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Der biologisch moderne Mensch, Homo sapiens, erschien vor gut 195’000 Jahren. Doch die ersten Zivilisationen entstanden erst vor gut 8000 Jahren. Was hat uns so lange aufgehalten?
Sechsundneunzig Prozent der Zeit, die die Menschheit nun schon existiert, waren wir ausschliesslich Jäger und Sammler. Wir bauten keine Städte, betrieben keine sesshafte Landwirtschaft, zogen umher und lebten davon, was das Land hergab. Die Menschheit war zwar eine erfolgreiche Spezies, sie hatte sich eine einmalige ökologische Nische geschaffen, sich über den gesamten Globus verbreitet und alle Konkurrenten (wie Homo erectus und andere frühe Menschenformen) ausgeschaltet – und doch war sie stets weit von der heutigen, planetenumspannenden Hochtechnologiezivilisation entfernt. Doch vor 8000 Jahren tauchten in Mesopotamien, im Industal und in China urplötzlich die ersten Zivilisationen auf – dieses neue sesshafte Lebensmodell des Homo sapiens hat sich seither über die gesamte Welt ausgebreitet und das alte, nomadische fast total verdrängt: Sesshaftigkeit ist zum neuen Standard geworden.
Es fällt relativ leicht, zu erklären, warum das neue Modell so erfolgreich war: Landwirtschaft ermöglichte es, deutlich mehr Menschen pro Flächeneinheit mit Nahrung zu versorgen. So konnten „Spezialisten“ ausgebildet und unterhalten werden, wie Handwerker, Beamte, Wissenschaftler oder Krieger. Die Sesshaftigkeit begründete also auch das Staatswesen, die Schrift und die organisierte Kriegsführung. Dem hatten die Nomaden wenig bis gar nichts entgegenzusetzen, sie wurden von allem fruchtbaren Land vertrieben und fristeten ihr Dasein von nun an in Gegenden, in denen keine Landwirtschaft möglich war. Am besten illustriert wird diese Entwicklung mit der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer. Einer kleinen Gruppe von Kolonisten, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert an der Ostküste des Kontinents landeten, gelang es innerhalb von nicht einmal zwei Jahrhunderten, die gesamte Landmasse zu unterwerfen und zu besiedeln (unterstützt durch einen beständigen Zuzug von weiteren Kolonisten aus Europa und anderen Teilen der Welt, wohlgemerkt). Von den vorwiegend nomadisch lebenden Indianern ist kaum etwas übrig geblieben (dass die sesshaft lebenden mittelamerikanischen Indianer nie ihre nomadisch lebenden nördlichen Nachbarn unterwarfen, wird üblicherweise mit den unterschiedlichen Klimazonen erklärt – die Nutzpflanzen, auf denen die Zivilisationen der Maya, Azteken und Inka aufbauten, wuchsen einfach nicht in der nordamerikanischen Prärie – ganz im Gegensatz zu den europäischen Nutzpflanzen).
Nachtrag: Siehe dazu das lesenswerte Buch des amerikanischen Autors Jared Diamond: „Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“.
Schwieriger wird es jedoch, wenn man versucht zu erklären, warum die Zivilisation ausgerechnet vor 8000 Jahren auftrat – und das weltweit, praktisch gleichzeitig. Warum tauchte die Zivilisation nicht schon viel früher auf? Die Menschen vor, sagen wir, 100’000 Jahren unterscheiden sich genetisch und anatomisch praktisch nicht von einem heute lebenden Menschen. Sie hatten vermutlich eine durchaus vergleichbare Intelligenz, das heisst, könnte man ein Homo sapiens Neugeborenes aus jener Zeit in die Gegenwart holen und von einem heutigen Elternpaar aufziehen lassen, hätte dieses die selbe Chance auf einen Nobelpreis oder eine olympische Goldmedaille wie jeder andere Mensch auch. Welche Ideen und Technologien auch immer nötig sind, um die Sesshaftigkeit zu begründen, sie waren für Homo sapiens von Anfang an prinzipiell „möglich“. Schon vor 100’000 Jahren hätte irgendeiner der paar Millionen Menschen weltweit auf die Idee der Sesshaftigkeit (im weitesten Sinne, zum Beispiel: erste Schritte in der Landwirtschaft) gekommen sein – doch offenbar waren diese frühen Versuche, die es demzufolge gegeben haben muss, nicht von Erfolg gekrönt. Sesshaftigkeit ist aber keine so komplizierte Sache, dass sie Jahrhunderttausende reifen musste, bis sie endlich Früchte trug – sonst wäre sie nicht so plötzlich weltweit aufgetreten. An jedem Ort, an dem Zivilisationen auftauchten, nutzten sie andere Pflanzen und unterschiedliche Technologien – ein Hinweis darauf, dass es sich nicht einfach um einen von einem einzigen Ort „exportierten“ Entwicklungsschritt handelte, sondern um eine jeweils lokale Neuentwicklung.
