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1. Einleitung
Vor kurzem bin ich von einem vormittäglichen Bummel durch das Zentrum von Brisbane (Australien) ins Hotel zurückgekehrt, um mich für meine Rückreise in die Schweiz vorzubereiten. Ich bin aufgewühlt, noch nie in meinem Leben habe ich das pulsierende Leben einer "zivilisierten" Grossstadt, deren gepflegte Sauberkeit, gläserne Hochhäuser, blitzblanke Strassen und Pärke und die attraktiven, randvollen Auslagen in den Spezialgeschäften und Shoppingcenters derart bewusst wahrgenommen wie heute. Und noch nie habe ich es erlebt, dass die unmittelbaren Eindrücke von den unterschiedlichen Lebensumständen in zwei geographisch so nahen, aber entwicklungsbezogen weit auseinanderklaffenden Welten sich in meiner Vorstellung derart hart aneinander reiben.
Brisbane ist die eine dieser zwei Welten - Honiara und die Solomon Islands (SI) sind die andere. Dort habe ich in den letzten vier Wochen mit meinem Freund und Nachbar, Ernst Knellwolf, gelebt und gearbeitet. Dieser Bericht ist mein persönliches, subjektives Resumée einer ebenso beeindruckenden, faszinierenden wie nachdenklich stimmenden Reise in den Südpazifik. Ziel unserer weiten Reise in die Südsee waren nicht die touristisch hochdotierten Strände von Samoa, Fiji etc., sondern ein armes, unterentwickeltes und am Ausklang einer rund zweijährigen, bürgerkriegähnlichen Fehde stehendes Land mit rund 1000 Inseln in Melanesien, drei Flugstunden nordöstlich von Australien.
2. Unsere Mission
Während ich anfangs Februar 2003 zum ersten Mal nach Honiara flog, war es für Ernst bereits die dritte Reise in das Korallenmeer, nachdem er schon in 2001 und 2002 während einer längeren Phase auf den Solomon Islands gearbeitet hatte. "Installieren und Reparieren elektrischer und elektromechanischer Geräte und Anlagen in den Spitälern von Honiara und Gizo - Ernst ist der Projektleiter und ich bin sein Assistent" - so könnte diese von jeglichem Hilfswerk unabhängige und auf unsere eigene Rechnung basierende Mission kurz und bündig beschrieben werden. Dazu bedarf es aber noch einiger Erklärungen:
Im "Central Hospital" von Honiara - der Hauptstadt der Solomon Islands - arbeitet seit rund 10 Jahren Dr. Hermann Oberli, der ehemalige Chefarzt des Spitals Meiringen (CH), als Leiter der Chirurgie und Ausbildner einheimischer Ärzte.
Dr. Oberli, weitherum anerkannter Entwicklungshilfe-Chirurg mit langjähriger Tropenerfahrung, ist aber weit mehr als das: Er ist die eigentliche unternehmerische, planende, koordinierende und vermittelnde Kraft, welche dieses Spital de facto führt und vorwärtsbringt - bis hin zur stetigen medizinischen Besserausrüstung und zur Sicherstellung der Versorgung mit Energie und Infrastruktur. Und hiermit ist unsere Mission verknüpft: Dr. Oberli und Ernst kennen sich aus vielen gemeinsamen Militärdiensttagen im Schweizer Gebirge.
Ernst, der sich seinerseits nach dem Verkauf seiner Firma zu einem "hands-on" Entwicklungshilfe-Einsatz entschlossen hatte, bot Dr. Oberli seine Unterstützung in elektrotechnischen Problemstellungen an und wurde auf der Stelle engagiert. Seither sammelte Ernst in der Schweiz mannigfache elektrische und elektronische Geräte, Apparate und Werkzeuge, die in hiesigen Spitälern und vereinzelt bei der Armee in die Jahre gekommen sind und schickte sie zur Weiterverwendung auf die Inseln in der Südsee. Auch dieses Jahr ist uns eine Containerfracht auf dem Seeweg hierher vorausgegangen. Deren Inhalt steht zur Inbetriebnahme bereit. Dies ist der Installationsteil unserer Mission. Der Unterhaltsteil ist ohne Zweifel intensiver: Einerseits korrodieren hier wegen des feucht-warmen, tropischen Klimas alle nicht rostfreien Installationen und Anlagen innert kurzer Zeit, und anderseits fehlt den einheimischen Handwerkern in den Unterhaltsdiensten der Spitäler jeder Sinn für nachhaltige Pflege und Betreuung von Maschinen und Anlagen. "Solange hier etwas seine Funktion erfüllt, haben wir damit nichts zu tun, man ruft uns dann schon, wenn ein Gerät seinen Dienst versagt oder kein Strom mehr fliesst", lautet die Devise hier vor Ort. Die längere Mängel- und Bedarfsliste für die Spitäler in Honiara und Gizo (letzteres liegt rund 1½ Flugstunden westlich der Hauptstadt) gibt unsere Aufgaben und Problemstellungen auf der Unterhaltsseite unserer Mission vor. Ich werde in meinem Bericht nicht auf unsere eigentlichen Arbeitseinsätze in der vierwöchigen Aktion eingehen, diese sind im Tagebuch-Bericht von Ernst Knellwolf sehr ausführlich beschrieben.
