Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03392.jsonl.gz/1280

Ist das Büchlein «Dankbarkeit» von Oliver Sacks (1933-2015) zufällig zu mir gekommen? Es lag zuoberst auf der Beige, die mir die Buchhandlung vorbereitet hat. Weil ich nach einem Buch zum Besprechen auf Seniorweb gefragt habe. Das Motto des Buches: «Ich habe den Tod vor Augen, aber mit dem Leben noch nicht abgeschlossen».
Vier Essays sind in «Dankbarkeit» enthalten. Im Vorwort wird ausgeführt, wie ihre Veröffentlichung mit dem Zeitpunkt des Todes des Autors korrespondierte. Diesen sah er beim Schreiben nahen. Er litt an einer tödlichen Krebskrankheit.
Alter
Im Kapitel «Quecksilber» schaut er voraus auf seinen achtzigsten Geburtstag und freut sich darauf. Wir vernehmen biographische Einzelheiten. Die Mutter war das sechzehnte von achtzehn Kindern. Oliver war der jüngste ihrer vier Söhne. «Immer war ich auf der höheren Schule der Jüngste in meiner Klasse. Dieses Empfinden, der Jüngste zu sein, ist mir geblieben, obwohl ich heute fast der älteste Mensch bin, den ich kenne».
Sein Vater, der vierundneunzig Jahre alt geworden sei, habe oft gesagt, «die Zeit zwischen achtzig und neunzig sei das schönste Jahrzehnt seines Lebens gewesen». Er habe keine Verengung, sondern eine Ausweitung seines Horizontes erlebt. Und dasselbe erlebe er, Oliver Sacks, heute. Mit achtzig Jahren überblicke man eine lange Strecke des Lebens und habe einen lebhaften, lebendigen Sinn für Geschichte. Das hohe Alter empfinde er nicht als einen Lebensabschnitt «zunehmender Trostlosigkeit», sondern als eine Zeit der Musse und Freiheit.
Ich muss gestehen, dass mich dieses erste Kapitel sehr neugierig auf die weiteren Ausführungen des Autors machte.
Im nächsten Kapitel «Mein Leben» vernehmen wir, wie er, mit einundachtzig Jahren mit dem Paukenschlag der Nachricht des bald zu erwartenden Todes umgeht. Er hatte erfahren, dass er »multiple Metastasen in der Leber» hatte. Entdeckt hatte man den sehr seltenen, zugrunde liegenden Tumor neun Jahre zuvor. Und hier hält er sich an seinen Lieblingsphilosophen David Hume, der mit fünfundsechzig Jahren erfahren hatte, dass er unheilbar krank war.
Doch er stellt einen grossen Unterschied zu Hume fest, der als Mann von sanftem Gemüt galt. (1711-1776): «Ganz im Gegenteil» schreibt er «ich habe einen heftigen Charakter und schiesse in allen meinen Leidenschaften über das Ziel hinaus».
Er beschreibt, wie er alles viel deutlicher sehe. Zeit für Unwichtiges habe er nicht mehr. Und «ich werde mir nicht mehr jeden Abend die Nachrichten anschauen und mich nicht mehr an Streitgesprächen über Politik und die globale Erwärmung beteiligen».
In kurzen knappen Sätzen beschreibt Sacks diese Ablösung. Sein vorherrschendes Gefühl ist die Dankbarkeit: «Vor allem aber war ich ein fühlendes Wesen, ein denkendes Tier auf diesem schönen Planeten und schon das allein war ein wunderbares Privileg und Abenteuer».
Und dann folgen noch die Kapitel «Periodensystem» und «Sabbat». In diesem letzten Kapitel vernehmen wir, dass die Eltern Sacks orthodoxe Juden waren und er in dieser Welt erzogen wurde. Wir erleben mit, dass er zum hundertsten Geburtstag einer Cousine eingeladen wurde, zu einem «reinen Familienfest». Und: «ich fühlte mich so geborgen in meiner Familie wie seit meiner Kindheit nicht mehr». Sein Freund und Cousin Robert John lud ihn und seinen Partner John Billy zum Freitagabendmahl in den Kreis seiner Familie ein. Die Angst, seine orthodoxe Familie zusammen mit seinem Liebhaber Billy zu besuchen, erwies sich als unbegründet.
Im Angesicht des Endes stellt Sacks fest, dass sich seine Gedanken «immer weniger mit den übernatürlichen und spirituellen Dingen beschäftigen, sondern zunehmend mit der Frage, was es heisst, ein gutes und erstrebenswertes Leben zu führen – und seinen inneren Frieden zu finden». Vielleicht sei der Sabbat auch der siebte Tag des eigenen Lebens, «der einem das Gefühl gibt, man habe seine Arbeit getan und dürfe nun guten Gewissens ruhen.
Der Autor
Oliver Sacks arbeitete fast fünfzig Jahre lang als Neurologe in New York und schrieb viele Bücher über die seltsamen Leiden und Zustände seiner Patienten. Darunter gibt es Titel wie: «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte», «Der einarmige Pianist», Über Musik und Gehirn». Er erhielt Preise und Auszeichnungen.
Kurz vor seinem Tod, im August 2015, erschien seine Autobiographie «On the Move». Hier erfahren wir, gemäss Rezension, von den wichtigsten Stationen in seinem Leben: Grossbritannien in der Nachkriegszeit, Kalifornien in den frühen sechziger Jahren und das «ewig pulsierende» New York. Ich freue mich darauf, mich bald in diese Autobiographie zu vertiefen! Der Artikel in Wikipedia über Oliver Sacks hat mir willkommene Ergänzungen zum Buch «Dankbarkeit» geliefert.
Oliver Sacks: «Dankbarkeit». Aus dem Englischen von Heiner Kober. 2015 Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg. ISBN 978 3 498 06440 2