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Im April 2023 erscheinen zwei weitere Bände der Reihe Caracol Lyrik und ein Band der Reihe Caracol WortArt. Zum 100. Geburtstag des Tessiner Autors Plinio Martini (1923–1979) bringen wir eine zweisprachige Anthologie seiner vergriffenen Lyrik, ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Alessandro Martini. In der Reihe Caracol Lyrik erscheint zudem ein Band mit neuen Gedichten von Irène Bourquin. In der Reihe Caracol WortArt publiziert Ruth Erat «Eine Autofiktion mit Übermalungen», graphisch gestaltet von Lukas Erat.
Plinio Martinis Lyrik kennt drei Schaffensperioden. Die erste ist lyrisch und elegisch und findet sich in den beiden ersten im Druck erschienenen Werken des Autors.
Die zweite wird durch ihr religiöses Engagement charakterisiert; aber nur vereinzelte Gedichte daraus wurden in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt, war doch die geplante Veröffentlichung des dritten Lyrikbandes zuerst durch Schwierigkeiten bei der Verlagssuche, dann durch das nachlassende Interesse des Dichters, der für sich neue Ziele gefasst hatte, gescheitert. Die tiefgreifenden Veränderungen in der Kultur und der Gesellschaft der Sechzigerjahre haben den Autor auch anderweitig sehr in Anspruch genommen.
Die dritte lyrische Schaffensperiode folgt unmittelbar auf das Erscheinen des ersten Romans Il fondo del sacco (1970, Nicht Anfang und nicht Ende), und zwar noch bevor er mit der Arbeit an seinem zweiten Roman Requiem per zia Domenica (1975, Requiem für Tante Domenica) begann. Es handelt sich vor allem um Gedichte epigrammatischen Charakters, von denen die meisten erst postum veröffentlicht wurden.
Christoph Ferbers Auswahl berücksichtigt mit Scharfsinn und Gleichgewicht alle drei Schaffensperioden. Neunzehn Gedichte stammen aus Paese così (1951), Martinis Erstling mit dem programmatischen Titel; zehn Gedichte aus dem zwei Jahre darauf erschienenen Diario forse d’amore (1953), neun aus Ed eri in mezzo a noi der religiösen, bis heute unveröffentlichten Sammlung, die 1963 druckfertig war. Schließlich dreizehn Gedichte aus der Zeit 1972–1973, die meist postum erschienen sind; einige wenige wurden in François Lafrancas Kunstdruck Le catene (1975) publiziert.
Diese rund fünfzig ins Deutsche übersetzten Gedichte stellen auch im Original die bisher weitaus grösste Auswahl von Martinis Lyrik dar.
Diese lebendigen Bilder einer Reise im Frühsommer 2019 erscheinen heute wie ein Fenster in eine unbeschwertere Vergangenheit. Am Anfang steht die Autorin vor dem Napoleon-Denkmal auf der Prairie de la rencontre in den französischen Alpen, am Ende taucht sie ein ins Gewimmel der Festa di San Pietro in Finale Ligure. Die Küste von der Provence über die Côte d’Azur bis nach Ligurien, südliche Farben und Klänge: Erlebnisse, Erfahrungen, Beobachtungen finden lyrischen Ausdruck. Es sind knappe, konzentrierte Sprachbilder. Mit wenigen Worten schafft die Autorin Atmosphäre, lässt Lesende teilhaben am mediterranen Ambiente.
Hinter dem Heute bleibt die Geschichte dieser Landschaften präsent. Im «Parc naturel régional de la Sainte-Baume» geht die Reisende auf dem Chemin des Royes hinauf zur Sainte-Baume, der Grotte der Sainte Marie-Madeleine: «Durch heiligen Wald / auf dem Chemin des Royes / wo einst Kaiser Könige / Gelehrte Poeten gingen – »
Auf dem Mont Faron, hoch über dem Militärhafen von Toulon, trifft sie einen schwarzen Panther an. In der Provence sieht sie «Wälle von knallgelbem Ginster» und «Grüne Heere / kleinwüchsiger Reben»; da ist auch latente Bedrohung: «im Hitzehorizont / der Feuerteufel». Die Strände sind idyllisch und doch ein zweifelhafter Genuss: «türkisblau lacht / das Meer / als wäre die Welt / in Ordnung». In Finale Ligure belauscht die Reisende vom Hotelbalkon aus die Dialoge und Streitigkeiten der Möwen auf benachbarten Dächern. – Diese Gedichte sind ein Reisen in der Sprache.
Ruth Erat erzählt in zwei verflochtenen Strängen von einer Reise in die Toskana, die zum Abenteuer wird, und von Trauer: über den Verlust eines geliebten Menschen wie auch über den Zustand der Welt. Eine Autofiktion mit Übermalungen nennt sie ihr Buch, das Lukas Erat graphisch gestaltet hat.
Die Autofiktion erzählt von einer Reise, die zum langen Weg in die Nacht und die Trauer wird und zugleich in die Widersprüchlichkeit und Schönheit des Lebens. Johanna, die Ich-Erzählerin, geht voran und in ihren Aufzeichnungen zurück, taucht in die Sterblichkeit hinein und taucht über Begegnungen mit Menschen wieder auf zu den Aspekten ihrer eigenen Existenz. Was kann ein erfülltes und zugleich zwangsläufig prekäres Leben sein? Soll Johanna in Tatti ein billiges Haus kaufen, obwohl sie eher nomadisch lebt, oder genügt ein warmer Mantel?
Übermalungen legen über die Fragmente einer Skizze auf Leinwand die hellen Flächen von Nicht-mehr und Noch-nicht. Für den letzten Teil des Textes in diesem Buch – unter dem Titel «Fragile» – erhielt Ruth Erat 2021 einen Hauptpreis der Akademie für das gesprochene Wort.