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Schon früh kümmerte sich die Suva um ihre Versicherten auch nach einem Spitalaufenthalt. Mehrfach sprach sich die Suva in den Anfangsjahren gegen die Errichtung oder Unterstützung von «Arbeitsheilstätten» aus, doch die medizinische «Nachbehandlung» von Schwerverletzten wurde zu einem wichtigen Pfeiler der Versicherungsstrategie. 1928 stieg die Suva in das Geschäft der Badekuren ein. Sie erwarb den «Quellenhof» in Baden – eine Bäder-Heilstätte, die später «zum Schiff» hiess und die sie bis 2000 betrieb. Sie legte den Grundstein für die Rehabilitationstätigkeit der Suva.
1913 – als die Suva erst auf dem Papier bestand, als es noch keinen medizinischen Dienst gab – tauchte die Frage erstmals auf: Brauchte es, um Unfallverletzte nach dem normalen Spitalaufenthalt zu versorgen, «besondere Behandlungsmethoden für Verstümmelte»? Brauchte es Sonderspitäler oder zumindest Spitalabteilungen? Sollten diese sogar Aufgabe der Versicherungsanstalt sein?
Damals und in den Jahren nach der Betriebsaufnahme hütete sich die Suva, Leistungen vorzuschlagen, die über den gesetzlichen Auftrag hinausgingen. Zu gross war der Widerstand der Unternehmer gegen die neue Prämienlast, die durch die Unfallversicherung entstand. Skepsis und Misstrauen begleiteten damals die Suva.
So erstaunte es nicht, dass sich der Verwaltungsrat gegen eine Motion aus den eigenen Reihen aussprach, die 1928 forderte, dass sich die Anstalt um die «Verwertung der verbliebenen Arbeitskraft in schweren Invaliditätsfällen» bemühe – etwa mit der Schaffung einer Fürsorgestelle für Invalide.
Motionär war Howard Eugster-Züst, SP-Nationalrat und Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden, Präsident des Schweizerischen Textilarbeiterverbandes und Vizepräsident des Suva-Verwaltungsrates.
Ärzte und Anwälte, so Eugster-Züst, hätten auf das Problem vor allem auf dem Lande hingewiesen. Dort sei es für Halbinvalide unmöglich, eine Anstellung «bei bloss halber Leistung oder halber Arbeitszeit zu halbem Lohne» zu finden. Dem hielt die Direktion entgegen, dass «das Problem in der Schweiz kein so brennendes ist». Bei den jüngeren Arbeitnehmern würden 77 Prozent der «verbliebenen Arbeitsfähigkeit … in bezahlte Arbeit umgesetzt», also kämen «nur 23 Prozent der verbliebenen Arbeitskraft nicht zur Auswertung, also nicht mehr, als der Arbeitslosigkeit bei Vollarbeitsfähigen entspricht». Deshalb gebe es kein «dringendes Bedürfnis für ein Eingreifen der Anstalt auf breiter Basis».
Hingegen, so hob die Direktion hervor, mache sich die Suva für die medizinische Behandlung nach einem schweren Unfall stark. «Seit längerer Zeit», sicher seit 1921, schicke sie Unfallpatienten «zur Nachkur nach Baden». Durchschnittlich befänden sich dort ungefähr 20 Versicherte in Thermal- und Übungstherapien.
1928 stellte der Verwaltungsausschuss nach einem Besuch in Baden fest, dass es dabei «Mängel und Unzukömmlichkeiten» gebe.
«Vor allem der Umstand, dass die Versicherten die Bäder ausserhalb der Gasthöfe, in denen sie untergebracht werden, nehmen müssen»,
sei ein Problem. In einigen Fällen habe dies zu Erkältungen geführt, auch würde «das Fehlen einer genügenden Überwachung» als eine «gewisse Aufmunterung zum Trinken» interpretiert.
Deshalb handelte der Verwaltungsrat, als er 1928 die Gelegenheit erhielt, «einen Gasthof mit genügender eigener Thermalquelle» zu kaufen. Es war der «Quellenhof», ein klassizistischer Bau aus dem Jahre 1830. 320 000 Franken kostete die Liegenschaft, weitere 400 000 Franken steckte die Suva in den Umbau, wobei es wegen «der ungenügenden Voruntersuchung und Vorberechnung» zu massiven Kostenüberschreitungen kam. Dennoch hielt der Verwaltungsrat am 10. Juli 1929 fest, dass «die Anstalt bei Würdigung aller Verhältnisse sagen kann, sie habe kein schlechtes Geschäft gemacht».
