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Je südlicher, desto gefährlicher für eine Schwarze Band in den sechziger Jahren. Tina Turner kam selbst aus dem Süden, aus Nutbush, einem Weiler eine gute Stunde nordöstlich von Memphis, Tennessee. Dort wurde sie 1939 als Anna Mae Bullock geboren. Aber Mississippi, wo Ike Turner aufwuchs: noch härteres Terrain. Als Ike und Tina Turner ab 1964 eine weisse Frau im Auto hatten, mussten sie Rhonda Graam, Turners spätere Assistentin, beim Tanken verstecken. Es hätte nach Entführung ausgesehen. Oder nach Integration, praktisch gleiches Vergehen. Als Kleinkind hatte Ike Turner zusehen müssen, wie ein Weisser seinen Vater, einen Prediger, invalide prügelte; kein Krankenhaus nahm ihn auf, der Vater starb an den Folgen.
Der Weg von Tina Turner aus diesem Rassismus und dann auch aus dem schweren Missbrauch durch ihren Ehemann und Bandleader Ike Turner hin zur Solokünstlerin mit über hundert Millionen verkauften Alben und zur Märchenvilla samt Traumhochzeit mit 74 Jahren in Küsnacht am Zürichsee war extrem in jeder Hinsicht. Ihre Geschichte handelt von Verwandlungen, die so total waren wie ihre in jedem Auftritt offensichtliche Körperspannung und ihr Wille, mit knapp fünfzig im Videozeitalter als Superstar wiedergeboren zu werden.
Wie aus gutem Haus
Es fängt bei der Sprache an: Schon als junge Sängerin, Tänzerin und Aushängeschild der Band Ike & Tina Turner vermeidet sie, zu sehr nach Black English zu klingen. Als das Duo 1971 nach über zehn Jahren Touren mit einer Coverversion von «Proud Mary» endlich einen richtigen Hit landet, darf das Paar in den Fernsehshows nicht nur spielen, sondern auch Platz nehmen und reden. Ike schweigt, er schämt sich für seine Sprache (von der Gewalt in der Ehe erfährt die Welt erst 1981 in einem Interview in der Zeitschrift «People», damals in einer Auflage von dreissig Millionen).
Tina sprudelt in den Shows von Dick Cavett oder Johnny Carson, sie spricht schnell und fröhlich. Aber sie zieht die Vokale nicht melodisch lang, das r am Ende der Wörter spricht sie, sagt «singer», nicht «singah», und sie verschluckt kein g wie in «nothin’». Sie spricht wie eine Tochter aus besserem Haus, die sich «Manieren» in einem weissen Haushalt abschaute, wo sie als Babysitterin arbeitete (wie Turner es selbst wiederholt beschrieb). Ihre Eltern waren früh abwesend, ab sechzehn Jahren stand sie auf der Bühne.
In den Achtzigern dann, besonders nach dem Welterfolg ihres Albums «Private Dancer» (1984), war von Schwarzer Färbung gar nichts mehr übrig. Turners Diktion verwischte die Spuren, sie versteckte die Haare bis zuletzt unter Perücken, die US-Staatsbürgerschaft tauschte sie ein für den Schweizer Pass.
Man kann die Geschichte der letzte Woche im Alter von 83 Jahren in Küsnacht nach langen Krankheiten verstorbenen Sängerin und Performerin ganz von der Gegenwart aus erzählen: als ersten #MeToo-Fall der Popgeschichte, hatte sie sich doch 1976 nach sechzehn Jahren von ihrem gewalttätigen Mann getrennt; als Empowerment einer Schwarzen Frau, die sich danach im rassistischen Musikbusiness an die Spitze sang. Turners Biografie wird dann zum Bauplan für spätere Schwarze Megastars wie Beyoncé.
Ähnlich erzählen es das Broadway-Musical und ihre zweite Autobiografie, «My Love Story» (beide 2018), sowie der Dokumentarfilm «Tina» von 2021. An allen Projekten war Turner beteiligt. Da war sie bereits schwer krank, und die Offensive mit Broadway, Buch und Film war ihre Art der «closure», wie Ehemann Erwin Bach im Film sagt. Auch im letzten Akt nahm sie das Heft selbst in die Hand.
