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Fokus "Kompetenzen"
Grundkompetenzen von Erwachsenen
Lernen am Arbeitsplatz
Grundkompetenzen sind Fähigkeiten, die eine aktive und eigenständige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und im Arbeitsmarkt ermöglichen. In den Unternehmen wird die Förderung dieser Kompetenzen vernachlässigt. Das Projekt GO2 will dem entgegenwirken und prüft verschiedene Massnahmen in Pilotprojekten. Eines davon fand in Tramelan im Berner Jura statt.
Von Grégoire Praz, PANORAMA-Redaktor
In der Firma EMP in Tramelan: Jennifer Bolletino erhält eine Schulung in Mathematik und Informatik. (Bild: Grégoire Praz)
Neben dem Lesen gehören Schreiben, Alltagsmathematik, die Beherrschung der lokalen Amtssprache, die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien sowie methodische, soziale und kulturelle Fähigkeiten zu den sogenannten Grundkompetenzen. Gemäss einer Studie, die das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) 2007 veröffentlichte, kosten Menschen mit Leseschwäche die Schweizer Arbeitslosenversicherung jedes Jahr mehr als eine Milliarde Franken. Dass fehlende Grundkompetenzen auch in der Schweiz ein Problem sind, zeigte sich erstmals 1998, als die OECD und Statistics Canada die Ergebnisse ihrer Studie «International Adult Literacy Survey» (IALS) veröffentlichten. Diese kam damals zum Schluss, dass 13 bis 19 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz über mangelnde Lesefähigkeiten verfügten. In bildungspolitischen Kreisen fand die Thematik jedoch erst breite Aufmerksamkeit, als 2005 die internationale Erhebung «Adult Literacy and Lifeskills Survey» (ALL) zu den Grundkompetenzen von Erwachsenen erschien, an der auch das Bundesamt für Statistik (BfS) teilnahm. Die Studie zeigte, dass in der Schweiz rund 800 000 erwachsene Personen eine ausgeprägte Lese- und Schreibschwäche haben. Rund 400 000 Menschen können nicht in der lokalen Sprache ihrer Region kommunizieren. Ausgehend von der Erhebung ALL hat der Kanton Genf 2007 einen Bericht veröffentlicht, nach dem rund 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zwischen 16 und 65 Jahren nicht über die nötigen Kompetenzen verfügen, um alltägliche Situationen ohne Schwierigkeiten zu meistern. Nach Angaben des Westschweizer Vereins Lesen und Schreiben (Association Lire et Ecrire) haben sich diese Zahlen seit den ersten Erhebungen in den 1990er-Jahren kaum verändert. Immer noch weisen rund 16 Prozent der Bevölkerung eine Lese- und 9 Prozent eine Rechenschwäche auf. Zudem haben gemäss Arbeitnehmerverband Travail.Suisse rund 600 000 Erwachsene in der Schweiz keine abgeschlossene Erstausbildung. Es gibt zwar verschiedene Möglichkeiten, um einen Erstabschluss im Erwachsenenalter nachzuholen, doch diese werden wenig genutzt, obwohl Studien zeigen, dass 52 000 bis
93 000 Personen die Voraussetzungen für eine solche Nachholbildung mitbringen. Ende 2013 hat die OECD die ersten Ergebnisse der Erhebung «Programme for the International Assessment of Adult Competencies» (PIAAC) veröffentlicht, an der die Schweiz nicht teilnahm. Die Studie ergab, dass in den beteiligten Ländern 4,9 bis 27,7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nur das niedrigste Lesekompetenzniveau erreichen.
