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Den Peers wird generell ein großer Stellenwert für die Sozialisation im Kindes- und Jugendalter beigemessen. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive wird betont, dass Erwachsene Heranwachsenden Vorgaben machen und ihnen beibringen, was richtig ist, während mit gleichrangigen Peers gemeinsam Lösungen entwickelt und ausgehandelt werden können (Youniss 1980). Die symmetrischen Beziehungen zu Peers bieten gemäß dieser These besondere Qualitäten der Partizipation. Das Erleben von Partizipation durch Kinder und Jugendliche kann dabei als Notwendigkeit und Rahmen für sozialisatorische Entwicklungen sowie für den Erwerb der Voraussetzungen zu einer späteren sozialen Teilhabe angesehen werden (Bühler-Niederberger 2015; Grundmann 2015).
Partizipation wird in diesem Beitrag im engen Sinne als „Mitbestimmung“ verstanden, die von Roland Reichenbach als „Einbindung von Individuen in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse“ gefasst wird (Reichenbach 2006: 54). Roger Hart spricht diesbezüglich von der Beteiligung an Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben in der Gemeinschaft betreffen, in der man lebt (Hart 1992: 5). In ihren Erzählungen unterscheiden Heranwachsende zwischen erwachsenendominierten Kontexten und Peergroups. Speziell für die Partizipation im Kontext der Peers beschreiben sie verschiedene Varianten der Entscheidungsfindung, die sich von den Praktiken unterscheiden, die sich in erwachsenenzentrierten Zusammenhängen feststellen lassen (Rieker im Erscheinen).
Der vorliegende Beitrag fokussiert die Aushandlungen im Rahmen von Entscheidungsprozessen in Peergroups und nimmt damit einen speziellen Aspekt von Partizipation in den Blick. Dabei wird untersucht, welche Entscheidungspraktiken sich in Peergroups von Kindern und Jugendlichen erkennen lassen und wie hier Entscheidungsprozesse verlaufen. Dafür wird sich auf Beobachtungsprotokolle aus verschiedenen Peerkontexten bezogen, die im Projekt „Peerspezifische Sozialisationsprozesse im Jugendalter“ erstellt wurden.[2] Gefragt wird außerdem danach, inwieweit diese Entscheidungspraktiken den aus anderen Untersuchungen bekannten Entscheidungspraktiken entsprechen, die auf der Grundlage verbaler Interviewdaten oder ethnografischer Beobachtungen rekonstruiert wurden. Auf diese Weise können die Besonderheiten von Ergebnissen, die mittels dieser verschiedenen methodischen Zugänge erzielt wurden, vergleichend in den Blick genommen werden. Dafür werden im Folgenden sowohl Ergebnisse zu „Kindern“ als auch solche zu „Jugendlichen“ herangezogen, da die relevanten Studien sich vor allem auf die Altersgruppe im Übergang zwischen Kindheit und Jugend beziehen, Altersdifferenzen mitunter nur minimal sind und die verschiedenen Untersuchungen keine einheitlichen Alterskategorien verwenden, sodass z.B. 12- bis 13-Jährige mal als Kinder und dann wieder als Jugendliche bezeichnet werden. Im Folgenden werden zunächst der Forschungs- und Diskussionsstand (1.) sowie das methodische Vorgehen (2.) der Untersuchung, auf die wir uns hier beziehen, skizziert. Anschließend werden die Ergebnisse zu den Entscheidungsprozessen im Kontext jugendlicher Peer-Kontexte präsentiert (3.) und diskutiert (4.).
Zunächst wird der Forschungs- und Diskussionsstand in Hinblick auf die Besonderheiten sozialer Beziehungen zu Peers skizziert, anschließend geht es um Entscheidungsprozesse generell sowie um Aushandlungsprozesse im Kontext von Peergroups von Kindern und Jugendlichen.
Soziale Beziehungen im Kontext der Peers
Im Jugendalter gelten Peers als wichtiger sozialer Kontext und als Sozialisationsinstanz, der seit den 1960er-Jahren zunehmend Bedeutung zugeschrieben wird (Ecarius et al. 2011: 113). Inzwischen geben die meisten Jugendlichen an, einer Peergroup anzugehören, und die Peers werden zusammen mit Familienangehörigen von Jugendlichen als wichtigste Bezugspersonen benannt (Böhm-Kasper 2006: 366; Ecarius et al. 2011: 114). Dabei zeigt sich, dass Jugendliche ganz unterschiedlichen Peergroups angehören, dass sie ganz verschiedenartige Beziehungen zu Peers etablieren und ein breites Spektrum an Interaktionsformen mit Peers praktizieren (Harring 2010: 33 ff.). In Hinblick auf die Teilhabe im Jugendalter zeigt sich immer wieder, dass vor allem Peers Einfluss darauf haben, an welchen sozialen Kontexten partizipiert wird, d.h. Jugendliche machen dann mit, wenn auch ihre Peers dabei sind (Böhm-Kasper 2006: 365).
Soziale Beziehungen zu Peers, die prinzipiell als Gleichaltrige oder Gleichrangige verstanden werden (Ecarius et al. 2011: 113), gelten vielfach als wichtiges Gegengewicht zu den asymmetrischen Beziehungen, die Kinder und Jugendliche zu Erwachsenen unterhalten. Während ihnen von Erwachsenen Entscheidungen abgenommen werden oder die Entscheidungsmacht zugunsten der Erwachsenen asymmetrisch verteilt ist (Youniss 1980: 24 ff.), können in Peerkontexten symmetrische Beziehungen etabliert werden, in denen Entscheidungen gemeinsam ausgehandelt werden (ebd.: 31 ff.). Peers gelten daher als wichtig, um echte Kooperation zu praktizieren und zu erlernen (Sturzbecher/Hess 2005: 46 f.). Allerdings gibt es auch Zweifel daran, dass Peers sich tatsächlich als ebenbürtig attribuieren (Eckert et al. 2016: 207), und es wird vermutet, dass Peerbeziehungen durch die den sozialen Kontext strukturierenden Differenzkategorien und entsprechende Hierarchien geprägt sind (Adler/Adler 1998; Köhler 2016: 106). Darüber hinaus wird auch betont, dass Symmetrie und Gleichheit als Leitprinzipien für Peer-Beziehungen bedeutsam sind, dass sie aber keine Kennzeichnung ihrer alltäglichen Realität darstellen (Krappmann/Oswald 1995: 22).
Entscheidungsprozesse
Theoretische Konzepte zu Entscheidungen im Gruppenkontext liegen aus unterschiedlichen Disziplinen und thematischen Kontexten vor und beziehen sich auf diverse Aspekte, z.B. ihre Grundlagen, ihre Zielsetzungen und ihre Qualität. Im Folgenden werden einige dieser Überlegungen skizziert, die für die Aushandlungen in Gruppen von Kindern und Jugendlichen relevant sein könnten.
