Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03495.jsonl.gz/3490

Geschichten aus Gletsch
Das Gletschervorfeld
(von Erika Hiltbrunner)
Im Gegensatz zum Gletscher ist das Land, das der Gletscher durch seinen Rückzug freigibt, deutlich schlechter untersucht. Das Gletschervorfeld wurde im Jahr 1992 zusammen mit dem Gletscher als bedeutende Auenlandschaft der Schweiz unter Schutz gestellt.
Vom Eis freigegebenes Land und vom Gletscher abgelagertes Material ist nicht steril, aber der Boden ist kaum entwickelt. Die ersten Pioniere sind oftmals verschiedene Algenarten, Flechten, Moose und Pflanzenarten, die mit instabilem Untergrund leben können. Die Böden entwickeln sich mit Hilfe der Pflanzen und Bodenorganismen. Je nach Höhenlage des Geländes kommen nach 80 bis 100 Jahren die ersten Waldbäume auf, und nach 100 bis 150 Jahren stockt ein lichter Wald. Diese Abfolgen von Vegetationsstadien werden Sukzession genannt. Eine solche Sukzession kann aber auch blockiert oder verändert werden, wenn der sich entwickelnde Boden zu trocken oder zu feucht ist. Dann stellen sich andere Pflanzengemeinschaften als Wald ein und es entsteht eine dynamische Mosaiklandschaft. Liegt das eisfreie Land über der Waldgrenze, braucht es rund 300 Jahre, bis sich das bare Gletschervorfeld zu einem geschlossenen alpinen Rasen entwickelt.
Sehr auffällig beim Gletschervorfeld in Gletsch ist, dass im ältesten Teil des Gletschervorfeldes (nahe Gletsch) keine Bäume stehen. Erst im hinteren, jüngeren Teil des Gletschbodens sind vor allem Lärchen zu finden. Fichten sind auch im Gletschervorfeld eher selten. In der Nähe des Gletscherbaches stellen sich wertvolle Schwemm- und Schuttgesellschaften ein. Für Weidespezialisten (Salix sp.) ist das Vorfeld ein wahrliches Eldorado. In den letzten Jahrzehnten konnte man hier allerdings beobachten, dass die Grün-Erle infolge ihrer starken Präsenz im ganzen Talkessel auch im Gletschervorfeld die besonderen Schwemmfluren mit verschiedenen Weideröschen-Arten (Epilobium sp.) überwuchert und verdrängt.
In den Flachmooren, in denen Bäume wegen der Staunässe nicht aufkommen und krautige Pflanzen schwierige Bedingungen für die Nährstoffaufnahme vorfinden, gibt es Pflanzenarten, die kleine Insekten fangen und verdauen, um ihren Stickstoffbedarf zu decken (Drosera- und Pinguicula-Arten). Insgesamt kommen zwischen dem Rhonegletscher und Gletsch über 350 höhere Pflanzenarten vor.
Die Vegetationsabfolgen gestalten sich im Vorfeld des Rhonegletschers komplizierter und halten sich nicht an im Lehrbuch beschriebene Sukzessionslinien. Diese Vielfalt an unterschiedlichen Entwicklungsstadien verleiht dem Rhonegletscher-Vorfeld einen besonderen Reiz und dürfte im Alpenraum als einzigartig gelten.
Sich hier für Naturbeobachtungen genügend Zeit zu nehmen, lohnt sich. Es gibt in dieser besonderen Landschaft viel zu entdecken.