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DMZ – TIERWELT ¦ Andrea Zoost ¦
Der Nacktmull ist ein mausähnliches Nagetier, das in den Halbwüsten Ostafrikas heimisch. Der Name ist aber nur scheinbar Programm. Ganz nackt sind Nacktmulle nicht, sondern sie haben ganz feine Härchen, die man kaum sieht.
Nacktmulle können fünf bis 15 Zentimeter lang werden und wiegen 30 bis 50 Gramm. Ihre spärliche bis nicht vorhandene Behaarung ist vermutlich eine Folge der Anpassung an ihre unterirdischen Behausungen.
Im Gesicht, vor allem an den Augenlidern und um den Mund, aber auch an den Beinen haben sie Tasthaare. Die Augen sind klein und ihre optische Wahrnehmung ist gering, was wohl ebenfalls auf das Leben im Untergrund zurückzuführen ist.
Bemerkenswert sind die auffallend grossen Nagezähne, die wie grosse Schaufeln arbeiten können. Dafür besitzen Nacktmulle eine starke Kaumuskulatur, die rund 25 Prozent der gesamten Muskelmasse ausmacht.
Gebraucht wird dieses "Setup", um sich durch den harten Wüstenboden zu graben. Die Tiere können die Nagezähne sogar einzeln bewegen. Mit 18 verschiedenen Lauten verständigen sie sich. Die Nacktmull-Unterhaltung erinnert etwas an Vogelzwitschern.
Den geringen Sauerstoffgehalt in den Höhlen kompensieren Nacktmulle vor allem mit ihrem Hämoglobin, das besonders effektiv Sauerstoff ins Blut aufnehmen kann.
Ausserdem haben sie eine sehr niedrige Atemfrequenz. Steht gar kein Sauerstoff zur Verfügung, fallen sie in eine Art Starre. Der Nacktmull fährt seinen Puls herunter, im Blut werden Zuckerarten freigesetzt, die Hirn und Herz versorgen.
In diesem Zustand kann er bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff überleben. Sobald der Nacktmull wieder Luft zum Atmen hat, wird der Kreislauf wieder in Gang gebracht und der Nager ist wieder fit.
Auch den stark schwankenden Temperaturen in ihrem Lebensraum haben Nacktmulle einiges entgegenzusetzen: sie können ihre Körpertemperatur zwischen zwölf und 32 Grad Celsius variieren.
Nacktmulle trinken nicht. Flüssigkeit nehmen sie nur über die Nahrung auf, die hauptsächlich aus fasrigen Pflanzenknollen besteht. Ihre Lebenserwartung ist enorm: weit über 15 Jahre, sogar Tiere mit mehr als 28 Jahren sind schon nachgewiesen worden. Damit übertreffen Nacktmulle andere Nagetiere bei Weitem. Zum Vergleich: Hamster, die etwa gleich gross sind, werden im Schnitt nur zwei Jahre alt.
Das Geheimnis der langen Jugend: Ihre Zellen altern viel langsamer als die anderer Säugetiere. Dieser Eigenschaft verdanken sie es auch, dass die kleinen Nager keine Krebserkrankungen bekommen können.
Und noch ein Kuriosum unter Säugetieren: Nacktmulle empfinden Schmerzen viel später als wir. Forscher haben herausgefunden, dass in ihrer Haut ein bestimmtes Molekül fehlt, das auf noch ungeklärte Weise am Schmerzempfinden beteiligt ist.
Nacktmulle leben in weiten Teilen Somalias, in Zentral-Äthiopien sowie im Norden und Osten Kenias. Bevorzugte Habitate sind die trockenen Halbwüsten dieser Länder. Die unterirdischen Kolonien können bis zu 300 Tiere zählen.
Die Organisation gleicht der eines Insektenstaates – das ist ebenfalls einzigartig in der Säugetierwelt. Wie bei den Insekten gibt es auch bei den Nacktmullen eine hoch spezialisierte Arbeitsteilung. Es gibt "Arbeiter", die Gänge graben, und "Soldaten", die an den Höhlenausgängen Wache schieben.
Jede Kolonie wird von einer Königin geführt, die deutlich grösser ist als die übrigen Weibchen. Die "Arbeiterinnen" sind unfruchtbar. Ausserdem werden sie von der Königin durch Pheromone und aggressives Verhalten unterdrückt.
Über die Gründe der Unfruchtbarkeit ist bislang wenig bekannt. Eine Theorie besagt jedoch, dass der Terror der Königin bei ihren "Töchtern" so viel Stress verursacht, dass sie nicht fruchtbar werden.
Die Königin paart sich mit ein bis drei Männchen und wirft mehrmals im Jahr, insgesamt rund 60 Junge. Forscher haben beobachtet, dass die Männchen nach der Paarung erstaunlich schnell altern. Stirbt die Königin, können sich die anderen Weibchen plötzlich entfalten.
Gleich mehrere Arbeiterinnen werden fruchtbar und diejenige, die zuerst wirft, hat den Kampf um den Nacktmull-Thron gewonnen.
Warum Nacktmulle sich in dieser Sozialstruktur organisieren, ist nicht völlig geklärt. Es könnte eine Anpassung an den Lebensraum der Tiere sein. Neuere Theorien gehen aber davon aus, dass ein einzelnes Weibchen es nicht schaffen würde, sich für die relativ lange Trage- und Stillzeit von etwa 70 Tagen genügend Fettreserven anzufressen. Um die Art zu erhalten, müssen also viele mithelfen, und die Staatenbildung scheint das richtige Mittel dafür zu sein.
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