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Die Claque, Baden AG
Freie Gruppe, Sprechtheater, zeitweise mit eigener Spielstätte, 1968–92
1967 begann Anton Keller nebenamtlich und ohne finanzielle Unterstützung von öffentlicher Hand auf der Bühne im Keller des Kornhauses an der Kronengasse 10 in Baden Theater zu produzieren. Es wurden Eigen-, Koproduktionen und Gastspiele gezeigt. 1968–71 hatte Reinhard Lang – ebenfalls nebenamtlich – die Leitung inne. Um die langfristige Bespielung des Kornhaustheaters garantieren zu können, initiierte er 1968 als Trägerverein den Kornhausbühnenverein "Die Claque" und wurde dessen erster Präsident. Bereits in der ersten Saison waren hundert Mitglieder und Gönner verzeichnet, die Einwohner- und die Ortsbürgergemeinde Baden sicherten jährliche Subventionen zu. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wurden in Stückverträgen engagiert. Während Langs dreijähriger Direktionszeit wurden rund fünfzehn Stücke produziert, die alle aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen (etwa Peter Hacks’ "Amphitryon" und Günther Grass’ "Onkel, Onkel"). 1971 engagierte der Verein unter seinem neuen Präsidenten Walter Günthard →Jean Grädel als hauptamtlichen künstlerischen Leiter. Regelmässige Subventionen erhielt die C. nun zusätzlich vom Kuratorium für die Förderung des kulturellen Lebens im Kanton Aargau, von den Gemeinden Ennetbaden und Wettingen sowie produktionsbezogene Beiträge von Sponsoren. Grädel baute in den folgenden zwei Jahren ein fest engagiertes Ensemble professioneller Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Ab 1972/73 gehörten →Lilly Friedrich, →Paul Weibel und →Albert Freuler zum Ensemble, langjährige Mitglieder waren ausserdem →Hansrudolf Twerenbold, Peter Fischli und →Kaspar Lüscher, in den achtziger Jahren Ricco Beeler (→Enrico Beeler), →Monika Baumgartner, →Eva Schneid sowie als Dramaturg →Christian Haller. Der Grundsatz, professionelles Ensembletheater zu ermöglichen, wurde 1973 in den Statuten des Vereins festgehalten. Als kontinuierlich arbeitendes Berufsensemble war die C. damals einzigartig im Kanton Aargau. Von Beginn an hatten alle Ensemblemitglieder das Recht auf Mitbestimmung in der Leitung, 1973 wurde das Selbstbestimmungsmodell der Truppe rechtlich fixiert. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete die C. als Theaterkollektiv ohne nominierten Leiter. Alle Mitglieder der Truppe – Schauspielerinnen und Schauspieler, Technik- und Verwaltungspersonal – waren gleichberechtigt; den Spielplan und Vorschläge zur Einstellung von Mitgliedern unterbreitete die Truppe dem Verein. In den Statuten wurde explizit festgehalten, dass mit der Theaterarbeit das gesellschaftliche Leben in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht reflektiert und beeinflusst werden solle. Besonderes Gewicht kam dabei der Pflege des Kinder- und Jugendtheaters zu. Ab 1972/73 wurden auf Initiative Grädels – auch aus finanziellen Gründen – regelmässig Koproduktionen mit der →Innerstadtbühne Aarau, der Kleinen Bühne Zofingen und dem Kellertheater Bremgarten herausgebracht, ebenso wurde die Gastspieltätigkeit der C. auf die ganze deutschsprachige Schweiz ausgedehnt. Die C. gewann mit gesellschaftskritischen Stücken und brisanten Themen, mit denen sie zu Diskussionen herausfordern wollte, bald ein eigenes Profil. Eine der ersten Produktionen war 1972 →Heinrich Henkels "Der Eisenwichser" (Regie: Grädel), es folgten Stücke von Franz Xaver Kroetz (1973 Schweizer Erstaufführung von "Michis Blut", Regie: Weibel) und Hacks (1974 "Adam und Eva", Regie: Grädel). 1973 fand die Uraufführung von Clemens Mettlers "We de Herr Widercher zu siner Freud chunt" in der Regie von →Peter Schweiger statt. Im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters führte die C. Schultheaterkurse durch und erarbeitete Stücke in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, etwa die Kollektivarbeit über sexuelle Aufklärung "Do drüber red mer nöd" (1974/75) oder →Markus Kägis Stück für Lehrlinge "Sind mir denn niemer!"(1978). 1979 mietete die C. den "C.