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Von der Wichtigkeit, nett zu sein
Wenn Sie mich fragen: Ich finde Caroline ja gar nicht so übel. Caroline von Monaco, meine ich. Ich sah sie erst gerade kürzlich wieder, nicht in persona, sondern in dieser Dokumentation über Karl Lagerfeld, die euphemistischerweise den Titel trägt «Lagerfeld Confidential» und jetzt auch schon wieder ein paar Jahre alt ist. Dort taucht Caroline irgendwann mit Zigarette und Weinglas im Hintergrund auf und stellt fest: «I’d hate to die in perfect health.» Später dann wird sie in diese uralte schwarze monegassische Staatskarosse gesetzt, die, wie vieles in Monaco, inzwischen die Coolness einer Filmrequisite hat. Caroline schneidet ein paar Grimassen und entschwindet.
In der Tat gehört Caroline von Monaco zu jenen Figuren, die nicht leicht zu fassen sind, weil ihr veröffentlichtes Konterfei alles überlagert. In der Tat hat Caroline nicht nur häufig Weinglas und Zigarette in der Hand, sondern auch einen Abschluss in Philosophie von der Pariser Sorbonne. Sie spricht fünf Sprachen fliessend und wird, um einen Ausdruck von Marlene Dietrich zu benutzen, täglich zu Tode fotografiert. Je mehr wir sehen, desto weniger wissen wir.
Mehr hingegen scheinen wir von Ernst August zu wissen, Carolines gegenwärtigem, drittem Immer-noch-Ehemann, Prinz von Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Ernst August Albert Paul Otto Rupprecht Oskar Berthold Friedrich-Ferdinand Christian-Ludwig Prinz von Hannover wird demnächst 60. Üblicherweise ist Augenrollen die direkte Folge der Nennung seines Namens (und mehr als ein Name ist es nicht mehr, wenn auch ein famoser Name, doch in Deutschland wurden die Standesvorrechte des Adels nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafft). Augenrollen also, und zwar in sämtlichen Milieus, von den besseren Kreisen über die Hoity-Toity-Zwischenstufen bis in die Niederungen des Privatfernsehens. Ernst August? Augenrollen. Dann kommen die üblichen Storys: der Fassungsverlust, die Neigung zu Tätlichkeiten und anderen öffentlichen Erleichterungen, das Philandertum, der scheinbar unverhohlene Ehebruch, das Fehlen auf der Hochzeit seines Schwagers Albert II. mit Charlène Wittstock, dieser seltsamen Feier mit dem most corny kiss ever.
Ist Ernst August ein Punk?
Yes, Ernst August hat seine schwächeren Momente, «moments of controversy», wie das der Engländer nennt. Doch dass er Journalisten die Meinung sagt oder auf der französischen Autobahn ein bisschen zu schnell fährt, macht ihn ja nicht unsympathisch. Besonders anziehend wirkt es offenbar auf Punks. Die Punk-Band Terrorgruppe widmete dem Prinzen das Stück «Ernst August», in dem er als «Sid Vicious der Aristokratie» bezeichnet wird. Ganz ähnlich ehren ihn die Oi!-Punk-Formation Pöbel & Gesocks durch die Titulierung «Punk im deutschen Adel» und die Punk-Band Casanovas Schwule Seite in ihrer Schöpfung «Expo 2000». Aber ist Ernst August ein Punk? Ein Regelbrecher und Allesverneiner? Hat Ernst August Stil – jenen Stil der «stylish effrontery» gar, der Unverschämtheit im besten Sinne, des gebildeten Sichhinwegsetzens über prätentiöse Mittelklassenumgangsformen, wie man es in England, dem Mutterland der guten Form, seit jeher nicht etwa mit Punks, sondern mit der Aristokratie assoziiert, welche, mag man sagen, was man will, dort jedenfalls über jede Prätention erhaben ist.
