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Blair Cunningham: Humor wird für die Band benötigt
unverstärkt und intim
kein Song jünger als 1970
die Überraschungskonzerte von 1991
Rezeption und Statistik
Die rekordbrechende «World Tour» war eben erst zu Ende gegangen, als eine Anfrage von MTV bei Paul McCartney einging, ein Konzert für das Unplugged Format zu spielen. MTV Unplugged war 1989 auf Sendung gegangen. Die Rockmusiker, ab 1992 dann auch Rapper, spielen ihre Songs ohne Keyboards und elektrische Gitarren. Oft kommen klassische Instrumente zum Einsatz. Paul gefiel die Idee, und er wollte noch weiter gehen, als es das Konzept vorsah. «Wir haben uns frühere Shows angeschaut und bemerkten, dass die Musiker akustische Instrumente mit Pickups benützten.» Das heisst, dass die Instrumente wie bei herkömmlichen Konzerten in Verstärker, die mit dem Mischpult verbunden sind, eingesteckt werden. «So entschieden wir uns, den Stecker total rauszuziehen und vollkommen ohne Verstärkung (unplugged) zu spielen», erzählt Linda McCartney.
Paul wollte nicht einmal die akustischen Gitarren verstärkt haben, sodass die Mikrofone für die Aufnahme direkt vor den Musikern bzw. ihren Instrumenten aufgestellt wurden. Dies schränkte die Bewegungsfreiheit der Musiker auf Kosten des Klangs ein. «Das war ein grosses Problem, vor allem für den akustischen Bass. Es ist ein tolles Instrument, aber sobald du dich einen Zentimeter vom Mikrofon weg bewegst, fällt der Boden von der Band ab», erinnert sich Hamish Stuart. Aber es war der Mühe Wert.
Blair Cunningham: Humor wird für die Band benötigt
Die Band war noch von der «World Tour» eingespielt. Einzig Schlagzeuger Chris Whitten, im Sommer 1987 bei den Jamsessions zu «Choba B CCCP» zu Paul gestossen, war von den Dire Straits für deren 18 Monate dauernde «On Every Street»-Tour verpflichtet worden. Auf Hinweis seines Gitarristen Robbie McIntosh, der zuvor bei den Pretenders gespielt hatte, lud Paul im Herbst 1990 Blair Cunningham zu zwei Jamsessions ein, denn es standen einige TV Promoauftritte für das Live-Album «Tripping The Live Fantastic!» an. Cunningham wurde 1956 in Memphis Tennesse in eine kinderreiche Familie geboren, je nach Quelle sind es neun oder zehn Brüder und drei Schwestern. Die Brüder spielen alle Schlagzeug. Sein Bruder Carl war Mitglied von Otis Reddings Bar-Kays und starb mit seinem Bandleader 1967 bei einem Flugzeugabsturz. Bevor Blair zu Pauls Band kam, spielte er bei Echo & The Bunnymen und den Pretenders. «Ich spürte, dass etwas vor sich ging», erzählt Blair Cunningham Mark Lewisohn für das Fanclub Magazin Club Sandwich über sein Engagement. Doch aufgrund eines Scherzes glaubte er zunächst gar nicht an seinen neuen Job.
Schlagzeuger Blair Cunningham kann auch Gitarre spielen, hier während den Aufnahmen zum Album «Off The Ground» 1992, gesehen von Linda McCartney.
Es war vor dem Auftritt für Terry Wogans TV-Talkshow Wogan auf BBC 1 im Advent 1990. «Paul berief kurz bevor es losging eine Bandsitzung ein und sagte: ‹Wir waren wirklich begeistert, dich spielen zu hören. Willst du dich der Band anschliessen?› Ich sagte zu, jemand kochte Tee und dann kriegte ich das Nervenflattern, die Teetasse zitterte in meiner Hand und musste ich zur Toilette, um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Als ich zurückkam, sagten sie, sie hätten nur Spass gemacht, jemand anderes wäre (nach dem Auftritt) der neue Schlagzeuger. Ich fühlte mich wie ein verlorenes Kind und mein (erfreuter) Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen.» Obwohl der schlechte Scherz aufgelöst wurde, brauchte es nach der Fernsehshow mehrere Telefonanrufe von McCartneys Manager Richard Ogden, um Cunningham davon zu überzeugen, dass er den Job hätte. «So fand ich heraus, dass du Humor brauchst, um in dieser Band zu spielen.»
