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c) Die Schnitter und die Knaben des Boas
Auch die Schnitter haben in Verbindung mit Ruth ihren Dienst. Sie treten in den Versen 4,5,7,9 und 21 vor uns. Als Diener des Boas zeigen sie uns deutlich die Eigenschaften, die die Diener des Herrn kennzeichnen, deren Sinn darauf gerichtet ist, durch den Dienst dem Volk Gottes zu helfen.
Die erste Notwendigkeit für jeden Diener des Herrn ist die Gegenwart des Herrn. So begrüsst Boas seine Schnitter mit dem schönen Wunsch: «Der HERR sei mit euch!» (V. 4). Im gleichen Sinn lesen wir in den Tagen des Evangeliums: «Sie aber gingen aus und predigten überall, wobei der Herr mitwirkte» (Mk 16,20).
Um den Dienst des Boas wirksam zu vollführen, war es zweitens nötig, dass sie sich dem Knecht, der über die Schnitter gesetzt war, wirklich unterwarfen. Wir haben nicht nur nötig, dass der Herr mit uns ist, sondern wir brauchen auch die Leitung des Heiligen Geistes, jener göttlichen Person, die uns in dem namenlosen Knecht vorgestellt wird (V. 5).
Drittens gehen die Schnitter voran, und Ruth folgt ihnen, denn sie sagt: «Lass mich doch auflesen und unter den Garben sammeln hinter den Schnittern her!» Die Schrift anerkennt, dass unter dem Volk Gottes solche sind, die geistlich führen, die das Wort Gottes zu uns gesprochen haben und deren Glauben wir nachahmen sollen. Solchen sollen wir gehorchen und uns ihnen unterwerfen, denn sie wachen über unsere Seelen (Heb 13,7.17).
Viertens schöpfen die Knaben – die Diener des Boas – Wasser aus den Brunnen. Das Vorrecht von Ruth war es, Wasser zu trinken, aber die Verantwortlichkeit der Knaben war, das Wasser zu schöpfen. Nicht alle sind berufen oder dazu fähig, Wasser aus den tiefen Quellen Gottes zu schöpfen. Dagegen können alle vom Wasser trinken, nachdem es in Gefässe abgefüllt worden ist, die ihrer Aufnahmefähigkeit entsprechen. Das Wasser in der Quelle ist für viele ausser Reichweite, das Wasser im Gefäss jedoch allen zugänglich. Darum lauten die an Ruth gerichteten Worte: «Geh zu den Gefässen und trink.» Dem Timotheus wird gesagt: «Bedenke dies sorgfältig; lebe darin.» Das gleicht sicher dem Schöpfen aus der Quelle. Aber «damit deine Fortschritte allen offenbar seien», das geschah durch das für alle erreichbare Wasser im Gefäss (1. Tim 4,15).
Fünftens empfingen die Schnitter besondere Anweisungen von ihrem Meister, um für ihren Dienst befähigt zu sein. «Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und ihr sollt sogar aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten» (V. 15,16). Die besonderen Bedürfnisse des einzelnen machen besondere Anweisungen des Herrn nötig. Wie nahe muss der Diener dem Meister sein, wenn er im Lauf seines Dienstes wissen will, wann er für ein besonderes Bedürfnis eine Handvoll Ähren ohne «Beschämung» und ohne «Scheltworte» fallen und liegen lassen soll.
Der Herr ist auch hierin, wie in allem anderen, unser vollkommenes Vorbild. Am Auferstehungstag sandte Er eine Botschaft an Petrus, indem Er durch den Engel sagen liess: «Geht hin, sagt seinen Jüngern und Petrus.» Heisst das nicht, in unendlicher Vollkommenheit für ein armes, irrendes Schaf eine Handvoll Ähren fallen lassen, und zwar ohne «Beschämung» und ohne «Scheltwort»? (Mk 16,7).
Schliesslich wird die Arbeit der Schnitter die Ernte beenden; denn Boas weist Ruth an: «Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie meine ganze Ernte beendigt haben» (V. 21). Und so wie es mit den Knechten des Boas war, so wird es auch mit den Dienern des Herrn sein. Der Apostel benutzt die herrliche Hoffnung, die vor uns steht, um die Diener in ihrem Dienst mit Energie zu erfüllen: «Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn» (1. Kor 15,58).
Der Knecht über die Schnitter
Der Knecht des Boas, der über die Schnitter gesetzt ist, hat ebenfalls seinen Platz in Verbindung mit dem Fortschritt Ruths beim Ährensammeln. Sein Name wird nicht erwähnt. Er wird wenig gesehen, und doch steht er im Namen des Boas hinter allem, indem er jeden Schnitter auf dessen Feld beaufsichtigt. Zudem bringt er Ruth in Kontakt mit Boas und redet mit Boas über Ruth. Ausserdem ist der Knecht in völliger Übereinstimmung mit Boas. Er erzählt ihm die Wahrheit über Ruth, doch spricht er kein abschätziges Wort über sie und sieht voraus, dass Boas Ruth ermutigen würde, auf seinem Feld Ähren zu lesen.