Wenn es sich also nicht um einen „inneren“ Entwicklungsschritt handelte, den die Menschen zu vollziehen hatten, bevor es zur Zivilisation kommen konnte, muss ein „äusserer“ Entwicklungsschritt dazu nötig gewesen sein: irgend etwas in der Umwelt muss sich vor 8000 Jahren entscheidend verändert haben – etwas, was es in den 195’000 Jahren zuvor nie gegeben hatte.
Tatsächlich gibt es einen Faktor, der in jeder Hinsicht passt: Die Stabilität des Meeresspiegels. Der Meeresspiegel hängt stark vom globalen Klima ab. Der moderne Mensch entwickelte sich noch vor dem Höhepunkt der vorletzten Eiszeit. Eiszeiten verlaufen in der Regel so, dass sie über fast 100’000 Jahre langsam immer intensiver, immer kälter werden (wobei der Meeresspiegel ständig fällt), bevor sie dann in relativ kurzer Zeit von wenigen Jahrtausenden in einer Zwischeneiszeit (oder „Warmzeit“) enden. Darauf beginnt der Zyklus von neuem. Für nomadische Menschen sind variable Meeresspiegel kein Problem: sie ziehen einfach mit den Tieren und Pflanzen weiter, dahin, wo sie Nahrung finden. Sesshafte Menschen hingegen sind in vielen Fällen auf einen stabilen Meeresspiegel angewiesen. Reiche Fischgründe vor der Küste etwa können sich nur entwickeln, wenn der Meeresspiegel für einige Zeit stabil bleibt. Gleiches gilt für die Bepflanzung von Flussdeltas – diese können sich nur bilden, wenn der Meeresspiegel über einen gewissen Zeitraum stabil bleibt. Städte werden oft am Wasser gebaut: zunächst an Flüssen, doch später dann bilden sich die wirklich grossen Zentren der Zivilisation alle an der Meeresküste. Dies hat damit zu tun, dass das Meer Schiffahrt und damit Handel über grosse Distanzen ermöglicht. Wer das Meer kontrolliert, kontrolliert auch die Küsten darum herum: dies wussten schon die Ägypter, Griechen, Römer, Phönizier und Karthager, genauso wie die Araber und Chinesen.
Weltmächte waren stets auch Seemächte, und Seemächte stützten sich stets auf Küstenstädte. In einer Welt, in der die Meeresspiegel um jeweils einige Meter pro Jahrhundert ansteigen oder fallen, gibt es ganz einfach keine Küstenstädte – es lohnt sich nicht, sie zu bauen, weil sie immer wieder vom Meer zerstört oder von ihm abgeschnitten werden. Vor ziemlich genau 8000 Jahren trat die Erde in einen bemerkenswerten Zustand: den des stabilen Meeresspiegels. Der heutige Meeresspiegel ist in den letzten 8000 Jahren praktisch konstant geblieben – so etwas hat es in der Geschichte der Menschheit bisher nicht gegeben. Das Eem (bzw., in der alpinen Nomenklatur, die Riss-Würm-Zwischeneiszeit), das erste Interglazial, das die Menschheit vor rund 120’000 Jahren erlebte, wies nie eine Phase eines stabilen Meeresspiegels auf: zunächst war es sehr warm (wärmer als heute), danach fielen die Temperaturen – und damit der Meeresspiegel – schnell wieder ab. Nach ein paar Ausschlägen in beide Richtungen tauchten Temperaturen und Meeresspiegel dann wieder zielstrebig in Richtung nächste Eiszeit. Die Chance auf Sesshaftigkeit, auf Zivilisation war damit für die Menschen von damals vertan – für rund 100’000 Jahre. Vor 74’000 Jahren wäre die Menschheit (vermutlich beim Ausbruch des Supervulkans Toba) beinahe ausgestorben. Um ein Haar hätte die Erde niemals eine planetenumspannende Hochtechnologie-Zivilisation hervorgebracht.
In diesem Kontext stellt sich nun die Frage, welche Zukunft die Hochtechnologiezivilisation hat, wenn ihre Basis, die jahrtausendelange Stabilität des Meeresspiegels, nun durch die menschgemachte Klimaerwärmung gefährdet wird?
