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Ersteigung des Muot da Palü
391212,044 Par.F.
Albert Wachtier.
Von
Als ich im Jahre 1867, begünstigt vom herrlichsten Wetter, auf Piz Morteratsch den gewaltigen Berninastock mit seiner massigen Eisbildung und seinen imposanten Hochspitzen sah, da wurde in mir der Wunsch lebendig, im künftigen Jahre wiederzukehren und irgend eine grössere Tour in diesem herrlichen Gebiete zu unternehmen.
Meine Wahl fiel auf Piz Palü, dessen höchste Spitze, wie es hiess, noch unerstiegen war * ). Ein Kollege vom
* ) Bei den zahlreichen Kreuz- und Querfahrten, welche seit einigen Jahren Touristen aller Nationen während der Saison fast täglich in der Berninagruppe vorzunehmen pflegen, ist die Kontrole über die ersten Besteigungen einzelner Spitzen um so schwieriger geworden, als theils die Ersteiger oft sammt ihren Führern einen andern Rückweg nehmen, ohne weiter etwas von sich hören zu lassen, theils die Nomenklatur der einzelnen Gipfel noch keineswegs allgemein gültig feststeht.
Dies ist auch beim Palü der Fall. Zum Palüstocke gehören eigentlich drei Gipfel, von denen in der Regel nur der östliche, die bekannte imposante Firnpyramide, « Piz Palü » genannt wird. Diese wurde zum ersten Mal am 24. Juli 1864 von Buxton Houssey und Gefährten unter Führung von Jenny, Flury und Walther in dichtem Nebel und seither wiederholt erstiegen. ( Die im I. Bde. unseres Jahrbuches S. 561 gemeldete angebliche erste Besteigung erwies sich als eine Fabel. ) Die benachbarte mittlere Spitze wird im Engadin gewöhnlich « Muot da Palü » genannt, und ist etwas höher als der Piz Palü, den man früher Schweizer Alpenclub.16
österreichischen Alpenverein, Hr. Wallner aus Wien, und ein junger, kräftiger Nürnberger, Hr. Georg, boten mir ihre Gesellschaft an.
Unser gefälliger Wirth, Hr. Enderlin, besorgte uns zwei rüstige Führer, die Brüder Hans und Christian Grass aus Pontresina, wackere Burschen mit kräftigem Aeussern und männlichem Ernste, und so machten wir uns am 21. Juli ( 1868 ) Nachmittags, versorgt mit allem Nöthigen an Geräthschaften und Proviant, in froher Stimmung und mit dem herzlichen „ Glück auf " der Enderlingäste auf den Weg zur Bovalhütte.
Der Weg zieht sich über Gerolle, magere Alpengründe und an der linken Seitenmoräne des gewaltigen Morteratschgletschers an der Berglehne hindoch kam bald unser Operationsobjekt, der Piz Palü mit seinen furchtbaren Gletscherabstürzen, in Sicht, und freudige Sehnsucht nach jenen luftigen Höhen beflügelte unsere Schritte.
In jener öden Wildniss am Fusse der fast senkrecht abfallenden Felswände des Piz Morteratsch und Piz Tschierva, zwischen gewaltigen Felsblöcken gleichsam Schutz gegen die sie überall umgebenden Gefahren suchend, steht die Bovalhütte. Die Nacht war bereits
irrthtimlich für die höchste Spitze hielt. Hr. Wachtier ( Mitglied der Sektion St. Gallen ) und seine Gefährten, welche alle drei Gipfel bestiegen, konnten glauben, dass sie die Ersten auf der wirklich höchsten gewesen seien, da von einem frühern Besuche in Pontresina nichts bekannt geworden. Auf angestellte Nachforschungen hin erfahren wir indessen, dass zwei Engadiner Führer schon im Jahre 1866 mit Engländern die höchste Spitze besucht haben wollen, freilich ohne dass davon ein Denkzeichen aufzufinden gewesen wäre. Der dritte Gipfel, den man allenfalls zum Palüstocke rechnen mag, ist der westlichste und führt ziemlich allgemein den Namen « PLz Bella Vista ». A. d. E. hereingebrochen und Hans Grass, der Hauptführer, empfahl uns, mit der Zeit möglichst zu Ökonomisiren, da wir künftigen Tages sehr zeitig uns auf den Marsch machen müssten.
