Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03607.jsonl.gz/1056

Mascha Madörin, Ökonomin, befasst sich seit den 1990er Jahren mit verschiedenen Aspekten der Wirtschaftspolitik und -theorie aus feministischer Sicht, insbesondere mit der politischen Ökonomie der Sorge- und Versorgungswirtschaft, mit Finanzpolitik, geschlechtergerechten Staatsausgaben und Gesundheitsökonomie.
Frau Madörin, in der Schweiz ist die finanzielle Gleichstellung der Geschlechter nach wie vor nicht erreicht. Wie gross ist die Einkommenslücke?
Mascha Madörin: Für Löhne und Gehälter, inklusive AHV- und Pensionskassenbeiträge, schätze ich sie auf mindestens 100 Milliarden Franken (100 000 000 000 Franken) für das Jahr 2014. Für Erwerbstätige, die in der Schweiz wohnen. Das ist ungeheuer viel. Es entspricht rund 30 Prozent der gesamten Konsumausgaben privater Haushalte, fast dem Dreifachen sämtlicher staatlicher Bildungsausgaben vom Kindergarten bis zur Universität.
Dazu kommen noch die ungleichen Einkommen aus selbstständiger Erwerbstätigkeit, diejenigen der Unternehmerinnen und die Renten.
Arbeiten Frauen weniger als Männer, dass sie Ende Monat so viel weniger Geld auf dem Konto und im Portemonnaie haben?
Frauen und Männer arbeiten im Durchschnitt etwa gleich viel. Frauen verrichten einfach unglaublich viel Arbeit, die nicht entlohnt wird. Und sie verdienen im Schnitt weniger pro Stunde als die Männer.
Viele Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Könnten sie auch Vollzeit arbeiten?
Frauen sitzen ja nicht untätig herum, sondern sie arbeiten unbezahlt sehr viel. Im gesamten Volumen fast doppelt soviel als das Volumen der Erwerbsarbeit. Sie sind bereits Vollzeit tätig. Nur werden sie dafür nicht bezahlt.
Zudem ist in der Schweiz die Vollerwerbstätigkeit beider Eltern ausser Haus nur mit einer riesigen Überlastung aller möglich. Es sei denn, die Familie ist vermögend und kann sich Nannies leisten oder sie verdienen so viel, dass sie sich zwei Halbtagsstellen und die Bezahlung einer Kinderkrippe leisten können.
Frauen in der Schweiz verdienen weniger als die Männer. Ist das in anderen Ländern auch so?
Das notorische Lohngefälle gibt es mehr oder weniger in allen Ländern.
Generell tiefes Lohnniveau
Frauen arbeiten vor allem in der Sorge- und Versorgungswirtschaft (in Englisch: Social Provisioning, Care Economy). In dieser Branche ist das Lohnniveau generell tiefer als in anderen Branchen.
Wenn wir vom Volumen der bezahlten und unbezahlten Arbeit ausgehen, ist das mit Abstand der grösste Arbeitssektor der Schweiz. Und Frauen verrichten fast 85 Prozent ihrer Arbeit in diesem Sektor.
Gender Pay Gap in gut bezahlten Branchen
Dann gibt es die geschlechterspezifischen Lohnunterschiede (Gender Pay Gap) in der Industrie und verschiedenen Dienstleistungs-Branchen. Frauen werden, unabhängig ihrer Leistung, im Schnitt schlechter bezahlt. Besonders schlimm steht es mit den Löhnen im Finanzsektor, in der IT- und andern Dienstleistungssektoren.
Was würde geschehen, wenn sich die Frauen weigern würden, Gratis-Arbeiten im privaten Rahmen zu übernehmen?
Pflegearbeit ist überlebenswichtig. Man kann chronisch Kranke und Kinder nicht sich selber überlassen.
Weil diese lebensnotwendige Arbeit zurzeit nicht genügend finanziert wird, muss sie jemand gratis verrichten. Alles andere wäre unmenschlich.
Sollte diese Arbeit bezahlt werden?
Ja, unbedingt. Viel mehr der Betreuungs- und Pflegearbeit zu Hause sollte bezahlt werden. Es gibt verschiedene Varianten, wie das verwirklicht werden könnte.
Zum Beispiel?
Die Frage, wie die Zukunft der Care-Wirtschaft aussehen soll, ist eine sehr bedeutende gesellschaftspolitische Frage. Darüber sollten wir uns alle dringend gründlich Gedanken machen – und wir sollten das Thema öffentlich diskutieren.
Eine der Varianten wurde, mindestens teilweise, in skandinavischen Ländern bereits verwirklicht: durch die flächendeckenden Einrichtungen von Kinderbetreuungsplätzen und sehr viel grosszügiger finanzierte Spitexdienste. Die Schweiz ist westeuropäisch gesehen massiv im Rückstand in beiden Bereichen, wie damals mit dem Stimmrecht.
Würden gratis verrichtete Care-Arbeit bezahlt werden, wie viel Geld hätten die Frauen in diesem Fall mehr im Portemonnaie?
