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Glaube und Zweifel
Ontologische Kontrapunkte des menschlichen Bewußtseins
Die Wissenschaft gilt als die rationalste unter den Disziplinen geistiger Tätigkeit und umfaßt die Schaffung von Wissen im engeren wörtlichen und die Gewinnung von Erkenntnissen im weiteren Sinne.
Insbesondere die Naturwissenschaften gelten in der Allgemeinheit, in der Bevölkerung als über alle Zweifel erhaben. Gleichenorts ist der Zweifel mit einer unbestritten negativen Konnotation behaftet.
In den letzten Monaten wurde die Wissenschaft (engl. science vom lt. scire, dt. wissen) verstärkt in die öffentliche Wahrnehmung gedrängt. Ich habe den Eindruck, dass dies eine Folge der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Seine politischen Anschauungen und Absichtserklärungen stehen im Widerspruch zu einer seit Jahrzehnten und in den letzten Jahren vermehrt beobachteten Politik der Steuerung und Besteuerung des Energieverbrauchs bei den wohlhabenderen Industrienationen dieser Welt.
In direktem Zusammenhang hierzu steht das Thema Klimawandel und durch die Menschheit verursachter Klimawandel. Einerseits ist der Klimawandel eine wissenschaftliche Theorie im eigentlichen Sinne. Historische und aktuelle Messungen von Temperaturen und Gaskonzentrationen auf der Erde wollen von Wissenschaftlern verstanden werden. Damit ist gemeint, dass die empirischen Beobachtungen, die wir in der Natur und teilweise in Laborexperimenten machen, im Großen und Ganzen als Mechanismus verstanden und als Modell erklärt werden können. Das Modell besteht aus teils anschaulichen physikalischen und chemischen Abläufen, die unsere Beobachtung in Labor und Natur qualitativ richtig und quantitativ mit einer gewissen mathematischen Genauigkeit hinreichend gut erklären.
Modelle sind oft wesentliche Bestandteile wissenschaftlicher Theorien. Jeder Wissenschaftler ist früher oder später mit der Aufgabe konfrontiert, seine Beobachtungen mit einer Theorie zu erklären. Das ist der eigentliche Kern seiner Arbeit als Forscher: die wissenschaftliche Hermeneutik. Im Austausch mit anderen Wissenschaftlern kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen darüber, ob Messungen korrekt durchgeführt und Beobachtungen richtig interpretiert worden sind. Nicht selten entsteht daraus ein wissenschaftlicher Disput (lt. putare, dt. meinen, glauben. Im dis-putare steckt mit „dis“ die Entzweiung, der Zweifel, und mündet unter Umständen in den Gegensatz, die Kontroverse), in welchem die Ergebnisse des einen Wissenschaftlers von einem anderen Wissenschaftler hinterfragt oder gar angezweifelt werden.
Die eigene Meinung wird dem Wissenschaftler implizit zugestanden, wohingegen die Lehrmeinung auf der breiten Akzeptanz einer Auffassung, einem Konsens beruht, der durch den wissenschaftlichen Diskurs entstanden ist. Dieser Diskurs ist ein prinzipiell endloser Prozeß, in dem sich der wissenschaftliche Stand der Dinge laufend und gelegentlich diskontinuierlich erneuert. Die Quantenhypothese, die sich vor etwa 100 Jahren gebildet hat, ist eine solche Diskontinuität, in welchem die Theorie der Quantenmechanik die klassische Mechanik, welche ebenfalls eine Theorie ist, sprunghaft in wichtigen Teilen der Physik und unseres Weltverständnisses abgelöst hat.
In diesem Lichte ist auch die Theorie des Klimawandels zu sehen. Unter den Wissenschaftlern gibt es Vertreter, die die Hypothese, dass unsere menschliche Zivilisation und insbesondere unser sehr hoher Verbrauch an fossilen Brennstoffen mit der daraus resultierenden Freisetzung von Kohlendioxid zur Erderwärmung führt. Diese These für sich alleine hätte keinen besonders hohen gesellschaftlichen und politischen Rang, wenn die Erderwärmung nicht direkte Folgen für die Menschheit hätte. Auch diese Folgen sind Teil der Klimawandelhypothese.
Unter den Wissenschaftlern gibt es auch Vertreter, die die Klimawandelhypothese anzweifeln. Zu diesem Zweifeln gehören zum Beispiel die Behauptung, daß die Theorie auf unkorrekten Messdaten beruht, daß die Interpretation der Daten nicht korrekt ist, daß die Folgen der Erderwärmung, falls sie denn von den Zweiflern eingeräumt wird, unrealistisch oder übertrieben sind, oder daß eingeräumt wird, daß der Klimawandel und all seine möglichen katastrophalen Folgen als Naturereignis zu verstehen sind wie etwa das Kommen und Gehen von Eiszeiten, die der Mensch weder auslösen noch aufhalten kann.
Alarmiert durch ein Katastrophenszenario von biblischem Ausmaß, in dem die Eiskappen an den Polen schmelzen, Küstengebiete überschwemmt werden, Dürren zu Mißernten, Hungersnot, Völkerwanderungen und Krieg um Nahrungsmittel führen, gesellen sich auch besorgte Bürger zu den Vertretern der Klimawandelhypothese. Da diese Hypothese nicht nur von bedeutenden Wissenschaftlern, sondern auch von einflußreichen Persönlichkeiten aus Politik, Sport, Kunst, Gesellschaft und Glaubensgemeinschaften gestützt wird, hat sich, nicht zuletzt durch betriebene Meinungsbildung ein gesellschaftlicher und öffentlicher Konsens zu einem Sachverhalt gebildet.
