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Hanspeter sitzt in einem Londoner Hotel, als er den ersten Punkt notiert:
– ca. gleich alt wie ich.
Hanspeter ist allein nach London gereist. Es ist seine Lieblingsstadt. Er läuft durch die Strassen, aber es fehlt ihm jemand, zu dem er den Kopf drehen und sagen kann: «Schau da! Hast du das gesehen?» Hanspeter sitzt im Hotelzimmer, im Fernsehen läuft die Fussballweltmeisterschaft 2010, und er beginnt mit einem Gedankenspiel, in den kommenden Wochen schreibt er die Gedanken auf, fast jeden Abend, wenn er allein ist. Er ergänzt, er streicht. Der erste Punkt, der mit dem Alter, rutscht nach unten, Hanspeter verschiebt und priorisiert. Am Ende ist da diese Liste, «11-Punkte-Liste» steht darüber, Hanspeter ist ein besonnener Mensch. Er ist 58 Jahre alt und geschieden, als er weiss, welche Kriterien sie erfüllen sollte: die Frau fürs Leben.
1. Deutsch als Muttersprache
2. nicht beim gleichen Arbeitgeber
3. ca. gleich alt wie ich
4. Nichtraucherin
5. Mutter, gutes Verhältnis zu ihren Kindern
6. Gemütlichkeit zu Hause – my home ist my castle
7. weltoffen, interessiert an allem
8. liebt das Reisen & fremde Länder/Menschen
9. liebt Musik, alle Sparten, vor allem klassisch
10. gutes Essen/guter Tropfen Wein
11. interessiert sich für Sport, aktiv/passiv
Hanspeter arbeitete als Finanzchef. Er hat in seinem Leben viele Verzeichnisse erstellt, Tabellen analysiert, Lebensentscheidungen abgewogen. Nur etwas kann er sich nicht erklären: Wieso er, kaum hat er die 11-Punkte-Liste fertig, sofort an Madeleine denkt. «Zack, da war sie», sagt er. Er sucht Madeleine im Telefonbuch, er will sie anrufen. Aber Hanspeter wartet bis nach ihrem Geburtstag. Das Datum weiss er noch. Er hat es damals in ihrem Pass erspäht, vor 36 Jahren, auf der Reise nach Kopenhagen.
Hanspeter und Madeleine haben sich 1974 kennengelernt. Beide arbeiteten für einen Reiseveranstalter, sie in Zürich, er in Lausanne. Einmal pro Jahr machten sie eine Arbeitsreise: Hotels anschauen, sehen, was man verkauft. Hanspeter und Madeleine reisten beide nach Kopenhagen, beide waren 22, die jüngsten der Gruppe. Als Madeleine einmal kalt war auf einem Ausflugsboot, legte Hanspeter seine Jacke um sie. Beim Essen sassen sie zusammen, Madeleine gab Hanspeter von ihrer Portion, weil er immer zu wenig hatte. Es entstand ein Foto auf dieser Reise, es zeigt zwei junge Menschen, die nebeneinander auf einem Stein sitzen, hinter ihnen das Meer.
Danach meldete sich Hanspeter noch zwei-, dreimal bei Madeleine. Sie telefonierten. Einmal lud er sie zu einem Treffen ein. Madeleine sagte ab. Ihre Eltern hatten ihr beigebracht, dass sie nicht den erstbesten nehmen solle. Der würde sich schon wieder melden, glaubte sie. Irgendwann aber meldete sich Hanspeter nicht mehr, der Kontakt brach ab. Sie dachte manchmal an ihn. Madeleine sagt: «Wir blieben immer durch einen Faden verbunden.»
Hanspeter ist der Chronist dieser Liebesgeschichte, er hat alles aufgeschrieben. Die Zeit nach der Skandinavienreise hat er festgehalten in einem Tagebuch, die goldenen Ziffern 1974 auf dem Umschlag sind ein wenig abgegriffen. Nachdem ihm Madeleine einen Korb gegeben hatte, notierte Hanspeter im Tagebuch: «die erwartete Absage».
36 Jahre später, am 28.November 2010 kurz vor dem Mittag, ruft Hanspeter wieder bei Madeleine an. Er hat sich bei der Arbeit ein Sitzungszimmer reserviert und sich einen Gesprächseinstieg zurechtgelegt, einen für Madeleine, einen, falls ein Mann das Telefon abnimmt. Hanspeter würde sagen, er organisiere ein Ehemaligentreffen des Reiseveranstalters, dann würde er nach Madeleine fragen.
