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Liebe/r Leser*in
Gerade kürzlich kam ich in einem Gespräch auf die Thematik der geschlechtlichen Vielfalt zu reden. Daraus ergab sich für mich die Frage, wie eine geschlechtergerechte Anrede eigentlich aussehen müsste. Gerade in Marketing E-Mailings gilt es als best-practice die Lesenden mit einer personalisierten Anrede zu begrüssen.
60 Geschlechter bei Facebook
Bei Facebook hat man mittlerweile eine Auswahl von insgesamt 60 (!) unterschiedlichen Geschlechtern. Rechnet man die total 34 Inter- und Trans-Geschlechter (67%) zusammen, repräsentiert dies einen Gesellschaftsanteil von nicht einmal einer Promille (<0.1%) . Das können wir ja mal so stehen lassen. Aber als jemand der sich ohne zögern einem der beiden klassischen Geschlechtern zuordnen kann, gehen mir einige Varianten daraus einfach nicht in den Kopf:
- Worin liegt der Unterschied zwischen „androgyner Mensch“ und „androgyn“ oder zwischen „Transgender Mensch“ und „Transgender“? Muss man wirklich auch das Menschsein als Teil der Geschlechtsidentität betrachten?
- Warum gilt „Drag“ als Geschlechtsidentität?
- Ist es nicht vielleicht ganz (gaaanz) leicht übertrieben, gemäss Gender folgende Geschlechtsidentitäten als unterschiedliche Geschlechter unterscheiden zu müssen: „Mann“, „männlich“, „transmännlich“, „Transmann“, „Trans* männlich“, „Trans* Mann“, „Transgender Mann“, „Transgender männlich“, „transmaskulin“, „männlich-transsexuell“, „Transsexueller Mann“, „Inter* männlich“, „Inter* Mann“? Ich meine; das waren ja nur die männlich orientierten Geschlechter..!
Ok, das ist ja mal die Dimension von „was bin ich“. Möchte man eine grosse Auswahl, kann man das ja tun.. However. Arbeite ich aber für Kunden, geschieht es immer häufiger, dass ich zwar ganze Konzept- und Strategiepapiere so schreiben kann wie ich will – ausser… ja ausser die Genderthematik. Die muss genau nach interner Richtlinie verfasst werden. Und nein, man kann sich ja nicht auf eine Variante einigen; nein, jede Firma glaubt ja gefühlt das noch etwas anders auslegen zu müssen, damit sich ja niemand diskriminiert, benachteiligt, nicht angesprochen oder sonst irgendwie vergessen fühlt. Hier ein Auszug einiger solcher Schreibvorgaben:
|Form||Beispiel|
|Splitting||ein Beamter oder eine Beamtin|
|eine Beamtin oder ein Beamter|
|Schrägstrich||ein/-e Beamter/-in|
|ein/e Beamter/in|
|Klammer||ein(e) Beamter oder Beamtin|
|Gendergap||ein_e_n Beamt_er_in|
|Genderstern||ein*e*n Beamt*er*in|
|eine⃰ Beamtin oder Beamter|
|Binnenmajuskel||einE Beamter oder Beamtin|
|einE Beamter!n|
|einᴇ Beamter oder Beamtin|
|Binnen-I mit generischem Feminismus||einE BeamtIn|
Funfact am Rande: die Unterstrich-Variante („Gendergap“) versucht damit zum Ausdruck zu bringen, dass es zwischen Männlich und Weiblich einen grossen Zwischenraum (engl. „gap“) mit vielen weiteren Facetten gibt.
Je länger ich mich mit der Thematik befasse, desto abstruser wird‘s für mich. Die Thematik ist offenbar so sehr darauf aus, jedem Mensch und Nicht-Mensch sowie jedem möglichen sexuellen, geschlechtlichen oder sonstigen Bedürfnis rund um die eigene Identität zu entsprechen, dass das ganze (aus meiner Sicht) völlig absurd wird. Selbstverständlich habe ich Verständnis für unterschiedliche Identitäten und sehe auch, dass die maskuline Form in Texten überwiegt und daraus – berechtigterweise – die Frage entstehen kann, ob da eine Botschaft, Präferenz oder gar Ordnungsgedanke dahinter stecken mag.
