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Ausgerechnet einen Familienvater, der Frau und Kinder verliess, verehrt die Schweiz als Nationalheiligen. Vor 600 Jahren wurde er geboren – wer war Niklaus von Flüe alias Bruder Klaus?
Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen eines, wenn nicht sogar des Schweizer Nationalheiligen: Vor 600 Jahren wurde Niklaus von Flüeexterner Link geboren, besser bekannt als Bruder Klaus.
Wer seine Biografie betrachtet, staunt – ausgerechnet ein Land, in dem die bürgerliche Ordnung und geregelte Familienverhältnisse stets grossgeschrieben worden sind, verehrt einen Mann, der seine Frau und zehn Kinder verliess und sich, um sich nur noch Gott zu widmen, in das buchstäblich finstere Loch einer Einsiedelei im Talgrund einer schattigen Schlucht zurückzog?
Heute würde solch ein Vorgang wahrscheinlich die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) auf den Plan rufen, von den Boulevardmedien ganz zu schweigen.
Die Fakten sind schnell berichtet: 1417 kam Niklaus von Flüe in Flüeli, Kanton Obwalden zur Welt und lebte dort die ersten fünfzig Jahre das eher unauffällige Leben eines Bauers und Familienvaters. Ein gewisses Ansehen genoss er allerdings schon damals, denn es lässt sich aus einer Urkunde von 1462 schliessen, dass von Flüe zum Rat und Gericht Obwaldens gehörte. Dennoch dürfte er nicht zur lokalen Führungsschicht gezählt haben.
Politisch bedeutend wurde er erst nach dem grossen biografischen Bruch: Im Oktober 1467 sagte er seiner Familie und Flüeli Lebwohl und begab sich auf eine Pilgerreise – besonders weit kam er jedoch nicht
In der Nähe von Liestal hatte er eine so eindringliche Vision, dass er umkehrte und sich in der Ranftschlucht, rund zehn Gehminuten von seinem Wohnsitz, als Einsiedler niederliess.
Die räumliche Nähe zu seiner Frau und seinen Kindern relativiert die Radikalität und vermeintliche Grausamkeit seines Entschlusses der Familie gegenüber, zumal Hans, der älteste Sohn, schon zwanzig war und Niklaus‘ Rolle als Familienoberhaupt und Ernährer übernehmen konnte.
Unter strenger Beobachtung
Als Einsiedler Bruder Klaus wurde Niklaus von Flüe zu einem weit herum gefragten Seelsorger und politischen Ratgeber. Der Rückzug in die Ranftschlucht war also alles andere als gleichbedeutend mit weltfremder Mystik, auch wenn Bruder Klaus gedanklich oberrheinischen Mystikern wie etwa Heinrich Seuse durchaus nahestand.
Vielmehr wurde der lebende Heilige von den Mächtigen inner- wie ausserhalb der Eidgenossenschaft immer wieder konsultiert. 1481 trug Bruder Klaus‘ Rat und Vermittlung wesentlich dazu bei, dass mit dem Stanser Verkommnis eine schwere innereidgenössische Krise friedlich beigelegt werden konnte.
Der grosse politische Einfluss bedeutet allerdings nicht, dass der merkwürdige Asket nicht erst eine Mauer des Misstrauens zu überwinden hatte, um in seiner neuen Rolle akzeptiert zu werden. Denn was sich im Ranft abspielte, rief zunächst sowohl die kirchlichen wie weltlichen Autoritäten auf den Plan. Bruder Klaus wurde sozusagen unter strenge Beobachtung gestellt, doch fand sich nichts, was auf Betrug, Ehrsucht oder gar dämonischen Einfluss hingewiesen hätte.
Die Einweihung der ersten (oberen) Ranft-Kapelle 1469 signalisierte so etwas wie die kirchliche Billigung und Unterstützung des Eremitendaseins. Dennoch sollten nach Bruder Klaus‘ Tod 1487 mehr als vier Jahrhunderte verstreichen, bis unter Papst Pius XII. 1947 schliesslich die Heiligsprechung erfolgte.
Selig war Bruder Klaus bereits 1648/49 gesprochen worden, doch erst ab 1865 wurden Versuche unternommen, der Selig- eine Heiligsprechung folgen zu lassen. Sie führte zu einem neuen Pilgerboom, der Flüeli-Ranft und den Nachbarort Sachseln, zu dem Flüeli-Ranft politisch gehört, zu florierenden Wallfahrtsorten werden liess.
"Universales Rezept"
Wie aktuell Bruder Klaus noch heute ist, beziehungsweise wie sehr er für politische Zwecke genutzt wird, wurde besonders in der Auseinandersetzung um den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1992 deutlich, als die Gegner eines solchen Schritts zur Begründung die Bruder Klaus zugeschriebene Mahnung an die Eidgenossen ins Feld führten, "den Zaun nicht zu weit" zu machen.
Vor allem für konservative kirchliche und politische Kreise ist Bruder Klaus eine nach wie vor sehr wichtige Identifikationsfigur, wie eine am 19. August gehaltene Feier zum 600. Geburtstag des Heiligen zeigte, an der sowohl der rechtskonservative alt Bundesrat Christoph Blocher als auch der Churer Bischof Vitus Huonder sprachen.
Der offizielle Staatsakt hatte bereits am 30. April auf dem Landenberg bei Sarnen stattgefunden. Aus diesem Anlass wurde Bundespräsidentin Doris Leuthard vom Mediendienst kath.chexterner Link gefragt, welche politische Bedeutung der heilige Aussteiger heute habe.
"Dass wir respektvoll aufeinander zugehen sollten. Dass wir dem Anderen zuhören müssen. Keiner allein hat die Weisheit für sich gepachtet. Obwohl Bruder Klaus ein weltabgewandtes Leben lebte, hörte er immer wieder zu, nahm die Anliegen der Menschen ernst, er dachte mit und mischte sich ein", so die Antwort der Bundespräsidentin.
Bruder Klaus überzeuge sie auch heute noch, weil er dafür gesorgt habe, "dass die Menschen miteinander sprachen, statt sich die Köpfe einzuschlagen, und so Lösungen fanden. Das ist ein universales Rezept, das heute noch gilt – ganz besonders heute, in einer verunsicherten, oft gewalttätigen Welt".
Leuthard wies aber auch auf die aufopferungsvolle Rolle von Niklaus‘ Frau Dorothea hin: "Als Frau möchte ich die wichtige Rolle seiner Gattin unterstreichen, ohne deren Unterstützung und Verantwortung er seine Familie nicht hätte verlassen können."
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