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Ein Vergleich der zwei Bücher: Graeber/Wengrow «The Dawn of Everything. A New History of Humanity» und Meier-Seethaler: «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie» scheint sich thematisch anzubieten. So bin ich mit dieser Idee nicht allein, vgl. Fitzgerald Crain der Zeitung ‘Das Denknetz’.1
Meine eigene Motvation diese Doppelrezension zu verfassen, ist die folgende: Als Feministin der 80er Jahre und als Tochter von Carola Meier-Seethaler sind mir die Inhalte von «Ursprünge und Befreiungen» sehr vertraut – sie haben mir für mein feministisches und grünes Engagement eine solide Grundlage gegeben. Als globalisierungskritische Aktivistin kannte ich Graebers politische Ideen und so war das Buch «Anfänge» für mich ein Muss, auch dass darin die Forscherin Marija Gimbutas2 positiv erwähnt wurde, machte das Buch von Anfang an interssant.
Ich beschränke ich mich in meinem Essay auf folgende Aspekte: Was wollen die Autorin, die Autoren erreichen? Welche Forschungsmethoden kommen zum Einsatz? Und welche Menschheitsfragen werden neu gestellt oder gar neu beantwortet? Zum Einstieg bringe ich Zitate, die neugierig machen sollen. Dann bespreche ich die Gemeinsamkeiten beider Werke, um zum Schluss ausführlicher auf einige Unterschiede einzugehen und mein persönliches Fazit zu ziehen.
An den Beginn meines Vergleichs möchte ich zunächst je drei Zitate aus beiden Büchern stellen:
Zitate aus David Graeber/David Wengrow: «The Dawn of Everything. A New History of Humanity» 2021. Deutsch: «Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit» 2021/2022
Zitat 1 in der deutschen Übersetzung (S. 13)
«Das Thema hängt also zusammen mit der Frage nach den Ursachen für Krieg, Gier, Ausbeutung und der systematischen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer. Waren wir schon immer so? Oder ist an irgendeinem Punkt etwas schrecklich missraten?»
Zitat 2 in der deutschen Übersetzung (S. 21)
«Wie wäre es, wenn wir die Menschen ab dem Beginn ihrer Geschichte als phantasievolle, intelligente, spielerische Wesen behandeln würden, die es verdienen, als solche behandelt zu werden?»
Zitat 3 in der deutschen Übersetzung (S. 479/480)
«Der Grund, warum sich die geschilderten Denkweisen so hartnäckig halten, (…), liegt genau darin, dass es uns so schwerfällt, uns eine Geschichte vorzustellen, die nicht auf ein Ziel oder einen Zweck bezogen ist, bei der wir also nicht davon ausgehen, die heutigen Verhältnisse seien irgendwie unvermeidlich gewesen.»
Zitate aus Carola Meier-Seethaler «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie». Erste Auflage: 1988. Dritte, vollständig überarbeitete Auflage: 2011
Zitat 1 (S. 21, 1988 bzw. S. 27 Ausgabe 2011)
«Sobald aber die frühgeschichtlichen Zeiträume in die Betrachtung mit einbezogen werden, kann das Patriarchat nicht länger als die selbstverständliche Grundlage der menschlichen Gesellschaft gelten. Es mehren sich vielmehr ständig die Hinweise auf eine zusammenhängende matrizentrische Kulturtradition über viele Jahrtausende hinweg von der Eiszeitkultur bis in die Periode der frühen Hochkulturen, was nichts Geringeres heisst, als dassam Beginn unserer heutigen Kulturbasis ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel gestanden hat.»
Zitat 2 (S. 39, Ausgabe 2011):
«Dazu kommt die Symbolforschung, die sich mit den Bildzeichen der Kunst, den Sprachbildern und den Symbolstrukturen innerhalb von Mythen, Märchen und Volksbräuchen beschäftigt. Marija Gimbutas hat dafür den Ausdruck „Archäomythologie“ geprägt, ein Ansatz, der dem strikt naturwissenschaftlichen Denken fremd sein mag, jedoch für die kulturwissenschaftliche Interpretation unverzichtbar ist. Nur müssen wir uns bewusst bleiben, dass Kulturtheorien keine im strengen Sinn beweiskräftigen Thesen liefern können, sondern nur Plausibilitäten, welche die Erscheinungen einer Kulturepoche möglichst widerspruchsfrei zusammenfügen.»
Zitat 3 (S. 31, Ausgabe 2011)
«…, vielmehr spricht alles dafür, dass sowohl im sozialen wie im kulturellen Bereich zunächst ein Ungleichgewicht zugunsten der Frau bestanden hat, was zu vielschichtigen Kompensationen auf der Seite des Mannes führte.
