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Bild des üppigen genusssüchtigen Treibens einer verfeinerten aber sittenlosen Zeit. Künstlerisch aber sind sie Meisterwerke, in denen das Talent des Dichters sich in voller Beherschung des Stoffes, in singreicher Erfindsamkeit, in heiterer Anmut, in zierlicher Leichtigkeit vollendeter Form bewährt.
In den nächsten Jahren dichtete Ovidius an zwei umfangreichen Werken, den Metamorphosen und den Fasten, einer Erklärung des römischen Festkalenders durch die Sagen, an die man die Entstehung der Feste und gottesdienstlichen Gebräuche knüpfte. Beide Werke zeigen dieselbe Gabe lebendiger und farbiger Erzählung, wenn sie sich auch in dem bunteren Inhalte und in der breiteren epischen Form der Metamorphosen in noch reicherer Fülle entfaltet als in dem gedrängteren und lehrhafteren Stile der in elegischem Versmasse gedichteten Fasten, die zum Theil Ueberlieferungen behandeln, denen die Lebendigkeit und der Gestaltenreichthum der in den Metamorphosen erzählten griechischen Mythen fehlt. Uebrig sind von den Fasten nur sechs Bücher, welche die erste Hälfte des Jahres umfassen: der Dichter hatte sie in zwölf und die Metamorphosen in fünfzehn Büchern zu Ende geführt, als ihn im Jahre 761 (7 nach Chr.) plötzlich ein Missgeschick traf, welches das Glück seines Lebens zerstörte und ihn hinderte an die Metamorphosen, von denen schon einzelne Abschriften genommen waren, die letzte ausfeilende Hand zu legen. Augustus verwies ihn nach Tomi am schwarzen Meere. Wahrscheinlich lag dieser Ort an der Stelle des heutigen Anadol Kiði, eines kleinen Hafens in der Nähe von Kustendsche (Constantia).
Das Vergehen zu ergründen, durch das der Dichter sich diese harte Strafe zuzog, hat man vielen Scharfsinn aufgeboten; aber ein haltbares Ergebniss ist nicht zu gewinnen, da alles, was wir von diesem Ereignisse wissen, nur in den Gedichten enthalten ist, die Ovidius in seiner Verbannung verfasste, die Art aber, in der er von seiner Verschuldung redet, keine sichere Vermutung verstaltet, vielmehr die Begebenheit absichtlich in Dunkel hüllt und nur die eine Beschuldigung, durch die Liebeskunst der Sittlichkeit geschadet zu haben, mit deutlichen Worten angiebt. So sagt er Trist. 2, 207 perdiderint cum me duo crimina, carmen et error, alterius facti culpa silenda mihi : nam non sum tanti, renovem ut tua vulnera, Caesar, quem nimio plus est indoluisse. semel: altera pars superest, qua turpi carmine factus arguor obsceni doctor adulterii. In anderen Stellen gesteht er dass seine Verschuldung schwer sei (Trist. 2, 122), dass Augustus sich mit Recht verletzt gefühlt habe (Trist. 2, 133), aber er beschränkt seine Schuld auf ein unfreiwilliges Mitansehen eines Vergehens, Trist. 3, 5, 45 non mihi quaerenti pessum dare cuncta petitum Caesareum caput est, quod caput orbis erat: non aliquid dixi violentaque lingua locuta est lapsaque sunt nimio verba profana mero. inscia quod crimen viderunt lumina, plector, peccatumque oculos est habuisse meum. non equidem totam possum defendere culpam: sed partem nostri criminis error habet. Aus solchen Andeutungen lässt sich nichts errathen. So viel scheint unzweifelhaft, dass die Abfassung der schon seit sieben Jahren bekannten Liebeskunst nicht die eigentliche Veranlassung des strengen Urtheils war das gegen den Dichter ergieng; sie ward nur mit herbeigezogen, vielleicht um den wahren Grund der Ungnade des Augustus vor der Menge zu verbergen. Die eigentliche Verschuldung des Ovidius scheint eher auf Familienverhältnisse des kaiserlichen Hauses als auf politische Dinge sich bezogen zu haben; ob sie in Verbindung stand mit dem sittenlosen Leben der Julia oder mit den Vergehungen des Agrippa Postumus, die beide um dieselbe Zeit von ihrem Grossvater Augustus verwiesen wurden, lässt sich nicht erforschen.
