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LITERATUR ALS DENKSCHULE
FRANZ KAFKAS: GIB’S AUF!
Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.
DEUTUNG
Franz Kafka beginnt nach einer längeren Pause im Frühjahr 1922 wieder zu schreiben. In dieser Zeit bis zu seinem Tod 1924 entstehen einige kürzere erzählende Texte, die zum grossen Teil erst aus dem Nachlass herausgegeben wurden. »Gib’s auf!« findet sich mit »Das Ehepaar« im sogenannten Schwarzen Quartheft II, in der Forschung als »Ehepaar-Heft« bekannt. Die Herausgeber der Kritischen Kafka-Ausgabe vermuten als Entstehungsdatum die zweite Novemberhälfte 1922.
Die erste Zeile des parabelartigen Kurztextes besteht aus drei asyndetisch gereihten kurzen Hauptsätzen, die bereits Wesentliches über die erzählte Wirklichkeit aussagen. Der Erzähler berichtet nicht von einer anderen Erzählfigur, sondern von sich selbst in der 1. Person Singular. Das Ich tritt im Nominativ als erzählte Figur auf und handelt. Das Handeln dieser erzählten Ich-Figur, was ihr widerfährt und alle figurenunabhängigen Ereignisse bilden das erzählte Geschehen des Textes. Es gibt demnach keinen allwissenden Erzähler, der die erzählte Wirklichkeit betritt, sondern diese wird nur durch die beiden fingierten Erzählfiguren des Ichs und des Schutzmannes dargestellt; der Narrator als Aussagesubjekt tritt hinter die beiden Figuren zurück und sieht die erzählte Welt mit deren Augen. Die Konturierung der erzählten Figuren erfolgt durch Erzählerrede, ein Hilfsbegriff für Sprachformen, die nicht Äusserung einer erzählten Figur, sondern unverstellte Verlautbarung eines Aussagesubjekts sind. Eigentliche Figuren- bzw. Personenrede taucht erst mit dem Dialog des Ichs mit dem Schutzmann auf als direkte Rede. Das Fehlen aller Formen der stummen Rede, die immer Innensicht bedeuten, zeigt das Vorherrschen einer reinen Aussensicht. Das erzählte Geschehen ist ein alltägliches: Jemand geht frühmorgens zum Bahnhof, bemerkt, dass er sich wohl verspätet hat, fragt deshalb einen Polizisten nach dem Weg und erhält eine Auskunft. Die erzählte Zeit und der erzählte Ort sind damit genannt. Der Leser erfährt allerdings nicht, wer das namenlose Ich ist oder warum es aus der ebenfalls nicht namentlich genannten Stadt abreisen will. Jedenfalls geht der Ich-Erzähler ziemlich zielstrebig seines Weges. Er ist früh aufgebrochen, der zweite, elliptische Hauptsatz »die Strassen rein und leer« scheint ihn in seiner Sicherheit, er werde den Zug nicht verpassen, zu bestätigen. Obgleich er sich scheinbar seines Weges sicher ist, vergleicht er eine Turmuhr mit seiner Uhr. Der Ich-Erzähler hat sich bis dahin recht bedeckt gehalten und den Leser über sich weitgehend im Unklaren gelassen: Er hat weder seinen Namen, geschweige denn sein Geschlecht genannt, wir erfahren nicht, wie er aussieht oder wie alt er ist. Eingeräumt wird lediglich, er kenne sich «in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus.« Hieraus lässt sich der Schluss ziehen, dass er ein Fremder ist, ein Zugereister oder ein Besucher, der sich mit dem Ort noch nicht vertraut gemacht hat. Hierzu passt, dass er bei seinem Vorhaben, den Ort zu verlassen, allein ist, niemand begleitet ihn. Aus diesem Umstand könnte man auf Einsamkeit schliessen. Jedenfalls verändert der Uhrenvergleich die Situation und das Verhalten des Ich-Erzählers in entscheidender Weise. Die Einsicht, dass seine Uhr offensichtlich nachgeht, führt zum Verlust des Selbstvertrauens bezüglich seiner eigenen persönlichen Zeiteinteilung. Plötzlich fühlt er sich unter Druck gesetzt: »ich musste mich beeilen.