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Die Gentechnologie befindet sich in stetem Wandel. Das BLW als Kompetenzzentrum des Bundes verfolgt diese Veränderungen in engem Kontakt zu den Fachleuten.
Die Pflanzenzüchtung: geschichtlicher Abriss
Seit dem Aufkommen der Landwirtschaft im Neolithikum züchten Landwirte Saatgut. So entstand langsam und mittels schrittweiser Einkreuzung über natürliche Vermehrungswege die Pflanzenzüchtung. Die Züchtung unserer Ackerkulturen wie Weizen oder Mais ist das Ergebnis eines langen Einkreuzungsprozesses von Pflanzen derselben Art oder derselben Familie. Erst mit der Entschlüsselung des genetischen Codes zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand eine Wissenschaft der Pflanzenzüchtung.
Mit der Entstehung der Molekularbiologie vor rund dreissig Jahren wurde theoretisch die Übertragung jedes beliebigen Genmaterials von einer Art zu anderen möglich, unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Ziel. In den 1990er Jahren bildete sich eine erste Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP), deren Verwendung grob in drei Parameter gefasst werden kann:
- 3 Pflanzen: Soja, Baumwolle und Mais machen
weltweit 90 % der GVO-Kulturen aus;
- 3 Hauptländer: USA, Kanada und Argentinien;
- 2 Eigenschaften: Herbizidresistenz und/oder
Insektizidproduktion.
Der Anbau dieser Pflanzen ist heute in der Schweiz verboten.
Neue Werkzeuge: GVP 2.0 (oder «NPPs» New Plant Products)
In den letzten fünf Jahren wurden verschiedene neue Technologien entwickelt, die eine sehr präsize Veränderung des Genoms von Pflanzen ermöglichen. Die vielversprechendste und kostengünstigste Methode ist das sogenannte «Genome Editing». Sie basiert auf einem Enzymsystem (CRISPR/Cas9) und verändert Genome mit noch nie dagewesenener Präzision. Es sind drei Kategorien von Veränderungen möglich: 1) Mutation eines einzelnen Nukleotids (eines «Buchstabens» der DNA); 2) Mutation eines DNA-Fragments; 3) Einfügen von ganzen Genen oder Veränderung ihrer Expression. Die Besonderheit und Neuheit dieser Techniken besteht in der Möglichkeit, jeden beliebigen Teil des Genoms auszuwählen und zu verändern, ohne «Spuren» dieser Manipulation zu hinterlassen, wodurch die bis anhin deutliche Abgrenzung zwischen GVP und nicht-GVP verwischt wird.
GVP in der Schweiz
In der Schweiz werden GVP der ersten Generation von Fall zu Fall nach den Bestimmungen des Gentechnikgesetzes (GTG, SR 814.91) beurteilt. GVO werden in diesem Gesetz folgendermassen definiert: «Gentechnisch veränderte Organismen sind Organismen, deren genetisches Material so verändert worden ist, wie dies unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt.» (Art. 5 Abs. 2). Ein Moratorium verbietet den Anbau von GVO in der Schweiz. Es können aber gewisse Arten von Pflanzenmaterial aus GVO für die Tierfütterung importiert werden (vgl. SR 916.307.11). Die Beurteilungsstandards und Verpflichtungen bezüglich des Risikomanagements unterscheiden sich in Abhängigkeit davon, ob die fragliche Pflanzensorte gemäss GTG als GVO gilt oder nicht.
Laufende Rechtsbeurteilung
Mit dem Aufkommen dieser neuen Züchtungstechnologien wird die Auslegung und Anwendung des Gesetzes schwieriger. Zum besseren Verständnis hier ein konkretes Beispiel:
Am 5. Februar 2015 haben sich die deutschen Regulierungsbehörden zu einem Bewilligungsgesuch geäussert für einen Feldversuch mit einer Rapssorte, die gegenüber zwei von der amerikanischen Firma Cibus hergestellten Herbizidtypen (Sulfonylharnstoff und Imidazolinon) resistent ist. Diese Sorte, die in den USA und Kanada dereguliert ist, entstand aus der Veränderung durch gesteuerte Mutagenese (OgM) von Nukleotiden eines Gens, das ein in die Aminosäuresynthese involviertes Enzym codiert. Verschiedene europäische Staaten haben ähnliche Gesuche erhalten. Bisher haben Deutschland, Finnland, England, die Niederlande und Schweden entschieden, dass Organismen, die mit dieser Technik entstanden, grundsätzlich nicht als GVP gelten. Die Tschechische Republik hat hingegen argumentiert, dass das Genmaterial verändert wurde und der Raps folglich als GVP zu behandeln sei. Ausserdem wird Raps, der zwar dieselben Veränderungen aufweist, diese jedoch mit einer konventionellen Mutagenese-Technik (chemische Mutagenese) herbeigeführt wurden, rechtlich gesehen nicht als GVP betrachtet. Vom agronomischen und ökologischen Standpunkt her stellt die Herbizidresistenz (insbesondere bei Raps in Europa) die gleichen Probleme dar: Einkreuzungen mit verwandten Wildpflanzen (Poppy, 2004), Probleme beim Fruchtfolgemanagement, mit der Zeit Erhöhung der verwendeten Herbizidmenge.
Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern, dass die Reglementierung dahingehend angepasst wird, dass sie weniger auf den «Prozess» als vielmehr auf das «Produkt» der Transgenese ausgerichtet ist. Die Methoden der Risikobeurteilung werden derzeit im BLW in Zusammenarbeit mit verschiedenen zuständigen Ämtern im Hinblick auf den technologischen Fortschritt neu beurteilt.