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Ansicht von Avenches (dem alten Aventicum) im 18. Jahrhundert.
Der Verein der schönsten Schweizer Dörfer verfolgt seit seiner Gründung im Jahr 2015 ein ehrgeiziges Ziel: die einheitliche Förderung jener kleinen und mittelgrossen Siedlungen mit ländlichem oder städtischem Charakter, welche von besonderer kultureller oder landschaftlicher Bedeutung sind.
Hinweis: Dies ist ein Beitrag aus der Serie «Die schönsten Schweizer Dörfer». Der gleichnamige Verein hat kürzlich einen Reiseführer mit den 43 schönsten Destinationen veröffentlicht. Er kann hier zum Vorzugspreis bestellt werden.
Wie seine ausländischen Partner, die der „Föderation der schönsten Dörfer der Welt“ angehören, geht der Verein von einem weit gefassten Begriff des kulturellen Erbes aus, der die Landschaft, architektonische Strukturen, aber auch immaterielles Erbe wie Traditionen und Folklore umfasst und die authentische Seele des Territoriums sucht. In die Qualitätscharta des Vereins wurden zahlreiche Bewertungskriterien aufgenommen und umgesetzt, die für die Aufnahme in das vom Bundesamt für Kultur geführte Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) entscheidend sind.
Nach den Definitionen, die dieses Instrument zum Schutz des Kulturgutes der Konföderation erarbeitet hat, sind vierzig Mitgliedsgemeinden im Inventar und sie sind einheitlich in zwei Typen unterteilt. Auf der einen Seite gibt es die historischen Agglomerationen mit ländlichem Charakter von signifikanter Grösse mit der Funktion eines Zentrums, im Falle der Dörfer (villaggio, village, vitg), und auf der anderen Seite diejenigen, die als kleine historische Städte gelten, ohne signifikantes Wachstum bis zum 20. Jahrhundert, d. h. die Flecken (borgo, bourg, citadina). Zusätzlich zum ISOS-Inventar wurden auch einige Elemente der verschiedenen Qualitätschartas der Vereinigungen der schönsten Dörfer in Frankreich und Italien aufgenommen.
Diese erwiesen sich dank ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als valider Ausgangspunkt, um eine pragmatische Lösung zu finden, trotz der erheblichen Unterschiede, die die Schweiz von ihren Nachbarn unterscheiden. Diese Unterschiede, angefangen beim sprachlichen Aspekt, sind eine Bereicherung für die Nation, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung bei dem Versuch, die Schönheit der Dörfer und Flecken aller Sprachregionen der Eidgenossenschaft in ihrer ganzen Besonderheit zu zeigen. Die zahlreichen idiomatischen Eigenheiten, wenn sie einerseits das schweizerische Kulturerbe noch reicher machen, machen andererseits die Kommunikation auch auf kurze Distanzen komplexer.
Zum Beispiel hat die Funktion des Leiters der kommunalen Exekutive selbst in den gleichen Landessprachen unterschiedliche Bezeichnungen. In der italienischen Schweiz finden wir den Sindaco, aber in Poschiavo heisst er Podestà, die Rätoromanen in Tschlin nennen ihn Capo cumünal und in Breil Gemeindepräsident. In der Romandie haben wir je nach Kanton den Syndic, den Maire oder den Président de la commune. Auf deutscher Seite finden wir den Bezirksammann von Gersau, den Stadtammann von Bremgarten, aber neben diesen beeindruckenden Varianten auch häufiger den Gemeinde- präsident oder den Stadtpräsident, falls die Gemeinde alte Rechtsprivilegien besass und sich als Kleinstadt mit Dorfcharakter (Flecken) konfigurierte.
Die politische Gemeinde, die sich um die Mitgliedschaft in dem Verein die schönsten Schweizer Dörfer bewirbt, darf nicht mehr als zehntausend Einwohner haben, während der geschützte Ortskern nicht mehr als zweitausend Einwohner haben darf. Diese Klauseln unterstreichen unabhängig von den jüngsten Prozessen politischer Fusionen von Gebietskörperschaften immer noch die historische Bedeutung der Identität der Gemeinde als einer der Pfeiler des schweizerischen Institutionengefüges. Dies ist auch ein Produkt des für die Schweiz typischen historischen Reichtums und der institutionellen Zersplitterung, die eine der Grundlagen des föderalen Modells des 19. Jahrhunderts sein wird.
