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Grenada-Taube
Leptotila wellsi
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die südlichste der kleinen Antilleninseln - jener Kette tropischer Eilande, welche in einem sanften Bogen das Karibische Meer gegen den Atlantischen Ozean abgrenzt - heisst Grenada und liegt rund 160 Kilometer nördlich der venezolanischen Küste. Mit einer Fläche von 312 Quadratkilometern bildet Grenada die Hauptinsel des gleichnamigen, seit 1974 eigenständigen Zwergstaats. Die Bevölkerung von Grenada umfasst rund 100 000 Personen, von denen mehr als die Hälfte im Bereich der Hauptstadt St. George's im Südwesten der Insel lebt und arbeitet.
Wie die meisten Antilleninseln ist Grenada die aus dem Wasser ragende Spitze eines untermeerischen Vulkankegels, der im Verlauf ungezählter Jahrmillionen vom Boden der Tiefsee emporgewachsen ist. Die Insel weist dementsprechend ein bergiges, zerklüftetes Terrain auf, das beim Mount St. Catherine eine maximale Höhe von 840 Metern ü.M. erreicht.
Grenada war ursprünglich vollständig mit Tropenwald bedeckt gewesen, doch hat der Mensch einen Grossteil des Waldes gerodet, um Platz für Häuser, Gärten, Pflanzungen, Viehweiden und in jüngerer Zeit auch touristische Einrichtungen zu schaffen. Fast nur noch an den oberen, steileren Hängen der Insel findet sich natürliche Gehölzvegetation. Die tieferen Hanglagen dienen hingegen grossenteils als Weideland, und das küstennahe, mehr oder weniger flache Tiefland wird weitgehend von Siedlungen, Pflanzungen und Hotelanlagen eingenommen.
Unglücklicherweise ist auch die Grenada-Taube (Leptotila wellsi)
, von der auf diesen Seiten die Rede sein soll, eine ausgeprägte Tieflandbewohnerin: Sie hält sich fast ausschliesslich in natürlicher Gehölzvegetation unterhalb 150 Meter ü.M. auf. Kein Wunder gehört sie heute - mit einem Gesamtbestand von weniger als hundert Individuen - zu den seltensten Vogelarten der Welt.
Eine pastellfarbene Inseltaube
Die Grenada-Taube ist ein Mitglied der neuweltlichen Schallschwingentauben (Gattung Leptotila
), einer von etwa 40 Gattungen, aus denen sich die Familie der Tauben (Columbidae) zusammensetzt. Die Schallschwingentauben sehen einander alle sehr ähnlich, und deshalb herrscht in Fachkreisen keineswegs Einigkeit hinsichtlich der genauen Artenzahl innerhalb der Gattung. Im allgemeinen werden zehn Arten unterschieden, doch vertreten einige Ornithologen die Ansicht, dass es lediglich deren fünf oder sechs sind.
Die Schallschwingentauben sind über weite Bereiche Mittel- und Südamerikas verbreitet - vom Süden der USA bis zum Norden Argentiniens. Überraschenderweise ist aber ihr Vorkommen auf den karibischen Inseln sehr begrenzt: Ausser der Grenada-Taube auf Grenada ist nur noch die Jamaika-Taube (Leptotila jamaicensis)
eine Inselsiedlerin: Sie findet sich auf Jamaika und auf Grand Cayman sowie auf ein paar Inselchen vor der Atlantikküste Mittelamerikas und im Norden der mexikanischen Halbinsel Yukatan.
Beide Inseltauben aus der Gattung Leptotila
sehen der Rotachseltaube (Leptotila rufaxilla)
, welche im nördlichen Südamerika östlich der Anden eine weite Verbreitung hat, sehr ähnlich und werden deshalb von manchen Fachleuten als Unterarten derselben betrachtet. Mehrheitlich wird aber die Meinung vertreten, dass die Grenada-Taube und die Jamaika-Taube zwar von frühen Rotachseltauben abstammen dürften, welche in grauer Vorzeit auf die Inseln gelangt waren, dass sie sich dort aber während genügend langer Zeiträume eigenständig weiterentwickelt haben, um heute als separate Arten zu gelten.
