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Im Final der Europameisterschaft spielt Raphaël Guerreiro am Sonntag mit Portugal gegen Frankreich, wo er aufgewachsen ist. Die Sprache seiner lusitanischen Teamkollegen spricht er kaum – für die Scherze Cristiano Ronaldos reicht es aber.
Theoretisch könnte Raphaël Guerreiro am Wochenende in seinem Geburtshaus übernachten, mit den Eltern zu Mittag essen, vielleicht noch eine Siesta einlegen, ein bisschen fernsehen und sich dann gegen sieben Uhr abends auf den Weg zum EM-Finale machen. Es sind ja nur drei Stationen mit der RER-Bahn von Le-Blanc-Mesnil zum Stade de France. Auf dem Weg würde Guerreiro eine französische Zeitung lesen, ein französisches Telefonat führen oder sich auf französisch ausmalen, wie er den Gegner stoppt, wenn er dann ab 21 Uhr die linke Seite verteidigt – für Portugal.
Raphaël Adelino José Guerreiro trägt die doppelte Identität schon im Namen. Sein Vater ist Portugiese, die Mutter Französin. Gelebt hat der 22-Jährige immer in Frankreich, von der Kindheit über die Ausbildung am Leistungszentrum in Clairefontaine über die erste Profistation in Caen bis zur Erstligakarriere in Lorient. Erst nach der Europameisterschaft wird Guerreiro erstmals Frankreich verlassen. Er geht dann zu Borussia Dortmund.
Die Behauptung, dass der BVB mit den neun Millionen Euro Ablöse ein gutes Geschäft gemacht hat, wäre nach den bisherigen Turniereindrücken eine dreiste Untertreibung. In vier EM-Spielen – zweimal fehlte er angeschlagen – hat Guerreiro nicht nur seinen Marktwert vervielfacht, sondern sich auch als bester Aussenverteidiger des Championats etabliert.
Guerreiro ist schnell in jeder Hinsicht, technisch stark und hat einen so feinen Fuss, dass ihn Cristiano Ronaldo sogar manchmal die Freistösse schiessen lässt. Nicht minder imponieren seine Spielauffassung und sein Handlungstempo, die ganze Selbstverständlichkeit seines Fussballs. Es ist ein grosser Vergleich – aber nicht nur die identische Körpergrösse von 1,70 Metern erinnert bisweilen an Philipp Lahm.
Einladung von Portugals und Frankreichs Nationalmannschaft erstmal abgelehnt
Letztlich geht es also jedem Beobachter wie Fernando Santos. «Bei seinem ersten Training mit uns reichte mir ein Blick», erinnert sich der Nationaltrainer, «um zu denken: Hoppla, was für ein Talent.»
Santos kannte Guerreiro ja kaum, so wie ihn Portugal nicht kannte, als er im November 2014 erstmals zur Seleção berufen wurde. Voran gegangen war ein schwieriger Entscheidungsprozess: Als er im November 2012 von den Juniorenteams Frankreichs und Portugals berufen wurde, schlug er erst mal beide Einladungen aus. «Ich war seit langem nicht mehr in Portugal, aber es ist das Land, das ich anfeuere und das ich im Herzen trage», sagte er damals. «Auf der anderen Seite ist da die Frage der Eingewöhnung, der Sprache – ich muss mir das alles gut überlegen.»
Im Austausch mit den Teamkollegen helfen neben Schulspanisch und ersten Lernfortschritten die anderen beiden Franco-Portugiesen im Team.
Zwei Monate später entschied er sich: für sein Herz. Guerreiro debütierte im November 2014 gegen Armenien in Faro, wo er als Kind immer mit den Eltern im Urlaub gewesen war. Bereits im zweiten Einsatz demonstrierte er dann nachhaltig, dass sich die Ahnenrecherche des portugiesischen Verbandes gelohnt hatte. Nach einer knappen Stunde eingewechselt erzielte er im Testspiel gegen Argentinien per Kopf den Siegtreffer; eine kleine Reminiszenz an seine Anfänge, während der er auch als Linksaussen agiert hatte.
«Auf vielen Positionen einsetzbar», nennt ihn Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Womöglich eines Tages auch als Rechtsverteidiger.
Wesentlich mehr Probleme als der Fussball macht Guerreiro bei dieser EM die Sprache. Nach Spielschluss verschwindet er meistens unauffällig, weil sein Portugiesisch für Interviews kaum ausreicht. Im Austausch mit den Teamkollegen helfen neben Schulspanisch und ersten Lernfortschritten die anderen beiden Franco-Portugiesen im Team: Mittelfeldspieler Adrien Silva (in Frankreich geboren; als er elf war, kehrte die Familie zurück) und Ersatztorwart Anthony Lopes.
Gut, dass er wenigstens die Witze von Ronaldo schon versteht. «Siehst du, wir sind die einzigen Jungen in dieser Mannschaft», habe der 31-jährige Captain bei seiner ersten Länderspielreise als Eisbrecher gesagt, während beide gerade in einer Gruppe mit Spielern wie Ricardo Carvalho, 38, zusammenstanden. «Ausserdem fragte er mich, wo Lorient liegt.»
Der voll und ganz gelebte Traum
Nun legte der Bursche vom bretonischen Provinzklub das Ronaldo-Tor zum 1:0 im Halbfinale gegen Wales auf, er hatte die meisten Ballkontakte, und niemand muss den verletzten Fábio Coentrão vermissen. «Ich lebe meinen Traum, voll und ganz», sagt Guerreiro vor dem «besonderen» Finale gegen Frankreich.
«Er spielt ein wunderbares Turnier und hat eine brillante Zukunft vor sich», attestiert ihm Teamkollege Eduardo. Für den BVB gibt es in dieser Erfolgsstory allenfalls eine schlechte Nachricht. Denn Guerreiro, der in Portugal wie sein Vater mit Benfica sympathisiert, hat noch einen anderen Traum: «Ich möchte einmal für Real Madrid spielen.»