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Schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte sich die Schweiz auf die medizinische Hilfe in Konfliktgebieten spezialisiert. Das humanitäre Engagement hatte seinen Ursprung in den engen Verflechtungen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das 1863 in Genf gegründet worden war.
Die humanitäre Hilfe verfolgte zwei Ziele: Erstens festigte die «Liebestätigkeit der Schweiz», wie die Aufnahme von Internierten im ersten Weltkrieg genannt wurde, die neutralitätspolitische Stellung auf einem gespaltenen Kontinent, zweitens diente die Kriegsmedizin als Ausbildungs- und Wirkungsstätte für Schweizer Chirurgen. Diese entwickelten Operations- und Behandlungsmethoden, die sie in Fachpublikationen dokumentierten und die teilweise noch heute angewendet werden.
Schweizer arbeiteten von Kriegsbeginn an in Rotkreuz-Missionen in Frankreich, Österreich-Ungarn und Deutschland. Dies hatten sie schon im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 getan, dann auch 1911/12 in Libyen und in den Balkankriegen von 1912/13.
Mit dem ersten Weltkrieg ergab sich für die Schweiz und die Ärzte aber eine neue Situation. Erstmals wurden Kriegsverletzte in der Schweiz aufgenommen und behandelt. In der Regel waren die Gefangenen bereits mindestens einmal operiert worden und hatten bereits eine Nachbehandlung erfahren. Ihre Verletzungen waren nicht mehr akut, sie waren aber nicht richtig verheilt.
Der erste Weltkrieg offenbarte eine Brutalität, die man von den bisherigen europäischen Kriegen nicht kannte. Menschen wurden als «Kanonenfutter» eingesetzt. Gleichzeitig war die Wahrscheinlichkeit, dass Schwerverletzte überlebten, aufgrund der medizinischen Entwicklungen gestiegen. In die Armeesanitätsanstalten der Schweiz kamen deshalb zwar keine akuten, aber komplexe und traumatisierte Fälle. Es waren Kriegsgefangene aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Grossbritannien.
Dabei ging es um Wundheilung, Brüche und Infektionen, Pseudarthrosen, Gelenkrekonstruktionen und Rehabilitation. Prothesen wurden von den Internierten selber vor Ort gemäss den spezifischen Bedürfnissen der Patienten hergestellt.
Ermöglicht wurde die «Liebestätigkeit der Schweiz» durch die Vermittlung des IKRK. Der damalige Präsident des IKRK, Gustav Ador, war gleichzeitig Nationalrat, ab 1917 sogar Bundesrat. Auch die aktive Vermittlung von Papst Benedikt XV. half, um Kriegsgefangene in die Schweiz zu bringen. Zwischen 1915 und 1918 waren es rund 70 000.
Ausgewählt wurden die Patienten von den Ärzten in den Kriegsgefangenenlagern in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien aufgrund ihres Verletzungsgrades und des Heilungsverlaufs. Sie wurden mit Zügen nach Konstanz oder nach Lyon gebracht und dort den Schweizer Behörden übergeben.
Anfänglich gab es die Armeesanitätsanstalten in Luzern und in Fribourg, die ausschliesslich für Kriegsgefangene eingerichtet wurden. Später wurden Verletzte in fast allen Kantonen aufgenommen, ausser in den Grenzregionen. Die meisten Internierten wurden in der Zentral- und Westschweiz sowie in der Region Bern untergebracht. In der Regel wohnten sie ‒ durch Vermittlung des Schweizer Hotelier-Vereins ‒ in Hotels und Pensionen und wurden in Spitälern behandelt. So konnten Hotels genutzt werden, die nach Ausbruch des Krieges meist leer standen, weil der Tourismus eingebrochen war.
Gegen Ende des Krieges, im April 1918, gelangten auch die Amerikaner mit der Bitte um Aufnahme von Kriegsverletzten an die Schweiz. Allerdings zogen sich die Verhandlungen hin, bis der Krieg im November 1918 beendet war. US-Internierte kamen deshalb nie in die Schweiz.
Nach dem Krieg wurden die Kriegsgefangenen repatriiert. Über den Heilungserfolg ‒ und damit die Wirksamkeit der angewendeten Methoden ‒ gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Daten wurden damals nicht ausgetauscht. Hans Brun, Leiter der Armeesanitätsanstalt Luzern, legte eine umfassende Dokumentation von Knochenweichteildefekten, Pseudarthrosen und Fehlstellungen an. Sie diente als Grundlage für die Klassifizierung von Defekten, die in den wesentlichen Teilen noch heute angewendet wird.
Titelbild: Kriegsverletzte im französischen Trakt der Anstalt