Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/714

Der Nutzen der Risikomatrix wird nicht selten unterschätzt und sie wird auch oft nicht recht verstanden. Im letzten Beitrag haben Sie die Grundeigenschaften der Risikomatrix kennengelernt. Heute geht es darum die Besonderheiten der Risikomatrix zu entdecken und was diese an Mehrwert bietet. Einiges davon werden Sie vermutlich nicht kennen, zum Beispiel die progessive Skala der Auswirkung bei der Risikomatrix des PMBOK oder Velocity of Risk (VoR).
Die Risikomatrix des PMBOK
Die 5×5 Risikomatrix, die Sie im Teil 1 über die Risikomatrix kennengelernt haben ist überschaubar und gut verständlich. Das PMBOK zeigt eine ähnliche Risikomatrix mit einem großen Unterschied: Die Skala der Auswirkung (Impact) ist nicht linear sondern wird progressiv grösser (0.05 | 0.1| 0.2 | 0.4 | 0.8). Mit dieser Skalierung wird erreicht, dass die Zonengrenzen nicht 45 Grad über dem Raster liegen sondern in einem Winkel, bei dem die Auswirkung mehr Wert erhält als die Eintrittswahrscheinlichkeit. Dies entspricht auch dem, was viele Personen wahrnehmen. Hat ein Risiko A eine tiefe Eintrittswahrscheinlichkeit und eine hohe Auswirkung und Risiko B eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit und eine kleine Auswirkung – die meisten Personen würden Risiko A als wichtiger anschauen.
Die „relative Wichtigkeit“ bei diesen beiden Beispiele wird klarer an den Extremstellen. Eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe ist wichtiger, als wenn eine kleine Unannehmlichkeit fast sicher eintritt. Ähnlich ist dies für Chancen: Es ist wichtiger eine goldene Gelegenheit zu fangen, auch wenn nur eine kleine Wahrscheinlichkeit besteht, als etwas, was viel einfacher zu erreichen ist, aber nur einen sehr geringen Nutzen für das Projekt bietet.
Ich empfehle Ihnen die Skala mit der Auswirkung zusätzlich mit quantitativen, projektspezifischen Kennzahlen zu ergänzen, wie z.B. finanzielle Auswirkung in mEUR, Reputation oder Zeitverzug. Somit erhalten Sie eine bessere Beziehung zur Größe des Risikos.
Eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe ist wichtiger, als wenn eine kleine Unannehmlichkeit fast sicher eintritt!
Ein Beispiel für Risiken mit sehr hoher Auswirkung
Immer wenn die Auswirkung eines Risikos als sehr hoch bewertet wird, sollten Sie zwingend etwas unternehmen, um diese zu senken. Dies auch, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr klein ist. Es ist erstaunlich, wie viele Projektleiter dazu tendieren solche Risiken einfach zu ignorieren.
Das Unglück der Raumfähre Challenger am 28. Januar 1986 ist ein gutes Beispiel dafür. Viele der Projekt-Teammitglieder, die verantwortlich waren für den Start der Raumfähre meinten, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die O-Ringe des Feststofftriebwerkes ausfallen, das heißt den Anforderungen nicht genügen würden. Die Auswirkung des Ausfalls war aber äußerst katastrophal, was die Explosion der Fähre zeigte, die alle Astronauten tötete. Die O-Ringe waren für tiefe Temperaturen ungeeignet – dies war eigentlich bekannt. Hätte man mit dem Start auf wärmeres Wetter gewartet, so hätte man die Katastrophe verhindern können.
siehe auch: Die unwahrscheinlichen Risiken
Die Risikomatrix und Velocity of Risk (VoR)
Das Konzept von Velocity of Risk ist vielen nicht bekannt, kann aber zur Risikobeurteilung einen wichtigen Beitrag leisten. Die Geschwindigkeit, in welcher sich die Auswirkung von eingetretenen Risiken zeigt ist verschieden. Bei einigen Risiken treten die Auswirkung erst nach einer gewissen Zeit, nach Tagen oder Jahren ein, bei anderen Risiken sofort, ohne Vorwarnung. Die Velocity of Risk, die auch «speed of onset» genannt wird, ergänzt die Risikomatrix mit einer dritten Dimension.
