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| Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)

Erster Teil
V. Kapitel: Von denjenigen, die im Hirtenamte durch ihr Tugendbeispiel nützen könnten, aber aus Rücksicht auf ihre eigene Ruhe es fliehen
Es gibt viele, die vorzügliche Tugendgaben empfangen haben und durch viele Anlagen zur Leitung anderer sich auszeichnen; dabei sind sie keusch und lieben die Reinheit, sind stark durch ihre Abtötung, gesättigt am Mahle der göttlichen Lehre, demütig in geduldiger Langmut, wahren mit Nachdruck ihr Ansehen, sind voll Mitleid und Güte, aber auch voll strenger Gerechtigkeit. Wenn diese sich weigern, dem Ruf zum Hirtenamt zu folgen, so berauben sie sich meistens selbst der Gaben, die sie nicht nur für sich, sondern auch für andere empfangen haben. Da sie nur an ihren eigenen Vorteil und nicht an den anderer denken, verlieren sie die Güter, welche sie nur für sich besitzen wollten. Darum sagt die ewige Wahrheit zu den Jüngern: „Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben; auch zündet man kein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit es allen leuchte, die im Hause sind.“1 Darum sagte sie zu Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ und auf die bejahende Antwort vernahm Petrus die Aufforderung: „Wenn du mich liebst, so weide meine Schafe!“2 Wenn also die Seelsorge ein Zeugnis der Liebe ist, so beweist jeder, der mit Tugenden ausgestattet ist und sich weigert, die Herde Gottes zu weiden, daß er den obersten Hirten nicht liebt. Darum sagt Paulus: „Wenn Christus für alle gestorben ist, so sind alle ge- [S. 73] storben, und wenn er für alle gestorben ist, so erübrigt, daß die, welche leben, nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“3
Darum befiehlt Moses, daß der überlebende Bruder die Frau seines Bruders, der ohne Kinder stirbt, heirate und dem Namen seines Bruders Kinder erzeuge; sollte er sich aber weigern, sie zu heiraten, dann soll die Frau ihm ins Angesicht speien, ein Verwandter soll ihm den Schuh von einem Fuße ziehen, und seine Wohnung soll das Haus des Barfüßers genannt werden.4 Der verstorbene Bruder ist derjenige, der bei seiner Erscheinung nach der glorreichen Auferstehung sprach: „Gehet hin und verkündet es meinen Brüdern!“5 Er ist gewissermaßen ohne Kinder gestorben, weil er die Zahl seiner Auserwählten noch nicht voll gemacht hatte. Dem überlebenden Bruder wird befohlen, dessen Frau zur Ehe zu nehmen, weil es sich in der Tat geziemt, daß die Sorge für die heilige Kirche dem auferlegt werde, der sie wohl zu regieren versteht. Wenn er sich weigert, speit ihm die Frau ins Angesicht; denn wem nicht daran gelegen ist, mit den empfangenen Gaben auch andern zu helfen, dem macht die heilige Kirche seine Gaben zum Vorwurf und speit ihm gleichsam ins Angesicht. Der Schuh wird ihm von einem Fuße gezogen, so daß sein Haus das des Barfüßers genannt wird, denn es steht geschrieben: „Beschuhet an den Füßen mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens.“6 Wenn wir also sowohl für uns selbst als für den Nächsten Sorge tragen, so tragen wir Schuhe an beiden Füßen; wer aber nur an seinen eigenen Nutzen denkt und sich um andere nicht kümmert, der verliert gleichsam zu seiner Schande den Schuh von einem Fuße. Es gibt also solche, die, wie gesagt, mit großen Gaben ausgestattet sind, die aber ihre Sorge einzig nur der Betrachtung widmen, dem Nächsten durch die Predigt nicht nützen wollen, da- [S. 74] gegen ruhige Zurückgezogenheit und beschauliche Einsamkeit lieben. Wenn sie darüber strenge zur Rechenschaft gezogen werden, sind sie ohne Zweifel für so viele verantwortlich, als aus ihrem öffentlichen Auftreten Nutzen gezogen hätten. Denn mit welcher Berechtigung zieht einer, der durch hervorragende Tätigkeit andern dienen könnte, seine Stille dem Nutzen der andern vor, wenn sogar der Eingeborne des höchsten Vaters, um vielen zu nützen, den Schoß des Vaters verließ und in unsere Mitte trat?
1: Matth. 5, 14 f.
2: Joh. 21, 16.
3: 2 Kor. 5, 14 f.
4: Deut. 25, 5 ff.
5: Matth. 28, 10.
6: Ephes. 6, 15.