Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03218.jsonl.gz/2143

Afrikanische Goldkatze
Profelis aurata
© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Tiere der afrikanischen Savannen - insbesondere die in grossen Herden lebenden Antilopen und Zebras, aber auch die Elefanten, Giraffen, Nashörner, Büffel und Löwen - sind uns allen wohl vertraut, sei es aus Zeitschriften, aus dem Fernsehen oder auch von eigenen Reisen. Ungleich weniger bekannt ist die Tierwelt, deren Heimat die afrikanischen Tropenwälder sind, obschon die Artenvielfalt in diesen «dreidimensionalen» Lebensräumen weit grösser ist als in den Savannen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die meisten waldlebenden Tierarten ein recht heimliches Leben führen, dass sie vielfach nur nachts unterwegs sind und dass sie gewöhnlich in geringer Bestandsdichte vorkommen. Für den Naturtouristen wie auch für den Naturforscher stellen sie daher sehr schwierige (um nicht zu sagen: unbefriedigende) Beobachtungsobjekte dar. So überrascht es nicht, dass viele von ihnen - ganz im Gegensatz zu den Savannentieren - in freier Wildbahn kaum studiert, ja oft sogar kaum je gesehen worden sind.
Ein gutes Beispiel eines solch «schattenhaften» Wesens ist die in den äquatorialafrikanischen Wäldern heimische Afrikanische Goldkatze (Profelis aurata)
. Von ihr soll hier berichtet werden.
Eine Cousine des Löwen
Die Familie der Katzen (Felidae) ist eine sehr erfolgreiche Säugetierfamilie. Die 36 verschiedenen Mitglieder der Familie haben alle Kontinente ausser Australien und Antarktika besiedelt und haben sich überdies in die unterschiedlichsten Lebensräume eingepasst: Man kann ihnen in der afrikanischen Trockenwüste ebenso begegnen wie im europäischen Grasland, im asiatischen Regenwald ebenso wie im amerikanischen Hochgebirge.
Das «Erfolgsrezept» der Katzen besteht zur Hauptsache darin, dass sie sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu vollendeten Beutegreifern entwickelt haben. Von all den verschiedenen Tierfamilien, welche in der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zusammengefasst werden, sind sie die «kar-nivorste», das heisst die am meisten von Frischfleisch lebende. Die Katzen stellen gewissermassen die höchste Entwicklungsstufe der Raubtierordnung dar.
Die Meinungen der Fachleute über die verwandtschaftlichen Beziehungen der 36 Katzenarten untereinander gingen lange Zeit aus diversen Gründen stark auseinander. Um dem «Streit der Gelehrten» aus dem Weg zu gehen, hielten sich in jüngerer Zeit viele praxisorientierte Zoologen an eine verhältnismässig einfache Unterteilung der Katzenfamilie in erstens 5 Grosskatzen, zweitens 29 Kleinkatzen (worunter die Afrikanische Goldkatze) und drittens 2 Sonderfälle. Die Grosskatzen wurden in der Gattung Panthera
und die Kleinkatzen in der Gattung Felis
zusammengefasst, während die «Mittelkatze» Nebelparder und die «Sprintkatze» Gepard je einer separaten Gattung (Neofelis
bzw. Acinonyx
) zugeordnet wurden. Dass diese simple Gliederung weder die Formenvielfalt der Katzen noch die stammesgeschichtlichen Verhältnisse innerhalb der Familie korrekt zum Ausdruck brachte, war zwar unbestritten. Dennoch bildete sie ein sinnvolles Arbeitsprovisorium.
Neuste molekularbiologische Studien, bei welchen die Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNS) der verschiedenen Katzenarten eingehend untersucht wurde, haben nun eine Klärung dieser unbefriedigenden Situation gebracht. Mittels dieser Untersuchungen lässt sich nun für jede Katzenart recht verlässlich abschätzen, vor wie langer Zeit sie einen separaten stammesgeschichtlichen Weg eingeschlagen hat, wie eng demnach ihre Verwandtschaft mit dem Rest der Katzenfamilie ist. Der «Stamm-baum» der Katzenfamilie, der sich so neu hat zeichnen lassen, findet breite Zustimmung unter den Fachleuten und soll hier grob skizziert werden.
