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SRF: Welche Rolle übernimmt Vitali Klitschko im ukrainischen Machtgefüge?
Stefan Meister: Kiew ist als Hauptstadt und als wichtigste und grösste Stadt der Ukraine das Machtzentrum des Landes. Wer dort Bürgermeister ist, hat auch Einfluss auf die nationale Politik. Kiew ist auch der Motor für eine pro-europäische Bewegung, für eine Wandlung des Landes weg von diesen korrupten Strukturen hin zu Europa, zur Europäischen Union. Damit übernimmt Klitschko eine Schlüsselfunktion. Vielleicht war es taktisch sogar klug, nicht das Präsidentenamt anzustreben, sondern eben die Hauptstadt Kiew zu modernisieren.
Ist Klitschko eine wichtige Figur um den Präsidenten?
Ich würde seine Rolle nicht überschätzen. Hier im Westen, in der EU und besonders in den deutschsprachigen Ländern hat er eine wichtige Rolle gespielt. Er galt als Führungsfigur der Maidan-Bewegung. In der Ukraine hat man das anders wahrgenommen. Natürlich hat er sich an den Demonstrationen profiliert, er hat auch Verhandlungen mit Ex-Präsident Janukowitsch geführt. Doch es gab auch andere Figuren, die im Westen nicht wahrgenommen worden sind. Und Klitschko galt eher als unerfahrener Politiker. Deswegen hat er auch diesen Kompromiss mit Poroschenko gefunden.
Klitschko war Boxer und Anführer der Maidan-Bewegung. Nun ist er Bürgermeister einer Millionenstadt, die viele ganz praktische Probleme hat. Wird er das meistern?
Das wird sich zeigen. Er hat eben nicht viel politische Erfahrung und ist nicht in den Netzwerken in der Ukraine drin. Das kann ein Nachteil sein, aber man kann es auch als Vorteil sehen. Er ist jemand, der im Kampf gegen die alten Strukturen, im Kampf gegen Korruption, im Kampf gegen den Einfluss von Oligarchen eine saubere Weste hat. Das gibt ihm gewisse Vorschusslorbeeren, und es gibt ihm die Möglichkeit, die Strukturen anzugehen und Reformen durchzuführen. Ob er es dann wirklich schafft, das wird sich zeigen.
Klitschko kommt in eine Stadtverwaltung, in der bereits viele Leute aus den alten Eliten drin sind. Wird das ein Hindernis sein?
Sicher, gerade die Verwaltungsstrukturen sind mit Vertretern dieser alten Eliten durchsetzt. Die sind oft auch ein Hinderungsgrund gewesen für Reformen in der Vergangenheit. Klitschko selbst hat keine breite Basis, seine Partei ist relativ jung und relativ klein. Er kann keine Leute einsetzen. Seine Situation symbolisiert die Herausforderung, vor der alle Erneuerer im Land stehen. Sie müssen mit den vorhandenen Strukturen leben und sie gleichzeitig verändern. Das wird sehr viel Widerstand erzeugen.
Klitschko will nun in Kiew zur Normalität übergehen. Er hat die Demonstranten angewiesen, den Maidan-Platz zu räumen. Ist das ein erster Test seiner Macht?
Definitiv. Es ist wichtig, dass der Maidan jetzt geräumt wird, dass die Ordnung wieder einkehrt, in Kiew, im ganzen Land. Daran wird er gemessen werden. Es wird sich zeigen, ob er in der Lage ist, sich auch gegenüber dieser Bewegung, die er ja mitvertreten hat, durchzusetzen und für Ordnung in Kiew zu sorgen. Das ist auf jeden Fall der erste Test.
Das Gespräch führte Andreas Lüthi.
Zur Person Stefan Meister
Stefan Meister ist Osteuropa-Experte beim «European Council on Foreign Relations». Er war mehrfach als Wahlbeobachter für die OSZE tätig und hat Lehrprojekte in Russland durchgeführt. Weiter leitete er ein Forschungsprojekt zur Überwindung der Polarisierung zwischen Russland und dem Westen.