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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Da sitzt in der langen Flughafenhalle in Dubai bei einem Zwischenstopp in einer der offenen Kaffeebars mir gegenüber am Tisch bei einer Tasse Kaffee eine junge Inderin. Sie nimmt ihre Gitarre aus der Hülle und spielt mir ein kleines klassisches Musikstück fehlerlos vor und hängt dann noch ein weiteres an, zu dem sie mit einer leisen, nur für mich hörbaren Stimme ein kleines Lied singt. Ich kannte sie erst seit ein paar Stunden. Sie war meine Sitznachbarin im Flugzeug aus Bangalore (Indien). Wir hatten im Gespräch festgestellt, dass ihr Grossvater jünger war als ich selbst.
Wie kam sie dazu, mir dieses Vergnügen zu bereiten?
Der Tag hatte gut angefangen. „Mein“ Taxifahrer Vittal, der mich schon ein paar Male von meiner Bangalorer Wohnung zum Deutschunterricht in einer deutschen Firma quer durch die Stadt in den Stadtteil Electronics City gefahren hatte und mit dem ich 3 Tage vor meinem Abflug vereinbart hatte, mich zum Flughafen zu fahren, zeigte sich pflichtbewusst. Er hatte sich an den vorausgegangenen Tagen noch dreimal telefonisch versichert, ob ich auch 5 o’clock AM und nicht PM gesagt habe. Er war 10 Minuten vorher nach einer für mich wegen der nächtlichen Wärme nicht ergiebigen Nachtruhe vor meiner Wohnung erschienen und fuhr die Strecke von 45 km bis zum erst vor ein paar Jahren neu eröffneten Flughafen auf relativ leeren, teilweise holperigen Strassen und bei willkürlich unvorhersehbaren Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer in 45 Minuten, wofür er eine Stunde später wegen des einsetzenden Berufsverkehrs mindestens eine halbe Stunde länger gebraucht hätte. So war ich relativ früh am Flughafen.
Ein junger Flughafenangestellter kümmerte sich um mich, fragte, ob alles in Ordnung sei, half mir beim Ausfüllen des Emigrationsbogens, wandte stolz seine wenigen Deutschkenntnisse an: „Gute n Morgen. Entschuldigen Sie bitte, kann ich Ihnen, kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen gut?“. Er freute sich, als ich seine Kenntnisse und Aussprache des Deutschen lobte und erkundigte sich bei mir, auf welchem Wege er sie denn erweitern könne, da die Deutschkurse beim Goethe-Institut finanziell für ihn unerschwinglich seien, gab mir seine E-Mail-Adresse, als ich ihm zusicherte, ihm einige Tipps zuzusenden, und er brachte mich bis zur Sicherheitskontrolle.
Dort wurden ich und mein Handgepäck, ein Rucksack, durchleuchtet. Nach der Röntgenkontrolle stand der Rucksack beim Personal. Ich fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei; man sagte mir, da sei eine Schere drin. Mir war das nicht bekannt. Ich räumte also den gesamten Rucksack aus, weil ich sie nicht finden konnte. Ein Sicherheitsmann suchte auch in den kleinen inneren Täschchen, fand sie auch nicht, liess den Rucksack noch einmal durch die Röntgenkontrolle laufen und wieder wurde bestätigt, da sei eine Schere drin. Irgendwo in einer der untersten inneren kleinen Täschchen war sie versteckt. Ich versicherte noch einmal, dass mir das nicht bewusst gewesen war; man glaubte mir, ich überliess sie dem Personal, die den Vorgang protokollierten, und ich konnte in den Innenbereich vor dem Abflugausgang gehen.
Eine junge Dame setzte sich in gebührendem Abstand mit einem leeren Platz zwischen uns neben mich, und wir kamen ins Gespräch. Sie ist Argentinierin mit Deutschkenntnissen von einem halbjährigen Aufenthalt in München, hatte 5 Monate in Indien verbracht, um ihre beruflich genutzten Kenntnisse als Yogalehrerin und Physiotherapeutin zu erweitern. Es war eine kurze, nette Begegnung, und in der Schlange kurz vor dem Einstieg verloren wir uns aus den Augen.
