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Ausgangslage
Die Kantonsschule Stadelhofen Zürich stellte mit Eingabe vom 8. März/17. Juni 2010 gemäss dem am 3. September 2002 vom Bildungsrat beschlossenen Verfahren Antrag auf die Einführung des Schwerpunktfachs Biologie/Chemie (Wiedereinführung des mathematischnaturwissenschaftlichen Profils). Sie bietet zur Zeit das altsprachliche, das neusprachliche und das musische Maturitätsprofil an.
Die Kantonsschule Stadelhofen führte als damals stadtzürcherisches Gymnasium bis zur Kantonalisierung im Jahr 1975 als Abteilung IV der Töchterschule ein Unterseminar sowie die Maturitätstypen B II und C (ab 1968). 1977 wurde der Typus C auf Beschluss des damaligen Erziehungsrats am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl konzentriert. 1980 wurden deshalb an der Kantonsschule Stadelhofen die letzten CMaturitätsprüfungen durchgeführt. Die Schule möchte nun die naturwissenschaftliche Ausbildung mit dem Schwerpunktfach Biologie/Chemie wieder anbieten. Damit beabsichtigt sie, ihren Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu Studien und Berufen im naturwissenschaftlich-medizinisch-technischen Bereich wie Pharmazie, Medizin oder in anderen verwandten Gebieten zu eröffnen.
In ihrem Antrag bezieht sich die Schule auf die aktuelle bildungspolitische Diskussion, in welcher der Ruf nach vermehrten Ausbildungsmöglichkeiten auf naturwissenschaftlichtechnischem Gebiet speziell für Frauen öfters laut wird. Das zusätzliche Angebot könnte an der mehrheitlich von jungen Frauen besuchten Schule (ca. 75%) den Zugang zu solchen Studien- und Ausbildungsgängen verbessern.
Die Kantonsschule Stadelhofen geht nicht davon aus, dass eine der anderen acht Kantonsschulen, die im Kanton Zürich das mathematisch-naturwissenschaftliche Profil anbieten, durch ihr Angebot einen Nachteil erfahren würde. Sie erwartet, dass sie pro Jahr nur eine halbe bis max. eine ganze Klasse bilden würde.
Der Antrag der Kantonsschule Stadelhofen bezieht sich auf das mathematischnaturwissenschaftliche Profil mit Schwerpunktfach Biologie/Chemie ohne das Schwerpunktfach Physik/Angewandte Mathematik, das die Kantonsschule Glattal anbietet. Auf Grund der eingereichten Stundentafel sind durch eine Einführung des Schwerpunktfachs Biologie/ Chemie keine Mehrkosten zu erwarten. Die Stundendotation von total 15.5 Jahreslektionen entspricht jener der anderen an der Schule unterrichteten Schwerpunktfächer. Der Lehrplan für das Schwerpunktfach Biologie/Chemie genügt den fachlichen Ansprüchen.
Die Schulleiterkonferenz (SLK) sprach sich gegen das Gesuch der Kantonsschule Stadelhofen aus, weshalb der Bildungsrat die Behandlung des Gesuchs anlässlich der Sitzung vom 1. November 2010 zurückstellte. Das MBA wurde beauftragt, zusammen mit der SLK, eine Strategie für die Zuteilung der Schultypen und Maturitätsprofile an Mittelschulen zu entwickeln. Sollte die Entwicklung eine solche Strategie nicht innert nützlicher Frist möglich sein, sei das Gesuch der Kantonsschule Stadelhofen dem Bildungsrat erneut vorzulegen. Die Strategie sollte die Weiterentwicklung der Mittelschulprofile ermöglichen, aber auch die Qualität der Lehrpersonen und des Unterrichts sowie die kritische Masse (Schüler/innen, Lehrpersonen, Schulraum) gewährleisten.
Erwägungen
Neu zu entwickelnde Strategie der Profilzuteilung
Gemäss Auftrag des Bildungsrats vom 1. November 2010 hat das MBA mit der SLK das Gespräch gesucht, um gemeinsam eine Strategie für die Profilzuteilung zu entwickeln. Die SLK legte Wert darauf, zunächst einen Strategiefindungsprozess im Kreise der SLK durchzuführen. Dieser konnte erst am 25. Mai 2011 abgeschlossen werden. Die vorliegenden Grundlagen werden nun im Mittelschul- und Berufsbildungsamt weiter bearbeitet sowie mit betriebswirtschaftlichen bzw. organisatorischen Kriterien ergänzt. Dem Bildungsrat kann deshalb noch keine umfassende, längerfristige Strategie zur Zuteilung der Schultypen und Maturiätsprofile unterbreitet werden. Über den Antrag der Kantonsschule Stadelhofen soll deshalb auf Grund der bisherigen Beschlusslage befunden werden.
Das mathematisch-naturwissenschaftliche Maturitätsprofil in der Stadt Zürich
In der Stadt Zürich führt bisher allein das Mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl das mathematisch-naturwissenschaftliche Profil als einziges Maturitätsprofil, im Sinne eines Kompetenzzentrums mit beiden Schwerpunktfächern Physik/Angewandte Mathematik und Biologie/Chemie. Ihm angegliedert ist das Kunst- und Sportgymnasium (Gymnasium K+S), das innerhalb von fünf Jahren musikalisch, sportlich oder tänzerisch besonders begabte Jugendliche im neusprachlichen, mathematisch-naturwissenschaftlichen und musischen Profil zur Maturität führt.
Stellungnahmen zum Antrag der Kantonsschule Stadelhofen
Die Kantonsschule Stadelhofen stellte ihren Antrag an den Bildungsrat am 24. März 2010 in der SLK vor. Diese steht dem Anliegen der Kantonsschule Stadelhofen, den naturwissenschaftlichen Unterricht zu stärken, zwar positiv gegenüber, empfiehlt dem Bildungsrat aber insgesamt die Ablehnung des Antrags. Sie weist insbesondere darauf hin, dass der Antrag das bewährte und fein austarierte System der Profilzuteilung an die kantonalen Mittelschulen gefährde. Sie nennt die Gefahr der Zersplitterung des Angebots, die zu höheren Kosten führen könnte. Zudem befürchtet sie eine Unübersichtlichkeit der Schulangebote, da die Kantonsschule Stadelhofen nur das eine Schwerpunktfach Biologie/Chemie anbieten möchte. Sie erinnert an den Bildungsratsbeschluss vom 26. April 2010 im Zusammenhang mit der NaTech-Expertise, und leitet daraus ab, dass zurzeit keine Entscheide zu fällen sind, welche
zu strukturellen Änderungen führen würden. Schliesslich führt die SLK an, dass die Kantonsschule Stadelhofen keine Notwendigkeit habe, ihr Profilangebot auszuweiten, da sie jeweils so viele Neuanmeldungen erhält, dass regelmässig Umteilungen an andere Schulen vorgenommen werden müssen.
Gemäss dem 2002 vom Bildungsrat beschlossenen Verfahren bezüglich des Vorgehens bei Profilzuteilungen steht es auch einzelnen Schulen offen, sich zu entsprechenden Anträgen zu äussern. Von dieser Möglichkeit haben die Kantonsschulen Hohe Promenade, Im Lee Winterthur und das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl Gebrauch gemacht.
Die Kantonsschule Hohe Promenade, welche der Kantonsschule Stadelhofen ihre Spezialräume für die naturwissenschaftlichen Fächer zur Verfügung stellt, weist darauf hin, dass die vorhandenen Raumkapazitäten überschritten werden könnten und befürchtet zudem eine Einschränkung in der eigenen Stundenplangestaltung.
Die Kantonsschule Im Lee Winterthur sieht das Gleichgewicht unter den Zürcher Kantonsschulen gefährdet und befürchtet einen Rückgang der eigenen Schülerzahlen. Daneben hält sie die Einführung eines Teilprofils für wenig sinnvoll.