Weiterbildungsgesetz als neue rechtliche Grundlage Die Förderung der Grundkompetenzen erfolgte bis anhin auf der Grundlage verschiedener Spezialgesetze und lag in der Verantwortung der Kantone. Entsprechend erhielten die Trägerorganisationen und Projekte bisher nur wenig finanzielle Unterstützung vom Bund. Doch mit der Einführung des neuen Bundesgesetzes über die Weiterbildung (WeBiG) ändert sich die rechtliche Situation. Im Juni 2014 haben National- und Ständerat das Weiterbildungsgesetz definitiv verabschiedet. Damit hat das Parlament auch die im Gesetz verankerte Förderung des Erwerbs und Erhalts von Grundkompetenzen angenommen. Die entsprechende Bestimmung wurde jedoch auf Erwachsene beschränkt. Die ebenfalls diskutierte Förderung der Grundkompetenzen von Jugendlichen und Eltern durch den Bund fand keine Mehrheit. Das neue Gesetz sieht die Förderung der folgenden Grundkompetenzen vor: Lesen, Schreiben, mathematische Grundkenntnisse sowie Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Aufnahme von Sozial- und Erziehungskompetenzen in diese Liste lehnte das Parlament ab.
Kompetenzentwicklung direkt am Arbeitsplatz Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB), der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben, die Fachhochschule Nordwestschweiz und weitere Akteure erarbeiten zurzeit Instrumente, um die Grundkompetenzen von Erwachsenen in den Betrieben weiterzuentwickeln. Der SVEB hat 2009 in Zusammenarbeit mit der Interkantonalen Konferenz für Weiterbildung das Projekt GO ins Leben gerufen. Das Ziel war, die Grundkompetenzen direkt am Arbeitsplatz zu fördern. Im Rahmen des Pilotprojekts, das 2011 abgeschlossen wurde, entstand ein Toolkit, mit dem die Betriebe den Förderbedarf ihrer Mitarbeitenden erfassen und deren Grundkompetenzen weiterentwickeln können. Gleichzeitig wurden ein Online-Leitfaden für KMU sowie eine Dokumenten-Datenbank mit pädagogischen Ressourcen erarbeitet. Vier Grossunternehmen wirkten bei dem Projekt mit: SBB, Die Post, Zweifel Pomy-Chips AG und PUA Reinigungs AG. Die im Rahmen des Projekts entwickelten Förderinstrumente konnten in diesen Unternehmen getestet werden. Ein anderes Teilprojekt analysierte die Situation in den Kantonen, und in einigen kantonalen Ämtern wurden bereits erste Fördermassnahmen umgesetzt. Das Nachfolgeprojekt GO2 (2012–2015) soll nun die Nachhaltigkeit des GO-Projekts sicherstellen. Unter anderem wird das GO-Toolkit um soziale und methodische Kompetenzen erweitert, und es werden Pilotprojekte in KMU durchgeführt.
Pilotprojekt in Tramelan Das erste GO2-Pilotprojekt der Romandie fand in der Firma Ebauches Micromécanique Precitrame SA (EMP) in Tramelan statt. Das auf die Fertigung von Uhren- und Feinmechanikteilen spezialisierte Unternehmen beschäftigt 140 Mitarbeitende. Acht Wochen lang, von April bis Juni 2014, nahmen acht Personen (vier Fertigungskontrolleurinnen, drei Kontrolleurinnen und ein Kontrolleur in der Endkontrolle) an einer Schulung zur Förderung der Grundkompetenzen in den Bereichen Mathematik und Informatik teil. Die Weiterbildung zielte darauf ab, dass die Mitarbeitenden selbstständig Berechnungen ausführen und zuverlässig Statistiken in Excel erfassen konnten. Verantwortlich für die GO2-Kurse bei EMP war Christian Wyssen, Kursleiter am Interregionalen Bildungszentrum CIP in Tramelan. Um Weiterbildungen anbieten zu können, die auf die realen Bedürfnisse im Arbeitsalltag ausgerichtet seien, müsse man in die Welt des Unternehmens eintauchen, meint er. Das sei ein zentrales Anliegen des GO2-Projekts: «Die Lernziele orientieren sich an den Fähigkeiten, die am Arbeitsplatz gebraucht werden. Ich musste selber in den Betrieb gehen und beobachten, wie die Angestellten arbeiten. Erst dann konnte ich eine passende Weiterbildungsmassnahme vorschlagen.» Eine der Kursteilnehmerinnen war die 28-jährige Maude Lucchina, die seit elf Jahren bei EMP arbeitet: «Dank dem Kurs traue ich mir im Bereich Mathematik mehr zu. Ich kann selbstständiger mit dem Computer arbeiten. Ich hätte gerne noch weiter gelernt», erzählt sie. Auch Jennifer Bolletino zieht nach dem Kurs eine positive Bilanz, obwohl er etwas kurz gewesen sei. Die 27-jährige ausgebildete Coiffeuse aus Frankreich ist seit zwei Jahren bei EMP angestellt. Jetzt hofft sie, dass der Werkstattleiter ihr mehr Verantwortung überträgt. So könnte sie die im Kurs erworbenen Kompetenzen in die Praxis umsetzen, sagt sie. Der 40-jährige Frédéric Paroz, der über eine Gärtnerausbildung verfügt und seit vier Jahren im Unternehmen arbeitet, fand die Kursinhalte etwas zu elementar, meint aber, er habe dabei immerhin Vergessenes auffrischen können. Seine Zufriedenheit bei der Arbeit sei gestiegen. «Die Niveaus der Teilnehmer waren sehr unterschiedlich. Man hätte vielleicht am Anfang klarer festlegen sollen, ab welchem Niveau der Kurs beginnt», gibt er zu bedenken.
Positive Bilanz Die HR-Verantwortliche von EMP, Françoise Sallin, ist sehr zufrieden mit dem angebotenen Kurs, zumal es auf dem Markt nur wenige Angebote in diesem Bereich gibt: «Nur wenige Unternehmen kümmern sich um die Grundkompetenzen ihrer Mitarbeitenden. Oft werden fachspezifische Schulungen durchgeführt, ohne vorher abzuklären, ob die Teilnehmer überhaupt die nötigen Voraussetzungen dafür mitbringen.» Für die HR-Leiterin stehen nun der Transfer und die Weiterentwicklung der erworbenen Kompetenzen im Vordergrund: «Die Kursteilnehmer sollten an Sicherheit gewinnen und sich in ihrer Funktion weiterentwickeln können. Wir denken zurzeit darüber nach, wie wir die in den GO2-Kursen erworbenen Kompetenzen in der Praxis nutzen können. Zuallererst müssen wir die Vorgesetzten dazu anhalten, den Mitarbeitenden mehr Spielraum zu geben, damit diese das Gelernte umsetzen können. In Industriebetrieben besteht immer Produktivitätsdruck. Aber auch in diesem Umfeld sollen die Kursteilnehmer die erworbenen Fähigkeiten einsetzen können, um die Abläufe an ihrem Arbeitsplatz besser zu verstehen.» Das Unternehmen ist also motiviert, das Projekt weiterzuführen. Ähnliche Pilotprojekte wie in Tramelan finden auch in zwei weiteren Schweizer Unternehmen statt: Induni und Rudolf Wirz. Die nächste Projektphase beginnt demnächst: «Im Oktober erhalten wir die Rückmeldungen aus den Betrieben. Auf deren Grundlage wird ein Bericht verfasst und ein Endprodukt erarbeitet, das dann allen Schweizer Unternehmen zur Verfügung steht», so Christian Wyssen.
Links und Literaturhinweise
ALL: www.adult-literacy.admin.ch
Guggisberg, J., Detzel, P., Stutz, H. (2007): Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz. Eine Auswertung der Daten des Adult Literacy & Lifeskills Survey (ALL). Schlussbericht. Bern, BASS.
PIAAC: www.oecd.org/site/piaac
Projekte GO und GO2: www.alice.ch/go / www.alice.ch/go2
www.ressourcesfba.ch