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Millie hat uns im vergangenen Jahr häufig besucht. Neben einem Hautproblem hatte die kleine Hündin auch eine Gebärmuttervereiterung entwickelt und musste notfallmässig operiert werden. Bei der Impfung wurde auch erstmals ein Herzgeräusch festgestellt, was bei dieser Rasse nicht unüblich ist: Cavalier King Charles Spaniel leiden im Laufe des Lebens sehr häufig an einer Veränderung der Herzklappen, wodurch beim Pumpen des Herzens ein Geräusch entsteht. Da die Erkrankung meist sehr langsam verläuft und der Einsatz eines Herzmedikamentes erst bei einem etwas fortgeschrittenem Stadium Sinn macht, wurde eine genauere Abklärung damals vorerst aufgeschoben.
Nun wird uns Millie aber vorgestellt, weil die Besitzern bemerkt hat, dass das Pumpen des Herzen plötzlich mit blossem Ohr zu hören ist. Millie geht es aber weiterhin bestens, sie hat einen guten Appetit und geht gerne und ausdauernd auf Spaziergänge.
Tatsächlich ist sowohl von blossem Ohr als auch mit dem Stethoskop ein sehr lautes Rauschen während der Pumpphase des Herzens zu hören; ausserdem ist ein sogenanntes Brustwandschwirren (eine Vibration des Brustkorbs) zu spüren. Nun wird umgehend eine Herzabklärung durchgeführt.
Im Röntgen ist ersichtlich, dass das Herz nur leicht vergrössert erscheint, die Lunge ist unauffällig.
Die Aufgabe des Herzens ist das Pumpen des Blutes, wodurch der Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Es besteht hauptsächlich aus Muskulatur und enthält 4 Kammern (linker und rechter Vorhof sowie linker und rechter Ventrikel). Ventrikel und Vorhof werden durch sogenannte Segelklappen (links die zweiteilige Mitralklappe, rechts die dreiteilige Tricuspidalklappe) getrennt. Ihre Aufgabe ist es, den Rückfluss von Blut aus dem Ventrikel in den Vorhof zu verhindern, wenn das Herz pumpt. Wie ein Segel durch Taue werden diese Klappen von den Chordae Tendineae zurückgehalten, wodurch gewährleistet wird, dass sie beim Auspumpen des Blutes aus der Kammer dicht schliessen und nicht im Blutstrom flattern, wodurch die Klappe undicht würde.
Das Herz von Millie wird mittels Ultraschall untersucht. Nicht überraschend stellen wir fest, dass der Hund an einer für Cavalier King Charles Spaniels typischen Mitralklappen-Endokardose leidet. Bei dieser Erkrankung verdicken sich die Ränder der Klappen, wodurch dieses Ventil in der Pumpphase des Herzens nicht mehr komplett dicht schliesst und Blut aus dem Ventrikel in den Vorhof zurückströmt, wodurch ein fauchendes Geräusch entsteht.
Bei Millie ist es allerdings zu einer akuten Komplikation dieses Problems gekommen: Eine oder mehrere der Chordae Tendineae der vorderen Mitralklappe sind gerissen. Nun schliesst sich das Ventil nicht mehr korrekt, weil eine der Klappen wie ein Tuch im Wind flattert und sich in den Vorhof wölbt, wenn das Herz pumpt.
Aufgrund der Chordae-Ruptur fliesst plötzlich sehr viel mehr Blut aus dem linken Ventrikel zurück in den Vorhof, als dies zuvor bei der reinen Endokardose der Fall war. Das Herz kann dieses Problem zwar vorerst kompensieren, indem es das Pumpvolumen erhöht, allerdings gerät dieser Mechanismus irgendwann an seine Grenzen, und das Herz dekompensiert - es kommt zu Lungenödem und Flüssigkeitsbildung im Brustkorb. Um das Herz bestmöglichst zu unterstützen, wird ein Herzmedikament gestartet. Da es auch chirurgische Möglichkeiten zur Behandlung gibt, wird Millie zur Zweitbeurteilung an einen interventionellen Kardiologen überwiesen. Die vorgeschlagene Therapie mittels der sogenannten "V-Clamp-Technik" (siehe unten) beinhaltet allerdings gewisse Risiken und ist kostspielig, weshalb sich die Besitzer gegen eine Operation entscheiden.
Die Mitralendokardose ist bei älteren Hunden extrem häufig, insbesondere bei kleinen Rassen. Cavalier King Charles Spaniel und King Charles Spaniel sind sehr viel häufiger betroffen als der durchschnittliche kleine Hund. Die Kompensationsmechanismen des Herzens sind sehr effizient: Ohne Medikamente dauert es bei betroffenen Tieren durchschnittlich über 2 Jahre, bis eine Dekompensation eintritt; wird an einem gewissen Punkt wie bei Millie ein Medikament eingesetzt, dauert es im Durchschnitt gar 3 1/2 Jahre, bis das Herz dekompensiert. Kommt es aber zu einer Chordaeruptur, ist die Lebenserwartung mit ca 14 Monaten statistisch deutlich geringer.
Bei der V-Clamp (oder TEER: Transcatheter edge-to-edge mitral valve repair)-Technik wird über einen Herzkatheter ein kleines Implantat ins Herz gebracht, welches über einen Klammermechanismus die beiden Mitralklappen gegeneinander zieht, somit die Öffnung vom Ventrikel in den Vorhof verkleinert und damit den Blutrückfluss vermindert. Das System ist eine relativ neue Entwicklung, weshalb noch nicht sehr viele Daten zu der Wirksamkeit des Eingriffs vorliegen - erste Erfahrungen zeigen aber ein erfreuliches Bild bezüglich Operationsrisiken und längerfristiger Prognose.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet