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Das Wallis ist ein Mikrokosmos: Es gehört zwar zur Schweiz, ist durch die spezielle Topografie aber fast gänzlich vom restlichen Land abgeschnitten. Die Walliser leben im Land der Viertausender, der Kuhkämpfe und des Cup-Wahnsinns, und man sagt ihnen gern nach, sie seien ein ganz eigenes Völkchen. Selbstredend, dass das Wallis meist auch ein eigenes Wetter hat. Mitten in diesem beeindruckenden Alpenpanorama, im Spital Sion, freuten sich Jeannette und Bernard Perrier am 1. März 1989 über die Geburt ihres zweiten Kindes Michaël.
Die ersten Jahre verbrachte Michaël Perrier in Haute-Nendaz, als «Sandwichkind» zwischen der älteren Schwester Gaëlle und dem jüngeren Loïc. Haute-Nendaz ist vor allem für zweierlei Dinge bekannt: für das Aproz Mineralwasser und sein tolles Skigebiet. Und wer in einem Skigebiet gross wird, der ist vermutlich auf Brettern unterwegs, bevor er richtig laufen kann. Richtig – fast wäre dieses Porträt anstatt in der Matchzeitung in einem Schneesportmagazin erschienen: Bis im Alter von 15 Jahren verfolgte Michaël Perrier nämlich die Karriere eines Nachwuchs-Skistars.
«Ich war vor allem in den technischen Disziplinen stark – Slalom und Riesenslalom. Aber ich bin auch Abfahrten gefahren», so Perrier, «doch eines Tages musste ich einsehen, dass ich mit der absoluten Spitze nicht mithalten kann.» Zur Entscheidung, den Skisport aufzugeben, hat auch eine Wendung in Michaëls Leben beigetragen: Nach der Trennung von Bernard lernte Jeannette Perrier einen Tessiner kennen – und zog mit den Kindern nach Lugano-Paradiso. Für Michaël, damals neun, wurde es zunehmend schwieriger, das Skifahren mit der Schule unter einen Hut zu bringen.
Mit Halbbruder Luca bekam die Patchwork-Familie Zuwachs. Perrier präzisiert: «Für mich ist er aber kein Halbbruder, sondern ein Bruder – denn ich habe ja einen Grossteil meiner Kindheit und Jugend zusammen mit ihm verbracht.» Doch im Tessin gab es nicht nur neue Familienmitglieder, sondern auch neue Freunde: Der Zufall wollte es, dass Michaël im Alter von elf Jahren einen neuen Schulkollegen namens Carlo Polli bekam.
Probetraining dank Weltenbummler
Der ehemalige Challenge-League-Spieler wurde inzwischen zum fussballerischen Weltenbummler und hat mit Amicale FC gerade den Meistertitel in Vanuatu geholt. Die beiden freundeten sich schnell an, und eines Tages verschaffte Polli seinem Freund ein Probetraining beim FC Lugano. Der Walliser überzeugte: «Schon zwei, drei Wochen später spielte ich für Luganos U16, und nicht einmal ein Jahr danach wurde ich ins Team Ticino U18 berufen.» Der Höhenflug ging weiter: Kurz vor seinem 17. Geburtstag debütierte er mit Lugano in der Challenge League.
Ende Saison 2009/10 winkte Michaël Perrier ein Abstecher ins «Campionato Primavera», die italienische Nachwuchs-Meisterschaft. Allerdings blieb dieser Abstecher virtuell, denn Enrico Preziosi hatte hierbei seine Hände im Spiel. Die Geschichte ist bekannt: Der berüchtigte italienische Spielzeugmagnat stürzte Como Calcio nach dem Abstieg in die Serie B ins Chaos, indem er kurzerhand den FC Genua kaufte und sämtliche guten Spieler aus Como dorthin mit- nahm. Leider behandelte er auch seinen neuen Club wie Spielzeug; das Ganze gipfelte in einem unsäglichen Wettskandal.
«Natürlich hätte ich lieber in der Super League gespielt.»
«Enrico Preziosi kaufte sich auch den FC Lugano. Ich gehörte nun also faktisch Genua», so Perrier. Die Hoffnung, in Italien spielen zu können, wurde genährt, als Enrico Preziosi höchstpersönlich die beiden Barrage-Spiele Luganos gegen Bellinzona verfolgte. «Doch nach dem 0:0 im Rückspiel und somit dem Verdikt, weiter in der Challenge League zu verbleiben, verging ihm wohl der Spass.» Perriers Träume von der italienischen Liga platzten also wie eine Seifenblase, und anstatt nach Genua zu fahren, wurde er zum FC Chiasso verfrachtet.
