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Chrut und Rüebli in der Augenheilkunde; Brigitte Meli – Augenärztin FMH, Küsnacht, Schweiz
Schweizerische Zeitung für Gesundheitsmedizin, 04.08.2014
Nahrungsmittel als Heilmittel für die Augen
Das Interesse an Nahrungsergänzungsprodukten ist in den letzten Jahren in der Ophthalmologie neu in Erscheinung getreten und bezieht sich insbesondere auf das trockene Auge sowie die altersbezogene Makuladegeneration (AMD) und deren Prävention.
Altersbezogene Makuladegeneration
Die AMD ist die häufigste Ursache für eine erhebliche Sehverminderung in unseren Breitengraden. Eine genetische Prädisposition ist nachgewiesen. Weitere Risikofaktoren sind Nikotinabusus sowie als Umweltfaktoren intensive Sonneneinstrahlung und die Ernährung. Das Licht, speziell das energiereiche blaue Licht, kann die Bildung von Sauerstoffmolekülen mit freien Radikalen und Wasserstoffperoxid anstossen. Diese wiederum reagieren aufgrund der freien Elektronen sehr schnell mit Molekülen mit Doppelbindungen. Da der Sauerstoffumsatz in der Netzhaut grösser als in jedem anderen Gewebe und die Lichteinstrahlung auf die zentrale Netzhaut (= Macula) am intensivsten ist, sind die Photorezeptoren mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren in den Aussensegmenten sehr vulnerabel. Durch abbauende Prozesse des retinalen Pigmentepithels und Bildung von Lipofuszingranula entstehen weitere oxidativ aktive Substanzen. Der Abbau von Membranscheibchen der Photorezeptorenaussensegmente erzeugt lipidreiches Material, das mit weiteren metabolischen Debris im Pigmentepithel abgelagert wird (Drusen; entspricht der trockenen AMD). Durch zunehmende Dysfunktion und Perfusionsstörungen wird als Folge der Gewebehypoxie vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor (vascular endothelial growth factor (VEGF)) produziert, der zur neovaskulären Entwicklung der AMD (= feuchte AMD) führt, wobei zusätzlich auch entzündliche Prozesse eine Rolle spielen. Die Netzhaut hat aber auch Schutzmechanismen, die exogen durch die Nahrung aufgenommen werden müssen wie Vitamin A, C, E und Karotinoide (wie z.B. Lutein, Zeaxanthin, Cryptoxanthin). In der zentralen Netzhaut kommen Lutein und Zeaxanthin vor, die der Macula auch die gelbe Farbe verleihen (= gelber Fleck). Dabei ist Zeaxanthin in den Zapfen vorhanden, die ganz im Zentrum stehen, und Lutein ist das Karotinoid der Stäbchen. Diese beiden haben durch ihr Absorptionsspektrum einen filternden Effekt auf das einstrahlende energiereiche blaue Licht und zudem eine direkte antioxidative Wirkung als Fänger freier Elektronen (= natürliche Sonnenbrille). Da Lutein und Zeaxanthin an beiden Enden polare Hydroxylgruppen haben, können sie in den Phospholipiden der Biomembranen eine transmembrane Orientierung einnehmen, was eine optimale Ausrichtung gegen das schädigende Licht gewährt. Darüber hinaus sind sie besonders resistent gegenüber einer oxidativen Schädigung der eigenen Moleküle durch das einfallende Licht [22]. Hierzu kommt noch, dass in den Membranscheibchen der Photorezeptoraussensegmente die höchste Konzentration an DHA im ganzen Körper vorliegt. Zudem hat DHA einen antiapoptotischen Effekt [23], verhindert ischämieinduzierten Schaden und reduziert die Kumulation. Bei der trockenen AMD wird eine Therapie mit Mikronährstoffen, Omega 3 [24, 25] und hochdosierten Antioxidantien (nicht kassenpflichtig) sowie Sonnenschutz empfohlen, bei der feuchten AMD zusätzlich intravitreale Injektionen von Anti-VEGF (kassenpflichtig). Was könnten nun pflanzliche Alternativen zu diesen isolierten, hoch dosierten Substanzen sein?
Apfelbeere (Aronia melanocarpa (Michx.) Elliott)
Auf der Suche nach Antioxidantien, einem Gefässstabilisator und möglicherweise Vitaminen zum Netzhautschutz stiess ich auf diese mir anhin unbekannte Beere. Da bisher biomedizinisch auch Heidelbeerextrakte verwendet werden (Myrtaven, allerdings kein Studienbeleg für Wirksamkeit bei AMD, aber kassenpflichtig), bekannte Frucht interessant sein. Diese bei uns meist eher als Zierstrauch bekannte Art stammt ursprünglich aus Nordamerika und war dort in getrockneter Form Bestandteil des Pemmikans (Reiseproviant). Wegen der Anspruchslosigkeit (auch ökologisch interessant, da sie keine Behandlung gegen tierische Schädlinge und Pilzerkrankungen benötigt) und Winterhärte wurde sie vor allem in Osteuropa und Russland angebaut, wo die Apfelbeere als Allheilmittel bekannt ist. Zudem wird sie zur Herstellung eines blutdrucksenkenden und gefässstabilisierenden Medikaments benutzt. Besonders interessant ist der hohe Anteil an Anthocyanen (ca. 4-mal höher als in Blaubeeren und somit höchster Anteil in Beeren) [28] und Procyanidinen mit ihrem antioxidativen Effekt. Letztere verursachen den adstringierenden Geschmack der Beeren. Zudem enthalten sie Eisen (12 mg/100 ml Saft), Jod (0,0064 mg/100 ml), Vitamin A, B2, B6,E, K, Folsäure, Sorbit und Pektin. Durch Aronia können die Blutplättchenfunktion und die Blutfettwerte verbessert sowie die Magenschleimhaut vor Verletzungen geschützt werden. Letzteres könnte für die infrage kommende Patientengruppe, die mehrere Medikament einnimmt, interessant sein [29]. Auch die Aroniabeere ist im Reformhaus in getrockneter Form oder als Saft erhältlich, wobei die getrockneten Beeren am preiswertesten sind. Zudem kann der Strauch auch im Garten oder auf dem Balkon wachsen. (Es gibt übrigens eine IG Aronia Schweiz Kleine Beere für jeden Garten, .)
Trockene Augen
Der Tränenfilm, der Hornhaut und Bindehaut bedeckt, besteht aus verschiedenen Anteilen, wobei die oberste Schicht und somit die Grenzfläche zur Umgebung aus einer Lipidschicht besteht. Diese stabilisiert den Tränenfilm und verhindert das Austrocknen. Kommt es zu Störungen dieser Struktur, dann führt dies zu trockenen Augen, die sich in Beissen, Brennen, Stechen,Fremdkörpergefühl, roten Augen und wechselnder Sehfähigkeit äussern. Neben einer lokalen Therapie wird versucht, dieses manchmal schwer zu behandelnde Problem über die Diät anzugehen. Das Interesse gilt hier besonders den Omega-3-Fettsäuren, die zusammen mit Vitamin E entzündungsfördernde Substanzen hemmen, zugleich die Tränensekretion fördern und in einer Vielzahl von Produkten vorhanden sind. Zudem wird empfohlen, 2- bis 3-mal wöchentlich Fisch, insbesondere Thunfisch, zu verzehren. Da dieser bei uns nicht heimisch ist, stellt sich die Frage nach möglichen Alternativen.
Leinsamen (Linum usitatissimum L.)
Granatapfel (Punica granatum L.)
Fazit
Die aktuelle Therapieempfehlung bei trockener AMD sind hoch dosierte Antioxidantien (Vitamin C, E) mit Luteinzusatz sowie Omega-3-Fettsäuren, Zink und Kupfer. Als pflanzliche Alternative haben die oben erwähnten Pflanzen und Beeren mindestens aus theoretischen Überlegungen und den vorhandenen Studienbelegen, die sich nicht auf die Augen beziehen, ein interessantes Potenzial und sollten weiter untersucht werden. Sie können in verschiedenen Formen (getrocknete oder frische Beeren, Samen, Öl oder Saft) konsumiert und somit auch kreativ bei diversen Rezepten im Alltag integriert werden. Da bei der AMD die Fettsäuren auch eine wichtige Rolle spielen, könnte auch eine Kombination spannend sein. Nach Fertigstellung dieser Arbeit gibt es einen Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln, der neu auch die Aroniabeere mit einbezogen