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An der GSoA-VV am 22. Juni referierte der deutsche Historiker Christoph Jahr zum Thema Kriegsdienstverweigerung im Ersten Weltkrieg. Der hundertste Jahrestag des Kriegsausbruchs sollte Anlass für Forschung und Gesellschaft sein, sich jenen zu widmen, die «Nein zum Dienst an der Waffe» gesagt haben.
Das Referat beleuchtete die Geschichte jener Männer, die von den einen als «gewissenlose Feiglinge», von den anderen hingegen als «selbstlose Helden» bezeichnet wurden. Christoph Jahr brachte den anwesenden GSoA-Mitgliedern einerseits die Motive der Deserteure näher und zeigte andererseits auf, wie es Einzelne schafften, von der Armee weg zukommen. Die Gründe der Fahnenflucht sind schwer zu erforschen, da es auch zur Taktik der Deserteure gehörte, die wahren Beweggründe zu verheimlichen. Diese reichten von politischen Motiven über Todesangst, Ärger mit den Vorgesetzten, Sehnsucht nach der Familie oder Freundin bis hin zu unerlaubtem Urlaub. Die Vorgehensweisen, wie die Soldaten desertierten, sind besser belegt. Als Quellen dienen Militärstrafakten, die zeigen, wie ein deutscher Soldat monatelang mit gefälschtem Ausweis durch Deutschland fuhr, bis hin zu Anleitungen, die den Soldaten zeigten, wie sie sich am besten selbst verletzen konnten.
Mehrere hunderttausend Deserteure in Europa
Jahr unterteilte den Ersten Weltkrieg in vier Phasen der Desertion. Die erste Phase ist jene des Bewegungskrieges, in der die Desertionsrate sehr hoch war. Danach nahm die Desertion während des Stellungskrieges ab Herbst 1914 ab. In der dritten Phase verdoppelte bis verdreifachte sich die Anzahl Deserteure bis zur vierten Phase, die den Höhepunkt ab Sommer 1918 bildete. Jahr beziffert die Anzahl der Fahnenflüchtigen allein in Deutschland während der Kriegsjahre auf insgesamt Hundert tau send. Unterscheiden muss man die Deserteure von den Kriegsdienstverweigerern, jenen Soldaten, die den Dienst gar nicht antraten oder sich der Einberufung mit der Flucht in ein neutrales Land entzogen. Obwohl Ende des 19. Jahrhunderts die pazifistischen und antimilitaristischen Stimmen in Europa lauter wurden, blieb während des Ersten Weltkriegs die «konsequenteste Form der Kriegsgegnerschaft», die Kriegsdienstverweigerung, eine Randerscheinung.
Schweizer Deserteure?
Nicht zu den Forschungsschwerpunkten von Jahr gehören die Deserteure in der Schweiz, die während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg geflohen sind. Das Schweizerische Militärstrafgesetz unterscheidet zwischen Fahnenflucht und Dienstverweigerung. Der Deserteur verlässt seine Truppe ohne Erlaubnis, während der Dienstverweigerer aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen keinen Militärdienst leistet. Bei beiden Gruppen ist es schwierig, allgemeine Aussagen über die Grün de ihres Handelns zu machen. Einige bekannte Fälle von Dienstverwei gerung, zum Beispiel jene von Charles Naine oder Max Daetwyler sind gut dokumentiert. Die Akten der Deserteure liegen immer noch im Bundesarchiv und warten darauf, detailliert untersucht zu werden. Anhand dieser Akten könnte auch eine Statistik über die Fahnenflüchtigen während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz gemacht werden.
Fahnenflucht im Kollektiv?
Im Winter dieses Jahres jährt sich auch der «Weihnachtsfrieden». Dieses Ereignis, als die Waffen während des Ersten Weltkrieges auf beiden Seiten schwiegen, soll für mich der Anlass sein, der Geschichte der Deserteure in der Schweiz und ihren Motiven näher auf den Grund zu gehen. Die Frage, der ich nachgehen will und in der nächsten Ausgabe der GSoA Zeitung zu präsentiere hoffe, ist, ob es Aufrufe zum kollektiven Desertieren, Meutern oder Verweigern des Kriegsdienstes gegeben hat oder ob es Muster von kollektiver Fahnen flucht während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg gegeben hat. Denn die jüngsten Feierlichkeiten und Publikationen zeigen: im öffentlichen und wissenschaftlichen Bewusstsein der Schweiz haben die Schweizer Deserteure ihren Platz noch nicht gefunden.