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Wissen
History Points auf dem LG-Areal
Text: Dr. Michael van Orsouw, Bilder: Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich
Die Landis & Gyr beschäftigte im Werk Zug bis zu 5000 Mitarbeitende und fühlte sich für deren Wohlergehen verantwortlich. Sie sorgte sich um sie in einem umfassenden Sinn: mit zeitgemässen Kantinen, mit Duschen und Bädern, aber auch mit einer Betriebskrankenkasse und grosszügigen Sozialorganisationen.
Die Landis & Gyr war ein Kind ihrer Zeit und gebärdete sich zunächst nicht sozialer, als es das Fabrikgesetz verlangte. Im Ersten Weltkrieg (1914–1918), der mit Mangelwirtschaft und langen Aktivdiensten viele Familien in Notlage brachte, baute die LG die Arbeiterwohlfahrt aus und sammelte erste Erfahrungen mit Sozialinstitutionen. Zum einen richtete die Fabrik 1915 den «Angestellten- und Arbeiterfonds zur Unterstützung bei unverschuldeter wirtschaftlicher Bedrängnis» ein, um unbürokratisch das Überleben von notleidendem Personal zu sichern. Zum anderen gab es in der Fabrik sogenannte Soldatenstuben, geführt vom Schweizer Verband Volksdienst. Das Konzept, wie dort Offiziere und Soldaten gemeinsam verpflegt wurden, wollte die LG-Direktion nach Ende des Kriegs auf die Fabrik transferieren und Direktion, Angestellte und Arbeiter miteinander verpflegen.
Nach Ende des Weltkriegs baute die LG ihr fabrikeigenes Sozial- engagement weiter aus. Im November 1918 kam es zum Generalstreik in der Schweiz und zu einer sozialen Krise mit gefährlichen Spannungen in der Gesellschaft. Die LG reagierte rasch und institutionalisierte die Arbeiterwohlfahrt auf mehrere Weise. Dazu führte sie noch 1918 die obligatorische Betriebskrankenkasse ein und stattete diese mit einem Grundkapital von 25’000 Franken aus. Zudem holte die LG einen Leiter des neuen Bereichs Arbeiterwohlfahrt: Er hiess Walter Stammbach und hatte zuvor bei der Schuhfabrik Bally in Schönenwerd die gleiche Aufgabe innegehabt. Ab 1919 gab es erstmals eine Arbeitervertretung, welche die Anliegen der Belegschaft regelmässig bei der Direktion besprechen konnte. Zudem bot Direktor Fritz Schmuziger eine Arbeitersprechstunde an, auch für private Probleme hatte er offene Ohren.
Weitere Angebote im «Wohlfahrtsuniversum» waren der firmeneigene Tennisplatz, eine Dörranlage für Obst und Gemüse oder Näh- und Kochkurse für die Belegschaft, aber auch die Abgabe vergünstigter Lebensmittel oder Brennmaterialien.Matthias Wiesmann, Wirtschaftshistoriker
Die Landis & Gyr wollte mit diesem ganzen Bündel an Sozialmassnahmen nicht die Wohlfahrt neu definieren, sie wollte der Belegschaft eine möglichst umfassende Versorgung bieten, damit diese ihre Leistung am Arbeitsplatz erbringen konnte. Schritt für Schritt ging der Ausbau der Sozialfürsorge weiter. 1920 konnte die LG-Belegschaft auch ihre Familien- angehörige in der Betriebskrankenkasse versichern (Anm. d. Red.: Die einstige Betriebskrankenkasse besteht übrigens noch heute unter dem Namen KLuG). Ab 1921 gab es überdies einen «Freibettenfonds», der dem Personal, das länger ausfiel, einen Teil der Spitalkosten bezahlte. Damals gab es beispielsweise noch Tuberkulosekranke, die auf monatelange Hospitalisierungen angewiesen waren.
Ebenfalls 1921 schuf die LG die «Wohlfahrtsstiftung Landis & Gyr», eine Frühform der Pensionskasse, welche die Altersfürsorge mit Beiträgen der Firma und Beiträgen der Arbeitnehmer sicherstellen sollte – schliesslich gab es damals noch keine Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung (AHV). Doch die Belegschaft stellte sich mehrheitlich gegen ein Obligatorium der Altersfürsorge, sodass die Mitgliedschaft freiwillig blieb (Anm. d. Red.: Erst 1941 wurde die Altersfürsorge mittels Pensionskasse obligatorisch erklärt, dazu gab es neu auch eine freiwillige «Sparkasse mit Todesfallversicherung»).
Weitere Angebote im «Wohlfahrtsuniversum», wie es Wirtschafts- historiker Matthias Wiesmann nennt, waren der firmeneigene Tennisplatz, eine Dörranlage für Obst und Gemüse oder Näh- und Kochkurse für die Belegschaft, aber auch die Abgabe vergünstigter Lebensmittel oder Brennmaterialien. Zudem verpachtete die LG dem Personal Parzellen für Kleingärten, die sehr beliebt waren. Schliesslich stellte man auch Duschen und Badewannen für die Belegschaft zur Verfügung.
Ebenfalls in den 1920er-Jahren – noch immer im Werk Hofstrasse – entstand eine eigenständige Kantine: Dort gab es ab 1923 heisse Suppe, aber auch Würste, zudem standen Aufwärmapparate für mitgebrachte Verpflegung zur Verfügung. Wer ausgiebig essen wollte, wurde aber an das alkoholfreie Restaurant Falken an der Zuger Neugasse verwiesen, welches die LG mitfinanzierte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die LG zum sozial bewussten und verantwortungsvollen Unternehmen geworden, auch im Vergleich zu anderen grossen Arbeitgebern der Region.
Nach dem grossen Teil-Umzug der Firma 1929 an die Gubelstrasse standen weitere Kantinenräume zur Verfügung. Der grosse Ausbau erfolgte daraufhin in den 1950er-Jahren. 1953 erstellte die LG-Bauabteilung das grosse Kantinengebäude südwestlich vor dem Verwaltungsgebäude, mit Sichtkontakt auf die Gubelstrasse und damit der Stadt Zug zugewandt, durchaus mit der Absicht, die soziale Verantwortung des Konzerns gegenüber der Belegschaft für alle gut sichtbar zu machen (Anm. d. Red.: Heute steht es nicht mehr). Dem damaligen Zeitgeist entsprechend nahm die LG komfortmässig eine Abstufung vor: Es gab dort eine Arbeiterkantine mit langen Tischen und einfacher Ausstattung sowie eine Angestelltenkantine mit kürzeren Tischen und heimeligeren Räumen. In den erstgenannten Räumen sassen die Arbeitnehmenden in den «Übergwändli», in zweitgenannten diejenigen mit den weissen Hemden und Faltenröcken. Aber gutes Essen kam in beiden Kantinen auf die Tische.