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Was ist aus dem finnischen Wirtschaftswunder geworden?
Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht, dass Finnland die beste Wirtschaft der Welt habe. Man sprach vom finnischen Wirtschaftswunder, von dem die übrigen Länder lernen sollten. Das WEF klassierte das nordische Land von 2003 bis 2005 jeweils auf dem ersten Platz des Global Competitiveness Index (GCI).
Als Finnland 2006 den EU-Ratsvorsitz übernahm, publizierte Cordis, der Forschungs- und Entwicklungsinformationsdienst der EU, einen Artikel, der mit folgendem Absatz endete:
Der Erfolgsfaktor Nokia
Dann änderte sich plötzlich die Tonalität. Finnland wurde kaum mehr als Modell angepriesen und rutschte auf Rang 10 des GCI ab. Das ist immer noch weit überdurchschnittlich, aber es ist auffällig ruhig um das finnische Wirtschaftswunder geworden.
Der Grund ist einfach zu benennen. Der grosse Hype zu Beginn der 2000er Jahre beruhte auf oberflächlichen Beobachtungen. Es gehörte zum guten Ton, vom Erfolg von Nokia zu schwärmen. Ausserdem waren die Wachstumsraten Finnlands überdurchschnittlich. Kaum hat Nokia Mühe und wächst die Wirtschaft langsamer, dreht sofort die Stimmung.
Stagnierend seit 2007
Die folgende Grafik zeigt den Verlauf des realen BIP pro Kopf. Vom Beginn der 1990er Jahre bis 2007 waren die Wachstumsraten in der Tat beeindruckend. Selbst die US-Rezession zu Beginn der 2000er-Jahre konnte Finnland nichts antun. Sie verlangsamte lediglich das Wachstum, aber brachte es nicht zum Stillstand. Aber seit dem Höhepunkt von 2007/08 ist die finnische Wirtschaft kaum vorwärtsgekommen. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2016 immer noch unter demjenigen von 2007.
Wie lässt sich dies erklären?
Vieles hat mit dem wirtschaftlichen Einbruch zu Beginn der 1990er Jahre zu tun. Damals litt Finnland unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einer schweren Bankenkrise. Wie in Schweden folgte eine kräftige Abwertung, die dem Land vorübergehend einen Exportboom bescherte.
Der Vergleich mit Island
In den 2000er-Jahren änderte sich die Lage grundlegend. Erstens hatte die Abwertung der frühen 1990er-Jahre ihre Wirkung verloren. Zweitens hatte Finnland 1999 den Euro übernommen, was der Regierung jeglichen Spielraum in der Geld- und Währungspolitik wegnahm. Dies wäre kein Problem, wenn finnische Löhne und Preise besonders flexibel wären. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.
So hat Finnland ähnlich wie Südeuropa ein Problem mit der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Die finnische Wirtschaft ist weniger hoch entwickelt als die deutsche Wirtschaft, aber beide haben etwa denselben realen effektiven Wechselkurs (REER). Island hingegen hat kräftig abgewertet und sich schnell erholt. Mit dem schnellen Wachstum ist auch die isländische Währung wieder stärker geworden, weil die Wirtschaft gut läuft.
Wie die nächste Grafik zeigt, hat Island genau dasselbe gemacht wie Finnland nach der grossen Krise der frühen 1990er-Jahre. Die rote Linie zeigt die schwache Entwicklung seit 2007.
Das finnische Wirtschaftswunder ist also definitiv verschwunden. Die Kommentatoren haben verkannt, dass das Land nur so schnell den Abstand zur Spitze verringern konnte, solange es über das Mittel der Abwertung verfügte. Jetzt, wo es im selben Boot wie Deutschland sitzt, ist der Weg zur Prosperität steiniger geworden.