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Die jetzige Neuregelung von 1996 bis 2006 trägt ähnlich kompromisshafte Züge wie die alte Regelung. […] Anfang der 90er Jahre begann dann der politische Entscheidungsprozess […]. Das mündete dann in die Wiener Orthografiekonferenz vom Juli 1996, auf der […] eine Orthografiereform auf der Grundlage einer überarbeiteten Fassung der Regelungsvorlage des Arbeitskreises beschlossen wurde. Die überarbeitete Fassung wich vor allem aufgrund einer Stellungnahme der Kultusministerkonferenz und einer öffentlichen Anhörung in Bonn im Mai 1993 darin von der ursprünglichen Fassung des Neuregelungsvorschlages ab, dass die vom Arbeitskreis empfohlene Einführung der „gemäßigten Kleinschreibung“ […] durch eine modifizierte Großschreibung […] ersetzt wurde. Die Einführung dieser Neuregelung in den Schulen und in den Schreibgebrauch der Behörden und damit auch den öffentlichen Schreibgebrauch führte dann neuerlich zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit […]. Daran beteiligt waren natürlich Sprachwissenschaftler, aber auch Journalisten, Schriftsteller, Lehrer, Politiker und viele andere Angehörige der deutschen Sprachgemeinschaft. In den Wortmeldungen wurden mit unterschiedlicher Gewichtung und Heftigkeit die erwähnten Aspekte und Bestimmungsfaktoren einer Orthografiereform thematisiert und die jeweils für ausschlaggebend gehaltenen Gesichtspunkte mit mehr oder weniger großer Intensität vertreten. Die Spannbreite der Äußerungen reichte vom rationalen und abwägenden Diskurs bis zur Verabsolutierung der eigenen Position und zu emotionalen Bekundungen, die jeder Sachkunde und rationalen Grundlage entbehrten. In Anbetracht der Heftigkeit des Widerstands gegen die Neuregelung in den Medien und speziell von Seiten mancher Schriftsteller wurde von den zuständigen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland mit Zustimmung Österreichs und der Schweiz, um den „Rechtschreibfrieden“ wieder herzustellen, 2004 anstelle der bisher für die Neuregelungsfassung zuständigen, relativ kleinen und nur aus Sprachwissenschaftlern und Didaktikern bestehenden Zwischenstaatlichen Kommission […] ein wesentlich größerer Rat für deutsche Rechtschreibung geschaffen […]. Danach ebbte die öffentliche Auseinandersetzung deutlich ab […] und die Neuregelung setzte sich relativ rasch und geräuschlos im öffentlichen Sprachgebrauch durch. Schon deshalb kann man nicht, wie es in konservativen Presseorganen immer mal wieder geschieht, von einem allgemeinen Katzenjammer über die Reform oder gar von ihrem völligen Misslingen sprechen. Diese Ansicht gibt es offensichtlich vor allem bei den entschiedenen Gegnern einer Orthografiereform. Ungeachtet solcher Behauptungen festigt sich die Neuregelung mit jedem Jahrgang, der die Schule verlässt, im öffentlichen Sprachgebrauch weiter und wird dann allmählich ebenso selbstverständlich, wie das seinerzeit mit der Neuregelung von 1901 der Fall war.
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Nerius, Dieter
Abstract: Nach Ausführungen zu theoretischen und historischen Aspekten einer Orthographiereform wird anhand des 3. Berichtes der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung über den Stand der Umsetzung der orthographischen Neuregelung von 1996 informiert (in den Bereichen Schule, Behörden / staatliche Institutionen, Nachrichtenagenturen/Presseorgane, Buchverlage) und es werden Alternativlösungen zu möglichen Problemfällen dieser Regelung diskutiert (in den Bereichen Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung).
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