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Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist nicht immer eine Gerade. Als sie nach ein paar Wochen auf See wieder nach Hause kommt, erklärt Alice ihrem Freund Félix noch einmal den Unterschied: Weil die Erde rund ist, sei auch der schnellste Weg über den Ozean eine krumme Linie. Ob diese sogenannte loxodromische Kurve gefahren werde, entscheide aber nicht sie, sondern der Kapitän. Alice ist Ingenieurin und für den Antrieb der Schiffsmotoren verantwortlich, nicht für die Richtung.
Man könnte diese Szene als Metapher für jenes Stück Lebensreise betrachten, das Alice im Laufe dieses Films zurücklegt. Kann man die Wegrichtung ausser Acht lassen, wenn man nur das Ziel vor Augen hat? Und darf man Menschen, die einen lieben, dabei zurücklassen? Fidelio, l’odyssée d’Alice erzählt von den Schwierigkeiten einer jungen Frau, auf diese Fragen eine richtige Antwort zu finden. Denn Alice möchte beides: den Weg und das Ziel selbst bestimmen.
Der Film beginnt mit Szenen eines Liebespaars in einer Bucht. Alice schickt sich an, Félix für ein paar Wochen zu verlassen, weil sie eine Stelle auf einem Frachtschiff annimmt. Die Französin soll einen Ingenieur ersetzen, der bei einem Unfall tödlich verunglückt ist. Ihr verständnisvoller Freund bleibt zurück. Man ahnt bereits, dass diese vorübergehende Trennung Auswirkungen auf die Beziehung haben wird, man sieht es in Félix’ Augen und an Alice’ Entschlossenheit. Die nächtliche Ankunft der Frau am Hafen, in dem die «Fidelio» wie ein riesiges Ungetüm hinter ihr in die Höhe ragt, hat etwas Gespenstisches – vor allem als sich herausstellt, dass Alice ausgerechnet die Kajüte des toten Ingenieurs beziehen muss.
Der semidokumentarische Gestus von Lucie Borleteaus Debütfilm ist grossteils den Beobachtungen der Arbeitsvorgänge auf dem Schiff geschuldet. Man kann die Dimensionen des Frachters, der wie eine schwimmende Fabrik die Meere durchpflügt – im ersten Bild des Films sieht man auch Alice mit kräftigen Schwimmbewegungen das Wasser teilen –, nur ahnen. Der Maschinenraum ist erfüllt vom Lärm der Motoren, umso unheimlicher ist dann die Stille, in der Alice das Tagebuch ihres Vorgängers liest, das sie bei ihrer Ankunft findet und vorerst wie einen Schatz für sich behält. Die Frage, ob der Unfall vielleicht doch ein Freitod war, legt sich wie ein Schleier aus der Vergangenheit über die Gegenwart. Doch aus diesem Geheimnis schlägt die Erzählung kein schnelles Kapital: Was Borleteau viel mehr interessiert, ist das Verhalten von Alice in einer von Männern dominierten Welt, ihr Verhalten als Frau, Freundin und Liebhaberin.
Erst diese Haltlosigkeit – eine Frau zwischen den Welten, zwischen zwei Männern, zwischen Vergangenheit und Zukunft – macht aus der Erzählung jene Odyssee, die der Film im Titel führt. Denn nicht nur hat Alice vor ein paar Jahren schon einmal auf der «Fidelio» ihren Dienst versehen, auch der Kapitän ist noch derselbe, und die damalige Affäre verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Ausgerechnet auf einem alten Frachter, der demnächst der Verschrottung zugeführt werden soll und der vor vielen Jahren auf einen Namen getauft wurde, der für Treue und Zuverlässigkeit steht, muss Alice diesbezüglich die richtige Entscheidung treffen.
Tatsächlich haftet diesem Film etwas Fliessendes an, zugleich aber auch eine der inneren Unruhe von Alice entstammende Sprunghaftigkeit. Das Schöne an dieser Reise ist die Tatsache, dass Borletau der zweifelnden Nervosität ihrer Protagonistin stets Rechnung trägt, ohne dass die Inszenierung ständig auf sich aufmerksam machen will. Vielleicht bewahrt Fidelio, l’odyssée d’Alice gerade deshalb die innersten Gefühle seiner Heldin bis zuletzt.