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«Die Nähmaschine» (3)
Früh am nächsten Morgen wanderte die Sciora ins Dorf hinunter, wo Violetta wohnte. Alles schaute ihr nach, als sie durch die Dorfstrasse ging. Fenster wurden nachträglich noch aufgerissen, und Leute lehnten sich hinaus, um zu sehen, wohin sie sich wende. Und wohin denn anders als zu Violetta!
Da stand schon die Tante, wie durch Zauber benachrichtigt, öffnete die Türe zum Ställchen, das leer war – «Wir haben die Nähmaschine zum Nachbarn in ein helles Zimmer gestellt, das man heizen kann … für wenn sie wieder aufsteht …», sagte die Tante – und führte die Sciora die Treppe hinauf in die obere Stube. Sie riss weit die Türe auf, welche in die dahinterliegende Kammer der Mädchen führte.
Die Sciora trat ein. Während die Tante umständlich einen Stuhl herbeiholte, schaute sie sich um. Auf einem breiten, sauberen Bett sass mehr, als dass sie lag, eine Gestalt, die eine Verwandte der Violetta hätte sein können. Aus den Ärmeln einer rosenroten, gestrickten Jacke hingen dünne, blaue Knöchelchen, die mit einem Gazeläppchen spielten, welches auf der roten Bettdecke ausgebreitet lag. Oben aus der Jacke stieg ein Hühnerhälschen, das den Kopf, von wirrem Haar umgeben, kaum zu tragen vermochte.
In der Nähe sass in seinem grossen Kinderstuhl der schwachsinnige Bruder der Violetta, den schweren Schädel nach vorn auf das Tischbrett gelegt und so ganz in sich verborgen, wie ein Kraut, das am Verdursten ist. Er bewegte sich nicht, nahm nichts wahr. Hinter Bett und Stuhl, auf die leicht geblümte Wand gemalt, stand hoch die Madonna mit dem Kind, jene von Re, der drei Blutstropfen zur Stirne herausfliessen auf das Kind und das Spruchband, auf dem zu lesen steht: «In gremio matris sedet sapientiapatris.»
Die Madonna schaute aus ihrem bunt getupften und gestreiften Gewand, dessen Falten sich überschlugen und ein schattiges Futter zeigten, starren Blickes geradeaus. Vor dem Bett lag ein kleiner Teppich. Die Sciora kannte ihn. Violetta hatte ihn einst aus Wollstoffresten für sich kunstvoll zusammengenäht. Sie war stolz darauf gewesen. Dieser kleine Teppich war das einzige, was der Sciora als greifbare Wirklichkeit vorkam. Alles andere schien ihr ein peinlich quälender Spuk zu sein, aus dem sie sich mühsam zu retten suchte, indem sie aufmerksam auf den Teppich sah, sich daran zu halten.
Eine heisere, fremde Stimme ertönte neben ihr: «Jetzt sind Sie gekommen. Es ist gut.» Sie schaute erschrocken in das schmale Gesicht, das sich zu ihr gewandt hatte und so mager war, dass der blasse Mund, fast ohne Lippen, von einer Seite des Kopfes zur andern sich bog. Es war Violetta. Nicht die Violetta, die sie kannte, eine Violetta, die sie wohl manchmal innerhalb des Gesichtes der richtigen Violetta wahrgenommen hatte, eigentlich ihr Gegenbild, aber doch zu ihr gehörig. Da war dieses Gegenbild nun aus ihr getreten, hatte die richtige Violetta verjagt und war nun allein da.
Violetta schien es nicht zu wissen. Sie sprach, als ob nichts Besonderes geschehen wäre, sie sei ein wenig müde, doch werde sie sich bald erholen, auch sei sie etwas traurig, jetzt nicht nähen zu können. Manchmal denke sie sich neue Muster aus, aber jetzt sei sie müde, sie bleibe still im Bett, der Doktor habe gesagt, sie dürfe es sich ruhig gönnen, sie hole die Arbeit nachher wieder nach. Sie hustete und neigte sich tief über das Gazeläppchen. Reden konnte sie jetzt nicht weiter. Sie versuchte mit dem gross gewordenen Mund zu lächeln und mit Entsetzen bemerkte die Sciora, dass sie dem Schwachsinnigen ähnlich sah.
