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Am Tag seiner Rekrutierung im Juni 2009 entschied sich der 21-jährige Marco Gehrig für den Zivildienst. Er profitierte von der Abschaffung der Gewissensprüfung. Heute leistet er beim Verein Grüenwerk seinen Einsatz als Zivildienstler in der Landschaftspflege.
Marco Gehrig (21), Lehre als Konstrukteur mit Berufsmaturität. Er leistet im Bereich Landschaftspflege Zivildienst. Noch im Jahr der Rekrutierung im Juni 2009 wechselte er ohne Gewissensprüfung zum Zivildienst.
Auch Reto Lindegger ist beim Zivildienst. Er leistete 625 Tage Militärdienst – und es hätten noch mehr werden sollen. Der 31-jährige Oberleutnant der Schweizer Armee spielte gar mit dem Gedanken, Berufsoffizier zu werden. Dann kam alles anders. Im vergangenen Herbst füllte er in zwei Minuten das Formular für den Zivildienst aus und begrub damit seine militärischen Ambitionen.
Heute leistet er seinen Einsatz im Zentralmagazin des Kantonsspitals Frauenfeld. Dort hilft er mit, Handschuhe und Spritzen für den Spitalgebrauch zu bestellen. Der Schritt fiel dem «ehemals überzeugten Militärmann», wie er sich selbst nennt, nicht leicht. «Aber ich fühlte mich nicht ernst genommen in der Armee, sah keinen Sinn mehr», sagt er.
Als am 1. April 2009 die Gewissensprüfung abgeschafft wurde und die Anzahl Männer, die zum Zivildienst zugelassen wurde, sich innerhalb von zwei Jahren von 1947 (2008) auf 7222 (2009) fast vervierfachte, drängten bürgerliche Politiker auf eine erneute Revision des Zivildienstgesetzes und reichten im Januar eine Motion ein. Diese hatte zum Ziel, das Gesetz dahingehend anzupassen, dass der Zugang zum Zivildienst wieder erschwert wird. Im März überwiesen National- und Ständerat die Motion an den Bundesrat.
Das Ärgernis bürgerlicher Politiker und der Armee sind längst nicht mehr Pazifisten, Armeegegner oder Leute, die aus moralischen Gründen keinen Armeedienst leisten. Mit dem hürdenfreien Wechsel zum Zivildienst wollen – nebst den Rekruten – immer mehr Kadermänner Zivildienst leisten, die jahrelang der Armee dienten. Der Chef der Armee, André Blattmann, beklagte in einem Interview, dass zu viele Soldaten verloren gingen, die das Militär gerne behalten hätte.
So war auch der 31-jährige Oberleutnant Reto Lindegger nicht alleine mit seinem Wechsel in den Zivildienst. «Ich kenne noch andere Kadermänner aus meiner Militärzeit, die sich für diesen Weg entschieden haben.» Über seinen heutigen Zivildiensteinsatz sagt Lindegger: «Die Arbeit ist sinnvoll, und ich kann etwas leisten.»
Reto Lindegger (31), Regionalbahn-Lokführer. Der frühere Oberleutnant leistet Zivildienst im Zentralmagazin des Kantonsspitals Frauenfeld.
Lindegger erzählt, warum es zum Bruch mit dem Militär kam: Im vergangenen Sommer wurde er – einmal mehr – entgegen seinem Gesuch in seiner Funktion als Oberleutnant in die Romandie eingeteilt. Dabei spreche er kein Wort Französisch, was dazu führte, dass seine Einsätze für die Armee überhaupt keinen Sinn ergaben. «Irgendwann war es mir zu blöd. Ich fühlte mich einfach nicht ernst genommen.»
Beim Austrittsgespräch sagte ihm der Kommandant, dass er seinen Abgang bedaure, er aber die Gründe verstehen könne. Lindegger sagt offen: «Mit dem Zivildienst ist es sehr einfach geworden, dem Militär den Rücken zu kehren.» Wäre er an der Spitze der Armee, würde er wohl wieder eine Art Gewissensprüfung einführen, um die Abgänge zu stoppen.
