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François Hollande hat alle überrascht. Niemand hielt es für möglich, dass der 57-jährige Sozialist zum Kandidaten seiner Partei bei den französischen Präsidentschaftswahlen nominiert und den Urnengang als klarer Favorit in Angriff nehmen würde. Er hat alle eines Besseren belehrt.
Der Sohn eines konservativen Arztes treibt seit 30 Jahren mit Leib und Seele Politik. Während 14 Jahren lernte er bei François Mitterrand in dessen Kabinetten sein Handwerk. Über ihn lachte ganz Frankreich, als seine Ex-Lebensgefährtin Ségolène Royal ihn 2007 als Präsidentschaftskandidaten ausbootete. Andere hätten aufgegeben. Hollande richtete sich stets wieder auf.
Bis heute weiss niemand, was er genau vorhat. Aus seinem Programm lässt sich keine klare Positionierung herauslesen. Ebenso vage ist sein Verhältnis zur Schweiz. Sie sei ein befreundetes Land, er werde ihr irgendwann einen Besuch abstatten, sagt er. Was den Kampf gegen die Steuerflucht betreffe, werde er das Vorgehen mit den europäischen Ländern und Organisationen koordinieren. So vermeidet er jegliche Konturen zum heissesten Thema.
Ein linker Kandidat kann in Frankreich nur Präsident werden, wenn er sich nicht festlegt. Deshalb sind Hollandes Chancen so gross wie seit der Wahl François Mitterrands nie mehr.
Seine politische Garde
Der treueste Anhänger ist Europa-Parlamentarier Stéphane Le Foll, 1997 bis 2008 Kabinettchef von Parteisekretär François Hollande. Er leitete die Kampagne zur Nominierung Hollandes und ist heute sein Wahlkampfchef. Diesen Posten muss er mit Ex-Europa-Minister Pierre Moscoviciteilen, dem einst lautstärksten Anhänger des gestrauchelten Ex-IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn. Hollandes gewichtigster Verbündeter ist Ex-Finanzminister Michel Sapin, der mit dem Wirtschaftsguru Elie Cohen Hollandes Wirtschaftsprogramm entwickelt hat. Wertvoll ist die vorbehaltlose Unterstützung durch Bertrand Delanoë und Gérard Collomb, die sozialistischen Bürgermeister von Paris und Lyon. Neu zum inneren Zirkel gestossen sind die machthungrigen Vincent Peillon und Manuel Valls, der selbst für die Nominierung kandidiert hat. Frauen sind in Hollandes Equipe schlecht vertreten. Aurélie Filippetti, 2006 von den Grünen zu den Sozialisten übergelaufen, gehörte 2007 zu den eifrigsten Wahlkampfhelferinnen von Ségolène Royal. Bei Hollande ist sie zuständig für Kulturfragen.
Feinde und Rivalen
Viele von Hollandes Feinden finden sich im eigenen politischen Lager. Für Parteichefin Martine Aubry, die selbst nominiert werden wollte, ist er zu weich und zu unentschlossen für das Amt des Staatschefs. Zwischen Hollande und Ex-Premierminister Laurent Fabius mottet eine tiefe Feindschaft, seit Fabius 2005 das Referendum gegen die EU-Verfassung unterstützt hat und damit Parteichef Hollande, der diese guthiess, schwer desavouierte. Spinnefeind ist ihm auch Jean-Luc Mélenchon, Kandidat des linksradikalen Front de gauche. Mélenchon ist nach einem schweren Zerwürfnis mit Hollande aus der sozialistischen Partei ausgetreten und will ihn nun zwingen, einen strammen Linkskurs einzuschlagen. Laurence Parisot, die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes, bezeichnet Hollande als Gefahr für Frankreichs Wirtschaft. Für Nicolas Sarkozy, seinen wichtigsten Gegenspieler, ist Hollande «ganz einfach eine riesige Null».
Seine Wirtschaftskontakte
Trotz seiner Ankündigung, einen Steuersatz von 75 Prozent für alle Jahresverdienste über einer Million Euro einzuführen, ist Hollande kein Feind der Reichen. Er ist freundschaftlich verbunden mit Anne-Claire Taittinger, VR-Präsidentin des Detailhandelsgiganten Carrefour, und mit Brigitte Taittinger, der Erbin des gleichnamigen Champagnerimperiums, deren Trauzeuge Hollande war. Zum Clan der Taittingers gehört auch Christophe de Margerie, der mächtige CEO des Erdölriesen Total. Emmanuel Macron, einer der grossen Stars der Bank Rothschild, unterstützt Hollande bei Finanzfragen. Vorbehaltlos getragen wird er von Multimillionär Pierre Bergé (Ex-Chef von Yves Saint Laurent). Mit dem linken Unternehmer Xavier Niel (Gründer und Besitzer des Mobiltelefonbetreibers Free) und Matthieu Pigasse, dem Generaldirektor der Geschäftsbank Lazard in Europa, hat Bergé die Mehrheit der Zeitung «Le Monde» übernommen, die voll und ganz auf Hollandes Seite steht.
Showbiz und Medien
Ex-Tennisspieler und Sänger Yannick Noah, die beliebteste Persönlichkeit Frankreichs, ist Hollandes bekanntester Fan aus dem Showbusiness. Schaupieler Jamel Debbouze, Regisseurin Josiane Balasko, Chansonnier Alain Souchon und Modeschöpfer Christian Lacroix machen aktiv Werbung für ihren Favoriten, den auch die gesamte Rap-Szene unterstützt. Auch bei den Medienschaffenden hat Hollande die Oberhand – dank dem Beziehungsnetz seiner Partnerin Valérie Trierweiler, die für die Illustrierte «Paris Match» und den TV-Sender «Direct 8» arbeitet. Ebenfalls aktiv sind Fernseh-Ikone Anne Sinclair, Gattin von Dominique Strauss-Kahn, und Nachrichtensprecherin Audrey Pulvar, die ihren Job aufgeben musste, seit sie mit Linksaussen Arnaud Montebourg liiert ist. Ins Gewicht fällt auch die Freundschaft Hollandes mit Noël Le Graët, dem Präsidenten des französischen Fussballverbands.
Persönliche Freunde und Familie
Seine treuen Copains machte sich Hollande an den Eliteschulen, die er absolvierte: an der École Nationale d’Administration (für hohe Staatsdiener) und der Haute École du Commerce (für künftige Topmanager). Sein einflussreichster Freund, dessen Trauzeuge er war, ist Jean-Pierre Jouyet, der als Chef der Pariser Börsenaufsicht Zugang zu allen Chefetagen hat. Dominique Villemot wird im Fall von Hollandes Wahl den Schweizern sicher zum Begriff: Der Finanzinspektor und Fiskalanwalt arbeitet bereits an Massnahmen zur Bekämpfung der Steuerflucht. Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal war mehr als 30 Jahre Hollandes Lebensgefährtin. Das Paar hat vier Kinder. Sohn Thomas Hollande unterstützt seinen Vater aktiv. Hollande lebt mit der Politjournalistin Valérie Trierweiler, die drei Kinder in die Patchwork-Familie eingebracht hat.