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«Sprich – und ich werde dich taufen!»
Roger (nervös auf die Uhr sehend): Du ich gehen nach Hause jetzt.
Sie (trotzig): Nein.
Roger (verzweifelt): Was willst du?
Sie (sachlich): Bonbon.
Roger (sehr erleichtert): Okay. Okay. Du kannst haben Bonbon zu Hause.
Sie (hellauf begeistert): Du Ich schnell gehen.
Aus: Roger Fouts, «Unsere nächsten Verwandten»
Welche Eltern kennen diese Situation nicht? Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, aber das Kleine möchte nicht und kriegt einen Trotzanfall. Verhandlungen beginnen. «Sie» ist jedoch kein Kind, sondern eine Schimpansin namens Washoe. Es ist Anfang der 1970er-Jahre und sprechende Affen verblüffen gerade die Welt.
Doch der Reihe nach: Jahrhundertelang hiess es in Philosophenkreisen, die Sprache sei das entscheidende Kriterium, das den Menschen vom Tier unterscheide. Tiere, denen dieses Vermögen fehle, seien nichts anderes als piepsende, grunzende, zwitschernde und trompetende Automaten. Als im 18. Jahrhundert Menschenaffen auf Schiffen nach Europa gebracht werden, mutmassen einige, es müsste doch möglich sein, diese Tiere zu menschlichen Fähigkeiten zu «erziehen».
Angesichts der stark behaarten Wesen, die dem Menschen so sehr ähneln, keimt in manchen Köpfen der Aufklärung nämlich die Hoffnung, Affen zum Sprechen zu bringen. Einem Orang-Utan, damals erstmalig in einem Käfig im Jardin du Roi in Versailles ausgestellt, soll es aus dem Mund des französischen Kardinals de Polignac entgegengetönt haben: «Sprich, und ich werde dich taufen!» Der französische Philosoph La Mettrie ist nicht ganz so optimistisch, mutmasst aber, es müsste möglich sein, Affen nach dem Vorbild der Stummen in Zeichensprache zu unterrichten. Mehr als zwei Jahrhunderte später beginnt die Schimpansin Washoe zu Hause bei Beatrice und Robert Gardner in der amerikanischen Spielerstadt Reno die US-Gebärdensprache American Sign Language (ASL) zu lernen.
Schon zuvor hatten Menschen versucht, Affen unter Menschen zu erziehen und ihnen Sprache zu entlocken. 1931 wagt der amerikanische Psychologe Winthrop Kellogg ein kühnes Experiment. Er plant, ein Affenkind am Tage dessen Geburt in seine Familie aufzunehmen und es in jeglicher Hinsicht wie seinen eigenen kleinen Sohn Donald, damals zehn Monate alt, zu behandeln. Auf diese Weise liessen sich, so denkt Kellogg, die Fähigkeiten von Affe und Kind vergleichen. «Humanizing the Ape», also Vermenschlichung des Affen, nennt er seine Studie.
Der Affe überholt das Kind
In einem Punkt scheitert Kellogg allerdings schon vor Beginn des Experiments. Es gelingt ihm nicht, ein neugeborenes Affenkind zu beschaffen. So zieht im Juni 1931 die siebeneinhalb Monate alte Schimpansin Gua bei den Kelloggs ein. Das Äffchen und der Junge tragen identische Strampler, werden im Hochstuhl gefüttert, zusammen spazieren gefahren und so weiter.
Gua lernt schnell. Sie meistert es, aufrecht zu gehen, mit dem Löffel zu essen und ihr Geschäft auf dem Töpfchen zu verrichten. In vielerlei Hinsicht übertrumpft sie gar ihren Ziehbruder Donald. So versteht sie beispielsweise blitzschnell, dass man einen Stuhl benutzen muss, um einen von der Decke baumelnden Keks zu schnappen.
Doch eines lernt sie aller Anstrengungen der Kelloggs zum Trotz nicht: die menschliche Sprache. Donald zeigt sich in der Hinsicht viel lernfreudiger. Nur ahmt er nicht seine Eltern nach, sondern Gua. Das Menschenkind stösst Fressgrunzer aus und verliert nach und nach sogar die wenigen Worte, die es bereits gelernt hatte. Überhaupt mutiert Donald vor den Augen seiner Eltern langsam zum Affen: Er krabbelt auf allen Vieren, trägt Gegenstände im Mund herum und benagt seine Schuhe.
Nach neun Monaten bricht Winthrop Kellogg das Experiment unvermittelt ab. «Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass keine der Versuchspersonen während des Versuchs wirklich zu reden lernte», schreibt er in seinem Buch «The Ape and the Child». Über weitere Gründe für das Experiment-Ende kann nur spekuliert werden.
1947 kommt es zu einem weiteren Versuch, einen Affen wie ein Kind zu erziehen. Keith und Cathy Hayes, beides Psychologen, adoptieren das Schimpansenbaby Viki. Doch auch die Hayes schaffen es trotz grösster Mühe nicht, der Schimpansin menschliche Sprache zu entlocken. Viki kommt über vier undeutlich gemurmelte Worte – mama, papa, cup (Tasse) und up (hoch, im Sinne von hochheben) – nie hinaus.
Das konsequente Schweigen der Affen liess vermuten, dass sie nicht in der Lage seien, die menschliche Lautsprache nachzumachen. Freilandbeobachtungen von Schimpansen zeigten jedoch, dass ihnen etwas anderes offensichtlich angeboren ist: der Gebrauch von Gesten. Diese Erkenntnis veranlasst das Psychologenehepaar Gardner im Juni 1966 die Schimpansin Washoe in Pflege zu nehmen und das «Projekt Washoe» zu starten.
