Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/293

Die Geschichte des «Anwesens von Saint-Jean» beginnt mit dem Erwerb des gesamten Besitzes durch Voltaire 1755. Der Philosoph nennt seine neue Wohnstätte «Les Délices» und empfängt dort zahlreiche Besucher, unter ihnen D’Alembert im August 1756, mit dem er die Abfassung des Artikels über Genf in der Encyclopédie bespricht. Er behält den Besitz sogar noch einige Jahre, nachdem er sich in Ferney niedergelassen hat und verkauft ihn erst 1765. Indes endet die Geschichte von Les Délices nicht mit dem Weggang von Voltaire. Es ist allgemein weniger bekannt, dass das Anwesen zur Zeit des Bourbaki-Feldzuges während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870-71 als «Ambulanz von Les Délices» diente und andere Persönlichkeiten sich dort aufgehalten haben, wie z.B. Hector Berlioz. Heute ist les Délices eine zur Bibliothèque de Genève gehörende Forschungsstätte über die Aufklärung.
Das Anwesen, das 1929 von der Stadt Genf gekauft wurde, beherbergt ein erstes Museum ab 1945. Das heutige Museum wird 1952 gegründet und am 2. Oktober 1954 eingeweiht, an seiner Spitze steht Theodore Besterman.
Die Schaffung des ersten bedeutenden Bestandes des damals so genannten Institut et Musée Voltaire ist Theodore Besterman zu verdanken. Der Milliardär polnischer Herkunft stellte der Stadt Genf einen Teil seiner Gemälde- und Kunstsammlung zur Verfügung. Er hinterliess auch eine grosse Zahl von Handschriften (eigenhändig verfasste Briefe, diverse Archive), die Voltaire und das 18. Jahrhundert betreffen.
Als grosser Kenner des Werks von Voltaire und unermüdlicher Arbeiter hat Theodore Besterman zwei aufeinanderfolgende Ausgaben der Korrespondenz von Voltaire herausgegeben. Nachdem er mehr als fünfzehn Jahre in Les Délices verbracht hat, zieht er sich nach England zurück und gründet dort die Voltaire Foundation in Oxford, die sich die Veröffentlichung der Œuvres complètes (Vollständige Werke) dieses denkwürdigen Mannes zur Aufgabe macht.
In den 1970er Jahren wird das Institut et Musée Voltaire, das sich der Bibliothèque publique et universitaire – der heutigen Bibliothèque de Genève – anschliesst, zu einem einzigartigen Werkzeug für Forscher aus der ganzen Welt. Zu verdanken ist dies Charles Wirz, einem Verfasser bekannter literaturwissenschaftlicher Arbeiten: Neben seinen zahlreichen Veröffentlichungen über Voltaire sei daran erinnert, dass er u.a. den Text des Émile von Rousseau für die Buchreihe der Bibliothèque de la Pléiade editiert hat. Das markanteste Phänomen in der jüngeren Vergangenheit von Les Délices bleibt jedoch die Renovierung des gesamten Anwesens. Sie begann 1989 und endete 1994 zum Zeitpunkt der Feierlichkeiten anlässlich des dreihundertsten Geburtstages von Voltaire. Jacqueline Burnand, ehemalige Genfer Verwaltungsrätin für Raumplanung, Bauwesen und Verkehrswege erläuterte damals, welche Grundsätze die laufenden Arbeiten bestimmten: «Die Restaurierung des Gebäudes verfolgt weniger das Ziel, einen ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, als dem Gedenken des Philosophen eine moderne Ehrung zu erweisen. Zwar hat man die authentischen Teile dieses denkmalgeschützten Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert bewahrt: Die Anordnung gewisser Zimmer wurde wiederhergestellt und das Gefüge von Mauern, Böden und Gebälk saniert und verstärkt; aber im wesentlichen ist die Restaurierung eine Neuschöpfung – das Wiedereinsetzen der Täfelung, die Anordnung der Ausstellungssäle und die Pflanzungen im Garten tragen zur Schaffung eines suggestiven Rahmens bei, der die Arbeit des Institut et Musée Voltaire unterstützt.»
Im Jahr 2002 verabschiedet sich Charles-Ferdinand Wirz und übergibt den Stab an François Jacob, damals Dozent an der Universität von Franche-Comté. Von nun an betreibt das Institut et Musée Voltaire eine aktivere Politik der Kulturvermittlung und veranstaltet eine Reihe temporärer Ausstellungen sowie einen Vortragszyklus – die Aufklärung öffnet sich einem breiten Publikum.
Seit 2013 ist aus dem Institut et Musée Voltaire das Musée Voltaire der Bibliothèque de Genève geworden, das seine Aufgabe neu definiert hat: Es widmet sich verstärkt der Forschung und behauptet so seinen Platz im wissenschaftlichen Kosmos der Aufklärung.
Das Musée Voltaire beherbergt heute die grösste Sammlung alter und wertvoller Drucke sowie Handschriften über François Marie Arouet genannt Voltaire.