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Ein Windstoß drückt das Fenster meines Schlafzimmers auf. Der Vorhang bläht sich wie ein Segel in den Raum hinein, sein Ende erfasst die Rückenlehne eines Stuhls und ringt ihn mit einem Knall zu Boden. Dann schlägt das Tuch gegen die Zimmerdecke, tritt gegen die Lampe, die sich sirrend in Bewegung setzt, gefährlich an ihrer Verankerung reißt. Eine Hummel wird in den Raum geschleudert, knallt erst gegen die eine Wand, taumelt dann gegen die andere, schießt auf mein Gesicht zu, zuckt zurück, bleibt schließlich wie eine Drohne in der Luft über meinem Kopf stehen. Fassungslos blicke ich auf das Tohuwabohu in meinem Zimmer, das eben noch so friedlich durch diesen Nachmittag gondelte, mich just an die Schlummerkante … Ich springe aus dem Bett, fasse die wild gewordene Gardine, drücke sie zurück in ihre Ecke, schlage mit der Linken nach der Hummel, greife mit der Rechten nach dem Fensterrahmen. In dem Moment bricht der Wind ab.
Ich schau hinaus. Keine fünf Meter von mir entfernt sitzt ein Vogel im kahlen Geäst, seine rostroten Brusthaare sind noch leicht zerzaust von dem kurzen Orkan, Gefieder und Kopfhaare leuchten nachtblau, kobalt, malachitgrün. So einen Vogel habe ich hier noch nie gesehen. Aber es wirkt ganz selbstverständlich, wie er da so sitzt, gesund – soweit man das sehen kann. Vielleicht ist er einer alten Dame aus dem Käfig entwischt? Vielleicht hat sie ihn auch freigelassen, weil sie plötzlich fort musste, länger. Kann es sein, dass ich einen Kingfisher vor mir habe? Einen König? Werden Könige jetzt auch in Käfigen gehalten? Eine Zeile von Benn tänzelt mir durch den Kopf, über die ich gegenwärtig häufig stolpere, weil ich mich gerade intensiv mit Schweinen beschäftige: »Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch« – so beginnt die zweite Strophe von »Der Arzt«. Doch das ist eine andere Geschichte. Das sind alles andere Geschichten: der Wind, der Vogel, das Schwein und Benn, der sowieso. Ich lege mich zurück aufs Bett, draußen erlischt die Sonne im Dunst über dem Hügelkamm, ein paar Minuten Schlaf noch vor dem Abend, vor dem ersten Glas – vielleicht wache ich ja dann in meiner eigenen Geschichte auf. Ist alles wieder, wie es war. Wie war es? Wie wahr?
Samuel Herzog, Zürich, Schweiz