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Raymond Chandlers Katze: Der Text lebt vom Detail
Raymond Chandler, der literarische Vater von Privatdetektiv Philipp Marlowe, hat nicht für die grosse Kunst geschrieben. Er wollte vor allem unterhalten. Trotzdem (oder gerade deshalb) nahm er sein Handwerk verdammt ernst. Er verstand es, mit schlichten Worten grossen Eindruck zu machen, und wie alle Meister setzte er sich zuweilen über die Spielregeln hinweg, die (für weniger geübte Schreiber) den Bereich umfrieden, in dem sie vor peinlichen Fehlern sicher sind.
Das Vorbild der Meister
Zum Schreibenlernen gehört das obsessives Lesen (inklusive Eselsohrenknicken und Randnotizenkritzeln) dazu wie zum Kochenlernen das gepflegte Essen.
Nur wenige Autoren haben Ratgeber für junge Talente verfasst. Bei allen anderen müssen wir selbst auf Spurensuche gehen. Dafür sind Briefwechsel besonders ergiebig, die von den Schwierigkeiten und Erfolgsrezepten des Schreibens handeln.
Heute lernen wir drei Lektionen aus den Briefen von Raymond Chandler.*)
Wer bestimmt die Spielregeln?
Ein Meister zu sein, ist ein einsames Geschäft. Wer auf einem Gebiet erstklassig ist, findet kaum mehr adäquate Gesprächspartner. Schlimmer noch: Er ist gezwungen, seinen Standpunkt gegenüber Leuten zu verteidigen, die ihm nicht das Wasser reichen können.
So musste auch Raymond Chandlers erleben, dass seine Erzählkunst den Horizont seiner Lektoren überstieg – wie dieser (zerknirschte) Brief an den Herausgeber des «Atlantic Monthly» vom 18. Januar 1947 zeigt:
Würden Sie dem Puristen, der das Korrektorat meiner Texte macht, meine Empfehlung übermitteln und ihm oder ihr sagen, dass ich einen etwas hemdsärmeligen Einfache-Leute-Stil pflege, der in etwa so klingt, wie ein Schweizer Kellner spricht, und dass ich, wenn ich einen Infinitiv trenne, verdammt noch mal, ihn trenne, damit er getrennt bleibt.
Und wenn ich den geschmeidigen Fluss meiner mehr oder weniger gebildeten Syntax mit ein paar überraschenden Worten im Kneipenjargon durchbreche, geschieht das sehenden Auges und mit entspanntem, aber aufmerksamem Geist. Das Verfahren ist vielleicht nicht perfekt, aber ich habe nur dieses eine. Gerne möchte ich glauben, dass Ihr Korrektor in bester Absicht versucht, mich vor dem Stolpern zu bewahren. Aber so sehr ich seine Fürsorge zu schätzen weiss: Ich bin ich wirklich in der Lage, trittsicher meinen Weg zu finden, wenn man mir beide Bürgersteige und die Strasse zur Verfügung stellt.
[Raymond Chandler, Brief an den Herausgeber des «Atlantic Monthly»,18. Januar 1947, frei übersetzt von Matthias Wiemeyer] *)
Die Stilempfehlungen aller wichtigen Sprachlehrer (viele Verben, keine Floskeln, viel Aktiv, klarer Satzbau, konkrete Sprache …) sind keine Checklisten, deren Abhaken spannende Texte erzeugt. Spannende Texte entstehen durch das kreative Spiel mit Gedanken und Formen und dazu gehört auch der kalkulierte Bruch mit dem, was üblich ist oder gerade erwartet wird.
Das wichtige Stichwort hier ist «kalkuliert». Die Regeln brechen darf nur, wer sie vorwärts und rückwärts kennt und kühl berechnend genau die Wirkung sucht, die der Bruch erzeugt. Wer die handwerklichen Standards aus Versehen verletzt, ist wie ein Koch, der wahllos Gewürze in den Eintopf kippt und betet.
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Wer interessiert sich schon für Details?
