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Die Pfarrei St. Martin und ihre Kirche
In der Stadt Zürich gab es bis 1893 nur eine einzige katholische Pfarrei, St. Peter und Paul, doch danach stieg die Zahl der Katholiken derart rasant an, dass bis 1968 nicht weniger als 22 neue Pfarreien geschaffen wurden. Und für diese Gemeinden benötigte man neue Kirchen. In Bezug auf den katholischen Kirchenbau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Kanton Zürich war der Architekt Anton Higi (1885–1951) federführend. Ohne Konkurrenzausschreibungen erarbeitete er die Entwürfe für die 1923 eingeweihte Kirche Guthirt in Wipkingen und für die 1933 vollendete Kirche Bruder Klaus in Oberstrass. Higi hatte am Eidgenössischen Polytechnikum, heute ETH, Architektur studiert und nach dem Abschluss erste Erfahrungen in München gesammelt. Zurück in Zürich war er unter anderem im Büro von Curjel und Moser angestellt. In dieser Zeit übernahm er die Bauleitung der 1914 eingeweihten Kirche St. Josef in Zürich. Im selben Jahr eröffnete er zusammen mit Otto Gschwind in Zürich ein Architekturbüro, das er nach 1925 alleine weiterführte. Bis zu seiner Wahl in den Zürcher Stadtrat im Jahr 1938, in dem er seine Tätigkeit als Architekt sistierte, entwarf er sechs Kirchen. Higi war nicht nur an der Gründung der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft im Jahr 1924 beteiligt, die sich zum Ziele setzte, zeitgenössische Kunst für Kirchen zu fördern, sondern amtete bis 1938 auch in deren Vorstand, eine Zeitlang sogar als Sekretär. 1946, nach dem Ausscheiden aus dem Stadtrat, eröffnete er mit seinem Sohn Karl (1920–2008) ein neues Büro.
Nach 1920 intensivierten die Katholiken von Fluntern ihre Bemühungen, eine eigene Kirche zu errichten. 1928 übernahm Ferdinand von Matt die Leitung der Pfarrei Liebfrauen, zu der das Flunternquartier gehörte. Zwei Jahre später suchte er per Inserat nach einem geeigneten Grundstück für den Bau einer neuen Kirche – ohne Erfolg, zu begehrt war das Gebiet für die Immobilienbranche geworden. Nach zähen Verhandlungen gelang es am 27. April 1933, an der Krähbühlstrasse ein 2600 Quadratmeter kleines Grundstück für die damals stolze Summe von 190’000 Franken zu erwerben. Ende April zirkulierten im Ausschuss des Kirchenbauvereins Skizzen für den geplanten Kirchenbau, worunter diejenigen von Higi, der eine Kirche «im Villenstil und als Kreuzbau» vorgeschlagen hatte, besonders gut ankamen. Die Protokolle nennen ausser Higi keine Namen, sodass nicht ersichtlich ist, ob mehrere Architekten daran beteiligt waren oder ob lediglich Higi angefragt wurde, der konkrete Entwürfe vorlegte. Higi wurde kurz darauf mit der Projektierung der Kirche beauftragt. Im Januar 1938 lagen die definitiven Baupläne vor, die Grundsteinlegung leitete am 30. Mai 1938 Bischof Laurentius Vinzenz. Dieser nahm am 4. Juni 1939 auch die feierliche Einweihung vor. Mit einem Dekret vom 8. Oktober 1940 gab das bischöfliche Ordinariat in Chur seine Zustimmung zur Gründung der Pfarrei St. Martin, deren heutige Grenzen aber erst am 29. Juli 1960 gezogen wurden. Sie ist flächenmässig die kleinste unter den 23 Stadtzürcher Pfarreien.
Unter der Leitung von Architekt Werner Jaray (1920–2002) wurde 1961 im Untergeschoss der Kirche ein Raum samt Eingang für den Circolo Ricreativo Italiano eingerichtet. Der bekannte Kirchenarchitekt Fritz Metzger (1898–1973) nahm 1965 aufgrund der durch das Zweite Vatikanische Konzil ausgelösten Reformen die Neugestaltung des Chorraumes unter Verwendung des gesamten liturgischen Mobiliars vor. Der Priester sollte die Messe nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde feiern. Das Konzil erlaubte nun offiziell die Zelebration gegen das Volk, was ansatzweise schon in den 1950er Jahren versucht wurde. Dadurch mussten die Altäre, die bis anhin fest mit der Chorwand verbunden waren, freigestellt werden. Anlässlich der 1972 durchgeführten umfassenden Gesamtrenovation wurde eine neue Metzler-Orgel mit 21 Registern eingebaut. 1974 gestaltete Max Rüedi (1925–2019) die farbige Eingangstür zum Pfarreisaal im Untergeschoss.
