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Wie erwartet führte die COVID-19-Ausnahmesituation im zweiten Quartal zu einem starken konjunkturellen Einbruch in der Textil- und Bekleidungsbranche. Die Aussichten für die kommenden drei Monate haben sich indessen merklich verbessert. Gemäss René Lenzin, CEO der Kuny AG, hat sich die Diversifikation des Produktportfolios zur Risikominimierung in der Krise bewährt.
Ausgelöst durch COVID-19 und den Massnahmen zu dessen Bekämpfung steckt die Weltwirtschaft im zweiten Quartal 2020 inmitten ihrer schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Über 90 Prozent der Volkswirtschaften rechnen mit einem stärkeren Rückgang der Pro-Kopf-Leistung als zu Zeiten der Grossen Depression. In der Eurozone verzeichnete die industrielle Produktion im April einen Rückgang um 17 Prozent und die Detailhandelszahlen verringerten sich in den Monaten April und Mai jeweils um über elf Prozent. Für die USA ergibt sich ein ähnliches Bild. Der monatliche Rückgang der industriellen Produktion und der Detailhandelszahlen lag im zweiten Quartal bei über zehn Prozent bzw. 15 Prozent. Zum Vergleich: Sowohl der Rückgang der industriellen Produktion wie der Detailhandelszahlen blieb während der Finanzkrise unter fünf Prozent. Auch Volkswirtschaften, die frühzeitig reagierten und die Pandemie rasch in den Griff bekamen, erleiden markante Schäden an ihrer Wirtschaft. Japan zum Beispiel verzeichnete im Mai einen Exportrückgang in der Höhe von 28 Prozent aufgrund des massiven Nachfrageeinbruchs. Es ist derzeit davon auszugehen, dass die Talsohle des wirtschaftlichen Einbruchs im zweiten Quartal erreicht wurde. Dies hängt jedoch von der Entwicklung der COVID-19-Situation im Herbst ab. (Weltbank)
In der Schweiz sind die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 ebenfalls gravierend. Im ersten Quartal sank das Schweizer BIP um 2.6 Prozent. Mit Ausnahme der öffentlichen Verwaltung, der Finanzdienstleistungs- und der Pharmabranche wurden die meisten Wirtschaftszweige stark negativ beeinträchtigt. Der Dienstleistungssektor schrumpfte um 1.9 Prozent, das verarbeitende Gewerbe um 1.3 Prozent. Der Rückgang wird im zweiten Quartal noch einschneidender ausfallen. So vor allem auch in der verarbeitenden Industrie. Gemäss KOF-Umfrage hat sich die Geschäftslage der exportorientierten Unternehmen im Juni weiter verschlechtert. Die nominalen Exporte gingen im zweiten Quartal um 18 Prozent zurück. Doch auch die binnenmarktorientierten Unternehmen bewerten ihre Lage im Juni analog des Vormonats als ungünstig – trotz massgeblicher Lockerungen der COVID-19-Massnahmen. Der Auftragsrückgang hat sich im Juni gar noch etwas verschärft. Der Arbeitsmarkt reagierte rapide auf die Krise. Im Juni betrug die Arbeitslosenquote 3.2 Prozent. Gegenüber dem Vorjahresmonat erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen damit um 50 Prozent. Es ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Sowohl export- wie auch binnenmarktorientierte Unternehmen des Industriesektors bewerten den Beschäftigungsbestand im Juni als zu hoch. (Seco, KOF)
Die Zahlen des zweiten Quartals heben unmissverständlich die gewaltigen Auswirkungen der Ausnahmesituation rund um COVID-19 auf die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie hervor. Im Vergleich zur einschneidenden Situation resultierend aus der Mindestkursaufhebung im Jahr 2015 sind die negativen Effekte dieser Krise noch gravierender. Seit März fallen die allgemeine Bewertung der Geschäftslage sowie des Auftragsbestands senkrecht ab. Die Auftragslage fing sich im Juni immerhin leicht auf, die allgemeine Geschäftslage hingegen verfinsterte sich gar noch etwas. Rückläufig verhielt sich auch die Kapazitätsauslastung, wenn auch weniger stark als erwartet. Gegenüber dem ersten Quartal verlor sie sechs Prozentpunkte und liegt nun bei 74 Prozent. Die Arbeitslosenquote kletterte im Juni auf 4.3 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen hat sich damit gegenüber dem Vorjahresmonat analog zu den gesamtschweizerischen Zahlen um über 50 Prozent erhöht. Bis auf wenige Ausnahmen ist die ausländische Nachfrage nach Schweizer Textilien und Bekleidung für sämtliche Länder eingebrochen. Das äusserte sich in einem Exportminus von 19.2 Prozent im Textilsektor und 34.9 Prozent im Bekleidungsbereich. Die Einbrüche waren während der Finanzkrise im Jahr 2009 markanter. Allerdings auch ausgehend von einem höheren Exportniveau. Die technischen Textilien konnten dank dem Export von Schutzmasken ein zweistelliges Minus abwenden. Die Exportzahlen der achtstelligen Zolltarifnummer, unter die unter anderem Schutzmasken fallen, haben sich im zweiten Quartal beinahe vervierfacht und erreichten 23.7 Millionen Franken.
