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Blickt Anton Lauri*) aus dem Fenster seiner Zweieinhalbzimmerwohnung, sieht er über die tiefer liegenden Dächer einen Streifen des Luganersees und links die bewaldete Flanke des Monte San Giorgio. Unten auf der Strasse, das ist sein Geländewagen; sein nicht mehr ganz neuer Mercedes steht in der Garage. Lauri kommt aus der Küche, serviert Kaffee und sagt: «Das Tessin hat mich schon immer fasziniert.» Im Mai habe er hier mit seiner damaligen Freundin einige Tage Ferien verbracht und sich gesagt: Jetzt, wo er ausgesteuert werde und sowieso etwas Neues anfangen müsse – warum nicht nach Morcote ziehen? Hier gebe es einen Markt, der an seiner Dienstleistung interessiert sein könnte, und diese Wohnung sei nicht teurer als seine alte in Biel.
Der verhängnisvolle Fehler
Lauri ist 51 Jahre alt. Aufgewachsen ist er im bernischen Ins, als einziger Sohn mit drei älteren Schwestern. Sein Vater, ein verbissener Krampfer, war Kleinbauer und ging daneben in die Fabrik – von der Mutter, einer Schneiderin, habe er seine kreative Ader. Als Jugendlicher hätte er Grafiker werden wollen, befolgte aber den Rat des Berufsberaters und absolvierte vorerst die kantonale Verkehrs- und Verwaltungsschule in Biel und anschliessend eine kaufmännische Lehre, die er 1972 mit dem Diplom abschloss. Dann arbeitete er als Kaufmann zuerst in einer Reprofirma, danach in einem Fotolabor, einem Elektrogeschäft und in einer Verzinkerei. Zwischen 1980 und 1996 schlug er sich als Selbständigerwerbender mit der Organisation von Werbeveranstaltungen durch. Daneben sei er immer mehr zum Computerfreak und -spezialisten geworden. Kontinuierlich habe er sich zum Gestalter weitergebildet. Seit 1996 arbeitete er in einer Werbeagentur in Solothurn, seit 1998 als Leiter der Design- und Beschriftungsabteilung für mobile Werbung.
«Vom Gestalterischen her hat mich diese Arbeit auf die Dauer nicht befriedigt.» Zwar war sein Arbeitgeber in Ordnung und der Lohn auch – aber bis zur Pensionierung Beschriftungen für Cars und Lastwagen gestalten? Als er im Frühjahr 2001 beim Surfen im Internet zufälligerweise auf die Stellenausschreibung einer Werbeagentur in Biel stösst, bewirbt er sich: Nach zwei Vorstellungsgesprächen ist er dort der neue Chef der Design- und Beschriftungsabteilung. Am 1. Oktober 2001 macht er sich an die Arbeit. Aber schon nach wenigen Tagen merkt er, dass er mit der Kündigung in Solothurn einen verhängnisvollen Fehler gemacht hat: Während er noch das vorgefundene Chaos zu ordnen versucht, den Internetauftritt der Firma plant und die im Argen liegende Kundenbetreuung zu reaktivieren beginnt, fordert der Chef steigende Umsatzzahlen. Aber der neue Grafiker und Kaufmann – er verdient immerhin rund 100000 Franken brutto – kann nicht zaubern. So wird er kurz vor dem Ende der Probezeit entlassen. Seit dem 15. Dezember 2001 ist er arbeitslos.
400 Tage, dann ist fertig
Auf der grossen Polstergruppe, die Lauri in der teilmöblierten Wohnung vorgefunden hat, als er hier vor kurzem eingezogen ist, schlafen friedlich nebeneinander ein weisser Terrier und eine grauweiss gefleckte Katze.
Als Arbeitsloser nimmt er sich vor, sich zum Webdesigner weiterzubilden. Er meldet sich auf der Gemeinde, wählt die Arbeitslosenkasse der GBI von Biel für das Finanzielle, geht zum zuständigen Regionalen Arbeitsvermittungsbüro (RAV) und erhält eine Betreuerin zugeteilt, die ihm mitteilt, Weiterbildungen würden nicht finanziert. Immerhin erhält er 80 Prozent des letzten Lohns: Zwar ist er seit 1984 kinderlos geschieden, aber seit fünf Jahren bezahlt er Alimente für einen Buben. Vom RAV aus habe man ihn zuerst in einen dreiwöchigen «Bewerbungskurs» geschickt, in dem er habe lernen sollen, wie man eine Stellenbewerbung schreibt und auf einer Office-Software gestaltet – für einen erfahrenen Designer und Gestalter auf Grafikprogrammen eine mässig sinnvolle Weiterbildung. Unter Androhung der gesetzlichen Konsequenzen im Falle der Nichtbefolgung fügte er sich der Anordnung notgedrungen.
Später wird Lauri im Rahmen einer Arbeitsmassnahme einer Recycling-Werkstatt zugewiesen. «Vermutlich erwartete man, dass ich mich dieser Arbeit widersetzen würde und man so einen Grund habe, die Arbeitslosengeldzahlungen vorübergehend einzustellen.» Er setzt sich stattdessen hinter den uralten Mac, macht Werbegrafik, so gut es geht, und wird vom verständnisvollen Chef schliesslich in den gewünschten Webdesign-Lehrgang geschickt: «Das hat wirklich etwas gebracht», sagt Lauri.
