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Wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen, die Sie in Ihrem neuen Roman Ketzer erzählen?
Die Geschichte hat mich gefunden. Vor zehn Jahren fing ich an, einen Roman über ein paar Freunde zu schreiben, darunter einen Juden, der auf die Insel gekommen war und wie ein Kubaner lebte. Ich denke, diese Figur war verantwortlich, dass ich mir Gedanken über die Geschichte des Juden gemacht habe, der aufgrund historischer Umstände seine jüdische Identität aufgab. Die Idee, einen Roman zu schreiben, dessen Handlung sich vom Amsterdam des siebzehnten Jahrhunderts bis ins Havanna von heute erstreckt, kam während des Schreibens. Was das Ganze zusammenhielt, war das Streben nach Freiheit und der Preis, den man für sie zahlt. Das konnte ich nicht nur aus der historischen Perspektive betrachten, sondern wollte es auf die Problematik Kubas übertragen. Und dann kamen die jungen Städter ins Spiel, genauer die Emos, die sich nachts in der Calle G in Havanna trafen. Sie sahen seltsam aus, aber sie waren ein Ausdruck etwas Tieferen: nämlich des Wunsches, sich von der Masse abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln – ein Ausdruck historischer Müdigkeit. Die Kubaner mussten sich ihrer Identität versichern, und gewöhnlich tun sie das, indem sie sich distanzieren, nicht indem sie an etwas glauben. Sie sind Ketzer.
Und die Verbindung mit der Geschichte der MS Saint Louis?
Die Geschichte der MS Saint Louis ist sehr dramatisch. Kuba ist seit jeher ein sehr offenes Land. Dass die über 900 Juden aus Hamburg nicht an Land gehen durften, ist beschämend. Doch es war ein guter Ausgangspunkt für meinen Roman, obwohl eigentlich alles im 17. Jahrhundert beginnt, als die Familie Kaminsky das Gemälde von Rembrandt erhält.
In Der Mann, der Hunde liebte haben Sie sich mit dem Mord an Trotzki beschäftigt, nun verbinden Sie die kubanische Realität mit der Geschichte anderer Orte. Ändert sich Ihre Arbeit? Was kommt als Nächstes?
Ich weiß nicht, vielleicht wieder ein Roman, der nur in Kuba spielt. Die kubanische Situation ist so einzigartig, dass die Literatur sich häufig auf das Lokale beschränkt. Mich interessiert aber der größere Zusammenhang, das Universelle. Es ist wichtig, die Einzigartigkeit Kubas aus einer offenen Perspektive zu betrachten. Nur so kann man verstehen, was auf dieser Insel passiert ist, passiert und passieren wird. Um über die Freiheit des Individuums in Kuba schreiben zu können, schien es mir unumgänglich zu zeigen, dass das Streben nach Freiheit eine Konstante in der Geschichte des Menschen bildet. Ich bin nicht sicher, ob es eine neue Serie von dieser Art Bücher wird oder meine neue Art des Schreibens. Es ist aber möglich.
In diesem und anderen Ihrer Bücher kritisieren Sie das System in Kuba. Fühlen Sie sich als Ketzer?
Vielleicht nicht gerade als Ketzer. Ein Ketzer ist jemand, der an etwas glaubt und diesen Glauben dann aufgibt. Ich habe immer eine kritische Haltung gegenüber der Lebensart in Kuba eingenommen. Ohne Exzesse. Ich habe noch auf keiner der beiden Seiten aktiv gekämpft: weder in der Partei noch durch Loslösung. Ich habe nur stets darum gekämpft, unabhängig zu sein.