Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03403.jsonl.gz/1256

Orgelbauer/in
Orgelbauer* stellen Orgeln her, warten, reparieren und restaurieren sie. Eine Orgel besteht aus unzähligen Einzelteilen, welche der Orgelbauer in seiner Werkstatt anfertigt. Verarbeitet werden vor allem Holz und Metall.
mehr lesen
Pfeifenwerk, Gebläse und Windverteilungssystem mit Schaltvorrichtungen bilden die vitalen „Organe“ der Orgel. Eigentliches Zentrum ist die sogenannte Windlade: Sie fungiert als Schaltzentrale zwischen Spieltraktur und Windkanälen einerseits und den Pfeifen andererseits. Die Pfeifen werden beim Spielen der Orgel durch Ventile geöffnet oder verschlossen. Für die kontinuierliche Luftzufuhr sorgt das Gebläse. Während früher manuell betriebene Kolbenpumpen oder Blasebälge den nötigen Antrieb erzeugten, werden heute leistungsfähige und geräuscharme Motoren eingesetzt, die meist im Fuss der Orgel eingebaut werden.
Die Orgel wird zerlegt zu ihrem Bestimmungsort transportiert und an Ort und Stelle zum fertigen Instrument zusammengebaut. Abschliessend wird das Instrument eingespielt und klanglich abgestimmt.
Das Handwerk des Orgelbauers ist heute als eine von fünf Fachrichtungen in den Beruf „Musikinstrumentenbauer“ integriert. Die Ausbildung dauert vier Jahre und schliesst mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Der zukünftige Orgelbauer muss über handwerkliches und zeichnerisches Geschick, Ausdauer, ästhetisches Empfinden und Musikalität verfügen. Das Spielen eines Instrumentes zu beherrschen ist ebenfalls von grossem Vorteil.
Geschichte
Die erste Orgel
Im Gegensatz zu anderen Instrumenten wie Trommeln oder Flöten, deren Anfänge bis in die Steinzeit zurückreichen und die unabhängig voneinander überall entstanden, wo es Menschen gab, ist die Geburtsstunde der Orgel zeitlich und örtlich genau eingrenzbar: Nach allem, was man heute weiss, wurde die Orgel um die Mitte des 3. Jahrhunderts v.Chr. vom Alexandriner Ktesibios erfunden, ev. in Alexandria selbst, vielleicht auch im südlichen Kleinasien, wo Ktesibios in seinen späteren Jahren lebte. Das neue Instrument wurde „hydraulos“ genannt, wörtlich „Wasser-Aulos“. Der Aulos, eine paarweise gespielte Pfeife mit Doppelrohrblatt und Grifflöchern, war das in der griechisch-römischen Antike wichtigste Blasinstrument. Ktesibios fügte eine Reihe verschieden langer Auloi aneinander und verband sie mit einem Pumpengebläse, in welchem Wasser als Druckregler fungierte. Eine einzelne Kolbenpumpe setzte das Gebläse in Gang und führte einen kontinuierlichen Luftstrom zur Windlade und über diese zu den einzelnen Pfeifen.
Verbreitung und Weiterentwicklung der Orgel in der griechisch-römischen Antike
Der hydraulos, später allgemein bekannt als hydraulis oder hydra, fand in der hellenistischen Welt schnell weite Verbreitung. Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. wurden in Griechenland öffentliche Orgelwettspiele durchgeführt. Spätestens in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. kannte man die Orgel auch in Rom. Seit dem 2. Jahrhundert hatte sie sich als Instrument der Eliten in der ganzen griechisch-römischen Welt durchgesetzt und war allgemein Symbol für Wohlstand und Luxus.
Das Instrument wurde von Beginn an stetig weiterentwickelt. Im 1. Jahrhundert v. Chr. kannte man bereits Orgeln mit zwei Kolbenpumpen und bis zu acht Pfeifenreihen. Vermutlich um die Zeitenwende herum begann man mit Handbälgen zu experimentieren, sichere Belege für Balgorgeln stammen aber erst aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Diese sogenannten „pneumatischen Orgeln“ konnten mit den Wasserorgeln vorerst nicht mithalten: Die Instrumente waren klein, klangen schwach und hatten nur wenige Register und Töne, während Wasserorgeln stattliche Dimensionen aufweisen konnten, einen starken Ton hatten und über viele Register verfügen konnten.
Unsere heutige Bezeichnung „Orgel“ stammt vom griechischen organon (lateinisch organum) ab, was ganz allgemein „Werkzeug“ oder „Instrument“ bedeutet. In antiken Texten wird gelegentlich vom organum pneumaticum als Gegensatz zum organum hydraulicum gesprochen, aber erst seit dem 4. Jahrhundert, und auch dann nur vereinzelt, wird der Begriff organa als allgemeine Bezeichnung für die Orgel angetroffen. Durchgesetzt hat er sich erst im Spätmittelalter.
