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Die meisten Menschen schauen darüber hinweg. Doch die US-Journalistin und Autorin Rachel Greenley liess sich temporär als Lagerarbeiterin anstellen, um die Auswirkungen unserer Gewohnheiten beim Kleiderkauf an der Front zu erleben. Am 25. November hat sie in DNYUZ und in der New York Times über ihre Erfahrungen berichtet. «Ich bin Saisonarbeiterin im Lager eines Online-Supermarktes. An fünf Tagen in der Woche verdiene ich 18,75 Dollar pro Stunde, während ich an einem Stehpult mit gelben Behältern voller zurückgegebener Kleidung stehe. Meine Aufgabe ist es, in weniger als zwei Minuten zu entscheiden, ob ein Kleidungsstück weiterverkauft werden soll.»
Umsatzbolzerei führt zu Verschleuderung
Rachel Greenley schildert anschaulich die Mühsal dieser manchmal abstossenden Sortierarbeit mit getragener Kleidung. Vor diesem Knochenjob hatte sie in der Teppichetage desselben Online-Supermarktes gearbeitet. Sie hatte Unternehmensstrategien entwickelt, die auf die Steigerung von Tempo und Umsatz zielten. Dann wechselte sie ins Warenlager, um herauszufinden, wie sich diese Strategie an der Front auswirkt, dort, wo die Retoursendungen bearbeitet werden.
Ihre Erkenntnis: «In Realität bewirkt das eine Flut von schnell produzierter billiger Fast-Fashion, oft aus synthetischen Stoffen, meist aus chinesischer Produktion.» Schnell beginnt sie, sich selbst zu hinterfragen: «Warum kaufen wir Wegwerfkleidung, die von Niedriglohnarbeiterinnen hergestellt wird und die eine bereits überlastete Umwelt belastet?»
Wegwerf-Mode bedeutet Ausbeutung von Menschen und Natur
Greenley führt in ihrem Artikel statistische Daten eines Interessenverbandes an: «Von den 75 Millionen Beschäftigten in der globalen Bekleidungsindustrie können geschätzt keine 2 Prozent von ihrem Lohn leben.»
Die grassierende Ausbeutung in der Fashion-Industrie betrifft nicht nur die Arbeitnehmerschaft, sondern auch die Umwelt. «Immer mehr Modemarken berufen sich auf Nachhaltigkeit, doch Fast Fashion ist schlicht inkompatibel mit Nachhaltigkeit», bilanziert die Autorin und rechnet vor:
«Stellen Sie sich die Wirtschaftlichkeit eines 26.99 Dollar teuren Leibchens der chinesischen Marke ‹SweatyRocky› vor. Wie kann dieser Preis die Kosten des Materials, der Arbeit, des weltweiten Transports und der Auslieferung bis an ihre Haustür decken? Ganz zu schweigen von den Kosten der möglichen Retoursendung ins Lagerhaus, wo jemand herausfinden muss, ob Sie das Leibchen getragen haben, als Sie mit dem Hund Gassi gingen? Wenn das Leibchen im Container für unverkäufliche Ware landet, kann es auf einer Abfalldeponie enden, wo das Polyester 200 Jahre benötigt, um sich biologisch abzubauen.»
Rachel Greenley verweist auf die Studie einer Umweltschutzorganisation von 2018, wonach weltweit jedes Jahr 66 Prozent der ausgemusterten Kleider auf Deponien landen und weitere 19 Prozent verbrannt werden. Recycling und echte Nachhaltigkeit spielen in diesem Drama nur kleine Statistenrollen. Greenley bringt die Unverantwortlichkeit solchen Wirtschaftens auf den Punkt: «Wir handeln im Glauben, dass wirtschaftliches Wachstum unbeschränkt ist, doch unsere natürlichen Ressourcen sind das nicht.»
TV-Tipp: «Wege weg von Fast Fashion»
Unter diesem Titel widmete sich das SRF-Magazin «Einstein» am 15. Dezember der Fast Fashion: «Billigmode wird immer kurzlebiger. Die Trends von heute sind der Müll von morgen. Die Modebranche gehört zu den schmutzigsten Industrien weltweit. Die Wissenschaft sucht nach Lösungen.»
Schweiz ist Europameister bei der Retourenquote
Das Logistikunternehmen DPD liefert in über 30 Länder und hat 2021 erstmals die länderspezifischen Retourenquoten erfasst. Die Schweiz ist Spitzenreiterin: 27 Prozent der ausgelieferten Waren wurden retourniert, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Es zeichne sich auch dieses Jahr ab, dass die Schweiz obenaus schwinge, heisst es bei DPD. Das erkläre sich vor allem durch die finanziellen Anreize und die Einfachheit von Rücksendungen. Auch der «Handelsverband.swiss» hat bei seinen Mitgliedern im Jahr 2021 eine durchschnittliche Rücksendequote errechnet. Mit 22,5 Prozent liegt sie nur leicht tiefer als in der Analyse von DPD. Kleider machen über den ganzen hiesigen Onlinehandel gesehen den grössten Anteil der Retouren aus. Dies hat die «Onlinehändlerstudie 2022» der Hochschule Luzern und der Post ergeben.
Generell haben Onlineshops, die primär Kleider und Accessoires verkaufen, die höchste Retourenquote: Jeder fünfte Artikel geht wieder zurück. Das ist nur der Durchschnitt, es gibt riesige Unterschiede. Bekannt für seine absurde Retourenquote ist der Online-Riese Zalando, wo die Hälfte der bestellten Ware zurückkommt, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Das hat nicht primär mit schlechter Warenqualität zu tun, sondern mehr mit der Erwartungshaltung der Kundschaft und deren Einkaufsstrategie. Knapp die Hälfte der Onlineshopper planen das Zurückschicken bereits bei der Bestellung mit ein, indem sie mehrere Artikel gleichzeitig ordern, um den besten herauspicken zu können. Dies geht aus dem «E-Commerce-Stimmungsbarometer 2022» von der Zürcher Hochschule für Wirtschaft und der Schweizerischen Post hervor. Die Studie untersucht die Gewohnheiten und Präferenzen von über 12’000 Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten. Die Auswirkungen auf Verkehr und andere Umweltbelastung hat diese Studie nicht untersucht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
Weiterführende Informationen
- Infosperber: Über das Unbehagen bei der Kehrichtverbrennung