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Der heilsame «Schock von Dubrovnik»
Nach drei Jahrzehnten Entwicklung ist das hochauflösende Fernsehen (HDTV) am Ziel: 2012 wird als das Jahr in die Mediengeschichte eingehen, in dem sich HDTV auch in der Schweiz durchgesetzt hat. Die Einführung des neuen Standards dauerte mehr als 25 Jahre – und damit länger als die Etablierung des Farbfernsehens. Grösste Entwicklungsbremse waren die staatlichen Telekom-Monopole.
Als 1987 in den SRG-Studios das hochauflösende Fernsehen zum ersten Mal hausintern vorgeführt wurde, schwelte gerade ein internationaler Streit um HDTV. Begonnen hatte er im Jahr zuvor in Dubrovnik. Die International Telecommunications Union (ITU), die als eines der wichtigsten Normierungsgremien der Welt gilt, wollte im jugoslawischen Badeort über Normen für das künftige hochauflösende Fernsehen verhandeln. Japanische Ingenieure hatten ihre HD-Technologie vorgestellt, massiv unterstützt von amerikanischen Lobbyisten. Doch die europäischen Vertreter von Industrie und Behörden befürchteten, technologisch den Anschluss zu verlieren, sollte sich Japan und die USA mit ihren Vorstellungen durchsetzen. Mit protektionistischen Argumenten verhinderten die Europäer schliesslich eine Einigung auf eine neue, einheitliche Fernsehnorm. Daraufhin wurde die Konferenz abgebrochen.
Der «Schock von Dubrovnik» hatte vielerlei Folgen; Die japanischen Konzerne warben bei jeder Gelegenheit für ihr HDTV. Im Sommer 1987 stellten sie es am Internationalen Fernsehsymposium von Montreux vor, damals eine der bedeutendsten Tagungen für Fernsehtechnik. Weil die SRG Mitorganisatorin war, konnte sie danach mit japanischer Technik eigene Versuche machen. Nur wenig früher wäre das noch nicht möglich gewesen. Erst in jenem Jahr 1987 war es ihr gelungen, sich ein wenig aus der Abhängigkeit der PTT zu lösen. Weil damals noch ein striktes Fernmeldemonopol galt, waren die PTT bis dahin für die gesamte Fernsehtechnik zuständig gewesen – von den Sendern bis hin zu den Kameras in den Studios. In einem ersten Liberalisierungsschritt konnte die SRG wenigstens die Verantwortung für die Studiotechnik selbst übernehmen, während die Leitungen und die Sender noch bis 1997 in der Kompetenz des Telekom-Monopolisten blieben.
Diese Kluft von staatlicher Technikplanung auf der einen und den öffentlichen Sendern auf der anderen Seite bestimmte auch die Diskussion auf europäischer Ebene. Hinter den Kulissen rumorte es gewaltig. Nachdem in den meisten Haushalten ein Farbfernseher stand, suchte die Industrie dringend neue Technologien, die ihr den Umsatz sicherten. Mit viel Lobbyarbeit gelang es ihr, dass die Europäische Gemeinschaft die HD-Entwicklung zu einem wichtigen Technologieprojekt erklärte und es mit Millionen subventionierte.
Auf der einen Seite standen die grossen Konzerne – allen voran der französische Staatskonzern Thomson und der niederländische Elektronikriese Philips. Gemeinsam mit den Behörden versuchten sie mit eigenen Normen, den europäischen Markt vor der japanischen Konkurrenz abzuschotten. Auf der anderen Seite standen die Sender. Sie bangten um den internationalen Programmaustausch, wenn Europa in Sachen HDTV eigene Wege gehen würde.
Die hohen Subventionen und der enorme Effort der Industrie trugen bereits zwei Jahre nach Dubrovnik erste Früchte. 1988 stellten Philips und Thomson ein funktionierendes HD-System europäischer Herkunft vor. Es hiess HD-MAC und verfügte über 1250 Bildzeilen. Doch es war eine Sackgasse. Denn wie die damalige japanische Technologie war es ein analoges System. Sobald sich die künftige Digitalisierung des Fernsehens abzuzeichnen begann, stand es auf verlorenem Posten. Philips und Thomson realisierten dies freilich zu spät. Noch 1992 führten sie mit riesigem Werbeaufwand HD-Testübertragungen von den Olympischen Spielen in Barcelona durch, während im gleichen Jahr aus den USA die ersten funktionierenden Vorschläge für volldigitales Fernsehen kamen. Sie machten klar: Die dynamische Computerindustrie hatte der Unterhaltungselektronik-Branche den Rang abgelaufen.
HD-MAC entpuppte sich als Milliardengrab – mit desaströsen Folgen für die weitere HD-Entwicklung in Europa. Die Sender fürchteten sich so sehr vor Fehlinvestitionen, dass es runde zehn Jahre länger als in den USA dauerte, bis die ersten HD-Programme auf Sendung gingen. Wie die anderen europäischen Sender investierte die SRG erst in HD-Technologie, als im Rahmen der Abschreibungszyklen ohnehin Neuanschaffungen anstanden. Als in den USA 1996 die ersten Versuchsprogramme den Betrieb aufnahmen, liess die SRG zum Beispiel verlauten, man rechne damit, dass es noch 20 Jahre bis zur HD-Einführung dauere. Dass es dann doch schneller ging, lag letztlich an den Flachbildschirmen, die sich ab 2003 durchzusetzen begannen. Weil sie in der Regel «HD ready» waren, stand ersten HD-Sendungen nun nichts mehr im Weg. 2004 begannen sie im Privatfernsehen. Die britische BBC folgte 2006 mit einem Versuchsprogramm. Ein Jahr später reihte sich auch die SRG mit «HD suisse» ganz vorne ein – rechtzeitig zur Fussball-Europameisterschaft 2008 im eigenen Land.
Grosse Sportereignisse trieben die Fernsehtechnik schon immer voran, weil sie das Publikum zum Kauf neuer Geräte animieren. Das war schon bei der Einführung des Farbfernsehens im Olympia-Jahr 1968 so. Auch damals war es im Vorfeld zu langwierigen Streitereien gekommen, die letztlich für die unterschiedlichen Fernsehnormen in Frankreich und dem übrigen Europa verantwortlich waren. Von den ersten Laborversuchen bis zur Markteinführung hatte es allerdings nur 20 Jahre gedauert. Dennoch zeigt sich in beiden Fällen die Bremswirkung staatlicher Technologiepolitik. Offensichtlich hatte HDTV in Europa erst eine echte Chance, nachdem die Rundfunk- und Telekommunikationsmonopole in den 90er Jahren gefallen waren.
Der Text beruht auf einem Kapitel der «Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG 1983-2011»