Für Kollektiventscheidungen – im Vergleich zu Individualentscheidungen – haben die Orientierung an allgemein akzeptierten Wertmaßstäben sowie an den vorgesehenen Verfahrensregeln größeren Stellenwert (Glatzmeier/Hilgert 2015: 14 f.). Die formale Einhaltung gültiger Verfahrensregeln gilt als Voraussetzung für die Legitimität von Entscheidungen (Luhmann 2001). Zudem gelten klare Zielsetzungen als empfehlenswert, um geeignete Wege zur Zielerreichung erkennen und deren Qualität beurteilen zu können (van Ophuysen et al. 2015: 175). Empirische Untersuchungen zu Entscheidungen im Gruppenkontext zeigen allerdings, dass die Zielerreichung, ungeachtet klarer Zielsetzung, mit Unsicherheiten behaftet ist, da sich Rahmenbedingungen ändern oder sich unvorhergesehene Wechselbeziehungen ergeben können (ebd.).
Darüber hinaus wird deutlich, dass das Ideal rationaler Entscheidungsprozesse, für die möglichst alle relevanten Informationen systematisch berücksichtigt werden (Hellmann/Kopietz 2015: 75), de facto nicht erreicht wird. Entscheidungen werden vielmehr auf der Basis von Heuristiken getroffen, für die nur wenige Informationen berücksichtigt werden und bei denen Intuition und Bauchgefühl hohen Stellenwert haben (ebd.: 75 f.; van Ophuysen et al. 2015: 176). Vor allem dann, wenn Entscheidungen durch soziale Hierarchien und Gruppendruck geprägt sind (Asch 1951; Janis 1971), gilt ihre Qualität als vermindert (Glatzmeier 2015: 200). Positive Einflüsse auf die Entscheidungskommunikation verspricht man sich dagegen von der Vermeidung asymmetrischer Konstellationen, von der Partizipation aller Beteiligten und von Transparenz im Entscheidungsprozess (van Ophuysen et al. 2015: 188). Es wäre zu prüfen, inwieweit sich diese Überlegungen zu Entscheidungsprozessen auf die Aushandlungen in Peergroups von Kindern und Jugendlichen beziehen lassen und ob hier Besonderheiten zu beachten sind.
Aushandlungsprozesse in Peergroups von Kindern und Jugendlichen
In einer ethnografischen Untersuchung zu Aushandlungsprozessen unter neun- bis zwölfjährigen Kindern konnten drei Strategien bzw. Muster ermittelt werden: 1) Zwang, Missachtung, Unterwerfung; 2) Anfrage, Antwort; 3) Argumentation, Begründung (Krappmann/Oswald 1995: 95). Am häufigsten wurde bei den Kindern das zweite Muster beobachtet, d.h. sie wählten Strategien, die es dem Gegenüber ermöglichten, durch Anfragen und Antworten eigene Relevanzsetzungen einzubringen. Argumentative Muster zeigten sich nur sehr selten, während Strategien, die mit Zwangsausübung verbunden waren, in knapp der Hälfte der Aushandlungen festzustellen waren (ebd.: 96). Nur in etwa der Hälfte der Aushandlungsprozesse konnte eine von allen Beteiligten akzeptierte Lösung erzielt werden, während ansonsten ein Kind dem anderen seinen Willen aufzwang oder man ohne Resultat auseinanderging (ebd.: 97). Allerdings zeigte sich auch, dass die von den Kindern praktizierten Aushandlungen von der Art der jeweiligen Beziehung abhängen: „Beste Freunde wandten öfter Strategien des zweiten und dritten Musters an und fanden öfter noch zu einer akzeptierten Lösung als Nicht-Freunde“ (ebd.: 104).
In einem Projekt zur „Partizipation von Kindern und Jugendlichen“ (Rieker et al. 2016) zeigte sich, dass im Kontext der Peers wichtige Impulse für die Teilhabe und die Mitbestimmung Heranwachsender gegeben werden. Die in Interviews befragten zehn- bis zwölfjährigen Mädchen und Jungen berichteten, dass sie in ihren Peergroups verschiedene Formen der Mitbestimmung praktizieren, die sich von denen unterscheiden, die sie in erwachsenendominierten Kontexten erleben. Dabei werden vor allem folgende Varianten beschrieben (Rieker im Erscheinen):
Zusammen genommen entsteht damit der Eindruck, dass Kinder in ihren Peer-Kontexten vor allem darum bemüht sind, bei ihren Entscheidungen Interessen auszubalancieren, die Entstehung von Ungleichheiten zu vermeiden und Meinungsverschiedenheiten durch Kompromisse beizulegen. Aus erwachsenendominierten Kontexten berichten sie dagegen, dass Entscheidungen formalisiert erfolgen (z.B. per Mehrheitsentscheid), dass sie unter Zeitdruck getroffen werden müssen, dass einmal gefällte Entscheidungen nicht mehr revidiert werden können und dass es Gewinner*innen und Verlierer*innen gibt, z.B. nach einer Abstimmung (Rieker et al. 2016: 126 ff.). Vor diesem Hintergrund können Entscheidungsprozesse im Kontext der Peers als Kompensation und als Gegengewicht zu den in der Erwachsenenwelt erlebten Einseitigkeiten verstanden werden.
Die skizzierten Ergebnisse machen deutlich, dass die Beziehungen zu Peers große Bedeutung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben, die sie dabei unterstützen, die Herausforderungen des Aufwachsens zu bewältigen und in für sie relevanten sozialen Kontexten zu partizipieren (Adler/Adler 1998). Obwohl diese Bedeutung der Peers unbestritten ist, gibt es nur wenig Forschung, die Aufschluss darüber gibt, wie Entscheidungsprozesse im Rahmen von Peergroups genau aussehen (Moser 2010: 323). Darüber hinaus fehlen Erkenntnisse dazu, ob und inwieweit unterschiedliche Peer-Konstellationen und -Kontexte zu jeweils spezifischen Ausprägungen von Entscheidungen beitragen. Relevant sein könnten dabei die jeweiligen Geschlechterkonstellationen, da Peergroups für die Identitätsentwicklung von Mädchen und Jungen unterschiedliche Funktionen zuerkannt werden (King 2013: 259) bzw. Jungen und Mädchen Freundschaften unterschiedlich gestalten (Reinders/Mangold 2005), sowie Peer-Konstellationen, die sich durch je eigene Organisationsformen und thematische Fokussierungen auszeichnen (Harring 2010; Scherr 2010: 75 f.). Im vorliegenden Beitrag wird diesen Fragen in Hinblick auf Praktiken der Entscheidungsfindung nachgegangen, die in Peergroups Jugendlicher beobachtet werden konnten.
Für die Analyse von Entscheidungsprozessen in Peergroups Jugendlicher wird sich im Folgenden auf das empirische Material der Studie „Peerspezifische Sozialisationsprozesse im Jugendalter“ bezogen, wobei die Beobachtungsprotokolle herangezogen werden, die im Rahmen ethnografischer Feldforschung in verschiedenen Kontexten erstellt wurden. Berücksichtigt werden dafür drei Peergroups bzw. Peer-Kontexte, in denen die beiden Forscherinnen über einen Zeitraum von mehreren Monaten häufiger präsent waren: eine Mädchenband, eine Jungenband sowie ein offener Jugendtreff. Diese werden im Folgenden kurz vorgestellt:
Unterschiede zwischen diesen Beobachtungskontexten zeigen sich einerseits in Hinblick auf die Einbindung und den Status der Forscherinnen: Während sie im Jugendtreff vor allem die Rolle der Beobachterinnen einnahmen und sich ansonsten auf kleine Unterstützungsleistungen und Gespräche sowie die Beteiligung an gemeinsamen Spielen beziehen, waren sie bei den Bands stärker als Unterstützung eingebunden – bei den Mädchen war die Forscherin zeitweise sogar vollwertige Teilnehmerin. Andererseits differieren die Kontexte auch hinsichtlich ihrer Verbindlichkeit: Der offene Jugendtreff war für die Jugendlichen ein eher unverbindlicher Treffpunkt, dementsprechend war die Fluktuation hoch und die Verweildauer der einzelnen Jugendlichen ganz unterschiedlich; die Bands waren durch den Anspruch einer regelmäßigen Teilnahme und gemeinsame Zielsetzungen gekennzeichnet, wobei die Jungen in ihrer Band sich erkennbar stärker aufeinander und auf gemeinsame Konzepte bezogen als die Mädchen.
Die beiden Forscherinnen nahmen während der mehrmonatigen Beobachtungszeiträume regelmäßig, z.B. einmal in der Woche für mehrere Stunden, am Gruppengeschehen teil. Bis auf den ersten Termin im offenen Jugendtreff nahm jeweils nur eine Forscherin an einer Beobachtung teil – bei den Bands war immer die gleiche Forscherin anwesend und im Jugendtreff waren beide Forscherinnen präsent, wenn auch nicht immer gleichzeitig. Die Beobachtung war als teilnehmende Beobachtung angelegt, wobei der Zweck der Forscherinnen-Präsenz allen Beteiligten offen gelegt wurde (Breidenstein et al. 2013: 71 ff.). Die Beobachterinnen wurden durch Erwachsene, die als Bezugspersonen für die Jugendlichen fungierten, in die Beobachtungskontexte eingeführt, haben dann aber zunehmend eigenständige Kontakte und Interaktionen mit den Jugendlichen etabliert (Rieker et al. im Erscheinen). Die Beobachterinnen ließen sich offen auf die Beobachtungskontexte und die ihnen ermöglichten Beteiligungen ein, sodass ihre Beobachtungen, in Abhängigkeit von kontext- und situationsspezifischen Möglichkeiten, durch ganz unterschiedliche Teilnahme-Konstellationen geprägt waren. Einzelne Aushandlungssequenzen konnten von den Forscherinnen mit Audioaufnahmen festgehalten und anschließend transkribiert werden, ansonsten verfassten sie ausführliche Protokolle auf der Grundlage ihrer Feldnotizen. Gegen Ende der Feldaufenthalte wurden zudem Interviews mit den Beteiligten geführt, die sich am Konzept des problemzentrierten Interviews orientierten (Witzel 2000), und es wurden Netzwerkkarten (Hollstein/Strauss 2006) eingesetzt.
Grundlage der folgenden Analysen sind die Beobachtungsprotokolle, in die die Transkriptionen der Audioaufnahmen ausgewählter Aushandlungen eingefügt wurden. Berücksichtigt wurden insgesamt 20 Beobachtungsprotokolle aus den drei genannten Kontexten. In diesen Protokollen wurden solche Passagen identifiziert, die für Entscheidungsprozesse relevant sind, wobei sowohl Äußerungen oder Aktivitäten einzelner Jugendlicher als auch komplexere Interaktionsverläufe zwischen verschiedenen Jugendlichen miteinbezogen wurden. Berücksichtigt wurden nur Interaktionen zwischen Jugendlichen, bzw. solche, an denen Erwachsene nicht bzw. nicht entscheidend beteiligt waren. Im Rahmen offener Kodierungen wurden diese Sequenzen zunächst systematisiert und interpretativ erschlossen; anschließend wurde nach Mustern und Zusammenhängen zwischen einzelnen Sequenzen gesucht (Strauss 2007: 101 ff.).
Im Folgenden wird zunächst ein vergleichender Blick auf die verschiedenen Untersuchungskontexte geworfen, wobei deutlich wird, dass diese sich in Hinblick auf den hier relevanten Fokus vor allem in Bezug auf die Verbindlichkeit der beobachtbaren wechselseitigen Bezugnahme unterscheiden (3.1). Anschließend werden verschiedene Varianten und Aspekte skizziert, die in entscheidungsrelevanten Aushandlungen deutlich werden (3.2), bevor die Verläufe von Entscheidungsprozessen betrachtet werden (3.3). Abschließend geht es um den Stellenwert von Ungleichheiten und Hierarchien für die hier betrachteten Aushandlungen (3.4).[3]
In den Peergroups der beiden Bands, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten und in denen Handlungen miteinander koordiniert werden müssen, zeigt sich eine größere Aushandlungsdichte als in dem offenen Jugendtreff. Während die Bands beispielsweise entscheiden müssen, welche Lieder in welcher Reihenfolge in welcher Weise gespielt werden, kann im Jugendtreff häufiger ein Nebeneinander verschiedener, nicht aufeinander bezogener Aktivitäten festgestellt werden. Wenn sich in einer der Bands Aktivitäten Einzelner ohne Bezugnahme auf die Anderen beobachten lassen, dann handelt es sich in der Regel um Aktionen von begrenzter Dauer oder diese werden zum Gegenstand von Aushandlungen. Während solche Einzelaktionen in der Mädchenband nahezu an der Tagesordnung sind und häufig toleriert werden, werden sie in der Jungenband seltener geduldet.
