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„Arabella“ steht für die letzte Zusammenarbeit zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal und ist musikalisch ein Griff nach den Sternen – in politisch turbulenten Zeiten.
Was 1909 mit der Oper „Elektra“ begann und 1929 mit dem Tod Hofmannsthals und der lyrischen Komödie „Arabella“ abrupt endete, war eine sowohl erfolg- wie konfliktreiche künstlerische Synthese zwischen dem spätromantischen Alleskönner Richard Strauss und dem begnadeten Librettisten Hugo von Hofmannsthal.
Dass die Uraufführung 1933 in Dresden im Jahr der Machtergreifung Hitlers stattfand, ist einerseits Zufall, anderseits wirft es ein zunehmend grelleres Licht auf die Machenschaften, mit denen sich der Ehrgeizling Strauss den Nationalsozialisten skrupellos an die Brust warf. Dominik Frank rekapituliert in einem lesenswerten Programmbeitrag die Unverfrorenheit, mit der sich Strauss’ Egomanie mehr und mehr abzeichnete und wie er seinen Aufstieg zum Präsidenten der „Reichsmusikkammer“ von 1933-1935 propagandistisch beflügelte.
Dass nun der in Zürich geschätzte kanadische Regisseur Robert Carsen 1933 zum Nennwert nimmt, seine Inszenierung mit Hakenkreuzfahnen und Nazi-Armbinden zu illustrieren, ist völlig unnötig. Es ist schon alarmierend genug, wie das braune Gespenst die deutschen Lande aktuell wieder verunsichert. Um eine dekadente Gesellschaft am Rande des Abgrunds zu zeigen, brauche ich die Nazi-Embleme nicht, die Handlung spricht für sich selbst.
Hotelhalle mit unnötigen Nazi-Emblemen / Fotos © T+T Toni Suter
Graf Waldner treibt seine Familie mit seiner Spielsucht in den finanziellen Ruin. Da kann nur noch ein steinreicher Adliger helfen, mittels einer generösen Mitgift die hübsche Tochter Arabella zu freien. Kommt noch hinzu, dass sich die jüngere Tochter Zdenka als Junge verkleiden muss, weil das Geld für die standesgemässe Ausstattung zweier Töchter nicht ausreicht. Gefälschte Liebesbriefe, mit denen sie ihrem Schicksal eine Wende geben will, und ein dadurch ausgelöstes Eifersuchtsdrama zwischen Matteo, in den sie sich verliebt hat, und dem Hoffnungsträger Mandryka, der sich von Arabella hintergangen fühlt, heizen die Konflikte an, bis sich dann doch noch alles in Minne auflöst.
Wenn Fabio Luisi den Taktstock zur Seite legt
Ein zweiter „Rosenkavalier“ ist „Arabella“ nicht geworden, aber Richard Strauss’ geniale, abgründige und hochkomplexe Musiksprache ist aufregend und von erlesenem Genuss. Zumal wenn Fabio Luisi zum Fürsprecher des Straussschen Musikkosmos avanciert und mit der motivierten Philharmonia Zürich seine ganze Affinität für die feingliedrigen, aber auch die wogenden Klangfächerungen bis zur berauschten Exstase ausschöpft. Interessante Beobachtung: Luisi dirigiert meines Wissens zum ersten Mal ohne Taktstock und folgt damit nicht nur Nikolaus Harnoncourt. Auch Capuano legte in der „Iphigénie“ das Mini-Stöckli jeweils beiseite, wenn er mit der Bühne kommunizierte. Was im Barock- und Frühklassik-Repertoire gang und gäbe ist, erreicht nun offenbar auch die grossen Besetzungen. Aber Luisis Zeichensprache war derart präzis und suggestiv, dass sie an luzider Deutlichkeit rein gar nichts zu wünschen offen liess.
Mandryka (Josef Wagner) erweist sich als der erhoffte Krösus, Graf Waldner (Michael Hauenstein) huldigt ihm zu Füssen, das Fussvolk mit der Fiakermilli (rechts) feiert mit
Das Bühnenbild von Gideon Davey zeigt eine mehrstöckige Hotelhalle, in die Graf Waldner mit seiner Familie geflüchtet ist, um dem Pleitegeier zu entgehen, und weiss atmosphärisch mit zeittypischen Kostümen einzunehmen. Dass Julia Kleiter die Titelpartie wegen Krankheit kurzfristig an Astrid Kessler übergeben musste, war nach all den Aufregungen über die mögliche und letztlich abgewendete Schliessung des Musiktempels wegen der Coronavirus-Epidemie fast nur noch eine Randnotiz, zumal die Einspringerin die Premiere mit einer beachtlichen Leistung rettete.
Wie sich denn das sängerische Profil generell auf beachtlicher Stufe bewegte, beginnend mit dem Grafenpaar (Judith Schmid und Michael Hauenstein, eine Entdeckung) und der quirligen Irène Friedli als Kartenleserin und überleitend zur Hosenrolle der Zdenka (Valentina Farcas) und ihres Schwarms Matteo (Daniel Behle), die sich gesanglich und darstellerisch wunderbar ins Ensemble einfügten. Aleksandra Kubas-Kruk überzeichnete die Fiakermilli mit ihren deftigen Lederhosen-Tänzern etwas gar schrill. Die Partie des Retters in der Not, Mandryka, sang der Österreicher Josef Wagner zum ersten Mal. Der baritonale Stimmumfang, die sog. Tessitura, stellt eine grosse Bandbreite an Anforderungen, der Wagner grossteils gewachsen war, der gewünschte Schliff wird sich noch einstellen. Die Nebenrollen, der Chor und der Statistenverein am Opernhaus Zürich mögen sich mit einem anerkennenden Gesamtlob begnügen.
Weitere Vorstellungen: März 4, 7, 15, 19, 22, 31