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| Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

10. Theodosius
Rhosus ist eine Stadt in Kilikien, die man bei Einfahrt in den kilikischen Meerbusen zur Rechten hat. An deren östlicher und südlicher Seite liegt ein hoher und ausgedehnter schattiger Berg, der auch wilde Tiere in seinem Dickicht ernährt. Hier fand der große und berühmte Theodosius eine Schlucht, die nach dem Meere sich absenkte, und erbaute darin eine kleine Hütte, um für sich allein das evangelische Leben zu führen. Der Mann stammte aus Antiochien, war angesehen durch den [S. 98] Glanz seiner Geburt, aber er verließ Haus, Verwandtschaft und alles übrige und kaufte, um mit dem Evangelium zu reden, die wertvolle Perle. Von seiner Enthaltsamkeit, seinem Liegen auf der Erde, seinem härenen Gewande zu sprechen, erübrigt sich Leuten gegenüber, welche seine Schüler und Zöglinge sehen und diese Lebensweise an ihnen beobachten können. Dabei aber pflegte er dies alles doch in hervorragender Weise, da er sich denen, die er einführte, als Vorbild darstellen wollte. Er legte nämlich darüber hinaus noch Eisengewichte an Nacken, Hüfte und beide Hände. Sein Haar war verwildert und reichte bis an die Füße und noch darüber hinaus und war deshalb an den Weichen gegürtet.
Dem Gebete und Psalmengesang lag er unausgesetzt ob. Begierlichkeit, Zorn, Stolz und die anderen wilden Tiere der Seele zähmte er. Ununterbrochen tätig und beschäftigt, betrieb er auch Händearbeit, indem er sogenannte Fächer webte oder Körbe flocht, dann wieder kleine Äcker in der Schlucht bestellte und sie besäte, um die nötige Nahrung daraus zu erzielen.
Nachdem aber im Laufe der Zeit sein Ruf sich nach allen Seiten verbreitete, strömten von vielen Orten Leute zusammen, die Wohnung und Arbeit und Lebensweise mit ihm zu teilen wünschten. Diese nahm er auf und leitete sie zu diesem Leben an. Und man konnte da sehen, wie die einen Segel, die anderen härene Decken webten, wieder andere Fächer oder Körbe flochten, noch andere die Feldarbeiten besorgten. Und weil der Ort am Meere lag, ließ er später ein Fahrzeug anfertigen zur Beförderung von Lasten, zur Ausfuhr der Arbeitsprodukte der Hausgenossen und zur Einfuhr des Bedarfes. Er war eingedenk des apostolischen Wortes: „Tag und Nacht arbeiten wir, um niemand zur Last zu fallen1”, und: „Diese Hände haben mir und den Meinigen das Nötige verschafft2.” So arbeitete er selbst und ermahnte seine Hausgenossen, mit den Arbeiten an der Seele auch körperliche Arbeiten zu verbinden. Denn es sei [S. 99] ungeziemend, daß die Leute in der Welt in Mühe und Arbeit Kinder und Frauen ernähren, dazu Steuern entrichten, Zinsen bezahlen und Gott die Erstlinge darbringen und nach Kräften der Armen Not steuern, wir aber uns den nötigen Bedarf nicht durch eigene Arbeit verschaffen (zumal wir nur billige und geringe Nahrung nötig haben) und dasitzen mit den Händen im Schoße und die Früchte fremder Hände genießen. Mit solchen und ähnlichen Worten ermunterte er sie zur Arbeit. Die überall gebräuchlichen gottesdienstlichen Verrichtungen besorgte er zu den festgesetzten Terminen, die Zwischenzeit wies er der Arbeit zu.
Nicht am geringsten war seine Sorge für die Fremden; ihre Betreuung übertrug er Männern, die sich durch Sanftmut und bescheidenen Sinn auszeichneten und Liebe zum Nächsten bewiesen hatten. Er pflegte aber alles zu besichtigen und sah zu, ob jeder nach den aufgestellten Gesetzen seines Amtes waltete.
Er wurde so berühmt, daß Schiffer, die mehr als tausend Stadien entfernt segelten, den Gott des Theodosius in Gefahren anriefen und durch den Namen des Theodosius den Sturm des Meeres beruhigten.