Es gibt viele verschiedene Arten einen Text zu verhunzen. Man kann den Erzählfluss durch sinnlos angehäufte Details aus dem Rhythmus bringen, die nur die Geduld strapazieren, für Plot und Figuren aber wenig tun. Kein Deut besser sind sterile Texte, die nur Fakten aneinanderreihen, aber nie die Zeit für raffinierte Details finden, die dem Text Emotion und Tiefe geben.
Bei den Details geht es (wie überall) ums rechte Mass. Das rechte Mass ist das Mittlere, wie die alten Griechen sagten, das, was zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig liegt. Dieses Mass war zuweilen ein Streitpunkt zwischen Raymond Chandler und seinen Lektoren, wie er in diesem Brief an Frederick Lewis Allen, den Herausgeber des «Harper’s Magazine», beklagt:
Vor langer Zeit, als ich noch Groschenromane schrieb, schrieb ich gelegentlich Zeilen wie diese in meine Geschichten: «Er stieg aus dem Auto und ging über den grell besonnten Bürgersteig, bis der Schatten der Markise auf sein Gesicht fiel wie ein Schwall kühlen Wassers.»
Das hat der Lektor dann immer herausgestrichen, bevor die Geschichte veröffentlicht wurde: «Die Leser mögen so etwas nicht, das hält doch nur die Handlung auf.»
Aber ich war vom Gegenteil überzeugt. Es stimmt einfach nicht, dass Leser sich nur für die Handlung interessieren. In Wahrheit geht es ihnen (ohne dass sie es selbst wüssten) nur am Rande um die Handlung. Was für die Leser zählt (und was für mich zählt), sind durch Details und Dialoge geschaffene Emotionen.
Die Leser erinnern sich nicht daran, dass ein Mann ermordet wurde, sondern daran, dass er im Moment seines Todes versucht, eine Büroklammer von der polierten Schreibtischplatte aufzuheben und dass sie ihm immer wieder entgleitet, sein Gesicht vor Anspannung verzerrt ist und sein Mund in einer verzweifelten Grimasse halb offen steht. Er denkt überhaupt nicht an den Tod. Er hört den Tod nicht einmal anklopfen. Diese verdammte kleine Büroklammer gleitet ihm immer wieder aus den Fingern …
[Raymond Chandler, Brief an Frederick Lewis Allen, 7. Mai 1948, frei übersetzt von Matthias Wiemeyer] *)
Was lernen wir daraus: Es sind die Details, die die Charaktere lebendig und die Szenen bemerkenswert machen. Aber nicht irgendwelche Details, sondern schlüssige, stimmige Details, die, rückblickend betrachtet, fast schon zwingend wirken, weil die Leser zustimmend nicken und denken: «Das passt genau.»
Die Handlung macht den Charakter
In schlechten Filmen finden sich oft Gespräche oder Telefonszenen, die einer Figur noch rasch ein paar Charakterzüge umhängen, die fürs Verstehen nötig sind: «Er ist so ein liebevoller Vater. Er hängt abgöttisch an seinen Kindern.»
Jetzt zittern wir umso mehr, wenn die Entführer seinen Kindern nachstellen.
Begabtere Autoren hätten einfach eine Szene geschrieben, in der wir sehen und erleben können, was für ein wunderbarer Vater er ist. Notfalls etwas Kitschiges (Vater liest Tochter Gutenachtgeschichte vor, Tochter himmelt Vater an) oder etwas Klitzekleines (Vater räumt, versonnen lächelnd, die im Hausflur verstreuten Kinderschuhe ins Regal.)
