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Ein Jahr nach der Geiseltragödie in Beslan beginnen die Projekte rund um die Rehabilitierung der Opfer der Schulhausattacke Früchte zu tragen.Dieser Inhalt wurde am 30. August 2005 - 10:01 publiziert
Die Geiselbefreiung hatte mehr als 300 Tote gefordert. Die Schweiz war eines der vielen Länder, die Betreuungsprojekte in der südrussischen Stadt aufbaute.
In den ersten Monaten nach der schrecklichen Tragödie hatte die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) einige Projekte eingeleitet, um den Opfern medizinisch und psychisch beizustehen.
Kaum eine Familie in der Stadt, die von der Attacke nicht betroffen war, und viele, die mindestens einen Toten in der Verwandtschaft zu beklagen hatten.
Ziel der Projekte war, den traumatisierten Bewohnerinnen und Bewohnern Beslans auf mittlere und längere Frist eine Behandlung zu ermöglichen. Örtliche Psychologen und Therapeuten wurden engagiert, um eine dauerhafte Betreuung zu sichern.
Universität Zürich involviert
Stephan Vetter von der Uni Zürich leitet ein psychosoziales Projekt in der nordkaukasischen Stadt. Er sagt, die traumatisierten Kinder hätten einen zusätzlichen Verlust erfahren, als das ausländische medizinische Personal aus Beslan wieder abgezogen wurde.
"Ein Zehnjähriger erzählte mir, er hätte einen sehr netten italienischen Betreuer gehabt, der in den Wochen nach dem Terrorangriff zu ihm geschaut habe. Doch dieser sei wieder weggegangen, und der Junge fühlt sich einsamer als vorher."
Rehabilitierung
Ende vergangenen Jahres sicherte die DEZA die Finanzierung eines Rehabilitations-Zentrums, das den Bewohnern Beslans psychologischen Support anbot. Kombiniert wurde dies mit einer Auswahl von Sport- und Freizeit-Angeboten.
Neun Monate nach der Eröffnung zieht dieses Zentrum immer mehr Besucher an. Im Juli organisierte das regionale DEZA-Büro in Vladikavkaz einige Sommer-Camps für Kinder und Jugendliche in den nordossetischen Bergen.
Mit Klettern, Wandern und Skifahren sollte der Erholungsprozess eingeleitet und ihre Wiederstandskraft gestärkt werden. Das Programm dürfte während den Winterferien weitergeführt und nächstes Jahr wiederholt werden.
Konstante Verbesserung
Das Psychosoziale Zentrum kümmert sich hauptsächlich um Kinder, nimmt jene auf, die es wünschen, und offeriert auch Spiel- und Kunsttherapie.
"Wir begannen mit 60 Personen, die mitmachten. Jetzt sind es schon fast 800 – das dürfte ja wohl ein Zeichen dafür sein, dass wir erfolgreich sind", sagt Vetter, dessen Zürcher Universitäts-Team die Idee zu diesem Zentrum hatte und die Teilnehmenden auch betreut.
Vetter und seine Mitarbeiter hätten dabei eine konstante Verbesserung des Zustands der Kinder und Jugendlichen, die das Zentrum nutzen, festgestellt.
"Ich bewundere diese Leute", sagt Vetter. "Sie finden den Weg zur Normalität zurück, obschon das Leben für sie nie mehr so normal wie früher sein wird."
Von der Depression in die Aggression
Laut dem Experten der Uni Zürich weiche die Depression, die als erstes Stadium im Trauerprozess gilt, langsam der Aggression – ein Zeichen der Gesundung, aus seiner Sicht. Den Jungen, die Aggressionen besonders bei Ballspielen entwickeln, könne geholfen werden, ihr Verhalten zu verstehen und es zu ändern.
Vetter sorgt sich weniger um die Zukunft der Kinder als um die Eltern, die eines oder mehrere Kinder verloren haben. "Frauen, die keine Kinder mehr kriegen, sind am meisten traumatisiert", sagt der Experte. "Ich mache mir nun Sorgen, dass die Kinder vom Trauma ihrer Eltern angesteckt werden könnten."
swissinfo, Morven McLean
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)
In Kürze
Das von der Schweiz unterstützte Psychosozial- und Sportprogramm für die Kinder in Beslan begann am 15. September 2004. Es dauert noch bis Juni 2006.
Das Budget beträgt 300'000 Fr.
Das Programm für Sport, Erziehung und Aufbau von Wiederstandskraft läuft vom 1. Juli bis Ende 2007.
Hier beläuft sich das Budget auf 230'000 Fr.
Fakten
Am 1. September 2004 stürmten Bewaffnete die Schule Nummer 1 in Beslan und nahmen mehr als 1200 Schüler als Geiseln.
Die Geiselnehmer liessen Bomben hochgehen, als die russischen Spezialeinheiten die Gebäude nach drei Tagen stürmten. Mehr als 330 Erwachsene und Kinder fanden dabei den Tod.
Inzwischen sind in der Stadt zwei neue Schulen gebaut worden, die zum neuen Schuljahr fertig stehen. Dieses beginnt am 5. September.