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Schon mit dem überraschenden Brexit-Entscheid Grossbritanniens Mitte 2016, spätestens jedoch mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wurde einer breiten Öffentlichkeit bewusst, wie deutlich in jüngster Zeit die populistischen, auf Abschottung bedachten politischen Kräfte weltweit an Zuspruch gewonnen haben. Quer durch alle Gesellschaftsschichten scheint sich in vielen entwickelten Ländern ein zunehmender Anti-Globalisierungs-Reflex auszubreiten. Insbesondere der Mittelstand fühlt sich von den Auswirkungen der Globalisierung bedroht und sieht sich als – zumindest relativer – Verlierer.
Eine Ursache für die Verunsicherung ist die in den letzten dreissig Jahren stark gestiegene Mobilität von Kapital und Arbeit, was zur Auslagerung von Wertschöpfungsketten und Arbeitsplätzen in die Schwellenländer führte. In Europa sorgt zudem ein steigender Migrationsdruck für politischen Unmut und Ängste im Mittelstand.
Ein weiterer Aspekt, der den Aufstieg der Populisten erklärt, ist bei den Einkommen zu suchen: Vor allem in den westlichen Industrieländern erzielten breite Mittelschichten in den vergangenen zwanzig Jahren kaum mehr reale Einkommensfortschritte, wie verschiedene Studien belegen. So berechnete der aus Serbien stammende US-Ökonom Branko Milanovic beispielsweise auf Basis von rund 120 Länderstudien die globale Einkommensverteilung und ermittelte, wie sich die Reallöhne in verschiedenen Einkommensschichten von 1988 bis 2008 veränderten (siehe Abbildung 1).[1]
Abb. 1: Veränderung der Realeinkommen nach 5-Prozent-Perzentilen weltweit (1988 bis 2008)
Milanovic (2012) / Die Volkswirtschaft
Anmerkung: Links auf der x-Achse ist der Medianlohn der 5 Prozent weltweit Ärmsten aufgeführt, ganz rechts finden sich die Personen mit den allerhöchsten Einkommen. Wir betrachten hier den Durchschnitt im jeweiligen 5-Prozent-Perzentil: Innerhalb dieser Gruppe können sich die individuellen Einkommen somit unterschiedlich entwickelt haben.
Gemäss Milanovic vermochten die global ärmsten Einkommensschichten – die untersten 5 Prozent – zwischen 1988 und 2008 ihre Realeinkommen im Durchschnitt nicht zu steigern. Doch schon ab dem 10-Prozent-Perzentil bis zum 70. Perzentil nahmen die real verfügbaren Einkommen zwischen 60 und 80 Prozent zu. Der Grossteil dieser Einkommen findet sich in den Schwellenländern, die in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren den Sprung aus der Armut in die Mittelschicht schafften.
Die Haushalte vom 75. bis zum 90. Perzentil, was mehrheitlich der Mittelklasse in den Industrieländern entspricht, verzeichneten hingegen im Durchschnitt kaum reale Einkommensfortschritte. Gewisse mittlere Einkommensgruppen in den USA und in Westeuropa erzielen sogar tiefere reale Einkommen als noch ihre Elterngeneration, wie verschiedene Studien zeigen. Ihr Einkommen real vermehren konnten hingegen die einkommensstärksten rund 5 Prozent sowie insbesondere die «Top-1-Prozent» der Weltbevölkerung.
Schweizer Mittelstand steht gut da
Im Gegensatz zu den USA oder anderen europäischen Industrieländern ist der Schweizer Mittelstand in den letzten Jahren wirtschaftlich nicht abgehängt worden. Zwar nahm der Anteil des Einkommens vor Steuern und staatlichen Transfers der mittleren Einkommensgruppen leicht ab. Werden aber die Einkommen nach staatlicher Umverteilung wie beispielsweise Steuern und Sozialleistungen betrachtet, nahm der Einkommensanteil des Mittelstandes am Gesamteinkommen leicht zu. In den unteren Einkommensperzentilen konnte er sogar am deutlichsten gesteigert werden (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Veränderung verfügbares Realeinkommen nach Dezilen in der Schweiz (in %; 1998 bis 2013)
Avenir Suisse, UBS / Die Volkswirtschaft
Neben der signifikanten staatlichen Umverteilung sehen wir zwei weitere wesentliche Gründe für diese relativ egalitäre Entwicklung bei der Einkommensverteilung in der Schweiz. Erstens haben der starke Franken und die dadurch tiefe, ja mehrheitlich sogar negative Teuerung der letzten Jahre dazu geführt, dass der Anteil des Erwerbseinkommens am Bruttoinlandprodukt (BIP) stetig gestiegen ist. Denn durch den währungsbedingten Einbruch der Margen sank in den letzten Jahren der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP deutlich (siehe Abbildung 3).