Die kulturhistorische Entwicklung von matrizentrischen Gemeinschaftsformen zur patriarchalen ‘Überherrschung’, (…), lässt sich meines Erachtens überhaupt nur aus diesem anfänglichen Ungleichgewicht plausibel machen. Alle anderen Erklärungen, welche ökonomische Gründe geltend machen (…), decken nur Teilaspekte dieser Entwicklung ab.»
Umbrüche in der Menschheitsgeschichte und ihre Deutung
Sowohl Meier-Seethaler als auch Graeber und Wengrow spannen einen grossen Bogen: Beginnend mit dem Paläolithikum und einen Schwerpunkt legend bei der Interpretation von Ausgrabungen aus neolithischer Zeit. Sowohl Graeber/Wengrow als auch Meier-Seethaler verfügen über ein immenses Wissen und breiten dieses bzw. ihre Argumente dazu auf über 500 Seiten sorgfältig aus. Beide Bücher möchten zu einem neuen Verständnis der Menschheitsgeschichte beitragen und dabei bisherige Vorurteile und alte Denkmuster überwinden.
David Graeber (Anthropologe aus den USA) und David Wengrow (Archäologe aus Grossbritannien) gehen recht ungewöhnlich vor. Sie stellen einen Aufsatz3 von Jean-Jaques Rousseau, der während der europäischen Aufklärung und der Zeit danach grosse Wirkung entfaltete, ins Zentrum ihrer Dekonstruktionsarbeit. Sie möchten Rousseaus Darstellung zur Entstehung von Herrschaft kritisch beleuchten und einen neuen Blick auf die Zusammenhänge zwischen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen einerseits und Manifestationen von Herrschaft andererseits werfen. Dabei widmen sie sich auch Quellen, die bisher nicht angemessen berücksichtigt worden waren. Eindrücklich berichten Graeber und Wengrow zum Beispiel, wie sich die Forschung niemals damit befasste, wie der Indigene Kondiaronk4, porträtiert im Buch von Baron de Lahontan, wirklich argumentiert haben könnte. Überzeugend wirkt auf mich auch die Schilderung, wie ein wichtiges Dokument (die «Crónica de la Nueva España» von Cervantes de Salazar) nicht korrekt rezipiert wurde, weil es der bestehenden Doktrin widersprach. Im Zuge der Auseinandersetzung mit Quellen, die das Leben von amerikanischen Indigenen schildern bzw. die Stimme indigener Sprecher wiedergeben, kommen Graeber und Wengrow zum Schluss, dass man Originalaussagen ernster nehmen müsse, und dass die Wechselwirkungen zwischen Kulturen stärker in den Blick kommen sollten.
Diesem grundsätzlichen Respekt vor Belegen, auch wenn sie den eigenen Erwartungen widersprechen, begegnen wir auch bei Carola Meier-Seethaler. Sie hält z.B. fest, dass es keinen belegten Zusammenhang zwischen Hochkulturen (grossen Städten) und Krieg gebe: Es seien grosse Siedlungen ohne Befestigungen und Waffen ausgegraben worden, wohingegen auch kleinere Siedlungen andernorts durchaus Artefakte enthielten, die auf bewaffnete Auseinandersetzungen schliessen lassen.
Sowohl in «Anfänge» als auch in «Ursprünge und Befreiungen» wird zudem besprochen, weshalb die sogenannte Neolithische Revolution nicht als Revolution bezeichnet werden sollte, denn es handelt sich um eine über Tausende von Jahren andauernde Entwicklung. Bei Graeber und Wengrow fällt dieser Teil ausführlicher aus und bezieht sich auf viele verschiedene Weltregionen, aber in beiden Büchern finden wir längere Darstellungen der Verhältnisse in Mesopotamien und Anatolien. Meier-Seethaler und Graeber/Wengrow verweisen darauf – auch das eine Gemeinsamkeit – dass mit grosser Wahrscheinlichkeit die Frauen wichtige Erfinderinnen im Bereich Landwirtschaft und Handwerk gewesen sind. In diesem Zusammenhang stimmt mich nachdenklich, dass Forschungsresultate der Archäologie, die man ganz offensichtlich bereits in den 1980er Jahren kennen konnte (sonst hätte Meier-Seethaler sie ja nicht erwähnt), bis heute nicht dazu geführt haben, die Geschichtsbücher anzupassen.
Sowohl Graeber und Wengrow als auch Meier-Seethaler sind bemüht, die Geschichtsschreibung von unhaltbaren Spekulationen zu befreien. Bei Meier-Seethaler soll Folgendes entlarvt werden: Der Mythos, dass Gewalt und Krieg unabänderlich zur menschlichen Natur zählen, der Mythos, dass patriarchale Systeme ursprünglich seien sowie der Glaube, unser aktuelles Wirtschaftssystem sei rational begründet.
