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«Ihr seid doch keine Menschen, ihr seid doch feuchter Lehm! Geformt hat man euch wohl, doch etwas einzuhauchen vergass man!» So brüllt einer, der eigentlich Schutz sucht, vor einem Schreibtisch der Einwanderungsbehörde. «Derweil richtet Petrus die Dinge auf seinem Schreibtisch fein säuberlich aus – als wollte er, Tischvorsteher sozusagen, die Parade seiner Bleistifte und Zahnstocher abnehmen. Er kriegt die Zeit bezahlt. Keine Eile. Petrus ist ein ordnungsliebender Mensch.»
Seit 1995 lebt der russische Autor Michail Schischkin in Zürich. Längere Zeit hat er als Dolmetscher für das Migrationsamt gearbeitet. Und wie er, ist auch der Erzähler seines Romans «Venushaar» Immigrant und Übersetzer. Doch beim Übersetzen der fremden Geschichten, des erlebten Leids, der gespannten Hoffnungen und der schreienden Verzweiflung legt sich dem Erzähler die eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um das Übersetzte, wickelt sich wie eine dritte, vierte, fünfte, x-te Schicht um das, was gerade in einem Büro der Schweizer Behörde protokolliert wird. Dadurch hat der Leser nicht nur reale Szenen und Fragen dieses Amts vor sich, wie: «Sag mir doch mal, mein Bester, wie viel Kilometer sind es von deinem Kaff bis in die Hauptstadt?» (was per Handbuch überprüft wird), sondern zunehmend trifft er auf solche Dialoge: «Welche Sprache wird im Königreich der Chaldäer gesprochen?» – «Akkadisch!», kommt die Antwort. «Und wie heisst der Tempel für den Gott Marduk in Babylon?» – «Esagil!» – «Und der Turm daselbst?» – «Etemenanki.»
Auf faszinierende Weise erzählt Schischkin, wie nebenher, ein Jahrhundert russischer Geschichte und Ungeschichte (etwa Vorfälle aus einem der berüchtigten Gefängnisse der Sowjet-zeit: «Ich zerschlug die Glühbirne und schlitzte mir die Bauchdecke auf. Die Schnitte muss man so legen, dass die Därme austreten; in solchen Fällen ist den Haftärzten das Risiko zu gross, die Sache selbst in die Hand zu nehmen…») und bettet ausserdem das Leben des Dolmetschers durch Verweise in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. Der Erzähler in «Venushaar» übt eben nicht nur seine Aufgabe auf dem Amt für Migration aus, sondern ist zugleich angestellt als «Dolmetsch in der Flüchtlingskanzlei des Ministeriums für Paradiesverteidigung».
Ja, «Venushaar» ist tatsächlich eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies. Vor allem ist der Roman virtuos komponiert. In etlichen Bereichen übertrifft er wohl sogar Nabokovs «Bastardzeichen», das ebenfalls mit mehreren Schichten einer Lebenswelt und einer möglichen Emigration spielt.
Michail Schischkin: «Venushaar». München: DVA, 2011