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Kaum ein einzelner Politiker hat so grossen Anteil am Brexit wie Nigel Farage. Der 55 Jahre alte Engländer scheint von einem unermüdlichen Hass auf die Europäische Union getrieben und ist doch selbst Teil ihres Betriebs.
Als die Briten 2016 mit knapper Mehrheit in einem Referendum für den Brexit stimmten, wollte sich Farage eigentlich schon zur Ruhe setzen. UKIP galt als tot.
Doch weil Premierministerin Theresa May ihren mit Brüssel ausgehandelten Brexit-Deal nicht durchs Parlament bekommt, lässt der Austritt auch drei Jahre später noch auf sich warten. Die Briten müssen notgedrungen erneut EU-Abgeordnete wählen.
Weder Wahlprogramm, noch Wahlkampfstart
Dabei überlassen die Konservativen Farage mit seiner «Brexit Party» das Feld. Bei den Tories gibt es weder ein Wahlprogramm, noch gab es einen offiziellen Wahlkampfstart. Bis zuletzt hatte die Regierung gehofft, eine Teilnahme an der Europawahl könnte verhindert werden.
Entsprechend sehen die Umfragewerte aus. In zwei jüngsten Erhebungen kommt die «Brexit Party» jeweils auf 34 Prozent und vereint damit mehr Stimmen auf sich als Tory und Labour zusammen. Kürzlich verkündete ein wohlhabender Parteispender, er habe nun statt den Konservativen der «Brexit Party» eine stattliche Summe von mehreren Hunderttausend Pfund überwiesen.
Farage im Alleingang
Farage zieht die Wähler förmlich an. Im Alleingang macht er seine Partei zu einer ernst zunehmenden Kraft. Er ist längst selbst eine Marke und versteht es, an andere anzuknüpfen.
Den Margaret-Thatcher-Spruch «I want my money back» - auf Deutsch «Ich will mein Geld zurück» - aus der Zeit, als die Eiserne Lady Margaret Thatcher einen Briten-Rabatt von den EU-Beiträgen aushandelte, vereinnahmte er vor dem Brexit-Referendum als «I want my country back» - «Ich will mein Land zurück».
Dabei schwang auch ein fremdenfeindlicher Unterton mit. Farage bestreitet vehement, ausländerfeindlich oder gar rassistisch zu sein, aber sein Wahlkampf spricht eine andere Sprache.
Etwa als er das Foto einer Gruppe von Flüchtlingen aus dem Jahr 2015 an der kroatisch-slowenischen Grenze als Wahlplakat nutzt für die Angstmache vor Zuwanderung nach Grossbritannien.
Farage beherrscht die politische Inszenierung
Der Mann mit den dicken Tränensäcken beherrscht die politische Inszenierung wie kaum ein anderer. Im Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum fährt er mit einer «Armada» von Fischerbooten die Themse hinauf und wirft vor dem Parlament tote Fische ins Wasser.
Die Fischerei ist, obwohl sie für die britische Volkswirtschaft nur eine geringe Rolle spielt, eines der grossen Themen des Wahlkampfs gewesen. Ein Thema, das mit Identität zu tun hat und auf diesem Feld kennt sich Farage aus.
Schimpft gegen Elite
Mit Vorliebe wettert er gegen die Elite. Die glauben nicht an Grossbritannien, sagt er kürzlich über Politiker der beiden grossen Parteien in der BBC. «Die denken, dass wir nicht gut genug sind, um uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern.»
Dabei kommt Farage selbst alles andere als aus einfachen Verhältnissen. Er wird 1964 in der südenglischen Grafschaft Kent geboren. Sein Vater, ein alkoholkranker Börsenmakler, verlässt die Mutter, als der Sohn fünf Jahre alt ist. Trotzdem geht Farage auf eine Privatschule. Mit 18 entschliesst er sich gegen ein Studium und für eine Karriere als Rohstoffhändler im Finanzzentrum Londons.
Mit Anfang 20 entkommt er zum ersten Mal knapp dem Tod: Nach einer durchzechten Nacht gerät er unter ein Auto. Der junge Mann überlebt - und erfährt wenig später, dass er Krebs hat. Farage übersteht auch das, heiratet zweimal, wird Vater von vier Kindern.
Charisma und Redebegabung
Seine ersten Gehversuche in der Politik macht er bei den Tories - doch dann unterschreibt Grossbritannien unter Premierminister John Major 1992 den EU-Vertrag von Maastricht. Farage ist ausser sich und gründet mit anderen die UKIP (United Kingdom Independence Party).
Schnell steigt er auf, Charisma und Redebegabung helfen ihm dabei. 1999 gewinnt der Engländer einen Sitz im EU-Parlament, 2006 übernimmt er den UKIP-Parteivorsitz.
2010 stürzt er mit einem Kleinflugzeug ab. Das UKIP-Banner, das die Maschine hinter sich her zieht, hat sich im Heckruder verfangen. Bilder zeigen, wie Farage blutüberströmt vom Wrack weg taumelt. Doch nichts kann ihn aufhalten.
Vom Vorsitz der UKIP-Partei tritt er nach dem Brexit-Referendum zurück. Später verlässt er die Partei, deren Führungspersonal mehrfach wechselt und die schliesslich ins rechtsextreme Spektrum abdriftet. Mit seiner "Brexit Party" kehrt er zurück ins Rampenlicht.
(sda/ccr)