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Eine grosse Skistation ist einfacher zu vermarkten, als eine kleine. Neu durch eine Seilbahn miteinander verbunden, sind Grimentz und Zinal im Wallis zwei Beispiele von kleineren Schweizer Skistationen. Doch Schnee und Natur genügen nicht, um die Zukunft zu sichern.
Die Strasse ins Val d'Anniviers beginnt mit einer Felswand und schlängelt sich über 25 Haarnadelkurven hoch. Auf der anderen Seite der Rhone-Ebene erblickt man Crans-Montana, eine Stadt in den Bergen über den sanft ansteigenden Weinbergen. Auf der Seite des Val d'Anniviers ist die Natur hingegen wild, die Abhänge sind steil, die Bergbäche donnern ungestüm ins Tal, und die Dörfer sind noch rustikal.
Skikanonen zum Nachhelfen
Nach einer 8 Minuten dauernden Fahrt mit der Seilbahn ist man auf dem Corne de Sorebois, einem Kulminationspunkt der Skiregion Grimentz-Zinal. Das Panorama ist überwältigend: 30 Viertausender, darunter das berühmte Matterhorn.
"Schön, nicht?", sagt Pascal Zufferey, der Chef der Unterhaltungsprogramme der Bergbahnen. Seit diesem Winter sind die Pisten von Zinal von Grimentz aus dank der neuen Bahn direkt zu erreichen. "Wir haben damit zwei kleine Stationen, das eher familiäre Grimentz und das eher sportorientierte Zinal zusammengeführt", sagt Zufferey.
Die Schneeverhältnisse sind sogar in diesem milden Winter ideal. Das hat damit zu tun, dass das Skigebiet auf einer Höhe von 2500 Metern über Meer beginnt und auf 3000 Metern endet. Und um der Natur nachzuhelfen, wird das Gebiet mit Skikanonen beschneit. "Die Leute sind sehr anspruchsvoll geworden", sagt Pascal Bourquin, der Direktor der Bergbahnen. "Sie wollen Pisten ohne einen einzigen Stein. Wir beginnen jeweils im November mit dem Beschneien. So haben wir bis Ostern eine gute Unterlage."
Muscheln für die Belgier
Am Abend sitzt in einer Bar in Zinal eine Gruppe Engländer und lässt den Tag auf der Piste Revue passieren: "Der Schnee, die Natur und die Sonne, die fast jeden Tag scheint", sagen sie auf die Frage, was sie hier besonders schätzen. In einer anderen Bar sitzt eine Gruppe Belgier. Sie logieren im Ferienclub Intersoc, dem mit 550 Betten grössten Hotel im Tal.
Rémy Bonnard, der Besitzer, der in seinem Restaurant neben Walliser-Platten nun auch grillierten Meerfisch und Muscheln mit Pommes Frites anbietet, kennt die Entwicklung des Dorfes bestens. Seine Eltern haben 1944 eines der ersten Hotels von Zinal gekauft. Das Dorf war damals noch ein Weiler. Im Sommer weideten die Kühe und keiner lebte das ganze Jahr über hier oben. "Meine Eltern haben erst 1960 im Hotel eine Heizung eingebaut, nachdem der erste Skilift eröffnet worden war", erinnert sich Bonnard.
Mehr Polizeikontrollen
Heute muss man mit dem Auto nicht mehr bis Zinal fahren, um auf die Pisten zu gelangen. Man kann es unten in Grimentz lassen. Bedeutet das für Bonnard einen Umsatzverlust, da zudem die Hälfte der Skifahrer lediglich für einen Tag kommt? "Zuerst bin ich davon ausgegangen, aber was uns am meisten Umsatz gekostet hat, das waren die tieferen Alkohol-Limiten für die Autofahrer und die strengeren Polizeikontrollen. Früher blieben die Leute bis Abend um zehn hier, um unten auf der Autobahn nicht im Stau zustehen. Nun fahren sie direkt von der Piste nach Hause."
Kosten
30 Millionen Franken hat die neue Seilbahn gekostet, welche die Skigebiete von Grimentz und Zinal miteinander verbindet. Bund und Kanton haben 8 Millionen beigetragen, die Gemeinde 12.5 Millionen. Für den Restbetrag ist die Betreibergesellschaft mit Hilfe einer Kapitalerhöhung aufgekommen.
400 Millionen haben die Schweizer Bergbahnen 2013 in Ausbauprojekte investiert. Neben Grimentz-Zinal war die andere grosse Investition der Bau einer neuen Seilbahn zwischen Arosa und Lenzerheide, die 50 Millionen gekostet hat.
757 Millionen beträgt der kumulierte Umsatz der Schweizer Bergbahnen in der Saison 2012-2013. Seit der Saison 2008-2009 ist der Umsatz am Sinken. Damals erreichte er 862 Mio. Franken. Drei Viertel der Bergbahnen haben finanzielle Probleme.Infobox Ende
Schöne Schwester Österreich
Dorfwechsel: Grimentz klebt an einer Bergwand. Der Dorfkern mit seinen alten Chalets sieht immer noch so aus, wie er vor Hunderten von Jahren ausgesehen hat. Natürlich hat man darum herum in den letzten Jahren viel gebaut, aber immer im Chalet-Stil und nicht zu gross.