unverstärkt und intim
Paul setzte für das 25. Januar 1991 aufgezeichnete Unplugged-Konzert zwei Wochen Probe an, von denen es Bootlegs gibt. Die Band übte rund zwanzig Songs ein. «Als uns Paul das erste Mal von Unplugged erzählt hat, klang das für uns seltsam», erinnert sich Blair Cunningham. «Mein erstes Konzert mit der Band, nichts Elektrisches, was soll ich da bloss tun? Wenn ich mit den Drumsticks spiele, hört das doch niemand? Soll ich nun den Holzhammer hervorholen? ‹Ja, ja›, sagte Paul, ‹und die Bürsten›. Aber ich habe noch nie zuvor in meinem Leben mit Bürsten gespielt. Aber ich kaufte mir welche und machte damit diese Achter-Figur-Bewegung so als ob ich Salat rühren würden.» Je näher das Konzert rückte, desto nervöser wurde die Band: «Es war ein kleiner Albtraum. Wir realisierten, wie viel du hinter der elektronischen Musik verstecken kannst. Bei einem akustischen Instrument ist der Ton hier, sobald du die Note spielst», erzählt Hamish Stuart. «Alle waren nervös», eränzt Blair, «aber ich war total verängstigt. Ich dachte bloss, was auch immer du tust, verlier bloss nicht deine Drumsticks.» Und Hamish Stuart fügt an: «Für Blair war es eine richtige Feuertaufe.»
Diese fand in den Londoner Limehouse Studios in Wembley vor 200 geladenen Gästen statt. Paul begrüsste sein Publikum mit den Worten: «Welcome to Unplugged, where everybody takes the plug out and it goes mad», also «Willkommen bei Unplugged, wo jeder den Stecker zieht und es danach schief geht.» Sein Auftritt dauerte gegen 100 Minuten. Das ausgestrahlte Konzert wurde auf 48 Minuten gekürzt und enthielt 14 der 17 auf dem Album veröffentlichten Songs. Paul und Band haben aber 24 Songs gespielt.
die Unplugged Setliste:
Mean Woman Blues / Matchbox / Midnight Special / I Lost My Little Girl / Here, There And Everywhere / San Francisco Bay Blues / We Can Work It Out / Blue Moon Of Kentucky / I’ve Just Seen A Face / Every Night / Be-Bop-A-Lula / She’s A Woman / And I Love Her / The Fool / Things We Said Today / That Would Be Something / Blackbird / Hi-Heel Sneakers / Good Rockin’ Tonight / Junk / Ain’t No Sunshine / Ain’’t No Sunshine (zweite Aufnahme) / We Can Work It Out (zweite Aufnahme ) / Singing The Blues
Paul ‹Wix› Wickens erzählt: «Am Anfang waren wir etwas steif. Der Moment, der alles änderte, war für mich ‹Be-Bop-A-Lula›. Dabei hatten wir es nicht einmal beim Soundcheck geübt und sie hatten auch nicht die Kamerawinkel ausprobiert. Ungefähr in der Mitte mussten wir bei den Aufnahmen stoppen und ich schlug ‹Be-Bop-A-Lula› vor. Es war nicht für die Fernsehaufnahmen gedacht, sondern einfach für uns, um dranzubleiben (…). Wir gingen zurück auf die Bühne und spielten es, all unsere Anspannung flog aus dem Fenster.»
Paul und Wix Wickens während des Unplugged Konzertes. – Bild: Screenshot
Paul erinnert sich: «Etwas, was wir bei Unplugged realisierten, war, dass das Publikum die Fehler liebt. Ich konnte mich einfach nicht mehr an die Worte von ‹We Can Work It Out› erinnern. MTV strahlte mich nur einmal stoppend aus, aber es ist mir drei Mal passiert. Es war wirklich hart, denn das Publikum lachte nur ‹ätsch-bätsch, er hat einen Fehler gemacht.›»
kein Song jünger als 1970
Während den zweiwöchigen Proben spielte Paul noch weitere Songs ein, beispielsweise die Klassiker «Cut Across Shorty» und « Heartbreak Hotel», den Beatles-Song «Mother Nature’s Son» vom Weissen Album, «Heart of the Country» von «RAM», «Mrs Vandebilt» von «Band On The Run», «She’s My Baby» von «Wings At The Speed Of Sound» und «Figure of Eight» ab dem letzten Album «Flowers In The Dirt». Zumindest Pauls Songs hätten das Set merklich aufgefrischt. Nun ist kein Song jünger 1970, das das Jahr der Trennung der Beatles und Pauls erstem Solo-Album «McCartney» ist, von dem er drei Songs gespielt hat: «Every Night», «That Would Be Something» und «Junk».
