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Diabetes und Alkohol
Alkohol ist für Diabetiker nicht verboten – weder für Typ-1- noch für Typ-2-Diabetiker. Doch gelegentlich verlangt Alkoholgenuss eine Anpassung der Diabetesbehandlung. Welche Schwierigkeiten kann Alkohol hervorrufen?
Welche Alkohol-Menge ist für einen Diabetiker/eine Diabetikerin gefährlich? Diese und andere Fragen erörterte Dr. med. Petra Elsässer anlässlich eines Vortrags bei der Association Jurassienne du Diabète. Im Folgenden lesen Sie das Wichtigste aus ihrem Vortrag.
Genau wie für Nicht-Diabetiker kann Alkoholgenuss «gefährlich» sein, wenn gewisse Mengen überschritten werden:
- Dies sind für Männer unter 65 Jahren 14 Gläser* in der Woche oder mehr als 4 Gläser * bei einer einzelnen Gelegenheit.
- Für Frauen oder über 65-jährige Männer sind es mehr als 7 Gläser * normal-übliche alkoholische Getränke pro Woche oder mehr als 3 Gläser * bei einer einzelnen Gelegenheit. (* à 10 – 12 g Alkohol, siehe Tabelle 1 auf Seite 30)
Bei Stoffwechselgesunden beeinflusst Alkohol den Blutzucker kaum. Bei Diabetikern kann er aber sowohl eine Hyperglykämie (einen hohen Blutzucker) wie eine Hypoglykämie (eine Unterzuckerung) verursachen. Grund hiefür sind zwei verschiedene Wirkungen, die Alkohol auf den diabetischen Stoffwechsel haben kann:
- Zum einen bewirkt Alkohol eine Stresssituation, welche die selben Hormone wie bei einer Unterzuckerung aktiviert. Dadurch wird die Mobilisierung von Glukosereserven begünstigt, welche ihrerseits zu einem Blutzuckeranstieg, also zu einer Hyperglykämie führt.
- Andererseits beeinträchtigt Alkohol die Glukoneogenese (die Neubildung von Zucker) in der Leber. Anfänglich kann zwar die Leber noch auf Glukosereserven zurückgreifen, in einer zweiten Phase gelingt es ihr aber nicht mehr, neue Glukosemoleküle zu produzieren. Dies erklärt das erhöhte Hypoglykämie-Risiko nach Alkoholgenuss. Dieses Risiko ist besonders hoch, wenn Alkohol in den leeren Magen oder nach einer körperlichen Anstrengung genossen wird; ebenso bei bestimmten Lebererkrankungen oder unter Insulin- oder Sulfonylharnstoff-Behandlung (z. B. unter Daonil®, Diamicron®, Amaryl® usw.).
Aus den genannten Gründen besteht nach Alkoholgenuss die Tendenz zu einer Späthypoglykämie (bis zu 12 Stunden nach dem Alkoholgenuss), d. h. zu einem Hypo in der Nacht oder am frühen nächsten Morgen. Besonders gefährlich dabei ist, dass bei einer Unterzuckerung nach Alkoholgenuss eine Glucagon-Injektion – im Gegensatz zur Gabe von Zucker – wirkungslos ist.
Weitere Gefahren
Alkohol kann bei einem Diabetiker natürlich auch den allein schon durch den Diabetes gefährdeten Organen schaden. Eine Polyneuropathie der untern Extremitäten (eine Nervenstörung in den Beinen) kann durch übermässigen Alkoholgenuss verstärkt werden. Ferner kann Alkohol toxisch auf den Herzmuskel, auf die Bauchspeicheldrüse und die Leber wirken.
Gelegentlich kann auch ein Bluthochdruck teilweise durch übermässigen Alkoholgenuss verursacht sein. Dasselbe gilt für den Fettstoffwechsel (vor allem für erhöhte Triglyzeride). Schliesslich enthält Alkohol Kalorien und kann deshalb die Probleme von Übergewicht verschärfen. Denn Alkohol entsteht durch Fermentation von Zucker und liefert dem Körper
7 kcal pro Gramm Alkohol. Klare Schnäpse, Gin, Pastis, Rum, Wodka, Whisky, Weisswein, Rosé- und Rotwein (mit Ausnahme von Dessertweinen) enthalten keinen Zucker. Zahlreiche andere alkoholische Getränke sind aber mit zusätzlichem Zucker versetzt (z. B. Apéritif-Getränke, Liköre, Alcopops usw., siehe Tabelle 2).
Tabelle 1 zeigt den Alkohol-, KH- und Energiegehalt verschiedener alkoholischer Getränke. Anhand der Vol.-% eines Getränkes sowie von Geschlecht und Gewicht des Betroffenen lassen sich nach der Widmark-Formel die Promille berechnen:
Wenn z.B. der 70 kg schwere Herr Dupont 2,5 dl Rotwein (12 Vol.-%) trinkt, führt er sich 24 g Alkohol zu. Diese 24 g sind durch 70 zu teilen, und die erhaltene Zahl nochmals geteilt durch den Faktor 0,68, was 0,5 ‰ ergibt, d. h. den Grenzwert, mit dem sich Herr Dupont noch ans Steuer setzen darf.
Wenn ein Diabetiker beabsichtigt, ein Fahrzeug zu führen, sollte er keinen Alkohol trinken, damit er im Falle eines Unfalls wegen Fahrens in hypoglykämischem Zustand nicht vom Gesetz belangt werden kann.
Zusammenfassend: Wie also kann Alkohol genossen werden?
- In Anbetracht der erhöhten Hypogefahr sind Korrektur-Insulinspritzen nach Alkoholgenuss zu unterlassen.
- Nach einem «feuchten» Abend sollten Sie sogar darauf achten, vor dem Schlafen einen Blutzucker von mehr als 10 mmol/l zu haben.
- Achten Sie auf ein eventuelles Hypo gegen Ende der Nacht und am frühen Morgen, insbesondere wenn Sie mit einem Motorfahrzeug zur Arbeit fahren müssen.
- Meiden Sie wenn immer möglich gesüsste alkoholische Getränke (z. B. Liköre) und trinken Sie keinen Alkohol nach einer körperlichen Anstrengung oder in den leeren Magen.
Dr. med. Petra Elsässer,
Endokrinologie FMH; Moutier,
in Zusammenarbeit mit
Emmanuelle Schaffter, dipl. ErB,
Übersetzung und Bearbeitung mf