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Frau Friederike Hinderer-Kaufmann, Sie heirateten 1893 mit 25 Jahren den doppelt so alten Witwer Gottlieb Hinderer, der zwei Kleinkinder und ein Heim für Seelenkranke in die Ehe einbrachte. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Das Jahr 1892 war für Gottlieb ein schlimmes Jahr. Seine erste Frau Maria starb bei der Frühgeburt ihres dritten Kindes. Und er blieb allein zurück mit dem zweieinhalb-jährigen Gottlieb Junior und dem eineinhalb-jährigen Traugott. In seiner Not erinnerte er sich wohl an seine alte und von ihm verehrte Anstalt Augustenhilfe in Ebingen im badischen Württemberg. Ich folgte seinem Hilferuf in die Schweiz und brachte gute Kenntnisse in der Krankenpflege mit in die Ehe. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es war wohl eine Mischung aus Zuversicht und Gottvertrauen, die mich nach Oetwil am See führten. Und ich war bereit für alles, was da kommen sollte.»
Und es kam einiges auf Sie zu. Bereits zwei Jahre nach Ihrer Heirat folgte erneut ein böses Jahr. Ein Pflegling legte am 16. Oktober 1895 Feuer in der Scheune, die unmittelbar neben den Wohnhäusern stand. Die Scheune brannte bis auf den Grund nieder. Das Haupthaus wurde von Feuer und Wasser so sehr beschädigt, dass es nicht mehr bewohnbar war. Was geschah mit den Patienten?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Ja, das war eine Tragödie. Die Patienten wurden zum Glück alle gerettet und konnten vorübergehend in der Zeller’schen Anstalt in Männedorf, im Pfarrhaus in Oetwil und in einigen anderen Häusern im Dorf untergebracht werden.»
Und wo fanden Sie und Ihre Familie Unterschlupf?
Friederike Hinderer-Kaufmann «Wir mussten ganz schön zusammenrücken. Für meine Familie und mich sowie für acht Patienten, Wärterinnen und den Knecht standen bloss sechs kleine Zimmerchen im Speisesaalgebäude zur Verfügung. Aber es hätte schlimmer kommen können! Denn bereits Ende Jahr war das Haupthaus wieder in Stand gestellt – noch vor dem Winter.»
Wurde die Scheune wieder aufgebaut?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Ja, und zwar grösser als zuvor. Vor dem Brand hielten wir lediglich ein paar Ziegen. In der neuen Scheune fanden ein halbes Dutzend Kühe Platz. Zudem konnten wir noch etwas Weideland dazukaufen. Der Landwirtschaftsbetrieb erwies sich immer mehr als wertvolle Stütze für die Anstalt.»
Eine Anstalt für psychisch kranke Menschen zu führen, war zu jener Zeit eine schwierige und arbeitsintensive Aufgabe. Was war der innere Antrieb von Gottlieb Hinderer, das Schlössli zu gründen?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Gottlieb erlebte traumatisierende Jahre als Soldat im Deutsch-Französischen Krieg. «Furchtbar sah es aus. Viele Tote lagen herum», schrieb er nach einer der ersten siegriechen Schlachten. Er wollte nicht glauben, dass dieser Krieg Gottes Wille sei. Er suchte verzweifelt nach Vergebung. Nach Jahren, denen es ihm an innerem Halt fehlte, gründete er zusammen mit seiner ersten Ehefrau Anna Maria Hinderer-Renfer das Schlössli, «als Haus des Friedens und der Liebe», wie er festhielt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Naturwissenschaften und Technik die Leitsterne. In Wien eröffnete Sigmund Freud um diese Zeit seine Praxis. Sicher auch als Gegenentwurf zu den teils unter prekären Verhältnissen geführten staatlichen Irrenhäusern sah Gottlieb das Schlössli als gottes- und menschgefällige Pflegeanstalt.»
Sie schenkten Gottlieb sieben weitere Kinder – fünf Mädchen und zwei Jungen. Sie führten mit insgesamt neun Kindern einen grossen Haushalt und arbeiteten gleichzeitig in der Anstalt als Krankenpflegerin. Ein sehr arbeitsintensives Leben.
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Es war bestimmt ein arbeitsintensives, aber auch ein sehr erfüllendes Leben. Gottlieb und ich hatten die Arbeit aufgeteilt. Er war zusammen mit einem Knecht für die Männer und für die Landwirtschaft zuständig. Ich und zwei Wärterinnen kümmerten uns um die Frauen, die Hausarbeit und die Kinderbetreuung. Manchmal hatten die Tage nicht genug Stunden. Aber mit Gottes Hilfe geschahen immer wieder kleine Wunder, die uns ermutigten, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen.»
Apropos eingeschlagener Weg: Nach 15 Jahren Ehe war Ihnen und Gottlieb Hinderer klar, dass Sie in Oetwil am See bleiben und sich darum einbürgern wollten. Warum hat das nicht geklappt?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Unser Gesuch um Einbürgerung wurde von den Oetwilern abgelehnt. Man war nicht begeistert von der Irrenanstalt im eigenen Dorf. Vielleicht hatten sie befürchtet, dass ihnen eine kinderreiche Familie zur Last fallen könnte. Und wahrscheinlich misstraute man dem zugewanderten Anstaltsvorsteher. Aber Gottlieb wollte Schweizer werden. In Stallikon im Säuliamt hat es dann doch noch geklappt – gegen eine Entrichtung von 850 Franken wurde die ganze Familie eingebürgert.»
Ihr Mann war bei der Einbürgerung bereits ernsthaft krank – verschiedene Leiden zehrten an ihm. Und nur ein Jahr später, am 2. Oktober 1908, verstarb der grosse Kämpfer und eifrige Gottessucher mit nur gerade 66 Jahren. Das muss für Sie eine schwierige Zeit gewesen sein?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «In der Tat – es gab Momente, in denen ich an der grossen Aufgabe verzweifeln wollte. Doch mit neun minderjährigen Kindern, rund zwanzig Patienten sowie Hausangestellten hatte ich keine andere Wahl – ich musste das Werk meines Mannes weiterführen. Dass mir dies gelang, dafür danke ich Gott jeden Tag.»
Sie blieben während 13 Jahren Vorsteherin der Anstalt. 1921 übergaben Sie das Schlössli ihrem Sohn Albert und seiner Frau Elsa Hinderer-Bollier. Hatten Sie nun endlich Zeit zur Musse?
Friederike Hinderer-Kaufmann: «Wo denken Sie hin! Ich übernahm das kleine Wohn- und Pflegeheim Gerbe für psychisch Kranke in Grüningen (heute Sonnhalde in Grüningen, Anm. Red.). Mit meiner jüngsten Tochter Paula und ihrem Mann, Oskar Senn, kümmerten wir uns später gemeinsam um Menschen, die das seelische Gleichgewicht verloren hatten. Aber viel wichtiger war für mich die Gewissheit, dass das Schlössli bei Albert und Elsa in besten Händen war.»
Vielen Dank, Frau Hinderer-Kaufmann, für dieses fiktive Gespräch.
Friederike Hinderer-Kaufmann verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Altersheim in Aarau, umsorgt von ihrer dritten Tochter, der Diakonisse Lina Hinderer. Sie starb Ende Dezember 1953 hoch betagt im Bergheim, das ihr Sohn Albert 1941 erworben hatte.