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Eine Mitte kann arithmetisch bestimmt oder geometrisch vermessen werden. Sie findet sich auf einer abgemessenen Strecke oder in einem Raum, nicht aber soziologisch und vor allem nicht politisch. Politik ist dem Wesen nach antagonistisch, ein Wettstreit, ein permanenter Konflikt rivalisierender Gruppen mit fundamentalen ideologischen und Interessensgegensätzen. Parteien haben diese Positionen zu markieren und im demokratischen Kampf durchzusetzen. Parteien stiften Identität und Verlass.
Wenn «Die Mitte» aber alles ist – mal rechts, dann links, hie und da relativ föderalistisch, dort relativ zentralistisch, hier ziemlich rechts, dort ziemlich links, oft betont konservativ, oft betont progressiv, ab und zu recht rechts, hin und wieder recht links und innerlich meist gespalten –, dann heisst dies: Sie ist unpolitisch, opportunistisch, schwach, ideenlos, charakterlos, bedeutungslos. Sie hat sich von der realen Politwelt verabschiedet, vertritt niemanden und nichts mehr und löst sich in einer imaginären Zone allmählich auf.
Wenn das neue Gemenge, wie die Namengebung insinuiert, verspricht, sich widersprechende Forderungen von links und rechts in der Mitte zu vereinen, dann neutralisieren sich alle Positionen: Effekt null. (Urs Paul Engeler in Weltwoche 37/2020, 9.9.20)