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Für einen zeitgemässen Vintage-Look werden Jeans mit der Sandstrahltechnik auf alt getrimmt. Tödliche Nebenwirkung dieses Looks: SandstrahlerInnen erkranken an akuter Silikose.
Rund 5 Milliarden Jeans werden weltweit jedes Jahr produziert. Jeans im Used Look finden seit Mitte der 1980er Jahre den Weg auf den Markt, in den 1990ern haben vor allem Marken wie Diesel und Replay diesen Modetrend vorangetrieben, doch erst mit den 00er Jahren etabliert sich Vintage als Standard-Look. Gleichzeitig wurden neue Bearbeitungsmethoden, wie z.B. Sandstrahlen, zum Erzielen dieses Aussehens eingesetzt. Obwohl Sandstrahlen in der Textilindustrie ein relativ neues Phänomen ist, sind die damit verbundenen Risiken aus anderen Kontexten längst bekannt: Im EU-Raum ist manuelles Sandstrahlen mit quarzhaltigem Sand seit 1966 verboten.
Bekleidung wird primär in Ländern mit relativ schwacher nationaler Regulierung produziert. So werden Jeans seit 2000 vor allem in Ländern wie der Türkei, China, Bangladesch, Mexiko, Indien oder Indonesien sandgestrahlt. Die Sandstrahltechnik wird hauptsächlich bei Jeans eingesetzt, kann aber auch bei andern Jeansprodukten wie Hemden, Jacken, Röcken oder Taschen eingesetzt werden. Mit dem Sandstrahlverbot in der Türkei im März 2009 verlagerte sich die Produktion weiter nach Nordafrika, aber auch nach Asien und Lateinamerika. Insbesondere in China und Bangladesch boomt die Jeansindustrie und es gibt eine deutliche Häufung von Tuberkulosefällen bei den TextilarbeiterInnen. Erhebungen aus der Türkei zeigen, dass Silikose vielfach mit Tuberkulose verwechselt wird. Die weltweite Dunkelziffer der Silikoseerkrankten dürfte also sehr hoch sein.
Akute Silikose in 6-24 Monaten
SandstrahlerInnen sind extremen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. In nur 6-24 Monaten, teilweise gar in nur 3 Monaten, entwickeln sie eine akute Form von Silikose. Diese unheilbare Lungenkrankheit entsteht beim Einatmen von quarzhaltigem Staub und hat einen progressiven Verlauf, selbst wenn kein krankmachender Staub mehr eingeatmet wird. Silikose ist eine der ältesten, vor allem aus dem Bergbau bekannte Berufskrankheit. Wenn die ArbeiterInnen dem Staub stark (hohen Dosen und/oder lange Zeiten) ausgesetzt sind, erkranken sie deutlich schneller und schwerer. Silikose führt zu Lungenemphysemen und Lungenfibrose. Im Krankheitsverlauf verschlechtert sich der Zustand der Betroffenen bis zur Invalidität, häufig endet die Erkrankung mit dem Tod der Menschen. Sie sterben, weil sie nicht mehr richtig atmen können. Bis auf eine Lungentransplantation ist bisher kein Heilmittel bekannt.
Die Sandstrahltechnik wird von Lieferanten oft an Unterlieferanten ausgegliedert, die in vielen Fällen mit nichtregistrierten Betrieben zusammen arbeiten. Oftmals werden die Textilien von jungen WanderarbeiterInnen in garageähnlichen Kleinbetrieben sandgestrahlt. ArbeiterInnen berichten, dass die Räume oft nicht ausreichend belüftet werden, um zu verhindern, dass der Sandstaub entweicht und neuer Sand eingesetzt werden muss.
Recherchen in Bangladesch (2012) und China (2013) belegen, dass ein Verbot alleine nicht reicht, um die Sandstrahltechnik zu stoppen. Oft wird heimlich weiter sandgestrahlt, oder es werden Alternativtechniken angewandt, wie das Besprühen von Jeans mit Kaliumpermanganat, die aber auch schädlich für die ArbeiterInnen sind.
