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Präsentation der Publikation:
DIE KAIRO ÜBERSETZUNG /
THE CAIRO TRANSLATION
Edition Fink, Zürich 2010
Die neuen Arbeiten von Daniela Keiser, die unter dem Titel „Ar und Or" in der Galerie Stampa gezeigt werden, scheinen von zwei völlig gegensätzlichen geographischen Räumen zu handeln: Fotos mit schneebedeckten Wiesen und Kleinstadt-Grau in einer unterkühlten Landschaft auf der einen Seite stehen einem Spektrum von gelbem Wüstensand, Trockenheit und temporären Architekturen gegenüber. Die Bilder geben implizit nicht nur etwas von den unterschiedlichen Lebensbedingungen der verschiedenen Hemisphären Nord und Süd wieder, sie handeln auch von jeweils anderen ökonomischen und sozialen Alltagsrealitäten, ohne allerdings den klischeehaften Blick einer voyeuristischen Andersartigkeit zu reproduzieren.
Indessen ist der atmosphärische Blick auf unterschiedliche Lebenswelten und -bestimmungen lediglich ein Element in Keisers Fotografien. Genauso wichtig sind die Prozesse und Dynamiken, die zu ihnen hinführen und die teilweise auf den Fotos ablesbar bleiben. So werden manchmal die gleichen Szenerien zweimal fotografiert, schwarz-weiss und farbig, mit Sonne und bei Nacht, oder aus einem leicht verschobenen Blickwinkel, wie in Aufnahmen aus der Serie „Moutier". In dieser prozesshaften Annäherung scheint sich auch ein spezifisches Interesse der Künstlerin an der Fotografie selbst zu manifestieren, an den Möglichkeiten, die im Medium liegen, „um das Unvorhersehbare, das Offensichtliche zuzulassen", wie es Marguerite Duras ausdrückte.
Immer wieder kooperiert Daniela Keiser bei ihren Projekten mit anderen Personen, wie beispielsweise in der „Kairo Übersetzung", bei der sie zwölf Bewohnerinnen und Bewohner von Kairo gebeten hat, zu einem ihrer Fotos einen handschriftlichen Text auf Arabisch zu verfassen. Die Übersetzungen dieser Texte auf Englisch und Deutsch sind schliesslich ebenfalls Teil der Arbeit geworden und sind in eine Zeitungspublikation integriert. Das räumliche Display und die Präsentation auf selbst entworfenen Tischen wiederum ist ein wesentliches Moment einer Variation dieses Übersetzungsprojekts, der Installation „Ar und Ors Augenblicke". Mit einer Wiederholung ähnlicher formaler Abläufe – der Vorgang der „multiplen Geschichtsschreibung" findet sich in beiden Arbeiten – rekurriert Keiser nicht nur auf eine orientalische Erzähltradition, indem sie fiktionale und reale Ebenen miteinander vermischt, sondern sie greift auch einen besonderen Modus des Narrativen auf, indem Prozesse der Verinnerlichung zu einer Art abstrakter Ornamentierung geführt werden. Übersetzung heisst in diesem Fall nicht nur Übertragung von einer Sprache in eine andere, sondern auch von einem künstlerischen Medium, der Fotografie, in ein anderes, den Text.
Ar und Or, Moutier und Kairo, Nord und Süd: Wie die Alpen Nurdein und Anarosa im Titel ihrer Ausstellung zusammengeführt wurden, so bringt die Künstlerin auch in den Ausstellungsräumen selbst die vermeintlich unterschiedlichsten Welten unter einen Hut.
August 2010
Patricia Grzonka
Kunsthistorikerin, Kunst- und Architekturkritikerin, Wien