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Siehe auch Göttliche Urkunst , On the Origins of Religion; Umschlagtext (Englisch )
Das westlich-europäische Entwurfs- und Planungsdenken nimmt in der Regel das aufgeklärte Konzept des homogenen Raums unhinterfragt als gegeben hin. Daraus leitet sich ab - in gewissen Grenzen - die freie Disponibilität des Raums. Dessen Nutzung richtet sich pragmatisch nach menschlichen Bedürfnissen, allenfalls aesthetischen Kriterien. Bauten und andere Planungselemente werden meist in einen geometrischen Raumraster gesetzt.
Wichtige Arbeiten zum anthropologischen Raumbegriff (Bollnow, Mensch und Raum, 1963) zeigen jedoch klar, dass es sich im homogenen physikalischen Raum um eine neuzeitliche, dh. kulturgeschichtlich späte, Rauminterpretation handelt (Europa: ab 14. Jhdt., Entdeckungsgeschichte). Entsprechend muss man damit rechnen, dass man es in aussereuropäischen Kulturen mit vor-modernen, nicht-physikalischen Rauminterpretationen zu tun bekommt.
Dass Raum in nicht-europäischen Kulturen anders interpretiert wird, somit unterschiedliche Planungsvorstellungen impliziert, ist an sich bekannt (Islam: Stefano Bianca, Nepal: Carl Pruscha 1975, Niels Gutschow und B. Kölver 1975), doch wird dort die Andersartigkeit einer anderen Kultur zur Grundlage gemacht. Es geht um Wahrnehmung kultureller Differenz und um Anpassungen des konventionellen Rüstzeugs.
Egenters Arbeit zielt tiefer auf eine grundsätzliche und interkulturell gültige Raumdiskussion. Die Arbeit setzt sich ab vom modernen physikalischen Raumbegriff, negiert auch die Variable Kultur, indem sie Raum und seine sinnlichen Kategorien im anthropologischen Sinne als Basiskonstante von Kultur einsetzt (Bollnow 1963). Mit diesem Instrumentarium untersucht die Arbeit den Siedlungsraum von 100 japanischen Dörfern unter spezifischen (rituellen) Bedingungen.
Das Ergebnis ist faszinierend neu! Die traditionelle Agrarsiedlung Japans bedient sich eines zyklisch erneuerten semantischen Systems, das - völlig anders, als aus westlicher Sicht erwartet, nämlich von innen nach aussen - die Siedlungsgrenzen von einem Weg-bezogenen Kern mit primär baulichen Marken ('semantische Architektur') periodisch neu sichert und definiert.
In der Siedlung sind seit ihrer Gründung Raumteile höchster Wertung ausgeschieden, die als 'Archivraum' dienen. An diesen, lokal-Welt-sichtlich (ontologisch) Wert-maximierten Stellen werden konstituierende 'Dokumente zur Siedlungsgeschichte' aufbewahrt. In einer betont rekonstruierten, primären Schicht sind dies vergängliche Marken, 'fibrokonstruktive' Zeichen aus pflanzlichen Materialien, die durch zyklisch stereotype Erneuerung durch die Zeit erhalten werden. In einer sekundären Schichten finden wir spezifisch gekennzeichnete dauerhaftere Objekte, Steine, Bäume und andere landschaftliche Male, meist aber entwickeltere Formen dessen, was man religonsgeschichtlich Sakralbau nennt. Diese 'siedlungsgeschichtlichen Dokumente' enthalten - im zyklischen Ritus metasprachlich ausgedrückt - die lokal tradierten Codes der Siedlungsordnung, räumlich, sozial und rituell.
Am deutlichsten kommt dies - in Egenters Untersuchung klar rekonstruiert - auf der primären Ebene zum Ausdruck. Die hand-werklich elementar gefertigten fibrokonstruktiven Zeichen zeigen eine prägnante Strukture, die sich als 'Koinzidenz der Gegensätze' oder 'polar-kategoriale Harmonie' beschreiben lässt, und diese symbolische oder 'philosophische' Struktur, offensichtlich seit urtümlicher Zeit überliefert, ist zyklisch tradiertes Modell der Siedlungsplanung:
(1) Räumlich: kategorial gegensätzliche Raumteile der Siedlung werden zu harmonischen Einheiten gefasst (Berg und Tal, Wald und Feld, Ort und Weg, Innen und Aussen, offen und geschlossen usw.).
(2) Sozial: Die operative Nähe zum Zeichen im zyklischen Erneuerungs-Ritual ("Besitzer des Zeichens" = lokaler Priester) dokumentiert die soziale Hierarchie in der Siedlung (oben: Dorfchef, Gründerlinie und deren Abkömmlinge; unten: spätere Siedler, Neuzuzüger).
(3) Rituell: die faktische Erneuerung des Zeichens gibt die Codes für das rituelle Verhalten. Es stützt sich zeitlich auf ein Kontinuum von gleichen Zyklen (kein Fortschritt!) mit Anfang (als Begründung im Einst) und Jetzt.
Damit wird ein 'siedlungsgenetisch geprägter Kernkomplex' sichtbar, der - im Keim bei der Siedlungsgründung angelegt - nicht nur räumlich, sondern auch sozial und rituell (dh. ethisch) den ganzen 'Siedlungsplan' bereits enthält. Das zyklische Ritual ist mit seinen komplexen Codes gleichsam das Programm mit dem sich die Siedlung seit ihrer Gründung existentiell im Raum und in der Zeit intakt erhält. Das Wichtigste liegt wohl darin, dass dieses System Raum substanzgebunden auffasst. Raum lässt sich somit kategorial klassifizieren. Mit antithetischen Teilen werden übergeordnete und harmonisch ausgewogene Einheiten angelegt. Versteht man in weiteren Sinne die harmonisierende Intention als lokale Weltsicht (Ontologie), so wird dieses Raumordnen nach dem 'Prinzip des Einens von Gegensätzen' zum allumfassenden 'Design'-Prinzip!
Für den Planer wird so am konkreten Beispiel das traditionelle Gefüge des lokal-räumlichen Wertsystems einsichtig. Nicht nur das! Er versteht nun auch, dass er dieses spannungsgeladene Netz von harmonischen Beziehungen schädigt, indem er es seinen homogenisierenden Instrumenten unterwirft. Methodologisch wesentlich an Egenters Arbeit ist auch, dass sie sich vom herkömmlich religionstheoretischen Konzept befreit, Terminologie (lokale Ontologie statt Religion) und Methode auf objektiv zugängliche architektur- und raumanthropologische Grundlagen stellt (Material, Konstruktion und Form der 'Dokumente', bezogen auf Raumplan mit Orten und Wegen). Das treibende Motiv dieses Lokalkultur erzeugende Systems wird so nun auch - jenseits von herkömmlichen 'Primitivismen' der Religion - als existentielle Raumsicherung verständlich.
Natürlich impliziert der Raum-anthropologische Ansatz: die Forschungsergebnisse sollen nicht nur für Japan gelten. Andere Arbeiten des Autors gehen dahin, das System des 'siedlungsgenetischen Kernkomplexes' generell der traditionell autonomen Agrarsiedlung zuzuordnen (z.B. Nepal: Rob. I. Levy: Mesocosm, 1990; Indien: L. P. Vidyarthi's 'Sacred complex', 1976), oder, noch weiter, es als Grundlage des prämodernen Planungssystems zu verstehen (s. Mircea Eliade 1968, Werner Müller 1971, beide jedoch religionshistorisch präjudiziert).
Egenters Ergebnis ist übrigens von der europäischen Raumplanung her durchaus verständlich. Trotz seiner totalitären Ansprüche vermochte das homogene Raumverständnis der Moderne, etwa in den europäischen Städten bis heute das ältere System, den 'siedlungsgenetischen Kernkomplex', nicht zu verdrängen. Der Respekt vor der lokalhistorischen Kernsubstanz blieb - als Legitimation der raumspezifischen Existenz (Bürger DIESER Stadt) - bis heute ungebrochen. Aus dieser Sicht ist die Moderne, zumindest in Europa, bis heute urbanes Randphänomen geblieben.
Im Hinblick auf die zunehmende Globalisierung der Raumplanung, des Städtebaus und der Architektur, ist dieses Buch als Grundstein interkultureller Architektur- und Planungstheorie zu werten. Im Rahmen der 'Architektur-Anthropologie' beschreibt es die in diesem Konzept wichtige, neue Klasse 'semantische Architektur' In den Humanwissenschaften wird der herausgearbeitete 'siedlungs-genetische Kernkomplex' vor allem die siedlungsgenetische Kulturforschung anregen.