Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03489.jsonl.gz/1903

Wie das Rüeggenthal zu seinem Namen kam
Der Name Rüeggenthal bezeichnet das vom Wissenbach durchflossene Hochtal zwischen den alten Siedlungen Wirzwil und Tannen. Die Kartografie unterscheidet das obere und das untere Rüeggenthal. Der Volksmund spricht bis heute einfach vom «Tal». Bis ins 17. Jahrhundert heisst das Rüeggenthal offiziell Wirzenthal, weil der obere Teil des Tales ursprünglich zum ausgedehnten Rüti-Hof Wirzwil gehörte.
Südwestlich von Unter-Rüeggenthal, ennet des Bachs, liegt die Flur «Im Hofer». Hier lag einst der mittelalterliche Bauernhof «Im Hofer», eine Greifenberger Rodung, die 1469 und 1541 der alte und der junge Hans Hofer bewirteten. Der junge, aufmüpfische Hofer weigerte sich 1525, ein Fastnachtshuhn – Zeichen der Leibeigenschaft – nach Grüningen zu bringen und sympathisierte mit den Wiedertäufern. Das Wort «Hofer» bezeichnet ein seitab gelegenes grösseres Bauerngut.
Das Gebiet im Ober-Rüeggenthal, wo 1541 eine Scheune steht, wird im 16. Jahrhundert von Hermann Stössel ab dem Allenberg und seinen Söhnen Benjamin, Hans und Ueli bewirtschaftet und besiedelt. Während drei Generationen bis zur Pest (1629) bestellen die Stössel ihre Güter im Wirzenthal, im Hofer und im Gfell. 1592 berichtet ein Gültbrief der Kirche Bäretswil, Benjamin Stössel besitze «Hus und Hofstatt, Schür, Spycher, Krut- und Baumgarten, ungefähr ein Tagwen gross, im Wertzenthal. Dazu sechs Tagwen Heuwachs, genannt die Auwisen, heisst jetzt Huswisen; ferner 70 Jucharten Weide in drei Infängen, genannt Hoferweid, Küeweid und Gfell, dazu 12 Jucharten Holz und Boden im Gfell». Für diese Liegenschaften hatte ihm die Kirche 900 Pfund zu einem Zins von 5% geliehen. Das alte Stössel-Haus aus dem 16. Jahrhundert diente Alfred Spörri noch als Schopf und wurde erst beim Bau der neuen Scheune 1977 abgerissen.
Im Unteren Wirzenthal machen sich in den 1590er Jahren Konrad und Hans Kunz und deren Nachkommen breit, die aber der Pest (1629) erliegen. Die grosse «Chuenzenweid», heute im Wald am Allenberghang, erinnert noch an die Familie. In den 1610/20er Jahren lebte im Tal auch ein Jakob Poli mit seiner Familie. Auch er wurde durch die Pest dahingerafft. Bis heute erinnert der «Poliacher» im oberen Tal an diesen längst vergessenen Mann, der hier mit seiner Familie vor 400 Jahren seine Felder bestellte.
Da im oberen Tal bei den Stösseln der einzige männliche Spross ebenfalls der Seuche erliegt, bewirtschaften 1634 die Tochtermänner Jakob Rüegg und Hans Meyer (aus dem Hof) den beachtlichen Gewerb. Auch wenn die Pest im Wirzenthal vergleichsweise eher weniger wütet, so leben fünf Jahre nach dem grossen Sterben hier trotzdem nur noch elf Personen in vier Familien:
- Jakob Rüegg und Barbara Stössel mit ihrem Kleinkind Hs. Heinrich (Oberes Wirzenthal)
- Hans Meyer und Anna Stössel mit zwei älteren Kindern (Oberes Wirzenthal)
- Samuel Strehler und Sara Weber (junges Ehepaar) (Unteres Wirzenthal)
- Jakob Kaufmann und Ursula Kündig (Unteres Wirzenthal)
Im Zug des 17. Jahrhunderts füllen nach dem grossen Sterben die Nachkommen der Genannten sowie neue Familien zügig das grüne Tal: 1634 Strehler, 1641 Müller, 1661 Bosshard, 1686 Egli, 1706 Gossweiler. 1682 hausen fünf Familien Rüegg, drei Familien Strehler und drei Familien Meier im Wirzenthal. Um diese Zeit erfolgt der Namenswechsel vom Wirzenthal zum Rüeggenthal. Auch im Jahr 1700 erscheint hier der Name Rüegg noch fünfmal. Doch bereits 1723 werden drei Familien Rüegg von zehn Familien Meier in die Minderheit versetzt. Wie das Beispiel Tisenwaltsberg zeigt, kann die Benamsung einer Ortschaft allerdings nicht nur durch die Häufigkeit eines Namens, sondern auch durch gewichtige Persönlichkeiten begünstigt werden. Beim Rüeggenthal müssen wir wohl aber von der relativen Häufung des Namens Rüegg kurz vor 1700 ausgehen.
Bereits im Jahr 1760 ist der Name Rüegg wieder aus dem Tal verschwunden. Die 105 Seelen des Fleckens setzen sich zusammen aus den Namen Meier, Schaufelberger, Hess, Gosswiler, Graf, Stössel (Rückkehr aus der Waswies), Kappeler, Pfenninger, Grimm (v. Ringwil), Strehler (v. Wald), Tobler (v. Wald), Hotz (v. Grüningen) und Gubler (v. Wila). Die schiere Menge der Menschen sowie die Vielzahl der Namen sind Zeugen einer frühen Industrielandschaft im einst so stillen Tal. Das Rüeggenthal wird im 18. Jahrhundert zur dicht besiedeltsten Ecke der mit Menschen überladenen Schulwacht Tanne. 1771 rattern in neun Häusern 50 Baumwoll-Spinnräder. Zweidrittel der Familien besitzen noch ein schmales Stück Land mit ein bis zwei Kühen. Zu einer einzigen Stube gehört noch ein kleines Hanfland, drei Familien sind beinah ohne eigenen Boden. Das alte «Schürli» bestand im 19. Jahrhundert aus vier Wohnhäusern beidseits der Strasse.
Im Umkreis von Unter-Rüeggenthal sind bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die Siedlungen «Im Schürli», «Hofer» «Althaus» zerfallen oder abgebrannt. Auch unterhalb von Oberrüeggenthal ist zwischen Strasse und Bach um 1900 ein Haus verschwunden. So hat sich von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts das frühindustrialisierte und mit Menschen überfüllte Tal wieder zur agrarisch geprägten Kultur-Landschaft der Vorzeit zurückverwandelt.
Text und Bilder:
A. Sierszyn, 19.11.2022