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Bis ins 19. Jahrhundert waren Bibliotheken primär Bildungsinstitutionen für Eliten. Die Stadtbibliothek Thun wurde 1785 auf private Initiative von angesehenen Bürgern gegründet. Als älteste öffentliche Kultureinrichtung der Stadt verwaltete sie bis zur Gründung der städtischen Kunstsammlung 1948 auch den städtischen Kunstbesitz. Anfänglich war die Bibliothek im Rathaus und zwischendurch für einige Jahre auch im Platzschulhaus untergebracht, 1943– 1996 befand sie sich im Thunerhof, danach erfolgte der Umzug an die Bahnhof- strasse. «Allen zeitweiligen Widerwärtigkeiten zum Trotz hat sie sich (...) zu einem ansehnlichen Bildungsinstitut entwickelt», wurde 1967 in einem Zeitungsartikel konstatiert.32 In den letzten 20 Jahren ist die Stadt- und Regionalbibliothek zu einem modernen Medien- und Informationszentrum herangewachsen; sie bietet heute rund 65 000 Medien zur Ausleihe an, verfügt über einen grossen digitalen Bestand und pflegt im umfangreichen Thunensia-Bestand das Schrifttum über Thun.
Zwischen 1840 und 1920 richteten viele Schweizer Städte Kunstmuseen ein, häufig als erste Museumsbauten überhaupt. Das Kunstmuseum Thun wurde 1948 als «Kunstsammlung der Stadt Thun» in vier Räumen des Thunerhofs eröffnet. Zwar hatte bereits zuvor eine kleine städtische Kunstsammlung bestanden, diese war aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich gewesen. Nur die 1923 gegründete Kunstgesellschaft Thun (KGT), welche sich anfänglich hauptsächlich der Pflege der Literatur, der bildnerischen Kunst und der Musik widmete, hatte gelegentlich Kunstausstellungen im Schloss Schadau durchgeführt. Wegbereiter des Kunstmuseums war unter anderen der Thuner Künstler Alfred Glaus (1890–1971), der 1945 die Errichtung einer öffentlichen Kunstsammlung in Thun forderte. Er stiess bei Politikern auf offene Ohren: Der Thuner Gemeinderat setzte 1947 eine Kommission ein mit dem Auftrag, eine öffentliche Kunstsammlung zu schaffen, Kunstausstellungen durchzuführen und für «den künstlerischen Schmuck» von neuen Gebäuden und Plätzen zu sorgen.33
Plakat zur Ausstellung «We proudly present ... Sammlung Kunstmuseum Thun», 2012.
Das Museum zeigte damals einige Perlen aus seinem Depot.
Glaus wurde zum ersten Konservator der Kunstsammlung ernannt. Anfänglich präsentierte man vorwiegend die eigene Sammlung, 1950 konnten dank einer Leihgabe des Kunstmuseums Bern Werke von Schweizer Malern des 19. Jahrhunderts gezeigt werden. Hin und wieder gab es Ausstellungen mit Kunstwerken aus dem Privatbesitz von Personen aus der Region Thun. So waren 1956 etwa Bilder von namhaften Künstlern wie Rubens, Spitzweg und Liebermann zu sehen. 1984 wurde die Institution in Kunstmuseum Thun umbenannt. Heute werden jährlich vier bis fünf grosse Wechselausstellungen gezeigt, wobei der Fokus auf dem zeitgenössischen Kunstschaffen liegt. Mit der Präsentation von vielfältigen Arbeiten nationaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler, die an die Sammlung anknüpfen oder ihr neue Impulse verleihen, erlangte die Institution überregionale Ausstrahlung. Zudem zeigt sie alljährlich in einer Sammlungsausstellung einen Teil ihrer Bestände. Tatkräftig unterstützt werden das Museum und das dazugehörige Thun-Panorama von Marquard Wocher durch den Förderverein Kunstmuseum Thun, der 1959 unter dem Namen Vereinigung der Freunde der Kunstsammlung Thun gegründet worden war.34
Vielerorts entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts historische Museen. Einerseits brachten die Industrialisierung und die Urbanisierung eine Rückbesinnung auf althergebrachte Traditionen, andererseits wollte man bestehende private Sammlungen von Kulturgütern in der Region behalten. Als 1883 in einem Wandschrank des Thuner Ratshauses mittelalterliche Teppiche zum Vorschein kamen, nahm sich der Einwohnerverein der Sache an. 1886 beschloss er die Gründung eines historischen Museums; der Kanton überliess ihm dafür den Rittersaal des Schlosses. Die Stadt, die Burgergemeinde und Privatpersonen stellten zahlreiche Exponate zur Verfügung, worauf das Museum am 1. Januar 1888 eröffnete.
Die Einnahmen aus den Eintritten wurden vor allem für Ankäufe, den Unterhalt und die Erweiterung der Ausstellungsräume verwendet. In den ersten Jahrzehnten bestand die Ausstellung aus einem unstrukturierten Konglomerat verschiedenster Gegenstände, insbesondere Militaria, die schön arrangiert wurden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, die Exponate thematisch zu ordnen. Im Donjon, dem dominanten mittelalterlichen Wehr- und Wohnturm, konnte das Museum weitere Stockwerke belegen und im entrümpelten Rittersaal wurden Veranstaltungen wie Konzerte oder Empfänge durchgeführt. 1964 fand anlässlich des Jubiläums «700 Jahre Handveste» eine erste temporäre Sonderausstellung statt.
Die Postkarte zeigt den Rittersaal im Schloss Thun im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ausgestellt waren vor allem historische Waffen, Bilder, alte Möbel und Haushaltsgegenstände.
