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Die Verhaltensökonomie setzt sich mit irrationalem menschlichem Verhalten in wirtschaftlichen Situationen auseinander. Sie versucht, die Annahme des Homo oeconomicus, also des rational denkenden und handelnden Menschen, durch ein realitätsnäheres Modell abzulösen.
Die Grundaussage lautet:
«Alle Anlegerinnen und Anleger neigen zu Verhaltensfehlern. Verhaltensfehler sind nicht rational begründbare Verhaltensmuster oder Neigungen, die sich auch in den Anlageentscheidungen und damit an den Börsen niederschlagen. Es gibt keine rein rationalen Anlageentscheidungen, die zu effizienten Märkten führen.»
Doch: Wer typische Verhaltensfehler bei sich selbst erkennt, kann nicht nur seine eigenen Entscheidungen optimieren, sondern auch die durch das Fehlverhalten anderer entstehenden Ineffizienzen nutzen. Mit diesem Ziel untersucht die Verhaltensökonomie typische Verhaltensfehler.
Nachfolgend werden einige Beispiele von irrationalem Verhalten aus dem Alltag aufgezeigt. Unter «Lösung und Erklärung» zeigt sich, welches die rationale Verhaltensoption wäre und warum.
Das Ziegenproblem
Sie sind als Kandidat oder Kandidatin in einer Spielshow und haben die Wahl zwischen drei Toren. Hinter einem Tor befindet sich der Hauptgewinn, hinter den anderen beiden Toren jeweils eine Ziege. Der Showmaster weiss, was sich hinter den Toren befindet. Sie entscheiden sich für Tor Nummer 1. Der Show-Master hat die Auflage ein Tor zu öffnen, welches eine Ziege enthält und öffnet daher Tor Nummer 3. Er fragt: «Möchten Sie bei Tor Nummer 1 bleiben oder stattdessen Tor Nummer 2 wählen?»
Wie entscheiden Sie sich? Ist es von Vorteil, das Tor zu wechseln?
Sie sollten wechseln und Tor Nummer 2 wählen. Das zuerst gewählte Tor Nummer 1 hat eine Gewinnchance von 1⁄3. Das zweite Tor aber hat eine Gewinnchance von 2⁄3. Denn die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses und die seines Gegenteils ergeben die Summe 1.
Das bedeutet: Befindet sich der Hauptgewinn mit einer Wahrscheinlichkeit von 1⁄3 hinter Tor 1 – davon kann man vernünftigerweise ausgehen – so befindet er sich mit einer Chance von 2⁄3 hinter einem anderen Tor. Hinter Tor 3 steht bekanntlich eine Ziege – so bleibt nur Tor 2.
Dies widerlegt die Intuition, dass die Gewinnchancen für die Tore 1 und 2 gleich hoch seien.
Die Aufgabe wurde erstmals 1975 vom Biostatistiker Steve Selvin vorgestellt. In den 90er Jahren wurde das Ziegenproblem in der Gameshow «Geh aufs Ganze!» genutzt und so im deutschsprachigen Raum bekannt.
Beim Ziegenproblem geht es vor allem darum neue Informationen zu beurteilen. Beim Anlegen ist es genauso. Neue Informationen über einen Titel sollten immer in die Beurteilung miteinbezogen werden. Denn verändern sich die Umstände, sollten diese in künftige Anlageentscheide einfliessen.
Repräsentativitätsheuristik
Sie werfen drei Mal eine Münze, jedes Mal zeigt sie Kopf. Sie werden herausgefordert, beim nächsten Wurf CHF 100 auf den Ausgang des Münzwurfs zu wetten.
Welche Seite wählen Sie? Kopf oder Zahl?
Sie sollten nicht intuitiv auf Zahl setzen. Die Wahrscheinlichkeit ist immer noch 50/50. Dass Sie davor drei Mal Kopf geworfen haben, ist purer Zufall. Die meisten Leute unterliegen jedoch dem sogenannten Spielerfehlschluss. Dieser täuscht vor, dass nach einer Pechsträhne eine Glückssträhne folgen muss und umgekehrt. Der Spielerfehlschluss beruht auf der Repräsentativitätsheuristik, in der die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen auf der Basis intuitiver Eindrücke bewertet wird.
Auch beim Anlegen neigen wir dazu, wichtige Informationen nicht zu beachten, weil wir aufgrund von – aus unserer Sicht – repräsentativen Beispielen meinen, bessere Entscheidungen treffen zu können. So unterliegen wir beispielsweise dem Trugschluss, dass die Finanzmärkte mehr schlechte als gute Jahre verzeichnen – denn negative Ereignisse bleiben stärker in Erinnerung. In Wirklichkeit ist es aber genau umgekehrt. Langfristig anlegen lohnt sich also.
Kontrollillusion
Sie kaufen sich einen Lottoschein und müssen darauf sechs Zahlen ankreuzen. Sie dürfen sich entscheiden: Entweder der Kiosk-Verkäufer kreuzt für Sie sechs Zahlen an oder Sie erhalten den Schein und entscheiden sich selbst für sechs Zahlen.
