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Wilhelm Genazinos Interlaken
«Da ich andererseits die Kosten niedrig halten muß, entscheide ich mich für ein Einzelzimmer ohne Begleitung. Unter den Hotelangeboten war das Berghotel ›Seeblick‹ (Hanglage) in Interlaken das günstigste und wahrscheinlich das praktischste; es ist ein mittelgroßes Tagungshotel mit kleinen und mittleren Salons; es bietet schlichte Einzelzimmer und Luxus-Appartements an. Bis jetzt haben sich für mein Seminar zwölf Teilnehmer gemeldet, neun Frauen und drei Männer; das ist für die kurze Anlaufzeit eine gute Quote. Wenn mehr als zwanzig Teilnehmer verbindlich zusagen, wird sich die Geschäftsleitung als Dank für meine Gästebeschaffung kulant zeigen: Ich darf dann umsonst wohnen, essen und trinken. Es könnte sein, daß es klappt. Apokalypse ist gefragt, und ich glaube, ich habe einen guten bis sehr guten Ruf.»
Ein Mann, zwei Frauen, erste Anzeichen des Alters (Krämpfe, Krampfadern, Erektionsschwierigkeiten), allmähliche Notwendigkeit der Kräfteeinteilung. Was tun? Da kommt dem Anti-Helden in diesem melancholisch-komischen Roman eine Geschäftsreise nach Interlaken gerade recht: «Von Beruf bin ich freischaffender Apokalyptiker. (...) In Hotels veranstalte ich sogenannte Seminare und beeindrucke die Leute mit meinen erstaunlichen Vorhersagen.» In Interlaken angekommen, würdigt der Weltuntergangsexperte die Lage zwischen Brienzer- und Thunersee und die Aussicht auf die Berner Alpen mit keinem Blick. Von dem, wofür Interlaken weltweit berühmt ist, ist nicht die Rede. Vielleicht liegt das auch am Wetter: «Der Frühabend ist trotz des (nachlassenden) Regens warm, fast schwül. Leer und verlassen liegen die nassen Straßen da, die meisten Geschäfte haben geschlossen. Eine Drogerie hat geöffnet, ich stelle mich vor das Schaufenster und betrachte eine junge Frau, die mit einem Kleinkind auf dem Arm im hellweißen Inneren der Drogerie steht. Ich schaue auf ein nasses Dach, auf einzelne nasse Ziegel, auf zwei nasse Schornsteine, auf eine nasse Fernsehantenne, auf zwei nasse Tauben, die sich in einer nassen Dachrinne paaren. Die junge Mutter verläßt die Drogerie und trägt ihr Kind dicht an mir vorüber. Zart und weich wie in ein paar Staubwölkchen stößt der Wind in das trockene Haar des Säuglings. Aus Langeweile denke ich: Man kann Säuglingshaar mit Staubwölkchen vergleichen, nicht aber Staubwölkchen mit Säuglingshaar.»
Die Interlaken-Szenen in Genazinos «Liebesblödigkeit» beschränken sich fast ausschliesslich auf Innenansichten, auf gekonnte Miniaturen des Tagungssalons, einer Bar und eines kitschigen Hotelzimmers. Wieder zuhause steht der Apokalyptiker noch immer vor dem Problem, sich entweder für Sandra, eine Chefsekretärin, oder Judith, eine Pianistin, zu entscheiden, denn ein Doppel-Liebesleben aufrecht zu erhalten, das ist für ihn auf Dauer einfach nicht zu schaffen.
In «Die Liebesblödigkeit» findet man jene Sicht auf die Welt (und eben auch auf Interlaken), für die der Autor berühmt geworden ist: nicht absurd, nicht surreal, aber immer in einem ganz leicht verschobenen Verhältnis zur Realität. Der deutsche Autor Wilhelm Genazino (geb. 1943) wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Er lebt in Frankfurt am Main. (BP)
Interlaken liegt im Berner Oberland auf einer Schwemmebene zwischen dem Thunersee und dem Brienzersee, überragt vom mächtigen Gebirgsdreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Interlaken im Berner Oberland für seine eindrückliche Bergwelt berühmt und von bekannten Zeitgenossen bereist, darunter Johann Wolfgang von Goethe und Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Erfolg als Tourismusort wurde durch den Ausbau der Berner Oberland Bahnen 1890 und der Jungfraubahn 1912 noch angekurbelt. Als Kongressort geniesst Interlaken internationale Bedeutung – für den Empfang der Gäste stehen Traditionshäuser wie das Fünfsternehotel «Victoria Jungfrau» (Bild) zur Verfügung, aber auch einfache Mittelklassehotels. In einem solchen – dem Hotel «Seeblick» – steigt Genazinos Held ab. Auf der Liste der Interlakener Unterkünfte ist es aber nicht zu finden.