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Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heisst es. Genau das tun aber immer mehr Untertanen von König Willem-Alexander der Niederlande. Der Gaul ist in diesem Fall die Goldene Kutsche, welche die Amsterdamer Bevölkerung seiner Urgrossmutter Wilhelmina 1898 zu deren Thronbesteigung geschenkt hatte.
Die linke Seite des kostbaren Königsfuhrwerks ist mit dem Gemälde «Huldigung der Kolonien» verziert. Darauf sind versklavte Menschen zu sehen, die einer weissen Frau Schätze aus den Kolonien überbringen. Diese Szene sorgt für immer mehr Unmut, besonders unter der niederländischen Bevölkerung mit Wurzeln in einem ehemaligen Überseegebiet.
Mit Volkes Geld
In den letzten sechs Jahren wurde das edle Transportmittel gründlich restauriert. Nun steht es in aller Pracht in einem Glascontainer im Innenhof des Amsterdam Museums, das gleichzeitig eine umfassende Ausstellung darüber machte.
Die Goldene Kutsche war ein frühzeitiges Crowdfunding-Projekt. Alle Einwohnerinnen und Einwohner der Hauptstadt waren gehalten, mindestens ein «kwartje» zu spenden. Die 25 Cents entsprachen damals einem Viertel des Tagelohns.
15 Millionen Nadelstiche
Das gesamte Interieur der Kutsche – Decke, Wände, Armlehnen und Sitzkissen – wurde mit Petit-Point-Stickereien verziert. In mühseliger Handarbeit setzten Hunderte Amsterdamerinnen insgesamt 15 Millionen Nadelstiche.
Im Gegensatz zu den Männern, die am Chassis der Kutsche arbeiteten, seien diese Frauen sehr schlecht bezahlt worden, erzählt Konservatorin Annemarie de Wildt, die in den Archiven auf entsprechende Hinweise gestossen ist.
Übrigens sind in der Ausstellung auch Fotos von stickenden jungen Mädchen zu sehen, die früher hier gewohnt haben. Die Bilder stammen aus der Kollektion des Amsterdam Museums, das einst ein Waisenhaus war.
Teakholz aus Java, Elfenbein aus Sumatra
Zur Zeit des Baubeginns, Ende des 19. Jahrhunderts, sorgte die Immigration für eine Verdoppelung der Einwohnerzahl in Amsterdam. Zudem entstanden viele Bewegungen – Sozialisten, Anarchisten, Frauen –, die der Monarchen-Familie kritisch gegenüberstanden.
Das Geschenk sollte in diesen unruhigen Zeiten deshalb auch als Symbol für Einigkeit dienen. Entsprechend wurden die Materialien aus dem gesamten Königreich – auch aus den Kolonien – in die Amsterdamer Kutschenfabrik Spijker transportiert: Teakholz aus Java, Elfenbein aus Sumatra, Flachs aus der niederländischen Provinz Zeeland.
Exorbitantes Künstlerhonorar
Mit der Bemalung der Kutschenwände wurde der Maler Nicolaas van der Waay beauftragt. Er kassierte dafür den gehörigen Beitrag von 4000 Gulden, der in schrillem Kontrast zum hohen Tribut der armen Bevölkerung stand.
Trotzdem wurde Van der Waay für seine «Huldigung der Kolonien» bejubelt. In den letzten Jahren gab es für die stereotype Darstellung aber zusehends Kritik. Darauf wird in der Ausstellung ausführlich eingegangen.
«Die können mich mal»
In einem Raum haben die Kuratorinnen Pro- und Contra-Zitate an die Wände projiziert. «Eine gemeinsame Zukunft für alle ist nicht möglich, wenn in einer Kutsche herumgefahren wird, die weisse Herrscher und Ausbeuter verherrlicht», lautet die Äusserung der auf Sklaverei spezialisierten Historikerin Patricia D. Gomes.
Der Rechtspopulist Geert Wilders wird mit dem Satz zitiert: «Zuerst musste der Schmutzli weg, jetzt die Goldene Kutsche und dann wohl das ganze Land? Ich sage: nicht beugen und nicht kuschen. Die können mich mal.»
Langsame Kutsche oder schnelle Autos?
Im letzten Ausstellungsraum werden die Besucherinnen und Besucher aufgefordert, sich zur Zukunft der Kutsche zu äussern. Muss sie definitiv ins Museum, wie sich das viele wünschen, oder soll der König, der eigentlich schnelle Autos und noch schnellere Boot liebt, sie weiterhin benützen dürfen.
Die Meinungen will das Museum auf seiner Website veröffentlichen um die Debatte über die Bedeutung der Monarchen-Karosse im nationalen Rahmen führen zu können.
Noch bis im Februar 2022 glänzt die Goldene Kutsche in ihrem Glaspalast im Innenhof. Danach wird das Amsterdam Museum für eine grosse Renovation geschlossen. Spätestens dann muss König Willem-Alexander einen Beschluss fassen, was er mit dem vermaledeiten Erbgut tun will.