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Ohne Mut, keine Innovationen
In dieser Zeit, in der die Welt – zumindest die Industrieländer – von Wirtschaftskrisen, Finanzkrisen und globalen Krisen erschüttert wird, frage ich mich häufig, ob wir uns nicht in erster Linie in einer Innovationskrise befinden.
Man wirft den Finanzinstituten vor, nicht mehr der Antrieb der Wirtschaft zu sein. Die grossen Anlagefonds begnügen sich oft mit der Optimierung der Geschäftsführung in Unternehmen und verdienen ihr Geld, indem sie die Produktivität jener Gesellschaften verbessern, die damit ins Hintertreffen geraten sind. Die Emerging Countries hingegen sind heute so etwas wie die Fabrik der Welt und gestatten es den reicheren Ländern, sich zu geringeren Kosten mit Produkten und Dienstleistungen einzudecken – und so das Wachstum dieser Ländern zu begünstigen.
Verbirgt sich dahinter nicht eine gewisse Unfähigkeit auf Seiten der Wirtschaft, in den entwickelten Ländern Innovation zu fördern? Wenn Novartis im Bereich Forschung und Entwicklung (R&D) Stellen abbaut und Logitech sein Projekt Google TV aufgibt, so drängt sich diese Frage unweigerlich auf.
Die heutigen Produkte haben ihren Ursprung oft in Ideen, die in längst geschlossenen Forschungslabors entstanden sind.
Innovation ist anscheinend eine Verschwendung. Wenn man der Auffassung ist, die Sonne sei nichts anderes als ein riesiger Verbrauch von Atomenergie und das Leben selbst sei nur möglich durch einen weit höheren Verbrauch an Energie als von der Menschheit jemals produziert werden kann, so muss man zum Schluss kommen, dass Innovation ein Verfahren ist, das wesentlich mehr Misserfolg als Erfolg produziert. Wie viele gescheiterte Forschungsprojekte, wie viele Konkurse junger Start-ups bedarf es, bevor ein Medikament auf den Markt kommt oder ein iPad über den Ladentisch geht? Meine Erfahrung sagt mir, dass weniger als eines von tausend Projekten realisiert wird (ohne Garantie für einen späteren Erfolg).
In den letzten 50 Jahren ist ein paradoxes Phänomen entstanden. Die Innovationen haben sich sowohl in der Informationstechnologie als auch im Gesundheitswesen vervielfacht (in jeder Abteilung eines Spitals wird man heutzutage fast erschlagen von den unzähligen Medizintechnologien, die unsere Lebenserwartung erhöht haben). Trotzdem haben die grossen Unternehmen aber oft ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung reduziert. Die grossen Labors von IBM oder Bell sind fast verschwunden.
Manchmal hat es den Anschein, dass die Universitäten zu Partnern der grossen Unternehmen und zur alternativen Quelle der Innovation geworden sind. Aber es ist nicht sicher, ob die Mittel vergleichbar sind und bisweilen stellt man sogar die bestehenden Budgets infrage.
Das Problem ist komplexer. Steve Blank, neuer «Innovationspapst» im Silicon Valley, beichtete letzthin, dass Innovation kein rationaler Prozess und deshalb nicht zu beherrschen sei. Er vergleicht sie stattdessen mit der Kreativität der Künstler. Auch das sei eine Verschwendung. Ein Bereich ohne Produktivität oder Erfolgsmessung.
Ebenso wenig wie die Experten habe ich ein Patentrezept gegen die Krisen, aber meine Intuition sagt mir, wir sollten etwas riskieren und auf kreative Menschen setzen. Ich weiss auch, dass weder Subventionen noch ein Zauberstab Innovation garantieren können, dass sich nicht jedes Jahr ein Steve Jobs aus dem Hut zaubern lässt und dass staatliche Strategien mehr als einmal Schiffbruch erlitten haben. Es handelt sich also um ein gefährliches Abenteuer mit erheblichen Risiken.
Die heutigen Produkte haben ihren Ursprung oft in Ideen, die in längst geschlossenen Forschungslabors entstanden sind, und ich befürchte, dass uns ohne solche Labors bald einmal die Ideen für die Zukunft ausgehen werden. Google hat dieses Risiko wohl verstanden und zahlreiche Initiativen gestartet, die – zu Recht oder zu Unrecht – scharf kritisiert wurden. Oft habe ich das Gefühl, der Internetriese sei mit seinen neuen Ideen allein auf weiter Flur.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es zum Überleben nicht reicht, lediglich Schulden abzubezahlen und ich befürchte sogar, dass es das Ende jeder Innovation bedeuten würde, alles primär nach finanziellen Massstäben zu beurteilen. Einen neuen Aufschwung können wir nur schaffen, wenn wir den Mut aufbringen, die verschwenderische Freisetzung kreativer Energien zu akzeptieren.
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