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Ich könnte nicht mehr in den Spiegel blicken, wenn ich nicht doch ein paar Zeilen zur Causa Blatter verlieren würde. Immerhin habe ich vor zwei Jahren an dieser Stelle unter dem Titel «Please tell me you can» den Satz geschrieben: «So traurig das ist, aber die US-Strafverfolgungsbehörden könnten die Einzigen sein, die Sepp Blatter in meiner Lebzeit noch zum Rücktritt zwingen.»
Es ist natürlich ein schönes Gefühl, recht zu behalten. Viel mehr als ich freut sich derzeit wohl der schottische Journalist Andrew Jennings – ohne dessen knallharte Recherchen (zusammengefasst in seinen Büchern «Foul! The Secret World of FIFA» und «Omertà: Sepp Blatter’s FIFA Organised Crime Family») hätte das auch US-Justizministerin Loretta Lynch nicht hinbekommen.
Doch mit dem Fall Blatters ist der internationale Sport kein bisschen besser geworden. Sepp Blatter hat die Korruption nicht erfunden – er hat sie gelernt. Nicht zuletzt von seinem präsidialen Vorgänger João Havelange, dem Sohn eines belgischen Waffenhändlers, der das Handwerk beim ebenso von Korruption durchsetzten Internationalen Olympischen Komitee gelernt hatte. Havelange musste 2011 aus Korruptionsgründen aus dem IOK zurücktreten – das Resultat der Untersuchungen gegen ihn blieb geheim. Blatter hatte unter ihm siebzehn Jahre lang als Fifa-Generalsekretär geamtet.
Blatters Generalsekretäre arbeiteten genauso weiter. Urs Linsi (nebenbei für kurze Zeit GC-Präsident) erhielt den Job unter Mithilfe von Heinz Schurtenberger, Chef der Vermarktungsgesellschaft ISL – just jener Firma also, deren Schmiergeldaffären Havelange das Genick brachen. Der derzeitige Generalsekretär Jérôme Valcke sieht sich aktuell (nicht zum ersten Mal) mit dem Vorwurf konfrontiert, von Schmiergeldzahlungen zumindest gewusst zu haben. Und die einzige Ausnahme auf dem Posten, Michel Zen-Ruffinen, Blatters direkter Nachfolger als Generalsekretär, wurde von Sepp vor die Tür gestellt, nachdem er ein zwanzigseitiges Dokument zu Korruption und Machtmissbrauch in der Fifa zusammengestellt hatte.
Die Fifa ist Big Business. Jährlich werden Milliarden umgesetzt, hauptsächlich über die dubiosen Vermarktungsgesellschaften, mit denen die Fifa geschäftet. Darunter auch die Sportvermarktungsfirma Infront, die über ihre Tochtergesellschaften auch Fernsehübertragungen produziert. Und ganz nebenbei auch die Schweizer Fussballliga vermarktet – in Partnerschaft mit Ringier, dem Besitzer jener Zeitung, die aktuell mit dem Argument für ein Nein zur RTVG-Revision wirbt, der interessierte Einzelkunde könne sich Fussballspiele auch auf Bezahlsendern ansehen. Präsident von Infront ist übrigens auch ein Blatter: Sepps Neffe Philippe. An diesen Verstrickungen ändert auch eine Neuvergabe der WM in Katar nichts.
Am Tag nach Sepp Blatters Rücktritt diskutierte der Ständerat zum x-ten Mal eine Verschärfung des laxen Schweizer Korruptionsstrafrechts (Paul Rechsteiner hatte eine solche Forderung schon vor zwanzig Jahren gestellt) – natürlich ohne Ergebnis. Was nur beweist, dass wir am System nichts ändern wollen.
Denn die Fifa ist nicht das Problem. Sie ist nur ein Symptom jenes «fehlenden Unrechtsbewusstseins» (Ex-HSG-Dozent Ulrich Thielemann), das der Schweiz weiterhin eingeschrieben ist. Wir reden nicht über Geld. Nicht über unser eigenes und noch viel weniger über das von anderen, von dem wir uns einen Anteil nehmen. Die Fifa sitzt deswegen in Zürich, weil sie hierher passt. Weil wir es nicht anders verdient haben. Auch diesen Satz habe ich vor zwei Jahren schon einmal geschrieben. Wenn wir uns nicht länger darauf verlassen wollen, dass die US-Justiz etwas daran ändert, sollten wir vielleicht andere ParlamentarierInnen wählen.
Als kleine Wahlhilfe für diesen Herbst empfiehlt Etrit Hasler das Protokoll zur Debatte ums Korruptionsstrafrecht im Ständerat: Amtliches Bulletin, 14.035 (Ständerat – Sommersession 2015 – Dritte Sitzung: Strafgesetzbuch. Korruptionsstrafrecht. ). In der Schlussabstimmung enthielten sich SP und Grüne der Stimme, da sie der entschärften Variante nicht zustimmen konnten.