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Im Kontext des Bildungsausbaus der 1960er-Jahre stellte sich in Basel wie anderswo die Frage, wo die rasant gestiegene Zahl der Studenten untergebracht werden sollte. Der Grossteil der Studenten aus Basel wohnte weiterhin bei den Eltern, während die Auswärtigen in angemieteten Zimmern bei einer Schlummermutter unterkamen. Im Verlauf der 60er- und 70er-Jahre etablierten sich daneben aber neue studentische Wohnformen: das Wohnen in Studentenheimen und in Wohngemeinschaften.
Die älteste studentische Wohnform: Einmieten bei einer Schlummermutter
Wer in Basel studieren wollte, aber nicht aus Basel kam, mietete sich im Normalfall in einem Privathaushalt ein und bezog dort ein Zimmer. Das Wohnen bei einer sogenannten «Schlummermutter» entsprach der lange üblichen Praxis, dass Handelsreisende und temporäre Arbeitskräfte sich bei Familien gegen ein Salär einmieten konnten und verköstigt wurden. Bereits im dem Mittelalter hatte diese Wohnform – neben der institutionalisierten Form des Wohnens in den Bursen – auch für Studierende existiert.
In vielen gutbürgerlichen Häusern standen in den 60er-Jahren ehemalige Dienstmädchenzimmer leer, da der Dienstmädchenberuf gegenüber Berufen im Büro und im Dienstleistungssektor an Attraktivität verloren hatte. In den ehemals vom Dienstpersonal bewohnten Zimmer kamen so Studenten und Studentinnen unter, wobei mit niedrigen Wohnkosten gerade für Studentinnen zum Teil die Pflicht zur Mitarbeit im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung verbunden war.
Viele Vermieter nahmen aber liebe männliche Studenten bei sich auf, weil Männer nach allgemeiner Ansicht unkomplizierter waren, da sie keinen Anspruch darauf Stellten, ihre Sachen im Haus selbst zu waschen. Zudem schien man bei den Männern weniger als bei den Studentinnen Acht darauf geben zu müssen, dass sie keinen Besuch des anderen Geschlechts auf ihren Zimmern empfingen.
Im Laufe der 1960er-Jahre begannen die Zimmer, die von Privatpersonen vermietet wurden, knapp zu werden. Trotz der Aufrufe in Zeitungen, man möge freie Zimmer im Sinne des Gemeinwohls an Basler Studenten vermieten, reichte das Angebot für die gestiegene Zahl der Studierenden nicht aus. Hinzu kam, dass die Studierenden im Kontext der Studentenbewegung neue Lebens- und Wohnformen, jenseits der Aufsicht durch eine Schlummermutter oder das Elternhaus, anstrebten. Unter diesen Vorzeichen bildeten sich seit den 1960er-Jahren neue studentische Wohnformen heraus.
Neue Wohnformen: Studentenheime und Wohngemeinschaften
Bereits im Vorfeld des grossen Universitätsjubiläums von 1960 war die Errichtung eines Studentenheims im Grossen Rat diskutiert worden. Dieser Antrag wurde zwar verworfen, im Verlauf der 1960er-Jahre gelang es aber innerhalb relativ kurzer Zeit, mehrere Studentenheime zu gründen: 1965 entstand die Genossenschaft Studentenheim an der Mittleren Strasse, 1967 das Katholische Wohnheim an der Herbergsgasse, 1974 das «Le Centre» am Holbeinplatz. Getragen wurden diese und andere Heime von privaten Vereinen und Stiftungen sowie zum Teil von staatlichen Unterstützungsgeldern. Noch heute sind diese Unterkünfte gerade auch bei Studierenden aus dem Ausland beliebt, die dort ein möbliertes Zimmer beziehen und von der bereits bestehenden Infrastruktur profitieren können.
Im Kontext der politischen Bewegung der Zeit wollten die Studierenden aber auch neue Wohnformen erproben und in Wohngemeinschaften zusammen zu wohnen. Sogenannte WGs hatten sich in Vorreiterstädten wie Berlin schon einige Jahre zuvor etabliert, stellten in Basel aber Ende der 60er-Jahre noch ein Novum dar.
Die WG bot nicht nur die Möglichkeit, durch das gemeinsame Beziehen einer Unterkunft kostengünstig zu wohnen, sondern auch, unkonventionelle Wohn- und Lebensformen jenseits der bürgerlichen Kultur zu entwickeln. Die Bewohner von Wohngemeinschaften verbanden die Werte von Gleichrangigkeit und Unabhängigkeit, gegenseitigem Austausch und Offenheit für die Zukunft. Der Haushaltstyp zeichnete sich zudem durch bestimmte Wünsche an den Wohnraum aus: Man wünschte sich etwa gleich grosse Einzelzimmer für jeden Mitbewohner sowie einen Gemeinschaftsraum, in dem gemeinsam gegessen und diskutiert werden konnte. Häufig bevorzugten die Studierenden Altbau-Wohnungen in Quartieren mit einem attraktiven Angebot an Kultur und Kneipen. Aber auch Wohnlagen auf dem Land waren bei einigen Studierenden begehrt: Ehemalige Arbeiterhäuser etwa, die zu einem günstigen Mietzins zu haben waren, boten die Möglichkeit, im Garten selbst Nutzpflanzen anzubauen und aus den gängigen Konsumgewohnheiten auszubrechen.
