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MOTIV WIRD KLAR
Kaum in Fabienne Pfammatters Altstadtwohnung angekommen, liess sich Reto Hein auf deren Sofa fallen. Einige Atemzüge später schlief er bereits und sein Hund legte sich vor ihn auf den Boden. Seine Kollegin deckte ihn mit einer Fleece Decke zu und legte sich auch nochmals ins Bett. Vorsichtshalber stellte sie sich einen Wecker auf acht Uhr dreissig, denn um zehn Uhr mussten sie beide an der angekündigten Pressekonferenz sein. Auch Fabienne schloss die Augen und fiel innert Sekunden wieder in den Tiefschlaf.
«Kaffee?», fragte Fabienne Pfammatter Reto Hein und schüttelte ihn wach. «Eine ganze Kanne, bitte», murmelte er aus dem Halbschlaf. «Mit allem drin», sagte sie und ergänzte: «Halb neun, Reto. Und bitte.» «Dankeee», gurgelte Hein und versuchte sich aufzurichten. Blinzelnd griff er zu Kaffeetasse auf dem Salontisch und sah gerade noch Fabienne im Slip und T-Shirt ins Bad hupfen. Er rieb sich die Augen und grinste. Er zückte sein iPhone hervor und checkte seine Mails. Eine Meldung vom Kommandanten der Ortsfeuerwehr Hallau und eine Nachricht von der Spusi. Er öffnete Zweitere und las einen ersten, kurzen Bericht. Seine Kollegen hatten von seinem Haus, weiter Richtung Hallauer Berg frische Reifenspuren gesichert und einen Zigarettenstummel direkt auf der Strasse vor seinem Rebhäuschen. Beides war nun im Labor für weitere Untersuchungen und zur DNA Analyse. Hein hörte die Dusche prasseln. Er stand auf und zog seine Kleider bis auf die Unterhosen und sein weisses T-Shirt aus und nippte am Kaffee. Er tätschelte seinen Hund, welcher sich vor ihm auf den Rücken warf und Reto seinen Bauch hinhielt. «Ein feiner Hund», sagte er und kratzte ihn am Oberbauch und am Hals. «Bad ist frei», rief Fabienne ums Eck und huschte mit nassen Haaren und nur in ein Badetuch gewickelt in ihr Schlafzimmer. «Handtuch liegt bereit», ergänzte sie und schloss die Türe. «Danke», rief Hein hinter ihr her. Er erhob sich und watschelte ins Bad. Die Dusche tat gut.
Pfammatter und Hein waren ein gute halbe Stunde später am Rheinfall und standen im Goethesaal im ersten Stock vom Schlössli Wörth. Die ersten Medienvertreter waren ebenfalls schon vor Ort und die beiden Kommissare nahmen an den für sie vorgesehenen Plätzen bei ihren Namensschildern Platz. Kurze Zeit später betrat auch der Schaffhauser Polizeikommandant Herbert Brönnimann den Saal. Er begab sich an seinen Platz, kramte einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche, trat ans Rednerpult und läutete mit der bereit stehenden Glocke. Auf der Leinwand erschien nun das Logo der Schaffhauser Kantonspolizei. Brönnimann drückte auf der Fernsteuerung einen Knopf und «Herzlich Willkommen zur Medienkonferenz» war zu lesen. Er räusperte sich und begrüsste die anwesende Presse sowie die beiden Kommissare Hein und Pfammatter. Des Weiteren auch den Leiter der Spurensicherung. Brönnimann fasste die Ereignisse der letzten 48 Stunden zusammen und zeigte auch Portraitaufnahmen der Todesopfer Philipp Hagmann, dem Schaffhauser Tourismusdirektor sowie der Regierungsrätin Vreni Mühlemann. Die Presse wurde dabei etwas unruhig, Betroffenheit und Entsetzen machte sich breit.
Gerade als Kommandant Herbert Brönnimann Luft holen wollte um der Presse weitere Erläuterungen abzugeben, klingelte und piepste es auf sämtlichen Handys der Polizisten. Brönnimann versuchte die Störung zu ignorieren und fuhr fort: «Unser Team unter der Leitung von Kommissar Reto Hein arbeitet mit Hochdruck an der Aufklärung der beiden Fälle.» Wieder wurde er unterbrochen. Handy Signale. «Hein, Pfammatter, was ist da los?», schaute er die beiden sitzenden Kommissare an. Pfammatter hielt ihr iPhone in der rechten Hand, starrte ins Display, hob den Kopf und sagte trocken «arbeiten an den drei Fällen mit Hochdruck». Die Presse war nicht mehr zu halten und wurde unruhig. Getuschel breitete sich aus.
