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Der Schmerz, mehr als ein Symptom
Vor kurzem habe ich mit einer Patientin, welche unter starken, chronischen Schmerzen leidet, lange über deren Bedeutung gesprochen. Ich hatte das Privileg, dieses komplexe Thema in der Praxis zu besprechen und die Patientin in Ruhe aufzuklären. Es war für uns beide eine erfüllende Sprechstunde.
Was bedeutet diese nicht fassbare, physisch kaum darstellbare Störung mit meist hohem Leidensdruck?
Kann man den Schmerz mit einem schreienden Kind oder einem weinenden Baby vergleichen?
Das Kleinkind kann nicht sagen, was ihm genau fehlt und drückt sein Leiden mit Weinen und Schreien aus.
• Hat das Kind Hunger oder Durst?
• Hat es sich irgendwo verletzt oder verbrannt?
• Wurde es gebissen oder geschlagen?
• Hat es sich etwas gebrochen?
• Liegt oder sitzt das Kind ungemütlich, und drückt etwas auf seinen Körper?
• Funktioniert der Magen-Darm-Trakt nicht?
• Hat es einen Infekt oder Tumor?
• Kann das Kind nicht Wasser lösen, oder hat es eine gestaute Blase oder Nieren?
• Bekommt es zu wenig Sauerstoff, oder hat es Mühe mit der Atmung?
• Verspürt es einen Druck im Kopf?
• Hat es infizierte Ohren?
• Funktioniert in seinem Körper bzw. einem Körperteil etwas nicht richtig?
Man kann unendlich lange nach körperlichen Störungen suchen und sich Fragen stellen.
Könnte es sein, dass das Kind nur Angst hat, verunsichert ist oder sich allein fühlt?
Was macht man in solchen Situationen?
• Zuerst Ruhe bewahren, das Kind in den Armen nehmen und beruhigen, seine Lage ändern, versuchen, genau hinzuschauen und anhand der Ausdrucksweise und der «Hilfe» des Kindes eine Lösung suchen.
Ist es mit den Schmerzen nicht ähnlich?
• Braucht es starke Aufmerksamkeit, richtige Wahrnehmung und Beruhigung der Gesamtsituation?
• Versuchen zu verstehen, was der Schmerz bedeutet und was er ausdrücken möchte?
Erst wenn man die Ursache, die Bedeutung und die Botschaft verstanden hat, kann man den Schmerz beruhigen, sonst wird er weiterhin «weinen» und «schreien».
Wer möchte noch weiter lesen? … > dann viel Spass damit:
Wer kennt Schmerzen nicht aus eigener Erfahrung? Knieschmerzen nach einem Fehltritt, Halsschmerzen nach einer Entzündung, Kopfschmerzen nach einer langen Reise, Migräne nach einem anstrengendem Tag, Rückenschmerzen nach Lasten tragen oder nach einem Sturz…
Schmerz ist ein sehr komplexes Phänomen, das immer ein „unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis“ beinhaltet.
„Der Mensch ist ein in sich geschlossenes Universum.“
Man unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz.
Von chronischem Schmerz sprechen wir, wenn das Schmerzerleben mehr als 3 bis 6 Wochen andauert und eine Reihe physiologischer sowie psychologischer Veränderungen stattgefunden hat.
Chronische Schmerzen können meist nicht vollständig durch einen somatischen Befund oder ein Korrelat erklärt werden.
„Einem verzweifelten Menschen Mut zusprechen ist besser als ein Königreich erobern.“
Akuter Schmerz kann durch die Behebung entsprechender Ursachen (wie z.B. Verletzung oder Entzündung) behandelt werden, wodurch eine relativ rasche Schmerzfreiheit wiederhergestellt wird. Schmerz hat meistens eine Bedeutung als Wahrsignal und oft auch Schutz vor weiteren Gefahren.
Selbst akuter Schmerz beinhaltet praktisch immer eine psychische Komponente. So gehen mit Schmerzen immer eine emotionale Erfahrung (z.B. Wut, Angst oder Trauer), eine kognitive Bewertung (z.B. als gefährlich oder unangenehm) und ein Verhaltensimpuls (z.B. sich zu schonen) einher.
Auch bei akutem Schmerz beeinflussen psychische Faktoren die Schmerzintensität und das darauffolgende Verhalten (z.B. Schonung oder Rückzug) sowie das Verhalten der Mitmenschen (z.B. Rücksichtnahme oder Mitgefühl).
Es gibt eigentlich kein Schmerzzentrum im Gehirn, sondern vielmehr ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen die unter Umständen das Phönomen Schmerz als Gesamtoutput haben.
Die Art und Weise wie Schmerz wahrgenommen wird, hängt vom Zusammenspiel der Hirnregionen ab.
Sowohl die Intensität der Verbindungen, die Dominanz verschiedener Areale, die Verarbeitung der Informationen und damit auch das Outcome sind daher immer individuell.
In dieser Komplexität der sich gegenseitig beeinflussenden Verbindungen, zeigt sich die Vielschichtigkeit von chronischem Schmerz und daher auch der möglichen Behandlungsoptionen.
Wichtig zum wissen:
– > Schmerzempfindung ist ein zentrales Erleben – > Es gibt kein Schmerzzentrum im Gehirn.
Egal wo der Schmerz herkommt – > Schmerz ist immer real.
Psychosoziale Faktoren spielen also bei allen Arten von Schmerz eine wesentliche Rolle und sind bei chronischem Schmerz sogar noch zentraler. Chronische Schmerzen können daher meist im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells angemessen verstanden und behandelt werden.
Deshalb ist in der Therapie chronischer Schmerzen die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Medizin, Physiotherapie, Psychologie und anderen Arbeitsgruppen (wie z.B. Sozialarbeit oder Ergotherapie) zentral.
So können sich verschiedene psychotherapeutische, physiotherapeutische sowie andere alternativmedizinische Methoden positiv auf die Schmerzintensität und Lebensqualität auswirken und sollten möglichst frühzeitig in die Therapie chronischer Schmerzen einbezogen werden.
«Sei wie ein Fels. An dem sich beständig die Wellen brechen! Er bleibt stehen, während sich rings um ihn die angeschwollenen Gewässer legen» (Mark Aurel)
Zu einer erfolgreichen Schmerztherapie gehört zudem eine Diagnose des Schmerzmechanismus. Ist eine nozizeptive (z.B. Schädigung eines Gewebes), eine inflammatorische (z.B. Entzündung eines Gewebes) oder eine neuropathische (Verursacher des Schmerzsignals sind die Schmerzfasern selbst).
Eine Hyperalgesie wird definiert als ein Zustand, während welchem ein normalerweise schmerzhafter Reiz als noch viel schmerzhafter empfunden wird. Als Extremform dieses Zustands gilt die sog. Allodynie, bei welcher selbst ein normalerweise nicht schmerzhafter Reiz als schmerzhaft empfunden wird.
Am weitaus häufigsten treffen wir auf ein Bild mit einer Mischung aus verschiedenen Schmerzformen, sog. „Mixed Pain“. Dabei sind sämtliche Mechanismen an der Entstehung respektive Modulierung des Schmerzsignales beteiligt.
Folgende Beispiele zeigen mögliche und häufig eingesetzte Wirkstoffe oder Stoffklassen zur Behandlung der verschiedenen Schmerzmechanismen.
- Antinozizeptiv: Lokalanästhetika, Opiate, Ketamin hochdosiert
- Antiinflammatorisch: COX-1 und 2-Hemmer, Kortikoide, ev. Lokalanästhetika
- Antihyperalgetisch: Ketamin niedrigdosiert, Capsaicin topisch, ev. Paracetamol
- Antineuropatisch: Antiepileptika (Gabapentinoide, Natrium- und Kalziumkanalblocker), Trizyklische Antidepressiva, Ketamin niedrigdosiert.
Erst die richtige Kombination von geeigneten Medikamenten resp. Stoffklassen basierend auf den 4 Säulen der medikamentösen Schmerztherapie und der bio-psycho-sozialen Berücksichtigung, führen zu einer möglichen Lösung des Schmerzproblems.
Übrigens:
- Für etwa ein Drittel der Patienten, die in Praxis behandelt werden, lassen sich keine direkte oragnischen Ursachen finden, die ihre mitunter heftigen Beschwerden erklären können.
- Die meinsten von ihnen sind Schmerz-Patienten, die vor allem unter Rückenschmerzen leiden.
Ursachen für Rückenschmerzen sind hauptsächlich Muskelverspannungen, Überbelastungen durch z.B. falsche Bewegung, Fehl-Belastung oder Fehl-Haltung und damit nicht Veränderungen an der Wirbelsäule oder eine Krankheit.
