Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03459.jsonl.gz/434

In ihrem ersten Roman legt die junge Kroatin Ivana Sajko offen, wie schwierig und schmerzvoll das Schreiben über Krieg ist. Spürbar wird eine neue Dringlichkeit.
Eine junge Frau trinkt in der Rio-Bar, irgendwo an der kroatischen Küste, und schreibt über den Krieg. «Ich habe keine Angst mehr vor den Toten, deren Köpfe zerschmettert sind und die in den Gärten ausgesät wurden», notiert sie. «Ich habe keine Angst vor ihnen, ich halte sie in meiner Erinnerung fest. Ich weiss, dass das weder gesund noch klug ist (...), noch entspricht es den politischen Erfordernissen.»
Braut im Luftschutzkeller
Die schreibende Frau ist Hauptfigur im ersten Roman der 33-jährigen Zagreber Autorin Ivana Sajko. Als das Buch 2006 in Kroatien erscheint, liegen die Feiern zum zehnten Jahrestag des Kriegsendes auf kroatischem Gebiet nur wenige Monate zurück. Der Krieg ist in den zahlreichen Festreden kaum ein Thema. PolitikerInnen sprechen von den raschen Entwicklungen des jungen Staates und weisen auf einen baldigen EU-Beitritt hin.
Sajkos Heldin in der Rio-Bar nimmt sich «acht Monologe über den Krieg für acht Schauspielerinnen in Brautkleidern» vor. Es fällt ihr nicht leicht, sich aufs Schreiben zu konzentrieren. Nach jedem Schluck ordnet sie die Gegenstände auf dem Tisch neu, Weinglas, Wasserglas und Aschenbecher. Sie trinkt, bis sie nicht mehr alleine gehen kann, übergibt sich im Auto neuer Bekannter und erwacht regelmässig in fremden Betten.
Ivana Sajko gelingt es, die schmerzvolle Unruhe ihrer Protagonistin spürbar zu machen, auch wenn sie nicht direkt angesprochen wird. «Rio Bar» ist nicht leicht zu lesen. Die acht Monologe der Bräute sind über insgesamt 23 sich nicht aufeinander beziehende Kapitel verstreut. Ständig wechseln Perspektive und Zeitebene. Im ersten Kapitel berichtet die Braut von ihrer Hochzeitsnacht, in welcher der Krieg ausbricht, vom Kleid, das sie im Luftschutzkeller zu Verbandsmaterial und Damenbinden zerschneidet. Im zweiten Kapitel reden ein Mann und eine Frau, irgendwo auf einem Parkplatz, über Verzeihung und Entschädigung, über Mitgefühl und Gleichgültigkeit; der Krieg scheint vorbei zu sein. Gleich darauf füllt eine Frau einen Selbstdiagnostik-Fragebogen für Alkoholismus aus. Erst allmählich fügen sich die einzelnen Passagen des Romans wie Collagenschnipsel zu einem Ganzen. Im letzten Kapitel geht die Erzählperspektive in den Monolog der Icherzählerin über; die Frau aus der Rio-Bar und die Braut werden eins.
Comics als Inspirationsquelle
Sajko, die sich als experimentierfreudige Theaterregisseurin einen Namen gemacht hat, gönnt den LeserInnen keine Verschnaufpause. Ihr Text zieht zügig voran, sie erzählt nahe der gesprochenen Sprache, teilweise jargonhaft. «Die ganze Scheisse dieser Welt beginnt eben mit diesem Zeichentrickfilm, der regelmässig vor den Hauptnachrichten kommt», schreibt sie einmal. «All das beginnt, wenn Tom in Jerrys Mauseloch Dynamit schiebt und ihn mit dem Rasenmäher skalpiert.» Trickfilme und Comics sind eine wichtige Inspirationsquelle. Sie fügt Ausrufezeichen aneinander, wiederholt lautmalerisch Vokale («Siiiiiiiieg») und Worte («schlug schlug schlug»), schreibt ganze Sätze in Grossbuchstaben. Menschen kriechen der Zimmerdecke entlang oder bilden Tausendfüssler. Besonders beklemmend wird es, wenn sie tatsächlich wie Tom und Jerry aufeinander losgehen: «Der, der unbewegt am Boden lag, spielte die Rolle der Matratze. Sie sprangen mit aller Wucht auf seinen Federn herum.»
Kennzeichnend für «Rio Bar» sind auch die Fussnoten; in «Anmerkungen zum Krieg» verweist Sajko in sachlicher und dennoch persönlich gefärbter Sprache auf das kroatische Lexikon, auf Zeitungsartikel und auf politische Reden und stellt Aussagen der kroatischen solchen der serbischen Seite gegenüber.
«Rio Bar» widerspiegelt auf eindrückliche Weise die Suche nach einer Form und Sprache, um die Ereignisse im Kroatien der neunziger Jahre festzuhalten. An der Buchmesse in Leipzig im März dieses Jahres, wo Kroatien Schwerpunktland war, haben neben Ivana Sajko auffällig viele AutorInnen ihrer Generation von sich reden gemacht. Als der Krieg ausbrach, waren sie noch Teenager. «Sie war damals nicht alt genug, sodass man sie nicht für die nationalistische und expansionistische Politik verantwortlich machen kann», schreibt Ivana Sajko in «Rio Bar» über ihre Protagonistin. Sie war aber alt genug, um sich zu erinnern.
Der Krieg ist ein wichtiges Thema der aktuellen kroatischen Literatur. Die jungen AutorInnen erproben ihnen vertraute Textsorten; viele fühlen sich in den neuen Medien heimisch. Sie haben nicht die Absicht, «grosse Romane» zu schreiben; in ihren Texten ist die Dringlichkeit spürbar, zu sagen, wie es wirklich war. - «Nie wieder» lautet der letzte Satz von Ivana Sajkos «Rio Bar».