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Berufung und jahrzehntelange Antwort – Br. René
● Bis ins Alter von ungefähr 17 Jahren deutete nichts auf eine besondere geistliche Berufung hin.
Zwar begeisterten mich in einer der 6 Primarklassen MärtyrerInnen, als die Lehrperson von diesen erzählte; sie erschienen mir damals als nachahmenswert. Zudem hatte ich in den 3 Sekundarstufen Interesse am Religionsunterricht (im Gegensatz zu Mitschülern, die den Unterricht sehr störten). Aber nach der Volkschule, vielleicht schon ab der Zeit nach der Firmung, lebte ich wie ein (Neu‑)Heide, Agnostiker oder Atheist. Praktisch existierte Gott, der Allerhöchste, für mich nicht (mehr); hatte ihn vergessen. Ich besuchte weder einen Gottesdienst noch betete ich.
Später wollte ich mal eine eigene Familie haben; so ähnlich wie jene, in welcher ich aufgewachsen bin. Diese bestand aus Mami, Babi, mir, einer gut 11 Monate und einer rund 8 Jahre jüngeren Schwester.
● Weiteres zu meinem geistlichen Weg in der römisch-katholischen Volkskirche des Kantons Luzern als Kind und Jugendlicher der Familie Fuchs –
Ein paar Tage nach der natürlichen Geburt im Spital anno 1959 war ich göttlich, kirchlich und mystisch neu geboren worden durch das Sakrament oder Heilszeichen der Taufe. Mein französischer Taufname Re-né verweist darauf, denn er bedeutet: Wieder-geborener. – Im Kindergarten, so kann ich mich schwach erinnern, war eine religiöse Schwester unsere Lehrerin (vermutlich eine Baldegger-Sr.). – In der Zeit der erwähnten Volksschule hatte ich den normalen katholischen Religionsunterricht genossen, war ins Busssakrament eingeführt worden, hatte die Heilige Erstkommunion empfangen und an wöchentlichen Schülergottesdiensten teilgenommen; zudem wurde mir das Firm-Sakrament gespendet. Bei alledem machten meine Eltern auf entsprechende Weise mit.
Innerhalb der Familie beteten wir nie (soviel ich mich erinnere). Aber an kirchlichen Festen wie Nikolaus, Weihnachten und Ostern kamen wir Kinder an entsprechendem Materiellem nicht zu kurz. – Ich kann mich an praktisch keine Gottesdienste erinnern, welche wir als Familie besucht haben. Ob das an der Wirklichkeit oder meinem Gedächtnis liegt, oder am kleinen Wert, dem wir der Heiligen Messe beimassen? Meine ältere Schwester erinnert sich an Mamis Anliegen zu unserer Schulzeit, dass wir den Sonntagsgottesdienst besuchten, dem ich wahrscheinlich entsprochen habe. Einmal lag die Frage im Raum, ob ich ministrieren sollte; diese wurde verneint mit der Begründung, dass wir zu weit weg von der Pfarrkirche wohnten.
In meiner Familie fand der christliche Glaube meines Erachtens in folgender Weise einen Ausdruck: Babi hatte ziemlich strenge moralische Ansichten und verhielt sich als Sportler fair und korrekt gegenüber allen. Mami war eine herzensgute und liebe Frau, sowohl in der Familie als auch gegen aussen. [1]
● Während meiner anspruchsvollen Lehre als Elektronik-Mechaniker (1974-78) befasste ich mich nebenbei mit der Umweltzerstörung, die schon damals aktuell war. Es kam soweit, dass mir die Zukunft als krankmachend und sehr schlimm erschien. Weil ich keinen festen Halt und tieferen Sinn im Leben hatte, dachte ich sogar daran, meinem Dasein selber ein Ende zu bereiten. Was mich davon abhielt, war vor allem ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber meinen Eltern – mit denen ich aber nicht darüber reden konnte.
In diesem schwierigen Lebensabschnitt fragte mich ein Mitlehrling, der ein Lehrjahr vor mir war, ob ich mit ihm einen Gottesdienst besuchte. Interessiert stimmte ich zu. Das Gebet fand eigenartigerweise in der Stube einer Wohnung statt, wo sich ein paar Menschen versammelt hatten, geleitet von 2 Frauen. Danach redete der Kollege noch länger mit mir. Gefragt antwortete er, dass er einer speziellen christlichen Gemeinschaft angehöre, die keinen Namen habe. [Es war wohl eine freikirchliche Gruppe.]
Er schenkte mir eine schöne Heilige Schrift, eine Lutherbibel, und wollte mich dahin bringen, die Evangelien zu lesen und deren Inhalt mir anzueignen. Er legte Wert darauf, dass ich dies ohne jegliche (kirchliche) Erklärung mache. – Solches Bibelstudium führte ich in den folgenden Wochen aus. Als ich zu Mt 6 [= Bibel, Matthäusevangelium, Kapitel 6] kam und übers Vaterunser las, begann ich dieses Gebet zu pflegen, das Jesus seinen Jüngern aufgetragen hatte. Ich kannte es von früher. [Dieses «Gebet des Herrn» bete, bedenke, betrachte oder meditiere ich noch heute gern, Wort für Wort oder Abschnitt für Abschnitt. Auch das einfache Wiederholen des Namens «Jesus» tut mir gut, vielleicht in Verbindung mit dem Ein- und Ausatmen. Dies beruhigt mich bei Unruhe, und bringt mich in Beziehung zum grossen göttlichen und barmherzig-liebenden Du.]
Jesus Christus, wie er in den Evangelien dargestellt ist, wurde mir wichtig. ER wurde mein Held oder Star: Jesus aus Nazaret, der Wundertäter und Wanderprediger, der viele Kranke heilte, Tote ins Leben zurückholte, Macht über Naturgesetze hatte und Nahrung vermehrte; Jesus der unschuldig von Mächtigen am Kreuz getötet wurde und sich nach seiner Bestattung als Auferstandener erwies, und somit als Herr(scher) über Leben und Tod.
