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Für die 60-Jahre Jubiläumsfeier des Diabetes-Journal suchte ich auch Hilfe bei der Redaktion des d-journal. Leider konnten Sie mir damals nicht weiterhelfen. Dafür ist im d-journal, Ausgabe 216 vom Dezember/Januar 2011/2011 folgender Artikel erschienen.
Vor einiger Zeit gelangte ein junger “d-journal”-Leser mit der Bitte um Literatur zum Thema “Diabetesbehandlung im 2. Weltkrieg” (1939 – 1945) – wohl fur eine Schul- oder Seminararbeit – an uns.
Literatur zu dieser Zeit steht mir nicht zur Verfügung. Meine Arbeit bei Dr. Constam begann erst wenige Jahre nach Kriegsende. Doch auch dann noch fanden sich in seiner Praxis Spuren aus jener schwierigen Zeit: in zahlreichen Krankengeschichten lagen aus der Zeit der Rationierung die grossen gelben Antragsformulare für “Sonderzulagen für Diabetiker”.
Ganz besonders beeindruckte mich in meinen ersten Wochen als junge Arztgehilfin ein Gutachten, das mir Dr. Constam diktierte. Es war an eine deutsche Wiedergutmachungsbehörde gerichtet, und die Frage war, ob ein junger deutscher Diabetiker einen Anspruch an sie erheben könne. Der junge Mann war Student, als er im letzten Kriegswinter 1945 mehrmals während alliierten Luftangriffen viele Stunden lang – Nacht und Tag – in einem Luftschutzkeller ohne Verpflegung ausharren musste und dort in schwerste, langdauernde Hypoglykämien fiel. Nach Kriegsende war er nicht mehr fähig, seine Studien fortzusetzen. Die Frage der Behörde an den Gutachter war, ob und in welchem Grade die erlittenen schweren Unterzuckerungen den jungen Mann geistig beeinträchtigt hatten.
Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gab es erst zwei Insulinarten: rasch wirkendes, so genanntes “Alt-Insulin”, dessen Wirkung etwa 10 Minuten nach der Injektion einsetzte und ihr Maximum – je nach Dosis – in drei bis sechs Stunden erreichte. Nach sechs bis acht, spätestens zehn Stunden war seine Wirkung erloschen.
Relativ neu waren zwei langwirkende Depot-Insuline (Protamin-Zink-Insulin und NpH-Insulin), die über 48 Stunden wirken konnten. Es sei hier auch daran erinnert, dass das Insulin erst 1921 von den beiden Amerikanern Banting und Best entdeckt worden war. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte man also noch keine 20 fahre Erfahrung damit. Und selbstverständlich waren Blutzuckerselbstbestimmungen durch den Patienten noch jahrzehntelang nicht möglich.
Ich erinnere mich nicht, was die Wiedergutmachungsbehörde an Hand von Dr. Constams Gutachten entschied. Wenn Sie Dr. Dirk Kappelers Artikel “Hätten Sie’s gewusst?” zum Thema “Machen Hypos eigentlich dumm?” in “d-journal” Nr. 207 gelesen haben, ahnen Sie, dass es sich im Falle des deutschen Studenten um einen dieser sehr seltenen tragischen Fälle mit dauernden schweren Folgen eines Hypos handelte. Unter den chaotischen Zuständen im Krieg und mit den damaligen Möglichkeiten der Insulintherapie vielleicht nicht der einzige.
Nur nebenbei: blutzuckersenkende Tabletten kamen in Europa erst 1957 – also 12 fahre nach Kriegsende – auf den Markt; und doch wurde ihre Entdeckung indirekt dem Zweiten Weltkrieg verdankt. Denn auf der Suche nach einem effizienteren Medikament zur Bekämpfung einer Typhusepidemie entwickelte 1942 der französische Arzt Dr. Janbon ein neues Medikament, – das zu schweren unerwünschten Wirkungen führte. Nämlich zu Unterzuckerungen, die Dr. Janbon aber nicht als solche erkannte. Wegen der dramatischen Nebenwirkungen setzte er das neue Medikament zv Typhus-Bekämpfung umgehend wieder ab. Erst später, nach dem Krieg, konnte die blutzuckersenkende Wirkung der neuen Stoffe, der Sulfonylharnstoffe, – fast gleichzeitig von Dr. Loubatière in Frankreich und von Dr. Haack in Deutschland – nachgewiesen werden und wurden die Sulfonamide zu hilfreichen Tabletten in der Diabetesbehandlung entwickelt.