Im Übungsraum probt der Schlagzeuger. Der Sänger kommt hinzu und bald folgen auch die anderen. Sie beginnen zu spielen. Der Schlagzeuger will einen neuen Takt proben. Dafür schaut er sich ein Tutorial auf seinem iPad an und spielt es nach. Diese Übung wiederholt er einige Male. Als er trotz der Anwesenheit der anderen nicht aufhört, reagiert der Gitarrist genervt. Er macht ihn darauf aufmerksam, dass sie eine Band seien und die anderen auch noch da seien. „Nur zwei Minuten“, bettelt der Schlagzeuger. Der Gitarrist beginnt ebenfalls laut zu spielen. Daraufhin wirft der Schlagzeuger ihm einen genervten Blick zu, da er gerade das Tutorial auf seinem iPad anhören wollte. (J4, S. 3)
Mit Verweis auf den kollektiven Charakter ihres gemeinsamen Spiels wird hier eine zweistufige Sanktion gegen eine als störend wahrgenommene Einzelaktion deutlich: Nachdem die verbale Ermahnung nicht wirkt, erfolgt eine massive akustische Intervention, die es dem Schlagzeuger verunmöglicht, sein Vorhaben auszuführen. Diese Intervention ist durch das Commitment der Gruppe offenbar gedeckt, denn sie führt im weiteren Verlauf dazu, dass die Band wieder zusammen spielt.
Während unkoordinierte Einzelaktionen in der Jungenband häufiger als bei den Mädchen zum Gegenstand expliziter Aushandlungen werden, führt die Organisation der Mädchenband dazu, dass hier spezifische Aushandlungen notwendig werden, die sich bei den Jungen nur selten zeigen. Diese Aushandlungen sind notwendig, da die Mädchen keine dauerhafte Verteilung der Instrumente vereinbart haben. Dementsprechend wird bei jedem Lied erneut verhandelt, wer welchen Part übernimmt. Bei einer der Proben notiert die Forscherin entsprechende Aushandlungen bei verschiedenen Gelegenheiten: „Wieder wird diskutiert, wer wo mitsingt“ (M7, Z. 112); „Es wird weiter diskutiert, wer was macht. Alle scheinen unsicher zu sein, wer welche Instrumente spielt“ (M7, Z. 162); „Es scheint ein Markenzeichen dieser Band zu sein, dass immer diskutiert werden muss, wer was bei welchem Lied spielt“ (M7, Z. 245). Bei einigen dieser Aushandlungen entsteht der Eindruck, dass es den Mädchen darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, bei anderen Gelegenheiten scheinen sie durch eine allgemeine Orientierungslosigkeit notwendig zu werden. Es kann hier festgehalten werden, dass je nach Situation sowohl der Verstoß gegen Vereinbarungen als auch das Fehlen fester Regeln oder zugewiesener Rollen in Peergroups Jugendlicher Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse notwendig machen können.
Durch die Datenanalyse konnten in den untersuchten Settings diverse Varianten der Entscheidungsfindung identifiziert werden.
Vorschläge, Fragen und argumentative Aushandlungen
Aushandlungen sind zum Teil diskursiv organisiert und bedienen sich argumentativer Strategien. Auch Jugendliche weisen im Zusammenhang mit Entscheidungsprozessen auf die Bedeutung guter Argumente hin (Rieker im Erscheinen). Dementsprechend lassen sich Elemente solch diskursiver Strategien auch im Kontext von Peergroups beobachten. In allen untersuchten Gruppen werden Entscheidungen häufiger dadurch vorbereitet, dass Vorschläge oder Fragen formuliert werden. „Melody schaltet sich ein und fragt, ob sie ein anderes Lied spielen können“ (M2, Z. 338); „‚Was mache ma?‘ fragt der Gitarrist“ (J1, S. 2); „Der Keyboarder fragt, ob sie noch was spielen wollen“ (J1, S. 2). Solche Vorschläge ziehen in den beobachteten Sequenzen ganz unterschiedliche Entscheidungsprozesse nach sich. In einigen Fällen werden sie verbal bestätigt und dann umgesetzt oder – falls sie eine konkrete Aktion anregen – auch gleich umgesetzt; in anderen Fällen werden sie ignoriert oder zurückgewiesen. Dabei wird deutlich, dass Vorschläge, die darauf abzielen, für sich selbst etwas zu erreichen, eher auf wenig begeisterte und zögerliche Reaktionen stoßen: „Nach dem Dialog sagt der Schlagzeuger zum Gitarristen gewandt: ‚Darf ich mal anfangen?‘ Der Gitarrist zuckt mit den Achseln und nickt“ (J1, S. 3). Demgegenüber erreichen Vorschläge, die die Positionen anderer berücksichtigen, in der Regel höhere Akzeptanz: „Melody widerspricht und schlägt vor, alle Lieder mit Klavier einmal durchzusingen und dann das zu machen, was Netta vorgeschlagen hat. Netta ist damit einverstanden und fragt noch etwas nach. Melody schlägt vor Lied 1 und Lied 2 zu üben. Die Gruppe ist damit einverstanden“ (M4, Z. 182).
Es wird deutlich, dass Fragen und Vorschläge, die offen formuliert sind oder auf ein bestimmtes Ergebnis abzielen, geeignete Mittel sind, um eine Entscheidung herbeizuführen oder im eigenen Sinne zu beeinflussen. Verschiedentlich müssen allerdings erst Gegenargumente entkräftet oder überstimmt bzw. Kompromisse gefunden werden, bevor ein Einverständnis erreicht werden kann. Dabei zeigt sich, dass die Chancen, die gewünschte Entscheidung zu erreichen, in den Peergroups in etwa gleich verteilt sind, d.h. dass nicht die Vorschläge der einen häufiger als die der anderen zu einer Entscheidung beitragen – allerdings gab es in allen Kontexten Jugendliche, die häufig Vorschläge machten, und solche, die dies selten taten.
Einzelaktion
Immer wieder werden Entscheidungen dadurch herbeigeführt, dass ein*e Jugendliche*r eine Aktion startet, die auch andere betrifft, ohne dies zuvor mit den Betroffenen abzuklären. Im offenen Jugendtreff zeigt sich dies regelmäßig in Hinblick auf die Musik, mit der der gesamte Raum mitunter sehr laut beschallt wird. Häufiger wird durch das Anspielen eines Liedes das zuvor gespielte Lied unterbrochen und ein ganz anderer Musikstil ins Spiel gebracht. Auch die Aktivitäten anderer Jugendlicher werden dadurch beeinträchtigt oder verunmöglicht:
Nun ertönt auf einmal recht laut andere Musik. Der Junge mit den Locken hebt seine Hände an die Ohren und zieht seine Schultern nach oben. […] Ich frage ihn, ob er sich erschreckt hat. Er bejaht und sagt, dass es ganz schön laut ist. Auch das Klavierspiel des anderen Jungen wird nun übertönt. (O3, S. 2)
Deutlich wird in dieser Passage, dass das neue Lied in das Wohlbefinden und die Aktivitäten anderer Jugendlicher eingreift, so wie dies auch durch die Taktprobe des Schlagzeugers im oben skizzierten Beispiel zu beobachten war. Nur selten lassen sich im Jugendtreff dann allerdings Reaktionen beobachten, in denen explizit auf die Gruppe und das gemeinsame Wohl verwiesen wird. Zumeist werden solche Einzelaktionen geduldet bzw. entziehen Jugendliche sich durch das Verlassen des Raums der Situation oder ihnen wird mit Verweis auf eigene Interessen verbal oder nonverbal entgegengetreten – indem z.B. darum gebeten wird, die Musik leiser zu machen, oder versucht wird, andere Musik noch lauter zu machen. Bemerkenswert erscheint, dass solche Einzelaktionen relativ erfolgreich sind und zumindest für einen gewissen Zeitraum das Geschehen bestimmen.
