Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03650.jsonl.gz/354

Tim-Farbausgabe
Als Tim noch Nashörner in die Luft sprengte
Zurückgebliebene Afrikaner und zum Schuss freigegebene Wildtiere: Eine ältere Fassung von «Tim im Kongo» macht überdeutlich, wie sehr Hergé von den damals vorherrschenden Denkweisen beeinflusst worden ist.
Mit «Tim im Kongo», «Tim in Amerika» und «Die Zigarren des Pharaos» startet Carlsen die Neuausgabe der Erstauflagen der Farbversionen der Abenteuer des cleveren Reporters mit der charakteristischen Tolle aus der Feder Hergés (je zirka 33 Franken). Dies erlaubt – zusammen mit den heute regulären Ausgaben und den Urfassungen in schwarz-weiss – eine vergleichende Lektüre aller drei Fassungen. Durch diesen Einblick in den Schaffensprozess werden markante formale und inhaltliche Differenzen erkennbar. Der Fokus soll hier auf «Tim im Kongo» gelegt werden.
Hergés Verleger hatte gefordert, Tim nach seinem Ausflug in die Sowjetunion aus dem Jahr 1929 in den Kongo zu schicken. Der Grund: Auf die Kritik am Bolschewismus sollte ein Hohelied auf die belgische Kolonie in Afrika folgen. Der Künstler fügte sich schliesslich trotz anderen Plänen – eigentlich hätte er den pfiffigen Reporter anschliessend gleich nach Amerika schicken wollen.
Klischees on masse
Nachdem das Werk im Zuge der Dekolonialisierung in den 50er-Jahren zunehmend in die Kritik geriet, gab Hergé zu, bei der Darstellung des schwarzen Kontinents von den Vorurteilen des bürgerlichen Milieus, in dem er verkehrte, geprägt worden zu sein. Dementsprechend liest sich auch die Urfassung von 1931 denn auch aus heutigem Blickwinkel: Von der karikierend dargestellten Physiognomie der «Eingeborenen» bis zu ihrer Charakterisierung als tumbe, kleinkindlich daherbrabbelnde, abergläubische und zivilisatorisch zurückgebliebene Spezies Mensch. Dementsprechend freudig wird Tim bei seiner Ankunft als «kultivierter» Europäer begrüsst.
An diesem paternalistischen Geist hat sich auch in der ersten Farbfassung von 1946, die von ursprünglich 110 auf die standardisierten 64 Seiten gekürzt worden ist und nun als Faksimiledruck vorliegt, wenig geändert. Der Lobgesang auf den Kolonialismus wurde lediglich punktuell in Text und Bild entschärft: So lernen etwa die afrikanischen Kinder in der Schule nichts mehr über Belgien, sondern von Tim, der ganz der Philanthrop für einen kranken Lehrer eingesprungen ist, die Addition.
Savanne als Jagdparadies
In den 1970er-Jahren hat der aufkommende Tierschutzgedanke zudem dafür gesorgt, dass Tim in der endgültigen Fassung nicht mehr kurzerhand ein Nashorn in die Luft jagt, nachdem seine Kugeln vom harten Panzer wirkungslos abgeprallt sind. Ansonsten ist der Protagonist auch heute noch ganz der alte Grosswildjäger geblieben, der sich die Natur mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit untertan macht und aus purem Zeitvertrieb munter Antilopen, Affen und Büffel niedermetzelt.
Paradoxerweise ist es jedoch gerade diese reduktionistische Darstellungsweise der afrikanischen Kultur, diese Aufladung mit Klischees, welche die Faszination dieses Albums auch heute noch ausmacht. Gleichzeitig handelt sich um ein wertvolles Dokument, das die europäische Sichtweise auf Afrika in jenen Jahren wohl recht authentisch aufzeigt.
Ein Desiderat bleibt zum Schluss bestehen: Dasjenige nach einer Neuauflage der schwarz-weissen Urfassungen, die oft weit mehr als 100 Seiten umfassten. Diese waren nach ihrem Erscheinen Anfang der 90er-Jahre relativ schnell vergriffen und sind höchstens noch hie und da zu nicht gerade kleinlichen Sammlerpreisen aufspürbar.
Dave Schläpfer, im November 2008
Mehr Hintergrundinformationen enthält der Sekundärband «Auf den Spuren von Tim und Struppi»