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Am 24. Juni 1859 kämpft der französische Kaiser Napoleon III. in Solferino an der Seite der Italiener gegen Kaiser Franz Joseph I. von Österreich. Vierzigtausend Tote und Verletzte bleiben verlassen auf dem Schlachtfeld liegen. Der junge Genfer Kaufmann Henry Dunant ist zutiefst erschüttert. Nicht nur hilft er spontan den Opfern beider Lager, sondern erkennt, dass Menschlichkeit organisiert werden muss.
In seiner Schrift «Eine Erinnerung an Solferino» schlägt er im November 1862 ein weltweites Hilfs- und Vertragswerk vor. Alle Länder sollen nationale Hilfsvereine zur unparteilichen Verwundetenpflege durch Freiwillige schaffen und miteinander eine rechtsverbindliche Übereinkunft treffen. Das Echo ist überwältigend. Dreizehn gekrönte Häupter senden ermunternde Worte. Der 75jährige General Guillaume-Henri Dufour, der sich im Sonderbundskrieg 1847 durch menschliche Kriegführung verdient gemacht hat, versichert den Verfasser seiner tatkräftigen Unterstützung. Dunant hat den Vorabdruck diesem väterlichen Freund, dem weltweit hochgeachteten Friedensstifter, Lehrer Napoleons III. und Vertrauensmann des Bundesrates unterbreitet. Der erfahrene Heerführer äussert zwar praktische Bedenken, ist jedoch überzeugt, dass solche Hilfskomitees wünschbar sind.
Einer der ersten Leser ist der Jurist Gustave Moynier, Präsident der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft. Er «eilt» zu Dunant und beglückwünscht ihn zu seiner «genialen Idee». Moynier und Dunant haben vieles gemeinsam. Sie sind fast gleichaltrig – Dunant ist 34, Moynier 36 Jahre alt – und werden beide 1910 sterben. Sie entstammen beide einer alten und angesehenen, aber politisch entmachteten Familie, sind bibelfeste Kinder der Erweckungsbewegung, setzen sich für sozial Benachteiligte ein und kämpfen für die Völkerverständigung. Und beide verbinden Idealismus und Realismus, denn sie wissen, dass eine glücklichere Welt nur in kleinen Schritten zu erreichen ist. Trotzdem werden sie sich schon bald nicht mehr verstehen. Für den ehrgeizigen, nüchtern abwägenden Moynier ist Dunant ein eigenmächtiger Schwärmer, der mit seinen weitreichenden Zielen das humanitäre Anliegen gefährdet. Doch jetzt sind sie sich einig: Die Gemeinnützige Gesellschaft muss die Initiative ergreifen, um die Vision von Solferino in die Tat umzusetzen.
Schon am 9. Februar 1863 bildet die Gesellschaft einen Ausschuss, der sich an seiner ersten Sitzung vom 17. Februar 1863 als «ständiges internationales Komitee» – das spätere IKRK – konstituiert. Präsident wird General Dufour. Moynier leitet als Vizepräsident die Geschäfte. Als medizinische Fachleute werden die beiden Chirurgen Louis Appia, der 1859 als Kriegs-chirurg in Oberitalien gewirkt hat, und Théodore Maunoir beigezogen. Dunant wird zum Sekretär ernannt. Um für die Pläne des Komitees zu werben, wendet sich Dufour an Napoleon III. und spricht zusammen mit Moynier beim Bundesrat vor.
Dunant reist als «Propagandaminister» durch halb Europa, wobei er allerdings sein Mandat überschreitet, indem er – für den vorsichtig zurückhaltenden Moynier voreilig – propagiert, das Sanitätspersonal und die freiwilligen Helfer seien als unverletzliche «neutrale Personen» zu erklären.
