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Sängerin Sia über ihren ersten Film
«Ich war naiv und würde einiges anders machen»
Sia hat mit «Music», einem Musical um ein autistisches Mädchen und ihre Halbschwester, einen Shitstorm geerntet: Der Popstar erklärt, was sie aus heutiger Sicht bei ihrem Regie-Debüt anders machen würde.
Viel wurde über ‹Music› bereits geschrieben, jetzt wird Ihr Regie-Debüt endlich online veröffentlicht. Wie würden Sie die Erfahrung zusammenfassen?
Es war eine Feuertaufe. Ich habe viel gelernt. Ich war naiv und würde auch einiges anders machen.
Der Film handelt vom autistischen Mädchen ‹Music› und ihrer Schwester, die sie betreuen soll. Als ‹Music› haben Sie statt eines Mädchens aus dem autistischen Spektrum Ihre Muse, die Tänzerin Maddie Ziegler, engagiert. Das gab viel Kritik. Zu Recht?
Ich hatte mir Maddie immer in der Rolle vorgestellt, aber ich wollte nicht nur einen Film über Betroffene machen, sondern auch mit ihnen. So habe ich versucht, ein Mädchen mit neuro-atypischem Verhalten zu engagieren. Aber ihre Mutter sagte dann, die Situation sei zu stressig für ihr Kind. Dann bin ich wieder auf Maddie zurückgekommen. Das hat mehr mit Vitamin B zu tun als mit Diskriminierung.
Woher stammt Ihr Interesse an einer autistischen Hauptfigur?
Ich habe einen autistischen Freund und wollte jemanden wie ihn und seine innere Welt zeigen, weil man sie kaum in Filmen sieht – oder jedenfalls seine innere Welt, wie ich sie mir für ihn erhoffe. ‹Music› ist eine Liebeserklärung an Menschen wie ihn und ihre Betreuer und Betreuerinnen. Ich habe auch viele Rollen mit Menschen mit Behinderungen besetzt, aber der Film wurde viel zu lang und so musste ich viele rausschneiden. Ich habe es wirklich versucht, sie mit einzuschliessen.
Was würden Sie also anders machen, wenn Sie zurückkönnten?
Morgens um 3 Uhr auf Twitter clevere Witze machen zu wollen, ist sicher nicht so schlau. Ich hätte zudem eine Geschichte schreiben sollen, die auf meine Hauptfigur nicht überstimulierend wirkt. Ich hätte sie besser in ein passendes Umfeld betten sollen. Aber ich hatte das Drehbuch und die Musik schon geschrieben, die Kostüme waren entworfen. Ich hätte mich zuvor von allen Fraktionen der autistischen Community beraten lassen sollen. Ich wusste nicht, dass es viele verschiedene Stimmen gibt. Ich dachte, ich spreche mit den besten Spezialisten auf dem Gebiet.
Haben Sie die kritischen Reaktionen, noch bevor überhaupt jemand den Film gesehen hatte, deprimiert?
Ja, ich will ja auch gemocht werden und hasse es, wenn nicht alle zufrieden sind. Die Kontroverse hat mir das Herz gebrochen. Aber ich habe gelernt, dass ich das nächste Mal, wenn ich eine Community präsentieren will, mit allen Vertretern sprechen muss, nicht nur mit 60 Prozent.
Und trotzdem: ‹Music› ist bei den Golden Globes als Bester Film und Kate Hudson als Beste Hauptdarstellerin in der Kategorie ‹Musical oder Komödie› nominiert. Was halten Sie von glitzernden Award-Shows während einer Pandemie: eher unangebracht oder willkommener Aufsteller?
Mir persönlich sind Awards eigentlich egal. Ich habe noch nie einen Grammy gewonnen und bin trotzdem glücklich. Es leiden zurzeit viele Menschen. Im Vergleich dazu sind Award-Shows belanglos. Trotzdem finde ich es schön, wenn meine Freunde für ihre harte Arbeit die gleichen Chancen haben geehrt zu werden, wie in jedem anderen Jahr.
‹Music› wird von Ihrer Muse Maddie Ziegler, die seit dem ‹Chandelier›-Video für sie tanzt, gespielt. Wie würden Sie Ihre Beziehung mit dem inzwischen 18-jährigen Teenager beschreiben?
Ich bin quasi ihre Bonus-Mutter und sie mein Bonus-Kind. Vermutlich ist sie mein Lieblingsmensch auf der ganzen weiten Welt! Ich sah sie in dieser furchtbaren Tanz-Show ‹Dance Moms›. Sie war so ausdrucksstark. Nicht auszumalen, was sie erst mit gutem Material machen würde! Ich kontaktierte sie via Twitter und engagierte sie für das ‹Chandelier›-Video. Sie war noch eine ganz kleine Bohne. Ich wusste, dass sie ausgenützt würde, wenn ich sie nicht beschütze.
Und dann hat man Sie beschuldigt, Maddie für ein provozierendes Video mit Shia LaBeouf auszunutzen ...
Wenn ich zurückschaue, kann ich das nicht wirklich abstreiten. Aber ich sage ihr immer, wenn sie aufhören will, soll sie aufhören. Wenn sie lieber Köchin werden oder in die Kunstschule gehen will, soll sie das tun. Solange sie aber sagt, sie macht es gern, werde ich sie unterstützen, beschützen und Projekte für sie schreiben.
In kurzem Abstand sind Sie Mutter und Grossmutter geworden, da Sie vor zwei Jahren zwei 18-jährige Jungs adoptiert haben. Wie kam es dazu?
Ich fällte diese wie die meisten meiner Entscheidungen: Ich dachte nicht darüber nach, sondern habe es einfach gemacht. In einem Dokumentarfilm über Pflegekinder sah ich einen Jungen und wusste: Jetzt habe ich meinen Sohn gefunden! Er fragte, ob er seinen Kumpel mitbringen könnte. Da ich ein freies Zimmer hatte, sagte ich Ja. Auch da überlegte ich nicht weiter. Und auch das war eine Feuertaufe.
Und jetzt? Haben Sie sich in Ihrer Rolle als Mutter zurechtgefunden?
Ich habe irgendwie immer auf andere aufgepasst. Dagegen komme ich nicht an. Als ich mit 21 Australien verliess und nach London zog, habe ich mir eine Familie zusammengestellt. Und später in New York und Los Angeles auch. Ich bin ein fürsorglicher Typ.
Im Film ‹Music› geht es letztlich auch darum, dass man nicht einfach Familie ist, sondern sich auch dafür entscheidet, eine Familie zu sein. Würden Sie heute Ihre Familie wählen, in die Sie ursprünglich hineingeboren wurden?
Vermutlich nicht. In Hollywood-Filmen wird die Idee kultiviert, dass Blut dicker als Wasser ist und dass man sich mit der Familie um jeden Preis aussöhnen muss. Dieser Meinung bin ich nicht. Ich finde, man sollte die Familie wählen, die einen am glücklichsten macht und bei der man sich sicher aufgehoben und lieb behandelt fühlt.
«Music» gibt es am Freitag, 12.2., als exklusive Vorpremiere auf blue Video.Zurück zur Startseite