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Als Bergkanton hat Graubünden manche Wandlung im Gehörlosenwesen erlebt. Die Zahl der hier ansässigen Gehörlosen ist nicht genau bekannt. Gesamtschweizerisch wird mit einem Anteil von einer Promille an der Gesamtbevölkerung gerechnet. Danach würde es auf unseren Kanton 170 Gehörlose treffen. Er könnte aber entsprechend niedriger sein. Im Kanton selbst treten gebietsweise ziemlich unterschiedliche Dichten auf. Ballungszentren sind das untere Prättigau und bündner Oberland mit starker Dichte von älteren und in neuester Zeit auch das Gebiet von Chur bis Domat/Ems mit vorwiegend jüngeren Gehörlosen, während das übrige Gebiet von Gehörlosen relativ schwach und regelmässig verstreut besiedelt ist.
Zur Kenntnis des Gehörlosenwesens sind folgende drei Perioden interessant.
Die Taubstummen waren jahrhundertelang dem Schicksal ausgeliefert, als arme abgesonderte Individuellen zu leben. Um 1850 entsanden in der Schweiz die ersten Taubstummenschulen. Von diesem Zeitpunkt an war eine sprachliche Ausbildung der Taubstummen möglich, die auch für Graubünden Bedeutung hatte. Aus finanziellen Gründen wichen aber viele in den Süddeutschen Raum aus. Nach einer ungefähr fünf bis siebenjährigen sprachlichen Ausbildung kehrten die Jugendlichen mit mehr oder weniger guter Aussprache in ihrer Heimat zurück und arbeiteten als Taglöhner hauptsächlich in den landwirtschaftlichen Heimwesen, lernten als Schneider oder Schumacher. Wegen mangelnder Aussprache oder infolge Kontaktarmut verloren viele wieder den grössten Teil ihrer mühsam erlernten Sprache und gaben oft nur noch schwer verständliche Laute verbunden mit Gebärden von sich. Diese Periode dauerte ungefähr bis zum ersten Weltkrieg. Das sind die Gehörlosen und Taubstummen, die heute ins Altersheim eintreten werden. Es ist sicher verständlich, dass nur wenige geeignete Heimleiter in der Lage sind, sie wirklich zu verstehen.
Die zweite Periode wird von einer Abwanderungswelle gekennzeichnet. Mit beginnender Industrialisierung erfolgte auch ein Strukturwechsel innerhalb der beruflichen Ausbildung und Arbeitssweise der Gehörlsoen. Die schulische Ausbildung erlebte ständig Verbesserungen und wurde auf neun Jahre ausgedehnt. Die Früherfassung führte zur Gründng von Sonderkindergärten und dadurch zur Fundamentlegung des sprachlichen Aufbaues und des Zusammenlebens. Neu entstehende Fürsorgestellen mit Sitz in den Städten St. Gallen , Zürich, Luzern, Basel, Bern und Lausanne sowie die Pro Infirmis fanden für die frisch aus der Schule austretenden intelligenteren Gehörlosen geeignete Lehrstellen in der Nähe ihres Wirkungsbereichs, meistens in den Städten selbst. Dabei war natürlich eine bessere Betreuung und Ueberwachung der Lehrverhältnisse möglich. Nach Beendigung der Lehre bleiben die Meisten im neugewählten Abeitssgebiet. Hauptsächlich wegen bessere Arbeitsmöglichkeit und besserem Kontakt mit ihresgleichen.
Weniger begabte kehrten infolge Unmöglichkeit einer beruflichen Ausbildung in ihr Elternhaus zurück und arbeiteten vorwiegend als Helfer auf dem bäuerlichen Hof oder als Haushälterinnen. Andere kamen in den Taubstummenheime im Unterland.
In den Sechzigerjahren begann der Durchbruch der dritten Periode, als junge Gehörlose gleich nach dem Austritt aus der Schule die Lehre in ihrer Heimat absolvierten und als Berufsleute dem Kanton treu bleiben. Diese Wandlung ermöglichte die bedeutend verständnisvolleren Haltungen der Fürsorgesteller, gegenüber den Wünschen der Gehörlsoen. Der hohe Grad der schulischen Ausbildung und die besser auf den beruflichen Alltag ausgerichteten Erziehungs- und Schulungsmethoden erlaubten einen solchen Liberalismus im Fürsorgewesen. Dank dem verstänisvollen Entgegenkommen verschiedener Bündner Lehrbetriebe kann diese Wandlung als gut gelungen betrachtet werden. Der gegenwärtige vorherrschende Arbeitskräftemangel und die soziale Aufgeschlossenheit der Arbeitsgeber eröffneten den Gehörlsoen grosse Arbeitsmöglichkeiten. Heute sind sie vollwertige Arbeiter und werden sozial und finanziell den Hörenden gleichgestellt. Im Gegensatz zu früher sind heute Gehörlose in verschiedensten Berufen tätig. (FU)