Graeber und Wengrow wollen dagegen zeigen, dass bei Zunahme der Bevölkerung eines Stammes nicht zwangsläufig Hierarchien, Ungleichheiten oder gar ein Königtum mit Zentralgewalt entstehen muss. Ebenso entlarven sie das Vorurteil, grosse Bauten und das Verwalten grösserer Städte hätten nur unter Zwangsherrschaft realisiert werden können. Am meisten Elan verwenden sie dafür, die von ihnen aus gesehen eurozentrisch geprägte Idee der Gleichheit unter die Lupe zu nehmen5.
Das Problem des Evolutionismus6wird bei Graeber/Wengrow explizit angesprochen. Dies ist bei Meier-Seethaler so nicht der Fall. Allerdings erklärt sie viel deutlicher als Graeber und Wengrow, welche Ursachen gewisse kulturelle Veränderungen haben könnten. Sie nimmt dabei evolutionistische Autoren wie z.B. Bachofen oder Lewis H. Morgan ernst, ohne deren Konzepte und deren Fortschrittsglauben zu übernehmen.
Gemeinsam stellen Graeber/Wengrow und Meier-Seethaler die Zwangsläufigkeit in Frage, dass grosse Gemeinschaften hierarchisch organisiert sein müssten. Graeber und Wengrow können hierzu faszinierende Beispiele bringen: Auf der Insel Bali konnte die Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg ohne Königtum und Zentralgewalt ein sehr komplexes Bewässerungssystem mit zugehöriger Landwirtschaft betreiben.
Der Befund, dass Zentralgewalt keine gesellschaftlich notwendige Entwicklung ist, erscheint mir sehr bedeutsam. Er stützt nicht nur Theorien engagierter Denker/innen zur Möglichkeit, dass Völker ohne Staatsbildung sehr gut leben können, sondern auch den Ansatz von Meier-Seethaler, dass wir die Fähigkeiten früher Menschen zu enormen künstlerischen, baulichen und organisatorischen Leistungen nicht unterschätzen sollten.
Viele Kunstwerke sind wohl aufgrund von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen kreiert worden. Wer in einer Gesellschaft welche Rolle spielt, hat viel mit Charisma von Personen und auch mit Religion zu tun – bei Graeber und Wengrow gibt es zum Thema Charisma und Macht einige interessante Anregungen zu lesen. Bei Meier-Seethaler lernen wir ebenfalls einiges zu Charisma – aber noch viel mehr zum Sinn von Ritualen und religiösen Vorstellungen sowie deren Einfluss auf die sozialen Strukturen der Menschen.
Dekonstruktion von Mythen
Was möchten die Autoren von «Anfänge» bzw. die Autorin von «Ursprünge und Befreiungen» erreichen? Und wie gehen sie dabei vor?
Graeber und Wengrow verstehen sich als Teil einer linken Bewegung. Nach ihrer Ansicht irren die globalisierungskritischen, antikapitalistischen Kräfte betreffend die Einschätzung der Wichtigkeit von Ungleichheiten und deren Entstehung. Die Autoren von «Anfänge» treten der folgenden Meinung (die ihrer Einschätzung nach seit Rousseaus Aufsatz zur Ungleichheit immer wieder als Erklärung für die heutige Misere herhalten muss) entgegen: zuerst habe die Menschheit die Sesshaftigkeit und die Landwirtschaft erfunden, dann sei das Privateigentum geschaffen worden, was den Grundstein für materielle Ungleichheit, Herrschaft und Krieg gelegt habe. Sie diskutieren die berühmte Abhandlung Rousseaus über die Ungleichheit unter den Menschen und die Frage, wie es in Europa zu den aufklärerischen Ideen und den Ideen von Freiheit und Gleichheit gekommen sei. Entgegen der Mainstream-Interpretation, dass die Europäer zuerst ihre eigene und dann die Aufklärung in Amerika angestossen hätten, argumentieren Graeber und Wengrow, dass das Selbstbewusstsein und die kritischen Fragen einiger Native Americans (z.B. Kondiaronk) bei den Intellektuellen Europas einen gewaltigen Eindruck hinterliessen. Das Konzept der Gewaltentrennung habe Montesquieu zum Beispiel von den amerikanischen Völkern rund um die Grossen Seen übernommen. Diese hatten bereits im 17. Jahrhundert politische Systeme entwickelt, die ein Übergewicht Einzelner sowie Machtmissbrauch verhindern sollten. Das Streben nach freiheitlicheren Gesellschaftsformen – so Graeber und Wengrow – sei auf die Erschütterung der Europäer über die in dieser Hinsicht sehr viel weiter entwickelten Irokesen und Wendat zurückzuführen. Dagegen sei die Annahme, die Native Americans hätten egalitär gelebt, eher eine Projektion der Europäer, keine wissenschaftlich erhärtete Tatsache.
