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Am 6. November 1930 starb in der Psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern der Patient Adolf Wölfli (*1864), nachdem er über die Hälfte seines Lebens in dieser Einrichtung verbracht hatte. Als junger Mann war er an Schizophrenie erkrankt, die sich unter anderem in Wahnvorstellungen und versuchter Notzucht mit Minderjährigen geäussert und ein selbständiges Leben in der Gesellschaft unmöglich gemacht hatte. Auch in der «Irrenanstalt» Waldau musste Wölfli immer wieder von anderen Patienten isoliert werden, da er stark halluzinierte und aggressiv auftrat. Gleichzeitig entfaltete er jedoch eine erstaunliche künstlerische Tätigkeit: Er schrieb und dichtete, komponierte Musikstücke und zeichnete unermüdlich, so dass im Laufe seines Lebens ein gigantisches Œuvre entstand, mit dem Wölfli heute einen festen Platz in der Kunst- und Kulturgeschichte der Moderne einnimmt.
Wölfli zeichnete und schrieb ohne Unterlass, wurde unleidig bei Unterbrechungen und nur durch das Aufbrauchen von Papier und Stiften aufgehalten, was bei ihm regelmässig zu grosser Verzweiflung führte. Er erschuf einen Bilderkosmos, der ebenso individuell wie typisch ist und seinen Werken einen hohen Wiedererkennungswert verleiht. Die mit Farbstiften ausgeführten Zeichnungen bestehen aus komplexen Kompositionen, die sich als Flächenmuster über das ganze Blatt ausbreiten: Ornamentale Bänder teilen die Bildfläche in einzelne geometrische Felder auf, die wiederum in kleinere Felder eingeteilt sind. Es herrscht der sogenannte «horror vacui» – die «Angst vor der freien Fläche»: Jeder Zentimeter ist gestaltet, jeder noch so kleine Zwischenraum ist mit Figuren, Ornamenten oder Schrift gefüllt. Mit intuitiver Sicherheit entwickeln sich die Formen wie von selbst, das eine erwächst aus dem anderen, bis sich am Ende alle Einzelheiten zu einem komplexen Ganzen fügen. In den sich wiederholenden, unendlich mäandernden Mustern entdeckt man schliesslich konkrete Motive wie Figuren, Tiere, Häuser und Uhren.
Daneben ist auch die Schrift ein zentrales, alle Werke Wölflis konstituierendes Element. Die Texte auf den Vorder- und Rückseiten seiner Zeichnungen sind allerdings ähnlich verschlungen und rätselhaft wie die Bilder. Zwar benennt Wölfli konkrete Personen, Orte und Handlungen, er verliert sich jedoch sogleich in ausschweifenden Ausführungen, die voll sind von Übertreibungen und immer neuen Superlativen. Um diese zu benennen, führt er eigens neue Ordnungszahlen ein, und zudem ist alles in Wölflis Welt «Riesen», alles ist «Gross» bzw. «Gross-Gross». Die tolldreisten Erzählungen finden ihre direkte Entsprechung in Wölflis erzählerischem Œuvre. Die heute in der Adolf Wölfli-Stiftung in Bern aufbewahrten 45 grossen Bände mit insgesamt über 25`000 Seiten beinhalten neben phantastischen «autobiographischen» Berichten und Erzählungen auch Gedichte, musikalische Stücke und wiederum Zeichnungen.
Das Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel besitzt 95 Arbeiten aus den Jahren 1905 bis 1930, die fast vollständig aus der grosszügigen, 1978 vollzogenen Schenkung von Ernst und Maria Elisabeth Mumenthaler-Fischer stammen. Aus diesem reichen Fundus zeigt die Ausstellung eine Auswahl von 55 Werken.
Unter dem Titel «Fokus Papier» bringt im Hauptbau des Kunstmuseums eine Serie von Wechselausstellungen dem Publikum die Sammlung des Kupferstichkabinetts näher. In dessen Depots schlummern bis zu 300'000 Werke, auf die wir dafür zurückgreifen können – und jährlich kommen mehrere Hundert Blätter durch Ankäufe und Schenkungen dazu, vor allem im zeitgenössischen Bereich. Die vierte Sammlungspräsentation «Fokus Papier» ist dem Schweizer Künstler Adolf Wölfli gewidmet.