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Ein interessanter Artikel wurde mir von einem ETH-Professor zugestellt. Er war der Ansicht, dieser könnte mich interessieren.
Hier eine Zusammenfassung einiger wesentlicher Aussagen aus diesem Paper:
Es geht um eine Arbeit, bei der gezeigt wurde, dass reine Monosubstanzen nicht unbedingt das Nonplusultra in der Therapie sind. Dies stützt die Ansicht vieler mit TCM Arbeitenden, dass chinesische Rezepturen gut wirken, weil sie aus Jahrtausende alter Erfahrung abgerundete Vielstoffgemische sind.
In der genannten Arbeit wurde Folgendes gemacht:
Eine Substanz, in diesem Falle Ursolsäure (ursolic acid) wurde in unterschiedlich reiner Form in ihrer Wirkung verglichen, mal lag sie in einer Studie als hochreiner und in andern Studien als nicht ganz reiner Stoff vor.
Ursolsäure gehört zu den Terpenoiden, einer Klasse von etwa 30'000 Stoffen, die als Naturstoffe in Pflanzen vorkommen und zwar als sekundäre Pflanzenstoffe.
Sekundäre Pflanzenstoffe sind Stoffe, die nicht für die primären, also essenziellen Bedürfnissen einer Pflanze gehören. Als essenziell kann man den Energiestoffwechsel, sowie Auf- und Abbau einer Pflanze bezeichnen. Die eigentlichen Charakteristiken einer Pflanze machen die sekundären Pflanzenstoffe aus.
Ursolsäure kommt zum Beispiel in Basilikum, in Äpfeln (in deren Schalen), Holunder, Oregan, Lavendel, Thymian etc. vor.
Ursolsäure ist gut erforscht und hat pharmakologische Aktivitäten. Sie wird in der Lebensmittelindustrie und in der Kosmetik als Emulgator eingesetzt. Eine weitere Eigenschaft ist antibakterieller Art.
Mit letzterer beginnt unser Experiment: Tuberkulosebakterien wurden mit Ursolsäure behandelt und es zeigte sich, dass die Wirkung umso schlechter war, je reiner der verwendete Stoff war. Beim reinen Stoff war sie null. Geringste Spuren von Verunreinigungen brachten also offensichtlich eine bessere Wirkung gegen Tuberkelbakterien zustande. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Ohne Verunreinigung keine Wirkung!
Man spricht von einem synergistischen Effekt, bei dem die Verunreinigungen die Wirkung gegen Bakterien verstärken.
Bei der Prüfung an Tuberkulosebakterien kam es zu folgenden Resultaten: sobald die Reinheit des Stoffes Ursolsäure 87% überschritt, sank die Wirkung gegen Tuberkulosebakterien frappant.
Es wurde deshalb gefordert, dass bei Studien mit pharmakologischen Substanzen jedenfalls auch der Grad der Reinheit des getesteten Stoffes bekannt sein sollte.
Zu den Wirkungen von Medikamenten werden jährlich viele tausend Studien gemacht und zu einem häufigen Thema gibt es oft eine Menge Studien. Diese kommen oft zu gegensätzlichen Ergebnissen. Die Autoren dieser Arbeit sind der Ansicht, dass die unterschiedlichen Resultate öfters auf dem Umstand beruhen, dass die Reinheit des geprüften Stoffes nicht in jeder Studie gleich war. Man muss wissen, dass selbst synthetisch hergestellte Moleküle bzw. Medikamente oft nicht rein sind. Es bestehen internationale Richtlinien, die die Reinheit von Stoffen beschreiben. Der Anteil von unreinen Beimengungen darf nicht mehr als 0.05-0.03% sein. Ein höherer Grad an Reinheit kann nicht ausgewiesen werden, weil man aufgrund von Messfehlern nicht 100% schreiben darf. Die Messfehler müssen in die Prozentangabe einfliessen. Das heisst auch, dass man gar nie wissen kann, ob ein Stoff in völlig reiner Form vorliegt.
