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Rekorde, Ruhm und Risiko Geschichte des Gleitschirmfliegens (Teil 2)
Die 1980er- und 1990er-Jahre waren die «goldene Zeit» des Gleitschirmfliegens. Spektakuläre Flüge entlang berühmten Wänden und « Enchaînements » wurden dank dem schnellen und kraftsparenden Abstieg mit dem Gleitschirm möglich. Aber auch die Strecken wurden länger und länger.
In der Schweiz wurde die Region um Interlaken zu einem Mekka des alpinen Gleitschirmfliegens. Das hatte seine guten Gründe. Erstens ist Interlaken das Tor zu den Bergdörfern Mürren, Wengen und Grindelwald und dem sie überragenden Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Zweitens hatte das Städtchen schon damals so etwas wie eine Tradition in der freien Fliegerei vorzuweisen. Der einheimische Hängegleiterpionier Fred Michel, Inhaber der Firma Ikarus und innovativer Konstrukteur der ersten Deltas « made in Switzerland », organisierte 1975, zusammen mit seinen Freunden vom Deltaclub Interlaken, die erste offizielle Schweizer Meisterschaft im Drachenfliegen. Das einzige gesicherte Datum einer Flugpremiere ab einem der drei berühmten Berner Alpengipfel betrifft den berüchtigtsten. Am 23. September 1985 gelang dem Franzosen Pierre Gevaux der erste Gleitschirmflug vom Eiger. Da Mönch und Jungfrau einfacher zu besteigen sind und auch bessere und sicherere Startplätze bieten, ist anzunehmen, dass sie noch vor dem Eiger erstbeflogen worden sind. Mit zu den ersten Schweizer Bezwingern dieser Gipfel mit einem Gleitschirm gehören Georg Hoedle, Markus Zimmermann, Michi Gruber und die Brüder Rolf und Thomas Ulrich. Viele Gleitschirmpiloten benutzten dazu einen Flügel, der aus der Hand eines Schweizer Tüftlers stammte. Laurent de Kalbermatten gründete 1985 die Firma Ailes de K ( der Name basiert auf seinen Initialen ) und brachte mit seiner « Randonneuse » den ersten Schirm auf den Markt, der mit einem beschichteten Tuch ausgerüstet war. Da die Randonneuse eine volle Gleitzahl ( siehe Grafik ) besser flog als die Produkte der Konkurrenz, verkaufte sie sich wie die sprichwörtlichen warmen Weggli und machte Laurent und Ailes de K weltweit bekannt. Trotz diesem anfänglichen Erfolg zog er sich 1992 aus der Gleitschirmbranche zurück. Vier Nordwände auf einen Streich Auch in Chamonix entwickelte sich schnell eine Szene von fliegenden Bergsteigern und Abenteurern. Einer, der durch seine Vielseitigkeit besonders aus der Menge herausstach, war der aus Dijon stammende Bergführer Jean-Marc Boivin. Ein verwegener Kletterer und Extremskifahrer, der zusätzlich sehr gut Delta und Gleitschirm flog. Stellvertretend für viele ähnliche Projekte dieser Ära, während der die Grenzen im Bergsteigen und alpinen Fliegen fast wöchentlich neu gesetzt wurden, steht ein Enchaînement, das er am 17.März 1986 realisierte und « Les 4 Glorieuses » ( die glorreichen Vier ) nannte. Jean-Marc Bovin startete um vier Uhr morgens im Gebiet Grands Montets. Innerhalb der nächsten 17 Stunden bezwang er im Alleingang nacheinander die Nordwände der Aguille Verte, der Droites, der Courtes und der Grandes Jorasses. Für den Abstieg von den jeweiligen Gipfeln zum Fuss der nächsten Wand benutzte er Gleitschirme und Deltas, die er vorgängig deponiert hatte. Nach einer wohlverdienten Pause startete er kurz nach Mitternacht mit einem Delta von den Grandes Jorasses in die nächtliche Stille und landete um 30 Uhr sicher in Chamonix. Am 26.. " " .September 1988 setzte er seiner Karriere die Krone auf. Zehn Jahre, nachdem die französischen Fallschirmspringer Bosson, Bohn und Bétemps mit ihren fussgestarteten Flügen den entscheidenden Impuls zur Entstehung der Gleitschirmfliegerbewegung gegeben hatten, und 35 Jahre nach der Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Sherpa Tenzing kombinierte Jean-Marc Boivin die beiden Pionierleistungen zu einem spektakulären Duathlon. Er bestieg den höchsten Berg der Welt und flog von dessen Gipfel in elf Minuten zum Camp II. Der erste Gleitschirmflug vom höchstmöglichen Fussstartplatz ging als unüberbietbarer Weltrekord in die Geschichte ein. Als einer der ersten Bergsteiger mit internationalem Renommee, der sich dem Base Jumping verschrieb, verlor Jean-Marc Boivin bei einem Sprung vom Salto Angel in Venezuela am 17.Februar 1992 sein Leben.
Ein wahrer Quantensprung in der Leistungssteigerung von Gleitschirmen gelang zu Beginn der 90er-Jahre, als die Hersteller anfingen, mit Flugzeugprofilen zu experimentieren. Wieder war es ein Schweizer Unternehmen, das punkto Design und Verarbeitungsqualität Massstäbe setzte. Die 1988 gegründete Firma Advance in Thun entwickelt und baut noch heute Schirme, mit denen Piloten bei allen Arten von Wettkämpfen regelmässig zuoberst aufs Podest fliegen. Ihr Gründungsmitglied Robert Graham war einer der wenigen Konstrukteure, die es sich schon damals zum Ziel gesetzt hatten und es auch schafften, ihren Schirmen trotz erhöhter Leistung ein rundes Handling und angemessene Sicherheitsreserven zu bewahren. Andere Hersteller erhoben die pure Optimierung der Gleitleistung und des minimalen Sinkens zum einzigen Mantra. Die Flächen wurden verkleinert, die Spannweiten nahmen markant zu. Das Resultat waren gezüchtete und zum Teil sensible Rennmaschinen. Diese Entwicklungsschritte förderten denn auch positive und negative Aspekte zutage, die sich schnell einmal in den Rekord-, aber auch in den Unfallstatistiken niederschlugen.... fliegen immer weiter Einer der positiven Aspekte betraf die Zahl der geflogenen Kilometer. Lag der Weltrekord, der von der Fédération Aéronautique Internationale bestätigt wurde, für die freie Strecke Ende 1989 noch bei 91,06 Kilometern, übrigens vom bekannten deutschen Kletterer Sepp Gschwendtner aufgestellt, so flog der Südafrikaner Alex Louw drei Jahre später schon 283,9 Kilometer. Heute hält der ebenfalls aus Südafrika stammenden Nevil Hulett den Rekord. Am 14.Dezember 2008 flog er sagenhafte 502,9 Kilometer weit. Den offiziellen Schweizer Rekord in freier Strecke hält Alfredo Studer mit einem Flug in Quixada ( Brasilien ) von 297,1 Kilometern. Obwohl es eigentlich einfacher ist, grosse Distanzen im Flachland zu fliegen ( gestartet wird per Windenschlepp ), sind auch im Alpenraum grosse Taten möglich. Bereits 2004 gelang dem Adelbodner Christian « Chrigel » Maurer eine Meisterleistung. Er flog 323 Kilometer vom Niesen im Berner Oberland über die Pässe Grimsel, Furka und Oberalp und via den Albulapass und das Unterengadin bis nach Tösens in Österreich. Der Flug schaffte es allerdings wegen eines Formfehlers bei der Eingabe nicht in die Rekordstatistiken. Und immer höher Der offizielle und noch heute gültige Weltrekord für den grössten Höhengewinn mit einem Gleitschirm wurde 1993 vom Briten Robbie Whittall aufgestellt. Nach dem Start konnte er sich thermisch 4526 Meter in den Himmel schrauben. Der inoffizielle Rekord in dieser Disziplin gehört aber der deutschen Wettkampfpilotin Ewa Wisnierska. Am 16.Februar 2007 während eines Laufs der Vorweltmeisterschaft nördlich von Tamworth im Staat New South Wales in Australien befand sie sich in