Die ersten Patienten wurden in der «Bäder Heilstätte Quellenhof» am 15. Juli 1929 aufgenommen, Ende September 1929 war das Haus mit 60 Patienten bereits bis auf den letzten Platz belegt. Neben den Thermalbädern wurden auch Massagen, zudem «medico-mechanische und aktive Übungen, elektrische Applikationen, Fangopackungen usw.» als Kurmittel angewendet. Therapiert wurden Gelenkversteifungen und -entzündungen, Zirkulationsstörungen in den Extremitäten, Ischias, Fisteln und Geschwüre an Amputationsstümpfen.
In seiner Einrichtung und Organisation war die Heilstätte
«mehr Hotel als Krankenhaus … mit Zentralheizung und Lift».
So beschrieb es eine medizinische Dissertation, die 1935 an der Universität Zürich eingereicht wurde. «Ein grosser Lese- und Spielraum, eine Bibliothek und Zeitungen der verschiedenen Landesteile sowie die hellen, breiten Treppenhallen mit bequemen Sesseln» unterstrichen den Hotelcharakter. «Radio und Grammophon sorgen für Unterhaltung. Das Essen wird im grossen Speisesaal an weissgedeckten Tischen serviert. Die Patienten müssen mit Rock und Kragen zu Essen erscheinen, wie man sich überhaupt bemüht, die Atmosphäre eines Kurhotels zu wahren», so die Dissertation.
Anfänglich war die Skepsis der Ärzte gegenüber den Thermalkuren gross. 1934 beklagte die Suva, dass sich die Ärzte nicht für die Bäderheilstätte interessierten. Besuche seien «bis jetzt leider recht selten» gewesen, dabei zeigten die Krankengeschichten, «dass in kürzerer Zeit grössere Erfolge erzielt wurden, als sie in häuslicher oder auch in Spitalbehandlung möglich gewesen wären». Und die Suva war überzeugt:
«Die Resultate würden noch bessere sein, wenn die Patienten früher nach Baden kämen, nicht erst nach monatelanger unnützer Behandlung.»
Bekannt wurde die Bäderheilstätte in der Folge durch die Gründung der sogenannten «Amputiertenschule». Gesetzlich war die Suva verpflichtet, «Ersatzglieder, das heisst Prothesen» für «wichtige Körperteile», zu beschaffen. 1936 zentralisierte sie diese Aufgabe im «Quellenhof» und richtete eine Gehschule ein, die neben der Stumpfbehandlung auch der «Übung der verbleibenden Gelenke» und der «Anlernung im richtigen Gebrauche der Kunstglieder» diente.
1937 wurden «kinomatographische Aufnahmen» von Übungsstunden der Amputierten gemacht und den Ärzten gezeigt. Es war ein Stummfilm mit deutschen Untertiteln. Die «lebenden Bilder», wie die Suva in ihrem Geschäftsbericht von 1937 schrieb, verfehlten ihre Wirkung nicht: 1935 lag die Patientenzahl noch bei 795, 1939 waren es bereits 985. «Bäderheilstätte und Amputiertenschule hatten öfters Besuch von in- und ausländischen Ärzten und Ärzteorganisationen», hielt der Geschäftsbericht von 1939 fest.
Zu diesem Zeitpunkt hiess die Heilstätte allerdings nicht mehr «Quellenhof». 1937 hatte sich die «A.-G. Grand Hotel Baden» an die Suva gewandt mit dem Wunsch, den Namen «Quellenhof» in der touristischen «Werbung für ihr Badehotel und für den Fremdenverkehr in Baden überhaupt» zu verwenden. Auch die Stadtbehörden unterstützten das Anliegen, worauf die Suva entschied, den Namen abzutreten. Unternehmen und Stadt habe man damit einen Dienst erwiesen, «ohne dass der Anstalt irgendein ins Gewicht fallender Nachteil erwachsen wäre», begründete Hermann Schüpbach, Präsident des Verwaltungsrates, am 16. Dezember 1937 vor dem Leitungsgremium.