Bei Naturstoffen ist die Sache noch schwieriger: die Isolation von Naturstoffen in hoher Reinheit stellt grosse Anforderungen.
Unreine Produkte enthalten zum Beispiel Zwischen- oder Abbauprodukte einer Synthese oder, bei Naturstoffen chemisch ähnliche Substanzen aus dem Pflanzenstoffwechsel. Auch Fremdstoffe können sich darunter befinden, z.Bsp. Metallabrieb. Auch ein einfaches Beispiel für eine Unreinheit ist ein Racemat, also ein Gemisch von einem einzigen Molekül, das in seiner rechts- und in seiner linksdrehenden Form vorkommt (s. Yoghurtwerbung).
Es ist zum Beispiel von einem Betablocker bekannt, dass seine eine Form hundert Mal schwächer wirkt als die Form, die in die andere Richtung dreht.
Kleine chemische Veränderungen am Ursolsäuremolekül führen zu chemisch anderen Stoffen, etwa zur Oleanolsäure und zur Betulinsäure. Ursolsäure eignet sich gut für den Zweck der Studie, denn sie kommt in der Natur häufig vor und es gibt eine grosse Zahl von andern bekannten Molekülen von ganz ähnlicher Struktur.
Bakteriologische Studien mit Ursolsäure kommen daher verständlicherweise zu ganz unterschiedlichen Resultaten: In einigen Studien wirkt sie gut gegen Staphylococcus aureus, E.coli, Pseudomonas aeruginosa und Bacillus subtilis. In andern Studien wird gezeigt, dass Ursolsäure genau gegen diese Bakterien nicht wirksam ist und manchmal wird sogar beobachtet, dass das Bakterienwachstum sogar durch Ursolsäure gefördert wird.
Andere, z.B. in vitro Studien mit Ursolsäure fielen ebenfalls kontrovers aus, indem die einen zytotoxische Aktivität bewiesen und die andern das Gegenteil.
Weitere Studien zeigten, dass entzündungshemmende oder eben entzündungsfördernde Eigenschaften beobachtet wurden.
Die Forscher hegten schliesslich sogar Zweifel daran, ob Ursolsäure wirklich das Allheilmittel ist, als das es lange galt, oder ob die Wirkung nicht eher den 40 verschiedenen Molekülen oder deren Anteil am Gemisch zuzuschreiben war, die als geringe Verunreinigungen bei der Analyse von Proben von Ursolsäure gefunden wurden.
Die Wissenschafter untersuchten neun Studien, die mit Ursolsäure gemacht wurden und bestellten sich davon Muster und analysierten diese. Der Reinheitsgrad der verwendeten Ursolsäure lag zwischen 81 und 99,57%.
Zudem zeigten sie, dass die zuverlässige Aufklärung der Molekülstruktur nur mit allergrösstem Aufwand zu bewerkstelligen war.
Daraus kann geschlossen werden, dass wohl in den meisten Fällen nicht einmal genau bekannt ist, womit da gearbeitet wird.
Die Arbeit zeigt vor allem eins: Die Dinge sind kompliziert! Die Natur ist als kybernetisches Modell zu verstehen. Da bestehen multiple Wechselwirkungen, Rückkoppelungen (negative und positive), die uns im Detail kaum bekannt, ja kaum zugänglich sind. Das Endresultat ist oft ein sehr individuelles. Die westliche Wissenschaft ist kaum in der Lage, dieses vorauszusehen. Die kausal-analytische Sichtweise (s. Professor Manfred Porkert) der westlichen Wissenschaften versagt da, wogegen die östliche, induktiv-synthetische Sichtweise zum Beispiel der Traditionellen Chinesischen Medizin solche Prozesse zu erklären vermag.
