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Tischrede von Peter Liatowitsch, Advokat, am Bärenmähli 2003
Warum bin ich eigentlich eingeladen worden, hier ein paar Worte zu sagen? Vielleicht
- weil mein Grossvater Abraham Latovic um 1900 von Lodz in Polen nach Genf und von dort nach Basel emigrierte und meine elsässische Grossmutter Rosa Meyer heiratete – eine transkulturelle Grosstat übrigens, denn damals waren Ehen zwischen Ost- und Westjuden mehr als verpönt;
- weil er drei Kinder hatte, nämlich Charles, Marcel und Suzi, und weil Marcel, mein Vater, die Hannah Kupfer ehelichte, deren Vater aus Debrecen in Ungarn und deren Mutter aus Gailingen in Südbaden in umittelbarer Nähe von Stein am Rhein stammten;
- weil die Mutter meiner Kinder aus einer polnisch-jüdischen-galizianischen Familie stammt;
- weil meine Frau Hannah zur Hälfte aus Dänemark, zur anderen Hälfte von den Färöer-Inseln im Nordatlantik stammt, und ihr älterer Sohn Casper mit einer Deutschen aus der Bodenseeregion und ihr jüngerer Sohn Mikkel mit einer Israelin lebt;
- weil mein älterer Sohn Daniel, der in Los Angeles lebt, sich dort letztes Jahr mit einer reizenden jungen Frau aus einer iranisch-jüdischen Familie verheiratet hat und weil ich gelernt habe, dass Feste in persischen Familien sehr viel ausgelassener gefeiert werden als bei uns – wenn nicht mindestens der Brautvater auf den Tischen getanzt hat, dann war das gar kein Fest!
Das alles tönt nach einem komplizierten interkulturellen Spagat – und doch ist und bleibt Basel für mich das klare Zentrum dieses Vielvölkertums und fühle ich mich als Jude in diesem Basel gut integriert.
Aber: Integration und Assimilation bleiben – auch in der dritten Generation – Gratwanderungen: je mehr ich versuche, dazuzugehören, um so mehr riskiere ich, meine Herkunft und meine Identität aufzugeben – und werde doch immer daran erinnert.
Und noch etwas: Der Konsum von Falafel, gefilltem Fisch, Chicken Vindaloo und kurdischen Tänzen hat recht wenig mit Interkulturalität zu tun. Die Gastro- und Ethno-Pittoreske ersetzt keine Begegnung mit Menschen, die mit und neben uns leben. Fragen, die wir uns angesichts der realen Nachbarschaft vermehrt stellen könnten und sollten, wären zum Beispiel:
- Wann habe ich mich zuletzt mit Angehörigen anderer Kulturen über deren Art und über meine Art zu leben ausgetauscht?
- Wen laden wir als Gäste an unsere Parties und an unsere Familienfeste ein?
- Wem würden wir unseren Hund oder unsere Katze zum Hüten anvertrauen?
- Wem würden wir unsere Wohnung überlassen?
- Wen sehen wir gerne als Freunde und Freundinnen unserer Kinder?
Mein Fazit: neugierig bleiben, aufeinander zugehen, mehr übereinander erfahren und sich im Anderssein respektieren und akzeptieren – das sind wesentliche Elemente eines interkulturellen Austausches. Danke.