Das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl befürchtet ebenfalls einen Rückgang der eigenen Schülerzahlen. Die Schule weist zudem darauf hin, dass die Genehmigung des Antrags ihren eigenen Anstrengungen und Bestrebungen zuwiderlaufen würde, die Frauenquote auf rund einen Drittel zu erhöhen. Sie sieht die Stärke der Stadtzürcher Mittelschulen darin, dass sie sich durch eine klare Zuteilung der Profile unterscheiden.
Gründe für die Profilzuteilung
Folgende Gründe sprechen für die Neuzuteilung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Profils an die Kantonsschule Stadelhofen:
- Die Kantonsschule Stadelhofen weist in ihrem Antrag darauf hin, dass die Schule zu 75% von Schülerinnen besucht wird und dass sie diesen eine attraktive naturwissenschaftliche Ausbildung auf hohem Niveau anbieten wolle. Damit möchte sie insbesondere den Schülerinnen einen zusätzlichen Zugang zu Studien und Berufen im naturwissenschaftlich-medizinisch-technischen Bereich eröffnen. Grundsätzlich wäre es interessierten Schülerinnen auch möglich, das mathematisch-naturwissenschaftliche Profil am nahe gelegenen Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl zu besuchen. Die Kantonsschule Stadelhofen wäre bei Gutheissung des vorliegenden Antrags indes die einzige Schule mit grossem Frauenanteil in der Stadt Zürich, mit einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil. Diese Entwicklung ist zu unterstützen.
- Mit der aktuellen Zuteilung der Profile hat das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl in der Stadt Zürich faktisch ein Monopol im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Mit einer Zuteilung des Schwerpunktfachs Biologie/Chemie an die Kantonsschule Stadelhofen und der damit einhergehenden Erweiterung des Angebots an mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunktfächern in der Stadt Zürich würde eine zusätzliche Wahlmöglichkeit geschaffen.
Schaffung von Teilprofilen
Die Kantonsschule Stadelhofen beantragt die Einführung des Schwerpunktfachs Biologie/Chemie, das heisst nur eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Teilprofils und verzichtet in ihrem Antrag ausdrücklich auf die Einführung des Schwerpunktfachs Physik/Angewandte Mathematik. Mit der Zuteilung von Teilprofilen wird ein neuer Weg beschritten – vom Profilsystem hin zur Festlegung einzelner Schwerpunktfächer. Dies könnte für andere Schulen zum Anlass werden, ihr Angebot ebenfalls losgelöst vom Raster der Profile auszuweiten. Eine solche Entwicklung in grösserem Ausmass sollte aus Qualitätsgründen vermieden werden.
Auf eine Trennung des Schwerpunktfachs von den beiden Grundlagenfächern Biologie bzw. Chemie ist sowohl in der Stundentafel als auch im Lehrplan zu achten. Grundlagenfach und Schwerpunktfach müssen getrennt unterrichtet werden. Die entsprechenden Unterschiede sind deutlich auszuweisen. Beide Dokumente sind dem Bildungsrat im Herbst 2011 zur Genehmigung einzureichen.
Das Gesuch der Kantonsschule Stadelhofen kann im Sinne der Erwägungen gutgeheissen werden. Die Umsetzung erfolgt auf das Schuljahr 2012/13.
Antrag
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Bildungsrat:
- Die Einführung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Profils mit dem Schwerpunktfach Biologie/Chemie an der Kantonsschule Stadelhofen wird bewilligt.
- Der geänderte Lehrplan und die Stundentafel sind dem Bildungsrat bis im Herbst 2011 vorzulegen.
- Publikation des Bildungsratsbeschlusses in geeigneter Form im Schulblatt und im Internet.
- Mitteilung an die Kantonsschule Stadelhofen; die Präsidentin der Präsidentenkonferenz Schulkommissionen, Frau Dr. Susy Stauber; den Präsidenten der Schulleiterkonferenz Mittelschulen, Herrn Prof. Dr. Peter Ritzmann; den Präsidenten der Lehrpersonenkonferenz Mittelschulen, Herrn Martin Lüscher, sowie das Mittelschul- und Berufsbildungsamt.