Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/1113

Die Erstbesteigung der Dufourspitze vor 100 Jahren
Von Ernst AmbUhl
Mit 2 Bildern ( 106, 107 ) und 1 SkizzeLiebefeld-Bern ) Am 1. August 1955 werden es gerade 100 Jahre her sein, dass die Dufourspitze ( 4634 m ), die höchste Erhebung unseres Landes, in den Alpen nur noch vom Mont Blanc ( 4807 m ) und vom Mont Blanc de Courmayeur ( 4748 m ) an Höhe übertroffen, zum ersten Male erstiegen wurde, und zwar durch fünf Engländer mit drei Schweizer Führern. Dieses, gerade auf unsero Bundesfeiertag fallende Jubiläum soll uns Anlass geben, die interessante Erstbesteigungsgeschichte dieses Berges sowie diejenige des Monte-Rosa-Gebietes zu vermitteln. Zugleich soll es uns interessieren, wann und wohin der jeweils höchste von Menschen je erreichte Punkt in den Alpen im Gelände wanderte, bis er endlich auf den Mont Blanc bzw. für die Schweiz auf die Dufourspitze gesetzt wurde.
Im Monte-Rosa-Gebiet, als der höchsten Massenerhebung in den Alpen, wurde der Theodulpass ( 3295 m, Felsen nördlich davon 3317 m ) nach den sehr bemerkenswerten historischen Darlegungen von W. A. B. Coolidge ( Josias Simler et les origines de l' alpinisme jusqu'en 1600; Les Alpes dans la nature et dans l' histoire ) möglicherweise schon im frühesten Mittelalter begangen. Einige Hinweise vom eben genannten Autoren vermögen Überquerungen ungefähr auf die Mitte des 13. Jahrhunderts zu fixieren. Damit hätte dieser vom Menschen bereits benützte Firnpass den Colle di Teleccio ( 3304 m ) im Paradisogebiet an Höhe etwas überflügelt. Auch dieses Firnjoch wurde, wie urkundlich dargelegt wird, mindestens im Jahre 1206 überschritten, wenn nicht schon früher. Noch höher gelegene Pässe als die beiden genannten sind aus jener Zeit keine als schon überquert bekannt.
Man sieht, dass unsere Vorahnen, welche zur Zeit des ersten Bundesbriefes lebten, sich bereits um merkliche Beträge über die 3000 m hinauswagten, vor allem wenn es galt, anderswo Rechte zu wahren, oder etwa Pilgerzüge zu unternehmen, die natürlich gleichzeitig weltlichen Zwecken dienen mussten.
Auch vor allem dem Bauern, Hirten und Jäger waren Höhen bekannt, die wohl von Tieren erreicht wurden, lassen sich doch auf der Landeskarte allein im Wallis rund 30 Stellen über 3000 m nachweisen, welche noch Vegetation tragen und Nahrung bieten. Am weitesten hinauf reichen dabei solche Plätze am Gugla ob Herbriggen/St. Niklaus 3320 m, Inneres Gornerli östlich Gornergrat/Zermatt 3220 m, Hohtälligrat östlich Gornergrat/Zer-matt 3140 m. In Graubünden und Ursern hat es zusammen etwa 20 solcher Vegetationsgebiete, wobei die äussersten Exponenten sich auf 3080 m am Piz Platzèr, Piz Sesvenna, Territorium Scuol/Schuls, und am Piz Ot ( Samedan ) befinden.
Bis in solche Regionen hinauf findet somit an einigen prädestinierten Orten, meist in der günstigen SW-Exposition, eine wenn auch sehr bescheidene Grasnarbe noch knapp eine Existenzmöglichkeit, und so weit hinauf werden je und je Schafe und gälte Geissen geklettert sein und die Hirten, die sie suchen mussten.
Die Bezwingung der Roccia MelonejRoche-Melon ( 3535 m ), des rund 8 km nördlich von Susa ( Mont-Cenis-Linie ), ganz in Italien liegenden und auf der Südseite völlig firn-freien Gipfels, zählt zur allerersten Besteigung eines Hochalpengipfels durch einen Menschen. Diesen Berg, dessen Spitze bis auf Haushöhe unter die Jungfraujochgebäulichkeiten reicht, erstieg Bonifacio Rotario d' Asti, wahrscheinlich auf Grund eines Gelübdes, am 1. September 1358, also gerade fünfeinhalb Jahre nach dem Bund der Berner mit den Urkantonen.
