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Meister Steiger parkierte seinen dreissigjährigen Volvo 240 Kombi auf dem Parkplatz beim Dorfeingang von Davos Monstein. Nun spazierte er mit einem Blumenstrauss in der Hand auf dem Hofweg zwischen drei prächtigen Holzhäusern mit bunten Blumengärten hindurch. Beim rechten Haus befand sich ein Schweinegehege neben dem Stall. Auf der linken Strassenseite spielten fünf Kinder im Garten. Der Jüngste, ein blonder Knirps auf einem Dreirad, schaute mit grossen Augen Meister Steiger an und wusste nicht, ob er lächeln sollte.
«Grüezi?!», sagte das älteste Mädchen mit blonden Zöpfen.
«Sali mitenand!», antwortete Meister Steiger lächelnd und ging weiter. Vor dem dritten Haus plätscherte ein kleiner Brunnen in der Wiese, vor dem Haus trocknete bunte Bettwäsche auf einem Stewi, der Gartensitzplatz war aber leer. Meister Steiger trug eine schwarze Hose und einen schwarzen Tschopen, dazu passend ein weisses Hemd. Für sein Alter sah er noch immer gut aus, seine dunklen Augen strahlten warm aus seinem rundlichen Gesicht, lediglich sein Schnauz begann zu ergrauen. Sein volles Haar war mit der Zeit schütter geworden – das käme vom vielen Nachdenken, pflegte er jeweils zu sagen. Vor zehn Jahren war er pensioniert worden. Seither widmete er sich ganz seinem Hobby, dem Aufklären von rätselhaften Kriminalfällen, die er, wenn er einmal Zeit dafür finden würde, aufschreiben und in einer Serie mit dem Titel «Meister Steiger ermittelt…» veröffentlichen wollte. Ein solcher Fall führte ihn heute nach Monstein, obwohl er auf seinem Spaziergang durch das Walserdorf noch nicht wusste, dass er wieder ein Rätsel würde lösen dürfen. Vor drei Tagen hatte er mit seinem alten Freund Hitsch Ambühl telefoniert, mit dem er in jüngeren Jahren zwei Mal den Sommer auf dessen Maiensäss auf der Inneralp verbracht hatte und anschliessend im Herbst jagend durch die Wälder der Davoser Seitentäler gepirscht war. Während ihres kürzlichen Telefonats waren sie auf ihre damaligen Jagdausflüge zu sprechen gekommen und Hitsch hatte vom tragischen Unfalltod ihres Jagdkameraden Christian Derungs berichtet, dem, als er sein Haus verlassen wollte, eine Geranienkiste vom Balkon auf den Kopf gefallen war. Christians Tod betrübte Meister Steiger sehr, weshalb er seiner Witwe Ladina einen Besuch abstatten wollte.
Nachdem er an einer Schreinerei vorbei gegangen war, hielt Meister Steiger einen Moment inne und blickte über eine saftig bunte Blumenwiese zu den drei hölzernen Speichern hinüber, die dunkel am Rand der Terrasse thronten, auf der Monstein errichtet worden war. Die Speicher waren das Wahrzeichen des Dorfers, ihr Dach war mit Holzschindeln gedeckt. Meister Steiger liess seinen Blick über die Speicher hinweg das Landwassertal hinab schweifen. Er zündete sich dabei einen «Villiger Kiel» an, den traditionsreichen Schweizer Stumpen mit entenschnabelförmigen Mundstück, den bereits Albert Einstein in Bern während der Formulierung der Relativitätstheorie geraucht hatte. Zufrieden paffend setzte Meister Steiger seinen Spaziergang fort und fragte sich, ob sich Albert Einstein nach der Erkenntnis von E = MC? auf der Bundeshausterrasse einen «Villiger Kiel» mit Blick über die nahen Berner Alpen gegönnt hatte. Meister Steiger winkte einer Frau, die in ihrem Garten Unkraut jätete, zu. Über den Gartenhag lächelte ihn eine grosse Blaudistel blausilbrig an. Er folgte dem Weg durchs Unterdorf zwischen alten, dunkeln und windschiefen Holzhäusern hindurch, der eine s-förmige Kurve nahm und unter dem Balkon von Ladina Derungs Haus hindurchführte, ehe er die Hauptstrasse erreichte. Meister Steiger blickte zum Balkon hoch und zog an seinem Stumpen. Am Geländer hingen Geranienkisten aus Eternit, eine neben der anderen. Nichts wies auf die Tragödie hin, die sich vor wenigen Wochen ereignet hatte.
