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25. April 2005
Open Source
Eine Chance für die Länder des Südens
Interview mit Alexander SchröderWährend die Länder im Norden mit einer Informationsflut konfrontiert sind, herrscht in den armen Ländern des Südens ein Informationsmangel. Am "World Summit for the Information Society" (WSIS) der UNO in Genf (2003) wurde nach Lösungen zur Überwindung des "digitalen Grabens" gesucht. Dabei war auch "Open Source Software" ein Diskussionsthema. Das Medienheft sprach mit Alexander Schröder, Programmierer und Vizepräsident von "Wilhelm Tux – Kampagne für Freie Software".
Im gesamten Mediensektor ist eine zunehmende Ökonomisierung feststellbar: Information ist zur Ware geworden. Wie sich diese Kommerzialisierung auf den Informationsfluss in den Ländern des Nordens und den armen Ländern des Südens auswirkt, fragte die Tagung "Das grosse Geschäft mit der Information", die am 1. April an der "Paulus-Akademie" in Zürich stattfand. In seinem Workshop "Was Informationsfreiheit mit Microsoft zu tun hat" erläuterte Alexander Schröder die Hintergründe und Ziele der "Open Source"-Bewegung. Er ist Vizepräsident vom Verein "Wilhelm Tux", dem ein paar Dutzend Mitglieder angehören, die auf der Basis von Freiwilligenarbeit politisches Lobbying für "Open Source Software" in der Schweiz betreiben. Gegründet wurde der Verein im Jahr 2002, nachdem in Deutschland die Kampagne "Bundestux" recht erfolgreich gewesen war. Der Name "Wilhelm Tux" ist abgeleitetet von Wilhelm Tell und dem Maskottchen von "Linux", einem Pinguin namens "Tux". Im Interview sprach Alexander Schröder über "Wilhelm Tux", den UNO-Gipfel für eine Informationsgesellschaft in Genf und Tunis (2005) sowie über "Open Source Software" in Entwicklungsländern.
MEDIENHEFT: Was ist "Open Source Software" überhaupt?
Schröder: "Open Source Software" ist Software, die es uns erlaubt, den Code zu verwenden, zu studieren, abzuändern und diese Veränderungen auch wieder weiterzugeben. Das ist der grosse Unterschied zu proprietärer Software. Durch den Kauf erwerben wir die Lizenz, die es uns zwar erlaubt, die Software zu verwenden – Punkt. Wir dürfen sie aber nicht studieren, nicht verändern und wir dürfen sie nicht weitergeben.
MEDIENHEFT: Was für "Open Source Software" gibt es konkret? Zum Beispiel Betriebssysteme, Textverarbeitungs- oder Grafikprogramme?
Schröder: Die Liste wäre endlos. Wenn Sie eine normale "GNU/Linux"-Distribution kaufen, haben Sie Tausende von Paketen dabei. Allein im Office-Bereich gibt es X Varianten. Die grösste und bekannteste ist im Moment "Open Office", aber es ist bei weitem nicht die einzige Anwendung mit "Open Source". Als Grafikprogramm verwende ich selber "Gimp" und "Ink Scape". Das eine ist für Bitmap-, das andere für Vektorgrafiken. Aber auch hier gibt es jede Menge Manipulationsprogramme, die für Grafiken, für Fotos oder für anderweitig spezialisierte Aufgaben entwickelt wurden.
MEDIENHEFT: Sie setzen sich selbst für die Verbreitung von "Open Source Software" ein. Welches sind denn die Vorteile von "Open Source Software" im Vergleich mit proprietärer Software?
Schröder: Der Vorteil liegt allgemein gesagt darin, dass Sie die Freiheit haben, die Software zu ändern oder von anderen Leuten ändern zu lassen, so wie Sie das gerne hätten. Aber das ist natürlich für die meisten Leute kein Argument, das sofort einleuchtet. Auf der Ebene eines Entwicklungslandes, wo es gewisse strategische Ziele gibt, wäre Freie Software eine gute Wahl. Oder man ist Programmierer und möchte etwas lernen, dann ist Freie Software eine gute Wahl. Oder man hat Freunde, die Freie Software verwenden, dann ist einfach dieselbe Software, wie die Freunde sie haben, eine gute Wahl.
MEDIENHEFT: Stehen Freie und proprietäre Software in konkurrierendem Gegensatz oder ergänzen sie sich?
Schröder: Wenn zum Beispiel eine Firma Software gratis im Internet bezieht und später ein Programm für die Buchhaltung dazukauft, so ergänzen sich proprietäre und Freie Software. Für diejenigen aber, die – so wie ich – dafür einstehen, dass Software frei sein sollte, für uns ist das natürlich ein eindeutiges Konkurrenzverhältnis. Denn wir möchten diese unfreie Software nicht haben. Wir möchten Alternativen entwickeln und nicht mehr abhängig sein von den Lieferanten der proprietären Software. Aus unserer Sicht besteht sehr wohl ein Konkurrenzverhältnis.
MEDIENHEFT: Sie sind Vizepräsident der NGO "Wilhelm Tux". Wie setzt sich diese für "Open Source" ein?
Schröder: "Wilhelm Tux" ist eine Lobby-Organisation. Wir machen Vorträge, haben einen Stand an Messen, verteilen Flyers, verkaufen T-Shirts und geben Erste Hilfe, wenn sich jemand für Freie Software interessiert. Auch Parlamentarier oder das "Informatikstrategieorgan des Bundes" (ISB) haben wir schon angeschrieben und versucht für "Open Source" und Freie Software zu sensibilisieren. Das Lobbying, das wir betreiben, ist jeweils auf ein konkretes Ereignis abgestützt, aber langfristig assoziiert sich "Wilhelm Tux" mit der "Free Software Foundation Europe". Das ist ein Ableger von der "Free Software Foundation" in Nordamerika. Wir möchten die Ziele der "Free Software Foundation" auch hier in der Schweiz vertreten. Das geht oft über die Frage der Freien Software hinaus. So wie wir jetzt in Europa Software-Patente diskutieren.
MEDIENHEFT: Existieren Zahlen über die Nutzung von "Open Source Software"?
Schröder: Überhaupt keine. Denn Freie Software lässt sich ja eben weitergeben. Auch wenn man sie auf einer CD kauft, kann man sie auf vielen Rechnern installieren. Es ist also nicht einmal von den verkauften CDs abschätzbar, wie viele Leute Freie Software nun wirklich verwenden. Es gibt allerdings einen "Linux-Counter" auf dem Web, das heisst bei vielen Installationen von "Linux" wird man am Anfang aufgefordert sich zu registrieren. Aktuell gibt es dort etwa 150'000 Einträge. Der Betreiber dieser Seite schätzt die Zahl der "GNU/Linux"-Benutzer auf ungefähr 29 Millionen. Aber wenn man die Quellen genau studiert, stellt man fest, dass es eine Gedankenspielerei ist und das Fazit lautet: Man weiss es nicht!
MEDIENHEFT: Am UN-Gipfel für die Informationsgesellschaft in Genf 2003 war "Open Source" ein Diskussionsthema. Worin hat Ihr Engagement bestanden?
Schröder: Ich habe mich auf der Seite der NGOs engagiert. Die Schweizer Delegation sollte ja aus Vertretern der Regierung, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft bestehen, und bei dieser Gruppe für die Zivilgesellschaft war ich dabei und habe das Knowhow zu Freier Software hineingetragen. Aber ich habe mich im Verlaufe des Prozesses hinausgestohlen, weil ich mit den Ergebnissen des Gipfels ganz und gar nicht zufrieden war.
MEDIENHEFT: Was versprechen Sie sich von "Open Source Software" im Zusammenhang von Chancengleichheit und Entwicklungshilfe?
Schröder: Die DEZA hat im Rahmen des Weltgipfels die "ICT for Development Platform" (ICT4D) organisiert. Das war eine Diskussionsplattform mit vielen Events. Diese werden im Buch "ICT4D – Connecting People for a Better World" zusammengefasst und noch mal beleuchtet. Daraus wird ersichtlich, was für die einzelnen Länder relevant ist. Da gibt es zum Beispiel Leute, die in ihrem Land eine eigene Informationstechnologie aufbauen wollen. Für diejenigen ist Freie Software natürlich interessant, weil sie den Quellcode lesen, studieren, weiterentwickeln und an die eigenen Bedürfnisse anpassen können. Zudem können sie dadurch selber neues Knowhow aufbauen und so eine kleine IT-Industrie auf die Beine stellen, ohne grosse Anfangsinvestitionen in teure neue Rechner, teure neue Entwicklungsumgebungen und teure neue Software tätigen zu müssen. Anders verhält es sich, wenn Freie Software eingesetzt werden soll, um politische Ziele zu erreichen, wie zum Beispiel die langfristige Archivierung von Dokumenten, die unabhängig von Software-Lieferanten sein soll. Oder wenn es um die nationale Sicherheit geht, die nicht auf der Software ausländischer Firmen basieren soll.