Madeleine ist 58, geschieden, hat zwei erwachsene Töchter, als bei ihr immer wieder das Telefon klingelt. Ihr Ex-Mann liegt im Sterben, sie ist seit über dreissig Jahren von ihm getrennt und besucht ihn doch jeden Tag nach der Arbeit. Wenn sie spät am Abend die verpassten Anrufe auf ihrem Telefon sieht, löscht sie diese, weil sie keine Zeit findet, einer unbekannten Nummer zurückzurufen.
Hanspeter gibt nicht auf, er ruft immer wieder an, wird nervös, «da war dieser Druck, ich wusste ja bereits, dass sie die Richtige ist». Er schreibt ihr einen Brief: «Liebe Madeleine, ich hoffe doch sehr, dass der Grund für eine Abwesenheit ein positiver ist, zum Beispiel Ferien.»
Am 21.Dezember um 11 Uhr ruft Madeleine zurück. «Hallo Hanspeter, hier ist Madeleine.» Hanspeter sagt nichts.
Von nun an telefonieren sie jeden Tag, ausser am 23.Dezember, da feiern sie Weihnachten, jeder für sich. Sie reden lange, über Madeleines Ex-Mann, der im Sterben liegt und Wochen später stirbt. Sie lernen sich kennen, langsam, vorsichtig. Hanspeter will Madeleine treffen, sie will warten. Hanspeter schaut auf seine Liste, 11 Punkte, Madeleine erfüllt sie alle.
Nach einem Monat schickt Madeleine ein Foto, Hanspeter weint. Sie haben einander gewarnt, dass sie sich verändert hätten, die jungen Menschen auf dem Stein in Kopenhagen sind älter geworden. Aber Hanspeter weint nicht, weil ihm das Foto nicht gefällt. «Mir wurde bewusst: 36 Jahre sind weg», sagt er.
Die beiden verlieben sich am Telefon.
Madeleine: «Als ich Hanspeters Brief geöffnet habe, wusste ich: Jetzt fängt für mich ein neues Leben an.»
Hanspeter: «Es ist nicht das gleiche, wie wenn man sich Anfang 20 kennenlernt. Mit 60 stellst du dich total auf deine Partnerin ein.»
Madeleine: «Das Verlieben ist intensiver. Es ist sofort tiefer. Für mich war alles so klar, ich kann es nicht anders sagen.»
Hanspeter: «Es war Wahnsinn, dieses Vertrauen, das wir sofort hatten. Diese Gespräche. Ich glaube, das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir uns nicht schon gekannt hätten aus dem vergangenen Jahrtausend.»
Madeleine: «Das erste Mal geküsst haben wir uns eine Woche nach dem ersten Treffen. Es war auf dem Parkplatz, ein Abschiedskuss.»
Hanspeter hat notiert, wie das erste Treffen ablief, in einem Notizheft, liniert, steht: «9.April, 110.Tag seit erstem Telefonat. 10.00 Uhr abgeholt. Dann Empfang zu Hause. Dann Rimuss, belegte Brötchen, Roastbeef, Schinken, Käse.»
Hanspeter trägt ein kanariengelbes Hemd, eine gemusterte Krawatte, einen smaragdgrünen Kittel. Madeleine wartet am Taxistand, sie ist eine Frau von klassischer Eleganz, sie sagt: «Man stellt sich die Leute vor, aber ich habe noch nie jemanden so angezogen gesehen wie er. Ich bin erchlüpft, als er mit diesem Kittel ins Auto stieg.»
Hanspeter wollte eigentlich nicht zu Madeleine nach Hause, er hat ein Buch gelesen, «Frauen nach der Paarungszeit – warum wir jetzt viel wollen und Männer so wenig bieten». Ein erstes Treffen keinesfalls zu Hause, steht da, besser ein neutraler Ort, Verhaltenstip: «mit Humor und Gelassenheit».
In Hanspeters Notizheft steht: «Gegen 19 Uhr Pouletbrüstchen, Rahmsauce und Champignons (nicht aus der Dose!). Um 22 Uhr reiste HP auf seinen Wunsch hin ins Hotel Krone.»
Heute sind Madeleine und Hanspeter 67 Jahre alt – 36 Jahre hat es gedauert, bis sie wieder zueinandergefunden haben. Madeleine bereut das nicht, sie hat zwei Kinder alleine aufgezogen, sie hat drei Grosskinder, Karriere in einem Spital gemacht und sich selber bewiesen, dass sie das alles kann. Hanspeter denkt manchmal darüber nach, was für Kinder sie gemeinsam gehabt hätten. Er sagt: «Wir dürfen jetzt nichts mehr verschieben.»
Am 21.April 2011, zwölf Tage nach dem Treffen in Madeleines Wohnung, hatte Hanspeter Madeleine in London einen Heiratsantrag gemacht. Das war der 12.Punkt auf seiner Liste, derjenige, den er sich nicht getraut hat aufzuschreiben:
12. Sie möchte heiraten