Er ist bestimmt ein deutliches Vorbild jener erhabenen Person – des Heiligen Geistes der im Namen von Christus von einem verherrlichten Christus herniederkam, um die Interessen von Christus zu vertreten. Er spricht nicht von sich selbst, ist für die Welt unsichtbar, aber Er leitet die Diener des Herrn und bringt durch sein gnädiges Werk die Seelen in Verbindung mit Christus. Er ist einer, der in völliger Übereinstimmung mit der Gesinnung und dem Herzen des Vaters und des Sohnes denkt und handelt.
Boas, der Löser
Zuletzt haben wir Boas, wie er Christus in zweifacher Weise darstellt: erstens in der Herrlichkeit seiner Person und seines Werkes, und zweitens in seinem gnädigen Handeln mit uns persönlich.
Persönlich wird Boas als «ein Blutsverwandter» und als «ein vermögender Mann» dargestellt. Das Wort «Blutsverwandter», das im Buch Ruth so oft gebraucht wird, ist anderswo mit Erlöser übersetzt, und dieser Ausdruck gibt uns die wahre Bedeutung des Dienstes des Blutsverwandten. Dieser hatte das Recht und die Macht, seinen Bruder und das Erbe seines Bruders zu lösen, wenn beides in die Hand eines Fremden geraten war.
Durch den Sündenfall hat der Mensch jegliches Recht auf das irdische Erbe verloren, und er selbst ist unter die Macht des Feindes geraten. Als ein schuldiger Sünder ist er dem Tod und dem Gericht ausgesetzt. Er hat weder die Macht, sich selbst zu erlösen, noch kann er die Erde von der Macht der Sünde, des Todes und Satans befreien. Er braucht einen Befreier, einen, der sowohl das Recht als auch die Macht zur Erlösung hat.
Christus ist der grosse Erlöser, von dem Boas nur ein Bild ist. Er erlöst sein Volk durch Kaufpreis und Macht. Der Preis, den Er bezahlte, war sein eigenes Leben, das Er für uns gab. «Indem ihr wisst, dass ihr nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid …, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Flecken und ohne Fehl.»
Zudem erlöste Er durch Macht, denn nicht nur wurde sein Blut vergossen, sondern Er vernichtete durch die Auferstehung die Macht des Todes. Nachdem wir bereits durch Blut erlöst sind, warten wir auf die Erlösung durch Macht, auf jenen Augenblick, da Er diese sterblichen Leiber von jeder Spur der Sterblichkeit befreien und «unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen».
Schliesslich werden wir das Erbe empfangen – einen reichen Besitz, den Er erworben hat –, das Erbe, das Er von der Macht der Sünde und des Todes und der Gewalt Satans erlösen wird und an dessen Genuss wir in Gemeinschaft mit Ihm zum Preise seiner Herrlichkeit teilhaben werden (Eph 1,14).
Boas und sein Umgang mit Ruth
Doch wir haben in Boas nicht nur das Vorbild der Herrlichkeiten unseres grossen Erlösers, sondern auch eine schöne Entfaltung der Gnadenwege des Herrn in seinem Umgang mit uns persönlich.
Es ist unser Vorrecht, nicht nur die Wahrheit über seine Person und sein Werk kennenzulernen, sondern auch sein gnädiges Handeln zu erfahren, durch das wir zur Erkenntnis seiner selbst geführt werden. Möchten doch alle Gläubigen danach trachten, Christus im Innern ihrer Seele zu erleben – ein Erlebnis, worüber sie zu anderen nicht viel sagen könnten, das nur Christus und ihrer Seele bekannt ist und in das kein Fremder sich einmischen kann.
Von solch einem persönlichen Umgang haben wir in den Gnadenwegen des Boas, einem vermögenden Mann, mit Ruth, der Ausländerin, ein Schattenbild.
Diese Wege sind durch Gnade und Wahrheit gekennzeichnet und bringen Den vor uns, der voller Gnade und Wahrheit kam. In unserer Schwachheit mögen wir Gnade auf Kosten der Wahrheit zeigen oder Wahrheit auf Kosten der Gnade aufrechtzuerhalten suchen. In Christus finden wir den unendlichen Ausdruck der Gnade bei vollkommener Aufrechterhaltung der Wahrheit.
Mit zarter Rücksichtnahme stellt Boas seinen ganzen Reichtum der Ausländerin aus Moab zur Verfügung – einer, die gemäss dem Buchstaben des Gesetzes bis ins zehnte Geschlecht nicht in die Versammlung des HERRN kommen durfte (5. Mo 23,3). Seine Felder, seine Mägde, seine Knaben, seine Brunnen, sein Getreide: alles steht Ruth zur Verfügung. Sie soll auf seinen Feldern bleiben, sich zu seinen Mägden halten, hinter seinen Schnittern her auflesen und aus seiner Quelle trinken. Er erwähnt kein Wort über ihre Herkunft, ihre Fremdlingschaft oder ihre Armut; kein Wort des Vorwurfs betreffs ihrer Vergangenheit, keine Drohungen in Bezug auf die Zukunft, keine Forderungen an sie wegen seiner Grosszügigkeit. Alles ist ihr aus überströmender, unumschränkter Gnade gegeben.
