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Als Erwachsenenpsychiaterin in eigener Praxis berate und begleite ich regelmässig schwangere Frauen mit einer psychischen Erkrankung. Die konkrete klinische Erfahrung zeigt, dass die Konfrontation mit einer ungeplanten Schwangerschaft weitaus häufiger ist als das Beratungsgespräch zum Thema Kinderwunsch.
Die Planung und Vorbereitung der Elternschaft scheint gerade Menschen mit einer Beeinträchtigung im psychischen Bereich besonders schwer zu fallen. Dies gilt vor allem für Menschen mit einer chronisch verlaufenden psychischen Erkrankung wie es die Schizophrenie, die manisch-depressive Erkrankung oder eine schwere Persönlichkeitsstörung sein können. Wie kommt es, dass sich der Kinderwunsch der Betroffenen bis heute hartnäckig als Tabuthema hält mit allen negativen Auswirkungen, die ein Tabu mit sich bringt (spätes Erkennen der Schwangerschaft, mangelhafte Schwangerschaftsvorsorge, keine oder zu späte Organisation einer Unterstützung nach der Geburt usw.)?
Die historische Entwicklung zeigt, dass in der Schweiz bis weit über die Nachkriegszeit hinaus (laut einzelnen Quellen bis 1970) Zwangssterilisationen aus eugenischen Gründen durchgeführt wurden. Dabei wurden in der Mehrzahl psychisch kranke Frauen, aber auch Männer, als erblich minderwertig beurteilt und einer Zwangssterilisation zugeführt.
Die Psychiatriereform mit ihrer allmählichen Deinstitutionalisierung (ab ca. 1940) zeigte Auswirkungen auf die Elternschaft schwer psychisch kranker Menschen. Sie bekamen erstmals die Möglichkeit, selbständig zu leben, einem Beruf nachzugehen, zu heiraten und auch Kinder zu bekommen.
Die Sozialpsychiatrie entwickelte ab 1960 spezialisierte Behandlungskonzepte für die ambulante Betreuung dieser Patientengruppe. Sie betonte in ihrer Haltung die einzigartigen Qualitäten jedes Einzelnen und sie forderte Behandlungskonzepte, die individuelle Neigungen und Stärken der Betroffenen berücksichtigen. Im Zuge dieser Entwicklung konnte auch die Geschlechtsidentität und die damit verbundenen Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr im gleichen Masse verleugnet werden. Die sich im gleichen Zeitraum konstituierende Frauenbewegung erhöhte die Sensibilität für universelle Aspekte der weiblichen Identität und Erfahrung. Auch dadurch wurden den schwer psychisch kranken Frauen ganz normale weibliche Bedürfnisse vermehrt zugestanden. Für die betroffenen Frauen scheint es jedoch bis heute schwierig zu sein, ihre Bedürfnisse bezüglich Kinderwunsch und Elternschaft entsprechend zu vertreten. Dabei spielt die anhaltende Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sicher eine wichtige Rolle. Das Recht psychisch Erkrankter auf Sexualität und Partnerschaft scheint gesellschaftlich weit eher akzeptiert zu sein als das Recht auf Elternschaft. Umfragen zufolge finden gerade PsychiaterInnen im Gegensatz zur sonstigen Bevölkerung, psychisch Kranke sollten keine Kinder haben. Es ist anzunehmen, dass sowohl das Stigma als auch die erwähnte jüngste Geschichte wesentlich dazu beitragen, dass betroffene Frauen und Männer es häufig nicht wagen, ihren Kinderwunsch im Rahmen einer Therapie oder gegenüber einem Hausarzt zur Sprache zu bringen. Dabei würde eine Beratung bezüglich genetischen Risiken für die Nachkommen oder bezüglich Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten während der Schwangerschaft und nach der Geburt eine bessere Entscheidungsgrundlage liefern und dazu beitragen, Befürchtungen und Ängste abzubauen.
Das Risiko eines Kindes, selbst an einer Schizophrenie zu erkranken, liegt bei einem erkrankten Elternteil bei 10-15%. Sind beide Eltern an einer Schizophrenie erkrankt, steigt das Risiko auf 35-50%. Bei affektiven Erkrankungen (Depressionen oder manisch-depressive Erkrankungen) steigt das Risiko bei Krankheit beider Elternteile auf 55%. Ist nur ein Elternteil unipolar depressiv erkrankt, geht man von einem Erkrankungsrisiko von 7%, bei bipolaren Störungen von 18% für die Nachkommen aus. Schizophrene und affektive Störungen sind nicht rein genetisch bedingt, sondern multifaktoriell. Welchen Anteil die Umweltfaktoren, also die psychosozialen Belastungen, ausmachen, ist noch weitgehend unerforscht. Generell können folgende Feststellungen zum Erkrankungsrisiko der Kinder psychisch kranker Eltern getroffen werden (nach Mattejat und Lisofksy, 2000):
Das Risiko für eine Erkrankung der Kinder vermindert sich, wenn:
Seit wenigen Jahren hat das Thema eine teilweise Enttabuisierung erfahren. Betroffene melden sich zu Wort, und Fachleute sind vermehrt sensibilisiert auf die Erkrankung. Nichtsdestotrotz finden Frauen nicht selten erst nach langen Odysseen fachspezifische Hilfe. Die in der gesellschaftlichen Bewertung vorherrschende Idealisierung der Mutterschaft, verbunden mit hohen Glückserwartungen der Betroffenen an diese Lebensphase, erschwert das Erkennen der typischen Krankheitssymptome. Hier gilt: Im Zweifelsfall zu früh fachspezifische Hilfe in Anspruch nehmen ist besser, als die Diagnose einer depressiven Erkrankung nach der Geburt zu verpassen. Denn je früher eine Behandlung beginnt, desto kleiner ist die Chronifizierungsgefahr, und je geringer hält sich der Schaden für die Betroffene, ihr Kind und das Umfeld.
Es wird empfohlen, so weit als möglich auf die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht der Frau zu achten. Von einer zu bevormundenden Haltung wird abgeraten, da die Frau sich dadurch nicht ernst genommen und alleine gelassen fühlt. Dies kann negative Auswirkungen auf die Arzt-Patient-Beziehung haben und die Betreuung in einer Phase erschweren, da die Betroffene vermehrt auf Unterstützung angewiesen ist. Negative Auswirkungen auf den Verlauf der Krankheit und die Schwangerschaft sind dadurch ebenfalls denkbar. Die Legitimität des Kinderwunsches sollte unter allen Umständen anerkannt werden bei gleichzeitig ethisch gerechtfertigtem Anliegen, offenkundigen Schaden für das zukünftige Kind verhindern zu wollen. Die Vorstellungen, Wünsche und Befürchtungen der Frau sollten zur Sprache kommen. Eigene Befürchtungen sollten ebenfalls angesprochen werden.
M.B. Abelovsky