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Der Tee ist höllisch stark und pappsüss. Aber er weckt meine müden Geister. «Das ist arabisches Red Bull», grinst Tarik, der mir das kleine henkellose Glas reicht.
Tarik, der Pferdevermieter, sattelt gerade seine dürren Klepper, die später die Touristen ins Tal hinunter befördern. Aber noch ist es ruhig, kurz vor Sonnenaufgang.
«Willst Du ein Pferd? Ich mache Dir einen guten Preis, denn du bist der erste Kunde.» La, shokran - nein danke.
Es ist noch dunkel, als ich mich auf den Weg mache hinein in den Schlund des Berges. In der dunklen Felswand ist der schmale Spalt nur als schwarzer Strich zu erkennen. Vor mir liegt eine 1200 lange, manchmal nur zwei Meter breite Klamm: der Hauptzugang zur Felsstadt Petra.
Petra im heutigen Jordanien, unweit der Israelischen Grenze, war zu Zeiten Jesu die Hauptstadt des Reiches der Nabatäer - arabischer Händler, die die wichtigen Karawanenwege vom südlichen Arabien nach Norden kontrollierten. Das Schicksal meinte es nicht gut: In den Wirren der Geschichte ging das Reich unter und mit ihm geriet die wundersame Stadt in den Felsen in Vergessenheit.
Ihre Wiederentdeckung verdankt sie dem Schweizer Abenteurer und Entdecker Sheikh Ibrahim Ibu Abdullah, mit bürgerlichem Namen Jean Louis Burkhardt. 1812 reiste Burkhardt als moslemischer Pilger verkleidet durch Arabien und erschlich sich so manchen Zugang zu verbotenen Orten. Der gebürtige Lausanner war zudem der erste Europäer, der die für Nichtmuslime verbotene Stadt Mekka betrat.
Heute ist Petra das berühmteste Touristenziel Jordaniens. Doch so früh am Morgen fühle ich mich wie ein Abenteurer von einst. Während die anderen Touristen noch in ihren Betten liegen, betrete ich als einziger den Siq, die Schlucht. Wie ein riesiger Rachen öffnet sich der Fels, als wolle er jeden verschlingen, der sich verbotenerweise in die versteckte Stadt schleicht. Die Felswände ragen schwarz in den dunkelvioletten Himmel - teilweise bis 100 Meter hoch. In der Ferne wiehern Tariks Pferde, doch bald ist es absolut still. Nur meine Schritte hallen in der engen Schlucht wieder. Ich erahne Felsnischen und eine Rinnen - Überreste einer 2000 Jahre alten Wasserleitung. Die Sonne kommt hervor und die Farbe der Felsen wechselt von Schwarz über Violett zu Sandgelb und Rostrot.
Was mich am Ende des Siq erwartet, kenne ich aus dem Film «Indiana Jones und der letzte Kreuzzug», der hier 1989 gedreht wurde. Doch die Realität übertrifft all meine Erwartungen. In der gezackten Öffnung des Siq erscheinen plötzlich makellos gehauene Säulen, die sich aus der gegenüberliegenden Felswand schälen.
Nach der Beklemmung der engen Schlucht erscheint die doppelstöckige, 43 Meter hohen Fassade, die an einen römischen Tempel erinnert, wie eine Erlösung. Der Anblick ist Perfektion und Harmonie in der schönsten Form, besonders jetzt am Morgen, wenn das erste Licht auf die Felsen fällt.
Nicht ohne Grund bezeichnete der britische Spion im ersten Weltkrieg, TE Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, Petra als den herrlichsten Ort der Welt. Recht hat er.
Was ich erblicke, wird von den Einheimischen Khazne al-Firaun, das Schatzhaus, genannt. In Wirklichkeit handelt es sich um das imposante Grab eines Königs. Die Nabatäer, die selbst in Zelten lebten, waren Meister im Behauen des weichen Sandsteins. Etwa 500 Gräber durchlöchern die Felsen des riesigen Geländes aus Felsen und Tälern, manche schmucklos, manche mit filigranen Fassaden.
Den ganzen Tag streife ich durch das wüstenhafte Tal - und habe doch nur einen Bruchteil der Schönheiten der versunkenen Welt der Nabatäer entdeckt. Als die Sonne sinkt, mache ich mich erschöpft auf den Rückweg.
Tarik wartet schon. «Willst du jetzt ein Pferd?» «Nein, ich laufe.» Und weil er Mitleid hat, reicht er mir wieder einen Tee. «Den kannst du jetzt brauchen.» Stimmt.Publiziert am 24.05.2015 | Aktualisiert am 05.01.2017