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Der Thieralplistock
Von A. Wäber ( Section Bern ).
( 3406 -. ) In der rechten oberen Ecke der Excursionskarte für 1885—87 ist eine Bergkette eingezeichnet, die zwar eigentlich dem Massiv des Dammastocks, nicht demjenigen des Finsteraarhorns angehört, jedoch da sie die rechte Thalseite des Oberhasle bildet, ebensogut zu den „ zugewandten Orten " unseres Clubgebietes gerechnet werden darf, wie die Gomserberge auf der linken Seite des Wallis. Es ist die Kette, welche an der Hausegg ( Grimsel ) mit dem Saas ( 2424 m ), dem abgerundeten Eckpfeiler des Nägelisgrätli, beginnt, über die Gersten- und Hinter - Gelmerhörner nördlich zum Thieralplistock zieht und sich von diesem in nordnordwestlicher Richtung über die Diechter- und Gwächtenhörner, den Kilchlistock und das Steinhaushorn bis zum Furtwangsattel ( 2558 m ) fortsetzt, der sie von der Gruppe des Mährenhorns scheidet. Die Kette ist durchweg krystallinisch, Granit, grüner Schiefer und Gneiss,1 ) und charakterisirt sich durch beträchtliche Kammhöhe bei verhältnißmäßig geringer Gipfelhöhe. Im mittleren granitischen Theile, vom südlichen Gerstenhorn ( 3167 m ) bis zum Gwächtenhorn ( 3218111 ) liegt die tiefste Scharte, die Gelmerlimmi, nach den neuen Aufnahmen der Rhonegletscher-Topographen 2993 m2 ) über dem Meer, während die Gipfelhöhe nur in der Mitte des Kammes beim Thieralplistock auf 3400 m ansteigt. Dieser Haupttheil der Kette ist also ein schwach ausgescharteter Bergwall von ziemlich gleichmäßiger Höhe. Die Firnfelder, welche den Ostabfall bekleiden, senken sich zum Rhonegletscher und vom Thieralplistock an zum Triftgletscher, zwischen welchen die beiden Triftlimminen und der Limmistock die Wasserscheide bilden. Der Westabfall gegen das Aarethal hat an seinen sägeartig eingeschnittenen Felsgräten auf den ersten Blick nur kleine Hängegletscher ( Ger-sten- und Hohmadgletscher ) aufzuweisen, die hoch über den steilen Thalhängen abbrechen. Die größeren Eisströme, der Diechter-, der Alpli- und der Gelmergletscher, die ihre Zungen gegen die Gelmeralp hinabsenken, sind hinter den felsigen Vorketten des Schaubhorns und der Vorder-Gelmerhörner verborgen und nur die Wasserfülle des Gelmerbachs, der oberhalb der Handeck dem Säumerstein gegenüber in schäumendem Sturze der Aare zueilt, verräth, daß der Bach der Abfluß eines ausgedehnten Gletschercircus ist, der seine Wasser vorn auf der Gelmeralp zum Gelmersee sammelt.
Auf dem Wege zur Gelmeralp befand ich mich am 29. Juli 1886 bei sinkender Nacht. Um 7 Uhr 10 Minuten war ich von der Handeck aufgebrochen. Der späte Abmarsch ist nicht meine Schuld, sondern das vereinte Verdienst einer löblichen Post-, Bahn-und Dampfschiffverwaltung, die nicht wollen, daß der Reisende achtlos und rastlos durch das schöne Bödeli dahinschnurre, und ihm deßhalb, nachdem er mit dem ersten Zug und Schiff Interlaken erreicht hat, hier in väterlicher Fürsorge einen anderthalbstündigen Aufenthalt octroyiren, eine Einrichtung, deren unergründliche Weisheit von allen Aufwärtsreisenden in höchst kräftigen Ausdrücken gepriesen zu werden pflegt. Ohne diesen unfreiwilligen Halt könnte man von Bern aus leicht in einem Tage das Grimselhospiz, das Wirthshaus am Stein, die Engstlenalp oder die Gelmeralp erreichen, ohne daß es nöthig wäre, die letzte Wegstrecke bei Nacht zurückzulegen. Ich für mein Theil hatte keine Zeit versäumt, war von Brienz mit kurzein Aufenthalt nach Guttannen hinaufgefahren, dessen schöne Fahrstraße wenige Tage zuvor fertig geworden war, und hatte mit meinen telegraphisch bestellten Führern, dem alten wackeren Peter Sulzer und seinem Sohne Andreas, gleich den Weg zur Handeck unter die Füße genommen; aber trotz aller Eile wurde es 7 Uhr, bevor wir unsern Proviant gefaßt hatten und zum Steg über den Handeckfall hinabschritten.
Es führen zwei Wege von der Handeck zur Gelmeralp: der Kuhweg Über Kurzentännlen und die Gelmergasse, und der „ Katzenweg ", den wir einschlugen. Derselbe steigt von der Handeckbrücke zuerst durch Nadelwald und Weide, dann steil über eine mit Alpenrosengestrüpp und Krummholz bestandene Felshalde zum Gelmersee hinauf, an dem er sich bei dem Punkt 1860 m mit dem Kuhweg vereinigt. Es ist ein Fußweg ungefähr derselben Art, wie der Pfad von Adelboden zur Engstligenalp durch die Schlucht des Engst-ligenbaches. An drei Stellen steigt man über kurze Leitem hinauf, deren Solidität mir nicht über jeden Zweifel erhaben zu sein schien, obwohl sie der Senn der Gelmeralp jede Woche ein- oder zweimal mit ziemlich schwerer Last passirt. Der Pfad ist schmal und rauh und die anderthalb Stunden Tageslicht, die ich in Interlaken unbenutzt hatte verstreichen lassen müssen, wären mir nun hier gut zu Statten gekommen, noch besser aber droben am Gelmersee, wo die kaum erkennbare Wegspur auf- und absteigend über die steil aufgerichteten Granitplatten des nördlichen Ufers führt, und nachher in dem sumpfigen, von vielen Wasserrinnen durchschnittenen Anschwemmungsboden, der die frühere Ausdehnung des See's bezeichnet.
Gelmersee und -Alp sind mir öfters ihrer Schönheit wegen gepriesen worden: der See als ein lieblicher Wasserspiegel in malerischer Felsumrahmung, die Alp als eine idyllische Oase mitten in der Steinwüste. Es wird schon so sein; aber ich muß es auf Treu und Glauben annehmen, denn gesehen habe ich davon, abgesehen von der Steinwüste, blutwenig. Als wir nach einer Stunde scharfen Steigens zum Gelmersee gelangten, lag derselbe glanzlos, dunkelgrau, ein ächter Todtensee, zwischen seinen schwarzen Felsufern, und als wir um 8 Uhr 35 Minuten an die Gelmerhütte klopften, war es trotz Sternenschimmer so finster geworden, daß die Berge sich nur in schwachen Umrissen vom dunkeln Himmel abhoben und von der Gelmeralp kaum etwas wahrnehmbar war, als die Hütte und ein paar Felsblöcke. Kaum besser ward es mir am folgenden Morgen, wie wir nach freundlichster Aufnahme, aber unbequemem Nachtlager in der winzigen, höchst primitiven Hütte um 3 Uhr 30 Minuten von dem Sennen Abschied nahmen. Wieder lag Alles grau in grau im kalten Zwielicht. Im vollen Tagesglanz gesehen habe ich Alp und See eigentlich erst vom Tieralplistock aus, dem wir nun unsere Schritte zuwandten.
Meine Absicht war, den hohen Rhoneweg, d.h. die Querung des Rhonegletschermassivs, um eine Stufe höher auszuführen, als im Itinerar unseres alt-Central-präsidenten Lindt vorgezeichnet ist x ). Statt der Gelmerlimmi wollte ich den Thiei'alplistock überschreiten und mit dem Uebergang über den Tiefensattel die Besteigung des Rhonestocks oder des Tiefenstocks combiniren. Peter, der so wenig wie Dres jemals auf dem Thieralplistock gewesen und überdies heute gar nicht recht im Zuge war, suchte mich vergebens zu bereden, statt des Berges den kürzern Paßübergang über die Gelmerlimmi zu wählen. Ich hielt am Tieralplistock fest und that wohl daran, denn hätte ich nachgegeben, so wäre ich an dem Tage auf gar keinen Gipfel gekommen.
Die Gelmerhütte liegt 1860 m über dem Meer, am Ausgang des Diechterthals, in dessen Hintergrund der Diechtergletscher herabhängt, auf dem rechten Ufer des Diechterbachs zwischen den Stützwänden des Schafälpli und der Gelmerhörner; gerade gegenüber steigt die dunkle Felspyramide des Schaubhorns auf, durch einen kahlen zerrissenen Grat mit den Hinteren Gelmerhörnern verbunden, an deren Kamm sich der Gelmergletscher schmiegt. Zwischen dem Gelmer-und dem Diechtergletscher senkt sich, von der Hütte aus nicht sichtbar, die Eiszunge des Alpligletschers zu Thal, über den wir den Anstieg zum Thieralplistock suchen wollten.
Wir überschritten den Diechterbach, die gewaltige, aus scharfkantigen Granitblöcken aufgethürmte Moräne am Fuße des Schafälpli, und die beiden Alplibäche und stiegen pfadlos über die Terrassen des Bergli, die, eben erst schneefrei geworden, noch braunen Winterrasen zeigten, zum Punkt 2144, wo sich die Wege zur Gelmerlimmi und zum Tieralplistock scheiden. Wir wandten uns links, folgten dem Nordabhang des Bergli, erreichten um 5 Uhr den Kamm der linken Seitenmoräne des Alpligletschers, die prächtige Blöcke weißen Handeckgranits mit hellgrün schillernden Talk-blättern aufweist, und betraten, nachdem wir den Kamm eine Strecke weit verfolgt, um 5 Uhr 45 in der Höhe von circa 2500ra den Gletscher. Hier machten wir eine viertelstündige Frühstückspause und orientirten uns über den einzuschlagenden Weg. Langer Berathung bedurfte es nicht. Eine flache muldenartige Einsenkung, die auf der Karte angedeutet ist, zieht sich von unserem Standpunkte am Fuße des Punktes 2656 nordöstlich den Gletscher hinauf zum Kamme des Thieralplistocks, dessen Scheitel wir freilich der ungleichmäßigen Böschung wegen nicht erblicken. Da hinauf geht unser Weg. Lawinen oder Steinschläge, die sonst solche Mulden mit Vorliebe als Straße benutzen, sind nicht zu befürchten, denn der Berg ist zahm, dazu prächtig eingeschneit und der Schnee hartgefroren. Um 6 Uhr binden wir uns an das Seil und steigen den Gletscher hinan. Er muß in den letzten Jahren stark geschwunden sein, denn an dem erwähnten Felssporn 2656 zu unserer Rechten zeigte mir Dres ein Loch in einem die Wand quer durchsetzenden Quarzband, in dem vor einigen Jahren — das genaue Datum wußte er leider nicht — mit Erfolg gestrahlt worden sei; damals sei man mit einer Leiter vom Gletscher da hinauf gestiegen. Wirklich hing auch noch ein Leiterbaum unter dem Loche am Felsen, aber um über den rundgeschliffenen Fuß der Wand zu ihm zu gelangen, hätte es heute einer neuen Leiter von circa 5 m Länge bedurft.
Der Schnee ist von tadelloser Beschaffenheit und gestattet rasches Vorrücken; nur an wenigen steileren Stellen wird das Schürfen einiger Tritte nothwendig; man hätte sich statt auf einem Gletscher auf einem Schneefeld zahmster Art wähnen können, wenn nicht hier und da, namentlich zu unserer Linken, wo der Gletscher sich wölbt, ein breiter Schrund die grüne Eistiefe erschlossen und zum Strecken des Seils gemahnt hätte. Um 8 Uhr erreichten wir nach zwei Stunden leichten Steigens vom Gletscherrand aus die Höhe des Kammes bei Punkt 3390, wandten uns links und gelangten über eine gut gangbare Schneefirst um 8 Uhr 10 zum Gipfel 3406 ™, der aus einem Haufwerk gelb angewitterter Granitblöcke besteht und weder ein Steinmannli noch andere Spuren früherer Besteigungen aufweist.
