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Sohn des Dekorationsmalers Innocente
und Bruder des Kunstmalers Pietro Chiesa
. Chiesa verbrachte sein Leben vorwiegend in seinem Geburtsort in Sagno und in Lugano. Er war Poet, Schriftsteller, Übersetzer, Dozent und vieles mehr. Seine Werke und seine Kultur brachten in den Perioden der zwei Weltkriege frischen Wind in die Schweizer Literaturszene. Er wirkte hauptberuflich als Dozent und Rektor am Lyzeum von Lugano
, seine literarische Tätigkeit pflegte er bis ins hohe Alter.
Aus dem „Ferien-Journal
“
Nr. 138/4 vom 3. Juli 1971, Zum 100-jährigen Geburtstag von Francesco Chiesa: Francesco
Chiesa wurde am 5. Juli 1871 in Sagno, einem kleinen Bergdorf im Mendrisiotto,
geboren. Die Schulen besuchte er in Mendrisio und Lugano. Auf Wunsch seiner
Angehörigen studierte er in Pavia die Rechte. Nach seiner Rückkehr in die
Heimat arbeitete er zunächst als Sekretär des tessinischen Staatsanwalt, wandte
sich dann jedoch von dieser Tätigkeit ab und wurde Lehrer für Literatur und
Kunstgeschichte am Lyceum in Lugano. Eine verständnisvolle Lebensgefährtin fand
er in Corinna Galli. Aus der Ehe mit ihr stammen ein Sohn und eine Tochter. Zu
Beginn des ersten Weltkrieges wurde der Dichter zum Rektor des Luganeser Lyceums
gewählt. Neben seinem Doppelberuf als Dichter und Schulleiter war er Vorsteher
der tessinischen Kantonsbibliothek. Seit vielen Jahren lebt er in seinem
rebenumrankten Haus in Lugano-Cassarate.
Werke:
Vorspiel. (Gedichte), Gold-Alleen. (Gedichte), Tröstungen. (Gedichte),
Kalliope. (Aus 220 Sonetten aufgebaute „Menschheitsdichtungen“), Historien und
Legenden. (Prosa), Frühlingsfeuer. (Gedichte), Bubengeschichten. (Erzählungen),
Märzenwetter. (Erzählungen), Villadorna. (Roman), Sant’Amarillide. (Roman),
Reisegefährten. (Novellen), Geschichten aus meinem Garten. (Erzählungen),
Spaziergänge. (Prosa), Jugenderinnerungen. (Prosa), Bei den Meinen. (Prosa), Der
gestirnte Abend. (Gedichte), Der nie zufriedene Künstler. (Gedichte). Wir drucken
hier eines seiner Gedichte ab, das von Hannelise Hinderberger ins Deutsche
übertragen wurde.
Erstaunt
erkennt der Blick: wie sind die Wiesen
und Fluren
hell, und was für Strassen gehen
durchs
Feld, das plötzlich weiss ist von dem Wehen
der Blüten,
die dir, Pflaumenbaum, entspriessen.
Verzagtheit
und ein dumpfes Grau umschliessen
des Winters letzte Tage; es zergehen
nur langsam Eis und Schnee; doch ich will sehen
dein Weiss, o schon Erblühter; und geniessen.
Es werden Gras und Zweige, wenn sie schauen
den Lenz, in glauben; tausend Blüten, weit
Geöffnet,
werden wir an Ostern sehen. –
Ich liebe
dich, du gläubiges Vertrauen,
und dein verführtes Blühn zu einer Zeit,
da noch um Knospen Schnee und Nebel wehen.
