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Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.Hebräer 11:10
Interessant. In fast allen deutschen Übersetzungen heisst es, dass Abraham auf eine Stadt wartete. In den englischen Übersetzungen steht „looked for“.
Im Griechischen steht ekdechomai. Dechomai heisst so etwas wie in Besitz nehmen. Das zusammengesetzte Wort nimmt folgende Bedeutung an: Erwarten etwas in Besitz zu nehmen.
Ich habe viele Predigten zu diesem Vers gehört, und sie unterscheiden sich meist genau entlang der Sprachgrenze Deutsch/Englisch. Interessanterweise existiert eine Mischform bei Personen, die Deutsch sprechen, aber im englischen Sprachraum lebten.
Deutsche Predigten fokussieren auf das Warten, die stille Erwartung, die Geduld, und englische auf das Suchen, das „in Bewegung bleiben“, nicht aufhören, nicht stillstehen.
Viele „Gemischtsprachler“ betonen das aktive Warten und kombinieren die Geduld, das Stille sein mit der aktiven Bewegung. Oft wir hier das Leben von David herbeigezogen, der geduldig auf sein Königtum wartete, aber dabei sicher nicht tatenlos war.
So entwickelt sich die Lehre der aktiven Erwartung. Sei aktiv in dem, was Du bereits erhalten hast, bis Du Neues erfährst.
Das passt natürlich wunderbar zum Lebenslauf von Abraham. Er war ständig unterwegs, während er diese Stadt suchte. Und dabei zeigte er mal Geduld, mal auch nicht.
Und doch habe ich folgende Aspekte, die mir an dieser Lehre nicht gefallen.
Abraham und David stellten sich dem Unbekannten auf ihren Reisen. Abraham ging nach Ägypten, David zu den Philistern. Beide Völker stehen unter anderem auch für das Fremde, das Andere, das Unbekannte, ja sogar den Feind.
Insofern glaube ich nicht an das Warten. Ich denke, dass Luther uns mit dieser Übersetzung einen Bärendienst erwiesen hat. Es beinhaltet zu viel Statik, zu viel Bleiben in seiner Konnotation. Erwarten wäre sicher besser und näher an der Bedeutung des Originals. Allerdings sind die Bedeutungsfelder so verschieden zwischen Deutsch und Griechisch.
Im Deutschen betont Erwarten den Aspekt des Wartens, der Zeit, die vergeht, während im Griechischen der Aspekt des zukünftigen „in Besitz Nehmens“ betont wird mit dechomai.
Das Griechische sagt also nichts aus über die Tätigkeit, die wir bis dann ausführen sollen, ja nicht einmal über die Geduld, die wir investieren sollen. Eine sehr gute Übersetzung wäre „im Begriff zu erhalten“. Die Wortbildung ist so, dass das „in Besitz nehmen“ noch da draussen (ek) ist, wovon ich ausgehen darf.
Dieses unbestimmte „da draussen“ zeigt auf, dass noch nicht bekannt ist, was da erwartet oder in Beton genommen werden wird. Es ist zum grössten Teil noch unbekannt, auch wenn eine Ahnung besteht.
Daher ist die Auslegung „sei aktiv in dem, was Du bereits kennst, bis Du Neues erfährst“ viel zu wenig. Es führt dazu, dass wir konservativ an dem Weltbild festhalten, das wir bereits haben, in dem bleiben, was wir kennen, und dort sehr viel Aktivität entfalten.
Doch das Unbekannte liegt per Definition nicht im Bekannten. Der Segen des Reichtums liegt für Abraham in Ägypten und bei Abimelech, also im Unbekannten.
Der Jahrhunderte hinweg war das Judentum, aber auch das Christentum immer wieder an der Vorfront des Unbekannten, bis es zum heutigen Bewahrer der Wahrheit wurde. Heute warten wir mit viel Scheinaktivität auf die Stadt, die da kommen soll, das neue Jerusalem, auf die Wiederkunft Christi.
In der Zwischenzeit bleiben wir dem Bekannten treu. Dies geht so weit, dass wir allem anderen nicht mehr zuhören. Das Christentum hat dann auch die heutige Cancel-Kultur vorweggenommen und schon lange alles Wissen, alle Musik, alle Kunst verboten, die über das Bekannte hinausgeht.
