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Vom Spätmittelalter zur Renaissance: eine neue Weltansicht
Im Spätmittelalter beginnt die Kunst, sich vermehrt der diesseitigen Welt zuzuwenden. Zeugnisse dieser Entwicklung sind die stolzen Bürgerporträts, aber auch die Aufmerksamkeit, die der Darstellung der Natur zukommt, wie sie etwa in der Druckgraphik von Albrecht Dürer (1471-1528) sichtbar wird.
«Bildnis des Balthasar von Kerpen»: Das Porträt, entstanden um 1535, ist ein Hauptwerk von Barthel Bruyn (1493-1555), dem führenden Renaissance-Meister in Köln. Der porträtierte Kaufmann gehörte zu den angesehenen Patriziern der Reichsstadt. Die gediegene Kleidung verrät seinen Status: Über einem Hemd mit fein gekräuseltem Kragen trägt er einen Mantel, dessen Pelzbesatz breit über die Schultern fällt. In seiner Linken hält er ein Paar weisser Handschuhe, während die Rechte auf einer steinernen Balustrade ruht. Neben seinem Kopf prangt das vornehme Lilienwappen der Familie. Barthel Bruyn erweist sich als Meister in der Wiedergabe der Gesichtszüge seines Modells, aber auch in der subtilen Darstellung charakterlicher Eigenschaften: Ernst und Würde, Entschlossenheit und Tatkraft. Dieses bedeutende Gemälde fand 2002 als Schenkung der Albert Koechlin Stiftung Eingang in die St.Galler Sammlung.
Geglückt ist die Identifikation des Bildnisses der kaum 20jährigen Dame, die uns im Festputz gegenübersteht: Es ist Selvaggia di Baldo Fieravanti aus Florenz, die 1569 den Medici-Günstling Niccolò Ferrini heiratete, im Quartiere di Santo Spirito wohnte und 1583, ein Jahr nach dem Gatten, verstarb. Ihr lebensgrosses Porträt dürfte zur Hochzeit entstanden sein. Die jüngere Forschung schlägt als Maler Niccolò di Giovanni Betti (1571-1618) vor, einen Künstler, der in der Nachfolge von Agnolo Bronzino für den Medici-Hof tätig war. Minuziöse Detailschilderung, überzeugende Stofflichkeit und koloristische Raffinesse machen das Bildnis zu einem repräsentativen Werk des Florentiner Manierismus. So vertritt es nun im Kunstmuseum die individualisierte Porträtkunst der ausgehenden Renaissance auf höchstem Niveau.
Das ebenfalls Niccolò di Giovanni Betti zugeschriebene Bildnis des Gatten der Selvaggia di Baldo Fieravanti erhielt das Kunstmuseum im Juli 2014 als Schenkung von Annette Bühler. Dieses hervorragende Gemälde besitzt den identischen polimentvergoldeten Rahmen aus der Zeit um 1680, wie das Bildnis seiner zweiten Frau, die er im März 1569 heiratete. Die Cartello-Inschrift „Al Mag:[nifi]co Niccolo/Ferrini” identifiziert den Dargestellten. Als Berater am Hofe der Medici, 1544 und 1546 nachgewiesen, gehörte er sicherlich zu den führenden Persönlichkeiten im Florenz der Zeit. Entsprechend ist die Qualität der Wiedergabe ausserordentlich hoch und die psychologische Durchdringung der Person so überzeugend und eindringlich, wie wir dies nur bei den besten Bildnissen der Zeit finden. Der hellwache Blick durchdringt die Würde der Konvention und macht uns auch heute noch neugierig.
Etwa zur selben Zeit, um 1540, schuf der flämische Maler Herri met de Bles (ca. 1510-1555) den spektakulären «Weg zum Kalvarienberg». Im Zentrum der symmetrisch aufgebauten Komposition erhebt sich ein bizarrer, von Bäumen bestandener Felsen aus welligem Gelände. Darin eingebettet ist die auf mittelalterlichen Vorbildern basierende simultane Darstellung des Auszugs aus Jerusalem, des Kreuzweges und der Kreuzigung. Den Schmerzensweg und das Leiden Christi übersetzt der Künstler in eine dramatische Wolkenstruktur mit scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten, während das himmlische Jerusalem im Hintergrund Erlösung verspricht. «Der Weg zum Kalvarienberg» steht in der Nachfolge von Joachim Patenir, der als erster nordischer Künstler sogenannte Überschaulandschaften malte. Ist beim «Kalvarienberg» die Wiedergabe von Details «realistisch», so erscheint der Typus der «Weltlandschaft» in seiner Gesamterscheinung ausgesprochen artifiziell, in seiner Stimmung von geradezu imaginärer Qualität.
Geradezu einmalig ist die flämische «Geburt Christi mit tanzenden Hirten». Um 1515 in Antwerpen gemalt, dürfte die altarartige Tafel aus Anlass eines religiösen Festes entstanden sein. In bunte Gewänder gekleidete Hirten tanzen ausgelassen einen Reigen und feiern Christi Geburt. Engel sind aus himmlischem Licht erschienen und inspirieren sie zu Lobgesängen. Die Strophen verteilen sich auf Spruchbändern wie Sprechblasen über das von Dynamik überquellende Bild. Ein Flechtzaun schützt die heilige Familie im Stall vor der lauten Welt. Davor befinden sich mit ihren Schafen weitere Hirten, viele ausgerüstet mit dreifingrigen Handschuhen und der sog. Schäferschippe. Zwei löffeln eine Speise, einer bläst den Dudelsack, andere wärmen sich am Feuer in der winterlichen Kälte. Es handelt sich bei dieser genrehaften altniederländischen Darstellung um eine Rarität von höchstem kunst- und kulturhistorischem wie sozialgeschichtlichem Rang – obschon ihr Schöpfer vorerst anonym bleibt und ihre genaue Bedeutung und Funktion noch der Erforschung harren.