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Champagnerglas und Goldfischglas
Hier eine Anekdote, wie es einer Journalistin dennoch gelang, eine direkte Auskunft von Präsident Ronald Reagan zu bekommen.
Bitterkalt war es im November 1985 in Genf, mindestens so kalt wie der Kalte Krieg, der damals noch zwischen West und Ost herrschte. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan war seit vier Jahren im Amt und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow erst seit wenigen Monaten. Perestroika und Glasnost führte er erst in den nächsten beiden Jahren ein. Die Erlaubnis für die Wiedervereinigung Deutschlands an Bundeskanzler Helmut Kohl gab er erst vier Jahre später, und 1989 liquidierte er auch die Sowjetunion und den Ostblock. Aber in jenem Jahr war Ronald Reagan bereits von seinem Nachfolger George H. W. Bush als Präsident abgelöst worden.
Reagan sorgt für Goldfisch-Ersatz
1985 brachte einen historischen Moment, als der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer Rede im deutschen Bundestag zum Anlass des 40. Jahrestages des Kriegsendes dieses als Befreiung Deutschlands bezeichnete. Michail Gorbatschow war im Westen schon damals aufgefallen, als er noch gar nicht an der Macht war, nämlich als er Grossbritannien besuchte. Premierministerin Margaret Thatcher, während der gesamten Amtszeit Ronald Reagans dessen engste Verbündete, hielt viel von diesem für sowjetische Verhältnisse jungen Politiker. Und die westliche Welt, die als Sowjet-Gattin noch immer Nina Chruschtschowa im Bäuerinnen-Habitus im Kopf hatte, erblickte in Raissa Gorbatschowa plötzlich eine gebildete, schlanke, elegante Russin, die in London bei Cartier Ohrstecker mit einer Kreditkarte bezahlte.
Genf war schon vor 36 Jahren der ideale Gipfelort. Für Tagungsorte und Unterkünfte war gesorgt. Die grossen Genfer Familien mit ihrem traditionellen Sinn für den Service public besassen auch grosse Villen, die sie zur Verfügung stellten. Dazu gibt es eine hübsche Geschichte: Der kleine Sohn der Gastfamilie der Reagans hinterliess dem US-Präsidenten einige Tüten und eine Notiz, wie sein Goldfisch zu füttern sei. Es kam, wie es kommen musste und wie es vielleicht ohnehin gekommen wäre – das Tierchen schwamm bald kieloben in seinem Glas. Reagan seinerseits hinterliess dem Jungen einen Brief mit vielen Entschuldigungen und dem nötigen Geld, um Ersatz zu kaufen.
Furgler spricht Englisch und Russisch
Als Reagan in Genf landete, wurde er vom schweizerischen Bundespräsidenten Kurt Furgler (CVP/SG) in gepflegtestem Englisch begrüsst. Als die Gorbatschows landeten, stand ich mit mehreren amerikanischen Kollegen vor dem grossen TV-Schirm im Pressezentrum des Hotels Intercontinental. Furgler begrüsste auch den Generalsekretär in dessen Muttersprache, und ein Amerikaner sagte laut «Jeez! Jetzt spricht der Kerl auch noch Russissch?» Furgler vertrat die Schweiz hervorragend. Ein guter Gastgeber, der anwesend war und moderierte, falls nötig, und diskret verschwand, wenn die höchste Politik nur in Anwesenheit ihrer Dolmetscher verhandeln wollte.
Für uns Medienleute waren die wenigen Gipfel-Tage nicht ertragreich. Waren die beiden Präsidenten mit oder ohne Gattinnen jemals sichtbar, etwa am klirrend kalten Ufer des Lac Léman, so riefen zwar vor allem die Amerikaner «Was habt Ihr entschieden? Was habt Ihr diskutiert? Gibt es schon ein Resultat?», doch sie ernteten ein Lächeln und allenfalls ein Winken. Die Pool-Fotografen hatten es einfacher. Sie hatten keine Fragen zu stellen, sondern möglichst gute Fotos zu machen.
