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Werner Seitz, Andrea Oppliger*Panaschierstatistik Nationalratswahlen 1999:
1) Zürich wählte frauenfreundlicher als Bern,
2) Linke und Grüne bevorzugten Frauen, Rechte benachteiligten sie
in Der Bund, 4. Januar 2002.
Zürich wählte frauenfreundlicher als Bern
NATIONALRATSWAHLEN 1999: Noch immer schneiden Frauen schlechter ab als Männer – aber nicht überall: Eine Analyse zeigt, dass bisherige Nationalrätinnen in 5 von 13 untersuchten Proporzkantonen, darunter Zürich, besser abschnitten als bisherige Nationalräte. Im Kanton Bern haben bisherige Nationalrätinnen schlechter abgeschnitten, aber mehr Panaschierstimmen geholt.
Dass Frauen in den Wahlen weniger gut abschneiden als die Männer, wird regelmässig in statistischen Analysen festgestellt. Bei den Nationalratswahlen 1999 hatten die Kandidatinnen eine 1,7-mal kleinere Wahlchance als die männlichen Kandidaten.
Hinter dieser Zahl verbirgt sich folgender Sachverhalt: Die Frauen machten auf den Wahllisten einen Anteil von 35 Prozent und unter den Gewählten von rund 24 Prozent aus; ihr Gewählten-Anteil war also um rund 11 Punkte kleiner als ihr Kandidierenden-Anteil. Die Männer machten dagegen unter den Kandidierenden 65 Prozent aus und unter den Gewählten 77 Prozent; ihr Gewählten-Anteil war rund 12 Punkte grösser als ihr Kandidierenden-Anteil. Die Frauen sind also nicht nur weniger zahlreich auf den Wahllisten vertreten, sie werden auch weniger gut gewählt.
Zwei Arten von Stimmen
Wo «verlieren» denn die Kandidatinnen Stimmen? Es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten: Sie erhalten auf den Wahllisten der eigenen Partei weniger Stimmen als die Kandidaten (werden also mehr gestrichen oder weniger kumuliert), und/oder sie erhalten von den Wahllisten der anderen Parteien weniger Stimmen als die Kandidaten, sie werden also weniger häufig panaschiert.
Ein Blick in die Statistik der Wahlzettel und der Panaschierstimmen der Nationalratswahlen 1999 soll diese Frage etwas beleuchten. Um aussagekräftige Resultate zu erhalten, müssen wir die Kandidatinnen und Kandidaten in Bisherige und Nicht-Bisherige – Letztere nennen wir der Einfachheit halber «Neukandidierende» – aufteilen, weil die Bisherigen meistens um ein Vielfaches mehr Stimmen erhalten als die Neukandidierenden. Für beide Typen kann nun nachgerechnet werden, wie viele Stimmen sie von den veränderten parteieigenen und wie viele von den parteifremden Wahllisten erhalten haben.
Bisherige: Zürich besonders frauenfreundlich
Für die Analyse der Ergebnisse der wiederkandidierenden Nationalrätinnen und Nationalräte können nur 13 der 21 Proporzkantone beigezogen werden, denn in acht Kantonen traten 1999 keine bisherigen Nationalrätinnen zur Wiederwahl an. Nur in fünf dieser dreizehn Kantone erhielten die wiederkandidierenden Frauen von der eigenen Wahlliste mehr Stimmen als ihre Kollegen, nämlich in Zürich, Freiburg, Appenzell Ausserrhoden, Graubünden und in Genf. Analysieren wir nun, in welchen Kantonen wiederkandidierende Nationalrätinnen mehr Panaschierstimmen erhielten, so finden sich hier ebenfalls gerade fünf Kantone. Es handelt sich dabei jedoch nur in zwei Fällen um die gleichen Kantone wie oben, nämlich in Zürich und Appenzell Ausserrhoden; weiter kommen dazu Bern, Luzern und Basel-Landschaft.
Besonders günstig ist die Bilanz der bisherigen Nationalrätinnen im Vergleich mit ihren Kollegen also in Zürich und Appenzell Ausserrhoden, wobei in Ausserrhoden mit der Bisherigen Dorle Vallender (fdp) die einzige Frau kandidierte. In diesen beiden Kantonen wurden denn auch alle 13 wiederkandidierenden Nationalrätinnen wiedergewählt. Von den 17 wiederkandidierenden Nationalräten hingegen verpassten vier die Wahl – allerdings nur deshalb, weil ihre Parteien Mandate verloren.
In jenen fünf Kantonen jedoch, in denen die Frauen weniger Stimmen von den parteieigenen wie auch von den parteifremden Wahllisten erhielten – es sind dies die Kantone Basel-Stadt, St.Gallen, Aargau, Waadt und Wallis –, ist auch das Wahlergebnis entsprechend: Sechs wiederkandidierende Frauen wurden erneut gewählt, acht wurden abgewählt. Dagegen schafften von den 29 wiederkandidierenden Nationalräten in diesen fünf Kantonen nicht weniger als 24 die Wahl.
