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OrgelgeschichteIn der romanischen Basilika aus dem 12. Jahrhundert hing wahrscheinlich schon früh eine Schwalbennestorgel an der nördlichen Wand des Langhauses. Die ersten sicheren Nach-richten über Orgeln stammen allerdings erst aus dem 16. Jahrhundert: 1557 baute Balthasar Mygel aus Basel eine neue Orgel, vermutlich auf eine Empore zwischen den Türmen, und 1586 renovierte Peter Johann Rietsch, ebenfalls aus Basel, die alte Schwalbennestorgel und versetzte sie auf den 1528 errichteten Lettner.
Im Jahre 1619 schloss Abt Johann Jodok Singisen einen Vertrag mit dem Orgelbauer Thomas Schott aus Bremgarten für eine grosse Orgel mit Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal, die auf eine neue Westempore zu stehen kam. Das im wesentlichen noch der Renaissance verpflichtete Instrument wurde 1630 fertiggestellt und besass 32 Register. 1663 baute der Konventuale P. Jodocus Schnyder eine neue Orgel auf den Lettner und um dieselbe Zeit ein kleineres Instrument für die Abtskapelle.
In den Jahren 1695/97 erfolgte der Barockumbau der Klosterkirche zur heutigen Gestalt mit dem kuppelüberwölbten Oktogon im Zentrum. Der Lettner wurde abgebrochen und beiderseits des Chorbogens entstanden zwei Emporen-nischen, die sich auch gegen das Querhaus öffnen. Auf der Epistelseite stellte Hans Melchior von Zuben aus Unterwalden 1696 die Schnyder-Orgel wieder auf und baute in die Nische auf der Evangelienseite ein neues Instrument. Im Westen wurde das Schiff über die Turmfront hinaus verlängert und die Schott-Orgel auf einer neuen, zurückgesetzten Empore wieder aufgerichtet. Unmittelbar vor der Umgestaltung des Innenraumes im Stile des Rokoko liess Fürstabt Gerold I. Haimb im Jahre 1743 beide Lettnerorgeln ersetzen durch neue Instrumente von Joseph und Viktor Ferdinand Bossart, den ersten Vertretern der berühmten Orgelbauerdynastie aus Baar im Kanton Zug.
Die Grosse Orgel
Das 1630 von Thomas Schott erbaute Instrument erfuhr 1744 durch Joseph und Viktor Ferdinand Bossart
folgende Veränderungen: eine neue Windversorgung mit 7 Keilbälgen und – als einzigen klanglichen Eingriff – im Rückpositiv eine Umstellung von Coppel 4' auf 8'-Basis und zwei neue Zungenregister. Das Orgelgehäuse wurde 1746 von Nikolaus Spiegel neu gefasst. Im Jahre 1826 renovierte Franz Joseph Remigius Bossart die Orgel, erweiterte die Manualklaviaturen bis f3 und brachte zwei kleine Änderungen an der Disposition an.
Der erste gravierende Eingriff ins Schott'sche Konzept geschah 1833/34 durch Conrad Bloch aus Aesch BL, der das Rückpositiv als Oberwerk auf das Hauptwerkgehäuse versetzte. Dies ging einher mit einigen Dispositionsänderungen bei den Manualwerken und einem Umbau der Balganlage. Gleichzeitig wurde die Empore nach vorne erweitert und mit einer neuen Brüstung aus Gips versehen. Schliesslich revidierte 1851/52 Friedrich Haas aus Kleinlaufenburg die Orgel; seine gewichtigsten Eingriffe waren eine neue Trompete 16' im Pedal, die Höherstimmung um ein pythagoräisches Komma und eine Verbesserung der Windversorgung. In diesem – noch sehr weitgehend originalen – Zustand überlebte die Schott-Orgel bis 1919. Leider führten der Zeitgeist und die Suche nach Arbeit im Gefolge des 1. Weltkrieges zu ihrem Untergang. Auf Betreiben des Luzerner Stiftsorganisten F. J. Breitenbach räumte die Firma Goll, Luzern die Orgel vollständig aus und baute ins alte Gehäuse ein neues röhrenpneumatisches Werk mit romantischer Disposition und einem freistehenden Spieltisch. Ein Teil des Schott'schen Pfeifenwerkes wurde verändert und z.T. in willkürlicher Zuordnung wieder verwendet; der Rest verschwand, ebenso die Windladen und die gesamte Mechanik.
Nach verschiedenen Anläufen und heftig geführten Diskussionen wurde 1965 der Entscheid gefällt, die Schott'sche Orgelanlage bezüglich Werkaufbau, Gehäuse und Emporensituation zu rekonstruieren. Auf der instrumentalen Seite musste man sich verständlicherweise auf die Wiederherstellung und originalgetreue Ergänzung des Schott'schen Pfeifenwerkes beschränken. Windladen und Mechanik wurden in traditioneller Bauweise neu gefertigt, die ursprüngliche Disposition durch einige Register erweitert und eine moderne Windversorgung mit zwei Magazinbälgen gebaut. Die gut erhaltene Fassung von 1746 musste lediglich gereinigt und ausgebessert, die fehlenden Gehäuseteile ergänzt werden. Diese Arbeiten wurden in den Jahren 1965 bis 1972 von der Orgelbaufirma Metzler in Dietikon unter massgebender Mitarbeit von Bernhardt H. Edskes, und dem Restaurator der Klosterkirche, Josef Brühlmann, ausgeführt. Die Grosse Orgel besteht heute wie ursprünglich aus Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal; sie besitzt 34 Register, wovon 16 Register alt oder teilweise alt sind. Durch erneute Prüfung der archivalischen Quellen und eine darauf basierende Untersuchung der ehemaligen Balgkammer konnten sichere Grundlagen für eine Rekonstruktion der Bossart'schen Balganlage von 1744 geschaffen werden. Im Herbst 2005 baute die Orgelbaufirma Kuhn in Männedorf nach dem Bossart'schen Konzept eine neue Balganlage mit 7 mehrfaltigen Keilbälgen, sodass die Grosse Orgel heute wieder eine ihrem Wesen entsprechende Windversorgung besitzt.
Die Lettner-Orgeln
Die 1743 von Joseph und Viktor Ferdinand Bossart erbauten Instrumente unterscheiden sich in ihrer äusseren Gestalt kaum; ihre Prospekte sind spiegelbildlich und enthalten alle 45 Pfeifen des Principal 8'. Auch der Zierat ist bis auf die bekrönenden Engelpaare sehr ähnlich. Beide Orgeln verfügen über Manual und angehängtes Pedal mit kurzen Bassoktaven und originale Windversorgungen mit je 3 fünffaltigen Keilbälgen. Die Instrumente besitzen eine modifizierte Werckmeister-Stimmung (Quintenzirkel geschlossen); ihre gleiche Stimmtonhöhe ermöglicht alternatives und gemeinsames Musizieren.
Die Evangelienorgel hat 8 Register auf einer Windlade und ist weitgehend original erhalten; der Tonumfang geht von C bis c3 im Manual und von C bis a° im Pedal.
Die Epistelorgel hat heute 16 Register, 13 im Manual und 3 Pedalregister auf separater Windlade im Untergehäuse; der Tonumfang geht von C bis f3 im Manual und von C bis a° im Pedal. Das Instrument erfuhr anfangs des 19. Jahrhunderts einige Veränderungen, die nur zum Teil dokumentiert sind. Aktenkundig sind ein Pedalumbau von 1818 durch Michael Gassler aus Koblenz AG und die Fertigstellung der Klaviaturerweiterung bis f3 durch Franz Joseph Remigius Bossart im Jahre 1832. Eine wenig später erfolgte Dispositionsänderung, bei der die originalen Manualzungen beseitigt und die Aliquoten reduziert wurden, muss wahrscheinlich Conrad Bloch zugeschrieben werden; allerdings konnten dazu keine Dokumente gefunden werden.
Nach der Klosteraufhebung von 1841 verfielen die Instrumente; die Evangelienorgel wurde gar nicht mehr und die Epistelorgel nur noch sporadisch gespielt. Erst in den Jahren 1961/62 wurden die Orgeln – unter der Leitung von Jakob Kobelt – durch Metzler wieder spielbar gemacht und die Gehäuse durch Brühlmann umfassend restauriert. Die Disposition der Epistelorgel wurde dabei auf einen vermuteten früheren Zustand zurückgeführt, beide Instrumente rein mitteltönig temperiert und ihre Windversorgungen zusätzlich mit einem Gebläse versehen. Eine zweite Restaurierung durch Bernhardt H. Edskes 1991/92 korrigierte einen Teil der Eingriffe Metzlers, vor allem stellte sie die ursprüngliche Temperierung Bossarts wieder her.
Die Kleinorgeln
Neben den drei Emporenorgeln wurden für die Klosterkirche Muri im Verlaufe der Zeit verschiedene transportable Orgelinstrumente angeschafft.
Von Johann Christoph Pfleger aus Thann im Elsass 1639 ein Chorpositiv und im Zeitraum 1634 – 1639 ein Regal und von Karl Joseph Maria Bossart 1777/78 eine Tragorgel. Als einziges erhaltenes Kleininstrument aus dem Kloster Muri ist sie heute im Besitz des Landesmuseums Zürich. Ein von Pfleger 1644 für das Zisterzienserinnen-Kloster Frauenthal, Gemeinde Cham, gebautes Regal befindet sich in der Musikinstrumenten-Sammlung Willisau; es darf als baugleich zum verlorenen Murenser Regal angesehen werden. In den Jahren 1991/92 wurden diese beiden Instrumente von Bernhardt H. Edskes, Wohlen AG nachgebaut. Mit diesen Stellvertretern der Originalinstrumente besteht heute das Orgelinventar der Klosterkirche Muri aus fünf Instrumenten, die regelmässig in Gottesdiensten und Konzerten erklingen.
|Dieter Meier (2015)|
Quellen:
Dieter Meier, Die Orgeln der Klosterkirche Muri, Verlag Hier+Jetzt Baden (2010)
Dieter Meier und Matthias Reichling, Neues zur Baugeschichte der Orgeln (2015)