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Am 30. August starb der amerikanische Neurologe und Schriftsteller Oliver Sacks, 82 Jahre alt, an Krebs. Sacks, der mit der präzisen, aber auch humorvollen Schilderung von Krankheitsbildern berühmt geworden war («Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte»), zögerte nicht, auch den eigenen Gesundheitszustand öffentlich zu machen, als dieser sich abrupt veränderte. In einem Artikel für die «New York Times» schrieb er im Februar nicht nur über seine Erkrankung – ein seltenes Melanom am Auge, das neun Jahre zuvor entdeckt worden war, hatte Metastasen in der Leber gestreut, die nicht mehr zu behandeln waren –, sondern auch über die neue Erfahrung, dem Tod in die Augen zu schauen. In dem beeindruckenden Text gab er seinen Abschied von öffentlichen Debatten bekannt: «There is no time for anything inessential» und beschrieb die Furcht vor dem, was komme, und die Dankbarkeit für das, was war.
Vor Kurzem erschien nun im «New Yorker» Sacks’ letzter Text. Er heisst «Filter Fish». Sacks beschreibt darin, wie er nichts anderes mehr essen kann als das Gelee, das sich bei der Zubereitung von «Gefilte Fisch» bildet. «Gefilte Fisch» sind ein jüdisches Sabbat- und Feiertagsessen.
«Nun, in den letzten Wochen meines Lebens», schreibt Sacks, sei er so heikel geworden, dass er fast nichts essen könne ausser Suppen und Sülzen. Auf diese Weise sei er von den Umständen zu jener Speise zurückgeführt worden, die seine Mutter jeden Freitag mit Hingabe zubereitet hatte, nachdem sie ihre Pflichten als Chirurgin – Muriel Elsie Landau war eine der ersten Chirurginnen Englands – erfüllt hatte. «Gefilte Fisch», das Sabbatessen.
Der Fischhändler brachte lebenden Karpfen, Weissfisch oder Hecht ins Haus. Dazu wurde manchmal Barsch oder Meeräsche gemischt. Der Fisch musste getötet, enthäutet, entgrätet und in den Fleischwolf gestopft werden. Manchmal, als Belohnung für die Sorgen des Tages, durfte Oliver Sacks selbst dessen Kurbel drehen. Zur Fischmasse mengte die Mutter rohe Eier, ungesäuertes Brot, Zucker und Pfeffer – die Extraportion Pfeffer war die Spezialität der baltischen Juden. Oliver Sacks’ Vater Samuel stammte aus Litauen.
Aus der Farce formte die Mutter nun Bällchen von vielleicht fünf Zentimetern Durchmesser. Anderthalb Kilo Fisch ergaben ein Dutzend davon. Sie simmerten anschliessend in einem mit Karotten aromatisierten Sud vor sich hin, wurden gar und kühlten im Sud ab. Dabei bildete sich ein reichhaltiges Gelee, «für das ich», so Sacks, «eine besondere Leidenschaft empfand». Dazu gab es Meerrettich, den obligatorischen «Khreyn».
Es ist herzergreifend, den todkranken Sacks davon erzählen zu hören, wie die Mutter starb und mit ihr die einzigen «Gefilte Fisch» verschwanden, die der junge Mann als «richtig» empfand. Aber er teilt auch das unwahrscheinliche Glück mit uns, dass seine schwarze Haushälterin Helen Jones, am Herd ein «Genie der Improvisation», nach seiner Anleitung die Speise seiner Kindheit wiederauferstehen liess, exakt so gut, wie es die Mutter gekonnt hatte, so sehnsuchtsvoll, dass Sacks sie einen riesigen Topf davon kochen liess, als er seinen fünfzigsten Geburtstag feierte. Nur den Namen merkte sie sich nicht. Sie nannte das Gericht «Filter Fish».
Sacks erzählt die Geschichte eines Gerichts, das die Geschichte seines Lebens erzählt. Kinderspeise, Sehnsuchtsspeise, Labung auf dem Sterbebett. Mein nächster Abstecher in ein jüdisches Restaurant wird dem Gedenken an Oliver Sacks gewidmet sein und dem Geschmack des ganzen Lebens.