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Notizen über die Berggemeinde Savièse
Von R. Ritz.
Das schöne Berggelände von Savièse liegt nördlich über Sitten und erhebt sich aus der Region des Weinstockes bis zum Grate des Prabé und der Crettabessa. Diese schliesst sich ans Wildhorn und somit an den Grenzwall der Berneralpen, welcher auch die Nordgrenze der Gemeinde Savièse bildet. An derselben sind besonders hervorzuheben: die Dent d' Arbela ( Arbelhorn ), der Sanetsch als Pass- Einsenkung, der Glacier de Zanfleuron, der Montbrun ( Sanetschhorn ) u. A. Zwei tobelartige Thäler trennen Savièse nach Osten und Westen von den Walliser Nachbargemeinden: das Thal der Sionne scheidet von Grimisuat und Arbaz, das Thal der Morge von Conthey ( Gundis ).
Zu Savièse gehört auch das Alpthälchen der Eau de l' Allée, das sich zwischen der Crettabessa und der Dent d' Arbela und Sublage zur Morge hinabzieht. In diesem Seitenthälchen liegen die Mayens ( Vorsässe ): la Zandra, Borrimo, Vouagne ( Weisstanne ), Dilogne; auf der Seite des Prabé: la Braya, la Goiirra, mit sogenannten Feengrotten {Thürerti genannt ), deren auch zu Borrimo vorkommen. Höher sind die Alpen: VAllée, Cretta, Lenßoria; zu höchst in der Wilde: la Dui, la Za.
Vieles Alpland besitzt Savièse im Thale der Morge, auch jenseits der Gemeinde-Grenzen. Am linken Ufer der Morge, unterhalb der Eau de l' Allée, liegen nur wenige Weideplätze ( Mayens de Brac ), weil die Wände dos Prabé dort zu felsig und verwittert sind. ( Der häufige Sturz von Trümmern gab hier Veranlassung zur Sage, dass zeitweise Feuerklumpen vom Prabé herabsausen, die dann in feurige Reiter und Rosse sich verwandeln, welche sofort in Schlachtordnung den Berg hinaufstürmen. ) Eine lange Reihe Savièser-Mayens liegen dagegen auf dem rechten Ufer der Morge, und in der Grande Zour ( Zour = Wald ). Sie heissen: Mayens de Tripont, ob dem 300jährigen Pont-neuf ( auch pont du diable ) und zwischen zwei Bächen, die Mayens de la Comba, höher die M. de My, dann diejenigen von Zenal ( Canal, an einer Wasserfuhr ), ferner die Mayens de Zerney, de Coppex, an der Morge die M. de Bon. Diese Mayens wurden nach und nach von Conthey an Savièse verkauft.
Im Hintergrunde des Thales der Morge gehören zu Savièse: 1 ) die Mayens: Boua, darüber das vielbestrittene Bertzé ( Gemeinde-Weidauf einer Fluh Sur le sex ( Aussprache in patois Cho-reché ), unten am Fuss des Sanetschberges Glarey ( an der Morge ), Dorbagnon, Za Raen, am Bache Zerney, über den ein Holzsteg führt, umwuchert von Alpenrosen ( patois roselein ) und Lilien ( patois vuis pillons, Lilium bulbiferum ). 2 ) Die Alpen: Genièvre ( Zenivro, Wachholder ), rechts vom Bache Glaçon ( patois Liachon),. der wie der Zerneybach erst um Mittag zu fliessen beginntdarüber die wilde Alp la Za, gegen den Gletscher Zanfleuron. Nahe der Höhe des Sanetsch-passes die aussichtsreiche Alp Zanfleuron ( Champ fleuri, Blummatt ). Jenseits der Passhöhe gehört den Saviesern auch die weite Geniein-Alp Sanetsch, einst. den Grafen von Greyerz zugehörig und von denselben an jene verkauft.
Ueberdiess besitzen die Savieser noch mehrere Mayens und Alpen im SaanentJiale. So über Gsteig: Lengmatta ( Längmatten ), Vuüpille ( Windspillen)r Visseßua ( Weissenfluh ), Communesse, Burg; gegen den Pillon: Stutz, Vehli, les Grilles. Dieses Alpland gelangte zu verschiedenen Zeiten durch Kauf an Savièse.