«Wir alle liebten es, ‹Every Night›, zu spielen und ich hatte die Idee für den a capella Gesang, der in diesem kleinen Fernsehstudio sehr gut funktioniert hat. Dies ist ein guter Trick für Liveauftritte. (…) Deshalb habe ich es wirklich gemocht, diesen Song zu spielen. Obwohl ich die falschen Worte gesungen habe, was ein besonderes Merkmal des ‹Unplugged›-Albums ist», ergänzt Paul. Das Album beschönigt nichts, so ist vor «Blackbird» zu hören, wie die Produktionsassistentin Pauls Ordner mitlaufen lässt, als sie ihm Wasser bringt.
McCartney schrieb «I Lost My Little Girl» 1956 kurz nach dem Tod seiner Mutter. Während den Get Back Sessions 1969 spielten die Beatles eine Version mit John Lennon als Sänger ein. «‹I Lost My Little Girl› ist ein unschuldiger Song – G, G7, C – aber sehr interessant, denn die Akkorde steigen ab, die Melodie steigt hingegen an. Es ist ein klarer musikalischer Trick und interessant, dass ich so eine Idee in meinem ersten Song verwendet habe», erinnert sich Paul. Er hat den Song auf der Gitarre komponiert. Der nächste Song, den er schreiben sollte, war «When I’m Sixty Four», den er auf dem Klavier im elterlichen Wohnzimmer komponiert hat.
Hamish Stuart singt die Leadstimme auf «And I Love Her» und bei Bill Whiters Klassiker «Ain't No Sunshine». Auf letzterem wechselt die Band ihre Instrumente, so spielt Paul die Drums, Wix den Bass, Blair die Perkussion und Robbie das Klavier.
Robbie MacIntosh, Paul und Hamish Stuart (vlnr) während «Every Night».
Screenshot: YouTube
Paul bezeichnet «Unplugged» als seine am schnellsten veröffentlichte Platte. Auf der Rückfahrt nach Hause (in Sussex) hörten er und Linda die Aufnahmen an und entschieden, diese ungefiltert und ungeschminkt zu veröffentlichen. Der Untertitel mit der offiziellen Raubpressung spielt auf die garantiert erscheinenden Bootlegs des Konzertes an. So kam die Idee auf, das ganze auf 500 000 Stück limitiert zu veröffentlichen. Auf Pauls Wunsch erschien die LP streng nummeriert auf dem spanischen Label Hispanovox mit spanischen Begleittext. Die CD wurde auf Pauls üblichen Label Parlophone veröffentlicht. Sie hatte keine Nummern. Die Liner Notes wurden von Mark Lewisohn verfasst. Das Cover erinnert mit seiner gerasterten Foto an «Choba B CCCP», das im selben Jahr unter dem Titel «The Russian Album» offiziell im Westen auf CD eröffnet wurde.
«Things We Said Today» und «Midnight Special» wurden 1993 auf der B-Seite der Single «Biker Like An Icon» verwendet. Auf der Promo der Single wurde zusätzlich noch «Mean Woman Blues» verwendet.
die Überraschungskonzerte von 1991
Dass mit Blair Cunningham ein neues Mitglied zur Band gestossen war, war ein weiterer Punkt für Paul, um bei «Unplugged» aufzutreten. «Es war praktisch für die Band und zugleich eine kleine Herausforderung. Und wir führten Blair ein. Nun ist gar ein Album daraus geworden. Er ist so plötzlich auf einem Album, das bringt ihn weiter. Nun müssen wir aber auch spielen», sagt Paul und fügt an: «Ich kann ja nicht die ganze Zeit über das (Liverpool) Oratorium proben.»
Das erste der sechs Geheimkonzerte fand am 8. Mai in Barcelona statt, weil die Schallpatte auf einem spanischen Label mit spanischem Begleittext erschien und Paul eine Schwäche für Spanien hat. «Ich hatte an der Schule Spanischunterricht, es ist das Land der Gitarren und hat eine grossartige Geschichte», erzählt Paul über die Motivation nach Spanien zu gehen. Das Konzert im Londoner Mean Fiddler Club war der kleinste Ort an dem Paul seit dem letzten Konzert der Beatles im Liverpooler Cavern Club anno 1963 gespielt hat.