Die Alpen - 1955 - Les Alpes13 Der Gipfelfelsen wurde für eine Kapelle ausgehöhlt ( 1923 daneben rekonstruiert ), und noch heute findet alljährlich am 5. August - fête de Notre-Dame des Neiges - eine Pilgerfahrt dort hinauf statt.
Auch diese Erstbesteigung hatte, wie so viele nachher, ihre erfolglosen Vorläufer. So wurde bereits um 1025 ein Versuch unternommen, denn nach der Legende hatte der lepra-kranke König Romulus ( Roccia Melone ist eine Verstümmelung dieses Namens ) auf dem Gipfel einen Schatz hinterlegt, der aber von Geistern bewacht wurde. Bei jenem Versuch, den ein Graf Clément in Begleitung unternahm und später ein Marquis Arduin wiederholte, kamen die Bergsteiger nach anfänglich schönem Wetter, als sie sich schon nahe dem Ziele glaubten, in ein Gewitter mit Nebel, in dem sie sich von den Dämonen bei Blitz, Donner und Steinschlag verfolgt wähnten und talwärts flüchteten. Diese Berggeister, welche hier zum ersten Male auftraten, hatten natürlich in der Folge da und dort ihre Rivalen. So wurde das tapfere Vordringen in die Firnregion durch unsere Urahnen von der Gespensterfurcht in bestimmte Bahnen gelenkt, sodass namentlich Gipfelbesteigungen deswegen und natürlich auch des meist mangelnden Motives wegen unterblieben.
B. Coolidge ( Josias Simler et les origines de l' alpinisme jusqu'en 1600 ) glaubt, dass schon um 1500 der noch höher gelegene Firnübergang von Zermatt nach Mattmark ( und Almagell einerseits oder Monte Moro anderseits ), das rund 3560 m hohe Schwarzberg-Weisstor, Pilgerzügen nach Italien gedient habe. Da aber nichts schwieriger als die Datierung des Beginnes solcher Reisen sei, kann der genaue Zeitpunkt der Erstbegehung dieses Passes nicht angegeben werden. Nur 150 m südsüdöstlich dieses Eisjoches erhebt sich auf dem Grenzgrat der Schwarzberg ( 3610 m ), mit Sicht gegen Macugnaga hinunter. Es ist durchaus möglich, dass dieser Schwarzberg schon in der Zeit, als die Passbenützung aufkam, erstiegen wurde, womit, unter Zugrundelegung dieser Annahme, der « Höhenrekord » in den Alpen -und damit in Europa - vorläufig knapp etwas über 3600 m lag.
Dabei blieb es nun mehr als 250 Jahre lang. Während dieser Zeit laufen die Kunden von Bergbesteigungen recht spärlich ein, und zudem handelt es sich um vorweg deutlich unter der 3000er Quote liegende Gipfel. Eine radikale Änderung ist erst Horace-Bénédicte de Saussure ( 1740-1799 ) zu verdanken. Der junge begeisterte Berggänger und hervorragende Naturbeobachter aus Genf offerierte als 20jähriger, anlässlich seines ersten Besuches in Chamonix, demjenigen, welcher eine Route auf den Mont Blanc ausfindig mache, eine hohe Belohnung. Es vergingen aber volle 15 Jahre, bis am 14./15. Juli 1775 die vier Chamoniarden François und Michel Paccard, Victor Couteran und Victor Tissay zu einem Versuche starteten, wobei sie das Grand Plateau ( ca. 3950 m ) erreichten.
Ob diese Kunde ins abgelegene Lystal drang und irgendwie stimulierend wirkte, ist fraglich. Aber Mitte August 1778 wollten sieben junge Leute aus Gressoney-la-Trinité wissen, was für eine Welt sich hinter der riesigen Firnmauer des Lyskammes befinde.Vielleicht wussten sie, dass ihre nördlichen Nachbarn einen ähnlichen Dialekt wie sie sprachen; vielleicht war es reiner jugendlicher Tatendrang, der sie anspornte.Valentin und Josef Beck, Sebastian Linty, Stephan Lisco, Josef Zumstein, Niklaus Vincent und F. Castel konnten zur genannten Zeit bis zum Lysjoch ( 4153 m ) vordringen und erreichten rund 100 m westlich davon auf Zermatter Territorium eine aus dem Firn ragende, kleine Gneispartie, den sogenannten « Entdeckungsfels ». Seine Höhe wurde gemäss mir zugekommener Mitteilung von Herrn Ing.Topograph M. Kurz erst 1937 ermittelt und beträgt 4178 m.
