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Max Frischs Engadin
«Er schenkte mir das Engadin. Noch heute kann ich nicht durch jene Gegend fahren, ohne an W. zu denken. Und ich meine ja nicht nur, daß die Reise ins Engadin für mich unerschwinglich gewesen wäre. Er kannte das Engadin. Er war auch der bessere Alpinist. (...) Ohne W. wäre ich nie auf diese Berge gelangt. Er wußte, wo und wann Lawinen drohen und wie man sich in einem bedenklichen Gelände zu verhalten hat; er knüpfte die rote Lawinen-Schnur an seinen Rucksack, betrachtete gewissenhaft den Hang und prüfte den Schnee, dann sauste er voran in die Tiefe, ich hatte mich nur an seine kühne Spur zu halten, so gut ich's halt konnte. (...) natürlich war W. immer voraus, ohne es darauf anzulegen; er stürzte nicht und wenn ich nach einer geraumen Weile bei ihm ankam, weiß nach einigen Stürzen und außer Atem, sagte er immer: Laß dir Zeit. (...). Er schenkte mir sein Engadin. Ich liebe es noch heute.»
Hinter W. aus dem Zitat verbirgt sich Werner Coninx, Frischs Schul- und Jugendfreund aus einer schwerreichen Zürcher Verlegerfamilie. Coninx hat Frisch einiges ermöglicht, ohne je grosses Aufheben darum zu machen. Er finanzierte nicht nur Frischs Architekturstudium, sondern ermöglichte ihm auch Reisen und Ferien. Sehr viel später – Frisch ist längst ein weltberühmter Schriftsteller – erinnert der Frisch sich an die unbeschwerten Engadiner Tage mit Werner, genauer: ein ihm sehr ähnlicher Erzähler erinnert sich. Der Ort, an dem die Erinnerungen ausgelöst werden, liegt Tausende von Kilometern entfernt von den Schneelandschaften des Engadins: Montauk, an der Westküste der USA. Ein Küstenort, an dem der Erzähler eigentlich ein Wochenende mit einer deutlich jüngeren Verlagsangestellten, Lynn, verbringen wollte (im wahren Leben war es Alice Locke-Carey). Aber daraus wird weniger als geplant, denn ständig überrollen ihn Bilder aus seiner Vergangenheit und lenken ihn vom Hier und Jetzt ab – auch in «Montauk» versucht Frisch, wie in vielen seiner Werke, unglückliche Liebesbeziehungen und gescheiterte Ehen zu bewältigen. Immerhin: Mit dem Engadin scheint ihn eine ungetrübte Liebesbeziehung zu verbinden.
Nicht nur in «Montauk» verewigt Frisch die Landschaft mit dem besonderen Licht, sondern auch in «Mein Name sei Gantenbein». Dort beschreibt er eine Herbst-Wanderung auf den Piz Kesch: «Der Fels, jetzt im Nachmittagslicht, erschien wie Bernstein, der Himmel darüber violett, der kleine Gletscher dagegen bläulich, die Spalten zumindest, der Schnee eher wie Milch, nur meine tiefen Stapfen darin erschienen glasigblau. Alles reglos.» (BP)
Das Engadin gilt als Wiege des Wintertourismus. Und alles hat mit einer Wette begonnen. Der Sommertourismus lief bereits auf Hochtouren, als Johannes Badrutt im Herbst 1864 mit vier englischen Gästen wettete, sie würden auch im Winter hemdsärmelig auf seiner Terrasse die milde Engadiner Sonne geniessen können. Andernfalls übernehme er die Reisekosten. Falls St. Moritz ihnen im Winter aber zusage, lade er sie als seine Gäste ein, so lange zu bleiben, wie sie wollten. Die Engländer kannten bisher nur kalte und feuchte Winter. Weshalb sollte es in den Schweizer Alpen anders sein? Sie kamen dennoch zur Weihnachtszeit ins Oberengadin – und reisten erst nach Ostern wieder ab: braungebrannt, erholt und glücklich. Sie waren die ersten Wintertouristen der Alpen und sie entdeckten eine neue Welt: die weissen Winterferien.