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Nachtrag 19.7.2013: Bei einem analogen Experiment in England konnte ein fallender Teertropfen zum ersten mal auf Film gebannt werden.
Thomas Parnell muss ein geduldiger Mensch gewesen sein. Irgendwann im Jahr 1927 goss der Professor für Physik an der Universität von Queensland in Brisbane, Australien, heisses Pech in einen unten verschlossenen Trichter – dann wartete er drei Jahre. Das Pech sollte sich in dieser Zeit setzen. 1930 öffnete er den Trichter und wartete erneut – diesmal acht Jahre, bis sich im Dezember 1938 der erste Tropfen Pech löste und in das Becherglas unter dem Trichter fiel.
Pech ist eine teerartige Substanz, die bei der Verarbeitung von Erdöl, Kohle oder Holz anfällt. Sie wurde früher benutzt, um Fackeln herzustellen oder Schiffe abzudichten. Bei Raumtemperatur ist Pech hart wie Stein und brüchig wie Glas. Doch der Eindruck täuscht, es fliesst auch in diesem Zustand wie eine Flüssigkeit. Berechnungen ergaben, dass es 100 Milliarden Mal zähflüssiger ist als Wasser. Der Tropfen Pech unter dem Trichter ist denn auch genauso hart wie das Ausgangsmaterial.
Neun Jahre nach dem ersten Tropfen hatte sich ein zweiter gebildet, der sich im Februar 1947 löste. Dann starb Parnell, und ein Mitarbeiter kümmerte sich um das Experiment. Eine Aufgabe, die vor allem darin bestand, nichts zu tun. Im April 1954 löste sich der dritte Tropfen.
1961 begann der Physiker John Mainstone an der Universität zu arbeiten, und in den fast 50 Jahren – und fünf Tropfen –, die seither vergangen sind, hat er den Versuch beaufsichtigt.
Die grosse Karriere des Pechtropfenexperiments begann sechzig Jahre nach seinem Start. Mainstone hatte die Idee, es an der Weltausstellung 1988 in Brisbane im Pavillon der Universität zu zeigen. Von da an verbrachte er einen zunehmenden Teil seiner Arbeitszeit als persönlicher Pressesprecher des langweiligsten Experiments der Welt.
Journalisten von überall her riefen an, Fernsehteams flogen ein. 2003 wurde der pechgefüllte Trichter ins «Guinness-Buch der Rekorde» aufgenommen als der Welt am längsten andauerndes Laborexperiment. 2005 erhielten John Mainstone und postum Thomas Parnell einen Ig-Nobel-Preis, die populäre Spassauszeichnung für seltsame Wissenschaft, «die uns erst zum Lachen, dann zum Denken bringt». 2006 heimste das Experiment auch noch die Auszeichnung «langweiligste Website im Internet» ein – knapp vor dem Onlineauftritt des Internationalen Essigmuseums in South Dakota.
Natürlich war es da nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch die erste Band nach dem Experiment benannte. Die drei Songs, die «The Pitch Drop Experiment» auf ihrer Website bei MySpace veröffentlichen, heissen «First Drop», «Second Drop» und – man ahnt es – «Third Drop».
Bei so viel Popularität mag es erstaunen, dass bisher kein Mensch einen Tropfen Pech hat fallen sehen. Doch dieser Vorgang dauert nur eine Zehntelssekunde – nach acht bis zwölf Jahren Wartezeit. Beim letzten Tropfen im Jahr 2000 war zwar eine digitale Kamera auf den Trichter gerichtet, doch ausgerechnet, als es so weit war, streikte die Technik.
Nachdem der Trichter mit dem Pech anfangs über Jahrzehnte in einem verschlossenen Kasten gelagert hatte, steht er nun im Foyer des Parnell-Gebäudes der Universität. Seit dieser Raum klimatisiert ist, liegt die Durchschnittstemperatur tiefer. Das ist mit ein Grund, weshalb das Pech heute langsamer fliesst und grössere Tropfen bildet. Ein Umstand, der Mainstone in ein «schreckliches ethisches Dilemma» brachte. Der achte Tropfen löste sich zwar am 28. November 2000, weil er aber sehr gross war und deshalb nicht sehr tief fiel, wurde er nicht komplett vom Teer im Trichter abgetrennt, sondern war immer noch mit ihm verbunden. «Sollen wir die Verbindung kappen, damit der neue Tropfen auf kein Hindernis stösst, oder lassen wir Parnells Experiment ungestört?» Mainstone entschied sich, nicht einzugreifen.
Über die Gründe, die Parnell vor 81 Jahren bewogen, den Versuch zu beginnen, kann Mainstone nur spekulieren. Damals war in der Physik die Quantenrevolution im Gange. «Vielleicht wollte Parnell zeigen, dass es auch in der klassischen Physik Dinge gab, die nicht sind, was sie zu sein scheinen.»
Die vereinzelten Stimmen, die das kuriose Experiment als der Universität nicht würdig erachteten, sind schon lange verstummt. «Für nichts anderes ist die Universität so berühmt wie für das Pitch-Drop-Experiment», sagt Mainstone, der hofft, den nächsten Tropfen, den er in fünf Jahren erwartet, endlich mitzuerleben. Auf den übernächsten Tropfen angesprochen, beginnt Mainstone zu rechnen und sagt dann: «Das könnte etwas problematisch werden.» Der Professor ist 73 Jahre alt.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.