Ladina Derungs war eine zierliche, alte Frau, die ihr langes, weisses Haar zu einem Bürzi geknotet hatte. Über ihrem dunkelblauen Leinenrock trug sie eine verwaschene rote Schürze. Ladina Derungs bat Meister Steiger in die Stube. Seinen Sommerblumenstrauss stellte sie in einer Steingutvase auf den Sims des Küchenfensters und servierte danach Apfelkuchen nach dem Rezept ihrer Urgrossmutter, während sich ihre Kaffeemaschine, für die halb Hollywood zu werben schien, blinkend aufheizte. Sie wirke keineswegs verbittert, dachte Meister Steiger, als er ihr zum Tod von Christian kondolierte. Sein Tod war überraschend gekommen, das wäre doch besser, als lange krank zu sein, sagte Ladina Derungs bloss. Ob sie eine Ahnung habe, weshalb sich die Geranienkiste gelöst hätte, erkundigte er sich. Sie schüttelte den Kopf. Danach wechselten sie das Thema. Es waren einige Jahre vergangen, seit Meister Steiger zum letzten Mal mit Hitsch Ambühl, Christian Derungs und weiteren Davoser Kameraden auf der Jagd gewesen war. So stellte er Fragen über das Wohlergehen seiner Freunde und war nach einer Stunde, zwei Stück Kuchen und ebenso vielen Tassen Kaffee auf dem Laufenden. Zufrieden fragte er, ob er auf den Balkon gehen dürfe. Er könne schon in der Wohnung rauchen, es würde sie nicht stören, sagte Ladina Derungs. Lächelnd winkte Meister Steiger ab, das wäre nicht der Grund, sondern er wolle nochmals die herrliche Aussicht geniessen, bevor er wieder nach Zürich fahren würde. Da habe er natürlich Recht, antworte sie lächelnd, er solle sich ruhig Zeit lassen und noch etwas gesunde Bergluft tanken. Sie würde unterdessen das Kaffeegeschirr abwaschen.
Meister Steiger erhob sich und trat, nachdem er die Türe geöffnet hatte, auf den Balkon. Er breitete seine Arme aus, streckte sich und atmete die frische Bergluft ein. Auch wenn Monstein vor hundert Jahren ein Kurhaus gehabt hatte, war Davos wegen des Spengler Cups, dem Weltwirtschaftsforum, den Pilzen im Sertigtal, den Kliniken am See und Thomas Manns Zauberberg bekannt geworden. Meister Steiger schaute zum Silberberg hinüber, aus dessen Inneren vom 15. bis ins 19. Jahrhundert im Schmelzboden Erze gefördert worden waren. Er blickte über die dunklen Dächer der Nachbarhäuser auf die drei Speicher am Ende der Wiese, dann fiel ihm auf, dass eine Geranienkiste im Vergleich zu den anderen etwas verschoben war. Hier hatte also Christian Derungs Schicksal zu seinem tödlichen Schlag ausgeholt. Die Stahlträger der Eternitkisten waren derart massiv, dass sie nicht gebrochen sein konnten, dachte Meister Steiger und trat ans Geländer. Er bückte sich, um die solide Montageart der Kistchen zu betrachten.
«Er hat es verdient!», zischte Ladina Derungs.
Meister Steiger glaubte, sich verhört zu haben und richtete sich auf. Er drehte sich um und sah sie zitternd in der Balkontüre stehen.
«Wie bitte? Wer hat was verdient?», fragte er irritiert.
«Er war ein Hurenbock!», sagte sie hasserfüllt und zornig.
«Aber…», sagte er hilflos.
«Ich kann es Ihnen beweisen! Kommen Sie!», sagte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.
Meister Steiger folgte der erbosten Witwe in die Stube zurück. Beim Stubentisch wartete er, bis sie mit einer alten Schuhschachtel aus einem anderen Zimmer zurückkam.
«Hier sind die Briefe, die ihm dieses Luder geschrieben hatte!» Meister Steiger nahm einen Brief, worin mit geschwungener Handschrift verfasste Liebesschwüre standen. Die Handschrift hatte sich nicht stark von der Schweizer Schulschrift weiter entwickelt. Sie stammte von einer Frau, das konnte Meister Steiger an der feinen Art der Buchstaben feststellen. Der Brief war vor über fünfzig Jahren geschrieben worden.
«Menga?», fragte er.
«Menga Jenny! Aus Klosters. Sie unterrichtete während zwei Jahren in Frauenkirch und hatte im Kirchenchor Sopran gesungen. Ich habe es immer geahnt, dass er etwas mit ihr gehabt hatte. Aber beweisen konnte ich nichts. Bis ich vor ein paar Wochen diese Briefe gefunden habe. Glauben Sie mir, ich habe nicht danach gesucht!»
«Das ist alles schon sehr lange her…», sagte Meister Steiger naiv.
«Und doch, als wäre es gestern gewesen! Ich war damals 26-jährig und mit Hans, unserem zweiten Kind, schwanger.»
«Mich betrübt zu hören, dass er Sie damals im Stich gelassen hat.»
«Das hat er nicht. Ich wünschte aber, dieser Calöri hätte es getan! In mehreren Briefen hatte sie ihn darum gebeten, sich scheiden zu lassen. Aber er wollte seine Kinder nicht verlassen. Das hat er mir auch gesagt, als ich ihn vor ein paar Wochen wegen diesen Briefen zur Rede gestellt habe. Trotz seiner harten Arbeit hatte Christian immer mit den Kindern gespielt, im Sommer Fussball und im Winter hatte er Schneemänner gebaut. Wie Sie vielleicht wissen, schneit es in Davos ausser im Winter mindestens einmal pro Monat… Die Kinder hätten keinen besseren Vater haben können.»