Prof. Dr. Jakob Keller in „Prosadichtung dreier Tessiner Zeitgenossen“ aus dem Jahr 1932: „Das kleine Bergdorf Sagno im Mendrisiotto zwischen Mendrisio und Chiasso ist der Geburtsort von Francesco Chiesa. Dort erblickte er das Licht der Welt am 5. Juli 1871. Der Vater, Glied einer seit langem ansässigen Familie, war Ornamentenmaler und die Mutter eine Schwester der Maler Bagutti von Rovio am felsigen Südwestabhang des Monte Generoso. So gaben ihm und seinem Bruder Pietro beide Eltern als schönes Erbteil Sinn und Talent für die Kunst mit auf den Lebensweg. Aus Pietro Chiesa ist ein tüchtiger Malergeworden; in Francesco Chiesa bewundern heute Leser und Kritiker nicht bloss den grössten Tessiner Dichter, sondern einen der namhaftesten lebenden Vertreter italienischen Schrifttums überhaupt.
Frühe schon machten die feierlichen liturgischen Gesänge in der Dorfkirche tiefen Eindruck auf das kindliche Gemüt, so sehr, dass Klang und Rhythmus bereits in dem neunjährigen Knaben des vagen Drang zu dichterischen Versuchen erwachen liessen. Indessen erst einige Jahre später machte der Collegiale sich wirklich an solche heran. Um sich auf das Gymnasium vorzubereiten, kam der Knabe als fleissiger, schüchterner Schüler an das Collegio von Mendrisio. Die alltäglichen Sommerspazierginge, die das Internet bei der Abendstimmung in die schöne Landschaft hinaus unternahm, weckten in dem Schüler von Sagno neuerdings die Lust, der Harmonie, die in die Seele übergegangen, in Versen Ausdruck zu verleihen. „Cominciai a costringere, ad accozzare parole negli schemi del ritmo che imperiosamente mi invitava“ erzählt der Schriftsteller später in „Arte e vita“ vom März 1921. So sehr machte die Verehrung der Kunst schon sein Wesen aus, dass für die Schulzeit von Mendrisio jener Tag ein Ereignis blieb, an dem er einer Begegnung des Vaters mit dem befreundeten Vincenzo Vela
beiwohnen durfte und Gelegenheit hatte, an dem majestätischen Kopf des Bildhauers von Ligornetto sich satt zu sehen.
Die Gymnasialjahre, welche folgten, verbrachte Chiesa am Liceo in Lugano, an der Schule, deren Lehrer und Leiter er später werden sollte. Das Gebäude stand damals noch mitten in der Stadt, da, wo heute die Post sich erhebt. In Versen, die gerne schärfern, satirischen Charakter annahmen, setzte der Gymnasiast seine dichterischen Erstlingsleistungen fort. Sie fanden vorab auch bei den Kommilitonen Beachtung. Neidlos anerkannten sie bald genug seine schriftstellerische Überlegenheit, nicht ohne sich dieselbe mitunter zunutze zu machen: „Di fronte al liceo, nella osteria bazar del Gin si vedeva talvolta il giovane Chiesa seduto a un tavolino o su un sacco di granaglie, occupato a fare le composizioni di buona parte dei compagni.“ Der Aufenthalt in der Stadt wurde für den Sohn des Landes jeweilen angenehm unterbrochen durch die Ferien, die er in Sagno oder Rovio in der würzigen Einfachheit des Dorflebens zuzubringen pflegte. Je tiefer ihm die Schule bereits die heimatliche Kultur erschlossen, desto stärker begann sich die Bewunderung für ihren Träger zu regen. Wenn er vom San Martino herab die Blicke über sein schönes Mendrisiotto hinaus nach Süden schweifen liess, stieg es visionenhaft in ihm auf, wonach er sich sehnte: „Laggiù il gran rombo di Milano, il fascino di Roma, l’alma madre Italia.“
Seine akademischen Jahre sollten den Gymnasialabiturienten nach dem Laude der Sehnsucht bringen. Dem Laufe des heimatlichen Ticino folgend, begab er sich nach Pavia. An der altehrwürdigen Universität, einer Gründung aus dem 14.Jahrhundert, widmete er sich dem Studium der Rechte, ohne dabei seinen angebornen Hang zur Kunst, insbesondere der bildenden und der literarischen, unbefriedigt zu lassen und Inspirationen mannigfacher Art in sich aufzunehmen. Nach der Promotion in die Heimat zurückgekehrt, amtete der junge Jurist von 1894 bis 1897 auf dem Bezirksgericht Lugano, seine Musse benützend, in Novellen und Gedichten, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen, dichterischem Schaffensdrange Luft zu machen.