Offiziell hiess die Einrichtung nun «Bäderheilstätte zum Schiff». «Schiff» war ein früherer Name des ehemaligen Hotels Quellenhof.
Erfreulich verlief die Entwicklung der Amputiertenschule. Ursprünglich war sie nur für Beinamputierte gedacht – deshalb sollte sie «Gehschule» heissen. Schon bald wurden aber auch Armamputierte aufgenommen. Dabei bewährte sich die Kombination mit dem Heilbad. Der erste Chefarzt der Bäderheilstätte, Ernst Markwalder, pries die Vorzüge auch für das seelische Befinden der Patienten, die häufig unter Depressionen litten:
«In unsern geräumigen Badebassins, und speziell in unserm grossen Geh- und Übungsbad, erlangen die Amputierten bald wieder Vertrauen in ihr Können und in ihre Leistungsfähigkeit ... die Wasserverdrängung des Körpers macht ihre Glieder federleicht.»
«Krüppelgefühle» sollten auch bei den Armamputierten nicht aufkommen. Deshalb liess man sie bei der praktischen Arbeit in der Werkstatt des Mechanikers und im Garten üben. «Wir üben also nicht nur im Turnsaal an den verschiedenen Apparaten, mit und ohne Prothese», so Markwalder, «sondern wir benützen so viel als möglich den Aufenthalt im Freien und an der Sonne.»
Eine besondere Bedeutung erhielt die Bäderheilstätte in den Kriegsjahren. 1929 hatte die Suva erklärt, sie wolle keine Patienten von Krankenkassen oder Versicherungsgesellschaften behandeln. Hingegen vereinbarte sie mit der Eidgenössischen Militärversicherung, «eine beschränkte Anzahl von Militärpatienten» aufzunehmen. Diese traten in den Statistiken bis 1939 kaum in Erscheinung, dann kehrte das Bild. 1940 wurden nur noch 591-Suva-Patienten in Baden aufgenommen, dafür 324 Militär-Verletzte. Bis zum Kriegsende wurden fast 1500 Militärpatienten in der Suva-Einrichtung behandelt. Die eigenen Patienten musste die Suva teilweise in Kuranstalten in der West- und der Südschweiz, nach Stabio und Lavey-les-Bains, einweisen.
Dafür profitierte die Bäderheilstätte von einer hohen Publizität. 1946 erhielt sie Besuch von Ärzten und Offizieren des amerikanischen Heeressanitätsdienstes unter Führung des Oberfeldarztes für die Europa-Armee. Sie interessierten sich vor allem für die Amputiertenschule. 1951 entstand ein Werbefilm über das «Schiff». Es war ein 16-mm-Schmalfilm, der als «Tonfilmaufnahme in deutscher und französischer Sprache» nur 1500 Franken kostete. Weshalb, erklärte die Direktion in der Verwaltungsratssitzung vom 28. Juni 1951: «Filmhandlung und Libretto wurden von einem Angestellten der Anstalt entworfen und die Bilder unter dessen Leitung von einem Fotografen aufgenommen. Es handelt sich also um einen Laienfilm, der vielleicht da und dort gewisse Schwächen aufweist.»
Laienfilm hin oder her – die Nachfrage nach Kuraufenthalten in Baden stieg. Konstant lag die jährliche Zahl der Patienten nun bei über 1000, die Amputiertenschule wurde nun zunehmend auch von Nicht-Suva-Versicherten besucht. In der ganzen Schweiz gab es keine vergleichbare Institution.
In der Bäderheilstätte wurde der Platz eng. 1955 entschied die Suva deshalb, die Vereinbarung mit der Militärversicherung aufzulösen. Militärpatienten wurden nur noch in der Amputiertenschule aufgenommen.
Obwohl die durchschnittliche Kurdauer über die Jahre von 31 auf rund 24 Tage pro Patient zurückging, wurden die Wartzeiten immer länger. 1963 stellte der Verwaltungsrat fest, dass es in Baden «schon seit Jahren» nicht mehr möglich sei, alle Patienten aufzunehmen, dass sich deshalb «eine Erweiterung dieser Institution» aufdränge. Allerdings habe man «in Baden selbst keine geeignete Liegenschaft gefunden». Es war der Startschuss für die Planung des Nachbehandlungszentrums in Bellikon.
