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Mit oder ohne Uniform? André Blattmann stellte sich diese Frage vor dem Interview mit den FN und entschied sich bewusst für ein leichtes Tweed Sakko mit Schal und Jeans: «Es steht für unser Milizsystem: Jeder von uns, der Dienst leistet, ist auch ein Milizsoldat.» Für Blattmann stellt es aber auch den Übergang dar, der ihm Ende Woche bevorsteht. Morgen Mittwoch wird er als Korpskommandant noch eines der grossen laufenden Projekte begutachten, ein geschütztes Rechenzentrum, das im Bereich Cyber Defense eine wichtige Rolle spielen wird. Am Tag darauf wird Blattmann dann seine Ausrüstung abgeben. Ab Samstag ist der ehemalige Chef der Schweizer Armee Rentner.
15 033 Tage zuvor, am 3. Februar 1976, schlüpfte André Blattmann in der Infanteriefliegerabwehr-Rekrutenschule in Chur erstmals in eine Uniform, kurz nachdem er im Zürcher Oberland eine Banklehre bei der Schweizerischen Bankgesellschaft erfolgreich abgeschlossen hatte. Er habe in der Rekrutenschule ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht, sagt Blattmann. Dies obwohl es zu Beginn der RS sehr kalt war und im Sommer während der Unteroffiziersschule eine solche Trockenheit herrschte, dass sich Risse in den Böden bildeten und selbst beim Duschen Wasser gespart werden musste. Prägend seien für ihn aber vor allem der Zusammenhalt, die Instruktoren und der Zugführer gewesen: «Sie pflegten einen guten Umgang mit den Rekruten und überzeugten durch ihre Systematik. Das würde ich auch heute noch als eine gute Schule bezeichnen.» Der Zugführer aus der Rekrutenschule war gar dabei, als André Blattmann am 8. Dezember 2016 in Murten das Kommando als Chef der Armee abgab.
100 Monate Chef der Armee
Blattmann kennt die wichtigsten Daten seiner Militärkarriere auswendig: Im August 2008 trat er an die Spitze der Schweizer Armee, nachdem sein Vorgänger Roland Nef wegen einer hängigen Untersuchung das Amt abgetreten hatte. Aus der interimistischen wurde im März 2009 eine feste Lösung: André Blattmann wurde zum am längsten amtierenden Chef der Armee seit den 1950er-Jahren. «Es waren genau 100 Monate», präzisiert er.
Blattmanns militärische Karriere machte ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit seinem Umzug nach Lugnorre zu einem Wistenlacher. «Man erhält den Dienstort zugewiesen und passt seinen Wohnort an», erklärt er. Nach der Offiziersschule verdiente er den Leutnant in der Truppenunterkunft Grolley ab. Und als sich Blattmann nach der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule für eine Laufbahn als Militärinstruktor entschied, wurde Payerne zu seinem Arbeitsort.
Unter den Berufsmilitärs in Payerne herrsche eine gute Verbundenheit, so Blattmann. Wenn er in Murten durch die Altstadt läuft, so sei die Chance gross, auf einen Arbeitskollegen zu treffen. Doch auch sonst taucht Blattmann gerne in das regionale Leben ein. So schätzt er den Besuch bei den Murten Classics, tritt vor den Rotariern oder der Freiburgischen Offiziersgesellschaft auf und sprach am Samstag bei der Tagung der kantonalen Schützenveteranen. Das Amt als Chef der Armee verstand Blattmann immer auch als Verpflichtung zur Öffentlichkeitsarbeit. «Ich habe für meinen MBA eine Arbeit zum Thema ‹Stakeholder-Management in der Armee› geschrieben», erklärt er. «Für mich bedeuteten die öffentlichen Auftritte die Umsetzung des Themas meiner Abschlussarbeit.»
