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Kaffeetreff am Morgen: Eine jüngere Kollegin setzte sich zu uns älteren Damen. Sie hatte im fortgeschrittenen Alter ein Philosophiestudium in Angriff genommen. «Und mit was genau beschäftigst Du Dich jetzt?», fragten wir. «Mit Logik», antwortete sie. Das erzeugte zunächst Schweigen in der Runde. «Hast Du ein Beispiel?» bohrten wir weiter. «Meine nächste Aufgabe ist, mich mit dem «Käfer in der Schachtel» zu befassen», klärte sie uns auf». Erneutes Schweigen. Die weiteren Fragen forschten nach der Natur dieses «Käfers in der Schachtel», aber die Kollegin konnte noch nicht Auskunft geben. Denn der Käfer war ihr nächstes Studienobjekt.
Immerhin brachte sie noch den Namen Wittgenstein in die Diskussion ein, was diese belebte. Denn da konnte jemand ein Zitat beisteuern: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen», soll Ludwig Wittgenstein (1889 -1951), bekannter österreichischer Philosoph, gesagt haben. Unsere Morgenrunde war gerettet. Nicht, dass es uns je an Gesprächsstoff mangeln würde. Aber da waren uns interessante Themen in den Schoss gefallen.
Der «Käfer in der Schachtel» verwandelte sich sofort in einen Maikäfer. Und über Maikäfer wussten alle etwas zu berichten. Als wir Schulkinder waren, wurden diese gesammelt. Wir fingen sie ein, verstauten sie in Schuhschachteln, die wir mit Luftlöchern versehen hatten, und konnten sie in der Schule abgeben. Natürlich gab es sofort eine Rangliste. Wer am meisten Käfer ablieferte, war der Held des Tages. Meistens waren es Buben. Diese trieben mit den Käfern Schabernack. Versteckten sie in den Schulpulten, wo sie über die Bücher und Hefte krabbelten. Oder versuchten, sie den Mädchen, hinten am Hals, in die Kleider zu befördern.
Maikäfer gingen als Schädlinge in unsere Erinnerung ein. Sie konnten ganze Bäume kahlfressen, hiess es. Das erfüllte mich immer mit einem gewissen Schaudern. Die grossen, schönen Bäume waren diesen kleinen Wesen schutzlos ausgeliefert. Das kam mir immer wie ein gestörtes Kräftegleichgewicht vor, gegen das ich mich gerne gewehrt hätte. Aber da war nichts zu machen.
Als die Maikäfer-Erinnerungen ausgeschöpft waren, wandten wir uns Wittgenstein zu. Ein Philosoph, der im 20. Jahrhundert gelebt hatte. Den wir noch hätten treffen können. Vom dem aber niemand in der Runde je etwas gehört hatte. Ich nahm mir vor, meinen Luzerner Bekanntenkreis mit der Frage nach Wittgenstein etwas zu piesacken. Denn wer hier das Lyzeum besucht hatte, hatte sich intensiv mit Philosophie beschäftigt.
In meinem Gymnasium in Zürich war uns das mit magerer Stundenzahl am Schluss der Ausbildung als Freifach angeboten worden. Da fehlten uns eben «wichtige Grundlagen für das Leben», wie es jeweils bedauernd hiess. Heute denke ich, so recht und schlecht haben auch wir es ohne Philosophie durch ein zufrieden stellendes Leben geschafft!
Blieb noch, für die zweite Runde Kaffee, die bedeutende Aussage: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen». Gab es überhaupt Dinge, über die «man nicht sprechen kann»? Oder war es nicht viel mehr so, dass man über gewisse Dinge nicht sprechen wollte?! Waren damit die grossen gesellschaftlichen Tabus angesprochen, mit denen auch wir teilweise aufgewachsen waren? Oder waren persönliche Ereignisse gemeint, die man lieber unter Verschluss hielt, als sie der allgemeinen Neugier preiszugeben? Gerade die Dinge, die nicht von «öffentlichem Interesse» sind, sind ja gelegentlich ein gefundenes Fressen für die öffentliche Neugier!
Und was war jetzt mit dem «Käfer in der Schachtel»? Wir hoben die Kaffeerunde auf und nahmen den «Käfer» als Pendenz mit nach Hause.