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Im Alter möchte man gern weise sein. Ich glaubte, ich hätte einen Status erreicht, den man als altersweise bezeichnen kann. Mir schien, ich sei gelassener geworden als früher und dachte, ich könne mein Ich zurücknehmen. Nun war mir kürzlich etwas passiert, was jede weise Haltung vermissen liess. Ein Vorwurf brachte mich in Rage. Ich war mir keiner Schuld bewusst und überzeugt, dass die Vorhaltung nicht gerecht war. Da weckte mein Dämon das Aggressionspotential in mir, was früher oft geschah, wenn ich angegriffen wurde. Überrascht hörte ich mich am Telefon laut werden. Als sich nach unruhigem Schlaf Reue einstellte, musste ich zugeben, dass ich überreagiert hatte.
Ich fing an zu überlegen, warum ich mich dermassen in erregter Art verteidigt hatte. Ich erinnerte mich, dass ich früher desto lauter wurde, je schwächer meine Position war. Nun wiederholte sich dieses Verhalten, und ich nehme an, dass es hirnphysiologisch bedingt ist, denn ich hatte früher gelegentlich mit einem lauten Gegenwort Erfolg. Es war wie bei den Pawlowschen Hunden, die trainiert waren, um auf verschiedene Reize zu reagieren. Sie hatten gelernt, bei welchem Signal sie belohnt wurden und bei welchem sie mit Bellen antworten sollten. Nun vermutete ich, auch ich könnte konditioniert sein. Natürlich gab ich mich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Ich reagiere doch nicht nach dem Reiz-Reaktion-Schema! Ich wollte mich zukünftig in einer ähnlichen Situation klug und weise verhalten.
Mir helfe vielleicht, fiel mir ein, die Methode des Verstehens, die in der Philosophie Hermeneutik genannt wird. Da geht es um das einfühlende Verstehen, das nur gelingen kann, wenn sich der Mensch zurücknimmt und versucht zu entziffern, was im Gespräch gemeint sein könnte. Mir wurde klar, dass meine Reaktion auf Reize falsch war. Aber das alte Muster bestimmte mein Verhalten. Es konnte dem Vorwurf gegenüber nicht gerecht werden, weil ich hätte voraussetzen müssen, dass der Vorwurf nicht einfach aus der Luft gegriffen war. Das hätte mich in eine offenere Stimmung gebracht und mich denken lassen: Es ist nicht so, wie mir vorgeworfen wird, aber es könnte doch so sein. Das Gespräch wäre sachlich verlaufen und am Ende hätte ich nicht eine Verstimmung ausgelöst, sondern ein Gegenüberglück* bewirkt.
Dieser jüngst erlebte Vorfall beschäftigte mich solange, bis ich diesen Einzelfall ins Allgemeine zu rücken versuchte. Die Regel hiess schlicht: Fragen den Vorrang geben! Es ist die Methode des Sokrates, der solange fragte, bis Verständnis entstand. Aber krankt unsere Zeit nicht daran, dass die Methode des Verstehens für viele zu anstrengend ist. Was soll noch gefragt werden, wenn die Meinung gemacht ist? Dass Menschen gesprächsunfähig werden, demonstrieren Wutbürger und Verschwörungstheoretiker. Sie scheuen Fragen wie der Teufel das Weihwasser. Sie meiden den Dialog. Dass ich mir eingeredet hatte, ich sei im Recht, war die grosse Täuschung und der dadurch entstandene Trommelwirbel übertönte das Bemühen ums Verstehen. Also musste ich zu denken beginnen, dass die Weisheit gebietet, die Sache könnte anders sein, als ich glaubte. Ohne dieses Fragen und ohne dieses Eingeständnis wird man kaum je alterweise.
*Sebastian Kleinschmidt: Gegenüberglück, Mattthes & Seitz. Berlin