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Die Neue Welt
Man erzählte, der Alte Louis hätte im Jahr 1869, kurz bevor er an Bord ging, Roggenkörner in seine Hosentasche versteckte, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Die Tafelrunde fing an zu singen, wie die zahlreichen Walliser, die damals mitreisten:
„Vor dem Aufbruch in die Neue Welt
Lasst uns gemeinsam trinken den guten Wein
Und freudig singen wie aus einem Munde
Es lebe die Heiterkeit, lasst uns den Kummer vergessen!
Wir sind bereit, bei Tagesanbruch machen wir uns auf
Lasst uns besingen das volle Glas Wein
Wir haben es gesagt und wiederholen es
Kummer ade, es leben die Amerikaner“
Am Tag der Abreise schluchzte der Junge Louis und wischte sich den Rotz auf dem Ärmel seines einzigen weissen Hemds ab, das seine Mutter stillschweigend und weinend gebügelt hatte. Dann, um seine Gefühle zu überspielen, tat er etwas, das sein Schicksal bestimmen sollte: Er schob eine Scheibe trockenes Brot und die auf dem Tisch liegenden Körner in seine Hosentasche aus Jute. „Hast du gesehen, wie gut ich das mache, Elisia“, rief Mona, die, sollte sie es versäumen, im Wirtshaus die Tische feucht abzuwischen, streng bestraft wurde. „Was einer mit eigenen Händen tut, bereichert ihn!“ fügte Hans Rudolph schulmeisterlich hinzu und bat darauf Elisia, rund um den Aschenbecher den Weisswein, den er in seiner Begeisterung verschüttet hatte, aufzuwischen.
Es war kurz nach der Hungersnot von 1817, als jede Familie nur eine Kuh besass und diese zum Überleben Tannenäste und Wacholder frass, als die ersten Übersee-Geschichten aufkamen und die Bergler verführten. 800 Schweizer Auswanderer, davon 106 Walliser, reisten mit dem Boot nach Solothurn und fuhren den Rhein hinab bis in die Niederlande, um Europa endgültig zu verlassen. „Zu dieser Zeit“, bemerkte Elisia, indes sie den Tisch trockenrieb, „veranlasste euch der König von Portugal, den brasilianischen Stammgästen Cachaça einzuschenken, um euer Brot zu verdienen!“
Laut Register reiste der Alte Louis im Jahr 1869 ab. Mit dem Datum nahm man es sehr genau, jedoch weniger mit dem Reiseziel. Kaum an Land hätte Louis den Roggen aus seiner Hosentasche gesät. Manche sprachen von Brasilien, andere von St. Louis, aber die Erzähler bevorzugten Manhattan. „Down Town“, dort wo heute Wolkenkratzer mit Getreide spekulieren und damit Geld machen, dort wo einer der Ihrigen mit seinem Walliser Roggen reich wurde.
„Als er zurückkam, sprach er kein Wort Französisch!“, erzählte der Wirt, ungeschickt den Akzent des Alten Louis nachahmend, den er als „dick, fett und gekleidet wie Al Capone“ beschrieb, bevor er hinzufügte, dass Louis, abgesehen von den drei Patois-Wörtern, die er beherrschte, niemanden wiedererkannt hätte. „Sag eher, er blickte auf uns herab!“ korrigierte ihn Herr Jean, der die Beleidigung noch nicht geschluckt hatte: „Der Amerikaner suchte vergeblich den Eingang seines Elternhauses. Als ich ihm helfen wollte, drückte er mir zwei Dollar in die Hand, gleich einem Bettler.“ Der Pfarrer versuchte, die üblen Erinnerungen und den aufblitzenden Neid der einen und der anderen zu lindern, idem er auf die aussergewöhnlichen, etwa 40'000 Kilometer langen Walliser Wurzeln hinwies – gerade so lang wie der Erdumfang.
„Ich!“, reagierte darauf Mona „Ich werde nichts vergessen, wenn ich eines Tages das Dorf endgültig verlasse!“ Wie ein Frettchen hob der Wirt seinen Kopf. „So so, und warum solltest du für immer verreisen?“ Ohne mit der Wimper zu zucken erzählte Mona, Eliane hätte es ihr gesagt. Sie hätte es im Kaffeesatz gelesen. Eliane, diese Gelegenheitsurlauberin – ihr Vater hielt sie für ein „albernes Hippie“ und konnte sie instinktiv nicht leiden. „Hat dir die Pythia aus Lausanne auch gesagt, wo du hingehen wirst?“ Trotz der nach unten geneigten Augenbrauen schaute ihn Mona furchtlos an: „Wo mich der Wind hinführt, aber der Wind verrät es nicht!“ Entsetzt über den eigenwilligen Ton seiner jüngsten Tochter stand der Wirt auf, schloss das Fenster oberhalb der Heizung und setzte sich wieder an den Tisch: „Ich habe mit dem Wind gesprochen, Mona. Er sagt, diese ganze Geschichte sei nur Luft! Und auch, dass nach meinem endgültigen Abschied von der Erde aus dir die Wirtin dieser Wirtschaft wird!“
Mona schaute ihn aufmerksam an, kaute an einer schwarzen, glatten Haarsträhne und forderte ihren Vater heraus: „Und warum hättest du das Recht, für immer zu verreisen und ich nicht?“