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Wenn der Schiedsrichter ein Auge zudrückt
Bei der Fussball-EM haben die Polen und die Ukrainer ihren Heimvorteil nicht nutzen können. Heimvorteil, gibt es das überhaupt? Die Psychologin Simone Schoch erklärt, warum der Glaube – auch im Sport – Berge versetzen kann.KommentarKommentare
Interview: Marita Fuchs
Simone Schoch: Die Psychologie spielt im heutigen Spitzensport eine grosse Rolle. Bei der Fussball-EM zum Beispiel spielen Spitzenfussballer, die aus athletischer Sicht alle sehr gut sind. Spielbeeinflussend kann hier die Psyche sein. Vieles läuft im Kopf ab, auch im Sport.
Viele Endresultate im Mannschaftssport zeigen, dass die Heimmannschaft über 50 Prozent der Spiele zuhause gewinnt. Hat der so genannte Heimvorteil auch etwas mit der Psyche zu tun?
Vor heimischem Publikum oder im heimischen Stadion bringen Sportler wohl deshalb gute Leistungen, weil sie davon überzeugt sind, dass es ein Vorteil ist. Einen Heimvorteil kann es nur dann geben, wenn man daran glaubt. Man spricht in diesem Zusammenhang von positiver Selbstwirksamkeitsüberzeugung.
Die Spieler sind der Überzeugung, im Heimstadion einen Sieg zu erreichen. Auch die Zuschauer glauben an den Heimvorteil und unterstützen ihre Mannschaft dementsprechend. Dies kann zu einer positiven, sich verstärkenden Spirale führen: Spieler und Fans beflügeln sich gegenseitig.
Amerikanische Forscher haben jedoch herausgefunden, dass bei Spielen, die entscheidend sind, etwa bei Endspielen, der Heimvorteil auch negative Auswirkungen haben kann. Nämlich dann, wenn der Erfolgsdruck grösser wird als der Glaube an den Sieg. In solchen Fällen sind die Spieler befangen und stehen zu sehr unter Stress, um ihre optimale Leistung abzurufen.
Gibt es weitere wissenschaftliche Studien, die zum Heimvorteil etwas sagen können?
Ja, es gibt verschiedene Studien. So hat der deutsche Sportpsychologe Bernd Strauss in- und ausländische Teams von Mannschaftssportarten beobachtet und untersucht, ob sie zu Hause besser spielen als auswärts. Er stellte fest, dass es den Heimvorteil gibt. Jedoch habe das Phänomen im Laufe der Zeit abgenommen. Strauss führt das darauf zurück, dass sich die Mannschaften heute aus Spielern verschiedenster Nationen zusammensetzen und sie sich deshalb nicht mehr so sehr einer Region oder einem Stadion verpflichtet fühlen.
Welche Rolle spielen die Zuschauer?
Strauss hat auch untersucht, ob die Sprechgesänge einen Einfluss auf die Spielerleistung haben. Er konnte jedoch keinen Nachweis dafür erbringen. Wahrscheinlich sind die Spieler einer ständigen Geräuschkulisse ausgesetzt und blenden das irgendwann aus, um konzentriert und fokussiert spielen zu können. Jedoch scheinen die Schiedsrichter von den Zuschauerreaktionen stark beeinflusst zu werden.
Wie das?
Die britischen Forscher Nevill, Balmer und Williams untersuchten in einer Studie, ob die Entscheidung qualifizierter Fussballschiedsrichter von Sprechgesängen, Buh-Rufen oder anderen Reaktionen des Publikums beeinflusst wird. Die Resultate sind verblüffend: Schiedsrichter sind in einer lauten Umgebung unsicherer, als bei einem Spiel unter ruhigen Bedingungen. Vor allem bei Entscheidungen, bei denen sich die Schiedsrichter unsicher waren, pfiffen sie im Vergleich zum Auswärtsteam eindeutig weniger Fouls auf Seiten der Heimmannschaft. Interessanterweise zeigten die Ergebnisse, dass bei Spielen mit ruhigen Fans nicht mehr Fouls der Auswärtsmannschaft geahndet wurden, sondern Fouls auf Seiten der Heimmannschaft «übersehen» wurden.
Handeln alle Schiedsrichter gleich?
Je mehr Berufserfahrung ein Schiedsrichter hat, desto sicherer ist er und desto öfter pfeift er auch gegen das Heimteam ein Foul. Die Forscher stellten jedoch fest, dass bei den erfahrenen Schiedsrichtern «Fehlentscheidungen» bei unruhigen Fans durchaus vorkommen, denn die Schiedsrichter stehen unter dem starken Druck, keine Fehlentscheidungen zu treffen. In nicht ganz eindeutigen Spielsituationen berücksichtigen sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um zu entscheiden. Eines dieser Mittel ist die Reaktion der Zuschauer.
Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?
Da die Zuschauer klar zu verstehen geben, wenn sie mit einer Entscheidung nicht einverstanden sind, neigen Schiedsrichter dazu, die Heimmannschaft in nicht ganz eindeutigen Situationen weniger kritisch zu beurteilen. Je unsicherer also der Schiedsrichter ist, desto eher wird er ein Auge zudrücken und der Heimmannschaft kein Foul anrechnen.
Es lässt sich also festhalten: Es gibt ihn, den Heimvorteil. Einerseits haben die positive Selbstwirksamkeitsüberzeugung und der Glaube der Spieler an den Sieg einen positiven Einfluss auf den Spielverlauf. Andererseits können auch die Zuschauer indirekt den Heimvorteil über die Schiedsrichterentscheide beeinflussen. Der Zuschauerlärm führt dazu, dass der Schiedsrichter das Heimteam weniger oft bestraft.
Zur Person
Simone Schoch ist Motivationspsychologin und arbeitet im Moment an ihrer Doktorarbeit zur Auswirkung und zum Erleben von zwischenmenschlichem Erfolg und Misserfolg.
Die Psychologin hat zudem Sport studiert und arbeitet neben ihrer Forschungstätigkeit als Sportpsychologin in der Trainerausbildung von Swiss Ski.