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Charlotte von Kirschbaum war Theologin. Ihr Forschungsinteresse galt insbesondere der kirchlichen und gesellschaftlichen Stellung der Frau. Sie war die Lebensgefährtin und engste Mitarbeiterin des Theologen Karl Barth. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte sie in der Klinik Sonnenhalde in Riehen.
Tochter des Maximilian Sigmund Wilhelm von Kirschbaum (General) und der Henriette Therese Josefina Maria, geborene Freiin von Brück. Zwei Brüder.
Charlotte von Kirschbaum kam am 25. Juni 1899 im bayerischen Ingolstadt zur Welt. Sie besuchte von 1910 bis 1912 die Höhere Mädchenschule in Ulm und von 1912 bis 1915 diejenige in Amberg. Im Anschluss daran machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin an der Frauenschule München, die sie 1917 abschloss.
Von 1917 bis 1919 arbeitete von Kirschbaum zunächst bei der Briefzensur in der Münchner Überwachungsstelle des ersten Königlich Bayerischen Armee-Korps. Danach war sie kurze Zeit auch als Stenotypistin tätig. 1922 begann sie eine einjährige Ausbildung zur Rotkreuzschwester und wurde staatlich anerkannte Krankenpflegerin. Anschliessend war sie Hilfsschwester in Krefeld bei Düsseldorf. 1927 begann von Kirschbaum eine zweijährige Ausbildung zur sogenannten ‹Wohlfahrtspflegerin› an der Sozialen Frauenschule München. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über ‹Die Arbeitsverhältnisse der Schwesternschaft vom bayerischen Roten Kreuz›.
Während eines Aufenthalts bei Freunden am Zürichsee lernte von Kirschbaum im Juli 1925 den Basler Theologen Karl Barth (1886–1968) kennen. Barth und von Kirschbaum trafen sich in den darauffolgenden Jahren mehrmals, unternahmen gemeinsame Ausflüge und pflegten einen intensiven intellektuellen Dialog.
Am 15. Oktober 1929 zog von Kirschbaum zu Karl Barth, seiner Ehefrau Nelly Barth-Hoffmann (1893–1976) und deren fünf gemeinsamen Kindern an die Himmelreichallee 43 in Münster (D). 1930 siedelten sie alle zusammen nach Bonn über. Die Gemeinschaft von Charlotte von Kirschbaum, Nelly und Karl Barth wird als offen gelebte ‹ménage à trois› beschrieben. Während Nelly Barth-Hoffmann den Haushalt führte und die Kinder erzog, pflegte von Kirschbaum eine intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Barth. Gemeinsam arbeiteten sie an der Herausgabe der ‹Kirchlichen Dogmatik›, Karl Barths Hauptwerk, das insgesamt 13 Bände und über 9000 Seiten umfasst.
Im März 1933 wurde von Kirschbaum in Berlin zum ‹Studium der Evangelischen Theologie ohne Reifezeugnis› zugelassen. Dort vertiefte sie sich in die theologische Lektüre und lernte Latein, Griechisch und Hebräisch. 1935 zog von Kirschbaum zusammen mit Barths Familie nach Basel an den St. Alban-Ring 186. Als Barths wissenschaftliche Assistentin wurde ihr jährlich eine temporäre Aufenthaltsbewilligung ausgestellt, bis ihr die Fremdenpolizei Basel am 29. September 1949 schliesslich die unbefristete Niederlassungsbewilligung gewährte.
Von Kirschbaum gehörte der Bekennenden Kirche an, einer Oppositionsbewegung, die sich gegen eine inhaltliche Gleichschaltung der Deutschen Evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus auflehnte. Von Kirschbaum war aktives Mitglied des Schweizerischen Hilfswerks für die Bekennende Kirche, das sich für geflüchtete jüdische Menschen aus Deutschland und für Pfarrer und Pfarrfrauen der Bekennenden Kirche einsetzte.
