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Der W. ist seit röm. Zeit in der Schweiz bezeugt. Im MA und in der frühen Neuzeit galt der Rebbau wie der Gartenbau im Rahmen der Agrarverfassung als Sonderkultur, die umzäunt und von kollektiven Nutzungsrechten ausgeschlossen war. Die Umwälzungen in der Landwirtschaft während der Agrarrevolution von der 2. Hälfte des 18. Jh. bis Mitte des 19. Jh. steigerten die Erträge auch im W., führten dann aber in einer nächsten Phase - verstärkt durch die Rebbaukrise ab den 1880er Jahren - zu einem teils drast. Rückgang der Rebflächen. 2010 bewirtschafteten rund 6'500 Betriebe eine Rebfläche von fast 15'000 ha. Der Anteil des W.s an der landwirtschaftl. Produktion betrug etwa 4%.
Die aus dem Mittelmeerraum stammende Rebkultur und die Weinkelterung wurden im Gebiet der Schweiz allgemein ab dem 1. Jh. n.Chr. eingeführt, nachdem dieses dem Röm. Reich angegliedert worden war. Das Tessin und das Oberwallis bilden aber vielleicht eine Ausnahme, da möglicherweise die Einführung der Weinrebe (Vitis vinifera) südlich der Alpen bereits in der Eisenzeit erfolgte. Von hier aus gelangte der W. dann über die Alpenpässe. Archäolog. Grabungen wie jene in Gamsen-Waldmatte förderten Traubenkerne aus der Zeit ab dem 7. Jh. v.Chr. und gehäuft ab dem 1. Jh. v.Chr. zutage. Dies lässt vermuten, dass lokal bereits W. betrieben wurde oder dass getrocknete Weinbeeren importiert wurden. In röm. Zeit breitete sich der W. im schweiz. Raum wie überall in den klimatisch begünstigten Gebieten des Reichs aus. Zwar wurden weder Weinpressen noch Weinkeller gefunden, dafür aber Reste von Rebstöcken und von sichelförmigen Messern im Wallis sowie ein typ. Rebmesser in Nyon. Der W. in der Schweiz blieb allerdings marginal und diente ausschliesslich der lokalen Konsumation. Deshalb überwog während der gesamten Römerzeit der Import von Weinen von den Küsten des Mittelmeers.
Autorin/Autor: Laurent Flutsch/MI
Der Churer Bf. Tello vermachte in seinem Testament von 765 dem Kloster Disentis einen herrschaftl. Hof mit zugehörigen Weingärten in Sagogn. Dieses Dokument gilt als die erste schriftl. Quelle für den W. in der Schweiz. In der Westschweiz sind in einer karoling. Schenkung aus dem Jahr 814 Rebberge in Eclépens bezeugt. Um 1000 wurde der W. wohl im gesamten Mittelland vom Bodensee bis nach Genf, in den Alpentälern (Bündner Herrschaft und Wallis) sowie auf der Alpensüdseite im Tessin und Veltlin betrieben. Klösterl. und weltl. Grundherren förderten im Hoch- und SpätMA den W. So erstellten etwa Zisterziensermönche während des Landesausbaus im 12. Jh. die Terrassen im Dézaley im Waadtländer Lavaux.
Die Rebgüter der Klöster, Adligen, Städte und Spitäler wurden im Frondienst und Taglohn von Bauern, Taunern und Taglöhnern bewirtschaftet. Ab dem SpätMA verliehen die Grundherren ihr Rebland zunehmend an bäuerl. Pächter, die oft bis zur Hälfte der Ernte als Pachtzins abzugeben hatten (Teilbau). Neben Nutzungsvorschriften wurde im Vertrag häufig die Haltung von Grossvieh verlangt - wegen des Düngers, was den engen Zusammenhang von W. und Landwirtschaft verdeutlicht. Mit der Säkularisation der Klöster in der Reformationszeit erlangten viele Städte als neue Herrschaftsinhaber grossen Rebbesitz. Daneben investierten v.a. reiche Stadtbürger in die Anlage neuer Reben, vorzugsweise an südexponierten Hängen der See- und Flussufer (Stadt-Land-Beziehungen). Einige richteten sich ab dem 16. Jh. Landsitze (Burgen und Schlösser) ein, die von Gemüse-, Obst- und Weingärten umgeben waren. Bis um 1800 trug fast jedes Dorf zur steigenden Weinproduktion bei, was sich in der Vielzahl erwähnter und erhaltener Trotten wiederspiegelt.
