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Religiöse Toleranz – Historische Grundlegungen und Praktiken in Europa seit der Reformation
18.-20. Oktober 2018 an der Universität Bern ➜Programm
Lateinische Bibelübersetzung (Frankfurt am Main 1697) mit dem frühesten fiktiven Porträt Castellios (UB Basel: FG IV 59), vgl. Guggisberg 1997, Abb. 3.
Die Berner Tagung soll die Diskussionen während der Castellio-Konferenz auf dem Monte Verità fortsetzen und vertiefen. Die Referate auf dem Monte Verità waren engauf Sebastian Castellio, die Kontexte des 16. Jahrhunderts und die reiche Wirkungsgeschichtevon Castellios Toleranzkonzeption konzentriert. Castellios Urteile über das Judentum wurden gründlich analysiert, aber wichtiger noch sind die Diskussionen überdas Zusammenleben von jüdischen und christlichen Bürgern im 18. und 19. Jahrhundert.
Wieder ist der Terminus post quem die Reformationszeit, denn das Schisma derchristlichen Kirche hat erstmals die Notwendigkeit hervorgebracht, sich in den protestantischenKirchen über den Umgang mit Andersgläubigen zu verständigen und dentraditionellen Ketzerbegriff zu hinterfragen. Seit der Reformation und den spiritualistischenund täuferischen „sectae“ in ihrer Folge und seitdem Dissidenten auch in neuenprotestantischen Kirchen nicht geduldet wurden, gab es unter Theologen einen Diskursüber Duldung christlicher Non-Konformisten, da diese gegen Ketzerverfolgungen Protest einlegten. Die Missionstätigkeit der Jesuiten gab Anlass, über die Legitimitätder Heidenmissionen und Massentaufen nachzudenken. Antonio Possevino SJ hatübrigens in seiner Missionstheorie Franciscus de Vitoria aufmerksam rezipiert. Diarmaid McCulloch macht dagegen die Reformatoren und die rabies theologorum der Reformationszeit für die Religionskriege verantwortlich. Castellios anonym 1563 erschienener Conseil à la France désolée warnt vor dem Irrsinn religiös begründeter Bürgerkriege und empfiehlt politische Maßnahmen zur friedlichen Konfliktlösung, hat aber das Blutvergießen nicht verhindern können. Haben erst Bürgerkriege, die im Namender Religion geführt wurden, und der Dreißigjährige Krieg über die Notwendigkeitbelehrt, dass einzig und vor allem Gesetze zum Schutz religiöser Minderheiten Intoleranz und maßlose Wahrheitsansprüche eindämmen können? Welche kollektiven Erfahrungenim Umgang mit religiöser Dissidenz gingen dem politischen Willen des Souveränsvoraus, Glaubensfreiheit zum Grundrecht in die Verfassung zu verankern? In die Toleranz-Konzeptionen des Juristen Reuchlin, Castellios, Bernardino Ochinos, Jacopo Acconcios, der Täuferführer und der Sozinianer sind die Erfahrungen religiöser Dissidenten mit Verfolgung und Austreibung eingegangen. Die Frage stellt sich, ob Sammlungen moderner Märtyrerviten, die Wirkungsgeschichte von Sebastian Francks Ketzerchronik seit 1531, Gottfried Arnolds Unpartheyische Kirchen- und Ketzerhistorie und Johann Lorenz Mosheims kirchengeschichtliche Werke und Quellensammlungendie im 16. Jahrhundert erarbeiteten Toleranzkonzeptionen ins kollektive Gedächtnisüberführt haben, ferner, ob diese Werke dazu beitrugen, vor religiösem Fanatismus zu warnen.
Der zeitliche Rahmen unserer Diskussionen über religiöse Toleranz soll zeitlich entgrenztwerden, damit auch gegenwärtige Diskussionen über die Grenzen der Toleranzund das vertretbare Maß von Intoleranz gegenüber Intoleranten berücksichtigt werden können.
Gefragt sind vor allem Vorträge, welche die Bedingungen für religiöse Toleranz untersystematischen und philosophiegeschichtlichen Aspekten problematisieren. Gewünschtsind außerdem Referate über historische Fallbeispiele gelebter Toleranz im Spektrum zwischen Duldung und Respektierung Andersdenkender und religiöser Dissidenten, nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern ebenso in Siebenbürgen, Ungarn, Polen, Litauen oder auch in England und den Niederlanden. Interessant wärengrundlegende philosophische Erörterungen über Wahrheitsansprüche religiöser Dogmenund welche Folgen die Aufhebung solcher Geltungsansprüche hätte, ebenso auch staatstheoretische und rechtsgeschichtliche Erörterungen über Bedingungen derfriedlichen Koexistenz verschiedener Glaubensgemeinschaften in einem Gemeinwesen.
Es ist mein besonderer Wunsch, dass wir Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Philosophen, Theologen, Historikern, Rechtshistorikern außerdem auch mit Vertretern der Geschichte und Kulturen in Osteuropa und der Judaistik ins Gespräch kommen, umnach den ästhetischen Potentialen fiktionaler Texte im Verhältnis zu den historischen Bedingungen zu fragen, in denen sie entstanden sind. Utopien wie Morus’ Utopia, Johann Valentin Andreaes Christianopolis, Merciers L’an 2440 und Theodor Herzls Altneulandmalten Bedingungen aus, unter denen Duldung Andersgläubiger möglich seiund Glaubensfreiheit gelebt werden könnte. Manche dieser Visionen scheinen unsnaiv, weil sie die Entstehungsbedingungen eines Staates radikal vereinfachten. Märchenund Parabeln sind Gattungen, in denen ebenfalls Visionen einer Gesellschaft, die sich durch Rücksicht auf die Schwachen, Integrationsbereitschaft von Außenseiternund Respekt gegenüber religiös Andersdenkenden auszeichnet, entfaltet wurden. Bildungs- und Entwicklungsromane eigneten sich besonders zur Veranschaulichung der zeitgenössischen Debatten über eine Erziehung zu Toleranz und gegenseitigem Respekt. Besonders Bildungsgeschichten, die scheitern, geben Anlass zur Frage, obdie Intoleranz der Mehrheitsgesellschaft daran schuld sei und unter welchen Bedingungendie Karriere eines Außenseiters und Unangepassten hätte glücken können. Begegnungen mit fremden Kulturen, die reizvoll und verführerisch erscheinen, gebenin Reisebeschreibungen Anlass zur Reflexion über die eigene Kultur und ihre religiösen Voraussetzungen.
Interessierte Zuhörer und Gäste, die mit diskutieren wollen, sind während der drei Tagewillkommen und mögen sich bei mir anmelden: <email-pii>