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Die Märchen unserer Kindheit begannen immer mit einem geheimnisvollen 'Es war einmal ...', das uns die Türen zu phantastischen Welten weit öffnete.
Es war einmal ... ein Riese, fast zwei Meter groß, 1910 geboren. Er trug langes, angegrautes Haar und einen dichten Seemannsbart. Er hatte den wiegenden Gang des Matrosen, der eben den Fuß an Land gesetzt hat, und seine Schritte führten ihn zu den Hallen der Literatur. Das war 1941.
Vor dem Eintreten musste man zuerst anklopfen und sich ausweisen, so wollte es der Brauch, doch der Hüne mit dem Seemannsgang stieß die Tür mit einem kräftigen Schulterstoß auf, betrat selbstsicher den Salon und sagte einfach: 'Ich heiße Francisco Coloane, und ich komme vom Ende der Welt!' Dank ihm wehte etwas Neues durch diese Hallen: Das Branden des stürmischen Meeres und die Stimmen von Tausenden von Abenteurern, die sich in allen Sprachen des Planeten ausdrückten und die sich in die Ebenen Patagoniens und die erdrückende Einsamkeit Feuerlands verirrt hatten.
Coloane war damals einunddreißig Jahre alt. Er legte zwei Bücher auf den Tisch, 'El Último Grumete de la Baquedano' und 'Cabo de Hornos', und verschwand wortlos, denn für die Menschen am Ende der Welt bedeutet die australe Stille laute Beredsamkeit.
Die Literaturkritik überging Coloanes erste Werke mit herablassendem Schweigen. Dieser Autor ließ sich nirgends einordnen, fügte sich keinem damals erfolgsträchtigen Stil und scherte sich im übrigen keinen Deut um den Anspruch, 'große Romane' zu schreiben. Hinzu kam, dass das wenige, das man über ihn wusste, auf einen Mann schließen ließ, der eher etwas von einem Piraten hatte als von einem Schriftsteller.
Coloane, Sohn eines Kapitäns auf einem Walfänger, hatte früh gelernt, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehen: die einzige Art, dem Sturmwind in Quemchi zu widerstehen, einem Hafen auf der Insel Chiloé, wo er seine Kindheit verbracht hatte. Die entfesselte See wiegte ihn in den Schlaf, und seine ersten Worte stammten aus dem barschen, präzisen Vokabular der Seeleute, Fischer , Walfänger, Robbenjäger, Taucher und Schatzsucher, die zwar ahnten, dass sie die von holländischen Korsaren vergrabenen Schätze nie finden würden, die Suche aber keineswegs aufgaben, getrieben von einer Utopie, die, wie alle Utopien, nur gerechtfertigt ist dank der Regung, die sie in den Herzen der Menschen weckt.
Coloane verstand es, die Wärme der von den Tehuelche-Indianern, den Yaghans den Onas und Alakalufs am Feuer erzählten Geschichten einzufangen, auf deren Seite er stand und immer noch steht, nicht etwa aus einer Pseudomoral oder einer Verpflichtung heraus, sondern weil er sie als seinesgleichen betrachtet, als seine Gefährten in einer grenzenlosen Landschaft.
Später fuhr er als Wahlfänger zur See, eine Erfahrung, die ihn von der dringenden Notwendigkeit überzeugte, der Ausrottung dieser Meeressäuger ein Ende zu setzen. Danach war er Verwalter auf einer großen Schaffarm, Matrose, Mastwächter auf der Korvette 'Baquedano', einem Schulschiff der chilenischen Marine, Forscher in der Antarktis; er leitete Eröhlbohrexpeditionen und befuhr die Kanäle rumd um das Kap Hoorn, zeichnete Seekarten, beteiligte sich an der Rettung manch eines alten Kahns in Seenot...
Die Kritik hatte ihn zwar übergangen, dennoch wurde er für die junge Generation zum beliebtesten Autor. Die jungen Menschen verstanden, dass Coloanes Bücher, zum ersten Mal in der Geschichte unserer Literatur, unschätzbare Elemente zur Definition einer lateinamerikanischen Identität enthielten. In seinem Werk bekam der Schmelztiegel der Kulturen endlich den ihm gebührenden Stellenwert, greifbar, wirklich, nicht rachelüstern und ohne falsche Scham. In seinen Geschichten vibriert eine ursprüngliche Sprache, die sich von jeder akademischen Geziertheit befreit hat, auch von jeglicher Eitelkeit oder stilistischen Koketterie. Coloane schreibt über das, was er kennt; er schildert seine Fiktionen mit der Strenge und der Liebe zum Detail eines payador, wie man die durch das Land ziehenden Geschichtenerzähler nennt, die in der südamerikanischen Einsamkeit immer willkommen waren.
1956 veröffentlichte Coloane einen Erzählband mit dem Titel »Tierra del Fuego« (Feuerland). Er war inzwischen der populärste Schriftsteller Chiles, und jedes seiner Bücher wurde in ganz Lateinamerika mit Ungeduld erwartet. Er ist zweifellos der Pionier der Abenteuergeschichten auf dem südamerikanischen Kontinent. Dank dessen, zusammen mit seiner ununterdrückbaren Berufung zum Reisenden, die ihn mehrere Male rund um die Welt geführt hat, ist er für Tausende von Lesern zum Schriftsteller schlechthin geworden, der die Tore zu einer unbekannten Welt zu öffnen vermag. Coloane fordert die Menschen auf, aus dem insularen Bann auszubrechen, der auf den CHilenen lastet; er fordert sie auf, den Horizont zu bezwingen.
1964 erhielt er den Nationalen Literaturpreis. Wenige andere lateinamerikanische Schriftsteller können sich so hoher Auflagen rühmen wie er. Seit Coloanes dröhnende Stimme zum ersten Mal das literarische Panorama durchdrungen hat, sind ihm mehrere Generationen gefolgt, doch auch heute noch gehören junge Menschen zu seinen treusten Lesern.
Als ich ihn letztes Mal traf, kam er mir wie ein riesiger weißbärtiger Junge vor. Er besserte eben das Segel seines Kutters aus, bevor er wieder in Richtung der Kanäle längs der patagonischen Küste in See stach. Wir tranken einen feurigen chilenischen Wein, während er mir von seinem neuen literarischen Abenteuer erzählte: Er schrieb an einer Chronik der Schiffbrüche in der Magellanstraße.
Es war einmal ... Nein! Noch heute lebt jenseits des Meeres, am Ende der Welt, ein großer, brüderlicher Mann.