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Christian Berzins, Mittelland Zeitung (24.04.2007)
Opernhaus Zürich: Vesselina Kasarova singt in «L’Italiana in Algeri». Sonst gibts nicht viel zur Neuproduktion zu sagen.
Wer würde nicht gerne Positives vom Zürcher Opernhaus berichten, es befreien von den Schlagzeilen um das Liebesleben des Intendanten (Frau Weisser sass in der Direktionsloge und legte gegen Ende des 2. Aktes den Kopf auf die Schulter Pereiras). Doch die Neuinszenierung von Gioacchino Rossinis «L’Italiana in Algeri» bot keinen Anlass dazu. So kurzen Applaus gab es nach einer Premiere seit 20 Jahren nicht mehr. Ähnlich schlapp beklatscht war nur noch der «Trovatore»-Schiffbauch am 5. Juni 1990. Der Grund für das Rossini-Fiasko war eine Aufführung, die zwar frisch aussah (einmal dank einem Bühnenbildeinschub gar zu Szenenapplaus führte), aber im Innern bereits während der Premiere leer und ausgespielt wirkte.
Die Inszenierung von Cesare Lievi ist nicht mehr als ein hübsches Vehikel für Sängerstars, die darin vielleicht in Zukunft auftreten werden. Warum wird für solche Fälle nicht ehrlicherweise eine traditionelle, im Falle der «Italiana» die überaus charmante Inszenierung von Michael Hampe von 1987 behalten? Geld scheint an diesem Haus aber offenbar kein Problem zu sein.
Ists der Mut der Verzweiflung, einem Tenor-Novizen die Rolle des Lindoro zu übergeben? Gewiss: Irgendwo muss Javier Camarena seine Karriere beginnen, aber wäre anstelle des Zürcher A-Hauses nicht Chur, Catania oder Cottbus geeigneter gewesen? Die Tore würden sich für ihn bestimmt öffnen, denn der junge Mann hat eine rührend warm timbrierte Stimme: Zwar etwas einfarbig (noch), aber durchaus mit einem Löffel Honig in jedem Ton.
Camarena musste dermassen angestrengt singen, dass ihm die Leichtigkeit nach den ersten Wacklern verloren ging, seine Arien nur mehr ein Rennen gegen die Spitzentöne wurden. Aber er war immerhin noch besser als Carlo Lepore (Mustafa): Lepore hat nicht den Hauch von Charme oder Witz in seiner Stimme, neigt gar zum zwängenden Blech (der angekündigte Ruggero Raimondi hatte sich verspätet und wird erst einige Folgevorstellungen singen). Carlos Chausson (Taddeo) ist nach wie vor ein Komödiant erster Güte und verwaltet das Erbe seiner Stimme geschickt.
Aber da stand zum Glück noch Vesselina Kasarova auf der Zürcher Bühne - wie auch schon vor 13 Jahren. Kasarova bringt für die eigenartige Rolle der Isabella alles Nötige mit, ihr ureigenes, leicht rauchiges Timbre gibt den kuriosen Arien einen Hauch von Ironie. Ihre beispiellose Technik verstärkt das noch, denn sie erlaubt es ihr, dynamische und farbliche Finessen in jeden Takt zu legen. So lebt denn jede Phrase, jeder Ton bringt eine neue Wendung. Und wer so toll singt, muss dabei gar nicht laut werden.
Dirigent Paolo Carignani könnte viel von Kasarova lernen, hätte er denn länger mit ihr geprobt. Bereits nach der Ouvertüre rannen die Schweissperlen über sein Gesicht. Kein Wunder, ist es doch anstrengend, dauernd zu lächeln, zu wippen und eigenwillige Bewegungen mit den Schultern zu machen. In den Finale, wenn alles schwirrte und surrte, behielt er dennoch die Übersicht. Aber wenn sich die zarten Soli in die Lüfte schwingen, liess er jedes so spielen, als müsse er beweisen, dass diese Leichtigkeit Grösse besitzt. So erhielt denn Rossini vom Orchester nie die nötige Gelöstheit, es fehlte an Lyrismen und dem nötigen Charme. Lieber wurde noch ein Akzent draufgesetzt als fein modelliert.
Der Hauptgrund des lahmen Abends aber war der fehlende Witz in der Inszenierung: Er entsteht in der Interaktion der Personen, aber dazu braucht es Ideen und Proben. Am meisten Lacher heimste ein Haifisch ein, der über die Bühne schwamm. Das ist nicht mehr als ein Gag, der nichts zum Lauf des Opernabends beitrug. Ein Wunder, dass der Hai zum Schluss nicht auftauchte und mit Mustafa zusammen Spaghetti ass. Dafür wäre dieser Hai sicher dankbar, ist er doch Vegetarier, ja, er wird kaum mehr Zähne haben.
Ähnlich schlapp beklatscht war nur noch «Il Trovatore» am 5. Juni 1990