Ein ehemaliger Sandstrahler, Abdulhalim Demir, erzählt:
„Ich kam in den späten 1990er Jahren nach Istanbul und suchte einen Job, denn in meiner Heimatstadt gab es praktisch keine Arbeit. Ich bin im Dorf Taslicay in der Region Bingol im Osten der Türkei aufgewachsen. Meine Eltern waren Bauern und Viehzüchter. Aber mit dem PKK-Konflikt wurden wir vom Weideland vertrieben. Wir konnten unsere Tiere nirgends mehr weiden lassen und mussten sie verkaufen. In dieser Region gibt es keine Industrie, mein Vater hatte daher kein Einkommen mehr. Also musste ich die Schule abbrechen und ging nach Istanbul auf Jobsuche.
Ich kannte niemanden in Istanbul, hatte weder Verwandte noch Freunde dort. Es gab einen Aufenthaltsort für Migranten, ich konnte dort schlafen, und fand bald auch Arbeit. Aber die Migranten verrichten die schmutzigste, gefährlichste und am schlechtesten bezahlte Arbeit.
Zuerst arbeitete ich für Leke Jeans, eigentlich in einer anderen Abteilung, aber mein Schlafplatz war in der Sandstrahlabteilung. Nach einiger Zeit sagten sie mir, dass ich als Sandstrahler arbeiten müsse, wenn ich meinen Schlafplatz behalten wolle. Ich arbeitete also dort für zwei Monate. Von 1998-1999 arbeitete ich als Sandstrahlmeister in einer Fabrik, die für Tommy Hilfiger produzierte. Ich arbeitete und schlief dort, das muss die Zeit gewesen sein, die mich krank machte.
Während meines Militärdiensts fand ich heraus, dass etwas nicht stimmte. Ich konnte nicht rennen, die Ärzte konnten aber nichts diagnostizieren. Sie sagten, ich sei ok. Auch ein Verwandter von mir erkrankte, er hatte die gleichen Symptome. Bei ihm wurde Silikose diagnostiziert, sein Arzt kannte die Krankheit in Zusammenhang mit Sandstrahlen und er erhielt einen medizinischen Bericht. Bei ihm war die Krankheit bereits sehr fortgeschritten, er starb kurze Zeit nach der Diagnose. Ich wurde später auch mit Silikose diagnostiziert. Wir waren eine Gruppe von ehemaligen Sandstrahlern mit den gleichen Beschwerden. Ich erinnere mich, dass wir 157 Männer waren. Bei 145 davon wurde Silikose festgestellt.
Erst später erfuhr ich von meinen Rechten als Arbeiter, und dass diese umgangen wurden. Die Papiere bezüglich Sozialversicherungen waren gefälscht, falsche Buchhaltung etc. Ich hatte zwar einen Vertrag und bezahlte Sozialbeiträge, dennoch musste ich während fast drei Jahren dafür kämpfen, dass anerkannt wurde, dass ich als Sandstrahler tätig war und dass meine Gesundheitsprobleme direkt von dieser Tätigkeit stammen. Der Staat sagt, dass ich im informellen Sektor tätig war und sie deshalb nicht zuständig seien. Wir sagen aber: Hätte der Staat seine Pflicht wahrgenommen, wären solche Situationen gar nicht entstanden. Der Beweis der Arbeiter ist ihre Krankheit.
Alle Arbeiter, die als Sandstrahler tätig waren, sind jetzt erkrankt. Ich wünsche, ich hätte die Risiken vorher gekannt. Wäre mir bewusst gewesen, welcher Gefahr ich mich aussetzte, hätte ich diese Arbeit nie gemacht. Ich will mich jetzt dafür einsetzen, dass alle Sandstrahler weltweit von dieser Gefahr wissen.
