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Es ist erstaunlich, wie unvorbereitet die Coronavirus (SARS-CoV-2) Pandemie viele westliche Industriestaaten getroffen hat. Bereits im Bericht “Globale Trends 2025” des US-Directors of National Intelligence von 2008 wird die Gefahr einer globalen Pandemie aufgeführt. Der Sicherheitsverbund Schweiz führte gar vom 4.-21. November 2014 eine Übung zum Thema “Pandemie und Strommangellage” (siehe Szenario) durch, welche bei der Pandemievorsorge etliche Lücken aufgedeckt hatte. Diese Lücken wurden jedoch nicht mit Nachdruck geschlossen. So kritisierte der ehemalige Chef des Bundesamtes für Gesundheit, Thomas Zeltner in einem für den Bund verfasstem Gutachten insbesondere die mangelnde Bevorratung von Medikamenten, Medizinprodukten und Labormaterialien in den Spitälern, was in den Kompetenzbereich der Kantone fällt (Simon Hehli, “Mitten in der Pandemie kommt Kritik am Krisenmanagement auf“, NZZ, 25.03.2020).
The emergence of a pandemic disease depends upon the natural genetic mutation or reassortment of currently circulating disease strains or the emergence of a new pathogen into the human population. Experts consider highly pathogenic avian influenza (HPAI) strains, such as H5N1, to be likely candidates for such a transformation, but other pathogens—such as the SARS coronavirus or other influenza strains—also have this potential. If a pandemic disease emerges, it probably will first occur in an area marked by high population density and close association between humans and animals, such as many areas of China and Southeast Asia, where human populations live in close proximity to livestock. — National Intelligence Council, “Potential Emergence of a Global Pandemic“, Global Trends 2025: A Transformed World, 2008, S. 75).
Ein nicht zu unterschätzendes Problem liegt im exponentiellen Wachstum am Anfang einer sich ausbreitenden Pandemie. Dies führt dazu, dass die Fallzahlen zuerst relativ lange sehr langsam, dann jedoch sehr schnell sehr steil ansteigen (hier ist ein hervorragendes Video über exponentielles Wachstum zu finden). Politisch stellt dieses exponentielle Wachstum eine bedeutende Herausforderung dar. Effektive, zum Teil unpopuläre Massnahmen müssen schnell ergriffen werden, welche jedoch in einem erfolgreichen Fall, bei dem die Pandemie sehr früh mit wenig Infizierten und Toten gestoppt werden kann, im Nachhinein als unverhältnismässig kritisiert werden könnten. Je länger Staaten warten, bis sie effektive Massnahmen ergreifen, um so schwieriger wird es, den exponentiellen Anstieg nachhaltig zu bremsen. Auch bei SARS-CoV-2 haben die recht spät ergriffenen Massnahmen in einigen Staaten das Problem unnötig verschärft. Das eindrücklichste Beispiel dafür sind die USA.
Im Gegensatz dazu stellt Singapur ein positives Beispiel dar. Basierend auf den Erfahrungen aus den SARS-CoV und Schweinegrippe Pandemien verordnet Singapur bei ankommenden Flugpasssagieren mit Grippe-Symptomen eine Quarantäne (Ende Januar), bevor überhaupt der erste SARS-CoV-2 Infizierte innerhalb Singapur diagnostiziert wurde. Die Kombination eines effektiven Contact-Tracings mit einer strikten Quarantäne verhinderte in Singapur ein massives exponentielles Wachstum, wie es in anderen Staaten zu sehen ist. Einfache Simulationen zeigen, dass Contact-Tracing und Quarantäne effektive Massnahmen gegen eine Pandemie darstellen können. Auch Griechenland reagierte schnell bei den ersten Infektionsfälle. Nach Auftreten des ersten Todesfalles am 12. März 2020 wurde im ganzen Land ein Lock-Down-Modus verordnet. Dadurch blieb auch die Infektionskurve Griechenlands relativ flach.
Abgesehen von Griechenland haben die europäischen Staaten eher zögerlich reagiert, sogar dann noch als am Beispiel Italien die massiven Folgen der Pandemie erkennbar wurden. So ergriff beispielsweise Frankreich erst 15 Tage nach dem ersten Todesfall die ersten Massnahmen (Veranstaltungsverbot) und erst weitere rund 15 Tage später wurden restriktivere Massnahmen (Lock-Down) verordnet. Die Schweizer Regierung ergriff bereits am 28. Februar 2020 mit 15 bestätigten Fällen und vor dem ersten Todesfall (ereignete sich am 05. März 2020) im Rahmen der “besonderen Lage” erste Massnahmen (Veranstaltungsverbot). Restriktivere Massnahmen wurden schliesslich im Rahmen der “ausserordentlichen Lage” am 16. März 2020 ergriffen. Damit befindet sich die Schweiz bei der Reaktionsgeschwindigkeit im Mittelfeld.
I want to insist that we [don’t] overreact to this health threat by imposing export bans on personal protective equipment as have done some among us, — Belgische Ministerin für Gesundheit und Soziales, Maggie De Block, zitiert in Carmen Paun and Jillian Deutsch, “Health Ministers Squabble over Face Masks at Coronavirus Talks“, Politico, 07.03.2020.
