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MARKUS AKERMANN. Die ganze Welt spricht von der Subprime-Krise in den USA und den Problemen auf dem dortigen Immobilienmarkt. Wie weit trifft der Abschwung der Nachfrage nach Eigenheimen den Bauzulieferer Holcim?
Markus Akermann:
Bisher marginal. Die Wohnbau-Aktivitäten haben sich in den letzten Monaten in den USA um 20% zurückgebildet. Was den Zementverbrauch betrifft, so macht der Wohnbau nur ein Drittel des Gesamtverbrauchs aus. Von grosser Bedeutung sind der Infrastruktur- und der gewerblich-industrielle Bau. Wir rechnen mit einem Rückgang des Zementverbrauchs in den USA zwischen 6 und 7%, ausgehend allerdings von einem sehr hohen Niveau. In den ersten neun Monaten dieses Jahres fiel unser Nordamerika-Umsatz um 2,3%. Es darf nicht vergessen werden, dass die USA ein wichtiger Zementimporteur sind, denn das lokale Angebot kann die Nachfrage nicht decken.
Hält Holcim an den Ausbauschritten in den USA fest?
Akermann: Zement ist kein kurzfristiges Geschäft. Wenn wir investieren, dann bleiben wir über Jahrzehnte dort. In den USA erweitern wir unsere Zementkapazitäten bis 2009 um 4 Mio t, abgestützt auf die Eröffnung des neuen Werkes Ste. Genevieve in Greenport/Missouri. 4 Mio t entsprechen übrigens fast dem gesamten jährlichen Zementverbrauch der Schweiz.
In welchem Verhältnis stehen diese neuen US-Kapazitäten zur Gesamtexpansion?
Akermann: Wir bauen die Kapazitäten bis 2010 um 24 Mio t aus, davon entfallen lediglich 17% auf Nordamerika. Die Musik spielt im asiatisch-pazifischen Raum mit 15,5 Mio t, dort augenfällig in Indien. Europa partizipiert am Ausbau mit 2,4 Mio t.
Schwergewichtig konzentrieren sich die Investitionen auf die östliche Halbkugel …
Akermann: … weil wir in den dortigen Emerging Markets auf ein Wachstum der Bevölkerung und parallel dazu auf eine Steigerung des Bruttosozialproduktes von jährlich 6 bis 10% stossen. In Asien – ohne Indien und China – verfügen wir über eine Produktionskapazität von 48 Mio t pro Jahr. In Indien sind es 38 Mio t und in China 28 Mio t. Rund 22 Mio t stehen in Afrika und im Nahen Osten und 19 Mio t in Osteuropa.
Es fehlen in Ihrer Aufzählung Westeuropa und Nordamerika: Weshalb?
Akermann: Das sind Zementmärkte mit hohem Reifegrad. Dort generieren wir Wachstum mit Produktvielfalt und Serviceangebot. Investiert wird in den reifen Märkten selektiv und in Zuschlagstoffe; wir treiben die vertikale Integration voran. 75% unserer Zementkapazitäten stehen aber in den Emerging Markets.
Kein anderer Mitbewerber von Holcim ist ähnlich gut positioniert in den Zukunftsmärkten. Hatten Sie eine gute Nase?
Akermann: Nein, sondern Marktkenntnisse und richtiges Timing. Wir gehen davon aus, dass bis 2030 zwei Drittel der Weltbevölkerung in grossen Städten leben werden. Heute gibt es 23 Mega-Agglomerationen mit über 10 Mio Einwohnern. In 17 dieser 23 Big Cities sind wir präsent.
Wo sehen Sie Lücken?
Akermann: Nicht aktiv sind wir in den bevölkerungsstarken Agglomerationen Japans wie Tokio und Osaka sowie in Los Angeles, Istanbul und Seoul.
Schwächen haben Sie in Japan.
Akermann: Überhaupt nicht, denn Japan ist ein Markt mit tiefem Wachstum und hoher Überkapazität im Zementsektor.
Was kosten diese Ausbauschritte in den nächsten Jahren?
Akermann: Für das bekannte Ausbauprogramm von 24 Mio t werden wir bis 2010 rund 3,4 Mrd Fr. investieren. Wie kapitalintensiv unser Geschäft ist, unterstreicht ein Blick zurück: Seit 2002 haben wir unsere Ausbaustrategie mit rund 16,3 Mrd Fr. finanziell untermauert.
Wie begegnet Holcim der Abhängigkeit von der zyklischen Bauindustrie?
Akermann: Mit der geografischen Diversifikation und dem Produktfokus auf Zement, Zuschlagstoffe wie Kies und Sand sowie nachgelagerte Baumaterialien wie Transportbeton und Asphalt. Garant für unseren Erfolg ist zudem: Wir produzieren lokal für lokale Märkte, und zwar effizient und umweltfreundlich.
Holcim ist der weltgrösste Zementanbieter und seit kurzem wieder knapp vor Mitkonkurrent Lafarge positioniert. Kämpfen Sie um diese Leaderposition?
Akermann: Die Leaderposition ist für uns ohne Relevanz. Wir wollen ein Unternehmen sein, das ökonomisches Wachstum generiert, sich der sozialen Verantwortung bewusst ist und gegenüber der Umwelt die nötige Verantwortung trägt. Für unsere Kunden, für unsere Aktionäre und unsere rund 90000 Beschäftigten in 70 Ländern.
