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Als der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy Dita Von Teese zum ersten Mal erblickte, trug die 32-Jährige ein antikes Korsett aus Seide und Silberfäden. Es reduzierte ihren Taillenumfang auf den Durchmesser einer Espressotasse. Schwanenfedern flatterten über das Hinterteil und fielen in einem breiten Fächer zu Boden. Sie stand mit angezogenem Bein wortlos an eine Wand gelehnt und gab den Blick auf ein nostalgisches Spitzenhöschen, schimmernde Nylons und hochhackige Vintage-Schühlein frei.
«Ich bin so froh, dass nicht alle Amerikaner so vulgär aussehen, wie ich dachte», rief Bernard-Henri Lévy – bei diesem Anblick offenbar schlagartig um den Verstand gebracht. Dita antwortete wegen der Korsettschnürung ein wenig atemlos, jedoch mit glockenheller Stimme: «Mon cher, ich wundere mich selbst darüber, dass ich das neue coole Ding sein soll.» Lévy durfte ihr die Hand küssen. Dann musste die Göttin zur Arbeit.
Ein exklusives Publikum aus Geldadel und internationaler A-Prominenz verfolgte ihren Auftritt auf der Bühne. Kein einziges Haar löste sich aus der schwarzlackierten Frisur, als «der erste High-Class-Erotikstar der Welt» (Arena) die aufregendste Stripshow auf das Parkett legte, seit Josephine Baker ihr Bananenröcklein an den Nagel gehängt hat. Einzig mit den halterlosen Strümpfen bekleidet, badete Dita in einem überdimensionierten Martiniglas aus Kristall und liess den grünen Schwamm – in Form einer Olive – über die Kurven gleiten. In anderen Nächten posiert sie als nostalgische Zirkusartistin, pustet sich, in einer goldenen Badewanne sitzend, den Schaum von den Schultern, spreizt den Körper akrobatisch durch brillantbesetzte Metallkonstruktionen, balanciert als weiblicher Herkules einen leuchtenden Mond auf dem Zeigefinger. Die Darbietungen tragen Titel wie «The Powder Puff Pin-up Show» oder «My Heart Belongs to Daddy».
Die Kunst der Verführung
Als sich am Abend von Lévys Besuch der Samtvorhang senkte, regnete es matte Goldflocken, und auf Ditas Lippen lag ein Lächeln: hochmütig und demütig zugleich, alles und nichts versprechend. Das Publikum tobte. Gage für die exklusive Show, die im Rahmen einer hochkarätigen Louis-Vuitton-Party stattfand und auch Robbie Williams, Christina Aguilera und Carmen Electra entzückte: 25000 Dollar.
Dita Von Teese, eine Hybride aus lieblicher Boudoirprinzessin und dunkler Fetischkönigin, avancierte innert Jahresfrist zum neuen Sexidol. Sie ist die Erneuerin und berühmteste Vertreterin des «New Burlesque» – einer Kombination aus Stripshow, Variété und Komödie, die in den dreissiger Jahren populär war und heute als hippste Form des Entertainments gilt. Während im übrigen Erotikbereich das Amateurhafte boomt, kultiviert Dita Von Teese die Kunst der Verführung, die Perfektion und den Blick aus der Distanz.
Everybodys Muse
Die glamourösen Szenerien, in deren Mittelpunkt sie steht, strotzen vor unschuldiger, nostalgischer Schönheit und – auf den zweiten Blick – vor kraftvoller Dominanz. Gut vorstellbar, dass Von Teese in den Schubladen mit den glitzernden Requisiten Handschellen und Peitsche versteckt hält. Sie verkörpert eine Frau, von der sich Männer widerstandslos fesseln und knebeln lassen würden und vermutlich auch nichts dagegen hätten, wenn sie mit spitzen Stilettos über sie hinwegtippelte. «Sie aktiviert mit ihren Inszenierungen das wichtigste aller Sexualorgane – das Hirn», schrieb der Playboy über «die progressive Arbeit» des ehemaligen Fetischmodels.
Die Modewelt liebt das exquisite Geschöpf und hat es in den Stand einer Ikone gehoben. «Es gibt wenig Menschen, deren Stil nicht ignoriert werden kann: Sie führen, und wir folgen ihnen. Dita gehört zu ihnen», urteilte die amerikanische Vogue kürzlich. Vanity Fair widmete ihr in der Augustausgabe eine mehrseitige Fotostrecke, was einer Art Heiligsprechung im Modebusiness gleichkommt.
Ellen von Unwerth, Juergen Teller, Rankin, Pierre & Gilles und Gottfried Helnwein porträtierten Von Teese, die im zivilen Leben ähnlich auftritt wie auf der Bühne. Die Avantgardebibeln Jalouse und Citizen K. attestieren ihr, ebenso wie die offiziellen Organe der Haute Couture, das Zeug zur Lifestyle-Leaderin in verschiedenen Bereichen zu haben. «Sie ist eine Inspirationsquelle für jedermann: mondän, witzig, aufregend», fand Harpers & Queen im vergangenen April und nannte sie eine der drei bestgekleideten Frauen der Welt.
Mittlerweile ist sie die Muse von John Galliano, Vivienne Westwood, Joe Corre, Christian Louboutin. Tippelt sie für Yves Saint Laurent oder Marc Jacob über die internationalen Laufstege, stellt sie – das Gesicht weiss abgepudert, die Augen schwarz umrahmt, die Lippen blutrot bemalt – deren ausgefallenste Kreationen in den Schatten. «Nichts kann ihren unverwechselbaren Look konkurrenzieren: Dita bleibt immer Diva», urteilte der Tatler.
«Was ich mache, das bin ich», sagt Dita Von Teese. Sie trägt brillantbesetzte Spangen in der ondulierten Frisur, und ihre Absätze unterschreiten eine Höhe von zwanzig Zentimetern nur im Notfall. Ihre Vorbilder sind Pin-up-Girls, Striptänzerinnen und anspruchsvolle Diven aus längst vergangenen Tagen: Bettie Page, Lili St. Cyr, Rita Hayworth, Coco Chanel, Sally Rand.
Auch ihre Lebensart ist extravagant. Die Verlobte des Horrorrockers Marilyn Manson isst gerne Sorbet, das in silbernen Kelchen serviert wird, und zuckerüberzogene Petit-Fours von Fauchon. Sie mag chinesische Paravents und Fächer, Schminkkommoden aus Schleiflack, die Farbe Lackrot, Perlmuttknöpfe, weisse Tischwäsche, ihre Luxuskarosse, einen Chrysler New Yorker von 1939, sowie: die «Geschichte der O.», den französischen Art-Déco-Künstler Erté, Tango, das britische Fetischlabel House of Harlot und klassische Materialien wie Latex, Pelz, Velours, Gummi, Brokat, Plastik.
Drei Wandschränke für die Dessous
Dita lebt in einem Palast, der mit Skeletten und Schrumpfköpfen dekoriert ist. Der Hausherr eilt tagsüber ungeschminkt und in einem antiken Seidenmantel durch die Flure. «Aber wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, benutzt Marilyn ein wenig Rouge und Eyeliner: um mich zu beeindrucken», sagt Dita. Schliesslich sei ihre Beziehung von gegenseitigem Respekt geprägt. Wenn sie – eskortiert von den beiden Dachshunden Greta und Eva – durch die Gemächer schreitet, besteht ihr Homedress aus schwarzen französischen Spitzenhöschen, einem Demi-Cut-BH von Agent Provocateur, einer langen Perlenkette und Lackstilettos.
«Käme ich in Baumwollwäsche daher, würde mich mein Verlobter verstossen», erklärt Dita. Eine Frau, die für die Unterbringung ihrer Unterwäschekollektion drei grosse Wandschränke benötigt, muss man einfach heiraten, mag Manson gedacht haben, als er – erfolgreich – um ihre Hand anhielt.