Das Problem liegt einfach darin, dass der Meeresspiegel stetig steigen wird. Das heisst, du kannst eine Stadt nicht einfach dort bauen, wo der Meeresspiegel heute ist. Du kannst sie dort bauen, wo er in 100, 200, 500 Jahren sein wird – aber dann wird diese Stadt keinen direkten Zugang zum Meer haben. Häfen werden ständig verschoben werden müssen, und es ist nicht gesagt, dass eine Stadt, die heute einen Hafen hat, auch bei etwas höherem Meeresspiegel noch einen haben wird (Untiefen, etc.). Häfen spielen ganz allgemein eine wichtige Rolle für die Zivilisation. Aber auch der ständige Neubau der Stadt wird an den Ressourcen eines Landes zehren. In einer Stadt können Investitionen im Umfang von einigen Billionen Euro stecken: da kann man nicht mal eben so umziehen, geschwiege denn, einige hundert Jahre lang immer wieder. Man kann die Küstenstädte natürlich auch einfach ganz aufgeben, aber ob sich dann die globalisierte Welt mit ihrem Warenaustausch übers Meer aufrecht erhalten lässt, ist eine andere Frage.
Wenn der Meeresspiegel 110 Meter steigt, ob dann wohl Berge eine andere Höhenangabe erhalten werden? Der Himalaya wäre dann 8738 Meter hoch.
Vermutlich (in den heutigen Eisschilden stecken allerdings nur ca. 70 Meter Meeresspiegel-Anstieg). Wobei die „Normalnull“-Höhe, relativ der die Höhe von Bergen gemessen werden, ohnehin eine künstliche Konstruktion ist. Der Meeresspiegel ist nicht überall gleich hoch (d.h., kein Rotationsellipsoid) und steigt bei einem Anstieg auch nicht überall gleich stark an. Anderseits würde es aber selbst unter extremsten Emissions-Szenarien Jahrtausende dauern, um die Polkappen derart stark abzutauen.
Der Aralsee soll wiederkommen, allerdings als Salzsee. Wenn der Meeresspiegel steigt, läuft das Kaspische Meer über und in das, was früher einmal der Aralsee war. Das Schwarze Meer läuft in das Kaspische Meer und dieses dann in den Aralsee.
Das Kaspische Meer ist nicht mit dem Weltmeer verbunden und ist damit auch nicht dem ansteigenden Meeresspiegel ausgesetzt. Das Schwarze Meer müsste deshalb zuerst „überlaufen“, dafür wäre ein starker Anstieg nötig. Doch selbst, wenn das Kaspische Meer von derzeit -28 m auf 0 m Höhe angehoben wird, die Oberfläche des Aral-Sees liegt noch höher auf ca. 30 m, entsprechend stark müsste der Meeresspiegel ansteigen, um den Aral-See wieder zu füllen!
Vor ein paar Jahren kam im Fernsehen, das auf dem Ozean sich die Wellen wie quantenmechanische Fluktuationen verhalten sollen, und das in der makroskopischen Welt.
Ich bin mir nicht sicher ob man ein neuerliches Ansteigen des Meerespiegels als Ursache für einen Untergang der aktuellen Zivilisation annehmen kann; die Bedingungen heute sind grundverschieden von damals.
Heute käme kein Mensch mehr auf die Idee, bei Verlust seiner Wohnung sich ein Jagdgewehr und ein Zelt zu kaufen und damit seine Zukunft zu planen.
Geht eine komplette Stadt unter, so ist das für den entsprechenden Staat eine Herausforderung, aber die Leute können auch weiter im Landesinneren angesiedelt werden. Vermehrte Bauaktivitäten sind natürlich nötig.
Es ist ja nicht so wie vor 10.000 Jahren daß schon das nächste Dorf \“Ausland\“ und potentiell feindlich gesinnt ist so daß man da nicht einfach hin kann wenn das eigene Dorf untergeht.
Politisch-gesellschaftliche Spannungen sind natürlich wahrscheinlich wenn aufgrund von dauerhaften Überflutungen z.B. millionen Bangladesher in die Nachbarstaaten flüchten.
Regionale Konflikte kann das auslösen – aber mehr glaube ich nicht.
Gruß Alex
1. Nomaden vs. Sesshafte
Für die vortechnischen Epochen muss davon ausgegangen werden, dass nomadische und sesshafte Zivilisationen gleichwertig waren. D. h. jede hatte Vor- und Nachteile und je nach Gemengelage war mal eine sesshafte Zivilisation den Nomaden überlegen und mal dominierten nomadische Zivilisationen. Die sesshaften Römer raubten sich ein Reich zusammen, das Reich der nomadischen Mongolen war 4mal so groß wie das der Römer.
