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Ab ungefähr 1400 brach im sogenannten «finstere Mittelalter» der Tag an. Die Menschen entdeckte das Diesseits und setzten nicht mehr alle Hoffnung auf das Jenseits. Sie begannen sich vermehrt mit der Welt zu beschäftigen.
Eine Reihe von Gründen spielten dabei mit: es entstanden Handelsdynastien wie die die Medici und die Fugger. Neue Fernhandelsrouten wurden erschlossen. Es entstanden weitere Gesellschaftsgruppen die es etwa mit Tuchhandel zu einigem Wohlstand brachten, das Bürgertum wurde einflussreicher. Im gleichen Zeitraum wurden die Schriften der Antike wiederentdeckt, daraus abgeleitet entwickelte sich eine veränderte Ästhetik. Während etwa zuvor auf Bildern und bei den Skulpturen Heilige und biblische Themen in gleichförmiger Weise abgebildet wurden, begannen die Figuren neuerdings gewissermassen zu leben. Sie bekamen individuelle Gesichtszüge, ihre Körper wirkten weniger starr und puppenartig, sondern menschengemässer und proportionierter. Zudem machte die Wissenschaft grosse Fortschritte, wo vorher Aberglaube war, begann man die Dinge nun systematisch zu untersuchen, basierend auf den Anleitungen der antiken Denker. Der damals erfundene Buchdruck ermöglichte im Weiteren die effiziente Verbreitung der neu gewonnen Erkenntnisse. Dieser veränderte Blick auf die Welt und ihre Bewohner kennt man unter dem Begriff Renaissance.
Neue Architektur
Die Kombination von neuem Wohlstand und veränderten bildlichen Darstellungen führten zu einem Aufschwung der Kultur. Wer damals über eine gut gefüllte Geldschatulle verfügte, wollte anderen die eigene Bedeutung vor Augen führen. Beispielsweise indem man sich kunsthandwerkliche Meisterleitungen gönnte, etwa im Form von Silberschalen oder Wappenscheiben.
Wie moderne Sponsoren stifteten vermögende und einflussreiche Familien künstlerisch gestaltete Fenster für Gotteshäuser. Mit dem Übergang in die Renaissance wurden auch Rat- und Zunfthäuser sowie Liegenschaften von Adligen, von Amtspersonen und von Bürgern wurden mit farbigen Fenstern versehen. Neben religiösen Themen, stellten sie oft die gesellschaftliche Bedeutung des Hauseigentümers oder des Spenders der Scheibe dar.
In der Zeit von Fürstabt Ulrich Rösch wurde der Hof zu Wil zu einem Finanz-, Verwaltungs- und Gerichtszentrum ausgebaut.
Aufschwung für Wil
Mit Ulrich Rösch wurde 1463 ein Mann zum Abt und Landesherr ernannt, der wie Unternehmenssanierer handelte. Er wird als zweiter Gründer des Klosters St. Gallen bezeichnet, weil er den Finanzhaushalt des damals maroden Gotteshauses in Ordnung brachte und das Klosterleben straffte. Er baute zudem den Hof zu Wil zu einem Finanz-, Verwaltungs- und Gerichtszentrum aus. Zugleich vermittelte er für Wil zusätzliche Marktrechte, was sich in vermehrten Einnahmen niederschlug. Angrenzend an den Hof entstanden repräsentative Häuser aus Stein, die mit farbigen Fenstereinsätzen ausgestattet wurden. Diese sind heute beispielsweise am Gerichtsgebäude oder in der Äbtestube des Hofs noch zu sehen.
Färben von Glas
Eine ganze Reihe von Glasmalern wurden in Wil während der Renaissance und im anschliessenden Barock sesshaft. Sie arbeiteten für Klöster, Kirchen und Privatpersonen in der Region.
Der erste bekannte ist Martin Ruchensteier. Weitere Berufskollegen waren Hans Wirt, Hans Weiss, Hans Melchior Schmitter sowie Hans Caspar und Hans Balthasar Gallati. Sie beherrschten als sogenannte Schiltbrenner das anspruchsvolle Kunsthandwerk des Bemalens und Einfärben von Glas mittels Chemikalien und Hitze.
Zentrum der Goldschmiede
Auch tüchtige Silber- und Goldschmiede sorgten mit kunsthandwerklichen Meisterwerken für einen diesbezüglich klingenden Namen von Wil. Von 1541 bis 1838 waren 26 Goldschmiede in der Stadt tätig; 35 weitere sind bekannt, aber keine Arbeiten mehr von ihnen mehr auffindbar. Sailer, Gennius, Renner, Beck, Riggenschwiler, Preker sind einige Namen der Wiler Goldschmiedemeister, von denen es zum Teil mehrere Generationen tätig waren.
Silber des Rates
Die Stadt hatte ein einigen Bedarf an Silbergegenständen. Viele Städte besassen ab dem Mittelalter das sogenannte «Ratssilber». Es diente vor allem repräsentativen Zwecken, es sollte den Bürgerstolz unterstreichen. Zum Teil schenkten die Behörden silberne Schalen und dergleichen an verdiente Würdenträger. Wenn eine Nichtbürgerin einen Bürger heiratete, hatte sie einen entsprechenden Becher in Silber als Mitgift abzuliefern. Hatte sich jeweils eine grössere Menge angesammelt hatte, übergab man sie dem Goldschmid zum Einschmelzen. Der Ertrag floss in die Stadtkasse, die daraus ihre Aufgaben finanzierte. Auch die Stadtschützen waren ihrerseits Besitzer von wertvollen Gegenständen aus Edelmetall.
Ein Weihrauchgefäss im Kloster Magdenau aus einer Wiler Goldschmiedewerkstatt.
Leergeräumte Gotteshäuser
Eine Hochblüte erlebten die Wiler Goldschmiede ab der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts. Zuvor waren während der Reformation viele kirchliche Statuen geraubt, beschädigt oder verkauft worden. Zudem eigneten sich weltliche Behörden kirchliche Kultgegenstände an, weil sie damit einen materiellen Ausgleich zu den Privilegien von Kirche und Klöstern erwirken wollten. Diesem so genannten «Bildersturm» war eine umstrittene Entwicklung in der katholischen Kirche vorangegangen: Gläubigen hatten Schenkungen von kirchlichen Kultgegenständen eine Befreiung von den Strafen für ihre Sünden «erkauft».
Neue Kultgegenstände
Die Kirchenführer beschlossen am Konzil von Trient 1545 die Erneuerung des katholischen Glaubens durch eine Gegenreformation. In der Folge bestand eine grosse Nachfrage nach Statuen von Heiligen, an Reliquienschreinen aus Edelmetall und weiteren Kultgegenständen. Dies bescherte den Wiler Goldschmieden viele Aufträge, etwa für Monstranzen, Büsten von Heiligen, Vortragekreuze, Rauchfässer, Äbtissinnenstäbe und weiterem mehr.