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Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry (1/3) / © 2002-04 Franz Gnaedinger, Zurich, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch
DIE MENHIRE VON YVERDON, SION, LUTRY, GORGIER, BEVAIX UND CORCELLES, Ausblicke nach Stonehenge, Boissy-aux-Cailles, Lascaux, Chauvet, Nantes und Carnac. Ein archäologisches Abenteuer in 3 Teilen, mit 336 Illustrationen
TEIL 1: Das Mädchen und der Rabe (eine archäologische Fabel), Geometrische Muster? Das schräge Kreuz als Ideogramm des Jahres, Ein kombiniertes Heiligtum des Grossen Kolkraben und der vielfigurigen Lebensspenderin, Neue Aufnahmen der Menhire von Yverdon-Clendy
Am Beginn der vorliegenden Arbeit stehe eine Fabel, worin ich meine ersten, noch sehr unvollständigen Ideen und Einsichten zu den Menhiren von Yverdon zusammenfasste. Sie diente mir als Vehikel einer archäologischen Zeitreise und mag im selben Sinn gelesen werden. Später folgt eine ausführliche Interpretation anhand vieler Aufnahmen. Im dritten Teil soll dann die Fabel eine überraschende Wende nehmen.
Das Mädchen und der Rabe (eine archäologische Fabel)
Vor langer Zeit, vielleicht um’s Jahr 4300 BC, lebte ein Stamm neolithischer Fischer, Jäger, Sammler und früher Bauern im französischen Jura, im Tal der Doubs, in der Gegend von Baume-les-Dames, nahe der Schweiz. Eine Reihe harter Jahre setzte den armen Leuten zu. Da fand ein Mädchen einen Kolkraben, dessen rechte Schwinge verletzt war, hob ihn vorsichtig auf, trug ihn heim und pflegte ihn. Nachts erschien ihr der Vogel im Traum und sagte mit der Stimme eines jungen Mannes: Meine hübsche Retterin, sorge für mich, so will ich euch meine Dankbarkeit erstatten! Das Mädchen tat wie ihm geheissen, und der Vogel genas. Eines Morgens breitete er seine Flügel aus, schwang sich in die Luft, krächzte, flatterte drei Runden über den Köpfen der versammelten Dorfbewohner, und flog auf die Sonne zu …
In jener Zeit galt der Kolkrabe als Götterbote. Er war allerdings auch als Verkünder von Unheil gefürchtet. Wenn jedoch ein Mädchen einem Raben einen Gefallen erwies, war der Vogel seiner Sippe gewogen. Also folgerten die Frauen und Männer aus dem Vorfall, dass der geheilte Rabe ihren Stamm zum Weggehen auffordere. Sie packten ihre Habe zusammen und zogen in der Richtung los, in welcher der Rabe fortgeflogen war. Sie querten den Jura, verweilten im eindrücklichen Felsrund Creux du Van, zogen über die hügelige Krete, erstiegen an einem verhangenen Morgen den Mont Chasseron, und sahen, oben angekommen, auf das weite grüne Land hinab: den langgestreckten Neuenburgersee, die ausgedehnten Wälder, und den eben noch zu erahnenden fernen Kranz der Schneeberge. Da öffnete sich die Wolkendecke, und ein Sonnenstrahl fiel auf das südöstliche Ende des Sees. Ein weiteres Zeichen! Also beschloss man, das Ufer in Augenschein zu nehmen. Die Männer, Frauen und Kinder machten sich auf den Weg in die Ebene hinab, und als sie die Bucht von Clendy erreichten, flog ein Schwarm Vögel auf. Noch ein Zeichen. Sie waren angekommen. Hier wollten sie bleiben.
Der See war lieblich anzusehen, wenn die Sonne schien, und von herber Kraft, wenn der Wind blies und Wolken aufzogen. Die Lichtspiele über der Bucht von Clendy waren von erhabener Schönheit. In der Woche der Sommersonnwende ereignete sich gar ein Wunder: die Morgensonne stieg aus dem Wasser auf! Eine Laune der Natur wollte es nämlich, dass die Längsrichtung des Neuenburgersees (die längste Wasserstrecke von Clendy aus gesehen) die heilige Richtung der Sommersonnwende vorgab Menhir 1a / Menhir 2a
B
A
G
C
E
F
D
Menhir E (38) war der Kopf, Menhir C (29) der Körper, Menhir A (2) der Schwanz, die Menhire G (45) und B (11) waren der linke Flügel, die Menhire F (34) und D (14) waren der rechte Flügel (in Klammern die archäologischen Nummern; Norden wäre oben).
Fünf der sieben Menhire bilden einen Jahreskalender in Form einer Schleife aus zwei ungefähr gleich grossen Dreiecken, welche einen Menhir gemeinsam haben: Winter-Dreieck CABC, Sommer-Dreieck CDEC Menhir 1d / Menhir 1e
B
A
.
C
E
.
D
Die sieben Menhire markieren die folgenden wichtigen Tage und Feste:
A (02) Wintersonnwende, 21. Dezember (kleiner Menhir)
B (11) Frühlingsäquinoktium, 21. März (kleiner Menhir)
C (29) Beltaine, Anfang Mai (mittelgrosser Menhir) Beginn des Sommerhalbjahres
D (14) Sommersonnwende, 21. Juni (grosser Menhir)
E (38) Herbstäquinoktium , 23. September (grosser Menhir)
C (29) Samhain, Anfang November (mittelgrosser Menhir) Beginn des Winterhalbjahres
Die parallelen Verbindungslinien der Menhire D-G (14-45) und F-E (34-38) gaben die Richtung an, in welcher die Sonne am Morgen des 21. Juni aus dem Wasser stieg. Der von ihnen gebildete Streifen soll darum Korridor der Sommersonnwende heissen Menhir 1f / Menhir 1g
.
.
G
.
E
F
D
In der Woche der Sommersonnwende versammelten sich die Menschen bei den Menhiren, schliefen im Freien, begaben sich am Morgen zum Wasser, einige schwammen gar in den See hinaus, und warteten schweigend, bis die Sonne aufging. Dann hob ein fröhliches Lachen an, man wusch sich, schöpfte Wasser aus dem See und benetzte einen Menhir, was den grossen Raben freundlich stimmen sollte.
Am Beltaine-Fest im frühen Mai und am Samhain-Fest im frühen November befragte man jeweils den Raben: Wird es eine gute Ernte? ein milder Winter? Wenn sich dann ein Schwarm Vögel aus dem Schilf hob, deutete man ihren Flug. Das geschah jeweils am Vorabend von Beltaine (Beginn des Sommerhalbjahres) und Samhain (Beginn des Winterhalbjahres).
