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GODEFROIT DE LEIGNI LI CLERS: LI GOLFRED DE CRESTIEN LI GOI.
EIN UNERWARTETES ANAGRAMM DES VERSES 7124 DER "CHARRETTE" ?
Mes nus hom blasme ne l’an mete (Charrette, v.7126)
Wenn man davon ausgeht, dass sich der dichterische Text zur Sinnbereicherung der ursprünglichen Instabilität des Zeichens bedient, welche in der Intralinguistik als „instabiler Mikrotext“[1] definiert wird, dann ist es durchaus möglich, dass das Anagramm im Vers 7124 der Charrette von Chrétien de Troyes das Ergebnis einer vom Autor bewusst ausgedachten Permutation der Buchstaben darstellt.
Falls dies nicht der Fall sein sollte, bitte ich sie diese meine nun folgenden Überlegungen als erholsame spielerisch-sprachwissenschaftliche Übung zu betrachten.
Im Prolog der Charrette unterstreicht Chrétien, dass deren Materie und Sinn eine grosszügige Spende von der Gräfin von Champagne waren und seine Aufgabe lediglich darin bestand, der Erzählung die Form zu geben und er nur sans ne painne (v.23) oder sa painne et s’antancion (v.29) beisteuerte.
Hierin beruft er sich auf das platonische Topos, welches auch von der Schule von Chartres und im Speziellen von Alanus ab Insulis übernommen wurde, gemäß welchem das Kunstwerk dem Autor vorangeht und lediglich aus seiner Hülle (oder Integumentum)[2] befreit werden muss.
Der Vergleich zwischen der Charrette mit den Prigioni von Michelangelo Buonarrotti mag anachronistisch anmuten: doch sowohl Michelangelo als auch Chrétien wählten das Unvollendete, um das platonische Prinzip des Vinculums zum Ausdruck zu bringen; d.h. dass sowohl die Prigioni von Michelangelo als auch der lebendig eingemauerte Lanzelot in seinem weltlichen Gefängnis nichts anderes sind als moralische Allegorien, Symbole der sich nicht regenerierenden menschlichen Seele, gefangen in den eigenen natürlichen Wünschen, gemäß dem platonischen Prinzip, das die körperlose Seele an den stofflichen Körper bindet. Dies alles natürlich gemäß der Aussage von Godefroit de Leigni, der uns darauf hinweist, dass er die Erzählung ab dem Vers 7131 übernommen hat, wo Lanceloz fu anmurez (wo der Ritter Lanzelot eingemauert wurde). – In diesem Kontext sei daran erinnert, dass Lanzelot Vernunft vernachlässigte um der Liebe zu folgen.
Allein derjenige, der moralisch integer ist, kann vom weltlichen Gefängnis befreit werden, in das er eingemauert wurde: Giuseppe d’Arimatea, der in Lukas 23,50 als „gute und gerechte“ Person dargestellt ist, und dessen Geschichte im Pseudo Evangelium von Nicodemus beschrieben ist, wird ganze vierzig Jahre im Gefängnis überleben wo er, wie Lanzelot, lebendig eingemauert wurde, sich allein vom wundersamen Kelch ernährend der das Blut Christi am Kreuz aufgenommen hatte, um schlussendlich vom Erlöser befreit zu werden (Der Text des Pseudo-Evangeliums von Nicodemus dürfte Chrétien nicht unbekannt gewesen sein; es ist sogar anzufügen, dass von den drei überlieferten altfranzösischen Reim-Versionen,[3] eine die Unterschrift eines Autors mit Namen Crestiens aufweist.[4]
Lanzelot verdiente es, gemäss Chrétien, eingemauert zu bleiben, wenn nicht ein Kleriker mit anspielungsreichem Namen einschreiten und ihn befreien würde:
Ci faut li romanz an travers.
Godefroit de Leigni, li clers,
A parfinee ‚La Charrete‘[5]
Die primäre Bedeutung von an travers im Vers 7123 ist „völlig“ (gemäss Tobler-Lommatsch), weshalb er normalerweise mit „hier ist der Roman völlig beendet“ übersetzt wird; nichtsdestotrotz kam ich nicht umhin, den Ausdruck im etymologischen Sinne zu interpretieren: in traversum, was als ein Lesehinweis nicht nur für den folgenden Vers, in dem die Autonominatio des Fortführers der Charrette genannt wird, sondern für den gesamten Roman gelten könnte.
Wenn man die Buchstaben umstellt, entspricht das erste Ergebnis einer Lektüre in umgekehrter Weise der Zusammensetzung eines Anagramms.