Die erwähnten Gedanken, mir das Leben zu nehmen, verschwanden von alleine, weil ich (wieder) an ein (ewiges) Leben nach diesem (irdischen) Leben glauben, und der barmherzigen Liebe Gottes vertrauen konnte. Dadurch bekam mein Leben den christlichen Halt, Sinn und eine entsprechende Sichtweise, was mir half, zu leben und zu überleben. Allfällige (gesundheitliche) Schwierigkeiten erschienen nicht mehr so riesengross. Ich bekam eine Haltung geschenkt, ähnlich derjenigen des Apostels Paulus, der überzeugt war, «dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll» (Röm 8,18). [2]
● In der erwähnten Christengemeinschaft meines Mitlehrlings wollte ich mitmachen. Dies missfiel meinen Eltern (vermutlich aus Angst vor einer Sekte oder Ähnlichem). Weil ich ihnen nicht entgegenkommen wollte, drängten sie mich zu einem Gespräch mit dem Pfarrer unseres Wohnorts. Dieser konnte mich davon überzeugen, den Glauben, in dem ich aufgewachsen bin, auszuüben und zu praktizieren. Was ich anderswo zu finden meinte, gäbe es auch in der katholischen Kirche. – So begann ich von neuem, eucharistische Gottesdienste zu besuchen (sonntags, gelegentlich auch werktags) und den «Leib Christi» sowie dessen biblisch-kirchliche Botschaft zu empfangen [also den ganzen Jesus auf innigste Weise].
Jesus, seine frohmachende, sinnstiftende und lebensfördernde Botschaft, sein heilendes und heiliges «Evangelium» (frohe Botschaft, gute Nachricht), begannen mich derart zu begeistern, dass ich leben wollte wie Jesus, ihm nachfolgen, gemäss den Evangelien (und in deren Dienst), engagiert fürs Reich Gottes (Mt 19,10-12). – Ich wollte meine eigene geplante Familie tauschen gegen die grössere Familie Jesu und Gottes, des Vaters (Mt 12,46ff.).
Konkret wollte ich die Lehre abbrechen und Pfarrer werden. Denn dieser Amtsinhaber lebte für mich am ehesten so wie Jesus, weil er predigte und Menschen Gutes tat. – Als ich dies meinen Eltern eröffnete, reagierte vor allem meine Mutter ziemlich heftig ablehnend. Mein Vater versuchte zu beruhigen [erstaunlicherweise mit einer Gamaliel-ähnlichen Aussage (Apg 5,34ff.)]: Wenn es nur meine Idee sei, werde sie von selber vergehen, wenn sie von Gott sei, könne man nichts dagegen machen.
Beiden aber missfiel mein geplantes Vorgehen. Sie drängten zu einem weiteren Gespräch mit dem Pfarrer. Dieser konnte mir als vorteilhaft beibringen, die Lehre zu beenden, ein paar Jahre Lebenserfahrung zu sammeln und erst danach Jesus auf engere Weise nachzufolgen. [3]
● Zwischen Lehrabschluss und Ordenseitritt (1978-1981), Klärung der Berufung –
Nach der Lehre im Eidgenössischen Flugzeugwerk Emmen wollte ich nicht weiter in einem Rüstungsbetrieb arbeiten, obwohl eine Stelle angeboten wurde (zum Grund vgl. unten). Ich fand eine Anstellung im medizinischen Bereich: Röntgen-Monteur. Den Militärdienst absolvierte ich wie vorgeschrieben, gemäss meinem Wunsch als Übermittler (Telefon, Funk) bei den Luftschutztruppen, dem militärischen Arm des Zivilschutzes, der im Ernstfall für die Zivilbevölkerung da ist.
Den Katholischen Glaubenskurs belegte ich im Fernkurs (1979-81). Bei den dazugehörenden Treffen machte auch ein Franziskaner mit: Br. Antonio OFM. Zudem wurde ich Mitglied einer «Kontaktgruppe für Geistliche Berufe», deren Leiter Br./P. Karl OFM war. So lernte ich einerseits Franziskaner kennen und andererseits, dass es nebst Pfarrer noch andere (kirchliche) Möglichkeiten in der engeren Nachfolge Jesu gibt, wozu verschiedene religiöse Gemeinschaften oder Orden gehören.
Bei beidem war Martin dabei, der ebenfalls aus dem Kanton Luzern stammte. So reisten wir manchmal gemeinsam an Treffen. – Nach einer Informationsveranstaltung bei Kapuzinern sagte Martin, dass er nicht zu diesen gehen werde, weil sie ihm zu progressiv seien. Ich hatte damit keine Mühe; mich stiessen eher das hohe Durchschnittsalter ab und die Vermutung, dereinst andere pflegen zu müssen. (Geografisch lagen uns die Kapuziner mit ihren 3 luzernischen Klöstern näher als die Franziskaner.)
Ein Vortrag von Br. Karl während eines Treffens machte mich innerlich wütend. Es ging um die Schöpfung gemäss dem seligen Johannes Duns Skotus, einem Theologen und Franziskaner (†1308). Unter anderem sagte Karl, Gott habe Engel gebraucht, um die sichtbare Welt zu gestalten. – Warum ich stark erregt wurde, kann ich nicht genau sagen. Vermutlich kollidierte es mit meinem früheren Weltbild, wo Gott eher fern und unverständlich war, wenn es ihn überhaupt wirklich gab. Zudem machte es mir wohl Mühe, dass man so genau über Gott und sein Werken sprechen kann, obwohl es nicht (ausdrücklich) in der Bibel steht. [Später konnte ich Karls Ansicht annehmen.]
Soziales Engagement: Vermutlich noch gegen Ende Lehre machte ich, angeregt durch den erwähnten Mitlehrling und organisiert von der Caritas, im Entlebuch einen mehrwöchigen Landdienst-Einsatz bei einer armen Bergbauernfamilie, was sehr lehrreich war. In der Pfarrei wurde ich Mitglied sowohl der Leitungsgruppe des Jugendtreffs Öki als auch im Pfarreirat, Letzteres als Ersatz für einen Nachbarn. Ich half mit beim Bau eines öffentlichen Kinderspielplatzes (was der Pfarrer als Idealismus bezeichnete). Eine Zeit lang betreute ich einen Asiaten, um dessen Integration zu fördern.
● Weitere Erfahrungen mit der herausfordernden Frohbotschaft Jesu –
Ungefähr anfangs Lehre begann ich, den Kampfsport Judo auszuüben, damit ich mich im Notfall verteidigen konnte. Zudem war dies gut für die Ertüchtigung des Körpers und dem Training von dessen (technischen) Fähigkeiten. Als ich dann bewusst Christ wurde und leben wollte wie Jesus, verschwand mein Bedürfnis, mich wehren zu können. Jesus lehrte mich in seiner Bergpredigt, dem Bösen nicht zu widerstehen und die Feinde zu lieben (Mt 5,39-48). Deshalb hörte ich mit Judo auf und betrieb einfach so Sport: Vita Parcours, Velofahren.
Begeistert vom Fliegen, war eines meiner Hobbys das funk-ferngesteuerte Fliegen von Modellflugzeugen. Entsprechend wollte ich Pilot werden, und zwar nicht auf Linienflugzeugen, das mir zu langweilig erschien – zudem wollte ich nicht wochenlang wegbleiben von meiner zukünftigen Familie –, sondern auf Militärflugzeugen, mit denen ich mir ein freies und herausforderndes Bewegen im dreidimensionalen Raum vorstellte. Bei der Fliegerischen Vorschulung hatte ich die erste Prüfung bestanden. Jedoch bedeutete das Gespräch mit einem Psychologen Schluss mit dem Pilotentraum, als ich von der Weisheit der Bibel schwärmte. Denn dieser Fachmann fand heraus, dass da etwas nicht zusammenpasst. Sein Nein war zunächst hart für mich, aber aufs Ganze gesehen gut. Denn ich bekam tatsächlich Schwierigkeiten im erwähnten obligatorischen Militärdienst, diesen mit der erwähnten Lehre Jesu zusammen zu bringen. [4]
Der Militärdienst hatte auch Positives in Bezug aufs Christliche und meine Berufung: 1) Ich erfuhr, dass ich in einer reinen Männergemeinschaft leben, arbeiten und kämpfen kann. 2) Erhellend war, dass im Heer der Glaube ein Thema war. 3) Meine erste Teilnahme an einem mir bis dahin fremden reformierten Gottesdienst geschah während des Ausgangs, und zwar neutral gekleidet als Soldat. 4) Eine erstaunliche Erfahrung entsprechend Mt 5,39: Als mir ein Mitsoldat einen Socken um die Ohren schlug (wieso weiss ich nicht mehr), sagte ich ihm, er könne nochmals zuschlagen. Dies tat er aber nicht, denn er war über meine Reaktion sehr verblüfft. [5]
● Durch Franco Zeffirellis Film «Bruder Sonne, Schwester Mond», lernte ich den heiligen Franziskus von Assisi (besser) kennen. Dessen arm-einfacher aber froher und gottverbundener Lebensstil erschien mir als die Lösung des Menschheitsproblems der Umweltzerstörung. Dieser naturgerechte und ökologische Aspekt war wichtig im Hinblick auf meinen Entscheid, in die franziskanische Familie der Schweiz einzutreten, konkret in deren OFM-Zweig des Ersten Ordens.
Im Gegensatz dazu stiessen mich beispielsweise die Grösse und der Prunk des Klosters Einsiedeln ab, die meiner Vorstellung eines einfachen Lebens widersprachen. Dies trotz einer guten und sehr freundlichen Begegnung mit einem dortigen Mönch aus dem Benediktiner-Orden, der persönlich arm lebt. Ich stellte mir (fälschlicherweise) vor, dass ich nur für diese grossartigen Gebäude arbeiten müsste, wenn ich dort eintreten würde. [Dass man auch als Franziskaner nicht davor gefeit ist, viel seiner Arbeitskraft für Gebäulichkeiten aufzubringen, merkte ich erst später. Aber diese sind dann zumindest einfacher und bescheidener als anderswo.] [6]
● Als praktizierender Katholik war ich in meiner Familie ein ‹Exot›. Aber zumindest eine Verwandte war mir eine stille, moralische Stütze auf meinem Glaubensweg: Eine meiner Grossmütter wohnte im benachbarten Haus. An Sonntagen konnte ich von meinem Zimmer aus beobachten, wie sie von Leuten aus der Nähe im Auto zur Heiligen Messe mitgenommen wurde. [Als ich bereits im Orden war, merkte ich, dass auch die andere Grossmutter in die Messe ging.]
In der Bibel hatte ich gelesen, dass man niemanden Vater nennen soll, ausser denjenigen im Himmel (Mt 23,9). Deshalb wollte ich meine Eltern nicht mehr Vater/Babi und Mutter/Mami nennen, sondern ihren Vornamen verwenden. Als ich ihnen dies eröffnete, wirkten sie verletzt. Deshalb liess ich von meinem Vorhaben ab, und zwar aus Liebe, welches das wichtigste Gebot ist (Mt 22,34ff.). Im Geist wollte ich jedoch an meinem wahren Vater festhalten: der Vater von allen und allem.
In jener Zeit fragte ich mich ab und zu quälend, was ich tun sollte (mit meinem Leben). Manchmal hatte ich eine Sehnsucht, ähnlich wie Jesus etwas Besonderes zu sein und vielleicht einmal ein Filmstar zu werden. [7]
● Am Ende eines Treffens (es war wohl das letzte) des erwähnten Glaubenskurses sagte Martin, dass er bei den OFM eintreten werde und ob ich mitkommen wolle. Ich entgegnete ihm, dass ich einen anderen Plan hätte: Katechet/Religionslehrer werden und später Priester/Pfarrer. Jene Frage aber liess mich in den kommenden Tagen oder Wochen nicht mehr los. So kam es, dass ich Martin telefonisch mitteilte, ich würde auch eintreten. – Diese Einstellungsänderung kam auch dadurch, dass ich mir den einen Weg eher allein vorstellte und mir vom anderen Weg in einer religiösen Gemeinschaft Unterstützung erhoffte.
So verliess ich als 22-Jähriger an Ostern 1981 meine Herkunftsfamilie und wechselte zur Brüdergemeinschaft in Zürich, Hofackerstrasse 19. Es begann das Postulat unter Br./P. Karl, das damals ein halbes Jahr dauerte. – Die Gespräche während den drei täglichen, gemeinsamen und ausgedehnten Essenszeiten waren sehr interessant und lehrreich. Ich half mit bei Verschiedenem, besonders bei Versendungen der IKB (Informationsstelle Kirchliche Berufe), welche von Karl geleitet wurde; auch das besinnliche Jäten vor dem Haus ist mir in Erinnerung. Mit der IKB-Sekretärin, einer älteren FMM-Schwester, wollte ich per Du statt per Sie reden; zu diesem Ansinnen reagierte sie jedoch ablehnend (ähnlich wie meine Eltern).
