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Die Weltnummer 1 Rafael Nadal ist in Wimbledon im Achtelfinal gegen den 19-jährigen Australier Nick Kyrgios ausgeschieden. Wir stellen den Teenager vor, der die Tennissensation des Jahres schaffte. Schliesslich könnte die Weltnummer 144 im Halbfinal auf Roger Federer oder Stan Wawrinka treffen.
Der letzte Teenager, der bei einem Grand-Slam-Turnier eine Weltnummer 1 besiegte, war Rafael Nadal im Jahre 2005. Damals eliminierte der Spanier bei den French Open im Halbfinal Roger Federer. Gestern hat es den «Stier aus Manacor» selbst erwischt. Gute Aussichten also für dessen Bezwinger: Nick Kyrgios.
Dabei ist der junge Mann aus Canberra, der als zwölfjähriges (leicht pummeliges) Kind anfing Tennis zu spielen, nur durch ein kleines Wunder so weit gekommen. Kyrgios erhält nur dank seinem Sieg beim Challenger-Turnier in Nottingham eine Wild Card für Wimbledon. Dort trifft der 1,93 Meter grosse Australier nach überstandener Startrunde auf Richard Gasquet, die Weltnummer 14.
In einem knapp vier Stunden dauernden Match behält Kyrgios gegen Gasquet die Oberhand. Dabei liegt der «Aussie» gegen den Franzosen bald Mal mit 0:2-Sätzen im Rückstand, kann jedoch die nächsten beiden Durchgänge für sich entscheiden. Im Entscheidungssatz wehrt er unglaubliche neun (!) Matchbälle ab, bevor er selbst seinen ersten Matchball verwandelt.
Beim fünften Matchball gegen sich hat die Weltnummer 144 grosses Glück, als er die Challenge nehmen kann. Sein zweiter Aufschlag wird nämlich fälschlicherweise Aus gegeben. Die Hawk-Eye-Aufnahme beweist jedoch, dass der Aufschlag um Haaresbreite im Feld ist. Kyrgios zu der Szene: «Ich dachte, er könnte drin sein. Schlussendlich war es vielleicht ein Zentimeter, der zu meinem Gunsten entschied. So geht es halt manchmal. Dafür ist die Challenge da.»
Später beendet der Australier das Match mit zehn Punkten in Folge und kann es im Siegerinterview fast nicht glauben, was er erreicht hat: «Ich weiss nicht was ich tun soll. Ich mache dieses Interview, aber ich habe keine Ahnung was ich nachher mache.» Kyrgios stellt mit den neun abgewehrten Matchbällen den Rekord bei Grand-Slam-Turnieren ein. Der US-Amerikaner Vince Spadea hatte bei den French Open 2004 im Erstrundenmatch gegen den Franzosen Florent Serra ebenfalls neun Matchbälle abgewehrt und noch gewonnen.
Nach einem weiteren Sieg über den Tschechen Jiri Vesely steht er im Achtelfinale dem bisher grössten Brocken seiner Karriere gegenüber. Die Frage, ob dies ein Traum sei für ihn, gegen Nadal auf einem grossen Court zu spielen, bejaht Kyrgios: «Ich habe nie gedacht mit 19 Jahren in der vierten Runde Nadal gegenüberzustehen. Ich dachte, es würde jahrelange Arbeit brauchen, um so eine Gelegenheit zu haben. Daran zu denken, dass es bereits in einem Tag soweit ist, ist einschüchternd, aber auch aufregend.»
Ob er mit diesen Voraussetzungen überhaupt daran denke, die Weltnummer 1 besiegen zu können? Seine (knappe) Antwort: «Ja». Gesagt, getan. In knapp drei Stunden schlägt der Australier 37 Asse und 70 Winner und wirft den French-Open-Sieger aus dem Turnier.
Kyrgios, dessen Eltern aus Griechenland (Vater) bzw. Malaysia (Mutter) stammen, erzählt nach dem Sieg, dass er in einem Interview seiner Mutter gelesen habe, Nadal sei zu stark für ihn. Er stört sich nicht weiter daran: «Sie kann sagen und machen was sie will.»
Vor allem der harte Service und das druckvolle Grundlinienspiel, mit denen der Powerspieler seinen berühmten Kontrahenten vor ungewohnte Probleme stellt, geben den Fans vom fünften Kontinent Anlass auf eine neue starke Generation nach der Ära der Grand-Slam-Sieger Patrick Rafter und Lleyton Hewitt zu hoffen. Zusammen mit Davis-Cup-Kollege Bernard Tomic, der 2011 bei seinem Viertelfinaleinzug im Wimbledon sogar erst 18 Jahre alt war, steht der Tennissport in Australien wieder vor goldenen Tagen.
Der Junioren-Sieger der Australian Open 2013 verfügt ausserdem über eine schnelle Auffassungsgabe, wie sein unglaublicher «Tweener» gegen Nadal beweist.
«Es ist noch nicht wirklich in mein Bewusstsein vorgedrungen. Ich spielte wie im Rausch», meint der Sieger ungläubig. «Ich bin jetzt noch total durcheinander.» Nadal sagt: «Wenn du auf Rasen einen Gegner hast, der so hart schlägt, bekommst du Probleme». Und gesteht ehrlich: Kyrgios sei «einfach besser» gewesen.
Lange feiern kann er nicht: Bereits heute Mittwoch spielt er gegen den Kanadier Milos Raonic (ATP 9). Etwas freuen dürften sich auch Roger Federer und Stan Wawrinka. Der Sieger ihres Direktduells kann nun im Halbfinal nicht mehr auf Nadal treffen. Doch ob Nick Kyrgios der angenehmere Gegner wäre? Trotz einer negativen Matchbilanz auf der Tour (3:7 Siege/Niederlagen) scheint momentan einiges für Kyrgios zu sprechen.