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Schweizerisches Architekturmuseum: Die Schweiz, eine Landschaft aus Beton
Beton polarisiert. Für die einen der Baustoff der Wahl, für die anderen ein Synonym für Umweltzerstörung und hässliche Architektur. Dennoch haben Betonbauten die Schweizer Landschaft geformt und geprägt. Davon erzählt die Ausstellung „Beton“ im Schweizerischen Architekturmuseum.
Quelle: Archives Architectures Genève, Fonds Zschokke Constructions, Série 0338
1950–61. Phasenplan für Betongüsse für die Grande Dixence von Alfred Stucky, Februar 1954, Plankopie.
«Unaufhaltsam wächst die höchste Staumauer der Welt aus der Talenge des Val des Dix heraus», berichtete der Reporter, der für die Schweizer Illustrierte im Frühling 1956 auf der Baustelle der Grand Dixence unterwegs gewesen war. «Über 5 Millionen Kubikmeter Beton werden in gewaltigen Blöcken gegossen, an- und übereinander gereiht und verbunden. Die alte Staumauer und der See werden buchstäblich ersäuft.» Bei ihrer Fertigstellung sollte die Staumauer eine Höhe von 285 Metern erreicht haben. Ganz zu Ende gebaut, inklusive der dazugehörigen Stollen von insgesamt über 100 Kilometern, war die Anlage 1965. Geflutet wurde der neue Stausee allerdings bereits 1957.
Die erste Staumauer war zwischen 1926 und 1934 errichtet worden und 85 Meter hoch gewesen. Geplant hatten sie die Ingenieure Jean Landry und Alfred Stucky. Letzterer unterstützte das firmeneigene Büro der Grand Dixence SA auch beim Bau der neuen Mauer. Der Ausbau der Anlage war nötig gewesen, weil nach dem Zweiten Weltkrieg die industrielle Entwicklung in Windeseile vorangeschritten war und parallel dazu auch der Stromverbrauch massiv zugenommen hatte.
«Zähe Kämpfer» auf der Baustelle
Der Bau der Grande Dixence war aufwendig. Und die Arbeit auf ihrer gigantischen Baustelle hart: Denn auf rund 2400 Metern über Meer brennt die Sonne erbarmungslos, sind Schnee, Stürme und Kälte unerbittlich. Trotzdem liefen die Bauarbeiten das ganz Jahr über. Als der Reporter der Schweizer Illustrierten den Ort in Augenschein nahm, arbeiteten dort rund 1100 Mann. Damals vornehmlich im Innern der Mauer und des Felsens am Werk trieben sie Gänge im Gestein voran, dichteten in der Staumauer Fugen oder überholten in der Werkstatt die Baumaschinen, damit diese im Sommer wieder «unvorstellbar hohe Leistungen» liefern. Wie er weiter schrieb, könnten «die zähen Kämpfer» den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, «an einem Werk Anteil zu haben, das in naher Zukunft die heute so prekäre Versorgung unseres Landes mit lebenswichtiger Energie sicherzustellen hilft und zu den grosszügigsten und kühnsten Unternehmen der schweizerischen Ingenieurskunst gehört».
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_M04-0426-0004 / CC BY-SA 4.0
Als dieses Bild 1955 aufgenommen wurde, hatte die neue Staumauer etwa die Hälfte ihre geplante Höhe von 285 Metern erreicht. Im Hintergrund: Die 1934 fertiggestellte alte Pfeilerstaumauer, die später vom neuen Lac des Dix überflutet wurde.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_M04-0426-0003 / CC BY-SA 4.0
Die eigens für das Grande-Dixence-Projekt erstellten Betonaufbereitungsanlagen.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L04-0343-0001 / CC BY-SA 4.0
Die Bergstation der Zement-Transportseilbahn für die Baustelle Le Chargeur bei der Grande Dixence.
Betonbauten sind in der Schweiz allgegenwärtig: Die Grand Dixence ist
eine davon, sie hat wie viele andere das Land geprägt und geformt.
