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Rolf Sigg kam am 16. Februar 1917 in der Stadt Zürich zur Welt, wo er zusammen mit zwei Schwestern und einem früh verstorbenen Bruder aufwuchs und sein Vater, der einst selbst Theologie studiert hatte, als Amtsvormund wirkte. Nach anfänglichen Studien der Jurisprudenz und der Philologie verschrieb sich der Sohn ebenfalls der Theologie und schloss sein Studium an den Universitäten Zürich und Basel 1942 mit dem Staatsexamen ab. Dem folgten in jener Zeit des Pfarrerüberflusses Verwesereien in Zürich, Rüti und Basel.
1944 wurde Rolf Sigg an die Stadtkirche St. Johann in Schaffhausen gewählt, wo er bis 1959 blieb und eine breite und vielfältige Wirksamkeit entfaltete. An die Stunden in seinem Jugendclub erinnerten sich seine ehemaligen Konfirmandinnen und Konfirmanden noch nach Jahrzehnten. Die Gründung der Schaffhauser Reformierten Heimstätte in Rüdlingen 1949 war weitgehend seiner unermüdlichen Initiative zu verdanken. Und seine Idee einer Art liberaler Pfarrerbruderschaft wurde in der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Pfarrer ASP Realität, in der sich Kollegen und mit der Zeit auch Kolleginnen aus der gesamten deutschsprachigen Schweiz zweimal im Jahr zu einer zweitägigen Zusammenkunft trafen, mit theologischen, aber auch andern geisteswissenschaftlichen Themen intensiv auseinandersetzten und dazu immer wieder prominente Referenten einluden. Über siebzig Jahre lang hat er zudem das Heft „Von des Christen Freude und Freiheit“, eine protestantische Monatsschrift für lebensbejahendes Christentum, von der Leserschaft liebevoll das „Gelbe Heft“ genannt, herausgegeben, redigiert und gestaltet – insgesamt mehr als achthundert Nummern.
Turbulenzen in seiner Gemeinde in Schaffhausen führten 1959 zu einem Wechsel: Rolf Sigg wurde zum Pfarrhelfer der Kirchgemeinde Uster-Greifensee gewählt und nahm zugleich ein Psychologiestudium an der Universität Zürich auf. Er schloss es 1968 mit einer Dissertation ab und wirkte anschliessend als Schulpsychologe im Baselbiet und daneben als Dozent für Psychologie, Pädagogik und Soziologie an den Schwesternschulen in Zürich und Liestal. Mit 63 Jahren kehrte Rolf Sigg noch einmal ins Pfarramt zurück und blieb über das übliche Pensionsalter hinaus in der Solothurner Kirchgemeinde Grenchen-Bettlach tätig.
Weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt geworden ist Rolf Sigg in späteren Jahren durch seinen Einsatz für die Sterbehilfeorganisation „Exit“. Er war ihr Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer und hat dazu auch eine Denkschrift herausgegeben mit dem Titel „Freiwillig in Würde sterben – Nach 370 Freitodbegleitungen begründet ein reformierter Pfarrer seine Handlungsweise und berichtet von seinen Erfahrungen“. Dass dies auch Widerspruch erregte und er Anfeindungen in Kauf nehmen musste, ist kaum verwunderlich. Doch für Rolf Sigg war die Befreiung von unerträglich gewordenen Schmerzen ein Akt der Menschenliebe und die Selbstbestimmung über das Lebensende ein menschliches Grundrecht. Dafür wurde ihm 2012 der „Prix Courage“ der Zeitschrift „Beobachter“ verliehen. So wurde sein „Schlüsselerlebnis“, das qualvolle Leiden eines Freundes, dem er vor Jahrzehnten hilflos hatte zusehen müssen, zum Ausgangspunkt einer Bewegung, die, wie es eine Pressenotiz zu seinem hundertsten Geburtstag formulierte, „den Umgang mit dem Tod in der Schweiz verändert“ hat.
Rolf Sigg hat das Leben geliebt und seinen hohen Geburtstag im Februar 2017 noch in geistiger Frische und Klarheit begehen dürfen. Im Tertianum Bubenholz in Glattbrugg, wo er seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte, ist er sieben Monate später friedlich entschlafen. Damit ist ein vielseitig begabter, einsatzfreudiger und eigenwilliger Mensch von uns gegangen, ein Mann, der sich aus Überzeugung als liberaler Theologe verstand, und zugleich ein Mann mit Ecken und Kanten, der auch viele verletzt hat und an dem sich die Geister schieden. Denen, die ihn kannten oder näher mit ihm zu tun hatten, wird er als aussergewöhnliche Persönlichkeit mit viel Licht und starkem Schatten in Erinnerung bleiben.
Ulrich Graf