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Gestern feierten die Bündner Südtäler das Chalandamarz. Mit Glockenläuten und Peitschenknallen soll der Winter vertrieben und der Frühling begrüsst werden. Die Lieder werden auf Romanisch gesungen. Doch was es mit der vierten Landessprache genau auf sich hat und wie sie klingt, wissen viele gar nicht.
Das Rätoromanisch, heute auch meistens nur Romanisch genannt, wird in mehreren Teilen Graubündens gesprochen und hat sich gebildet, als die Römer 15 v. Chr. die Alpen besetzten und die Provinz Raetia entstand. Der Name Rätoromanisch bürgerte sich allerdings erst Mitte des 19. Jahrhunderts ein.
Obwohl im 19. Jahrhundert die Mehrheit der Bündner Romanisch redete, wollte man die Sprache zunächst ausrotten und stärker zu Deutsch wechseln. Es herrschte die Ansicht, Romanisch wäre eine Bauernsprache und problematisch für den Anschluss des Kantons an die moderne Welt. Doch die Gegenbewegung der Romanischsprechenden erreichte das Gegenteil.
Am 20. Februar 1938 hat das Schweizer Volk mit 91,6 Prozent der Ja-Stimmen Romanisch zur vierten Landessprache der Schweiz erklärt. Am deutlichsten fiel das Resultat übrigens in Genf aus, mit 98,8 Prozent Ja-Stimmen. Die Romanischsprechenden wurden damals in den Medien als traditionsverbundenes, wehrhaftes kleines Bergvolk dargestellt. Der Alt Bundesrat Philipp Etter schrieb nach der Abstimmung: «Es ging um etwas ganz Wesentliches. Um nicht weniger nämlich als um die Verteidigung des schweizerischen Staatsgedankens!» In Graubünden fungiert Romanisch heute zusätzlich als Amtssprache.
Man geht davon aus, dass ca. 40'000 bis 60'000 Menschen heute noch Romanisch sprechen. Die Lia Rumantscha will diese Zahl überprüfen und hat zu einer Registrierung aller Romanischsprechenden aufgerufen. Auf ihrer Homepage kann sich jeder, der Romanisch spricht, bis 15. Mai 2019 anmelden, dann wird der Verein 100-jährig.
Bis ins Hochmittelalter war Romanisch bis in die Kantone Glarus und St. Gallen verbreitet. Das ganze Walenseegebiet und Rheintal gehörten dazu. Am spätesten eingedeutscht wurden Gegenden, deren Ortsnamen nicht auf der ersten Silbe betont werden, wie Bad Ragaz, Vaduz oder Sargans.
Da die Täler und Orte über Jahrhunderte voneinander abgeschottet und isoliert waren, entwickelten sich insgesamt fünf Idiome. Putèr (Region Oberengadin, Samedan), Vallader (Region Unterengadin, Scuol), Surmiran (Region Albulatal, Thusis), Sursilvan (Region Oberland, Ilanz, Disentis) und Sutsilvan (Region Hinterrhein, Domleschg, Schams).
Die fünf Idiome sind nicht nur mündliche Dialekte, sondern auch Schriftsprachen, mit Grammatik und Rechtschreibung. Andere Unteridiome, wie das Jauer (gesprochen in der Val Müstair), werden nur mündlich angewandt, schriftlich wird in den Schulen Vallader unterrichtet.
Die Hochburgen des Romanischen sind die Surselva und das Unterengadin (inkl. Münstertal). In Regionen wie dem Oberengadin oder dem sutselvischen Gebiet wird das Romanisch schon seit langer Zeit immer mehr vom Deutschen verdrängt.
Die Gemeinde St. Moritz im Oberengadin ist zum Beispiel die einzige, die Romanisch in der Primarschule nur als erste Fremdsprache führt, während Deutsch als Unterrichtssprache gilt. In allen anderen Gemeinden gilt Romanisch in der Primarschule entweder offiziell als Schulsprache oder wird zusammen mit Deutsch zweisprachig geführt. In St. Moritz konnten sich im Jahr 2000 nur noch 13 Prozent der Einwohner auf Romanisch verständigen. Das ist mit Abstand der tiefste Wert aller Oberengadiner Gemeinden.
Von nicht-romanischer Seite werden die Dialektunterschiede oft ungemein unterschätzt, denn sie sind viel ausgeprägter als etwa zwischen den verschiedenen Schweizerdeutsch Mundarten. So kann es sein, dass ein Oberengadiner grosse Mühe hat, einen Oberländer zu verstehen.
Das Rumantsch Grischun ist eine in den 70ern und 80ern entwickelte Schriftsprache, die auf Initiative der Lia Rumantscha zustande kam. Basis dafür waren die drei grössten Idiome, Vallader, Surmiran und Sursilvan. Seit 2001 ist sie die offizielle Amtsschriftsprache in Graubünden. In den jeweiligen Gemeinden dient allerdings das jeweilige Idiom als Amtssprache. Das Ziel der gemeinsamen Schriftsprache bezweckt die Stärkung des Romanischen und damit den Erhalt der bedrohten Sprache. Kritiker hingegen befürchten das Gegenteil, weil die Kunstsprache de facto neu gelernt werden muss.
2003 beschloss das Parlament, die Standardsprache Rumantsch Grischun als Schriftsprache in den Schulen einzuführen und damit die Idiome zu ersetzen. Damit hätte man Kosten für Lehrmittel sparen können, die bis dahin in den jeweiligen Dialekten erschienen. Allerdings durften die Gemeinden anschliessend bei einer Abstimmung selber bestimmen, ob sie die Bücher neu in Rumantsch Grischun oder weiterhin in ihrem Idiom haben wollen. Mit Grün markiert sind die Gemeinden, die Rumantsch Grischun als Schulsprache eingeführt haben. Mit Rot - Gemeinden, in denen in einem Schriftidiom unterrichtet wird und mit Braun - Gemeinden, die Rumantsch Grischun als Schulsprache eingeführt hatten, aber eine Rückkehr zum Idiom beschlossen haben. In der Folge des Rücktritts von 14 von 40 Gemeinden entschied der Grosse Rat des Kantons Graubünden im Dezember 2011, dass Lehrmittel für rätoromanische Primarschulen wieder in den fünf romanischen Idiomen gedruckt werden können.
Die wohl berühmtesten Schweizer mit der Muttersprache Romanisch sind die Rapper von Liricas Analas, Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal, die Olympia-Sieger Sandro Viletta und Dario Cologna, die Schauspieler Tonia Maria Zindel und der «Schellen-Ursli» Laurin Michael oder auch der Comedian Claudio Zuccolini.
Am 1. März begrüssen die Bündner Südtäler den Frühling. Die Kinder ziehen sich die Trachten an, schmücken diese mit den Rösas und laufen mit ihren Glocken und Peitschen durch die Dörfer. Dabei werden die typischen Chalandamarz-Lieder gesungen. Je nach Region unterscheidet sich der Brauch. In einigen Gemeinden müssen nur die Jungs am Umzug teilnehmen, in anderen auch die Mädchen.