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Andrew Baldwin leitet für das Beratungsunternehmen EY (ehemals Ernst & Young) von London aus die Regionen Europa, Mittlerer Osten, Indien und Afrika. Der Brite sieht nach der unmissverständlichen Ankündigung von Regierungschefin Theresa May (sie will Grossbritannien aus der EU und aus dem EU-Binnenmarkt nehmen) Chancen in Risiken. cash hat sich am WEF in Davos mit Andrew Baldwin unterhalten.
cash: Premierministerin Theresa May hat diese Woche in London und Davos bekräftigt, dass sie einen klaren Bruch mit der Europäischen Union und Grossbritannien aus dem Binnenmarkt führen will. Was bedeutet dies für die britische und die europäische Wirtschaft?
Andrew Baldwin: Zunächst muss man sagen, dass viele Unternehmen diese Ankündigung von der Premierministerin erwartet haben. Die Märkte reagierten allgemein positiv, was vielleicht die Klarheit zur britischen Position widerspiegelt, die wir jetzt haben. Die Stärke des Wirtschaftswachstums im Vereinigten Königreich nach dem Referendum vom 23. Juni hat viele Beobachter überrascht. Das Wachstum fusste bisher aber stark auf Konsumausgaben und Konsumfinanzierung.
Was sind die Faktoren dahinter?
Was dies angetrieben hat, sind tiefe Zinsen, tiefe Treibstoffpreise und eine tiefe Inflation. In den nächsten 12 bis 18 Monaten werden wir ein Anziehen der Inflation sehen. Die Inflationrate in Grossbritannien wird auf 1,6 Prozent steigen.
Weswegen zieht die Inflation an?
Das Pfund hat stark an Wert eingebüsst, somit werden Importe teurer. Im Januar gab es bei einer Reihe von Produkten Preiserhöhungen. Die Sorge ist nun, dass wir eine von Konsumkrediten angetriebene Inflation haben, in der die Inflation anzieht – wie bewältigt man dies und wie lindert man die Folgen davon? Dafür, dass die Wirtschaft wegen der Reden von Premierministerin May schwächer wird, sehe ich indessen keinen Grund.
Wie verhält es sich mit dem britischen Handelsdefizit?
Das Handelsdefizit ist hauptsächlich ein Handelsdefizit mit Europa. Die EU ist die grösste Exportdestination des Vereinigten Königreichs, wohin 40 Prozent der Ausfuhren gehen. Interessanterweise exportiert die EU aber mehr nach Grossbritannien als umgekehrt. Somit ist eine Sorge um eine sinkende Nachfrage in Grossbritannien so sehr eine Sorge für die EU, als es für eine Sorge für die Briten ist.
Wie schätzen Sie die Entwicklung der nächsten Monate ein?
Es läuft alles darauf hinaus, wie die Verhandlungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königrech vorankommen und wie sie sich entwickeln. Die gute Nachricht ist nun, dass wir Klarheit haben, dass das Grossbritannien den Binnenmarkt verlassen wird. Die nächste Frage wird sein, wie die künftigen Handelsbeziehungen aussehen.
Wen betrifft dies am meisten?
Es bestehen einige Wirtschaftszweige, die sehr wichtig für die britische Wirtschaft sind und für die der Zugang zum Binnenmarkt wichtig ist. Wir sprechen hier von den Automobilherstellern, Life Sciences, dem Pharmasektor und natürlich den Finanzdienstleistungen, eine der wichtigsten Exportzweige des Vereinigten Königreichs. Aber es ist umgekehrt auch einer der wichigsten von der EU in das Vereinigte Königreich. Eine der Hauptherausforderungen für die britische Regierung ist es, zu zeigen, wie man den richtigen Handelabschluss erreichen kann, der nach wie vor einen Art von "reibungslosem" Zugang zum Binnenmarkt ermöglicht.
Machen Sie sich Sorgen um die Investitionen in Grossbritannien?
Das Vereinigte Königreich ist eine wichtige Destination für ausländische Investitionen. Aber diese Investitionen sind nicht allein durch den Binnenmarktzugang getrieben.
Wie wird sich die Trump-Präsidentschaft auf all dies auswirken?
In den nächsten Monaten werden wir sehen, wie die neue Administration ihre Pläne und ihre Politikvorstellungen ausbreiten wird. Zu deren spezifischem Punkt, einem Wunsch nach einem Handelsabkommen mit Grossbritannien, müssen wir realistisch sein. Es mag auf beiden Seiten den Willen zu einem raschen Abschluss eines Handelsabkommens geben, aber einer der wichtigsten Exporte von Grossbritannien in die USA sind Finanzdienstleistungen. Ein Kernbestandteil eines Handelsanbkommens bezüglich Finanzdienstleistungen ist die Gleichwertigkeit der Regulierung. Dies zu erreichen, ist nicht unmöglich, aber es braucht Zeit.
Wie beurteilen Sie generell die Lage in der EU?
Europa hatte ja als Prämisse immer Sicherheit und Stabilität. Entscheidend ist: Je nach Augang der Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland herauskommen erreichen wir langsam einen "Boden", was die Unsicherheit anbelangt. Investoren würden es natürlich begrüssen, wenn die Stabiltät sich wieder erhöht.
Welches sind die wichtigsten Herausforderungen für Europa?
Die wichtigsten drehen sich um das Wachstum in Europa. Wir schauen auf eine Wachstumsrate von 1 bis 1,5 Prozent. Einige Länder bewegen sich in Richtung Vollbeschäftigung: Deutschland, die Niederlande, möglicherweise Österreich. Gleichsam gibt es auch Länder, die mehr Wachstum antreiben könnten, etwa Frankreich und Spanien.
Gibt es eine Lösung?
Man muss anerkennen, dass sich Länder in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. Der Schlüssel zu allem ist in Europa allerdings das Bankensystem. Mehr noch als in Amerika. Durch Banken vergebenes Kapital und Kredite, die das Wachstum ankurbeln, sind ein Europa höher. Die Banken in die Lage zu bringen, Wachstum und Arbeitsplätze zu finanzieren, ist eine der Hauptherausforderungen seit der Finanzkrise von 2008. Ein grosser Teil des europäischen Bankensystems durchläuft nun eine Bereinigung ihrer Bilanzen und einen Abbau notleidender Kredite. Aber es gibt immer noch die Sorge: Wie kann man dies stärker vorantreiben?