Graeber und Wengrow ist es ein grosses Anliegen, die Menschen darin zu bestärken, dass sie ihr Schicksal und das Schicksal der Gesellschaft, in der sie leben, selber in die Hand nehmen. Die traditionelle Erzählung, dass demokratische und auf das Individuum Rücksicht nehmende Gesellschaftsordnungen nur mit einer sehr kleinen Bevölkerung realisierbar seien, wird zurückgewiesen. Graeber und Wengrow bemühen sich, den Menschen die Vorstellungskraft für eine andere Welt wieder zu geben.
Dies verbindet die beiden Autoren von «Anfänge» mit Meier-Seethaler. Die Autorin von «Ursprünge und Befreiungen» möchte durch das Dekonstruieren von unterdrückerischen und lähmenden Mythen ebenfalls zur Aufklärung und Befreiung der Menschheit beitragen. Ihr Ideal ist eine geschlechtergerechte, friedliche Welt ohne ökologischen Kollaps. Beide Werke zeichnen sich durch Engagement aus; beide sind durchaus politisch, jedoch stets wissenschaftlich redlich, möglichst ideologiefrei sowie offen für allfällige Einwände.
Wo sich grosse Unterschiede zeigen
Eine erste augenfällige Differenz ist der Umgang mit nicht-schriftlichen Zeugnissen, insbesondere mit figürlichen und bildhaften Darstellungen. Während Meier-Seethaler anerkennt, dass während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte keine schriftlichen Quellen angefertigt wurden, und dass es somit notwendig ist, Bildmaterial zu interpretieren, gehen Graeber und Wengrow grosszügig darüber hinweg. Sie entwickeln keine zusammenhängende These über die Veränderungen in bildlichen Darstellungen, die im Verlauf der Jahrtausende belegt sind. Ebenso wenig beschäftigen sie sich mit möglichen Zusammenhängen zwischen Bildern, Religionen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Dagegen legt Meier-Seethaler einen Schwerpunkt bei der Symbolforschung, vgl. Zitat 2. Sie geht dabei minutiös vor: Zuerst werden alle Autorinnen und Autoren, die sich zur Bildung von religiösen Vorstellungen der Menschen geäussert haben, besprochen. Anschliessend wird dargestellt, in welcher Theorie Projektionen erkennbar oder wo Widersprüche in den Erklärungen zu finden sind. Danach erläutert Meier-Seethaler ihr eigenes bzw. das Vorgehen feministischer Forscher/innen. Ist zum Beispiel von allen gefundenen geschnitzten Figuren die Überzahl weiblich und mit stilisiertem schwangerem Leib und mit grossen Brüsten dargestellt, darf man davon ausgehen, dass es «Muttergottheiten» sind. Weiter kann man nach Legenden, die man von vergangenen oder aktuellen Ethnien kennt, auf Motive schliessen. Ein Beispiel: Die Legende, dass Zeus Athene in einer Kopfgeburt zur Welt gebracht habe, zeigt nicht die Tatsache, dass auch Männer gebären können, sondern das Motiv, frühere Legenden zu entkräften. Nur wenn man wie Meier-Seethaler davon ausgeht, dass Athene zuerst eine Göttin war, dass Gebärfähigkeit hoch bewertet wurde und dass männliche Götter schwächer wirkten als weibliche, ist nachvollziehbar, wie der Mythos einer Kopfgeburt kreiert werden konnte. Die Stärken von Meier-Seethaler sind die breite Kenntnis früher Darstellungen und Legenden unterschiedlichster Ethnien, das Erkennen von Verwandtschaften innerhalb bildlicher Motive und die Fähigkeit zur psychoanalytischen Deutung. Für Meier-Seethaler ergibt sich aus dem umfangreichen Material, das man in allen Kontinenten gefunden hat, dass es eine lange Zeitspanne der Menschheitsgeschichte gegeben haben muss, in der weibliche Gottheiten zentral waren und Frauen eine sehr wichtige Stellung bekleideten. Sie stimmt darin mit Marija Gimbutas überein, die für die matrizentrische Zeit in Europa zwischen 6500 und 3500 v. Chr. den Begriff das «Alte Europa» prägte7.
