Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03549.jsonl.gz/1097

Die zweigeteilte Ausstellung «Satanische Verse & verbotene Bücher» im Museum Strauhof ist im unteren Stock mit dem Fokus auf die Zensur stark, während im Obergeschoss die Fragestellung wie auch die dazu präsentierte Haltung regelrecht zerfleddern.
Das Kämpferische der Erlangung einer Selbstermächtigung steht an erster Stelle: Die Worte der Sklavin Jennie Proctor beschreiben, wie sie sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Alabama mit Noah Websters «The american spelling book» heimlich und nächtens das Lesen selber beigebracht hatten und damit die Bestrebung der Herrschaft, sie dumm zu halten, unterliefen. Daneben prangt das «Lob des Lernens» aus Bertolt Brechts Theateradaption von Maxim Gorkis «Die Mutter» an der Wand: «Lass dir nichts einreden, schau selber nach. Was du nicht selber weisst, weisst du nicht.» Die Vorstellung der «idealen Gesellschaft» als einer, in der bloss eine Elite über Wissen verfügt, geht der Ausstellung gemäss bis auf Platon zurück: «Die Kunst der Dichter bringt die Bürger:innen auf falsche Gedanken und destabilisiert letztlich das Gemeinwesen.» Die Ausstellung des Kurator:innentrios Rémi Jaccard, Philip Sippel und Käthe Wünsch stellt zuvorderst klar: Es geht immer um Macht. Sie zu bewahren oder zu erlangen.
Kirche, Dynastien, Staatssysteme
Ob die Katholische Kirche, die chinesische Ming-Dynastie, die stalinistische Sowjetunion, die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika oder die Tyrannei des Nationalsozialismus – alle haben die Gefahren des sogenannt freien Denkens erkannt und nach Möglichkeit mit drakonischen Strafen zu bannen getrachtet. Wenn als Möglichkeiten nur richtig und falsch existieren, muss jemand darüber richten. Im Fall der klassischen Zensur ist das der Staat oder eine weitere übermächtige Obrigkeit. Ausgestellte Beispiele verbotener Druckwerke reichen von der wissenschaftlichen Erkenntnis eines Galileo Galilei über philosophische Grundlagen eines Immanuel Kant bis zur Selbstermächtigung einer Simone de Beauvoir, die zu ihrer Zeit als Bedrohung für das geltende Weltbild, also die Macht der Herrschaft angesehen wurden. Die Hinweise auf eine Reihe meist literarischer Werke aus den letzten 150 Jahren, die unter dem Aspekt der moralischen Verwerflichkeit mit einem teilweisen Bann belegt wurden, sind erst lesbar, wenn ein mit Stichworten bedruckter Deckel zur Seite geschoben wird. Zu jedem Werk steht neben einer Inhaltsangabe die jeweilige Karriere, die sich im Verlauf der Jahrhunderte auch in ihr Gegenteil verkehren konnte. Die «120 Tage von Sodom» des Marquis de Sade zum Beispiel gelten in Frankreich seit 2017 als «nationaler Kulturschatz», was der Nationalbibliothek 4,5 Millionen Euro für den Erwerb der Erstausgabe wert war.
Wehret den Anfängen
Anhand der Sammlung Martin Dreyfus, die seit 1967 systematisch Erstausgaben der von den Nazis verbrannten Bücher sammelt und der künstlerischen Auseinandersetzung damit durch Annette Kelm steht der Nationalsozialismus im Fokus. Auffallend ist die beiderseitig gleich lautende Parole «wehret den Anfängen», die engagierte Literat:innen gegenüber dem sich etablierenden Regime genauso verwendeten wie das Regime gegenüber den von ihnen als zersetzend eingestuften Werken, – und sei es die Soldatenmoral. Bis hierhin ist die Ausstellung konzis und in den konkret ausgewählten Fällen häufig nicht nur lehrreich, sondern auch verblüffend. Wer das Sagen hat, benötigt keinen Grund für ein Verbot. Das mag die Brücke zu Salman Rushdies «Satanische Verse» schlagen, dessen Verfasser von Ruhollah Chomeini mit einer Fatwa belegt wurde, die dessen Nachfolger Ali Chamenei nochmals bekräftigte. Das Erstaunen im Westen, dass diese Fatwa auch dreissig Jahre später noch sogenannt Gläubige zur Vollführung der Tötungsaufforderung animiert, hat auch etwas Naives. Gegen die Verbreitung des Inhaltes – namentlich nochmals erschwert durch die Digitalisierung – blieb der Bann indes machtlos.
Streit um Einfluss
Je heutiger die Ausstellung wird, desto diffuser zeigt sich die Gemengelage und wird letztlich in der Betitelung auch nur noch mit einem Fragezeichen versehen geäussert. Versammelt sind mehrere Bestrebungen, die Unterbindung einer Verbreitung von Buchinhalten zu erwirken, die im Tonfall teils ausnehmend gehässig daherkommen. Allerdings unterscheidet die Ausstellung hier nicht mehr zwischen irgendwie geartetem Tunnelblick alias Fanatismus und einer dem ersten Exponat entsprechenden Bemühung zur Erlangung einer Selbstermächtigung. Zudem ist die Toninstallation gerade bei regem Publikumszuspruch nur suboptimal. Dieses kleine Ärgernis hat allerdings auch zur Folge, dass sich über die intellektuelle Auslegeordnung der hier sträflich vereinfacht zusammengefassten, nicht zusammengehörenden Problematik eine Begegnung mit dem eigenen Unwissen einstellt (Strafrecht) und so letztlich auch die profunde Überprüfung einer eigenen Haltung wie automatisch stattfindet.
«Satanische Verse & verbotene Bücher», bis 21.5., Museum Strauhof, Zürich.