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Soeben habe ich das Buch „Bildung zu Hause – Eine sinnvolle Alternative“ von Alan Thomas fertig gelesen. Dabei habe ich das Bedürfnis über das interessante Buch zu berichten. Für eine Familie, die selber Bildung zu Hause praktiziert, ist ein solches Buch natürlich eine spannende Sache. Das Buch wurde bereits im Jahr 1998 in Englisch geschrieben und erst vor kurzem ins Deutsche übersetzt.
Der Pädagogik-Professor Alan Thomas beschreibt in diesem Buch in einer wissenschaftlichen Untersuchung die Erfahrungen von 100 Familien (58 in Australien, 42 in England), die Bildung zu Hause praktizierten. In den ersten Kapiteln werden die theoretischen Grundlagen beschrieben, welche ebenfalls interessant sind. Dann zeigt er die Gründe der Eltern auf, wieso sie sich zu Bildung zu Hause entschieden haben. Der Schwerpunkt im Buch liegt dann darin, wie die verschiedenen Eltern diese Aufgabe angegangen sind. Obwohl die Formen der Bildung zu Hause bei allen Eltern sehr unterschiedlich waren, sich sogar bei verschiedenen Kindern innerhalb einer Familie unterschieden, gab es etwas, das fast allen gemeinsam war: Ihre Vorgehensweisen wurden im Laufe der Zeit immer mehr informell, obwohl fast alle einmal mit formalem Unterricht zu Hause begonnen hatten. Informelles Lernen kann als die Fortführung des Lernens in der frühen Kindheit verstanden werden; eher ein durch alltägliche Lebenserfahrung eintretender geistiger Prozess der Osmose als ein Ergebnis bewussten Belehrens.
Interessant ist, dass zur Zeit, als Alan Thomas das Buch geschrieben hat, noch nichts oder nicht viel über informelles Lernen geforscht wurde. Die gesamte bisherige Forschung war eher auf Lernergebnisse denn auf den effektiven Lernprozess gerichtet.
Das Buch spricht die kritischen Themen der Schule, wie z.B. Gleichaltrigenorientierung, Notwendigkeit um mehr persönlicher Interaktion zwischen Schüler und Lehrer (individuelle Aufmerksamkeit für einzelne Schüler sei im Durchschnitt etwa 2,3% der Unterrichtszeit) oder dass die institutionelle Struktur der Schule mit ihrer einschränkenden Gleichaltrigenkultur die gesunde soziale Entwicklung sogar behindern würde.
Interessant an der Untersuchung war für mich, dass Eltern, die sich von vornherein für Bildung zu Hause entschieden, nicht einmal annähernd in das gängige Klischeebild von Bildung zu Hause passten: Aussteiger, ehrgeizige Eltern, religiöse Fundamentalisten oder Spinner.
Es gibt auch keine Handbücher für informelles, unstrukturiertes Lehren und Lernen. Das Hauptproblem informeller Ansätze gegenüber Ansätzen der Schule ist, nachzuweisen, dass tatsächlich Lernen stattgefunden hat. Viele Eltern haben sich mit der Zeit vom formellen Lernen ins informelle Lernen gewandelt. Dies war weniger so, dass Eltern das informelle Lernen entdeckt hätten, sondern weil sich Kinder dem formell strukturierten Lehren und Lernen widersetzt hätten und sich die Eltern infolgedessen bewusst wurden, wie viel die Kinder auch ohne dieses lernten. Dazu gibt es im Buch zwei ausführliche und interessante Berichte.
Informelles Lernen zu Hause ist etwas ganz Besonderes, das nur zu Hause auftritt, denn dabei ist nur wenig oder gar nichts vorgeschrieben. Informelles Lernen bedeutet nicht, Kinder allein sich selbst zu überlassen. Die Kultur zu Hause muss derart sein, dass sie die intellektuelle Neugier anregt und Lernen ermöglicht und unterstützt. Den Kindern müssen Lernmöglichkeiten und Bildungsmaterialien zur Verfügung stehen. Vor allem muss ein Mentor zur Hand sein, der das Niveau der Tätigkeiten mit Liebe und Respekt bestimmt und bereit ist, in einen Austausch zu treten und Fragen zu beantworten. Kinder sind von Geburt an motiviert, etwas über die sie umgebende Kultur zu erfahren, zu lernen wie man darin überlebt, sie geniesst und sich darin entfaltet. Der grösste Teil dieses kulturellen Lernens, besonders in den ersten Lebensjahren, wird durch uns als Eltern vermittelt. Es gibt also keinen Grund, warum wir damit nicht weitermachen sollen, weit über das Schuleintrittsalter hinaus.
Wir finden uns im Buch zu 100% wieder. Wir kennen die Argumentationen, wir kennen die beschriebenen Lernsequenzen, wir kennen die kritischen Fragen aus eigener Erfahrung. Das Buch schenkt Mut, viele Argumente und auch das Wissen von den unterschiedlichsten Erfahrungen der vielen Eltern und Kindern auf der ganzen Welt, die Bildung zu Hause praktizieren. Es ist ein wertvoller Beitrag, die Monokultur der Bildung mit kleinen, zarten Pflänzchen zu durchdringen.
Wir grüssen alle ganz herzlich und wünschen Frohe Festtage und ein erfülltes Neues Jahr.