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Wo sollen wir jetzt einkaufen?
August ist in der Schweiz ein spezieller Monat, weil er mit unserem Nationalfeiertag anfängt. Da sollte man meinen, dass der 1. August ein Tag für wichtige patriotische Entscheidungen ist, die ähnlich wie Neujahrsvorsätze gefasst würden. Was hätte man sich dieses Jahr vornehmen können? Etwa als konsumierender Bürger, der an das Landeswohl denkt und sich vor der Frage gestellt sieht: Soll ich hier oder im Ausland einkaufen gehen?
In diesem Dilemma stecken hauptsächlich die Einwohner von Genf, Basel, Chiasso und all jener Orte, die in der Nähe der Schweizer Grenze liegen. In der Zentral- und Mittelschweiz ist man viel weniger mit diesem Problem konfrontiert. Für die Bewohner dort ist es nicht so praktisch und auch nicht um so viel billiger, im Ausland einzukaufen. Die Restschweizer wissen auch nicht, wie sehr sich die Grenzbewohner für die schweizerische Marktwirtschaft mitverantwortlich fühlen.
Eklatante Preisdifferenzen auf beiden Seiten der Grenze konnten nicht mehr bestritten werden, und den Schweizer Einzelhändlern wurde vorgeworfen, von skandalösen Gewinnspannen zu profitieren. Dann kam das oberste Gebot: Konsument, beruf dich auf den Wettbewerb, geh im Ausland einkaufen, damit hier die Preise sinken!
Im Frühling zeichnete sich ein Kursanstieg des Schweizer Frankens bereits ab. Damals gab es aber noch lang keinen Grund zur Aufregung! Die Export-Unternehmen sorgten sich ein wenig, aber die Grenzgänger waren natürlich nicht beunruhigt. Von heute aus gesehen waren das sogar noch gute Zeiten: Der Konsument konnte am Verkaufsstand, in Inseraten oder Zeitungsartikeln Preisrückgänge verfolgen. Weil deutsche Harddiscounter in der Schweiz versuchten Fuss zu fassen, bemühten sich beide inländischen Genossenschaften umso mehr, Preissenkungen auf ihre Produkte anzukündigen und auch vorzunehmen.
Im Juli wurde der Ton schärfer. Während sich der Euro allem Anschein nach endgültig auf Talfahrt befand, stieg der Schweizer Franken weiter in die Höhe. Eklatante Preisdifferenzen auf beiden Seiten der Grenze konnten nicht mehr bestritten werden, und den Schweizer Einzelhändlern wurde vorgeworfen, von skandalösen Gewinnspannen zu profitieren. Dann kam das oberste Gebot: Konsument, beruf dich auf den Wettbewerb, geh im Ausland einkaufen, damit hier die Preise sinken! Aufgepasst, diese Worte kamen nicht aus dem Mund des Untersekretärs eines aufsässigen Konsumenten-Vereins, sondern sozusagen direkt vom Leiter des Eidgenössischen Finanzdepartments.
Das war eine Revolution. Oben gab man sich geschlagen und fragte den Durchschnittsbürger um Hilfe. Jetzt ging es darum, mit der Einkaufstasche zu kämpfen. Eine Art patriotische Mission… Ab dem 1. August schien sich der Wind in der Schweiz jedoch plötzlich zu drehen. Als Profiteure galten nicht mehr die grossen Verteiler des Landes, sondern ein diffuser Feind, der nicht leicht identifiziert werden konnte: die Importeure! Der Staatshoheit gelang es, eine Sitzung einzuberufen, um die betroffenen Akteure zusammenzuführen. Das Resultat war am 10. August eine neue Schuldzuweisung: Von nun an seien jene ausländische Produzenten verantwortlich, die eben genau dort prosperierten, nämlich im Ausland, wo der Patriot notabene in der Hoffnung, seinem Land zu helfen, einkaufen gegangen war…
Seit Mitte August ist jetzt der konsumierende Grenzbewohner ein bisschen verwirrt. Er versucht es wieder beim lokalen Schweizer Vertreiber und stellt fest, dass weniger Leute hier Schlange stehen: perfekt! Wenn er jedoch aus dem Laden heraustritt, sieht er dass die Anzeige «Gesucht: Kassierer/in» nun verschwunden ist. Das einzige, was heute sicher ist: Auf Ebene des Volkes ist es nicht einfach, die Wirtschaftspolitik des Landes zu gestalten…
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