Brönnimann musste sehr laut reden und wandte sich wieder gegen sein Publikum. «Meine Damen und Herren von der Presse, bitte bewahren sie Ruhe. Aus gegebenem Anlass müssen wir hier leider Abbrechen.» Die Meute stand auf und stürmte auf ihn los. «Keine weiteren Kommentare. Sie erhalten sobald wie möglich ein Communiqué, sobald wir mehr wissen. Danke.» Brönnimann steuerte schnurstracks auf die Türe des Goethesaals zu und rief Fabienne und Reto noch zu: «Hein, ruf mich an!» Und weg war er. Die Presseleute bewegten sich nun auf die beiden Kommissare zu, doch Hein hob die rechte Hand als ein «Stopp» Zeichen und mit der linken Hand fuhr er sich mit zusammengepresstem Daumen und Zeigefinger über den Mund und signalisierte klar: «Keine Auskunft. Keine Wortmeldung». Er packte Pfammatter unter dem linken Arm und schubste sie beide durch die Pressegruppe. Kaum auf der Treppe hasteten sie zum Schlössli Wörth Ausgang, rannten über die kleine Brücke zu Fabiennes Tesla. «Los, drück auf die Tube. Ich hasse diese Kannibalen», sagte Hein entnervt zu seiner Kollegin am Steuer. Pfammatter drückte das Pedal nach unten und der Tesla huschte lautlos weg. Sie griff in das Seitenfach ihrer Türe, öffnete das Fenster und montierte ihr magnetisches Blaulicht auf dem Dach. Mit einem Knopfdruck begann dieses zu blitzen. Eine weiterer Knopfdruck und die Sirene heulte. Gekonnt steuerte sie den Wagen durch den Verkehr Richtung Munot. Denn dort fand man eine weitere Leiche. Der Leiter des Tiefbauamtes Schaffhausen Bruno Blättli.
«Morgen Kollegen», sagte Hein zum Team der Spurensicherung. «Und?», fragte er in die Runde. «Reto, dich in den letzten achtundvierzig Stunden so oft zu sehen kommt auch nicht oft vor», witzelte der Leiter der Spusi. Hein grinste und entgegnete: «Wenn das so weiter geht, werden wir wohl noch ein Pärchen.» Pfammatter verdrehte die Augen und meinte: «Seid ihr fertig mit eurem Längenvergleich? Können wir jetzt?» Sie betraten die Munotfestung über den Brückenzugang von der Munotstrasse her. Die Schaffhauser Sehenswürdigkeit war grossräumig abgesperrt. Sie betraten den grossen Gewölberaum. Dieser war durch das künstliche Licht der Polizei hell erleuchtet. In der Mitte stand ein weisses Zelt. Sie gingen darauf zu und Fabienne Pfammatter wollte schon den Vorhang zur Seite schieben als der Leiter der Spurensicherung meinte: «Kein schöner Anblick!» Pfammatter verdrehte die Augen und trat in das Innere des Sichtschutzes. Hein folgte ihr. Der Anblick des Toten Leiters des Tiefbauamtes hatte wahrlich etwas grausiges an sich.
Er hing an einem langen Strick aufgehängt da wie ein nasser Sack. Die beiden Hände waren sauber abgetrennt und lagen vor ihm auf dem Boden. Ebenso seine beiden Augäpfel, seine Zunge und seine beiden Ohren. «Symbolik pur», sagte Pfammatter und wandte sich an den Leiter Spusi. «Schon einen ungefähren Todeszeitpunkt?». «Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens, genaueres wie immer nach der Autopsie.» Der Beamte lächelte Fabienne hinter seinem Mundschutz an. «Danke», sagte sie und schaute zu Hein, welcher die ganze Zeit um den Toten herumtänzelte und immer wieder um ihn herumlief. «Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Und die Hände bräuchte man dazu, sich den Mund, die Augen oder die Ohren zuzuhalten. Ja, Fabienne. Aber was will man uns damit sagen. Was wollte Blättli nicht sehen, nicht hören und was sollte er nicht sagen? Oder hat er es gesehen, gehört und gesagt?» Er fragte in die Stille des Gewölbes, ohne sich eine Antwort zu erhoffen. «Fabienne, Reto, hier», rief der Leiter der Spurensicherung. Er stand in einer Ecke des riesigen Raumes. Wohl mit Blut wurde eine grosse neun und eine ebenso grosse acht gemalt. Davor war Stand ein Buchstabe der auf den ersten Blick ausschaute wie ein kleines, schiefes «h». «Neun und acht, achtundneunzig und (h). Eine Code.», sprach Reto Hein laut vor sich hin. Dann fiel der Groschen bei Fabienne Pfammatter und prustete: «Nicht (h) sondern A. Das Blut hat nicht mehr gereicht um das A fertig zu schreiben. A neun acht. A98. Die Hochrheinautobahn!» Hein starrte sie an und nickte. «Das macht Sinn, Fabienne, das macht Sinn. Jetzt macht alles einen Sinn. Die für das Tiefbauamt Schaffhausen zuständige Regierungsrätin Vreni Mühlemann, der Leiter des Tiefbauamtes Bruno Blättli und der Schaffhauser Tourismusdirektor Philipp Hagmann. Sie allesamt sind gegen das Projekt der Fortführung der Hochrheinautobahn A98 von Basel nach Schaffhausen.» Er grinste und Fabienne Pfammatter ergänzte: «Jetzt weisst du auch warum letzte Nacht dein Haus mit dir hätte abbrennen sollen. Der Anschlag galt dir. Du bist ja auch ein vehementer Gegner der Autobahn durch das Klettgau. Wir haben die Gemeinsamkeit, das Motiv gefunden. Jetzt forschen wir nach den «FLYING ANGELS». Hein war etwas perplex. «Danke», sagte er zum Leiter Spurensicherung und sie verliessen den Munot wieder über die Brücke und setzten sich in Pfammatters Tesla. «Ich habe da so eine Idee wo wir anfangen können mit rumstochern», sagte Fabienne zu Reto und nahm seine Hand. Sie beugte sich zu ihm rüber und küsste ihn auf die Wange. «Ohne deinen Hund wärst du wohl auch ein Opfer geworden.» Mit Blaulicht fuhren die beiden Kommissare Richtung Klettgau...