Transatlantische Kräfte
Doch Turners Emanzipation kommt aus einer anderen Zeit. Ihre Freiheit bestand auch darin, nicht zu jedem Zeitpunkt auf ihre Schwarze Geschichte und ihre Traumata reduziert zu werden: nicht auf den deformierten Ehemann und seine Vorliebe für Zuhälter, Waffen und Drogen wie aus dem Blaxploitation-Kino; nicht darauf, ein Leben lang die dann doch ähnlichen Funk- und Soulnummern singen zu müssen; nicht darauf, ein fauchendes Girl im kurzen Rock sein zu müssen, das jede Melodie zerschreit. Ihre Freiheit bestand gerade auch darin, neu zu definieren, was Schwarzsein in der Öffentlichkeit bedeuten kann, und dabei ein paar Klischees zu verneinen. Turners Emanzipation bestand darin, nicht in jedem Moment derart Schwarz sein zu müssen.
Die übliche Empowerment-Erzählung blendet zudem einige Besonderheiten von Turners Epoche aus. Zum Beispiel die Systemkonkurrenz zwischen dem Kommunismus und dem Kapitalismus; das transatlantische Popverhältnis zwischen den USA und Grossbritannien formte so gut wie jeden Mainstream-Act auf Jahrzehnte, ausser Abba und zuletzt die Scorpions. Tina Turner, so unbestritten ihre Talente und ihre Widerstandsfähigkeit waren, hätte ohne diese kulturellen Kräfte nicht zu dieser Überfigur wachsen können.
Selbst wenn ihr erst 1976 die Flucht aus der Ehe und der von Ike dominierten Band gelang, markierte 1966 bereits einen Wendepunkt für sie. Ike erreichte nie die musikalischen Höhen und die gesellschaftliche Strahlkraft von Sly and the Family Stone, seine Musik blieb lange auf das Segment der Schwarzen Musik beschränkt. 1966 war es dann der weisse Superproduzent Phil Spector, später wegen Frauenmord in Haft, der Tina Turner mit «River Deep, Mountain High» musikalisch neue Welten zeigte. Hier konnte sie eine weitgreifende Melodie singen und brach erstmals aus dem künstlerischen Käfig der Soul-und-Rock-Löwin aus.
In den USA floppte die Single aus einem einfachen Grund: Nicht Schwarz genug für die R-’n’-B-Radios, nicht weiss genug für die Top Forty. Ein Hit wurde «River Deep, Mountain High» nur in Grossbritannien, wo der Radiomarkt nicht gleichermassen segregiert war. Von da an waren es britische Rockstars wie Mick Jagger, Rod Stewart und David Bowie, die Tina Turner verehrten, förderten und vernetzten, bis der ganz grosse Vertrag da war.
Die Boys im Griff
Die einzigartige Wende gelang abermals in England. Mit dem jungen Synthiemusiker Martyn Ware von Heaven 17 produzierte Turner eine elektronische Version von Al Greens «Let’s Stay Together». Es war weisser Soul, aber mit einer Schwarzen Stimme! Erneut: Hit in England, in den USA blieb es fast still. Wiederholte sich Ende 1983, was schon 1966 geschah? Zum Glück nicht ganz. Die Plattenfirma beschloss, in kurzer Zeit ein Album mit allen möglichen Produzenten und Autoren aufzugleisen. Tatsächlich klingt «Private Dancer» uneinheitlich, vom Sound wie vom Stil her, verkaufte sich aber schon im ersten Jahr zwei Millionen Mal.
Was den steilen Aufstieg der Mittvierzigerin mitverursachte, war nicht allein Tina Turners Kunst, jeden Song zu ihrem eigenen machen zu können. Der Medienwandel spielte mit, und das ist so erstaunlich wie folgerichtig. Erstaunlich, weil die oft sexistischen Musikvideos damals nicht unbedingt für eine Frau in ihrem Alter gemacht schienen. Folgerichtig, weil Turner im neuen Medium dennoch zeigen konnte, was für eine krasse Performerin sie war. Im grössten TV-Event der Achtziger, Live Aid im Sommer 1985, trat sie unter anderem mit Mick Jagger und David Bowie auf, und zwei Milliarden Menschen weltweit schauten zu, wie diese Sängerin im kurzen Lederrock und auf hohen Absätzen die mittelalten Boys im Griff hatte, konditionell wie stimmlich.
In späteren Jahren sagte Turner selbst von sich, sie sei nicht besonders schön gewesen. Das klang nie kokett bei ihr. Weil sie stets hinzufügte: Ich wusste aber, wie man sich kleidet. Sie begriff den Akt der Verwandlung als Geschenk. In diesem Spiel des offenen Versteckens liegt nur einer der vielen Triumphe von Tina Turner, dem vermeintlichen Schicksal zu entkommen und die Regeln neu zu verhandeln.