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Printed in
▼▶Repository
|Archive||Swiss Federal Archives, Bern|
▼
▶Archival classification
|CH-BAR#E2#1000/44#475*|
|Old classification||CH-BAR E 2(-)1000/44 88|
|Dossier title||Frage betr. Grenzkorrekturen gegen Frankreich beim Übergang des Elsasses an Deutschland, v.a. Abtretung des südlichen Elsasses und Hochsavoyens an die Schweiz (1870–1871)|
|File reference archive||B.266|
Seit meinem confidentiellen Schreiben vom 7. März2 abhin habe ich keine politischen Berichte mehr an Sie gelangen lassen; ich wollte einen umfassenderen Bericht an Sie abgehen lassen können, u. bin an der Zusammenstellung desselben durch verschiedene Umstände verhindert worden. Auch heute beschränke ich mich im Wesentlichen darauf, Ihr confidentielles Schreiben von vorgestern3 kurz zu beantworten.
Auf die mir gestellte Frage erkläre ich Folgendes: Bundeskanzler v. Bismark hat mir das Eisass betreffend nie Eröffnungen der von Ihnen berührten Art gemacht; seit dem März 1870, wo ich krank wurde, bis zum März 1871, nach seiner Rükkunft aus Versailles habe ich ihn auch nie gesprochen.
Unterm 14. Januar4 schrieb ich Ihnen ebenfalls confidentiell, dass anlässlich einer Conversation über die angebliche Waldshuter Petition Herr von Thile mir sagte: «man dachte, der Schweiz entweder Obereisass oder Chablais & Faucigny zuzuwenden.»
Herr Staatsminister Delbrük, der andere Stellvertreter des Bundeskanzlers, mit dem ich nach seiner Rükkunft aus Versailles (vor Neujahr 1871) eine Conversation über die Annexion des Elsasses an Deutschland führte, hat damals schon diese Annexion als eine abgemachte im Gespräche behandelt, wie übrigens im September 1870 ja schon der Staatsanzeiger officiel proklamirt hatte. Über diese Conversation, soweit sie sich auf die Gotthardangelegenheit u. die durch die Annexion des ganzen Elsasses berührten Interessen Basel’s erstrekte, gab ich Ihnen in meinem confidentiellen Schreiben vom 22. Dezember5 kurze Notiz. Obgleich ich vom politischen Departement hiezu nicht beauftragt worden und ich im Gegentheile aus den Erklärungen desselben in der Bundesversammlung vom Nov. Dezb. 1870 entnehmen konnte, dass dasselbe für eine diplomatische Aktion in dieser Richtung den Zeitpunkt noch nicht gekommen erachtete, so glaubte ich doch die Conversation so führen zu dürfen, dass Herr Delbrük Anlass gehabt hätte, über der Schweiz allfällig zugedachte Territorialzuwendungen Andeutungen zu geben. Obgleich Herr Delbrük die Neutralitätsbotschaft und die darüber gepflogenen Verhandlungen in der Bundesversammlung kannte, gieng er doch nicht im Geringsten in die von mir gewünschte Richtung ein und schien er gegentheils fast einige Ungeduld zu empfinden, dass man in der Schweiz die Einverleibung des Elsasses in Deutschland nicht ganz willkommen heisse.
Nach dem Inhalt Ihres Schreibens hätte ich mich darauf beschränken können, die Frage, ob mir vom Bundeskanzler je Eröffnungen das Eisass betreffend gemacht worden, einfach zu verneinen. Ich zog aber vor, auch zu wiederholen, was mir Herr von Thile angedeutet, und beizufügen, was Herr Delbrük nicht andeuten wollte.
Kurz nach dieser Unterhaltung mit Herr Delbrük unterm 28. Dezb. 1870 Hess ich einen grössern politischen Bericht6 an das Departement abgehen, in welchem ich, gestützt auf Quellen, aus denen mir schon viel glaubwürdiges Material zugeflossen, mittheilte, «dass (praemissis praemittendis) man, wie zu Anfang des Krieges, wieder von der Eventualität einer Überlassung des Oberelsasses an die Schweiz spreche» etc.
