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LuhmannGG879
III. Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
Schon auf operativer Ebene ist das Gesellschaftssystem zur Beobachtung seines Kommunizierens und in diesem Sinne zur Selbstbeobachtung gezwungen. Dafür genügt es jedoch zunächst, die Mitteilung als Handlung zu beobachten, so als ob sie ein (durch sich selbst) bestimmtes Objekt wäre. Im Anschluss daran entwickelt sich die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz, mit der das System darauf reagiert, dass es durch sein operieren die eigene Form erzeugt, nämlich die Differenz von System und Umwelt.
Ein laufendes Beobachten anhand der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz kondensiert die entsprechenden Referenzen und verdichtet sie zur Unterscheidung von System und Umwelt.
Das ermöglicht eine Selbstbeobachtung neuen Stils, nämlich die Zurechnung von Themen auf das System selbst im Unterschied zu seiner Umwelt. Das System reflektiert seine eigene Einheit als Bezugspunkt für Beobachtungen, als Orientierungsgesichtspunkte für ein laufendes Referieren.
Und dann empfiehlt es sich, Texte anzufertigen, die eine Vielzahl solcher immer nur ereignishafter und situationsgebundener Selbstbeobachtungen koordinieren. In einfachster Form gibt sich das System einen Namen, eine rigide, invariante Bezeichnung, die eben wegen dieser Rigidität wiederholt und in unvorhersehbar verschiedenen Situationen verwendet werden kann. Solche Texte, inklusive Namen, wollen wir Selbstbeschreibungen nennen.
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Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts besetzt der Begriff der Kultur den Platz, an dem Selbstbeschreibungen reflektiert werden. Kultur im modernen Sinne ist immer die als Kultur reflektierte Kultur, also eine im System beobachtete Beschreibung.
Kultur kann durchaus so verstanden werden, dass die Selbstbeschreibungen die Beschreibung der Welt, in der sie stattfindet, keineswegs ausschließt, vielmehr über die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz gerade einbezieht.
Kultur ist dann gleichsam die in der Gesellschaft verankerte expressive Form einer Weltdarstellung, die in anderen Gesellschaften andere Formen annehmen könnte. Kultur ist, wie man oft liest, gelerntes Verhalten.
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Auch Selbstbeschreibungen sind und bleiben im strengen Sinne Beobachtungen. Wir erinnern: eine Beobachtung bezeichnet etwas, indem sie es unterscheidet. Sie produziert mit dem, was sie bezeichnet, zugleich einen unmarkierte Bereich, der nicht intentional oder thematisch erfasst (bezeichnet) aber als Welt-im-übrigen vorausgesetzt ist. Und sie sondert die Operation der Beobachtung (und damit: den Beobachter) ab von dem, was beobachtet wird.
Das All dies auch für die Selbstbeschreibungen gilt, hat erhebliche theoretische Konsequenzen. Zunächst: in der Darstellung von Gesellschaft ist immer auch Welt impliziert - teils mit bekannten Formen (zum Beispiel Steine, Pflanzen, Tiere, Götter), teils aber auch mit unbekannten Eigenschaften beziehungsweise einem nicht weiter erklärbaren Ordnungspostulat vom Typ kosmos, Schöpfung.
Die andere Seite der Unterscheidung Gesellschaft ermöglicht fremdreferentielle Bezeichnungen ; aber sie kann nie als Einheit bezeichnet werden. Sie ermöglicht ein Kreuzen der Grenze, aber nur dadurch, dass auf der anderen Seite wieder etwas unterschieden wird - etwa Himmel und Erde.
Dazu kommt dann noch ein zweiter blinder Fleck: der Beobachter selbst. Die Beschreibung kann operieren, sie kann sich aber im Vollzug nicht selbst beschreiben, denn dies würde eine andere Operation, eine andere unterscheidende Bezeichnung erfordern. Sie kann nur im Nachhinein wiederbeschrieben werden. Keine Thematisierung von Gesellschaft erreicht mithin eine volle Welttransparenz.
