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Der Haupttitel dieser Kolumne ist provokativ. Und er stimmt in dieser Verkürzung natürlich nicht wirklich. Aber was er zum Ausdruck bringen soll und was die Grafik ziemlich klar zeigt, ist, dass der Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandprodukt pro Kopf und dem sozialem Fortschritt sehr viel enger ist, als oft behauptet wird. Die Kritik des ehemaligen amerikanischen Justizministers Robert Kennedy, dass das Bruttoinlandprodukt alles messe, nur nicht das, was das Leben lebenswert mache, ist zwar pointiert formuliert, erscheint aber vor dem Hintergrund der Daten weit überzogen.
Output kommt vor Input
Wegen solcher Kritiken wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Indizes entwickelt, die das messen sollten, was das Leben lebenswert macht, etwa der Human-Development-Index, der World Happiness Report, der Legatum-Prosperity-Index oder eben der Social-Progress-Index. Reiht man aber ihre Ergebnisse nebeneinander auf, stellt man eine ausgesprochen starke Korrelation zwischen diesen Indizes und dem Pro-Kopf-Einkommen fest. Mit anderen Worten: In Ländern mit hohem Einkommen sind die Menschen in der Regel auch glücklicher, freier, sicherer und gesünder, werden die Menschenrechte kompromissloser geachtet und geht es der Umwelt besser.
Der hier abgebildete Social-Progress-Index misst die soziale Entwicklung nicht anhand des Inputs, sondern aufgrund der Ergebnisse. Es werden also nicht etwa die Investitionen in das Bildungssystem gemessen, sondern die erreichten Werte zur Alphabetisierung. Der Index wird auf der Basis von 54 Unterkategorien berechnet, die ihrerseits zu 12 Subkriterien und dann zu drei Teilindizes (Basic Human Needs, Foundations of Wellbeing und Opportunity) zusammengefasst werden. Wohnen, Trinkwasser, medizinische Versorgung, Sicherheit, ökologische Nachhaltigkeit, Freiheits- und Wahlrechte, Toleranz oder Zugang zu Bildung und Information sind einige der Stichworte.
Spitzenplatz für die Schweiz
Die Schweiz schneidet hervorragend ab, sie liegt im Gesamtindex ganz knapp hinter Neuseeland und etwas vor Island auf Platz 2. Das verdankt sie Spitzenwerten bei fast allen der 12 Subkriterien. Beim Zugang zu höherer Bildung liegt sie allerdings deutlich hinter Neuseeland; vermutlich haben Experten hier wieder einmal den hohen Stellenwert der dualen Bildung in der Schweiz nicht richtig eingeschätzt. Ebenfalls schlechter als der Spitzenreiter schneidet die Schweiz beim Kriterium «Toleranz und Integration» ab. Ihre Werte liegen aber deutlich über jenen der Nachbarländer Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich.
Unter den ersten zehn Ländern im Gesamt-Ranking sind mit Ausnahme von Kanada und Australien lauter kleine Länder, Deutschland folgt auf Platz 12, die USA liegen auf Platz 16, Frankreich auf Platz 20 und Italien auf Platz 29. Besonders schlecht schneiden zahlreiche schwarzafrikanische Länder ab, darunter Nigeria, und ebenfalls unter den letzten zehn von insgesamt 131 erfassten Staaten befindet sich Pakistan.
Die in der Grafik abgetragene Kurve zeigt auch beispielhaft auf, was die Ökonomen abnehmenden Grenznutzen nennen. Während in den ärmeren Staaten jedes geringe Wachstum einen deutlichen Anstieg der sozialen Entwicklung mit sich bringt (wenn man diese Kausalität unterstellt), wird es in den oberen Regionen sehr viel schwieriger. Ab einem Pro-Kopf-Einkommen von gut 30 000 $ (immer zu Kaufkraftparitäten umgerechnet) bringt ein Mehr an Wohlstand kaum noch zusätzliche Wohlfahrt – jedenfalls gemessen in absoluten Zahlen. Hingegen bringt die gleiche prozentuale Steigerung des Einkommens auf einem tiefen und auf einem hohen Niveau sehr wohl auch einen ähnlichen Gewinn an sozialem Fortschritt.
Schlechte «Futterverwerter»
Hier gibt es allerdings grosse Unterschiede. Neuseeland kommt mit etwa zwei Drittel des schweizerischen Wohlstandsniveaus auf einen leicht höheren Wert beim Social-Progress-Index. Die Schweiz ist also mit Blick auf die Wohlfahrt ein deutlich schlechterer «Futterverwerter». Noch schlechter in der «Umwandlung» von Wohlstand in Wohlfahrt sind aber Norwegen und die USA. Das liegt bei den USA in erster Linie an den im Vergleich mit der Schweiz deutlich schlechteren Werten in den Bereichen persönliche Sicherheit und ökologische Nachhaltigkeit. Besonders schlechte «Futterverwerter» sind Russland und China sowie, auf deutlich höherem Einkommensniveau, Saudiarabien. Die Ergebnisse dieser Länder beruhen wesentlich auf den tiefen Werten in den Unterkategorien Redefreiheit und Eigentumsschutz.
Costa Rica weit vor China
Vor allem die Volksrepublik China schneidet diesbezüglich (wie auch bei der Wahl- und Bewegungsfreiheit) ausserordentlich schlecht ab. Genau umgekehrt präsentiert sich die Situation in Costa Rica, das im Demokratie-Index Lateinamerikas seit Jahren einen Spitzenplatz belegt: Aus einem relativ bescheidenen Einkommensniveau schöpft das Land einen überdurchschnittlich grossen sozialen Fortschritt.
Das passt zur Aussage des Roman-Herzog-Instituts, dass alle von ihm betrachteten Indizes der Lebenszufriedenheit am stärksten mit dem Demokratie-Index korrelieren, stärker als mit dem Bildungsindex, dem ökologischen Fussabdruck, der Lebenserwartung und – ja, auch – dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts. Womit man vielleicht zum Schluss kommen kann, dass Geld zumindest allein nicht glücklich macht – was der Volksmund allerdings schon immer wusste.
Dieser Artikel erschien in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 31. Mai 2014.
Mit freundlicher Genehmigung der «Neuen Zürcher Zeitung».