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Weiter: Gemach, gemach
Weder die Warnungen von Kerys und ihrem Bruder, noch die Drohung von Verran hatten Tavoran davon abbringen können, eine Nacht später bei Leermond in den Palast einzusteigen.
Obwohl er schon eine geraume Weile nicht mehr bei Saleja gewesen war, hatten sich die Vorbereitungen zum Einbruch größtenteils als unnötig erwiesen. Der Tunnel, der vom Hauptgebäude des Palastes zu einer kleinen Fischerhütte am Fuße der Klippen führte und vor langer Zeit angelegt worden war, um den Herrschern im Falle einer Belagerung zur Flucht zu verhelfen, war entgegen seinen Befürchtungen und zu seiner Überraschung nur leicht bewacht gewesen.
Trotzdem hatte Tavoran etwas mehr vom Schlafstaub verwendet, als es für den Wachmann nötig gewesen wäre, denn er wollte sichergehen, dass dieser auch dann noch schlief, wenn er den Palast wieder verließ.
Die Nachforschungen darüber, wo im Palast dieser Dolch zu finden wäre und wie gut er bewacht würde, hatten sich als etwas schwieriger herausgestellt. Tavoran musste dazu den Palastboten Dalin bemühen, ein junger Kerl, den Tavoran schon seit mehreren Jahren kannte.
Tavoran war dem neugierigen Dreikäsehoch damals bei seinem ersten Stelldichein im Palast begegnet. Dass Tavoran kein normaler Besucher war, hatte der Kleine sofort erkannt, und auch, dass Wissen Macht bedeutete und Informationen, oder die Zurückhaltung derer, ein paar Münzen einbrachten.
Aus dem Dreikäsehoch war über die Jahre ein schlitzohriger, aber sehr hilfreicher Junge geworden, der genau wusste, was und wie viel er für Dienstleistungen und Informationen aus dem Palast erhalten wollte. Sorgen, dass Dalin ihn verraten würde, hegte Tavoran allerdings keine. Sie beide vertrauten der Macht der Münzen, und Dalin war nicht so dumm, eine seiner einträglichsten Quellen versiegen zu lassen. Aber auch wenn es so wäre: In spätestens ein paar Tagen würde Tavoran sowieso die Stadt verlassen haben.
Die Information über den Dolch hatte Tavoran allerdings mehr gekostet, als er ursprünglich zu zahlen bereit gewesen war. Aber Dalin hatte ihn nicht enttäuscht und in Erfahrung gebracht, dass der Dolch zusammen mit allen anderen Wertgegenständen im herrschaftlichen Schatzschrank aufbewahrt wurde. Und wie Tavoran aus seinen nächtlichen Besuchen bei Saleja wusste, stand der Schatzschrank bei ihr im Gemach.
Es war beinahe zu einfach.
Dennoch, er hätte sich gerne den Besuch bei der Zwillingsherrscherin erspart, hauptsächlich deswegen, dass er sich ihr nicht erklären musste, warum er sich schon so lange nicht mehr hatte blicken lassen. Er hatte sich sogar überlegt, bei Tag einzusteigen, in der Hoffnung, Saleja nicht in ihrem Gemach anzutreffen, hatte den Gedanken aber sogleich wieder verworfen.
Das unnötige Risiko, bei Tageslicht in den Palast einzudringen, wollte er trotz allem nicht eingehen.
Tavoran warf einen Blick auf den schnarchenden Wachmann, der auf der durchgelegenen Matratze in der Fischerhütte lag, und wischte ihm die letzten Spuren des Schlafstaubs vom Gesicht. Dann zog er sich das feuchte Tuch von Mund und Nase, das verhindert hatte, dass er den Staub selber einatmete, säuberte damit seine Hände und steckte es ein.
Er drehte sich einmal im Kreis und musterte den kleinen Raum. Obwohl es stockdunkel war, konnte er die Einzelheiten genau erkennen, was dem Sternenpulver geschuldet war, das er sich vor ein paar Stunden in die Augen gerieben hatte und das ziemlich juckte. Er musste mit aller Kraft dem Drang widerstehen, sich die Augen zu reiben, denn das hätte das Ganze nur noch verschlimmert.
Neben dem Nachtlager standen nur noch ein kleiner Tisch und ein Hocker in einer Ecke und neben der Tür, die etwas schräg in den Angeln hing, war ein Fenster eingelassen. Ein paar Werkzeuge und Utensilien zur Fischerei lagen herum, an der Wand waren ein paar Netze aufgehängt und über den Streben an der Decke hingen ein paar Fische zum Trocknen. Jemand hatte sich mehr schlecht als recht die Mühe gegeben, die Behausung als Fischerhütte zu tarnen.
Tavoran drehte sich zur rückseitigen Wand und schob eines der Netze zur Seite. Er wusste genau, wo sich die Tür zum Stollen befand, trotzdem klopfte er ein paar Mal mit den Fingerknöcheln gegen die Wand, so als müsste er sich vergewissern, dass sie noch da war.
Dann fand er den verborgenen Riegel und öffnete das Schloss. Es war ein wenig eingerostet, was der salzigen Meerluft zu Schulden war, aber Tavoran konnte es mit einer leichten Kraftanstrengung lösen.
Die Luft, die ihm entgegenschlug, war kühl und feucht und roch ein wenig nach vermodertem Holz. Die Hütte war an die Felswand gebaut worden, und so führte die Tür direkt in den Stollen hinein.
