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Hoch über dem aargauischen Reusstal, auf einer sonnigen Terrasse des Heitersberges, liegt das schmucke Dörflein Bellikon. Die Zierde der ganzen Gemeinde ist das vornehme Schloss, das an bevorzugter Lage eine Fernsicht vom Jura bis in die Alpen geniesst. Schon in der Römerzeit kamen höhere Offiziere und Beamte von Vindonissa und bauten sich in dieser Gegend herrliche Landsitze. Diese prächtigen Steinbauten mit ihren verschiedenen Räumen und den grosszügig angelegten Badehallen standen ganz im Gegensatz zu den Lehm- und Holzhäusern der Ureinwohner. Auch in Bellikon sind Überreste einer römischen Villa gefunden worden, denn die Gemeinde lag an der Strasse, die von Windisch-Fislisbach über Nieder- und Oberrohrdorf nach dem Mutschellen führte. Noch heute erinnern die Flurnamen Hochstrass bei Oberrohrdorf und Römerweg ob Bellikon an diese Epoche.
Wann aber ist das heutige Schloss entstanden? Fast tausend Jahre später hören wir erstmals von einer Burg. Inzwischen war das Römerreich zusammengebrochen. Das Christentum überlebte auch die Stürme der Alemannen, und im 8. oder 9. Jahrhundert entstand am Rohrdorferberg die erste, dem heiligen Martinus geweihte Kirche, zu der auch Bellikon gehörte. Gründer dieser Kirche waren wohl die merowingischen oder sicher die fränkischen Könige, die in Frankreich und Deutschland ihrem fränkischen Nationalheiligen zahllose Kirchen gebaut hatten.
Am 11. Oktober 1064 werden Rohrdorf und Bellikon in einem Stiftungsbrief des Klosters Muri genannt. Sicher hatte das Freiämter Kloster schon damals in den beiden Dörfern Rechte besessen. Worin sie bestanden, vernehmen wir erst aus einer Urkunde um die Mitte des 12. Jahrhunderts: «Am Zehnten der Kirche zu Rohrdorf besitzen wir einen Viertel und von den übrigen drei Vierteln noch einen Achtel. Abt Udalrich bestimmte, dass davon alljährlich 13 Pfund Pigment erworben würde, um am St. Martinstag und Weihnachtsfest den Mönchen ein Getränk zu verabfolgen.»
Das 14. Jahrhundert brachte erstmals Licht ins Dunkel der Geschichte von Schloss Bellikon. Wahrscheinlich wurde die herrschaftliche Anlage sei hiess anfänglich «das rote Hus» - im dritten oder vierten Jahrzehnt des 14.Jahrhunderts von der Familie Krieg erbaut. Dieses Geschlecht, das seit dem 12. Jahrhundert zu den angesehensten Patriziern der Stadt Zürich gehörte, stammte vom Gebiet des Zürichsees. Dort besass es anfänglich Güter in Küsnacht, Wollishofen, Riesbach und Hottingen. Es dehnte seinen Besitz aus, und im 14./15. Jahrhundert kam es bis nach Uznach in die March, wo es wiederholt Landammänner stellte. in der Stadt Zürich waren die Krieg mit mehreren Familien vertreten. Zwei von ihnen traten in den Ministerialenstand und spielten im Leben der Stadt eine wichtige Rolle. Sie wurden als «Krieg zum Adler» und «Krieg zur Sonne» unterschieden.
Peter Krieg, ein Nachkomme des weitverzweigten Krieg-Geschlechtes - seine Schwester und drei Töchter waren Nonnen im Kloster Gnadenthal -. erwarb um 1314 einen Teil der Güter und Rechte - ursprünglich habsburgisches Lehen - zu Bellikon. Eine im Landesmuseum aufbewahrte Wappenscheibe zeigt, wie das Schloss damals ausgesehen haben mag: ein turmähnliches Gebäude mit Satteldach und Treppengiebeln. 1343 gaben sich die Krieg den Beinamen «von Bellikon». Sie galten bald als Besitzer grösserer Güter, der sogenannten Krieghöfe (in Widen, Hausen, Mellingen, Künten, Remetschwil und Staretschwil). Bei der Reformation blieben sie dem alten Glauben treu. Für ihre verstorbenen Angehörigen hatten sie im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts zu Rohrdorf sieben Jahrzeiten gestiftet. Ihr grosses FamiIienjahrzeit aber hielten sie in der Barfüsserkirche in Zürich.
