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Der überschätzte Protektionismus
Die Dreissigerjahre des 20. Jahrhunderts bleiben weiterhin im Gespräch. Bei der neusten Erinnerungsrunde wird auf den Protektionismus verwiesen. Die oft gehörte These lautet: Die grosse Weltwirtschaftskrise entstand, weil die USA 1930 hohe Importzölle einführten und dadurch den Welthandel abwürgten. Der «Smoot-Hawley Act» (SHA), so hiess das protektionistische Paket, brach der Weltwirtschaft sozusagen das Genick.
Die Geschichte stimmt allerdings nicht. Die Schrumpfung des Welthandels hatte andere, gewichtigere Gründe. Wahr ist nur, dass der SHA negativ wirkte. Die Wirkung war allerdings bescheiden, wie der US-Ökonom Douglas Irwin ausrechnete. Wie so oft in der Geschichte wird Gleichzeitigkeit mit Kausalität verwechselt.
Schauen wir zunächst die BIP- und Importdaten an. In den zwei Jahren vom Sommer 1930, als der SHA in Kraft trat, bis zum Tiefpunkt der Depression im Sommer 1932 schrumpfte das BIP um dreissig Prozent und das Importvolumen um 40 Prozent (Quelle).
Gemäss Irwins Rechnung ging aber nur knapp ein Viertel des Importrückgangs auf Kosten des SHA. Warum nur so wenig?
Die Antwort ist einfach, wenn man die historischen Umstände genauer betrachtet. Zwei Punkte waren entscheidend.
- Die USA waren auch vor 1930 nicht besonders freihändlerisch. Der SHA erhöhte die Importzölle nur um etwa 20 Prozent, was umgerechnet auf die gesamten Importpreise eine Verteuerung von nur etwa 5–6 Prozent verursachte.
- Die USA waren 1930 eine fast geschlossene Volkswirtschaft. Importe machten damals nur 4 Prozent des BIP aus.
Schädlich war die Wirkung allemal. Protektionistische Massnahmen in einer Krise haben immer Kosten. Der «Economist» war damals zu Recht entsetzt, weil die USA nicht die Führungsrolle übernahmen, die ihr durch die Umstände zugefallen waren:
We have the spectacle of a great country, at a moment of severe trade depression, and faced with a growing necessity to export her manufactures, deliberately erecting barriers against trade with the rest of the world.
Dennoch eignet sich der Hinweis auf die Dreissigerjahre beim Thema SHA nicht. Es sind ganz andere Lehren, die man beherzigen sollte, wenn man die Weltwirtschaftskrise der damaligen Zeit studiert.
Aus meiner Sicht lautet die wichtigste Lektion: In den Dreissigerjahren verhinderten zwei internationale Regimes eine wirksame Krisenbekämpfung: das Währungssystem (Goldstandard) und die Schuldenabkommen (interalliierte Schulden und Reparationen). Als man das Problem erkannte und die kontraproduktiven internationalen Regimes auflöste, war es leider schon zu spät, um die Radikalisierung der Innenpolitik zu verhindern.
Diesen Fehler sollten wir nicht noch einmal wiederholen.