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Am Vormittag des 31. Dezember 2013 sitze ich in der Columbus Avenue im City Lights Bookstore in San Francisco, jenem Laden, den ein gewisser Lawrence Ferlinghetti vor genau 60 Jahren gegründet hat und ohne den die Beat Generation womöglich nichts weiter gewesen wäre als eine Sternschnuppe am kalifornischen Abendhimmel. Denn die prüde amerikanische Nachkriegsgesellschaft tat sich schwer mit den abartigen Texten der «Beats». Hätte Ferlinghetti also nicht den Mut besessen, die verhassten Elaborate über Sex-, Drogen- und Alkoholexzesse zu drucken, wären Kerouac, Burroughs, Ginsberg & Co. vielleicht ungehört wieder in jenem dunklen New Yorker Loch verschwunden, aus dem sie in den frühen Fünfzigern gekrochen waren.
Eigentlich bin ich mit Ferlinghetti, der mittlerweile 95 Jahre alt ist, verabredet. Doch der Meister ist unpässlich, was entweder seinem hohen Alter oder der frühen Uhrzeit – 11.30 Uhr – zuzuschreiben ist. Eine Tageszeit, zu der ein Beatnik allenfalls ins Bett gegangen, aber niemals aufgestanden wäre. Schliesslich folgt ein Acid-Trip nicht den Gesetzen der Zeit. Doch was macht den Club der dichten Dichter denn nun so aussergewöhnlich, dass man ihre Werke noch heute lesen sollte? Handelte es sich nicht nur um einen Haufen abgewrackter Morphinisten? Nichtsnutzige Herumtreiber auf dem Weg von Irgendwo nach Nirgendwo, die mit harten Drogen experimentierten und ausser ein paar «dreckigen» Texten nichts für die saubere Gesellschaft hinterliessen? Wohl waren die «Beats» in den Augen der sogenannten braven Bürger «Heruntergekommene», doch ist das nur eins ihrer vielen Gesichter: Denn die «Beatniks» waren auch «upbeat» (euphorisch), «beatific» (seligmachend) und «on the beat» (im Rhythmus) und verpassten so dem Leben Geschwindigkeit und Drive, brachen und überwanden Tabus und ebneten den Weg für die nachfolgende Hippie- und letztlich auch die Frauen- und Schwulenbewegung.
Und heute? Hingeworfene Texte ohne Versmass werden auch im Jahr 2014 zuhauf geschrieben. Das macht ihre Verfasser noch lange nicht zu Dichtern, geschweige denn zu Beatniks. Themen wie Drogen, Alkohol und Homosexualität lösen hierzulande kaum mehr einen Skandal aus. Ein Zeichen dafür, dass die Beatniks Pionierarbeit mit nachhaltiger Wirkung geleistet haben. Tot ist der Beat jedenfalls trotzdem nicht. Ein paar Literaten trotzen dem Trend, rund um die Uhr dummdreist in Tablets und Smartphones zu glotzen und nichtssagende Kurznachrichten in den Äther zu zwitschern, und kritzeln stoisch ihre Gedanken in schwarze Moleskinebücher, wie einst Kerouac «on the road» oder Burroughs beim «Naked Lunch». Natürlich gibt es nur eine Beat Generation, alles andere wäre nichts als ein billiger Abklatsch. Aber die Sehnsucht nach Freiheit und Anarchie, nach einem selbstbestimmten Dasein, einer unkonventionellen, alternativen Lebensweise abseits vom Mainstream brennt in jeder jungen Generation von neuem.
So tun uns auch heute ein paar bewusstseinsverändernde Texte (und Substanzen) ganz gut. Auch wenn statt LSD vorzugsweise biologisch angebauter Fair-Trade-Kaffee konsumiert wird. Ferlinghetti glänzt übrigens weiterhin mit Abwesenheit. Doch wenn man sich die Besucher im City Lights Bookstore so anschaut, schwebt auch ohne ihn fast ein Hauch von Beat durch den Raum. Wie vor 60 Jahren – nur eben mit Rauchverbot.