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Bischof Huonder: "Die Grundlage, der Glaube, muss neu erarbeitet werden" (kipa)

Frage: Wo steht die katholische Kirche heute und was ist ihr Platz in der Gesellschaft?
Vitus Huonder: Zum ersten Teil der Frage möchte ich folgendes zu bedenken geben. Im Herbst findet die 13. Bischofssynode statt. Sie fällt zusammen mit dem Beginn des Konzilsjubiläums (1962-1965). Ihr Thema ist die Neuevangelisierung. Damit wird klar ausgesagt, wo die Kirche steht, nämlich an jenem Punkt, wo ihre Grundlage, der Glaube, ins Wanken geraten ist. Diese Grundlage muss neu erarbeitet werden. Den Menschen muss der Glaube neu vermittelt werden. Das wird auch dadurch deutlich, dass der Heilige Vater das Konzilsjubiläum mit einem Jahr des Glaubens beginnen lässt.
In einem Brief vom 22. Februar 1962 schreibt Karl Rahner zu seinem "Kleinen Theologischen Wörterbuch", er hätte das "Lexikönchen" so abgefasst, dass diese Leute - gemeint sind die Theologen des Heiligen Stuhles - es gar nicht verstehen und so gar nicht finden, was gegen ihre Beschränktheit gesagt sei. Inzwischen hat dieses "Nicht-Verstehen" Schule gemacht, so dass der Glaube wieder verständlich vorgelegt werden muss, damit die Menschen glauben und das Ewige Leben haben (vgl. Joh 20,21).
Zum zweiten Teil der Frage sehe ich die Situation so: Es scheint, dass die katholische Kirche in der Gesellschaft in ein Winkeldasein abgedrängt wurde und wird. Das könnte aber auch täuschen. Heute stellt die Kirche, ganz besonders auch durch ihren höchsten Repräsentanten, den Papst, eine Grösse dar, auf die man schaut. Ihr moralischer Einfluss ist grösser, als man zugeben möchte.
Frage: Was sind die Herausforderungen für die Kirche im Bistum Chur?
Huonder: Die Herausforderungen für die Kirche im Bistum Chur sind dieselben wie in den anderen Bistümern, jedenfalls des germanischen Teils Westeuropas. Vielleicht spricht der Bischof von Chur anstehende Probleme unmittelbarer an, so dass der Eindruck entsteht, das Bistum stehe einzig da. Bei genauerem Hinsehen sind die Fragen aber bistumsübergreifend wie etwa die Treue zum überlieferten Glauben, die Wahrung der kirchlichen Disziplin, die Förderung der Berufungspastoral und natürlich auch die Neuevangelisierung.
Frage: Wo sehen sie die grössten Gefahren für das Bistum Chur?
Huonder: Diese Frage hat einen Zusammenhang mit der zweiten und muss auch im Gesamten des kirchlichen Rahmens unserer westeuropäischen Regionen gesehen werden. Eine der grossen Gefahren in unserem kirchlichen Kontext ist gegenwärtig jene der Zersplitterung.
Die innere Einheit der Kirche steht auf dem Spiel. Ziel der Neuevangelisierung muss unter anderem auch die Festigung der inneren Einheit sein, im Sinne des Wortes des Apostels: ‟Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist" (Eph 4,5).
Frage: In die Schweiz wandern zunehmend Leute mit einem fremden religiösen Hintergrund ein. Was bedeutet das für die hiesige katholische Kirche und die Christen?
Huonder: Diese Entwicklung bedeutet für die Kirche und die Christen, dass unser Gebiet mehr und mehr zu einem Missionsgebiet wird. Die Kirche und die Christen werden mehr als bisher herausgefordert, glaubwürdige Zeugen des Herrn zu sein.
Frage: Die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils jährt sich dieses Jahr zum 50. Mal und fällt so als runder Geburtstag mit dem Ihren zusammen. Was bedeutet Ihnen das Konzil, das in Ihre Zeit als junger Theologiestudent fiel?
Huonder: Die Ankündigung des Konzils und danach seine Durchführung haben damals ein lebhaftes Interesse bei allen Gläubigen geweckt. Die Kirche kam, wenn ich das so sagen darf, in die Schlagzeilen, und zwar durchaus positiv. Bald einmal konnte man auch eine grosse Spannung wahrnehmen, eine Spannung, welche von den Konzilsvätern ausging, eine Spannung zwischen zwei theologischen Lagern, zwischen - so hat man dies danach formuliert - einer fortschrittlichen Mehrheit und einer konservativen Minderheit. Das führte so weit, dass nach erfolgtem Konzil der zunächst sehr optimistische und aufgeschlossene Papst Paul VI. (der Papst meiner späten Jugendzeit und meines ersten Wirkens als Priester) zu einer sehr düsteren Feststellung kam und 1968 von der Selbstzerstörung der Kirche sprach, von einer Erschütterung der Kirche, die niemand erwartet hätte. Die positive Antwort auf das Konzil - und um das Konzil in eine gesunde Bahn zu bringen - gab dieser Papst alsdann mit dem leider zu wenig beachteten ‟Credo des Gottesvolkes" vom 30. Juni 1968. Darin nimmt er das Konzil so auf, dass die Kontinuität der kirchlichen Lehre klar hervortritt und zweideutige Aussagen keinen Platz mehr finden. Da es sich um ein Glaubensbekenntnis handelt, hat dieser Text einen hohen lehramtlichen Stellenwert und könnte als Basis für die Neuevangelisierung dienen. Hier wird die Hermeneutik der Reform in ihren Wurzeln fassbar.
Frage: Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag feiern?
Huonder: In stiller Dankbarkeit vor dem Tabernakel und im engen Kreis meiner nächsten Mitarbeiter.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
(kipa/gs/pem)
- Quelle:
- Kipa Meldung