Anweisungen, Befehle und Drohungen
Vergleichsweise selten lässt sich beobachten, dass Jugendliche solch massive Interventionen in ihren Aushandlungen verwenden. Verschiedentlich scheinen sie Ausdruck ungleicher Macht- oder Kräfteverhältnisse zu sein oder sie werden eingesetzt, um eine soziale Hierarchie zu etablieren oder zu bestätigen. In den Aufzeichnungen findet sich eine Szene, die eine physische Drohung beinhaltet:
Es gibt nur noch zwei frei Stühle im Raum. Andi und Bernd setzen sich auf diese Stühle. Viktor steht und sagt immer wieder zu Andi „Verpiss Dich.“ – er sagt das mehrere Male und kommt Andi dabei körperlich sehr nahe. Andi steht auf, Viktor setzt sich. Andi und Bernd gehen aus dem Büro, Viktor folgt nach einiger Zeit. (O4, S. 1)
Der Verlauf dieser Interaktion legt nahe, dass es hier vor allem darum ging, die ungleichen Kräfteverhältnisse zu bestätigen, und weniger um den Sitzplatz. Auch in anderen Situationen, in denen Anweisungen oder Befehle gegeben werden, befolgen die adressierten Jugendlichen diese zumeist, auch wenn sie massiv in ihre Autonomie eingreifen. So wird einer der Musiker, der die Bandprobe früher verlassen will, angewiesen, bis zum Schluss der Probe dabei zu bleiben. Er leistet dieser Anweisung schließlich Folge, obgleich seine kleine Schwester unbeaufsichtigt zuhause ist (J3, S. 9). Und eine der Musikerinnen der Mädchenband wird von ihrer Freundin zunächst verbal aufgefordert und schließlich am Arm gepackt und von der Bühne gezogen, damit sie mit ihr zusammen die Probe früher verlässt (M2, Z. 487). Anweisungen, Befehle und Drohungen beeinflussen die Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse Jugendlicher maßgeblich, da sie zumeist befolgt werden. Lediglich offenkundig unbegründete Befehle, werden ignoriert: „Tanya befiehlt Fannie, ihren Pullover auszuziehen; auf ihre Frage ‚Warum?‘ erhält sie keine Antwort und ignoriert den Befehl in der Folge“ (M5, Z. 206).
Spielerische Entscheidungsvarianten
In Situationen, in denen eine Entscheidung getroffen werden soll (z.B. über das nächste zu spielende Lied), zeigen sich nicht immer die oben skizzierten Varianten, sondern es werden teilweise Nebenschauplätze eröffnet, über die dann spielerisch Entscheidungen getroffen werden. Mitunter macht das Geschehen auf diesem Nebenschauplatz den Beteiligten erkennbar Spaß, wird in die Länge gezogen und die anstehende Entscheidung gerät in den Hintergrund. In einigen Fällen dient diese Nebenaktivität erkennbar der spielerischen Entscheidungsfindung in Hinblick auf die offizielle Aktivität, d.h. die Bandprobe. In anderen Fällen verliert die anstehende Entscheidungsfindung ihre Relevanz, besonders dann, wenn sich Rollenspiele entwickeln, die sich in den beobachteten Settings verschiedentlich beobachten ließen.
Netta läutet die Glocke, die auf dem Pult steht. Sie würde jetzt mal den Herr XY (Name des Lehrers) spielen. „Ruhe bitte!“ ruft Tanya mit hoher Stimme. […] Netta beginnt den Lehrer nachzumachen und geht dafür zum Lehrpersonenpult. Tanya singt laut, wobei sie von Yaron mit einem „Schhhht!“ unterbrochen wird. Netta würde nun den Herrn Meier nachmachen, kommentiert er. Netta klingelt an der Tischglocke und ruft die Schülerschaft zur Ruhe. Dabei erklärt sie, wenn zweimal geklingelt wird, sei die Pause oder Stunde fertig, und wenn der Lehrer einmal klingelt, ist gemeint, dass sie ruhig sein sollen. Die anderen amüsieren sich. Netta setzt noch einen drauf und sagt nun mit tiefer lauter Stimme: „Also jetzt für die restlichen zehn Minuten ist Stillarbeit! Ich möchte keine Zwischengespräche mehr sehen. So!“ (M4, Z. 71)
Indem eines der Mädchen die Rolle der Lehrperson übernimmt und dies mit dem Läuten der Glocke unterstreicht, signalisiert sie den Anspruch, über die Gestaltung der Situation zu entscheiden. Einerseits amüsieren die anderen Beteiligten sich über diese Rollenübernahme, andererseits akzeptieren sie sie nicht nur, sondern bestätigen sie durch Ermahnungen, leise zu sein. Obgleich in dieser Gruppe Entscheidungen und Entscheidungskompetenzen immer wieder neu verhandelt werden, wird hier die mit der Rolle der Lehrperson assoziierte Entscheidungskompetenz nicht angezweifelt. Erst später bricht ein Streit darüber aus, wer eigentlich die Lehrperson sei und entscheiden dürfe. Während der Vorschlag zu diesem Rollenspiel sowie die in der Rolle des Lehrers geäußerten Anweisungen bereitwillig akzeptiert werden, kommt es dann zum Streit, als Netta ihre Entscheidungsbefugnis auf die Gestaltung des Bandgeschehens zu übertragen versucht, d.h. die aus dem Geschehen auf dem Nebenschauplatz resultierende Position kann nicht immer auf einen anderen Kontext übertragen werden.
In den Beobachtungsprotokollen finden sich verschiedene Konstellationen von Aushandlungen zur Entscheidungsfindung, denen allerdings gemeinsam ist, dass sich die Gruppen schließlich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Unterschiede finden sich in verschiedener Hinsicht:
Implizite vs. explizite Einigung
In einigen Fällen sind in den Protokollen keine expliziten Bestätigungen einer Entscheidung zu finden, sondern diese Entscheidungen scheinen einfach einseitig getroffen, werden von einer anderen Seite aber nicht in Frage gestellt und damit implizit bestätigt („Der Schlagzeuger hört auf zu spielen, die anderen Bandmitglieder hören daraufhin ebenfalls auf“; J2, 2). Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Entscheidungen durch nonverbale Signale bestätigt wurden („der Bassist nickt“; J2, 4), die nicht in jedem Fall notiert wurden. In anderen Fällen ist ein Einverständnis deutlich sichtbar, z.B. durch verbale Bestätigung, und im Protokoll entsprechend notiert.
