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Was dürfen wir mit Tieren tun? Dürfen wir sie töten, um ihr Fleisch zu essen? Dürfen wir sie einsperren, um sie uns anzuschauen? Dürfen wir sie quälen, um wissenschaftliche Entdeckungen zu machen? Dürfen wir sie für unsere Zwecke züchten, schwängern, melken und schlachten? Solche Fragen versucht die Tierethik zu beantworten. Die Tierethik ist ein Bereich der Philosophie und beschäftigt sich mit Theorien, Argumenten und Gründen, die für oder gegen einen bestimmten Umgang mit Tieren sprechen.
Im Verlaufe der Zeit haben sich verschiedene tierethische Positionen gebildet, die jeweils unterschiedliche Antworten auf tierethische Fragen geben und diese mit unterschiedlichen Argumenten begründen. Im Folgenden werden vier tierethische Positionen kurz vorgestellt, nämlich die von Thomas von Aquin, Peter Singer, Tom Regan und Rosalind Hursthouse. Nebenbei werden die Grundbegriffe der Tierethik herausgearbeitet und die zentralen Argumente und Diskussionspunkte innerhalb der Tierethik erläutert.
Thomas von Aquin
Nach Thomas von Aquin besitzen nur Menschen einen freien Willen und die Fähigkeit, Gründe für ihr Handeln anzugeben. Auch gibt es für Thomas eine göttliche Ordnung, in der die Menschen an oberster Stelle stehen und die Tiere den Menschen untergeordnet sind. Gott habe die Tiere und Pflanzen erschaffen, so dass Menschen sich diese zu Nutze machen können. Und weil Tiere den Menschen untergeordnet sind, dürfen Menschen grundsätzlich alles mit Tieren tun. Dennoch fordert Thomas einen freundlichen Umgang mit Tieren, weil er beobachtet hat, dass Menschen, die grausam gegenüber Tieren sind, auch grausam gegenüber Menschen werden.
Die Idee, dass Menschen etwas Besonderes sind, weil sie bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten haben, die die anderen Tiere nicht haben, wird mit dem Begriff der anthropologischen Differenz ausgedrückt. Bei Thomas sind die Menschen deshalb etwas Besonderes, weil nur diese einen freien Willen haben und die Fähigkeit, Gründe für ihr Handeln anzugeben.
In der Tierethik wird darüber diskutiert, worin die anthropologische Differenz besteht und welche Folgen die anthropologische Differenz für unseren Umgang mit Tieren hat. So wurden auch andere Vorschläge für Eigenschaften oder Fähigkeiten gemacht, die scheinbar nur bei Menschen vorkommen, wie zum Beispiel der Werkzeuggebrauch, das Sprachvermögen, das Selbstbewusstsein oder die Vernunft. Wenn man sich darauf geeinigt hat, worin die anthropologische Differenz besteht, muss geprüft werden, welchen Unterschied es für unseren Umgang mit Tieren macht, wenn Menschen sich auf dieser oder jener Weise von Tieren unterscheiden. Zum Beispiel: Angenommen, der Mensch ist das einzige Wesen, das Werkzeuge herstellen und benutzen kann, folgt daraus, dass der Mensch alle Wesen einsperren darf, die diese Fähigkeiten nicht haben?
Die Forderung von Thomas, freundlich zu Tieren zu sein, obwohl sie den Menschen zum Nutzen zur Verfügung stehen, lässt sich mit der Unterscheidung von direkten Pflichten und indirekten Pflichten verstehen. Nach Thomas sollen wir freundlich zu Tieren sein, nicht um den Tieren selbst willen, sondern indirekt, der Menschen willen. Die Pflicht, freundlich zu Tieren zu sein, ergibt sich nur, weil Menschen sonst zu Schaden kommen würden, wenn es diese Pflicht nicht gäbe. Würden Menschen aber nicht zu Schaden kommen, wenn Tiere grausam behandelt werden, dann gäbe es auch keine Pflicht mehr, freundlich gegenüber den Tieren zu sein. In der Tierethik wird darüber diskutiert, ob es auch direkte Pflichten gegenüber Tieren gibt und welche indirekten Pflichten gegenüber Tieren bestehen.
