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In der Schweiz und anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Deutschland leben zahlreiche Menschen in relativer Armut. Das bedeutet, sie haben weniger als 50 oder 40 Prozent des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens. Beim Äquivalenzeinkommen werden die obligatorischen Transferabgaben vom Bruttoeinkommen abgezogen und es wird an die Haushaltsgröße angepasst. In der Schweiz betrug der Median des Äquivalenzeinkommens pro Haushalt im Jahre 2012 etwa 50.000 Franken. Beim Median haben die Hälfte der Haushalte weniger als diesen Mittelwert und die andere Hälfte der Haushalte hat ein größeres jährliches Einkommen, allerdings bleibt unbestimmt wie viel mehr. Relativ arm sind dann Haushalte, die netto weniger als 20.000 oder weniger als 25.000 Franken im Jahr zur Verfügung haben. Davon sind in der Schweiz fast 10 Prozent der Haushalte und insbesondere die Haushalte alleinerziehender Eltern betroffen.
Man könnte der Meinung sein, dass diese relative Armut zwar bedauerlich, aber kein gravierendes Problem sei. Im Gegensatz zu den bis zu zwei Milliarden Menschen auf der Welt, die in absoluter Armut leben, müssten relativ arme Menschen in der Schweiz und in Europa nicht um die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse fürchten. Daher verletze auch nur absolute und nicht relative Armut die Würde der Menschen, so ließe sich der Gedanke noch weiter spinnen. Absolut arme Menschen sind in ihrer Existenz bedroht und kämpfen um ihr Überleben. Relativ arme Menschen hingegen können sich ihren individuellen Lebensplänen widmen, denn für ihre Grundsicherung ist gesorgt. Zwar haben sie nicht so viele Spielräume, wie wohlhabendere Menschen, aber doch genug Spielraum, um sich selbst entfalten zu können, so könnte man meinen.
Zwar trifft es zu, dass absolute Armut ein schwerwiegenderes Problem ist als relative Armut. Ich glaube aber trotzdem, dass relative Armut ebenfalls die Würde der betroffenen Menschen verletzt. Daher stellt es auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe dar zu überlegen, wie möglichst alle Gesellschaftsmitglieder befähigt werden können, nicht in relativer Armut leben zu müssen. Vielleicht ist das sogar eine staatliche Aufgabe, dafür zu sorgen. Doch dafür werde ich hier nicht argumentieren, sondern vielmehr deutlich machen, warum und auf welche Weise relative Armut eine Würdeverletzung darstellt.
Die Würde eines Menschen ist dem israelischen Philosophen Avishai Margalit zufolge dann verletzt, wenn dieser Mensch einen Grund hat, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen. Solch einen Grund hat ein Mensch genau dann, so argumentiert der deutsche Philosoph Ralf Stoecker, wenn er entweder aufgrund äußerer Hindernisse in grundlegenden Angelegenheiten nicht auf sich selbst achtgeben kann oder wenn er in seiner Achtung vor sich selbst beeinträchtigt ist. Absolute Armut ist schon deswegen demütigend, weil absolut arme Menschen aufgrund sozialer Hindernisse in grundlegenden Angelegenheiten nicht auf sich selbst achtgegen können. Sie haben sogar Schwierigkeiten, sich selbst mit lebensnotwendigen Gütern zu versorgen.
Es ist wichtig, hier zu betonen, dass diese Schwierigkeiten nur dann demütigend sind, wenn sie durch soziale Hindernisse entstehen. Für ein kleines Kind oder einen schwerkranken Menschen ist es nicht demütigend, nicht für sich selbst sorgen zu können. Auch für Schiffsbrüchige ist es nicht demütigend, wenn sie auf einer einsamen und unfruchtbaren Insel landen und daher nicht für sich selbst sorgen können. In beiden Fällen gibt es keine anderen Akteure, die sie aktiv oder passiv demütigen. Genau so ist es jedoch bei sozialen Verhältnissen, die Menschen davon abhalten für sich selbst sorgen zu können, obwohl sie eigentlich dazu fähig wären, wenn die sozialen Verhältnisse anders werden. Dann sind es soziale Strukturen und letztlich die Menschen, die diese Strukturen geschaffen haben und aufrechterhalten, die demütigen.
