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Weshalb dauerte die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz so lange? Regina Wecker, emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte und Pionierin der Geschlechterforschung in der Schweiz, ordnet diesen Umstand gegenüber Telebasel ein. Im Interview erläutert sie, wo es noch heute Lücken gibt, und was die Corona-Krise für den Kampf um Gleichstellung bedeutet.
Telebasel: 1971 wurde das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt. Was hat dieses Jahr besonders gemacht, dass es dann nach vielen Anläufen geklappt hat?
Regina Wecker: Dass die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) 1969 mit dem Vorbehalt des Frauenstimmrechts unterzeichnen wollte, hat die Frauen empört und zu einem erneuten Anlauf motiviert, vehement, mit Nachdruck und mit Demonstrationen eine Abstimmung zu verlangen, und den Abstimmungskampf zu führen. Die spätere Zürcher Stadträtin und Ständerätin spielte hier eine entscheidende Rolle. Nachdem 1959 die erste eidgenössische Abstimmung sehr hoch verloren wurde, waren 1971 die Voraussetzungen besser: Es gab bereits in den Westschweizer Kantonen seit über zehn Jahren das kantonale Stimm- und Wahlrecht. Basel Stadt hatte 1966 nachgezogen und weitere Deutschschweizer Kantone waren gefolgt. Die neue Frauenbewegung und die Studentenbewegung begann die Schweizer Gesellschaft zu verändern. Die jüngere Generation der Männer war eher bereit, sich den anderen europäischen Staaten anzugleichen. Sie beharrten nicht mehr auf dem «Sonderfall» Schweiz. Vielleicht war die politische Beteiligung für sie auch nicht mehr so zentral – nicht mehr Inbegriff von Schweizer Männlichkeit.
Mit 1848 war die Schweiz früh demokratisiert, weshalb dauerte es mit dem Frauenstimmrecht so lange?
Dass 1848 bereits das allgemeine Männerwahlrecht eingeführt wurde, hat sich wohl eher als Nachteil für das Frauenwahlrecht erwiesen: Durch die frühe Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts verlief in der Schweiz die Grenze zwischen Wahlberechtigten und Nicht-Wahlberechtigten Staatsangehörigen entlang der Geschlechtergrenze. Diskriminierungen oder Ausschlüsse, die «nur» Frauen betreffen, lassen sich schwerer ändern. Als Beispiel ist hier die Mutterschaftsversicherung zu nennen. Politische Vorstösse liessen sich immer wieder leicht «schubladisieren». In England aber auch in Deutschland gab es bis 1900 zum Teil bis 1918 Ausschlüsse vom Wahlrecht auch für Männer, etwa Altersgrenzen, Besitzqualifikationen und so weiter. In Deutschland hat sich das 1919 durch die Weimarer Verfassung «auf einen Streich» und zusammen mit dem Einschluss der Frauen verändert.
Gab es konkrete historische Ereignisse, die dazu beitrugen, dass die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz so lange auf sich warten liess?
Die politische Struktur der Schweiz, in der über alle Verfassungsänderungen abgestimmt und für die Annahme ein Mehrheit von Volk und Ständen nötig ist, gehört zu den Gründen dieser langen Ungleichheit. Dass man allerdings auf dieser Verfassungsänderung bestand, war eine bewusste Entscheidung. Die Einführung des Frauen- Stimm- und Wahlrechts wurde explizit als «normale» Verfassungsänderung gewertet. Alle Versuche von Frauenverbänden bzw. auch von (männlichen) Parlamentariern (z.B. Peter von Roten im NR 1951), das auf dem Definitionsweg oder unter dem Anspruch auf Rechtsgleichheit (von BV Art. 4) zu ändern, scheiterten. Man war nicht bereit in die Verfassungsbestimmung von 1848 und 1874 «Alle Schweizer sind vor dem Gesetz gleich» (BV Art. 4) auch die Schweizerinnen einzubeziehen.
Wie kann man sich erklären, dass die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz zudem so viel später als in vielen europäischen Ländern erfolgte?
Zusätzlich zur vorherigen Begründung kann man noch anführen, dass die Schweiz, anders als z.B. Deutschland, seit 1848 nicht mehr zu einer vollständigen politischen Neuordnung gezwungen war. In Deutschland wurde nach dem ersten Weltkrieg 1919 eine neue demokratische Ordnung geschaffen und das Frauenwahlrecht in der Verfassung durch die Nationalversammlung verankert – also nicht durch eine Volksabstimmung..
Absegnen mussten das Frauenstimmrecht in der Schweiz schliesslich die Männer. Gibt es in der jüngeren Geschichte ähnliche Paradoxa?
