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Im Palacio de Presidente in Mexiko City herrscht Krisenstimmung: Seit 1976 trägt das in der Bucht von Campeche unter dem Meeresboden gelegene Ölfeld Cantarell entscheidend zur Verbesserung der Finanzlage bei. In wenigen Jahren, so die Experten, dürften die Vorräte des einst zweitergiebigsten Ölfelds der Welt allerdings erschöpft sein. Was dem Regenten von Mexiko,
Felipe Calderón, den Schlaf raubt, freut die Ölanleger. Sie sehen im Versiegen von Cantarell ein Indiz dafür, dass der Preis für das schwarze Gold weiter steigt.
Verstaatlichungen in Venezuela
In Washington verfolgt man die Entwicklung im südlichen Nachbarland mit wachsender Besorgnis. Die USA importieren fast die gesamte Ölproduktion Cantarells. Die US-Regierung sucht daher fieberhaft nach Alternativen. Auf Venezuela können die Vereinigten Staaten jedoch nicht bauen. Dort regiert der Populist Hugo Chávez. Im vergangenen Jahr verstaatlichte er die Ölindustrie. Alle im Land tätigen ausländischen Firmen, darunter etwa Exxon Mobile, Chevron, Conoco Philips oder BP, mussten Gemeinschaftsunternehmen beitreten, in denen Venezuela die Mehrheit besitzt. Bald will Caracas auch bei allen Ölprojekten im Orinoco-Becken das Kommando übernehmen. Dort werden die grössten Ölreserven der Welt vermutet.
Auch die arabischen Staaten, traditionell die wichtigsten Lieferländer der USA, seien langfristig nicht in der Lage, den drohenden Förderrückgang in Lateinamerika zu kompensieren, glaubt der ehemalige Berater für Energiefragen unter US-Präsident George Bush, Matthew Simmons. Seiner Meinung nach hat das mit einer bislang geschätzten Tagesproduktion von rund 5 Mio Barrel grösste Ölfeld der Welt, das in der Wüste Saudi-Arabiens gelegene Ghawar, seinen Produktionshöhepunkt bereits überschritten. «Das Risiko ist hoch, dass in Saudi-Arabien die Ölproduktion bald zur Neige geht», sagt Simmons. Speziell in Nigeria, dessen Ölvorkommen auf über 35 Mrd Barrel geschätzt werden, sehen die USA, aber auch die Europäer ihre Treibstoffreserve. Allerdings: Produktion und Lieferung sind keineswegs gesichert. Im Niger-Delta greifen Rebellen, die einen grösseren Teil der Ölgewinne für die arme Bevölkerung reklamieren, Förderplattformen an, zerstören Pipelines und entführen Mitarbeiter der internationalen Konzerne.
«Lieferprobleme und knapper werdende Ölvorkommen sprechen langfristig für steigende Preise», sagt Sandra Ebner. Die Fondsmanagerin des Deka Commodities will nicht ausschliessen, dass langfristig über 100 Dollar pro Barrel Öl bezahlt werden müssen. Auch wenn der Klimawandel für weitere milde Winter sorgen sollte. «Die Nachfrage nach Heizöl beeinflusst den Preis mit nur 5 bis 6%», sagt Ebner.
Ihre für die Industriestaaten düstere Prognose wird auch durch die rasch wachsende Nachfrage gestützt. Chinas Energiehunger scheint unersättlich. Berührungsängste mit skrupellosen Machthabern plagen die Chinesen dabei nicht. China bezieht mittlerweile rund zwei Drittel seiner Ölimporte aus dem Sudan. Und gern gewährt China Staaten wie Angola finanzielle Hilfe, um sich eine Vorzugsbehandlung bei den Öllieferungen zu sichern. Dass ein Grossteil der Mittel in den Taschen korrupter Minister landet und nicht der Bevölkerung zugute kommt, ist Peking dabei egal.
Konflikte im Mittleren Osten
Doch nicht nur die wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage und die zunehmende Konkurrenz um den Rohstoff zwischen den USA und China sorgen für Fantasie beim Ölpreis. «Sollte der Atomkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran tatsächlich eskalieren, gehen die Notierungen kräftig nach oben», sagt Olivier Jakobs vom Zuger Analysehaus Petromatrix. Auch ein Schlag Israels gegen persische Nuklearanlagen würde genügen, um den Ölpreis auf neue Rekordniveaus zu heben.
Doch gerade indem Anleger ihre Depots mit Ölinvestments verstärken, können sie sich gegen eine mögliche Talfahrt schützen. «Ölpreis und Aktien laufen häufig konträr zueinander», sagt Ebner. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Der jüngste Abrutsch an den weltweiten Märkten setzte auch den Ölpreis für kurze Zeit unter Druck. Hedge-Fonds hatten mit Kredit Terminkontrakte gekauft. Im Zuge der Krise mussten sie ihre Positionen dann aber wieder glattstellen. Inzwischen dürften sie aber wieder auf steigende Notierungen setzen.