Ich knüpfte an diese Mittheilung eine persönliche Bemerkung über die Bedeutung dieser neuen Stimmung und finde meine damalige Ansicht durch die Conversation des Bundeskanzlers mit Minister Kern7 bestätigt.
Gedenke ich endlich der Unterhaltung mit einem süddeutschen Staatsmann, der kurz vorher aus Versailles nach Berlin gekommen, Anfangs Dezember 70 mit mir die politische Situation besprach, so ist mir die Zweifellosigkeit, mit welcher er die Annexion von ganz Eisass besprach, noch sehr gut erinnerlich. Aus meinem confidentiellen Bericht von? (Anfangs) Dezb.8, welchem diese Unterredung zu Grunde lag – obgleich derselbe nur die Savoyerfrage berührt – lässt sich diese Zweifellosigkeit deutlich entnehmen.
Fasse ich alles zusammen, so ergeben sich für mich folgende Resultate:
1. Die einzige Eröffnung, die mir hinsichtlich des Oberelsasses je von Seite des Bundeskanzleramtes resp. des auswärtigen Amtes gemacht wurde, ist die in meiner confidentiellen Depesche vom 14. Januar sofort gemeldete Äusserung des Herrn von Thile;
2. Von meiner Ankunft in Berlin (Anfangs Oktob. 1870) bis zum Schluss des Krieges war die für mich erkennbare Stimmung in der Presse, in den mir zugänglichen Gesellschaftskreisen, bei massgebenden höher gestellten Persönlichkeiten vorherrschend auf Erwerbung von ganz Eisass gerichtet. Das zu Gunsten einer Überlassung des Oberelsasses an die Schweiz eingetretene und in meinen confidentiellen Depeschen vom 28. Dezb. 70 und 14. Januar 71 berührte Schwanken der Stimmung fällt mit der Periode zusammen, welche möglicherweise für die deutsche Kriegführung bedrohlich werden konnte, und hörte mit dieser Periode auch wieder auf. Ich glaube auch, dass eine Besetzung Savoyens durch die Schweiz in jener Periode der deutschen Kriegsführung als nützliche Diversion oder möglicherweise Cooperation sehr erwünscht gewesen wäre.
3. Ohne in eine nähere Erörterung der Worte des Herrn Bundeskanzlers in der mit Herrn Minister Kern geführten Unterhaltung, oder in eine nähere Charakteristik seiner Politik einzutreten, beschränke ich mich, darauf hinzuweisen,
a. dass er von der Bildung eines 23. Kantons Mühlhausen nur als von einer unter gewissen Umständen möglichen Eventualität sprach, welche bei Wegfall dieser Umstände in sich selbst zusammenfällt;
b. dass ohne entsprechenden Vortheil für Deutschland die deutsche Politik von deutschen Waffen erobertes Land nie der Schweiz überlassen könnte (findet ja doch die Überlassung des Kreises Weissenburg an das verbündete Bayern den hartnäkigsten Widerspruch), es wäre denn gewesen, dass nach Kriegslage die Annexion an Deutschland nicht erzwingbar war;
c. dass man hier die Worte dieses Staatsmannes mehr nach dem Gewichte seiner subjektiven Absicht, als nach dem der objektiven Richtigkeit zu wägen hat, und dass sie hier vorwiegend den ablehnenden Bescheid nicht motiviren, sondern nur ausschmüken sollten;
d. dass der Bundeskanzler, falls er hinsichtlich des Oberelsasses gewisse Eröffnungen nach Bern machen wollte, kaum von Versailles aus den Umweg über Berlin und die Vermittlung durch mehr Zwischenpersonen hätte der kurzhändigen Verhandlung oder Insinuation in Bern vorziehen sollen.
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