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In der Berlinischen Monatsschrift im Dezember 1783 polemisiert der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner in einem Artikel gegen die Zivilehe, für die er die Aufklärung verantwortlich macht. In einer Fussnote fragt er rhetorisch, was die Aufklärung sei.
Daraufhin entspinnt sich eine folgenreiche philosophische Debatte, an der sich u.a. Moses Mendelssohn, der als Erster antwortete, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Riem, Schiller, Wieland und Immanuel Kant beteiligen. Kants berühmte Antwort (hier
ist der Anfang wiedergegeben) erscheint in der Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift 1784.
Was ist Aufklärung?
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht
wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdriessliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem grösste Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit ausser dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt ausser dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gross nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen liess. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fussschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun."
Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland: Was ist Aufklärung?
Thesen und Definitionen. Herausgegeben von Ehrhard Bahr. Stuttgart 1976, S. 9f.
Was ist Mündigkeit? (Schweizerisches Zivilgesetzbuch ZGB)
"... §14. Mündig ist, wer das zwanzigste Lebensjahr erreicht hat."
Aufgaben und Recherchen
Wer war Kant, wo und wann lebte er?
Wie heisst das erkenntnistheoretische Hauptwerk Kants; was ist mit „Erkenntnistheorie“ gemeint?
Nach Kant ist mündig, wer ... ?
Was bedeutet "mündig" für Kant?
Was bedeutet "mündig" für das Zivilgesetzbuch? Welche Folgen ergeben sich daraus?
Was wäre, wenn Kants Mündigkeitsbegriff auf das Zivilgesetzbuch angewendet würde? Nenne mindestens zwei Probleme, die sich daraus ergeben würden.