Die Katzen stammen nachweislich von denselben «Urraubtieren» ab wie die Hunde. Schon vor rund 50 Millionen Jahren allerdings haben sich die Vorfahren der heutigen Katzen von den Vorfahren der heutigen Hunde abgespalten und separat weiterentwickelt. Danach hat sich die Entwicklungslinie der Katzen mehrfach verzweigt. Mehrere Äste sind im Laufe der Zeit abgestorben; drei haben den «Kampf ums Überleben» bis heute überstanden. Auf sie gehen die heutigen Katzenarten zurück: Die kleineren, gefleckten Katzen Südamerikas, darunter der Ozelot (Leopardus pardalis)
und die Pampaskatze (Oncifelis colocolo)
, entspringen «Ast 1», der sich vor rund 12 Millionen Jahren vom Rest der Familie losgelöst hat. Vor 8 bis 10 Millionen Jahren hat sich dann die Entwicklungslinie der übrigen Katzen in zwei separate Äste aufgetrennt, aus welchen zum einen («Ast 2») eine kleinere Anzahl Kleinkatzen hervorgegangen ist, darunter die Wildkatze (Felis silvestris)
und der zentralasiatische Manul (Otocolobus manul)
, zum anderen («Ast 3») eine grösserer Anzahl mittelgrosser und grosser Katzen, darunter der Luchs (Lynx lynx)
und der Löwe (Panthera leo)
.
Die Afrikanische Goldkatze gehört ohne Zweifel - und dies ist eine neue Erkenntnis - nicht zu «Ast 2», sondern zu «Ast 3», ist also näher mit dem Löwen verwandt als mit der Wildkatze, in deren Gattung (Felis)
sie noch vor kurzem gestellt wurde. Wer ihre nächsten Verwandten innerhalb von «Ast 3» sind, ist allerdings nicht klar. In ihrer Erscheinung sieht die Afrikanische Goldkatze der Asiatischen Goldkatze (Catopuma temmincki)
und der Borneo-Goldkatze (Catopuma badia)
recht ähnlich. Möglicherweise trügt jedoch deren körperbauliche Ähnlichkeit und ist lediglich das Ergebnis der Anpassung an ähnliche ökologische Nischen, nicht das Zeichen engerer Verwandtschaft. Solange diese Fragen nicht geklärt sind, wird die Afrikanische Goldkatze in eine separate Gattung (Profelis)
gestellt.
Von kastanienbraun bis schiefergrau
Die Afrikanische Goldkatze ist ein mittelgrosses Mitglied der Katzenfamilie. Erwachsene Männchen weisen eine Schulterhöhe von ungefähr 50 Zentimetern auf und wiegen zumeist zwischen 11 und 14 Kilogramm. Die Weibchen sind durchschnittlich etwas kleiner und leichter als die Männchen.
Die verschiedentlich nachzulesende Aussage, wonach die Afrikanische Goldkatze «ihren Namen der goldbraunen Färbung ihres Fells» verdankt, ist keineswegs zutreffend, denn die Grundfärbung ist bei dieser Katzenart ausgesprochen variabel: Sie kann von fuchsrot über zimtfarben bis silbergrau sein. Auch die Zeichnung des Goldkatzenfells ist sehr veränderlich: Neben fast ungemusterten Individuen finden sich getuüfte und gefleckte.
