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Paul Abraham und das Grand Hotel
von Klaus Waller
Es gibt keine andere Operette von Paul Abraham, deren Handlungsort so viel mit seinem eigenen Leben zu tun hat wie «Märchen im Grand Hotel». Er wohnte niemals wie seine Viktoria in einer US-Botschaft in Tokio, wandelte niemals wie Prinzessin Laya unter hawaiianischen Palmen.
Aber das Grand Hotel, das war seine Welt, die Welt eines eleganten, durch exzellente Umgangsformen auffallenden ungarischen Maestros alter Schule. Er suchte diese Welt so oft auf wie möglich – als standesgemäßen Aufenthaltsort auf Reisen oder auch zum Arbeiten und (gegenüber der Presse) zum Repräsentieren. Später dann, im Exil in Frankreich, Kuba und New York, lebte er ausschließlich in großen Hotels. Ja man könnte sagen, dass das Leben in Hotels eine der wenigen Konstanten in seinem ansonsten von tiefsten Brüchen gekennzeichneten Leben war.
Schon als kleiner Junge in seinem Heimatort Apatin soll der 1892 geborene Abraham die ersten einschlägigen Erfahrungen gemacht haben – im Hotel Lindenmayer, wo sonntags im Restaurant eine Zigeunerkapelle auftrat, die ihn musikalisch inspiriert hat. Ansonsten war damals die große Welt noch weit entfernt. Hier im donauschwäbischen Apatin waren seine ursprünglich aus Böhmen stammenden Vorfahren seit Generationen als Kaufleute tätig.
Paul Abraham aber spürte Musikerblut in den Adern. Er besuchte zwar um des Familienfriedens willen noch eine Wirtschaftsschule – dann aber ging es nach Budapest auf die Musikhochschule, wo er durch Bestnoten auffiel und als angehender klassischer Komponist auch erste konventionelle Werke im Rahmen des Studiums aufführte.
Versuche, auch nach dem Studium mit eigenen Werken zu reüssieren, scheiterten. Er entschied sich notgedrungen um und arbeitete, angespornt durch seine Spielernatur, als Broker – so erfolgreich, dass er sich eine große Villa leisten konnte – und kurz darauf so erfolglos, dass er Anfang 1924 eine grandiose Pleite hinlegte, die ihn sogar zumindest für eine Nacht ins Gefängnis brachte. Danach war das Leben noch bitterer als vorher – denn nun musste er auch noch riesige Schulden abtragen.
Die nächste Zeit schlug sich Paul Abraham hauptsächlich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er 1927 als Kapellmeister an das Budapester Operettentheater engagiert wurde und Anfang 1928 mit der Operette «Zenebona» (Spektakel) seinen allerersten Erfolg einheimste. Es folgten zwei weitere Operetten und vor allem die Arbeit an dem späteren Sensationserfolg «Viktória». Dieses Stück, so berichtet es eine Chronik des Grand Hotel Corinthia (damals Grand Hotel Royal) Budapest, soll er in eben diesem Etablissement komponiert haben. Zwei Jahre habe er insgesamt dort logiert, heißt es.
Es begann eine aufregende Zeit. Für Paul Abraham, aber auch für die Operette insgesamt. Der bis dato völlig unbekannte ungarische Kapellmeister errang innerhalb kürzester Zeit nationalen und internationalen Ruhm. Das Genre Operette erlebte durch diesen Newcomer mit schwungvollen, modernen Rhythmen und hinreißenden Melodien noch einmal eine kurze, aber glanzvolle Blüte.
Die Viktória wurde als «Viktoria und ihr Husar» nach Berlin transferiert und von Alfred Grünwald und Dr. Fritz Löhner-Beda zur Hauptstadtoperette umgetextet. Abraham zog nach Berlin um – und stieg bei seinem ersten Aufenthalt in keinem geringeren Hotel als dem Adlon ab. Der Regisseur Geza von Cziffra berichtet von einem Sektfrühstück mit weiteren Künstlerkollegen in Abrahams Zimmer – aber auch, dass dieser gestehen musste, nur über Geldreserven für zwei Wochen Aufenthalt zu verfügen. Dann musste er in eine kleine Pension umziehen.