Doch am Anfang des 17. Jahrhunderts starb das stolze Adelsgeschlecht aus. in der Rohrdorfer Kirche wurde ihnen, den ersten und grössten Wohltätern dieser Kirche, ein Ehrenplatz zuteil. Der damalige Dekan ehrte sie mit einem mit Kunst verfassten lateinischen Totengesang:
«Quisquis es ad ciavum curiae qui forte sedebis, Defunctis sacro man ibus esto plus! Et quoties anno pars quarta redibit, in almo Templo hoc fundatam solvito semper Opern, Et quia post auctum maiori schemate templum Nobilium cineres haec nova templa tegunt.» (Wer immer du bist, der du den Pfarrhof bewohnst, sei mit frommem Sinn am Altar der Verstorbenen eingedenk! Und wenn die Quatembertage wiederkehren, so feiere im hehren Gotteshaus, das neu und grösser gebaut und das die Asche der Adeligen von Bellikon birgt, allzeit das gestiftete Messopfer für sie!)
Noch vor dem Aussterben der Krieg im Jahre 1641 wurde das Schloss mit der Gerichtsbarkeit 1605 an Pfarrer Samuel Gruner von Seengen verkauft. Doch bald danach wechselte die Anlage häufig ihren Besitzer. Erst 1640 kamen wieder sesshafte Eigentümer. Johann Balthasar Schmid aus Uri hatte das Schloss erworben und nannte sich fortan Schmid von Bellikon. Aus seiner Epoche stammt der Treppenturm, der sich im Süden an das Gebäude anschmiegt.
Im Winter 1660/61 herrschte im stillen Bauerndörfchen lebhafter Betrieb. Nachdem der Schlossherr eine Mühle und im Oberdorf eine Schmiede hatte erstellen lassen, wollte er auch den religiösen Bedürfnissen der Gemeinde entgegenkommen und für einen eigenen Gottesdienst sorgen. Von Rohrdorf aus vernahm der Badener Stadtrat als Kollator der Rohrdorfer Kirche vorn Vorhaben Hauptmann Schmids zu Bellikon. Am 21. Januar 1661 beschlossen die Badener Herren, dass der Gerichtsherr von Bellikon aufzufordern sei, durch ein Schreiben zu bezeugen, dass die Rohrdorfer Pfarrkirche infolge des Kapellenbaues in Bellikon in keiner Weise geschmälert werde. Hauptmann Schmid jedoch verweigerte diese Erklärung, so dass ihm die Ausführung des Baues untersagt wurde. Dafür entstand 1676 die heutige Schlosskapelle - einige Meter östlich des Schlosses, in die Parkmauer einbezogen -, die allerdings immer im Rang einer Privatkapelle blieb. Heinrich Füssli in Zürich goss zwei Glöcklein, von denen heute noch eines im Kapellentürmchen hängt. Ende Oktober 1676 weihte der bischöfliche Vikar
Sigismund von Konstanz das neue Gotteshaus zu Ehren des heiligen Josef und der heiligen Barbara. Vermutlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kapelle umgebaut und profaniert (P. Hoegger), das Chorgestühl, vermutlich aus dem 17. Jahrhundert, stammt wohl aus Süddeutschland.
Nach dem Tode von Johann Balthasar Schmid erbte sein Sohn den Besitz, der bis ins 19. Jahrhundert in diesem vornehmen Geschlecht blieb. Danach erlebte das Schloss zahlreiche Besitzer. In den neunziger Jahren wurde es völlig umgebaut und kam dann sogar auf die Gant. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde darin eine Kuranstalt betrieben. 1954 erwarb Dr. Wilhelm Meier das damals renovationsbedürftige Schloss, erneuerte es und richtete den Sitz wieder wohnlich ein.
Schloss Bellikon, hinter einer hohen Mauer und in ausgedehnter, zum Reusstal abfallender Parkanlage gelegen, ist ein viergeschossiges Gebäude mit Treppengiebeln an beiden Stirnseiten. An den Hauptbau auf fast quadratischem Grundriss mit bis zu 1,3 Meter dicken Mauern fügen sich an der Südseite der Treppenturm aus dem 17. Jahrhundert, an der Nordostecke ein später entstandener Schneggen, moderne Anbauten gegen Norden zur ehemaligen Mühle und gegen Osten als Rundbogenloggia zur Kapelle hin an. An die westliche, talseitige Schmalseite wurde in unserem Jahrhundert eine neuzeitliche Veranda mit einer zweistöckigen Halle im Innern angebaut. Der Treppenturm vermittelt den Eingang ins Schloss; einzelne Geschosse verbindet auch der kleinere Nordostturm. Das Innere enthält verschiedene, hauptsächlich mit Möbeln französischer Provenienz ausgestattete Hallen, Salons und privat bewohnte Räume. Im ersten Obergeschoss wird ein Zimmer mit einer gewölbten Holzdecke als Mellinger Stube bezeichnet. Die Holzbalken der Decke im Raum davor, der Zürcher Stube, sind in Anlehnung an den romanischen Wappensaal aus dem Hause «zum Loch» in Zürich mit farbigen Wappen verziert.
Privatsitz.
Bibliographie