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Immer wieder musste ich in den vergangenen Wochen daran denken, wie ich als junger Student mehrere Tage mit einer Gruppe auf einer kleinen Feluke auf dem Nil von Kairo nach Assuan segelte. Auf engstem Raum sassen wir tagelang unter der gleissenden Sonne zusammen und die Mischung aus Hitze und Langeweile ergab fast von selbst, dass wir spontan begannen, uns Geschichten zu erzählen, Gedichte vorzutragen und Lieder zu singen, die wir auswendig konnten. Eine Art freiwillig-unterhaltsamer Survival-Lockdown, könnte man sagen. Einen weniger freiwilligen Lockdown inszenierte der Dichter und Philosoph Giovanni Boccaccio in seinem Decamerone von zehn jungen Menschen ausserhalb von Florenz, das im Jahre 1348 von einer schrecklichen Pestwelle mit über 100’000 Toten heimgesucht worden war.
Dieses Buch ist heute neben anderen Büchern wie etwa Thomas Manns Tod in Venedig oder Daniel Defoes Die Pest in London in den Medien mehrfach aus dem Fundus der ruhenden Bücher hervorgeholt und besprochen worden. Und auch ich griff also ins Büchergestell und schaute etwas lustlos und suchend zugleich in das Dekameron von Boccaccio, dieser fast tausendseitigen Sammlung von zehnmal zehn seltsamen bis unterhaltsamen Geschichten. Dabei stiess ich auf einen zusammengefalteten Zeitungsartikel, der in meiner Taschenbuchausgabe des Insel-Verlags steckte und der mich sofort in seinen Bann zog. Es handelt sich dabei um eine gekürzte Rede des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, die dieser im Rahmen des Philosophicum in Lech am Arlberg vor etlichen Jahren gehalten hat. Unter dem Titel «Die Grausamkeit des Himmels – Oder das Recht auf Nachrichten, die besser sind als die Lage» erschien dieser zweiseitige Essay am 2. November 2011 im Tages-Anzeiger. Sloterdijk liest darin auf eigenwillig-kreative Weise Boccaccios legendäre Novellensammlung neu und er fragt sich, welche Lehren aus der verheerenden Pest vor über 670 Jahren in unserer Gegenwart gezogen werden können. Ein anregendes Unterfangen, wie ich meine, das sich dem hektischen Konsum von Katastrophennachrichten konstruktiv entgegenstellt, ohne sich dabei der Realität zu verschliessen.
Der erste Fall einer Counter Culture
Dieses Zehntage-Buch ist für Sloterdijk nicht bloss ein «frivoles Anekdotenbuch», denn aus der Rahmenerzählung wird klar, dass es Boccaccio «um nicht weniger als die Regeneration einer zerfallenen Gesellschaft durch eine exemplarische Kur» geht, «in deren Verlauf die Kunst des guten Lebens wiedererlernt werden soll.» Es geht um das «Naturrecht der Aufheiterung» angesichts des Unheils des Schwarzen Todes, bei dem sowohl die Medizin als auch die religiösen Tröstungen nicht mehr weiterhalfen. Es wird ein düsteres Bild einer Stadtgesellschaft in akuter Zersetzung entworfen: Geschlossene Geschäfte, verlassene Felder, entleerte Paläste und eine Gesellschaft, die von Panik und Schamlosigkeit regiert wird. «Gegen die Summe dieses Unheils stellte Boccaccio seine novellistische Gegengesellschaft. Zwei Meilen von der verpesteten Stadt entfernt, auf einem Hügel mit freier Sicht auf die toskanische Landschaft, begegnen wir der ersten ästhetischen Republik der Moderne, ja sogar dem ersten Fall einer Counter Culture, bestehend aus sieben jungen Frauen und drei jungen Männern, allesamt wohlerzogen und guten Familien entstammend. Sie tun sich in der Kirche Santa Maria Novella zu einer Verschwörung der Heiterkeit und Höflichkeit zusammen und fassen den Vorsatz, sich der Regeneration des zerfallenden Lebens zu widmen – und sie tun dies, indem sie ein Lebensmittel zur Verwendung bringen, dessen wahre Bedeutung erst in dieser Szene entdeckt wird: Das eigenartige Lebensmittel heisst erzählen – oder genauer: Novellen erzählen, novellare.»
Das Boccaccio-Prinzip
Was uns der Dichter mit seinen Geschichten vorführt, ist «die Entstehung der modernen Information aus dem Prinzip der Re-Animation.» Es geht um die «Entdeckung der mentalen Immunsysteme», wo dann nach Ablauf der zehn Erzähltage die jungen Leute ihre erzählende Therapiegruppe auflösen und wieder eintauchen in das Leben einer allmählich genesenden Gesellschaft. Die Seuche hatte das symbolische Gewebe zerrissen, in das bis anhin das Leben eines Christenmenschen eingesponnen war. Das biblische Wissen und das christliche Fabulieren war dem Einbruch des Realen nicht mehr gewachsen. Man musste sich nach anderen Inspirationsquellen «für die Beflügelung des Lebenswillens» umsehen.
Und genau dies wird von den Novellen erwartet, die sich die jungen Leute erzählen: «Unter ihrer scheinbaren Harmlosigkeit verbirgt sich der Ernst einer umfassenden Verantwortung vor dem Fortgang des Lebens.» Die Geschichten übernehmen quasi «eine paraevangelische Funktion. Sie verbreiten die gute Nachricht, dass immer noch und trotz allem eine Lebenskunst in der Welt ist, die einen neuen Anfang verspricht.» Indem sich Boccaccio an die durch die häuslichen Pflichten einer patriarchalen Gesellschaft gefesselten und daher von der Melancholie gefährdeten Frauen wandte, sprach er «in Wahrheit zu allen kommenden Generationen von Europäern».
