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1. Essai: Renaissance
Renaissance der Kultur
Renaissance in Italien: Republiken, Philosophen und Condottieri Ich versuche mit einigen Hinweisen die Renaissance-Kultur in Italien in Erinnerung zu rufen. Was sich im 14. und 15. Jahrhundert in Italien entwickelt hat, prägt die europäische Geschichte bis heute. Es ist nicht nur der Umstand, dass viele Texte der griechisch-römischen Antike zugänglich wurden, und als Quellen in der Ursprache gelesen und studiert wurden. Ich meine, das Wesentliche war, dass man, im Gegensatz zum Mittelalter, sich der römischen Antike verwandt und irgendwie zeitgleich fühlte und das Leben nach den antiken Vorbildern zu führen versuchte. Triumphzüge wurden organisiert, wie man es aus den Beschreibungen rekonstruierte, und Menschen gaben sich einen Stil, den sie aus den antiken Biografien ableiteten. Menschen wurden wie die antiken Helden heroisiert. In diesem Sinn bleiben sie bis heute im Bewusstsein präsent: Michelangelo Buonarrotti, Niccolò Macchiavelli, die Medici, Leonardo da Vinci. Die Peterskirche in Rom zu bauen, war eine grosse architektonische Leistung, aber das gilt auch für die gotischen Kathedralen. Wenn wir die Namen der Architekten der gotischen Kathedralen kennen, sind sie dennoch in unserer Kultur keine Heroen wie Michelangelo. Der Heroisierung auf der öffentlichen Seite entsprach im Privaten die Verschiebung der Bildproduktion vom Fresko zum Tafelbild und besonders zum Porträt: der Darstellung einer fast beliebigen Person, vielleicht die private Version der Heroisierung. Die Darstellung des Charakters, der Gefühle als Dinge von Bedeutung. Das gilt auch für andere Bilder mit mythologischer oder kirchlicher Thematik. Die Dramatik des Lebens löste sich aus den übergeordneten traditionellen, d.h. kirchlichen Lebensstrukturen und die Heroen waren genau jene, denen es gelang, die traditionellen Strukturen zu sprengen, kulturell oder politisch oder wirtschaftlich. (Die Bedeutung des Wirtschaftlichen ist kaum zu unterschätzen, da die Vermögenden zu Mäzenen und Auftraggebern werden konnten, die statt nur Bilder für die Kirche zu stiften, ihr Weiterleben durch Denkmale ihres Ruhmes sicherten. Verschiedene Familien sind dank Bankgeschäften in den Stand des Adels aufgestiegen: die Medici, die Borromeo als Beispiele, andere kamen als Kriegsunternehmer zu Vermögen und Adelsstellung).
In dieser Entwicklung des Selbstverständnisses lag ein innerer Widerspruch. Die kleinen, privaten Kunstformen (Tafelbild, Porträt) gaben jedem Menschen, soweit er es persönlich und finanziell vermochte, die Möglichkeit, zu einer Art Privat-Heros zu werden, der sein Leben autonom zu gestalten versuchte. Auf der Grundlage der spätmittelalterlichen Entwicklung der Städte mit den Zunftrepubliken bildete sich die Renaissance auch zuerst aus. In diesen politischen Gebilden mit kooperativ-republikanischer Struktur konnte sich die Idee des autonomen Individuums entwickeln und in verschiedenen Formen in die politische Lebenslandschaft einfügen. Gelehrte und Künstler folgten den Handwerkern und Händlern in ihrer Loslösung aus den traditionellen Strukturen. Das tönt etwas überhöht, und der Unterschied zum vorausgegangenen Mittelalter war meist nur graduell, eine kleine Richtungsänderung. In einzelnen Biografien konnte die Tendenz aber bedeutsam werden, wie etwa bei Michelangelo, der, obwohl er für Aufträge auf den Papst, einen Medici, angewiesen war, 1530 für die Republik Florenz Verteidigungswerke gegen die Medici baute. Dieses Datum, 1530, bezeichnet das Ende der Republiken in Italien, ausser Venedig gingen alle unter. Die neuen und alten Fürsten und die rücksichtslosen Tyrannen hatten gesiegt. In Westeuropa gingen die politischen Verhältnisse in den Absolutismus über. Parallel dazu wandelten sich die theologischen Reformbestrebungen in Orthodoxie. Im Kulturbereich rettete sich das künstlerische Individuum durch die Technik, die Welt in verzerrt-verspiegeltem Barock darzustellen und in der Verzerrung und Vorspiegelung die Freiheit des Himmels zu retten. Die Kunst war auf dem Weg zur Funktion, die sie sich bis heute zuschreibt, nämlich die etablierte Gesellschaft zu kontrastieren und der individuellen Persönlichkeit eigene Ausdrucksweisen zu verschaffen.
Aber zu dieser Zeit war Zwingli schon tot. Seine Gedankenwelt ging mit ihm unter, und seine nahen Gefährten, soweit sie die Katastrophe des zweiten Kappelerkrieges überlebt hatten, waren isoliert. Einer dieser Zwinglischüler, Theodor Bibliander, der ein etwas weiches Gemüt hatte, wurde zunehmend von apokalyptischen Visionen geplagt. Mit Zwinglis Tod war eine Welt untergegangen. Denn die Öffnung in die Welt, die sich aus seinem Renaissance-Bewusstsein entwickelt hatte, musste sich verändern und Zwingli konnte im strengen Sinn keinen Nachfolger haben. Die nachfolgende Generation konnte, auch wenn sie gewollt hätte, seine zentralen Gedanken nicht weiterführen. Seine Werke verschwanden aus dem Bewusstsein, wenn sie überhaupt noch gelesen wurden. (Guggisberg und Büsser: VI/III, 57)
Zu Zwingli: In das Kulturparadies der Renaissance müssen wir nun den Menschen (und Theologen) Zwingli hineinsetzen
Wie aber versteht sich Zwinglis Leben und Wirken in diesem Zusammenhang? Oder anders formuliert: Wie kam die Renaissance in Zwinglis Leben, und welche Rolle spielte sie darin. Meine These ist, dass Zwingli in der humanistischen Bildung Mittel und Wege, d.h. Kenntnisse und Denkwege fand, die mit seinen persönlichen, biografisch erkennbaren Interessen zusammenfliessen konnten. Ich stelle diese Vorgänge, die in vielem hypothetisch sind, durch kurze Anmerkungen zur Biografie dar, eher anekdotisch, aber mit Gedankenwerk darum herum.
Vorbemerkung. Ich komme damit in das Feld des bekannten Zwinglibildes, das ihn zwischen Alp und Luther positioniert. Ich will weder die Forschungen, die zur Biografie und zu Einzelthemen gemacht wurden, herabmindern, noch diese Verortung Zwinglis als eidgenössischer Mensch, konfrontiert mit der Reformationsbewegung in Deutschland, infrage stellen. Zwangsläufig waren das wichtige Koordinaten, zwischen denen Zwingli sich bewegte. Ich denke aber, dass das Bild, das die Forscher im 19. und 20.Jahrhundert entwickelt haben, wesentlich vom Zeitgeist ihres eigenen Lebens geprägt ist, und dass sie als Wissenschaftler zu wenig Zugang zu Zwinglis Eigenständigkeit hatten und seine Genialität deshalb unterschätzten. In der neoorthodoxen Theologie des 20.Jahrhunderts fehlte das Sensorium für eigenständiges Denken und Zwinglis Konstruktion des Christentums. Zur Zeit meines Studiums wirkten Dialektische Theologie und Neo-Luthertum noch mit ungebrochener Bestimmungsmacht, und es war schwierig, etwas anderes zu denken, obwohl die öffentliche Wirkungslosigkeit offen zu tage lag. Die Postulate jener Theologien werden in der Kirche heute verstärkt umgesetzt und dadurch die, wie man dann sagt, Zwinglischen Radikalismen korrigiert, als ob es wichtig wäre, Zwingli zu korrigieren. Sie können ahnen, dass meine Zwingli-Studien mir als persönlicher Theologieentwurf dienen mussten, als Gegenentwurf in der Ratlosigkeit, in der mich die Theologie sitzen liess, und weil ich spürte, dass in meinem Leben das "Wort von oben" der Offenbarungstheologie kontraindiziert war. Zwinglis Worte kamen - in meiner Lektüre - von unten, vom Menschen, und durch diese Perspektive gewannen seine Formulierungen an Brisanz und Schärfe und Sinn.
Wildhaus und Eidgenossenschaft
Zwingli hatte während seines ganzen Lebens nie einen Fürsten als Dienstherren über sich, dem er untertänig hätte dienen müssen. Zwar war der Fürstabt von St.Gallen Landesherr des Toggenburgs. Diesem gegenüber stand aber die autonome politische Struktur der Landsgemeinden. Zwinglis Vater, wie schon sein Grossvater, war Ammann in Wildhaus, also gewählter (nicht eingesetzter oder berufener) Gemeindepräsident. (Mir fällt dazu sofort ein, dass Zwingli soweit ich weiss, nicht von der Berufung zum Pfarrer spricht, sondern von der legalen Einsetzung. Der Pfarrer ist eine Funktion in der Gemeinde und ist auf diese bezogen.) Wesentlich war, dass Glarus und Schwyz als eidgenössische Schrimorte von Wildhaus fungierten, und Zwingli sich deshalb als Eidgenosse sah und nie etwas anderes schrieb. Die Eidgenossenschaft war mit dem skizzierten persönlichen Hintergrund eine Wurzel seiner Gedankenwelt, zu der dann die humanistische Renaissance-Bildung hinzutrat.
