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Ausgestorbene Tiere
Der urzeitliche König der Lüfte
Der Albatros und der Andenkondor sind die grössten flugfähigen Vögel der Neuzeit. Doch die Megafaunen der Urzeit haben unter den Vögeln deutlich imposantere Arten hervorgebracht.
Totgesagte leben manchmal länger Ausgestorbene Tiere
Der Kaiser hämmert nicht mehr Ausgestorbene Tiere
Der Zwerg unter den Kängurus
Argentavis magnificens heisst der mächtigste Vogel, der sich nach aktuellem Kenntnisstand jemals in die Lüfte erhoben hat. Am Boden stehend war er bis zu zwei Meter gross, und mit acht Metern erreichte dieser geierartige Vogel die Flügelspannweite eines zweisitzigen Propellerflugzeugs. Die gewaltigen Schwingen vermochten ein Körpergewicht von wohl rund 80 Kilogramm zu tragen. Sie bestanden aus einem Oberarmknochen von der Länge eines menschlichen Arms, und die tragenden Flugfedern waren mit anderthalb Metern länger als ein Golfschläger.
Ein gekrümmter Raubvogelschnabel, vier Mal so gross wie der grösste Raubvogelschnabel der Gegenwart, vervollständigt das Bild eines Riesen, neben dem Albatros und Andenkondor zwergenhaft erscheinen. Diese Dimensionen machen Argentavis zu einem der grössten Tiere überhaupt, welche die Lüfte je eroberten: Nur einige Flugsaurier wurden noch grösser, etwa die verschiedenen Arten der Pterosaurier (siehe «Tierwelt» Nr. 20/2014).
Die fossilen Funde von Argentavis magnificens stammen aus dem heutigen Zentral- und Nordwest-Argentinien und sind rund sechs Millionen Jahre alt. Sie weisen skelettale Merkmale von Neuweltgeiern auf, und auch solche von Störchen und Pelikanen sowie ganz eigene. Es musste deshalb eine neue Familie (Teratornithidae) geschaffen werden, in der neben Argentavis auch einige andere Urweltvogel-Arten Unterschlupf finden.
Ein Raubvogel, aber kein Jäger
Diese Familie hatte ihren Ursprung wahrscheinlich im südlichen Zipfel Südamerikas. Von dort aus stiessen ihre Vertreter nach Norden vor, und nach der Entstehung der Landbrücke von Panama eroberte die Familie im Zuge des grossen amerikanischen Faunentauschs auch den nordamerikanischen Kontinent.
Die aus der gewaltigen Grösse resultierende Unbeweglichkeit von Argentavis magnificens legt nahe, dass der Raubvogel kein Jäger gewesen sein kann. Vielmehr nimmt man an, dass er sich wie der Andenkondor von Aas ernährte. Und aufgrund anatomischer Ähnlichkeiten mit Letzterem wird vermutet, dass auch Argentavis magnificens ein hervorragender Segler war, der mit Thermik und Aufwinden umzugehen wusste. Nur wie der riesige Vogel sein immenses Körpergewicht in die Luft brachte, gibt der Wissenschaft noch Rätsel auf. Dass er dies mittels schierer Muskelkraft erreichte, erscheint unmöglich. Aufgrund skelettaler Merkmale der Argentavis-Fossilien muss sogar angenommen werden, dass seine Hauptflugmuskulatur für ausdauernde, kräftige Flügelschläge zu schwach ausgeprägt war.
Man vermutet deshalb, dass sich Argentavis der Starttechnik heutiger Hängegleiter bediente, sich Abhänge hinunterstürzte, um sich von den stetigen, starken Westwinden auffangen zu lassen, die im südlichen Südamerika herrschten, bevor die Anden sich zu ihrer heutigen Höhe erhoben.
Ernst Probst am 03.10.2014 um 10:20 Uhr
Über Argentavis und andere gefiederte Giganten informiert das Taschenbuch Vogelriesen der Urzeit (2014), das im GRIN-Verlag (München) erschienen ist.