Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/1225

Im Eingangsbereich der Ausstellung steht ein Gedicht von Bertolt Brecht. Eine Zeile macht besonders Eindruck: «Hungriger, greif nach dem Buch: Es ist eine Waffe.»
Wie wahr dieser Satz ist, beweist ein Büchlein aus den USA, das direkt daneben liegt: das «Spelling Book», ein Lehrbuch zur Alphabetisierung, das schwarze Sklavinnen und Sklaven nicht besitzen durften. Zu gross war die Gefahr, sie könnten lesend auf unerwünschte Gedanken kommen.
Sündhafte Lektüre wurde sanktioniert
Für diejenigen, die das freie Denken unterbinden wollen, geht vom Buch seit jeher Gefahr aus. Das machen die ausgewählten Texte deutlich. In neun Kapiteln zeigt die Ausstellung verschiedene Auswüchse des Buchverbots.
Das Phänomen ist fast so alt wie das Buch selbst. Kurz nach der Erfindung des Buchdrucks begann die katholische Kirche, Bücher aufzulisten, deren Lektüre als Sünde galt. Bis 1966 wurde der «Index librorum prohibitorum» fortgeführt.
Eine Auswahl dieser Liste stellt das Museum Strauhof in der Originalausgabe aus. Dazu gehören Kants «Kritik der reinen Vernunft» oder Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht».
Verbote als Vertriebs-Boost
Für viele Bücher waren Skandale und Verbote zugleich beste Werbung: Goethes «Werther» etwa, Gustave Flauberts «Madame Bovary» oder «Doktor Schiwago» von Boris Pasternak. Sie alle gehören heute zum literarischen Kanon.
Andere verbotene Bücher sind hingegen weniger bekannt. Im Strauhof erinnert die Abbildung eines Holzschnitts mit erotischen Handlungen an einen chinesischen Roman aus dem 17. Jahrhundert.
Als ein Verleger dieses Buch in den 1950er-Jahren in der Schweiz veröffentlichte, war das den Behörden zuwider. Wegen «Obszönität» musste er die nicht verkauften Werke und die Druckplatten in der Zürcher Kehrichtverbrennung vernichten.
Die Praxis des Bücherverbots hat bis heute Bestand: Die «Harry Potter»-Bände wurden mancherorts aus Schulbibliotheken verbannt – wegen teuflischer Magie.
Die Causa Rushdie
Von Bücherverboten in der Gegenwart zeugt auch der Roman «Die satanischen Verse» von Salman Rushdie. Das Buch gilt unter fundamentalistischen Muslimen als Gotteslästerung und wurde verboten. Rushdie selbst lebt seither unter Polizeischutz. Dennoch wurde er im vergangenen Jahr Opfer eines Angriffs. Er überlebte nur knapp.
Mit ihrem Titel «Satanische Verse & verbotene Bücher» nimmt die Ausstellung direkt Bezug auf den «Fall Rushdie». Dem Autor und seinem Werk ist ein Schwerpunkt gesetzt: mit einer Videoinstallation im Zentrum.
Das jüngste Kapitel: Cancel Culture
Viele der Verbote und Ächtungen, die das Literaturmuseum thematisiert, erscheinen uns aus heutiger Perspektive absurd. Gleichzeitig steckt unsere Gesellschaft mit der sogenannten Cancel Culture selbst mitten in einer Zensurdebatte.
Eingriffe in literarische Texte wie «Jim Knopf», «Pippi Langstrumpf» oder zuletzt bei Roald Dahls Kinderbüchern erachten die einen als moralische Verpflichtung. Andere sehen darin einen Angriff auf die künstlerische Freiheit.
Offenes Ende
Ob die Meinungsfreiheit tatsächlich bedroht ist, lässt die Ausstellung offen. Stattdessen wird deutlich, wie die Debatte geführt wird: In einem kleinen Raum herrscht ein einziges Durcheinander von Stimmen.
Erst durch das Überstreifen eines Kopfhörers werden sie verständlich.In Ruhe hört man ihnen zu – und kann sich dabei selbst fragen, wo man sich verorten möchte.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung «Satanische Verse & verbotene Bücher» ist noch bis zum 21. Mai im Zürcher Literaturmuseum «Strauhof» zu sehen.
Die Kultur-Highlights der Woche im Newsletter
Entdecken Sie Inspirationen, Geschichten und Trouvaillen aus der Welt der Kultur: jeden Sonntag, direkt in Ihr Postfach. Newsletter jetzt abonnieren.