Bei spärlichem Feuer und mit sehr primitiven Kochapparaten bereitete er noch eine trefflich schmeckende Weinehocolade. Und nun noch einen Blick auf die in erdrückender Nähe aufsteigenden, in dunkle Nacht gehüllten, gigantischen Bergformen — dann empfahlen wir uns der Fürsorge des Allmächtigen und streckten uns auf 's Lager zu kurzer Ruhe.
Ich befand mich im Traume bereits in schwieriger Situation auf den schwindelnden Höhen des Palü, als Grass, dessen ersten Morgengruss wir wahrscheinlich überhört, eine handgreifliche Wiederholung seiner Belebungsversuche mit solchem Nachdrucke machte, dass wir insgesammt gleich gehetztem Wilde vom Lager aufschreckten. Das Frühstück, die bei uns in gutem Andenken stehende Wein chocolade, war bereits fertig, und schon früh 2V2 Uhr brachen wir zu unserm schwierigen Tagewerke auf.
Ueber die gewaltigen Schutthalden der den hohen Felswänden des Piz Morteratsch entrollten Felsblöcke führte anfangs unser Weg, und die fast noch vollständige Dunkelheit machte denselben beschwerlich; wir sahen jedoch bald ein, dass es gerathener sei, den hier ganz kompakten Gletscher zu betreten, dessen glückliche Beschaffenheit unser Vorwärtskommen sehr begünstigte.
Der junge Tag sandte uns bald seinen ersten Morgengruss und mit jedem Schritte entfaltete sich die Grossartigkeit der Umgebung majestätischer.
Nach einer Wanderung von einer Stunde hatten wir den hintersten Thalgrund des Gletschers erreicht. Ein prachtvolles Bild fesselte hier das Auge. Seine Zuflüsse dem im Morgenroth strahlenden Piz Bernina, Piz
16* Zupo und der westlichen Palüflanke sammelnd, steigt der gewaltige, furchtbar zerklüftete Morteratschgletscher zu Thal und gewährt hier einen fast überwältigenden Anblick.
Wir banden uns an die Stricke, und nun galt es Ernst. Hans Grass schritt voran, mit kundigem Blicke und ruhiger Ueberlegung überall Rath und Ausweg findend in dem unermesslichen Chaos von Eisspalten und Gletschertrümmern jeglicher Art. So ging 's mitten durch, bald kletternd, bald springend, und wenn jede Terbindung fehlte, auf schnell improvisirten Stufen in den tiefen Grund einer Gletscherschlucht steigend und den entgegengesetzten hohen, steilen Rand wieder emporklimmend.
Nach langer, mühevoller Wanderung erreichten wir endlich die Kammhöhe von Bella Vista. Es war 8 Uhr. Der Gletschersturz hatte ohne Aufenthalt volle 4^2 Stunden in Anspruch genommen.
Ein gewaltiges Firnplateau lag nun vor uns, an dessen Umsäumung Piz Zupo, Cresta Güzza und Piz Bernina fussten, während von unserm Standpunkte aus in südöstlicher Richtung ein scharfgeschnittener, beeister Grat zur westlichen Palüspitze emporstieg, und der imposante Morteratschgletscher zu unsern Fussen lag, dessen wild aufgeregte Wogen erst im tiefen Thalgrund wieder zur Ruhe kommen.
Vorsichtig und bedacht, aber vollkommen sicher bahnte uns Grass den Weg, häufig auf der äusserst scharfen Kante mit dem Beil den Fusstritt markirend. Der Weg wurde immer steiler und fiel beiderseitig beinahe senkrecht ab, so zwar, dass wir nur selten den Stock einsetzen konnten. Ein unbefangener Zuschauer hätte uns vielleicht für eine Seiltänzergesellschaft gehalten, welche mit der Balancirstange Studien macht. Noch wenige Schritte und die Spitze ist erreichtdoch spiegelglatt blinkt uns das nackte Eis entgegen.
