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„Dann sah ich die Föhnwand“
Der Vierwaldstättersee war Objekt vieler Begierden – historischer Handelsweg, Inspiration der Dichter, Fruchtwasser der Eidgenossenschaft. Alles Mumpitz, wenn man erstmals begreift, welche Bedeutung dieser See in Armin Grässls Leben hat.
Armin Grässl, was bringt einen Weltenbummler dazu, sieben Jahre auf dem Vierwaldstättersee zu verbringen?
In meinem Fall war es der unerklärliche Tod meines zehnmonatigen Sohnes – plötzlicher Kindstod. Meine Partnerin ging zurück nach Paris, ich suchte die Ruhe und fand sie auf dem Vierwaldstättersee.
Waren Sie einsam?
In der Trauer ist man immer einsam. Doch ich lebte hier wie im Dschungel von Peru: Die Zivilisation war nie sehr weit. Ich musste ohnehin immer wieder an Land, denn auf meinem Boot gab es weder Küche noch Klo. Ich nannte es immer ein schwimmendes Mercedes-Cabriolet.
Woher hatten Sie dieses Boot?
Es war das Boot meines Vaters, keine Yacht, aber eigentlich ein perfektes See-Bötchen. Es wurde in Norwegen hergestellt und war ursprünglich für Fjorde gedacht, also perfekt für den Vierwaldstättersee.
Auch bei Sturm?
Natürlich sind die Stürme hier zahmer als auf dem Meer, die Wellen sind kleiner. Die Sturmwarnung kam jeweils eine Stunde im Voraus. Alle Bötchen hauten dann ab in den Hafen und ich blieb draussen.
Ist das nicht riskant auf so einem kleinen Motorboot?
Auf dem See bist du relativ sicher. Die meisten Unfälle passieren dann, wenn die Leute versuchen, bei Sturm anzulegen.
Erzählen Sie mir von Ihrem ersten Sturm.
Das Ganze hatte nur etwa dreissig Minuten gedauert. Dann sah ich die Föhnwand, und dahinter brach die Sonne hervor und bestrahlte zuerst die Rütliwiese. Ein riesiger Regenbogen überzog die ganze Kulisse der Urschweiz. Die Faszination des Vierwaldstättersees bekam für mich eine neue Dimension.
Auch Hermann Hesse schwärmte einst von diesem Ort.
Ich bin ein grosser Hesse-Fan, ich mag seine Sprache, seine Bücher. Und Hesse hat ja auch über diesen See geschrieben. In einem seiner Texte redet er davon, den ganze See in nur sechs Tagen abgerudert zu haben. Nun war mir klar: ich mach‘ ein Buch über diesen See, aber mit mehr Recherche als nur sechs Tage.
Ihre Trauerarbeit?
Sozusagen. Zu dieser Zeit recherchierte ich Material für japanische Dokumentarfilme, über Goethe, Bauhaus, Brahms; die Recherche lag mir im Blut. In sieben Jahren hab ich den ganzen See recherchiert.
Und was fanden Sie heraus?
Dass es unglaublich ist, was hier alles abging! Die ganze europäische Geschichte ging hier durch. Längst vergessen: Am Vierwaldstättersee gab es mal drei Zollstellen. Er war die Hauptachse Süd-Nord. Die Römer kamen hier durch, Napoleon, die Russen. Strategisch sicher einer der besten Orte Europas.
Auch um gute Fotos zu schiessen.
Das stimmt. Und ich kann mit Stolz behaupten, dass ich der einzige Fotograf bin, der sich des Themas angenommen hat. Doch ich bin kein Landschaftsfotograf. Da musst du heutzutage Bergsteiger sein. Ich sass bequem auf meinem Bötchen.
So einfach geht das?
Nicht unbedingt. Auf dem Vierwaldstättersee wartete ich manchmal Stunden, häufig Tage auf die richtige Stimmung. Meine schönsten Fotos sind durch Zufall entstanden. Fotografie heisst, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.
