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Eine Influencerin wollte fünf Nächte umsonst in einem Hotel übernachten und dafür auf ihrem YouTube-Kanal darüber berichten. Der Hotelier und zahlreiche Internet-Trolle finden das skandalös – warum eigentlich?
Es fing alles ganz harmlos an. Per Mail wandte sich Elle Darby an ein Hotel in Dublin und schlug einen Deal vor: Sie finde das Hotel «fantastisch» und würde es in ihren YouTube-Videos und Instagram-Posts empfehlen, wenn sie dafür gratis buchen dürfe. «Ich habe über 87'000 YouTube-Abonnenten, dazu 76'000 Instagram-Followers», empfahl sich Darby. Letztes Jahr habe sie mit Universal Orlando in Florida gearbeitet und es sei «unglaublich für sie gewesen», schrieb die 22-jährige Engländerin weiter.
Die Antwort fiel indies nicht wie erwartet aus. Hotelier Paul Stenson postete Darbys Mail – ohne ihren Namen zu nennen – auf der Facebook-Seite seines Hotels. Und kommentierte: «Es braucht Eier, eine solche Mail zu schreiben, wenn auch nicht viel Selbstrespekt und Würde.» Danach fragte er Darby, wer denn das Personal bezahlen werde, wenn er sie gratis im Hotel logieren lasse. «Wer bezahlt die Reinigungskräfte, die dein Zimmer putzen? Die Bedienung, die dir dein Frühstück serviert?» Er blogge auch ein bisschen, in seinen Augen «einfach eine andere Art zu sagen, ‹etwas im Internet schreiben›». Die vielen Follower, betont Stenson, machten ihn nicht besser als sonst irgendjemanden und gäben ihm kein Recht, etwas nicht zu bezahlen, das alle anderen bezahlen müssten.
Es folgt: ein Video, in dem Derby sich mit roten Augen über die grobe Absage des Hoteliers beschwert. Der Streit geht viral und diverse Medien berichten darüber. Seither lassen Trolle auf den sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten ihrer Verachtung freien lauf. «Endlich zeigt's diesen Influencern mal jemand!», so das Credo.
«Perhaps if you went out and got real jobs you'd be able to pay for goods and services like everybody else.» Auf deutsch: «Wenn du einen richtigen Job ausüben würdest, könntest du für Produkte und Dienstleistungen zahlen, wie alle anderen auch.»
«What an odious person. (...) caught out trying to extort money from a business online under the guise of being a social media influencer aka shithead airhead.» Auf deutsch: «Was für eine schlimme Person. Ertappt, wie sie als sogenannte Influencerin aka Arschloch Hohlkopf versucht ein Unternehmen zu erpressen.» Gesehen so auf Reddit.
Auch in der watson-Kommentarspalte hagelt es böse Bemerkungen. Dieser Kommentar erntete über 1000 Herzchen.
Liebe Leute, willkommen im Jahr 2018! Mit über 80’000 Followern auf einem sozialen Netzwerk kann man heutzutage in vielen Hotels gratis übernachten – Influencer Marketing nennt sich das. Die Marketing-Strategie ist mittlerweile in jedem zweiten Marketingmix von Unternehmen zu finden – und das quer durch alle Gebiete. Ganze 850 Millionen Euro liessen Marken im letzten Jahr dafür auf Instagram springen – und diese Zahl soll sich laut der Studie der Marketingagentur Mediakix bis 2019 noch verdoppeln.
Auch das Renaissance Hotel in Zürich arbeitet regelmässig mit Influencern. «Gegen gratis Kost und Logis empfehlen die Influencer unser Hotel auf ihren Social Media Kanälen und verwenden unsere Hashtags, damit erhöhen wir Reichweite und Engagement unserer Kampagnen», lässt uns Michael Gehring, Kommunikationsverantwortlicher der SV Hotelgruppe, wissen. Solche Anfragen seien heutzutage normal und sogar erwünscht. «Die Zusammenarbeit mit Influencern ist ein Teil unserer Social Media Strategie.»
