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RebellInnenrätsel: Der Donnerer
Sein Moment kam, als er den Hippies vom Karren fiel. Ins Business war er zwar schon früher eingestiegen: als Roadie von Jimi Hendrix, als gescheiterter Basslehrer von Sid Vicious und als Bassist bei einer verpeilten Spacerockband, die er mit seinem rohen Sound zu erden versuchte. Laut Legende schieden sich die Geister zwischen ihm und den Hippies dann an den Drogen: Die Spacerocker konsumierten Dope und Acid, was er auch tat, aber er nahm dazu auch ganz viel Speed. So wählte er als Namen seiner Band, mit der er in die Musikgeschichte eingehen sollte, ein Slangwort für KonsumentInnen dieser Droge.
Manche würden sagen, diese Musik sei engstirnig, ja primitiv. Dass sie über die Jahre verlässlich simpel blieb und auf Experimente weitgehend verzichtete, ist einer der Gründe für ihren Erfolg. Viel wichtiger aber waren das rasend gespielte Schlagzeug hinter ihm, sein kratziges Stimmorgan und seine einzigartige Spieltechnik: Wenn er seinen Bass wie eine Gitarre in Akkorden anschlug, krachten die Verstärker mit einer Wucht, wie man sie bis dahin kaum gehört hatte. Dabei hätte seine Band einfach nach afroamerikanischer Musik geklungen, hätte man ihr den Stecker gezogen: wie Rock ’n’ Roll eben und natürlich auch ein bisschen wie seine Lieblingsband, die Beatles.
Er, der an Heiligabend 1945 im englischen Stoke-on-Trent geboren wurde, war sein Leben lang Einzelgänger. Obwohl er mit Musik schon bald viel Geld verdiente, lebte er alleine in einer einfachen Zweizimmerwohnung in West Hollywood. Wichtig war ihm dabei vor allem die Lage: zwei Blocks entfernt von seiner Lieblingsbar, dem «Rainbow Bar & Grill» am Sunset Strip. Dort sass er oft alleine vor einem alten Videospielautomaten und trank Whisky-Cola. Wenn Fans vorbeikamen, liess er sich geduldig mit ihnen fotografieren.
Eine hübsche Erscheinung war er nicht, dafür eine ikonische: die riesige Warze auf der linken Wange, der dicke Schnauzer, die Bühnenpose mit dem zum Mikrofon gereckten Hals, ein Soldatenhut aus dem US-amerikanischen Bürgerkrieg, ein Eisernes Kreuz um den Hals. Dieses war nicht sein einziges Sammelstück aus dem «Dritten Reich», die kleine Wohnung war vollgestopft damit. Den Nazivorwurf wies er stets entschieden zurück, kokettierte aber auch gern damit. Auf eine Interviewfrage, wofür er gerne ein VIP-Ticket hätte, sagte er einmal: für den Zweiten Weltkrieg.
Wer war dieser grobgeschnitzte Musiker, der von Intellektuellen als Verkörperung des Rock ’n’ Roll gefeiert wurde und für den nach seinem Tod Statuen und Altäre auf Szenefestivals errichtet wurden?
Wir fragten nach Lemmy (bürgerlich Ian Fraser) Kilmister, Sänger und Bassist von Motörhead. Obwohl die Band durch ihren krachenden Bass, ihre Aufmachung und die Doublebass-Technik ihres Schlagzeugers entscheidend zur Entwicklung des Heavy Metal beitrug, wies Lemmy diese Stilbezeichnung stets zurück. Jedes Konzert eröffnete er mit dem Satz: «Wir sind Motörhead, und wir spielen Rock ’n’ Roll.» Zu seinen Ehren wurden schon zwei ausgestorbene Arten nach ihm benannt: ein Ringelwurm (Kalloprion kilmisteri) und ein Meereskrokodil (Lemmysuchus).