Ich habe oben Bertzé das vielbestrittene genannt; nicht ohne Grund, denn seine Weiden waren die Ursache eines langwierigen Alpenkrieges zwischen den Gemeinden Savièse und Conthey, der schliesslich ( 1475 ) für Savièse verhängnissvoll wurde.
Die Hirten von Savièse und Conthey geriethen im XV. Jahrhundert häufig in Streit miteinander um das-Weidrecht dieser Voralp. Es kam oft zu blutigen Prügeleien und wiederholt sogar zu förmlichen Gefechten. Eines derselben sei hier besonders erwähnt wegen seiner grössern Bedeutung und wegen des alpenclubistische !! Charakters.
Conthey war damals ein befestigter Grenzposten des Herzogthums Savoyen ( bis 1475 ). Der Herzog nahm sich dieser Alpenhändel an und sandte seinen Unterthanen von Conthey Hülfstruppen. Aber auch Savièse erhielt Hülfe von Oberwallis. Eine Schaar Savieser zog durchs Morge-Thal, eine andere Abtheilung machte mit Oberwallisern einen kühnen Zug über die Alpen von Arbaz und über den wilden, zackigen Grat hinter der Crettabessa. Von diesem Grat führen zwei jähe, heikle Schleife ( Kamine ) hinab ins Thälchen der Eau de l' Allée, nämlich der Zablo du Lié und der Zablo court ( Zablo = Schleif ). Durch letztern kletterte diese Bergkolonne hinab und nahm Posten ob der Alp Lenfloria. Die Savoyarden, von zwei Seiten zugleich angegriffen, wurden nach heftigem Kampfe geschlagen. Die Savieser behielten Bertzé als ihr ursprüngliches Eigenthum* ), wofür auch die Lage am linken Ufer der Morge spricht ( dieser Fluss bildete zugleich die Grenze zwischen Oberwallis und dem savoy'schen Unterwallis ). In den Mayens de Vouagne soll man noch in späten Jahren eine Menge Waffen, namentlich Schwerter, gefunden haben.
In der Angelegenheit dieser Zwiste um das Weid- recht hatten während drei Jahren verschiedene Schiedsgerichte erfolglos stattgefunden. Ebenso gings mit dem Schiedsgerichte der Schultheissen von Bern und Freiburg, am 20. Oktober 1440. Im Jahre 1475 brach der allgemeine Krieg los zwischen Oberwallis und Savoyen, an welchem obige Alpenhändel an der Morge auch einigen Antheil hatten. ( Ueber diesen Krieg s. Furrer Wallisergeschichte. ) Es kamen damals schwere Tage über Savièse. Am 12. November in der Morgenfrühe kamen die Savoyarden über die Morge hinauf nach Savièse und nahmen barbarische Rache mit Sengen und Morden. Am 13. Nov. 1475 erfolgte vor dem belagerten Sitten die bekannte Planta-Schlacht und gleich darauf die Eroberung des Unterwallis, was hier nur des Zusammenhangs wegen erwähnt wird.
Damals hatte die Gemeinde Savièse nur zwei Dörfer: Malerna und Zuschneit. Beide sind am 12. Nov. 1475 von den Savoyarden verbrannt worden. Zu Malerna befanden sich die Pfarrkirche und der Friedhof, wohin noch jetzt alljährlich eine Gedächtnissprozession geht. Dieser Ort ist spurlos verschwunden, die Stelle trägt noch den Namen Malerna. Die Lage war l 4 Stunde oberhalb des jetzigen Granois ( Granoé ), in der Nähe der Burg Seta, von welcher im Jahr 1374 Bischof'Widschard Tavelli in den Abgrund gestürzt wurde* ).
Die Oberwalliser zerstörten diese Burg im Jahr 1417 im Kampfe gegen das Haus Raronia.
* ) Durch Anhänger oder Vasallen des Anton zum Thurm und nicht durch diesen selbst ( Ch. L. de Bons ).
