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Es herrscht eine Finanzlogik ohne Werte
Oswald Sigg
Immer mehr Einsätze im Finanzcasino und immer weniger Investitionen in die Realwirtschaft: das erzeugt unter anderem steigende Arbeitslosigkeit. Dies sagt Marc Chesney, Professor für Quantitative Finance an der Universität Zürich, im Interview mit Oswald Sigg. Das Interview bildet den ersten Beitrag zu einer kleinen Serie über neoliberale Verwerfungen im Kapitalismus und über einen radikalen Ansatz zur Veränderung der Verhältnisse in Richtung Umverteilung des Reichtums.
OS: Die Schweiz ist ein reiches Land. Die 300 reichsten Leute besitzen im Durchschnitt zwei Milliarden Franken Vermögen. Was halten Sie davon?
Das System gerät ausser Kontrolle - in der Schweiz, wie im Ausland. Zum Beispiel der ehemalige CEO von Credit Suisse, Brady Dougan: er hat zwischen 2007 und 2015 ca. 150 Mio. CHF erhalten, die Credit Suisse - Aktie hingegen verlor in dieser Zeit ca. 75% an Wert. Aus wirtschaftlichen Gründen ist ein solches Gehalt nicht zu rechtfertigen. Und das ist auch ein Problem für die Demokratie. Einige wenige Leute kaufen heute die Medien ein wie andere ein Pfund Brot. Deswegen gibt es heute weniger Medienfreiheit als vor 50 oder 100 Jahren. Die Demokratie wird immer weiter begrenzt. Der Reichtum konzentriert sich auf ein paar wenige Leute und das ist weder für die Wirtschaft noch für die Demokratie gut. Seit Anfang der Finanzkrise gibt es weltweit ca. 60 Millionen mehr Leute, die arbeitslos sind. Das eine Prozent der Reichsten besitzt gleichviel wie die übrigen 99%, d. h. 50% des globalen Reichtums. Die britische Entwicklungsorganisation OXFAM hat herausgefunden: im Jahr 2014 gab es auf der ganzen Welt 85 Leute die gleichviel besassen wie die 50% der Ärmsten der Weltbevölkerung. In den USA hat George Soros, der Besitzer eines Hedge Fonds, im Jahr 2013 4 Milliarden $ gekriegt - das ist ca. 87'000 mal mehr als der Durchschnittslohn in den USA. Nach dem kalten Krieg war die Spannweite ca. 1:40. Was wäre besser: 1:12, 1:40 oder 1:80? Mal sehen. Aber mit 1:87'000 ist eine Sache klar: das System ist völlig ausser Kontrolle geraten. Es ist eine Krankheit geworden. Denn das klassische Ziel des Reichtums im Kapitalismus ist es, das Geld zu verbrauchen. Aber vier Milliarden im Jahr kann kein Mensch verbrauchen. Es ist eine Art Bulimie, ein pathologischer Hunger nach Geld.
Das System ist ausser Kontrolle
OS: Aber wenn Sie sagen, das Ganze sei ausser Kontrolle, wer müsste denn - die Politik oder die Wirtschaft selbst - die Auswüchse dieses Reichtums kontrollieren und in Grenzen halten?
