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Laure Wyss nannte ihr Schreiben «mein schwieriges, mein einziges Handwerk». Das Schwierige umfasste mehr als die Mühen, damit jedes Wort zutraf, an der richtigen Stelle stand und sich Satz an Satz fügte. Zum Aufreibenden gehörte auch die Kalamität des Anfangens.
10.11.77
[…] Die Frau kommt auf mich zu: Sind Sie bekannt hier?
Sie hat ein ziemlich neues Gebiss, das graue Haar streng nach hinten gekämmt, einen grünen Lodenmantel, in der Freundlichkeit und Sprache scheint sie eine Frau vom Zürcher Land, in der Bestimmtheit der Landfrau, im Zögern eines Stadtbenehmens, aber doch sehr direkt, und auch ein wenig vorwurfsvoll, weil sie bis jetzt offenbar keine einheitliche Auskunft bekommen hat. Sie wolle auf den Zollikerberg, so bei der Rehalp. Sie müsse mit dem Tram Nr. 11 fahren, meine ich, sie etwas unwirsch, man habe ihr Nr. 3 gesagt, aber sie wolle lieber zu Fuss gehen und ein wenig schauen. Ich sage, nach einigem Nachdenken – ich muss mir auch immer den Standort und die Richtungen überlegen – nein, nein, es ist Nr. 11 vom Bellevue aus. Ob sie wisse, wie zum Bellevue kommen? Nein, sie kennt die Stadt nicht […]. Ich schlage vor, sie solle doch bis in die Rehalp fahren und von dort zu Fuss in den Zollikerberg, das sei schön, sie könne auch den Weg durch den Wald einschlagen. Sie geht bereitwillig darauf ein, ich glaube es ihr aber nicht, sie wird genau das machen, was ihr gefällt. Ihr Ziel, scheint mir, ist nicht der Zollikerberg, nur die Richtung gegen den Zollikerberg, und ich stelle mir vor, dass sie etwas überprüfen will, die Gegend erschnuppern. […] Vielleicht will sie, durchs Anschauen, etwas auf die Spur kommen, etwas verstehen, das ihren Überlegungen fremd ist? Ihrer Lebensart nicht entspricht? Sie ist entschlossen, zu wissen, sich Klarheit zu verschaffen. […]
Aber die Frage:
Sind Sie bekannt hier?
die verfolgt mich. Sie macht mich unruhig.
Ich bin nicht bekannt hier, kann keine Auskünfte geben. Aber, sage ich mir, warum dürfen nur Dichter und Schriftsteller Tagebücher über ihre Zeit schreiben, aufschreiben, mit wem sie Tee tranken und wann sie Kopfweh hatten? Und was Bruno Walter gesagt habe und wann er ins Tessin weitergereist sei? Das schüchtert uns ein, weils Berühmtheiten sind. Ich schreibe ein Tagebuch, als Frau, als Mensch im Jahre 1977, als jemand, der sich schreibend klarer werden will, aber nicht hinterhältig ist und nicht mit Literatur spienzelt, nicht kokettiert mit einer eventuellen Veröffentlichung, als ein Mensch, der so alt geworden ist, dass er seine eigenen Empfindungen nur noch halbernst nimmt, sein Rückenweh ignoriert.
Das schreibende Ich im Tagebucheintrag behauptete, keine Auskunft geben zu können, und gab sogleich eine Auskunft. Dieses Ich focht einen eigensinnigen Kampf aus mit den grossen Tagebuchschreibern seiner Zeit, als ob es ihnen die Leichtigkeit neidete, «ich» zu sagen. Namen nannte es keine, aber Max Frisch hatte im literarischen Tagebuch eine bevorzugte Prosaform gefunden. Und Paul Nizon, der als Dreissigjähriger seine Stelle bei der «Neuen Zürcher Zeitung» aufgegeben hatte, veröffentlichte soeben sein erstes Journal, in dem er seine Identitätsfindung als Schriftsteller schilderte. Beide waren Väter und hatten ihrer literarischen Existenz den Vorrang gegeben.