Es soll damit keineswegs behauptet werden, unsere Besteigung des Punktes 3406 sei die erste gewesen. Die erste Besteigung des Thieralplistocks wurde am 13. August 1864 von Jacot ausgeführt, der auf seinem Wege von der Gelmeralp zur Clubhütte am Triftgletscher den Stock überschritt1 ). Allerdings hat er dabei nicht den Blockgipfel 3406™, sondern die südöstlich gegen den Rhonegletscher vorgeschobene Firnkuppe 3395 m besucht; aber sein Aufstiegsweg war jedenfalls identisch mit dem unsrigen, und sobald man einmal das schmale Firnplateau erreicht hat, das den Rücken des Thieralplistocks bildet, ist es gleichgültig, welche seiner drei nur um wenige Meter differirenden Haupterhebungen, 3395, 3406 oder 3400 m, man sich zum Zielpunkt ausersieht. Aber abgesehen davon, ist es höchst wahrscheinlich, daß auch unser Gipfelpunkt schon vor uns betreten worden ist. Der mythische und überall gegenwärtige Gemsjäger Dent's wird wohl schon oben gewesen sein, vielleicht auch ein Strahler und wahrscheinlicher noch einer unserer unermüdlichen Rhonegletscher-Topographen, die ja ohne viel Aufhebens zu machen bei ihren Vermessungsarbeiten fast Alles unter den Fuß gekriegt haben, was in der Umgebung ihres Arbeitsfeldes Gipfel heißt. Von Touristen scheint der Tieralplistock seit seiner ersten Besteigung vernaohläßigt worden zu'sein. Er ist eben vom Thale aus nur an wenigen Stellen sichtbar und überdies zu nahe an den höheren und imposanteren Gipfeln des Damma-, Rhone- und Galenstocks, um nicht von ihnen in Schatten gestellt zu werden. Auch ich wäre wohl kaum auf den Gedanken gekommen, ihn zu besteigen, wenn ich ihn nicht als Zugang zum Rhonestock und Tiefensattel hätte überschreiten wollen. Und doch ist der Berg auch an sich eines Besuches wohl werth. Ist er von mäßiger Höhe und zahmen Formen, so ist er doch das Haupt einer stattlichen Reihe fast ebenbürtiger Gesellen mit schimmernden Eispanzern und trotzigen, keck aufgesetzten Fels- und Firnhauben, und bietet er so wenig Fährlichkeit, daß man heutzutage schier Bedenken tragen muß, überhaupt von ihm zu sprechen, so entschädigt er für diesen Grundmangel doch einigermaßen durch seine schöne und eigenartige Aussicht. Wir stehen in der Mitte eines langgestreckten Kammes, dem südlich von uns die Firnkuppe des Hinteren Thieralplistocks und die braunen Klippen und Zacken der Hinteren Gelmer- und der Gerstenhörner, nördlich die elegant geschwungenen Firnschneiden der Diechterhörner und des Gwächtenhorns entsteigen. Im Osten ragen hinter dem Rhonefirn und dem Triftkessel die Eiskuppen der Dammakette auf, vom Galenstock bis zu den Thierbergen und dem vorspringenden Thältistock, an dessen Fuß wir die Clubhütte erkennen. Im Westen, jenseits der Gelmeralp, deren grüner See grüßend aus der Tiefe heraufschimmert, und der schmalen Spalte des Hasle, erheben sich dichtgedrängt in eigenthümlicher Seitenansicht die Hochgipfel des Berner Oberlandes. Im Südwest, über der breiten Einsattelung der Grimsel, leuchten im gelblichen Glänze die Walliser Alpen, die Gruppe des Monte Leone, die Fletsch- und Mischabelhörner, Monte Rosa und Matterhorn, und, alle überstrahlend, das gewaltige Weißhorn. Wie weit der Blick an den Gerstenhörnern vorbei nach Süden schweifen kann, vermag ich nicht zu ermessen, denn hinter dem Griesgebiete wogt ein breites Wolkenmeer, aus dem nur wenige Spitzen, inselartig auftauchen.
Wir blieben im hellen Sonnenschein bei schwach bewegter Luft eine Stunde auf dem Gipfel. Der lange Aufenthalt ist jedoch nicht allein der Aussicht gutzuschreiben, sondern ebenso sehr meinem Wunsche, dem alten Peter, der seinen zweiundsechzig Jahren zu viel zugemuthet hatte und sichtlich ermüdet war, Zeit zur Erholung zu geben. Aus demselben Grunde entschloß ich mich auch, vom Rhonestock abzusehen und dafür den näher am Wege gelegenen Tiefenstock auf das Programm zu setzen, den ich mit Dres zu besteigen gedachte, während Peter auf dem Tiefensattel auf uns warten sollte.