Einfache vs. komplexe Entscheidung
Während mitunter ein Vorschlag, eine Aktion oder eine Anweisung zeitnah akzeptiert und umgesetzt wird, zeigen sich in anderen Situationen mehrstufige Entscheidungsprozesse. Beispielsweise muss ein Vorschlag mehrfach wiederholt werden, weil er zuvor nicht gehört oder ignoriert wurde, oder die Zurückweisung eines Vorschlages erfordert eine argumentative Unterfütterung, bevor dieser Akzeptanz findet oder durchgesetzt werden kann. Dabei können ausführliche Argumentationen und Gegenargumentationen entwickelt werden, in deren Ergebnis entweder einer der Vorschläge akzeptiert, ein Kompromiss gefunden oder gar keine Entscheidung getroffen wird, indem die Aufmerksamkeit z.B. auf ein anderes Thema gelenkt wird.
Einbeziehung anderer
Vielfach werden Entscheidungen, die die gesamte Gruppe betreffen, durch zwei Akteur*innen ausgehandelt und dann durch die Gruppe bestätigt oder umgesetzt. Es ließ sich aber auch beobachten, dass sich im Verlauf des Aushandlungsprozesses andere Akteur*innen einmischen und dass sich durch diese Einmischung die Kräfteverhältnisse verändern. Dies kann im Rahmen einer sachlichen Argumentation geschehen – „Sloan geht sofort auf ihren Vorschlag ein und unterstützt ihn“ (M3, Z. 167) – oder in emotional hoch aufgeladener Weise:
Der Sänger […] schaut das Handy an und fragt dann in Richtung Gitarrist, ob es hier keinen Empfang gäbe. „Kollege, das ist nicht wichtig“, mault ihn der Schlagzeuger an. Der Sänger wehrt sich und schaut weiterhin verzweifelt auf sein Handy. Dann hebt er es Richtung Decke. „Tu‘s weg“, schreit jetzt der Schlagzeuger. „Es könne aber wichtig sein“, sagt der Sänger. Fast im Chor schreien ihn die anderen an: „Tu‘s Handy weg!“ (J3, S. 8)
In dieser Sequenz beziehen die anderen durch ihre Einmischung vehement Stellung zur Position des Schlagzeugers und schaffen damit ein Übergewicht in Bezug auf dessen Haltung, die vor allem durch die Lautstärke und die Entschiedenheit der Äußerung die Situation entscheidend prägt. Mitunter werden andere auch explizit aufgefordert, sich einzumischen, da man sich von ihnen eine Unterstützung der eigenen Position erhofft: „Laut und genervt dreht sich nun Tanya um und brüllt zu Yaron: ‚Mann, sag doch was!‘“ (M4, Z. 214).
Fortsetzung folgt
Durch den längsschnittlichen Untersuchungsansatz ist es möglich, zu erkennen, dass der Verlauf von Aushandlungsprozessen mitunter erst vor dem Hintergrund früherer Aushandlungen verständlich wird. Die auf den ersten Blick erstaunliche Vehemenz, mit der dem Gitarristen in der oben zitierten Sequenz der Gebrauch seines Handys untersagt wird – sind doch Handys und deren Gebrauch auch in dieser Gruppe allgegenwärtig –, erschließt sich durch die Einbeziehung vorangegangener Passagen. Häufiger war der Sänger zuvor bereits durch verbale oder nonverbale Zeichen an seine Einsätze erinnert worden, während er mit seinem Handy beschäftigt war. Eine ähnliche Vorgeschichte lässt sich auch in Hinblick auf einen anderen Vorfall bei der Jungenband erkennen:
Zwei aufeinanderfolgende Proben werden durch den Sänger beendet, indem er dem Bassisten bedeutet, dass sie nun gehen müssen. Bei der ersten dieser Gelegenheiten wird der frühzeitige Abbruch der Probe von den anderen stillschweigend hingenommen, beim zweiten Mal zeigt der Schlagzeuger seine Unzufriedenheit: „Der Schlagzeuger meckert. Warum sie schon gehen müssen, will er wissen“ (J2, S. 6). Zwei Wochen später wird der Abbruch einer weiteren Probe nicht mehr geduldet. Nach einer aufgeregten Diskussion wird vom Gitarristen abschließend verfügt: „Dann kannst du jetzt nicht einfach abhauen, du gehst um acht!“ – was vom Sänger und vom Gitarristen auch akzeptiert wird. (J3, S. 9)
Auch in anderen Situationen und Kontexten zeigt sich immer wieder, dass im Rahmen von Aushandlungsprozessen auf Vergangenes Bezug genommen wird, sei es um bestimmte Entscheidungen auf diese Weise zu legitimieren, sei es – wie oben deutlich wurde –, um einen Ausgleich für wahrgenommene Einseitigkeiten zu erreichen.
Die Jugendgruppen, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung beobachtet wurden, sind durch mannigfaltige Ungleichheiten gekennzeichnet, die sich in ihren Entscheidungsprozessen widerspiegeln. In allen beobachteten Kontexten zeigen sich dabei Konstellationen, die als Ausdruck verfestigter Unterschiede gedeutet werden können:
In allen drei Kontexten zeigen sich in Hinblick auf die Einbindung in Entscheidungsprozesse individuelle Unterschiede, die jeweils nur in spezifischen Situationen relevant werden. Diese Differenzen lassen sich mit der unterschiedlichen Ressourcenausstattung der Beteiligten in Verbindung bringen. Eine Ressource in diesem Sinne kann die Verfügungsgewalt über einen Schlüssel sein, die ein Bandmitglied deswegen hat, da es den Übungsraum über den eigenen Bruder organisiert hat. Auch die jeweiligen musikalischen Fähigkeiten können in den Bandkontexten als Ressource zur Verfügung stehen. In altersgemischten Kontexten wirkt mitunter ein höheres Alter als entscheidungsrelevante Ressource. Im offenen Jugendtreff zeigt sich bei einer Gelegenheit die Relevanz einer anderen Ressource.