Beschreibung
Von der Krähbühlstrasse ist das Kirchengebäude durch einen kleinen Vorplatz zurückversetzt. Durch den Verzicht auf einen markanten Glockenturm – laut Gründungsurkunde aus Rücksicht auf die reformierte Mehrheit in der Stadt – fällt die Kirche im Vergleich zu den Nachbarhäusern kaum auf. Vor dem Eingang stehend stellt man eine Art Staffelung in die Tiefe wie in die Höhe fest. Dem Haupteingang vorgelagert ist ein auf zwei aus grob gehauenen Steinplatten geschichteten Pfeilern abgestütztes Vordach. Ein Dreiecksgiebel mit einer wuchtigen Reliefplatte von Alois Peyer (1878–1960), die den Heiligen Martin darstellt, schliesst die Hauptfassade ab. In die äusseren Kanten sind einige wenige unverputzte Steinquader geschoben worden. Schliesslich folgt der eigentliche Zentralraum über einem quadratischen Grundriss mit abgeschrägten Ecken, sodass man auch von einem unregelmässigen Achteckvolumen sprechen kann. Das Zeltdach mit dem Zentralraum angepassten Ecken und flachen Schrägen wird von einem Metallkreuz bekrönt. Auf beiden Seiten fügen sich kleinere, mit Satteldächern versehene Annexe an. Erst auf dem engen Durchgang zum Pfarrhaus werden schmale, rundbogige Fenster sichtbar. Auf jeder Seite sind es deren fünf in den Wänden der Annexe und weitere fünf in den seitlichen Schildwänden des Hauptvolumens. Ein kleiner, 1995 aufgestockter Glockenträger ist auf den Giebel gesetzt.
Durchschreitet man den Haupteingang befindet man sich vorerst in einem engen Foyer mit dem von José de Nève (1933–2019) 1999 entworfenen Glasfenster mit der Darstellung der Heiligen Verena. Nach dem Öffnen der Schwenktüren erfasst man den hohen, von einer flachen Holzdecke abgeschlossenen Kultraum. Raumprägend sind die Halbkreisbögen, die die Seitenschiffe ausscheiden, sowie die Wölbung des kurzen Chorarmes, deren Konturen einer Parabel folgen. Etwas irreführend wird diese Form in der Architekturgeschichte auch als Parabolbogen bezeichnet. Der achteckige Grundriss wird in der Wandabfolge durch die abgeschrägten Ecken erkennbar. Die Orgelempore kragt stützenfrei vor, und blickt man vom Chor auf den Orgelprospekt, so erkennt man dahinter einen weiteren Rundbogen, der eine dunkle Nische aussondert. Die künstlerische Ausstattung beschränkt sich auf die farbig verglasten Fenster, die nur wenig Licht in das Innere eindringen lassen, auf Kleinskulpturen, auf die beiden Kreuzwegbänder unter der Empore und auf das liturgische Mobiliar. Die Entwürfe für die farbigen Glasfenster sowie für die Kreuzwegstationen stammen vom St. Galler Künstler August Wanner (1886–1970), der insbesondere in der Vorkriegszeit etliche Aufträge für Kirchenausstattungen erhalten hatte. Zentral ist der breite Altar aus schwarzem Marmor, der – im leicht erhöhten Chorboden fest verankert – die Idee des Blockes für das Opfer mit derjenigen des Tisches für das Mahl verbindet. Ergänzt wird er durch einen erst 1965 hinzugefügten Ambo und durch den Taufstein, der laut einer Notiz im Pfarreiarchiv 1959 geschaffen und im Chorbereich aufgestellt wurde.
