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| P. Anselm Eberhard o.s.b., Einleitung zu Athenagoras' Bittschrift für die Christen. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.

Einleitung zu Athenagoras' Bittschrift für die Christen
1. Die Überlieferung. [S. 262]
Der großen kirchlichen Tradition ist der Apologet Athenagoras eine so gut wie unbekannte Persönlichkeit. Selbst ein Hieronymus, ein Eusebius schweigen von ihm. In der ganzen altchristlichen Literatur finden sich bloß zwei Stellen, wo er genannt wird. Der Bischof Methodius von Olympus (gest. um 311) brachte in einer Abhandlung über die Auferstehung ein längeres Zitat aus Athenagoras (Bittschrift Kap. 24) mit der Bemerkung: „wie auch von Athenagoras gesagt wurde“. Außerdem wird Athenagaras noch in einem anonymen Exzerpt aus der um 430 veröffentlichten, uns aber verloren gegangenen christlichen Geschichte des Philippus von Side genannt; hier heißt es zunächst, er habe unter Hadrianus und Antoninus geblüht, an die er auch die Bittschrift für die Christen gerichtet habe; diese Angabe des Exzerptes ist insofern unrichtig, als sich die Bittschrift des Athenagoras nicht an die genannten Herrscher, sondern an Marcus Aurelius Antoninus und dessen Sohn und Mitregenten Lucius Aurelias Commodus wendet; ferner wird in diesem Exzerpt Athenagoras wenigstens indirekt als Athener bezeichnet und sowohl mit der Akademie in Athen als auch mit der Schule in Alexandria in Verbindung gebracht; es wird von ihm gesagt, er habe sich gerade im Philosophenmantel mit dem Christentum befreundet und sei infolge des Studiums der göttlichen Schriften aus einem Saulus ein Paulus geworden. Vom fünften Jahrhundert ab verliert sich jede Spur von Athenagoras. Erst der gelehrte und sammeleifrige Erzbischof Arethas von Cäsarea·in Kappadozien hat wieder Kunde von ihm. Er findet von Athenagoras erstens eine christliche Apologie vor, die den auffallenden Titel „Presbeia“ trägt, ein Wort, das sich am besten durch Bitt- oder Denkschrift übersetzen läßt; die lateinischen Übersetzer gaben es wörtlich mit [S. 262] legatio wieder oder, was mehr dem Sinne entspricht, mit supplicatio oder deprecatio; zweitens findet Arethas als von demselben Autor stammend eine Abhandlung über die Auferstehung der Toten vor. Diese beiden Schriften des Athenagoras ließ Arethas im Jahre 914 von seinem Sekretär Baanes abschreiben; dadurch entriß er den Athenagoras der Vergessenheit und führte ihn wieder in den Kreis der kirchlichen Literatur ein. Die Abschrift des Baanes, von Arethas eigenhändig korrigiert und mit Scholien versehen, bietet uns der Codex Parisinus 451, welcher für alle Handschriften, die uns die Werke des Athenagoras vermitteln, den Archetypus oder die Stammhandschrift bildet. Das Verhältnis der Handschriften zueinander haben besonders Harnack und v. Gebhardt klar gestellt; letzterer hat auch eine genaue Beschreibung der Stammhandschrift gegeben. Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, herausgegeben von Oscar v. Gebhardt und Adolf Harnack. 1. Bd. Heft 1 und 2 und Heft 3 (S. 154-196). Leipzig 1882 und 83. Daraus, daß der Text der Bittschrift reich an Korruptelen ist, die Auferstehungsschrift aber nur wenig Schäden aufweist, hat man geschlossen, daß Arethas die beiden Werke getrennt vorfand, als er sie in sein Sammelwerk aufnehmen ließ. - Das Schweigen der altchristlichen Literatur über Athenagoras hat schon zu verschiedenen Erklärungsversuchen Anlaß gegeben, aber eine durchaus befriedigende Erklärung scheint immer noch nicht gefunden zu sein.