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Annemarie Morgenegg ist 2019 mit ihrem VW-Bus in den Balkan gefahren und hat sich in Land und Leute verliebt. Nun hat sie ein Buch geschrieben mit Erfahrungsberichten von Menschen aus Ex-Jugoslawien, die in der Schweiz leben.
«Er ist mittelgross, hat eine hohe Stirn, glatte, dunkle Haare, ein Bärtchen, eine Brille mit dunkler Fassung. Sein Blick ist warm.» Mit solchen kurzen Beschreibungen beginnt jedes Kapitel in Annemarie Morgeneggs Buch «Für dich öffne ich meine Schublade. Menschen aus Ex-Jugoslawien erzählen.» Morgenegg hat sich für diese Form anstelle eines Fotos entschieden, um die von ihr Porträtierten einzuführen. In ihrem Buch kommen 21 Frauen und Männer zu Wort: Geflüchtete, Facharbeiter:innen, solche, die ihr Land für die Liebe verlassen haben. Würde man Morgenegg selbst anstelle eines Fotos beschreiben könnte der Text etwa so lauten: «Sie ist zierlich und hat feuerrotes Haar, was ihr etwas Koboldhaftes verleiht, ein verschmitztes Lachen und eine rauchige Stimme.» In Bern kennt man die Autorin vor allem als Schauspielerin. Sie spielte zahlreiche Rollen, sei es im Theater Matte, das sie mitgegründet hat, sei es im Theater auf dem Gurten, wo sie etwa im «Dällenbach Kari» die Beizerin Frau Jenny spielte. «Ich habe alle meine Rollen geliebt», so Morgenegg.
Sehnsucht nach Welt
Als sie sechzig Jahre alt wurde, habe sie sich die Frage gestellt: «War es das?». Sie sei schon immer eine Ausreisserin gewesen, gibt Morgenegg lachend zu. «Das Leben ist so kurz, ich muss alle zehn Jahre alles auf den Kopf stellen, auch wenn mir die momentane Situation eigentlich gefällt.» Das Alleinreisen sei sie gewohnt. Bereits als junge Frau habe sie alleine Kamerun, Japan oder Korea für sich entdeckt. «Wenn du alleine reist, dann saugst du alles auf, es ist viel intensiver.» Die auf einem Bauernhof mit drei Geschwistern aufgewachsene Reisekauffrau hatte von zu Hause mitbekommen, dass man sich die Welt anschauen solle. Ihr Vater war zwar an seinen Bauernhof gebunden, nutzte aber jede Möglichkeit, seiner Sehnsucht, dem Reisen, nachzugehen. Dem heute über Neunzigjährigen kaufte Morgenegg den in den Neunzigerjahren erstandenen, dunkelbraunen VW-Bus ab. Dieser ist nun zu ihrem eigenen Sehnsuchtsvehikel geworden.
Panne und Hundedrama
2019 machte sie sich auf den Weg. Ihr Ziel? Unbekannt. Startpunkt der Reise war ein Campingplatz in Locarno, wo ihre Tochter in der Nähe in einem Hotel arbeitete. Von dort aus ging es Richtung Norditalien über Slowenien schliesslich durch zahlreiche Länder aus Ex-Jugoslawien. Anfangs lief einiges schief. Ihr Auto war voller Scherben, weil eine Stange bei einer Autoraststätte die Scheibe zerschlagen hatte. «Es regnete mir in den Wagen und ich suchte etwa vier Garagen auf, bis ich Hilfe fand.» Schliesslich musste Morgenegg in einem verlassenen Industriegebiet nächtigen und den Morgen abwarten bis die dortige Garage öffnete. «Ein mulmiges Gefühl.» Dann starb auch noch ihr Hund Billie. Mittlerweile hat sie mit Maxi erneut einen so genannten Cairn Terrier zu ihrem Begleiter erkoren. «Diese Hunde passen zu mir. Sie sind frech, schlafen viel und haben doch Temperament.» Um Billie kremieren zu lassen und dessen Asche nach Hause nehmen zu können, nahm Morgenegg einiges auf sich. Mit dem toten Tier im Wagen fuhr sie – während im Radio Sturmwarnungen ausgesprochen wurden – durch schmale Bergstrassen und Pässe ohne Leitplanken.
Überall Schusslöcher
Schliesslich habe sich alles zum Guten gewendet, so Morgenegg. In Bosnien angekommen, hatte sie viele Wow-Momente. «Die Leute sind unglaublich gastfreundlich, sie haben mich auf Händen getragen.» Sie habe angefangen, sich intensiv mit der Politik zu beschäftigen. «Die Jugoslawienkriege der Neunzigerjahre sind sehr präsent. Du siehst immer noch Häuser mit Schusslöchern.» Auch im Kosovo wurde Morgenegg von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen. Umso mehr schüttelt sie den Kopf über Politpropaganda der SVP oder über undifferenzierte Schlagzeilen in den Medien, die Negativbilder von Menschen aus dem Kosovo reproduzieren. Zurück in der Schweiz wurde ihr bewusst, wie wenig wir hier über den Balkan wissen, obwohl so viele Bürgerinnen und Bürger aus Ex-Jugoslawien hier leben. Sie geriet in eine Krise, zog sich aus dem Theater Matte zurück. Drei Tage nach der Kündigung kam ihr der Gedanke: «Ich muss ein Buch schreiben.» Eine im Buch porträtierte Frau kannte sie bereits. Die anderen fand sie zum Beispiel über den kroatischen Frauenverein, das DEZA oder eine Beiz mit Balkan-Spezialitäten. Aus Bosnien, Kroatien, Serbien, dem Kosovo, Mazedonien und Slowenien stammen die Porträtierten. Morgenegg blieb politisch neutral. Sie hat zugehört ohne zu urteilen. «Mein Leben ist ein Theater» sagt ein Sportler und Künstler. Dass Morgenegg ihm eine Bühne gewährt, empfindet er als Ehre. «Ich werde dir meine Geschichte erzählen, einfach so wie ich bin», beginnt dieses Porträt über einen Mann aus Nordmazedonien.
Helen Lagger
PERSÖNLICH
Annemarie Morgenegg wurde 1959 in Ferenberg geboren. Sie hat in der Reisebranche gearbeitet und sich berufsbegleitend zur Schauspielerin ausbilden lassen. Vielen ist sie als Darstellerin im Theater Matte oder im Theater auf dem Gurten bekannt. Morgenegg ist verheiratet, Mutter einer erwachsenen Tochter und lebt in Bümpliz.
Das Buch
Das Buch «Für dich öffne ich meine Schublade», lässt 21 Männer und Frauen, die aus Ex-Jugoslawien in die Schweiz kamen, zu Wort kommen. Die Autorin Annemarie Morgenegg sammelte die teils traumatischen, teils hoffnungsvollen Geschichten nach ihrer Rückkehr von einer viermonatigen Balkanreise.