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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
20. Christi Taten als Zeugnis des Vaters.
In sehr vielen also und in fast allen seinen Aussprüchen hat er dieses Geheimnis endgültig und eindeutig gelehrt, damit er nicht etwa durch sein Bekenntnis von der Gottheit des Vaters sich von dessen Einheit abtrenne, damit er auch nicht denselben (Vater) als nur Einen und Vereinzelten lehre, indem er sich mit ihm in eins setzte. Dennoch wird auch dadurch, und sogar am meisten, ersichtlich das Geheimnis der Einheit und der Geburt gelehrt werden, daß er sagte: „Ich aber habe ein Zeugnis, das größer ist als das des Johannes. Denn diejenigen Werke, die zu vollbringen der Vater mir gegeben hat, eben diese Werke, die ich tue, geben Zeugnis von mir, daß der Vater mich gesandt hat. Und der Vater, der mich gesandt hat, der hat auch von mir Zeugnis abgelegt. Weder habt ihr seine Stimme je gehört noch seine Gestalt gesehen; und sein Wort habt ihr nicht dauernd in euch, weil ihr demjenigen nicht glaubt, den jener gesandt hat.”1
Wie aber erkennt man in Wahrheit, daß der Vater Zeugnis abgelegt hat über den Sohn, da man ihn weder [S. 87] gesehen, noch seine Stimme gehört hat? Mir fällt zwar bei, daß man vom Himmel her eine Stimme gehört habe, die sprach: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen gefunden habe; ihn höret!”2 Wie aber hat man Gottes Stimme nicht gehört, da doch die vernommene Stimme die Bezeichnung als väterliche Stimme in sich schließt (d. h. ausdrücklich angibt)?
Doch vielleicht haben nur diejenigen sie nicht gehört, die in Jerusalem geblieben waren, da nur Johannes3 sie in der Wüste gehört hat. Es gilt also zu fragen, wie der Vater in Jerusalem Zeugnis gegeben habe. Nunmehr stützt er sich nämlich nicht mehr auf das Zeugnis des Johannes, der die Stimme aus dem Himmel hört; er hat vielmehr ein Zeugnis, das gewichtiger ist als das des Johannes; und er hat sofort hinzugefügt, welcher Art es sei: „Denn die Werke, die zu vollbringen der Vater mir gegeben hat, eben diese Werke, die ich tue, geben Zeugnis von mir, daß der Vater mich gesandt hat.”
Die Geltung des Zeugnisses erkenne ich an: denn niemand anders würde dies(e Werke) tun können als nur der vom Vater gesandte Sohn. Sein Werk ist also sein Zeugnis. Was endlich aber folgt weiter? „Und der Vater, der mich gesandt hat, der hat Zeugnis von mir abgelegt. Weder habt ihr seine Stimme je gehört, noch seine Gestalt je gesehen, und sein Wort habt ihr nicht dauernd in euch.” Sind also diejenigen ohne Schuld, die das Zeugnis des Vaters nicht kennen, den man unter ihnen niemals gehört und gesehen hat und dessen Wort nicht dauernd unter ihnen bleibt? Es kommt ihnen aber nicht diese Milderung zu, daß sie das Zeugnis (des Vaters) nicht kennen, weil er ausdrücklich sagt, daß das Zeugnis seiner Werke das Zeugnis des Vaters über ihn sei. Seine Werke bezeugen also seine Sendung vom Vater; gerade dieses Zeugnis der Werke ist aber das des Vaters. Da [S. 88] das Wirken des Sohnes Zeugnis des Vaters ist, so muß man dasjenige Wesen als im Sohn wirksam erkennen, durch das auch der Vater Zeuge ist.
So also wird von dem Wirken Christi und von dem in dessen Werken Zeugnis gebenden Vater die Untrennbarkeit des Wesens aufgewiesen, und zwar vermöge der Geburt, da als das Zeugnis des Vaters über Christus eben das Wirken Christi bezeichnet wird.
1: Joh. 5, 36―38.
2: Matth. 17, 5; außerdem: Matth. 3, 17; vgl. die folgende Anmerkung.
3: Vgl. Joh. 1, 32.