Peter Singer
Peter Singer ist ein sogenannter Präferenz-Utilitarist. Unter Präferenzen versteht Singer Bedürfnisse, Wünsche und Interessen und er argumentiert, dass eine Handlung gut ist, wenn sie viele Präferenzen befriedigt und dass eine Handlung schlecht ist, wenn sie viele Präferenzen frustriert. Zum Beispiel, wenn ich mein Essen mit Menschen teile, die sehr hungrig sind, dann vollbringe ich eine gute Tat, weil ich so viele Präferenzen meiner Mitmenschen befriedige, nämlich die Präferenz, nicht hungern zu müssen. Wenn ich hingegen das Essen nur für mich behalte, dann vollbringe ich eine schlechte Tat, weil ich so viele Präferenzen meiner Mitmenschen frustriere. Nach Singer sollten wir uns in jeder Situation überlegen, wie wir das Beste aus der Situation machen können, nämlich, wie wir am meisten Präferenzen befriedigen und wie wir am wenigsten Präferenzen frustrieren.
Neben Menschen haben auch Tiere bestimmte Präferenzen. Schweine lieben es, sich im Schlamm zu suhlen und Kühe bleiben gerne in der Nähe ihrer Familie. Und wie Menschen haben auch Tiere die Präferenz, nicht hungern oder leiden zu müssen. Wenn wir uns nun überlegen, wie wir am meisten Präferenzen befriedigen können, sollten wir dann auch die Präferenzen der Tiere mitberücksichtigen? Für Singer ist die Antwort klar: Ja, weil die Präferenzen der Tiere gleich wichtig wie die Präferenzen der Menschen sind. Es gibt keinen guten Grund, die Präferenzen der Tiere nicht zu berücksichtigen. Die Präferenzen der Tiere nicht oder nur wenig zu berücksichtigen ist für Singer eine Form von Diskriminierung. Genauso wie es falsch ist, Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu diskriminieren (Sexismus) oder aufgrund ihrer Hautfarbe oder Ethnie zu diskriminieren (Rassismus), ist es für Singer falsch, Lebewesen aufgrund ihrer Spezies zu diskriminieren, eine Form von Diskriminierung, die er Speziesismus nennt.
Mit Hilfe von Singers Präferenz-Utilitarismus lassen sich nun Antworten auf tierethische Fragen ableiten, wie zum Beispiel auf die Frage, ob man Tiere essen darf.
Darf man Tiere essen?
Es braucht nicht viel um zu merken, dass die Fleischindustrie viele Präferenzen der Tiere frustriert: Das meiste Fleisch kommt von Tieren, die in einer Massentierhaltung leben, in der sie eng zusammengepfercht leben, ständig Stress und Krankheiten ausgesetzt sind, sich kaum bewegen können und sich gegenseitig verletzen. Auch wurden und werden diese Tiere so gezüchtet, dass sie möglichst schnell schlachtreif werden und so wegen des unnatürlichen Wachstums Krämpfe, Fehlbildungen und Mangelerscheinungen erleiden müssen. Zusätzlich verursacht der Transport und die unvermeidliche Schlachtung der Tiere erhebliches Leid.
Kann das massive Leid, das in der Fleischindustrie erzeugt wird, gerechtfertigt werden? Der einzige Weg, das Frustrieren der vielen Präferenzen der Tiere zu rechtfertigen, ist aufzuzeigen, dass ohne dieses Frustrieren der Präferenzen der Tiere insgesamt noch viel mehr Präferenzen frustriert werden würden. Singer zweifelt allerdings daran, dass man dieses massive Leid wirklich rechtfertigen kann und argumentiert, dass dieses Leid ein Produkt von Speziesismus ist, nämlich, dass dieses massive Leid eben gerade deswegen erzeugt wird, weil die Fleischindustrie sich nicht für die Präferenzen der Tiere interessiert. Somit ist das Essen von Fleisch eine schlechte Handlung, weil die dahinterstehende Fleischindustrie viele Präferenzen frustriert.
