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Viele Informationen über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine sind auf ihren Wahrheitsgehalt hin nur schwierig einzuschätzen. Auf beiden Seiten ist viel Propaganda im Spiel. Niklas Masuhr, Sicherheits- und Militärstrategie-Experte der ETH Zürich, hat einen etwas besseren Überblick über die aktuelle Kriegslage.
Niklas Masuhr
Sicherheitsexperte an der ETH Zürich
Niklas Masuhr ist Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich.
SRF News: Stimmen die Berichte, wonach die ukrainische Armee gewisse Stellungen bei Kiew von den Russen zurückerobern konnte?
Niklas Masuhr: Ja, das scheint mit dem konsistent zu sein, was wir in den letzten Wochen beobachtet haben. Russland scheint seine Positionen nordwestlich und nordöstlich von Kiew zu konsolidieren. Weiter versucht man offenbar, Truppen in den Osten der Ukraine zu bringen. Das erlaubt es der ukrainischen Armee, bei Kiew gewisse Gebiete zurückzuerobern. Inwieweit aber etwa Irpin jetzt völlig befreit ist, ist nur schwer zu verifizieren.
Sind die Rückeroberungen vor allem eine Folge der Stärke der ukrainischen Armee oder eher eine Folge der Verlagerung russischer Soldaten in den Osten des Landes?
Beides spielt wohl eine Rolle, doch wie sich das Verhältnis der beiden Entwicklungen verhält, ist schwer zu sagen. Sicher aber spielt auch eine Rolle, dass die russischen Truppen schon in den ersten Wochen des Angriffs in Gebieten wie dem nur wenige Kilometer nordwestlich von Kiew gelegenen Irpin schwere Verluste erlitten hatten.
In Mariupol kann kein Nachschub mehr zu den eingeschlossenen ukrainischen Soldaten gelangen.
Im Süden, etwa in der Hafenstadt Mariupol, ist es für die ukrainischen Kräfte offenbar viel schwieriger, sich gegen die russischen Angreifer zu verteidigen. Womit hat das zu tun?
Das hat wohl auch damit zu tun, dass die russischen Truppen Mariupol jetzt schon seit mehreren Wochen komplett eingeschlossen haben und kein Nachschub mehr zu den ukrainischen Soldaten gelangen kann.
Der russische Kriegsplan eines schnellen Siegs ist gescheitert. Welche Taktik verfolgt der Kreml jetzt?
Es sieht danach aus, als ob man sich auf russischer Seite jetzt auf den Osten der Ukraine konzentriert. Dort wäre wohl das Ziel, die ukrainischen Truppen an der Grenze zum Donbass – dazu gehören die teilweise von Separatisten mithilfe Russlands seit 2014 gehaltenen ukrainischen Verwaltungsgebiete Luhansk und Donezk – einzukreisen.
Ein Ziel der Russen ist wohl, die ukrainischen Truppen an der Grenze zum Donbass einzukreisen.
Dafür ist Mariupol ein Schlüsselpunkt: Es hat zahlreiche russische Truppen gebunden und ist quasi ein südlicher Ankerpunkt für die Umkreisung der ukrainischen Kräfte im Südosten des Landes. Doch noch ist die Hafenstadt nicht vollständig eingenommen.
Könnte es in der Ukraine zu einem längeren Stellungskrieg kommen?
Örtlich ist das durchaus möglich. Die russischen Truppen sind offenbar nicht in der Lage, einen schnellen Manöverkrieg zu führen. Da ist ein Stellungskrieg quasi das zweitbeste Mittel.
Wie glaubhaft sind die Berichte, wonach immer mehr russische Soldaten desertieren?
Die Moral der russischen Truppen ist sicher viel schlechter als jene der ukrainischen, was ein Problem ist für den Kreml. Inwieweit das quantifizierbar ist, bleibt allerdings offen.
Und wie steht es um die Moral der ukrainischen Soldaten?
Auch wenn diese sicher besser ist als jene der russischen Soldaten: Der Krieg ist mittlerweile sehr lokalisiert, da ist es sehr schwierig, eine globale Einschätzung dazu abzugeben.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.