Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03482.jsonl.gz/655

Bislang fehlte eine gesamtschweizerische Statistik zur formellen familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung. Dazu zählen beispielsweise Kindertagesstätten, schulische Tagesstrukturen, Tagesschulen oder Mittagstische. Die Studie mit dem Titel «Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung» liefert erstmals einen landesweiten Überblick über die Versorgung mit Betreuungsangeboten. Sie wurde vom Forschungs- und Beratungsbüro Infras und dem Schweizerischen Institut für Empirische Wirtschaftsforschung (SEW) der Universität St. Gallen im Zeitraum August 2010 bis August 2013 erarbeitet. Die Studie erschien im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP60 «Gleichstellung der Geschlechter» des Schweizerischen Nationalfonds.
Grosse regionale Unterschiede innerhalb der Schweiz
Insgesamt weist die Schweiz eine im internationalen Vergleich eher schwach ausgeprägte Versorgung mit formeller Kinderbetreuung auf. Durchschnittlich stand in den Jahren 2009 und 2010 für 11% der Kinder im Vorschulalter und für 8% der Kinder im Schulalter ein Vollzeitbetreuungsplatz zur Verfügung. Gemessen an den Barcelona-Zielen der EU von 2002, die eine Quote von 33% im Vorschulbereich und 90% im Schulbereich empfehlen, liegt die Schweiz weit zurück. Auch verglichen mit den Nachfragepotenzialen in der Bevölkerung bestehen in den meisten Regionen grosse Angebotslücken.[1]
Zudem gibt es in der Schweiz erhebliche regionale Unterschiede in Bezug auf die Versorgung mit Kinderbetreuung. Am meisten Betreuungsplätze pro Kind stehen in der Romandie, im Kanton Basel-Stadt und im Wirtschaftsraum um Zürich und Zug bereit. Im Kantonsvergleich haben Neuenburg, Genf und Basel-Stadt im Frühbereich und Genf, Basel-Stadt, Zürich und Zug im Schulbereich die beste Versorgung mit Betreuungsangeboten (siehe Grafik 1). Am schlechtesten ausgebaut ist das Betreuungsangebot in den eher ländlichen Regionen der Zentral- und der Ostschweiz.
Ein gutes Betreuungsangebot begünstigt Vollzeitarbeit von Müttern …
Eine Erhöhung des Betreuungsangebots für Kinder im schulfähigen Alter führt zu einem signifikanten Anstieg der Vollzeitarbeit von Müttern mit Kindern im betreuungsrelevanten Alter (siehe Tabelle 1). Dies konnte für ausgewählte Regionen der Deutschschweiz, in welchen rund 20% der gesamtschweizerischen Bevölkerung leben, quantitativ nachgewiesen werden. Die Analyse berücksichtigt auch weitere Faktoren, welche die Stellung der Frau am Arbeitsmarkt begünstigen, wie etwa die lokalen Wirtschaftsbedingungen, soziodemografische Merkmale und kulturelle Vorstellungen. Die Ergebnisse erweisen sich als robust gegenüber verschiedenen Spezifikationen und Annahmen. Gleichzeitig wirkt sich ein gut ausgebautes Betreuungsangebot im schulergänzenden Bereich auch auf die Erwerbspensen der Väter aus: Je mehr Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, desto eher reduzieren sie ihre Vollzeiterwerbstätigkeit. Die potenzielle Reduktion der Vollzeiterwerbstätigkeit von Vätern entspricht ungefähr dem potenziellen Anstieg der Vollzeitarbeit der Mütter. Allerdings ist zu betonen, dass die Studie nur Aussagen über die Wirkung für die Deutschschweiz treffen kann, deren Betreuungsangebot gegenüber der Romandie relativ schwach ausgebaut ist.
… und fördert eine gleichmässigere Arbeitsteilung
Aus den Ergebnissen der quantitativen Analyse folgern wir, dass sich das formelle Betreuungsangebot tendenziell positiv auf die Gleichstellung der Geschlechter auswirkt. Wenn mehr Frauen bzw. Mütter in einem Vollzeitpensum erwerbstätig sind, bedeutet dies, dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern und sich denjenigen der Männer bzw. Väter angleichen. Andererseits sind die reduzierten Erwerbspensen der Väter ein Hinweis darauf, dass die egalitäre oder partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit durch das Betreuungsangebot tendenziell begünstigt wird – auch wenn die Daten keinen Aufschluss darüber geben, ob die Väter tatsächlich mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die Verfügbarkeit von familienergänzenden Betreuungsangeboten nicht nur die Erwerbstätigkeit von Frauen stimuliert, sondern auch zu einer gleichmässigeren Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern führt. Dieses partnerschaftliche Erwerbs- und Betreuungsmodell kann sich letztendlich positiv auf die Karrierechancen der Mütter auswirken, da sie neben der Erwerbstätigkeit nicht alleine die Verantwortung für die Kinderbetreuung tragen.
