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Wenn er pensioniert ist, werde man ihn nicht auf Golfplätzen antreffen, verspricht Claude Vuichard. Vielmehr kommt er zum Gespräch mit den FN direkt vom Notar. Er hat soeben die Gründungsurkunde der Stiftung Vuichard Recovery unterschrieben und dafür 10 000 Franken bezahlt. Stiftungszweck ist es, national und international die Sicherheit der zivilen Luftfahrt zu fördern und dabei insbesondere die nach ihm benannte Technik «Vuichard Recovery» für Helikopter zu verbreiten.
«Das gab es noch nie in der Fliegerei, dass ein operationelles Verfahren nach einer Person benannt wird», sagt der Stadtfreiburger Helikopterpilot über die Vuichard-Recovery-Technik.
Gerade diese Woche weilt Claude Vuichard auf Einladung der amerikanischen Zivilluftfahrt-Behörde an der grössten Helikopter-Ausstellung der Welt in Louisville (Kentucky, USA). Er stellt vor mehreren Hundert Personen und der versammelten Fachpresse seine Methode vor, welche in Zukunft weltweit zahlreiche Helikopterunfälle verhindern soll.
Gefährlicher Wirbel
In den 35 Jahren als Helikopterpilot ist Claude Vuichard verschiedene Male in einen plötzlichen, rapiden Sinkflug geraten. Man spricht von einem «Wirbelring-Stadium»: Der Hauptrotor des Helikopters verursacht links und rechts Wirbel, welche dann gemeinsam von oben den Helikopter zu Boden drücken. Wenn die Flughöhe gering ist, kann das fatale Folgen haben.
Gemäss Vuichard hat dieses «Vortex» genannte Phänomen weltweit zahlreiche Todesopfer gefordert und Materialschäden in Milliardenhöhe verursacht. Alleine in der Schweiz habe Vortex in den letzten drei Jahren drei Unfälle und drei schwere Zwischenfälle verursacht. Bisher üblich war, die Leistung zu reduzieren, die Helikopternase nach unten zu ziehen, und so gegen unten aus diesem Abtrieb herauszufliegen. Diese Methode ist aber mit einem grossen Höhenverlust verbunden, und manchmal ist diese Höhe schlicht nicht vorhanden.
Als Claude Vuichard erstmals in einen solchen Wirbelring geriet, nahm er noch am selben Abend Skizzenblätter hervor und versuchte zeichnerisch, einen besseren Ausweg aus solch brenzligen Lagen herauszufinden.
So entstand die Vuichard-Recovery-Methode. Der Helikopterpilot nimmt dabei eine sogenannte Steuerkreuzung vor, das heisst, er drückt mit dem Leistungspedal auf die eine Seite und dreht den Helikopter auf die andere Seite. Der Heckrotor erfasst so den Aufwind des Wirbels und zieht das Fluggerät seitlich aus dem Vortex.
Da bei diesem Manöver der Pilot volle Leistung gibt, sinkt der Helikopter auch nicht weiter ab. «Dieses Manöver funktioniert in jeder Situation über 15 Meter Bodenhöhe», so Vuichard.
Das Treffen
Claude Vuichard machte diese Entdeckung bereits vor 28 Jahren. An Fluglehrerkursen des Bundesamts für Zivilluftfahrt gab er seine Erkenntnisse an andere Helikopterpiloten weiter. Doch das Manöver blieb jenseits der Landesgrenzen lange Zeit unbekannt.
Erst fast ein Vierteljahrhundert später kam es zu einem wegweisenden Treffen, das die Vuichard-Methode international bekannt machen sollte. In Neuenburg traf Vuichard bei einem Helikopter-Sicherheitskurs auf den Amerikaner Tim Tucker: eine Koryphäe der Helifliegerei und Chefinstruktor beim Hersteller Robinson.
In einer Fachzeitschrift beschreibt Tucker das Treffen mit Vuichard wie folgt: «Claude Vuichard, dieser vermeintliche Flugschüler, fragte mich, ob er mir ein Rettungsmanöver vorführen dürfe, das er über mehrere Jahre entwickelt hatte. Normalerweise gehe ich auf solche Wünsche von Flugschülern nicht ein, insbesondere ausserhalb der USA, wo ich nicht mit den lokalen Begebenheiten vertraut bin. Aber in diesem Fall willigte ich zögernd ein. Die Kombination der Heckrotorleistung und der seitlichen Bewegung zog den Helikopter fast augenblicklich aus dem Vortex-Ring. Ich war verblüfft.»
Nach diesem Treffen führte Tucker die Vuichard-Recovery-Technik als Standard-Rettungsmanöver bei Robinson ein. Robinson-Helikopter werden weltweit am häufigsten zur Schulung eingesetzt. Durch Tim Tucker wurde die amerikanische Zivilluftfahrtbehörde auf Vuichard aufmerksam, und dank ihr kann der Freiburger nun seine Entdeckung erstmals vor einer wirklich grossen Zuhörerschaft präsentieren. Vuichard ist überzeugt, dass seine Methode den grossen Durchbruch geschafft hat: «Das kommt ins Fliegermuseum in Washington.»
Mit seiner nun gegründeten Stiftung will Vuichard kein Geld verdienen, wie er sagt. Er habe seinen Vater früh verloren; dieses Erlebnis habe ihn so geprägt, dass er anderen Familien dasselbe Schicksal ersparen möchte. Vuichard hat einen Traum: Er möchte während ein bis zwei Jahren mit einem Helikopter um die Welt fliegen und seine Methode in möglichst vielen Ländern der Welt den zuständigen zivilen und militärischen Luftfahrtbehörden demonstrieren. Golfplätze wird er dabei höchstens von oben sehen.
«Nie zuvor wurde ein operationelles Verfahren nach einer Person benannt.»
Claude Vuichard
Helikopterpilot
«Der vermeintliche Flugschüler fragte mich, ob er ein Manöver vorführen dürfe.»
Tim Tucker
Helikopter-Koryphäe
Zur Person
Alles für das Fliegen gemacht
Claude Vuichard wurde 1956 in Freiburg geboren, er hat drei Geschwister. Er besuchte das Gymnasium, hat dann aber eine Lehre als Elektroniker gemacht und sich bei Vibrometer in Flugzeugelektronik weitergebildet. «Meine Leidenschaft war schon immer das Fliegen», erklärt Vuichard. Dem hat er alles untergeordnet. Um das Geld für die Ausbildung aufzubringen, hat Claude Vuichard gar das Wirtepatent gemacht und in den Gastronomie- und Unterhaltungslokalen seines Bruders gearbeitet. «Ich wollte immer schon Helikopterpilot bei der Air Zermatt werden, und drei Jahre nach Erlangen der Berufspilotenlizenz war ich dort angestellt», sagt Vuichard. In diesen Jahren machte er die Rettungseinsätze zu seinem Beruf. Vuichard flog beruflich für mehrere Arbeitgeber. Zuerst flog er Helikopter für Fernseh-Flugaufnahmen ab Ecuvillens, dann transportierte er von Genf aus Privatpassagiere, und er flog für das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) Bundesräte durch die Luft. Beim BAZL wechselte der Freiburger dann ins Helikopterinspektorat, wo er heute noch als Inspektor und Experte tätig ist.uh