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Im April 2022 schickte mir die Dichterin Iya Kiva ein Gedicht über ein humanitäres „Hilfspaket“; sie hatte es einen Monat nach dem Beginn der russischen Invasion in die Ukraine geschrieben:
aus Kriegsliedern packten wir ein geheimes Hilfspaket
schickten es nach Europa Amerika Indien und China
und pflastern die Seidenstraße mit großer ukrainischer Literatur
Das Gedicht traf etwas im Kern, das auch ich zu spüren begann, wenn ich voller Sorgen die Nachrichten aus diesem Land verfolgte, welches mir Nikolaj Gogol’, Lesja Ukrainka, Isaak Babel und Sholem Aleichem beschert hatte, das Land, wo ich vor fast zwei Jahrzehnten meine Dissertation geschrieben hatte, wo ich ukrainischen, russischen und jiddischen Muttersprachler*innen nahegekommen war. Die Ukraine – nicht nur ihre Dichter*innen, sondern das ganze Land – hatte mit ihrem unwahrscheinlichen Kampf um die Verteidigung ihrer Demokratie in diesem neuen, verschärften Kriegszustand der Welt ein humanitäres Hilfspaket geschickt. Im Frühjahr 2022 blickte die ganze Welt auf die Ukraine, während sie bewies, worauf es ankommt: Auf die Fähigkeit, die eigene politische Führung zu wählen, die historische Wahrheit zu verteidigen, auf eine Zivilgesellschaft, die mehrere Sprachen, Geschichten und Religionen in sich aufzunehmen vermag. Die ukrainischen Freiwilligen verteidigten das Land gegen die größte Armee Europas, und ihre Dichter*innen fassten diesen Kampf in Worte.
Ein Café in Kyiv
Ich hatte Iya Kiva im September 2019 in einem Café in Kyiv getroffen. Fünf Jahre zuvor hatte sie ihre Heimat Donezk verlassen, als der Krieg gegen die von Russland unterstützten Separatisten ausbrach. Meine Freundin Yulija und ich hatten begonnen, gemeinsam ukrainische Gedichte zu übersetzen und hatten mehrere Dichter*innen eingeladen, uns eines Morgens in diesem hellen, mehrstöckigen Café zu treffen, das von Cappuccino über Cognac bis zu Gemüse-Smoothies einfach alles servierte. Iya schlüpfte in unsere Sitzecke. Sie war groß und schlank, hatte riesige braune Augen und wirkte in ihrem übergroßen Pullover und dem Trapezrock unglaublich elegant. Sie schenkte uns Exemplare ihres zweiten Gedichtbandes, „Perša storynka zymy“ („Die erste Seite des Winters“), des ersten in ukrainischer Sprache – früher dichtete sie in ihrer russischen Muttersprache. Iyas Gedichte entfalten sich manchmal in Allegorien. Wie eine Landkarte legen sie die Schichten der kollektiven Tragödien frei, aus denen die Geschichte der Ukraine besteht. In einem Gedicht schreibt sie:
ich lebe zwischen Babyn Yar und dem Konzentrationslager Syrec
täglich gehe ich auf dieser Straße des Todes nach Hause
und lande im Berdyčiv der Vorkriegszeit
Iya hat sich mit ihrem familiären Hintergrund – jüdisch, russisch und ukrainisch – auseinandergesetzt. Sie habe Hebräischkurse besucht, erzählte sie mir, und interessiere sich für Jiddisch. In manchen Gedichten schreibt sie über die Missgeschicke der Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg einen Teil ihrer Vorfahren in Berdyčiv in den Tod trieben, während andere im Donbas Zuflucht suchten.
