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System:
... dass man das "System" als eine Form bezeichnen kann mit der Massgabe, mit dem Formbegriff immer die Differenz von System und Umwelt zu bezeichnen. Das System ist eine Form mit zwei Seiten. luhmann_system72
Wenn man von offenen Systemen spricht, also von Transformationsmechanismen, von der Möglichkeit, Input in Output zu transformieren, von der Möglichkeit, mit kybernetischen Mechanismen bestimmte Variablen konstant oder gleichmässig veränderbar zu halten, ist noch nicht sehr viel darüber gesagt, was ein System denn eigentlich ist, sodass es dies leisten kann.
Verschiebung der Frage vom System als einem Objekt auf die Frage, wie die Differenz zwischen System und Umwelt zustande kommt, wenn das System auf der einen Seite dieser Differenz und die Umwelt auf der anderen Seite verortet werden. Wie ist es möglich, einen Unterschied dieser Art zu reproduzieren, zu erhalten, vielleicht evolutionär mit der Möglichkeit, im System, auf der einen Seite dieser Differenz, eine immer größere Eigenkomplexität verfügbar zu machen, zu entwickeln? Die andere Hinsicht betrifft die Frage, wie das System solche Differenzen reproduziert beziehungsweise welche Operationsweise dem zugrunde liegt.
Geschlossenheit, also operative Rekursivität, Selbstreferenz und Zirkularität, als Bedingung für Offenheit anzusehen, das heißt, genauer zu fragen, wie ein System sich auf sich selbst bezieht, wie es also sich selbst und die Umwelt unterscheiden kann, sodass es mit dieser Unterscheidung eigene Operationen mit eigenen Operationen verknüpfen kann.
Mit der Frage, wie ein System erkennt, dass eine Operation zum System gehört und nicht zur Umwelt, ist schon ein weiterer kritischer Punkt genannt, an dem ebenfalls weitere Entwicklungen angesetzt haben, nämlich die Frage des Beobachtens oder des Unterscheidenkönnens. Muss man ganz allgemein oder jedenfalls für bestimmte Systeme unterstellen, dass sie über Operationen verfügen, die beobachten können - wenn man Beobachten ganz allgemein im Sinne des Unterscheidenkönnens versteht? Muss man dem System Beobachtungskapazitäten unterstellen, und welche Arten von Operationen im System leisten dies?
Im engen Zusammenhang damit war die Frage aufgetaucht, ob sich innerhalb eines Systems, über welche Differenzierungsprozesse auch immer, Beobachter entwickeln können, die das System beobachten - die innerhalb des Systems noch einmal eine Grenze ziehen und sich von dem, was sie beobachten, nämlich dem System, unterscheiden können. Ein Nervensystem zum Beispiel muss sich von dem Organismus, den es beobachtet, unterscheiden können.
Gibt es für solche Systeme biologische, psychologische, soziologische Realisationen? Was wäre beispielsweise der Beobachter eines sozialen Systems, wenn man nicht nur meint, dass jede einzelne Operation, jede Handlung, jede Kommunikation wissen muss, was sie tut, also kognitive Kapazität aktualisieren muss, sondern wenn man sich außerdem noch vorstellen will, dass es Reflexionsinstanzen gibt, reflektierende Einheiten, die als Teile eines Systems über eine größere Reflexionskapazität verfügen als das System insgesamt?
...neuere Entwicklung der Systemtheorie: was in der Physik entwickelt worden ist, nachdem man gesehen hatte, dass alle Beobachtung physikalischer Phänomene aus physikalischen Gründen diese Phänomene verändert und dass der Beobachter sowohl als Mensch wie auch als Instrument physikalisch funktionieren muss, wenn er überhaupt beobachten will; und auf das, was man in der biologischen Epistemologie parallel dazu sagen würde: dass ein kognitiver Apparat zunächst einmal auf der Grundlage von lebenden Organismen bereitgestellt werden muss, dass schon Leben eine Art Kognition der Umwelt erzeugen muss und dass alle Phänomene, die man als Lebewesen kognitiv erkennt, durch die Tatsache mitbedingt sind, dass man lebt. luhmann_system58
Einführung eines differenztheoretischen, differenzialistischen Ansatzes.