Doch der jetzt eintretende Erfolg sorgte dafür, dass Abrahams Geldsorgen für zweieinhalb Jahre vorbei waren. «Viktoria und ihr Husar», «Die Blume von Hawaii» und «Ball im Savoy» wurden die erfolgreichsten Operetten ihrer Zeit, Abraham konnte sich bald wieder eine Villa leisten, wo er mit einem ganzen Tross von musikalischen Mitarbeitern logierte und an Operetten- und Filmmusiken arbeitete. Und wo er sich angeblich jeden Nachmittag von einem livrierten Dienstmädchen die eingehenden Tantiemen auf dem Silbertablett reichen ließ.
Die Zeit ging jäh zu Ende. Nur einen guten Monat nach der umjubelten Premiere von «Ball im Savoy» kamen die Nationalsozialisten (von deren Führungsfiguren einige bei der Premiere anwesend waren) an die Macht und verboten bald darauf Abrahams Musik. Er selbst musste unter dramatischen Umständen und unter Zurücklassung fast aller seiner Habe nach Budapest fliehen. Er zog mit seiner Frau ins Grand Hotel Royal, bis sie eine neue Wohnung gefunden hatten.
Naturgemäß aber musste er häufig nach Wien. Hier war der einzige Ort, neue deutschsprachige Operetten aufzuführen, hier wohnten auch seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, mit denen er schon bald entsprechende Pläne schmiedete. Das erste Projekt hieß «Märchen im Grand Hotel».
Die Vorlage lieferte ein Theaterstück des in Frankreich populären, aber in Wahrheit aus Polen stammenden Autors Alfred Savoir. Dieses 1924 uraufgeführte Stück war vor allem durch seine amerikanische Verfilmung auch international bekannt. Bereits 1926 lief in Österreichs Kinos Die Grossfürstin und der Kellner, wo es um die Beziehung zwischen einer russischen Großfürstin und einem als Kellner verkleideten vermögenden Lebemann ging. Die Librettisten nahmen die Grundidee auf, machten daraus aber ein «Rivieramärchen», in dem «reichlich Spielraum durch Vermischung mit amerikanischen Filmmotiven für allerhand Operettenbetrieb geschaffen wurde» (so eine Premierenkritik).
Von Anfang an zeigte die Firma «Abraham-Grünwald-Beda» Sinn für optimale PR. Ende Oktober 1933 erfuhr die Öffentlichkeit erstmals von der geplanten Uraufführung des Stückes. Der Morgen aus Wien meldete unter dem Titel «Wird Marlene Dietrich in der Josefstadt spielen?» davon, die weltberühmte Filmschauspielerin sei geneigt, die interessante Partie der Grossfürstin zu spielen.
Als kurz vor dem «Märchen im Grand Hotel» ein Stück von Abrahams ehemaligem Studienkollegen Michael Krausz in Wien aufgeführt wurde – «Die gelbe Lilie» –, beschuldigte Abraham ihn, einige Melodien aus seiner Operette plagiiert zu haben. Vor Gericht konnte Krausz beweisen, dass dies nicht stimmen konnte. Auch wenn dieser Prozess wohl weniger aus PR-Gründen angezettelt worden war, sondern weil Abraham eine lebenslange Angst vor Plagiaten hatte – für Aufsehen war gesorgt.
Aus Marlene Dietrichs Auftritt wurde nichts, aber dafür kam bei der Uraufführung (das Ensemble des Theaters in der Josefstadt spielte im Theater an der Wien) dann eine andere populäre Filmschauspielerin zum Zuge: Liane Haidt. Auch diese Personalie ließ das Publikum aufhorchen. Denn Liane Haidt hatte die Wiener zuvor durch angeblich zu hohe Gagenforderungen verärgert (ein Vorwurf, gegen den sie gerichtlich vorging). Nun aber verkündete die Diva publicityträchtig, dass sie ihre Hauptrollengage einer Hilfsaktion zum Muttertag stiften werde.