1969 publizieren die Gardners die Resultate ihrer Studie im Fachblatt «Science». Die Welt staunt. Die Schimpansin Washoe hat innerhalb von drei Jahren 30 ASL-Zeichen gelernt. Mehr noch: Sie ist in der Lage, Zeichen zu neuen Wörtern zusammenzusetzen und Wortkreationen zu bilden. Der Schwan ist für sie beispielsweise ein «Wasservogel». Washoe lernt von ihrem Gebärdensprachlehrer Roger Fouts vor allem durch Anleitung, indem ihre Arme und Hände zu der entsprechenden Gebärde für einen vorher gezeigten Gegenstand geformt werden. Manchmal guckt Washoe Gesten auch einfach bei ihren in ASL gebärdenden Betreuern ab. 1970 bringt sie es so auf 132 Gesten.
Der kleine Schimpanse Loulis ist der Adoptivsohn von Washoe. Von ihr lernt er die Gebärdensprache ASL:
Nichts als ein Affentheater?
Im selben Jahr reichen die Gardners Washoe an das Institut für Primatenforschung in Norman im US-Bundesstaat Oklahoma weiter. Dessen Leiter William Lemmon steckt Washoe in einen kargen Betonkäfig im Affentrakt. Roger Fouts, der ebenfalls nach Norman umgesiedelt ist, kann Lemmon schliesslich überzeugen, Washoe mit vier anderen jungen Schimpansen auf einer Insel wohnen zu lassen. Dort unterrichtet Fouts Washoe und ihre neuen Freunde in ASL. In Norman bringt Roger Fouts auch Schimpansen, die wie Kinder in Familien leben (damals ein nicht allzu seltenes Phänomen), die Taubstummensprache bei. Eine seiner Schülerinnen ist Lucy, die beim Psychologenehepaar Maurice und Jane Temerlin aufwächst. Lucy weiss mit Silberbesteck und Haushaltsgeräten umzugehen, hat eine Vorliebe für reich bebilderte Illustrierte und trinkt Chablis und Gin. Sie lernt von Fouts über 70 Gebärden und erfindet aus ihr bekannten Wörtern neue Begriffe wie «Trink-Frucht» für Wassermelone. Durch einen Fotobericht im LIFE-Magazin wird Lucy 1972 weltberühmt.
Auch andernorts versuchen Forscher in den 1970er- und 1980er-Jahren, Affen die menschliche Sprache näherzubringen. In Kalifornien wird die Gorilladame Koko in ASL unterrichtet, in Pennsylvania benutzt und liest die Schimpansin Sarah Wörter und Verknüpfungen, die mit Plastikchips unterschiedlicher Formen und Farben symbolisiert werden und in Atlanta teilt sich die Schimpansin Lana den Forschern auf «Yerkish» – einer auf Symbolen, sogenannten Lexigrammen, basierenden Kunstsprache – mit. Kurzum: Die Ergebnisse scheinen vielversprechend.
Schimpanse Kanzi «spricht» auf Yerkish:
Doch dann sorgt eine neue Studie für Ernüchterung. 1979 publiziert der Psychologe Herbert Terrace die Ergebnisse seines Sprachversuchs mit dem Schimpansen Nim Chimpsky (der Name war eine Anspielung auf den Linguisten Noam Chomsky, der propagierte, nur der Mensch verfüge über Sprache). Die Bilanz ist vernichtend: Nim soll zwar 125 ASL-Handzeichen gelernt haben, aber in Grammatik hatte er völlig versagt. Terrace schlussfolgert, Menschenaffen könnten keine Sätze bilden, sondern plapperten im Wesentlichen einfach das nach, was ihnen ihre Betreuer «vorsagten».
Schimpanse Kanzi versteht, was die Betreuerin von ihm will und befolgt die in Englisch gegebenen Anweisungen:
Das Ende einer Forschungsära
Terrace’s Studie löst unter Wissenschaftlern eine grosse Kontroverse aus. Im Mittelpunkt des Streits steht die Frage, ob die Affen wirklich verstehen, was sie sagen, oder ob sie vielmehr vom Menschen ausgesendete bewusste oder unbewusste Signale richtig interpretierten, ähnlich dem Pferd «Kluger Hans». Der hatte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Rechnungen gelöst, indem er die richtige Zahl mit Hufstampfern anzeigte. Doch Hans war kein Einstein, sondern konnte einfach die Körpersprache seines Gegenübers im Hinblick auf dessen Reaktion und die korrekte «Antwort» ziemlich gut einschätzen.
Die Reaktionen der Skeptiker sind für die Primatenforschung mit Zeichensprache folgenreich. Zwar gibt es noch einige längerfristige Projekte wie zum Beispiel mit dem Orang-Utan Chantek, der sogar den Umgang mit Geld lernt, oder dem Bonobo Kanzi, der Yerkish nicht paukt, sondern quasi nebenbei von seiner Mutter Matata lernt – aber die goldene Ära der «sprechenden» Affen ist vorbei.
Übrig bleiben die ehemaligen «Schüler»: Washoe, Lucy, Nim und viele andere. Washoe lebt bis zu ihrem Tod 2007 in der Obhut von Roger Fouts. Sie gibt ihre Fähigkeit, mit ASL-Gesten zu kommunizieren, an ihren Adoptivsohn Loulis weiter. Lucy wird 1977 von den Temerlins in den afrikanischen Busch «ausgewildert», wo sie ein Jahr später stirbt. Nim landet in einem Versuchslabor. Angestellte berichten, er habe mit den Zeichen für «hug» und «play» um Zärtlichkeiten und Spiel gebettelt. Er stirbt im Jahr 2000 in einer Tierauffangstation.
Heute gehen Forscher lieber der spannenden Frage nach, was ein Affe dem anderen zu sagen hat.