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Angelockt wurde Tunlim mit dem Versprechen, er könne regulär auf einem Fischerboot an Thailands Küste arbeiten.
Das war vor elf Jahren. Er war damals 22, einer von zahllosen Illegalen aus Burma, die in Thailand verzweifelt Arbeit suchten.
Sie sind leichte Beute für Menschenhändler. Einer von ihnen verkaufte Tunlim für 400 Franken an den Besitzer eines Fischkutters. Er entpuppte sich als Sklavenbarke.
«Wir mussten rund um die Uhr arbeiten», erzählt Tunlim. «Keine Erholung, nur kurze Pausen zum Schlafen, sie dauerten nie länger als zwei Stunden. Einmal täglich gabs eine kleine Essensration. Der Kapitän hat uns mit Kameras überwacht. Wir hatten Angst, dass man uns über Bord wirft, wenn wir nicht gehorchen.»
Flucht war unmöglich, meint Tunlim. «Wir waren auf offener See vor Osttimor. Jahrelang sahen wir kein Land. Ein anderes Schiff holte unseren Fang und brachte Vorräte.»
Tunlim zeigt seine rechte Hand. Sie ist nur noch ein Stumpf. Seine Finger wurden durchgetrennt, als er ein Fischernetz hochziehen wollte.
Tunlim verlor seine Hand, als er ein Fischer-Netz hochziehen wollte.
Tunlim erzählt von einem Kameraden, der krank wurde. Der Kapitän ging nicht an Land. Der Mann starb.
«Als wir den Toten auf das Zulieferschiff brachten, lagen bereits etwa zehn Leichen von andern Seemännern im Kühlraum.»
Manchmal entkommt trotz allem einer der Zwangsarbeiter. Ein anderer früherer Sklave, Htinling, gelang die Flucht, nachdem er gesehen hatte, wie Aufmüpfige über Bord geworfen wurden. Er ist erst 19 Jahre alt.
Htinling gelang die Flucht vom Sklavenschiff. Er sah, wie Aufmüpfige über Bord geworfen wurden.
Tunlim verdankt sein Überleben einer Hilfsorganisation, die ihn letzten August rettete. Er war über zehn Jahre lang gefangen.
Sklavenarbeiter wie Tunlim schuften für die Herstellung thailändischer Crevetten, die auch in unseren Regalen stehen: Die Migros verkauft Crevetten aus Thailand gefroren unter der Marke Pelican.
Tiefgefrorene Migros-Crevetten Pelican: Produkt aus Thailand.
Bei Aldi Suisse stehen geschälte Crevetten mit Dip im Regal, die teils aus Thailand kommen.
Der Zürcher Importeur Stutzer verwendet die Krabben aus Südostasien in einer Mischung aus gefrorenen Meerestieren und für Sushi. Stutzers Produkte landen auch in kleinen Läden und Restaurants überall in der Schweiz.
Selbst Haustieren werden die Shrimps aus Thailand verfüttert: Nestlé verarbeitet sie im Katzenfutter Fancy Feast für den US-Markt.
«Kunden in der Schweiz sollten wissen, dass es bei jeder Crevette aus Thailand an mindestens einer Stelle im Produktionsprozess zu inakzeptablen Arbeitsbedingungen kommt», sagt Andy Hall, Co-Gründer der NGO Migrant Worker Rights Network.
Zwar kommt nur etwa ein Fünftel der thailändischen Crevetten direkt von Sklavenschiffen, der Rest wird in Aquakulturen gezüchtet. Doch das Problem ist das Futter dieser Zuchttiere.
Die Sklavenschiffe fischen nämlich nicht in erster Linie Crevetten, sondern Jungfische oder für Menschen ungeniessbaren Fischabfall.
Dieser Fang wird zu Tiermehl verarbeitet und anschliessend als Nahrung für sämtliche Crevetten in den Aquakulturen verwendet.
Die schwimmenden Gefängnisse stehen also am Anfang der ganzen thailändischen Exportkette.
