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Unbequeme Zeichen des Schicksals
Diese Kolumne handelt von einer wundersamen Begebenheit. Ich sass in einer kleinen Bar. Einer jener Sorte, in denen an noch jungen Nachmittagen bloss Langzeitstudenten, freischaffende Jünger der Kreativwirtschaft und sonstige Tagediebe sitzen, die mit glasigem Blick in ihr fahles Bier glotzen, um die Stunden bis zum Aperitif über die Runden zu bringen. Der einzige noch freie Stuhl stand an meinem Tisch. Er war unbesetzt, weil meine ursprünglich angedachte Begleitung zur Verspätung neigt. So nahm das Schicksal seinen Lauf.
Ich bemerkte ihn erst, als er vor mir stand. Ein Mann, dessen Haare wie fahles Lametta freudlos von seinem Kopf baumelten. Er trug ein Leinenhemd, dessen Knittrigkeit an das Relief des Uralgebirges erinnerte, und eine Jacke aus einem Zwirn, der eigentlich der Produktion handelsüblicher Hundedecken vorbehalten ist. Auf seinen Schultern ruhte groteskerweise ein weisser Seidenschal, wie er sonst nur von Intendanten übersubventionierter Kultureinrichtungen zu Premieren über das Jacket geworfen wird. Er fragte, ob er sich setzen dürfe. Es war eine Erkundigung rhetorischer Natur, denn im selben Augenblick sass er bereits neben mir. Er roch nach kaltem Zigarettenrauch und Filterkaffee, als wäre er einem Lehrerzimmer vergangener Jahrzehnte entstiegen. Er starrte auf mein Handy, das vor mir auf dem Tisch lag, kramte in seiner Hundedecke und zog das exakt gleiche Modell hervor. Damit wedelte er vor meinem Gesicht herum und grinste mich an, als hätte er in mir einen längst verschollen geglaubten Halbbruder gefunden.
Am selben Tisch zu sitzen und über das gleiche Handymodell zu verfügen, sah er als ausreichend intime Bindung, um sich mir vorzustellen. Ich habe mir nicht gemerkt, wie er hiess. Es klang aber nach einem Mittelnamen eines geltungsgedrängten Feuilletonisten, der schon in der Autorenzeile auf die Wichtigkeit seiner Existenz hinweisen muss. Er tätschelte sein Handy, Besitzerstolz funkelte in seinen Augen, und er raunte mir zu, er habe es wegen der guten Kamera gekauft. Er fotografiere eben gerne. Ungefragt rückte er seinen Stuhl näher an meinen heran und zeigte mir Arbeitsproben.
Wie schnell sich das Leben doch ändern kann. Noch vor einer Minute war die Welt in Ordnung. Nun streckte mir ein mit Hundedecke beärmelter Arm ein Display ins Gesicht, auf dem Bilder zu sehen waren, die unterstreichen, dass gerne machen und gut können zwei Paar Schuhe sind. Abendrot in verschiedenen Ausführungen, glitzernde Wasseroberflächen bei Sonnenuntergang, Seifenblasen in der Schwebe und anderer Schwulst. Da mein Sitznachbar inzwischen beinahe familiäre Gefühle für mich zu hegen schien, fuhr er mit Schnappschüssen aus seinem engsten Kreis fort. Dickliche Cousins, alternde Verwandte – und seine Freundin. Zu meiner Überraschung kannte ich sie. Vor über einer Dekade waren wir im selben Jahrgang einer ökonomisch geprägten Oberstufenschule. Sie roch immer nach Duftkerzen vom Handwerkermarkt und verkaufte in ihrer Freizeit vermutlich naturbelassenen Badezusatz mit esoterischer Wirkung an zottelbärtige Didgeridoo-Spieler.
Ich überlegte, ob ich ihm meine Verbindung zu seiner Freundin mitteilen sollte, sah aber davon ab. Denn er hätte das als Zeichen des Schicksals gedeutet und nicht lockergelassen, bis wir zu dritt in einem klapprigen VW-Bus die Bretagne bereisen und jeden Abend Sojabohnen-Curry aus einer verbeulten Blechpfanne essen. Ich hielt verzweifelt nach meiner ursprünglich angedachten Begleitung Ausschau. Mit schlaffer Handbewegung bestellte einer der Langzeitstudenten ein neues Bier.
Der «Bund»-Redaktor verfügt über einen Mittelnamen, ist jedoch noch zu wenig eitel, um diesen auch einzusetzen.