Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03332.jsonl.gz/1521

Was treibt Menschen zu Höchstleistungen an grossen Bergen? Ein ausgezeichnetes Buch befasst sich mit dem polnischen Höhenbergsteigen.
Bergsteigen hat mit Psychologie, Politik und Geschichte zu tun. Das zeigt uns Bernadette McDonald in ihrem Buch «Klettern für Freiheit», einer Monografie über das polnische Höhenbergsteigen ab den siebziger Jahren.
An Namen wie Wanda Rutkiewicz, Jerzy Kukuczka, Voytek Kurtyka oder Krzysztof Wielicki ist man auch im Westen nicht herumgekommen, sie sind in der Alpinliteratur geläufig. Bekannt ist, dass es an vielen Bergen «Polenrouten» gibt. Am Aconcagua in den argentinischen Anden, dem höchsten Berg ausserhalb von Asien, wurde bereits 1936 eine Führe über den «Polengletscher» eröffnet – heute die sehr anspruchsvolle Alternative zum Normalweg. PolInnen haben das Winterbergsteigen an den ganz hohen Bergen erfunden und sind als Erste mit Speedbegehungen an Achttausendern hervorgetreten. Kukuczka war Reinhold Messner beim Wettlauf um die «Achttausenderkrone» nur knapp unterlegen. Er war aber möglicherweise hinsichtlich Qualität und Stil Messner voraus.
Wieso PolInnen? Als sie mit dem Höhenbergsteigen begannen, waren ihre Voraussetzungen schlecht. Sie hatten kein Geld für Auslandsexpeditionen, ihre Reisemöglichkeiten waren reglementiert, ihre Trainingsmöglichkeiten beschränkt, ihre Ausrüstung erbärmlich. Auftrieb, Leidensbereitschaft und Kreativität gab es aber anscheinend grenzenlos.
Zerstörung und Mangel
McDonald behandelt Rutkiewicz, Kukuczka und Kurtyka besonders ausführlich, gelten sie doch als die wichtigsten ProtagonistInnen des sogenannten Goldenen Zeitalters des polnischen Höhenbergsteigens von 1975 bis 1995. Alle drei sind Kriegskinder, traumatisiert weniger durch persönliche Kriegserlebnisse (sie wurden teilweise nach Kriegsende geboren) als vielmehr dadurch, dass sie in einem zerstörten Land aufwuchsen. Über fünfzehn Prozent der Bevölkerung Polens waren ums Leben gekommen, praktisch alle Familien hatten Angehörige verloren. Zerstörung, Tod, Entwurzelung, Mangel, instabile Familien- und Lebensverhältnisse waren zentrale Kindheitserfahrungen.
Dazu kommt, dass sie einer Nation angehören, die nach den Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts und während des Zweiten Weltkriegs ihre Souveränität verloren hatte. Auf polnischem Territorium setzte Nazideutschland die Vernichtung der Jüdinnen und Juden um, und dort fanden einige der verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt. Nach dessen Ende entstand Polen – nach Westen verschoben – zwar neu, aber unter der direkten Kontrolle der Sowjetunion. Die jüngere polnische Geschichte handelt also von einer Nation der VerliererInnen und Alleingelassenen – und dies, obwohl im kollektiven Selbstverständnis Polen eine grosse und wichtige Macht war, die für die kulturelle Entwicklung Europas Entscheidendes geleistet hat.
Vor diesem historischen Hintergrund wuchsen die BergsteigerInnen auf. Sie hatten kaum genug zu essen, miserable Unterkünfte (Rutkiewicz lebte während ihrer Kindheit in einer Ruine), Möglichkeiten zu persönlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung waren kaum vorhanden. Das System erstickte persönliche Freiheiten, individuelle Wertigkeit blieb ohne Belang. McDonald schildert plastisch, wie die von ihr porträtierten ErfolgsbergsteigerInnen beim Klettern ihre Erweckungserlebnisse hatten. In den Bergen fanden sie Schönheit, Natur und Glück in einer Form, die es in der Wüste ihres kommunistischen Alltags nicht gab.
Geschichte und persönliche Motive
Das erklärt jedoch nicht alles. Eine Rolle spielte auch, dass die staatlich kontrollierten Bergsteigerorganisationen und mit ihnen die polnische Staatsführung realisierten, wie sehr sich durch bergsteigerische Erfolge das polnische Ansehen in der Welt steigern liess. Sie gewährten Reisefreiheit, unterstützten (und überwachten) die Expeditionen. Aber ganz wesentlich war auch: Polnische ExpeditionsbergsteigerInnen machten aus ihren Reisen zu den Bergen der Welt Import-Export-Unternehmungen. Im Klartext: Sie betrieben Schwarzhandel. Nur so liessen sich die Reisen finanzieren.
So kann man an der Entwicklung des polnischen Höhenbergsteigens nachvollziehen, wie historische, gesellschaftliche und politische Motive in Wechselwirkung mit extrem ausgeprägten persönlichen Bedürfnissen nach Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung sowie grenzenloser Leidens- und Leistungsbereitschaft zu epochalen Erfolgen führen.
McDonalds Buch nimmt eine Sonderstellung in der Alpinliteratur ein. Sie schreibt mit grossem Respekt und Bewunderung über die HöhenbergsteigerInnen, kehrt aber deren Obsessionen und persönliche Unzulänglichkeiten nicht unter den Teppich. Ein besonders ambivalentes Porträt zeichnet sie von Wanda Rutkiewicz, bis zu ihrem Tod am Kangchendzönga (8586 Meter) im Jahr 1992 die überragende Höhenbergsteigerin weltweit. Die Autorin scheint diese Bergsteigerin geradezu zu verehren. Ihre Persönlichkeit zeichnet sie jedoch kritisch: Rutkiewicz sei paranoid, ohne Empathie, sozial unverträglich, egoistisch gewesen.
Es liegt uns ein Buch vor, das nicht in der Verehrung von BergheldInnen verharrt, sondern das ganze Spektrum von Motiven würdigt, die Menschen auf Berge treiben. McDonald nennt auch den Preis, den kompromissloses Bergsteigen hat. Achtzig Prozent der polnischen HöhenbergsteigerInnen des Goldenen Zeitalters überlebten ihre Obsession nicht.