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von Gotthard Frick, Bottmingen
In der gegenwärtigen Debatte um die Schweizergeschichte fehlt die Einschätzung der Bedeutung der mündlichen Überlieferung. Müssten die Historiker dazu nicht eine Antwort liefern?
Ohne zur Frage Stellung zu nehmen, ob «Rütli», «Morgarten» und andere geschichtliche Bilder Mythen sind oder tatsächlich stattgefundene Ereignisse, sei daran erinnert, dass damals nur wenige Menschen schreiben konnten. Unter diesen waren es wiederum nur einzelne, die die Geschehnisse aufschrieben. Aber auch diese damaligen Berichterstatter waren selten bei dem, was passierte, als Augenzeugen dabei. Sie stützten sich auf ihnen zugetragene mündliche Informationen, die manchmal erst lange nach dem Ereignis bei ihnen eintrafen.
Das gilt für alle Zivilisationen. Während Jahrtausenden haben sich die Menschen das Wissen über die Geschichte ihres Stammes, über Wasserquellen, Jagdgründe, Feuersteinlager für ihre Speerspitzen usw. mündlich weitergegeben. Dieses Bewusstsein für die Bedeutung der Erinnerung kam zum Beispiel im früheren Ostafrika dadurch zum Ausdruck, dass Verstorbene als Noch-Seiende bezeichnet wurden, solange noch Menschen lebten, die sich an sie erinnerten.
Als Jesus unterwegs war, wurde er von keinem Sekretär begleitet, der ein Protokoll seiner Lehren, Gleichnisse und Bilder aufschrieb. Was er am letzten Abendmahl sagte, wurde mündlich weitergegeben und erst Hunderte von Jahren später schriftlich erfasst und Teil der Bibel.
Ein mit Neuseeland sehr vertrauter Bekannter wies den Autor darauf hin, dass die dortigen, vor langer Zeit aus dem Pazifik eingewanderten Maori keine Schriftsprache hatten, sondern ihre ganze Geschichte von Generation zu Generation mündlich weitergaben. So sollen dort viele Familien noch heute wissen, mit welchem Schiff ihre Vorfahren vor vielen hundert Jahren aus Polynesien rudernd in Neuseeland ankamen.
Warum hatte Island eine so bedeutende Literatur? Es liegt weit im Norden im Meer und seine harsche landschaftliche Struktur entspricht wohl derjenigen Europas vor vielen Millionen Jahren. Während der langen harten Winter mit ihren bis zu 24 Stunden dauernden Nächten gab es fast nichts zu tun, keine Neuigkeiten, keine Ablenkung. Die Grossfamilien lebten in ihren weit verstreuten, zur Hälfte im Boden eingegrabenen Häusern unter den mit Erde überdeckten Dächern und erzählten sich die Geschichte ihrer Vorfahren, die Jungen gaben sie später ihren Kindern weiter und einige wurden aufgeschrieben. So entstand Literatur und Geschichte.
Hier ein typischer Fall einer zutreffenden mündlichen Überlieferung: 1819 wurde in Zürich ein Bub geboren, dessen Familienname mit «E» anfing und der heute immer noch vor dem Zürcher Hauptbahnhof steht. Der Familienname seines 1829 geborenen Halbbruders, später Pfarrer, fing aber mit «F» an, obschon beide den gleichen Vater hatten. Viel später, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, war ein Nachfahre des «Pfarrers F …» Zunftmeister in Zürich. Bei den Reden am Sechseläuten wurde oft mehr oder weniger witzig darauf hingewiesen, dass der Zunftmeister eigentlich «E …» heissen müsste. Aber 1829 und später war es undenkbar, irgendwo schriftlich festzuhalten, dass der «Pfarrer F …» einen anderen leiblichen Vater hatte, als der, dessen Familiennamen er trug. Selbst als er starb und ihm die «Neue Zürcher Zeitung» am 22. November 1911 mehr als die ganze Titelseite widmete, gab es keinen Hinweis auf seinen leiblichen Vater. Trotz gegenteiliger schriftlicher Dokumentation wusste die Zürcher Gesellschaft dank mündlicher Überlieferung aber auch 150 Jahre später Bescheid.
Es gibt noch ein anderes wichtiges Argument dafür, den Wahrheitsgehalt der mündlichen Überlieferung in der weit zurückliegenden Vergangenheit nicht zu unterschätzen. Heute werden wir alle durch ununterbrochen auf uns einprasselnde, meistens völlig unwichtige Meldungen vom genauen Zuhören, Denken und vom zuverlässigen Speichern von Informationen im Kopf abgelenkt. Dagegen war früher für die grosse Mehrheit der Menschen im harten Überlebenskampf das Leben sehr langweilig. Wenn vor 700 Jahren beim Licht eines Öllämpchens die Grossmutter den Jungen nachts erzählte, was früher passiert war, sind ihnen die Details wohl eher und genauer in Erinnerung geblieben, als heute, wo während des Gesprächs der Fernseher läuft und dauernd aufs Handy getippt wird. •
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