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Wildschwein Sus scrofa
Systematik
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Paarhufer
Unterordnung: Nichtwiederkäuer
Familie: Altweltschweine
Gattung: Schweine (Sus)
Art: Wildschwein (Sus scrofa)
Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Wildschweins erstreckt sich über weite Teile Europas und Asiens. Sehr trockene Gebiete und solche, in denen über längere Zeit Bodenfrost herrscht, werden nicht besiedelt. In der Schweiz besiedeln Wildschweine, das Mittelland, den Jura, Teile des Tessins und das Rhonetal. Die Besiedlung des Mittellandes und der Voralpen ist noch nicht abgeschlossen. Antropogene Hindernisse, insbesondere Autobahnen, schränken die Ausbreitung ein.
Habitat
Das Wildschwein ist im Grunde ein typisches Waldtier. Dank seiner hohen Anpassungsfähigkeit kommt es jedoch auch in verschiedenen anderen Lebensräumen, wie zum Beispiel Feuchtgebieten oder im Mittelmeerraum in der Macchie, sowie in Kork und Steineichenpflanzungen vor. Landwirtschaftsflächen werden von Wildschweinen zur Nahrungsaufnahme aufgesucht und wenn die Vegetation dicht und höher als 70 cm ist auch gerne als Versteck genutzt. In jüngster Zeit konnte das Phänomen der sogenannten Stadtwildschweine beobachtet werden, so zum Beispiel in Barcelona, Berlin oder Katowice, wo mehrere tausend Wildschweine, den schon bekannten Stadtfüchsen gleich, in und um die Städte herum leben. In der Schweiz steigen Wildschweine im Sommer bis in eine Höhe von 2000 m und in den Bergen Mittelasiens sogar bis 4000 m.
Anatomie
Von der Seite betrachtet scheinen Wildschweine massig und ungelenk, von vorne gesehen sind sie jedoch schmal. Der dreieckige Kopf, ein kurzer massiver Hals und kurze robuste Beine sind weitere Merkmale. Mit ihrer typischen Körperform können Wildscheine, einem Keil gleich, dichtes Unterholz gewandt durchdringen. Das dichte Haarkleid besteht aus Unterwolle und Deckhaaren, die das Aussehen des Wildschweins bestimmen. Die Unterwolle dient besonders der Thermoregulation und bedeckt den ganzen Körper mit Ausnahme einiger Kopfpartien und der unteren Gliedmasse. Neben der Thermoregulation schützt das Haarkleid auch vor Verletzungen, Parasiten, Sonne oder Regen und dient der Tarnung. Im Frühjahr verliert das Wildschwein das lange, dichte Winterhaar und wechselt in ein kurzes, wollhaarfreies Sommerfell. Der Fellwechsel findet in einem Zeitraum von etwa drei Monaten statt und beginnt in Mitteleuropa in den Monaten April bis Mai. Während den ersten 3-4 Monaten tragen die Frischlinge ihr typisches Tarnkleid. Die hellbraune Streifung lässt die Frischlinge im Licht- und Schattenspiel des Unterholzes mit der Umgebung verschmelzen.
Wahrnehmung der Umwelt
Geruchsinn: Der Geruchssinn ist für die Wildschweine bei der Nahrungsbeschaffung, der Kommunikation untereinander, sowie für das Erkennen von Feinden wichtig. Das Geruchsorgan der Wildschweine ist hoch entwickelt, Riechzellengrösse und Rezeptordichte übersteigen sogar jene der Hunde. Bei günstigen Windverhältnissen sind Wildschweine in der Lage, einen Feind über eine Distanz von bis zu 500 m zu riechen. Wildschweine riechen die im Boden verborgene Nahrung wie Insektenlarven, Mäusenester und Wurzeln. Dabei können sie selbst bei einer Schneeschicht von 30 cm im Boden versteckte Nahrung erriechen. Treffen sich zwei erwachsene Wildschweine, suchen sie sofort den Nasenkontakt, um einander zu erkennen. Auch die Erkennung zwischen Mutter und Kind geschieht über den Geruch beim Nasenkontakt. Die Frischlinge erkennen ihre Mutter auch am Geruch aus den Carpaldrüsen, die sich an den Vorderläufen der Bache befinden.