Nicht Bauern, sondern Wissenschaftler und Techniker triumphierten letztendlich über die Nomaden.
2. Sesshaftigkeit als Rückschritt
Bei einer Dokumenatation über ein nomadisches Volk in Namibia fand ich deren Lebensweise so wunderbar, dass ich fast neidisch wurde. Ein Zweig dieses Volkes wurde aber sesshaft gemacht und da war nichts Beneidenswertes. Sie hatten die Vorteile ihrer alten Lebensweise verloren, aber am Rande der Gesellschaft keinen Zugang zu den materiellen und geistigen Annehmlichkeiten der technischen Zivilisation.
In einer Dokumentation über Stonehenge wurde die Meinung vertreten, dass schon vor Jahrtausenden die Menschen Sesshaftigkeit als Rückschritt empfanden. Denn sie bedeutete, dass das Besitzdenken in die Köpfe der Menschen einzog: \“mein\“ Land, \“mein\“ Vieh, \“meine\“ Frau, die \“meine\“ Kinder gebärt, die \“meinen\“ Besitz erben sollen. Das führte zu Patriarchat, Eifersuchtsdramenen und Kriege um Land (was nicht ausschließt, dass es auch vorher Krieg und Gewalt gegeben hat).
In besagter Dokumentation wurde das Aussterben vieler Großtierarten als Grund dafür genannt, dass die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau betrieben. Ferner hieß es, dass mit der Einführung des Ackerbaus die Lebenserwartung zurück ging.
Selbst wenn die nomadische Lebensweise hart war und auch nomadisch lebende Menschen gewalttätig und grausam waren, so war demzufolge die Einführung des Ackerbaus keine Verbesserung des Lebens. Aus Nomaden mussten Bauern werden, weil sie keine großen Tiere mehr zum Jagen hatten.
3. Drei Phasen der Zivilisation
Es ist zu einfach, mit einem Zwei-Phasen-Modell des Übergangs vom Nomadismus (Jäger und Sammler) zur Sesshaftigkeit und Ackerbau die Entstehung der Zivilisation zu erklären. IMHO sind es drei Phasen
Phase 1: Nomadische Jäger und Sammler
Phase 2: Vortechnische Sesshaftigkeit in Ackerbaukulturen
Die Menschen hat nur ihre Muskelkraft und die von Tieren zur Verfügung, um die Felder zu bestellen. So war ein Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft gebunden und nur eine kleine Elite konnte für andere Aufgaben \“freigestellt werden\“.
Technische Zivilisation
Mit Motoren und landwirtschaftlichen Maschinen (Trecker, Mähdrescher) muss nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung auf dem Land arbeiten. Die Mehrheit ist in der Warenproduktion und Dienstleistungen beschäftigt.
Die technische Zivilisation – Phase 3 – gibt es möglicherweise erst 180 000 Jahre nach der Entstehung des modernen Menschen, weil die ihr vorangehende Phase 2 für Jäger und Sammler so unattraktiv war, dass es sich für sie nicht lohnte. Zudem war Ackerbau z. B. im eiszeitlichen Europa oder auch in trockenen Savannen nicht möglich. Der Ackerbau kam nur, als die Menschen keine Alternativen hatten. Sie machten aus der Not eine Tugend und entwickelten im Laufe der Zeit viele schöne Dinge, die sich ihre nomadischen Vorfahren nicht einmal vorstellen konnten.
Auch heute lebende Urvölker in Afrika und im Amazonasbecken oder anderen Erdteilen betreiben neben der Nahrungsbeschaffung aus der Natur oft einfachen Wanderfeldbau,oder andere einfache Landwirtschaftsformen erseten z.B. Sagopalmen, die gefällt wurden die beiden Wirtschaftsformen dürten seit langer Zeit koexistieren.
Die Ausbreitung \“professioneller\“ Landwirtschaft hängt viellleicht mit der Erfindung der Keramik zusammen, die Lagerung und Handel von Nahrung vereinfachte.
Also ich finde die These eines Zusammenhangs zwischen Meeresspiegelschwankungen und der Sesshaftwerdung des Menschen rein spekulativ und dazu unplausibel.
1. Der Meeresspiegel und damit die klimatischen Schwankungen änderten sich nun auch nicht allzu schnell, gemessen an einem Menschenleben. Die Menschen hätten stressfrei Ackerbau betreiben können und mglw. nur alle paar Generationen/Jahrhunderte das Siedlungsgebiet wechseln müssen. Außerhalb der fruchtbaren Flusstäler (Überschwemmung) wurde ohnehin ein Wanderfeldbau betrieben.