Damit wurde zum ersten Male in den Alpen die Höhe von 4000 m erreicht und gleich um einen deutlichen Betrag überschritten. Allerdings handelte es sich dabei nicht um einen Gipfel. Auch wurde in den beiden darauffolgenden Jahren von den gleichen Lystalern kein Gipfel erstiegen, trotzdem sie die nämliche Tour wiederholten, weil sie diese nicht weiter ausdehnten. Sie nahmen dabei Kenntnis vom riesigen Tal, welches zwischen Monte Rosa und Lyskamm von mächtigen Gletschern erfüllt war, und sahen und hörten die Senten drüben am Riffelberg. Am 31. August 1779 wurde der Mont Vélan ( alte Karte 3765 m, Landeskarte 3734 m ) durch den Mönch und Botaniker Joseph-Laurent Murith ( 1742-1816 ) vom Grossen St. Bernhard aus mit den Gemsjägern Moret und Genoud aus Bourg-St-Pierre, bezwungen. Murith ist geborner Freiburger und Mitbegründer der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft im Jahre 1815 in Genf. Ein so hoher alpiner Berg wurde bis zum vorhin genannten Datum noch nie erstiegen.
Aber schon vor 1784 wird die Aiguille du Goûter ( 3835 m ), der erste Mont-Blanc-Massiv-Gipfel, durch François Cuidet und François Gervet bestiegen.
Am 17. September 1784 dringen Jean Marie Couttet und François Cuidet aus Chamonix auf dem gleichen Wege auf den Dôme du Goûter ( 4304 m ) vor und gelangen bis zu den Rochers du Dromadaire auf 4363 m, den Felsen, auf welchen heute die Cabane Vallot steht.
Der ehrgeizige Chamonix-Führer Pierre Balmat ( 1763-1834 ) erzwingt sich am 5. Juli 1786 die sogenannte Ancien Passage und gelangt bis zu den Rochers rouges inférieurs ( 4506 m ), sieht das nahe Ziel vor sich, kehrt zurück, um mit einem Zeugen die Eroberung zu vollenden. Er erlangt zusammen mit Dr. med. Michel-Gabriel Paccard ( 1757-1827, ebenfalls aus Chamonix, kurz darauf den Sieg, indem sie Dienstag, B. August 1786, um 18 Vi Uhr, als erste Menschen Europas höchsten Berg, den Mont Blanc ( 4807 m ) betreten. Der glückliche Stern, welcher über dieser Ersteigung waltete, verschwand bald hinter einem von Neid, Missgunst, Geldgier und Unglück schwer verhängtem Himmel Es ist hier nicht der Ort, um all diese menschlichen Unvollkommenheiten erneut zu diskutieren ( siehe ältere Literatur und: « Ärzte als Erschliesser der Alpen » von J. Jenny, « Alpen » 1955 ).
Im folgenden Jahre widerfährt H.B. de Saussure, Professor der Geologie und Philosophie zu Genf, dem eigentlichen Initianten dieser Aktion, die Genugtuung, wieder unter Führung von P. Balmat mit 17 weitem Trägern ebenfalls den Gipfel zu betreten, damit bereits die dritte Besteigung des Mont Blanc vollziehend ( 3. August ).
In der Folge nimmt der Alpinismus in diesem Gebiete vorläufig keine weitere Ausdehnung mehr an, da die beiden nächsten Erstbesteigungen auf die Jahre 1818 ( Aiguille du Midi ) und 1855 ( Mont Blanc de Tacul ) fallen.
Um so intensiver geht die Entwicklung in der Schweiz und in Österreich vor sich. Am 13. August 1792 setzt H.B. de Saussure als erster den Fuss auf den Gipfel des Kleinen Matterhorns ( 3884 m ) mit dem Chamonix-Führer Joseph-Marie Couttet und sechs Trägern. Damit ist die zweite Erhebung über 3500 m in der Schweiz erstiegen worden, zu einer Zeit, als der Trunser Pater Placidus a Spescha ( 1752-1833 ) verschiedene Berge des Bündner Oberlandes zum ersten Male betrat. Am 3. August 1811 wird in unserm Lande der erste der 50 Schweizer Viertausender, die Jungfrau ( 4158 m ), durch die Brüder Johann-Rudolf und Hieronymus Meyer aus Aarau mit ihren Walliser Führern Josef Bortis und Alois Volker bestiegen. Ob indessen am 16. August des folgenden Jahres ein anderes Mitglied der aarauischen Meyer mit den gleichen Begleitern auch das Finsteraarhorn ( 4274 m ) vollständig erobert hat, wird nie bewiesen werden können. In unserm kritischen Zeitalter wendet man ein, gerade dem ziemlich schwierigen SO-Grat wären die Leute schon der kurzen ihnen zur Verfügung gestandenen Zeit wegen doch zu wenig gewachsen gewesen.
