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Interview
«Das Leben ist für mich ein grosses Rätsel»
Sir Anthony Hopkins (83) gewann für seine Rolle als Demenzkranker in «The Father» seinen zweiten Oscar. Interviews mit dem Waliser werden gerne mal zu Philosophiestunden.
Dustin Hoffman (83) beklagte sich schon vor Jahren, für ältere Schauspieler habe es in Hollywood keinen Platz mehr. Davon spürt der gleichaltrige Sir Anthony Hopkins nichts, der munter Film um Film dreht. Für den Kinostart von «The Father», ursprünglich auf Ende letzten Jahres geplant, musste er sich wegen der Pandemie allerdings gedulden. Deshalb wusste er zum Zeitpunkt dieses Interviews Ende November 2020 auch noch nichts vom Oscar, den er für seine Rolle als Demenzkranker erhalten würde.
Sir Anthony Hopkins, Sie sind 83 Jahre alt. Denken Sie, mit dem Alter wird man weiser?
Ich bin heute weise genug, um zu wissen, dass ich nichts weiss. Früher dachte ich, ich wüsste alles besser. Inzwischen weiss ich, dass ich nichts weiss. Und das gibt mir einen inneren Frieden. Ich befinde mich in einer zufriedenen, friedvollen Phase meines Lebens. Ich bin mit mir im Reinen.
Höhen und Tiefen
Anthony Hopkins wurde am 31. Dezember 1937 in Margam, Wales, geboren. Während seiner Schulzeit litt er unter Legasthenie. 1960 erhielt er einen Stu- dienplatz an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Mit dem Start der Filmkarriere 1967 verfiel er dem Alkohol, dem er 1975 entsagte. Nach mehreren Emmys gelang Hopkins 1991 mit seiner Oscar-prämierten Rolle des Kannibalen Hannibal Lecter in «Das Schweigen der Lämmer» der endgültige Durchbruch. 1993 wurde er vom britischen Königshaus zum Ritter geschlagen. 2021 erhielt er für die Hauptrolle in «The Father» seinen zweiten Oscar – und verschlief ihn, weil er nicht damit gerechnet hatte. Hopkins hat eine Tochter und lebt in dritter Ehe mit der Schauspielerin Stella Arroyave (65) in Los Angeles.
Setzen Sie sich mit Ihrer Sterblichkeit auseinander?
Bei den Dreharbeiten zu «The Father» hatte ich ein sehr erhellendes Erlebnis. Auf dem Nachttisch am Set sah ich meine Lesebrille und die Fotos meiner beiden jüngeren Töchter – und da traf mich unvermittelt die Erkenntnis, wie zerbrechlich doch das Leben ist. Wenn wir tot sind, sind wir weg. Die Fotos sind alles, was von uns bleibt. Nehmen wir meine Eltern: Bis auf ein paar Fotos kann ich Ihnen nicht einmal beweisen, dass sie existierten. Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst, hoffe aber, dass ich noch viele Jahre vor mir habe.
Viele ältere Menschen litten und leiden unter der Pandemie. Wie erging es Ihnen im Lockdown?
Ich geniesse jeden Tag und versuche, aus schwierigen Situationen wie der Zeit im Lockdown das Beste zu machen. Ich spiele Klavier, lese und male. Was mich am Leben hält und vorwärts blicken lässt, ist die Möglichkeit zu arbeiten.
Ihr neuster Film «The Father» zeigt das Thema Demenz aus der Perspektive eines Betroffenen und wirkt wie ein Mystery-Thriller. Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch lasen?
Ich war auf Anhieb fasziniert. Um ehrlich zu sein, musste ich gar nichts mehr beisteuern. Ich musste nur meinen Text auswendig lernen und auf die Situationen reagieren. Wenn plötzlich ein Fremder im Raum steht, ist es nicht schwierig, überrascht zu sein. Ich erinnere mich an die eine Szene mit Olivia Coleman beim Arzt. Ich musste mein Geburtsdatum nennen – es ist übrigens mein richtiges –, und danach begann eine hitzige Diskussion. Da traf mich plötzlich die Erkenntnis: Das ist genau mein eigener Vater. Er litt in seinen letzten Jahren an einer Herzkrankheit und wurde dadurch sehr depressiv, aggressiv und streitsüchtig. Ich sah in jener Szene meinen alten Herrn und spürte den Schmerz, den er durch seine Schroffheit bei meiner Mutter auslöste. Heute weiss ich: Er hatte einfach Angst.
Schauspieler sprechen oft davon, bei ihrer Arbeit «im Moment» leben zu müssen. Waren diese Dreharbeiten die Reinform davon?
Ja. Es war sehr einfach, in diesem Film mitzuspielen, weil das Drehbuch wie eine Landkarte war. Diese Szenen bleiben aber nur einfach, wenn du sie auch einfach lässt. Du darfst nicht zu viel hinterfragen, sondern musst dich tragen lassen von den Situationen, die entstehen.
Ist das auch Ihr Lebensmotto?
Je älter ich werde, desto weniger versuche ich, die Dinge zu analysieren. Als junger Schauspieler versuchst du, möglichst viele Aspekte aus deiner Figur herauszuarbeiten. Ich habe aber gemerkt, dass es einfachere Herangehensweisen gibt. Das hat nichts damit zu tun, dass ich meinen Job weniger ernst nehme, aber über die Jahre habe ich gelernt, wie mein Geist funktioniert. Und wie die Welt funktioniert. Man muss nur darauf vertrauen.
Womit wir wieder bei der Lebensweisheit wären.
Das Leben ist für mich immer noch ein grosses Rätsel. Letztes Jahr traf meine Frau Stella einen alten Lehrer von mir, der schon weit über 90 war. Sie fragte ihn nach mir und er sagte: «In der Schule war er nicht der Hellste.» Und ich erinnere mich gar nicht an ihn! Ich glaube, es war Schopenhauer, der sagte: «Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, ist es, als hätte jemand anders einen Roman geschrieben. Wir selbst haben keine Ahnung, wie wir hierhergekommen sind.» Daran glaube ich. Ich schaue mein Leben an und denke: Ich habe nichts davon getan.
Ihre Filme und die beiden Oscars beweisen das Gegenteil.
Dennoch habe ich das Gefühl, nichts dafür getan zu haben. Ich war zwar immer pünktlich, aber ich habe viele, viele Fehler gemacht. Ich bin ein alter Sünder, und doch bin ich hier.
Sie meinen sicher ihren Alkoholismus, mit dem Sie offen umgehen. Sie feierten kürzlich Ihr 45-jähriges Trockensein.
Wie zur Hölle konnte mir all dieses Glück nur passieren? Ich habe keine Ahnung. Das zeigt mir, dass es im Leben mehr gibt, als ich verstehe. Vielleicht meine ich Gott … Sicher aber den göttlichen Prozess des Lebens. Es ist so eine wunderbare Erfahrung, einfach nur am Leben zu sein. In diesem Moment hier zu sein. Es ist unglaublich.
Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis für den Umgang mit Demenz?
Geduld ist unglaublich wichtig. Es braucht so viel Mut, diese Menschen nicht immer zu korrigieren und sie nicht mit der traurigen Realität zu konfrontieren. Ich habe mal von einem New Yorker gehört, der in Los Angeles lebt. Der schaute jeden Abend auf den Pazifik hinaus und fragte seine Tochter, warum der Hudson River plötzlich so gross aussehe. Sie hat ihn nie verbessert, sondern stets liebevoll abgelenkt. Lassen wir diesen Menschen doch ihren Frieden.
Aber auch die Angehörigen leiden.
Ja, für die Töchter und Söhne ist es hart. Denn sie leben immer in der Realität und müssen damit umgehen. Es ist sehr schmerzhaft mitzuerleben, wie ein Familienmitglied langsam verloren geht. Ich habe meinen Vater erlebt, wie er gegen Ende hin jeglichen Bezug zur Realität verlor. Das war schrecklich. Als er endlich gehen durfte, waren wir alle erleichtert. Am Tag nach seinem Tod ging ich die Strasse in Newport in Wales hinunter, sah die blühenden Kirschbäume und dachte: Gott sei Dank ist es vorbei. Er ist gegangen, und das Leben geht weiter. Das war hart und ein Weckruf für mich. Ich war ein junger Mann Anfang 40 und dachte: So ist das Leben.
Sir Anthony, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Der Geniestreich
Innovatives Drama
Filme über Demenz gibt es schon viele. Aber noch nie wurde uns vor Augen geführt, wie sich ein Mensch, der an dieser heimtückischen Krankheit leidet, fühlen muss. Der französische Regisseur Florian Zeller (42) setzt diesen Perspektivenwechsel optisch genial um: Der Zuschauer rätselt mit Anthony Hopkins mit, wenn plötzlich fremde Leute in seiner Wohnung auftauchen und behaupten, mit ihm verwandt zu sein. Wem soll man da noch trauen?
«The Father» läuft ab 24.6. im Kino.