Bevor ich durch den Eingang in den Gang zum Flugzeug kam, erlebte ich noch eine Überraschung. Das Personal, das meine Flugkarte überprüfte, änderte meinen Sitzplatz. Ich hatte beim Einchecken für die Economy Class wegen meiner langen Beine um einen Platz beim Notausstieg gebeten. Ich bekam jetzt einen Platz in der Business Class, und ich durfte durch einen separaten Eingang direkt zu meinem Platz in der ersten Reihe vorn am Fenster.
Neben mir sass die am Anfang dieses Blogs erwähnte junge Dame. Sie hatte auch einen Platz beim Notausstieg in der preiswerteren Klasse gehabt und war – wie ich – hierhin verlegt worden. Wir hätten also auch dort nebeneinander gesessen. Sie sprach ein hervorragendes Englisch, nach ihren Angaben besser als ihre indische Muttersprache. Wir fühlten uns durch bevorzugte Behandlung der Stewardessen als VIPs und hatten ein paar vergnügliche Stunden, die plaudernd schnell vergingen.
Sie war auf dem Wege zu ihrer Familie nach Kuwait, wo ihr Vater (was nicht ungewöhnlich für Inder ist) Arbeit gefunden hatte – und das war nach ihrem Abschluss im College in Bangalore, wo sie gerade ihren „B.Oec.“, also ihren „Bacheleor of Oeconomie“, erfolgreich geschafft hatte.
Sie erzählte mir von ihrer Zwillingsschwester, die sich allerdings sowohl im Aussehen als auch im Charakter völlig von ihr unterscheide, und wir diskutierten darüber, dass sie wohl ein „zweieiiger Zwilling“ sei, worüber sie bisher noch nie nachgedacht hatte.
Wir unterhielten uns über Musik. Ich liess sie mit meinem Smartphone und meinem Kopfhörer die Musik hören, die ich gern mag, unter anderem Philip Glass und Steve Reich, also Minimal Music, die sie nie vorher gehört hatte. Dann teilten wir uns die beiden Ohrhörer und hörten beide der Musik zu.
Sie war eine aufmerksame Zuhörerin, ein wenig zurückhaltend und zeigte ihre Reaktionen erst durch ihre klugen Antworten und Gesprächsbeiträge.
Wir amüsierten uns darüber, dass wir beide als sehr schlanke Personen Gewichtsprobleme haben und lachten über den Kalauer, dass ich früher immer zweimal unter die Dusche musste, ehe mich einmal der Wasserstrahl traf.
Wie gesagt, trotz des grossen Altersunterschieds verstanden wir uns auf Anhieb prächtig. Wir genossen beide das Essen in der Business Class, vor allem den Nachtisch, frische Himbeeren mit Creme, und freuten uns darüber, dass alles ohne die sonst übliche Verpackung mundgerecht serviert wurde.
Nach der Ankunft in Dubai hatte sie noch 3 und ich 2 Stunden Wartezeit. So gingen wir gemeinsam in die Flughafenhalle. Sie trug als Handgepäck eine Gitarre bei sich. Sie erzählte, wie sie zum Gitarrenspiel gekommen war. Ihr Wunsch, den sie als junges Mädchen hatte, wurde anfänglich als Marotte abgetan und nicht ernst genommen. Sie hatte sich aber durchgesetzt, und da die sich zuhause befindlichen Musikinstrumente, ein Klavier und eine alte Gitarre, als nicht bespielbar und die Reparatur als zu teuer erwiesen hatten, sparte sie für eine neue Gitarre und kaufte das Instrument selber.
Beim Kaffee bat ich sie dann einfach, mir etwas vorzuspielen. Sie hätte es ablehnen können, aber wie selbstverständlich holte sie die Gitarre aus der Hülle und spielte.
Kurz danach musste ich zu meinem Terminal, und wir verabschiedeten uns.
Im Nachhinein habe ich mir überlegt, dass ich ihr als Dank für diese unvergessliche Zeit mit ihr gern einen „grossväterlichen Kuss“ auf die Wange gehaucht hätte, aber das wäre doch zu intim gewesen. Es ist gut, dass mir das beim „Goodbye“ nicht eingefallen war.
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy