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Die theoretische Chemikerin Sandra Luber ist genauso vielseitig, wie die Fragen, zu deren Klärung sie mit innovativem Computer Modelling beitragen will. Ihr Fokus liegt dabei hauptsächlich auf sogenannten ab initio Methoden, die auf der Quantenmechanik basieren. Wenn sie sich nicht mit neuen Ansätzen für die Berechnung komplexer Systeme, Spektroskopie und dem Design artifizieller Katalysatoren für die Wasserspaltung befasst oder Forschungspreise gewinnt, schlägt das Herz der unkonventionellen Forscherin für die Musik: Luber spielt Zither, Klavier und Kontrabass und zwar so erfolgreich, dass sie auch hier als Jugendliche Preise gewonnen hat.
Frau Luber, wann wussten Sie, dass Sie Chemie studieren werden?
Sandra Luber (SL): Verhältnismässig spät, d.h. erst nach einem einjährigen Ausflug in das Studium der Verwaltungswissenschaften.
Verwaltungswissenschaften und Chemie – dazwischen liegen Welten. Wie kamen diese Entscheide zustande?
SL: Ich hatte ausgezeichnete Abiturnoten, wusste allerdings nicht, was ich studieren wollte. Ich nahm eine Stelle in einem Ministerium an und begann auf Anraten meines Umfelds Verwaltungswissenschaften zu studieren, da dies für eine Frau im Hinblick auf Familie und Kinder eine gute Option sei. Tatsache ist: Ich habe mich in diesem Studium schrecklich gelangweilt. Also habe ich mir überlegt, welche Fächer mir im Gymnasium am besten gefallen hatten. Das waren Chemie und Physik gewesen. Ich entschied mich für Chemie, weil ich mir Physik nicht zugetraut hatte.
Was war für Sie als Absolventin eines musischen Gymnasiums das Schwierigste am Chemiestudium?
SL: Ich hatte auf dem musischen Gymnasium weniger naturwissenschaftlichen Unterricht als an anderen Gymnasien und bis zum Studium noch nie ein Reagenzglas in der Hand gehalten. Ich empfand es als frustrierend, wenn ein Experiment nicht klappte und mir niemand sagen konnte, was der Grund dafür war. Dies war letztlich der Auslöser dafür, dass ich mich bereits innerhalb des Studiums der theoretischen Chemie und der Methodenentwicklung zuwandte. Ich will verstehen, weshalb sich etwas so und nicht anders verhält.
Sie kamen als Austauschstudentin an die ETH, sind dann dort geblieben, haben den Master gemacht und in Rekordzeit in der Quantenchemie doktoriert. Anschliessend waren Sie als Postdoc am Biozentrum in Basel. Dort blieben Sie aber nur kurze Zeit. Weshalb?
SL: Eines Tages hatte ich völlig unerwartet eine E-Mail mit dem Absender Yale in der Inbox. In der E-Mail bot man mir eine Postdoc-Stelle im Rahmen des Yale Green Energy Consortiums und die Mitarbeit auf dem Gebiet des Photosystems II, was in Pflanzen zu finden ist, an. Ein solches Angebot schlägt man nicht aus. In Yale fing ich an, mich mit dem Thema der Wasserspaltung zu befassen.
Eine energieeffiziente Spaltung von H2O wäre die Schlüsseltechnologie für die Herstellung von Wasserstoff – ein Thema, an dem intensiv geforscht wird. Weshalb liessen Sie sich von BASF abwerben?
SL: Ich wollte etwas Neues ausprobieren und meine Eltern erkrankten damals, deshalb wollte ich zurück nach Deutschland. BASF forschte damals an einer Lithiumbatterie, was mir gefiel. Dort wurde ich dann als erste meiner Abteilung sogar in ein spezielles Programm für zukünftige Führungskräfte aufgenommen. Nach einem halben Jahr langweilte ich mich allerdings schon, weil sich die Dinge zu wiederholen begannen und die richtige Herausforderung fehlte. Von da an war klar: Ich will zurück in die akademische Forschung. Also nahm ich eine Stelle in Jürg Hutters Team an und habilitierte an der UZH.
Was ist es, das Ihnen in der Forschung so entspricht?
SL: Es wird nie langweilig. Es gibt keine Routine. Man sucht sich seine Themen selbst aus und arbeitet mit Menschen zusammen.
Die theoretische Chemie ist eine Männerdomäne. Gab es für Sie als Frau spezifische Probleme?
SL: Es ist nicht immer ganz einfach. Doch zum Glück bin ich Optimistin und kann mich gut selbst motivieren. Aber es wäre auf jeden Fall schön gewesen, ein gutes Mentoring erleben zu dürfen.
Seit Anfang März sind Sie an der UZH SNF-Professorin. Woran arbeiten Sie konkret?
SL: Der Schwerpunkt liegt auf Design von Katalysatoren für artifizielle Wasserspaltung und der Entwicklung neuer hochgenauer bzw. effizienter Verfahren zu deren Untersuchung. Ich bin am universitären Forschungsschwerpunkt LightChEC beteiligt und arbeite mit den experimentellen Gruppen dort zusammen. Kürzlich konnten wir die ersten stabilen biomimetischen Cuban-Katalysatoren für die Wasseroxidation modellieren. Dies liefert essentiellen Input für die Entwicklung von noch besseren Katalysatoren, inspiriert von den hocheffizienten Prozessen in der Natur.
Sie bauen zurzeit Ihre Forschungsgruppe auf. Bleibt Ihnen da noch Zeit für die Musik?
SL: Musik hat mich mein Leben lang begleitet, aber viel Zeit zum Musizieren bleibt zur Zeit nicht. Aber ich gehe regelmässig an Konzerte und tanze sehr gern, momentan am liebsten Swing und Blues.
Was raten Sie einer Doktorandin, die nach der Dissertation eine akademische Karriere ins Auge fasst ?
SL: Versuche das zu tun, was Dir Spass macht – dort wirst Du auch gut sein. Bau Dir früh ein Netzwerk und Zugang zu Universitäten mit einem guten Standing auf und last but not least: Lass Dich nicht in Rollenclichées drängen.
Bild: Jos Schmid, Josschmid.com