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Das musst du wissen
- Kognitive Dissonanz heisst das Unwohlsein, das wir verspüren, wenn unser Verhalten unseren Überzeugungen widerspricht.
- Um dieses Gefühl loszuwerden, tricksen wir uns oft selber aus, zum Beispiel mit Ausreden.
- Dieses Phänomen zeigt sich besonders prägnant beim Thema Klimawandel.
Es ist jedes Jahr dasselbe: Im Januar verzeichnen Fitnessstudios einen dramatischen Anstieg ihrer Mitgliedschaften. Hunderte Menschen nehmen sich vor, im neuen Jahr endlich sportlicher und gesünder zu leben. Doch schon bevor die ersten Frühlingsblumen blühen, folgt meist die Ernüchterung: Die meisten schaffen es nicht, ihre Vorsätze konsequent umzusetzen. Die Fitness-App Strava zum Beispiel konnte anhand von Daten ihrer Nutzer bestimmen, dass fast die Hälfte ihre Fitnessvorsätze schon nach drei Wochen aufgeben. Die Datenplattform Foursquare berichtet ebenfalls, dass der Trend erhöhter sportlicher Betätigung bereits im Februar wieder abfällt. Dafür erfasste Foursquare im gleichen Zeitraum einen Anstieg der Fastfood-Bestellungen.
Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Eine mögliche Antwort liefert die kognitive Dissonanz. Dieser Begriff wurde in den 1950er-Jahren vom Sozialpsychologen Leon Festinger eingeführt und beschreibt das Unwohlsein, das wir verspüren, wenn unser Verhalten unseren Überzeugungen widerspricht.
Wir wollen uns in der Regel nicht als irrational oder willensschwach wahrnehmen. Wenn wir also vermuten, dass wir gegen unsere Werte handeln, gilt es, den auftretenden Konflikt zu reduzieren. Darüber hinaus greifen solche Widersprüche unser Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität an. Werte geben uns Halt und vermitteln uns das Gefühl, dass wir uns auf persönliche oder gesellschaftliche Entscheidungen verlassen können. Wenn diese Verlässlichkeit in Frage gestellt wird, entsteht eine Dissonanz, die oft Scham- oder Schuldgefühle mit sich bringt.
Gegen Jahresende könnte eine solche Dissonanz auftauchen, wenn Werbung für ein Fitnessstudio über den TV-Bildschirm flimmert, während man selbst in Jogginghosen die bestellte Pizza mampft. Eigentlich ist vielen Menschen ihre Gesundheit wichtig. Sie würden sich auch nicht als faul oder träge beschreiben – jedoch ist ihnen gleichzeitig bewusst, dass sie seit Monaten keinen Sport getrieben und wohl öfter Takeaway bestellt haben, statt selbst zu kochen. Was sie in diesem Moment empfinden, ist kognitive Dissonanz.
Meisterinnen und Meister der Selbsttäuschung
Aber warum geben wir unsere Neujahrsvorsätze so schnell auf, obwohl es uns unwohl wird, wenn wir sie nicht weiterverfolgen? Weil wir wahre Meisterinnen und Meister darin sind, uns selbst auszutricksen.
Zum Beispiel könnte man das ungute Gefühl mildern, indem man sich bei einem Fitnesscenter anmeldet. Man könnte sich einreden, dass man es verdient hat, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht um Sport oder ums Gemüseschnippeln zu kümmern. Oder man könnte sich davon überzeugen, dass der bisherige Lebensstil doch nicht so ungesund ist, wie man im ersten Schock der Erkenntnis geglaubt hat: Es gibt schliesslich Millionen von Menschen, die noch weniger Sport treiben und sich schlechter ernähren, und den meisten geht es gut. Diese dreissig Minuten auf dem Laufband machen sowieso keinen Unterschied, und wenn man den Salat unbeachtet im Kühlschrank verwelken lässt, nun ja, daran sterben wird man wohl nicht.
Mit Scheinlösungen und Ausreden gibt man sich die Erlaubnis, nichts am eigenen Verhalten ändern zu müssen. Leon Festinger erkannte in solchen Strategien das Geheimnis, wie wir trotz täglich auftretender Widersprüche ein Leben führen können, das uns konsequent und sinnreich erscheint.