Die Kapazitätsauslastung in der Textil- und Bekleidungsindustrie konnte die 80-Prozent-Marke im zweiten Quartal nicht mehr halten und sank auf 74 Prozent. Sie befindet sich damit etwas unterhalb des Gesamtdurchschnitts des industriellen Sektors.
Bereits im März führte die COVID-19-Ausnahmesituation zu einer starken Verschlechterung der allgemeinen Geschäftslage. Der steile Abfall setzte sich im zweiten Quartal fort. Im Juni bewerteten 71 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als schlecht, drei Prozent als gut und 26 Prozent als befriedigend.
Im zweiten Quartal setzte sich der steile Abfall des Auftragsbestands fort. Im Juni melden 72 Prozent der Unternehmen einen zu kleinen und nur 28 Prozent einen normalen Auftragsbestand. Damit verbesserte sich die Bewertung gegenüber dem Vormonat geringfügig.
Mit der Geschäftslage wird der konjunkturelle Gesamtzustand des Unternehmens dargestellt. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen die Geschäftslage insgesamt als: gut, befriedigend, schlecht». Der Auftragsbestand umfasst die Menge oder den Wert der noch nicht in Arbeit genommenen Kundenaufträge. Die Testteilnehmenden beantworten die Frage: «Wir beurteilen den Auftragsbestand insgesamt als: gross, normal, zu klein». Ausgewiesen wird für beide Indikatoren der Saldo aus positiven und negativen Antworten. Dieser gibt die Tendenz der Entwicklung wieder. In der Praxis zeigen die Saldi eine hohe Korrelation mit den tatsächlichen Wachstumsraten der Realindikatoren. (Quelle: KOF ETHZ)
Im 2. Quartal 2020 wurden Textilien im Wert von 270 Millionen Franken exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal einem Minus von 19.2 Prozent. Die Bekleidungsexporte verzeichnen ein Minus von 14.6 Prozent und belaufen sich auf 606 Millionen Franken. Bereinigt um die Rückwaren sind die Bekleidungsexporte um 34.9 Prozent gesunken und liegen bei 155 Millionen Franken.
Es bestehen Anzeichen, dass die Talsohle im zweiten Quartal erreicht wurde. Das Hochfahren der Wirtschaft wird indes nicht gleich schnell verlaufen wie der Abstieg. Ein zweiter Lockdown ist für die Schweiz und auch für viele Länder zwar eher ausgeschlossen. Solange kein Impfstoff flächendeckend zur Verfügung steht, sind weitere Einschränkungen bzw. Kontrollmassnahmen, lokale Lockdowns, Arbeitsausfälle aufgrund von Krankheitsfällen und ein gebremstes Konsum- und Investitionsverhalten sehr wahrscheinlich. Für die Schweiz prognostiziert die Expertengruppe des Bundes in diesem Jahr einen Rückgang des privaten Konsums von 7.2 Prozent sowie der Ausrüstungsinvestitionen von 14 Prozent. Das Schweizer BIP wird auf minus 6.2 Prozent geschätzt. Im Vergleich zur Eurozone, die gemäss Weltbank um rund 9.1 Prozent schrumpfen soll, schneidet die Schweiz voraussichtlich besser ab.
