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Leere Versprechungen statt Stipendium
Henriette Kläy
Stipendien sollen auch finanziell schlechter gestellten Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Chancen zur Bildung ermöglichen. Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus, wenn die familiären Umstände nicht exakt der vorgesehenen Norm entsprechen.
Karina P. wuchs, liebevoll betreut von ihrer allein erziehenden Mutter, in einer grösseren Stadt auf. Vom Vater kamen keine Unterhaltszahlungen, da die Mutter darauf bestand, sich und ihre Tochter allein durchzubringen Sie arbeitete neben dem Beruf in mehreren Teilzeitjobs, um die bezogenen Sozialgelder zurück zu zahlen.
Die Ausbildung ist immer tabu
An der Ausbildung wurden keine Abstriche gemacht. Früh schon bemühte man sich um ein Stipendium für die Vorbereitung auf das Gymnasium. Der zusätzliche Druck durch das Bewusstsein, dass die erhaltenen Gelder bei Nichtbestehen zurückbezahlt werden müssten, empfand Karina eher als Ansporn. Karina heiratete früh. Der junge Mann absolvierte ein Praktikum in seinem Lehrberuf. Trotz etwa fünf zusätzlichen Teilzeitjobs kam er kaum jemals über Fr. 3'000.- im Monat hinaus. Es reichte nicht für beide, so wohnte sie weiterhin bei ihrer Mutter.
Rückforderung der Stipendien
Für den obligatorischen Vorkurs zu ihrem Studium bekam Karina kein Stipendium. Zum Glück übernahm der Partner ihrer Mutter den grössten Teil der Kosten. Für das dreijährige Studium erhielt Karina wieder Stipendien. Trotzdem versuchte sie von Anfang an, die Finanzierung aus eigenen Kräften zu schaffen und so viel wie möglich vom Stipendiengeld für Notfälle aufzubewahren. Und sie hatte gut daran getan, denn im dritten Jahr traf eine Rückforderung von Fr. 8'000.- für zuviel ausbezahlte Stipendien ein. Diese Rechnung ging nicht auf, denn trotz den unregelmässigen Beiträgen hatte Karina äusserst bescheiden gelebt und nicht mehr als den gutgesprochenen Gesamtbetrag von Fr. 15'000.- bezogen.
Das Amt sah das anders, und so begann eine komplizierte Neuberechnung: Ihr Mann hatte in den drei Jahren in sich manchmal überschneidenden Einsätzen und mit unterschiedlichen Arrangements bei acht verschiedenen Arbeitgebern gearbeitet. Von diesen mussten nun nachträglich die Lohnabrechnungen aus drei Jahren eingefordert werden, da er selber keine Dokumente aufbewahrt hatte. Alles, was auch für die Steuern relevant war, musste eingereicht werden. Vom Steueramt selbst, das ja über all diese Informationen inklusive der Zahlen verfügte, waren keine Auskünfte zu erhalten.
Full Time Job mit Negativlohn
Wochenlang bemühte sich Karina um die Beibringung der Dokumente im In- und Ausland und um die Rekonstruktion der Zahlen. Erschwerender Umstand war zudem, dass ihr Vater in seiner Heimat die Wohnung seiner inzwischen verstorbenen Mutter geerbt hatte. Die Wohnung war ohne jeden Wert und für das dortige Steueramt irrelevant, für die hiesigen Behörden jedoch schon. Dazu kamen die astronomisch hohen Kosten ihrer Pflege, die der Vater von seiner Kriegsinvalidenrente bezahlen musste. All dies sollte minutiös dokumentiert, übersetzt und mit zusätzlichen offiziellen Schreiben dargelegt werden. Nach der Einreichung reagierte das Amt monatelang nicht. Grund: ein Personalwechsel und überdies seien ihre Unterlagen unvollständig oder falsch. Zudem sei ihr Mann ja inzwischen fertig mit der Ausbildung und habe ein normales Gehalt. Es mussten erneut Dokumente zusammengesucht werden. Ihr Mann war mit all dieser Bürokratie völlig überfordert, was das Klima der sowieso schon belasteten Ehe nicht eben verbesserte – vergebens: Nun soll Karina etwa die Hälfte des Stipendiums zurückzahlen, d.h. ca. Fr. 7'000.-. Sie setzt trotzdem ihre Studien fort und sieht weiterhin harten Zeiten entgegen. Denn angesichts von Aufwand und Ergebnis: eine solche „Hilfe“ vom Staat kann sie sich gar nicht leisten.