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Der Weltuntergang - die Apokalypse

Die Kunst und die Visionen vom Ende der Welt
Keine Angst, lieber Leser, wir wollen Sie nicht über das vermeintlich
bevorstehende Ende der Welt orientieren. Das neue Jahrtausend beginnt übrigens
ohnehin nicht mit dem 1. Januar 2000, sondern erst ein Jahr später.
Hier geht es vielmehr um den Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich,
die vor kurzem zu Ende gegangen ist.
Zumindest die Christen scheinen sich seit der Vertreibung aus dem Paradies
(1802 von Johann Heinrich Füssli auf die Leinwand gebannt) mit dem
Weltuntergang beschäftigt zu haben. Kann ein unfehlbarer Gott seine
unvollkommenen Geschöpfe ewig leben lassen? Nein. Eines Tages müssen
sie vor das Jüngste Gericht treten, 1569 von Michelangelo dargestellt.
Gott dagegen ist der Erste und der Letzte, Alpha und Omega. Die Apokalypse
schien unabwendbar (1471-1528 Albrecht Dürer). Auch die Sintflut war
ein für die Künstler zu beachtendes Zeichen (so 1601 Jan Brueghel
d. Ae.).
Knut Görich widerlegt in seinem Beitrag zum Katalog die Mär
von der Angst vor der Jahrtausendwende im Jahr 999. Diese Angst wurde überhaupt
erst im 16. Jahrhundert von Kardinal Caesar Baronius ermöglicht -
und zwar mit seiner damals ungewöhnlichen Einteilung der Geschichte
in Jahrhunderte und der Wiederentdeckung eines im Mittelalter so gut wie
unbekannten Textes von Rodulfus Glaber. Die Milleniumsangst wurde quasi
retroaktiv eingeführt. Natürlich realisierten gebildete Zeitgenossen
den Wechsel vom Jahr 999 zum Jahr 1000, doch massen sie ihm nicht die Bedeutung
zu, wie die Menschen des 16. Jahrhunderts.
Wenig bekannt ist, dass der Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant,
um 1890 symbolische chronologische Diagramme auf der Basis von Prophezeiungen
aus der Heiligen Schrift schuf, die an Art Brut oder moderne Collagen-Kunst
des 20. Jahrhunderts gemahnen. Eine rechnerische Auseinandersetzung mit
der Heiligen Schrift oder Kunst eines Geisteskranken?
Während dem Zweiten Weltkrieg (1941/42) schliesslich hatte der
deutsche Max Beckmann allen Grund, sich in einer Serie von Lithographien
mit der Apokalypse auseinanderzusetzen. Härte, Rache, Vernichtung
und Schöpfungshass waren seine Themen.
Auch die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts hat sich mit dem Thema des
Untergangs der Welt auseinandergesetzt bzw. die Möglichkeit vom nahen
Ende erst geschaffen. Atombombe und Atomkraftwerke heissen die Stichworte.
Pierre Brauchli schuf 1979 ein Plakat im Kampf gegen Atomkraftwerke, bei
dem der Kühlturm zu einem Turm zu Babel umgedeutet wurde.
Die Studie zu den Grenzen des Wachstums des Club of Rome unter der Leitung
von Dennis Meadows im Jahr 1972 zeugt von der Bewusstwerdung der Grenzen
des Wachstums. Die Autoren waren sich der Unzulänglichkeiten ihrer
Prognosen bewusst, die sich ja auch tatsächlich nicht bewahrheitet
haben. Doch die Idee vom Leben im Gleichgewicht mit der Natur und das Entstehen
von Umweltschutzorganisation und -Parteien ist nicht zuletzt das Verdienst
ihrer Studie.
Der Astrophysiker Stephen Hawking schliesslich ist zum Schluss gekommen,
das Universum habe weder Anfang noch Ende. Es wurde nicht erschaffen und
ist nicht zerstörbar; es ist einfach. Das zum Trost für all diejenigen,
die dem Jahr 2000 mit Angst entgegen sehen.
Ernst Halter, Martin Müller, Hg.: Der Weltuntergang. Mit
fünf kritischen Essays und Originaltexten von Herodot, Johannes dem
Tüfer bis Friedrich Dürrenmatt. 1999, 288 S., 80 Farb- und 32
Duplex-Abb.