Wein wurde ab der Römerzeit aus bevorzugten Anbaugebieten des Mittelmeerraums und ab dem FrühMA auch aus dem Elsass und dem Burgund importiert. In den Städten gewann der Weinhandel (Agrarmarkt) ab dem SpätMA an Bedeutung. Abgaben aus dem W., Zinsen und Zehnt sowie das Ungeld (Steuern) für den Wein brachten Einnahmen. Amts- und Bauleute ebenso wie Taglöhner erhielten Wein zur Verköstigung und als festen Anteil ihrer Entlöhnung. Sowohl in der städt. als auch in der ländl. Gesellschaft war Wein ein Alltagsgetränk. Überliefertes Brauchtum wie das Winzerfest in Vevey (Fête des Vignerons) machte noch zu Beginn des 21. Jh. die Verankerung und Verbreitung des W.s in der Schweiz deutlich.
Autorin/Autor: Heidi Lüdi
Im letzten Viertel des 19. Jh. häuften sich schlechte Witterungsjahre, was zu Missernten im W. führte und die Anfälligkeit der Reben erhöhte. Ausgelöst wurde die Rebbaukrise durch versch. Krankheiten, insbesondere die beiden aus Amerika eingeschleppten Pilze, die Mehltau verursachten, und das Auftreten der Reblaus (Schädlinge). Die Winzer bekämpften die Pilzerkrankungen mit chem. Pflanzenschutzmitteln und mussten von der Reblaus befallene Stöcke ausreissen bzw. ersetzen, was die Produktionskosten in die Höhe trieb. Hinzu kamen die Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Rebbau in die blühende Textil- und Maschinenindustrie sowie die Konkurrenz durch andere Getränke wie Bier, Branntwein, Obstmost, sog. Kunstwein und ausländ. Weine, die mit der Eisenbahn günstig transportiert werden konnten. Zudem dämpfte die aufkommende Abstinenzbewegung den Weinkonsum. Für den W. wenig geeignete Areale wie frostanfällige Ebenen oder Nord- und Schattenlagen, die oft einen qualitativ schlechten und sauren Wein hervorbrachten, wurden in Gärten, Ackerland, Wiesen oder Weiden umgewandelt. Rebparzellen in der Nähe von expandierenden Städten (Basel, Lausanne) und Industriezentren (Monthey, Töss bei Winterthur) hatten der Überbauung zu weichen.
Durch die Bekämpfung der amerikan. Reblaus, die 1875 aus Frankreich über Genf in die Schweiz gelangt war, wurden die Weinberge bis Mitte des 20. Jh. völlig umgestaltet und die jahrhundertealte Verjüngungsmethode des sog. Vergrubens geriet in Vergessenheit. Als wirksamste Massnahme gegen die Reblaus setzte sich ab Ende des 19. Jh. die Pfropfung von europ. Edelrebsorten auf resistente amerikan. Wurzelstöcke durch. Der Bund (Agrarpolitik) leistete bei diesen hohen Investitionen für Neuanlagen finanzielle Unterstützung Gemeinsam mit den Kantonen förderte er die Errichtung eidg. Versuchsanstalten (Landwirtschaftliche Forschungsanstalten) und kant. Weinbauschulen (Landwirtschaftliche Schulen), so u.a. 1886 in Lausanne, 1888 in Auvernier, 1890 in Wädenswil, 1892 in Ecône, 1915 in Mezzana (Gem. Balerna) sowie 1922 in Marcelin (Gem. Morges). Neben der Aus- und Weiterbildung sowie der Beratung der Winzer betrieben diese Schulen die Züchtung und Verbesserung von Rebsorten. Bauern schlossen sich in Weinbaugenossenschaften (Landwirtschaftliche Genossenschaften) zusammen und gründeten Rebbaufonds. Zur regelmässigen Kontrolle der Rebparzellen wurden Kommissionen gebildet.
