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Albert Anker revisited
Die Begegnung mit Albert Ankers Zeichnungen und Aquarellen macht auf schönste Weise klar, warum die magische Faszination, die von seinem Schaffen ausgeht, ungebrochen ist. Mehr als ein Jahrhundert über sein Ableben hinaus, mitten im digitalen Zeitalter.
Die Kunstmuseum-Solothurn-Sammlung umfasst 19 Anker-Arbeiten, neun Gemälde und zehn Zeichnungen. Ausgestellt sind nun über 90, von verschiedenen Leihgebern überlassene Exponate. Kleinformatige Kohle-, Bleistift-, Federzeichnungen, Aquarelle, Buch-Illustrationen zu Werken des Schweizer Schriftsteller-Granden Jeremias Gotthelf. Zudem Fayencen, Blätter mit detailstarken Impressionen des reisefreudigen Künstlers aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Italien oder Belgien. Sowie Notizbüchlein oder Land- und Wegkarten.
Von Ins nach Paris
1831 als Sohn eines Veterinärs im dörflichen bernischen Ins geboren, wäre Albert Anker um ein Haar reformierter Pfarrherr geworden. Also im schweizerisch-bürgerlich Ländlichen des 19. Jahrhunderts etwas Rechtes, Anständiges. Doch geprägt und geformt vom pädagogischen Aufbruchsklima eines Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) oder Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) im Elternhaus und in der Schule, verfolgte der vieltalentierte Albert einen anderen Plan. Per Brief erbat er vom Papa das Placet, knapp vor dem theologischen Studienabschluss, sein schon früh von Lehrern erkanntes, aufloderndes Mal-Talent zum Brotberuf zu machen. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Wobei der Filius versprechen musste, alles daran zu setzen, nicht zu „verlumpen“.
1854 begann Anker seine künstlerische Ausbildung nicht in der engen Heimat, sondern im mondänen, eleganten Paris. Dort profilierte er sein Können, etablierte sich in der renommierten Kunstszene, mauserte sich zur prominenten, respektierten Maler-Persönlichkeit. Der Kollege Vincent Van Gogh etwa empfand Ankers Schaffen als „tüchtig und fein“. Und weil der zielstrebige Inser über einigen Geschäftssinn verfügte, war auch das Versprechen an den Vater bald eingelöst.
Chronologie der gezeichneten Ereignisse
Für Anker-Werke werden aktuell Millionenbeträge bezahlt. Und die Strahlkraft seines Schaffens mehrt sich eher, als dass sie abnimmt. Dazu beitragen wird das, was Konservator Christoph Vögele mit seinem Team in Solothurn bis zum 16. Februar 2020 präsentiert: eine Anker-Perlenkette mit Zeichnungen und Aquarellen, in chronologischer Abfolge – also ausgehend vom Frühwerk, ausklingend nach dem Schicksalsjahr 1901: Dannzumal wurde Ankers rechter Arm nach einem Schlaganfall durch Lähmungen so versehrt, dass ans Malen von stattlichen Ölbildern, aber auch an filigranes Feinzeichnen nicht mehr zu denken war.
Das Eigene, genau ergründet
Was die Solothurner Ausstellung angeht, konzentrieren wir uns auf die subtil zusammengestellte Auswahl von Einzelporträts. Dass Anker die Mitglieder seiner Familie mit Passion ins Bild gesetzt hat, ist bekannt. Doch dermassen atmosphärisch verdichtet wie in Solothurn hat man das kaum je zu sehen bekommen. Da ist das Gruppenbild „Glückliche Familie“ von 1888, das mit seiner schelmischen Leichtigkeit entzückt. Als Gegenstück dazu hätte das von melancholischer Düsternis umwölkte Blatt „Trauernde Familie“ (um 1888) gepasst. Das Exponat war natürlich auf der Wunschliste von Kurator Christoph Vögele, aber als einziges Blatt nicht greifbar. Immerhin: Im fein edierten Ausstellungs-Katalogbuch ist es enthalten.
Albert Anker und seine Gattin Anna Rüfli hatten sechs gemeinsame Kinder, drei Töchter und drei Söhne. Zwei von ihnen verstarben im frühen Kindesalter. Daran erinnert eine Zeichnung, die im Gedächtnis haften bleibt: 1871 entstanden, zeigt sie den zweijährigen Emil auf dem Totenbett, wie hingegossen, ein Menschlein, vom Vater aus unermesslichem Verlustschmerz heraus verbildlicht, schützend umhüllt von Zärtlichkeit. So, als wolle Albert Anker sogar dem Tieftraurigsten eine zum Licht gewandte Energie entreissen, sich gegen das radikal Endgültige, das Ab- und Zuschliessende stemmen, stets dem Versöhnlichen, Empathischen, der Lebhaftigkeit zugewandt. Das wird einem im kleinräumigen „Graphischen Kabinett“ des Kunstmuseums bewusster als in grösseren Sälen: So kann man Finessen ausmachen, erahnen, welch zeitlicher Aufwand damit verbunden war, diese Kostbarkeiten zu schaffen – und wie an die Werke heranzoomen.
