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Das Potential für den Handel mit Iran nach Aufhebung der Sanktionen ist nach Ansicht von Philippe Welti, dem ehemaligen Schweizer Botschafter in Teheran, enorm. Warum nutzen nicht mehr Unternehmen die Chancen?
Es handle sich um einen diversifizierten Markt mit einer soliden industriellen Basis, der eine Generalüberholung brauche, sich letztlich aber auch als Sprungbrett für einen Markteintritt in Syrien und Irak erweisen könnte, argumentierte Welti.
"Die Region befindet sich in einem schlimmen Zustand, Iran ist das einzige Land, das nicht im Chaos versinkt", erklärte Welti, heute Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran, gegenüber swissinfo.ch weiter. "Wenn die anderen Länder beginnen werden, sich wieder zu stabilisieren, wird die Rekonstruktion von Iran ausgehen. Unternehmen müssen für die Region eine langfristige Perspektive haben."
"In Iran herrscht Stabilität und Ordnung", fügte er hinzu. "Wenn sich Iran wieder in die Weltgemeinschaft integriert hat, wird es in der Lage sein, seinen natürlichen Einfluss in der Region erneut wahrzunehmen. Es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, dass der Persische Golf wieder Persisch werden könnte."
Die Aussichten, die von einem Land mit 80 Millionen Menschen ausgingen, könnten lukrativ sein, findet seinerseits Vincenzo Carrieri. Er ist der Chef von Epimedical, einem Unternehmen für orthopädische medizinische Geräte, das über Jahre in Iran vertreten war, und seine Geschäfte nach Aufhebung der Sanktionen wieder aufgenommen hat.
"Angesichts der Grösse dieses Marktes kann Iran als Deutschland des Nahen Ostens betrachtet werden", erklärte er gegenüber swissinfo.ch. "Die Wahrheit ist, dass viele der Sanktionen nach wie vor in Kraft sind. Aber wenn Iran als offener Markt wieder wachsen darf, würde ich für den Handel eine sehr grosse Wachstumsrate erwarten."
Offene Fragen
Doch für Schweizer Firmen ist der Handel mit Iran bisher eher im Sand verlaufen, als explosionsartig in die Höhe geschnellt, seit die USA und die Europäische Union am 16. Januar einen Teil der Sanktionen aufgehoben haben. Schweizer Exporte nach Iran stiegen in den ersten sieben Monaten des Jahres gegenüber der Vorjahresperiode, als die Sanktionen noch unvermindert in Kraft waren, um nur 2,5%. Der Handel Deutschlands mit dem Staat im Nahen Osten wuchs unterdessen um 15%.
Vielleicht ist es zu früh, aus solchen Statistiken allzu viele Rückschlüsse zu ziehen. Die Rekonstruktion Irans wird Jahrzehnte dauern, während Firmen, die in den neuen Markt vorstossen wollen, mit einer gewissen Zeitspanne rechnen müssen. Zudem gibt es eindeutig gewisse offene Fragen.
Die andauernde Unsicherheit über die globale politische Atmosphäre rund um Iran leistet solchen Fragen Vorschub. Banken, und das gilt auch für Schweizer Finanzinstitutionen, schrecken wegen dem Risiko von massiven Bussen vor Geschäften mit dem Iran zurück. Und das hat praktisch zu einem schwarzen Loch bei der Handhabung von Zahlungen geführt.
Zudem stehen die US-Präsidentschaftswahlen vor der Tür, und Donald Trump hat schon damit gedroht, das Abkommen über die Aufhebung der Sanktionen für null und nichtig zu erklären, falls er das Rennen machen würde.
Dazu kommt die natürliche, schon fast obligatorische Schweizer Zurückhaltung, Dinge nicht zu überstürzen. Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien sind der Schweiz einen Schritt voraus, da sie rascher Handelsdelegationen nach Iran schickten.
Qualität zählt
Grosse Schweizer Unternehmen, die bereits in Iran aktiv sind, wie ABB, Roche und Nestlé, zeigen sich vorsichtig, wenn es darum geht, ihre Präsenz in dem Land auszubauen. Grundsätzlich, erklärten diese Konzerne gegenüber swissinfo.ch, seien sie immer noch dabei, die Situation zu analysieren – und wiesen zugleich darauf hin, dass gewisse Sanktionen gegenüber Iran noch immer in Kraft seien.
Auch deutsche Firmen beklagen sich über die Bedingungen. "Die Entwicklung hinkt unseren Erwartungen weit hinterher, wegen der Sanktionen, die noch immer in Kraft sind", erklärte Gregor Wolf, Geschäftsführer Hauptabteilung Aussenwirtschaft beim deutschen Bundesverband Grosshandel, Aussenhandel, Dienstleistungen, gegenüber dem Wall Street Journal. "Unternehmen haben Angst vor US-Vergeltungsmassnahmen."
Switzerland Global Enterprise (s-ge), die Regierungsagentur, die kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) berät, die im Ausland tätig werden wollen, sah viel Interesse von Schweizer Firmen, vor allem in Bereichen wie Medizingeräte und -Produkte, Technik, Nahrungsmittel, Maschinen, Tourismus und Software.
"Wir hatten viele Anfragen, seit die Sanktionen teilweise aufgehoben wurden", erklärte Suhail El Obeid, Iran-Experte bei s-ge, gegenüber swissinfo.ch. "Firmen suchen Partner, um auf den Markt vorstossen zu können." Die meisten dieser Firmen, die von swissinfo.ch kontaktiert wurden, wollten sich jedoch nicht äussern, weil sie mitten in heiklen Planungsphasen stecken.
Aber es gibt immer noch Leute, die daran glauben, dass die Hürden überwunden werden können. So mag die finanzielle Infrastruktur zwar begrenzt sein, aber es gibt gewisse Optionen. So sind einige Banken in Dubai bereit, Transaktionen aus und nach Iran zu erleichtern, andere können alternative Geldtransfersysteme nutzen, um kleinere Geldbeträge zu verschieben. Zudem wurde die Schweizer Exportrisikoversicherung, eine öffentlich-rechtliche Anstalt der Eidgenossenschaft, gestärkt, um potentielle schlechte Geschäfte besser auffangen zu können.
"Einheimische Firmen in Iran können nicht die Qualität von Schweizer Produkten erreichen", sagte Carrieri. "Iran ist ein guter Markt, aber man muss gute Beziehungen etablieren können, und zwar Schritt um Schritt, es braucht Ausdauer." Es sei kein Markt, in dem man die Angel auswerfe, und den Fisch einfach an Land ziehe.
Iran: Offen für Geschäfte
Nur wenige Tage, nachdem die USA und die Europäische Union damit begonnen hatten, gewisse Sanktionen gegen Iran aufzuheben, reisten iranische Minister ans Weltwirtschafts-Forum (WEF) in Davos.
"Iran hat bereits eine starke Wirtschaft, die in den langen Jahren der Sanktionen ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen hat", sagte Mohammad Agha Nahavandian, Stabschef der iranischen Präsidentschaft. "Wir sind für alle konstruktiven Vorschläge zu vielen Projekten bereit, denen schon Priorität eingeräumt wurde. Leider konnte die Weltwirtschaft aufgrund unangemessener Sanktionen bisher nicht von dieser wirtschaftlichen Chance profitieren."
Nahavandian erklärte, Geschäftschancen ergäben sich im Bereich von Verkehrsinfrastrukturprojekten, im Bergbau, in der IKT-Branche sowie im Gastgewerbe und der Hotelleriebranche. Er fügte hinzu, Iran sei bereit, sich vollumfänglich an die Regeln der Welthandels-Organisation (WTO) zu halten.
"Wir haben in den vergangenen zwei Jahren viel unternommen, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern", sagte er. "Der Regierung ist es sehr ernst damit, bürokratische Schranken abzubauen und den Handel zu erleichtern. Die Botschaft der iranischen Wirtschaft ist, dass Iran die Kapazität hat, sich in den kommenden Jahrzehnten zur vielversprechendsten aufstrebenden Wirtschaft zu entwickeln."
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch