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Frauen und Männer mit Diabetes «ticken» nicht gleich!
Ein Blick auf die Statistiken zeigt es: Frauen leben im Allgemeinen länger als Männer, in der Schweiz etwa 4 – 5 Jahre. Mitverantwortlich dafür ist sicher die gefährlichere Lebensweise der Männer, etwa im Strassenverkehr. Gesundheitsschädigende Berufe werden ebenfalls eher von Männern ausgeübt. Von erheblicher Bedeutung ist aber auch der Umstand, dass Frauen vor der Abänderung viel seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben als Männer.
Und beim Diabetes? Mehrere in den letzten Jahren veröffentlichte Studien haben Vermutungen bestätigt, dass der Diabetesverlauf bei Frauen insgesamt etwas schlechter ist als bei Männern. Die doch eher beunruhigenden Erkenntnisse werden im Folgenden vorgestellt.
Dank zahlreichen Errungenschaften der modernen Medizin ist das Todesfallrisiko an Diabetes in den letzten Jahrzehnten bei Männern leicht zurückgegangen. Bei Frauen mit Diabetes konnte die Prognose nicht verbessert werden. Zudem ist die durch den Diabetes verursachte Einschränkung der Lebenserwartung bei diabetischen Frauen grösser als bei Männern. Wahrscheinlich sind verschiedene Faktoren dafür verantwortlich, angefangen mit der simplen Feststellung, dass Frauen und Männer von Natur aus nicht genau gleich sind. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Mehrheit der Ärzte Frauen und Männer verschieden behandeln. Auch dies kann zu einer schlechteren Prognose führen.
Bei von Diabetes betroffenen Frauen fällt der oben erwähnte Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor der Menopause weg: Ihr Risiko, Herzprobleme zu erleiden, ist bis zu sechsfach erhöht. Bei Männern mit Diabetes ist dieses Risiko «nur» zwei- bis dreimal grösser als bei Stoffwechsel-Gesunden. Frauen mit Diabetes haben im Durchschnitt auch höhere Blutzuckerspiegel als Männer. Sie sind übergewichtiger und haben höhere Blutdruck- und Cholesterinwerte. Es erstaunt deshalb nicht, dass Herzprobleme bei diabetischen Frauen häufiger tödlich verlaufen, sei es wegen eines Herzinfarkts oder infolge einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche).
Ein weiterer Grund für die schlechtere Prognose der Frauen ist wahrscheinlich der Umstand, dass sie einen Herzinfarkt oft anders erleben als Männer. Zwar sind für beide Geschlechter Brustschmerzen oder ein Unbehagen im Brustbereich typische Symptome einer Herzattacke. Frauen erleiden aber häufiger als Männer einen Herzinfarkt mit atypischen Symptomen wie Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Schmerzen im Kieferbereich oder im Rücken. Sie erkennen deshalb die Gefährlichkeit der Situation nicht sofort und suchen im Durchschnitt später ärztliche Hilfe als Männer. Dies verschlechtert ihre Prognose.
Die Nephropathie (Nierenschädigung) verläuft bei Frauen mit Diabetes oft ebenfalls schlechter als bei Männern. Zwar haben Männer im Allgemeinen ein höheres Risiko für Nierenprobleme als Frauen. Der Diabetes gleicht dieses Risiko aber wieder aus. Hauptgrund dafür ist wahrscheinlich, dass der hormonelle Schutz durch Östrogene, den gesunde Frauen vor der Abänderung geniessen, mit dem Auftreten des Diabetes verloren geht. Auf welchem Weg die Nieren durch Östrogene geschützt und durch das männliche Testosteron eher belastet werden, ist nicht genau bekannt. Auch wurden bisher keine Studien durchgeführt mit der Frage, ob durch eine entsprechende Hormonbehandlung die Nieren geschützt werden könnten.
Bekanntlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Diabetes und Depressionen, Menschen mit Diabetes werden eher depressiv, und Depressionen sind ein Risikofaktor, einen Diabetes zu entwickeln. Interessanterweise sind diese Zusammenhänge viel ausgeprägter bei Frauen als bei Männern. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass doppelt so viele Frauen depressiv sind wie Männer.
Ein weiterer Vorteil, den Frauen in der Regel von Natur aus haben, ist eine höhere Konzentration an «gutem» Cholesterin, dem sogenannten HDL-Cholesterin. Auch dieser biologische Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird durch das Auftreten eines Diabetes weitgehend aufgehoben. Der HDL-Spiegel sinkt, dafür steigen die sogenannten Triglyzeride an, Blutfette, die ebenfalls zur Verkalkung der Blutgefässe beitragen.
Bedenklich ist, dass Frauen (mit Diabetes) in Hinsicht auf Herzkrankheiten oft weniger gründlich abgeklärt werden als Männer. Dies hat wohl recht viel damit zu tun, dass Frauen in der Regel weniger Herzprobleme haben. Unsere Aufmerksamkeit, wenn es ums Herz geht, liegt deshalb auch bei Diabetesbetroffenen klar bei den Männern. Wir blenden aus, dass das Risiko beim Diabetes beide Geschlechter gleichermassen betrifft. Frauen werden deshalb oft auch weniger konsequent mit Medikamenten behandelt, zum Beispiel bei der Regulierung des Blutdrucks oder der Senkung eines hohen LDL-Cholesterins («schlechtes» Cholesterin).
Was lassen sich aus diesen auch für die Ärzte nicht ganz unproblematischen Beobachtungen für Konsequenzen ziehen? Ganz wichtig ist, dass Diabetikerinnen darauf pochen, ebenso gründlich abgeklärt und bei Bedarf konsequent behandelt zu werden wie Männer mit Diabetes. Frauen mit Risikofaktoren für die Entwicklung eines Diabetes wie zum Beispiel Diabetes während einer Schwangerschaft, familiäre Diabetes-Veranlagung, oder Übergewicht sollten regelmässig untersucht werden. Sie sollten aber auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie durch eine Veränderung des Lebensstils mit regelmässiger körperlicher Aktivität und diabetesgerechter Ernährung ihr Schicksal auch selbst beeinflussen können.
Dr. med. K.Scheidegger
(nach einem Artikel im US-Diabetesjournal «Diabetes Forecast»)
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