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Dr. med., Mitglied der Redaktion
Im modernen Medizinbetrieb beruft sich kaum jemand auf den hippokratischen Eid. Wichtiger sind Standesordnungen oder die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Bestenfalls ist der antike Text eine historische Vorlage für die vom Weltärztebund mehrmals revidierten Fassungen des Genfer Gelöbnisses. Jede Medizin zu jeder Zeit spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Am besten zeigt dies das Beispiel der deutschen Ärzteschaft in der Weimarer und NS-Zeit. Mit der «Neuen Deutschen Heilkunde» verpflichteten sich die Ärzte auf die zentrale Pflicht der Gesundheitsführung im Dienst der bevölkerungspolitischen und rassehygienischen Aufgaben des Staates. Die vom jüdisch-marxistischen Einfluss gesäuberte Schulmedizin hatte den Schutz des Volksganzen und der Rasse zum Ziel. Naturheilkundliche und lebensreformerische Konzepte orientierten sich an einer Billigmedizin, die Krankheit immer offener zum Verschulden des Einzelnen erklärte. Tendenziell haben einige dieser Forderungen untergründig bis heute überlebt.
Weniger bekannt sind die Folgen der Oktoberrevolution von 1917 auf die russische Ärzteschaft, die mit allen Einrichtungen verstaatlicht wurde. Der zurzeit mit Filmen und Büchern erinnerte 200. Geburtstag von Karl Marx (1818–1883) ist eine gute Gelegenheit, den anderen totalitären Staat in den Fokus zu nehmen. Karl Marx hat sich nicht explizit mit Gesundheitssystemen befasst. Obwohl oder vielleicht auch, weil er zeitlebens von schmerzhaften Karbunkeln gequält wurde. «Heute nahm ich ein scharfes Rasiermesser und Schnitt den Hund in eigener Person», schrieb er an seinen Freund Engels. Für ihn war klar, dass Mediziner keiner eindeutig definierten Klasse, sondern der Schicht der Intelligenz angehören. Stets eng mit der herrschenden Klasse verbunden, Ausbeuter und Ausgebeutete, da von dieser ökonomisch abhängig. Nach 1917 entschieden staatliche Organe über Arbeitsbedingungen, Gehälter, Beförderungen und die Wahl des Arbeitsplatzes. Ärzte wurden gründlich entromantisiert und nivelliert zu schlechtbezahlten Medizinalingenieuren eines zentralisierten Gesundheitsdienstes. Die Spezialisierung erfolgte bereits während des Studiums und war auf die Zusammenarbeit in der Poliklinik ausgerichtet. Weil Mediziner berufsbedingt einen gewissen Freiraum des Denkens bewahrten, bedurften sie umso mehr einer ideologischen Erziehung. Dem Unterricht in den Prinzipien des Marxismus-Leninismus wurden in den Fachschulen mehr Stunden eingeräumt als der Chirurgie und inneren Medizin. Das «Gelöbnis des Arztes der Sowjetunion» von 1971 verpflichtete die Schulabgänger, neben allen Maximen, die wir auch kennen, ausdrücklich und wiederholt auf die Prinzipien der kommunistischen Moral. Die kollektiven Ansprüche der aufzubauenden Gesellschaft stehen über den Bedürfnissen des Einzelnen, der auch hier für den Erhalt seiner Arbeitskraft persönlich verantwortlich ist. Dieser Moralkodex mit all seinen Vorzügen und Nachteilen ist Geschichte. Was von der alten Nomenklatura übrig blieb, trifft sich mit der neuen in den Privatpraxen und Privatkliniken des kapitalistisch organisierten Russlands.
Das Gesundheitswesen bleibt auch ohne Reichsärztekammer oder Karl Marx ein Spielfeld für Ideologien aller Art. Auf der einen Seite staatliche Regulierungen als ausgleichende Instanz, auf der anderen Seite der Glaube an einen deregulierten Markt, der mit minimaler Planung einen halbwegs gerechten Zugang zu medizinisch-sozialen Leistungen gewähren soll oder im Extremfall den Abbau errungener Sozialleistungen zugunsten einer Geldelite sanktioniert. Obwohl Ärzte und Ärztinnen sehr unterschiedlich verdienen, zählen sie sich zum Mittelstand. Ein diffuser Begriff, der die Klasse des untergegangenen Bürgertums ersetzt. Wie das Beispiel der UdSSR zeigt, kann kein Gelöbnis das sozialökonomische Umfeld ausblenden. «Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein», schrieb Karl Marx. Darin hat der Autor des Kapitals Recht. Als Agitator berührt er uns, als Philosoph hat er zum grössten Teil ausgedient, an seiner Ökonomie ist nicht vorbeizukommen. Dass ausgerechnet China die Geburtsstadt Trier mit einer bronzenen Kolossalstatue im Stil des sozialistischen Realismus beschenkt, gehört wohl zur Ironie der Geschichte.
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