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Coach Franco Foda hat zum Auftakt der Europa League-Gruppenphase gegen Arsenal (1:2) auf Viererabwehr umgestellt und behält das 4-2-3-1 auch in Genf bei. Zu den Gewinnern dieser neuen Formation gehören sicherlich Seitenspieler wie Fidan Aliti, Jonathan Okita und Adrian Guerrero. Der FCZ hat gegen ein riskant spielendes Servette von Anfang an im Ansatz sehr gute Möglichkeiten mit Überzahlsituationen im Umschaltspiel, aber das Führungstor erzielt schon nach zwei Minuten Servette, weil sich Mets und Aliti auf ihrer linken Abwehrseite gegen Rodelin und Stevanovic etwas naiv anstellen.
Jonathan Okita from hero to zero
Wie schon gegen Arsenal “’schwimmt“ der FCZ auch am Salève zu Beginn in defensiver Hinsicht – auch wegen personeller Rochaden. Mets, Condé und Marchesano beginnen diesmal für Kryeziu, Dzemaili und Krasniqi. Wenn kein schnelles Umschalten durch die Mitte möglich ist, baut der FCZ vorwiegend über rechts auf, wo Tosin den Ball an der Seitenlinie fixiert, um dann die von den Flügeln zur Mitte ziehenden Okita oder Guerrero zu lancieren. Aufgrund häufiger Positionswechsel auf beiden Seiten war das Spiel in der 1. Halbzeit sehr lebhaft und abwechslungsreich. Allerdings konnten Kamberi, Salnaes oder Guerrero häufig die Laufwege von Zielspielern wie Tosin oder Okita nicht richtig lesen.
Es hätte die Partie von Jonathan Okita werden können, dem von ausserhalb des Strafraumes zwei Traumtore gelangen – seine ersten beiden Treffer im elften Wettbewerbsspiel im FCZ-Trikot notabene. Alle Zürcher Feldspieler waren an mindestens einem der beiden Okita-Treffer beteiligt. Allerdings stand Okita mit seinem Fehler im Mittelfeld auch am Anfang des zwischenzeitlichen 2:1-Führungstreffers Servettes und erwies seiner Mannschaft mit einer Gelb-Roten Karte in der 72. Minute einen Bärendienst. Die erste Gelbe hatte er erhalten, weil er sich statt ausserhalb des Spielfeldes pflegen zu lassen, auf den Platz setzte, um das Spiel zu unterbrechen. Die zweite kassierte er wegen eines taktischen Fouls nachdem er den Ball unvorsichtigerweise in der eigenen Platzhälfte weit von seinem Fuss wegspringen liess. Zuvor hatte Guerrero die Latte getroffen und Tosin setzte seinen Seitfallzieher aus neun Metern am Pfosten vorbei.
Nach dem Highlight gegen Arsenal kommt vom FCZ in Genf zu wenig
In Unterzahl stellte sich der FCZ ungeschickt an. Brecher spielte hohe Bälle in Richtung des eingewechselten Donis Avdijaj, der in den Luftduellen keine Chance hatte. So kam Servette zu viel Ballbesitz. Der FCZ liess sich weit zurückfallen und verteidigte mehr schlecht als recht. Vor dieser Phase hatte FCZ-Keeper Yanick Brecher in der 2. Halbzeit nie eingreifen müssen. Der FCZ verlor die Partie dann erneut in den Schlussminuten, diesmal gar in praktisch letzter Sekunde. Ein Gegentor nach Valls-Eckball in Genf war ein Défà Vu aus früheren Saisons. Bei der Zuteilung der Gegenspieler herrschte ein Chaos, Mets und Guerrero fanden ihre Gegenspieler nicht – Kutesa und Torschütze Douline hätten beide alleine vor Brecher den Valls-Corner direkt verwerten können.
Insgesamt war es mit Durchschnittsnote 4.9 auf gleicher Höhe mit dem Auftaktmatch in Bern und hinter der Heimniederlage gegen Lugano die zweitschlechteste FCZ-Partie der Saison – defensiv und offensiv gleichermassen. Trainer Foda nahm dabei nur zwei Wechsel vor. Und in der 1. Halbzeit hatte der aktuelle FCZ-“Lieblingsschiedsrichter“ Fedayi San ein Stürmerfoul von Rodelin an Kamberi bei einem vermeintlichen Servette-Goal Pflückes übersehen und musste vom VAR korrigiert werden.
