Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/2152

Auguste Perret (1874 – 1954) und Le Havre
Anfangs September 1944 wurde der grösste Teil der strategisch wichtig gelegenen Hafenstadt Le Havre durch alliierte Luftangriffe zerstört. Die Zerstörung war dermassen gross, dass die verbliebenen Einwohner vom Bahnhof aus das Meer sehen konnten.
Die französische Regierung entschied sich gegen eine Rekonstruktion der Stadt, sie wollte an diesem Ort eine radikal moderne Modellstadt errichten. Als Planer wurde der damals 71 jährige Auguste Perret engagiert, welcher sich in Frankreich, Grossbritannien und Algerien einen Namen als Architekt, Stadtplaner und Bauunternehmer gemacht hatte.
Perret entwickelte mit seinen beiden Brüdern und einem Team von 60 Architekten zwischen 1945 und 1954 für das neue Le Havre. Der Stadtplan und auch jeder Baukörper basiert auf einem klaren orthogonalen Raster, das Achsmass ist teilbar durch zwei und drei und beträgt immer 6.24 Meter. Alle Fenster sind raumhoch, das Erdgeschoss immer öffentlich und als Material wird Beton verwendet.
Perret perfektionierte das Bauen mit Beton. Er liess den Schutt der kriegszerstörten Häuser zermahlen, streng getrennt nach Farbe und Struktur. Unter Beimischung von Glassplittern, Kies und Sand entstanden ganz unterschiedliche Betonoberflächen, die er wie sonst Naturstein behandeln liess. Poliert, scharriert oder gestockt leuchten die innern und äusseren Fassaden Le Havres in unterschiedlichen Farben. Zitat Perret: „Mein Beton ist schöner als Stein, dessen Schönheit die edelsten Baumaterialien übertrifft.“
Die Einwohner hingegen konnten mit Perrets Architektur einfach nichts anfangen. Es sollte mehr als zwei Generationen dauern, bis die besondere Qualität dieser Stadt entsprechend wertgeschätzt wurde. Ab den sechziger bis Anfang der achtziger Jahre erfuhren viele Gebäude Schädigungen, der Beton wurde als wenig ästhetisch betrachtet und mit Farbe überdeckt. Erste Regeln zur Erhaltung der Gebäude wurden erst in den achtziger Jahren erlassen. Erst ab 1995 untersteht die wiederaufgebaute Stadt einer architektonisch und landschaftlich geschützten Zone (ZPPAUP). Die führte dazu, dass die Einwohner und BesitzerInnen der Liegenschaften ihre Immobilien mit höherem Wert einschätzen. Heute ist es so, dass alle Bauarbeiten in der neuen Stadt unabhängig von deren Grösse täglich auf deren Rechtmässigkeit kontrolliert werden.
Das von Perret neu aufgebaute Le Havre ist das erste Beispiel moderner französischer Architektur und das einzige städtebauliche Ensemble Europas, das am 15. Juli 2005 zum Unesco - Weltkulturerbe erklärt wurde.
Le Havre präsentiert sich heute als grossartiges Stadtgefüge, klar in der Ordnung, nie eintönig oder öde, sondern kräftig und lebendig. Wer etwas über Stadt und Beton erfahren will, reist nach Le Havre! Unbedingt Maison du Patrimoine und Musterwohnung besuchen, 181, rue de Paris, Le Havre.
Quellen:
- Reise nach Le Havre 2017
- Stadt Le Havre
- thelink Berlin, Hendrik Bohle
vorgestellt von Rolf Suter