Wir hatten bei der Theorie offener Systeme gesehen, dass die Umwelt stärker als zuvor in den Blick kommt. Dies betrifft nicht nur das Wissen, dass sie vorhanden ist, sondern dies betrifft die Einsicht, dass das offene System selbst auf Beziehungen zwischen System und Umwelt beruht und dass diese Beziehungen nicht statisch, sondern zugleich dynamisch sind, gleichsam Kanäle der Leitung von Kausalität. Damit war bereits klar, dass kein System ohne Umwelt existieren kann. Das System würde in die Entropie laufen beziehungsweise gar nicht zustande kommen, weil es gleich wieder in einen differenzlosen Gleichgewichtszustand zerfällt.
Parsons hatte bereits von "boundary maintenance" gesprochen und damit die Definitionsfrage eines Systems durch ein Wesen, durch essentials, durch unabdingbare Strukturen in die Frage verschoben, wie die Differenz zwischen System und Umwelt erhalten bleiben könne, unter Umständen bei gleichzeitigem Auswechseln von Strukturen. Für die Identität eines Systems ist dann nur noch Kontinuität, sind jedoch nicht Mindestelemente, wesentliche Elemente auf der strukturellen Ebene, erforderlich.
Man kann jetzt sagen: Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt.
Sie werden sehen, dass diese Formulierung, die paradox klingt und vielleicht sogar paradox ist, einige Erläuterungen benötigt. Ich gehe also davon aus, dass ein System die Differenz "ist", die Differenz zwischen System und Umwelt. Das System kommt in den Formulierungen zweimal vor. Zunächst einmal liegt dem ein prinzipiell differenzialistischer oder differenztheoretischer Ansatz zugrunde. Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt, soweit sie Systemtheorie sein will. luhmann_system58
Akzeptiert man diesen differenztheoretischen Ausgangspunkt, dann erscheinen alle Entwicklungen der neueren Systemtheorie als Variationen zum Thema »System und Umwelt«. Zunächst ging es darum, mit Vorstellungen über Stoffwechsel oder Input und Output zu erklären, daß es Systeme gibt, die nicht dem Entropiegesetz unterworfen, sondern in der Lage sind, Negentropie aufzubauen und damit gerade durch die Offenheit und die Umweltabhängigkeit des Systems dessen Unterschied zur Umwelt zu verstärken. Daraus konnte man folgern, daß Unabhängigkeit und Abhängigkeit von der Umwelt keine sich wechselseitig ausschließenden Systemmerkmale sind, sondern unter bestimmten Bedingungen miteinander gesteigert werden können. Die Frage war dann: unter welchen Bedingungen? Hierauf konnte man mit Hilfe der Evolutionstheorie eine Antwort suchen.
Ein nächster Entwicklungsschritt lag in der Einbeziehung selbstreferentieller also zirkulärer Verhältnisse. Zunächst dachte man an den Aufbau von Strukturen des Systems durch systemeigene Prozesse und sprach folglich von Selbstorganisation. Hierbei wurde die Umwelt als Quelle eines unspezifischen (sinnlosen) »Rauschens« begriffen, dem das System gleichwohl durch den Zusammenhang eigener Operationen Sinn abgewinnen könne. So versuchte man zu erklären, daß das System - zwar in Abhängigkeit von der Umwelt und keinesfalls ohne Umwelt, aber ohne durch die Umwelt determiniert zu sein - sich selbst organisieren und eine eigene Ordnung aufbauen könne: order from noise. Die Umwelt wirkt, vom System her gesehen, zufällig auf das System ein; aber genau diese Zufälligkeit sei für die Emergenz von Ordnung unentbehrlich, und je komplexer die Ordnung werde, desto mehr.
In diesen Diskussionsstand hat Humberto Maturana mit dem Begriff der Autopoiesis, ein neues Moment eingeführt. Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt.
