Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03496.jsonl.gz/266

BOTSCHAFT ENTSCHLÜSSELT
Die Operation von Fabienne Pfammatter im Kantonsspital Schaffhausen dauerte viel länger als geplant. Durch den Sturz und das lange Liegen auf der Seite, war es für das leitende Chirurgenteam komplizierter als zuerst angenommen. Reto Hein sass im Warteraum und schaute sich immer wieder und wieder seine Videoaufnahme auf seinem iPhone an. Er versuchte selbst von den Lippen der aufgezeichneten Personen zu lesen, aber er verlor immer wieder den Faden. Und so musste er wohl oder übel auf die offizielle, angeforderte Abschrift warten. Hein schaltete sein Telefon aus und machte es sich in der Sitzecke so gemütlich und bequem wie es nur möglich war. Er schloss seine Augen und döste im Bruchteil von wenigen Sekunden ein.
Herbert Brönnimann war sehr angespannt und nervös. Kaum hatte er den Schauplatz bei der Waldhütte mit seinem SUV verlassen, griff er zum Telefon und wählte die erste Nummer. Es war die Zwei. Er liess drei, vier, fünfmal klingeln und legte wieder auf. Er wählte die Drei. Nach nur zwei Ruftonzeichen meldete sich eine männliche Stimme: «Ja?» «Dreizehn ist tot», sagte Brönnimann mit ruhiger Stimme und fuhr fort: «Es war der Polizist!» Ehe die Person am anderen Ende etwas sagen konnte, legte er wieder auf. Dieses Spiel wiederholte er mit allen «FLYING ANGELS» Nummern. Die, die er nicht persönlich erreichen konnte, liess er aussen vor, die anderen wurden auf dieselbe kurze Art und Weise informiert wie die Drei. Brönnimann war auf dem Weg in sein Büro in Schaffhausen, als kurz vor seinem Ziel auf dem Display «Kantonsspital Schaffhausen» aufblinkte. Erstaunt schaute er auf sein Telefon, zögerte einen Moment, atmete zwei, drei Mal tief durch und nahm den Anruf entgegen. Eine Person sprach auf ihn ein, er räusperte sich und gab zwischendurch immer wieder emotionslos Bemerkungen von sich. Etwa: «Nein!» «Zum Glück.» «Gottseidank!» «Hm!» «Okay!». «Danke für die Informationen, Doktor», sagte er und legte auf. «Fuck», gab er laut von sich und schlug dabei mit der linken Faust auf das Lenkrad. Er trat dabei aufs Gaspedal, die Reifen quietschten und fuhr weiter Richtung Büro.
Die Klettgauer Feuerwehren hatten den Brand der Waldhütte «zum Staffehau» relativ schnell unter Kontrolle. Den Einsatzkräften war es wichtig, auch den umliegenden Wald so gut es ging vor den Flammen zu schützen. Nach knapp zwei Stunden standen vom Haus nur noch ein paar wenige, verkohlte Balken wie Mahnmale senkrecht in den Himmel. Noch rauchte es da und dort aus dem feuchten, schwarzen Boden als die Mannschaft der Spurensicherung den Tatort betraten. In ihren weissen Overalls mit den hochgeklappten Kapuzen und den weissen Mundnasenschützen sahen sie in dieser Szenerie aus wie Astronauten auf einem fremden Planeten. Auch der Gerichtsmediziner war vor Ort und ging geradewegs auf die verbrannten Überreste des auf dem Dach liegenden Audi zu. Er ging auf die Fahrerseite und ging in die Hocke. Mit einer LED-Taschenlampe leuchtete er in das Wageninnere. Die verkohlte Leiche der Fahrerin hing noch immer kopfüber in den Sicherheitsgurten und hielt in ihrer linken Hand das zerschmolzene iPhone. Offenbar wollte Sabine Hungentobler in den letzten Sekunden ihres Lebens noch telefonieren. Dies wird die Technik noch eruieren ob und mit wem telefoniert wurde. Er machte aus verschiedensten Positionen erst