Seine Zeit bei Chiasso liess den jungen Walliser als Persönlichkeit reifen – und brachte ihm auch sonst Vorteile: «Natürlich hätte ich lieber in der Super League gespielt. Doch während meiner Zeit bei Chiasso hatte ich die Möglichkeit, nebenher ein Wirtschaftsstudium zu beginnen.» Mit dem Wechsel zur AC Bellinzona wurde der Traum «Super League» dann wieder greifbarer – zerplatzte allerdings jäh.
Bei der Arbeitslosenkasse angemeldet
«Nach dem Konkurs stand ich von einem Tag auf den anderen auf der Strasse. Dies war keine einfache Zeit für mich, und ich fand mich buchstäblich an einer Weggabelung: Ich würde entweder in der Super League unterkommen oder meine Fussballerkarriere begraben.» Schliesslich fasste Perrier den Entschluss, sein Wirtschaftsstudium ernsthaft zu verfolgen, schrieb sich beim Militär ein und meldete sich bei der Arbeitslosenkasse an. Doch letztere sollte nie eine Auszahlung an Michaël Perrier machen müssen – denn es kam erneut anders als gedacht.
«Durch unser Beziehungsnetz im Wallis», so Perrier, «hatte ich urplötzlich Christian Constantin am Telefon. Er gab mir die Gelegenheit, mich im Probetraining zu beweisen, und bot mir anschliessend eine dreimonatige ‚Probezeit‘ mit Option auf einen Vertrag bis Ende Saison 2015/16 an.» Als Perrier dann Ende September 2014 erstmals für Sion aufs Feld durfte, überzeugte er in den Spielen gegen Lausanne (2:1) und Basel (2:2) so sehr, dass die Option gezogen wurde. Zurück im Wallis, bezog Michaël Perrier zusammen mit seinen Geschwistern Gaëlle und Loïc eine WG.
«Livio Bordoli trainierte mich bereits beim Team Ticino U18, und Raimondo Ponte begegnete ich an mehreren Stationen: bei Chiasso, Bellinzona und Sion.»
Wie schnell es im Fussballbusiness gehen kann, hat der heute 26-Jährige bereits im Tessin erlebt – und musste es in Sion gleich nochmals erfahren: Ende letzter Saison beschied man ihm, dass er trotz Vertrag keine Rolle mehr spiele. Die Suche nach einem Club ging also weiter und endete im vergangenen Juli in Aarau. Hier traf Michaël Perrier auf alte Bekannte: «Livio Bordoli trainierte mich bereits beim Team Ticino U18, und Raimondo Ponte begegnete ich gleich an mehreren Stationen: bei Chiasso, Bellinzona und Sion.»
Ganz wie zu Hause fühlt sich der Mittelfeldspieler allerdings trotz altbekannter Gesichter nicht: «Die Berge fehlen mir hier enorm», gibt Perrier zu, «aber sonst ist alles nach meinem Geschmack: Aarau ist – wie Sion und Lugano – nicht zu gross und nicht zu klein und hat eine wunderschöne Altstadt.» Vor allem die Natur hat es Perrier angetan: Er ist oft entlang der Aare beim Joggen oder Velofahren anzutreffen.
Unterstützung auf der Tribüne
Abermals hat Perrier nun also das Wallis verlassen. Seine Familie im Wallis und Tessin und seine Freundin fehlen ihm natürlich. «Aber ich fahre wann immer möglich nach Hause, und an den Spielen habe ich oft Unterstützung auf der Tribüne.» Familie, das bedeutet dem Walliser sehr viel. Und als Familie betrachtet er auch seine Teamkollegen. Da ist es selbstverständlich, dass man miteinander leidet und sich miteinander freut. Schönstes Beispiel: das 2:1 gegen Xamax Ende August.
«Dieser Sieg hat uns allen natürlich enorm gut getan. Und – ich weiss nicht, ob man das von der Tribüne aus gesehen hat: Als Carlinhos sein Tor erzielte, ist ihm ein solcher Stein vom Herzen gefallen, dass er die Tränen nicht zurückhalten konnte. Und ganz ehrlich: Am liebsten hätte ich mitgeweint», meint Perrier, «so sehr habe ich mich für ihn gefreut.»
Matchzeitung Nr. 5 (2015/16) lesen
Dieser Artikel ist am 26. September 2015 in der Ausgabe Nr. 5 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Schaffhausen erschienen.