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Werner Pfister, Zürichsee-Zeitung (17.06.2008)
Ein Teamwork zweier Regisseure: Da Claus Guth aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, übernahm Jens-Daniel Herzog dessen Konzept und setzte es mit eigener Handschrift um.
Ausgerechnet einem Deutschen war es vor fast 300 Jahren beschieden, die italienische Oper in England zu lancieren. Georg Friedrich Händel hiess er, war 1710 nach London gekommen und stellte sich dort im Februar 1711 mit «Rinaldo» vor. Dies war die erste italienische Oper, die eigens für ein Londoner Theater geschrieben wurde. 15 Aufführungen wurden en suite gegeben, und Händel wurde als «der Orpheus unseres Zeitalters» gefeiert. Zu Recht, denn das Werk hat seine Meriten. Er muss ein Tausendsassa gewesen sein, hatte er die Oper doch in nur zwei Wochen komponiert. Freilich griff er dabei - ein gewiegter Praktiker - auf frühere Werke zurück. Doch es gelang ihm meisterhaft, solche «Anleihen» nahtlos in den neuen Werkkontext überzuführen. Den besten Beweis dafür liefert das bekannteste Stück der Oper, die Arie «Lascia ch'io pianga». Sie ist neben dem «Largo» eine von Händels populärsten Arienmelodien und stammt aus dem Oratorium «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno», welches Händel vier Jahre zuvor für Rom komponiert hatte. Berühmt geworden ist die Melodie aber erst als Arie in «Rinaldo».
Maskierte Mimik
Die vielfach verworrene Handlung - mit Episoden aus dem Epos «La Gerusalemme liberata» von Torquato Tasso, mit Kreuzritter-Romantik und Armida-Zaubereien, mit Liebesnöten und realer wie auch nur psychologischer Krieg-führung - transportierte Regisseur Jens-Daniel Herzog in die heutige Zeit. Christian Schmidt entwarf dafür eine Bühne mit konkreten Räumen aus der heutigen Polit- und Business-Society: Hotel-Lobbys und -Suiten mit Rolltreppen und Liften, Transfer-Räume in einem Flughafen mit Stewardessen, unpersönliche Innenräume allesamt, und entsprechend gesichtslos sind die Menschen mit Aktenköfferchen und maskierter Mimik.
Das alles überzeugte an der Premiere vom Sonntag durchaus, zumal Jens-Daniel Herzog das Spiel ungemein detailgenau inszenierte und Ramses Sigl für besonders pointiert choreografierte Bewegungsabläufe sorgte. Die individuellen Liebesverstrickungen zwischen Rinaldo und Almirena, aber auch zwischen Armida und Argante liessen sich so gleichsam als Konsequenz oder Fortsetzung globaler kriegerischer Konflikte inszenieren. Der Zusammenprall von christlicher und moslemischer Welt gewann somit Bezüge zur «Kreuzfahrermentalität» heutiger Potentaten, man denke an die USA und ihre Invasion im Irak. Allerdings, und hier sind Abstriche zu machen, gab Jens-Daniel Herzog gerade in diesem Konflikt zuviel der Lächerlichkeit preis. Man durfte sich über Muslim-Klischees amüsieren, und das Publikum tat es denn auch herzhaft. Zudem - und weit gravierender - hatte diese Konzentration auf eine visuelle Alltagsgegenwart eine völlige Entzauberung des Spiels zur Folge, was gerade im Hinblick auf Armida, Händels erste grosse Zauberin-Figur auf der Opernbühne, ernüchternd und zuweilen fast sinnwidrig wirkte. Denn diese Zauberwelt ist ein fester Bestandteil des barocken Theaters - ungemein sinnlich, aber nie wirklich. Genau dafür hätte man entsprechende Chiffren aus der heutigen Zeit finden müssen.
Ausgefeilt, nicht aufgesetzt
Musikalisch ist diese Neuproduktion ein grosses Vergnügen. William Christie geht die Musik mit der von ihm gewohnten Akribie und vitalem Elan an. Das gross besetzte Orchestra «La Scintilla» der Oper Zürich schafft durch differenzierte Dynamik und Agogik sowie durch eine eloquente Stimmführung eine faszinierende klangliche Vielfalt. Alles ist ausgefeilt, nichts wirkt aufgesetzt, und das historische Instrumentarium erweist sich, derart brillant gehandhabt, in seiner spezifischen Koloristik und seiner gleichsam gestischen Mitteilsamkeit als ideal.
Ob in Fragen der Sängerbesetzung ebenso ideal entschieden wurde? Das Problem ist ein altbekanntes: Drei Kastraten-Partien hat Händel im «Rinaldo» vorgesehen (Rinaldo, Eustazio, Mago), und auch Goffredo hat er in seiner zweiten Version der Oper vom Alt zum Tenor gemacht. Für die Zürcher Inszenierung entschloss man sich, die Partien mit Frauen zu besetzen - Frauen selbstverständlich im Anzug und mit Schnauzbart, was zuweilen an die Grenzen der Karikatur stiess, und das ist schade.
Resolut und verschmitzt
Denn gesungen wird zum Teil vorzüglich. Liliana Nikiteanu wartet als Goffredo mit «männlich» aufbegehrerischen Tönen, aber auch wunderbar innigem Gesang auf; Ann Helen Moen ist als Almirena der Inbegriff wohllautender Sopranjugend. Malin Hartelius stattet die Zauberin Armida mit durchaus resoluten, aber auch verschmitzten Zügen aus; wogegen Katharina Peetz als Eustazio eher eindimensional singt und mit den Koloraturen nicht immer auf bestem Fusse steht. Irène Friedli hat als Mago keinen leichten Stand, und ihr Italienisch bedürfte hörbar einer Aufbesserung. Imposant hingegen der einzige «wirkliche» Mann unter den Protagonisten: Ruben Drole als Argante, eine satirische Klischeefigur aus dem Morgenland, mit viel Spielwitz und Stimmesfülle dargeboten. Bleibt Juliette Galstian in der Titelpartie: eine eloquente Sängerin, kein Zweifel. Aber ihr Timbre, zwischen Mezzo und Sopran changierend, wirkt etwas belegt, und auch gestalterisch scheint sich die Sängerin in dieser Männerrolle (noch) nicht wirklich überzeugend freispielen zu können. Dennoch gab es verdientermassen grossen Beifall.