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© 1997 Markus Kappeler
Antarktissturmvogel - Thalassoica antarctica
Kapsturmvogel - Daption capense
Schneesturmvogel - Pagodroma nivea
Silbersturmvogel - Fulmarus glacialoides
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
«Eistorte» am Südpol
In der Antarktis befinden sich neunzig Prozent allen Eises der Erde. Im Durchschnitt beträgt die Eisdicke 2500 Meter und erreicht an den höchsten Stellen mehr als 4750 Meter. Das Eis schwimmt aber nicht einfach auf dem Meer wie in der Arktis, sondern türmt sich auf einem Festlandsockel. Dieser ist mit einer Fläche von 12,4 Millionen Quadratkilometern rund anderthalbmal so gross wie Australien und rund 35mal so gross wie Deutschland. Er bildet den sechsten Kontinent unseres Planeten und heisst «Antarktika».
Der Begriff «Antarktis» ist viel umfassender: Hierunter fällt das gesamte Südpolargebiet mit dem antarktischen Kontinent einerseits und dem Südpolarmeer andererseits. Letzteres reicht weit über den südlichen Polarkreis hinaus. Als natürliche Grenze gilt die sogenannte «Antarktische Konvergenz». Man versteht darunter einen ungefähr fünfzig Kilometer breiten Saum, an welchem das von Süden kommende kalte Oberflächenwasser der Antarktis in die Tiefe absinkt. Dieser Saum liegt - je nach geografischer Länge - zwischen dem 48. und 61. südlichen Breitengrad.
Im Durchschnitt ist die Antarktis 30°C kälter als die Arktis. Zu 95 Prozent erreicht der südliche Kontinent niemals Temperaturen über dem Gefrierpunkt, und mancherorts kann die Temperatur zeitweise unter -50°C fallen. Kein Wunder weist Antarktika - als einziger Kontinent - keine permanente menschliche Bevölkerung auf. Dieser Umstand hat Grossbritannien allerdings 1917 nicht daran gehindert, einen Sektor der praktisch kreisrunden Antarktis für sich zu reklamieren. Andere Nationen liessen nicht lange auf sich warten und schnitten sich ihrerseits je ein Stück aus der «Eistorte» am Südpol heraus. So auch Neuseeland: 1923 erklärte es seine Oberhoheit über «alle Länder und Inseln zwischen dem 160. östlichen und 150. westlichen Längengrad südlich des 60. Breitengrads» - ein Gebiet von insgesamt 750 000 Quadratkilometern (415 000 km2
Landfläche und 335 000 km2
Schelfeis), «Ross Dependency» genannt.
Obschon gemäss dem sogenannten «Antarktisvertrag», einem 1959 zwischen allen an der Antarktis interessierten Staaten getroffenen und 1991 überarbeiteten Abkommen, sämtliche Souveränitätsansprüche vorerst bis ins Jahr 2041 eingefroren sind, machen Grossbritannien und Neuseeland ebenso wie Frankreich, Norwegen, Australien, Argentinien und Chile ihre «historisch» begründeten Ansprüche weiterhin geltend. Denn gross ist die Gier nach den in der Antarktis lagernden Bodenschätzen, von denen einige den Bedarf der gesamten Menschheit für mehrere Jahrhunderte decken dürften.
Das Südpolarmeer lebt
Es ist kaum überraschend, das es nur wenige tierliche und pflanzliche Landlebewesen geschafft haben, sich an die überaus harten Lebensbedingungen in der Antarktis anzupassen und in der gefrorenen Landschaft eine magere Lebensgrundlage zu finden. Ganz im Gegensatz zur «Leere» des Lands überquellen jedoch die Gewässer im Umfeld der Antarktis förmlich von Leben. Ein überaus breites und farbiges Spektrum von Krebstieren, Tintenfischen und anderen Wirbellosen sowie von Fischen, Meeresvögeln und Meeressäugern hat hier sein Zuhause.
