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Weshalb sich ein Blick in die Geschichte gerade in der Krise lohnt!
«Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten», sagte einst Helmut Kohl, seines Zeichens promovierter Historiker und von 1982 bis 1998 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Das Bonmot des Kanzlers der deutschen Einheit hat nach wie vor und insbesondere in Zeiten der Krise Gültigkeit. Lassen wir die derzeitige COVID-19-Pandemie also für einen Moment bei Seite und wagen wir einen kurzen Rückblick in ausgewählte Ausschnitte zur Geschichte der Schweiz, ergänzt um eine kurze Bestandesaufnahme.
Expansion und Konsolidierung
Bis zur Schlacht bei Marignano 1515 kennzeichneten zahlreiche Feldzüge zwecks Eroberung, teilweise auch nur reicher Beute wegen, die Geschichte der Schweiz. Hierzu zählen unter anderem die Ennetbirgischen Feldzüge im 15. und frühen 16. Jahrhundert, ohne welche es den Kanton Tessin wohl nie gegeben hätte, die Eroberung des Aargaus 1415 oder die Burgunderkriege zwischen 1475 und 1477. Hinzu kamen zahlreiche, teils kriegerisch ausgefochtene Konflikte zwischen den Mitgliedern der alten Eidgenossenschaft. Überdies wurde strikt zwischen Herren und Untertanen unterschieden. Kurzum: Man war noch weit vom Wahlspruch «Liberté, Égalité, Fraternité» der Französischen Revolution oder einer republikanischen Staatsform im heutigen Sinne entfernt.
Besatzung und Aufbruch
Standen bis zur Schlacht bei Marignano noch alle Zeichen auf Expansion, verlegte man sich in den folgenden Jahrhunderten sehr erfolgreich darauf, die eigenen, militärischen Fähigkeiten ins Ausland zu exportieren. So verteidigten noch am 14. Juli 1789 Schweizer Söldner die Bastille gegen die französischen Revolutionärinnen und Revolutionäre. Vom Sturm der Französischen Revolution sollte auch die alte Eidgenossenschaft nicht verschont bleiben. Ging sie doch 1798 im Zuge des Franzoseneinfalls unter. Es folgten die Helvetik, die Mediation und nach der endgültigen Verbannung von Napoleon Bonaparte auf die Atlantikinsel St.Helena der Wiener Kongress 1815, im Zuge dessen seitens der europäischen Grossmächte die immerwährende Neutralität der «Schweiz» anerkannt wurde.
Modernisierung und Neutralität
Trotz aller Irrungen und Wirrungen, welche die Koalitionskriege zwischen 1792 und 1815 mit sich brachten, sollte die Schweiz auch danach nicht zur Ruhe kommen. So wollten die einen, bewahrenden Kräfte am bisherigen Staatenbund festhalten, die anderen einen Bundesstaat aus der Taufe heben. 1847 standen sich beide Parteien schliesslich im Sonderbundskrieg gegenüber. Die liberalen Kräfte, worunter sich eine Vielzahl von Mitgliedern des 1819 gegründeten Schweizerischen Zofingervereins befanden, gingen als Sieger aus dem Sonderbundskrieg hervor. So entstand 1848 der moderne Bundesstaat, wie wir ihn in seinen Grundzügen bis heute kennen. Glücklicherweise blieb die Schweiz im folgenden Jahrhundert von den Verheerungen beider Weltkriege (1914 bis 1918 resp. 1939 bis 1945) verschont und gliederte sich trotz staatspolitischer Neutralität vernünftigerweise in das westliche (Werte-) Bündnis gegen das totalitäre System der Sowjetunion ein.
Sechs Punkte für Gegenwart und Zukunft
Was können wir nun aus der Tatsache lernen, dass aus Eroberern erst geschäftstüchtige Söldner, dann neutrale Bürgerinnen und Bürger sowie endlich eine der in vielerlei Hinsicht «reichsten» Gesellschaften wurde? Und was gilt es zu tun, damit dies so bleibt?
• Erstens sollten wir uns wieder aktiver mit unserer eigenen Geschichte beschäftigen. Erkennen wir doch nur so, dass eben nichts geradlinig verläuft, ja grössere oder kleinere Verwerfungen Bestandteil menschlicher Existenz sind.
• Zweitens sollten wir nicht nur in der Gegenwart leben, sprich langfristiger als bis zum nächsten Quartalsabschluss oder bis zur nächsten Legislatur denken. Nur so lassen sich Projekte wie anno dazumal die von Alfred Escher initiierte Gotthardbahn realisieren.
• Drittens sollten insbesondere Parteien wieder klarer Position beziehen, anstatt es immer allen recht zu machen oder auf einen der fast täglich wechselnden «Hypes» aufzuspringen, nur um wiedergewählt zu werden und so seine Pfründen zu sichern.
• Viertens sollten wir insbesondere bei der jüngeren Generation wieder ein Bewusstsein dafür schaffen, woher unser Wohlstand rührt. Nicht nur ein funktionierender Staat als Grundlage, sondern insbesondere unsere zahlreichen, verantwortungsvollen Unternehmerinnen und Unternehmer sind der Garant hierfür.
• Fünftens sollten wir wieder lernen, uns auf die wirklich wichtigen Dinge zu fokussieren. So wurde im Abstimmungskampf rund um das Freihandelsabkommen mit Indonesien mehrheitlich nur über Palmöl diskutiert, auch wenn dieses gerade einmal rund fünf Prozent des Vertragswerkes einnimmt.
• Sechstens sollten wir mit Stolz und Optimismus gegen Tendenzen antreten, in unserer Geschichte nur Negatives zu sehen und damit die Errungenschaften unserer Ahnen ständig in Abrede zu stellen. Kurzum: Wir brauchen mehr konservativen Liberalismus oder liberalen Konservatismus.
Michael Lindenmann (*1989) studierte nach Erlangung der altsprachlich-humanistischen Maturität (Latein und Altgriechisch) an der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen Geschichte und Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft an den Universitäten Zürich und Basel. Nach Stationen bei Swisscom und einer Zürcher PR-Agentur arbeitet er seit Abschluss des Studiums als PR-Berater und Projektleiter bei der Mediapolis AG für Wirtschaft und Kommunikation in St.Gallen. Er lebt in Wil.
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