Exakt an dieser Stelle will auch SVP-Nationalrat Thomas Hurter Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission im Nationalrat, ansetzen. Hurter, Linienpilot bei der Swiss und Milizpilot in der Armee, kann sich vorstellen, wieder eine Gewissensprüfung einzuführen. Er schlägt vor, dass alle schriftlich ihren Gewissenskonflikt darlegen und dabei Stichproben gemacht würden.
Eine offensichtliche Sinnkrise der Armee
Der 27-jährige Johannes Kieser leistet zurzeit Zivildienst im haustechnischen Dienst des Alters- und Pflegeheims am Römerhof in der Stadt Zürich und musste 2003 – also noch vor der Abschaffung der Gewissensprüfung – in einem Gesuch darlegen, warum er keinen Militärdienst leisten wolle. Danach folgte der Gang vor die Kommission, vor der er seine Gründe mündlich begründen musste. «Das Gespräch war mir sehr unangenehm, es lief schlecht», erinnert er sich. «Ohne mein gutes schriftliches Gesuch wäre ich wohl nicht im Zivildienst gelandet.
Johannes Kieser (27), Primarlehrer, mit Hanny Flückiger. Zurzeit im Zivildienst im Alters- und Pflegeheim Römerhof im haustechnischen Dienst. Er musste noch im 2003 seinen Gewissenskonflikt mit der Armee vor einer Kommission darlegen.
Marco Gehrig, der nie eine Gewissensprüfung ablegen musste, zupft in seinem ersten Einsatz Unkraut, schneidet Büsche und sägt kleinere Bäume um, damit die Vielfalt in der Natur bestehen bleibe. Eine befriedigende, aber auch strenge und teilweise eintönige Arbeit sei das, gesteht Marco. «Tagtäglich, bei jedem Wetter diese Arbeit zu verrichten ödet mich manchmal schon an.» Er glaubt, dass der jetzige Ansturm beim Zivildienst weniger ein Problem des Zivildienstes als vielmehr das Problem der Armee sei. Die Armee täte gut daran, sich für die Gründe zu interessieren, warum die jungen Männer in so grosser Zahl der Armee den Rücken zukehren würden. «Es ist Zeit, dass das Militär die Fehler bei sich sucht.»
Auch der Zivildienstleistende Johannes Kieser ist sicher, dass die «offensichtliche Sinnkrise» der Schweizer Armee für Armeeangehörige tagtäglich im Militärdienst sichtbar werde. Kieser, Gehrig und Lindegger sagen unisono, dass sie mit ihrem Zivildiensteinsatz für die Gesellschaft nützlicher seien, nur schon weil sie motivierter ihren Dienst leisten würden.
Solche Aussagen sind auch Nationalrat Hurter nicht fremd. «Doch nur weil die Armee gewisse Probleme hat und ihre Leute an den Zivildienst verliert, darf dieser nicht zu einem Imperium unter der Leitung von Herrn Werenfels ausgebaut werden. Wir müssen das Problem intern in der Armee lösen», sagt er.
Zivildienstleiter Samuel Werenfels entgegnet: «Wer Zivildienst leistet, erfüllt sehr wohl seine Wehrpflicht.» Der Entscheid für den Zivildienst ist Ausdruck einer «Wahl» – die Wahl ist jedoch nicht frei, denn der Preis, der verlangt wird, ist die eineinhalbfache Dauer des Zivildienstes.
An der Reihe ist nun der Bundesrat. Bis im Juni muss er dem Parlament Lösungsvorschläge unterbreiten, wie er den Zugang zum Zivildienst wieder weniger attraktiv gestalten möchte. Doch Bundespräsidentin Doris Leuthard relativierte vor den Parlamentariern das Problem mit Blick in die Zukunft der Armee: «Wir beschäftigen uns im Moment mit Armeebeständen von 197 000, 198 000 Armeeangehörigen, die nach Meinung aller Experten zu hoch sind. Diese Bestände können wir gar nicht finanzieren. Tendenziell wird es eher so sein, dass wir die Bestände verkleinern müssen.»
Gut möglich also, dass das derzeitige Problem mit der steigenden Anzahl an Zivildienstleistenden und den zahlreichen Abgängen im Militär schon bald keines mehr ist.
Autor: Oliver Demont
Fotograf: Andreas Eggenberger