Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03179.jsonl.gz/3351

Ihr Kind erfindet Wörter? Wunderbar!
Vor einer Weile unterhielt ich mich mit einer anderen Mutter auf dem Spielplatz, als ihr Kind zu ihr sagte: «Guck mal, der Eimer hat zwei Löche!» «LÖCHER!», sagte die Mutter zum Kind. Und zu mir sagte sie: «Er weiss das eigentlich, aber in letzter Zeit spricht er schlechter als sonst.» Das schien sie zu belasten. Kennen Sie das auch?
Kinder zwischen drei und vier Jahren machen plötzlich Fehler bei Wörtern, die sie eigentlich mal richtig konnten. Auch der Brecht sagte letzthin «die Hünden» und «schlaften», obwohl er zuvor immer die korrekten Formen «Hunde» und «schliefen» verwendet hatte.
Die nächste Phase des Spracherwerbs
Solche Fehler kommen nicht nur bei der Pluralbildung und bei Verbformen vor, aber sie lassen sich daran sehr anschaulich erklären. Zunächst einmal: Sie müssen sich keine Sorgen machen. Es ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht ein gutes Zeichen, wenn Ihr Kind in dem Alter regelmässig Fehler macht. Das zeigt, dass es nun in die nächste Phase des Spracherwerbs eintritt.
Bisher konnte Ihr Kind hauptsächlich nachahmen. Etwas besser als ein Papagei, aber längst nicht so innovativ, wie man den Eindruck haben könnte. Mit etwa eineinhalb Jahren fangen Kinder an, zwei oder drei Wörter zu kombinieren: «Mama Grosi Auto» oder «Papa Röselichöli» sind typische Beispiele dafür. Mit etwa zwei Jahren beginnen Kinder, Verben zu benutzen.
Vom Papagei zum Verbinseln-Eroberer
Verben sind eine grosse Herausforderung, denn sie drücken etwas Abstrakteres aus als Substantive. Nun kann Ihr Kind Dinge sagen wie «Papa geht einkaufen» und «Grosi geht Garten». Für Sie klingt das wahrscheinlich nicht nach Nachahmung, denn das Kind denkt sich ja eigene Sätze aus.
Das stimmt allerdings nur bedingt. Ihr Kind kann mit zwei bis drei Jahren beispielsweise noch keine Verbformen benutzen, die es nicht schon einmal gehört hat. In der Spracherwerbsforschung spricht man von «Verbinseln». Jedes Verb, das ein Kind benutzt, ist eine feststehende Insel. Um diese Verbinsel herum können wechselnde Wörter auftauchen, aber die Insel selbst bleibt unverändert.
Das Kind lernt auch, mit wie vielen Wörtern eine Verbinsel kombinierbar ist. So besitzt zum Beispiel das Verb «schlafen» einen Slot, nämlich den für das Subjekt: «Ich schlafe». Im Gegensatz dazu kann das Verb «kochen» gleich drei Slots mitbringen. Einen für das Subjekt und zwei optionale für Objekte: «Ich koche dir Nudeln».
Ihr Kind sagt schon früh korrekt: «Ich schlief». Aber paradoxerweise auch deshalb, weil es Fehler wie «ich schlafe dich» oder «ich schlafte» noch gar nicht machen kann. Es kann die Verbinseln und die Slots nämlich noch nicht verändern und nutzt sie nur so, wie es sie gehört hat.
Nächste Phase: «Papa riefte die Hünden»
Zwischen drei und vier Jahren machen Kinder plötzlich Fehler und sagen nicht mehr «Löcher» oder «schlief», sondern «Löche» und «schlafte». Das zeigt, dass sie nicht mehr nur nachahmen, sondern Regeln und Muster erkannt haben und diese anwenden wollen. Das -e ist im Deutschen eine häufige Pluralendung, und viele Verben werden im Präteritum auf -te gebildet.
Kinder können jetzt Aussagen machen, zu denen ihnen das richtige Wort noch fehlt. Als ich mit dem Brecht rausgehen wollte, fand er es «spasser», drinnen zu bleiben. Er kannte den korrekten Komparativ «spassiger» nicht und hat dann einfach einen gebildet. Manchmal experimentieren Kinder so virtuos mit den Sprachregeln, dass sie neue Wörter erfinden. Gestern bezeichnete der Brecht sein weiches Toastbrot als «lammig».
Die Phase der vielen Fehler dauert nicht lange, denn die Kinder lernen immer mehr Grammatikregeln. Bei manchen Wörtern dauert es etwas länger – oft bei denen, die nicht den deutschen Sprachregeln gehorchen. Lassen Sie Ihr Kind mal «Atlas» oder «Bonus» im Plural sagen.
Weitere interessante Postings zum Thema: