Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03554.jsonl.gz/1813

E-Mail-Adresse für den Newsletter
"Man erstickte an dem was man verbirgt." Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski erschien "Das weingetränkte Notizbuch" auch als kleine gebundene Ausgabe in der Fischer Taschenbibliothek. Die Publikation beruht auf dem amerikanischen Nachlaßband "Portions from a Wine-Stained Notebook. Uncollected Stories and Essays 1944-1990" bei City Lights Books, San Francisco, 2008.
Erzählungen, Essays, Rezensionen und Zeitungskolumnen Bukowskis, die er für Underground-Zeitungen, Literaturzeitschriften und sogar Pornomagazine schrieb, werden hier aus seinem Nachlass neu publiziert. Die erste Sensation dieses 464 Seiten starken Sammelbandes ist wohl sein literarisches Debüt "Ablehnungsbescheid", das Bukowski mit 24 Jahren in der Zeitschrift "Story" publizierte. Außerdem werden weitere Essays seiner Artikelserie "Notizen eines Dirty Old Man", die er am Höhepunkt des Sommers der Liebe 1967 verfasst und so gar nichts damit zu tun haben, vorgestellt. Aufgrund dieser Kolumne und der Unterstützung durch den Verleger John Martin/J.K. Larkin konnte er zwei Jahre später seinen Brotjob bei der Post an den Nagel hängen und als Schriftsteller endlich richtig loslegen. Er schrieb dann neben Gedichten und Essays auch seinen ersten Roman "Der Mann mit der Ledertasche". Charles Bukowski war gerade mal 50 Jahre alt geworden und hatte noch ein halbes Leben als Schriftsteller vor sich.
Mehr als beeindruckend ist seine Beschreibung seiner Begegnung mit John Fante, die unter dem Titel "Ich lerne den Meister kennen" in vorliegendem Band die Authentizität Bukowskis unter Beweis stellt. Aus diesem Essay stammt auch der eingangs zitierte Satz, der wohl auch zu Bukowskis schriftstellerischem Credo gehörte. Denn Buk haute wirklich alles raus, was ihm einfiel und nahm dabei keinerlei Rücksicht auf irgendwelche Anstandsregeln oder Moral. Im Dialog mit Fante, der sich nach zwei Beinen nun auch die Augen (!) rausnehmen lassen soll, rät ihm Bukowski, den Fante als gestandenen Realisten einschätzt, mit den Worten "Ich glaube immer an ein mögliches Wunder" es nicht zu tun. Fante ist darüber verwundert und Bukowski legt nach: "Ich bin aber auch Spieler." Und vielleicht ist es genau das, was ihn so sympathisch macht, dass er eben beide Seiten kennt. Das Gewinnen und das Verlieren.
Der vorliegende Band ist mit einem Vorwort von David Stephen Calonne und den Quellen versehen, wo die jeweiligen Stories erstmals erschienen.