einmal Fotos, während die Kollegen von der Spurensicherung bereits mit dem Rest des Fahrzeuges zu Gange waren. Der Mediziner griff zu seinem Handy und wählte Reto Heins Telefonnummer. Als der Kommissar, welcher im Warteraum des Spitals aus seinem Dämmerschlaf gerissen wurde, ans Telefon ging, schilderte der Spezialist ihm die Situation vor Ort und bestätigte den Fund einer Frauenleiche. «Die Identität kann ich dir beim besten Willen so nicht bestätigen, Reto, das dauert», sagte der Mediziner. Hein bedankte sich und die beiden legten auf. Das Team der Spurensicherung begann die Teile, jedes einzeln, in Plastiktüten zu verpacken und den ganzen Schauplatz in bereitstehende Kisten zu verladen. Eine Sisyphusarbeit, welche aber in dem eingespielten Team zügig von statten ging und für die weitere Aufklärung des Falles immens wichtig sein konnte. Vorsichtig schnitten sie zu zweit die Sicherheitsgurte des Audi durch und die stark verkohlte Leiche plumpste auf die zuvor darunter ausgelegte Plane. Die Spurensicherer bissen sich auf die Lippen und schmierten sich Mentholpaste unter die Nasenlöcher um den ekelhaften Geruch besser ertragen zu können. Sie zogen die Leiche aus dem Auto und schaffte diese in den bereitstehenden Sarg. Diesen verluden Sie in den Transporter des Gerichtsmediziners. Er zog in sicherer Distanz zum Tatort seinen Overall und die Gesichtsmaske aus, stieg ins Fahrzeug und fuhr talwärts davon. Die Spurensicherer waren noch ein paar Stunden mit der Arbeit beschäftig, bevor sie den Schauplatz ebenfalls verliessen.
Hein streckte sich und gähnte ungehemmt. Er stand auf, nachdem er das Telefonat mit dem Gerichtsmediziner geführt hatte und watschelte zum Kaffeeautomaten. Er kramte in seiner Hosentasche nach Münzen und warf ein fünf Franken Stück in den Schlitz. Er wählte: Cappuccino. Drückte, wartete und schaute zu wie ein Becher in die Ausgabe viel und der Automat sein Getränk zubereitete. Er Griff danach und nahm einen grossen Schluck. Er schlurfte zurück zu seinem Sitz und gerade als er sich wieder hinsetzen wollte, kam der Chefarzt der Chirurgie auf ihn zu. «Herr Hein», sprach ihn der noch im OP Kittel gekleidete Arzt direkt an. «Ja, der bin ich», sagte Reto Hein und richtete sich wieder auf. «Gibt es Neuigkeiten bezüglich Frau Pfammatter», fragte er gleich drauflos. «Ja», entgegnete der Arzt, «die gibt es.» «Dann schiessen sie mal los», drängelte Hein. «Nun», der Mediziner machte eine längere Kunstpause was dem Kommissar überhaupt nicht behagte. Er schaute ihn fordernd und fragend an. So fuhr der Arzt fort: «Nun, es war eine schwierige Operation, aber Frau Pfammatter ist soweit stabil. Sie wird eine längere Rekonvaleszenz Zeit benötigen.» Hein setzte sich. «Das heisst konkret?» und Hein schaute den Mann im OP Kittel wieder fragend an. «Monate», entgegnete der Arzt. «Kann ich zu ihr, bitte», flehte Hein. «Nein, momentan geht gar niemand zu ihr. Sie braucht Ruhe. Gehen sie nach Hause, Herr Hein, hier können sie nicht helfen. Auf Wiedersehen.» Ohne eine Antwort abzuwarten drehte der Chirurg auf dem Absatz und ging eilenden Schrittes zurück woher er gekommen war. Hein blieb noch minutenlang auf dem Stuhl sitzen und starrte auf den Krankenhausboden. Er war traurig und musste seine Tränen zurückhalten. Dann erhob er sich, schnappte sich seine Jacke und eilte mit stechendem Schritt zum Parkplatz. Mit quietschenden Reifen fuhr er in Richtung Stadt.