Die Stufen wurden sorgsamer gemacht, der Fuss vorsichtig, aber fest eingesetzt, und wenige Minuten später war die Spitze genommen.
Nur die ersten Zwei fanden Raum auf derselben; die Uebrigen mussten entsprechend tiefer auf dem steil abfallenden Kamm in den Stufen stehen bleiben.
Der Standpunkt war nicht sehr behaglich, und da unser Ziel, die durch eine ziemliche Einsattelung getrennte, gerade vor uns aufsteigende höchste Hauptspitze ( Palü Muotas ) war, so entschlossen wir uns, ohne Aufenthalt vorzurücken. Ich hatte in Pontresina einige gefärbte Kattun-tücher mit der Bestimmung gekauft, selbe im Falle des Gelingens als Signale auf die drei Palüspitzen zu pflanzen. Die Fahne wurde befestigt und dann rasch der etwas bedenkliche Weg zur Einsattelung hinuntergeschritten. Der Uebergang zeigte sich schwierig und erforderte grosse Vorsicht. Zwar senkte sich der Grat nur allmälig, aber ganz scharfkantig und beeist, an vielen Stellen mit überhangenden Schneegwächten gekrönt, deren trügerische Tragkraft nicht erprobt werden durfte. Häufig ballte sich, von der Sonne erweicht, unter den Fusstritten unseres Vormannes Grass der abfallende Schnee und fiel in Staubwolken zerstäubend mit Getöse in die grauenvolle Tiefe. Es war eine gewaltige Schwindelprobe, und jeder Fehltritt musste verderblich werden. Grass empfahl uns daher, unsere ganze Aufmerksamkeit zu konzentriren und unverwandten Blickes in seine Stufen zu schauen. Langsam und bedacht, jeden Schritt sondirend, rückten wir vor, immer näher dem Ziele, das uns bald entschädigen sollte für alle Anstrengung und Gefahr.
.Nämlich P. Bella Vista.A. d. R. Der scharfe Grat verflachte sich allmälig zu einem steilen Kegel, auf dem wir schneller vorrückten, und bald befanden wir uns auf dem Haupte des mächtigen, nie betretenen Bergriesen.
Wenngleich Keiner von uns sich zaghaft zeigte, so gestanden wir uns doch gegenseitig, herzlich froh zu sein, den schauerlichen Kamm hinter uns zu haben.
Imposant und über Alles erhaben war der erste Anblick. Wo soll ich beginnen, ein schwaches Bild all' des Schönen zu entwerfen, das unser Auge entzückte? Rings um uns her kalter Winter, mächtige, furchtbar zerklüftete Gletscher mit gähnenden Schrunden, dort scharf umrandet am tiefen Blau des Himmels kühn ansteigende, in weissen Schneemantel gehüllte Bergkolosse, in weiteren Kreisen bis zum entferntesten Horizonte ein Meer von Bergen im herrlichsten Sonnenschmucke!
Stolz und majestätisch sein Schneehaupt gegen den Himmel hebend, erglänzt der gewaltige, Alles beherrschende Piz Bernina, in weiten Bogen umgeben von einem Kranze von Hochspitzen, in seiner Eiswelt. Links südwestlich über dem uns wohlbekannten Grat und der demüthig gebeugten vordem Spitze erhebt sich die aus weitem Firnmeere beinahe senkrecht aufsteigende Felspyramide der Cresta Güzza und der auf den gewaltigen Schultern des schönen Palü- und Fellariagletschers ruhende Piz Zupo. Südlich Munt Rosso und der ganz beeiste, prächtig schimmernde Pizzo di Verona; nördlich vom Bernina der Piz Morteratsch, die schneeweisse Tschierva und weiterhin der bedeutend niedrigere Piz Calchang; östlich die dritte Palüspitze und der tief begletscherte Piz Cambrena.
Folgen wir dem Blicke in weitere Kreise, so imponirt uns wohl am meisten der über dem Thalzuge des wilden Val di Campo und Val Viola sich erhebende gewaltige Stock des Ortler mit seinen Gletschern und charakteristischen Felsenich erkannte darunter so manchen alten Bekannten aus der Heimath.
Mehr südwärts, der flachen Abdachung gegen Italien sich nähernd, über den Wald- und alpenreichen Veltliner Bergen starrt uns noch einmal kalte Gletscherwelt entgegen. Es ist dies der die Grenze zwischen Tirol und dem Val Camonica bildende Adamello mit seinen Trabanten; darüber hinaus in weiten Bogen südöstlich ziehend die Dolomitkolosse Südtirols, dem Brentastocke, der Marmo-lata- und Schierngruppe angehörend. Südlich schweift der Blick über die üppigen, sich allmälig verflachenden Veltlinerberge und die kräftig markirte Thalfurche der Adda hinaus den freundlichen Gefilden des lombardischen Hügellandes zu und verliert sich im Dunste der Ebenen. Im Südwesten starrte, in massigem Aufbau gewaltig aus dem Malencothaie aufsteigend, der imposante Monte della Disgrazia und drüber hin, theilweise in Wolken gehüllt, erglänzten die Walliser und Berner Eiskolosse.
Mit unsäglichem Behagen ruhte das Auge auf dem schönen Thalgrunde von Samaden, der, den freundlichen, einzig sichtbaren Ort zwischen lachenden Fluren und im saftigsten Grün seiner Wiesen zeigend, gewaltig kontrastirte zu dem im Vordergrunde stehenden Morteratschgletscher mit seinen geborstenen Eismassen; darüber hinaus der prächtig gipfelnde Piz Linard und die Silvrettagruppe mit dem hohen Grenzgebirge Vorarlbergs.
Wir befanden uns bereits 1 % Stunden auf der Spitze unser Mundvorrath war nahezu zu Ende, und die Sonne, zwar noch hoch am Himmel, mahnte uns zum Aufbruche; denn wir hatten noch die dritte ( östliche ) Palüspitze zu nehmen und den weiten Weg über den furchtbar zerklüfteten Morteratsch- und Diavolezzagletscher vor uns.
Ein Felskamm am Südabhang der Spitze lieferte uns Baumaterial zu einer Pyramide, die schnell zur Höhe von 4'heranwuchs. Auf ihren Gipfel pflanzten wir eine Fahne, und in ihrem Innern deponirten wir eine leere Flasche mit unsern Namen zum Andenken und zur Legitimation der ersten Ersteigung. Wir waren bereits an das militärische Kommando unsers bewährten Führers gewöhnt und sammelten uns daher schnell, als dieser zum Aufbruch mahnte.
Es galt nun der dritten, östlichen Palüspitze.
Zu unserer nicht grossen Freude bemerkten wir abermals einen schneidigen, in schauerliche Untiefen steil abfallenden Grat, und Grass lispelte uns gleich Anfangs mit dem ganzen Wohlklang seiner Stimme die Worte zu: „ Courage, meine Herren! Keinen Blick aus den Stufen!«
So ging 's nun vorsichtig, jeden Schritt sondirend, langsam vorwärts, bis wir an eine Stelle des Grates kamen, wo einige lose Felsblöcke den Firn überragten. Grass blieb plötzlich stehen und fragte uns mit Lächeln, ob wir den Weg kennen lernen wollen, der von unserm Standpunkte aus in zwei Minuten zur Isla Pers führt. Bei diesen Worten löste er einen mächtigen Felsblock und liess ihn über die 3000'tiefe Eiswand in den offenen Kachen einer Gletscherkluft hinunterdonnern.
Langsam gings nun Schritt für Schritt vorwärts, bis wir endlich die Spitze erreichten.
Die Ueberreste eines Steinmännchens und eine mit Papierstreifen gefüllte Flasche konstatirten hier die Anwesenheit früherer Besucher. Die östliche Spitze bot wenig Bemerkenswerthes, da die vielhöhere mittlere Hauptspitze Vieles verdeckte. Es war uns daher nach kurzer Rast Allen sehr gelegen, als Grass zum Aufbruch rief.