1969 hat die wissenschaftliche Untersuchung von fast zweihundert Goldkatzenfellen in Museen gezeigt, dass die Goldkatzen im westlichen Afrika durchschnittlich stärker gefleckt sind als diejenigen im zentralen und im östlichen Afrika. Rund die Hälfte der Felle hatte im übrigen einen braunen Grundton, die andere Hälfte eher einen grauen, doch war dies offensichtlich nicht an die geografische Herkunft der Tiere gebunden. Tatsächlich scheint die Grundfarbe nicht nur bei den Individuen aus einem bestimmten Gebiet sehr verschiedenartig zu sein, sondern sich auch im Laufe des Lebens eines Individuum verändern zu können. Abgesehen hiervon besteht bei der Afrikanischen Goldkatze wie bei vielen waldlebenden Katzenarten ein kleiner Teil (ungefähr vier Prozent) der Population aus Schwärzlingen.
Die Afrikanische Goldkatze ist zur Hauptsache in den feuchtwarmen Urwäldern Äquatorialafrikas zu Hause - zwischen Senegal im Westen, Kenia im Osten und Angola im Süden. Innerhalb ihres Verbreitungsgebiets erweist sie sich zwar hinsichtlich ihrer Lebensraumansprüche als erstaunlich anpassungsfähig: Sie kann in Westafrika mitunter in küstennahen Mangrovenwäldern und in Ostafrika in Bergbambuswäldern auf über 3000 Metern Höhe angetroffen werden. Auch dringt sie in manchen Regionen entlang von Flussuferwäldern weit in die Savannen vor. Ihr bevorzugter Lebensraum sind aber zweifellos ausgedehnte Gebiete feuchtwarmen Urwalds auf trockenem Boden, wie es sie vor allem im Bereich des Kongo(Zaire)-Beckens noch gibt.
Nächtliche Pirschjägerin
Freilanduntersuchungen über die Lebensweise der Afrikanischen Goldkatze sind bislang keine durchgeführt worden. Unser Wissen beruht somit einzig auf Berichten über zufällige Begegnungen von Einheimischen mit der scheuen Waldkatze und ist entsprechend dürftig.
Die Afrikanische Goldkatze soll ausserhalb der Fortpflanzungszeit ein einzelgängerisches Leben führen, den Tag hoch oben im Geäst der Urwaldbäume oder in Baumhöhlen schlafend verbringen, hauptsächlich in der Dämmerung und nachts unterwegs sein und vorwiegend am Boden auf Jagd gehen.
Zum Opfer sollen ihr vor allem kleine bis mittelgrosse Säugetiere fallen, darunter Baumschliefer (Dendrohyrax spp.)
, Ducker (Cephalophus spp.)
, Böckchen (Neotragus spp.)
und andere waldlebende Kleinhuftiere sowie diverse Nagetiere. Vögel sowie Affen, die sich beim Sturz aus den Baumkronen verletzt haben, sollen von der Afrikanischen Goldkatze ebenfalls gern erbeutet werden. Es gibt zudem Berichte, wonach Goldkatzen hin und wieder Hühner, Ziegen und andere Nutztiere des Menschen in Waldnähe überfallen.
Wie die meisten Katzen soll die Afrikanische Goldkatze im übrigen eine typische Pirschjägerin sein, die ihre Beutetiere unbemerkt anschleicht und dann durch einen Überraschungsangriff erlegt, das heisst mit den scharfen Krallen ihrer Vorderpfoten packt und mit einem kräftigen Biss in die Nackenwirbel tötet.
Kaum etwas ist über das Fortpflanzungsgeschehen der Afrikanischen Goldkatze in der freien Wildbahn bekannt. Gemäss den im nordöstlichen Kongo(Zaire) heimischen Mbuti-Pygmäen soll das Weibchen stets nur ein Junges aufs Mal zur Welt bringen. Tatsächlich fanden Wissenschaftler unlängst im kongolesischen(zairischen) Ituri-Wald ein einzelnes Goldkatzenbaby in einem hohlen, umgestürzten Baumstamm. Aus der Haltung Afrikanischer Goldkatzen in Menschenobhut wissen wir jedoch, dass auch Zwillingsgeburten vorkommen. In Gefangenschaft dauerte die Tragzeit ungefähr 78 Tage, das Geburtsgewicht betrug um 200 Gramm, die Entwöhnung fand im Alter von knapp vier Monaten statt, und die Geschlechtsreife trat bei den Weibchen im Alter von 11, bei den Männchen von 20 Monaten ein. Die Lebensdauer dürfte unter natürlichen Verhältnissen bei 10 bis 12 Jahren liegen.
