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«Ich hatte das Gefühl, in den USA die Wahrheit
über die Musik zu finden.»
Aufgewachsen in Romanshorn, studiert in St. Gallen, Zürich und Boston. Seit 2009 lebt er – mit einem kleinen unfreiwilligen Unterbruch – in den USA. Der 26-jährige Schweizer Carlo Ribaux hat sich seinen Amerika-Traum erfüllt. In den USA arbeitet er als Session Drummer und spielt mit seiner Band WASI. miwi.ch hat mit dem sympathischen Schweizer in einem Email-Interview über seine Ausbildung, sein Leben als Schlagzeuger und seine Träume gesprochen.
miwi.ch: Carlo Ribaux, du bist Session Drummer. Was muss man sich genau darunter vorstellen?
Carlo Ribaux: Der Begriff beschrieb ursprünglich Musiker, die fix bei einem Label angestellt waren um im Studio Songs für verschiedene Interpreten aufzunehmen. Heutzutage wird der Begriff für freischaffende Musiker aller Art gebraucht.
Das heisst also, du spielst nicht immer in der gleichen Band, sondern du wirst jeweils für bestimmte Aufgaben engagiert?
Genau. Ich habe zwar meine eigene Band namens WASI, in der ich mich kreativ engagiere, doch mein Einkommen kommt grösstenteils von anderen Anstellungen. Im Moment sind das vor allem Konzerte, bezahlte Proben und ab und zu Tourneen. In den ersten sechs Monaten in Los Angels habe ich bereits über 50 Konzerte gespielt.
Wann hast du mit dem Schlagzeugspielen begonnen?
Vor ziemlich genau 15 Jahren, im Sommer 1999, nahm ich meine erste Schlagzeugstunde. Die Inspiration dazu waren mein Onkel und mein Cousin, die an der Konfirmations-Feier des Cousins eine Jamsession schmissen. Das hat mir mächtig Eindruck gemacht!
Später hast du in der Schweiz studiert, in St. Gallen und Zürich, und in einer Band gespielt. Vor fünf Jahren, also 2009, hast du zum ersten Mal in den USA ein Studium gemacht. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?
Das Berklee College hat einen sehr guten Ruf und für mich hatte die USA etwas mystisches. Ich hatte das Gefühl hier die Wahrheit über die Musik zu finden. Es ist der Geburtsort des Jazz und des Rock and Roll und viele meiner liebsten Bands waren (und sind) aus den USA. Nachdem ich die Aufnahmeprüfung bestanden und ein grosszügiges Stipendium von Rotary International erhalten hatte gab es für mich kein Halten mehr.
Die Inspiration gaben mein Onkel und mein Cousin.
Was war der Grund für deine Rückkehr in die Schweiz und weshalb bist du im 2012 abermals in die USA?
Die Rückkehr war unfreiwillig. Ich hatte Probleme mit dem Visum. Zurück in der Schweiz habe ich mich direkt wieder um ein Visum beworben um mein Studium am Berklee College fortzusetzen. Doch das Konsulat blieb zwei Jahre lang stur und stellte mir keines aus. Zum Glück konnten sie sich dann irgendwann doch noch erweichen lassen.
Nach seiner unfreiwilligen Rückkehr in die Schweiz spielte Carlo Ribaux bei tHe DorKs.
Du hast dann das Berklee College of Music in Boston abgeschlossen – was war der Inhalt deines Studiums?
Das Studium besteht aus Kernfächern wie Harmonielehre, Gehörbildung, Arrangement und aus instrumentalen Fächern wie Einzelunterricht auf dem Instrument und Band-Ensembles in verschiedenen Stilrichtungen. Ab dem zweiten Semester kann man sich für einen bestimmten Major (Schwerpunkt) wie Music Business, Music Production and Engineering oder Songwriting festlegen. Mein Major war grösstenteils Performance und beinhaltete vor allem instrumentale Fächer. Fürs letzte Semester wechselte ich zu Professional Music um noch mehr über andere Bereiche der Musik zu lernen.