Wein
Zwinglis Grossvater war nicht nur vermögender Bauer und Ammann, er war auch Weinhändler und hat Wein aus dem Veltlin eingeführt. Das ist die erste Spur, die nach Norditalien führt. Im Bewusstsein der Familie Zwingli war Italien ein Ort, mit dem man zu tun hatte und in Beziehung stand, als Zwingli geboren wurde. Dieser Bezug sollte dann in Zwinglis Leben eine entscheidende Rolle spielen. Wie auch der Wein, der importiert wurde, und wie das Brot, vielleicht eher der Hafer in Wildhaus, auch eine zentrale Rolle spielen wird. Der Wein wird in der Familie eines Weinhändlers besondere Wertschätzung genossen haben und Qualitätsbewusstsein wird der Enkel schon als Kind mitbekommen haben. Jedenfalls pflegte Zwingli als Pfarrer am Grossmünster in Zürich abends auszugehen und in der Wirtschaft einen Wein zu trinken. Er verriet sich in einer kleinen Bemerkung, als er erklären wollte, welche Insel Zypern sei, und ihm als allessagende Erklärung der Hinweis genügte, das "sei die Insel, wo der Malvasier herkommt". Kein Wunder, dass ihm die Verwandlung solchen Weines in Blut nicht munden konnte und er den unverwandelten Malvasier vorzog. Luther als deutscher Biertrinker hatte weniger Gründe, in diesem Punkt aufzubegehren. Ihm war der wahre Genuss offenbar eher im Glauben vorstellbar. Zwingli dagegen liebte offensichtlich die unverfälschten Genüsse seiner Heimat und gewissen importierten Luxus. (Pfarrwahl in Zürich: Bedenken wegen des Genussmenschen Zwingli - Farner windet sich pfäffisch!) Zwingli muss über den gegenwärtigen Freuden des Lebens der Reiz geglaubter Beglückungen verblasst sein. Umso deutlicher trat ihm ins Bewusstsein, wie sehr die Nebenmenschen einander oder ihm den Genuss des Lebens vergällten, die Freude an der Arbeit inbegriffen. Später wurde ihm klar, dass die Kirche wesentlich daran beteiligt war, den Genuss des Lebens zu stören. Das ist nicht oberflächlich. Die Beziehung zu den realen Dingen kann misstrauisch machen gegenüber den gegebenen theologischen Interpretationen derselben und damit kritisches Nachdenken auslösen, wie es Zwingli dann auch getan hat - im Prinzip mit genau dieser Begründung. Aber das gehört in die Reformation des Lebens.
Italienbezüge
Ich nehme an, dass Zwingli immer mit einem Bezug zur Italienischen Kultur und Bildung lebte. Seine Ausbildung zeigte zwar keine deutliche Anlehnung an Italien, wenn wir nicht den Umstand dafür nehmen wollen, dass er nicht nach Deutschland ging um zu studieren, sondern nach Wien, wo mindestens ein italienischer Humanist lehrte. Übrigens war Zwingli nie in Deutschland, erst 1529 reiste er nach Hessen zu den Gesprächen mit Luther. 1504, als Zwingli 20jährig war, erschienen die Gesammelten Werke des Johannes Pico della Mirandola. Zwingli hat sie, wie viele andere Bücher, gekauft und nach den Randbemerkungen zu schliessen, intensiv studiert. Hier konnte er einiges finden, das später bedeutungsvoll wurde. Pico hatte eine Unmenge Thesen zur Reform der Kirche verfasst und diese auch dem Papst überreicht, was den Papst allerdings nicht freute, worauf Pico sich gekränkt in sein fürstliches Schloss in Mirandola zurückgezogen haben soll, wo er noch jung gestorben ist. In seinen Schriften kam seine immense Bildung zum Ausdruck. Er philosophierte zwischen antiken vorchristlichen Autoren und christlicher Theologie, wie Zwingli dann auch die antiken Philosophen ebenso selbstverständlich heranzieht wie Bibeltexte, und sie den Kirchenvätern tendenziell vorzieht. Die Kirchenkritik der Renaissance prägte auch ihn. Bei Gelegenheit schreibt er, dass die antiken Historiker viel nützlicher seien als die christlichen Geschichtsschreiber, da diese erfundene Fabeln auftischten und ihnen nicht zu trauen sei. Zwinglis Kirchenkritik bezog sich nicht auf die desolaten moralischen Zustände (wie Luther, der von Rom schockiert war), sie ist viel prinzipieller und theologisch. Das möchte ich in drei Abschnitten zeigen. (Pensionen. Judentum. Providentia.)
Pensionen
1506, mit 23 Jahren und nach einem offenbar überstürzten Abbruch des Studiums, trat Zwingli das Amt als Pfarrer von Glarus an. Als Pfarrer des Hauptortes war er Teil der glarnerischen Politik und war auch gefragt als Begleiter der Soldtruppen. Man dachte lange, Zwingli habe schon den Zug nach Pavia mitgemacht, der den Eidgenossen grossen Ruhm in der Verteidigung des Heiligen Stuhles und der Heiligen Liga einbrachte. Sie erhielten den Titel "Befreier der Kirche". Als päpstliches Geschenk erhielten sie das Kreuz im Wappen und die Glarner den auferstandenen Christus, Zwingli ein päpstliches Jahrgeld. Zwinglis Teilnahme schien klar, weil er eine detaillierte Schilderung des Kriegszuges verfasste. Es hat sich aber gezeigt, dass er sich auf Schilderungen von Drittpersonen bezogen haben muss. Jedenfalls waren ihm die Kriegszüge von so grossem Interesse, dass er sofort den Bericht verfasste und verschickte. Es ist dennoch sicher, dass Zwingli in Italien war, 1513 nach Novara und 1515 beim Zug, der nach Marignano führte. Wichtig daran sind zwei Dinge: das Erleben des Krieges der Eidgenossen, und die Begegnung mit der Renaissance in Mailand. A) Es gibt für diese Begegnung in Mailand keine Belege. Man weiss nur, dass Zwingli die Mailändische (ambrosianische) Liturgie kannengelernt hat und ihm die Unterschiede zur römischen Liturgie auffielen. Nur muss man auch bedenken, dass er in die Stadt kam, wo bis 1508 Leonardo da Vinci gewirkt hatte, und wo dieser einige Schüler hinterlassen hatte. Wenn wir auch nicht wissen, mit wem und worüber Zwingli gesprochen hat, liegt es dennoch nahe anzunehmen, dass er den kulturellen Geist erlebt hat, den er bisher nur aus Büchern kannte. B) Wir wissen auch nicht, wie Zwingli den Krieg in Italien erlebt hat. Wie er es 1512 sah, schreibt er selbst: "Wie die Eidgenossen der Lage gewahr werden, in der sich die Mutter der Christenheit (Rom) befindet, und wie sie sich überlegen, welch schlimmes und gefährliches Beispiel es werden müsste, wenn sie es dulden würden, dass der erste beste Tyrann (gemeint ist der König von Frankreich) in seiner Wut die gemeinsame Mutter der Gläubigen ungestraft überfallen dürfte, besammeln sie so rasch als möglich die Tagsatzung und fassen mit Eifer den Beschluss, die schadhaft gewordenen Angelegenheiten der Kirche und Italiens wieder in Ordnung zu bringen." (Farner II, S.95) Das war auch Zwinglis Position: Krieg zum Schutz der Kirche, d.h. Roms. Zwingli stand in naher Verbindung zur Kurie, der Kardinal Matthäus Schiner war mit ihm befreundet. Ich vermute, dass der gemeinsame Krieg, vielleicht sogar der sorgsame Rückzug nach der verlorenen Schlacht bei Marignano, in Zwingli die Bedeutung des kooperativen Handelns der Eidgenossenschaft noch mehr eingeprägt hat, als es schon war. In Glarus hat allerdings auch der französische König geworben - und er war erfolgreich. Die französische Partei gewann Oberhand und Zwingli musste sich nach Einsiedeln zurückziehen. Es wird ihm bei diesen Vorgängen klar geworden sein, welche Rolle die Zahlungen des Königs an die bestimmenden Personen in Glarus spielten, und es wurde eines seiner Lebensthemen: das Verbot der Pensionen, der Zahlungen ausländischer Herrscher, auch des Papstes, an die Regierenden, damit sie bereit waren, sich für den Solddienst in ausländischem Interesse einzusetzen.