MEDIENHEFT: Wie wurde das Engagement von "Wilhelm Tux" in Bezug auf "Open Source" am UNO-Gipfel aufgenommen?
Schröder: Das ist für mich ein schwieriges Thema, weil ich natürlich das Gefühl habe, dass Freie Software einen besonders wichtigen Platz in der Informationsgesellschaft einnehmen sollte: Wenn in einer Informationsgesellschaft, die viel mit Computern zu tun hat, nur wenige die Programme schreiben, ist das für mich ein Widerspruch. Aber es gab einige Vertreter am WSIS, die die Ansicht vertraten, dass alles, was mit geistigem Eigentum zusammenhängt, also Urheberrecht, Patentrecht, Markenrecht, und so weiter, dass das nicht an diesen Gipfel gehört und woanders geregelt werden soll.
MEDIENHEFT: Wer stand "Open Source" entgegen?
Schröder: Ich hatte zum Beispiel Diskussionen geführt mit jemandem vom "Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum" (IGE). Zum Urheberrecht im Musikgeschäft habe ich mit einem Vertreter der "Schweizerischen Gesellschaft für die Rechte der Urheber musikalischer Werke" (SUISA) gesprochen. Ich habe also mit Leuten gestritten, die aus meiner Sicht eigentlich zur Regierung oder zur Wirtschaft gehören, aber von sich selber behauptet haben, sie würden die Zivilgesellschaft vertreten. Und so wurde ich plötzlich in Diskussionen verwickelt, deren Verläufe für mich sehr überraschend waren.
MEDIENHEFT: Wer hat denn "Open Source" am WSIS in Genf unterstützt?
Schröder: Es war damals so, dass die Schweiz noch keine IT-Strategie hatte, die "Open Source" einbezog. Das "Informatikstrategieorgan des Bundes" (ISB) war damals gerade dabei, eine neue Strategie auszuarbeiten. Auf meine Empfehlung am "World Summit" hin, Freie Software zu unterstützen, wurde mir gesagt, dass die Schweiz selber noch keine Politik in diese Richtung verfolge. Also könne man das auch nicht anderen Ländern empfehlen. Ich war allerdings daran interessiert, eine Vision auszuarbeiten, wie eine Informationsgesellschaft aussehen könnte, und nicht daran, anderen Ländern zu zeigen, wie es in der Schweiz funktioniert. Sonst müsste man ja annehmen, dass die Schweiz bereits eine super Informationsgesellschaft hergibt, was in meinen Augen natürlich nicht der Fall ist.
MEDIENHEFT: Meinen Sie, dass die Relevanz von "Open Source Software" für die digitale Entwicklung erkannt wurde?
Schröder: Ich denke schon. Denn Freie Software war eines der Themen, die sehr überraschend über diesen Gipfel hereingebrochen sind. Eigentlich hatte man kaum erwartet, dass es so viele Diskussionen auslösen würde. Und dieser Überraschungsmoment hat den Interessen der Freien-Software-Bewegung zu sehr viel Publicity verholfen.
MEDIENHEFT: Wie würden Sie die konkreten Ergebnisse des Engagements für "Open Source Software" am WSIS 2003 zusammenfassen?
Schröder: Da gibt es zwei Dokumente: Den "Declaration of Principles" und den "Plan of Action". In beiden wird das Thema "Open Source" und Freie Software rudimentär abgehandelt. Das heisst, das Ergebnis war sehr klein. Ich hatte eher den Eindruck, ich musste all diese Diskussionen führen, damit wenigstens zwei bis drei Paragraphen in diesen Dokumenten nicht noch ganz gestrichen wurden. Die Diskussionen und die Kommunikation mit den andern NGOs hat aber dazu geführt, dass in der Parallelausgabe der Gipfeldokumente, die von den NGOs lanciert wurden, Freie Software viel prominenter figuriert. Das war sicher auch auf das Engagement von Vertretern der Freien Software zurückzuführen, die wenigstens den NGOs klar- und glaubhaft machen konnten, dass da ein wichtiges Werkzeug vorliegt, das man eigentlich nur aufgreifen und weiterführen muss.
MEDIENHEFT: Was ist der aktuelle Stand der Nutzung von "Open Source Software" in der Entwicklungshilfe und in den Ländern des Südens?