Bald einmal merkt er, dass er nicht mehr so ohne weiteres eine neue Arbeitsstelle finden wird. Das gibt ihm zu denken. Immer wieder studiert er daran herum, sich als Webdesigner selbständig zu machen, sollte er keine neue Arbeit mehr finden. Nach der Aussteuerung der Sozialhilfe zur Last zu fallen, nein, das möchte er dann doch nicht.
Nach einer längeren Stempelphase im Winter 2002/03, in der er wieder monatlich fünfzehn bis zwanzig Bewerbungen schreibt, besucht er einen Kurs für Arbeitslose, die sich selbständig machen wollen. Nach einer einwöchigen Eignungsprüfung entwickelt er im dreiwöchigen Kurs ein eigenes Webprojekt, auf Grund dessen ein Beamter des Kantonalen Arbeitsamts entscheidet, ihm eine dreimonatige Phase zur konkreten Vorbereitung der Selbständigkeit ohne Bewerbungszwang zuzugestehen.
Anfang Mai 2003 hat er zu entscheiden, ob er sich sofort selbständig machen wolle. Er entschied sich vorerst dagegen, zog es vor, doch nochmals alles daran zu setzen, eine Stelle zu finden, bevor er aufgrund des neuen Gesetzes – Kürzung der Taggelder von 520 auf 400 Tage – ausgesteuert würde. Die Stellensuche misslingt erneut. Anfang Juli gehört er zu jenen 2700 Arbeitslosen, die wegen des neuen Gesetzes auf einen Schlag ausgesteuert worden sind.
Geld verdienen mit Internet
Als Webdesigner war es für Anton Lauri nicht schwierig festzustellen, «dass das ganze Internetwesen im Tessin gegenüber der Deutschschweiz um Jahre zurückliegt». Deshalb entschied er sich, eine Homepage für einen Tessiner Online-Immobilienmarkt für Luxusobjekte aufzubauen: «In den nächsten Wochen bin ich soweit. Dann werde ich die Liegenschaftenfirmen anmailen und sie von den Vorteilen meines Projekts zu überzeugen versuchen, die wichtigen Medien über die Existenz meiner Homepage informieren und bei Banken und im Tourismus Sponsoren suchen, die an diesem Business Interesse haben könnten.»
Jetzt sitzt er an seinem PC und demonstriert seine in Arbeit befindlichen Homepages: Neben dem Liegenschaftenmarkt arbeitet er an einer Site, die mobile Werbefläche auf Fahrzeugen aller Art an Interessierte vermitteln soll. Ein weiteres Projekt gibt es erst in seinem Kopf: Eine Online-Börse für Tessiner Kunstschaffende, die sich auf seiner Homepage mit Abbildungen ihrer Werke einmieten können. Alle Seiten funktionieren analog: Lauri wird eine Inserategebühr für die professionelle Darstellung des Angebots im Internet in Rechnung stellen, und wenn ein Handel zustande kommt, steht ihm eine Provision zu. Da die ganze Mail-Kommunikation zwischen den Anbietenden und den Kunden an seinem Bildschirm einsehbar ist, hat er jederzeit die Übersicht was läuft, und wo er etwas zugute hat.
Die AHV bremst
Zurzeit wartet Lauri auf den Entscheid der AHV, ob sie ihn als selbständigerwerbend anerkennt. Klaapt das, kann er sich sein Pensionskassengeld auszahlen lassen und wenn nötig einen Teilbetrag als Starthilfe in sein Projekt einfliessen lassen. Gewisse Forderungen der AHV an ihn seien aber absurd: So verlangten sie von ihm vor ihrem Entscheid Verträge mit Kunden. Für solche Verträge sei aber umgekehrt der AHV-Entscheid Voraussetzung, weil er sonst gegen aussen aktiv werden könne. «So wirkt die AHV als Geschäfts- und Konjunkturbremse», ärgert sich Lauri. «Anstatt dass sie in dieser Zeit von Massenarbeitslosigkeit innovatives Unternehmertum fördert, schmeisst sie mir Knebel zwischen die Beine.»
Er sitze täglich vom Morgen bis am Abend hinter seinen Bildschirmen, sagt er – arbeitend und wartend. Zwischenhinein macht er mit dem Hund einen Spaziergang am See, fährt schnell nach Lugano hinüber zum Einkaufen oder nach Cassarate zum Tennis. Abends in den Ausgang zu gehen, bringe ihm nichts mehr: «In meinem Alter gewinnt man beim ‘Scharren’ sowieso keinen Hauptpreis mehr – ausser abgelaufenen Schuhen und Spesen ist meist nichts gewesen.»
Also sitzt er abends lieber am Computer und chattet und mailt mit Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, zu denen er auf einer eigenen Website auch Kontakte vermittelt. Er wisse schon, dass der Computer zum Sozialersatz werden könne, aber für ihn seien seine Mailkontakte nach Osteuropa einfach auch spannend und informativ: «Gut, das Ziel ist sicher, wieder einmal eine solche Mailbekanntschaft persönlich zu treffen und kennenzulernen. Und wer weiss, vielleicht wird aus so einer Bekanntschaft eines Tages mehr. Momentan fehlt mir aber ganz einfach Geld und Zeit für eine Einladung oder einen Besuch.»
Auf dem Sofa neben der Büroecke ist der Terrier erwacht, gähnt und streckt sich. Es ist Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang mit dem «kleinen Kampfhund», wie Lauri ihn scherzhaft zu bezeichnen pflegt. Und wenn er zurück ist, dann wird er als Erstes einen Blick in die Mailbox werfen, wer weiss... die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
*) Name und einige Eckdaten der Biografie sind verändert.