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Rätoromanisches Märchen
Der Sohn, der drei Nächte am Grab des Vaters wachte
Es war ein Vater, der hatte drei Söhne. Er war ziemlich alt und wurde aufs Alter hin krank. Zwei Söhne waren flinke Kerle, doch einer war nur ein Trottel. Der war meistens im Stall beim Vieh und dergleichen. Die beiden andern waren stolz und hatten viel Vermögen. Ehe der Vater starb, sagte er, sie müssten drei Nächte lang am Grab wachen.
Und sie machten es so, wie es der Vater gewünscht hatte, und kamen überein, dass jeder eine Nacht gehen solle, und sie losten aus, welchen es als Ersten träfe. Es fiel den beiden Gescheiten zu, vor dem Trottel zu gehen. Da sagte der Erste, der an der Reihe war, zum Trottel: «Geh du heute für mich», und der Trottel ging.
Um Mitternacht erschien der Vater, drückte ihm ein Halfter in die Hand und sagte, wenn er dieses schwinge, so komme ein Pferd zum Vorschein, und er werde ein ganz schöner Mann. Und die nächste Nacht, als der Zweite an der Reihe war, machten sie es gleich.
Der Trottel ging an Stelle des Zweiten, und der Vater erschien wie das erste Mal, bloss das Halfter war ein wenig schöner. Am dritten Abend war es an ihm selber zu gehen, was er auch tat. Er erhielt wieder ein Halfter, ein noch schöneres als die beiden andern.
Die Halfter versteckte er. Da liess der König verkünden, jener, der im Stande sei, auf einen hohen Holzstoss zu springen und seiner Tochter einen Kuss zu geben, könne sie heiraten.
Die beiden Brüder des Trottels machten sich auch bereit, denn sie wollten auf dem Fest versuchen, ob einer auf den Holzstoss gelange. Vorher kämmten und schniegelten sie sich, und der Trottel ging in die Stube und sah zu, wie die andern sich sorgfältig herausputzten. Dann gingen sie.
Als sie weg waren, nahm der Trottel das erste Halfter hervor, das ihm der Vater gegeben hatte, schwang es einmal, und es verwandelte sich in ein Pferd, und er wurde ein schöner Mann.
Er bestieg sein Pferd, holte die andern ein und ritt recht stolz an ihnen vorbei, und das Pferd bespritzte die zwei mit Kot. Er kam zu einer Wirtschaft, stellte sein Pferd ein und liess die andern voranreiten. Dann ging auch er ans Fest. Er schaffte es, auf den Holzstoss zu gelangen und gab der Königstochter einen schönen Kuss auf eine Backe. Sonst war niemand dazu im Stande gewesen, doch er liess sich nicht zurückhalten und ritt nach Hause. ...
Der König liess wiederum verkünden, er wolle herausfinden, wer auf den Holzstoss gelangen könne, und es ging wie beim vorigen Mal. Nun mussten sie zum dritten Mal antreten, und diesmal hatte der Vater der Tochter befohlen, sie solle ein Stück vom Ohr des Reiters abbeissen. Der Trottel schaffte es zum dritten Mal, da biss sie ihm ein Ohr ab, doch er entkam wieder, ohne dass es jemand merkte. Der König befahl zwei Männern, in jedes Haus zu gehen und den mit dem Ohrstummel zu suchen. Die Männer kamen auch in jenes Haus und fanden die zwei Gescheiten; der Trottel war im Stall unten.
Sie fragten, ob nicht noch mehr da seien. «Nein, aber wir haben schon noch einen Bruder, aber der ist im Stall unten beim Vieh, der war es sicher nicht.» Sie sollten ihn rufen, befahlen die beiden Männer. Die Brüder mussten nachgeben und riefen den Trottel. Der kam, sie nahmen ihn beiseite, untersuchten ihn und sahen, dass ein Stück Ohr fehlte. Sie hielten dieses an ihm hin, und genau der Trottel war es, der auf den Holzstoss gelangt war. Und die andern beiden Stolzen und Frechen waren eben dümmer als ihr Bruder, welcher immer im Stall bleiben musste und für dumm gehalten wurde. Und der nahm sein Halfter hervor, ging zur Königstochter und hielt Hochzeit mit ihr, und er war weitergekommen als die andern, durch das Wachen am Grab des Vaters.
Quelle: Ursula Brunold-Bigler/ Kuno Widmer (Hrsg.): Die drei Hunde. Desertina 2004.
Parabla 2014-03