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Grenzsanität und grenzsanitarische Kontrollen. Grenzkonstruktion und Grenzpraktiken vom 15. bis ins 20. Jahrhundert (Doppelpanel Teil 1)
Freitag, 5. Februar
10:30 bis 13:00 Uhr
Raum 120
Dieses Doppelpanel untersucht in zwei Veranstaltungen, die sich bezüglich Methodik und Zeiträume ergänzen, auf welche Art sanitarische Massnahmen Grenzen produzier(t)en.
Im ersten Panel wird der Blick auf medizinische Dispositive gerichtet, die wichtig für die Formation, Etablierung und Legitimierung von Grenzen waren (und sind). So riefen Seuchenmassnahmen neue "staatliche" Strukturen ins Leben und es entstanden neue Formen der Grenz- und Migrationskontrolle. Erinnert sei hier an das Aufkommen der Quarantänestationen. Oder auch die Schaffung des Passes lässt sich u.a. auf die in Pestzeiten ab dem 15. Jahrhundert ausgestellten "bolletini di sanità" zurückführen.
In einem länderübergreifen und diachronen Vergleich vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg stehen grenzsanitarische Massnahmen wie Schnabel- und Mundschutzmasken, das Flaggensystem der Schiffsquarantäne, architektonische Raumgestaltung von Sanierungsanstalten und die Schaffung medizinischer Grenzkontrolle im Zeitalter des Protektionismus im Zentrum. Dabei wir der Frage nachgegangen, welche Effekte visuelle und metaphorische Bilder auf die Ausprägungsformen von Grenzsanität hatten: Wurde die Grenze als starres oder flexibles, fixes oder fliessendes Gebilde, als hermetische Abgrenzungslinie oder eher als Filter oder Membran imaginiert und inszeniert? Insbesondere interessiert die Sichtbarkeit der Seuchenabwehr; was für eine Grenzgestalt wird dabei generiert? Hatten die Praktiken der Grenzsanität eine stabilisierende oder destabilisierende Wirkung auf die bereits bestehenden und sukzessiv überlagerten Grenzziehungen? Wie wurde die Grenze im Seuchenmotiv codiert und welche Qualitäten beanspruchte sie für sich? Welche Verschiebungen und Veränderungen sind zu beobachten — und wie funktionierte in den konkreten Grenzpraktiken die Verschränkung von Migration, Militär und Masse, die Kontrolle und Kanalisation von Bewegung?
Das zweite Panel setzt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg an und untersucht den migrationspolitischen Diskurs zu den Zielen und Verfahren der grenzsanitarischen Kontrollen im Gefolge der stark zunehmenden Arbeitsmigration in den wichtigen Ursprungsländern (Italien, Spanien) und den Aufnahme-Staaten (so in der Schweiz, der BRD und in Frankreich). Je nach Staat wurden spezifische Regelungen bevorzugt und das Konzept "Grenze" unterschiedlich interpretiert: von einem strengen Verständnis des Wortes im Folge der genau regulierten, aber problematischen Abfertigungsverfahren an den Schweizer Grenzbahnhöfen bis zu den Kontrollen durch deutsche Ärzte in den Ursprungsländern und nicht eigentlich an der deutschen Grenze.
Mehrere aktuelle Forschungsprojekte befassen sich mit der Infrastruktur an den Bahnhöfen und anderen Transitorten, mit den technischen Bedingungen der medizinischen Untersuchungen (Benutzung von Röntgenstrahlen, Blutproben usw.), den bekämpften Krankheiten (Tuberkulose, Syphilis, etc.) oder mit der administrativen Regelung des Verfahrens beim Grenzübertritt.
Die verschiedenen Phasen der Migrationspolitik müssen dabei berücksichtigt werden, um die Entwicklung der Ziele und Funktionen der ärztlichen Überwachung (Diagnosefunktion, Präventivfunktion) sowie den Umgang mit den Eingriffen in die persönliche Freiheit der Migrantinnen und Migranten differenziert betrachten zu können.
Verantwortung
Moderation
Diskussion/Kommentar
ReferentInnen
Referate
- Schnabelmaske: Sanität, Souveränität, Selektion
- "Ni roce ni mistura" – Weder Reibung noch Vermischung. Isolationsanspruch und Raumkontrolle in der maritimen Quarantäne
- Topographien der "Reinheit": Bakteriologie, Raum und Grenze im Ersten Weltkrieg
- Imaginierte Feinde und reale Grenzen: Die Gründung des Grenzsanitätsdienstes in der Schweiz