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Eine verheiratete Frau hatte einen Freund, den der Ehemann gar nicht leiden konnte und den sie deshalb im eigenen Hause nicht empfangen durfte, sonst hätte es ihr Mann gesehen. Sie dachte und dachte, wie sie ihren Mann blind machen könne, dass er nicht sehen könne, wenn der Freund komme und gehe. Aber sie wusste nicht, wie es machen. Sie wollte den Priester drum fragen und ging deshalb oft zur Beichte; aber im Augenblick, wo sie hätte reden sollen, schämte sie sich und sagte nichts. Als der Mann sie so oft zum Beichtvater laufen sah, schöpfte er Verdacht. Er wurde neugierig, was seine Frau wohl immer dem Priester zu sagen habe und gedachte ihr selber die Beichte abzunehmen.
Eines Tages, als der Priester abwesend war, trat er im geheimen in den Beichtstuhl ein; nach kurzem erschien seine Frau und da sie eine dunkle Gestalt im Beichtstuhl sah, kniete sie sofort hin und begann ihre Sünden zu bekennen. Der Ehemann hörte schweigend zu, aber er merkte, dass sie noch etwas auf dem Herzen habe und nicht wusste, wie es sagen. Er verstellte darum seine Stimme und veranlasste sie, alles zu sagen. Gott sei barmherzig und werde ihr verzeihen. Da liess die Frau ihre Bedenken fahren und fragte ohne weiteres, wie sie ihren Mann blind machen könne.
Dem armen Ehemann wurde es übel zumute als er das hörte. Aber nach einigem Nachdenken sagte er zu der Frau, sie solle ihren Mann sehr gut halten, ihm feine Weine, Beefsteaks und fetten Käse geben, so werde er nach und nach blind werden.
Nichts ahnend ging die Frau nach Hause und fing an, köstliche Gerichte zu kochen, die der Ehemann mit grossem Appetit verzehrte. Nach einigen Tagen tat er so, als ob er schlecht sähe, und die Frau verdoppelte ihre Anstrengungen und sie kochte saftige Braten und süsse Speisen. Der Mann begann zu klagen, dass seine Augen immer mehr abnehmen, bis er eines Tages erklärte, er sähe nun gar nichts mehr und sei ganz blind.
Darüber war die Frau ganz glücklich, denn sie glaubte nun tun zu können, was sie wolle. So liess sie jeden Abend den Freund kommen, der still am Kamin sass. Eines Tages tat der Ehemann, der ihn wohl sah, so, als wolle er mit der Feuerzange das Feuer schüren und liess sie glühend werden. Dann fasste er mit ihr, wie im Irrtum, die Hand des anderen, der in diesem Augenblick ein Stück Holz aufs Feuer legte. Da schrie der Freund vor Schmerzen auf. Der Ehemann tat verwundert und fragte seine Frau, wer da sei und sie antwortete, es sei sein stummer Bruder. Der falsche Blinde schwieg, wie wenn er es glaubte. Eines Tages, als das Wetter schön war, bat er die beiden, ihn zu führen, sie wollten einen Spaziergang zusammen machen. Sie sollten vor ihm hergehen und er wolle in ihren Fussstapfen folgen, weil er nicht sehe. Sie willigten ein, gingen hinaus und zogen den falschen Blinden hinter sich her.
Als sie an einen Punkt kamen, wo der Pfad sehr eng wurde und dicht an einem Abgrund vorbeiführte, gab der Ehemann seiner Frau einen starken Stoss. Sie schlug mit der Schulter an die Brust ihres Freundes und die beiden Treulosen verloren das Gleichgewicht und stürzten in die Tiefe. Alle glaubten an einen Unglücksfall, und der Übriggebliebene lebte glücklich weiter. Auch verwunderte sich keiner, dass er seine Sehkraft wieder erlangte. Alle sagten, die Aufregung des Tages habe das Wunder bewirkt.
Quelle: L. Clerici, Helene Christaller (Übers.), Märchen vom Lago Maggiore.
Nach mündlicher Überlieferung gesammelt von Luigi Clerici, Basel o. J.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch; typografisch leicht angepasst.