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Rezension
Aus den Romanen, die den Stoff aus dem Fundus des Zweiten Weltkriegs beziehen und die von der Nachkriegsgeneration verfasst wurden, sticht “Liverpool Street” heraus: Er beleuchtet die nur selten behandelten Kindertransporte. Ziska Mangold ist zehn Jahre alt, als sie von ihrer Mutter im Winter 1939 in den Zug von Berlin nach London gesetzt wird. Ziskas Eltern sind jüdischstämmig und haben schon alles für die Ausreise nach Shanghai vorbereitet, als Ziskas Vater mitten in der Nacht abgeholt und ins Konzentrationslager nach Sachsenhausen gebracht wird. Ziska hat Glück – ihre Freundin Bekka beispielsweise bekommt keinen Platz mehr auf dem Transport und wird in Lettland umkommen. Und sie hat noch einmal Glück, als sie von der jüdisch-orthodoxen Familie Shepard aufgenommen wird. Die Shepards kümmern sich vorbildlich um Ziska; zu ihrer Ersatzmutter entwickelt sie ein inniges Verhältnis.
Dass ihr Leben als Flüchtlingskind ganz anders hätte verlaufen können, wird den Lesenden vorgeführt, als Ziska mit 250 anderen Kindern zum Schutz vor Bombenangriffen aus London evakuiert wird. Zwar wirkt der Roman durch diese Anlage konstruiert, und die Informationen, etwa über das Leben in einer orthodoxen Familie, schieben sich manchmal belehrend zwischen das Romangeschehen – zum Beispiel fällt es schwer zu glauben, dass Ziska, von der Mutter Ziskele genannt, nicht weiss, was Jiddisch ist. Die Herausforderung, das Innenleben eines derart ausgesetzten Kindes psychologisch stimmig zu beschreiben, meistert Voorhoeve mal besser, mal weniger gut. Aber Ziska löst sich dennoch vom Papier und wird zur starken Mädchenfigur im plastischen Bild einer düsteren Zeit.
Christine Holliger