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Eintauchen in den Moment der Schockstarre
Die neue Produktion des Tanztheaters Baden ist ein emotionales Zusammenspiel von… Weiterlesen
von
Beni Herzog
05. Februar 2020
09:00
Häufig verrät ein kurzer hoher Pfiff den Eisvogel, dann ist der «blaue Pfeil» schon vorbeigeflitzt. Ungeübte Beobachter reagieren oft erstaunt, wenn man ihnen erklärt, dass soeben ein Eisvogel vorbeigeflogen ist. Bei seinem schnellen, geraden Flug tief über die Wasseroberfläche wird er meist zu spät oder gar nicht bemerkt.
Mehr Beobachtungsglück ist einem beschert, wenn man den Eisvogel auf einem seiner Jagdansitze entdeckt. Das kann ein Ast, Fels, Geländer oder eine ähnliche erhöhte Warte über der Wasseroberfläche sein, wo er geduldig auf seine Beute lauert. Der Eisvogel ernährt sich hauptsächlich von kleinen Fischen, aber auch von Wasserinsekten, Libellenlarven, kleinen Krebsen und Kaulquappen. Seine Jagdmethode ist das Stosstauchen: Wenn er eine mögliche Beute entdeckt, stösst er von seinem Sitz aus kopfvoran ins Wasser oder rüttelt mit schnellem Flügelschlag, bevor er eintaucht.
Oft erscheint er dann mit einem erbeuteten Fisch wieder auf seinem Ansitz (Bild 1 in der Galerie unten). Diesen schlägt er mehrmals gegen den Ast (Bild 2), ehe er ihn mit dem Kopf voran in einem Stück verschluckt. Würde er seine Beute umgekehrt herum hinunterschlucken, müsste er daran ersticken, weil sich dann Flossen und Schuppen wie Widerhaken aufstellen würden. Um den Fisch an einen Jungvogel (oder an sein Weibchen) zu verfüttern, dreht er ihn daher im Schnabel immer mit dem Kopf nach vorn (Bild 3).
Brautgeschenke für das Weibchen
Noch mehr Glück braucht man, um einen Brutplatz des Eisvogels zu entdecken. Er brütet in Erdhöhlen in sandigen oder lehmigen Steilwänden an Gewässern. Hierzu eignen sich Prallhänge von Flüssen, Kiesabbauflächen oder auch Wurzelteller von umgestürzten Bäumen, sofern diese genügend gross sind. Das Eisvogel-Männchen gräbt mit Schnabel und Füssen einen rund 50 bis 100 Zentimeter langen Gang und weitet diesen zuhinterst zu einer Brutkammer aus. Dort legt das Weibchen sechs bis acht Eier – jeden Tag eines – und brütet sie abwechselnd mit dem Männchen während 18 bis 21 Tagen aus. Bevor es soweit ist, umwirbt das Männchen (bei beiden Bildern in der Galerie der Vogel rechts) seine «Auserwählte» heftig und bringt ihr Brautgeschenke in Form von Fischchen.
Indirekt zeigt er ihr damit, dass er ein guter Fischer ist und eine Familie ernähren kann. Dennoch geht oft ein grosser Teil der Brut verloren. Daran können Hochwasser, starke Regenfälle, Fressfeinde wie Füchse, Wiesel, Ratten und Maulwürfe oder auch Störungen durch Menschen schuld sein. Interessant ist, dass der Eisvogel wenige Tage nach einem Brutverlust nochmals brüten kann, sogar bis zu dreimal in einem Jahr, und so jährlich doch noch genügend Nachwuchs aufziehen kann.
Viele Eisvögel sterben aber auch aus einem anderen Grund. Obwohl das «Eis» in seinem Namen suggeriert, dass er harte Winter und eisige Verhältnisse mag, ist genau das Gegenteil der Fall. Da der Eisvogel ganzjährig in seinem Brutgebiet bleibt, ist er auch im Winter auf eisfreie Gewässer angewiesen, damit er stosstauchen kann.
In sehr harten Wintern können sogar Fliessgewässer zufrieren. Weil der Eisvogel ein sehr standorttreuer Vogel ist, weicht er nicht einfach nach Süden aus, das Ziehen liegt ihm nicht so im Blut. Deshalb verhungern in harten Wintern viele Eisvögel. Das kann bis zu 80 Prozent der Eisvögel in einem «zugefrorenen» Gebiet betreffen. Mit hohen Geburtenraten gleichen dies die verbleibenden Vögel mit der Zeit wieder aus.
Ein fast exotischer Vogel
Der Eisvogel gehört wegen seiner Farbenpracht zu unseren schönsten einheimischen Vogelarten. Sein Gefieder schillert je nach Lichteinfall kobaltblau bis türkisfarben, seine Unterseite ist intensiv rötlich-orange gefärbt. Er wirkt eher wie ein tropischer Vogel und wird oft als «fliegender Edelstein» bezeichnet. Die Geschlechter kann man praktisch nur an der Schnabelfarbe unterscheiden: Das Eisvogel-Männchen hat einen schwarzen Schnabel, der Unterschnabel des Weibchens ist rötlich.
