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Wenn Wissenschaftler neue Erkenntnisse zum Klimawandel veröffentlichen, dann verheißen diese meistens nichts Positives. Doch die Entdeckung, die ein internationales Forscherteam in Svalbard machte, könnte die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre senken: In Bodenproben fanden die Wissenschaftler Anzeichen von Torfbildung auf Spitzbergen, die erst durch die gestiegenen Temperaturen in der Arktis möglich ist. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift Nature Scientific Reports.
In der Arktis schreitet die globale Erwärmung mit am schnellsten voran, was auch bedeutet, dass sich Gefäßpflanzen weiter nach Norden in Regionen ausbreiten, die zuvor keine oder nur spärliche Vegetation aufwiesen. Zudem wird durch den Rückzug der Gletscher Boden freigelegt, auf dem sich erstmals Pflanzen ansiedeln können. Wissenschaftler beobachten dieses Phänomen seit längerem und haben es «arktische Ergrünung» (engl. «Arctic greening») genannt.
Rund um den Isfjorden auf Spitzbergen hat eine Forschergruppe unter der Leitung von Minna Väliranta von der Fakultät für Biologie und Umweltwissenschaften an der Universität Helsinki im Jahr 2018 Bodenproben entnommen und untersucht. An allen Bohrstellen haben sie das gleiche beobachtet: mineralischen Boden bedeckt von einer dünnen Schicht organischer Stoffe, die viel Kohlenstoff enthält, den die darauf wachsenden Pflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Die Pflanzendecke besteht zumeist aus Moos, das sich in dem zunehmend wärmeren Klima in der Arktis ausbreitet. Die Wissenschaftler bezeichnen diese organische Bodenschicht als «Proto-Torf».
«Es handelt sich noch nicht um Torf im eigentlichen Sinne, aber man könnte sagen, es ist der Ausgangspunkt für die Bildung von Torf», sagt Väliranta.
Ein größeres Projekt, das vom britischen Natural Environment Research Council (NERC) finanziert wird und an dem Väliranta auch beteiligt ist, untersucht ebenfalls, ob sich die Moorvegetation in der Arktis aufgrund der globalen Erwärmung ausbreitet.
«Wenn dieser Prozess, der Proto-Torf erzeugt, in großem Umfang auftritt, könnte sich ein unerwartetes Kohlenstoffreservoir oder eine Pflanzengemeinschaft, die den Klimawandel abschwächt, im Norden etablieren. Dieses Reservoir wurde bei der Modellierung von Ökosystemen und der Atmosphäre nicht berücksichtigt, da man traditionell davon ausging, dass sich keine neuen Moore bilden», so Väliranta.
Lange haben Klimawissenschaftler die Bedeutung von Mooren in ihren Modellen nicht berücksichtigt. Erst seit kurzem werden sie in die Berechnungen mit einbezogen. Da Torfgebiete besonders effektive Kohlenstoffsenken sind, könnten die sich neu bildenden Moore in der Arktis die globale Kohlenstoffbilanz positiv beeinflussen.
«Man kann sagen, dass die Entdeckung neuer Kohlenstoffsenken eine neue Komponente ins Spiel bringt, die in Modellen berücksichtigt werden muss, um das Funktionieren von Ökosystemen in einem sich erwärmenden Klima besser vorhersagen zu können», sagt Väliranta.
Gleichzeitig werden jedoch riesige Mengen an Kohlenstoff freigesetzt durch auftauende Permafrostböden oder Brände in der Tundra, sodass abzuwarten bleibt, ob die neuen Torfgebiete wirklich eine bedeutende Rolle spielen im Kohlenstoffhaushalt.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Juselius, T., Ravolainen, V., Zhang, H. et al. Newly initiated carbon stock, organic soil accumulation patterns and main driving factors in the High Arctic Svalbard, Norway. Sci Rep 12, 4679 (2022). https://doi.org/10.1038/s41598-022-08652-9