Um ihre Geduld nicht mit mathematischen Rechnungen, basierend auf dem sogenannten Vektor von Parikh zu strapazieren, komme ich sofort auf den Punkt: eine mögliche neue Anordnung aller Buchstaben des Vers 7124 Godefroit de Leigni li clers ergibt folgendes Ergebnis: Li Golfred de Crestien li Goi.
Es ist ungewöhnlich, dass im Anagramm die Namen der Romanautoren erscheinen: der erste mit einer graphisch interessanten Variante, welche etymologisch von Gula hergeleitet an den Namen eines wilden Tieres, des golafre[6] oder Nascher/Leckermaul erinnert – welches in den zeitgenössischen Chansons de Geste Ursprung war vom riesenhaften pantagruelschen Schwelger Golafre/Golafred/Agolafre –; der zweite Name ist der von Chrétien, cas régime, gefolgt vom selben Epitheton/Beiwort, welches auch im Vers 734 der Philomena erscheint: Ce comte Crestiiens li Gois, über den sich die Kritiker lange ausgelassen haben,[7] ohne jedoch jemals zu einem eindeutigen Ergebnis zu gelangen.
Geben wir es zu, ohne die Sache jedoch allzu ernst zu nehmen, dass dieses Anagramm kein Produkt des Zufalls ist: wer sind Golfred und Crestïen li Goi? Die Antwort wirft eine neue Frage auf: man muss sich nämlich fragen, ob der Ausdruck goz, der sich mit toz reimt und im Vers 5168 der Charrette[8] erscheint, nicht eine graphische Variante von goi ist. Im Text befinden wir uns dabei an der Stelle, an der die aus Logres Gebürtigen von Meleagant gefangen gehalten und dann von Lanzelot befreit werden, und Galvan folgendes über das Schicksal des Heldes erzählt:
Mes traïz nos en a uns goz:
Uns nains boçuz et rechigniez;
Laidemant nos a engigniez 5170
Qui Lancelot nos a fortret;
Nos ne savons qu’il en a fet
Dass die Bedeutung von goz auch zeitgenössischen Lesern von Chrétien und Godefroit nicht unmittelbar geläufig gewesen sein musste, würde dadurch bestätigt, dass im Vers 5169 der Autor darauf bedacht ist, eine Erklärung dafür zu liefern. Raphael Levy, der die Angabe aus einem Hebräisch-Französischen Wörterbuch entnommen hatte, ist der Meinung, dass es sich bei den Begriffen goz und gois um Synonyme handelt: «I found goz used to traslate the Hebrew word for „dwarf“ in a Judaeo-French Glossary of Paris, Bibl. Nat. fonds. hébr., 301, fol.46r, Ezekiel XXVII, 11»[9]. Demzufolge gelangt er zum Schluss, dass in der Version, in der der Begriff in Philomena vorkommt, «the name corresponds to Chrétien le Nain»[10]. Die Angelegenheit ist jedoch meines Erachtens weitaus komplexer. Nicht nur weil Levy nicht erläutert welches das hebräische Wort für „Zwerg“ ist, auf das das von ihm hinzugezogene antike Wörterbuch hinweist – natürlich handelt es sich dabei um den Begriff גּוּץ, gutz, der moralische Verwicklungen mit sich bringt, da es ein „kleines, boshaftes und missgebildetes/verkrüppeltes Wesen“ ist – aber vor allem, weil unterstrichen werden muss, dass die hebräischen goz und gois keine Synonyme sind: Bereits im mittelalterlichen Hebräisch hat goi גוי (Plural גוים, goyim) ausgehend von einer ursprünglichen Bedeutung, in der Tanach, von „Nation“, einen Bedeutungswandel zu „nicht hebräisch“, der „Christ“ durchgemacht und dann, mit der negativen Bedeutung zu „Juden, die die hebräischen Gesetze ignorieren“, bzw. zu denjenigen, die sich in jungen Jahren zum Christentum bekehrt haben (der Begriff, in derselben negativen Bedeutung, überlebte bis heute im Ijddischen). Die Jewish Enciclopedia[11] erinnert ausserdem daran, dass gemäß jüdischem Recht «all diejenigen, die Kinder einer Heidin und eines Juden sind, als גוים , goyim zu betrachten sind».