Laure Wyss befand sich, als sie diesen Tagebucheintrag verfasste, in einer widersprüchlichen Lebenslage. Im Jahr zuvor war sie beim «Tages-Anzeiger» in den Ruhestand geschickt worden, verabschiedet mit guten Wünschen und einer Thermosflasche, damit der Tee auf ihrem Schreibtisch nicht erkalte. Doch von einer Rentnerin, die sie jetzt war, wurde gemeinhin erwartet, dass sie ein Leben als stille Zuschauerin des Geschehens um sie herum führe. Laure Wyss sah sich keineswegs als schweigsame Ehemalige, sie wollte weiterhin publizieren und sich auf literarisches Gebiet vorwagen. Die Schreibenden ihrer Generation aber, allen voran Max Frisch, zwei Jahre älter als sie selbst, hatten den literarischen Durchbruch längst geschafft oder waren gescheitert. Die nachrückende Generation war mit ersten Romanen, ersten Erzählbänden und Theaterstücken hervorgetreten. Etlichen unter den jüngeren Autoren hatte sie Aufträge für das «Tages-Anzeiger Magazin» erteilt, sie hatte die Reportagen und Berichte von Hugo Loetscher, Peter Bichsel, Paul Nizon, Hermann Burger und Adolf Muschg, später von Isolde Schaad und Mariella Mehr gelobt, kritisiert, verbessert und dem Publikum präsentiert. Sie hatte gefördert und verfügt. Sie hatte sich einen journalistischen Ruf erworben, und dieser Ruf war zunächst die Massgabe für alles, was sie nun tat.
Im Eintrag vom November 1977 rang Laure Wyss mit ihrem Wunsch, einen literarischen Text schreiben zu wollen, sie ermutigte sich dazu und band sich sogleich zurück. Das Tagebuch-Ich verbat sich die künstlerische Freiheit, zur Selbstdarstellung Erfundenes mit Tatsachen zu mischen, und beteuerte, die begonnenen Notizen dienten allein der Gewissenserforschung und dem persönlichen Erkenntnisgewinn. Diesem Ich jedoch ist so wenig zu trauen wie der Frau, die sich nach dem Weg erkundigte und dabei längst ihre eigene Richtung eingeschlagen hatte. Die Behauptung des Ichs, ohne literarischen Ehrgeiz zu schreiben, steht im Widerspruch zur wohldurchdachten Erzählweise. In diesem Tagebucheintrag fand Laure Wyss eine literarische Form für die Schwierigkeiten eines späten Beginns. Sie nahm vorweg, was für ihr literarisches Werk charakteristisch werden wird: die Aufspaltung und Spiegelung des erzählenden Ichs in den Figuren. Sie war die Suchende, die zum Zollikerberg wollte. (…)
Ihr erstes Buch wollte Laure Wyss zum Internationalen Jahr der Frau 1975 herausbringen. Sie arbeitete an Gesprächsprotokollen, interviewte Frauen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz aufgewachsen waren, ihr Auskommen als Serviertochter, als Weberin, als Bibliothekarin und Sekretärin verdienten oder den Haushalt führten und Kinder versorgten. Sie fragte nach ihrem einstigen Wünschen und Wollen und nach den Tatsachen, die das Wünschen beschränkt hatten. Die Antworten auf den «Fragebogen an Frauen jeden Alters» im «Tages-Anzeiger Magazin» hatten sie ermutigt. Peter Keckeis vom Verlag Huber sagte zu, und der Buchclub Ex Libris wollte einen Teil der ersten Auflage übernehmen. Der Geschäftsführer von Ex Libris, Fritz Lamprecht, las das Manuskript als Erster und schreckte zurück.
«Ich bin etwas hin- und hergerissen! Beeindruckt, erschüttert, aber auch voller Fragen. Zum Beispiel: Gibt es denn überhaupt keine positiven Schicksale, gibt es keine Frauen, die auch einmal sagen, sie hätten Freude gehabt an ihren Kindern, sie seien glücklich gewesen?»
Die Frauen in den Protokollen erzählten aus ihrer Sicht, wie sie sich als Mädchen einreden liessen, dümmer als die Knaben zu sein, wie sie sich im Leben zu wenig herausgenommen hatten und vor lauter Heimweh vorzeitig zurückkehrten, wenn sie ins Ausland durften, wie sie oft ungewollt zum ersten Kind kamen und heiraten mussten, mit den Kindern und dem Haushalt nicht ausgefüllt waren oder mitverdienten, weil der Lohn des Mannes nicht reichte, und sie sich am Wochenende um die betagten Eltern kümmerten.Es waren durchschnittliche Lebensläufe, die, weil sie ungeschönt waren, die kleinen alltäglichen Entmutigungen und Benachteiligungen aufzeigten.