Nach und nach stießen weitere Dichter zu uns: Natalia Beltchenko, die gerade einen bedeutenden Preis beim Lemberger Buchforum gewonnen hatte, war wie Iya dazu übergegangen, nicht mehr in ihrer Muttersprache Russisch, sondern auf Ukrainisch zu schreiben. Beltchenko, deren dunkle Augen von einer großen Plastikbrille umrahmt waren, fotografierte, wie ich bald erfuhr, gerne Vögel und Tiere in den Parks von Kyiv und postete sie auf Social Media. Vor ein paar Jahren war sie in Tschernobyl gewesen und hatte einen Zyklus über diese postapokalyptische Landschaft – diese nukleare Zeitkapsel aus Natur und Ackerland – nur 60 Meilen nördlich von Kyiv geschrieben.
in Lubjanka
Polesien, bewaldet
stolperte ich durchs Gestrüpp
in die Zone
durch die schaurige Schrift
und dort in den Wipfeln
der Wind des Vergangenen
Dann kamen Anton Polunin, er hatte einen langen Bart und Eyeliner wie ein Rockstar, und Slanislav Belsky, der Gedichte auf Russisch schrieb und ukrainische Dichter ins Russische übersetzte. Wir sprachen über Oleh Sentsov, den Filmemacher von der Krym, der kürzlich im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit Russland aus der Haft entlassen worden war, über den andauernden Krieg und darüber, wie die russische und ukrainische Grammatik nicht-binäre Geschlechterkategorien berücksichtigt.
Autor*innen der zivilen Wende
Die ukrainischen Dichterinnen und Dichter haben seit 2014 gemeinsam eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte einer Generation, die darum kämpft, eine Identität zu entwerfen, die sich sowohl von den zunehmend autoritären Strömungen im benachbarten Russland als auch vom polarisierenden Nationalismus Osteuropas in den 1990er Jahren absetzt. Sie sind die Autor*innen dessen, was oftmals als „zivile Wende“ in der Ukraine bezeichnet wird, eines Konzepts, das Volodymyr Kulyk, Karina Karustelina und andere als Abkehr von einer ethnisch definierten Vorstellung von Nation und als Hinwendung zu einer durch Staatsbürgerschaft definierten Identität definiert haben.
Nicht lange nach meiner Verabredung zum Kaffeetrinken in Kyiv traf ich mich mit den Dichtern Boris und Ljudmila Chersonskij in ihrem Haus in Odessa auf einen Tee. Ljudmila formulierte etwas, das mir auch in den Gedichten aufgefallen war, die ihren Weg aus der Ukraine zu mir nach Kalifornien gefunden hatten: „Wir befinden uns seit fünf Jahren im Krieg“, erinnerte mich Ljudmila, „und doch haben wir in diesen fünf Jahren eine Freiheit erlebt wie nie zuvor.“ Die Geschichte der ukrainischen Kultur mag bis in die Zeit der Kosaken zurückreichen, doch sie ist auch eine Geschichte, die sich verändert und entfaltet. Es ist die Geschichte des Willens der Dichter*innen, ein Land zu entwerfen, das ihren Werten und ihrer Geschichte entspricht. Über viele Jahre hinweg haben sie das Territorium der Ukraine definiert, ein Land mit Grenzen, die im Laufe der Geschichte mehr in den kollektiven Erzählungen der Ukrainer*innen als innerhalb der militärisch gesetzten Grenzen bestanden. „Wenn ich sterbe, lasst mich in einem Grab ruhen“, schrieb der romantische Barde Taras Schewtschenko 1845, „in der weiten Steppe, in meiner geliebten Ukraine“. Als die ukrainischsprachige Literatur im 19. Jahrhundert im Zarenreich verboten wurde, begannen die Schriftsteller im Westen, in den habsburgischen Ländern zu veröffentlichen und ihre Werke heimlich in den Osten zu schmuggeln.
Boris Chersonskij, der in Odessa auf Russisch schreibt, hat diese poetische Kartographie explizit gezeigt:
Kinder, das ist eine Geografiestunde.
Hier ist eine Karte. Lasst sie uns auswendig lernen.
Es gibt kein Sibirien oder Kolyma in der Ukraine.
Und hier ist die Vladimirka, ganz am Rande,
Ganz am Rande, da bin ich mir sicher, wenn auch nicht ganz.
Das ist eine Geografiestunde.
Dieses Land wird nicht verloren gehen.
Seit 2014 hat die Ukraine eine Art poetische Explosion erlebt. Online-Zeitschriften und Lyrikfestivals vervielfachten sich. Die ukrainischen Dichterinnen und Dichter benutzten die sozialen Medien, um diese Foren zu erweitern – um ihre Werke vorab zu veröffentlichen, ihre Gedichte gegenseitig zu kommentieren und zu übersetzen. Eine Woche nach der russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 veröffentlichte Kateryna Kalytko ein Gedicht auf Facebook, das die Macht der Sprache bekräftigt:
Am siebten Tag ununterbrochener Beobachtung
der zerstörerischen Kraft der Waffen
begann ich wieder über unsere Sprache zu staunen.
