Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/1442

Steppenschaf oder Urial
Ovis vignei
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Afghanistan, das im asiatischen «Mittleren Osten» gelegene Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist mit 652 000 Quadratkilometern Fläche fast doppelt so gross wie Deutschland und ein wildes, zerklüftetes Gebirgsland. In seinen zentralen und östlichen Bereichen ist es durch die mächtigen, vergletscherten Gebirgszüge des Hindukusch geprägt, der eine westliche Fortsetzung des Himalajas bildet und dessen schroffe Gipfel bis auf über 7000 Meter aufragen. Das Klima Afghanistans ist extrem kontinental: Im Sommer steigen die Temperaturen im tiefliegenden, wüstenhaften Süden bis auf 49° Celsius; im Winter fallen sie im Gebirge bis auf -26° Celsius.
Verschiedene grössere Säugetiere haben sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte an das unwegsame Gelände und das unwirtliche Klima Afghanistans gut angepasst. Zu ihnen gehören zwei Wildschafe: erstens das Riesenwildschaf oder Argali (Ovis ammon)
, dessen lokale Unterart Marco-Polo-Schaf (Ovis ammon polii)
heisst, und zweitens das kleinerwüchsige Steppenschaf oder Urial (Ovis vignei)
, dessen lokale Unterart das Afghanische Steppenschaf (Ovis vignei vignei)
ist.
Schafe sind erdgeschichtlich jung
Die Schafe sind eine in stammesgeschichtlicher Hinsicht recht junge Entwicklungslinie innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae). Sie scheinen sich erst vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren in der Region südlich des Himalajas herausgebildet zu haben. Wahrscheinlich sind sie aus der Sippe der Gemsenartigen (Rupicaprini) hervorgegangen, welcher die heutigen Seraue und Gorale (Naemorhedus spp.)
des südlichen und östlichen Asiens, die nordamerikanische Schneeziege (Oreamnos americanus)
und die von den Pyrenäen bis zum Kaukasus verbreiteten Gemsen (Rupicapra spp.)
angehören. Vom südlichen Asien breiteten sie sich dann allmählich einerseits nach Zentralasien und Europa und andererseits nach Nordamerika aus.
Im Verlauf ihres erdgeschichtlich kurzen Daseins entstanden aus den frühen Schafen etwa dreissig bis vierzig moderne Formen. Die Unterschiede zwischen diesen Formen sind allerdings ziemlich gering. Das hat verschiedene Gründe: Erstens ist die Stammesgeschichte der Schafe wie gesagt sehr kurz, weshalb die Zeit für ausgeprägte genetische Variationen nicht gereicht hat. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich alle Wildschafarten in Menschenobhut mühelos untereinander kreuzen lassen. Zweitens hat der Mensch in den vergangenen zehntausend Jahren Wildschafe verschiedentlich domestiziert, diese bei seinen Wanderungen mitgeführt und dann oftmals an entfernten Orten willentlich oder unbeabsichtigt wieder ausgewildert, so dass vielerorts freilebende Mischlingspopulationen aus verschiedenartigen Schafformen entstanden sind. Drittens sind viele Schafformen in ihrer Erscheinung keineswegs einheitlich, sondern zeigen in vielen Körpermerkmalen eine beachtliche Bandbreite. Seitens der Fachleute herrschen deshalb von alters her recht unterschiedliche Ansichten über die verwandtschaftlichen Beziehungen unter den diversen Schafformen.
Dies gilt auch für das Afghanische Steppenschaf: Lange Zeit wurde es zusammen mit sämtlichen anderen europäisch-asiatischen Kleinschafen zu einer einzigen Art namens Orientalisches Wildschaf (Ovis orientalis)
zusammengefasst. Neuerdings neigen die Zoologen aber dazu, die verschiedenen Mufflonformen Europas und Vorderasiens zu einer Art namens Mufflon (Ovis gmelini)
zu vereinen, und dieser die Urials und restlichen asiatischen Kleinschafe in einer zweiten Art namens Steppenschaf oder Urial (Ovis vignei)
gegenüberzustellen. Zu letzterer zählen sie nicht nur das Afghanische Steppenschaf (Ovis vignei vignei)
, sondern auch den Arkal (Ovis vignei arkal)
, das Belutschistan-Wildschaf (Ovis vignei blanfordi)
, das Kreishornschaf (Ovis vignei cycloceros)
, den Pandschab-Urial (Ovis vignei punjabiensis)
, das Nura-Tau-Wildschaf (Ovis vignei severtzovi)
, den Arabischen Urial (Ovis vignei arabica)
und andere.