Die Politik und der Bürger sollten die Kontrolle übernehmen. Jetzt ist das Gegenteil der Fall: der Finanzsektor hat starke Lobbys, die die Politiker beeinflussen. Wir brauchen aber weltweit Politiker, die nicht vergessen, dass sie von Bürgerinnen und Bürgern gewählt worden sind. Die Politik muss Grenzen setzen. Die Wirtschaft muss Regeln aufstellen, mit denen die Ausnahmen kontrolliert und begrenzt werden können. Es gibt zum Beispiel Finanzinstitute, die immer noch too big to fail sind. Sie gehen immer mehr Risiken ein - auf Kosten der Gesellschaft. Sie privatisieren die Gewinne und sozialisieren die Risiken und die Verluste. Ein wichtiger Grund, weswegen die Unterschiede zwischen arm und reich immer grösser werden. Die Schere klafft immer mehr auseinander, der Steuerzahler bezahlt immer mehr. In ganz Europa gibt es immer mehr Leute, die in prekären Verhältnissen leben müssen. Und es gibt eine kleine Minderheit, die immer reicher wird. In seinem Buch 'Das Kapital im 21. Jahrhundert' hat Thomas Piketty dieses Problem analysiert. Aber heute ist die Lage wahrscheinlich viel schlimmer als zum Beispiel vor einem Jahrhundert. Es gibt heute viel mehr Tricks als damals, um die Steuern zu hinterziehen. Herr Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission, weiss viel darüber. Er ist ein „Spezialist“ auf diesem Gebiet, da er als Finanzminister und Premierminister seines Landes, Luxemburg, ein umfangreiches Steuerfluchtsystem errichtet hat und dies zu Lasten unter anderem seiner europäischen Nachbarn!
Neben der Politik und der Wirtschaft braucht es aber auch die Wissenschaft und damit die Universität, welche die Oekonomen anders ausbildet. In den Vorlesungen spricht man von Preisen und fast nie von Werten. Ich möchte wissen, welches die Werte der meisten Trader heute sind - einen Porsche zu fahren und mit dem Geld der Steuerzahler zu spielen? Es gibt diese jungen Traders, die teilweise im Gefängnis sitzen - wenn man ihre Mails liest, welche die Polizei beschlagnahmt hat: unglaublich zynisch. Wirtschafts- und Finanzwissenschaften sind rein technische Bereiche geworden, getrennt und abgehoben von Soziologie, Geschichte und Philosophie. Nochmals: die Frage der Werte ist viel wichtiger als jene der Preise.
Die Spannweite zwischen arm und reich
OS: Wir haben in der Schweiz vermutlich gegen eine Million EinwohnerInnen, die unter prekären Umständen leben müssen. Wie ist die riesige Spannweite zwischen arm und reich zu erklären?
Das hat zu tun mit der Finanzialisation der Wirtschaft seit dreissig, vierzig Jahren. Das heisst, die Finanzlogik hat die Macht übernommen. Mit Margaret Thatcher in England und mit Ronald Reagan in den USA hat die Phase des Neoliberalismus begonnen. Nach dem Krieg funktionierte die Wirtschaft so ungefähr bis in die siebziger Jahre in einem keynesianischen Modus. Da wurde noch aufgepasst, damit die Unterschiede zwischen arm und reich nicht allzu gross wurden. Aber die Neoliberalen waren schon bereit. Ihre Clubs, ihre Lobbys, die Société du Mont-Pélérin zum Beispiel. Schon 1938 gab es in Paris einen Kongress, an welchem sie angesichts von Faschismus, Nazismus und Stalinismus gefragt haben, was kann der Liberalismus Neues hervorbringen. In der Folge haben sie sich organisiert, aber sie hatten noch keine Macht. Dann, ab Mitte der 70er Jahre, mit der Ölkrise und dem Auslaufen der Bretton Woods-Abkommmen, kam eine Wende. Arbeitslosigkeit, Inflation - der Keynes-Modus schien nicht mehr in der Lage zu sein, Lösungen zu finden. Thatcher und Reagan haben aber eine vermeintliche Lösung angewendet: Deregulierung und Privatisierung der Wirtschaft. Und danach war die Finanzindustrie dran: 1999 Abschaffung des Trennbanksystems durch Bill Clinton. Darauf war alles möglich. Folge: die Schere zwischen den Armen und den Ultrareichen ging extrem auseinander. Also: Finanzlogik ohne Werte - wir sind noch heute in diesem System drin.
OS: Wie wirkt sich denn nun die Akkumulation des Finanzkapitals auf die Realwirtschaft aus?
Der Begriff Finanzkapital ist widersprüchlich geworden. Heute braucht man das Finanzkapital für Wetten, für Einsätze. Wenn man im Casino spielt, ist das aber keine Investition.
Mit der Finanzdurchdringung (Finanzialisation) der Wirtschaft, mit der Macht des Finanzsektors haben wir es immer mehr mit Wetteinsätzen und immer weniger mit Kapital zu tun. Mit Kapital investiert man in ein Projekt, man investiert, um etwas Neues zu entwickeln. Im Casino gibts keine Investition, nur Einsätze.
‚Rien ne va plus‘ sagt niemand
OS: Das Finanzkapital - das sind heute die Jetons?
Ja schon - nur wer bezahlt die Jetons? Der Steuerzahler. Und spielen tun die Grossbanken... (lacht).
OS: Und wer sagt eigentlich 'rien ne va plus’?
Niemand! Niemand macht sich die Mühe dies auszusprechen! In dieser Sache geht leider schon lange nichts mehr. Reguläre Casinos sind nicht to-big-to-fail. Sie sind kein Problem insofern, als jeder Spieler seine Risiken trägt. Die Banken, die too big to fail sind, spielen im Casino, tragen aber die Risiken nicht. Im aktuellen Finanzcasino gibt es immer mehr Einsätze und deswegen immer weniger Investitionen in die Realwirtschaft, weshalb immer mehr Leute arbeitslos sind. Dabei gäbe es Bereiche, in die dringend investiert werden müsste: globale Erwärmung, neue Energien, Bildung - als Beispiele. Sie wären dringende Prioritäten für die künftigen Generationen. Und was ist stattdessen die Priorität für uns: die Zombiebanken, also die Grossbanken, zu retten. Das hat Europa ca. 4500 Milliarden Euro gekostet. 37% des BIP. Und die Grossbanken sind immer noch grösser geworden. Und jetzt ist es auf einmal für den Steuerzahler allzu teuer geworden, um Griechenland zu retten. Das würde lediglich 200 Milliarden kosten.
Das Geld als Droge
OS: Sind denn die Akteure in diesen Casinos süchtig?
Ja, diese Leute sind süchtig. Zum Beispiel Sam Polk, der als Trader für einen spekulativen Fonds in New York tätig war, hat einen Artikel über seine Sucht geschrieben. Für ihn, wie für viele seiner Kollegen, wird Geld zur Droge. Hier ein Beispiel aus seinem Artikel: «Während meines letzten Jahres an der Wall Street betrug mein Bonus 3,6 Millionen Dollar und ich war wütend, weil das nicht genug war. Ich war 30 Jahre alt, hatte keine Kinder, keine Schulden abzuzahlen, kein philanthropisches Ziel vor Augen. Ich wollte mehr Geld und zwar aus dem gleichen Grund, wie ein Alkoholiker noch ein Glas braucht. Ich war süchtig.»
'Der Spieler' von Dostojewski spielte noch mit seinem Geld oder mit dem Geld seiner Familie. Aber nochmals: im Finanzcasino ist es schlimmer, weil die Traders mit dem Geld der Steuerzahler, der Kunden, der Mitarbeiter spielen. Das scheint eine unendliche Quelle zu sein und die Spieler verlangen immer mehr davon. Wenn jemand mit seinem eigenen Geld spielt und dabei bankrott geht, dann ist Schluss, Ende. Solange nicht die ganze Wirtschaft bankrott ist - was leider beinahe der Fall sein könnte - geht es immer weiter. Wie kann man mit 400 Euro pro Monat überleben - in Griechenland, in Portugal? Es gibt ein Prinzip im Kapitalismus: diejenigen, die Risiken eingehen, sollen sie auch tragen. Das wird heute nicht mehr respektiert. Ganz im Gegenteil, beispielsweise der Hochfrequenzhandel ist reines Front Running: so bezeichnet man etwa den Kauf von Wertpapieren durch Anlageberater, bevor sie diese ihren Kunden zum Kauf empfehlen. Das ist ein risk-free Business zulasten der Investoren.
