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Fussballerbiografien sind in der Regel weder besonders literarisch noch besonders aufschlussreich noch geeignet, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Zum Glück gibt es auch von dieser Regel immer wieder Ausnahmen. Mich hat so eine Ausnahme neulich mitten ins Herz getroffen.
Auf einer Bahnfahrt musste ich in Lausanne auf einen Anschluss warten. Mein Lesestoff war ausgegangen. Am Bahnhofskiosk lag ein Stapel Bahnhofsliteratur. Auf einem Buchdeckel sah ich das Halbkörperporträt eines arrogant dreinschauenden Burschen in modischem T-Shirt und Designerjeans. «Moi, Zlatan Ibrahimovic» las ich auf dem Cover. Ich kaufte das Buch in der Annahme, meine Französischkenntnisse, die für die Lektüre von Dichtern wie Charles Baudelaire oder Arthur Rimbaud zu dürftig sind, könnten mir wenigstens zu einer unangestrengten Lektüre leichter Kioskliteratur verhelfen.
Für ein Stündchen oder zwei wollte ich mich lesend berieseln lassen. Hierfür erschien mir dieses ins Französische übersetzte Geplapper des Strafraumkönigs aus dem schwedischen Rosengard geeignet.
Es kam ganz anders. Das Buch, das der schwedische Autor David Lagercrantz aufgezeichnet hat, ist nicht einfach eine weitere Biografie eines schwerreichen, langweiligen Starkickers. Viel eher entpuppte sich der Text als hervorragende soziologische Studie zu Fragen, zu denen wenig bis gar nichts in der zeitgenössischen Literatur nachzulesen ist: Was geht in den Köpfen entwurzelter Vorstadtkinder vor, die in einem reichen Land zur Welt kommen und dennoch ständig zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft der Alteingesessenen keine Akzeptanz erfahren? Was für ein Verhältnis entwickeln diese Entwurzelten zu Statussymbolen wie Kleidern, Uhren, Autos oder Villen? Was geschieht, wenn einer dieser Ausgeschlossenen auf einmal doch den Anspruch stellt, zu jener Gesellschaftsschicht zu gehören, die ihn partout nicht will?
Wenn Ibrahimovic den Unterschied zwischen schwedischen Musterfamilien und seiner eigenen Herkunftsfamilie erklärt, tut er dies zum Beispiel anhand des Frühstücks. Er habe erst als Erwachsener festgestellt, dass es Sätze gebe wie: «Schatz, reich mir doch bitte die Butter.» Vorher sei er einfach davon ausgegangen, dass entweder überhaupt keine Butter mehr im Haus sei oder dass die Familienmitglieder sie sich gegenseitig aus der Hand rissen.
Heute hat Zlatan Ibrahimovic fast alles erreicht, was er sich erträumt hatte. Dennoch hört er nicht auf zu betonen, dass er ein Ghettokind ist. Er verachtet alle Reichen, die ihren Reichtum verstecken. Er verachtet bescheidenes Understatement. Und er verachtet feine Manieren. Wer Zlatans Biografie liest, beginnt nicht bloss zu verstehen, woraus diese vermeintliche Arroganz gewachsen ist. Die Aufzeichnungen halten uns auch einen Spiegel vor, weil sie uns vor Augen führen, wie wenig wir Integrierten, wie wenig wir Einheimischen über die Fremden wissen, die neben und unter uns leben.
«Moi, Zlatan Ibrahimovic» ist ein Buch über das Fremdsein. Es berichtet von einem Gefühl des Fremdseins, das sich weder durch Erfolg noch durch Geld beseitigen lässt. Fremdsein hat mit den Verletzungen aus der Kindheit zu tun. Fremdsein hat mit gegenseitigem Nichtverstehen zu tun. Es ist heuchlerisch, den Fremden zu sagen, sie sollen sich anpassen, wenn deren Anpassungsleistung nicht anerkannt wird.
Das mag als Erkenntnis nicht ganz neu sein. Aber zumindest für mich war es neu, solche Dinge aus einem Buch zu erfahren, das zur Gattung der Fussballerbiografien zählt.
Im kommenden Herbst soll «Moi, Zlatan Ibrahimovic» auf Deutsch erscheinen. Doch vielleicht ist es gar nicht schlecht, sich der Lebensgeschichte dieses Dauerfremden in einer Fremdsprache anzunähern. Das Buch ist voll von Erkenntnis und Menschlichkeit. Es erzählt nicht bloss von Fallrückziehern, sondern auch von Fallstricken.
Pedro Lenz (48) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er wartet auf den Tag, an dem Zlatan Ibrahimovic für die Berner Young Boys aufläuft.