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Das Schweizer Altersvorsorge-System, das früher als beispielhaft galt, litt bereits mehrmals unter dem weltweiten Sturz der Börsenkurse. Doch es hat überlebt.
Allerdings bleibt das berühmte "Dreisäulen-Modell" geschwächt, solange das grundsätzliche Problem der Überalterung nicht gelöst ist.
Die Schweizer und Schweizerinnen bleiben ihrem Ruf treu: Sie sind die weltweit Meistversicherten im Privatbereich. Und bei den privaten Lebensversicherungen figurieren sie an dritter Stelle, nach Japan und Grossbritannien.
Dieser grosse Deckungsgrad ist in einem sehr gut entwickelten System der Sozialversicherungen für Alter, Invalidität und Tod integriert: Das System der drei Säulen.
Die 1. Säule ist die staatliche Vorsorge. Sie besteht aus zwei Versicherungen nebeneinander: Der Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) und der Invalidenversicherung (IV). Sie sind für alle in der Schweiz wohnhaften Personen obligatorisch.
Die 2. Säule ist die Berufsvorsorge, also die Pensionskasse. Diese Versicherung deckt ebenfalls Alters-, Invaliden- und Todesrisiken ab. Sie ist obligatorisch für alle Angestellten, aber erst ab einer bestimmten Lohnhöhe.
Die 3. Säule schliesslich ist die persönliche Vorsorge auf freiwilliger Basis, die teilweise steuerlich begünstigt werden kann.
1. Säule, eine reine Sozialversicherung
Die erste Säule ist eine Sozialversicherung im eigentlichen Sinn. Sie ist ab dem 20. Altersjahr obligatorisch für alle in der Schweiz wohnhaften Personen. AHV und IV werden vom Staat verwaltet und subventioniert. Die Beiträge hängen vom Einkommen ab, aber die Leistungen – die Alters- und Hinterbliebenenrenten – haben eine relativ niedrige Obergrenze. Zur Zeit sind es 2'150 Franken pro Jahr für Alleinstehende, 3'225 Franken für Verheiratete.
Dank dieser Obergrenze kann die AHV die Beiträge der höheren Einkommen zugunsten von weniger Begüterten einsetzen. Es ist eine Art Solidaritätssteuer für ärmere Pensionierte. Die AHV ist auf dem so genannten Verteilsystem aufgebaut, das heisst, die Beiträge der Berufstätigen finanzieren die Renten der Pensionierten.
Die zweite Säule – die berufliche Vorsorge – ergänzt die erste. Damit sollen die Pensionierten auf rund 60% ihres letzten Einkommens vor der Pensionierung kommen. Das Maximum liegt bei 77'400 Franken pro Jahr.
Anders als die 1. Säule beruht die berufliche Vorsorge auf dem Kapitalisierungs-System, das heisst, die Einzelnen zahlen ihre Beiträge zum Aufbau des Kapitals, das als Grundlage zur Berechnung ihrer künftigen Rente dient.
Die dritte Säule – die persönliche Vorsorge – kann unterschiedlich angelegt werden, entweder in Form von Bankersparnissen, Börsenanlagen oder Versicherungen. Unter bestimmten Bedingungen profitieren diese Produkte von Steuervorteilen.
Gutes Gleichgewicht zwischen Verteilung und Kapitalisierung
"Das schweizerische Dreisäulen-System zeichnet sich durch sein gutes Gleichgewicht zwischen dem Verteil- und dem Kapitalisierungs-System aus", erklärt Meinrad Pittet, Generaldirektor der Pittet Associés SA in Genf, Versicherungs-Mathematiker und Experte für die zweite Säule.
Der Aufbau der Schweizer Vorsorge unterscheidet sich also von Verteilsystemen wie zum Beispiel der Sozialversicherung in Frankreich. Sie kann damit besser auf die Auswirkungen der demografischen Alterung eingehen. Denn der vorauszusehende Rückgang der Anzahl von Berufstätigen im Verhältnis zu den Pensionierten wird in den kommenden Jahren schwer auf den Verteilsystemen lasten.
Das Schweizer Dreisäulen-System galt lange als beispielhaft, namentlich in den Augen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Aber zwischen 2000 und 2002 hat der weltweite Sturz der Börsenkurse Unsicherheit ausgelöst. Umso mehr, als das Kapitalisierungs-System die Folgen der demografischen Alterung nicht vollständig auffangen kann.
Denn weil die Menschen immer länger leben, müssen die Renten auch über eine immer längere Zeit ausbezahlt werden. Und das muss finanziert werden. Dieses Phänomen wurde lange durch die Einkünfte aus den Vermögen verdeckt, welche die Kassen durch ihre Anlagen an den Finanzmärkten erzielten.
Langfristige Lösungen gefragt
Nach einer grossen Vertrauenskrise in Bezug auf das Dreisäulen-System hat sich die Lage wieder beruhigt, namentlich weil sich die Börse in spektakulärer Weise erholt hat. Aber das Grundproblem bleibt. Nun werden Massnahmen studiert, wie die Schwächen des Systems, speziell durch einen Abbau der künftigen Renten, reduziert werden könnten.
Diese Aussichten beunruhigen Meinrad Pittet. Denn "sie könnten immer mehr Personen im Pensionierungsalter dazu verführen, sich das akkumulierte Kapital auszahlen zu lassen, statt bis zum Lebensende eine Rente zu beziehen. Mit dem Risiko, dass die Pensionierten dieses Geld sehr schnell aufbrauchen und schliesslich der Fürsorge zur Last fallen".
Und Pittet schliesst: "Man müsste vielmehr die Pension auf einem ausreichend attraktiven Niveau halten, damit die Versicherten sich für die Rente auf Lebenszeit entscheiden."
swissinfo, Pierre Novello
(Übertragen aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
Das schweizerische Altersvorsorge-System gilt dank dem guten Gleichgewicht zwischen Verteil- und Kapitalisierungs-System als Modell.
Die demografische Alterung ist jedoch eine Herausforderung für die langfristige Weiterführung des Systems.
Lösungen werden diskutiert, aber sie könnten unerwünschte Auswirkungen haben.
In Kürze
Wer ein Eigenheim kaufen will, kann Geld aus seiner Beruflichen Vorsorge (2. Säule) vorbeziehen und erhält so das Eigenkapital, das neben einer Hypothek nötig ist.
Diese Lösung hat grossen Erfolg, weil damit das Risiko einer künftigen Rentenreduktion umgangen werden kann.
Aber auch diese Investition ist nicht ohne Risiko, kann es doch vorkommen, dass die Immobilie später mit Verlust verkauft werden muss.