Das Dorf Zuschuat lag etwas tiefer, gegen das jetzige St. Germain zu, an einem kleinen Bächlein. Von dieser Ortschaft sind noch einige mit Gebüsch überwucherte Gemäuer vorhanden, in die Länge gezogen und ins Geviert. Auch diese Stelle trägt noch jenen Namen, der sich auch noch in einem Familiennamen von Savièse erhalten hat ( Zuschuat ).
Die jetzigen Dörfer und Weiler von Savièse* ) sind erst seit 1475 erbaut worden. Sie heissen, von Osten nach Westen, oder von der Sionna zur Morge gehend: Drôna, Montellier, Prinzières, St. Germain, la Cretta, Rouma, Ormona, Granois und Chandolin«Auf Clubkarte Südwallis II. steht Savièse ( mit Ausnahme der Nordgrenze ). Manche Namen sind aber unrichtig, andere fehlen, obwohl minder wichtige angegeben sind. So steht auf dieser Karte ( Savièse ):
Delingne statt Dilogne, Vouorgne „ Vouagne, Tirpont „ Tripont, Saraen „ Za Kaen, EoueKoua, Drône „ Drôna u. s. w.
Statt la Za steht an einer Stelle Lachot, an einer andern La Chaux. Das Wörtlein Za bedeutet 1 ) warm, chaud, 2 ) Kalk, chaux, 3 ) in Bezug auf Alpweiden: eine sehr hoch gelegene, zugleich aber auch der Sonne ausgesetzte Alp. Auf mancher Alp des Namens Za findet sich gar kein Kalk ( z.B. in einigen Za von V. d' Hérens etc. ). Za Raen ist nur eine sonnige Voralp, liegt aber an einem Bache ( genannt Zerney ), der in der Za ob Genièvre entspringt. Gerathener ist 's jedenfalls, den volksthümlichen Lokalnamen Za zu gebrauchen und nicht eine überflüssige französische Uebersetzung ohne Sinn.
St-Germain ist das Pfarrdorf; die Pfarrkirche dort wurde erbaut im Jahre 1525. Neben derselben das Gemeinde-und Schulhaus u. s. w. Schulhäuser haben auch die Orte Drôna, Rouma, Ormona, Granois und Chandolin.
Sehen wir uns nun die Dörfer und Landschaft von Savièse etwas näher an und auch dessen Völklein. Es hat sich manches Schöne und Eigenthümliche bewahrt in Sitte und Brauch, in Tracht und Sprache. Der dortige Volkstypus zeichnet sich vortheilhaft aus vor den Nachbarn an der Sionne und Morge.
Die Einwohnerzahl von Savièse beträgt nach letzter Volkszählung ( 1870 ) 2013, davon männliche Bevölkerung 1006 weibliche»1007.
Die Beschäftigung ergibt sich aus der Lage des Berges: Weinbau, Ackerbau, Viehzucht mit Alpenwirthschaft.
Machen wir unsern Gang nach Savièse.Von Sitten kommen wir, zwischen Weingeländen ansteigend, in kurzer Halbstunde an ein Seelein, mit schilfigem und waldigem Ufer; gerade darüber erhebt sich schroff der Mont d' Orge ( Gerstenberg ), von dem die gleichnamigen Ruinen einer Burg herabschauen. In der Tiefe des kleinen Sees, den zahlreiche Seerosen schmücken, soll man zeitweise auch Gemäuer einer versunkenen Ortschaft erblicken. Vom Stadtboden kommen wir nun bald ins Gebiet der Gemeinde Savièse, durch sonnige Wiesen und schattige Hohlwege. In dieser schönen, heitern Landschaft wechseln mannigfach dunkle waldige und felsige Hügel mit grasigen Thälchen, sanfte und steile Halden mit Ebenen, goldene Saaten mit blumigen Wiesen. Laub- und Nadelgehölze und prächtige Baumgruppen bringen mit der welligen Bodenbildung schöne Linien und Kraft ins leuchtende Berggelände. Aus Wäldern von Nuss-, Kirsch- und Apfelbäumen schauen verstohlen die Dörflein hervor, einige blicken auch frei von einer Anhöhe herab. Ueber den Dörfern kommen die Bergmatten, in welchen kleine Teiche und Wasserbehälter glänzen. Darüber folgen gleich die Mayens, in aussichtreicher Lage, umgeben von Tannenwald, daher ihr Namen: Mayens de la Zour. Das Ganze schliesst nach oben mit dem langen Grate des Prabé und mit der felsigen ', zerrissenen Crettabessa.