Die Steppenschafe sind zwar deutlich kleinwüchsiger als die in derselben Erdregion heimischen Riesenwildschafe, doch sind auch sie recht stattliche Paarhufer: Die erwachsenen Männchen weisen eine Schulterhöhe von 75 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht um 50 Kilogramm auf. Bei den Weibchen bemisst sich die Schulterhöhe im allgemeinen auf 60 bis 70 Zentimeter. Abgesehen von der Körpergrösse unterscheiden sich die erwachsenen Männchen von den Weibchen auch durch eine vor allem im Winterfell auffällige Halsmähne sowie einen hellgrauen «Sattelfleck» auf der Rückenmitte. Ferner tragen sie bedeutend massivere Stirnwaffen: Die Hörner der Männchen sind kreisförmig nach hinen aussen gekrümmt und können entlang der Krümmung gemessen eine Länge von über 90 Zentimetern erreichen, während die der Weibchen gewöhnlich eine Länge um nur 12 Zentimeter aufweisen und erheblich schlanker sind.
Ein wachsames Steppenweidetier
Das Steppenschaf bewohnt zur Hauptsache niederschlagsarme Bergsteppengebiete. Wie die anderen eurasiatischen Wildschafe, jedoch im Unterschied zu den eurasiatischen Wildziegen (Capra spp.)
und auch den nordamerikanischen Bergschafen - dem Dickhornschaf (Ovis canadensis)
und dem Dallschaf (Ovis dalli)
- meidet es steile, felsige, schluchtenreiche Berghänge. Es bevorzugst als Lebensraum sanfteres, welliges Hügelland. In Afghanistan kommt es vor allem im Bereich der Talsohlen von Gebirgstälern, in Höhenlagen zwischen 500 und 4000 Metern ü.M., vor.
Das Hauptverbreitungsgebiet des Steppenschafs liegt zwischen dem Kaspischen Meer im Westen und dem Hochland von Tibet im Osten: Es erstreckt sich von Usbekistan, Tadschikistan und dem Nordiran ostwärts über Afghanistan und Pakistan bis nach Nordindien. Abseits dieser Hauptpopulation findet sich eine kleine Steppenschafpopulation im südwestlichen Iran und auf der angrenzenden Arabischen Halbinsel. In Afghanistan kommt das Steppenschaf hauptsächlich in den nördlichen und östlichen Landesteilen vor, ungefähr zwischen dem zentralafghanischen Siyah-Koh-Gebirge und dem Zebak-Gebirge im Nordosten. Ein separater Bestand lebt im Bereich der Feroz-Koh-Berge bei Herat im Westen Afghanistan, und ein weiterer Bestand bewohnt die tiefliegenden Steppengebiete bei Ghazni im Südosten des Landes.
So war zumindest die Situation gewesen, bevor Afghanistan Ende der siebziger Jahre in den Strudel der bis heute anhaltenden Bürgerkriegswirren geriet. Seither sind leider keine näheren Angaben betreffend die Tierwelt des Landes mehr erhältlich.
Wie alle Wildschafe sind die Steppenschafe «Weidetiere», die sich vorwiegend von Gräsern und niedrigwüchsigen Krautpflanzen ernähren. Eine typische Futterpflanze scheint das häufige Steppengras Tetrapogon villosa
zu sein, denn es wird im Volksmund Pakistans als Garh Urial
(«Urial-gras») bezeichnet. Ist das Angebot an Gräsern saisonal oder lokal mager, so nehmen die Steppenschafe jedoch auch mit Blättern, Zweigen und Früchten von Büschen und Sträuchern vorlieb.