Dies hat damit zu tun, dass nahe der antarktischen Küste - im Bereich der sogenannten «Antarktischen Divergenz» - eine starke Aufwärtsströmung herrscht, welche nährstoffreiches Tiefenwasser an die Meeresoberfläche spült. Dieses bietet einer riesenhaften Population von freischwebenden pflanzlichen und tierlichen Kleinstorganismen, sogenanntem Phyto- und Zooplankton, eine überreiche Nahrungsgrundlage und von diesen wiederum ernährt sich eine Vielzahl wenig grösserer tierlicher Geschöpfe. Zu nennen ist vor allem der Krill (Euphausia superba)
, ein garnelenartiger, bis zu sechs Zentimeter langer und ein bis zwei Gramm schwerer Leuchtkrebs, der oft in riesigen Schwärmen auftritt. Es sind in erster Linie diese «Krillwolken», welche eine ideale und leicht erreichbare Nahrungsquelle für Fische und Tintenfische, aber auch für Meeresvögel, Robben und sogar Grosswale bilden. Fische und Tintenfische ihrerseits bilden die Hauptspeise für zahlreiche Raubfische, Meeresvögel, Delphine und Robben. Und letztere bejagen sich teilweise wieder gegenseitig. So existiert in den antarktischen Gewässern ein kompliziertes Nahrungsnetz, welches letztlich in starkem Mass auf den Krillkrebsen aufbaut.
Zu den Meeresvögeln, welche in der Antarktis heimisch sind und sich von Krillkrebsen und anderen kleinen Meerestieren ernähren, gehören mehrere Arten von Sturmvögeln (Familie Procellariidae). Vier von ihnen, welche auch in der neuseeländischen Ross Dependency brüten, sollen auf diesen Seiten vorgestellt werden, nämlich der Antarktissturmvogel (Thalassoica antarctica)
, der Kapsturmvogel (Daption capense)
, der Schneesturmvogel (Pagodroma nivea)
und der Silbersturmvogel (Fulmarus glacialoides)
.
Der Antarktissturmvogel
Wie sein Name besagt, ist der Antarktissturmvogel ausschliesslich in der Antarktis heimisch. Die meiste Zeit verbringt er im etwa 150 bis 200 Kilometer breiten Bereich zwischen der antarktischen Packeisküste und der Nordgrenze der Eisberge. Er bevorzugt dabei offenes Wasser und meidet gewöhnlich die Treibeisflächen, die in dieser Zone weitverbreitet vorkommen.
Die Nahrung des Antarktissturmvogels besteht zur Hauptsache aus Krill und anderen Krebstieren sowie Tintenfischen und Kleinfischen. Wie die meisten seiner Vettern ist er bei der Nahrungssuche gesellig und wandert in grossen, mehr oder weniger dichten Schwärmen zu den Futterplätzen. Dort packen die Sturmvögel ihre Beutetiere von der Wasseroberfläche aus, auf der sie in eigentümlich «steifer» Haltung, mit teilweise ausgestreckten Flügeln, schwimmen. Hin und wieder stürzen sie sich aber auch aus der Luft auf im Wasser gesichtete Beute hinunter und tauchen dabei bis anderthalb Meter tief.
Auch beim Brüten zeigen die Antarktissturmvögel ausgeprägtes Gemeinschaftsverhalten: Sie nisten gesellig in grossen Kolonien, und zwar hauptsächlich auf felsigen Ausläufern der antarktischen Küste. Die Brut findet im südlichen Sommer statt, von Mitte November bis Mitte März, wenn die klimatischen Bedingungen nicht allzu widrig sind. Das Nest besteht gewöhnlich aus einer simplen Mulde im Fels, die manchmal noch mit Steinchen ausgelegt wird. Das Weibchen legt zumeist in der dritten Novemberwoche ein einzelnes Ei. Dieses wird während knapp sieben Wochen abwechselnd von beiden Altvögeln bebrütet. Um es vor der Kälte des Untergrunds zu schützen, tragen sie es stets auf dem Rücken ihrer Schwimmfüsse.
