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Dank Schweizer Richtern darf die südafrikanische Spitzensportlerin Caster Semenya vorläufig wieder an Frauenwettbewerben teilnehmen. Warum Schweizer Richter über die umstrittene Testosteron-Obergrenze des Weltleichtathletik-Verbands urteilen.
Die Vorgeschichte:
Die südafrikanische Leichtathletin Caster Semenya ist intersexuell. Wegen einer Erbkrankheit weist sie für Frauen ungewöhnlich hohe Testosteron-Werte aus.
Damit Intersexuelle keinen Wettbewerbsvorteil haben, führte der Leichtathletik-Weltverband IAAF Testosterongrenzwerte für die Teilnahme an Frauenwettkämpfen ein.
Die 800-m-Olympiasiegerin Semenya wehrte sich dagegen vor dem Internationalen Sportgerichtshof. Dieser bestätigte jedochexterner Link, sie müsse ihre Testosteronwerte senken, wenn sie weiter bei den Frauen-Wettbewerben über die Mittelstrecken antreten wolle. Sprich: Semenya müsste sich einer Hormontherapie unterziehen, will sie weiter in ihrer Paradedisziplin starten. Semenya zog das Urteil an das Schweizer Bundesgericht weiter.
Warum sind Schweizer Richterinnen und Richter am Ball?
Der Internationale Sportgerichtshof (Court of Arbitration for Sport, CAS)externer Link ist ein internationales Schiedsgericht mit Sitz in Lausanne und unterliegt damit Schweizer Recht. Deshalb können gegen seine Entscheide vor dem Schweizer Bundesgericht Beschwerde geführt werden.
Was ist der Stand der Dinge?
Das Bundesgericht ordnete am Freitag superprovisorisch die vorläufige Aussetzung der Testosteron-Obergrenze an. Semenya darf also bis auf weiteres wieder auf Strecken zwischen 400 und 1500 Metern laufen. Wann der endgültige Entscheid des Bundesgerichts fällt, ist offen.
Wie geht es weiter?
Wenn das Bundesgericht die Beschwerde von Caster Semenya abweist, kann sie gegen die Schweiz vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) in Strassburg Beschwerde führen und eine Verletzung ihrer Menschenrechte geltend machen.
Welche Auswirkungen hat das Urteil des Schweizer Bundesgerichts auf den internationalen Sport?
Die Beschwerden gegen CAS-Urteile an das Bundesgericht sind rein kassatorischer Natur, d.h. sie können nur zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids führen. "Wenn der Grund für die Aufhebung – was ich glaube - eine Verletzung des Ordre publicexterner Link* ist, wird sich das Gericht indirekt auch in der Sache äussern", sagt Rechtsprofessor Antonio Rigozziexterner Link von der Universität Neuenburg. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn das Gericht eine krasse Verletzung von Persönlichkeits- und anderen Menschenrechten feststellen würde.
"Das Urteil zum Fall Caster Semenya ist ein Präzedenzfall für den internationalen Sport", sagt Philipp Bandi von Swiss Athletics. "Je nach Ausgang des Urteils werden auch Verbände oder Athleten mit ähnlich gelagerten Fällen entsprechend reagieren oder eben nicht reagieren."
*Schweizerische Wert- und Moralvorstellungen, die absolut gelten
Gab es vergleichbare Fälle?
Weil das Bundesgericht Kontrollinstanz des CAS ist, landen immer wieder Fälle ausländischer Spitzensportler vor dem Schweizer Gericht. Einige Beispiele:
- Die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein leidet an einer angeborenen Anomalie und weist deshalb veränderte Blutwerte auf. Als sie wegen angeblichen Dopings gesperrt wurde, wehrte sie sich 2009 vor dem CAS – vergeblich. Sie zog das Urteil weiter vor das Schweizer Bundesgericht und sogar bis vor den EGMRexterner Link – auch hier erfolglosexterner Link.
- Der rumänische Fussballspieler Adrian Mutu wurde von Chelsea wegen eines positiven Dopingtests 2004 auf Schadenersatz verklagt. Er wehrte sich dagegen, unterlag aber vor dem CAS, dem Schweizer Bundesgericht und dem EGMRexterner Link.
Das Schweizer Bundesgericht
Das Schweizer Bundesgerichtexterner Link mit Sitz in Lausanne ist die höchste richterliche Instanzexterner Link der Eidgenossenschaft in Zivil-, Straf-, Verwaltungs- und Verfassungssachen. Es existiert in der heutigen Form seit 1874.
Das Bundesgericht entscheidet praktisch nie als erste Instanz, sondern erst nachdem sich andere Gerichte mit dem Fall befasst haben. Deshalb stellt das Bundesgericht einen Sachverhalt nicht neu fest, sondern entscheidet lediglich über Rechtsfragen. Ein Sachverhalt kann vom Bundesgericht nur korrigiert werden, wenn er von der Vorinstanz krass falsch festgestellt worden ist.
Das Bundesgericht besteht aus 38 Bundesrichterinnen und Bundesrichtern sowie nebenamtlichen Bundesrichtern und Gerichtsschreibern. Die Bundesrichter werden vom Parlament für eine Amtsperiode von sechs Jahren gewählt.