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Mit Regisseur Tamer Ruggli & Schauspielerin Nadine Labaki sprach Djamila Zünd
RETOUR EN ALEXANDRIE war für Sie, Tamer Ruggli, eine persönliche Reise. Was war die Hauptinspiration zum Film?
Für mich ist der Film eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, eine Rückkehr in meine Kindheit. Er ist eine Erkundung meines Erbes in einem Land, in dem ich nicht wirklich aufgewachsen bin, das ich nicht vollständig kenne, mit dem ich mich aber stark verbunden fühle. Ich erzähle die Geschichte meiner Mutter, von meinen Erfahrungen, die ich als Kind mit ihrem Umfeld und dem ihrer Freundinnen gemacht habe.
Nadine Labaki, eine Tante Indji spielt im Film eine wichtige Rolle, indem sie die in der Schweiz lebende Sue dazu einlädt, zu ihrer inzwischen kranken Mutter nach Ägypten zurückzukehren.
Tante Indji gibt es wirklich, ich kenne sie gut. Meine Tante hat mich als Kind ziemlich terrorisiert! Ich habe oft an endlosen Familienessen teilnehmen müssen, bei denen sie rauchte, ohne das Essen anzurühren, es aber nie versäumte, uns vollzustopfen. Später, während meines Studiums an der Filmschule ECAL, habe ich solche Familienessen gefilmt, und so habe ich eine Menge Videomaterial aus diesen Jahren. Eine Filmszene enthält eine minutiöse, fast wortwörtliche Übertragung eines aufgezeichneten Dialogs meiner Tante. Fast alle Charaktere, die in RETOUR EN ALEXANDRIE auftauchen, sind mir vertraut. Ich weiss, wie sie sprechen, ich weiss, wie sie sind, wie beleidigend (oder nicht) sie sein können.
Ihre Zeit an der ECAL haben sie also genutzt, um Kindheitserinnerungen mit Video festzuhalten
Ja.
Wie haben Sie als Schauspielerin ihre Erinnerungen und die damit verbundenen Lebenseinstellungen im Film verkörpert?
Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die leider auf Vorurteilen beruht. Dies passiert vermeintlich aus Liebe. Es gibt in der ägyptischen Gesellschaft einen Widerspruch zwischen dem, was die Frauen gerne wären, und dem, was sie im Leben schliesslich geworden sind, weil sie Angst hatten, jemanden zu beleidigen, die Erwartungen nicht zu erfüllen oder einfach nicht zu gefallen. Diese Widersprüche zwischen etablierten Normen und dem Streben nach Freiheit, sich selbst zu sein, bestehen heute noch, auch die Angst, zu enttäuschen oder Erwartungen nicht zu entsprechen. Ich weiss, wie komplex diese Widersprüche sind und fühle mich diesen Frauen verbunden. Das bringe ich in RETOUR EN ALEXANDRIE hoffentlich glaubhaft zum Ausdruck.
Tamer Ruggli, es hat fast zehn Jahre gedauert, um diesen Film zu realisieren. In welcher Phase des kreativen Prozesses kamen Sie in Kontakt mit Schauspielerin Nadine Labaki?.
Ich hatte das Glück, einen gemeinsamen Freund zu haben, der den Kontakt zu Nadine erleichterte, die gerade grosse Erfolge mit CAPHARNAÜM (2018) feierte. Wir trafen uns in Beirut. Unsere Zusammenarbeit entwickelte sich über mehrere Treffen. Es war ein Glücksfall, dass ich drei Jahre vor Drehbeginn diese tolle Schauspielerin kennenlernen durfte, was mir ermöglichte, mich von ihr inspirieren zu lassen und die Rolle der Sue besser zu entwickeln.
Der Film integriert ägyptische Lieder, die viel zur emotionalen Wirkung beitragen. Haben Ihnen, Nadine Labaki, diese Lieder geholfen, mehr Nähe zu Ihrer Filmfigur aufzubauen?
Ich kannte bereits fast alle diese Lieder. Im Film, den ich an der Premiere erstmals ganz gesehen habe, berühren sie mich besonders intensiv. Als ich sie wieder hörte, kamen so viele Erinnerungen an meine Kindheit hoch und brachten mich zu jenem Ägypten zurück, das ich so sehr liebe. Natürlich halfen mir die Lieder auch bei meiner Filmrolle.
Ihr Film, Tamer Ruggli, hat etwas Zeitloses.
Schön, dass Sie das so bemerkt haben. Im Film tragen das Fehlen von Mobiltelefonen und die Wahl der Kleidung dazu bei, eine zeitlose Atmosphäre zu schaffen. Ägypten wird so dargestellt, als trage es die Überreste einer alten Welt in sich. Die schönen, von Bäumen gesäumten Strassen und die grüne Natur erinnern an eine längst vergangene Zeit. Es ist meine Absicht, eine von dieser Vergangenheit geprägte Atmosphäre zu vermitteln, insbesondere wenn Sue ihre Geschichte noch einmal Revue passieren lässt. Die Kleiderläden, die Taxifahrer, all das wird zu einer Möglichkeit, von einer anderen Epoche zu sprechen, die von einer gewissen Galanterie geprägt ist. Mein Ziel war eindeutig, diese Nostalgie zu vermitteln.
Tamer Ruggli, der Film untersucht die Themen Identität und Zugehörigkeit. Auf dem Filmplakat steht neben dem französischen Titel «Tu me manques» auch auf Arabisch. Können Sie erklären, inwiefern die Reise von Sue Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Navigieren zwischen den Kulturen widerspiegelt?
Mit Sue habe ich eine Figur geschaffen, die sich im Grunde nie zugehörig gefühlt hat. In der Schweiz hat sie ein gutes Leben, aber es ist ziemlich steril, ziemlich fad, ziemlich «sauber». Sie ist immer auf der Suche nach einem Ort, zu dem sie gehört. Auch ich habe, wenn ich nach Ägypten gehe, den Wunsch, dazuzugehören. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich fremd fühle. Etwas wenn man mit mir Englisch spricht, auch wenn ich auf Arabisch antworte.
Die Szene des Familienessens mit den Tanten während des Neujahrsessens ist emotional aufgeladen. Wie sind Sie diese als Regisseur angegangen? Wie verliefen die Dreharbeiten hinter den Kulissen?
Es war sehr anstrengend! [lacht] Wir drehten in einem Haus, das für mich aus irgendeinem Grund schlechte Schwingungen hatte. Ich könnte nicht genau sagen, warum, aber es lag etwas Ungewöhnliches in der Luft. Eine Art diffuses Unbehagen, das schwer zu beschreiben ist. Es war ein seltsamer und geheimnisvoller Ort. Meine Mutter und meine Cousinen ersten Grades waren ebenfalls anwesend, was die klaustrophobische Stimmung noch verstärkte. [lacht]
Nadine Labaki, gibt es eine Szene, die einen besonderen Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?
Nicht eine Szene, der ganz Film. Als ich ihn bei der Premiere an den Solothurner Filmtagen auf der grossen Leinwand sah, habe ich zeitweise vergessen, dass ich es bin, die auf dem Screen erscheint. Ich staune jetzt noch, wie sehr ich mich von dieser Filmfigur mitreissen liess, die in Wirklichkeit eine Erweiterung meiner selbst ist. Ich habe während des Films mehrmals geweint, nicht als Reaktion auf meine schauspielerische Leistung, sondern aus Empathie für Sue. Ich löste mich völlig von jeglichem Urteil über mein Spiel. Ich identifizierte mich voll und ganz mit Sue und folgte ihrem Weg.
Danke für das Gespräch