Die Kraft der Sprache
Am Tag darauf postete Stanislav Belsky seine russische Übersetzung des Texts, ein Akt des Widerstands gegen die Behauptung des Kremls, die russischsprachigen Menschen in der Ukraine müssten vor den ukrainischen Nationalisten gerettet werden. Kalytko, Belsky und ihre Kolleg*innen versuchten mit ihren Worten, die Bedeutung der Identität ihrer Nation neu zu beleuchten, indem sie die vergangenen Traumata der Geschichte ihres Landes, die Konflikte zwischen den vielen Regionen und Subkulturen der Ukraine und die Art und Weise, wie der Krieg die Poesie verändert, erkundeten. Sie haben sich auch eingehend mit der Frage beschäftigt, wie sich die Sprache in Zeiten des Krieges verändert. Der Dichter Ostap Slyvynsky hat sich dies zu Herzen genommen und damit begonnen, eine Reihe überhörter Aussagen zusammenzustellen, die diese neue Verwendung gewöhnlicher Begriffe umreißen. „Worte sind nicht unschuldig“, schreibt er im Vorwort zu einem seiner Facebook-Posts unter „#SlovnykVijny“ („Kriegslexikon“). Alltägliche Wörter wie „Pflaume“ und „Dusche“ werden mit der gewaltsamen Invasion assoziiert. „Ich kann nicht empfehlen, während schweren Beschusses zu duschen“, beginnt ein Beitrag, den Aleksander aus Butscha erzählt.
Die zeitgenössischen ukrainischen Dichter*innen befinden sich an vorderster Front des Kampfs zwischen Russlands Ideologie der Macht und der vergangenen Größe und der Möglichkeit einer bürgerlichen Demokratie, die sich in dem noch jungen ukrainischen Staat abzeichnet. Ihre Worte sind ein Dokument der Schrecken des Krieges im 21. Jahrhundert. Doch ihre Geschichte ist auch ein Beweis dafür, warum wir Lyrik im 21. Jahrhundert brauchen – einem Jahrhundert, das als Zeit der zunehmenden Polarisierung, des Autoritarismus, schneller globaler Medien und der Umweltkatastrophen begonnen hat. Gemeinsam haben sie mir, einer Komparatistik-Professorin an einer kalifornischen Universität, einen weiteren Anlass geschenkt, im Zeitalter der globalen Kommunikation die Literatur zu schätzen. Wie der Arabische Frühling hat auch der ukrainische Maidan 2013/14 der kurzen poetischen Form eine neue Bedeutung als Mittel zur Artikulation des Kampfes gegen den Autoritarismus verliehen. Unmittelbar nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 veröffentlichten diese Dichter weiterhin Gedichte, und viele ihrer Werke wurden schnell in andere Sprachen übersetzt und verbreitet. Ljubljana Jakumčuk wurde eingeladen, bei den Grammys 2022 ein Gedicht vorzutragen, begleitet von dem US-amerikanischen Pianisten John Legend; Serhij Zhadan begann, auf seinen Social-Media-Seiten regelmäßig Interviews mit ukrainischen Dichterkolleg*innen sowie mit Soldat*innen und einfachen ukrainischen Zivilist*innen zu veröffentlichen, während er daran arbeitete, den freiwilligen Widerstand zu koordinieren. Im Laufe des letzten Jahrzehnts, einer Zeit zunehmender Tyrannei, hat sich die Poesie als Mittel zur Artikulation kollektiver Werte entwickelt. Inmitten der unerbittlichen Luftangriffe, inmitten der schrecklichen Angriffe auf die Städte Mariupol, Butscha und Irpin packten die ukrainischen Dichter*innen ihre eigenen humanitären Hilfspakete: mit Sprache – dem ultimativen Gefäß der Hoffnung. Sie schickten sie nicht nur einander, sondern auch den Leser*innen jenseits der Grenze.