Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/1139

Die Stadt Freiburg erlebte in den 1970er und 1980er Jahren gewaltige Veränderungen. Der von den kantonalen Behörden unter der Leitung des cleveren christlichsozialen Staatsrates Claude Genoud forcierte Bau der N12 (heute A12) zwischen Flamatt und Châtel-St-Denis und deren Anschluss an das nationale Autobahnnetz (1981) löste die Ansiedlung von zahllosen Industriebetrieben aus und schwemmte dadurch viel Geld in den zuvor bitter armen Agrarkanton. Drei persönliche Streiflichter sollen die daraus folgenden Entwicklungen erhellen. Das erste über das Leben dieser Jahre in der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität im Miséricorde-Gebäude. Das zweite etwas allgemeiner über die Stadt Freiburg, die sich genötigt sah, ihre Infrastruktur anzupassen und dies unter permanenter Beobachtung und Kritik der Bewegung «Pro Fribourg» tat. Deren Generalsekretär Gérard Bourgarel richtete in seinem Wohnsitz am Stalden 14 mitten in der Altstadt eine regelrechte Hochburg der ausserparlamentarischen Opposition ein. Das dritte Streiflicht beleuchtet einen soziologisch wichtigen Schritt, wie die östlich der Stadt gelegene Landschaft des Sensebezirks selbstständig wird. Ihre wirtschaftliche Macht findet heute im Bau der Poyabrücke Ausdruck.
Als Kind aus einfachen Verhältnissen des Sensebezirks war für mich 1971 das Eintreten in die philosophische Fakultät der Universität eine eindrückliche Angelegenheit. Die Einschreibeprozedur in der Ehrenhalle der Miséricorde mit ihren gewaltigen Pfeilern und grossartigen, elegant geschwungenen Stahlgittern (mein Vater war Schmied) hatte etwas Erhebendes. Allerdings fühlte ich mich nicht ganz wohl zwischen den lauten Deutschschweizern und den etwas an den Rand gedrängten Welschen. In der Tat waren die Deutschschweizer in der Mehrzahl, was natürlich im französischsprachigen Freiburg ein Problem darstellte. Aber das war ein Strukturproblem, das Georges Python mit der Gründung der katholischen Universität schon 1889 geschaffen hatte. Die Uni Freiburg sollte im Anschluss an den Schweizer Kulturkampf die katholische Elite des Landes ausbilden. Nun befinden sich aber die katholischen Kantone grossmehrheitlich in der Deutschschweiz. Also schrien die welschen Studenten «Traduction !» in den studentischen Meetings, in denen die Deutschschweizer das Sagen hatten.
Zu dieser Spannung gesellte sich eine politische. In der theologischen Fakultät standen die Französischsprachigen zum Teil der fundamentalistischen Ecône-Bewegung nahe, während die Deutschsprachigen ganz links lagen und in ihrer Publikationsreihe «Exodus» Texte der Befreiungstheologie publizierten. So war das Knistern in diesen heissen Nach-68er- Jahren geradezu mit den Händen greifbar. Fantastisch daran war die Tatsache, dass Freiburg von katholischen Studenten aus der ganzen Welt besucht wurde. Ich traf hier Kommilitonen aus Japan, Vietnam und Iran, Kamerun oder Tansania, Brasilien und Chile. Die Universität Freiburg war damals die internationalste aller Schweizer Unis, was die Herkunft der Studierenden betraf. Das gilt übrigens noch heute mehr oder weniger.
Erfreuen konnte ich mich auch an den grosszügigen, formschönen Gebäuden der Architekten Denis Honegger und Alexandre Dumas aus den späten Dreissiger Jahren. Unter starkem stilistischen und materialtechnischen Einfluss von Auguste Perret versuchten die Entwerfer des charaktervollen Campus auch Anleihen von Le Corbusiers Architektursprache zu übernehmen, und das war für den jungen Kunstgeschichtsstudenten ein Labsal. Der wunderbare runde Pavillon der Musikologie, die grossen, steil ansteigenden Hörsäle mit ihren Claustra-Wänden, die gewaltige Aula mit ihren riesigen, verschiebbaren Bronzefronten, die breiten Treppenhäuser mit den elegant geschwungen schmiedeeisernen Gittern, die neuartigen Hebefenster, die man ja in den Seminarräumen fast täglich zu betätigen hatte: Das alles war Nahrung für den jungen Geist. Da hatte das kleine Freiburg zwischen politischem Konservatismus und katholischer Weltläufigkeit eine architektonische Grosstat vollbracht. Leider fand der etwas fade nachahmende Erweiterungsbau von Serge Charrière und Aloys Page auf der Basis einer Skizze von Honegger nicht zu neuem Atem. Hier hätte 35 Jahre später eine zeitgenössische Antwort auf die Alma mater aus der Kriegszeit erbaut werden müssen.