(…) Fritz Lamprecht las die Berichte von Laure Wyss als Angriff auf das schweizerische Ideal der Ehefrau und Mutter, befürchtete im illusionslosen Blick der Erzählenden zu viel kämpferische Haltung und zu wenig Bejahung der herrschenden Verhältnisse. Die Veröffentlichung des Emanzipationsbuches «Frauen im Laufgitter» von Iris von Roten lag siebzehn Jahre zurück. In dieser Zeit hatte kein Schweizer Verlag gewagt, ein kritisches Buch zur Frauenfrage in sein Programm aufzunehmen. Der Boykott von damals, Lektorinnen, die den Bettel hinwarfen, Buchdrucker, die entrüstet aus der Druckerei stürzten, hämische Zeitungskommentare und ein feindseliges Publikum, ein solcher Fehlschlag wirkte nachhaltig in den Köpfen vieler Verleger. Fritz Lamprecht und Peter Keckeis vom Verlag Huber kamen überein, dass dieses Buch ein Vorwort brauche, das den Inhalt ein wenig zurechtrücke und dem Ganzen Glanz aufsetze.
Lieber Max Frisch,
am 15. Mai habe ich an Sie gedacht und mir sehr gewünscht, dass es Ihnen gut gehe – aber hier ist kein Geburtstagsbrief, sondern eine brutale Anfrage:
Ich brauche dringend ein Vorwort für eine Broschüre «Frauen erzählen ihr Leben: 14 Protokolle» (erscheint im September bei Huber Frauenfeld), von einem Mann mit einem grossen, einem berühmten Namen – damit überhaupt jemand zur Broschüre greife, sagt Keckeis –, und die Aufschreiberin der Fraueninterviews wünscht sich ausserdem jemanden, der ihre journalistische Arbeitsweise kennt.
[…] Gewagt hätte ich es von mir aus nie, auch so fast nicht, aber nun greife ich doch direkt zu den Sternen – zu Max Frisch.
Ich wäre Ihnen dankbar für eine Karte mit einem Nein, selbstverständlich ohne jede Begründung – wie sehr würde ich das Nein verstehen –, mit einem Ja, das heissen würde, ich dürfte Ihnen mehr Angaben machen und Ihnen einen Teil des Manus zur näheren Prüfung zuschicken – herzlichen Dank dafür, dass Sie sich überhaupt Zeit nehmen, dieses Ansinnen zu überlegen, und mit besten Grüssen bitte auch an Ihre Frau.
Das Wort «Broschüre» war eine Untertreibung für ein Buch von beinahe 200 Seiten, jedoch eine korrekte Bezeichnung für die Ausstattung des Buches, das als einfache Broschur herauskommen sollte, mit weichem Pappeinband und geklebt statt geheftet. Weshalb duckte sich die «Aufschreiberin» dieser «Broschüre», wenn sie «direkt zu den Sternen» greifen wollte? Sie hätte doch auf derselben Augenhöhe schreiben können als Leiterin des «Tages-Anzeiger Magazins», das Max Frisch als die beste Publikation der Schweiz gelobt hatte. Tat sie es nicht, weil sie mit ihren eigenen Ambitionen als Autorin nicht zurechtkam?
Max Frisch antwortete kollegial.
«Liebe Laure Wyss,
Sie bringen mich in Verlegenheit. Die Broschüre, die Sie herausbringen, wird mich sehr interessieren (nachdem meine Mutter mir gesagt hat, dass ich von Frauen nichts verstehe) – aber es ist nicht nur Faulheit, wenn ich Ihnen das Vorwort nicht schreibe; ich halte es für einen Unfug, dass die Verleger immer wieder meinen, sie müssen auf diese Weise für ihre Bücher werben, oder anders gesagt: ich halte meinen Namen nicht für einen Gütestempel. Ich muss Ihnen gestehen, dass mir solche Texte (Texte überhaupt) gar nicht so leicht von der Hand gehen. Das alles heisst: eigentlich möchte ich an meine Arbeit gehen, aber ich bin gespannt auf die 14 Protokolle – als Leser.»
Mit seinem ironischen Schlenker gab er ihr höflich zu verstehen, den Falschen für ein Buch zur Emanzipation angefragt zu haben, und er war unmissverständlich, dass sein literarisches Schaffen Vorrang hatte. Möglicherweise rührte seine Antwort an ihrem eigenen Dilemma.
Schliesslich erschien das Buch mit einem Nachwort der Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen. Laure Wyss schrieb im Vorwort:
Am liebsten hätte ich diesen Berichten den Titel gegeben «Stimmen, die ich hörte» oder «Worte, die sie brauchten» oder ganz einfach «Ich». Dieses Wort aber meint dann schon das, was durch diese Auskunft über sich selbst herausgekommen ist, nämlich das Bemühen um ein Stück eigenen Bodens, auf dem, endlich, aber nur halb gesichert geschrieben steht: das bin ich. […] Wer ein Stück weiblicher Biografie in der Schweiz absolviert hat, sieht sich hier erkannt.
Laure Wyss war nicht die Autorin, die innerlich ungerührt protokollierte, im Gegenteil, sie war eine Involvierte. Sie entdeckte in den Erzählungen Parallelen zu ihren Schwierigkeiten als Mutter und Berufsfrau, sah die Wirkungsweise von Einstellung und Konvention, die Biografien in ähnliche Bahnen lenkten. Doch im Vorwort schrieb sie:
Ich war das Aufnahmegerät.
Sie setzte sich einer Maschine gleich, die registrierte und wiedergab. Sie nahm sich selbst zurück, ordnete das eigene Ich der Selbstverpflichtung unter, die Emanzipation der Frauen vorwärtszubringen. Sie verneinte, indem sie sich als «Aufnahmegerät» verstand, auch einen literarischen Anspruch.
Zwei Jahre später hatte sie ihr «Stück eigenen Bodens» betreten und veröffentlichte «Mutters Geburtstag», ihr erstes stark autobiografisches, literarisches Werk. Programmatisch hatte sie dem Buch in der dritten Person ihre Selbstsuche vorangestellt:
Jetzt sucht die Frau ihre eigene Wahrheit. Hat sie sich nicht oft damit beschäftigt, was die andern taten, was sie dachten, wie sie redeten, dabei vergass sie sich selbst, liess sich liegen wie ein zerknülltes Taschentuch, las sich nicht mehr auf. Jetzt fragt sie nach verlegten Dingen, nach verloren gegangenen Wörtern, sie will wissen: wie war es, wie war es wirklich, wie, zum Beispiel, war es mit dem Kind. Die Frau will sich der Erinnerung erinnern.
Die Selbstsuche war für Laure Wyss mit einem Wahrheitsanspruch verbunden, wie sie es im Tagebucheintrag vom November 1977 festgehalten hatte. Sie strebte nach einer subjektiven Wahrheit, der «eigenen Wahrheit». Wie sehr sie mit sich rang und ihr die Widersprüche ihres späten Beginns zu schaffen machten, gestand sie der Basler Journalistin und Schriftstellerin Salomé Kestenholz:
Darf ich das alles vor Ihnen hinwerfen? Ich halte es nämlich im Augenblick mit mir fast nicht aus. Dann plagt mich «Mutters Geburtstag», ich musste die Korrekturen lesen und fand es eben doch schlecht, unreif, zu persönlich. […] Bin in furchtbaren Zweifeln. Nahm ich mich nicht viel zu wichtig? Ein Frauenthema, aber ein unausgebackenes, und die Verfasserin ist 65, bei diesem Gestammel!
Die drei Buchstaben «ich» waren ihr nie leicht gefallen, oft umging sie das Wort auf ihren Kalenderzetteln und Notizblättern. Es fiel ihr nur leicht, wenn sie sich als Journalistin hinter einem Pseudonym verstecken konnte. Als «Verena X.», ihr geläutertes, öffentliches Ich, hatte sie zum Muttertag 1954 über ihre Erfahrungen als Alleinerziehende geschrieben und das Thema ihres ersten autobiografischen Buches vorweggenommen. «Mutters Geburtstag» schrieb sie jedoch nicht als Journalistin und nicht unter einem Pseudonym. Die Furcht lähmte sie, von sich zu viel preiszugeben, sich im fortgeschrittenen Alter mit Privatem zum Gespött zu machen. Sie tat sich zugleich schwer damit, Fakten mit Fiktivem, Persönliches mit Erfundenem zu mischen und sich hinter einer Fiktion zu verstecken. Dann sass ihr wieder die Angst im Nacken, den eigenen literarischen Anspruch nicht erfüllen zu können und im öffentlichen Urteil durchzufallen.