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Avoriaz 1800, Hochsavoyen, Frankreich
Neu, einmalig, stilvoll
Die Idee, neben den paar Alphütten eine gros-se Siedlung für den Wintersport zu bauen, ist ein typisches Kind der Hochkonjunktur. Initiator war das Skisport-Ass Jean Vuarnet (1933 – 2017), Gewinner der Abfahrts-Goldmedaille bei den Olympischen Winterspielen von 1960 in Squaw Valley (USA) – ein Sieg, der erstmals auf Metallskis errungen wurde. Der Arztsohn war zwar in Tunis geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend aber in Morzine, dem obersten Dorf im Vallée d’Aulps. Nach seinem Erfolg wurde er zum Fremdenverkehrsdirektor von Morzine ernannt und setzte sich zum Ziel, die Alp zuhinterst in der Vallée des Ardoisières, eines nach Osten abzweigenden Seitentals, zu einer Wintersportdestination zu machen. Von Anfang an träumte er von einem ausgedehnten Pistenuniversum auf dem «Balkon», der am Talende auf einer 700 Meter hohen nackten Steilwand thront. Eine Verbindung mit dem Skigebiet von Champéry im Kanton Wallis war immer Bestandteil dieser Pläne.
Theoretisch hätten sich die Pisten auch von Morzine erreichen lassen. Das «klassische» Bergdorf, das sich wie viele andere in den Alpen wirtschaftlich in Richtung Fremdenverkehr orientiert, ist ein Skiort für sich. Doch in diesem Fall wollte man einer mondänen, global orientierten urbanen Klientel Pisten direkt vor dem Hotel oder der Ferienwohnung bieten, in einem autofreien Ort ohne Land-wirtschaft. Nicht die Patina von Grindelwald, Megève oder St. Moritz sollten das Cachet bestimmen, sondern ein neues, von den Lasten der Geschichte befreites kosmopolitisches und doch naturnahes Freizeituniversum für aktive, gesunde Leute von heute.
Der Start zur Umsetzung der Idee war etwas holprig. Aber stets ging es voran. 1963 wurde die Schwebebahn von der Vallée des Ardoisières auf das Plateau eröffnet. Bereits etwas früher hatte man bestehende Zufahrtsstrassen von Hangsiedlungen zur einer Schlaufe ergänzt, die eine Erschliessung des Terrains von Morzine und über das nächste, weiter nördlich liegende Seitental ermöglichte.
Jung, initiativ, zäh
Trotz einigen anfänglichen Rückschlägen verfolgte Ski-Ass Jean Vuarnet seine Pläne beharrlich. Und der knapp 30-Jährige fand zwei weitere, etwas jüngere Persönlichkeiten, die sich nicht nur von seiner Idee anstecken liessen, sondern das Projekt während Jahrzehnten begleiteten und bis heute mit Avoriaz verbunden sind. Der eine war Gérard Brémond (geboren 1937), ein Geschäftsmann aus Paris, dessen Familie in der Hauptstadt eine Baufirma betrieb. Die Firma erhielt 1962 die Konzession für die Erstellung des Wintersportorts Avoriaz 1800. Gérard Brémond wurde von seinem Vater ein Jahr später mit diesem Projekt betraut. «Der Berg, das ist etwas für die Jungen», soll er gesagt haben. Mit Avoriaz legte Gérard Brémond den Grundstein für die Groupe Pierre & Vacances-Center Parc, deren «Président-directeur général» er bis heute ist. Der Konzern besitzt mittlerweile auf der ganzen Welt Feriensiedlungen und verfügt aktuell über 50 000 Appartements mit 231 000 Betten.
Der dritte im Bund ist Architekt Jacques Labro (geboren 1935), Abgänger der École nationale supérieure des beaux-arts und Gewinner des Grand Prix de Rome im Jahr 1961. Er gilt als der Kopf eines Entwurfsteams, zu dem auch Jean-Jacques Orzoni und Jean-Marc Roques zählten. Ausgewählt wurde dieses von Gérard Brémond. Die drei Hauptpersonen sorgten dafür, dass in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren eine stadtähnliche Siedlung entstand, die sich als gestalterische Einheit betrachten lässt, und dafür, dass nie vom Pfad abgewichen wurde, den sie als erfolgreich erachteten und auf dem wohl auch viel Herzblut ins Projekt geflossen ist.
Alpiner Expressionismus
Die Architektur von Avoriaz ist dem erwähnten Generationenwechsel auf Investorenseite geschuldet. Es bestand bereits ein Masterplan, als Gérard Brémont das Ruder übernahm. Dem Jazz- und Kinofan, der von einer «Metropolis des Schnees» träumte, gefiel dieses «klassische» Projekt nicht. Er suchte einen neuen Ansatz. Das Team um Jacques Labro, der damals im ursprünglich beauftragten Büro arbeitete, lieferte ihn.
Die Bauhaus-Moderne schien Labro nicht der passende Stil für ein Skiparadies zu sein. Vielmehr orientierte er sich an der organisch-expressiven Architekturströmung, wie sie insbesondere bei Hans Scharoun erkennbar ist. Und natürlich betrachtete er auch die Zeichnungen von Bruno Taut zu einer «alpinen Architektur», die traumartige, von der Realität völlig entrückte Gebilde zeigen. Inspiration vermittelte dem jungen Team auch eine Reise nach Kalifornien und Mexiko, wo es unter anderem das Feriendorf Sea Ranch von Charles Moore besichtigte. Mit diesem Hintergrund entstand anschliessend das städtebaulicheGesamtkunstwerk.
In Paris gründeten die Verantwortlichen ihr eigenes Atelier d’Architecture d’Avoriaz. 1964 legte das Team den ersten Massenplan für den südlichsten Ortsteil Les Dromonts vor, der sich bei der Bergstation der Schwebebahn aus der Vallée des Ardoisières, etwas unterhalb der weiter nördlich liegenden Zufahrtsstrasse, befindet. Erschliessungswege der autofreien Zonen und davon getrennte Pisten und Lifte für Menschen auf Skis verlaufen zwischen polygonalen, linearen oder punktförmigen Grossbauten mit Hotels und Appartements sowie locker angeordneten Chalets. In der Folge entstand nach diesem Grundmuster ein Masterplan für die ganze Siedlung, auf 82 Hektaren, mit 209 000 Quadratmetern bewilligter Nutzfläche, einer geringen Dichte von 35 Quadratmetern pro Einwohner und einer Kapazität von rund 6000 Betten. Er sah verschiedene Quartiere und eine Busstation mit Parkierungsanlage ganz im Norden bei der Zufahrtsstrasse vor. 1965 begann der Bau der ersten Gebäude im Sektor Les Dromonts, 1966 fand die «Eröffnung» von Avoriaz statt, mit zwei langgezogenen, als Windschutz dienenden Appartmenthäusern sowie einem Hotel mit Einkaufsstrasse. Kurz darauf wurden die ersten Chalets fertiggestellt. Im selben Jahr folgte das turm- oder hügelartige Hôtel des Dromonts.
Die Architektur wird in verschiedenen Kommentaren als «mimetisch» bezeichnet. Allerdings lässt sie offen, was genau nachgeahmt wird. Die Formation des Gebirges? Die alpine Vegetation? Tannzapfen? Vielleicht repräsentiert sie mit ihrem unkonventionellen Erscheinungsbild einfach die intellektuelle Freiheit und die Aufbruchstimmung um 1968. Charakteristisch ist die verspielt wirkende Formgebung, eine vielfach gefaltete, bis zum Boden reichende Dachlandschaft, Fassaden als schräge Ebenen und die Verkleidung mit Holz, oft als Schindelkleid. Dies gibt Avoriaz ein weitgehend monochromes Erscheinungsbild; die dunklen Braun- und Grautöne der verwitterten Verkleidung und die lockere Anordung der Solitäre hat bei Schneefreiheit einen Effekt der Tarnung. Wenn sich in der kalten Jahreshälfte eine weisse Decke über Avoriaz legt, verschwindet die Architektur weitgehend. Sie wird Teil der Landschaft, verwandelt sich in eine Art Höhlensiedlung, die kaum noch wahrnehmbar ist. Die Dächer besitzen bei vielen Bauten einen Rost, auf dem der Schnee Halt findet und lange liegenbleibt.
Erweiterungen, Einbussen
1967 verwandelte sich das Atelier d’Architecture d’Avoriaz in das Collectif Architecture mit einer vergrösserten Mannschaft um das Kernteam. Im Winter wurde in Paris entworfen, im Sommer dislozierte ein Teil nach Hochsavoyen, um die fortschreitenden Erweiterungen zu überwachen. 1968 wurde das Hôtel des Dromonts mit dem französischen Architekturpreis «Équerre d’argent» ausgezeichnet.
In der Folge entstanden, ausgehend vom etablierten Kern um die Schwebebahnstation, weitere Appartementhäuser, Hotels und «Chalets Champignons». Unter den Hotels entwarf man auch bescheidenere, punktförmige Etablissements für Angestellte und Touristen mit schmalen Budgets, «Toupies» genannt, Kreisel. Von 1974 bis 1980 dauerte der Bau des Quartiers Crozats am Fuss der Bergflanke am Nordostrand der Alp. Es schliesst direkt an Dromonts an und zeichnet sich durch langgezogene Volumen aus, denen niedrigere Bauten mit öffentlichen Nutzungen, unter anderem das Fremdenverkehrsbüro und der 1985 fertiggestellte Festivalpalast, gegenübergestellt sind. Dazwischen erstreckt sich die Place Centrale, die von Gastronomieangeboten und Läden gesäumt ist und damit so etwas wie das soziale Zentrum Avoriaz’ darstellt. Bei der Architektur und der Materialisierung wurde, es herrschte nun Rezession, gespart. Statt Zedernschindeln wie in Les Dromonts kamen als Fassadenelemente Verkleidungen aus lackiertem Tannenholz zum Einsatz. Stimmen ertönten, die von einer Banalisierung des ursprünglichen Konzepts sprachen.
