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Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) zählt zu den meistzitierten Autoren der Welt, seine Erzählung «Der kleine Prinz» ist mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten, und sein abenteuerliches Leben hat selbst alles, was ein guter Roman braucht. Ein bisschen ist dies alles das Verdienst der Stadt Freiburg und einer Knabenschule im Perollesquartier, die es längst nicht mehr gibt. Das zumindest sagt der Historiker Alain-Jacques Tornare, der sich seit vielen Jahren mit dem Leben und Werk des französischen Schriftstellers beschäftigt. «Freiburg hat Saint-Exupéry gerettet», so Tornare.
Im Auge des Sturms
In den Jahren 1915 bis 1917 war es, als der junge Antoine de Saint-Exupéry die von französischen Marianisten geführte Knabenschule in der Villa Saint-Jean besuchte. Das 1904 eröffnete Internat befand sich am Rande des Perolles-Waldes, dort, wo heute das Kollegium Heilig Kreuz steht. 1962 wurde die Schule geschlossen; in den Siebzigerjahren wurde die Villa Saint-Jean abgerissen, um Platz für den Kollegiums-Neubau zu schaffen. Alles, was aus Saint-Exupérys Zeit stehen geblieben ist, sind die Villa Gallia neben der heutigen Turnhalle und die Holz-Überdachung auf dem Sportplatz.
Mitten in den Wirren des Ersten Weltkriegs sei dieser Ort für Antoine de Saint-Exupéry eine Insel des Friedens gewesen, sagt Alain-Jacques Tornare. «Es war, als befände er sich im Auge des Sturms, wo er zu sich fand, ehe er in sein Leben als Schriftsteller und Pilot abhob.» Dabei war es kein Zufall, dass es Antoine und seinen jüngeren Bruder François ausgerechnet nach Freiburg verschlug. Die Mutter der beiden wollte ihre Söhne vor dem Krieg schützen. Sie hatte Angst, sie könnten sich trotz ihres jugendlichen Alters freiwillig für den Kriegsdienst melden. Zudem war sie besorgt um die Gesundheit ihrer Kinder: Antoine, der mit 15 Jahren schon 1,84 Meter gross war, litt wegen seiner Grosswüchsigkeit an Blutarmut. François hatte eine schwere Herzkrankheit, an der er 1917 sterben sollte. Dass die Wahl auf die Villa Saint-Jean fiel, sei naheliegend, erklärt Historiker Tornare. «Die Schule war damals bei französischen Aristokraten gut angesehen. Die französische Ordensgemeinschaft der Marianisten erteilte ihren Schülern, ausschliesslich Franzosen, eine humanistische Ausbildung und bereitete sie auf das französische Baccalauréat vor.»
Für Antoine de Saint-Exupéry, zuvor ein schwieriger Schüler, waren die Marianisten ein Segen: Sie waren pragmatische Lehrer, denen es nicht um strikten Gehorsam ging, sondern vielmehr darum, die Persönlichkeit und den Geist ihrer Schüler zu formen. «Mit ihrer Offenheit bereiteten sie Saint-Exupéry gut auf sein späteres Leben vor», sagt Tornare. Auch hätten die Marianisten keine strenge Religiosität eingefordert, sondern es sogar zugelassen, dass Saint-Exupéry in seiner Zeit in Freiburg angefangen habe, am Glauben zu zweifeln, nicht zuletzt durch die Krankheit und den Tod seines Bruders. «Spiritualität war ihm wichtig, doch zur Religion kehrte er auch später nie zurück.»
Es sei zwar eine kurze Zeit gewesen, die Saint-Exupéry in Freiburg verbracht habe, aber eine, die ihn geprägt habe, sagt Alain-Jacques Tornare, der demnächst eine Publikation über die im Bundesarchiv verwahrte Korrespondenz des Schriftstellers veröffentlicht. So schrieb Saint-Exupéry im Jahr 1928 an seine Schwester Simone: «Dakar, Port-Etienne, Cap Juby, Casablanca – die 3000 Küstenkilometer haben nicht die Dichte von 20 Quadratmetern in Freiburg.» Auch in Saint-Exupérys Büchern hat Freiburg Spuren hinterlassen: 1916 entstand hier eines seiner ersten Gedichte, dessen Titel «Soleil d’Or» vom Namen eines Cafés im Burgquartier stammte. Die «Villa blanche», die in Saint-Exupérys erstem Roman «Courrier Sud» (1928) mehrmals auftaucht, ist direkt inspiriert von der Villa Saint-Jean: «In der Sahara, Bernis, wo ich auf dich warte, erinnere ich mich wehmütig an unsere Kindheit: eine weisse Villa zwischen den Kiefern.» Und auch das Buch «Pilote de guerre» (1942) beginnt in Freiburg: Über mehrere Abschnitte träumt sich der Autor zurück in seine Jugend als Fünfzehnjähriger am «Collège».