Schröder: Aufgrund der Bestandesaufnahmen, die ich im "ICT4D"-Buch gefunden habe, stelle ich fest, dass einzelne Länder wie beispielsweise Malaysia noch ganz am Anfang stehen. Gleichzeitig muss man natürlich berücksichtigen, dass auf der Bedürfnispyramide des Menschen Computer und Software ziemlich weit oben figurieren. Das heisst: Wer kein Essen hat, wer kein Geld hat, wer kein Haus hat, wer keine Bildung hat, sich auch keinen Computer leisten kann – den interessiert Freie Software nicht. Erst wenn man mit Leuten zu tun hat, die einen Computer und Zugang zum Internet haben und die Zeit aufwenden können, sich in diesem Bereich weiterzubilden, erst dann kann so etwas wie eine Freie-Software-Bewegung entstehen. Wenn zudem ein reiches Land Entwicklungshilfe im IT-Bereich leistet, dann bezahlen das ja die Geberländer. Und die sollten dann auch bestimmen, wie sie das Geld ausgeben wollen. Zum Beispiel geben sie einige Millionen Dollar für ein Betriebssystem von "Windows" aus. Hier müsste man ansetzen: Einerseits müssten die Projekte, die von uns, also von der Geberseite her, lanciert werden, vermehrt berücksichtigen, wie langfristig mit dieser Investition umgegangen werden kann. Wenn man den Leuten in Entwicklungsländern ein "Word" schenkt, und nach ein paar Jahren gibt es hier bei uns in der Schweiz schon die zweite oder dritte Version, die nicht mehr nach unten kompatibel ist, dann zwingen sie diese Leute dazu, die Investition wegzuwerfen oder auf weitere Geschenke zu hoffen. Damit hat das Geberland dazu beigetragen, dass das Problem nicht wirklich gelöst wird und die Abhängigkeit von Süden nach Norden bestehen bleibt. Wenn aber Geber und Nehmer sich auf Freie Software einigen könnten, die auch auf älteren Computern läuft, könnten Empfänger selber das Upgrade machen und sich an dieser Softwareentwicklung beteiligen. Das wäre eine nachhaltige Investition.
MEDIENHEFT: Inwiefern ist "Wilhelm Tux" in Hilfs-Projekten involviert?
Schröder: "Wilhelm Tux" konzentriert sich vor allem auf die Schweizer Behörden, weil das der Bereich ist, wo wir als Bürger am meisten Überzeugungsarbeit leisten können. Deswegen haben wir überhaupt keinen Kontakt zu solchen Hilfs-Organisationen.
MEDIENHEFT: Was erhoffen Sie sich vom zweiten Teil des WSIS 2005 in Tunis in Bezug auf "Open Source Software"?
Schröder: Da unterscheide ich ziemlich strikt zwischen dem offiziellen Ergebnis und dem inoffiziellen Ergebnis: Das offizielle Ergebnis wird wahrscheinlich bedeutungslos sein. Durch die Diskussionen über die Menschenrechte in Tunesien und das Lobbying hinter den Kulissen erhoffe ich mir jedoch, dass über die Medien das Thema "Open Source" und Freie Software noch einmal neu angestossen wird.
MEDIENHEFT: Welches Betriebssystem verwenden Sie persönlich?
Schröder (lacht): Im Geschäft haben wir "Windows", auf meinem Laptop läuft "Mac OS-X" und zu Hause läuft "GNU/Linux". Auf allen Computern verwende ich Freie Software zum Surfen, zum E-Mail lesen und um Texte zu schreiben. Das heisst, ich verwende Freie Software so gut es geht, den Umständen entsprechend.
Das Gespräch wurde am 8. April 2005 geführt. Die Fragen stellte Nicole Andermatt, Praktikantin beim Medienheft und Studentin der Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich.
Open Source:
Organisationen für Open Source:
Offizielle Websites zum WSIS:
Weitere offizielle Websites zum Thema:
Literatur:
O'Reilly (1999): Open Source kurz und gut:
O'Reilly (2005): Die GPL kommentiert und erklärt:
Weigel, Gerolf/Waldburger, Daniele (2004): ICT4D – Connecting People for a
Better World. Bern.
Weiterführende Literatur:
Amshoff, Georg (2004): WSIS zwischen Genf und Tunis. Zaghafte Schritte zur
Überwindung des digitalen Grabens. In: Medienheft, 21. Januar.
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