Kein Wunder, denn die Zusammenarbeit lohnt sich: 94 Prozent der Unternehmen, die mit Influencer kooperiert haben, halten es für eine effektive Strategie, schreibt das Wirtschaftsmagazin Forbes. Für den Preis eines Hotelzimmers wird das Hotel innerhalb der gewünschten Zielgruppe bekannter, die Buchungen steigen an und die emotionale Verbindung zum Kunden wird verstärkt.
Hotelier Stenson outet sich vor allem als schlechter Geschäftsmann, wenn er nicht weiss, was Influencer Marketing ausmacht. Mit den Gästen, die dank den Postings von Darby ins Hotel gekommen wären, hätte er die gratis Logis schnell wieder rentabilisiert.
Dabei wäre der Hotelier mit dem einen gratis Zimmer noch billig weggekommen. Firmen sind bereit, viel Geld für Influencer Marketing zu bezahlen. Für einen Snapchat-Post geben Unternehmen laut des renommierten PR-Netzwerks Porter-Novelli inzwischen bis zu 60'000 Euro, für ein YouTube-Video gar bis zu 75'000 Euro, aus.
Ob er auf Influencer setzen will, ist dem Hotelier selbst überlassen. Aber aus einer alltäglichen Business-Anfrage eine Hexenjagd zu machen, zeugt von schlechtem Stil. Auf Social-Media-Persönlichkeiten rumzuhacken ist einfach und eine gute Masche, um sich zu profilieren. Doch ich verstehe den regen Zuspruch nicht. Seit wann ist man ein Held, wenn man eine 22-Jährige öffentlich mobbt? Anstatt Influencer wie Derby zu verhöhnen, wäre Lob angebracht. In ihrem jungen Alter hat Derby ihr eigenes Business aufgebaut, «schmarotzen» sieht anders aus.
Gratis Produkte oder Dienstleistungen für Publicity – eigentlich ein alter Zopf: Firmen beschenken oder engagieren berühmte Leute, damit sie die Werbetrommel für ihre Produkte rühren. So tragen Schauspielerinnen seit Jahrzehnten die neusten Designer-Kreationen auf den roten Teppichen rund um die Welt. Die Roben haben sich die Damen nicht etwa selbst gekauft: In den allermeisten Fällen offerieren sie die Modehäuser oder leihen sie aus. Heute schliessen die Marken halt auch Verträge mit einem erfolgreichen Instagramer, der gratis Sneakers erhält und diese dafür auf einer gewissen Anzahl Fotos trägt.
Ein Gut oder eine Dienstleistung gratis zu beantragen, kann auf den ersten Blick unsympathisch wirken. Doch: Die meisten erfolgreichen Influencer mit einer breiten Followerschaft haben sich selbstständig gemacht, dass heisst, sie erhalten ausserhalb von Partnerschaften mit Unternehmen und YouTube kein Geld. Im grossen Rahmen zu influencen, ist ein Vollzeitjob. Dass Darby versucht, mit einem Hotel zu arbeiten, bei dem sie vermutet, es könnte ihren Followern gefallen, ist nichts Verwerfliches.
Influencer testen Produkte, Orte oder Services. Sie schreiben Texte, drehen, editieren und vertonen Videos. Sie suchen nach Drehplätzen, organisieren Shootings. Sie verhandeln mit Unternehmen, recherchieren nach Themen, die ihre Follower interessieren könnten, pflegen ihre Community 24/7. Ist das der «hohlste Job der Welt», weil nicht «genug anstrengend» oder «zu glamourös für ‹echte› Arbeit»? Dann versuch's doch selber mal.
Kinder, ob lustig oder süss, sind ein Hit auf Social-Media. Aber ethisch könnte da was faul dran sein – eine Analyse.
Es tut weh. Das Bild von Liam*; wie die Speckröllchen über seinen aufgeblähten Bauch rugeln, währenddem er das Wasser in der nicht mal halb gefüllten Badewanne zu schlagen versucht. Seine Mutter, die das Bild auf Facebook geladen hat, hat sein «Schnäbeli» mit lasziv anmutendem Emoji verdeckt. Es ist einfach niedlich.
Auch der Insta-Post, der die einjährige Muriel* beim familiären Ausflug ins Fastfood-Restaurant zeigt, klaubt ein Wonnegefühl aus jeder noch so finsteren Magengrube heraus. Wie …