Später ergänzte man die Anlage mit weiteren Menhiren und machte aus den schiefen Dreiecken CABC und CDEC die rechtwinkligen Dreiecke C’ABC’ (ein wenig kleiner) und C’DE’E’’C’ (ein wenig grösser). Dies geschah mit den neuen Menhiren C’(30), E’(40) und E’’(41). Die Halbierenden der spitzen Winkel gaben die Richtung der Sommersonnwende an (was schon bei der ersten Anlage der Fall war). Die Menhire F’(31), F’’(37), E’(40) und E’’(41) verbreiterten den Korridor der Sommersonnwende Menhir 1h
Wenn man am frühen Morgen der Wintersonnwende beim Menhir A(2) stand und über Menhir C’(29) die nahe beisammen stehenden Menhire E’(40) und E’’(41) anvisierte, sah man die Sonne über dem nahen Bellevue-Hügel aufsteigen Menhir 1p
Die neuen Menhire waren nicht mehr so gross wie die ersten. Es kamen auch mittlere und kleine hinzu. Im Verein mit den ersten Menhiren bilden sie Gruppen, die an Familien denken lassen (Vater, Mutter, Kinder).
Die Menhire symbolisieren allerlei Gottheiten und schützende Mächte. Am Morgen der Sommersonnwende benetzte man einen Stein seiner Wahl mit Seewasser, das von der stärksten Sonne des Jahres mit neuer Lebenskraft angereichert worden war, und hoffte auf die Erfüllung eines stillen Wunsches.
Die neuen Menhire betonen die Linien AB und CD. Sie beeinträchtigen das ursprüngliche Bild des Raben, doch der Schwung der Flügel bleibt als grosser Bogen erhalten. Auch legte man als Votivgaben für erfüllte Wünsche kleine Steine, die von fern an Raben erinnerten, in die Nähe der zentralen Menhire. Auf solche Weise rief man den mythischen Raben an, insbesondere am Vorabend von Beltaine und Samhain. So erhoffte man ein gutes Geschick, und dankte für die Erfüllung eines Wunsches Menhir 1i
Wieder später fielen die Menhire um, die alten Bräuche gingen verloren, aber der genius loci blieb erhalten So machten die Römer aus Eburodunum eine Bäderstadt, und das ist sie noch heute: Yverdon-Les-Bains.
Einst standen die Menhire am Ufer des Neuenburgersees. 1860 lagen sie unter Wasser. Danach wurde das flache Areal aufgeschüttet. 1887 erstellte Charles de Sinner einen schematischen Plan der Anlage. Zwischen 1900 und 1930 kanalisierte man zwei Bäche und verschob möglicherweise einige Steine. 1975 und 81 grub man die Menhire aus. Jean-Louis Voruz von der Universität Genf erstellte einen präzisen Plan der Fundorte und liess die Steine 1986 wieder aufrichten. Einige waren zerbrochen, drei kleine kamen ins Museum von Yverdon, an ihrer Stelle findet man einfache Beton-Repliken.
Im Herbst 2001 lud mich mein Bruder Steve zu einem Ausflug nach Yverdon ein. Es war ein verhangener Tag im frühen November. Als wir dem Neuenburgersee lang fuhren, öffneten sich die Wolken, und ein Silberstreifen floss in der Längsrichtung des Sees über das Wasser. Beim Besuch der Menhire merkte ich an, dass die Sommersonnwende in jener Zeit besonders wichtig war. Auf dem Rückweg fand ich einen vogelähnlichen Stein. Beim Bahnhof angekommen studierten wir eine Karte. Steve meinte, dass der Neuenburgersee die Richtung der Sommersonnwende hätte anzeigen und als Geländemarke vorgeben können. Dies hat sich dann beim Konsultieren meiner archäoastronomischen Tafeln und Vermessen einer Karte als richtig erwiesen. Der Lausanner Kantonsarchäologe Denis Weidmann schickte mir freundlicherweise den oben erwähnten Plan der genauen Fundstellen der Menhire. Ich zeichnete Linien ein, fand rasch die obigen Bezüge und fasste meine ersten Einsichten in der vorliegenden Fabel zusammen.
Es folgt ein geometrisches Kapitel, das man überspringen kann; danach ein kurzes aber wichtiges Kapitel über die fünf Kalender-Menhire von Clendy; anschliessend eine ausführliche Interpretation der gesamten Anlage anhand zahlreicher Aufnahmen.
Geometrische Muster?
Der Winkel zwischen der Nord-Süd-Achse und der Marke der Sommersonnwende betrug in der fraglichen Zeit auf der geographischen Breite von Yverdon 53,3 Grad, der Tangens dieses Winkels beträgt 4,025 zu 3 oder praktisch 4/3. Die Morgenweite mass 36,7 Grad, ihr Tangens betrug 2,98 zu 4 oder praktisch 3/4. Diese Zahlen verweisen auf das “Heilige Dreieck” 3-4-5. Der Winkel zwischen der langen Linie der Menhire B-C-D und der West-Ost-Achse hat einen Tangens von 7/6. Damit lässt sich der Sonnenkalender recht einfach konstruieren:
f N B
A
d
W C O
b
E
D S g
N Norden, O Osten, S Süden, W Westen. A Wintermenhir, B Frühlingsmenhir, C Beltaine/Samhain-Menhir, D Sommermenhir, E Herbstmenhir. Die Längeneinheit misst rund 530 cm. Das Gitterfeld D-f-B-g misst 14 mal 12 Einheiten oder 74,2 mal 63,6 m. Alle fünf Kalender-Menhire liegen auf den langen Diagonalen des Gitterfeldes. Die rechtwinkligen Dreiecke b-f-B und d-g-D messen 9-12-15 Einheiten. Die Strecken B-b und D-d geben die Linie der Sommersonnwende an. Verdoppelt man den Winkel D-B-b nach oben, so erhält man die Verbindungslinie vom Winter- zum Frühlingsmenhir. Verdoppelt man den Winkel B-D-d nach unten, so erhält man die Verbindungslinie vom Sommer- zum Herbstmenhir Menhir 1j / Menhir 1k / Menhir 1l
Wie Marie E.P. König in ihren schönen Büchern zeigt, gehören Netze oder Gitter und aus ihnen hervorgehende geometrische Formen zum paläolithischen Erbe. Ich für meinen Teil kann mir sehr gut vorstellen, dass das Heilige Dreieck 3-4-5 schon sehr lange bekannt war, und dass man im Falle von Clendy sein Zusammengehen mit der Morgenweite der Sommersonnwende als bedeutsam einstufte.
Die Konstruktion erfordert neben dem rechtwinkligen Dreieck 3-4-5 lediglich einen geraden, 530 cm langen Stab, dünne Pflöcke, und eine 65 m lange Schnur. Die Arbeit gehe so vonstatten: Man ebne das Gelände, wähle den Standort des Beltaine/Samhain-Menhirs, stecke den Stab in den Boden, fixiere ihn senkrecht, warte auf eine klare Nacht, avisiere den nördlichen Himmelspol (damals bei iota Draconis), markiere die Nord-Süd-Linie südlich des Stabes, entferne diesen und verlängere die Linie nach Norden. Nun verwende man den Stab als Längenmass und trage 12 Masse auf der Schnur ab (63,6 m). Die gestreckte Schnur gibt die Breite des Feldes an, während die in 3+4+5 Masse gelegte Schnur einen rechten Winkel zur Verfügung stellt. Mit seiner Hilfe kann man alle erforderlichen Gitterpunkte ausmessen und abstecken. Man verbinde das Zentrum des Feldes mit seinen Ecken: C-f, C-B, C-g, C-d (je 48,86 m). So erhält man die langen Diagonalen B-C-D und f-C-g (je 97,72 m). Danach trage man die Linien der Sommersonnwende B-b und D-d ein. Ihre Längen messen genau 3 mal 5 gleich 15 Einheiten (79,5 m). Die beiden Linien schneiden die Nord-Süd-Achse in zwei Punkten vom Abstand 5 Einheiten (26,5 m). Man zeichne je einen Kreis um diese Punkte. Die Radien seien so gross, dass die Peripherien die langen Diagonalen B-C-D und f-C-g berühren (862 cm). Dann lege man von den Ecken des Feldes her Tangenten an die Kreise und verlängere sie bis zur Gegendiagonale. So erhält man die Linien Winter-Frühling im Norden und Sommer-Herbst im Süden. Will man die Genauigkeit erhöhen, so verwende man drei Schnüre und führe jede Messung dreimal aus, wobei man jeweils die Schnur wechsle. Danach verwende man eine mittlere Marke der (hoffentlich) nahe beisammen liegenden Messpunkte Menhir 1m
(Das Feld misst 14 mal 12 grosse Einheiten à 530 cm oder 98 mal 84 kleine Einheiten à 75 bis 76 cm. Man trage die langen Diagonalen ein, teile die westliche Rahmenlinie von Süden her in 35+25+38 kleine Einheiten, die östliche in gegenläufige 38+25+35 kleine Einheiten, und verbinde die Marken mit Querdiagonalen. So erhält man dieselbe Kalenderfigur. Der Tangens der Winkel zwischen den Linien der Sommersonnwende und den kürzeren Kalenderlinien beträgt genau 2/9.)
Die Menhire A, B, C könnten zwischen 1900 und 1930 beim Einfassen zweier Bäche bewegt und verschoben worden sein. Die Menhire D, E, F, G lagen sicher an den originalen Stellen, zu den Menhiren D, E, F fand man noch die Senklöcher. Orientiert man den obigen Plan an den Gruben der Menhire D und E, so betragen die Abweichungen der vielleicht verschobenen Menhire C rund einen Meter, A einen bis zwei Meter, B zwei bis drei Meter.
Zieht man vom Winter-Menhir A eine Senkrechte zur langen Verbindungslinie der Äquinoktien BCD, so bekommt man die modifizierte Anlage mit zwei ähnlichen rechtwinkligen Dreiecken, einem etwas kleineren Winter- und einem etwas grösseren Sommerdreieck. Die Halbierenden der spitzen Winkel geben die Richtung der Sommersonnwende an. (Die Dreiecke basieren auf dem Tripel 36-77-85, Folge der glücklich gewählten Anfangszahlen und der automatisch zu einem Tripel führenden Verdoppelung der Winkel) Menhir 1n / Menhir 1o
Linie des Sonnenaufgangs am 21. Juni über dem See, anvisiert beim Sommermenhir. Linie des Sonnenaufganges am 21. Dezember über dem nahen Bellevue-Hügel, anvisiert beim Wintermenhir Menhir 1p
Die geographische Breite von Clendy beträgt 46,8 Grad. Die ersten Menhire sollen möglicherweise aus der Zeit um 4500 BC stammen und also rund 6'500 Jahre alt sein, während die frühesten Pfahlbauten um 3800 BC datieren. Ich nehme für das Heiligtum des Grossen Kolkraben aus sieben Menhiren probeweise ein Alter von rund 6'300 Jahren an. Die Menhire A bis G wären also um 4300 BC errichtet worden. Damals betrug der Winkel der Ekliptik 24,127 Grad. Auf der geographischen Breite von Clendy mass der Winkel zwischen der Nord-Süd-Achse und der Linie der Sommersonnwende 53,33 Grad, Tangens praktisch 4/3; die Morgenweite mass 36,67 Grad, Tangens praktisch 3/4. Der genaue Winkel wäre weniger wichtig gewesen als die Nähe zur idealen Marke. Die Sommersonnwendlinie der Figuren-Pfähle des nachmaligen Stonehenge wich um volle drei Grad von der astronomischen Linie ab, zugunsten des idealen Tangens 1/1.
Das schräge Kreuz als Ideogramm des Jahres
Die fünf Menhire A(2), B(11), C(29), D(14) und E(38) bilden einen Sonnenkalender in Form einer schrägen Sanduhr. Diese können wir leicht in ein rhombisches, rechteckiges oder quadratisches Ideogramm des Jahres überführen Menhir 1q
A B
C
D E
A – Winter-Sonnwende, 21. Dezember
B – Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche, 21. März
C – Beltaine, Beginn des Sommerhalbjahres, Anfang Mai
D – Sommer-Sonnwende, 21. Juni
E – Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, 23. September
C – Samhain, Beginn des Winterhalbjahres, Anfang November
Ergänzen wir das Kreuz der Diagonalen um jenes der Achsen:
A a B
d C b
D c E
Auf diese Weise bekommen wir eine Figur, welche Marie König Doppelkreuz nennt und als Ideogramm der kosmischen Ordnung versteht. Ihrer Meinung nach symbolisiert das Achsenkreuz die kardinalen Himmelsrichtungen Osten und Westen, Süden und Norden, das Diagonalkreuz die vier Mondphasen zunehmender Mond, Vollmond, abnehmender Mond und Leermond.