Zu einer gründlichen Veränderung der Organisationsstruktur kam es in den 1990er-Jahren. Die weitgehend ehrenamtliche Tätigkeit des Konservators wurde in eine bezahlte Stelle umgewandelt, der Verein Schlossmuseum Thun, der Kanton Bern und die Einwohnergemeinde Thun errichteten die Stiftung Schlossmuseum Thun, und der Verein Schlossmuseum wurde zum Förderverein. 2006 verkaufte der Kanton Bern der Stadt Thun den Donjon sowie das angrenzende Neue Schloss und drei weitere Gebäude auf dem Schlossberg. Ein tiefgreifender Wandel erfolgte 2010, als die Stadt Thun einen Grossteil des Burgareals, mit Ausnahme des national geschützten Donjons, im Baurecht an die Schlossberg Thun AG abgab, die ein Hotel, ein Restaurant und ein KMU-Zentrum einrichtete. Das Museum erhielt zusätzlich zu den fünf Stockwerken und dem Keller einen modernen Eingangsbereich und einen Raum für Sonderausstellungen im Neuen Schloss. Heute konzentriert sich die Sammeltätigkeit verstärkt auf die Region und die Stadt Thun; Spezialsammlungen wie die Thuner Majolika setzen inhaltliche Schwerpunkte.35
Bernhard Luginbühl liess sich 1962 bei der Gestaltung der Plastik «Das wehrhafte Handwerk» vom Schlossberg inspirieren. Im «Thuner Tagblatt» zeigte er sich beeindruckt vom «mächtigen, mit dem Berg wie verwachsenen Schloss, von der Ringmauer und ihren Türmen. Wenn man aufsteigt in den Rittersaal, bewundert man die ausgewählten Waffen als Zeugen alten Kunsthandwerks. Es reizte mich, dieses wehrhaft Kräftige neu zu gestalten.» Die Eisenplastik stand ursprünglich am Sternenplatz und wurde 2011 an den Uferweg versetzt.
In Thun entstanden im Lauf der letzten 100 Jahre zahlreiche Kunstobjekte im öffentlichen Raum. Bis etwa 1960 dominierten Wandarbeiten wie grossflächige Malereien, Mosaike, Reliefs oder Glasfenster, die der Ausschmückung von Gebäuden dienten. Auch figürliche Plastiken wurden aufgestellt, so zum Beispiel 1947 das «Régiepferd» von Hans Eduard Bühler (1893–1967) an der Schwäbispromenade oder 1962 das «Mädchen mit der Ziege» von Heinz Schwarz (1920–1994) beim Lachenkanal. Bald hielten auch abstrakte Kunstwerke Einzug in die Stadt. Die Eisenplastik von Leo Leuppi (1893– 1972), die sich seit 1955 an der Fassade der Migros im Unterbälliz befindet, löste noch kaum Reaktionen aus. Dies änderte sich, als 1962 Bernhard Luginbühl (1929–2011) den Wettbewerb für ein Kunstwerk beim Sternenplatz gewann. Die sechs Meter hohe Eisenplastik «Das wehrhafte Handwerk» sorgte für eine intensive Leserbriefdebatte, teilweise in Gedichtform. Ein Schreiber beispielsweise stellte die Frage: «isch’s ds Standbild vome Komunischt?», die er gleich selbst beantwortete: «Uf all Fäu, isch’s e grosse Mischt».36 Ein anderer apostrophierte das Kunstwerk als «Büchsenöffner»37 – ein Übername, der lange haften blieb. Über die abstrakte Eisenplastik von Walter «Pips» Vögeli (1929–2009), die seit 1965 die Westfassade der Berner Kantonalbank ziert, spottete ein Bänkelsänger gleich an der Eröffnungsfeier des Gebäudes: «Zwoo Froue luege stuur / zur KB-Kunschtfigur / u rate wäg däm Bildwärch iifrig här und hie... / Da seit du d’ Lisebeth / uf einisch lut zur Greth: / Das muess es chöstlichs Brätzeli-Yse si.»38
An Kunst, die sich beim Betrachten nicht auf Anhieb erschliesst, mussten sich die Thunerinnen und Thuner gewöhnen. Heute fördert die Kulturabteilung der Stadt Kunstprojekte, die nicht bloss der Ausschmückung eines Gebäudes oder eines Platzes dienen, sondern Bezüge zwischen Stadt, Architektur und Kunst schaffen. Ein Beispiel dafür ist das interaktive Projekt «MySouvenir.ch» von Dominik Stauch (geb. 1962) und Paul Le Grand (geb. 1949). Seit 2005 können alle Interessierten auf einer Webseite mitbestimmen, in welchen Farben die sechs Fahnen auf dem Aarefeldplatz im Wind wehen sollen. Nicht zu beeinflussen ist hingegen das Kunstwerk «Festgeldanlage» der AEK Bank: Der Künstler Reto Leibundgut (geb. 1966) walzte 2006 auf einem Parkfeld der Bankfiliale an der Hofstettenstrasse exakt 1826 Schweizer Münzen ein, die zusammengezählt die Summe von 1826 Franken ergeben – eine Referenz an das Gründungsjahr des Unternehmens. Herausklauben lassen sie sich nicht, auch wenn dies schon oft versucht wurde. Solche Kunstprojekte im öffentlichen Raum sind ein wichtiger Teil des kulturellen Lebens einer Stadt. Sie exponieren sich im Spannungsfeld verschiedenster Interessen, Werthaltungen und politischer Positionen und regen zur differenzierten Wahrnehmung und zum kritischen Hinterfragen des Stadtraums und der Stadtentwicklung an.39