Auch Hugh Hefner hat einen Narren an ihr gefressen. Er setzte sie nicht nur auf die Titelseite von Playboy, sondern engagierte sie als Pin-up-Girl für seine letztjährige Citytour zum 50-Jahr-Jubiläum des Blattes. Ihre Engagements sind so vielseitig wie die Fantasien, die sie beim Betrachter auslöst: An Ozzy Osbournes Hochzeitstagsparty präsentierte sie sich als Mischung aus Lederdomina und Musterschülerin. Ein paar Tage später trat sie in einem Tweedkostüm aus den dreissiger Jahren beim englischen Kronjuwelier Garrard Diamonds auf.
Seither gilt es bei Hollywoods A-Prominenz als schick, Dita Von Teese wie einst Pretty Baby auf dem Silbertablett zu servieren. Die schweigsame Exotin mit dem vorzüglichen Geschmack sorgt bei den labelgeschmückten 88-60-88-Blondinen oft durch ihre blosse Präsenz für Unbehagen.
Sehr natürlich
Als Femme fatale des 21. Jahrhunderts, die ihre Shows selber choreografiert und inszeniert, setzt die 32-Jährige neue Massstäbe. 20-30-33: Absatzhöhe, Taillenumfang, Nummer der Lippenstiftfarbe. Ohne Kleider wirkt sie zudem sehr natürlich.
Sonnenbaden hält Dita Von Teese für abartig, Trainieren im Fitnessstudio für eine lächerliche Zeitverschwendung. Sie ist zierlich, 1,65 Meter gross und porzellanfarben. Im Vergleich zu den üppigen Sexbomben von Hollywood wirkt sie wie ein schmalbrüstiges Naturkind. «Sie enthaart nur die Beine. Das Becken ist gebärfreudig, ihr Gewicht normal», schwärmte der Playboy nach genauer Inspektion und kam zum Schluss: «Dita Von Teese ist die Frau, die den aktuellen erotischen Zeitgeist personifiziert.»
Ihre Stimme kann innert Sekunden von honigsüss zu messerscharf wechseln. Über sich selber sagt sie: «Ich bin bestimmt keine Frau, die sich an einer Party den Pullover hochreisst.» Von Teese ist der distinguierte Gegenentwurf zu Britney Spears, Paris Hilton und Anna Nicole Smith. Bereits versuchen andere, sie zu kopieren: Gwen Stefani, Christina Aguilera oder Beyoncé und Cameron Diaz, die die Martiniglasnummer für eigene Videos und Filme abkupferten.
«Ich habe mich immer gewundert, dass Hunderttausende Frauen wie Pamela Anderson aussehen wollen», kommentierte Dita die Nachahmungen freundlich. Dann drohte sie den Produzenten mit einer Klage. Denn sie lässt alle ihre Performances patentieren. Keine andere darf sich als pinkfarbene Puderquaste darstellen und die Assistentinnen als Lippenstift und Wangenrouge präsentieren.
Am meisten liebt sie das Kleidungsstück, das die amerikanische Frauenrechtlerin Susan Faludi in ihrem Buch «Backlash» als Gefängnis aus Stoff, Drähten und Schnüren bezeichnete. Ein Folterinstrument, das den Frauenkörper verforme, ihm eine unnatürliche Haltung aufzwinge und einer männlichen Machtfantasie entspreche: das Korsett. Dita Von Teeses private Kollektion umfasst 300 historische Korsagen. Auch die Pflege ihrer zivilen Kleidung überlässt sie einer Kammerzofe.
Bügelfreie Abendkleider hingegen, die sich in die Aktenmappe stopfen lassen, findet Dita abscheulich. Ebenso andere modische Errungenschaften: flache Schuhe, Hosen mit Gummizug, Kurzhaarfrisuren.
Geburtsname: Sweet
Ihre Darbietungen dienten allein dem Vergnügen der Betrachter und hätten keine tiefere Bedeutung, pflegt sie mit Unschuldsmiene zu erklären. Ihr Lifestyle, vor allem aber ihre exhibitionistischen Auftritte sind manchen Feministinnen dennoch ein Dorn im Auge. Dita Von Teese rechtfertigt sich selten. Wenn, dann mit simplen, aber einleuchtenden Erklärungen. «Ich liebe das Rascheln von Nylonstrümpfen.» Oder: «Welchem Mädchen macht es keinen Spass, in der Verkleidungskiste zu wühlen und sich aufzuputzen?» Und sie erklärt freimütig: «Ich liebe es, ein Sexobjekt zu sein. Es gibt schliesslich keine gültige Regel, wie man zu Macht kommt.»
