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Es ist jeden Tag ein Kampf. Ich bin allein zu Hause und sage: „Mist, wo ist das? Ich brauche es, sofort!“ Ich sage dann: „Ich schreibe Mom. Ich schreibe Mom, jetzt. Unbedingt.“ Das geht soweit, dass ich sie bombardiere, bis sie antwortet. So abhängig bin ich von ihr.
Dies ist ein Zitat von Nolan Mersier, einem 13- jährigen Teenager, der zusammen mit seiner ganzen Familie in der Aufräumserie von Marie Kondo ‚Tidying up’ ein Ordnungscoaching durchlaufen hat. Alle Familienmitglieder schildern zu Beginn der Folge das grosse Problem: Es ist alles unordentlich und die Einzige, die weiss, wo etwas zu finden ist, ist die Mutter. Sie ist für das Kochen, das Putzen, das Waschen und Aufräumen verantwortlich.
Was sich in den 1950er-Jahren als Rollenideal gebildet hat, ist auch heute noch häufig so: Der Haushalt wird als Sache der Frau angesehen.
Inzwischen sind grosse Schritte Richtung Gleichberechtigung gemacht worden. Haushaltsarbeit wird immer mehr auch von Männern erledigt. Die Bastion ‚Haushaltsplanung‘ muss aber noch erstürmt werden.
Du erfährst in diesem Beitrag
1) Was ist Mental load?
Um diese Frage zu beantworten, möchte ich gerne die Situation von Nolan am Anfang des Beitrages aufgreifen. Nolan hatte ein Problem. Er weiss nicht, wo beispielsweise seine Turnschuhe sind. Ihm fehlt das direkte Wissen. Er hat nun zwei Möglichkeiten. Die eine ist mit Arbeit verbunden, er muss seine Turnschuhe suchen und weiss nach kürzerem oder längerem Herumwühlen, wo sie abgeblieben sind. Das ist mühsam. Nolan hat deshalb den zweiten Weg gewählt; er hat sein ausgelagertes Wissen angezapft. Er weiss, nicht wo seine Turnschuhe sind, aber er weiss, dass seine Mutter es weiss.
Diese beiden Arten von Wissen besitzen wir alle. Im Gedächtnis direkt abgespeichert sind Erfahrungen und Gelerntes. Im erweiterten Gedächtnis ist unser Wissen, wie wir an Informationen kommen. Über allgemeine Informationen finden wir Wissen im Internet, für Privates wird die Partnerin oder Mutter angezapft.
Und genau an dieser Schnittstelle beginnt das Problem. Das Gehirn der Hausfrau wird von allen Haushaltsmitgliedern benutzt. Sie ist die Schnittstelle für Termine, Planung, Logistik und Lagerung. Sie ist verantwortlich, dass das Projekt Familienalltag reibungslos funktioniert.
In der Berufswelt wird dies als separaten Beruf anerkannt. Die Projektmanagerin ist nur für die Planung zuständig. Die Ausführung übernehmen die zugeteilten Personen. Zuhause ist dies nicht aufgeteilt. Unsichtbare Zusammenhänge und Arbeitsketten werden nicht bemerkt. Es wird erwartet, dass die Frau dies noch ganz nebenbei erledigt.
Ich möchte dir gerne an einem Beispiel aufzeigen, wie komplex eine scheinbar simple Handlung ist: Du willst ein Abendessen für die Familie kochen. Diese Aufgabe beinhaltet folgende versteckte Teilschritte:
Im Vorfeld wählst du ein Menu, kaufst ein, und räumst die Lebensmittel in den Kühlschrank.
Du legst das Rezept bereit, berechnest, wie lange das Zubereiten dauert und planst dies im Tagesablauf ein.
Du nimmst beim Kochen Werkzeuge hervor und kochst.
Den Tisch deckst du parallel dazu.
Nach dem Essen räumst du das Geschirr ab, spülst und trocknest es ab oder räumst es in die Spülmaschine, versorgst alles.
Am Schluss reinigst du die Küche, vielleicht leerst du auch noch den Kompost und Abfall.
Es ist keine Entlastung, wenn der Mann zwar in der Küche steht und Essen kocht, dabei aber immer wieder Fragen ins andere Zimmer ruft, wo etwas ist und wie etwas nun gemacht werden sollte. Es ist keine gleichberechtigte Arbeit, wenn die Frau Punkt 1-5 abarbeitet und der Mann noch den Müll runterbringt.
Die französische Illustratorin Emma hat schon 2017 die Problematik von Mental load auf den Punkt gebracht.
Ihr Fazit ist, dass es gut ist, dass Männer immer mehr im Haushalt helfen. Sie sind jedoch nicht proaktiv. Männer sehen nichts anderes, als die ihnen zugewiesene Aufgabe.
2) Wer ist von Mental load betroffen?