Am 13. August 1813 meldet sich das leichte Zermatter Breithorn ( Westgipfel, 4165 m ) als bezwungen.
Ein Angriff auf die Monte-Rosa-Gruppe erfolgte erstmals im Jahre 1820, als am 1. August Josef Zumstein ( 1783-1861 ), Molinatti, Johann Niklaus ( 1785-1865 ), Josef Vincent ( jüngerer Bruder, der Bezwinger der Vincent-Pyramide, beides Söhne eines Mitgliedes der Partie zum Entdeckungsfels ) und verschiedene Führer und Träger aus Gressoney die Zumsteinspitze ( 4563 m ) erreichten. Die Männer waren vielleicht etwas enttäuscht, als sie gewahrten, dass unmittelbar vor ihnen im Norden ein anderer Gipfel - die damals noch namenlose Dufourspitze - ihren Punkt um rund 60 m überragte.
Zwei Jahre später, am 25. August, gelangte Freiherr Franz-Ludwig von Weiden ( 1782 bis 1853 ), Gouverneur von Wien, mit Begleitern auf die zu seinen Ehren getaufte Ludwigshöhe ( 4341 m ).
Bis 1840 wurden in der Schweiz nur sechs weitere Gipfel über 3500 m Höhe erstmals erklommen, und wenn man dieses Tempo nachher nicht gesteigert hätte, wären die Klubführer recht magere Büchlein, und noch heute könnten ab und zu « Gipfelfahnen an Interessenten » abgegeben werden!
Das Dezennium 1841-1850 eroberte aber bereits ein volles Dutzend weiterer Berge, darunter wieder einen Monte-Rosa-Vertreter, nämlich am 9. August 1842 die Signalkuppe! Punta Gnifetti ( 4556 m ) durch eine Partie aus Alagna ( Val Sesia ): Pfarrer Giovanni Gnifetti ( 1801-1867 ), der Initiant dieser Besteigung, welcher seit 1834 in Alagna das Seelsorgeramt ausübte, dann Josef Farinetti, Christoph Ferrari, Christoph Grober, Johann und Jakob Giordani sowie zwei Träger. Damit hatten die Alagner wie auch die Gressoneyer einen « 4500er » ihrer engem Heimat als erste bestiegen, der zudem nach einem der ihren benannt wurde.
Die übrigen in den 40er Jahren erstiegenen Spitzen wurden durch Schweizer mit einheimischen Führern bezwungen, und zwar waren es vorwiegend Wissenschafter, so z.B. die Gletscherforscher E. Désor und Ch. Girard mit dem Professor der Geologie Arnold Escher von der Linth ( 1807-1872 ), welche am B. August 1842 mit Jakob Leuthold, D. Brügger, Fahner, Melchior Bannholzer und Johann Madutz erstmals das Grosslauteraarhorn ( 4042 m ) erklommen.
Das Wandfluhhorn ( 3589 m ) wurde am 19. August 1849 durch Prof. James David Forbes ( 1809-1868 ) ( von Edinburgh, Physiker, Geologe und Gletscherforscher ) mit Jean Pralong, Bionnaz und Victor Tairraz erstmals betreten.
Mit Coaz'Besteigung der Bernina ( 4049 m ), des östlichsten Viertausenders, am 13. September 1850, wird die erste Jahrhunderthälfte abgeschlossen ( Coaz'Begleiter: J. und L. Tscharner ).
Wir benützen dieses « Half-time », um einen « Marschhalt » nach all den vielen Namen und Zahlen einzuschieben, und möchten die Verdienste dieser Männer um den Alpinismus, die vor 100 und mehr Jahren in die Berge zogen, einer kurzen Würdigung unterziehen.
Wir erliegen heute vielleicht der Versuchung, diese Unternehmen aus der Perspektive unseres « Liftboyzeitalters » zu beurteilen und sind gegebenenfalls geneigt, jene Leistungen weniger hoch einzuschätzen. Allerdings herrscht über den Ausbruch und die Ausdehnung der neuen Ära mit einigem Recht nicht überall nur ungeteilte Freude, da ihr morgen-geröteter Himmel bald durch allzu viele Kabel und Stahltrosse sich zu verfinstern beginnt!
