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Typischerweise wird die vermutete Intimisierung des Öffentlichen anhand von wenigen Indikatoren wie z.B. der Darstellung von privaten und intimen Details über Politiker in kommerzialisierten Medien festgemacht. Sozialtheoretisch gesehen, bedeutet Intimisierung aber deutlich mehr. Die These unseres Projekts ist, dass die „klassische“ moderne Trias der Welterfahrung in der Moderne zunehmend durch eine „moralisch-emotionale Trias“ konkurrenziert wird. Die klassische Trias war durch eine Welterfahrung im Rahmen intensiver Beziehungen in der bürgerlichen Intimität, durch eine kognitiv-normativer Welterfahrung im Licht von Geltungsgründen und durch Systemvertrauen gekennzeichnet. Diese Formen der Welterfahrung werden in der Postmoderne zunehmend durch extensive Beziehungen, eine moralisch-emotionale Codierung der Welt und affektives Vertrauen konkurrenziert. Dies zeigt sich in dreifacher Hinsicht:
- Die uns schützende Intimsphäre, dank der wir gleichzeitig „innerhalb“ wie „ausserhalb“ der Gesellschaft stehen können, wird auch dadurch geschwächt, dass Beziehungen weniger intensiv geworden sind, flexibel eingegangen und extensiv „gemanagt“ werden (z.B. Facebook-Freunde).
- In der öffentlichen Kommunikation finden zunehmend diejenigen Themen und Akteure Resonanz, die leicht rezipierbare moralisch-emotionale Botschaften einspeisen. Dies wird durch die wachsenden Feedbackschlaufen zwischen den Social Networks, in denen „Softnews“ dominieren, und dem Informationsjournalismus online, der sich zunehmend an der Viralität ausrichtet, verstärkt.
- Das Systemvertrauen und das Wissen um die „checks and balances“ werden überlagert durch ein Vertrauen in Personen (Exponenten), womit Skandalisierungen (der Personen) wahrscheinlicher werden und dadurch die Reputation von Organisationen und Institutionen deutlich volatiler wird.
Ziele unseres Projekts sind, diese Prozesse der Ausweitung einer ursprünglich auf die Intimsphäre begrenzten moralisch-emotionalen Welterfahrung zu synthetisieren und zu erklären und empirisch am Beispiel der Schweiz seit den 1960er Jahren zu überprüfen. In den empirischen Analysen greifen wir dabei auf die Mediennutzung zurück und kombinieren diese mit inhaltsanalytischen Verfahren. Für das Projekt werden zwei Doktorandenstellen ausgeschrieben. Idealerweise befasst sich eine Dissertation vor allem mit einer (medien-)soziologischen Analyse der Extensivierung von sozialen Beziehungen (z.B. Netzwerkforschung) und die anderen Dissertation mit den Herausforderungen der Digitalisierung des Informationsjournalismus.
Kontakt:
Linards Udris
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Tel. +41 (0)44 635 21 17
E-Mail: <email-pii>