Der junge Antarktissturmvogel wiegt beim Schlüpfen um sechzig Gramm und ist in ein dichtes Daunenkleid gehüllt. Er wird wiederum abwechselnd von seinen beiden Eltern während etwa zehn Tagen gehudert und weitere fünf Tage bewacht, indem sich jeweils einer der Altvögel an seine Seite setzt. Danach bleibt er allein im Nest und erhält nur noch kurze Besuche von seinen Eltern, wenn sie ihm Nahrung herbeitragen. Im Alter von sechs bis sieben Wochen ist er bereits flugfähig. Er verlässt dann eines schönen Tages in Abwesenheit seiner Eltern das Nest und sorgt von diesem Augenblick an für sich selbst. Die durchschnittliche Lebensdauer der Antarktissturmvögel dürfte bei über zwanzig Jahren liegen.
Der Kapsturmvogel
Zwar ist der Kapsturmvogel wie der Antarktissturmvogel schwergewichtig in der Antarktis zu Hause, doch bewegt er sich besonders während des südlichen Winters wesentlich weiter nach Norden als dieser. Im Bereich des kalten Humboldtstroms vor der südamerikanischen Westküste und des Benguelastroms vor der Küste Südwestafrikas kann man ihm nordwärts regelmässig bis zum südlichen Wendekreis begegnen.
Wie der Antarktissturmvogel ist der Kapsturmvogel ein geselliger Vogel, der sich oft in kopfstarken Schwärmen bei Ansammlungen von Krill, seiner Hauptspeise, bei Jungfischschwärmen und an anderen nahrungsverheissenden Stellen zusammenfindet. Selbst bei stürmischer See setzt er sich in aufrechter Haltung auf das Meer und hascht von da aus nach Beute. Er taucht aber auch ohne zu zögern aus der Luft ins Wasser, wenn ein lohnenswerter Bissen lockt. Im Unterschied zu anderen Sturmvögeln ernährt sich der Kapsturmvögel auch von Aas und zerrt sogar emsig an Walleichen und anderen Tierkadavern.
Das Brutgebiet des Kapsturmvogels ist beträchtlich grösser als das des Antarktissturmvogels. Die Art nistet nicht nur auf dem antarktischen Festland, sondern auch auf allen Inseln bis zur Nordgrenze des antarktischen Kaltwassers und in geringer Zahl sogar auf einigen gemässigt-kalten Inseln weiter nördlich. Das Brutgeschehen spielt sich sehr ähnlich ab wie beim Antarktissturmvogel.
Der Schneesturmvogel
Wie der Antarktissturmvogel ist der Schneesturmvogel in seinem Vorkommen stark an die antarktische Region gebunden. Er hält sich bei der Nahrungssuche jedoch fast immer im Bereich des Packeisrandes auf und meidet das offene Meer. Bei den Seeleuten gilt er deshalb als verlässlicher Bote des nahen Packeises.
Die Nahrung des Schneesturmvogels besteht hauptsächlich aus kleinen Fischen, Tintenfischen und Krebsen. Seine Beute fängt er im allgemeinen, indem er dicht über die Waserfläche flattert und - ohne auf das Wasser niederzugehen - nach ihnen schnappt. Manchmal taucht er auch ins Wasser ein. Kaum je sieht man ihn jedoch auf dem Wasser schwimmen. Zum Ruhen sucht er zumeist Eisschollen oder Eisberge auf.
Die Brutplätze des Schneesturmvogel liegen in felsigen Bereichen der antarktischen Küste, teils auch im antarktischen Binnenland. Sein Brutverhalten ist ähnlich wie beim Antarktissturmvogel und beim Kapsturmvogel.
Der Silbersturmvogel
Ein besonders eleganter Flieger ist der Silbersturmvogel, der nicht nur mit seinem mühelosen Gleitflug, sondern auch mit seiner Kunstflugfertigkeit beeindruckt. An Land hingegen wirkt er sehr unbeholfen. Kaum je versucht er zu schreiten, und wenn er es - etwa bei Gefahr - doch einmal tun muss, so bewegt er sich reichlich «ungelenk» mit schlagenden Flügeln und über den Boden schleifendem Körper dahin. Wenig anmutig sind im übrigen auch seine Landungen, die man vielfach als «Bruchlandungen» bezeichnen könnte.
Die Verbreitung des Silbersturmvogels entspricht etwa der des Kapsturmvogels. Wie dieser streift er vor allem im südlichen Winter oftmals weit nach Norden und folgt den kühlen Meeresströmungen bis gegen den Äquator hin. Mitunter kann er als Wanderer sogar auf der Nordhalbkugel erscheinen. Seine Nahrung besteht aus Fischen, Tintenfischen und Krebstieren aller Art, die er - gewöhnlich auf dem offenen Meer - entweder im Tiefflug aus der Luft oder aber schwimmend von der Wasseroberfläche aus schnappt.
Die Brutplätze des Silbersturmvogels liegen auf dem antarktischen Festland und auf den vorgelagerten Inseln, gewöhnlich inmitten von Schnee und Dauereis. Fast immer legt er sein Nest unmittelbar an einem Abgrund - auf steilen Klippen oder in steilen Felswänden - an, wo er gegen den Wind gut anlanden und vor allem zum Starten einfach in die Tiefe springen kann. Das Brutgeschehen unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der bereits vorgestellten Sturmvogelarten und dauert ebenfalls rund vier Monate.
Wertvolle «Konvention zum Schutz des antarktischen Meereslebens»
Die Unwirtlichkeit des Lebensraums, den der Antarktissturmvogel, der Kapsturmvogel, der Schneesturmvogel und der Silbersturmvogel bewohnen, hat bis anhin einen guten Schutz ihrer Populationen vor schädigenden Einflüssen seitens des Menschen geboten. Tatsächlich scheinen die Bestände aller vier Arten ziemlich stabil zu sein. Längerfristig hängt ihr Fortbestand jedoch in starkem Mass von der Unversehrtheit des marinen antarktischen Ökosystems und insbesondere vom Wohlergehen der Krillbestände ab. Würde die Ausbeutung der Krillbestände im grossen Stil einsetzen, so könnte das Nahrungsnetz in den antarktischen Gewässern empfindlich gestört werden und könnten nicht zuletzt die Populationen der vorgestellten Sturmvogelarten innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen.
Erfreulicherweise hat eine schonungslose Ausbeutung der Krillbestände - wie auch der Bestände der übrigen antarktischen Meereslebewesen - bisher noch nicht begonnen. Dies hat unter anderem mit der «Konvention zum Schutz des antarktischen Meereslebens» (CCAMLR) zu tun, welche 1980 in Canberra durch die Antarktisvertragsstaaten gutgeheissen wurde und 1982 in Kraft trat. Es handelt sich bei diesem Abkommen um ein recht «modernes» naturschützerisches Instrument, denn erstens ist es sein Ziel, nicht nur einzelne Arten, sondern das gesamte antarktische Meeresökosystem langfristig zu erhalten, und zweitens schliesst es die Nutzung der antarktischen marinen Ressourcen keineswegs aus, sondern verlangt lediglich die Anwendung des «vorausschauenden Nutzungsprinzips»: Mittels wissenschaftlich abgesicherten Fangquoten für Fisch- und Krillfang soll «eine nachhaltige ökonomische Wertschöpfung bei gleichzeitig bestmöglicher Erhaltung des antarktischen Meereslebens» sichergestellt werden. Obschon sich die Fachleute einig sind, dass die praktische Umsetzung der Konvention noch erheblich verbessert werden kann, hat dieses internationale Abkommen in jüngerer Zeit doch wesentlich dazu beigetragen, die Wildtierbestände im Südpolarmeer gesund zu erhalten. Bleibt zu hoffen, dass sich daran so bald nichts ändern wird.
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