Der Eisvogel lebt an Flüssen, Bächen und Seen, wo er genügend Fische findet. Er mag es, wenn Bäume und Sträucher das Ufer säumen. Im Schweizer Mittelland, im Wallis und Tessin ist er an fast allen Flüssen und Seen verbreitet. Er gehört aber mit rund 500 Paaren in der Schweiz zu den eher seltenen Brutvögeln. Eisvögel lassen sich auch in unserer Region beobachten, etwa an der Aare zwischen Brugg und Wildegg, am Limmatspitz und an der Reuss vom Wasserschloss bis zum Flachsee. Natürlich ist er auch am Klingnauer Stausee anzutreffen, wo für ihn beim neuen BirdLife-Naturzentrum eine künstliche Brutwand mit Beobachtungshide errichtet wurde. Nun kann man hoffen, dass der Eisvogel diese neue Brutmöglichkeit baldmöglichst entdeckt und annimmt – die Chancen stehen gut. Im BirdLife-Zentrum La Sauge am Neuenburgersee gehört die Beobachtung von brütenden Eisvögeln seit Jahren zu den grossen Attraktionen.
Am Klingnauer Stausee wird am 1. März 2020 eine Eisvogel-Exkursion unter kundiger Leitung durchgeführt, siehe Anmeldung Eisvogel-Exkursion.
Der Eisvogel (Alcedo atthis)…
…ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Art aus der Familie der Eisvögel (Alcedinidae), die insgesamt etwa 90 Arten umfasst. Die grösste Artenvielfalt findet man in tropischen und subtropischen Regionen, wie beispielsweise den in Zentral- und Südamerika vorkommenden Grünfischer.
«Unser» Eisvogel besiedelt weite Teile Europas, Asiens sowie das westliche Nordafrika und lebt an mässig schnell fliessenden oder stehenden, klaren Gewässern mit Kleinfischbestand und Sitzwarten. Der Bestand hat in den letzten Jahren wieder zugenommen und die Art wird derzeit in Europa als dezimiert, aber im gesamten Verbreitungsgebiet als wenig bedroht eingestuft. In der Schweiz ist er auf der Roten Liste als «verletzlich» eingestuft. Als Symbol unverbauter Gewässer wurde er zum Wappentier des Naturschutzes. BirdLife Schweiz hatte den Eisvogel zum Start der damaligen Kampagne «Biodiversität» zum Vogel des Jahres 2006 gewählt.
Zur Herkunft des deutschen Namens gibt es mehrere Theorien. So lässt sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen «eisan» ableiten, was «schillern» oder «glänzen» bedeutet und auf das glänzend-farbige Gefieder des Vogels bezogen ist. Einige Autoren gehen davon aus, dass der Name ursprünglich «Eisenvogel» bedeutet hat, da die Rückenfedern des Vogels stahlblau und die Unterseite rostrot gefärbt sind. In englischsprachigen Ländern heisst der Eisvogel «Kingfisher», womit seine herausragenden Fähigkeiten als Fischer in den Fokus gestellt werden. Als weiterer Name wird die Bezeichnung «Sankt-Martins-Vogel» oder «Martinsfischer» in Frankreich («martin-pêcheur»), Spanien und Italien verwendet.
Gerechtigkeit im Brutkarussell
Eine Besonderheit beim Brutgeschäft der Eisvögel ist das sogenannte «Brutkarussell». Anders als bei den meisten anderen Vogelarten ist die Fütterung der Jungen strikt organisiert. Der Altvogel füttert jeweils den zuvorderst sitzenden Jungvogel mit einem Fisch. Manchmal ragt die Schwanzflosse eines grösseren Fisches dem Nestling noch längere Zeit aus dem Schnabel. Der Gesättigte drängelt durch die Geschwister hindurch und stellt sich brav hinten an. So dreht sich das Brutkarussell, so dass jeder Jungvogel einmal an die Reihe kommt – perfekte Gerechtigkeit! Auch bezüglich Hygiene sind die jungen Eisvögel «gut erzogen». Sie spritzen ihren dünnflüssigen, übelriechenden Kot nämlich nicht in den Brutkessel, sondern in Richtung Höhlenausgang. Dadurch bleibt ihr Bereich schön sauber. Das Nachsehen haben jedoch die Eltern, die sich bei jeder Fütterung durch eine stinkende Kloake quälen müssen. Auch liegengebliebene Fischreste sammeln sich in der Röhre an. Kein Wunder, verspüren die Altvögel nach der Fütterung öfters das Bedürfnis nach einem reinigenden Bad.
Wie kam der Eisvogel zu seiner Farbenpracht?
Eine französische Sage erzählt, dass der Eisvogel früher grau gefärbt war. Zu seiner Farbenpracht kam er durch einen Auftrag von Noah. Wie alle anderen Tiere war auch der Eisvogel auf der Arche Noah dabei und als der grosse Regen langsam nachliess, schickte Noah eine Taube aus, die erkunden sollte, ob das Wasser sich etwas zurückgezogen hatte und sie wieder an Land aussteigen konnten. Dieser Taube soll Noah auch einen Eisvogel hinterhergeschickt haben. Während der Eisvogel nach Festland Ausschau hielt, geriet er in einen heftigen Sturm. Als er diesem ausweichen wollte, flog er so hoch, dass die Sonne unter ihm lag. Dabei nahm seine Oberseite die Farbe des Himmels an und die Unterseite färbte sich durch die Glut der Sonne rot. Als der Eisvogel zu Noah zurückfliegen wollte, um ihm zu berichten, wie es draussen aussah, konnte er die Arche nicht mehr finden. Deshalb sieht man den Eisvogel immer in der Nähe von Gewässern streifen, wo er noch heute nach Noah und seiner Arche sucht.
Video über das BirdLife Zentrum La Sauge an: