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William Blake (1757-1827) ist der englische Romantiker par excellence. Schon als Kind will er Visionen von Engeln gehabt haben, die er dann in Gedichten verarbeitete. Tiefreligiös, lehnte er das etablierte Christentum mit seinem autoritären und durch Gesetze hier und dort und überall einschränkenden Gott ab. Satan war für ihn primär nicht der Böse Geist, sondern der erste, der sich gegen diesen einschränkenden Gott auflehnte. Blakes Einstellung zur Sexualität und zur Ehe ähnelte jener von Mary Wollstonecraft und William Godwin – er war in vielem ein Vorläufer der frauenemanzipatorischen Bewegung und Advokat von nicht durch Gesetze eingeschränkten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, auch nicht zwischen gleichen Geschlechtern. Einerseits war Blake also sehr progressiv, wie wir heute sagen würden, andererseits war sein Mythizismus wiederum sehr rückwärts gewandt. Eher ein religöser Freidenker, ein Dissenter, als ein Revolutionär – auch wenn er mit der Französischen Revolution sehr sympathisierte. Im Übrigen war er zu Lebzeiten ziemlich unbekannt, und seinen Bekannten galt er als verschrobener Typ – was begünstigte, dass er diese seine exzentrischen Meinungen überhaupt äussern durfte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Graveur und selbständiger Buchdrucker. Dies reichte zum Leben, reich wurde er nicht. Seine bekannteste diesbezügliche Arbeit sind wohl die Radierungen zu Edward Youngs Night Thoughts [Nachtgedanken].
Obwohl Blake also die Schwarze Seite der Romantik nicht unbekannt ist, ist sein bekanntestes lyrisches Werk, die vorliegenden Songs of Innocence & of Experience, diesbezüglich wenig belastet. Die Gedichte sind in volksliedhaftem Ton gehalten und im Grunde genommen sind es Gedichte für Kinder. Sie sind deswegen nicht etwa kindisch – nicht einmal kindlich könnte man sie nennen, selbst dann, wenn das Thema ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge ist, die sich spätabends noch im Wald verlaufen, aber wiedergefunden werden, oder der Widerwille eines Jungen, zur Schule zu gehen, wenn draussen die Natur das kolossale Schauspiel erst des Sommers, später des Winters, aufführt. Keine 50 Gedichte umfasst die Sammlung, und dann sind diese Handvoll Gedichte noch eingeteilt nach Songs of Innocence und Songs of Experience [Gesänge der Unschuld und Gesänge der Erfahrung]. Nicht, dass bei den Gesängen der Unschuld nun lauter anakreontische Tändeleien zu finden wären (obwohl auch dies) oder auch nur lauter glückliche und unschuldige Kinder vorkämen: Auch hier geht zum Beispiel ein Junge zwischenzeitlich verloren. Aber der Schmerz und die Einsamkeit vor allem armer Kinder wird so richtig erst im zweiten Teil ausgedrückt. Die Gedichte der beiden Teile können oft in Paaren gelesen werden: Einem Lamb im ersten Teil entspricht ein Tyger im zweiten, The Chimney Sweepers kommen zweimal vor – und beide Male sind die armen, zur Arbeit als Kaminfeger gezwungenen Kinder eigentlich nur glücklich beim Gedanken daran, dass sie der Tod von Dreck und Kälte erlösen wird.
Blake hat seine Gedichte selber herausgegeben – das heisst bei ihm: selber illustriert und gedruckt. Ein Gesamtkunstwerk also. Das ist umso bemerkenswerter, als da natürlich viel Handarbeit darin ist, und so jedes Exemplar der Erstausgabe vom andern mehr oder weniger differiert. Ohne eine Reproduktion eines Originals können die Songs of Innocence & of Experience nicht voll genossen werden.
Blake hat bis heute ein grosses Echo in Kunst, Literatur und Musik gefunden. So hat er sowohl motivlich (z.B. die armen und frierenden Kinder im Schnee) als auch vom Gesamtaufbau her, einigen Einfluss auf Pullmans His Dark Materials gehabt, wo die Hauptfigur Lyra ebenfalls von der Unschuld zur Erfahrung übergeht. (Allerdings hätte Blake wohl Pullmans Materialismus ebenso getadelt, wie die Tatsache, dass eine Reparatur der Welt nur möglich ist, indem zwei Wesen auf die Erfüllung ihrer Liebe verzichten.)