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Bücher über Glarner Kunstdenkmäler?
Ja, natürlich!
Die Vorgeschichte
Der Glarner Architekt Dr. h.c. Hans Leuzinger war bereits um 1950 Mitinitiant für die Erarbeitung
eines Bandes der Glarner Kunstdenkmäler und sammelte Unterlagen dazu. Später hat Dr. Jürg Davatz während seiner Tätigkeit beim Kanton bis zu seiner Pensionierung 2007 wichtige Vorarbeiten für die Herausgabe eines Bandes zum Glarner Unterland geleistet, doch erst 2009 beschlossen Regierungsrat und Landrat die Erforschung und Publikation der Glarner Kunstdenkmäler anzugehen. Das Resultat dieser Arbeit sollten drei Glarner Bände der Buchreihe „Kunstdenkmäler der Schweiz“ sein: Unterland, Hinterland und Mittelland.
Dr. Andreas Bräm wurde vom Kanton dazu angestellt und beauftragt, mit der Ausarbeitung des ersten Glarner Bandes zu beginnen. Die Forschungen zum Glarner Unterland sind abgeschlossen, der entsprechende Band „Glarus Nord“ wird 2017 erscheinen.
2015 beschloss der Regierungsrat jedoch aus finanziellen Überlegungen auf die Weiterführung des Projektes der Kunstdenkmäler-Bände zu verzichten. Das hat Widerstand hervorgerufen.
Im Herbst 2015 beschloss der Vorstand des Historischen Vereins des Kantons Glarus (HVG) die Trägerschaft (nicht die Finanzierung) für die noch ausstehenden zwei Bände zu übernehmen. Die Herausgeberin der Kunstdenkmäler-Reihe, die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), ist damit einverstanden.
Was sind eigentlich die Bücher der Reihe "Die Kunstdenkmäler der Schweiz“?
Die Bezeichnung „Kunstdenkmäler“ ist irreführend. Es geht nicht nur um die Untersuchung scheinbar wichtiger, repräsentativer oder gar berühmter Bauwerke, sondern um die Erforschung unserer Bau- und Siedlungsgeschichte ganz generell. Im Zentrum steht die Frage, wie frühere Generationen gewohnt, gelebt und gearbeitet haben und ob es davon noch Zeugen gibt. Für viele Generationen werden diese Kunstdenkmäler-Bände das Standardwerk zu unserer Besiedlungs-, Wohn-, Wirtschafts-, Kunst- und Kulturgeschichte sein. Sie sind ein Jahrhundertprojekt!
Diese Bücher sind eine gesamtschweizerische Angelegenheit. Herausgeber war die 1880 gegründete Vaterländische Gesellschaft. Seit 1934 nennt sie sich Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte.
Seit 2012 erscheinen „Die Kunstdenkmäler der Schweiz“ parallel zum gedruckten Buch auch in digitaler Form. Die erweiterten E-Books sind mit zahlreichen zusätzlichen Funktionen ausgestattet (Geolokalisation, Links zu anderen Referenz-Reihen wie dem Lexikon der Kunst der Schweiz SIKART oder zum historischen Lexikon der Schweiz HLS) und ermöglichen jedermann einen einfachen und attraktiven Zugriff auf die fundierten Inhalte.
Für wen sind diese Bücher?
Die Kunstdenkmäler-Bände richten sich an ein breites Laienpublikum, das sich für Geschichte, Bauen, Wohnen, Arbeiten, Kunst und Kultur interessiert. Die Bücher sind reich bebilderte Lesebücher und Nachschlagewerke für alle. Behörden, Hauseigentümer, Mieter und Bauherren finden hier Informationen über ihr Dorf, ihr Haus oder ihren Arbeitsort. Viele Leute interessiert es, wie alt ihr Haus ist oder wer es gebaut hat.
Neben den Direktbetroffenen gibt es auch Kulturtouristen, die wegen Baudenkmäler und Ortsbilder herumreisen. Glarus hat in dieser Beziehung einiges zu bieten. Und in einer alternden Gesellschaft werden diese interessierten, aktiven und zahlungskräftigen Reisenden immer wichtiger. Solche Leute informieren sich, bevor sie etwas unternehmen. Die Kunstdenkmäler-Bände bieten dafür die Grundlage, Journalisten oder Autoren von Fremdenführern schreiben daraus ab. Schliesslich sind die Publikationen über die Glarner Kunstdenkmäler ein unverzichtbares Instrument für Heimatschutz, Denkmalpflege und Behörden, die sich von Amtes wegen mit Ortsbildern und Baudenkmälern beschäftigen müssen.