In diesem Sinne ist Gersau schlechthin der symbolische Ort der alten kommunalen Souveränität, war es doch eine kleine Republik am See der vier Kantone, wie auch Baron Zurlauben am Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Werk Tableaux de la Suisse, ou Voyage pittoresque feststellte. Wenn die Definition einer Stadt nicht eindeutig ist und von vielen Elementen abhängt, angefangen von der Art des disziplinären Rahmens, der historischen Periode und der geographischen Bezugsregion, ist es noch komplexer, die Identität kleinerer Siedlungen, insbesondere des Dorfes und des Flecken, zu umschreiben.
Der letztgenannte Begriff ist heutzutage fast nicht mehr in Gebrauch als Synonym für Kleinstadt, auf Italienisch würde man das Wort borgo dafür verwenden, das Ähnlichkeiten mit dem französischen bourg hat, sich aber vom deutschen Begriff Burg (befestigte Siedlung) unterscheidet. Unter diesen Siedlungen verstand man im Mittelalter eine Gruppe von Häusern, die in der Nähe einer Stadt, eines Klosters oder eines Schlosses lagen.
Beispiele sind Avenches in der Nähe der ehemaligen römischen Stadt Aventicum, Romainmôtier mit dem gleichnamigen Kloster und das hochgelegene Gruyères an den Hängen des Schlosses. Einige behielten ihren ländlichen Charakter, während andere im Laufe der Jahrhunderte durch den Bau von Mauern und die Entwicklung einer gewissen administra- tiven Komplexität verändert wurden, die das Ergebnis von gesetzlichen Privilegien, Marktrechten und Konzessionen war, die von Adligen und Geistlichen gewährt wurden.
Sie alle hatten beim Aufbau neuer städtischer oder ländlicher Agglomerationen oft das Ziel, den geographisch nahen Rivalen zu schwächen. La Neuveville, das schon im Namen deutlich wird, wurde vom Fürstbischof von Basel erbaut, um den Expansionsbestrebungen der Grafen von Neuenburg zu Beginn des 14. Jahrhunderts entgegenzutreten und ermöglichte die Festlegung von Grenzen, die noch heute gültig sind. Im Prozess der Verstädterung des Schweizer Territoriums spielten die wichtigen Knotenpunkte des alpenquerenden Handelsverkehrs, die oft in der Nähe von Seen oder Flüssen lagen, eine wichtige Rolle.
Diese strategischen Zentren befanden sich auch in der Nähe von wichtigen Strassen oder Pässen wie Splügen, Simplon oder den Dörfern entlang der Via Francigena. Das erklärt, warum in vielen dieser Ortschaften die Gastfreundschaft gegenüber Fremden zu den privilegierten wirtschaftlichen Ressourcen gehörte. Gasthäuser gehörten seit dem Ancien Régime zu den bevorzugten wirtschaftlichen Aktivitäten der Bewohner dieser Gebiete und legten den Grundstein für jenes Schweizer Savoir-faire, das ab dem 19. Jahrhundert Hotellerie genannt wurde. Die alten Hotels, die eher an den Rändern des ursprünglichen Siedlungskerns lagen, waren das profane Gegenstück zur zentralen und sakralen Rolle der Kirche.
Dieser Ort mit vielfältigen Bedeutungen und einer herausragenden Stellung in der Agglomeration ist das schlagende Herz des Dorfes, das wiederum die Zelle einer Nation ist, wie der bedeutende Jurist und Soziologe Gabriel Le Bras argumentiert. Als Symbol des Sakralbaus ist der Glockenturm also ein greifbares Zeugnis für die Identität einer Siedlung; deshalb ist er auch in stilisierter Form im Vereinslogo abgebildet, ein Sinnbild für die Bedeutung einer Architektur, die die Schweizer Landschaft trotz der durch die Reformation im 16. Jahrhundert verursachten konfessionellen Spaltungen der Kantone zusammengehalten hat.
Auch in einer säkularisierten Gesellschaft sind das Bedürfnis, sich der Kontemplation und der Entdeckung des Schönen hinzugeben, Bewegungen der Seele, die für die Bereicherung des eigenen Geistes unerlässlich sind, wie Rousseau behauptete. Der Philosoph, der auf der Insel Saint-Pierre im Bielersee (Erlach) Zuflucht suchte, macht deutlich, dass die Veranlagung zu diesem Zustand meditativer Anmut nur aus dem Genuss des süssen „far niente“ (Nichtstun) kommen kann, wie er in seinem Fünfte Spaziergang wörtlich auf Italienisch schrieb. Diese Momente des wohltuenden Müssiggangs beziehen sich auf den altgriechischen Begriff kairós (die günstige Zeit), der mit charis verschmilzt, also der harmonischen und vollkommenen Anmut, die die Schönheit umgibt; wie in Kunstwerken, wo Aphrodite umgeben von den drei Chariten dargestellt wird.