Neukandidierende: Frauen in 8 von 20 Kantonen vorne
Die neukandidierenden Frauen erhielten in acht der zwanzig Proporz-Kantone (ohne AR) mehr Stimmen von den parteiintern veränderten Wahllisten als die neukandidierenden Männer: in Schwyz, Zug, Solothurn, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Tessin, Genf und im Jura. Auch bei den Panaschierstimmen erzielten die neukandidierenden Frauen in diesen acht Kantonen – sowie zusätzlich in Bern und Luzern – mehr Stimmen als die Männer. Wiederum findet sich hier eine Entsprechung im Wahlergebnis: Fünf Frauen wurden erstmals gewählt (gegenüber elf Männern).
In jenen zehn Kantonen aber, in denen die neukandidierenden Frauen insgesamt sowohl auf den parteieigenen wie auch auf den parteifremden Wahllisten stimmenmässig schlechter abschnitten, erzielten sie auch ein schlechtes Wahlergebnis: Hier wurden nur acht Frauen, aber 36 Männer erstmals gewählt (es sind dies die Kantone ZH, FR, SH, SG, GR, AG, TG, VD, VS und NE).
Frauen häufiger im Nachteil
Dieser erste Überblick gibt noch keine abschliessende Antwort auf die oben gestellte Frage, wo die kandidierenden Frauen gegenüber den kandidierenden Männern ihre Stimmen «verlieren». Eine solche gibt nur ein Blick in die Statistik der Wahlzettel und Panaschierstimmen, und zwar differenziert nach Kantonen und Parteien**.
Eines kann jedoch festgehalten werden: Es gibt nicht ein einzelnes spezifisches Hindernis, das sich den Frauen auf dem Weg in die Parlamente in den Weg stellt. Es gibt durchaus einige Kantone, in denen die Frauen – als Bisherige oder als Neukandidierende – mehr Stimmen von der eigenen Partei und von den fremden Parteien erhalten als ihre männlichen Konkurrenten. Aber diese Kantone sind in der Minderheit. Interessant ist dabei namentlich der Befund, dass die Frauen – unabhängig davon, ob sie bisherig oder neukandidierend sind – auf den eigenen Wahllisten tendenziell häufiger gestrichen bzw. weniger kumuliert werden als die Männer. Dieses Faktum gewinnt an Gewicht, wenn man in Betracht zieht, dass die weitaus meisten Stimmen von der parteieigenen Wahlliste stammen, dass also diese Stimmen «matchentscheidend» sein können.
Linke und Grüne bevorzugten Frauen, Rechte benachteiligten sie
KANTON BERN: In den Nationalratswahlen 1999 wurden Frauen von Wählerinnen und Wählern der SP und der Grünen 1999 stark bevorzugt panaschiert. In geringerem Mass traf das auch auf die CVP zu, bei der FDP und der EVP war das Bild uneinheitlich. Auf Wahlzetteln der SVP-Männerliste, der FPS, der EDU und der Schweizer Demokraten wurden Frauen krass benachteiligt. Insgesamt schnitten punkto Panaschierstimmen vor allem neukandidierende Frauen deutlich besser ab als neukandidierende Männer.
WS/AOp/bur. Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht nur zwischen verschiedenen Kantonen, sondern auch Parteien grosse Unterschiede bezüglich des Abschneidens von Frauen gibt. Im Kanton Bern, wo 20 Männer und 7 Frauen gewählt wurden, liegt die primäre Erklärung in der unterschiedlichen Attraktivität der Männer- und Frauenlisten der drei grossen Parteien SVP, SP und FDP: Von der Wählerschaft aller drei Parteien wurde die Männerliste bevorzugt. Bei der SP allerdings nur knapp, so dass sowohl für Frauen- wie Männerliste je vier Mandate resultierten. Auf den Frauenlisten der SVP und der FDP hingegen schaffte nur je eine Frau die Wahl, dagegen gab es für die Männerliste der SVP sieben, für jene der FDP vier Mandate.
Wo geschlechtergetrennte Listen vorliegen, ist klar, dass die Zahl der parteieigenen Stimmen vom Erfolg dieser Listen abhängt. Da aber SP, SVP und FDP insgesamt 21 der 27 Berner Mandate holten, wird an dieser Stelle auf eine Analyse der parteieigenen Stimmen verzichtet.
Bisherige klar im Vorteil
Erstmals hingegen lässt sich für den Kanton Bern – weil die entsprechenden Zahlen jetzt zur Verfügung stehen – feststellen, wo frauenfreundlich panaschiert wurde und wo nicht. Aus methodischen Gründen – Bisherige kamen im Durchschnitt auf rund neun mal mehr Panaschierstimmen – wird wiederum zwischen Bisherigen und Neukandidierenden unterschieden.
SP, Grüne: Frauenfreundlich
In der nebenstehenden Grafik sind die Wahllisten der Berner Parteien (ohne Kleinstparteien) danach geordnet, wie gut ihre Wählerinnen und Wähler Kandidatinnen panaschiert haben. Dabei wurde bei jeder Partei der Durchschnittswert für Männer gleich 100 Prozent gesetzt. Mit andern Worten: Werte über 100 in dieser Grafik bedeuten, dass Frauen besser panaschiert wurden, Werte unter 100 zeigen, dass Frauen von der Wählerschaft dieser Partei weniger Panaschierstimmen erhalten haben als Männer.
Wie die Grafik zeigt, haben die Wählerinnen und Wähler der Frauenliste der SP (SP-f) Frauen klar am besten panaschiert. Für die bisherigen Nationalrätinnen wird der Wert 411 ausgewiesen, d.h. Nationalrätinnen erhielten von Wahllisten der SP-Frauen rund viermal mehr Panaschierstimmen als Nationalräte. Bei den Neukandidierenden bietet sich bei der SP-Frauenliste fast das gleiche Bild: Frauen erhielten 373 Prozent der Panaschierstimmen der Männer, also 3,73-mal mehr. Am zweitbesten haben Frauen bei den Grünen abgeschnitten, auch von ihren Listen erhielten Nationalrätinnen (+235%) wie neukandidierende Frauen (+362%) viel mehr Panaschierstimmen als Männer. An dritter Stelle liegt die SP-Männerliste, ihre Wählerinnen und Wähler haben ebenfalls an Nationalrätinnen (+181%) wie neukandidierende Frauen (+134%) massiv mehr Panaschierstimmen abgegeben.
Mehr Panaschierstimmen als die Männer erhielten die Frauen auch von den Wählenden der FDP-Frauenliste (bei den Bisherigen beträgt der Stimmenüberschuss für Frauen allerdings nur gerade 1%) und der CVP. Die Wählerinnen und Wähler der SVP-Frauenliste haben genau gleich viele Panaschierstimmen an Nationalrätinnen und Nationalräte abgegeben, hingegen neukandidierende Frauen leicht (+107%) bevorzugt. Überschüsse für Neukandidierende, aber weniger Panaschierstimmen für bisherige Nationalrätinnen gab es von den Jungfreisinnigen, der EVP und der Männerliste der FDP.
Schliesslich gab es Parteien, von denen Frauen unter beiden Titeln schlechter panaschiert wurden: Sowohl bisherige Nationalrätinnen als auch neukandidierende Frauen haben von Wahlzetteln der Jungen SVP (SVP-j), der Freiheits-Partei, der Männerliste der SVP, der EDU und der Schweizer Demokraten weniger Panaschierstimmen erhalten als Nationalräte und neukandidierende Männer. Der niedrigste Wert in der Grafik, die 13 Prozent Panaschierstimmen für bisherige Frauen von Seiten der Wählerschaft der EDU, bedeutet, dass auf acht Stimmen für Männer bloss eine Stimme für eine Frau entfiel.
Frauen in Bern beim Panaschieren bevorzugt
Die Analyse nach Parteien entspricht den Erwartungen: Links (bei SP und Grünen) werden Frauen beim Panaschieren deutlich bevorzugt. Die Grafik zeigt auch, dass Frauen insgesamt im Kanton Bern bei den Wahlen 1999 besser panaschiert wurden: Bisherige Nationalrätinnen minim besser als bisherige Nationalräte (+102%), neukandidierende Frauen um genau einen Drittel besser als neukandidierende Männer (+133%).
Dieses gute Ergebnis ist vor allem auf Wählerinnen und Wähler der SP und der Grünen zurückzuführen. Bei der FDP war das Bild uneinheitlich, hingegen sind Frauen von den Rechtsparteien (FPS, EDU, SD) und auch von der SVP-Männerliste klar benachteiligt worden.
Aufschlussreich sind die Ergebnisse auch dank den drei geschlechtergetrennten Listen von Sozialdemokraten, Freisinnigen und SVP. Wer eine Frauenliste einlegte – unabhängig davon, ob eine der SVP, FDP oder SP –, panaschierte deutlich mehr Frauen, als wer sich für die Männerliste der entsprechenden Partei entschied.
* Werner Seitz leitet als Politologe im Bundesamt für Statistik den Bereich «Wahlen und Abstimmungen».
Andrea Oppliger studiert Politologie an der Universität Bern und erstellte im Rahmen ihres Praktikums im Bundesamt für Statistik verschiedene Berechnungen zur Panaschierstatistik.
** Für die Nationalratswahlen 1999 hat das Bundesamt für Statistik (BFS) erstmals die Zahlen zum Panaschierstimmentausch für alle Kantone und Gemeinden zusammengestellt. Solche Zahlen fehlten bisher für den Kanton Bern. In einer soeben erschienenen Publikation zeigt das BFS, wie diese Zahlen analysiert werden können: «Konzepte zur Analyse der Panaschierstatistik. Eine Studie mit Daten der Nationalratswahlen 1999». Expertise erstellt von Rudolf Burger. Bundesamt für Statistik, Neuchâtel 2001. Die Studie kann beim BFS zum Preis von Fr. 9.– bestellt werden (032/7136061); Bestell-Nr. 016-9903.