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Einem Kind den Rassismus erklären
Es ist nicht einfach, soziale Themen in Angriff zu nehmen, die viel Vorkenntnis über die moderne Gesellschaft und ihre (oft ungesunden) Mechanismen voraussetzen. Besonders im Fall des heikelsten Themas par excellence, des Rassismus. Und besonders wenn der Gesprächpartner ein 8-jähriges Kind ist.
Dunkelschoggi und Milchtassen
Meine Familie ist eine der vielen, die ab den 80er Jahren ihre Heimat Sri Lanka verliessen, um dem Bürgerkrieg zu entfliehen und Glück und Arbeit in Europa, Kanada oder den Vereinigten Staaten zu suchen. Meine (damals noch zukünftigen) Eltern pressten wie viele anderen Tamilen ihre Hoffnung und ihre Ängste in einen Koffer hinein (die Ängste überwogen) und stiegen in das Flugzeug ein, das sie zu einem besseren, menschenwürdigeren Leben bringen würde. Ihre Haut war dunkelbraun, aber niemand merkte es, denn im Flugzeug von Colombo, der sri-lankischen Hauptstadt, waren alle dunkel. Aber je mehr meine Eltern sich von ihrer Insel im Indischen Ozean entfernten und dem versprochenen Land näherten, desto bewusster wurde ihnen, wie auffällig dunkel (geradezu zu dunkel) sie waren, mit ihrer für westliche Standards exotischen Pigmentierung, was ihnen (wie sie befürchteten) nicht behilflich sein würde bei ihrem Anspruch einer möglich ruhigen und problemlosen Assimilation.
In weniger als zwölf Flugstunden waren sie fremd geworden – vor allem sich selber. Sie waren Dunkelschokolade (oder, auf schweizerische Art, Dunkelschoggi) in einem Land von bleichen Milchtassen. Am liebsten hätten sie ihr Anderssein, das schon mit dem Aussehen begann und das sie sofort als Fremde kategorisierte, weggewaschen und die schuldigen Genen aus ihrer DNA irreversibel gelöscht. Da es aber natürlich nicht möglich war, wurden ihre vier Töchter, von denen ich die älteste bin, mit schwarzen Haaren und braunem Teint geboren. Und das war für meine nun 8-jährige Schwester Yalini (Name geändert), die die zweite Klasse in einer ruhigen Gemeinde von Basel-Land besucht, bislang keine Sorgenquelle. Bis gestern, als sie von der Schule heimkam und mir mit zerstückelter Stimme sagte, ein Kind auf dem Schulhof habe sie „Schwarze“ genannt. Und dabei sei sie nur dunkelbraun, fügte sie noch hinzu, indem sie den Kopf senkte.
Von alten Denkmustern und neuem Schmerzen
Das erste Mal, als ich einen rassistischen Angriff erlebte, war ich auch ein Kind, wenngleich schon 14-jährig. Ich erinnere mich noch mit grausamer Genauigkeit daran: Der volle Schulbus, der spätnachmittägliche Schweiss und der betäubende Stimmenlärm, was mich trotzdem das Hören nicht verhinderte: „Tamilin!“. Ein Wort, nur ein Wort. Ohne Verben, ohne Kommas. Ein Vogelschrei. Aber mächtig aufgeladen von verrosteter, kontextloser Aversion, die in der kolonialen Ära ihre Wurzel zu suchen hat und die wie ein sorgsam zu pflegendes Kind Generationen, Jahrhunderte hindurch übertragen wird, mit der jedes Mal absurderen Überzeugung, veraltete Denkmuster können die heutige Welt erklären. Die Wörter sind dieselben von damals, aber der Pein ist jedes Mal neu.
Heutzutage kann ich mich von solchen niveaulosen Sprüchen mit Selbstkontrolle und Achselzücken verabschieden. Aber diese Gleichgültigkeitshaltung ist etwas, das es zu erlernen gilt, etwas, das auf den Trümmern des Schmerzens und der grundlosen Scham aufgebaut werden muss. Das versuche ich jetzt meiner Schwester Yalini zu erklären, die mir mit grossen Augen und zitternden Lippen gegenübersteht.
Der Löwe und das Kind
Seitdem ich überhaupt Erinnerungen habe, bin ich immer eine Träumerin gewesen, die gerne in einer märchenhaften Welt gelebt hätte, wo sich alle gegenseitig liebten und das Wort „Ausschliessung“ nur ein Zungenbrecher für Fremdsprachler war. Tief in mir und trotz allen Narben des Lebens habe ich nie aufgehört, an eine utopische Welt zu glauben, genau diejenigen, die in den unvergessenen Disney-Cartoons oder in den kitschigsten Werbespots zu sehen ist. Auf dieses Wissen greife ich zurück, indem ich mich vorbereite, den Rassismus meiner Schwester zu erklären. Auf die Frage, ob sie sich an den Zeichentrickfilm „Der König der Löwen 2“ erinnert, antwortet sie mit einem entschiedenen Ja. Und ob sie den jahrelangen Kampf zwischen der Herde von Simba („der Gruppe der Netten“, sagt Yalini) und derjenigen von Zira („den Bösen“) im Kopf habe? Anderes Nicken. Meine Frage, ob die zwei Gruppen ähnlich aussehen, beantwortet sie mit einem Nein, auf das die schnelle Begründung folgt: Während Simba und seine Freunde einen hellen Pelz haben, sind die anderen offensichtlich dunkler.
Durch den überraschten Ton ihrer Stimme verstehe ich, dass sie diesen Aspekt beim Schauen übersehen hat. Wie sich denn die Situation gelöst hatte, frage ich weiter. Eine kindliche, konfuse Zusammenfassung wird mühsam wiedergegeben – sie ist aber in ihrem groben Inhalt richtig: Kiara und Kovu, Tochter und Sohn der jeweiligen Gruppenführer, entscheiden durch ihre Liebe das Schicksal der zwei feindlichen Herden, indem sie sie mit Worten der Toleranz und des Mitleids von einem blutigen Kampf abwenden und zu einer friedliche Koexistenz auffordern. Das Happy End, natürlich im Disney-Stil, sieht die Auflösung der zwei Gruppen und die Geburt einer einzigen Gemeinschaft, wo Aussehen und Herkunft nicht mehr wichtig sind.
Bei diesem Satz erhellen sich die dunklen Augen meiner Schwester: Sie hat die Nachricht verstanden. Und während das Lächeln ihr Gesicht wieder verschönert, seufze ich erleichtert: Walt Disney sei gelobt! Dank ihm hat Yalini heute eine wesentliche Lektion gelernt, die ich ihr dann in einem letzten Satz zusammenfasse: „Die einzige Farbe, die wichtig ist, ist die deines Herzens“.
Die italienische Erstversion des Beitrags von Anna Riva erschien auf Yalla Italia, einem Blog von und für italienische Secondos: