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«Schreiben, was ist. Und auch, was sein könnte.»
Als Urs Bruderer 2001 Bundeshauskorrespondent wurde, war seine herausragende Kompetenz, keine zu haben. Die Anzahl seiner Artikel über Politik betrug exakt null. Er hatte Philosophie studiert: Kants «Kritik der reinen Vernunft» war das einzige Buch, das er dreimal gelesen hatte. Nun war er über Nacht der zentrale Politberichterstatter der «Wochenzeitung» WOZ. Seine Waffe war sein Stil. Er hatte als Volontär beim NZZ-Folio gelernt, wie man Texte schreibt: genau, schlank, schnell. Und das genügte. Wie sich herausstellte, war sein Mangel an Erfahrung ein Vorteil. Denn die Welt änderte sich im Herbst 2001: Flugzeuge flogen in das World Trade Center, die Swissair groundete, die Börse platzte, die SVP boomte. Erfahrung war plötzlich die trübere Brille als Neugier. Der Philosoph entpuppte sich als kaltblütiger Profi. 2005 wechselte er zum Magazin «Facts». Und wurde schnell unglücklich: «Facts» verlangte Thesen, «die so bunt und vielschichtig waren wie die weissen Wände der Sitzungszimmer, in denen sie geboren wurden». Im Jahr darauf ging Bruderer als Produzent zum «Echo der Zeit». Seine Aufgabe war, Hektik in Ruhe zu verwandeln: Das «Echo» bearbeitete den Tag, aber mit der Gelassenheit eines britischen Salons. Drei Jahre später ging er fürs Radio nach Brüssel. Er berichtete über die EU. Und über die Eurokrise, die in diesen Jahren wie ein Schwelbrand wütete. Für Bruderer bedeutete sie ein Nachstudium in Ökonomie. 2014 zog er als Osteuropa-Korrespondent nach Prag. Er berichtete aus Ungarn und Polen, wie aus Demokratien autoritäre Demokratien wurden, wie greise Bulgaren ihr Dorf in ein selbst verwaltetes Altersheim verwandelten, und wurde bei den Anti-Korruptions-Demonstrationen in Rumänien für einige Tage als Volksheld gefeiert, weil er in seinem Interview dem mächtigsten Politiker ein entlarvendes Zitat entlockt hatte. Jetzt kehrt Bruderer für die Republik dorthin zurück, wo er vor einem halben Leben begann: ins Bundeshaus. Mit viel Erfahrung und der alten Neugier.