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Müsste ich Religion definieren, würde ich sagen, es ist eine Weltanschauung, die wenig mit der erkennbaren Realität zu tun hat (insbesondere weil es keinen erkennbaren Gott gibt). Allerdings hat z.B. Astrologie auch wenig mit der Realität zu tun, aber kaum jemand würde jene als Religion bezeichnen. Religion dürfte etwas umfassenderes sein, ein Versuch alle Fragen zu beantworten, welche die Menschen seit jeher umtreiben und für die es keine wissenschaftliche Antwort gibt (oder für die es zwar eine wissenschaftliche Antwort gibt, welche einige Menschen aber nicht begreifen – Evolution dürfte ein Beispiel dafür sein: man kann sich einfach schlecht vorstellen, wie aus einem einzelligen Bakterium „plötzlich“ ein Mensch wurde). Wobei ironischerweise „Gott“ eine Nicht-Antwort ist. Selbst wenn wir wüssten, dass Gott das Universum – bewusst oder unbewusst – erschaffen hat, ist die Information für uns praktisch nutzlos, wenn wir keine Ahnung wie er es getan hat.
Wikipedia definiert Religion als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte ist, sowie häufig auch an heilige Objekte. „Die Lehren einer Religion über das Heilige und Transzendente sind nicht beweisbar im Sinne der Wissenschaftstheorie, sondern beruhen auf dem Glauben an Mitteilungen bestimmter Vermittler über intuitive und individuelle Erfahrungen. […] Aussagen über Spiritualität und Religiosität sind Anschauungen ohne Erklärungsbedarf, weshalb Religionen diese in Gleichnisse und Symbolsysteme fassen, um ihre Inhalte vielen Menschen näherbringen zu können.“
Anders gesagt: Wenn ich mir etwas ausdenke, das nicht im Sinne der Wissenschaftstheorie beweisbar ist, ist es Religion. Oder ist es erst Religion, wenn ein Mensch sich etwas ausdenkt und mindestens ein anderer es glaubt? Ich wüsste nicht, wieso es darauf ankommen sollte, ob jemand (zweites) es glaubt oder nicht. Was jemand glaubt lässt sich als innere Tatsache ohnehin schwer feststellen und selbst wenn jemand ein Christ ist, heisst das ja nicht, dass er alles geglaubt, was Jesus angeblich offenbart hat (mal abgesehen davon, dass wir gar nicht wissen, ob es Jesus überhaupt gegeben hat).
Die Definition des Religionsbegriffs ist insbesondere im juristischen Bereich von Bedeutung (wobei Wikipedia natürlich für die Auslegung juristischer Texte keine direkte Rolle spielt). In der Schweiz besteht Religionsfreiheit; wenn Religion aber nur irgendwetwas Beliebiges ist, was sich irgendwer mal ausgedacht hat, dann müsste eigentlich jede Religion geschützt sein, nicht nur grosse und/oder traditionsreiche. Faktisch werden aber nur religiöse Bräuche, die ein Stück weit verbreitet sind, von der Religionsfreiheit erfasst . Oder anders gesagt: Kleine bzw. neue Religionen werden diskriminiert.
Stellt sich für mich noch die Frage, ob es Religionen ohne den Glauben an Gott bzw. Götter gibt. Wikipedia nennt Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Sikhismus, Jüdische Religion, Bahaitum und Konfuzianismus als Weltreligionen (wobei es daneben natürlich noch unzählige weitere Religionen gibt – potentiell so viele wie es Menschen gibt). Einen Gott oder mehrere Götter bzw. Gottheiten gibt es zwar in den meisten, aber nicht in allen der genannten Religionen. Beispielsweise kommt der Buddhismus an sich ohne Gott/Götter aus; Buddha war ein Mensch. Zwar ist im Buddhismus auch von Gottheiten die Rede – die scheinen aber keine wesentliche Bedeutung zu haben. Es ist somit möglich religiös zu sein, aber nicht an Gott zu glauben, sprich ein religiöser Atheist zu sein. Aber wer sollte das schon sein wollen, wenn er auch die Möglichkeit hat, stattdessen nur an die Realität zu glauben bzw. an das, wofür es ausreichende Beweise gibt?