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Die Geschichte des Spinnens und Webens ist eng mit Handelsstrukturen, Wirtschaftsfaktoren und der allmählichen Industrialisierung verflochten, aber auch mit Bevölkerungs- und Sozialstrukturen, Kinderarbeit, Elend und Hunger verknüpft.
Die Nachfrage nach Bekleidung, Haushalttextilien und, nicht zu unterschätzen, gewerblichem Gebrauch oder militärischen Zwecken nahm seit römischer Zeit stetig zu. Somit kam es zu einer Produktionsaufteilung, zur Spezialisierung einzelner Gewerbezweige. Diese Entwicklung des spezialisierten Handwerks verläuft parallel zum Aufkommen der städtischen Siedlungs- und Verwaltungsstrukturen
Die einheimische Rohstoffproduktion deckte allenfalls einen bäuerlichen Eigenbedarf, kaum aber den Stoffbedarf, die gehobenen Qualitätsansprüche eines besseren Stadtbürgers. Hier reichte der Hanf und Flachs nicht; weiche Schaf- und Baumwolle, wenn nicht gar ein Stückchen Seide «musste» es wohl schon sein.
Schon sehr früh wurde daher Ware (Rohstoffe oder Stoffballen) als Fertigware oder als zu veredelndes Produkt zugekauft, sei das Seide aus dem fernen Asien, sei dies hochwertige Schafwolle aus England oder in riesigen Mengen Baumwolle aus verschiedenen südlichen Ländern über die Handelsmetropole Venedig.
Dies führte unter anderem dazu, dass ab dem Spätmittelalter bis zur Industrialisierung im süddeutschen bis in den Zürcher Raum ein Baumwolle und Leinen verarbeitendes Gewerbe und Handel florierte. Es wurde vor allem der Barchent, ein strapazierfähiges, hautfreundliches Mischgewebe aus Leinen- und Baumwollfasern, produziert.
Schon früh schuf die Spezialisierung einzelner Handwerksgruppen personelle Probleme und Abhängigkeiten. Ein täglich arbeitender Weber verbraucht z.B. etwa soviel Garn, wie fünf bis sieben gute Spinner / Spinnerinnen überhaupt an einem Tag von Hand spinnen können!
Das Textilgewerbe rief daher geradezu nach Organisation des Rohstoffes, der verschiedenen Vorarbeiten, des Spinnens und Webens, der nachfolgenden Veredlung des Gewebten und letztlich des Transportes und des Handels. Anfänglich waren es die Weber selbst, die sich, z.B. bei uns in Zünften organisiert, die Produktion und den Handel beherrschten. Bald aber übernahmen ihn die Handelsherren. Der Handel wurde europaweit organisiert und verlief über fixe Handelsorte, z.B. bei uns Zurzach (nur lokaler Marktort), Basel, St.Gallen, Nördlingen, Nürnberg, Augsburg, Lyon, Genua, Venedig usw.
Die technische Entwicklung verlief keineswegs kontinuierlich, sondern recht sprunghaft mit Unterbrüchen, Produktionszerfall, Standortverlagerung usw. Oft wurden Verbote und restriktive Handelseinschränkungen durchgesetzt, umgekehrt durch Preiszerfall und Rohstoffmangel oder -überfluss sowie technische Neuerungen wurde randaliert, demonstriert und zerstört.
Die Handspindel blieb bis ins 19. Jahrhundert bis zur vollmechanischen Verarbeitung in manchen Sektoren in Gebrauch. Das um 1300 erstmals erwähnte Handspinnrad erleichterte die Arbeit sehr, war aber, wie das nachfolgende Tritt- oder Flügelspinnrad nicht für alle Rohstoffe und Qualitäten gleichermassen geeignet.
Mit dem uns bekannten, ab ca. 1530 entwickelten «nostalgischen» Flügel-Spinnrädli konnte wohl mehr, aber nur sogenanntes Schussgarn hergestellt werden. Für die Kettfäden waren die auf dem Spinnrädli hergestellten Garne zu schwach. Die Kettfäden und — für strapazierfähiges oder besonders feines Gewebe — auch das Schussgarn mussten bis zur Entwicklung von maschinellen Spinnverfahren mit der Handspindel hergestellt werden.
Die Entwicklung des Trittwebstuhls wird heute um das Jahr 1000 -1050 angesetzt. Diese neuere Technik vermochte aber den seit dem Neolitikum verwendeten Standwebstuhl, nicht zu verdrängen. Da dieser wesentlich einfacher in der Handhabung und wenig Platz benötigt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Textilindustrie den Weg zur Industrialisierung ebnete.