Die besten Schriftsteller stellen uns die Figuren durch ihre Handlungen, ihre Kleidung oder die Möbel, die sie lieben vor. Das funktioniert auch mit Tieren, wie dieser Brief an Leonard Russell zeigt, in dessen Hauptperson Chandlers Katze «Tiki» ist:
Manchmal sieht sie mich mit einem recht merkwürdigen Gesichtsausdruck an (ich kenne keine Katze, die einem so direkt in die Augen schaut) und ich hege den Verdacht, dass sie ein Dossier über mich hat. Denn der Ausdruck scheint zu sagen: «Du hältst dich wohl für einen ziemlich tollen Kerl, oder? Ob du dich noch genau so gut fühlen würdest, wenn ich mich entschlösse, ein paar von den Sachen zu veröffentlichen, die ich in meinen bizarren Momenten aufgeschrieben habe?»
Manchmal hat sie den Tick, eine Pfote lässig hochzuhalten und sie gedankenvoll zu mustern. Laut meiner Frau animiert sie uns, ihr eine Armbanduhr zu kaufen. Sie braucht sie aus keinem vernünftigen Grund – sie kann die Zeit besser einschätzen als ich –, aber etwas Schmuck scheint sie zu brauchen.
[Raymond Chandler, Brief an Leonard Russell, 29. Dezember 1954, frei übersetzt von Matthias Wiemeyer] *)
Das Wichtigste im Schnelldurchlauf
Was haben wir heute von Raymond Chandler gelernt?
- Spielregeln schützen vor peinlichen Fehlern. Aber wirklich starke Texte brauchen den Mut zur Lücke: das gekonnte Spiel mit kalkulierten Verstössen.
- Klug gewählte Details machen Ihren Text lebendig und berühren den Leser.
- Figuren leben durch ihr Handeln und die Umstände, in denen wir sie kennenlernen.
Das wars für heute.
Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer
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*) Ich stöbere gerne in den Briefen kluger Geister. Meine wichtigste Quelle ist die (englische) Website «Letters of Note», in der Shaun Usher unachahmlich feinsinnig, akribisch und unterhaltsam Briefe vorstellt, die eine breite Leserschaft verdienen. Er ist auch der Herausgeber diverser Brief-Sammelbände, darunter zwei auf Kunstdruckpapier gedruckte Trümmer, die gewiss tödlich wären, wenn Sie sie einem überraschten Einbrecher an den Kopf würfen und die zu kaufen ich Ihnen wärmstens ans Herz lege. Die Bücher sind auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Ich ziehe aber die Originalfassung vor und habe die Texte daher hier für Sie übersetzt. Dabei habe ich mir alle Mühe gegeben, den «Schwung», den ich beim Lesen der Urtexte gespürt habe, in meine deutsche Version hinüberzuretten. Manche typisch englische Formulierung, deren wortgetreues Pendant fremdartig klang oder die Melodie des Originals zerstörte, habe ich so lange umgeschrieben, bis sie für meine deutschen Ohren so klang, wie das Original für englische Ohren geklungen haben mag.
Und hier ist die Liste aller Artikel über guten Schreibstil
Storytelling und Reden halten: Rezepte, die Sie noch nicht kannten [Storytelling ist die magische Zutat für gute Texte. Und beim Reden halten ist das Erzählen passender Geschichten die Geheimwaffe der Profis.]
Wie Sie spannende Wissenschaftstexte schreiben und Ihr Publikum begeistern [Wissenschaftstexte müssen nicht langweilig sein. Wenn sie uns zum Staunen bringen, sind sie so spannend, dass wir sie nicht mehr zur Seite legen können.]
Wie Sie unwiderstehliche (Produkt-)Texte schreiben [Wer Produkttexte schreibt, setzt gern die rosa Brille auf und schwelgt in Positivem. Aber: Solche Texte verkaufen schlecht. Gute Produkttexte brauchen einen Schuss Tabasco.]
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Raymond Chandlers Katze: Der Text lebt vom Detail [3 kluge Tipps für bessere Texte aus den Briefen von Raymond Chandler – unter Mitwirkung seiner Katze «Tiki».]
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Ausserdem: Wenn Sie Fehler in Rechtschreibung und Grammatik suchen, haben wir hier die gleiche Übersicht zum Thema «Korrekte Texte». Und hier ist unsere Übersicht mit allen Artikeln über Online-Marketing.