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Seit dem Beginn des Projekts ist mehr als ein Jahr vergangen. Welche Bilanz können wir ziehen?
In dem einen Jahr unserer Tätigkeit haben wir 1’647 anonyme, kostenlose und spontan durchgeführte Beratungen in den Notunterkünften und Tageszentren durchgeführt.
Die von uns betreuten Personen sind mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert. Sie haben kein oder nur ein geringes Einkommen, sind sozial isoliert, haben keinen festen Wohnsitz, halten sich illegal auf, kennen die Verfahren für den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung nicht und/oder sprechen keine Landessprache. Die meisten der von uns untersuchten Personen leiden an psychosozialen Störungen (18%), Hauterkrankungen (17%), dermatologischen Wunden und Verletzungen, Muskel- und Skelettschmerzen (15%) oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (13%).
Wie kann man Menschen, die in unsicheren Unterkünften oder auf der Strasse leben, angemessene Unterstützung bieten?
Die Notunterkünfte im Kanton Waadt haben einen grossen Bedarf in Bezug auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung für Menschen in prekären Verhältnissen festgestellt. Diese Bedürfnisse waren der Anlass für dieses Projekt.
Durch die wöchentliche Anwesenheit einer Pflegefachkraft können die gesundheitlichen Probleme der untersuchten Personen behandelt und ein Gang in die Notaufnahme vermieden werden. Häufig suchen Betroffene keine herkömmlichen Gesundheitseinrichtungen auf, weil sie Angst vor der Behörde oder der Rechnungsstellung (wie bezahlen) haben oder über keinen gültigen Aufenthaltsstatus verfügen. Ihr Gesundheitszustand kann sich dann verschlechtern: Es treten Komplikationen auf oder es entwickeln sich chronische Krankheiten, die eine langfristige Betreuung nach sich ziehen. Die Kosten sowie die personellen und materiellen Investitionen sind dann viel höher.
Bei den Konsultationen hat die Pflegefachkraft folgende Aufgaben:
- Gesundheitsprobleme einschätzen: chronische Krankheiten identifizieren, Risikosituationen erkennen.
- Einen Ort des Empfangs und Zuhörens anbieten, um zu beruhigen, Fragen zu beantworten, zu sensibilisieren und zu beraten.
- Pflegeberatung und -versorgung: Abgabe von Behandlungen/Materialien, Untersuchung und Messung von Vitalparametern.
- Neuorientierung der Personen innerhalb des Netzwerks entsprechend den festgestellten Bedürfnissen.
Inwiefern verstärkt die Coronavirus-Pandemie die prekäre Lage von Obdachlosen?
Die Schutzmassnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie hatten Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Dies gilt auch für viele Betreuungseinrichtungen, die ihre Türen schliessen, ihre Leistungen einschränken oder Telefonbereitschaftsdienste einrichten mussten. Diese Einschränkungen erhöhten die soziale Isolation der obdachlosen und gefährdeten Menschen im Kanton Waadt.
Während der verschiedenen Wellen der Pandemie kamen wir mit diesen Menschen in Kontakt. Sie befanden sich in einer immer grösser werdenden Armut. Der Rückgang der Schwarzarbeit und der Verlust des Arbeitsplatzes für diese ohnehin schon betroffenen Menschen verringerten die Aussichten auf ein „Überleben“ und eine potenzielle Stabilität.
Menschen, die einen Integrationsprozess durch die Arbeit, die Wohnsituation oder die Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung begonnen hatten, sahen sich mit Verdienstausfällen konfrontiert, die zu erheblichen Situationen der Vulnerabilität führten. Da sie nicht für alle Kosten zugleich aufkommen können, müssen diese Menschen eine Wahl treffen und verschulden sich mit Betreibungen oder verspäteten Mietzahlungen. Ihre Integration ist dadurch gefährdet.
Wie wird das Projekt von Médecins du Monde Schweiz den Bedürfnissen dieser Menschen gerecht?
Menschen in prekären Situationen haben die Möglichkeit, Gesundheitsfachleute zu konsultieren: Darin liegt die Bedeutung dieses Projekts. Diese Menschen können dann gesundheitsbezogene Beratung und Pflege erhalten, die das Risiko von psychosozialen Störungen oder langfristigen chronischen Krankheiten verringern.
Das Projekt ist auch Teil einer breiteren Perspektive der Gesundheitsförderung und der Verringerung sozialer Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Zugang zur primären Gesundheitsversorgung. Der Patient oder die Patientin kann auch innerhalb eines bereits bestehenden sozialen und medizinischen Netzwerks verwiesen werden oder von neuen Möglichkeiten profitieren, die den Zugang zu den Gesundheitsstrukturen des Kantons Waadt erleichtern. Betroffenen können Überweisungsscheine ausgehändigt werden. Diese ermöglichen es den Patientinnen und Patienten, sich sicherer zu fühlen, um Einrichtungen aufzusuchen. Es wird auch eine Betreuung unter den regulären Strukturen des Waadtländer Gesundheitssystems gewährleistet.
Ein (ehrenamtlicher) Bezugsarzt ist telefonisch erreichbar, um bei Bedarf Fragen zu beantworten. Mit dem Bezugsarzt wird auch daran gearbeitet, Prozesse zu definieren, wenn sich Situationen allenfalls wiederholen.
Das Zuhören und die Beziehungspflege sind ebenfalls ein sehr wichtiger Teil dieses Projekts.