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Esma Isis-Arnautovic schilderte zu Beginn ihres Referats vom 19. Januar, dass im Moment rund 500'000 Muslime und Musliminnen in der Schweiz leben. 60 Prozent davon stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien – wie übrigens auch die Referentin selbst. Sie floh als Fünfjährige mit ihrer Familie, die einen bäuerlichen Hintergrund hatte, in die Schweiz und wuchs im Kanton Glarus auf. Nur 10 Prozent der muslimischen Schweizer Bevölkerung praktizieren ihren Glauben aktiv. Anhand ihrer persönlichen Biografie zeigte Esma Isis-Arnautovic auf, wie die Religion nach der Immigration in die Schweiz zentral für ihre Identität wurde. «Man kann uns alles wegnehmen (Heimat, Kultur, Land usw.), doch die Religion bleibt.»
Bruder als Kulturvermittler in der Familie
Zur Rolle der muslimischen Frau erhielten die Teilnehmenden der Lilienberg-Veranstaltung eine eindrückliche Schilderung der Ängste der Familie vor der ihr noch fremden Schweizer Gesellschaft. Oftmals übernahm der ältere Bruder innerhalb der Familie die Aufgabe des «Kulturvermittlers», indem er den Eltern die Gepflogenheiten in der Schweiz näher brachte. So unterstützte er seine Schwester bei der Teilnahme an Klassenlagern und beim Umzug in eine Wohngemeinschaft während des Studiums.
Der Koran sei in Bezug auf die Geschlechterfrage ambivalent, so die Islamwissenschaftlerin. Je nach Gewichtung und Interpretation dieser Stellen, liessen sich sowohl hierarchisierende als auch geschlechtergerechte Positionen ableiten. In diesem Zusammenhang erwähnte die Referentin beispielsweise den Koranvers 4.1: «Oh ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Wesen geschaffen hat und in derselben Weise das ihm entsprechende andere Wesen schuf.»
Laut Esma Isis-Arnautovic hat die patriarchale Struktur in der muslimischen Gesellschaft viele Gründe. Oft basiert sie auf kulturellen Wurzeln oder sozialen Missstönden, die dann mit religilösen Argumenten unterfüttert werden.
Koran wird oftmals missbräuchlich interpretiert
Esma Isis-Arnautovic warnte davor, den vorherrschenden, übertriebenen Schutz der Töchter auch mit «religiösen Alibis» zu erklären und auf diese Weise zu kaschieren. Falsches Zitieren und die Interpretationen der Lehre dienten zum Zweck der Festigung hierarchischer Geschlechterrollen. Eine weitere Gefahr im Umgang mit dem Koran sei die mangelnde historische Einbettung des bis zu 1500 Jahre alten Textes.
Darüber hinaus lässt sich die Auslegetradition eine Vielzahl von Deutungen und Positionen finden, sagte die Referentin. Ein eindrücklicher Textvergleich wurde im Referat zum Vers 4:34 des Korans angestellt. Dieser Vers, der sowohl Interpretationen als auch Übersetzungsvariationen unterworfen ist, behandelt das Verhältnis zwischen den Ehegatten. Es war dem Publikum zudem nicht bekannt, dass der heilige Text sogar Beispiele für einen islamischen Feminismus beinhaltet.
Fazit der Veranstaltung auf dem Lilienberg: Die Hierarchie innerhalb der Familie und die Rollenzuteilung der Frau einzig mit dem Faktor Religion erklären zu wollen, greift zu kurz. Dies nicht nur, weil Religion innerhalb der Familien individuell gelebt wird, sondern weil dem Koran auch unterschiedliche, mitunter geschlechtergerechte Deutungen zugrunde liegen.
Als Perspektive wünscht sich Esma Isis-Arnautovic ein Schaffen von Fakten und Best Practice Beispiele, wie man die Integration der Muslime in unsere Gesellschaft fördert und die Vorurteile gegenüber der muslimischen Religionsgemeinschaft abbaut.
Zyklus «Die Muslime in der Schweiz - und ihre Integration»; Unternehmerisches Gespräch vom 19. Januar 2016 «Die Muslime in der Schweiz - Leben, Kultur und Rollenverteilung»; mit Esma Isis-Arnautovic, Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft, Universität Fribourg; Moderation und Zusammenfassung: Sabine Ziegler, ehemalige Kantonsrätin (SP), Zürich; Redaktion: Stefan Bachofen.