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Der Fremde aus dem net, der mir immer mehr gefiel
In einem gut frequentierten Forum las ich ihn zum ersten Mal.
Er, ein Mittfünfziger, gut aussehend, sportlich, hatte eine Art zu schreiben, durch die unschwer zu erkennen war, dass er intelligent und rethorisch gut auf der Höhe war.
Mit seinen Tages Beschreibungen zog er die Userinnen förmlich in seinen Bann.
Er schrieb von seinem Leben auf einem großen Hof, Pferden, seinem Hund, Sonnenuntergängen und den schnell vorbeieilenden Jahreszeiten.
Man konnte teilnehmen an seinem Leben, an seinen kleinen Niederlagen, an seinen Erfolgen, man schmeckte förmlich den Wein auf den Lippen, welchen er sich nach seinem Tages Werk gönnte.
Man roch den Duft der abgemähten Felder in den Träumen, in die er einen regelmäßig zu versetzen vermochte.
Irgendwann wollte ich diesen Mann am Telefon hören dürfen. Ich wollte wissen, ob mich seine Stimme zum Schwingen bringen konnte.
So schickte ich ihm eine persönliche Nachricht und bewunderte ihn ein wenig bezüglich seiner Texte.
Im P.s. setzte ich hinterher, dass Frau schon ein bisschen neugierig wäre, auch einmal die Stimme des tollen Schreibers bei einer Lesung oder anderen Gelegenheit kennen lernen zu dürfen.
Prompt kam seine Telefonnummer per mail zurück mit der Bitte, seine Stimme doch auf diesem Wege kennen zu lernen.
Am folgenden Abend juckte es in meinem rechten Zeigefinger so lange, bis ich diese Nummer endlich anwählte.
"Mayer, guten Abend.", tönte eine ziemlich aufgewühlte Männerstimme in meinem Telefonhörer.
"Hallo, äh, bitte verzeihen Sie, sind sie Mr. Ruf-mich-an aus der 50+ community?", stammelte ich etwas verlegen in mein schnurloses Telefonhörerchen.
"Wie bitte, äh, ach so .............sie sind die Dame, der ich gestern Abend meine Telefonnummer ins net geschrieben habe."
"Ja, richtig, die Frau, die gerne wissen wollte, wie sich die Stimme dieses Mannes anhört, der in unserer community viele Frauen nervös macht."
"Soo, tut er das, dieser Lausbub?", grinste er durch die Telefonleitung zurück.
"Äh ja, das tut er..." stammelte ich nervös. Herrn Mayer schien dies sehr zu freuen. "Und Sie habe ich ganz besonders nervös gemacht?" wollte er wissen. Das konnte ich natürlich nicht zugeben und brachte noch heraus: "ja, wie Sie schreiben, man fühlt förmlich, dass alles wirklich erlebt ist - man kann das Heu riechen - ähm, ja, Sie haben sicher schriftstellerisches Talent!"
Herr Mayer lachte geschmeichelt: "Nun, ich schreibe eigentlich nur zu meinem Vergnügen, aber das freut mich natürlich, dass Ihnen meine Texte so nahe gegangen sind. Aber sie wollten ja in erster Linie meine Stimme hören - nun - zufrieden?"
Ich konnte es nicht leugnen - er hatte die Stimme eines geborenen Verführers - warm, volltönend, aber auch sensibel und eine Spur väterlich.
Aber nun wusste ich nicht weiter, am liebsten hätte ich gleich wieder aufgelegt und er half mir nicht.
Im Hintergrund war ein dumpfes Poltern zu hören, ein kaum unterdrückter Fluch und dann eine entnervte Frauenstimme: "Hans-Herbert, hilf mir doch mal mit dem Wäschekorb - die Kellertür klemmt schon wieder".
Mir gefror das Blut in den Adern. "Deine Frau?" hauchte ich. "Wer? Ach so, nun ja - äh, wir leben getrennt.....hmmm, aber wie auch immer, ich glaube, ich muss da mal helfen, grüßen Sie doch die anderen Damen recht herzlich von mir". "Mach ich", erklärte ich eifrig, froh, mit gutem Gewissen auflegen zu können.