Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03136.jsonl.gz/2693

Von JÁNOS MOSER.
Edgar Rice Burroughs, am besten bekannt für seine Tarzan- und Marsromane, hat in seiner Karriere unzählige Bücher produziert. Allein von Tarzan erschienen insgesamt 24 Bände, die den „edlen Wilden“ nicht nur in den Urwald, sondern auch in goldene Städte und unbekannte Länder führen. Weniger bekannt, aber ebenso trashig ist der sogenannte Venus-Zyklus: der amerikanische Astronaut Carson Napiers, der zum Mars fliegen sollte, kommt von seinem Kurs ab und landet auf dem zweiten Planeten des Sonnensystems. Die Sonne ist von einer steten Wolkendecke verborgen, doch bewohnt eine Unzahl von Völkern die Wälder, Steppen und Meere des Planeten. Wie schon in den Marsromanen begegnet „Carson von der Venus“, wie der Held sich fortan nennt, natürlich einer schönen Prinzessin und verliebt sich in sie. Ebenso wenig fehlen die Schlachten zwischen den Spezies, die Gefangennahme und der Kampf in Gladiatorenarenen und die unüberwindliche Überlegenheit des Helden. In diesem Sinne könnte man den Venus-Zyklus wohl auch als Abklatsch der Marsbücher bezeichnen. Und doch ist da mehr: Die verschiedenen Völker des Planeten, seien es Fischmenschen, Pflanzenmenschen oder Barbaren der Steppe, haben eine verblüffend ungenaue Vorstellung davon, wie der Planet aussieht. Wegen der Wolkendecke, welche die Venus umgibt, haben sie Sonne und Sterne noch nie erblickt und glauben entsprechend, der Planet sei flach wie eine Scheibe. Während diese Erklärung noch halbwegs verständlich ist, gleitet das Ganze völlig ins Absurde, wenn man erfährt, dass die einzelnen Völker zum Teil nicht einmal ihre Nachbarn kennen, geschweige denn andere Kontinente – trotzdem reden sie alle dieselbe Sprache, haben gar dieselben Bezeichnungen für Ränge („Jong“ etwa steht für Oberhaupt). Als Beispiel könnte man jede Stelle im vierten Band („Odyssee auf der Venus“) nehmen, in der Carson einer neuen (Menschen)Gruppe begegnet, folgendes Gespräch zwischen Carson (in der Ich-Form) und dem Offizier eines Steppen-Schlachtschiffes illustriert die Umstände aber wohl am besten (Heyne Science Fiction Classics, 1971, S. 101-102):
Wir wurden zu einem der Schlachtschiffe gebracht – einem Fahrzeug von überwältigender Grösse.
Auf dem vorderen Oberdeck erwartete uns eine Gruppe von Offizieren. Danlot, der die Flotte befehligte, war ein harter, selbstbewusster Mann. „Wer seid ihr, und warum seid ihr in diesem Ding über die Flotte von Falsa geflogen?“, fragte er und musterte uns misstrauisch.
„Wir hatten uns verirrt und versuchten einen Weg in unsere Heimat zu finden“, sagte ich.
„Und was ist eure Heimat?“
„Korva“, erwiderte ich.
„Nie gehört. Wo liegt das?“
„Ich weiss es selbst nicht genau“, erwiderte ich. „Jedenfalls südlich von hier – an der Südküste Anlaps.“
„Wir sind hier in Anlap“, sagte er. „Aber der Ozean liegt im Osten, und ein Korva gibt es nicht. Im Süden sind Berge, die noch niemand überquert hat. Was ist das für ein Gebilde, in dem ihr geflogen seid?“
„Das ist ein Anotar“, sagte ich und erklärte ihm die Funktion der Maschine.
„Wer hat ihn gebaut?“
„Ich.“
„Und wo kommt ihr her?“
„Aus dem Norden – aus einem Land namens Japal“, sagte ich.
„Nie davon gehört. Wie soll ich euch glauben, wenn ihr aus einem Land kommt, von dem ich nie gehört habe, und wenn euer Ziel ein Land ist, das ich ebenfalls nicht kenne? Ich müsste fast annehmen, dass ihr panganische Spione seid.
Carson, der mit seiner Begleiterin Duare, der Prinzessin von Kooaad, in seinem Anotar (ein Propellerflugzeug), über die Venus fliegt, wird zum Odysseus auf einem fremden Planeten. Im Unterschied zum griechischen Helden trifft der Orientierungslose aber selbst auf Völker ohne Orientierung, die Weltkarte besitzt ebenso viele weisse Flecken wie Unstimmigkeiten. Die Himmelsrichtungen verzerren sich mit jedem neuen Volk, das ihm begegnet, noch mehr und lässt den Leser verwirrt zurück. Jedes Volk führt überdies Krieg gegen einen oder mehrere Rivalen – von diesem Krieg bekommen jene Venusbewohner, die sozusagen „hinter dem Berg“ leben, nichts mit, und glauben sich wiederum in einen eigenen, einsamen Existenzkampf verwickelt. Die mentale Entwicklungsstufe der Venusianer liegt so etwa, global gesehen, trotz fortgeschrittener Technologien, auf der Stufe eines Kleinkindes, dessen Welt bei den Stäben des Laufgitters endet. Und so steckt in der Abenteuergeschichte vielleicht das, was uns Stanislaw Lem in seiner Neuen Kosmogonie sagen wollte: Der Raum ist ein buchstäblich allumfassendes Spiel, in dem jeder Spieler, für sich isoliert, nach seinen Spielregeln spielt und doch am grossen Spiel des Weltraums teilnimmt, ohne es zu ahnen: Panludismus auf der Venus.