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© Mathias Schäf
Saatkrähen
Im Winter, bei Kälte und Schneegestöber, kehren die Saatkrähen auf ihre Brutbäume zurück. Sie versammeln sich dort frühmorgens und begutachten Bäume und geeignete Astgabeln als Nistmöglichkeiten. Jeden Tag bleiben sie nun etwas länger in der Brutkolonie, krächzen heiser, glucksen manchmal hell und fliegen immer wieder einzeln oder in Trupps durch die Bäume.
Nicht für alle Anwohnerinnen und Anwohner ist diese Ankündigung des Frühlings, des nahenden Nistens und Brütens der Saatkrähe, willkommen. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal an einem Sonntagmorgen über das Krächzen der Saatkrähen geärgert? Vielleicht haben Sie sich aber auch gefreut über das Brüten der wilden Rabenvögel mitten in der Stadt?
Im morgendlichen Vogelkonzert gehören die geselligen Saatkrähen zu den weniger musikalischen Arten. Ruffreudig sind sie aber allemal, denn die akustische Kommunikation spielt bei diesen sozialen Vögeln eine ganz wichtige Rolle.
Saatkrähen brüten bevorzugt in Kolonien, gehen schwarmweise auf Nahrungssuche und übernachten an einem gemeinsamen Schlafplatz. Saatkrähen sind keine gewöhnlichen «Krähen». Von den viel häufigeren, in der ganzen Schweiz vorkommenden, gleich grossen Rabenkrähen unterscheiden sich Saatkrähen durch ihren unbefiederten, hellgrauen Schnabelgrund. Sie haben einen geraderen, spitzeren Schnabel und ihr Gefieder schimmert purpurfarben.
Besiedlung und Ausbreitung in der Schweiz
1963 brütete zum ersten Mal ein Saatkrähenpaar in der Schweiz. Saatkrähen siedelten sich darauf in Basel (1964) und im Seeland an, später im unteren Broyetal, in der Aareebene, in der Ajoie und in Bern (1988). Danach liessen sich auch welche in Genf (1997), bei Neuenburg (1998), im Baselbiet, in Luzern und Thun (1998) sowie in Zofingen (1999) und im Emmental (2000) nieder.
Saatkrähen brüten heute vorwiegend in der westlichen Landeshälfte. Die Stadt Schaffhausen ist zurzeit der östlichste regelmässig besetzte Brutort in der Schweiz.
Die Ausbreitung der Art verlief bei uns sehr dynamisch. Einzelne Kolonien blieben über Jahre klein, andere wuchsen stark an. Wieder andere wurden schon im ersten oder nach wenigen Jahren aufgegeben, oder ein Teil der Vögel löste sich aus einer Kolonie, um in der Nachbarschaft eine neue zu gründen. Oft wurden die Vögel durch absichtliche oder unabsichtliche Störungen gezwungen, die Standorte ihrer Kolonien zu wechseln. Nach 50 Jahren Ansiedlung und Fortpflanzung in der Schweiz brüteten 2012 rund 5500 Saatkrähenpaare in rund 230 Kolonien.
In Stadt und Land
In der Schweiz brüten 60 Prozent der Saatkrähen in Städten. Die wichtigsten städtischen Brutorte sind zur Zeit Basel, Bern, Genf, Murten, Freiburg, Zofingen, Pruntrut, Neuenburg, Thun und Schaffhausen. Die Kolonien befinden sich dort vorzugsweise in Alleen und Parkanlagen. Nester werden hauptsächlich auf Platanen, aber auch auf Eschen, Robinien, Buchen, Ahornen oder weiteren Baumarten errichtet. Zur Nahrungssuche ziehen die Vögel täglich in bis 11 km vom Brutplatz entfernte Landwirtschaftsgebiete. In der Schweiz wird in Städten kaum nach Nahrung gesucht. Saatkrähen sind dafür offenbar zu scheu.
40 Prozent der Saatkrähen brüten in ländlichen Gegenden, oft in Feldgehölzen. Die grössten Landkolonien bestehen im westlichen Mittelland, in der Ajoie und bei Genf.
Jahreszeitliches Auftreten
Die Schweiz ist auch Winterquartier für Saatkrähen aus Nordosteuropa. Die Vögel treffen im Spätherbst ein und bleiben bis im März. Diese Wintergäste halten sich in den Tieflagen des Mittellandes und der Nordwestschweiz auf. Die grössten Ansammlungen von gegen 10 000 überwinternden Saatkrähen kennt man aus der klimatisch milden Gegend von Basel.
