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Drei Sekunden dauert die Freiheit. Ungefähr so lange ist Lazaro Schaller (29) in der Luft, wenn er über 30 Meter in die Tiefe springt. Der Wind pfeift ihm um die Ohren, es zieht ihn nach unten, und er fühlt sich schwerelos. Er denkt an nichts – bis er eintaucht. Während für die meisten Menschen mit dem Ausklang des Sommers auch der letzte Sprung ins Wasser naht, ist für Schaller die Saison nie zu Ende. Etwa 2000 Sprünge vollbringt er jedes Jahr. Weil er das braucht, um topfit zu bleiben – und glücklich zu sein.
Ist es warm, überwindet er bei Wettbewerben und Shows Höhen von rund 30 Metern, ist es kälter, legt er seine Salti und Schrauben vom Zehn-Meter-Sprungturm im Hallenbad Oerlikon hin. Von Herbst bis Frühling widmet sich Laso vermehrt seiner zweiten Leidenschaft, dem Canyoning und Eisklettern. Dann klettert, rutscht, schwimmt oder seilt er sich in Schluchten ab. Gefrorene Wasserfälle meistert er mit Steigeisen und Eisgerät.
Wie im vergangen Winter, als er die Gletscherschlucht Rosenlaui in einer Nacht erst erklomm und dann wieder hinunterstieg. Knapp acht Stunden dauerte die Expedition durch Eiswasser und Schnee. Er passierte 14 Wasserfälle, der höchste davon misst 30 Meter. «Nach einem solchen Projekt sagen meine Freunde, ich sei nicht ganz dicht», sagt Laso Schaller mit einem breiten Grinsen.
Die Adoptiveltern waren Vorbild
Laso, wie Lazaro Schaller genannt wird, kam in Brasilien in Teófilo Otoni im Bundesstaat Minas Gerais zur Welt. Die ersten beiden Jahre verbrachte er in Brasilien – in schwierigen Verhältnissen, bei seiner Tante oder mit der älteren Schwester auf der Strasse. Dann adoptierten ihn die Schallers aus Zürich. Bis er knapp drei Jahre alt war, machte er keinen Schritt. Als er dann aber endlich aufstand, rannte er los. Seither gibt es kein Halten mehr.
Lasos Schweizer Eltern waren ein sehr sportliches Paar: Die Mutter Turnerin, der Vater Handballer und zugleich Schiedsrichter. Zudem waren beide aktive Rettungsschwimmer. Den kleinen Laso schleppten sie dabei immer mit. Bereits mit drei Jahren schwamm er beim «Schnellsten Zürifisch» um die Wette, mit vier Jahren tauchte er erstmals mit einer Sauerstoffflasche und begann, sich im Kunstturnen zu üben. Im Schwimmbad wollte er das dort Gelernte ausprobieren – der erste Salto vom Sprungbrett liess nicht lange auf sich warten.
Im Jahr 2015, mit 26 Jahren, sicherte er sich einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde. Er sprang im Maggiatal aus 58,8 Metern Höhe vom Wasserfall Cascata del Salto. Mit einem Tempo von über 120 Kilometern pro Stunde tauchte er ins grünblaue Wasser ein. Den Wasserfall hatte er bei einem Canyoning-Projekt entdeckt und gedacht: Da will ich hinunterspringen. So impulsiv der Entscheid, so akribisch war die Vorbereitung auf die Herausforderung: Vier Jahre dauerte es, bis Laso die Stelle bis ins letzte Detail analysiert hatte, fit genug war und sich an die Sprunghöhe herangetastet hatte.
Sein Freund Thomas Eugster (42) begleitete ihn zum Rekordsprung. Laso ist für ihn der Einzige, dem er einen solchen Sprung zutraut. «Laso ist strukturiert, zielorientiert und hat ein aussergewöhnliches Körpergefühl», sagt er. Dennoch machte er sich damals Sorgen: «Das Verletzungsrisiko lag bei 50 Prozent.» Entsprechend erleichtert war Eugster, als sein Freund nach dem gewagten Sprung auftauchte –mit schmerzverzerrtem Gesicht, aber offenen Augen.
Den plötzlichen Ruhm empfand Laso als eigenartig. Es sei ihm in erster Linie nicht um den Weltrekord gegangen, sondern um ein persönliches Ziel. Herausforderungen lauern überall, deshalb ist er immer mit einem 20 Kilogramm schweren Rucksack unterwegs: Er enthält eine Kameraausrüstung mit vier verschiedenen Objektiven, Laptop, Ersatzkleider, eine Badehose und ein Tuch. Damit ist er auch gut gerüstet für spontane Kapriolen: Auf dem Heimweg von der Kornhausbrücke in die Limmat springen? Japs. Nachts nackt in den winterlichen Zürichsee hüpfen? Yep!
Zwischen Familie und Extremsport
Laso hätte nach der Schule eine Lehre als IT-Fachmann absolvieren können. Doch die Vorstellung, tagaus, tagein an einen Bürostuhl gefesselt zu sein, schreckte ihn ab. Er entschied sich für eine Lehre, die ihn auch körperlich herausforderte, und wurde Schreiner.
Weil er mit 21 Jahren Vater wurde, suchte er sich eine neue Stelle, um seine kleine Familie besser über die Runden bringen zu können. Seit sieben Jahren arbeitet er nun in der Stadtzürcher Sportmaterialverwaltung. Er inspiziert Turnhallen, entwickelt neue Sportgeräte, testet sie und gibt Kindern Kurse in Akrobatik und Trampolinspringen.
«Kindern neue Bewegungen beizubringen, ist etwas vom Schönsten überhaupt», sagt er. Seine Tochter Yanira (7) kommt einmal pro Woche mit ins Training. «Sie ist vorsichtig wie ihre Mutter Nadine. Wenn sie sich aber etwas in den Kopf gesetzt hat, ist sie ein Dickschädel wie ich.»
Für Lazaro Schaller war stets klar, dass er früh Vater werden wollte. In seinen Augen fehlt es älteren Eltern oft an Nerven und Energie. Obwohl er oft unterwegs ist, nimmt er sich viel Zeit für seine Tochter. Sie sind draussen mit Velo und Trottinett, machen Ausflüge, gehen ins Schwimmbad. Den Tag auf dem Sofa verbringen und TV-Serien schauen? «Damit kannst du mich jagen.»
Viele seiner Freunde verstehen nicht, dass er als Vater weiterhin von Klippen springt. Würde seine Partnerin ihn vor die Wahl stellen – Extremsport oder Familie: «Ich würde irgendwann ausbrechen.» Seine Frau nimmt ihn so, wie er ist, und sagt dazu: «Er weiss, was er macht, und er ist gut darin.»
Das nächste Projekt steht schon fest. Im Frühjahr 2019 will Lazaro Schaller gemeinsam mit zwei Freunden die Insel Mallorca innerhalb von zehn Tagen zu Fuss von Andratx nach Cap de Formentor durchqueren: 133 Kilometer weit durch Berge, Täler und Schluchten wandern, klettern, abseilen, springen und schwimmen. Laso kann es kaum erwarten.