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An den Gestaden des hübschen Muzzano-Sees bei Lugano lebte vor Zeiten eine ganz arme Witwe, die rastlos arbeitete, um für sich und ihr dreijähriges Büblein das Brot zu verdienen.
Eines Tages zogen viele Zigeuner, die von einem Jahrmarkt zurückkehrten, an ihrem Häuschen vorüber und schlugen in der Nähe ihr Lager auf. Da liefen die Bewohner des Dorfes herbei, um das Leben und Treiben wie auch die Spiele dieser Leute zu beobachten und dem Tanz der dressierten Bären zuzuschauen. Nach einiger Zeit wanderte dann die Truppe weiter. Als die arme Frau am Abend von ihrer mühsamen Arbeit heimkehrte, fand sie ihr Söhnlein nicht mehr. Die Zigeuner hatten es heimlich geraubt. Die Ärmste wanderte über die Berge und Täler des Tessins und suchte überall nach ihrem Liebling. Auch sah man sie oft traurig am Ufer des Muzzano-Sees stehen und ins Wasser spähen, als wollte sie die Wellen fragen, ob sie nicht etwa ihr liebes Kind verschlungen hätten. Als jedoch all ihr Suchen und Forschen vergeblich war, fügte sie sich zuletzt in ihr hartes Schicksal und fuhr fort, ihr Tagewerk wieder aufzunehmen, das aus lauter Entbehrungen, Mühen und Schmerz bestand.
Unterdessen zog die grosse Zigeunerfamilie weiter durch alle möglichen Gegenden Europas, und «Fior di Lago» oder «Blume des Sees», wie sie das Kind nannten, das sie der Witwe geraubt hatten, wuchs mit der Zeit zu einem schönen und starken, intelligenten Jüngling heran.
Da er ein geschickter Armbrustschütze war, gelang es ihm mehrmals, seine Zigeunertruppe vor wilden Tieren zu.retten. Einstmals, als sie in die Wälder des Karpathengebirges gelangt waren, hatte er sogar das Glück, dem König der Zigeuner das Leben retten zu können. Dieser ernannte ihn zum Zeichen seines Dankes zum Verwalter seines Stammes und anerbot ihm seine einzige Tochter zur Frau.
Am Vorabend des Hochzeitstages enthüllte ihm eine alte Zigeunerin, der er damals zur Pflege anvertraut worden war, als man ihn geraubt hatte, seine Herkunft. Sie erzählte ihm vieles von seinem Heimatdorf, an dessen Namen sie sich aber nicht mehr erinnern konnte. Doch hatte sie die einfache Schönheit des Sees, der sich mit seinem ruhigen blauen Wasserspiegel zu Füssen des Dorfes ausdehnte, tief im Gedächtnis behalten und konnte nicht genug den Reiz dieser Landschaft rühmen.
Der junge Mann, der bisher geglaubt hatte, er sei inmitten des Zigeunervolkes geboren, fühlte wohl, dass er nie recht glücklich sein werde, wenn es ihm nicht gelänge, die Spur seiner lieben Mutter aufzufinden und für sie zu sorgen. Er verlangte also und erhielt vom Zigeunerkönig die Erlaubnis, die Truppe für einige Zeit verlassen zu dürfen.
Wie aber hätte er seine Mutter wieder erkennen können? «Suche nach einem See», sagte die alte Zigeunerin, «auf dessen Oberfläche weisse schöne Blumen schwimmen. An diesen Blumen wirst du dann die Heimat deiner Mutter wieder erkennen.»
«Fior die Lago» nahm also Abschied vom Zigeunerkönig und wanderte durch weite, weite Länder, bis er zuletzt in jene Gegend bei Lugano kam, die ihm die alte Zigeunerin geschildert hatte. In jedem Dorf erzählte er dort seine Geschichte, in der Hoffnung, seine Mutter unter den Zuhörern wieder zu finden.
Es geschah sogar, dass mehrere Frauen sich als seine Mutter ausgaben, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, das geraubte Kind sei inzwischen ein reicher Herr und der Verlobte der mutmasslichen Königin der Zigeuner geworden. Aber «Fior die Lago» wies diese Frauen ab und schickte sie wieder fort. Eines Tages 3elangte er an das Ufer eines kleinen Sees und traf dort eine alte Frau, die auf ihrem Gesicht die Spuren eines unsäglichen Leides trug. Weinend lief sie ihm mit offenen Armen entgegen und rief: «Mein Sohn, mein liebes Kind!»
Der junge Mann schenkte ihr aber keinen Glauben. Darauf brach die arme Frau vor Enttäuschung in verzweifelte Seufzer und Tränen aus und setzte sich ans Ufer des Sees. Und o Wunder! Da verwandelten sich die Tränen, die in den See fielen, in prachtvolle weisse Seerosen, die auf dem Wasser schwammen. Jetzt erinnerte sich «Fior di Lago» der Worte jener Zigeunerin: «An jenen Blumen wirst du deine Mutter wieder erkennen.»
Gerührt umarmte er die teure Mutter und war glücklich, sie wieder gefunden zu haben und während der letzten Jahre ihres Lebens für sie sorgen zu können.
Noch heute sieht man am Ufer des reizenden Muzzano-Sees wundervolle Seerosen im Wasser schwimmen. Dies sind die Tränen einer Mutter.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.