Die Leben spendenden Geschichten formieren einen «alternativen Wärmestrom», der seit der Renaissance durch unsere Zivilisation fliesst. Diese «zweite Gläubigkeit», für die man im 20. Jahrhundert den Namen «Hoffnung» vorgeschlagen hat, «drückt sich aus in einem Vernunftvertrauen, das auf Gottesbeweise gerne verzichtet, solange Geschichten und Nachrichten geboten werden, die beweisen, dass Menschen, wenn man sie nur in der richtigen Weise ermutigt, aufhören können, rechtlos, ohnmächtig und töricht zu sein.» Was man nach der Pest braucht, sind nicht die grossen Formeln und Rituale, sondern «Mikroevangelien, die den Überlebenden helfen, ihren Blick wieder an den irdischen Horizont zu heften.» Diese von Sloterdijk als «Boccaccio-Prinzip» bezeichnete Praxis lehnt sich gegen Entmutigung auf, «die zu jeder Zeit schon mehr als die Hälfte der Niederlage ist.» Bei der Renaissance geht es nicht nur um einen Stilwandel in der Kunst und um ein neu erwecktes Interesse an der Antike: «Renaissance ist ihrem Grundzug gemäss ein Unternehmen zur Sabotage der Resignation. Was sie im Auge hat, ist immer Zivilisation nach der Pest. Worauf sie zielt, ist Regeneration im Allgemeinen.»
Eine Werkstatt der Aufheiterung
Seit 1348 wussten die Europäer, dass die grossen Handelsstädte Ansteckungsräume für die Pest waren. Reichtümer und Infektionen reisten schon damals miteinander. «So gesehen gehörten Boccaccios Florentiner zu den Ersten, die mit den Spielregeln der Globalisierung Bekanntschaft schlossen. Eine städtische Gesellschaft, die alles tut, um Waren aus der Ferne herbeizuschaffen und umzuschlagen, erzeugt, vorerst ohne klares Bewusstsein von der eigenen Rolle, auch Reiseerleichterungen für unwillkommene Passagiere, die man in späteren Jahrhunderten die Mikroben nennen wird.»
Am Beginn der europäischen Neuzeit, die das Zeitalter der Globalisierung einläutet, vollzog sich gleichzeitig ein Strukturwandel des Glaubens, «in dessen Verlauf der moderne Aktivismus dem mittelalterlichen Passivismus den Rang abzulaufen begann.» Man wusste damals noch nichts von der «Irrlehre der späteren Moderne, nach welcher der Mensch sich selbst als ein autonomes Subjekt beschreiben will.» Der Mensch ist und bleibt ein Geschöpf unter Einfluss, ein Spielball übermenschlicher Mächte. Doch man begann zu begreifen, «dass wer mit sich spielen lässt, auch selbst ins Spiel kommt.» Es liegt in unserer Hand, «mit dem zu spielen, was mit uns spielt.» Und das, was mit uns spielt, ist die Erde selbst: «Seit ihre Kugelgestalt endgültig erwiesen ist, wird sie zu einem Ball, den Menschen zugleich bewohnen und fangen müssen.» Der Mensch ist weder frei noch unfrei: «Er ist im absoluten Sinne weder Herr noch Knecht, er ist weder allmächtig noch ohnmächtig, er oszilliert ständig zwischen Kräften, die helfen, und solchen, die schaden, er ist immer der Dritte im Bund der Schicksalsparteien, er bleibt jederzeit eingebunden in ein Geflecht von Mächten und Neigungen – aus dessen Gewirr zieht er mehr oder weniger energisch einzelne Fäden hervor, um sich aus ihnen sein eigenes Gewand zu weben.»
Nach dem Abklingen aufklärerischer Delirien im 18. und 19. Jahrhundert haben wir uns heute daran gewöhnt, dass wir doch nicht die Herren der Welt sind, und kaum jemand kann sich heute noch einbilden, die Welt als ganze souverän zu überschauen. In diesem Sinne sind die Menschen der Renaissance unsere unmittelbaren Vorgänger. Bei der Novelle geht es also nicht bloss um eine neu aufgetauchte literarische Gattung, die «für den Sieg des Interessanten über das Erbauliche, für den Triumph der Neugier über die Frömmigkeit» steht, denn in Wahrheit ist die Novelle «die Mutter der Nachrichten», die nicht nur von den kleinen Triumphen der menschlichen Intelligenz über die misslichen Umstände berichtet, sondern die die zu entdeckende und zu bewirtschaftende Welt «im Ganzen als eine Belebungsquelle» auffasst. Und so verwandelt sich die neuzeitlich begriffene Welt «in eine Werkstatt der Aufheiterung».
Das wussten wir alles intuitiv auch auf unserer Feluke auf dem Nil, aber die Triebkräfte dieses immunologischen Ethik-Fahrwassers macht uns hier der Philosoph auf hilfreich erhellende Weise etwas bewusster. Und das tut gut in dieser pandemischen Ausnahmesituation, in der wir als ganze Menschheit gerade stecken. Was uns Sloterdijk damit aber nicht abnimmt: Lieder, Geschichten und Gedichte auswendig lernen, par coeur entfalten sie ihre Kraft noch viel mehr. Und dazu haben wir ja Zeit genug!
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Georg Geiger, geb.1957, lebt im Oberbaselbiet und arbeitet als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Leonhard in Basel. Er ist promovierter Germanist, Historiker und ausgebildeter Gestalttherapeut. Mitglied der Bildungsgruppe vom Denknetz und Mitautor beim Bildungsblog Condorcet.
- Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.