Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/3834

Herr Scheidegger, das Seco hat analysiert, was die Bilateralen I der Schweiz brachten. Was ist die Quintessenz?
Eric Scheidegger: Das Seco beobachtet laufend, wie sich das Umfeld der Schweizer Volkswirtschaft verändert. Und welche Auswirkungen Veränderungen zum Beispiel von internationalen Abkommen auf das mittel- und langfristige Wirtschaftswachstum haben. Weshalb strebte man eigentlich die Bilateralen I an? Weil die Schweizer Volkswirtschaft in den 1990er-Jahren in einer hartnäckigen wirtschaftlichen Krise war. Sie gipfelte 1997 in einer rekordhohen Arbeitslosigkeit von über 5 Prozent. In der Wirtschaft befürchtete man in diesen Jahren, den Anschluss an den neuen grossen Binnenmarkt der EU zu verlieren, der sich damals in der Umsetzung befand.
Wichtigstes Ziel war der Zugang zum EU-Markt?
Genau. Das war damals die grosse Sorge der Unternehmer. Das hat man inzwischen fast vergessen. Heute ist die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal die weitverbreitete Besorgnis der Firmen. Das Bild hat sich also stark geändert. Was bleibt, ist die vordringliche Bedeutung, über verschiedene bilaterale Abkommen den Zugang zum EU-Binnenmarkt zu haben. Sie geben der Exportwirtschaft, die 55 Prozent oder 2013 für 116 Milliarden in die EU exportiert hat, Rechtssicherheit.
Lässt sich quantifizieren, was die Bilateralen I der Schweiz pro Jahr finanziell brachten?
Es gibt sehr viele Studien, die dies auf unterschiedliche Arten quantifizieren. Deshalb existiert nicht eine einzige Zahl. Es gibt Spannweiten. Eines der wichtigen Erkenntnisse: Im Jahr 2008 als Referenzjahr lag das totale Bruttoinlandprodukt (BIP) bei 527 Milliarden Franken. Dank der Bilateralen I, respektive der Personenfreizügigkeit als Pfeiler der Abkommen, lag es um 1 bis 3,2 Prozent höher. Oder in absoluten Zahlen formuliert: Ohne Bilaterale I wäre das BIP zwischen 5,5 und 17 Milliarden Franken tiefer gewesen.
Weshalb gilt gerade 2008 als Referenzjahr?
Weil sich verschiedene Studien aufgrund der Datenverfügbarkeit auf dieses Jahr hin ausrichteten.
Lässt sich damit errechnen, wie viel die Bilateralen I der Schweiz seit 2002 gebracht haben?
Diese Spannweite von 5 bis 17 Milliarden Franken entspricht einer Erhöhung des BIP-Niveaus. Auf diese zusätzliche Wertschöpfung kommt jeweils das weitere Wirtschaftswachstum. Seit 2008 ist das BIP ja von 527 auf über 600 Milliarden gestiegen.
Das Seco hat sich auch angesehen, wie sich das Wachstum in der Schweiz seit 1981 entwickelt hat. Kletterte die Schweiz in der Rangliste permanent nach oben, seit die Bilateralen I 2002 in Kraft gesetzt wurden?
Wir sahen uns an, wie sich die Schweizer Volkswirtschaft seit 1980 im Vergleich zu anderen Ländern entwickelte. Wir unterteilten diese Zeit in drei Perioden. Sie waren von einem sehr unterschiedlichen weltwirtschaftlichen Umfeld geprägt. 1981 bis 2001 stechen die 1990er-Jahre hervor mit ihrer langen Stagnation. 2002 bis 2006 war die Schweiz in einem weltwirtschaftlichen Boom-Umfeld, wie man es zuletzt aus den 1960er-Jahren kannte. 2002 bis 2006 gab es ein sehr starkes Wachstum der Weltwirtschaft. Die Schwellenländer brachten sich in die Weltwirtschaft ein. Und es war die erfolgreiche Periode der Eurozone. Ab 2007 kam es dann zur Finanz- und Wirtschaftskrise, in der sich die Schweiz im Vergleich zu den anderen Industrieländern sehr gut behaupten konnte. Das können wir eindrücklich zeigen.
Auf welchem Rang begann die Schweiz 1981?
Sie bildete zwischen 1981 und 2001 mit einem realen BIP-Wachstum von 1,6 Prozent das Schlusslicht der Tabelle mit den verglichenen Ländern USA, UK, Japan, Eurozone, Deutschland und Frankreich. Die USA wiesen mit 3,3 Prozent das doppelte Wachstum auf.
Und zwischen 2002 und 2006?
In dieser Boom-Phase verbesserte sich die Schweiz mit 1,8 Prozent Wachstum auf Rang drei. Die wichtigste Periode ist für uns aber die Krisenperiode zwischen 2007 und 2013.
Weshalb?
2007 bis 2009 durchlebte die Schweiz die bisher grösste Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Dazu kam 2011 und 2012 die Krise des Schweizer Frankens. Trotz dieses schwierigen Umfelds stand die Schweiz mit 1,7 Prozent Wachstum auf Rang 1 der Rangliste. Das zeigt: Die Schweizer Volkswirtschaft hat sich seit 2002 extrem gut entwickelt. Die Bilateralen I spielten dafür eine sehr wichtige Rolle. Und die Zuwanderung dank der Personenfreizügigkeit war in dieser Zeit ein stark stabilisierender Faktor.
Brachte das den Schweizern auch pro Kopf ein Wachstum?
Ja, selbst in dieser schwierigen Phase stieg das BIP pro Kopf in der Schweiz um durchschnittlich 0,5 Prozent pro Jahr. Im Gegensatz zu anderen Ländern konnte die Schweiz pro Kopf mehr Wohlstand generieren. Länder wie Frankreich, die Eurozone und UK hatten im Schnitt ein negatives jährliches BIP-Wachstum pro Kopf.
Wie wichtig sind die Bilateralen für die Zukunft?
Die Wirtschaftsentwicklung bis 2025 oder 2035 einzuschätzen, ist sehr schwierig. Das gleicht dem Blick in die Kristallkugel. Was sich meiner Meinung nach für die Einschätzung des Stellenwertes der Bilateralen besser eignet, sind die Lehren aus der jüngeren Vergangenheit.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper
Eric Scheidegger vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) rechnet vor
Herr Scheidegger, das Seco hat analysiert, was die Bilateralen I der Schweiz brachten. Was ist die Quintessenz?