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Wie ein Messer, das aus der Erde ragt: Das ist «Brokeback Mountain» in der gleichnamigen Oper des amerikanischen Komponisten Charles Wuorinen, Jahrgang 1938. Wer mit Erinnerungen an das schwule Cowboy-Drama von Ang Lee mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal die Madrider Oper betritt, wird sich die Augen reiben.
Über die Rückwand ziehen stumme Videobilder aus Wyoming. Tuba, Posaune und Paukenwirbel malen dazu eine feindliche Bergwelt. Hier kommt es auch deswegen zum Sex, weil die Schafhüter sich irgendwie wärmen müssen.
Der grosse Junge, der sein Leben verpasst
Der schweigsame Blonde und der quirlige Dunkle sind Männer, die um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen. Eher zufällig entdecken sie, dass sie anders sind, als sie dachten. Doch Ennis del Mar, der Konservative, traut sich nicht, danach zu leben. Daniel Okulitch, ein junger Bariton aus Kanada, singt diese wichtigste Rolle des Dramas mit bewegender Innigkeit. Er ist der grosse Junge, der sein Leben verpasst.
Die Quelle der Inspiration war die starke Erzählung «Brokeback Mountain» von Annie Proulx. Das Libretto, das die Autorin letztes Jahr erstellte, bewahrt die harte, asketische Poesie der Vorlage. In Wyoming seien die Sätze kurz, sagt Proulx. Fast widerwillig werden Gefühle zu Worten.
Der Berg, eine Karikatur des Paradieses
Das klare, schlichte Bühnenbild von Ivo van Hove verstärkt den intimen Charakter dieser Tragödie. Wie Puppenhäuser stehen sie nebeneinander, die sorgfältig gebauten Familienwelten der beiden homosexuellen Männer, die über 20 Jahre hinweg aufeinander warten. Die grosse Leidenschaft, für die der Berg als Kulisse dient, wird zur Karikatur des Paradieses – zum lebenslangen Aufschub, weil es zum Tabubruch nicht reicht.
Während das konzentrierte Dirigat von Titus Engel und die starken Sänger beeindruckend harmonieren, bleibt die komplexe Musik von Charles Wuorinen dem Drama manchmal fern. Obwohl auch die atonale Musik Verletzlichkeit mit zarten Streicherklängen ausdrückt, ist Wuorinens abstrakt wirkende Vertonung wohl keine Musiksprache für das breitere Publikum.
Erfolg für Gerard Mortier
Dass in Madrid nicht mit Country-and-Western kokettiert wird – ausser durch Cowboyhüte und echtes Lagerfeuer – wird der Oper niemand vorwerfen. Doch vor allem das glasklare Libretto und die konsequente Inszenierung machen die Bühnenfassung von «Brokeback Mountain» zum Ereignis. Einer stirbt, und dem anderen bleiben als Erinnerung nur zwei blutverschmierte Hemden.
Die Oper erntete starken Beifall des Madrider Publikums. Ein Erfolg der zu Ende gegangenen Ära von Intendant Gerard Mortier, den man in Madrid noch einmal vermissen wird.
Veranstaltungshinweis
«Brokeback Mountain»: Aufführungen bis 11. Februar, Teatro Real, Madrid