Die Menhire von Clendy würden eine Modifikation dieser schönen Interpretation nahelegen. Das Diagonalkreuz wäre neu der Sonnenkalender, das gerade Kreuz bliebe das Symbol der kardinalen Himmelsachsen, während die Mondphasen sowohl das Achsenkreuz als auch die Sektoren des Diagonalkreuzes einnähmen:
a – Norden, Leermond
b – Osten, zunehmender Mond
c – Süden, Vollmond
d – Westen, abnehmender Mond
Sektor a = CAB --- Winterhalbjahr, Norden, Neumond
Sektor b = CBE --- Osten, aufgehender Mond
Sektor c = CDE --- Sommerhalbjahr, Süden, Vollmond
Sektor d = CDA --- Westen, abnehmender Mond
Achsenkreuze und Diagonalkreuze waren beliebte und häufige Ideogramme. Hier eine kleine Auswahl aus Aufnahmen Marie Königs bzw. ihrer Helfer Menhir 1r
Eine ausführliche Besprechung des kombinierten Sonnen- und Mondkalenders folgt in Teil 2.
Ein Doppelheiligtum des Grossen Kolkraben und der vielfigurigen Lebensspenderin
Am 20. April 2002, ungefähr zwei Wochen vor Beltaine, gingen mein Bruder Steve und ich ein zweites mal nach Yverdon. Steve fotografierte die Menhire. Auf dem Frühlingsmenhir bemerkte ich die Reliefs zweier fliegender Vögel; auf dem Sommermenhir ein weiteres Relief. Beim Verarbeiten der Aufnahmen am Computer fand ich mehrere Tierformen, die ich erst ignorieren wollte, die sich mir aber immer wieder aufdrängten und sich dann bei nochmaligen kurzen Besuchen der Anlage am nebligen und verregneten 2. Mai und am prächtigen 13. Mai bestätigt haben. Es sind eher vage und rohe Formen, man kann sich aber vorstellen, dass man die Menhire auf die Feiertage der jeweiligen Gottheit hin bemalte und so ihr Bild erst richtig zum Vorschein brachte. Im Übrigen lagen die Menhire zwei Millennien im Wasser, wobei die Oberflächen und Reliefs je nach Gestein mehr oder weniger stark erodierten. Auch sind die Menhire stellenweise von dunklen Flechten bewachsen. Früher wurden sie rein gehalten, die Steine waren feiner anzusehen. Alle Aufnahmen entstanden am 20. April, jene der Menhire am Mittag, ungefähr von zwölf bis zwei.
Jean-Louis Voruz weist in seiner schönen, informativen Publikation Hommes et Dieux du Néolithique, les menhirs-statues d’Yverdon auf die menschlichen Formen und kleinen Köpfe vieler taillierter Steine hin. Es seien Statuen, die wahrscheinlich Vorfahren, Helden und Gottheiten repräsentieren. Der religiöse Charakter von Clendy stehe ausser Zweifel. - In Ergänzung seiner Arbeit möchte ich den grossen Vogel aus sieben Menhiren und weitere Tierformen zu bedenken geben.
Bucht von Clendy
Blick in die Längsrichtung des Neuenburgersees, damalige Richtung der Sommersonnwende (Schlüssel-Idee meines Bruders Steve) Menhir 2a // Weitere Aufnahmen des Neuenburgersees, in zeitlicher Folge. Es blies ein kräftiger Wind, der allerlei Wolkengebilde auftürmte und verschob, was bisweilen zu spektakulären Lichtspielen führte Menhir 2b / Menhir 2c / Menhir 2d / Menhir 2e / Menhir 2f / Menhir 2g / Menhir 2h / Menhir 2i / Menhir 2k / Menhir 2l / Menhir 2m // In meiner Fabel ersann ich eine Gruppe neolithischer Bauern, die über den Jura wanderte und vom Gipfel des Mont Chasseron auf den See und die weite Ebene hinabsah; hierauf habe sich der verhangene Himmel geöffnet, und ein Sonnenstrahl habe wie ein Wegweiser die Bucht von Clendy erhellt. Als wir am Abend des 20. April von St. Croix nach Yverdon hinunterfuhren, öffneten sich die Wolken, und wirklich fiel ein spätes Licht auf Yverdon (eher dunkle Aufnahmen aus dem Zugfenster, mit einem mächtigen Wolkengebilde in Form eines Vogels oder einer Schildkröte) Menhir 2n / Menhir 2o
Sonnenaufgang
Winter-Menhir A(2), 21. Dezember, Schwanz des grossen Kolkraben
Kleiner Menhir mit schräger, keilförmiger Oberfläche. Der Schwanz des Kolkraben endet in einem (allerdings kürzeren) Keil. Der Menhir dürfte einst auf die Körperachse des Grossen Raben ausgerichtet gewesen sein. Schwarz, wie das Gefieder des Kolkraben und die langen Winternächte Menhir 3a / Menhir 3b
Frühlings-Menhir B(11), 21. März, Ende der linken Schwinge
Kleiner Menhir in der Form einer kurzen breiten Feder, dürfte einst in der genauen Verlängerung des Sommer- und Beltaine/Samhain-Menhirs gestanden sein. Heller als der Wintermenhir, passend zu den längeren Tagen im März. Auf der linken Vorderseite verblüffende Reliefs von zwei Vögeln mit ungefähr gleich grossen, parallelen Schwingenpaaren. Der obere Vogel fliegt nach vorn und senkt seinen Kopf. Der untere Vogel fliegt nach rechts und biegt seinen Körper. Am Ende seiner eleganten Schwingen sieht man sehr fein im Flugwind gespreizte Federn. Die Kolkraben balzen im späten März und frühen April, wobei sie allerlei Kapriolen aufführen: Schwenker, steile Abstürze, und manchmal sogar Überschläge, wonach sie auf dem Rücken einherfliegen! Der obere Vogel könnte einen solchen Absturz vorführen und Überschlag einleiten. Natürliche Reliefs, denen man vielleicht ein wenig nachhalf? Man findet sie nur, wenn man vom Raben ausgeht und gezielt nach Hinweisen auf Vögel sucht. Dann sind sie aber sehr deutlich zu sehen. Glücklicherweise befinden sich die Vogelreliefs in einer harten Schicht aus Gneis und blieben darum sehr gut erhalten. Rechts eine flache Höhlung (welche hier zu tief erscheint); die feinen Schichten des Steins bilden natürliche Wellenformen, die an ein Gefieder denken lassen (hier nicht zu sehen) Menhir 3c / Menhir 3d / Menhir 3e / Menhir 3f / Menhir 3g / Menhir 3h / Menhir 3i / Menhir 3x / Menhir 3z
Beltaine/Samhain-Menhir C(29), Anfang Mai/November, Körper des Raben