Er meinte, dass, wenn wir nicht Glatteis vorfänden, das Hinuntersteigen auf dem ziemlich breiten, aber stark geneigten Grat zur Cambrena-Kammhöhe uns keine sonderlichen Schwierigkeiten machen würde.
Leider aber kam es anders, und beim Absteigen fanden wir auf wenigstens zwei Drittheilen unsers Weges spiegelglatte Eisflächen. Es war eine mühselige Hackarbeit und ein langsames Vorrücken; doch endlich war auch diese Schwierigkeit glücklich überwunden, und zu unsrer Freude erreichten wir Alle ohne Unfall die Cam-brena-Kammhöhe, womit der lange, schwierige Gratübergang endete.Von der Kammhöhe von Bella Vista über die drei Palüspitzen sind wir, den Aufenthalt auf der Hauptspitze abgerechnet, volle vier Stunden gegangen, und zwar ohne Unterbrechung auf dem scharfen, furchtbar steil abfallenden Grate. Die Ersteigung der ersten östlichen Spitze erforderte l"tys Stunden, von dort zur Hauptspitze eine Stunde, zur dritten weitere 50 Minuten und endlich der Abstieg dU Stunden.
Wenngleich der in mächtigen Terrassen abstürzende, gewaltig zerrissene Palü- und Cambrenagletscher, durch dessen Labyrinth wir uns einen Pfad zum tiefergelegenen Morteratschgletscher suchen mussten, noch manche Schwierigkeit bieten konnte, so glaubten wir doch insgesammt, dass selbe in keinem Verhältnisse zu den bereits überwundenen stünden, und darum beschlossen wir, hier behaglich auszuruhen und den kleinen Rest unseres Mund-vorraths zu verzehren. Grass erzählte uns höchst amüsante Episoden aus seinen frühern Gletscherfahrten, während wir auf weichem Schnee gebettet eine Cigarre schmauchten^
Von der Kammhöhe fiel ein äusserst steiles Firnpia- teau zu einer ziemlich ausgedehnten, flachen und wenig zerklüfteten Terrasse ab, die 7- bis 800 Fuss tief vor uns sich ausbreitete.
Mir schien der Punkt sehr geeignet zum Abfahren, und da Grass auf unsere Anfrage nach einigem ITeberlegen zustimmend antwortete, setzten wir uns sofort in Position. Wir waren noch immer am Stricke; den Zug eröffnete Grass, dann kam Herr Georg, nach diesem ich, endlich Herr Wallner und der zweite Führer Christian Grass. Nachdem sich unser Anführer überzeugt, dass wir Alle Stellung und Distanz genommen hatten, kommandirte er „ Stock einsetzen und fertig, " und nun fuhren wir mit Blitzesschnelle zur Tiefe. Wir mochten ungefähr 60—70 Schritte abgefahren sein, und ich und meine beiden Nachmänner hatten trotz der rasenden Schnelligkeit vollkommen sichere Richtung und Distanz behalten, da bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass unser Vordermann Grass sehr unsichere Fussbewegungen machte, und dabei mit seinem Stocke mit ungeheurer Anstrengung bald nach rechts, bald nach links lavirte. Gleichzeitig kam sein Nachmann Herr Georg ganz ausser Fassung und baumelte mit den Fussen nach aufwärts. Im nächsten Augenblicke waren beide ein Knäuel, sich fest im Schnee vergrabend, und nur auf Momente einzelne Körpertheile zeigend.
Noch ehe ich Zeit hatte, mich von meinem ersten Erstaunen zu erholen, kam die Tour an mich. Wellenförmig hob sich der Boden unter mir; ich fühlte nun wohl, dass es jetzt galt, Geistesgegenwart zu behalten; denn das ganze Firnfeld um uns war in Bewegung. Ich hörte noch einen Schmerzensruf des Herrn Wallner; dann ward ich plötzlich willenlos fortgerissen, mich beständig mit dem abrutschenden Schnee überstürzend, meist unter demselben, auf Momente dann wieder an dessen Oberfläche.
Es war eine verdammte Situation; ein dumpfes, unheimliches Rauschen begleitete unsere wilde Fahrt.
Ich drehte mich gleich einem Rade, meist unter Schnee, und gewahrte endlich zu meiner grossen Freude, als wir festfuhren, dass ich Kopf und einen Arm frei hatte. Grass und Herr Georg, sich gegenseitig unterstützend, kamen langsam an die Oberfläche; doch von Herrn Wallner und Christian Grass war nichts zu sehen. Ersterer hob endlich maulwurfartig die ihn umgebende Schneedecke, und kroch, nach Luft schnappend, an 's Tageslicht. Christian Grass, den ich gleich den Andern in unmittelbarer Nähe suchte, erblickte ich endlich einige hundert Schritte von uns entfernt im steil abfallenden Firnfeld; derselbe hatte nämlich gleich Anfangs mit richtigem Blicke die ganze drohende Gefahr errathen, und mit aller Kraft gegen die Gewalt der Lawine gekämpft. Als Letzter war er Anfangs noch nicht im Bereiche derselben, und glaubte, mit übermenschlicher Kraft dagegen arbeitend, auch uns noch zurückhalten zu können; doch plötzlich brach, in Folge der äussersten Spannung des Strickes, sein bewährter, vollkommen solider Leibgurt mitten entzwei, und, während wir nun ohne Halt mit der Lawine fortstürzten, blieb er ausser dem Bereiche derselben zurück. Unser Glück wollte es, dass die durch frühere Lawinenstürze häufig weggefegte Schneedecke schwach war und dass der Lauf unserer Lawine auf halber Höhe durch alten Lawinenschutt gebrochen wurde.
Nach einiger Zeit waren wir wieder Alle beisammen und überzeugten uns, dass wir mit Ausnahme von einigen Hautverletzungen keinen Schaden erlitten. Nur Grass hatte am Fussgelenke Schaden genommen, und, was ihn noch
mehr schmerzte, seinen unentbehrlichen Stock mit Hackbeil verloren.
Der wortkarge Mann erklärte uns, dass es ihm, falls wir diesen nicht fänden, nicht möglich sei, uns über den gewaltig zerklüfteten Gletscher zu führen.
Nun wurde energisch Jagd auf den unentbehrlichen Stock gemacht. Die Lawine, die wir durch unser Abrutschen in Bewegung setzten, stand in einer Breite von circa 30'und einer Länge von circa 100'fest. Wir hatten nichts als unsere Bergstöcke, mit denen wir der ganzen Breite nach Querdurchschnitte in den Schnee machten, eine sehr ermüdende Arbeit nach einem so angestrengten Tagmarsche; doch trotz allen Eifers und aller Beharrlichkeit, mit der wir über eine Stunde lang suchten, war nichts zu finden, und wir mussten uns somit entschliessen, ohne den magischen Stock unsre gefährliche Wanderung fortzusetzen.
Mit bewunderungswürdigem Takte und grösser Terrainkenntniss führte uns Grass durch die wild aufgethürmten Gletschertrümmer, bis wir endlich an dem Rande einer kolossalen Gletscherspalte anlangten, die sich quer über den Gletscher zog und der jede Verbindung nach unten fehlte. Ueber eine Stunde versuchten wir erfolglos, sie nach rechts und links zu umgehen oder eine Ueber-brückung zu finden; überall klaffte uns der tiefe, mit Eistrümmern gefüllte Grund mit glatten, fast senkrecht abfallenden Seitenwänden entgegen.
Nachdem sich nun Grass von der Unmöglichkeit einer Umgehung überzeugt hatte, fasste er einen raschen, verwegenen Entschluss, der uns gewaltig stutzen machte. Er wollte nämlich uns vom Stricke losbinden und einzeln über die glatte Eiswand hinuntergleiten lassen. Unser Seil hatte eine Länge von 90 ', reichte jedoch nicht ganz bis auf den Grund der Schlucht; es musste daher der Strick durch den Leibgurt gezogen und das Ende desselben mit den Händen gehalten werden.
