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Neun Fakten über Bruckners Unvollendete
Anton Bruckner hatte es schwer als Komponist – besonders in Wien, wo er ab 1868 lebte. Erst mit der Siebten Sinfonie gelang ihm der internationale Durchbruch, auch seine Achte fand grossen Anklang. Aber er konnte sich nicht lange am Erfolg freuen: Bruckner starb am 11. Oktober 1896, bevor seine Neunte Sinfonie gänzlich vollendet war. Wir präsentieren hier neun Fakten zu dem Werk, die einiges über den Charakter des Komponisten verraten.
1. Wirklich «unvollendet» blieb die «Unvollendete» nicht.
Bruckner tat sich mit der Fertigstellung der bereits 1887 angefangenen Sinfonie recht schwer, sodass er sie nicht vollenden konnte. Der Legende nach soll er noch an seinem Sterbetag daran gearbeitet haben. Die Sinfonie trägt deshalb den Beinamen «Unvollendete» und ging auch so in die Konzertprogramme und Geschichtsbücher ein. Heute weiss man, dass diese Bezeichnung nicht ganz korrekt ist: Offenbar komponierte Bruckner das Gerüst des letzten Satzes lückenlos von Anfang bis Ende, nur die Instrumentierung konnte er nicht mehr vollständig ausarbeiten. Das heisst: Die Sinfonie existierte zum Zeitpunkt seines Todes so vollständig, dass wohl leicht eine aufführbare Version hätte erstellt werden können. Was also ist passiert? Die Bruckner-Schüler Ferdinand Löwe und Franz Schalk haben anscheinend Seiten aus dem Finale der Neunten verschenkt und verkauft. Durch dieses fahrlässige (wenn nicht kriminelle) Verhalten haben sie dazu beigetragen, dass Manuskriptseiten verloren gegangen sind und der Satz nur als lückenhaftes Fragment überliefert wurde.
2. Vom Finale existieren etwa 20 Versionen.
Bruckner schrieb seine Neunte Sinfonie in einer Todesahnung, weshalb er selbst festlegte, was passieren sollte, wenn er nicht fertig würde. In seiner letzten Vorlesung am Wiener Konservatorium am 12. November 1894 meinte er: «Sollte ich vor der Vollendung der Sinfonie sterben, so muss mein Te Deum dann als 4. Satz dieser Sinfonie verwendet werden. Ich habe es schon so bestimmt und eingerichtet.» Mit diesem Wissen sowie den überlieferten Entwürfen und Skizzen versuchten sich seit Bruckners Tod rund 20 Musiker mit Rekonstruktionen oder unter dem Einsatz des «Te Deum»
3. Bruckner wollte dieses Werk «dem lieben Gott» widmen.
Bruckner war sein ganzes Leben lang tief von der katholischen Kirche geprägt: Als Kind war er Sängerknabe beim Stift St. Florian, wo er dann Stiftsorganist wurde. Später wirkte er als Domorganist in Linz. Regelmässig betete er, verneigte sich, wenn er an Kirchen vorüberging und verbrachte viel Zeit im Inneren der Gotteshäuser. Zeugnisse seiner Religiosität sind seine zahlreichen geistlichen Werke – und seine Neunte Sinfonie. Diese trägt nämlich eine besondere Widmung. Bruckner meinte dazu gegenüber seinem Arzt Dr. Richard Heller: «Sehen Sie, nun habe ich bereits zwei irdischen Majestäten Sinfonien gewidmet, dem armen König Ludwig [die Siebte] und unserem erlauchten Kaiser [die Achte], als die höchste irdische Majestät, die ich erkenne, und nun widme ich der Majestät aller Majestäten, dem lieben Gott, mein letztes Werk und hoffe, dass er mir noch so viel Zeit gönnen wird, dasselbe zu vollenden, und meine Gabe hoffentlich gnädig aufnehmen wird.»
4. Die Neunte ist gar nicht die Neunte.
Bruckner schrieb eigentlich mehr als neun Sinfonien. Würde man seine Werke dieser Gattung ihrer chronologischen Entstehung nach zählen – und dabei seine «nullte» von 1869 und die als «Schularbeit» verworfene f-Moll-Sinfonie von 1863 mitberücksichtigen –, wäre das Werk nicht Bruckners neunte, sondern seine elfte Sinfonie.