Mit 26 Jahren, anno 1897, trat er mit einem ersten Band Gedichte an die Öffentlichkeit. ,,Preludio“ schrieb er über die teils melancholisch-pessimistischen, teils gehoben-schwungvollen Verse und verriet in ihnen, nach welcher Richtung Neigung und Berufung des Verfassers recht eigentlich gingen. Aus gewissen Perlen unter den Sonetten: „Bimbo morto“, „Funerale bianca“, „ll Martire“ (Cristo) u. a. offenbar hat es Philippe Monnier gleich freudig erkannt und verkündet: „M. Francesco Chiesa est un vrai poète; il l’est du premier coup et constamment; il l’est sans effort et sans pose; et il l’est, ainsi qu’on doit l’étre, sans le vouloir et sans le savoir.” Der Kunstfreund mit dem schöpferischen Geiste erschien denn auch als der gegebene Mann an eine Lehrstelle für italienische Sprache und Literatur am Liceo in Lugano, welche ihm am 24. August des gleichen Jahres 1897 übertragen wurde, und die er am 4. Oktober antrat.
Mit der Wirksamkeit am Liceo beginnt der zweite, bedeutungsvolle Abschnitt in Chiesas Leben. Der Mann hatte von den Gesetzbüchern Abschied genommen und eine Lebensaufgabe nach seiner Berufung angetreten. Ein wesentliches Requisit des Juristen war ihm in die neue Laufbahn gefolgt: der Scharfsinn, den die Deutung der Gesetze erheischt, und den der Lehrer und Schriftsteller überall bei der Interpretation der Kunstschöpfungen aller Zeiten, sowie bei der Beobachtung und Gestaltung während seines eigenen literarischen Schaffens.
Der Lehrer wurde bald ein Meister vorab in der Auslegung Dantes, aber auch in der Darbietung der Kunstgeschichte und dadurch eigentlich bestimmend für die Geistesrichtung des Obergymnasiums. Wiederum sah man bei eintretender Vakanz in Chiesa den prädestinierten Anwärter auf die Stelle des Leiters der Schule als welcher er am 26. September 1914 bezeichnet wurde. Höchste Eignung brachte ihn auf den Posten, auf welchen hervorragende Männer von bestimmendem Einfluss werden können. Solcher Erwartung entsprechend, gab sich der neue Direkteor nicht damit zufrieden, der Schule schlecht und recht vorzustehen und Anregungen oder Impulse sich einraunen zu lassen. ,Jntese subito il suo ufficio come una vera e propria missione educatrice e formatrice della gioventù del suo paese.“ Und mit vollem Verständnis für die Bedürfnisse der Zeit setzte er alles daran, das höchste Bildungsinstitut des Kantons nicht stagnieren zu lassen, sondern es zu heben und auszugestalten. In jeder Phase steckte er ihm geistreich seine Ziele, die er mit Plan und System verfolgte. Bildungsfundament musste die humanistische Schule bleiben. [...] Dabei ging dem Direktor auch ein feiner Sinn nicht ab für die beiden andern grossen Kulturen, welche sich neben der italienischen in der Schweiz begegnen. Sie durften seinen Schülern ebensowenig unerschlossen bleiben, und das Gymnasium sollte für ihr Stadium vorarbeiten durch vermehrte Pflege französischer, sowie deutscher Sprache und Literatur. Nach der realistischen Seite erschien es als ein Gebot der Zeit, einen ,corso tecnico“ einzuführen, an das klassische Liceo ein Realgymnasium oder eine Industrieschule anzugliedern. Als sich endlich mit den Jahren die Notwendigkeit herausstellte, für die Sekundarschule des Kantons besondere Lehrkräfte heranzubilden, war es abermals Chiesa, der es sich angelegen sein liess, vorzusorgen, indem er zwischen beide Oberabteilungen der Kantonsschule eine dritte Sektion einschob, den „Corso pedagogico liceale“. In gemeinsam erteilten Fächern wollte der Leiter dem dreiteiligen ,Liceo classico, tecnico e pedagogico“ hinwiederum den Stempel eines organischen Ganzen aufgedrückt sehen, damit die Schüler einander näher gebracht würden und bewahrt blieben vor der Gefahr eines beengenden Empirismus und allzu fragmentarischen Wissens.
