Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/772

Vom Hänschen und Grethchen, die in die rothen Beeren gingen
Und ich dachte immer, ich hätte wirre Gedanken … wenn ich aber das Märchen von Ludwig Bechstein (1801 –1860) lese, so fühle ich mich immer wieder ganz in Ordnung.
Hänschen und Grethchen waren noch kleine Kinder, als sie einmal mit einander hinaus in den Wald gingen, um rothe Beeren zu suchen. Jedes hatte ein Töpfchen. Ehe sie den Wald erreichten, kamen sie an einen Teich, darinnen gar schöne Fischchen herumschwammen, die aussahen wie das blanke Silber. Davon fingen sich die Kinder einige, und thaten sie in ihre Töpfchen; dann pflückten sie im Wald noch gar viele rothe Beeren und thaten sie hinein zu den Fischen, bis das Töpfchen ganz voll war.
Nun, dass Kinder mit Töpfchen in den Wald gehen um Beeren zu suchen, das kann ich noch nachvollziehen. Und dass sie Fische fangen … naja, nicht ausgeschlossen …
Dann fanden sie zwei schöne Messerchen, und die legten sie oben darauf.
Logisch, Messerchen wachsen ja im Wald! Und dass es im Wald Bären gibt, konnte ja tatsächlich zwischen 1801 und 1860 so gewesen sein.
Aber, als sie eine kleine Strecke durch den Wald gegangen waren, sahen sie einen großen Bären entgegen kommen; da fürchteten sie sich sehr, und versteckten sich, und ließen in der Eile ihre Töpfchen zurück, die der Bär, als er herbei kam, mit sammt den Fischen und Beeren auffraß, Und auch die Messerchen verschluckte er. Dann tappte er wieder fort. Die Kinder, als sie sich wieder hervorwagten aus ihrem Versteck, und sahen daß ihre Fische und Beeren und Töpfe und Messer gefressen waren, fingen sie sehr an zu weinen, und gingen nach Hause, und sagten es ihrem Vater. Der machte sich schnell auf, nahm ein langes Messer mit, ging hinaus in den Wald, und schnitt dem Bären den Leib auf, und that alles wieder heraus: die Beeren, die Fischchen, die Töpfchen und Messerchen und gab es seinem Hänschen und Grethchen wieder. Da waren die Kinder voll Fröhlichkeit, und trugen ihre Töpfchen heim, und aßen die rothe Beeren, und aßen ihre Fischchen, und spielten mit den schönen Messerchen.
Halloooooo??
Meine Fragen: Welcher Bär frisst ein Töpfchen? Und ein Messerchen? Und mehr noch: Welches Kind isst Fisch und Beeren, welche aus dem Bauch eines Bären stammen? Welches Kind ist voll Fröhlichkeit, wenn ein Bär aufgeschlitzt wird?
Und: Was spielten die Kinder mit den Messerchen?? Bärenaufschlitzen??
Wir werden es wohl nie erfahren …
Ein Ausschnitt aus der Biographie von Ludwig Bechstein
Bechsteins patriotische Lyrik und seine historischen Erzählungen sind heute kaum noch bekannt. Geblieben sind seine Märchensammlungen, unter anderem veröffentlicht unter dem TitelDeutsches Märchenbuch, 1845. Bereits 1823 war von ihm der kleine Band Thüringische Volksmärchen erschienen. Mit dem Ziel, pädagogisch zu wirken, nahm er vielfach Veränderungen an den überlieferten Geschichten vor.
Pädagogisch wirksam ist die Geschichte wirklich … die meisten Kinder werden sich nach dem lesen dieser Geschichte nicht mehr in den Wald trauen, aus Angst, Bärenmageninhalt essen zu müssen …
Das Märchen gibt es übrigens nachzulesen auf auf Märchen.com, ohne meine pädagogischen Veränderungen!