Gehör: Wildschweine hören ausgezeichnet. Das Gehör spielt eine wichtige Rolle bei der Erkennung von Feinden aber auch bei der Kommunikation untereinander. Anhand ihrer Stimme können sich Wildschweine individuell erkennen. Mit dem feinen Gehör sind sie auch in der Lage, Mäuse zu orten.
Sehsinn: Im Vergleich zum Menschen haben die Augen der Wildschweine mehr Stäbchen (wichtig für Hell-/Dunkelsehen) und weniger Zapfen (wichtig für Farbsehen). Wildschweine können somit besser in der Dämmerung sehen, jedoch nicht so gut zwischen Farben unterscheiden wie Menschen. Das Wildschweinauge weist kein Tapetum lucidum (Restlichtverstärker) auf, wie das bei anderen Wildtieren (z.B. Reh, Rothirsch, Luch & Wolf) der Fall ist. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Wildschweine durch die Evolution an eine Tagaktivität angepasst sind. Es ist aber auch möglich, dass die Fähigkeit im Dunkeln zu sehen, für Wildschweine eine untergeordnete Rolle spielt, weil überlebenswichtige Informationen aus der Umwelt, wie z.B. das Erkennen einer Gefahr, über den Geruchs- und Gehörsinn erfasst werden.
Tastsinn: Beim Wildschwein ist der mit vielen kurzen Tasthaaren besetzte Rüssel, auch Wurf genannt, ein besonders empfindliches Tastorgan. Auch die Unterlippe und die Zunge sind wichtige Tastorgane, die es dem Wildschwein ermöglichen, einzelne Getreidekörner und Insektenlarven gezielt vom Boden aufzunehmen.
Geschmackssinn: Wildschweine haben einen gut entwickelten Geschmackssinn. Sie sind damit in der Lage, Giftpflanzen zu meiden und können auch verschiedene Kartoffelsorten unterscheiden. So zeigen sie zum Beispiel eine Vorliebe für stärkehaltige Kartoffelsorten.
Nahrung
Wildschweine verbringen den grössten Teil ihrer Zeit auf Nahrungssuche, sie können dabei pro Nacht eine Distanz von bis zu 10 km zurücklegen. Das Wildschwein ist ein Allesfresser (Omnivor), das pflanzliche sowie tierische Nahrung zu sich nimmt. Die Diät hängt vom aktuellen Angebot ab und kann je nach Habitat aber auch mit dem Wechsel der Jahreszeiten stark variieren. Früh im Jahr (schon ab Februar) profitiert das Scharbockskraut vom vielen Licht, das auf den Waldboden gelangt. Bevor die Bäume austreiben und mit ihrem Blattwerk den Grossteil des Sonnenlichts abfangen, wächst und speichert es bereits Energie in seinen Wurzelknollen. Von Ende März bis Anfangs Mai sind dann grosse Flächen des Waldbodens mit den dunkelgrünen, saftigen Blättern und den gelben Blüten des Scharbockskrauts bedeckt. Wildschweine sind ganz wild auf die nährstoffreichen, keulenförmig verdickten Wurzelknollen dieses Hahnenfuss. Auch die mit Reservestoffen angereicherten Brutknöllchen in den Blattachseln des Scharbockskrauts werden gerne von den Wildschweinen verzehrt. In Mitteleuropa sind Eicheln und Bucheckern wichtigster Bestandteil der Wildschweinnahrung. In sogenannten Mastjahren (Jahre in denen Eichen und Buchen besonders viele Früchte produzieren) profitieren die Wildschweine stark von diesem Nahrungsangebot. Als Konsequenz kann die Population stark zunehmen, da auch schwächere Individuen den Nahrungsengpass im Winter überleben. Auf Landwirtschaftsflächen ist der Tisch reich gedeckt für die Wildschweine. Sie profitieren vom Mais- und Getreideanbau und suchen auch gerne Regenwürmer, Käferlarven und andere Wirbellose in Wiesen, Weiden und Äckern.
Sozialstruktur
Wildschweine leben gesellig in Rotten und zeigen ein hochentwickeltes Sozialverhalten. Es besteht eine Rangordnung innerhalb der Rotte, die nach Alter und Körpergrösse abgestuft ist. Die Leitbache, ein altes erfahrenes Weibchen, führt die Rotte, bestimmt wo und wann nach Nahrung gesucht oder ausgeruht wird. Die Leitbache bestimmt auch den Zeitpunkt der Fortpflanzung, wobei sich der Fortpflanzungszyklus der anderen weiblichen Tiere mit ihrem synchronisiert.
Mutterfamilie: Grundstruktur Bache mit Frischlingen
Grossrotte: Besteht aus der Leitbache und mehreren adulten Bachen mit ihren Töchtern und Frischlingen
Überläuferrotte: Mehrere Überläufer
Einzelgänger: Keiler ab dem 2-4 Lebensjahr
auschzeitharem: RKeiler gesellen sich während der Rauschzeit zu den Mutterfamilien oder Grossrotten .
Fortpflanzung
Wildschweine werden mit 9-18 Monaten geschlechtsreif. Der Zeitpunkt der aktiven Fortpflanzung ist jedoch von den jeweiligen Lebensbedingungen abhängig. Die Paarungszeit (Rauschzeit) dauert von November bis Februar. Nach einer Tragzeit von 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen kommen 4-6 Frischlinge zur Welt. Frischlinge werden sehend und behaart geboren und sind schon nach kurzer Zeit recht mobil. Die Säugezeit dauert 2-3 Monate wobei die Frischlinge schon ab der 2. Woche feste Nahrung zu sich nehmen können.
Ökologischer Einfluss
Von Frühjahr bis Herbst durchwühlt ein Wildschwein täglich rund 120 m2 Wald- oder Wiesenland. Dies entspricht einer Fläche von ca. vier Fussballfeldern pro Jahr. Wildschweine verzehren grosse Mengen an Insektenlarven, Mäusen sowie Samen und Wurzeln. Bodendurchlüftung, Wasserhaushalt und Humusdurchmischung werden durch die Wühlaktivität verbessert. Die natürliche Verjüngung im Wald wird durch die Wildschweine gefördert, indem verjüngungsfeindlicher Bodenbewuchs wie Adlerfarn oder Gras entfernt wird. In Feuchtgebieten werden durch das Freilegen von Rohboden neue Wuchsplätze für Orchideen und Sonnentau geschaffen. Wildschweine beseitigen Aas und fressen gelegentlich Junghasen, Rehkitze und Gelege bodenbrütender Vögel. Wildschweine tragen auch zur Verbreitung von Samen und Pilzsporen bei, z. B. die des Trüffels.
Wildschweinspuren
Wildschweine bekommt man nur selten zu Gesicht. Häufig verraten jedoch Spuren ihre Anwesenheit.
Fährte: Typisch für Wildschweinfährten sind die halbmondförmigen Abdrücke der beiden Afterklauen seitlich hinter den Schalen.
Wildschweinwechsel: Wege, die von den Wildschweinen regelmässig begangen werden, sind gut erkennbar
Suhle: Wildschweine lieben Schlammbäder. Ausser im tiefsten Winter werden Schlammbäder das ganze Jahr über besucht, am häufigsten im Sommer. Die Bäder dienen der Thermoregulation und dem Schutz vor Ektoparasiten.
Mahlbaum: In der Nähe von Suhlen (Schlammbädern) findet man oft sogenannte Mahlbäume. Die abgeschabten, schlammverkrusteten Baumstämme zeigen an, dass sich Wildschweine daran gerieben haben.
Kessel: Der Kessel ist eine Art Nest, das an einer gut versteckten, trockenen und windgeschützten Stelle angelegt wird. Er dient als Schlafplatz und als Versteck für die neugeborenen Frischlinge. Diese Verstecke werden oft gewechselt.