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Der Finne Teemu Nikki schuf mit «The Blind Man Who Did Not Want To See Titanic», gespielt vom blinden und gehbehinderten Petri Poikolainen, einen wunderbaren Dokumentarspielfilm, der unter anderem die Frage stellt, was den Menschen zum Menschen macht. Ab 13. Juli im Kino.
Jaakko ist blind und an seinen Rollstuhl gefesselt. Seit Langem liebt er Sirpa. Persönlich haben sich die beiden noch nie getroffen, denn sie wohnt am andern Ende des Landes. Nach einem ihrer täglichen Telefongespräche beschliesst er, sie endlich mal zu besuchen, und nimmt die lange und beschwerliche Reise zu ihr auf sich. Dazu braucht er die Hilfe von fünf Fremden an fünf Orten: von zu Hause zum Taxi, vom Taxi zum Bahnhof, vom Bahnhof zum Zug, vom Zug zum Taxi und schliesslich vom Taxi zu Sirpa.
Anmerkungen des Regisseurs Teemu Nikki
Aus heiterem Himmel meldete sich vor einiger Zeit mein alter Armeekumpel Petri bei mir. Ich hatte seit über zwei Jahrzehnten nichts mehr von ihm gehört, obwohl wir damals sogar bei der Abschlussfeier unserer Offiziersklasse im selben Theaterstück gespielt hatten. In seiner Nachricht erzählte er mir, dass er meinen Werdegang verfolgt habe, dachte lachend daran zurück, dass ich schon damals verkündet hätte, Filmregisseur zu werden. Er selbst hatte mir gesagt, dass sein Traumjob die Schauspielerei sei. Jetzt, 24 Jahre später, erzählt er mir, dass er die Theaterakademie absolviert und seinen Lebensunterhalt als professioneller Schauspieler verdient habe, bis bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, seine MS ungewöhnlich aggressiv wurde, und er jetzt blind und an den Rollstuhl gebunden sei.
Ich war schockiert, fragte ihn aber, nachdem ich die Nachricht etwas verdaut hatte, ob er weiter schauspielern wolle. Spontan gab er zu, dass es immer noch sein Traum sei, und ich versprach ihm, einen Kurzfilm mit einer Rolle für ihn zu schreiben. Aus dem Kurzfilm wurde ein Spielfilm, aus der Rolle die Hauptrolle. Von Anfang an war klar, dass es kein Dokumentarfilm über einen ausrangierten Schauspieler sein würde. Ich wollte mit Petri arbeiten, der zwar blind und an den Rollstuhl gefesselt, in erster Linie aber Schauspieler ist. – Jaakko im Film, hat zwar die gleiche Krankheit wie Petri im Leben, doch das Drehbuch ist fiktiv.
Teemu Nikki, Petris ehemaliger Kumpel
Als Geschichtenerzähler bin ich davon besessen, neue Blickwinkel zu finden. Mit Petris Hilfe habe ich denjenigen eines blinden und behinderten Menschen gefunden. Ich habe zwar schon viele Filme gesehen, in denen die Hauptfigur behindert ist, aber noch keine einzige Einstellung aus der Perspektive eines Blinden. Ich wollte dem Publikum eine filmische Erfahrung vermitteln, welche Gefühle es bringt, blind zu sein. Der ganze Film ist mit Nahaufnahmen gedreht. Die Welt, die unsere Hauptfigur umgibt, ist unscharf gefilmt. Sein Gesicht, seine Hände und sein ganzer Körper sind die Bühne, auf der gespielt wird. Als Zuschauer kann man sich auf seine Augen und Ohren verlassen. Doch ist es möglich, sich auf Menschen zu verlassen, wenn man ihre Gesichter nicht sehen kann?
Nah und Fern immer wieder neu erfahren
Die Hauptakteure
Teemu Nikki, der Regisseur, 1975 geboren, ist ein erfolgreicher filmischer Autodidakt und schliesslich preisgekrönter Filmemacher, «The Blind Man Who Did Not Want To See Titanic» (Der blinde Mann, der Titanic nicht sehen wollte), sein fünfter Spielfilm. Sein Stil lässt sich am besten charakterisieren als gutmütig, satirisch und politisch die Menschen beschreibend.
Petri Poikolainen, der Protagonist, 1975 geboren, absolvierte die Theaterakademie in Helsinki. Nach dem Abschluss arbeitete er von 2001 bis 2004 an verschiedenen Theatern und bei Fernsehserien. Mit der Rolle des «Blinden Mannes, der die Titanic nicht sehen wollte» geht für ihn, der seit 2013 von einer Invalidenrente lebt, ein Traum in Erfüllung. Jaakko ist Petris erste Hauptrolle.
