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Vincent Louis Georges Pouffé (1899-1980) stammte aus einer französisch-deutschen Familie, die sich kurz vor dem ersten Weltkrieg, um 1910 auf Santa Lemusa niederliess. Er studierte Jurisprudenz in Paris und Port-Louis, wo er ab Mitte der 1940er Jahre ein eigenes Kabinett betrieb. Pouffé veröffentlichte diverse Gedichte und einen Roman, «La Chambre des Méduses» («Die Kammer der Medusen»), der 1965 bei Maisonneuve & Duprat erschien und als sein Hauptwerk gilt. In «La Chambre des Méduses» geht es um die Auswirkungen einer mystischen Kindheit, um Erinnerungen, Verheissungen, Enttäuschungen und um Kunst als eine grosse Sehnsucht. Der Roman inspiriert sich unverkennbar bei Marcel Prousts «A la recherche du temps perdu» – wobei die Motive in seltsamer Verwandlung erscheinen: die berühmte Madeleine etwa in der Form eines Kohlrabi-Auflaufs, der gleich zu Beginn eine zentrale Rolle spielt, ja der Handlung eigentlich ihren Rahmen gibt.
«La Chambre des Méduses» schildert in einer Art Präambel einen Autor namens Vincent, der sich «berufen, mehr noch getrieben, ja verpflichtet» fühlt, ein «atlantisches Theater» zu verfassen – ein Stück «von der Wucht eines Zyklons und der Zartheit einer Seeanemone». Vincent lässt sich jedoch von den Kleinigkeiten des Alltags recht leicht an seinem grossen Projekt hindern. Und so verstreichen die Stunden, die Tage, die Jahre – ohne dass er etwas anderes in dieser Sache unternimmt als immer wieder neue, bessere Stifte und grössere, weichere Hefte zu kaufen: «Dinge, die sich in seiner jungfräulichen Schreibstube zu einer ständig wachsenden Barriere aus Materialien auftürmten, die ihn mehr und mehr von seiner Mission entfernten».
Der eigentliche Roman ist in Ich-Form gehalten. Er beginnt damit, dass Vincent, ein «Mann, dem man die 63 vergeudeten Jahre kaum ansah», bei «einer Freundin» ganz gegen seine Gewohnheiten schon um zwölf Uhr zu Tische sitzt. Er lässt sich überreden, einen Auflauf aus Kohlrabi zu kosten, der in der Schale einer Jakobsmuschel serviert wird. In dem Moment, da der erste Bissen dieses Gerichts seinen Gaumen berührt, geschieht etwas Ungewöhnliches: «Mit einem einzigen Schlag meiner Zunge fielen alle Mühen und Beschwernisse von mir ab – weder spürte ich mein Alter noch die Sorgen um Welt oder Zeit, alles schien mir leicht und das Jetzt wie das Morgen voller Versprechungen. Wo eben noch Mittelmässigkeit alles blockierte, machte sich plötzlich die Ahnung von Grossartigem breit.»
Vincent erinnert sich, dass er als Kind Kohlrabi über alles liebte – «mehr als Schokolade, mehr als mein Schaukelpferd, ja mehr wohl gar als meine Mutter». Nun springt die Erzählung zurück in Vincents früheste Kindheit. Wir begegnen seinem Kindermädchen, einer dunklen Schönheit namens Odette. Odette spielt eine ebenso zentrale wie zweideutige Rolle in dem Roman, denn sie baut rund um ihren Schützling eine seltsam geheime Welt auf. Dazu gehört auch, dass sie dem kleinen Vincent andauernd heimlich Kohlrabi füttert. Gleichzeitig tritt sie gegenüber Vincents Eltern als jemand auf, der sich wegen dem übermässigen Kohlrabi-Konsum ihres Schutzbefohlenen grosse Sorgen macht: «Wenn der Junge nicht aufhört, Kohlrabi in sich hinein zu stopfen, dann wird er platzen wie der Turm von Babel», sagt sie an an einer Stelle. Genauso heimlich sind auch die Theaterbesuche, die Odette mit Vincent unternimmt. Der Junge ist vom ersten Augenblick an fasziniert: «Ich verstand, was meine Aufgabe war: das grosse Theater». Im Verlauf der Geschichte mutiert Odette mehr und mehr zu einer Verführerin, die den jungen Vincent in allerlei zunehmend erotische oder zumindest dubiose Abenteuer verstrickt – eine Atmosphäre, die Vincent in einem Traum als eine «Kammer voller Medusen» metaphorisiert.
Irgendwann muss Odette das Haus von Vincents Eltern verlassen – für Vincent ist klar: «Ich wusste nicht, warum – doch ich wusste, dass ich schuld daran war.» Es folgt die Beschreibung eines Lebens, das sich von einer Ablenkung zur nächsten hangelt, das Abenteuer an Abenteuer reiht. Doch so lustvoll diese ganzen Episoden auch sind und so frei sich Vincent dabei auch manchmal fühlen mag – immer wieder leidet er darunter, dass er sein Werk, das «grosse Theater» noch immer nicht begonnen hat: «Mir war als gäbe es da eine heimliche Welt, von der ich ausgeschlossen war, seit vielen Jahren schon – und ich wusste, dass ich nur in dieser Welt, dass ich nur in der Kammer der Medusen würde schreiben können.» Die Sehnsucht nach der Kunst und die Unmöglichkeit, sie zu beginnen, ziehen sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Roman. Gegen Ende landet die Erzählung wieder bei der «Freundin» mit dem Kohlrabi-Auflauf. Wir ahnen jetzt, dass es sich bei der Frau wohl um Odettes Tochter handelt – und ganz zum Schluss deutet sich erneut die Möglichkeit einer Liebesgeschichte an, findet Vincent vielleicht doch noch den Weg zurück in die «Kammer der Medusen». Und wir ahnen auch, dass Vincent wohl nun das «grosse Theater» zu schreiben beginnt, das wir eben gelesen haben.
First Publication: 1-2008
Modifications: 24-2-209, 17-8-2011