Auch Ronny fällt auf. Er ist ein klein wenig grösser, lauter und kräftiger als die anderen. Als wir rein kommen, ist er derjenige, der fragt, wer wir seien. (O1-1, Z. 48)
Ronny schrie einmal quer durch den Raum, ein Junge solle ihm den Apfel holen – und aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein Junge daraufhin sich in die Richtung der Obstschale, die auf dem Bartresen steht, bewegt. (O1-2, Z. 36)
In diesen Beobachtungen erweist sich bei Ronny eine gewisse Extrovertiertheit in Kombination mit körperlicher Stärke als wichtige Voraussetzung dafür, dass ein anderer Junge bereit ist, ihm einen Apfel zu bringen. Während wir im offenen Jugendtreff auch bei anderer Gelegenheit (s.o.) gesehen haben, dass körperliche Stärke in Aushandlungsprozessen relevant gesetzt wird, zeigte sich dies in den Bandkontexten nicht – wohl auch deswegen, da man in diesen Kontexten auf andere Ressourcen zurückgreifen konnte.
Neben diesen Ressourcen wirken sich offenbar auch das soziale Engagement und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auf die Stellung einer Person in entscheidungsrelevanten Aushandlungsprozessen aus. Nicht verwunderlich erscheint, dass bei der Mädchenband häufig Melody eine besondere Entscheidungsmacht zuerkannt wird (z.B. wenn es um das Programm der Band beim nächsten Auftritt geht), schließlich ist sie es, die konstruktive Vorschläge macht, dabei die Interessen der anderen im Blick hat und auch bereit ist, unliebsame Aufgaben zu übernehmen (M5, Z. 467). Und bei den Vorbereitungen zu einem Fest des offenen Jugendtreffs wird Sara die Position einer Chefin zuerkannt, wohl auch deswegen, da sie sich ohne Unterlass engagiert und anstehende Arbeiten übernimmt (O1, Z. 102).
Es ist nun allerdings nicht so, dass die beobachteten Aushandlungsprozesse durch die skizzierten Ungleichheiten bzw. hierarchischen Elemente determiniert wären. In einigen Fällen sind ungleiche Entscheidungskompetenzen an die jeweiligen Situationen sowie an das Verhalten in diesen Situationen gebunden. Und auch dann, wenn stabilere Ungleichgewichte beobachtet wurden, zeigte sich immer wieder, dass Entscheidungsmacht in Frage gestellt wurde und dass sich die Kräfteverhältnisse in Aushandlungsprozessen veränderten.
Die vorgestellte Untersuchung zu Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen, die hier als spezielle Aspekte von Partizipation verstanden werden, bestätigt vorliegende Befunde hinsichtlich verschiedener Varianten solcher Prozesse in Peergroups Heranwachsender. Entscheidungen werden demnach durch Fragen und Vorschläge, im Rahmen von Argumentationen mit Verweis auf gute Gründe sowie durch Anweisungen und Befehle und auch im Rahmen spielerischer Entscheidungsprozesse beeinflusst und herbeigeführt (Krappmann/Oswald 1995; Rieker im Erscheinen). Über solch verbale Aushandlungen hinaus ließ sich ebenfalls beobachten, dass Entscheidungen nonverbal herbeigeführt werden, indem eine der Akteur*innen einfach handelt und damit entscheidungsrelevante Tatsachen schafft. Mitunter werden Entscheidungen auch dadurch herbeigeführt, dass Druck oder Zwang auf Einzelne ausgeübt wird. Aushandlungen, die durch einseitige Aktivitäten geprägt sind, werden von Heranwachsenden in Interviews ebenso wenig genannt, wie die mit Zwang und Befehlen assoziierten Varianten (Rieker im Erscheinen).
Im Vergleich mit anderen Untersuchungen müssen allerdings die durch das Datenmaterial implizierten Möglichkeiten und Einschränkungen berücksichtigt werden. Ethnografische Beobachtungsprotokolle beschränken sich auf die den Beobachtenden zugänglichen Eindrücke und lassen nicht immer direkte Rückschlüsse auf die subjektiven Orientierungen der Akteur*innen zu. Dem gegenüber ermöglichen sie einen Zugang zu den sozialen Praktiken und mitunter auch zu den wechselseitigen Bezugnahmen, die diese prägen. Wenn Beobachtungen – wie in der vorliegenden Untersuchung – über längere Zeiträume realisiert werden können, verfügen wir damit über verlässliche Hinweise auf soziale Konstellationen, aus denen heraus soziale Praktiken gestaltet werden. Sie beschränken sich nicht auf die im Bewusstsein präsenten und explizit mitgeteilten Aspekte und dürften auch weniger durch soziale Erwünschtheit geprägt sein als z.B. Interviewäußerungen. Dies deutet darauf hin, dass wir auf ethnografische Beobachtungen angewiesen sind, um implizite und auch sozial weniger akzeptierte Aushandlungsvarianten zu erkennen.
Allgemein zeigt sich, dass Jugendliche ganz verschiedenen Peergroups angehören und dass diese Gruppen unterschiedliche Bedeutungen für die Beteiligten haben (Harring 2010). In den beobachteten Kontexten bzw. Jugendgruppen zeigten sich sowohl Differenzen in Hinblick auf den ethnisch-kulturellen Hintergrund als auch auf das Geschlecht der Beteiligten. Es erscheint allerdings unzulässig, die beobachteten Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse vor allem auf diese sozialen Zugehörigkeitskategorien zurückzuführen (Adler/Adler 1998; Köhler 2016) und z.B. die Differenzen zwischen Mädchen- und Jungenband lediglich als Ausdruck ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu deuten. Vielmehr zeigt sich, dass die einzelnen Gruppen jeweils spezifische Aushandlungskulturen ausgeprägt haben, die vor allem mit dem jeweiligen Kontext in Verbindung zu stehen scheinen, in denen unterschiedliche Grade der Verbindlichkeit in der wechselseitigen Bezugnahme festzustellen sind. Diese unterschiedlich ausgeprägte Verbindlichkeit dürfte es vor allem sein, die zu den Unterschieden zwischen den Gruppen in Hinblick auf dort jeweils zu beobachtende Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse beiträgt. Mit ethnografischen Studien, die nur den Kontext einer oder ähnlicher Gruppen fokussieren, können solche Unterschiede nicht erkannt werden.