Exkurs Condottieri zum Hintergrund dieser Politik: In Italien hatten die Städte schon früh begonnen, Kriegsunternehmer anzuheuern, die mit ihren eigenen Soldtruppentruppen anstelle der Städter die Kriege führten. Das waren die Condottieri. (Ich denke, dass es eine ähnliche Entwicklung war, wie wir sie heute auf Mangementebene in der Wirtschaft beobachten können). Erfolgreiche Condottieri wurden sehr vermögend, einer von ihnen, Bartolomeo Colleoni, liess sich in seiner Heimatstadt Bergamo eine luxuriöse Grabkapelle errichten und verlangte von den Venezianern, dass sie ihm für seine Dienste eine Reiterstatue errichteten, was sie auch taten. Man kann sie noch heute auf dem Zanipolo besichtigen. Andere kauften sich Fürstentümer. Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung ist das Werben um die Schweizer und das Bezahlen der schweizerischen Kriegsherren zu verstehen. Diese wandten sie je nach Überzeugungskraft und finanzieller Potenz verschiedenen Auftraggebern zu. Die Folge war, dass schon in Marignano Eidgenossen auf beiden Seiten, also gegeneinander gekämpft haben müssen. Die Pensionen drohten die Eidgenossenschaft auseinander zu reissen. Das war der erste Grund für Zwinglis Wendung gegen die Solddienste. Der zweite war eine Variante des ersten: die Zahlungen machten die Regierenden noch reicher und liessen die sozialen Spannungen anwachsen. Die Interessen der Reichen begannen sich gegen die Bedürfnisse der übrigen Bevölkerung, d.h. der Bauern zu richten. D.h. die Zahlungen wirkten als Bestechungsgelder, wie wir sie heute auch qualifizieren würden. Der dritte Grund war dann die Beobachtung, dass die Kriegsveteranen die rücksichtslosen, gewalttätigen und protzigen Umgangsformen des Krieges, eine Zerrform der Heroisierung, auch in die Heimat mitbrachten und damit eine weitere Spannung in die Bevölkerung trugen. Nur, ich denke, dass das alles für Zwingli nicht entscheidend gewesen sein kann. Es mag als Erklärung für die Ablehnung des französischen Königs genügen, erklärt aber nicht die Wendung gegen die Solddienste für den Papst. Denn der wesentliche Grund war ein theologischer und damit der Hintergrund von Zwinglis Kirchenkritik. Das war das Heilige, in dessen Interesse die Eidgenossen Krieg führen sollten. Was war die heilige Mutter des Christentums, wenn sie Zwietracht zwischen den Eidgenossen säte? Das Heilige war Zwinglis Grundfrage, von der aus er seine eigene Theologie zu entwickeln und die Konsequenzen zu ziehen begann. Und genau in diesem Zusammenhang all das Erstaunliche schrieb, auf das wir stossen, wenn wir seine Texte genau und unter der Perspektive seines eigenen Lebens lesen. 1529 ging es Zwingli noch um dasselbe Thema: nach dem ersten Kappelerkrieg war der Landfrieden, die Kappeler Milchsuppe, in Zwinglis Sicht kein Friede, sondern Krieg, weil die Pensionsherren der anderen eidgenössischen Stände nicht bestraft wurden, und er behielt Recht: der nächste Krieg war unvermeidlich. Nur hatte sich bis dahin das Blatt gewendet, und Zürich war 1531 nicht mehr in sich einig, die Reihen nicht geschlossen und infolgedessen auch nicht entschlossen genug, um den Krieg zu gewinnen.
Kunst
Der Frage des Heiligen können wir uns auch über die Funktion der Kunst nähern, von der ich schon allgemein im Zusammenhang mit der Renaissance in Italien geschrieben habe. Denn die Rede vom Bildersturm ist irreführend. Besser wäre es, vom Heiligensturm zu reden, wenn es auch kein Sturm war, sondern die fachgerechte Entfernung bestimmter Figuren und Bilder aus der Kirche. Wenn Stifter solcher Bilder oder deren Nachfahren die Bilder nicht vernichtet haben wollten, konnten sie diese nach hause nehmen. Die übrigen verbrannte man, nicht weil sie Kunst waren, sondern weil sie als Heilig galten, also als Bilder der Göttlichkeit betrachtet wurden, und gerade nicht als Kunstwerke. Es ging nicht um die Bilder. Es ging um das Heilige, genauer um die Festsetzung des Heiligen in der Kirche und in diesen Bildern. Im Prinzip um den Missbrauch der Kunst als Darstellung des Heiligen, wie es Kirche und Theologie definiert hatten. Das erste Bild, das in Zürich fiel, war das Stadelhofer Kreuz. Dieses wurde illegal, d.h. ohne Zustimmung des Rates umgehauen; dadurch kamen Zwingli und der Rat unter Handlungszwang, und die Entfernung der Bilder aus den Kirchen wurde beschlossen. Das erste aber, ganz im Sinne Zwinglis, war das Kruzifix. Das zentrale Bild des Christentums, wie wir meinen. Zwingli war es das irreführendste Bild, weil es am meisten für heilig gehalten und angebetet wurde. Denn, so sagte er, es stellt den Menschen Jesus dar, nicht den Gott, den man nicht darstellen kann. Und es ist irreführend, den Menschen Jesus für den göttlichen Christus zu nehmen, wenn in ihm, ganz traditionell, auch beide Naturen ungetrennt und unvermischt anwesend sind. Darstellen kann man nur die menschliche Seite, und diese darf man nicht anbeten. Die Kunst, das lässt sich daraus ableiten, stellt menschliches dar, und diese Funktion wurde nie in frage gestellt. Im Gegenteil, Zwingli betonte, welche Lust er an gemalten Bildern habe. Er liebte die Kunst. Aber er wollte sie nicht als Darstellung des Heiligen sehen, und er wollte das Heilige nicht sinnenfällig gemacht sehen.
