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Archiv von el-Hibeh
Rekonstruktion und Edition des sogenannten el-Hibeh-Archivs (ca. 1000 v. Chr.) nach den Papyri in Aberdeen, Boston, British Museum/ London und Leiden in Zusammenarbeit mit Dominique Lefevre/ Paris (Bearbeiter des Konvoluts in Strasbourg), Yasser Sabek/ Berlin (Bearbeiter des Konvolutes in Berlin) und Christophe Barbotin/ Paris (Bearbeiter des Konvoluts im Louvre/ Paris)
Die im Rahmen des Projektes bearbeiteten Texte waren einst Teil eines offenbar recht umfangreichen Archivs eines Tempels in der - jedenfalls auf den ersten Blick - ägyptischen Provinz vom Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Bisher sind weit mehr als 2000 Textfragmente des Archives bekannt, das durch den Verkauf einzelner Teilkonvolute an verschiedene Sammlungen und Sammler vornehmlich in den Jahren zwischen 1885 und 1910 auseinander gerissen und über die Welt verstreut wurde. Diese befinden sich in Aberdeen (ca. 850 unpublizierte Fragmente), Berlin (ca. 1000 Fragmente), Boston (3 Texte plus eine unbekannte Anzahl von Fragmenten), Kairo, Institut Français (1 Text), Leiden (linke Hälfte eines Textes, unpubliziert); London (7 Fragmente von mindestens 3 Texten, Zuweisung allerdings unsicher), Moskau (1 Text plus Fragmente), Paris (9 mehr oder weniger vollständige Texte plus 7 Fragmente) und Straßburg (bekannt sind ca. 15 Texte und Fragmente; insgesamt ca. 220 Texte und Fragmente). Die verschiedentlich hinzugezählten Fragmente in der Pariser Bibliothèque Nationale weisen hingegen keine eindeutige Indizien (wie Orts-, Personen- oder Götternamen) auf, die eine solche Zuweisung rechtfertigten.
Nach den bisher zugänglichen Informationen ist dieses Archiv in die Zeit des Übergangs vom zweiten in das erste Jahrtausend v. Chr., d.h. in die frühe Dritte Zwischenzeit, zu datieren und fällt zum größten Teil in die Amtszeit des Hohenpriesters des Amun von Karnak Mencheperre, die von 1046/45 bis 997/96 v. Chr. währte, und der ein Zeitgenosse der Pharaonen Smendes (1070-1044 v. Chr.) und Psusennes (1044-994 v. Chr.) war.
Die Mehrzahl der Texte besteht aus Briefen, deren Hauptpersonen die beiden Priester Harpenese und Haremchebe sind, die sowohl als Absender als auch als Empfänger von Briefen belegt in Erscheinung treten und tauchen auch in den administrativen Dokumenten auf. Sie sind Priester und Tempelschreiber einer lokalen Form des Gottes Horus, genannt Pepahe "der des Lagers". Bislang ist zwar eine chronologische Feinsortierung des Archivs noch nicht möglich, einige Indizien weisen aber auf ein - zumindest temporäres - Nebeneinander der beiden Priester hin. Aus den wenigen, bisher publizierten Texten ist bereits bekannt, daß der Hohepriester des Amun von Theben und Generalissimus Mencheperre und dessen Frau Esemchebe Absender einiger Briefe an Harpenese waren. Pharao (ohne Namensnennung, möglicherweise Psusennes) wird auf einem Brieffragment erwähnt, das dem Schriftduktus nach aus der thebanischen Kanzlei kam, und in dem der Adressat Harpenese aufgefordert wird, sich das Schreiben, das dieser von Pharao erhielt, sorgfältig anzusehen.
Themen der Briefe sind Aufträge an die Priester, sich um die Liegenschaften bzw. den Besitz der Familie des Hohenpriesters zu kümmern: So soll die Bearbeitung von Feldern organisiert oder sich um den Verbleib einer Kuh und deren Kalb gekümmert werden, Boote für Transporte bereitgestellt werden, etc. Mencheperres Frau, Esemchebe, benutzt in der Adresse eines von ihr geschriebenen Briefes dieselbe Namenskurzform, die sich in einer Liste mit Herden wieder findet. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es sich um dieselbe Person handeln, was dann darauf hinweist, daß sie vor Ort Rinder besaß.
Unter den Absendern von Briefen an die Priester vor Ort waren indes nicht nur der Hohepriester des Amun und seine Familie. Neben weiteren Priestern (u.a. der zweite und der dritte Amun-Priester von Theben, ein Priester des Osiris, etc.) und einzelnen Würdenträgern (so z.B. ein Häuptling [mas] der Meschwesch-Libyer), sind auch vor allem auch mittlere und subalterne Beamte, die mit den Priestern vor Ort korrespondieren. Darüber hinaus finden sich auch Briefe von den Priester Harpenese und Haremchebe, die diese an andere Personen vor Ort schrieben. Einer der Texte zeigt mit der Formulierung "ich bin mit dem Schiff nach Norden nach Dhn.t gekommen", daß sich Harpenese südlich der Stadt aufgehalten haben muss.
Im Gegensatz zu den Priestern von außerhalb tragen die Adressaten den Titel "Gottesvater", die "Propheten (lit: Gottesdiener)" oder "(einfache) Priester" sind. In der Priesterhierarchie stehen sie damit zwischen diesen. Nur auf einem Fragment ist der Brief an einen "Propheten des Pepahe" adressiert. Aufgrund des parallel geführten Titels "Tempelschreiber" führten sie vielleicht auch die Korrespondenz der Verwaltung. Sie sind Priester einer lokalen Form des Horus, genannt Pepahe "der des Lagers". In den Orakelpetitionen ist darüber hinaus noch ein Horus-Chau vor Ort belegt. Für diesen scheinen aber bislang keine eigenen Priester belegt.
Eine weitere Textgruppe, wenn auch quantitativ sehr viel schwächer vertreten, bilden administrative Dokumente, wie zum Beispiel zwei aus dem Berliner Material publizierte Texte aus der Getreideverwaltung oder die Reste einer Viehliste aus der Straßburger Sammlung. Im in Aberdeen aufbewahrten Konvolut finden sich mehrere Fragmente mit Listen von Gegenständen (u.a. Gefäße aus Alabaster), die sich zu mindestens zwei Texten zusammensetzen lassen. Die Liste mit den Alabastergefäßen könnte einem Tempeltagebuch entstammen, da solche Gefäße damals kaum in größerer Menge in Privatbesitz waren. Die andere Liste enthält ein Verzeichnis ausgegebener Güter, u.a. Bier, Honig und Kylestisbrote. Im Berliner Material findet sich des Weiteren ein Text mit einer Jahresangabe (Jahr 31), der von den Herausgebern des Katalogs in die Ramessidenzeit datiert wurde. Unter den Fragmenten in Aberdeen findet sich ein ähnliches Fragment mit dem Beginn einer Datierung in ein Jahr 30+x. Beides könnten auch Indizien für eine vorgeschlagene Datierung nach Jahren der Hohepriester des Amun sein.
Spezifisch für das Archiv sind darüber hinaus Orakelpetitionen, wie sie innerhalb des Berliner und Bostoner Materials identifiziert und ediert worden sind. Aus der Straßburger Sammlung ist zumindest ein Text bekannt, als dessen Adressat die in el-Hibeh verehrte Form des Horus identifiziert wurde. Zu diesen kommen innerhalb des unpublizierten Materials noch weitere Texte, zum Beispiel in Straßburg oder ein Text, dessen rechtes Drittel in Berlin, während das linke in Aberdeen aufbewahrt wird. Einige, bislang aber noch zu fragmentarische Briefe zitieren längere Passagen von Antworten des Gottes.
Seit der Erstedition durch Wilhelm Spiegelberg gilt die durch ihn erschlossene Herkunft des Archivs aus el-Hibeh als gesichert. Daraus ergaben sich z.T. weit reichende Folgen für die Rekonstruktion der Geschichte der frühen 3. Zwischenzeit. Im Rahmen der Gesamtedition ergaben sich neue Befunde und Indizien, die indes eher auf eine viel weiter südliche Herkunft weisen. Interne, aber auch externe Kriterien deuten auf eine Lokalisierung im Bereich des 8. bis 10. oberägyptischen Gaues. Dort bietet sich die Festung von el-Ahaiwah als wahrscheinlichster Kandidat an. (S. Müller in The Libyan Period, Leiden 2009.)
Im Gegensatz zur direkt vorangehenden Epoche des Neuen Reiches, in dem die meisten sozialen Oberschichtsysteme der ägyptischen Kultur durch nichtliterarische Texte noch hervorragend dokumentiert sind, brechen mit dem Ende des letzten Ramessidenherrschers Ramses XI. (ca. 1070/69 v. Chr.) fast sämtliche für das Neue Reich typischen schriftgestützten Quellengattungen ab, die zur historiographischen Rekonstruktion bestimmter Abschnitte des Alltagslebens einzelner Gruppen herangezogen werden könnten, ohne daß sie bislang durch neue oder andere Medien, Textgattungen oder Informationstypen abgelöst worden wären. Einzig zwei literarische Papyri aus der späten Ramessidenzeit (Fahrt des Wenamun; Odyssee des Wermai) wurden - meist ohne Rücksicht auf ihren literarisch-fiktionalen Charakter - zur Rekonstruktion der ägyptischen Mikro- und Makrohistorie am Übergang vom Neuen Reich zur 3. Zwischenzeit verwendet. Die editorische Erschließung des Archivs wird nicht nur eine Fundlücke schließen helfen, sondern aufgrund seines nichtliterarischen Charakters überhaupt erst eine methodisch gedeckte historiographische Rekonstruktion der frühen 3. Zwischenzeit ermöglichen. Es liefert somit die Basis zur kulturgeschichtlichen Erforschung einer Periode, die sich bisher vor allem als dark age präsentiert hat.
Matthias Müller