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Ein Mann, ein Buch, eine Hauswand. Samstagnachmittag in der Stadt. Mila sitzt in ihrem Lieblingscafé am Fenster und beobachtet den jungen Mann mit dem schwarzen Haarschopf, der wie in einem James-Dean-Film lässig an der Wand des Altstadthauses gegenüber lehnt. Und liest. Nur die Zigarette im Mundwinkel fehlt. Wow, denkt Mila und nimmt einen Schluck ihres Espresso Latte. Sie blickt nach rechts, wo ein älterer Mann in sein Handy vertieft ist, eine leere Kaffeetasse vor sich und einen Teller mit braunen Krümeln. Auf der linken Seite sitzt eine Frau mit braunem Lockenkopf und telefoniert. Sie gibt sich keine Mühe, leise zu sprechen. Mila erfährt, dass ihre Nachbarin die Sandwiches hier am allerbesten, wirklich!, in der ganzen Stadt findet. Und dass sie so gross sind, dass sie sich manchmal eines teilt und immer noch satt davon wird. Sie nähme immer Parmesan und Rucola. So fein!
Mia schaut wieder aus dem Fenster, hinüber zu dem jungen Mann, der seltsamerweise kein Telefon in der Hand hält. Was er dort drüben wohl macht? Ein bisschen "City", so wie Ken im Barbie-Film, der als Beruf "Beach" ausübt: Am Strand stehen, die Muskeln spielen lassen und gut aussehen? Mila bleibt sitzen, obwohl sie bereits den letzten Rest Schaum aus ihrer Tasse gelöffelt hat.
Von rechts nähert sich eine Saatkrähe und landet direkt oberhalb des Mannes auf einem Halteverbotsschild, das quer zur Hausmauer montiert ist. Mila ahnt, was nun passieren wird und dann doch überrascht, als es passiert: Die Krähe hebt ihre Schwanzfedern ein wenig und lässt einen hellen Klecks fallen. Dann flattert sie weg. Noch bevor der Mann, der zusammengezuckt ist, den Kopf in den Nacken wirft und die Hausmauer sowie den Himmel absucht. Er gerät nun in Bewegung, fährt sich durch die Haare, blickt auf seine Hände, zieht den Kragen seiner Jacke nach vorne, schiebt sie halb von den Schultern, dann wieder hoch. Dann tippelt er im Kreis wie ein Tanzbär, läuft nach rechts, dann nach links und verschwindet hinter einer Säule. Wenig später taucht er mit einem Stapel Servietten auf und wischt auf seinem Kopf herum. Wieder blickt er nach oben, fährt sich durch die Haare, zieht die Jacke aus und untersucht sie.
Dann hellt sich sein Gesicht auf und er begrüsst eine junge Frau mit schwarzem, langen Zopf. Aus seinen Handbewegungen schliesst Mila, dass er ihr erzählt, was passiert ist. Er beugt sich hinab, sie inspiziert sein Haar. Dann gehen sie fröhlich lachend miteinander weg und verschwinden aus Milas Blickfeld. Diese führt ihre Tasse an den Mund, bemerkt dass sie kalt und leer ist und hält inne. "Auch noch einen Kaffee? Espresso Latte hatten Sie? Oder was darf ich ihnen bringen?" Mila schaut nach rechts, wo der ältere Herr inzwischen sein Handy weggelegt hat und ihr ein Haifischgrinsen schenkt.
"Danke, nichts", hört Mila sich antworten und steht auf. "Ich hatte genug." Sie ringt sich ein Lächeln ab, nimmt ihren Mantel und schiebt den Stuhl zurück. Ohne auf den Mann zu achten, tritt sie auf die Strasse und blickt in den Himmel. Er ist grau wie eine Stadttaube. Krähen sind keine zu sehen.