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Schleier über der organisierten Suizidhilfe
Von Kantonsrat Heinz Kyburz, Männedorf
Der Bundesrat gab im Sommer 2011 bekannt, dass er auf eine ausdrückliche Regelung der organisierten Suizidhilfe im Strafrecht verzichten wolle. Er sei der Meinung, dass Missbräuche schon mit den gegebenen Mitteln bekämpft werden können. Hingegen solle die Suizidprävention und Palliative Care weiter gefördert werden. Mit dem ganzen Massnahmenpaket will der Bundesrat angeblich das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende stärken. Kurz vor Weihnachten musste sich der Ständerat mit zwei Standesinitiativen befassen, welche eine Verschärfung der gesetzlichen Bestimmungen zur Suizidhilfe durch Organisationen wie Dignitas und Exit verlangten. Der Ständerat lehnte beide Standesinitiativen ohne Gegenstimme ab und gab sie zur Beschlussfassung an den Nationalrat weiter. Der Ständerat liess verlauten, es gebe bei der organisierten Sterbehilfe „eine Grauzone, die sich nicht gesetzgeberisch regeln lasse“. Und zudem kam einmal mehr das Argument, „jeder Mensch solle selbst darüber entscheiden können, was für ihn ein würdiges Lebensende sei.“
Bundesrat und Ständerat sind somit der Meinung, zur Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts Sterbender gehöre nebst den Schmerz lindernden Angeboten sowohl das Angebot der Suizidprävention wie auch das Angebot der organisierten Suizidhilfe. Die EDU befürwortet sowohl die Suizidprävention wie auch die Palliative Care, lehnt aber jede Suizidhilfe konsequent ab. Denn todkranke Menschen brauchen nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe im Sterbeprozess. Im Jahre 2010 „begleiteten“ die „Sterbehilfeorganisationen“ Exit und Dignitas nach eigenen Angaben zusammen 354 Personen in den Tod. Was unter den Stichworten „begleiten“ und „Sterbehilfe“ human daher kommt, bedeutet in Wirklichkeit, dass diese beiden Organisationen bei 354 Personen Beihilfe zum Suizid geleistet haben. Wenn Politiker und Medien bewusst immer wieder den Begriff „Sterbehilfe“ statt „Suizidhilfe“ verwenden, so schaffen sie selber gezielt die genannten Grauzonen, um die von Sterbehilfeorganisationen durchgeführten Suizidhilfen zu verschleiern.
Währenddem weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass Suizidprävention eine wichtige Aufgabe des Staates ist, wird der assistierte Suizid von der Suizidprävention ausdrücklich ausgenommen. So hat der Kanton Zürich Ende November 2011 einen „Expertenbericht zur Suizidprävention im Kanton Zürich“ vorgelegt und dabei die assistierten Suizide ausgeklammert. Dem kranken und betagten Sterbewilligen kommt damit eine ähnliche Stellung wie dem Kind im Mutterleib zu, dessen absolutes Recht auf Leben nicht mehr gewährleistet ist. Kranken und betagten Menschen wird durch den Staat und die Gesetzgebung nicht mehr aufgrund ihrer menschlichen Persönlichkeit Würde und damit auch staatlicher Schutz zugesprochen. Vielmehr wird von ihnen in ihrer schwersten Lebenskrise erwartet, dass sie selbstbestimmt darüber entscheiden können, ob sie ihrem Leben ein vorzeitiges Ende setzen oder weiterleben wollen. Man muss sich bewusst sein, dass ein solcher Entscheid nie einseitig selbstbestimmt ist, sondern in der Meinungsbildung von vielen Faktoren mitgeprägt wird.
Unsere materialistische und zunehmend atheistische Gesellschaft, die nur den Menschen als Mass aller Dinge sieht, kann dem Sterbewilligen, der keine Hoffnung hat, durch Suizidprävention und Palliative Care zwar Alternativen anbieten. Wenn ihm aber gleichzeitig aufgrund des gesellschaftlichen Gesinnungswandels suggeriert wird, die Annahme des Sterbeprozesses führe zu einem unwürdigen Lebensende, oder er sei einsam, ungeliebt und verlassen oder gar nur noch ein Kostenfaktor, so flüchtet er wohl „selbstbestimmt“ in den Suizid. Um diesen menschenverachtenden manipulativen Tendenzen klar entgegen zu treten, braucht es von EDU-Politikern manchmal klare Worte, wie sie schon Hiob, der schwer krank und in Not war, und dennoch auf Gott vertraute, gegenüber seiner eigenen Frau gebrauchte. Angesichts seiner schweren Leiden sagte sie zu ihm: "Willst du Gott jetzt immer noch die Treue halten? Verfluche ihn doch und stirb!" Aber Hiob antwortete: "Du redest ohne Verstand wie eine, die Gott nicht ernst nimmt! Wenn Gott uns Gutes schickt, nehmen wir es gerne an. Warum sollen wir dann nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen?" Trotz aller Schmerzen versündigte Hiob sich nicht. Er sagte kein Wort gegen Gott (Hiob 2, Verse 9-10). Ich wünsche mir sehr, dass sich der Schleier der Hoffnungslosigkeit, der sich über so manche Seele gelegt hat, wieder heben wird!