Die äquatorialafrikanischen Wälder schrumpfen
Es ist überaus schwierig, die Bestandssituation der so wenig in Erscheinung tretenden Afrikanischen Goldkatze abzuschätzen. Das weite Verbreitungsgebiet lässt annehmen, dass die Art nicht unmittelbar von der Ausrottung bedroht ist. Zweifellos haben aber die Aktivitäten der ständig anwachsenden menschlichen Bevölkerung Äquatorialafrikas vielerorts einen Rückgang der Bestände hervorgerufen.
Hinweise auf eine direkte Bejagung der Afrikanischen Goldkatze gibt es kaum. Zwar glauben gewisse afrikanische Volksstämme, dass das Goldkatzenfell magische Abwehrkräfte besitzt, weshalb es gern dazu benützt wird, wertvolle Gegenstände darin einzuwickeln. Andere sind überzeugt, dass der Schwanz der Goldkatze ein Talisman ist, der Glück bei der gefährlichen Elefantenjagd bringt. Die hierfür verwendeten Felle stammen aber offensichtlich nicht von gezielt gejagten Individuen, sondern von solchen, die in Fallen verunglückt sind, welche für andere Tiere ausgelegt wurden.
Grösseren Schaden dürfte die Afrikanische Goldkatze durch die Ausdünnung der Beutetierbestände seitens des Menschen erleiden. In vielen Regionen West- und Zentralafrikas bildet «Buschfleisch» eine wesentliche Eiweissquelle für die ansässige Bevölkerung. Der Jagddruck auf die waldlebenden Huftiere und die anderen mittelgrossen Säugetiere, von denen sich die Goldkatze vornehmlich ernährt, ist in diesen Gebieten immens und dürfte die Nahrungsgrundlage der Goldkatze empfindlich schmälern.
Die schwerwiegendsten Auswirkungen auf die Bestände der Afrikanischen Goldkatze hat aber zweifellos die mit enormer Geschwindigkeit voranschreitende Zerstörung der äquatorialafrikanischen Wälder zwecks Gewinnung von Edel-, Bau- und Brennholz, zwecks Schaffung von landwirtschaftlicher Nutzfläche und zwecks Ausweitung der Viehweiden. Der Lebensraum der Goldkatze schrumpft dadurch Stück für Stück; immer kleiner und isolierter werden die Rückzugsgebiete. Die Verinselung der verbleibenden Lebensraumstücke stellt dabei eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar, denn nur bei einer gewissen Populationsstärke ist die Vielgestaltigkeit der Erbinformation gross genug, damit die genetische Fitness gewahrt bleibt. Gerade für Raubtiere wie die Goldkatze, welche verhältnismässig grosse Jagdreviere, also viel Fläche je Individuum, benötigen, kann es deshalb rasch eng werden.
Die Entwaldung ist in Westafrika weiter vorangeschritten als in Zentralafrika. Viele westafrikanische Staaten haben beinahe ihre gesamte Walddecke eingebüsst. Einzig ein paar Naturschutzgebiete blieben hier verschont - als vom Menschen eingekreiste «Waldinseln», welche in der Regel zu klein sind, um längerfristig überlebensfähige Bestände der Afrikanischen Goldkatze zu beherbergen, umsomehr als der Vollzug der Schutzbestimmungen oftmals unbefriedigend ist.
Die Experten befürchten deshalb, dass gesunde Bestände der noch weitgehend unerforschten Katze - wie auch vieler ihrer tierlichen Leidensgefährten - bald nur noch im Kongo(Zaire)-Becken zu finden sein werden. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere dortigen Bestrebungen zur Bewahrung der faunistischen und floristischen Artenvielfalt und der Erhaltung der natürlichen Lebensräume mit aller Kraft weiterführen.
ZurHauptseite