Vergegenwärtige man sich aber beispielsweise einmal, dass die beiden Meyer aus Aarau höchstens vom dortigen « Alpenzeiger » aus und dann nur an einigen bevorzugten Tagen im Jahre die Schneeberge überhaupt sahen. Trotzdem und ohne viel Programme, aber mit einem grossen Ziel reisen sie ins Wallis - erst V3 Jahrhundert später pfeifen die ersten Lokomotiven! -, gelangen via Aletschgletscher, Beichpass nach der Lötschenlücke, DIE ERSTBESTEIGUNG DER DUFOURSPITZE VOR 100 JAHREN nächtigen im Freien, müssen die berüchtigte Rottalseite traversieren und erreichen als erste den Jungfraugipfel dank ihres Draufgängertums, gepaart mit Ausdauer und guter Führung der mit den Schneeverhältnissen besser bewanderten beiden Walliser Begleiter. Aber auch das Glück stand ihnen zur Seite.
Es musste für alle Pioniere jener Zeiten ein besonderes Gefühl gewesen sein, in Gebiete vorzudringen, die bisher von niemandem betreten worden waren, und die möglicherweise noch kein menschliches Auge erblickt hatte. Heute beschränken sich solche Areale nur noch auf Varianten, durch welche in der Regel der Schwierigkeitsgrad ihrer Begehung gegenüber früher um ein oder zwei Zähler hinaufgesetzt wird.
Der Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war den Erstbesteigungen nicht etwa günstig gesinnt. Es erfolgte bis 1854 nur die Bezwingung von fünf Walliser Hochalpen-gipfeln durch Schweizer. Im genannten Jahre wurde das Hotel Riffelberg, auf rund 2565 m gelegen, eröffnet, womit für das Monte-Rosa-Gebiet verbesserte Voraussetzungen für dessen Erschliessung geschaffen wurden.
Wir wollen die Dufourspitze etwas näher betrachten und übernehmen die Zeichnung im Band lila, Guide des Alpes valaisannes von M. Kurz, Auflage 1952 auf Seite 197. Wir sehen, wie sich dieser, die Zumsteinspitze ( 4563 m ) und unsern Standort, das Nordend ( 4609 m ), überragende Berg präsentiert.
Es sind, wie ersichtlich, 4 Punkte als Gipfel genannt, aber nur der höchsten Erhebung des OW verlaufenden Grates kommt im Führer natürlicherweise diese Bezeichnung mit Recht zu, während sich die Benennung der andern Stellen einerseits auf ihre Erstbesteigungsgeschichte gründet und anderseits wir Schweizer ausser dem Nordend hier die einzigen paar Quadratmeter Fels und Firn besitzen, welche über 4600 m hinausragen, weshalb die Namengebung etwas reichlicher ausfiel.
Nach den Literaturangaben ( Coolidge, Walliserführer ) wurde schon am 12. August 1847 erstmals der Silbersattel ( 4517 m ), die Lücke zwischen Grenzgipfel und Nordend durch Edouard Ordinaire und Victor Puiseux mit Johann Brantschen, Josef Taugwalder, Mathias zum Taugwald und Josef Moser bestiegen.
Im darauffolgenden Sommer, am gleichen Tage, wurde dieses Hochjoch wieder betreten von Prof. Melchior Ulrich ( 1802-1893 ) aus Zürich mit den Führern Johann Madutz und Mathäus zum Taugwald. Starker Wind und damit empfindliche Kälte hinderten den Professor, weiterzugehen, während seine Begleiter den Grenzgipfel erreichten - ob den veritablen ( 4596 m ) oder den falschen ( 4618 m ) ist nicht bekannt - und damit die helvetische Höhenrekordmarke wieder um einen, wenn auch nur geringen Betrag aufwärtsschoben.
Die Brüder Adolf, Hermann und Robert Schlagintweit, Deutschland, gelangten drei Jahre später an die gleiche Stelle, und erst die günstigen Verhältnisse - siehe die meteorologischen Bulletins vom Grossen St. Bernhard vom August und September 1854 - wie natürlich auch das neue Hotel am Riffelberg rechtfertigten weitere Versuche vollauf.
Das Jahr 1854 zeitigte noch folgende bedeutsame Ereignisse: Am 15. August gelangten die Brüder Christoph, James-Grenville und Edmund Smyth mit Fr. Jos. Andenmatten als Erste auf das Strahlhorn ( 4190 m ). Zum ersten Male in der schweizerischen alpinen Geschichte glückte damit englischen Touristen eine Erstbesteigung eines Hochalpengipfels. ( Die Prof. Forbes gelungene erste Begehung des Wandfluhhoms erfolgte vor allem in dessen Eigenschaft als Gletscherforscher. ) Selbstverständlich waren Albions Söhne schon mehr als ein halbes Jahrhundert vorher auf den Kontinent herüber gekommen, um Berge zu besteigen. So gelangte nicht einmal eine Woche nach de Saussures Erreichung des Mont-Blanc-Gipfels der englische Oberst Beaufoy am 9. August 1787 auf Europas höchste Erhebung.
