Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03141.jsonl.gz/3982

Teil 2, Transparenz der 40er-Jahre
In den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts legten gleich zwei Exponenten der Kunst-Avantgarde ein Buch zum Thema der optischen Wahrnehmung vor: 1944 György Kepes mit „Language of Vision“, 1947 Lásló Moholy- Nagy mit „Vision in Motion“. Obwohl sich die beiden Werke hinsichtlich der abgehandelten Themen unterscheiden, zeigt sich die gemeinsame geistige Haltung, die den Büchern zugrunde liegt.
(…vorher) Beide Autoren setzten sich in ausgeprägt wissenschaftlicher Manier mit dem Thema der Kunst auseinander. Kepes, einstiger Mitarbeiter Moholy-Nagy’s in England und später Leiter der Fachabteilung für Licht und Farben am „New Bauhaus“ in Chicago, beschreibt vorwiegend visuelle Phänomene. Grosses Gewicht legt er dabei auf die Klassifizierung und Ordnung der einzelnen bildgestalterischen Werkzeuge. Ebenso bedeutend tritt deren geschichtliche Einordnung hervor, und das daraus abgeleitete evolutive Fortschreiten künstlerischer Methoden. Auch bei Moholy-Nagy sind solche strukturellen Interessen augenfällig. Sein Untersuchungsfeld ist jedoch breiter. Er beschäftigt sich neben der bildenden Kunst auch mit Skulptur, Photographie, Film, Literatur, Design und Architektur. Dies tut er vor allem auch im Zusammenhang mit der Beschreibung von Lehrmethoden, wie sie am Bauhausinstitut zur Anwendung gelangten.
Beide Exponenten versuchen ihre Überlegungen zur kreativen gestalterischen Tätigkeit in einen grösseren Rahmen zu stellen. Beflügelt vom Glauben an eine parallele Entwicklung in Wissenschaft und Kunst, proklamieren sie die Idee einer kulturellen Einheit, die es zu erlangen gilt. Moholy-Nagy schreibt dazu:
“It is the artist’s duty today to penetrate yet-unseen ranges of the biological functions, to search the new dimensions of the industrial society and to translate the new findings into emotional orientation [...] The problem of our generation is to bring the intellectual and emotional, the social and technological components into balanced play; to learn to see and feel them in relationship.” (1)
Und Kepes plädiert:
„Um seine Anlagen voll nutzen zu können, muss der Mensch die Einheit seiner Erfahrung wieder herstellen. Erst dann vermag er die sensuellen, emotionalen und intellektuellen Dimensionen der Gegenwart in einem unteilbaren Ganzen zu begreifen.“ (2)
Den Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart orten die beiden im Prinzip des Sehens in Bewegung, welches Sigfried Giedion kurz zuvor postulierte. Als eine neue Art der Wahrnehmung sei es durch sie möglich Raum-Zeit-Beziehungen zu erfassen, die niemals vorher erkannt worden seien (3). Das Sehen in Bewegung setze die Dinge in Verhältnisse zueinander, wandle Einzelteile in ein Ganzes. Es sei nicht mehr von einer Serie isolierter Phänomene, sondern von der Simultaneität der Dinge auszugehen (4). In diesem Zusammenhang spielt auch die Transparenz eine wichtige Rolle. Sie scheint für die Erzeugung von Simultaneität ein ausgezeichnetes Mittel darzustellen. Überlagerte, durchsichtige Ebenen ermöglichen die zeitgleiche Sicht auf mehrere Gegenstände. Damit ist Transparenz für Kepes und Moholy-Nagy auch keine für sich allein stehende Begrifflichkeit, sondern ordnet sich in der jeweiligen Stossrichtung ihrer Arbeiten ein.
Die Zusammenhänge innerhalb der Theoriegebäude beider Autoren sind aber nicht ganz so geradlinig, wie dies zu Beginn wirken mag. So gilt es zu klären, wie simultane, also gleichzeitige Wahrnehmung für Kepes und Moholy-Nagy entstehen und in welchem Zusammenhang diese zur Wahrnehmung in Bewegung steht. Schliesslich geht es um die Frage, in wie weit diese Themen mit ihren jeweiligen Begriffen von Transparenz zur Deckung zu bringen sind. Der Diskurs, den beide Autoren aufspannen, scheint recht komplex. Viele Begrifflichkeiten stehen nahe beieinander und finden teilweise synonyme Verwendung. Bevor wir aber die Einbettung des Begriffes in sein Umfeld untersuchen werden, konzentrieren wir uns zunächst auf Moholy-Nagy und Kepes Transparenzverständnis selbst. (Weiter bei…)
(1) Moholy-Nagy Lásló, Vision in Motion, Chicago: Paul Theobald and Company, 1956, S. 11
(2) Kepes György, Sprache des Sehens, Mainz: Kupferberg, 1970, S. 12
(3) Kepes György, Sprache des Sehens, Mainz: Kupferberg, 1970, S. 13
(4) Moholy-Nagy, S. 12