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Sein Atelier ist vom Boden bis zur Decke mit Sachen belegt, ein Kunterbunt an Stoffen und Sammelstücken, ein Materiallager, ein Chaos, eine Höhle, ein Abenteuer. Von der Decke hängen fertige Puppen, weil sie sonst nirgends Platz finden. Puppen sind neben dem malerischen Werk Michel Nedjars die andere grosse Hauptgruppe. Die erste hatte er aus dem abgebrochenen Bein einer Puppe seiner Schwester gebastelt, indem er es mit Stoffen umwickelte – so durfte er als Bub mit dem Mädchenspielzeug hantieren, ohne dafür kritisiert zu werden.
Michel Nedjar wurde 1947 in Paris in eine jüdische Familie hinein geboren. Seine Grossmutter handelte mit Stoffen und Altkleidern, sein Vater besass ein Schneidergeschäft und ermutigte ihn, selber Schneider zu werden. Nach der Lehre besuchte Michel eine Modedesignschule. Mit seinem ersten Lehrlingslohn kaufte er Farben und Leinwand. Bis heute malt und zeichnet er, nun allerdings lieber auf Packpapier, alte Schachteln, Zeitungen oder Briefumschläge – was einem halt so ins Haus gerät. Oft malt er direkt mit den Fingern und bearbeitet danach das Bild mit dem Bügeleisen. Die kraftvollen Tiere, Menschen und Gesichter scheinen den Bildraum zu sprengen.
Die allerersten Puppen entstanden schon anfangs der 1970er Jahre und waren für den Verkauf in Boutiquen bestimmt. Nach einer Reise nach Mexiko 1976 begann Michel Nedjar, andere Puppen herzustellen. Nun waren es keine schöne Dekostücke mehr, sondern raue, archaische Gestalten. Er verwendete Material aus Abfallkübeln und Flohmärkten und tauchte die Figuren in ein Ritualbad aus heissem Schlamm, dem er manchmal auch Blut beimischte. Statt Augen und Mündern sind Löcher da, manche haben gar keinen Kopf und nur angedeutete Glieder: tierhafte Wesen, wie Kartoffeln aus einem uralten Boden gegraben. Und genauso möchte Michel Nedjar das Verborgene herausschälen, den Kern des Lebewesens. Er betrachtet sich als eine Art Medium zwischen unserer modernen Gesellschaft und dem Archetypischen.
In den 1990er Jahren fertigte Michel Nedjar keine Puppen mehr, sondern malte und zeichnete. Nach dem AIDS-Tod enger Freunde, brauchte er die Puppen wieder. Seither belässt er den Stoffen ihre Farbigkeit und Weichheit. Nun stehen die Stiche im gestalterischen Mittelpunkt, mit denen er die Textilien grob zusammennäht. Meist arbeitet der Künstler seriell, wobei jede Serie über mehrere Jahre entsteht. Für die Serie «Reisepuppen» bringt er von seinen Reisen Erinnerungsstücke wie Steine, Zettel, Muscheln, Stoffe mit und gestaltet danach im Atelier Reisepuppen wie andere Leute Reisetagebücher schreiben. In den «Coudrages» kombiniert Michel Nedjar unterschiedlichste Fundstücke zu geheimnisvollen Collagen des Lebens.
Für Michel Nedjars Werdegang wichtig war die Bekanntschaft mit dem Künstler und Sammler Jean Dubuffet im Jahr 1980. Dubuffet hatte den Begriff der «Art Brut» geprägt. Sein Interesse an Michel Nedjars Arbeit machte diese bekannt, drängte sie aber auch in einen bestimmten Kontext. Heute ist es offensichtlich, dass der Begriff «Art Brut» zu restriktiv ist. Michel Nedjar folgt seinem ganz eigenen Weg zwischen Intuition und Reflexion.
Die Ausstellung der Collection de l’ Art Brut in Lausanne zeigt einen schönen Überblick über das berührende Werk des Künstlers. Als Einstieg empfiehlt sich der Film «Les chantiers interdits de Michel Nedjar» von Isabelle Filleul.
Text: Christine Läubli alle Fotos: Digilisation Workshop – City of Lausanne, Collection de l’Art Brut, Lausanne Zur Ausstellung ist ein Katalog in französischer Sprache erschienen: Michel Nedjar, textes de Sarah Lombardi, Anic Zanzi, Margot Laeser, Lausanne/ Milan, Collection de l’Art Brut/ 5 Continents Editions, 2023, CHF 35.- Informationen zur Ausstellung: Michel Nedjar Collection de L’Art Brut Avenue des Bergières 11 1004 Lausanne Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr Die Ausstellung dauert noch bis zum 29. Oktober 2023 www.artbrut.ch