Wie bekamen Sie ein Gespür für besondere Orte?
Ich war lange Zeit ein sogenannter „Drehortjäger“. Häufig für japanische Autowerbungen. Ein toller Job! Ich hatte einen Chauffeur, entdeckte die Welt und wurde dafür bezahlt. Da muss man nicht nur den perfekten Ort, sondern auch die beste Lichtstimmung finden.
Beruflich konnten Sie sich keine Auszeit leisten. Wie konnten Sie von einem Boot aus Ihre weltweiten Kontakte pflegen?
Nun ja, ich war Stammgast in den Telefonkabinen, da hörte ich meine Combox ab. Ich hatte damals einen Agenten in Japan, der mir immer wieder Aufträge gab. Im Winter ging ich nach Gstaad und arbeitete als Hoffotograf des Palace. So konnte ich mich finanziell über Wasser halten.
Könnten Sie sich jetzt noch ein solches Leben vorstellen?
Es wäre unvorstellbar, heute so zu leben. Einmal hatte ich kurzfristig einen Auftrag in Italien und liess das Boot einfach eine Woche lang in der Nähe des Bahnhofs in Luzern stehen. Heute würde es sicher abgeschleppt werden.
Wie endete Ihre Zeit auf dem Vierwaldstättersee?
Indem mein Boot versoff. Ich war zwei Monate beruflich in den USA unterwegs und als ich zurückkam, hiess es, mein Boot sei unter Wasser. Alles geht mal zu Ende, das ist auch gut so.
Der See blieb jedoch ein Thema in Ihrem Leben. Schliesslich wohnen Sie mit ihrer Familie in Seelisberg.
Dass ich heute noch hier lebe, ist zwar Zufall, gibt aber Sinn, denn das Projekt „Vierwaldstättersee“ ist gewachsen. Die dritte Auflage meines Buches wurde mit neuen Bildern ergänzt. Einige der Fotos sind direkt von meiner Wohnung in Seelisberg aus entstanden. Nach einer tollen Ausstellung in Luzern, möchte ich es nun in die Welt hinaustragen.
Als Wandernder dürsten Sie wohl danach. Warten Sie nun, bis Ihre Kinder ausgezogen sind, um selbst weiterzuziehen?
Ich warte höchstens auf den Bus. Der Rest ergibt sich einfach, muss sich ergeben, denn ich schwimme nicht im Geld und bin gezwungen, den Märkten nachzuwandern. Und mit einer Familie im Schlepptau ist alles viel komplizierter.
Sie erledigen Auftragsarbeiten und stellen gleichzeitig aus. Sind Sie ein Künstler?
Nein, ich habe mit Kunstfotografie nichts am Hut. Alles was Kunst ist, kommt von künstlich, ist also oberflächlich. Ich bin das Gegenteil. Lange haderte ich, ob Fotografie seriös ist, ob es für mich das richtige ist. Doch erst durch die Fotografie habe ich gelernt, das Leben zu beobachten.
10% Fotograf, 90% Armin
Laut eigenen Angaben ist Armin Grässl 10% Fotograf und 90% Armin. Womöglich liegt es an seiner frühkindlichen Stummheit, dass er es nie verlernt hat, Fragen zu stellen. Als die Antworten seiner Eltern ihm nicht mehr genügten, suchte er sie mit 17 Jahren an der Fotoschule in Vevey (die Antworten, nicht die Eltern). Bald darauf zog es ihn nach Paris (wo er als Model Magazin-Cover zierte), New York (wo er Fotografen assistierte), Peru (wo er als Filmer Einheimische portraitierte) und Gstaad (wo er als DJ die Promis amüsierte) – um nur wenige Stationen zu nennen. Heute ist Armin Grässl um viele Antworten reicher, ist aber stets neugierig geblieben. Nebst dem Vierwaldstättersee setzt er sich nun intensiv mit der Republik Burma auseinander und sucht Sponsoren für ein neues Buch.
Natur erleben
Von: Emanuel Hänsenberger | Fotos: Armin Grässl