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In weiser Voraussicht, wenn auch nicht zu Unrecht, nennt Böhmer seinen Text eine Erzählung. Er hätte ihn gerade so gut eine Biografie nennen können – denn der Text ist beides.
Böhmer nämlich erzählt Hegels Leben in einem fiktiven Rahmen. Der Rahmen stellt uns Hegel vor, den arrivierten Professor der Philosophie, abends bzw. nachts in seiner Berliner Wohnung. Alles schläft in Hegels Haushalt, vom Zimmer nebenan hört er seine Frau leise schnarchen. Hegel sitzt im Dunkeln in seinem Arbeitszimmer, die Fenster sind geöffnet. Er horcht auf die – damals noch spärlichen – Geräusche, die die Stadt in der Nacht von sich gibt. Dann öffnet er eine Flasche Wein und schenkt sich ein Glas ein. Beim Trinken dieses Glases (und eines weiteren, ja einer weiteren Flasche oder zwei – Hegel soll nach Böhmer so seine zwei bis drei Flaschen Wein pro Abend getrunken haben) erinnert er sich an die Stationen seines Lebens, an seine Karriere.
Da sind der Knabe und der Jüngling, immer etwas später dran als die Kameraden. Hegel ist fünf Jahre älter als Schelling, aber er muss zuschauen, wie dieser, leichtfüßiger als sein Freund, Lorbeer um Lorbeer sammelt, Professur um Professur, während er, Hegel, zwar – nach Schelling, nach Fichte! – eine Privatdozentur in Jena erhält, aber selbst dann nicht vom Fleck kommt. Hegel muss den Umweg über eine Zeitungsredaktion in Bamberg und das Rektorat eines Gymnasiums in Nürnberg machen, bevor er endlich – Jahre später als sein jüngerer Freund Schelling – die Professur in Heidelberg erhält. Dann allerdings geht es schnell, schon kurze Zeit später ist Hegel in Berlin – als Nachfolger des unterdessen verstorbenen Fichte. (Warum dieser plötzliche Sprung geschieht, kann Böhmer selbst in seiner Fiktion nicht sagen. Hegels Vortrag in seinen Vorlesungen muss auch noch in Berlin ziemlich schlecht gewesen sein: Ständiges Räuspern, eine krächzende Stimme, immer wieder Zögern und Innehalten, weil er nach dem Ende des eben begonnenen Satzes sucht. Dazu war sein Vortrag mit Suabismen durchsetzt, die die Berliner nicht verstanden. Böhmer bringt das Beispiel jenes Ebbes, das seine Hörer vor ein Rätsel stellte, wussten sie doch nicht, was für eine (metaphysische?) Entität dahinter stehen könnte.)
Böhmer ist die Fiktion des in der Nacht vor sich hin sinnierenden und dabei Wein süffelnden Hegel sehr schön gelungen. Er kann auf diese Weise die wichtigsten Stationen in Hegels Leben vorstellen. Hegels Denken, seine Philosophie, streift er zugegebenermaßen nur am Rand. Das Buch soll letzten Endes unterhaltend sein, keine philosophiegeschichtliche Abhandlung. Eine solche hätte Böhmer ohne Zweifel auch liefern können. Laut Klappentext hat er über Fichte promoviert, und solides Wissen, in biografischer wie in philosophischer Hinsicht, merkt man dem Text sehr wohl an. Das macht ihn denn auch lesenswert. Erst am Schluss der Erzählung – Hegel ist unterdessen bereits des Weines voll – finden wir eine Art Dialektik des Weintrinkens: Böhmer zitiert Stellen aus Hegels Werk, in denen dieser über den Wein spricht. (Ich habe mich nicht dazu durchringen können, in Hegels Schriften nachzuschlagen, ob die Zitate echt sind oder Fiktion. Wenn sie nicht wahr sind, sind sie gut erfunden.)
Otto A. Böhmer: Hegel & Hegel oder Der Geist des Weines. Erzählung. Tübingen: Klöpfer und Meyer, 2011

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