Mittelgrosser Menhir. Gegen Ende April, auf Beltaine hin, werden die jungen Kolkraben flügge. Mit einiger Phantasie könnte man beim Hochblicken zur geschwärzten Spitze des Menhirs einen jungen Kolkraben mit ausgebreiteten Flügeln sehen (die feinen gelben Punkte suggerieren Flügel und Schnabel) Menhir 3j / Menhir 3k / Menhir 3l
Sommer-Menhir D(14), 21. Juni, Ende der rechten Schwinge
Grosser federförmiger Menhir. Geschichteter Stein, dessen feine natürliche Reliefs an die schillernden Federn des Kolkraben gemahnen (hier nicht zu sehen). Weicherer Stein. Braun. Im Sommer soll sich das Gefieder des Kolkraben bräunlich färben. Der gelbe Punkt markiert Menhir G(45) in der Ferne. Die Verbindungslinie D(14)-G(45) gibt die Richtung des Sonnenaufgangs am 21. Juni an Menhir 3m // Korridor der Sommersonnwende Die gelben Punkte kennzeichnen die Menhire D(14)-G(45) und F(35)-E(38), welche den Korridor der Sommersonnwende flankieren. Dieser führte einst auf den See. Hier schattig (die Beleuchtung wechselte oft und rasch) Menhir 1f / Menhir 3n // Pferd Von vorn gesehen bildet der Menhir einen senkrecht aufragenden Pferdekopf. Leider ist die Oberfläche des weicheren Steines stärker von Erosion betroffen. Das Auge wird von einem oben eingebuchteten Knollen gebildet, welcher bei hohem Sonnenstand kreisrund erscheint (wie hier zu sehen). Wir dürfen uns vorstellen, dass man den Menhir auf die Sommersonnwende hin mit Ocker bemalte, die Formen des Pferdekopfes mit Asche hervorhob, danach den Stein mit Fett einrieb und auf solche Weise Fell und Auge zum Glänzen brachte. Die grosse Aufnahme zeigt den unveränderten Menhir; auf der kleinen habe ich das Auge nachgezogen: schon wird aus dem Stein ein Pferdekopf Menhir 3o // Sonne Nach Marie König war das Pferd ein Symbol der Sonne, die Stute eine Verkörperung der Morgensonne. Im Glauben jener Epoche ging die Sonne am Morgen aus einer östlichen Höhle hervor, zog in einem grossen Bogen über den Himmel, verschwand am Abend in einer westlichen Grotte, durchquerte die Erde in unterirdischen Gängen und stieg am nächsten Morgen aus einer östlichen Bodenspalte wieder an den Himmel empor. Dieser Glaube könnte auf dem Sommermenhir dargestellt sein. Das Pferdeauge mag die Höhle der aufgehenden Sonne darstellen. Es befindet sich am östlichen Fuss eines grossen Reliefs in Form eines Berges, den ich Himmelsberg nennen möchte. Es wäre der steile Berg, den das Sonnenpferd am Morgen des 21. Juni erklimmt Menhir 3p Das an den Rändern wahrscheinlich erodierte Relief bildet einen Doppelbogen in Sinusform, was auf genaue Beobachtung der Sonnenbahn schliessen lässt. - Ein goldenes Schälchen aus Stradonice (Böhmen) zeigt die aufgehende Sonne, eines der keltischen Bojer (Böhmen, Poebene) ihren Weg: drei obere Halbkugeln geben den Tageslauf der Sonne an, drei untere Halbkugeln in waagrechter Folge suggerieren ihren nächtlichen Lauf, während ein grosser Bogen über den sechs Halbkugeln das Himmelsgewölbe oder eben den Himmelsberg darstellen mag. Die Halbkugeln an den Enden des grossen Bogens wären Symbole der aufgehenden und untergehenden Sonne. (Es gibt viele solche Schälchen. Bisweilen sieht man zwei kleine Bögen unter dem grossen Bogen. Das wären dann wohl die nebeneinander gezeigten „Himmelsberge“ der Sonne bei Tag und des Vollmondes bei Nacht, am selben Himmelsgewölbe = unter demselben Bogen) nocheinmal Menhir 3p Die Bögen mit ihren beiden Punkten erinnern an den keltischen Torques. Das hier gezeigte Beispiel stammt aus dem Grab der Prinzessin von Vix aus dem 6. oder 5. Jahrhundert BC (Epoche von Hallstatt, 300 bis 500 Jahre älter als die meisten keltischen Münzen). Der 480 Gramm schwere goldene Halsring weist an den Enden zwei perl- oder tropfenförmige Kugeln auf, welche die Morgensonne und Abendsonne symbolisieren dürften, während der Bogen den Sonnenlauf am Himmel repräsentieren mag. Der schöne Torques zeigt als Besonderheit zwei kleine, symmetrisch angeordnete Flügelpferdchen über den Kugeln: das aufsteigende Sonnenpferd im Osten, das absteigende Sonnenpferd im Westen, beide ihren Kopf in die Höhe streckend. Die geflügelten Pferde sind wohl eine keltische Anleihe und Umdeutung des griechischen Pegasus Menhir 6x Die Bronzeplastik Der „Jockey“ von Artemision zeigt einen Knaben auf einem Rennpferd (Griechisches Nationalmuseum Athen, hier lediglich der in die Waagrechte gedrehte Pferdekopf, zum Vergleich der ebenfalls waagrechte Menhir). In der Anstrengung des Laufes legt das griechische Pferd seine kleinen Ohren nach hinten, so dass man sie kaum bemerkt, während an der Flanke des Kopfes ein grosser Aderwinkel analog dem Relief auf dem Sommermenhir hervortritt. Also wäre unser Pferd bei einer grossen Anstrengung zu sehen, eben beim Erklimmen der höchsten Himmelshöhe des Jahres. Mit Fett eingerieben hätte es geglänzt, als ob es bei seinem steilen Lauf ins Schwitzen käme Menhir 3q Eine Goldmünze der keltischen Treverer (Trier-Luxemburg) zeigt meiner Meinung nach das noch frische Pferd der Sommersonnwende kurz vor seinem grossen Auftritt: unter seinem Bauch die Sonne; schräg links oben ein Stern, neben dem Kopf ein Kalender (Diagonalkreuz im Rechteck), das aufgerichtete Ohr bildet eine Mondform (kombinierte Bögen des abnehmenden und zunehmenden Mondes), oben ein weiterer Stern, rechts oben das Sommerdreieck Deneb – Atair – Wega, so ähnlich wie man es am frühen Morgen des 21. Juni erblickte, wenn man nach Südwesten sah und den Kopf hob (um drei Uhr, am Beginn der bürgerlichen Dämmerung, befand sich Deneb in der Nähe des Zenites) Menhir 3r / Menhir 6v // Vogel Betrachtet man den Sommermenhir schräg von rechts vorne, so wird aus dem Relief, dem Auge und den weiterführenden Linien ein schematischer Vogel (einmal mit gelben Punkten markiert, einmal ausgeschnitten und in reduzierter Farbskala wiedergegeben). Pferd und Vogel haben das Auge gemeinsam. Eine Goldmünze der Uneller zeigt einen grossen Kolkraben auf einem Pferd reiten. Zwischen den Köpfen der beiden Tiere bemerkt man eine kleine, freischwebende Kugel oder Halbkugel, wohl die Sonne, wie auch die Goldmünze selbst einer Sonne gleicht. Die Kombination von Pferd und Vogel zum Sonnensymbol wäre einsichtig: das Pferd ist ein kräftiges, rasches Tier mit fliegender Mähne, der Vogel kann wirklich fliegen. Über der Bodenlinie schwebt eine lineare Figur mit wehendem Band. Sie richtet ihren Oberkörper auf und hebt mit ihren Armbögen aus je vier Punkten das Pferd in die Höhe: wohl eine Gottheit der Luft, des Himmels, der Höhe Menhir 3s // Frosch Von vorn gesehen wird aus dem Vogel ein Frosch (Relief mit gelben Punkten markiert / ausgeschnitten und gedreht, kleines Bild farbreduziert) Menhir 3t / Menhir 3u Von hinten gesehen wird aus dem Menhir selbst ein riesiger, hoch aufragender Frosch, wobei die knollenförmige Hautfalte unter dem Pferdemaul zum kleinen Auge der Amphibie mutiert. Mit Ocker und Fett eingerieben hätte der „Frosch“ wie feucht geglänzt Menhir 3v Wie gehen Vogel und Frosch zusammen? Wohl über ihre Rufe. Der fliegende Kolkrabe lässt ein gutturales kroar kroar / ko-ruk / korrk vernehmen, welches ihm den lateinischen Beinamen corax eintrug, während Aristophanes in seiner Komödie Die Frösche das Quaken der kleinen Tiere mit korax korax regegegex wiedergab. Ende April besuchte ich den botanischen Garten von Zürich. Der Lärm der Teichfrösche in einem kleinen, flachen Weiher war weithin vernehmbar. Die grösseren, sich paarenden Frösche machten ein tiefes kroa kroa oder kwä kwä; die kleineren warben mit einem rägägägä. Die ähnlichen Rufe des fliegenden Kolkraben und der sich paarenden Frösche dürften wohl den Anlass zur Kippfigur Vogel-Frosch gegeben haben. // Schallblasen Die Teichfröschlein blähen je ein Paar ungefähr einen Zentimeter grosse Backenblasen auf, womit sie den überraschend lauten Schall erzeugen. Auf den Blasen bemerkte ich winzige Sonnenreflexe und dachte an den „Knollen“ vom Auge des Sommermenhirs. // Misteln Die Bäume am Neuenburgersee sind voller Misteln Menhir 2b Früher glaubte man, dass die weissen Beeren an den nestförmigen Büscheln zäher Zweige mit flügelförmigen Blättern vom Himmel gefallene Mondeier wären, sozusagen der Laich des Mondes. Gut möglich, dass man in den Schallblasen der Frösche Symbole von Sonne und Mond erblickte. // Lebensspenderin Marija Gimbutas: „The goddess as life-giver assumed the shape of a toad“ – Als Lebensspenderin nahm die Grosse Göttin die Form einer Kröte an. Offenbar galten Kröten und Frösche mit ihrem Laich und dem daraus hervorgehenden Gewimmel von Kaulquappen als besonders lebensbegabt. In jener Zeit verstand man wenig von den biologischen Vorgängen der Empfängnis. Man habe jedoch (sicher im Neolithikum, möglicherweise schon im oberen Paläolithikum) eine Kenntnis der Föten gehabt, und man habe die ein- bis zweimonatigen Embryonen für Lurche gehalten, welche in den Uterus der Frau gelangt waren. Darum habe man die Lebensspenderin in Form einer Kröte, einer Schildkröte oder eines Frosches verehrt (Marija Gimbutas, mit Verweis auf Alois Gulder, Maissau, 1960-62). Die ägyptische Hebamme Heket, Angehörige der Osirischen Familie von Abydos, weiblicher Gegenpart und mögliche Vorläuferin des Schöpfergottes Chnum, half beim Formen der Lebewesen im mütterlichen Schoss und wurde als Frosch oder mit einem Froschkopf dargestellt. Ebenso der Nilgott Hapi in seiner Funktion als Lebensspender. // Zusätzliche Menhire Zu den sieben Raben-Menhiren wären nach und nach weitere Steine hinzugekommen, welche aus den ersten Menhiren Paare, Gruppen und Familien machten und im Rahmen des Kalenders den Mai und frühen Juni wie auch den späten Februar und den März hervorhoben. Einige dieser Menhire wurden ausserhalb der Reihen gefunden, wie auf dem hier verwendeten Plan von Jean-Louis Voruz zu sehen, aber beim Wiederaufrichten in die Reihen zurückversetzt Menhir 1o // Froschfrau In unserer wohl wärmeren Zeit paaren sich die Frösche im späteren April und laichen in den Sommermonaten; im damaligen kühleren Klima dürften sie sich erst im Mai gepaart haben. Menhir 26, ausserhalb der Reihe gefunden, wieder in sie zurückversetzt, in Position drei nach dem Beltaine-Menhir anzutreffen, also dem Mai zugehörig, mag die Grosse Lebensspenderin als Froschfrau darstellen Menhir 3w Von vorn gesehen bildet Menhir 26 eine halbwegs menschliche Form, mit einer kleinen Kopfspitze und langen schrägen Schulterlinien, während die mit seitlichen unteren Abschlägen erreichten spitzen Schultern auch als amphibische Stummelarme gesehen werden können. Von hinten gemahnt Menhir 26 an einen grossen, aus dem Erdreich emporsteigenden Grasfrosch (rana temporaria, Gattung Braunfrösche), mit „Schläfenflecken“ in Form seitlicher Abschläge und einem kleinen rechten Auge. Die Oberkanten von Menhir 26 sind recht scharf, was man vielleicht zum Erzeugen froschähnlicher Laute mithilfe gekerbter und über die Kanten gezogener Rohre nutzte (ausprobieren). Am Feiertag der Lebensspenderin (Mitte Mai?) mochte man ihren Menhir mit Fett eingerieben und so dem „Frosch“ einen wie feuchten Glanz verliehen haben. // Laichballen Der kleine Grasfrosch legt 2'000 bis 4'000 Eier, die sich zu gallertartigen, an der Wasseroberfläche schwimmenden Ballen verklumpen. Menhir 22, von ähnlicher Grösse wie Menhir 26, vier Positionen nach ihm, Ende Mai und Anfang Juni repräsentierend, mag mit seinen vielen quasi verklumpten Rundformen einen Laichballen darstellen (hier nicht zu sehen). Zugleich bilden die Menhire 22, 23 (hoch) und 24 (sehr klein) eine Gruppe, die man als Familie deuten kann (hier auch nicht zu sehen). // Ein Ritus der Fruchtbarkeit Eine neue Version meiner Fabel würde aus Clendy eine ufernahe Insel machen, sie mit Büschen und Bäumen einfassen, Gärten und einen Froschweiher anlegen, und von einem Ritus der Fruchtbarkeit am Morgen der Sommersonnwende erzählen: In der heiligen Woche pilgern junge Frauen aus der Region der Drei Seen an die Gestade des Neuenburgersees, werden von ihren Liebhabern zur Insel Clendy gefahren, bewundern den blühenden Garten, den Froschweiher, die kleinen Getreidefelder, die Kräuter neben und zwischen den grossen Steinen, versammeln sich beim frisch bemalten, mit Fett eingeriebenen, schön glänzenden Sommermenhir, schreiten den Korridor der Sommersonnwende lang, begleitet von Lyra-Spiel und Gesängen, begeben sich am flachen Ostufer ins Wasser, rufen die Grosse Lebensspenderin an, bitten um ein Kind, waten in Richtung des Sonnenlaufs um die halbe Insel herum, steigen beim Sommermenhir aus dem Wasser, bitten die Grosse Heilerin um eine Schwangerschaft ohne Komplikationen, schreiten in einer neuen Prozession den Flügelbogen des Grossen Vogels ab, erflehen seinen besonderen Schutz für die kommenden Monate, erreichen den Frühlingsmenhir, und bitten die Grosse Hebamme um eine leichte Geburt. Anschliessend scharen sich die Frauen um ein Feuer, welches dank einer Beigabe aromatischer Kräuter Wohlgeruch verströmt, wärmen sich, bekommen reichlich zu essen, und vergnügen sich mit ihren Liebhabern. Manche von ihnen werden dann auch wirklich schwanger. Sie werden ihre Kinder im März gebären, wenn die harten Wintermonate überstanden sind, und wenn die balzenden Kolkraben mit ihren fliegerischen Kapriolen einen neuen Jahresreigen der Fruchtbarkeit einleiten … // Jahresreigen Die Kolkraben balzen im späteren März, ihre Jungen werden um Beltaine flügge, die Frösche paaren sich im April – wegen des damals kühleren Klimas geschah es möglicherweise erst im Mai - und laichen in den Sommermonaten, während im Juni gezeugte Kinder im März auf die Welt kommen. Nach dem menschlichen und tierischen Reigen sei auch noch der pflanzliche Jahresreigen erwähnt, Er führt von den kleinen Menhiren des Winters und Frühlings über den grösseren Beltaine/Samhain-Menhir und den noch grösseren Sommermenhir zum Herbstmenhir, dem grössten Stein der Anlage, welcher mit seinen Ausmassen eine gute Ernte versprechen mag. Danach geht es über den kleineren Samhain/Beltaine-Menhir zurück zu den kleinen Menhiren des Winters und Frühlings. Die Vorläufer der Menhire waren wohl Figuren-Pfähle, also pflanzlicher Natur. Noch früher dürften es Bäume mit behängten Zweigen und markierten Stämmen gewesen sein. // Gebärgruppe Frauen, welche im späteren Juni schwanger werden, gebären im späteren März. Sehen wir uns die Menhire 8-13 an, welche diese Jahreszeit repräsentieren. Der menschenförmige, leider verwitterte kleine Menhir 9 mit einem vorspringenden Bauch dürfte eine Schwangere darstellen, der grössere Menhir 8 ihren Mann und Beschützer. Menhir 10 könnte eine Hebamme sein: Der Frühlingsmenhir 11 und der benachbarte Menhir 13 wären Mutter und Vater, zwischen ihnen Mikromenhir 12 als ein keck in die Welt schauendes „Baby“ Menhir 3x / Menhir 3y / Menhir 3z / Menhir 3i // Familien Das für Clendy eigentümliche Vorkommen der sog. Mikromenhire fände eine natürliche Erklärung: es wären Kinder, und die Gruppen von grossen und kleinen Menhiren Familien. Die Orakel von Beltaine und Samhain mochten die Chancen auf eine Schwangerschaft und deren Verlauf vorhersagen. Die archaischen Formen der ausgewählten, rudimentär bearbeiteten Findlinge sprechen für ein hartes Leben in jener Zeit, lassen aber klare Ideen und wunderbar komplexe Formsymbole erkennen. Es finden sich auch zärtliche Elemente. Die Familien mit ihren Kleinen sind anrührend.
Herbst-Menhir E(38), 23. September, Kopf des Raben
Grösster Menhir. Federform. Die auf zwei Aufnahmen eingetragenen roten Punkte markieren die Körperachse des Grossen Kolkraben: sehr klein der Wintermenhir als Schwanz, ein wenig grösser der Beltaine/Samhain-Menhir als Körper, und sehr gross der Herbstmenhir als mächtiger Kopf, wie er corvus corax eignet, umso mehr in seiner Eigenschaft als weiser Vogel und Götterbote. Beim Aufblick sieht man eine spitze Auswölbung, die den Schnabel des mythischen Raben markieren mag. Höhepunkt des vegetativen Jahresreigens, dürfte mit seinen Ausmassen eine ertragreiche Ernte versprechen Menhir 4a / Menhir 4b / Menhir 7k
Mitte der rechten Schwinge F(34)
Höchster Menhir. Federform - ein Büschel aus zwei oder drei Federn? Die auffällige Kerbe und das rote (eisenhaltige) Mineral könnten auch die Verletzung des Raben aus meiner Fabel symbolisieren. Geschichteter Stein mit fein geschwungenen natürlichen Reliefs (hier nicht zu sehen) Menhir 4c
Mitte der linken Schwinge G(38)
Grosser Menhir in einer besonders schönen, sehr flach aufsteigenden Federform Menhir 4d
Grosser Flügelbogen
Die roten Punkte markieren von rechts nach links die Menhire D(14) F(34) E(38) G(45) B(11) Menhir 4e Der Flügelbogen führt vom Sommermenhir im Westen zum Frühlingsmenhir im Osten, vom Fruchtbarkeitsritual in der heiligen Woche der Sommersonnwende zur Gebärgruppe des März: als ob der grosse Vogel die Schwangere unter seine Fittiche nähme.
Schwanz-Körper-Kopf des Raben
Die roten Punkte markieren aufsteigend die Menhire A(2) C(29) E(38). In dieser Perspektive bilden sie eine größenmäßig zusammenhängende Form. Man darf wohl annehmen, dass der Wintermenhir als Schwanz des Raben einst auf die Körperachse ausgerichtet war. Besonders schön das Wäldchen im Gegenlicht Menhir 4f
Zusätzliche Menhire, Familien, Heiligtum der Grossen Lebensspenderin
Die zusätzlichen Steine machen aus den sieben Menhiren des Grossen Kolkraben Gruppen und Familien, und aus dem Heiligtum des Vogels ein komplementäres Heiligtum der Grossen Lebensspenderin, welches freilich schon im Heiligtum der sieben Menhire angelegt war.
Lebensalter
In einem grösseren zeitlichen Rahmen wird aus dem Jahresreigen der Fruchtbarkeit ein Gleichnis der Lebensalter: Frühlingsmenhir – Säuglingsalter; Beltaine/Samhain-Menhir – Kindheit, Jugend; Sommermenhir – Geschlechtsreife; Herbstmenhir – Erwachsen-Sein; Samhain/Beltaine-Menhir – Alter; Wintermenhir – Tod; Frühlingsmenhir – Wiedergeburt ...
Votivgaben
Votivgaben für den Grossen Kolkraben hätten vogelähnliche Steine sein können Menhir 4g / Menhir 4h / Menhir 4i, solche für die Lebensspenderin bemalte Kiesel, wie sie in grosser Zahl in der französischen Höhle Mas d’Azil zum Vorschein kamen (Museum St. Germain-en-Laye, Paris; aus einem Buch von Marie König). Mögliche Tierformen: Frosch, Kaulquappe, Schildkröte, Fisch, Vogel (Hals und Kopf, stilisiert), Pferd (Hals, Brust und Rumpf, stark stilisiert). Der Ockerkreis auf dem gross abgebildeten froschähnlichen Kiesel mag den fruchtbaren Bauch der Grossen Göttin hervorheben. Ein ähnlicher Kreis wäre als Bemalung auf der Bauchseite von Menhir 26 vorstellbar Menhir 4j / Menhir 4k
Geographie
Im geographischen Sinne mögen die sieben Rabenmenhire das Drei-Seen-Land repräsentieren Menhir 8a / Menhir 8b Die Positionen der Menhire 26 (Froschfrau) und 22 (Laichballen) würden dann dem Plateau von Bevaix am nördlichen Ufer des Neuenburgersees entsprechen, wo in den letzten Jahren viele Menhire zum Vorschein kamen. Die beiden Vogelreliefs auf dem Frühlingsmenhir B (11) könnten im geographischen Sinne das Drei-Seen-Land (oberer Vogel) und den Genfersee wie auch das Wallis darstellen (unterer Vogel) und aus derselben Zeit wie die Menhire von Lutry bei Lausanne datieren Menhir 8c / Menhir 9a Mehr darüber in Teil 3.
Alle Aufnahmen stammen vom 20. April 2002, ungefähr zwei Wochen vor dem einstigen Beltaine-Fest. In unserer wärmeren Zeit beginnt die Vegetationsphase früher. So dürften die Aufnahmen einen Eindruck des neolithischen Yverdon um Beltaine geben. Wir erlebten Sonne, kalten Wind und Nieselregen, danach, auf dem Höhenzug des Jura bei St. Croix am Fuss des Mont Chasseron feinen Schnee und Hagel. Ähnliches Wetter mag damals Anfang Mai geherrscht haben. Copyright aller Aufnahmen © 2002 by Steve Gnädinger.
Neue Aufnahmen der Menhire von Yverdon-Clendy
Die folgenden Aufnahmen stammen von mir (FG), vom 7. Juli 2003, zwischen halb zehn und halb elf am Morgen:
Der Kopf des Grossen Vogels / Vogelmannes, 23. September, Murten Menhjr 54 / Menhjr 55 / Menhjr 56 / Menhjr 57 / Menhjr 58 / Menhjr 59 / Menhjr 60 / Menhjr 61 / Menhjr 62 / Menhjr 63 // Der Menhir evoziert verschiedene Bilder. Von der einen Seite her sieht man eine Halbkugel, die an ein Vogelauge erinnert Menhjr 54 / Der linke Flügel des grossen Rabens, hell der Kopfmenhir. Bei genauem Hinsehen werden Sie das Vogelauge erkennen Menhr 001 / Von der anderen Seite her sieht man eine Art Vogelschnabel Menhjr 56 / Auf mehreren Ansichten glaube ich ein Männerprofil zu sehen, besonders schön in dieser Aufnahme Menhjr 60 / Auf anderen Aufnahmen erinnert der Stein eher an einen Baum oder eine Hand Menhjr 63
Schwanz des Grossen Vogels, 21. Dezember, Les Brenets Menhjr 66
Rechtes Flügelgelenk des Grossen Vogels, (12. August,) Hügel von Cugy Menhjr 67
Korridor der Sommersonnwende, links vorne der Sommermenhir, rechts hinten der Herbstmenhir Menhjr 86
Die Schwangere und ihr Beschützer, nahe beim Frühlingsmenhir, März, Nordufer des Bielersees Menhjr 87 Diese Aufnahme rührt mich an. Als wären die beiden Steine die plastischen Schatten einer schwangeren Frau und ihres Mannes, welche vor fünf- oder sechstausend Jahren über die Erde zogen, zwischen ihnen ein Lichtschein derselben Sonne, die uns leuchtet, ihnen leuchtete, und ebenso unseren Nachfahren leuchten wird.
Teil 1 (oben)
Teil 2 Die frühen Phasen von Stonehenge / Ein kombinierter Sonnen- und Mondkalender / Eine Stele aus Sion / Boissy-aux-Cailles / Lascaux / Chauvet / Das Sommerdreieck Deneb – Wega – Atair auf den Stufen Chauvet, Lascaux, Carnac und in keltischer Zeit Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry (2/3)
Teil 3 Silbermöwe und Morgensonne (ein archäologisches Märchen) / Das Weltei von Carnac / Drei-Seen-Land, Wallis und Genfersee / Bibliographie und Kommentare / Die Fabel von Gorgier und Bevaix / Die Gemini-Steine von Concise-Corcelles Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry (3/3)