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«Verborgene Gefährten» (Comites latentes) nannte Sion Segre Amar seine beachtliche Sammlung vor allem mittelalterlicher Handschriften. Die 134 Codices und 78 Fragmente befinden sich seit Anfang 2022 als Dauerleihgabe im Historischen Museum Basel und werden in der Universitätsbibliothek Basel aufbewahrt.
In der Vitrine im Untergeschoss des Historischen Museum, die im Halbjahresryhthmus durch die Universitätsbibliothek neu bespielt wird, kann seit dem 6. September ein erster Einblick in die hochkarätige Privatsammlung gewonnen werden. In der gezeigten Auswahl befinden sich einige Handschriften, die dem Sammler besonders am Herzen lagen, so die um 1320 in Paris entstandenen «Vie des Saints», der neapolitanische Psalter aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und das Stundenbuch aus Tours aus der Zeit um 1500. Über ein Fragment der Burckhardt-Wildt-Apokalypse gibt es sogar einen Basler Bezug in der Sammlung: Die Handschrift wurde nach ihrem späteren Basler Besitzer Daniel Burckhardt-Wildt (1752–1819) benannt.
Die Anfänge der Sammlung Comites Latentes liegen in den frühen 1960er Jahren. Während einer Geschäftsreise in London besuchte der Industrielle Sion Segre Amar eine Handschriftenauktion bei Sotheby’s. Segre Amar interessierte sich sehr für italienische Literatur und Kunst, und mit dem Kauf einer ersten, prachtvoll illuminierten Handschrift wurde er vom Sammelvirus befallen. In der Folge wuchs seine Sammlung, und neben dem Sammeln begann Segre Amar auch zu forschen und zu publizieren und sich immer grössere Kenntnisse über mittelalterliche Handschriften anzueignen. Unter anderem erschien 1984 sein Buch «Il frammento sepolto». 1985 präsentierte Segre Amar zum ersten Mal öffentlich eine Auswahl seiner Sammlung: In Zusammenarbeit mit dem britischen Handschriftenexperten Christopher de Hamel wurde bei Sotheby’s in London die Ausstellung «Hidden Friends» gezeigt.
Segre Amars Sammlertätigkeit erstreckte sich kontinuierlich über eine Zeitspanne von rund 40 Jahren bis kurz vor seinem Tod. Insbesondere die humanistische Literatur und die Theologie hatten es dem hoch gebildeten Turiner angetan. Aber er sammelte grundsätzlich sehr breit. Die Sammlung beinhaltet neben religiösen Handschriften auch antike Klassiker wie beispielsweise Cicero und Vergil. Neben Handschriften in lateinischer Sprache, die häufig in Italien oder Frankreich entstanden sind, kaufte Segre Amar auch hebräische, griechische, italienische und französische Texte. Neben ganzen Büchern sammelte er auch Einzelblätter und Fragmente. Ein Grossteil der Bestände zeichnet sich durch reiche Buchmalereien aus, weswegen die Sammlung insbesondere bei Kunsthistoriker*innen grosses Ansehen geniesst. Beschreibungen der Bestände sowie, sofern verfügbar, ihre Digitalisate sind über den Katalog swisscollections.ch zugänglich. Die Handschriften können zu Forschungszwecken nach Voranmeldung im Sonderlesesaal der Universitätsbibliothek studiert werden. Wer sich einen Einblick in die Sammlung verschaffen und sich an den prachtvollen Beständen erfreuen möchte, dem sei bis Anfang März 2023 ein Besuch im Historischen Museum mit einem ausgiebigen Blick in die Bibliotheksvitrine ans Herz gelegt.
Monika Studer