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Sajjad Khan, Reiniger Bahnhof Basel
16 Jahre Angst um die Stelle
Sajjad Khan aus Pakistan erlebte viele bange Arbeitsjahre mit Reorganisationen und einem Minimallohn. Seinem restlichen Erwerbsleben kann er nun endlich gelassen entgegenblicken.
Sajjad Khan wird 1965 im indisch-pakistanischen Grenzgebiet geboren, 1971 lässt sich die Familie in Jhelum in der Region Punjab nieder. «Ich wuchs zusammen mit zahlreichen Geschwistern auf einem Bauernhof auf», erzählt er. Sajjad beendet die Schulzeit und macht eine zweijährige Lehre als Elektriker. 1993 zieht er nach Deutschland, wo sein Vater bereits arbeitet. Die Ausbildung als Elektriker wird nicht anerkannt, was er nachträglich gut begreift: «Wir hatten ja nur offene Stromleitungen in Pakistan; die Arbeit mit Bauplänen habe ich nicht gelernt.»
Er heiratet eine Frau, die aus der gleichen Gegend in Pakistan stammt, aber in der Schweiz wohnt. Das junge Paar entscheidet, in der Schweiz zu leben, in der Region Basel. Seine erste Stelle findet er in einer pharmazeutischen Fabrik, doch nach neun Jahren gibt es eine Reorganisation, und er gehört zu den acht Personen, die entlassen werden. Bei seiner neuen Stelle als Leiter des Lagers einer Autobahnraststätte folgt die Reorganisation nach kurzer Zeit, und Sajjad Khan ist erneut stellenlos. Er landet bei Adecco, die ihm eine Stelle bei der Zugsreinigung vorschlägt. 2005 beginnt er im Lokdepot Dreispitz. Doch tatsächlich trifft ihn erneut eine Reorganisation: Nach fünfeinhalb Jahren ist er nochmals ohne Arbeit. Wiederum jedoch nur für kurze Zeit: Nun fragt ihn Adecco für die Bahnhofsreinigung an, und er landet bei Rail Clean. Zeitweise wird er als Fahrer beschäftigt, dann in die Fläche versetzt, wo er zwischen Läufelfingen und Frick Bahnhöfe reinigt. Doch er findet die Zeit im Auto unproduktiv; oft gerät er zudem auf dem Heimweg in Staus; Zeit, die er lieber mit der Familie verbringen würde. Inzwischen sind ein Sohn und zwei Töchter zur Welt gekommen. Zu fünft leben sie in einer Dreizimmerwohnung.
Sajjad Khan bittet seinen Chef, ihn am Bahnhof SBB einzusetzen. Dort wirbt ihn ein Kollege für den SEV an. Die Gewerkschaft wird auf seine Geschichte aufmerksam, und als er nach dem Besuch einer Hochzeit bei Verwandten aus Pakistan zurückkehrt, erfährt er, dass er eine Festanstellung bekommt. «16 Jahre lang habe ich dauernd Angst gehabt, dass ich von einem Tag auf den andern ohne Arbeit bin», erinnert sich Khan. Und er ergänzt: «Ich habe mit 21 Franken 50 pro Stunde begonnen, und 16 Jahre später habe ich mit 21 Franken 50 aufgehört.» Das Geld hat gerade so zum Leben gereicht; wenn eines der Kinder einen Spezialwunsch hatte, geriet der Vater in Stress. Die Pensionskassenbeiträge waren auf dem absoluten Minimum, sodass dieser Temporär-Marathon seine Spuren auch bei der Rente hinterlassen wird. Ist ihm bewusst, dass die SBB seine Situation ausgenutzt hat? «Ich war froh, arbeiten zu können. Darüber hinaus habe ich mir keine Gedanken gemacht.» Sajjad Khan ist nun fest bei der Bahnhofsreinigung angestellt. Die neuste Reorganisation – die Auslagerung der Reinigung kleiner Bahnhöfe – wird erneut temporären Mitarbeitenden die Stelle kosten. Diesmal gehört er nicht mehr dazu.
Mit dem etwas höheren Lohn konnte die Familie in eine grössere Wohnung ziehen, was bei drei Teenagern wahrlich kein Luxus ist. Alle drei Kinder besuchen das Gymnasium oder eine weiterführende Schule. Ihre Mutter, die weitab von Schulen aufgewachsen ist, unterstützte sie bei den Hausaufgaben und im Alltag. «Unser Sohn ging schon in die fünfte Klasse, bis er realisierte, dass seine Mutter weder lesen noch schreiben kann», erzählt Sajjad Khan mit einem Schmunzeln. Er ist stolz auf seine Kinder und sieht den Jahren bis zur Pensionierung endlich ohne Zukunftsangst entgegen.
Auf die Frage, ob er danach in der Schweiz bleibt, zögert Khan. Er ist hier zu Hause, seine Kinder sehen ihre Zukunft hier – und wenn er die Angst vor der Sprachprüfung überwinden kann, kann er sich sogar eine Einbürgerung vorstellen. Andererseits gefällt ihm die Art, wie in Pakistan alte Leute gewürdigt und umsorgt werden.
Peter Moor
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