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Mein Unterbauch fühlt sich an, als würden ihm Tritte verpasst und ich fühle mich in einem Moment himmelhochjauchzend und im nächsten zu Tode betrübt. Das kann nur eines bedeuten: Ich habe meine Tage. Zum Glück hat meine beste Freundin ihre Periode gleichzeitig, dann können wir uns gemeinsam beschissen fühlen. Einmal pro Monat ist es dann wieder Zeit für deftiges Soulfood und Reality-TV, bis wir vor lauter Lachen nicht mehr wissen, woher die Krämpfe kommen.
Das Phänomen der Periode, die sich unter Freundinnen oder Mitbewohnerinnen im Rhythmus angleicht, gilt weltweit als Mysterium. Kann es sein, dass sich zwei Körper biologisch aneinander anpassen? Auch die Wissenschaft diskutiert – ob es diese Synchronisation nun gibt oder ob es sich bloss um einen Mythos handelt.
Der Fachbegriff zum Mythos lautet «menstruelle Synchronisation». Erforscht wurde das Thema erstmals vor fast fünfzig Jahren von Martha McClintock. In ihrem Psychologiestudium am Wellesley College in den USA beobachtete sie, wie sich die Zyklen ihrer Mitstudentinnen immer mehr anglichen. Ihre These war folgende: Mitbewohnerinnen und enge Freundinnen verbringen viel Zeit miteinander und kommunizieren dadurch mehr über Pheromone, was eine Angleichung der Monatsblutung bewirkt. Pheromone sind wie Hormone Botenstoffe, sie werden jedoch nicht durchs Blut transportiert, sondern durch die Luft. Sie dienen der unterbewussten Kommunikation innerhalb einer Spezies.
Alpha-Uterus
Ihre Ergebnisse veröffentlichte McClintock in der Studie «Menstruelle Synchronisation und Unterdrückung». Es geht nämlich nicht nur um die Synchronisation, sondern auch um die Existenz eines sogenannten «Alpha-Uterus». Richtig gelesen, Alpha-Uterus! Eine der beiden Frauen ist dominanter und gibt an, wann die Mens stattfindet, die andere passt sich an. McClintock kam zum Schluss, dass die Menstruationen ihrer Versuchspaare zeitnaher stattfanden, je länger sie zusammen Zeit verbrachten.
Duft der Anziehung
Pheromone wurden schon seit den Fünfzigern bei Tieren erforscht. So hat man zum Beispiel herausgefunden, dass Honigbienen mit Pheromonen Nahrungsmittelquellen markieren, damit ihre Artgenossinnen sie leichter finden können. Dickhornschafe erhalten durch das Beschnüffeln Informationen zur Familien- und Gruppenzugehörigkeit des Gegenübers. Das paarungsbereite Seidenspinnerweibchen lockt mit ihren Pheromon Bombykol Männchen aus bis zu elf Kilometern Entfernung an.
Auch menschlichen Pheromonen wird eine anziehende Wirkung nachgesagt. Parfumhersteller werben mit dem «unwiderstehlichen Duft» – Parfums, denen Pheromone zugesetzt wurden. Durch Duftmoleküle wie Androstenon und Androstenol soll die eingesprühte Person dominanter, begehrenswerter oder vertrauenswürdiger wirken. Das Vorkommen von Pheromonen beim Menschen ist jedoch nicht belegt. Bisherige Studien widersprechen sich, es gibt noch keine eindeutigen Ergebnisse.
Neue Verhütungsmethode
Der israelische Sozialforscher Leonard Weller forschte 1995 weiter zur Angleichung des weiblichen Zyklus und kam zum Schluss, dass es naheliegender ist, dass sich durch Pheromone der Eisprung angleicht und nicht die Menstruation. Weil es jedoch so viele Argumente dafür wie dagegen gibt, müsse man das Thema neu aufrollen und statt der Synchronisation die Existenz von Pheromonen belegen, bevor man weiter forschen könne, wie er 2012 gegenüber welt.de sagte. Sollte es einen Duftstoff geben, der in der Lage ist, den Eisprung zu verschieben, hätte dieser sogar Potenzial zum neuen Verhütungsmittel mit weniger ungewollten Nebeneffekten.
Gibt es überhaupt menschliche Pheromone?
Die Existenz und Wirkung solcher Duftstoffe erforscht Janek Lobmaier. Er ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie an der Uni Bern. «Bewiesen ist die These McClintocks bis heute nicht. Ich würde sogar eher sagen, sie wurde falsifiziert.» Gäbe es eine Synchronisation des weiblichen Zyklus, wäre es naheliegend, dass diese über Pheromone kommuniziert wird. Das grosse Problem: Die Definition eines Pheromons lautet: Ein abgesonderter Duftstoff, der das Verhalten von Individuen der gleichen Spezies auf die immer gleiche Art beeinflusst.
«Der Körpergeruch spielt eine grosse Rolle bei den sozialen Interaktionen des Menschen.» Aber um von einem Pheromon zu sprechen, muss er immer die gleiche Reaktion hervorrufen. Genau das gestaltet sich aber aus zwei Gründen schwierig: Einerseits ist das Verhalten der Menschen komplexer, als das von Tieren wie Mäusen und Fischen. Andererseits sind wir multisensorische Wesen. Wir funktionieren nicht nur über visuelle oder olfaktorische Reize, sondern nehmen mit allen Sinnen gleichzeitig wahr. «Es ist sehr kompliziert einen Sinn auszukoppeln und nur diesen zu untersuchen. Und weil in der Realität immer alle Sinne zusammenwirken, führen Duftstoffe beim Menschen nicht zu einheitlichen Reaktionen.» Pheromone werden nicht über den normalen Geruchssinn aufgenommen, sondern unterbewusst, über Pheromon-Rezeptoren in der Riechschleimhaut der Nase.
Fruchtbar bedeutet anziehend
Herr Lobmaier forschte vor allem zu den Hormonen Östrodiol und Progesteron. Beide werden im Menstruationszyklus ausgeschüttet. Während das Progesteron in der zweiten Zyklushälfte erhöht ist, hat die Ausschüttung von Östrodiol seinen Höhepunkt an den fruchtbarsten Tagen des Monats. Die Forschung konnte wiederholt beweisen, dass Frauen, welche nicht verhüten, an ihren fruchtbarsten Tagen am anziehendsten auf Männer wirken. Es gibt einen offensichtlich einen Zusammenhang zwischen dem Hormonlevel der Frau und ihrer Attraktivität für Männer. Die Probanden fanden den Duft der Frauen mit hohem Östrodiolwert am anziehendsten.
Reiner Zufall?
Weil die Östrodiol- und Progesteronbedingten Botenstoffe jedoch keine universal anwendbare Reaktion bei Männern provozieren, spricht Lobmaier auch hier nicht von Pheromonen. «McClintock traf mit ihrer Theorie den Zeitgeist der 1970er. Mit der zweiten Welle des Feminismus und der Emanzipation kam ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl der Frauen auf.» Dazu passte das Konzept einer sich synchronisierender Menstruation sehr gut. Mit immer genaueren Forschungsmethoden wurde die These zunehmend widerlegt. Der Experte meint, es gebe eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass zwei Zyklen früher oder später überlappen und so den Eindruck erwecken, sie haben sich synchronisiert. «Mit dem, was die Wissenschaft heute weiss, spricht wohl nicht mehr viel für die Existenz einer menstruellen Synchronisation.»
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