Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03144.jsonl.gz/561

Kann man es hinkriegen, dass verhasste Designelemente doch funktionieren?
Sobald Nutzer ein Designelement ablehnen, weil sie wiederholt schlechte Erfahrungen damit gemacht haben, ist es so gut wie unmöglich, es im positiven Sinne einzusetzen, da die Nutzer das Element von vorneherein ablehnen.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 14.03.2011
Die Nutzer lehnen viele Ideen des Webdesigns ab. Einige der schlimmsten Fälle sehen Sie hier:
- Die 11 meistgehassten Werbetechniken
- Die 10 Webdesign-Fehler, die die Nutzer am wenigsten ausstehen können
In unserem Seminar zu den Fundamental Guidelines for Web Usability werde ich oft gefragt, ob die problematischen Designs wirklich alle schlecht sind. Gibt es denn nicht auch einen sinnvollen Anwendungsbereich für etwas, das oft Usability-Probleme verursacht?
Ja, das kommt vor.
PDFs sind ein Beispiel dafür. Normalerweise werden Nutzer von PDF-Dateien auf Websites und in Intranets geradezu gefoltert. Wenn Sie eine Verkaufsbroschüre, einen Geschäftsbericht oder Richtlinien des Personalwesens in Form einer einzelnen, klobigen PDF-Datei hinterlegen, ist das eine Garantie für Usability-Probleme. Es wäre viel einfacher und besser, die Inhalte in eine navigierbare Informationsseite umzuwandeln und sie gemäss den Richtlinien für das Schreiben im Web umzutexten.
Andererseits haben PDFs auch ihren Nutzen - nur eben nicht im Bereich der interaktiven Informationsverwaltung. Möchte man einen Bericht für späteres Nachschlagen herunterladen, ist PDF das Format der Wahl. Tatsächlich verwende auch ich es für eben diesen Zweck. (Als Beispiel verweise ich auf unseren Report on social media usability, der als kostenloser Download verfügbar ist. Beachten Sie bitte, dass der Link dazu der Richtlinie entspricht, die Nutzer zu einer Verteilerseite zu führen, auf der man das Dokument herunterladen kann, anstatt das Dokument direkt zu öffnen und den sogenannten "PDF-Schock" herbeizuführen.)
Leider sind auch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten schlechter Designtechniken zum Scheitern verurteilt. Nutzer lehnen diese Designs so sehr ab, dass es ihnen in der Regel nicht gelingt, ihren negativen ersten Eindruck zu überwinden, mit dem sie in Bruchteilen von Sekunden eine Idee als nutzlos verwerfen.
Introseiten
Nehmen wir zum Beispiel Introseiten. Ja, sie werden überall verurteilt, und wir alle wissen, dass die Nutzer so schnell wie möglich zum Button "Intro überspringen" navigieren. Beispielsweise hat eine Usability-Studie, die wir diesen Monat mit chinesischen Nutzern durchführten, folgende sehr schöne Introseite des Shanghai Peninsula Hotels enthalten:
Streng genommen ist diese Seite gar keine Introseite, da sie auch einige Navigationsmöglichkeiten enthält. Dennoch ist eine Seite, die keine Inhalte ausser einem grossen Foto enthält, in der Praxis nichts anderes als eine Introseite - und, wie erwartet, klickte die Nutzerin die Seite sofort weg.
Diese Reaktion der Nutzerin ist genauso, wie ich geahnt hatte; es ist nichts Neues, dass Nutzer Introseiten verabscheuen.
In diesem Fall plante eine Nutzerin allerdings eine Geschäftsreise nach Shanghai und interessierte sich besonders für die Lage des Hotels: War es geeignet für ihre Meetings? Nach einem Blick auf die Introseite wäre die Antwort klar: Man kann sofort sehen, dass das Hotel direkt an der Uferpromenade (Bund) liegt (die beste Lage in Shanghai, allerdings auf der anderen Seite des Huangpu Flusses, gegenüber vom Geschäftsviertel Pudong).
Leider hat die Testteilnehmerin der Introseite keinerlei Beachtung geschenkt, obwohl sie in diesem Fall eine hohe Usability aufwies, indem sie ihre Fragen beantwortet hätte.
Durch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit mit anderen Introseiten liess die Nutzerin auch diese Introseite links liegen. Stattdessen inspizierte sie die Navigationsleisten und suchte im Menü nach "location" ("Lage").
Es ist für eine einzelne Internetseite fast unmöglich, die geballten negativen Erfahrungen der Nutzer mit Introseiten aufzuheben. (Denken Sie an das Jakobsche Gesetz des Internet-Nutzererlebnisses: Die Nutzer verbringen die meiste Zeit auf anderen Websites.)
Würde ich dem Peninsula-Hotel raten, das Foto zu entfernen? Nein, ich finde, dass es eigentlich eine gute Illustration ist. Aber ironischerweise wäre seine Wirkung grösser, wenn das Foto kleiner gewesen wäre und mit einer Stichpunktliste verbunden wäre, die die Highlights des Hotels auflistet, einschliesslich einer Bemerkung wie z.B. "direkt an der Uferpromenade (Bund), siehe Foto".
Eingeblendete Lightbox-Dialogfelder
Vor einigen Jahren habe ich die Lightbox zur Interaktions-Design-Technik des Jahres gekürt. In einem Test, den wir letzte Woche in Australien durchgeführt haben, half eine Lightbox dem Nutzer, nach Flügen auf der Webjet-Website zu suchen:
Beachten Sie die Usability-Eigenschaften des Designs:
- Es ist kontextabhängig: nur für australische Nutzer sichtbar.
- Es ist einfach: nur zwei Auswahlmöglichkeiten und eine Schaltfläche, und die wahrscheinlichste Option ist als Standard voreingestellt.
- Es macht die Vorteile für den Kunden deutlich, wenn er auf die australische Website geht, obwohl er die URL für die amerikanische Website eingetippt hat.
In der Studie der letzten Woche hat dieses Design gut funktioniert, wie auch viele andere Lightbox-Designs, die wir in unseren letzten Usability-Studien behandelt haben.
Leider stiessen wir später in der Woche auf einer anderen australischen Website auf dieses abscheuliche Beispiel eines eingeblendeten Dialogfelds:
Obwohl technisch anders ausgeführt, ist diese Lightbox doch nichts anderes als ein Pop-up-Fenster, welches die Liste der am meisten gehassten Werbedesigns anführt. Wie wir schon bei der chinesischen Introseite sahen, verwarf unser australischer Testnutzer das Pop-up-Dialogfeld sofort und war genervt. Eine Lektion haben wir in diesen zwei Testwochen gelernt: die Menschen sind überall auf der Welt gleich - wenn sie ein Internetdesign nicht leiden können, verlassen sie es so schnell wie möglich.
(Siehe dazu auch die besonderen Richtlinien für brauchbare Abonnement-Dialoge für E-Mail-Newsletters.)
Solche Fälle von abstossendem Missbrauch von Designelementen des Internets schaden letztlich auch gut gemachten Websites, da die Nutzer das Element meiden, auch wenn es im Einzelfall gut gelöst ist.
Nervig blinkende Bannerwerbungen waren wahrscheinlich der erste Designansatz, der den Bach heruntergegangen ist und die Möglichkeiten für Websites ruiniert hat, ähnliche Designelemente einzubinden. Im Jahr 1999 habe ich alles, was "wie Werbung aussieht", auf Platz 10 meiner Liste der schlimmsten Webdesign-Fehler gesetzt. Seitdem haben Studien eine ständig zunehmende "Banner-Blindheit" festgestellt.
Im Moment zählt das eingeblendete Lightbox-Dialogfeld zu den nützlichen Designtechniken. Bitte ruinieren Sie es nicht für alle Zeiten, indem Sie es missbrauchen.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.