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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).

Siebtes Buch
XII. Kapitel
70.
1. Aber eine Enthaltsamkeit von solcher Art ist doch wenigstens die Grundlage der Erkenntnis1 und der Zugang zu etwas Besserem und ein Ausgangspunkt für die Vollkommenheit. "Denn der Anfang der Weisheit", heißt es, "ist die Furcht des Herrn."2
2. Der Vollkommene aber "trägt alles und duldet alles",3 aus Liebe, "nicht um einem Menschen, sondern um Gott zu gefallen".4
3. Indessen ist es eine natürliche Folge, daß ihm Lob zuteil wird, nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern damit die, die ihn loben, ihn nachahmen und Nutzen davon haben.
4. Das Wort (xxx) [egkrates] wird aber auch in einem anderen Sinn gebraucht, nicht nur von dem, der seine Leidenschaften beherrscht, sondern auch von dem, der über das Gute Herr geworden ist und sich die herrlichen Güter des Wissens zum beständigen Besitz erworben hat, mit deren Hilfe er die tugendreichen Taten als Früchte hervorbringt.
5. Deshalb gibt der Gnostiker nie in irgendeiner Lage die ihm eigene Haltung auf. Denn fest und unveränderlich ist der auf Wissen begründete Besitz des Guten, der in der Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge5 besteht.
6. Daher wird die Erkenntnis nie zur Unwissenheit, und das Gute verwandelt sich nie in Schlechtes. Deshalb ist auch das Essen und das Trinken und das Heiraten für ihn nicht die Hauptsache im Leben, sondern nur etwas Notwendiges. [S. 75] Vom Heiraten spreche ich hier unter der Voraussetzung, daß die Vernunft dazu rät und daß es in der richtigen Weise geschieht. Denn wenn er vollkommen geworden ist, hat er die Apostel als seine Vorbilder.
7. Und der wirkliche Mann zeigt sich nicht darin, daß er das einsame Leben für sich wählt; vielmehr trägt unter Männern im Wettkampf jener den Siegespreis davon, der sich in der Ehe und beim Aufziehen von Kindern und in der Fürsorge für das Hauswesen unbeeinflußt von Freud und Leid bewährt hat und trotz aller Mühe, die die Sorge für die Familie mit sich bringt, von der Liebe zu Gott ungeschieden geblieben und siegreich aus allen Proben hervorgegangen ist, die durch seine Kinder und sein Weib, durch seine Diener und durch seinen Besitz an ihn herankommen.
8. Wer aber keine Familie hat, dem bleiben solche Proben zumeist erspart. Da er nur für sich allein zu sorgen hat, steht er hinter dem zurück, der ihm zwar hinsichtlich der Fürsorge für sein eigenes Heil unterlegen ist, aber ihm durch die Fürsorge für das Leben seiner ganzen Familie überlegen ist, wobei er im kleinen geradezu ein Abbild der wahren Vorsehung verkörpert.
1: Vgl. Philon, De vita contemp. 34.
2: Sprichw 1,7; 9,10; Ps 110,10.
3: 1Kor 13,7.
4: 1Thess 2,4.
5: Zu der stoischen Definition des Begriffes Weisheit vgl. Paid. II 25,3 mit Anm.