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4 Grosstiere des Ärmelkanals:
Grosser Tümmler (Tursiops truncatus)
© 1990 Markus Kappeler
Riesenhai (Cetorhinus maximus)
Kegelrobbe (Halichoerus grypus)
Schweinswal (Phocoena phocoena)
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Insel Guernsey liegt im südwestlichen Bereich des Ärmelkanals, weist eine Fläche von 65 Quadratkilometern auf und wird von rund 55 000 Personen bewohnt. Sie gehört zu der aus fünf grösseren und vier kleineren Inseln sowie ungezählten winzigen Eilanden, Felsen und Klippen bestehenden Gruppe der «Kanalinseln» - jenem eigenartigen Archipel, der sich zwar im Besitz der englischen Krone befindet, jedoch nicht dem Vereinigten Königreich angehört und somit nicht der britischen Regierung untersteht.
Mit Wasserstandsunterschieden zwischen Ebbe und Flut von bis zu 13 Metern weisen die Kanalinseln einen der höchsten Gezeitenhübe der Welt auf. Die enormen Wasserstandsschwankungen sind mit besonders starken Strömungen verbunden, und die wiederum rufen eine sehr reichliche Befrachtung des Wassers mit nährstoffhaltigen Schwebstoffen hervor. Diese «Ecke» des Atlantiks ist deshalb ausgesprochen «produktiv», das heisst sie beherbergt eine besonders umfangreiche und vielgestaltige Meeresfauna, die von dichten Wolken von Planktonkrebschen bis hin zu kopfstarken Schwärmen von Makrelen und anderen kommerziellen Fischarten reicht. Und natürlich kann man hier auch einer ganzen Reihe meeresbewohnender Grosstiere begegnen, die sich am üppig gedeckten Tisch gütlich tun. Unter ihnen befinden sich der Riesenhai aus der Klasse der Fische sowie der Grosse Tümmler, der Schweinswal und die Kegelrobbe aus der Klasse der Säugetiere. Sie sollen auf diesen Seiten vorgestellt werden.
Der Grosse Tümmler
Der Grosse Tümmler (Tursiops truncatus)
gehört innerhalb der Ordnung der Waltiere (Cetacea) zur Gruppe der Zahnwale (Odontoceti) und da wiederum zur Familie der Eigentlichen Delphine (Delphinidae). Er weist eine Länge von 3 bis 4 Metern auf, wiegt um 200 Kilogramm und besitzt einen deutlichen, etwa 7,5 Zentimeter langen «Schnabel».
Das Verbreitungsgebiet des Grossen Tümmlers erstreckt sich rund um den Erdball: Er bewohnt sämtliche Ozeane und Meere der tropischen, subtropischen und gemässigten Zonen und fühlt sich auf hoher See ebenso wohl wie in Küstennähe. Seine Nahrung besteht aus einer grossen Vielfalt freischwimmender und bodenlebender Fische und umfasst ausserdem diverse Krustentiere.
Der Grosse Tümmler lebt gewöhnlich in Kleingruppen von fünf bis zehn Individuen mit mehr oder weniger festen Wohngebieten. Während der Paarungszeit, welche in den Sommer fällt, schliessen sich mehrere solcher Kleingruppen zu grösseren Schulen zusammen. Nach einer Tragzeit von 12 bis 13 Monaten bringen die Tümmlerweibchen jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Die Geschlechtsreife tritt verhältnismässig spät, nämlich erst im zehnten bis zwölften Lebensjahr ein, und die Tiere können unter natürlichen Bedingungen ein Alter von 25 bis 30 Jahren erreichen.
Eine deutliche Abnahme von Tümmlersichtungen in den europäischen Gewässern weist in jüngerer Zeit unmissverständlich darauf hin, dass die Bestände der schnittigen Meeressäuger stark zurückgegangen sein müssen. Verantwortlich hierfür sind zweifellos die vielfältigen Aktivitäten des Menschen im Bereich der Meere, die sich nachteilig auf die Tümmler auswirken. Zu nennen sind vor allem die Übernutzung der Fischbestände, das Auslegen von tückischen Nylonnetzen, die direkte Bejagung, die Störung durch Schiffsmotoren, der Fang für Delphinarien und die starke Gewässerverschmutzung.
