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Tsukuru Tazaki ist 36 Jahre alt, ledig und ein Einzelgänger. Das einzige, was ihn interessiert, sind Bahnhöfe. Er liebt es, in einem von Tokios Bahnhöfen zu sitzen und die Züge ein- und ausfahren zu sehen, Durchsagen zu hören und Fahrgäste zu beobachten. Auf Bahnhöfen findet er Trost und Entspannung. Warum das so ist, weiss er nicht. Sonst passiert nicht viel in seinem Leben. Er arbeitet als Ingenieur, kommt abends nach Hause, kocht, bügelt seine Hemden geht selten aus und hat ab und zu was mit einer Frau.
Sympathischer Sonderling
Tazaki empfindet sich selber als farblos. Er wundert sich, wenn sich jemand für ihn interessiert. Ausserdem ist er ein typischer Murakami-Held: leicht schräg, ein Grossstadtmensch ohne Beziehungen, der allein und einsam inmitten von Menschenmassen ein karges, einfaches Leben führt. Eigentlich ein Antiheld.
Doch es wäre keine Murakami-Figur, wenn da nicht etwas Unheimliches im Untergrund schlummerte. Etwas, das diesem ereignislosen Leben eine seltsame Aura und dem Roman Spannung verleiht. Auch Tazaki hat etwas an sich, das man als nicht ganz normal bezeichnen könnte.
Das Geheimnis des farblosen Herrn Tazaki
Der Roman beginnt mit dem Satz: «Vom Juli seines zweiten Jahres an der Universität bis zum Januar des folgenden Jahres dachte Tsukuru Tazaki an nichts anderes als an den Tod.» Man erfährt, dass er im Alter von knapp 20 Jahren ein traumatisches Erlebnis hatte. Seine vier engsten Freunde haben ihn von einem Tag auf den anderen verstossen und aus ihrem Leben getilgt, ohne zu sagen warum. Dieses Erlebnis hat Tazaki aus der Bahn geworfen und an den Rand des Todes gebracht. Seit damals führt er eine Art Schattenleben. Er ist nie ganz da.
Schliesslich ist es – wie so oft in Murakamis Romanen – eine Frau, die ihn aus seinem Dämmerzustand heraus reisst. Sie drängt ihn, sich der Vergangenheit zu stellen. Sie selber bleibt allerdings verschwommen, nicht fassbar. Murakami nutzt sie nur als Auslöser für seine Story. Und so macht sich denn Tazaki auf die Suche nach den verlorenen Freunden. Es wird eine schmerzhafte Reise zu sich selbst, zu seinen dunkelsten Träumen und Phantasien.
Gefährliche Nähe zum Kitsch
«Die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki» ist nicht im Phantastischen angesiedelt, ist keine Science Fiction wie die letzten Romane von Murakami. Er knüpft eher an die früheren Werke des Autors an. Die übersinnliche Atmosphäre, die man aus vielen Romanen Haruki Murakamis kennt, ist aber da – wenn auch nur dezent. Es ist ein stiller Roman, fast ein Kammerspiel. Es geschieht nichts Weltbewegendes. Die Beschreibung alltäglicher Verrichtungen nimmt viel Platz ein. Dabei bleibt Murakami ganz nah an seiner Figur dran. Er beobachtet, beschreibt und schildert dabei auch, was im Innern von Tazaki vorgeht, bis hinein in seine Träume. Die Sprache ist unspektakulär, reduziert.
Der Reiz des Romans liegt am ehesten noch in der detaillierten Beschreibung der Hauptfigur Tazaki. Die Geschichte selber wirkt dagegen nicht richtig glaubhaft. Oft schrammt Murakami haarscharf am Kitsch vorbei. An seine bekanntesten Werke, etwa «Mister Aufziehvogel» oder den kürzlich neu übersetzten Roman «Südlich der Grenze, westlich der Sonne», kommt «Die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki» leider nicht heran.
Buchhinweis:
Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Dumont Buchverlag, 2014.