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Seit 105 Jahren ist Lausanne der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees. Die Flitterwochen waren stürmisch, und die Liebe brennt bis heute leidenschaftlich.
Während rundherum der Erste Weltkrieg tobte, erschien die Schweiz manchen wie eine Insel der Glückseligem. Einer von diesen war Baron Pierre de Coubertin. Als der damals 52-jährige «Erfinder» der modernen Olympischen Spiele am 10. April 1915 mit dem Lausanner Stadtpräsidenten Paul Maillefer das Abkommen über den Umzug des IOC von Paris nach Lausanne unterzeichnete, schwärmte er wie ein verliebter Teenager. «Die Waadt ist das Land der Sonne, des Gleichgewichts und der Freiheit», sagte der Baron. «Helvetien hat das ideale politische System: Der Föderalismus und die Neutralität machen aus der Schweiz die einzige echte Demokratie Europas, ein Versuchsgarten der zivilisierten Nationen und das perfekteste (sic!) politische Gelingen in der Geschichte der Menschheit.»
Vor allem die Neutralität machte das Land zum idealen Sitz für eine weltumspannende Organisation, die sich Friede und Zusammenarbeit verschrieben hatte. Ausserdem fürchtete De Coubertin wohl, dass Berlin nach den – am Ende wegen des Krieges abgesagten – Olympischen Spielen 1916 Anspruch auf den IOC-Sitz erheben könnte.
Auszeichnung als Olympische Hauptstadt
In die Schweiz verliebt hatte er sich jedoch bereits viel früher. 1906 schrieb er in der «Revue Olympique»: «Der Ort, wo der universelle Sport zusammenkommt, steht jetzt fest: Es ist die Schweiz!» Ein paar Jahre zuvor hatte er zusammen mit dem ersten Schweizer IOC-Mitglied Baron Godefroy de Blonay die Genfersee-Region besucht und war beeindruckt. De Blonay gründete 1912 das Schweizerische Olympische Komitee und war von 1916 bis 1919 sogar interimistischer Präsident des IOC. De Coubertin diente während dieser Zeit im «Maison de la presse» der französischen Armee.
Zunächst installierte sich das IOC im Casino de Montbenon, wo heute das Schweizerische Filmarchiv untergebracht ist. Es war der Startschuss einer andauernden Erfolgsgeschichte. Dem IOC folgten bis heute über 50 internationale Sportverbände, die am Lac Léman ihre Zelte aufschlugen. Seit 1994 – zum 100-Jahr-Jubiläum des IOC – darf sich Lausanne als einzige Stadt der Welt «Olympische Hauptstadt» nennen.
Die anfängliche Schwärmerei für die Waadtländer Kapitale hält bis heute an, den Flitterwochen folgte eine Ehe, die auch nach über 100 Jahren noch voller Enthusiasmus ist. 2013 eröffnete nach einer aufwändigen Renovation das Olympische Museum in Ouchy, das jährlich eine Viertelmillion Besucher empfängt, in neuem Kleid und vor einem Jahr wurde der neue Hauptsitz in Vidy eingeweiht. Das IOC wird Lausanne nicht so bald verlassen.
Auch Bach schwärmt von Lausanne
Bei einem Festakt zur Feier der 100-jährigen Präsenz versicherte der aktuelle IOC-Präsident Thomas Bach 2015: «Ich bin ein Lausanner.» De Coubertin habe die olympische Bewegung 1915 mit der Verlegung in die «sichere Schweiz» aus der damaligen Krise heraushalten wollen. «Daraus entstand die Liebesgeschichte zwischen dem IOC und der Schweiz.»
Dieser konnten auch die Diskussionen um die nicht immer glückliche Rolle des IOC in der zunehmend kommerzialisierten Sportwelt nur wenig anhaben. Die Rahmenbedingungen in der Schweiz sind für internationale Sportorganisationen noch immer hervorragend. Etwas mochten die Olympioniken Lausanne aber bei aller Liebe nie gönnen. Trotz sechs Kandidaturen (1928, 1936, 1944, 1948, 1952, 1960) wurden die Sommerspiele nie an die «Capitale olympique» vergeben. Auch als Co-Gastgeber von Winterspielen kam Lausanne nie zum Zug. Immerhin konnte sie sich in diesem Januar als Austragungsort der Olympischen Jugend-Winterspiele beweisen.