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Das Hölloch 1961-1967
VON ALFRED BÖGLI, HITZKIRCH
VON ALFRED BÖGLI, HITZKIRCH Mit 5 Bildern ( 67-71 ) Der letzte Bericht der Arbeitsgemeinschaft Höllochforschung liegt schon sechs Jahre zurück. Der lange Unterbruch war bedingt durch die bis zum Winter 1964/65 anhaltenden geringen Fortschritte. Zudem schied unser verdienter technischer Leiter Hugo Nünlist 1960 aus der Arbeitsgemeinschaft aus, was eine Reorganisation mit sich brachte. Als Nachfolger wurde der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Alfred Bögli gewählt, dem bald einmal die einzelnen Gruppenführer zur Seite standen. Hugo Nünlist war 1949 der Initiant und Begründer der Höllochforschung Sektion Pilatus SAC. Er hat die technischen Belange bis zu seinem Rücktritt mit viel persönlichem Einsatz betreut. Seine Berichte in den « Alpen » sind noch in guter Erinnerung.
1959 ging die Ära der grossen Erfolge zu Ende. Die mächtigen, viele Kilometer langen Gänge, SAC-Gang, Titanengang, Schuttunnel, Himmelsgang und viele andere, waren vermessen. Es blieben niedrige, meist nasse und lehmverschmierte Stollen übrig. Die Nähe des permanenten Karstwasser-spiegels brachte eine entsprechende Gefährdung durch Hochwasser. Dazu kamen kleine und mühsame Gänge in höheren Lagen. Die Forschung erhielt den Charakter einer Aufräumarbeit; deshalb brachte der Winter 1959/60 auch nur ein Minimum mit 770 Metern vermessener Gänge. Nur wenige interessierten sich noch für die Forschung, darunter die Gefangenen des Hölloches vom August 1952 ( Bögli: Im Banne der Grossen Höhle. Spectrum-Verlag, Stuttgart ): Alfred Bögli, Walter Burkhalter und Jean Gygax, sowie der einstige Transportchef Toni Bucher und Max Gubser. Dieser stellte schon 1960 eine Klettergruppe mit Extremkletterern zusammen und operierte vorerst selbständig. Im folgenden Winter gelang ihm ein grosser Wurf: seine Gruppe bezwang den Schlot beim Dreiecksee im SAC-Gang und entdeckte den Schlotgang, der sich mehr als anderthalb Kilometer weit immer tiefer in die Hochwasserzone hineinzieht. Gleichzeitig begannen wir vom Biwak I aus alle im Rausch der grossen Vorstösse vergessenen « Kleinigkeiten » zu vermessen. So kamen wir im Winter 1960/61 doch noch auf drei Kilometer neuer Gänge ( vgl. Detailbericht Winter 1960/61 von H. Nünlist, Bulletin 4/1961 ). Da unsere 10 Meter hohe Kletterstange aus Anticorodal hinter den Aufschwüngen des Schluchtganges liegengeblieben war, schafften wir uns eine neue an. Im Winter 1961/62 bezwangen wir damit den Blankstollendom und kamen ein gutes Stück aufwärts. Auch im folgenden Winter arbeiteten wir hier. Die Gruppe von Paul Berg erreichte in einem Schlot 1065 Meter Höhe, womit die Höhendifferenz im Hölloch auf 425 Meter anstieg. Gleichzeitig stiess die Gruppe Bögli einem Bach entlang aufwärts vor, wurde jedoch in einem engen, ellipsenförmigen Stollen durch einen grossen Felsblock am Weiterkommen verhindert. Der Bach gurgelte unter diesem Block hervor, und in der Lücke zur Wand pfiff der Wind. Diese Stelle sollte später zur grossen Überraschung werden. Daneben wurde die Arbeit in der Hochwasserzone nicht vernachlässigt. Sie ergab wertvolle Einblicke in das Verhalten der unterirdischen Wasser, über seine Fliessrichtung - sie kann während eines Hochwassers sogar wechseln - und über die Fliessgeschwindigkeit..
Auffällig war die Existenz von Wurmhäufchen auch in den tiefsten Lagen. Dazwischen krochen schlanke « Regenwürmer » umher Aber Regenwürmer ertragen keine längere Wasserbedeckung, noch viel weniger Wasserdrucke bis zu 80 Meter. Erst vor wenigen Jahren konnte die Wurmart als Octolasium transpadanum Rosa bestimmt werden, deren bisher nördlichster Fundort bei Ascona lag. Dadurch erweist sich das Hölloch als ein Refugium, in welchem südliche Tiere die lebensfeindlichen Eiszeiten überdauern konnten ( Bögli: « Wurmhäufchen? », Jubiläumsschrift des Tiroler Höhlenvereins, 1967 ).
