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Die (post-)evangelikale Krise hat wesentlich mit einem Vakuum der Gotteslehre zu tun; dies habe ich im Aufsatz “Wer Gott verliert, verliert sich selbst” (2016) darzustellen versucht. Vor einigen Jahren habe ich zudem zum Auftreten des Offenen Theismus im deutschen Sprachraum eine Replik verfasst und auf weitere Stellungnahmen verwiesen.
In einer ausführlichen Buchbesprechung geht Luke Stannard auf das für die (post-)evangelikale Bewegung passende weil stimmige Konzept des offenen Theismus ein. Dieser wachse aus der Überzeugung, dass die Liebe das Wesen Gottes bestimme.
Diese Liebe beschreibt er als frei von Zwang, als eine echte Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung, in der Gott die Welt beeinflusst und von ihr beeinflusst wird, zudem existiere Gott in der Zeit. Letzteres bedeutet, dass für Gott nur Gegenwart und Vergangenheit zugänglich sind. Ereignisse, die noch nicht eingetreten sind, können nicht erkannt werden. Daher ist die Zukunft offen, auch für Gott.
Argumentativ wird von der Notwendigkeit der Freiheit des Menschen ausgegangen. Dieser enge Zusammenhang wird treffend herausgearbeitet.
Offene Theisten behaupten, dass die orthodoxe Definition des göttlichen Vorherwissens keinen Raum für libertäre Freiheit lässt. … Im Offenen Theismus bestimmt Gott nicht, was geschieht, sondern er geht ein Risiko ein und entwickelt eine Strategie, um das von ihm gewünschte Ergebnis zu erreichen. Hier stellt Rice eine Divergenz unter den Offenen Theisten fest, von denen einige (wie Boyd) behaupten, Gott würde seine Souveränität einschränken. Demnach sind bestimmte zukünftige Aspekte von Gott festgelegt. Daneben existiert jedoch erhebliche Freiheit, aus der eine Zukunft mit unendlichen Möglichkeiten resultiert. … (Es ist ein) höheres Maß an Souveränität erforderlich, um sich selbst davon abzuhalten, das volle Ausmaß seiner Macht zu nutzen. Infolgedessen versteht er die Einschränkungen als Zeichen einer fortgeschritteneren, herrlicheren Souveränität und Allwissenheit.
… Dem Offenen Theismus zufolge ist das nur möglich, wenn Gott wirklich von dieser von ihm geschaffenen Welt beeinflusst wird, sie auf ihn einwirkt und ihn sogar verändert. Folglich muss Gott in der Zeit existieren und durch das Zeitliche eingeschränkt sein. … Gott muss libertäre Freiheit zulassen, andernfalls würde er die Menschheit einschränken, den freien Willen aufheben und gegen die von ihm gewählten Schöpfungsmittel handeln. Somit kommt es zu Ereignissen, die Gott unmöglich vorhersehen oder vollständig kontrollieren kann. Gott kann Menschen zu einer bestimmten Vorgehensweise anreizen und ermutigen, aber letztlich ist der freie Wille des Menschen ausschlaggebend, nicht Gott.
Stannard fasst zusammen:
Letztlich bringt Rice Liebe und Macht gegeneinander in Stellung und kommt zu dem Schluss, die Liebe sei für Gott wichtiger – der Offene Theismus lehnt die orthodoxen Darstellungen Gottes als Überbetonung seiner Macht ab. Demzufolge kann Gott zwar keine Endergebnisse im strengen Sinne des Wortes garantieren, ohne den freien Willen des Menschen außer Kraft zu setzen, doch tut er alles, um die Wahrscheinlichkeit alternativer Ergebnisse zu minimieren. Folglich können Gottes Ziele nur erreicht werden, wenn die Menschheit kooperiert – eine Aufgabe, der Gott seine ganze Überzeugungskraft widmet, die aber nicht direkt in seiner Hand liegt.
Für eine biblische Fundierung des Themas verweise ich auf meinen Aufsatz “Schränkt Gott seine Kontrolle zugunsten des freien menschlichen Willens ein?”. Ebenso lesenswert ist die Buchbesprechung von Martin Schönewerk zum Buch “Kämpfen um den Gott der Bibel?” (S. 66-70) sowie die kürzere Besprechung von Daniel Facius.