Über eine Million Franken für ein Buch, ist das gerechtfertigt?
Die drei Glarner Bände der „Kunstdenkmäler der Schweiz“ – „Glarus Nord“, „Glarus Süd“ und „Gla-rus“ – sind qualitativ hochstehende Publikationen zur Glarner Geschichte für ein breites Laienpublikum. Sie sind reichhaltige Nachschlagewerke zur Geschichte des Kantons, dessen drei Regionen bzw. Gemeinden, unserer Dörfer und Weiler und zu einzelnen Bauwerken. Die Bücher sind aber nur die Spitze des „Kunstdenkmäler-Eisbergs“. Langjährige intensive Forschungsarbeit bringt eine Fülle von Fotos, Plänen, Laboruntersuchungen, Messungen und bauhistorischen Daten und Erkenntnissen hervor, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und die auch nachfolgende Generationen noch nutzen können. Es werden eben nicht nur die ohnehin bekannten Bauwerke wie z. B. Kirchen und Ruinen untersucht, sondern auch die Wohnbauten der Bevölkerung (vom Bauernhof bis zum Herrschaftshaus) und charakteristische Zeugen der Industriegeschichte bis ins 21. Jahrhundert – zum Teil erstmals!
Das ist Grundlagenforschung im besten Sinn des Wortes.
Für den Kanton Glarus, einer Randregion ohne Fachhochschule, Hochschule oder archäologische Forschungsstelle, ist das Projekt „Kunstdenkmäler“ besonders lohnend und attraktiv. Die kantonalen Gelder sind für die hiesige Forschungsarbeit bestimmt; die Kosten für Projektleitung, Redaktion, Druckvorstufe, Druck und Binden der Bände bezahlt dagegen die GSK.
Warum ausgerechnet jetzt?
2009 ist der Kanton Glarus dieses Jahrhundertprojekt erstmals ernsthaft angegangen. Das Resultat wird 2017 in Form des Bandes „Glarus Nord“ vorliegen, doch jetzt soll die Arbeit plötzlich abgebrochen werden. Der Bearbeiter des ersten Bandes, Dr. Andreas Bräm, hat gewissenhaft, zeitgerecht und zu aller Zufriedenheit gearbeitet. Er kennt die Vorarbeiten und die Glarner Baugeschichte wie kein zweiter. Deshalb dürfen wir diese Kapazität nicht ziehen lassen. Wenn die Erforschung der Glarner Kunstdenkmäler nicht weitergeht, verlieren wir diesen Fachmann. Damit wäre eine Chance vertan. Eine spätere Weiterarbeit wäre ungleich schwieriger.
Der Kanton Glarus muss sparen, können wir uns eine derartige Ausgabe leisten?
Auch wenn der Kanton Glarus finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, muss er gewisse Aufgaben
weiterhin erfüllen. Niemand will einen Staat, der nur noch das Minimum leistet. Und worin bestünde dieses Minimum eigentlich? Was muss bezahlt werden und wem nützt welche staatliche Aufgabe am meisten? Darüber könnte man trefflich streiten, notabene bei jedem Steuerfranken.
In den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Kunst wird im Kanton Glarus bereits massiv gespart.
Für diese Bereiche gibt der Staat praktisch kein Geld aus, denn die Ausgaben für unsere Museen, für kulturelle Veranstaltungen und Institutionen stammen zu fast 100 Prozent aus dem Lotteriefonds und nicht aus dem Staatssäckel. In andern Kantonen werden ständig staatlich finanzierte Bücher zu Geschichte und Kultur produziert, in Glarus kaum.
Aus Sicht des Steuerzahlers ist die Finanzierung einer nachhaltigen Erforschung und Vermittlung unserer Kunstdenkmäler geradezu mustergültig: Über drei Fünftel der Aufwendungen übernehmen private oder halbstaatliche Stiftungen und Spenden, die den Steuerzahler nichts kosten. Die Beiträge aus dem Staatssäckel decken etwa zwei Fünftel der Kosten – verteilt auf mehrere Jahre. Für die Produktion der drei Publikationen (Lektorat, Druckvorstufe, Druck) und den Vertrieb bezahlt der Kanton zudem nichts. Bei kaum einer anderen Staatsaufgabe werden derart viele Kosten an andere ausgelagert!
