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Letzte Aktualisierung 28. November 2021.
Kommentar
Mit einer viel beachteten, dreibändigen Studie prägte Manuel Castells in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre die Auffassung der Weltgesellschaft als Netzwerkgesellschaft. In seinem 2009 erschienenen Buch «Communication Power» hat er seine Analyse weitergeführt mit Blick auf die spezifischen sozialen Strukturen der Netzwerkgesellschaft sowie auf Aspekte der Macht (Medienimperien) und Gegenmacht (Soziale Bewegungen).
Castells unterscheidet in der Netzwerkgesellschaft vier Formen von Macht (2009: 42ff).
Vernetzungsmacht («Networking Power»)
Vernetzungsmacht bezieht sich auf Akteure und Organisationen, die durch spezifische Netzwerke in die globale Netzwerkgesellschaft eingebunden sind, und ihre Macht gegenüber Individuen und Kollektiven, die von der globalen Netzwerkgesellschaft ausgeschlossen sind, ausüben. Diese Form der Macht funktioniert auf Basis von Exklusion und Inklusion.
Netzwerkmacht («Network Power»)
Netzwerkmacht beruht auf den Standards (Kommunikationsprotokollen), die sich durch die Koordination sozialer Interaktion in Netzwerken ergeben. Diese Form der Macht funktioniert nicht auf Basis von Exklusion, sondern durch die Auferlegung von Regeln für die Inklusion.
Vernetzte Macht («Networked Power»)
Vernetzte Macht ist die Macht von Akteuren über andere Akteure in einem Netzwerk. Jedes Netzwerk definiert seine eigenen Machtverhältnisse in Abhängigkeit von seinem programmierten Ziel.
Netzwerk konstituierende Macht («Network-Making Power»)
Netzwerk konstituierende Macht beruht einerseits auf der Macht, bestimmte Netzwerke zu etablieren und gemäss den eigenen Interessen und Werten zu programmieren. Und sie beruht andererseits auf der Macht, verschiedene Netzwerke miteinander zu verbinden und ihre Zusammenarbeit zu gewährleisten, indem sie gemeinsame Ziele verfolgen, Ressourcen bündeln und gleichzeitig die Konkurrenz anderer Netzwerke abwehren, indem sie eine strategische Zusammenarbeit eingehen.
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Castells weist in seiner Analyse darauf hin, dass Netzwerke das Grundmuster des Lebens seien und schon immer das Zentrum sozialer Interaktion sowie der Herstellung von Bedeutung bildeten (2009: 21ff). Historisch betrachtet, hat sich Gesellschaft allerdings immer zentralistisch und hierarchisch organisiert. Die Dominanz dieser Organisationsform gegenüber horizontalen Netzwerken war materiellen Grenzen geschuldet. Grenzen, die vor allem mit der Verfügbarkeit von Technologie zu tun hatten. Erst mit dem Aufkommen leistungsfähiger, effizienter und flexibler Kommunikationstechnologien, so die Hypothese von Castells, sei es horizontalen Netzwerken gelungen, diese Grenzen zu überwinden.
Castells These der Netzwerkgesellschaft lässt sich vor dem Hintergrund der aktuellen Umstellung auf das Leitmedium Computer weiterverfolgen. Dabei steht die Frage im Zentrum, ob sich mit der Einführung des Computers nach der Form des Stammes (tribale Gesellschaft), der Schicht (antike Gesellschaft) und der Funktionssysteme (moderne Gesellschaft) tatsächlich das Netzwerk als nächste dominante Strukturform etabliert. Ausganspunkt für die Weiterverfolgung dieser These bilden zwei soziologische Universaltheorien, nämlich die soziologische Systemtheorie im Sinne von Niklas Luhmann und die Phänomenologische Netzwerktheorie im Sinne von Harrison C. White.
In «Soziale Systeme» grenzt Luhmann seinen Strukturbegriff vom Strukturalismus und Strukturfunktionalismus mit dem Hinweis ab, dass der von diesen Theorien verwendete Strukturbegriff einen Realitätsbezug im erkenntnistheoretischen Sinne implizieren würde (vgl. 2018a: 377ff). Am Ausgangspunkt einer Theorie selbstreferenzieller, autopoietischer sozialer Systeme, so wendet Luhmann ein, stünden keine erkenntnistheoretischen Fragen, sondern Beobachtungen des zu untersuchenden Gegenstandes.
Strukturen
Luhmann Unterscheidet in seinem Werk zwischen semantischen und sozialen Strukturen. Erstere beziehen sich auf Kommunikationen und Letztere auf Handlungen. Die zwei Strukturtypen stehen in einem co-evolutiven Verhältnis zueinander. Semantische Strukturen bewahren systemrelevante Sinnformen auf. Soziale Strukturen indes stabilisieren Verhaltenserwartungen. Sie ordnen die Handlungen innerhalb eines Systems.
Strukturen zeichnen sich typischerweise dadurch aus, dass sie unstrukturierte in strukturierte Komplexität überführen. Sie tun dies, indem sie die Relationen der Elemente innerhalb eines Systems über die Zeit hinweg präzisieren. «Ein Struktur», so Luhmann, «besteht also, was immer sie sonst sein mag, in der Einschränkung der im System zugelassenen Relationen» (2018a: 384). Wir haben es deshalb bei Systemstrukturen mit einer Auswahl möglicher Relationen zwischen Elementen und mit der Dimension der Zeit zu tun.
Die Einheit der Differenz von Element und Relation muss konstitutiv gedacht werden: Ohne Element gibt es keine Relationen und ohne Relationen keine Elemente (vgl. 2018a: 41ff). Elemente sind nach Luhmann weder rein analytische noch ontologische Einheiten. Die Einheit eines Elements wird durch ein System konstituiert, das ein Element als Element für Relationierung in Anspruch nimmt. Die Relationen zwischen den Elementen wiederum beruhen auf Konditionierungen, die als Einschränkungen wirken.
Prozesse
Neben der Struktur führt Luhmann den Prozess als zweite Komponente selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme ein (vgl. 2018a; 388ff). Während die Struktur bezüglich der Elemente eines Systems anhand der Inklusion/Exklusion-Differenz einen Möglichkeitsspielraum von Relationen bereithält, beeinflusst der Prozess anhand der Vorher/Nachher-Differenz die Anschlussfähigkeit von Elementen.
Das Zusammenspiel von Struktur und Prozess wird erst hinsichtlich der Dimension der Zeit verständlich. Sie erlaubt es, die Elemente einer Systemstruktur als Ereignisse (Operationen, Handlungen) zu interpretieren. Ein Ereignis zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: Im Unterschied zu einem Objekt altert es nicht, sondern verschwindet wieder. Mit seinem punktuellen Auftauchen und Verschwinden verändert es jedoch das Gefüge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So wie bei der Stabübergabe beim Staffellauf gibt das aktuelle Ereignis etwas ans nächste Ereignis ab und wird dadurch zur Vergangenheit.
Nun können wir präzisieren: Während die Struktur den Möglichkeitsspielraum vor dem Eintreten eines Ereignisses bestimmt, beeinflusst der Prozess die Anschlussfähigkeit nach dem Eintreten des Ereignisses. Luhmann führt als Beispiel die mündliche Rede an. Die Grammatik der Sprach bildet als Struktur den Möglichkeitsspielraum zugelassener Relationen von Worten. Während der Rede als Prozess beeinflusst ein ausgesprochenes Wort (Ereignis) die Anschlussfähigkeit möglicher nächster Worte.
Zeit
Systemstrukturen können sich also nur in Abhängigkeit von Zeit realisieren. Gleichzeitig sind sie aber – aufgrund der genannten Merkmale von Ereignissen – unabhängig von Zeit. «Dieser Freiheitsgewinn», so Luhmann, «muss durch Strukturbildung bezahlt werden; denn es wird daraufhin nötig, die Reproduktion der Ereignisse durch Ereignisse zu regulieren» (2018a: 390).
Erwartungen
Die Einschränkung der in einem System zugelassenen Relationen zwischen Ereignissen, also die Strukturen, und die zeitliche Notwendigkeit der Reproduktion der Ereignisse durch Ereignisse, also die Prozesse, führen dazu, dass sich Erwartungen herausbilden. Nach Luhmann bestehen deshalb Strukturen sozialer Systeme immer aus Erwartungen. Die Erwartungsstrukturen sozialer Systeme gibt es allerdings immer nur als gegenwärtige Strukturen: «sie durchgreifen die Zeit nur im Zeithorizont der Gegenwart, die gegenwärtige Zukunft mit der gegenwärtigen Vergangenheit integrierende» (2018a: 399).
