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Diese Stellen fanden im Volk und bei dem neugewählten überwiegend liberalen Abgeordnetenhaus den meisten Beifall, da die
kirchliche Reaktion und die russische PolitikFriedrich Wilhelms IV. am meisten verstimmt hatten, und wurden
fast allein beachtet; viel zu wenig dagegen die Worte des Prinzen, in denen er von der notwendigen Heeresreform und den dazu
erforderlichen Geldmitteln sprach, da PreußensHeer mächtig und angesehen sein müsse, wenn Preußen seine Aufgabe erfüllen
solle.
Dies sah der Prinz in der That als seine Hauptaufgabe an, und der Verlauf der Ereignisse von 1859, wo
die Mobilmachung auf große Schwierigkeiten stieß und viele Mängel im Heerwesen aufdeckte, konnte ihn nur darin bestärken.
Leider konnte sich die Majorität des Abgeordnetenhauses nicht entschließen, die Mehrkosten der durchgreifenden Heeresreorganisation,
welche 1860 vorgelegt wurde, im Vertrauen auf des Prinzen konstitutionelle und deutsch-nationale
Gesinnung
und Politik definitiv zu bewilligen. Voll Ungeduld wollte man erst thatsächliche Beweise einer energischen, erfolgreichen
deutschen Politik sehen. Am machte der StudentOskarBecker in Baden-Baden
[* 27] sogar ein Attentat auf Wilhelm, der nach Friedrich
Wilhelms Tod wirklich König geworden war, verwundete ihn aber nur leicht.
Die Krönung welche Wilhelm veranstaltete, um die von dem Parlament unabhängige Macht des Königtums zu betonen, verstärkte
das Mißtrauen gegen die konstitutionellen Ansichten des Königs; die Neuwahlen fielen fortschrittlich aus, und mit
dem Rücktritt des Ministeriums der NeuenÄra das der König fallen ließ, weil es die gesetzliche
Genehmigung der thatsächlich bereits durchgeführten Heeresreorganisation nicht erreichen konnte, begann der Verfassungskonflikt,
in dem der König sein eigenstes Werk, die Reorganisation, mit Standhaftigkeit festhielt und für das MinisteriumBismarck so
verhaßt es war, in seinen Konflikten mit dem Abgeordnetenhaus mit seiner ganzen königlichen Autorität,
obwohl erfolglos, eintrat; ja, der König verlor selbst rasch seine frühere Popularität, wie sich besonders bei den 50jährigen
Erinnerungsfesten an die Befreiungskriege und an die Vereinigung verschiedener Provinzen mit Preußen 1863-65 zeigte.
Obwohl Wilhelm schwer darunter litt, daß ihm die Herzen des Volkes entfremdet wurden, blieb er doch in der
Verteidigung der Rechte derKrone standhaft. Während unter diesen Umständen die Reformen im Innern völlig stockten, ja vielfach
ein schroffes Polizeiregiment zur Herrschaft kam, verfolgte der König unter Bismarcks ebenso kühnem wie staatsklugem Beirat
eine entschiedene Politik in der deutschen Frage. Da aber die damalige öffentliche Meinung den König und
Bismarck völlig verkannte, so hielt man das Verhalten des Königs gegen den Fürstenkongreß 1863 und in der schleswig-holsteinischen
Sache 1864 für bloße Spiegelfechterei und ließ sich nicht versöhnen. Um nun den Konflikt zu beenden, ohne die mit vieler
Mühe vortrefflich durchgeführte Heeresreorganisation preisgeben zu müssen, brachte der König seine Legitimitätsansichten
zum Opfer und ging, wiewohl widerstrebend, auf Bismarcks geniale Politik ein, welche 1866 zum Entscheidungskampf mit Österreich
führte. In diesem übernahm der König selbst den Oberbefehl über das Heer und errang den glänzenden Sieg bei Königgrätz.
[* 28]
Bei den Friedensverhandlungen verzichtete er nur ungern auf die AnnexionSachsens, um Bismarcks deutsche
Einigungspläne nicht zu durchkreuzen, und bot dem Landtag durch das Indemnitätsgesetz die erste Hand
[* 29] zum Frieden. Dieselbe
wurde freudig ergriffen und der Einklang zwischen Monarch und Volk wiederhergestellt. Die militärische Fürsorge des Königs
hatte sich herrlich bewährt. Durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes vom ward Wilhelm Präsident
desselben. Im Innern lenkte er mehr und mehr wieder in die liberale Bahn ein.
Rastlos widmete er sich wieder den Regierungsgeschäften, sowohl der Vollendung der militärischen Organisation des DeutschenReichs als der innern Reform des preußischen Staatswesens. Wie immer pflichtgetreu und streng gesetzlich,
hielt er in dem sogen. Kulturkampf gegenüber allen ultramontanen Schmeicheleien und Drohungen entschlossen zu seinen Ministern
und wies die Anmaßung des Papstes in seinem berühmten Schreiben vom ebenso entschieden wie würdig zurück.
Durch die Erfolge dieser unermüdlichen, aufopfernden Thätigkeit für das Gemeinwohl erlangte Wilhelm eine
außerordentliche Beliebtheit, die sich bei seinem 70jährigen Militärjubiläum und an seinem 80. Geburtstag
in großartigen Huldigungen aller Stände des deutschen Volkes bewährte. Selten war es einem Fürsten zu teil geworden, wie
ihm, noch in hohem Alter, am Spätabend seines Lebens, seinem Haus und Staat solche Ehren zu erringen und
nicht bloß der älteste, sondern auch der angesehenste und mächtigste Monarch Europas zu sein.
Der Thäter, KarlNobiling, wurde, durch einen Selbstmordversuch schwer verletzt, ergriffen. Obwohl der Kaiser so krank wurde,
daß er 4. Juni den Kronprinzen zum Stellvertreter ernennen mußte, so bewahrte er dennoch unerschütterliche
Seelenruhe und Gleichmut. Unter sorgfältigster Pflege der Ärzte erholte er sich allmählich von der schweren Verwundung und
kehrte nach längerm Aufenthalt in Baden und Wiesbaden
[* 37] 5. Dez. nach Berlin zurück, wo er die Regierung wieder übernahm.
Wilhelm war von großer, imposanter Gestalt und regelmäßigen, angenehmen und freundlichen Gesichtszügen. Geregelte
Thätigkeit und einfache, mäßige Lebensweise bewahrten ihm bis in sein hohes Alter eine seltene körperliche
Rüstigkeit und geistige Frische. Allgemein bewundert wurden seine Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehr und seine unermüdliche
Ausdauer in der Erfüllung seiner Pflichten als Monarch sowohl in Staatsgeschäften wie bei den offiziellen Festen.
»Einfach, bieder und verständig«, so hatte seine Mutter ihn 1810 bezeichnet, und so entwickelte er sich
harmonisch. Hervorragende, glänzende Geistesgaben zeichneten ihn nicht aus; hauptsächlich nur für militärische und politische
Dinge zeigte er Vorliebe, eingehendes Verständnis und selbständiges Urteil, weniger für Künste und Wissenschaften. Bedeutender
waren seine Charaktereigenschaften: seine Wahrheitsliebe, Treue, Dankbarkeit, sein sittlicher Mut, seine Standhaftigkeit in
gefährlichen, seine Mäßigung in glücklichen Lagen.