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Aus dem Postenordner des Grenzwachtpostens Réclère-Grottes
Postenordner waren für das Grenzwachtpersonal lange Zeit ein wichtiges Mittel zur dienstlichen Orientierung. In den letzten Jahrzehnten sind diese Quellen jedoch in Vergessenheit geraten. Forum Z. hat in der alten «Orientation du poste» des Grenzwachtpostens Réclère-Grottes geblättert.
30.07.2019, Roman Dörr, Zollexperte, Zollinspektorat Pratteln
Postenordner waren für die Grenzwache über Jahrzehnte eine unverzichtbare Hilfe zur Dienstausführung. Ihr Inhalt war folgendermassen gegliedert: Der Hauptteil enthielt Angaben zu Posten, Dienstort, Geografie und Geschichte sowie Dienstweisungen und Abschnittskarten. Oft war ein Anhang eingeheftet, der über ausserordentliche Ereignisse berichtete. Nach diesem Schema ist auch die «Orientation du poste» des Grenzwachtpostens Réclère-Grottes aufgebaut, welche zwischen 1937 und 1947 verfasst wurde.
Kleine Postengeschichte
Der Posten Réclère-Grottes war für viele Grenzwächter der Beginn ihrer Berufslaufbahn. Noch heute erinnern sich ältere Mitarbeitende gerne an ihre Réclère-Zeit.
«Der Posten Réclère-Grottes liegt an der äussersten Grenze am westlichen Rand des Bezirks Pruntrut. Er befindet sich auf dem Grat der Bergkette, die sich vom Mont-Terrible zum Lomont ausdehnt […]. Eine einzige bewilligte Zollstrasse geht am Büro vorbei. Sie verbindet […] Vaufrey (Frankreich) mit Réclère.»
«Der Posten Réclère-Grottes ist als Bergposten bekannt. Das hängt nicht von seiner relativ geringen Höhe von 664 Metern ab, jedoch von der hügeligen Struktur des Geländes.» Das gleichnamige Dorf Réclère JU liegt zwei Kilometer nördlich des Büros auf einer Hochebene, die sich nach Damvant JU erstreckt.
Der Abschnitt Réclère geht auf das Jahr 1815 zurück: Auf Beschluss des Wienerkongresses wurde das Fürstbistum Basel aufgelöst und der Jura in den Kanton Bern eingegliedert. Mit einem Grenzbereinigungsverfahren, das 1826 endete, wurde der Grenzverlauf zwischen Frankreich und der Schweiz von 1780 [Anm. Letzte Grenzziehung zwischen dem Fürstbistum Basel und dem französischen Königreich] wiederhergestellt.
Im 19. Jahrhundert eröffnete der Kanton Bern im Jura praktisch in jedem Grenzdorf eine Zollstelle. So auch in Réclère, wo das erste Büro in einem Privathaus eingerichtet wurde. 1887 entdeckten Lumpensammler in Grenznähe Tropfsteinhöhlen. Parallel zur Erschliessung der Höhlen wurde 1890 das «Restaurant des Grottes» erbaut. Wegen des Besucherandrangs aus dem Ausland eröffnete die Zollverwaltung 1892 einen neuen Posten gegenüber dem Wirtshaus, Réclère-Grottes.
Viel Arbeit
In den Postenordnern befanden sich auch Angaben zu Grösse und Auftrag der Grenzwachtposten. In Réclère betrug der Personalbestand in den 1930er-Jahren vier Mann. Über die damaligen Aufgaben weiss das Dokument zu berichten: «Die übergeordnete Rolle unserer Überwachungsorganisation besteht darin, eine effiziente Kontrolle auf der ganzen Ausdehnung der Grenze mit einem kleinen Personalbestand im Verhältnis zur Grösse des Sektors sicher zu stellen.» Die Hauptziele waren, den Ein- und Ausfuhrschmuggel erfolgreich zu bekämpfen sowie Personen zu verhaften, die illegal ein- oder ausreisten.
«Die in der letzten Zeit aufgedeckten Verstösse bestätigen, dass die Mehrzahl der Schmuggelfälle in der Nähe des Zollpostens verübt wurden. Der Plantonbeamte muss nicht nur die Zollstrasse überwachen und, vor allem in der Nacht und auch tagsüber, eine erhöhte Aufmerksamkeit auf die Umgebung haben.»
