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Der Bahnanschluss macht aus dem Städtchen eine Stadt
Der Anschluss an das entstehende Eisenbahnnetz (1857) brachte der Stadt Biel einen Wachstumsschub - aus dem Jura strömten vor allem französisch sprechende Uhrmacher, aber auch aus anderen Teilen des Kantons, aus der Eidgenossenschaft und aus dem Ausland kamen Menschen in die Zukunftsstadt. Lebten im Jahr 1850 knapp 3500 Personen in Biel, waren es 1854 bereits über 4000, 1870 über 8000 und im Jahr 1888 15 000. Dementsprechend vergrösserte sich die bebaute Fläche - zwischen 1850 und 1900 verzehnfachte sich die Fläche des überbauten Stadtgebiets. Die Stadt wuchs nach und nach mit den Nachbargemeinden zusammen, und es entstand das Bedürfnis, sich in diesem gross gewordenen städtischen Raum rascher zu bewegen.
Pferdestrassenbahnen als Symbole des Fortschritts
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Pferdestrassenbahnen vor allem in den USA verbreitet. Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das System wesentlich verbessert - dank Metallgeleisen sank der Zugwiderstand erheblich: Ein Pferd kann etwa 20 Prozent seines Gewichts als Zugkraft leisten - bei 700 kg Eigengewicht sind das 140 kg. Dank dem Rollwiderstand "Eisen auf Eisen" beträgt der Zugwiderstand ¨für einen 2000 kg schweren Wagen lediglich 60 kg. Mit 22 Fahrgästen (etwa 1650 kg zusätzliche Masse) steigt der Zugwiderstand auf ebener Strecke auf etwa 80 kg. Ein einziges gesundes Pferd war also durchaus in der Lage, über 20 Personen zu transportieren.
Das System der Pferdestrassenbahnen verbreitete sich über alle Kontinente - New York kannte es ab 1832, Paris ab 1855, Rio de Janeiro ab 1859, Alexandria ab 1860, Sydney ab 1861, Bagdad ab 1871. Die erste Pferdestrassenbahn der Schweiz verband ab dem 19. Juni 1862 die Genfer Innenstadt mit dem Vorort Carouge.
Beschleunigung für alle - eine Pferde-Eisenbahn für Biel
Im Jahr 1874 bildeten engagierte Bürger aus Biel und Umgebung ein "Initiativkomitee für die Schaffung eines Trams". Unter dem Vorsitz des Bieler Tuchhändlers Louis Tschantré-Boll erklärten sie, der Bevölkerung ein "billiges, gemeinnütziges und in jeder Beziehung wünschenswertes Verkehrsmittel" verschaffen zu wollen. Am 7. März 1874 legte das Komitee 2000 Aktien à 100 Franken zur Zeichnung auf, und schon am 10. April waren für 150 000 Franken Aktien gezeichnet. Somit konnte sich die "Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft Biel" noch im selben Jahr konstituieren. Ein Mitglied des Komitees dieser Gesellschaft, der Bankier Paul Blösch, regte an, nicht nur Bözingen mit dem Bahnhof zu verbinden, sondern die Strassenbahn bis nach Nidau zu führen. Damit gewann die Idee des "Rösslitrams" auch in Nidau viele Befürworter.
Das Projekt nimmt Gestalt an
Am 17. September 1875 erhielt die Compagnie die eidgenössische Konzession für die Dauer von 25 Jahren. Die Konzession verpflichtete die Betreiber, Passagiere auf der Strecke zwischen Bözingen und der Ländte in Nidau 20mal pro Tag in beiden Richtungen zu befördern. Für die ganze Strecke durfte ein Fahrpreis von 20 Rappen pro Person erhoben werden. Wenn man bedenkt, dass die Stundenlöhne für qualifizierte Arbeiter damals bei knapp 50 Rappen lagen, war dies noch ein stolzer Preis.
Durch Vertrag vom 23. Oktober 1876 wurde diese Konzession der damaligen Genfer Tramway-Gesellschaft abgetreten - ausser im Kanton Genf gab es damals noch nirgends in der Schweiz ein derartiges Transportmittel. Darauf löste sich die Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft Biel bis Ende Jahr auf.
