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Kolumbien steht am nächsten Sonntag, 19. Juni 2022 eine historische Stichwahl bevor. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Landes scheint es zumindest möglich, dass ein Linksbündnis künftig das Zepter übernimmt.
Gustavo Petro, ehemaliger Anführer von Studierendenprotesten und aktuell Parlamentsabgeordneter, könnte Kolumbiens nächster Präsident werden.
Im ersten Wahlgang erlitten die etablierten Parteien eine beispiellose Niederlage. Sowohl die traditionellen konservativen und liberalen Parteien, als auch das rechtskonservative, teils faschistoide Projekt von Álvaro Uribe wurden abgestraft. Die Krise der politischen Repräsentation habe sich damit weiter radikalisiert, sagt Aaron Tauss. Tauss ist Professor für internationale Politik, lehrte die letzten 10 Jahre am Institut für Politwissenschaften in Medellín in Kolumbien, und ist seit März Lehrbeauftragter an der Universität Wien.
Bei den Stichwahlen tritt Linkskandidat Gustavo Petro kommenden Sonntag gegen den parteilosen, millionenschweren Bauunternehmer Rodolfo Hernández an. Derzeit lägen beide Kandidaten zwar gleich auf, sagt Tauss, in Anbetracht der politischen Kultur in Kolumbien und der historisch starken Skepsis gegenüber linker Politik würden die Zeichen indes eher auf einen Wahlsieg von Hernandez hindeuten. Petros einzige Chance sieht er darin, genügend Nicht-Wähler*innen zu mobilisieren.
Gustavo Petro tritt mit einem relativ moderaten Wahlprogramm an und hätte im Falle einer Wahl an sämtlichen Fronten mit sehr viel Widerstand zu kämpfen. Gleichwohl deuteten die anhaltenden Protestwellen der letzten Jahre, der Friedensprozess mit der linken FARC-Guerilla, und nun auch die Kandidatur von Petro mit seinem breiten Wahlbündnis aus indigenen, kleinbäuerlichen, afrokolumbianischen, ökologischen und feministischen Bewegungen auf eine längerfristige, grundlegende Transformation Kolumbiens hin, nachdem das Land die letzten 200 Jahre von einer Polit- und Wirtschaftselite regiert wurde, die das Land zu ihren Gunsten gestaltete und ausbeutete.