Musik
Auch über die Musik lässt sich vieles sagen. Man weiss, dass Zwingli musikalisch war, verschiedene Instrumente spielte, und dass er gern mit anderen musizierte. In Glarus ist ein Manuskript erhalten geblieben, das der Kaplan Johannes Heer anfertigte. In der Biografie Zwinglis von Oskar Farner wird Heer als enger Vertrauter geschildert, das Mauskript war Farner aber offenbar noch nicht bekannt. Das Manuskript ist neu ediert worden, und somit können wir sehen, welche Musik Johannes Heer in Glarus gesammelt und sicher auch gespielt hat. Und da Heer Zwingli auch in Zürich noch besuchte und der Kontakt recht eng blieb, kann man annehmen, dass beide miteinander musiziert haben. Es sind Kompositionen der bedeutendsten Musiker jener Zeit, polyphone Stücke in zwei bis vier Stimmen. Ein weltliches Musikrepertoire. Dieser musikalisch hochgebildete Zwingli hat die Musik in der Kirche abgeschafft, wie er auch die Bilder, die ihm Lust machten, abschaffte. Man könnte meinen, er schaffe bewusst ab, was Freude macht, damit es ernst und freudlos in der Kirche zugehe. Aber das ist nicht so. Wie schon bei den Bildern gezeigt, geht es auch bei der Musik um ihre Funktion in der Liturgie. Hier denke ich spielt die Sinnenfälligkeit eine noch grössere Rolle als bei den Werken der bildenden Kunst. Es war priesterliche Musik, kein Gemeindegesang, der noch nicht erfunden war; vielleicht wäre Zwingli skeptisch gewesen, weil seine umfassende Bildung und sein kultureller Anspruch den Leuten das Singen nicht zugetraut hätte - das Lesen hingegen schon, wie wir sehen werden. Wie wichtig Zwingli die Musik wirklich war, zeigte sich, als er die Musik für die Aufführung einer Aristophanes-Komödie schrieb. Ich sage dann jeweils, er habe die Musik zu einer Operette komponiert, weil so deutlich wird, dass die Entfernung der Bilder, die Abschaffung des Messgesangs und die Entfernung der Orgeln nichts mit erzwungener Lustlosigkeit zu tun hatte, sondern mit deren Funktionen in der Messe und der Funktionsveränderung der Gottesdienste überhaupt.
Theater
Zu den Kulturveranstaltungen gehört auch das Theater. In der ersten Hälfte des 19.Jahrh. wurde im neuen Zürcher Theater ein Stück über Zwingli gegeben. Dadurch wurden viele Pfarrer mit ihren Familien dazu gebracht, sich in das ihrer Lehre nach sündige Theater zu wagen. Natürlich stellten sie sich vor, auf Zwinglis Spuren zu wandeln. Sie täuschten sich. Auch das Theater machte Freude, und, da es ausserhalb der Kirchen stattfand, wird die Aktivität in der Reformation eher intensiver, von Zwingli gefördert, und der reformierte Chronist Johannes Stumpf beschreibt mit offensichtlichem Stolz die regelmässigen Theateraufführungen, die in Zürich stattfanden. Zürich war in jener Zeit die aktivste Theaterstadt in Süddeutschland und der Schweiz. Ich denke, dass die Förderung des Theaters (natürlich im Stil jener Zeit) am deutlichsten zeigt, wie sehr man Zwingli unrecht tut, wenn man ihm kulturfeindliche oder gar lustfeindliche Tendenzen nachsagt. Achtzig Jahre nach ihm und in der Zeit der unterdessen calvinistischen Orthodoxie wandten sich die Theologen gegen das Theater und die Aufführungen wurden verboten - bis ins 19.Jahrhundert, genau so lange, wie Zwinglis Werke nicht mehr gelesen wurden.