2. Entlang der großen Flüsse Nil, Euphrat, Tigris und Indus sind die Ackerbauern überhaupt nicht auf Niederschläge angewiesen.
3. Die Küsten waren zu dieser Zeit von untergeordneter Bedeutung. Im fruchtbaren Halbmond, Ägypten und Industal spielte der Fischfang auf offener See (i.Ggs. zu den Flüssen) fast keine Rolle. Die genannten Seehandelszentren der späteren Zeit sind nur eine Folge der Sesshaftwerdung und Zivilisationenbildung, kein Faktor.
4. Der Ackerbau trat erstens nicht urplötzlich auf, zweitens nicht vor 8000 Jahren, eher 8000 v.Chr.! Schon lange vorher, vor ca. 12.000 Jahren, entwickelte sich dieser langsam in Syrien und Anatolien, evtl. auch an der Levante. Zunächst begannen Menschen noch als Nomaden (!) Wildgetreidefelder einzupferchen, um sie vor äsenden Pflanzenfressern zu schützen, dann gezielt das Wildgetreide auszusäen. In einem langen Prozess domestizierten sie das Getreide und züchteten immer ertragreichere Arten. Dabei wandelte sich ihre Lebensweise zunächst zu einem Halbnomadentum. Erst als das Getreide durch Zucht so ertragreich geworden worden war und die Anbaumethoden derart effizient waren, dass man auf größere Jagdzüge nicht mehr angewiesen war, ließ man sich dauerhaft nieder.
Der begrenzende Faktor für Sesshaftwerdung ist also das Vorhandensein und die Effizienz von Nutzpflanzen.
5. Die traditionelle Annahme, dass sich der Ackerbau im Gebiet der Hochkulturen jeweils unabhängig entwickelte, ist auch fraglich. Kontakte zwischen dem Nahen Osten und dem Industal sind schon in sumerischer Zeit überliefert. Aus geographischen Gründen gilt dies natürlich umsomehr für Ägypten. Die Forschung ist zu diesem Thema noch sehr strittig. China mag eine eigenständige Entwicklung durchlaufen haben und Amerika natürlich unzweifelhaft.
Das zeitliche Auftauchen von Ackerbau spricht für eine Entwicklung im Ursprungsgebiet (Levante, Anatolien, Syrien), von wo es zunächst ins fruchtbare Mesopotamien und nach Elam kam, und schließlich (aber erst im Laufe von weiteren 2000 Jahren) nach Ägypten und über den Iran Richtung Industal ausstrahlte.
Gruß Anac
Die Kulturen die den Ackerbau erfunden hatten, waren alle mehr oder weniger \“in die Enge getrieben: In Mesopotamien
und am Indus möglicherweise auch in China, zwangen ausbreitende Wüsten die Menschen sich in Flusstälern zusammenzuscharen, auf Papua wurde die Landbrücke unterbrochen
und in Afrika schwand das Grasland zwischen Wüste und Regenwald. Zu Beginn war der Feldbau wohl sehr extensiv,
aber unter dem Druck der Verhältnisse entwickelte er sich weiter. Und als die biologische Tragfähigkeit der Erde überschritten war,begannen die Menschen dort mit dem Ackerbau, wo er am besten möglich war: In den Schwemmtälern großer Flüsse, in jungen vulkanischen Gebirgen und dort, wo sie Nutztiere hatten die die jährlichen Nährstoffverluste des Bodens mit ihrem Dung ausglichen. andernorts brachen die Populationen zusammen.
@Valary: Ja, das ist die Idee. Auf die Idee der Sesshaftigkeit müssen die Menschen schon sehr früh gekommen sein – bloss waren ihre Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt, so lange der Meeresspiegel variabel blieb.
Hätten die Spuren einer Ackerbaukultur, die vor 100.000 Jahren verschwand, nicht übersehen können?
Vielleicht wurde die Landwirtschaft schon oft erfunden und wieder vergessen.
Ich kann mir gut vorstellen, das der Mensch schon viel früher versucht hat sesshaft zu werden. Nur das ihn das bis dahin noch nicht so richtig gelang. Erst als der Meeresspiegel konstant blieb, haben sie einfach weiter gemacht, als wie zuvor ihr Land aufzugeben. So konnten sie schneller, bessere Landwirtschaften entwickeln.