Konntest du während des Studiums schon Kontakte knüpfen oder wie kommst du heute an deine Jobs?
Ich habe während des Studiums definitiv Freunde fürs Leben gemacht. Doch hier in LA treffe ich kaum jemanden an, mit dem ich studiert habe. Aber das College betreibt eine sehr aktive Ehemaligen-Vereinigung durch die ich schon viele Musiker kennenlernte. Ausserdem stellte mich das College an, eine Woche lang beim „Berklee in LA“ Programm Highschoolers zu unterrichten.
Viele sind alte Hasen, die sich die Gigs gegenseitig zuschieben und es ist nicht ganz einfach in diese Kreise einzudringen.
Einige meiner Jobs fand ich auf dem Online-Handelsplatz Craigslist.com. Andere durch einen Agenten, der etwa alle zwei Monate eine grosse Audition veranstaltet. Und wieder andere durch Leute, die mich an Konzerten oder Auditions spielen hörten. Es ist wichtig offen zu sein und viele Leute zu treffen, besonders wenn man neu hier ankommt.
Seit Februar lebst du in Los Angeles – ist der Session Drummer-Markt gross?
Ja der Markt ist grösser als sonst irgendwo auf der Welt, mit Ausnahme von New York und London vielleicht. Es gibt unzählige Studios, Veranstaltungsorte und Künstler, die alle Drummer brauchen. Das Problem ist nur, dass es so viele hochkarätige Musiker gibt. Viele davon sind alte Hasen, die sich die Gigs gegenseitig zuschieben und es ist nicht ganz einfach in diese Kreise einzudringen.
Da hilft dir sicher dein „Summa Cum Laude“-Abschluss?
Haha – Bis jetzt hat mich noch nie jemand nach meinem Zeugnis gefragt! Doch ich erwähne es auf meiner Website und es könnte schon sein, dass es einen Einfluss hat. Aber ich wurde noch nie darauf angesprochen.
Ich nehme an, es gibt keinen eigentlichen Tagesablauf – aber, wie muss man sich dein Leben in den USA vorstellen – am Morgen im Studio, am Abend auf einer Bühne?
Ich stehe relativ spät auf, denn ich komme nach Konzerten oft nicht vor 2 Uhr nachts nach Hause. Meistens gehe ich als erstes meine Emails durch und plane meinen Tag. Tagsüber und an Abenden an denen ich keine Konzerte habe sind oft Proben und Studio-Aufnahmen angesetzt. Ab und zu habe ich ein Interview oder ein Radio-Termin mit meiner Band und manchmal haben wir Meetings mit Leute mit denen wir zusammen arbeiten oder gerne zusammen arbeiten würden. Radikal anders ist mein Leben, wenn ich auf Tournee bin. Dann bin ich halt da, wo der Tourbus gerade ist und überlasse das Planen dem Tour Manager.
Ich stehe relativ spät auf.
Kannst du von deinen Einsätzen leben?
Ja.
Du hast mit Musikern aus 15 Ländern zusammengearbeitet. Was war dein bisher eindrücklichstes Erlebnis?
Am Berklee College ging ich oft an Jams wo fünf bis zehn Nationen in einem kleinen Übungsraum vertreten waren. Vielfach war es einfacher sich musikalisch zu verständigen als auf English; Jazz war die universelle Sprache, die jeder verstand.
Neben dem „Beruf“ spielst du auch in einer eigenen Band – WASI. Wie ist diese Band entstanden?
Ich traf die beiden Girls zum ersten Mal als ich mit der Band „Westland“ auf Tournee war und sie vor dem Club in dem wir spielten mir ihre CD andrehen wollten. Wir haben uns gegenseitig auf Facebook hinzugefügt und als ich fünf Jahre später nach LA zog haben wir uns bereits am zweiten Tag hier getroffen. Kurz darauf meldete ihr Schlagzeuger an er hätte Probleme mit den Gelenken und ich sprang kurzfristig für ihn ein. Die Girls und ich klickten direkt und vom anderen Schlagzeuger habe ich nie wieder etwas gehört.
