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30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt Schriftsteller und Englands PEN-Generalsekretär Walter Kaufmann von Odysseen aus zwei deutschen Staaten.
In der DDR war Walter Kaufmann, mittlerweile 95 Jahre alt, einer der meistgelesenen Autoren. Seine Romane und Reisereportagen erlebten dort hohe Auflagen – und stiessen doch oft an die Grenzen der Zensur. Ein Roman wurde vom Verlag fallengelassen, da er den Mauerbau thematisierte. Es war die Geschichte über eine Flucht von Ostdeutschland nach Westdeutschland, die totgeschwiegen wurde, nachdem Kaufmann sich geweigert hatte, eine vom Verleger als nicht opportun monierte Passage zu streichen – das Buch wurde nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) ein Bestseller. Auch der Stasi war der unbequeme Schriftsteller aufgefallen, man hatte ihn im Visier.
Zur Zeit des Mauerfalls 1989 stand Kaufmann als amtierender Generalsekretär dem ostdeutschen PEN-Club vor. Seine Wahl an die Spitze des Schriftstellerverbandes 1985 mochte nahegelegen haben, weil er, ein Autor, der etliche renommierte Preise gewonnen hatte – etwa den Fontane-Preis und den Heinrich-Mann-Preis –, auf Tagungen schon als Vertreter aufgetreten und mit Amtsgeschäften vertraut war. Kaufmann selbst war, wie er später erzählte, über seine Berufung auf den ideologisch exponierten Posten allerdings eher verwundert. Für Verblüffung über die Personalie gab es zumindest zwei Gründe: Der gebürtige Berliner war weder linientreuer DDR-Bürger noch SED-Parteimitglied – hingegen interessanterweise australischer Staatsbürger.
Duisburg–London–Down Under
Walter Kaufmann wurde 1924 geboren. Seine Mutter, eine polnisch-jüdische Verkäuferin, hatte ihn bis zu seinem dritten Lebensjahr im Berliner Scheunenviertel grossgezogen und dann einem wohlhabenden Duisburger Ehepaar in Adoptionspflegschaft überlassen. In der Schule erlebte er, dass Schulkamerad Chaim Stern 1938 plötzlich nicht mehr in der Klasse auftauchte. Kaufmanns Vater wurde nach der Reichskristallnacht verhaftet, Walter flüchtete ausser Landes, und mit der Gewissheit, dass sein bisheriges Leben in Scherben zerborsten war, erreichte er am 19. Januar 1939, genau am Tag seines 15. Geburtstages, mit einem der Kindertransporte das rettende London. Er hoffte, dass sein Onkel ihn dort erwarten würde. Der Onkel kam nicht. Während die anderen Kinder nach und nach abgeholt wurden, stand der Junge allein an der Liverpool Street Station und überlegte, was er tun sollte, bis ein Passant ihm Hilfe anbot. Zunächst kam Walter in einem Obdachlosenasyl im Osten Londons unter, bis er das Glück hatte, in ein Internat in Kent geschickt zu werden. Eine Schule, die, wie Kaufmann in einem WDR-Radiointerview aus dem Jahr 2010 erzählte, ursprünglich in Ulm gegründet worden und dann in Gänze nach Grossbritannien emigriert war. Die Bunce Court School in Kent, bekannt geworden als New Herrlingen School, war ab 1933 das Exil des 1926 gegründeten Landschulheims Herrlingen bei Ulm, eine der Schulen, deren jüdische Lehrpersonen bzw. Reformpädagogen teilweise zusammen mit ganzen Klassenverbänden den Weg in die Emigration beschritten. In diesem Internat fühlte sich der junge Deutsche angenommen und zu Hause, lernte schnell Englisch, wozu alle Schüler angehalten wurden, und warf schüchtern ein Auge auf seine Mitschülerin Naomi Cohen aus Warschau. Doch im Mai 1940 war es von einem auf den anderen Tag vorbei mit der Sicherheit. Die britischen Behörden internierten über 16-Jährige wie ihn als «feindliche Ausländer». Walter Kaufmann hatte keinen Bürgen, also musste er das Internat verlassen. Per Truppentransporter ging es mit 2000 anderen «Enemy Aliens», unter Deck eingepfercht, auf eine