Das Konzert in Cornwall gab Paul, weil er dort noch nie, weder mit den Beatles noch mit den Wings, aufgetreten war. Die Überraschungskonzerte waren nicht wie das Unplugged-Konzert rein akkustisch, sondern zweigeteilt in ein akkustisches und ein elektrisches Set.
die einzelnen Konzerte auf einen Blick:
Barcelona, 8. Mai, Zeleste
London, 10. Mai, Mean Fiddler
Neapel, 5. Juni, Teatro Tendro
Saint Austell, 7. Juni, Cornwall Colliseum
Westcliff-On-Sea, 19. Juli, Cliffs Pavillon
Kopenhagen, 24. Juli, Falconer Salen
Die Setliste des Mean-Fiddler Konzerts soll hier exemplarisch stehen, nicht nur, weil es als Bootleg erhältlich ist. Die blauen Titel hat Paul bis heute nicht veröffentlicht. «Down To The River» erschien als B-Seite von «C’mon People», der zweiten Single aus «Off The Ground». Sämtliche Setlisten sind auf seiner Webseite abrufbar:
Teil 1: akkustisches Set:
Mean Woman Blues / Be-Bop-A-Lula / We Can Work It Out / San Francisco Bay Blues / Every Night / Here, There And Everywhere / That Would Be Something / Singing The Blues / O Sole Mio /Down To The River / And I Love Her / She’s A Woman / I Lost My Little Girl / Ain’t No Sunshine / Hi-Heel Sneakers / I’ve Just Seen A Face / The World Is Waiting For The Sunrise / Song In Space / I Like That Stuff / Maybe May Time / Hot Pursuit / Good Rockin’ Tonight
Teil 2: elektrisches Set:
My Brave Face / Twenty Flight Rock / Band On The Run / Ebony And Ivory / I Saw Her Standing There / Coming Up / Get Back / The Long And Winding Road / Ain’t That A Shame / Let It Be / Can’t Buy Me Love / Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band / The End
Robbie MacIntosh, Paul McCartney, Hamish Stuart und Linda McCartney während dem Überraschungskonzert am 10. Mai 1991 im Londoner Club Mean Fiddler, der an die Mühle Hunziken in Rubigen erinnert. – Foto: paulmccartney.ch
Rezeption und Statistik
«Unplugged – The Official Bootleg» erhielt zumeist positive Kritiken. Der Spiegel bezeichnete McCartney als Museumswärter der Popgeschichte. Allmusic.com bezeichnet das Album als eines der genüsslichsten Werke in McCartneys Katalog. Erfolgreich war es, in England erreichte das Album Rang 7, in den amerikanischen Billboard Charts Platz 14 und war somit eines der bestplatzierten McCartney-Alben seit «Tug Of War» 1982. Weitere Chartplatzierungen gab es in Norwegen (Rang 13), Schweden (Platz 20) und Holland (Rang 42). In der Schweiz klassierte sich das Album auf Rang 39. Weder in Deutschland noch in Österreich erreichte «Unplugged» die Hitparade.
Mit Blick auf Eric Claptons «Unplugged», das im Folgejahr erscheinen sollte und zu seinem Karrierehöhepunkt wurde, ist Pauls Entscheid, das Album nur als limitierte Edition zu veröffentlichen ein kommerzieller Fehler. Das Konzert wurde bisher nicht auf Video oder DVD veröffentlicht. Auf der Kompilation «The McCartney Years» von 2007 sind die vier Songs «I Lost My Little Girl», «Every Night», «And I Love Her» und «That Would Be Something» auf der dritten DVD enthalten.
Paul mit Tourband im Londoner Limehouse Dock während des Unplugged-Konzertes im Januar 1991. Wix Wickens, Robbie MacIntosh, der neue Drummer Blair Cunningham, Paul, Linda und Hamish Stuart (vlnr).

Tracklist:
Be Bop A Lula
I Lost My Little Girl
Here, There And Everywhere
Blue Moon Of Kentucky
We Can Work It Out
San Francisco Bay Blues*
I’ve Just Seen A Face
Every Night
She’s A Woman
Hi-Heel Sneakers*
And I Love Her
That Would Be Something
Blackbird
Ain’t No Sunshine*
Good Rockin’ Tonight
Singing The Blues
Junk
*) wurde nicht von MTV ausgestrahlt.
die Backcovers
Das Backcover der CD (oben) und der Schallplatte mit dem spanischen Text (unten).
Die CD erschien auch als in einem Longsleeve Digipack.
die Labels
Die CD (oben) und das Label der Schallplatte. Unten das Sendungslogo von MTV.
Promotion 1991
Inserat aus dem amerikanischen Billboard Magazine im Juni 1991.