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In Tadschikistan, dem ärmsten Land Zentralasiens, hat die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasser — und das, obwohl es ein wasserreiches Gebiet ist. Chronische Übernutzung, Armut, ungleiche Verteilung, Interessenskonflikte und der Klimawandel sind die hauptsächlichen Ursachen dafür. Zum Weltwassertag am 22. März werfen wir einen Blick auf die jahrzehntelang brodelnden Konflikte um die kostbare Ressource.
Interessenskonflikte
Während die wasserreichen Staaten Tadschikistan und Kirgisistan am Oberlauf der Flüsse Syr Darja und Amu Darja das Wasser vorwiegend zur Energieproduktion für Heizstrom im Winter nutzen, benötigen die am Flussunterlauf liegenden Staaten Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan das Wasser hauptsächlich zur landwirtschaftlichen Bewässerung im Sommer. Die Kanalsysteme und Stauseen wurden zu Sowjetzeiten als Megaprojekte errichtet; damals dachte man noch nicht an einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. So verdunstet ein erheblicher Anteil des Wassers in den offenen Kanälen. Zudem versickert aus den schlecht gewarteten Anlagen Wasser in das Erdreich. Einwohner eines Dorfes nahe eines Stausees in Kirgistan berichteten, dass der Boden unter ihren Grundstücken feucht sei und ihre Hauswände aus Lehm verfaulten, während sie sauberes Wasser nur in einer zentralen Entnahmestelle im Dorf bekämen.
Jeder für sich
Zu Zeiten der Sowjetunion bestimmte Moskau, wie das kostbare nasse Gut genutzt wurde. Die Landwirtschaft war König und die Kraftwerke in Tadschikistan spielten daneben bloss die zweite Geige: Das Wasser wurde im Sommer talwärts geschickt. Als Ausgleich erhielt Tadschikistan von seinen Nachbarn billige fossile Brennstoffe zum Heizen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 mussten die Staaten alleine zurechtkommen. Doch die Zentralregierungen von Kirgistan und Tadschikistan vernachlässigten ihre abgelegeneren Region in den vergangenen Jahrzehnten; Gelder für die Instandhaltung und Entwicklung der Infrastrukturen versickerten in Korruption. Alle handelten nach dem Motto „Jeder für sich“, wodurch das Konfliktpotenzial immer weiter hochgeschaukelt wurde.
Zusätzlicher Druck durch Klimawandel
Ein grosser Teil der Wasserzuflüsse stammt aus dem Tian Shan, einem ca. 2’000 Kilometer langen Gebirgszug, der wegen seiner vielen Gletscher und deren Bedeutung für die Wasserführung der Flüsse auch als "Wasserschloss Asiens" bekannt ist. Die Gletscher des Tian Shan tragen einen erheblichen Teil zu den Süsswasserressourcen im trockenen Sommer in Zentralasien und Westchina bei. In gewissen Gebieten stammen bis zu 80% des Wasservorkommens aus den Gletschern des Tian Shan. Doch wie überall in der Welt schmelzen auch die Gletscher in Zentralasien als Folge des Klimawandels. Damit steigen die Gefahren von Dürren und extremen Wetterlagen – und der Verteilungskämpfe um die wertvolle Ressource.
Kämpfe entfachen
2021 trat das ein, was lange Zeit befürchtet wurde: Ende April brachen im Grenzgebiet zwischen Tadschikistan und Kirgistan heftige Kämpfe aus. Zum ersten Mal seit Ende der Sowjetunion standen sich in Zentralasien Armeen zweier Staaten in Kampfhandlungen gegenüber. Auslöser war ein Streit um die Nutzung der ehemals sowjetischen Wasserverteilungsanlage Golovnoi am Fluss Isfara. Die Staatschefs beider Länder vereinbarten schnell einen Waffenstillstand und sprachen sich für eine friedliche Beilegung aus. Die russische Regierung und die EU sagten Unterstützung dafür zu.
Internationale Hilfsprojekte mit mässigem Erfolg
In den vergangenen Jahrzehnten liefen mehrere internationale Bestrebungen, die die Wasserversorgung in der zentralasiatischen Region verbessern sollen. Die Wasserversorgung in Zentralasien ist auch weiterhin ein Fokus des 10-jährigen Wasserprogramms «International Decade for Action on Water for Sustainable Development 2018-2028» der Vereinten Nationen. Die Versorgung soll durch die Reparatur und den verbesserten Unterhalt der Anlagen verbessert und die Verschmutzung von Quellen und Grundwasser durch eine effiziente Abwasserentsorgung vermieden werden. Zugleich sollen das Bewusstsein für die Ressourcenknappheit unter den Menschen vor Ort gestärkt und das Wissen über neue Technologien verbreitet werden. Die Erfolgsbilanz ist bislang mager.
Auch die Direktion Entwicklung und Zusammenarbeit Schweiz DEZA ist mit dem Projekt «Safe Drinking Water and Sanitation Management in Tajikistan» - unter Beteiligung einer Experten-Fachgruppe von Aqua Viva – involviert. Auch dieses Programm – das diesen Monat in die nächste Phase übergeht – stiess auf verschiedene Hindernisse.