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Atelierfenster mit Frau vor Staffelei
Montrouge, 1933
Oel auf Leinwand. 61 x 74 cm
Bezeichnet unten rechts: „m gubler 33“
Kunstmuseum Luzern, Luzern
Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bern Inv.-Nr D 46x
Kunstmuseum Luzern, Luzern
Werkkatalog Nr.404
Werkbeschrieb
Von 1932 bis 1937 lebt Max Gubler in Montrouge, einem Aussenquartier von Paris, wo er ein Atelier gemietet hat. Zu dieser Zeit entstehen zahlreiche Atelierbilder. In den Interieurs befinden sich meistens Personen, oftmals sitzt ihm Maria, seine Ehefrau, Modell, so wohl auch in diesem Atelierbild von 1933. Ein Anstoss zur Beschäftigung mit dem Thema des Atelier-Interieurs gibt ihm das „Atelier d’un peintre“ von Courbet, das er 1925 im Louvre erstmals sieht.
Im Bild von 1933 ist in der rechten unteren Bildhälfte der Oberkörper einer Frau abgebildet. Vermutlich sitzt die Porträtierte auf einem Stuhl. Vor sich hat sie ein Gemälde, das sie zu betrachten scheint. Von dem Gemälde, das schräg von hinten abgebildet ist, ist nur die aufgespannte und aufgenagelte Leinwand erkenntlich. Was sich auf der Vorderseite befindet, bleibt verborgen. Vielleicht handelt es sich bei dem Gemälde um ein anderes Atelierbild, in dem dieselbe Frau abgebildet ist, und diese betrachtet sich darin selbst. Hinter der Frau befinden sich Staffeleien. Rechts oben ist ein schwarzes Rechteck zu erkennen, vielleicht eine Öffnung die nach draussen in die Nacht führt. Von der grossen Leinwand links hinter dem Kopf der Frau ist die Vorderseite erkenntlich. Zu sehen ist eine bemalte Fläche, bestehend aus blauen und grauen Flecken. Durch die Verkürzung wirkt das Gemälde wie ein abstraktes Bild. Der Ofen mit dem langen Rohr bildet ein starkes kompositorisches Trennelement. Links vom Ofen hängt an der Wand ein kleines Gemälde, vielleicht ein Werk, das Gubler in Italien geschaffen hat. In der linken unteren Ecke ist ein Schäftchen abgebildet, auf dem sich zwei Gläser befinden, dahinter weist ein stabartiges Element nach rechts oben, möglicherweise eine Leinwand von der Seite her gesehen. In dem Gemälde arbeitet Gubler mit starken Kontrasten, wie dem Hell-Dunkel- oder dem Komplementärkontrast.
Die Bevorzugung des Atelierinterieurs als Bildmotiv spiegelt ein Lebensgefühl, das von Besinnlichkeit, vielleicht sogar von Isoliertheit und Abkapselung, jedenfalls vom Rückzug in die eigenen vier Wände geprägt ist. Eigentümlich ist, dass diese Interieur-Gemälde gerade in Paris entstehen. Sie könnten geradeso gut in einer Kleinstadt entstanden sein. Offen bleibt, ob und inwiefern die Innerlichkeit von Gubler zu dieser Zeit auf die aktuelle Weltsituation nach der Wirtschaftskrise von 1929 und der Machtergreifung Hitlers 1933 in Deutschland zurückzuführen ist. Viele Künstler beschäftigten sich in den 1930er Jahren, oftmals gezwungenermassen, mit innerlichen Themen. Offen bleibt auch, ob diese Abwendung von der äusseren Welt als eine Folge einer ersten schweren psychischen Krise im Jahr 1928 gesehen werden kann. Im selben Jahr wie das Atelierbild entstanden ist, 1933, äussert sich der Maler, nach Aussagen von Gotthard Jedlicka, anlässlich eines Besuches einer Braque-Ausstellung in der Kunsthalle Basel (in Bezug auf Braque und Picasso): „Der Künstler ist immer ein Opfer: ein Opfer der Innen- oder der Aussenwelt. Ich bin lieber ein Opfer der Innen- als der Aussenwelt“. Gubler ist sich seiner Innerlichkeit bewusst. Sie scheint für ihn nicht ganz unproblematisch zu sein.
©Benjamin Altdorfer für Kunstmuseum Luzern