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„Was wäre, wenn …?“ ist eine Frage, die seit jeher die Fantasie der Menschen beflügelt. „Was wäre, wenn … die Nazis den Krieg gewonnen hätten?“, lautet auch die Ausgangsfrage im aktuellen Wolfenstein II: The New Colossus. Wie sähe die Welt dann heute aus? Was in der Geschichte wäre anders verlaufen? Wir werfen einen Blick auf „alternative Historie“ in Büchern, Filmen und Spielen.
„Alternative Geschichte“ hat derzeit Hochkonjunktur. Erst vor gar nicht langer Zeit versetzte uns der Shooter Prey von Publisher Bethesda in eine alternative Version der nahen Zukunft, in der John F. Kennedy das Denver-Attentat überlebt hat und so die Raumfahrt deutlich schneller vorantreiben konnte, als es in „unserer Realität“ der Fall war. Wolfenstein II: The New Colossus vom selben Publisher stellt eine ähnliche Frage mit allerdings ganz anderen Konsequenzen: Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA erobert.
Was inflationär als „alternative Geschichte“ bezeichnet wird, heißt unter Historikern streng genommen „kontrafaktische Geschichte“ - also der Versuch einer fiktiven Geschichtsschreibung, die darüber spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte Schlüsselmomente der Menschheitsgeschichte anders passiert wären und die Abläufe danach einen mitunter komplett anderen Verlauf genommen hätten. Beliebte Szenarien sind dabei etwa: Was wäre passiert, wenn Hannibal den Krieg gegen die Römer gewonnen hätte, Kaiser Augustus länger gelebt hätte, der amerikanische Bürgerkrieg anders ausgegangen wäre oder das Attentat von Sarajevo nicht den Dominoeffekt zum Ersten Weltkrieg angestoßen hätte. Oder eben: Was, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?
Kontrafaktische Historie bildet mittlerweile einen durchaus populären Zweig der Geschichtswissenschaft, wenngleich er von vielen Historikern belächelt oder gar heftig angefeindet wird, da er sich in reiner Spekulation erschöpft und außer Phantastereien wenig Erkenntnisgewinn bringt. Umso faszinierender ist das Thema jedoch für spannende fiktionale Geschichten.
Nazis gewinnen den Zweiten Weltkrieg – schon 1937
Die erste, die sich mit dem Thema beschäftigt, erschien 1937 und damit tatsächlich sogar zwei Jahre BEVOR der Zweite Weltkrieg überhaupt ausbrach. Im Roman Swastika Night (dt. „Nacht der braunen Schatten“) von Katharine Burdekin begibt sich ein junger Engländer auf eine Pilgerreise durch das deutsche Weltreich und besichtigt dessen Wahrzeichen, etwa den „heiligen“ Münchner Flughafen, von dem Hitler höchstpersönlich mit seinem Flugzeug startete, um Moskau anzugreifen und den Krieg zu gewinnen – zumindest besagt das die nicht immer ganz glaubwürdige Legende.
Obwohl zum Erscheinen von „Swastika Night“ noch niemand mit Gewissheit sagen konnte, dass der Zweite Weltkrieg eines Tages kommen sollte, verstand sich das Buch als Mahnung auf Hitlers Vision eines „Tausendjährigen Reichs“ und machte es sich zur Mission, das Nazi-Regime als eine gefährliche, quasi-religiöse Ideologie zu entlarven, die sich ihre Welt mit Lügen zu einem Bild nach eigener Vorstellung formt.
Isaac Asimov, Philipp K. Dick: Ära der Science-Fiction-Ikonen
Kaum war der Zweite Weltkrieg vorüber, begannen die Autoren der goldenen Ära der klassischen Science-Fiction darüber nachzudenken, in welcher Welt sie wohl leben würden, hätten sich die Dinge anders abgespielt. 1952 erschien der britische Roman The Sound of His Horn, der etwa hundert Jahre in der Zukunft spielt, in der die Nazis zum Vergnügen „Fuchsjagden“ auf Menschen veranstalten.
Auch Science-Fiction-Ikone Isaac Asimov (Foundation, I Robot) war einer der Ersten, der das Thema aufgriff und mit der ebenfalls noch frischen Idee der Quantenphysik verband, dass es neben unserem Universum noch unzählige Paralleldimensionen geben könnte, in denen die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat.
In seiner Kurzgeschichte Living Space besiedelt die Menschheit unzählige Paralleluniversen – bis sie auf eine Dimension stößt, in der die Nazis den Krieg gewonnen haben und ihre Ausbreitungspolitik nun aufs gesamte Weltall und andere Dimensionen ausweiten. Der Titel Living Space ist passenderweise die wörtliche Übersetzung des Kampfbegriffs „Lebensraum“, das Nazideutschland als Rechtfertigung für ihre militärische Expansion gebrauchte.