Während der Sommermonate, wenn die mittäglichen Temperaturen im Binnenland des Mittleren Ostens vielerorts unangenehm hoch steigen, weiden die Steppenschafe vor allem am frühen Vormittag und dann wieder gegen Abend, während sie über den Mittag an schattigen Plätzen unter Büschen oder überhängenden Felsen ruhen. Dort sind sie nicht nur vor der Sonneneinstrahlung geschützt, sondern auch gegenüber Fressfeinden gut getarnt. Vom Menschen einmal abgesehen müssen sich die Steppenschafe in ihrer Heimat vor allem vor Wölfen (Canis lupus)
, Leoparden (Panthera pardus)
, Schneeleoparden (Uncia uncia)
und Karakals (Caracal caracal)
in acht nehmen. Jungtiere sind überdies durch Füchse (Vulpes spp.)
und Adler gefährdet.
Eine leichte Beute sind die Steppenschafe allerdings nicht, denn sie erweisen sich als überaus wachsame Tiere, die selbst beim Ruhen unablässig auf geringste Anzeichen von Gefahr in ihrer Umgebung achten. Dabei können sie sich nicht nur auf ihren vorzüglichen Gesichtssinn, sondern auch auf ihr ausgezeichnetes Geruchsvermögen und ihr ebensolches Hörvermögen verlassen.
Haben sie einen Feind erspäht oder dessen Witterung wahrgenommen, was meistens auf Hunderte von Metern der Fall ist, so ergreifen sie nicht blindlings die Flucht. Zunächst geben sie einen explosiv zischenden Warnlaut von sich, den sie durch die Nase ausstossen. Er ist gewöhnlich mehrere hundert Meter weit hörbar und warnt nicht nur alle Artgenossen in weitem Umkreis vor der drohenden Gefahr, sondern lässt auch den Feind unmissverständlich wissen, dass er entdeckt ist und seine Chancen für einen erfolgreichen Angriff beträchtlich geschmälert sind. Oft wenden sich die warnenden Steppenschafe auch kurz dem entdeckten Feind zu und stampfen hörbar mit einem Vorderhuf auf, was wiederum für Artgenossen und Störenfried gleichermassen klare Signale sind. Dann erst bewegen sie sich von der Gefahrenquelle weg. Obschon sie bei der Flucht sehr schnell vorankommen, halten sie stets zwischendurch inne und schauen kurz, was der Feind tut. So können sie die jeweils günstigste Fluchtrichtung ermitteln bzw. vergeuden nicht unnötig Energie, falls sich der Feind bereits von ihnen abgewendet hat.
Wuchtvolle Rammkämpfe
Steppenschafe sind wie die meisten Schafe gesellige Tiere, welche gerne Herden von mehreren Dutzend Individuen bilden. Ausserhalb der Brunftzeit bleiben einerseits die Mutterschafe mit ihren Lämmern und andererseits die Widder unter sich. Sie streifen auf der Suche nach geeignetem Futter weit umher und führen ein recht unauffälliges Leben.
Dies ändert sich, wenn im Herbst die Brunftzeit beginnt. In dieser aufregenden Jahreszeit werden die Männchen zu erbitterten Rivalen und liefern sich heftige Zweikämpfe, um die Rangordnung untereinander festzulegen und so das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen zu erlangen, welches nur den kräftigsten Widdern zusteht. Diese Kämpfe gestalten sich als höchst eindrucksvolle Turniere: Zunächst nähern sich die beiden Rivalen gemächlich bis auf eine Entfernung von sechs bis zehn Metern. Dann stürmen sie plötzlich mit gesenktem Kopf aufeinander los und rammen einander frontal mit voller Wucht. Mehrfach gehen die beiden Rivalen so aufeinander los, bis schliesslich einer der beiden die Übermacht des anderen anerkennt und das Feld räumt.