3. Meine Motive - und Bedenken
Eine spontane Eingabe leitete mich damals, als ich Ernst mitten in seinen Schilderungen von der SI-Mission 2002 vorschlug, ich könnte ihn auf seiner nächsten Reise begleiten, ihm als "Assistent" wo immer nötig Unterstützung leisten und delegierbare Aufgaben übernehmen. Aber es lagen meinem Vorschlag schon damals klare Motive zugrunde:
Ernst nahm meine Idee spontan positiv auf, und er informierte mich bis zu unserem endgültigen Entscheid schrittweise und sehr ausführlich über die Rahmenbedingungen und Herausforderungen eines solchen nichtalltäglichen Unternehmens. Ich entwickelte dabei auch einige Bedenken, die verständlicherweise auch von meiner Familie getragen wurden. Im Vordergrund standen für uns die Gefahren der anhaltenden politischen Unrast im Zielland SI sowie Fragen der latenten gesundheitlichen Risiken, vor allem in Richtung Malaria und Dengue - Fieber. Als Tropen-Neuling fragte ich mich auch, wie ich die potentiellen Begegnungen mit mir unvertrauten Tieren, Reptilien, Insekten und Käfern erleben würde. Einmal entschlossen, Ernst auf seine dritte Mission zu begleiten, zerstreute ich diese Bedenken - bei meiner Familie konnte ich sie bis zu meiner heilen Rückkehr nie ganz ausräumen...
4. Ankunft im exotischen Land mit tausend Inseln - erste Eindrücke
Einer ersten Charakteristik der Solomon Islands begegnen wir bereits bei unserer Ausreise aus Australien: Der Flug nach Honiara startet um drei Stunden verspätet. Wir verbringen 5 Stunden auf dem Flughafen von Brisbane. Die mit uns reisenden Passagiere geben mir Gelegenheit, konkrete Vorstellungen zu entwickeln über die Menschen auf den Solomon Islands, mit denen wir zukünftig zusammenleben werden. Nicht nur mit ihrer dunklen Hautfarbe - die zwischen hellbraun bis dunkelschwarz variiert - auch mit ihrer Kleidung, mit ihrem Gepäck, das sie zum Flugzeug bringen (und vereinzelt mit ihrer ziemlich penetranten Ausdünstung) weht mir erstmals melanesisch-solomonische Südsee-Atmosphäre entgegen.
Beim Aussteigen in Honiara abends um 6 Uhr scheint noch eine brennende Sonne, es umgibt mich unvermittelt heiss-feuchte Luft. Das noch fast neue, einladende Flughafen-Gebäude mit dem Namen "Henderson Airport" nimmt uns mit seinen etwas kühleren Abfertigungsräumen in Empfang. Die Fahrt zu unserem Wohnstandort im Osten von Honiara Stadt offenbart mir erste Ausschnitte von der Insel Guadalcanal, der grössten Salomonen Insel. Weit hinten erkenne ich hohe Berge, die höchste Erhebung ist mit 2447 Metern über Meer fast gleichhoch wie der Säntis. Je näher wir der Stadt kommen, umso mehr manifestiert sich, wie die Einheimischen hier wohnen und leben:
Viele Palmen und üppige andere Bäume/Sträucher lassen mich schnell den natürlichen Reichtum dieser Gegend erahnen. Es wächst alles wild, von Plantagen oder einigermassen geordneten privaten Gärten ist nichts zu sehen. Auch keine Zäune, welche das offene Land in Grundstücke aufteilen. Wiesen mit Vieh darauf fehlen ebenso wie Äcker. Rechts folgt die Strasse dem Meeresstrand. Obwohl ich den Massstab ansetze, den mir Ernst empfohlen hat, bin ich vorerst betroffen vom Unrat, der die steinige Küste zum hellblauen, sauber erscheinenden Meer bedeckt: Plastiksäcke, Stofffetzen, undefinierbare andere Abfälle, gelegentlich ein Autowrack teils an Land, teils im Meer liegend. Hier ein völlig verrostetes, grosses Meerschiff, in Schräglage rund 10 Meter vom Ufer entfernt gekentert und dort seinem Verrottungsschicksal überlassen.
Erster Eindruck vom Industriequartier von Honiara: Breit ausgelegt auf einer grossen Ebene zum Meer hin. Unübersichtlich, man vermutet in diesen Gebäuden nicht organisiertes Werken und Fabrizieren - vielmehr reine Lagerhallen, meist mit viel altem Schrott umgeben und mehrheitlich schlecht beschriftet. Man ahnt, dass der Bürgerkrieg der letzten 2-3 Jahre in diesem Gebiet viele wirtschaftliche Aktivitäten zum Erliegen gebracht hat.
Die ersten Wohnhäuser, überwiegend einstöckige, auf Pfählen gebaute Holzbauten mit Kunststoffverkleidungen, dazwischen vereinzelt noch letzte "leaf houses", die urtümlichen charakteristischen Hütten der Einheimischen, ausnahmslos im Schatten hoher Bäume.
Wir beziehen schliesslich in einem kleinen Dorfteil namens "Panatina Village" Quartier, unser Haus steht leicht erhöht und ist von schattenspendenden Bäumen umgeben, mit herrlichem Blick auf das Meer.
5. Meine Angewöhnung an das Arbeitsumfeld - die Spitäler von Honiara und Gizo
Ich verhehle nicht, dass ich in beiden Einsätzen - in Honiara und Gizo - einige Zeit brauchte, bis ich meine Vorstellung von "Spital" an die hier angetroffene Realität adaptiert hatte. Den Begriff "Spital" habe ich bisher assoziiert mit den Farben weiss und hellgrün, mit kontrollierter Zutrittsberechtigung, peinlicher Sauberkeit an allen Ecken und Enden und tadellosem Unterhalt aller Räume und Anlagen, mit einer gewissen Ruhe und Abgeschiedenheit.
Hier in den Spitälern Honiara und Gizo fällt mir einerseits das viele Volk auf, das im Areal herum sitzt oder zirkuliert. Ich konnte bis zum Schluss nie erkennen, wer Patient, Angehörige/r, nicht uniformiertes Spitalpersonal oder sonst jemand war. Auf den Patientenbetten liegt oder sitzt meist nicht nur der Kranke, besonders im Kinderabteil sind die Betten stark bevölkert - öfters durchgebogen angesichts des Gewichts aller Leute, die darauf sitzen. Vor der Patientenaufnahmestelle, dem "Outpatient"-Abteil und der Zahnklinik warten in der Regel morgens um 0800 Uhr bereits dutzende von Leuten auf Zulassung, und sie warten ergeben und geduldig, ich sah die gleichen Leute oft nach 2 Stunden noch am gleichen Platz sitzen.
Hellgrün sieht man zwar im ganzen Umfeld der Operationssäle, weiss an den Uniformen eines Teils des Pflegepersonals, alles andere ist aber farbig bunt.
Einige Mühe habe ich anfänglich, mich an den Standard von Ordnung und Sauberkeit rund um die Spitalgebäude zu gewöhnen, sowie mit dem Unterhalts-Zustand von Anlagen und Infrastruktur. Offensichtlich fehlt da eine starke Führung duch die Verwaltungsorgane der Spitäler: Hier ein grosser Stapel von verrostenden Spitalbetten, dort eine Anzahl verstaubter und ausser Betrieb genommener Brutkästen für Frühgeburten, Abwasserrinnen mit aller Art von Abfällen drin. Verbreitet auch vertrocknete rote Flecken auf Steinböden und an Gebäudewänden - es sind die kaum mehr zu entfernenden Spuren, welche Betelnutkauende Besucher - trotz Dutzenden von Verbotstafeln - hinterlassen haben.
Im krassen und wohltuenden Gegensatz zu diesem Umfeld steht aber die strenge Hygienedisziplin, welche in den "Surgeries" (Chirurgischen Bereichen) und in den Labors durchgesetzt wird. Hier gibt es keinerlei Konzessionen, und auch wir als "Handwerker" wurden nicht einmal in die Vorräume der Operationssäle gelassen, ohne dass man uns vorher mit hellgrünen Schürzen, Hauben und Schuhüberzügen ausgerüstet hatte.
6. Meine Begegnungen mit Menschen
6.1 Die Einheimischen in Honiara
Das Einzige, was sie gemeinsam haben: Sie sind dunkelhäutig. Innerhalb dieses Prädikats sind sie aber sehr verschieden, man erkennt schnell, dass die Stadt früher mit ihren lockenden Beschäftigungsmöglichkeiten Zuwanderer aus den anderen Inseln angezogen hat. Besonders gut erkennbar sind die ganz Schwarzen aus den Westprovinzen (nahe Papua-Neu Guinea), Kaffeebraune mit beinahe blonden, ganz krausen Haaren aus Malaita, einer Nachbarinsel. Aber es sind da auch viele Zuwanderer von anderen Inselgruppen wie Polynesier und Mikronesier, deren Erscheinung sich erkennbar von den Urbewohnern der SI unterscheidet. Ein eigentlicher Aufsteller sind die Kinder mit ihren strahlenden, fröhlichen Gesichtern, mit ihrer Neugier und Unbesorgtheit. Sie sind dauernd in Bewegung, zu Land, im Wasser, an und auf den Bäumen, und sie lachen einen an und kommen entgegen wo immer man ihnen Aufmerksamkeit schenkt.
