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Eine Frau spielt Cello - manchmal allein, manchmal zusammen mit ihren beiden Schwestern, oder als Mitglied eines gemischten Quartetts. Die Cellistin erzählt uns ihr Leben in einem ununterbrochenen Monolog. Sie ist die berühmte Regina Schein, die „Cellokönigin von Zürich“ wie sie in den dreissiger Jahren von der Presse genannt wurde.
Das bewegte Leben dieser Künstlerin, reich an Höhen und Tiefen, ist wahrlich der Stoff aus dem Filme gemacht sind! In einer russisch-jüdischen Emigranten Familie in Zürich aufgewachsen, wurde ihr Talent für das Cello bereits früh erkannt und gefördert. Zusammen mit ihren beiden Schwestern und dem Vater bildet sie das Familienorchester Schein, das zu einer Institution in Zürich wird, zu einer Zeit, da es auch hier noch Salonmusik und Kinoorchester gibt. Zweimal geht sie die Ehe mit einem viel älteren Mann ein. Der erste sich entpuppt als Versager und Schmarotzer, der zweite fördert, als ihr Lehrer und Impresario, den Aufbau ihrer internationalen Karriere. Schauplätze dieser Ehen sind die Philippinen, Wien, Israel. In Haifa lernt sie ihren dritten Ehemann kennen, ihre erste grosse Liebe, mit dem sie ihre beiden Kinder hat. Mit ihm lebt sie zeitweise in Indien, Kenya und England, sie lernt den Luxus, aber auch die Armut kennen. Diese Ehe zerbricht letztlich an der Unfähigkeit des Mannes, sich mit seiner Vaterrolle zu identifizieren. Während langer Jahre verzichtet die Künstlerin auf die Ausübung ihres Berufs, um ihren Mutterpflichten nachzukommen. Erst als sie mit den Kindern in England auf sich allein gestellt ist, muss sie mit ihrem Cello erneut ihren Lebensunterhalt verdienen. Immer wieder meistert sie dank ihrem Können und ihrer Kraft ihr Leben allein.
Was ihr nicht gelingt, ist, ihrer Tochter zu helfen, die nach mehreren Selbstmordversuchen ihrem Leben knapp 20jährig ein Ende setzt. Dieser Tochter Sandra ist der Film auch gewidmet; der Titel lässt vermuten, dass sie der eigentliche Adressat dieser Lebensbeichte ist.
Die Autorin Anne Spoerri spricht in einem vom Fernsehen DRS ausgestrahlten Interview davon, dass sie diesen Film über diese Frau, dieses Leben einfach habe machen müssen. Nachdem ich den Film gesehen habe, frage ich mich, warum gerade einen Film. Einen Film machen heisst ja Bilder finden. Aber damit tut sich die Autorin schwer. Die immer wiederkehrende Abfolge von Fotos aus dem Familienalbum und von Szenen, in denen die Protagonistin allein oder mit anderen musiziert, ist auf die Dauer etwas langweilig. Der Einfall, immer dann, wenn die Musikerin von den schlechten Zeiten in ihrem Leben erzählt, sie an ihrem Schüttstein beim Geschirrspülen zu zeigen, ist auch nicht wahnsinnig originell. Die wellenartigen Kamerabewegungen, die die optische Umsetzung der psychischen Krisen der Tochter Sandra bilden, sind von einer fast ärgerlichen Hilflosigkeit. Der entscheidende Mangel des Films liegt aber in dem Konzept, die Künstlerin in streng chronologischer Form erzählen zu lassen. So interessant und spannend diese Lebensgeschichte auch ist, mit der Zeit wird das Zuhören ermüdend. Diese Frau ist zweifelsohne eine begnadete Musikerin, eine faszinierende Erzählerin ist sie nicht. Es ist nicht ihre Schuld, dass dieses Konzept den Film nicht trägt.
Die Filmautorin stellt ihrer Heldin einfach eine Plattform zur Verfügung; sie selbst tritt nicht in Erscheinung, weder als Befragerin, noch als Gesprächspartnerin. Ich weiss nicht, wie ich diese Zurückhaltung interpretieren soll: Ist es ein Ausdruck von Respekt, den die jüngere Frau der so viel älteren und erfahreneren entgegenbringt, ist es ein künstlerisches Prinzip? Bei mir stellt sich als Ergebnis ein gewisses Unbehagen ein, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Autorin ihrer „Heldin“ wirklich einen Dienst erweisst. So, wie sich Frau Schein präsentiert, ist für mich dieses Selbstporträt zu glatt. Sollte es tatsächlich eine Abbitte an die Tochter sein, für mich wird es eher das Gegenteil. Wenn sie z.B. von ihrer Tochter immer wieder nur in Sätzen wie „Sie war so begabt“, „Sie war so beliebt“, „Unser Verhältnis war sehr gut, es gab nie Streit“ spricht, dann werde ich das Gefühl nicht los, dass hier nicht eine Auseinandersetzung stattgefunden hat, sondern eine Verdrängung. Es liegt mir fern, eine öffentliche Selbstbezichtigung zu verlangen. Es ist sicher ein ungeheuer schmerzhafter Prozess für eine Mutter, den Freitod ihres Kindes zu akzeptieren. Umso mehr würde man sich wünschen, dass in dem Film vielleicht andere Personen zu Wort kämen, Freunde, Bekannte, der Sohn vielleicht. Und sei es nur, um diese sicher extrem eigenwillige, begabte, starke, emanzipierte Frau nicht so kalt und selbstgerecht erscheinen zu lassen.