Die Weltbank hat angesichts der höchst fragilen Umstände drei Szenarien für das Weltwirtschaftswachstum publiziert. Im Basisszenario schrumpft die Weltwirtschaft im laufenden Jahr um 5.2 Prozent. Dieser Absturz wäre rund drei Mal so stark wie derjenige der Finanzkrise im Jahr 2009. Beim Handel wird mit einem Einsturz von 13 Prozent gerechnet. Im nächsten Jahr soll das globale BIP 4.2 Prozent betragen. Gerät die Coronavirus-Pandemie erneut ausser Kontrolle, würde die globale Wirtschaft unter einem erneuten dreimonatigen Lockdown um acht Prozent schrumpfen. Doch auch eine raschere Erholung scheint möglich, wenn die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie früher vollständig zurückgefahren werden können. Der globale wirtschaftliche Einbruch wird in einem solchen Szenario auf 3.7 Prozent geschätzt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) revidiert seine Prognose für das laufende Jahr nach unten auf minus 4.9 Prozent. Dabei geht der IWF analog der Weltbank und der Expertengruppe des Bundes davon aus, dass sich die Wirtschaft ab der zweiten Jahreshälfte wieder erholt. Die verarbeitenden Textil- und Bekleidungsunternehmen teilen diese Annahme. Gemäss der Juni- bzw. Juli-Umfrage bleiben die Erwartungen hinsichtlich der Bestellungen, Exporte und Verkaufspreise für die kommenden drei Monate zwar knapp im negativen Bereich, sie haben sich allerdings beachtlich nach oben korrigiert. Während im April noch 75 Prozent der Befragten von schrumpfenden Exporten ausgingen, erwarten nun noch 18 Prozent sinkende Exporte für die kommenden drei Monate. 15 Prozent rechnen mit einer Zunahme. Sogar bei der Beschäftigung haben sich die Aussichten anders als beim gesamten verarbeitenden Schweizer Gewerbe aufgehellt. Die Einschätzung der Textil- und Bekleidungsunternehmen stimmt sehr optimistisch. Dennoch ist höchste Vorsicht geboten und mit dem Virus sorgfältig umzugehen.
CEO der Kuny AG
Die Firma Kuny AG gehört zu den führenden Herstellern von Textilbändern aller Art in Europa. Das Traditionsunternehmen produziert Bänder für die verschiedensten Anwendungsbereiche: Kurzwaren, Textilindustrie, Technische Textilien, Orthopädie, Medizinalprodukte und Verpackungen.
Als Traditionsunternehmen hat die Kuny AG schon einige anspruchsvolle Phasen erlebt. Empfinden Sie die COVID-19-Krise ebenfalls als die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg? Rückwirkend betrachtet mussten wir bereits in der Finanzkrise, aufgrund der schwächeren Euro-Währungseinheit, enorme Margeneinbussen hinnehmen, da rund die Hälfte des Umsatzes in Euro fakturiert wird. Trotzdem sind die Auswirkungen der Pandemie noch heftiger zu spüren, da es sich um einen weltweiten, abrupten und massiven Konjunktureinbruch handelt und dieser entsprechend die Nachfrage nach unseren Produkten bestimmt.
Was können Unternehmen in einer solchen Situation tun? Welche Massnahmen hat die Kuny AG ergriffen? Die Textilindustrie mit ihren stark exportabhängigen Unternehmen musste bereits in den letzten Jahren einschneidende Veränderungen hinnehmen. Die Unternehmen stehen in der Pflicht, sich so rasch wie möglich den Gegebenheiten anzupassen, ihre Geschäftsmodelle zu überprüfen und die aufgebauten und oft bereits automatisierten Produktionslinien noch effizienter zu gestalten, um so die Rentabilität zu verbessern. Die Kuny AG hat in den letzten Jahren ihr Produkteportfolio analysiert und lohnintensive sowie margenschwache Produkte an eine ihrer Schwesterfirmen ausgelagert.
Die Kuny AG bedient neben dem ausländischen auch den einheimischen Markt. Lief dieser Markt besser? Der Heimmarkt zeigt sich unwesentlich robuster gegenüber unseren wichtigsten Märkten in der Eurozone.
Wie entwickelten sich die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche, welche die Kuny AG mit ihren Bändern bedient, während des zweiten Quartals? Die grössten Einbussen wurden im Handel, bei der Verpackung sowie der textilen Weiterverarbeitung notiert. Erfreulicherweise konnten die Absatzmengen mit den technischen Textilien, die für den Industriesektor im Einsatz stehen, zulegen. Unsere strategische Ausrichtung, die unter anderem auf einer vernünftigen Diversifikation des Produkteportfolios basiert, hilft zumindest, das Risiko zu minimieren.
Die ausländische Nachfrage nach Schweizer Textilien und Bekleidung ist im zweiten Quartal äusserst stark eingebrochen. Welche Märkte erholen sich Ihrer Ansicht nach am schnellsten? Die USA erholen sich im Vergleich zu Europa dynamischer. Dies gilt allerdings nicht für unsere technischen Textilien im Industriesektor. Innerhalb der Eurozone entwickelt sich Italien wesentlich langsamer im Vergleich zu Deutschland.
Im Juni haben sich die Erwartungen der Schweizer Textil- und Bekleidungsbetriebe für die kommenden Monate bereits markant verbessert. Stimmen Sie in den Optimismus mit ein? Im Juni konnten wir tatsächlich eine Verbesserung des Auftragseingangs feststellen, wobei dieser gegenüber dem Vorjahresmonat noch weit tiefer lag. Wir gehen davon aus, dass sich die Auftragslage nur langsam erholen wird und die schleppende Erholung uns noch im nächsten Jahr begleitet.
Wir danken René Lenzin herzlich für das Interview.