Tavoran trat hinein und schloss die Tür hinter sich. Dunkelheit umfing ihn, aber dank des Sternenpulvers erkannte er schwach den uneben gehauenen Gang, der erst sanft und dann stärker anstieg. Nach mehreren hundert Schritten und unzähligen Windungen später endete der Gang schließlich in einer kleinen Kammer.
An der kühlen Felswand waren Eisenstangen eingelassen, die nach oben zu einer Falltür führten. Über ihm befand sich eine von mehreren Vorratskammern und Tavoran hoffte, dass Dalin sich an die Abmachung gehalten und für die zwei zusätzlichen Münzen die darauf abgestellten Gegenstände entfernt und die Klappe entriegelt hatte.
Er kletterte die Eisenstangen hoch und stemmte sich mit der Schulter erst vorsichtig und dann immer kräftiger gegen die groben Holzplanken, als sie zwar leise knarrten, aber nicht nachgaben. Die Eisenstangen unter seinen Stiefeln knackten und er hoffte, dass sie nicht brachen. Noch einmal stemmte er sich mit aller Kraft dagegen, aber er bekam die Falltür nicht auf.
Mit einem leisen Fluch stieg er die Sprossen wieder hinunter. Noch wollte er nicht glauben, dass Dalin ihm die Münzen einfach abgenommen haben sollte, ohne ihm eine Gegenleistung zu bieten. Tavoran blähte die Backen und stieß die Luft aus. Der Fluchttunnel wäre die einfachste Lösung gewesen, nun musste er sich wohl einen anderen Weg überlegen.
Gerade, als er sich umdrehte, um den Tunnel zur Fischerhütte zurückzugehen, vernahm er über sich ein Geräusch. Feiner Staub rieselte von oben herab und das Holz knarrte. Dann hörte ein ruckartiges Schaben von Holz auf Holz und es wurde wieder still.
Tavoran stand schräg unterhalb der Luke im Schutze des Tunnels und wartete mit angehaltenem Atem. Er konnte kein Licht durch die Ritzen sehen, also nahm er an, dass der Raum über ihm ebenfalls im Dunkeln lag.
Und dann öffnete sich mit einem leisen Quietschen die Luke.
«Tavoran?» Dalins Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. «Bist du noch da?»
Tavoran trat aus dem Schatten des Tunnels und blickte nach oben. Die Silhouette einer Person war im etwas helleren Quadrat der Luke aufgetaucht, und etwas weiter weg schien eine Kerze oder eine kleine, abgeschirmte Lampe ein wenig Licht zu verbreiten.
«Ich dachte schon, ich hätte meine Münzen umsonst ausgegeben», antwortete Tavoran ebenso leise aber um einiges schärfer.
«Entschuldige, hier war eine Menge los vorher, ich konnte dir nicht eher öffnen. Komm hoch, es ist niemand mehr da.»
Der Schatten verschwand und machte Tavoran Platz, der die Stufen emporkletterte und sich in den kleinen Vorratsraum hievte. Kaum, dass er die Luke verlassen hatte, stand Dalin hinter ihm, ließ den Deckel leise wieder zufallen und schob mit einiger Anstrengung die große Kiste mit Orangen wieder an seinen Platz zurück. Mit dem Fuß verwischte er die Schleifspuren, griff nach der kleinen Laterne und machte eine Kopfbewegung zum Ausgang.
«Gerngeschehen.»
Tavoran sparte sich eine Bemerkung und schob sich an dem Jungen vorbei. Durch den Türspalt spähte er in die Küche, die verlassen da lag. In ein paar Stunden allerdings würden die ersten Köche auftauchen, um die Speisen für den kommenden Tag vorbereiten. Bis dahin würde er allerdings längst wieder verschwunden sein.
«Ich bin in einer Stunde wieder da», flüsterte Tavoran zurück. Als Dalin ihn wartend ansah, zog Tavoran mit einem Seufzen eine Münze aus dem Beutel hervor und hielt sie ihm vor die Nase. Bevor dieser jedoch nach ihr greifen konnte, ließ Tavoran das Geldstück in seiner Faust verschwinden.
«Du kriegst sie erst, wenn ich wieder unten bin», raunte Tavoran und konnte sehen, wie Dalin widerstrebend nickte. Er grinste, schlug Dalin freundschaftlich auf die Schulter und huschte zur Tür hinaus.
In der Küche roch es nach erkaltetem Herdfeuer, abgestandenem Fett und irgendetwas Süßlichem, das Tavoran nicht zuordnen konnte. Er umrundete zügig und beinahe lautlos einen großen, fleckigen und mit Scharten übersäten Holztisch und steuerte auf eine kleine, unscheinbare Tür zu, die sich an der Wand gegenüber des großen Küchendurchgangs befand. Die kleine Tür führte in das verwirrte Labyrinth der Gänge für die Bediensteten, denn wenn die Herrschaften hochrangigen Besuch erwarteten, musste das Personal so unsichtbar wie möglich sein. Deshalb war der ganze Palast von engen, verwinkelten Gängen durchlöchert, welche die meisten Zimmer, Räume und Höfe miteinander verbanden. In diese Gänge verirrten sich auch keine Wachen, dafür waren die Kämpfer schlicht zu groß. Auch für Tavoran waren die Gänge eher zu eng, und manche Stellen waren so schmal, dass er fürchtete, steckenzubleiben. Aber diese Gänge waren allemal besser, als mitten in einem Saal einer Wache gegenüberzustehen.
Den Weg zu Salejas Gemach kannte er genau. Und so stand er ohne Umwege einige Minuten später vor einer kleinen Tür, die er nun vorsichtig aufstieß.
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