Graeber/Wengrow erwähnen zwar, dass die Theorien wichtiger Forscherinnen wie Marija Gimbutas vermutlich aus frauenfeindlichen Gründen nicht rezipiert oder gar abgewertet worden seien. Aber sie gehen nirgends auf die Frage ein, ob es stimmen könnte, dass die Menschheit eine nicht-patriarchalische Frühzeit erlebt hat. Ich nehme an, dass Graeber/Wengrow alle Versuche, die Frühzeit der menschlichen Kulturen zu beschreiben oder zu klassifizieren, als «evolutionistisch» betrachten und lieber davon Abstand nehmen, vgl. auch Anmerkung 6). Tatsächlich besteht eine enorme Gefahr, spätere gesellschaftliche Strukturen als höhere Entwicklungsstufen zu interpretieren. Das Risiko, eine biologische Theorie (die Evolutionstheorie) auf die Entwicklung menschlicher Kulturen anzuwenden, wird bei Graeber und Wengrow als hoch eingeschätzt und immer wieder problematisiert. Graeber und Wengrow sehen ebenso wie Meier-Seethaler, dass auch eine romantische Rückprojektion («früher, vor der patriarchalen Zeit, war alles friedlich, gerecht und schön») unhaltbar ist – beide bemühen sich um einen sachlichen Blick auf belegbare Tatsachen und vermeiden das Schüren einer Sehnsucht nach früheren Zeiten.
Während sich Graeber und Wengrow zu möglichen Gesellschaftsstrukturen und Familienverhältnissen im Paläolithikum überhaupt nicht äussern, liefert Meier-Seethaler eine durchaus plausible Darstellung dieser Zeit. Weil sie sich nicht nur mit sozial- und geisteswissenschaftlicher Literatur auseinandergesetzt hat, sondern auch vertieft mit der modernen Biologie, kann sie Thesen aufstellen, die nicht «evolutionistisch» sind. Zwei dieser Thesen seien hier kurz dargestellt: (1) Höchstwahrscheinlich haben frühe Menschen nicht in Kleinfamilien (Einheit «Vater-Mutter-Kind») gelebt und sie waren vermutlich auch nicht monogam. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die sehr frühen Menschen von der Evolution her ähnliche Paarungssysteme und Gruppengrössen aufwiesen wie ihre nächsten Verwandten, die Bonobos (Pan paniscus) oder die Schimpansen (Pan troglodytes). In dieser Hinsicht stimmt die Kulturtheoretikerin Meier-Seethaler mit der aktuellen Evolutions- und Verhaltensforschung überein.
(2) Dafür, dass Menschen von Natur aus – oder an einem hypothetischen «Beginn der menschlichen Kultur» – systematisch Gewalt ausübten und eine patriarchalische Ordnung herrschte, gibt es keine Anzeichen. Dass diese nicht-patriarchale «Frühphase» der Menschheit universell gewesen ist, wie Meier-Seethaler postuliert, kann allerdings nicht eindeutig belegt werden. Was handfeste Belege angeht, ist sie – wie übrigens auch Graeber und Wengrow – zurückhaltend, vgl. Zitat 2 in «Ursprünge und Befreiungen».
Meier-Seethaler geht alsdann auf die Frage ein, ob ein «Umschlag» in patriarchalische Systeme quasi eine historisch notwendige Entwicklung darstelle, wie dies offenbar Bachofen8 und andere postulierten. Meier-Seethaler verneint die Notwendigkeit der Patriarchalisierung; sie verweist u.a. darauf, dass es bis in die Gegenwart gut funktionierende, nicht-patriarchale Gesellschaften gibt9. Auch jede Höherbewertung bestimmter Gesellschaftsformen oder späterer Entwicklungen wird bei Meier-Seethaler abgelehnt. Vielmehr konzentriert sich die Autorin von «Ursprünge und Befreiungen» auf die möglichen Umstände, wie es zur Erhaltung von Gesellschaften in Balance oder aber zur Etablierung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse hat kommen können. Einerseits untersucht Meier-Seethaler die Zusammenhänge zwischen männlicher Identität, Gewalt gegen Frauen sowie Krieg. Andererseits beschäftigt sich Meier-Seethaler ausführlich mit möglichen Zusammenhängen zwischen männlicher Identitätsfindung und der Unterwerfung der Natur.
Wie tiefschürfend sind die Analysen? Und: wird das Ziel, eine neue Menschheitsgeschichte zu schreiben, erreicht?
