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Aufgetaucht. Dokumente aus dem Archiv der Gruppe Olten erzählen vom Ringen um das Selbstbild des Vereins.
Von Irina Schubert
Im Sommer 1970 rumort es in der Generalversammlung des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbands (SSV). Grund ist das Zivilverteidigungsbuch, das - angesichts der gefühlten Bedrohung des Kalten Krieges und im Zuge einer fortgesetzten Geistigen Landesverteidigung - vom EJPD herausgegeben und 1969 an alle Schweizer Haushalte verteilt wurde. Unter Intellektuellen stösst das Buch auf grosse Ablehnung. Nun hatte man entdeckt, dass Maurice Zermatten, damaliger Präsident des SSV, an der französischen Fassung mitgewirkt hatte, in der die ohnehin antikommunistischen und antiintellektuellen Tendenzen noch verstärkt wurden. Die Entrüstung ist gross. Die Forderung, der Vorstand des SSV solle zurücktreten, findet jedoch keine Mehrheit.
Schlichtungsversuche scheitern. Im Winter 1970 treten, in einer medienwirksamen Protestaktion, 22 Mitglieder aus dem Verband aus. Darunter finden sich so prominente Namen wie Bichsel, Muschg oder Dürrenmatt. Einige dieser „Dissidenten", wie sie genannt werden, und eigentlich „Organisationsunwillige" werden wenige Monate später, am 25. April 1971, den Verein gründen, der als Gruppe Olten in die Geschichte der Schweizer Literatur eingehen wird.
Im Literaturarchiv lassen sich die Spuren dieses „Gegenvereins" bis in seine Anfangszeit zurückverfolgen. Zahlreiche maschinengeschriebene Seiten und Zeitungsausschnitte dokumentieren die ersten turbulenten Jahre. Die zentrale Frage, an der sich die Gruppe - aus Protest entstanden, widerwillig formiert - von Anfang an und immer wieder abarbeiten muss, ist: Wer sind wir, wer wollen wir sein?
Einig ist man sich von Beginn weg, dass sich die Gruppe Olten, in Abgrenzung zum SSV, nicht nur literarisch, sondern auch politisch äussern will - es weht der Wind der 68er Jahre. Was die Form anbelangt, beschliesst man, so unverbindlich wie möglich, einen „Verein ohne Vereinscharakter" zu gründen. Es ist Mani Matter, der als Jurist die ersten Statuten verfasst.
Das Profil der Gruppe Olten bleibt während der rund 30 Jahre ihres Bestehens vage: politische Organisation, Schriftstellerverband, Autorengruppe oder Kulturverein? Immer wieder wird die Frage zum Anlass vehement geführter Diskussionen. Einen letzten Höhepunkt erreicht die Auseinandersetzung im Jahr 2000. Man diskutiert, ob und wie man das Bekenntnis zur sozialistischen Demokratie - seit 1974 im Zweckartikel der Statuten verankert - ideologisch neutralisieren könnte. Die Debatte ist kontrovers. Eine Urabstimmung entscheidet schliesslich über die ersatzlose Streichung. Die zum Teil weit auseinander liegenden Meinungen deuten auf innere Brüche der Gruppe hin: auf der einen Seite das engagierte Selbstverständnis der Gründerjahre, auf der anderen der Wille, sich als moderner Autorenverband zu positionieren, frei vom ideologischen Ballast des Kalten Krieges.
Die Gruppe Olten und der SSV versöhnen sich über die Jahre, ja arbeiten verbandspolitisch ohnehin eng zusammen. Im Jahr 2002 wird die Spaltung mit der Gründung des Berufsverbands Autorinnen und Autoren der Schweiz schliesslich überwunden. Durch die Wiedervereinigung ist die Frage nach dem Selbstbild, um das die Gruppe Olten jahrelang gerungen hat, hinfällig geworden. Was bleibt, ist der materielle Niederschlag, der Einblick gewährt in jene nicht zuletzt auch produktiven Prozesse, welche die Gruppe, in ihrer ganzen Heterogenität, zu der gemacht haben, die sie war.
Gruppe Olten
Die Gruppe Olten formierte sich 1971 als Folge des Austritts mehrerer Mitglieder aus dem SSV. Sie setzte sich für politische, kulturelle und gewerkschaftliche Ziele ein. Viele prominente Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller traten ihr bei. 2002 löste sie sich auf, um gemeinsam mit dem SSV den heute aktiven Berufsverband Autorinnen und Autoren der Schweiz zu gründen.
Weitere Informationen
Was aus dem Dissidentenclub wurde (PDF, 1 MB, 30.08.2017)Der kleine Bund, Donnerstag, 17. August 2017