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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Heimat ist dort, wo man sich zuhause fühlt.
(EB)
Armand hat keine Mutterliebe genossen. Er war 3 Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter hatte ein halbes Jahr später wieder geheiratet. Sein Stiefvater beachtete ihn kaum. Armand fühlte sich fremd und sehnte sich nach Geborgenheit. So zog er sich mehr und mehr zurück und schwieg. Wie alle Jahre, wurde er über die Sommerferien in den Landdienst abgeschoben. Dort lernte er die Natur schätzen, und die Landwirtschaft zog ihn in ihren Bann. Er verdankte es seinem phänomenalen Gedächtnis, dass er sich Wissen leicht aneignen konnte. So durchlief er seine Schuljahre sehr erfolgreich. Sein Vater hatte ihm einen Betrag vermacht, der knapp ausreichte, um sein Studium als Agronom zu bestreiten. Als Werkstudent konnte er sich ein Zimmer mieten und verliess erleichert das unwirtliche Elternhaus.
Er war 23 Jahre alt geworden, als ihm eine Stelle in der Entwicklungshilfe im Hinterland von Marokko, in einem von Berbern besiedelten Gebiet im südwestlichen Atlas, das an die Wüste grenzte, angeboten wurde.
*
Hier beginnt Armands eigene Entwicklungsgeschichte. In Marrakesch bestieg er ein geländegängiges Fahrzeug neben dem Chauffeur. Nach langer, holperiger Fahrt erreichten sie die anderen Seite der Atlas-Gebirgskette, unweit der Wüste, bogen in ein zerklüftetes Tal ein und hielten zuletzt vor einer Reihe von Berbergebäuden an, die aus dickwandigem Lehm oder Kalkstein erstellt, teils über mehrere Stockwerken in die steilen Felsenwänden verteilt, teils daran angebaut sind.
Ein alter, weissbärtiger Berber begrüsste ihn auf Französisch und wies ihm den Weg in seine Unterkunft, eine Baracke, die auch als Schule dient. Dort werden auch die Sitzungen des Gemeinderats abgehalten.
Etwa eine Stunde später meldete sich der würdige Patriarch nochmals und lud ihn zum Essen ein. Einige Frauen, in blaue Kaftans gekleidet, tischten die Mahlzeit auf: Tajine, Flachbrot und Minzentee. Die gastfreundliche Aufnahme rührte Alois. Eine der Frauen hatte eine Schischa (Wasserpfeife) vorbereitet, und sie plauderten miteinander draussen beim Ziehbrunnen. Der Vollmond leuchtete. „Bis vor wenigen Jahren waren wir noch Nomaden“, entfuhr es Armand. „Seitdem wir hier Wasser haben, sind wir sesshaft geworden.“ Als ihn Armand mit „Amessan“ (der Weise) ansprach, umspielte ein Lächeln seinen Mund.
Eine Kolonne von Lastwagen traf eine Woche später ein, beladen mit Dünger, Betonröhren, Zementsäcken, Tierfutter, Pflügen und Wasserpumpen, Schaufeln und Spaten unter anderen Utensilien, die den steinigen Grund zum Ackerbau vorbereiten sollten. Mit dem Stemmeisen wurden Felsblöcke beseitigt und die Betonröhren für die Wasserzufuhr gelegt. Alle Männer legten Hand an, um diese Oase in der Halbwüste zu schaffen. Zedern und Wachholder wurden gepflanzt. Der Abfluss des winterlichen Schmelzwassers wurde umgeleitet. Eine Tränke für Ziegen, Schafe und Kamele wurde geschaffen.
Gern beobachtete er die Heimarbeit der Frauen und Mädchen, wie sie leise singend oder plaudernd Berberteppiche aus Schurwolle oder Kamelhaar knüpften und fingerfertig geometrische Symbole aus der „Bakara“-Mystik einwoben. Damit verdienen Familien in den Atlas-Dörfern ein Nebeneinkommen. Sie sind auch geschickte Schneiderinnen von reich verzierten Djellabas und Kaftans. Ausserdem stellen sie Keramiktöpfe und -krüge ohne Drehscheibe her, wiederum mit mythischen Zauberzeichen verziert. Die Sippen leben nahe beieinander, denn für Berber gibt es nichts Traurigeres, als einsam und von der Familie abgeschieden zu leben.
