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Kurt Kaiser

Abruptes Ende einer Velokarriere
Nach einem ausgezeichneten Rennjahr 1965, mit Siegen in den 2-Etappenrennen GP Dernier Nouvelles im Elsass, Linkenheim, Teilnahme in der Holland-Rundfahrt und weiteren verschiedenen Ehrenplätzen in in- und ausländischen Rennen, sowie der Nomination ins Nationalkader, gab es zum Jahresende ein Tiefschlag, welcher das Ende der Velokarriere einleitete. Nach einem Meniskusvorfall, im Konditionstraining des VCR, war eine Knieoperation nötig. Es war damals noch sensationell, dass der Eingriff ambulant gemacht wurde, d.h. man brachte mich nach der Operation nach Hause. Die Rehabilitationszeit betrug jedoch immer noch über 1 1/2 Monate. In der heutigen Zeit würde man wohl eine Athroskopie vornehmen und nach wenigen Tagen das Training wieder aufnehmen. Dieser Vorfall führte dazu, dass ich kein Konditionstraining durchführen konnte, was sich im Laufe der Rennsaison bös rächte. Von der Statur her nicht unbedingt ein Kraftmensch, musste ich mir im Winter die Kraft antrainieren. Das Konditionstraining bildete eine wichtige Basis.
Nach ausgezeichneten Resultaten in den Frühjahrsrennen, u.a. Brissago, Sieg im Kriterium in Birsfelden, Rund um Köln, ging es wieder in die Holland-Rundfahrt. Als einzigem aus dem Schweizerteam des Vorjahres galt für mich nicht ‚einmal Holland, nie mehr Holland’. Ich fuhr ausgesprochen gerne in Holland. Die Tempobolzerei behagte mir. Zugegebenermassen wohl weniger die Fahrten auf der Strassenkante, im Wind. Schlicht mörderisch. Da bekommt man Radsportler zu sehen, welche vor Schmerz weinen. Meine Konditionsbasis reichte nicht aus, die Holland-Rundfahrt, einigermassen erfolgreich zu bestehen. Nebst 2 argen, unverschuldeten Stürzen bin ich jeden Tag auf dem letzten Zacken ins Ziel gekommen. Da braucht es viel Überwindung, um an nächsten Tag wieder, und immer noch tot kaputt, die nächste Etappe in Angriff zu nehmen. Es wäre wohl besser gewesen, das Rennen aufzugeben, Anstatt dessen fuhr ich mich richtig ‚hohl’. Aber schliesslich verpflichten die Schweizerkreuze auf dem Renntrikot. Die Quittung kam alsdann in den weiteren Rennen. Schweizermeisterschaft in Binningen (Sieger Paul Köchli) Aufgabe in der 6. von 9 Runden. Limmattal-Rundfahrt, Aufgabe aus der Spitzengruppe (mit Rolf Plüss), an der ‚Gsteig’ in Höngg. Die Leute schüttelten den Kopf und hatten überhaupt kein Verständnis. Da fehlte ein guter Betreuer, der mir besser geraten hätte, das Rennvelo, mitten in der Saison, in die Ecke zu stellen und einen Neuaufbau, vorzunehmen. Die meisten guten Resultate habe ich auch durch kluges taktisches Verhalten herausgefahren. Taktik gehört mal zur Rennerei und gerne denke ich an einige Rennen zurück, an denen ich mit ‚Köpfchen’ die Konkurrenz überlistete. Wenn ich heute die Rennerei mit den ‚Ohrwürmern’ anschaue, bei denen die Kopfgruppen jeweils kurz vor dem Ziel eingeholt werden, kommt mir das Grausen. Irgendwann werden die Fans genug davon haben. Es gab leider auch Rennen, bei denen mein Hirn nicht richtig funktionierte resp. ich nicht realisierte, was abläuft. Meist aus einem Übereifer heraus, ein gutes Rennen zu liefern. So insbesondere am Heimkriterium in Riehen. Den Sieg wollte ich unbedingt. Bemerkt habe ich nicht, dass Ernst Metzger durch einen Defekt einen Rundenverlust hatte und sich nur auf mein Hinterrad konzentrierte und sich in den Dienst von Ruedi Aebi (VCB) stellte. Alle meine Fluchtversuche wurden neutralisiert. Ruedi gewann das Rennen vor Koni Fluri (RRCB) und mir. Nach der schlechten Saison 66 nahm ich mir nochmals die Mühe, im Winter ein intensives Konditionstraining zu bestreiten. Doch im Frühjahr entschied ich mich zur Aufgabe des Rennsportes, obwohl seitens meines Ausrüsters ‚Tigra’ eine Anfrage zur Lösung einer Profilizenz vorlag. Es meldeten sich verschiedenste Personen und beschwörten mich, die Velo-Laufbahn weiterzuführen. Meine Möglichkeiten wären nicht ausgeschöpft. Vielleicht hatten sie recht, doch was war damals im Profisport zu verdienen? Ich entschied, mich auf meine Laufbahn, in meinem gelernten Beruf (kaufm. Angestellter/Spediteur) zu konzentrieren. Mein Ziel war es, nebst französisch, auch englisch, spanisch und portugiesisch zu lernen. Dies insbesondere mit Aufenthalten im Ausland. Im Herbst 1967 trat ich eine Stelle in London, bei einer Speditionsfirma an, als ‚student trainee’ zum Hungerlohn von netto knapp über 8 Pfund/ Woche, damals ca. 100 Franken), dies obwohl ich in der Schweiz bereits ordentlich verdiente. Es war nicht genug zum Leben, noch zum Sterben. Nach ½ Jahren änderte sich das Bild und ich bekam die Chance eine grössere Abteilung, als Manager, zu übernehmen. Etwas später wechselte ich, in