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Joachim Raff ist heute als Komponist kaum mehr bekannt. Anders zu seinen Lebzeiten: Da gehörte er zu den meistgespielten Komponisten und wurde unter anderem von Mendelssohn und Liszt geachtet.
«Die Kölner Luft scheint auf Sie herrlich einzuwirken, Sie lassen ja Meisterwerk auf Meisterwerk mit einer Schnelligkeit ans Licht treten, die mich confondiert…» Das schrieb der Komponist Franz Liszt 1846 an Joachim Raff. Mit dem Ausdruck confondiert beschreibt Liszt seine Verblüffung über Raffs Produktivität.
Joachim Raff gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den meistgespielten Komponisten. Heute ist er kaum mehr bekannt. Die diesjährige Ausgabe der Murten Classics widmen ihm einen Schwerpunkt (siehe Kasten).
Ein Autodidakt
Joachim Raff wurde 1822 in Lachen SZ geboren. Sein Vater war Lehrer und Organist. Er war aus dem süddeutschen Württemberg in die Schweiz geflohen, wo er die Tochter eines einheimischen Politikers heiratete. Autodidaktisch brachte sich Raff das Klavier-, Orgel- und Violinspiel bei. Er unterrichtete zunächst vier Jahre als Lehrer in Rapperswil. In dieser Zeit entstanden seine Klavierwerke Opus 2-6, die er Felix Mendelssohn Bartholdy zusandte. Mendelssohn war so erfreut, dass er sie dem renommierten Verlag Breitkopf & Härtel zum Druck empfahl. Raff gab darauf seine Schullaufbahn auf. Er schlug sich mit Musikunterricht und den Honoraren für seine Kompositionen durch. Der Erfolg war zunächst begrenzt: Seine finanziellen Probleme führten sogar zu einem Konkursverfahren.
Spannungsvolle Beziehung
1845 marschierte Raff zu Fuss nach Basel, wo Franz Liszt gerade gastierte. Diese Begegnung war der Beginn einer langen und intensiven Freundschaft. 1850 wurde Raff Liszts Assistent in Weimar. Doch früh kam es zu Irritationen: «Nicht immer war klar, wer Schüler und wer Lehrer ist», sagt Severin Kolb, Archivleiter der Joachim-Raff-Gesellschaft in Lachen SZ. «Liszt und sein Umfeld sahen Raff als Assistent. Raff hingegen fühlte sich Liszt im Bereich des Orchesters überlegen. Er dachte, er könne dem Klaviervirtuosen Liszt beibringen, wie er Werke richtig orchestriert.»
Schwieriger Charakter
«Theodor Fontane charakterisierte sich einst als arm, unsicher und selbstbewusst. Diese Beschreibung passt auch perfekt auf Joachim Raff», sagt Severin Kolb. Mit seinem Selbstbewusstsein habe er Unsicherheit kaschiert. «Raff wird in Quellen zudem als spröde und unnahbar beschrieben. Er war konfliktfreudig und eckte gerne an. Aber er war auch ein treuer Charakter und konnte sehr anhänglich sein.»
Die Bedeutung von Liszt und Mendelssohn für Raff könne man gar nicht hoch genug einschätzen, meint Kolb. «Mendelssohn war ein ganz zentrales künstlerisches Vorbild für Raff. Wie Mendelssohn arbeitete Raff gerne mit klassischen Formen und bezog sich eng auf die musikalischen Traditionen der Vergangenheit und Gegenwart. Liszt wiederum beeinflusste Raff auf dem Feld der Klaviermusik stark.»
Später Durchbruch
Erst nach seinem Weggang aus Weimar 1856 schaffte Raff den Durchbruch als Komponist. Laut Kolb lag das nicht zuletzt an der beruflichen Stellung Raffs. «Die meisten erfolgreichen Komponisten dieser Zeit waren entweder zugleich Instrumentalvirtuosen, oder sie waren zum Beispiel Kapellmeister an einem Hof oder in einer Stadt. Freischaffende Komponisten wie Raff gab es zu dieser Zeit noch kaum.»
