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Die Anfänge der chemischen Industrie – im Elsass
Ausgangspunkt der ersten Industrialisierungsphase waren französische Glaubensflüchtlinge, welche das Aufkommen der Textilindustrie und das Verlagswesen initialisierten. Die Geburtsstätte der chemischen Industrie in der Region liegt in Thann
westlich Mulhouse im Elsass. 1808 wurde dort die erste eigentliche chemische Fabrik gegründet. Sie lieferte Grundstoffe für die Textilindustrie. Als früheste Stätte chemischer Produktion ist jedoch die Firma J. Zuber Cie. in Rixheim
zu nennen. Sie stellte grosse Mengen Farben und Fixationsmittel für Tapeten her.
Damals war der Umfang der Produktion von chemischen Basisstoffen (z.B. Schwefelsäure) ganz abhängig vom Verbrauch des einzigen Grossabnehmers, eben der Textilindustrie. Die Farbherstellung wurde von jedem Verbraucher zum Beispiel von einer Indiennefabrik oder einer Färberei noch in eigenen Labors vornommen. Von einer industriellen Produktion der Farben kann noch nicht gesprochen werden. Im Gebiet von Mulhouse setzte sich die bereits vor 1860 begonnene Gründertätigkeit fort. Der erhöhte Bedarf an Textilfarben und die Umstellung auf Anilinfarben waren Hauptgründe dazu.
Die Gründerphase in Basel
Der erste, der 1859 in Basel fabrikmässig chemischen Farbstoff (Fuchsin) herstellte, war Alexander Clavel, ein ursprünglich aus Lyon stammender Färber der Textilindustrie.Von wesentlicher Bedeutung ist der Ausgang des Deutsch-Französischen Krieges von 1871. Er führte zu einer Flucht von Elsässer Industriellen und Kapital nach Basel.
Weiter besass Basel schon 1869 ein fortschrittliches Fabrikgesetz mit 12-Stundentag, dem Verbot der Arbeit von schulpflichtigen Kindern sowie Beschränkung der Nacht- und Sonntagsarbeit und im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich kein Patentrecht, das die in Deutschland und Frankreich angemeldeten Patente schützte. So zog 1871 der Mülhauser Huguenin-Koechlin nach Basel und gründete die Farbfabrik Durand-Huguenin am Rheinufer bei der Gasfabrik.
Schon etwas früher, nämlich 1859, begann Müller-Pack in der Extraktfabrik von Johann Rudolf Geigy Anilinfarben herzustellen. 1860 übernahm Müller-Pack die Farbfabrik im Rosenthal. Geigy beteiligte sich daran. Eine weitere Industrieanlage wurde vom Mülhauser G. Dollfuss, dem Erbauer des Kohlegaskraftwerkes in Basel 1860, gebaut. Dollfuss versuchte, die Gaswerk-Abfallprodukte Teer und Öl auf chemische Art zu verwerten. 1871 wurde diese Fabrik durch Huguenin übernommen und zur Fabrikationsstätte für Anilinfarben ausgebaut.
1864 wurde von den Unternehmern Gerber-Keller und Uhlmann an der Klybeckstrasse die vierte Farbfabrik der Gründerperiode gegründet. Erst 1886 erfolgte die erste rein schweizerische Gründung. Die Firma Kern und Sandoz betrieb eine kleine Farbfabrik beim alten Gaswerk wiederum auf der Basis der Teerbestandteile.
Erste Entwicklung im Hochrheintal
Die Nähe zum Salzvorkommen in Muttenz war ausschlaggebend, dass Stephan Gutzwiller 1844 in Pratteln die erste chemische Fabrik bauen liess. Die Fabrik begann allerdings erst nach etlichen Jahren und einigen Besitzerwechseln zu florieren. Seit 1890 heisst sie «Chemische Fabrik Schweizerhall».
Schon in den 1860er-Jahren wurden die Superphosphatfabrikation (Dünger) sowie die Anilinfarbenherstellung aufgenommen.Erst der Bahnanschluss machte Schweizerhalle mit seiner Nähe zum Salz aber zu einem idealen Industriestandort. In erster Linie siedelten sich Produktionsbetriebe an, welche das Salz zur Herstellung etwa von Kunstdüngern und Kunstfarben benötigten. Die Säurefabrik entstand 1917. Ihre Gründung war von verschiedenen Chemiefirmen ausgegangen, da diese durch den Ersten Weltkrieg Schwierigkeiten mit dem Import von Rohstoffen bekommen hatten.
In Wyhlen wurde um 1870, gegenüber Schweizerhalle, ebenfalls Salz erbohrt und daraufhin ein Salzwerk errichtet. 1875 wurde dann eine Sodafabrik eröffnet.Im Zeitraum 1890 bis 1914 wurde das badische Hochrheintal von einer eigentlichen Industrialisierungswelle durch die chemische Industrie erfasst. Ausschlaggebend war auch der Kraftwerkbau.Die heute das Gebiet von Schweizerhalle prägende chemische Industrie expandierte in Schweizerhalle vergleichsweise spät. Die Firma Geigy eröffnete 1938 ihr Werk in Schweizerhalle, Sandoz folgte erst 1950.
Weitere Entwicklung im 19. Jh.