Nachdem ich noch eine Flasche mit den üblichen Notizen zwischen zwei Blöcken geborgen, brachen 9 wir um 9 Uhr 10 Min. auf, stiegen zunächst auf demselben Wege wieder zum Punkt 3390 m hinunter und wandten uns dann dem Hinteren Thieralplistock zu, den wir an der Süd Westseite etwa 50 m unter der Spitze umgingen. Die Aussicht ist hier nach Süden etwas freier; namentlich bietet sich ein prächtiger Blick durch das Thierthäli zwischen den Hinteren Gelmerhörnern und dem Thäligrat auf den Rhonegletscher bis zum Eissturz. Unser Weg führte uns südöstlich über die Firnhänge der Thierweid in den „ Sumpf ", der am Fuße der Triftlimmi und des Limmistocks das oberste Becken des Rhonefirns bildet. Der Schnee war wieder tadellos, von der Morgensonne gerade so weit erweicht, daß nur wenige Tritte zu hacken waren. Um 10 Uhr war der stellenweise recht steile Hang überwunden und mitten im Sumpfe, unweit Punkt 2942, ein kleiner Gletschertümpel erreicht, der uns zu einem kurzen Halt veranlaßte. Denn mit dem armen Peter war es trotz der Rast und der Erfrischung auf dem Gipfel nicht besser geworden; er war ermattet und litt an unbe-zwinglichem Durst, der sich nur mit Citronenwasser einigermaßen stillen ließ. Trotzdem meinte er, die Tour über den Tiefensattel machen zu können. Wir setzten uns deßhalb nach 10 Minuten wieder in Bewegung und stiegen gegen den Sattel hinauf, hatten aber kaum ein Drittel des Weges zurückgelegt, als Peter erklärte, er könne nicht weiter. Er sah auch wirklich zum Erbarmen aus, erdfahl, mit blutlosen Lippen, und klagte über Herzklopfen und Uebelkeit, namentlich aber über Rheumatismus in den Oberschenkeln, der ihm das Steigen zur Qual mache; abwärts gehe es damit nicht so schlimm; ich solle nur mit Dres meine Tour durchführen; er, Peter, werde sich schon mit der Zeit den Gletscher hinaus zur Furka schleppen können. Es versteht sich von selbst, daß dieser Vorschlag taube Ohren fand. Den alten Mann in seinem elenden Zustand da hinten auf dem Rhonefirn allein zurückzulassen auf die Gefahr hin, daß er auf dem Rückwege irgendwo vor Erschöpfung liegen bleibe, wäre unverantwortlich gewesen. Da blieb nichts übrig, als so schnell es die Kräfte des Kranken erlaubten und auf dem leichtesten Wege die nächste menschliche Wohnstätte aufzusuchen. Ich that es höchst ungern, denn es war noch früh am Tag, die Zeit hätte für Dres und mich zur Durchführung unseres Planes reichlich gelangt, um so besser, als der Schnee immer noch ganz anständig war. Dazu versprach das Wetter wenigstens heute noch zu halten; Galenstock und Tiefenstock zu beiden Seiten des Sattels winkten in verführerischer Nähe, und der blaue Himmel, der ja sprichwörtlich zum Lachen disponirt ist, schien mich geradezu auszulachen. Aber all' das half mir nicht über die traurige Nothwendigkeit der Umkehr hinweg. Um 11 Uhr traten wir den Rückweg an, zogen uns schräg zum Rhonefirn und -Gletscher hinab und betraten auf dem gewöhnlichen Nägelisgrätliweg das linke Ufer. Die Gletscherzunge ist mir noch nie so klein vorgekommen wie damals. Wenn der Gletscher wirklich, wie nach den Beobachtungen der letzten Jahre kaum bezweifelt werden kann, im Vorrücken begriffen ist, so hat er dies jedenfalls im Sommer 1886 als richtiger Duckmäuser ganz im Stillen betrieben; anzusehen wenigstens war ihm die Zunahme nicht.
Es war eine ziemlich verdrießliche Gesellschaft, die um 2 Uhr nach langsamem, oft unterbrochenem Marsche auf der Furka anlangte. Ich war verzeihlicher Weise etwas verstimmt, daß ich meinen Plan trotz bester Aussichten nur zur Hälfte hatte ausfuhren können, Peter krank, unglücklich darüber, daß er, zum ersten Male in seiner langen Flihrerlaufbahn, die Ursache des Mißlingens einer Tour gewesen, Dres sichtlich über den Zustand seines Vaters bekümmert und durch den halben Erfolg in seiner Führerambition gekränkt. Auch das Wetter schien verdrießlich werden zu wollen. Zwar strahlten die Berge der berühmten Furkaaussieht noch im hellsten Glänze; aber die Beleuchtung war zu brillant, zu scharf geworden, um dauernd gutes Wetter zu verheißen, und über dem Gotthardmassiv stiegen lange Föhnstreifen auf. Ich entschloß mich daher zur Heimkehr, verabschiedete meine Führer und fuhr um 4 Uhr nach Andermatt hinab. Der nächste Tag zeigte mir, daß ich daran wohlgethan; dann als ich am 31. früh die Schöllenen hinabging, stellte sich bei der Teufelsbrücke ein sanfter Regen ein, der bald zum Landregen auswuchs und mir getreulich das Geleite bis Bern gab.
Gerade dies trübe Wetter aber lehrte mich aus der Noth eine Tugend machen und mich mit dem zufrieden geben, was mir zu erreichen vergönnt war. Denn nicht nur war es mir gerathen, aus einer Reihe von schlechten oder zweifelhaften Tagen zwei gute herauszugreifen, während es mir sonst als notorischem „ Regenmolch " gerade umgekehrt zu ergehen pflegt, sondern ich hatte auch einen für mich neuen und ganz interessanten Weg von der Handeck zur Furka kennen gelernt, den ich Allen empfehlen kann, denen Grimsel und Nägelisgrätli bekannt sind, und welche den Uebergang über einen aussichtsreichen Gipfel demjenigen über eine Kammscharte, wie die Gelmerlimmi, vorziehen. Auch für einen Sectionsausflug ist der Thieralplistock ein passendes Ziel, sei es, daß man mit seiner Traversirung die Ueberschreitung des Tiefensattels verbinde, sei es einfach als Zugang zur Furka oder zur Clubhiltte am Thältistock. Er bietet keine Stellen, die das gleichmäßige Vorrücken auch einer größern Colonne verzögern könnten. Allerdings müßte man hiebei entweder an der Handeck Quartier beziehen oder sich für ein Bivouac auf der Gelmeralp vorsehen. Denn die Hütte der Alp bietet bei engster Belegung höchstens für vier Mann Platz, und außer derselben sind nur noch ein kleiner Stall und einige zum Theil ziemlich entlegene Balmen vorhanden, in denen die Guttanner in Ermangelung von Stadeln ihr Alp- und Wildheu zu bergen pflegen.
Jedem aber, der den Thieralplistock besuchen will, sei Dres Sulzer als Führer bestens empfohlen. Er ist ein tüchtiger, zuverläßiger Mann und ein guter Kenner des Grimselgebietes, in dem er schon viele Besteigungen gemacht hat. Der Thieralplistock bot freilich keine Gelegenheit, ihn bei der Arbeit in schwierigen Gletscherpassagen, beim Trittehacken im blauen Eis oder beim Felsklettern El beobachten. Aber Dres ist einer der kühnsten und gewandtesten Strahler des Oberhasle und deßhalb ro ipso ein guter Gänger und namentlich Kletterer; ist er es doch, der 1866 die Krystallhöhle am Tiefengletscher erklettert und 1873 den Morionenfundort am Nordabfall des Galenstockes entdeckt hat1 ). Von Peter Sulzer kann als Führer kaum mehr die Rede sein. Er hat auf der Furka sich selber das Gelübde abgelegt, er wolle die Führerei an den Nagel hängen, und leider scheint es, bei diesem Entschluss, wenigstens für höhere Touren, sein Bewenden haben zu müssen, da sich diesen Winter ein Herzleiden bei ihm eingestellt hat. Es ist herzlich schade darum! Denn Peter Sulzers Name ist als der eines tüchtigen Gletscherführers auf manchem Blatte unserer ersten Jahrbücher ehrenvoll verzeichnet und mit der Entwickelungsgeschichte des S.A.C. enger verbunden, als der manches viel bekannteren Führers; seinen vielen Reisen mit Professor Bernhard Studer, dem Begründer der alpinen Geologie, mit unserem Altmeister Gottlieb Studer, mit den Gebrüdern Lindt u. A. m. verdankt er eine staunenswerthe Kenntniß der alpinen Topographie und Geognosie in jedem Theile der Schweiz; dazu ist er ein treuer, in jeder Beziehung zuverläßiger Mann, ein angenehmer, bescheidener Reisegefährte, mit dem es sich geht, wie mit einem vertrauten Kameraden, und Führer dieses Schlages sind, trotz Führerkursen, Prüfungen und Patenten nirgends dicht gesät.
IL Freie Fahrten.