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Interviews kann man so führen:
“Wie fühlen Sie sich jetzt, nach dem Sieg?”
“Super. Ich kann es noch gar nicht fassen.”
“Wo haben Sie der Konkurrenz die entscheidenden Hundertstelsekunden abgenommen?”
“Im oberen Teil, vermutlich. Und im unteren Abschnitt.”
“Was haben Sie sich fürs nächste Rennen vorgenommen?”
“Jetzt gehen wir erst einmal feiern. Dann schauen wir weiter.”
Niemand weiss, wem solche “Gespräche” etwas bringen könnten. Die einzigen, die davon profitieren, sind allenfalls die Sponsoren, deren Logos für ein paar Sekunden am Bildschirm zu sehen sind. Und die
Fans, die keinen Eintritt zu bezahlen brauchen Reporter: Nie kommen sie ihren Stars näher als bei diesen Gesprächssimulationen im Zielraum, am Spielfeldrand oder beim Kabineneingang.
Wobei – wenn ein Interview abverheit, ist daran nicht in jedem Fall der Journalist schuld:
Aber es geht auch anders. Interviews können interessante, verblüffende oder – auch das gibts: ernüchternde – Einblicke in die Gedankenwelten von allseits bekannten und einem dennoch wildfremden Menschen ermöglichen.
Voraussetzung dafür ist, dass sich die Gesprächspartner vertrauen. Dass sie bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Dass der Befragte und der Befragende das Interview nicht als Geschäft verstehen, bei dem der eine versucht, möglichst viel aus dem anderen herauszuholen, während der andere sich primär darauf konzentriert, nicht zuviel von sich preiszugeben. Dass der Interviewte anschliessend zu dem steht, was er gesagt hat. Und nicht beim Gegenlesen alles herausstreicht (oder von seinem Pressesprecher herausstreichen lässt), was ihn in einem nicht so hellen Licht erstrahlen lässt. Dass der Interviewer sich mit dem zu Interviewenden beschäftigt, bevor er mit diesem vor der Kamera steht oder am Tisch sitzt.
Ein Meister dieser Gesprächsform war André Müller. Der 1946 in Brandenburg geborene freischaffende Journalist unterhielt sich für den “Spiegel”, den “Stern”, die “Zeit”, die “Weltwoche” oder den “Playboy” mit berühmten Zeitgenossen auf eine Art und Weise, die ihresgleichen suchte, aber nie fand.
Wer Müllers Interviews liest, hat das Gefühl, in den Kopf von anderen Menschen zu blicken. Bisweilen wirken die Texte wie Rapporte von Polizeiverhören oder Aufzeichnungen aus der Praxis eines Psychologen. Manchmal dümpelt die Unterhaltung vor sich hin – auch das gehört zur Kunst des Interviewens: Raum für das Nichts zu lassen – bis die Gesprächspartner einen neuen Faden finden, den sie aufgreifen und verarbeiten können.
André Müller starb 2011 an Krebs. Er wurde nur 65 Jahre alt. Was von ihm blieb, sind Interviews, die es so vorher nicht gegeben hatte – und die es so auch kaum mehr geben wird.
Zufällig bin ich auf eine Site mit rund 150 Gesprächen und anderen Texten von André Müller gestossen. Nina Hagen, Jacques Tati, Karl-Heinz Rummenigge, Erich von Däniken, Placido Domingo, Friedrich Dürrenmatt, Harald Juhnke, Jörg Haider und zig andere Menschen haben mit den Interviewer, der im Lauf der Zeit selber zu einer Art Promi avancierte, gesprochen.
Und selbst, wenn die Berühmtheiten vor dem Interview noch finster entschlossen gewesen sein mochten, nicht mehr über sich zu erzählen als unbedingt nötig: Müller hat sie alle geknackt. Dann drang er mit fast chirurgischer Präzision in persönliche Untiefen vor, die möglicherweise nicht einmal die Stars und Sternchen, die ihm gegenübersassen, so genau kannten.
Und die sie wahrscheinlich auch gar nicht unbedingt kennenlernen wollten.