Schliesslich erscheinen die drei Glarner Bücher innerhalb der renommierten und international etablierten Buchreihe mit den Bänden der anderen Kantone, die zum Teil kurz vor dem Abschluss stehen, so in Graubünden, St. Gallen, Schwyz oder dem finanzschwachen Uri. Die Glarner Kunstdenkmäler-Bände repräsentieren Glarus als Kanton gegen aussen, nicht eine Interessengruppe oder Region. Die Bekanntheit unserer Baudenkmäler nützt auch unserem Glarner Tourismus und allem, was damit zusammenhängt.
Stehen Baudenkmäler dem Fortschritt im Weg?
Der Gegensatz von Fortschritt und Geschichte ist ebenso konstruiert wie grundfalsch. Niemals käme es einem Basler in den Sinn, sich für das Münster oder den Novartis Campus zu entscheiden. Beides macht Basel gleichermassen aus. Kein Baudenkmal hat je ein innovatives, zukunftsträchtiges Projekt im Glarnerland gefährdet oder verhindert. Im Gegenteil:
Die Gegenwart verdanken wir im Guten wie im Schlechten unserer Geschichte. Nur wenn wir unsere Geschichte kennen und vor Augen haben, sind wir fähig unsere Zukunft auch nachhaltig zu gestalten. Schliesslich geht es um Herkunft und Heimat. Woran machen wir denn unser Glarner-Sein fest, etwa am Föhn?
Herkunft hat einen grossen emotionalen und dadurch auch wirtschaftlichen Wert. Die Kenntnis
über die Zeugen unserer Geschichte ermöglicht das gezielte Vermarkten unseres Kantons. Kunstdenkmäler sind erwiesenermassen neben den Naturschönheiten der wichtigste Grund, weshalb irgendjemand irgendwo auf der Welt Ferien macht.
Abgesehen davon führt die Erforschung und Dokumentation unserer Kunstdenkmäler nicht automatisch zu deren Schutz. Der Schutz durch Bund oder Kanton (Denkmalpflege) ist eine politische Frage und hat direkt nichts mit der Erforschung unserer Kunstdenkmäler zu tun. Allerdings erlaubt eine seriöse Forschung, einerseits sich auf die wichtigen, einzigartigen und deshalb besonders erhaltenswerten Objekte zu konzentrieren. Eine sinnvolle Auswahl ist nur möglich, wenn man die fraglichen Objekte alle kennt. Andererseits sichert die Erforschung und eine sorgfältige Dokumentation ein Baudenkmal auch dann für die Nachwelt, wenn es aus irgendeinem Grund weichen muss, wie z.B. die Pfahlbauersiedlung unter dem Zürcher Sechseläutenplatz.
Erforschung von Kunstdenkmälern ist Staatsaufgabe, warum sollen Private bezahlen?
Grundsätzlich trifft zu, dass die Erforschung unserer Kunstdenkmäler zum staatlichen Forschungs- und Bildungsauftrag gehört. Deshalb werden der Staat bzw. wir Steuerzahler auch weiterhin einen grossen Beitrag leisten müssen. An der Teilfinanzierung mittels Steuergelder ändert sich grundsätz-lich nichts, wenn die Trägerschaft beim Historischen Verein und nicht beim Kanton liegt.
Die Aufgaben des Staates sind aber – gerade im Kanton Glarus – nicht in Stein gemeisselt, sondern einem steten Wandel unterworfen. Aktuell beurteilt die Glarner Regierung die Erforschung unserer Kunstdenkmäler nicht als Staatsaufgabe und zwar ausschliesslich aus finanziellen Gründen. Wenn wir als Stimmbürger, Wählerinnen und Steuerzahler anderer Meinung sind, müssen wir uns für unsere Anliegen einsetzen, bei Abstimmungen, als Wähler und eben auch mit Geld. Wir müssen vorangehen und zeigen, dass uns unsere Kultur, unsere Geschichte und unsere Heimat etwas wert sind. Wenn wir nichts tun, um den Steuerzahler zu entlasten, ist nicht unsere Regierung, sind nicht die Neinsager und Verhinderer die Leidtragenden, sondern unsere eigene Kultur, unsere Geschichte und nicht zuletzt wir, die wir uns dafür interessieren und starkmachen.
Auch im derzeit schwierigen politischen Umfeld soll die Erforschung unserer Kunstdenkmäler nicht scheitern. Vielmehr müssen wir mit Taten vorangehen. Eine grosse Spendenbereitschaft zeugt von einem breiten Interessentenkreis und beweist, dass die Kunstdenkmäler-Bände nicht nur das Projekt einiger weniger sind.