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Let’s compare – 1. Variationslinguistische Tagung zum Vergleich von historischen und modernen Daten
6.–7. Mai 2019
Universität Bern, Schweiz
Während im Deutschen Reich des 17. und 18. Jh. die Dialekte langsam aus der Alltagskommunikation verschwanden, kamen aus der Schweiz erste Gegenstimmen. Johan Jakob Bodmer und Johan Jakob Breitinger wiesen auf das Verschwinden der Dialekte und dem damit verbundenen Volksgut hin und schlugen vor, Dialekte zumindest für private Kommunikation zu behalten, woraus später die schweizerische Sprachfreiheit entstand (vgl. Haas 2000). Diese hat den Dialekten der Schweiz bis heute zu einem Sonderstatus verholfen, anders als in anderen Standardsprache-Dialektsituationen werden Dialekte in der Schweiz in praktisch allen Situationen gesprochen. Spätestens ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zuerst in Deutschland durch Georg Wenker und später durch verschiedene weitere Forscher in ganz Europa Dialektatlanten erhoben, um die immer weiter schwindenden Mundarten im letzten Moment noch zu dokumentieren. Obwohl das erste und wohl auch grösste und bekannteste Atlasprojekt im damaligen Deutschen Reich entstand (Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reichs [DSA]), muss der Schweiz ein besonderer Stellenwert in der traditionellen Dialektologie zugestanden werden. Durch die spezielle Dialektsituation, zusammen mit dem hohen Stellenwert der Volkskunde und der damit verbundenen Pflege der Mundarten, entstand zwischen 1939 und 1997 um Rudolf Hotzenköcherle und seine Kollegen der Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Schweizer Dialektologen waren auch massgeblich an der Schaffung der Sprachatlanten Frankreichs (Jules Gilliéron [ALF]), Italiens (Karl Jaberg und Jakob Jud [AIS]) und Englands (Eugen Dieth [SED]) beteiligt. Sie alle orientierten ihre Forschung am Sprachatlas der deutschen Schweiz, der, anders als der Sprachatlas des Deutschen Reiches, die sorgfältige Auswahl der Informant*innen und die persönliche direkte Befragung der Gewährspersonen durch Experten beinhaltete. Die Erhebungen zum SDS dauerten zwar 19 Jahre und die Publikation der 8 Kartenbände war erst 1997 abgeschlossen, trotzdem entstand aus den geschilderten Erhebungen ein dialektologisches Meisterwerk, dessen Qualität bis heute nicht übertroffen werden konnte.
Nach den Erhebungen zum SDS ging jedoch das Interesse an den deutschsprachigen Dialekten der Schweiz stark zurück, auch Forschung zur den italienischen und den französischen Dialekten wurde während längerer Zeit nicht durchgeführt. An einigen Universitäten der Schweiz konnte sich an den germanistischen Seminaren erst ein dialektologischer und – nach der Begründung der Soziolinguistik in den 1960er-Jahren durch William Labov (1972a) – ein variationslinguistischer Schwerpunkt halten, wie beispielsweise in Zürich oder Fribourg. An anderen Schweizer Universitäten verschwand die Dialektologie/Variationslinguistik aber in den letzten Jahren. Mit der Emeritierung von Prof. Dr. Iwar Werlen im Mai 2013 und der nachfolgenden Neuausrichtung der Forschungsschwerpunkte am germanistischen und am sprachwissenschaftlichen Institut, war dies auch an der Universität Bern der Fall.
Spätestens ab 2014 wurde in verschiedenen Kursen an der Universität Bern festgestellt, dass das Interesse an den Sprachen und Dialekten der Schweiz von Seiten der Studierenden wieder stärker vorhanden ist. Seit da versuchen Dozierende der Universität Bern den Studierenden wieder Kurse zu Sprachen und Dialekten der Schweiz anzubieten.
In den letzten Jahren entstanden in Europa zahlreiche Projekte, die die umfassenden Forschungen zu den historischen Sprachatlanten nutzen und im Vergleich mit neu erhobenen Daten die Entwicklung der jeweiligen Varietät genauer unter die Lupe nehmen. Anders als bei den traditionell dialektologischen Herangehensweisen ist nun die soziolinguistische Komponente elementar, denn spätestens mit William Labovs (1972b) Studie zu Martha’s Vineyard weiss man, dass Veränderungen an der Sprache nicht nur geographisch, sondern hauptsächlich soziologisch begründet sind.
Die geplante Fachtagung soll an die neue Forschung anknüpfen und einen Teil der gebotenen Breite der neuen variationslinguistischen Forschung in Bern abbilden.
Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Wir bitten um Anmeldung bis zum 30. April 2019.
Literatur
Atlas linguistique de la France (ALF) (1902–1910). Jules Gilliéron/Edmond Edmont. Paris: Champion.
Deutscher Sprachatlas (DSA) (1927–1956). Auf Grund des Sprachatlas des deutschen Reichs von Georg Wenker begonnen von Ferdinand Wrede, fortgesetzt von Walther Mitzka und Bernhard Martin. Marburg: Elwert.
Haas, Walter (2000): „Kurze Geschichte der deutschen Schriftsprache in der Schweiz“. In: Schläpfer, Robert/Bickel, Hans (eds.): Die viersprachige Schweiz.2. Aufl. Aarau, Sauerländer: 109–138. (= Sprachlandschaft 25).
Labov, William (1972a): Sociolinguistic patterns. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
Labov, William (1972b): “The social motivation of a sound change”. In: Labov, William (ed.): Sociolinguistic patterns. Philadelphia, University of Pennsylvania Press: 1–42.
Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) (1939–1997). Begr. von Heinrich Baumgartner und Rudolf Hotzenköcherle; in Zusammenarb. mit Konrad Lobeck, Robert Schläpfer, Rudolf Trüb und unter Mitwirkung von Paul Zinsli hrsg. von Rudolf Hotzenköcherle. Gesamtwerk (Einführungsband, Bände I–VIII, Abschlussband). Bern/Basel: Francke.
Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS) (1928–1940). Karl Jaberg/Jakob Jud. Mundartaufnahmen durchgeführt von Paul Schauermeier, Gerhard Rohlfs und Max Leopold Wagner. Bd. 1–8. Zofingen: Ringier.
Survey of English Dialects: Basic Materials (SED) (1962–1971). Orton, Harold et al. Introduction and 4 vols. (each in 3 parts). Leeds: E. J. Arnold & Son.