Alexander Clavel musste seine 1859 gebonnene Produktion von Fuchsin wegen Umweltauflagen der Stadt Basel schon 1864 (Arsenikprozess) von der Rebgasse in eine neu erbaute Fabrik für synthetische Farbstoffe ausserhalb der damaligen Stadt an die Klybeckstrasse verlegen. Das Arsenikverfahren zur Herstellung von Fuchsin führte zu Vergiftungserscheinungen des Grundwassers und es stank gewaltig.Seine Farbik verkaufte er 1873 an die neue Firma Bindschedler & Busch. 1884 wurde die Firma in Gesellschaft für Chemische Industrie Basel umbenannt. Schon 1868, ebenfalls als Folge des Arsenikprozesses (siehe unten), musste Müller-Pack aus finanziellen Gründen seine Farbfabrik 1868 wieder an Geigy verkaufen.
Zur Verbreiterung der Forschungsbasis, aber auch zur Ausschaltung der Konkurrenz und zur Verstärkung der finanziellen Grundlagen wurden erste grössere Fusionen durchgeführt. So wurde 1898 Gerber-Uhlmann in die «Gesellschaft für Chemische Industrie» integriert. 1908 kam noch die «Basler Chemische Fabrik» dazu. Diese drei Unternehmen bildeten dann die «Chemische Industrie Basel» CIBA.1890 erstellte die Droguerie Bohny, Hollinger und Cie. an der Grenzacherstrasse ein kleines chemisches Labor zur Herstellung von pharmazeutischen Präparaten. 1893 trat Fritz Hoffmann als Prokurist in diese Firma ein.
Sie stellte den Hustensirup Sirolin (1896), das Herzpräparat Digalen (1904) und das Opium-Präparat Pantopon (1909) her. 1896 übernahm Hoffmann allein die Firma. Daraus entwickelte sich in der Folge die Firma Hoffman-La Roche (heute Roche). Sie war das erste chemische Unternehmen in Basel, welches nicht nur allein durch Basler Initiative entstand, sondern auch von Anfang an pharmazeutische Produkte herstellte.
Einige Aspekte der Entwicklung im 20. Jh.
Erst im Verlaufe der Zwischenkriegszeit vermochte sich die chemische Industrie in Basel als Schwerpunkt herauszubilden. Die räumliche Entwicklung der Chemie erfolgte zuerst in der Stadt Basel und erst anschliessend in Richtung Hochrhein. Neben Farben produzierten die Basler Chemiebetriebe nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise auch Schädlingsbekämpfungs- und Pflanzenschutzmittel, Pharmazeutika für Mensch und Tier, Vitamine, Riechstoffe, Fotochemikalien, Kosmetika, Diagnostika, Klebstoffe sowie Wasch- und Nahrungsmittel. Die neuen Geschäftszweige wurden von den wachsenden Konzernen angegliedert, indem sie Firmen erwarben, welche bereits über das entsprechende technologische Know-how verfügten. Noch wichtiger aber war, dass die Unternehmen in grossem Stil Mittel in die Forschung lenkten.
Die Chemieindustrie war in der Schweiz denn auch die Branche, welche am meisten Geld für angewandte Forschung ausgab. Die grossen Basler Chemieunternehmen entwickelten in wichtigen Bereichen bahnbrechende Innovationen. Damit verschafften sie sich in gewissen Marktsegmenten einen Vorsprung auf die Konkurrenz, was ihren grossen wirtschaftlichen Erfolg begründete. Geigy entdeckte 1939 zum Beispiel das Insektenvernichtungsmittel DDT. Hoffmann-La Roche gelang ab 1933 der Durchbruch bei der Herstellung von Vitaminen und wichtigen Medikamenten.
1970 fusionierten Ciba und Geigy und 1996 schlossen sich Ciba-Geigy und Sandoz zum Chemiekonzern Novartis zusammen. Heute gibt es in Basel keine «chemische Industrie» mehr im eigentlichen Sinn, da diese zur Pharmaindustrie mutierte. Andererseits wurden grosse Teile der Produktion ins Ausland verlegt. Der Produktionswandel wirkte sich im Stadtbild markant aus durch das Verschwinden der Hochkamine.
Auswirkungen auf die Umwelt
Schon im 19. Jh. war die Umweltbelastung durch Luft- und Gewässerverschmutzung bedeutend. So weist Polivka (1974) zum Beispiel auf die Gewässerverschmutzung von 1862 durch Fuchsinabwasser hin. Damals liess die Firma J. Müller-Pack (später Geigy) ihre Abwässer einerseits in den Riehenteich und anderseits ins Grundwasser fliessen. Die damals täglich in den Rhein geschwemmte Menge Arsenik, welche für die Fuchsinherstellung verwendet wurde, betrug rund vier Zentner! 1865 musste die Firma Dollfuss angehalten werden, ihre festen Chemieabfälle nicht mehr am Rheinbord zu deponieren und wesentlich höhere Kamine zu errichten.
Im Jahre 1883 erfolgte ein Bericht über die «Rheinverschmutzung im Basler Industriebezirk», da damals die Abwässer aller Farb- und chemischen Fabriken direkt in den Rhein gelassen wurden (). Die Gewässerverschmutzung durch die chemische Industrie blieb solange ein Problem, bis Industrieabwasserreinigungsanlagen gebaut wurden.
1973 erwarb die damalige Sandoz Areal in Huningue (F), um eine Industriekläranlage zu errichten. Diese STEIH war bis 2012 für den Betrieb der Anlage zur Abwasserwiederaufbereitung verantwortlich. Die Industrieabwässer, die vormals bei STEIH gereinigt wurden, werden heute in der Industriekläranlage ProRheno (ARA Chemie) in Basel wiederaufbereitet. Für die Abfallproblematik sei auf das Thema Deponien
verwiesen.
HPM