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Richi Signer war Mitte der Siebzigerjahre einer der ersten Kletterer im Basler Jura. Und an den Kalksteinwänden entdeckte er den Weg in ein alternatives, freieres Gesellschaftsmodell.
Es sind einige Felswände, die sich in den dichten Wäldern rund um Basel verstecken. Lange waren sie auf den Landkarten jedoch höchstens grauweisse Flecken. Von Förster und Jägern mal abgesehen, kannten bloss die Bewohner der Dörfer und Weiler die Felswände in der Region.
Dann zog Richi Signer Mitte der Siebzigerjahre mit ein paar Freunden los. Sie wollten diese Wände aus Kalkstein hoch. Noch gab es kaum Kletterer, die sich an diesen steilen Wänden versuchten. Entsprechend wurde die neue Klettergeneration um Signer von der lokalen Bevölkerung belächelt. «Na, dann macht mal!», lag in diesem Lächeln. Und eine gute Portion Skepsis.
Der «Mord am Unmöglichen»
Signer, geboren 1958 in Basel, ist mit Bergsteigen in den Alpen gross geworden. Er träumte von hohen Wänden, vom Himalaya. Die Felsen rund um Basel nutzte er, um für grössere Projekte zu trainieren.
Doch bereits damals hatten Alpinisten ein Problem: Es war schon ziemlich alles gemacht. Und was noch übrig war, liess sich mit genügend Material bezwingen. Reinhold Messner nannte das den «Mord am Unmöglichen». Das Unmögliche galt als tot, weil durch technische Kletterei, das heisst mit technischen Hilfsmitteln wie Strickleitern oder Schlingen, vor allem aber Bohrhaken, jede Kletterei möglich geworden war. Es war nur eine Frage des materiellen Aufwands. Messners Buch mit dem Titel «Der siebte Grad» verschlang Signer im Alter von 15 Jahren.
Die Sportartikel- und Modeindustrie hatte begonnen, das Freiklettern in einen Leistungs- und Massensport zu verwandeln. Der Weg zur Abkehr selbst wurde damit in diese von Normen und Zwängen durchtränkte Gesellschaft verlegt, gegen die man sich so gewehrt hatte. Der Begriff Freiklettern wurde durch Sportklettern ersetzt. «Es wurde ein Sport daraus gemacht», sagt Signer. «Für uns war es ein Lebensinhalt. Die Felsen wurden nicht mehr erlebt; sie wurden konsumiert.»
Ernüchtert begaben sich viele Mitglieder der Juravipern darauf wieder in die Alpen auf Abenteuer- und Freiheitssuche. Der Club löste sich auf. Signer wandte sich, oft alleine, den kleineren Felsblöcken zu. Als einer der ersten in der Schweiz begann er in den frühen Achtzigerjahren zu «bouldern». Es entsprach seiner Überzeugung vom Umgang mit der Natur. Wie sich der Basler Jura wenig später zu einem internationalen Klettermekka entwickelte, hat er nur am Rande mitverfolgt.
Lebensinhalt Klettern
Signer und ich sitzen heute, am 27. Juni 2015, an den Blöcken unterhalb des Pelzlis. Er klettert ein paar alte Linien. Es ist gut sichtbar, dass er die Züge schon unzählige Male gemacht hat und noch immer regelmässig wiederholt. Ich frage ihn, ob er heute noch immer mit dem Klettern beginnen würde.
«Wahrscheinlich nicht», sagt er, «weil es ja kein Lebensinhalt mehr ist. Viele finden nach fünf bis zehn Jahren, dass sie es gesehen haben. Oder, dass sie jetzt nicht mehr im Alter für so was seien. Für mich war es damals aber der Versuch auszubrechen, etwas zu machen, zu leben, wie es nur ganz wenige taten: Möglichst wenig arbeiten, um möglichst viel zu klettern. Und das hält bis heute an.»
Richi Signer wiederholt auch nach bald 30 Jahren noch immer regelmässig die Boulder im Pelzli. (Bild: Olivier Christe)