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Um 1800 war die Schwemmlandebene südwestlich der Stadt Thun ein spärlich bebautes Landwirtschafts- und Allmendgebiet. Die Bauernhäuser befanden sich entlang der Ausfallstrassen und in den kleinen Dörfern Scherzligen, Gwatt, Schoren, Buchholz und Allmendingen, die zur Gemeinde Strättligen gehörten. Auf der Thuner Allmend entstanden ab 1819 die Militärschule und der Waffenplatz, die der Eidgenossenschaft gehörten. Als die Stadtbevölkerung im ausgehenden 19. Jahrhundert stark wuchs, war deshalb eine Stadterweiterung nach Westen nur nördlich und südlich des ausgedehnten Militärgebiets möglich.
Thun vom Strättlighügel aus, vor 1765. Das Gebiet Strättligen ist weitgehend unbebaut. Ein holpriger Karrenweg schlängelt sich über die Ebene und führt ins Oberland.
Er befindet sich auf einem niedrigen Erdwall, der bei Seehochwasser die Felder und Wiesen schützt. Nach 1814 wurde er durch die neue Simmentalstrasse ersetzt. Aquarellierte Bleistiftzeichnung von Johann Ludwig Aberli (1723–1786).
Ab 1860 entwickelte sich zwischen dem Bahnhof und dem Militärareal ein Wohnquartier, das sich allmählich gegen Westen und Süden erweiterte. Wie die Aussenquartiere vieler Schweizer Städte erhielt auch das Thuner Westquartier über die Jahrzehnte hinweg ein sehr heterogenes Erscheinungsbild: Bis um 1920 wurden vor allem grössere und kleinere frei stehende Wohnhäuser erstellt, teils für mehrere Haushalte. In der Zwischenkriegszeit entstanden zusätzlich Reiheneinfamilienhäuser mit grossen Gärten, die der Selbstversorgung mit Gemüse, Beeren und Früchten dienten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vorwiegend Wohnblöcke mit grosszügigen Grünflächen gebaut. 1962/63 errichtete die Wohnbaugenossenschaft Lanzgut im Westquartier das erste Thuner Hochhaus, ein Gebäude mit neun Stockwerken. Um 1970 flachte das Bevölkerungswachstum im Westquartier ab. Der Schwerpunkt der Siedlungsentwicklung lag nun weiter südwärts im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Strättligen.
Ab den 1880er-Jahren wandelte sich Strättligen zu einem Arbeitervorort, der 1920 eingemeindet wurde. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden hier vor allem Arbeiter- und Einfamilienhäuser, meist entlang bestehender Ausfallstrassen. Der Dürrenast und das Neufeld avancierten ab den 1950er-Jahren zu den eigentlichen Boomquartieren der Stadt, denn hier gab es noch genug Bauland. Es entstanden weitere Einfamilienhausquartiere und grössere Blocksiedlungen, 1974 kamen die drei markanten Hochhäuser im Talacker hinzu. Zudem schied die Stadt im Gebiet Gwatt / Schoren grössere Flächen als Industriezonen aus. Die wenigen Baulandreserven, welche die Stadt Thun heute noch hat, befinden sich in Strättligen.
Die Flugaufnahme von Hans Dubach aus dem Jahr 1961 zeigt das starke Wachstum des Westquartiers: In der Nähe des Militärgebiets und der Stadt befinden sich frei stehende Wohnhäuser, die meist aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen. Daran schliessen sich, weiter von der Stadt entfernt, die Blockbauten aus den 1950er-Jahren an.
Nördlich der Thuner Allmend lag die Rossweide. Wegen der Nähe zu den eidgenössischen Betrieben entwickelte sich hier allmählich ein Arbeiterquartier, das 1908 auf Wunsch der dort ansässigen Bevölkerung in Lerchenfeld umbenannt wurde. Es wurden vor allem Reihen- und Mehrfamilienhäuser für Arbeiterfamilien gebaut, die mit grossen Gärten sowie zum Teil mit Kleingewerbe- oder Verkaufsräumen versehen waren. Durch die abgeschiedene und in sich geschlossene Lage des Quartiers bewahrte das Lerchenfeld seinen ausgeprägt dörflichen Charakter bis ins 21. Jahrhundert.
Die Überbauung der Aussenquartiere verlief lange ohne übergeordneten Bebauungsplan. Die Stadt erliess lediglich Alignementspläne, welche die Strassenführung festlegten, und die Bauordnungen bestanden fast ausschliesslich aus baupolizeilichen Vorschriften. 1928 akzeptierten die Thuner Stimmbürger zwar eine neue Bauordnung, den dazu gehörenden Zonenplan lehnten sie hingegen ab, womit die ganze Vorlage verworfen war. 1942 stimmten die Thuner einer Bauordnung inklusive Zonenplan zu, der Gebiete für eine geschlossene, offene oder gemischte Bauweise sowie die maximalen Gebäudehöhen festlegte. Doch erst der revidierte Bauzonenplan von 1963 diente als eigentliches Instrument der Stadtplanung, indem er Bauzonen als Gebiete gleicher Nutzungsart und Baudichte definierte und neben den Altstadt-, Kern- und Wohnzonen auch Gewerbe- und Industriezonen sowie Frei- und Grünflächen und Landwirtschaftsgebiete enthielt.10