Bescheidenheit und Selbstbewusstsein
Zum Beispiel beim hinreissenden Kohle-und-Bleistift-Porträt der erstgeborenen Tochter Louise, von der eine wissende Unschuld ausgeht. Oder in drei Aquarellen-in-Blau: Sie zeigen die lesenden Töchter Marie und Cécile, die solitärspielende Familienmutter Anna, die von einer rätselhafter Unergründlichkeit umweht ist. Und auch der einzig verbliebene Sohn, Moritz, ist zu sehen. Anker zeichnete ihn 1893 als entschlossenen, aber distanziert wirkenden, aufrechtstehenden, gutaussehenden Mann. Der Stammhalter nahm im Familienbund notabene eine besondere Rolle ein. Kolportiert wird, dass er während den monatelangen Aufenthalten der Familie am Zweitwohnsitz Paris in der Schweiz bleiben musste: Die Eltern waren in Sorge, dass Moritz an der Seine von den Verlockungen des leichten Lebens übermannt und verdorben werden könnte. Die Schwestern allerdings durften mit in die französische Metropole und profitierten dort auch von schulischer Bildung.
Albert Anker verfügte offensichtlich über die Fähigkeit, das Wesen seiner Modelle zu lesen, und über das psychologische Geschick, ihnen das ganz Besondere zu entlocken. Auch sich selber: Zu sehen etwa im Selbstporträt von 1852. Mit dem Format von nur 7,8 x 6 Zentimetern wirkt es wie eine exklusive Visitenkarte und fände auf jedem Smartphone-Display als Profilbild Platz. Mit vordigitaler Selfie-Manie hat das natürlich nichts zu tun. Eher verweist das Kleinod auf die überlieferte Anker-Tugend der Bescheidenheit, die dem aufgeblasenen, selbstschwärmerisch Überhöhenden nicht zuneigte. Was wohl der bürgerlichen Herkunft, der Nähe zur Theologie und einer breiten humanistischen Bildung geschuldet ist. Diese Bescheidenheit, verbunden mit einem offenkundig ausgeprägten Selbstbewusstsein, mit Mut zur Horizonterweiterung und Neugierde auf Unbekanntes ist vielleicht das, was das Magistrale bei Albert Anker kennzeichnet.
Anker als Kontrastprogramm
Häufig hat er ältere, alte, greise Menschen scharf beobachtet, betrachtet, mit Exzellenz in seinen Bildern wie neu erschaffen. Selbiges lässt sich noch mehr in Bezug auf seine zahlreichen Kinderporträts sagen. Anker zeigt Mädchen und Buben oft ins Lesen vertieft, konzentriert schreibend, achtsam spielend, befeuert von Wissensdurst und Lernfreude. Von trotziger Unlust oder lästiger Pflichterfüllung ist nichts zu spüren. Und natürlich kommen einem da die Anker-Skeptiker in den Sinn, die im künstlerisch untadeligen Werk etwas gar viel Harmonie, ja idealisierend Verklärtes monieren, und etwas gar wenig griffige Realitätsschilderung.
Das lassen wir so stehen, haben aber beim inspirierenden Verweilen in der Solothurner Ausstellung das Gefühl, als wäre das Gesehene ein Kontrastprogramm zu einem zeitgeistigen Phänomen: Kinder oder Jugendliche, mit ihren Handys, Tablets und Laptops verschweisst, allerorts und jederzeit auf Displays starrend, die Ohrstöpsel eingesetzt. Und ständig von der Angst gemartert, die Akkus ihres teuren Digital-Instrumentariums könnten leer werden und das Ladegerät defekt sein.
Item, eine Visite im Kunstmuseum Solothurn sei wärmstens empfohlen. Wer nach dem Rundgang im Sous-Sol noch Lust auf mehr Alber-Anker-Magie hat, findet im Obergeschoss einige Gemälde wie das betörend-sinnliche „Mädchenbildnis auf rotem Grund“ (1867): Im Kunstmuseum Solothurn weiss man eben das Kleine im Grossen genauso zu zelebrieren wie das Grosse im Kleinen.
Zur Ausstellung ist der Katalogband „Albert Anker – Zeichnungen und Aquaralle“ erschienen, mit erhellenden Aufsätzen der Kunsthistoriker Robin Byland und Isabelle Messerli und des Konservators Christoph Vögele (Hardcover, 152 Seiten, mit 118 Abbildungen, Fr. 49.-, Scheidegger & Spiess-Verlag 2019).
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