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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Sie schreiben Blogs, Texte jeglicher Art wie Berichte, Aufsätze, Liebesbriefe oder gar Aphorismen. Sie haben Vorbilder, etwa Lieblingsschriftsteller. Sie haben sich mit deren Schreibweise ausführlich auseinandergesetzt. Oder Sie schreiben einfach, Sie haben Ihren eigenen Stil. Ob der „druckreif“ ist oder nicht.
Es könnte Sie interessieren, ob Ihr Schreibstil einem bekannten Schriftsteller ähnelt.
Es gibt eine Website, bei der Sie das herausfinden können:
Es wird kurz erläutert, wie das Programm arbeitet:
„Wie funktioniert es?
Inspiration (Dmitry Chestnykh von CodingRobots [1])
+ Eine gute Bibliothek der deutschsprachigen klassischen Literatur (Projekt Gutenberg)
+ Künstliches neuronales Netz (Überwachtes Lernen + Support Vector Machine [2])
[1] I write Like - check which famous writer you write like.
[2] Die Idee der Support-Vector-Machines geht auf die Arbeit von Wladimir Wapnik und Aleksei Chervonenkis zurück“.
Dabei müssen Sie nur wenig tun. Sie kopieren einen eigenen längeren Text in das Textfeld der Website, klicken auf „Analysieren“, und schon erhalten Sie den Namen eines bekannten Schriftstellers, der „so schreibt wie Sie“.
Machen Sie eine Probe, so wie ich jetzt. Mein letztes Blog, das ich veröffentlicht habe, handelte von Sexualkunde. Ich kopiere einige Sätze daraus und lasse sie analysieren.
Der Textauszug:
„Film, Fernsehen und Internet: Sexualität ist immer mit dabei. (Fast) keiner schaut mehr darauf, welche Altersgruppen die Medieninhalte konsumieren. Was Kinder davon in ihren Alltag, in ihre Sozialisation, in ihre Vorstellungen von Freundschaft, Partnerschaft, Ehe und gleichgeschlechtlichen Beziehungen übernehmen und welche Kenntnisse und Überzeugungen sie daraus in ihr Leben mitnehmen, ist ungewiss. Welchen Einfluss Schule und Elternhaus noch ausüben können, ebenfalls. In wenigen Jahrzehnten hat sich in diesem Bereich so viel verändert, dass langfristige Auswirkungen noch gar nicht abzusehen sind.“
Nach wenigen Sekunden kommt die Antwort: Ich schreibe wie Stieg Larsson.
Stieg Larsson, ein schwedischer Schriftsteller, starb 2004 an einem Herzinfarkt. Berühmt wurde er posthum durch die Trilogie „Verdammnis“, „Verblendung“ und „Vergebung“. Es ist ein dreiteiliger Krimi. Ich kopiere einen Textauszug des 2. Teils in das Programm. Es stimmt. Der Textauszug wird als „wie Stieg Larsson“ erkannt.
Am Genre kann es nicht liegen, ich habe noch nie einen Kriminalroman geschrieben. Gelesen habe ich bisher auch noch nichts von ihm, diese Art von Romanen interessieren mich nicht besonders.
Hier ist der Textauszug: Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden. "Sie ist angekommen."
Ich kann nur wenige Ähnlichkeiten erkennen. Larsson benutzt Nebensätze, die er mit Konjunktionen wie „dass, während, und“ verbindet. Sie findet man auch in meinem Text. Er schiebt gern weitere Inhalte in die Sätze ein, wie „und trank Kaffee“. Auch diese Satzkomposition findet man bei mir.
Die Idee zu dieser Software geht u. a. auf Dimitri Chestnykh zurück. Er hatte einen Algorithmus entwickelt, der so ähnlich wie ein Spam-Filter funktioniert. Chestnykh, der angab, Menschen zu einem besseren Stil verhelfen zu wollen, hatte mit seiner Idee zunächst nur eine bestimmte Software bewerben wollen und sich nebenbei einen Spass erlaubt. Die Besuchszahlen seiner Website schnellten in die Höhe. Sogar die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood twitterte: „Ta da, ich schreibe wie Stephan King!“
Angeblich ist das System unfehlbar. Ich schreibe nicht nur wie Stieg Larsson, manchmal auch wie Peter Handke, Joanne K. Rowling, Theodor Fontane, Friedrich Glauser und andere.
Peter Handke könnte ich noch verstehen, ich habe fast alle seiner Werke gelesen, aber von Joanne K. Rowling noch nichts.
Stieg Larsson und Joanne K. Rowling werden häufiger bei meinen verschiedenen Texten ermittelt als die anderen.
Was mache ich jetzt mit dieser Information? Habe ich etwa das Talent zu einem Schriftsteller von Detektivgeschichten? Ich denke nicht. Es ist ein netter Spass, mehr nicht. Es hat einfach nichts zu sagen. Oder etwa doch?
Neben dem Spass gibt es noch die Möglichkeit, sich mit den angegebenen Schriftstellern zu beschäftigen. Unter der Angabe ist ein Link zu Wikipedia oder Google.
Friedrich Glauser (geb. 1896 – gest. 1938) zum Beispiel kannte ich bisher noch gar nicht.
Der Artikel bei Wikipedia belehrt mich, dass er ein Schweizer war, der viel gereist ist; ein Alkoholiker, mit dem Hinweis auf einen „Drehtüreffekt“, auf Schulden „und Konkubinat“, weswegen er sogar wegen «liederlichem und ausschweifendem Lebenswandels“ entmündigt wurde.
Jetzt weiss ich, was bei Drogenproblemen ein „Drehtüreffekt“ ist, nämlich, dass nach Verlassen der Klinik (mit Drehtür) die Rückkehr vorprogrammiert ist. Und ich weiss, was damals unter dem Begriff „Konkubinat“ bezeichnet wurde, ein Verhalten, das heute nicht mehr als krankhaft angesehen wird, nämlich der aussereheliche Beischlaf mit verschiedenen Partnern.
Und Friedrich Glauser werde als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Kriminalromans angesehen. Sogar ein deutscher Krimipreis, der „Glauser“ ist nach ihm benannt worden.
Es ist also doch mehr als nur ein netter Spass! Und schon wieder der Hinweis auf Krimis! Sollte ich mich in diesem Genre versuchen? Oder Phantasiegeschichten schreiben?
Jeder kann einen eigenen Text eingeben und erhält ein „tolles“ Ergebnis. Wenn das nicht das Selbstbewusstsein des Produzenten hebt, was sonst?
Quellen
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/2.1769/themen/f-a-z-stiltest-ich-schreibe-wie-11051612.html
Hinweis auf weitere Blogs zur Schriftstellerei