« Der Schrecken geht von der zeitlichen in eine räumliche Verunsicherung über. Die Erkenntnis, er könnte sich auf dem Weg zum Bahnhof verirren, treibt ihn zur Eile, so dass er zu laufen beginnt. Er fällt sozusagen aus der Welt der unverrückbaren Ordnung. Zum Glück ist »ein Schutzmann in der Nähe.« Das Adverbial »glücklicherweise« klingt aus der Sicht des Ich-Erzählers wie ein erleichtertes »Gott sei Dank!«. Der Ich-Erzähler sagt nicht, der Schutzmann sei plötzlich aufgetaucht oder der Mann habe ihn in seiner Eile zufällig entdeckt, sondern so wie die Turmuhr ist er einfach da. Der Ich-Erzähler fragt nicht nach dem Woher oder Warum des Polizisten, obwohl die leeren Straßen zu früher Stunde, ohne Passanten und ohne Verkehr, eigentlich keines Schutzmannes bedürfen. Er nimmt ihn als Repräsentanten einer selbstverständlichen Ordnung als gegeben an, er akzeptiert die Amtsperson ohne Hinterfragen im geglaubten Wissen, sie werde ihm den Schutz gewähren, dessen er bedarf. Er wird an der Auskunft des Schutzmannes so wenig zweifeln wie an dem Stundenzeiger der Turmuhr. Bis hierher, bis zu der atemlosen Frage »nach dem Weg« scheint alles seinen normalen Gang zu gehen; erst mit dem adverbial gebrauchten Adjektiv »atemlos« tritt eine Wende ins Befremdliche ein. Der Schutzmann erwidert die Frage des Ich-Erzählers mit einem Lächeln. Das mag als Zeichen einer konventionellen Freundlichkeit angesehen werden, doch die daran anschliessende Gegenfrage zerstört die Hoffnung des Fragenden auf eine hilfreiche Antwort. »Von mir willst du den Weg erfahren?«. Diese direkte Frage ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Syntaktisch fällt die Anfangsstellung des präpositionalen Adverbials auf, die noch dadurch akzentuiert wird, dass die Hauptbetonung auf dem Personalpronomen »mir« liegt. Das heisst im wörtlichen Sinn doch: Ich kann dir die Antwort nicht geben, du musst jemand anderen fragen. In gewissem Sinn hebt diese unerwartete Gegenfrage die Suche nach dem Weg auf eine andere, eine metaphorische Ebene. Sprachlich wird der Wechsel der Ebenen ermöglicht durch die Aussparung der Zielangabe »zum Bahnhof«. Mit anderen Worten wird dadurch das Wort »Weg« frei für die Anreicherung mit der zusätzlichen Vorstellung »Lebensweg« oder »Lebenssinn«. Offensichtlich ist, dass der Ich-Erzähler das scheinbare Ziel »Bahnhof« nur im ersten Satz erwähnt, im Gespräch mit dem Schutzmann spart er das attribuierte Präpositional »zum Bahnhof« aus. Der Schutzmann, wäre er denn ein einfacher, normaler Polizist gewesen, hätte dem Reisenden den Weg zum Bahnhof ohne Zweifel sicher weisen können. Doch der Wortwechsel zwischen den beiden Erzählfiguren weist auf eine »Verwandlung« des Kontexts. Hatte zu Beginn das Ich vielleicht noch nach dem Weg zu einem alltäglichen Bahnhof gefragt, so wird hier plötzlich klar, dass, obwohl beide in der gleichen Sprache reden, der Schutzmann von einem anderen als dem anfänglichen Weg spricht. Mit der Antwort »Ja, da ich ihn selbst nicht finden kann.« spricht der Ich-Erzähler mit dem Akkusativobjekt »ihn« den Weg zwar noch an, aber das »Gib’s auf, gib’s auf!« des Schutzmannes in der zweitletzten Zeile macht deutlich, dass der Reisende mit seiner Formulierung der Wegsuche diese für die Konnotation richtiger Weg zum Leben öffnet.