Die Dienstausführung verlangte besonders im Gelände taktisches Verhalten: «Wo die Hin- und Rückwege nicht vorgeschrieben sind, muss der Grenzwächter diese so wählen, um die Beobachtungspunkte oder Hinterhalte zu erreichen, ohne gesehen zu werden. Um potenzielle Beobachter zu täuschen, kann er sich beim Verlassen des Postens in eine komplett gegensätzliche Richtung begeben, als man erwarten würde […]. Eine der wesentlichen Voraussetzungen zur Erfüllung dieses Ziels ist die perfekte Kenntnis des zu überwachenden Abschnitts.» Diese gewann das Personal bei Begehungen des Geländes und beim Zeichnen von Krokis.
Spezialdienste
Jeder Grenzwachtposten hatte Aufgaben, die auf seinen Abschnitt zugeschnitten waren. Die Grenzwächter von Réclère kontrollierten die Grenze, die Zollstrasse sowie die Wege ins Dorf. Überwacht wurden zudem abgelegene Höfe, deren Felder in Frankreich lagen und speziell nachts der rückwärtige Raum und das Dorf.
Die Mannschaft führte zusätzlich zwei Spezialdienste aus: Einer davon war die Viehinspektionen auf den Dorf- und Grenzweiden. Die Beamten erstellten jeweils im Frühling vom ersten Weidegang an eine genaue Liste für den zuständigen Posten. Bei jedem Turnus wurde das Vieh nachgezählt und der Bestand dem Postenchef gemeldet, der diese mit der im Büro deponierten Ur-Liste abglich.
Zum anderen gehörte die besondere Überwachung der Höhlen «betreffend die Geheimverbindungen mit dem Ausland auf unterirdischem Weg». Es galt, Schmuggel- und Spionagetätigkeiten in den dunklen Couloirs zu verhindern.
Die Dorfbewohner und ihr Charakter
Ein Kuriosum in dieser «Orientation du poste» ist die Charakterstudie über die Ortsbürger. Offensichtlich war sie zur Schulung für die Begegnung mit Einheimischen gedacht. «Die Bevölkerung von Réclère besteht ausschliesslich aus Einheimischen der Ajoie, mit Ausnahme von vier Deutschschweizer Familien. Die Mentalität ist im Allgemeinen gut. In Réclère findet man den Typ des echten «Ajoulot» mit einem lebhaften, spontanen, mitreissenden Charakter. […] Wie alle Eingesessenen der Ajoie, liebt auch jener von Réclère die Freiheit, denn er erträgt nur mit Mühe, was nach Einschränkung oder Willkür riecht. Den gerechten Gesetzen gehorcht er ohne Murren. Wenn er sich jedoch in seinen Freiheiten und seinen Rechten angegriffen sieht, widersetzt er sich und rebelliert, ohne zuhören zu wollen.»
Die Zollverwaltung hatte auch ein Auge auf Bewohner, die mit dem Gesetz im Konflikt waren: «Durch ihre unmittelbare Beziehung zu Frankreich sind gewisse Personen von Réclère anfällig für Schmuggel. Im Laufe des Jahres 1931 musste unsere Verwaltung eine Untersuchung wegen Viehschmuggels leiten, die sich als langwierig und dornig herausstellte. Die meisten Fälle von grenzüberschreitendem Schmuggel in der Region sind jedoch als gelegenheitsabhängig zu betrachten. Es handelt sich insbesondere um Zigarettenpapier, Werkzeuge und Konfektionswaren.»
An Wochenenden ging es am Grenzübergang häufig rund. «Vor dem Krieg traf sich jeweils am Sonntag ein grosser Teil der Dorfbewohner von Réclère mit ihren französischen Freunden am Ufer des Doubs. Nach einer Verkostung guten Weines und eines schmackhaften Bratens kamen sie angeheitert von ihrem Spaziergang zurück. Beim Büro war der Automobilverkehr wegen des Zustroms ausländischer Besucher zu den Höhlen manchmal sehr dicht. Im Gegensatz dazu blieben die Zollquittungen jedoch gering.»
Tempi passati. Der Posten wurde vor einigen Jahren geschlossen. Dennoch ist die Grenzwache präsent und kontrolliert den Abschnitt mit zeitgemässen Mitteln.