Relative Armut ist zum Teil aus demselben Grund würdeverletzend wie absolute Armut. Auch hier ist es oft so, dass die betroffenen Menschen aufgrund der sozialen Verhältnisse davon abgehalten werden, für sich selbst zu sorgen. Stattdessen werden sie vom Staat versorgt und das hat etwas Demütigendes. Den betroffenen Menschen ist nicht die Fähigkeit gegeben, in grundlegenden Fragen auf sich selbst achtgeben zu können. Viele alleinerziehende Eltern würden sicher gerne einen Beruf ausüben, der ihnen genug Zeit lässt, um adäquat für ihre Kinder sorgen zu können und ein hinreichend großes Einkommen verschafft, um nicht in relativer Armut leben zu müssen. Das könnte man vielleicht durch eine bessere Infrastruktur der Kinderbetreuung und eine negative Einkommenssteuer für Alleinerziehende erreichen, die weniger demütigend wäre als bloße Versorgungsleistungen.
Relative Armut ist aber auch noch aus einem anderen Grund demütigend. Es gibt auch Menschen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem so wenig verdienen, dass sie und ihre Familien relativ arm bleiben. Auch für diese Menschen ist ihre Armut demütigend, weil sie in ihrer Achtung vor sich selbst beeinträchtigt werden. Denn unsere Selbstachtung hängt oft von der Achtung durch andere ab. Wir können uns selbst nur dann als gleichrangige Mitglieder der Gesellschaft achten, wenn uns zumindest einige Menschen um uns herum ebenfalls als gleichrangige Gesellschaftsmitglieder achten. Wir sind in unserem Urteil über uns selbst einfach psychologisch abhängig von dem Urteil anderer. Zwar gibt es einige Emeriten und Heilige, die sich vom Urteil anderer Menschen ganz unabhängig gemacht haben. Aber das kann man nicht von jedem Menschen erwarten. Gerade bei relativ armen Menschen wäre es sogar ziemlich zynisch, ihnen einfach vorzuschlagen, sich vom Urteil anderer Menschen doch nicht so abhängig zu machen. Aber warum hat dieses soziale Urteil bei relativ armen Menschen überhaupt etwas Demütigendes an sich? Bereits Adam Smith hat gesehen, dass es in allen Gesellschaften bestimmte Konventionen der sozialen Anständigkeit gibt. Zu seiner Zeit traute sich beispielsweise niemand mehr schamfrei ohne Leinenhemd auf die Straße, obwohl selbst die reichsten Patrizier der römischen Antike so etwas nicht besessen haben, so schreibt er.
Genauso wie Smith es beschreibt, ist es auch heute. Relativ arme Menschen können sich viele Dinge nicht leisten, die als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um in der Öffentlichkeit ohne Scham zu erscheinen. Deswegen ist relative Armut demütigend und eine Verletzung der Selbstachtung. Deswegen haben wir als Gesellschaft auch einen guten Grund dafür zu sorgen, dass niemand in relativer Armut leben muss. Es wäre schön, wenn wir durch gesellschaftliche Anstrengung ohne staatlichen Eingriff alle Menschen dazu befähigen könnten, so gut für sich selbst sorgen zu können, dass sie in Selbstachtung in der Öffentlichkeit auftreten können. Allerdings bin ich doch recht skeptisch, so muss ich zugeben, dass uns das gelingen wird.
Dr. Christian Neuhäuser
(Dieser Beitrag ist ebenfalls online im Tagesanzeiger-Newsnet erschienen.)
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Christian Neuhäuser, Technische Universität Dortmund, Institut für Philosophie und Politikwissenschaft