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Mißbildung
(Vitium primae formationis), jedwede Abweichung von dem normalen Entwickelungsgang eines Keims zum reifen Individuum. Im Tierreich nehmen die Mißbildungen an Häufigkeit und an Mannigfaltigkeit zu mit der Kompliziertheit des Entwickelungsvorganges. Bei den niedersten organischen Wesen kennen wir überhaupt keine Mißbildungen. Am besten erforscht ist die Pathologie der Entwickelungsgeschichte [* 2] bei den höhern Säugetieren und besonders beim Menschen.
Das Produkt einer ist die Mißgeburt (monstrum, monstrositas, griech. teras, daher die Lehre [* 3] von den Mißgeburten Teratologie). Die Teratologie nun hat in ihrer Ausbildung als besonderer Zweig der Naturwissenschaft denselben Weg eingeschlagen, den die Entwickelungsgeschichte selbst vor ihr gegangen war; sie ist von der Beobachtung der Bildungsvorgänge in der Klasse der Säugetiere zurückgegangen auf die Bebrütung des Hühnereies und hat gefunden, daß ein großer Teil der Hauptformen krankhafter Keimentwickelungen sich beim Hühnchen in analoger und einfacherer Weise gestaltet als bei den Embryos derjenigen Klassen, welche ihre Früchte durch mütterliche Kreislaufsapparate (Placenta) zur Reife bringen. So wie die normale Entwickelung an dem Keim den eigentlichen Embryo von den außer ihm liegenden Umhüllungs- und Ernährungsapparaten unterscheidet und an dem Ernährungsorgan wiederum einen embryonalen von dem mütterlichen Anteil trennt, ebenso lassen sich die Monstra einteilen in solche, welche durch Bildungsanomalien am Embryo selbst, in solche, welche durch Erkrankungen der Eihäute und des embryonalen Fruchthofs, und endlich in solche, welche durch Fehlentwickelungen am mütterlichen Teil der Placenta entstanden sind.
Die beiden letzten
Kategorien umfassen die höchsten
Grade der Mißgestaltungen, sie entstehen in sehr
frühen
Perioden nach der
Befruchtung,
[* 4] man nennt sie mit einem Gesamtnamen
Molen. Die
Mißbildungen des
Embryos selbst zerfallen
in Doppel
mißbildungen und einfache
Mißbildungen. Die Doppelmonstra gehen nach der
Annahme mancher
Autoren hervor durch
Spaltung
eines ursprünglich einfachen
Keims, nach der Auffassung andrer durch
Verwachsung einer ursprünglich doppelten
(oder mehrfachen) Keimanlage. Am häufigsten liegen die
Achsen beider
Embryos parallel, und es besteht eine Verschmelzung entweder
der
Köpfe (Janusbildungen), oder der Brustkasten (Thorako- oder Sternopagen), oder des
Bauches (Gastropagen). Es kommt aber
auch vor, daß die
Achsen beider
Körper in einer
Linie liegen, und ganz extrem selten, daß sie einen
Winkel
[* 5] bilden oder sich kreuzen.
Die nicht verwachsenen Teile, in den meisten Fällen die Extremitäten, sind sofort als doppelt vorhanden erkennbar; an den Stellen der Verschmelzung gelingt es oft, am Skelett [* 6] ebenfalls, die zwiefachen Anlagen nachzuweisen, so daß die Einfachheit nur eine scheinbare, durch die Formen der Weichteile bedingte war. Die meisten Doppelmonstra sind nicht lebensfähig, viele sterben während der Geburt, welche selbstredend äußerst schwierig und gefahrvoll ist, und selten ist die Verwachsung so auf äußere, nicht lebenswichtige Organe beschränkt, daß die Individuen nebeneinander bestehen können. Am bekanntesten sind als Beispiele die siamesischen Zwillinge und die zweiköpfige Nachtigall.
Die einfachen Monstra lassen sich am richtigsten einteilen in Monstra per excessum und
Mißbildung per defectum; bei
den ersten sind die Teile quantitativ oder der Zahl nach größer, als sie sein sollten, bei den andern sind sie kleiner
oder fehlen ganz. Die letzte Art der
Mißbildungen ist sehr häufig. Bei
Hemmungsbildungen finden sich
die
Organe vor, aber in einer Gestalt, welche in einer weit frühern
Periode ihrer
Entwickelung die normale ist. Neuere
Autoren
haben den Nachweis versucht, alle vorkommenden
Mißbildungen auf
Hemmungen in der
Entwickelung zurückzuführen, namentlich
auch diejenigen
Mißbildungen, welche früher als dritte Hauptgruppe, als Monstra per fabricam alienam,
aufgeführt wurden.
Diese Frage ist noch nicht abgeschlossen, jedenfalls aber für eine Reihe von Verdoppelungen einzelner Organe (Uterus und Scheide) oder Organteile (Herzklappen, Iris oder Regenbogenhaut) erwiesen. Alle Beschreibungen und Abbildungen von wunderbaren Mißgeburten (per fabricam alienam) mit Tierköpfen od. dgl., an denen die Teratologie der frühern Jahrhunderte, vornehmlich die französische Litteratur, reich ist, sind als Phantasiegespinste entlarvt worden ¶
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und aus der Wissenschaft in die Märchenwelt übergegangen. Über die direkten Entstehungsursachen der Mißbildungen herrscht seit der Verbreitung der Darwinschen Deszendenzlehre in manchen Kapiteln große Uneinigkeit zwischen den beiden Parteien, deren eine (die ältere) die Mißbildungen aus Erkrankungen des Keims ableitet, deren andre sie auf Atavismus bezieht und als Rückschlagsbildungen auf frühere Stammformen des Menschengeschlechts hinstellt (vgl. Mikrokephalie).
Zur Zeit ist den Anhängern der Rückschlagstheorie noch an keiner Stelle der unwiderlegbare Nachweis gelungen, während die Deutung der Mißbildungen als pathologischer Abweichungen vom physiologischen Bildungsgesetz für die Mehrzahl der bekanntern Formen schlagend dargelegt werden kann. Von den indirekten Ursachen solcher Keimerkrankungen wissen wir nur, daß sie durch Stoß, Fall oder Schlag auf den Fruchthalter einer Schwangern entstehen können, und ferner, daß die Disposition zu fehlerhaften Entwickelungen oftmals erblich ist.
Alle im Volk so weit verbreiteten Legenden über den Einfluß psychischer Affekte der Schwangern auf die Kindesentwickelung, namentlich das Versehen, gehören in das Gebiet der Fabeln; sie haben sich zu einem festen Aberglauben gekräftigt zu einer Zeit, in welcher die Vertreter der Wissenschaft selbst mit erregbarer Vorstellungsgabe in den Formen der Monstra die Ähnlichkeit [* 8] mit den schreckenerregenden Tieren, Feuern etc. anerkannten.
Vgl. Bischof, Entwickelungsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Mißbildungen (in R. Wagners »Handwörterbuch der Physiologie«, Bd. 1, Braunschw. 1842);
Förster, Die Mißbildungen des Menschen (Jena [* 9] 1861);
Panum, Untersuchungen über die Entstehung der Mißbildungen zunächst in den Eiern der Vögel [* 10] (Berl. 1860);
Derselbe (in Virchows »Archiv«, Bd. 72);
Gurlt, Über tierische Mißbildungen (Berl. 1876);
Dareste, Recherches sur la production artificielle des monstruosités (Par. 1877);
Ahlfeld, Die Mißbildungen des Menschen (Leipz. 1880-82, mit Atlas.). [* 11]
[Mißbildungen im Pflanzenreich.]
In der Botanik heißen Mißbildungen alle Abweichungen in der äußern Gestaltung der Organe einer Pflanze von der der Spezies eignen Erscheinung. Es ist, zumal bei Kulturpflanzen, oft schwer, eine Grenze zwischen Mißbildungen und Varietäten (s. d.) zuziehen, weil derartige Abweichungen bisweilen Zweck der Kultur und durch dieselbe erblich gemacht worden sind (rübenförmig verdickte Wurzeln, Fehlschlagen der Blüten des Blumenkohls, gefüllte Blumen etc.). Dagegen sind die Zwerg- und Riesenformen schon zu den Mißbildungen zu rechnen.
