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Claus Beisbart, seit der Antike stellen die Philosophen dieselben Fragen: Was können wir wissen? Worin besteht ein gutes Leben? Was ist Gerechtigkeit? Können die Philosophen keinen Fortschritt vorweisen, wenn sie sich immer noch Dasselbe umtreibt?
Claus Beisbart: Doch, natürlich können sie das. Allerdings glaube ich nicht, dass es in der Philosophie den Fortschritt gibt, sondern eher Fortschritte.
Sie weichen aus.
Nein, gar nicht. Viele philosophische Fragen stellen sich tatsächlich heute wie vor 2000 Jahren. Doch sie müssen immer wieder auf neue Weise beantwortet werden. Denn die Welt hat sich seit der Antike rasant verändert. Die Frage nach der Gerechtigkeit stellt sich heute für eine globalisierte Welt. Aristoteles stellte sie im Rahmen einer Polis. Jede Zeit muss die grossen philosophischen Fragen für sich beantworten.
Trotzdem: In anderen Wissenschaften werden die meisten Fragen irgendwann abschliessend beantwortet. Dann wendet man sich neuen Fragen zu. In der Philosophie ist das nicht so. Da diskutiert man weiter über das Wissen, die Gerechtigkeit und so weiter.
Das ist so. Daher möchte ich auch nicht von dem Fortschritt in der Philosophie sprechen.
Was ist das Problem?
Das Problem liegt letztlich darin, dass wichtige philosophische Fragen von verschiedenen Personen ganz unterschiedlich beantwortet werden. John Rawls behauptete beispielsweise, es sei gerecht, wenn Güter so umverteilt werden, dass die Schwachen davon profitieren. Andere finden genau das ungerecht.
Aber haben wir nicht alle Menschen die gleiche Vernunft? Müssten wir daher nicht, wenn wir scharf nachdenken, zum gleichen Resultat kommen?
Einige sehen das tatsächlich so. Der britische Philosoph Derek Parfit vergleicht die Philosophie mit einer Bergtour. Unterschiedliche Personen, die über eine philosophische Frage nachdenken, nähern sich von verschiedenen Seiten einem Gipfel. Eines Tages treffen sie sich dort. Dann sind sie sich einig. Die unterschiedlichen Denkwege, die sie beschritten haben, sind nicht mehr wichtig. In einigen Bereichen der Philosophie mag das so sein. Für andere Bereiche gilt es aber nicht. So gibt es in der Metaphysik schwierige Probleme, bei denen sich keine Einigung abzeichnet.
Woran liegt das?
In der Philosophie versucht man, seine Antworten auf philosophische Fragen zu begründen. Rawls versucht zum Beispiel zu zeigen, warum es gerecht ist, zugunsten der Schwachen umzuverteilen. Das Problem ist, dass philosophische Begründungen oft nicht zwingend sind. Es gibt Gründe, die für eine bestimmte Antwort sprechen, aber auch Gründe dagegen. Man muss dann zwischen den Gründen abwägen. Das kann schwierig sein.
Und daher gibt es keinen Fortschritt?
Die Idee des Fortschritts setzt klare Massstäbe voraus. Bevor wir vom Fortschritt reden, müssen wir festlegen, an welchen Wertmassstäben wir den Fortschritt bemessen. In der Philosophie fehlen manchmal die klaren Massstäbe. Was die einen an einer Antwort auf eine philosophische Frage gut finden, ist den anderen nicht so wichtig. Die einen verlangen zum Beispiel, dass Antworten auf philosophische Fragen intuitiv einleuchten. Andere kümmern sich nur wenig um unsere Intuitionen.
Trotzdem haben Sie vorhin von Fortschritten in der Philosophie gesprochen. Warum?
Überall in der Philosophie sind viele Fortschritte möglich und in über 2000 Jahren Philosophiegeschichte auch tatsächlich erzielt worden: Es wurden begriffliche Unterscheidungen getroffen, Konzepte geschärft, Theorien formuliert und verbessert. Dadurch verstehen wir heute die philosophischen Fragen viel besser.
Können Sie ein Beispiel geben?
Philosophen unterscheiden etwa schon lange zwischen unterschiedlichen Formen von Gerechtigkeit. Die Verteilungsgerechtigkeit betrifft die Frage, wie Güter verteilt werden sollten. Bei der Strafgerechtigkeit geht es hingegen darum, unrechtmässiges Verhalten angemessen zu bestrafen.
Aber ist es nicht frustrierend, wenn es trotz aller Fortschritte im Detail den grossen Fortschritt nicht gibt? Wenn man sich seit 2000 Jahren um dieselben Fragen streitet?
Ich würde eher sagen: Es ist abenteuerlich. Dass es verschiedene Antworten auf philosophische Fragen gibt, kann auch eine Bereicherung sein. Es regt zum eigenen Denken an.
Zur Person
Claus Beisbart (43) ist Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern. Der Philosoph besitzt auch einen Doktortitel in Physik und erforscht unter anderem die philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaften.
20 Jahre Sternstunden
Am 28. August 1994 flimmerten die ersten Sternstunden über den Bildschirm. Seither haben sich in den Sendungen viele spannende Zeitgenossen die Klinke in die Hand gegeben: Dalai Lama, Umberto Eco, Mohammad Khatami, Noam Chomsky, Pussy Riot und viele andere. Die Sternstunden Philosophie, Religion, Kunst und Musik bleiben auch in Zukunft dran.