Abgefertigt oder einfach stehen gelassen wird der Ich-Erzähler mit dem repetierten Imperativ. Vordergründig ist dies eine ärgerliche Lage: Die von dem Fragenden um Hilfe angegangene Instanz stellt sich, statt ihrer Rolle gerecht zu werden, durch eine Gegenfrage selbst in Frage. Ihre Autorität erweist sich somit als nur scheinbar oder fragwürdig und zerstört so die Illusion des Ich-Erzählers, dass der Schutzmann eine Instanz sei, die Schutz gewähren könne. Die Wiederholung des geforderten Verzichts, der zweimalige Imperativ, unterstreicht die Endgültigkeit der Aussage des Schutzmannes. Zum anderen geben die zwei Imperative der Deutung freien Raum. So wenig Kafka sich auf den Bedeutungsinhalt des Wortes »Weg« festlegt, so wenig klärt er uns über den Charakter des Buchstaben »s« auf, der, völlig mit dem Imperativ »gib« verschmolzen, für das wahrhaft unpersönliche Fürwort »es« steht. Syntaktisch kann sich das Pronomen »es « nicht auf das maskuline Nomen »Weg« beziehen. Pragmatisch könnte es »allgemein das Verhalten des Ich-Erzählers« auf seinem Weg zum Bahnhof meinen: seine Eile, seine Hast, die mit dem Schrecken verbundene Unsicherheit und innere Unruhe, vielleicht auch die geplante Abreise aus der Stadt. »Gib alles auf!«, scheint der Schutzmann zu sagen, »lass alle Hoffnung fahren, gib deine Suche auf, deine Ungeduld und deine Sehnsucht, dein Sein, dich selbst!« Diese von Heinz Politzer vorgeschlagene Sicht lässt die Antwort des Schutzmannes schwanken zwischen »einem wohlmeinenden Rat« und einer niederschmetternden Beurteilung. Auffallend ist, dass der Reisende am Schluss nicht mehr als aktives Ich in Erscheinung tritt. Die Reaktion des jetzt als Erzählfigur allein handelnden Schutzmannes mit seiner demonstrativen Abwendung macht deutlich, dass der Reisende eben nur sich selbst helfen kann oder es eben aufgeben soll. Getreu dem Denkbild aus den »Zürauer Aphorismen«: »Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit. «
Auch hier ist eine Aufgabe da, um gelöst zu werden. Eigentlich wäre die angesprochene Person, in diesem Fall der Leser, verpflichtet, diese Aufgabe anzugehen und zu lösen. Er muss sich mit der Aufgabe auseinandersetzen, um den Sinn und Zweck seiner Existenz zu erfüllen. Da er jedoch die Aufgabe selbst ist, wird er zu einem nur passiven Element. Er ist völlig hilflos und auf die Hilfe anderer angewiesen. Wie in anderen Werken von Kafka wird auch hier die Hilflosigkeit zum Thema. Die Aufgabe bzw. der Leser wartet vergeblich auf den Schüler, welcher die Aufgabe lösen sollte. Doch er kommt nicht. Die Aufgabe verbleibt ungelöst. So wie auch die Parabel »Vor dem Gesetz« aus dem Dom-Kapitel im »Process« letztlich einen hilflosen Josef K. zurücklässt, sagt doch der Geistliche am Schluss zu ihm: »Du musst nicht zu viel auf Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.«
Am Beispiel von Kafkas Erzählweise gilt auch für diesen Text, dass es nicht möglich ist, der Erzählung einen eindeutigen Sinn abzugewinnen. Keine Interpretation kann all die Fragen beantworten, die er stellt. Seine Vielschichtigkeit bedingt seine Vieldeutigkeit. So wenig wie das Ich der Erzählung eine Antwort auf seine Frage findet, so wenig wird der Leser in Kafkas parabelartigem Kurztext einen Sinn entschlüsseln können. (Letzteres lässt sich auch auf die einsinnige Erzählperspektive in Kafkas Werk zurückführen, der zufolge der Leser nie mehr als die Erzählfiguren weiss.)
Wer will, kann im Topos der Hilflosigkeit Kafka’scher Erzählfiguren den Sinnentzug als Strukturprinzip erkennen. Kafkas Texte operieren mit anfänglichen Sinnannahmen, um diese dann Stück für Stück zu dekonstruieren. Kafkas Parabel »Gibs auf!« generiert anfängliche Wirklichkeitsbezüge, doch werden diese durch das anschliessende Gespräch in Frage gestellt. Anders ausgedrückt, negiert sich Kafkas Parabel selbst. Als solche wirft sie zwar Fragen auf, doch werden diese nicht durch Übertragung in einen anderen Vorstellungsbereich begreifbar, zumal eben gar kein anderer Vorstellungsraum vorliegt. In Kafkas Abkehr von konkreten Bezügen zeigt sich zum Schluss, wie sehr eine dem Autor fremd gewordene Aussenwelt sich seiner erzählerischen Vergegenständlichung entzieht. Der Abbau aller Erkenntnissicherheit, die Unmöglichkeit expliziter Erzählfiguren, die Aussenwelt reflektiv noch zu erreichen, ohne dass diese auf das von ihnen einmal Erkannte zurückwirkt, um es in seiner Gültigkeit so lange zu relativieren, bis sich endlich ein aus Behauptung, Entwertung und Aufhebung bestehender Rhythmus ergibt, lässt einsehen, warum die an der Wirklichkeit sich abarbeitenden Figuren Kafkas an ebendieser Wirklichkeit scheitern.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Hannes Binder