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Über 30 Jahre war die Frage unbeantwortet, ob der Beatles-Titel «Lucy in the Sky with Diamonds» eine LSD-Referenz ist. Zu seinen Lebzeiten dementierte John Lennon stets einen Bezug zur Droge. Der Titel sei der Name eines Bildes, welches sein vierjähriger Sohn gemalt hatte – 2004 erklärte Paul McCartney schliesslich in einem Interview im Magazin «Uncut», dass die Phrase doch ein Hinweis auf das Halluzinoge gewesen sei.
Die Musikwelt konsumiert Drogen und das ist aus heutiger Sicht auch keine Überraschung. Der Missbrauch illegaler Substanzen zieht sich durch fast jedes Genre, doch in keiner Musikrichtung wird Drogenkonsum in solcher Brisanz thematisiert, kritisiert und glorifiziert wie im Hip-Hop. Das Genre wird dank seines extremen populären Aufschwungs zu einem gesellschaftlichen Sündenbock für die Drogenprobleme der jungen Generation.
Dass drogenverherrlichende Texte eine Problematik darstellen, dass Vorbildfunktionen seitens der Musiker nicht wahrgenommen werden und dass Hip-Hop einen Teil des generellen Problems darstellt, ist nicht zu leugnen. Doch Hip-Hop und die durch seine Künstler konsumierten Drogen verändern sich und damit auch die Wahrnehmung durch die Konsumenten der Musik.
Sind Codein und Xanax wirklich die Stimmen der Generation Millennium? Fungiert Cannabis als Bindeglied zwischen Old- und Newschool?
In einer Zeit, die geprägt ist durch fühlbare Spannungen zwischen Gesichts-Tattoos und grimmig murmelnden Oldschoolern, ist es nötig, die Verflechtungsgeschichte der Sphären Hip-Hop und Drogen chronologisch zu analysieren. Fangen wir an mit der ...
Ein Begriff, der in den letzten zehn Jahren polarisiert hat. Die Definition ist schwammig, da verschieden klassifiziert wird, was als Generation Y gilt. Hier soll die Generation Y betrachtet werden, welche alle zwischen den frühen 1980ern und frühen 2000ern geborenen Menschen unter einem Begriff zusammenfasst.
Die Generation Y ist zeitlich deckungsgleich mit einer Hochkultur der Popmusik. Musik wird zum Konsumgut und Musikstars schiessen wie Pilze aus dem Boden, es ist ein Zeitalter der One-Hit-Wonder und leider auch – wie eine Studie von addictions.com zeigt – ein Zeitalter des kommerziell vermittelten Drogenmissbrauchs, wobei dies nicht unbedingt nur der Popmusik zuzuschreiben ist.
Künstler wie Cypress Hill, Eminem, Dr. Dre oder Lil Wayne thematisieren Drogenkonsum offen in den mp3-Playern, Walkmans und auf dem Pausenhof – und die Gesellschaft sieht plötzlich näher hin. Hip-Hop wird zu einer Stimme der Jugend und das offensichtlichste vermittelte Gut ist die schnörkellose, reale Verarbeitung von heiklen Themen wie Gewalt, Drogen oder Sex.
Das Problem dabei: Bisher wurden derartige Thematiken oft in Metaphern und vagen Umschreibungen behandelt, als Paradebeispiel «Lucy in the Sky with Diamonds». Hip-Hop jedoch umschreibt nicht, wodurch die Drogenreferenzen prominenter scheinen.
Die durchgeführte Studie kommt zum Schluss, dass Hip-Hop nicht einmal das Musikgenre mit den meisten Drogenreferenzen ist. Country, Jazz, Pop, Electronica, Rock und Folk reihen sich gemessen an Drogenreferenzen pro Song vor Rap ein. Doch um Hip-Hop als Sündenbock soll es hier nicht gehen, sondern um den Sachverhalt, dass zwischen circa 1983 und 2013 eine regelrechte Explosion an Drogenreferenzen stattgefunden hat, wobei Mitte der 2000er durchschnittlich in mehr als sechs Prozent der veröffentlichten Songs Drogenreferenzen zu finden waren.
Die Crackepidemie der 80er-Jahre schuf die ersten Drogenreferenzen des modernen Hip-Hops. Billig, einfach zu produzieren und mit unglaublich hohem Abhängigkeitspotenzial überschwemmte Crack die Städte der Vereinigten Staaten, zwischen 1984 und 1987 stiegen die kokaininduzierten Krankenhausnotfälle um das Vierfache.
Hip-Hop als Stimme sozialer Missstände und als gesellschaftliches Kunstprodukt aus Problemregionen stand der amerikanischen Crackepidemie in seiner frühen Phase sehr nahe und verarbeitete diese ausführlich. Inmitten dieser Epidemie fand aber keine wirkliche Glorifizierung statt, sondern mehr eine Verteufelung der Droge. Kool Moe Dees «Monster Crack» beispielsweise ist eine realitätsnahe, emotionsgeladene Verarbeitung der eigens erlebten Konfrontationen mit der Droge.
Mit dem Ende der Crackepidemie brach auch ein neues Zeitalter – zumindest auf der Ebene der Drogen – für Hip-Hop an. Cannabis erlebte Anfang der 90er-Jahre einen massiven Aufschwung als Referenzdroge im Hip-Hop-Genre, nur um mit der Jahrtausendwende wieder ein wenig einzubrechen.
Die 90er-Jahre waren entscheidend geprägt durch Künstler wie Tupac Shakur, The Notorious B.I.G., Dr. Dre oder Snoop Dogg, die alle kein Geheimnis aus ihrem Cannabis-Konsum machten. Diese Zeit, die heute als das Goldene Zeitalter des Oldschools proklamiert wird, markiert den Beginn der rapkritischen Gesellschaft in Bezug auf dessen Texte.
Mit den Kontroversen und der FBI-Investigation zu N.W.As «Fuck tha Police» wurde Hip-Hop ein Stempel aufgedrückt, der unter Hip-Hop-Laien noch immer prominent ist – Hip-Hop als Mittel zum Verderben der Jugend. Dass Dr. Dres Album «2001» auf seinem Cover ein Cannabisblatt abbildet, spielte dieser Entwicklung des Hip-Hop-Stempels in die Karten.
Der kleine Einbruch der Cannabisreferenzen in Rap-Texten ist einer anderen prominenten Droge zu verdanken: Kokain. In den 2000er-Jahren erlebte Kokain ein Comeback, nachdem es als Crack in den 80er-Jahren vertrieben worden war, und auch hierbei hatten Tupac und Biggie – auch wenn post mortem – ihre Finger im Spiel. Ob die zwei letzteren, N.W.A oder Raekwon: Die Rapper dieser Generation glorifizierten den Gangsta-Rap und das Image des drogenkonsumierenden und vor allem drogenverkaufenden Hustlers.
Wu-Tang-Clan-Member Raekwon prägte die Sphäre um den Kokainbegriff im Hip-Hop explizit, was man nur schon an seinen Titeln sieht. Ob Mixtape-Namen wie «Chef Cocaine Cooked», «Cocainism» oder «Coke Up in da Dollar Bill», ob Tracks wie «Cocaine World» – die Droge ist allgegenwärtig.
Kokain erging es wie jeder anderen Modeerscheinung: Die Droge verlor ihren Status als Modedroge zum Ende der 2000er-Jahre und inmitten der prominentesten Phase des Hustler-Hypes entzündete sich ein Funke, der zumindest im Anfangsstadium eine Hip-Hop-Revolution postulierte.
Künstler, die nicht ins Bild des gewohnt harten Hip-Hops passten, jedoch musikalisch versiert waren, wie es nur wenige andere jemals sein konnten, gaben ihre musikalischen Debüts. OutKast, Kanye West und später dann Kid Cudi und Kendrick Lamar beispielsweise thematisierten ihre eigenen Probleme in völlig neuer Auslegung: spielerisch, mit ausgeklügelter Metaphorik und allem voran nahbar.
Gleichgesetzt mit dieser musikalischen Verschiebung vom Oldschool in den Newschool wird oft der Missbrauch des Opioids Codein, konsumiert in Form von Hustensaft, oder eben im Slang, als Lean. Als Gesicht dieses Trends wird oft Lil Wayne identifiziert, der mit seiner Line «Jumped from a mountain into a sea of Codeine» (aus «I Feel Like Dying») den Status quo des modernen Hip-Hops nahezu perfekt auf den Punkt brachte.
Der Berg ist erklommen, das metaphorische Cannabis-High ist erreicht und Lil Waynes Ausweg ist die Flucht in eine andere, eine stärkere Droge, die keinen Halt zu geben scheint und ihn treiben lässt. Der gesamte Song ist eine kraftvolle Selbstreflexion über den eigenen Drogenkonsum und den eigenen Umgang mit berauschenden Substanzen – mit dem ernüchternden Fazit, dass die Drogen lediglich ein Ausweg sind, um das Leben erträglicher zu machen:
Der Rappertypus Lil Wayne ist 2010 ein völlig neuer und markiert den Beginn einer Ära, in der es Hip-Hop nicht mehr nur um das Erzählen von Geschichten, sondern auch um die Glorifizierung von Drogen, Medikamenten als Ablenkung von persönlichen Problemen und Selbstreflexion geht.
Psychopharmaka beginnen eine entscheidende Rolle zu spielen und der Typ Rapper, der vollgepumpt mit Lean und Xanax ist, wird in den folgenden Jahren zur Hip-Hop-internen Kontroverse.
Ganze Alben erscheinen, die gegen das neue musikalische Soundbild und das öffentliche Auftreten der neuen Generation wettern. Ein Keil wird zwischen Hip-Hop getrieben – von den Hörern und den Künstlern selbst. Parallel zu dieser Entwicklung taucht der Begriff der Opioid-Epidemie in den USA auf. Vor allem eine Droge ist hier zu nennen: Fentanyl.
Häufig als Streckmittel benutzt – aufgrund seiner extrem hohen Potenz und einer relativ einfachen Herstellungsweise – kann Fentanyl einerseits in Heroin, aber auch in momentanen Modedrogen wie dem Psychopharmakon Xanax auftauchen. Der Tod von Lil Peep aufgrund einer Fentanyl-Xanax-Überdosis im Jahr 2017 stellte einen entscheidenden Punkt in der Diskussion über Hip-Hop und (chemische) Drogen dar.
Egal ob Fentanyl, Ketamin, Codein oder Xanax: Es ist offensichtlich, dass zwei Begriffe endgültig zusammengehören – Drogen und Medizin. Xanax stellt hier den interessantesten Fall dar: Dabei handelt es sich um ein Psychopharmakon, welches zur akuten Behandlung von Angstzuständen und oft zur medikamentösen Begleitung von Depressionen eingesetzt wird. In den letzten zehn Jahren avancierte Xanax zu einer unglaublich populären Droge.
Sie ist das Gesicht eines Subgenres oder vielmehr einer Sub-Stimmung innerhalb des Hip-Hop-Genres. Psychische Gesundheit ist zu einer wichtigen Thematik geworden – und das auf verschiedene Weisen: Die generelle Thematisierung rund um «mental health» einerseits, andererseits die Bekämpfung der persönlichen Misere durch Drogenkonsum – überwiegend Xanax-Konsum.
Lil Uzi Verts Passage in dessen Breakout-Hit «XO TOUR Llif3» spricht für sich:
Ob das eine naive, verderbende Glorifizierung oder ein Hilfeschrei eines verzweifelten Individuums ist, bleibt ein Streitpunkt.
Der Status quo ist beinahe unverändert. Noch immer missbrauchen Künstler das sedativ wirkende Psychopharmakon Xanax als Droge, noch immer sterben grossartige Musiker an Überdosen und noch immer treten im Wochentakt neue, junge Musiker ins internationale Rampenlicht, während sich mehr oder minder laienhafte Kritiker einen Schlagabtausch liefern.
Auf der einen Seite steht die prinzipielle, bedingungslose Ablehnung der Drogenkultur und eine Selber-Schuld-Attitüde, die den Menschen hinter der Kunst mit dessen Musik und dessen Drogenkonsum als Drogenverherrlichung gleichsetzt. Auf der anderen Seite steht ein prinzipielles In-Schutz-Nehmen des Künstlers als Opfer seines Drogenkonsums und dessen Kunst als Therapieform, um sich mit dem eigenen Suchtproblem auseinanderzusetzen.
Die Kernargumente beider Seiten sind auf gewisser Ebene einleuchtend. Als Musiker muss man sich seines Einflusses bewusst sein. Und es ist zumindest unter Umständen problematisch, den eigenen Drogenkonsum zu zelebrieren. Gleichzeitig darf aber von einem Menschen, der knapp aus dem Teenageralter herausgewachsen ist, nicht erwartet werden, die Verantwortung für den Drogenkonsum seiner Hörer und Fans zu übernehmen.
Das ist weder dessen Aufgabe, noch sollte es unter irgendwelchen Umständen dessen Aufgabe sein, denn die Kompetenz, über den eigenen Drogenkonsum zu urteilen, liegt grundsätzlich beim konsumierenden Individuum, vielleicht in seinem Umfeld, aber keinesfalls bei einem völlig aussenstehenden Unterdreissigjährigen mit einigen Millionen Albumstreams.
Die verbitterte Art und Weise, wie gegen zum Teil knapp Zwanzigjährige gehetzt wird, ist untragbar, unangebracht und vor allem nicht der richtige Weg, um die Problematik zu lösen, sondern lediglich ansatzweise versuchte Symptombekämpfung. Diese drogen- und medikamentenabhängigen, offensichtlich verstörten Personen sind schlussendlich tragische Produkte ihres Hintergrunds und/oder Erfolgs.