«Suva-Patienten protestieren: Wir werden wie Zuchthäusler behandelt», so titelte der «Blick» in seiner Ausgabe vom 7. Januar 1972 über die Bäderheilstätte in Baden. Dies rief auch die Suva-Führung auf den Plan. Karl Obrecht, Präsident des Verwaltungsrates, meinte am 27. Januar 1972, man wolle den kritischen Bemerkungen nicht allzu grosse Bedeutung beimessen. Es handle sich um Aussagen von Patienten, die wegen Missachtung der Hausordnung aufgefallen seien.
Hingegen sei man sich bewusst,
<span style="color: rgb(25, 25, 25); letter-spacing: 0.2px;">«</span>dass die räumlichen Verhältnisse in Baden nicht in allen Teilen befriedigen».
Deshalb sei eine Renovation geplant, dafür habe es den «Blick»-Artikel nicht gebraucht. Dieser sei, «wie beim heutigen Boulevardjournalismus üblich, recht oberflächlich und böswillig ausgefallen».
1974, als die Amputiertenschule in das neue Nachbehandlungszentrum in Bellikon umzog, wurde das Umbauprojekt in Baden aktuell. Dabei ging es darum, den «in mancher Hinsicht unerfreulichen baulichen und betrieblichen Zustand der Bäderheilstätte» zu verbessern, so Luigi Generali, Verwaltungsratspräsident der Suva. In betrieblicher Hinsicht sei «die Bäderheilstätte noch in demselben Zustand wie bei ihrer käuflichen Übernahme durch die Suva im Jahre 1928».
Geprüft wurde auch der Kauf des benachbarten Volksheilbades Freihof. Dieses befand sich in Besitz einer Stiftung, die bereit war, «den ‹Freihof› mit allen zugehörigen Rechten und ohne jegliche Auflage der Suva zu veräussern». 1977 entschied die Suva gegen den Kauf und damit gegen die Erweiterung der Kapazitäten in der Badetherapie. Bereits zeichnete sich das Bedürfnis nach mehr Behandlungsplätzen für Schädel-Hirnverletzte ab. Für diese war Bellikon geeignet.
Um aber die Heilstätte in Baden auf einen Stand zu bringen, der nicht mehr den Betriebsverhältnissen von 1928 entsprach, wurde das «Schiff» modernisiert – in fünf Etappen bis 1984. Modern hiess, dass Heilgymnastik und Physiotherapie in den Mittelpunkt der therapeutischen Massnahmen rückten. Ein besonderes Augenmerk galt zudem der Schmerztherapie.
Der leitende Arzt der Bäderheilstätte «zum Schiff», Georg Lutz, stellte 1984 in den «Mitteilungen der Medizinischen Abteilung» der Suva (heute «Suva Medical») fest, dass Badekuren nicht mehr den gleichen Stellenwert hätten wie vor Jahrzehnten. Dabei beklagte er die Entwicklung nicht, sondern schrieb:
«Dies zu Recht. Die rasante klinische und pharmakologische Entwicklung gibt den Ärzten wirklich effizientere therapeutische Mittel zur Heilung vieler Leiden in die Hand, für welche früher die Kranken eine Linderung im Thermalwasser suchten.»
So war es denn nur eine Frage der Zeit, bis die Suva vor einer Grundsatzentscheidung stand. 1996, als die nächste Erneuerung anstand, liess die Suva abklären, wie die Entwicklungsmöglichkeiten für die Bäderklinik in Baden aussahen. Ernüchtert stellte die Untersuchung fest, dass Anpassungen «unweigerlich einen spürbaren Bettenabbau» bedingten. Damit war die Wirtschaftlichkeit eines Weiterbetriebs gefährdet. Gleichzeitig verdeutlichte eine Analyse der Patientenstruktur, dass sich auch Bellikon für einen grossen Teil der Verunfallten eignete. Zudem gebe es für Patienten, die auf die Kombination von Unfallrehabilitation und Thermalwasser angewiesen seien, genügend Angebote auf dem freien Markt.
Deshalb beschloss der Verwaltungsrat am 16. Juni 2000, ein 72-jähriges Kapitel der Suva-Geschichte zu beenden und die Bäderklinik in Baden auf Ende 2000 zu schliessen.
Titelbild: Bäderheilstätte zum Schiff in Baden, ca. 1950
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