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Ganze 18 Jahre alt war Fermor, als er zu seiner grossen Fussreise quer durch Europa von Hoek van Holland bis nach Konstantinopel (Istanbul) aufbrach. Ganze 18 Jahre alt, aber schon von sich und seinem Leben degoutiert. So war diese Reise auch eine Art Selbstheilungs- oder Selbstfindungstrip – allerdings ohne, dass er grosses esoterisches Gedöns darum machte. Fermor war von verschiedenen Schulen geflogen, weil sein Benehmen nicht der brav-reservierten britischen Art entsprach.
Über Holland, ausser dass er die Freundlichkeit und die Trinkfestigkeit der Holländer rühmt, berichtet Fermor wenig. Zu kurz war sein Aufenthalt dort. Erst Deutschland tritt wirklich vor den Leser. Ende 1933, als er die Grenze von Holland ins Deutsche Reich überschreitet (was bei ihm wörtlich zu nehmen ist), waren in Deutschland soeben die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Noch war die Lage einigermassen ruhig. Zwar stürmten immer wieder mal uniformierte Horden durch die Städte oder die Gaststätten, in denen sich Fermor aufhielt, sie wirkten aber auf ihn noch als Fremdkörper. Allerdings, so Fermor, war sich auch die ‘gewöhnliche Bevölkerung’ durchaus im Klaren darüber, dass bereits erste Konzentrationslager existierten. Man, so Fermor, billigte das zwar nicht, hoffte aber, dass die Phase einer nationalsozialistischen Herrschaft spätestens bei den nächsten Wahlen vorüber gehen würde. Wie weit Fermors Bericht korrekt ist, kann ich nicht beurteilen. Auch wenn er gegen Ende davon berichtet, dass er ein Reisetagebuch jener Zeit wieder gefunden hat, und seinen Bericht mit jenem Tagebuch abgeglichen hat: Die Zeit der Gaben wurde erst 1977 geschrieben. Da hatte Fermor nicht nur mit The Traveller’s Tree von 1950, einem Bericht über seine Reise in die Südsee, einen grossen Erfolg beim Publikum eingeheimst, hatte auch bereits über seine Reisen in Griechenland geschrieben (Mani und Roumeli) – er war vor allem über 40 Jahre älter als sein damals reisendes Ich, ein gestandener Mann von 62 Jahren, der unter anderem auch auf Erlebnisse als Verbindungsoffizier zur Résistance in Kreta im Zweiten Weltkrieg zurückblicken konnte, was unter Umständen nachträglich seine Empfindlichkeit für nationalsozialistische Umtriebe geschärft haben könnte. Nun, selbst so: In Fermors Reisebericht spielen die Nationalsozialisten alles in allem eine untergeordnete Rolle. Was ihn interessiert, worüber er schreibt, sind immer Begegnungen mit Menschen. Dabei scheint Fermor das Glück gehabt zu haben, fast nur positive Reaktionen in seinem Gegenüber ausgelöst zu haben – was mit ein Grund ist, warum er mit sehr wenig Geld sehr weit gekommen ist.
In Deutschland wunderte er sich darüber, warum jedes deutsche Lied den süssen Wein verherrlicht, während er doch die Deutschen als eine Nation von Biertrinkern erlebte. Und auch die Gläser, die im Gesang so oft erhoben werden, sind in der Realität irdene Humpen. In Heidelberg suchte auch er, wie Mark Twain und Jerome K. Jerome, nach einer Möglichkeit, einer studentischen Mensur beizuwohnen, findet aber keine. In Stuttgart beherbergten ihn zwei junge Mädels in ihrem Elternhaus, da Vater und Mutter im Moment auf Reisen sind. Fermor blieb keusch oder ist Gentleman genug, darüber zu schweigen, ob es zu mehr gekommen ist, als ein wenig Tändelei. In München erlag er, ähnlich wie Thomas Wolfe sechs Jahre vor ihm, dem Sog des Hofbräuhauses und betrank sich, bis er ins Koma fiel. Ebendaselbst wunderte er sich über die Riesenmengen an fettem Fleisch und fetter Wurst, die so ein Bajuware in sich hinein stopfen kann. (Um im Nachhinein festzustellen, dass er selber auch besser daran getan hätte, etwas zu essen, anstatt literweise Bier auf nüchternen Magen zu kippen.) In Bezug auf leibliche Genüsse fällt auf, wie oft er erwähnt, ein Pfeifchen oder eine Zigarre zu schmauchen. Durchaus, wie er selber kritisch anmerkt, ein Zeichen dafür, dass der unterdessen 19-Jährige dies als Zeichen des Erwachsen-Seins betrachtete.
Selbst der Umstand, dass man ihm in München im Gefolge jenes Gelages Geld und Ausweis gestohlen hatte, hinderte ihn nicht daran, seine Reise fortzusetzen: Eigentlich entschlossen, der Donau zu folgen, machte er einen Abstecher nach Prag, weil ihn neu errungene Freunde dorthin einluden. Er mochte Prag sehr. Es folgte Wien, wo er lange auf das Reisegeld seines Vaters warten musste und gezwungen war, sich seinen Lebensunterhalt als Porträtzeichner zu verdienen, der von Haus zu Haus tingelt und seine Dienste an den Wohnungstüren anbietet. Am Schluss des Buchs verlassen wir Fermor beim Übertritt (auch dies wörtlich!) auf ungarisches Staatsgebiet. Die Befindlichkeit der einzelnen, ehemals kakanischen Staaten und Völker werden von Fermor recht genau beschrieben; auch hier aber wieder die Frage, wie weit der 62-Jährige dem 19-Jährigen das Wort redet.
Alles in allem eine erfrischende Lektüre, deren Erfolg garantiert sein musste. Es gibt einen zweiten Teil zur dieser Reise, den ich allerdings nicht so schnell lesen werde, hat sich doch der Dörlemann-Verlag, dessen Ausgabe ich gelesen habe, in den Kopf gesetzt, zwar Band 1 separat zu verkaufen, Band 2 aber nur im Bundle mit Band 1. Offen gesagt, hat Dörlemann mit dieser seltsamen Verkaufspolitik einen Fan verloren.
Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Zürich: Dörlemann, 2005