Global betrachtet kann der Ablauf der Pandemie in drei Phasen aufgeteilt werden, wobei insbesondere Staaten, welche sich in einer späteren Phase befinden von den Erfahrungen der Staaten in den vorhergehenden Phasen profitieren könnten:
- Phase 1: Im asiatischen Raum ist in den meisten Staaten die erste Pandemiewelle bereits am Abklingen. Hier ist interessant zu beobachten, wann und wie die Staaten die restriktiven Massnahmen wieder zurücknehmen, und ob es womöglich zu einer zweiten Pandemiewelle kommen wird. Ebenfalls interessant ist zu beobachten, wie die Wirtschaft wieder nach oben gefahren wird und welche langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen zu erwarten sind.
- Phase 2: In Europa und in den USA ist die Pandemie in vollem Gange. Einige Staaten verzeichnen noch eine starke Anstiegsphase, erreichen nun jedoch den Peak der Neuinfektionen und in den nächsten 3 Wochen den Peak der aktiv infizierten Personen. Die Anzahl der Todesopfer wird voraussichtlich erst nach weiteren 3 Wochen (also in ungefähr 6 Wochen) nachhaltig sinken. Die grösste Herausforderung in dieser Phase ist die Gesellschaft trotz Frühlingswetter zu überzeugen die Verhaltensvorschriften einzuhalten und zu entscheiden wann und wie die restriktiven Massnahmen wieder zurückgenommen werden sollen. Ein erneuter Lock-Down nach der Aufhebung der restriktiven Massnahmen muss mit allen Mitteln verhindert werden.
- Phase 3: In Südamerika und Afrika ist die Pandemie noch nicht oder erst grad gestartet. Sie können von den Erfahrungen der Phase 1 und 2 Staaten profitieren und schnell die richtigen Massnahmen umsetzen. Hier gibt es jedoch auch bedeutende Unterschiede. So ist es insbesondere für Staaten mit einem tiefen durchschnittlichen Einkommen schwierig oder gar unmöglich Massnahmen wie beispielsweise “Home-Office” umzusetzen. Ausserdem verfügt die Bevölkerung in diesen Staaten meistens nicht über die finanziellen Ressourcen um die Pandemie für Wochen oder gar Monaten auszusitzen. Dementsprechend sind auch die Staaten selber schlechter auf eine solche Pandemie vorbereitet.
Um die wirtschaftlichen Kollateralschäden zu minimieren, haben die Zentralbanken der Staaten in der Phase 2, insbesondere die USA, ihren Geldhahnen geöffnet und so die finanzielle Liquidität sichergestellt. Die US-Zentralbank hat beispielsweise Mitte März 1,5 Billionen US-Dollar in die Wirtschaft gepumpt und Ende März hat US-Präsident Donald Trump ein 2.2 Billionen US-Dollar umfassendes wirtschaftliches Stimulierungspakets abgesegnet. Werden noch weitere Staatsausgaben und fehlende Staatseinnahmen mit einberechnet, so umfasst der finanzielle Umfang auf staatlicher Seite rund 30% des US-Bruttoinlandsproduktes.
Die westlichen Staaten sind zwar bereit Unternehmenskredite abzusichern, doch finanzielle Subventionen an Unternehmen, welche von den staatlich verordneten restriktiven Massnahmen negativ betroffen sind, werden kaum ausgezahlt werden. Gemäss der Schweizer Wirtschaftswissenschaftlerin Victoria Curzon-Price (geäussert in einem Webinar des Geneva Centre for Security Policy) sollten Staaten in einer solchen Situation die Rolle einer grossen Versicherung und nicht diejenige einer Bank übernehmen. Die Konzentration auf die blosse Absicherung von Unternehmenskrediten eröffnet die Gefahr, dass insbesondere Kleinunternehmer am Ende der Pandemiewelle eine hohe Verschuldung aufweisen und mittelfristig trotz Aufhebung der Massnahmen bankrott gehen könnten.
Auf internationaler Ebene zeigt die Pandemie auf, wie stark die Verlässlichkeit und das Vertrauen in den grenzüberschreitenden Handel in den letzten Jahren ausgehöhlt wurde, nicht zu letzt auch durch die Handelspolitik der USA. Zusätzlich kommen Massnahmen, wie beispielsweise die Schliessung von Grenzen und das Verbot des Exportes von gewissen Gütern, welche im Rahmen der Bekämpfung der Pandemie von gewissen Staaten umgesetzt wurden. Das verlorene Vertrauen wird nach der Pandemie erst langfristig wiederhergestellt werden können und wird den internationalen Handel noch länger belasten. Am Wahrscheinlichsten ist ein Revival bilateraler Handelsbeziehungen. Es ist davon auszugehen, dass Staaten zukünftig wieder mehr in ihre strategischen Reserven, und in gewissen Bereichen, in autonome Produktionskapazitäten investieren werden. Die genaue Beurteilung stellt sich momentan jedoch schwierig dar, weil Statistiken politisch motiviert sein könnten, und deshalb die Korrektheit der Daten mindestens angezweifelt werden müssen.