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Die Marktöffnung vor der Tür
Die Marktöffnung vor der Tür
Im Mai 1996 wurde im Verwaltungsrat der SAK eine Arbeit vorgestellt, welche der technische Leiter Alfred Bürkler zum Abschluss seiner Management-Weiterbildung an der Universität Zürich zum Thema «Unternehmensstrategie in einem offenen Elektrizitätsmarkt» verfasst hatte. Ziel der Arbeit war es, eine mögliche Strategie für die SAK oder ein ähnlich strukturiertes Elektrizitätswerk, unter der Voraussetzung eines völlig liberalisierten Marktes, zu formulieren. In der Arbeit sei bewusst keine Aussage darüber gemacht worden, ob oder in welchem Zeitraum Änderungen in Richtung Liberalisierung eintreten würden. «Es ist die Absicht, dass diese Arbeit der Geschäftsleitung und dem oberen Kader der SAK als Anregung und Grundlage für die weitere intensive Auseinandersetzung mit der Zukunft der SAK dient», liess die Direktion den Verwaltungsrat wissen.
Anschliessend markierte die Direktion ihre Position: Die Liberalisierung sei wohl in Diskussion, aber Schritte seien in der Schweiz noch keine eingeleitet. Für die SAK sei eine Realisierung der Liberalisierung nur unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen vorstellbar. «Sie wendet sich deshalb gegen eine einseitig die SAK benachteiligende Freigabe des Zugangs zum Netz sowie die Aufhebung der geschlossenen Versorgungsgebiete», heisst es im Protokoll. Trotzdem sei auch unter den jetzigen Rahmenbedingungen der Wertewandel hin zum kunden- und marktorientierten Energiedienstleistungsunternehmen zu fördern, und er müsse im täglichen Kontakt mit Kunden, Lieferanten, Behörden und Organisationen spürbar werden.
Ein Jahr später warnte man im Verwaltungsrat, anlässlich der Erörterung von Forderungen des Elektrizitätswerks Jona-Rapperswil (EWJR), vor den Nachteilen einer zunehmenden «Entsolidarisierung», wenn die Gleichbehandlung aller Kunden im Versorgungsgebiet aufgegeben werde: «Wenn wirtschaftsstarke Agglomerationsregionen nicht mehr bereit sind, strukturschwächere Gebiete durch Erbringen gemeinwirtschaftlicher Leistungen zu stützen, wird die bisher hochgehaltene Tarifsolidarität bald am Ende sein.» Die unweigerliche Folge sei eine örtlich differenzierte «Spreizung» der Strompreise: Ertragsausfälle wegen Tarifkonzessionen an marktstarke und rentable Kunden müssten über zusätzliche Belastungen der schwächeren Regionen ausgeglichen sein. Das werde «schwerwiegende Konsequenzen» haben.
Die EU geht voran
Andernorts war der Zug in Richtung Liberalisierung bereits am Rollen. Vorreiter waren Grossbritannien, Norwegen und die Niederlande, aber auch Deutschland war der EU voraus. 1997 beschloss die EU die schrittweise Öffnung, wobei den Mitgliedländern eine Übergangsfrist von zwei Jahren zugestanden wurde. 2002 einigten sich die EU-Energieminister auf die vollständige Öffnung der Energiemärkte, wobei diese wiederum schrittweise erfolgen sollte. Die Stromkonzerne sollten in Netz- und Produktionsgesellschaften aufgespalten werden. In der Schweiz veröffentlichte der Bundesrat 1998 den Entwurf zum Elektrizitätsmarktgesetz (EMG), und 1999 war die Strommarktöffnung auch in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat der SAK das dominierende Thema. Innerhalb der Geschäftsleitung gab es dabei, wie man aus den Editorials in der SAK Hus Zitig schliessen kann, durchaus unterschiedliche Meinungen.
Ein Marktöffnungsskeptiker war Direktor Theo Wipf, der seine Bedenken bereits in der SAK Hus Zitig 4/94 formuliert hatte: «In Ländern, wo die Liberalisierung der Strommärkte bereits vollzogen ist, stehen die Elektrizitätswerke im Zwang, ihre unternehmerischen Dispositionen nach kurzfristigen Rentabilitätskriterien vorzunehmen. Ein solches Denken lässt sich indessen mit den anerkannten Zielen einer sicheren, umweltgerechten und volkswirtschaftlich optimalen Energieversorgung nur schwer vereinbaren. Wie unsere Gründer schon vor 80 Jahren erkannt haben, können die SAK als ein Werk der öffentlichen Hand diesen Zielen am ehesten gerecht werden.»
