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Von Richi Bertini
Weil Glarus der einzige Stand der 13örtigen Eidgenossenschaft war, in dem nach der Reformation beide Konfessionen gleichermassen anerkannt waren, ist er bis heute auch der einzige Kanton geblieben, wo sowohl die neue als auch die alte Fasnacht gefeiert wird.
Die beiden verschiedenen Fasnachten haben indessen nichts mit der Zeitverschiebung vom früheren julianischen zum 1582 errechneten, heutigen gregorianischen Kalender zu tun, wie vielerorts geglaubt wird. Zwischen der neuen und der alten Fasnacht wurde schon viel früher unterschieden. So heisst es schon im Näfelser "Fahrtsbrief" aus dem Jahre 1423 im Zusammenhang mit der sogenannten "Mordnacht von Weesen": "....und ward do der selb Fried erlengert untz an die alten Fassnacht..."
Die beiden Fasnachtsdaten gehen auf das Konzil von Benevento zurück, das von Papst Urban II anno 1091 einberufen worden war.
Dieses Konzil legte nämlich unter anderem die Fastenzeit neu fest, welche bekanntlich mit jenen 40 Tagen in Übereinstimmung steht, in denen sich Jesus vor seiner Passion in die Wüste zurückgezogen hatte.
Bereits die Synode von Nicäa (am Schwarzen Meer in der heutigen Türkei) hatte anno 325 bestimmt, dass Ostern, also die Auferstehung Christi, am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond nach dem 21. März, gefeiert werden solle. Bis 1091 rechnete man damals von diesem Sonntag 40 Tage zurück, um den Aschermittwoch, also den ersten Fastentag, festzulegen. Im Laufe der Jahrhunderte gewann dann aber auch der Palmsonntag, der Einzug Jesu' in Jerusalem eine Woche vor Ostern, immer grössere kirchliche Bedeutung. Die "alte" Fastenzeit stimmte damit mit dem kirchlichen Festkalender nicht mehr überein, aber Papst Urban II fand eine Lösung, um diesen Datensalat aus der Welt zu schaffen. Das Konzil übernahm seinen Vorschlag, die Fastenzeit eine Woche früher, also 40 Tage vor dem Palmsonntag, zu beginnen.
Weil sie trotzdem über den Karfreitag hinaus bis in die Osternacht dauern sollte, erklärte das Konzil die 7 Sonntage in der Fastenzeit als fastenfrei. Damit war man wieder bei den 40 eigentlichen Fastentagen und hatte mit den sonntäglichen Unterbrüchen der Fasten erst noch etwas für die "Schafe" getan, wie Papst Urban II schrieb.
Das Fasten war damals nämlich tatsächlich kein Honiglecken: Ein Stück Brot und ein Becher Wasser oder Bier pro Tag waren das Einzige, was man zu sich nehmen durfte und auch der Oberhirte in Rom tat seine Meinung kund, dass dies über 40 Tage hinaus viel zu hart sei.
Trotzdem war es vor allem das sogenannte "gemeine Volk", das der neuen Fasten- und damit auch neuen Fastnachtsregelung skeptisch gegenüberstand, während der Adel und die höheren Gesellschaftskreise die neue Ordnung schnell übernahmen. Deshalb wird die neue Fasnacht bis heute auch als "Herrenfasnacht', die alte hingegen als "Lumpenfasnacht" bezeichnet.
Nach der Reformation wurde die Fasnacht in den nunmehr reformierten Regionen übrigens über längere Zeit ganz verboten, denn die Obrigkeiten sahen im fasnächtlichen Treiben wie in der Fastenzeit selber nur noch die Überbleibsel einer heidnischen Zeit. Als sie aber trotzdem wieder eingeführt werden musste, weil das Volk zu murren begann und auf sein Recht auf die närrischen Tage pochte, ging man mehrheitlich auf das alte Fasnachtsdatum zurück, um einen Unterschied zu den "Päpstlichen" zu markieren. Dabei ist es bis auf den heutigen Tag geblieben und bestimmt nach wie vor den Fasnachtskalender des Glarnerlandes.
Von Richi Bertini
Zu den Fasnachtsanlässen im Hauport Glarus gehört seit einigen Jahren bekanntlich auch der "Fädeli-Frytig". (wie es in korrekter Mundartschreibweise heissen müsste). Weniger bekannt ist, dass sich dieser Name auf den Volksbrauch des "Gäreli-Frytig" stützt, der in früheren Zeiten vor allem im Glarner Hinterland eine Woche später, nämlich am Freitag vor dem “Bündeli-Samstig” und der alten Fasnacht gepflegt wurde.
Und das kam so:
Zusammen mit der Kilbi war die Fasnacht zu jenen Zeiten praktisch die einzige Gelegenheit, bei der in der Öffentlichkeit getanzt werden durfte. So durfte das Tanzbein zum Beispiel auch bei Hochzeiten nur in privatem Rahmen geschwungen werden, andernfalls drohten saftige Bussen seitens der hochwohllöblichen Räte.
Aber auch für Fasnacht und Kilbi galten feste Regeln, die es den jungen Leuten nicht eben leicht machten. Nach dem "hahnebüchenen Verfall der guten Sitten" im Zeitalter der Helvetik und den folgenden Jahrzehnten, hatten die Obrigkeiten den “freien Liebesmarkt" gründlich beschnitten, zumal mit dem Walzer und andern "neuen Moden" Tänze in Lande Einzug hielten, bei denen sich die Tanzpartner in den Augen von Sittenwächtern aller Art eindeutig zu nahe kommen konnten. Genau so verpönt war es auch, wenn Männlein und Weiblein in einigermassen heiratsfähigem Alter in der Öffentlichkeit miteinander sprachen, geschweige denn sich zwecks Vertiefung eines Gedanken- und andern Austausches miteinander den Blicken der Allgemeinheit entzogen.
Die Organisation des “Gyger” also der Tanzveranstaltung anlässlich von Kilbi und Fasnacht oblag dem örtlichen "Spil-Chnab", der erstens verheiratet und zweitens über alle Zweifel erhaben sein musste. Dieser engagierte die Musiker, sorgte für ihr leibliches Wohl und entlöhnte sie schliesslich auch aus dem Eintrittsgeld, das von den Tanzfreudigen zu entrichten war.
Dem "Spil-Chnab" oblag darüber hinaus aber auch die Zuteilung der jeweiligen Tanzpartner, denn eine freie Wahl oder eine persönliche Aufforderung zum Tanz gab es nicht.
Es blieb deshalb nichts anderes übrig, als den “Spil-Chnab" mit einem zusätzlichen finanziellen Obolus zu bestechen, damit er einem auch tatsächlich seine Angebetete oder Auserwählte zuführte.
Was ein rechter Glarner war, fragte sich freilich schon damals, ob sich die Investition des besagten Obolus überhaupt lohne. Eine Absprache im Vorfeld aber war wie gesagt kaum möglich.
Liebe macht aber bekanntlich erfinderisch - an die Stelle der Worte trat die Sprache der Farben, die in der vorherrschenden Textilindustrie des Glarner Hinterlandes in der Form von Spinn- oder Webgarnen in allen Varianten zuhauf vorhanden und einsetzbar waren.
Kam dazu, dass so ein farbiges "Gäreli" ohne aufzufallen an den damaligen Bekleidungs-Stoffen fast so gut haften blieb, wie wenn es angeklebt worden wäre. Es entwickelte sich deshalb der Brauch, dass sich die in den Textilbetrieben beschäftigten Burschen am Freitag vor der alten Fasnacht so oft wie möglich in die Nähe ihrer Favoritinnen unter den jungen Arbeiterinnen schlichen, um mit einem oder mehreren “Gäreli" verziert zu werden. Zurück am eigenen Arbeitsplatz, wurde das"Gäreii" dann gelesen:
Ein rotes “Gäreli” bedeutete: "Ich liebe Dich" - Ein blaues Gäreli sagte: “Ich möchte gerne morgen mit Dir tanzen". Ein weisses Gäreli stand für: "Versuchen wir es einmal.”
Ein grünes"Gäreli" hingegen sagte nur: "Vielleicht". Dunkelblau stand für: “Ich bin schon besetzt, und gelb bedeutete ausgesprochenes Pech: "Ich mag Dich nicht, komm mir nicht in die Nähe.”
Auf diese Art und Weise funktionierte der"Gäreli-Frytig" über Jahrzehnte, aus einer Not war ein beliebter Fasnachtsbrauch entstanden.