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Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen der Gesellschaft sind immer kommunikative Operationen, existieren also nur im Ereigniszusammenhang des Systems. Sie müssen voraussetzen, dass das System schon vorliegt, sind also nie konstitutive, sondern immer nachträgliche Operationen, die es mit einem bereits hoch selektiv formierten Gedächtnis zu tun haben.
Das gilt auch für die Anfertigung und Benutzung von Texten. Das System kann seine eigenen Geschichtlichkeit nicht entrinnen, es muss immer von dem Zustand ausgehen, in den es sich selbst gebracht hat. Gerade weil dies so ist und gerade weil die zeitliche Sequenz der Operationen irreversibel ist, haben Strukturen im allgemeinen und Texte im besonderen die Funktion, Wiederholbarkeit und in diesem Sinne Reversibel lität zu gewährleisten. Man kann, aber auch dies geschieht nur, wenn es geschieht, auf sie zurückgreifen. Reflexion ist, und das kann man doppelsinnig (strukturell und prozessual) verstehen, „das Resultat des Resultates“.
Boe: Mythen = Erzählungen für wiederholten Gebrauch -
Sind Theorien nicht auch "Erzählungen für wiederholten Gebrauch"?
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Auch Gesellschaften, die nicht über Schrift verfügen, fertigen Selbstbeschreibungen an. Sie produzieren Erzählungen für wiederholten Gebrauch und setzen bei der Erzählung voraus, dass die Erzählung bekannt ist und nur das Beiwerk, wie Ausschmückung, das Geschick des Erzählers überraschen. So können auch Mythen über das Menschengeschlecht, den Stamm, den ersten Ahnen usw. fixiert werden, in denen die Gesellschaft in der Gesellschaft repräsentiert wird.
Im täglichen Gebrauch, in der mündlichen Rede genügen jedoch „indexical expressions“ deren Referenz sich von selbst versteht. Erst Schrift hebt diese Unmittelbarkeit des „Wir“-sagen-Könnens auf und führt damit in ein Referenzproblem. Denn wenn der Leser liest, was geschrieben ist, ist der Schreiber längst mit anderem beschäftigt oder gar gestorben.
Erst mit der Schrift entsteht ein Bedarf für begrifflich elaborierte Selbstbeschreibungen, die zu fixieren versuchen, worüber kommuniziert wird, wenn in der Gesellschaft über die Gesellschaft kommuniziert wird.
Ebenso wie Selbstbeobachtungen sind auch Selbstbeschreibungen (Anfertigen von Texten) Einzeloperationen des Systems. Überhaupt handelt es sich bei Beschreibung und Beschriebenenem nicht um zwei getrennte, nur äußerlich verknüpfte Sachverhalte; sondern bei einer Selbstbeschreibungen ist die Beschreibung immer ein Teil dessen, was sie beschreibt, und ändert es allein schon dadurch, dass sie auftritt und sich der Beobachtung aussetzt.
Diese Einsicht konnte vermieden werden, solange die Beschreibung der Welt und der Gesellschaft als religiöse Wahrheit begriffen wurde...Die Religion symbolisiert die Gesellschaft und konzentriert das Bewusstsein der Individuen auf sakrale Objekte und muss eben deshalb verschweigen, dass dies nur eine Gesellschaftsbeschreibung ist.
Anders als in der üblichen Erkenntnistheorie gibt es auch keine nachträgliche Übereinstimmung von Erkenntnis und Gegenstand - weder in der Form Beobachtungen noch in der Form Beschreibung. Das System kann nichts anders tun als kommunikativ operieren, und das, was die Kommunikation letztlich meint und bezeichnen will, hat nie auch nur die geringste Ähnlichkeit mit kommunikativen Formen, und das gilt selbst dann, wenn die Gesellschaft (wie hier) als Kommunikationssystem geschrieben wird. Das gilt auch für Selbstbeschreibungen. Deshalb ist die Frage nach der Wahrheit der Beschreibung hier unangebracht.
LuhmannGG912
Niklas Luhmann