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Wie Luthers Bibel Übersetzung den Ketzer-Buchstaben am Leben erhielt
Protestanten und Katholiken unterschieden sich lange Zeit nicht nur aufgrund der Glaubensansätze voneinander, sondern auch wegen der Verwendung von Vokalen. So war allein an der Aussprache von Seel oder Seele sowie Glaub oder Glaube zu erkennen, welcher Religion der Einzelne angehörte. Dabei galt vor allem das kleine „e“ als Ketzer-Buchstabe und konnte letztlich nur durch eine Übersetzung überhaupt in der deutschen Sprache überleben. Bei dieser wertvollen Übersetzung handelte es sich um Martin Luthers Bibel Übersetzung.
Die deutsche Sprache von 1300 bis 1600
Es war ein einzelner Vorgang, der in den Jahren von 1300 bis 1600 die deutsche Sprache wie kaum etwas anderes kennzeichnete. Dabei konnte er sich mit beinahe beispielloser Konsequenz durchsetzen. Allerdings war er keineswegs eine Premiere, denn ein ähnlicher Vorgang prägte die englischen Sprachen. In vielen Wörtern verschwand von 1300 bis 1600 das Endungs-e, das unbetont war. Es wurde vor allem in den Pluralformen verschiedener Worte weggelassen. Ihren Anfang fand die Entwicklung in Süddeutschland. Von 1350 bis 1400 war nach Angaben von Sprachhistoriker Werner Besch die Tilgung des Plural-e vor allem in einzelnen deutschen Regionen abgeschlossen.
Federführend waren dabei der mittelbayrische, der ostschwäbische und der schwäbische Dialekt. Lange Zeit genossen diese Dialekte höchste Anerkennung. Grund dafür waren die den Habsburger Kaisern zugeordneten Kanzleien. Basierend auf Grundlage dieser Dialekte gab es schon zu dieser Zeit eine überregionale Schriftsprache Der Sprachtrend konnte sich schliesslich ausgehend von Süddeutschland quasi in Siebenmeilenschritten verbreiten. So setzte sich die Tilgung des Endung-e von 1450 bis 1600 immer weiter gen Norden durch. Diese besondere Entwicklung erntete damit ihre grösste Ausdehnung in Deutschland.
Selbst vor Weihnachtsliedern machte die Tilgung des Endungs-e keinen Halt. Als 1623 das Weihnachtslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ erschien, wurde konsequent auf den Einsatz vom „e“ verzichtet. Das Verschwinden jenes unbetonten Vokals wird in der Linguistik grundlegend als e-Apokope bezeichnet. Überraschend war, dass sich diese nicht nur bei Pluralformen durchsetzte, sondern sich auch bei Substantiven festigte.
Martin Luther ebnet den Weg zurück
Begründet wurde diese Entwicklung vor allem durch die Betonung der Stammsilbe. Die Endung „-en“, wie sie beispielsweise beim Verb „schlagen“ verwendet wird, ist im Grunde nur grammatikalisches Beiwerk. Die Endung wurde genutzt, um zu kennzeichnen, dass es sich um einen Infinitv handelt. Durch die Stammsilbenbetonung verblassten die Vokale, die in der zweiten Silbe verwendet wurden. Von 1300 bis 1660 war die deutsche Sprache auf dem gleichen Weg wie die englische. Zwar wurde auch im Englischen das kleine „e“ an sich noch geschrieben. Allerdings wurde es nicht mehr gesprochen. Genau dieses Schicksal drohte dem kleinen „e“ auch in Deutschland. Erst mit Luthers Bibel Übersetzung wurde das Blatt neu gemischt. Für seine Bibel nutzte Luther das meissnische Obersächsisch als Grundlage. Durch die Verwendung in der Bibel wurde das meissnische Obersächsische schliesslich auch zur Basis der neuhochdeutschen Schriftsprache. Neben dem Thüringischen war das Obersächsische die einzige Sprache, die dem aus dem Süden nach Norden vordringenden e-Schwund beinahe vollständig die Stirn bieten konnte. Durch Luthers Bibel Übersetzung erlebte das Endungs-e ab 1650 schliesslich ein grosses Revival.
Literaturnachweis
[1] Der Ketzer-Buchstabe: Wie Luthers deutsche Bibel das kleine e rettete, Die Welt, Matthias Heine, 13.11.2015