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Sichtbare und unsichtbare Welten: Kraftfiguren der Songye
Michaela Oberhofer
17.03.2023
Bereits Hans Himmelheber unterschied bei den Songye zwischen den kleinen, für den persönlichen Bedarf angefertigten Kraftfiguren und den eindrücklichen grossen Skulpturen, die von Dorfgemeinschaften genutzt wurden. Sollte eine Kraftfigur (Sg. nkishi, Pl. mankishi) hergestellt werden, gab zunächst ein Chief oder ein Ältester den Holzkorpus bei einem Schnitzer in Auftrag.1 Danach brachte ein ritueller Experte (nganga) aussen und im Inneren der Figur Substanzen (bishimba) aus pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Materialien an. Seine Worte und Opfergaben aktivierten die Kräfte (kikudi) der Geister von Verstorbenen, die Krankheiten, Unfruchtbarkeit oder andere mit Hexerei in Zusammenhang gebrachte Gefahren fernhalten konnten. In der Vorstellung der Songye war kikudi im Bauch oder Kopf einer Person verortet – dort sind bei den Figuren auch die wirkmächtigen Substanzen angebracht. Mankishi waren zeitlich und örtlich gebundene Behälter für diese übernatürlichen Kräfte. Sie sind Ausdruck der Komplementarität zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren beziehungsweise dem Aussen und Innen.
Die Gemeinschaftsfiguren erzeugten aufgrund ihrer Grösse und der Akkumulation von Materialien eine Mischung aus Bewunderung und Furcht. Eine von Himmelheber als Ahnenfigur bezeichnete Bekalebue-Skulptur strahlt durch das würdevolle Gesicht und die ungewöhnliche Geste der bittenden Handflächen eine besondere Ruhe und Harmonie aus. Die grossen Figuren erhielten eigene Namen und trugen Insignien der Weisheit und Macht wie Bart, Kopfschmuck, Glaskette oder Raffiarock. Hingegen sollten Materialen wie Schlangenhaut, Leopardenzähne oder Antilopenhörner abschreckend wirken und an Eigenschaften wie Stärke oder Schnelligkeit erinnern, die mit diesen wilden Tieren assoziiert wurden. Pfeile und Stäbe aus Metall wurden mit den Kulturheroen des Jägers und Schmiedes in Verbindung gebracht, standen aber auch für den Blitz, den ein Hexer oder eine Hexerin gegen Feinde einsetzen konnte. In der Kolonialzeit nahm die Bedeutung der mankishi zu, da sie in einer Phase ökonomischer und gesellschaftlicher Unsicherheit und Machtungleichheit Kontinuität und Zusammenhalt zu garantieren schienen.2
Sowohl die grossen als auch die kleinen Kraftfiguren der Songye zeichnen sich durch das V-förmige Gesicht, die halb geöffneten Augen und die dreieckige Nase aus, die in die markanten Bögen der Augenbrauen übergeht. Der Torso – die Hände oftmals seitlich am Bauch – ist aus eckigen Formen und Volumen zusammengesetzt, deren kubistische Anmutung bei europäischen Sammlern sehr beliebt war. Nur wenige mankishi sind heute noch in ihrem ursprünglichen Zustand mit allen Substanzen erhalten. Bei beiden hier vorgestellten Exemplaren offenbart erst die Röntgentomografie die unsichtbare Ladung, etwa einen Pfeil aus Metall oder die Gänge im Inneren des Kopfes und des Bauches. Weitaus häufiger wurden die Skulpturen «entladen» – durch die Eigentümer vor dem Verkauf oder durch die späteren Besitzer –, damit sie der Ästhetik des westlichen Kunstmarktes entsprachen. Einen Schritt weiter ging der Künstler einer im Kongo-Stil geschnitzten Skulptur, der die Oberfläche, ganz im Sinne des klassischen Sammlergeschmacks der damaligen Zeit, glatt und dunkel gestaltete und die «Ladung» auf einen kleinen Spiegel reduzierte.
Quelle:
Oberhofer, Michaela: Sichtbare und unsichtbare Welten: Kraftfiguren der Songye. in Nanina Guyer und Michaela Oberhofer (Hg.): Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart. Zürich: Museum Rietberg / Scheidegger & Spiess, 2019
1
Siehe Hersak, 2013.
2
Siehe Hersak, 2010, S. 41.