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Nun sitze ich unter den tief hängenden Wolken im mittelalterlichen Burgdorf. Die Lischana und der Piz Plavna fehlen mir, weiter schweift mein geistiges Auge nicht, da ich vorher zu weinen beginne; sie gaben mir jeden Morgen Orientierung: Hier bist du richtig. Die Bergluft umhüllte mich wie einst das Fruchtwasser, auch wenn diese Metapher total schief hängt. Hier herrscht in der konsumfreundlichen Anordnung der Dinge das Wohlstandschaos, mitten drin die grossen Verlierer, man sieht es ihnen an, auch wenn man diese Tatsache nicht aussprechen soll. So bleiben sie ohne Namen. Mir scheint, als ob sie sich in meiner zweijährigen Abwesenheit verdoppelt haben.
Geht man die Strasse oder wahlweise die Treppe zum Schloss hoch, landet man in der Altstadt, der sogenannten Oberstadt. Hier wohne ich in einem hundertfünfzigjährigen Gebäude mit dicken Mauern, die zeitweise für eine Unterbrechung des Mobilfunkkontaktes sorgen. Im ganzen Engadin gibt es kaum ein Funkloch, aber kaum im Kanton Bern, finde ich das perfekte Schneckenhaus. Hübsche kleine Geschäfte kämpfen ums Überleben, und ich ringe in meiner aparten Schreibstube mit den Worten. Zum Glück sind die Decken hoch, so können meine Sätze fliegen, während der Teddybär vom Spielwarenladen unter meinem Fenster Seifenblasen zu mir hochschickt. Im altehrwürdigen Tea Room Widmer gleite ich, ein Vermicelles löffelnd, in die Zeitlosigkeit. Um die Ecke befindet sich das Kino Krone, das noch den Charme der analogen Filmkultur versprüht. Hier schaue ich mir den Film über Bruno Manser an. Mir kommt es vor, als ob ich zwei Jahre lang kein Update des Weltleids bekommen hätte, und mich nun emotional auf den aktuellen Stand bringen müsste, um das Unglück in den Augen der Menschen zu verstehen. Rechts vom Kino führt das Strässchen entweder weiter zum Schloss hoch oder eine Treppe hinunter zum Schwimmbad und zur Emme. Das rechte Flussufer wird durch die schroffen Steilwände der Gysnauflühe eingefasst. Auf der Hochebene hinter der Gysnauflühe erstreckt sich der Binzberg. Von dort schweift der Blick über die sanft geschwungenen Emmentaler Hügelketten. Eine kleine Wanderung führt zur Lueg, der Passhöhe, welche das Emmental mit dem Berner Mittelland verbindet. Hier geniesst man die Aussicht aufs Napfgebiet, das Emmental und bei gutem Wetter auf die Berner Alpen.
Ich geniesse es, den ganzen November über bei angenehmen Temperaturen über die noch saftig grünen Hügel und durch die bunten Wälder zu wandern. Auf meinen Streifzügen fühle ich mich ein bisschen wie Ronja Räubertochter. Der Wald ist voller Geschichten, ich höre Gotthelfs Knechte fluchen, während ich vor einem Höhleneingang oder einer militärischen Anlage stehe, dann brummt in der Ferne wieder ein Traktor, und Dürrenmatts vergnügliches Lachen erklingt. Hier sind seine Halunken und Mörder zu Hause, die wachsamen und eigensinnigen Kommissare. Hier herrscht nicht die Moral, sondern der unbarmherzige Zufall.
Kein Wunder, die kriminelle Energie wohnt ja auch in der Nachbarschaft: Im Regionalgefängnis Burgdorf, in der Justizvollzugsanstalt Thorberg und im Frauengefängnis Hindelbank.
Aber wie schon Dürrenmatt wusste, laufen die grössten Menschheitsverbrechen frei herum –
und das Engadin wartet immer noch auf das Hotel, in dem die Reichen das Armsein lernen dürfen. In Dürrenmatts „Durcheinandertal“ wird aus dem Hotel für die Schickeria im Winter ein Domizil für die Verbrecher von CIA und FBI, welche unter anderem neue Gesichter verpasst bekommen. Was nicht sehr weit vom Schönheitsmedizintourismus entfernt ist, der sich laut den neusten Visionen im Unterengadin entfalten soll.
Damit will ich keinesfalls suggerieren, dass AnhängerInnen der Schönheitschirugie VerbrecherInnen sind…
Wenn’s so weit ist, komme ich zurück ins Engadin, um Referate über das Konzept der Achtsamkeit in der Schweizer Literatur zu halten – nachhaltig und regional.