Immerhin ist sie eine Figur, die sich nach eigenen Massstäben selbst erschuf. Zu einem Zeitpunkt, als ihre Vorlieben in Sachen Schönheit und Weiblichkeit von den gängigen Idealen so weit entfernt waren wie Gwyneth Paltrow von einer Karriere im Pornobusiness.
Einst war sie ein Kleinstadtmädchen aus Michigan. Abgesehen davon, dass ihr Papa Playboy-Hefte sammelte, wuchs Heather Sweet, wie Dita Von Teese mit richtigem Namen heisst, in bürgerlichen Verhältnissen auf. In den achtziger Jahren interessierte sie sich für aerobicgestählte Vorbilder wie Bo Derek, Farah Fawcett, Joan Collins. «Sie waren ganz nett, aber nicht wirklich nach meinem Geschmack», sagt sie.
Bereits im Teenageralter versagte sie sich gewisse Vulgaritäten: Ihre Freundinnen fanden Hotpants, Netzleibchen und die Bay City Rollers toll. Sie mochte Klavierkonzerte von Chopin, trug klassische Jeans und karierte Blusen. Darunter jedoch Spitzenwäsche und Strumpfhalter, die sie schon als 13-Jährige sammelte und trug.
Für die Abschlussfeier an der Highschool wählte sie eine Schulmädchenuniform aus den dreissiger Jahren. Einen Tag später färbte sie sich die blonden Haare pechschwarz, legte sich ein Set mit falschen Wimpern zu und trat ihren Job als Verkäuferin in einer exklusiven Dessousboutique in Los Angeles an. Auf der Suche nach dem dreiundfünfzigsten historischen Korsett – so die offizielle Version – machte sie sich mit der amerikanischen S&M-Szene bekannt. Mit einem kurzen Abstecher ins einschlägige Por-nobusiness.
Die kreativen Köpfe im Business erkannten rasch ihre Talente. Sie drückten ihr eine Peitsche mit strassbesetztem Knauf in die Hand, frisierten sie in der Art von Scarlett O’Hara und liessen ihr alle kreativen Freiheiten, die sie zum unberührbaren Star einer devoten Anhängerschaft machten. Vor allem in der britischen Fetischszene gilt Von Teese heute als Wegbereiterin, die dazu beitrug, die Subkultur salonfähig zu machen.
«Dita Von Teese: Fragile!»
Es war eine Frage der Zeit, bis Joe Corre, der Sohn von Vivienne Westwood und Besitzer des erfolgreichen Labels Agent Provocateur, die Amerikanerin entdeckte. Er steckte sie in seine Babydolls im Retrostil, verpflichtete sie für diverse Shows und Anlässe und präsentierte sie so einem riesigen Publikum. Heute baumeln echte Perlen, so gross wie Wachteleier aus dem Elsass, um ihren Hals. Für ihre Engagements reist sie rund um den Globus. Ein Dutzend Hutschachteln, mit blinkenden Accessoires gefüllt, führt sie im Handgepäck mit. Die Bühnenrequisiten werden in enormen Holzboxen mit der Aufschrift «Dita Von Teese: Fragile!» verschifft.
Doch auf dem Weg nach Singapur verschwand ein riesiges kristallbesetztes Showpferd spurlos. Dita engagierte ein Medium. Es behauptete, das künstliche Tier sei in einer muffigen Lagerhalle. Ein Fan habe es aus unerfüllter Liebe entwendet. «Solange keine Tussi auf ihm herumreitet, ist alles nur halb so schlimm», gab die Trendsetterin bei der Polizei zu Protokoll.
Doch ihre Verehrer kommen auch auf legalem Weg zu Dita-Fetischen. Sie können sie per Internet bestellen: die halterlosen Strümpfe der Diva zum Beispiel. Getragen. Mit Laufmaschen. Und mit Glitzerstaub an den Fusssohlen.