Ab etwa 1450 wurden die Holzhäuser der Freiburger Altstadt mit mehrgeschossigen, noch dem zähringischen Kataster verpflichteten Privatbauten ersetzt, deren schöne spätgotische Sandstein-Fassaden das Burgquartier, die Au und die Neustadt prägten. Zählte man im Jahr 1600 um die 6 000 Einwohner, so sind daraus bis 1811 lediglich 6 200 geworden. An der Bausubstanz hatte sich mit Ausnahme des Burgquartiers bis zum Zweiten Weltkrieg nicht viel geändert. Die Unterstadt war ein hoffnungslos übervölkertes Armenhaus. Und wenn sich die Stadt heute rühmt, über 200 spätgotische Fassaden erhalten zu haben, so ist das in erster Linie das Verdienst dieser Armut. In den 1960er Jahren fanden wir Studenten der Universität dort billigen Wohnraum. Zusammen mit den sozialen Umwälzungen jener Jahre kam das Interesse für diese Quartiere auf, gefolgt von Spekulationen, Renovationen und Umbau.
Der drohende Abriss eines Gebäudes im Burgquartier führte 1964 zur Gründung der Bewegung «Pro Fribourg». Der rührige Genfer Gérard Bourgarel, selbst Besitzer mehrerer Altstadthäuser, begann zusammen mit Freunden gegen diese Art von Altstadtsanierung zu rebellieren und gab seine Meinung in einer gut aufgemachten, vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift kund. Bald führte ihn diese Tätigkeit – Bourgarel kritisierte mitunter heftig, führte aber auch die Inventarisierung ganzer Häuserzeilen wie an der Goldgasse durch und schuf reich bebilderte Darstellungen von ganzen Quartieren – über die Altstadtprobleme hinaus und nahm sehr aktiv an der Gestaltung der Stadt teil. Hefte wie «SOS-Eau» oder «Le système urbain» des Genfer Architekten und Architekturprofessors Jacques Vicari und zahlreiche Nummern über die Kulturpolitik der Stadt, ein wohnlicheres Freiburg, kurz: Heftige Attacken gegen das «Fribourg malade de l’urbanisme» machten aus der Bewegung eine gefürchtete Opposition, deren Anhänger ihre Strategien im Altstadthaus des Gérard Bourgarel am Stalden 14 in der Unterstadt ausheckten. Hier arbeitete die verschworene Schar um ihren Secrétaire général jeweils bis tief in die Nacht hinein, um ihre Vorstellung dieser schönen Stadt neu zu erfinden. Die Spekulation, die Sprachenfrage, das unsägliche unterirdische Parking im Burgquartier gleich bei der Kathedrale und immer wieder Fragen der Denkmalpflege waren dem kosmopolitischen Freigeist Gérard Bourgarel zentrale Anliegen, die er mit einer Verve anging, die unseren Stadtgewaltigen manchmal die Luft ausgehen liess. In der Folge weitete sich das Themenspektrum der Pro Fribourg-Hefte immer mehr auf die Region aus und berührte politische Themen wie die Immigration, die Frauenfrage in Geschichte und Gegenwart oder die Probleme der Künstler, bis zum letzten Atemzug Gérard Bourgarels, der am 19. September 2012 81-jährig starb.
Als Kind durfte ich in den 1950er Jahren manchmal meinen Vater begleiten, wenn er aus seinem kleinen Weiler im mittleren Sensebezirk in die Stadt fuhr, um für seine Schmiede Eisen zu kaufen. Das waren einprägsame Erlebnisse: die grossen Einkaufshäuser, die fremde Sprache, mein Stolz auf Papa, der fliessend diese fremde Sprache redete, von der ich kein Wort verstand. Dieses kindliche Erleben lässt mich heute an die damalige Isolation des Sensebezirks zwischen dem welschen Freiburg und dem protestantischen Bern zurückdenken. Dieser Landstrich war ja nie zu irgendetwas gekommen, abgesehen von den Kirchen, die die zahlreichen Dörfer der alten Pfarrei geprägt haben. Der rein bäuerliche Bezirk war seit dem Mittelalter eine sogenannte «Alte Landschaft » und lag im Besitz der Stadt, ohne eigene Vogtei und also ohne eigene Verwaltungsbehörde, bis in das 19. Jahrhundert hinein. In diesem armen Landstrich kauften seit dem 16. Jahrhundert die in fremden – vor allem französischen – Diensten geadelten und zu Reichtum gekommenen Offiziere der Stadtfamilien Ländereien auf und erstellten in ihrer Mitte prächtige Sommersitze, um ihren Pächtern auf die Finger schauen zu können. Es waren im ganzen Bezirk etwa vierzig an der Zahl.
