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Der gestrige Vortrag im Rahmen der neueren Habsburgforschung widmete sich vor allem dem Thema des Adels. Wie sich der Adel entwickelte, wie er sich anpasste, allenfalls auch ĂĽberleben konnte.
Der Referent beleuchtete dabei vor allem die Verhältnisse zu zwei alten Adelsgeschlechter aus der Gegend. Die Familie Mölinen, erstmals erwähnt im Jahre 1213, als Schultheissen von Brugg, und die Familie Gessler von Brunegg.
Zum besseren Verständnis der Situation um 1300 herum, muss man wissen, dass die Habsburger im Raum Ost- und Zentralschweiz, sowie SĂĽddeutschland viele unzusammenhängende Siedlungen zu verwalten hatten. Das konnten einzelne Bauerndörfer, bestehend aus zwei bis drei Höfen sein, das konnte eine Kirche sein, vielleicht eine BrĂĽcke, ein Gasthof. Oftmals weit verstreut. Der Aufwand, hier Steuern und Abgaben einzutreiben muss immens gewesen sein. Zudem schadet ja auch eine Präsenz „des Chefs“ vor Ort nichts. Vielleicht auch deshalb, waren die Habsburger dauernd auf Reisen und vielleicht auch deshalb, litten sie dauernd unter einem Mangel an Geld.
Diesen Geldmangel der Habsburger machten sich einzelne wohlhabende Familien zu Nutze. Sie machten Darlehen an die Habsburger und erhielten dafür als Pfand entsprechend Ländereien und Gutsbetriebe. Mit etwas Geschick gelang es ihnen grössere, zusammenhängende, sogenannte Ämter zu bilden, Beispiele dafür sind das Freiamt, das Eigenamt, oder auch das frühere Amt am Bözberg. Die so erworbenen Pfänder mussten erst wieder an die Habsburger zurückgegeben werden, wenn diese das Darlehen zurückzahlen konnten. Der Ertrag aus den Ämtern gehörte den wohlhabenden Familien, eben den teils selbsterwählten Adelsgeschlechtern. Die Abhängigkeit der Habsburger von solchen Familien wurde immer grösser, vor allem, als diese begonnen haben, in die Ämter zu investieren, zu erweitern. Damit erhöhte sich dann der Wert des Pfandes und damit auch die Schuld der Habsburger. Die Adeligen wollten ja nicht unbedingt, dass die Habsburger auch tatsächlich das Darlehen zurückzahlen konnten. Einigen Familien gelang es auch, so eine Art persönlicher Berater für die Habsburger zu werden. Sie verhandelten mit anderen Herrschern über Heiratsmöglichkeiten, Ländertausch, sie reisten im Auftrag der Habsburger zu Papst und Bischöfen. Sie hatten die Rolle von Diplomaten inne.
Zu dieser Zeit bekamen die Städte eine neue Rolle. Städte mit einem regulären Markt, vielleicht noch mit einer BrĂĽcke, jedenfalls aber Strassen, konnten Steuern und Abgaben erheben. Sie wuchsen nach heutiger Betrachtungsweise regelrecht zu „Cashcows“, zu Geldsammelstellen heran. Und Geld war ja gesucht.
Wie sich das konkret auf die Adelsfamilien ausgewirkt hat kann man am Beispiel der erwähnten beiden Familien sehen.
Familie von Mölinen: wurden urkundlich als die ersten Schultheissen von Brugg erwähnt. Sie trieben hier die Steuern und Abgaben ein. Führten aber an und für sich ein eher bescheidenes und zurückgezogenes Leben. Später erwarben sie das Kloster Kastelen im Schenkenbergertal und zogen dorthin um. Der letzte Nachkomme der Familie soll zur Zeit im hohen Alter von 85 Jahren in der Gegend von Genf leben. Es gibt Nachweise, wonach ein Zweig der Familie mindestens vorübergehend im Tirol / Vorarlberg wohnte und dort während den schlimmsten Zeiten der Habsburger, diese verstecken konnte.
Die Familie Gessler gab sich da weit weniger bescheiden, hatte aber auch deutlich mehr Geld zur VerfĂĽgung. Sie erwarben Länder im Freiamt, in der Gegend von Brugg und am oberen Ende des ZĂĽrichsees. Ein Rätsel ist auch heute noch, wie es der Familie gelang, zu immer mehr Geld zu kommen. Ihr Reichtum wuchs beinahe explosionsartig an. Innerhalb weniger Generationen wurde Sie zu einem der grössten Adelsgeschlechter im Raum Ostschweiz – Zentralschweiz.
Die Adelsfamilien hatten aber allesamt das selbe Problem. Die Habsburger waren eigentlich verantwortlich fĂĽr die Sicherheit der Ländereien, auch der verpfändeten. Als dann die MachtansprĂĽche der Berner, Luzerner, der Savoyer und der SĂĽddeutschen zu wachsen begannen, fehlte den Habsburgern das Geld, grössere stehende Verteidigungsheere zu mobilisieren. Die Adelsfamilien waren auch nicht auf eine solche Situation vorbereitet und hatten ebenfalls keine schlagkräftigen Verteidigungs- oder gar RĂĽckeroberungselemente zur VerfĂĽgung. In einzelnen Fällen ist auch bekannt, dass die Habsburger die Ländereien absichtlich fallen gelassen haben und so ihre Schulden „beglichen“ haben. Um zusätzlich zu Geld zu kommen, vogteten einzelne Familien ihre verpfändeten Ländereien regelrecht. Das fĂĽhrte zu weiteren Streitereien, der Untertanen gegen ihren Vogt, eben gegen die wohlhabende Adelsfamilie. Die berĂĽhmtesten Beispiele dafĂĽr dĂĽrften wohl die Schlacht von Morgarten und Sempach sein. Der Gessler vom Tellenschuss bekannt, war einer aus unserer Umgebung. Einer der Nachkommen der Gesslers von Brunegg.
Die ganze kriegerische Stimmung erhält einen Höhepunkt in dem Moment, als Maximilian im Schwabenkrieg zur Bekämpfung der Eidgenossen aufruft.
Spätestens unter diesen Umständen waren die Adelsfamilien gezwungen, ihre eigene Haut zu retten. Man versuchte die Ländereien an die Eroberer möglichst gewinnbringend abzusetzen und irgendwie unterzutauchen. So gesehen, stellte die damalige Rückeroberung des Aargaus durch die Berner eigentlich nur den Rauswurf der Landvögte dar. Rückwirkend betrachtet, eine Trendwende, die sich vermutlich auch ohne, oder sicherlich mit weit weniger kriegerischen Handlungen ergeben hätte. Die Familie Gessler Übrigens überlebte diese Querelen nicht. Die heutigen Gesslers haben keinerlei direkte Verbindung zu diesem ehemaligen Adelsgeschlecht.
Dies zwei sehr unterschiedliche Beispiele des Verhaltens des Adels aus der Habsburger-Zeit. Der Geldmangel der Habsburger legte sich ĂĽbrigens auch dann nicht, als es ihnen gelang, Silberminen im Tirol auszubeuten.