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Mehr Wissen über Schmerzen
Eva Cignacco, Gila Sellam, Antje Koller
Frühgeborene erleben im Zusammenhang mit lebenssichernden Massnahmen täglich häufige Schmerzen, die nicht ohne Folgen bleiben. Bei vielen ambulanten Patienten mit Krebs sind die Schmerzen immer noch unterbehandelt. Mit der optimalen Schmerzbehandlung bei Frühgeborenen wie auch Krebspatienten befassen sich zwei aktuelle Forschungsarbeiten am Institut für Pflegewissenschaft – sie dürften in der Praxis von Bedeutung sein.
Die Rate der Frühgeburten (vor der 37. Schwangerschaftswoche) hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen und liegt in der Schweiz bei rund 7%. Ursachen dafür sind das zunehmende Alter der Mütter und der Einsatz von neuen Reproduktionstechnologien, die mit einem Risiko für Frühgeburt assoziiert sind. Fortschritte in der medizinischen Versorgung ermöglichen heute das Überleben extremer Frühgeborener, die aber eine intensive Betreuung benötigen. Während der mehrwöchigen Hospitalisationszeit sind diese Kinder täglich im Mittel 14 schmerzhaften diagnostischen und therapeutischen Massnahmen ausgesetzt. Wiederholte Schmerzimpulse im Frühgeborenenalter führen zu chronischen Veränderungen im Zellaufbau des Gehirns, beeinträchtigen die motorische und kognitive Entwicklung dieser Kinder und verändern ihre Schmerzsensibilität. Die meisten Schmerzmittel sind an Frühgeborenen nicht erprobt und werden wegen der erhöhten Gefahr schwerer Nebenwirkungen nicht eingesetzt. Folge davon ist, dass der Schmerz meist unbehandelt bleibt. Eine Reihe nichtmedikamentöser Massnahmen eignen sich zur Linderung geringer bis mässig starker Schmerzen. Erforscht sind dazu etwa die orale Verabreichung einer Zuckerlösung, das Halten in Frosch- und Känguru-Stellung sowie das Stillen. Diese Massnahmen regulieren physiologische und verhaltensorientierte Reaktionen, lenken das Kind vom Schmerz ab und modifizieren den Schmerzimpuls. In der Dissertation von Dr. Gila Sellam wurden die Wirkungsweisen von oral verabreichter Saccharose und der Froschhaltung sowie ihre Kombination bei wiederholten Blutentnahmen an der Ferse getestet und dabei das Schmerzempfinden von 71 Frühgeborenen bis zur 32. Schwangerschaftswoche gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass die orale Gabe von Saccharose und die Kombination die Schmerzen wirksam reduzieren. Dr. Antje Koller schliesst mit ihrer ebenfalls am Institut für Pflegewissenschaft verfassten Dissertation eine Wissenslücke über die pflegerische Unterstützung zur Schmerzreduktion bei Krebspatienten und ihren Angehörigen. Über 40% aller Patienten mit Krebs erhalten keine adäquate Schmerzbehandlung. Hindernisse gibt es dabei auf verschiedenen Ebenen; so haben Patienten Angst, von den Schmerzmitteln abhängig zu werden. Die Forscherin nutzte ein in den USA entwickeltes Beratungsprogramm für onkologische Schmerzpatienten (ProSelf © Plus PCP) und ihre pflegenden Angehörigen als Grundlage. Ziel war es herauszufinden, ob dieses von ihr ins Deutsche übersetzte und angepasste Programm mit deutschsprachigen Patienten durchführbar ist, und festzustellen, wie gross dessen Effekt ist. Das Wissen der Patienten erhöhte sich signifikant, wenn die Schmerzreduktion auch recht klein war. Das Programm war durchführbar, jedoch zeigte sich, dass etwa die Rekrutierungsmethoden angepasst und die Beratung zu Symptomen wie Übelkeit integriert werden sollten. Der Fokus auf den Alltag der Patienten und auf das Vertrauen zum Pflegepersonal resultierte in einer hohen Zufriedenheit, obwohl die Patienten zur Schmerzmitteleinnahme weiterhin ambivalent eingestellt blieben. Die Arbeit dient somit als Grundlage zur Optimierung der Intervention und zur Planung einer Folgestudie, damit weiter an der Schliessung der Lücke beim Schmerzmanagement von Krebspatienten gearbeitet werden kann.