Die gleichen Brüder Smyth, ohne Edmund, bezwangen am 1. September 1854 neuerdings den Silbersattel, gelangten über den Grenzgipfel erstmals bis zur Ostspitze ( 4632 m ), welcher Punkt 10 Tage später durch Edward Shirley Kennedy, ebenfalls auf der gleichen Route, erreicht wurde. Die Gründe, warum nicht versucht worden ist, dem Hauptgipfel bei einer nicht allzu schwer überwindlichen Horizontaldistanz von nur 100 m zu Leibe zu rücken, sind nicht bekannt.
Auf alle Fälle konnte die vollständige Eroberung des höchsten Monte-Rosa-Gipfels nach diesen Erfolgen nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Dass sich im nächsten Sommer u.a. auch zwei Leute der Ostspitzebezwinger dabei-befanden, ist durchaus verständlich. Diesmal führte der Weg nicht über den Silbersattel, sondern es wurde die heute noch übliche Route über den Sattel ( 4359 m ) auf dem Westgrat eingeschlagen, und an einem Mittwoch, dem 1. August 1855, konnte erstmals der höchste Punkt sowohl des Monte-Rosa-Gebietes ( 4634 m ) als auch unseres Landes betreten werden, 180 m von der italienischen Grenze, d.h. vom Grenzgipfel entfernt, ganz auf Zermatter Territorium gelegen.
Nach B. Coolidge ( Les Alpes dans la nature et dans l' histoire ) und der Z.Auf-lage des Guide des Alpes valaisannes von M. Kurz wird als Datum der 31.Juli genannt. Die 3.Auflage ( 1952 ) dieses Führers legt aber der Erstbegehung den 1.August zugrunde, an welche Angabe ich mich auch gehalten habe.
Einzelheiten über die Tour sind mir nicht bekannt, doch dürften uns die Namen der acht Teilnehmer sowie einige weitere Details über Persönliches interessieren. Rev. James-Grenville Smyth ( 1825-1907 ), Vikar in North- und South-Elkington, Louth. Rev. Christopher Smyth ( 1827-1900 ), Pfarrverweser in Great Yarmouth. Rev. Charles Hudson ( 1828-1865 ), Kapellan in Crimea, später Vikar von Skillington, verunglückte tödlich am Matterhorn anlässlich der Erstbesteigung vom 14.Juli 1865. John Birkbeck ( 1817-1890 ), Kaufmann in Cambridge. E. W. Stephenson. Weitere Angaben unbekannt.
Trotz Suchens waren auch über die drei Führer keine Angaben zu erhalten. Die Brüder Johannes und Peter zum Taugwald sind aber sicher Zermatter und Ulrich Lauener wahrscheinlich ein Oberländer.
Auffallend ist, dass drei von den total fünf Touristen, welche an der Expedition teilnahmen, Pfarrherren sind. Durchgeht man die alpine Literatur der Erstbesteiger, so findet man die Tatsache bestätigt, dass sich je und je gerade die Pfarrer für das Bergsteigen interessierten und nicht nur « einfach Zeit dafür hatten ». Der Fall der Monte-Rosa-Kulmi-nation durch englische Touristen schien gleichsam das Signal zu einem wohlvorbereiteten Angriff seitens der Briten auf unsere Alpengipfel zu sein. In der Folge kamen namentlich in den Westalpen sehr viele Erstbesteigungen von Spitzen über 3500 m Höhe durch sie zur Durchführung, und mit Recht nennt man jene zehn Jahre bis 1865 die « goldene Zeit » des Alpinismus.
Dieser Ansturm der Engländer auf die Alpen im Zenit des viktorianischen Zeitalters sei an einem Beispiel dargelegt:
Es gibt in Europa neun Berge mit über 4500 m Höhe: ihrer zwei in der Mont-Blanc-Gruppe, die übrigen im Wallis. Sie wurden von folgenden Bergsteigern erstmals bestiegen: Mont Blanc ( 4807 m ), 8. August 1786: Dr. med. Michel-Gabriel Paccard ( 1757-1827 ), mit Pierre Balmat ( 1763-1834 ), beide aus Chamonix. Mont Blanc de Courmayeur ( 4748 m ), 31. Juli 1877: J. Eccles mit den Führern M.E. und A. Payot. Dufourspitze ( 4633 m ): 1. August 1855: Gebr. Smyth, Ch. Hudson, J. Birkbeck, Stephenson, mit Führern.