-Keller" an der Kronengasse 4 hinzu. Seit Anfang der achtziger Jahre arbeitete die C. nach einem neuen Konzept und machte gezielt "Theater für die Landschaft", indem sie ihre Gastspieltätigkeit verstärkt auf kleinere Dörfer konzentrierte. Ab Mitte der achtziger Jahren zeigte die mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus beachtete und etablierte C. vermehrt Volkstheater- und Repertoirestücke (beispielsweise Nestroys "Der Talisman" und Molières "Don Juan"). Nachdem 1986 auf Grund interner Krisen und mehrerer Kündigungen von Ensemblemitgliedern das Mitbestimmungsmodell in Frage gestellt worden war, einigten sich Verein und Truppe gemeinsam auf eine strukturelle Änderung, die vorsah, die C. zwar als Kollektiv weiterzuführen, die Arbeit aber in drei Bereiche (Schauspiel/Regie, Technik und Administration) zu unterteilen und die Vereinskompetenzen einzuschränken. Die Ensembleversammlung blieb somit das wichtigste Entscheidungsorgan. 1989 eröffnete die C. im umgebauten "C.-Keller" das Theater am Limmatufer. Es wurden vermehrt Rahmenprogramme und Sonderveranstaltungen angeboten wie die monatlich stattfindenden Matineen "Theaterzmorge" und Gastspiele von Kinder- und Jugendtheatergruppen in der Reihe "Theatersunntig". Durch eine Neuorientierung im Spielplan wurden anspruchsvolle, seltener gespielte Stücke und Bearbeitungen gezeigt, wie zum Beispiel 1988 die sehr erfolgreiche Inszenierung von García Lorcas "In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa" (Regie: →Michael Oberer), mit dem die C. auch am →Zürcher Theaterspektakel, Zürich ZH gastierte, die westeuropäische Erstaufführung des japanischen Stücks "Der Abendkranich" von Junij Kinoshita (Regie: →Dieter Bitterli), 1989 die Uraufführung von →Frank Geerks "Der Genetiker", eine Bühnenversion von T. S. Eliots Gedichtszyklus "Das wüste Land" (Regie beide: Oberer), Terence McNallys "Frankie & Johnny au claire de lune" (Regie: →Peter Holliger), 1990 Goethes "Urfaust" in Zusammenarbeit mit der Berner →Puppenbühne Demenga/Wirth, 1991 Pinters "Der stumme Diener" (Regie beide: Oberer) und 1991 die Schweizer Erstaufführung von →Philipp Engelmanns "Oktoberföhn" (Regie: Dominik Dähler). 1992 kündigte der Trägerverein dem gesamten Ensemble der C. auf Grund eines grösseren Finanzdefizits und interner Spannungen. Ein neues Konzept wurde ausgearbeitet, das kein eigenes Ensemble mehr vorsah. Seither wurde die Bühne unter dem Namen Forumclaque als Labor für spartenübergreifende und experimentelle Kunst geführt und veranstaltete Gastspiele und Eigenproduktionen. Nach einer einjährigen Übergangszeit, in der Peter Kiefer als Koordinator fungierte, wurde auf Beginn des Jahres 1994 ein neues Leitungsteam gewählt: die Kunstwissenschaftlerin Julie Harboe sowie der Schauspieler und Maler Jörg Niederberger. 2000 übernahmen der Regisseur →Heinz Gubler, der Ökonom Küde Meier und der Autor Michel Mettler (bis 2001) die Leitung des Forumclaque. Geprägt vom Aufbruch der 68er-Jahre, leistete die C. mit ihrem Konzept, professionelles Theater für die breite Bevölkerung zu bieten, wesentliche Aufbauarbeit nicht nur zur Schaffung einer regionalen Theaterlandschaft, sondern zur Dezentralisierung und Demokratisierung des kulturellen Lebens in der ganzen Schweiz. Aus dem Kreis der C. ging etwa die Theatertruppe →Spatz & Co. hervor, ebenso gehen die Schaffung einer Schultheaterberatungsstelle und die Gründung der →VTS wesentlich auf die Initiative der C. zurück.
Auszeichnungen
- 1982 Aargauer Preis der Kulturstiftung Pro Argovia für die Verdienste der C. um die Entwicklung einer Kleintheater-Tradition im Kanton Aargau.
Spielstätten
Theater im Kornhaus, Kronengasse 10, 5400 Baden. 1967 Eröffnung der Bühne im Keller des umgebauten ehemaligen Kornhauses. Tonnengewölbe. Bühne: 6,4 m breit, 4 m tief (mit Vorbühne 5,5 m), Gewölbe: 3 m hoch, Portal: 2,3 m hoch. Platzkapazität: rund 150 Plätze. Theater am Limmatufer, Kronengasse 4, 5400 Baden. Keller einer ehemaligen Schreinerei, Eröffnung als Theater am 19.4.1989, erste Premiere am 21.4.1989: "Von wegen Theater" nach Čapek. Bühnenraum: 7 m breit, 16 m lang, 3 m hoch. Platzkapazität: rund 130 Plätze.
Literatur
- Arnold, Peter: Auf den Spuren des "anderen" Theaters oder Der Beitrag der C. Baden zur Zukunft des Theaters in der Schweiz, 1987.
Archiv
- Schweizerische Theatersammlung, Bern.
Autorin: Nina Debrunner
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Debrunner, Nina: Die Claque, Baden AG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 388–390.