Dank diesen Anstrengungen gelingt es, auf den 26. Oktober 1863 eine internationale Konferenz in die Rhonestadt einzuberufen. Dufour führt den Vorsitz, Moynier leitet die Verhandlungen, Dunant schreibt das Protokoll. Die Diskussionspapiere sind auf der Basis von Entwürfen Dunants vom Komitee vorbesprochen und von Moynier und Dunant gemeinsam überarbeitet worden. Die Versammlung fasst zehn «Beschlüsse». Alle Länder sollen Hilfsgesellschaften zur unterschiedslosen freiwilligen Verwundetenpflege schaffen, und die freiwilligen Helfer sollen als Erkennungszeichen eine weisse Armbinde mit einem roten Kreuz tragen. In drei «Wünschen» fordern die Delegierten, das Sanitätspersonal, die freiwilligen Helfer und die Verwundeten zu neutralisieren. Das Datum dieser Charta ist der 29. Oktober 1863. Die Rotkreuzbewegung ist geboren.
Rotes Kreuz auf weissem Grund
Nach diesem Durchbruch wendet sich das Komitee an die Regierungen, um sie zur völkerrechtlichen Bestätigung der Genfer Wünsche zu bewegen. Appia sammelt, als erster Rotkreuzdelegierter, Erfahrungen im Preussisch-Dänischen Krieg. Maunoir analysiert die Sanitätshilfe im amerikanischen Bürgerkrieg. Dunant «agitiert» in Paris, wo er neiderregende Erfolge feiert.
Am 8. August 1864 ist es soweit. Eine von der Schweiz einberufene diplomatische Konferenz tritt in Genf zusammen. Sie wird im Namen des Bundesrates von Dufour, inzwischen Ehrenpräsident des Komitees, präsidiert. Die eigentliche Leitung übernimmt Komiteepräsident Moynier. Als Sekretär amtet der Schweizer Divisionsarzt Adrien Brière. Dunant, dessen Stellung im Komitee sich zusehends verschlechtert, muss sich mit der Durchführung der gesellschaftlichen Anlässe begnügen. Den Konventionsentwurf hat Moynier aufgrund der Vorschläge Dunants nach Rücksprache mit Dufour verfasst. Am 22. August unterzeichnen die Bevollmächtigten ohne «humanitäres Geschwafel» (Moynier) das erste Genfer Abkommen zum Schutz der Kriegsopfer. Der Neutralitätsgedanke wird in ein internationales Gesetz übergeführt. Als Schutzzeichen wird das rote Kreuz auf weissem Grund genehmigt.
Bereits Ende 1863 hat sich in Württemberg die erste nationale Rotkreuzgesellschaft gebildet. In Bern gründen am 17. Juli 1866 Dufour, damals Ständerat, und Bundesrat Jakob Dubs das Schweizerische Rote Kreuz. Den Statutenentwurf hat Moynier verfasst. Erster Präsident wird Dubs, da der von Dunant bekniete 78jährige General das Präsidium ablehnt. Dufour nimmt bis zu seinem Tod am 14. Juli 1875 aktiv an fast allen IKRK-Sitzungen teil. Sein Ehrenplatz als Mitgründer und erster Präsident des IKRK ist unbestritten.
Moynier leitet das IKRK bis zu seinem Tod am 21. September 1910. Dunant seinerseits kämpft unermüdlich weiter für «sein» Werk. Doch infolge seines Konkurses 1867 muss er das IKRK und seine Vaterstadt für immer verlassen. Moynier fürchtet um den guten Ruf des Roten Kreuzes. Daneben ist er froh, den lästigen Draufgänger loszuwerden. Arm und krank wird der Gescheiterte fortan totgeschwiegen, während Moynier die Rotkreuzbewegung ebenso zielstrebig wie umsichtig von Erfolg zu Erfolg führt und überall als «Rotkreuzgründer» gefeiert wird.
Dunant, seit 1892 im Bezirksspital Heiden, hat 1901 den ersten Friedensnobelpreis erhalten, der nach ihm noch dreimal dem Roten Kreuz verliehen wird. Am 8. Mai 1908 verneigen sich ein letztes Mal Kaiser und Könige aus der Ferne vor dem 80jährigen. Dann wird es wieder stiller um ihn. Am 30. Oktober 1910 stirbt er einsam. Erst nach seinem 100. Geburtstag, am 8. Mai 1928, steigt er langsam zum Symbol des Roten Kreuzes auf, während Moynier mehr und mehr vergessen wird.