Nordend ( 4609 m ), 26. August 1861: Sir Thomas Fowell Buxton ( 1837-1915 ), Kaufmann in Brewers. Edward North Buxton ( 1840-1915 ?), Kaufmann in Brewers, Spitalfield und Burton-on-Trent. John Jermyn Cowell ( 1838-1867 ), Rechtsgelehrter, mit dem Führer Michel Payot.
Zumsteinspitze ( 4563 m ), 1. August 1820: Die Leute aus Gressoney, Jos. Zumstein, Molinatti, Joh. Niklaus, Vincent und Träger. Signalkuppe!Punta Gnifetti ( 4556 m ), 9.August 1842: Pfarrer G. Gnifetti, Josef Farinetti, Chr. Ferrari, Chr. Grober, Joh. und Jak. Giordani und Träger.
Dom ( 4545 m ), 11. September 1858: Rev. John Llewellyn Davies ( 1826-1916 ), Pfarramt Christchurch Marylebone, mit Johann zum Taugwald, Johann Kronig und Hieronymus Brantschen.
Lyskamm, Ostgipfel ( 4527 m ), 19. August 1861: Rev. John Frederic Hardy ( 1826-1888 ), Sussex Collidge, Cambridge. Sir Andrew Crombie Ramsay ( 1814-1891 ), Direktor im Britischen topographischen Dienst über Schottland, London. Dr. Francis Sibson ( 1813-1876 ), Arzt in London. Rev. Thomas Renison ( 1827-1875 ), Dozent in Oxford. John Alfred Hudson ( 1838-1874 ), Rechtsgelehrter. William Edward Hall ( 1835-1895 ), Rechtsgelehrter. Rev. Charles Pilkington ( 1837-1900 ), Pfarrverweser in Fair Oak, Bishopstoke. Russell Maul Stephenson ( 1846- ?). Mit J.P. Cachât, Franz Lochmatter, Karl Herr, Stephan Taugwald, Peter Perren und Josef Perren.
Weisshorn ( 4505 m ), 19. August 1861: Prof. John Tyndall ( 1820-1893 ), Mitarbeiter vom Physiker Faraday an der Royal Institution, mit J. Bennen und Ulrich Wenger.
Résumé: Sechsmal England, zweimal Italien und einmal Frankreich. Alle hier aus Grossbritannien stammenden Alpinisten gehörten mit zwei Ausnahmen ( Stephenson, Monte Rosa, und Eccles ) dem British Alpine Club an.
Ein Mann, der wie vom Schicksal dazu auserlesen war, dieses « Golden age » einzuleiten und es noch jäher abzuschliessen, war Rev. Charles Hudson, Teilnehmer an der Monte-Rosa-Partie an unserm Nationalfeiertage. Zehn Jahre später stand er am Nationalfeiertag Frankreichs ( 14.Juli ) mit Edward Whymper ( 1840-1911 ) und fünf weitern Begleitern als Erster auf dem Matterhorn ( 4478 m ), dem damals wohl am heissesten umkämpften Alpengipfel. Beim Abstieg holte sich der Bergtod die vier vordersten der Seilschaft, darunter Hudson. Durch dieses Unglück wurde die Matterhorn-Erstersteigung die sensationellste aller Zeiten. Wie nahe lagen Gipfel und Engländerplatte ( Absturzstelle ) örtlich und zeitlich beisammen, und bei wenigen Menschen wechseln höchstes Glück und plötzliches Ende so rasch!... Erst 1868 wurde das Matterhorn wieder erstiegen. Aber der einmal in die Breite gegangene Alpinismus schritt trotzdem seinen Siegeszug fort.
Wie verschiedenartig sind doch die Erstbesteigungen der drei bekanntesten Alpengipfel ausgefallen! Beim Mont Blanc in der Folge recht unerfreulich, als grosse Tragödie beim Matterhorn, dagegen war die Bezwingung der Dufourspitze eine Tat, an welche sich die Teilnehmer je und je sicher gerne und mit Freude zurückerinnerten, so dass mit den gleichen Gefühlen dieser Leistung 100 Jahre später nun gedacht werden darf.
Am 14. August des Jahres 1855 folgte als zweiter der damals als Alleingänger bekannte St. Galler Kaufmann J. J. Weilenmann ( 1819-1896 ) mit neun Begleitern den Spuren der Engländer auf die Monte-Rosa-Kulmination. Er regte darauf beim Bundesrat an, die bisher unbenannte höchste Erhebung unseres Landes zu Ehren von General Henri Guillaume Dufour ( 1787-1875 ), der sich einen ebenso guten Namen als Topograph ( Dufourkarte der Schweiz 1: 100 000 ) wie als Feldherr erworben hatte, zu nennen. Weilenmanns Wunsch wurde entsprochen. Der betreffende Bundesratsbeschluss lautet:
« 11. Sitzung vom 28. Januar 1863.
