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Zur Geschichte der Chinesischen Medizin
ganzer Text
Erste Hinweise auf ein medizinisches System in China gibt es bereits für die Shang-Periode (ca. 1600?1100 v. Chr.). Man darf in dieser Zeit aber nicht die Anfänge der Chinesischen Medizin vermuten, wie sie heute praktiziert wird. Vielmehr handelte es sich um eine Ahnen-Medizin: Krankheiten wurden als Konsequenzen der schlechten Wünsche unzufriedener oder wütender Ahnen aus dem Jenseits betrachtet. Entsprechend bestand die Therapie darin, die Ahnen mit durchaus diesseitigen Gaben wie Essen, Kleidung oder Tees zufriedenzustellen.
Einflussreiche Philosophien: Konfuzianismus und Daoismus
Während der folgenden Zhou-Periode (1027?221 v. Chr.), die gegen ihr Ende hin von der Zeit der kriegerischen Staaten geprägt wurde, veränderte sich die praktizierte Medizin stark. Getragen vom Wunsch, aus den schrecklichen Wirren dieser dunklen Zeit auszubrechen, entstanden neue Lebensphilosophien: Der Konfuzianismus und der Daoismus wurden begründet. Beide nahmen fortan starken Einfluss auf die Entwicklung der Medizin.
Prägende Elemente des Konfuzianismus waren das Denken in systematischen Entsprechungen, z.B. die Theorie von Yin und Yang oder jene der fünf Wandlungsphasen, das Mittelmass sowie streng hierarchische Strukturen. Daoistische Konzepte wie Mikrokosmos?Makrokosmos und das Leben mit dem und im Fluss der Natur waren ebenso einflussreich. Nicht zuletzt unter Mithilfe der Medizin versuchten sich die neuen Doktrinen zu etablieren: Nur wer dem Dao folgte und im Einklang mit der Natur blieb oder nur wer sich dem hierarchischen konfuzianischen System unterordnete, wurde von Krankheit verschont.
Einmal erkrankt, führte nur das Wiederherstellen innerer Harmonien zur Genesung des Menschen. Dem einzelnen Menschen entsprach der Organismus der Gesellschaft: Nur wenn sie im Einklang mit der Natur lebte beziehungsweise nur wenn sie sich strikt an die hierarchischen Vorgaben des Konfuzianismus hielt, konnte eine Gesellschaft gesund bleiben und funktionieren.
Diese Denkansätze legten die Basis für die wenig später publizierten ersten Grundlagenwerke der noch heute praktizierten Chinesischen Medizin.
Von der ersten Bücherverbrennung ?
Um 221 v. Chr. vereinte Shi Huang-di China nach vielen Hunderten Jahren Krieg. Besessen vom Gedanken, alten Glauben und alte Philosophien auszurotten, ordnete er die Verbrennung aller Bücher an ? ein Wahnsinn, der sich rund 2000 Jahre später in der Kulturrevolution unter Mao Ze-dong wiederholen sollte. Glücklicherweise schloss Shi Huang-di die Bücher der Medizin, der Forstwartung und der Agronomie von der Verbrennung aus.
Shi Huang-di setzte alles daran, das Land nicht nur zu vereinen, sondern auch zu vereinheitlichen. Er normierte und standardisierte alle Adels- und sonstigen Titel, die Spurbreite für Kutschen und Pferdefuhrwerke, Masse, Gewichte und anderes. Auch die damals praktizierte Medizin wurde institutionalisiert und standardisiert. Unter Shi Huang-di wurden Strassen und Kanäle gebaut und es entstand die erste grosse Hauptstadt des Reiches, indem der Herrscher Tausende von Familien umsiedelte.
? zu den Ursprüngen der TCM
Auf Shi Huang-di folgte ein gütiger Kaiser, der aus einfachsten Verhältnissen aufgestiegen war. Er gilt als erster Kaiser der Han-Dynastie (206 v. Chr.?220 n. Chr.). In dieser freiheitlichen Blütezeit der Han-Dynastie liegen die Ursprünge der noch heute praktizierten Traditionellen Chinesischen Medizin.
Während der Han-Dynastie wurden die vier Klassiker der Chinesischen Medizin verfasst: "Huang Di Nei Jing" (Klassiker des Gelben Kaisers), "Nan Jing" (Klassiker der Schwierigkeiten), "Shang Han Za Bing Lun" (Das Buch über Kälteschäden und andere Krankheiten; heute unterteilt in "Shan Han Lun" und "Jin Gui Yao Lue", Verschreibungen des Goldenen Kabinetts) und "Shen Nong Ben Cao Jing" (Materia Medica des Gottes des Ackerbaus). Diese vier Klassiker gelten noch heute als Grundlagenwerke. Es gibt kaum ein modernes Buch, das sich nicht auf mindestens eines dieser vier bezieht und abstützt.
Interessant ist die Anmerkung, dass die in der Literatur festgehaltene Medizin, die wir heute kennen, keine Volksmedizin, sondern die Hofmedizin war. Die Volksmedizin war kaum je schriftlich festgehalten worden, da ihre Praktiker des Schreibens meist unkundig waren.
Die auf die Han-Dynastie folgende 2000-jährige Entwicklung der Chinesischen Medizin bis zum Anfang der Moderne ist äusserst komplex. Wichtig ist zu vermerken, dass sich die Medizin keineswegs nur in eine Richtung bewegt hat. Zwar baute man immer auf die genannten Grundlagenwerke auf, es entwickelten sich aber unterschiedliche Interpretationen der Chinesischen Medizin. So gibt es keine "echte" und "unechte" Chinesische Medizin, sondern es existieren verschiedene Schulen der TCM.
Meilensteine aus 2000 Jahren TCM-Geschichte
Hier eine kurze Übersicht zu den Meilensteinen und den berühmtesten Ärzten dieser Entwicklung.
590?617 Sui-Dynastie
Der berühmte Arzt Sun Si-miao schrieb Bücher über Arzneimitteltherapie und Akupunktur. Er ist der Vater der modernen Darstellungen der Akupunktur-Leitbahnen, welche in dieser Art zum ersten Mal in seinen Büchern zu finden sind.
960?1368 Song-Dynastie und Yuan-Dynastie
Eine Periode grosser Entwicklung und Spezialisierung; es entstanden viele neue Theorien. Die vier berühmtesten Theorien wurden von den vier Meistern dieser Zeit verfasst: Liu Wan-su gründete die "Schule des Kühlens", Zhang Cong-zheng konzipierte die "Schule der Attacke", Li Dong-yuan gründete die "Schule der Stärkung der Erde" und Zhu Dan-xi begründete die "Schule der Stärkung von Yin". Ihre Werke werden von vielen Experten noch heute als grundlegend für die Behandlung auch neuzeitlicher Krankheiten angesehen. In der Yuan-Dynastie wurde zudem die erste unabhängige medizinische Universität ins Leben gerufen.
1368?1643 Ming-Dynastie
Yang Ji-zhou schrieb "Zhen Jiu Da Cheng" (Das Grosse Buch der Akupunktur) und Li Shi-zhen verfasste den "Ben Cao Gang Mu" (Kompendium der Materia Medica). Der "Zhen Jiu Da Cheng" enthält bereits 667 der heute 670 akzeptierten Akupunkturpunkte. Im "Ben Cao Gang Mu" wurden ungefähr 2000 Arzneimittel nach der Theorie der TCM beschrieben und klassifiziert.
1644?1911 Qing-Dynastie
Unter dem Einfluss westlicher Ideologien wurde Kritik an der "alten Medizin" laut. So schrieben verschiedene berühmte Ärzte über die Fehler der Medizin. Die einflussreichste dieser Kritiken ist Wang Qing-ren?s "Yi Lin Gai Cuo" (Die Fehler des medizinischen Waldes). In Anlehnung an das beinahe 1500 Jahre früher entwickelte Konzept der Kälteschäden verfassten verschiedene Autoren Bücher über Wärmekrankheiten. Ye Tian-shi, als einer der berühmtesten Autoren der Wärmekrankheiten-Bewegung, schrieb "Wen Re Lun" (Das Buch der Wärmekrankheiten).
TCM im modernen China
Als ein "Überbleibsel der feudalen Zeit" geriet die Traditionelle Chinesische Medizin in der nunmehr von westlichen Ideologien dominierten Republik China (ab 1911) unter Druck. 1929 wäre sie beinahe ganz verschwunden: Nur grosser Protest aus dem Volk und von Seiten der praktizierenden Ärzte rettete die TCM vor einem formellen Verbot.
Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Jahre 1949 erfuhr die TCM dann eine vielleicht etwas zwiespältige Wiederbelebung. Sie sollte als chinesische Eigenentwicklung "erforscht und verbessert werden", fand Mao Ze-dong. In den frühen fünfziger Jahren wurden dazu TCM-Universitäten mit standardisierten Programmen gegründet. Diese wurden von den besten und erfahrensten chinesischen Ärzten der Zeit angeführt, alle noch im alten Meister-Schüler-Verfahren traditionell ausgebildet.
Im Jahre 1958/59 wurde "der grosse Sprung nach vorn" proklamiert und Mao Ze-dong setzte sich zum Ziel, die "alte Medizin" zu modernisieren und mit der Westlichen Medizin zu ergänzen.
Die Schrecken der Kulturrevolution
1966 begann die schreckliche Zeit der proletarischen Kulturrevolution Alle zuvor aufgebauten TCM-Universitäten wurden geschlossen und die noch vor Kurzem anerkannten traditionellen Mediziner wurden zur Arbeit aufs Land geschickt. "Aberglauben und Feudalismus" sollten aus der Gesellschaft und damit auch aus der tradierten "alten Medizin" für immer verschwinden.
Viele weniger robuste Menschen, darunter auch einige der berühmtesten und besten Ärzte, erlagen der harten körperlichen Landarbeit. Bald nach Beginn der Kulturrevolution entstand aber eine Gesundheitskrise. Und da Akupunktur eine äusserst nützliche Therapieform für die Massen war, wurden junge, dem Kommunismus wohlgesinnte Männer und Frauen eilends in 3-monatigen Akupunkturkursen ausgebildet und aufs Land geschickt. Sie sollten als so genannte "Barfuss-Ärzte" einen Teil der medizinischen Versorgung übernehmen.
Versöhnliche Politik der drei Pfade
Nach dem Ende der Kulturrevolution in den siebziger Jahren begann sich die Lage langsam zu stabilisieren: Die TCM-Universitäten wurden wieder eröffnet, Textbücher wurden verfasst und Standardausbildungen definiert, natürlich alles von der Partei überwacht. In den 80er Jahren wurde die "Drei-Pfade-Politik" eingeschlagen, welche die TCM, die Westliche Medizin sowie deren Kombination als drei eigene medizinische Systeme betrachtet und parallel weiterentwickelt. Diese Drei-Pfade-Politik ist noch immer offizielle Richtschnur.
Im modernen China ist die TCM stark mit der Westlichen Medizin verbunden, stärker als dies im Westen der Fall ist. Obwohl es je eigene Spitäler für Chinesische und für Westliche Medizin gibt, beinhaltet das institutionalisierte Studium der TCM auch Westliche Medizin.