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Die Menschheit wächst schier ungebremst. Experten prognostizieren für das Jahr 2050 einen Bevölkerungsanstieg auf 10 Milliarden Menschen. Was sollen diese Leute alle essen? Wir müssen noch mehr Lebensmittel produzieren, damit alle Menschen ernährt werden können. Andernfalls drohen Hungersnöte und Konflikte. Die einfachste Möglichkeit wäre, die landwirtschaftlich nutzbare Fläche auszudehnen. Leider ist das praktisch unmöglich. Die vorhandene Fläche wird bereits weitestgehend genutzt und weitere Flächen zu gewinnen, beispielsweise durch das Abholzen von Regenwäldern, ist auch keine zweckmässige Alternative. Wir müssen also auf der vorhandenen Fläche mehr Lebensmittel produzieren.
80 % der pflanzlichen Produkte kann der Mensch nicht verwerten
Es wird argumentiert, mehr Pflanzen direkt für die menschliche Ernährung anzubauen und weniger als Tierfutter zu verwenden. Getreide also nicht mehr an Schweine oder Hühner verfüttern, sondern direkt zu Mehl verarbeiten und als Brot essen; ein verlockendes Szenario. Das Problem dabei ist: Getreide besteht nicht nur aus «Körnern», sondern auch aus Stroh und Spelzen. Beides eignet sich nicht für die menschliche Ernährung. Bei der Herstellung von pflanzlichen Lebensmitteln fallen immer auch Nebenprodukte an, die nur zu einem kleinen Teil für die menschliche Ernährung geeignet sind. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80% der pflanzlichen Produkte für den menschlichen Verzehr ungeeignet sind. Das liegt am hohen Gehalt von Faserstoffen, besser bekannt als
Ballaststoffe.
Tiere verwerten Faserstoffe und Wiesenfutter
Die von Mensch und Tier produzierten Verdauungsenzyme können Faserstoffe nicht abbauen. Für deren Verdauung braucht es von Mikroben produzierte Enzyme (mikrobielle Fermentation). Die menschliche Darmflora ist für diese Fermentation nur bedingt geeignet. Abhängig von der Tierart können diese die für die menschliche Ernährung ungeeigneten Nebenprodukte in bedeutenden Mengen verwerten. Dazu kommt, dass zwei Drittel der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen nicht ackerfähig sind und als Grünland genutzt werden (müssen). Diese Fläche steht somit für die direkte menschliche Ernährung gar nicht zur Verfügung. Hier kommt der Wiederkäuer ins Spiel: Die im Pansen von Kuh, Schaf, Ziegen und Co. angesiedelten Mikroorganismen können Faserstoffe und Grünlandfutter abbauen und verwerten. Wiederkäuer verwerten diese pflanzliche Biomasse effizient und nachhaltig. Gerade im «Grasland Schweiz», wo aufgrund der klimatischen und topografischen Gegebenheiten in weiten Teilen nur Gras wächst, spricht dieser Vorteil für die
Nutztierhaltung.
Tierische Proteine sind wertvoller als pflanzliche
Für die Ernährung der Weltbevölkerung ist Protein ein wichtiger Nährstoff. Tierische Lebensmittel enthalten allgemein mehr Proteine als pflanzliche Lebensmittel. Wichtig dabei ist auch die Zusammensetzung des Proteins; es besteht aus vielen kleinen Bausteinen, den Aminosäuren. Viele dieser Aminosäuren sind für den Körper essenziell, da er sie nicht selbst herstellen kann. Deshalb ist es wichtig, dass die richtigen Aminosäuren über die Nahrung aufgenommen werden. Dazu eignet sich beispielsweise ein Hühnerei hervorragend. Es ist eine hochwertige Proteinquelle, da es eben genau die richtigen Aminosäuren in einer dem Bedarf entsprechenden Menge enthält. Auch Fleisch- und Milchprodukte haben eine hohe «Proteinwertigkeit». Bei pflanzlichen Proteinen liegt die Wertigkeit dagegen tiefer. Ein weiterer Vorteil der tierischen Eiweisse ist die Proteinverdaulichkeit. Während die pflanzlichen Erzeugnisse unter anderem aufgrund des hohen Fasergehaltes schwerer verdaulich sind, sind die tierischen Proteine hochverdaulich. Das bedeutet, dass man wegen der besseren Wertigkeit und Verdaulichkeit von einer tierischen Eiweissquelle weniger essen muss, um den Bedarf zu decken.
Kreislauf schliessen
Ein weiterer Aspekt dieser Thematik ist die Düngung. Bei der Haltung von Nutztieren fallen Ausscheidungen an, welche als Dünger zum Einsatz kommen. Der Nährstoffkreislauf wird geschlossen, und die Pflanzen liefern gute Erträge. Auch in Zukunft werden solche organischen Dünger ein enorm wichtiger Teil einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion bleiben. Der chemisch hergestellte Dünger ist wegen der aufwendigen und energieintensiven Herstellung immer mehr umstritten. Wir werden also auch in Zukunft Nutztiere brauchen, um die Kreislaufwirtschaft zu gewährleisten. Dank ihnen können pflanzliche Produkte zu hochwertigen Eiweissquellen veredelt werden, damit die Menschheit auch in Zukunft bedarfsgerecht ernährt werden kann.
Kurzfassung eines Artikels von EvaMaria Saliu, Institut für Tierernährung, Freie Universität Berlin im FeedMagazine/Kraftfutter 11-12/2022