Konkret zeigt die Arbeit auch, dass die Isolierung von einzelnen Inhaltsstoffen aus Pflanzen zwecks besserer Steuerbarkeit oder kommerzieller Nutzung nicht immer zum (therapeutischen) Ziel führt. So distanzieren sich Anwender der TCM von Bestrebungen, chinesische Heilkräuter auf Inhaltsstoffe zu standardisieren und diese quantitativ zu definieren. Wohl spielen solche Qualitäten eine Rolle, aber sie sind nicht der einzige Schlüssel zum Therapieerfolg. Die Gesamtheit der Wirkung ergibt sich nicht nur aus derjenigen der Hauptinhaltsstoffe. Die kleinsten Beimengungen von Nebenstoffen kann, so der Schluss aus der mir vorliegenden Untersuchung, den Therapieerfolg ausmachen. Und es darf daraus auch guten Gewissens postuliert werden, dass Pflanzenstoffe, die isoliert im Reagenzglas, im Tierversuch oder auch am Menschen Krebs zu erzeugen vermögen, dies genau dann nicht tun, wenn sie im Verein mit allen andern Stoffen einer einzelnen Pflanze oder einer Mischung von Pflanzen, wie dies in der TCM üblich ist, gegeben wird. TCM verfügt über einen ununterbrochenen Beobachtungszeitraum von mehr als 2000 Jahren und man hat in dieser Zeit viel Erfahrung darüber gesammelt, was für den Menschen gut ist und wo Vorsicht am Platze ist. Diese Beobachtungen unterliegen gerade heute einer äusserst kritischen Prüfung durch die westliche Schulmedizin und das hat auch zu intensiven Diskussionen geführt. Ich erinnere an das Thema der Aristolochiasäure, bzw. an die hundert belgischen Frauen, die einen Nierenschaden erlitten, zum Teil sogar nicht nur an die Dialyse oder zur Nierentransplantation mussten, sondern sogar ein Carcinom der Nieren entwickelten. Sie hatten in einer Klinik, in der Übergewichtige behandelt wurden, einen seltsamen Cocktail von chinesischen und westlichen Arzneimitteln erhalten. Vermutlich konnte die in einer chinesischen Pflanze enthaltene Aristolochiasäure deshalb so fatal wirken, weil sie im Zusammenspiel mit westlichen Chemikalien in ihrer Wirkung potenziert wurde. Aristolochiasäure enthaltende Arzneipflanzen wurden in der TCM seit vielen hundert Jahren gebraucht. Nachdem die Fälle von Belgien bekannt wurden, wurde intensiv nach weiteren Fällen von Nierenversagen und Nierenkrebs gesucht und man wurde auch fündig. Allerdings waren das ganz seltene Fälle. Würde man diese genauer unter die Lupe nehmen, würde man vielleicht herausfinden, dass da jeweils eine falsche TCM-Diagnose gestellt wurde und dass bei derer korrekter Anwendung keine Gefahr besteht. Aus Vorsicht wurde dann aber diese Pflanze trotzdem aus der chinesischen Pharmakopöe entfernt, denn auch in China stellt man sich der Verantwortung, die an ein Medizinsystem gestellt werden. Westliche Firmen haben hier bei uns ihre Lobby und dürfen Nutzen und Schaden miteinander verrechnen. So kann man dann in fast jeder Packungsbeilage zu jedem Medikament lesen, mit was für schweren Zwischen- oder gar Todesfällen gerechnet werden muss. Aber das nimmt man in Kauf, das ist bei uns durch die staatlichen Zulassungsbehörden abgesegnet.
Originaltitel der in diesem Beitrag erwähnten Artikel:
- Purity – Activity Relationships of Natural Products: The Case of Anti-TB Active Ursolic Acid (Birgit U.Jaki et al., Institute for Tuberculosis Research and Dept. of Medicinal Chemistry and Pharmacognosy, College of Pharmacy, University of Illinois at Chicago). Veröffentlicht in Journal of Natural Products 2008
- Über die Aristolochia-Nephropathie (Axel Wiebrecht. Deutsche zeitschrift für Akupunktur 3/2000)
Severin Bühlmann
Januar 2011