Auch kleine idyllische, gemüthliche Partieen wechseln in diesem Berggelände mit grossartiger Landschaft, die vielseits eine prächtige Fernsicht zum Hintergrunde hat. In der Tiefe sieht man das Rhonethal mit seinen vielen Hügeln und Burgen, darüber hohe Bergreihen mit glänzenden Firnen, unter welchen sich besonders die von Evolena auszeichnen.
Auf unserem Wege kommen wir zuerst in das Dorf Ormona. Wie in Savièse überhaupt,, sind hier die Häuser meistens von Holz, mit steinernem, oft ziemlich hohem Unterbau, dieser häufig mit Rundbogen-Thürenmanchmal sind Lauben angebracht, auch einige Verzierungen und Inschriften, dazu kommen noch die Guirlanden von Maiskolben unter den kleinen Fenstern. Auch ganz steinerne Bauten kommen vor, mitunter recht malerische.
Wir treten in eines der Häuser, um eine Savieser-Wohnung auch von Innen zu sehen. Ueber eine dunkle Treppe kommt man durch oder neben der kleinen Küche 33 in die geräumige Wohnstube, mit einer Seite kleiner Fenster. Ein altes Elternpaar empfängt uns freundlich,, der Mann an der Haspel, beschäftigt, sie mit Wolle spinnend, das Rädchen schnurrt noch recht munter. Aber sogleich wird eine Zinnkanne mit Muscat heraufgeholt und auf den langen Tisch an der Fensterreihe-gestellt. Zu den Seiten des Tisches sind lange Holzbänke, an der Wand gegenüber ist das Bett mit Vor-hänglein ( oder auch einige Betten neben- und übereinander ), davor eine Kiste mit einiger Verzierung.. Dann kommt der Steinofen mit seinem gemüthlichen Winkel, dort öffnet sich'auch eine Seitenkammer für die Töchter. An den Wänden tickt die Uhr, hängen kleine Schränke, das Râtelier, mit der glänzende« Schaar der Zinnkannen, vom Schoppen bis zur Doppel-mass ( Marjosi ), darunter die Teller und Tassen, die Holz- und Zinnlöffel. An der Ehrenstelle der Wand hängen viele Heiligenbilder um ein Kruzifix, auf einem Stücke Tapete oder gestickter Seide, im Maimonat prangen auch Blumensträusseum ein Madonnenbild. Auf dem Hauptbalken der Decke steht eine Inschrift, den Schutz Gottes über 's Haus erbittend, und mit den Namen der Erbauer, Mann und Frau, sammt Jahreszahl. An einem Balken hängt auch eine bewegliche Vorrichtung zur Beleuchtung für die langen Winterabende.Vom Fenster aus sieht man neben der glänzendenEinen Hauptbestandtheil derselben bilden die in Savièse wild wachenden gelben Tulpen ( tulipa sylvestris L.,. im patois turlipons ), auch die Narzissen, ( patois Zenetta ) u. s. w. Dentblanche das finstere Matterhorn.
Zwei blühende Mädchen von feinem Wüchse und Wesen kehren von der Feldarbeit eben zurück, in kleidsamer Tracht, bestehend aus Strohhut ( schwarz überzogen ), Spitzen-häubchen, leicht umgeschlungenem weissem Halstuch, Mieder, weissen, weiten Hemdärmeln, kurzen Röckchen, bis an die Waden reichend, weisser Schürze, weissen Strümpfen, kleinen Schuhen. Zum Feststaate kommt dann noch eine dunkelfarbige Jacke, ein seidenes Halstuch, farbige oder blumige Schürze, schwarzwollener Rock. Die Männertracht ist besonders durch den braun-wollenen Frack charakterisirt, die Alten tragen noch die Kniehosen, die übrigen aber lange wollene Beinkleider, übrigens kommt bei den Männern in der Tracht durch den Militärdienst schon viel Modernes vor. Der grösste Theil der Stoffe und Bekleidung wird in Savièse selbst gefertigt, nur einige Stoffe urd Stücke für den Feststaat werden in Sitten und in Saanen ( hier z.B. die schwarzen Spitzen für die Häubchen etc. ) gekauft. Die Kanne wird nochmals gefüllt, die ganze Familie trinkt mit uns Gesundheit und dann geht nach kurzem Imbiss Alles wieder an seine Arbeit. Auch wir setzen unsere Wanderung fort. Bei einer Kapelle am Ende des Dorfes und einem Schilfteiche mit einigen Tannengruppen vorbei kommen wir gleich nach Ilouma. Aus dem malerischen Durcheinander von Geländen, Bäumen und Gärtchen heraustretend, erblicken wir auch sogleich den Kirchthurm von St- Germain vor uns. Hier besichtigen wir die dreischiffige gothische Kirche, deren Säulen ohne Kapitaler mit den Gewölbe-gurten aussehen wie Palmen-Alleen. Vor der Kirche sehen wir gerade die Schuljugend aus dem steinernen Gemeindehaus, zugleich Schulhaus, kommen und haben unsere Freude an dieser schönen, blühenden, intelligent aussehenden Kinderschaar. Die kleinen Mädel tragen die gleiche Tracht, wie die obenangeführte der grossen, und sie steht ihnen auch allerliebst, die Buben sehen in ihren oft ausgewachsenen Fräcken etwas drollig aus.
Wir werden überhaupt in der ganzen Gemeinde von Savièse einen schönen, intelligenten Volkschlag antreffen, unter den Männern manch kräftige, charakteristische Figur, unter der weiblichen Bevölkerung durchschnittlich feinen Wuchs, natürliche Anmuth und Eleganz auch in Gang und Benehmen. Wenn wir diesen braven Leuten mit Achtung und Freundlichkeit zugleich begegnen, werden wir auch in solcher Weise behandelt und sehr oft allerliebst muntere und naiv witzige Antworten hören. Allerdings einem hochnäsigen, frechen Gebahren gegenüber erfolgt auch ein entsprechend Wort und von Seite der Burschen wohl auch die verdiente Faust.
Nachdem wir in St - Germain ( S. Zerman ) einige Besuche gemacht haben, bei kinderreichen, dunkeläugigen Familien und im Gemeindehaus und in den Schulzimmern, und nachdem auch dem Durst Aufmerksamkeit zu Theil geworden, brechen wir wieder auf und verlassen gleich über St-Germain den Fahrweg. Es geht nun hinauf über eine Wiesenhalde, die im Frühling reich geschmückt ist mit blauen Enzianen ( Gentiana verna ) und gelben Primeln ( Primula acaulis. elatior etc. ). Wir kommen bald an die zerfallenen Gemäuer des ehmaligen Dorfes Zuschuat und noch Savièse.. 51 etwas höher an die Stelle, wo einst Malerna stand. Man zeigt uns noch die Stätten, wo einst Kirche und Friedhof sich befanden.
Ob Malerna beginnt der Wald. An der Barma de la Zog.
