Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03285.jsonl.gz/569

«Um 1900 trat auch die noch junge Wissenschaft Psychiatrie an, die menschliche Psyche zu verstehen. Allerdings nicht, um ihr Freiräume zu verschaffen, sondern um sie therapeutisch zu behandeln und ordnungspolitisch einzugrenzen. Dazu gehört insbesondere die Unterscheidung, was psychisch krank oder gesund ist; wer aus welchen Gründen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird und damit, ähnlich wie Straftäter, seine persönlichen Freiheiten einbüsst. Kino und Psychiatrie, so könnte man behaupten, besetzen mit umgekehrten Vorzeichen das gleiche Thema: Was im Kino freigesetzt wird – die dunkle Seite der menschlichen Existenz, ihr «Wahnsinn» im wörtlichen Sinne –, versucht die Psychiatrie zu kontrollieren. Entsprechend nehmen fast alle Filme über die Psychiatrie die Perspektive der Patienten und Patientinnen ein, die angstvoll ein gesellschaftlich tabuisiertes Terrain betreten. Die Darstellung der Psychiater hingegen folgt meist etablierten Klischees: Sie sind entweder lächerlich, gütig oder durch und durch böse. Zusätzlich wirken stereotype Bilder der Psychiatrie lange nach; noch heute prägt One Flew Over the Cuckoo’s Nest (1975) die populäre Vorstellung von psychiatrischen Kliniken.
Die Darstellung der Psychiatrie im Film lässt sich aber auch als ihre Kulturgeschichte verstehen: von dem Magier, den uns Das Cabinet des Dr. Caligari noch um 1920 präsentiert, zu den gutmütig-allwissenden Heilern der Vierzigerjahre, die uns etwa in John Hustons Dokumentation Let There Be Light (1946) begegnen. Insbesondere der Zweite Weltkrieg hatte tief traumatisierte Soldaten zurückgelassen, deren Krankheit entstigmatisiert werden sollte. Entsprechend ist Hustons Film ein Plädoyer für einen aufgeschlossenen Umgang mit der Psychiatrie, den aber schon Anatole Litvaks The Snake Pit (1948) zurücknimmt, indem er umgekehrt von der schwierigen
Rollenfindung der Frau nach der kriegsbedingten Abwesenheit der Männer berichtet. Noch weiter geht Suddenly, Last Summer von Joseph L. Mankiewicz (1959), der die um 1940 durchaus populäre Therapie der Lobotomie verurteilt und zeigt, dass den Patientinnen häufig ein von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten aus dem Gehirn geschnitten werden sollte.» (Aus dem Programmtext)
Die Reihe mit dreizehn Filmen wird in Bern von der Kuratorin Veronika Rall eingeführt und in Zürich mit einem von ihr geleiteten Podium begleitet. Sie läuft im Februar und März im Rex Kino Bern und vom 2. Februar bis zum 5. März im Kino Xenix in Zürich. Im Xenix wird sie von einer Dokreihe zum Thema in «Dok um fünf» ergänzt.
Ausführlich schreibt Johannes Binotto in Filmbulletin 2.16 über die Wechselbeziehung von Psychiatrie und Film.