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Ausschnitt aus «Chömed Chinde, mir wänd singe».
Eugen Hartung und das «Maggi-Liederbuch»
Schon dass eine Veröffentlichung einen inoffiziellen Titel hat, den Hunderttausende kennen, sagt viel: Das Kinderliederbuch «Chömed Chinde, mir wänd singe» dürfte bis heute über eine halbe Million Mal verkauft worden sein. Vor allem seine Bilder sind Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Dass ein Kinderbuch von 1946 vermutlich Spitzenreiter aller in der deutschsprachigen Schweiz produzierten und verkauften Bücher überhaupt ist, belegt auch, wie nachhaltig die Bedeutung dieses Liederbuches in Familien ist. Aber warum kommt der Band aus einer Werbeabteilung?
Bilderbücher im heutigen Sinn entstehen kurz vor 1900. Ernst Kreidolf und andere gestalten Bilder und Texte im Modus des deutschen Jugendstils. Selbst Lisa Wengers «Joggeli» zeigt Elemente des Art Déco. Nach dem Ersten Weltkrieg erscheinen dann vorwiegend Bilderbücher, die sich vom Aufbau her eher an «Max und Moritz» orientieren. Damals erscheinen jährlich eine Hand voll Neuheiten in der Schweiz. Das Bedürfnis ist geweckt, aber wenige Familien haben Geld für Bilderbücher.
Werbebüros erkennen die Leerstelle und füllen sie rasch: Mit Büchern, die aus Zeitschriften hervorgehen, mit Angeboten für Kinderunterhaltung und auch mit Sammelalben für Klebebildchen. Im Globi-Verlag erscheinen Ende der 1930er-Jahre die herausragenden Märchenbilderbücher von Herbert Leupin, ohne Punktesystem und ohne versteckte Werbung. Und in den Werbeabteilungen entstehen immer durchdachtere Bücher.
Als zehn Jahre nach Erscheinen von «Chömed Chinde» das System des Suppenpunktesammelns eingestellt wird, gehen die Buchrechte 1956 an den Verlag Musik-Hug über. Das Buch bleibt ein Best- und Longseller; arrondiert mit Instrumentalnoten und Tonträgern. Aber auch jetzt taucht der Name des Illustrators kaum auf. Er wurde immer schon nur im Vorwort erwähnt.
Schulwandbilder und Katzen-Postkarten
Der gebürtige Thugauer Eugen Hartung (1897 - 1973) besucht die Kunstgewerbeschule Zürich, macht Studienreisen in Italien und Frankreich, malt Landschaften und Kinderporträts. Nach der Gestaltung mehrerer Wandbilder in Zürich (die Standorte sind zu finden auf www.mural.ch) arbeitet Hartung ab 1938 als freier Grafiker. Er illustriert etwa für die Zeitschrift Der Globi und malt Bühnenbilder für das Stadttheater Zürich.
Ein Foto von Eugen Hartung ist nicht bekannt. In einem Maggi-Liederbuch, das er einem Grossneffen schenkte, hat er sich jedoch selbst porträtiert. Quelle: Erbe Eugen Hartung
In der Öffentlichkeit steht er im Schatten seines Bruders Wilhelm, der als Kunstmaler bekannt ist. Effektiv aber hat Eugen Hartung ein so verbreitetes Werk geschaffen, dass eine Schweizer Kindheit zwischen 1945 und 1970 ohne seine Bilder kaum denkbar ist.
Hartung illustriert das Maggi-Liederbuch, er ist – was oft nur Sammler wissen – der Schöpfer der Katzen-Postkarten, die international erfolgreich sind, und er malt wichtige Schulwandbilder, also didaktisches Material, das vor Dia- und später Hellraumprojektor das wichtigste Bildangebot im Klassenzimmern war; für schulstundenlanges Besprechen und für den Aufsatzunterricht.
In Hartungs Katzenbildern finden sich unzählige Elemente aus dem Schweizer Alltag der 50er-Jahre. Doch selbst der Comic-Künstler Art Spiegelman, der mit «Maus» (1991) eine der weltweit einflussreichsten Graphic Novels zeichnet, beruft sich auf Hartung Postkarten, wenn er für Katzen als Protagonisten argumentiert.
Landigeist im Kinderzimmer
Die Mitherausgeberin des Maggi-Liederbuchs, «Fräulein» Sina Werling hat als Kindergärtnerin ein gutes Gespür für die Wahl der Lieder: zum Gebrauch im Kinderalltag und doch mit Naturpathos und Heimatmotiven. Indessen dürften kaum die Lieder, sondern die Illustrationen den Erfolg ausmachen.
Hartungs Szenerien sind Identifikationsangebote für die Nation nach Kriegsende. Er greift einerseits den Landigeist auf und gibt andererseits Müttern eine Bubikopf-Frisur.
Der präzise Stil bedient populäre Erwartungen von «gut gemalt», er befriedigt den Wunsch nach Details und erlaubt Hartung auch, bildliche Anspielungen einzubauen. Die Kinder am See spielen zwar an einem Ufer, das rein lagemässig nicht zum Hintergrund passt. Aber dass dort die Stadt Rapperswil zu sehen ist, gibt Hartungs Kunst quasi einen Wahrheitsbeweis, und freut alle, die den Anblick identifizieren können.
De facto halbanonym, de iure mit Pauschalhonoraren aus dem Werbebudget entlöhnt, hat Eugen Hartung ein Illustrationswerk geschaffen, das zu den populärsten der Schweiz gehörte. Es ist geprägt von Bildern, die ältere Generationen an die eigene Kindheit erinnern, von Szenen, die sich nahtlos in deren Verklärung einfügen (es fehlen Zeichen von Technik) und von Bildsignalen, deren Triggerwirkung selbst da noch spielt, wo kaum eine reale Anknüpfung mehr möglich ist.
Landesmuseum Zürich
15.6. – 14.10.2018
Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.
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