Auch familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind wichtig
Im qualitativen Teil der Studie wurden die Betreuungs- und Erwerbsarrangements von Paaren und Alleinerziehenden vertieft ausgelotet. Es zeigt sich, dass Familien, in denen beide Partner erwerbstätig sind, fast ebenso häufig auf informelle Betreuungsformen (z. B. Grosseltern, Nachbarn) zurückgreifen wie auf formelle. Wenn sich Mütter jedoch für ein substanzielles Arbeitspensum (mehr als 50%) entscheiden, nehmen sie in erster Linie formelle Betreuungsangebote in Anspruch, während die informelle Betreuung vor allem ergänzenden Charakter hat. Neben der Verfügbarkeit und der Bezahlbarkeit der Betreuungsangebote gibt es für Mütter und Väter noch viele weitere Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu zählen zum Beispiel zeitliche Engpässe oder die komplexe Organisation des Familienalltags, insbesondere bei Krankheit von Kindern oder Betreuungspersonen. Auf die Frage, mit welchen Massnahmen die Vereinbarkeit erleichtert werden könnte, nannten die Mütter und Väter an erster Stelle qualitativ gute formelle Betreuungsangebote sowie möglichst flexible und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Generell zeigen die Interviews, dass das Betreuungsangebot für die Erwerbsentscheide von Müttern und Vätern ähnlich wichtig ist wie familienfreundliche Arbeitsbedingungen.
Betreuungskosten mitentscheidend für Erwerbs- und Karriereentscheide
Neben dem Betreuungsangebot spielen auch die Kosten, welche den Familien durch dessen Nutzung entstehen, eine Rolle für die Erwerbs- und Karriereentscheide. Wenn sich Erwerbstätigkeit finanziell nicht oder wenig lohnt, geben Frauen respektive Mütter ihre Erwerbstätigkeit häufig auf oder reduzieren diese über längere Zeit auf ein kleines Pensum. Dies vermindert die Karrierechancen und kann die Altersvorsorge wie auch die Risikoverteilung innerhalb der Familie gefährden. Aufgrund fehlender gesamtschweizerischer Daten zu den Preisen der familienergänzenden Kinderbetreuung konnte deren Einfluss nicht untersucht werden. Das Thema der negativen Erwerbsanreize wurde jedoch im Auftrag der kantonalen Gleichstellungsfachstellen am Beispiel der Kantone Basel-Stadt und Zürich untersucht.[2] Insbesondere bei den untersuchten Familien mit zwei und mehr Kindern im Vorschulalter und bei höheren Einkommen lohnt sich eine Ausweitung des Erwerbspensums in vielen Fällen nicht, weil das verfügbare Einkommen dieser Haushalte infolge der höheren Betreuungskosten und Steuern sinkt. Dabei übersteigt der Einfluss der Betreuungskosten den Einfluss der Steuern auf den Erwerbsanreiz um ein Mehrfaches. So lohnt sich für einen Paarhaushalt mit einem monatlichen Bruttoeinkommen (100%) von 12 000 Franken (Elternteil 1) und 6000 Franken (Elternteil II) Erwerbstätigkeit in allen untersuchten Gemeinden nur bis zu einem Pensum von 100%/40%.
Ausbau des Betreuungsangebots sinnvoll
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass eine Weiterentwicklung der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung in der Schweiz aus gleichstellungspolitischer Sicht sinnvoll ist. Dabei soll sichergestellt werden, dass die Betreuung in genügendem Umfang verfügbar, für alle bezahlbar und von angemessener Qualität ist. Verfügbarkeit, Zugang und Qualität der Betreuungsangebote stellen somit die Leitplanken für die Weiterentwicklung der familienergänzenden Kinderbetreuung dar. Für dieses Ziel sind nicht nur die Gemeinden – zum Beispiel durch die Mitfinanzierung der Betreuungsangebote und die Ausgestaltung von familienfreundlichen Tarifsystemen – zuständig. Auch auf Ebene der Kantone gibt es Möglichkeiten, diese Entwicklung zu unterstützen, etwa mit einer gesetzlichen Verankerung der Kinderbetreuung und einer kantonalen Mitfinanzierung. Auf Bundesebene steht eine Verlängerung der Anstossfinanzierung oder deren Überführung in eine definitive Gesetzgebung im Vordergrund.