Die Nebeneinanderstellung der beiden Termini ist jedoch allein schon interessant wegen der sich daraus ergebenden Folgerungen: der Zwerg ist nämlich eine Figur, welche im gesamten Roman vorkommt – sowohl in dem Chrétien zugewiesenen Teil als auch im Folgeteil von Godefroit. Die psychopompische Funktion des Zwerges ist gründlich erforscht worden: der Zwerg erscheint im Roman bereits im Vers 349 als Fuhrmann, oder als derjenige, der den Karren der Schande lenkt/führt. Dieses Indiz weist meines Erachtens bereits darauf hin, dass man es mit einer figura auctoris zu tun hat. In den Handschriften ist er (in Vers 356) von pute origine oder auch, gemäß der lectio facilior desselben Verses, als von stinkendem Urin getränkt dargestellt – ich zitiere: Li nains cuiverz de pute orine.
An dieser Stelle sei bemerkt, dass die lectio difficilior eine Verbindung der beinahe homophonen hebräischen Ausdrücke impliziert: der Zwerg (goz) ist auch ein bekehrter Jude (gois) und demzufolge ein Wesen „niederer Herkunft“.
Man stellt somit fest, wie der goz-gois im Zuge weniger Verse zu demjenigen wird, der den Held nach Belieben zieht:
„Di, nains, di, tu qui le traïnes,
A quel forfet fu il trovez?
Est il de larrecin provez? 420
Est il murtriers ou chanpcheüz?“»
Et li nains s’est adés teüz
Plötzlich wird auch von Chrétien behauptet, dass er s’est teüz, genau wie der Zwerg (in Vers 422?), der in den Versen 5059-62: sor un grant chaceor, / et tint une corgiee por chacier / son chaceor et menacier und dem die Hauptfigur Lanzelot sich voll und ganz anvertraut, indem er ihm nichts ahnend folgt: 5101: Et siust le nain qui traï l’a[12].
Zwischen dem Zwerg und dem Riesen Meleagant, Uns chevaliers molt forz et granz, Filz le roi de Gorre (v.642-43) besteht eine essenzielle Komplizenschaft für den Ablauf der Aventüre (oder Âventiure).
Es ist nicht zu übersehen, dass eine starke satyrische Ader den gesamten Roman durchzieht. Wenn wir mit Roberta Krueger einig sind, dass Godefroit niemand anders ist als «an ironic scribal persona created by Chrétien himself»[13], dessen Name meines Erachtens wie ein spöttisches Senhal für den gleichnamigen Abt von Lagny hinweisend gelesen werden kann, welcher vom Papst Alexander dem Dritten wegen seines skandalösen Verhaltens[14] exkommuniziert wurde und der gemäß der Cartulaire de Saint-Martin-des-Champs 1162 ermordet wurde, könnte eine an travers Lektüre des Abschnitts in dem der Autor des zweiten Teils der Charrette sich offenbart, gerechtfertigt sein, vor allem in Anbetracht der Ironie welche den gesamten Text charakterisiert.
Lanzelot ist unter einem theoretischen Gesichtspunkt im Besitz aller christlichen Tugenden, um ein chevaliers de grant bonté zu sein, wenn seine Vernunft nicht durch die abgöttische Liebe zu Guinievre getrübt wäre. Als guter Christ kommt Chrétien nicht umhin ihn zu verurteilen; respektive sein alter ego handeln lassen: li Godefred de Crestïen li Goi, ein bissiger Stachelstock gegen die christliche Moral, der eingreift, um den Ritter zu befreien und dem Roman eine andere Wende zu geben, wie von dem Waffenherold während dem Turnier angekündigt: V. 5583 «Or est venuz qui l’aunera!», auch den Geist des Autors selbst befreiend „quondam Hebraeus postea vero Christianus“[15], welcher im Sinne der Schule von Chartres, nichts anderes als ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen ist, dessen überaus anspielungsreicher Spitzname Goliat von einem großen Philosophen übernommen wurde.
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[1] Siehe Giampaolo Sasso, La mente intralinguistica. L’instabilità del segno: anagrammi e parole dentro le parole, Marietti, Genova, 1993.