Mit einer Gesamtlänge von ungefähr 30 Zentimetern ist die Grenada-Taube eine mittelgrosse Taube, nur geringfügig kleiner als unsere Haustaube, welche eine Gesamtlänge von etwa 33 Zentimetern aufweist. Wie die meisten Mitglieder der Taubenfamilie ist sie kein farbenprächtiger «Tropenvogel», sondern trägt ein eher unauffälliges Federkleid mit einer Reihe zarter, fein aufeinander abgestimmter Pastellfarben.
Unfertige Taubenkinder
Als Lebensraum bevorzugt die Grenada-Taube auf ihrer Heimatinsel trockene, undurchdringliche Strauchwälder von niedrigem Wuchs. Diese Vegetationsform bedeckte ursprünglich weiter Bereiche des küstennahen Tieflands, ist jedoch heute in mehr oder weniger unverfälschtem Zustand lediglich noch an steilen, schwer zugänglichen Stellen erhalten. Als naturnaher Sekundärwuchs findet sie sich allerdings hier und dort auch auf ehemaligen, nunmehr brachliegenden Zuckerrohrplantagen und anderen verlassenen Pflanzungen. Innerhalb ihres Lebensraums hält sich die Grenada-Taube die meiste Zeit am Boden auf und sucht dort nach Sämereien und kleinen Früchten aller Art.
Über das Fortpflanzungsverhalten der Grenada-Taube ist erst wenig bekannt: Die Männchen errichten während der Brutzeit Territorien und äussern darin von Warten, die ein bis sechs Meter über dem Boden liegen, einen charakteristischen Ruf. Das Gelege besteht gewöhnlich aus zwei Eiern, und die Brutzeit dauert ungefähr zwei Wochen, wobei sich die beiden Altvögel partnerschaftlich in die Bebrütung der Eier teilen. Die Jungvögel schlüpfen wie alle Taubenkinder verhältnismässig «unfertig» aus den Eiern. Sie können in den ersten Tagen nichts sehen und tragen nur ein schütteres Dunenkleid. Hinsichtlich ihres Schutzes gegen Umwelteinflüsse aller Art wie auch bezüglich ihrer Ernährung hängen sie vollständig von den Eltern ab. Beide Altvögel füttern ihre nimmersatten Nachkommen, und zwar anfangs - wie bei Tauben üblich - mit sogenannter «Kropfmilch». Es handelt sich um einen käseartigen Brei, der sowohl beim Männchen als auch beim Weibchen von der Schleimhaut des Kropfes abgesondert wird. Alsbald werden die Jungen von den Eltern zusätzlich mit Sämereien und Fruchtstücken gefüttert, und etwa nach einer Woche stellen die Altvögel die Erzeugung von Kropfmilch ein.
Über die Dauer der Jungenaufzucht bei der Grenada-Taube ist nichts bekannt. Bei anderen Taubenarten sind die Jungvögel aber nach ungefähr drei Wochen flügge und bleiben etwa noch einmal so lang von ihren Eltern abhängig, bevor sie sich allein durchs Leben schlagen können. Durchweg brüten Tauben schon am Ende ihres ersten Lebensjahrs.
Geschrumpfte Verbreitung, schwindender Bestand
Verschiedene Aufzeichnungen, die seit der Ankunft europäischer Siedler auf Grenada (ab der Mitte des 17. Jahrhunderts) entstanden, zeigen, dass die Grenada-Taube einst in zwei getrennten, auf entgegengesetzten Seiten der Insel liegenden Regionen zu Hause war: Das eine Vorkommen, das eher selten erwähnt wird, befand sich im Nordosten der Insel bei Levera Pond und auf dem dort vor der Küste liegenden Inselchen Green Island. Das andere Vorkommen, das öfter erwähnt wird, befand sich im südwestlichen Bereich Grenadas - von Halifax Harbour, d.h. von der Mitte der Westküste, südwärts über die Gegend von St. George's bis zur Spitze der südwestlichen Halbinsel und zum zwei Kilometer von der Südküste entfernten Inselchen Glover Island.
