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WOZ: Sie haben das letzte Mal gesagt, es habe Sie früher nicht gestört, dass Sie die einzige Instrumentalistin in der Jazzszene waren. Wann änderte sich das?
Irène Schweizer: In den Siebzigern. Ich habe mich früher schon gefragt, ob es noch irgendwo Instrumentalistinnen gibt. In den USA gab es einige, Carla Bley, Mary Lou Williams. Aber in Europa war ich um 1970 herum noch allein unter Männern.
Waren Sie damals schon politisch aktiv?
Als es 1968 in Zürich losging, war ich noch nicht dabei, denn ich lebte damals in Sursee. Der Schlagzeuger Pierre Favre arbeitete dort als Cymbal-Tester bei der Firma Paiste, und ich war seine Sekretärin. Das war ein toller Job, denn wir konnten problemlos freinehmen, wenn wir Konzerte hatten. Ich spielte in verschiedenen Formationen, lange auch mit Pierre. Damals war 68 für mich vor allem eine kulturelle Revolution. Die kulturellen Aufbrüche, schwarze Musik, die «Nouvelle Vague» der Filme von Jean-Luc Godard faszinierten mich.
Und dann?
1974 kam ich nach Zürich, in eine Musiker-WG. Im Frauenzentrum am Tessinerplatz bekam ich Kontakt zur Frauenbewegung und lernte auch meine Freundin kennen. Das war meine zweite längere Beziehung. Ich trat dann in die HFG ein, die Homosexuelle Frauengruppe. Wir gaben eine Zeitung heraus, die «Lesbenfront» hiess, später «Frau ohne Herz». Wir gingen an die Vollversammlungen der Frauenbefreiungsbewegung, an die Demos am 8. März. So kam ich hinein. Und da fiel mir auch immer mehr auf, dass ich zwanzig Jahre lang mausallein Musik gemacht hatte als einzige Frau. Und dass ich eigentlich noch etwas anderes wollte. Zu dieser Zeit tauchten zum Glück auch die ersten Frauen in der europäischen freien Musikszene auf.
Wie kamen Sie mit ihnen in
Kontakt?
1976 oder 77 spielten die englischen Musikerinnen Lindsay Cooper, Maggie Nicols und Georgie Born mit Fred Frith in Zürich, im Rämibühl. Da fragte mich Lindsay Cooper, ob ich mit ihnen eine Frauenband gründen wolle. So entstand die Feminist Improvising Group – FIG. Am Anfang spielten wir nur an Frauenanlässen. Später traten wir auch an internationalen Jazzfestivals auf. «So eine Frechheit, eine Frauenband, die können ja nichts»: Viele Musiker reagierten so. Andere waren begeistert. Das war lustig, diese Spaltung unter den Männern. Unsere Auftritte waren sehr theatralisch und sarkastisch. Wir spielten den Alltag von Frauen, Maggie kam mit dem Besen auf die Bühne und wischte beim Singen. Wir provozierten die Männer. Viele ertrugen das überhaupt nicht. Reine Männerbands gab es überall, das ist ja bis heute normal. Aber eine reine Frauenband, das war ein Skandal.
Wie entwickelte sich die FIG musikalisch?
Wir waren ein sehr gemischter Haufen. Ich kam aus dem Jazz, Maggie auch, Lindsay kam von der progressiven Rockmusik, Georgie Born war klassisch ausgebildet. Das Resultat war manchmal etwas dilettantisch, aber machte Spass. Die Männer hatten allerdings andere Kriterien: Wie gut ist sie technisch, wie schnell kann sie spielen? Bei den Männern geht es immer um Leistung. Das interessierte uns nicht, wir wollten genau das Gegenteil.
Ist Ihr Frauentrio Les Diaboliques aus der FIG entstanden?
Indirekt ja. Die FIG nannte sich später European Women Improvising Group, da war auch die französische Bassistin Joëlle Léandre dabei. Mit ihr und Maggie Nicols gründete ich dann Les Diaboliques.
Es sieht aus, als hätten Sie es extrem lustig zusammen.
Ja, aber wir haben auch oft Streit, Kämpfe auf der Bühne. Wir sind so verschieden! Bald erscheint eine DVD mit einem Konzert von uns im Zürcher Jazzclub Moods vor zwei Jahren. Wir waren alle drei nicht glücklich über diesen Auftritt, aber als ich später den Film schaute, fand ich ihn saugut. An diesem Abend passierte sehr viel zwischen uns.
Ist es ein grosser Unterschied, mit Frauen oder mit Männern zu spielen?
Ja. Was ich mit Les Diaboliques mache, könnte ich mit Männern nicht. Die Männer sind immer so ernst. Ausser die Holländer – aber die sind mir fast wieder zu humoristisch. Es braucht eine gute Mischung. Zugegeben, für mich sind Les Diaboliques manchmal auch an der Grenze. Dann höre ich halt auf zu spielen und lasse die zwei Damen ihren Konflikt allein austragen. Mir ist wichtig, dass es auch musikalisch Hand und Fuss hat. Es darf nicht nur Gag und Show sein. Aber bei vielen Männern wäre ich froh, sie würden stärker auf das Publikum eingehen. Manche spielen fast mit dem Rücken zu den Leuten, als wäre es egal, ob jemand zuhört oder nicht. Das finde ich trist.
Irène Schweizer (66) ist Jazzpianistin und lebt in Zürich.