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Was ist, wenn man nicht sprechen kann? Man kommuniziert mit Hilfe eines Stiftes. Was ist, wenn man das Sprachvokabular verloren hat? Man kompensiert es durch Mimik, Gestik sowie gezeichnete Piktogramme und macht sich damit verständlich. Was aber, wenn man nicht sprechen kann und zu keiner Motorik fähig ist? Dann hat man die Fähigkeit zur Kommunikation verloren – man ist wie in sich selbst eingeschlossen.
Das sogenannte Locked-in-Syndrom stellt neben dem Tod die wohl schärfste Bedrohung der menschlichen Existenz dar. Dies mag auch der Grund sein, warum Literaten wie Alexandre Dumas in «Der Graf von Monte Christo» und Emile Zola in «Thérèse Raquin» sich dieses Themas annahmen. Die Medizin bearbeitete es erst rund hundert Jahre später und fand den passenden Fachbegriff dafür (locked-in = eingeschlossen).
Ich erlebte das Locked-in-Syndrom nach einem schweren Schlaganfall. Mein gesamter Körper war gelähmt, auch Sprechen und Schlucken waren nicht möglich. In der Anfangszeit musste ich beatmet werden. Da ich nicht sprechen konnte und unfähig zu jeglicher Motorik war, konnte ich keinerlei Kontakt mit der Umwelt aufnehmen.
Ich war wach, mein Verstand war klar, doch ich war in meinem Körper eingemauert und konnte nicht mehr kommunizieren. Ja ich hatte das Gefühl, einen Körper zu besitzen, verloren. Auch hatte ich kein Ich-Gefühl mehr. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, realisierte ich nicht, in welchem Zustand ich mich befand. Wahrscheinlich ist die Verdrängung der Realität die schärfste Waffe, die unsere Psyche in einer derartigen Extremsituation zu bieten hat. Trotzdem war der Verlust der Kommunikationsfähigkeit und jeglicher Selbständigkeit für mich das Schlimmste an meinem Zustand.
Es gab jedoch auch Situationen, in denen mir meine Hilflosigkeit auf schmerzhafte Weise bewusst gemacht wurde. Direkt nach dem Schlaganfall wurde ich von einem Krankenwagen in die nächstliegende Notfallklinik gebracht. Im Wagen beugte sich ein Sanitäter über mich und sprach die Worte «und Exitus». Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass ich gerade für tot erklärt worden war. Ich versuchte mich irgendwie bemerkbar zu machen – keine Chance. Panische Angst stieg in mir auf, als ich dachte: «Bringen die dich jetzt ins Leichenschauhaus oder landest du sogar auf dem Seziertisch?» Die Situation liegt, als ich diesen Text schreibe, fast auf den Tag genau 25 Jahre zurück. Mir ist sie so gegenwärtig, als sei sie gestern passiert.
Ich bin dann doch nicht im Leichenschauhaus oder der Pathologie gelandet. Nach einigen Tagen konnte ich die Augen öffnen und schliessen. Damit war es möglich, eine einfache Ja-Nein-Kommunikation aufzubauen. Auf gestellte Fragen konnte ich mit einmaligem (für «Ja») oder zweimaligem Augenschluss (für «Nein») antworten. Später wurde diese Kommunikation erweitert. Pflegekräfte fragten einzelne Buchstaben ab, und so konnte ich mit ihrer Hilfe ganze Worte und Sätze bilden. Extrem langsam zwar – aber welche Erleichterung das bedeutete!
Durch diese Erfahrung wurde mir mehr denn je bewusst, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und was das bedeutet. Wir müssen uns ständig mit unseren Mitmenschen austauschen. Ist dies nicht mehr möglich, geht ein wesentlicher Teil der Lebensqualität verloren. Ein betroffener Arzt, Steffen Sassie, formulierte es so: «Wie zu erkennen ist, läuft es immer wieder auf eines hinaus: die Kommunikationsfähigkeit. In der Tat ist sie mir am wichtigsten. Ihr sind alle anderen Dinge und Fähigkeiten untergeordnet: die Beendigung der künstlichen Beatmung, der künstlichen Ernährung, wieder selbständig laufen zu können.»1
«Man kann nicht nicht kommunizieren», lautet ein berühmter Satz des Philosophen und Psychoanalytikers Paul Watzlawick. Ich weiss es besser. Die Erfahrung zu machen, wünsche ich aber niemandem.
Steffen Sassie: Vita minima – Ein Arzt berichtet von seinem Locked-in-Syndrom. Berlin: LIS e.V. und Christine-Kühn-Stiftung, 2020. ↩