In welchem Fall ist Ihre Gewinnchance höher?
Ihre Gewinnchance ist in beiden Fällen gleich hoch. Trotzdem schätzen die meisten Menschen ihre Chancen beim Lotto intuitiv höher ein, wenn sie die Zahlen selbst wählen. Dies liegt an der Kontrollillusion: Sie besagt, dass Menschen den Ausgang von zufälligen Ereignissen durch ihre Entscheidungen zu kontrollieren versuchen. Wir nehmen an, dass wir durch unsere Fähigkeiten einen Einfluss auf den Ausgang von Zufallsereignissen haben – auch wenn dies rational gar nicht möglich ist.
Auch im Anlagegeschäft werden oft gewisse Entwicklungen antizipiert. So wählen viele Anlegerinnen und Anleger nur ein paar wenige Aktien aus und erwarten so den breiten Markt zu schlagen. Mit diesem Verhalten wird die Diversifikation im Portfolio vernachlässigt. Ein breit diversifiziertes Portfolio ist für den langfristigen Anlageerfolg jedoch zentral. Oder würden Sie alle Eier in einen Korb legen?
Ankerheuristik
Wie ist Ihre Einschätzung: Ist es wahrscheinlicher, in den USA durch herabstürzende Flugzeugteile oder durch Haiangriffe ums Leben zu kommen?
Es ist tatsächlich rund 30 Mal wahrscheinlicher, durch herabstürzende Flugzeugteile ums Leben zu kommen. Trotzdem entscheiden sich die meisten Menschen intuitiv für Haiangriffe. Das kommt daher, dass Medien viel prominenter über Haiangriffe berichten. So bleibt diese Todesursache deutlich besser im Gedächtnis und die Häufigkeit von Haiangriffen wird tendenziell überschätzt. Auslöser dafür ist die Ankerheuristik, also der Effekt, dass Menschen sich unbewusst bei Entscheidungen stark von Kontextinformationen wie zum Beispiel der Erinnerung an Medienberichte lenken lassen.
Mit Blick aufs Anlegen bleiben ebenfalls gewisse Informationen im Gedächtnis verankert. So werden Einstandspreise – also der Kurs zu dem eine Aktie gekauft wurde – bei Anlageentscheidungen als Ankerpunkte hinzugezogen. Dies obwohl Einstandspreise für die zukünftige Entwicklung einer Aktie irrelevant sind und bei Anlageentscheidungen keine Rolle spielen sollten.
Mental Accounting
Stellen Sie sich folgende Situationen vor:
Situation 1
Sie haben ein Konzertticket für CHF 150 gekauft. Ihnen fällt erst vor dem Konzertsaal auf, dass Sie Ihr Ticket verloren haben. An der Abendkasse werden aber noch Tickets zum gleichen Preis verkauft. Kaufen Sie sich ein neues Ticket?
Situation 2
Sie haben an der Abendkasse ein Konzertticket für CHF 150 reserviert. Als Sie am Konzertsaal eintreffen, merken Sie, dass Sie die CHF 150 für das Ticket unterwegs verloren haben müssen. Kaufen Sie sich trotzdem ein Ticket?
Ihre Antworten sollten sich in den zwei Situationen nicht voneinander unterscheiden. Der Konzertbesuch kostet in beiden Fällen gleich viel. Trotzdem entscheiden sich die meisten Menschen intuitiv unterschiedlich.
Dies liegt am Mental Accounting: Dabei wird jede Entscheidung einem unterschiedlichen mentalen Konto zugeordnet. In der Situation 1 müssen beide Ausgaben dem Konto «Konzertbesuch» zugeordnet werden. Da das Konzert uns meist nicht CHF 300 wert ist, verzichten wir auf den Kauf des zweiten Tickets.
In der Situation 2 wird das verlorene Geld nicht dem Konto «Konzertbesuch» zugeordnet – also kaufen wir für CHF 150 ein Ticket.
In beiden Fällen belaufen sich die Ausgaben auf CHF 300.00.
Auch beim Anlegen wird häufig in unterschiedlichen «Accounts» gedacht: Wir unterscheiden beispielsweise nach (gefühlt) sicheren und riskanten Anlagen und legen für die beiden Kategorien unterschiedliche Renditeziele fest. Während in der ersten Kategorie keine Verluste erlitten werden dürfen, gilt die zweite Kategorie als «Spielgeld». Wichtig wäre hier eine integrierte Betrachtungsweise, welche die gesamte Rendite-/Risiko-Sicht miteinbezieht.
Fazit: In vielen Alltagssituationen treffen wir irrationale Entscheidungen. Geht es um Anlageentscheide, kann dies unter Umständen schmerzhafte finanzielle Folgen haben. Eigene Verhaltensfehler bei sich selbst zu erkennen, kann dabei helfen, die eigenen Entscheidungen zu optimieren.
In Bezug auf das Anlegen können die Risiken, in eine verhaltensökonomische Falle zu tappen, durch die Unterstützung unserer Beraterinnen und Berater deutlich minimiert werden.