Das erklärt aber nicht, warum die Sesshaftigkeit weltweit fast gleichzeitig auftrat. Die Mobilität war ja viel geringer, es ist also wohl kaum so (überspitzt gesagt), dass in dem Moment, in dem die letzte freie Ecke der letzten freien Insel von Nomaden besiedelt wurde, die Menschen anderswo auf der Welt dachten: na dann, dann werden wir eben sesshaft…
@Robert Michel: Solche Tiere hätten aber fossile Spuren hinterlassen. Natürlich kennen wir Mammut, Wollnashorn, Höhlenbär etc – aber das waren wohl kaum einfach zu erlegende Tiere. Nicht überall, wo die Megafauna verschwand, entstanden sesshafte Kulturen, und dort, wo sie bestehen blieb, bildeten sie sich trotzdem. Darüber hinaus gab es ja in den Jahrtausenden seither weiterhin Nomaden, Jäger und Sammler – sogar bis heute.
Ich glaube, der Mensch hatte jede Möglichkeit zur Expansion aufgebraucht: Wer neue Nahrungsquellen suchte stieß immer schon auf Menschen, die ihm zuvorgekommen waren. Bis dahin ist der Mensch schließlich unaufhörlich weitergezogen, bis nach Tasmanien und Feuerland.
Sich selbst verstärkende Prozesse spielen sicher eine wichtige Rolle bei der Technologieentwicklung, zum Beispiel: mehr Technik erlaubt mehr Menschen, erlaubt mehr Forschung und damit wieder mehr Technik. Oder die Möglichkeit zur Dokumentation und Kommunikation: je höher die Dichte von Datenträgern, je schneller und weitreichender die Kommunikation, desto mehr Austausch ist möglich, desto mehr Erkenntnis – und damit können auch die Datenträger und Kommunikationsmittel verbessert werden.
Die anderen Fragen mögen ebenfalls interessant sein, führen aber vom Thema weg. Ich denke aber schon, dass es in der Wissenschaft nicht num ums Staunen geht: das Staunen ist sicher Teil der Faszination – aber letztlich wollen wir ja auch wissen, was dahinter steckt.
Die aufgestellte Frage setzt eine lange Reihe an Unwahrscheinlichkeiten fort.
Warum dauerte es 2 Milliarden Jahre, bevor aus Bakterien Komplexeres entstand? Warum sind in den letzten dreihundert Jahren mehr technische Erfolge gelungen als je zuvor?
Warum entstand das Leben auf der Erde und nach bisherigem
Kenntnissstand nirgendwo sonst?
Und schließlich die persönlichste aller Fragen: wieso habe ich ein Bewusstsein , wieso lebe ich hier und heute?
Ich kann nur sagen, nicht ums Wissen geht es bei der Wissenschaft, sondern ums Staunen.
Von heute kann man schlecht auf damals schließen, denn die Theorie besteht ja gerade, darin dass heute die Bedingungen fehlen, die damals die Jäger-und-Sammler-Wirtschaft ermöglicht haben. Die Großtiere, die es damals gegen haben soll, müssen unglaublich leicht zu erlegen gewesen sein, vergleichbar mit dem Dodo.
Ich frage mich, ob das in vielen Gesellschaften überlieferte Goldene Zeitalter nicht ein Erinnerungsfetzen an die Zeit vor der Sesshaftigkeit ist.
Ich habe aber auch schon gelesen, dass der Anteil der Grossfauna am Speiseplan des damaligen Menschen oft grob überschätzt wird. Das erscheint mir auch plausibel: Menschen, die heute als Nomaden leben, erlegen höchst selten Grosstiere: die kleinen Tiere, denen sie Fallen stellen oder mit leichter Ausrüstung jagen und erlegen, sowie Beeren, Früchte, Wurzeln und Pilze reichen völlig aus.
Interessante Theorie. Eine andere These, die ich für sehr plausibel halte ist, dass zu dem Zeitpunkt die Großfauna verschwand und damit die Effektivität der Jäger-und-Sammler-Wirtschaft deutlich beeinträchtigt wurde. Die Menschheit also aus Not zu der mit vielen Nachteilen verbundenen sesshaften Lebensweise übergegangen ist.
Oh ja, das Buch muss man in der Tat unbedingt erwähnten – was ich hiermit getan habe (inklusive Amazon-Link 🙂 ).
Soweit ich mich erinnere (kann aber sein, dass mich die Erinnerung täuscht – ist schon einige Jahre her), spricht er die Frage, warum es genau vor 8000 Jahren – und nicht früher! – zur Bildung der ersten Zivilisationen kam, nicht direkt an. Er erklärt aber sehr gut (und kontrovers…) die unterschiedlichen Entwicklungspfade der Zivilisationen und wie sie von den Umweltbedingungen, verfügbaren Pflanzen und Tieren abhängen.
