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Während die helvetischen Strassenexperten in der Regel noch gute Kenntnisse über Bern und die westlich davon gelegenen Landesteile hatten, war ihnen die Zentral-, Ost- und Südschweiz oft mehr oder weniger fremd. Auch Jean Samuel Guisan, dem aus dem Waadtland stammenden helvetischen «Inspecteur général des Ponts et Chaussées», erging es so. Um die diesbezüglichen Defizite zu beheben, sandte ihn die Regierung auf eine Inspektionsreise, die ihn durch die Innerschweiz in die Ostschweiz und über Zürich und Solothurn zurück nach Bern führte. Guisan trat die Reise im August 1800 an, das heisst kurz vor der Klassifizierungsumfrage, die im Zentrum des SNF-Projekts steht. Der schriftliche Bericht der Reise datiert vom 2. September 1800.[1] Der Bericht ist neben Guisans Mémoire von 1798 eine weitere zentrale Quelle zum Verständnis der folgenden Schritte der Zentralverwaltung.
Guisan war auf seiner Inspektionsreise konfrontiert mit Desillusionierung, mit noch im Ancien Régime gründender Opposition, mit inkompetenten oder unwilligen Verwaltungskammern, er fand aber auch noch jenen helvetisch-reformerischen staatsbürgerlichen Impetus, von dem er selbst beseelt war. Er beschwörte die Idee der «einen und unteilbaren Republik», die für ihn auf einer gleichmässigen Verteilung der Strassenlasten und auf überall gleichen und guten Verbindungswegen beruhte, die ihrerseits den Handel und die Produktivität der Landwirtschaft fördern würden.
Er sah mit dem Auge des Ingenieurs die oft überschwemmte Linthebene und baute im Geiste einen Kanal durch diese; den Rhein leitete er durch den Walensee in den Zürichsee. Er beschrieb aber auch ein vom Krieg heimgesuchtes Land, dessen Menschen elend und erschöpft waren und die kaum einer Veränderung ihres Zustands mehr fähig schienen, dessen Ursache sie nicht selten und immer vermehrt im Westen, in Frankreich und in Bern wähnten. Er reiste durch besetzte Gebiete, auch einmal auf Strassen, die aus militärischen Erwägungen einer der kriegführenden Mächte gebaut oder ausgebaut worden waren. Er fand daneben aber viel öfter schlecht unterhaltene und von Militärtransporten verkarrte Strassen, ruiniert unter anderem durch jene requirierten Fuhrwerke der Bauern, die für den Unterhalt dieser Strassen so notwendig wären. Und im ganzen Land fand er Gemeinden vor, im helvetischen Jargon Munizipalitäten, die sich souverän fühlten und die keine Autorität über ihnen akzeptierten.
Skizze aus dem Reisebericht von Jean Samuel Guisan.[2] Rot eingezeichnet ist die im Jahr 1800 aus militärischen Erwägungen der französischen Heeresleitung im Bau befindliche Strasse von Altstätten nach Lichtensteig.
Wie die vielfältig bei ihm eingegangenen Klagen aus den Regionen war auch er der Ansicht, dass den Strassen bei ausbleibendem Unterhalt der schnelle Verfall drohte. Aber er sah auch deren Potenzial: fachgerecht unterhalten würden sie immer noch zu den besten Strassen Europas zählen.
Er schrieb dies alles zuhanden des Direktoriums auf, konnte damit aber seinen eigenen Chef, den Kriegsminister, nicht belästigen, da dieser, von grössten Geld- und Kriegssorgen geplagt, mit noch Wichtigerem beschäftigt war. Der Kriegsminister unterzeichnete dann aber immerhin jene Schreiben, mit denen Guisan und seine Division III die kaum zu bewältigende Arbeit angingen. Man begann mit einer Reihe von Umfragen.
[1] Extraites d’un voyage rapide, fait aux frontières du pays Grisons, de l’Autriche antérieure et dans plusieurs lieux de la Suisse orientale, 2. September 1800, CH-BAR#B0#1000/1483#3168-05#1, fol. 320–329 [PDF-S. 31–46].
[2] CH-BAR#B0#1000/1483#3168-05#1, fol. 329 [PDF-S. 46].