Anmerkungen des Co-Produzenten Jani Pösö
Teemu möchte immer auf der gleichen Ebene sein wie die Figuren, die er filmt. Im neuen Film sieht er die Welt, wie Jaakko sie sieht. Mit der Kamera in die Welt einer blinden Person eintauchen, ist nicht einfach. Doch mit einem brillanten Kameramann wie Sari Aaltonen, der Fantasie und Erfahrung von Teemu und einem Schauspieler wie Petri dürfte es gelingen.
Als Teemu mir damals von dieser Filmidee erzählte, war ich schockiert, traurig und begeistert zugleich. Es ist selten, dass man vor einem Projekt steht, welches an die Grenze des Machbaren geht und gleichzeitig ein breites Publikum erreichen soll. Der Film behandelt ein ernstes Thema und ist gleichzeitig die Erfüllung von Petris Traum.
Jaakkos Erfahrungen können schmerzen
Schritt um Schritt dem Film sich nähern
Vom Traum:«Vergiss nie, zu träumen, das ist die Grundvoraussetzung. Nichts geschieht, wenn man nicht träumt; verschiebe nichts auf später, du weisst nie, was passieren kann. Das Leben geschieht hier und jetzt», meinte Petri, als er noch gesund war. Mit einem Traum beginnt auch «The Blind Man»: mit den rennenden Füssen eines Joggers, einer Szene, die sich mehrmals wiederholt, am Anfang als Rückblende an gesunde Tage, dann als Schmerz über die triste Gegenwart und schliesslich als Angst vor der drohenden Zukunft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden die Handlung in etwas Umfassendes, Allgemeingültiges: in den Kreislauf der Zeit.
Über das Spiel: Ist «The Blind Man» ein Spielfilm oder ein Dokumentarfilm, Fiction oder Non-Fiction? Diese oft gemachte Unterscheidung erweist sich gelegentlich, auch hier, als unnütz. Eine ähnliche Diskussion erlebte ich kürzlich im Theater. Hier wie dort wird das Leben anderer gespielt, hautnah und intensiv gelebt. Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpfen in fremde Rollen, leben das Leben anderer und gleichzeitig ihr eigenes oder werden eine Zeit lang eine andere, ein anderer. So war es für mich nach den Sophokles-Aufführungen «Ödipus Tyrann» und «Antigone in Butscha» im Schauspielhaus Zürich, eindrücklich, herausfordernd, grundsätzlich und allgemein gültig.
Nach dem Élan vital:Hier wie dort, im Theater wie im Film, geht es also um das eigene Leben und das Leben anderer und wie es gelebt wird. Dabei stellt sich die Frage nach dem Anfang, dem Antrieb für dieses Leben. Vielleicht hilft dabei der französische Literaturnobelpreisträger Henri Bergson, der den Begriff des «Élan vital» geprägt hat. Dieser soll nämlich die Entstehung alles Neuen erklären, als Wille zum Formen und Ausformen dienen, dem Leben als Weltgeist vorstehen, der schöpferischen Lebenskraft helfen, die biologischen Prozesse steuert, zur Lebenskraft, zur metaphysischen Urkraft und zum ständig wirkenden irdischen Gott werden.
In Geschichten verstrickt:Der deutsche Geschichtsphilosoph Wilhelm Schapp (zitiert nach «Weltfrömmigkeit» von Andreas Iten) hat eine Deutung des Lebens, die wohl auch für die Kunst, etwa unseren Film gilt: «Statt (mit einem Augenzwinkern auf Heidegger) nach dem Sein des Seienden zu fragen, soll man den Menschen als ein «In-Geschichten-verstricktes-Sein» wahrnehmen und verstehen. Was wie ein Apriori klingt, umschreibt den Menschen vor dem Denken, nämlich im Handeln, Forschen, Spielen, Lieben, Kämpfen, Lügen, Sterben, und dies mit allen Emotionen. Was der Mensch ist, soll also in seinen Geschichten abgelesen werden, in die er verstrickt ist. Metaphysische Höhenflüge geraten in Vergessenheit, Geschichten bleiben, auch die von Jaakko und Sirpa.
Zum Wunder: Meist lohnt es sich, bei Filmen die Schlussbilder besonders zu befragen. Im Film von Teemu Nikki passiert am Schluss etwas, das wohl ohne Übertreiben als Wunder bezeichnet werden darf. Nicht im Sinne der Kirchen, wo ein Wunder etwas ist, das in einem göttlichen Akt die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze aufhebt. In unserem Film gibt es an Stelle dieser Transzendenz eine Immanenz: Ein wunderbares menschliches Ereignis, vom Traum erfunden, vom Élan vital belebt, in Geschichten verstrickt, das Wunder von Petri und Sirpa, zweier Menschen, nicht zufällig behindert wie wir alle irgendwie, die sich lieben!
Titelbild: Der blinde und gehbehinderte Petri als Jaakko
Regie: Teemu Nikki, Produktion: 2021, Länge: 82 min, Verleih: Cineworx