Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/1853

Paris en blanc und Architektur at the top
Wenige Monate später, der Schnee ist längst geschmolzen und Paris zeigt sich wieder wie gewohnt leicht bekleidet, ereignet sich Ausserordentliches in den ewigen Schneefeldern des Himalaya: Reinhold Messner und Peter Habeler erreichen erstmals den Everest-Gipfel ohne zusätzlichen Sauerstoff – 24 Jahre nachdem der K2 durch Lino Lacedelli und Achille Compagnoni (auf «Kosten» von Walter Bonatti) erstmals bestiegen worden ist. Noch im Jahr 1978 ist Reinhold Messner der erste Mensch, der je einen Achttausender im Alleingang erreicht hat. Seine Aufstiegsroute in der Diamirflanke des Nanga Parbat wurde bis heute nie mehr begangen.
Der Tod, der immer präsent ist, prägte auch 1978: Die Sirenen des Hafens von Alexandria singen zwar auch heute noch immer dieselbe Melodie, aber Claude François ist 1978 nicht mehr, genau wie Jacques Brel, dessen singende Matrosen im Hafen von Amsterdam noch heute anzutreffen sind.
Architektur
1978 ist aber auch das letzte Jahr in einer Welt ohne Pritzker-Preis. Anno 1979 stiften Jay Pritzker und seine Frau nämlich den «Nobelpreis» der Architektur, der fortan jährlich verliehen wird. Das Lesen der Preisträgerliste weckt Gefühle wie ein Frühlings-Brunch auf einer Caféterrasse in Saint-Germain-des-Prés, finden sich darauf doch u. a. Luis Barragan, Aldo Rossi, Alvaro Siza, Renzo Piano, Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron, Zaha Hadid, Jean Nouvel, Peter Zumthor und Eduardo Souto de Moura.
Auf eine Auflistung von Architekturwerken aus dem Jahr 1978 wird hier bewusst verzichtet, um den Lesern nicht schon Bekanntes vorzusetzen. Es dürfte jedoch den meisten unbekannt sein, dass Renzo Piano just 1978, ein Jahr nach der Eröffnung seines Centre Pompidou, die sogenannte «casa evolutiva» präsentierte, ein Haus, dessen Wohnfläche den Bedürfnissen der Einwohner folgend ohne Beizug von Handwerkern von 50 auf 120 Quadratmeter mehr als verdoppelt werden konnte. Hervorzuheben ist auch, dass ein gewisser Donald Trump 1978 mit dem Bau des heutigen Hotels «The Grand Hyatt New York» begann. Ob das der Grund dafür ist, dass man doch immer wieder Architekten begegnet, die ein Faible für Herrn Trump zu haben scheinen? Immerhin war Jay Pritzker Besitzer der Hyatt-Hotelkette, und noch heute ist die Hyatt-Stiftung für die Organisation des Pritzker-Preises verantwortlich.
Stars in den Bergen
1978 führte Reinhold Messner, wie gesagt, einige der schönsten alpinen Besteigungen durch. Zaha Hadid gewann 16 Jahre später den Pritzker-Preis, und mit Paris verbindet sie ihr berühmter mobiler Kunstpavillon für Chanel, der 2011 seinen festen Platz vor Jean Nouvels Institute du Monde Arabe bezogen hat und seither vermutlich wohl nur gerade einmal, nämlich im Februar 2018, schneebedeckt gewesen ist. Nicht vergönnt war Hadid in Paris hingegen die Realisierung ihres Entwurfs für den schliesslich von Bernard Tschumi gestalteten «Parc de la Villette». Und weder auf dem Nanga Parbat noch auf dem Everest hat sich Reinhold Messner 1978 wohl vorgestellt, dass er dereinst zusammen mit der Pritzker-Preis-prämierten Irakerin für alpine Höhepunkte sorgen würde. Tatsache ist aber, dass genau diese ungleiche Traumseilschaft 2015 gemeinsam den Gipfel des «Corones» erklomm: Auf 2275 Metern über Meer, auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes, wurde dannzumal das vorderhand letzte Messner Museum eröffnet. Hier können sich die Besucher mit dem klassischen Bergsport auseinandersetzen, dessen Botschafter Reinhold Messner ist. Geplant wurde der Bau durch Zaha Hadid höchstpersönlich, und selbstverständlich geht es bei diesem Museum auch um Alpenarchitektur: Osten, Süden, Westen und Norden sowie die Dolomiten bilden die kon-geniale Bühne für die Darstellung der Geschichte des Alpinismus, die Messner so entscheidend geprägt hat. «Bergspitzen und Himmel als Raum für ein Museum» lautete die Wette der beiden Stars.
1978 hatte übrigens ein gewisser Mario Botta schon erste Werke realisiert, unter anderem die Bibliothek des Kapuzinerklosters in Lugano. Er stand damals noch ganz am Anfang seiner glanzvollen Karriere. Vierzig Jahre später hatte der Autor dieser Zeilen das Glück, Botta während eines Referats über das Bauen in den Alpen zuhören zu dürfen. «Um in den Alpen zu bauen», führte Botta damals aus, «braucht es Kraft. Der Architekt muss sich mit den Elementen der Natur auseinandersetzen und mit ihnen in einen Dialog treten. Der erste Akt der Architektur ist nicht, Stein auf Stein zu setzen, sondern den Stein auf das Terrain, und damit eine Bedingung der Natur in eine Bedingung der Kultur zu verwandeln. Und dazu braucht es Kraft. Es ist viel einfacher, im Tal oder in der Wüste zu bauen. In den Bergen sind aber grosse Werte, Naturgewalten und das Licht viel präsenter und verlangen vom Architekten einen intensiven Dialog. Der Architekt muss hier sein Bestes geben, um mit den Kräften der Natur in einen Dialog treten zu können.»
Ob Messner und Hadid dies auf dem Kronplatz geschafft haben, muss jeder selber vor Ort herausfinden. Der Autor war noch nie dort, deswegen wagt er es nicht einmal, ein Laienurteil zu fällen. Er kann sich aber kaum vorstellen, dass es Reinhold Messner, der sich übrigens in jungen Jahren der Ingenieurwissenschaft gewidmet hatte, nicht geschafft hat, gemeinsam mit Zaha Hadid in einen fruchtbaren Dialog mit den Kräften der Natur zu treten.
Ausblick
Der BL Verlag, Herausgeber der vorliegenden Zeitschrift, hat genau vor 40 Jahren seine ersten Zeitschriften herausgegeben. Deswegen ist das Jahr 1978 das Thema dieser Ausgabe. And aus den Geschehnissen von 1978 geht hervor, dass sie bedeutende, beeindruckende und bis heute andauernde Spuren hinterlassen haben – vergleichbar etwa mit den Fussabdrücken der Bären auf Spitzbergen oder Kamtschatka.
Um die Reise durch das Jahr 1978 dort abzuschliessen, wo sie angefangen hat, also in Paris, wagt der Autor noch zwei letzte Fragen aufzuwerfen, ohne sie beantworten zu wollen: Ist es Zufall, dass 1978 der Lincoln Versailles zum «Auto des Jahres» gewählt wurde? Oder ist es Schicksal, dass es genau vierzig Jahre nach dem eingangs erwähnten Schneefall Anfang Februar dieses Jahres in Paris erneut geschneit hat?