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Schwarzgelockte Haare, Jeans und blaues Hemd, der grossgewachsene Experte aus dem Kosovo sitzt vor dem Freisprechtelefon und dreht mit seinen Fingern am Kugelschreiber. Zügig, aber ohne Hast spricht er in albanischer Sprache mit einem Landsmann. Er wiederholt Sätze, fährt weiter, wechselt das Thema - während sein unsichtbarer Gesprächspartner stockt, immer wieder «he?» fragt oder schweigt.
Mark* - so will der Experte genannt sein - stammt aus dem Kosovo. Er war vor über 20 Jahren als Gastarbeiter in die Schweiz gekommen, wo er heute mit seiner Familie lebt. Er spricht gut Deutsch und arbeitet seit einem Jahr für das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) in Givisiez FR als Sprachexperte.Seinen Landsmann Gjergi* am andern Ende des Drahts kennt er nicht. Gjergi ist gestern in der Flüchtlingsempfangsstelle Chiasso eingetroffen - ohne Papiere. In einer ersten Befragung hat er erzählt, er stamme aus der Umgebung von Gjakova in Kosovo und möchte als Kriegsflüchtling Asyl in der Schweiz erhalten. Seine Angaben waren derart unpräzis, dass der Befrager den Mann für eine «Lingua»-Analyse anmeldete.
Jetzt sitzt Gjergi in einem separaten Raum in Chiasso, neben ihm ein Aufseher des BFF, und telefoniert mit Mark in Givisiez. «Wie weit ist dein Dorf Ramoc von Gjakova entfernt», will Mark wissen, «und wie fährt man dorthin - mit dem Bus, mit dem Zug?» Gjergi zögert immer wieder - etwa als Fragen zur Schule gestellt werden. Oder als Mark wissen will, zu welchem Bezirk Ramoc gehöre.Nur einmal lachen beide, als das Wort «Slivovic» fällt und Mark - wie er uns später erzählt - fragt, ob es denn in Ramoc auch schöne junge «geschminkte» Frauen in «Stöckelschuhen» gebe. Viele Asylbewerber haben Angst. Also versucht der Experte, mit solchen Bemerkungen die Situation etwas aufzulockern.
Doch die Entspannungspause nützt dem Asylbewerber in Chiasso wenig. Denn nach 20 Minuten bricht Mark das Gespräch ab. Für ihn ist der Fall klar: «Gjergi stammt aus Albanien, nicht aus Kosovo.»
Zu viele landeskundliche Bräuche und Örtlichkeiten hat der angebliche Kosovo-Bewohner nicht gekannt. Manche einheimischen Ausdrücke - etwa «Soba» für Zimmer - hat er überhaupt nicht verstanden. Genausowenig wie die Kosovarismen für «Schminke» und «Stöckelschuhe». Diese musste Mark zuerst ins Albanische übersetzen - bis Gjergi begriff.
Nun beginnt für Mark der zweite Teil seiner Expertise. Er hört das aufgenommene Gespräch noch einmal ab und achtet auf lautsprachliche, grammatikalische, sprachgestaltende, lexikalische und andere Merkmale. Dann erstellt er aufgrund der Sprach- und länderkundlichen Analyse ein Gutachten. Sein Schluss wird lauten: «Die Analyse ermöglicht mir mit Sicherheit eine geographische Zuordnung des Probanden zu Albanien.»
«Lingua» - der Lügendetektor
Mark ist einer von 40 Sprachanalytikern, die im Rahmen der Fachstelle «Lingua» Herkunftsgutachten für das Bundesamt für Flüchtlinge erstellen. Seit Mai 1997 haben die Lingua-Spezialisten 1348 Fälle wie jenen von Gjergi gelöst. In den letzten Wochen stieg die Anzahl auf rund 50 Abklärungen pro Woche.
«Bei Lingua testen wir länderkundliches Wissen und die Sprechweise der Probanden», erläutert Imelda Lütolf, Linguistin beim BFF. Die Analysen werden entweder beim Livegespräch, via Telefon oder Bildtelefon, oder im nachhinein aufgrund einer auf Tonband aufgenommenen Anhörung erstellt. Möglich sind auch Kombinationen wie im Fall von Gjergi.
Auf Direktbegegnungen verzichtet man heute aus Sicherheitsgründen. BFF-Mitarbeiter Eric Baltisberger erklärt, warum: «Ein albanischer Asylbewerber hat einmal den Paravent zwischen sich und seinem befragenden Landsmann niedergerissen und erklärt: UDich werde ich wiedererkennen. » Direktbegegnungen werden aber auch vermieden, um eine allfällige Befangenheit der aus dem gleichen Kulturkreis stammenden Experten zu vermeiden.
Imelda Lütolf und Eric Baltisberger organisieren und überwachen die Arbeit der nebenamtlichen BFF-Experten. «In Zweifelsfällen tauschen wir schon mal Kassetten mit ausländischen Kollegen aus», sagt Lütolf. Damit können auch die Unparteilichkeit und die Sorgfalt der eigenen Experten überprüft werden. «Cross checks» heissen diese Stichproben amtsintern.
Die Schweiz ist nach Schweden der zweite Staat, der ein so modernes wissenschaftliches Instrument für die Herkunftsanalyse entwickelt hat. Dabei wird die internationale Kooperation grossgeschrieben: «Wir arbeiten mit den Niederlanden ebenso zusammen wie mit dem deutschen Bundesamt für die Anerkennung von ausländischen Flüchtlingen.»
Nur jeder dritte hat Papiere
Entsprechend stolz verweist das BFF auf die Lingua-Erfolgsquote: «In 76 Prozent aller Fälle, die wir überprüft haben, wurde die Amtsvermutung bestätigt.» Die «Amtsvermutung» heisst auf gut deutsch: der amtliche Zweifel an der Herkunftsangabe des Asylbewerbers. Führend sei die Schweiz vor allem bei der Abklärung albanischsprechender Asylbewerber, sagt Imelda Lütolf: «Dort werden wir auch im Ausland beigezogen.»
Zweifel an der Herkunft sind berechtigt. Nur 34 Prozent aller in die Schweiz kommenden Asylsuchenden tragen Papiere auf sich, mit denen sie ihre Identität beweisen können.
Zwei Drittel sind «Papierlose», die entweder nie solche Ausweise besassen oder sie zu Hause vergessen, auf der Flucht verloren oder gar versteckt haben. Seit dem 1. Juli schränkt ein dringlicher Bundesbeschluss Missbräuche drastisch ein. Seither nimmt der Anteil der Ausweisträger wieder zu.
«Bei den Kosovo-Flüchtlingen ist die Zahl der Ausweisträger höher als im Durchschnitt», sagt BFF-Sprecherin Ve-ra Britsch. Trotzdem gebe es auch unter ihnen Trittbrettfahrer. Sie werden durch das Programm «Alba» geschleust, wie die entsprechende Lingua-Abklärung heisst.
Vom 1. August bis zum 30. September hat das BFF 336 «Alba-Fälle» überprüft. Knapp jeder zehnte Gesuchsteller stammte wirklich aus dem Kosovo, 293 Menschen waren aus Albanien, das als «safe country» gilt, und 10 aus Mazedonien. Ein einziger Fall konnte nicht gelöst werden - es handelte sich um einen jugoslawischen Roma.
Die hohe Schwindlerquote wird relativiert, wenn man sie zur Gesamtzahl der 4300 im gleichen Zeitraum eingetroffenen vermeintlichen Kosovo-Albaner in Beziehung setzt. Den Lingua-Test haben nur acht Prozent von ihnen durchlaufen - Personen, deren Herkunft schon an der Empfangsstelle zu Zweifeln Anlass gab. Uber die Richtigkeit der Identität der übrigen 92 Prozent ist damit allerdings nichts Endgültiges ausgesagt.
Untertauchen statt ausreisen
Für Asylsuchende wie Gjergi ist der Fall gelaufen. «Wer schon beim Namen oder der Herkunft lügt, bei dem können wir auch nicht überprüfen, ob seine Fluchtgründe wahr sind», sagt Vera Britsch vom BFF. Einen Tag nach dem Telefongespräch mit Mark teilt ihm das BFF schriftlich mit, dass seine Herkunftsangabe «Kosovo» nicht glaubhaft sei. Gleichzeitig erhält der Albaner eine Einladung, sich innert zehn Tagen beim Bundesamt in Givisiez zu melden und - falls gewünscht - allfällige Einwände vorzubringen.
Das BFF-Verfahren gewährt den Emigrantinnen und Emigranten Rechte, die sie meist nie zuvor gekannt haben. Die Mehrzahl will diese Rechte auch gar nie ausüben. «Gut 50 Prozent folgen unseren Vorladungen nicht», schätzt Lingua-Mitarbeiter Eric Baltisberger, «sie verschwinden einfach nach unserem Brief.» BFF-Pressesprecherin Vera Britsch nennt gar noch höhere Zahlen: «Zwei Drittel der abgewiesenen Asylbewerber verschwinden - und das ist seit Jahren so.»
Ein unbefriedigender Zustand
Untertauchen in der Schweiz statt abreisen? Das entspricht sicherlich nicht dem Sinn des Asylrechts. Doch Vera Britsch winkt ab: «Wir können und wollen nicht hinter jeden Asylsuchenden einen Polizisten stellen.»
Die Folgen: Allein seit Januar 1998 sind 1664 Asylsuchende aus Albanien und 3328 aus Jugoslawien nach dem Wegweisungsentscheid untergetaucht. Im gleichen Zeitraum haben eine einzige Person aus Albanien und 353 aus Jugoslawien - vor allem aus dem Kosovo - Asyl oder eine vorläufige Aufnahme erhalten.
Und was passiert mit jenen, die sich verstecken? «In der Schweiz kann niemand jahrelang untertauchen», meint BFF-Vertreterin Britsch. Die meisten würden irgendwann in eine Kontrolle geraten: «Dann werden sie in Ausschaffungshaft genommen.»
Für die Lingua-Leute in Givisiez ist dieser Zustand «unbefriedigend». Trotzdem hält Eric Baltisberger seine Arbeit aus rechtsstaatlicher Sicht für nötig: «Nach unserem Entscheid können diese Leute die teuren Fürsorgegelder nicht mehr beanspruchen und haben auch kein Anrecht mehr auf das monatelange Asylverfahren.»
* Name geändert