In Hinblick auf Aushandlungen unter Kindern wurde festgestellt, dass diese häufig ohne Ergebnis bleiben bzw. durch Zwang einseitig entschieden werden (Krappmann/Oswald 1995). Vergleichbares zu diesen im Kontext der Schule erzielten Ergebnissen zeigt sich in unserer Untersuchung am ehesten in der offenen Jugendarbeit, wo die Beteiligten sich aus dem Weg gehen können bzw. ganz weg bleiben können und wo wiederholt Entscheidungen mittels körperlicher Dominanz herbeigeführt werden. Demgegenüber zeigt sich vor allem in den hier untersuchten Band-Kontexten, dass ergebnislose Aushandlungen und solche, die nur durch Zwang zustande kommen, seltener sind. Der höhere Anteil einvernehmlicher Entscheidungen lässt sich dabei nicht nur durch Freundschaft erklären (ebd.: 104), sondern er scheint ebenfalls Ausdruck der Verbindlichkeit zu sein, die in beiden Gruppen – wenn auch unterschiedlich – ausgeprägt ist: Im Unterschied zur offenen Jugendarbeit, wo für die Jugendlichen gemeinsame Wertmaßstäbe und Verfahrensregeln (Glatzmeier/Hilgert 2015: 14 f.) nur begrenzt relevant sind, haben die Bands Vereinbarungen zum Ort, zur Dauer und zum Ziel ihrer Treffen getroffen, und auch die Frage, wer hier Zugang hat, ist klar geregelt. Allerdings ist auch zu beobachten, dass Aushandlungen, z.B. durch spielerische Aktivitäten, auf eine andere Ebene verschoben werden. Aus der Perspektive zielstrebig denkender Erwachsener erscheint dies als ergebnislose Aushandlung, während dies aus Sicht der Heranwachsenden auch anders gedeutet werden kann: Genau genommen verschieben Kinder und Jugendliche durch solche Aktivitäten ihre Relevanzsetzungen und können gerade dadurch auch Entscheidungsprozesse gestalten.
Gezeigt hat sich darüber hinaus aber auch, dass Entscheidungsprozesse nicht nur an situative Faktoren gebunden sind, sondern auf vorangegangene Aushandlungen Bezug nehmen und diese bestätigen oder korrigieren können. Um solche Bezüge zu erkennen, braucht es eine Längsschnittperspektive, d.h. die Begleitung jugendlicher Peergroups über einen gewissen Zeitraum. Teilweise bestätigt werden konnten dadurch solche Ergebnisse, die auf den prekären Charakter von Hierarchien verweisen (Rieker im Erscheinen). Regelmäßig zeigte sich, dass Jugendliche sich in ihren Peergroups unterschiedlich in Entscheidungsprozessen einbringen (können). Aber auch solche Ungleichheitsrelationen, die sich in verschiedenen Situationen beobachten ließen, konnten durch fluide Beziehungskonstellationen abgelöst werden, in denen die Entscheidungsmacht variierte und in denen entscheidungsmächtige Akteur*innen nicht vor Widerstand und Rebellion gefeit waren. Es waren demnach weniger zementierte Machtverhältnisse, die zu ungleichen Anteilen an der Entscheidungsmacht beitrugen, sondern wichtige Beiträge zum Gruppenleben sowie Bemühungen um die Einbindung und das Wohl der anderen Beteiligten.
In Hinblick auf die oben skizzierten Konzeptionen von Entscheidungsprozessen verweisen unsere Ergebnisse auf einige Besonderheiten. Deutlich wird ein breites Spektrum an Entscheidungsvarianten, das über die Fokussierung auf rationale Entscheidungen in überschaubaren Kontexten hinausweist. Relevant sind, wie auch an anderer Stelle mitgeteilt (Hellmann/Kopietz 2015: 75 f.; van Ophuysen et al. 2015: 176), der hohe Stellenwert emotionaler Aspekte für Gruppenentscheidungen. Zudem konnte gezeigt werden, dass diese Entscheidungen sich über längere Zeiträume aufbauen können und vorangegangene Entwicklungen daher mit berücksichtig werden müssen. Schließlich wurde deutlich, dass akzeptierte Wertmaßstäbe und Verfahrensregeln (Glatzmeier/Hilgert 2015: 14 f.) sowie Zielsetzungen (van Ophuysen et al. 2015) im Kontext informeller Gruppen nicht notwendig vorgegeben sind, sondern im Verlauf der Aushandlungsprozesse gemeinsam entwickelt und verändert werden können. Wir haben es hier also mit hochdynamischen Prozessen zu tun. Außerdem hat sich in Interviews mit Jugendlichen gezeigt, dass in Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen hierarchisch strukturierte Situationen offensichtlich vermieden werden (Rieker im Erscheinen), d.h. solche Konstellationen, die sich negativ auf die Entscheidungsqualität auswirken (Glatzmeier 2015: 200). Inwieweit sich damit Spezifika von Entscheidungsprozessen bei Kindern und Jugendlichen zeigen, könnte nur im Rahmen vergleichender Untersuchungen geklärt werden.
Was zeigen die oben skizzierten Ergebnisse in Hinblick auf die Sozialisation von Jugendlichen? Bestätigt werden kann der Befund, dass Peers für die Sozialisation Jugendlicher große Bedeutung haben (Böhm-Kasper 2006). Das Material der vorliegenden Untersuchung gibt Hinweise darauf, dass Jugendliche im Kontext von Peergroups Erfahrungen mit einem breiten Spektrum an Aushandlungen machen sowie auf vielfältige Weise Entscheidungen herbeiführen. Dabei lernen sie, welche Strategien in welchem Kontext erfolgreich sind, um bei diesen Entscheidungen mitzuwirken und welche Ressourcen sich in diesen Aushandlungen als hilfreich erweisen. Vorstellungen, die von der Gleichrangigkeit von Peers ausgehen (Youniss 1980) müssen allerdings relativiert werden (Krappmann/Oswald 1995). Im Kontext von Peergroups lassen sich unterschiedliche Positionen beobachten, die mit ungleicher Entscheidungsmacht verbunden sind. Allerdings erleben Jugendliche, dass etablierte Ungleichgewichte in Hinblick auf die Entscheidungsmacht in Frage gestellt und erfolgreich verändert werden können. Insofern bestätigen die referierten Ergebnisse die Position interaktionistischer Sozialisationstheorien und unterstreichen den Aushandlungscharakter und die Variabilität peerspezifischer Sozialisationsprozesse.
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[1] Ich danke den anonymen Gutachtenden und dem GISo-Herausgeber*innenteam für wichtige Anregungen zu einer früheren Fassung dieses Beitrages.
[2] Das Projekt „Peerspezifische Sozialisationsprozesse im Jugendalter“ wird seit 2018 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich durchgeführt und durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziell unterstützt. In dem Projekt sind Giovanna Hartmann Schaelli und Silke Jakob als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen tätig und auch als Forscherinnen im Feld aktiv, die Projektleitung liegt bei Peter Rieker.
[3] Im Folgenden werden Zitate und Verweise aus unserer Untersuchung präsentiert, wobei in Klammern jeweils angegeben wird, auf welches Protokoll Bezug genommen wird. Die Angaben beziehen sich auf den Kontext und die Protokollnummer (J – Jungenband, M – Mädchenband, O – offener Jugendtreff) sowie die Seiten- oder Zeilennummer im jeweiligen Protokoll.
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