Trotz des wachsenden Aufwandes blieb der Forschungserfolg dieser zwei Jahre mit zusammen 2 Kilometern im Vergleich zu früher gering. Dafür war die wissenschaftliche Ernte gross. Bögli fand viele Beweise für die von ihm entdeckte Mischungskorrosion, die allein die Höhlenbildung unter dem Karstwasserspiegel erklärt ( s. Bilder Nr. 67 und 69 ). Das gestattete ihm, an ihre Veröffentlichung zu gehen ( Bögli: Mischungskorrosion - ein Beitrag zum Verkarstungsproblem. « Erdkunde », Archiv für wissenschaftliche Geographie, 1964, Bonn ). Durch die Entdeckung zahlreicher neuer Querverbindungen zwischen den Gängen konnte der Höhlenplan verbessert werden.
Im Winter 1963/64 verlegten wir unser Basislager ins Biwak II, da der Raum um Biwak I als im Wesentlichen erforscht gelten konnte.Vorgesehen war ein Grossangriff auf den Gubsergang im entferntesten Winkel des Hölloches. Man erreicht diesen schönen und grossen Gang durch einen Sandwichstollen, den man erst nach einigem Fasten durchkriechen kann. Und wieder endete dieser vielversprechende Gang - wie die vielen andern in dieser Gegend - in einem Verbruch. Vermutlich ist es gerade die Häufung von Hohlräumen, die zusammen mit den geologischen Bedingungen diesen gewaltigen Einsturz bewirkt hat. Bisher konnten wir ihn nicht umgehen.
Etwas später sprengten wir einen Block wenige Meter westlich der Trughalle und öffneten so den Zugang zum Korallenstollen, der an völlig unerwarteter Stelle von Pedro Ghelfi entdeckt worden war. Hier gibt es auch heute noch genug Arbeit für Extremkletterer.
Zwischendurch vermassen wir einige kleinere Stollen. Im Schlundgang, durch den alljährlich mehrmals der Hochwasserstrom tobt, untersuchten wir den Abgrund, an dem er endet. Oski Wüest kletterte mit Hilfe der Strickleiter 65 Meter tief senkrecht hinunter und stellte fest, dass dieser Schlund mit der Orgelwand hinter dem Urnersee identisch ist. Damit war wieder eine Verbindung von grosser Bedeutung hergestellt. Der Hochwasserweg ist nun vom Schluchtgang bis zum Höhleneingang auf einer Länge von zehn Kilometern bekannt, abgesehen von einem kleinen Stück zwischen Osirisgang und Orkus. Mit 1726 Metern neuer Gänge kündigte sich eine Besserung unserer Fortschritte an - man wird bescheiden, wenn man der Höhle jeden Meter mühsam abringen muss.
Seit 1960 ging in der Arbeitsgemeinschaft eine bedeutende Wandlung vor sich. Eine grosse Zahl neuer junger Mitglieder war zu uns gestossen. Gleichzeitig wurde es durch die Weite des Arbeitsraumes notwendig, voll verantwortliche Gruppen zu bilden. Schon sehr früh hatte sich die Gruppe für extremes Klettern unter Max Gubser gebildet. Dann entstanden die Vorstossgruppen von Paul Berg und Alfred Bögli, beide ebenfalls mit Kletterspezialisten. Die Gruppe Bögli verfolgt zusätzlich zu den topographischen Aufgaben wissenschaftliche, meist morphologische und karsthydrologische Probleme und wird von den andern nach Kräften unterstützt. Eine Gruppe für Präzisionsvermes-sung unter Bernhard Fuchs bearbeitet mit einem « Wild»-Bussolentheodoliten die Hauptgang-strecke Eingang—Titanengang—SAC-Gang. Das wird das exakte Rückgrat des Höhlenplanes werden, an das die vielen andern Gänge, meist als geschlossene Vermessungspolygone aufgenommen, angeschlossen werden. Bei so vielen Gruppen kommt dem Transportchef Godi Bärtschi eine besonders wichtige Rolle zu. Seine Arbeit ist auch deshalb besonders knifflig, weil Höhlenforscher von Natur aus Individualisten sind. Die Vortransporte, bei denen gelegentlich bis zu 200 Traglasten in die verschiedenen Biwaks gebracht werden müssen, verlangen viel Geduld und Kombinationsgabe. Er stellt jeweils der Gruppe Gubser eine kleine Transportgruppe zur Verfügung, da die Anmarschwege zum Biwak V von den Forschern sonst einen Kräfteaufwand nahe der Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit erheischten. Im Winter 1964/65 standen wir mitten in dieser Entwicklung. Sie wurde zur Quelle neuer, grösserer Erfolge.
