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Meine letzte Nacht heute in Como. Ich habe mich zurückgezogen. Ich bin in einer Seitengasse. Ich höre Jazz. Ich esse rohes Fleisch. Ich trinke Weisswein. Ich bin alleine, na und? Die Musik besänftigt, tröstet. Ich kenne alle diese standards. Ansonsten ist Italien musikalisch relativ unterentwickelt; die Jugend marschiert im Gleichschritt, das soziale Panoptikum prägt und beeinflusst jeden. Zeit also für eine kleine Zusammenfassung.
Ich war ein guter Tourist. Ich habe viel Geld ausgegeben. Ich habe die lokale Industrie gestützt. Ich habe wohl alle Attraktionen abgehakt. Doch Como selber habe ich rasch erschöpft. Ich bin sicherlich zehn Male die grossen Einkaufsstrassen rauf- und runtergeschlendert. Ich habe sogar eingekauft, obwohl ich grundsätzlich selten im Ausland beispielsweise Kleidung einkaufe, weil ich bereits bestätigte Zulieferer für alle meine Sachen weiss.
Ich war einsam, natürlich. Die Abende und Tage in Como waren sehr einsam. Ich hatte kaum Konversation, die einzige erwähnenswerte habe ich bereits erwähnt. Ich fürchtete, meine Sprache zu verlieren. Stattdessen übte ich das Schreiben. Das hier Publizierte ist bloss das wirklich Verwertbare; den Rest verschliesse ich im Tagebuch. Ich habe das impulsive Schreiben weiterentwickelt. Ich habe mir tagsüber Themen notiert, alles schön nach Kanban. Am Abend habe ich abwechselnd impulsiv und konzentriert geschrieben-resümiert; das Tagebuch als Notizblock.
Ich mietete mir ein Auto in der Schweiz. Ich bin Kunde der Mobility. Mein Auto war so schwach, dass ich bloss im zweiten oder höchstens dritten Gang fahren konnte. Nur damit konnte ich mir vergewissern, dass ich wirklich über Pferdestärken herrsche und walte. Ich fuhr einen uninspirierten Opel, für Kenner ein Grossvater- oder Hündelerauto, das zweckmässiger nicht sein könnte. Ich raste zu schnell, zu sportlich am Comer See entlang. Ich pausierte hier und da, trank Kaffee und Wein.
Die Abende waren hart. Zweimal wollte ich kapitulieren und im McDonald’s speisen. Das wäre unkompliziert gewesen. Ich hätte mich auf die unbequeme Sitze quälen und einen BigMac verdrücken können. Ich hätte gefressen und die natürliche Pflicht erfüllt. Aber in Como ist das Abendessen das einzige wirkliche happening. Es ist der Anlass schlechthin; es ist Comos Bestimmung. Jeden Abend turteln junge oder alte Paare, schwedische, holländische, französische und vor allem italienische durch die Gassen. Sie studieren die Karten, vergleichen Preise und einigen sich schliesslich.
Ich durfte mich immer abseits hinsetzen. Meistens in einer Ecke war ein Tisch nicht besetzt; kein Paar oder grosse deutsche Familie schwieg oder lärmte. Aber die Blicke haben geschmerzt. Sie alle waren verblüfft, verwundert, dass ich alleine durchaus gutes Essen bestellte, Wein oder Bier trank. Dass ich alleine hier bin. Denn wer ist schon alleine in Como. Bloss die Flüchtlinge sind einsam und einige locals, die über alles wachen. Como ist wirklich denkbar schlecht für lonely hearts. Wer einsam ist, muss in eine westliche Weltstadt, dessen Verkehrssprache er spricht. Mit offenen Augen kann man dort durchaus Menschen ansprechen, man kann Konversationen führen. Hier in Como ist’s quasi unmöglich, das Nachtessen ist bereits von den Paaren und Familien okkupiert. Und die reden selber kaum, ausser der vorlaute Nachwuchs.
Es ist eine stille und sehr kleine Stadt. Ich empfehle die Stadt durchaus, aber bloss als Paarurlaub. Aber als Steppenwolf deprimiert die Stadt einen. Denn die spärlichen touristischen Reize kann man nicht wirklich geniessen, wenn man sie nicht teilen kann. Den grössten Reiz, ein Rundflug mit einem berühmten Wasserflugzeug allerdings, habe ich mir nicht gegönnt. Ich hatte mich auch nicht ernsthaft bemüht. So ein Panoramaflug könnte eventuell auch alleine unterhalten.
Bin ich nun tiefenentspannt? Ich bin gewiss entspannter als vor einer Woche. Damals war noch berufstätig, ziemlich unmotiviert. Ich hatte die Sinnhaftigkeit meines Tun hinterfragt. Das tue ich weiterhin. Ich werde ohnehin eine berufliche Veränderung anstreben. 2016 ist mein Jahr der Wiedergeburt, nicht als Christ, sondern als Mensch, als Individuum, als David. Ein Neo-David-Projekt. Das ungefähr fünfte? In diesem Kontext war der Unterbruch in Como durchaus nützlich und hatte mich angeregt. Er hatte mir bewiesen, dass ich schreiben muss, damit ich überleben kann. Er hatte mir auch den sicheren Hafen aufgezeigt. Das alleine rechtfertigt das Geld, das ich ausgab.