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Zürich 17 April 1877.
Hochverehrter Herr & Freund!
Nachdem ich Ihren Brief gelesen, stund bei mir sogleich fest, welche Stellung den Eröffnungen der deutschen Regierung gegenüber einzunehmen sein werde, & ich wollte Ihnen sofort schreiben, um Ihnen den Eindruck zu schildern, den die deutsche Note auf mich gemacht. Ich besann mich dann aber anders & nahm mir vor, noch einige Tage zuzuwarten, um mittlerweile die durch | die Note geschaffene Situation einer allseitigen & ruhigen Prüfung zu unterziehen. Diese Prüfung hat die Ansicht, welche sich mir bei'm Lesen der Eröffnungen Deutschlands aufdrängte, in keiner Weise modifizirt & ich will es nun nicht länger verschieben, mich gegen Sie auszusprechen.
Ich glaube, es sollte Deutschland bald & in bestimmter Weise geantwortet werden, die Grundlagen des Pro memoria seien nach hierseitiger Auffassung mit dem Aufgeben der Gotthardbahnunternehmung identisch. Es sei nicht daran zu denken, daß im Falle des Weglassens der Linien Immensee–Luzern, Arth–Zug & der Cenere linie die von der Schweiz zugesicherten Subventionen von 20 Mill. Franken auch nur zu ihrem größern Theile werden bezalt werden. Es sei ferner gewiß, daß auf Grundlage des in dem Pro memoria enthaltenen Programmes weder die noch fehlenden Einzalungen auf die Actien | im Belaufe von Fr. 13,600,0001 werden geleistet noch die Obligationen IV Serie, betragend 20 Mill. Franken2, von dem Consortium werden abgenommen werden. Endlich erscheine die Voraussetzung des Pro memoria, daß noch 25½ Mill. Franken Privatcapital ohne Staatsgarantie werden erhältlich gemacht werden können, als ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn aber alle diese Summen im Gesammtbelaufe von 68–70 Mill., welche in dem Pro memoria als noch in Aussicht zu nehmende Einnahmen des Gotthardbahnunternehmens vorausgesetzt seien, in Wegfall kommen, so würde die Festhaltung des Pro Memoria in der That auf das Aufgeben des Unternehmens hinauslaufen.
Ich habe mich gefragt, ob Deutschland wirklich die Gotthardbahn Preisgeben wolle & sich hiefür das Pro memoria als Deckmantel ausersehen habe. Abgesehen davon, daß dieser Deckmantel auch gar zu fadenscheinig wäre, glaube ich aber an eine solche Absicht Deutschlands nicht. Vielmehr kommt es mir immer wahrschein| licher vor, daß die ganze Angelegenheit in Berlin eigentlich nur von Hrn. Kinel3 vorgearbeitet worden ist & daß der letztere, der eben Ingenieur & nichts als Ingenieur ist, die in dem Pro memoria liegende finanzielle Absurdität nicht erkannt hat.
Hr. Zingg, dem ich Ihre gef. Mittheilungen über die deutsche Note & das Pro memoria zu Kenntniß brachte – Sie kennen seine Verschwiegenheit – hat, ohne daß wir vorher ein Wort zusammen sprachen, seine Gedanken über diese Schriftstücke niedergeschrieben. Seine Ansicht stimmt mit der meinigen vollkommen überein. Es ist Ihnen vielleicht nicht unangenehm, wenn ich Ihnen seine Notizen in der Beilage4 übermittle.
Sollten Sie mündlich über die deutsche Note mit mir zu verhandeln wünschen, so gewärtige ich Ihren telegraphischen oder brieflichen Wink, dem ich mit Vergnügen entsprechen werde.5
Entschuldigen Sie die liederliche Form dieses Briefes. Ich bin beständig überlaufen & unterbrochen worden.
Mit herzlichem Gruße
Ihr
Dr A Escher