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In ihrem monumentalen Roman «Aus hartem Holz» erzählt die Pulitzer-Preisträgerin, wie Profitgier die riesigen Wälder Nordamerikas und damit die indigene Kultur zerstörte. Die drei Jahrhunderte umspannende Sippengeschichte ist eine anspruchsvolle, aber lohnende Lektüre.
«Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann». Diese Weissagung der Cree-Indianer kommt einem oft in den Sinn beim Lesen dieses fast neunhundert Seiten dicken Epos von Annie Proulx. Die über Achtzigjährige ist ein wichtiger Name der amerikanischen Literatur seit ihrem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman «Schiffsmeldungen» (1993) und der Erzählung «Brokeback Mountain» (1997), beide erfolgreich verfilmt. Nun meldet sie sich zurück mit einem gewaltigen Abgesang auf die Wälder nicht nur Nordamerikas.
«Die Idee dazu kam mir, als ich durch Michigan fuhr», sagt sie. Dort stehe auf einem Schild an einer öden Strassenkreuzung «An diesem Ort wuchsen einst die grössten Weymouthkiefern der Welt». Von denen sie keine einzige mehr gefunden habe. Eigentlich habe sie zehn Jahre lang recherchiert für ein Sachbuch. «Doch als Roman erreicht mein Anliegen hoffentlich eine breitere Leserschaft.»
Zwei Sippengeschichten
Dafür lässt die Autorin mit franko-kanadischem Vater die jungen Franzosen René Sel und Charles Duquet 1693 dem Hunger in Europa in die «Nouvelle France» entfliehen. Sie verdingen sich als Holzfäller, «Barkskins» genannt (so der Originaltitel des Romans) mit der Zusicherung, nach drei Jahren Schufterei ein Stück Land zu bekommen.
Der Urwald an der Atlanktikküste überwältigt sie: «Hier wuchsen gewaltige Bäume, wie man sie in der alten Heimat seit Jahrhunderten nicht gesehen hatte, immergrüne Riesen, höher als Kathedralen, wolkenstechende Fichten und Hemlocktannen.» Ihr Arbeitgeber erklärt ihnen: «Es ist der Wald der Welt. Er hat kein Ende. Niemand hat jemals gesehen , bis wohin er reicht.» Ueberzeugt von der Unerschöpflichkeit dieser natürlichen Ressource und hungrig nach Ackerland, praktizieren die Siedler in ganz Nordamerika einen rücksichtslosen Kahlschlag.
Farbige Detailtreue
Die beiden jungen Einwanderer gehen unterschiedliche Wege: Der tüchtige René harrt aus, heiratet eine Mi’kmaq Squaw und bleibt arm. Der gerissene Charles wird Pelzjäger, dann Holzhändler und anglisiert seinen Namen zu Duke. Er vermählt sich mit einer Neuengländerin aus guter Familie und schafft ein riesiges Vermögen mit Handelsbeziehungen bis nach China und Neuseeland. Die Schicksale beider Nachkommen werden bis in unsere Zeit erzählt. Verwoben damit ist die traurige Geschichte der weltweit ausgebeuteten Wälder und der zerstörten indianischen Kultur. Als einziger Hoffnungsschimmer engagiert sich ein in die Familie Duke eingeheirateter Deutscher pionierhaft für eine nachhaltige Forstwirtschaft.
All das bringt einem, aufwendig recherchiert, die harten Lebensbedingungen vergangener Zeiten nahe. Doch die detailbesessenen Wiederholungen ermüden, trotz des schnörkellos flüssigen Schreibstils. Und die unzähligen Personen sind oft zu knapp skizziert, um Anteilnahme zu wecken. Den Ueberblick behält nur, wer sich die Stammbäume notiert, die unerklärlicherweise in der (übrigens sehr guten) deutschen Uebersetzung fehlen. Da hat eine brillante Autorin zu viel gewollt. Trotzdem sei der Wälzer allen empfohlen, die für die Sommerferienlektüre lieber nahrhafte statt leichte Kost haben.
Annie Proulx: Aus hartem Holz Uebersetzt von Andrea Stumpf und Melanie Walz, Luchterhand Verlag, 885 S.
Marie-Louise Zimmermann
(erschienen 16.6.2017 in der «Berner Zeitung»/»Aargauer Zeitung»)