Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/1037

Lob und Perfektionismus schaden dem Selbstwertgefühl
Eltern mögen es, ihre Kinder zu ermutigen, ihnen Komplimente zu machen und sie zu loben. Denn die meisten Erwachsenen gehen davon aus, dass Lob Kindern guttut. Das ist ein Irrtum.
Eine Mutter fragt:
Mein Mann und ich sind Eltern eines sechsjährigen Jungen und einer vierjährigen Tochter. Unser Sohn kommt nach den Sommerferien in die erste Klasse. Obwohl er erst Ende Jahr sieben Jahre alt wird, denken wir, dass er schon bereit für die Schule ist. Doch etwas macht uns Sorgen: In bestimmten Situationen wird er sehr, sehr wütend. Wenn er zum Beispiel einen grossen Turm aus Kapla baut und ihm dieser nicht so gelingt, wie er es sich vorstellt, verliert er die Geduld und zerstört den ganzen Turm, so dass die Holzbrettchen in alle Richtungen fliegen. Er fängt zu schreien an und lässt sich nicht beruhigen. Ein anderes Beispiel ist das Rechnen. Wenn wir mit ihm rechnen wollen, hört er zwar interessiert zu, aber möchte nichts sagen, weil er fürchtet, das Resultat könnte falsch sein. Unserer Ansicht nach kann er mit Misserfolgen nur schlecht umgehen, wir empfinden ihn in diesem Punkt als unreif. In letzter Zeit haben wir ihn deshalb versucht zu motivieren, ihm gesagt, dass er doch in vielen Dingen super sei, wie etwa im Radfahren, Seilspringen oder Zeichnen, und er eben nicht überall alles richtig machen oder der Beste sein kann. Mein Mann und ich loben unsere Kinder immer wieder, damit sie sich gut fühlen und es auch merken, wenn sie etwas Gutes geschafft haben. Nun aber fürchten wir, dass unser Sohn ein zu geringes Selbstwertgefühl hat. Wir fühlen uns schuldig, weil wir denken, wir haben es verpasst, das hinzukriegen. Deshalb meine Frage an Sie: Ist es zu spät, sein Selbstwertgefühl zu stärken? Wenn nicht, wie können wir dazu beitragen, dass dieses gestärkt wird?
Antwort Jesper Juul:
Vielen Dank für Ihre Frage. Ich möchte mit einer kleinen persönlichen Erinnerung beginnen: Mein Sohn hat mit 13 Jahren aufgehört, in der Schule Aufsätze zu schreiben. Er sagte: «Ich kann einfach nicht.» Meine Frau und ich haben uns damals gefragt, was wohl der Grund für seine Weigerung sein könnte, bis uns plötzlich klar wurde: Seit seiner Kindheit erlebte unser Sohn mit, wie ich arbeite. Ich setze mich hin, schreibe und bin kurz danach fertig. Sein Eindruck war: Papa setzt sich hin und die Worte fegen nur so über das Papier. Das hat ihn unglaublich blockiert. Sobald für ihn klar war, dass dieser Anspruch nicht für ihn galt, hatte er mit Aufsätzen keine grösseren Probleme mehr.
Lob kann abhängig machen, vor allem, wenn Liebeserklärungen in Lob verpackt werden.
Was nun könnte die Ursache für das Verhalten Ihres Sohnes sein? Ich könnte mir vorstellen, dass er von zwei perfektionistischen Elternteilen kritisiert wird. In diesem Fall bin ich geneigt, mit Ihnen übereinzustimmen, dass viel Lob eine Ursache für Perfektionismus sein kann. Lob selbst kann aber auch abhängig machen, vor allem, wenn Liebeserklärungen in Lob verpackt werden. Denn das gibt einem Kind zwei Möglichkeiten: Entweder ist es, um so viel Liebe (in dieser Form) wie möglich zu erhalten, «gut» – oder das genaue Gegenteil.
Das ist keine bewusste Entscheidung. Aber es ist eine Wahl, die die Persönlichkeitsentwicklung oder Überlebensstrategie des Kindes prägt. Normalerweise gehen wir davon aus, dass viel Lob für gute Leistung das Selbstvertrauen der Menschen steigert. Das passiert bis zu dem Punkt, an dem Perfektionismus oder Lampenfieber überhandnehmen. Das Problem für viele Kinder ist nicht, dass sie Lob für lobenswerte Leistung erhalten, sondern dass wir es als Eltern in einer etwas monotonen Art zu sagen pflegen – und das hebt ein ehrliches «Ich liebe dich» nicht auf.
Drei Dinge, die das Blatt wenden
Sie fragen, ob es zu spät ist. Die Antwort ist Nein. Es braucht drei Dinge, um das Blatt zu wenden. Beginnen Sie mit einem ernsten Gespräch mit Ihren beiden Kindern und sagen Sie in etwa Folgendes: «Wir haben immer geglaubt, dass wir euch am besten anspornen, indem wir euch loben. Jetzt haben wir entdeckt, dass wir uns getäuscht haben.» Ihrem Sohn können sie sagen: «Du hast uns gezeigt, dass es dich frustriert und ärgert, wenn dir etwas nicht gelingt! Wir danken dir dafür. In Zukunft werden wir versuchen, dich weniger zu loben. Du sollst wissen, dass wir dich lieben, egal wie talentiert du bist. Das wird am Anfang etwas schwierig für uns sein, aber wir werden uns bemühen.»
Der zweite Schritt ist die Kunst der Anerkennung. Hier brauchen Sie vielleicht etwas Hilfe, um zu sehen, wie Sie diese in die richtigen Worte packen. Wenn Ihr Sohn sich ärgert, umarmen Sie ihn und sagen: «Ich weiss, dass du dich jetzt ärgerst. Aber es ist nicht wichtig, dass dir jetzt etwas gelingt. Ich liebe dich trotzdem!»
Erfolg ist nicht das Wichtigste. Das wirklich Wichtige ist, sich als besonders wertvoll zu fühlen, so wie man ist.
Der Erfolg ist nicht das Wichtigste für Ihren Sohn. Das wirklich Wichtige ist das Bedürfnis, sich als wertvoll zu fühlen, und zwar genau so, wie er ist. Denken Sie darüber nach, wie er Ihr Leben bereichert, und sagen Sie es ihm gelegentlich. Auf diese Weise ändert sich seine Erfahrung, wie er Sie glücklich machen kann, ohne immer «clever» zu sein. Und bleiben Sie dabei geduldig, denn das wird ein paar Jahre dauern.
Machen Sie auf keinen Fall ein Projekt aus diesem Vorhaben und Ihren Sohn nicht zu Ihrem Lieblingspatienten, um Ihr eigenes schlechtes Gewissen und Ihre Schuld zu verringern.
Sie haben getan, was Sie konnten, und tragen die Verantwortung dafür, die Dinge langsam zu verändern, das befreit Sie von Ihrer Schuld.
Die Änderung Ihres Verhaltens darf auch nicht zu einem Wettbewerb werden, sondern ist ein konstruktiver Beitrag zur Entwicklung des Selbstwertgefühls Ihres Sohnes. Kindererziehung sollte nie ein Leistungssport sein! Es ist ein gemeinsamer Entwicklungsprozess, in dem beide Parteien aus ihren Fehlern lernen, um sich so als wertvoll im Leben des jeweils anderen zu fühlen.