Die Befürworter des Stimmrechtsalters 16 argumentieren, dass die meisten Entscheidungen vor allem die jüngere Generation betreffen – ohne dass sie dazu etwas zu sagen hätten. Sie argumentieren übrigens gerade jetzt auch sehr stark mit der Art, wie das Frauenstimmrecht eingeführt wurde: die politische Gleichstellung erfolgte 1971 vor der zivilrechtlichen gesetzlichen Gleichstellung, die erst durch das Gleichstellungsgesetz 1995 erfolgte. Auch beim Stimm- und Wahlrecht für Ausländer wird geltend gemacht, dass sie sich nicht an den politischen Entscheidungen beteiligen können, die sie ebenso betreffen wie Schweizer Staatsangehörige.
Welche direkten und indirekten Erfolge zog die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz nach sich?
Bei den Abstimmungen wissen wir, dass die wichtige Verfassungsänderung, die 1981 gleiche Rechte für Mann und Frau verankerte, ohne die Stimmen der Frauen abgelehnt worden wäre. Das gleiche gilt für das neuen Eherecht und die Mutterschaftsversicherung. Das heisst, dass wichtige gesellschaftliche Veränderungen ohne Frauenstimmrecht ausgeblieben wären. Heute ist ein hoher Frauenanteil bei Gewählten nicht ohne Frauen als Wählerinnen denkbar. Frauen in den Parlamenten sind stärker an sozialen Fragen, an Umwelt- und Erziehungsfragen interessiert, wie ihre Postulate in den kantonalen und nationalen Parlamenten bezeugen, und sie stimmen «sozialer» und «grüner».
Gibt es dafür Beispiele in der Region Basel?
Gleichstellungspolitische Vorstösse werden mehrheitlich von Frauen eingereicht, wie die Liste der Vorstösse im Basler Grossen Rat zeigt, die gerade jetzt zum Beispiel die Betreuungsarbeit oder «Care-Arbeit», aber auch eine geschlechtergerechte Besteuerung betreffen.
Wo bestehen weiterhin Lücken und Ungleichheiten?
Die Lohnungleichheit und als Folge auch die schlechte soziale Absicherung und die Altersrenten sind die gravierenden Probleme für Frauen. Die niedrigeren Löhne und die davon abhängigen Sozialabgaben führen dazu, dass Männer fast doppelt soviel Renten aus den Pensionskassen beziehen wie Frauen. Ebenso ist die Forderung nach bezahlbarer, ausreichender und qualitativ guter Kinderbetreuung weiterhin ein Dauerbrenner. Sie führt dazu, Frauen in der Schweiz besonders oft Teilzeitarbeit verrichten – mit den genannten Lohnnachteilen.
Gibt es auch hier regionale Beispiele?
Ich greife das Beispiel der Kinderbetreuung (KITA) heraus. Obwohl die Region Basel sicher im gesamtschweizerischen Vergleich in Bezug auf Kitas nicht ganz schlecht dasteht, klagen Kita-Betreiberinnen, dass von Kanton und Gemeinden in Baselland kaum kostendeckende, die Elternbeiträge ergänzende Subventionen gezahlt werden. Das führt zu Kostendruck, zu Einsparungen beim Personal, bzw. zum Ausweichen auf weniger gut qualifiziertes Personal. Die Frage der Qualität der Kitas – die ja auch immer eine Frage der Kosten ist – war auch kürzlich in Basel-Stadt Gegenstand einer Interpellation im Grossen Rat.
Sie sind emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte und eine Pionierin der Geschlechterforschung in der Schweiz – wegen welchen Faktoren haben Sie sich damals entschieden, Frauen- und Geschlechtergeschichte zu erforschen?
Die neue Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre prangerte nicht nur die Diskriminierung von Frauen an, sie fragte auch nach deren historischer Entstehung. Für die Schweiz waren aber nur wenige Untersuchungen bekannt – es bestand grosser Forschungsbedarf, der die Geschichte der «anderen Hälfte» der Bevölkerung betraf und auch die «Männergeschichte» unter einer Geschlechterperspektive betrachtete. Ich war damals Assistentin an einem Lehrstuhl, zu dessen Themen die Geschichte der USA gehörte. In den USA hatte «Women’s History» und «Women Studies» in den 60er Jahren bereits zu neuen Fragestellungen und neuer Forschungsliteratur geführt, die Impulse für die europäische und auch Schweizer Geschichte gaben. Die konnte ich nutzen.
Schliesslich wurde an der Universität Basel eine Professur für Frauen- und Geschlechtergeschichte geschaffen. Wie gestaltete sich Ihr Weg dorthin?
Es gab zunächst eher informelle Arbeitsgemeinschaften oder einzelne Seminare mit geschlechtergeschichtlicher Ausrichtung. Die Nachfrage von Studentinnen und Assistentinnen führte dann zur Verstetigung des Angebots, sehr oft durch Gastdozentinnen. 1993 wurde meine befristete Assistenzprofessur aus dem Bundesprogramm für Nachwuchsförderung geschaffen, 1997 dann im Departement Geschichte (damals Historisches Seminar) die Professur geschaffen. Dafür war sowohl das Interesse der Studierenden als auch die Unterstützung der Kollegen und Kolleginnen des Departements Geschichte sehr wichtig.
