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Wer hat eigentlich die grösste Leistung im soeben vergangenen Sportjahr 2019 vollbracht? In den letzten Tagen des alten Jahres habe ich bei lockeren Gesprächen unter Fachkollegen immer wieder hören müssen: Roger Federer war auch 2019 der Grösste und sicher nicht Schwingerkönig Christian Stucki. Solche Ansichten können nicht unwidersprochen bleiben.
Ist Schwingen überhaupt ein richtiger Sport? Diese Frage sollte eigentlich im Jahr 2019 nach dem grandiosen «Eidgenössischen» in Zug nicht mehr diskutiert werden. Und doch ist Schwingen offensichtlich in der Welt des Sportes noch lange nicht vollumfänglich akzeptiert und gilt nach wie vor mehrheitlich als helvetisches Phänomen. Nicht vergleichbar mit dem richtigen Sport eben. Unsere Ikone des richtigen Sportes sei Roger Federer. Also müsste er Sportler des Jahres 2019 sein.
Diese Argumentation ist auf den ersten Blick logisch. Wenn wir in Peking oder Buenos Aires oder New York oder Kapstadt oder Moskau oder Berlin nach Christian Stucki fragen, werden wir keine Antwort bekommen. Christian Stucki ist weltweit gesehen «niemand».
Wenn wir in Peking oder Buenos Aires oder New York oder Kapstadt oder Moskau oder Berlin nach Roger Federer fragen, wird die Reaktion strahlendes Verstehen sein. Roger Federer ist einer der bekanntesten Menschen auf diesem Planeten.
Roger Federer ist die Lichtgestalt unter Millionen von Tennisspielern. Sein Sport wird in Nordamerika, in Südamerika, in Australien, in Afrika, in Europa und Asien ausgeübt. Die Konkurrenz ist global.
Christian Stucki ist der König unter gut 300 Schwingern. Sein Sport wird nicht einmal in der ganzen Schweiz ausgeübt. Die Konkurrenz ist lokal.
Verwiesen sei auch auf die immensen Unterschiede im wirtschaftlichen Bereich. Tennis ist ein globales Milliarden-Geschäft. Beim Schwingen verdient keiner eine Million. Würde Roger Federer sein ganzes Vermögen auf einem Bankkonto deponieren, dann wären die Negativzinsen höher als die gesamten Werbeeinahmen, die Christian Stucki während seiner Karriere einzusammeln vermag.
So gesehen scheint es absurd, die beiden Sportarten Schwingen und Tennis auf das gleiche Niveau zu stellen und miteinander vergleichen zu wollen. Oder vollends unsinnig scheint es, den gekrönten König der Schwinger im Sportjahr 2019 vor den ungekrönten König des Tennis zu stellen. Das widerspricht allem, was den Sport ausmacht.
Ist das wirklich so? Nein, es ist ganz anders. Christian Stucki hat im Sportjahr 2019 die grösste Tat vollbracht, mithin also eine grössere als Roger Federer.
Wenn es darum geht, in einem einzigen, nur alle drei Jahre stattfindenden Wettkampf an einem ganz bestimmten Tag der Beste zu sein, spielt es eine untergeordnete Rolle, ob an der Basis 100 Millionen oder bloss 300 diesen Sport (oder dieses Spiel) ausüben. Ganz oben, wenn die Besten antreten, ist die Luft immer dünn.
Christian Stucki hatte eine letzte Chance, seine Karriere zu krönen. Diese letzte Chance ist der Schlussgang beim Eidgenössischen Schwingfest in Zug. Ein Eidgenössisches gibt es nicht alle Jahre wie Wimbledon. Nur alle drei Jahre. Und es gibt nicht mehrere Eidgenössische, so wie es mehrere Grand Slam Turniere gibt.
Bei diesem Schlussgang kann sich Christian Stucki keinen einzigen Fehler erlauben. Eine einzige Unaufmerksamkeit kostet nicht einen Punkt oder einen Satz. Sie führt zur Niederlage. Und drei Jahre Training, Hoffen und Bangen waren umsonst.
Mehr als 50'000 sind in der Arena. Mehrere Hunderttausende verfolgen atemlos diesen Zusammenprall der Titanen am TV-Schirm.
Dazu kommt: Christian Stucki ist ein Aussenseiter. Die Geschichte sagt, dass eigentlich ein Sieg unmöglich ist. Noch nie hat einer in seinem Alter den Thron bestiegen. Noch nie ist einer, der schon einmal einen Eidgenössischen Schlussgang verloren hat, später doch noch König geworden. Er kann diesen Kampf nur gewinnen, wenn er den zwölf Jahre jüngeren Joel Wicki im ersten Anlauf besiegt.
Eine ganze Karriere wird in einigen Sekundenbruchteilen gekrönt oder eben nicht. Alle Erfahrung, Kraft, Energie, taktische Schlauheit, Konzentrationsfähigkeit muss Christian Stucki für diesen Angriff auf den Punkt bringen und umsetzen. Es gibt nur diese eine Chance in diesem einen Augenblick in drei Jahren. Das sind die faszinierenden Augenblicke im Sport. Es sind die Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen und die ganze Welt den Atem anzuhalten scheint. Sie sind ganz selten und sie bleiben ein ganzes Leben lang unvergessen. Nur die wahren Champions sind dazu in der Lage, diese grösste aller sportlichen Herausforderungen zu meistern.
Genau diese Herausforderung hat Christian Stucki gemeistert. Deshalb konnte es gar keinen anderen Sportler des Jahres 2019 geben.
2020 gibt es kein «Eidgenössisches». Roger Federer wird nun wieder konkurrenzlos die Ikone unseres Sportes sein.
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