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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1996 – Seite 1)
EDITORIAL
«Lieber reich und gesund als arm und krank», lautet ein zynisches Bonmot, das einerseits auf jene Zusammenhänge hinweist, welche Gegenstand gesundheitsökonomischer und gesundheitspolitischer Herausforderungen sind, und andererseits eine allzu simple Zuordnung von Korrelationen und Kausalitäten lächerlich macht. Ein unvoreingenommener Blick in die Realität zeigt, dass es durchaus kranke Reiche und gesunde Arme gibt und dass man Gesundheit nicht einfach kaufen kann. «Health without wealth is half a sickness», heisst es allerdings in einem englischen Sprichwort, das wohl mindestens «half a truth» kundtut. Das komplexe Gut «Gesundheit» ist sicher so ungleich verteilt wie der etwas leichter definierbare materielle Wohlstand, aber jede dieser Ungleichheiten beruht auf einer subtilen Mischung von Zufall und Willkür und von individueller und kollektiver Einflussnahme. Es erstaunt daher nicht, wenn die Menschen immer wieder versuchen, dieses Gut durch medizinische und soziale Techniken in vielfältiger Kombination besser zu verteilen, als dies so zweifelhafte Instanzen wie «Natur» oder «Schicksal» zu tun vermögen.
Ein kaum mehr durchschaubares Netzwerk von wissenschaftlichen, politischen und sozialen Institutionen und von kooperierenden und konkurrierenden Menschen mit unterschiedlichsten Motiven widmet sich weltweit dieser Aufgabe. Das komplexe Gut «Gesundheit» hat sowohl auf der Seite der Anbieter als auch auf der Seite der Nachfrager eine Fülle von Besonderheiten, welche die ohnehin problemgeladene Operation der Verteilung und Umverteilung zusätzlich erschweren.
Jonathan Swift hat 1722 in einem Brief an Vanessa die Gegenüberstellung von Gesundheit und Reichtum durch einen zusätzlichen Wertbezug erweitert: «Gesundheit, gute Laune und Reichtum sind alles, was im Leben wertvoll ist, und letztere beiden tragen zu der ersteren bei.» Dass neben dem Reichtum auch so etwas Subjektives und Immaterielles (und mindestens so ungleich Verteiltes!) wie die gute Laune den Wert und den Preis der Gesundheit mitbestimmen kann, erschwert zwar die quantifizierende und qualifizierende ökonomische Analyse, hat aber auch etwas sehr Tröstliches.
ROBERT NEF