Relevanz für soziale Systeme gewinnen Erwartungen erst durch ihre Selbstbezüglichkeit. Luhmann unterscheidet drei Stufen der Selbstbezüglichkeit von Erwartungen (vgl. 2018a: 411ff): Erstens muss sich das Erwarten auf sich selbst beziehen können. Nur so lassen sich Situationen mit doppelter Kontingenz ordnen: Person A muss erwarten können, was Person B von ihr erwartet, um ihr eigenes Erwarten mit den Erwartungen von Person B abstimmen zu können. Zweitens können solche Erwartungserwartungen durchkreuzt werden. Wenn beispielsweise Person A etwas Anderes erwartet, als Person B von ihr erwartet, kann das die Abstimmung ihrer eigenen Erwartungen mit den Erwartungen von Person B erschweren. Person A kann in diesem Fall entweder die Erwartung von Berson B übernehmen und so den Erwartungszusammenhang um diese Alternative erweitern. Oder sie kann, drittens, bereits erwarten, dass sich die Erwartungserwartungen zwischen ihr und Person B ändern würden, wenn sie ihre Erwartung vorsorglich nicht expliziert. Diese Reflexivität des Erwartens ermöglicht einerseits die Ausdifferenzierung sozialer Systeme und garantiert andererseits die Revidierbarkeit ihrer Strukturen.
Strukturformen
Wie bereits erwähnt, überführen Strukturen unstrukturierte Komplexität in strukturierte Komplexität. Die für unsere Diskussion interessante Frage ist nun, ob es für strukturierte Komplexität eine prägnante Strukturform gibt. Als mögliche Kandidatin kommt die Hierarchie in Frage. Manuell Castells hat sie als historisch dominante Strukturform aufgefasst, bis das Aufkommen neuer Kommunikationstechnologien deren Dominanz gebrochen hat. Auch Luhmann betrachtet Hierarchie als historisch überkommene Strukturform für soziale Systeme. Sie würde den Möglichkeitsspielraum von Relationen zu stark straffen, zu stark zentralisieren und zu stark vereinfachen (vgl. 2018a: 405ff). Während Castells an die Stelle der Hierarchie die Strukturform des Netzwerkes setzt, sieht Luhmann Funktionen als prägnante Strukturform der modernen Gesellschaft.
Funktionen sind nach Luhmann immer Synthesen einer Mehrzahl von Möglichkeiten. Sie sind als Einheit der Differenz von realisierten zu alternativen Möglichkeiten aufzufassen. Beispielsweise kann ein gesellschaftliches Bezugsproblem (z.B.: Bildung) über den freien Markt oder über Rechtsnormen behandelt werden. Die zwei Möglichkeiten und ihre Mischformen können analysiert und verglichen werden.
Funktion und Hierarchie teilen Gemeinsamkeiten, unterscheiden sich aber auch in wesentlichen Punkten. Einerseits bilden beide Formen eine Einheit. Im Unterschied zur Hierarchie strafft die Funktion aber die Strukturen eines Systems weniger stark. Andererseits dienen beide Formen der Selbstbeschreibung eines Systems. Während Hierarchie in ihrer Selbstbeschreibung zur Simplifikation neigt, tendiert die Funktion zur Steigerung der Komplexität. Deshalb gewinnt die Funktion in den Fällen an Bedeutung, wo Systeme zu komplex für Hierarchisierung werden. Schliesslich erzeugt Funktion im Unterschied zur Hierarchie Redundanzen. Sie schafft insofern Sicherheit, als dass sie verschiedene Weisen der Funktionserfüllung als funktional äquivalent erscheinen lässt.
Strukturwandel
Nach Luhmann findet Strukturwandel nach dem evolutionären Prinzip der Morphogenese statt (vgl. 2018a: 480ff). Morphogenese hat weder mit äusseren Anpassungszwängen (Differenz zwischen System und Umwelt) noch mit inneren Anpassungsnotwendigkeiten (Differenz zwischen Element und Relation) zu tun. Sie beruht vielmehr auf der Differenz zwischen Ermöglichung und Hemmung.
Morphogenese ist bei Systemen zu beobachten, deren Möglichkeitsspieltraum von Relationen zwischen Elementen gehemmt ist. In solchen Fällen kann das Verhältnis von Ermöglichung und Hemmung von Relationen durch evolutionäre Variation geändert werden, so dass gehemmte Relationen – abweichend von den aktuellen Strukturen – reaktiviert werden. «Dadurch erst», so Luhmann, «entsteht ad hoc ein internes Anpassungsproblem und gegebenenfalls eine umweltbezogene Anpassungsmöglichkeit, die dann ausgenutzt werden kann» (2018a: 480).
Ein zentraler Punkt des Strukturwandels durch Morphogenese ist, dass mit ihr zwar neue Strukturen entstehen können, die alten dadurch aber nicht ersetzt werden. Die neuen Strukturen weisen den angestammten Strukturen lediglich einen neuen Sinn zu. So werden wir es mit Blick auf das neue Leitmedium Computer und die Medienepochen auch in der nächsten Gesellschaft immer noch mit Strukturformen des Stammes, der Schicht und der funktionalen Differenzierung zu tun haben. Allein ihr Sinn innerhalb der Gesellschaft wird sich abermals verändern.
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