Soviel ich weiss, fehlte Insulin in den Kriegsjahren kaum. Die Zahl der Diabetiker war damals auch noch bedeutend kleiner als heute. Insbesondere gab es kaum Typ-2-Diabetiker. Was aber je länger der Krieg dauerte desto knapper wurde, waren die Lebensmittel. In Deutschland, Österreich und Italien waren die Verhältnisse sicher noch viel prekärer als in der Schweiz; und sie waren es dort auch noch etliche Jahre nach dem Krieg, als wir bereits wieder in der glücklichen Lage waren, Hilfspakete in unsere
Nachbarländer zu schicken.
Die Jahre zwischen 1939 und 1945 waren aber auch in der Schweiz – und nicht nur für Diabetiker – schwierig. Gefroren haben alle in den eisigen Wintern, Diabetiker und Nicht-Diabetiker, als es kein Heizöl und nur ganz wenig Kohle gab. Benzin gab es gar keines; jedoch auch keine Autos. Wer damals überhaupt schon ein Auto besass, musste es der Armee zur Verfügung stellen. Einzig Ärzte bekamen eine bescheidene Zuteilung an Benzin, damit sie Hausbesuche machen konnten. Wie sie das im Notfall nachts zustande brachten, weiss ich nicht mehr; denn während sechs Jahren herrschte wegen der Gefahr von Bombardierungen (die ja auch mehrmals irrtümlich die Schweiz trafen) nachts völlige Verdunkelung: keine Strassenlampe brannte, keine Reklame leuchtete, kein Lichtschein durfte aus den Gebäuden dringen; die Fenster mussten mit dicken Verdunkelungsvorhängen abgedeckt werden.
Auch bei uns in der Schweiz waren Brot, Gebäck, Milch und Butter, Käse, Fett und Öl, Fleisch und Wurstwaren, Eier, Reis, Teigwaren, Hülsenfrüchte, Kaffee, Tee und Schokolade rationiert. Trotz der wohldurchdachten und gut organisierten Anbauschlacht von Bundesrat Wahlen, die für Kinder und für Jugendliche im Wachstum gewisse Zulagen vorsah, hätten wir damals oft gern mehr gegessen, wenn etwas zu essen da gewesen wäre. Ich kann mich nicht erinnern, in jener Zeit je mollige Kinder gesehen zu haben. Wir waren alle sehr schlank. Und wir freuten uns auch über ein Stück Brot von vorgestern. Kleider, Schuhe, Seifen und Putzmittel waren ebenfalls rationiert. Damit kamen wir zurecht. Man trug halt auch alte Schuhe und die abgewetzten Kleider des grösseren Bruders nach.
Mit den Formularen für Sonderzulagen für Diabetiker konnte Dr. Constam immerhin erreichen, dass seinen Diabetespatienten zusätzliche Mengen an Milch, Fleisch, Käse und Eiern zugeteilt wurden; dafür erhielten sie etwas weniger Brot, Reis, Teigwaren und Hülsenfrirchte. Es gab für sie auch Zulagen an Butter, Fett und Öl, war man damals doch der Meinung, Diabetiker dürften bei den ihnen nur in knappen Mengen erlaubten kohlenhydratreichen Lebensmitteln (Brot, Reis, Teigwaren) ihren Hunger mit Butter und Fett stillen.
In den 50er ]ahren des letzten Jahrhunderts normalisierten sich die Verhältnisse in der Schweiz bald wieder, wenn wir auch noch lange nicht in überfluss und Verschwendung lebten, wie es heute in der westlichen Welt nicht selten vorkommt. Dann kamen auch bald Diabetiker aus vielen Teilen der Welt in die Schweiz zur Behandlung und Instruktion, vor allem nach Genf (zu Prof. Eric Martin) und Zürich (zu Dr. Constam). In den 50er und 60er Jahren des iltzten ]ahrhunderts sah ich Menschen aus dem Irak, aus Ägypten, aus Indien und Libyen, die hier geschult wurden und mit dem nötigen Diabeteswissen und Medikamenten ausgestattet in ihre Heimat zurückkehrten. – Wie mag es Diabetikern heute in jenen Ländern gehen?
Bildquelle: Bundeszentrale für politische Bildung