Das Studium der Mißbildungen ist sowohl für die theoretische Erkenntnis der Wachstumsgesetze der Organe als auch für die praktischen Zwecke des Pflanzenzüchters von großer Bedeutung. Die Mißbildungen bestehen entweder in einer Abnormität der Metamorphose (s. Blatt, [* 12] S. 1017), indem besonders in den Blüten bestimmte Blattgebilde auf eine vorhergehende Ausbildungsform zurücksinken oder auf eine höhere vorschreiten. Letzteres geschieht z. B. bei der Umwandlung der Blumenblätter in Staubgefäße [* 13] bei Capsella bursa pastoris L. Ersteres ist der häufigere Fall, er wird als rückschreitende Metamorphose (anamorphosis) bezeichnet; zu ihm gehören: die häufigen Rückbildungen der Karpelle in Staubgefäße sowie die gefüllten Blüten (s. d.), ferner die sogen. Vergrünung der Blüten, d. h. Umwandlung gewisser Blätter der Blüten in grüne Laubblätter (Antholyse oder Phyllodie), die Umwandlung ganzer Blüten in Laubknospen (Chloranthie), wozu besonders die sogen. lebendig gebärenden Pflanzen (s. Pflanze) gehören, und endlich die Erscheinungen, daß die Achse einer Blüte [* 14] am Ende sich wieder verlängert und in einen Laubsproß auswächst (Sprossung, prolificatio), z. B. bei Rosen, und daß der Blütenstand [* 15] dieselbe Veränderung zeigt (sogen. proliferierende Blütenstände).
Oder die Mißbildungen bestehen in einer Veränderung der relativen Gestaltsverhältnisse innerhalb eines und desselben Blattkreises einer Blüte, indem z. B. unregelmäßige Blüten durch Gleichwerden der Blumenblätter zu regelmäßigen werden (Pelorien). Viele Monstrositäten sind auf Abweichungen von den normalen Zahlenverhältnissen der Teile zurückzuführen. Dahin rechnen wir die meist auf Kosten der Blütenbildung geschehende abnorme Vermehrung der Laubblätter bei den Bäumen (Laubsucht, phyllomania), die Vervielfältigung blättertragender Zweige (Astwucherung, polycladia), wozu auch die Hexenbesen (s. d.) gehören.
In den gefüllten Blüten begegnen wir ebenfalls einer Vermehrung der normalen Anzahl der Blattgebilde. Auch die vierblätterigen Kleeblätter sind hier zu nennen. Die abnorme Verminderung der Teile bezeichnet man als Fehlschlagen (s. Abortus). Eine andre Klasse von Mißbildungen besteht in abnormen Verwachsungen und Trennungen. Erstere zeigen sich nicht selten an Blüten (Synanthie) und an Früchten (Synkarpie), vielfach auch an Stämmen, Ästen und Wurzeln der Bäume.
Monströsen Trennungen begegnet man besonders an solchen Blütenteilen, welche im normalen Zustand aus verwachsenen Gliedern bestehen, wie Blumenkronen und Pistille. Auf einer Vereinigung zahlreich angelegter Knospen [* 16] während ihrer Bildung am Vegetationspunkt beruht die eigentümliche bandartige Verbreiterung (Fasciation) mancher Stengel [* 17] und Blütenstände, wie z. B. bei dem Hahnenkamm (Celosia), bei welchem die mißgebildete Form sogar erblich geworden ist.
Vgl. Moquin-Tandon, Pflanzenteratologie (deutsch von Schauer, Berl. 1842);
Wigand, Grundlegung der Pflanzenteratologie (Marb. 1850);
Cramer, Bildungsabweichungen bei einigen wichtigern Pflanzenfamilien (Zürich [* 18] 1864);
Frank, Krankheiten der Pflanzen (Bresl. 1881);
Masters, Pflanzenteratologie (deutsch von Dammer, Leipz. 1886).