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31.12.2019 - Judith Stamm
31.12.2019
Judith Stamm
Neues Jahr, alles neu
Das Buch von Alexander Dill «Die Welt neu bewerten» stellt unsere Denkgewohnheiten auf den Kopf. Der monetären Bewertung von Ländern (BIP) stellt er eine Alternative gegenüber, die er Sozialkapital nennt. Dieses umfasst etwa Vertrauen, Solidarität und Hilfsbereitschaft als Grundlage des Zusammenhalts eines Landes, einer menschlichen Gemeinschaft.
Als Nichtökonomin werde ich mich hüten, mich in die Diskussionen über die verschiedenen Arten von monetären Bewertungen einzumischen. Was mir am Buch gefällt, ist, dass es hinter vieles, was ich an Wissen und Kenntnissen bisher unhinterfragt übernommen habe, grosse Fragezeichen setzt.
Der Autor schlägt in seiner «Gebrauchsanweisung zur Lektüre» vor, nach Lust und Laune vorzugehen. Klassische Lektüre von vorne nach hinten, oder sich ansprechen lassen von Überschriften. Ich habe die zweite Methode gewählt.
Wenn ich auch einiges fast anekdotisch wiedergebe, so will ich doch mit Nachdruck betonen, dass ich das Buch von Alexander Dill für sehr wichtig halte. Und dass mich seine Theorie, dass wir zu einem ganz anderen Bild, aber auch zu ganz anderem Handeln kommen, wenn wir die Welt nicht monetär, sondern mit den Kriterien des Sozialkapitals bewerten, überzeugt.
Er ist damit nicht allein. Sondern beruft sich immer wieder auf die Nobelpreisträger Amartya Sen, Joseph Stieglitz, Elinor Ostrom und weitere angesehene Forscher und Wissenschaftler.
Alexander Dill ist 1959 geboren und studierte an der Freien Universität Berlin Soziologie. Seit Jahren setzt er sich für die Anerkennung von Alternativen zur monetären Bewertung (Bruttoinlandsprodukt BIP) von Gemeinschaften ein. 2009 gründete er das Basel Institute of Commons and Economics zur Messung von Gemeingütern und Sozialkapital.
Geschichte der Weltbewertung
Das Kapitel «Einblicke in die Geschichte der Weltbewertung» findet sich am Anfang des Werkes. Da vernehmen wir, dass es im antiken Griechenland und Rom darauf ankam, über wie viele Schiffe, wie viele Legionen, wieviel Gold ein Land verfügte.
Im Barock ging es um die Anzahl der Kirchen, die Zimmerzahl der Schlösser, die Zahl der Konzert- und Opernaufführungen.
Für die Zeit des «Wirtschaftswunders 1950-1970» wird die Anzahl der Autos je Einwohner, die Anzahl der Fernseher je Einwohner und die Lebenserwartung je Einwohner zur Bewertung herangezogen. Und seit 1995 gibt das Bruttosozialprodukt je Einwohner Auskunft!
World Happiness Report
Der Autor widmet auch dem «World Happiness Report» seine Aufmerksamkeit. Dieser wird von den Vereinten Nationen (UN) seit 2012 herausgegeben und umfasst, kurz gesagt, den «Zustand des weltweit empfundenen Glücks und der Lebenszufriedenheit». Die entsprechenden Daten werden von der Gallup Organisation mit Hauptsitz in Washington D.C. durchgeführt.
Der Autor Alexander Dill (Copyright Bertelsmann AG)
Verwunderung erregt der Umstand, dass das Land Bhutan, das sich am Bruttonationalglück statt am Bruttoinlandprodukt orientiert, nicht unter der Spitzengruppe figuriert. Wohl aber findet sich dort seit Jahren immer wieder die Schweiz. Das ist darauf zurückzuführen, dass dieser Report darauf basiert, dass Werte wie «Wohlstand», «Demokratie», «hohe Lebenserwartung», «Bildung» das Glück einer Bevölkerung ausmachen. Dazu bemerkt Dill: «Sicher verfügen die Schweizer über alle öffentlichen Güter, die man mit Geld kaufen kann… . Aber als Deutscher mit einem Schweizer Ausländerpass, der seit Jahren in der Schweiz arbeitet, kann ich leider nicht bestätigen, dass dort das Glück wohnt.»
Armutsbekämpfung
Ganz hart geht der Autor in einem Kapitel mit der «Lüge der Armutsbekämpfung» ins Gericht. Um seine Gedanken nicht durch meine Zusammenfassung zu verfälschen, will ich auch hier grundsätzliche Ausführungen zitieren:
«Das Thema Armutsverminderung hat es auf Platz eins der UN-Nachhaltigkeitsziele geschafft. Tatsächlich werden aber die in ganz Europa bewährten Formen der Armutsbekämpfung, nämlich direkte Transferzahlungen in Form von Sozialhilfe, ausgerechnet für die Ärmsten in den Entwicklungsländern, bisher weitgehend abgelehnt. Dort glaubt man zu wissen, dass Armut nicht mit Transferzahlungen, sondern mit Beratung beim Gemüseanbau und mit der Entsendung der Kinder in Schulen gemindert wird. Die Armen müssen ihre Hilfe durch Gehorsam gegenüber den Geberorganisationen verdienen. Mal sollen sie zur Wahlurne gehen, ein anderes Mal Empfängnisverhütung betreiben oder genetisch verändertes, angeblich effektiveres Saatgut verwenden».
Frieden durch Welthandel
Aufmerksamkeit erweckt auch die Kapitelüberschrift: «Bringt ein blühender Welthandel Frieden?» Hier wird die Handelsleistung eines Landes mit seinen Militärausgaben in Zusammenhang gebracht. Denn «je mehr friedliche Beziehungen ein Land zu anderen Ländern unterhält, desto weniger muss es sich schützen, und desto weniger müssen sich auch andere Länder gegen dieses Land schützen». So können Mittel statt für Waffen und Militär in anderen Bereichen wie Bildung, Innovation, Nachhaltigkeit eingesetzt werden, ist eine weitere Schlussfolgerung.
Persönliche Neubewertung
Verblüfft war ich, als bei mir während der Lektüre der Gedanke auftauchte, ob ich etwa in meinem Leben auch neue Bewertungen vornehmen müsste? Und es drängte sich sofort ein Thema auf. Während meiner aktiven Zeit waren etwa fundierte Kenntnisse eines Dossiers, Durchsetzungsvermögen und Schlagfertigkeit wichtig gewesen. Und heute sind eher Geduld mit mir selber und anderen und Einfühlungsvermögen gefragt. Ich staune darüber, was dieses Buch auch in meinem persönlichen Bereich bewirkt!
Der Theorie des Sozialkapitals wünsche ich Durchschlagskraft in allen relevanten Gremien.
Alexander Dill: «Die Welt neu bewerten. Warum arme Länder arm bleiben und wie wir das ändern können». 2017 oekom verlag München. ISBN 978-3-96006-843-0