Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03246.jsonl.gz/2131

Es gibt über ein Dutzend Opern, die ihre Inspiration aus Werken von Molière geschöpft haben. Unter ihnen war Jean-Baptiste Lully, in der Zeit von Louis XIV., der erfindungsreichste Komponist am französischen Hof.
Die verrückte Geschichte dabei ist, dass Molière (1622–1673), zehn Jahre älter als Lully, zwar im Théâtre du Palais-Royal mit seiner «Troupe du roi» ab 1665 zusammen mit Lully offenbar dort zur Belustigung des Königs in sogenannten Ballett-Komödien auftrat, dass Molière jedoch nie eine der grossen «tragédies lyriques» von Lully zu hören bekam, da er bereits 1673 nach der vierten Aufführung seines «Le malade imaginaire» nach einem Schwächeanfall und folgendem Blutsturz starb. Die Zuschauer im Theater hielten zunächst sein Sterben für eine vom Schauspieler nur vorgespielte Szene dieses «eingebildeten Kranken», bevor sie den Ernst der Lage erkannten.
Es gibt zeitgenössische Berichte, nach denen Molière und Lully 1670 gemeinsam auf der Bühne der Komödie «Le bourgeois gentilhomme – Der Bürger als Edelmann» standen, wobei offenbar Molière die Rolle des sich gern nobel gerierenden Spiessbürgers Jourdin spielte und Lully jene des türkischen Grossmuftis übernahm. Kurz danach scheint die Künstlerfreundschaft zwischen Molière und Lully in die Brüche gegangen zu sein. Lully muss ein gewiefter Intrigant gewesen sein, um gut dafür zu sorgen, dass der Stern eines Komödienschreibers in den Augen des Königs niemals mehr leuchte als Lullys eigener: jener eines Musikers tragischer Opern, der doch als ernste Kunst alle Arten von noch so vergnüglichem «divertissement» am Hofe weit überstrahlen sollte.
Molières Genie
Heute kämen wir rasch zu völlig unterschiedlichen Bewertungen dessen, was der Kern wirklicher theatralischer Phantasie und Genialität ist. Molière ist inzwischen durch die Franzosen vollkommen rehabilitiert – wie übrigens bereits in der Zeit des Ersten Weltkrieges durch deutsche Textkünstler wie Hugo von Hofmannsthal und musikalische Alleskönner wie Richard Strauss. Man höre sich nur einmal die beiden Fassungen von »Ariadne auf Naxos» an und danach von Richard Strauss die Suite zu Molières «Le bourgeois gentilhomme», um zu spüren, wie Molières unerschöpfliche Phantasie noch im 20. Jahrhundert Künstler zu animieren vermochte.
In jüngster Zeit waren es vor allem die Franzosen, die dafür gesorgt haben, dass Molière mit der unterhaltenden Tanzmusik von Lully, aber auch anderer Komponisten der Barockzeit – wie etwa Marc-Antoine Charpentier – den Weg zu Molière auf die Bühnen des Musiktheaters und barocken Kunstspektakels zurückgefunden haben. Voraus ging bereits 1955 eine Produktion in «La comédie française» unter der Leitung des Komponisten André Jolivet, der Lullys Musik auch neu instrumentierte. (Heute in der Reihe: «EMI – Les Rarissimes de la Comédie Française» auffindbar.)
1990 folgte eine berühmt gewordene Einspielung des Werkes von Molière-Lully durch Gustav Leonhardt und «La Petite Bande» bei «Deutsche Harmonia Mundi», weit über eine Stunde Ballettmusik in einer Neugestaltung der Partitur von 1670. 2008 kam dann eine DVD-Produktion auf den Markt, deklariert als «Version originale et intégrale de 1670, unter der künstlerischen Direktion von Vincent Dumestre, von Arte mitproduziert, von Alpha vertrieben. Dieser «Edelmann» dauert über vier Stunden, was einen Eindruck davon vermittelt, welchen Strapazen der Hof damals seine illustre Gesellschaft aussetzte!
