Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/469

Rot Grüne Gedanken Januar 2023
Vor kurzem lief ich spät abends die Quellenstrasse entlang nach Hause. Bei einem kurzen Seitenblick erblickte ich eine Sprayerei, die meine Gedanken bestätigte. «Luxuswohnungen, so cool K5 sagt danke!» prangt in roten Lettern an der Hauswand eines Neubaus, an dessen Stelle vor kurzem noch ein Mehrfamilienhäusschen gestanden hatte. Der Neubau ist einer von mehreren, die in den letzten Jahren in dieser Strasse gebaut wurden:"Gut", mag man sich nun denken, “ein Neubau ist ja wohl nichts Schlechtes.” Doch wenn man sich einen tieferen Anblick verschafft, erkennt man, was das eigentliche Problem ist.
Eine Wohnung wird renoviert. Die Familie, welche bisher in dieser Wohnung gewohnt hat, muss ausziehen und während des Umbauprozesses an den Randgebieten der Stadt verweilen. Wenn sie zurückziehen will, erwartet sie eine unangenehme Überraschung. Die Mietpreise sind nun stark angestiegen, und die einkommensschwache Familie kann sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Die Kinder sehen ihre Freund*innen nicht mehr und werden so aus der Community gerissen. Dies erzeugt gesellschaftliche Spaltungen und baut eine Barriere zwischen Arm und Reich auf. In die neuen Wohnungen ziehen dann “Hippe Finanzgurus” und Expats, die es sich zwar leisten können, aber keinen Teil zum sozialen Leben des Quartiers beitragen.
Die Gentrifizierung spiegelt sich gut in den Mietpreisen wider. Während der durchschnittliche Mietpreis für eine Dreizimmerwohnung im Rest der Schweiz bei 1245 Franken liegt, müssen Mieter*innen im Industriequartier gut mal tausend Franken mehr bezahlen. Und weil es oft einfacher ist einen Beruf in der Stadt zu finden, müssen Personen aus der Agglo auch weitere Arbeitswege zurücklegen, welche wiederum ebenfalls mit hohen Kosten und einer Minimierung der Freizeit verbunden sind.
Im früheren Industrie- und Arbeiterquartier Zürich West, wo die meisten Ausländer*innen wohnten, liegt das mittlere Einkommen mittlerweile höher als in den Quartieren des Zürichbergs. Deutlich erkennbar ist die Gentrifizierung auch am Bildungsstand der Bevölkerung, welche in den geprägten Quartieren stieg. So wird auch der Lohn und Wohlstand beeinflusst. «Wo früher Arbeiter*innenfamilien der unteren Einkommensschicht lebten, schlürfen heute Yuppies ihren Chai und essen ihre überteuerten Quinoa-Bowls.»
Ich gehe weiter, bei einem Blick auf die andere Strassenseite sehe ich, dass das nächste Gerüst schon angebracht ist und bald die nächste Familie ausziehen muss.