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Die Noah-Erzählung in der Bibel ist ziemlich sicher nicht original. Noahs “grosse Brüder” heissen Atramchasis und Utanapischti. Alle drei bauten ein Schiff, weil ihnen ein Gott sagte, dass eine grosse Überschwemmung kommen würde und sie sich so retten könnten. Sie nahmen viele Tiere mit an Bord, verschlossen die Luken des Schiffs mit Pech und verbrachten die Zeit bis zum Ende der Flut mit ihrer Familie darauf.
Frappante Ähnlichkeiten
Es gibt unzählige Parallelen zwischen den drei Erzählungen, die im Atramchasis-Epos (18./17. Jh. v. Chr.), im Gilgamesch-Epos (12. Jh. v. Chr.) und im Alten Testament (ab dem 9. Jh. v. Chr., wobei manche Erzählungen und Lieder vorher mündlich weitergegeben wurden) stehen. Ein paar Beispiele, neben dem Erzählkern mit dem Schiff und der Flut: Sowohl die Bibel als auch das Gilgamesch-Epos berichten von Vögeln, die losgeschickt werden, um zu überprüfen, ob bereits wieder trockenes Land vorhanden ist. In allen Geschichten warnt eine Gottheit eine besonders vorbildliche Person vor und erklärt ihr, was nötig ist, um zu überleben. Im Gilgamesch- sowie im Atramchasis-Epos gibt es eine Muttergottheit, die über die Auslöschung der Menschheit bitterlich weint. Und in allen drei Epen bringen die Familien als Dank für ihr Überleben den Göttern ein Opfer, dessen Duft diese besänftigt.
Das mag manche, die an den biblischen Geschichten hängen, verunsichern. Ist die Noah-Erzählung in der Bibel also nicht “wahr”? Was sagen uns die Erzählungen im Alten Testament heute denn noch? Und warum dient uns gerade die Bibel als religiöser Referenztext und nicht ein irgend anderes Werk mit Welterklärungs-Mythen und Gottesgeschichten?
Manche Christ*innen sagen explizit, dass sie “an die Bibel glauben”. Natürlich stimmt das nur indirekt – niemand glaubt an ein Buch. Sondern an den Gott, der darin vorgestellt wird. Aber die Formulierung deutet an, warum Glaube erschüttert werden kann, wenn man mehr über die bibelwissenschaftliche Forschung lernt und erfährt, wie die Texte der Bibel entstanden sind.
Die Bibel entstand nicht in einem Vakuum
Das Alte Testament (und übrigens auch das Neue) fiel nicht einfach vom Himmel. Sondern jeder Text wurde in einem bestimmten kulturellen Umfeld niedergeschrieben und manchmal auch später sorgfältig, mit einem bestimmten Interesse, wieder bearbeitet. Die jüdische Kultur entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte, in denen die Bibel entstand, weiter. Sie stand im Austausch mit anderen Völkern und Staaten, wollte sich von anderen Religionsgemeinschaften bewusst abgrenzen und war überdies geprägt von örtlichen, politischen und anthropologischen Gegebenheiten. All dies zeigt sich im Bibeltext, den wir heute vorliegen haben. Manches deutlicher, manches erst, wenn Zusammenhänge erklärt werden.
Zum Beispiel in der Sintfluterzählung. Dank der geologischen Forschung wissen wir, dass es im Nahen Osten vor rund 6-8000 Jahren grosse Überflutungen gab. Diese wurden in Geschichten verarbeitet und das Überleben der Menschheit natürlich der Hilfe der jeweiligen Gottheiten zugeschrieben. Da die Kulturen in Mesopotamien, Altbabylonien und später auch Israel/Juda ineinander übergingen bzw. miteinander im Austausch standen, wurden auch die Geschichten weitergereicht und adaptiert. Ein interessantes Detail: Gott trägt in der Noah-Erzählung zwei verschiedene Namen, “JHWH” und “Elohim”. Dies deutet darauf hin, dass sogar innerbiblisch zwei Traditionen verwoben wurden, die parallel zueinander in Umlauf waren.
Von Papyrus bis Playmobil
Die beiden nichtbiblischen Werke, in denen die grosse Flut vorkommt, sind in Tontafeln auf Keilschrift verfasst. Sie gerieten in Vergessenheit und wurden erst in der Neuzeit von Archäologen wiederentdeckt. (Im früheren Mesopotamien wurde sogar noch eine vierte, ebenfalls sehr ähnliche Sintflut-Erzählung mit einem Helden namens Ziusudra gefunden.)
Das Alte Testament hingegen wurde schon im 1. Jahrtausend v. Chr. stets weiter überliefert und neu abgeschrieben, Texte wurden gesammelt, teilweise ergänzt und überarbeitet. Das Christentum übernahm die Textsammlung und ergänzte sie mit Schriften aus den ersten knapp 100 Jahren nach der Auferstehung von Jesus. Seither hat sich im Grundtext nichts mehr geändert, die Texte wurden abgeschrieben und weitergegeben. Das Verständnis blieb aber gleich wie im Judentum: Die Bibel ist keine alte Geschichte, sondern eine stets zu aktualisierende und neu zu übersetzende.
Seit der Reformation dient dazu vor allem die Predigt in der Kirche. Heute nimmt die Weitergabe der biblischen Tradition auch moderne Formen an, wie zum Beispiel die Bibel-Playmobil-Videos in “Sommers Weltliteratur to go” oder diverse Podcastformate, welche die Relevanz biblischer Texte für heute suchen. Dass sich die Bibel durchsetzte und nicht ein anderes historisches Werk, hat also in erster Linie damit zu tun, dass der Text ständig aktualisiert und neu ausgelegt wurde – bis heute.
Die Bedeutung, welche von den drei Sintflut-Geschichten für uns einzig die von Noah hat, liegt nicht in der Erzählung als solche. Sondern in ihrem Eingeflochtensein in einen Strang von Geschichten, Traditionen und Erfahrungen von Menschen mit Gott, in die auch unsere eigene Geschichte mit eingeflochten ist.
Der Blick zum Regenbogen
Insofern spielt es keine Rolle, ob Noah tatsächlich unter diesem Namen gelebt hat, und ob eine der alten Erzählungen präziser ist als die anderen. Die “Wahrheit” eines biblischen Textes ist nicht daran gebunden, ob sich das Geschilderte historisch genau so ereignet hat. Der biblische Text ist für uns vielmehr anschlussfähig, indem er zum Beispiel:
- ein personales Gottesbild entwirft, in dem auch Meinungsänderungen keine Unmöglichkeit sind,
- Gott einen Bund mit den Menschen schliessen, eine Beziehung mit ihnen eingehen lässt, auf die unser Glaube auch heute aufbaut,
- mit dem Regenbogen ein wunderbares Symbol für die Zuwendung Gottes beschreibt, das uns heute noch mitten im Alltag überrascht, berührt und an diese Zuwendung erinnert.
Schon vor Tausenden von Jahren waren Menschen davon überzeugt, dass mehr zur Realität gehört, als man von Auge sehen und mit menschlichen Mitteln beweisen kann. Es ist spannend, diesen Spuren in die Vergangenheit nachzuforschen und sich damit auseinanderzusetzen, wie Menschen sich die Welt erklärten und was sie mit Gott für Erfahrungen machten. Gott ist ewig. Er steht über der Zeit. Er flicht seine Geschichte mit den Menschen, vor 3000 Jahren, heute und auch noch Hunderte von Jahren nach uns.
Bibelwissenschaftliche Artikel zu den drei Fluterzählungen: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/28899/
Lesenswert und informativ: “Die Entstehung der Bibel” von Konrad Schmid/Jens Schröter, C.H. Beck 2019.
Photo by Jaredd Craig/Unsplash