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„Leben wir heute wirklich besser?“ - Eine Replik
Das Buch von S. Pinker, „Enlightenment Now“ (Aufklärung jetzt!), wird von Bill Gates als sein Lieblingsbuch aller Zeiten [1] bezeichnet. Ich verstehe nach dessen Lektüre durchaus warum. Der Autor spricht sich für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt aus. Wie kann man sich ernsthaft auch nur gegen einen dieser Aspekte aussprechen und wofür wollte man stattdessen einstehen?
Der Verweis auf Hans Rosling im Beitrag könnte insofern missverstanden werden, als er mit der Aussagen zitiert wird, dass die Welt „besser und schlecht gleichzeitig“ sei. Hans Rosling sagt aber klar und wie S. Pinker, dass es zwar besser wird, aber dass der Zustand noch nicht gut ist, wir also nicht am Ziel sind.
Negative Einschätzungen wirksamer als positive
S. Pinker wird vorgeworfen, er schiebe die Verantwortung für die negative Wahrnehmung der Welt unter anderem den Medien zu. Tatsächlich hat eine Auswertung [2] gezeigt, dass die mediale Berichterstattung zusehends negativer wurde.
Pinker sagt klar, dass die Ursachen für die übermässig negative Wahrnehmung der Welt keineswegs alleine bei den Medien zu suchen sind. Vielmehr gibt es psychologische Gründe dafür. So kann gesagt werden, dass negative Aspekte des Lebens und Gefahren bei frühzeitiger Wahrnehmung die Lebenserwartung unserer entfernteren Vorfahren deutlich erhöht haben dürften. Die Präferenz des Negativen ist tief verwurzelt und führt nachweislich dazu, dass wir negative Kritiken regelmässig als glaubwürdiger betrachten als positive, negative Argumente wegen der nachweislich höheren Wirksamkeit in Abstimmungskampagnen eifrig bewirtschaftet werden oder wir viel grössere Angst haben, einen Betrag zu verlieren als denselben Betrag nicht zu gewinnen.
Ein weiterer Faktor ist die „Verfügbarkeitsheuristik“, wonach wir generell Ereignisse für wahrscheinlicher halten, wenn sie uns einfach in den Sinn kommen. Die von Medien unter dem Titel „News“ häufig dargestellten Ereignisse erscheinen uns daher als besonders real und gefährlich, auch wenn das unzutreffend ist.
Die Befindlichkeiten in Wohlstandsgesellschaften
Nicht nur die vollständige Ausmerzung von Pocken (letzte Erkrankung 1977 in Somalia) auf der Welt ist ein Fortschritt, sondern auch die Reduktion der weltweiten extremen Armut (Einkommen pro Kopf kleiner als 1.9 Dollar pro Tag) von 85 Prozent der Menschheit [sic!] um 1800 auf 9 Prozent im Jahr 2017. Ist es nicht besser, die Lotterie der Geburt heute zu wagen, als vor 200 Jahren, und zwar gerade weil die Einzelschicksale derart hart waren und sind? Man würde einem Humanisten wie Pinker ganz und gar nicht gerecht werden, wenn man ihm unterstellte, dass er sich nicht um Einzelschicksale kümmern würde.
Zum Schluss wird Pinker entgegengehalten, die kollektive Zufriedenheit sei nicht angestiegen. Es mutet schon etwas zynisch an, wenn hier über die Verbesserung der Zufriedenheit der Bewohner einiger reicher Staaten diskutiert wird, die noch weiter optimiert werden könnte, wenn gleichzeitig die Zahl der unterernährten Menschen von 1970 (das ist nicht so lange her) bis 2015 von 28 auf 11 Prozent gesunken ist. All diese Menschen, die nun nicht hungern müssen, sind deswegen sicher zufriedener. Selbst wenn man unsere Zufriedenheit als die relevanteste Grösse nehmen wollte, muss man seine Aussagen auf Fakten basieren.
Die guten alten Zeiten und das schlechte Gedächtnis
Es kann zum Beispiel auf Suizidzahlen geschaut werden, um zu versuchen, anhand der gänzlich Verzweifelten eine Aussage über die generelle Zufriedenheit einer Bevölkerung zu machen. Die Suizidrate bewegte sich in der Schweiz mehr oder weniger zwischen 0.02 und 0.025% und fiel ab den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter 0.015% [3]. Vieles ist auch eine Frage der Wahrnehmung und Erinnerung: das Einzige, was die guten alten Zeiten gut macht, ist ein schlechtes Gedächtnis.
Gerne empfehle ich das sehr gut und oft humorvoll geschriebene Buch von S. Pinker, „Aufklärung jetzt“ zur Lektüre. Nebst relevanten, höchst interessanten und oft unbekannten Fakten kann es eine neue Sicht der Dinge ermöglichen und zum Handeln motivieren. Die Menschheit hat gute Chancen, ernsthafte Probleme anzugehen und in die richtige Richtung voranzutreiben. Ob das letztlich gelingen wird, kann nicht vorausgesagt werden (daher ist die Frage auch nicht sehr interessant). Aber die erfolgversprechenden Strategien sind bekannt und ebenso weiss man, welche Methoden nicht zielführend sind: allen voran Aberglaube, Ideologie und Ignoranz. Gerne würde ich mich daher nicht als Optimisten, sondern wie Hans Rosling als „sehr ernsthaften Possibilisten“ bezeichnen.
* Beat Moser hat in Zürich Jura studiert. Er arbeitete als Rechtsanwalt, später in der Geschäftsleitung von Sunrise und als Verbandsgeschäftsführer in der Stromwirtschaft in den Bereichen Recht, Regulierung, Politik und Kommunikation.
3) 1 Ajdacic-Gross et al. 2006, fig. 1.
Kommentare
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