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Alle reden in diesem Jahr von Darwin, wir auch! Denn unsere an naturwissenschaftlichen Werken naturgemäss nicht reiche Bibliothek besitzt die sehr seltene erste deutsche Übersetzung von Darwins Hauptwerk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.” (London 1859) – und sie besitzt auch die erste russische Übersetzung von 1864, die als Geschenk von J. J. Burkhard (von dem in früheren „Fundstücken“ die Rede war) zu uns kam. Mangels Russischkenntnissen beschränke ich mich hier auf die Vorstellung der deutschen Fassung. Sie ist in drei Lieferungen im Frühsommer 1860, also extrem schnell nach dem Original erschienen und hat damit entscheidend zur Rezeption Darwins in Deutschland beigetragen.
Der Übersetzer war einer der bedeutendsten Paläontologen seiner Zeit: Hans Georg Bronn (1800-1862). Die letzten Jahre seines Lebens hat er Darwins Theorie gewidmet, die er bewunderte – und kritisierte. In seiner Preisschrift der Académie des Sciences über die Entwicklungs-Gesetze der organischen Welt von 1858, die den Höhepunkt seiner Karriere markiert, hatte er noch geschrieben: „Der Wechsel der Organismen fand statt durch Schöpfung neuer und Aussterben alter Arten.“ Also das Gegenteil dessen, was den Kern von Darwins Theorie ausmacht, die statt Schöpfung die Entwicklung der Arten aus wenigen Urformen postulierte und damit die Konstanz der Arten ad acta legte. Das in seiner Zeit allgemein herrschende Prinzip der Schöpfung hatte Bronn also übernommen, ohne allerdings anderen Auffassungen wie der des Entwicklungskonzepts Lamarcks gegenüber prinzipiell verschlossen zu bleiben. Indem er nun Darwin übersetzte und propagierte, gab er das seltene Beispiel eines Wissenschaftlers, der der Wissenschaft zuliebe bereit war, in relativ hohem Alter sein Lebenswerk in Frage zu stellen.
Bronn hat der Übersetzung ein Nachwort beigegeben, das er als letztes Kapitel Darwins Text anfügte. Darin hat er das Pro und Contra der Darwinschen Theorie abgewogen und insbesondere zwei wesentliche Einwände formuliert: Die fossilen Funde zeigten keine Mittelstufen von Organismen (ein Einwand, den Darwin selbst diskutiert hatte und zu dessen Erklärung er die Lückenhaftigkeit der Petrefakte postulierte). Der zweite Einwand war grundsätzlicher Art: Darwin ersetze das Konzept der Schöpfung durch Entwicklung, setze aber die Schöpfung einer oder mehrerer Urformen voraus, aber: „Mit der Schöpfung müsste auch die eine wegfallen.“ Und so lange wir nicht auf diese verzichten könnten, so lange müsse bezweifelt werden, mit Darwins Theorie „den wahren Schlüssel der Erscheinungen gefunden zu haben.“ Und dann geht Bronn einen Schritt weiter, indem er eine Frage stellt, die Darwin unbeachtet liess, zu der sich Bronn aber durch Darwins Theorie veranlasst sieht: ob nicht durch chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische werden konnte, so dass auf das Konzept der Schöpfung von Urformen verzichtet werden könnte. Er schliesst mit den Worten: „Nur aus dem Widerstreite der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben.“ Th. Eh. (März 2009)
Charles Darwin: Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampe um’s Daseyn. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von H. G. Bronn, Stuttgart: Schweizerbart 1860. – Signatur: D 168 b
Zu Bronn und seiner Übersetzung vgl. Thomas Junker: Heinrich Georg Bronn und die Entstehung der Arten, in: Sudhoffs Archiv, 75, H. 2 (1991).