaltung und Schaffung guter Grundlagen für kulturelle Aktivitäten eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Damit ist es allerdings nicht getan. Künstler müssen nicht nur gute Arbeitsbedingungen haben, sie müssen auch leben. Dazu gehört die Anerkennung ihrer Werke, namentlich aber deren Verkauf! Die Kulturkommission beabsichtigt deshalb, dem Stadtrat vermehrt Ankäufe von Kunstwerken oder Honorierungen von Leistungen zu empfehlen. Sie ist sich der Problematik der Auswahl durchaus bewusst, doch ist sie der Ansicht, das Risiko eines gelegentlichen Missgriffes sei kleiner als der Schaden, der entsteht, wenn wenig oder nicht gekauft wird. Die Kommission zählt auch in dieser Hinsicht auf das Verständnis der Öffentlichkeit.
Die Kulturkommission hofft durch ihre Tätigkeit im Hintergrund einen Beitrag zum kulturellen Leben in unserer Stadt zu leisten.