Nestlé wurde vergangenen Sommer in den USA von Konsumentenschützern wegen der Crevetten verklagt. Die Firma hat die Vorwürfe untersucht und räumt heute ein: «Kein Unternehmen kann bei einem Kauf von Meeresfrüchten aus Thailand garantieren, dass Zwangsarbeit oder andere Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette vollständig eliminiert sind. Die Probleme sind endemisch.»
Recherchen der SonntagsZeitung vor Ort zeigen, dass es bei weitem nicht nur die Sklavenschiffe sind, die Thailands Crevetten-Industrie in Verruf bringen.
Unsere Reise führte nach Samut Sakhon, in eine staubige Stadt, südlich von Bangkok. Hier wird ein grosser Teil der Shrimps für den Export sortiert und weiterverkauft.
In der Morgendämmerung herrscht auf dem Markt Hochbetrieb. Männer in Regenstiefeln kippen die lebendigen Tiere auf grosse Tische. Die Frauen wühlen in den Haufen, werfen die besseren Tiere in grosse Plastiktüten.
Auch hier kommen viele Arbeiter aus
Burma. Ihre Gesichter sind nach burmesischer Tradition mit Baumrindenpulver bemalt.
Die Sortierer leben in Wohnungen direkt hinter dem Markt. Eine Familie hat einen Raum zur Verfügung, ohne Möbel. Nur ein paar Matten liegen auf dem Betonboden. Die Kinder spielen zwischen dem Müll, es wimmelt von Ratten. Der Geruch von verfaultem Fisch schnürt einem den Atem ab.
Hier werden Crevetten exklusiv für den Export sortiert und an die Betriebe weiterverkauft, die sie schälen, köpfen und die Innereien ausnehmen. 100 000 Menschen arbeiten in dieser Industrie.
«Der grösste Teil der Arbeiter lebt in einer Art Knechtschaft», sagt Sompong Sakaew, Gründer der Labour Rights Promotion Network Foundation, die NGO, die auch Tunlim aus der Sklaverei befreite.
«Den Arbeitern wird alles vom Lohn abgezogen. Nicht nur Essen, Wohnung und Arbeitskleidung, auch die Schulden an die Menschenhändler. An manchen Tagen verdienen sie ein Drittel des Mindestlohns.»
Das Internationale Arbeitsamt der Vereinten Nationen (ILO) veröffentlichte letzten September eine Studie über thailändische Crevetten-Schäler. Die Studie hält fest, dass in den Betrieben «sehr viele» Kinder arbeiten. Fast die Hälfte seien weniger als 15 Jahre alt.
Die geschälten Crevetten werden schliesslich an die Exportfirmen geliefert, die oft nicht genau hinschauen, unter welchen Bedingungen die Tiere gefüttert, sortiert und geschält wurden.
Eine Firma, die sowohl die Migros wie Stutzer beliefert, heisst Narong. Direktor Arthon Piboonthanapatana zeigt sich beim Besuch seines Betriebes stolz. «Wir exportieren seit 40 Jahren in die Schweiz», erzählt er. Narong liefere rund «60 bis 100 Tonnen Crevetten pro Jahr».
Er gibt zu, dass Narong schon von NGOs kritisiert wurde. Das sei heute aber nicht mehr der Fall. «Meine Angestellten haben Bewegungsfreiheit. Die Türe der Fabrik ist immer offen.»
2013 haben Hilfswerke zwanzig minderjährige Arbeiter bei Narong entdeckt. Die meisten arbeiteten in der Nacht neben hundert illegalen Einwanderern. NGOs stellten auch letzten Sommer noch Probleme fest.
Ein anderer Exporteur – der unter anderem Migros und Nestlé beliefert –ist Thai Union. Das Unternehmen beschäftigt 46 500 Mitarbeiter und sorgt alleine für 50 Prozent aller exportierten Crevetten Thailands.
Thay, eine 42-jährige Burmesin mit langen schwarzen Haaren, hatte 2015 während sechs Monaten für Thai Union gearbeitet. Sie erinnert sich: «Die Frauen, die sich nach der langen Arbeit stehend erholen wollten, wurden geschlagen».