In Zusammenhang wäre es vielleicht angebracht, auf das Buch des amerikanischen Autors Jared Diamond „Guns, Germs and Steel“ (dt. „Arm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“) zu verweisen, in welchem er diese und andere Fragen sehr ausführlich untersucht.
„Der Autor entwickelt in dem Werk die umfassende Theorie eines geographischen Determinismus. Ausgangspunkt dabei ist die Frage, warum menschliche Gesellschaften, die vor rund 13.000 Jahren allesamt als Jäger und Sammler lebten, seitdem höchst unterschiedliche Entwicklungen vollzogen haben. Es wird dabei betont, dass es keinesfalls überlegene und untergeordnete Rassen gebe, sondern einzig unterschiedliche Voraussetzungen bezüglich Geographie, Klima, Flora und Fauna der Erdteile die Entwicklungsunterschiede erklären.“ (Wikipedia)
Diamond schreibt an einer Stelle: „Die Frage, die wir uns also stellen müssen, lautet warum sich die Nahrungsmittelproduktion entwickelte, warum sie sich an manchen Orten entwickelte, aber nicht an anderen, warum zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, und warum nicht anstatt dessen zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt.“ Er hat keine endgültige Antwort, verweist aber auf mindestens fünf Faktoren – der Rückgang oder das Verschwinden natürlicher Nahrungsressourcen; Klimaänderungen, die die Verfügbarkeit domestizierbarer Pflanzen verbesserten; Verbesserung der Technologien zur Aufbewahrung der Nahrungsmittel; eine gesteigerte Bevölkerungsdichte sowie die Verdrängung der Jäger und Sammler durch die zahlreicheren Nahrungsmittelproduzenten.
Diese Frage wird auch ziemlich ausführlich auf der berühmten CETI-Konferenz (damals noch CETI, „communication“, nicht SETI, „search“) in Bjurakan 1971 debattiert (ich verfüge über die Transkription der Debatten, eine faszinierende Lektüre). Zum Thema referiert vor allem der Archäologe und Anthropolge Kent Flannary. Er betont in der Tat die Bedeutung der Erwärmung des Erdklimas, die zum Abschmelzen des Eises und zum Anstieg des Meeresspiegels mit allen im Artikel beschriebenen Konsequenzen führte.
Nachtrag @der Beobachter: Ich bin mir nicht sicher, ob ein veränderlicher Meeresspiegel für unsere globale Zivilisation wirklich so problemlos zu verkraften wäre. Der Grossteil der Gütertransporte werden über Schiffsverkehr abgewickelt. Ein Land, das keinen Meerzugang hat, hat einen entscheidenden wirtschaftlichen und geopolitischen Nachteil. Küstengebiete sind heute sehr dicht besiedelt, das heisst, bei einem Anstieg des Meeresspiegels könnte es zur Migration von Milliarden von Menschen kommen, mit allen möglichen Folgen. Zudem würde sich, wie erwähnt, das jeweilige regionale Klima verändern, was die Nahrungsversorgung in Frage stellen würde… und so weiter.
Wenn du meinen Artikel nochmals liest, wirst du sehen, dass ich mit keinem Wort gesagt habe, dass es sich bei der Sesshaftigkeit um eine \“Weiterentwicklung\“ im Sinn einer allgemeinen Verbesserung nach allen Kriterien handelte: selbstverständlich hatte die Sesshaftigkeit viele Nachteile. Aber, und das ist der Punkt: sie ist erfolgreicher, dh, sie setzt sich eher durch.
Und ja, natürlich: wenn die Stabilisation des Meeresspiegels die Ursache für den Beginn der Sesshaftigkeit war, und sich dies auf andere Planeten übertragen lässt, dann würde man erwarten, dass intelligente Spezies nicht zwingend eine Zivlisation hervor bringen.
