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Als besorgte Eltern vor zehn Jahren ihre fiebernden Kinder in eine Gesundheitseinrichtung in Tansania brachten, war die Diagnose sehr häufig dieselbe: Malaria. «Diese falsche Annahme führte dazu, dass viele Kinder mit Medikamenten gegen Malaria nach Hause geschickt wurden, ohne dass eine ordnungsgemässe Diagnose vorlag», sagt Valérie D'Acremont, Ärztin und Expertin für Fiebermanagement am Swiss TPH.
Die Einführung von Malaria-Schnelltests im Jahr 2008 reduzierte die unangebrachte Verschreibung von Medikamenten gegen Malaria drastisch. Sie offenbarte aber auch, was man bald das «Negativ-Syndrom» nannte: die 90 Prozent der Kinder, die Fieber aufwiesen, bei denen der Malariatest jedoch negativ ausfiel. Gesundheitsfachkräfte konnten die Ursache des Fiebers mit den verfügbaren Hilfsmitteln oft nicht feststellen und verschrieben daher fast allen Patienten sicherheitshalber Antibiotika – aus Angst, es könnte sich um eine schwere bakterielle Infektion handeln.
Behandlung von «Malaria-negativen» Kindern
Mehrere Studien, die das Swiss TPH seit 2008 in Städten in Tansania durchführte, ergaben: Von zehn Kindern, die wegen Fieber in eine Gesundheitseinrichtung gebracht wurden, hatte eines eine Malaria und ein zweites eine bakterielle Infektion. Letztere erfordert die Einnahme eines Antibiotikums. Die übrigen acht der zehn Kinder litten an verschiedenen viralen Infektionen wie etwa Virusinfektionen der Atemwege, Dreitagefieber oder einer Magendarmgrippe. «Obwohl die Resultate der Studie ergaben, dass weniger Kinder als angenommen an einer tödlichen Krankheit litten, stellten sie eine neue Herausforderung für die Gesundheitsfachkräfte dar», so Valérie D'Acremont. Die wenigen bakteriellen Infektionen unter den 90 Prozent der Malaria-negativen Kinder auszumachen, ist eine Herausforderung für das Gesundheitspersonal, insbesondere aufgrund fehlender diagnostischer Tests und klarer Richtlinien.
Darüber hinaus müssen auch Virusinfektionen angemessen behandelt werden, um Komplikationen oder sogar Todesfälle zu vermeiden. «Wir haben zum Beispiel gesehen, dass das Gesundheitspersonal Antibiotika gegen Bronchiolitis verschreibt, eine häufige virale Lungenentzündung bei Babys», so Kristina Keitel, Kinderärztin beim Swiss TPH. «Wirklich notwendige Behandlungen wie eine Sauerstoffbehandlung und Rehydratation werden dagegen nicht gegeben.»
Innovatives Tool zur Verbesserung von Diagnose und Behandlung
In den 1990er-Jahren entwickelte die WHO das auf Symptomen basierende Bewertungsschema "Integrated management of Childhood Ilness" (IMCI). Um die Gesundheit von Kindern zu verbessern und die Anwendung des IMCI bei der täglichen Arbeit zu erleichtern, entwickelte das Swiss TPH in Zusammenarbeit mit der Policlinique Médicale Universitaire in Lausanne und dem Ifakara Health Institute in Tansania ALMANACH (Algorithms for the Management of Childhood Illnesses); ein Tablet-basiertes Tool zur Unterstützung klinischer Entscheidungen. ALMANACH wird derzeit in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) implementiert.
«ALMANACH hat die Diagnostik stark vereinfacht und führt mich Schritt für Schritt durch die Bewertung», so Christy Lazarus, Hebamme im Bundesstaat Adamawa in Nigeria. «Das Tool hat zudem meine Kenntnisse erweitert und gibt mir mehr Selbstvertrauen als Gesundheitsfachkraft.» ALMANACH wurde in Konfliktgebieten in Afghanistan und Nigeria getestet und wird derzeit im Bundesstaat Adamawa in Nigeria umgesetzt.
Kombination aus Beratungsunterstützung und Labortests
Um die Diagnostik noch weiter zu verbessern, hat das Swiss TPH einen Schnelltest der nächsten Generation entwickelt: ePOCT (electronic Point-of-Care Tool) – ein Tool, das vom Swiss Programme for Research on Global Issues for Development (r4d-Programm) finanziert wird. «Das IMCI hat relevante Einschränkungen, da es sich praktisch blind auf klinische Beurteilungen verlässt», so Kristina Keitel. «Einfache Laborschnelltests können dabei helfen festzustellen, welche der Kinder schwere Infektionen haben und welche von ihnen eine Behandlung mit Antibiotika benötigen.»
ePOCT führt die Gesundheitsfachkräfte nicht nur durch die Konsultation, sondern integriert auch Laborschnelltests für bakterielle Infektionen und schwere Erkrankungen (niedriger Sauerstoffgehalt im Blut, Anämie, niedriger Blutzucker) sowie den Malaria-Schnelltest.
Verbesserung der Gesundheitslage und weniger Antibiotika
Ergebnisse einer klinischen Studie in Tansania, die 2017 in PLOS Medicine veröffentlicht wurden, zeigten eine verbesserte Gesundheitslage und eine geringere Anzahl an Antibiotika-Verschreibungen. Die Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Ifakara Health Institute (IHI) und dem Stadtrat von Daressalam durchgeführt wurde, hat die klinischen Ergebnisse und die Antibiotika-Verschreibungen zwischen ePOCT, ALMANACH und der Routineversorgung bei über 3000 Kindern verglichen.
«Kinder, die mit ePOCT behandelt wurden, wiesen im Vergleich zum Referenzalgorithmus bessere Gesundheitsergebnisse auf», so Josephine Samaka, Assistenzärztin am Amana Hospital in Tansania und Co-Autorin der Studie. «Darüber hinaus konnten wir die Verschreibung von Antibiotika um zwei Drittel reduzieren.» Auf Grundlage dieser vielversprechenden Ergebnisse wird nun der nächste Schritt darin bestehen, ePOCT in Tansania einzuführen, um das Tool schliesslich in die Routineversorgung von Kindern zu integrieren. Diese Arbeit wird in enger Zusammenarbeit mit den tansanischen Partnern des Swiss TPH durchgeführt.
Kompetenzzentrum für eHealth
Als WHO Collaborating Center für Health Technology Management und eHealth entwickelt und implementiert Swiss TPH verschiedene Initiativen im Bereich eHealth von der Entwicklung von Geräten und Tools über die Programmierung von Software, die Implementierung von Projekten und Capacity Building bis hin zur Entwicklung von Strategien und Richtlinien für eHealth. Swiss TPH wird vom 10. Bis 12. April aktiv am diesjährigen Geneva Health Forum zum Thema „Precision Global Health in the Digital Age“ mitwirken. Das Swiss TPH organisiert auch ein Symposium zum Thema "Clinical Decision Support and Health Information Systems – Potential and Pitfalls of New Technologies" am 25. April in Basel.