Personalien
- Yanick Brecher ist zum fünften Mal in den letzten sieben Partien in der 2. Halbzeit ungenügend. 22/23 ist die 2. Halbzeit-Durchschnittsnote des Männedorfers deutlich tiefer, als jene der 1. Halbzeit – eine Frage der Konzentration?
- Jonathan Okita produziert die grössten Tops und Flops der Partie. Der in Frankreich und Belgien aufgewachsene Kongo-Deutsche fokussiert sich in der 1. Halbzeit nur auf die Offensive. Nach dem Lupfer zum 1:1 wird er übermütig und verliert den Ball vor dem 1:2. Ist andererseits an acht der zehn Zürcher Abschlüsse beteiligt und offensiv trotz Fehlern zusammen mit Adrian Guerrero der Beste.
- Der etwas harzig in die Saison gestartete Antonio Marchesano ist dank seiner Defensivleistung erstmals in dieser Saison MVP. Letzte Saison war Marchesano in neun Partien Züri Live-MVP gewesen, darunter im Meisterspiel in Basel am 1. Mai.
Die Saga des Genfer Siegtores
Wie konnten beim Eckball von Théo Valls mit Torschütze David Douline und Dereck Kutesa gleich zwei Genfer in zentraler Position völlig freistehend in die Position kommen, das Genfer Siegtor in der 95. Minute zu erzielen? Die Story des Genfer Siegtores ist eine Detektivgeschichte mit nur wenigen zur Verfügung stehenden Puzzleteilen an Informationen. Normalerweise ist es einfach: vor jeder Partie legt das Trainerteam fest, wie die Mannschaft bei gegnerischen Eckbällen verteidigen soll. Als Beobachter sieht man dann jeweils bereits beim ersten Corner, was die Anweisungen und Zuteilungen gewesen sein mussten. In der Regel ändert sich zudem von Spiel zu Spiel diesbezüglich nicht viel – es stehen also Erfahrungswerte der zur Verfügung.
In Genf kamen nun aber gleich mehrere erschwerende Faktoren zusammen. Den ersten Genfer Eckball gab es erst in der 78. Minute, zu einem Zeitpunkt, als Servette bereits vier Mal gewechselt hatte. Der Nummer 1-Eckballschütze Théo Valls war zudem erst gerade zwei Minuten vor diesem ersten Eckball eingewechselt worden. Dazu wechselte Coach Alain Geiger nicht Eins-zu-Eins pro Position. Eine bereits schon offensive Aufstellung wurde durch die Einwechslung von zusätzlichen Stürmern noch offensiver – eine weitere mögliche Fehlerquelle für die Zürcher Defensivorganisation. Und, ebenfalls wenige Minuten vor diesem ersten Eckball, wurde Jonathan Okita mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Okita nahm in der Verteidigung von Eckbällen jeweils eine wichtige Rolle ein – und man war nun einen Mann weniger.
Théo Valls setzt sich also den Ball zu diesem ersten Genfer Eckball. Yanick Brecher hätte diesen übrigens noch verhindern können, wenn er beim von Selnaes mit einem Block abgefälschten Douline-Abschluss etwas schneller reagiert hätte. Man sieht am nahen Pfosten, wie Aiyegun Tosin Brecher fragt, wo er genau hinstehen soll. Normalerweise hat der FCZ zwei Raumdecker am nahen Pfosten: für einen tiefen oder halbhohen Ball vorgeschoben und nahe zur Grundlinie in der Regel Antonio Marchesano und für einen hohen Ball auf der Fünfmeterlinie genau auf der Höhe des nahen Pfostens üblicherweise Mirlind Kryeziu. Marchesano war aber soeben ausgewechselt worden und Kryeziu diesmal nicht dabei. Tosin übernahm daher den Marchesano-Part und die Kryeziu-Rolle hätte sicherlich Karol Mets ausfüllen sollen. Er hatte dies zuletzt auch schon getan.
Nur war mit Okita einer der Haupt-Manndecker vom Platz gestellt worden und daher sollte nun Mets dessen Gegenspieler übernehmen. Tosin positionierte sich also behelfsmässig in Absprache mit Brecher irgendwo in der Mitte der beiden Raumdeckerpositionen. Der Okita-Gegenspieler muss Daniel Douline gewesen sein. Denn die anderen Manndeckerrollen waren klar verteilt: Boranijasevic deckte Stevenovic, Aliti übernahm Severin, Kamberi Vouilloz und Selnaes Crivelli.
