Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03207.jsonl.gz/723

Vielen Dank für die äusserst interessante Antwort zum Beitrag "Neuropsychologische Aspekte der Autismus-Spektrum-Störung (ASS)", liebe Maya!
Liebe Edith
Danke für den Beitrag! Seit meiner Masterarbeit im Jahr 2012 beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema und aktuellen Theorien zu Autismus. Die drei Theorien die du beschrieben hast sind in der Literatur stark etabliert, haben jedoch gemeinsame Schwachpunkte:
- Sie sind beschreibend, nicht erklärend
- Sie beschreiben jeweils nur einen Teil des Problems
- Menschen mit Autismus sind in der Lage, viele Dinge später im Leben zu lernen. Zwar sind sie dann immer noch autistisch, können sich aber in der vertrauten Umgebung gut bewegen. Das berücksichtigen diese Theorien nicht.
Es gibt nun neuere Ansätze, die Autismus neurophysiologisch zu erklären versuchen und den Vorgängen im Gehirn viel näher liegen, die aktuell in der Forschung untersucht werden.
Ich versuche die Theorie, die Pellicano & Burr 2012 beschrieben haben, hier kurz verständlich zu erklären. Dazu erst einen kurzen Exkurs über die Funktionsweise unseres Gehirn (generell):
Unser Gehirn funktioniert wie eine Vorhersagemaschine. Es beinhaltet Modelle über die Welt, die es benutzt, um vorherzusagen, was in den nächsten Sekunden, Minuten, Tagen oder Jahren passieren wird. Wenn wir den Lichtschalter betätigen erwarten wir, dass das Licht angeht, wenn Wolken aufziehen, erwarten wir, dass es regnen wird und wenn wir einen grossen Stein vom Boden heben, spannen wir die Muskeln an, weil wir wissen, dass er schwer sein wird.
Wenn etwas anders ist, als wir es erwarten (Licht geht nicht an, es beginnt nicht zu regnen oder der Stein ist plötzlich leicht) generiert unser Gehirn "Vorhersagefehler". Dafür sind verschiedene Hirnareale und Neurotransmitter zuständig. Eine grosse Rolle spielt dabei Dopamin im Nucleus accumbens. Nun geht es aber noch weiter. Es gibt Bereiche im Leben, die sehr stabil sind (der Stein, der schwer ist) oder Bereiche, die weniger stabil sind (die Wolken). Das heisst, wenn es Wolken hat und nicht regnet, überrascht mich das weniger, als wenn ich den Stein aufhebe und er ist plötzlich leicht, weil die sich die Eigenschaften der Wolken unvorhersagbarer verhalten, als der Stein. Auch dieser Grad an Unsicherheit wird im Gehirn enkodiert, und zwar im Frontallappen. Vermutlich spielt hier der Neurotransmitter Acetylcholin hier eine wichtige Rolle.
Dieser Grad an Unsicherheit hat einen Einfluss auf mein Lernen: Wenn ich mir sicher bin, dass die Welt sich unsicher verhält, bin ich auf alles vorbereitet und nicht besonders überrascht, wenn plötzlich die Sonne kommt, obwohl ich (wegen den Wolken) mit Regen gerechnet hab. Wenn ich hingegen eine grosse Sicherheit habe, fällt mir sofort auf, dass etwas falsch ist und der Vorhersagefehler wird sehr stark gewichtet. Beim Stein frage ich mich sofort, ob da mit dem Stein etwas falsch ist oder ob ich plötzlich Superman geworden bin und werde mein Modell über die Welt irgendwie anpassen müssen.
Was hat das ganze mit Autismus zu tun?
Wir glauben, dass Menschen mit Autismus die Vorhersagefehler anders gewichten als Neurotypische. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten wie sich das im Gehirn auswirken kann:
An einem Beispiel nochmals:
- Menschen mit Autismus haben niedrigere sensorische Schwelle, und daher fallen kleine Veränderungen mehr auf (Vorhersagefehler sind grösser) und dadurch wird die Welt unvorhersagbarer wahrgenommen
- Menschen mit Autismus gehen davon aus, dass die Welt vorhersagbar ist und sehen jedes Ereignis als "neues Ereignis", wodurch die Modelle über die Welt bei Autisten extrem komplex werden können.
Ich sehe zum ersten mal in meinem Leben eine Katze. Sie ist schwarz und zutraulich. Zwei Tage später sehe ich wieder eine Katze. Sie ist dunkelbraun und sehr ängstlich --> Vorhersagefehler! Was mach ich nun damit?
Mir fällt gar nicht auf, dass sie nicht schwarz ist und denke, dass sie sich wohl vor etwas anderem erschreckt hat und das nächste mal sicher zutraulich sein wird.
--> Meine Welt lässt ein paar Veränderungen zu, andere fallen mir nicht auf und daher bleibt mein Modell simpel und stabil = eher neurotypisch
Mir fällt auf, dass sie eine andere Farbe hat und sich anders verhält und ich frag mich, was da passiert ist und denke, dass ich wahrscheinlich eine neue Spezies entdeckt habe, und muss mir unbedingt merken, dass es braune, ängstliche Katzen gibt.
--> meine Welt lässt keine oder nur sehr wenig Veränderungen zu und ich passe mein Modell sofort an = eher autistisch
Der Vorteil an dieser Theorie sind folgende:
- Es gibt messbare, neurophysiologische Korrelate zu individuellen Vorhersagefehlern (Gehrinareale, Neurotransmitter), anhand von denen man die Theorie überprüfen kann (wurde aber noch nicht direkt untersucht)
- Vorhersagefehler sind auch an Emotionen gekoppelt. Vorhersagefehler lösen negative Gefühle aus. Sich in einer Welt zu bewegen, in der alles neu und unsicher ist, ist anstrengend und beängstigend. Das heisst, die Theorie kann auch das emotionale Verhalten von Menschen mit ASS erklären.
- Auch viele andere Symptome, zB repetitives oder stereotype Verhaltensweisen lassen sich mit dem Versuch, Vorhersagefehler zu reduzieren, erklären.
Und meine persönliche Meinung: Gemäss dieser Theorie ist das Weltbild eines Autisten viel komplexer und 'Fehler' fallen mehr ins Gewicht. Diese beiden Dinge können aber kompensiert werden, indem man Autisten auf einfache Regeln aufmerksam macht oder ihnen Möglichkeit haben, die gleiche Situation sehr häufig zu erleben, so dass ihr komplexes Modell die meisten Fälle abdecken kann oder sie in ein stabiles, vorhersagbares Umfeld bringt, wo die Übergewichtung der Vorhersagefehler ein Vorteil und kein Nachteil darstellt. Und wenn diese Möglichkeiten vorhanden sind, denke ich, dass auch für Autisten Theory of Mind, Exekutive Funktionen und zentrale Kohärenz möglich sind.
Liebe Grüsse
Maya