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Ich sass zwischen den aufgetürmten Handtüchern und Bettlaken, die gebügelt werden mussten, und lauschte der Geschichte von einem frommen Mädchen. Es hatte eine Stiefmutter, und diese wollte es töten und war sicher, es früher oder später im Schlaf zu überraschen. Sie fragte: «Bist du eingeschlafen? Schläfst du?» Aber die Kleine hatte einen Trick: Sie spuckte in ein Trinkglas, und ihre Spucke wurde lebendig und antwortete an ihrer Stelle: «Nein, ich schlafe nicht.» Die Stiefmutter schloss die Finger enger um das Seil oder Messer und verschob den Mord. Und das fromme Mädchen konnte fliehen und sich retten.
Ich lauschte meiner Lieblingsgeschichte und die Mangel drehte sich, hypnotisierte mich. Langsames Drehen, langsames Hineinziehen der gelben Tischtücher, der weissen Laken, um sie ordentlich gebügelt, dampfend wieder zu entlassen. Langsames Erzählen der Frau mit dem schwarzen Haar. Ich wurde schläfrig und manchmal ekelte ich mich auch ein wenig vor diesem Trinkglas mit der sprechenden Spucke – nein, ich schlafe nicht. Bis ich zwischen Bettlakenhaufen tatsächlich einschlief. Es war Sommer und in der Lingerie verging man fast vor Hitze.
Bald wird man auch die Bettlaken- und Tischtuchstapel abholen, die Federbetten, Matratzen, Kinderbetten. Lastwagen der Baufirma werden die Privatstrasse mit den golden beschrifteten blauen Wegweisern zum Hotel hochfahren, wo Zabarella mit den Bier- und Limonadekästen halsbrecherisch hinauf- und hinunterratterte.
Die blonde Frau öffnete den Stadtplan auf der Theke der Récéption. «Wir sind hier», sagte sie und machte das erste Kreuzchen. Mit dem zweiten markierte sie wenig unterhalb die Bushaltestelle. Aber vielleicht wollten die Gäste zu Fuss gehen? Die blonde Frau erklärte, wie weit es bis zur Via Nassa, zu den Geschäften war – drittes Kreuzchen. Auf der anderen Seite der Theke nickten die Touristen. Der Stadtplan füllte sich mit Kreuzchen wie eine Stickerei, der Schiffsteg, der Parco Ciani, die Villa Favorita, die Piazza Manzoni, wo man den Bus nahm, um wieder zum Hotel zurück zu fahren…
Vor dreissig, vierzig Jahren blieben die Leute auch einmal zwei Wochen, im Sommer rackerte man sich ab, war Hochsaison. Ich verbrachte die Ferien inmitten der Gäste, lernte, ohne es zu bemerken, ihre Sprache. Sie gingen mir auf die Nerven, die Gäste. Um mit meiner Mutter zu sprechen – der blonden Frau an der Récéption – musste ich mich anstellen und warten, bis sie fertig damit waren, von ihren Ausflügen auf dem See und auf den Monte San Salvatore zu erzählen. Und sie ging auch noch darauf ein!
Ich kühlte mich im Schwimmbad ab, fischte hin und wieder einen Frosch heraus, machte Perlenhalsketten, las und kochte in der Augustsonne auf der Eingangstreppe. Wird man auch sie wegtransportieren? Oder sie zusammen mit den Badezimmerfliesen, den Wasserleitungen, die jeweils im Winter undicht wurden und das Hotel bewässerten, entsorgen? «Das ganze Leben lang war es eine einzige Plackerei mit dem Wasser», sagt mein Vater immer wieder. Es stimmt, aber man könnte meinen, er hätte auf Reisfeldern gearbeitet oder wie sein Grossvater Kies über den See gefahren.
Sprechanlage. «Ich bin’s, Claudia», sage ich, «darf ich raufkommen?» Fünf Stockwerke höher sagt die Frau mit dem schwarzen Haar: «Ah! Komm!». Ist sie überrascht? Mein letzter Besuch liegt schon eine Weile zurück. Ich hätte früher kommen sollen, um ihr das Neuste zu erzählen.