Im Nordosten Grenadas ist die Grenada-Taube inzwischen mit ziemlicher Sicherheit ausgestorben. Seit den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts konnte sie dort jedenfalls nicht mehr beobachtet werden. Und auch im Südwesten Grenadas ist die ehemalige Verbreitung der Grenada-Taube erheblich geschrumpft. Die meisten Beobachtungen stammen seit geraumer Zeit aus einem einzigen Gebiet: Es handelt sich um das Mount-Hartman-Anwesen, eine verlassene Zuckerrohrplantage im hügeligen Osten der südwestlichen Halbinsel, die sich im Besitz der Inselregierung befindet. Ausser diesem Bestand auf dem Mount-Hartman-Anwesen existiert lediglich noch ein weiterer Bestand von nennenswerter Grösse, und zwar weit entfernt bei Halifax Harbour.
Die wenigen historischen Informationen betreffend die Grenada-Taube, die uns zur Verfügung stehen, lassen darauf schliessen, dass die Art schon im 19. Jahrhundert ziemlich selten gewesen sein muss. Und leider deutet alles darauf hin, dass ihre Population weiterhin schwindet. Eine 1987 vom US-amerikanischen Ornithologen David E. Blockstein durchgeführte Erhebung ergab einen geschätzten Gesamtbestand von etwa hundert erwachsenen Grenada-Tauben. Diese Zahl war vielleicht etwas zu tief angesetzt, da damals nicht alle Restvorkommen der Taube berücksichtigt wurden. Eine neuerliche Erhebung im Jahr 1990 zeigte jedoch unmissverständlich, dass der Taubenbestand weiter abgenommen hatte. 1992, als die vorerst letzte Erhebung durchgeführt wurde, ergab sich schliesslich ein geschätzter Gesamtbestand von nur noch 75 Individuen.
Gefahr durch Golf, Rum und Holzkohle
Der Hauptgrund für den beständigen Rückgang der Grenada-Tauben-Population ist die stetig voranschreitende Zerstörung der natürlichen Pflanzendecke auf ihrer Heimatinsel und somit der unaufhörliche Verlust von Lebensraum. Wie eingangs erwähnt ist im küstennahen Bereich der grösste Teil der ursprünglichen Vegetation bereits vernichtet oder zumindest massiv beeinträchtigt. Und jedes Jahr fallen der menschlichen Inselbevölkerung weitere Gehölzflächen zum Opfer, die sie für den Bau von Strassen, Wohnhäusern, Hoteleinrichtungen usw. beansprucht. Besonders schlimmt wirkte sich zu Beginn der achtziger Jahre der Bau eines internationalen Flughafens bei Point Salines auf der südwestlichen Halbinsel aus; damals verlor die Grenada-Taube auf einen Schlag rund ein Zehntel der ihr noch verbliebenen Lebensraumfläche. Schlimm wirkt sich neuerdings aber auch der immer häufigere Bau von Luxusvillen auf Felsgraten und an anderen erhöhten Aussichtspunkten aus, denn dies sind vielfach genau die Stellen, an denen sich noch grösserflächige zusammenhängende Stücke natürlicher Gehölzvegetation befinden.
Leider macht diese für die Grenada-Taube fatale Entwicklung auch vor dem Mount-Hartman-Anwesen, dem Hauptrückzugsgebiet der hübschen Inseltaube, nicht halt. Gegen Ende der achtziger Jahre wurden unverhofft alle tiefergelegenen Teile des verwilderten Anwesens gerodet, um - mit finanzieller Beteiligung der Inselregierung - eine neue Zuckerrohrplantage anzulegen. Zahlreiche Kleinbauern und Holzkohlehersteller, welche mehr oder weniger illegal als Selbstversorger dort gelebt hatten, zogen sich notgedrungen in höhergelegene Teile des Anwesens zurück - und rodeten dort für ihre Zwecke weiteren Strauchwald. Dies führte zu einer erheblichen Verminderung dieses letzten grösseren Lebensraumstücks, das der Grenada-Taube noch zur Verfügung steht.