Die Expedition im Winter 1964/65 galt dem hintersten Hölloch. Seine Erforschung sollte abgeschlossen werden ( s. Bild Nr. 67 ). Die Gruppe Bögli operierte vom unbequemen Biwak IV aus, die andern vom Biwak II. Der zusätzliche Anmarschweg von mindestens zwei Stunden wird durch die gute Einrichtung dieses Biwaks etwas kompensiert. Zuerst hatten wir die Meinung, es handle sich nur um eine Bereinigung letzter Reste. Der Reinacherstollen, der grösste von ihnen, führte 300 Meter nach Osten und hinunter zu einem Bach mit eingeschalteten Siphons, die sich beim kleinsten Ansteigen des Wassers schliessen mussten. Vor einem Wasserfall gab die Gruppe auf. Die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit schien erreicht.
Am Silvestertag verliessen alle bis auf die Gruppe Bögli das Hölloch. Die Ergebnisse waren mehr als mager. Doch ein Trost blieb: bis auf das Wasserschloss, das sich Max Gubser noch näher an- RoggenstockSternenPragelRätschtal Chupferberg Drusbergdecke.Axendecken ADs.s. SD = Silberndecke BD = Bächistockdecke AD s. s. = Axendecke im engeren Sinnenach Hantke Querschnitt durch Drusberg- und Axendecken. Das Hölloch durchzieht zum grössten Teil den Schrattenkalk der Bächistockdecke ( BD, 83 km ). Entlang einer Verwerfung führt ein kleiner Ellipsengang in die Silberndecke hinauf und entwickelt sich dort zum Hochsystem ( 10 km ).
sehen wollte, war der hinterste Teil abgeschlossen. Die drei zurückgebliebenen Forscher machten sich am Neujahrstag an die Revision früher vermessener Stollen. Zuerst wanderten sie den Rätselgang hinunter, dann den Buchergang hinauf. Plan und Original schienen nicht recht zusammen-zupassen; eine Nachvermessung drängte sich auf. Sie hat sich gelohnt. Nur 20 Meter trennen diesen Gang vom Sturzgang, anstelle der 120 Meter nach dem alten Plan. Bei dieser Gelegenheit schnitten wir die Basis der Bächistockdecke an, wo wir auf Drusbergschichten stiessen. Auch die Abzweigung 5 brachte Überraschungen. Hier wurden 350 Meter neuer Gänge gefunden. Das Ausharren hatte sich gelohnt. Doch der Winter war noch nicht zu Ende.
Bevor sich die Gruppen am Silvestermorgen trennten, verwies Bögli auf den Block im Wassergang, an dem seine Gruppe im Januar 1963 abgeschlagen worden war. Oski Wüest anerbot sich, ihn zu sprengen, während Paul Berg und seine Kameraden den Aufgang im Blankstollendom mit Hilfe der Kletterstange wieder einzurichten versprachen. Einige Wochen später öffnete die Sprengung den Zugang zu einem neuen Arbeitsgebiet. Durch eine Kluft erreicht man vom Sprengstollen aus so grosse Gänge, dass die solche Neuentdeckungen nicht gewohnten Kameraden in hellen Jubel ausbrachen. Vier, fünf, sechs Meter breit; ein, zwei und mehr Meter hoch: das erinnerte an die guten alten Zeiten! Die Fortsetzung des Wasserganges ergab bis Mitte Februar nahezu 1000 Meter neuer Gänge jeglichen Formats, darunter auch einen « nahrhaften » Schlot, den Wasserfalldom, wo man auf frei hängender Strickleiter neben einem Wasserfall 12 Meter in die Tiefe klettert. Das ist der vorläufige Endpunkt.
Und die Duplizität der Fälle! Max Gubser ging mit seinen Kameraden ins Wasserschloss. Schon im Vorjahr hatten wir unsere alte Kletterstange vom Lehmdom unweit des Gubserganges heruntergeholt. Jetzt kam sie zu Ehren; die Stange, die in den fünfziger Jahren als unnötiges, lästiges Requisit betrachtet und behandelt worden war, erwies sich hier als der grosse, unentbehrliche Helfer. Die Gruppe Gubser stiess in ein gewaltiges, klettertechnisch äusserst interessantes Gangsystem vor, das sie Göttergang taufte ( s. Plan Göttergang ). 450 Meter - und ein ausgezeichneter neuer Biwakplatz, das spätere Biwak V, waren das Ergebnis. Damit erhöhte sich die in diesem Winter vermessene Länge auf nahezu 3 Kilometer, so dass die Zahl der Gesamtlänge auf 80 927 Meter anstieg.
