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VerenahofGeviert, Baden
Heilendes Wasser als Ursprung
Obwohl der Wert der Quellen bereits vorher bekannt gewesen sein muss, wurden diese erst nach der Besetzung des Schweizer Mittellandes durch das römische Militär ab 15 n. Chr. umfänglich genutzt. Zunächst entwickelte sich Vindonissa (heutiges Windisch) und anschliessend eine kleinstädtische Siedlung in Baden. Dort errichtete man erste Thermen und gab jener Siedlung folgerichtig den Namen Aquae Helveticae. So fanden in Vindonissa stationierte Soldaten und Offiziere Erholung in jener Siedlung, was zum Wohlstand des Ortes beitrug. Die Zerstörung der Siedlung im Vierkaiserjahr sollte lediglich ein Hindernis in der Entwicklungsgeschichte darstellen. Nach dem Wiederaufbau setzte Baden den Weg zu einer der wichtigsten Kulturstätten der Schweiz erfolgreich fort. Durch den Fund römischer Ruinen konnten im Laufe der Jahre Standorte und Gestaltung der Thermen nachgewiesen werden. Diese befanden sich in der Nähe der heissen Quellen und traten prunkvoll und weiträumig in Erscheinung. «Hinterhof» und «Staadhof» waren im Mittelalter und in der Neuzeit die beiden bedeutendsten Badegasthöfe des Quartiers und verfügten zudem über eigene Quellen. Dazu gesellten sich bis zu zwanzig Badegasthäuser, die für gewöhnlich kleiner waren als die Badehöfe. Davon hatten lediglich der «Bären» und der «Ochsen» das Privileg, ihre Gäste mit eigenem Quellwasser zu versorgen. Die Bohrung der Verenahofquelle 1829 durch den Wirt des «Löwen» gilt als Ursprung für den Bau des Hotels Verenahof im Stile der Grandhotels. Zur Vollendung des südlichen Gebäudetraktes 1847 musste schliesslich der «Löwen» weichen. 1870 wurde der «Verenahof» schliesslich um den nördlichen Bereich mit dem grossen Saal erweitert. Für das eigentliche, 1870 erbaute Grandhotel blieb 1944 aufgrund des ausbleibenden Gästezuspruchs lediglich der Abriss. Jene seit 1881 den «Bären» zierende Neorenaissancefassade wird jedoch als Reaktion des damaligen Wirts auf den Bau des Grandhotels angesehen. «Verenahof», «Ochsen» und «Bären» waren ursprünglich eigenständige Gebäude. «Der etwa 1450 erbaute ‹Ochsen› ist der älteste Teil des Gebäudekomplexes», sagt Beat Wettstein, Bauleiter von Villa Nova Architekten. Im Laufe der Jahre verschmolzen diese durch bauliche Massnahmen wie einander erschliessende Zugänge zu einem Gebäudekomplex: dem Verenahofgeviert. Es entwickelte sich zum Herzstück der Bäder, wodurch auch Prominente in Verzückung gerieten. «Hermann Hesse kam regelmässig zum Schreiben nach Baden und nächtigte im ‹Verenahof› stets im selben Zimmer. Dieses ist heute als Hesse-Zimmer bekannt», berichtet Wettstein. Nach den letzten Modernisierungen in den Sechzigerjahren, infolge dessen 1963 das neue Thermalbad entstand, folgte ab 1980 eine Welle von Schliessungen. Neben dem «Staadhof» und den Hotels Bären und Ochsen war letztlich 2002 auch der «Verenahof» davon betroffen.
