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Es ist nicht besonders schwierig, kompliziert zu schreiben. Die Kunst liegt vielmehr darin, verständlich zu schreiben, und zwar auch dann, wenn der Inhalt komplex ist. Gelingt dies, versteht der Empfänger den Sachverhalt, ohne sich grossartig anstrengen zu müssen. Doch was macht einen Text verständlich?
Das Hamburger Verständlichkeitsmodell schafft Klarheit
In den 1970-er Jahre entwickelten deutsche Psychologen um Friedemann Schulz von Thun im Rahmen einer 10-jährigen Forschungsarbeit das
«Hamburger Verständlichkeitsmodell». Sie stützen sich dabei auf Ergebnisse aus der Lesbarkeitsforschung und auf das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation, nach dem jede Äusserung vier Ebenen hat (Sachebene, Selbstkundgabe, Beziehungs- und Appellseite).
Ihr Modell beinhaltet vier Dimensionen der Verständlichkeit:
- Einfachheit
- Gliederung und Ordnung
- Kürze und Prägnanz
- Anregende Zusätze
Wer beim Schreiben auf diese vier Dimensionen achtet und die richtige Mischung findet, vermittelt seine Botschaften effizient und macht das Lesen zur Freude.
Dazu passt auch ein Spruch von Joseph Pulitzer, ungarisch-amerikanischer Journalist und Stifter des Pulitzer-Preises:
Schreibe kurz – und sie werden es lesen.
Schreibe klar – und sie werden es verstehen.
Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis
behalten.
1. Einfachheit
Eigenschaften dieses Merkmals sind z.B. Satzlänge (einfache, kurze Sätze mit 9 bis 13 Wörtern) sowie geläufige und kurze Begriffe (mit bis zu drei Silben). Wenn Fremdwörter verwendet werden, werden sie erklärt (je nach Vorkenntnis bei der Zielgruppe), die behandelten Sachverhalte sind einfach dargestellt.
Checkliste:
- einfach formulieren
- kurze Sätze machen, Schachtelsätze vermeiden
- auf einfachen Satzbau achten
- verständliche und anschauliche Wörter verwenden
- Fachausdrücke und Abkürzungen vermeiden oder bei
Bedarf erklären
- geläufige Wörter verwenden
- wenig und nur eindeutige Synonyme verwenden
2. Gliederung und Ordnung
Damit der Leser den Textinhalt versteht, müssen die Informationen
einem logischen Aufbau und einer nachvollziehbaren Struktur folgen. Texte können besser verstanden werden, wenn sie
- inhaltlich folgerichtig aufgebaut sind, d.h. ein roter Faden erkennbar ist
- durch optische Gliederungen übersichtlich sind; z.B. durch Überschriften, Formatierungen, Aufzählungen usw. erkennbar ist, was wesentlich ist.
Absätze sollten Sinnzusammenhänge anzeigen. Der wesentliche Inhalt eines Satzes oder Absatzes sollte am Anfang des Satzes oder Absatzes stehen. Pro Satz sollte nur ein Gedanke formuliert werden.
Fehlen wichtige Details, weil der Autor Gedankensprünge macht, den Wissensstand der Leser falsch einschätzt oder ein Thema an mehreren Stellen wieder aufgreift, leidet die Verständlichkeit.
Checkliste:
- Texte logisch gliedern
- Absätze machen, evtl. Zwischentitel texten (v.a. im Web) und nur ein
Thema pro Absatz behandeln
- jedes Thema nur einmal ansprechen
- folgerichtig schreiben, so dass jede Information auf die
vorhergehende aufbaut
- den roten Faden bis zum Schluss halten
3. Kürze und Prägnanz
Ein verständlicher Text sollte in seinem Inhalt weder weitschweifig noch gedrängt erscheinen. Das Informationsziel sollte stets erkennbar sein. Kurz: so lang wie nötig, aber so kurz wie möglich.