Judentum
In den Darstellungen der Renaissance fällt etwas Wichtiges unter den Tisch. Wohl nimmt man wahr, dass die Antike intensiver aufgenommen und imitiert wird als früher, aber die Bedeutung der Wahrnehmung jüdischer Texte und der hebräischen Sprache wird meist nicht erwähnt. Jüdische Werke wurden damals in Venedig hebräisch gedruckt. Pico della Mirandola beschreibt in seinen Werken die Gedankengänge jüdischer Texte. Insbesondere referiert er Traktate der Kabbala. Zwingli hat das gelesen und gekannt. Ihm muss deshalb mehr jüdische Kultur bekannt gewesen sein, als man gewöhnlich annimmt. Bei Pico konnte er auch lesen, dass zwischen dem Judentum und dem Christentum, d.h. primär Jesus, kein Bruch anzunehmen sei. Es lässt sich in Zwinglis Schriften zeigen, dass er zwischen den jüdischen Texten, dem Alten Testament, und den christlichen des Neuen Testaments keinen Gegensatz herstellt. Indizien weisen auch daraufhin, dass Zwingli sich mit Interesse dem Judentum, wo es möglich war, zugewandt hat. Wir müssen dabei bedenken, dass judaisierende Theologie damals als übelste Ketzerei galt und Zwingli deshalb vorsichtig war und es keinen Anlass gab, sich grundsätzlich zu äussern. In Zürich konsultierte er einen Juden aus Winterthur, der jeden Abend nach Winterthur zurückgehen musste (es war den Juden verboten, in Zürich zu wohnen, seit Bürgermeister Rudolf Stüssi), um das hebräische Testament zu verstehen. Es ist nicht anzunehmen, dass die hebräischen Wörter ohne die jüdischen Gedanken verständlich gemacht werden konnten. Es ist viel wahrscheinlicher anzunehmen, dass die beiden Männer über theologisch relevanter Themen gesprochen haben, nicht nur über ein simples Vocabulaire. Mir ist auch aufgefallen, dass in der Abendmahlsliturgie, die Zwingli 1524 verfasste, der Psalm 113 erscheint, derselbe, der an der entsprechenden Stelle in der Pessach-Liturgie steht. Vielleicht hat Zwingli mehr Jüdisches ins Reformierte gebracht, als wir meinen. Die Kirchen gleichen den Synagogen, und die katholischen Kirchen stellen einen ganz anderen Typus eines religiösen Raumes dar. Ich habe keine abschätzige Bemerkung über die Juden in Zwinglis Schriften gefunden. Jesus wird faktisch als Jude behandelt, der zu den jüdischen Repräsentanten sprach. Wo wir von Schriftgelehrten sprechen, deutet Zwingli diese gewöhnlich als christliche Theologen, Pharisäer entsprechen bei ihm den Bischöfen und Pfarrern. Diesen Stand der Anerkennung, d.h. der theologischen Anerkennung der jüdischen religiösen Kultur wurde in der Theologie erst vor ca. 30 Jahren wieder erreicht, soweit ich das erlebt habe, und zudem erst auf lange und beharrliche Vorarbeit jüdischer Gelehrter. Während des zweiten Weltkrieges ist es keinem Zwingliforscher eingefallen, Zwinglis Haltung gegenüber dem Judentum genauer zu untersuchen. Meine These in bezug auf die Reformation ist, dass die Reformation an dieser Haltung Zwinglis auseinandergebrochen ist, weil weder Luther auf der einen Seite, noch die Täufer auf der anderen diese Haltung gegenüber den Juden teilen konnten. (Unter www.zwingli.ch können Sie im Zwingli-Lexikon, Stichwort Judentum mehr von mir nachlesen, auch den angehängten Artikel eines kirchenrätlich beauftragten Theologen, der meine Resultate verwässert und die Differenzen einebnet, als ob die kirchliche Harmonie das wichtigste wäre.)