Während der Brunftzeit streifen die erwachsenen Männchen im übrigen ihrem Geschlechtstrieb folgend weit umher. Unermüdlich steigen sie den angetroffenen Weibchen-Jungen-Herden nach und sondern die brünftigen Schafe von den anderen Tieren ab, um sich mit ihnen zu paaren.
Frühreife Lämmer
Die Tragzeit dauert bei den Steppenschafen ungefähr fünfeinhalb Monate. Die Lämmer kommen also jeweils im Frühjahr zur Welt, wenn das Nahrungsangebot reichlich ist. Meistens handelt es sich um «Einzelkinder». Sie wiegen bei der Geburt um 2,5 Kilogramm und sind wie alle Paarhuferjungen ausgesprochen «frühreif»: Oft vermögen sie sich schon nach zehn bis fünfzehn Minuten auf ihren Beinen aufzurichten, und nach wenigen Stunden können sie im allgemeinen schon munter umherlaufen.
Im Alter von fünf bis sechs Monaten werden die jungen Steppenschafe von der Muttermilch entwöhnt. Sie bleiben aber noch bis zum nächsten Frühjahr eng mit ihrer Mutter verbunden. Die jungen Weibchen werden gewöhnlich in ihrem zweiten Herbst, also im Alter von ungefähr anderthalb Jahren, erstmals brünftig, werden dann gedeckt und bringen also schon im Alter von zwei Jahren ihr erstes eigenes Junges zur Welt. Die jungen Männchen sind hingegen zumeist erst in ihrem dritten Herbst, im Alter von ungefähr zweieinhalb Jahren, geschlechtsreif. Allerdings erhalten sie in jenem Herbst noch kaum Gelegenheit, aktiv am Fortpflanzungsgeschehen teilzunehmen, denn ihre Hörner erreichen erst im Verlauf ihres vierten Altersjahrs die volle Länge.
In Menschenobhut sind Steppenschafe bis elf Jahre alt geworden. Die durchschnittlich Lebenserwartung unter natürlichen Verhältnissen dürfte etwas tiefer liegen.
Als «verletzlich» eingestuft
Von der Weltnaturschutzunion (IUCN) wird das Steppenschaf als «verletzlich» eingestuft. In diese Gefährdungskategorie werden Tierarten eingeteilt, welche gegenwärtig nicht direkt vom Aussterben bedroht sind, dies aber voraussichtlich schon bald sein werden, sofern die Schadeinflüsse, welche die Art derzeit beeinträchtigen, zukünftig nicht nachlassen.
Beeinträchtigt werden die Bestände des Steppenschafs in allen Bereichen des weiten Verbreitungsgebiets hauptsächlich durch die Bejagung seitens des Menschen, der das Fleisch für den Verzehr, das Fell für seine Kleidung und die Hörner als Trophäe schätzt. Die Vorliebe des Steppenschafs für sanftes, gewelltes Gelände bedeutet nicht nur, dass es eher in Kontakt mit jagenden Menschen kommt als beispielsweise Wildziegen, die sich vornehmlich in steilem, schlecht zugänglichem Gelände aufhalten; es ist hier auch bedeutend stärker dem Nahrungswettstreit mit Hausschafen und anderen Nutztieren des Menschen ausgesetzt. Vielerorts sind die Bestände des Steppenschafs deshalb heute mehr oder minder stark ausgedünnt. Noch vermag es sich aber in verschiedenen Regionen in überlebensfähigen Beständen zu halten.
Dies dürfte allerdings kaum für das Afghanische Steppenschaf gelten, dessen Bestand zu Beginn der siebziger Jahre noch auf mehrere tausend Individuen geschätzt worden war. Die Kriegswirren der letzten zwanzig Jahre haben einerseits zu einer sehr weiten Verbreitung von Schusswaffen in der Bevölkerung Afghanistans geführt und andererseits jegliche nationalen Naturschutzbestrebungen zum Stillstand gebracht, so dass der Fortbestand des genügsamen Steppenhuftiers inzwischen wohl stark in Frage gestellt ist.
ZurHauptseite