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«Es gibt keine Seele.» So bestimmt und fast grimmig hatte ich meinen Auftraggeber noch nie erlebt. «Im Seminarraum möchte ich nicht, dass du über solche Dinge sprichst. In den Pausen und am Mittagstisch ist das in Ordnung.» Es gehört zum undiskutablen Konsens an den philosophischen Fakultäten Europas, dass Gefühle (und dazu zählen auch religiöse Regungen) eine Funktion des Gehirns darstellen (dazu siehe “Ist Gott nur ein Hirngespinst?”). Mit dieser dogmatischen Festschreibung ist der Dialog faktisch unterbunden. Während René Descartes im 17. Jahrhundert eine Trennung zwischen dem Inneren («ich denke, also bin ich») und dem Äusseren (Körper) festlegte und seine Gewissheit auf das eigene Denken zurückführte, ist die nicht-materielle Welt heute aus den Hallen der Wissenschaft entschwunden. (Klammer auf: Natürlich weiss ich, dass an den angelsächsischen Fakultäten insbesondere innerhalb der Religionsphilosophie eine Renaissance stattgefunden hat, siehe “Alvin Plantinga and the Revival of Religious Philosophy”). Letztlich verfängt sich diese materialistische Weltanschauung in einem eigenen Widerspruch: Nur schon die Festlegung zu sagen «es gibt keine Seele» ist eine nicht überprüfbare, weil nicht-materielle, von innen heraus getroffene Entscheidung. Die Verfechter erdreisten sich, ihre empiristische Methodologie auf alle Bereiche des menschlichen Seins auszudehnen. Sie fallen damit einem Reduktionismus anheim.
Verlassen wir einen Moment diese philosophische Grundentscheidung und wenden uns der Realität des 21. Jahrhunderts zu. Ein Schüler in Europa verbringt einen sehr bedeutenden Teil seiner Wachzeit in virtuellen Welten. Nun könnte man behaupten, dass – um ein Beispiel zu nehmen – es sich bei jedem Ballergame letztlich um übersetzte Codierzeilen handelt. Im Kopf eines Jugendlichen werden jedoch Gefühlsreaktionen (Spannung, Befürchtungen, Befriedigung) hervorgerufen. Diese, so könnte man argumentieren, seien wiederum Funktionen des betreffenden Gehirns. Wer jedoch in den Alltag des Menschen zurückkehrt, wird feststellen: Innere und äussere Welt stehen in einer komplexen Wechselwirkung. Die biblische Weltanschauung wird dieser Realität gerecht, indem sie von der Geist-Leiblichkeit des Menschen spricht.
Nun ist ein äusserst paradoxes Phänomen zu beobachten: In einer Zeit, welche die Seele aus dem öffentlichen Diskurs verbannt hat und die Körperlichkeit überhöht (ewige Jugendlichkeit, Muskelkultur), beginnt sich die unsichtbare Welt ungehindert auszudehnen. Sie übernimmt zunehmend die Herrschaft über das Leben der Menschen. Diese verbringen einen bedeutenden Teil ihres Lebens in virtuellen Netzen, um sich darzustellen, zu vergleichen und um «Spektakel» zu erheischen. Es scheint so, wie wenn der Schöpfer aus der einen Überhöhung der körperlichen Realität den anderen Bereich übermächtig werden lässt und damit die Überlegungen der Menschen der Nichtigkeit überlässt.
In Kurzform: In Zeiten, in denen dem Menschen die Seele abgesprochen sind, beginnen sich die Menschen so lange in Seelenwelten aufzuhalten, bis die Körperlichkeit Schaden nimmt. Im Buch «Die berührungslose Gesellschaft» wird dies auf den Punkt gebracht: Wir leiden unter Vereinzelung, dem Verlust echter, von Gott gestifteter Gemeinschaft. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend arg verstärkt. Zuerst leiden die Schwächsten in der Gesellschaft darunter, nämlich die Betagten und unsere Jugendlichen. Die Therapeuten sind restlos ausgebucht – die Nachfrage hat sprunghaft zugenommen.
So wird es sein und bleiben. Wer der Schöpfungsordnung entgegen seine eigenen Gedanken der Realität überzustülpen sucht, wird letztlich von ihr verschlungen. Höchste Zeit, dass wir über unsere Seelenwelten wieder zu sprechen beginnen. Die Christen sollten die ersten sein, die über die Entwicklung der Technologie sprechen und Charakterführerschaft übernehmen!