In Basel wurde 1944 eine Arbeitsgruppe der Bewegung Freies Deutschland eingerichtet, die für die Bildung eines unabhängigen Deutschlands kämpfte. Für die Koordination der einzelnen Gruppierungen in der Schweiz wurde ein Landesverband mit Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen und verschiedener Parteien gegründet. Von Kirschbaum wurde zusammen mit dem ehemaligen preussischen Staatssekretär Wilhelm Abegg (1876–1951) und Wolfgang Langhoff (1901–1966) als Vertreterin der Bekennenden Kirche Deutschlands ins Präsidium gewählt. Im Dezember 1945 verlor die Exilpolitik an Relevanz und die Bewegung löste sich auf.
Charlotte von Kirschbaums besonderes Forschungsinteresse galt der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft. Sie studierte dafür die Bibel und las die existenzialphilosophischen Schriften von Simone de Beauvoir, mit der sie auch korrespondierte. Die Resultate ihrer Untersuchungen präsentierte sie ab 1949 in Vorträgen und verarbeitete sie in ihrem Buch ‹Die wirkliche Frau›.
1962 zeigten sich erste Symptome einer zerebralen, Alzheimer-ähnlichen Krankheit. Im Januar 1966 zog von Kirschbaum in die Klinik Sonnenhalde in Riehen, wo sie von Schwestern der Riehener Diakonissengemeinschaft gepflegt wurde.
Charlotte von Kirschbaum starb am 24. Juli 1975 in Riehen, sieben Jahre nach Karl Barth. Gemeinsam mit Karl und Nelly Barth ist sie auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen bestattet.
Autorin / Autor: Luzia Knobel | Zuletzt aktualisiert am 25.7.2022
Bericht über die Ungarnreise von Prof. Karl Barth. O. O. 1948.
Die wirkliche Frau. Zollikon. Zürich 1949.
Der Dienst der Frau in der Wortverkündigung. Zollikon-Zürich 1951.
Die Bibel zur Ehelosigkeit. In: Die Erziehung der Geschlechter. O. O. 1954. S. 84–93.
Der biblische Kommentar. In: Die Erziehung der Geschlechter. O. O. 1954. S. 11–18.
Rede für die Bewegung «Freies Deutschland». Gehalten in St. Gallen, Genf und Montreux, Juli 1945. In: Köbler, Renate: Schattenarbeit. Charlotte von Kirschbaum – die Theologin an der Seite Karl Barths. Köln 1987. S. 81–89.
Maury, Pierre: Die grosse Tat Gottes. 6 Vorträge. Aus dem Französischen übersetzt von Charlotte von Kirschbaum. Zollikon-Zürich 1941.
Der römische Katholizismus, ein anderes Evangelium? Hirtenschreiben der Generalsynode der niederländischen Reformierten Kirche. Aus dem Holländischen übersetzt von Charlotte von Kirschbaum. Zollikon-Zürich 1950.
Nachruf Charlotte von Kirschbaum: STA LA 1975 07 24.
Personen- und Sachdossiers der Fremdenpolizei, 1912–1998: von Kirschbaum, Charlotte, 1935–1975: PD-REG 3a 21592.
Sammlung biographischer Zeitungsausschnitte: 1 Zeitungsartikel.
Brodbeck, Doris: Zur Unterordnung der Frau. Henriette Visser’t Hooft (1899–1968) und Charlotte von Kirschbaum (1899–1975) in ihrer Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths. In: Doris Brodbeck et al. (Hg.): Siehe, ich schaffe Neues. Aufbrüche von Frauen in Protestantismus, Katholizismus, Christkatholizismus und Judentum. Bern 1998. S. 33–48.
Erler, Rolf- Joachim (Hg.): Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel 1925–1935. Bd. 1. Zürich 2008.
Köbler, Renate: Schattenarbeit. Charlotte von Kirschbaum – die Theologin an der Seite Karl Barths. Köln 1987.
Selinger, Suzanne: Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth. Eine biografisch-theologiegeschichtliche Studie. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Brenneke. Zürich 2004.
Stephan, Inge: Charlotte von Kirschbaums Leben (1899–1975) an der Seite von Karl Barth. In: Inge Stephan: Das Schicksal der begabten Frau. Im Schatten berühmter Männer. 4. Aufl. Stuttgart 1990. S. 177–192.
Van Norden, Günther (Hg.): Charlotte von Kirschbaum und Elisabeth Freiling. Briefwechsel von 1934 bis 1939. Göttingen 2014.