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Am Rand des ursprünglichen Dorfkerns von Chironico erhebt sich ein gut erhaltener, schlanker Wohnturm aus dem Mittelalter. Mit seinen sechs Geschossen überragt er die jüngeren Holzhäuser in der Nachbarschaft um mehrere Stockwerke. Das Mauerwerk des Turms besteht aus unregelmässigen Bruchsteinen, sehr sorgfältig gefügt ist jedoch der Eckverband mit seinen genau in die Kante gehauenen Bossenquadern. Unter dem heutigen Glattverputz neuzeitlichen Datums hat sich der mittelalterliche Rasa-pietra-Verputz mit dem typischen Fugenstrich gut erhalten. Der ursprüngliche Hocheingang in der Nordfront wird heute von einem neuzeitlichen Anbau aus erreicht, im Mittelalter musste er über eine steile Aussentreppe erstiegen werden. In der Südfront öffnet sich in der Höhe des vierten Geschosses eine Türe, die auf einen nunmehr verschwundenen, an den Konsolen aber noch erkennbaren Laubengang hinausführte. Die Viereckfenster in den oberen Partien des Turms sind nachträglich wohl erweitert worden; ursprünglich dürfte das Innere des Turms nur von Schmalscharten, wie sie in den unteren geschossen noch erhalten sind, erhellt worden sein. Zwei solcher Scharten wurden im Spätmittelalter zu Schiessluken mit kreuzförmiger Öffnung umgebaut. Sie waren für den Gebrauch von Hakenbüchsen bestimmt.
Das Innere des Turms geht auf einen Umbau des 19. Jahrhunderts zurück. Die ursprünglichen steilen Leitern aus gekerbten Baumstämmen, welche die einzelnen Stockwerke miteinander verbanden, sind damals durch bequemere Treppen ersetzt worden. Bei diesem Umbau wurden auch die alten Feuerstellen und Kaminanlagen beseitigt. An die einstige Bewohnbarkeit erinnern jetzt nur noch die durch die Mauer führenden Schüttsteinöffnungen und die Wandnischen. Nachträgliche Änderungen hat offenbar auch der oberste Teil des Turms erfahren: das sechste Geschoss mit dem Dachraum stellt den nachträglich teilweise wieder abgetragenen Rest einer spätmittelalterlichen Aufstockung dar. Das flache, mit Steinplatten gedeckte Satteldach ist in seiner jetzigen Form erst im letzten Jahrhundert entstanden. Ein Fresko über dem Eingang, das die Madonna mit dem Kind zeigt, ist wohl in das ausgehende 15. Jahrhundert zu datieren.
Über Nebenbauten oder einen allfälligen Bering ist nichts bekannt. Die kaum zwanzig Meter vom Turm entferne Kirche S. Ambrogio und S. Maurizio, ein romanischer Bau mit zwei Apsiden, errichtet über den Fundamenten eines älteren Heiligtums, lag jedenfalls ausserhalb des einstigen Burgbezirks. Der Bau einer neuen Strasse hat das Gelände südöstlich des Turms mit den Resten älterer Bauten stark verändert. Ökonomiegebäude, von denen aus die früheren Burggüter bewirtschaftet worden sind, waren jedenfalls vorhanden.
Die Torre dei Pedrini bildet das typische Beispiel für eine kleine Turmburg, wie sie im Mittelalter in den Tessiner Dörfern häufig errichtet worden ist. Viele dieser Türme sind heute verschwunden, so dass nicht einmal ihr genauer Standort mehr bekannt ist. Über die Zeitstellung dieser Bauwerke gehen die Meinungen oft auseinander. Die Torre dei Pedrini zu Chironico ist aufgrund bestimmter Baumerkmale erwähnt seien die Bossenquader im Eckverband oder die Konstruktion des Hocheingangs am ehesten in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren. Im Unterschied zu anderen Wohntürmen, über die wir kaum schriftliche Nachrichten besitzen, können wir den Turm von Chironico einer bereits im 13. Jahrhundert urkundlich bezeugten Familie zuweisen. Es handelt sich um die Herren della Torre von Chironico, die mit einem gewissen Giovanni im Jahr 1268 erstmals erwähnt sind. Offenbar hat der Wohnturm der Familie den Namen gegeben. Nach 1268 kommen die Herren della Torre urkundlich wiederholt vor. Sie begegnen uns als Inhaber herrschaftlicher Ämter und in gehobener gesellschaftlicher Stellung. Um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert scheint das Geschlecht ausgestorben oder weggezogen zu sein. Ob die Herren della Torre den Turm von Chironico selber errichteten, steht nicht mit Sicherheit fest. Denn zu Chironico waren ausser den Capitanei von Locarno auch die Herren von Giornico begütert, die im 12. und 13. Jahrhundert zu den bedeutendsten Grundherren der Leventina zählten. Es besteht somit die Möglichkeit, dass der Turm von Chironico auf Veranlassung der Herren von Giornico gebaut wurde. Eine weitere Überlegung ergibt sich aus Dokumenten des 14. Jahrhunderts, die auf verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Herren von Giornico und der Familie della Torre hinweisen. Vielleicht bildeten die della Torre einen zu Chironico ansässigen Nebenzweig des mächtigen Hauses Giornico. Sichere Belege für diese Vermutung sind allerdings kaum beizubringen. Noch vor dem Verschwinden der Herren della Torre von Chironico aus der Geschichte um 1400 hatten die Visconti von Mailand in der Leventina die landesherrlichen Rechte an sich gebracht (um 1350). Der Turm von Chironico war somit unter mailändische Hoheit geraten. Auch wenn er keine bedeutende militärische Anlage darstellte, konnte er doch immerhin als Wahrzeichen der mailändischen Herrschaft gelten und im Kriegsfall eine kleine Besatzung aufnehmen. Der Ausbau der alten Fensterscharten zu Schiessluken dürfte damals vorgenommen worden sein. In den Auseinandersetzungen des 15. Jahrhunderts zwischen den Urnern und dem Herzogtum Mailand um den Besitz der Leventina schient der Turm allerdings keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben. Als die untere Leventina 1414 an Uri fiel, waren an den Turm von Chironico keine herrschaftlichen Rechte mehr gebunden, so dass er in der Folgezeit als Privatgebäude galt und als einfacher Wohnbau keinen kriegerischen Angriffen oder politischen Wirren ausgesetzt war. Der heute übliche Name Torre dei Pedrini ist nachmittelalterlichen Ursprungs und geht auf eine Patrizierfamilie der Leventina zurück, die in neuerer Zeit im Besitz des Turms war. Der eindrückliche Bau, noch heute in privater Hand, bildet zusammen mit der romanischen Kirche und den alten Holzhäusern ein bauliches Ensemble mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gepräges.
Bibliographie