Besonders in Erinnerung bleibt Blattmann ein Auftritt an der Pädagogischen Hochschule in Chur. «Einzelne Lehrpersonen hatten nicht gewollt, dass ich komme, weil sie das Gefühl hatten, es sei eine Indoktrination», erinnert er sich. «Aber es wurde dann ein total guter Nachmittag. Die Studierenden zeigten sich interessiert und versuchten aus meiner Präsentation abzuleiten, was sie ihren Erst- oder Zweitklässlern weitergeben sollen. Da war auch ich gefordert. Selbst im Kindesalter herrscht ein Sicherheitsbedürfnis: zum Beispiel, dass man nie zu einem Fremden ins Auto steigen soll oder wie man sicher den Fussgängerstreifen überquert.»
T, K und A für Bedrohungslage
Die Botschaft Blattmanns scheint in der Bevölkerung angekommen zu sein. Eine jährlich durchgeführte Studie der ETH zeigte 2016 auf, dass die Schweizerinnen und Schweizer so viel Vertrauen in die Armee haben, wie nie mehr seit den 1980er-Jahren. André Blattmann schreibt dies einerseits der Öffentlichkeitsarbeit, andererseits aber auch der Verschlechterung der internationalen Lage zu: «Es steckt nicht Euphorie dahinter, sondern Einsicht.»
Die heutige Bedrohungslage fasst Blattmann in drei Buchstaben zusammen: T für Terror, K für Krieg und A für Armut. Bei einem Auftritt vor den Freiburger Offizieren hat Blattmann einmal das Stellwerk in Kerzers als verwundbare Stelle für einen Angriff auf die schweizerische Infrastruktur dargestellt. «Man kann auch Olten nehmen», sagt er. «Dort hat es ein grosses Rechenzentrum. Wenn das nicht mehr funktioniert, dann hat die Schweiz ein Problem.»
Mineralwasser aus Überzeugung
In einem solchen Fall könnte es aus seiner Sicht zur Katastrophe kommen, beispielsweise, wenn die Nahrungsversorgung der Bevölkerung zusammenbricht. Auch aus diesem Grund hat Blattmann bei sich zu Hause einen Notvorrat an Brennholz und 300 Liter Mineralwasser angelegt. Als er dieses Detail in einem Zeitungsinterview verriet, musste er viel Spott ertragen; im Vorfeld der Gripen-Abstimmung stellten ihn viele in die Ecke der Kalten Krieger. Doch für Blattmann war es eine Konsequenz aus einer Sicherheitsverbundübung von 2014, dass die Armee mit Notvorräten eingedeckt sein muss. Als Chef einer Armee mit 9500 Angestellten und 130 000 Teilzeitangestellten müsse die Führung dies vorleben. Den FN verrät er aber, dass neben dem Mineralwasser mit und ohne Kohlesäure auch sein Weinkeller beachtlich sei.
Einsame Momente
André Blattmanns Botschaften kamen an. «In knapp achteinhalb Jahren hat das Parlament kein Geschäft abgelehnt, das von uns kam.» Zuletzt brachte er auch das Reformprojekt «Weiterentwicklung der Armee» durch, welches im Wesentlichen einen Bestand von 100 000 Mann, ein Budget von 5 Milliarden Franken und drei- statt zweiwöchige WK vorsieht. Blattmann betont, dass dies eine Teamarbeit gewesen sei. Das Projekt sei über Jahre jeweils an einem Tag pro Monat von der gesamten Armeeführung erarbeitet worden.
Es habe aber auch Momente gegeben, wo Blattmann sich einsam fühlte. Etwa als er 2010 vor der Sicherheitskommission des Nationalrats einige südeuropäische Länder als «krisengefährdet» taxierte, oder wenn Angehörige der Armee ihr Leben verloren. «Da muss man alleine hinstehen», so Blattmann.
Dieses Gefühl empfindet André Blattmann auch jetzt wieder, wo er in den Ruhestand tritt: «Man tritt in eine ganz andere Welt ein und ist schlecht vorbereitet darauf. Man macht das ja nur einmal in seinem Leben, und die Bedingungen werden in Zukunft eher schlechter.»
Deshalb hat er beim Personalwesen der Armee noch einen Befehl deponiert: «Die Pension muss viel früher ein Thema werden.»
«Man erhält den Dienstort zugewiesen und passt seinen Wohnort an.»
André Blattmann
Korpskommandant