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Die Tragikomödie «Otar’s Death» von Ioseb Soso Bliadze schildert das heutige Georgien und die Vitalität des georgischen Kinos in einem unterhaltsamen und hintergründigen Film, der aufzeigt, wie es kaum gelingt, anständig und glücklich zu leben.
Eine Annäherung an den Film: Vor einer Generation gab es an unseren Schulen das «Rechnen in andern Zahlsystemen» mit dem Ziel, neben dem bekannten System spielerisch andere kennen und anwenden zu lernen. Daran erinnerte ich mich sogleich bei «Otar’s Death». Noch bevor ich die Szenen (im fremden System) in mein Verstehen (im bekannten System) einzuordnen versuchte, erlebte ich eine unterhaltsame, witzige, fremde Welt, die mich gelegentlich zwar vor den Kopf stiess, schliesslich aber eine interessante sozialpsychologische Tragikomödie mit einem gesellschaftsphilosophischen Generalbass und frechen und kritischen Obertönen. Also bestes absurdes Kino!
Keti bei ihrem Ex Zaze
Ioseb Soso Bliadze: Wie es zum Film kam
Diese Geschichte wurde durch reale Ereignisse inspiriert, die meinem Freund widerfuhren. Er hatte einen Autounfall, bei dem ein alter Mann starb. Die Familie des Mannes verlangte Geld von der Familie meines Freundes. Ich sah, wie mein Freund litt, weil er einen Mann getötet und seine Familie in Schwierigkeiten gebracht hatte und wurde Zeuge, wie seine Familie verzweifelt versuchte, das Geld aufzutreiben. Ich traf auch die Familie des Opfers, die gemischte Gefühle hatte: Einerseits war sie traurig, weil ihr engster Verwandter gestorben war, andererseits freuten sie sich über die Möglichkeit, wegen seines Todes eine grosse Geldsumme zu erhalten. Die Zeit verging, doch die Geschichte liess mich nicht los. Mein Freund tat mir leid, weil er jemand von ihnen getötet hatte. Gleichzeitig konnte ich die Familie des alten Mannes verstehen, die einen lieben Menschen verloren hatte, und gleichzeitig versuchte, ihr eigenes Leben ein bisschen besser zu machen, was in einem georgischen Dorf nicht einfach ist.
Wenn man von einem europäischen Land mit einer einigermassen funktionierenden Infrastruktur kommt, sieht man vielleicht nur die schlechte Seite, die Korruption: eine Familie, die versucht, aus dem Tod eines Familienmitgliedes Geld zu machen, und einen Polizisten, der dieses Geschäft arrangiert. Ich aber sah zwei Familien, die Opfer eines Vorfalls und eines mangelhaften Systems wurden. Deshalb wollte ich meinen Film darüber drehen. Ausserdem muss ich sagen, konnte ich meinem Freund nicht wirklich helfen. Der Film ist meine Art, damit umzugehen. Seine Figuren haben ein hartes Leben und müssen darum kämpfen, ein bisschen Liebe von ihren Familienmitgliedern zu bekommen. Am Ende bringt der tragische Vorfall sie alle ein bisschen näher zusammen, vor allem die Mütter und ihre Söhne.
Mutter Tamara und Sohn Oto
Absurdes Theater, absurder Film
Das Erstlingswerk des Georgiers Ioseb Bliadze erinnert an andere, uns bekannte Filme und Theater. In «Otar’s Death» gibt es zwei sonderbare Mutter-Sohn-Beziehungen, Paare, die Laurel und Hardy gleichen. Häufig steht einer der Jungen deplatziert und einsam im Mittelpunkt, wie wir es von Buster Keaton kennen. Schwierige Aktionen, so die Versuche mit dem Cello oder die Annäherung und das Küssen, erinnern an Jacques Tatis Umgang mit Dingen und Menschen. Überraschende Sequenzen könnten aus einem Film von Aki Kaurismäki oder einem Theater von Samuel Beckett, Eugène Ionesco oder Friedrich Dürrenmatt stammen. Hinweise auf weitere absurde Filme finden sich in der Besprechung von «Sekuritas» der Schweizer Regisseurin Carmen Stadler.
Soweit Vergleiche und Verwandtschaften: Wir befinden uns mit «Otar’s Death» also mitten in der Welt des Absurden. In einem andern System, wie dem oben beschriebenen «Rechnen in anderen Zahlensystemen», was von uns gelegentlich von Geist und Seele Purzelbäume und Salti mortali abverlangt.
Mutter und Tochter des Toten mit Polizist
Humor vom Schwarzen Meer
Als kaukasisches Land am Schwarzen Meer hat Georgien seine eigene Sprache und Kultur, seine eigene Schrift und ein eigenwilliges Kino, das schon zur Zeit der alten Sowjetunion herausragte. Getragen wird es von sanfter und scharfsinniger Ironie. Der 1986 geborene Regisseur Ioseb Bliadze bestätigt diese Qualitäten mit seinem ersten Spielfilm «Otar’s Death», einer als Burleske verpackten Tragikomödie, aufs Schönste. Mit viel Feingefühl beschreibt er das heutige Georgien, das nicht nur zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt hin- und hergerissen ist, sondern auch mit der Korruption im Staat und in den Familien zu kämpfen hat. Die georgischen Filmschaffenden haben den trockenen Humor aus gutem Grund zu ihrem Markenzeichen gemacht.
Oto mit Zufallsfreundin
Wenn das Glück nicht gelingen will
Der junge Nika, der mit dem zu Tode gefahrenen alten Otar die absurde Situation herbeigeführt hat, ist die tragische Figur dieser Farce, der Clown im wörtlichen und im übertragenen Sinne, bis zum Punkt, an dem er zu einem Soziopathen werden könnte. Mit seinem unschuldigen Gesicht, der stummen Miene und dem unbeholfenen Auftreten verkörpert er gleichzeitig eine Jugend, die Opfer der korrupten Gesellschaft ist, und eine, die sich die Lebensfreude und eine gewisse Solidarität nicht nehmen lassen will.
Im ersten Teil erzählt Bliadze seine Geschichte in der Stadt, mit der 16-jährigen Nika und der noch jungen Mutter Keti, geht dann allmählich über zur Geschichte von Tamara und Oto auf dem Land. Die lineare, gekonnt parallel geführte Erzählung findet eine hervorragende Balance, indem sie zwischen den beiden Familien hin- und herpendelt. Die stets unerwarteten Wendungen verleihen dem Drama um Otars Tod eine tragikomische Note, die perfekt zum Grundton des ganzen Films passt. Die Erfahrungen hinter dem Film sind real, die Erzählung führt sie jedoch brillant ad absurdum. «Das Grossartige an «Otar’s Death» ist, dass Bliadze nie ein Urteil über eine der Figuren fällt, sondern sie atmen und leben lässt, ohne zu belohnen, wer recht, oder zu verurteilen, wer unrecht hat», meint die «International Cinephile Society».
Keti versucht, ihren Sohn zu erreichen
«Ihr Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar.»
Etwa ein halbes dutzendmal hört man gegen Ende den Satz: «Ihr Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar.» Diese Feststellung hat nicht bloss eine dramatische Funktion, sie erklärt poetisch, was sie existenziell meint: Die Verbindung ist nicht möglich, die Kommunikation kommt nicht zustande, ein Verstehen gibt es nicht, Hilfe ist demnach fern. Das zieht sich durch die ganze Geschichte. In welchem Film haben wir so viele nicht gesprochene Gespräche erlebt, wurden Menschen so häufig missverstanden?
Es geht um das Leben der Einzelnen in der Gesellschaft? Vielleicht klärt diese Situation ein Diktum von Theodor W. Adorno: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Vielleicht ist diese Geschichte, mit dem kleinen Leben im grossen nur vordergründig eine lustige Sitcom, ist sie im Kern ein absurdes Gleichnis, radikal und geheimnisvoll, denn vieles bleibt offen. Nochmals Adorno: «Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine. Alle Kunstwerke und Kunst insgesamt sind Rätsel.»
Mutter Keti und Sohn Oto
Vom Sinn des Sinnlosen
Ich habe mit dem persönlichen Hinweis, wie man in diesen Film einsteigen kann, begonnen und möchte mit einem persönlichen Hinweis, wie dieser Film verstanden werden kann, enden: «Otar’s Death» ist vielleicht für all jene gemacht, die auch angesichts der alltäglichen Absurditäten immer noch an einen letzten Sinn des Lebens glauben. Diesen Gläubigen sagt er – so meine Interpretation – dass es wirklich keinen Sinn gibt, es sei denn in den kurzen Momenten der gelebten Anteilnahme, Solidarität, Sympathie, Zärtlichkeit und Menschlichkeit, eingebettet in ein Meer von Sinnlosigkeit und Absurdität. Das hat Ioseb Soso Bliadze auf grossartige Weise demonstriert: offen und menschenfreundlich, dass jede und jeder sein individuelles Spiel der Absurdität zusammenstellen kann.
Regie: Ioseb Soso Bliadze, Produktion: 2021, Länge: 105 min, Verleih: trigon-film