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Tänzerinnen und Tänzer mit Behinderungen in Japan
Entdeckt diese faszinierenden Tanzaufführungen aus Japan!
Habt Ihr schon einmal daran gedacht, dass Behinderung ein kreatives Element in der Welt des Tanzens sein könnte? Seid Ihr auf der Suche nach einer Performance mit «Wow»-Effekt? Im Folgenden stellen wir Euch ein paar Tänzerinnen und Tänzer aus Japan vor, die mit ihren Behinderungen – oder besser Fähigkeiten – faszinierende Kunst schaffen.
Wirbelnder Tänzer im Rollstuhl: Kenta Kambara
Kenta Kambara wurde mit Spina bifida geboren. Er war sich seiner Behinderung bereits in frühem Alter bewusst, doch er kam an einen Wendepunkt, als er in der dritten Klasse war. In einem Gespräch mit seiner Mutter erfuhr er, dass er niemals würde laufen können. Von da an akzeptierte er die Tatsache, dass er nur das tun kann, was er kann, und dass es Dinge gibt, die er nicht tun kann.
2016, kurz bevor er 30 wurde, entdeckte Kenta die Welt des Tanzes. Er nahm an einem Aufführungsprojekt mit dem Namen «SLOW MOVEMENT» (DE: langsame Bewegung) teil, das von SLOW LABEL organisiert wurde. Die Mission dieser Organisation ist es, «das Gefühl von ‹Langsamkeit› in einer Gesellschaft hervorzuheben, in der so viel auf Produktivität ausgerichtet ist. Ziel ist es, eine Gesellschaft zu gestalten, die vielfältig und harmonisch ist.»
Im Gegensatz zu anderen Alltagsaktivitäten, sagt Kenta, gebe es beim Tanzen nicht nur Dinge, die er kann, sondern auch Dinge, die nur er kann, weil er anders ist. In dem grossartigen Video unten könnt Ihr sehen, was er kann: Er schwingt sich aus seinem Rollstuhl heraus und stützt sein ganzes Gewicht auf seine beiden Arme. Er bewegt seine Hände elegant und geschmeidig und gleitet auf den Boden hinunter, wo er seinen Flow weiterführt. Später demontiert er seinen Rollstuhl und dreht sich darauf wie ein rotierender Sufi-Derwisch bei der Sema-Zermonie – aber seht selbst:
Was Kentas Performance noch aussergewöhnlicher macht, ist die Tatsache, dass er sich das ganze Repertoire selbst beigebracht hat. Sein Traum ist es nun, bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in Tokio zu tanzen.
In einem Interview sagte er:
«Wenn mich die Leute tanzen sehen, sollen sie verstehen, dass es gerade deshalb interessant ist, weil mein Körper anders ist. Dann wird das ein Anreiz, die Unterschiede von anderen zu akzeptieren. Ich möchte auch, dass sie denken: ‹Wow, wie cool!›.»
Tänzer mit Amputation: Koichi Omae
Im Gegensatz zu Kenta Kambara, der erst spät mit dem Tanzen begann, absolvierte Koichi Omae seinen Abschluss an der Osaka University of Arts in klassischem Ballett und darstellender Kunst. Im Jahr 2003, als er gerade auf den Start einer glänzenden Karriere als Berufstänzer hoffte, wurde er von einem alkoholisierten Fahrer angefahren und verlor sein linkes Bein.
Koichi kam in den folgenden Jahren schwer mit seinem Leben zurecht, weil er seinen Traum, Profitänzer mit zwei Beinen zu werden, nicht loslassen konnte. Er tanzte bei mehreren Tanzgruppen vor, wurde jedoch wieder und wieder abgelehnt.
Eine neue Welt eröffnete sich für Koichi, als er den Wunsch aufgab, wie ein normaler Tänzer aussehen zu wollen. Eines Tages trat er ohne seine Prothese auf. Zunächst zögerte er, weil seine Behinderung nun so offensichtlich war. Dennoch trat er mit so etwas wie «seinem eigenen Stil» auf. Koichi probierte drei verschiedene Arten von Prothesen aus, darunter auch welche, die kürzer oder sogar länger als sein rechtes Bein waren. Er recherchierte über Anatomie, um herauszufinden, was er mit seinem Körper tun konnte, und er suchte auch nach anderen Tanzarten als dem klassischen Ballett.
Heute hat Koichi seinen Platz als amputierter Profitänzer gefunden. Er baut verschiedene Elemente in seinen Tanz ein, aus dem klassischen Ballett über Street Dance, Jazztanz und traditionellen japanischen Tanz bis hin zu Modern Dance und vielen mehr. Koichi tanzte sogar bei der Abschlusszeremonie der Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. Hier sind zwei seiner Aufführungen, eine mit und eine ohne Rollstuhl:
Zeitgenössische japanische Butoh-Tänzerin: Yuko Kaseki
Butoh ist eine Art zeitgenössischer japanischer Tanz. Er entwickelte sich in Japan in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als Protest gegen die ganze Konfusion, die in der Gesellschaft bestand. Der komplette japanische Name ist «Ankoku-Butoh» (暗黒舞踏) und bedeutet «Tanz der Dunkelheit».
Butoh zu definieren ist nicht leicht. Laut contemporary-dance.org ist eines der zentralen Themen «die Suche nach einer Körperdarstellung, die frei von kulturellen Bezügen und für jeglichen Wandel offen ist». Butoh zeigt oft Tabuthemen, groteske Bilder und fast-nackte Menschen mit weiss bemalten Körpern in einer langsamen und hyperkontrollierten Bewegung. Die Aufführungen stehen gewöhnlich im Kontrast zu den westlichen Archetypen von Perfektion und Schönheit: Häufige Elemente sind zusammengekrümmte Positionen, nach oben gerollte Augen, verzerrte Gesichter sowie nach innen gedrehte Beine und Füsse.
«Ich möchte ‹Hässlichkeit› zu ‹Schönheit› machen, Dysfunktion zu Funktion, Ordnung zu Unordnung und dann zu einer neuen Ordnung».
Yuko Kaseki ist eine japanische Butoh-Tänzerin in Berlin. Sie selbst hat keine Behinderung, hat aber mit verschiedenen Künstlern mit Behinderungen zusammengearbeitet. Sie choreographierte eine Reihe von Stücken für das Theater Thikwa, einer berühmten Berliner Theatergruppe aus Leuten mit und ohne Behinderungen.
In ihrer Aufführung «surnature – anatomie du erdboden» tanzt sie mit Roland Walter. Er hat eine spastische Tetraplegie mit Bewegungsstörung, d. h. seine Hand- und Fussbewegungen sind unwillkürlich, langsam und gekrümmt. Yuko tanzt Cha-Cha-Cha und wird von Roland in seinem Hightech-Rollstuhl «geführt», als ob er sie kontrollieren würde. Dann tanzen sie zusammen und erfahren Grenzen ihrer Körperbewegungen, bis sie Frustration empfinden. Trotz des Ungleichgewichts tanzen sie auch in Einklang und Harmonie. Schaut mal rein:
Was denkt Ihr über diese Aufführungen? Welche Tänzerinnen und Tänzer mit oder ohne Rollstuhl gefallen Euch? Teilt sie mit uns!