Wenn es direkt an Haushalte bezahlt würde: Grob schätzt mindestens 65 Milliarden Franken für Betreuungsarbeit für Kinder und rund 10 Milliarden Franken für die Pflege und Betreuung von Kranken zu Hause. Insgesamt fast so viel wie gegenwärtig das ganze Gesundheitswesen kostet.
Der monetäre Wert dieser unbezahlten Betreuungsarbeit von Frauen ist etwa 30 Milliarden Franken höher als derjenige der Männer. Mit in die Berechnung einbezogen sind auch die Betreuungsarbeiten für Bekannte oder Verwandte ausserhalb des eigenen Haushaltes (sog. informelle Freiwilligenarbeit).
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Junge Frauen leisten den grössten Teil der unbezahlten Kinderbetreuungsarbeit und somit auch der Care-Arbeit. Für sie ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein grosses Problem.
Auch Grossmütter leisten unbezahlte Kinderhütedienste. Im Wert von 5.8 Milliarden Franken. Das sind drei Milliarden Franken mehr als der monetäre Wert der Hütedienste von Grossvätern.
Trotz diesen riesigen Care-Leistungen von Frauen, die wichtig sind für die ganze Gesellschaft, will der Bundesrat das Pensionsalter der Frauen um ein Jahr hinaufsetzen und demjenigen der Männer angleichen. Um 1.56 Milliarden Ausgaben der AHV zu sparen … Sparen auf Kosten der Frauen ist in der Schweiz nun wirklich überhaupt nicht zu rechtfertigen.
Was denken Sie, weshalb Frauen die Pflege der Kinder und der Alten und Kranken übernehmen? Genauso gut könnten das doch die Männer tun?
Bestimmt wirken noch die Jahrhunderte patriarchaler Strukturen immer noch spürbar nach. Sie waren in unseren Gegenden sehr stark und ziemlich lange wirksam, wenn wir uns die späte Einführung des Frauenstimmrechts und der späten Änderungen des Ehe- und Scheidungsrechts vor Augen führen.
Aber seitdem die entsprechenden patriarchalen Familiengesetze weitgehend abgeschafft sind – erst seit 30 Jahren – reproduziert die enorme Geld- und Zeitknappheit von Frauen das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen weiter. Die Gleichstellungsgesetze, die erst in den 1990er Jahren eingeführt wurden (nach dem Frauenstreik!), sind zudem nicht höllisch griffig respektive wurden viel zu wenig politisch umgesetzt.
Weniger Geld in der Familienkasse
Stellen Sie sich die realen Lebensumstände vor: Ein Elternpaar würde die bezahlte und unbezahlte Arbeit voll teilen. Beim heute herrschende Lohngefälle von 19.5 Prozenten (Bruttolohn pro Stunde) würde dies heissen, dass die Frau, falls sie gleich viel Erwerbseinkommen erzielen muss wie der Mann, fast einen Viertel mehr Stunden erwerbsarbeiten müsste als der Mann. Bei halbe-halbe und einer Normalarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, würde dies für die Frau 5 Stunden mehr Erwerbsarbeit pro Woche heissen. Die Frau müsste mehr als 3 Tage erwerbsarbeiten, der Mann zweieinhalb. Dazu käme noch, dass es zusätzliche Erwerbsarbeit braucht, um die Zusatzkosten des Kindes zu finanzieren.
Zeit- und Geldknappheit junger Eltern
In den Debatten über Gleichstellung wird oft vergessen, wie viel Mehrarbeit ein Kind mit sich bringt. Zusammengezählt zeigen die Statistiken, dass die Mehrarbeit an unbezahlter Arbeit und bezahlter Arbeit durchschnittlich um 80 Prozent pro Elternpaar zunimmt. Dass es eigentlich noch eine dritte erwachsene Person im Haushalt bräuchte, damit die Arbeitsbelastung so ist, wie für Haushalte ohne Kinder. Es braucht viel mehr Zeit und eben auch mehr Geld. Eltern sind sehr knapp an Zeit, aber beide Eltern haben pro Tag nur 24 Stunden. Es ist sehr naheliegend, dass bei dieser Zeit- und Geldknappheit der Mann mehr zu verdienen versucht als Frauen
Das Resultat dieser strukturellen Ungleichheiten:
Mütter sind finanziell immer noch stark vom Verdienst der Väter abhängig. Frauen kriegen im Pensionsalter 63 % weniger Rente aus der Pensionskasse als Männer. Bei der AHV bekommen Frauen fast gleich viel AHV-Rente wie Männer, weil da ein Betreuungsbonus mitgerechnet wird.
Kurzum: Je länger ich als Ökonomin zu diesen Fragen arbeite, desto dringlicher scheint mir eine substanzielle wirtschaftspolitische und feministische Debatte über die zukünftige Organisation der Sorge- und Versorgungswirtschaft, dem Frauenwirtschaftssektor par excellence.