Literatur
Tom Regan
Tom Regan argumentiert, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere Rechte haben. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Tierrechten. Rechte definieren was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Wenn jemand zum Beispiel ein Recht auf Leben hat, dann ist es nicht erlaubt, diese Person zu töten. Auch kann man Rechte nicht verlieren, das heisst, man hat Rechte, egal in welcher Situation man sich befindet. Wenn jemand zum Beispiel kriminell geworden ist, dann behält er, trotz seiner kriminellen Vergangenheit, sein Recht auf Leben.
Nun stellt sich die Frage: Wer hat Rechte? Welche Rechte? Und warum? Regan argumentiert, dass alle Wesen ein Recht auf Respekt haben, die einen Eigenwert oder inhärenten Wert besitzen. Einen inhärenten Wert besitzt man, wenn man bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten hat, wie zum Beispiel, die Fähigkeit, Freud und Leid empfinden zu können, die Wahrnehmungsfähigkeit, ein Erinnerungsvermögen oder das Haben einer psychologischen Identität. Da auch Tiere die relevanten Fähigkeiten oder Eigenschaften haben können, die notwendig für den Besitz eines Eigenwerts sind, bekommen auch diese ein Recht auf Respekt. Ein Recht auf Respekt zu haben bedeutet, dass man respektvoll behandelt werden muss und man nicht für die Interessen anderer missbraucht werden darf.
Für Regan ist der inhärente Wert ein fester Wert, der für alle gleich gross ist und sich nie verändert. Doch muss das so sein? Könnte man nicht argumentieren, dass Tiere, weil sie, beispielsweise, weniger intelligent als Menschen sind, einen niedrigeren inhärenten Wert besitzen und deswegen weniger Respekt verdienen? Doch diese Argumentation ist für Regan problematisch, weil sie impliziert, dass Kinder, Demenzkranke, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder sehr alte Menschen weniger Respekt verdienen sollen, weil es diesen an Intelligenz mangelt. Die Argumentation verstösst gegen die weitverbreitete Intuition, dass auch Kinder, Demenzkranke und so weiter, schutzwürdig sind und mit Respekt behandelt werden sollen.
Mit Hilfe von Regans Tierrechtsansatzes lassen sich nun Antworten auf tierethische Fragen ableiten, wie zum Beispiel auf die Frage, ob man Tiere für wissenschaftliche Zwecke quälen darf.
Darf man Tiere für wissenschaftliche Zwecke quälen?
In der Wissenschaft gibt es viele Tierversuche, in denen es von Anfang an klar ist, dass die Versuchstiere leiden werden. So werden etliche Stoffe an Tiere getestet, an denen sie krank werden und dann sterben. Auch werden Tiere lebendig und manchmal bei vollem Bewusstsein seziert. Bei Affen gibt es Hirnversuche, in denen die Affen nur dann etwas zu Trinken bekommen, wenn sie sich selber auf einem Operationsstuhl einschliessen und die Aufgaben der Wissenschaftler erfüllen.
Können diese Tierversuche gerechtfertigt werden? Tierversuche werden in der Regel dadurch gerechtfertigt werden, dass sie einen Nutzen für die Menschheit erbringen, zum Beispiel, um neue Medikamente für Menschen zu entwickeln oder um mehr über die Funktionsweise des Gehirns zu erfahren. Doch nach Regans Tierrechtsansatz müssen Tiere respektvoll behandelt werden, weil sie einen inhärenten Wert besitzen. Und respektvoll behandelt zu werden bedeutet, nicht für die Interessen anderer missbraucht zu werden, was im Falle dieser Tierversuche passiert. Somit ist es falsch, Versuche an Tieren auszuführen, weil Tiere für die Interessen der Menschen instrumentalisiert werden.