Die Berber sind ein wendiges und anpassungsfähiges Volk, das sich erfolgreich durch den geschichtlichen Wandel behaupten und ausbreiten konnte. Sie haben weitgehend ihre Berberdialekte bewahrt, worunter „Tamazight“, das heute mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird. Viele Berber kommen auch auf Arabisch und Französisch zurecht. Im Maghreb haben sich die Einflüsse der Kulturen und Rassen untrennbar vermischt. Die Berber waren dem Islam gegenüber aufgeschlossen. Fehden zwischen Sippen sind selten. Konzilianz und Toleranz sind Werte, die sich dort bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Frohsinn und Bescheidenheit sind 2 weitere Wesenszüge, die Armand beeindruckten. Die Berber nennen sich „Imazighen“, d. h. „als freie Menschen lebend“. Genau diese Freiheitsliebe hat sich in Armand vertieft. Er beklagt die im Westen mehr und mehr beschnittene Freiheit und die schablonenhafte, vom Materialismus durchdrungene Lebensweise.
Regelmässig musste Armand über Projektfortschritte bei seinem Arbeitgeber in Casablanca berichten. Promotionen lehnte er immer wieder mit dem Hinweis ab, dass er sich von seinen Aufgaben im Berberland nicht trennen wolle, sich dort eingelebt habe und ihm noch viel zu tun übrig bleibe. An einem solchen Treffen begegnete er einen ehemaligen Studienkollegen, Dr. Seiler, der genau wie Armand der Heimat entflohen war und sich in der Türkei niedergelassen hatte. „Und jetzt bist auch Du dem Stress und Materialismus entronnen!“ sprach er Armand an, und sie beglückwünschten einander, eine bessere Alternative ausserhalb des brutal-egoistischen Westens gefunden zu haben.
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„Ihr seid heute alle so festlich und farbenfreudig gekleidet, und Du trägst erst noch Deinen roten Fez. Was ist der Anlass?“ wandte sich Armand an Amassan.
„Meine Enkelin kommt heute von der Universität in Rabat zu uns zurück“, antwortete Amassan und forderte ihn auf: „Gehe Dich umkleiden – denn heute wird gefeiert!“
Das liess sich Armand nicht zweimal sagen, wechselte in seine beige Berberrobe und harrte alsdann der Ankunft dieser Grosstochter, die am frühen Nachmittag eintraf. Die Begrüssung und Umarmungen wollten kein Ende nehmen. Ganz nach berberischem Brauch waren die Frauen zur Feier aufgetakelt und trugen viel Schmuck und Schminke. Armand wurde ihr vorgestellt, aber er verstand nicht, was ihr Amassan auf berberisch zugeraunt hatte. Er wusste nur eines: Sie gefiel ihm augenblicklich, so sehr, dass es ihm die Sprache verschlug. „Ich sehe, dass Sie hier viel geleistet sind und aus der öden Steinwüste eine Oase geschaffen haben“, lobte sie ihn.
„Das ist ein Gemeinschaftswerk“, winkte Armand bescheiden ab. „Dank dieses Projekts ich habe hier meine Bleibe gefunden“, gestand er mit einem Eifer, der ihr Lachen auslöste.
Nordafrikanische Tanzlieder und Musik – wie Gasba und Kabyle – erklangen. Armand hatte die Sprache wieder gefunden und tanzte erstmals mit der bildhübschen Tada.
Sie überbrachte eine Nachricht, die alle Sippen dieses Dorfs begeisterte: „Der König hat beschlossen, hier eine berberische Schule anstelle dieses Schuppens errichten zu lassen.“ Tada, die Enkelin von Amassan, hatte Geschichte studiert und war somit ideal ausgebildet, um diese Schule zu leiten.
Im Innenhof des neuen Schulgebäudes wurde ein Teich für Enten und Goldfische gegraben. An den Wänden waren viele geografische Amulette eingelassen. Eines davon stellte einen Goldfisch dar, als Symbol für Armands und Tadas Liebe. Das Gebäude wurden anlässlich ihrer Heirat eingeweiht.
Armands und Tadas Pionierleistung, die Lebensgrundlage für diese Berbergemeinde zu erschliessen, wurde anerkannt. In einer Welt, die noch immer Kulturen zertrümmert, konnte das Kulturgut in diesem abgelegenen Winkel geschützt werden. Das Paar wurde zu Vorträgen eingeladen. Es verhalf Nachbargemeinden beim Aufbau einer eigenen tragfähigen Agrarwirtschaft. Das Kunsthandwerk blühte auf.
Auch Armand lebte auf und fühlte sich glücklich geborgen in einer neuen Heimat, die ihm weitaus besser gefiel als die alte.
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Diese Geschichte mutet wie ein Märchen an. Ich verlasse mich auf den Märchenglauben der Leserschaft.
Hinweis auf eine Reportage mit Bezug zu den Berbern