Die Börse ist sich dieser Erfolgsgeschichte nicht bewusst. Akermann: Obwohl das Interesse an unserem Titel zugenommen hat, konnten wir uns dem allgemeinen Abwärtstrend der Börse nicht entziehen. In den letzten drei Jahren hat der Kurs der Holcim-Aktie aber die Entwicklung des SMI übertroffen. Investoren nehmen zur Kenntnis, dass wir in den Märkten mit den besten Zukunftschancen gut positioniert sind.Der österreichische Investor Ronny Pecik gehört neuerdings zu ihrem Aktionärskreis. Kennen Sie Neoaktionär Pecik?
Akermann: Nicht persönlich. Jeder oder jede kann bei uns Aktionär werden. Wir sind eine offene Unternehmung ohne Restriktionen.
Kann Holcim das in den letzten Jahren eingeschlagene Tempo beibehalten?
Akermann: Wir wachsen schneller als die Mitbewerber, sowohl umsatzmässig als auch bezüglich Betriebsergebnis. Im Vergleich mit unseren Mitbewerbern weisen wir die höchste betriebliche Ebitda-Marge aus. Vor allem aber: Wir halten geografisch die wichtigsten Positionen besetzt. Wir streben dort die Kosten- und die Marktführerschaft an, dies mit Marktanteilen, die – bezogen auf die lokalen Märkte – grösser als 20% sein sollen.
Wie schliessen Sie 2007 ab?
Akermann: Wir werden ein ausgezeichnetes Ergebnis vorlegen. Wir gehen davon aus, dass das langfristige interne betriebliche Ebitda-Wachstumsziel von jeweils 5% jährlich trotz der Abschwächung in einigen Märkten deutlich übertroffen wird.
Und 2008?
Akermann: Die Akquisitionen der letzten Jahre und das umfangreiche Programm zum Ausbau der Kapazitäten und zur Stärkung der Effizienz werden zusätzliche Wachstumsimpulse verleihen.
Die betriebliche Ebitda-Marge liegt heute über alle drei Sparten gesehen bei rund 26%. Zufrieden damit? Was sind Ihre Zielsetzungen?
Akermann: Beim Zement wollen wir diese Marge bis ins Jahr 2010 auf 33% steigern, bei den Zuschlagstoffen auf 27% und bei den Ergänzungsprodukten auf 8%.
Sind Sie auf Zielkurs?
Akermann: In den ersten neun Monaten lag die Marge beim Zement bei 33,4%, bei den Zuschlagstoffen – und da haben wir noch aufzuholen – bei 20,2% und bei den nachgelagerten Baustoffen bei 7,4%.
Die Zementindustrie ist eine energieintensive Branche. Wie begegnet Holcim den explodierenden Energiepreisen?
Akermann: Mit Rationalisierungsmassnahmen, mit Differenzierung der Produkte und mit der Substitution fossiler Energieträger. Der Anteil des energieintensiven Portlandzementes ist von 53% im Jahr 1995 auf 27% im Jahr 2006 zurückgegangen. Die Abhängigkeit vom Schweröl konnten wir deutlich senken, auf noch etwa 2% des gesamten Energiebedarfs. 52% entfallen auf Kohle, 20% auf Petrolkoks, auch deren Preise haben allerdings deutlich angezogen. Alternative Brennstoffe wie Pneus, Plastikmaterialien, Lösungsmittel oder fossile Biomasse machen heute bereits 14% aus. Wir sind hier mitunter Verwerter von Reststoffen und bieten der Industrie Entsorgungslösungen an. In Indien produzieren wir zudem in einem eigenen Windkraftwerk Strom.
Wie hoch sind die Energiekosten an 1 t Zement?
Akermann: Sie bewegen sich im Durchschnitt bei 16 Fr. Sie sind sowohl bei der thermischen als auch bei der elektrischen Energie stark steigend. Mehr Sorgen macht uns die Verteuerung der Seefrachtraten.
Ist das eine neue Erscheinung?
Akermann: Zahlten wir vor fünf Jahren für den Zementexport aus Thailand in die USA noch 14 bis 20 Dollar pro t, so liegen die Schiffsfrachtkosten heute zwischen 50 und 60 Dollar.
Behält Holcim trotz der globalen Fokussierung seinen Hauptsitz in der Schweiz?
Akermann: Die Schweiz besitzt derart viele Vorteile, vor allem auch im Human-Resources-Bereich, dass eine Verlegung des Hauptsitzes ins Ausland nicht in Frage kommt.
Wie steht es um die Selbstständigkeit? Holcim besitzt mit Thomas Schmidheiny, der die heutige Holcim-Strategie eingeleitet hat, einen sehr starken Einzelaktionär?
Akermann: Unsere Selbstständigkeit ist hervorragend zementiert.
Wie lange bleiben Sie Konzernchef?
Akermann: Noch einige Jahre, denn ich habe Spass am Auftrag, und es gibt noch einiges zu tun. Eine Stärke Holcims ist die konsequente Personalplanung und -entwicklung. Wir kennen in unserem Haus für alle Stufen, weil wir für rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Monitoring mit gezielten Weiterentwicklungsmöglichkeiten betreiben, eine konsistente Nachfolgeplanung. Das gilt auch für den CEO.
Name:
Alter:
Wohnort:
Ausbildung:
Funktion:
Familie:
1987–1993
1993–2001
Seit 2002
Januar–September 2007