Nicht anders handelt Christus mit Sündern wie wir. Gnade stellte einer sündigen Frau an der Quelle von Sichar die besten Gaben des Himmels zur Verfügung; Gnade gebot den Fischen des Sees einem sündigen Menschen wie Petrus ins Netz zu gehen; und Gnade öffnete dem sterbenden Räuber das Paradies Gottes. So hat die Gnade auch uns mit all den unerforschlichen Reichtümern des Christus gesegnet, und zwar ohne Geld und ohne Kaufpreis.
Doch, wie wir wohl wissen, verdunkeln die Reichtümer der Gnade nicht den Glanz der Wahrheit. Ja, im Gegenteil, die Gnade verlangt nach der Wahrheit. Boas hatte es nicht nötig, diese Ausländerin an ihre niedrige Herkunft zu erinnern. Sie selbst bekennt die Wahrheit; doch die Gnade des Boas bringt sie zu diesem Bekenntnis. Sie fällt vor ihm auf ihr Angesicht und tritt so zurück im Bewusstsein der Grösse der Person, in deren Gegenwart sie ist und der sie all ihre Segnungen verdankt. Durch ihre Frage «Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen?» anerkennt sie, dass nichts in ihr selbst ist, womit sie solche Gnade verdiente. Und sie gibt zu, dass sie von Natur aus keinerlei Ansprüche an Boas hat, denn sie sagt: «Ich bin eine Ausländerin.» In der Gegenwart der Gnade des Boas gibt sie ihm seinen wahren Platz und nimmt den ihren ein.
Es ist wirklich ein gesegneter Augenblick in unserem Leben, wenn wir, allein in der Gegenwart des Herrn, angesichts der Gnade seines Herzens uns der Verdorbenheit unseres Herzens bewusst werden. In einem solchen Augenblick lernen wir, dass, so böse wir sein mögen, doch Gnade in seinem Herzen ist, um dem allem zu begegnen. So tröstete Boas auch Ruths Herz. Sie hatte die Wahrheit bekannt: «Ich bin eine Ausländerin», und Boas scheint zu sagen: «Du kannst mir nichts über dich erzählen, was ich nicht schon weiss», als er ihr entgegnete: «Es ist mir alles genau berichtet worden, was du … getan hast» (V. 11). Da ist keine geheime Furcht mehr in ihrem Herzen, dass eines Tages etwas über ihre Vergangenheit offenbar werden könnte, das Boas veranlassen würde, die Gaben seiner Gnade zurückzuziehen. Frei gemacht von solcher Furcht kann sie sagen: «Du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet.» Nichts berührt, gewinnt und tröstet das Herz mehr, als in der Gegenwart des Herrn zu erfahren, dass Er alles weiss und mich trotzdem liebt.
Ruth in Gemeinschaft mit Boas
Damit wird jedoch dieser Teil der Geschichte Ruths nicht beendet. Boas hat Gnade erwiesen und Ruth hat die Wahrheit bekannt, und das hat dem Gewissen wirklichen Frieden und dem Herzen Freude gebracht, aber das ist nicht alles. Boas ist nicht damit zufrieden, Ruth Befreiung gebracht zu haben, um sie dann mit einem von Dankbarkeit erfüllten Herzen allein zu lassen. Selbst wenn das ihr Herz befriedigt hätte, so genügte es doch seinem Herzen nicht.
Wenn sie auch keine weiteren Segnungen erwartete, Er hatte noch mehr zu geben. Boas ist nicht zufrieden ohne die Gemeinschaft mit der einen, zu deren Herzen er gesprochen hat. Daher sagt er zu ihr: «Tritt hierher!» Und handelt der Herr nicht in einem tieferen Sinn ebenso mit uns? Wenn Er unsere Furcht wegnimmt, zu unserem Herzen spricht und unsere Zuneigung gewinnt, so geschieht dies, um mit uns Gemeinschaft zu haben.
Liebe ist nicht zufrieden ohne die Gemeinschaft mit dem, der geliebt wird. Darum starb Er, damit wir, sei es dass wir wachen oder schlafen, zusammen mit Ihm leben möchten. Glücklich sind wir deshalb, wenn auch wir seine gnädige Einladung hören und beachten: «Tritt hierher!»
So kam es, dass sich Ruth in Gemeinschaft mit Menschen niedersetzte, die sie bis dahin nicht kannte. Doch wenn sie sich «zur Seite der Schnitter niedersetzte», so tat sie es in Gemeinschaft mit Boas, denn wir lesen: «Er reichte ihr geröstete Körner.»
Welch ein Glück für uns, wenn wir uns in Gemeinschaft mit dem Volk Gottes niedersetzen, indem wir uns der Gegenwart des Herrn selbst bewusst sind. Dann werden wir uns tatsächlich vom Korn des Landes nähren. Wir werden, wie Ruth, «satt werden» und «übrig lassen» (V. 14). In seiner Gegenwart werden unsere Seelen genährt und unsere Herzen befriedigt, und das befriedigte Herz vermag aus seiner Fülle auch anderen zu geben.