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Kunst, Bettler*innen und die Politik der Armut
Bettlerin als Betrügerin?
Frühe Darstellungen zeigen eine Wahrnehmung von Bettler*innen, die der heutigen erstaunlich ähnelt. Kaum als differenziertes Einzelschicksal gesehen, werden Bettelnde entweder zur Bedrohung oder zur Personifikation von Elend. Büttner zeigt dies mit Verweis auf das Liber Vagatorum (erste Ausgabe 1510), das Bettler als listige und heuchlerische Landstreicher beschreibt und damit als potenzielle Gefahr repräsentiert. Dasselbe Phänomen lässt sich auch in verschiedensten Werken aus der Sammlung der Graphischen Sammlung ETH Zürich entdecken: In der Folge Tanzende lahme Bettler und Bettlerinnen von Cornelis Massys (um 1510-1557), werden Bettelnde in karikaturistischer Weise durch den Widerspruch zwischen Lähmung und Tanz als fundamental unehrlich dargestellt (Nichols 2007). Betteln ist damit nicht Notwendigkeit, sondern eine Wahl.
Bettlerin als Mensch?
Ein anderer Künstler der sich dem Thema wiederholt angenähert hat, ist Rembrandt van Rijn (1606-1669). Im Gegensatz zu Massys erscheint die Bettlerfamillie in Rembrandts Darstellung jedoch würdevoller. In Kontrast zu seinen früheren Bettlern der 1630er Jahre steht hier nicht länger die heruntergekommene Figur, sondern vor allem die Handlung im Zentrum: Die Übergabe der Almosen wird mittels reduzierter Umgebung und durch die vom Schatten gerahmte Hand der Bettlerin betont. Die Darstellung erscheint damit beinahe wie ein Aufruf zur Wohltätigkeit. Der Unterschied in Status zwischen Geber und Nehmerin bleibt jedoch evident. Nicht nur Kleidung und Haltung verweisen auf Klassenunterschiede, auch schaut der Hausherr durch die Platzierung im Bild wortwörtlich auf sie herab. Nicht zuletzt agiert die halbgeöffnete Türe als Barriere zwischen beiden Seiten.
Rembrandts Darstellung soll demnach nicht primär als barmherzige Einstellung des Künstlers gelesen werden: Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Wohltätigkeit häufig als ein Weg zur Erlösung gesehen. Auch für Gerard van Groeningen (1550-1599) scheint in seinem Werk Sechzig Jahre das Geben von Almosen kaum eine selbstlose Geste zu sein: «Par oeuvres sainctes cherchons paradis» (Durch gute Taten suchen wir das Paradies; Hinterding/Lujten/Royalton-Kisch 2000).
Bettlerin als Künstlerin?
Büttner bildet im Buch neben Untersuchungen zur Thematik der Verschränkung von Kunst und Armut auch ihre eigenen Holzschnitte von Bettler*innen ab. Einfache Linien zeigen verschleierte Personen mit dem auch bei Rembrandt so zentralen Bittgestus. Sie bewegt sich weg von der realistischen Darstellung eines Individuums, ohne wieder in Richtung Karikatur zu gehen. Noch stärker auf die Geste reduziert, ist bei Büttner weder Gesicht noch Geschichte des Menschen erkennbar. Dies erlaubt eine verallgemeinerte Reflexion über Geben und Nehmen: «My own woodcuts of veiled beggars, found throughout this book, explore an iconography of the relationship between poverty and shame. I also see these prints as images of artists before their viewers» (In diesem Buch sind auch meine eigenen Holzschnitte von verschleierten Bettlern dargestellt. Darin untersuche ich die Ikonographie der Relation von Armut und Scham. Für mich sind sie Bilder von Künstlern vor ihren Betrachtern; Büttner 2018). Diese Gleichsetzung impliziert nicht nur ein Abhängigkeitsverhältnis, sondern auch das Stereotyp des faulen Kunstschaffenden. Büttners Überlegung geht aber darüber hinaus: In einem späteren Kapitel zeigt sie Bilder der Photographic Collection des Warburg Institutes, in denen Darstellungen von Bettler*innen mit Verkaufsinformation aus Auktionskatalogen ergänzt wurden. Sie verweist damit auf die prekären Verbindungsstrukturen von Kunst und Ökonomie. Eine Frage bleibt offen: Wieviel soll die Darstellung von Armut wert sein?
Anmerkungen
Büttner 2018
Andrea Büttner, Beggars, London: Koenig Books 2018, o.S..
Nicols 2007
Tom Nichols, The Vagabond Image: Depictions of False Beggars in Northern Art of the Sixteenth Century, in: Others and Outcasts in Early Modern Europe: Picturing the Social Margins, hrsg. von Tom Nichols, Aldershot: Ashgate Publishing 2007, S. 37-62.