Providentia
Zwingli ist nicht mit einer Idee aufgetreten und er hat nicht irgendwann seinen Standpunkt gefunden, den er gehabt hätte und dann nicht anders konnte. Das bringt die Kommentatoren Zwinglis in Schwierigkeiten, weil zu einem Reformator doch der klare Bruch mit der Vergangenheit gehört nach dem Vorbild Luthers. (Es gibt in der Theologiegeschichte verschiedene fatale Typologien, die prägend werden: die Bekehrung des Paulus, die Wundertaten des Jesus, die asketischen Leistungen der Heiligen, das Gewittererlebnis Luthers und seine Frage, wie er einen gnädigen Gott bekommen könnte. Fatal sind solche Typen, weil sie den Blick auf die Vielfalt der Wege und der Erlebnisse verstellen.) Zwingli entwickelte seine Gedanken und seine Wirkung auf anderen Wegen. Oft scheint ihm etwas längst klar zu sein, aber er kann es nicht begründen. Er hat m.E. erst am Schluss, 1530, seine Grundgedanken geschrieben und veröffentlicht. Sehr zu Verlegenheit der Theologie, weil darin alles fehlt, was man zum Grundrepertoire reformatorischer Theologie zählt. Insbesondere fehlt die Rechtfertigungslehre, wie sie Luther durch seine Interpretation der Briefe des Paulus im Neuen Testament entwickelte. Mein Eindruck, schon fast meine These ist, dass Luthers Lehre bei Zwingli nie eine grosse, sicher keine zentrale Rolle gespielt hat. Es ist mir eine kleine Wortverschiebung aufgefallen, welche die Differenz zu Luther beleuchtet. Luther übersetzt den Satz des Zöllners im bekannten Gleichnis: "Gott, sei mir Sünder gnädig". Es geht um Gnade. Zwingli übersetzt: "O Gott, sei barmherzig mir sündigem Menschen". Und er fügt hinzu, dass der Zöllner auf nichts anderes hoffen könne als auf die reiche Barmherzigkeit Gottes. (I,104) Es ist wiedereinmal die kleine Differenz, in der die Differenz im Weltbild zum Ausdruck kommt. "Gnade" verweist auf die Autorität Gottes und auf den Richter, der Gnade walten lässt, weil er gemäss der Rechtfertigungs-lehre Genugtuung erhalten hat. Er lässt den Zöllner laufen. Nur bleibt dabei die Tür des Zweifels immer offen. Die Rede von Schuld und Gnade bleibt im autoritär fordernden Rahmen, Gottes Autorität bleibt als solche unberechenbar, und der Glaube bleibt auf die Versicherung der Verkündigung, also der Wiederholungen des Gnadenzuspruchs, angewiesen. Dadurch bleiben die Meinschen abhängig von der Kirche. Dies unter der Voraussetzung, dass Schuld das primäre Problem des Menschenlebens ist. Das "aus Glauben allein" lässt den Zweifel offen. Andere Sichtweisen werden zur Verunsicherung, zur Ketzerei. Ich denke, dass Zwingli über diese Thesen hinausgeht und nach dem Rahmen sucht, innerhalb dessen die Rede von Gottes Autorität und Richterfunktion einen Sinn hat. Barmherzigkeit ist das Stichwort, das die Richtung anzeigt. Hier setzt er an. Er entwickelte seine Gedanken 1530, nach dem erfolglosen Versuch der Einigung mit Luther, zu der der Landgraf Philipp von Hessen die Initiative ergriffen hatte. Auf die Bitte des Grafen um den Text der Predigt, die Zwingli in Marburg ohne Manuskript gehalten hatte, schreibt er das Buch "De providentia dei anamnema". Es macht den Eindruck, Zwingli schreibe hier seine Gedanken ohne diplomatische Rücksichten und ohne direkte Auseinandersetzungen auf. Er geht dabei so eigen vor, dass manche sich bis heute fragen, ob es überhaupt ein theologisches und nicht vielmehr ein philosophisches Werk sei, wobei mir der Unterschied nicht klar ist. Die Herausgeber der Sämtlichen Werke Zwinglis geben denn auch jede mögliche Bibelstelle an, wenn sie einen Anklang finden, um die Theologizität zu retten, die offenbar darin besteht, alles aus Bibelstellen zu lesen oder wenigstens alles als Extrakt aus Bibelstellen darzustellen. Zwingli schreibt souverän an allen Belegstellen vorbei. Er denkt selbst, was sich daran zeigt, dass offenbar einiges im Gedankengang nicht auf andere Autoren zurückgeführt werden kann. Er selbst schrieb, dass er, wenn er auch vieles andere nicht könne, die Fähigkeit habe, Neues zu denken, was in der Theologie ohne Echo blieb. Uns mag manches nicht mehr neu vorkommen, manches wirkt unterdessen naiv. Betrachten wir die Gesamtkonzeption, wird deutlich, dass Zwinglis Denken Verbindungen in viele Richtungen offen lässt, die durch die spätere Theologie verschlossen wurden. Bei der Besprechung von Kunst, Musik und Theater habe ich bereits darauf hingewiesen. Entscheidend ist dabei nicht, ob die Künste im Gottesdienst kirchlich genutzt werden, sondern ob sie als eigenständige Ausdrucksformen ausserhalb des kirchlichen Gebrauchs von der Theologie verstanden werden können.
Ich versuche, Zwinglis Konzeption mit einigen Hinweisen und Zitaten zu skizzieren. Ich berücksichtige dabei nicht, dass wir heute, 500 Jahre später, aus anderer Bewusstseinslage heraus vielleicht nicht mehr in dieser Weise denken könnten.
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