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Wie der Titel schon sagt: Ein Geisterbild. (Original: Max Braun/Flickr.com)
Bei futurezone.at habe ich über das Kunstprojekt The Ghost in the MP3 gelesen. Es macht die Verluste der MP3-Komprimierung hörbar. Es gibt auch ein Video, das vorführt, was bei der verlustbehafteten Videokompression auf der Strecke bleibt. Das Demonstrationsobjekt ist Tom’s Diner von Suzanne Vega. Es gilt als «Die Mutter von MP3», weil der Vater von MP3, Karl-Heinz Brandenburg, es für die Feinabstimmung des MP3-Codecs benutzt hat. Der Beitrag Karriere eines Formats erzählt diese Geschichte nach.
Geister-Bewegtbilder zum Audio-Phantom.
Wie viel effektiv auf der Strecke bleibt, hängt von der verwendeten Bitrate ab. Das wird auch in der Beschreibung zum Projekt erklärt. Codiert man «Tom’s Diner» mit 128 kbps, dann ist der Song allein an den hörbar gemachten Verlusten erkennbar und auch der verwendete Codec hat einen grossen Einfluss aufs Resultat.
Das ist aber kein Wunder: MP3 mit 128 kbps klingen selbst für ungeübte und ignorante Ohren matschig und schummrig. Dass diese Qualität eine gewisse Zeit benutzt wurde, hatte mit den früher üblichen Musikbeschaffungsmethoden und den beschränkten Speicherkapazitäten zu tun. Als ich irgendwann anfangs der Nullerjahre meine CD-Sammlung digitalisiert habe, bin ich in die 128-kbps-Falle gelaufen. Ein Fehler, der sich glücklicherweise korrigieren liess, obwohl die CDs schon entsorgt waren.
Dass MP3-Musik mit 128 kbps nicht gut klingt, ist heute nicht mehr relevant. Interessant wäre die gleiche Analyse mit den heute gängigen Codecs und Bitraten: MP3 mit 320 kbps und AAC mit 256 kbps. Ein Beispiel gibt es dazu, nämlich der «Geist» eines Sinuston-Akkords in einer 320-kbps-MP3-Datei:
Der Geist ist klar hörbar, doch wohl nur unter Laborbedingungen. Der heute noch legendäre Kreuzverhörtest der c’t, wo MP3 mit der CD verglichen wurde, kam schon im Jahr zu folgendem Schluss:
Unsere musiktrainierten Testhörer konnten zwar die schlechtere MP3-Qualität (128 kbps) recht treffsicher von den beiden anderen Hörproben unterscheiden; zwischen MP3 mit 256 kbps und dem Original von CD hingegen liess sich im Mittel über alle Stücke kein Unterschied erkennen: Die Tester schätzten MP3/256 ebenso häufig als CD-Qualität ein wie die CD selbst.
Das ist auch meine Erkenntnis nach einer Exkursion in die Welt des hochauflösenden Audios für Stadtfilter und den Tagi: Bei den heute üblichen Qualitäten ist das Equipment wichtiger als das Audioformat. Was man braucht, ist ein guter Kopfhörer – bzw. einer, der mit seinen akustischen Eigenschaften zu den eigenen Hörvorlieben passt. In meinem Fall sind das die hier erwähnte Bose-Ohrstöpsel.
Neue Erkenntnisse liefert Ryan Maguire mit seinem Conference Paper somit nicht. Was ich ihm trotzdem anrechne, ist der Umstand, dass er uns ins Bewusstsein ruft, dass die digitalen Repräsentationen der Wirklichkeit keine 1:1-Abbilder sind. Sie reduzieren die Informationen und verändern sie auf subtile, charakteristische Weise. Beim digitalen Fernsehen fallen mir häufig das Colour banding auf, das einen blauen Himmel mit sanften Verläufen ziemlich verunstalten kann – oder Unterseeaufnahmen, die eigentlich ruhig und entspannend sein müssten, so verunstalten, dass ich mich ein wenig aufregen muss. Die Codecs prägen unsere Seh- und Hörgewohnheiten – und das sollte man sich ab und zu in Erinnerung rufen.
Trotzdem: Wenn wir an unsere Audio-Kassetten, an VHS und Super-8 zurückdenken, dann haben wir keinen Grund zur Klage.
PS: Um das Versprechen im Titel zu den Geisterbildern einzulösen, hier noch der Verweis auf die Folge Ghost Photography vom Skeptoid-Podcast.