Dieser Konsens steht auf zwei Säulen. Erstens ist der anthropogene Klimawandel eine wissenschaftliche Tatsache. Zweitens lassen sich seine katastrophalen Folgen abwenden, wenn die Menschheit, also wir, unser Verhalten ändern. Es ist vor allem die Wissenschaftlichkeit der ersten Säule, die der Rechtfertigung der zweiten Säule die nötige Autorität vermittels ihrer Glaubwürdigkeit verleiht.
Wer wie auch immer geartete Zweifel an der Klimawandelhypothese äußert, verläßt diesen gesellschaftlichen Konsens und setzt sich einer entsprechenden Gefahr der Ächtung aus, die um so größer ausfällt, je größer die Reputation des Zweiflers ist. Der Klimawandel ist mithin nicht mehr nur eine wissenschaftliche Hypothese, sondern ein Dogma, das nicht hinterfragt werden darf. Der Klimawandel wird daher zu einer Tatsache, an die man glauben muß.
Mit dieser wissenschaftlichen Autorität im Gepäck, im Rucksack sozusagen, werden seit über einem halben Jahr Millionen Menschen weltweit zu einem „March for Science“ mobilisiert. Dieser Marsch für die Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit versteht sich als Gegenbewegung zur neuen Politik Donald Trumps und seiner Anhänger, welche entweder bezweifeln, daß der Klimawandel wissenschaftlich erhärtet ist, oder der Meinung sind, der erkennbar zu erwartende Schaden aus einem Verzicht auf die Nutzung fossiler Brennstoffe sei größer als der Nutzen, der von einer Stabilität des Weltklimas zu ziehen sei. Den Zweiflern am Klimawandel und seinen Ursachen und Folgen wird damit Unwissenschaftlichkeit unterstellt.
Mit der Reputation der Klimazweifler – manche gehen sogar so weit, sie Klimaleugner zu schimpfen – droht auch der Zweifel selbst in Verruf zu geraten. Dabei ist wohl den wenigsten Menschen bewußt, daß der Zweifel zu den elementarsten Voraussetzungen wissenschaftlichen Wirkens gehört. Ich möchte in diesem Aufsatz den Zweifelsbegriff rehabilitieren.
Es ist eine weit verbreitete Meinung, daß gerade die Wissenschaftler diejenigen seien, die alles am genausten wissen oder wissen müssten. Diesem Fehlurteil möchte ich das sokratische Ideal gegenüberstellen, nachdem wir lediglich genau wissen sollten, daß der Zweifel im Verhältnis zum Wissen, zur Gewißheit die höhere rationale Instanz darstellt und nur der Glaube als irrationale Instanz über dem Zweifel steht. Für beide Fälle gilt die Einschränkung, daß der Mensch die dazu nötige Stärke aufbringen muß. Der Gläubige scheitert am Zweifel (so wie Kreuzritter Antonius Block im Film „Das siebente Siegel“ (Bergman 1957)). Wissenschaft ohne Zweifel ist zum Scheitern verurteilt wie das mystische verbrämte Mittelalter.
„Der Zweifel ist der Urknall der menschlichen Existenz (unknown 2016)“, indem er als Störung der Harmonie am Nexus von Rationalität und Irrationalität des menschlichen Daseins in unser Bewußtsein tritt – so wie die Vertreibung aus dem Paradies des Glaubens oder die Befreiung aus der Knechtschaft des Dogma.
Der Zweifel gebietet uns, für uns selber zu denken, uns selbst ein Urteil über die Dinge, wie wir sie als vielleicht nur scheinbare Wahrheit vorfinden, zu bilden, ohne dabei den Zweifel als ultima ratio für die Zukunft einzuschränken. Denn allzu oft lauerte der Zweifel nicht am Eingang zur Heideggerschen Höhle, an der sich das Sichtbare vom Verborgenen (Heidegger 1997), die Wahrheit von der Unwahrheit scheidet, sondern an ihrem Ausgang, wo das Licht der Erkenntnis leuchtet.
Der Physiker Richard P. Feynman bezog 1955 – zehn Jahre, bevor er den Nobelpreis für Physik entgegennahm – in einer Rede (Feynman 1955) Stellung zu der Frage, was die Bedeutung der Wissenschaft für die und die Rolle des Wissenschaftlers in der Gesellschaft sei. In seiner Abhandlung hob er die Freiheit zum Zweifel als den wichtigsten Wert der Wissenschaft hervor:
“Unsere Freiheit zu zweifeln entstammt aus dem Kampf gegen Autoritäten in den frühesten Tagen der Wissenschaft. Es war ein tiefgehender und mächtiger Kampf: gestattet uns, die Dinge in Frage zu stellen – sie anzuzweifeln – uns nicht sicher zu sein. Ich glaube, daß es wichtig ist, daß wir diesen Kampf nicht vergessen, um nicht womöglich das zu verlieren, was wir errungen haben.”
Bergman, Ingmar (1957). Det sjunde inseglet (Das siebente Siegel, http://www.imdb.com/title/tt0050976/)
Feynman, Richard P. (1955). Public address: The Value of Science. Autumn meeting of the National Academy of Sciences. Caltech, Pasadena CA.
Heidegger, Martin (1997). Vom Wesen der Wahrheit (Zu Platons Höhlengleichnis und Theätet), Vittorio Klostermann.
Unknown Source (2016). Der Zweifel ist der Urknall der menschlichen Existenz. YouTube.