Nach der Klage wegen der Crevetten im Katzenfutter hat Nestlé die NGO Verité beauftragt, einen Bericht über Thai Union und deren Lieferanten zu verfassen. Er hält fest, dass Arbeiter in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden und Einschüchterungen der Polizei ausgesetzt seien.
Konfrontiert mit den Vorwürfen, erklärt die Migros, dass sie die Vorfälle sehr ernst nimmt. «Ausbeutung und Sklaverei sind für uns nicht akzeptierbar», sagt Migros-Sprecher Tristan Cerf.
Er betont, die Lieferanten der Migros müssten die Richtlinien der Business Social Compliance Initiative (BSCI) unterschreiben. Das ist eine Unternehmens-Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten. «Mit der Teilnahme an BSCI verpflichten sich die Lieferanten, auch gegen Ausbeutung in ihren Zulieferketten vorzugehen», sagt Cerf.
Genau hingeschaut wird aber nicht. «Bis heute wurden noch keine externen Kontrollen bei unseren thailändischen Crevetten-Produzenten vor Ort durchgeführt», gibt Cerf zu. Migros plant in den nächsten Monaten strengere Vorgaben umzusetzen, die auch soziale Themen sowie die Verarbeitung des Fischmehls berücksichtigen.
Auch Nestlé betont, dass man «die Zwangsarbeit in der Lieferkette aus Thailand eliminieren wolle». Das Unternehmen aus Vevey hat einen Aktionsplan entwickelt. Die Umsetzung werde gestaffelt 2016 durchgeführt. Thai Union seinerseits sagt, sie werden ab sofort die Herstellung der Crevetten komplett in die eigene Produktion verlegen. Narong betont, dass zumindest das Schälen der Shrimps bereits in-house gemacht werde.
Ob diese Massnahmen genügen, ist fraglich. Die EU hat Thailand bereits im vergangenen April aufgefordert, die Konditionen in der Fischindustrie zu verbessern. Ansonsten könnten die Crevetten in der EU schon bald ganz verboten werden.
Die USA haben Thailand 2014 auf eine schwarze Liste von Ländern gesetzt, die Zwangs- und Kinderarbeit praktizieren. Seit 2012 haben alle US-Regierungsbehörden die Bestellung von Crevetten aus Thailand verboten.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft des Bundes sagt, es sei wegen geltenden WTO-Rechts schwierig, den Import zu verbieten. Sollte Thailand die Konventionen des Internationalen Arbeitsamtes (ILO) verletzen, müssten Massnahmen von dort ergriffen werden. In der Schweiz gäbe es aber keine Bestrebungen für ein Verbot.
Aldi: thailändische Krevetten mit Dip Sauce
Auch die anderen betroffenen Detailhändler ergreifen keine Massnahmen: Aldi Suisse sagt, man führe ausschliesslich Produkte aus nachhaltiger Produktion von zertifizierten Unternehmen. «Wir lehnen jegliche Form der Ausbeutung von Beschäftigten in der Garnelen-Produktion ab», sagt Sprecher Frédéric Jacquemoud.
Stutzer: Meeresfrüchte aus Thailand
Stutzer lässt verlauten, dass die Crevetten aus Thailand nur ein kleiner Teil des Angebots seien. «Wir verkaufen hauptsächlich Crevetten aus Vietnam», sagt Connie Knapp, Leiterin Abteilung Tiefkühlfisch und Krustentiere.
Coop schliesslich sagt, man führe keine Crevetten aus Thailand. Ende Dezember stand jedoch eine Cocktailsauce mit Crevetten in den Coop-Filialen, auf der als Herkunftsland Thailand angegeben war.
Konfrontiert mit Fotos der Verpackung, versicherte Coop, es handle sich um einen Beschriftungsfehler. Nach der Anfrage der SonntagsZeitung wurden sämtliche Etiketten in der Schweiz ausgetauscht.