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Können Sie sich noch an Ihre allererste Kolumne erinnern?
Ich kann mich tatsächlich nicht mehr an meine erste Kolumne erinnern. Vor fast 20 Jahren ging es jedenfalls bei der «Zeit» los, davor hatte ich eine Kolumne bei der «Stuttgarter Zeitung». Dann auch mal eine Vaterkolumne.
Hatten Sie damals ein Vorbild?
Max Goldt, der in der «Titanic» schrieb. Er ist, glaube ich, gar nicht so viel älter als ich, war aber schon Kolumnist, als ich noch Lokaljournalist war. Mein zweites Vorbild war Harry Rowohlt; er hatte in der «Zeit» eine Kolumne namens «Pooh’s Corner», die geradezu dadaistisch war. Seine Texte musste man zweimal lesen, um sie zu begreifen. Ich habe ihn auch als Performer erlebt; es gibt wohl bis heute niemanden, der so gut vorträgt, wie er es konnte.
Was hat sich verändert in den letzten 20 Jahren?
Seit einigen Jahren lese ich die Kolumne auch im Radio vor, das heisst meine Texte sollten sich nun in der Regel vorlesen lassen. Vielleicht habe ich auch als jüngerer Mann aggressiver geschrieben.
Das macht auch Spass…
Das macht auch Spass, ja. Manchmal mache ich das auch heute noch, auf den Putz hauen, aber nicht mehr so gerne wie früher.
Warum? Wegen der Reaktionen?
Vielleicht, weil man mit dem Alter milder wird. Und weil ich es mittlerweile auch selber von der anderen Seite mitbekommen habe: Wenn man selber zum Angriffsobjekt von Journalisten geworden ist, öffnen sich einem die Augen. Das hat mich schon verändert.
Richtet man sein Schreiben manchmal unbewusst auf mögliche Reaktionen aus? Wird man als Autor vom Publikum quasi konditioniert?
Das ist eine ganz grosse Gefahr, dass man in so einen Strudel gerät, ja. Nachdem ich mal in der «Zeit» einen genderkritischen Artikel geschrieben hatte, wurde ich ständig zu Diskussionsrunden über dieses Thema eingeladen; man wird also schnell in eine Schublade gesteckt. Man sollte unberechenbar bleiben und manchmal etwas schreiben, das die Leute nicht von einem erwarten. Man muss manchmal überraschende Positionen einnehmen. Das ist natürlich kein Selbstzweck, aber ich bin dankbar, wenn mir etwas einfällt, das offenbar noch kein anderer gesagt hat. Oft habe ich vor dem Schreiben noch keine feste Meinung zu meinem Thema, sie schält sich erst beim Schreiben heraus. Als Kolumnist lernt man etwas über sich. Als ich angefangen habe, über Genderthemen zu schreiben, war ich zwar plötzlich bei Podiumsdiskussionen gefragt, aber ich war auch der Bad Boy des deutschen Feminismus geworden.
Und was taten Sie dann?
Da dachte ich mir: Ich sollte das öfter machen! (lacht) Ich stamme aus Mainz und bin mit der Fastnacht aufgewachsen. Bei «Mainz bleibt Mainz» macht man sich auch über vieles lustig, die Objekte des Spotts sitzen oft in der ersten Reihe. Sie müssen so tun, als ob sieʼs lustig finden, sonst verlieren sie das Gesicht. Witz hat in der Regel nichts mit Feindseligkeit oder Hass zu tun, auch nicht mit fehlendem Respekt. Man macht Witze übereinander, gibt sich danach aber die Hand und trinkt ein Glas Wein zusammen. So bin ich aufgewachsen. Wenn ich mich über etwas lustig mache, ist damit weder eine totale Abwertung noch eine Infragestellung der Existenz gemeint.
«Es ist die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik,
die unsere Demokratien anderen Regierungsformen voraushaben.»
Wann haben Sie realisiert, dass Sie als Autor und Person wahrgenommen werden?
Die überregionale Wahrnehmung begann natürlich ab dem Moment, als ich «Zeit»-Kolumnist wurde. Ein Grundproblem der Kolumnisten besteht übrigens darin, dass wir einerseits eine unverwechselbare Tonlage brauchen, die sich wiederholt, andererseits muss es aber auch immer wieder irgendwie anders sein. Bei den grossen politischen Themen wird man natürlich häufig angefeindet, man ist eine Reizfigur.
Wie das?
Wenn Sie politisch werden, sind Sie immer angreifbar,…