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Ob als Bezeichnung für polarisierende Figuren der Gegenwart (Greta Thunberg als «Heilige einer grünen Ersatzreligion», NZZ), im politischen Nationalismus oder als Deutungselement einer Genealogie der Menschenwürde – Semantiken der Sakralität spielen in den öffentlichen Debatten wie in der Theoriebildung des 21. Jahrhunderts eine zentrale Rolle. Vielleicht deshalb steigt derzeit auch wieder das Interesse an den ‹sakralen› Gattungen der Vormoderne. So haben Anne Weber mit Kirio (2017) und Martin Walser mit Mädchenleben oder Die Heiligsprechung (2019) jüngst wieder Erzähltexte vorgelegt, die an die Gattung der Heiligenlegende anknüpfen, während das Theater Basel Calderóns Märtyrertragödie El principe constante in ihren Spielplan aufgenommen hat (Dernière im Februar 2020).
Das SNF-Projekt untersucht die Transformation geistlich-vormoderner Literaturformate im Zeitalter nach der aufklärerischen Religionskritik, d. h. zwischen dem mittleren 18. und dem mittleren 20. Jahrhundert. Dadurch möchten wir einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis literarischer Sakralitätskommunikation in der europäischen Moderne leisten. Das Vorhaben reagiert auf zwei dominante Forschungsrichtungen der neueren Kulturwissenschaften – zum einen rezente Arbeiten zur Ästhetik des Sakralen und Kunstreligiösen in der Moderne, zum anderen das wachsende Feld der Gattungstheorie –, die es durch anderes Quellenmaterial neu zu fundieren und deren Konzepte miteinander zu verbinden sowie zu modifizieren sind. Leitende These ist dabei, dass poetische Heiligkeitsattribution in der Moderne sich zu bedeutenden Teilen über den Rückgriff auf ältere Muster der geistlichen Literatur vollzieht – auch dort, wo das Christentum programmatisch abgelehnt wird.
Spätestens mit Friedrich Schleiermachers religionsphilosophischen Reden (1799) werden Ausdruck und Mitteilung von Transzendenzerfahrungen zum Problem, das auch die Darstellungsmöglichkeiten von Literatur um 1800 herausfordert. Zu dieser Zeit mehren sich Stimmen, die, wie Novalis, die «Vertrocknung des heiligen Sinns» im nachreformatorischen, nachaufklärerischen, nachrevolutionären Zeitalter beklagen und das christliche Mittelalter als kindliche Epoche der Ganzheit und Einheit beschwören. Zugleich unterstreichen die Zeitgenossen den Befund, dass das ‹Heilige› der Moderne nicht nur im Hinblick auf die Erfahrung, sondern auch kommunikativ unverfügbar bleibe. Wo man sich der Semantik des Sakralen bedient, wird deshalb ihr notwendig approximativer Charakter markiert – «Und was ich sah, das Heilige sei mein Wort» (Hölderlin).
William Straube: Auferstehung Christi vom Isenheimer Altar. Nach Matthias Grünewald
Es gehört zu den weniger beachteten Eigenheiten des sattelzeitlichen Religionsdenkens, dass es die Form- und Mitteilungsaporien des Sakralen auch gattungspoetisch reflektiert. Ein Grossteil jener literarischen Zeugnisse, die zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert von Heiligen und Heiligkeit handeln, beruht auf funktionalen Schemata, auf stereotypen Figuren und Figurenrelationen, musterhaften Ereignis- und Handlungsfolgen bis hin zu topisierten Raum- und Dingbeziehungen. Ihre Konstituenten sind offenbar älteren Literaturbeständen entnommen, und tatsächlich sind diese Texte oft mit entsprechenden Gattungsbezeichnungen versehen, die sie als generisch ausweisen. Bestimmte Gattungen der christlichen Literaturtradition, so lautet die erste Hypothese des Projekts, werden seit dem späten 18. Jahrhundert und vor allem in der Romantik als flexibles Gerüst konstruiert, als willkommene Formate, die es ermöglichen, sich einem ‹Sakralen› anzunähern, zu dem die Moderne nach zeitgenössischer Ansicht jeden direkten Zugang verloren hat. Vor diesem Hintergrund postuliert die Literatur von Klopstock bis Rilke gewisse Vorgaben für das geistliche Lied, das Märtyrerdrama, die Legende, adaptiert und verändert sie in der poetischen Praxis, um Sakralität als ästhetischen Effekt zu erzeugen, beruhend auf der generischen Suggestion von Naivität (sancta simplicitas), ‹vormoderner› Schlichtheit und Hingabe. Bei aller Aktualisierung resultiert der Reiz geistlicher Gattungen in der Moderne aber gerade aus der historischen Alterität ihrer Sprechhaltungen und ihres Handlungspersonals, aus der Fremdheit schon der statischen Konzeption der Heiligenfigur etwa, die den bürgerlichen Autonomie- und Individuations-imperativen zu widersprechen scheint. Die ‹geistliche› Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, so die zweite Hypothese, neigt daher ebenso sehr zu textuellen Distanzierungsgesten, kennt ironische Selbstkommentare und skeptische Beobachterfiguren, die das Dargestellte als exotisch und anachronistisch kennzeichnen. Sie reflektiert damit die gattungstheoretischen Bedingungen des Schreibens über Heiligkeit und lenkt den Blick auf die poetische Konstruktion des Sakralen selbst. Die Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts changiert folglich zwischen Präsenz- und Mediationsgesten, zwischen gattungsgestützter Heiligkeitsevokation und durch das Heiligensujet provozierter Gattungsreflexion.
Mit den drei Projekten zur Legende, zum Heiligendrama und zum geistlichen Lied wollen wir zeigen, wie literarische Konzepte von Heiligkeit in der Moderne auf ältere Formbestände, Gattungen und Darstellungsmuster zurückgreifen.