[2] Die hierzu gehörende Bibliographie ist sehr umfangreich. Mit den zahlreichen Studien von E. Jeauneau welcher ein ganzes Forscherleben der philosophischen Schule von Chartres gewidmet hat, gebe ich nur einige jüngere Beiträge an, die den Einfluss der neoplatonischen Schule von Chartres bei volkstümlichen Autoren diskutieren, darunter Winthrop Wetherbee, Platonism and poetry in the twelfth century: the literary influence of the school of Chartres, Princeton, N. J., Princeton University Press, 1972; Richard W. Southern, Platonism, Scholastic Method and the School of Chartres, Reading, 1979; Renate Blumenfeld-Kosinski, Reading Myth: Classical Mythology and Its Interpretations in Medieval French Literature, Stanford, Stanford University Press 1997; Luciano Rossi, Traier canson/ chançon traire: riflessioni su una metafora, da Guglielmo IX a Dante, in «Critica del Testo» VIII 2 (2005), Ss. 609-628. Die Idee, welche schon im platonischen Fedro (252d und 254b) zu finden ist, tauchte im Mittelalter durch Dionigi Areopagita auf: Teologia Mistica, 1025b; und wurde in der Renaissance von den Neoplatonikern überarbeitet; man denke an Michelangelo Buonarroti: Non ha l’ottimo artista alcun concetto / c’un marmo solo in sé non circoscriva / col suo superchio, e solo a quello arriva / la man che ubbidisce all’intelletto (Rime 151, V.1-4), siehe Rime, Hrsg. M. Residori, Milano 1988.
[3] Die Trois versions rimées de l’Évangile de Nicodème par Chrétien, André de Coutances et un anonyme, publiées d’après les manuscrits de Florence et de Londres, Hrsg. Gaston PARIS und Alphonse Bos, Paris, Didot, SATF, 1885.
[4] Dies ist nicht der Ort, um auf dem Niveau des Textes diejenigen Ausschnitte des Evangeliums von Nicodemus von Crestien hervorzuheben, auf die Chrétien anscheinend in seiner Charrette vor allem im Teil der «descente aux enfers» hinweist.
[5] Ich folge hier der Ausgabe von Foulet-Uitti, Le Chevalier de la Charrette, Classiques Garnier, Paris, Bordas, 1989. Der Vers mit der Autonominatio des Fortführers des Romans weist in den verschiedenen Handschriften geringfügige Varianten auf: Paris, Bibliothèque Nationale de France, fonds français 794, Blatt 54-r (a, 28): Godefroiz de leigni li clerss. Paris, Bibliothèque Nationale de France, f. fr. 12560, Blatt 83-r (b,17): Godefroi de la mer li cler∫.s
[6] Varianten galifre / galifred / galafre (gouliafre in Guillaume de Coincy). Der Name des Riesen ist das Resultat der Vereinigung des Begriffes golafre mit Goliath (die Okkurenzen des Names sind zahlreich, aus Platzgründen weise ich lediglich auf Aliscans V. 373 und Vv. 6249-6398 hin, wo Agolafre zwischen den Brüdern von Renouard auftaucht, mit dem Epitheton „fier glouton“, und in Narbonnais V. 744).
[7] Siehe Cornlius De Boer, Une hypothèse sur le nom de Crestien li Gois, in «Romania» 55 (1929), Ss. 116-18; Raphaël Levy, Old french Goz and Crestiiens li Gois, in PMLA 46 (1931), Ss. 312-20; Harry F. Williams, Chrestiens li gois, in Bibliographical Bulletin of the International Arthurian Society, 10 (1958), Ss. 67-71.
[8] Der Ausdruck goz kommt bei Chrétien auch in Erec vor, immer im Reim mit toz (Vv. 793-94: Li chevaliers va devant toz, / Lez lui sa pucele et son goz; hier hat er eine Bedeutung die im Vers 799 vorweggenommen wird: Lez lui son nain et sa pucele) und im Perceval kommt er als Diminutiv gocet vor (Vv. 9068 und 9070).
[9] Ebenda, S. 315.
[10] R. Levy, Old french Goz, zit., S. 320.
[11] Siehe Jewish Encyclopedia, Funk & Wagnalls, New York, 1901-06, S. 736.
[12] Im Roman gibt es weitere Beispiele zur Untreue des Zwerges: Tuit dïent que traïz les a / Li nains, et si lor an pesa (V. 5110). Li nains lor anbla et fortrest. / Ceste chose le roi desplest / Et molt l’an poise et molt l’an grieve (Vv. 5371-73).
[13] Roberta L. Krueger, Women Readers and the Ideology of Gender in Old French Verse Romance, Cambridge, Cambridge University Press, 1993, S. 274, Fn. 44.
[14] Siehe San Bernardo, Briefe 231 und 232 in Oeuvres complètes de Saint Bernard, trad. nouvelle par M. l’abbé Charpentier, Paris, Librairie L. de Vivès, 1866.
[15] Benennung bekehrter Juden in einigen mittelalterlichen Kartularen/Kopialbüchern/Kopiaren (man siehe hierzu den Cartulaire de Sainte-Croix d’Orléans, 814-1300, Orléans, 1906, Acte XXXIX Senlis, S. 78).