Erstaunlicherweise wurde aber nicht das Spinnverfahren als erstes mechanisiert sondern das Webverfahren. Damit ergab sich ein noch verschärfter Druck und nimmersatte Nachfrage nach webfähigem Garn.
Der Engländer John Kay (1704 — 1774) gilt als Erfinder verschiedener bahnbrechender Webstuhlverbesserungen.
1733 erfand er den Schnellschützen. Das bisher von Hand zu Hand durch das Fach geschossene Webschiffchen konnte dank eines raffiniert angebrachten Seilzuges und mit links und rechts angebrachter Auffangkästen hin und her «geschossen» werden.
Dies vervielfachte nicht nur die Webgeschwindigkeit, sondern liess es auch zu, dass die Breite des Gewebes nicht mehr durch die Armlänge des Webers — er musste ja das Schiffchen links und rechts auffangen können — begrenzt war.
Wichtig für die weitere Entwicklung ist bei Kay's Erfindung, dass der Arbeitsablauf nicht nur wesentlich schneller, sondern «linear» ohne Handwechsel vonstatten ging. Rechter Fuss Fachbildung, rechte Hand am Schnurzug des Schnellschützen, linke Hand zum Anschlagen, linker Fuss zum Wechseln des Fachs und wiederum Schuss usw.; Hand und Fuss bleiben direkt am Gerät.
Eine weitere zwangsläufige Entwicklung von Kay ist die Neugestaltung des Schiffchens mit einer Garnbremse, da nun das Schiffchen nicht mehr manuell von Hand, sondern rein maschinell von Kasten zu Kasten katapultiert wurde.
Sein Sohn Robert Kay erfand 1760 das Steigkasten-Prinzip zur Herstellung von mehrfarbigem Gewebe in Schussrichtung. Der mechanische Schusswechsel, um z.B. eine andere Garnfarbe einzubringen, war somit erfunden.
Um 1745 beschäftigte sich der Franzose Jacques de Vaucanson mit der Mechanisierung verschiedenster Lebensbereiche, Uhren, Automaten und Webmaschinen. Er entwickelte in Kombination verschiedenster Techniken die Schaftmaschine und eine mechanische Steuerung mittels hölzerner Lochsteckkarten. Diese Entwicklung vereinfachte die Bildweberei wesentlich.
(Der in der Ausstellung gezeigte alte Webstuhl beinhaltet bereits alle diese Neuerungen. Er ist eine Leihgabe der Firma SULZER RÜTI AG und steht normalerweise im Webmaschinen-Werkmuseum in Rüti).
Um 1764 wurde die erste mechanische Spinnmaschine (Spinning Jenny) von James Hargraves entwickelt. Sie war aber nur sehr bedingt und sozusagen nur für den Hausgebrauch geeignet. Die eigentlich erste für die Fabrikproduktion taugliche Spinnmaschine «Water Frame» oder «Spinning Throstle» wurde erst 1769 zum Patent angemeldet.
Nachdem der Produktionsengpass des Spinnens endlich überwunden war, entwickelte sich die englische Textilproduktion und damit zusammenhängend die technische Vervollkommnung in gewaltigen Schritten.
Bereits 1785 wurden von Edmund Cartwright die ersten vollmechanisierten Webmaschinen entwickelt. Sie war mit einer Hauptwelle ausgerüstet, die eine Synchronisierung des gesamten Webvorganges erlaubte. Weitere Verbesserungen kamen in den folgenden Jahren laufend dazu.
Der Franzose, Joseph-Marie Jacquard (1752-1834) entwickelte dann ein neues, mechanisches Mustersystem. Bei den bisherigen Webstühlen waren die Kettfäden mittels Schäften gruppenweise zur Fachbildung zusammengehängt. Die Möglichkeiten von verschiedenen Musterbindungen waren somit durch die Anzahl Schäfte beschränkt.
Neu entwickelte Jacquard ein geniales mechanisches System, das mittels abtastbarer Lochkarten jeden einzelnen Kettfaden steuern und somit jedes gewünschte Musterbild weben konnte.
Wir alle kennen mit Hilfe der Jacquardtechnik hergestellte Textilien, z.B. Hotelwäsche mit eingewobenem Hotelnamen usw.
Das von Jacquard erfundene Lochkartensystem und die umsetzbare Abtasttechnik der Rasterlöcher für 0 und 1 bildete nicht nur später die Grundlage für viele Rechnungssysteme, sondern ist im elektronischen Bereich die Basis jeder Computersprache.
Das ausgestellte «Tell» -Seiden-Webbild wurde von der Firma Sulzer-Rüti mit über 4'000 Lochkarten, (bzw. Schusseinträgen) in Jacquardtechnik hergestellt.