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Danke für diese sehr tiefe Reportage abseits der üblichen Betrachtung. Ich glaube „Race oder Class“ ist keine Frage: Es ist ein „einschliessendes oder“, also Race und Class. Es gibt sowohl zunehmenden Klassenkampf (die Elefantenkurve von B. Milanovic) als auch starken, tief verwurzelten Rassismus (ich habe in Detroit gelebt und war viel in den Südstaaten).
Aber diese Betrachtung ist mir noch zu einfach. Gesellschaften werden durch Geschichten zusammengehalten, die ihre gemeinsamen Werte begründen und sie so einen und die Energien der Einzelnen ausrichten. Die USA definierten sich über einige Geschichten, die lange Bestand hatten und von der Gesellschaft fortwährend verifiziert wurden: Vom Tellerwäscher zum Superreichen, von der Hoheit des weissen Mannes, vom Erfolg des strengen Glaubens und harten Arbeitens... Es funktionierte, weil die Welt in verschiedene Imperien eingeteilt war und somit jeder ganz natürlich in seiner kulturellen Blase lebte und darin froh werden konnte. Für Amerikaner, die früher in die Welt reisten, gab es Marriott, CNN, McDonalds, Coca-Cola etc. so dass man sich stets wie Zuhause fühlte. (Natürlich gab/gibt es auch nicht wenige US Bürger, welche die Welt kennenlernen wollten und im Ausland genau auf das verzichteten.)
Heute verwischen sich die Imperien mit ihren jeweils identitätsstiftenden Geschichten. Wir lernen von anderen Kulturen und deren Geschichten, über Migranten, die zu uns kommen, über Migranten, die von uns zu anderen gehen, über unsere Reisen, über Medien, über kulturelle Veranstaltungen etc. Wir erleben, wie sich immer mehr neue, rivalisierende identitätsstiftende Geschichten bilden, durch Realitäten (z.B. Klimawandel, Vermögensverteilung), durch Medien und ihre jeweiligen Eigner (z.B. Fox, Breitbart), durch Erfahrungen (z.B. viele streng Gläubige und hart Arbeitende sind gesellschaftlich abgestiegen), durch wirtschaftliche Interessen (z.B. Strukturwandel), durch technologische Entwicklungen (z.B. Kommunikation, künstliche Intelligenz) etc. Neue Geschichten entstehen auch aus einem neuen Imperium, der UN, getragen vom Konsens unter den Staaten. Diese Geschichten werden von den Staaten zunehmend übernommen, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit: Menschenrechte, Arbeitsstandards, Umweltstandards, etc. Gute Geschichten, denn statt Kriege um die Deutungshoheit zu führen lösen wir heute viele Konflikte am Verhandlungstisch. Wir sind auf gutem Weg globale identitätsstiftende Geschichten zu etablieren – gegen viele Widerstände natürlich.
Auch die Wirtschaft hat sich dramatisch verändert. Mächtige Unternehmen konzentrieren sich auf wenige hochprofitable Aktivitäten und lagern alles andere an Lieferanten aus. So wurden in den G7 enorme Gewinne erwirtschaftet, die aber oftmals nicht in die gesellschaftliche Entwicklung investiert wurden. China hatte die Chance erkannt, und über diese weniger lukrativen Jobs eine Wirtschaft aufgebaut und weiterentwickelt – mit Vision, Strategie und harter Umsetzungsarbeit. Jetzt steht Amerika vor der drängenden Erfordernis eines lange verschlafenen, nun radikalen Strukturwandels – und da kommt vielen die Therapie, zurück in die Zeit, in der noch alles gut war (in unserer Erinnerung zumindest), gelegen. Aber das Morgen kommt unerbittlich, auch wenn wir uns das Gestern wünschen.
Schlussendlich hat auch die heute dominante Konsumhaltung tiefe Veränderungen gebracht. Heute konsumieren wir Politik. Viele Menschen wählen Abgeordnete und ziehen sich dann aus den laufenden politischen Diskussionen zurück, denn sie erwarten, dass der Abgeordnete ihre Interessen vertritt – und werden gegenüber der Politik immer mehr verbittert, da sie feststellen, dass die Abgeordneten andere Agenden verfolgen.
Ich sehe der Zukunft positiv entgegen. Viele junge Menschen glauben an die neuen globalen Geschichten und engagieren sich in Organisationen, welche die etablierten Organisationen ablösen. Es ist eine Zeit extremem Wandels, und Trump beschleunigt diesen – zum Wohl der Welt; ob zum Wohl der US Gesellschaft wird sich zeigen. Da glaube ich aber an den Pragmatismus der Amerikaner: Wenn sie bemerken, dass sie vom Zug der Zeit abspringen, werden sie ganz schnell wieder aufspringen - mit einem Zeitnachteil natürlich: die Kosten für die Trump-Ära.