Meine Krankheit hat sich in 46 Prozent meiner Lunge ausgebreitet. Ich kann keine körperlichen Arbeiten verrichten, nicht rennen oder klettern. Wenn ich mich erkälte, wird es sehr gefährlich für mich. Ich werde permanent kurzatmig und kann nicht sprechen. Eine Erkältung kann meine Krankheit auch beschleunigen. Ist das der Fall, muss ich ins Spital für einen Monat und bekomme Sauerstoff.
Ich habe drei Kinder, 10, 7 und 6 Jahre alt. Es ist sehr schmerzlich, dass ich nicht arbeiten und normal verdienen kann. Ich verdränge diese Gedanken. Ich versuche, positiv zu denken und hoffe, dass die Krankheit nicht weiter fortschreitet. Ich will meine Zeit und Energie dafür aufwenden, dass keine andern Arbeiter mehr erkranken, weil sie als Sandstrahler in der Jeansindustrie arbeiten. In meinem Heimatdorf, einem 2000-Seelen-Ort, sind jetzt mehr als 300 Menschen erkrankt.“
Die Clean Clothes Campaign fordert von Unternehmen, Staaten und Konsumierenden ein konsequentes Vorgehen zum Schutz der TextilarbeiterInnen.
Unternehmen
Um wirkungsvoll gegen die tödliche Sandstrahltechnik und ihre Folgen vorzugehen, fordert die Clean Clothes Campaign die Bekleidungsfirmen zu drei Schritten auf:
1. Schritt: Die Sandstrahltechnik soll mit sofortiger Wirkung in der gesamten Lieferkette verboten und dieses Verbot öffentlich bekannt gegeben werden.
2. Schritt: Das Verbot der Sandstrahltechnik wird durch geeignete Überprüfungs- und Verifizierungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit örtlich ansässigen Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NROs) umgesetzt und eingehalten.
3. Schritt: Unternehmen sollen Verantwortung für die betroffenen ArbeiterInnen übernehmen, wozu medizinische Versorgung und finanzielle Entschädigung zählt.
DesignerInnen
Die Clean Clothes Campaign fordert von DesignerInnen, dass sie sich der weitreichenden Konsequenzen sandgestrahlter Jeans bewusst werden und keine Modetrends mehr schaffen, die dazu führen, dass unsichere und potentiell lebensbedrohliche Techniken in der Bekleidungsproduktion angewandt werden.
Staaten
Zur Sicherstellung des rechtlichen Rahmens für das Sandstrahlverbot und einen besseren Schutz der ArbeiterInnen, fordert die Clean Clothes Campaign von den nationalen Regierungen ein Verbot der Sandstrahltechnik in der Jeansproduktion, sowie Unterstützung, soziale und medizinische Leistungen und Arbeitsunfähigkeitsrenten für die betroffenen SandstrahlerInnen, egal, ob sie in der formellen oder informellen Wirtschaft tätig waren. Die EU und die Schweiz sollen ein Importverbot für sandgestrahlte Jeans erlassen.
Internationale Arbeitsorganisation ILO und Weltgesundheitsorganisation WHO
Beide Organisationen initiierten bereits weltweite Programme zur Beseitigung der Silikose. Die Clean Clothes Campaign fordert daher, dass die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette der Jeansproduktion in die Programme aufgenommen werden sollen.
Multi-Stakeholder-Initiativen und Business-Initiativen
Die Clean Clothes Campaign fordert von Initiativen, die sich mit Arbeitsstandards in der Textilindustrie auseinandersetzen, dass sie ihren Einfluss nutzen und ihre Mitglieder dazu bewegen, die Sandstrahltechnik aus ihrer Lieferkette per sofort und wirkungsvoll zu verbannen.
Konsumierende
Die Clean Clothes Campaign ruft Konsumierende dazu auf, nur Jeans zu kaufen, die nicht sandgestrahlt wurden.