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Wenn wir uns die Folgen der beiden Weltkriege vor Augen führen, so denken wir zumeist an die immensen menschlichen Opferzahlen. Das ist absolut berechtigt. Doch es ist auch von Belang, sich die Konsequenzen der Kriege auf unsere Umwelt anzusehen.
Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte
Der Erste Weltkrieg läutete eine neue Art der Kriegsführung ein. Vor allem technische Neuerungen machten aus dem Krieg den bis anhin tödlichsten und grössten. Aber nicht nur auf menschlicher Seite waren die Opfer gross, sondern auch die Umwelt litt arg unter dem ‚Great War‘. Wenn wir uns diese Zerstörung vorstellen, so kommt uns als erstes das Bild der Westfront in den Sinn, mit ihren tödlich öden Landschaften, durchzogen von Schützengräben und bar jeglichen Lebens. Jedoch beschränkte sich die Naturzerstörung nicht nur auf die Westfront, sondern erstreckte sich, sogar noch grösserem Mass als der Krieg selbst, auf den ganzen Erdball. Unmengen an Ressourcen mussten für den Kriegseffort her. Holz wurde entweder in heimischen Wäldern geschlagen oder aber aus besetzten Gebieten oder Kolonien importiert. Auch aus Nordamerika kam viel Holz nach Europa. Die Praktiken, mit denen man Holz industriell abbaute, hatten sich zwar durch den Krieg nicht geändert, jedoch wurde in einer noch nie dagewesenen Menge produziert. Dies hatte langfrisitge Folgen: Man baute schnell wachsendes Holz in Monokulturen an.
Verschiedene Metalle, unter anderem Aluminium, wurden selten in Europa selbst abgebaut. Durch den enormen Preisanstieg expandierten europäische Unternehmen mit Staatgarantien ihre Produktion, beispielsweise in Südamerika oder Südostasien. Durch den Einsatz moderner Maschinen wurde die Naturzerstörung vergrössert: Überschwemmungen und Wasserverschmutzung, Erosion und veränderte Flussläufe.
Auch die Ölförderung bekam durch den Ersten Weltkrieg einen Anschub. Zwar war Öl - vor allem am Anfang des Kriegsverlaufes - nicht die entscheidende Ressource. Doch die immer wichtiger werdende Rolle des schwarzen Goldes im Ersten Weltkrieg ebnete den Weg für die grossflächige Förderung in den darauffolgenden Jahrzehnten.
Hinzu kam die Nahrungsproduktion. Vor allem mit Importen aus Nordamerika konnte die Entente, allen voran Grossbritannien, ihre heimische Produktion entlasten. Doch die massive Produktion in den Great Plains und im Mittleren Westen der USA hatte ihre Konsequenzen. Böden wurden komplett übernutzt und ausgelaugt. Dies war, in Kombination mit trockenen klimatischen Bedingungen, mit ein Grund für das Phänomen der ‚Dust Bowl‘ in den 1930ern.
Ganz grundsätzlich kann man bei den Umweltkonsequenzen des Ersten Weltkrieges von einer Art ‚slow violence‘ sprechen. Im Gegensatz zu der ‚sudden violence‘, der ‚plötzlichen Gewalt‘ an der Front, wurden die ökologischen Schäden erst viele Jahre später sichtbar oder blieben gar unsichtbar. So erholten sich zwar die Wiesen und Wälder an der Westfront, auch durch menschliche Hilfe, einigermassen schnell – auch wenn sie eine niedrigere Biodiversität als noch vor dem Krieg aufwiesen. Jedoch war die Erdschicht durch den jahrelangen Artilleriebeschuss derart durcheinandergebracht, dass sich bis heute keine richtige Bodenschichtung mehr gebildet hat.
Der totale Krieg
Der Erste Weltkrieg war dann doch nicht der Krieg, der das Ende aller Kriege brachte. Denn nur wenige Jahrzehnte nach seinem Ende wurde der Zweite Weltkrieg durch das Nationalsozialistische Deutschland begonnen. Die noch grössere Ausdehnung des Krieges trug auch die direkten, plötzlichen Schäden weiter in die Welt hinaus, als es noch der erste Weltkrieg tat. Nicht nur in Europa, sondern auch in Nordafrika sowie im Pazifik wurde massiv auf die Umwelt eingewirkt. Ähnlich wie im Ersten Weltkrieg erhielten die dadurch entstandenen Schauerlandschaften eine wichtige kulturelle Bedeutung. Durch die weitläufige Verbreitung der Fotografie war die Zerstörung – samt der Zerstörung der Natur - weitaus greifbarer. Das Time Magazine war die erste US-amerikanische Zeitschrift, die ein Bild von toten Soldaten veröffentlichte. Das in die Geschichte eingegangene ‚Three dead Americans lie on the beach at Buna‘ kontrahiert die Rolle des Menschen auf die Umwelt: Die Körper sind von Sand bedeckt, der von Wellen angespült wird, Maden bedecken die Körper, im Hintergrund dominiert ein Palmenwald die Landschaft.
Ein Faktor, der bei allen Kriegen eine wichtige Rolle spielte, waren Krankheiten. Im Zweiten Weltkrieg wurden diese durch die immense Masse an beweglichem Personal sowie durch die globale Ausdehnung der Kriegsschauplätze weitaus einfacher übertragen. Eine Krankheit war vor allem im Pazifik ein Problem: Malaria. Es ist also nicht verwunderlich, dass das US-amerikanische Militär eine Lösung suchte. Ein Insektizid, dass von der Ciba-Geigy unter dem Namen Gesarol verkauft wurde, klang vielversprechend. Nach einer mehrjährigen Testphase begann man dieses grossflächig im Pazifik sowie in Italien zu verwenden, um Mücken und deren Larven zu töten. Das Mittel zeigte kurzfristig Wirkung, sodass man nach dem Krieg den zivilen Verkauf in den USA erlaubte. Der Wirkstoff von Gesarol war Dichlordiphenyltrichlorethan, oder abgekürzt: DDT. Keine zwanzig Jahre später veröffentlichte Rachel Carson ihr Buch ‚Silent Spring‘, einen Meilenstein der Nachhaltigkeits- und Umweltbewegung, in dem sie die sich aufsummierenden Schäden von DDT kritisiert.
Der Ressourcenabbau ging im Zweiten Weltkrieg in einem höheren Masse weiter, als noch im Ersten. Grundsätzlich waren die Muster aber die gleichen: In jenen Gebiete der Erde, die keine direkte Kriegsschauplätze waren, wurden die Ressourcen ausgebeutet, mit gravierenden ökologischen Schäden. Paradoxerweise erholten sich aber auch einige Ökosysteme mit dem Einsetzen des Krieges. Beispielsweise ging in Japan aufgrund des Krieges der Fischfang derart zurück, dass die Fischpopulationen um die Insel florierten – wenn auch nur für kurze Zeit, denn alsbald der Krieg vorbei war, stieg die Ausbeutung der Meere innert weniger Jahre auf ein höheres Niveau als noch davor.
In Japan wurden auch die beiden Atombomben von den US-Amerikanern auf die Zivilbevölkerung abgeworfen. Die Konsequenzen dieses Abwurfs bekam auch die Natur zu spüren, diese eroberte das zerstörte Gebiet in den Städten Hiroshima und Nagasaki schnell wieder zurück. Pionierpflanzen begannen mit der natürlichen Sukzession und ehemals urbane Gebiete wurden von Pflanzen überwuchert. Mit dem Wiederaufbau der Städte verschwanden diese Oasen aber wieder. Die Enthemmung die der Mensch gegenüber der Natur im Krieg gezeigt hatte und auch die Mentalität sie als Machtmittel zu nutzen, verschwanden nicht nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Vielmehr schwappten sie immer mehr in die Zivilgesellschaft über.
International Encyclopedia of the First World War: Destruction of the Ecosystem
Jospeh P. Hupy:The Environmental Footprint of War.
Richard P. Tucker et al. (Ed.) : Environmental Histories of the First World War, Cambridge, 2018.
Matthew Evenden: Aluminum, Commodity Chains, and the Environmental History of the Second World War.
William M. Tsutsui: Landscapes in the Dark Valley.