Mit Spannung blickten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Forschungssaison 1965/66 entgegen. Das erste Mal sollte mit völlig unabhängigen Gruppen gearbeitet werden. Im Biwak II waren die Gruppe Berg ( oberes Hochsystem ), die Gruppe Gubser ( Göttergang ) und eine Transportgruppe unter Godi Bärtschi untergebracht, während die Gruppe Bögli ( Hochsystem ) und die Vermessungsgruppe Fuchs im Biwak I schliefen.
Schon in den fünfziger Jahren hatte Bögli die Existenz eines Hochsystems vermutet. Mit dem obern Wassergang rückte seine Entdeckung in greifbare Nähe. Paul Berg und seine Kameraden folgten vom Wasserfalldom aus dem Wasser aufwärts. Sie wollten hoch hinaus - und es gelang ihnen besser als erwartet. Kurz vor Silvester erreichten sie nach äusserst schwierigen und nassen Klettereien den Regendom mit 1165 Metern Höhe. Das Hölloch übertraf dadurch die bisher tiefste Schweizer Höhle ( Gouffre du Chevrier, 504 m ) um 22 Meter. Einen Monat später stiessen sie sogar bis 1205 Meter vor, so dass das Hölloch bei einer Höhendifferenz von 565 Metern zu den 15 tiefsten Höhlen der Welt aufrückte. Zugleich entdeckten sie einen grossen Gang mit prächtigen Tropfsteinen, dem sie den Namen « Via Gloriosa » verliehen. Auf dem Rückmarsch wurden sie vom Hochwasser erwischt und eingeschlossen. Unsere Hilfe von aussen kam gerade zur rechten Zeit, um ihnen einen sechsstündigen, kräfteraubenden Umweg zu ersparen.
Die Gruppe Bögli hatte es auf die Abklärung einiger Abzweigungen abgesehen, die sich unerwartet zu einem grossen System erweiterten. Zugleich fanden sie die Lösung eines seit langem hängigen Problems. Nach kurzem Vorstoss stiessen sie in der Bachhalle erstmals auf die Uberschiebungs-fläche der Silberndecke über die Bächistockdecke ( Axendecke s. 1. ). Dort ist das Gestein so sehr zermürbt, dass man es mit den Fingern herauskratzen kann. Es handelt sich um stark tektonisierte Drusbergschichten von drei Metern Mächtigkeit. Die Silberndecke liegt hier unmittelbar auf dem Schrattenkalk der Bächistockdecke. An andern Orten wurde sogar Seewerkalk gefunden. Dadurch ist bewiesen, dass das ganze Gebiet hinter dem Sprengstollen in der Silberndecke liegt und dass es sich ausserdem um das gesuchte Hochsystem handelt.
Über die Konsequenzen dieser Tatsache wurden wir uns erst im folgenden Jahre klar. Die Gänge zeigen deutlich zwei Typen: einen mit elliptischem Querschnitt ( s. Bilder Nr.67, 69, 70 ) und einen schluchtartigen. Gänge mit elliptischem Querschnitt entstehen bei gänzlicher Wasserfüllung und sind eine Leitform der phreatischen Zone ( Zone unter dem tiefsten Karstwasserspiegel ). Die Bildung dieser Höhlengänge ist nur durch Mischungskorrosion erklärbar ( vgl. Bögli: Die Kalkkorrosion, das zentrale Problem unterirdischer Verkarstung. Steirische Beiträge zur Hydrogeologie, Graz, 1964 ). Unter den gegebenen tektonischen Bedingungen musste der einstige Vorfluter etwa so hoch liegen wie die Gänge des Hochsystems, also zwischen 1000 und 1200 Metern. Diese Höhen korrelieren mit den präglazialen Verflachungen des Muotatales. Die Zugehörigkeit des Hochsystems zur präglazialen Verkarstung ist daher geradezu notwendig. Dafür sprechen auch die stark gefärbten braunroten Lehme, die sich unter den heutigen klimatischen Verhältnissen nicht mehr bilden; als sie entstanden, waren die Gänge schon fertig gebildet. Wie schon andernorts gezeigt, sind der phrea- tische Raum in der Nähe der Karstwasserfläche und die benachbarte Hochwasserzone ein Gebiet bevorzugter Höhlenbildung ( Bögli: Karstwasserfläche und unterirdische Karstniveaus. « Erdkunde », Archiv für wissenschaftliche Geographie, Bonn, 1966 ). In dieser Zone entstehen vor allem vernetzte Höhlen ( in den USA « network caverns » genannt ) ( s. Plan Hochsystem ). Network Caverns gelten in den USA als Leitform für phreatische Höhlen. Das Hölloch gehört eindeutig zu diesem Typ.
