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Manchmal stößt man beim Übersetzen auf Rätsel, die lange unlösbar scheinen, bis von unerwarteter Seite Rettung kommt. So erging es mir mit dem Pynchon-Mysterium.
In Isaac Bashevis Singers Roman Shadows on the Hudson steht der Satz: «Dawn is already breaking in Pynchon.»
Die Szene spielt 1948 in New York. Ein Telefongespräch zwischen dem Protagonisten und seiner Geliebten Esther. Beide stammen aus Warschau und leben seit über 20 Jahren in Amerika. Ihre Beziehung ist kompliziert, denn er ist verheiratet und hat kaum Zeit für Esther, will sie aber nicht vollends verlieren und stochert ab und zu in der Asche, um die letzten Fünkchen am Glimmen zu halten.
In einem nächtlichen Telefonat beschwört die melodramatische Geliebte den Mann, augenblicklich bei ihr zu erscheinen – es ist drei Uhr nachts, er befindet sich in Manhattan, sie in Brooklyn –, da sie sich andernfalls vom Balkon zu stürzen gedenke. Er zaudert, wehrt ab, gibt endlich nach und verspricht zu kommen. When? drängt sie und sagt dann diesen mysteriösen Satz: «Dawn is already breaking in Pynchon.»
Pynchon? Thomas Pynchon? Was um alles in der Welt hat Singer mit Thomas Pynchon zu tun? Klar, beide sind berühmte amerikanische Schriftsteller, 1974 erhielten sie gemeinsam den National Book Award. Bloss, Singers Roman spielt 1948, da war Thomas Pynchon elf.
«Dawn is already breaking in Pynchon.» In Pynchon – IN – was Geografisches vielleicht. Also Ortsnamenverzeichnisse wälzen, einmal die Ostküste rauf und runter. Resultat: Es gibt keinen Ort namens Pynchon. Auf der ganzen Welt nicht.
Aber es gibt u-litfor, das kleine Ammenreich der schlauen, hilfsbereiten Übersetzer im grossen World Wide Web. Dorthin wende ich mich, frustriert vom fruchtlosen Recherchieren, und befrage die kollektive Weisheit. Die aber ist sprachlos. Wochenlang. Monatelang. Bis endlich doch ein Mail kommt. Aus Zürich: «Keine Ahnung, was es mit dem Morgengrauen bei Pynchon auf sich hat. Meine Freundin Elfi kennt sich sehr gut mit Pynchon aus, aber ihr fällt dazu auch nichts ein.»
Das erinnerte mich an den jüdischen Witz vom Baron Rothschild, der per Annonce einen Klavierlehrer für seinen Filius sucht. Ein Hausierer kommt zum Palais und wünscht den Herrn Baron zu sprechen. Der Butler fragt, in welcher Angelegenheit, und der Hausierer: «Nu, wegen der Anzeige.“ Der Butler: «Können Sie denn Klavier spielen?» Darauf der Hausierer: «Nu, das nicht, ich wollt dem Herrn Baron bloss sagen, dass er mit mir leider nicht rechnen kann.»
Doch das Mail ging noch weiter: Elfi liess mir ausrichten, ich möge mich an ihren guten Freund AJ Goldberg in Frankfurt wenden. Der sei der Einzige, der so was wissen könne. «Musst aber faxen», schrieb die Zürcher Kollegin, «E-Mail hat er nicht. Man kommt schlecht an ihn ran.»
Natürlich will ich wissen, wer dieser AJ Goldberg sei. Die Antwort passt zu meinem Pynchon-Mysterium: «Das tut nichts zur Sache, fax ihm einfach.»
Nun ist die professionelle Wissbegierde literarischer Übersetzer gemeinhin klar umrissen und jeweils auf eine einzige konkrete Frage beschränkt, deren heiss begehrte und nicht selten unter unsäglichsten Mühen zu Tage geförderte Lösung wir, bis das Buch erschienen ist, längst wieder vergessen haben.
Ich liess also das AJ-Goldberg-Mysterium auf sich beruhen und schickte dem grossen Unbekannten ein höfliches Fax. Binnen weniger Minuten war das Pynchon-Mysterium gelöst – selbstredend per E-Mail.
«Offenkundig ein Fehler des englischen Übersetzers des jiddischen Originals», las ich. «Die hebräischen Buchstaben ו (waw) und נ (nun) sehen einander sehr ähnlich und sind leicht zu verwechseln. Der Satz muss richtig heißen «Dawn is already breaking in Pińczów» – oder auf Jiddisch: «’In Pintschew tugt es.’ Näheres erfahren Sie beim ‚alten Bernstein’. Sollte ich Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein können – Sie wissen ja jetzt, wie Sie mich erreichen – viele Grüsse, AJ Goldberg.» Unnötig zu sagen, dass ich auf dieses grosszügige Angebot später noch des öfteren zurückkam und AJ Goldberg für manche wertvolle Auskunft zu danken habe.
Der ‚alte Bernstein’ lag natürlich während der Arbeit an Schatten über dem Hudson stets griffbereit auf meinem Schreibtisch: Ignaz Bernstein: Jüdische Sprichwörter und Redensarten. Warschau 1908. Tatsächlich. Unter Pińczów fand ich dort «In Pintschew tugt es» und dazu folgende Anekdote:
In einem Dorf unweit von Pińzów ging einmal an einem Sommersabbat abends einer Familie das Licht aus. Man schickte den kleinen Sohn nach dem benachbarten Pińczów, um dort welches zu holen. Aber der Kleine vergass seinen Auftrag und kam nach einer Weile ohne Licht wieder heim. Als man ihn fragte, wieso er kein Licht mitgebracht habe, redete er sich heraus ‚In Pińczów wird’s schon hell!’
«Das Sprichwort», so Ignaz Bernstein, «wird oft beim Kartenspiel gebraucht, wenn man einen zaudernden Spieler auffordert, die Karte schneller auszugeben, weil es sonst zu spät werden wird.»
«In Pintschew tugt es» – genau das sagt die frustrierte Frau in Singers Urtext zu ihrem unentschlossenen Geliebten auf sein beschwichtigendes «Warte, Esther, ich komme.»
«Und wann?» ruft sie in meiner Übersetzung. «In Pińczów tagt es!»
Warum in der deutschen Ausgabe nicht «In Pintschew tugt es!» steht? Vielleicht ergibt sich ja mal eine Gelegenheit für einen kleinen Text zum Thema: «Meine ärgerlichsten Erlebnisse mit Lektoren.»
Ach, übrigens: Normalerweise mache ich keine Sekundärübersetzungen, aber Singer, ein Autor den ich seit Jahrzehnten verehre, hat selbst verfügt, dass die englischen Übersetzungen seiner auf Jiddisch verfassten Manuskripte als Originale zu betrachten seien.
Und noch was: Ich kenne Pińczów. Ich habe dort sogar mal eine ganze Nacht lang auf dem Bahnhof gesessen und auf einen Zug gewartet, damals, als Polen für die Ostdeutschen noch das Hauptreiseland war und ich meine Ferien oft in den rauhen östlichen Beskiden verbrachte. – Ich liebe unseren Beruf.