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Weisst Du, geneigter Leser, geneigte Leserin, was ein Küßenbüren ist? Ich wusste es bis vor kurzem nicht. Ich vermutete zwar, wie sich herausstellte, das Richtige; aber nachdem das Wort zum wiederholten Mal im Briefwechsel zwischen den beiden Verlobten Boie und Mejer aufgetaucht war, wollte ich ganz sicher sein. Doch mein Universalauskunftsmittel, Freund Google, liess mich für einmal komplett im Stich: 0 Suchresultate. Duckduckgo, meine alternative Suchmaschine, strich einfach alle im Englischen nicht existierenden Buchstaben, und fragte mich, ob ich nach Ken Bruen oder Ken O’Brien gesucht hätte. Nein, hatte ich nicht, aber kein Problem, dachte ich, schaust du halt im Kommentar-Band der vorliegenden Briefausgabe nach. Nach langem Suchen habe ich dann das Sachregister auch gefunden – aber kein Küßenbüren darin.
Schliesslich half mir eine nette Freundin auf Facebook: Ich hätte nach zwei Begriffen suchen müssen (Küßen + Büren), damit Google etwas ausspuckte. Vielleicht, geneigter Leser, geneigte Leserin wohnst Du ja in Bremen oder irgendwo nördlich davon, wo das Wort offenbar in der Mundart existiert (hat), und schüttelst nun den Kopf über mein Nicht-Wissen: Ein Küßenbüren ist ein (Kopf-)Kissenanzug. Mit diesem Wissen versehen, habe ich dann auch – Büren im Sachregister gefunden. Dafür, dass man z.B. Intention mit allen möglichen orthgrafischen Varianten jener Zeit aufführt (Varianten, die dann – auf Grund der alphabetischen Sortierung – doch alle gleich untereinander stehen), hätte man unter Küßenbüren durchaus einen Hinweis auf das Lemma Büren machen können. Es ist ja nicht jeder ein Spezialist für niederdeutsche Wortbildung…
Denn darum geht es im Briefwechsel der beiden im Jahre 1784 vor allem: Um die Zusammenstellung der gemeinsamen Haushaltseinrichtung: Betten, Bettdecken, eben Kissenanzüge, Vorhänge, Tapeten, Möbel… Da Boie als Amtmann einen halbwegs repräsentativen Haushalt zu führen hatte – auch wenn er kein Geld hatte – musste er zwei Dienstmädchen, einen Bediensteten, eine Köchin/Haushälterin und eine Art Majordomo haben und bei sich unterbringen. Er kaufte zwei nebeneinander liegende Liegenschaften und verband die beiden Häuser miteinander, um genügend Platz zu haben – auch für eventuelle Gäste. Und da mussten Dinge wie Betten, Matratzen, Geschirr u.ä. natürlich mehrfach vorhanden sein – auch in unterschiedlicher Qualität, je nachdem, ob so ein Kissenanzug z.B. für die Herrschaft oder für die Bediensteten berechnet war. So bilden, wie gesagt, die Listen für Haushaltartikel, neben Boies Berichten vom Umbau seiner beiden Häuser in ein einziges, den Hauptanteil am vorliegenden Briefwechsel.
Daneben hat es auch wieder vermehrt Platz für Literarisches: Luise beäugt Goethe und seinen Herzog durch den Operngucker bei einer Theateraufführung in Hannover. Zu einem persönlichen Kontakt kommt es zwischen der Verlobten eines der führenden Almanach-Herausgebers und den Weimarern nicht. Boie erhält dafür Post vom aufstrebenden Schiller, dessen dramatisches Talent der Niedersachse sofort erkennt, und dem er deshalb eine grosse Karriere vorhersagt. Bürger taucht wieder aus der Versenkung auf; seine (erste) Frau ist unterdessen gestorben, und er möchte wieder vermehrt literarisch tätig werden. Goeckingk hat einen eigenen Almanach gegründet; der jedoch läuft nicht so, wie er es sich vorgestellt hat, und trotz Boies Ermahnungen zur Geduld wirft er den Bettel hin. Boie freut das insofern, als er hoffen kann, dass Goeckingk wieder vermehrt Material in sein Deutsches Museum einschiessen wird. Auch an die beiden Stolberge nähern sich Boie und Mejer wieder an. Das hat – nebenbei – nicht nur positive Seiten: Abgesehen von den unerfreulichen persönlichen Erfahrungen, die v.a. Luise Mejer im voran gegangenen Jahr mit der Stolberg-Familie gemacht hat, reisst Boies Bekanntschaft mit Christian sein Deutsches Museum beinahe erneut in eine literarische Fehde mit den Göttinger Professoren Lichtenberg und Heyne. Die Heirat von Heynes Tochter Therese mit Forster (dem jungen Professor in Wilna) wird ebenfalls erwähnt; vor allem Luise Mejer macht sich und Boie keine Illusionen über den in Bezug auf Männer sehr flatterhaften Charakter von Therese.
Im Übrigen fliessen die Briefe vor allem von Seiten Luisens über von Formulierungen, die wir heute als übertrieben empfinden. Eben: Empfindsamkeit pur – selbst wenn Luise sich und ihre Briefe als sehr nüchtern empfindet. (Einer der Lieblingsautoren der beiden ist nach wie vor – Klopstock, von dem alles gelesen wird, was er auf den Markt wirft.)
Eigentlich war geplant, dass Boie und Mejer im März 1785 heiraten. Das erwies sich als unmöglich. Vor allem Mejer musste Rücksicht nehmen auf die Gefühle von Luise Pestel, Mejers bisheriger ‚Brotgeberin‘ und Freundin. Auch die Stolbergs stellten erneut Ansprüche an die Gegenwart der Mejer; selbst in Anbetracht der Ereignisse des Vorjahres konnten Mejer und Boie diese nicht einfach so zurückweisen. Last but not least hatte Boie sich viel zu spät um die Papiere gekümmert, die ihm als dänischem Untertanen erlauben würden, im Hannoveranischen zu heiraten: Kopenhagen liess sich Zeit mit deren Auslieferung.
Der letzte Brief datiert vom 16. Juli 1786, geht von Boie an seinen Schwager Voß und enthält die Mitteilung, dass Luise in dieser Nacht an – wie es der Klappentext so naiv-brutal formuliert – einer mißglückten Geburt ebenso gestorben war wie das Kind.
Alles in allem liefert der Briefwechsel, was ich mir davon versprochen habe: einen Einblick in den Alltag des deutschen Bürgertums gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Nur das mit dem Kommentarband, lieber Wallstein-Verlag, müsstet Ihr euch für eine nächste Edition nochmals genauer überlegen. Aber auf diesen Kommentarband werde ich später noch separat eingehen.