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Macht es Sinn, heute über Spiritualität zu sprechen?
Bei den Fragen, die in der Großmeister-Ecke eingingen, rief ein Ritter das Bild in Erinnerung, das der Kardinal in einem seiner Texte verwendet: „Wir sind ein kleines Boot mit zwei Rudern; wenn wir nur das Ruder der Spiritualität benutzen, würde sich das Boot um sich selbst drehen und könnte nicht auf das Meer hinausfahren. Wenn wir aber auch das Ruder der Nächstenliebe benutzen, dann kommen wir auf dem Wasser voran.“ In seinem Schreiben bittet der Ritter darum, diese Frage weiter zu vertiefen.
Im folgenden Text geht der Großmeister auf den ersten Aspekt, den der Spiritualität ein.
Ich unterhielt mich mit einem älteren Arzt, der seine Religion nicht wirklich praktizierte. Er erzählte mir, dass er gerade ein kürzlich erschienenes Buch über die Zukunft der Kirche lese. Ich war ziemlich überrascht, vor allem als er kommentierte, dass die Kirche seiner Meinung nach zum Verschwinden verurteilt ist, wenn sie nicht zu ihrer Spiritualität zurückfindet. Ich habe ihn nicht gefragt, was er unter Spiritualität versteht. Dies ist jedoch keine nebensächliche Frage.
In den letzten Jahren haben viele Autoren die Kirche aus moralischen Gründen oder wegen angeblicher soziologischer Fehlentwicklungen und dem Verlust des Heiligen kritisiert. In Wahrheit ist diese Frage nicht neu. J. Ratzinger hatte das Problem bereits in den 1980/90er Jahren zur Zeit des Pontifikats von Johannes Paul II. angesprochen. Aber auch vor kurzem hatte der Papst emeritus Benedikt XVI. in Eine Lobrede auf das Gewissen - Die Wahrheit befragt das Herz (eine nicht im Handel erhältliche Ausgabe von neunundneunzig Exemplaren, die für Benedikt XVI. als Würdigung des Cantagalli-Verlags bestimmt war, und die ich das Glück hatte, vom Autor selbst mit einer Widmung als Geschenk zu erhalten) geschrieben, dass „wir in der gegenwärtigen Krise der Kirche Zeugen der Bedeutung und der Kraft unserer christlichen Erinnerung sind“, aber dass „die Gegebenheit des Christentums ständig gegen die Bedrohungen einer Subjektivität, die sich ihres eigenen Versagens nicht bewusst ist, und gegen den Druck eines sozialen und kulturellen Konformismus verteidigt werden muss.“
Auf jeden Fall steht die Frage der Spiritualität heute wirklich im Mittelpunkt der kirchlichen Dimension. Biblisch gesehen war das Thema bereits zur Zeit der Offenbarung Gottes aktuell. Um hier einige bekannte Beispiele zu nennen, sei nur auf den Propheten Elija verwiesen, der eine lang andauernde Beziehung zu Gott hatte und seine Gegenwart im intensivsten Augenblick nicht so sehr in den erschreckenden und großartigen Phänomenen der Natur, sondern in einem sanften, leisen Säuseln wahrnahm (vgl. 1 Könige 19,12-13). Mose wiederum hatte die Gnade, die Herrlichkeit des Allmächtigen in einem Felsspalt und geschützt durch die Hand des Herrn zu sehen: „Dann – so sagte Er zu ihm – ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen.“ (Ex 33,21-23)
Paulus war also nach seiner Bekehrung und seiner Begegnung mit dem auferstandenen Herrn der erste große Lehrer der christozentrischen Spiritualität. Er machte den Auferstandenen zur Grundlage seines Lebens und seiner Predigt. Er hatte sowohl die Universalität der Beziehung zu Christus für alle Menschen als auch die Subjektivität, das heißt das „für mich“ dieser Beziehung verstanden. Dies wurde zum Kriterium, um das wahre Ziel jener Freundschaft vorzugeben, die der Herr ihm über den Kreis der Zwölf hinaus bezeugt hatte.
In der Folgezeit brachte die Kirchengeschichte Männer und Frauen mit einer außergewöhnlichen Spiritualität hervor: von Antonius dem Großen, einem Einsiedler in der ägyptischen Wüste, bis zu Augustinus, dem Bischof von Hippo, der Christus als den Punkt bezeichnete, an dem die gesamte Geschichte zusammengefasst ist. Dann Benedikt von Nursia mit seinen Zentren des geistlichen Lebens in den Klöstern, Franz von Assisi, der Christus sine glossa, wortwörtlich nachgefolgt ist, Thomas von Aquin mit seiner Scala perfectionis, Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Therese von Lisieux und Therese-Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), die 1942 im Konzentrationslager Auschwitz starb. Das Ideal der spirituellen Freundschaft mit Christus erreichte – vom Mittelalter bis heute – seinen Höhepunkt in dem nie verloren gegangenen und (nach dem Evangelium) beliebtesten Büchlein, der Nachfolge Jesu Christi. Es wird berichtet, dass Johannes Paul I., als er tot in seinem Bett aufgefunden wurde, neben sich auf seinem Nachttisch genau diesen Text der Nachfolge Jesu Christi liegen hatte, aus dem er jeden Abend einen Abschnitt las.
Aber was ist Spiritualität? Unter Spiritualität verstehen wir eine Beziehung, ein tiefes Band der Freundschaft mit Christus. Der Herr selbst hat dies in einem Moment tiefer Wahrheit und Zuneigung beschrieben, in dem Jesus seine Jünger an sich zog und sie Freunde nannte: „Ihr seid meine Freunde.“ Und er fügte hinzu: „Der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Ich habe euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,14-15).
Die Freundschaft mit Christus wird im tiefsten Sinne zur Spiritualität und nährt sich vom Gebet und von guten Werken. Der Herr erklärte dann, worin diese Verbindung mit ihm bestand, und dies tat er durch ein kurzes, sehr einfaches und ausdrucksstarkes Gleichnis vom Weinstock und den Reben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt ... der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Diese Vereinigung ist die wahre Freundschaft mit Christus und das verstehen wir unter geistlichem Leben.
Der erste Akt der Freundschaft entsteht aus der Kenntnis Gottes und gehört zur Offenbarung Jesu, deren Ziel im Johannesevangelium aufgezählt wird: Dich, den Vater, sowie den erkennen, den du gesandt hast (vgl. Joh 17,3). Das ist auch der Auftrag, den Jesus seiner Kirche anvertraut. Denn das Kennenlernen steht immer am Anfang jeder Beziehung. Das war auch zu Beginn des öffentlichen Lebens des Herrn so, als Jesus von Johannes im Jordan die Taufe empfing. Da ertönte unter den Anwesenden die Stimme des Allmächtigen: Jesus war der geliebte Sohn, auf den man höre sollte (vgl. Mt 3,13-17).
Jesus wiederum stellt den Jüngern, die ihn darum gebeten haben, den Vater vor: „Zeig uns den Vater!“ (Joh 14,8) In dem Vertrauen, das der Meister in die Kirche setzt, ist sie berufen, den Vater durch das Werk des Sohnes bekannt zu machen, das durch die Gnade, die Begleitung und den Trost des Heiligen Geistes gefestigt wird. Aufgrund dieser tiefen Offenbarung versicherte Jesus all jene seiner Freundschaft, die durch die Predigt der Apostel an ihn glauben (vgl. Joh 20,29).
Mein Freund und Arzt hatte Recht. Denn wenn die Kirche ihre Spiritualität verliert, wird sie auf eine alte sozial-erzieherische und kulturelle Organisation reduziert. Jesus hatte es bereits gesagt: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden (vgl. Mt 5,13).
Die Spiritualität ermöglicht es uns, der Diktatur des Relativismus zu entkommen, die Würde der Person wiederherzustellen und die Bedeutung moralischer und religiöser Werte in unserer pluralistischen Gesellschaft wiederzuentdecken. So wie der Geist eine Person, einen Körper braucht, um zu leben, braucht auch die Spiritualität einen Leib, um sich auszudrücken: die Nächstenliebe. Doch davon werde ich in einer anderen Überlegung sprechen.
Fernando Kardinal Filoni
Großmeister
(Septembre 2023)
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