Durch dieses harte Geschick, das den Dichter aus der Gewohnheit eines gemächlichen und genussreichen Daseins riss, von Frau und Tochter trennte und aus römischer Bildung und Geselligkeit in ein fernes Land zu ungebildeten Bewohnern eines ärmlichen Ortes, einem Gemisch griechisches und getisches Stammes, warf, ward sein verwöhntes Gemüt gebrochen. Zwar liess er von dem Dichten nicht ab, in dem von Jugend an seine ganze Thätigkeit aufgegangen war (er dichtete in Tomi sogar ein gelisches Lobgedicht auf den Augustus), aber die heitere Stimmung, das Lebenselement seiner Poesie, die spielende Laune, die leicht und anmutig sich an mannigfaltigen Erfindungen erfreut hatte, war in schwermütige Trauer verwandelt, in der die Blüte seiner Poesie verkümmerte, die nie in dem tieferen Ernste des Lebens ihre Wurzel gehabt hatte. In den Klagegedichten, die er in der Verbannung verfasste, erblicken wir zwar die Manier, in die Ovidius durch die Eigenthümlichkeit seines Talentes und durch bestimmte Vorliebe geführt worden war, in
ungeminderter Sicherheit langer Gewohnheit, und die Wahrheit der Empfindung rührt uns, aber ihre Einförmigkeit ermüdet und die Kunst der Darstellung ist gesunken, der Ausdruck trägt blassere und eintönigere Farben.
Das erste von den fünf Büchern der Tristia ist im Winter von 761 zu 762 auf der Reise in die Verbannung gedichtet und ward nach Rom gesendet noch ehe der Dichter an dem Orte seiner Bestimmung ankam; die vier andern Bücher dieser klagenden Briefe sind in Tomi in den Jahren 762 bis 765 verfasst. Eine Sammlung ganz gleicher Klagegedichte sind die vier Bücher der Briefe aus dem Pontus: sie unterscheiden sich von den Tristien nur dadurch dass sie die Freunde nennen, deren Fürsprache der Dichter sucht, während er die Freunde, an welche die Briefe der Tristien gerichtet sind, nicht zu nennen wagte, um sie bei dem noch frischen Zorné des Augustus nicht zu gefährden. Alle diese Gedichte sind der Ausdruck der einen Sehnsucht nach dem geliebten Rom. Viel unerquicklicher ist die Ibis, eine Nachahmung eines gleichnamigen Scheltgedichtes des Callimachus: Ovidius wünscht darin in gelehrten und dunkeln Anspielungen einem ungenannten Feinde den Untergang. Ausserdem fieng er in der Verbannung eine Umarbeitung der Fasten an und ein Gedicht über die Fische des schwarzen Meeres (Halieutica), von dem sich ein Bruchstück von geringem Werthe erhalten hat.
Weder die Klagen und Bitten, durch die der unglückliche Dichter den Augustus zur Verzeihung zu bewegen suchte, hatten den erwünschten Erfolg, noch führte ein Gedicht auf den im Jahre 767 erfolgten Tod des Augustus, durch das er die Gunst des Tiberius zu gewinnen hoffte, wie er früher den im Jahre 765 gefeierten Triumph des Tiberius besungen hatte (beide Gedichte sind verloren), eine Wendung seines Geschickes herbei. Er starb im Jahre 770 (17 nach Chr.) und ward zu Tomi begraben.
Die natürliche Anlage zur Poesie, durch welche Ovidius die meisten römischen Dichter weit übertrifft, hatte sich unter den günstigsten Umständen entwickelt. Die älteren Dichter der augustischen Zeit, in deren Ruhe das politisch eingeschränkte geistige Leben der Gebildeten sich in höherem Grade und weiterem Umfange, als es dem Staatsleben der republikanischen Zeit möglich gewesen war, dem Dichten und dem Genusse der Poesie zuwendete, hatten die dichterische
Sprache aus den ungleichen Versuchen und Vorbereitungen der letzten Jahre des Freistaates zu reinerer Vollendung geläutert und in ebenmässiger Kunstform ausgeprägt. Als Ovidius in den Kreis der Dichter trat, war der frühere Streit zwischen dem Alten und Neuen entschieden; er fand die Dichtersprache als etwas Gegebenes und Vielgeübtes vor und konnte in ihren gesicherten Formen ohne Schwanken und Zwiespalt seine reiche Begabung frei entfalten. Die ihm angeborene sinnreiche Erfindsamkeit war in den rhetorischen Schulübungen ausgebildet worden; sie hatten seine Gewandtheit im Ausdrucke gefördert ohne sein Talent in seiner eigentlichen Bestimmung irre zu machen. In vertrautem Verkehre mit den meisten gleichzeitigen Dichtern fand er immer neue Anregung, und mit leichtem Sinne volle Befriedigung in der seinen Bildung seiner Zeit. Was diese Bildung gewährte hatte er mit offener Empfänglichkeit in sich aufgenommen, ihr zu genügen war er sich bewust. Er ist nicht durch die Gewalt inniger Empfindung bewegt, er erhebt sich nicht mit ernster Gesinnung zu höheren Gedanken; die Dichtkunst ist seinem beweglichen Talente ein heiteres Spiel zur Ergetzung der gebildeten Welt, er ist der Meister seiner und anmutiger Unterhaltungspoesie.
