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(Sternutatio), eine krampfhafte Reflexbewegung der Atmungsmuskeln, die dadurch zu stande kommt, daß sich ein
die Gefühlsnerven der Nasenschleimhaut treffender
Reiz auf das
Gehirn
[* 2] fortpflanzt und von dort auf die Bewegungsnerven der
Atmungsmuskeln
übertragen (reflektiert) wird.
BeimNiesen folgt auf eine tiefe
Inspiration eine kurze, sehr kräftige, durch Stimmbandschwingungen
tönende Exspiration, wobei der durch die
Nase
[* 3] gestoßene Luftstrom Schleimpartikelchen mit sich fortreißt.
Eine eigentümliche Form der krankhaften Reflexbewegung des Niesens ist der sogen.
Nieskrampf, der hauptsächlich bei weiblichen Individuen von hysterischer
Stimmung, bei Irren und andern nervösen und reizbaren
Personen ohne alle wahrnehmbaren Veränderungen in der Nasenhöhle nicht ganz selten vorkommt, so daß manchmal tage-
und wochenlang das Niesen fast ohne
Unterbrechung fortdauert und einen wirklich qualvollen Zustand bedingt.
In
andern
Fällen finden freie Zwischenräume statt, aber der Nieskrampf kehrt in stundenlangen oder noch längern Anfällen
ohne alle neue
Ursache oder auch durch die geringfügigsten Veranlassungen wieder.
Die
Neigung zu solchen Anfällen verliert sich nach kürzerer oder längerer Zeit, zuweilen erst nach
Jahren, von selbst.
Man benutzt das Niesen zuweilen als
Heilmittel, z. B. bei
Kopfschmerz, Eingenommenheit des
Gehirns, oder um die Schleimhaut der
Nase oder andrer naheliegender
Organe in erhöhte Thätigkeit zu versetzen, oder um eine heftige
Erschütterung der
Atmungsorgane,
z. B. bei
Scheintod, zu erzielen. Um es hervorbringen, wendet man entweder unmittelbar mechanische Reizung der
Nasenschleimhaut (z. B. mittels Federposen) oder die sogen.
Niesemittel (Sternutatoria,
Errhina) an, die gewöhnlich in Pulvergestalt, in einzelnen
Fällen aber auch in flüssiger und
Dampfgestalt gebraucht werden. Zu den gebräuchlichen gehören
Tabak,
[* 4] Haselwurzel,
Veilchenwurzel,
Maiblumen, weiße und schwarze
Nieswurz.
Das
Gesundheitwünschen beim Niesen soll bei Gelegenheit einer
Pest aufgekommen sein, weil
man in demselben
ein Zeichen der beginnenden
Genesung erkannt habe.
Indes findet sich die
Sitte bereits in den ältesten
Zeiten (z. B. in der
Odyssee) und in vielfach wechselnder Gestalt fast auf der gesamten
Erde, jedenfalls hervorgerufen durch die Überraschung und
Unwiderstehlichkeit des Reflexaktes, der den einen als ein
Omen, eine Bestätigung ausgesprochener
Ansichten
(»etwas beniesen«) oder eine Geistereinwirkung galt, der man durch einen
zugefügten
Wunsch eine günstige Wendung geben müsse, den andern als ein
Akt, den
man in Bezug auf das wohlthätige
Gefühl
des Niesens als ein Zeichen der
Gesundheit ansehen und aus
Höflichkeit nicht unbeachtet lassen dürfe.
Tylor(»Anfänge
der
Kultur«, Leipz. 1873) hat die Verbreitung der
Wünsche,
Zeremonien und abergläubischen
Vorstellungen, die sich an das Niesen knüpfen,
über alle
Erdteile nachgewiesen.
Der Niesen, schon 1357 urkundlich als Yesen bezeichnet, ist mit dem gegenüberliegenden Stockhorn 1557 oder 1558 von Benedikt
Marti (Aretius) aus Bern
zum erstenmal bestiegen worden, dessen interessante Beschreibung dieser Tour Konrad
Gessner in Zürich
1560 unter dem Titel Stocchornii et Nessi in Bernatium Helvetiorum Ditione montium et nascentium in eis stirpiumbrevis descriptio veröffentlicht hat. Darin findet sich über den Namen des Berges folgender Passus: Qui proxime montem habitantnominant eum denStalden, praesertim lacus occiduum quo ab Erlenbachio scanditur, alii quibus remotiuscognitus est den Niesen ab ellebori albi [Helleborus, deutsch Niesswurz], cuius magna est in eo copia, nomine.
Non desunt tarnen qui putent nominandum den Jesen, et finde articulo cum nomine coalescente pro Jesen Niesen dici coeptum.
^[Latein:] Marti gibt ferner eine Liste von 22 Pflanzenarten, die er auf dem Berg gefunden. 1606 erschien
in Bern
ein vom Pfarrer Hans Rudolf Räbmann in Thun verfasstes merkwürdiges Gedicht Ein neuw Poetisch Gastmahl und GesprächzweierBergen, dess Niesens undStockhorns. Diese Veröffentlichungen zeigen uns, dass der Berg damals schon oft besucht worden
ist. Vergl. Coolidge, W. A. B. JosiasSimleret les origines de l'alpinisme jusqu'en 1600. Grenoble 1904;
Studer, G. Das Panorama vonBern.
Bern
1850.
Der Niesen ist aus Flysch aufgebaut, der hier entweder als dickbankiger und grobkörniger Sandstein (sog. Niesensandstein)
oder als feinkörniger und oft sehr harter Sandstein mit Glimmerblättchen oder auch als Kalktonschiefer
erscheint, welch' letzterer zum Teil gebrochen wird. Der Niesensandstein besteht aus einem Gemenge von Granit, Gneis, Glimmerschiefer
und sedimentären Gesteinsbrocken (Kalke, Dolomite etc.). Die Schichten sind stark gefaltet und zerknittert.