Auch die Auswahl der schönsten Dörfer und Kleinstädte in der Schweiz erfordert Ruhe und Gelassenheit, um in ihrem ganzen Charme bewundert werden zu können, was das ästhetische Attribut im Namen des Vereins erklärt. Seit seiner Gründung besteht die Idee des wissenschaftlichen Komitees darin, einen roten Faden zu schaffen, der die Dörfer in verschiedenen Themenbereichen miteinander verbindet, wobei jede einzelne „Mikro-Geschichte“ Teil eines Netzwerks ist, das sich an einem langsamen Tourismus orientiert, auf der Suche nach Authentizität und Charme, der seit Jahrhunderten viele Reisende und Liebhaber der Schweiz verzaubert. Indem wir die Anziehungskraft der bereits bekannten Dörfer nutzen, wollen wir den Wert anderer, weniger bekannter Dörfer erhöhen, indem wir alternative Routen schaffen und kulturell anregen, in einer tugendhaften Dynamik im Namen des nachhaltigen Tourismus und der Kreislaufwirtschaft.
Diese Philosophie steht im Einklang mit dem One-Planet-Programm der Vereinten Nationen, an dem der Verein dank der Föderation der schönsten Dörfer der Welt beteiligt ist. Obwohl unabhängig und überparteilich, wird die direkte Beteiligung der Gemeinden von den schönsten Schweizer Dörfern stark gefördert, was auf eine Perspektive hinweist, die über den blossen Schutz des Kulturerbes hinausgeht und ein aktives Engagement durch konkrete Aktionen zur Entwicklung des touristischen und kulturellen Potenzials vorsieht.
Ziel ist es, eine Politik zu initiieren, die auf die Aufwertung des Territoriums abzielt, auch basierend auf lokalen Mikro-Identitäten, die aus historischer und sozialer Sicht eine entscheidende Rolle spielen. Die Walser-Bevölkerung der Gemeinde Triesenberg in Liechtenstein zum Beispiel hat dieselbe Wurzel wie andere Schweizer Dörfer. In diesem Fall wurde beschlossen, sie auf internationaler Ebene im Schweizer Verein zu vertreten, was einer jahrhundertealten Praxis in den diplomatischen Beziehungen zwischen dem Fürstentum und der Eidgenossenschaft entspricht.
Der Verein engagiert sich durch sein wissenschaftliches Komitee in zahlreichen Aktivitäten akademischer Natur und arbeitet mit Universitäten und internationalen Forschungsprogrammen zusammen, mit dem Ziel, einen Mehrwert für die einfache Förderung des Tourismus für das gesamte Netzwerk der Mitgliedsgemeinden zu schaffen. Bei der Auswahl der aufstrebenden Mitglieder wird auch der historischen Forschung besonderer Raum gegeben, die als Werkzeug und Methode verwendet wird, um die Pluralität der Zugehörigkeit einzelner Dörfer zu Kontexten und Gebieten zu zeigen, die für die Sanktionierung einer unauslöschlichen Spur in der Identität ihres Territoriums und ihrer Landschaft eigentümlich sind.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schönheit der ausgewiesenen Dörfer in ihrer Heterogenität, in einer besonderen Geschichte und Landschaft und in dem Bewusstsein für die Wichtigkeit des Schutzes ihres kulturellen Erbes besteht, das durch einen für diese Schätze sensiblen Tourismus bewundert werden kann. Schon Abraham Ruchat (1680 – 1750) schrieb im Vorwort seines Werke Les délices de la Suisse, dass die Eidgenossenschaft nicht nur bei Ausländern, sondern auch bei den eigenen Einwohnern wenig bekannt sei. Der Gedanke des Gelehrten aus der Genferseeregion ist nach wie vor von grosser Aktualität und mit ihm die Hoffnung, dass die in den schönsten Schweizer Dörfern verborgenen „Freuden“ wiederentdeckt werden können.
Von Francesco Cerea
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