Vor kurzem wurde nun bekannt, dass überdies Pläne bestehen, im restlichen Bereich des Mount-Hartman-Anwesens einen weitläufigen Golfplatz anzulegen. Noch hat die Inselregierung die Bewilligung für dieses Projekt nicht erteilt. Sollte es aber verwirklicht werden, so würde dies nicht nur mit grösster Wahrscheinlichkeit zum Verschwinden der Grenada-Taube aus dieser Region führen, sondern der Art wohl überhaupt den Todesstoss erteilen. Denn das zweite Rückzugsgebiet von nennenswerter Grösse (bei Halifax Harbour) wird auf ähnliche Weise Stück für Stück in Nutzfläche des Menschen umgewandelt, so vor kurzem durch den Bau einer Rumbrennerei. Und die übrigen Restbestände der Grenada-Taube sind allesamt zu klein und liegen zu weit verstreut, als dass sie das Überleben der Art auf längere Sicht gewährleisten könnten.
Anzufügen ist, dass neben dem Lebensraumverlust vermutlich auch die Goldstaubmanguste (Herpestes javanicus auropunctatus)
, welche im letzten Jahrhundert zur Bekämpfung der Rattenplage in den Zuckerrohrplantagen eingeführt worden war, eine nicht zu unterschätzende Schädigung des Grenada-Tauben-Bestands bewirkt. Dieser kleine Raubsäuger macht sich gern über die Eier und Nestlinge brütender Vögel her und kommt im Südwesten von Grenada ziemlich häufig vor.
Hat Grenadas Nationalvogel eine Zukunft?
Erfreulicherweise ist der Regierung von Grenada die Zukunft der Grenada-Taube nicht einerlei. Sie hat deshalb erste Massnahmen zum Schutz der einzigen endemischen Vogelart ihrer Insel angeordnet. Zum einen hat sie die Grenada-Taube unter strikten gesetzlichen Schutz gestellt. Das Abschiessen des Vogels ist nun ebenso wie das Plündern seiner Nester unter Androhung hoher Strafen untersagt. Zum anderen hat sie die Grenada-Taube zum Nationalvogel erklärt, um so das Wohlwollen der Bevölkerung für ihre bedrängte «Inselmitbewohnerin» zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wurde 1991/92 eine aufwendige Kampagne durchgeführt (Slogan: «Unseren Nationalvogel schützen heisst unser Land lieben.»), welche vom Welt Natur Fonds (WWF) und verschiedenen anderen nationalen und internationalen Organisationen unterstützt wurde.
Dieselben Organisationen sind sich allerdings einig, dass weitere Schutzmassnahmen für das Überleben der Grenada-Taube unabdingbar sind. Sie haben deshalb der Regierung von Grenada eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, welche von dieser aber noch nicht gutgeheissen worden sind, da sie teilweise den wirtschaftlichen Interessen des kleinen Lands zuwiderlaufen. Am dringlichsten wäre zweifellos die Ausweisung des Mount-Hartman-Anwesens zum Naturschutzgebiet und die Wiederaufforstung aller gerodeten Flächen. Wichtig wäre aber auch die gezielte Wiederherstellung der ursprünglichen Pflanzendecke in der Gegend um Levera Pond (welche mittlerweile Nationalpark-Status hat), um möglichst bald die Wiedereinbürgerung der Grenada-Taube in diesem Inselteil zu erlauben. Im übrigen wäre es wünschenswert, dass endlich ein vollamtlicher Naturschutzbeamter eingesetzt wird, der die Aufgabe hat, sich um die oft vernachlässigten Naturschutzbelange auf der kleinen Tropeninsel zu kümmern.
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