So etwas schafft immer gute Stimmung, die noch durch den Umstand gesteigert wurde, dass für das «Märchen im Grand Hotel» am 27. März, also am Tag vor der offiziellen Uraufführung, eine öffentliche Benefiz-Generalprobe angesetzt wurde, deren Reinerlös ebenfalls der Mütterhilfe zugutekam. Ein gesellschaftliches Ereignis, an dem keine Zeitung vorbeikam.
Auf den Zuschauerrängen mangelte es nicht an Prominenz. Hier wurde Paul Abraham an diesem Abend von den Spitzen der Wiener Politik und Gesellschaft beklatscht – darunter waren die Gattin des Bundespräsidenten Wilhelm Miklas, Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß und dessen späterer Nachfolger Kurt Schuschnigg (die prägenden Figuren des Austrofaschismus). Eine kleine Parallele zur Premiere von Ball im Savoy anderthalb Jahre zuvor.
Regie führte erstmals bei einer Abraham-Operette der spätere Hollywoodstar Otto Preminger. Er ließ «alle Kunststücke des Bühnenzauberkasten spielen», wie ein Kritiker feststellte. Das Stück wurde bejubelt, blieb mehr als zwei Monate hintereinander auf dem Spielplan und erlebte in Österreich und auf deutschsprachigen Bühnen Tschechiens noch neun Inszenierungen.
Abrahams Popularität blieb ungebrochen. Am Tag nach der Uraufführung der Märchen-Operette machte die Illustrierte Kronen-Zeitung ihren Kulturteil mit einer zweispaltigen «musikalischen Widmung an unsere Leser» auf – eine handschriftliche Notenzeile mit Grüssen des Komponisten.
Noch zwei Operetten – «Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus» sowie «Roxy und ihr Wunderteam» – brachte Abraham in Wien heraus, vier weitere in Budapest – dann musste er auch aus Prag fliehen.
Abraham ging Anfang 1939 zunächst nach Frankreich. Hier kannte man ihn zwar von seinen Operetten, doch Arbeit gab es für ihn praktisch keine mehr. Er wohnte im glanzvollen Splendid Hotel (heute Splendid Etoile), musste aber, um sich das Zimmer leisten zu können, nachmittags die Hotelgäste am Klavier unterhalten. Das gleiche Schicksal ereilte ihn ein Jahr später auf Kuba, wo er zwar im berühmten Hotel nacional in Havanna logierte, aber kein Geld für eine Kaution hatte, die er für die Einreise in die USA brauchte. (Sein bereits vor ihm aus Deutschland geflohener Agent besorgte sie ihm.)
Praktisch ohne Geld kam Paul Abraham nach New York. Er hatte für die Neue Welt große Hoffnungen, galt er doch in Europa als Modernisierer, der den Jazz in der Operette etabliert hatte. Aber man hatte im Ursprungsland des Jazz nicht auf ihn gewartet. Er wohnte fast zehn Jahre im Hotel Windsor nahe dem Central Park, gelegentliche Kleinaufträge wie etwa Konzerte in Emigrantenkreisen liessen ihn zunächst überleben, dann aber brach er aufgrund einer aus Geldnot nicht behandelten Syphilis zusammen.
Verarmt und körperlich wie psychisch erkrankt wurde Abraham zehn Jahre lang in einer Psychiatrie bei New York untergebracht. Noch während er dort sass, wurden in Europa seine Erfolgsoperetten wieder aufgeführt. Als Abraham dann 1956 als geistig verwirrter Mann wieder nach Deutschland kam, konnte er diesen neuen Erfolg nicht mehr bewusst miterleben. Jetzt sprudelten die Tantiemen wieder, und er hätte wieder auf großem Fuß leben können. Doch er war endgültig dement, lebte mit seiner Frau in einer Zwei-Zimmer-Wohnung und glaubte bis zu seinem Tode 1960, sein Wohnort sei das Hotel Windsor in New York.
Klaus Waller ist Journalist und Autor der Biographie Paul Abraham. Der tragische König der Operette