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Wenn man mit dem Zug 90 Minuten aus Paris herausfährt, gelangt man nicht nur räumlich in eine andere Welt. Auch politisch ist der Graben zwischen dem Zentrum und den ländlichen Gebieten in Frankreich gross. Je weiter man sich von Paris entfernt, desto grösser ist die Unterstützung für den Front National, die rechtsextreme Partei, die mit ihrer Vorsitzenden Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen antritt.
Das belegt die jüngste Regionalwahl und das zeigen auch Umfragen unter den Menschen, die an der Vorort-Bahnlinie "RER D" wohnen, die Paris von Norden nach Süden durchquert und bis in 80 Kilometer entfernte Dörfer im Umland führt.
"Es ist eine Spaltung zwischen den Gewinnern und Verlierern der Globalisierung", erklärt Jerome Fourquet vom französischen Meinungsforschungsinstitut Ifop. "In den Aussenbezirken, den wirtschaftlich heruntergekommenen ehemaligen Industriegebieten und den ländlichen Enklaven fühlen sich die Menschen im Stich gelassen, isoliert."
Die "Verlierer der Globalisierung" leben zum Beispiel in Villeneuve-Saint-Georges. Der Pariser Vorort ist von Betonbauten und der Autobahn geprägt, die Arbeitslosenquote liegt 50 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Die 43-jährige Isabelle Cauchard wohnt hier mit ihren acht Kindern und sagt: "Politiker kommen niemals hier her. Nein ... wir zählen gar nicht."
Ein tiefer Stadt-Land-Graben
Dieses Gefühl trügt, denn bei der Präsidentschaftswahl im April und Mai werden die Stimmen der Menschen in den Vorstädten und ländlichen Gegenden den Ausschlag geben: Weniger als ein Drittel der Wähler lebt in den grossen Stadtzentren. Demgegenüber steht die Mehrheit der Wähler aus den Vorstädten (ein Drittel), den ländlichen Gebieten (ein Viertel) und den mittelgrossen Städten (ein Zehntel). Bei diesen Gruppen ist die Unterstützung für Le Pen und den Front National gross.
Bei den Regionalwahlen im Jahr 2015 stimmten 30 Prozent der Wähler, die in einem Radius von 20 bis 30 Kilometern um Paris herum wohnen, für die rechtsextreme Partei. Geht man noch weiter, in einen 70 bis 80 Kilometer Radius, wählten ihn sogar 39 Prozent, wie das Ifop-Institut bekanntgab.
"Er wurde dämonisiert, geächtet, aber ich denke nicht, dass der FN eine schlechte Partei ist", sagt der 30-jährige IT-Techniker Lucien Ngando aus Villeneuve Saint-Georges, während er an der Bahnstation des Ortes auf den Zug nach Paris wartet. "Wir sollten ihm eine Chance geben, die Dinge in Frankreich zu ändern." Ngando sagt, er ärgere sich besonders über die Voreingenommenheit der Medien, die den Zentristen Emmanuel Macron bevorzugten.
Ein weiterer Faktor für die hohen Zustimmungswerte für den FN könnte auch die Präsenz seiner Kandidatin in Vororten und Dörfern sein. Ngando etwa sagt, dass Le Pen aber auch der linke Kandidat Jean-Luc Melenchon mehr Zeit ihres Wahlkampfs ausserhalb der Pariser Innenstadt verbrachten, als andere Bewerber wie Macron oder der Konservative Francois Fillon.
Le Pen oder ein leerer Umschlag
Wenn man noch weiter ins Pariser Umland geht, ist auch hier die Zustimmung für den Front National gross. Im Städtchen Malesherbes etwa, das idyllisch 75 Kilometer von Paris zwischen Feldern und Wäldern liegt, erreichte der FN bei den Regionalwahlen 42 Prozent.
Le Pen verstehe die Probleme der ländlichen Gebiete besser als andere, erklärt die 33-jährige Olivia Berthaut aus Malesherbes. Sie meint damit etwa Schwierigkeiten, auf dem Land einen Arzttermin zu bekommen, langsames Internet oder Pläne, die "RER D"-Zugverbindung nach Paris einzustellen. Berthaut ist arbeitslos und zog wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten nach Malesherbes. Bisher hat sie immer für Mitte-Rechts-Kandidaten gestimmt. Jetzt sagt sie, dass die einzige Wahlalternative ausser Le Pen ein leerer Umschlag in der Wahlurne sei.
Le Pen hat den Kampf für "einfache Arbeiter" gegen "Globalisten" zu ihrem Hauptwahlkampfthema gemacht. Sie stellt sich dabei als deren Schild gegen Finanzmärkte und europäische Gesetzgeber dar. Diese Versprechen haben auch den 37-jährigen Schulsozialarbeiter Frantz Chipan überzeugt. Früher wählte er wie Berthaut Mitte-Rechts, jetzt ist er Anhänger von Le Pen. "Ich bin 'Marine'", sagt er, während er an der Bahnstation in Malesherbes aussteigt. "Ich kann mich mit ihrem Denken identifizieren. Mit dem, was sie sagt, fühle ich mich sicherer."
Kein Verständnis für Front National
Auch FN-Politiker selbst haben den Unterschied zwischen Stadt und Land bei ihren Wählern bemerkt. "Auf vielen Pariser Strassenmärkten werden wir nicht sehr herzlich begrüsst", sagt Wallerand de Saint-Just, Chef des Front National für den Grossraum Paris. "Aber in ländlichen Orten heissen sie uns mit offenen Armen willkommen."
Nimmt man wieder den Zug zurück ins Pariser Stadtzentrum, sinken die Zustimmungswerte für den FN. Nur zehn Prozent wählten ihn hier 2015. Am Gare de Lyon steigt der 32-jährige Produktionsleiter Victor Leclere gerade in den Zug. Er sagt, dass er sich in seinem multikulturellen Viertel im Herzen der Hauptstadt wohlfühle. Besonders für die Anti-Immigrationspolitik des Front National hat er kein Verständnis.
"Wir sind daran gewöhnt, alle zusammen zu leben", sagt Leclere, der bisher die Sozialisten gewählt hat. "Ich denke, es ist Besorgnis erregend, welches Bild der Front National zeichnet. Als wenn Frankreich nicht schon längst ein multikulturelles Land wäre."
(Reuters)