Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03133.jsonl.gz/2161

das Verstandesmäßige, anstatt der ursprünglichen inneren und unbewußten Empfindung, die Künstler leitet, sie «lernen» aus Vorbildern sowohl wie aus der Natur und tragen verschiedene Züge solcher Vorbilder zusammen. Man «studiert die Anatomie» des Körpers an Leichen, weil der Verstand die Ursachen der Erscheinungsformen ergründen will, um diese wiedergeben zu können, während die früheren Meister sie einfach mit geistigem Auge erschauten und erkannten.
Ausbreitung der griechischen Kunst im Osten. Mit Alexander war die Kunst wieder nach Osten gewandert und findet dort ihre hauptsächlichsten Pflegestätten, namentlich in Vorderasien und auf ägyptischem Boden. Die Herrscher der verschiedenen hellenischen Reiche, welche auf den Trümmern des persischen entstanden, lieben Glanz und Pracht, und die Kunst muß zu ihrer Verherrlichung beitragen. Dem höfischen Beispiele folgen auch die reichen Volksschichten und so gewinnen insbesondere die Bildnerei und Malerei ein großes Absatzgebiet, was natürlich die Ausdehnung der Kunstthätigkeit ungemein fördert. - Wie schon in früheren Abschnitten erwähnt wurde, verdrängt im ganzen Osten die griechische Kunst die bodenständige fast völlig und nimmt nur bisweilen von letzterer einige Eigentümlichkeiten auf. Sie wird daher zutreffend nicht mehr als bloß «griechische», sondern als «hellenistische» Kunst bezeichnet, denn es sind nicht mehr allein «geborene Griechen», sondern auch «griechisch Gebildete», von griechischem Kultur- und Kunstgeist erfüllte Fremde, welche sie ausüben.
Hellenistische Kunst. - Schule von Rhodos. Es sind insbesondere drei Stätten, an denen die Kunst blühte: Alexandrien, Rhodos und Pergamon. Während aber Alexandrien nur durch umfangreiche Thätigkeit hervorragt, im übrigen aber keine besondere Eigenart aufweist, entstehen in Rhodos und Pergamon Kunstschulen voll selbständiger Bedeutung. Die Insel Rhodos hatte sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren vermocht und bestand als Freistaat selbst noch in der römischen Kaiserzeit. Im 3. Jahrhundert v. Chr. schwang sich Rhodos zur ersten See- und Handelsmacht im östlichen Mittelmeer auf und gelangte zu gewaltigem Reichtum. Es ist daher begreiflich,
^[Abb.: Fig. 119. Ruhender Hermes.
Bronzefigur. Neapel.] ¶
daß hier ein günstiger Boden für die Kunst war und sich eine eigene Bildhauerschule entwickeln konnte, welche im Allgemeinen der von Lysippos eingeschlagenen Richtung folgte.
Als «Weltwunder» berühmt war das Riesenstandbild (34 m hoch) des Sonnengottes aus Erz, der «Koloß von Rhodos», welches nach kaum 60jährigem Bestand durch ein Erdbeben umgestürzt wurde. Unserer Zeit ist nur ein Hauptwerk der rhodosischen Schule erhalten geblieben, die Gruppe des Laokoon. Die Darstellung körperlicher Qual ist wohl nirgends vollendeter als in diesem Gebilde.
Schule von Pergamon. Viel reichhaltiger sind die Zeugnisse für das Wirken der Kunstschule von Pergamon in Kleinasien, der Hauptstadt eines im 3. Jahrhundert gegründeten Reiches, dessen Könige, Attalos I. und Eumenes, das Entstehen einiger bedeutsamer Bauwerke und Bildhauerwerke veranlaßten.
Attalos hatte die in (277 v. Chr.) Kleinasien eingedrungenen Gallierstämme besiegt und unterworfen, und ließ zum Andenken dieses Sieges sowohl in Pergamon wie auf der Akropolis zu Athen Gruppen von Erzbildwerken aufstellen, von welchen uns Nachbildungen einiger Figuren in Marmor erhalten blieben. Sie zeigen, welche hohe Vollendung in der naturwahren Wiedergabe des Körpers und in Auffassung der persönlichen Eigenart die pergamenische Schule erreicht hatte.
Die Bildwerke vom Fries des von Eumenes errichteten Altarbaues gehören ebenfalls zu dem Besten, was die hellenistische Kunst geschaffen hatte. Der Fries enthielt die Darstellung des Kampfes der Götter mit den Riesen (Giganten) in Flachbildnerei; die Vorgänge sind ungemein lebendig und bewegt geschildert, die überreiche Fülle voll Gestalten gab den Künstlern Gelegenheit, eine erstaunliche Erfindungsgabe und Vielseitigkeit in der Kennzeichnung der Einzelnen, in den Stellungen und Bewegungen zu entfalten.
Das Hauptgewicht ist aber immer auf diese äußerliche Formgebung gelegt, und man sieht, wie auf «Wirkung» abgezielt wird, wozu auch das starke Herausarbeiten der Figuren aus dem Hintergrunde dienen sollte. Auch ragen bisweilen einzelne Glieder aus der Wandfläche heraus, was die ältere Flachbildnerei vermieden hatte.
Andere Schulen. Daß auch außerhalb der genannten Kunststätten Bedeutsames geschaffen wurde, ist zweifellos, wenn sich auch im einzelnen nichts Bestimmtes darüber nachweisen läßt, inwieweit der Einfluß der genannten Schulen reichte oder Selbständigkeit anzunehmen ist. Der «Farnesische Stier» wird beispielsweise von einigen der rhodosischen Schule, von anderen der pergamenischen zugeschrieben. Unter den Werken, welche von
^[Abb.: Fig. 120. Ruhender Ares.
Sog. Ares Ludovisi. Rom, Museo Boncompagni.] ¶