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Was wäre unsere Welt ohne Systeme und Strukturen? Ganz abgesehen vom Fehlen diesbezüglicher Philosophien, würden wir wohl ohne eine bestimmte Systematik auch diverse zivilisatorische Haltungen auf unserem Globus vermissen. Oder etwa nicht? Es ist jedenfalls kaum mehr vorstellbar, ohne Demokratie, ohne Warenhandel, ohne Denkmodelle und ohne die dazugehörigen Strukturen zu leben. Strukturen sind regulative und organisatorische Setzungen, die, damit sie Gültigkeit erlangen, einem intersubjektiven Anspruch zu genügen haben. Dieser durch Erfahrung gefestigte Norm eignet auch eine moralische Komponente was davon abweicht, wird als Fehler definiert.
Betrachten wir zum Beispiel das System der menschlichen Mobilität, das durch Verkehrswege und -zeichen gebildet wird. Es regelt die Fortbewegung, ganz gleich ob zu Fuss, per Fahr- und Motorrad oder mit dem Auto, ob auf einem Trampelpfad im Dschungel Borneos oder auf der Fifth Avenue in Manhattan. Der Code und die Oekonomie dieser Systeme können sich kutlurell allerdings beträchtlich unterscheiden. Während sich etwa in zentralafrikanische Ländern alle diese unterschiedlich gearteten Verkehrsteilnehmer ohne ersichtliche Ordnung über eine unbefestige Strasse bewegen, huldigt die darin schon sehr geübte westliche Zivilisation der abstrahierenden Funktionstrennung: Velos, Fussgänger, Autos, Untergrund- und Strassenbahnen werden auf separaten Asphalt- und Schienentrassees geführt, damit Konflikte (Unfälle) zwischen den unterschiedlichen Fortbewegungssystemen möglichst vermieden werden. Kommt es trotz dieser Separierung zu Kontakten oder Kreuzungen zwischen den einzelnen Trassees, dann regeln die in der westlichen Welt universellen Verkehrszeichen den Ablauf dieser potentiellen Konflikt-Situation. Wie wir wissen, funktioniert trotz dieser Regelung das System nicht fehlerfrei: der Mensch ist halt keine Maschine und seine Imperfektion zeitigt im Strassenverkehr schreckliche Folgen. Zu Konflikten mag es auch kommen, wenn zwei unterschiedliche System aufeinandertreffen. Fährt ein Engländer auf dem europäischen Festland Auto, dann muss er sich auf den ungewohnten Rechtsverkehr einstellen; besucht ein Europäer die britische Insel, hat er sich mit den spleenigen Linksfahrern zu arrangieren.
Der französische Künstler Gilles Barbier ist ebenfalls ein Systematiker. Obwoh sein umfangreiches Werk auf den ersten Blick eine offenkundige Heterogenität kultiviert, hat all sein Tun einen klar definierten Platz in seiner eigens konstruierten, individuellen Kosmologie, die sich in selbstgewählter, analoger Differenz zur Norm befindet. Wie ein Rhizom breitet sich seine Arbeit aus, wächst mal ungeduldig in die eine Richtung, um danach unvermittelt eine Pause einzulegen und an einem anderen Knotenpunkt wieder in Erscheinung zu treten. Grundlage seiner Installationen, Fotografien, Videos, Bilder, Gouachen und Skulpturen bilden einige wenige skizzenhafte Diagramme und Systemzeichnungen, die bislang nur selten ausgestellt wurden. Barbier geht dabei von einer »individuellen Realität« 1) aus an sich schon ein Widerspruch zu jeder Systematisierung , die im Zentrum seiner Theorie der »Pornosphäre« 2) steht. Das System der »Pornosphäre« ist einerseits der Titel einer Installation 3), fungiert anderseits aber auch als Metastruktur für Barbiers gesamte Werkproduktion. Um das Individuum, das im Zentrum des Diagramms steht, gruppiert sich die »Infosphäre«, die bei Barbier gleichgesetzt wird mit den Begriffen der »Picto-« und »Pornosphäre«. Information, so könnte man diese begriffliche Gleichschaltung deuten, ist die Macht der Marketing-Bilder und Botschaften, also letztlich der pornografische Ort, der Ort der Fun-Gesellschaft, der Ort der seduktiven Versprechungen. Als dritte Schicht in diesem Zwiebeldiagramm gruppiert sich die »Megasphäre« (»megasphere«) in einem konzentrischen Kreis um das Zentrum. Die »Infosphäre«, die »Pictosphäre« und die »Pornosphäre« sind Teil der »Megasphäre«. Die Differenz zwischen »Info-« und »Megasphäre« bezeichnet Barbier als die »noise zone«, die Lärmzone, den Ort, wo nichtfunktionale, unreflektierte Informationen herumschwirren. Als letzte und äusserste Schicht der Barbierschen Kosmologie fungiert schliesslich ein Bereich den er »elsewhere« (»ailleurs«) nennt. Was sich dort abspielt, kümmert uns in der Regel nicht.» 4) Es kann der Ort für Metaphysisches oder für Gott sein«, so Barbier, »wir wissen es nicht.« Alle diese Zonen zusammengenommen, konstituieren das Reale (»réel«), den Bereich, der die symbolische Beziehung zwischen uns und der Welt beschreibt.
