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Ältere Semester mögen sich vielleicht erinnern. Es war wohl in den 1970er Jahren, als eine Werbeagentur für die Lancierung einer neuen Geschirrspülmaschine eine phänomenale Idee hatte. Sie bestellte beim Patissier eine übergrosse Schwarzwäldertorte, platzierte sie auf einer Porzellan-Tortenplatte und stellte diese wiederum mitsamt der Torte in die neue Geschirrspülmaschine – wobei alles gefilmt wurde. Dann wurde der Spülgang initiiert. Nach zwanzig Minuten wurde das Türchen vorne an der Geschirrspülmaschine geöffnet, und was kam heraus: eine blitzblanke Tortenplatte, aber ohne Torte! Diese war dank der grossen Waschkraft der neuen Maschine samt und sonders weggespült worden! Das musste doch jede Hausfrau zum Jubeln bringen. Der Werbefilm würde eine kleine Sensation werden!
Tatsächlich: der kleine Werbefilm wurde eine Sensation. Nur nicht so wie gedacht. Denn die Hausfrauen, die damals noch die berühmtberüchtigten Märkli vom Konsum sammelten, um von Zeit zu Zeit ein paar Franken Taschengeld zu haben, das der Kontrolle des Ehemannes und «Ernährers» entglitt, und die aus den Resten des Abendessens jeweils die Suppe für den nächsten Tag zubereiteten, waren schlicht entsetzt: Eine ganze Schwarzwäldertorte in die Geschirrspülmaschine stecken, nur um zu zeigen, dass diese gut spült? Die Leserbriefredaktionen wurden überrannt mit Protestbriefen! Und der Protest hatte Wirkung: Der Hersteller der Geschirrspülmaschine entschuldigte sich öffentlich für die stupide Werbung und zog den Werbefilm ganz schnell wieder aus dem Verkehr.
Und heute?
Die Versicherung Allianz hat einen Werbefilm gedreht, bei dem ein nagelneuer Mercedes von einem Baubagger zu Schrott zusammengefahren und zerquetscht wird: um zu zeigen, dass Versicherungen Sinn machen, weil ja irgendwo unerwartet ein Schaden entstehen kann. Der Werbefilm ist auf YouTube einsehbar und wird zum Beispiel auch auf der Plattform 20min gezeigt.
Hat jemand etwas von Protest gehört? Wir nicht. Die Menschen in Westeuropa haben sich über die Jahrzehnte hinweg an die Verschwendung gewöhnt. Ein Drittel der Lebensmittel landet im Abfall, und ob da ein Auto mehr oder weniger verschreddert wird, spielt eh keine Rolle. «Tempora mutantur nos et mutamur in illis», heisst ein lateinischer Spruch: Die Welt verändert sich und wir verändern uns mit ihr. Das trifft, wie man sieht, auch im Bereich der Sensibilitäten gegenüber der Verschwendung zu.
Wir haben uns verändert. Aber auch zum Besseren?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine