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Von Susanne Kapfinger, Redaktionsleiterin AWP Soziale Sicherheit
Höhere Renten haben in den letzten hundert Jahren stark mit sinkenden Geburtenraten korreliert. Forscher stellten deshalb die Frage, ob das eine zum anderen führt – mit anderen Worten, ob eine Kausalität besteht – und kommen zum Schluss: Je höher die Rente, umso weniger Kinder. Demnach gilt: Der Ausbau des Rentensystems kann den Rückgang der Geburtenraten teilweise erklären. Die Studie wurde im Journal of Demographic Economics unter dem Titel «Fertility and social security» veröffentlicht.
Hundert Jahre Geburtenrückgang
Vier Beobachtungen haben die Studienautoren zu Untersuchungen veranlasst. Erstens offenbart sich auf beiden Seiten des Atlantiks betreffend der Geburtenrate vor hundert Jahren ein ähnliches Bild: Die Fruchtbarkeitsraten – die Zahl der Kinder, die von einer Frau erwartet werden – lagen 1920 sowohl in den USA als auch in Europa bei etwa drei Kindern pro Frau. Zweitens setzte anschliessend in beiden Regionen ein starker Abwärtstrend ein: Die Fertilität sank je nach Land auf aktuell 1,2 bis 2 Kindern pro Frau. Drittens kann beobachtet werden, dass der Abwärtstrend in Europa und den USA unterschiedlich ausgeprägt war. So ist die Fruchtbarkeit in den USA aktuell mit zwei Kindern pro Frau viel höher als in den meisten europäischen Ländern. Viertens ging der Rückgang bei den Geburtenraten in beiden Regionen mit einem raschen, wenn auch unterschiedlich ausgeprägten, Ausbau der Rentensysteme einher.
Ausgedient: Kinder als Absicherung
Die Forscher haben die Daten in einem quantitativen Modell getestet und ziehen drei wichtige Schlüsse. Erstens: Etwa die Hälfte des Rückgangs bei den Geburten zwischen 1920 und 2015 ist auf bessere Rentenleistungen zurückzuführen. Demnach verursachen höhere Renten teilweise rückläufige Geburtenraten.
Zweitens können die unterschiedlichen Geburtenraten in den USA und Europa sowie innerhalb Europas zu 60 Prozent durch die Unterschiede in den Vorsorgesystemen erklärt werden.
Der demografische Trend wird von Pensionsplänen beeinflusst. Wie stark, hängt vom Wohlstand respektive dem Einkommen der Eltern ab. Das ist die dritte Erkenntnis: Ein Ausbau der Rentensysteme wirkt sich wesentlich stärker auf die Familienplanung von Paaren aus, welche am unteren Ende der Einkommensverteilung stehen, als auf Reiche. Die Abnahme der Geburtenrate in diesem Zeitraum war bei ärmeren Haushalten viel grösser als bei Wohlhabenderen. Dieser Effekt hat in den USA im untersuchten Zeitraum zwischen 50 und 100 Prozent des Geburtenrückgangs von 3 Kindern pro Frau auf 2 erklärt.
Falscher Umkehrschluss
Heisst das nun im Umkehrschluss, dass sinkende Renten zu mehr Geburten führen werden? Das Szenario wäre für die Schweiz von grosser Bedeutung, da die Renten hierzulande tendenziell sinken. Das war nicht Gegenstand der Untersuchung, ist aber dennoch eine Überlegung wert.
Es gibt zwei Motive zum Kinder haben, ein altruistisches und das des Sicherheitsbedürfnisses. In Ländern mit gut ausgebautem sozialen Sicherheitsnetz scheinen Kinder als Alterssicherung jedoch ausgedient zu haben. Kinder haben ist hier vielmehr altruistisch motiviert. Sinkende Renten in der beruflichen Vorsorge werden die Geburtenraten deshalb kaum beeinflussen. Dazu ist der Wohlstand des Durchschnittsschweizers vergleichsweise hoch und das Sicherheitsnetz zu engmaschig. Die berufliche Vorsorge ist nur ein Element im System der sozialen Sicherheit. Sinken die Renten verlagert sich der Druck an andere Stellen des Netzes – beispielsweise hinzu den Ergänzungsleistungen. So gesehen ist der Versicherte auf jeden Fall versorgt. Sinkende Renten werden die Entscheidungen der Versicherten vermutlich anderweitig beeinflussen. Zum Beispiel bei der Frage, Rente oder Kapital.
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