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"Les rêveries du Promeneur Solitaire", schon der Originaltitel lässt einen in schwelgerisches Träumen verfallen, so schön klingt er auf Französisch! Die zehn "Träumereien" wurden von Rousseau mit 64 Jahren verfasst, das letzte Buch, das von ihm geschrieben wurde. Aus ihnen sprechen seine Desillusionierung und Verbitterung, aber auch die wiedergefundene Gemütsruhe, ja gar das Glücksgefühl der Einsamkeit.
Dieser Topos, "Einsamkeitstexte", sei in der abendländischen Literatur schon seit der Antike gewissermaßen ein Allgemeinplatz, schreibt Stackelberg im Nachwort. Er erinnert an Petrarcas "De Vita solitaria" und unterstellt Rousseau eine gewisse Paranoia.
Rousseau lebte ohnehin nicht gerne in Paris, wo man mehr für die anderen als für sich selbst lebte.Dabei habe sein Aufklärer-Kollege Voltaire eine gewisse Rolle gespielt, denn gemeinsam mit dem Minister Choiseul, Protégé der Pompadour, vertrieben sie Rousseau auf die Petersinsel im Bieler See. Aber Rousseau lebte ohnehin nicht gerne in Paris, wo man mehr für die anderen als für sich selbst lebte, sondern bevorzugte ein Leben im Park des Marquis de Girardin, wo er mit seiner Thérèse nach einem langen Leben auf der Flucht schließlich seinen Lebensabend mit Promenieren (also Spazieren) verbrachte. Hier schrieb er seine Reveries zunächst auf Spielkarten, bis sie posthum und als Ergänzung zu den Confessions dann als Buch publiziert wurden.
Der erste Spaziergang handelt von den "Verleumdungen, Demütigungen, Spott- und Schmähreden", die Rousseau dazu veranlassten, sich von der Welt zurückzuziehen und sein Leben in Einsamkeit zu verbringen. Er ist augenscheinlich verbittert über die durch Voltaire ausgelöste Paranoia und macht aus der Not eine Tugend, indem er sich von der Welt gänzlich zurückzieht. "Als Gefährten habe ich jenen, der ich früher war und mit dem kann ich verkehren wie mit einem jüngeren Freund". Nur in den Stunden der Einsamkeit kann er derjenige sein, der er tatsächlich ist und gehört sich allein, nur in diesen Stunden ist er so, "wie die Natur mich wollte", schreibt er in der zweiten "Träumerei". Darin liege auch eine Kontemplation, die einen dem Universum näher bringe: "Wer einsam vor sich hindenkt, kann gar nicht anders: er lenkt seinen Geist empor zum Schöpfer aller Dinge und fragt nach dem Wozu all dessen, was er fühlt".
Schon in seiner Jugend habe er beschlossen, mit 40 jedes Erfolgsstreben und jeglichen Ehrgeiz aufzugeben. Er wolle in den Tag leben und Sorglosigkeit und Seelenruhe verspüren.
"Letztlich bin ich nur der Gefoppte, der Märtyrer und das Opfer eines eitlen Irrtums."Zweifellos dachte er dabei auch an sein Werk, denn nur in isolierter Abgeschiedenheit wäre dieses zu verfassen gewesen. Aber dennoch weiß er, dass er bei den Schimären seiner eigenen Überzeugungen verblieb und sich zwar für weise halte, aber "letztlich bin ich nur der Gefoppte, der Märtyrer und das Opfer eines eitlen Irrtums", bekennt er freimütig im dritten Spaziergang. Interessante Ausführungen zur Lüge und den Halbwahrheiten macht Rousseau dann in der vierten Träumerei. Im sechsten geht es um die Großzügigkeit, die dann zur Last wird, wenn sie ausgenutzt wird. "Der paradoxe Gedanke, dass Wohltaten, wenn sie das Maß dessen überschreiten, was man vergelten zu können glaubt, mit Hass statt mit Dank quittiert werden", bringt Stackelberg es auf den Punkt, der in Rousseau einen Parvenu mit Paranoia sieht.
"Les rêveries du Promeneur Solitaire" ist ein wertvolles Buch, dessen zehn Kapitel durchaus auch die eigene Biographie anreichern und inspirieren. Absolute Empfehlung!