Die schluchtartigen Gänge ( s. Bild Nr. 71 ) sind an eine freie Wasserfläche, wie sie den oberirdischen Bächen eigen ist, gebunden. Schluchtgänge weisen kaum Gegensteigungen auf, während Ellipsengänge ein ausgeprägtes Auf und Ab zeigen. Im Hochsystem sind die Schluchtgänge heute noch zum grossen Teil aktiv. Ob es sich um einstige, nachträglich umgewandelte Ellipsengänge handelt, kann nicht mehr entschieden werden, da die Gangdecke infolge Inkasion ( Nachbruch, Verbruch, Einsturz ) nicht mehr das ursprüngliche Bild zeigt. Viel interessanter aber ist die Tatsache, dass die Ellipsengänge, also im phreatischen Bereiche entstandene Höhlenteile, auf den Schichtfugen angelegt worden sind, während die Schluchtgänge ( vadoser Bereich ) den Klüften folgen. Dieser Gegensatz wird im Hölloch zur Gesetzmässigkeit, denn dort, wo Ellipsengänge ein Stück weit Klüften folgen - sie verlassen sie meist nach einigen Metern wieder -, entsteht eine Ellipse, deren Achse der Kluftfläche parallel ist, nachträgliche Inkasion vorbehalten. Inkasion kann jede Grundform vernichten, so dass viele grosse Räume deswegen in ihrer Form die Entstehungsbereiche nicht mehr erkennen lassen.
Doch zurück zum Vorstoss! Der Anmarsch vom Biwak I benötigte drei Stunden angestrengter Kletterei. Dann folgte die gemächlichere Vermessung, die uns immer weiter vom Ausgangspunkt wegführte.Viel Freude bereiteten die herrlich roten Tropfsteine von einzigartiger Schönheit. Man darf dies durchaus verraten, denn die grossen Distanzen, die äusserst verwirrlichen Gangverhältnisse, das Klettern durch Wasserfälle und andere Spezialitäten mehr werden jeden Tropfsteinräuber fernhalten. Ausserdem werden auch die leuchtendsten Tropfsteine in der trockenen Aussenluft unscheinbar und unansehnlich, und für so etwas gibt es leichter zugängliche Höhlen. In den zehn Forschungstagen folgten sich vier Vorstösse mit meist über 20 Stunden Arbeit. Beim letzten wurden wir von Hochwasser überrascht und erreichten erst nach langem Warten tropfnass das Biwak I. Immerhin, es hatte sich gelohnt: 2008 Meter neuer Gänge im Hochsystem. Beim Fastnachtsvorstoss kamen weitere 885 Meter dazu. Ein grosses Netz von Gängen zieht sich damit 250 Meter über dem bisherigen Hölloch hin. Leider ist die Arbeit in diesen Gängen nicht eitel Freude, denn obschon es ihnen nicht an Breite gebricht, so doch an Höhe. Bück- und Kriechgänge sind die Regel.
Die Gruppe von Max Gubser arbeitete in einem von Hochwassern stark bedrohten Gebiet des Götterganges ( s. Bild Nr. 68 ). Wegen der grossen Distanz vom Eingang - zwei normale Marschtage, woran sich aber diese ausgezeichneten Geher und Kletterer im allgemeinen nicht halten - ist doppelte Vorsicht geboten. Nach dem ersten Vorstoss brach wegen schlechter Wetterberichte Max Gubser die Arbeit ab und zog sich zurück. Dieses der Sicherheit gebrachte Opfer war um so grösser, als gute Fortsetzungen und herrlichste Kletterstellen lockten. Aber es ist die wichtigste Aufgabe der Gruppenleiter, die Sicherheit allem andern voranzustellen.
Das Ergebnis der theodolitischen Vermessung durch die Gruppe Fuchs ist aufschlussreich. Durch sie wird die Richtigkeit unserer Methode der Höhenbestimmung mit dem Thommen-Altimeter bestätigt. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Wind- und Druckverhältnisse können bei benachbarten Messstellen gleicher Höhe Unterschiede am Altimeter bis zu 30 Metern ergeben. Die Abweichungen von den theodolitisch bestimmten Werten von 802,5 bzw. 807,9 für die beiden Biwaks I liegen unter fünf Metern und damit innerhalb der Fehlergrenzen.