Ausgehend von dieser individualistischen Sicht auf den irdischen Kosmos, die auf empirischen Erfahrungen des Künstlers und auf seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaft, Linguistik, Psychologie und Philosophie beruht 5) entwickelt er eine fürs Gesamtwerk verbindliche, offene Matrix. Daraus werden schliesslich differenzierte Subsysteme abgeleitet, die in Beziehung zu dieser »Pornosphäre« stehen. Von besonderer Bedeutung ist dabei das sogenannte »Reproduktionssystem« (»Système Réproducteur«). Zum einen diskutiert es eine grundsätzliche Frage des Kunstsystems, nämlich den Umgang mit Werken, die nicht mehr dem ehemals alleingültigen Paradigma einer auratischen Einzigartigkeit gehorchen. Zum andern, und dies ist in Bezug auf Barbiers Arbeit von eminenter Bedeutung, bildet das Reproduktionssystem obwohl erst später entstanden eigentlich die proto-theoretische Grundlage für eine ganze Serie von Installationen 6) in denen der Künstler seinen eigenen Körper geklont hat. Proto-theoretisch deshalb, weil sich Barbier um die herkömmliche Wissenschaftlichkeit foutiert, weil er der dort gängigen Sprache zwar Vokabeln entnimmt, diese aber in einen derart ironisierenden Kontext stellt, dass nurmehr ein Echo, ein verzerrender Schattenwurf der wissenschaftlichen Terminologie in Erscheinung tritt.
Diese Strategie der quasi-idiotisierenden Appropriation Barbier ist ja alles andere als ein verblödeter Dummkopf, er spielt ihn lediglich und orakelt: »be stupid, make something« 7) findet sich immer wieder, sie ist der rote Faden, der sich durch das gesamte Werk zieht. Im Reproduktionssystem, das, als Zeichnung konzipiert, direkt in eine Installation mit dem Titel »Der Reproduzierer« (»Le reproducteur«, 1997) mündete, werden zwei Kreisläufe im Stile einer medizinischen Schematik skizziert. Auf der linken Seite findet sich der sogenannte Mutter-Klon (»clone no. 1«, der verblüffend dem Bösewicht in David Lynchs Film Dune ähnelt), auf der rechten Seite der »exoventre«. Beide Kreisläufe sind getrennt durch ein Spannungsfeld, das Barbier mit dem Begriff der »Entladung der Verpackungen« (»excitation des emballages«) charakterisiert. Betrachtet man die Installation, die aus dieser Zeichnung hervorgegangen ist, dann wird klar, um welche Art von Verpackungen es sich handelt: Frauenunterwäsche. So gesehen fungieren Dessous als Verpackung von weiblichem Fleisch. Und Sexualität wird reduziert auf pure Funktionalität, auf die Entladung eines visuellen Spannungsmoments. An dieser Bruchstelle zwischen den beiden Kreisläufen, wie bereits in »Pornosphäre« zwischen Infosphäre und »Megasphäre«, artikuiert sich wiederum Barbiers Hinterfragung der affirmativen Massenkommunikations- und konsumgesellschaft, die er vor allem anhand der Versachlichung und Vermarktung von Sexualität demonstriert 8) Wenn alle Menschen Coca Cola trinken, Hamburger essen 9) und Bay Watch im Fernsehen anschauen, dann steht auch der menschlichen Fortpflanzung die Konfektionierung bevor. Und die könnte sich in Form eines Reproduktionssystems manifestieren. Der Zeugungsakt verkommt zur funktionalisierten Absamung (»rafales seminales«) eine Vision, die in der unmittelbaren Realität der Genforschung Entsprechung findet. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch unfruchtbar sein und der Zeugungsvorganges an die Medizin delegiert werden wird.