1882 starb Raff 60-jährig an Herzversagen. Nach dem Tod geriet er relativ schnell in Vergessenheit. «Eigentlich begann der Niedergang schon in seinen letzten Lebensjahren», sagt Severin Kolb. Raff habe viele Werke geschrieben, sich aber immer weniger um ihre Verbreitung bemüht. «So konnten sich viele Werke kaum im Spielplan festsetzen.» Raffs Musik galt laut Kolb zudem spätestens ab den 1920er-Jahren als hoffnungslos veraltet. «Seine Musik enthielt viele humorvolle Passagen. Auch die überschaubare Besetzung passte nicht so recht in die Zeit der gigantischen Orchester von Gustav Mahler und Richard Strauss.» Einzelne Werke habe man aber durchaus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gehört.
Ein Grund, dass man Raff schnell vergass, liegt auch im musikalischen Richtungsstreit zwischen Anhängern von Johannes Brahms und Richard Wagner. Dabei ging es unter anderem um den Gegensatz zwischen absoluter Musik und Musik mit einem aussermusikalischen Programm. Raff positionierte sich mit seinen charakteristischen Sinfonien zwischen diesen beiden Polen. Das wurde ihm von beiden Lagern übel genommen.
Musik mit vielen Bezügen
Möchte jemand die Musik von Joachim Raff kennenlernen, würde ihm Severin Kolb die dritte Sinfonie «Im Walde» von 1869 empfehlen. Anhand dieses Werkes lasse sich Raffs Konzept der charakteristischen Sinfonie ebenso nachvollziehen wie sein Interesse für die Synthese unterschiedlichster Stile. In der Kammermusik empfiehlt Kolb Raffs Streichsextett in g-Moll sowie seine fantastische Ekloge «Aus der Schweiz». Dieses Werk für Violine und Klavier schrieb Raff mit 26 Jahren.
Doch Joachim Raff liess sich nicht nur von berühmten Komponisten inspirieren, er war auch selber Vorbild für andere Komponisten. «Der grösste Raffianer unter den Komponisten war wohl Pjotr Tschaikowsky», sagt Kolb. Und Christoph-Mathias Mueller, künstlerischer Leiter der Murten Classics, formuliert es prägnant: «Hört man eine Sinfonie von Raff, könnte man fast vermuten, Mendelssohn und Tschaikowsky hätten zusammen ein Werk geschrieben.» Wobei Mueller betont: Raff habe sich nicht einfach bei anderen Komponisten bedient, sondern eine eigene Klangwelt geschaffen.
Quellen
Bayreuther Rainer, Raff (Joseph) Joachim, in: «Musik in Geschichte und Gegenwart», Online-Version.
Marty Res, unveröffentlichte Sammlung mit Zitaten von und über Joachim Raff.
Zum Programm
Konzerte, Diskussionen und ein Raum
Die diesjährigen Murten Classics widmen dem Schweizer Komponisten Joachim Raff einen Schwerpunkt. Zwischen dem 14. August und dem 4. September finden vier Konzerte statt, in denen ein Werk von Raff auf dem Programm steht. Am kommenden Donnerstag und Freitag spielt das Bilkent Symphony Orchestra unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller Raffs Sinfonie Nr. 3 «Im Walde». Am Sonntag spielt das Aoi Trio unter anderem Raffs Klaviertrio Nr. 4 in D-Dur. Und am Samstag, 27. August, spielt der junge Guggisberger Solist Anatol Toth zusammen mit der slowakischen Philharmonie unter Daniel Raiskin das Violinkonzert Nr. 1 in h-Moll. Drei der vier Konzerte werden von einer Podiumsdiskussion begleitet: Die erste Diskussion widmet sich der Person Joachim Raffs, die zweite Raffs Kammermusik und die dritte dem konzertanten Werk Raffs. Eine Stunde vor bis eine Stunde nach den Diskussionen ist jeweils der sogenannte Raff-Raum geöffnet: Im KiB Beaulieu in Murten stellt die Joachim-Raff-Gesellschaft Exponate aus, die Leben und Werk des Komponisten illustrieren. sos