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Neuerscheinungen
Trauerarbeit
Ohne Psychologiestudium dürfte es schwer fallen, den Namen Elisabeth
Kübler-Ross korrekt einzuordnen. Die Band Spring Offensive aus Oxford
vertonte deren Werk „Death and Dying'“ Wunderbare Arbeit.
Dass an dieser Stelle über Singleauskopplungen berichtet wird, hat gewissen Seltenheitswert. Der knapp 14 Minuten dauernde Track „The First of Many Dreams About Monsters“ der jungen Oxforder Band „Spring Offensive“ verdient es jedoch, ausführlich erwähnt zu werden. Genauso wie die Theorie der Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, ist auch der Track keine leichtverdauliche Kost. Frau Kübler-Ross schlug Strategien zur Bewältigung extrem schwieriger Situationen vor, sie postulierte, dass sich z.B. der Prozess des Sterbens (oder auch Trauerns) aus fünf Phasen zusammensetzt: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung (Denial), Zorn (Anger), Verhandeln (Bargaining), Depression (Depression) und Akzeptanz (Acceptance). Diese Theorie (auf welche aus Platzgründen nicht genauer eingegangen wird) inspirierte die Band zu ihrem Song. Dieser soll es ermöglichen, sich zumindest vorstellen zu können, wie es sich anfühlen könnte, einen solchen Trauerprozess nach Kübler-Ross’schem Schema zu durchleben. Dazu führte die Band Gespräche mit Elisabeth Kübler-Ross Sohn, wobei Interviewausschnitte die verschiedenen Teile des Tracks ineinander überführen.
Das Lied beginnt mit dem Teil „Denial“ friedlich, dezent, minimalistisch. Mit den Worten „Get Me a Surgeon“ wird dem Patienten bewusst, dass er Hilfe braucht.
Die Zeile ‚Petrified in a lab room bell jar‘ eröffnet den ‚Anger‘-Teil des Stücks. Die Musik wird wilder, wuchtiger, natürlich wütender. Gehörschmeichelnder Alternative wird zu erregtem Postrock. Kurz und heftig. Nach einer Interviewpassage folgt mit dem ‚Bargaining‘-Teil der wohl schönste Abschnitt des Songs. ‚I cannot breathe, down here the air is thick, with animals dying and sick‘. Wiederum im freundlichen Alternative-Gewand. Zwei Gitarren unaufdringlich virtuos im Hintergrund, wunderbar gefühlvolles Spiel mit Dichte und Intensität, erstklassiger, teilweise sehr emotionaler Gesang, textlich sensationell.
‚I see that I am weak and that I have no choice, I see what I will be and what I will become…I have such long days ahead, and all that you have is death‘.
Darauf im mehrstimmigen Chor: ‚No angels are watching you, the walls are not listening. I’d trade everything I have, but everything is not enough‘
Plötzlich: Stille, Gesprächsfetzen. Der Teil ‚Depression‘ beginnt. Sehr ruhig, schwebende elektronische Geräusche im Hintergrund, der Gesang eher ein Flüstern:
‚My body is a timber frame. My bones are on fire. My throat is closing in on me. My heart is pumping hard. My head is filled with burning light. My skin is a canvas sick. My ribcage is a creaking chest. My lungs have a puncture leak…‘. Die Passage erinnert rein klanglich an Radiohead’s traurigste Momente.
Der abschliessende ‚Acceptance‘-Part wirkt danach beinahe erlösend. Wiederum im Chor: ‚This is our corrective, grieving animal incentive. I know we deserve it. Let’s hope I can learn from it.‘
Die Schwere verfällt, die Gitarren werden munter und fiedeln in bester Interpol-Manier im Hintergrund. Die Band zündet zum Schluss ein fulminantes klangliches Feuerwerk, wiederum Postrock-typisch.
Insgesamt ein hervorragend konzipierter und komponierter Song. An musikalischer wie auch gesanglicher Vielfalt kaum zu übertreffen. Wuchtige Riffs treffen auf minimalistische Basteleien, sauberer Gesang auf mehrstimmige, schwammige Chöre, exakte, kristallklare Melodien auf wildes instrumentales Durcheinander. Die Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross könnte nicht würdiger geehrt werden. Dass es sich bei den Interpreten um eine sehr junge Band handelt, verdient entsprechenden Respekt.
Der Track wird ab dem 20.August hier gratis zum Download angeboten.
Diskographie:
> Pull Us Apart (2010)
> The First of Many Dreams About Monsters EP (2010)
Ähnliche Künstler:
> Gregor Samsa
> Youth Pictures of Florence Henderson
> EF
> Radiohead