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Drei auf sich bezogene Gebäudegruppen ergänzen die Fragment gebliebene Grosssiedlung aus den 60er-Jahren und definieren neue Kristallisationspunkte in der idyllischen Landschaftskammer. Die raue Erscheinung der sorgfältig gefügten Fassadenelemente aus Klinker und Beton kontrastiert mit dem verwachsenen dichten Grün des baumgesäumten Limmatufers.
Studienauftrag, 3. Rang, August 2016
Una cittadina vera*
Im Norden die baumbestandene Limmatschlaufe, im Süden die steile Böschung mit der Bahn; das Zusammenspiel dieser Elemente mit dem gebauten Fragment der städtebaulichen Idee aus den 60er-Jahren, prägt die funktional isolierte, idyllische Landschaftskammer und bestimmt gleichzeitig den eingeschriebenen, genetischen Code des Areals für die Fortsetzung der baulichen und freiräumlichen Entwicklung.
Die Arealgeschichte als ortsbauliche und architektonische Herausforderung
Die Ausgangslage dieses städtebaulichen Fragments der Moderne im Brisgi beginnt in den 50-er Jahren mit der BBC, der heutigen ABB: «Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist so angespannt, dass eine Fabrik auf dem Lande ihren Arbeitern nicht nur Geld, sondern auch eine komfortable städtische Wohnung anbieten muss. Es entstanden werkeigene Wohnungen auf einem Niveau, auf welchem die Spekulation nicht konkurrieren kann.»1 Die gesammelten Erfahrungen in der von den Architekten Charles-Edouard Geisendorf und Robert Winkler für die BBC gebauten Wohnsiedlung «In den Wyden» in Birr bildet die Ausgangslage für das Projekt Brisgi im Kappelerhof: «… In Anlehnung an die bekannte Wohnsiedlung in Birr, wo dieselben Wohnhäuser zur Ausführung kamen wie die 9-geschossigen Bauten im Brisgi.»2 wurde das für die Fremdarbeiter errichtete Barackendorf durch eine «echte kleine Stadt» ersetzt.3
In der Mitte der Anlage planten die Architekten, ein Quartierzentrum mit einer beträchtlichen Anzahl an kollektiven Einrichtungen, einer Post und Infrastrukturbauten für den öffentlichen Verkehr. Wie so oft bei diesen städtebaulichen Planungen wurden die Infrastrukturbauten und die sozialen Begegnungszonen für diese damalige, dem Positivismus geschuldete Zukunftsidee nie gebaut. Geblieben und inzwischen saniert sind die Wohnbauten. Die wenigen, gemeinschaftlichen Anlagen wurden aufgegeben, umgewidmet oder sind versandet. Das Individuelle ersetzte das Kollektiv.
Der Wettbewerb Mitte 90-er Jahre war geprägt durch die Gegenüberstellung von zwei gegensätzlichen Strategien: Die eigenständige «Grossform» (1. Preis) und die «Solitärbauten im Park», in Anlehnung an die bereits im Areal eingeschriebene Moderne.
Die Umsetzung wurde 1996 mit folgender Begründung abgebrochen: «Die künstliche Urbanität des Projektes, die Nähe zur Innenstadt und die Ähnlichkeit zum Projekt Ruschenbach könnten zu einer Konkurrenz (City-Park) führen, weshalb das Brisgi-Areal nicht forciert werden sollte.» 4–5 Jahre später wurde über eine Testplanung ein neues Bebauungskonzept ermittelt. Der Vorschlag, die bestehenden Hochhäuser auf drei voneinander isolierten und durch Grünräume getrennten Bebauungscluster zu ergänzen, bildet die planerische Grundlage des städtebaulichen Entwurfes für das neue Quartier.
In Anlehnung an eine «cittadina vera» stehen die Gebäude unserer Cluster nicht auf künstlichen Sockelbauten, sie stehen auf dem Boden der Landschaftsebene und sind in der natürlichen Topographie verankert. Die Adressierung erfolgt nicht entlang der Geleise über die Brisgistrasse, sondern über die direkt nach dem Bahnübergang in das Quartier führende Alte Brisgistrasse. Diese weitet sich zwischen den Gebäudegruppen jeweils zu einem Platz und bindet in ihrer Fortsetzung sämtliche Wohnbauten zusammen. Sie wird so zur «Hauptstrasse» für das ganze Quartier und führt durch die Freiraumzonen auf die Platzräume der Häuser, welche in ihrer Stellung sowohl die dem Areal eingeschriebene Geometrie der bestehenden Häuser wie auch diejenige der Hangkante übernehmen. Das Kollektive ergänzt das Individuelle.