OS: Ihr Vorwurf lautet mit anderen Worten: das Kapital so eingesetzt, ist nicht reproduktiv?
Ja. Es hat sich in Einsätze verwandelt. Was wir aber brauchen ist Kapital, Investitionen und das erklärt, warum die Lage blockiert ist. Viele Leute werden ärmer, dringende Aufgaben und Projekte für die Zukunft bleiben liegen.
Die Reform des Finanzsektors
OS: Was sind Ihrer Meinung nach die Lösungen?
Wir müssen den Finanzsektor reformieren. Erstens: Wir müssen das Trennbanksystem wieder einführen: die Banken auftrennen zwischen Investment- und Depotbanken. Keine too big to fail-Institutionen mehr - wenn Banken die falschen Entscheidungen treffen, sollen sie Bankrott gehen wie andere Unternehmen auch. Unsere Gesellschaft darf nicht mehr von den Grossbanken in Geiselhaft genommen werden. Zweitens: Wie für alle Industrien brauchen wir auch für die Finanzindustrie einen Zertifizierungsprozess. Wir haben für alles mögliche Normen, für Autos, Medikamente, Lebensmittel - nur für die Banken nicht. Die Pharmaindustrie kann nicht einfach neue Medikamente verkaufen - sie müssen vorher von swissmedic geprüft und zugelassen worden sein. Bei den Banken ist das ohne weiteres möglich. In der Zeitung sehe ich regelmässig Werbung für toxische Finanzprodukte. Teilweise werden sie gekauft von unseren Pensionskassen, weil sie eine schöne Rendite von 8% statt 0% versprechen. In solchen Angeboten gibt es versteckte Risiken, die unbedingt in einem Zertifizierungsprozess evaluiert werden müssten. Und schliesslich, drittens, gibt es da die Idee des Zürcher Unternehmers Felix Bolliger: eine Steuer auf sämtlichen elektronischen Transaktionen zu erheben. Die Finanzindustrie ist viel zu gross geworden. Sie muss redimensioniert werden, sie muss schlanker und fitter werden, und man sollte viel weniger die Arbeit und stattdessen viel mehr die Geldbewegungen besteuern.
OS: Und diese Finanzindustrie-Steuer: würde sie dann die Transparenz in die Dunkelkammern der Finanzindustrie bringen?
Ja, sicher. Diese Art von Transparenz wäre sehr praktisch und technisch einfach herzustellen, hingegen wäre sie politisch etwas heikel. Man bräuchte einen viel kleineren Erhebungs- und Kontrollapparat als zum Beispiel bei der Mehrwertsteuer. Mit einer solchen Finanzindustriesteuer würden der Hochfrequenzhandel und damit die Systemrisiken reduziert. Die Wirtschaft könnte wieder Arbeitsplätze einrichten, wichtige Projekte entwickeln - aber leider gehen wir nicht in diese Richtung, weltweit jedenfalls. In der Schweiz gibt es wenigstens die Möglichkeit, eine Volksinitiative zu starten. Das ist etwas Positives. Aber weltweit haben die Lobbys die Macht übernommen. Das ist hoch problematisch. Man kann links oder rechts wählen in Europa oder in den USA, aber im Finanzwesen gibt es in den meisten Fällen nur eine Politik: jene der Finanzmärkte. Das ist überall so - in Deutschland, in Frankreich, in Spanien, in England - in jedem Staat dasselbe. Ist das Demokratie? Jede und jeder kommt mit einem schönen Programm und sobald er gewählt ist, macht er oder sie das, was die Finanzmärkte wollen. Die neue Regierung in Griechenland versucht jetzt endlich es einmal anders zu machen, mal sehen, wie lange das dauern wird.
OS: Besten Dank für das Interview.
Marc Chesney, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Zürich, war Professor an der Wirtschaftshochschule HEC Paris und ist Autor des Buches “Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise”, Versus Verlag, Zürich, 2014 ISBN 978-3-03909-171-3