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Dominique Aegerter fährt in der MotoE ganz nach vorne.Bild: keystone
Endlich Gerechtigkeit. Dominique Aegerter (32) holt den Titel, der ihm vor einem Jahr gestohlen worden ist. Der Gewinn der «Batterie-WM» (offiziell: E-Weltcup) ist sein grösster Triumph und einer der ganz grossen Erfolge des Schweizer Motorradrennsports.
03.09.2022, 18:2904.09.2022, 13:01
Weltmeister ist er ja schon. Letzte Saison hat er die Supersport-WM gewonnen und die Chancen stehen gut, dass er diesen Titel verteidigen wird. Nebenbei fährt Dominique Aegerter auch diese Saison den MotoE-Weltcup. Für die Zähmung der «Batterie-Elefanten» (sie sind schwerer als die Höllenmaschinen in der Königsklasse MotoGP) gibt es zwar keinen WM-Titel. Es ist «nur» ein Weltcup. Und doch: Wer den Gesamtwettbewerb dieser Sprint-Rennen gewinnt, ist wahrlich ein Meister der Welt.
Die Besonderheit dieses Wettbewerbs: Eine italienische Firma rüstet das gesamte Teilnehmerfeld mit den gleichen Maschinen aus. Der spanische TV-Gigant Dorna hat ein Interesse daran, diesem «grünen» Wettbewerb möglichst grosse internationale Strahlkraft zu verleihen. Grün in Anführungszeichen, weil für die Bereitstellung des Stroms zur Aufladung der Batterien auf dem Rennplatz Generatoren rattern, die mehr Diesel verfeuern, als die drei Klassen mit Verbrennungsmotoren (Moto3, Moto2, MotoGP) an einem Rennwochenende Sprit verbrauchen.
Ein Sieger aus dem kleinen Schweizer Markt ist kein Wunschsieger. Vor einem Jahr hat Dominique Aegerter in Misano das letzte Rennen und damit den E-Weltcup gewonnen. Aber nur für ein paar Minuten. Der Irrtum kann noch korrigiert werden: Der Sieg wird ihm wegen eines angeblich zu riskanten Überholmanövers in der Schlussrunde aberkannt und der Spanier Jordi Torres holt den Titel. Die Kirche bleibt im (spanischen) Dorf. Es ist der grösste Skandalentscheid der Rennjustiz in der Geschichte des Motorrad-Strassenrennsportes. Aber es betrifft ja «nur» den MotoE-Wettbewerb und «nur» einen Schweizer. Die Empörung bleibt ein Sturm im helvetischen Wasserglas.
Nun ist die Entscheidung erneut in Misano gefallen. Diesmal bereits im zweitletzten Rennen. Das letzte Rennen am Sonntagnachmittag wird somit bedeutungslos. Dominique Aegerter hat den Titel also dort geholt, wo er vor einem Jahr betrogen worden ist. Süsse Rache. Ein zweiter Platz genügte, weil mit Eric Granado (26) sein Verfolger im Gesamtklassement stürzte.
Kommt es darauf an, ist der hochtalentierte, sensible Brasilianer nach wie vor mental zerbrechlich wie ein billiges Plastikspielzeug. Einmal mehr hat sich gezeigt: Rache ist ein Gericht, das im Rennsport kalt serviert wird: So motiviert Dominique Aegerter auch war, so sehr er darauf brannte, den gestohlenen Titel zu holen – er hat einen kühlen Kopf und eiskalt Ruhe bewahrt.
Den Grundstein zum finalen Triumph hat Dominique Aegerter bereits mit der Trainingsbestzeit gelegt. Ganz vorne zu starten ist bei den kurzen Sprintrennen von zentraler Bedeutung. Von der Spitzengruppe aus lässt sich das Rennen kontrollieren. Eingeklemmt im Feld ist die Gefahr gross, abgeschossen zu werden. Erst recht, wenn es um die Entscheidung geht.
Der Schweizer hatte in der Endphase so ziemlich alle gegen sich: Eric Granado, sein letzter Herausforderer, fährt für ein italienisches Team. Im Fahrerfeld stecken sechs Italiener und zwei davon (Mattia Casadei und Matteo Ferrari) sind gut genug, um an Dominique Aegerter dranzubleiben. Der Töff-Lieferant ist eine italienische Firma und gefahren werden die zwei letzten Rennen in Italien (Misano bei Rimini).
So fährt Aegerter zum MotoE-Titel.Video: SRF
Da dürfen wir mit Hang zur Polemik schon sagen: Einer allein gegen die Töff-Mafia. Alle Maschinen sind zwar gleich. Aber sie werden nicht zugelost. Klagen über schwächere Batterien-Leistung beim Töff des Schweizers dürfen als Rennfahrer-Latein abgetan werden. Sie zeigen aber, dass auch in dieser, global gesehen eher unbedeutenden, Rennserie mit allen Mitteln, mit Haken und Ösen, mit Volt und Ampere, mit Kabelbindern und Beisszangen, jeder Vorteil gesucht wird.
Mit Dominique Aegerter triumphiert der mit Abstand beste, weil kompletteste und routinierteste Pilot. Neben dem Schweizer gibt es unter den «Batterie-Helden» nur noch einen ehemaligen GP-Sieger: den britischen Bruchpiloten Bradley Smith. Allein von seiner Erfahrung her ist Dominique Aegerter eine Nummer grösser als seine Konkurrenten. Und mit Abstand hat er am meisten fahrerische Klasse. Er macht am wenigsten Fehler, er ist der instinktsicherste und mental robusteste Fahrer dieser Kategorie. Sozusagen der elektrische Hecht im Karpfenteich der Töff-Batterien. Deshalb hat er nun gegen alle Widerstände den Titel doch noch geholt, der ihm vor einem Jahr gestohlen worden ist.
Auf dem internationalen Fahrermarkt hat dieser Triumph allerdings keinerlei Wert: Eine Rückkehr in den GP-Zirkus (Moto2 oder gar MotoGP) ist längst kein Thema mehr, E-Weltcup-Sieger hin oder her. Aber der Wert auf dem heimischen Werbemarkt ist enorm: Gross ist die Freude im Kreis seiner langjährigen Geldausgeber und nichts tut der Motorsportseele wohler als ein Triumph mit einem grünen Feigenblatt: Seht her, wir verbrennen kein Benzin, wir schädigen das Klima nicht.
Dominique Aegerter hat noch drei, vier sehr gute Jahre vor sich: Als E-Weltcupsieger und als Star der Supersport-Szene verdient er zwar nicht mehr so viel wie in seinen besten Jahren im GP-Zirkus (2013 bis 2018), als er Ende Saison zeitweise über eine halbe Million pro Saison auf dem Konto hatte. Aber sechsstellig kann er pro Jahr nach wie vor verdienen. Die Verlängerung des Vertrags mit seinem aktuellen deutschen Batterie-Team ist nur noch Formsache. Dominique Aegerter ist und bleibt nach dem Rücktritt von Tom Lüthi (der nun als Teamchef in der Moto3-Klasse und TV-Experte beim staatstragenden Fernsehen tätig ist) das Mass aller Dinge im Schweizer Motorrad-Strassenrennsport.
22 fantastisch knappe Fotofinishs
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23 fantastisch knappe Fotofinishs
quelle: crorace
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