Konzept Zentralraum
Der Hauptraum von St. Martin ist über einem Quadrat errichtet; es gibt durch diese geometrische Figur keine vorgegebene Achse. Man spricht diesbezüglich von einem Zentralbau, der in der Kirchenarchitektur damals selten war. Gemäss einer im Pfarreiarchiv aufbewahrten Notiz soll Pfarrer von Matt während seines Theologiestudiums am Germanicum in Rom die Sommerferien auf dem Landgut San Pastore in der Campagna verbracht haben, das dem Germanicum gehörte. Das Landgut besitzt eine kleine, 1759 konstruierte barocke Kirche, deren Grundriss dem griechischen Kreuz nachgebildet ist. Pfarrer von Matt soll von diesem Kleinod derart fasziniert gewesen sein, dass er sich eine ähnliche Grundrissform für die neue Kirche St. Martin wünschte. Der kirchliche Zentralraum wurde nach dem Ersten Weltkrieg im Umfeld der sogenannten «Liturgischen Bewegung» als Idealgrundriss postuliert und in wenigen Beispielen auch umgesetzt. Das Schlagwort der tätigen Teilnahme an der Liturgie stand für das Anliegen, die jahrhundertealte Trennung zwischen den Zelebranten und den Gottesdienstbesuchern aufzuheben. Die Vorschläge für dieses Programm beinhalteten nicht nur rein liturgische, sondern auch architektonische Aspekte. Zu Letzteren zählten die Forderung nach Freistellung des Altars und der Wunsch, die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen, um die Zelebranten zu scharen. Ein wichtiges Manifest mit dem Titel Christozentrische Kirchenkunst schrieb der Prälat Johannes van Acken im Jahr 1922. Darin fordert er einen Altar, der als mystischer Christus «der Ausgangspunkt und gestaltender Mittelpunkt des Kirchenbaus und der Kirchenausstattung» sein soll. Und das bedeutete: «Weitung des Hauptraumes, Verkürzung und Verbreiterung des Chores, Verzicht auf Säulen und Pfeiler, die den Blick hemmen, Umschaffung der Nebenschiffe, falls solche gewollt, in blosse Gänge und Beichtnischen.» Anton Higi scheint bei seinem Entwurf für St. Martin diese Zeilen genaustens gelesen zu haben, anders lässt sich die Nähe der Zürcher Kirche zum Konzept von van Acken nicht erklären. Schon Higis Kirche Bruder Klaus in Zürich, die 1933 als erste Schweizer Kirche Bruder Klaus geweiht wurde, erhebt sich – betrachtet man lediglich den Grundriss – über einem stark verkürzten Längsrechteck, doch ist das Innere durch die Einteilung in drei Schiffe und durch die Betonung der Mittelachse noch eindeutig als Wegkirche konzipiert. Dies ist bei der Kirche St. Martin nicht mehr der Fall. Sie gehört zu den wenigen Beispielen von Schweizer Kirchen, die zwischen den Weltkriegen den Zentralbaugedanken architektonisch umsetzten. Der deutsche Architekt Otto Linder (1891–1974) wählte für St. Josef in Bussnang TG (1934–1937) ein Kleeblatt und für St. Theresia in Rheineck SG (1932–1933) eine Verschmelzung eines grösseren Kreises mit einem kleineren Kreis als Vorlage für den Grundriss. Arnold Stöckli (1909–1997) konstruierte die Kapelle Trübsee ob Engelberg (1935) als einen vollkommenen Zylinder. Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 wandte man sich vom Längsgrundriss gänzlich ab.
