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Ein Traum der Welt : Hymnisches
Annette Hug versucht, zwischen chinesischen Zeilen zu lesen
In China scheint Ruhe eingekehrt zu sein, das heisst, ein geschäftiger Alltag. Aber da waren doch eben noch Proteste. Tausende von Leuten gingen gegen die Regierung auf die Strasse. Dass sie die chinesische Nationalhymne und die Internationale sangen, war oft zu lesen. Das hat mich zuerst überrascht, ist aber vielleicht sehr typisch für Widersprüche, die auch einen Keim von Hoffnung in sich tragen.
«起来!», «Qi lai!», heisst der erste Satz der chinesischen Nationalhymne, aber auch der Internationale: «Wacht auf!» Oder sehr wörtlich übersetzt: «Steht auf!» Die Übereinstimmung ist kein Zufall. Den Text der Nationalhymne hat Tian Han geschrieben. Er gehörte zu den revolutionären Dichter:innen der 1920er und 1930er Jahre, die sich beim Studium in Tokio oder Europa in westliche Literatur vertieften, den Marxismus studierten und in weltweiten Verbindungen dachten. «Steht auf, die ihr keine Sklaven mehr sein wollt», heisst der erste Satz des «Marsches der Freiwilligen», der zur Nationalhymne wurde. 1937 war das ein bewusst gesetzter Anklang an die Internationale, aber auch ein Aufruf zum Kampf gegen die japanische und die westliche Besetzung von Teilen Chinas. Tian Han, der Shakespeares «Hamlet» und Oscar Wildes «Salome» ins Chinesische übersetzt hat, wurde nach der Revolution von 1949 zu einem hohen Funktionär der kommunistischen Regierung. Aber 1966, zur Zeit der Kulturrevolution, landete er als sogenannter Rechtsabweichler im Gefängnis und kam dort 1968 um.
Seine Nationalhymne wurde ersetzt durch das Lied «Der Osten ist rot». Womit sich ein neuer Bezug zur Internationale auftut, ein geheimer allerdings, den ich hier als unrealistische Anekdote wiedergeben will.
Es war einmal, vor etwa fünf Jahren, ein Touristenführer im Brauereimuseum von Qingdao. Eigentlich hatte er Soziologie studiert und betrank sich gern mit Freibier, das den Museumsbesucher:innen am Ende einer Führung spendiert wurde. Er lallte dann von den innigen Beziehungen der deutschen Braukunst zur ostchinesischen Hafenstadt, die unter deutscher Besetzung erblüht sei. Und er sprach über Marx, der den heutigen Führern der Volksrepublik den Garaus machen würde. Man vergleiche die zweite Strophe der Internationale mit der ersten Strophe von «Der Osten ist rot». In der Internationale heisst es: «Es rettet uns kein höh’res Wesen / kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!» Die Hymne der Kulturrevolution dagegen ist ein Lobgesang auf Mao Zedong, den Leitstern, die Sonne des Volkes. Ein Aufruf zum Führerkult.
Damit sollte 1978 Schluss sein, als unter Deng Xiaoping die ökonomische Öffnung begann. Man versuchte es noch mit einer Kompromissversion, einem «Marsch der Freiwilligen», in dem Mao und die kommunistische Partei weiterhin besungen wurden. Der revidierte Text setzte sich jedoch nicht durch, und so sangen 2022 Demonstrant:innen, die gegen die Coronapolitik protestierten, den ursprünglichen Text von Tian Han: «Wacht auf, die ihr keine Sklaven mehr sein wollt!»
Das klingt noch nach, wenn in Zürich der Kellner eines chinesischen Restaurants ein Tsingtao aus Qingdao serviert und begeistert darauf hinweist, dass sich auf dem Bierdeckel der deutsche Adler mit dem chinesischen Drachen verbindet.
Annette Hug ist Autorin in Zürich.