Meister Steiger kratzte seinen Schnauz. Das noch immer bittere Gift der jahrzehntealten Mischung aus ehelicher Untreue, verletzter Liebe, Betrug, Eifersucht und Hass machte ihn sprachlos.
«Sie waren mit ihm zur Jagd. Wem haben sie damals nachgestellt?», fragte sie bloss.
«Wir?», fragte Meister Steiger überrascht. «Wir haben niemandem nachgestellt. Wir waren nur am Wild, unserer Kameradschaft und dem Leben in der freien Natur interessiert.»
«Als Männer habt ihr dabei sicher über Frauen gesprochen!»
«Ich kann mich nicht daran erinnern, das ist schon eine Weile her. Aber wenn man mit fünzig Jahren oder mehr noch etwas jagt, dann ist es das Wild, weil man einen frischen Hirschpfeffer mit einem schönen Glas Herrschäftler ebenso zu geniessen weiss wie die roten Freuden einer prickelnden Affäre.»
«Ich glaube Ihnen, Meister Steiger! Sie sind Hitschs Freund und waren bloss ein Jagdkamerad von Christian. Bitte entschuldigen Sie. Ich wollte sie nicht beleidigen. Aber ich kann Christian nicht vergeben, sein gemeiner Betrug trifft mich noch immer. Wie konnte er mich bloss betrügen, als ich schwanger war?»
«Ich weiss es nicht», sagte Meister Steiger mitfühlend. «Und ich verstehe Sie.»
Eine Viertelstunde später verabschiedete sich Meister Steiger von Ladina Derungs. Einem Impuls folgend ging er nicht zur Hauptstrasse hoch, sondern nahm den Weg durchs Unterdorf, den er gekommen war. Als er unter dem Balkon von Ladina Derungs hervortrat, krachte neben ihm eine Geranienkiste zu Boden. Erschrocken sprang Meister Steiger zur Seite und verharrte einen Moment tief durchatmend. Er drehte sich um und blickte zum Balkon hoch. Es war ihm, als hätte er einen Schatten verschwinden sehen.
«Hueresiech nomal!», entfuhr es Meister Steiger. «Das war knapp!» fügte er erschüttert an. Sein Herz schlug ihm bis in den Hals hoch. Als er sich an die Brust fasste, um es zu beruhigen, spürte er die Packung «Villiger Kiel».
Das ist jetzt genau das Richtige!», dachte er, entnahm ihr einen Stumpen und zündete ihn an. Rauchend blickte er auf die Eternitscherben sowie auf die mit feinen Wurzeln überzogenen, krampfaderigen Humusklumpen und die über den Weg verteilten Blumen. Meister Steiger wartete ein paar Minuten, während denen nichts weiter geschah, als dass er an seinem Stumpen zog und etwas später den blaugrauen Rauch in die schattige Sommerluft ausatmete. Die Nachbarn hatten vom Vorfall nichts mitgekriegt und Ladina Derungs wollte sich offensichtlich nicht nach seinem Wohlergehen erkundigen. Bleiern legte sich die Stille eines abgelegenen Aussenpostens der höchstgelegenen Stadt Europas über die unheimliche Szenerie, die bloss durch das schwere Atmen Meister Steigers und von seinem Zigarrenqualm kontrastiert wurde.
Meister Steiger bückte sich, brach sich eine Geranienblüte ab, steckte sie sich in die Brusttasche und folgte der Strasse durch das Unterdorf. Noch immer arbeitete die Frau im Gemüsegarten. Erneut winkte ihr Meister Steiger zu und freute sich an der schönen Blaudistel. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal ein ähnlich prächtiges Exemplar gesehen zu haben. Aus der Distel flog ein Zitronenfalterpärchen auf , das um seinen Zigarrenqualm tänzelte.
«Eigentlich müsste ich die Polizei rufen», sagte er sich, als er den Schmetterlingen über die Wiese und die drei hölzernen Speicher hinweg in die Zügenschlucht nachblickte. «Aber Ladina Derungs ist genug bestraft. Das weiss sie selbst!»
Als er an der Schreinerei vorüberging, winkte er auch dem Schreiner zu, der vor dem Haus Bretter zersägte. Die Kinder spielten nicht mehr draussen, dafür klang Musik aus einem Fenster. «‹Meister Steiger ermittelt… nicht› – das wäre doch ein guter Titel für dieses Rätsel, das ich heute Nachmittag lösen durfte», sagte er, als er sich auf dem Parkplatz beim Dorfeingang von Monstein in seinen dreissigjährigen Volvo setzte, das Fenster hinunterkurbelte und mit Blick über die Zügenschlucht noch einmal kräftig an seinem Stumpen zog.
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