Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/420

Bandbreitenengpass im Weltall.
Vor rund dreieinhalb Jahren haben wir eine Gedankenspielerei
des damaligen Sun-Chefs Jonathan Schwartz zur Bandbreite von Segelschiffen wiedergegeben. Sein Argument: Auch wenn es einen Monat von Hong Kong nach San Francisco brauchte, hätte ein Segelschiff des 19. Jahrhunderts, beladen mit modernen Datenträgern, locker eine höhere Bandbreite gehabt, also in diesem Monat mehr Daten "übertragen" können, als auch die schnellste Internetverbindung.
Das Argument gilt auch heute noch genau gleich. Und im Weltraum, wo die Datenübertragung über riesige Distanzen ein zunehmendes Problem darstellt, könnte die analoge Überlegung sogar zu einer realen Wiederauferstehung von "Segelschiffen" führen – allerdings in einer neuen Inkarnation als Satellit mit Sonnensegeln und ganz ohne Matrosenromantik.
"Daten-Klipper", so die Idee des Raumfahrtkonzerns Thales Alenia Space, könnten in Zukunft als Datenboten für die Planeten- und Mondforschung eingesetzt werden. Denn Forschungssatelliten könnten heutzutage eigentlich sehr detaillierte Daten sammeln, beispielsweise sehr hoch aufgelöste Bilder. Dummerweise hapert es bei den Übertragungsmöglichkeiten: "Der Download einer hochauflösenden Karte vom Jupitermond Europa oder vom Saturnmond Titan direkt von einem klassischen Orbiter zur Erde würde Jahrzehnte dauern", erklärt dazu der Thales-Alenia-Space-Forscher Joel Poncy. Die Forschungssatelliten selbst für eine Rückkehr zur Erde auszulegen würde die Kosten erhöhen und die Missionszeit stark verringern. Ein Datentransport mittels "Botensatelliten" könnte Abhilfe schaffen, so der Wissenschaftler anlässlich des European Planetary Science Congress (EPSC) 2010.
Die Idee ist, dass die Satelliten nur noch einen Teil ihrer Daten direkt zur Erde funken würden. Der Rest wird von Space-Boten abgeholt. Diese Raumsonden würden dazu nahe an die um einen Himmelskörper kreisenden Satelliten heranfliegen und über die kurze Distanz auch grössere Datenmengen in vernünftiger Zeit vom Satelliten herunterladen können. Dann geht es zurück in Richtung Erde, um die Datenfracht abzuliefern.
Ein konventioneller Satellit verbraucht allerdings seinen Treibstoff nach kurzer Zeit und würde sich kaum für diesen Pendeldienst eignen. Als Antrieb denkt Poncy deshalb an Sonnensegel. So müssten die "Daten-Klipper" keinen Treibstoff mitführen und können mehrmals zum Einsatz kommen.
Bis solche Botensonden wirklich majestätisch durch das All schippern, wird es auf jeden Fall noch viele Jahre dauern. Poncy glaubt, dass die Technik Ende des nächsten Jahrzehnts so weit sein könnte. Ob die Idee tatsächlich Realität werden könnte, wird hauptsächlich vom Fortschritt der Sonnensegel-Technologie abhängen, die den Strahlungsdruck des "Sonnenwindes" zum Antrieb einer Raumsonde ausnützt.
Immerhin, zumindest einen kleinen Vorläufer gibt es bereits: Die im Mai 2010 von der japanischen Weltraumagentur JAXA gestartete Sonde "Ikaros" ist, angetrieben von einem Sonnensegel, unterwegs zur Venus. (Hans Jörg Maron)
(Illustration: Eine künstlerische Darstellung des Sonnensegelsatelliten Ikaros, der sich seit Mai auf dem Weg zur Venus befindet.)