Über die Gründe für den Übergang zur Seßhaftigkeit und zur modernen Zivilisation wird seit langem gestritten. Wie so oft in der Geschichte dürften Umweltfaktoren, z.B. Klimawandel, eine wichtiger Grund gewesen sein, so daß die dargelegte Hypothese nicht der Plausibilität entbehrt. Die meisten Forscher vermuten aber, daß Umweltfaktoren eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung waren. Wir müssen uns im übrigen davor hüten, im Übergang zur Landwirtschaft und Seßhaftigkeit unbedingt eine „Höherentwicklung“ zu sehen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß das Leben der Jäger und Sammler eine Reihe von Vorteilen gegenüber dem der seßhaften landwirtschaftlichen Produzenten bot, z.B. scheinen unsere Anatomie und Physiologie viel besser an ein Jäger-und-Sammler-Dasein angepaßt. Jäger und Sammler waren möglicherweise gesünder und „lebensfroher“ als die seßhaften Bauern. Erst mit dem Aufkommen der technischen Zivilisation in den letzten Jahrhunderten hat sich unser Gesundheitszustand verbessert. Seßhafte Kulturen sind darüber hinaus wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht fragiler als „primitivere“ Gesellschaften und leichter zu destabilisieren. Falls aber tatsächlich Klimafaktoren ausschlaggebend waren, bedeutet das noch etwas, nämlich daß der Übergang zu den Hochkulturen, zumal zu unserer westlichen technologischen Gesellschaft, kein notwendiger, sondern ein zufälliger entwicklungsgeschichtlicher Schritt war. Natürlich sind Extrapolationen anhand eines Beispiels – unserer irdischen Zivilisation – problematisch, nichtsdestoweniger könnte das ein Hinweis auf die Seltenheit von technischer Intelligenz im Universum sein.
Aber weder Nahrungsmangel noch Konkurrenz sind spontan, urplötzlich vor 8000 Jahren aufgetreten… Ich finde da die zweite Grafik sehr überzeugend… 🙂
Wenn die These stimmt, dann ja, dann wäre zu vermuten, dass bei einem schon vor 150\’000 Jahren stabilisierten Meeresspiegel der Homo Sapiens Zivilisationen gebildet hätte.
Der Homo sapiens existier seid ca. 200.000 Jahren und bildet Zivilisationen, seid dem Zeitpunkt, wo der Meeresspiegel sich stabilisiert hat. (…) Jetzt frag ich mich: Was währe, wenn sich der Meeresspiegel schon von 150.000 Jahren stabilisiert hätte? Währe der Homo sapiens da schon in der Lage Zivilisationen zu bilden?
Ich denke das ihn etwas dazu gezwungen hat Zivilisationen zu bilden, wie z.b. Nahrungsmangel, oder Konkurrenz. Was sich allerdings mit einem stabilen Meeresspiegel einfacher und schneller entwickelt.
Eine wahrhaft interessante und einleuchtende These !
Zum letzten Satz:
Ich würde nicht sagen das der konstante Meeresspiegel die Basis unsere Hochtechnologiezivilisation ist, es war lediglich eine Vorbedingung für einige davor liegende Entwicklungsschritte.
Ein veränderlicher Meerespiegel kann unsere heutige Zivilisation als solche wohl nichtmehr zerstören, höchtens ihre Entwicklung verlangsamen. Oder an manchen anderen Stellen sogar beschleunigen. Der Notwendigkeit gewohnte Pfade zu verlassen und ein erhöhtes Maß an Agilität und Flexibilität an den Tag zu legen könnte durchaus auch etwas befruchtendes innewohnen.
@bozano: Die Zahl der Menschen ist für eine sehr lange Zeit praktisch konstant geblieben – eben so viele Nomaden wie das Land ernähren kann. Und wie im Artikel erwähnt: es ist extrem unwahscheinlich, dass für lange Zeit niemand auf die Idee kommt, dann aber (just in dem Moment, in dem sich der Meeresspiegel stabilisiert…) gleichzeitig an vielen verschiedenen Orten weltweit…
@Mike: Nein, die allerersten Zivilisationen entstanden tatsächlich an Flüssen. Bloss, vom Meeresspiegel hängt auch das Klima ab (Feuchtigkeitstransport, Niederschlagsmuster, Land- und Küstenwinde, etc.) – so lange sich der Meeresspiegel ändert, gibt es keine stabilen Klimazonen. Erst mit der Stabilisierung des Meeresspiegels etablieren sich stabile Klimazonen, die verlässlichen Ackerbau und nachhaltige Viehzucht überhaupt erst ermöglichen.
Sind die ersten Zivilisationen wirklich an der Kueste entstanden? Ich dachte diese entstanden an irgendwelchen Fluessen, da die Grundversorgung mit genuegend Trinkwasser notwendig fuer das Ueberleben sowie auch fuer Ackerbau ist. Und das Meer hilft in der Beziehung ja nicht wirklich weiter…
Möglicherweise lag es am Meeresspiegel.
Möglicherweise aber war die Zahl der Menschen, und damit auch die Zahl der Auseinandersetzungen, groß genug, um planerischer mit der Zeit umzugehen. Also die Bildung von Gruppierungen als Schutz gegen andere Gruppierungen.
Möglicherweise aber hat es eben so lange gedauert, bis jemand auf die Idee kam, Landwirtschaft zu betreiben.
Es gibt mit Sicherheit noch mehr Möglichkeiten, warum es lange Zeit keine Zivilisation gab.