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Die reformatorische Sicht des Betens
«Von Jugend an», berichtet Schappeler, «habe ich täglich das Glaubensbekenntnis gebetet und im Beten bekannt, Christus habe gelitten unter Pontius Pilatus, sei am Kreuz gestorben, begraben worden und am dritten Tag auferstanden … Ich habe diese Geschichte aber nur als ‹Histori›, als Erzählung, wahrgenommen.» Erst durch die Reformation habe er begriffen, dass Christus mit dem Tod am Kreuz alle Sünden, auch die seinen, auf sich genommen habe. Dies veränderte seinen Glauben und damit auch seine Gebete.
Ursprüngliche Form des Betens
Schappeler betonte in seiner grossen Abhandlung, man müsse sich ganz auf die ursprüngliche Form des Gebets zurückbesinnen. Zur Zeit der Apostel verstanden die Gläubigen, was sie beteten; die Gebetstexte müssten nun ebenfalls wieder in der Landessprache gesprochen werden und nicht in Latein, wie es zu seiner Zeit üblich war. Das Gebet sei auch keine verdienstliche Tat, wie man vor der Reformation geglaubt habe. Der Mensch sei ganz auf die Gnade Gottes angewiesen, in ihm selbst sei nichts als Sünde und Schwäche. Nur das demütig gesprochene Gebet dringe zu Gott; Gebete mit Wiederholungen in der Art des Rosenkranzes seien ganz nutzlos.
«Klagen und seufzen»
Schappeler beschrieb verschiedene Formen des Gebets: das Lobgebet, die Danksagung, das Bittgebet für eigene und fremde Anliegen sowie ein kurzes Gebet, das er «Klagen und Seufzen» nannte. Diese kurzen Gebete dienten dazu, sich immer wieder der eigenen Unvollkommenheit bewusst zu werden. Vorschriften über die Gebetshaltung liess er nicht gelten, hielt aber fest, die äussere Haltung sei immer auch ein Abbild der inneren Haltung. Knien sei ein Zeichen der Demut, ausgestreckte Hände ein Zeichen für Reinheit (siehe Abbildung). Wenn aber Herz und Gemüt nicht rein seien, nütze die Körperhaltung gar nichts.
Kein Beten gegen Bezahlung
Mehr als die Hälfte des Werks füllen aus-ufernde, gelehrte Erläuterungen der vorreformatorischen Gebetspraxis und ihrer Fehler. Schappeler blickt dabei auch auf sein eigenes Leben zurück. Auch er habe sich schuldig gemacht, denn auch er habe früher, als er Priester war, von Witwen und anderen einfachen, aber frommen Leuten Geld und Geschenke angenommen. Sie seien gekommen und hätten ihn gedrängt: «Ei, lieber Herr, nehmen sie doch das bisschen Geld, bitten Sie Gott für mich und vergessen Sie mich nicht in der Messe.» Da hätte er Folgendes antworten sollen: «Ei, liebe Frau, es ziemt sich nicht, dass Ihr mir für mein Gebet etwas bezahlt. Ich bin auf Euer Gebet genauso angewiesen wie Ihr auf meines. Wir sollen freiwillig und ohne Bezahlung füreinander beten. Wenn Ihr etwas geben wollt, so gebt es den Armen, den bedürftigen Alten und den Kranken: So ist die Gabe gut angelegt, wie wenn sie Gott selbst gegeben wäre.»
Text: Rudolf Gamper, Historiker | Foto: Kantonsbibliothek St. Gallen – Kirchenbote SG, Dezember 2017