Die Anstrengungen des Welt Natur Fonds (WWF) zielen zum einen darauf ab, einen Überblick über Struktur und Umfang der verschiedenen Tümmlerpopulationen auf der Erde sowie ihre Bestandsentwicklung zu gewinnen. Zum anderen setzt er sich dafür ein, dass bestimmte Meeresabschnitte mit gesunden Tümmlerpopulationen als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Mehr und mehr der kleineren Waltiere, darunter auch der Grosse Tümmler, kommen heute aufgrund des Engagements der internationalen Natur- und Umweltschutzorganisationen und des daraus resultierenden öffentlichen Drucks auf die Behörden in den Genuss nationaler und internationaler Fangbeschränkungen. Und aus demselben Grund bemühen sich die grossen Fischfangnationen heute zum Beispiel beim Thunfisch- und Lachsfang um delphinfreundlichere Fangpraktiken.
Der Riesenhai
Der Riesenhai (Cetorhinus maximus)
ist ein Vertreter der altertümlichen Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes), zu denen neben den Haien noch die Rochen und die Seedrachen gehören. Mit einer Länge von bis zu zehn Metern und einem Gewicht von bis zu vier Tonnen ist der Riesenhai der grösste Fisch, der in den europäischen Küstengewässern vorkommt, und weltweit wird er hinsichtlich der Grösse einzig noch vom Walhai (Rhincodon typus)
übertroffen.
Im Gegensatz zu den meisten Haien, die wir als angriffslustige Raubfische kennen, werden aber weder der Riesenhai noch der Walhai dem Menschen je gefährlich; sie ernähren sich nämlich ausschliesslich vom sogenannten Zooplankton, also von all jenen kleinen und kleinsten wirbellosen Meeresbewohnern, die keine nennenswerten Eigenbewegungen ausführen, sondern frei im Wasser schweben. Es besteht somit eine interessante Parallele zwischen den Haien und den Walen, von denen sich ja ebenfalls «ausgerechnet» die mächtigsten, die Bartenwale, auf die Nutzung dieser Futterquelle spezialisiert haben.
Bei der Nahrungsaufnahme schwimmt der Riesenhai mit weit aufgesperrtem Rachen gemächlich durch die Fluten, lässt das Wasser durch die Mundöffnung hinein- und durch die Kiemenspalten wieder ausfliessen. Dabei passiert das Wasser spezielle siebartige Kiemenreusen, in welchen selbst kleinste Planktontierchen, die sich im Wasser befinden, unweigerlich zurückgehalten und später dem Magen des Riesenhais zugeführt werden. Bis zu 1,5 Millionen Liter Wasser vermag der Riesenhai in einer einzigen Stunde auf diese Weise zu «filtern».
In den Wintermonaten hält sich der Riesenhai vornehmlich in tieferen Wasserschichten auf. In den Sommermonaten geht er hingegen gern in den oberflächennahen Wasserschichten auf Nahrungssuche und ruht auch dort. Sichtungen des mächtigen Fischs erfolgen daher meistens bei sommerlich schönem Wetter, und daher wird er mancherorts auch «Sonnenhai» oder «Sonnenfisch» genannt. Vermutlich hat dieses Verhalten allerdings nicht mit der Sonne selbst zu tun, sondern lediglich mit der jahreszeitlichen Verteilung des Zooplanktons.
Über die Gesellschaftsstruktur der Riesenhaie wissen wir kaum etwas. Manchmal sieht man die Tiere in grossen Schulen von fünfzig oder mehr Tieren nebeneinander her schwimmen. Ebenso häufig begegnet man ihnen jedoch als Einzelgänger. Auch hinsichtlich des Fortpflanzungsverhaltens der Riesenhaie tappen wir noch völlig im dunkeln. Bis heute ist beispielsweise nicht eindeutig geklärt, ob der Riesenhai tatsächlich lebendgebärend ist, wie man immer wieder liest.