67 SAC-Gang. Anmarschweg zum Gubser- und Göttergang. Ideal geformter Ellipsengang der einstigen phreatischen Zone Photo Alfred Bagli, Hitzkirch
Hölloch
Das Wetter war in diesem Winter denkbar schlecht. Immer wieder gab es Warmlufteinbrüche und kleinere Hochwasser. Unter diesen Umständen war das erzielte Resultat von 4300 Metern neuentdeckter Gänge als ausserordentlich gut zu bezeichnen.
Der Winter 1966/67 stand bevor. Max Gubser erhoffte einen grossen Vorstoss gegen Osten, Paul Berg zog es weiter nach oben, und Alfred Bögli rechnete mit einer Aufräumaktion, falls die Fortsetzung in einer halb verstürzten Kluft durch Inkasion verstopft sein sollte. Die drei Gruppen und eine neugeschaffene Revisionsgruppe unter Peter Hotz wollten ihr Möglichstes tun, um die 90-Kilo-meter-Grenze zu überschreiten, welche bis vor drei Jahren noch als unüberwindbar gegolten hatte. Jetzt aber stand jeder der drei Vorstossgruppen mehr Material zur Verfügung als in den fünfziger Jahren der ganzen Arbeitsgemeinschaft.
Die Gruppe Gubser verliess Stalden um die Mittagszeit des 26. Dezember. Schon um 13 Uhr des andern Tages erreichte sie das Biwak V, begleitet von einer Transportgruppe unter Oskar Brunner. Diese kehrte sofort ins Biwak II zurück, mit der klaren Weisung, im Falle von Hochwassergefahr unter keinen Umständen ins Biwak V zu kommen Die vier zurückgebliebenen Kameraden erzwangen sich als Vorübung mit Hilfe der Kletterstange den Eintritt in einen grossen Seitengang. Aber er verlief in der Richtung des grossen Einsturzes ( siehe Gubsergang ) und war schon nach wenigen Messstrecken durch Blöcke restlos verrammelt. Beim Vorstoss am nächsten Tage brauchte die Gruppe vier Stunden. Einem Bachlaufe aufwärts folgend, überwanden sie mit Hilfe einer Kletterstange mehrere Wasserfälle. Die Vermessung war mühsam und verlangte den Einsatz aller Kräfte.
Für eine 20 Meter hohe Wand benötigte sie volle zwei Stunden; doch weiter oben begannen sich die Bedingungen zu bessern. Aus dem recht vielversprechenden Gebiet kehrten sie erst spät abends wieder ins Biwak zurück. Im Spätnachrichtendienst vernahmen sie, dass Wärme und Regen - also Schneeschmelze - zu erwarten seien. Um 4 Uhr früh erfolgte der erste Wassereinbruch, dessen Donnern bis ins Biwak hinaufdröhnte. Der Rückweg war blockiert. Wie letztes Jahr mussten sie auf einen weiteren Vorstoss verzichten. Mit der leichten Wetterbesserung in der Nacht auf Silvester ging das Wasser etwas zurück. Damit begann ein langer Rückweg voller Abenteuer, auf dem alle bisherigen Marschzeiten unterboten wurden.
Die weiteren Aussichten waren so günstig, dass Max Gubser bei günstigem Wetter zusammen mit drei Kameraden zu einem neuen Vorstoss ansetzte ( s. Bild Nr. 69 ). Von der Weihnachtsexpedition her hingen Leitern und Seile noch in den Wänden. Der Vormarsch vom Biwak V zur Einsatzstelle 10 Die Alpeo - 1967 - Les Alpes ging denn auch entsprechend schnell vor sich. Im Neuland gerieten sie aber bald in niedrige Gänge, durch die sie mühsam vorwärtskriechen mussten. Oski Wüest notierte in sein Tagebuch: Höhe 0,6 Meter - und das nennt sich Göttergang! Er war vom Hochsystem an andere Formate gewöhnt. Dann aber gelangten die vier Kletterer in einen unüberblickbar grossen Raum. Der Götterdom, wie er getauft wurde, erwies sich als 56 Meter lang, 35 Meter breit und 25 Meter hoch. An seinem Ende folgten eine 12 Meter hohe brüchige Stufe und dann der 40 Meter messende Kirchturm. Max Zumbühl turnte an den Überhängen, von Otti Lindauer gesichert. Gelegentlich donnerte ein Block in die Tiefe: unten ein Block mehr, oben ein Griff weniger. Max behauptete, das gleiche sich aus. Diese Kletterei verlangte zweieinhalb Stunden harter Arbeit. Die beiden zurückgebliebenen Kameraden wurden dann « la mode du Chef », wie Oski dieses Verfahren nennt, in die Höhe gezogen. Oben ging es ganz unerwartet horizontal weiter. 900 Meter Neuland wurde erobert. Der Rückmarsch zum Biwak V beanspruchte sechs Stunden; als Abschluss eines 24stündigen Vorstosses eine recht « nahrhafte » Sache.