Vor allem Folgendes machte den Unterschied zum vorherigen ‹normalen› Leben aus: Meine Lebensgemeinschaft war zugleich eine Gebetsgemeinschaft. Man stützte sich gegenseitig, um einen Gebetsrhythmus einzuhalten. – Zuvor waren mein Beten und Gottesdienstbesuch belastet durch andere Aktivitäten, vor allem durch ein hundertprozentiges Arbeitspensum. Deshalb war ich oft müde, wenn ich mich (allein) bewusst an Gott wandte. Bei den Brüdern hingegen stand das geistliche Leben im Vordergrund, alles andere war dem «Geist des heiligen Gebetes und der Hingabe» untergeordnet (wie es in der Regel heisst). – Das regelmässige gemeinsame Gebet mehrmals am Tag stimmte mich froh und zufrieden. Mit den Texten des kirchlichen Stundengebets begaben wir uns immer wieder ganz bewusst in die Gegenwart Gottes [auch stellvertretend für andere]. Hie und da kam ein Psalmvers, mit dem ich mein eigenes Leben vor Gott zur Sprache bringen konnte. Zudem war es herrlich, ausgeruht und andächtig täglich die Eucharistie feiern zu können und sich auf innigste Weise mit Gott zu verbinden durch das betrachtende Hören seiner Botschaft und die heilige Kommunion. [Später lernte ich, dass die Eucharistie «Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens» ist (KKK 1324). Zum Inhalt des Stundengebets, dessen meisten Texte sich alle 4 Wochen wiederholen, s. unter https://www.stundengebet.de/jetzt-beten/; auch Jesus hat Psalmen gebetet und andere alttestamentliche Texte gekannt]
● Fürs Noviziats-Jahr unter Br./P. Benedikt zügelte ich auf die schön in der Natur gelegene Insel Werd. Ursprünglich war dies ein Vierteljahr früher geplant gewesen: Martin und ich sollten den Postulatsort tauschen. Weil er jedoch Mühe mit der Stadt bekam und mir es nichts ausmachte, blieben wir das ganze halbe Jahr in der gleichen Gemeinschaft.
Nebst Martin und mir kam ein dritter, etwas älterer Novize hinzu: Christoph. Dieser hatte einen besonderen Status, weil er früher eine Zeit lang bei den Kapuzinern gewesen war. – Wir bekamen Unterricht in praktischen und theoretischen Bereichen wie Kochen und Waschen, Bibel (diese lasen wir einmal ganz durch) und Ordensgeschichte(n).
● Meine Eltern, die mich grundsätzlich in diesem Bereich frei liessen, akzeptierten mit der Zeit meine spezielle Berufswahl. Sie waren sie zufrieden, wenn ich meinen Frieden hatte. – Mami tröstete sich mit der Vorstellung, dass sie weniger von mir hätte, wenn ich weit weg wäre (wie ein Verwandter von uns) als wenn ich nur in den Ferien bei ihnen bin.
Meine ganze Familie im engeren Sinn und mein Taufgötti waren dabei, als ich am Beginn des Noviziats feierlich eingekleidet wurde mit der braunen Franziskanerkutte. Am Ende des Noviziatsjahrs waren nur meine Eltern dabei, als Christoph, Martin/Titus und ich die einfache Profess für 3 Jahre ablegten, also das Treueversprechen in Bezug zur Brüdergemeinschaft und zum Franziskanerleben.
● Bald danach reisten Martin, der im Orden Titus hiess, und ich ins österreichische Tirol in die Stadt Schwaz (im Inntal) zum Studium am dortigen Franziskanerkloster. Denn wir wollten Priester werden. – Zunächst mussten wir ein Vorbereitungsjahr absolvieren, damit wir in gewissen Fächern auf Matura-Niveau kamen; dann folgten die 4 Jahre des Philosophie- und Theologiestudiums.
Martin – so hiess Titus nach Ablauf der Profess wieder, weil er sich entschieden hatte, auszutreten – bestand das Studium in der vorgesehenen Zeit. Als (ängstlicher) Perfektionist brauchte ich ein Jahr länger, um alle Semesterprüfungen abzulegen, die ich hinausgeschoben hatte. – Später wurde Martin mit Zustimmung seiner vorarlbergischen Ehe-Frau, mit der er mehrere Kinder hat, ein ständiger Diakon der Diözese Basel und stand einer Gemeinde vor.
Für mich war meine Berufung hie und da etwas unsicher. Ich hatte ja keinen direkten Ruf erfahren, wie beispielsweise Franziskus vor dem Kreuzbild, Propheten (1 Sam 3; Jer 1; Jes 49,1ff; Am 3,8) oder der Apostel Paulus (Apg 9,1ff.). War es wirklich Gottes Wille, dass ich für immer Franziskaner wurde, oder sollte ich nach einer eigenen Familie streben? Als ich meine Bedenken Br. Karl mitteilte, der ja als IKB-Leiter in diesem Bereich Fachmann war, meinte er, direkte Berufungen gäbe es selten. Es komme auf die inneren Regungen und Strebungen des Einzelnen an. Ich könnte das Ordensleben weiterhin ausüben, denn es gäbe von Seiten der Mitbrüder keine Einwände. Später könnte ich wenn nötig immer noch einen anderen Weg gehen. – Mit der Zeit bekam ich mehr und mehr den Eindruck, dass ich am rechten Ort bin, auch wenn das Thema einer eigenen Familie immer wieder präsent war.
● Nach zweimaliger Verlängerung der einfachen Profess um je ein Jahr legte ich die feierliche Profess, das endgültige kirchliche Ordensversprechen, im Kloster Näfels ab. Somit wurde ich für immer und ewig in den OFM-Orden der Schweiz (und Liechtenstein) aufgenommen. Meine franziskanischen Mitbrüder und leiblichen Verwandten waren dabei.
– – – Soweit der gedruckte Text im «Bruder Falke» von 2019. – – – – – – – –
Die erwähnte feierliche Profess oder das «ewige Gelübde» ist vergleichbar mit einer Ehetrauung. Im Gegensatz zu dieser ist aber die Profess kein eigenes Sakrament, weil sie als eine von verschiedenen Möglichkeiten in den christlichen Grund-sakramenten oder Initiations-heilszeichen Taufe, Firmung und Eucharistie enthalten ist.
Zur Profess gehört wesentlich das Versprechen, die «evangelischen Räte» der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams einzuhalten: gemäss der Ordensregel und den Ordenskonstitutionen, und zwar mit der Hilfe Gottes, Heiliger und der Brüder. Die 3 Knöpfe am Habitstrick erinnern an jene Räte. Die Kreuzform des Habits kann in Verbindung mit Jesu Aussage gesehen werden: «Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein» (Lk 14,26f.).