5. Der Begriff «Neunte Sinfonie» machte Bruckner Angst.
Bruckner litt unter zahlreichen Zwangsneurosen und Spleens. Dazu gehörte auch ein Zählzwang. Zudem war der abergläubische Komponist für Zahlenmystik höchst empfänglich. Natürlich löste die Neun bei ihm eine lähmende Angst aus: Die Zahl ist als potenzierte Drei ein Symbol der Vollkommenheit, und wird zudem in der christlichen Tradition mit der Passionsgeschichte, mit dem Tod Jesu in der neunten Stunde assoziiert. Aber mit dem Unbehagen davor, eine «Neunte Sinfonie» zu schreiben, war Bruckner nicht allein: Viele Komponisten in der damaligen Zeit scheuten sich davor, eine Sinfonie mit der Ordnungsnummer zu schreiben oder überhaupt ein Werk dieser Gattung zu bedienen. Dies lag an der Ehrfurcht gegenüber Ludwig van Beethoven, dessen Sinfonie Nr. 9 als Mass aller Dinge galt.
6. Das Werk steht in der «Lieblingstonart» des Komponisten.
Bruckner entschied sich dafür, seine Neunte Sinfonie in der Tonart d-Moll zu schreiben. Damit begab er sich allerdings wirklich auf Glatteis: Auch Beethovens Neunte steht in dieser Tonart. Bruckner empfand sie als «majestätisch», «feierlich» und «mysteriös» und hielt – allem Gerede zum Trotz – für seine letzte Sinfonie daran fest. Er meinte dazu: «Mit’m Beethoven werd’ i’ mi’ do’ nöt messen! In d-Moll is’ schon, weil’s so viel a schöne Tonart is’, aber mit an Chor wia Beethoven – na, so dumm is’ der Bruckner nöt. Was kann i’ dafür, dass mir’s Hauptthema in d-Moll eing’fall’n is’; sie is’ halt a mal mei’ Lieblingstonart; wenn mir dös Thema nöt so an’s Herz g’wachsen wär, möchte i’s iazt am liebsten wegschmeissen!» Insgesamt stehen drei seiner Sinfonien in d-Moll. Neben der Neunten sind das noch seine sogenannte «Nullte» und die Dritte.
7. In dieser Sinfonie zeigt sich Bruckners Begeisterung für Wagner…
Es existieren zahlreiche Anekdoten über die fast unterwürfige Verehrung, die Bruckner Richard Wagner entgegenbrachte. Er betete diesen derart an, dass Treffen zwischen Bruckner und Wagner für Letzteren manchmal unangenehm werden konnten. Bruckner verlieh seiner Ehrfrucht für den «Meister» auch musikalisch Ausdruck: Seine dritte Sinfonie widmete er Wagner, und mit dem Adagio in seiner Siebten verfasste er nach dessen Tod «zum Andenken meines unerreichbaren Ideales in jener so bitteren Trauerzeit» einen ruhevollen Klagegesang. Dabei verwendete Bruckner die sogenannten «Wagner-Tuben» – also die von Wagner eigens für den «Ring des Nibelungen» entworfenen Instrumente. Diese setzte er auch im dritten Satz seiner Neunten ein: Zu Beginn und am Ende des Adagios verlangt Bruckner nicht weniger als vier Wagnertuben.
8. … und sein Talent als Orgelvirtuose.
So schwer er es als Komponist hatte: Als Lehrer (zum Beispiel für Musiktheorie am Wiener Konservatorium) und als international bekannter Orgelvirtuose wurde Bruckner stets geschätzt. Besonders für seine Improvisationen war er berühmt. Bei diesen sollen ihm auch viele seiner Themen eingefallen sein, die er in seinen Sinfonien verwendete – so auch in seiner Neunten. Bruckner setzte das Orchester wie sein Instrument ein. Er dachte in den Kategorien der Orgelregistrierung, wie beispielsweise an der eingesetzten Terrassendynamik deutlich wird. Das führte dazu, dass die Komposition auch auf der Orgel funktioniert; heute existieren zwei Bearbeitungen für Orgel solo.
9. Die Originalfassung wurde erst 36 Jahre nach Bruckners Tod uraufgeführt.
Am 2. April 1932 spielten die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Siegmund von Hausegger erstmals eine Aufführung von Bruckners neunter Sinfonie in der Gestalt, wie der Komponist sie hinterlassen hatte. Hausegger stellte in dem Konzert die Originalfassung Bruckners der von Ferdinand Löwe bearbeiten Version von 1903 gegenüber: eine Offenbarung für das Publikum. Seither wird sie meist nur mit drei Sätzen aufgeführt – so auch beim Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich mit Kent Nagano im März 2023.