Am 17. Februar wagte es die Gruppe ein drittes Mal. Das Wetter war kalt und damit gut. Die Vermessung eines sonst von Wasser durchflossenen Seitenganges versprach eine ziemlich trockene Sache zu werden. Aber sie war es keineswegs! 200 Meter weit kletterten sie den « Regengang » hinauf; die Höhendifferenz überschritt trotz einzelner horizontaler Strecken 100 Meter. Dieses Gangstück beanspruchte acht Stunden nasse Arbeit. Zuhinterst teilt es sich in unzugängliche Löcher auf.
Die Gruppe Paul Berg hatte in der « Via Gloriosa » ein Biwak eingerichtet. Die Tropfsteine waren unzweifelhaft prächtig, die Tropfen aber, die in kurzen Abständen auf die Schlafsäcke fielen, weniger erfreulich. Beim Aufrichten stiess man mit dem Kopf an die Decke, was nur die andern erheiterte, und auch das nicht auf die Dauer. Wie man den Lehm benannte, der sich unter den Tritten langsam, aber sicher in einen Brei verwandelte, verschweigen wir lieber. Dabei war es weit und breit die beste Biwakstelle. So unbequem das Biwak, so unangenehm die gestellte Aufgabe! Paul Berg hatte den Regendom zum Ziel. Hansjörg Gerschwyler nahm es auf sich, mit der Kletterstangen-Strickleiter mitten durch die herabstürzenden Wassermassen auf die zwölf Meter über dem Tosbecken des Wasserfalles liegende Stufe hinaufzukommen. Es würde zu weit führen, den dramatischen Aufstieg zu schildern. Als jedoch Hansjörg, nach Luft schnappend, oben ankam, konnte er nur feststellen, dass sich hinter der Stufe eine neue Wand auftürmte, die unter den gegebenen Umständen nicht zu bezwingen war. Auch sonst hatte die Gruppe viel Ungemach. Überall geriet sie an Schlote oder Abgründe. In einem der Schächte hörten die Forscher unerwartet Stimmen. 65 Meter tiefer war die Gruppe Bögli an der Arbeit. Der Rufdom, wie wir ihn nennen, hat eine Gesamttiefe von 100 Metern und ist der tiefste Abgrund des Hölloches.
Auch die Gruppe Berg litt unter den Hochwassern. Im Verlaufe des Winters versuchten sie es noch zweimal und konnten gute Ausgangspositionen für das nächste Jahr schaffen. Der Stossseufzer von Paul Berg sagt mehr als viele Worte: Mehr Seile, mehr Strickleitern, wenn möglich eine zweite Kletterstange!
Die Gruppe Bögli mit Hans Burger, Pedro Ghelfi und Oski Wüest richtete sich hinter dem Wasserfalldom ein Biwak ein, ein kleines Schmuckstück mit fünf Schlafstellen. Der Anmarschweg zum Neuland war mit drei sehr beschwerlichen Stunden etwas lang ( s. Bild Nr. 70 ). Kurz nach Vermessungsbeginn bog der Gang senkrecht von der Kluft weg, wurde ellipsenförmig und gross. Es war wie in der guten alten Zeit: grosse Gänge, bald blankgefegt von den Hochwassern, bald mit Kies-und Lehmbänken. Nur selten mussten wir uns bücken. Nebengänge wurden dutzendweise registriert. Dann die grosse Schlucht mit dem wild daherdonnernden Bach, hohe Wasserfälle, lange Seen, der längste 45 Meter lang ( s. Bild Nr. 71 ). Und das alles 300 Meter über dem bisher bekannten Hölloch, wo nirgends ein Bach fliesst und wo es höchstens kleine Tropfstellen gibt. Von da aus ging es in den Roten Gang mit seinem roten Lehm, den roten Wänden und den roten Tropfsteinen. Ellipsengänge auf den Schichtfugen, graue Schluchtgänge mit rauschenden Bächen auf Klüften - eine faszinierende Welt! Gänge, zehn Meter breit, drei Meter hoch; Schluchten, sechs Meter breit und zwanzig hoch! Sieben Bäche donnern durch den Berg. Messblatt auf Messblatt füllt sich mit den Vermes-sungszahlen - und am Ende der Neujahrsexpedition sind mehr als 4000 Meter vermessen. « Wir kommen wieder! » versprechen wir uns und dem Roten Gang ( s. Plan Hochsystem ).
Am 4. Februar ist es soweit, und das Glück bleibt uns hold: In zwei Vorstossen scheffeln wir noch einmal 1100 Meter. Und wieder ist die Fortsetzung im entferntesten Punkt des neuen Systems zu finden, fünf Stunden vom Biwak entfernt. Ein neues Biwak wird im kommenden Jahre wohl unumgänglich sein; den Platz haben wir schon bestimmt Das sind gleichzeitig beglückende und bedrückende Aussichten.
Die Revisionsgruppe Hotz überprüfte im Gebiet der « Spinne » im vordem Höllochteil den alten Plan. Er konnte wesentlich verbessert und ergänzt werden.
Das Ergebnis dieses Winters ist mit über 8000 Metern neuer Gänge das beste seit dem Winter 1952/53. Der Einsatz der unabhängigen Forschungsgruppen hat sich als vorteilhaft erwiesen. Die 90-Kilometer-Grenze ist weit überschritten worden.
Man muss sich gelegentlich über die Bedeutung dieser Zahlen Rechenschaft geben. Sind es Rekorde? Das sind sie auch, denn das Hölloch ist an sich zu einem Rekord geworden. Aber sie sind sehr viel mehr. Sie sind der Ausdruck der erfassten und erforschten Karstgerinne. Jeder Kilometer bedeutet ein Stück unterirdischer einstiger oder jetziger Wasserläufe, bedeutet 1000 Meter Ellipsengänge oder Schluchten, bedeutet 1000 Meter Hochwasserlauf oder Stau-Bereich oder Tropfstein-strecke, bedeutet 1000 Meter wissenschaftlich einzuordnende Details, die in ihrer Ganzheit alte Theorien zu stürzen, neue aber zu stützen vermögen, die neue Probleme aufwerfen, neue Ergebnisse zeitigen. Dass die Zahlen ausserdem der Ausdruck eines unüberbietbaren Einsatzes junger Menschen für eine wissenschaftliche Aufgabe und zugleich ein Ansporn sind, kann wohl jeder ermessen. Dass sie ein Ansporn sind, verrät auch die Frage meiner Kameraden « Wann werden wir 100 Kilometer, wann werden wir die ,Traumzahl' erreichen? » Das Fazit dieser sechs Jahre lässt sich kurz zusammenfassen: Seit 1961 wurden über 19 Kilometer neuentdeckter Gänge vermessen, davon allein zwei Drittel in den beiden letzten Wintern. Damit erreicht das Hölloch am 15. März 1967 eine vermessene Länge von 93 336 Metern. Die Höhendifferenz innerhalb der Höhle beträgt 577 Meter. Das ist das topographische Ergebnis. Hinzu kommen zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, unter denen die Entdeckung der Uberschiebungsfläche der Silberndecke für die Höllochforschung wie für die Regionalgeologie einen besonderen Platz einnimmt Zahlreiche Probleme sind im Studium. Noch ist die Fauna des Hölloches nur wenig erforscht, und doch zählen wir bereits 38 Tierarten, darunter zwei, die nur im Hölloch vorkommen Ein Bewunderer des Hölloches meinte einmal anerkennend, die Erforschung des Hölloches sei ein Lebenswerk. Doch sie ist mehr: sie ist eine Arbeit für Generationen. Darum: Die Forschungen gehen weiter!
Zum Schlüsse ein persönliches Wort. Allen meinen Kameraden gebührt von Seiten der Arbeitsgemeinschaft Höllochforschung Anerkennung; aber auch ich bin ihnen zu grossem Dank verpflichtet. Ihre Opferbereitschaft und ihr Einsatz haben nicht nur die Erforschung des Hölloches überhaupt möglich gemacht, sondern sie haben auch mitgeholfen, die Grundlagen zu meinen wissenschaftlichen Arbeiten zusammenzutragen. In diesen Dank sei auch die Tauchergruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung, Sektion Basel, eingeschlossen, die an drei Stellen Pro- bleme klären half. Es konnten nicht alle Mitarbeiter und keiner der hilfsbereiten « Vortranspörtler » mit Namen genannt werden, denn es sind deren zu viele. Die wenigen Namen aber stehen für die der andern, die sich, wie jene, eingesetzt und ihr Bestes gegeben haben in der Bewältigung einer grossen Aufgabe und in der Pflege einer frohen und fröhlichen Bergkameradschaft, wie sie im SAC Brauch ist.