Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/1952

SPEICHERN
L a g e r n ist speichern, einlagern, aufbewahren, ablegen, deponieren, horten, einkellern, magazinieren, schichten, stapeln, stauen, türmen, aber auch: pausieren, rasten, ruhen, sich niedersetzen, eine Ruhepause einlegen.
Lagern ist eine Praxis; nützliche materielle Ressourcen werden an bestimmten Orten für zukünftige Bedürfnisse platziert: Die Feldarbeit eines Jahres wird in die Kornspeicher eingebracht, die Akten archiviert, die PowerPoint-Präsentation auf den USB-Stick gezogen und der Traubensaft in die Weinfässer gegossen. Das damit verbundene Wissen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Selbstbilder werden mitaufbewahrt. Lagern berührt Bereiche des Status, des Habitus und ist eine Praxis, die an Zukunft glaubt.
Lagern ist zudem situierte und verräumlichte Praxis. Lagern braucht Behältnisse und kreiert Räume, die aufgeladen sind mit sozialer Bedeutung. Lagern ist Raum. Diese Lagerräume sind oft nicht auf den ersten Blick sichtbar, sie sind dem Dunkeln, den Kellern, den Dachböden, den Schuppen, den Höhlen und den S p e i c h e r n verbunden. Speicher sind Räume des Geheimen und der Erinnerung. „In seinen tausend Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit. Dazu ist der Raum da“ (Bachelard 2007, S. 35).
Traditionellerweise reichte der Kosmos eines Hauses vom finsteren Keller mit den irdischen Vorräten bis zum Dachboden, der der Erinnerung und den Ahnen vorbehalten ist. In den Städten hat der Kosmos eines Hauses heute eine andere Form angenommen, er ist flach geworden. Die meisten Menschen „sind Menschen mit einer Etage. Die Bewohner der Großstadt wohnen in übereinandergestellten Schachteln.“ (Bachelard 2007, S.51) In diesen Häusern sind die Dachböden hell und bewohnt, die Rumpelkammern verschwunden und aus Kostengründen werden Häuser ohne Keller gebaut. In einigen Fällen erweitern die eingeschossigen Bewohner der Großstadt neuerdings ihre individuellen Raum- und Speicherkosmen über mehrere Kreuzungen hinweg bis zur nächsten Ausfallstrasse: sie beziehen ein Abteil in einem Self Storage - Haus. Diese Self Storage - Abteile sind in der Kosmologie des Raumes die Anti-Keller, stufenlos, „hell, sauber, sicher, trocken“, wirbt die Branche. Und doch teilen sie die dunkle Verschwiegenheit mit den Kellern. Bei aller Verborgenheit ist Lagern, Speichern und Storage ein Element der „Grammatik des Raumes“ (Giddens). Self Storage Units sind in Deutschland ein relativ neuer Bestandteil dieser räumlichen Grammatik.
Lager sind Räume der Erinnerung, die die Idee von Zukunft beinhalten. Räume, die aus dem Umgang mit den Dingen und ihren Behältnissen entstehen. Self Storage Units sind Häuser, die aus hunderten dieser Räumen bestehen; Sie sind architektonische Riesen, urbane Affirmatoren und Häuser nur für Dinge. Gigantische Speicher unserer Erinnerung, ein Zuhause des Überflüssigen und Notunterkunft für unbehauste Dinge. Lager für Reste des Gestern, die die potentiellen Rücklagen für Morgen bilden.
Petra Beck
Petra Beck ist Europäische Ethnologin und Kulturanthropologin. Sie hat Europäische Ethnologie, Kulturwissenschaft und Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Ihre Magisterarbeit „Restopia. Selfstorage als urbane Praxis“ untersucht die materielle Seite urbaner Entwicklung und die Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und Biographien anhand einer Forschung in 14 deutschen Selfstorage-Häusern. Die Arbeit wurde mit dem Georg-Simmel-Preis für Stadtforschung 2013 ausgezeichnet.
Zur Zeit ist Petra Beck Lehrbeauftragte an der Humboldt Universität zu Berlin.