Was dann folgte, hatte Slapstick-Charakter. Offenbar hatte nicht nur Mets die Anweisung erhalten, den Okita-Gegenspieler zu decken, sondern von irgendjemandem auch Cheick Condé. Condé nahm zielstrebig Douline ins Visier und lief auf ihn zu. Dabei stiess er mit Mets zusammen, der Severin in Empfang nehmen wollte. Der Bildregisseur schneidet von der Totalen auf eine Nahaufnahme und deshalb ist nicht sichtbar, was in den folgenden zwei, drei Sekunden passiert. Aber vermutlich fragte Condé Mets „übernimmt Du ihn?“ und Mets bejahte. Nur: Condé meinte Douline, Mets Severin. In der nächsten Totalen sieht man, dass Condé im Fünfmeterraum mit dem eingewechselten Fofana einen freien Mann ausmacht und sich zu diesem gesellt.
Douline hat sich derweil davongeschlichen und stellt sich zwischen Stevanovic und Boranijasevic, der also in diesem Moment zwei Gegenspieler zu decken hat – und wie üblich nicht murrt, sondern einfach macht. Da sieht der an der 16er-Grenze stehende Guerrero, dass Condé im Fünfmeterraum Fofana deckt und erinnert sich daran, dass das aufgrund der Gelb-Roten Karte gegen Okita nun eigentlich sein Mann wäre. Er rennt schnell in den Fünfmeterraum und schickt Condé weg. Der Corner kommt rein. Mets will Severin nachrennen, aber Aliti ist schon eng an diesem dran und Mets bremst daher ab. Douline wiederum kann nicht eingreifen, weil Valls den Ball weit diagonal an die Sechzehnmetergrenze schlägt, wo es zu einem Luftduell zwischen Clichy und Avdijaj kommt. Der Abpraller dieses Duells wird aus dem Strafraum befreit.
Vier Minuten Nachspielzeit sind angezeigt. Der FCZ scheint trotz Problemen in Unterzahl das 2:2-Unentschieden über die Zeit zu bringen. Condé joggt aber aufreizend lässig und langsam in Richtung eigenen Strafraum, als sich Crivelli löst und einen hohen Ball in Condés Verteidigungsraum völlig unbedrängt per Kopf in den Strafraum lenkt. Mets befreit schlecht und Brecher pariert den nicht allzu scharfen Abschluss Crivellis aus der Distanz mit etwas zu viel Lust fürs Spektakel. Er hätte den Ball auch weich zur Seite lenken können. So gibt es aber den erst zweiten Eckball Servettes. Als Valls den Ball zum zweiten Mal von der Rechten Seite mit Links reinbringt, sind auf die Sekunde genau 94 Minuten gespielt.
Aus FCZ-Sicht bietet sich dabei ein Bild des Grauens. Douline und Kutesa stehen zentral völlig frei und könnten beide das Tor machen. Douline ist etwas eher am Ball – beide jubeln. Weil Karol Mets nach dem von Aliti gedeckten Severin beim ersten Eckball diesmal dem von Kamberi gedeckten Vouilloz nachgerannt ist – und zum zweiten Mal seinen eigentlichen Gegenspieler Douline nicht erkannt hat – dabei trägt dieser mit der 28 sogar die gleiche Rückennummer. Und warum stand Kutesa auch noch frei? Condé wurde zusammen mit dem für Tosin eingewechselten Rohner als Raumdecker eingesetzt. Wie beim ersten Eckball hätte Guerrero aufgrund der Unterzahl statt den Rückraum zu decken, den zusätzlichen Mann im Strafraum übernehmen müssen. Beim ersten Corner war dies Fofana gewesen. Aber dieser tauschte beim zweiten mit Kutesa die Rollen. Möglicherweise sah Guerrero Fofana an der Strafraumgrenze stehen und dachte, dass damit alles in Butter sei. Da hat er falsch gezählt. Möglich ist auch, dass es von vornherein nicht klar war, was bei Unterzahl passieren sollte: einen Mann am 16er opfern, oder einen am nahen Pfosten?
Das erste Standardgegentor gegen Basel war wohl ein Zuteilungsfehler des Trainerteams gewesen (Guerrero statt Kamberi wurde der kopfballstarke Zeqiri zugeteilt). Die zwei Freistösse von Taulant Xhaka waren dann schwierig zu verteidigen. In Genf, beim vierten Standardgegentor innert zweier Wochen waren es wohl in erster Linie Mets und Guerrero, die in einer zugegebenermassen durch verschiedene Faktoren verkomplizierten Situation die Übersicht verloren.