der Nähe einer dicken Wolke, deren Ausmasse sie entweder nicht erkannte oder unterschätzte. Sie umflog die sich aufbauene Wolke, als das Steigen plötzlich und unerwartet stark zunahm. Trotz sofort eingeleiteter Steilspirale zum schnellen Abstieg gelang es ihr nicht mehr, der steigenden Luftmasse zu entrinnen. Die Wolke sog sie regelrecht in sich auf. Zuerst wurde es immer dunkler, dann leuchteten Blitze und krachte Donner rund um sie herum. Das Horrorszenario für jeden Gleitschirmpiloten wurde für Ewa Wisnierska zur schrecklichen Realität. Sie befand sich mitten in einer riesigen Cumulonimbus(2) und war « out of control ». Auf circa 7000 Metern verlor sie das Bewusstsein, ihr Aufstieg war damit aber noch lange nicht zu Ende. Als sie erwachte, zeigte ihr Fluginstrument eine Höhe von 6900 Metern an. Der Steigflug war endlich in ein Sinken übergegangen, die Sicht betrug aber immer noch gleich null, und es hagelte intensiv. Endlich, auf rund 5000 Metern, wurde sie von der Wolke ausgespuckt. Nach vorsichtigem Abspiralen konnte sie kurz darauf in der Nähe einer Farm landen. Erst bei der Auswertung der Daten ihres Fluginstruments realisierte sie, wie viele Schutzengel sie bei diesem infernalischen Ritt begleitet hatten. Sie war auf die unglaubliche Endhöhe von über 10000 Metern in den Himmel gesogen worden. Die maximale Steigrate betrug 20,2 m/s, die maximale Sinkrate 33,1 m/s ( das entspricht rein vertikalen Bewegungen von 72 km/h aufwärts respektive 119 km/h abwärts !). Ihre Höchstgeschwindigkeit lag bei 152 km/h. Fachleute schätzten die Temperatur auf der Endhöhe auf gegen 50 Grad Celsius. Abgesehen von kleineren Erfrierungen im Gesicht und an den Unterschenkeln blieb Wisnierska unversehrt. Der chinesische Weltcuppilot He Zhongpin, der in die gleiche Wolke gesogen worden war, bezahlte seine Unaufmerksamkeit mit dem Leben.
Dank ausgetüftelten Konstruktionen war langes Gleiten kein Problem mehr. Doch die allgemein grösseren Spannweiten und die kleineren Anstellwinkel an den Aussenflügeln begünstigten das plötzliche Einklappen der Schirmseiten, was zu heftigen Reaktionen der Gerate führen konnte. Ungeübte Piloten waren damit schnell einmal überfordert. Die Unfallzahlen stiegen an. Zwei andere Auswirkungen dieser Entwicklung betrafen vor allem das Einsatzspektrum der Gleitschirme. Alle Ausrüstungskomponenten legten deutlich an Gewicht und Packmass zu. Die Starteigenschaften dieser immer mehr auf pure Leistung getrimmten Schirme verschlechterten sich. Die Tauglichkeit für den Einsatz ab hochalpinen Startplätzen wurde damit deutlich eingeschränkt. Dies hatte zur Folge, dass die alpinistisch orientierte Flugszene kontinuierlich kleiner wurde und die Kombination von Bergsteigen und Gleitschirmfliegen für längere Zeit zu einer Randerscheinung verkümmerte.