Bei einem Podcast, welchen ich regelmässig höre, formuliert der Moderator seit einiger Zeit in ungeraden Kalenderwochen alles weiblich und in geraden Kalenderwochen männlich. Das ist 50:50, aber weshalb ist weiblich „ungerade“ und männlich „gerade“? Weshalb nicht umgekehrt? Wechselt das auch mal? Ausserdem ist es auch spannend wie er es selbst gar nicht schafft das durchzuziehen. Viel zu sehr ist die Formulierung von beispielsweise „Was macht eine gute Schriftstellerin aus?“ geschlechtsspezifisch behaftet. So schickt der Moderator immer noch nach, dass sich das genauso natürlich auch auf Männer bezieht.
Was das Ganze für die Anrede bedeutet, fand ich nicht so wirklich heraus.
Nun möchte ich aber eine geschlechtergerechte Anrede. Meine Recherchen zeigen, dass allgemein die Empfehlung vorherrscht, die Geschlechtsidentität in der Anrede gar nicht erst zu erwähnen resp. die Anrede geschlechtsneutral zu formulieren. Das hört sich jetzt erstmal erleichternd an; das sollte ja eigentlich ganz einfach möglich sein.
Anrede bei unbekanntem Namen
Sehr geehrte Damen und Herren?
Einige Artikel bezeichnen diese Formulierung (Splitting) als Geschlechtsneutral, da sie beide Geschlechter benennen. Es gibt aber Menschen, welche sich weder dem einen noch in dem anderen Geschlecht zugehörig empfinden.
Sehr geehrte Lesende?
So passt doch das schon viel besser. Absolut geschlechtsneutral. Und man fühlt sich knapp noch als Mensch angesprochen. Aber was ist mit Blinden und Sehbehinderte, welche den geschriebenen Text nicht „lesen“, sondern „anhören“?
Sehr geehrte Interessierte?
Ok, perfekt. So dürfte sich wohl jede/r Mensch und Nicht-Mensch, welcher den Text interpretiert („Sehr geehrte Interpretierende“?) angesprochen fühlen. Perfekt. War ja ganz einfach. Was ist aber nun, wenn ich den Namen des Wesens kenne, das den Text verarbeitet?
Anrede bei bekanntem Namen
Sehr geehrte Frau Müller?
Ganz klar: fail! Schliesslich kann man – und das wissen wir ja nun gut genug – nicht jedes Lebeding einem dieser zwei Schubladen zuordnen.
Sehr geehrte*r Müller?
Geschlechtsneutral und persönlich. Gefällt mir gut – also, bis auf den Umstand, dass es sich völlig falsch und unhöflich anhört. Liesse sich nun ggf. die persönliche mit der unpersönlichen Variante kombinieren, sodass es a) etwas höflicher und richtiger klingt und b) etwas einheitlicher daher käme?
Sehr geehrte_r Interessierte Müller?
Mh, das klappt auch nicht. Hört sich für mich zu sehr nach übertriebenem Sozialismus an. Nun die Höflichkeitsform ist wohl einfach nicht konstruiert um gleichzeitig Geschlechtsneutral zu sein. Mit dem Vornamen klappt das im Gegensatz ganz ohne Problem:
Sehr geehrte/r Sandra
Eine geschlechtsneutrale Anrede funktioniert also offenbar nur so lange gut, so lange man seine Kunde_Innen in Duzis-Form oder ganz unpersönlich ansprechen kann.
Fazit
Das Ganze ist sehr ungewohnt und der Mehrwert überschaubar. Auch wenn wir wollen, erlaubt unsere Welt keine wahre Neutralität und Gerechtigkeit. Und so bleiben viele Bemühungen am Ende zwar gut gemeint aber eben doch auch heuchlerisch.
Weiter verschlechtern die ganzen Schreibweisen die Lesbarkeit erheblich, was wiederum Personen mit Leseschwäche benachteiligt und vom eigentlich zu vermittelnden Inhalt ablenkt. Schliesslich geht‘s in einem Text in erster Linie um das jeweilige Thema und nicht, ob sich die_der Lesendin_Lesende in seiner/ihrer persönlichen Geschlechtsidentität perfekt angesprochen fühlt.
Insgesamt habe ich das Gefühl meine Zeit mit den Gefühlen sehr empfindsamer Menschen und Nicht-Menschen verbracht zu haben. Für mich konnte sich leider kein stimmiges Gefühl entwickeln und so verbleibe ich bei „Mann“, „Frau“ und „nicht spezifiziert“. Texte schreibe ich weiterhin standardmässig maskulin und bin froh, wenn sich jemand anderes um die political correctness kümmert, sofern das nötig sein sollte. Deshalb: Seid doch einfach nicht so empfindlich!