Die Velocity of Risk ist die Zeit, die vergeht, zwischen dem eintreten des Risikos und dem Zeitpunkt an welchem das Unternehmen oder Projekt zum ersten mal den Effekt spürt.
Die Risikopriorisierung mit Risk Velocity umfasst folgende Kriterien:
- Auswirkung (Impact) – was ist der maximale Schaden wenn das Risiko eintritt
- Eintrittswahrscheinlichkeit (Probability) – Wie wahrscheinlich tritt das Risiko ein
- Geschwindigkeit (Speed) – mit welcher Geschwindigkeit wird die Auswirkung spürbar
Hier vier Beispiele:
Risk A: High Impact and Probability but Low Speed of Onset
Stetige Überlastung der Mitarbeiter kann eine sehr negative Auswirkung auf das Unternehmen haben. Dies trifft sehr wahrscheinlich in einigen Monaten oder wenigen Jahren ein.
Risk B: High Impact and Very Low Probability and Very Low speed onset
Die neu zugelassenen Lebensmittel-Zusatzstoffe haben gemäss Tests sehr wahrscheinlich keine Auswirkungen auf den Menschen. Falls doch, dann werden diese erst nach vielen Jahren spürbar sein und eine hohe Auswirkung haben (z.B. Krebs).
Risk C: High Impact and Probability and High Speed of Onset
Ein neuer Konkurrent wird sehr wahrscheinlich eine signifikate Auswirkung auf das Unternehmen haben. Die Auswirkung des Risiko wird spätestens in 2 Monaten spürbar sein, wenn der Konkurrent mit dem Handel anfängt.
Risk D: Very High Impact and Low Probability and Very High Speed of Onset
Chemikalien werden nicht unter adäquaten Bedingungen in einer Anlage gelagert, was zu einer nachteiligen chemischen Reaktion führen kann. Die Folgen sind fast sofort: 1) Explosion, 2) Feuer, 3) Arbeiterverletzung oder Tötung, wenn Arbeiter vor Ort sind, und 4) Unmittelbare Unterbrechung des Betriebs an dieser bestimmten Einrichtung.
Velocity of Risk (VoR) is the time that passes between the occurrence of an event and the point at which the company/project first feels its effects“
Beispiel für eine Bewertungsskala für die Geschwindigkeit
|Rating||Description||Definition|
|1||Very Low||Very slow onset, occurs over 3 years or more|
|2||Low||Onset occurs in a matter of one year|
|3||Medium||Onset occurs in a matter of several months|
|4||High||Onset in a matter of days to a few weeks|
|5||Very High||Very rapid onset, little or no warning, instantaneous, days|
Rechts finden Sie ein Beispiel einer Risikomatrix mit verschiedenen grossen Kreisen. Je grösser der Kreis, desto schneller treten die Auswirkungen des Risikos ein.
Die Velocity of Risk (VoR) ist eine Verfeinerung der Risikobetrachtung. Sie ist aus meiner Sicht eher ein Element für Fortgeschrittene im Risikomanagment. Trotzdem kann es bei bestimmen Projekten oder Situationen sehr sinnvoll sein diese Darstellung einzusetzen, um sich der zeitlichen Aspekte der Risiken bewusst zu sein.
Wollen Sie mehr über das Risikomanagement in Projekten wissen? In meinen Büchern über Projekt-Risikomanagement vertiefen Sie Ihr Wissen und machen Ihre Projekte noch erfolgreicher.
Was haben Sie für Erfahrungen mit der Risikomatrix gemacht? Stimmen Sie meinen Aussagen zu oder haben Sie eine andere Ansicht? Teilen Sie Ihre Erfahrung mit einem Kommentar den Lesern mit, damit wir alle eine weitere Sicht kennenlernen. Danke!
Wollen Sie mehr über das Risikomanagement bei Projekten erfahren? Meine Bücher über Projekt-Risikomanagement bringen Sie einen wichtigen Schritt weiter!
Kennen Sie jemanden, den dieser Beitrag auch interessieren könnte? Dann leiten Sie ihn einfach weiter oder teilen ihn. Danke!