Wenn wir uns mit diesen Strategien nur daran hindern, etwas gesünder und sportlicher zu werden, ist das meist nur auf individueller Ebene von Nachteil. Das Problem: Wir wenden unsere Ausweichstrategien auch bei Themen mit gesellschaftlicher Relevanz an, bei denen Scheinlösungen und Ausreden verheerend sein können.
Kompromisse beim Klimawandel
Der Klimawandel ist ein besonders prägnantes Beispiel dafür. Auch hier neigen wir dazu, gedanklich Kompromisse einzugehen: «Ich bringe das Altpapier immer in die Papiersammlung und kaufe Früchte und Fleisch aus der Region, dafür fliege ich nächsten Sommer in die Ferien.» Manchmal übertreiben wir uns selbst gegenüber, wie viel wir schon für unsere Werte geopfert haben: «Ich habe Solarzellen auf dem Dach installieren lassen, also bin ich sicher klimafreundlicher als all diese scheinheiligen Veganer.» Oder wir rechtfertigen unser Verhalten mit anscheinend rationalen Argumenten: «Ich kann sowieso nichts gegen die Klimaerwärmung ausrichten. Daran ist vor allem die Industrie schuld.»
Auf diese Art entfliehen wir dem Widerspruch, dass wir im Ausland Ferien buchen, uns nicht in der Klimapolitik engagieren, oder täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren, uns aber dennoch für klimafreundlich halten.
Auch Ausnahmedenken – das betrifft vielleicht andere, aber nicht mich selbst – ist ein wirksamer Trick, um kognitive Dissonanz aufzulösen. So glauben US-Bürgerinnen und -Bürger überwiegend daran, dass der Klimawandel Menschen in den USA betreffen wird. Jedoch glauben nur wenige, dass sie persönlich unter den Folgen des Klimawandels leiden werden. Dieser Glaube könnte dem schlechten Gewissen entgegenwirken, nichts für den Klimaschutz unternommen zu haben: Wenn man selbst nicht mit negativen Konsequenzen rechnet, fühlt man sich auch nicht dazu berufen, zu handeln.
Laut einer europaweiten Umfrage aus dem Jahr 2019 halten über neunzig Prozent der befragten EU-Bürgerinnen und -Bürger den Klimawandel für ein ernstes Problem. In einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank (EIB) gaben EU-Bürgerinnen und -Bürger denn auch mehrheitlich an, dass sie sich klimafreundlich verhalten wollten. Das weist darauf hin, dass Klimaschutz vielen Menschen wichtig ist. Allerdings schlägt sich dies überraschend wenig in deren Verhalten nieder.
Tatsächlich haben Menschen, die angeben, das Klima sei ihnen besonders wichtig, sogar einen grösseren ökologischen Fussabdruck als solche, die sich weniger für den Klimaschutz interessieren. Dieses Paradox lässt sich dadurch begründen, dass umweltbewusstere Menschen im Durchschnitt einen höheren Bildungsstand und damit ein höheres Einkommen haben. Sie können sich deshalb Ausgaben für klimabelastende Flugreisen oder grössere, heizintensive Wohnungen leisten.
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Die Lücke schliessen
Ist dieses Verhalten heuchlerisch? Nicht unbedingt. Es ist nur schwieriger als gedacht, uns unseren Werten entsprechend zu verhalten. Die Lücke zwischen Wert und Verhalten heisst value-action gap (Wert-Handlung-Lücke) und ist insbesondere im Gesundheits- und Klimaverhalten gut untersucht. Beispielsweise beteuert bei Studien in Asien, Europa und Nordamerika die Mehrheit der Befragten, dass ihnen klimafreundliches Handeln wichtig sei. Bei genauer Überprüfung ihres Recycling- und Kaufverhaltens fällt aber auf, dass sie im Alltag die entsprechenden Gelegenheiten versäumen. Oft liegt das daran, dass ihnen die Geduld fehlt.
Es reicht also nicht, jemanden über den Treibhauseffekt zu informieren. Auch wenn wir den Umweltschutz begrüssen, hinken wir in der Praxis unseren Werten hinterher. Deshalb sind wir trotz Kampagnen und ideologischem Wandel weit davon entfernt, internationale Klimaziele zu erreichen – und werden es auch weiterhin bleiben, solange wir den value-action gap nicht schliessen können.