Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/1779

16. Februar 2002: In Salt Lake City ereignet sich ein Sportwunder. Der krasse Aussenseiter Steven Bradbury wird Olympiasieger im Shorttrack – weil alle seine Gegner in der letzten Kurve stürzen.
«Doing a Bradbury» («einen Bradbury machen») ist in Australien ein geflügeltes Wort. Wer es verwendet, meint damit, dass jemand durch unglaubliches Glück und eine Reihe von Zufällen zum Erfolg gekommen ist. Genau das ist es, was Steven Bradbury vorgelebt hat.
Die Spiele von Salt Lake City sind bereits seine vierten, für einen Shorttracker tritt er im Veteranen-Alter von bald 29 Jahren an. Entsprechend ist Bradbury nicht mehr als ein Aussenseiter. Es überrascht deshalb niemanden, dass der Australier im Viertelfinal ausscheidet. Aber an dieser Stelle des Wettkampfs beginnt das Wunder, seinen Lauf zu nehmen.
Weil ein kanadischer Gegner seines Viertelfinallaufs disqualifiziert wird (Kampfrichter-Chef ist ein Australier …), rutscht Bradbury in den Halbfinal nach. Vor dem Rennen legt er sich die Taktik zu recht: Aus allem raus halten, auf einen Sturz der Gegner hoffen und so vielleicht in den Final kommen.
Die Taktik geht auf. Und Steven Bradbury, der krasse Aussenseiter, kämpft nun mit vier Gegnern um die Olympiamedaillen. Vom ersten Meter an läuft er allerdings bloss der Konkurrenz hinterher. «Meine Taktik war dieselbe wie im Halbfinal», erklärte er nach dem Rennen. «Ich setzte darauf, dass vielleicht zwei Gegner stürzen und ich so Bronze erben kann. Schliesslich war mir bewusst, dass ich nicht der Stärkste im Feld war.»
Zwei Runden vor Schluss ist das Tempo vorne so hoch, dass Bradbury immer mehr den Anschluss verliert. Kein Grund zur Panik, er liegt voll in seinem Plan: sich aus allen Nahkämpfen raushalten. Nur noch eine Kurve ist zu laufen, für den amerikanischen Lokalhelden Apolo Anton Ohno scheint Gold bereit zu liegen.
Doch es kommt zum Gerangel zwischen Ohno und dem Chinesen Li Jiajun. Dabei wird der Koreaner Hyun-Soo Ahn eingeklemmt, er stürzt und greift im Fallen nach Ohnos Bein. So fällt auch der Amerikaner und er reisst auch Li und den Kanadier Mathieu Turcotte mit. Ergibt unter dem Strich: vier Läufer in den Absperrbanden, ein Hinterherläufer noch auf den Beinen. Praktisch im Auslaufen gleitet Steven Bradbury über die Ziellinie – als erster australischer Olympiasieger an Winterspielen.
«Ich war mir nicht sicher, ob ich Gold überhaupt verdiene», erinnert sich Bradbury Jahre später. «Nach einigen Minuten war mir klar: Ich verdiene sie. Nicht für die 90 Sekunden des Finals. Aber für die 12 Jahre auf dem Weg zu diesem Tag.»
Denn dass Bradbury überhaupt antreten kann, grenzt schon an ein Wunder. Zwei Jahre vor Salt Lake City knallt er Kopf voran in die Bande, bricht sich zwei Halswirbel, kommt nur mit Glück am Rollstuhl vorbei.
Und das war noch nicht einmal die schlimmste Verletzung. 1994 erleidet er durch die Kufe eines Gegners eine Schnittwunde am Oberschenkel, etwa 4 Liter Blut verliert Bradbury beim Unfall: «Zum Glück war die medizinische Versorgung perfekt. Sonst hätte ich nicht überlebt.» Mit nicht weniger als 111 Stichen wird die Wunde genäht.
Das Publikum in der ausverkauften Halle weiss all dies nicht. Es pfeift und will nicht wahr haben, dass das Rennen auf diese Weise endet. 16'000 Fans waren gekommen, um über die 1000-Meter-Strecke einen Triumph des einheimischen Wunderkinds Ohno zu erleben. Stattdessen werden sie Zeugen eines der unglaublichsten Sportmärchen aller Zeiten.
Und weil sich Apolo Anton Ohno von den Gestürzten am schnellsten wieder aufrappelt, gewinnt er immerhin noch Silber. Zwar muss er aufgrund der Sturzfolgen im Rollstuhl zur Siegerehrung geschoben werden, doch vier Tage später hat auch sein Märchen noch ein Happy End: Über 1500 Meter gewinnt Ohno die Goldmedaille.