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Das fünfte Stück der Horen gehört wohl zu den besseren, auch wenn einige der Autoren aus dem zweiten oder dritten Glied der damaligen Intelligentsia stammen. Daneben zeichnet sich das fünfte Stück auch durch eine grosse Zahl an Artikeln aus. Am wenigsten für die hohe Qualität kann der Herausgeber selber, Friedrich Schiller, der hier seine im vierten Stück begonnene
Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585
weiterführt. Zum Glück ist dieser Teil relativ kurz geraten. Der Autor liefert wie gehabt eine lustlose Zusammenfassung alter Chroniken. Man glaubt der Landratte Schiller anzumerken, dass sie mit der Schilderung von See- und Flussschlachten überfordert ist: keine plastische Handlung, sondern trocken referierende Aufzählung der Ereignisse.
Dabei war die Geschichtsschreibung, die Geschichtsforschung, bereits einen Schritt weiter, als das, was der Geschichtsprofessor Schiller in seiner eigenen Zeitschrift liefert. Schon der nächste Beitrag zeigt das auf. In seinem
Beitrag zu einer Geschichte des französischen National-Charakters
statuiert Karl Ludwig von Woltmann gleich ein Exempel. Sicher würden wir Woltmanns Werk heute auch nicht mehr als ‘state of the art’ auffassen. Einen “Nationalcharakter” zu skizzieren, kann nur in Klischees ausarten. Aber der junge Historiker (Woltmann ist 1770 geboren!) der Universität Jena bemüht sich, nicht nur Fakten zu referieren, sondern Zusammenhänge aufzuzeigen (z.B. zwischen dem “Nationaldrama” und dem in der Geschichte ausgedrückten “Nationalcharakter”) und so Gründe für die historische Entwicklung Frankreichs bis hin zur Revolution zu finden. Im Ganzen bleibt es zwar eine unreife Mischung aus Schiller’schem Gedankengut in Bezug auf die unbedingt notwendige Ästhetische Erziehung des Menschen einerseits, und frühem national-romantischem Gedankengut (so, wenn er dann den französischen mit dem deutschen Charakter vergleicht und dem ungeschliffenen Deutschen dann höheren Wert beimisst), zeigt aber doch auf, was ‘Geschichte’ mittlerweile sein konnte.
Es folgt einer der berühmtesten Texte, einer der Texte, um derentwillen die Horen bis heute den hohen Ruf geniessen, den sie im Grossen und Ganzen gar nicht verdient haben: Johann Wolfgang von Goethes
Litterarischer Sanscülottismus.
Wie Goethe an den Text gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis; Tatsache ist, dass die Dioskuren der Weimarer Klassik in der März-Ausgabe 1795 des Berlinischen Archivs der Zeit und ihres Geschmacks auf Daniel Jenischs Aufsatz Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen stiessen. Ich glaube nicht, dass Goethe den Verfasser des Artikels, der nach zeitgenössischem Brauch unter Pseudo-Anonymat erschienen war, kannte; ich vermute sogar, dass er nur die ersten paar Absätze wirklich gelesen hat (über die er sich aber köstlich ärgert), den in der April-Ausgabe erschienen zweiten Teil des Aufsatzes wohl gar nicht. Das spielt auch keine Rolle, denn Goethes Text geht weit über den Jenischs hinaus. Wo Jenisch stark am Begriff der “Prose” klebt und die Klassizität eines Autors, einer Epoche, an einer nach heutigem Standpunkt fragwürdig definierten sprachlichen Differenziertheit in Form und Ausdruck messen will (d.h. postuliert, dass eine sprachliche Entwicklung stattgehabt haben müsse, die doch eigentlich die Literatur erst in Gang setzen könnte), macht Goethe den “classischen National-Autor” an der historischen, an der politischen, an der soziologischen Entwicklung einer Gemeinschaft fest. So verwahrt Goethe seine literarischen Vorgänger gegen die seiner Meinung nach stattgehabte Verunglimpfung durch Jenisch, indem er darauf hinweist, dass diese Männer sozusagen erst den Schnee räumen mussten, bevor die Prachtkutschen der klassischen Literatur Platz finden – es also nicht mangelndes Talent oder die übel beleumdete deutsche Sprache war, was sie behinderte, sondern die Tatsache, dass die Verhältnisse eines “Landes” ohne kulturelles, wirtschaftliches und politisches Zentrum ganz einfach nicht zur Entwicklung einer Hochliteratur führen konnte. Und diese Kritik aus Berlin in einem Moment, wo – davon ist Goethe überzeugt – die deutsche Literatur gerade eine Qualität erreicht hat wie nie zuvor! (Dass er, zusammen mit Schiller, gerade daran ist, eine Epoche der Klassik einzuleiten, weiss er wohl, deutet es allerdings nur dezent an.)
Das Spiel in strengster Bedeutung
Zuerst wird das Spiel im alltäglichen Sinn des Wortes genommen und so lange analysiert, bis sich herausstellt, dass in diesen Formen von Spiel immer “Anstrengung” vorhanden ist, es sich also nicht um “Spiel” handeln kann. Die eigentliche Form von “Spiel” ist demnach das – Schauspiel. Bzw. die analytischen Vorgänge bei der Rezeption von Kunst im Zuschauer. Ob das weniger “Anstrengung” bedeutet als ein Federball-Spiel unter Freunden? Der Autor ist dieser Meinung.
Kant goes Schiller. (Wobei der Autor, der Jenaer Privatdozent der Philosophie Friedrich August Weißhuhn, eigentlich ein sich kritisch gegen seinen Meister kehrender Schulkamerad und -freund, dann wissenschaftslehriger Adept, von Fichte war. Weißhuhn starb 1795; meines Wissens hat er die Publikation dieses Artikels in den Horen nicht mehr erlebt.)
Alles in allem ein gutes Beispiel dafür, wie schon zu Beginn einer vorgeblich analytischen Untersuchung das Ziel feststeht, und was als Deduktion daherkommt, sich post festum als Induktion entpuppt.
Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung
Eine pädagogische Fiktion: Im antiken Syrakus steht ein Bildnis, dessen Interpretation lange allen Versuchen widersteht, bis eines Tages ein zweites, offensichtlich mit dem ersten in Zusammenhang stehendes, auftaucht. Nun kann ein lokaler Philosoph die beiden Bilder entschlüsseln: Sie stellen die Lebenskraft dar, die die Elemente im Zaum hält, wenn sie den Körper organisiert – bzw. eben die Elemente, wenn sie wieder Urständ feiern, in dem Moment, wo die Lebenskraft ihre Fackel sinken lässt.
Eine nette kleine Parabel, halb philosophisch, halb naturwissenschaftlich; der Erzähler Alexander von Humboldt schreibt in einem eingänglicheren Stil als später der Naturwissenschafter Alexander von Humboldt.
Ueber Charakterdarstellung in der Musik
Schillers Jugendfreund Christian Gottfried Körner war zwar von Haus aus Jurist, fühlte sich aber als Hansdampf-in-allen-Gassen auch dazu berufen, über andere Themen zu schreiben. Der Freundschaft mit Schiller und der Tatsache, dass die Weimarer Dioskuren selber wenig von Musik verstanden, hat er es wohl zu verdanken, dass dieser Artikel überhaupt in den Horen erscheinen durfte. Er bringt wenig Substanzielles und verliert sich zusehends in Mutmassungen über die antike griechische Musik. Körner scheint wenig Ahnung zu haben vom zeitgenössischen musikalischen Schaffen. Als Theoretiker (ich traue mich nicht zu sagen: als Philosoph) bleibt Körner schwammig. Was z.B. das “Sinnliche der Erscheinung” und das “Sinnliche des Ideals” sein sollen, wie sie sich voneinander unterscheiden, entzieht sich meiner Phantasie, die Körner ebenfalls sehr strapaziert.
Kunstschulen
Damit sind nicht Kunst-Stile oder -Richtungen gemeint, sondern tatsächlich Ausbildungsstätten für angehende Bildhauer und Maler. Allerdings ist des Autors Kunst- und Menschenbild für meinen Geschmack ein bisschen allzu edel und gut, zu glatt. Und wenn ich gleich zu Beginn eines Textes lese:
Wer gute Kunstschulen errichten will, der erhebe sich zu den ewigen und allgemeinen Gesetzen, nach welchen der Schöpfer das menschliche Herz so wohltätig gebildet hat.
bin ich ziemlich sicher, dass nichts Besseres mehr nachkommen wird.
Ein Rätsel ist mir die Coda zu diesem Beitrag, in der der Herausgeber (also Schiller) das Anonymat des Autors lüftet, aus einem Schreiben Karl Theodor von Dalbergs zitierend, wonach dieser nicht mehr in der Lage sein werde, weitere Beiträge zu liefern. Wozu dieser Hinweis überhaupt? Wozu die Lüftung des Anonymats?
Den Schluss dieses Horen-Stücks bilden zwei Gedichte Johann Heinrich Voß’:
Weihe der Schönheit
und
Sängerlohn.
Tugendhafte Trinklieder. Sanfte Ekstase. Voß ist ein routinierter Versifikant, und der deutsche Bildungsbürger der Zeit wird die beiden Gedichte wohl gern gelesen haben, abends zu einem Glas Wein.