Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03261.jsonl.gz/559

Ort in der ehemaligen Wolgadeutschen Republik bis 1915. Dieser Ort namens Zürich dürfte um 1764-67 gegründet worden sein und war nicht der einzige mit einem Schweizer Namen. Es gab da am östlichen Ufer der Wolga etwa 80 bis 100 km nordöstlich von Saratow von Norden nach Süden die folgenden neun Orte mit Schweizer Namen:
- Schaffhausen, heute Wolkowo - Glarus, heute Georgijewka - Basel, heute Wassiljewka - Zürich, heute Sorkino - Solothurn, heute Solotowka (lag zwischen Schönchen und Zürich, war aber eher unter dem Namen Wittmann bekannt, lag an der Wolga und wurde auf Karten immer unter diesem Namen geführt) - Zug (trug auch den Namen Gattung und existiert immer noch unter dem heutigen Namen Jastrebowka - Luzern, heute Michailowka - Unterwalden, heute Podlesnoje - Bern. Diese Kolonie wurde zusammen mit den oberen acht gegründet. 1770 wurde sie jedoch wieder aufgelöst wegen dem schlechten Agrarboden. Die Bewohner wurden in die acht Nachbardörfer umgesiedelt. Leider ist es nicht mehr möglich zu bestimmen, wo diese Kolonie lag. Es kann aber angenommen werden, dass Bern irgendwo in der Nähe der restlichen acht Kolonien lag.
In einzelnen Quellen wird auch noch:
- Neu Schaffhausen
erwähnt. Es gab diesen Ort tatsächlich, doch da es sich 'nur' um eine Tochterkolonie handelte, kann man sie nicht als eigenständigen Ort betrachten. Mit dem Hinweis auf die Tochterkolonie ergibt sich auch die Lages des Ortes: In der Nähe von Schaffhausen, also ganz im Norden am Ostufer der Wolga.
Die obigen Angaben stammen alle aus verschiedenen Beiträgen von Wikipedia und wurden freundlicherweise von Waldemar Kurt aus Deutschland ergänzt und verbessert. In Wikipedia wird auch noch ein Bettingen genannt, doch das scheint ein Missverständnis zu sein, denn der Ort hiess in Wirklichkeit Bettinger und wird in Wikipedia und anderen Quellen so bestätigt. Er ist somit kein Ort mit Schweizer Namen.
Gemäss dem Ortsverzeichnis deutscher Kolonien in Russland wurden die obigen Orte durch den aus Holland stammenden Lokator Ferdinand Baron Caneau de Beauregard und seiner Frau Susanne in den 1760er Jahre gegründet und nach Schweizer Kantonen benannt. Er war offenbar für die Ortsgründungen ganz im Norden der Wolgarepublik zuständig. Wieso Zürich und andere Schweizer Orte als Ortsnamen zu Ehren kamen, dürfte damit geklärt sein. Obwohl bekannt ist, dass nach einem Aufruf der russischen Zarin Kathrina II (im Amt von 1762-1796) zur Einwanderung nach Russland auch zahlreiche Schweizer Bauern und Handwerker der Einladung folgten, waren es somit nicht diese Siedler selbst, welche den Orten den Namen gaben, sondern ganz offensichtlich allein de Beauregard. Immerhin ist zu vermuten, dass bei der Benennung der obigen 8 oder 9 Ortschaften aus der Schweiz stammende Siedler die Namensvergabe nach Schweizer Kantonen mit beeinflusst haben könnten, doch änderte das nichts am geschätzten Zahlenverhältnis von 1:100 zwischen schweizerischen und deutschen Siedlern.
Im Falle von Zürich ist sogar ausdrücklich schriftlich überliefert, dass es eine weitgehend deutsche Bevölkerung gehabt hatte und zwar aus Hessen, Sachsen und Nassau. Bereits im Jahre 1915 wurde Zürich, welches auch Eckert oder Eckhart hiess, in Sorkino umbenannt. Ob im Falle des oben erwähnten Zürich auch Auswanderer aus Seebach mit dabei waren, dürfte angesichts der hauptsächlich deutschen Bevölkerung somit sehr unwahrscheinlich sein.
Spätestens bis 1941 wurden alle obigen Orte mit Schweizer Namen umbenannt. In drei Fällen blieb der Name indirekt erhalten, indem man Unterwalden einfach ins Russische übersetzte, woraus dann Podlesnoje wurde. Ferner ist auch noch der Name Solothurn in Solotowka einigermassen erkennbar geblieben. Und auch bei Wassiljewka bezieht sich der Ortsname auf den russischen Personennamen Wassilij, zu deutsch Basilius, welcher auch Basel zugrunde liegt.