Abb. 3: Anteil Erwerbseinkommen am BIP in der Schweiz; Abweichung Euro-Franken-Wechselkurs von der Euro-Franken-Kaufkraftparität
Seco, SNB, UBS / Die Volkswirtschaft
Ausserdem fielen die Zinserträge aufgrund der massiv tieferen Zinsen deutlich niedriger aus. Somit trugen in den letzten Jahren vornehmlich die Unternehmer das Währungsrisiko, was sich in sinkenden Margen niederschlug, während die Arbeitslosigkeit kaum zunahm. Diese gegenläufige Entwicklung bei den Erwerbs- und Kapitaleinkommen kam vor allem den unteren Einkommensschichten zugute. Respektive: Sie ging zulasten der oberen Einkommensschichten, die ihre Einkommen in höherem Mass aus Kapitalerträgen generieren.
Ausserdem zeigt die jährliche Lohnumfrage der UBS, dass der starke Franken die Inflation entgegen den Erwartungen zurückgebunden hat.[2] Dies hat dazu beigetragen, dass die Realeinkommen der Lohnempfänger in den letzten sieben Jahren so stark gestiegen sind wie nie zuvor in den vergangenen rund dreissig Jahren.
Als zweite wesentliche Erklärung kann das in der Schweiz gut ausgebaute duale Bildungssystem mit der Berufslehre angeführt werden. Das Berufslehrsystem erlaubt es auch Arbeitnehmern aus bildungsferneren Schichten, eine qualitativ hochstehende Ausbildung zu absolvieren. Damit ist der direkte Zugang zum Arbeitsmarkt besser gewährleistet als in Ländern, die kein Berufslehrsystem kennen. Auch dies dürfte in unseren Augen über die vergangenen Jahre dazu beigetragen haben, dass die Schweiz eine vergleichsweise egalitäre Einkommensentwicklung vorweisen kann.
Vorteile erklären, Nachteile mildern
Die Unzufriedenheit in breiten Mittelschichten der westlichen Länder über ihr relatives Zurückfallen gegenüber jenen ganz oben und jenen weiter unten droht nun zunehmend populistisch argumentierende Politiker an die Macht zu spülen. Diese Populisten wollen das Rad der Zeit zurückdrehen, indem sie die multilateralen Handelsabkommen zu Fall bringen und Handelsschranken hochziehen, um die so angesprochenen Wählerschichten zu beschützen.
Angesichts dieser Entwicklungen muss es denjenigen Kräften, die weiterhin für eine offene, dem Freihandel verpflichtete Weltgemeinschaft eintreten und gegen eine nationalistisch geprägte, auf Abschottung und Isolationismus setzende Politik kämpfen, gelingen, die Wähler von den Vorzügen einer offenen und stark integrierten Weltwirtschaft zu überzeugen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Globalisierung bereits Hunderten Millionen Menschen den Aufstieg aus der Armut in die Mittelklasse ermöglicht hat. Hervorzuheben gilt es auch: Mit einer weiter gehenden wirtschaftlichen Integration wird gerade in Europa wohl die wirkungsvollste Prävention gegen erneute kriegerische Auseinandersetzungen betrieben.
Zweitens müssen wirtschaftspolitische Massnahmen eingeleitet werden, um die negativen Effekte der Globalisierung zu mildern. Der zentrale Ansatzpunkt ist dabei die Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften, die im intensivierten internationalen Wettbewerb zunehmend unter Druck stehen. Hier könnten sich viele Länder am dualen Bildungssystem der Schweiz orientieren.
Schliesslich sollten sich insbesondere Europas Politiker mit der Frage auseinandersetzen, ob die weitgehend uneingeschränkte Personenfreizügigkeit unter bestimmten Bedingungen gedrosselt werden könnte, ohne an den drei Prinzipien des freien Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs zu rütteln und so zumindest die Kernelemente eines funktionierenden Binnenmarktes zu sichern. Ebenso sind politische Konzepte wie beispielsweise das Modell von konzentrischen Kreisen oder ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeit zu prüfen. Bleibt die Politik untätig, droht Europa am Groll eines zunehmend frustrierten Mittelstandes zu zerbrechen – was letztlich alles andere als im Interesse der Schweiz ist.
- Milanovic (2012).
- UBS (2016).