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Alan Cassidy und und Casper Selg sind zwei ehemalige US-Korrespondenten. Ich bat sie, den Werdegang der USA zu kommentieren.
Cassidy kam über die Sissacher Volksstimme zur Basler Zeitung und dann zur Schweiz am Sonntag. Für den Tages-Anzeiger und die Süddeutsche Zeitung berichtete er von 2018 bis 2021 aus den USA und arbeitet seit 2022 als Redaktor bei der NZZ am Sonntag. Selg korrespondierte acht Jahre aus den USA und fünf Jahre aus Deutschland, leitete zwölf Jahre das Echo der Zeit beim Schweizer Radio SRF und ist heute im Presserat.
«Amerika ist eine ewige Projektionsfläche», stellt Cassidy fest. In Europa hätten wir unsere vorgefertigten Bilder von den USA. Wer aber längere Zeit dort lebe, merke allmählich, wie viel davon auf Halbwissen basiere. «In den Achtzigern und Neunzigern habe ich beobachtet», erklärt Casper Selg, «wie das bewährte politische System dieser alten, vorbildlichen, starken Demokratie den Übergang in die Neuzeit nicht schafft.» Ein Grund sei die Kommerzialisierung des politischen Prozesses. Dazu gehörten «PR-Firmen, die den Wahlkampf von den Parteien übernahmen»; zudem «das permanente Generieren von Emotionen statt Argumenten, von Skandalen statt Debatten». Das schade dem politischen Prozess und der gesellschaftlichen Entwicklung.
Nach Trumps Abgang hat sich das Land laut Cassidy politisch zunächst beruhigt, inzwischen aber weiter aufgeladen. Trump verstehe es immer noch «teuflisch gut, sich vielen Menschen mit Ressentiments als Fürsprecher anzubieten». Teil seiner Popularität sei auch «eine tiefe Antipathie für die Demokraten». Diese Partei werde besonders in kulturellen Fragen sehr elitär wahrgenommen, «ganz unabhängig davon, wer ihre aktuellen Aushängeschilder sind». Innenpolitisch habe Biden das Land zwar rasch aus der Pandemie geführt und mehrere Reformpakete geschnürt, die künftig die Infrastruktur verbessern könnten. Doch hätten sich die Lebenshaltungskosten weiter erhöht und die Migrationskrise verschärft. Das sei bei den kommenden Wahlen wiederum ein Vorteil für Trump. Aber letztlich werde wohl jener Kandidat gewinnen, der weniger Widerstand erzeuge.
«Ich denke», ergänzt Selg, «der absurd gewordene Wahl-Prozess ist in der heutigen Konstellation zu volatil, um brauchbare Voraussagen machen zu können.» Trump sei «in katastrophaler Weise ungeeignet für das Amt», sein Ziel die Alleinherrschaft um jeden Preis, keine Demokratie. Und Biden werde monatlich wackeliger, körperlich und geistig. Zeitlich werde es täglich schwieriger, noch eine plausible Gegenkandidatur aufzubauen.
Die USA sind für Selg ein Land, «das mit höchster Technologie, aber Strukturen längst vergangener Tage versucht, die Zukunft zu gestalten». Man baue Supercomputer und Software, welche die ganze Welt umorganisierten. «Aber man findet kaum jemand, der eine defekte Stromleitung reparieren kann.» So gebe es Dutzende Millionen von Leuten in diesem Land, die sich im Stich gelassen fühlten und drei Jobs machen müssten, um zu überleben. Sie fühlten sich «von illegalen Einwanderern und Anderem bedroht» und sehnten sich deswegen «einen starken Mann» herbei, der sie wieder «great again» mache.
Biden habe zwar innenpolitisch viel versucht, um den Leuten wieder Jobs zu verschaffen und ihre soziale Absicherung zu verbessern. Es hätte aber vor allem einen Präsidenten gebraucht, so Selg, «der dem Populismus überzeugend entgegentreten kann». Davon sei Biden weit entfernt, «speziell jetzt, da ihm ja schon das normale Sprechen schwerfällt». Vielleicht helfe ein Wunder. Darauf könne man nur hoffen. Das beunruhigt mich. Viel bleibt ungewiss. Und gefährlich. Vor allem auch, wenn Europa mit Blick auf Amerika darüber nachdenkt, atomar aufzurüsten, statt diese Waffen weltweit zu verbieten.
Am Mittwoch, 27. März 2024, 19 bis 21:30 Uhr, blicken wir im Kultur-Bistro Cheesmeyer, Sissach, auf die politische Schweiz. Gäste sind alt Bundesrätin Ruth Dreifuss und die frühere Berner Nationalrätin und Finanzdirektorin Therese Frösch.
Ueli Mäder. Photo © Christian Jaeggi