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In jedem Artikel oder in jedem Buch, welches heute zum Thema Faszien geschrieben wird, kann man lesen, dass in der konventionellen Anatomie das Bindegewebe immer weggeschnitten worden sei und so dessen Bedeutung für den Organismus verkannt wurde. Erst heute – so kann man schlussfolgern, sei die wichtige Bedeutung dieser verbindenden Gewebe – der Bindegewebe – erkannt worden.
Diese vermeindlich moderne Vorstellung zeugt aber von einer gewissen Unkenntnis historischer Bezüge, vorallem der Geschichte der Histologie, der Gewebslehre.
Als Begründer der modernen Histologie gilt Marie François Xavier Bichat. Dieser äusserte sich bereits 1802 in seinem Buch “Abhandlungen über die Häute im allgemeinen und über die verschiedenen Häute insbesondere” in einer ähnlichen Weise über das Bindegewebe, wie heute in der Faszienszene argumentiert wird.
Der französische Originaltitel dieses historischen Werkes lautet: “Traité des Membranes en général et de diverses Membranes en particulier”. Im Folgenden werde ich die “modernen” Gedanken von X. Bichat vorstellen.
Bichat beginnt sein Buch mit einem ersten Artikel über “die Abhandlungen der Häute im Allgemeinen” in dem er folgendes schreibt:
1) “Nie würdigten die Zergliederer die Häute einer eigenen Untersuchung. Nie untersuchten sie diese Gattung von Organen besonders, die unter allen übrigen so zu sagen zerstreut umher liegen, ja zur Structur der Meisten viel beytragen, aber selten für sich bestehen. Bey Gelegenheit der respectiven Organe, über welche sie sich verbreiten, gedachten sie auch ihrer. Immer findet man den Herzbeutel und das Herz, das Brustfell und die Lungen, das Bauchfell und die Eingeweide des Unterleibs, die Sclerotica und das Auge, die Eichel und ihre Schleimhülle, die Gedärme und ihre zottigen Häute im nämlichen Kapitel abgehandelt. In Rücksicht der Beschreibung mag dies allerdings der einfachste und beste Weg sein. Die Zergliederer, wohl überzeugt von der Verschiedenheit der Organe, in Rücksicht ihrer Structur, übersahen aber gänzlich, dass vielleicht ihre respectiven Häute Analogie unter sich haben möchten, so dass sie gar nicht daran dachten, Vergleichungen unter ihnen anzustellen, und dies ist doch eine wesentliche Lücke.
2) “Man vermisst in unseren anatomischen Lehrbüchern über diesen Punkt jene allgemeine Betrachtungen, welche man jeder Beschreibung einzelner organischer Systeme, der z.B. der Nerven, Gefässe, Muskeln, Knochen, Bänder etc., voranschickt, und doch macht sie den schönsten Teil jener Lehrgebäude aus; sie sind es, welche uns tiefere Blicke in das einförmige Verfahren der Natur thun lassen, die sich immer gleich bleibt, nur unendliche Verschiedenheiten in Rücksicht ihrer Resultate darbietet, die sparsam mit ihren anzuwendenden Mitteln doch die mannigfaltigen Wirkungen davon zu erhalten weiss, die auf tausendfache Weise einige allgemeine Grundstoffe modifiziert, welche in verschiedenen Verhältnissen unserer Ökonomie beherrschen, und die unzähligen Erscheinungen derselben bestimmen.”
5)” Betrachtet man im Allgemeinen alle Häute des organischen Körpers, so möchte man glauben, ihre Classification in Rücksicht ihrer Menge und auffallenden Verschiedenheit eines jeden Teils müsste sehr ausgedehnt seyn. Ohne Übertreibung kann man annehmen, dass die Menge der inneren Häute sich zur Haut verhält wie 8 zu 1 und vielleicht würde man keine der andern gleich finden, wenn es möglich wäre, sie alle auf eine Oberfläche zusammen zu bringen. Indessen bedarf es nur eines oberflächlichen Nachdenkens über ihre Structur und Verrichtungen, um sich von der Aehnlichkeit mehrerer zu überzeugen, und dass die Verschiedenheit, wenn gleich der verschiedene Bau auf eine Differenz hinweist, doch nur auf der äussern Form, keineswegs aber auf der innerern Organisation beruhe.“
6)”Man muss daher mit Bestimmtheit angeben, welche Häute zur nämlichen Klasse gehören, welche Häute einzeln und für sich bestehen, welche Uebereinstimmung mit eineander zeigen. Wir bemerken noch überdies, dass äussere Attribute, die so zu sagen der Natur des Organs fremd sind, keine Karaktere unserer Eintheilungen werden sollen, sondern sie sollen sich auf die Natur der Organe selbst gründen. Nur die Gleichförmigkeit in der äussern Form, der Zusammensetzung, der Verrichtungen und der Lebenskräfte kann uns bestimmen, zwey Häute unter eine Klasse zu setzen. Die so kunstvollen Einteilungen wollen wir andern Wissenschaften überlassen; wir sind überzeugt, dass blos die natürlichsten Methoden zu nützlichen Resultaten führen.”