langen, als über den langen Saumweg durch 's Morge-Thal. Das Kapellenfest an der Barma de'la Zour ist am 20. Juli, an welchem Tage die Wasserfuhr feiert. Von jener Kapelle gelangt man durch, den Wald herunter nach Chandolin ( Zandolin ), welches Dorf im Jahr 1865 grossentheils abgebrannt ist. Es ist jetzt ein wunderliches Wirrwarr alter und neuer Häuser, umgeben von einem Urwald von Nussbaumen. Ein drollig Stück ländlicher Kunst zeigt uns einer der Brunnen: ein Franzose in Uniform, mit dem alten Dreimaster, ist als Wasserspeier dargestellt* ). Neben dem ehemaligen Zollhause der Sanetschstrasse ist ein kleines Glockenthürmchen; es gehört zu einer Kapelle, die 10 Minuten weiter steht; dahin kommt man aber nicht unter einer Säulenhalle, sondern unter einem grünen Laubgang. Eine grosse Kirche, ein eigener StylDie Lage dieser Kapelle, zwischen Felsen und Abgrund und mit ihrer Vorhalle von Nussbaumen und Tannen, ist sehr malerisch; auch findet bei derselben ein plötzlicher Scenenwechsel statt. Kaum biegt man um die Kapelle, so hat man plötzlich ein wildes, finsteres Tobel vor sich, in dem tief unten die Morge braust. Im Hintergrunde sieht man die Felswände der Crettabessa, das Wildhorn, Dent d' Arbela, Sublage, an welchem der Sanetschpass vorbeiführt. Laut einerSolcher Franzosenbrunnen gab 's früher noch mehrere in Savièse, in Drôna war Napoleon dargestellt. Hier sei beiläufig bemerkt, dass im Franzosenkrieg ( 1799 ) auch Savièse hergenommen wurde. Ausser andern Lieferungen hatte Savièse binnen 48 Stunden 1800 Louisd'or an die Franzosen, zu zahlen.
Sage hat man einst an dem Orte, wo jetzt die Kapelle ist, ein Marienbild unter einem Wachholder gefunden, man stellte es dort auf, wo der Thurm sich befindet, aber das Bild fand sich immer wieder an jenem Orte, wesshalb die Kapelle dort erbaut wurde.
Immerhin beweisen die Kapellen von Chandolin, Ste-Marguerite und hundert andere durch ihre so schön und malerisch gewählte Lage, dass unsere Bergbewohner auch Sinn haben für landschaftliche Schönheit und " Grösse, obwohl man ihnen das oft abgesprochen hat. Man kennt bald alle Winkel, Tiefen und Höhen der
Auch in Chandolin werden wir freundlichst zu « inem Trunke eingeladen; Gastfreundschaft ist in Savièse sehr üblich. Wir lagern uns vor einem Keller; eine blühende Maid bringt den guten Muscat in glänzendster Zinnkanne. Einige Männer leisten uns Gesellschaft, Kinder schauen neugierig zu, sie grüssen Alle höflich, die kleinen Mädchen verstecken sich aber gleich, um verstohlen hinter und durch eine Hecke hervorzugucken.
Hier sei auch noch kurz einer alten Sitte, eines Umzuges erwähnt, den ich mehrmals mitangesehen habe, der aber seit einigen Jahren nicht mehr stattfand. Es ist « der Dreikönigen-Zug. Am 5. Januar wurde die Flucht der hl. Familie nach Egypten dargestellt, sie ging von " St-Germain über Granois nach Chandolin, bis zur Kapelle. Der grimme Herodes mit zehn Reitern verfolgte jene auf andern Wegen und ohne sie einholen zu können. Am 6. Januar zog die hl. Familie, gefolgt von den hl. drei Königen, mit deren Begleitung, von St-Germain über Rouma nach Ormona, wo au jenem Tage das Patronatsfest gehalten wird. Von köstlich naiver Anmuth war die Gruppe der hl. Familie, Madonna mit dem Kindlein auf einem Esel, geführt vom hl. Joseph, begleitet von Engeln, Hirten mit Tannenbäumchen und einigen Sängern. Naiv komisch machten sich die drei Könige mit ihren Reitern und die Bande des Herodes. Das Ganze war mit der winterlichen Dorflandschaft von gutem, malerischem Effekt und hatte durchaus nichts Carnevalartiges. Versteht sich in der Dorflandschaft! Es war ein Missgriff, als vor vielen Jahren auf eine ungeschickte Einladung hin der Zug nach Sitten kam — das frische naive Dorfleben stimmt nie zur Stadt!