Wie dieses Beispiel zeigt, besteht im Werk von Gilles Barbier ein direkter Zusammenhang zwischen der autopoietischen Systematisierung seines (und unseres) Kosmos (die sich in Zeichnungen niederschlägt) und seiner installativen Arbeit. Die Diagramme und traktatartigen Schriften bilden sozusagen des theoretische Fundament seines uvres, dessen Themen sich mit unserer unmittelbaren Lebenswelt befassen. Das Individiuum, schreib Barbier in seiner Theorie der »Pornosphäre« werde »heute in einen Zustand der sozialisierten Schizophrenie versetzt[ ] im Konsumenten manifestiert sich das Medium des Hyper-Begehrens [ ]. Die einzige gültige Reaktion auf diese Hyper-Begehren ist die Differenzierung dieses Subjekts in unterschiedliche Singularitäten, damit man den Konflikt zwischen den divergierenden psychologischen Modellen handhaben kann. Diese Transschizophrenie erlaubt die massive Steigerung der Informationsflusses und die Entwicklung multipler Reaktione auf jeden einzelnen Stimulus.« 10) Übertragt man nun diesen Ansatz der Transschizophrenie auf Barbiers Installationen, so verdichtet sich sein manchmal enigmatisches Denkgerüst anhand der zahlreichen Klone augenfällig und glaubwürdig. Anders denken, anders fühlen, die Differenz leben so lauten die Botschaften die Barbier dem konfektionierten Denken, Betrachten und Konsumieren entgegenhält. Dabei misst er der Krankheit besondere Bedeutung bei: »mentale Krankheit ist wirklich wichtig. Ich denke nie, dass das pathologisch ist, es sind einfach nur andere Regeln, das ist alles.Es ist ein anderes System und dieses andere System kann das herrschende System mit grosser Genauigkeit hinterfragen. Deshalb befrage ich diese mentale Unordnung. Denn ich denke, dass da bestimmte Antworten zu finden sind oder dass ein bestimmtes System interessant sein könnte, um eine mögliche Antwort auf die Welt zu formulieren. 11)
Anmerkungen
1) Den Begriff erwähnte Barbier in einem längeren Gespräch mit dem Autor in Marseille am 28. März 1999.
2) Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass die Verbreitung neuer Medien wie etwa Video oder Internet ohne die Pornografie, also das Geschäft mit dem Sex, nicht derart rasant vonstatten gegangen wäre.
3) »Pornosphere« wurde 1997 erstmals im FRAC PACA, in Marseille gezeigt. Die Installation, vor einem Jahr auch in der Pariser Galerie Georges-Philippe und Nathalie Vallois ausgestellt, besteht aus einer Wandzeichnung mit dem beschriebenen Diagramm, sowie aus einem guten Dutzend kleinformatiger Strom des Visuellen herausgelöst hat. Darunter befinden sich Sujets aus Pornomagazinen, aus der Tourismuswerbung, aus einem Rockmagazin, und aus einer Wohnzeitschrift. Barbier kategorisiert diese Motive mit den Begriffen »Animaux«, »Documents«, »Objets«, »Paysages«, »Personnes«, »Situations«, »Picto-Libidostimulants«. Zusätzlich
4) Ibidem
5) In einem Brief an den Autor vom 30. April 1997 schrieb Barbier: »My references are still the same: the chaos theory & algorythmical theory of information, schizophrenic & paranoid constructions, psycho linguistic, semiology (noise, message, parasite) etc. and I EAT all these like A GOOD LITTLE CONSUMER (shit maker).
6) Zum Beispiel »Comment mieux guider notre vie au quotidien« (1995), der ersten Arbeit mit einem Klon oder in der radikal-ironischen Installation des grossen Furzers, »Lorgue à pet« (1996), die Barbier anlässlich der Art 2796 in Basel präsentierte.
7) So lautet der Titel einer S-W-Fotoserie von 1995, die Barbier als herumalbernden Hoffnarr mit Sprechblasen in seinem Atelier zeigt.
8) Vlg. hierzu etwa die Installation mit dem Titel »Etérnité, méthode dure« (1997) in der Barbier die Analogisierung zwischen Sex, Zeugung und medizinier Allmacht konstruiert.
9) Auf einem Stück Papier, das als Appendix die schematische Zeichung begleitet, führt Barbier die Ernährungsfrage aus. »Das System«, notiert er, »wird durch Lebensmittel gespiesen, die ausschliesslich aus dem Supermarkt kommen.« (le système est nourri par des denrées venues exclusivement des HYPERMARCHéS.)
10) Absatz 5 der Pornosphären-Theorie, zitiert in: dAPERTutto, Biennale, Katalog, Venedig 1999, S. 236
11) Vgl. Anmerkung 1
Text erschienen in:
Gilles Barbier, La Meute des Clones Trans-Schizophrènes, Katalog Musée de l'Abbaye Sainte Croix, Les Sables d'Olonnes 2000