Einer nach dem Andern wurde auf diese Art hinabgelassen und musste zuletzt, um den Boden zu erreichen, einen Sprung von 6—8'machen, bis endlich noch Hans Grrass als der letzte die glatte Eiswand ohne Strick noch Hacke zu passiren hatte. Ich war darauf äusserst gespannt; denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie und wo er festen Fuss fassen konnte. Er löste jedoch seine schwierige Aufgabe glänzend. Katzenartig kletternd, bei jedem Schritte durch kräftige Fussschläge sich zweifelhaften Halt schaffend, kam er bis zur halben Höhe der Eiswand. Nun wurde es aber vollends unmöglich, weitere Anhaltspunkte zu finden, da die Eiswand spiegelglatt und fast senkrecht abfiel. Sein Entschluss war kühn und schnell gefasst. „ Habt Acht und fangt mich aufBei diesen Worten liess er sich plötzlich fallen und im nächsten Augenblicke war er in unserer Mitte.
Seinem G esichtsausdrucke nach zu urtheilen, hatte er sich auf den scharfkantigen Eisblöcken jedenfalls nicht sehr weich gebettet; doch hatte er keinen merklichen Schaden genommen, und schnell war er wieder auf seinem Platze als Yormann und drängte zum Vorwärtsgehen.
Jetzt ging 's noch 100'tief über Eistrümmer und Lawinenschnee hinunter zum eigentlichen Grund der Schlucht. Krystallhelle, bläulich schimmernde Eiswände von kolossaler Höhe umgaben uns, hier sich oben wölbend, dort getragen von riesigen Eissäulen; dazu das Plätschern der Schmelzwasser und das dumpfe Krachen der einstürzenden Eisnadeln, die zweifelhafte Sicherheit in diesem riesigen Eispalaste — ich staunte über die Wunder die- ses Gletseherschrundes;
aber kalter Schauer fuhr mir durch alle Glieder.
" Wie nun wieder hinaus aus diesen fürchterlich unheimlichen Räumen, war die Frage, die wir nicht ohne Bangigkeit stellten. Lange krochen wir mühsam in der rauhen und trümmergefüllten Eisschlucht und lautlos und ängstlich rückten wir vor.
Endlich sahen wir, dass die Richtung der Schlucht entschieden dem tiefer gelegenen Gletscher zuneigte; dies ermuthigte uns, und rascher, als wir es dachten, kamen wir an eine Stelle, wo das eingestürzte Eis und der zusammengewehte Schnee bis an den Rand reichten. Mit klopfendem Herzen und fast stürmischen Schrittes kletterten wir empor und hatten endlich wieder das Gletscherplateau erreicht.
„ Das war eine verdammte Tour, doch haben wir Glück gehabt, " meinte Grass im Vorwärtsgehen auf dem zerklüfteten Morteratschgletscher, allmälig die Richtung gegen den Pers- und Diavolezzagletscher einschlagend.
Allgemeine Heiterkeit kehrte wieder, und in unserer Freude über die nun vollends überstandenen Gefahren schlenderten wir sorglos vorwärts und hätten bald vergessen, dass wir uns noch immer auf dem tückischen Elemente befanden, bis nach Kurzem Herr Georg und etwas später sogar Grass einstürzte und uns wieder zur Vorsicht mahnten.
Nun ging 's lustig und ohne weitern Unfall hinunter den ganzen Gletscher bis zur Höhe der Isla Pers, die uns gerade vis-à-vis links lag. Dann über Fels und Gerölle steil ansteigend, zum Persgletscher hinauf, der uns herrliche Rückblicke auf den ganzen zurückgelegten " Weg gestattete und besonders die Erinnerung an die Lawine wieder lebhaft auffrischte, da deren Lauf sich scharf vom schneeweissen Firn abgrenzte.
Zuletzt noch über den yielbetretenen kleinen Diavolezzagletscher zum wildromantischen d' Arlass-See; dann über Geröll und magern Alpengrund zu den untern Bernina-Wirthshausern, wo uns die Wagen von Pontresina erwarteten.
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