Nicht so heiss gegessen
Der Schweizer Energiemarkt sollte sechs Jahre nach dem Inkrafttreten des EMG für alle Stromkonsumenten liberalisiert sein. Doch die Sache wurde vorerst nicht so heiss gegessen. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger lehnten das Gesetz, das die Rahmenbedingungen für die Strommarktöffnung festlegen wollte und gegen welches von Gewerkschaften und Grünen das Referendum ergriffen worden war, im September 2002 mit 47,4% Ja- gegen 52,6 % Nein-Stimmen ab. Doch der Prozess war im Gange und die Landschaft der Energieunternehmen war bereits kräftig in Bewegung geraten.
Heinz Reichen
Stromausfälle, ein Höchstgebot und eine gute Portion Frechheit
Heinz Reichen war Bereichsleiter Produktion und erlebte die Winterstürme Vivian und Lothar aus nächster Nähe. Er vertrat zudem die SAK bei der einzigen Kraftwerkersteigerung ihrer Geschichte und legte mit einer guten Portion Frechheit die Grundlage für das heutige Glasfasernetz.
Heinz Reichen
«Zu den eindrücklichen Erlebnissen in meiner Zeit bei der SAK zählten zwei grosse Winterstürme. Vivian fegte 1990, Lothar 1999 über die Schweiz. Beide wüteten gewaltig. Man konnte anhand des Stromnetzes verfolgen, wie sie übers Land peitschten: Eine Leitung nach der anderen fiel. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Einmal rief eine Frau an und reklamierte, sie habe seit zwölf Stunden keinen Strom, der Tiefkühler werde warm, das sei eine Sauerei. Ich erklärte ihr, wir reparierten gerade eine Hochspannungsleitung, sie hingegen liege leider ganz am Ende des exponierten Ausläufers einer Niederspannungsleitung. Das hörte sie nicht gern. Sie klagte, sie habe SAK Monteure morgens um 10 Uhr in einer Beiz gesehen. Ich musste ihr erklären, dass die Leute die Nacht durchgearbeitet hätten, sich nun kurz verpflegten, danach schlafen gingen und durch frische Monteure ausgetauscht würden. Sie wurde trotzdem wütend, drohte mit Konsequenzen, mit den Medien. Nach einer Woche aber rief sie erneut an und teilte mit, dass sie wieder Strom habe. Und sie sagte: ‹Vielen herzlichen Dank, wissen Sie, was ich nach dem Stromausfall gemacht habe? Ein Lichterfest mit Glühbirnen! War das schön!›
Spannung gab es auch, als ich das Kraftwerk Stoffel in Mels ersteigerte. Ich hatte nie vorher an einer Versteigerung teilgenommen. Ich arbeitete ein Konzept aus mit präzisen Überlegungen, warum man mit welchem Höchstgebot mitsteigern müsste. Das Wasserkraftwerk war zwar alt und musste erneuert werden, aber es hatte Potenzial. Die Konkurrenz bei der Versteigerung war stark, es gab private Investoren aus dem In- und Ausland, praktisch alle Produzenten der Schweiz waren da, die Gemeinde Mels wollte mit Partnern einsteigen. Ich muss gestehen, ich war doch etwas nervös. Letztlich bekamen wir aber doch den Zuschlag zu einem tieferen Preis als wir ihn als Höchstgebot festgelegt hatten. Wir gründeten eine Aktiengesellschaft und erneuerten gemeinsam mit der Gemeinde Mels das Kraftwerk – heute eine hochmoderne Anlage, verborgen in einer Felskaverne, die etwa 8 Gigawatt produziert, Strom für rund 4000 Menschen.
Etwas frech agierte ich, als ich mit einem anderen Unternehmen zusammen Glasfaserkabel verlegte. Man erkannte damals noch nicht die Wichtigkeit, die die Technologie einmal bekommen würde. Diese ersten Schritte schufen aber die Grundlage für das Glasfasernetz, das heute ausgebaut wird. Manchmal muss man einfach ein bisschen frech sein. Überdies sind Ingenieure in der Regel schlechte Berichterstatter. Viel eher haben sie Macherqualitäten. Wenn sie permanent erklären müssen, warum sie etwas wie machen, erreichen sie nicht mehr viel. Ich war immer mit Herzblut unterwegs und wir schufen so ein verlässliches Netz mit einer modernen Infrastruktur. Mit neuen Partnermodellen gelang es uns auch, Biomassen und Solarkraftwerke zu bauen und damit die Zahl der eigenen Kraftwerke zu erhöhen. Eine Leistung, auf die wir stolz sein können.»
Heinz Reichen war von 1977 bis 2012 bei der SAK tätig, zuletzt als Bereichsleiter Produktion sowie Geschäftsleitungsmitglied.
Zahlen und Fakten
263
2’325 km2
400’000
2’632 Mio. kWh
7 Kraftwerke
39 Unterwerke
919 Trafostationen
ca. 4’000 km Stromnetz