Die unter Google Map heute aufgeführten Ortsnamen an der Stelle der oben aufgeführten Schweizer Dörfer weisen jedoch keine Ähnlichkeit mehr auf und sind ausser Podlesnoje, Solotowka und Wassiljewka auch keine Übersetzungen. Leider sind in Google Map aber nicht alle dortigen Dörfer beschriftet, sodass es ohne eine sehr gute gedruckte Landkarte nicht möglich ist, nach der genauen Lage der heutigen Namen der ehemaligen Schweizer Ortsnamen zu suchen. Leider findet man von der Wolgarepublik keine genügend detaillierten neuen Karten in Schweizer Buchhandlungen, sodass bis jetzt keine weiteren Recherchen möglich waren. Die OGS sucht aber periodisch weiter, auch wenn kaum Aussichten bestehen, dass sie je dort hinkommt, um in einer dortigen Buchhandlung nach einer besseren Karte zu suchen.
Wer sich mit einer von Hand gezeichneten Karte zufrieden gibt, findet die Schweizer Orte bei Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_deutschsprachigen_Ortschaften_in_der_Wolgarepublik. Man muss die Karte allerdings durch mehrmaliges Anklicken soweit vergrössern, bis sie gut lesbar wird. Die Liste und die Zeichnung wurden dank der Forschungsarbeit von Georg Dinges in den Jahren 1925 bis 1929 möglich. Es fehlen dort allerdings Solothurn und Neu Schaffhausen, weil Solothurn üblicherweise eher Wittmann hiess und Neu Schaffhausen nur eine Tochterkolonie Schaffhausens war.
Seit einiger Zeit sind die 1941 in andere Landesteile Russlands deportierten Deutschen und auch einige Schweizer oder ihre Nachfahren wieder in ihre alten Dörfer zurückgekehrt. Inzwischen sind die meisten längst assimiliert, doch gibt es immer noch welche, die die deutsche Sprache beherrschen. Nach ihrer Rehabilitation wollten die Wolgadeutschen ihre ehemalige eigene Republik wieder neu auferstehen lassen, doch wehrten sich die dortigen Einheimischen verständlicherweise dagegen. Gegen eine Integration in die bestehenden russischen Strukturen hatten sie allerdings nichts einzuwenden. Ein kleiner Teil nutzte diese Möglichkeit, doch der weitaus grössere Teil der überlebenden Nachkommen der Wolgadeutschen zog es dann vor, nach Deutschland zurück zu kehren. Es sind der OGS auch Fälle bekannt, wo Nachfahren ausgewanderter Schweizer nach Deutschland zurück kehrten und nicht etwa in die Schweiz! Ist von Wolgadeutschen die Rede, schliesst das somit stets die Schweizer mit ein, deren Anteil aber kaum 1% betrug. Zu ihren besten Zeiten war die Wolgarepublik fast 30'000 km² gross und hatte fast 700'000 Einwohner. Es gab sogar mehrere deutsche Zeitungen. Hauptstadt war Engels. Daraus aber schliessen zu wollen, dass der Anteil der Schweizer somit 7'000 Einwohner betrug, wäre vermessen. Der Anteil von 1% bezog sich auf die eingangs erwähnten 8 Ortschaften und wohl kaum auf die ganze Wolgarepublik.
Das weiter oben erwähnte «Ortsverzeichnis deutscher Kolonien in Russland» ist wird nie ganz vollzählig sein, da manche Orte mehr als einen Namen hatten. Es umfasst über 1000 Seiten!
Der Ort Zürich, heute Sorkino, trug neben Zürich noch mehrere weitere Ortsnamen deutscher Städte und war zum allergrössten Teil von Deutschen und nicht von Schweizern besiedelt, welche ihren Wohnort auch kaum Zürich nannten. Zürich war lediglich der offizielle Ortsname, welcher vom Lokator de Beauregard zugeteilt wurde und bis 1915 Gültigkeit hatte. Wer über dieses Zürich mehr erfahren will, findet in Wikipedia unter Sorkino fast alle gewünschten Informationen.
Quellen: - OGS-eigene - Wikipedia (Sorkino etc.) - Waldemar Kurt (Hinweise zu Solothurn, Zug und Neu Schaffhausen und Bern) - Ortsverzeichnis deutscher Kolonien in Russland: www.schuk.ru/1/orte/ortsv_a.pdf