Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/2689

Sonntagsstory: Nordpol bald eisfrei
- Sonntag, 4. September 2016, 6:00 Uhr
Jeden Sommer schmelzen um den Nordpol etwa 80 Prozent des Meereises ab. Immer im September erreicht die Eisausdehnung ihr Minimum. Zurzeit beträgt die Fläche noch rund 4 Millionen Quadratkilometer. Geht die Erwärmung ungebremst weiter, könnte der Nordpol Mitte des Jahrhunderts eisfrei sein!
Der geographische Nordpol befindet sich 3000 Meter unter dem Meeresspiegel, gut geschützt durch eine Eisschicht. Bei dieser Eisschicht handelt es sich um gefrorenes Meerwasser. Im Winter beträgt ihre Ausdehnung rund 14 Millionen Quadratkilometer und reicht vom Nordpol bis an die Küsten von Sibirien und Kanada. Mit der sommerlichen Erwärmung schmelzen Jahr für Jahr 70 bis 80 Prozent des Meereises ab. Das jährliche Minimum wird in der Regel Mitte September erreicht.
Eisfläche wird immer kleiner
In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag die durchschnittliche Meereisausdehnung Mitte September noch bei 7,2 Millionen Quadratkilometern (Fläche der Schweiz: 41‘285 Quadratkilometer). In den 00er-Jahren dieses Jahrhunderts lag der Wert noch bei 5,5 Millionen Quadratkilometern, was innerhalb von 20 Jahren einem Rückgang von rund 25 Prozent entspricht. Was lange vor allem ein Thema für Klimatologen und die Bewohner der Anrainerstaaten war, wurde im Sommer 2007 plötzlich zu einem internationalen Thema. Damals betrug die Eisfläche im September nur noch 4 Millionen Quadratkilometer.
Eine weitere dramatische Eisschmelze vor Augen setzte Russland ein Zeichen. Auf dem Meeresboden über dem geographischen Nordpol verankerte ein russisches U-Boot eine Russlandflagge aus Titan. In den folgenden Jahren erholte sich die Eisfläche wieder etwas, und die Sommerminima bewegten sich meist im Bereich um 5 Millionen Quadratkilometer. Als Klimaskeptiker bereits von einem einmaligen Ereignis ausgingen, sorgte die Schmelze 2012 für die ganz fetten Schlagzeilen. Am 15. September 2012 betrug die Eisfläche nur noch 3,48 Millionen Quadratkilometer. Seither hatte das Meereis im September jeweils eine Ausdehnung von knapp 5 Millionen Quadratkilometern. Im Sommer 2015 wurde die drittkleinste Eisfläche registriert. Am 31. August dieses Jahres lag die Meereisfläche nur noch bei 4,12 Millionen Quadratkilometern. Wahrscheinlich wird Mitte September, nach 2012 und 2007, die drittkleinste Meereisfläche gemessen.
Nicht nur Sommerhitze
Die extreme Eisschmelze im Jahre 2012 war aber nicht nur auf die hohen Temperaturen in den arktischen Gebieten zurückzuführen. In jenem Sommer zogen Sturmgebiete teilweise direkt über die Polregion hinweg. Durch die Wellenbewegungen des Meeres brach das Eis teilweise auseinander. An den freigelegten Bruchflächen kam es zusätzlich zu Eisschmelze, was das extreme Minimum erklärt. Das rasche und weitgehende Abschmelzen des Meereises hat aber noch eine weitergehende Konsequenz: Das Meereis wird immer jünger. Mitte der 80er-Jahre war noch mehr als ¼ des Meereises 5-jährig oder älter. Heute sind es weniger als 5 Prozent. Jüngeres Eis schmilzt in der Regel aber schneller, da es weniger stark kompaktiert ist. Dieser Effekt wird auch in den kommenden Jahren weiterhin für eine hohe Abschmelzrate sorgen.
Erst im Jahre 2100 oder doch schon 2050?
Lange Zeit gingen die Klimaforscher davon aus, dass erst nach dem Jahr 2100 der Nordpol im Sommer ein erstes Mal eisfrei sein könnte. Aufgeschreckt durch die starke Schmelze in den Jahren 2007 und 2012 wurden die Schmelzraten neu berechnet. Im IPCC-Bericht des Jahres 2013 wird zum ersten Mal von der Möglichkeit gesprochen, dass bereits im Jahre 2050 der Nordpol im Sommer eisfrei sein könnte, vorausgesetzt, die globale Wirtschaft wächst weiter und der CO2-Ausstoss kann weltweit gesehen nicht gedrosselt werden. Solche Szenarien beschäftigen Ökonomen fast noch mehr als die Klimawissenschaftler. Die Polgegend droht zum wirtschaftlichen Zankapfel des 21. Jahrhunderts zu werden.
Wie genau sind die Daten?
Die in diesem Artikel verwendeten Daten stammen aus dem Arctic Data Archive System. Die Daten für die Meereisbedeckung sind stark variierend, je nach Quelle. Für die Berechnung der Meereseisfläche werden weitgehend Satellitenaufnahmen verwendet. Je nach Spektralbereich der Messung und nach wissenschaftlichem Ansatz gelangt man zu anderen Daten. Die hier verwendeten Daten basieren auf einer Auflösung von 25x25 Kilometer. Waren mindestens 15 Prozent der betroffenen Pixelfläche mit Meereis bedeckt, galt die Fläche als eisbedeckt. Solche Kriterien sind subjektiv. Unabhängig von der Quelle und von der absolut gemessenen Meereisfläche weisen aber alle verfügbaren Meereisstudien eine markante Eisabnahme in ungefähr der gleichen Grössenordnung auf.
Sendebezug: Die Wetterwoche vom 3. September auf Radio SRF 1.