Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03615.jsonl.gz/2743

Arbeiten ohne Chef: Kann das wirklich funktionieren – oder endet die Übung im Chaos? Bereits das als Frage formulierte Thema liess rege Diskussionen erwarten am Change-Corner der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.
In den Medien und am Forum in Olten ist der Holacracy-Hype omnipräsent, die Meinungen darüber kontrovers. Befürworter loben die Flexibilität und Effizienzsteigerung. Kritiker bemängeln fehlende Karrieremöglichkeiten und bezeichnen das Modell gar als weltfremd.
Holacracy-Coach Daniel Sigrist präsentiert am Forum nicht nur theoretisches Wissen, sondern berichtet direkt aus seinen Erfahrungen. Sigrist agiert unter anderem als interner Holacracy-Coach bei Swisscom und begleitet dort die aktuellen Implementierungen. Um dem Publikum die Funktionsweise des Organisationsmodells näher zu bringen, simuliert Sigrist ein holokratisches Governance-Meeting.
Holacracy basiert auf dem Ansatz, dass Stellenbeschreibungen durch Rollen ersetzt werden. Ein Unternehmen kennt keine hierarchische Führungsstruktur mehr, das klassische Organigramm im Unternehmen wird durch eine Kreis-Struktur ersetzt. In jedem Kreis sind die Zuständigkeiten durch Rollen definiert. Diesen Rollen werden Aufgaben zugeteilt. In den Kreisen können die Rollen unabhängig Entscheide über ihre Aufgaben fällen.
Holacracy
Der Amerikaner Brian J. Robertson schuf mit Holacracy eine Methode, um Entscheidungsfindungen durch alle Ebenen hindurch transparent zu gestalten und alle Mitarbeitenden partizipativ zu beteiligen. Unternehmen, die Holacracy anwenden, organisieren sich im Gegensatz zum hierarchischen Pyramidenmodell in Kreisen, die bestimmte Projekte, Abteilungen oder Geschäftsgebiete repräsentieren. Grosse Kreise sind mit kleineren Kreisen und kleinere mit grösseren über sogenannte «Links» verbunden – repräsentiert durch Personen, die an den Sitzungen beider Kreise teilnehmen und für Informationsaustausch sorgen. Bei Holacracy hat jeder Mitarbeitende mehrere Rollen gleichzeitig inne, etwa als Event-Organisator oder Trainer. Diese Rollen sind wiederum grösseren thematischen Kreisen zugeordnet wie etwa der Kommunikation. Nebst den Kreisen, den Links und den Rollen ist auch die «Holacracy Constitution» ein Merkmal des Systems. Sie regelt, wie Unternehmensführung entstehen kann und verändert werden darf.
Buchtipp: Brian J. Robertson: Holacracy. Ein revolutionäres Management-System für eine volatile Welt. 2016, 206 Seiten, Verlag Vahlen.
In der Livesimulation gibt Daniel Sigrist einen Einblick, wie dieser Prozess in der Praxis funktioniert. Governance-Meetings sind spezifische Treffen, in denen Fragen besprochen werden, die sich auf Rollen und die Zusammenarbeit beziehen. Die Meetings folgen einem detaillierten Ablauf, um sicherzustellen, dass niemand die Entscheidungsfindung dominieren kann. Fast mantraartig stellte der Moderator die Frage: «Siehst du einen Grund, dass die Annahme dieses Vorschlages uns zurückwerfen oder Schaden zufügen könnte?». Zumindest die effektive Behandlung von Einwänden konnte die Simulation gut veranschaulichen.
Der Change-Corner zeigt deutlich, dass Holacracy ein Prozess ist, der nicht «schnell, schnell» umgesetzt werden kann. Holacracy setzt voraus, dass alle Beteiligten ihre Rollen verinnerlichen. Ist dies nicht der Fall, ist das Chaos vorprogrammiert. Vor allem Unternehmen, die einen bestimmten Führungsstil, Karrieremöglichkeiten und Anreizmodelle verinnerlicht haben, laufen dann Gefahr, gute Mitarbeiter zu verlieren. Auch Swisscom hat Holacracy in einigen Bereichen zwar erfolgreich implementiert – eine konzernweite Integration von Holacracy zieht das Unternehmen dennoch nicht in Betracht. In einigen Bereichen sieht es stabile Strukturen und eine hierarchische Organisation als besser geeignet.
Im Anschluss an die Veranstaltung wird beim Apéro intensiv weiterdiskutiert. Zufrieden zeigten sich die Organisatoren Wolfgang Erberling, Christoph Minnig und Philippe Renggli: Der Change-Corner sei ein Forum, in dem der Austausch mit Experten im Vordergrund stehen solle – mit der aktuellen Themenwahl haben sie es geschafft, diesen Austausch lebhaft anzustossen.