Dieses Verhältnis von oben und unten veränderte sich bis zum Zweiten Weltkrieg nicht wirklich, dafür in der zweiten Jahrhunderthälfte radikal, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Ich erinnere mich noch, wie es in den 1970er Jahren in den Parteizentralen plötzlich hiess: «La Singine devient décisive !» Die Konservativen mussten Federn lassen, die KMUs vervielfachten sich, das Geld möbelte die Dörfer auf, eine eigene Kulturszene fasste Fuss, bis es dann so weit war, dass in einem eigenen Theater- und Konzerthaus – dem von Thomas Urfer 1999 gebaute «Podium » in Düdingen – Sensler Ensembles Konzerte und Theaterstücke zum Besten gaben.
Erst das alles ermöglichte politisch die neue Saaneüberquerung auf der Ostseite der Stadt. Über fünfzig Jahre lang hatten sich Behörden und Verbände gestritten, ob eine solche Brücke überhaupt gebaut werden solle, wo, wenn überhaupt, und wie sie auszusehen habe. Sogar meine Freunde von «Pro Fribourg» waren dagegen, und wir stritten uns darüber oft die halbe Nacht.
Jetzt steht die Brücke, das geschwungene Gewaltsding und redet für mich als früheren Sensler davon, dass sich mein kleines Ländchen gefunden hat. Hatte ihm doch der Arzt und Schriftsteller Peter Boschung dieses Gedicht gewidmet:
Uuff ! Lann zwüsche Saana ù Seisa, mys Lann,
arwach, häb uff ù schtann!
Arwach us dym hùndertjerige Schlaaf, di Frene vùrwächsle tùmm u braav.
(…)
Lann zwüsche Saana ù Seisa, mys Lann,
arwach, häb uuff ù stann!12
Walter Tschopp, geboren 1950 in Tafers, studierte Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Langjähriger wissenschaftlicher Assistent, später Redaktor am Inventar der Kunstdenkmäler des Kantons Freiburg. 1990 bis 2012 Konservator des Departements Bildende Kunst und Mitglied des Direktionsrates am Museum für Kunst und Geschichte Neuenburg.
1 Siehe dazu Stichwort «Université de Fribourg» im Dictionnaire historique de la Suisse Band 12, 2013, S. 776: «La proportion des étudiants étrangers, une des plus fortes des universités suisses tout au long du XXe est de 18 % en 2010.»
2 Siehe dazu Christoph Allenspach, «Universität Miséricorde in Freiburg», in: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.), Schweizerische Kunstführer, Bern 1984, S. 3.
3 Noch einmal dreissig Jahre später, im Jahre 2005, wurde mit dem riesigen Neubau Pérolles 2 von den Architekten und Planern Braissant-Hiltbrunner-Schmid des Büro B die bauliche Antwort auf die rasante Entwicklung der Freiburger Uni gegeben, die von ca. 4 000 Studenten in den 1970er Jahren auf heute 10000 Studierende angewachsen ist.
4 Siehe Stichwort «Fribourg (commune)» im Dictionnaire historique de la Suisse, Band 5, 2006, S. 243.
5 Pro Fribourg-Heft Nr. 20, Dezember 1973.
6 Heft Nr. 26, Juni 1975.
7 Heft Nr. 30, September 1976.
8 Heft Nr. 60, 1984.
9 Ich gehörte zwischen 1979 und bis zu meinem Wegzug von Freiburg Ende 1989 zur Redaktionsequipe der Bewegung, erlebte diese Jahre als eine ungeheuer intensive Zeit und lernte sehr viel von Bourgarel und seinem riesigen Archiv im Obergeschoss seines geräumigen Hauses mit Dokumenten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen.
10 Siehe den freimütigen Nachruf von Claude-Alain Gaillet über den «éternel indigné» (den permanent Empörten) unter dem Titel: Le militant Bourgarel laisse en héritage bien plus que «Pro Fribourg», in: La Liberté, 21.9.2012. – Unter dem aufwieglerischen Architekten Jean-Luc Rime arbeitete und arbeitet die Bewegung «Pro Fribourg» weiter bis zum heutigen Tag, wo die Zeitschrift bei ihrer 182. Nummer angelangt ist.
11 Siehe dazu Walter Tschopp, «Einige Bemerkungen zu den Herrensitzen des Sensebezirks», in: Beiträge zur Heimatkunde 45. Jg. 1975, S. 137 – 148.
12 Peter Boschung: Verse und Prosa. Schriftenreihe der Deutschfreiburgischen Arbeitsgemeinschaft, Band 8. Freiburg 1975, S. 72.