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Senegal ist Ausgangspunkt von Bootsflüchtlingen aus ganz Afrika. Safiatou Baldé arbeitet für eine Organisation, die mit Unterstützung von Schweizer Hilfswerken versucht, den Menschen in der Heimat eine Perspektive zu geben.
Unter den Bootsflüchtlingen sind auch viele Senegalesen, die ihr Glück in Europa versuchen. Bei einem Besuch in der Schweiz berichtet Safiatou Baldé von ihrer Tätigkeit.
swissinfo: Haben Sie Bekannte, die nach Europa ausgewandert sind?
Safiatou Baldé: Ja, ich habe viele Verwandte und Freunde, die in europäischen Ländern leben. Eine Cousine lebt in Genf. Allerdings kenne ich niemanden, der das Land mit einem Holzboot verlassen hat. Das ist sehr gefährlich.
swissinfo: Warum wandern so viele Senegalesen aus?
S.B.: Sie haben keine Perspektive in Senegal, keine Arbeit. Und sie glauben, dass es in Europa auf jeden Fall besser ist. Sie sehen ja, dass es jenen Familien, die von Verwandten in Europa unterstützt werden, besser geht. Kommt ein Auswanderer zurück und erzählt Schlechtes, glaubt man ihm nicht.
swissinfo: Was müsste sich primär ändern?
S.B.: Die Menschen müssten von der Landwirtschaft oder der Fischerei leben können. Unsere Landwirtschaftsprodukte haben heute auf dem Weltmarkt keine Chance - vor allem wegen der Agrarsubventionen in Europa. Oft sind unsere Produkte nicht einmal auf dem einheimischen Markt konkurrenzfähig.
Was die Fischerei betrifft: Europäische Flotten haben das Meer vor der Küste leer gefischt. Als es kaum noch Fische gab, sind sie gegangen. Unsere Fischer taten dasselbe oder organisierten Überfahrten, um Geld zu verdienen. Was sollten sie sonst tun?
swissinfo: Sie arbeiten für die Organisation Cerfla, die mit Unterstützung der Schweizer Hilfswerke Brot für alle und Heks im Departement Ranérou tätig ist. Was sind die dringendsten Probleme der Menschen dort?
S.B.: Ranérou ist eine der ärmsten Regionen des Landes. Es gibt keine Infrastruktur. Oft sind die Strassen kaum befahrbar, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft.
Das grösste Problem aber ist die Ernährung. Die Menschen leben von der Viehzucht. Es gibt zu wenig Wasser. Nur während wenigen Monaten kann etwas angebaut werden.
swissinfo: Befürchten Sie, dass sich das Problem des Wassermangels mit der Klimaveränderung verschärft?
S.B.: Es ist bereits schlimmer geworden: Die Regenzeit wird immer kürzer, und es fällt immer weniger Regen. Dies sind Folgen der Abholzung und des Klimawandels.
Viele kennen die Zusammenhänge nicht. Aber sie merken, dass es anders ist als früher. Die Frauen müssen oft kilometerweit gehen, um Wasser zu holen.
swissinfo: Cerfla steht für Centre d'études de recherche et de formation en langues africaines. Was tut die Organisation für die Menschen in Ranérou?
S.B.: Cerfla setzt auf Bildung. In Senegal sind über 60 Prozent der Menschen Analphabeten, im Departement Ranérou sogar mehr.
Wir bieten Schreib- und Lesekurse für Erwachsene an, in der Sprache Poular. Wer schreiben und lesen kann, sieht den Nutzen und schickt auch seine Kinder zur Schule.
swissinfo: Inwiefern nützt das Schreiben und Lesen den Viehzüchtern?
S.B.: Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich zu organisieren und zu vernetzen. So können sie zum Beispiel das Wasser verwalten, für Projekte Geldgeber finden und ihre Rechte einfordern.
Cerfla berät die dörflichen Gemeinschaften in solchen Dingen. Ziel ist es, sie zum selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Handeln zu ermächtigen.
swissinfo: Was lernen die Teilnehmenden in den Kursen ausser lesen und schreiben?
S.B.: Wir sensibilisieren sie zum Beispiel für das Problem der Abholzung. Zum einen müssen die Leute verstehen, warum die Bäume nicht verschwinden dürfen. Zum anderen müssen sie Alternativen sehen.
Die Viehzüchter brennen Bäume ab, um Kohle zu verkaufen. Wir zeigen ihnen, wie sie Äste schneiden können, ohne den Baum zu fällen, und wie sie anders Geld verdienen können.
swissinfo: Kann solche Unterstützung bewirken, dass mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben? Oder bleibt Europa in jedem Fall ein verlockendes Ziel?
S.B.: Natürlich wird es immer Abenteurer geben, die gehen wollen. Aber die meisten Menschen in Ranérou wollen vor allem das tun, was sie schon immer getan haben: Vieh züchten.
Wenn sie nicht dazu gezwungen wären, würden sie nicht mal mit ihrem Vieh zu anderen Weideplätzen ziehen, geschweige denn die Region verlassen.
swissinfo-Interview: Charlotte Walser, InfoSüd
CERFLA
Cerfla ist eine senegalesische Partnerorganisation der Schweizer Hilfswerke Heks und Brot für alle.
Die Organisation bietet Weiterbildungen und Alphabetisierungs-Kurse in den regionalen Sprachen an, wertet das lokale bäuerliche Wissen auf und vernetzt Basisgruppen, Dorfchefs und lokale Regierungsvertreter untereinander.
Dabei errichtet Cerfla selbst keine Infrastrukturen wie Brunnen, Schulen oder Gesundheits-Zentren, sondern "investiert in den Menschen".
Die Organisation setzt sich dafür ein, dass die ländliche Bevölkerung ihren Platz in der Gesellschaft besser zu behaupten weiss und ihre Rechte einfordert.