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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§6 Die Verwandtschaft zwischen dem göttlichen und menschlichen Geist.
2.
Ich fiel ihr nun in die Rede mit folgenden Worten: „Ich weiß nicht, ob nun dadurch, daß wir all dies in Gedanken aufheben, nicht auch unser Gegenstand selbst beseitigt wird. Denn welches Bild sich unser Vorstellungsvermögen nach Aufhebung der genannten Attribute noch machen könnte, kann meines Erachtens wenigstens noch [S. 260] nicht angegeben werden. Denn überall, wo wir bei Untersuchung der Dinge mit dem forschenden Verstande wie Blinde, die an den Wänden zur Türe sich hinleiten, nach ihrem Begriff und Wesen tasten, treffen wir eine der erwähnten Bestimmungen an, sei es, daß wir auf Farbe stoßen oder auf Gestalt oder Größe oder auf eine andere der Eigenschaften, die du aufgezählt hast. Wenn wir aber von einem Wesen annehmen, es habe nichts von all dem, so werden wir von Kleinmut befallen und von der Ansicht versucht, es existiere überhaupt nicht.“
Unwillig mich unterbrechend erwiderte sie: „Wehe über einen solchen Unverstand! Wohin führt doch eine derartige kleinliche und niedrige Beurteilung der Dinge? Denn wer alles, was er nicht mit den Sinnen wahrnimmt, aus der Liste des Seienden streicht, der dürfte auch jener Kraft, welche das Universum regiert und trägt, das Sein nicht zuerkennen, sondern müßte, sobald er über ihre Unkörperlichkeit und Gestaltlosigkeit belehrt wird, daraus den Schluß ziehen, sie existiere überhaupt nicht. Wenn nun das Nicht-dieses-Sein keineswegs mit dem Nicht-Sein gleichbedeutend ist, wie dürfte man den menschlichen Geist aus dem Reiche des Seienden deshalb verdrängen, weil ihm körperliche Eigenschaften abgesprochen werden müssen?“ ― „Demnach“, sprach ich, „tauschen wir durch diese Schlußfolgerung für eine Verkehrtheit eine andere ein. Denn das Resultat unserer Erörterung geht dahin, daß wir unseren menschlichen Geist für identisch mit dem göttlichen Geiste zu halten hätten, weil wir durch Aufhebung der sinnlichen Eigenschaften zur rechten Vorstellung des einen wie des anderen gelangen sollen.“