Doch in Zukunft wird man nicht mehr bauen. Am 12. März 2012 hat das Schweizer Stimmvolk eine Initiative des Umweltschützers Franz Weber angenommen, die den Bau von Zweitwohnungen streng regelt. Im Wallis sass der Schock danach tief. Hier kann man ohne Tourismus nicht überleben und die Bauwirtschaft hängt direkt vom Tourismus ab.
Indianerreservat?
"Das ist eine Katastrophe", sagt der einheimische Architekt Gabriel Vianin: "Für mich ist es nicht schlimm, ich bin 67-jährig, aber die Jungen, die das Unternehmen von ihren Eltern übernommen haben und 20 oder 30 Arbeiter beschäftigen, werden lediglich 4 oder 5 behalten können."
Doch auch die Baulandreserven sind schon fast aufgebraucht. Simon Wiget, der junge Direktor des lokalen Tourismusbüros, ist sich dessen bewusst. Was ihn schockiert hat, das war der brutale Baustopp, oder wie er sagt: "Das Gefühl, wie ein Indianerreservat behandelt zu werden, das man möglichst schön behalten möchte, um hier die Ferien zu verbringen, aber in dem man auf keinen Fall wohnen möchte, weil man auf den Komfort als Städter nicht verzichten will."
Diese Ansicht wird von weiten Teilen der Bevölkerung im Tal geteilt, auch wenn Pasacl Zufferey, ein Naturliebhaber, einräumt, dass "wir vielleicht in zwanzig Jahren Franz Weber dankbar sein werden".
Was soll aber in der Zwischenzeit geschehen. Im Val Anniviers fehlen insbesondere Hotelzimmer. "Aufgepasst", sagt Gemeindepräsident Simon Epiney. "Ausser den internationalen Ketten kann praktisch keiner mehr ein Hotel bauen. Keine Bank ist mehr bereit, dafür Geld auszuleihen. Zermatt ist praktisch der einzige Ort in den Bergen, wo die Hotellerie überleben kann."
Grimentz-Zinal-Anniviers
15 Dörfer
2600 ständige Einwohner
750 Hotelbetten
1200 Betten in Gruppenunterkünften
20'000 Betten in Chalets und FerienwohnungenInfobox Ende
Hara-kiri?
"Die Hotellerie in den Alpen hätte generell dringend eine Verjüngung nötig", sagt der Berater Laurent Vanat. "Vor allem wenn man sie mit der Hotellerie im Nachbarland Österreich vergleicht, wo alles schöner, neuer und weniger teuer ist. Die Schweiz ist das einzige Land, aus dem jeden Winter mehr als 200'000 Touristen in ein anderes Land Skifahren gehen und das vor allem nach Österreich", hat der Tourismus-Experte ausgerechnet.
Kritik an der Tourismusförderung
"Wir stehen in einer harten und den Markt verzerrenden Konkurrenz mit Österreich", bestätigt Simon Epiney. "Die Schweizer Kundschaft in Österreich hat in den letzten zehn Jahren unglaublich stark zugenommen. Und man muss anerkennen, dass dort unten die Einrichtungen oft moderner und attraktiver sind. Die Österreicher haben aus dem Tourismus eine Hauptaktivität entwickelt. Sie profitieren von tiefen Zinsen, die nahe bei Null liegen. Dagegen wirkt die Tourismusförderung in der Schweiz wie ein Hohn."
"Diese Land ist daran hara-kiri zu machen. Es ist daran zu vergessen, dass der Tourismus den Vorteil hat, dass er nicht ausgelagert werden kann. Vor zwanzig Jahren war die Schweiz weltweit eine der 5 beliebtesten Destinationen. Heute sind wir irgendwo zwischen den Rängen 20 und 30", bedauert der Lokalpolitiker, der 16 Jahre im Bundesparlament sass.
Und um die Auslegeordnung noch schwärzer erscheinen zu lassen, sprechen die Fachleute von einer Abwendung der Jungen vom Schneesport. Die Snowboarder, die in den 1980er-Jahren für die Skiorte eine neue Kundschaft darstellten, nehmen weniger stark zu und die Schulen im Unterland haben zunehmend Mühe, ihr traditionelles Skilager zu organisieren.
Dennoch bleiben die Leute im Tal zäh und solidarisch. Im Jahre 2006 haben 70% der Fusion zu einer einzigen Gemeinde zugestimmt. Bereits in den 1970er-Jahren haben sich die Schulen zu einem einzigen Schulzentrum in Vissoie zusammengeschlossen.
Auch in anderen Bereichen funktioniert die Zusammenarbeit gut, namentlich bei der Abfallentsorgung, bei den Bergbahnen und bei der Tourismus-Förderung. "Das alles liess sich relativ leicht realisieren. Man kennt sich, weil man zusammen zur Schule gegangen ist", sagt Simon Wiget.
Vergleich
Saison 2012-2013
Frankreich
57,9 Millionen Skitage.
1563 Millionen Umsatz der Bergbahnen.
Österreich
54,2 Millionen Skitage.
1492 Millionen Umsatz der Bergbahnen.
Schweiz
25,4 Millionen Skitage.
757 Millionen Umsatz der Bergbahnen.
(Zahlen: Laurent Vanat, Berater)Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch