Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/1944

Aristoteles hat in einigen seiner Texte danach gefragt, was ousia sei. Aus der Frage hat die Tradition die Behauptung einer Substanz-Metaphysik gemacht. Substanz ist jedoch ein nacharistotelischer Begriff, er übersetzt die hypo-stasis der Stoa. Substanz entfaltet ihre Wirkung erst bei den Kirchenvätern, wo sie dazu dient, Behauptungen über Gott, Christus, Trinität zu begründen. Doch, so fundamental die Substanz angeblich ist, so schwierig ist genau zu sagen, was sie ist, wenn sie ihren ganzen Gegenstandsbereich abdecken soll. Boethius beispielsweise konnte sich nur so helfen, dass er sagte, die erste Substanz, Gott, sei zwar eine Substanz, aber nicht so, wie die anderen Substanzen, Gott sei substantia ultra substantiam, eine Substanz jenseits der Substanz. Besonders Aristoteles-treu scheint zu sein, wer sagt, das Musterbeispiel der Substanz sei das Einzelding, "dieses Pferd da“1. Vielen Auffassungen von Substanz ist gemeinsam, dass sie darunter das Selbständige, Dauerhafte eines Seienden im Gegensatz zu seinen wechselnden Eigenschaften verstehen, und das, was keines anderen bedarf, um zu existieren.2
Doch, 1. die Substanzbehauptung hat Probleme und 2. Aristoteles hatte gar nie eine Substanz-Metaphysik entwickelt (auch das Wort Metaphysik kommt bei Aristoteles nicht vor). Das Einzelding soll das Muster der Substanz sein – was aber ist ein Einzelding? Offensichtlich hängt das, was ein "Einzelding" sein soll, davon ab, in welchem Kontext man danach fragt oder sich dafür interessiert. Hat man Zahnweh, ist der Zahn das Einzelding, werde ich im Zug kontrolliert, ob ich ein Billett habe, sind das Billett und ich das Einzelding, für die Organisation, die den Zug betreibt, ist es der Zug…usw. Das Kriterium der Selbständigkeit führt zweitens dazu, dass im eigentlichen Sinne nur von einer einzigen Substanz gesprochen werden kann, von weiteren nur in einem abgeleiteten Sinne. Offensichtlich sind weder wir selbst noch die Dinge um uns herum hinreichend selbständig. Das widerspricht der ursprünglichen Intention, dass wir selbst und alle Einzeldinge um uns herum Substanzen sein sollten. Zwei Grundprämissen der Substanzbehauptung sind also sehr zweifelhaft, wenn nicht schlicht falsch,3 ousia ist mit Substanz falsch übersetzt.4 Das führt zu Recht zur Frage, was denn Aristoteles anderes mit prote ousia sagen wollte, wenn nicht erste Substanz. – Aristoteles wollte mit dem genannten Ausdruck überhaupt nichts behaupten, schon gar nicht etwas über Gott oder Götter, vielmehr diente ihm dieser Ausdruck als Anhaltspunkt für die Frage nach dem Sein. Was folgt daraus für uns? Die Folgen für unser persönliches Verhalten, für Gesellschaften und Staaten, die Folgen für Institutionen in Gesellschaften, Wirtschaft, Recht, Produktion, Bildung usw. kann ich nicht im Einzelnen aufzählen, ich führe lediglich einige Prinzipien an, aus denen sich Folgen ergeben.
Der Hauptpunkt besteht darin, dass die Substanzbehauptung die realistische Sicht, es gebe nur eine Welt zementiert, die Vorstellung dagegen, dass die Welt durch Grundmeinungen bestimmt ist, lässt eine Vielheit von Welten zu. Der hier verwendete Weltbegriff unterscheidet sich vom alltäglichen. Was je Welt ist, ergibt sich aus einem Set von Grundunterscheidungen, Grundbegriffen, Grundwerten, zusammengefasst Grundmeinungen. Dieses Insgesamt nenne ich DOXA.5 Diese bestimmt, was je in einer Welt sein kann und was faktisch ist. Die sich daraus ergebenden vielen Welten sind nicht Variationen einer einzigen "wahren“ Welt. Verschiedene Welten können nicht hinsichtlich Wahrheit miteinander verglichen werden, Wahrheit ist Welt-intern. Unterschiede zwischen Welten sind von ganz anderer Art als Unterschiede zwischen Kulturen. Diese sind Welten untergeordnet, sie umfassen nur das, was der Mensch formt, in einer Welt sind viele Kulturen möglich; Welten dagegen liegen diesen voraus, sie sind bestimmt durch die DOXA, das Insgesamt der Grundmeinungen, das festlegt, was sein kann und was faktisch ist. Es ist deshalb falsch, seine eigene Welt überall vorauszusetzen, allen Menschen das selbe Wesen, die selbe Vernunft usw. zuzuschreiben.
Die Vielheit der Welten ist das stärkste Argument gegen die heute betriebene Monokultur der Welt. Auch die Vereinnahmung von allem durch die Wirtschaft widerspricht der Einsicht in die Vielheit der Welten. Das sichtbar werdende Ausmass der Ausbeutung der Erde, der Menschen, der fremden Welten durch die westliche Welt, hat die Probleme erzeugt, an denen nun alle leiden. Fremde Welten sind unterdessen untergegangen. Dagegen regt sich allerdings sehr unterschwellig Widerstand, oft in Form von Terror, oft durch die Ausbildung von Sub-Kulturen, aus denen sich neue Welten entwickeln können. Wer eingesehen hat, dass er in einer jeweiligen Meinungs-Welt lebt, wird aufhören, seine eigene Welt gegen andere zu behaupten. Das Behaupten ist nur möglich innerhalb einer Welt. Doch ist das Behaupten bei Weitem nicht die einzig mögliche Position im Gespräch. Da gibt es auch die des Zweifelnden, des Fragenden, die des einfach nicht Behauptenden und viele weitere mehr. Vor allem in der Reflexion ist es die falsche Haltung. Es ist unmöglich, aus dem Kreis der Grundmeinungen der je eigenen Welt in die "wahre“ herauszutreten, möglich ist jedoch, in eine fremde Welt Eingang zu finden, was allerdings nicht leicht fällt. Wir können nur unsere oberflächlichen Alltagsmeinungen auf die ihnen zu Grunde liegenden Grundmeinungen hin reflektieren.6
1 Kategorienschrift, Kap 2.
2 Descartes, Principia Philosophiae, I, = AT VIII 24.
3 Das haben Hegel und Heidegger schon lange gesehen und gesagt.
4 Genaueres dazu bei E. Sonderegger, Aristoteles’ Metaphysik Λ, Ein spekulativer Entwurf, Bern 2008; id., Aristoteles, Metaphysik Z, Würzburg 2012.
5 In Erinnerung an den Begriff der endoxa, Meinungen, bei Aristoteles.
6 Mehr dazu in E. Sonderegger, Bemerken, Welten Globalisierung, deponiert bei www.philpapers.org
Über den Autor
Beitrag von em. Prof. Dr. Erwin Sonderegger, Universität Zürich