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Ein sonniger Frühlingstag im aargauischen Kirchdorf. Martina (46) und Andreas (53) Leupin sitzen beim Kaffee unter der Pergola hinter ihrem Haus. Elias (12) und Irena (9) wuseln im Garten herum, lachen, necken sich. Eine friedliche Atmosphäre liegt über dem Wohnquartier.
Genau dieses Leben wünschte sich das Ehepaar Leupin, als es vor zwölf Jahren beschloss, Kinder zu adoptieren. «Eigentlich», sagt Martina Leupin, «ist es noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe.» Der Weg dahin war mühsam. Vor zehn Jahren kam der kleine Elias aus einem Waisenheim in der ukrainischen Stadt Dneprodserschinsk, vor gut sechs Jahren Irena aus Odessa.
«Für die Adoption eines dritten Kindes hätten wir die Energie nicht gehabt », gesteht Martina Leupin. Drei mehrwöchige Reisen in die Ukraine waren allein nötig, um Irena als Tochter in die Schweiz zu holen. Emotionale Achterbahn, Papierkrieg, Ämtermarathon in beiden Ländern, endloses Warten in trostlosen Plattenbauten in Odessa und parallel dazu die Betreuung von Elias in der Schweiz: «Ein riesiger Kraftakt», resümiert Martina Leupin.
Als aber die kleine Irena im November 2007 endlich hier war, begann rasch ein normales Familienleben. Nach vier Wochen gab das russischsprachige Mädchen den ersten schweizerdeutschen Satz von sich. Der Kindergärtler Elias, plötzlich von seinem Prinzenthron gestürzt, tat sich zunächst schwer mit der kleinen Schwester, arrangierte sich aber schnell mit ihr. Irena bekam ein eigenes Zimmer, trat in eine Spielgruppe ein, lernte im gleichen rasanten Tempo Schweizerdeutsch wie ihr Bruder und wurde seine Verbündete.
Während Elias sich für Autos, Sport und Theaterspielen zu begeistern begann, zeigte Irena ein Talent fürs Singen und Musizieren. Die Eltern beobachteten gespannt und glücklich die Entwicklung ihrer Kinder. Manche Situation amüsierte sie, zum Beispiel wenn jemand fand: «Man sieht, dass das Ihr Sohn ist, Sie haben die gleichen Füsse.»
Allerdings gab es auch Krisen. Mit seiner offenen und zugleich verletzlichen Art hatte es Elias im Kindergarten und in der Schule nicht immer leicht. Es kam zu ausführlichen Gesprächen mit der Schule. Parallel dazu wuchs Elias’ Interesse an seiner Herkunft und seinen leiblichen Eltern. Die Leupins suchten Unterstützung bei einem Kinderpsychologen. Und über Kontakte in der Ukraine bekam Elias ein Foto seiner biologischen Mutter. Er hatte es eine Weile auf seinem Nachttisch liegen und liess es irgendwann wieder verschwinden.
Seine Eltern wissen nun: Diese Identitätssuche ist normal, sie wird auch bei Irena kommen, früher oder später. Die Diskussionen mit der Schule hingegen haben sie nachdenklich gemacht: «Verpasst man Adoptivkindern unbewusst einen Stempel, sodass – stärker als bei anderen Kindern – nach etwas gesucht wird, das nicht stimmt?», sinniert Andreas Leupin, «oder ist da wirklich etwas, und wir als Eltern wollen es einfach nicht sehen?» Er und seine Frau sind überzeugt: Heimkinder sind durch ihre Herkunft geprägt. Futterneid ist ein Thema, ebenso die Suche nach der ungeteilten Aufmerksamkeit von Bezugspersonen. «Wir sind froh, dass wir einige Schwierigkeiten durch konstruktive Gespräche mit der Schule bewältigen konnten», sagen die Leupins.
Dass sie gewisse Dinge über ihre Kinder nie so genau wissen werden, hat ihnen auch der Austausch mit anderen UkraineAdoptionseltern bestätigt. Mit ihnen treffen sie sich jährlich, und von ihnen wissen sie auch, dass es weit schwierigere Geschichten gibt als ihre. Deshalb ist für die Leupins klar: «Es ist ein unglaubliches Glück, zwei so gesunde, lässige und aufgestellte Kinder zu haben.»
Autor: Yvette Hettinger