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Jemanden zu enterben, ist selten möglich
Es hat sich herausgestellt, dass ich eine Halbschwester habe. Mein Vater war mit der Mutter meiner Halbschwester nicht verheiratet und hat Unterhaltszahlungen geleistet. Ist meine Halbschwester erbberechtigt? Wenn ja: Kann sie von einer allfälligen Erbschaft ausgeschlossen werden? N.R.
Da Ihre Halbschwester unbestrittenerweise die Tochter Ihres Vaters ist, hätte Sie beim Tod Ihres Vaters Anspruch auf ihren Pflichtteil. Einen solchen gibt es für die Kinder, Ehegatten und Eltern, sofern keine Nachkommen bestehen.
Beim Pflichtteil für Nachkommen wird nicht unterschieden, ob jemand aus einer ersten oder zweiten Ehe oder aus einer unverheirateten Partnerschaft stammt. Egal wie die Konstellation der Mutter Ihrer Halbschwester zu Ihrem Vater war: Ihre Halbschwester ist seine Tochter und damit durch den Pflichtteil geschützt. Dabei handelt es sich um jenen Teil, auf den bestimmte gesetzliche Erben zwingend Anspruch haben.
Vor diesem Hintergrund sehe ich keine Möglichkeit, dass Ihre Halbschwester beim Tod Ihres Vaters ganz von einer Erbschaft ausgeschlossen werden kann, wie Sie das in Ihrer Frage ansprechen. Bei den Pflichtteilen spielt es auch keine Rolle, ob Ihre Halbschwester und Ihr Vater überhaupt Kontakt hatten oder nicht. Entscheidend ist der belegte Verwandtschaftsgrad zwischen Ihrem Vater und ihr. Selbst wenn Ihr noch lebender Vater ein Testament machen und Ihre Halbschwester vom Erbe ausschliessen würde, wäre das nicht gültig. Ihre Halbschwester könnte das Testament problemlos anfechten, weil ihr Pflichtteil verletzt würde.
Es ist wichtig, dass man im Testament keine Formfehler macht.
Eine effektive Enterbung ist nur in den seltesten Fällen möglich – nämlich etwa dann, wenn Ihre Halbschwester gegenüber Ihrem Vater oder gegen eine ihm nahe stehende Person eine schwere rechtlich erfasste Straftat begangen hätte. Doch das trifft bei Ihrer Konstellation nicht zu. Der Pflichtteil gilt somit auch für Ihre Halbschwester.
Eine Möglichkeit hat Ihr Vater allerdings: Er kann den Anteil Ihrer Halbschwester am Erbe begrenzen. Dazu kann er sie, falls das sein Wunsch wäre, in seinem Testament auf den Pflichtteil setzen. Dies müsste in einem handschriftlich von Ihrem Vater verfassten, unterzeichneten und datierten Testament ausdrücklich so festgelegt sein. Damit hätte Ihre Halbschwester lediglich noch Anspruch auf den Pflichtteil am Erbe Ihres Vaters.
Gleichzeitig könnte Ihr Vater die frei verfügbare Quote – also den Teil des Erbes, der nicht durch den Pflichtteil geschützt ist – an Ihre Mutter oder Sie oder aussenstehende Personen oder Institutionen vererben.
Wenn schwierige Familienverhältnisse bestehen, kommt es nach einem Todesfall nicht selten vor, dass Testamente angefochten werden, weil sich etwa ein Nachkomme zu wenig gut behandelt fühlt. Darum ist es wichtig, dass man im Testament keine Formfehler macht, wenn man beispielsweise einen oder mehrere Erben auf den Pflichtteil setzt.
In der von Ihnen beschriebenen Situation rate ich Ihrem Vater erstens, dass er überhaupt ein Testament verfasst, was längst nicht alle Leute tun, und zweitens, dass er das Testament von einem Notar oder Anwalt fachlich auf allfällige Fehler prüfen lässt. So haben Sie und Ihre Eltern die Sicherheit, dass im Todesfall Ihres Vaters alles geregelt ist und Sie nicht unangenehme Überraschungen erleben.