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Ich höre die Menschen vom Verfall unserer Werte sprechen. Davon, dass der Mensch selbst zunehmend an Wert verliere. Was ist denn der Wert eines Menschen? Eine uralte Frage, die Philosophen seit ewigen Zeiten umtreibt.
Perspektivenvielfalt
Ich habe beobachtet, dass wir Menschen verschiedene Perspektiven oder Kombinationen dieser Perspektiven einnehmen, um zu definieren, was der Wert eines Menschen ist – von anderen und von uns selbst.
Manche schätzen den Wert nach den Tugenden eines Menschen ein, seinem Charakter, seinem Umgang mit anderen Menschen und mit Ereignissen in seinem Leben, seinem Beitrag zur Gesellschaft oder seiner eigenen Entwicklung.
Ein Grossteil unter uns bewertet den Wert eines Menschen nach seinem Beitrag zu unserer Wertschöpfung. Und so scheint es grosse Unterschiede zu geben zwischen Menschen auf Arbeitssuche, Managern, Hausfrauen, selbständigen Unternehmern oder (noch unentdeckten) Künstlern. Zwischen Generalisten und Spezialisten, zwischen Akademikern und Analphabeten. Andere wiederum werten Vermögen, Einkommen und Einfluss eines Menschen.
Einige beurteilen den Wert eines Menschen bereits vor seiner Geburt, sei es bei Trisomie 21 oder bei unerwünschten weiblichen Föten in einzelnen Kulturkreisen. Bleiben wir kurz bei der Gesundheit. Haben Menschen (Männer) mit prächtigem Bierbauch einen geringeren Wert als durchtrainierte „Ich fahre jede Woche mindestens 100 km mit meinem Mountainbike“?
Wiederum andere begutachten in ihrem Wertevergleich das Geschlecht eines Menschen, seine Nationalität oder Hautfarbe, sein Alter oder seine sexuelle Orientierung.
Eine weitere beliebte Perspektive ist jene, die den Wert eines Menschen skalenartig festlegt zwischen jenen, die tief in Traditionen verwurzelt und denen, die offen für neue gesellschaftliche und technologische Entwicklungen sind, zwischen politischen Einstellungen und religiösen Glaubensrichtungen jeglicher Art (Anarchisten inbegriffen).
Es geht gar so weit, dass dem Wert eines Menschen ein Preis gegenübergestellt wird. Der Mensch als Ware. Was kostet eine Niere auf dem Schwarzmarkt, was kostet eine Frau und welchen Preis müssen Paare für ein Adoptivkind an Behörden und Institutionen im Ausland zahlen?
Ich habe diese unterschiedlichen Perspektiven in Gesprächen und Diskussionen aufgenommen. Am Ende können wir uns aber auf eines einigen. Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft erklärt in Artikel 7: „Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.“ Menschenwürde gilt hier als Rechtsnorm auf den Wert eines Menschen und ist absolut formuliert. Martin Ebel hält in diesem Zusammenhang in seinem Artikel „Wie viel ist ein Menschenleben wert?“ fest: „Wert und Würde des Menschen sind auch an keine Leistungen gebunden; jeder Mensch ist wertvoll allein dadurch, dass er Mensch ist.“
Ist dies wirklich so?
Nehmen wir einige Institutionen und Branchen kurz unter die Lupe. Unser Staat tätigt Investitionen in die Infrastruktur unseres Landes. Dabei sind Entscheidungen zu treffen basierend auf einer Kosten-Nutzen-Analyse und meist nach der Ethik des Utilitarismus: das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl. Lohnen sich die Kosten für den Bau einer neuen Ampel mit Fussgängerstreifen an einer stark befahrenen Strasse im Verhältnis zu den vermiedenen Todesfällen? Die Kosten-Nutzen-Frage wird auch im Gesundheitswesen gestellt, etwa, ob sich eine Herzoperation an einem 78-jährigen Mann lohne. Versicherungen bemessen den Wert eines Menschen nach verschiedenen Berechnungsmodellen. Eines davon – relativ vereinfacht dargestellt – berücksichtigt neben Alter, Geschlecht und Gesundheit den Wertbeitrag zur Wertschöpfung in Form des Lohnes. Auf diese Weise gestalten sich auch die unterschiedlich hohen Entschädigungszahlungen an Hinterbliebene von Unglücks- oder Katastrophenopfern.
Ich erinnere mich an eine Umfrage im Kontext selbstfahrender Autos. Die Teilnehmer sollten moralische Dilemmata in einer Vielzahl von Szenarien lösen. Wen soll das Fahrzeug in einer tödlichen Gefahrensituation schützen? Die Insassen des Autos, bestehend aus einer jungen Frau und ihrer Grossmutter, oder den 50-jährigen Manager, der über den Fussgängerstreifen geht?
Entwicklung des Menschenwerts
In unserer Geschichte hat sich der Wert des Menschen über die Zeit als Folge gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen verändert.
Nun befinden wir uns inmitten der nächsten grossen Entwicklung, dem digitalen Wandel oder Industrie 4.0. Das positive Zukunftsparadigma (Utopie) geht davon aus, dass zwar viele Arbeitsplätze automatisiert und wegfallen, dafür aber neue Berufsfelder und damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Das negative Paradigma (Dystopie) sieht eine kommende hohe Arbeits- und Perspektivenlosigkeit voraus.
Welchen Einfluss wird die jeweilige Entwicklung auf den Wert des Menschen haben, auf unsere sozialen Normen? Wir haben die Möglichkeiten und rechtlichen Rahmenbedingungen, um die Antwort auf diese Frage selbst aktiv zu gestalten und zu prägen im Bewusstsein von Artikel 7.