Angesichts einer umfangreichen und recht kritischen Diskussion muß vor allem auf den geringen Erklärungswert des Begriffs der Autopoiesis hingewiesen werden. Er verlangt nur, daß man bei allen Erklärungen von den spezifischen Operationen auszugehen hat, die ein System - und zwar das erklärte ebenso wie das erklärende - reproduzieren. Er sagt aber nichts darüber welche spezifischen Strukturen sich in solchen Systemen auf Grund von strukturellen Kopplungen zwischen System und Umwelt entwickelt haben. Er erklärt also nicht die historischen Systemzustände, von denen die weitere Autopoiesis ausgeht. Die Autopoiesis des Lebens ist eine biochemische Einmalerfindung der Evolution; aber daraus folgt nicht, daß es Würmer und Menschen geben müsse.Und ebenso für den Fall der Kommunikation. Die autopoietische Operation der Kommunikation voraussetzende Kommunikation erzeugt Gesellschaft, aber daraus ergibt sich noch nicht: was für eine Gesellschaft. Autopoiesis ist demnach ein für das jeweilige System invariantes Prinzip, und erneut: für das erklärte ebenso wie für das erklärende. Damit wird die ontologische, in Seinsinvarianten liegende Erklärungsweise aufgegeben und mit ihr die Subjekt/Objekt-Differenz. Aber damit ist noch nicht gesagt, welche historischen Ausgangslagen über strukturelle Kopplungen die Richtung der Spezifikation von Strukturen bestimmen. Gesagt ist nur, daß man für die Beantwortung dieser Frage das System selbst untersuchen muß.
Autopoiesis ist deshalb nicht als Produktion einer bestimmten »Gestalt« zu begreifen. Entscheidend ist vielmehr die Erzeugung einer Differenz von System und Umwelt. Durch Abkoppelung des Svstems von dem, was dann als Umwelt übrig bleibt, entstehen intern Freiheitsspielräume, da die Determination des Systems durch seine Umwelt entfällt. Autopoiesis ist also, recht verstanden, zunächst Erzeugung einer systeminternen Unbestimmtheit,, die nur durch systemeigene Strukturbildungen, reduziert werden kann. Das erklärt nicht zuletzt, daß Gesellschaftssysteme das Medium Sinn erfunden haben um dieser Offenheit für weitere Bestimmungen in den systeminternen Operationen Rechnung zu tragen. Sie kennen als eigene Operationen deshalb nur Sinnformen seligierende Kommunikationen.
Selbstverständlich kann diese autopoietische Reproduktion nicht ohne Umwelt geschehen (sonst wäre, wie wir wissen, die andere Seite der Form kein System). Aber man muß jetzt sehr viel genauer angeben (und davon wird unsere Gesellschaftstheorie profitieren können), wie autopoietische Systeme, die alle Elemente, die sie für die Fortsetzung ihrer Autopoiesis benötigen, selbst produzieren, ihr Verhältnis zu Umwelt gestalten. Alle Außenbeziehungen eines solchen Systems sind daher unspezifisch gegeben (was natürlich nicht ausschließt, daß ein Beobachter das spezifizieren kann, was er selbst sehen will und sehen kann). Jede Spezifikation, auch der Beziehungen zur Umwelt, setzt eine Eigentätigkeit des Systems und einen historischen Zustand des Systems als Bedingung seiner Eigentätigkeit voraus. Denn Spezifikation ist selbst eine Form, also eine Unterscheidung; sie besteht in einer Auswahl aus einem selbstkonstruierten Auswahlbereich (Information), und diese Form kann nur im System selbst gebildet werden. Es gibt weder Input noch Output von Elementen in das System oder aus dem System. Das System ist nicht nur auf struktureller, es ist auch auf operativer Ebene autonom. Das ist mit dem Begriff der Autopoiesis gesagt. Das System kann eigene Operationen nur im Anschluß an eigene Operationen und im Vorgriff auf weitere Operationen desselben Systems konstituieren. Aber damit sind keineswegs alle Existenzbedingungen angegeben, und die Frage sei nochmals wiederholt: wie kann man nun diese rekursive Abhängigkeit des Operierens von sich selbst unterscheiden von den fraglos fortexistierenden Umweltabhängigkeiten? Diese Frage kann nur durch Analyse der Spezifik autopoietischer Operationen beantwortet werden (oder anders gesagt: die Antwort liegt nicht schon in dem oft oberflächlich rezipierten Begriff der Autopoiesis selbst). Diese Überlegungen werden uns dazu führen, dem Begriff der Kommunikation zentrale Bedeutung für die Gesellschaftstheorie zuzusprechen. luhmann_ges60