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Auf je 2 Seiten wurden Detailanalysen erstellt zur Freiwilligenarbeit in zehn verschiedenen Bereichen: vom Sport bis zu den Kirchen, von der Kultur bis zu den politischen Parteien. Vergleicht man die Factsheets miteinander, müssen manche Phänomene der Freiwilligenarbeit differenzierter betrachtet werden.
Der Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016 informierte vor eineinhalb Jahren auf 300 Seiten über das freiwillige Engagement in der Schweiz. Damit die Resultate bei den Koordinatoren der Freiwilligen in Hilfswerken, Sportvereinen, Kirchen und Parteien noch eine stärkere Verbreitung findet, hat die SGG vor einigen Monaten die Lamprecht & Stamm Sozialforschung und Beratung (LSSFB) beauftragt, auf der Basis der Monitor-Daten spezielle Factsheets zu kreieren für 10 verschiedene Bereiche der Freiwilligenarbeit. Die Factsheets bieten auf je 2 Seiten Detailanalysen zur Freiwilligenarbeit in den Bereichen Sport, Kirchen, Soziales, Kultur, Menschenrechte, Umwelt, Spiel und Freizeit, Interessenverbände, Öffentliche Dienste und Ämter (Feuerwehr, Sanität), Jugendorganisationen, politische und öffentliche Ämter (Kommissionen, Parlamente, Gericht, Vormundschaft) sowie politische Parteien. Die Factsheets informieren über die zahlenmässige Entwicklung der Freiwilligenarbeit bezüglich Geschlecht, Alter, Sprachregion, Siedlungstyp, Nationalität, Haushaltseinkommen, Arbeitsaufwand, Entschädigung und Motive. Die Factsheets können hier als PDFs heruntergeladen werden. Die Factsheets existieren auch im Power-Point-Format, damit Organisationen diese auf einfache Weise in ihre eigenen Präsentationen integrieren können. Diese Dokumente sind den Monitor-Partnerorganisationen vorbehalten. Informationen über die Monitor-Partnerschaft finden Sie auf dieser Webseite etwas weiter unten.
Hält man die Factsheets mit ihren Grafiken und Zahlen nebeneinander, fallen einem je nach Engagement-Bereich Gemeinsamkeiten sowie starke Unterschiede auf. Einige Auffälligkeiten seien an dieser Stelle genannt.
40-90% der Vereinsmitglieder sind aktive Mitglieder bzw. 10-60% sind Passivmitglieder. In Umweltorganisationen, Interessenverbänden sowie in sozialen Organisationen sind rund die Hälfte der Mitglieder reine Beitragszahlende. Je nach Bereich wirken 15-40% der Mitglieder von Organisationen als Freiwillige. In der Kultur und in öffentlichen Ämtern und Diensten wirken 2 von 5 Mitgliedern als Freiwillige, in politischen Parteien, Interessen- und Freizeitverbänden nur jedes fünfte Mitglied und in Umweltgruppen nur jedes neunte Mitglied.
Eine weitere Auffälligkeit betrifft die Geschlechter. Medien berichten regelmässig, dass Männer in der formellen Freiwilligenarbeit innerhalb von Vereinen und Organisationen stärker engagiert sind als Frauen. Wer die Factsheets genauer miteinander vergleicht, findet den Grund für dieses Phänomen. In den Sportvereinen, wo jede und jeder Dritte Mitglied ist, sind 15% der männlichen und 7,5% der weiblichen Bevölkerung freiwillig tätig. Dass das freiwillige Engagement von Frauen und Männern sehr unterschiedlich ist, sieht man speziell in politischen Parteien: Bei den 15 bis 29-Jährigen sind 4 Mal mehr Männer als Frauen freiwillig tätig, bei den 30 bis 44-Jährigen sind es gleich viele und bei den 45 bis 59-Jährigen sind es wieder 4 Mal mehr Männer als Frauen. Im öffentlichen Dienst sind bei den 30 bis 44-Jährigen 6 Mal mehr Männer als Frauen tätig. Das hat vermutlich damit zu tun, dass diese Tätigkeiten finanziell entschädigt werden. Auch sind in diesem Bereich traditionelle Rollenbilder noch stärker verankert. In der Kirche sind mehr Frauen als Männer freiwillig tätig, bei den 15 bis 29-Jährigen sind es sogar doppelt so viele Frauen wie Männer.
Auch die Meinung, dass in der deutschsprachigen Schweiz grundsätzlich mehr freiwillig gearbeitet wird als in der lateinischen Schweiz, kann man dank der Factsheets etwas differenzierter betrachten. In manchen Bereichen wirken Freiwillige zwischen Rorschach, Freiburg und Gotthard tatsächlich fast doppelt so stark formell freiwillig wie in der Romandie und im Ticino: etwa im Sport, in Interessenverbände und in der Politik, während in Umwelt-, Menschrechts- und Sozial-karitativen Organisationen die Romands und Tessiner ebenso stark oder gar stärker engagiert sind.
Vergleicht man die Grafiken der verschiedenen Freiwilligenbereiche, muss man auch eine weitere oft wiederholte Tatsache der Freiwilligenarbeit differenzieren. Dass sich auf dem Land mehr Freiwillige engagieren als in Agglomerationen und Städten, hat nicht nur damit zu tun, dass es in jedem Dorf einen Turnverein, einen Kirchenchor und eine Blasmusik gibt. Auffallend ist, dass auf dem Land viel mehr Freiwillige im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Ämtern tätig sind als in Städten und Agglomerationen. Der Grund ist relativ leicht zu finden. In Städten und Agglomerationen werden diese Tätigkeiten schon seit längerer Zeit durch bezahlte Angestellte verrichtet.
