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von Dr. Jana Nikitin
Immer mehr Mütter entscheiden sich nach der Geburt des Kindes wieder in den Beruf einzusteigen. So blieben im Jahr 2014 nur noch knapp 20% der Schweizer Mütter von Kindern unter sechs Jahren zu Hause, während über 80% Teilzeit- oder Vollzeit arbeiteten (davon die Hälfte in einem hohen Teilzeit- oder einem Vollzeitpensum).
Das führt dazu, dass immer mehr Kinder (aktuell etwa 30%) unter sechs Jahren in familienergänzender Kinderbetreuung – sprich Krippen und Kindertagesstätten – untergebracht werden. Die Zunahme an familienergänzender Betreuung löst nicht selten emotionale Diskussionen über die Rolle der Mutter in der Familie und der Gesellschaft aus. Ein wichtiges Argument gegen familienergänzende Betreuung sind Studienergebnisse (vorwiegend aus den USA), die einen Zusammenhang zwischen frühem Krippenbesuch und Aggressivität der Kinder zeigen. Diese Studien besagen, dass je früher, je häufiger und je länger die Fremdbetreuung, desto problematischer. Die fehlende Bindung an die Mutter und eine schlechte Sozialisierung in der Krippe würden dazu führen, dass Kinder auffälliges soziales Verhalten an den Tag legen.
Doch diese Studien werden vermehrt kritisiert, weil nicht klar ist, welche Eltern und aus welchem Grund sie ihre Kinder ausserhalb der Familie betreuen lassen. Man kann nicht ausschliessen, dass gerade diejenigen Kinder, die fremdbetreut werden, generell zu aggressivem Verhalten tendieren. Folglich wäre nicht familienergänzende Betreuung per se problematisch, sondern es würden eher problematische Kinder fremdbetreut werden. Um diesen sogenannten Selektionsgrund auszuschliessen, bedarf es Studien in Ländern, in denen die Fremdbetreuung ein breites und normatives Phänomen ist.
Zu diesen Ländern gehört Norwegen. Kurz nach der Jahrtausendwende hat sich Norwegen zum Ziel gesetzt, allen Eltern einen Zugang zu einem öffentlichen, staatlich dotierten und qualitativ hochstehenden Betreuungsangebot zu ermöglichen. So wird heute die Mehrheit (über 80%) der norwegischen Kinder nach dem ersten Lebensjahr (in dem die Eltern den Mutter- und Vaterschutz geniessen) in staatlich dotierten Krippen betreut.
Diesen Umstand hat sich ein internationales Forscherteam zunutze gemacht, um den Zusammenhang zwischen Krippenbetreuung und Aggression zu untersuchen. Die Forscher haben Eltern und Betreuungspersonen von norwegischen Krippenkindern vier Jahre lang begleitet und sie in regelmässigen Abständen befragt. Dabei war vor allem von Interesse, in welchem Alter Kinder in die Krippe eingestiegen sind, wie viel Stunden pro Woche sie dort verbrachten und wie lange sie dort betreut wurden. Zusätzlich wurden Eltern und Betreuungspersonen gefragt, wie häufig das Kind aggressiv ist, das heisst andere Kinder oder Erwachsene schlägt, schubst, an den Haaren zieht, kneift, mit Sachen bewirft, tretet oder beisst.
Die Ergebnisse zeigten ein leicht erhöhtes aggressives Verhalten der früh betreuten Kinder im Alter von zwei Jahren. Dieser schwacher Effekt der frühen Fremdbetreuung sank aber schnell und mit vier Jahren haben sich die früh und spät fremdbetreuten Kinder nicht mehr voneinander unterschieden. Auch die Anzahl der Stunden und die Länge der Betreuung haben keinen Effekt auf die Aggression gehabt.
Wenn also die frühe familienergänzende Betreuung gesellschaftlich geregelt und akzeptiert ist und eine hohe Qualität aufweist (in Norwegen darf zum Beispiel das Verhältnis zwischen Kindern und Betreuungspersonen nicht 4:1 übersteigen), können Mütter und Väter beruhigt arbeiten gehen, ohne sich Sorgen um ihre Sprösslinge zu machen.
Offen bleibt, welche Auswirkungen eine sehr frühe Fremdbetreuung (vor dem ersten Geburtstag des Kindes) hat und ob sich Fremdbetreuung auf andere Bereiche der kindlichen Entwicklung (zum Beispiel auf die intellektuelle Entwicklung) negativ auswirkt. In ihrem sozialen Verhalten scheinen aber die kleinen Knöpfe keine Benachteiligung zu haben, wenn Papa und Mama berufstätig sind.
Quellen:
Bundesamt für Statistik
Dearing, E., Zachrisson, H. D., & Naerde, A. (2015). Age of entry into early childhood educationa and care as a predictor of aggression: Faint and fading associations for young Norwegian children. Psychological Science, advanced online publication. doi:10.1177/0956797615595011
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