Ärmelloses schwarzes Kleid statt Reporterklamotten
Und dann kam der letzte Tag und die Ankündigung, dass es am frühen Abend einen grossen Empfang für geladene Gäste in einer der schönen Villen geben würde. Die Medien waren nicht eingeladen, aber man stellte uns ein grosses geheiztes Zelt im Park neben der Villa in Aussicht. Da hatte ich längst genug von der Jagd nach verwertbaren News. Die Kollegen, die Tagesmedien beliefern mussten, taten mir leid. So plante ich ein kleines Husarenstück. Ich liess mir von jemandem, der es wissen musste, den Weg vom Pressezelt zur Rückseite der Villa erklären. Dann deponierte ich meinen Daunenmantel und die Winterstiefel im Zelt, wechselte in ein Paar schwarze Pumps; ein ärmelloses schwarzes Kleid und dünne Strümpfe trug ich bereits. In meinem Gepäck für solche Anlässe befand sich immer eine Abendgarderobe. Man konnte ja nie wissen, wozu die Medien eingeladen würden, und da wollte ich nie in den Reporterklamotten erscheinen. Nun marschierte ich durch den eiskalten Park zum Serviceteil der Villa. Darauf vorbereitet, zurückgewiesen zu werden, betrat ich ungehindert die grosse Küche.
Von einem Tablett nahm ich ein Champagnerglas als Tarnung und erreichte den Salon, in dem der Empfang stattfinden sollte. Der grossse Raum war auf beiden Seiten mit einer Kordel abgetrennt, damit die Hauptpersonen in der Mitte vorbeispazieren konnten. Es war noch kein Gast anwesend. Ich fand jemanden, der mir sagen konnte, von welcher Seite der Zimmerflucht die hohen Herrschaften den Saal betreten würden und stellte mich dicht hinter einer der Kordeln in Positur, das Champagnerglas wie einen Schutzschild vor mir.
«Ich würde gerne wiederkommen, wenn es wärmer ist»
Der Raum füllte sich, und endlich erschienen die Reagans, die Gorbis und Kurt Furgler. Sie gingen an mir vorbei, und als es richtig war, sagte ich in die Stille hinein: «Mr. President?». Reagan und die anderen blieben tatsächlich stehen und schauten mich an. Ich war nicht so naiv, nach den Resultaten der Gespräche zu fragen. Nein, ich fragte: «Welche Erinnerungen an mein Land und an Genf werden Sie mit nach Washington nehmen?». Reagan überlegte einen Moment und sagte dann mit seinem strahlendsten Lächeln: «Genf ist eine wunderschöne Stadt und die Schweiz ein schönes Land, so wenig ich davon gesehen habe. Ich würde gerne wiederkommen, wenn es wärmer ist.» Und sie schritten weiter.
Bingo! Ich hatte mein Ziel erreicht und einen Satz von Reagan persönlich bekommen. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand seitlich von hinten die Szene fotografiert hatte, bis ich in der Post ein schwarzweisses Foto fand. Ich schlängelte mich zur Tür zum Foyer, stellte mein jetzt überflüssig gewordenes Champagnerglas auf ein hübsches Möbelstück und liess mir dankend die Eingangstür öffnen. Draussen standen eng bewacht und dicht gedrängt die Kollegen (es gab fast keine Kolleginnen). Die Schweizer Journalisten, die mich kannten, riefen mir zu: «Was hat er dir gesagt?». Ich rief zurück: «Keine politischen Geheimnisse!».
Viele der Kollegen hätten meinen Reagan-Satz für unter ihrer Würde gehalten. Aber ein freundliches Zitat ist alleweil besser als gar keines. So stöckelte ich eilends ins geheizte Pressezelt, hüllte mich aufatmend in meinen Daunenmantel und wechselte in die warmen Winterstiefel. Wie ich in die Stadt zurückkam, weiss ich nicht mehr; vermutlich mit einem Pressebus. Ich hatte erreicht, was ich mir gewünscht hatte, und lieferte in Zürich eine sehr passable Reportage ab. Zwei Tage nach meinem beruflichen Abenteuer bezahlte ich mit einer fürchterlichen Erkältung dafür.