Weise Wachsamkeit und fester Takt waren nötig, wenn neben der Gelehrsamkeit die Charakterbildung zu ihrem Rechte kommen musste. Dass Francesco Chiesa es auch in dieser Richtung vorbildlich ernst genommen, illustriert Heinrich Federer anhand freimütiger Schülerurteile: „Ich habe es von den heissen Studenten ennet dem Gotthard oft genug erfahren, wie sie zwar ihren Literaturlehrer rühmen, den Dichter respektieren, aber über die disziplinare Strenge des Direktors brummen, von Pedanterie und Schulfuchserei reden, genau wie Zöglinge über jeden richtigen Pädagogen losziehen. „Che castighi i suoi versi finche siano maturi, piuttosto che noi“ - wetterte ein ungebärdiger Loca. nese.“ Und in einer Parallele, die Federer zwischen dem Zürcher Rektor Jakob Bosshart und dem Direktor des Lyzeums zu Lugano zieht, stellt er weiter fest, wie ,,edle Zucht“ überhaupt im Wesen des Tessiners lag, in der Schule „unter unvergorenen Jungen“, beim Dichter „unter Versen einer unendlich reichen Sprache.“
Nach drei Jahrzehnten hervorragender Wirksamkeit am Liceo von Lugano wurden dem Schulmann und Dichter Ende 1927 aussergewöhnliche Ehrungen zuteil. Heimatkanton, sowie Leser und Verehrer allerorten wetteiferten, Chiesa zu huldigen. Auf die offizielle Jubiläumsfeier am 11. Dezember 1927 in Lugano überreichte ihm der Staatsrat durch den Präsidenten Giuseppe Cattori als ,,Omaggio del Governo“ einen stattlichen Gedenkband, „Francesco Chiesa. Nel suo trigesimo anno d’ insegnamento“, in welchem sein bisheriges Lebenswerk aus berufenen Federn die vielseitigste Würdigung fand. Die Universität Lausanne zeichnete den Jubilaren mit dem Ehrendoktorate aus, ebenso die alma mater Roms für das Mutterland der Sprache. Eine spätere Feier - am 11. November 1928 in der Aula der Universität Zürich – galt im besonderen dem Schriftsteller und Dichter. Veranstalterin war die Schweizerische Schillerstiftung, welche ihm nach früheren Auszeichnungen für „Viali d’ oro“ 1911 und für ,,Calliope“ 1923 bei dem Anlass den grossen Schillerpreis überreichte in der Höhe, wie er vor ihm erst Carl Spitteler 1920, Jakob Bosshart 1922 und Philippe Godet 1923 zugedacht worden war. „Come se parlassi con me stesso“ verhiess der Geehrte zu der illustren Versammlung zu sprechen, und seine schlichten Worte sind Denkwürdigkeiten geblieben.
Im Herbst 1930 wäre Chiesa der berufene Nachfolger Professor Dr. Pizzos gewesen auf den Lehrstuhl für italienische Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Er liess sich indessen nur für interimistische Übernahme bis zur definitiven Neubesetzung bestimmen und trat bereits im Oktober 1931 nach „bedeutsam und sympathisch verwaltetem“ Amte wieder zurück.“