Vor ihm bangten auch verwegene und wilde Feinde, welche landaus landein den Orient plünderten und die Bewohner wegführten. Denn wer von den Leuten unseres Landes hat nicht von den Drangsalen jener Zeit gehört, die von den früher Solymer, jetzt Isaurer genannten Horden über uns kamen? Aber obgleich diese weder Stadt noch Dorf schonten, sondern alle, welche sie einnehmen konnten, plünderten und dem Feuer übergaben, hatten sie Scheu vor jener Lebensweise, verlangten lediglich Brot und baten um das Gebet und ließen die Wohnung der Mönche unbeschädigt; und das haben sie nicht einmal, sondern sogar zweimal getan. Da indessen die Vorsteher der Kirchen fürchteten, der Teufel möchte den Barbaren Geldgier eingeben und so die Gefangennahme des großen Lichtes bewirken (denn es war natürlich, daß Lösegelder von allen Gottesfürchtigen ihnen geschickt worden wären), rieten sie ihm und überredeten ihn, nach Antiochien sich zurückzuziehen. Denn schon hatten sie zwei Bischöfe gefangen genommen und [S. 100] sie zwar mit aller Zuvorkommenheit behandelt, aber erst nach Empfang von je vierzigtausend Goldgulden die beiden wieder freigelassen. Nachdem er so in Antiochien angelangt war, nahm er Wohnung in einem Hause am Flusse und zog alle an sich, die einen solchen Genuß zu würdigen wußten.
Von dem Strome der Rede hingerissen, versäumte ich, ein Wunder zu berichten, das von diesem gottseligen Manne gewirkt wurde. Dasselbe erscheint wohl vielen Lesern als unglaublich, bezeugt aber durch seine Dauer bis auf den heutigen Tag die Wahrheit meines Wortes und beweist, welche Gnade und Macht der wundervolle Mann bei Gott besaß. Über dem Kloster, das er erbaute, erhebt sich ein steiler Felsen, der früher ohne Feuchtigkeit und ganz trocken war. In diesem Felsen legte er eine Wasserrinne an, die von dem Gipfel bis zum Kloster führte, wie einer, der Gewalt hat über den Lauf der Wasser. Voll Vertrauen auf Gott und, wie man begreift, voller Zuversicht, da er das Wohlgefallen Gottes besaß, und mit unerschütterlichem Glauben stand er des Nachts auf und stieg zum oberen Ende der Leitung empor, noch bevor die Schüler zu den gewohnten Gebeten sich erhoben hatten. In Gebeten beschwor er Gott, zuversichtlich vertrauend auf den, der den Willen derer tut, die ihn fürchten. Dann schlug er mit dem Stabe, mit den er sich stützte, an den Felsen. Dieser spaltete sich und ließ Wasser sprudeln einem Strome gleich. Durch die Leitung in das Innere des Klosters fließend, spendet es reichlich für alle Bedürfnisse und ergießt sich in das nahe Meer. Und es beweist bis zum heutigen Tage die mosaische Gnade, die in Theodosius wirksam war. Dieses allein reicht hin, die Macht des Mannes bei Gott zu zeigen.
Nachdem er kurze Zeit in Antiochien gelebt hatte, wurde er unter die Chöre der Engel versetzt. Der heilige Leichnam wurde mitten durch die Stadt getragen, mit jenen Eisengewichten wie mit goldenen Kränzen geschmückt, von allen geleitet, selbst von den höchsten Beamten. Es war ein Streit und ein Wetteifer um seine Bahre, die alle zu tragen wünschten, Segen davon zu erhalten. So hinausgeleitet, wurde er in der Zelle der [S. 101] heiligen Martyrer beigesetzt als Zelt- und Dachgenosse Julians, des siegreichen Kämpfers für den rechten Glauben. Dasselbe Grab nahm ihn auf, das den göttlichen und seligen Aphraates aufgenommen.
Die Leitung der Herde übernahm der wundervolle Helladius, der, nachdem er sechzig Jahre in jenen Mühen vollbracht hatte, von Gott den Bischofsitz der Kilikier erhielt. Dabei gab er die frühere Lebensweise nicht auf, nur daß er Tag für Tag über jene Mühen die Anstrengungen des hohepriesterlichen Amtes stellte. Ein Schüler des Theodosius war auch der selige Romulus, Führer einer sehr großen Herde. Seine Schar hält bis jetzt an der Lebensweise fest. Neben dem Kloster liegt ein Dorf, syrisch Marato genannt. Indem ich diese Erzählung beendige, bitte ich, seines Segens teilhaftig zu werden.
1: 2 Thess. 3, 8.
2: Apg. 20, 34.