Sie wandte sich nach ihm um. Er lag still über dem Tischbrett und seine Arme baumelten auf beiden Seiten des Stuhles herunter, wie leblos. «Der Arme!», sagte sie bedauernd. «Ja, der Arme», flüsterte Violetta und lehnte sich in die hoch aufgetürmten Kissen zurück. Unter ihren Augenwimpern hervor floss ein Blick auf den Bruder, beladen mit allem, was an Leben noch in ihr war, als ob sie damit das arme Wesen würde aufrichten können.
Die Fotografie der Mutter
Dann wurde es still in der Kammer. Violetta mochte eingeschlafen sein. Die Scioras stand leise auf. Sie war froh, weggehen zu können, der Hals war ihr zugeschnürt. Nach einigen Tagen kam sie wieder. Die Kammer berührte sie weniger spukhaft als das erste Mal, obwohl der Schwachsinnige genau gleich zusammengelegt in seinem Stuhl sass und die Madonna del Re ebenso steif über alles hinwegsah.
Violetta war munterer. Sie nahm sich zusammen, nicht zu rasch zu sprechen, damit sie länger reden könne, denn sie wollte der Sciora etwas sagen. «Haben Sie Elena gesehen?», fragte sie. «Nein, noch nicht, aber kommt sie zu dir?», fragte die Sciora zurück. «Ach nein», wehrte Violetta ab, «die Tante will sie nicht hereinlassen, eine solche … Sie wissen … Ich trage ihr nichts nach», schloss sie leise.
«Wo ist jetzt Valentino?», wollte die Sciora wissen. «Fort, in die Stadt!» Der Kopf neigte sich hustend über das Gazeläppchen. Die Sciora nahm das Gespräch wieder auf: «Das Kind wird bald zur Welt kommen, heisst es.» Die Augen der Kranken waren gespannt auf sie gerichtet. «Soll ich dann zu Elena gehen?», fragte sie weiter. «Ja», hauchte die Kranke, «und mir sagen, wie Sie das Kindchen finden … Elena ist doch meine Freundin.»
Die Sciora wusste nichts mehr zu sagen. Sie schaute lange zu der Madonna, die gleichgültig ihr Kind präsentierte, hinüber, als ob ihr von dorther ein guter Einfall kommen könnte. «Ein Bursche aus dem Dorf hat sie gemalt», sagte Violetta heiser, «einer, der das Malen in der Stadt erlernt hat.» «Mir gefällt sie», nahm die Sciora den Faden auf. «Sie sieht aus wie eine Frau vom Dorf. Sicher kann man gut mit ihr reden.» Violetta kicherte ein wenig, hustete über das Tüchlein, das sie in der Hand hielt, und kehrte mühsam den Kopf auf die andere Seite. «Hier, auf diesem Bild sehen Sie meine Mutter und jenen.»
Sie wies mit dem mageren Kinn nach dem zusammengesunkenen Bruder hin. Das Bild war eine hässlich retouchierte Vergrösserung einer Fotografie, wie man sie in den Kasten von Vorstadtfotografen zu sehen bekam. In der Mitte, vor einer Palmengruppe, thronte eine stattliche Frau mit hohem Busen. Auf den Knien hielt sie den Unglücklichen, der schon damals, als kleines Kind, dasselbe Fohlengesicht auf dem dicken Hals trug wie jetzt und Mühe hatte, aufrecht zu sitzen. Sie sah unbeteiligt über ihn hinweg geradeaus.
«Meine Mutter», versuchte Violetta noch einmal zu sagen. Offenbar wollte sie der Sciora zu verstehen geben, dass sie doch mit ihrer Mutter besser sprechen könne als mit der Madonna. So verstand es die Sciora, und sie besah sich darum das hässliche Bild eingehend. «War er immer so?», fragte sie behutsam. «Ja, immer», mühte sich das Mädchen zu erklären. «Meine Mutter liebte ihn sehr, er blieb ja immer wie ein kleines Kind … und als sie starb, hat sie ihn mir auf die Seele gebunden. Mir hat sie ihn gelassen.» Sie sah zum Bruder hinüber, und ihr jämmerliches Gesicht, das dem seinen ähnlich geworden war, verzog sich, die Sciora wusste nicht, ob zu einem Lächeln oder zum Weinen.
Der Sommer kam und ging dem Herbst entgegen. Die Sciora, obschon es ihr von Mal zu Mal schwerer wurde, besuchte Violetta regelmässig, denn es war deutlich zu sehen, dass es das Mädchen freute, ja, dass die ganze Familie auf den Besuch wartete, sogar das Dorf. Trat sie aus dem Häuschen, standen viele Leute herum, die wissen wollten, wie sie die Kranke gefunden habe, ob sie denke, sie könne genesen und wann und wie. Die Sciora bemerkte, in dem Alter könne man immer genesen, und Violetta sei geduldig und habe Zeit.
Der Arzt sage dasselbe, also werde es wahr sein, fanden die Leute, aber es sehe nicht so aus, als ob Violetta je wieder unter den Lebenden sein könne. Es wusste ein jeder, dass keine Hoffnung mehr da war, aber keiner wollte es gesagt haben und damit derjenige sein, durch den die Kranke es erfahren könnte, denn Violetta selbst dachte nicht an den Tod. So müde sie war, sie glaubte gesund zu werden.
Sie erzählte gerne, wie die Krankheit über sie gekommen sei, an einem Sonntagmorgen in der Messe. Sie habe ein zu dünnes Kleid angehabt und sich nicht getraut, vor allen Leuten vorzeitig aus der Kirche zu gehen; so habe sie gewartet, wiewohl es sie vor Kälte geschüttelt habe. Und von da an sei sie krank. Aber es könne nichts Schlimmes sein, was einen in der Kirche anfalle, auch wisse der Doktor keinen Namen für die Krankheit, also sei es nur eine Ermüdung, die bald vergehen werde …
Unterdessen war das Kind der Elena geboren worden. Ein Mädchen, ein sehr kleines, niedliches Mädchen. Alles sprach davon, wie nett das Kind sei, gesund und artig. Es mache seiner jungen Mutter wenig Arbeit. Elena sei glücklich darüber, und sogar ihre Mutter, die Wirtin, die vorher so sehr über das Unglück gejammert habe, tröste sich, weil das Kind so schön sei. Doch zeigten die Frauen es nie auf der Strasse, sie hielten es versteckt zuoberst im Hause.
Die Sciora traf das Mädchen einst im Konsumladen, als sie dort etwas für Violetta kaufen wollte. Elena stand hinter dem Ladentisch. Man sah, sie hätte sich gerne verkrochen oder geflüchtet, aber wohin? So blieb sie mit hängenden Armen und über und über rot stehen und wartete ab, was ihr geschehen werde. Die Sciora begriff, was in Elena vorging, und fragte gleich nach dem kleinen Kind. Elena strahlte auf und antwortete rasch, es gehe ihm gut, es sei süss, ob die Sciora es nicht sehen wolle.
Schon guckte sie die Sciora wieder ängstlich an, in der Furcht, zu weit gegangen zu sein, aber als diese einwilligte, kam sie wie ein Wiesel hinter dem Ladentisch hervor und rannte voraus, nach Hause. Die Sciora hatte Mühe zu folgen. Sie stieg hinter Elena eine schmale Treppe hinan, dann eine zweite. Hier drehte sich das Mädchen um, wies auf die steile Hühnerleiter, die höher hinauf führte, und rief der Sciora vergnügt zu: «Sie müssen schon mit mir ins Paradies kommen, wenn Sie das Kindchen sehen wollen!»
Ein hübsches Kind
Oben öffnete Elena eine grosse Stube, die fast leer war, ging in langen Sätzen hindurch und riss die Türe zu einer dahinterliegenden Kammer auf. Die Sciora sah zuerst nur ein grobes, sauberes Bett mit roter, gehäkelter Decke zugedeckt, und daneben einen kleinen Tisch, auf dem, säuberlich geordnet, Windelchen und Jäckchen aufgeschichtet waren. «Wo ist das Kind?», fragte sie verwundert. Weiter weg konnte man es nicht versteckt haben.
«Da, da», lachte Elena und eilte um das hohe Bett herum, hinter welchem am Boden eine kleine, altväterische Holzwiege stand. Darin lag das Kind. Elena nahm es aus den Kissen, legte es auf das Bett und wickelte es aus. Es hatte sich heissgeschlafen. Seine roten Bäckchen glänzten. «Ist es nicht niedlich?», jubelte sie, als das kleine Geschöpf sich dehnte und reckte, froh, der Windeln ledig zu sein. «Wie ein richtiges Püppchen … und so brav.»
Mit kleinen Koselauten, wie Kätzinnen sie für ihre Jungen haben, spielte sie mit dem Kind, bog die Ärmchen hin und her, streckte die runden Beinchen, so gut es ging, rollte es herum und klopfte es vorn und hinten. Dann wickelte sie es frisch ein und nahm es mit der alten Gebärde auf den Arm, die jede Mutter neu findet. Sie stand da, selbst fast noch ein Kind, das blonde Haar flimmerig um das helle Gesicht, in dem Unschuld und Wissen zu einem frohen Staunen verschmolzen war. Stolz und scheu zugleich lachte sie die Sciora an und diese fand, ein lieblicheres Abbild des uralten Vorbildes Mutter und Kind habe sie nie erblickt.
Vor dem Hause hatten sich Dorfleute angesammelt, um zu sehen, ob die Sciora wirklich dem Kind, das unehelich geboren war, einen Besuch erstattet habe. Das schicke sich eigentlich nicht. Sie hatte hier nur Violetta einen Besuch zu machen. Ja, Violetta. Sie fiel der Sciora ein, als sie die vielen Treppen hinunterstieg, und das Herz wurde ihr schwer. Sie wäre lieber gleich wieder nach Hause gegangen, aber sie war wegen Violetta gekommen. Also würde sie hingehen müssen.
Nach der schönen Wirklichkeit, die sie eben erfahren hatte, kam ihr die Stube mit der armen Violetta umso gespenstischer vor. Wie ein Schatten sass das Mädchen im Bett und schaute mit weit aufgerissenen Augen der Sciora entgegen. «Wie ist das Kind?», fragte sie fast ohne Stimme, denn schon war die Neuigkeit bis zu ihr gedrungen, die Sciora sei bei der Elena gewesen. «Es ist ein nettes Kind, so viel man jetzt schon sehen kann», erwiderte sievorsichtig, «Elena wird neben dem Kummer auch Freude daran haben.»
Violetta seufzte auf und hustete in ihr Läppchen. «Es sagen alle, es sei ein hübsches Kind.» Ihr Blick glitt über den niedergebogenen Bruder im Stuhl, und die Sciora ahnte, dass die Gedanken, die sich in Violetta regten, viel zu verworren und zu schwer für sie waren; sie gab sie auf. «Willst du liegen?», sorgte sich die Sciora, denn plötzlich sah das Mädchen wie erloschen aus. Auf den eingefallenen Wangen zeigten sich blaue Schatten und die Stirne war gelb wie das Wachs einer alten Weihnachtskerze.
«Ich kann nicht mehr liegen», klagte die Kranke. «Bist du denn immer sitzend im Bett?», erkundigte sich die Sciora ängstlich, und das Mädchen hüstelte: «Ja, immer, Tag und Nacht … Es ist lang … die Nacht … es braucht Geduld … ich werde manchmal traurig, wenn der Morgen nicht kommen will …» War das nun nicht zu viel? Was dachte sich der Herrgott, seine Kreatur so jämmerlich verenden zu lassen?
Erbittert sah die Sciora nach der Madonna an der Wand, aber die Hohe schauten beteiligt vor sich hin, nach dem hässlichen Bilde der Mutter, und auch diese blieb steif und starr, keine Hilfe war von dort zu erwarten. Es wurde unerträglich in der Kammer. Man hörte das schnarchende Geräusch des Schwachsinnigen, der, wie immer, zusammengefallen über seinem Tischbrett lag, dazwischen die rasselnden Atemzüge Violettas und das Summen einer dicken, widerlichen Fliege. Die Luft war schwer von einem unangenehm süsslichen Geruch. Die Sciora glaubte zu ersticken.
Zu allem Unbehagen merkte sie, dass Violetta sie ansah. Sie sah sie unter ihren dichten Wimpern hervor an, als ob sie etwas von ihr erwarte. Was denn?, dachte die Sciora gequält, was sollte sie tun? «Er sitzt so schlecht», klagte Violetta leise. Die Sciora stand auf. Obschon es ihr vor dem Schwachsinnigen grauste, packte sie ihn an und zog ihn etwas höher, so dass sein Atem freier gehen konnte. Als sie sich wieder neben das Bett hinsetzte, lächelte die Kranke.
Es war jetzt auch für die Sciora leichter zu atmen. Sie nahm Violettas Hand, diese fleissige, kleine Hand, die so gewichtlos geworden war wie ein totes Vögelchen, in die ihre und hielt sie fest. Sie war heiss. Durch die dünne, gespannte Haut des Handgelenks spürte sie den raschen Puls Violettas und dazwischen den ruhigen Schlag ihres eigenen Herzens. So wird also gestorben, sagte sie sich und wusste einen Atemzug lang nicht, wer zu sterben habe, ob sie oder das junge Ding …
Als sie aus dieser Verwirrung wieder auftauchte, war der ohnmächtige Zorn und das Entsetzen, die sie kurz vorher überfallen hatten, verflogen. Sie wunderte sich schier über die Ruhe, die in ihr eingekehrt war und die sie mit Violetta teilte, welche sich friedlich über die rote Bettdecke beugte. Wer das alles verstünde!
Der Tod kam ganz leicht
Der Arzt hatte angedeutet, wenn die Blätter fallen würden, könne sie gehen. So war es. An einem Oktobersonntag, nach schwerem ,tagelangem Regen, läutete das Telefon und eine zittrige Knabenstimme teilte mit, die Schwester sei in dieser Nacht gestorben. Die Sciora holte die letzten weissen Rosen aus dem Garten, jene, die keinen Duft ausströmen, und begab sich auf den Weg ins Dorfhinunter. Die Leute standen in Gruppen vor dem Häuschen, die Türe stand gähnend offen, und in der Küche waren um die Familie die Verwandten im Kreise versammelt. Alle schauten auf, als sie eintrat und grüsste.
Die Tante schnäuzte sich geräuschvoll und stieg der Sciora voraus die Treppe hinauf in Violettas Stube. Die Kammer war leer bis auf ein hohes, schmales Lager, auf dem Violetta aufgebahrt war. In weissem Kleide unter einer Tüllgardine lag sie, wie in einem Glassarg schlafend. Rings um ihr Gesicht, das in heiterer Ruhe lieblich anzusehen war, lockte sich schön geordnet das schwarze Haar, von kleinen weissen Dahlien besteckt.
Zwischen den reichen Wimpern hing der Rest eines Blickes. Die Hände, die so geschickt hatten nähen können, waren im Gebet ineinandergeschlungen und standen hoch vom überzarten Körper ab, als ob sie zaghaft, aber eindringlich um etwas Letztes bitten möchten. Ein Ringlein, Geschenk des Tino, und ein Rosenkranz glänzten daran. Die Füsse waren unter Blumen versteckt, nur die grosse Zehe stand im groben, weissen Strumpf neugierig hervor.
Die ganze Kammer war mit Blumen angefüllt. Sie türmten sich, in allen Farben prangend, den Wänden entlang, unter dem Bild der Madonna del Re und der Fotografie der Mutter, die beide gleichgültig über die Tote hinwegsahen …«Wie schön sie ist», flüsterte die Sciora. «Schön wie eine Prinzessin», meinte die Tante, voll ehrfürchtiger Bewunderung. «Man muss sie noch gut ansehen, um sie nicht zu vergessen.» «Sie starb leicht. Sie lachte ein wenig, dann sank sie nach hinten, und schon war sie tot.» «Ganz leicht! Wie gut!» «Gut und nicht gut, man konnte den Pfarrer nicht mehr zur Zeit holen.» «Meinen Sie, das Kind habe noch Hilfe gebraucht, um in den Himmel zu kommen?»
In der Küche stauten sich die Menschen, als die beiden Frauen aus dem Totenzimmer zurück kamen. Alle wollten Violetta noch einmal sehen, und wenn sie sie gesehen hatten, verlangten sie erst recht, sie noch und noch betrachten zu dürfen. Alle kehrten mit stillen, fast frohen Gesichtern zurück. Auch die Geschwister waren ruhig. Nur die Tante, da es dem Brauch zuliebe jemand tun musste, jammerte schrill. Sie klagte die Nähmaschine an, die schuld am Unglück sei, die Nähmaschine, nur sie, immer habe sie es gesagt … Der Schwachsinnige hatte mit seinem Kopf das Tischbrett verfehlt. Er war daneben auf die Seite geglitten und hing nun, schwer wie ein Sack, tief herunter. Niemand kümmerte sich darum.
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- Einen anderen spannenden Fortsetzungsroman mit dem Titel «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» finden Sie hier.
«Tessiner Geschichten»
Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.
Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0