Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/2478

Es entzieht sich meiner Kenntnis, wann G. E. Anderegg zu sammeln begann. Ich kannte ihn selber nur aus einigen schriftlichen Kontakten, da ich selber die philatelistische Bühne sozusagen betrat, als er seine Sammlung mehr oder weniger abgeschlossen hatte und sich mit dem Verkauf von Teilen davon zu befassen begann. Das war die Zeit um 1965, als ganze Völkerscharen (mit mir selber) sich auf den Weg nach Bern, zur Nabra-Ausstellung aufmachten. Eine grössere Spekulationswelle hat die Schweiz wohl nie vor- und auch nachher nie erlebt. Mit einer seriösen Sammlerei hatte dies natürlich nichts mehr zu tun. Das war genau der Grund und auch der Zeitpunkt, warum ich für mich selber den Entschluss fasste, dieses moderne "Sammelgebiet" (genauer wäre Spekulationsgebiet!) von einem Tag auf den andern zu verlassen und mich den klassischen Schweizer Marken zuzuwenden. Dabei half der glückliche Umstand, dass ich damals auf eine ganze Reihe von grossen Kennern (Willy Bryner, Dr. Streiff, Josua Bühler, Werner Städeli) zählen konnte, bei denen ich wöchentlich recht eigentlich in die Schule gehen und recht viel von deren Wissen profitieren durfte.
Anderegg galt damals landläufig als der grösste Sammler der Schweiz, vor allem nachdem er an der Burrus-Auktion in Basel (16.-18.4.64 durch Robson Lowe London und Urs Peter Kaufmann Basel) den legendären ungebrauchten Sechserblock der Doppelgenf für den damaligen philatelistischen Weltrekordpreis von CHF 522250.-- (incl. Aufpreis) erworben hatte.
Man muss sich vor Augen führen, dass in der gleichen Auktion der berühmte Greifensee-Brief mit einem Paar Zürich 6 und einer Zürich 4 damals 77000.-- kostete, also knapp sieben Mal weniger! Immerhin wurde dieser Greifensee-Brief dann 1991 anlässlich der Helveticus 1-Sammlung bei Feldman in Genf für 805000.-- (incl. Zuschlag, aber ohne Mehrwertsteuer) verkauft!
Nach dem Tode von G.E.Anderegg 1974 wollten seine Erben, die Sammlung vorerst einmal beisammen halten und erst ein Vierteljahrhundert später, 1999 entschlossen sie sich, sie zu veräussern. Durch die Vermittlung der Firma Corinphila kam diese zu Charles Shreve, einem der renommiertesten Händler und Auktionatoren der USA, der dafür einen Kunden hatte. Zunächst wurde der Käufer geheim gehalten und erst gut zehn Jahre später wurde bekannt, dass die Sammlung von William H. Gross, einem der erfolgreichsten Fond-Manager Amerikas erworben worden war. Dieser besass eine ganze Reihe von Gross-Gold-Sammlungen und begann in dieser Zeit, sich nach und nach von einigen zu trennen. Ausserordentlich bemerkenswert: die Erlöse dieser Verkäufe kamen vollumfänglich wohltätigen Institutionen zu! Bis zum heutigen Datum sollen dies für die bisher verkauften Sammlungen mehr als 20 Millionen US-$ sein!
Der Verkauf der Schweiz-Sammlung konnte glücklicherweise um etliche Jahre verzögert werden. Wir standen mit Charles Shreve an Weltausstellungen etliche Male in Kontakt. Er hat mich jeweils nach dem Markt für solch eine Sammlung in der Schweiz befragt und da bei uns grosse Objekte noch in Liquidation waren (zunächst Kottelat, dann Haemmerli und vor allem Wyler) hätte diese Sammlung zu einem Überangebot geführt.
Deshalb schob Charles Shreve den Verkauf hinaus. Der letzte Termin dafür war nun die Weltausstellung in New York 2016. Als der beabsichtigte Verkauf dann klar wurde trug sich mein Sohn Markus mit dem Gedanken, ob es allenfalls möglich wäre, diese Sammlung en bloc zu erwerben und en bloc einem guten Kunden zu vermitteln. Der Grund war keineswegs ein grosser Gewinn - zu erwarten war lediglich eine Verkaufsprovision, aber (viel wichtiger!) eine grosse Entlastung des Marktes! Ab diesem Moment folgten Dutzende von E-Mails meines Sohnes von und nach den USA und als die Idee dort auf Interesse stiess, begannen wir, dafür unsererseits einen Käufer für das ganze Objekt zu suchen. Für ein Objekt also von immerhin mehr als fünf Millionen Schweizer Franken!
Für uns kam nur ein geschlossener Verkauf in Frage. Und in Frage kam dieser auch nur dann, wenn wir selber diesen fair und zu einem absolut vertretbaren Preis über die Bühne bringen konnten. Aus diesem Grunde hatten wir in Kürze viele hundert Attestkopien durchzusehen. Emil Rellstab hatte vor dem Verkauf 1999 die ganze Sammlung neu attestiert und dies ermöglichte erst eigentlich eine seriöse Bewertung. Zu unserer eigenen Überraschung zeigte bereits der erste angefragte Kunde Interesse an dieser Sammlung. Es folgten darauf auch auf der Seite unseres Kunden zahllose Schreiben hin und her bis alle Fragen geklärt und zu guter Letzt seine Zustimmung für den Kauf auf dem Tische lag. Und wenige Tage vor der Weltausstellung in New York kam Charles Shreve mit allen Alben zu uns in die Schweiz nach Schmerikon. Wir haben den Kauf vollzogen und für immerhin rund 24 Stunden waren wir glückliche Besitzer dieser aussergewöhnlichen Sammlung, bevor wir sie dem neuen Besitzer übergeben konnten, der - nach seinen Verlautbarungen - grosse Freude daran hat.
Man hat uns gratuliert, dass das die grösste und teuerste Alt-Schweiz-Sammlung sei, die je en bloc erworben worden sei. Das mag summenmässig stimmen, aber dennoch sollte man mit solchen Zahlen vorsichtig sein. Wenn kolportiert wird, dass Ernst Müller 1936 wesentliche Teile der Sammlung von Alfred F.Lichtenstein, dem Ciba-Chef in den USA, zu einem Preis von zwei Millionen Schweizer Franken erwerben konnte, so ist davon auszugehen, dass diese Summe für die damalige Zeit höher einzustufen war, als die gut fünf Millionen jetzt für die Anderegg/Gross-Sammlung.
Es kann nicht Zweck dieses Artikels sein, diese Sammlung hier detailliert aufzuführen und zu erklären. Aber ein paar willkürlich ausgewählte Müsterchen wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Es könnte durchaus der Fall sein, dass das Objekt als Ganzes in Bälde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Bis zu diesem Zeitpunkt möchte der Käufer noch anonym bleiben.
15I und 15II zusammen verwendet
Mit Kreuzeinfassung
Phantasische Frankatur