Die Verbreitung des Riesenhais erstreckt sich über die gemässigte Zone des nördlichen Atlantiks und des nördlichen Pazifiks. An den nordwestlichen Küsten Europas, so auch im Bereich der Kanalinseln, wird er verhältnismässig oft gesichtet. Ansonsten ist über die Bestandssituation dieses mächtigen Knorpelfischs nichts Genaues bekannt. Natürliche Feinde scheint er kaum zu haben. Wirklich gefährlich wird ihm einzig der Mensch, der ihn als Tranlieferanten gezielt bejagt. Eigenartigerweise macht die Leber des Riesenhais nämlich bis zu 25 Prozent seines Körpergewichts aus, so dass sich aus einem einzigen Tier mehrere hundert Liter hochwertigen Lebertrans gewinnen lassen. Der Riesenhai verunglückt im übrigen auch oft als «Beifang» in Fischnetzen, die gar nicht für ihn ausgelegt wurden.
Da manches auf einen Rückgang der Riesenhaibestände in jüngerer Zeit hindeutet, setzt sich der WWF vorsorglicherweise dafür ein, dass diese Knorpelfischart von den verschiedenen Fischfangnationen unter Schutz gestellt wird oder dass zumindest durch Quotenregelungen eine Übernutzung der Bestände vermieden wird.
Die Kegelrobbe
Die Kegelrobbe (Halichoerus grypus)
gehört innerhalb der Ordnung der Robben (Pinnipedia) zur Familie der Seehunde oder Hundsrobben (Phocidae). Im Vergleich zum Seehund (Phoca vitulina)
, der anderen Robbenart, die an den Küsten Europas verhältnismässig häufig vorkommt, ist die Kegelrobbe recht gross und massig. Erwachsene Weibchen können bis zu 1,8 Meter lang und 150 Kilogramm schwer werden; die Männchen bringen es sogar auf 2,1 Meter und 300 Kilogramm.
Die Kegelrobbe ernährt sich überwiegend von Fischen. Während sie sich an Land recht plump und «unbeholfen» fortbewegt, erweist sie sich im Wasser als überaus wendiger Schwimmer und Taucher, welcher eine Geschwindigkeit von 30 bis 35 Kilometern je Stunde erreicht und damit selbst schnelle Fische wie Dorsche und Lachse zu erbeuten vermag.
Kegelrobben kommen beiderseits des Nordatlantiks vor. Ihr Weltbestand wird auf etwa 150 000 Individuen geschätzt. Davon leben allein im Bereich der Britischen Inseln etwa 90 000. Die grössten Kegelrobbenkolonien, welche mehrere tausend Tiere umfassen, finden sich auf den Äusseren Hebriden, North Rona und den Orkney-Inseln vor der West- bzw. Nordküste Schottlands. Hier versammeln sich die Kegelrobben alljährlich im Herbst an ihren traditionellen, zumeist für den Menschen nicht zugänglichen Felsküsten, um sich zu paaren und ihre Jungen zur Welt zu bringen. Ausserhalb der Fortpflanzungszeit wandern sie dann weit umher und besuchen Meeresgebiete, die viele hundert Kilometer von ihrem «Heimathafen» entfernt liegen. In dieser Zeit besuchen Kegelrobben auch regelmässig die Kanalinseln.
Der einzige natürliche Feind der Kegelrobbe scheint in europäischen Gewässern der Schwertwal zu sein, der hin und wieder eines glücklosen Individuums habhaft wird. Weit gefährlicher erweist sich demgegenüber der Mensch, der seit jeher das dichte Fell der Kegelrobbe sehr schätzt und in dessen Fischnetzen sich immer wieder Kegelrobben verfangen, die dadurch am Luft holen gehindert werden und kläglich ertrinken.
Die Robbenbabyschlachterei der früheren Jahre hat dank weltweiter Proteste seitens der Tier- und Naturschützer zum Glück ein Ende gefunden. Vermehrt werden heute aber Kegelrobben im Umfeld von Meerfisch-Zuchtanlagen abgeschossen, weil sie sich dort hin und wieder als Fischräuber unangenehm bemerkbar machen. Die «Robbenseuche», eine Infektionskrankheit mit einem hundestaupeähnlichen Virus, welche im Sommer 1988 in den norwesteuropäischen Gewässern ausbrach und rund 20 000 Seehunde dahinraffte, scheint die Kegelrobben glücklicherweise kaum beeinträchtigt zu haben. Blutproben haben gezeigt, dass zwar viele Kegelrobben dem Virus ausgesetzt waren, offensichtlich aber nicht daran erkrankten.
Im Bereich der Britischen Inseln sind die Kegelrobben seit über fünfzig Jahren gesetzlich geschützt. Tatsächlich ist der Bestand innerhalb dieser Zeitspanne stetig angewachsen. In zunehmendem Masse kommen heute internationale Konventionen zum Tragen, welche der Kegelrobbe auch in den übrigen Teilen ihres Verbreitungsgebiets Schutz vor dem Menschen gewähren. Im übrigen hat der WWF in jüngerer Zeit Untersuchungen finanziell unterstützt, deren Ziel es war, herauszufinden, wie man Kegelrobben von Fischzuchtanlagen fernhalten kann, ohne sie zu töten.
Der Schweinswal
Der Schweinswal oder Kleintümmler (Phocoena phocoena)
gehört zur Sippe der Zahnwale (Odontoceti) und bildet dort zusammen mit fünf nah verwandten Arten die Familie der Schweinswale (Phocoenidae). Bei allen sechs Arten handelt es sich um kleingewachsene, rundliche, geradezu «niedliche» Waltiere. So erreicht der eigentliche Schweinswal eine Länge von lediglich 1,4 bis 1,8 Metern und ein Gewicht von nur 60 bis 70 Kilogramm.
Der Schweinswal kommt im Nordatlantik und im Nordpazifik vor und ist hier im wesentlichen beschränkt auf die kühleren Gewässer mit einer mittleren Jahrestemperatur von weniger als 15° Celsius. Er hält sich vorzugsweise in seichten Küstengewässern auf und ernährt sich von verschiedenen Schwarmfischen wie Sprotten, Makrelen und Sardinen. Daneben nimmt er auch gerne Tintenfische zu sich.
Gewöhnlich lebt der Schweinswal in Gruppen von zehn bis fünfzehn Individuen, bildet aber zuweilen auch Schulen von mehreren hundert Tieren. Die Paarungszeit fällt in die Sommermonate Juli und August. Nach einer Tragzeit von elf Monaten bringen die Weibchen dann zumeist im Juli des darauffolgenden Jahres ein einzelnes Junges zur Welt. Deren Lebenserwartung liegt unter natürlichen Verhältnissen bei zehn bis fünfzehn Jahren.
Der Schweinswal ist ein sehr lautfreudiges und aktives Tier. Er springt aber im Gegensatz zu den Delphinen kaum je mit dem ganzen Körper aus dem Wasser, sondern gleitet nur sanft an der Meeresoberfläche dahin. Und er schwimmt auch nicht mit Schiffen um die Wette, wie dies seine langschnäbligen Verwandten so gerne tun.
Die Bestandssituation des Schweinswals in den nordwesteuropäischen Gewässern ist nicht genau bekannt. Die Tatsache, dass Sichtungen und auch Strandungen immer seltener werden, lässt allerdings befürchten, dass die Population stark rückläufig ist. Die Ursachen dafür dürften wie beim Grossen Tümmler und anderen Zahnwalen «menschgemacht» sein: Übernutzung der Beutefische und damit Entzug der Nahrungsgrundlage, Zunahme des küstennahen Schiffsverkehrs und dadurch erhebliche akustische Störungen der empfindsamen, mit Ultraschallpeilung arbeitenden Tiere, Auslegen kilometerlanger Nylonwandnetze, in denen die Tiere verunglücken, Verschmutzung der Meere mit giftigen Chemikalien, die den Schweinswal als Endglied diverser mariner Nahrungsketten in besonders konzentrierter Form treffen.
Immerhin haben die jahrelangen grossen Anstrengungen des WWF und anderer Natur- und Umweltschutzorganisationen dazu geführt, dass heute zunehmend auch die kleineren, weniger bekannten Waltiere von verschiedenen Nationen sowie im Rahmen internationaler Konventionen unter vollständigen bzw. lokal oder saisonal begrenzten Schutz gestellt werden. Eine überaus wichtige Aufgabe ist es nun, endlich auch der masslosen Verseuchung der marinen Ökosysteme, von denen letztlich alles Leben auf unserem Planeten abhängt, einen Riegel zu schieben.
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