Die qualitativen Einbussen führten dazu, dass sich das Collectiv Architecture 1978 auflöste und sich Jacques Labro vorübergehend aus den Arbeiten an Avoriaz zurückzog. Erst mit dem Festivalpalast, mit dem ab 1982 eine «kreative Renaissance» eingeleitet wurde, hatte der Stadtvater ein Comeback. Er beteiligte sich aktiv an der Realisierung des Quartiers La Falaise mit Appartementhäusern, das im Nordwesten auf einem Plateau direkt über dem Abgrund steht und von 1986 bis 1998 errichtet wurde. 2003 gründete er zusammen mit dem lokal ansässigen Architekten Simon Cloutier, der heute noch als «Hausarchitekt» des Orts betrachtet wird, das Atelier d’Architecture d’Avoriaz.
Gesamtkunstwerk?
Avoriaz präsentiert sich heute als ausgedehnte, nach wie vor autofreie Freizeitstadt. Noch immer wird gebaut, die Rede ist von Verdichtung. 2012 wurde etwa das Erlebnisbad Aquariaz zwischen den Quartieren Falaise und Dromonts eröffnet. Es schreibt mit seiner tropischen Vegetation das fantastische Kapitel der Ortsgeschichte weiter, das durch Aktionen wie die misslungene Einführung von Rentieren als Zugtiere und das «Festival international du film fantastique» von 1973 bis 1993 eine eigene Kontinuität zeigt. Das Fremdenverkehrsbüro ist zuversichtlich, dass es die 17 446 Betten füllen kann, und es bestehen diverse Projekte für weitere Verdichtungen.
Der Bezug von Avoriaz zur Natur ist zweideutig und nicht unproblematisch. Das städtebauliche Konzept und die Architektur sind darauf ausgerichtet, dass Schnee liegt. Im Sommer präsentiert sich der Ort als Steinwüste mit kärglicher Vegetation. Die Pistenverläufe hinterlassen unschöne Spuren, die Belegung der Häuser ist so spärlich, dass man fast von einer Geisterstadt sprechen kann. Dennoch ist die Station auf 1800 Metern über dem Meeresspiegel ein wichtiger Zeitzeuge, der einerseits die Entwicklung des alpinen Massentourismus dokumentiert, andererseits eine erstaunlich kohärente, in ihrem Stil einzigartige Architektur aufweist und daher zu Recht zum kulturellen Erbe Frankreichs zählt.
Jacques Labro
Gut dokumentiert
Die Geschichte von Avoriaz wurde durch die Denkmalpflege Auvergne-Rhône-Alpes detailliert aufgearbeitet. Die Ereignisse, die zum Entstehen des Orts führten, sind Gegenstand eines längeren Berichts von Jean-François Lyon-Caen und Catherine Salomon-Pelen für diese Institution. Aus ihm stammt ein Grossteil der Informationen für diesen Beitrag. Die Unterlagen von Jacques Labro wurden in den Fonds Jacques Labro überführt, der vom Archiv des Departements Haute-Savoie verwaltet und gepflegt wird. Dessen Unterlagen lassen sich aus urheberrechtlichen Gründen nur mit Schwierigkeit publizieren. Interessierte finden aber auf der Website patrimoine.rhonealpes.fr eine grosse Auswahl an Plänen, Fotos und Zeichnungen, die einen guten Eindruck vom Werdegang des Wintersportorts geben.
Saint-Tropez des Schnees
Gérard Brémond, der Gründer von Pierre & Vacances, liess nichts unversucht, um Glamour und Hype nach Avoriaz zu bringen. Der erste Coup waren Rens aus dem hohen Norden, welche Schlitten hätten ziehen sollen. Die Tiere akklimatisierten sich nicht, kamen in ein Gehege und büxten eines Tages in Richtung Schweiz aus, um für immer zu verschwinden. Dann kamen die «Chanteurs yéyé»: Johnny Hallyday, Sylvie Vartan und Joe Dassin trällerten auf den Pisten. 1973 startete das Festival des fantastischen Films. Ein unbekannter Typ mit einem Streifen namens «Duel» gewann den ersten Grand Prix: Es war Steven Spielberg. 1993 fand die letzte Ausgabe statt, den Grand Prix holte «Braindead». Heute ist das Saint-Tropez-Image vom Familienvergnügen, etwa im Erlebnisbad Aquariaz, abgelöst worden.