Graeber und Wengrow wollen die Vorstellung «egalitärer Völker» als Projektion westlicher ForscherInnen entlarven. Obwohl sie bestrebt sind, herauszufinden, ob «an irgendeinem Punkt etwas schrecklich missraten» ist, und obwohl sie sich für eine gerechtere menschliche Gesellschaft einsetzen, weisen sie offenbar jede Vorstellung zurück, frühere Kulturen mit geringeren Unterschieden in Status und Besitz zwischen den Menschen könnten als Vorbild dienen… So wertvoll es ist, jede antikapitalistische und antipatriarchale Position auf Vorurteile hin zu untersuchen: Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb Graeber und Wengrow versäumen darzustellen, welche Kulturen eine längere Zeit in einer Phase von relativer Gleichheit und/oder frei von Herrschaft lebten. Und es ist sehr schade, dass sie sich nicht ausführlicher den Bedingungen widmen, die eine gewisse Freiheit und Egalität ermöglichten. Denn diese Fragestellung ist für alle kritischen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen durchaus relevant!
Meier-Seethaler geht in diesem Punkt anders vor: Sie nimmt an, dass Kulturen, die eine gewisse Gleichheit ihrer Gruppenmitglieder in punkto Status, Besitz, Einfluss und Entfaltungsmöglichkeiten erreicht haben, Gesellschaften sind mit einer Balance zwischen Frauenmacht und Männermacht. Diese Annahme wird gestützt durch zahlreiche Befunde. So kann Meier-Seethaler ihr Ziel, eine neue Art der Geschichtsschreibung zu begründen, tiefgreifender verfolgen als Graeber und Wengrow. Dies auch deshalb, weil sie viel konsequenter mehrere Ebenen betrachtet (biologische Voraussetzungen, archäologische Funde, soziokulturelle Gegebenheiten, individuelles Erleben) und diese zusätzlich verknüpft mit religiösen, psychoanalytischen und philosophischen Deutungen.
Persönliches Fazit
Graeber und Wengrows Werk baut nicht auf früheren dissidenten Kulturtheorien auf und berücksichtigt die Ergebnisse feministischer Theoretikerinnen nicht. Folgende Gründe könnten hierbei mitgespielt haben: Erstens waren viele der feministischen Forscherinnen nicht Universitätslehrerinnen, sondern Aussenseiterinnen. Zweitens wurde und wird noch heute Vieles, was nicht ins Englische übersetzt ist, von der internationalen Forscher/innengemeinschaft ignoriert. Im Falle der mangelnden Rezeption von Meier-Seethalers «Ursprünge und Befreiungen» trifft beides zu: Die Autorin hatte keinen Lehrstuhl und ihr Buch wurde leider nicht ins Englische übersetzt. Dazu kommt noch, dass vielen etablierten Forscher/innen der Mut fehlt, feministische Forschung zu zitieren: Sie haben offenbar Angst davor, in eine falsche Ecke gestellt zu werden. Graeber/Wengrow haben zwar einige Feministinnen erwähnt (beispielsweise Eleanor Leacock) aber auch sehr wichtige ausgelassen: weder Nancy Tanner wird zitiert (die einerseits zu Ethnologie und andererseits zur Evolution des Menschen publizierte), noch Gerda Lerner («The Creation of Patriarchy» 1986), obwohl beide in den USA lehrten und anerkannte Professorinnen waren.
Die Lektüre des Buches «Anfänge» hat sich trotzdem sehr gelohnt: Die erfrischende Art von Graeber und Wengrow möchte ich gerne mitnehmen in zukünftige Debatten um die Möglichkeit zur Veränderung menschlicher Gesellschaften. Die Zuversicht, die die Autoren ausstrahlen, dass wir die Vorstellungskraft zur Umgestaltung unserer Gesellschaften wieder erlangen können, wirkt auf mich ansteckend. Aber ich möchte in allen politischen und kulturellen Debatten auf das, was wir von Meier-Seethaler (und anderen feministischen Autorinnen) lernen konnten, nicht mehr verzichten: Wenn wir gängige Geschichtsschreibung und mächtige aktuelle Mythen analysieren, gilt es stets zu fragen, welche Motive, gerade auch unbewusste, zu den heutigen Arrangements geführt haben.
Es gilt sodann, an den Fragen dranzubleiben, die Meier-Seethaler aufgeworfen hat: Wann kam Krieg in die Welt? Wodurch hat sich das Bewusstsein des Mannes so verändert, dass er mehr Macht in der Gesellschaft anstrebte? Welche patriarchalischen Strukturen wurden wann mit welchen Mitteln etabliert? Wo sind die Ursprünge unseres zerstörerischen Wirtschaftssystems zu suchen? Was gibt es für praktische Möglichkeiten, eine Balance zwischen den Geschlechtern zu erreichen?