Für das Phänomen, dass sich Personen mit ausländischen Nationalitäten weniger stark freiwillig engagieren als Inländer, liefern die Factsheets ebenfalls eine logische Begründung. Im öffentlichen Dienst engagieren sich vier Mal mehr Inländer als Ausländer, in öffentlichen Ämtern sechs Mal mehr und in politischen Parteien sogar siegen Mal mehr. Das hängt damit zusammen, dass beispielsweise bei der Feuerwehr nicht sehr aktiv um Ausländer geworben wird. Und in politischen Parteien macht ein Engagement ohne Schweizerpass wenig Sinn.
In der Freiwilligenforschung taucht auch immer wieder das Faktum auf, dass sich Besserverdienende mehr freiwillig engagieren als wenig Verdienende. Die Factsheets erlauben aber eine etwas differenziertere Sichtweise. In den Kirchen, Menschenrechtsgruppen und Umweltverbänden erhalten die meisten freiwillig Engagierten einen Monatslohn von 5'000 bis 7'000 Franken. In Kulturvereinen dominiert die Gehaltsklasse von 7'000 bis 11'000 Franken. Nur in den den Interessenverbänden, politischen Ämtern und Parteien sind es jene mit einem Monatslohn von über 11'000 Franken, die sich am häufigsten freiwillig engagieren.
Interessant ist auch der Vergleich bezüglich Entschädigungen in den Organisationen der verschiedenen Gesellschaftsbereiche. Im öffentlichen Dienst erhält die Hälfte der Freiwilligen Aufwandpauschalen, Sitzungsgelder und eine geringe Bezahlung. Streng genommen sind sie dadurch nicht mehr wirklich Freiwillige. In Umwelt- Und Menschrechtsgruppen erhalten 45% keinerlei Entschädigung, in den Kirchen sind es 36%, während im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Ämtern nur 7-8% keine Entschädigung erhalten.
Was die Motivation der Engagements betrifft, so wollen fast alle Personen in politischen Parteien, in politischen und öffentlichen Ämtern sowie in sozial-karitativen Organisationen etwas bewegen. Im öffentlichen Dienst ist auch der Wunsch nach Kompetenzerweiterung und Netzwerkpflege sehr stark. Beim freiwilligen Engagement in politischen Parteien und im öffentlichen Dienst sowie in Interessenverbänden ist der Nutzen für die eigene Karriere ein sehr viel höheres Motiv als etwa in kirchlichen, sozialen oder ökologischen Organisationen.
Die Factsheets liefern auch interessante Erkenntnisse bezüglich der Gewinnung von Freiwilligen. Die meisten beginnen ihr freiwilliges Engagement durch das persönliche Angesprochenwerden von Leitungspersonen in Organisationen. In Jugendorganisationen sind oft auch Bekannte oder Familienmitglieder der Grund für die Aufnahme eines Engagements. In Jugendorganisationen und im Kulturbereich sind persönliche Erlebnisse dominante Auslöser für die Freiwilligenarbeit. Relativ wenige Freiwillige finden über Info-Stellen, eigene Kinder oder die Medien zu einem unbezahlten gesellschaftlichen Engagement. 18% der Befragten gaben an, dass sie auf andere Weisen zu ihrem Engagement gelangten. Vermutlich dürfte es sich um Internet-Recherchen handeln.
Wer sich in einem Verein engagiert, ist oftmals noch in einem oder mehreren weiteren Vereinen aktiv oder engagiert sich auch ausserhalb von Organisationen in loserer Form beispielsweise in der Nachbarschaft. Vier von fünf Personen, die politische oder öffentliche Ämter bekleiden oder in politischen Parteien wirken, engagieren sich gleichzeitig in Organisationen anderer Gesellschaftsbereiche. Und zwei von drei politisch Engagierten sind auch informell freiwillig tätig, während es im Sport, in Jugendorganisationen sowie in Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen nur zwei von fünf Engagierten sind, die sich im informellen Bereich freiwillig engagieren.
Ein Phänomen lässt einen beim Betrachten der meisten Factsheets etwas stutzig werden. In der Altersgruppe der über 75-Jährigen sind die Männer fast in allen Bereichen engagierter als die Frauen. So sind beispielsweise mehr Männer als Frauen dieser Altersgruppe in den Kirchen freiwillig tätig. Wie kann das sein? Nun, die Statistiken und Grafiken zeigen nicht die absoluten Zahlen auf, sondern den prozentualen Anteil der jeweiligen Altersgruppe. Und weil Männer weniger alt werden als Frauen, liegt die Anzahl aktiver Männer folglich proportional zur Gesamtheit aller Männer über 75 Jahren höher als bei den Frauen.
Es ist den Vereinen und Organisationen zu wünschen, dass sie beim Studium der Factsheets aus ihren eigenen Bereichen sowie im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Bereichen wertvolle Erkenntnisse gewinnen und entsprechende Massnahmen ergreifen können, um in Zukunft noch effizienter und effektiver neue Freiwillige zu suchen und zu finden.