Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03438.jsonl.gz/2369

Ein Reiseführer lädt dazu ein, das rumänisch-ukrainische Grenzgebiet und seine so vielfältige wie traurige Geschichte und Kultur zu entdecken.
Auf einem Abendspaziergang in Gura Humorului trafen wir Cris. Er machte uns ein Angebot. Wir hatten an diesem Tag das Kloster Voronet besucht. Wie andere nordrumänische Klöster ist es innen und aussen ganz mit wilden und wunderschönen Bildern bemalt. Neben dem Kloster trieb eine alte Frau eine Herde Gänse zum Bach, und alles sah aus wie in einer Erzählung meiner Grossmutter.
Die Klöster Moldovita und Sucevita seien noch viel schöner als Voronet, beteuerte Cris. Er würde uns für einen günstigen Preis dort hinfahren. Der freundliche junge Mann sprach sehr gut Englisch; er hatte es, wie er erzählte, von amerikanischen Fernsehserien gelernt. Wir schluckten unsere dummen Vorurteile über kriminelle Rumänen hinunter und verabredeten uns für den nächsten Morgen.
Cris erwartete uns in seinem kleinen Dacia. Am Rückspiegel hing eine Ikone. Er bekreuzigte sich dreimal, bevor er losfuhr. Nicht dass dies nötig gewesen wäre: Er fuhr äusserst vorsichtig, und es gab wenig Verkehr. Wir fuhren durch endloses, bewaldetes Hügelland. In Moldovita und Sucevita bestaunten wir Bilder von Engeln, Teufeln und Drachen, frommen Gläubigen und bösen Türken - die Bemalungen dienten während der Kriege gegen das Osmanische Reich als christliche Propaganda.
Von Grossmächten umzingelt
Die bemalten Klöster sind eine der bekanntesten Attraktionen der Bukowina. Doch das kleine Land am östlichen Rand Mitteleuropas existiert nur noch dem Namen nach: Der Süden gehört zu Rumänien, der Norden mit der einstigen Hauptstadt Czernowitz zur Ukraine.
Einst war die Bukowina Teil des Herzogtums Moldau gewesen, dann der Habsburgermonarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel sie an Rumänien, das eine Grossmacht werden wollte und sich bald auf die Seite der Nazis schlug. 1940 marschierte die Rote Armee ein, dann die deutsche Wehrmacht, dann wieder die Sowjets. Auch nach 1991 blieb die Bukowina geteilt. Mittlerweile ist der Graben sogar tiefer geworden: Heute verläuft die EU-Aussengrenze mitten durch die Region, deren BewohnerInnen ein Visum vorzeigen müssen, wenn sie den anderen Teil besuchen wollen.
Der österreichische Geograf und Historiker Kurt Scharr hat einen informativen Bukowina-Reiseführer geschrieben. Einen schönen Einstieg bilden Zitate von BukowinerInnen und Bukowina-Reisenden aus vier Jahrhunderten. Häuften sich im 18. Jahrhundert die Klagen über grauenhafte Wege und «eine wahre Wildnis», wurden die Berichte hundert Jahre später richtig schwärmerisch: «Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Muthe; er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weisses Tischzeug zu finden ...», schreibt etwa der Bukowiner Schriftsteller Karl Emil Franzos. Tatsächlich erlebte vor allem Czernowitz während der relativ friedlichen Zeit unter österreichischer Herrschaft einen Aufschwung. Armenische, polnische, rumänische, russische, slowakische, ukrainische, ungarische und deutsche Menschen, viele von ihnen Juden und Jüdinnen, lebten friedlich nebeneinander. Drei oder mehr Sprachen zu sprechen, galt als normal. Das funktionierte vor allem deshalb so gut, weil «keine der Nationen in der Bukowina über eine ausreichende Mehrheit verfügte und somit (jede) gezwungen war, konsensorientierte Koalitionen zu anderen zu suchen», schreibt Scharr.
Das 20. Jahrhundert verlief weit düsterer. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg lebte das stark jüdisch geprägte kulturelle Leben zwar nochmals auf. DichterInnen wie Paul Celan, Rose Ausländer oder Alfred Margul-Sperber haben es beschrieben. Aber bereits unter Grossrumänien begann die Unterdrückung der Minderheiten. Ab 1941 wüteten dann die Nazis in der Bukowina. Von über 280 000 JüdInnen überlebte nicht einmal ein Viertel.
Geschichte im Schachtdeckel
Nach einer ausführlichen Einführung in Geografie und Geschichte schlägt der Autor drei Exkursionen vor. Sie zeigen die Vielfalt, die es hier auf kleinem Raum zu entdecken gibt: sanfte Flusstäler und bewaldete Gebirge, alte Bergwerke, Kurorte aus der Habsburgerzeit, Naturreservate, sogar ein Dorf von russischen Altgläubigen, die den orthodoxen Glauben immer noch wie im Mittelalter praktizieren.
Zwei Rundgänge durch Czernowitz ergänzen das Buch. Scharr lässt die bekanntesten Sehenswürdigkeiten bewusst weg, führt stattdessen auch in Quartiere aus der Nachkriegszeit (schön, dass hier jemand keine Vorurteile gegenüber sowjetischer Architektur hat!) und zeigt, dass sich sogar aus Schachtdeckeln noch Geschichte lesen lässt.
Schade, dass die Exkursionen ganz auf motorisierte TouristInnen ausgerichtet sind. Natürlich ist das Reisen mit Bahn und Bus anstrengender und komplizierter. Dafür aber lässt sich so das Leben der Einheimischen aus der Nähe kennenlernen. Und wenn gar kein Bus fährt, gibt es ja auch noch Menschen wie Cris.