Winston Churchill war ein Meister der «stylish effrontery», und Ernst August von Hannover, der Welfenspross, lange auf irgendeinem höheren dreistelligen Rang der britischen Thronfolge, bevor er denselben durch Eheschliessung mit der Katholikin Caroline aufgab, scheint, jedenfalls äusserlich, als ein Mitglied ebenjener Sphäre churchillscher Hinterlassenschaft zu agieren, denn Ernst August tritt auf wie ein Sloanie. Wir haben die Sloanies als sozialen Typus hier schon besprochen; neuerdings findet dieses aus den Achtzigerjahren stammende Etikett als Kurzform von «Sloane Rangers» Anwendung für Männer und Frauen aus besseren englischen Familien (inkl. der königlichen), die in London gerne in Chelsea und Notting Hill ihre Zeit verbringen und einen gut dotierten Job in der City mit einer Vorliebe für Siegelringe, Barbour Coats und Button Downs von Turnbull & Asser verbinden. Sloane Rangers arbeiten in Anwaltskanzleien, Banken und Immobilienfirmen, neuerdings ebenfalls in PR- und Werbeagenturen. Doch auch die Ausbildung zum Landwirt in England und Kanada, wie sie Ernst August genoss, und seine anschliessende Betätigung als Geschäftsmann und Produzent von Tier- und Dokumentarfilmen sind total akzeptable Sloanie-Beschäftigungen. Er reitet gut und tanzt schlecht (zwei typische Sloanie-Attribute), und die Auswahl seiner Garderobe verrät ebenjene Missachtung der Mode, die für den Sloane Ranger geradezu konstitutiv ist: Er trägt am liebsten die Sloanie-Uniform, bestehend aus Jeans, Oxford Shirt, Loafers oder Boating Shoes und einem massgeschneiderten Jackett im Stil von Huntsman oder Henry Poole an der Savile Row. Mit anderen Worten: Er sieht aus, als sei er direkt von der King’s Road abgebogen, und zwar im Jahre 1984.
Die Tugend der Niceness
Und es ist sicher nicht falsch, davon auszugehen, dass der Welfenprinz ebenfalls im Hinblick auf seine innere Haltung gewisse Gegebenheiten der Sloane Rangers teilt: Sloanies sind konservativ, hassen klassisches Musiktheater, moderne Kunst und James Joyce. Dafür schätzen sie eine robuste Konstitution, die einen befähigt, Crack Babies im Boujis runterzustürzen. «Crack Baby» klingt nach Punk, ist aber das Gegenteil, so wie man überhaupt unter Sloanies Gesellschaftsdrogen bevorzugt und von ganz harten Sachen Abstand nimmt. Speaking of Abstand: Selbstverständlich sprechen die Sloanies ihre eigene Sprache, die weitgehend identisch ist mit der Sprache der englischen Upper Class. Doch selbst wenn Ernst August diesen Code perfekt beherrschen würde, was unwahrscheinlich ist, so trennt ihn doch etwas anderes von den Sloane Rangers und entlarvt seinen Habitus als rein äusserlich: Sloanies sind nämlich – nett. Ja, so ist es. Diese Menschen mögen vielleicht von Sahra Wagenknecht als reaktionäre Geisterschleppen aus einem untergegangenen Zeitalter klassifiziert werden, aber sie sind – wahnsinnig nett.
Besser: nice. Niceness, eine weitere englische Kardinaltugend, geht ja viel weiter als «Nettigkeit»; Niceness meint eine höfliche Ungezwungenheit und Umgänglichkeit, die Standes- und Klassengrenzen pragmatisch als gegeben hinnimmt und gerade deshalb nicht bemüht oder aufgesetzt wirkt. «To be a good sport» oder «To be a good egg», so lautet die Maxime der englischen Aristokratie, die das Leben seit jeher als Sport und Spiel betrachtet. Man kann über das britische Königshaus denken, was man will, aber wenn es direkt mit seinen Untertanen umgeht, so macht es das fabelhaft, nicht zuletzt eben weil in jenem angelsächsischen Pragmatismus jede Klasse ihren eigenen Stolz entwickelt hat. So fehlt den freiheitsliebenden Engländern trotz Monarchie jede Form von autoritärem Bewusstsein, wie es etwa den Deutschen und ihrem Verständnis von Staat und Gesellschaft immer noch tief in der Seele sitzt. Und so ist es kein Wunder, dass Niceness eine Attitüde ist, die Ernst August völlig abgeht (im Gegensatz übrigens zu seiner Frau, Caroline). Dafür ist er zu deutsch, trotz drei Staatsangehörigkeiten, unter denen auch die britische ist. Dem Urenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. fehlt – die Ironie. Der distanzierte Unernst jedoch, vor allem in der Selbstbetrachtung, ist der englische Wert schlechthin. Das heisst: Äusserlich zeigt der Chef des Hauses Hannover zwar Stil, wenn auch keinen eigenen, sondern lediglich in Form der Mimikry. Innerlich aber ist er im Wesentlichen: ein dünkelhafter Choleriker. Und das ist nun ganz und gar nicht Punk. Oder doch?
Bild oben: Sie ist nett, er nicht: Prinz Ernst August von Hannover mit seiner Frau Prinzessin Caroline von Monaco. (Archivbild, Keystone)