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Warum in der Schweiz und in den Niederlanden mehr Menschen Teilzeit arbeiten als im progressiven Skandinavien Ein flexibler Arbeitsmarkt und konservative Geschlechternormen machen die beiden Staaten zu Teilzeit-Ländern.
Ein flexibler Arbeitsmarkt und konservative Geschlechternormen machen die beiden Staaten zu Teilzeit-Ländern.
Die Teilzeitarbeit und die Erwerbsquote (der Anteil der Bevölkerung, der arbeitet oder eine Arbeit sucht) hängen zusammen. Das ist auch im internationalen Vergleich erkennbar. Kopp erklärt es so: «Je höher der Anteil der Teilzeitarbeit eines Landes, desto höher ist tendenziell die Erwerbsquote.»
Frauen arbeiten viel häufiger Teilzeit, wobei die Unterschiede zwischen den Ländern signifikant sind
Teilzeit ist vor allem bei Frauen verbreitet. Daher sind die Unterschiede zwischen Ländern darauf zurückzuführen, dass der Anteil an Frauen mit reduziertem Pensum stark variiert. In Bulgarien arbeiten 2 Prozent der Frauen Teilzeit, in den Niederlanden 64 Prozent. Die Teilzeitquoten der Männer sind generell tiefer und variieren weniger. So arbeiten 2 Prozent der Bulgaren mit reduziertem Pensum und 26 Prozent der Niederländer.
Silja Häusermann, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, sagt, es gebe zwei Hauptgründe, wieso Teilzeit ausgerechnet in der Schweiz und in den Niederlanden so beliebt sei: flexible Arbeitsmärkte und traditionelle Normen.
Dynamische Arbeitsmärkte in der Schweiz und in den Niederlanden
«Beide Länder haben einen sehr flexiblen Arbeitsmarkt», sagt Häusermann. Das bedeute, dass unterschiedliche Arbeitszeitmodelle möglich und üblich seien, darunter Teilzeitarbeit, und zwar in verschiedensten Pensen: 20, 40, 60, 80 Prozent. In einigen Ländern sei die Möglichkeit von reduzierten Beschäftigungsgraden viel stärker eingeschränkt. Der flexible Arbeitsmarkt der Schweiz und der Niederlande basiere auf einem Arbeitsrecht, das vergleichsweise liberal sei. Es gebe den Unternehmen viel Flexibilität, zu welchen Ausmass sie Anstellungen gestalten.
In südeuropäischen Ländern oder auch in Frankreich gälten strengere Regulierungen, so Häusermann. Der Arbeitsschutz und das Arbeitsrecht seien stärker auf Vollzeitstellen ausgerichtet. Teilzeitarbeit sei in diesen Ländern oft schlechtergestellt und weniger gut sozialversichert. Deshalb seien die Unternehmen in der Verwendung von Teilzeitarbeit eingeschränkt.
Konservative Vorstellungen prägen den Schweizer Arbeitsmarkt
«In der Schweiz und in den Niederlanden herrschen zudem vergleichsweise traditionelle Geschlechternormen bei Familie, Beruf und Erwerbsbeteiligung», sagt Häusermann. Beispielsweise werde in beiden Ländern ein grosser Teil der Familienarbeit privat getragen, etwa die Kinderbetreuung. Das System sei nicht auf zwei Vollzeitstellen ausgerichtet. Häusermann sagt: «Das Teilzeitmodell hat sich in der Schweiz eingependelt, weil es für Familien machbar ist.»
In Skandinavien ist dies anders. Da diese Länder für ihre progressive Gesellschaftsordnung und Work-Life-Balance bekannt sind, könnte man erwarten, dass Teilzeitarbeit mindestens so beliebt ist wie in der Schweiz. Doch: Nur ein Viertel der Norweger, Dänen und Schweden arbeitet mit reduziertem Pensum.
Warum Skandinavien tiefere Teilzeitquoten hat
Das liege zum einen daran, so Häusermann, dass Skandinavier weniger Stunden für eine Vollzeitstelle arbeiten würden. In Norwegen umfasst ein Vollzeitpensum beispielsweise 37,5 Stunden. In der Schweiz entspricht das einem 85-Prozent-Pensum. Viele Teilzeitler und Teilzeitlerinnen der Schweiz würden in Norwegen wohl Vollzeit arbeiten, da dies gleich vielen Arbeitsstunden entspricht.
Ein weiterer Grund für die tieferen Teilzeitquoten: «Die Normen in skandinavischen Ländern sind egalitärer als in der Schweiz», sagt Häusermann. Männer und Frauen seien öfter gleichermassen für Kinderbetreuung und Beruf verantwortlich. Dies führe dazu, dass Frauen öfter Vollzeit arbeiten. Die Gesellschaft sei auf Familien mit zwei Erwerbstätigen als Regelfall ausgerichtet.
«Dazu kommt, dass in Skandinavien die Kinderbetreuung erheblich günstiger ist als in der Schweiz», sagt Häusermann. In der Schweiz lohne es sich für viele Familien finanziell kaum, Kinder in die Kita zu bringen. Viele Familien übernähmen daher einen Teil der Betreuung selbst. Und meistens falle diese Aufgabe den Müttern zu. Wegen der gesellschaftlich breit und tief verankerten Normen, aber auch aufgrund des grossen Angebotes an Teilzeitstellen in Berufsfeldern mit hohem Frauenanteil.
Dies erkennt man auch in den Teilzeit- und Erwerbsquoten. In den skandinavischen Ländern ist die Teilzeitquote bei Frauen deutlich tiefer als in der Schweiz und den Niederlanden. Und das bei gleicher Erwerbsquote: In all diesen Ländern gehen etwa 60 Prozent der Frauen über 15 Jahre arbeiten.
Ehemalige Ostblockstaaten sind auf Vollzeit ausgerichtet
Ehemalige Ostblockstaaten weisen die tiefsten Teilzeitquoten Europas aus. In Bulgarien etwa arbeiten 2 Prozent mit reduziertem Pensum, in Rumänien 3 Prozent. Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit. «Im Sozialismus arbeiteten Männer und Frauen Vollzeit», sagt Häusermann. Im Gegensatz zu Westeuropa hätten diese Länder viel weniger das konservative Ernährer-Hausfrauen-Modell verfolgt. Häusermann sagt: «Das Modell der Vollzeiterwerbstätigkeit ist weiterhin der Standard für Arbeitnehmende und Unternehmen in diesen Ländern.»