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Auch in diesem Artikel unseres Dossiers über Tracking & Profiling geht es um unsere Daten und was Firmen und Plattformen daraus ableiten können. Er basiert auf einem Artikel im Guardian, in dem Seth Stephens-Davidowitz über seine Forschung mit Google-Suchanfragen berichtet.
Stephens-Davidowitz ist ein Datenwissenschaftler, der anonymisierte Google-Anfragen analysieren konnte. Er beginnt damit, dass Menschen andauernd lügen, und sei es, um vor sich oder anderen etwas besser dazustehen. Menschen lügen sogar in anonymen Umfragen. Stephens-Davidowitz versuchte nun, die «Wahrheit» über einige Themen herauszufinden, indem er Google-Suchanfragen untersuchte. Er hat mit dieser Arbeit nicht nur beeindruckende Ergebnisse erzielt, sondern als «Nebeneffekt» auch gezeigt, dass viele Menschen offensichtlich ihr Innerstes offenbaren, wenn sie auf Google suchen. Er schreibt:
Psychische Krankheiten, Sexualität, Abtreibung, Religion, Gesundheit. Nicht gerade unwichtige Themen; und dieser Datensatz, der vor wenigen Jahrzehnten nicht existierte, offenbart überraschende neue Einsichten in alle diese Themen. Ich bin nun überzeugt, dass Google-Suchanfragen der wichtigste Datensatz über die menschliche Psyche sind, der jemals gesammelt wurde. (Mental illness, human sexuality, abortion, religion, health. Not exactly small topics, and this dataset, which didn’t exist a couple of decades ago, offered surprising new perspectives on all of them. I am now convinced that Google searches are the most important dataset ever collected on the human psyche.)
Das erste Thema, dem er sich im Artikel zuwendet, ist sexuelle Orientierung. Gemäss Umfragen ist der Anteil homosexueller Männer in «toleranten» US-Staaten (z. B. Rhode Island) fast doppelt so hoch wie in «intoleranten» (z. B. Mississippi). Toleranz wird dabei beispielsweise gemessen an der Einstellung zu Themen wie der gleichgeschlechtlichen Ehe. Das könnte natürlich daran liegen, dass homosexuelle Männer in grossem Stil von intoleranten in tolerante Staaten umziehen. Es könnte aber auch schlicht daran liegen, dass Bewohner intoleranter Staaten ihre sexuelle Orientierung eher verheimlichen als jene in toleranten Staaten.
Stephens-Davidowitz untersuchte dazu die Google-Suchanfragen nach Pornofilmen für Homosexuelle und fand heraus, dass diese Anfragen in toleranten Staaten immer noch häufiger sind als in intoleranten, aber dass der Unterschied viel geringer ist, als durch die Umfrageergebnisse zu vermuten wäre (5.2 % in Rhode Island vs. 4.8 % in Mississippi). Stephens-Davidowitz konnte also den Anteil von homosexuellen Männern nur annäherungsweise (und nicht exakt) bestimmen, fand aber heraus, dass in intoleranten Staaten wesentlich mehr Männer heimlich homosexuell sind.
Ebenfalls mit Homosexualität hat die nächste Tatsache zu tun, über die er berichtet. Gemäss seiner Analysen ist die Frage, ob ihre Ehemänner homosexuell sind, die häufigste Frage von Frauen. Das Wort «homosexuell» steht mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit als «untreu» am Ende der Frage «Ist mein Mann …?». «Homosexuell» kommt in dieser Frage ebenfalls viel häufiger vor als «Alkoholiker» oder «depressiv».
Ein weiterer Umstand, über den viele Menschen die Unwahrheit sagen, ist die Häufigkeit, mit der sie Sex haben. In Umfragen wird diese Angabe oft stark übertrieben. Stephens-Davidowitz fand nun unter anderem heraus, dass die häufigste Klage von Frauen gegenüber Google über ihre Partner die ist, dass sie nicht oft genug Sex haben («My boyfriend won’t have sex with me»).
Ausserdem hat Stephens-Davidowitz Suchanfragen hinsichtlich rassistischer oder religiöser Stereotype (gegen Afroamerikaner, Muslime, Juden) untersucht. Während die meisten US-Amerikaner (auf sie bezog sich seine Analyse) nicht offen zugeben würden, Rassisten zu sein, zeigt die Untersuchung klar, dass der Anteil von Menschen mit rassistischen oder religiösen Stereotypen wesentlich höher ist als vermutet.
Stephens-Davidowitz’ Analyse verhilft uns unzweifelhaft zu einem besseren Verständnis menschlicher Einstellungen zu Themen, in denen Menschen beispielsweise in Umfragen nicht wahrheitsgetreu antworten. Noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass mit Hilfe von Suchanfragen Einstellungen und Eigenschaften sowie intimste Fragen und Sorgen der Nutzer:innen ermittelt werden können.
Der analysierte Datensatz war anonymisiert; Stephens-Davidowitz konnte also die Suchanfragen nicht mit Personen assoziieren. Google kann das jedoch, denn es ist davon auszugehen, dass Menschen, die derart private Dinge in eine Suchmaschine eingeben, dies nicht auf eine die Privatsphäre schützende Weise tun. Das heisst, Google kennt von vielen Menschen ihre verschwiegene sexuelle Orientierung, weiss, dass sie gerne öfter Sex hätten, heimliche Rassisten sind usw. In anderen Worten, Google weiss mehr über die Menschen als deren Partner und engste Freunde!
Der Guardian-Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Everybody Lies.