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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

18. Buch
48. Die Weissagung des Aggäus, wonach die Herrlichkeit des Hauses Gottes größer werden sollte, als sie ursprünglich war, hat sich nicht an dem neugebauten Tempel, sondern an der Kirche Christi erfüllt.
Dieses Haus Gottes, die Kirche, hat größere Herrlichkeit aufzuweisen als jenes frühere, das aus Holz und Stein und außerdem aus kostbaren Stoffen und Metallen erbaut war. Und also hat sich des Aggäus Weissagung nicht an dem wiederhergestellten Jerusalemstempel erfüllt. Denn für keine Zeit von dessen Wiederherstellung ab läßt sich an ihm auch nur ein solches Maß von Herrlichkeit dartun, wie er sie zur Zeit Salomons besessen hatte; im Gegenteil, als verringert erweist sich die Herrlichkeit jenes Hauses zunächst durch das Aufhören der Prophetie, sodann durch die schweren Schläge, die das Volk trafen bis zum endgültigen Untergang, den die Römer herbeiführten, wie unsere obigen Darlegungen1 bezeugen. Dagegen das Haus des Neuen Bundes weist schon von vornherein um so größere Herrlichkeit auf, je vorzüglicher lebendige Steine sind, die gläubigen und wiedererneuerten Steine, aus denen es sich aufbaut. Wenn es der wiederhergestellte Tempel ist, durch den es gesinnbildet wird, so liegt der Vergleichspunkt in der Erneuerung als solcher; die Erneuerung jenes Bauwerkes bedeutet in prophetischer Sprache den zweiten Bund, der der Neue heißt. Wenn also Gott durch den genannten Propheten sprach2 : „Ich will Frieden spenden an dieser Stätte“, so hat man bei der sinnbildlichen Stätte an die zu denken, die durch sie gesinnbildet wird; und die Kirche, die durch Christus erbaut werden sollte, ist es, die gesinnbildet wird durch jene wiederhergestellte Stätte; der Ausspruch: „Ich will Frieden spenden an dieser Stätte“ besagt also soviel wie: „ich werde Frieden spenden an der Stätte, die gesinnbildet wird durch diese Stätte“. Denn alles Sinnbildliche gibt sich so, als ob es sozusagen die Rolle dessen spielte, was es sinnbildet; wie denn der Apostel sagt3 : „Der Fels war Christus“, womit er meint, daß der Fels, von dem er das sagt, Christus sinnbildete. Größer also ist die Herrlichkeit dieses neutestamentlichen Hauses als die des früheren, alttestamentlichen, und in ihrer ganzen Größe wird sie in die Erscheinung treten dann, wenn das Haus geweiht werden wird. Da nämlich „wird kommen der von allen Völkern Ersehnte“4 , wie es im hebräischen Text heißt. Denn seine erste Ankunft war noch nicht von allen Völkern ersehnt. Sie wußten ja damals nicht, nach wem sie sich sehnen sollten, da sie noch nicht an ihn glaubten. Da wird auch, nach den siebzig Übersetzern [denn auch dieser Sinn ist prophetischer Art], „das Auserwählte des Herrn kommen von allen Völkern“. Denn da wird in Wahrheit nur Auserwähltes kommen, von dem der Apostel sagt5 : „Wie er uns auserwählt hat in ihm vor der Grundlegung der Welt“. Wird doch der Baumeister selbst, er, der gesagt hat6 : „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“, dafür gutstehen, daß das Haus erbaut ist, nicht aus solchen, die zwar geladen waren, aber vom Gastmahl weggewiesen und hinausgeworfen wurden, sondern nur aus den Auserwählten; und dieses Haus wird keinen Einsturz mehr zu fürchten haben. Einstweilen jedoch tritt die Herrlichkeit dieses Hauses, da auch solche die Kirchen füllen, die wie auf der Tenne die Wurfschaufel noch erst sondern wird7 , noch nicht in solcher Größe in die Erscheinung, wie es dann der Fall sein wird, wenn jeder, der darin ist, immer darin bleiben wird.
1: XVIII 45.
2: Agg. 2, 10.
3: 1 Kor. 10, 4.
4: Agg. 2, 8.
5: Eph, 1, 4.
6: Matth. 22, 14.
7: Vgl. Matth. 3, 12 ; Luk. 3,17.