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Lieber Charles Aznavour
Sie wollten erst ab 100 Jahren wieder Geburtstag feiern. Jetzt wurden Sie «nur» 94. Ein langes Leben quand même für den grössten französischen Chansonnier aller Zeiten.
Immer fanden Sie eine neue Art, «Je t’aime» zu sagen, Freuden und Seelenschmerz zu besingen. Jean Cocteau sagte: «Vor Aznavour war die Verzweiflung nicht populär, er hat sie sympathisch gemacht.» Sie wollten bald mit Präsident Macron nach Eriwan fliegen, wo Sie ein Nationalheld sind, weil Sie als Kind armenischer Auswanderer für die Erdbebenopfer von 1988 Geld gesammelt haben und für die Anerkennung des Genozids an den Armeniern kämpfen.
Wenn ich nicht mehr singe, lebe ich nicht mehr
«Aufhören? Nie», sagten Sie, «wenn ich nicht mehr singe, lebe ich nicht mehr.» Nun singen Sie nicht mehr. Aber Ihre Lieder bleiben. Zum Beispiel «La bohème» (Video unten), die Ode auf die MontmartreKünstler, die glücklich waren, wenn sie einen Café crème kriegten.
Mit neun Jahren standen Sie auf der Bühne, in 60 Filmen haben Sie gespielt, aber Sie wollten lieber singen, trotz hämischer Presse: «Wenn es so weitergeht, wird bald einer mit Holzbein singen», schrieb einer. Doch Edith Piaf nahm Sie auf ihre Amerika-Tournee mit. Später sangen Sinatra, Sammy Davis Jr., Liza Minnelli und Bob Dylan Ihre Lieder.
Alle waren nicht wirklich überrascht, als eine Umfrage von CNN und «Times» Sie 1998 zum «Variétékünstler des Jahrhunderts» erkor, vor Presley und Sinatra. Eigentlich wollten Sie noch eine Tournee unternehmen. «Auf der Bühne umkippen? Nichts für mich. Nein, ideal wäre, im Schlaf zu sterben», sagten Sie vor einer Woche. Auch das haben Sie geschafft. Adieu et merci, l’artiste.
Mit freundlichen Grüssen
Peter Rothenbühler