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Giuseppe Rullanti gehört zu den Menschen, die in der humanitären Hilfe ihre Berufung gefunden haben. Der gebürtige Genfer begann seine Karriere 1997 mit einem Einsatz für das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) in Mauretanien. Danach folgten während mehrerer Jahre weitere Engagements für das UNHCR in Afrika, bevor er zum Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) wechselte. Sein erster Einsatz bei der DEZA führte ihn in den Sudan. Wie andere Mitglieder des SKH wurde er danach UNO-Organisationen und der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung zur Verfügung gestellt. Die Organisationen profitieren von seinem Wissen im Bereich Barzahlungsprogramme, das er sich in rund zwanzig Ländern angeeignet hat. Zurzeit ist der Vater eines kleinen Jungen für das UNHCR in Lateinamerika im Einsatz. Der engagierte humanitäre Helfer Rullanti ist entschlossen das Leiden zu lindern, das er während seiner langjährigen Karriere gesehen hat.
1. Giuseppe Rullanti, warum hast du dich für eine Karriere in der humanitären Hilfe entschieden?
Es war weniger eine Wahl als vielmehr eine Berufung. Sie erhält ihren Sinn, wenn wir uns unsere eigene Lebensgeschichte bewusst machen. Auf diese Weise können wir unsere Beziehungen zu Menschen, die sich in einer verletzlichen Situation befinden, ausgewogener gestalten und das Solidaritätsprinzip besser umsetzen. Meiner Meinung nach sollten wir uns bei unserem Engagement nur von diesem Grundsatz leiten lassen. Meine Berufswahl ergibt sich also aus meiner Lebensgeschichte, meinem Interesse für die Vielfalt der Unterschiede und meinen Überzeugungen zum Thema Solidarität, die sich im Laufe der Zeit entwickelt und gefestigt haben.
2. Du bist Spezialist für Barzahlungsprogramme. Worum geht es dabei genau?
Es handelt sich um ein Instrument zur Unterstützung notleidender Bevölkerungsgruppen. Anstatt dass wir materielle Hilfe leisten, geben wir den Menschen einen Geldbetrag, der dem Grundbedarf an lokalen Produkten (Nahrungsmittel und anderes) entspricht. Die Programme geben den verletzlichen Bevölkerungsgruppen mehr Wahlmöglichkeiten und bewahren ihre Würde. Ausserdem kurbeln sie die lokale Wirtschaft an und tragen zu einer endogenen Wirtschaftsentwicklung bei.
3. Was ist heute anders als zu Beginn deiner Berufslaufbahn?
Der politische und wirtschaftliche Druck und die zunehmende Bürokratie beeinträchtigen das Mandat der humanitären Hilfe. Der Grundsatz der Solidarität wird häufig aufgeweicht. Deshalb muss der humanitäre Charakter unseres Berufs wieder in den Vordergrund gerückt werden. Neu ist auch der ergebnisorientierte Ansatz, bei dem quantitative Aspekte Vorrang vor qualitativen Aspekten haben. Man sollte wieder das richtige Mass finden und sich die Zeit nehmen, ein Vertrauensverhältnis mit der Bevölkerung aufzubauen, mit der (und nicht für die) wir arbeiten.
4. Was macht den Beruf des humanitären Helfers so besonders?
Seine interdisziplinäre Vielfalt. Neben den spezifischen technischen Aspekten der einzelnen Tätigkeitsbereiche der humanitären Hilfe (Ernährung, Unterkunft, Bildung, Lebensgrundlagen, Gesundheit usw.) erlauben es uns die interkulturellen Beziehungen, unsere Wahrnehmung der Welt, die oft von unserem Ethnozentrismus geprägt ist, ständig zu hinterfragen. Oder anders gesagt, mit jeder Kultur, die wir kennenlernen, entdecken wir eine neue Facette unserer Persönlichkeit.
5. Welches Ereignis in deiner Karriere hat dich besonders geprägt?
Es fällt mir schwer, ein einzelnes Ereignis zu nennen, da ich so viele Erfahrungen auf menschlicher Ebene gemacht habe, die ich gerne teilen würde. Ich freue mich vor allem über die Eigenverantwortung, die die Menschen dank der Projekte erlangen, die ihnen helfen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Wissenstransfer führt zu Machttransfer, und so sind diese Menschen besser in der Lage, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Solche Veränderungen miterleben zu dürfen, ist sehr berührend.