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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XVIII. Rede
29.
Was wirkte nun der, welcher der Gott jener Nacht und der Gott des Kranken war? Schauer ergreift mich, wenn ich die folgenden Ereignisse erzähle. Schauer soll auch euch, wenn ihr davon hört, erfassen, nicht jedoch Unglaube, den meine Erzählung nicht verdient. Die Zeit des Gottesdienstes, das feierliche Stehen und der Akt, der für das Mysterium Schweigen verlangt, waren gekommen, da wurde er von dem, der die Toten zum Leben erweckt, in der heiligen Nacht hergestellt. Zunächst bewegte er sich nur ein wenig, bald lebhafter. Schließlich rief er einen anwesenden Diener mit Namen, allerdings noch ganz leise und mit schwacher Stimme, und forderte ihn auf, zu kommen, ihm seine Kleider zu bringen und ihm behilflich zu sein. Dieser trat verwundert vor ihn und bediente ihn [S. 376] bereitwillig. Der Vater aber ließ sich von den Händen stützen wie Moses auf dem Berge1, streckte die müden Hände zum Gebete aus und vollendete in Geistesfrische mit dem Volke, bzw. für dasselbe das heilige Geheimnis mit zwar wenigen, seinem Zustand entsprechenden Worten, jedoch gewiß mit vollständiger Aufmerksamkeit. Ein Wunder! Ferne dem Presbyterium war er doch in demselben; obwohl er nicht am Altare war, opferte er; er war Priester, trotzdem er ferne den Geheimnissen weilte. Der Heilige Geist hatte ihm dies alles vergegenwärtigt; er schaute es, während die Anwesenden nichts davon merkten. Er fügte sodann noch die üblichen Danksagungsgebete bei, sprach den Segen über das Volk und legte sich wieder zur Ruhe. Nachdem er noch etwas Nahrung zu sich genommen und geschlafen hatte, erholte er sich. Die Gesundheit hatte sich bereits mehr und mehr gefestigt, da kam das sog. „Neue Fest“2, der erste Sonntag nach Ostern. Er begab sich in die Kirche, erneuerte mit der ganzen Gemeinde die Erinnerung an die Erlösung und brachte das Danksagungsopfer dar. Was der Vater erlebte, scheint mir nicht geringfügiger zu sein als das, was Ezechias schauen durfte3. Da dieser in seiner Krankheit gebetet hatte, verherrlichte ihn Gott durch Verlängerung seines Lebens, was er dadurch andeutete, daß er mit Rücksicht auf das Gebet des Genesenen den Schatten der Sonnenuhr zurückgehen ließ. Er zeichnete den König aus sowohl durch die Gnade (des langen Lebens), als auch durch das wunderbare Zeichen; durch Verlängerung des Tages bestätigte er die Verlängerung des Lebens.
1: Während des Kampfes gegen die Amalekiter.
2: καινὴ ἡμέρα τῆς ἑορτῆς [kainē hēmera tēs heortēs].
3: 4 Kön. 20, 9 ff. [2 Kön. nach neuerer Zählart]. Is. 38, 8.