Standort der Orgelempore
In der Zürcher Kirche St. Martin ist der Standort der Orgelempore über dem Eingang und in grösstmöglicher Distanz zum Chorbereich. Das war damals Standard. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil experimentierten die Kirchenarchitekten mit unterschiedlichen Grundrisslösungen. Dabei wurde an vielen Orten der Platz für Sängerinnen und Sänger in die Nähe des Chorbereichs gerückt, um den Dialog von Wort und Gesang auch räumlich besser zum Ausdruck zu bringen. Es gab einen Kirchenarchitekten, der sich schon in den 1930er Jahren Gedanken machte über eine andere Positionierung der Orgelempore: Otto Dreyer (1897–1972). Er war ebenfalls Mitglied der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft und hatte sich mit einem prämierten Entwurf für die Luzerner Kirche St. Karl, die in der Schweiz die Phase des neuzeitlichen Kirchenbaus einläutete, einen Namen gemacht. Dreyers Bezug zur Musik war ausgesprochen eng. Er war ein begnadeter Geiger, spielte zeitweise im Luzerner Sinfonieorchester und war bis 1965 Mitglied des Organisationskomitees für die Internationalen Musikfestwochen in Luzern. Seiner Architektur legte er eine modulare Ordnung zugrunde, die auf Untersuchungen des Musiktheoretikers Hans Kayser (1891–1964) basierte. Es war der Versuch, die musikalischen Proportionen in die Architektur zu übertragen und damit sichtbar werden zu lassen. In den 1960er Jahren war es André M. Studer (1926–2007), der dieser Lehre insbesondere in den katholischen Kirchen in Uster (1963–1966) und Kilchberg (1965–1967) folgte. Dreyer platzierte 1940 in der Kirche St. Josef in Luzern den Sängerort mit Orgel auf einem eingezogenen Boden über der Sakristei neben dem Chorbereich. Vom Gemeinderaum aus waren die Sängerinnen und Sänger jedoch nicht sichtbar. Dreyer begründete diese Lösung im Pfarrblatt St. Maria vom 1. Oktober 1941 wie folgt: «Der Sängerchor steht im Dienste des am Altar opfernden Priesters. Der liturgisch richtige Ort für Chor und Orgel ist daher in der Nähe des Hochaltars. Wenn in früheren Jahrhunderten die Sängerempore über dem Haupteingang angelegt wurde, so waren dabei architektonisch-formale Gründe massgebend, nicht aber liturgische oder gar musikalisch-akustische.» Erst durch die erwähnte grössere Freiheit in Bezug auf Grundrissdispositionen entstanden in den 1960er Jahren und in den 1970er Jahren zahlreiche Kirchen, in denen der Ort für die Sänger und Sängerinnen mitsamt Orgel sich unmittelbar an den Altarraum anfügt.
Bedeutung der Kirche St. Martin
Stilistisch gehört St. Martin zu den moderat modernen Kirchen, die formal einen deutlichen Abstand von mittelalterliche Baustile nachahmenden Sakralbauten markieren, die Prinzipien des Neuen Bauens aber nicht konsequent umsetzen. Die Architektur Higis schliesst sich nahtlos an den so genannten Landistil an, der durch die Pavillons an der Schweizerischen Landesausstellung von 1939 in Zürich propagiert wurde, und nach dem Zweiten Weltkrieg das Bauen in der Schweiz stark geprägt hat. Es war der Versuch, die radikale Moderne, mit der man Flachdächer, Sichtbeton, Schmucklosigkeit und den rechten Winkel assoziierte, durch Berücksichtigung regionaler Stilelemente zu dämpfen. Der in der Kirche St. Martin zum Hauptmerkmal ausgearbeitete Rundbogen ist gewiss vor diesem Hintergrund zu verstehen. Auch wenn die Kirche St. Martin in der damaligen Architekturdiskussion wenig Resonanz fand, ist sie ein bemerkenswertes Denkmal. Das Anliegen, dass eine Kirche in der Umgebung nicht auffallen soll, wird erst Ende der 1960er Jahre lautstark formuliert, als die Institution Kirche gesellschaftlich stark unter Druck geriet und ihre dominante Präsenz im Siedlungsbild kritisiert wurde.
Es war den Verantwortlichen bewusst, dass der Bau einer katholischen Kirche in der Diaspora, wie eine religiöse Minderheit in der Fremde bezeichnet wird, eine besondere Rücksichtnahme erfordert. Higi war mit dieser Thematik wie kein anderer Architekt vertraut und verfasste für das Jahrbuch ars sacra 1930 der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft einige grundlegende Gedanken dazu. Der Architekt von Diasporakirchen habe vor allem Folgendes zu beachten: «... sorgsame Verwendung der verfügbaren Gelder, strenges Masshalten, knappe Formulierung des Themas, aber auch sehr sorgfältiges solides Bauen, damit der Unterhalt der Baute möglichst geringe Mittel erfordert.» Dieses Programm vermochte Higi im Flunternquartier umzusetzen. Seit der Einweihung sind inzwischen 75 Jahre verstrichen und in dieser Zeit überstand die Kirche St. Martin alle Stürme ohne einschneidende Eingriffe.
Fabrizio Brentini (geb. 1957) studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie. Er promovierte bei Prof. Stanislaus von Moos mit einer Arbeit über den modernen katholischen Kirchenbau in der Schweiz. Bis zu seiner Pensionierung 2021 unterrichtete er am Gymnasium in Sursee. Brentini veröffentlichte zahlreiche Texte und Publikationen in Zusammenhang mit Architektur- und Kunstgeschichte.