Nicht genug damit. Unser Verhalten führt oft dazu, dass uns unser Gegenüber nicht mehr zuhören will. Wir wollen Recht haben, und unterbinden damit den Dialog. Noch mehr, wir schlagen unserem Gegenüber das Ohr ab, wie es Petrus mit Malchus tat.
Wir verteufeln das uns Unbekannte, wollen es nicht einmal hören, reagieren mit Ablehnung, Argumentation und Überheblichkeit, und wundern uns, dass niemand etwas von uns wissen will.
Wir verteidigen also den Status Quo, das Bekannte, sehen im Unbekannten den Drachen, das Böse. Wir wollen das Land einnehmen für Gott, definieren dies aber so: wir wollen dem Unbekannten damit begegnen, dass wir es dem Bekannten gleich machen.
Wir sollen dem Unbekannten begegnen, wir sollen es begreifen, wir sollen es bekannt machen. Das heisst aber oft auch, dass wir unser bisheriges Verständnis erweitern, verändern, anpassen. Es gibt zwei Arten von Neuem: die eine Art passt in unsere Schemata, die andere verlangt nach einer Umgestaltung unserer Schemata.
Ich erinnere mich an ein Bild, dass ich hatte. Ein englischer Rasen, abgegrenzt mit einer hohen Mauer so weit das Auge reicht. In der Mauer ein grosses, offenes Tor. Auf dem Rasen sitzen Menschen im Kreis und warten, andere sind beschäftigt und warten aktiv, indem sie jeden Grashalm, der sich über die anderen erhebt, auf die richtige Länge zurückschneiden, oder zwischen den Gruppen hin- und hergehen.
Je nachdem, wer durch das Tor schaut, sieht er etwas anderes. Die einen sehen einen Drachen vor einem dunklen Wald mit einer schlimmen Gewitterstimmung. Die anderen eine Blumenwiese mit bilderbuchhaftem blauen Himmel.
Der Drache ist da. Ich kann vor ihm zurückscheuen und auf der Wiese sitzen bleiben, oder ich kann ihn überwinden und die lebendige Wiese auf der anderen Seite in Besitz nehmen.
Für mich sind die beiden Wiesen Bilder für die Gemeinde: der Rasen ist eine gleichgeschaltete Gemeinde mit einem starren Rahmen von Richtig und Falsch, Regeln der Zugehörigkeit, erwartetem Verhalten, Hierarchie und strenger Korrektur. Die Blumenwiese ist eine lebendige Gemeinde der Vielfalt, der Biodiversität, des Lebens, der Inklusivität, des Wachstums.
In dieser Art von Gemeinde bringt jede Blume ihre Schönheit, ihre Nährstoffe, ihre Bedürfnisse in die Gesamtheit ein, ohne dass es einen König der Wiese gibt oder dass eine Blumenart die anderen beherrscht.
Doch wo liegt das Unbekannte?
Für mich liegt das Unbekannte an drei Orten: da draussen in der physischen Welt, in mir drin, und in meiner oder unserer Beziehung zu Gott.
Jetzt könnte man sagen, dass dies die Gebiete dreier Disziplinen sind: Physik, Psychiatrie und Theologie. Und wenn wir die Begriffe breit und weit genug fassen, ist dem auch so.
Das heisst allerdings auch, dass ich mich dem Unbekannten in der Wissenschaft, der Selbsterforschung zum Beispiel des Unbewussten und meines Schattens, und der Neugestaltung meiner Beziehung zu Gott immer wieder stellen darf und soll.
Ja ist Dir den gar nichts heilig, wirst Du Dich fragen, wenn Du die Konsequenz dieser Aussage verstehst. Wenn nicht, dann hier ein paar Stichworte: Evolutionstheorie, Schattenarbeit nach Jung, biblische Textkritik. Und das ist erst der Anfang.
Mir ist sehr wohl etwas heilig: der Wunsch Gottes, ein wahres, reifes, ihm ebenbürtiges (oder frommer, ebenbildliches) Gegenüber zu haben. Theosis. Danach strebe ich, diese Aufgabe, diese Berufung ist mir heilig.
Weiss ich bereits, wie ich das erreiche? Nein, aber ich weiss, dass es auf eine Art nicht geht: mit Warten im Bekannten.