Ich traf die beiden Girls, als sie mir vor dem Club in dem wir spielten ihre CD andrehen wollten.
Wie siehst du die Rolle des Schlagzeugers? Dieser wird in einer Band ja meistens etwas vernachlässigt, weil er so im Hintergrund ist, oder nicht?
Der Schlagzeuger ist der Dirigent einer Band. Er bereitet die Einsätze vor und bestimmt die emotionale Kulisse. Er bringt das Feuer! In Pop Bands hat der Schlagzeuger auch oft die Verantwortung für die Backing Tracks – Tonspuren, die mit der Performance mitlaufen – und ist oft das einzige Bandmitglied mit dem Metronom im Ohr. Wenn die Musiker in dieser Situation nicht auf den Schlagzeuger hören, dann klingt es sehr schnell sehr falsch.
Welches sind für dich die markantesten Unterschiede zwischen dem Musikmarkt in den USA und in der Schweiz?
Als Session Musiker fällt es mir persönlich hier in LA leichter Aufträge zu kriegen als in der Schweiz. Der Markt ist viel grösser und sehr viel mehr in Bewegung. Was die Band-Welt betrifft wird man in den USA sehr viel schlechter behandelt als in der Schweiz solange man noch ein niemand ist. Oft müssen Bands sogar für die Getränke bezahlen, die sie auf der Bühne trinken und etwas zu Essen kriegt man eigentlich gar nie. Man spürt den Geist der freien Marktwirtschaft: Wenn man keine Fans zu den Konzerten bringt, dann gibt es auch kein Geld. Doch der Aufstieg kann hier sehr viel schneller und steiler sein als in der Schweiz, denn der Markt ist riesig und die Plattenfirmen mächtig. Es lohnt also sich immer 150% zu geben, denn vor allem bei Konzerten in LA spielt man oft vor grossen Managern oder Produzenten, ohne es überhaupt zu wissen.
Mein Traum wäre es mit Jack White zusammen zu arbeiten.
Wie siehst du deine Zukunft – Was sind deine nächsten Pläne?
Zur Zeit probe ich mit einem neuen Künstler namens Eric Dash und ab dem 19. September bin ich mit ihm für sechs Wochen auf USA und Kanada Tournee. Ich freue mich sehr darauf, dann wir werden in einigen legendären Konzerthallen wie zum Beispiel dem Wiltern in LA und dem Fillmore in New York spielen. Bis dahin habe ich ein paar tolle Konzerte auf die ich mich freuen kann. Die Sängerin von the Donnas singt nächsten Freitag als Special Guest mit WASI und zwei Tage darauf spielen wir im Vorprogramm von den Shiny Toy Guns. Danach spiele ich noch zwei Konzerte mit Cordell Crockett von Ugly Kid Joe und nehme ein Video-Clip mit Gingger Shankar auf. Für nächstes Jahr arbeite ich daran WASI für drei Wochen in die Schweiz zu bringen.
Gibt es einen Star, mit dem du gerne einmal zusammen im Studio arbeiten oder auf Tour gehen möchtest?
Mein Traum wäre es mit Jack White zusammen zu arbeiten.
Gibt es auch etwas, dass du in den USA vermisst?
Ja, meine Familie und meine Freunde.
ÜBER DEN AUTOR:
Gesungen habe ich immer gerne – leider nur auf Schulchor-Niveau. Heute beschränke ich mich daher lieber auf das Musikhören. Gut, gehörte zu meinem ersten Job beim Radio auch das Einsortieren der neuen CDs. Da gab es viele neue Musik zu entdecken. Auch heute gehe ich regelmässig auf Entdeckungstour – weltweit im Web. Meine Abenteuer teile ich hier auf miwi.ch gerne mit Euch. Mehr über mich gibt es unter michaelwieland.ch zu lesen.
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