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Rudolf Hintermann v/o Dada, 27.05.1926 – 03.05.2020
03.05.2020 - Rudolf Hintermann v/o Dada
Nachruf
Dr. phil. I
Rudolf Hintermann v/o Dada
Kyburger, Subsilvania, Agaunia
27.05.1926 – 03.05.2020
Im Alter von 90 Jahren verfasste Dada seinen eigenen Nekrolog:
Nehmen wir an, ein mir mehr oder weniger Bekannter fragt zehn andere Leute: „Kennst du den Hintermann?“. Ergebnis: Zehn verschiedene Beurteilungen, angefangen mit voller Lob bis zum Wunsch, dass der Hintermann sogar in den Himmel komme, wenn man sicher ist, dass er nicht mehr zurückkehrt.
Wie soll ich jemandem zumuten, unter solchen Umständen eine Abdankung zu schreiben, ohne lügen zu müssen? Oder soll ich lügen, dass mit mir mindestens ein halber Heiliger verstorben ist?
Ich werde versuchen, ein paar Schwerpunkte aus meinem Leben zu erzählen, um niemandem diese Last anzuhängen.
Ich habe eine sehr schöne Kindheit erlebt, in einer sogenannten normalen Familie. Mein Vater arbeitete bei der PTT, respektive beim zweiten T, also Telegraphist. Das Einkommen war nicht gerade glänzend, aber niemand musste Hunger leiden. Meine Mutter war sehr musikalisch und konnte sehr schön singen. Und so sangen wir beide bald um die Wette, besonders die Schlager der 30er-Jahre. Offenbar hatte ich die Ader geerbt und habe mich praktisch das ganze Leben mit Musik und auch sehr früh mit Theaterspielen beschäftigt. In der zweiten Primarklasse stand ich zum ersten Mal auf einer Bühne als Weihnachtsengel in einem Krippenspiel in unserer Pfarrei. Es folgten weiter Auftritte bei verschiedenen Vereinsanlässen. In der dritten Klasse holte mich der Dirigent des Kirchenchors als Vorsänger in einer Vesper. Durch verschiedene Umstände kam ich als Viertklässler in das Stadttheater Zürich (heute Opernhaus), wo ich 3 Jahre lang im Kinderchor in Opern auftrat oder einfach als Statist zum Volk gehörte. Diese Zeit war manchmal etwas streng, kam es doch zeitweise vor, dass ich erst um 11 Uhr nachts heimkam und am anderen Tag zur Schule musste. Übrigens hatte mein Lehrer keine Kenntnis davon! Wir vom Kinderchor bekamen kein Salär, aber für jede Aufführung ein Freibillett. Somit traf man mich an Nachmittagsaufführungen an Sonntagen immer im Theater und ich kannte fast alle Opern und Operetten des Spielplans. Dies dauerte drei Jahre, bis ich ins Kollegium Engelberg versenkt wurde.
Aber es ging so weiter: Jeden Tag Singen, an wunderschönen Gottesdiensten
(besonders in der Karwoche) zuvorderst dabei sein; dazu war ich Trompeter in der Blechmusik, spielte besonders in der Fasnachtszeit auf der Bühne und hatte sogar für die Schule gewisse Privilegien. Mit dem Stimmbruch kam ich als Schlagzeuger ins Orchester und um noch etwas weiter auszuholen, leitete ich später während meines Studiums den Kirchenchor Meilen als Dirigent und traktierte die Orgel. Nach Abschluss der Studien sang ich dreissig Jahre in einem Privatchor an Konzerten im In- und Ausland.
Wenn man mich heute fragt, welche Musik ich am liebsten habe, so lautet die Antwort: CHORAL!
Ich habe schon öfters über diese Abschnitte in meinem Leben nachgedacht. Es waren zum Teil herrliche Zeiten. Vielleicht war dies alles nicht so gut für mich, stand ich doch sehr viel im Mittelpunkt. Ich habe dies auch genossen, aber doch oft vergessen, dass nicht nur ich, sondern auch die anderen das Recht haben im Mittelpunkt zu stehen!
Kommen wir zu einer anderen Zeitspanne: Mittelschule, Kollegium, Studentenverbindung. Dass ich ins Gymnasium müsse, war nicht meine Idee, sondern in erster Linie jene meiner Grossmutter. Sie hätte in mir gerne einen Pfarrer gesehen und deshalb vorgeschlagen, im Kollegium Engelberg zu studieren. Da mein Vater das Schulgeld mit seinem Lohn nicht bezahlen konnte (damals 1000 Franken im Jahr), schenkte die Grossmutter meinen Eltern ein Bankbüchlein mit genügend Geld für 8 Jahre Klosterschule. Und schon verschwand ich aus dem schönen Zürich. Abgesehen vom anfänglichen Heimweh war ich neben der Schule stark engagiert und fühlte mich soweit eigentlich wohl. Etwas Neues kam dazu: Nachdem ich aus früherer Zeit im Theater sehr viel beobachten konnte, was nicht immer für Kinderaugen bestimmt war, beobachtete ich auch im Kloster, was andere Schüler nicht merkten. Ich lernte schon früh, dass ein Mönch, oder sagen wir einfach ein Pfarrer, auch nur ein Mensch ist. Ich hatte oft Erbarmen mit den eingeschlossenen Mönchen und habe in späteren Jahren auch offen mit einigen darüber Gespräche geführt.
Da ich immer etwas vorlaut war und oft eine „freche Röhre“ führte, kam es mit den Klosterleuten so heraus, wie ich es am Anfang dieser meiner Abdankung schrieb: Von 10 Mönchen, die mich gekannt haben, gab es 10 verschiedene Beurteilungen von mir. Dies endete nicht immer erfreulich und so kam es schliesslich zu einem „Consilium abeundi“. Die Akteure dieser Zeit sind alle verstorben. Ausser mir weiss niemand mehr den eigentlichen Grund dieses Herausschmiss, nicht einmal meine allernächsten Verwandten. Ich werde auch im Rest meiner Lebensjahre Stillschweigen bewahren.
Da mein Französisch in der Schule etwas schlechter als schlecht war, wechselte ich ins Collège St.Maurice, dies in der Absicht, etwas gescheiter zu werden. Viel hat nicht herausgeschaut. Etwas anderes aber trat in den Vordergrund: Die Studentenverbindung! Ich wurde Fux in einer löblichen Agaunia. Mein Leibbursch nahm mich anfangs an die Kandare. Wir tranken fast ausschliesslich Weisswein, was oftmals zu gewaltigen Katern führte. Im übrigen war St.Maurice für mich eine Katastrophe. Dank der Mithilfe eines bekannten Pfarrers wurde ich trotz Engelberg und trotz miserablen Schulnoten in die siebte Klasse in Sarnen aufgenommen. Selbstverständlich trat ich sofort der Subsilvania bei. Es folgten – ausser der Rekrutenschule zwischen 7. und 8. Klasse – zwei schöne Jahre mit vielen Verbindungsfesten und als Hausaufgabe Berechnungen, wieviel es sich lohnte zu studieren, um immer im Durchschnitt zu bleiben. Da uns die Kyburger mit ihrem vornehmen Auftreten imponierten, traten wir zu Dritt von der gleichen Klasse nach der Matura den Kyburgern bei, frei nach dem Motto: Nicht reich, aber kolossal vornehm!
Es folgten wohl die schönsten Jahre der Studentenzeit. Für unsere Fakultät (Phil. I) kamen die Examina erst am Schluss des Studiums. Die armen Kommilitonen, welche Labor oder Teilexamina hatten! Das Stammdictum war für die Genannten sehr hart.
Ich für mich war einmal gleichzeitig an zwei Orten immatrikuliert (Lehrer Oberseminar und später Heilpädagogisches Institut), sodass ich neben Uni, Schule, Studentenverbindung, Praktiken, Kirchenchor usw. etwas gefordert war, dafür aber für den späteren Beruf der Heilpädagogik viel lernte.
Etwas ganz Wunderbares geschah während der Ausbildung zum Primarlehrer: ich lernte meine zukünftige Frau kennen! Wie oftmals in meinem Leben hatte ich hier besonders Glück: Meine Frau hat mich so verstanden, wie ich war, und wir erlebten zeitlebens eine sehr glückliche Familie.
Es würde zu weit führen, alle Stationen meiner weiteren Ausbildung mit den zusätzlichen Praktiken usw. aufzuzählen. Rein zufällig begegnete mir ein Altengelberger. Dieser arbeitete als Schulpsychologe in Basel. Er lud mich ein an den Zusammenkünften der damals drei bestehenden Schulpsychologischen Diensten (Basel, St. Gallen, Freiburg) teilzunehmen. Bei diesen Kolloquien schaltete es bei mir und mit Hilfe des Jugendsekretariats Bezirk Zürich-Land gründete ich den ersten Schulpsychologischen Dienst des Kantons Zürich. In den kommenden 25 Jahren baute ich den Dienst aus. Wo ich früher von 10 Gemeinden angestellt war, existieren heute 10 selbstständige Untersuchungs- und Beratungsstellen.
In dieser Zeit, auch wegen der Vergrösserung der Familie (Zwillinge!) konnte ich nur an wenigen Kyburgeranlässen teilnehmen. Anders aber, als die Kinder flügge wurden. Wir gründeten sogar noch einen eigenen 26er-Club. Zu meiner Studentenzeit zählte der Fuxenstall 28 Füxe, davon waren 17 Konsemester mit dem Jahrgang 1926. Nach dem 60igsten Geburtstag trafen wir uns alle Jahre samt Gattinnen mindestens für zwei Tage irgendwo in der Schweiz. 2014 sahen wir uns das letzte Mal, mit 5 Kyburgern. Der Rest war entweder verstorben oder nicht mehr transportfähig. Noch eine Bemerkung einer Seltenheit: Alle Jahrgänge 1926 bei den Kyburgern waren immer mit der gleichen Frau verheiratet!
Natürlich werde ich bis zum seligen Lebensende nach Möglichkeit am monatlichen Mittagessen im Zeughauskeller mit den alten Kyburgern erscheinen.
Leider hatten wir in der Familie vor ein paar Jahren Pech. Meine Frau ist beinahe total blind, sodass der Haushalt zu einem grossen Teil in meinen Händen liegt. Ich werde aber nach Möglichkeit bei den Kyburgern erscheinen, sie waren ein Teil, sogar ein schöner Teil meines Lebens.
Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben, ein wenig aber doch vor dem Gedanken: Wie geht es nach dem Ableben weiter? Vorläufig jedoch habe ich keine Zeit zu sterben.Liebe Freunde, bei 10 Leuten mit der Frage - Was war der Hintermann für einer? - wirst du 10 verschiedene Antworten hören. Ich weiss, dass ich bei vielen aneckte. Meine Sprache war oft unter jedem Niveau. Ich habe sogar bewusst einige beleidigt, und war sie dann los. Es tut mir – ganz ehrlich – wirklich leid für all mein öfters krummes Auftreten. Aber da die Kyburger nicht immer nachtragend sind, bin ich zufrieden.
Danke, liebe Freunde, danke für Alles.