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Ein Christuskind aus der Latrine
Bei der Kanalisations-Sanierung an der Ecke zwischen Münster und Baudepartement konnten mehrere Fundamente des ehemaligen Pfarrhauses der Münsterpfarrei erfasst werden. Über dessen Baugeschichte ist nur wenig bekannt. Das Gebäude wurde spätestens zwischen 1858 und 1866 zugunsten einer Strassenverbreiterung abgerissen. Bei den aktuellen Ausgrabungen kam in diesem Bereich u.a. ein gemauerter Latrinenschacht zum Vorschein. Das stille Örtchen hatte nicht nur als Toilette, sondern auch zur Entsorgung von Speiseresten, kaputtem Geschirr und sonstigen Objekten gedient.
Darum wurden in dieser Latrine grosse Mengen Glasfragmente, Koch- und Tafelgeschirr sowie Ofenkacheln-Bruchstücke gefunden. Das Ensemble deutet auf eine Datierung ins 15. oder 16. Jahrhundert. Dazu gehört auch ein helles, fast weisses Knaben-Figürchen, dem Kopf und Füsse fehlen. Der nackte Knabe scheint wohlgenährt und hält mit der Linken einen mit Trauben (?) gefüllten Korb, seine rechte Hand greift hinein. Die Figur besteht aus Pfeifenton. Solche Figürchen wurden ab dem 15. Jahrhundert von sog. Bilderbäckern oder Bilderdruckern hergestellt. Sie wurden in einem zweiteiligen Model gepresst und nach dem Antrocknen vorsichtig von der Form gelöst. Dann schliff man die Borten ab und brannte sie. Eine Bemalung oder Glasur ist eher selten.
Je nach Motiv dienten die Figürchen als Kinder-Spielzeug, biblische Figuren hingegen als Devotionalien zur privaten Andacht. Solche Figuren waren in Klöstern und Pfarrhäusern ebenso wie in Bürgerhäusern daheim, und sie wurden bei speziellen Anlässen auch verschenkt. Beim vorliegenden Knaben handelt es sich wahrscheinlich um ein Christuskind und damit um einen eigentlichen Vorläufer der weihnächtlichen Krippenfiguren.
Details
- Objekt: Pfeifentonfigur
- Datierung: Spätmittelalter
- Fundort: Rittergasse