Zwischen dem 16. Juni 1877 und der Eröffnung der Linie am 18. August des gleichen Jahres wurde die 4180 Meter lange Strecke eingleisig eingerichtet. Die Genfer Tramway-Gesellschaft startete ihren Betrieb mit 18 Pferden und vier Wagen, davon waren drei ausländischer Herkunft. Die Schweizerische Industriegesellschaft (SIG) in Neuhausen, die den ersten Wagen geliefert hatte, sollte fortan noch viele Modelle nach Biel liefern. Die Wagen der SIG wurden nur von einem Pferd gezogen. Weil die Doppelspännerwagen bald wieder nach Genf zurückgebracht wurden, wurde das Strassenbild der Zukunftsstadt von Einspännern geprägt. Am 23. März 1878 wurde die Strecke auf 4580 Meter erweitert - das Rösslitram fuhr fortan bis zur Kirche Nidau.
Die Beanspruchung und Verpflegung der Pferde
Im Jahr 1877 wurden pro Pferd folgende mittlere Tagesrationen aufgewendet: 5,87 kg Hafer, 5,8 kg Heu, 820 g Mais, 380 g Gerste, 190 g Grütze, 70 g Bohnen und 50 g Leinsamen. Für die Unterkunft wurden pro Pferd und Tag 5 kg Stroh gerechnet. Dafür hatten die Pferde einiges zu leisten: Im Jahr 1880 trabte jedes Pferd täglich 17 km, was etwas mehr als zwei Retourfahrten Bözingen-Nidau entsprach. Die tägliche Dienstzeit pro Pferd betrug somit etwa 4,5 Stunden. Vieles weist darauf hin, dass die Pferde in der ersten Phase des Betriebs zu wenig geschont wurden. Im Jahr 1880 zum Beispiel mussten 11 Pferde dazugekauft werden, weil im Verlaufe des Jahres 9 von 13 Zugtieren eingangen waren oder ausgeschieden werden mussten.
Die Rentabilität
Zu Beginn erzielte die Genfer Tramway-Gesellschaft auch in Biel einen Gewinn, doch bald drückten harte Winter und ein längerer Konjunktureinbruch auf die Einnahmen. Ein Gesuch an den Bundesrat, den Betrieb während des Winters einzustellen, wurde abgewiesen, dafür wurde die Gemeinden Biel, Bözingen und Nidau angehalten, mit eine Subvention von 3000 Franken zu einem ausgeglichenen Betriebsergebnis beizutragen. Doch selbst mit Subventionen blieb der Betrieb leicht defizitär. Im Jahr 1882 zum Beispiel standen den Ausgaben in der Höhe von etwas über 45 000 Franken nur Einkünfte von knapp 42 000 Franken gegenüber. Davon entfielen etwas über 34 000 Franken auf Billette, knapp 8000 Franken auf die Subvention, den Ertrag des Postdienstes und den Verkauf von Pferdemist. Erst ab dem Jahr 1888 schrieb der Betrieb in Biel wieder schwarze Zahlen. Bis zum Ende des Jahrhunderts erwirtschaftete das Rössli-Tram Gewinne, zudem nahm das Transportvolumen von Jahr zu Jahr zu. 1897 beschäftigte das Unternehmen 22 Personen, im Einsatz standen 21 Pferde, die 488 549 Personen transportierten.
Besitzerwechsel und Elektrifizierung
Im Jahr 1890 wurde in Bern ein Drucklufttram eingeführt. Seither erörterte man auch in Biel, ob die Strassenbahn künftig mit elektrischem Strom betrieben werden solle. Erste Vorarbeiten für den elektrischen Betrieb begannen 1898. Kurz darauf zeichnete sich ein Besitzerwechsel ab: Im Jahr 1900 verkaufte die Compagnie Générale des Tramways Suisses - so hiess die Besitzerin inzwischen - ihre Anlagen an die Compagnie Genevoise des Tramways Electriques. Diese wiederum war bereit, die Anlagen in Biel der Stadt zu verkaufen. So erwarb Biel das Rösslitram 1901 für 170 000 Franken. Die neue Besitzerin war entschlossen, den Betrieb der neuen Zeit anzupassen: Noch im gleichen Jahr bewilligte der Stadtrat einen Kredit für die Erneuerung des Rollmaterials, die Renovation des Depots und für Strassenkorrektionen. Ab Mai 1902 begann der Umbau auf elektrischen Betrieb, und Ende Jahr war die gesamte Strecke elektrifiziert.
Quellen:
Albert Ziegler und Claude Jeanmaire, "Bieler Strassenbahnen", Verlag Eisenbahn, Villigen, 1977
Werner Bourquin und Marcus Bourquin, "Stadtgeschichtliches Lexikon", Biel, 1999
Tobias Kaestli, "Die Vergangenheit der Zukunftsstadt", Fagus Verlag, Bern 1989
Wikipedia, Artikel zu den Stichwörtern "Horsecar" und "Pferdebahn"