Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03437.jsonl.gz/2625

Damals, in den 60er Jahren, war eine Weltausstellung noch nicht eine farblose Farce, die in erster Linie Funktionäre ernährt. Damals galt es noch als eine Ehre, wenn man als Hersteller eingeladen wurde, so etwas wie «man's highest aspiration for automobiles» zu erschaffen, nicht einfach irgendeinen Pavillon mit angeschlossener Kantine. Dass Montreal, wo die Weltausstellung 1967 stattfand, ausgerechnet an Alfa Romeo herantrat und nicht an einen der Nachbarn aus Detroit, knapp ennet der Grenze beheimatet, mag an der nicht besonders ausgeprägten Liebe zwischen Kanadiern und Amerikanern gelegen haben. Vielleicht aber auch am guten Namen der Italiener.
Wie ernst Alfa Romeo diese Anfrage nahm, wissen wir heute nicht mehr. Die Mailänder gaben den Auftrag auswärts, zu Bertone, sicher im Wissen, dass dort ein ausserordentlich begabter Mann arbeitete, einer, der die Ansprüche einer Weltausstellung auch erfüllen konnte. Marcello Gandini war 1967 zwar noch keine 30 Jahre alt, aber schon sehr berühmt: er hatte sich mit dem Lamborghini Miura bereits ein Denkmal gesetzt. Gandini zeichnete dann also, man setzte seine Entwürfe gleich doppelt um, in Form von zwei weissen Prototypen, die auf einer Giulia-Plattform standen. Auf der Weltausstellung erregten die Fahrzeuge grosses Aufsehen, jetzt weniger für ihre technische Fortschrittlichkeit (da war nämlich: keine) als viel mehr für ihr Design, die Augenlider über den Scheinwerfern, die kombinierte B/C-Säule mit den Lufteinlässen, die kompakten Masse.
Montreal ging vorüber, das Publikum war begeistert - aber Alfa hatte irgendwie nichts in der Hand. Ja, Serien-Produktion, doch auf welcher Basis? Und vor allem: mit welchem Motor? Der bekannte 1,6-Liter wollte nicht so recht zum Auftritt passen, auch der 1750er war irgendwie zu klein. Doch da war ja noch diese 2-Liter-Rennmaschine aus dem Tipo 33/2. Und so geschah es: in (zu) kurzer Zeit wurde der V8 auf 2,6 Liter Hubraum aufgebohrt (Bohrung x Hub 80 x 64,5 mm, beim Tipo 33/2 waren es 78 x 52,2 mm gewesen), er erhielt eine mechanische Spica-Benzineinspritzung (anstatt TwinSpark - und Spica steht für «Società Pompe Iniezione Cassani & Affini)), vier obenliegende Nockenwellen und Trockensumpfschmierung hatte er ja schon. 200 PS bei 6500/min waren für die damalige Zeit reichlich, diese Kraft wurde über ein 5-Gang-Getriebe von ZF an die Hinterachse geleitet.
Es war vielleicht, wahrscheinlich: zu viel. Denn es musste alles etwas schnell gehen. Der Montreal, der Montreal hiess, weil er sein «Leben» in Montreal beginnen durfte, basierte weiter auf dem Tipo 105 (also Giulia, GTJ, GTV), die Anpassungen beim Fahrwerk waren nur minimal (obwohl der Montreal mit 1270 Kilo trocken schon ein deutlich schwererer Brocken war). Auch beim Design blieb quasi alles wie gehabt - was die Mittelmotor-Lüftungsschlitze beim Frontmotor-Auto erklärt. Und irgendwie war er winzig, der V8-Alfa: 4,22 Meter lang, nur 1,67 Meter breit. Im März 1970 stand ein erstes Exemplar - Chassisnummer 105.64 - auf dem Genfer Salon; mit der Produktion wurde dann erst im April 1971 begonnen. Immerhin: er war fein verarbeitet, der Montreal, und all die Geschichten, dass der Rost an ihm nagt und auch sonst alles auseinanderfällt, die stimmen nicht. Auch der V8 macht keine Probleme: zwar dreht er locker - und mit unvergleichlichem Klangbild - bis 7000/min, doch er erwies sich auch dann als sehr zuverlässig.
Die Presse war - damals - begeistert, die ersten Kunden auch. Nein, kein Sportwagen, ein echter GranTurismo, der auf längeren Strecken erst die wahre Freude machte. Ausser vielleicht an der Tankstelle: der Montreal erwies sich als ausgesprochen durstig, 20 Literchen durften es schon sein. Und das wurde dann auch zu seinem grössten Problem, Stichwort: Ölkrise. Und so wurden bis im Februar 1977 nur gerade 3917 Stück gebaut. Oder vielleicht auch 3925, man weiss es nicht genau. Hübsch, übrigens: kein einziger Montreal wurde nach Montreal verkauft.
Lange standen die Montreal wie Blei. Zwar wurden sie selten unter 20'000 Franken verhandelt, eben: Alfa, V8, Gandini, sowas schenkt man ja nicht weg. Doch in den vergangenen Jahren stiegen die Preise heftig, es wird unterdessen sechsstellig verlangt.
Auf www.radical-mag.com gibt es auch noch einen Fahrbericht zu lesen, zu genau diesem Fahrzeug, das hier gezeigt wird.