Das Weiterforschen nach den Ursprüngen unserer Misere ist durchaus erfolgversprechend, denn es stehen neue molekularbiologische Mittel zur Verfügung. So hat z.B. ein Streit um den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen und bestimmter patriarchalischer Strukturen auf dem europäischen Kontinent (vor ca. 4800 Jahren vor heute) ein klares Ende gefunden: DNA-Analysen bestätigten 2015 Marija Gimbutas’ These, dass die indoeuropäischen Sprachen nicht aus Anatolien, sondern von den Einwanderern aus der pontischen Steppe stammen, die gleichzeitig eine neue patriarchalische Kultur mitbrachten.10
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mutige Historikerinnen und Historiker alle Quellen berücksichtigen, dass der Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verschwindet und mehr getan wird, dass auch Aussenseiter/innen gehört werden. Graeber und Wengrow haben einen Anfang gemacht. Welche Forscher/innen wagen es, weiter zu gehen?
Anmerkungen
1) Fitzgerald Crain, Denknetz-Zeitung vom November 2022
2) Marija Gimbutas (1921-1994) war Archäologin und Anthropologin. Die gebürtige Litauerin kannte sich nicht nur in Frühgeschichte, sondern auch in Ethnologie und Religionswissenschaften aus. Sie konnte 13 europäische Sprachen lesen und verstehen. Mit ihrer Familie flüchtete sie 1944 vor der Roten Armee. Schliesslich wanderte sie in die USA aus und wurde 1950 aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nach Harvard berufen. Später leitete sie grosse Ausgrabungen in Italien, dem ehemaligen Jugoslawien sowie in Griechenland, wo sie Belege für vorpatriarchale Kulturen fand. So stellte sie die Theorie vom «Alten Europa» auf. Die epochale Veränderung dieser Kulturen kam ihrer Meinung nach aus der südrussischen Steppe, wo sie auch den Ursprung der indogermanischen Sprache vermutete. Neueste Forschungen zeigen, dass Gimbutas richtig lag. Allerdings wurde der Forscherin, die immerhin Jahrzehnte als preisgekrönte Archäologin und Professorin wirkte, immer wieder Unwissenschaftlichkeit unterstellt. Dies deute ich als Beleg für die bis heute andauernde Frauenfeindlichkeit in Wissenschaft und Forschung.
3) Jean-Jacques Rousseau: «Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes», 1755
4) Kondiaronk, die Hauptfigur in den Schriften des Barons de Lahontan, war nach den Recherchen von Graeber und Wengrow mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Ratssprecher der Wendat-Konföderation, der 1691 nach Frankreich entsandt worden war, und so seine Kultur mit derjenigen in Frankreich vergleichen konnte. Die Schriften des Barons wurden von Historikern nicht ernst genommen: Man unterstellte vielmehr, dass alles, was der Autor Kondiaronk sagen liess, eine Projektion sei. Bis heute wird in den meisten Kreisen davon ausgegangen, die Darstellung von freiheitsliebenden, in Gleichheit lebenden Ureinwohnern sei nur eine Erfindung der Europäer. Die Behauptung, die Wendat-Darstellungen seien bloss eine Romantisierung der Sorte «Edle Wilde» muss als falsch erkannt werden, denn: Dies würde voraussetzen, dass die Wendat selbst keine aktive Rolle eingenommen hätten. Dies widerspricht jedoch den Tatsachen, wie Graeber und Wengrow zeigen können.
5) Vgl. S. 151 in «Anfänge» von Graeber/Wengrow: «Am nächsten kommt einer solchen Alternative unseres Erachtens die feministische Anthropologin Eleanor Leacock (1922-1987), mit ihrer Beobachtung, die meisten Mitglieder sogenannter egalitärer Gesellschaften interessierten sich weniger für Gleichheit an sich als für das, was sie als ‘Autonomie’ bezeichnet. Worauf es beispielsweise den Frauen der Montagnais-Naskapi ankommt, ist nicht so sehr, ob Männern und Frauen der gleiche Status zugebilligt wird, sondern ob sie als Frauen individuell oder kollektiv in der Lage sind, ihr Leben ohne männliche Einmischung zu gestalten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Mit anderen Worten, wenn es nach Ansicht dieser Frauen einen Wert gibt, der gleich verteilt sein sollte, dann besteht er wesentlich aus dem, was wir unter ‘Freiheit’ verstehen. Am besten wäre es deshalb vermutlich, statt ‘egalitäre Gesellschaften’ den Begriff ‘freie Gesellschaften’ zu gebrauchen.»