lange Reise, von der Kaufmann dachte, sie würde in Kanada enden. Umso grösser die Überraschung, als er nach acht Wochen auf See, bar aller Habe, auf der anderen Seite des Globus, in Sydney, anlandete. Die Reise ging weiter in die Wüste, wo er abermals in einem Lager festgesetzt wurde. Die Tage in der Baracke vergingen mit Putz- und Küchendiensten und Lernen, die Internierten unterrichteten einander. Nach etwa anderthalb Jahren aus den Wüstencamps zwischen Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen entlassen, hielt Kaufmann sich fortan mit allerlei Jobs über Wasser. Obstpflücker, Soldat, Dockarbeiter, Hochzeitsfotograf und Seemann waren einige der nächsten Stationen seines einem Abenteuerroman gleichenden Lebens. Zunächst wurde er auf eine Pfirsichplantage abgeordnet, eine Zeit, «schlimmer als das Lager». So meldete er sich zum Dienst in der australischen Armee und war von 1941 bis 1945 zusammen mit anderen Ausländern in einem Arbeitsbataillon verpflichtet, wo Räum- und Logistikaufgaben zu erfüllen, Munition auf Güterzüge zu verladen und Zwiebelsäcke auf Lastwagen zu hieven waren, aber Kaufmann als «Education Officer» auch die Leihbücherei pflegte, wobei ihm viel Zeit zum Lesen blieb und er mehr als eine Ahnung bekam, wohin sein Leben sich bewegen sollte: zur Schriftstellerei. Mit 19 Jahren verfasste er, der nach Kriegsende als Seemann in der Handelsmarine arbeitete, seine erste Erzählung «Die einfachen Dinge», eine autobiografisch inspirierte Geschichte über die Freundschaft zweier jüdischer Jungen in Duisburg, der 1938 ein Ende gesetzt wird. Die Story fand in Australien ein grosses Echo und wurde mit einem bedeutenden Preis ausgezeichnet. Kaufmann erweiterte sie um einen Abschnitt über den Widerstand der Eisenbahner in NS-Deutschland zu dem Roman «Stimmen im Sturm».
Von der DDR in die Welt
Mitte, Ende der fünfziger Jahre kehrte er als Weitgereister nach Europa zurück. In seiner Geburtsstadt Berlin lernte er Verleger kennen und auch die kommunistisch-sozialistische Schriftstellerin Anna Seghers. Die hatte 1942 den 1944 in den USA verfilmten Roman «Das Siebte Kreuz» veröffentlicht. Kaufmann hatte das Buch der Seghers auf Englisch in Australien gelesen und war davon extrem beeindruckt. Doch als er nun das Angebot bekam, sich dauerhaft in Ost-Berlin niederzulassen, spürte er, dass es ihn mehr noch in die Stadt seiner Kindheit, Duisburg, zog. Dass er dort dann nicht wieder Fuss fassen konnte, schrieb er später «inneren und äus- seren Blockaden» zu. Denn erst jetzt erfuhr er vom Schicksal seiner Eltern. Sein Vater war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde gewesen und hatte sich bis zuletzt für diese eingesetzt, bis er und seine Frau deportiert und schliesslich in Auschwitz umgebracht wurden. Mit diesem unerträglichen Wissen konnte Kaufmann es in Duisburg nicht mehr aushalten und nahm die Offerte aus Ost-Berlin an, als freier Schriftsteller in der DDR zu leben. Für den Neubeginn war er willens und bereit, den australischen Pass abzugeben, doch man erklärte ihm, dass er mit diesem Dokument in der Tasche und seinen hervorragenden Englischkenntnissen für die DDR Gold wert sei: das Tor zur Welt. So bat man ihn, dem populären schwarzen «Ol‘ Man River»-Sänger und Schauspieler Paul Robeson, der in Stratford-upon-Avon gerade den Othello spielte, aufzusuchen und eine Einladung in die DDR zu überbringen. Tags drauf zog Kaufmann los und erledigte den Auftrag: 1959 stand Robeson in der Shakespeare-Stadt auf der Bühne, 1960 war der amerikanische Künstler und Bürgerrechtler (nach dem heute die Paul-Robeson-Strasse in Berlin-Prenzlauer Berg benannt ist) das erste Mal in der DDR zu Gast. Schon 1956 hatte Kaufmann seine Trümpfe ausspielen können, als er als Olympia-Attaché im ihm vertrauten Melbourne alle Vorbereitungen für die Ankunft der Sportler-Teams und Journalisten traf. Und 1960, bei den Winterspielen im kalifornischen Ski-Resort Squaw Valley, kam ihm nicht nur abermals seine Weltläufigkeit zugute, Kaufmann übernahm als Mann vor Ort beherzt auch die Reportagen für den Rundfunk. In der DDR war Kaufmann mithin schon zu einem beliebten Reporter und bekannten Autoren avanciert, als er sich wieder den Seesack schnappte, um auf Frachtern mit Kurs auf Kuba, Uruguay und Brasilien über die Meere zu fahren, mit der Entdeckerlust eines Jack London fremde Ufer und Kontinente zu erkunden und nebenbei Stoff für Geschichten zu sammeln. Als Reporter bereiste er u. a. in den sechziger Jahren die USA: Redaktionen und Buchverlage der DDR waren angesichts schwer zu ergatternder Reise-Visa zur Zeit des Kalten Krieges auf Beiträge angewiesen, die ihnen zugespielt wurden oder die Autoren wie Walter Kaufmann, der in der Welt unterwegs sein konnte, lieferten. Kaufmann bereiste auch Irland, und besonders faszinierte ihn Israel, denn viele seiner Familienmitglieder – Onkel, Cousinen – waren nach Palästina emigriert. Mit seiner Frau Angela Brunner veröffentlichte er «Reisen ins Gelobte Land». Religiöse Gefühle spielten bei der Faszination keine Rolle. So es sie je gegeben haben sollte, habe das Leben sie «weggeschliffen», wie Kaufmann einmal sagte. Der Konflikt zwischen Arabern und Juden hatte sich ihm tief «in die Seele gebrannt». Es erschütterte ihn als ehemaligen DDR-Bürger, dass es, sagte er im Radio-Interview, auch in Israel eine Mauer gibt, «eine echte und eine Mauer in den Köpfen».
Mosaik eines Jahrhundertlebens
Nach diesem bewegten Dasein hat der 95-Jährige nun ein neues Buch vorgelegt, eine Sammlung biografischer Prosa-Miniaturen. Erinnerungsblitze und Begebenheiten, die das Mosaik eines Jahrhundertlebens ergeben. Wie bunt dieses Kaleidoskop aus Grossem und Kleinem ist, suggeriert der rätselhafte Titel «Gibt es dich noch – Enrico Spoon?» Denn wer kennt Enrico Spoon? Enrico war ein kleiner, abgemagerter, verwahrloster Junge, der Kaufmann in einem Restaurant in Rio de Janeiro über den Weg lief. Der Junge hatte einen hölzernen Löffel, einen «spoon», mit dem er täglich durch die Reihen ging, und «gern legten wir mal eine Kartoffel, mal eine Mohrrübe, mal ein Stück Fleisch in Enricos Löffel». Viele der Geschichten, die Kaufmann erlebt und zu erzählen hat, könnten kaum berührender, kaum ungewöhnlicher sein. Letzteres gilt jedenfalls für den musikalischen Suppen-Lunch mit dem gros- sen Pianisten Glenn Gould 1964 in New York – diese Anekdote findet sich ebenfalls im Buch. Wie auch die von der Überfahrt 1940 nach Aus- tralien, bei der der später als Hit-Produzent («Cryin‘ in the Chapel») bekannt gewordene Österreicher Ray Martin (Kurt Cohn) mit an Bord war – und an Deck das verheissungsvoll-melancholische «Somewhere over the rainbow» sang. Die jüngsten Prosa-Miniaturen erzählen von einem bewegenden Wiedersehen in London, wo Kaufmann 2008 nach siebzig Jahren einen mit ihm einst Internierten wiedertraf. Wie ein roter Faden zieht sich sein Schicksal als jüdischer Emigrant, eine der wichtigsten Facetten in Kaufmanns Werk überhaupt, durch das Buch. Kaufmann ist auch nach dem Mauerfall ein äusserst produktiver Autor geblieben und verfasste u. a. mit «Im Fluss der Zeit» seine Autobiografie. Und blieb nach Jahrzehnten zwischen Ost und West zudem ein unangepasster Geist: Dass viele DDR-Bücher nach 1989 makuliert wurden und im wiedervereinigten Deutschland rasch nicht mehr erhältlich waren, erlebte Kaufmann als eine Art «neue Bücherverbrennung».
Walter Kaufmann: Gibt es dich noch – Enrico Spoon? Über Menschen und Orte weltweit. Edition Memoria, Hürth 2019.