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Menschen unterscheiden sich darin, wann und wie häufig sie negative Emotionen verspüren. Hoch neurotisch zu sein ist keine psychische Störung, kann aber direkt oder indirekt krank vor Sorge machen.
«All people are neurotic, but some people are more neurotic than others.»
V or einigen Wochen stiess ich im Internet auf einen Big Five Persönlichkeitstest. Als Psychologie-Studentin war das bei weitem nicht der erste Persönlichkeitstest, welchen ich ausfüllte, es war aber das erste Mal, dass mich ein Resultat davon etwas aus dem Konzept warf. Unter anderem wurden mir Eigenschaften wie «depressed», «self-loathing» und «some attraction to things associated with sadness» zugewiesen. Diese Eigenschaften beziehen sich auf die Persönlichkeitsdimension Neurotizismus.
Neurotizismus beschreibt die Tendenz, negative Gefühle wie Trauer, Angst oder Ärger zu empfinden. Individuen mit einer hohen Ausprägung dieses Merkmals neigen beispielsweise dazu, mit erhöhter Sensitivität auf Stressoren zu reagieren, jene als unüberwindbar zu betrachten und Schwierigkeit damit zu haben, die darauffolgenden Emotionen adaptiv zu regulieren (Ormel et al., 2013).
Begrifflichkeit und die Grenze zwischen Norm und Störung
Mein Erstaunen über das Resultat lässt sich vornehmlich auf die Begrifflichkeit zurückführen. Depressed wird umgangssprachlich sowohl für das Erleben einer depressiven Episode als auch für eine vorübergehende, niedergeschlagene Stimmung verwendet. Im Deutschen wird häufiger zwischen deprimiert (Hinweis auf die Stimmung) und depressiv (Hinweis auf eine depressive Störung) unterschieden. Dennoch wird die Differenzierung der beiden Adjektive im Alltagsgebrauch schwammiger, und mit ihr auch das Verständnis darüber, wo der Bereich «blosser» Stimmungsschwankungen verlassen wird.
Bezüglich der Bedeutung von neurotisch findet sich ein ähnliches Problem: Im 19. und 20. Jahrhundert leitete sich das Adjektiv von der Neurose ab, welche ursprünglich eine Gruppe psychischer Störungen beschrieb (Eysenck, 1998). Heute bezieht sich «neurotisch sein» auf ein Temperament; es handelt sich um ein genetisch und physiologisch determiniertes Merkmal, welches sich bereits in der frühen Kindheit etabliert und über die Lebensspanne hinweg relativ stabil bleibt (Rauthmann, 2016). Diese Stabilität ist ein Aspekt, in welchem sich hoher Neurotizismus von psychischen Störungen wie Depressionen oder Angststörungen abgrenzt. So können psychische Störungen nicht nur chronisch, sondern auch episodisch auftreten, und dies über die ganze Lebensspanne hinweg. Ein zweiter Aspekt ist das Ausmass, in welchem das Empfinden negativen Affektes die Lebensqualität und Funktionalität eines Individuums beeinträchtigt. Ein neurotisches Temperament kann den Alltag erschweren. Psychische Störungen hingegen beeinträchtigen das Erledigen täglicher Aufgaben signifikant, oder machen diese unüberwindbar.
Einbusse an Gesundheit
Psychische Störungen und Neurotizismus sind dennoch miteinander verbunden. Beispielsweise kann maladaptives Coping bei Stress eine Vulnerabilität für das Entwickeln diverser Psychopathologien wie Angst-, Substanzgebrauchs- und affektive Störungen darstellen (Ormel et al., 2013). Ähnlich kann auch die physische Gesundheit beeinträchtigt werden. Dies zum einen durch eine erhöhte Anfälligkeit für körperliche Beschwerden wie Asthma, Reizdarmsyndrom und Herzerkrankungen, zum anderen kann der «neurotische» Umgang mit den gesundheitlichen Komplikationen, beispielsweise durch Katastrophisierung der Symptome, die Krankheitslast erhöhen und dadurch zu weiteren Beschwerden führen (Widiger & Oltmanns, 2017).
Bei Individuen, welche sich im Inhalt dieses Artikels wiederfinden, dürften diese Befunde wohl keine positiven Emotionen auslösen: Da wird bereits täglich gegen die Gefühle angekämpft, und dann soll dies auch noch weitere unerwünschten Erfahrungen zur Folge haben. Wahrzunehmen, inwiefern Persönlichkeit mit gesundheitlichen Problemen interagiert, kann jedoch helfen, diesbezüglich mehr Achtsamkeit zu pflegen und folglich die Lebensqualität fördern.