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Isadora Duncan gilt als eine der Begründerinnen des modernen «Ausdruckstanzes». Nachdem 1913 ihre beiden Kinder bei einem Autounfall in der Seine ertranken, konnte sie zuerst gar nicht mehr tanzen, schuf dann aber die Solo-Choreographie «Mother» (La mère). Mit diesem Solo setzen sich in diesem Film vier sehr unterschiedliche Frauen auseinander.
Tanzfilme sind mir fremd. Und damit meine ich nicht die Musicals, die immer wieder neuen, populären kinetischen Körperspektakel des Unterhaltungskinos.
Ich meine den Tanzfilm als Kunstform, den Film, der sich mit der Kunst des Tanzens auseinandersetzt.
Die physische Esoterik der Gattung ist am anderen Ende meines Wahrnehmungsspektrums angesiedelt, wie Infrarot oder Ultraschall: Mir fehlen die organischen Wahrnehmungskapazitäten dafür. So muss ich mich denn alle paar Jahre zusammenreissen und mich bemühen, mein Defizit intellektuell zu kompensieren: Ich muss mir Tanzfilme zusammenreimen und mir die Disziplin dazu abringen.
Das ist mit Les enfants d’Isadora zunächst nicht anders. Aber der Film braucht mich nicht. Dieses Kunst-Stück des einstigen Tänzers Damien Manivel hat Protagonisten und Rezeption eingebaut.
Da begegnet uns zunächst die von Agathe Bonitzer verkörperte junge Tänzerin, welche eine Isadora-Duncan-Biographie liest, auf die Geschichte von «La mère» stösst und sich darin vertieft. Sie schaut mitten in der Nacht am PC alte Fotos von Duncan und ihren beiden Kindern an, vom Auto, das aus der Seine gezogen wird.
Dann geht sie in die Tanzbibliothek und holt sich einen grossen Band mit Duncan-Choreografien. Seiten um Seiten mit akribisch notierten Elementen in dieser Notation, die ich als Laie nie und nimmer mit Tanz in Verbindung gebracht hätte.
Im Studio setzt sie das dann Zeile um Zeile vorsichtig um. Wobei nie klar wird, ob Agathe Bonitzer eine Tanzausbildung gemacht hat, ob sie tanzen kann. Denn ihre Bewegungen sind erst leichte Andeutungen.
Dann ist Bonitzer nicht mehr da, und wir sehen statt ihr Manon Carpentier, ein ernsthaftes Mädchen, wahrscheinlich mit Trisomie 21, jedenfalls keine typische Tänzerin, und Marika Rizzi, die mit ihr am Mutter-Solo von Duncan arbeitet. Auch diesmal bleibt es bei Andeutungen, Interpretationen. Die Lehrerin fragt die Schülerin nach einzelnen Motivationen, nach dem, was diese oder jene Bewegung zu fassen sucht, und bekommt sehr ernsthafte, präzise und vor allem einfache Antworten.
Und schliesslich sind wir dabei bei einer Aufführung der Choreographie. Allerdings sehen wir nur die Gesichter der Zuschauer, darunter eine schwere alte Frau, über deren schwarze Wange eine Träne rollt. Die Kamera folgt ihr in die Winternacht hinaus, ins Café, wo sie einen Teller Spaghetti isst und das Programmheft studiert, und schliesslich mit dem Bus nach Hause, auf dem beschwerlichen Weg mit dem Gehstock.
Die alte Frau betritt ihr Apartment, giesst eine Pflanze, zieht ein Nachthemd über, zündet ein Räucherstäbchen an neben dem Foto eines jungen Basketballspielers. Und dann macht sie neben dem Bett einen Teil der Armbewegungen, von denen wir mittlerweile wissen, dass sie zum Mutter-Solo gehören.
Im Abspann, wo wir alle Namen zum ersten Mal sehen, erfahren wir dann, dass die Frau Elsa Wolliaston heisst. Sie ist Tänzerin, Choreografin, Pädagogin aus Jamaica mit Jahrgang 1945, seit 1969 in Frankreich lebend.
Les enfants d’Isadora ist unbestritten ein kunstfertiger Film, eine dichte Umsetzung von Annäherungen und ein präzise gebautes Stück, dem ich einmal mehr den grummelnden Respekt des Unverständigen entgegen bringen muss: Ich sehe, da ist was dran. Es ist bloss nichts für mich.