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Ivo Adam „Farina Bona Spätzli aus dem Onsernonetal“
Dokumentarfilm „Il trekking dei fiori“
Von Romano Venziani und Luciano Paltenghi
Das Onsernoneser Patriziat – eine noch lebendige Geschichte
Produktion und Organisation: Tarcisio Terribilini, Bilder und Schnitt: Julien Garbani, Text: Vasco Gamboni
Fotos: Archivio Patriziato Generale d’Onsernone, Russo
Ein wildes, tief eingeschnittenes V-Tal, das in seiner Ost-West-Orientierung auf den Lauf der Sonne ausgerichtet ist; steile, unwegsame Talflanken; auf halber Höhe des terrassierten Südhangs die an Felsen geklebten sonnigen Dörfer. Abseits von urbanen Zentren hat das Tal seine Stille und Ruhe, seinen ganz besonderen Zauber von Natur und Kultur bewahrt.
Es ist zu vermuten, dass die ersten Siedlungen und einfachen Formen der Bewirtschaftung des Tales auf die Römerzeit zurückgehen. Das erste Gotteshaus dürfte in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends in Loco errichtet worden sein. Es ist San Remigio geweiht. Dies lässt auf die damalige Präsenz der Franken auf der Südseite der Alpen schliessen. Aus diesen Anfängen entwickelte sich nach und nach die Besiedlung des ganzen Tales, eine Talgemeinschaft, die sich während Jahrhunderten als „Comune d’Onsernone“ konstituierte. Der älteste uns bekannte Rechtsakt ist in einer Urkunde von 1224 dokumentiert.
Ab dem 16. Jahrhundert überlagerte die Strohindustrie die traditionelle auf Ackerbau und Viehzucht beruhende Subsistenzwirtschaft; ein Unikum in den lombardischen Alpen. Während mehr als drei Jahrhunderten war die Strohindustrie von grosser ökonomischer Bedeutung. Die intensiven Handelsbeziehungen, – die „Onsernonesi“ waren auf vielen Märkten im Piemont, in Flandern, in Frankreich und in der französischen Schweiz mit ihren Strohprodukten präsent, – führten zu einem regen Kulturaustausch. Die Strohindustrie erlaubte im Verlauf der Jahrhunderte die Anhäufung eines nicht unerheblichen Reichtums.
Davon zeugen einerseits die herrschaftlichen Häuser, die im 16. und 17. Jahrhundert in verschiedenen Dörfern erbaut wurden, andererseits die wertvollen Sakralgeräte und Gemälde einzelner Kirchen.
Das „Onsernoneser Patriziat” beziehungsweise dessen öffentlich-rechtliche Organisation die „Onserno¬neser Bürgerge¬meinde“ hat das Erbe der früheren Talgemeinde, der „Comune d’Onsernone“ oder wie sie später genannt wurde der „Comun Grande“ angetreten. Dieses auf der lokalen Selbstbestimmung der Bürger (patrizi) beruhende Gemeinwesen regelte die öffentlichen Angelegenheiten und die Gerichtsbarkeit des Tales. Entstanden ist es um die erste Jahrtausendwende, als es den Onsernonesi gelang, sich aus den Fesseln der kirchlichen und weltlichen Feudalherren, vor allem der Edlen von Locarno, zu befreien und ihre Autonomie zu behaupten.
Die “Comune d’Onsernone” umfasste das gesamte Gebiet des Tales, ausgenommen Auressio, das der „Comune di Pedemonte“ (Cavigliano e Verscio) zugehörte. Mit der Gründung des Kantons Tessin im Jahr 1803 entstanden neue Gemeinwesen, die nicht mehr als Bürgermeinden, beruhend auf den anerkannten Rechten und Privilegien der Onsernoneser Patrizier, sondern als Einwohnergemeinden (d.h. alle Nieder¬gelasse¬nen) konstituiert waren. So entstand ein öffentlichrechtlicher Dualismus: einerseits die modernen politischen Gemeinden, entsprechend den einzelnen Dörfern, andererseits die Bürgermeinde (das Patriziat), die Besitzerin blieb von praktisch dem gesamten Grundbesitz, den Wäldern, den Alpen; Ressourcen, die während Jahrhunderten von der Talgemeinschaft als Gemeinbesitz verwaltet wurden.
Zwei Jahre vor dem Inkrafttreten des ersten Gesetzes zur Regelung der Patriziati (in etwa Bürgermeinde-Ordnung), 1857, wurde das Ende der tausendjährigen „Comune d’Onsernone“ und die Gründung des „Patrizitato Generale“ proklamiert.
Heute verwaltet das “Patriziat” praktisch die gesamte Waldfläche des Tales (4748 Hektaren), die Mehrzahl der Alpen, die Berghütten von Arena und Ribia, die Granitsteinbrüche im Vergeletto-Tal und die Seilbahn Zott-Salei. Das Patriziat war Initiant des „Centro Sociale Onsenonese CSO“ (Alters- und Gesundheitszentrum) mit Sitz in Russo und Loco.
Das “Patriziato Generale d’Onsernone” hat Sitz in Russo.
Von der Talstrasse, die die am Südhang gelegenen Dörfer Kurve um Kurve erschliesst, eröffnen sich faszinierende Ausblicke auf eine grandiose, wilde Berglandschaft, unter einer Sonne, die von Morgen bis Abend der Ost-West-Ausrichtung des Tales folgend, die steilen Hänge in ein wunderbares Licht taucht.
Das Onsernone ist ein langgestrecktes Tal, geprägt von wilden landschaftlichen Szenarien, dichten Wäldern, terrassiertem Kulturland und steilen Berghänge bis hinunter in den Talboden, wo sich der Fluss Isorno versteckt. Die Talstrasse windet sich an der linken Bergflanke hinauf und verzweigt sich nach Russo am Ponte Oscuro (= finstere Brücke) in die zwei Seitentäler bis zu den Dörfern Spruga und Vergeletto, wo während der Sommermonate die Alpwirtschaft Käsereiprodukte anbietet, Käse und Ricotta, gewürzt von den Gräsern und Kräutern der Weiden unter der südlichen Sonne. Das Tal ist vom Verkehrslärm verschont: eine heitere Ruhe, eine Stille, die dem Besucher Frieden verheisst.
Eine Atmosphäre, die dem Seelenzustand der lokalen Bevölkerung entspricht, die das Drama des Niedergangs der Strohindustrie und des drastischen Bevölkerungsrückgangs verkraften musste: 1850 waren es noch 3000 Talbewohner, in den letzten zwanzig Jahren hat sich die Bevölkerung auf 800 Personen stabilisiert. Während mehreren Jahrhunderten war die Strohmanufaktur Existenzgrundlage und Quelle von Reichtum. Sie gedieh dank der Emigration und dem Export von Strohprodukten, zum Beispiel Hüte und Taschen, nach Frankreich und Norditalien. Nicht wenige Onsernonesi haben dort ihr Glück gemacht, zurückgekehrt in ihre Heimat, haben sie prächtige, stattliche „Palazzi“ gebaut, die noch heute das Bild der Dörfer von Comologno, Mosogno, Berzona und Auressio prägen. Von der erfolgreichen Emigration zeugen auch die Kirchen des Tales, die reich ausgestattet sind mit bemerkenswerten Gemälden und Malereien, Geschenke von Onsernonesi, die bereits im 17. Jahrhundert als Emigranten im europäischen Ausland lebten.
Die Krise der Strohmanufaktur führte vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer drastischen Abwanderung. Gleichzeitig entdeckten Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle, Philosophen, vor allem aus dem vom Nazismus verwüsteten Deutschland, die Abgeschiedenheit und Faszination des Onsernone und fanden hier einen Ort der Zuflucht und der Inspiration. Aline Valangin, Wladimir Rosenbaum, Max Ernst, Kurt Tucholsky und in einer späteren Phase Armand Schulthess, Alfred und Gisela Andersch, Golo Mann und Max Frisch fanden in der Stille des Onsernone ein kreatives Umfeld. Das Museo Onsernonese in Loco, eine Institution, die das kulturelle Erbe des Tales bewahrt und für die Nachwelt zugänglich macht, hat im Rahmen verschiedener Projekte diese Zeugnisse der „Immigration“ gesammelt und in Ausstellungen präsentiert.
Wandern, Trekking auf den verschlungenen, eindrücklichen Maultierwegen und Ziegenpfaden mit immer neuen, atemberaubenden Ausblicken, gesunde Luft, viele Stunden wärmender Sonne. Wer sich dieser Welt abseits der urbanen Zivilisation öffnet, findet in kurzer Zeit Friede und neue Kraft. Weit weg von den Trampel¬pfaden des Massentourismus erlebt er Gastfreundschaft in den kleinen Familienhotels, Pensionen, Zimmern, Herbergen und Berghütten.
[Roberto Carazzetti, 01.2003]