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Im Herbst 2000 reiste ich in die Ukraine, um mir ein Bild von der kulturellen und politischen Situation des Landes, und insbesondere der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kunstschaffenden zu machen. Ich traf mich mit Künstlern, diskutierte mit Kunstkritikern und besuchte Ausstellungsinstitute. Ukraine bedeutet "Grenzland". Es handelt es sich bei diesem grossen Gebiet um den südlichen Teil des europäischen Russland. Seit dem 17. Jahrhundert eine russische Provinz, bildete sich 1918 in Kiew eine Unabhängigkeitsbewegung, die zur Gründung einer Ukrainischen Nationalrepublik führte. Kurz darauf besetzten sowjetische Truppen das Land und erklärten die Ukraine zu einer Sowjetrepublik. Seit 1991 ist die Ukraine ein unabhängiger Staat. Nach meiner Ankunft in Kiew realisierte ich bei der Abwicklung der Einreiseformalitäten, dass neben Waffen und Drogen auch Bücher zu den im Land unerwünschten Waren zählen. Die Busfahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum war eine Reise in eine vertraut erscheinende, mir aber doch völlig unbekannte Vergangenheit. Der Weg in die Stadt war gesäumt von zahlreichen Siedlungen aus den fünfziger und sechziger Jahren, deren schmutzige Fassaden mit den einfach verglasten, nicht selten mit Klebband notdürftig reparierten Fensterfronten wie ein Sinnbild des Stillstands, der allgegenwärtigen Abnützung und der dringend nötigen Erneuerung erschien.
Es gibt in der Ukraine nur gerade zwei Zentren für Gegenwartskunst, in Kiew und Odessa, deren Gründung dem amerikanischen Geschäftsmann George Soros zu verdanken ist. Er war es auch, der wie schon in andern osteuropäischen Ländern die Mittel für die ersten Betriebsjahre zur Verfügung stellte. Der für die ukrainische Situation zutreffende Wahlspruch des Zentrums in Kiew lautet: "Contemporary art allows people to experience the discomfort of not knowing all the answers". Der Gegensatz zwischen den verwahrlosten Museen, in denen die Farbe von Wänden und Gemälden blättert, den schwarzen Limousinen auf den Strassen der Stadt, und den bettelnden Rentnerinnen vor den barocken Repräsentationsbauten Stalins beschäftigten mich vielleicht deshalb so stark, weil ich mich, wenn auch am Rande, doch immer noch in Europa bewegte.
In der Ukraine können Künstler von ihrer künstlerischen Arbeit nicht leben. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt in anderen Berufen. Sie gehen nicht wie viele unserer Künstler einer Teilzeitbeschäftigung nach, sondern arbeiten sechs Tage die Woche, um genügend verdienen zu können. Die Künstler haben ihre Ateliers in ihren Wohnungen und stellen im nahen Ausland aus. Kontakte zu Moskau, wo einige der Künstler ihre erste Ausstellung einrichteten, gibt es kaum mehr. Die Zentrumsfunktion dieser Stadt verblasst. Die Mittel der Kunstschaffenden aber reichen nicht, um nach Westeuropa zu reisen. Einige meiner Gesprächspartner haben sich im "Institute of the Unstable Thoughts" organisiert, einer Selbsthilfeorganisation von Künstlern, Kritikern, Musikern und Kuratoren, die vor allem von ausländischen Stiftungen, u.a. auch der Pro Helvetia, unterstützt wird.