7)”Nach meinem Ermessen lassen sich die Häute nach obigem Prinzip der einer Classifikation unter zwey Haupteinteilungen bringen, 1) in einfache, 2) in zusammengesetzte. Einfache Häute nenne ich die, die eine isolierte Existenz haben, und mit den benachbarten Organen nur in mittelbarem organischen Zusammenhang stehen. Zusammengesetzte Häute bestehen aus dem Zusammenschluss von zwey oder drey der vorhergehenden Klassen, welche die manchmal sehr verschiedenen Karaktere derselben in sich vereinigt.”
8)”Die einfachen Häute kan man in drei allgemeine Gattungen eintheilen. Die erste begreift die Schleimhäute, deren Namen ich von der Flüssigkeit entlehne, welche ihre freye Ueberfläche überzieht, und welche durch kleine mit ihrer Structur verwebte Drüsen abgesondert wird. Sie bekleiden die inneren Räume aller hohlen Organe, die vermittelt der verschiedenen Oeffnungen in der Haut mit der Oberfläche des Körpers Gemeinschaft haben, den Mund, die Speiseröhre, den Magen, die Gedärme, Blase, Gebärmutter, Nase, alle Ausführungsorgane x. Die zweite Gattung, die serösen Häute, karakterisiert sich gleichfalls druch die lymphatische Feuchtigkeit, welche sie gleichfalls stets schlüpfrig erhält, aber bloss durch Aushauchung aus dem Blute ausgeschieden wird, da die vorhergehende Flüssigkeit durch wirklichen Secretionsprozess abesondert wird. Dahin gehören nun der Herzbeutel, das Brust- und Bauchfell, die Scheidenhaut, die Spinnwebenhaut, die Synovialhaut der Gelenke, und der Sehnenscheiden x. Die dritte Gattung, die fibrösen Häute, erhält ihren Namen von ihrem Gewebe; sie wird nicht befeuchtet, eine den Sehnen analoge weisse Fiber macht ihre Bestandteile aus. Dahin sind nun zu rechten die Beinhaut, die harte Hirnhaut, Sclerotica, die Hüllen der fachichten Körper, Aponeurosen, die Gelenkkapseln, die Sehnenscheiden x. Ich will mich nicht damit aufhalten, die Karaktere dieser Häute anzugeben, um den Grund meiner gemachten Einteilungen darzutun; ihre Beschreibung soll alle ihre Verschiedenheiten und die Zweckmässigkeit der ihnen festgesetzten Gränzen beweisen.”
9)”Die schon aufgezählten einfachen Häute bilden an verschiedenen Theilen die zusammengesetzten, als: fibröse-serösen, serös-schleimigen, und fibröse-schleimigen Häute.”
10)”Ausser den einfachen und zusammengesetzten Häuten, von denen ich redete, giebt es noch mehrere, die aber unter keine Klasse gebracht werden können, indem entweder ihre Organisation gänzlich unbekannt, oder wenn sie auch bekannt ist, doch isoliert stehen, und einzig in ihrer Art sind.”
11)”Endlich noch verdienen zufällig krankhaft erzeugte Häute, z.B. die der Narben, Balggeschwülsten x., sowohl schon an und für sich, als wegen ihrer Analogie mit den natürlich gefundenen Häuten untersucht zu werden”
Somit ergibt sich folgende Übersicht der Bichat’schen Klassifikation:
Kommentar
Bichat erkennt, dass die “Häute” bzw. die “Membranes” ein eigenes “Organsystem” bilden, welches “nicht irgendwo zerstreut herumliegt“, sondern Gesetz-mässigenkeiten im Bau und in den Funktionen erkennen lassen, da schon damals übersahen wurde ” … dass vielleicht ihre respectiven Häute Analogie unter sich haben möchten”.
Verglichen mit der modernen Klassifikation der Gewebe, in welcher Epithelgewebe, Binde- und Stützgewebe, Muskelgewebe und Nervengewebe unterschieden werden, bezieht Bichat diese Analogie auf die beiden Gewebeklassen des Epithel- und des Binde- und Stützgewebes.