Viele Jugendliche und vor allem Erwachsene auf der Strasse hingegen erscheinen mir apathisch, ziellos, desinteressiert, etliche richtiggehend abgelöscht. Man erschrickt beinahe, wenn einem plötzlich jemand ein spontanes "Hello, how are you?" zuruft und lachend seine meist schönen weissen - oft aber auch knallroten - Zähne zeigt.
A propos: Die roten Zähne rühren vom unablässigen Kauen der "Betelnut" her, einer lokal sehr verbreiteten Droge, deren stark gesundheitsschädigende Wirkung auch von vielen Jugendlichen missachtet wird. Die Droge wird zu meinem Erstaunen an kleinen Ständen gemeinsam mit Zigaretten öffentlich zum Kauf angeboten! In Honiara und naher Umgebung sitzen, stehen und schlendern Halbwüchsige und Erwachsene tagelang zu Dutzenden umher, man fragt sich stetig, ob sie nicht arbeiten wollen oder nicht können.
6.2 Das Volk in Gizo
Gizo - in der Western Provinz gelegen - ist ein kleineres Städtchen rund 1 ½ Flugstunden von Honiara entfernt. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - hier die Infrastruktur bedeutend weniger entwickelt und städtisch ist als in Honiara, erscheinen mir hier praktisch alle Menschen aktiv, positiv, irgendeiner Aufgabe nachgehend. Sie sind offener, interessierter, es erscheint einem, dass dieser Mikrokosmos intakt ist. Es gibt nur Naturstrassen, darauf verkehren praktisch nur Taxis, vereinzelte Lastwagen. Wegen der vielen und sehr tiefen Löcher in der Strasse fährt alles im Schrittempo. Das Haupttransportmittel scheinen aber die Kanus zu sein - teils mit starken Motoren, vorwiegend aber noch mit Ruder vorwärtsbewegt - welche die Menschen von den nahen Nachbarinseln über das Meer hierherbringen. Wir kommen mit etlichen Menschen spontan ins Gespräch, auf dem Markt - der jeden Tag eine riesengrosse Auswahl an Fischen, Früchten, Gemüse anbietet - aber auch auf der Strasse, in einzelnen Mini-Restaurants, von denen es im Gegensatz zu Honiara hier mehrere gibt, in unserem kleinen, einfachen "Guest House", das von einer Grossfamilie mit drei Generationen geführt wird. "Hier stimmt die Welt", ist man geneigt zu sagen, der Aufenthalt auf dieser Aussenstation wird für uns zum überaus angenehmen Erlebnis.
6.3 Die "Eingeborenen" auf der Mini-Insel Maravagi
Diese Gegend bringt die unverfälschte Südsee-Atmosphäre am saubersten auf den Punkt. Wir verbringen hier in einer einfachen, von Eingeborenen geführten Gaststätte ein Wochenende zum Baden, Schnorcheln und Ruhen. Das abseits liegende, kleine, aus lauter leafhouses bestehende Dorf müssen wir in den dichteren Bäumen zuerst suchen. Und hier erhalten wir Anschauungsunterricht über die Wohn- und Lebensweise der Eingeborenen. Auch hier dröhnt zwar zeitweise ein Generator, der Strom für das ganze Dorf produziert - dieser erscheint aber auch als der einzige Störefried, welcher die Idylle der Einheit von Natur und Menschen beeinträchtigt. Ich nutze die Chance, mit einer Familie kurz zu plaudern - es ist Samstagnachmittag, Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene machen ausgedehnte Siesta direkt am Meer - es sieht nicht nur so aus, die Menschen beteuern auch, dass ihnen nichts fehlt, und dass sie hier in diesem Umfeld glücklich wohnen und leben können. Sie sind offenbar auch gläubig, die Kirche ist überdimensional gross für das Dorf, ohne jeden Metall- oder Kunststoffteil gebaut, offen und einladend. Nur das Medium, welches die Zeiten zum Beten ankündigt, ist nicht eine Glocke, sondern eine umgekehrt aufgehängte, leere Gasflasche, welche morgens, mittags und abends von einem jungen Einheimischen mit einem Holzstück geschlagen wird.
© April 2003 Kurt Meier, Bilder © 2003 K. Brauchli und © 2002 P. Honigmann