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Sibylle Ehrismann, Zürichsee-Zeitung (24.12.2007)
Das Opernhaus Zürich setzt diese Saison einen Schwerpunkt mit wenig bekannten französischen Opern. Als erste Produktion hatte am Samstag Jacques Fromental Halévys «La Juive» Premiere.
Jacques F. Halévy (1799-1862) gehörte im Frankreich des 19. Jahrhunderts neben Meyerbeer und Auber zu den prägendsten Opernkomponisten. Als Sohn eines hebräischen Dichters wurde Halévy mitten in die Französische Revolution hineingeboren und erlebte den bedeutendsten politischen und kirchlichen Umschwung seines Landes. 1830 wurde er Chef de Chant an der Grand Opéra, dem berühmtesten Opernhaus in Paris. Und hier hatte Halévy auch als Komponist mit der Uraufführung von «La Juive» seinen grössten Erfolg.
Diese Oper ist mit ihrem politisch und klerikal aufwühlenden Sujet in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen wird der abgrundtiefe Hass zwischen Juden und Christen in seiner ganzen Brutalität geschildert, zum andern trägt das Werk auch autobiografische Züge, Halévy war Jude. Ironie des Schicksals, dass sich ausgerechnet Richard Wagner, der eine berüchtigte antisemitische Abhandlung verfasst hat, von den beiden jüdischen Komponisten Halévy und Meyerbeer beeinflussen liess, was Musikdramaturgie und Orchesterbehandlung betrifft.
Verliebt in einen Christen
Die Geschichte von «La Juive» dreht sich um Rachel, die (vermeintliche) Tochter des Juden Eléazar. Doch dieser hat sie als christliches Kleinkind aus einem Brand gerettet und als Jüdin erzogen. Rachels Tragödie ist, dass sie sich in einen Christen verliebt, der sich ihr gegenüber jedoch als Jude ausgibt: Léopold, der zudem mit Eudoxie verheiratet ist. Diese heimliche Verbindung wird als «Verrat am eigenen Gott» vom Konzil mit dem Tod bestraft. Einzig der Jude Eléazar weiss, dass Rachel eine Christin und die Tochter des Kardinals Brogny ist. Eléazar könnte mit der Offenbarung des Geheimnisses Rachel das Leben retten. Aus Rachsucht aber - Eléazars Söhne wurden vom früheren Staatsmann Brogny verfolgt und ermordet - schweigt er. Erst als Rachel in den Tod gestürzt wird, offenbart Eléazar, dass der Kardinal die eigene Tochter töten liess.
Wirkt diese Handlung etwas eindimensional, so überrascht Halévy musikalisch durch seine Instrumentierung mit einer farbenreichen Bläser-Palette, darunter die damals ganz neuen Ventil-Hörner, Englischhorn, drei Posaunen und Tuba. Der zeitweise an Berlioz gemahnende Orchesterklang gewinnt dadurch eine sonore Tiefe. Zudem wird das Orchester nicht einfach als Begleitung eingesetzt, sondern spielt vielschichtige Ausdrucksfacetten aus, es ist schon erstaunlich durchkomponiert, das Rezitativische tritt zurück. Überraschend auch der Einsatz der Stimmen: Eléazar, der Juden-Vater, ist für Tenor geschrieben, und nicht, wie figurentypologisch üblich, für einen Bass. Dazu kommt der Tenor des Liebhabers von Rachel, was zu neuartigen Duetten und Ensemble-Mischungen führt.
Stringente Linie gefunden
Dirigent Carlo Rizzi verstand es, eine dramaturgisch stringente Linie durch dieses etwas gar langatmige, rund vierstündige Werk zu finden. So gelang es ihm, die besonderen Reize der Partitur unprätentiös auszuspielen. Darin steigerten sich die Protagonisten zu hervorragenden Leistungen, obwohl es für alle ein Rollendebüt war, mit Ausnahme von Startenor Neil Shicoff. Dessen Engagement ist es hauptsächlich zu verdanken, dass «La Juive» wieder in Erinnerung gerufen wird.
Und tatsächlich entpuppte sich Eléazar als Paraderolle für Shicoff, bei der er seine heldische Stimme voll entfalten konnte. So setzte er in seiner grossen Arie «Als Gott dich einst zur Tochter mir gegeben» am Schluss des 4. Aktes einen unübertrefflichen Glanzpunkt. Auch darstellerisch gab er dem liebenden und doch rachsüchtigen Eléazar schillerndes Profil. Einzig im Parlando gewichtete er zu stark und übertrieb damit den geforderten schlichteren Erzählstil.
Celso Albelo als Léopold gefiel mit seiner anschmiegsamen, farbenreichen lyrischen Stimme; und dies, obwohl er stark indisponiert war. Ihm gegenüber sang Angeles Blancas als Rachel eine sehr fordernde Partie, die sie mit farbenreichem Stimmumfang von der sonoren Tiefe bis zur lyrisch-dramatischen Höhe wunderbar auslotete. Mit ihrem weicheren und lyrischeren Sopran gab Malin Hartelius als Eudoxie in den beiden Duetten mit Angeles Blancas einen sinnfälligen Kontrast und streute das französische Divertissement mit spielerischer Leichtigkeit ein. Gewohnt souverän auch die tiefen Basstöne von Alfred Muff als Kardinal. Er vermochte die Würde und Menschlichkeit des Konzilpräsidenten authentisch darzustellen.
Allzu «historische» Inszenierung
Wuchtige und besinnliche Chor-Tableaus, auflockernde Tanzeinlagen des Junior-Balletts sowie ein ausdrucksdifferenziertes, stets transparent bleibendes Orchester rundeten diese Produktion ab. Einzig die gar «historische», in keinem Moment einen aktuellen Bezug suchende Inszenierung von David Pountney flachte im Laufe des Abends merklich ab. Der auf «grosse Oper» spezialisierte Pountney löste mit einer raffinierten Drehbühnenkonstruktion (Bühne Robert Israel) zwar die Raumprobleme der Massenauftritte, kam sonst aber nicht über konventionelles Regietheater ohne Esprit hinaus. Da waren zu viele banale Operngesten, da wirkte einiges einfach hingesetzt statt dramaturgisch durchdacht. Schöne Bilder und prächtige Kostüme garantieren noch lange keinen packenden Opernabend.