● Eine Anmerkung zur Armut (zu den beiden anderen evangelischen Räten siehe anderswo in diesem Schreiben). Der entsprechende einfache Lebensstil war ja wie erwähnt ein wichtiger Grund, wieso ich Franziskaner wurde. So hatte ich am Beginn des Ordenslebens Freude, wenn Br. Antonio Wert legte auf Ökologisches und Ärmliches, und er dies manchmal gegen einen gewissen Widerstand in der Gemeinschaft durchsetzte. Später lernte ich, dass es in Bezug zur Armut einen Rahmen geben muss, mit dem alle leben können. Dieses Gesamte ist weniger arm, als es der einzelne Bruder verwirklichen könnte. Darin ist es dem Einzelnen aufgetragen, das Ideal der Armut konkret zu verwirklichen. – Manchmal gab es über das Armutsthema ziemlich heftige Diskussionen in der Brüderschaft, wobei ich mit zunehmendem Alter nicht immer zu demjenigen gehörte, welcher den radikalsten Weg einschlagen wollte. Es scheint mir aber wichtig, an diesem urfranziskanischen Thema dran zu bleiben, um der Gefahr einer bequemen Verweltlichung entgegenzuwirken und um prophetisch sein zu können in einer Gesellschaft, die durch ihren unnachhaltigen Lebensstil und luxuriösen Konsum, ihre Wegwerfmentalität und Mobilität die natürlichen Lebensgrundlagen am Zerstören ist. – Arm sein entspricht Jesus Christus, der auf seinen unermesslichen göttlichen, himmlischen und herrlichen Reichtum verzichtete, als er ein Mensch wurde, und nicht der Sohn des reichsten Menschen sondern eines einfachen Handwerkers. Entsprechend hat Jesus das Armsein vor Gott bzw. die Armen seliggepriesen (Mt 5,3; Lk 6,20f.).
● Nach Beendigung der erwähnten Prüfungen kam ich vom «heiligen Land Tirol» wieder aufs heilige Eiland (Insel) von Otmar, und zwar für 2 Jahre. Hier konnte ich an meiner schriftlichen Abschlussarbeit «Die Verehrung des heiligen Antonius von Padua in der Schweiz» werken, eine Sammeltätigkeit, bei der ich mich für alle Kirchen, Kapellen und Altäre interessierte, die dem bekannten Heiligen geweiht sind. [Er stammte aus Lissabon, Portugal, und lebte zur Zeit des heiligen Franziskus.]
Daneben hatte ich unter anderem die Wäsche unserer Gemeinschaft zu waschen. Dabei suchte ich nach einer um- oder mitweltschonenden Methode. Denn damals floss unser Abwasser in den Rhein.
● Ab der Flussinsel am Rand der Schweiz kam ich für 1 Jahr an einen höher gelegenen Ort in der Innerschweiz: Wiesenberg NW (am Abhang des Stanserhorns). Freiwillig begab ich mich in unsere damalige Experimental-Gemeinschaft unter Br./P. Eugen, wo urfranziskanisch einfach gelebt und viel gebetet wurde. Hier hatte ich den Haushalt und den Garten der Kaplanei zu besorgen sowie nebenan im Wallfahrtsheiligtum in den Gottesdiensten mitzuwirken. An meiner Abschlussarbeit war ich weiterhin dran, unterstützt von meiner jüngeren Schwester, die meine Sammlung liebenswürdigerweise in den Computer eingab.
Es war ungefähr in jener Zeit als bekannt wurde, dass die Schule in Schwaz geschlossen worden sei. Deshalb wurde es unmöglich, mein Studium normal abzuschliessen. Dies war mir aber egal, da ich meinte, das Amts-Priestertum und dessen Verantwortung sei eine Nummer zu gross für mich. – Ich wollte das «gemeinsame Priestertum aller Getauften» auf meine Weise verwirklichen (1.KEK 291ff.) und zusehen, wie sich meine Persönlichkeit entwickelt.
● Entsprechend dem Spruch «Abwechslung macht das Leben schön» –
Aus dem Gebiet des Nidwaldner Dialekts kam ich für 3 Jahre an die deutsch-französische Sprachgrenze: Freiburg im Üechtland (zum Glück ziemlich am Stadtrand). In der dortigen Gemeinschaft lebten damals unsere Theologiestudenten. Mein ehemaliger Mitnovize Christoph, der inzwischen zum Priester geweiht worden war, war Pfarrer der Deutschsprachigen in der Pfarrei St. Theres, in der wir wohnten und deren moderne Kirche unweit von uns lag.
In Fribourg versah ich verschiedene Dienste im und ums Haus. In Erinnerung bleiben mir Einkäufe, das Unterstützen älterer Mitbrüder beim Baden und das Schneiden der Bäume beim Haus. – In einem Kurs konnte ich mein Französisch verbessern. Früher schon hatten wir als Studenten in den Sommerferien Französisch-Unterricht erhalten bei älteren Schwestern der FMM (Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens).
● Nach der Röstigraben-Region war der «Zigerschlitz» angesagt, also wieder hohe Berge in der Nähe. So kam ich für 6 Jahre ins marianische und barocke Kloster Näfels, das die Kapuziner 1986 uns Franziskanern geschenkt hatten. Hier konnte ich Erfahrung sammeln in einer Laien-Bibelgruppe aus Frauen und Brüdern, mit der Zeit auch an leitender Position. Wir wurden unterstützt von den Bibelgruppen Immanuel. Deren Geistigkeit oder Spiritualität, die stark von Pfarrer Leo Tanner abhing, beeindruckte und prägte mich. – Die letzten 3 Jahre übernahm ich von Br./P. Gottfried den Dienst als Seelsorger am Kantonsspital Glarus. Dabei hatte ich eine gewisse Begleitung durch meinen reformierten Kollegen, der auch psychologisch draus kam. – Bei Heilfastenkursen im Kloster machte ich mit, einmal auch als Leiter.
Eine Zeit lang ging ich zu einem Pfarrer in der Nähe zu Beichtgesprächen. Dann begann ich eine Geistliche Begleitung bei einem psychologisch gebildeten Priestermönch. Zu Beginn musste oder durfte ich eine Standortbestimmung machen, das heisst viele Fragen auf einem Formular beantworten, die dann ausgewertet wurden. – Den Mut dazu fand ich durch eine Stelle im heiligen Johannesevangelium, die ich nicht nur auf Jesus hin, der die Wahrheit ist (Joh 14,6), sondern umfassend (katholisch) auslegte: Ihr werdet «die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien» (Joh 8,32). Dabei spielte wohl auch das Sprichwort eine Rolle: «Selbsterkenntnis ist der Weg zur Besserung.»
Frei nach dem Spruch «Mensch, lerne tanzen, denn sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen» durfte ich in einer Gruppe für meditative (Kreis-)Tänze mitmachen. Dort war ich der einzige Mann, und oft der einzige Mensch mit einem RockJ. – Dass dieser Tanzspruch fälschlicherweise dem Kirchenlehrer Augustinus zugeschrieben wird, erkannte ich erst vor kurzem. Als Begründung für ein zweckfreies, frohes und gemeinsames Bewegen nach Musik kann meines Erachtens auch Jesu Aussage gelten: «Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen» (Mt 18,3). Oder andere biblische Stellen: «Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt» (Ps 30,12); «Gott ist der HERR. Er ließ Licht für uns leuchten. Tanzt den Festreigen mit Zweigen {…}!» (Ps 118,27); «Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: {…} eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz» (Koh 3,1.4); «Vor dem Angesicht des Herrn tanze, du Erde» (Ps 114,7). [Zu Letzterem: Der Mensch ist gemäss der Bibel aus Erde bzw. deren Staub gemacht, auch aus Gottes Geist oder Lebensatem (Gen/1.Mose 2,7; 3,19).] – Tanzen kann meines Erachtens den Sinn für Rhythmus fördern, und somit ein schöneres und würdigeres Singen von Gottes Lob in Gebet und Gottesdienst.
● Vom ländlichen Näfels wurde ich in die Stadt Zürich versetzt, woraus rund 9 Jahre wurden. Hier hatte mein Franziskanersein begonnen. Früher war ich ziemlich bei mir selber und bekam von der Stadt nicht viel mit. Jetzt erkundete ich sie gern, zu Fuss, mit Velo oder ÖV (inkl. Flussschiffe), und lernte einige schöne Orte in ihr oder in ihrer Nähe kennen.
Damit es der Gemeinschaft finanziell recht geht, sollte ich eine Erwerbsarbeit übernehmen. Weil mein Guardian Br./P. Albert meinte, Seelsorge oder Katechese in diesem Gebiet überfordere mich, suchte ich etwas anderes. Selber wäre ich gern Tram- oder Buschauffeur geworden; die Zürcher Verkehrsbetriebe sahen das jedoch anders. Schliesslich fand ich eine Stelle als Hilfspfleger im Bombach, einem Pflegezentrum der Stadt Zürich (auf der anderen Stadtseite). Dort konnte ich mich zum Pflegeassistenten ausbilden lassen, mit Besuch der Schule SGZ. So kam ich zu einer Arbeit (60%), die sehr franziskanisch ist, denn Franziskus und seine Brüder kümmerten sich zu ihrer Zeit um randständige Menschen, die an Aussatz (Lepra) litten. – In der Pflege arbeitete ich mit Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen zusammen, was meinen geistigen Horizont zusätzlich weitete.
In Zürich begleitete ich eine Gebetsgruppe, die sich regelmässig bei uns in der Kapelle unter dem Dach traf. Bei der offenen und ökumenischen Seelsorge an der Predigerkirche gehörte ich zum Freiwilligenteam. In der Freizeit machte ich einige Velotouren, beispielsweise über den Zürichberg gegen die Forch; Filme schaute ich an per Fernseher, eher zu viele. – Weil wir eine kleinere Gemeinschaft waren, wechselten wir uns mit Kochen des Mittagessens ab.
In dieser Stadt, in der der Psychiater und Psychologe C. G. Jung gewirkt hatte, machte ich eine Maltherapie bei einer jüngeren Frau (für deren Ausbildung, deshalb zu einem relativ günstigen Preis); zu anderer Zeit eine psychologische Begleitung bei einem Ordensmann. Wegen einem Aggressionsproblem machte ich auf Anraten des verantwortlichen Br./P. Paul eine Therapie; gemäss Rat einer uns bekannten Psychologin wurde es eine Gesprächstherapie bei einem Mann, dem meine Träume wichtig waren. – Mehrere Jahre ging ich monatlich für rund eine Stunde in die Geistliche Begleitung bei einer älteren Menzinger-Schwester, wo ich frei 'mein Herz ausschütten' konnte.
In jenen Jahren verlor ich meine Mutter, die überraschend verstorben war. Mami war mein hauptsächlicher Bezugspunkt in der Familie gewesen. Danach hatte ich auch mit Babi einige schöne Momente, solange er auf Erden lebte, manchmal auch schwierige. [Mit meinen Schwestern und anderen Verwandten treffe ich mich hie und da, auch bei Begräbnissen.]
● Als eine weitere Versetzung anstand – wegen Schwierigkeiten mit einem Mitbruder –, bat ich um ein Weiterbildungs- oder Sabbatjahr, das ich gemäss Absprache mit Kustos Br./P. Raphael hauptsächlich bei Assisi verbringen durfte, wo unser Orden begann.
● Seit rund 9 Jahren bin ich nun wieder in Näfels, im Tal der Linth mit näheren und ferneren Bergen ringsum – passend zum Vers im Stundengebet (Brevier), den wir hie und da beten: «Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der HERR um sein Volk von nun an bis in Ewigkeit» (Ps 125,2). [Schön ist, wenn ich dies immer wieder glauben kann, vertrauend und zuversichtlich, dass mir in allen Schwierigkeiten geholfen wird, wenn es meine erhaltenen Kräfte übersteigt. Der gute HERR-Gott ist auch die Adresse, welcher für alles Gute Dank gebührt.]
Von Br. Patrick habe ich den Dienst im Alters- und Pflegeheim als katholischer Seelsorger im Auftrag der Pfarrei Näfels übernommen. Im Kloster bin ich zuständig a) als «Ökonom» für die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinschaft und b) fürs Technische im Haus, inbegriffen die fachgerechte Abfallentsorgung. Schon seit längerem bin ich Ökonom für die Kustodie, wo es aber weniger zu tun gibt als fürs Haus Näfels.
Als es galt, sich betreuerisch bzw. pflegerisch um Br. François zu kümmern, wurde ich zum hauptsächlich Zuständigen bestimmt. Unterstützung bekam ich von Mitbrüdern, von der Spitex und für Ferien von Heimen. Unser französisch sprechender Mitbruder war rund 2 Jahre bei uns, danach noch 2 Monate im Altersheim, wo wir ihn täglich besuchten. – Solange sie aktuell war machte ich in der Gruppe 'Dialog der Religionen im Glarnerland' mit.
Weil unsere Ordenszugehörigkeit ab der einfachen Profess gezählt wird, konnten Christoph und ich 30 Jahre OFM im Jahr 2012 feiern. In diesem Zusammenhang durfte ich im Pfarrhaus in Bischofszell, wo mein Mitnovize inzwischen Pfarrer war (und Dekan), Ferien machen. (So konnte ich im Bett schlafen, das zuvor Bischof Felix von Basel/Solothurn benutzt hatteJ.) Besonders gefeiert haben wir unser Jubiläum in der Konzilsstadt Konstanz.
● Unsere Gemeinschaft in Näfels besteht aktuell aus 7 Brüdern mit feierlicher Profess und einem Tertiarbruder; davon 4 im AHV-Alter, aber alle noch selbstständig und einsatzfähig.
Zu den Strukturen unseres Gemeinschaftslebens gehören:
▪ die Ämter des «Guardians» (Hauptverantwortlicher), dessen «Vikars» (Stellvertreter) und «Ökonoms» (Verwalter des Finanziellen; meine Wenigkeit);
▪ Zuständigkeitsbereiche (Aufgaben) wie Protokoll, Archiv, Bibliothek, Küche, Sakristei, Pforte, Haustechnik (ich), Reinigung, Abfallentsorgung (ich), Autos und Garten/Umschwung;
▪ die täglichen gemeinsamen Gebets- und Essenszeiten (inkl. Abräumen, Abwaschen) morgens, mittags und abends; vor- und nachmittags geht jeder seiner Arbeit nach
– feste (teils ehrenamtliche) Mitarbeitende gibt es in der Küche, bei der Reinigung, dem Bügeln, Orgeln und an der Pforte; allfällige Kloster-Gäste helfen mit in Haus und Garten;
▪ normalerweise die wöchentliche Planungssitzung und das monatliche Hauskapitel mit (ausgedehnter) Befindlichkeitsrunde (ein Hauskapitel im Herbst ist der Jahresplanung gewidmet);
▪ Einkehrtage (ca. alle 3 Monate) und 3 Wander- oder Ausflugstage im Sommer;
▪ verschiedene besonders festliche Tage, die mit vielen Gästen begangen werden, wie die «Näfelser Fahrt» anfangs April, das Franziskusfest am 4. Okt. und das Kloster-Patrozinium «Mariä unbefleckte Empfängnis» am 8. Dez.
▪ Kustodie-Anlässe (aller Schweizer OFM): jährliche Weiterbildungen, die Transitusfeier am 3. Okt. (Gedächtnis des Hinübergangs von Franziskus von diesem ins ewige Leben) und jährlich abwechselnd: a) Exerzitien (geistliche Übungen/Einkehrtage), b) Kapitel (Sitzung/Zusammenkunft, die ein neues Kapitel aufschlägt) und c) Wallfahrt.
▪ Persönlich darf oder soll jeder Bruder monatlich einen «Wüstentag» (Besinnungs- oder Einkehrtag) halten sowie jährlich eine Woche Exerzitien und 4 Wochen Ferien.
Ferien à je 2 Wochen verbrachte ich in den vergangenen Jahren, nebst erwähnten in Bischofszell, in der Nähe meiner Verwandten: bei den Schwestern in Baldegg; zudem bei den Schwestern in Menzingen, den OFMconv auf dem Flüeli von Bruder Klaus, den OFMcap in Schwyz und Mels sowie den OFM in Graz, Wien und auf der Insel St. Otmar – also bei VertreterInnen der franziskanischen Familie. Hinzu kamen Ferien in Benediktinerklöstern: Disentis, Einsiedeln und Engelberg.
Als Geistlichen Begleiter hatte ich mehrere Jahre einen Br./P. im Kapuzinerkloster Rapperswil. – Seit einiger Zeit bin ich ohne ausdrückliche geistliche oder psychologische Begleitung, was ein neuer Zustand ist, da ich jahrzehntelang eine (mindestens allmonatliche) Begleitung in Anspruch genommen habe. Mein Guardian Br./P. Gottfried ist damit zwar nicht glücklich, aber ich möchte den Versuch doch wagen, zumindest vorläufig. Schliesslich ist ja immer auch der allmächtige Heilige Geist Gottes, der uns seit der Taufe in besonderer Weise geschenkt ist, unser guter Begleiter, ähnlich unser Engel und Namenspatron. Auf deren Anregung, auch auf Impulse all meiner Mitmenschen und aus meinem Innern (Gewissen), möchte ich wachsam achtgeben.
Umgekehrt möchte ich die Jahre, in denen ich eine Begleitung aufsuchte, nicht missen (auch wenn es nicht immer einfach war, über seine inneren Regungen zu reden). Ich denke, dass es mir auf meinem Weg der Berufung geholfen hat, und zwar in menschlicher, christlicher und franziskanischer Hinsicht. – Hierher gehören auch Intensivzeiten von Exerzitien, in denen ich tägliche Gespräche hatte.
Zur Weiterbildung befasse ich mich ab und zu mit gewissen Themen, beispielsweise aus dem Katechismus (KEK [KKK]), der Palliativ Care (gute Pflege am Lebensende) oder dem Umweltschutz bzw. der Bewahrung der Schöpfung.
In der Freizeit befasse ich mich mit mystischen und geschichtlichen Themen wie Maria in Kibeho sowie Bruder Klaus (auch mit dessen Kapelle in Frauenfeld). Gerne schaue ich übers Internet Dokumentarfilme über die Natur(-Wissenschaft) und Spirituelles, auch mal einen Spielfilm (Komödie, Melodrama). Gut tun mir Spaziergänge oder Märsche in der Natur, an der frischen Luft und der Sonne, z.B. dem Linthkanal entlang und zu Tieren in der Umgebung.
Neuestens habe ich die Teilnahme an Klima-Demos entdeckt, um dort mit obrigkeitlicher Erlaubnis für die päpstliche Ökologie-Enzyklika «Laudato Si'» (LS) einzustehen, als «Sohn» von Franziskus, dem heiligen «Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten» (LS 10). Weil ich Menschenansammlungen meiden möchte, tue ich dies am Ende des Demonstrationszugs. – Mal sehen, wie lange dieses Interesse anhält. Es wird zusätzlich gemindert durch meinen Rücken, dem längeres Stehen nicht gut tut.
Auf alle Fälle ist das Klima ein wichtiges Problem. Dabei sollten aber andere grosse Herausforderungen nicht vergessen gehen, wie der Plastikmüll, der sich massenweise in Meeren befindet, oder die Armut bzw. das Elend von vielen Menschen auf unserem Planeten. – Beten für die Bewahrung der Schöpfung oder Natur, um Ehrfurcht vor jeglichem Leben und um Mitgefühl aller Menschen mit all ihren Mitgeschöpfen kann ich allemal. Dies gehört ja gleichsam zu meinem «Kerngeschäft».
● Meine Berufung hängt als Ruf Gottes von meinem Glauben ab. Mit diesem geht es mir manchmal so, dass ich ähnlich wie der Vater eines krank-besessenen Knaben bitten muss: 'Jesus, ich «glaube; hilf meinem Unglauben!» (Mk 9,24)'; oder einfach: 'Jesus, hilf mir'; oder: «Jesus, hab Erbarmen» (Mk 10,47); oder wie erwähnt: 'Jesus'.
Wie jener Vater darf ich immer wieder die Erfahrung machen, dass Jesus stärkend und heilsam hilft; dies auch bei körperlich-gesundheitlichen Schwierigkeiten – ähnlich wie Petrus, der sich in seiner Angst und im Sturm (des Lebens) innig und erfolgreich an den rettenden Gott-Menschen wandte (Mt 14,28ff.), und in dessen Namen andere heilte (Apg 3,1-4,14; 5,12ff.).
Die Bitte der Apostel: «Stärke unseren Glauben!» und die tadelnde Antwort Jesu (Lk 17,5-10) erinnert mich an folgenden Spruch: «Halte die Ordnung und die Ordnung hält dich.» Halte die Gebetszeiten und der Partner des Gebets, der allmächtige Gott, wird dir helfen. Entsprechend schrieb Paulus: «Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren» (Phil 4,6f.).
Im Glauben erscheint mir Gott in jeder Eucharistiefeier, welche ich fast täglich feiere, und zwar besonders im Stück Brot, welches vom Priester durch Gottes Macht zum «Leib Christi» gewandelt wird und ich (wie alle anderen) einverleiben darf; je nachdem auch das «Blut Christi» verborgen im gewandelten Wein. Dies erfreut mich und stärkt mein Gottvertrauen. [Im Gegensatz zu normaler Speise, die in meinen Leib verwandelt wird, verwandelt und bekehrt jene jesuanische Speise mich mehr und mehr zu einem wahren und (r)echten Christen, gemäss dem grössten Vorbild an Rechtschaffenheit und Heiligkeit: Jesus Christus – wenn ich es denn zulasse bzw. mich nicht dagegen sträube.]
Manchmal schwierig zu akzeptieren und nur mit Gottes Hilfe im Leben umzusetzen ist diese Glaubenswahrheit: In jedem Menschen, der in Not ist, begegnet mir Jesus, der Mensch gewordene Gott (Mt 25,31ff; Lk 10,25ff.). – Eigentlich ist jeder Mensch «Bild Gottes» (Gen/1.Mose 1,27), auch wenn dessen gute und heilige Natur verletzt oder «zum Schlechteren gewandelt» ist durch die Erbsünde, verstärkt durch persönliche Sünde (1.KEK 133-137). In jedem Geschöpf, ob Mensch, Tier oder Pflanze, ist Gottes «unvergänglicher Geist» (Weish 11,24-12,1).
Für mich sind mystische Phänomene wie gewisse Marienerscheinungen oder ein Gotteserlebnis eines anderen, wenn sie denn (kirchlich) glaubwürdig wirken, eine Hilfe für meinen Glauben.
● Im kommenden Sommer wird das «Kapitel» (Versammlung) der «Kustodie» (Gebiet, [rechtliche] Einheit des Weltordens) von uns Schweizer OFM stattfinden, mit demokratischer Wahl der Kustodieleitung (Kustos und Räte), die danach, zusammen mit dem vom «Generalminister» (Vorsteher des Weltordens) bestimmten «Visitator» (offizieller Besucher), die «Familientafel» erstellen, also bestimmen wird, welcher Bruder zu welcher Gemeinschaft gehören wird, und somit, welcher Br. (ähnlich wie VögelJ) weiterziehen und welcher bleiben sollte oder darf. Dies geschieht in unserer Zeit normalerweise gemäss Absprache mit dem Betreffenden, Gottseidank.
● Von den 3 evangelischen Räten machen mir heutzutage weniger die Ehelosigkeit als vielmehr der Gehorsam Mühe. Manchmal denke ich, dass ich als 60-Jähriger selber über mein Leben bestimmen können sollte. Dann aber erscheint mir der grosse Gehorsam gegenüber Gott, entsprechend der Vaterunser-Bitte «dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden». So werde ich ruhiger und gelassener, indem ich hoffe oder vertrauen kann, dass im Austausch zwischen dem Oberen oder Verantwortlichen und mir das Beste herauskommt fürs Reich Gottes.
Auch beim Gehorsam ist Jesus das Vorbild und Ideal; Jesus, der nicht seinen Willen, sondern den Willen des Vaters vollbringen wollte, selbst, wenn es ihn das Leben kostete (Mt 26,39; Phil 2,7f; Hebr 5,8f.). – Möge es mir als Christ und Franziskaner immer wieder gelingen, gemäss diesem grossen Vorbild und mit dessen Hilfe zu leben, zu sterben und aufzuerstehen!
● Es gäbe wohl noch Einiges mitzuteilen über meine Berufung durch Gott bzw. durch Mitmenschen und Lebens-Umstände, sowie das Ausführen und Durchhalten dieser Berufung durch die Jahre und Jahrzehnte hindurch. Ich habe ehrlich versucht, gemäss meinem Gedächtnis hier das Wichtigste festzuhalten. Wer eine Frage hat melde sich bitte, vielleicht am Besten per E-Mail: rene.fuchs[at]franziskaner.ch
●∆ Gedankt sei dem guten, gnädigen und barmherzig-liebenden Gott, der Geist und Leben ist, dass er mich gütig und hilfreich begleitet hat auf all meinen Lebens-Wegen, auch wenn ich es vielleicht oft nicht gespürt habe. Danken möchte ich auch allen Menschen, die mich – trotz meiner mühsamen Seite – auf irgendeine Art und Weise gefördert haben im Guten, Schönen und Wahren, in der Liebe zu Gott und zu dessen Werken oder Geschöpfen (wozu auch alle Menschen gehören). Möge es ihnen vergolten werden vom Allerhöchsten, als Frieden und Heil in Zeit und Ewigkeit.
Mit freundlichen Grüssen – und einem herzlichen franziskanisch-christlichen «Pace e Bene» – Frieden + Alles Gute oder Heil!
Br. René Fuchs OFM
[Version 1 – 21.11.2019]