Nicht zuletzt war das WG-Wohnen, mindestens in seinen Anfängen, auch ein politisches Statement und Bestandteil einer spezifisch studentischen Identität: Man wollte gerade nicht innerhalb der vorgegeben Strukturen eines Studentenheims, bei einer Schlummermutter oder im Elternhaus wohnen, sondern in einem ‹self-made home›. Einige wenige Wohngemeinschaften versuchten sich darüber hinaus in integrativen Lebensformen und gliederten Drogensüchtige oder Behinderte in ihre Gemeinschaft ein. Die meisten WGs bestanden jedoch ohne sozialintegrative Absicht aus Studierenden und anderen in Ausbildung stehenden oder kreativ tätigen Personen.
Furcht vor «illegalen Machenschaften» in den WGs
Es dauerte eine ganze Weile, bis die WG sich als Wohnform im Basel etablieren konnte. Gerade der Verein Studentische Wohnvermittlung (WoVe) setzte sich auf dem Wohnungsmarkt, aber auch mit öffentlichen Aktionen für sie ein. Die Vorurteile gegenüber den Wohngemeinschaften hielten sich aber lange Zeit hartnäckig: WGs standen im Verdacht, nicht nur Schlendrian walten zu lassen, sondern auch in «illegale Machenschaften» (Verbreitung kommunistischen Gedankenguts, Drogenkonsum, Leben in Konkubinatsverhältnissen usw.) verwickelt zu sein. Sie wurden regelmässig von der Polizei kontrolliert.
An diesen Vorurteilen änderten vorerst auch wohlwollende Berichte in den Medien nicht viel. Die «National-Zeitung» schrieb am 15.2.1972, sie hätte sich bei einem «Rundgang durch verschiedene Wohnungen» davon überzeugen können, dass die Wohnungen der Basler Wohngemeinschaften «äusserst sorgfältig gepflegt werden und dass die Eigentümer keine Umtriebe zu befürchten haben.» Ebenso hielt ein Bericht im Basler Stadtbuch von 1973 fest, von den geschätzten 200 WGs in Basel entsprächen nur etwa vier bis fünf den «gängigen Klischees». Die Mehrheit der Basler Wohngemeinschaften hingegen verbänden schlicht gemeinsame Interessen, materielle und wirtschaftliche Rationalisierung und das Bedürfnis nach kultureller und ideeller Auseinandersetzung.
«Statt Revolution ein ordentlicher Putzplan»: Studenten-WGs und andere Wohnformen heute
Spätestens seit den 90er-Jahren hatte sich die studentische Wohngemeinschaft gesellschaftlich und auf dem Wohnungsmarkt zu einer Normalität entwickelt und zugleich an politischer Brisanz eingebüsst. «Statt Revolution» dominiere in den WGs heutzutage «ein ordentlicher Putzplan», schrieb der Tagesanzeiger am 19.5.1998 in einem Bericht zum dreissigjährigen Jubiläum des Jahres 1968. Heute sind WGs allgemein anerkannt als eine kostensparende Wohn- und Lebensform, die gerade von Leuten in der Lebensphase von Ausbildung und Studium gewählt wird.
Knapp ein Viertel aller Studierenden wohnt denn auch heute in einer WG. Ein gutes weiteres Drittel wohnt alleine oder mit dem Partner bzw. der Partnerin, während knappe 35% der Studierenden im Elternhaus wohnen. Der Anteil Studierender, die noch bei den Eltern wohnt, nimmt jedoch mit steigendem Alter ab. Nur etwa 4% der Studierenden wohnen in den oft international besetzten Wohnheimen. Diese Verhältnisse schlagen sich in den von Studierenden am häufigsten bewohnten Quartieren nieder: Studierende wohnen in Basel bevorzugt in den Kleinbasler Quartieren Matthäus, Klybeck und in Kleinhüningen sowie im St.-Johanns-Quartier, in denen vergleichsweise kostengünstiger, aber kultur- und zentrumsnaher Wohnraum – oft in Altbauten – vermietet wird.
Den neuen Wohnformen zum Trotz hat aber auch das Wohnen bei Schlummermüttern nicht ausgedient: Die WoVe vermittelt heute noch neben Studentenwohnungen auch Unterkünfte in privaten Haushalten. Zudem scheint auch auf dem freien Wohnungsmarkt das Wohnen bei Schlummermüttern bei einigen Studierenden gut anzukommen, wie ein Bericht von Radio DRS vom 31.3.2009 zeigte. Schlummermütter und Studierende berichteten im «Treffpunkt» begeistert von den Vorteilen der ältesten Form studentischen Wohnens.