London, zu einer Schweizerorganisation, die sich in all den Jahren zu einem der weltweit grössten Logistikkonzerne entwickelte. Dass ich diese Entwicklung mitmachen und mitprägen konnte, war eine tolle Erfahrung. Nach 2 Jahren England, ging es weiter nach Südamerika resp. Venezuela, ohne kaum ein Wort spanisch zu kennen, ausser cerveza, arroz, buenos días, oder ähnlich. Danach war es mein Wunsch, nach 4 Jahren Venezuela, eine Niederlassung in Brasilien zu eröffnen. Ich war überzeugt vom riesigen Potenzial, welches dieses Land bietet. Doch in der Organsation war man noch zurückhaltend,was Brasilien anbetraf. Anstatt dessen akzeptierte ich einen Posten in Nigeria, indem Land, welches ich 1 Jahr vorher noch schriftlich abgelehnt hatte. Bekanntlich soll man nie ‚nie’ sagen. Somit fiel auch mein Plan, portugiesisch zu lernen, ins Wasser. Bis heute ist es leider dabei geblieben. Nach 8 Jahren Nigeria, zuletzt als COO (Chief Operating Officer), Direktions- & Verwaltungsratsmitglied, in einem Betrieb mit mehr als 1300 Angestellten, entschied ich mich, aus familiären Gründen wieder in die Schweiz zurückzukehren. Die Zeit in Nigeria war eine immense Erfahrung, von unbezahlbarem Wert. Die Erlebnisse könnten Bücher füllen. Inzwischen war ich verheiratet, mit einer Venezolanerin, mit 2 Buben. Die Berufung in die erweiterte Konzernleitung war die Anerkennung für die geleistete Arbeit. Der Posten als Konzernverantwortlicher für Lateinamerika brachte mich wieder vermehrt in Verbindung mit dem Kontinent, für welchen mein Herz noch heute schlägt. Meine Tätigkeit in der Speditionsbranche gab mir die Möglichkeit zu Reisen in der ganzen Welt, ob West, Ost, Süd oder Nord, auf allen Kontinenten. Die 16 Auslandjahre bedeuteten mehr als 16 Jahren Abstinenz vom Velo. Zurück in der Schweiz entstaubte ich mein ‚Tigra’-Rad und musste feststellen, dass aller Anfang enorm schwierig ist. Die berufliche, wie auch familiäre Inanspruchnahme, verhinderte regelmässige Ausfahrten. Ich musste auf dem Rad leiden, fast mehr als in der Rennkarriere. Langsam ging es aufwärts. Mein Bruder beschwor mich, ein neues Rennvelo zu erstehen und meine alte ‚Schere’ zu entsorgen, was ich dann auch tat. Verblüffend war, wie sich die Technik enorm stark entwickelt hatte. Die veränderte Rahmengeometrie und insbesondere die verbesserten Bremsen waren für mich die herausragendsten Vorteile. Ich bestritt vermehrt Ausfahrten mit dem VC Riehen und auch die Clubrennen. Dass ich mit 53 Jahren nochmals Clubmeister wurde, dürfte wohl eher an der Schwäche resp. dem taktischen Unvermögen der Konkurrenten gelegen haben. Im VCR kam es wie es kommen musste, man holte mich in den Vorstand des Velo-Clubs und kümmere mich insbesondere für die Administration und inzwischen auch für die Organisation des Amateur-Kriteriums in Riehen. Traurig stimmt mich insbesondere zu sehen, auf welches Niveau der Radsport in der Nordwestecke der Schweiz gesunken ist. Unbegreiflich, dass die Vereine nicht näher zusammen rücken und sich gegenseitig helfen und so, das noch Vorhandene zu retten. Das Vereinsdenken geht nicht über den eigenen Gartenhag hinaus, obwohl es sich kein Verein in Basel mehr leisten kann. Ein Umdenken wäre da schon längstens angebracht, wenn es nicht bereits zu spät ist. Vorstösse in die entsprechende Richtung beim Verband stossen bis anhin, unbegreiflicherweise, auf taube Ohren.... Quo vadis Rennsport in Basel? Mit Wehmut denkt man an die tollen Zeiten der Rennbahn in Basel, die einen enormen Aufschwung des Radsport in der Nordwestecke der Schweiz mit sich brachte. Mit 62 Jahren durfte ich als Gechäftsleitungsmitglied früher als üblich, in den Ruhestand treten. So geniesse ich meinem Hobby vermehrt, nachkommen zu können. Auf meinen Ausfahrten treffe ich ab und zu auch den einen oder anderen der früheren Rennkollegen, soweit man diese unter den Radhelmen erkennen kann. Gewisse erkenne ich auch heute noch, von weitem, an Ihrem Fahrstil. A propos Radhelm, nach langen Beschwörungen durch meine Frau hatte ich mir vor ein paar Jahren doch auch einen Helm besorgt. Gerade zur richtigen Zeit. Die ‚Alten’ sind doch ab und zu schwer zu belehren.... 3 Wochen später übersah ich auf der Internationalen- Strasse, Lützel-Laufen, einen Stein. Ein Schlag und nach einem Salto fand ich mich auf der anderen Strassenseite hockend. Beim Salto ging der Helm in Brüche, wie auch das Schlüsselbein. Ich konnte es nicht fassen, dass mir das passieren konnte. Immerhin brauchte es einige Jahrzehnt, bis ich durch einen derartigen Sturz ausser Gefecht gesetzt wurde. An den Nostalgiehocks des RRCB, jeden 1. Mittwochabend des Monates, freue ich mich, frühere Rennkollegen zu treffen. Das führte dazu, dass ich inzwischen auch Passivmitglied geworden bin.