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Die Entwicklung in der Bildenden Kunst ist dramatisch. Umsätze in Galerien brechen ein und Existenzen sind gefährdet
Der Markt für diese Kunstsparte liegt für 2019 bei rund 64 Milliarden US-Dollars. Es handelt sich um ein grosses Geschäft, welches über die USA mit 44%, Grossbritannien mit 20% und China mit 18% verteilt ist; die Schweiz hat lediglich einen Marktanteil von 2%. In diesem Markt tummeln sich internationale Galerien, grosse Museen, grosse Auktionshäuser, selbstverständlich “Blue Chip-Künstler” und Menschen, die sehr viel Geld haben und dieses auch für den Kauf von Kunst ausgeben.
Es ist ein Wertewandel für den Kauf von Kunst passiert. In “alten Vorzeiten” waren die seelischen Geheimnisse der aktuellen Zeit ein Aufhänger für den Kauf von Kunst. Aktuell sind die erworbenen Kunstobjekte “Prestigeobjekte”, in Verbindung mit Investitionen in Sachwerte. Experten gehen sogar davon aus, dass es sich bei der Sammlung von Kunst auch um einen Religionsersatz handeln könnte.
Die Preise für Kunst sind exorbitant. 2019 war der zweit teuerste Kauf des zeitgenössischen Künstlers, Jeff Koons, eine “Rabbit-Plastik”, die für rund 90 Millionen US-Dollars ersteigert worden ist. Er verwendet Zeugnisse der Konsumkultur als Ausgangspunkt und verfremdet oder limitiert sie. Objekte aus der Alltagskunst und der Werbung sind in dieser Art verarbeitet worden. Er greift immer wieder auf sexuelle und andere Schlüsselreize zurück.
Die reichen Käufer oder Investoren überbieten sich selbst und bezahlen noch höhere Preise, wenn sie sehen, dass ein Mit-Milliardär einen noch höheren Preis bezahlt hat. Die reichen Sammler glänzen mit nicht erklärbaren Aktionen; beispielsweise mit dem Transport von Kunstinstallationen mit Hilfe der NASA oder der Sammlung von Müll, in eine Vitrine gestellt, mit Verfallsdatum.
Die chinesisch-zeitgenössische Kunst ist auf dem Vormarsch und lokalisiert sich vor allem in Singapur und Hongkong. Gespannt kann man auf die Reaktion der chinesischen Regierung sein, weil Kunst keine Grenzen kennt und Freiheit für sich in Anspruch nimmt. Die gleichen Prozesse finden auch im arabischen Raum statt. Auch hier entstehen Museumstempel mit Investitionen in Milliardenhöhe.
Corona hinterlässt aktuell aber auch im Kunstmarkt seine Spuren. International tätige Galerie haben Kurzarbeit angemeldet und wissen nicht, wie weit sich bei ihrer Geschäftstätigkeit die Arbeitslosigkeit manifestiert. Die Prognose lautet, dass rund 30% der aktiven Galerien die Krise nicht überleben und schliessen müssen. Die Umsätze in den Galerien können bis um 70% einbrechen. Die bisher geförderten Künstler*innen werden Schliessungen der Vermittler ihrer Kunst stark zu spüren bekommen. Die ohnehin schon karge Existenz kann in den sozialen Abstieg führen, selbst wenn der grösste Teil dieser Kunstschaffenden in Museen oder in anderen Branchen ein Existenzminimum für ihren Lebensunterhalt erarbeiten konnten. Andererseits haben auch junge Künstler*innen für ihre Werke Phantasiepreise erzielt, ohne dafür Bedeutendes geschaffen zu haben. Die “Blue Chip-Künstler” sind davon nicht betroffen. Ihre Wertanmutung im Kunstmarkt wird bleiben, weil die reichen Investoren in die Sachwerte investiert haben und die Preise durch ihr Engagement hoch halten.
Auch grössere Museen haben immer grössere Probleme Ausstellungen mit bekannten Kunstschaffenden zu organisieren, weil die Ausgaben für die Versicherung der Werke hoch sind und bis zu sechsstellige Zahlen umfassen. Für die Galerien sind die Teilnahmen an Kunstmessen überlebenswichtig, weil hier wesentliche Anteile der Jahresumsätze erarbeitet werden. Ob die Art Basel, als wichtigste Messe der Welt, im September stattfinden kann ist noch offen.
Der Staat Schweiz hat für die Unterstützung der Kultur CHF 280 Millionen gesprochen. Ein kleiner Teil wird in den Bereich der bildenden Kunst fliessen. Die Art und Weise wie über die verschiedenen Kunstsparten Gelder verteilt werden, und nach welchen Kriterien dies geschieht, ist unklar und intransparent. Jede Krise beinhaltet auch Chancen. Im Museumsland Schweiz gibt es eine sehr hohe Dichte an Museen. Kleinere Museen könnten vermehrt mit anderen, kleineren Institutionen, kooperieren und in dieser Art Kosten sparen. Nach wie vor ist es so, dass die Ausstellungsprogramme von Sponsoren finanziert und die Allgemeinkosten für den Museumsbetrieb von Swisslos gedeckt werden.
Schliesslich ist ein neuerer Trend in der bildenden Kunst die “Entdeckung” der Frauen als Kunstschaffende. Es gibt die Vorherrschaft der Männer, die deutlich häufiger in Museumsausstellungen vertreten sind und deutlich höhere Preise erzielen. Museen gestalten Ausstellungen mit “vergessenen Frauen”, Galerien und Museen spezialisieren sich auf weibliche Kunst.
Man kann nur hoffen, dass eine Flurbereinigung stattfinden wird. Die da und dort feststellbare Arroganz der Kunstvermittler und die Dekadenz von künstlerischen Arbeiten, könnten an einem Wendepunkt angekommen sein.
Abschliessend ein Zitat von Timothy Snyder – Der Weg in die Unfreiheit, C.H. Beck 2018 – Der Weltbestsellerautor sagt zu den Tugenden: “Tugenden gehen aus den Institutionen und der Kultur hervor, die sie erstrebenswert und möglich machen. Alle Tugenden und Werte hängen von der Wahrheit ab”. Oder, der bekannte deutsche Philosoph Peter Sloterdijk – Wo sind die Freunde der Wahrheit? (2018) - :“1916 treffen sich deutsche und französische Kriegsdienstverweigerer in Zürich zur Gründung des Dadaismus, eine Radikalisierung der Satire. Es geht um eine symbolische Widerspiegelung der Widersinnigkeit des Weltlaufs. Johannes Baader mokiert sich mit “Prokatur des Diletariats”. Nur der Nonsense ist noch kritisch. Aus dem Dadaismus geht der Surrealismus hervor. ...Nach 1918 mussten nebst dem Revolutionär und dem Surrealisten auch der Hochstapler hervortreten. In unseren Tagen höchste Aktualität hat das Brevier für Hochstapler. Dieses illustriert, dass die Welt betrogen werden will....”
Nach der Wahrheit zu suchen bedeutet, dass man zwischen Konformismus und Selbstgefälligkeit einen Weg findet, der zur Individualität führt. Aus meiner Sicht gibt es bedeutendere, aktuelle Probleme als die Entwicklungen im Kunstmarkt; beispielsweise die zunehmende Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Gedanken, die sich die zeitgenössische Kunst zu Herzen nehmen könnte.
Eduard Hauser