Militärdepartement. Vortrag vom 26. Januar 1863. Dufourspitze.
Infolge eingelangten Gesuches eines Vereins von bekannten Bergsteigern und Geologen, der bisherigen namenlosen, höchsten Spitze des Monte Rosa, zugleich der höchsten Bergspitze der Schweiz, den Namen Dufourspitze'in dem offiziellen Atlas beizulegen, beantragt das Departement und wird beschlossen:
Demselben die Ermächtigung zu erteilen, an das eidgenössische topographische Bureau die hiefür notwendigen entsprechenden Weisungen zu erlassen.
Protokollauszug ans Departement zum Vollzug. » So fand die Taufe dieses alten Gneisstockes erst acht Jahre nach seiner Erstersteigung und nur einige Monate vor der Gründung des SAC ( 19. April in Olten ) statt, und kein anderer Berg darf sich rühmen, dass für seine Benennung ein besonderer Bundesratsbeschluss notwendig war.
Am 31. Juli 1889 wurde der Grenzsattel ( 4452 m ), die Lücke zwischen Zumsteinspitze und Grenzgipfel, erstmals durch Luigi Graselli mit Josef Gadin und A. Froment begangen, in Gesellschaft von Achille Ratti ( 1857-1939 ), wohl besser als nachmaliger Papst Pius XI. bekannt.
Noch ein letzter Hinweis die Dufourspitze betreffend: Die erste vollständige Traversierung des ganzen Grates erfolgte durch R. und W. M. Pendlebury und Charles Taylor mit Ferdinand Imseng, Gabriel Spechtenhauser und Giovanni Oberto am 22. Juli 1872 anlässlich der Monte-Rosa-Ostwand-Durchsteigung.
Die touristische Geschichte der Dufourspitze vermittelte uns eine Reihe ausserordentlich interessanter Einzelheiten. Die seither verflossenen 100 Jahre vermochten den Alpinismus in unserm Lande und in den Nachbarstaaten betreffend die Eroberung der höchsten Höhen der Alpen vor eine vollständig veränderte Situation zu stellen. In zwei grossen Wellen, von welchen die eine ihre Kulmination in die Jahre 1864 und 1865 verlegt, die andere und kleinere auf Ende der 80er Jahre fällt, wurde damals in der Schweiz bis auf einige Dutzend Gipfel alles erstiegen, was Höhen über 3500 m aufweist. Der « Nachtrag » indessen gesellte sich nur zögernd und ohne jede Eile zu der schliesslich auf rund 340 Spitzen angewachsenen Gipfelflur in Helvetiens Gauen.
, Der letzte Gipfel war - er ist schon seit einem Vierteljahrhundert erstiegen und hat gleichwohl noch keinen Namen - die Firnkuppe bei Punkt 3670 m südwestlich Schinhorn ( 3797 m ), welche wahrscheinlich erst am 29. Juni 1929 durch die Partie M. Pallis, D. Hall, mit A. Michaud aus Klosters, zum ersten Male erreicht wurde. Damit waren aber fast genau 150 Jahre verflossen, seit der Mönch L. Murith am 31. August 1779 erstmals einen Hochalpengipfel betrat. Nun meldet sich aber ein weiterer namenloser Berg aus jener Gegend, der, mit welchen Quellenangaben man ihm auch nachspürt, sich noch nicht als bestiegen zeigt. Es handelt sich um P. 3675 m auf dem SSO-Grat des Aletschhorns, nördlicher Nachbar des Sattelhorns ( 3724 m ). Diese nach der Literatur somit noch nicht eroberte Höhe ist möglicherweise aber tatsächlich bestiegen worden, und vielleicht melden sich der oder die Eroberer.
Sei es mit diesem Einzelfalle, wie es wolle: Wer noch nie erstiegene Berge erklettern will, muss z.B. den Himalaya aufsuchen. Dort wird vorläufig noch den Achttausendern zu Leibe gerückt, mit dem Resultat, dass in unserm Jahrzehnt bereits sechs von den fünfzehn vorhandenen erobert worden sind. Der « nationale Alpinismus » findet dort noch Höhen genug für schwere Bergfahrten, bis aber alle 1100Sechstausender nebst den weitern 200 Siebentausendern bezwungen sind - worunter sicher nicht alles harmlose Schneehauben sind.