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Viele Leute vertrauen zu Recht der modernen, wissenschaftlichen Medizin. Niemand würde sich heute einem operativen Eingriff unterziehen, zu dem keine wissenschaftlichen Daten zu Erfolg und Risiken existieren und positive Erfahrungsberichte von Patienten fehlen.
Genau so aber verhält es sich mit der Organspende am Lebensende – auch postmortale Organspende genannt. Die erwähnten Daten fehlen. Die Transplantationsmedizin verpflanzt Organe, ohne die Risiken und Nebenwirkungen zu kennen und ohne den wissenschaftlichen Nachweis erbracht zu haben, dass Spendenden mit dem Eingriff kein Leid zugefügt wird.
Sie ist offenbar der Meinung, dass diese Beweise nicht nötig seien. Spendende – bei ihnen ist wohlgemerkt nur das Hirn tot – seien tot und könnten nichts mehr wahrnehmen.
Bei einem Eingriff muss aber der ganze Prozess, von Anfang bis Ende, genau beurteilt werden. Es stellt sich nicht nur die Frage, wann Spendende tot sind, sondern auch jene, ob die massive Verlängerung des Sterbeprozesses für Spendende negative Folgen hat. Beim natürlichen Sterbeprozess stirbt der Körper innert weniger Tage vollständig. Bei der Organtransplantation aber dauert es Monate oder Jahre, bis der ganze Körper – inklusive der gespendeten Organe – gestorben ist. Spendende sind über längere Zeit in einem Zustand, in dem ein Teil ihres Körpers tot ist und ein Teil lebt.
Der amerikanische Neuropsychologe Paul Pearsall hat Empfänger von Spenderherzen begleitet. Er beschreibt, dass Empfänger Ereignisse geträumt hätten, die der Spender erlebt habe, und dass Empfänger Vorlieben für bestimmte Musik, Kunst oder Speisen vom Spender übernommen hätten. Pearsall postuliert die Existenz eines Zellgedächtnisses, das heisst, dass die Erinnerungen des Menschen in jeder seiner Zellen gespeichert seien. Spendende leben also in gewisser Weise in den Empfängern weiter.
Biologisch gesehen geht das Leben der Spendenden in den verpflanzten Organen ganz klar weiter, denn die Zellen dieser Organe enthalten die Gene der Spendenden. Und diese Gene wiederum steuern das Leben der Zellen. So produzieren zum Beispiel die Zellen einer transplantierten Leber für den Spender typische Proteine, welche dann ins Blut des Empfängers abgegeben werden. Bei Organempfängern besteht eine Vermischung von zwei Lebewesen, genetisch sind sie Chimären.
Der deutsche Schriftsteller David Wagner fühlt sich, seitdem er eine fremde Leber erhalten hat, nicht mehr alleine in seinem Körper. Er beschreibt, dass die Spenderin im Geist zu ihm spreche.
Die Wissenschaft kann nicht ausschliessen, dass bei einer Organtransplantation am Lebensende auch Geist oder Bewusstsein übertragen wird und dass Spendende das Weiterleben ihrer Organe wahrnehmen und sie leiden.
Ein weiteres, beunruhigendes Phänomen wird vom britischen Kardiologen und Nahtodforscher Sam Parnia beschrieben. Patienten mit Herzstillstand schwebten während ihrer Reanimation mit dem Bewusstsein über dem Körper und erlebten alles mit. Die Wissenschaft kann solche ausserkörperlichen Wahrnehmungen nicht erklären. Sie kann auch nicht ausschliessen, dass sich dieser Vorgang gleichfalls bei sterbenden Menschen abspielt.
Warum aber darf die Transplantationsmedizin diese Eingriffe durchführen, obwohl sie die genannten wissenschaftlichen Beweise schuldig bleibt?
Die Hüterin der wissenschaftlichen Medizin lehnt sich nicht gegen diesen Regelverstoss auf, nein, sie unterstützt Organtransplantationen am Lebensende und hat entsprechende Richtlinien erlassen. Diese wiederum bilden die Grundlage für das heute geltende Transplantationsgesetz.
Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) legitimiert einen gefährlichen, unwissenschaftlichen Eingriff. Es stellt sich die Frage, ob wirtschaftliche Interessen von Ärzten, Spitälern und der Pharmaindustrie sowie der Drang nach Spitzenmedizin und Prestige dazu führen, dass die Regeln der wissenschaftlichen Medizin und damit der Schutz der Patienten missachtet werden.
Die Medizin muss wissen, was sie tut. Nur vom eigenen Tun überzeugt zu sein, genügt selbstverständlich nicht als Legitimation für medizinisches Handeln. Das wäre gefährlich und könnte, wie in der Vergangenheit, zu tragischen Medizinirrtümern führen.
Die Wissenschaft lehrt, nur zu glauben, was bewiesen werden kann. Solange der Beweis fehlt, dass Hirntote nichts mehr wahrnehmen und dass die Verlängerung des Sterbeprozesses für Spendende keine negativen Folgen hat, könnte das Gegenteil zutreffen. Es besteht keine Sicherheit, dass Spendenden durch die Transplantation ihrer Organe am Lebensende kein Leid zugefügt wird. Die Eingriffe sind gefährlich und müssen gestoppt werden.
Alex Frei, 69, ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH. Von 1989 bis 1996 führte er eine Hausarztpraxis und anschliessend bis zu seiner Pensionierung 2017 eine psychotherapeutische Praxis in Winterthur. Nach seinem Studium und seiner Zeit als Assistenzarzt arbeitete er 1982 auch als Arzt für das IKRK in Afghanistan und leitete von 1986 bis 1988 zusammen mit einem Arztkollegen ein Spital in Simbabwe. Frei war der Co-Präsident des Referendumskomitees gegen die Widerspruchsregelung bei der Organspende, die allerdings vom Volk 2022 an der Urne gutgeheissen worden ist.
Ersterscheinung: NZZ am Sonntag, 31. Dezember 2023