Die Moderne: «sowohl als auch» für die architektonische und bauliche Gestalt
Den Platzräumen zugewandte, volumetrisch unterschiedlich ausgebildete Sockelgeschosse verankern die Gebäude in der umgebenden Topographie. In den erweiterten Erdgeschossflächen verbindet eine «rue Interieure» jeweils die beiden Treppenhäuser der einzelnen Gebäude. Diese nehmen die kollektiven Nutzungen wie die Eingangshalle, Gemeinschaftsräume, Waschräume sowie Dienstleistungs- und Gewerberäume auf. Die Raumsequenzen können über zusätzliche Treppen auf das 1. Obergeschoss und die Galerien erweitert werden.
Die einfache strukturelle Logik der Wohngeschosse lässt eine Vielfalt an Nutzungszuordnungen und Wohnungstypen zu. Je nach Gebäudestellung reagieren die Grundrisse unterschiedlich auf die Lage zwischen der Aussicht im Norden und dem Sonnenlicht im Süden und stehen somit in spezifischer Beziehung zur umgebenden Landschaft. Der differenziert ausgebildete Raum zwischen innerer und äusserer Fassadenschicht nimmt sowohl Bezug auf die Grundrisse der einzelnen Wohnungen als auch auf deren Lage innerhalb des Siedlungsgefüges. Er ist zugleich Filter zur unmittelbaren Nachbarschaft und Erinnerung an die Gestaltungsprinzipien der umliegenden Hochhausfassaden. Leichte Variationen im Spiel mit den Konstruktionselementen der Balkone kaschierten die Strenge der hinter den Fassaden liegenden rationellen Grundrisse der bestehenden Gebäude. Mit ihrer intelligenten energetischen Sanierung der beiden neungeschossigen Wohnhäuser Anfang der 90er-Jahre gelang Metron eine überzeugende Variation des Themas. «Geisendorfs Fassaden spielten mit zweigeschossigen Loggias, obwohl im ganzen Turm nur Geschosswohnungen vorhanden sind. (...) Neu laufen die Balkone vor allen Wohnungen durch. Allein die Gitterbrüstungen an ausgesuchten Stellen erinnern an Geisendorfs Loggias.»
Die raue Erscheinung von Beton, Klinker und Metallstaketen sowie die sorgfältige Fügung der einzelnen Elemente prägen auch die Fassaden der Neubauten. Der gewaltigen, baumdurchsetzten Landschaft werden somit neun weitere effizient organisierte und präzise detaillierte «Rohlinge» beigefügt. Die Vereinigung zeitgemässer Anforderungen des genossenschaftlichen Wohnungsbaus mit den strukturellen Qualitäten der Moderne, in unserem Fall den Wohnbauten von Charles-Edouard Geisendorf und Robert Winkler sowie deren Überlagerung mit der klassischen Syntax architektonischer Themen soll zu einer vielfältigen, für den Ort und die Aufgabe entwickelten Architektur führen.
* Aus: «Unterkünfte für die Töchter und Söhne des Südens», Barbara Welter
1 L.B.: Brown-Boveri-Wohnsiedlung «In den Wyden» in Birr. In: Werk. Band 49, Nr. 3, 1962, S. 89 ff., doi:10.5169/ seals-38396
2 «Wolkenkratzer ersetzen Barackendorf», Badener Tagblatt, Nr. 195, 23.08.1966
3 Der als Ersatz für das provisorische Barackendorf geplanten Hochhaussiedlung im Brisgi lag die Absicht zugrunde, den in grosser Zahl anwesenden ausländischer Arbeitskräfte ein «richtiges Zuhause», «una Cittadina Vera» anzubieten. Welter, Barbara. Unterkünfte für die Töchter und die Söhne de Südens. Die Gastarbeitersiedlungen der BBC in Baden und Rieden. Badener Neujahrsblätter, B. 79 (2004)