Die Orgel im Mittelalter
Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches fiel die Orgel in Europa der Vergessenheit anheim. Im Byzantinischen Reich wurde der Orgelbau weiter betrieben, erstarrte aber bald auf dem in der Spätantike erreichten Entwicklungsstand. Die Orgel war hier vor allem Requisit des Kaiserhofes.
Im Jahr 757 liess der byzantinische Kaiser Konstantin V. dem fränkischen König Pippin dem Jüngeren eine Orgel als Geschenk überbringen und rief damit die Existenz des Instruments auch dem Westen wieder in Erinnerung. Bis zur eigentlichen Wiedereinführung dauerte es allerdings nochmals einige Jahrzehnte: Erst im 9. Jahrhundert wurde, auf Betreiben des fränkischen Herrschers Ludwig des Frommen, auf europäischem Boden der Orgelbau wiederaufgenommen. Er orientierte sich am Vorbild von byzantinischen Balgorgeln, während das alte Prinzip der Wasserorgel in Europa unbekannt blieb.
Der erste europäische Orgelbauer war ein venezianischer Priester. Auch seine Schüler und Nachfolger entstammten dem geistlichen Stand, der zu dieser Zeit einzigen Bevölkerungsschicht, die über ausreichend Bildung verfügte, um sich an eine intellektuell derart anspruchsvolle Aufgabe wie die Konstruktion einer Orgel zu wagen. Die frühen Orgelbau-Werkstätten waren Klöster, und der Schritt, das wohlklingende Instrument im Gottesdienst erklingen zu lassen, lag nahe. Der erste Beleg für den Einsatz von Orgeln in Klosterkirchen stammt aus dem 10. Jahrhundert. Die kirchlichen Autoritäten witterten in dem prunkvollen Instrument allerdings vielfach Gefahr für das Seelenheil ihrer Gemeinde, die Ausbreitung der Kirchenorgel erfolgte deshalb nur langsam und vorerst ausschliesslich nördlich der Alpen, sprich: fern von Rom. Um 1300 steht die Orgel schliesslich in unzähligen Klosterkirchen und ist auch in den meisten grossen Stadtkirchen zum festen Bestandteil des Gottesdienstes geworden. Eine offizielle Zulassung von Seiten Roms hatte allerdings nach wie vor nicht stattgefunden.
Technische Neuerungen vom 13.-15. Jahrhundert
In der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert erlebte der europäische Orgelbau eine Reihe grundlegender Neuerungen, die schliesslich dazu führten, dass viel grössere Instrumente gebaut werden konnten, als dies bisher möglich gewesen war. Die wichtigsten Erfindungen und Verbesserungen sollen kurz vorgestellt werden.
- Erfindung des Wellenbrettes
Vor der Erfindung des Wellenbrettes lagen die einzelnen „Tasten“ unmittelbar unter den zugehörigen Pfeifen, d.h. sie erstreckten sich über die ganze Orgelbreite. Dies schränkte die maximale Anzahl Pfeifen aus Gründen der Bedienbarkeit ein – eine typische mittelalterliche Orgel verfügte über 7 oder 15 Tasten. Mit dem Wellenbrett, entwickelt zu Beginn des 14. Jahrhunderts, wurden die einzelnen Tasten zu einer Klaviatur zusammengefasst. Damit wurden auch bei grossen Instrumenten sämtliche Tasten für einen einzelnen Organisten erreichbar. Die Einführung des Wellenbretts ermöglichte somit eine Erweiterung des Tonumfangs.
- Abrücken von der starren Pfeifenmensur
„Starre Pfeifenmensur“ bedeutet, dass alle Pfeifen eines Registers denselben Durchmesser haben und nur ihre Länge mit der Tonhöhe abnimmt. Dies funktioniert musikalisch einwandfrei aber nur über einen Umfang von zwei bis drei Oktaven. Bei grösserem Tonumfang werden die tiefsten Pfeifen für den jeweils gewünschten Ton zu eng und die höchsten zu weit. Die Erkenntnis dieses Sachverhalts führte zur Aufgabe der bisherigen starren Mensur.
- Erfindung des Pedals
Die Anfänge des Pedals lassen sich nicht genau fassen, dürften aber vor 1300 liegen.
