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aus: «Luzerner Woche» vom August 2002

Korsika - die wilde Schönheit
Am fünften Schöpfungstag erschuf der Herr die Alpen, in
deren Herzen er das Matterhorn hinstellte. Als er in seinen göttlichen
Setzkasten schaute, bemerkte er, dass einige Bergketten übriggeblieben
waren, die hauptsächlich aus Urgestein und Porphyr bestanden.
Nördlich von Sardinien fand sich noch ein freies Plätzchen,
und so liess er sie kurzerhand ins Mittelmeer plumpsen.
So entstand eine gebirgige Insel, die sich vom Cap Corse im Norden
über den Gipfel des Monte Cinto (2710 m) bis zum kantigen Abschluss
der Klippen von Bonifacio erstreckt. Mit einer Länge von 183
und einer Maximalbreite von 83 Kilometern ist sie nach Sizilien und
Sardinien die drittgrösste Insel des westlichen Mittelmeeres.
Mit der Autofähre ist sie von Livorno, Genua, Nizza oder Marseille
bequem zu erreichen.
Das Aroma der Wildnis
Napoleon Bonaparte sagte über seine Heimatinsel, er würde
sie "mit geschlossenen Augen an ihrem Duft erkennen". Auch
heute können Schiffsreisende bei günstiger Windrichtung
die betäubenden Düfte der Macchia wahrnehmen, lange bevor
die Insel in Sichtweite kommt - eine charakteristische Mischung aus
Lavendel, Thymian, Erdbeerbaum, Rosmarin und Wacholder. Mehr als die
Hälfte der Inselfläche ist mit Wäldern und wild wucherndem
Buschland bedeckt. Bis in eine Höhe von 800 m reicht die Macchia,
ein oft undurchdringlicher, immergrüner, üppiger Buschwald
mit Laricio-Kiefern, Edelkastanien, Mastixsträuchern, Kreuzdorn,
Myrten, Heidekraut, Steineichen, Buchsbäumen und Farn. Typisch
für die Küstenvegetation um Porto-Vecchio sind die Korkeichen,
oft "unten ohne", also mit abgeschabter Rinde. Entlang der
Küste reihen sich dichte Haine von "Regenschirm-Pinien",
Akazien, Agaven, Kakteen, Eukalyptus- und Mandelbäumen. Da und
dort findet man sogar wild wachsende Spargel. Südlich von Porto-Vecchio
liegt der traumhaft romantische Strand von Palombaggio. Die Wasserqualität
ist hervorragend, auch nach den strengen EU-Normen, und die Temperatur
noch bis im Oktober bei optimalen 20 Grad.
Da die freiheitsliebenden Korsen auch ihr Vieh nicht einzäunen,
kann es durchaus vorkommen, dass sich Kuhherden zwischen den Badenden
tummeln, Pferde im Ferienhausgarten äsen oder Wildschweine über
Durchgangsstrassen zockeln. Letztere paaren sich übrigens munter
mit verwilderten Hausschweinen, was dann zu rosa-grau gescheckten
Ferkeln (und unvergleichlich schmackhaftem Fleischgenuss!) führt.
Die belagerte Piratenstadt
Eine der eigenartigsten Städte Europas liegt an der Südspitze
Korsikas. Bis zu 100 Meter hoch steigen hier die von der Brandung
ausgewaschenen Sandsteinfelsen aus dem Meer empor und bilden eine
schwindelerregende Plattform, die eine gewaltige Festungsanlage und
die Altstadt trägt.
Die Nachbarinsel Sardinien ist von hier aus nur 12 Kilometer entfernt
und am Horizont gut erkennbar. Die Gründung von Bonifacio (korsisch:
Bunifaziu) geht auf den toskanischen Grafen Bonifatius zurück,
der hier im Jahre 828 nach einem Seesieg über die Sarazenen eine
Festung bauen liess. Im Laufe der Jahrhunderte war diese Festung Schauplatz
unzähliger Belagerungen durch Pisaner, Genueser, Sarazenen, Franzosen,
Türken und Spanier, aber auch Zufluchtstätte vieler Piraten.
Die rund 3000 Bewohner (diese Zahl entspricht genau dem Ideal der
"Polis", dem Stadtstaat der griechischen Antike) stammen
von genuesischen Einwanderern ab und haben ihren Dialekt bis heute
beibehalten. Charakteristisch für Bonifacio sind die hohen, schmalen
Häuser mit unglaublich steilen Treppen. Die aus Naturstein gemauerten
Querbögen zwischen den Häusern sind Teile eines ausgeklügelten
Zisternen-Systems. Im Falle einer Belagerung konnte damit das aufgefangene
und gespeicherte Regenwasser zu den einzelnen Häusern geleitet
werden - ein "Pont du Gard" in Miniaturgrösse sozusagen.
Heute noch wird die Stadt (vor allem im Sommer) rund um die Uhr belagert.
Auch diesmal kommen die Belagerer aus allen Himmelsrichtungen, bloss
haben sie sich als Touristen verkleidet. Die Piraten von heute hingegen
suchen sich eher in den Verwaltungsräten und Chefetagen der multinationalen
Konzerte zu verstecken...
John Wolf
Brennan
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