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Monatsbeiträge
Juni 2023, Werner Reichart-Nussbaumer
1897 - Bau des ersten Kirchturms in Leutwil
Das Kirchlein in Leutwil, das nächstes Jahr sein 750-jähriges Jubiläum feiern wird, hatte früher nur ein kleines Türmlein auf dem Kirchendach. Das Türmlein war aus Holz und enthielt zwei kleine Glocken und eine Kirchenuhr. Das spitze Dach war mit Schindeln gedeckt. Wind und Wetter setzten dem Türmlein stets zu, sodass über die Jahrhunderte immer wieder gründliche Reparaturen nötig waren.
Als sich etwa 1890 wiederum eine Reparatur aufdrängte, überlegte die Kirchenpflege, ob nicht eine dauerhafte Lösung möglich wäre. Man fragte deshalb beim Kantonsbaumeister Ammann an, ob er Pläne für einen Kirchturm erstellen könnte.
Allerdings musste mehrmals gefragt und gemahnt werden, bis endlich fertige Pläne ausgeliefert wurden. Die Pläne sahen einen Turm vor, der ziemlich genau wie ein kleiner Bruder vom Kirchturm in Seon aussehen würde. Um die Baukosten zu decken, sollte Holz aus dem kircheneigenen Wald verkauft werden.
Kirchturm um 1930
Es ging nun aber doch nicht so rasch vorwärts wie gehofft. Zuerst war die Frage zu klären: Wo soll denn der Turm gebaut werden? Für die einen kam nur die Südseite in Frage. Dagegen wehrte sich ein Fabrikant und Grossrat, der grossen Einfluss hatte. Er würde das Projekt blockieren, wenn der Turm nicht nach seinem Willen an der Westseite der Kirche angebaut würde. Schliesslich entschied sich die Kirchgemeindeversammlung nach heftiger Diskussion für die Südseite. Dort waren auch weniger Gräber betroffen, die umgebettet werden mussten.
Kirchturm um 1940
Eine weitere Frage betraf den Chor der Kirche, der schon lange baufällig war.
Mit dem Chor hatte es eine besondere Bewandtnis. Wie das Pfarrhaus gehörte merkwürdigerweise auch der Chor dem Kanton Aargau und nicht der Kirchgemeinde. So war also der Kanton für den Unterhalt und die dringend nötigen Reparaturen am Chor zuständig. Schon Jahre vorher hatten die Leutwiler vom Kanton verlangt, endlich etwas zu unternehmen. Nun drängte sich auf, gleichzeitig mit dem Turmbau auch den Chor zu sanieren und eventuell sogar zu vergrössern. Der Kantonsbaumeister Ammann hatte ein Einsehen und konnte erreichen, dass der Regierungsrat die nötigen Fr. 4'000.- bewilligte. Herr Ammann lieferte auch die Pläne für einen von 5,5 Quadratmetern auf 55 Quadratmetern erweiterten Chor. So konnte im August 1897, also vor 125 Jahren, der Bau von Kirchturm und Chor beginnen.
Die Steine aus dem Steinbruch von Mägenwil wurden mit der Bahn nach Hallwil oder Boniswil transportiert und die Fuhrleute von Leutwil und Dürrenäsch brachten die Steine auf die Baustelle. Die Maurerarbeiten wurden von Firmen in Kölliken und Reitnau übernommen. Es zeigte sich, dass das Fundament für den Turm anderthalb Meter tiefer gelegt werden musste als geplant. Bis November war der Rohbau fertig. Erst im Frühjahr wurde weiter gebaut.
Der neue Chor erhielt drei nach gotischem Vorbild gestaltete Fenster. Der Kirchenraum wurde dadurch viel heller. Eine Sammlung für eine «Gestalt» im mittleren Fenster, ergab knapp zweihundertfünfzig Franken. Der Glasmaler von Basel lieferte ein Bild mit dem segnenden Heiland, das heute noch die Gemeinde erfreut.
Nach Vollendung der Bauarbeiten fand die Uhr aus dem Dachreiter ihren Platz im neuen Turm, mit grösseren Zifferblättern als bisher. Die zwei vorhandenen Glöcklein wurden eingeschmolzen und ein neues dreistimmiges Geläute in einen eisernen Glockenstuhl eingebaut. Das eine dieser Glöcklein war uralt und stammte noch aus vor-reformatorischer Zeit. Der Sage nach sollte es Silber enthalten, aber die chemische Analyse konnte leider keine Spuren von Silber entdecken.
Während der Bauphase gelang es nach einigen Schwierigkeiten, einen Kredit von siebentausend Franken aufzunehmen. Um die Zinsen und die Amortisation bezahlen zu können, musste die Kirchensteuer um die Hälfte erhöht werden, was nicht überall geschätzt wurde. In der Folge traten fünfundzwanzig Kirchgenossen, die der Täuferbewegung anhingen, aus der Kirche aus. Da der Holzverkauf auch nicht das erhoffte Ergebnis abwarf, kam die Kirchenpflege in erhebliche Probleme. Mehrere Handwerker mussten sich mit Abschlagszahlungen begnügen und zum Teil Rabatte zugestehen. Auch den Kirchenpflegern und dem Pfarrer, der als Aktuar der Kirchenpflege viel Schreibarbeit geleistet hatte, verweigerte die Kirchgemeindeversammlung jegliche Anerkennung ihrer grossen Mehrarbeit.
Mit der Zeit beruhigten sich die Gemüter und der Turm war sechzig Jahre lang ein Wahrzeichen für Leutwil, bis eine neue Zeit den Turm mit seiner hochragenden Spitze durch einen schlichten Käsbissenturm ersetzte.
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Dokument
- Titel:1897 - Bau des ersten Kirchturms in Leutwil
- Autor:Werner Reichart-Nussbaumer, Dürrenäsch
- Veröffentlichung:1. Juni 2023
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Quellen
- Aus dem Pfarrarchiv der Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch