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Mit Sojabohnen im Gepäck von Indien nach Ebnat-Kappel…
Indien statt England
Aufgewachsen war der 1888 geborene Ernst Lieberherr in Ebnat als Sohn des Fergers Jakob Lieberherr. Nach der Sekundarschule besuchte der junge Mann die Handelsschule in St.Gallen. «Das war damals wohl eher aussergewöhnlich für Knaben aus dem Toggenburg», sagt Ruedi Lieberherr. Nach der Handelsschule habe Ernst Lieberherr nach einer Möglichkeit gesucht, bei der er seine Englischkenntnisse vertiefen konnte. Daher absolvierte er bei der Import-Exportfirma Gebrüder Volkart in Winterthur eine Handelslehre. «In der Hoffnung, nachher für die weltweit tätige Unternehmung nach England zu gehen», sagt Ruedi Lieberherr. Nach Lehrabschluss rückte die Erfüllung seines Wunsches in greifbare Nähe. «Aber statt nach England hat ihn die Firma, die praktisch auf der ganzen Welt Niederlassungen hatte, nach Indien geschickt », weiss Ruedi Lieberherr. Der 21jährige Ernst Lieberherr packte also die Koffer und reiste in das ferne Land, in dem doch so einiges anders war, wie er der Mutter in diversen Briefen berichtete. So zum Beispiel hatte jeder der europäischen Angestellten in der indischen Niederlassung der Firma in Bombay einen eigenen Diener. Aber auch die Begräbnisrituale der Inder hinterliessen beim jungen Toggenburger tiefen Eindruck.
Reisen durch das ganze Land
Er scheint sich jedoch gut an die neuen Lebensumstände in Indien gewöhnt zu haben. Für die Firma reiste er als Handelskaufmann durch das ganze Land, verkaufte Waren und kaufte Waren, insbesondere Baumwolle und Samen für den Export. Um sich verständigen zu können, habe sein Grossvater mehrere Hindustanische Dialekte gelernt, erzählt Ruedi Lieberherr, der vermutete, dass sein Grossvater als Schweizer bei den Einheimischen vermutlich besser ankam als die Engländer als Angehörige der Besatzungsmacht. Neben den Reisen durch ganz Indien – von denen noch heute über 500 Fotos zeugen – bestieg Ernst Lieberherr auch alle drei Jahre wieder ein Schiff Richtung Italien, um für ein paar Wochen nach Hause ins Toggenburg zu kommen. Auf einem dieser Heimaturlaube lernte er dann Martha Hemmeler kennen, die er 1920 heiratete. Sie folgte ihm nach Indien, wo 1920 Sohn Richard zur Welt kam und 1925 der zweite Sohn Ernst.
Zweiter Kappler Honorarkonsul
Die junge Familie lebte nicht mehr im Zentrum Bombays, sondern bezog das «Swiss Cottage » in einem noblen Vorort der Stadt. «Auch meine Grossmutter fühlte sich in Indien sehr wohl und lernte Hindustanisch. Uns Enkeln hat sie später jeweils aus hindustanischen Büchern vorgelesen, auch wenn wir kein Wort davon verstanden», erinnert sich Ruedi Lieberherr. Nicht nur die Familie gedieh in den 1920er-Jahren, auch Ernst Lieberherrs Karriere. Nachdem er verschiedene Abteilungen der Firma durchlaufen hatte, wurde er kurz nach seiner Hochzeit zum Generalmanager der Firma Volkart ernannt – als Nachfolger von Jakob Ringger, der ebenso wie Ernst Lieberherr Kappler Bürger war und der ihm wohl schon zur Stelle bei der Volkart verholfen hatte, wie Ruedi Lieberherr vermutet. Und nicht nur in der Firma folgte ein Kappler Bürger auf einen anderen. 1927 ernannte der Bundesrat Ernst Lieberherr ebenfalls als Nachfolger von Jakob Ringger zum Honorarkonsul.
Erzwungene Rückkehr
Alles schien gut zu laufen. «Er war ein richtiger Fan von Indien geworden, wollte nicht mehr in die Schweiz zurückkehren», erzählt Ruedi Lieberherr. Aber es kam anders: Die Gesundheit zwang ihn zur Heimkehr. «Nach mehreren Malaria-Erkrankungen hatte mein Grossvater starke Leberprobleme», sagt sein Enkel. 1930, nach 20 Jahren in Indien also, packte Ernst Lieberherr wiederum die Koffer und reiste nun definitiv in die Schweiz zurück. Er liess sich von der Zürcher Firma Dr. Hefti anstellen. «Aber er wollte selbständig sein», weiss Ruedi Lieberherr. Und so hat Ernst Lieberherr die Zürcher Firma Morgenthaler & Schneebeli aus dem Konkurs gekauft. «Er war ein Kaufmann mit Hang zu gesunder Ernährung, so kam ihm die Idee», sagt Ruedi Lieberherr. Im Zuge der Reformbewegung, die bereits um 1900 eingesetzt hatte, hätte es viele Vegetarier gegeben, die keine Eier assen. «Und mein Grossvater hatte in Indien gelernt, dass Soja ein wertvoller Eiweisslieferant ist», sagt Ruedi Lieberherr. Und so hat Ernst Lieberherr damit begonnen, Sojaprodukte wie Mehl und Teigwaren herzustellen und mit indischem Schwarztee zu handeln. Den Namen der Firma änderte er in Morga und 1935 verlegte er den Standort nach Ebnat. 1938 zog er mit der Firma in ein Fabrikgebäude an der Kapplerstrasse, wo die Morga AG zum Teil noch heute untergebracht ist.
Ein eigenes Yogabuch
Mit Indien blieb er durch die Firma stets verbunden. «Bis vor wenigen Jahren hatten wir beispielsweise noch einen Curry- Lieferanten, den Grossvater noch aus Indien kannte», nennt Ruedi Lieberherr ein Beispiel. Auch wenn das Ehepaar Lieberherr nie mehr nach Indien reiste – («sie sagten, sie hätten es in der Blütezeit erlebt und wollten es so in Erinnerung behalten», sagt Ruedi Lieberherr) – so hatte die indische Lebensweise Ernst Lieberherr doch nachhaltig geprägt. So zum Beispiel betrieb er regelmässig Yoga, ja hat sogar ein Büchlein mit Anleitungen dazu herausgegeben. Seiner eigenen Gesundheit konnte er damit nur bedingt auf die Sprünge helfen. 1948 musste er sich einer Gehirnoperation unterziehen und nach 1960 litt er an den Folgen eines Unfalls. Am 26. Mai 1963 verstarb Ernst Lieberherr und hinterliess nebst einem grossen Überseekoffer und vielen Fotos aus Indien eine Firma, die auf einer Idee gründete, die er aus eben diesem Land ins Toggenburg gebracht hatte.
Autorin: Barbara Anderegg
Quelle: Toggenburger Tagblatt, 31.5.2013