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Der deutsche Künstler Thomas Locher, der erstmals in der Schweiz ausstellt, untersucht auf modellhafte und visuell überaus verführerische Weise Ordnungssysteme, die insbesondere sprachlicher, aber auch bildhafter Natur sind. Begriffe und Sätze werden nach wechselnden Kriterien kanonartig kategorisiert (“Die Logik“, “Die Relativbeziehungen") und zu grossflächig gerahmten Panoramen oder mehrteiligen Folgen aufgelistet. Diese “Textbilder" mit ihrer Fülle von begrifflichen Zuordnungen, Klassifizierungen und Aussagen, die sich zu imaginären Dialogen steigern können, werden von Werkgruppen mit bildhaften Ordnungsmustern kontrastiert, die ebenso den Anschein von Folgerichtigkeit, Vollständigkeit und Ubersicht erwecken.
In fotografierten Anordnungen werden gattungsähnliche Waren wie Werkzeuge, Türen mit diversen Schlössern oder Geschirrstapel mit Zahlen besetzt und dadurch numerisch katalogisiert, ebenso Farbfelder aus Astralon auf Holz. Diese apostrophieren in strahlender Künstlichkeit, in verschiedenen Grössen und Konstellationen die Tradition des konstruktivistischen Bildes, ohne aber damit inhaltlich verbunden zu sein. Die Zuordnung von Zahlen oder Buchstaben zu den sinnlich erfahrbaren Grundelementen führt eine Diskursivität ins Bild ein, bleibt aber ohne sinngebende Entschlüsselung und stellt sich bald als eine willkürlich entschiedene heraus, genauso wie etwa die Wahl der Farbfelder selbst.
Die Direktheit der aesthetischen Erfahrung, die Thomas Locher mit hohem Formbewusstsein und spielerischer Intuition aufbaut, wird mittels abstrakter Codierungen distanziert. Die Aufmerksamkeit wird weniger auf die variablen Elemente an sich gerichtet als vielmehr auf deren zugeordnete Beziehung, auf die Kluft zwischen den Zeichen und der bezeichneten Realität: “Ich glaube, dass diese ewige Differenz auch eine ungeheure Metapher ist für uns, für die menschliche Natur. Dieses NichtZusammenbringen von Name und Ding, dieses ewige Auseinanderklappen ist etwas, was man einfach akzeptieren muss, sogar akzeptieren kann." (Thomas Locher)
Am Schnittpunkt von Kunst und Philosophie, Begrifflichkeit und Anschaulichkeit wird die Macht des institutionalisierten Wissens und der Regelstruktur fragwürdig, der Wunsch nach Synthese spürbar und unerfüllbar zugleich. Dass das simulierte Erscheinungsbild der Ordnung gleichzeitig die Destruktion der Ordnung beinhaltet, verdeutlicht die akkumulative Installation in der Kunsthalle. Sie betont geradezu rauschhaft den dem Werk innewohnenden, antirationalistischen Impuls und vereint erstmals in exemplarischer Vielfalt die Sprach- und Bildtafeln der letzten Jahre. Die Zürcher Ausstellung bildet - konzeptuell wie optisch - sozusagen das Gegenstück zur mehr skulptural-objekthaft betonten Präsentation, die Thomas Locher unmittelbar zuvor für den Kölnischen Kunstverein entwickelt hat.