Markus Inglin
Zukunft als Indikator des Vergangenen
Das Verenahofgeviert steht heute unter Denkmalschutz. «Die Stadt bemüht sich, das kulturhistorische Erbe zu pflegen», versichert Peter Albiez von der Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden. Das neue und von Mario Botta entworfene Thermalbad als Vollendung der Projekte auf den drei Baufeldern ist für die Renaissance der Bäder in Baden gleichbedeutend. Wird sich jener Neubau im Einverständnis mit der historischen Bausubstanz des Quartiers bewähren? Die Sorge ist berechtigt, ob dieser das Potenzial besitzt, das historische Erbe fortzuführen, oder dieses lediglich überstrahlen wird. Die Wahrheit bleibt bis zur Komplettierung der Bäder verborgen. Wo künftig die Bäder neu belebt werden sollen, ragen derzeit noch Kräne in die Höhe. Der historische Geist zwickt augenblicklich in die Nase, sobald sich der aus den Quellen entweichende Schwefelgeruch bemerkbar macht. Das 2012 durchgeführte Planerwahlverfahren gab den Anstoss für die Neugestaltung der Bäder. Grundeigentümerin der drei Baufelder ist die Verenahof AG. Die Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden ist Mehrheitsaktionärin dieser Gesellschaft. Die Stiftung tritt zudem als Investorin auf. Villa Nova Architekten AG mit Gesamtprojektleiter Christian Dill und Architekt sowie Inhaber Christian Lang begannen 2018 mit den Rückbauarbeiten und der Schadstoffsanierung. Vereinzelte Bäder waren zubetoniert und wurden inzwischen wieder freigelegt. «Es waren aufschlussreiche Momente, als sich uns die konstruktive ‹Nacktheit› des Gebäudekomplexes präsentierte», sagt Markus Inglin von Villa Nova Architekten mit Betonung auf den Fundamentbereich im Verenahofgevierts. Was man im Bereich der Innenhöfe im Laufe der Jahre nachträglich ergänzte, wurde ebenfalls zurückgebaut, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. In Baden und Ennetbaden werden gesamthaft 21 Quellen gezählt. 870 000 Liter Wasser strömen pro Tag mit einer Temperatur von 47 °C aus den Quellen. «Sieben davon sind eigens im ‹Verenahof› verortet. Das Quellwasser wird in einem zentralen Reservoir im Baufeld 1 gefasst und wird dort für die Nutzung aufbereitet», erklärt Wettstein. Mit der Wärmerückgewinnung der Thermalquellen können künftig alle drei Baufelder beheizt werden. Externe Energiezufuhr und -kosten können somit vermieden werden. «Eine Reserveheizung wird vorhanden, aber im Regelfall nicht notwendig sein», erklärt Albiez. Um dem Denkmal- und Brandschutz gleichermassen gerecht zu werden, braucht es laut Wettstein zufriedenstellende, konstruktive Massnahmen: «Der Denkmalschutz ist diesbezüglich pragmatisch. Was erhalten werden kann, bleibt bestehen. Doch die Sicherheit hat stets Vorrang. So werden vereinzelte Holzelemente im Deckenbereich mit einem speziellen Lack behandelt, der im Brandfall aufschäumt. Wir hoffen, damit einen geeigneten Kompromiss gefunden zu haben.» Ähnlich verhält es sich mit dem Lichthof des «Verenahofs». «Zwischenzeitlich baute man eine Decke ein, die man nun wieder entfernte. Mit neuem Oberlicht dringt wieder durchgängig Tageslicht in das Gebäude, und der Wärme-Rauch-Abzug bei allfälligem Feuer wird gewährleistet», sagt Wettstein. Die Fassaden des Verenahofgevierts bleiben nahezu vollständig bestehen, werden instand gesetzt und restauriert. Aussenwände zum Innenhof werden hingegen entsprechend den energetischen Vorschriften neu gedämmt. Darüber hinaus erneuert man die Fenster – bis auf einzelne mit besonderem Wert. Während der Umbauarbeiten offenbarten sich Wettstein historische Bezüge dank kleinster Details: «Um 1560 brannte der ‹Ochsen› nieder. Die rötliche Maserung auf den Brettern ist typisch für jene Zeit und hat sich deshalb teilweise verschoben. Aber man erkennt ganz genau, wo der Balken einst gewesen ist.» Künftig wird das Verenahofgeviert als Privatklinik für Prävention und Rehabilitation genutzt. «Achtsamkeit und die Erlangung des Bewusstseins um eine nachhaltige Gesundheitsentwicklung jedes Individuums haben in der Bevölkerung spürbar zugenommen. Deshalb widmet sich die Betreiberin RehaClinic AG (eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden) dem Bereich Prävention. Behandlungen zur Rehabilitation sind jedoch ein wichtiger Bestandteil», sagt Peter Albiez. Aufgrund der historisch bedeutsamen Bausubstanz ist die mit Vorfreude gepaarte Ungeduld aller Beteiligten spürbar und vollumfänglich nachvollziehbar. Auf jene Ungeduld folgt Stolz – spätestens ab September 2021, wenn die gesamten Bäder in Baden wieder in Betrieb genommen werden und Baden einen bedeutenden Teil der städtischen Identität zurückerhält.
Stadtgeschichte Baden
Das 2015 erschienene Werk gibt einen umfassenden Einblick in die Stadtgeschichte von Baden. Das Bäderquartier nimmt diesbezüglich einen hohen Stellenwert ein. Das Buch ist erschienen bei Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte.
hierundjetzt.ch