6) Unter «Evolutionismus» versteht man in der Anthropologie/Ethnologie die Idee, dass sich die menschliche Kultur in typischen Phasen entwickelt habe und dass es quasi einen Urzustand sowie Zwischenstufen und einen höchstentwickelten Zustand gebe. Die Annahme, dass Menschen seit ihrer Entstehung von einem primitiven zu einem hochzivilisierten Geschöpf gereift seien, ist selbstverständlich höchst problematisch. Problematisch ist zusätzlich, dass viele Vertreter solcher Ideen Frauenfeinde und Rassisten waren (der Urzustand war in deren Augen z.B. bei sogenannten Naturvölkern zu finden, die noch nicht so weit waren, dass der Mann die Frau beherrschte). Sehr ungünstig ist auch, dass sich gewisse Begriffe, z.B. «Stammeskulturen» oder «Hochkulturen» bis heute gehalten haben und damit evolutionistisches Gedankengut mitzukommen scheint.
Heute ist sowohl von biologischer als auch von anthropologischer Seite her klar, dass frühe Menschen genauso viel Bewusstsein, Intelligenz und Phantasie besassen wie heutige. Es gibt keinen Grund zur Annahme, frühe Menschen hätten nicht abstrakt denken oder ein Problem rational lösen können, genauso wenig wie es einen Grund zur Annahme gibt, nur Männer hätten Kunst gemacht.
Der Evolutionismusvorwurf wird m.E. bei Wengrow und Graeber jedoch zu pauschal erhoben. So ist der Einbezug der Erkenntnisse, die wir dank der Evolutionsbiologie haben, bestimmt kein «Evolutionismus». Denn selbst wenn Darwin entsprechend dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts persönlich einen höchst problematischen Fortschrittsglauben vertrat, so ist seine Evolutionstheorie dennoch kein «Evolutionismus». Denn: Die Evolutionstheorie ist eine Theorie über die Veränderlichkeit der Arten; es werden klare Mechanismen angegeben, die man empirisch überprüfen kann (Mutation und Selektion), und die Kategorie Fortschritt kommt darin gar nicht vor, nur die Kategorie Anpassung.
Bei Graeber und Wengrow meine ich ein Vorurteil herauszuhören, nämlich, dass alle Intellektuellen, die den grossen historischen Entwicklungen nachspüren, «Evolutionisten» seien. Dem halte ich entgegen, dass es durchaus möglich ist, historische Umbrüche zu beschreiben, ohne sie als zwangsläufige Entwicklungen auf dem Weg der Menschheit anzuschauen. Entscheidend ist, dass man plausible Ursachen für beobachtete gesellschaftliche Veränderungen angeben kann und diese möglichst überprüfbar sind.
7) Marija Gimbutas, The Godesses and Gods of Old Europe, Myths and Cult Images, 1982
8) Johann Jakob Bachofen vertrat mit seinem 1861 erschienenen Werk Das Mutterrecht eine evolutionistisch ausgerichtete Anthropologie. Aussergewöhnlich war seine positive Bewertung von Gesellschaften mit Verwandtschaftsrechnungen nach der Mutter. Er gilt als Begründer der Matriarchatstheorien. Hier ist jedoch anzumerken, dass feministische Historikerinnen wie Gerda Lerner bereits 1986 feststellten, dass «Matriarchate», verstanden als Herrschaft der Frauen über Männer, niemals existiert haben. Deshalb benützen viele feministische Forscher/innen den Ausdruck Matriarchat nicht, sondern sprechen von matrilinearen (Verwandtschaftsrechnung nach der Mutter) oder matrizentrischen (Stellung der Mütter ist zentral) Gesellschaften, so auch Gimbutas und Meier-Seethaler. Bachofens Bedeutung liegt darin, dass er Hinweise über mutterrechtliche Bestimmungen überhaupt zur Kenntnis nahm und nicht zum Vornherein abwertete.
9) Zwei gut dokumentierte matrizentrische Gesellschaften, die ihre nicht-patriarchalen Strukturen bewahrten, sind die Minangkabau auf Sumatra und die Mosuo in Südchina.
10) – Der Archäologe Colin Renfrew anerkannte, dass seine Hypothese des Ursprungs der indoeuropäischen Kultur durch die Archäogenetik widerlegt und dafür Marija Gimbutas’ Theorie bestätigt worden ist. vgl. Memorial Lecture zu Ehren von Marija Gimbutas, 2018 https://www.youtube.com/watch?v=pmv3J55bdZc. Vgl. auch Wolfgang Haak and others «Massive Migration from the steppe was a source of Indo-European Languages in Europe », Nature 522, 2015, p. 207-211. Dass die Lehrbücher inzwischen nicht korrigiert sind und auch der Wikipedia-Eintrag zu Marija Gimbutas’ Werk diesbezüglich falsch ist, ist ärgerlich.