- Mehrmanualigkeit
Im Laufe der Zeit waren in Europa zwei Haupttypen von Kirchenorgeln entwickelt worden: Die grosse, fest an einer Wand aufgebaute Hauptorgel diente dem lauten, brausenden Spiel; die kleine, transportable Chororgel – das sogenannte Positiv, von lat. ponere, hinstellen – der Begleitung des Gesangs. Der Organist musste jeweils zwischen den Instrumenten hin- und herwechseln. Die Einführung der Mehrmanualigkeit im 15. Jahrhundert bedeutete die Verbindung der beiden bis anhin getrennten Orgeln über deren Klaviaturen: Die Klaviatur des Positivs wurde unter die Klaviatur der Hauptorgel gesetzt, der Organist konnte nun also vom gleichen Platz aus beide Orgeln bespielen. Die Verbindung zwischen Klaviatur und Positiv wurde unter den Boden verlegt. Dies bedingte räumliche Nähe und Unverrückbarkeit des Positivs, das vor der Hauptorgel fest in die Emporenbrüstung eingebaut wurde. Statt von „Hauptorgel“ und „Positiv“ spricht man von nun an von „Hauptwerk“ und „Rückpositiv“.
- Wiederentdeckung der Registratur
Einzelne Pfeifenreihen wurden separat spielbar gemacht. In der Folge entwickelte man auch verschiedene Pfeifenformen mit jeweils unterschiedlichen Klangfarben. (Die Antike hatte beides – Registratur wie unterschiedliche Klangfarben – bereits gekannt.)
- Gehäuse und Prospekt
Die Orgeln wurden zum Schutz mit hölzernen Gehäusen umkleidet. Die Schauseite – Prospekt genannt – wurde oft sehr aufwendig gestaltet.
Die Orgel als Instrument für weltliche Musik
Im Gegensatz zur grossen, fest eingebauten Kirchenorgel war das kleinere Positiv transportabel. Es wurde früh zum beliebten Instrument an Fürstenhöfen, seit Beginn der Neuzeit hielt es auch Einzug in die Salons der vermögenden Bürger. Um 1700 war die Hausorgel für Familien, die auf sich hielten, beinahe obligatorischer Einrichtungsgegenstand, bis sie vom Cembalo und später dem Hammerklavier verdrängt wurde. In ländlichen Gebieten war die Hausorgel aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein weit verbreitet.
Die Umwälzungen des 19. Jahrhunderts
Neue Entwicklungen führten im 19. Jahrhundert zu musikalischen, technischen und gestalterischen Umwälzungen, die nicht nur Orgeln und Orgelmusik, sondern auch dem Orgelbau ein vollkommen neues Gepräge verliehen. Angesichts dieser Änderungen wandelte sich der Beruf des Orgelbauers: Der einstige Instrumentenbauer wurde immer mehr zum Orgelfabrikanten, der sich vor allem auf die technischen und finanziellen Aspekte konzentrierte, während die musikalischen Belange an Spezialisten übertragen wurden.
20. Jahrhundert und Gegenwart
Die Orgeln des 19. Jahrhunderts hatten musikalisch ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Allerdings waren sie schlecht geeignet für die Wiedergabe der grossen barocken Orgelmusikwerke. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde deshalb von den Gegnern der neuen Orgeln die Umkehr zu den Grundlagen des Orgelbaus der Barockzeit gefordert – welcher wiederum für die spätromantischen Orgelkonzerte unbefriedigend war.
Ein zweiter Graben öffnete sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zwischen Modernisierern, welche im Orgelbau Elektronik und Computertechnik einsetzen, und Traditionalisten, welche auf diese Mittel verzichten und den handwerklichen Instrumentenbau in den Mittelpunkt stellen. Letztere haben sich zum Teil auch auf den originalgetreuen Nachbau von historischen Orgeln spezialisiert, so dass heute neue Instrumente in der Bauart aller Stilepochen erhältlich sind.
* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet.
Artikel als PDF
Literatur
Baines Anthony: Lexikon der Musikinstrumente, Stuttgart 2010.
Berufsverzeichnis des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, www.bvz.admin.ch/bvz/berufe → Eintrag Musikinstrumentenbauer EFZ / Musikinstrumentenbauerin EFZ, http://www.bvz.admin.ch/bvz/grundbildung/index.html?detail=1&typ=EFZ&item=781&lang=de, abgerufen am 15.08.2015.
Jacob Friedrich: Die Orgel, Mainz 2002.
Kurszentrum Ballenberg & Schweizerischer Gewerbeverband sgv (Hg.): Die Jungen Schweizer Macher: Handwerk 2014. Handwerk 1/2014, Sonderausgabe Swissskills Bern 2014, S. 20-21. PDF
Reichert Peter: Orgelbau – Kunst und Technik, Wilhelmshaven 1996.
Ähnliche Berufe