Oft trägt der Rücken oder der Nacken den Schmerz der Seele.
Empfehlungen zu den nichtmedikamentösen Möglichkeiten, wie die Betroffenen die Schmerzen positiv beeinflussen können, mit sogenanntem BEST– Verhalten:
Bewegung – wie regelmässige sportliche Betätigung, moderates aerobes Ausdauertraining
Entspannung – wie Achtsamkeitsübungen, Autogenes Training
Stress-Balance – wie regelmässige Pausen, nach dem Frühstück oder Mittagessen kurz hinlegen, und loslassen
Trigger vermindern, vermeiden – wie- sich von Trigger entfernt bleiben
Wussten Sie?:
– 1.5 Mio. Menschen in der Schweiz leiden an chronischen Schmerzen. Die meisten von ihnnen täglich oder mehrmals pro Woche.
– Es gibt mehr als 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen.
– Schmerz ist ein Alarmsystem. Wenn wir die Zeichen nicht verstehen, kann Schmerz chronisch werden.
– Es gibt im Hirn kein explizites Schmerzzentrum. Schmerz entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener neuronaler Netzwerke.
– Schmerz ist ein komplexes Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Deshalb erlebt ihn auch jeder Mensch anders.
– Um Schmerzen erfolgreich zu behandeln, müssen sie richtig erkannt und die Hinweise wie Puzzleteile zusammengesetzt werden.
– Menschen mit dem sehr seltenen CIPA-Syndrom (congenital insensitivity to pain with anhidrosis) spüren keine Schmerzen. Diese Personen nehmen jedoch nicht wahr, wenn sie sich verletzen und sie bringen sich somit in Lebensgefahr.
– Beim Lachen bildet der Körper Endorphine und diese sorgen für Glücksgefühle, lindern Schmerzen.
„Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.“ (Sigmund Freud)
…. > Fortsetzung „Thema Schmerz“ für die interessierte LeserInnen… mit anderen Worten:
Dass Schmerzen mit belastenden Lebenssituationen zusammenhängen ist schon lange bekannt.
Ob wir uns gesund oder krank fühlen, ob wir Schmerzen als stärker oder weniger stark empfinden, hängt mit mehr Faktoren als nur mit unserem Körper zusammen.
Die Intensität eines Schmerzes hängt nicht unbedingt proportional damit zusammen, wie schlimm das Geschehen im Körper ist. So kann die Bildgebung eines Rückens zum Beispiel eine sehr stark abgenützte Wirbelsäule zeigen, und der Patient leidet kaum unter Schmerzen, während ein anderer Patient unter massiven Rückenschmerzen leidet bei wenig oder kaum veränderten Strukturen im Bereich der Wirbelsäule.
Das gilt ganz besonders bei chronischen Schmerzen, für die es keine klare Ursache gibt. Medizinisch abgeklärt werden müssen sie natürlich in jedem Fall. Das Gehirn kann sich ohnehin erst dann entspannen, wenn es das Problem gut versorgt weiss.
Die Seele und das soziale Umfeld spielen auch eine Rolle. So leiden Menschen in einer belastenden familiären Situation häufiger unter chronischen Schmerzen.
Dasselbe gilt für Menschen, die in einem schwierigen Arbeitsumfeld arbeiten müssen.
Die Angst, aufgrund eines Schmerzes den täglichen Aufgaben nicht gerecht zu werden, macht diesen oft noch schlimmer.
Der Schmerz ist dabei nicht eingebildet, sondern schraubt sich gewissermassen selbst hoch.
Man kann aus diesem Teufelskreis ausbrechen, sobald man sich diesen Zusammenhang bewusst macht, z.B. mit Hilfe von sogenanntem Neurozentrierten Training. Die Interpretation des Schmerzes so beeinflussen, um ihn erträglicher zu machen und in den Hintergrund treten zu lassen. Wie eine Art Hilfe zur Selbsthilfe.
Das Gehirn braucht neuen Input, um die alten Schmerzmuster loszulassen. Es gibt Übungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, welche bei Schmerzen sehr gut helfen. Man kann die Schmerzen so visualisieren, fokussieren oder sogar umfärben. Versuchen, sich den Schmerzen anzunähern, sie intensiver wahrzunehmen und dann loszulassen, rein mental.
Schliesslich:
Der Körper profitiert von Bewegung und der Geist von Stille