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Im Jahr 2020 hat die FINMA in ihrer Rolle als Aufsichtsorgan bemängelt, dass Rechnungen im Bereich der Spitalzusatzversicherung häufig intransparent und zum Teil unbegründet hoch oder ungerechtfertigt seien. Sie fordert von den Versicherern unter anderem, dass sie nur Abrechnungen für echte Mehrleistungen ausserhalb der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) akzeptieren.
Der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) hat in der Folge ein Regelwerk mit elf Grundsätzen erarbeitet, wie dies erreicht werden soll. Interessant ist dabei insbesondere Grundsatz 7, welcher lautet: «Mehrleistungen definieren sich auch über den Mehrwert am Patienten und nicht ausschliesslich über allfällige Mehrkosten.» Weiter wird konkretisiert, dass sich Mehrleistungen an den Bedürfnissen der Patient:innen orientieren und dann einen Mehrwert generieren, wenn sie im Verhältnis zu den Grundleistungen einen durch die Patient:innen empfundenen Mehrwert generieren.
Während sich die Mehrkosten aus der Kostenrechnung ermitteln lassen, ist der Mehrwert am Patienten per se nicht bekannt. Der immaterielle Mehrwert einer Leistung ist unabhängig von den tatsächlichen Mehrkosten. Um diesen zu ermitteln, müssen die Präferenzen der Patient:innen bekannt sein. Eine Übertragung der «Kostenlogik» aus dem KVG auf den VVG-Bereich, wie dies da und dort gefordert wird, wäre systemwidrig und ist deshalb abzulehnen. Das Ziel ist nicht, aus der Zusatzversicherung eine weitere Sozialversicherung zu machen, sondern einen funktionierenden VVG-Markt (wieder) zu ermöglichen.
Um Präferenzen zu messen, wurden in der ökonomischen Theorie verschiedene Befragungsmethoden entwickelt. Eine Methode besteht aus sogenannten Discrete-Choice-Experimenten, einer Weiterentwicklung der häufig für Marketingfragen verwendeten Conjoint-Analyse. Mit dieser Methode ist es möglich, verschiedenste Produkte und Dienstleistungen durch die Kund:innen beurteilen zu lassen und Informationen über die Bedeutung einzelner Eigenschaften des Produkts oder der Dienstleistung zu gewinnen. Insbesondere im gesundheitsökonomischen Bereich wurden in den letzten Jahren immer häufiger Discrete-Choice-Experimente zur Nutzenbewertung verschiedener Behandlungseigenschaften eingesetzt.¹
Jedes Produkt wird dabei mit verschiedenen Eigenschaften dargestellt, die unterschiedlich ausgestaltet sein können. Um die Präferenzen für einzelne Eigenschaften zu messen, müssen sich die befragten Personen typischerweise zwischen zwei Alternativen entscheiden. Die Alternativen unterscheiden sich in der Ausprägung der einzelnen Eigenschaften und im Preis, der dafür bezahlt werden muss. Eine Person muss sich also z. B. zwischen einem Spitalaufenthalt im Mehrbettzimmer, ohne Arztwahl und ohne Zusatzkosten, und einem Aufenthalt im Einbettzimmer, mit freier Arztwahl und Zusatzkosten von 200 Franken pro Nacht entscheiden (siehe oben Grafik). Im Gegensatz zu anderen Befragungsmethoden gibt es keine «Gratismeinungen», weil eine Verbesserung einer Eigenschaft immer mit einer Verschlechterung einer anderen Eigenschaft oder einem höheren Preis «erkauft» werden muss. Es liegt eine realistische Entscheidungssituation vor, die den Befragten aus täglichen Situationen vertraut ist.
Aus den Wahlentscheiden lässt sich mit statistischen und ökonometrischen Methoden die implizite Bewertung der Produkteigenschaften ermitteln. Dabei zeigt sich zum einen, welche Eigenschaften für die Befragten am wichtigsten sind bzw. welche den Entscheid für oder gegen eine Dienstleistung nicht beeinflussen. Zum anderen können Zahlungsbereitschaften für einzelne Eigenschaften und für gesamte Produkte (Eigenschaftsbündel) berechnet werden.
Die Ergebnisse des Discrete-Choice-Experimentes lassen sich vielfältig nutzen. Mit den ermittelten Zahlungsbereitschaften kann der geforderte Mehrwert für Mehrleistungen direkt beziffert bzw. in Grössenkategorien eingeteilt werden. Die Analysen zeigen zudem, welche Leistungen die (potenziellen) Patient:innen besonders schätzen. So können optional wählbare Zusatzangebote (z. B. für Grundversicherte) optimal gestaltet und bepreist werden.
Die Ergebnisse können also in neue VVG-Versicherungsprodukte einfliessen, welche den Anforderungen der FINMA genügen. Erste Erfahrungen auf dem Markt zeigen, dass dieser Weg durchaus gangbar ist und zu überzeugenden Resultaten führt.
1Soekhai V, de Bekker-Grob EW, Ellis AR, Vass CM. Discrete Choice Experiments in Health Economics: Past, Present and Future. Pharmacoeconomics. 2019 Feb;37(2):201-226. doi: 10.1007/s40273-018-0734-2
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