Zu dieser Meisterschaft ist er mit den reichsten Gaben ausgestattet. Er besitzt eine bewegliche Phantasie, die in mannigfachen Gestaltungen unerschöpflich ist, eine Sicherheit und Klarheit der Anschauung menschlicher Zustände und sinnlicher Dinge, in der ihm die kleinsten Züge gegenwärtig sind, heitere Laune und erfindsamen Witz, der um sinnreiche Wendungen und zierliche Einfälle nie verlegen ist, rasche Leichtigkeit und durchsichtige Klarheit und farbige Fülle der Sprache, sichere Gewandtheit in gefälligem und flüssigem Versbaue. Die Fehler, in die Ovidius verfällt, kommen nicht aus einem Mangel dichterischer Begabung für die Gattungen seiner Poesie, sie rühren vielmehr gerade aus seinem Reichthume her; er gewann es nicht über sich sein Talent mit strenger Kritik zu beherschen: mit Recht wird er von Quintilianus lascivus (d. i. üppig und tändelnd) et nimium amator ingeniä sui genannt. Es ist ihm zu wohl in den zierlichen und sinnigen Gedanken, die ihm zuströmen, er weiss sie nicht immer auf das richtige Mass zu beschränken und spielt zuweilen wo der Witz und das Spiel den Eindruck des Ganzen stört; und wie unerschöpflich er auch in Wendungen
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und Farben des Ausdruckes ist, es wiederholt sich überall dieselbe in einzelnen Erfindungen höchst mannigfaltige, im ganzen Tone sich gleichbleibende Manier, die unseren Blick zu oft von dem Inhalte des Gedichtes auf die erfinderische Kunst des Dichters lenkt.
Einen günstigeren Stoff für seine Erzählungskunst hätte der Dichter nicht finden können als die Verwandlungen welche die griechischen Mythen in grosser Zahl und in bunter Mannigfaltigkeit bald heiterer und anmutiger, bald düsterer und schrecklicher Gestalten und Ereignisse ihm darboten. In dieser Fülle wunderbarer Begebenheiten, in der Menge ihrer wechselnden Schauplätze, waren ihm Gegenstände gegeben, in deren Darstellung die ganze Kunst des Meisters sich bewähren konnte.
Die Entstehung des Glaubens an Verwandlungen erklärt sich aus den geistigen Zuständen früher Zeitalter, in denen die Menschen in vertrautem Verkehre mit der Natur standen und mit der Regsamkeit kindlicher Phantasie die unbelebte Welt belebten, die Thiere vermenschlichten. Wenn wir von dem Scheitel, dem Rücken, dem Fusse eines Berges reden, so meinen wir nur eine Vergleichung, und selbst für diese ist das Gefühl durch den langen Gebrauch der bildlichen Ausdrücke geschwächt: in der jugendlichen Einbildungskraft der alten Zeiten steigerte sich die Anschauung zu wirklicher Belebung und ein hoher Berg ward zu einem Riesen, der den Himmel stützt, belebt oder als ein erstarrter Riese gedacht. Das Menschenähnliche, das man an den Thieren wahrnahm, liess sie der lebendigen Phantasie leicht als verwandelte Menschen erscheinen. Dazu kam das. Räthsel des Todes und die innere Sehnsucht nach einer Fortdauer über den Tod hinaus: man gerieth auf den Gedanken dass die Seele der Menschen mit dem entschwindenden Leben in andere Wesen übergehe. Und die Macht der Gottheit, die, nie selbst gesehen, sich in tausendfältigen Erscheinungen offenbart und die Menschen und die Natur zu Trägern ihres Willens macht, ward in sinnlicher Lebendigkeit als eine vielgestaltige aufgefasst, man liess die Götter in mannigfachen Formen und Verwandlungen erscheinen. Wie man endlich von den Göttern die Macht sich selbst und Andere zu verwandeln unzertrennlich dachte, so legte man dieselbe Macht den Zauberern, nach der ältesten Vorstellung Dienern und Vertrauten geheimnissvoller Gottheiten, bei. Aus dem Zusammenwirken dieser