Ihre Forschungsarbeit hat schliesslich zur Einrichtung des Fachs Gender Studies an der Universität Basel beigetragen und die Einführung von Gender Studies an den Schweizer Universitäten beschleunigt – welche Ihrer Errungenschaften macht Sie besonders stolz?
Frauen- und Geschlechtergeschichte hat dazu beigetragen, dass bei historischer Forschung Geschlecht als wichtige Kategorie wahrgenommen wird. Es wird explizit danach gefragt, wie unterschiedlich Männer und Frauen von bestimmten Entwicklungen betroffen sind oder wie unterschiedlich sie diese Entwicklungen wahrnehmen und gestalten. Das hat auch gezeigt, wie wichtig diese Perspektive für die die Gegenwart wichtig ist. Das ist aber keine permanente «Errungenschaft». Auch wenn man kaum noch hinter diese Erkenntnisse zurück kann, werden sie im Konkreten immer wieder «vergessen» – gerade weil sie so selbstverständlich scheinen. Auch die Etablierung von Geschlechtergeschichte und Gender Studies in den Unterrichtsprogrammen und den Professuren ist bekanntlich nicht in festgeschrieben. Es macht mich durchaus stolz, dass es gelungen ist, einen gesamtschweizerischen Austausch in Forschung und Lehre zu etablieren. Er wurde zunächst durch das Bundesprogramm Chancengleichheit auch finanziell gefördert. Nach dem bedauerlichen Ende dieser Förderung obliegt die Förderung zwar wieder den einzelnen Universitäten, aber die Fachgesellschaft, die «Schweizerische Gesellschaft für Geschlechterforschung» (SGGF), an deren Gründung ich massgeblich beteiligt war, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen gesamtschweizerischen Austausch durch Veranstaltungen und Seminare aufrecht zu erhalten. Nach mir hatte Andrea Maihofer, Prof. für Gender Studies der Uni Basel lange diese im Jahr 2000 gegründete Gesellschaft geleitet, heute ist Janine Dahinden, Professorin der Universität Neuenburg, ihre Präsidentin.
Was waren die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Kampf um Gleichberechtigung auf wissenschaftlicher Ebene gegenüber der politischen Ebene?
Die Zulassung von Frauen zum Studium erfolgte an der Uni Zürich schon 1868 und selbst an der Uni Basel, dem «Schlusslicht», durften Frauen ab 1890 studieren. Das ist im europäischen Kontext erstaunlich früh. Hier war die Schweiz für einmal wirklich Pionierin. Länger dauerte es, bis Frauen unterrichten konnten. Die erste ausserordentliche Professorin wurde an der Uni Basel 1938 ernannt, die erste ordentliche Professorin 1964, aber doch immerhin noch Jahre vor der Einführung des Stimmrechts. Frauen durften also studieren und akademische Berufe ausüben, aber nicht abstimmen. Vergleichbar ist, dass auch Wissenschaftlerinnen lange um Anerkennung ihrer Leistungen kämpfen mussten und dass Leistungen von Frauen und Bereiche, in denen Frauen tätig sind, «automatisch» als weniger wichtig eingeschätzt werden.
In der Schweiz herrscht mit der Corona-Pandemie eine der grössten globalen Krisen des neuen Jahrtausends: Was für negative Folgen kann eine solche Krise für den andauernden Kampf um Gleichstellung haben?
Es könnte zur Folge haben, dass Gleichstellungsfragen nicht als Teil von Prozessen zur Überwindung der Krise gewertet werden, sondern als etwas, das dann als nebensächlich angesehen wird, das «wir uns jetzt wegen der Krise nicht mehr leisten können».
Welche Chancen liegen in einer solchen Krise?
Die Krise selbst wirkt wie ein Brennglas, durch das man Probleme deutlicher sieht. Dazu gehört zweifellos die schlechte Bezahlung und auch die fehlende Wertschätzung für viele Berufe, die für unsere Gesellschaft zentral sind und mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden: Krankenpflege, Verkauf oder Kinderbetreuung gehören etwa dazu. Zu einer Chance wird die Krise aber erst, wenn man sie auch ergreift und bereit ist, die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zudem hat die Krise gezeigt, wie wichtig naturwissenschaftliche insbesondere medizinische Forschung ist. Sie zeigt aber auch, dass der Erfolg dieser Forschung nicht unwesentlich von Kommunikationsprozessen abhängt, die die Kenntnis des «Funktionierens» unserer Gesellschaft voraussetzt: Ein Plädoyer, neben den Naturwissenschaften auch die zentrale Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften zu erkennen und sie zu fördern.
Regina Wecker war bis 2009 Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte. Sie hat die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG) bis 2014 präsidiert. Zur Zeit ist sie Präsidentin des Stiftungsrates des Projekts Basler Geschichte (Stadt-Geschichte-Basel).