Datengrundlagen verbessern und schweizweit vereinheitlichen
Die Studie im Rahmen des NFP60 macht zudem deutlich, dass die Datenlage zum Betreuungsangebot vielerorts noch immer lückenhaft ist und die kantonalen Daten aufgrund der sehr unterschiedlichen Angebotstypen und Altersabgrenzungen nur schwer miteinander vergleichbar sind. Um eine Kosten-Nutzen-Analyse der bisherigen Massnahmen im Betreuungsbereich durchführen und so Weichen für eine zweckmässige Weiterentwicklung des Betreuungsangebots stellen zu können, ist es wichtig, dass die Behörden (Bund, Kantone und Gemeinden) die entsprechenden Datengrundlagen bereitstellen. Der grösste Handlungsbedarf besteht in Bezug auf Daten zu Kosten, Preisen und Finanzierung der Betreuungsangebote. Diese sollten auf kommunaler und kantonaler Ebene systematisch erfasst und im Rahmen einer nationalen Kinderbetreuungsstatistik zusammengeführt werden.
Die Arbeitgeber sind ebenfalls gefordert
Die öffentlichen und privaten Arbeitgeber sollten familienfreundliche Unternehmenskulturen und flexible Arbeitsbedingungen fördern, die es Müttern und Vätern erlauben, Familie und Beruf optimal zu vereinbaren. Ausserdem können die Arbeitgeber – zusammen mit der öffentlichen Hand – dafür sorgen, dass genügend und bezahlbare Betreuungsangebote zur Verfügung stehen. Ob, allenfalls in welcher Form und wie stark sich die Arbeitgeber an der Finanzierung der Kinderbetreuung beteiligen können und wollen, ist bei der Ausarbeitung von möglichen Finanzierungsmodellen zu prüfen.
- Vgl. Stern et al. (2006).
- Vgl. Infras (2012).
Literaturverzeichnis
- INFRAS/Universität St. Gallen (2013): Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung. Schlussbericht zum gleichnamigen NFP60-Forschunsgprojekt.
- INFRAS (2012): Familienfreundliche Steuer- und Tarifsysteme. Vergleich der Kantone Basel-Stadt und Zürich. Im Auftrag der Fachstellen für die Gleichstellung der Kantone Zürich und Basel-Stadt. Juni 2012.
- Stern S., Banfi S., Tassinari S. (Hrsg., 2006): Krippen und Tagesfamilien in der Schweiz – aktuelle und zukünftige Nachfragepotenziale, Haupt, Bern.
Bibliographie
- INFRAS/Universität St. Gallen (2013): Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung. Schlussbericht zum gleichnamigen NFP60-Forschunsgprojekt.
- INFRAS (2012): Familienfreundliche Steuer- und Tarifsysteme. Vergleich der Kantone Basel-Stadt und Zürich. Im Auftrag der Fachstellen für die Gleichstellung der Kantone Zürich und Basel-Stadt. Juni 2012.
- Stern S., Banfi S., Tassinari S. (Hrsg., 2006): Krippen und Tagesfamilien in der Schweiz – aktuelle und zukünftige Nachfragepotenziale, Haupt, Bern.
Zitiervorschlag: Susanne Stern, Christina Felfe, Stephanie Schwab, (2014). Was bringt die familienergänzende Kinderbetreuung für die Karrierechancen von Müttern. Die Volkswirtschaft, 01. Juni.
Aufgrund der föderalistischen Struktur der Schweiz mangelt es an einem gesamtschweizerischen Überblick zum Betreuungsangebot. Der erste Schritt im Rahmen des Projekts bestand somit in der Erhebung einer gesamtschweizerischen Datenbasis zum Betreuungsangebot (Jahr 2009/2010). Diese umfasst formelle Betreuungsangebote im Frühbereich (z. B. Kindertagesstätten und Krippen) und im Schulbereich (z. B. schulische Tagesstrukturen, Tagesschulen und Tageskindergärten, Mittagstische und Randzeitenbetreuung). Tagesfamilien konnten mangels Daten auf kommunaler Ebene nicht berücksichtigt werden. Die Daten zum Betreuungsangebot basieren in erster Linie auf Angaben, die von den zuständigen kantonalen Stellen zur Verfügung gestellt wurden. In einem zweiten Schritt wurden die Daten zum Betreuungsangebot mit Mikrodaten zum Arbeitsangebot und zur Familienstruktur (Strukturerhebung der Volkszählung) zusammengefügt. Dieser neue Datensatz war die Basis für eine ökonometrische Analyse zum Einfluss der familienergänzenden Kinderbetreuung auf die Erwerbsentscheide von Müttern und Vätern in der Schweiz. Zusätzlich fanden 31 qualitative Interviews mit erwerbstätigen und nicht erwerbstätigen Müttern und Vätern statt, welche die Bedeutung des Betreuungsangebots im Vergleich zu weiteren institutionellen oder kulturellen Faktoren ausloteten. Die qualitativen Interviews beleuchten die Gründe der befragten Mütter und Väter für die gewählte Aufteilung der Erwerbs- und Betreuungsarbeit, die Form der Kinderbetreuung und die notwendigen Umstände, unter denen sie allenfalls ihr aktuelles Erwerbspensum erhöhen oder reduzieren würden.