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«Holen Sie sich, was Ihnen zusteht!»
Wahlkampf-Dummheiten, dachten wir bei Trump – und wir haben uns getäuscht. Auch ein Wahlkampf kann einiges signalisieren.
«Wir müssen», hämmert er den 300 Delegierten immer wieder ein, «den Menschen in diesem Wahlkampf einen einzigen Satz sagen: Holt euch, was euch zusteht!» Das stand in den Salzburger Nachrichten, in der Ausgabe vom 4. August, und es bezieht sich auf Christian Kern, den Parteichef der SPÖ, und auf seine Rede tags zuvor mit zurückgekrempelten Hemdsärmeln am Bundesparteirat im Wiener Messegelände. Im Hinblick auf die Wahlen am 15. Oktober, natürlich.
Nur «einen einzigen Satz: Holt euch, was Euch zusteht!» Und – schriftlich – auf den Plakaten etwas formaler: «Holen Sie sich, was Ihnen zusteht!» Es sollen mit dem Satz ja auch Leute angesprochen werden, die nicht schon Kumpel sind, Leute, die man noch siezt. Und in Österreich ist man bekanntlich korrekt und freundlich.
«Holen Sie sich, was Ihnen zusteht.»
Dass ich den Satz in den nächsten Wochen immer wieder hören und immer wieder lesen werde, hindert mich nicht, darüber nachzudenken, was er bedeutet. Was heisst denn «Holt euch!» und was heisst «was Euch zusteht»?
«Holt euch!»
Ja, auch ich «hole» mir manchmal etwas. Jetzt zum Beispiel gerade ein kleines Bier aus dem Kühlschrank, denn draussen ist es fast unerträglich heiss, so gegen 34° Celsius. Und ich gehöre zu den Privilegierten, die ein Dach über dem Kopf, ja sogar ein gut isoliertes Haus und einen Kühlschrank haben. Als ich auf die Welt kam, hatten meine Eltern noch keinen Kühlschrank, der Keller war der kühlste Ort im Haus. Im nahen Wald aber gab es einen unter die Erde gegrabenen Raum, eine künstliche Höhle sozusagen. Dort hätten die Leute früher Eis eingelagert, erklärten mir meine Eltern, Eis aus dem Winter natürlich, damit sie dort für den Sommer und während des Sommers Nahrungsmittel kühl lagern konnten. Einheimisches Gemüse und Früchte vor allem.
Warum soll man sich daran noch erinnern? Tempi passati. Jetzt «holt» man sich bei Hitze eben schnell ein Bierchen aus dem Kühlschrank.
«was euch zusteht»
Aber steht mir das Bierchen denn auch wirklich zu? Klar, ich habe ja viel gearbeitet und das kleine Bier auch selber bezahlt, was soll die Frage?
Um das Bierchen auf die Temperatur zu bringen, in der ich es heute, an diesem extrem heissen Tag, trinken möchte, muss ich es kühlen – in meinem Fall nicht mehr in einer mit Eis gefüllten Höhle, sondern im Kühlschrank. Und dieser Kühlschrank braucht elektrischen Strom, sprich: Energie. Es ist aber noch keine Woche her, da konnte ich es am Radio hören und in der Berliner Zeitung lesen: Rechnet man alle Energie zusammen, die wir auf dieser Welt brauchen, dann ist heuer, im Jahr 2017, die Energie, die auf natürliche Weise nachwächst bzw. erneuerbar ist, am 2. August verbraucht. Ab dem 2. August leben wir auf Pump unserer Nachwelt: Wir brauchen fossile Energie und andere Ressourcen, die nicht nachwachsen und die unseren Nachkommen fehlen.
Ist nur ein Zahlenspiel natürlich.
Nur ein Zahlenspiel? Die Realität ist, dass ich, der Mittelklasse-Schweizer, weit mehr Energie verbrauche, als der Durchschnitts-Erdbewohner! Ich selber verbrauche also Energie schon etwa seit April, die nicht nachwächst. Steht mir das Bierchen, das im Kühlschrank gekühlt worden ist, also wirklich noch zu?
«Holen Sie sich, was Ihnen zusteht!»
Der Slogan der österreichischen Sozialdemokraten ist dumm und gedankenlos. Nicht nur enthält er im ersten Teil eine Aufforderung zur Rücksichtslosigkeit, wenn nicht sogar zur Gewalt: «Holt euch! Holen Sie sich!» Das impliziert, dass man sich das, was einem «zusteht», einfach nehmen darf, ob es vor dem Gesetz dann gerade erlaubt ist oder nicht. Vor allem aber impliziert es, dass ich ein Anrecht auf Wohlstand habe, dass ich mir diesen Wohlstand also «holen» darf. Ein Menschenrecht auf wirtschaftlichen Wohlstand? Und das in Österreich, an dessen Grenzen Tausende von Flüchtlingen gestoppt und zurückgeschickt werden, Flüchtlinge, die nur gerade haben, was sie selber bei sich tragen können. Flüchtlinge, deren Jeans nicht zerrissen und zerlöchert sind, weil Dolce&Gabbana und andere dekadente Mode-Götter es so designt haben und jetzt als neuste Mode propagieren, sondern Jeans, die zerrissen und zerlöchert sind, weil sie alt und abgenutzt sind und das Geld für neue Jeans fehlt. Von einem Kühlschrank schon gar nicht zu reden.
Oder gilt die Aufforderung «Holen Sie sich, was Ihnen zusteht» auch für die Migranten?
Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer
Natürlich, wer die ganze Rede von SPÖ-Parteichef Christian Kern gehört hat, weiss: Kritisiert wird, dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen vom wachsenden Brutto-Inland-Produkt BIP, von der wieder auf flotten Trab gekommenen Wirtschaft, zu wenig profitieren. Dass zu viel Geld nach oben fliesst, in die Säcke der ohnehin schon Habenden. Und, ja, diese Kritik ist auch angebracht und richtig.
Trotzdem: Uns aufzufordern, uns zu «holen», was «uns zusteht», ist, mit Verlaub, Zynismus pur. Wir – und mit «wir» meine ich vor allem wir Mittelständischen (und erst recht die Oberschichtigen) in Westeuropa und in den USA – nehmen uns schon seit den 1970er Jahren deutlich mehr, als uns zusteht. Wir sind, geografisch und zeitlich, die Privilegierten dieser Welt! Die Privilegierten!
Nicht zu «holen, was uns zusteht», aber «darüber nachzudenken, was uns zusteht», wäre eine sinnvolle Aufforderung. Ob allerdings damit Stimmen an der Urne geholt werden können?
Übrigens: Warum soll ich Leute ins Parlament wählen, die dort meine Interessen vertreten, wenn ich mir doch selber holen soll, was mir zusteht?
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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