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Waren die Sixties ein einziger musikalischer Aufbruch? In seiner Mikrogeschichte «1966» zeigt Jon Savage, wie auf jede musikalische Innovation eine Schmonzette folgte.
Popmusik spiegelt den Lauf der Zeit. Mal treibt sie die Zeit vor sich her, als Katalysator, Durchlauferhitzer, Brandbeschleuniger. Manchmal beamt uns Pop in die Vergangenheit. Was war eigentlich 1968? Wie spiegelt sich das Jahr der Revolte(n) in der Hitparade? «Macht kaputt, was euch kaputt macht» von Ton, Steine, Scherben? Nein, das kam später. «Sympathy for the Devil» von den Rolling Stones? Nix da, Nummer eins der deutschen Jahrescharts 1968 ist Heintje. Ein zwölfjähriger Holländer mit einem Liebeslied für seine Mama. Hinter «Mama» rangiert auf Platz zwei «Du sollst nicht weinen» und auf vier «Heidschi Bumbeidschi» – alles Heintje.
Der Heintje der USA 1966 heisst Barry Sadler. Anders als das holländische Mamakind hat er den Stimmbruch hinter sich. Und eine Kriegsverletzung. Im Mai 1965 tappt er im Dschungel Vietnams in eine Bambusfalle. Im Lazarett fängt er an, Songs zu schreiben. Vor fünfzig Jahren, am 5. März 1966, klettert «The Ballad of the Green Berets» an die Spitze der US-Charts. Die patriotische Hymne auf die Eliteeinheit der US-Army wird der grösste Hit des Jahres 1966. Protestsongs hin oder her, die Mehrheit der Nation steht hinter dem Krieg in Vietnam, noch. Diese Geschichte erzählt Jon Savage in seinem neuen Buch «1966: The Year the Decade Exploded».
Bis August wird beschleunigt
In zwölf Kapiteln – eins für jeden Monat – rekapituliert er das Jahr, in dem die Dekade explodierte, aber eben auch immer mal implodierte, wie im Fall des singenden Sergeanten. Savage gliedert das Jahrbuch in zwei Teile: «Acceleration» und «Explosion». Bis August wird beschleunigt, ab September explodiert es. Vietnam, sexuelle Revolution, Befreiung der Frauen, psychedelische Drogen, nukleare Bedrohung, Generationenkonflikte, Rassenunruhen, all das spiegelt sich in der Popmusik des Jahres 1966 und deshalb ist 1966 das Jahr … Das Buch ist klüger als sein cleverer Claim.
Die Parole vom explodierenden Jahrzehnt suggeriert eine lineare Entwicklung: Es geht voran. Über 600 Seiten singt Savage im Refrain das Loblied auf Fortschrittsparadigma und Eskalationslogik. In den Strophen kommen allerdings auch die Symbolfiguren von Konformismus und Backlash vor. Auf jede bahnbrechende Innovation der Beatles kommt ein ältlicher Crooner wie Jim Reeves mit einem Schmonzettenbestseller. Auf die Geburt einer hedonistischen Linken aus der embryonalen Hippiekultur im kalifornischen Spätsommer folgt Ronald Reagan, der aufgehende Stern der US-Rechten.
Immer wieder baut Savage ein derart retardierendes Moment ein. So im Kapitel über den Produzenten Joe Meek, der mit seiner Band Tornados mit dem futuristischen Satelliteninstrumental «Telstar» einen Riesenhit landete. Wie Sun Ra und andere Protagonisten des Afrofuturismus begriff der weisse, schwule Brite Meek das Weltall als Sehnsuchtsort, der ein Leben ohne Heimlichtuerei, Erniedrigung und Diskriminierung verspricht. Diese Sehnsucht goss der hochbegabte Autodidakt in Dreiminutensinfonien. «Do You Come Here Often?» ist so ein verorgelt mäanderndes Instrumental, bis kurz vor Schluss zwei Männer anfangen zu reden: Kommst du öfter her? Die beiden performen einen Annäherungs- und Selbstvergewisserungsdialog im schwulen Insidercode. Der Song floppte. «Das erste authentische Stück Gay Life auf Platte», findet Savage.
Libertinage und Repression
Die Mitte der Sechziger einsetzende sexuelle Liberalisierung, die zunehmende Sicht- und Lebbarkeit von Homosexualität, all das schildert Savage in «1966» – es ist der Fortschrittsrefrain. In den Strophen erzählt er vom gleichzeitigen Drama der schwulen Genies, die von diesem Fortschritt nicht mehr profitieren konnten. Im August 1967 stirbt Brian Epstein, der Manager der Beatles, an einer Überdosis Schlaftabletten. Joe Meek ist da schon ein halbes Jahr tot. Gepeinigt von Schlaflosigkeit und paranoiden Schüben erschiesst er am 3. Februar zunächst seine Vermieterin, dann sich selbst. Epstein und Meek waren Teil von Englands «Gay Music Mafia», so Jon Savage. Beide wuchsen auf im homophoben Klima aus gesellschaftlicher Ächtung und polizeilicher Verfolgung, das Selbstverleugnung erzwingt und Selbsthass forciert.
Ungleichzeitigkeit – so nannte Ernst Bloch die rotierende Dialektik gegenläufiger Bewegungen: Libertinage und Repression, Entgrenzung und Wiedereingrenzung. Mit seiner Mikrogeschichte des Jahres 1966 demonstriert Jon Savage, dass wir es hier nicht mit einer Dialektik von Jahren zu tun haben, sondern von Sekunden. Musik sei den sozialen und politischen Institutionen immer einen Schritt voraus – so das möglicherweise zu optimistische, weil zu sehr den Sechzigern verhaftete Credo des Mittsechzigers, der nicht aufhört, sich mit neuer Popmusik zu beschäftigen. Eigentlich könnte er gleich weiterschreiben, auch 1967 ist so einiges explodiert. Oder 1976/77, die Jahre des Punk. Wobei er dieses Buch ja schon geschrieben hat. «England’s Dreaming – Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock» erscheint dieser Tage in einer Neuauflage.