Die vom Bund 1933 während der Weltwirtschaftskrise durch Fiskalnotrecht beschlossene allg. Getränkesteuer für vier Jahre scheiterte am Widerstand von Weinbauern aus der Westschweiz, insbesondere aus dem Waadtland unter der Führung des späteren Bundesrats Paul Chaudet. Ab 1938 wurde die Weinsteuer nicht mehr erhoben, die Biersteuer blieb hingegen bestehen. Ein Ausgleich der Interessen von Produzenten, Händlern und Importeuren wurde - gestützt auf das Landwirtschaftsgesetz - mit dem sog. Weinstatut von 1953 gefunden. Die unter Bundesrat Rodolphe Rubattel in Kraft getretene Verordnung über den Rebbau und den Absatz der Rebbauerzeugnisse anerkannte im Wesentlichen die 1936-39 eingeführten Schutzmassnahmen für den W. Sie ermöglichte dem Bund, zur Förderung der Qualitätsproduktion einen Rebbaukataster einzuführen, der den W. auf die von den Kantonen festgelegte Weinbauzone einschränkte.
Die gesamtschweiz. Weinanbaufläche, die ihre maximale Ausdehnung von geschätzten 34'000 ha in den 1880er Jahren erreichte, wurde im Verlauf der Rebbaukrise bis in die 1930er Jahre auf etwa 12'000 ha reduziert. Im Mittelland und in der Innerschweiz schrumpfte sie auf weniger als 10% ihrer früheren maximalen Ausdehnung, im Thurgau auf weniger als 5%. Selbst im sonnenreichen Kt. Tessin sank die Anbaufläche der Reben 1877-1980 von geschätzten 8'000 ha auf 915 ha. Hier kam die Erholung langsamer und später als in der Deutschschweiz. In der Westschweiz fiel der Rückgang der Rebfläche geringer als im schweiz. Durchschnitt aus, bewegte sich aber doch zwischen 33% und 50%. Einzig das klimatisch begünstigte Wallis konnte seine Rebfläche 1880-2000 mehr als verdoppeln und stieg zum führenden Weinkanton der Schweiz auf. 2010 betrug sein Anteil von 5'042 ha rund 34% der schweiz. Rebfläche. Ihm folgen die Waadt mit 3'818 ha und Genf mit 1'433 ha. In der übrigen Schweiz ist der W. nur noch an klimatisch gut geeigneten, sonnenreichen und trockenen Lagen bis etwa 650 m bedeutend, so im schaffhaus. Hallau, im Zürcher Weinland, am rechten Zürichseeufer, im Bündner Rheintal, im Misox, in der Drei-Seen-Region und im Kt. Tessin.
Die meistverbreiteten Rebsorten im 20. Jh. waren Merlot im Tessin, Gutedel (Chasselas) in der Westschweiz, Blauburgunder (Pinot noir) in der Deutsch- und Westschweiz sowie Müller-Thurgau (Riesling-Sylvaner) in der Nord- und Ostschweiz. Neuzüchtungen, Wiederentdeckungen alter einheim. Sorten und Experimentierfreudigkeit der Weinproduzenten vergrösserten im ausgehenden 20. Jh. die Sortenvielfalt im schweiz. W.
Das Weinstatut von 1953 prägte die Agrarpolitik des Bundes in der 2. Hälfte des 20. Jh.: Richtpreise und Importkontingentierung sollten den Absatz im Inland und den Export von Schweizer Wein fördern. Die z.T. kritisierten Massnahmen, die der Protektion der einheimisch. Produktion dienten und in den 1960er Jahren zu einer massiven Überproduktion von Weisswein führten, wurden infolge der Gatt- und WTO-Abkommen sowie der Verhandlungen mit der EU in der eidg. Weinverordnung von 2007 gelockert. Letztere brachte auch die geschützte Ursprungsbezeichnung AOC (Appellation d'origine contrôlée). 2010 betrug der Weinkonsum in der Schweiz 2'783'111 hl, davon stammen 68% aus dem Ausland. In der Schweiz gekeltert wurden rund 30% des konsumierten Rotweins und rund 60% des Weissweins. Der Export von Schweizer Wein ist unbedeutend.
Autorin/Autor: Heidi Lüdi