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Body Mass Index. Ist er das Mass aller Menschen?
Ein «ganz normaler» BMI?
Wir Menschen lieben es, uns zu vergleichen. Wir schauen links, wir schauen rechts – wie machen es die Nachbarn? Geht es um Gesundheit, so bietet uns die Vergleichbarkeit einen Normbereich. In der Arztpraxis wird dann oft die Frage gestellt: «Ist denn das normal?» In der Norm zu sein, bietet Sicherheit. Eine Abweichung zur Norm gibt hingegen das Gefühl, von der Gesellschaft abzuweichen, nicht dazuzugehören. Soziale Zugehörigkeit ist ein Schlüssel für das menschliche Wohlbefinden. Durch soziale Inklusion entsteht Schutz, Vertrauen und emotionale Entlastung.
Aber wie entsteht die Norm? Im Bezug auf das Körpergewicht dient die Gaußsche Normalverteilung als Referenz. Diese Glockenförmige Kurve entsteht über statistische Daten der Gewichtsverteilung in der Schweizer Bevölkerung. Dahinter steckt die Überlegung, dass 95%, also die Mehrheit, im Normbereich liegt, während sich 2,5% darunter und 2,5% über diesem Bereich befinden.
Stellen Sie sich nun vor, das Gewicht der Schweizer Bevölkerung wäre auf einer solchen Kurve. Das würde bedeuten, dass alle schweren und grossen Personen auf der rechten Seite zu finden sind, während sich alle kleiner Menschen links befinden.
BMI ist relativ.
Also ist man darauf angewiesen, einen relativen Wert zu erstellen. Relativ bedeutet beispielsweise das Gewicht im Bezug auf die Grösse. Dieser Gedanke steckt hinter dem BMI. Nach WHO (2018) wird dieser aus Gewicht und Grösse (Körpergewicht/ Körpergrösse in m2) berechnet. Dieser Wert ergibt den BMI, welcher wiederum in vier Gruppen unterteilt wird: Untergewicht (BMI < 18,5), Normalgewicht (BMI von 18,5 bis 25), Übergewicht (BMI von 25 bis 30) und Adipositas (BMI > 30). Mithilfe dieser Werte kann das Gewicht im Bezug auf die Norm betrachtet werden.
Wo liegt nun aber das Problem? Das Gewicht und die Grösse eines Menschen sagen noch wenig über dessen Statur, Fettverteilung oder Muskelzusammensetzung aus. Demnach ist dieser Wert im Bezug auf das einzelne Individuum wenig aussagekräftig. Darum verwendet man im medizinischen Kontext schon längst nicht mehr nur den BMI, sondern kombiniert diesen Wert mit zusätzlichen Indikatoren, um eine Aussage über den Gesundheitszustand einer Person zu treffen. Was im medizinischen Kontext aber funktioniert, bietet für die allgemeine Bevölkerung wenig Zugang. So besteht immer noch der Glaube, der BMI sage viel über den effektiven Gesundheitszustand aus. Ein BMI über 25 gilt als Übergewichtig, ein Wort, welches in der Gesellschaft mit faul, ungesund und unmotiviert assoziiert wird. Die Studienlage zeigt, dass diese Stigma einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerungsgruppe haben können.
Gesundheit lässt sich nicht normieren.
Eigentlich weiss man aus fachlicher Sicht schon lange, dass Gesundheit nicht als Norm definiert werden kann: Schlankheit heisst nicht automatisch gesund und Übergewicht nicht automatisch gesunheitsschädlich. Viel eher stehen individuelle Voraussetzungen und das gesundheitsförderliche Verhalten im Zentrum. Also kann eine entspannte Person, die sich regelmässig bewegt und ausgewogen isst, von der Norm abweichen und sich dennoch bester Gesundheit und grösstem Wohlbefinden erfreuen.
Wenn wir uns also das nächste Mal mit den Nachbarn vergleichen, um zu kontrollieren, ob wir noch «normal» sind, lohnt es sich, zuerst auf das eigene Körpergefühl zu achten, sich zu entspannen und hinterfragen, ob man einem gesellschaftlich etablierten Schönheitsideal nachrennt. Denn der BMI zeigt uns: Auch die Norm steht auf wackeligen Füssen und darf kritisch hinterfragt werden.
«Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.»
Vincent van Gogh