Davon erzählt die aktuelle Ausstellung im Schweizerischen
Architekturmuseum in Basel. Die letztendliche Wirkung von Betonbauten
und öffentlichen Gebäuden sei nichts weniger als die Umgestaltung der
Erdoberfläche, wird dazu in einem der Ausstellungstexte der
Architekturhistoriker Siegfried Giedion zitiert. Illustriert wird
solches anhand vielfältigster Projekte, die rund 150 Jahre Schweizer
Baugeschichte umfassen, mit einer Fülle von Plänen, Zeichnungen,
Modellen und Fotografien.
Die vorgestellten Bauten reichen von längst mit Moos überwucherten Panzersperren im Wald, Lawinenverbauungen im Gebirge über denkmalgeschützte Meisterwerken wie Eduard Maillarts Salginatobelbrücke, Meilensteine des Tiefbaus wie der Gotthardstrassentunnel und die NEAT bis hin zu Göhner-Siedlungen oder Karl Mosers St.-Johannes-Kirche in Basel, schweizweit erstes Gotteshaus aus Beton.
Atommüll und Trichterhäuser
Allerdings geht es in der Schau um weitaus mehr als darum, wie sich die Schweiz mit dem Beton verändert hat. So thematisiert sie unter dem Titel «Beton ist flüssig» seine besonderen Materialeigenschaften. Des Weiteren zeigt sie auf, wie der Beton im Laufe der Zeit weiterentwickelt worden ist und vergleicht ihn mit dem natürlichen Sedimentsgesteinen in den Alpen. Daneben wird dem Beton als kulturelles Phänomen auf den Grund gegangen.
Zwei weitere Bereiche widmen sich dem Beton im Tiefbau und dem Thema «Beton ist Energie». Bei letzterem geht es nicht nur um den Energieaufwand bei der Betonherstellung sondern auch darum, dass der Baustoff das Material der Wahl ist, wenn es um Infrastrukturen zur Stromerzeugung geht. Nebst der Wasserkraft gilt dies etwa auch für den Bau von Kernkraftwerken wie Beznau, das erste AKW der Schweiz. Während für die Anlage im Aargau noch für die sensiblen Bereiche auf Stahlbeton gesetzt wurde, kam bei neueren AKW ein besonderer, mit Eisenspänen versetzter Schwerbeton zum Einsatz - zum besseren Schutz vor der Strahlung. In den 1980er-Jahren schliesslich diente er, als man sich des Gefahrenpotenzials bewusst wurde, das von radioaktivem Abfall ausgeht, auch als Behälter für Atommüll.
Dabei mutet es
beinahe etwas ironisch an, dass mit dem Beton in den 1960er-und
70er-Jahren mit den Landform-Gebäuden bewohnbare, teils begrünte
Kunstlandschaften entstanden sind. Allen voran gilt dies für die
Terrassenhäuser. Ähnliches trifft auch auf das Intrapolis-Projekt des
Künstlers Walter Jonas zu, das allerdings nie verwirklicht worden ist:
trichterförmige Wohnhäuser für rund 2000 Bewohner.
Sie bestehen aus übereinandergelegten, begrünten Ringen, die, je weiter unten sie liegen, umso kleiner sind. Dies sollte in allen Wohnungen genügend Licht gewährleisten. Als Baumaterial so Jonas Beton respektive Spannbeton vor. Wie ein solches Haus aussehen könnte, wird in der Ausstellung anhand eines Modells und anhand von Skizzen illustriert. Es stammt aus dem «gta Archiv» der ETH Zürich, wie viele andere Exponate auch.
Ein Museum, drei Archive
Dass das Architekturmuseum mit seiner Schau das Thema Beton so vielfältig veranschaulichen kann, verdankt es seiner Zusammenarbeit mit den drei wichtigsten Architekturarchiven der Schweiz. Nebst dem «gta Archiv» sind dies die Archives de la Construction moderne der ETH Lausanne und dem Archivio del Moderno dell Academia d‘ Architettura der Università della Svizzera Italiana in Mendrisio. Nachdem das Architekturmuseum 2017 mit den drei Institutionen eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet hat, «mit dem Ziel, gemeinsam Schweizer Baukultur in Form von Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen zu vermitteln», ist die aktuelle Ausstellung nun das erste gemeinsame Projekt und macht neugierig auf weitere Ausstellungen.
Die Ausstellung «Beton» dauert noch bis 24. April. Weitere Infos auf www.sam-basel.org