Freunde fürs Leben
Dass Saint-Exupéry Freiburg gemocht und nie vergessen habe, zeige sich auch daran, dass es der einzige Ort aus seiner Kindheit und Jugend sei, an den er später, im Jahr 1927, zurückgekehrt sei, sagt Tornare. Und der Schriftsteller, sonst eher ein Einzelgänger, habe in der Villa Saint-Jean Freunde gefunden, die ihn während seines ganzen Lebens begleitet hätten – bis zu jenem 31. Juli 1944, als er als Militärpilot beim Absturz seines Aufklärungsfliegers unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben kam.
Umgekehrt hat auch Freiburg Saint-Exupéry nicht vergessen: Seit 1996 heisst die Strasse, an der das Kollegium Heilig Kreuz liegt, «Rue Antoine-de-Saint-Exupéry». Im Jahr 2000 beteiligten sich die Stadt und das Kollegium an den Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag Saint-Exupérys. Und jetzt, hundert Jahre nach seinem Aufenthalt in Freiburg, wird er erneut gefeiert (siehe Kasten unten rechts). Was macht denn die ungebrochene Faszination aus? Für Alain-Jacques Tornare, der selber seit seiner Jugend ein Bewunderer Saint-Exupérys ist, ist es die Kombination aus dessen Persönlichkeit, dessen Biografie und dessen schriftstellerischem Können. «Saint-Exupéry berührt einfach alle: Alte und Junge, Menschen aus aller Welt – und sogar einen zynischen Historiker wie mich.»
Programm
Festakt, Ausstellung, Vortrag und Broschüre
Die Stadt Freiburg und das Kollegium Heilig Kreuz organisieren am Donnerstag eine Feier zum 100-Jahr-Jubiläum des Aufenthalts Antoine de Saint-Exupérys in Freiburg. Syndic Thierry Steiert, Rektorin Christiane Castella Schwarzen und Olivier d’Agay, Präsident der Stiftung Saint-Exupéry, werden das Wort ergreifen. Zudem wird die Ausstellung «Auf den Spuren von Antoine de Saint-Exupéry» eröffnet, die bis Ende Mai zu sehen ist, und der Saint-Exupéry-Biograf Alain Vircondelet hält einen Vortrag. Parallel zu den Feierlichkeiten hat Freiburg Tourismus und Region ein Büchlein herausgegeben, das den Spuren Saint-Exupérys in Freiburg folgt, liebevoll illustriert vom Freiburger Zeichner Ludo Hartmann (die FN berichteten).
Öffentliche Feier: Do., 6. April, ab 17.30 Uhr am Kollegium Heilig Kreuz in Freiburg.
Kollegium Heilig Kreuz
Antoine de Saint-Exupéry inspiriert die Jugend von heute
Christiane Castella Schwarzen ist die Rektorin jener Schule, die seit 1983 dort steht, wo sich früher die Villa Saint-Jean befand: das Kollegium Heilig Kreuz. «Es ist ein Glück und eine Chance, einen so bedeutenden Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry hier gehabt zu haben», sagt sie. Wenn sie den Schülerinnen und Schülern zu Beginn ihres ersten Schuljahres die Geschichte des Kollegiums erzähle, erwähne sie immer auch Saint-Exupéry, der bei seinem Aufenthalt in Freiburg genau im Alter der heutigen Gymnasiasten gewesen sei. «Er berührt und begeistert noch heute», so die Rektorin. Das zeige sich auch in den Arbeiten, die Schülerinnen und Schüler in diesem Schuljahr im Fach Bildnerisches Gestalten rund um das Werk und die Biografie des Schriftstellers realisiert hätten. Auch interdisziplinäre Arbeiten mit verschiedenen Fachlehrern seien daraus hervorgegangen. «Ich spüre sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Lehrern viel Enthusiasmus.»
Doch woran liegt es, dass Saint-Exupéry bis heute so begeistert? Zum einen sei er ein begnadeter Schriftsteller gewesen, so Christiane Castella Schwarzen. «Er schrieb in einem wunderschönen Französisch und schaffte es, seine Romane in seiner eigenen Realität, der eines Piloten und Abenteurers, zu verankern.» Das mache seine Texte so glaubwürdig. Zudem sei Saint-Exupéry eine faszinierende Persönlichkeit, jemand, der mit seiner Offenheit, seiner Neugier, seinem Mut und seinem Draufgängertum niemanden kalt lasse. «Er erzählt davon, wie man Hindernisse überwindet, wie man bis ans Ende der Dinge geht und wie man daraus Selbstvertrauen schöpft – das ist eine universelle Botschaft.»