Checkliste:
- alles weglassen, was nicht dazu beiträgt, die Botschaft des
Textes zu vermitteln
- keine Wörter verwenden, die keine Bedeutung haben
- treffende Wörter verwenden
- Dinge möglichst konkret und präzis benennen
- aktiv schreiben (Passiv-Formulierungen und
Substantivierungen vermeiden)
- Hilfsverben wie können, sollen usw. vermeiden
4. Anregende Zusätze
Beispiele, Illustrationen, Analogien, die persönliche Anrede des Lesers etc. können die Verständlichkeit eines Textes verbessern, wenn sie überlegt eingesetzt werden. Denn eine klare, aber trockene Information wird zwar verstanden, doch es besteht die Gefahr, dass sie keinerlei Emotionen weckt.
Eine Botschaft wirkt erst nachhaltig und emotional, wenn der Adressat
das Gelesene versteht, weil er es mit eigenen Bedürfnissen, Erfahrungen oder Träumen verbindet und beginnt, eigene Gedanken zu entwickeln. Anregende Zusätze sollen aber dosiert eingesetzt werden und müssen zur Textform passen.
Checkliste:
- Beispiele und Vergleiche machen, damit der Leser den
Inhalt in einen Kontext setzen, sich ein Bild machen kann
- anschauliche Zitate einbauen
- rhetorische Fragen stellen
- bildhafte Verben und Adjektive verwenden
- auf die Rhythmik des Textes achten (Satzaufbau variieren,
Sätze ohne Verben einbauen)
- persönlich schreiben
Vorkommen und Training im Alltag
Der Kurznachrichtendienst Twitter zwingt seine Benutzer aufgrund der Zeichenbeschränkung, zumindest den Punkt „Kürze und Prägnanz“ einzuhalten. Oft sind aber auch die anderen drei Punkte vertreten.
So auch in einem aktuellen Beispiel von Twitter-Präsident Trump: einfach, folgerichtiger Ablauf, kurz, und mit (persönlichen) anregenden Zusätzen.
Ein wichtiger Teil des Buches zum Hamburger Modell bildet ein systematisches Trainingsprogramm. Dazu gibt es seit kurzem auch ein Buch, das sich explizit dem Verstehen und Üben des Modells widmet.
Die Hamburger Psychologen vertreten die Auffassung, dass das Training und die Anwendung des Modells mehr Erfolg hat, wenn bei den Autoren bestimmte innere Haltungen vorliegen:
Achtung, Wertschätzung, Rücksichtnahme:
Der Schreiber achtet den Leser als Person, bemüht sich um eine persönliche Beziehung zum Leser, möchte dem Leser helfen, nimmt die Schwierigkeiten und Bedürfnisse des Lesers ernst. Als professioneller Texter für mich eine Selbstverständlichkeit.
Einfühlung und Verstehen der Gedanken und Gefühle:
Der Autor ist bemüht, sich in die Situation des Lesers hineinzuversetzen, die Gedanken, Gefühle und Schwierigkeiten zu verstehen. Hier hilft mir meine starke Empathie und mein Einfühlungsvermögen enorm.
Aufrichtigkeit, Klärung eigener Gedanken, Selbstöffnung:
Der Autor verzichtet auf professionelles Gehabe. Was er schreibt, entspricht dem, was er denkt. Er versteckt persönliche Stellungnahmen nicht hinter angeblicher Sachlichkeit. Er zeigt sich, wo es angemessen ist, als Person. Das zeugt als Texter von Anstand und Transparenz.
Kritik und Grenzen
Jedes populäre Modell hat seine Kritiker, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Beim vorliegenden Modell sind die kritischen Stimmen in der linguistischen und kognitionswissenschaftlichen Ecke zu verorten.
Das Ziel dieses Beitrages ist jedoch nicht eine wissenschaftlich-theoretische Beurteilung, sondern die Vermittlung von Wissen und die Anregung, Texte auf effiziente Art und Weise verständlicher zu machen.
Natürlich spielt auch die Texsorte, resp. die Funktion des Textes eine gewisse Rolle. Ein unterhaltender oder poetisch-deutender Text folgt anderen Mustern als eine Hausordnung oder eine Garantieerklärung.
Trotzdem stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass sich sehr häufig noch kleine Optimierungen an Texten vornehmen lassen, betrachtet man sie durch die „Hamburger-Brille“. So, ich hoffe das war verständlich 🙂