Von Chandolin aus wählen wir einen andern Weg zur Rückkehr. Gleich vor dem Dorfe bietet sich eine herrliche Aussicht ins untere Rhonethal, in welchem die Rhone mit ihren vielen Krümmungen glänzt, auf die " Wein - und Berggelände von Conthey, unten mit einer Menge Dörfer, oben mit zahllosen weissen Mayens-und Alphütten, über die sich die Pointe de Flore-erhebt. Ueber dem Tobel der Lizerne baut sich kahl und kühn der Pic d' Ardon ( Haut de Cry ) auf, in der Ferne schimmern duftig die Savoyer-Alpen ( Aiguille du Tour, Aiguilles rouges, Buet u. s. w. ). Im Vordergrund weite Kornfelder und links auf schroffem, waldigem Hügel die Burg Seta. Der Weg führt nun neben epheuumrankten Bäumen in ein kleines,, frisches Waldthälchen hinab, dann durch Tannengehölz wieder hinauf zur Burg Seta. Die Ruinen dieser ge> schichtsreichen,viel belagerten Feste sind sehr ausgedehnt. Die Gesammtanlage ist noch sichtbar, aber von hervorragenden Partien bemerkt man wenig mehr, ausser einem Thore und einigen Resten von Thürmen. Von Seta kommen wir beim Schützenhäuschen vorbei gleich nach Granois ( Granoé ). Es begegnet uns ein Trupp heimkehrender Bergamazonen, auf ihren Maulthieren strickend und strohflechtend, da in Savièse auch unterwegs die Hand nicht ruht: es sind alles malerische, anmuthige Gruppen. Von Granois gelangt man beim kleinen Weiler la Cretta vorbei wieder nach St. Germain. Von hier führt der Weg durch 's sogenannte Pellier direkt nach Sitten, durch einen Hohlweg, in welchem es bisweilen spucken soll mit kopflosen Reitern auf kopflosen Rossen. Sicher ist, dass schon Mancher hier heimgekehrt ist, der ob dem guten Muscat von Savièse den Kopf verloren hatte.
Unser Weg aber geht nicht durch 's Pellier, wir steigen nochmals aufwärts und kommen neben Prìnzièrcs vorbei nach Montellier: auf freier Höhe gelegen, der höchste jetzige Weiler von Savièse. Reizend ist von hier ein Gang durch die Mayens de la Zour, und der Aufstieg zum Prabé lohnt durch eine weite, prachtvolle Gebirgsaussicht.
Von Montellier steigen wir hinab gegen die Sionna und langen zugleich mit der heimkehrenden Ziegenheerde in Dròna an. Es ist Abend geworden, Bietschhorn und Dent blanche verglühen; die Glocke der kleinen alten Kapelle läutet das Angelus und der blaue Rauch aus den Schornsteinen ruft zum Nachtessen. Am langen Dorfbrunnen ist 's recht lebendig, das Volk der Rinder und Kühe ( wenn sie noch nicht in den Mayens oder Alpen sind ) drängt sich dort zur Tränke. Man hört die vielen Namen der Kühe rufen, bestimmt je nach Grösse, Farbe und besondern Abzeichen: Rionda ( kleine dicke KuhFioretta ( weiss und roth geflecktG-riotta ( cerises, hellrothVio-letta ( dunkelrothMarmotta ( graue KuhZa-taigne ( kastanienbraunPommetta ( dunkel-kastanien-braunMoteila ( schwarze Kuh mit weissem Stern auf der StirnCuazon ( schwarz mit weisser Schwanzspitze und auch weissem RückenstrichMazera ( schwarz mit röthlichen, schwarzen Flecken um die Augen, schwarze Schnauze etc.Brunna ( ganz schwarze KuhZalandra ( Seiten und Bauch weissu. s. w. Von Feld und Weingarten kommen von allen Seiten kleine und grosse Leute und die recht belebte Staffage wird noch malerischer durch die vielen Maulthiere mit ihren Reitern; bald sitzt ein kräftiger, befrackter Mann, bald eine Frau mit Kindern, bald « ine schlanke Maid auf dem bergtüchtigen Thiere, das mitunter auch fast ganz verschwindet unter einer Last von Grün und Stroh. Und ehe wir durch die Sionna zurückkehren ins tiefe Rhonethal, machen wir nochmals eine Einkehr im letzten Dörflein und trinken ein Hoch auf die Gemeinde Savièst;!
IV.
Kleinere Mittheilungen.