Literatur
Rosalind Hursthouse
Rosalind Hursthouse ist eine Tugendethikerin. Mit Tugenden sind ausgezeichnete Charaktereigenschaften gemeint, wie zum Beispiel Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit oder Mässigkeit. Das Gegenteil von Tugenden sind Laster, wie zum Beispiel Aberglaube, Ungerechtigkeit, Feigheit oder Zügellosigkeit. Wie mit Tieren umzugehen ist, hängt von der Frage ab, wie eine tugendhafte Person, also eine Person mit Tugenden und ohne Laster, sich verhalten würde oder wie sie mit Tieren umgehen würde.
Eine tugendhafte Person würde, so Hursthouse, nicht abstreiten, dass die Fleischindustrie grausam zu Tieren ist, weil das unehrlich wäre. Unehrlichkeit ist ein Laster. Auch wäre es einer tugendhaften Person nicht egal, wie es Tieren in der Fleischindustrie ergeht, weil das gefühllos wäre. Gefühllosigkeit ist ein Laster. Eine tugendhafte Person würde nie Fleisch nur aus Genuss essen, weil das zügellos wäre. Zügellosigkeit ist ein Laster. Eine tugendhafte Person würde sich öffentlich für das Wohl der Tiere einsetzen, weil das tapfer oder mutig wäre. Tapferkeit ist eine Tugend. Eine tugendhafte Person würde kein Fleisch essen, weil das barmherzig wäre. Barmherzigkeit ist eine Tugend. Genauso wie es nicht wirklich barmherzig wäre, keine Sklaven zu haben, aber doch die günstigen Produkte von Sklaven zu geniessen, wäre es nicht wirklich barmherzig, selber keine Tiere zu schlachten, aber doch die Produkte der Fleischindustrie zu geniessen.
Mit Hilfe von Hursthouses Tugendethik lassen sich nun Antworten auf tierethische Fragen ableiten, wie zum Beispiel auf die Frage, ob man Tiere für Zwecke der Unterhaltung verwenden darf.
Darf man Tiere für Zwecke der Unterhaltung verwenden?
Tiere werden auf unterschiedlichen Weisen für Zwecke der Unterhaltung verwendet. Sie werden in Zoos zur Schau gestellt, sie werden als Reittiere für Touristen verwendet, sie werden für Zirkusauftritte dressiert, sie werden in Rennen eingesetzt und sie werden für exotische Foto-Shootings bereitgestellt.
Würde eine tugendhafte Person sich Elefanten oder Kamele im Zirkus anschauen gehen? Würde sie Geld auf einen Reiter in einem Pferderennen setzen? Oder ein Foto-Shooting mit Tiger-Babys machen wollen? Eine tugendhafte Person würde die meisten Formen dieser Unterhaltung schon deswegen ablehnen, weil die Tiere oft unter grausamen Bedingungen gehalten, trainiert und behandelt werden. Doch davon abgesehen besitzt eine tugendhafte Person die Tugend der Besonnenheit und die Tugend der Selbst-Beherrschung. Eine tugendhafte Person ist besonnen und weiss, dass es noch viele andere und bessere Formen der Unterhaltung gibt. Sie würde sich für eine bedenkenlose Form der Unterhaltung entscheiden, und nicht für das Anschauen von Elefanten oder Kamele im Zirkus oder für das Wetten in Pferderennen. Auch kann sich eine tugendhafte Person selber beherrschen und würde der Versuchung widerstehen können, sich mit Tiger-Babys fotografieren zu lassen.
Literatur
Eine ausführlichere Einführung in die Tierethik bietet das Buch von Herwig Grimm und Markus Wild an: Tierethik zur Einführung (Deutsch)
Dokumentarfilme zum Vertiefen
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