Im Jahre 1994, in der Zeit des politischen Systemwechsels, in der die Desorganisation des Staates im Guten wie im Schlechten in allen gesellschaftlichen Bereichen unerwartete Möglichkeiten bot, fand auf einem atomar angetriebenen Kriegsschiff in Sevastopol eine Kunstausstellung statt. Diese Ausstellung umfasste nicht nur ukrainische Gegenwartskunst sondern auch historische Zeugnisse aus den Jahrzehnten sowjetischer Besatzung. Schon allein der Umstand, dass es gelungen war, auf einem Kriegsschiff eine Ausstellung zu zeigen, sorgte für grosses Aufsehen. Das Skandalon der Veranstaltung aber war der Beitrag des Künstlers Iliya Chichkan. Er führt in seiner Arbeit in aller Drastik die atomare Verseuchung der Region um die Hauptstadt Kiew durch die Explosion in einem Atomkraftwerk 1986 in Tschernobyl vor Augen. Kiew und Tschernobyl liegen weniger als 60 km auseinander. Der Künstler hat nach missgebildeten Früh- und Totgeburten gesucht und die Leichen dieser Kinder in den runden Schiffslucken ausgestellt. Die Perversion des politischen Systems und die unmenschlichen Lebensbedingungen, die neue Perversitäten erzeugen, zählen zu den wichtigen Themen der ukrainischen Gegenwartskunst: Olexandr Hnilitski, Mitbegründer von "Unstable Thoughts", hat dieses Jahr in der Börse von Kiew eine mechanische, lebensgrosse Plastik einer bettelnden alten Frau ausgestellt. Ein wichtiger Künstler der älteren Generation ist Boris Mikhailov, der seit beinahe drei Jahrzehnten in seinen Fotos die Veränderung in der sowjetischen Gesellschaft thematisiert. War es in den siebziger Jahren die Verlogenheit der politischen Propaganda, die er in seiner Fotografie zeigte, so sind es nun die Verlierer der neuen Gesellschaft.
Es gibt in der Ukraine kein dichtes, wie bei uns sich überlagerndes kulturelles Angebot, sondern nur isolierte Veranstaltungen wie beispielsweise die erwähnten Ausstellungen, die allerdings ein umso grösseres Gewicht für Kunstschaffende und Publikum haben. Reisen wie diese nach Kiew führen vor Augen, wie unterschiedlich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen selbst innerhalb Europas sind. Wer vom Rande Europas nach Basel blickt, muss mit Verwunderung feststellen, über welch ein vielfältiges und aktuelles kulturelles Angebot diese kleine Stadt verfügt. Dank der politischen Stabilität, dem volkswirtschaftlichen Wohlstand sowie der föderalistischen Struktur unseres Landes entwickelte sich eine Dichte an kulturellen Institutionen, die ihresgleichen sucht. Im Gespräch mit den jungen Künstlern in Kiew wurde deutlich, dass es in der Ukraine weder am Erneuerungswillen der Menschen noch an Visionen fehlt, sondern an verlässlichen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, an finanziellen Mitteln und insbesondere am Glauben ihrer Realisierbarkeit.
Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas hat kürzlich in einem bemerkenswerten Essay die These vertreten, dass es Europa auch zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer nicht gelungen sei, die Mentalität des Kalten Krieges zu überwinden. In Osteuropa würden traditioneller Kapitalmangel und Lebenserfahrungen, die "gut fürs Überleben, jedoch nicht für das durchs Überleben gewonnene Leben" seien, das Gefühl bestätigen, "der ewige Verlierer der Geschichte" zu sein. Der Egoismus der westlichen Gesellschaften dagegen, der die Integration der neuen Demokratien Osteuropas verhindere, gründe nicht auf dem Zwang zu überleben, sondern auf einer Tradition der Kapitalakkumulation und einem ebenso alten Gesellschaftsvertrag, der Selbstdisziplin und ein gewisses Mass an Solidarität in der eigenen Gesellschaft verlange. Kultur ist ihrem Wesen nach geschichtliche Selbstdeutung des Menschen. Die Menschen in Osteuropa haben keinen Anlass, aus ihrem Alltag auf eine gemeinsame europäische Kultur zu schliessen, auch wenn viele historische Zeugnisse genau dies anzudeuten scheinen. Wer aus der Ukraine nach Basel blickt, sieht nicht nur die Vielfalt an kulturellen Aktivitäten in dieser Stadt neu, sondern wünscht sich von der Kulturstadt eine Intensivierung des kulturellen und wissenschaftlichen Austausches mit Osteuropa und in diesem Zusammenhang auch eine Vertiefung des Bewusstseins für den geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontext, in dem in unserer Stadt Kunst und Wissenschaft betrieben und vermittelt wird.
Erstveröffentlichung