Herbert Brönnimann ging in seinem Büro nervös auf und ab. Die jüngsten Ereignisse überschlugen sich und es schien, als ob die Angelegenheit so kurz vor dem Ziel zu entgleiten schien. Er tigerte auf und ab und ab und auf. Dann blieb er bei seinem Schreibtisch stehen, griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer der Gerichtsmedizin. «Brönnimann», sagte er zackig als das Telefongespräch angenommen wurde. Ohne eine Antwort abzuwarten fragte er: «Schon etwas Neues von der Randen Leiche?» Die Stimme am anderen Ende verneint. «Hmmm, sofort informieren, wenn es etwas Neues gibt», sagte er bestimmt und knallte den Hörer wieder auf die Tischstation. Er liess sich in seinen schwarzen Ledersessel fallen, drückte den Knopf der Gegensprechanlage und bestellte bei seiner Sekretärin einen Kaffee. Er versuchte sich wieder zu fangen, richtete seine Krawatte und sein Jackett und setzte sich aufrecht hin. Er starrte in den Bildschirm und tat so, als wäre er schwer beschäftigt. Während seine Mitarbeiterin ihm den Kaffee servierte, fuhr zeitgleich Kommissar Reto Hein auf den Vorplatz des Polizeigebäudes. Er parkte seinen Land Rover Defender, drückte die Fernbedienung, schloss ab und lief zielstrebig über die Stufen zum Haupteingang. Unterwegs grüsste er immer wieder Kolleginnen und Kollegen. Er passierte den Sicherheitsbereich und begab sich zu den Aufzügen, drückte die Taste nach oben und musste nur kurz warten. Der Lift Nummer 2 öffnete die Schiebetüren, Hein trat hinein, drückte die Taste des obersten Stockwerks und lehnte sich an die Wand. Die Türen schlossen. Ein feines, leises «Bing» war zu hören. Reto Hein griff in seine Jackeninnenseite, zog sein iPhone heraus, swipte mit dem Daumen nach oben und las die Nachricht. «Mail Privat – Nachricht / Botschaft entschlüsselt. Starker Tobak!» Sofort drückte Hein im Fahrstuhl die Taste «E». Der Lift hielt auf der obersten Etage, die Türen öffneten sich und Herbert Brönnimann stand vor ihm. «Hein», wetterte dieser sofort los. «Ich muss mit ihnen reden!» Doch Hein drückte instinktiv die «Türen schliessen» Taste. Brönnimann eilte auf die sich schliessenden Schiebetüren zu und wollte diese wieder aufziehen, doch der Schliessmechanismus war schon eingerastet und Hein fuhr mit dem Aufzug wieder zurück ins Erdgeschoss. Herbert Brönnimann drückte nervös und mehrmals die Lifttaste. Erst als Reto Hein bereits unten angekommen war, stand dem Polizeikommandanten ein Fahrstuhl zur Verfügung. «Hab was vergessen», prustete Hein dem Sicherheitsbeamten beim Eingang zu und rannte raus auf den Parkplatz zu seinem Wagen, öffnete per Funk die Türen, öffnete die Fahrerseite, sprang hinein, startete den Motor und fuhr zügig rückwärts. Dabei touchierte er den Wagen von Brönnimann und hinterliess eine fette Delle in der Heckstossstange von dessen Wagen. Er kurbelte das Fenster hinunter, montierte das Blaulicht, schaltete die Sirene ein und fuhr mit Karacho vom Hof. Herbert Brönnimann stürmte aus dem Gebäude und sah nur noch Heins Rücklichter. «Scheisse», brüllte er über den Platz und blickte zu seinem demolierten Fahrzeug. Er kochte vor Wut, zückte sein Handy und wählte die Nummer der Einsatzleitung. «Verdächtiger Beamter auf der Flucht. Höchste Sicherheitsstufe. Bringt mir Hein», brüllte er ins Telefon und ging zurück ins Gebäude. Heins Fahrt währte nicht lange. Schnell schaltete er sein Blaulicht und die Sirene aus und fuhr nur kurz um die Häuser in die Parkgarage Herrenacker. Dort parkte er seinen Defender in der hintersten Ecke und begab sich schnurstracks in die Wohnung von Fabienne Pfammatter. Er wusste, dass ihn dort bestimmt für eine Weile niemand suchen würde.
FORTSETZUNG FOLGT...