Schliesslich ist hier noch eine bemerkenswerte jüngere Produktion namens «Molière à l’opéra» zu nennen, aufgezeichnet in der Oper von Reims im Jahr 2015. Das Besondere an dieser Aufnahme ist: Es ist eine aus verschiedenen «Comédies-Ballets» zusammengestellte Produktion, bei denen immer Molière und meist Lully, manchmal aber auch Charpentier involviert waren. Die künstlerische Leitung dieses Projektes hat Jérôme Correas, der mit Sängern und Instrumentalisten seines Ensembles «Les Paladins» erfreulich frisch und frech musiziert. So wünscht man sich einen zeitgemässen Molière auf der Opernbühne.
Der unerbittliche Blick
Die Theatertradition hat Molière für viele aussergewöhnliche Begabungen gepriesen. Er sei der grösste Charakterkomiker aller Zeiten (vielleicht an der Seite Shakespeares), daneben habe er aber auch eine besondere Spürnase für Situationskomik, für Peinlichkeiten, Verlegenheiten und aussichtslose Missgeschicke, in welche Menschen durch ihre Anlage zu Eitelkeit, Täuschung und Kleingeist unweigerlich geraten. Im grossartigen «Der Bürger als Edelmann» werden einmal nicht so sehr die hässlichen Seiten des Menschen wie Geiz, Scheinheiligkeit oder die Anfälligkeit für Hypochondrie angeprangert, sondern der Ehrgeiz, zur besseren Gesellschaft zu gehören, gepaart mit Dummheit und sträflicher Naivität.
Im Grunde ist das Stück ein Paradebeispiel für einen frühaufklärerischen Unterricht bezüglich der Frage, was Bildung in feudalen Zeiten eigentlich sein könnte und sein sollte. In diese Frage hinein mischte sich für Molière auch jene nach dem Exotischen und nach dem Modischen, die eitle Sucht nach der verbreiteten Illusion des «Sich-in-der-Welt-Auskennens» und damit irgendwie auch schon «Dazugehörens».
Für den Theatermann Molière bot die Bühne in königlichen Kreisen eine grossartige Gelegenheit, mit einem Ballett der Türken oder jenem weiterer «Nationen» einer gefallsüchtigen hochnäsigen Hofgesellschaft vor Augen und Ohren zu führen, wie man fremde Kulturen und Nationen auch betrachten konnte. Klar, dass der Sonnenkönig in der jüngeren Phase seines Wirkens sich gern unter die Schauspieler mischte, um sich als der Ermöglicher solcher Spektakel zu präsentieren.
Molière war ein zu grosser Künstler, um der höfischen Gesellschaft mit seinen komödiantischen Stücken bloss schmeicheln zu wollen. Er hatte sicher auch seine eigenen Schwächen, gerade was die Förderung der eigenen Theatertruppe betraf. Er war eben ein Theaterpatron und als Unternehmer auch für eine ansehnliche Schar von männlichen und weiblichen Schauspielern verantwortlich. Für uns Heutige ist es keine leichte Sache, in unserer Beurteilung der Konstellation Molière und Lully zu einem allseits gerechten Urteil zu kommen. Doch gelegentlich darf man auch parteiisch sein. Und das heisst in meinem Fall: im Zweifel immer für Molière!
Was wir hören
Ich habe mich entschlossen, hier reine Instrumentalmusik als Zugang zu Molière-Lully zu wählen, weil es sehr komplex ist, den Witz des jeweiligen Textbezuges dieser Musik zu begreifen, die ja auch vornehmlich gespielt und getanzt und von der auch nur einzelne Partien gesungen wurden. Man darf sich vorstellen, dass die Tänze unterschiedliche Arten von Schritten vorführten, wie sie der Tanzmeister zuvor instruiert hatte, und Monsieur Jourdin diese linkisch und ungelenk zu wiederholen suchte.
Man darf sich auch denken, wie dieser Angeber sich da und dort einmischte und bei den Tänzen zum Beispiel nach einer «trompette marine» verlangte, weil dies seinem Geschmack entspreche und ihm «höchst harmonisch» zu klingen scheine. Alles barer Unsinn, aber doch höchst vergnüglich! Zudem muss gesagt werden: Lully hatte keine schlechten Einfälle, als er für seinen Hofkonkurrenten Molière Musik komponierte!
Wir hören Lullys Ouvertüre und Tänze aus «Le Bourgeois Gentilhomme» LWV 43, gespielt vom Orchester «Les Siècles» unter der Leitung von François-Xavier Roth.