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Teufel trägt Tolle
Die britische Autorin Suzy Menkes (76) tritt im Herbst ab. Damit verstummt die weltweit schärfste und wichtigste Modekritikerin der vergangenen Jahrzehnte.
Text: Roland Grüter
Es gab Zeiten, da prägte die Modeindustrie das Leben der Menschen, auch wenn sich diese kaum für Trends und Moden interessierten. Designerin Coco Chanel etwa befreite Frauen von textilen Korsetten und schenkte ihnen mit weit schwingenden Hosen und kürzeren Röcken Bewegungsfreiheit. Und die maschinelle Produktion von Stoffen und Kleidern machte den Individualismus möglich, der bis heute in Mode steht: Bekleidung kann seit den 1960er-Jahre in grossen Stückmengen und zu erschwinglichen Preisen hergestellt werden. Die sogenannte Stangenmode wurde in den «Roaring Sixties» prompt zum Grundpfeiler der neu gegründeten Jugendkultur und Wegbereiter für H&M, Zara und andere Mode-Discounter. Darauf geht auch die Fast Fashion, die schnelle Mode, zurück. Sie hat Überkapazitäten bewirkt, welche die Modebranche an den Rand des Ruins geführt haben.
Fester Platz in der ersten Reihe
Eine grosse Kritikerin der Fast Fashion ist Suzy Menkes. Die britische Journalistin sitzt seit Jahrzehnten in der ersten Reihe der grossen Modeschauen. Die heute 76-jährige galt lange Jahre als weltweit wichtigste Kritikerin des Modebetriebs. Ihr Urteil entschied über die Karrieren von Designerinnen und Designern, prägte die Umsätze der grössten Modehäuser. Ob Karl Lagerfeld, Jean Paul Gaultier oder Donatella Versace: Keine Modemacherin, kein Modemacher wagte es, ihre Modeschauen in Paris, Mailand, London oder New York zu starten, bevor «Big Suzy» Platz genommen und ihr Notizbuch (später: ihren Laptop) gezückt hatte. 26 Jahre lang schrieb sie für die Zeitung International Herald Tribune, die vergangenen sechs Jahre war sie Autorin der Modezeitschrift Vogue.
Die französische LVMH-Gruppe, zu der die weltweit wichtigsten Luxusmarken gehören – darunter Céline, Givenchy, Christian Dior, Kenzo oder Louis Vuitton –, wagte es vor 19 Jahren, sich mit der Modegöttin anzulegen und dieser den Zugang zu ihren Modeschauen zu verweigern – weil sie wieder mal Kritik an der Führung geäussert hatte. Der Zwist hatte für LVMH schlimme Folgen. Da Suzy Menkes nicht mehr über die neuen Kollektionen berichten konnte, gingen die Umsätze merklich zurück. Also wurde die Expertin rehabilitiert. «Modemenschen reagieren sehr empfindlich auf Kritik», sagt sie: «Doch in der Regel erkennen sie, dass sie mich genauso brauchen wie ich sie.»
Eigentlich wollte Suzy Menkes selbst Modedesignerin werden. Nach der Schule ging sie dafür sogar nach Paris und besuchte dort einen Schneiderkurs. Doch sie bemerkte schnell, dass ihr Talent für eine erfolgreiche Karriere zu klein ist. «Wenn du mit Mode nicht Millionärin werden kannst, dann schreib lieber und kritisiere andere», begründete sie später ihren Beschluss, Autorin zu werden. Dafür kehrte sie in ihr Heimatland zurück und studierte in Cambridge Geschichte und englische Literatur.
600 Modeschauen pro Jahr
Bis zu 600 Modenschauen besuchte die Kritikerin in ihren Spitzenjahren. Sie liess sich selbst im Rollstuhl an die Laufstege schieben, lebte vorwegs in Hotels und in Flugzeugen. Lediglich der jüdische Feiertag Jom Kippur war ihr heilig. Ihrem inzwischen verstorbenen Mann zuliebe war sie zum Judentum konvertiert.
Suzy Menkes Feder war spitz – und ihr Urteil unbestechlich und oft genug messerscharf. Missfiel ihr ein Trend, schrieb sie das in klaren Worten. «Eine Kostümparty für Freaks!» – «Alle liebten, liebten, liebten die Farben auf dem Laufsteg. Aber wer bitte kann sie im Büro tragen?» Selbst nahe, persönliche Freunde bekamen ihr Fett weg, so auch Karl Lagerfeld. «Karl Lagerfeld fehlt eine Mutter, die ihm sagt, wann er zu weit geht», schrieb sie einst, ohne dass ihr König Karl daraufhin seine Freundschaft kündigte. Für ihren Mut und die Verdienste um die Mode wurde Suzy Menkes 2005 in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen, von der Queen bekam sie wenig später das britische Ordens-Pendant überreicht.
Anders als die zweite Kritik-Königin der Modewelt, US-Vogue-Chefin Anna Wintour («The Devil Wears Prada»), machte Suzy Menkes kein grosses Aufsehen um ihre Person. Die einzige Exzentrik, die sie sich erlaubte, war ihre übergrosse Elvis-Haartolle. Sonst gab sie sich zurückhaltend und bescheiden. Darüber hinaus foutierte sie sich um Trends und trug Kleider, die betont unmodisch wirken sollten: Scheusslichkeiten aus Samt und Seide. «Das Interessante an Modejournalistinnen ist nicht, was sie denken oder was sie tragen, sondern, was sie schreiben. Das allein ist wichtig», sagte sie einmal in einem Interview. Neben all den Stars und Sternchen, mit denen sich Suzy Menkes auf dem roten Teppichen fotografieren liess, wirkte sie wie eine rundliche, in die Jahre gekommene Land-Baronesse. Und stach in der Welt des Glamours alle anderen aus.
Die «rasende Oma»
Im Oktober tritt Suzy Menkes nun endgültig ab, wie sie dieser Tage an einer Pressekonferenz bekanntgab. Die «rasende Oma», wie sie von jungen Berufskolleginnen genannt wird, klappt ihren Laptop für immer zu. Das war überfällig. Denn die Stimmgewalt der Britin ist kleiner geworden.
Ihr Niedergang geht parallel zu jenem der gesamten Modeindustrie, die nur noch Kommerz und Konsumentinnen mit prall gefüllten Portemonnaies im Sinn hat – für Kreativität bleibt darin kaum mehr Platz. Und damit auch für Lichtfiguren wie Suzy Menkes. Dort, wo diese einst thronte, sitzen nun Bloggerinnen und Influencerinnen. Deren Botschaften, die sie auf Social Media verbreiten, sind so kurzlebig wie die Mode, über die sie berichten. Kaum gesehen – bereits vergessen. Fast Fashion halt.