Mental load ist hauptsächlich weiblich. Bei Bildung sind Frauen und Männer inzwischen auf ähnlich hohem Niveau. Erst wenn Kinder kommen, kippt das Verhältnis plötzlich zurück in alte Formen. Von Frauen wird erwartet, ihre Arbeit weiter auszuüben, aber gleichzeitig auch den Haushalt zu leiten. Dies ist ein Ungleichgewicht, das behoben werden muss, dies nicht nur, um Frauen zu entlasten, sondern Männer und Kinder aus dieser Abhängigkeit zu lösen.
Es gibt nicht nur Bestrebungen von weiblicher Seite gegen diese ungerechte Verteilung von Haushalt und Kindererziehung, sondern auch von Männerorganisationen. Den Frauen wird nicht nur etwas aufgebürdet, mit der Abwesenheit bei Kinderbetreuung und Haushaltsführung wird Vätern und Männern auch etwas verwehrt.
Maenner.ch haben eine Studie herausgebracht, wie die Rollenverteilung für Haushalt und Kind aussieht. Hier ist ein kleiner Auszug aus ihrem MenCare Report Schweiz Vol.3: "Fussabdruck MenCare"
«Teil-traditionelle Männer» machen 25% der männlichen Bevölkerung aus. Sie steuern den Hauptteil des Familieneinkommens bei, engagieren sich aber auch in der Haus- und Familienarbeit, wobei sie nicht nur klassisch «männliche» Aufgaben übernehmen, sondern auch weitere Tätigkeiten wie z. B. administrative Aufgaben.
«Berufsmänner» machen 22% der männlichen Bevölkerung aus. Sie sind erwerbsorientiert und tragen die Hauptlast der finanziellen Verantwortung für die Familie. Im Gegenzug beteiligen sie sich kaum an der Haus- und Familienarbeit.
«Inklusive Männer» machen 17% der Bevölkerung aus. Sie sind weniger erwerbsorientiert und übernehmen sowohl klassisch «männliche» wie auch klassisch «weibliche» Tätigkeiten im Haushalt und in der Familie. Ihre Partnerinnen sind in vergleichbarem oder stärkerem Mass beruflich engagiert.
3) Was kannst du gegen Mental load und diese ungleiche Arbeitsverteilung tun?
Sitz mit deiner Familie zusammen. Mach auch scheinbar kleinliche Aufgaben, die du erledigst und deren Zeitaufwand, sichtbar. Erstellt als Partner oder Familie klare Arbeitseinteilungen und Verantwortungsbereiche. Auch Kinder können und sollen ihren Teil mit kleinen Ämtchen dazu beitragen.
Die Umverteilung von Haushaltsaufgaben kann von zwei Seiten beeinflusst werden:
‚Mann‘ kann sich noch so sehr wünschen, mehr Zuhause zu sein, wenn dies im Beruf nicht unterstützt wird ist ein Fehler im System vorhanden, gegen den angegangen werden muss. Frauen können aktiv im Haushalt entlastet werden. Der Druck von Perfektionismus soll endlich von ihnen abfallen.
Je einfacher und klarer der Haushalt organisiert ist, desto weniger Arbeit bedeutet er.
Ist einmal mit einer grossen Aufräumaktion eine Grundordnung geschaffen worden, weiss jeder im Haushalt, wo seine Sachen sind. Es ist kein Anzapfen von ausgelagertem Wissen mehr notwendig.
4) Was hat Mental load mit Lagom zu tun?
Mental Load ist im Kern eine Unausgeglichenheit von Verantwortung und Aufgaben. Dies kann behoben werden, indem Pflichten gerecht auf alle Mitglieder verteilt werden.
Lagom ist die Philosophie von ‚Nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern genau richtig‘.
Sie ist der Kern für eine Balance zwischen Familie und Beruf, von Arbeit und Freizeit, von Zusammensein und Zeit für sich.
Meist ist die Wurzel des Problems die Masslosigkeit von Terminen, Sachen, Aufgaben und Projekten. Lagom beinhaltet die Frage: Was brauche ich wirklich? Und kann damit helfen das richtige Mass wieder zu finden.
Lagom hat auch eine soziale Komponente. Es ist die Bindung in einer Gemeinschaft. Jeder ist ein gleichwertiges Mitglied der Gemeinschaft und leistet zu deren Erhalt und Wohl seinen gleichwertigen Beitrag. Möchtest du mehr über Lagom erfahren? Lies hier weiter.
Zusammenfassend kann man sagen, dass man Mental load entgegenwirken kann, indem man gemeinsam Aufgaben neu verteilt und den Haushalt einfach und klar gliedert.
Lebe mehr Lagom!
Verwandle dich von der Chaosqueen zum Ordnungsprofi
Keine wandernden Ablagehäufchen, kein überfüllter Kopf, kein hektisches Suchen mehr.
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