Die Brutbäume werden ab Dezember, zunehmend aber im Januar und Februar wieder aufgesucht. Im März beginnen die Paare mit dem Nestbau. Kunstvoll werden dürre Zweige zu einem Nest verbaut. Dabei fallen auch Zweige oder Kot auf den Boden. Im April werden bis zu vier Eier ausgebrütet und im Mai die Jungen aufgezogen. Wenn die Männchen die brütenden Weibchen füttern oder später beide Eltern ihrem Nachwuchs Nahrung bringen, wird es an den Kolonien laut. Die Bettelrufe der Jungen und Weibchen klingen heiser und auffordernd. Jungvögel steigen auf den Nestrand, drehen sich um und koten über den Rand des Nests. Wenn unter den Nestern Autos parkiert sind, Trottoirs vorbeiführen oder Bushaltestellen stehen, kann es jetzt zu Unannehmlichkeiten und Klagen kommen.
Ende Juni sind normalerweise die letzten Jungvögel flügge. Anschliessend streifen Jung- und Altvögel zur Nahrungssuche meist in Schwärmen und oft in Gesellschaft anderer Rabenvögel umher. Abends beziehen sie grosse gemeinschaftliche Schlafplätze. Saatkrähen halten sich in dieser Zeit tagsüber meist ausserhalb der Agglomerationen auf, neuerdings aber auch in der Nähe der Brutkolonien. Besuche an den Nestbäumen kommen vom Sommer bis zum Spätherbst ebenfalls vor und häufen sich im September. Die Saatkrähen zeigen dann ein ähnliches Verhalten wie im Frühling. Einige beginnen sogar Zweige abzubrechen und so etwas wie Nester zu bauen. Es wird vermutet, dass dieses Verhalten mit der Tag- und-Nacht-Gleiche von Herbst und Frühling zusammenhängt.
Krächzen, Singen und Betteln
Lautäusserungen spielen bei der geselligen Saatkrähe eine wichtige Rolle. Sie singen zwar selten, am ehesten im Frühling und Herbst von einer erhöhten Warte aus. Beim morgendlichen Anfliegen der Brutkolonie krächzen Saatkrähen jedoch zur Begrüssung ihrer Artgenossen und «Verwandten» deutlich hörbar «kraah». Paare erkennen sich an ihren Rufen. Seit Stunden brütende Weibchen rufen heiser und ganz aufgeregt, wenn sie endlich das mit Nahrung anfliegende Männchen hören. Auch hungrige Jungvögel betteln lautstark, wenn ihre Eltern das Nest anfliegen und dann die begehrte Nahrung herauswürgen. Ganz anders tönen das hohe «kruu» von Weibchen, die beim Brüten gestört werden, oder die kraftvollen, rauen Alarmrufe. Wer sich Zeit nimmt, den Saatkrähen zuhört und sie dabei beobachtet, wird erkennen, wie vielfältig die verschiedenen Laute
– die «Sprache» – dieser geselligen Vögel sind.
Lärmbelästigung?
Das menschliche Lärmempfinden ist subjektiv. Schallpegelmessungen in der Stadt Bern zeigten, dass die Werte der Saatkrähenrufe deutlich unter denen des Verkehrslärms liegen. Geräusche von Personen- und Lastwagen, Bussen, Trams, Eisenbahnen und Kirchenglocken gibt es in unterschiedlicher Intensität rund um die Uhr. Das Krächzen der Saatkrähen hingegen ist auf den Tag beschränkt, mit stärksten Lautäusserungen in den frühen Morgenstunden und am Abend. In diesen relativ ruhigen Tageszeiten mag das Gekrächze allerdings besonders störend wirken.
Schutzstatus und Erfolgsaussichten für Abwehrmassnahmen
Die Saatkrähe steht seit 2010 nicht mehr auf der Roten Liste der bedrohten Brutvögel der Schweiz. Seit 2012 ist sie jagdbar, geniesst aber eine Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli.
Saatkrähen lassen sich nur sehr schwer von ihrer Kolonie vertreiben. Störungen an Brutkolonien führen in der Regel zur Gründung neuer Kolonien.
Schäden in der Landwirtschaft
Saat- und Rabenkrähen fressen unter anderem Engerlinge, Käfer und Wühlmäuse. Es kann aber lokal auch zu Schäden kommen, insbesondere an frischen Mais- und Getreidekulturen.
Klagen über Krähenschäden betreffen in der Schweiz jedoch fast immer die häufigere Rabenkrähe. Die Saatkrähenschwärme sind im Sommerhalbjahr dazu in der Regel zu klein. Das Merkblatt «Rabenvögel in landwirtschaftlichen Kulturen» beschreibt geeignete Massnahmen zur Minimierung von Schäden.
Impressum: Merkblätter für die Vogelschutzpraxis
© Schweizerische Vogelwarte & SVS/BirdLife Schweiz, Sempach & Zürich, 2013.
Autor: T. Fankhauser
Das Kopieren mit Quellenangabe ist erwünscht.
Merkblatt
Saatkrähen: Informationsblatt für Anwohnerinnen und Anwohner von Brutkolonien
Merkblatt
Saatkrähen: Informationsblatt für kantonale Behörden