«Wie geht es der Mutter?», fragt sie. Manchmal sagt sie der Señora. «Und wie geht es dem Vater? Und dem Hotel?» An den Wänden und auf den Wandregalen ihrer Wohnung stehen Fotos von uns, von meinen Kindern, deren Nanny sie ebenfalls war. Mit einer Prise Gereiztheit und Verlegenheit warte ich auf dem geblümten Sessel darauf, dass sie mir von neuem erzählt, wie sie sich beim Bettenmachen im Hotel den Rücken ruiniert hat. Die Matratzen, die Wäschekörbe mit nassem Bettzeug – sie wogen schwer!
Im Büro gefielen mir die trockenen Schläge des Hektographen, wenn man zu einer bestimmten Stunde die Speisekarten – auf Deutsch, Guten Appetit! – vervielfältigte, und die Telefonzentrale mit den bunten Steckern. Alles in den Achtziger- und Neunzigerjahren von Computern und Druckern verdrängt. Die Tailleurs und die gesetzte Atmosphäre aber machten mich nervös. Also floh ich ins Untergeschoss: Die Kartoffelschälmaschine dröhnte, der Tellerwäscher aus San Vicente war jung und hübsch, der Koch schob riesige Bleche in das Maul des Backofens, dichter, fetter Rauch stieg auf und berauschte uns. Im Schutz des Nebels kerbte ich mit den Fingern Rillen in das Speiseeis, fischte Émincé Stroganoff aus den riesigen Töpfen. Ich verwechselte es mit Michael Strogoff, das Ragout bekam eine abenteuerliche Note. Es gab das kämpferische Consommé Millefanti und Birnen Belle Hélène. Die Küche knisterte, loderte. Flüche, Sprüche, Schreie flogen durch die Luft. Manchmal kam es über den Blätterteigpasteten oder dem russischen Salat zu kleinen hysterischen Anfällen, zu Tränen.
Ich weiss nicht mehr wie, aber ich entdeckte, dass der Portier und seine Frau Kinder hatten. Sofort ging ich zu ihnen und fragte nach: Was für Kinder? Wie viele? Wo waren sie? Bei den Grosseltern in Jugoslawien. Nur sie zwei waren gekommen, zum Arbeiten. In meinem Mädchenkopf war diese monatelange Trennung – beinahe acht, so lange dauerte die Hotelsaison – eine unerhörte Grausamkeit. Sie waren boshafte Egoisten, der Portier und seine Frau! Wieviele Jahre später habe ich entdeckt, dass die damaligen Gastarbeiter ihre Kinder nicht mitnehmen durften?
Ende Saison kehrten die Angestellten nach Hause zurück, meine Mutter zahlte das letzte Gehalt, überreichte die Briefumschläge, und sie trugen nicht ihre Arbeitskleidung, es war seltsam, sie waren irgendwie anders. Ich bedauerte, dass sie abreisten. Manche kamen nicht wieder, sie eröffneten zu Hause eine Bar, ein Restaurant, einen Coiffeursalon. Zum Glück blieben der Koch und seine Frau, meine Nanny – die Frau mit dem schwarzen, heute weissen Haar, die Frau mit dem Märchen vom frommen Mädchen. Sie sind geblieben. Nach Hause kehren sie fast nie zurück. Kaum war der Sohn genug alt, um in der Schweiz zu arbeiten, kam er nach, heute ist er Chef in einem grossen Restaurant mit Blick auf den See. Seine Töchter wurden hier geboren, sie schliessen Ausbildungen und die Universität ab, eine wäre beinahe Miss Schweiz geworden.
Ich habe es nicht geschafft, ihr zu sagen, dass das Hotel abgerissen wird. Dass an seiner Stelle einmal mehr exklusive Wohnungen entstehen werden. Dass, wenn niemand sie nimmt, auch die grosse Mangel, der rote Aufzug, die alten Schränke, zu denen nur sie und meine Mutter die Schlüssel hatten und in denen die Handtücher zum Wechseln, neue Bezüge und Decken für die kühlen Monate gestapelt waren, in den Trümmern enden werden. Und die geheimnisvollen Piqués. Stichwaffen? Nein, schneeweisse Steppdecken. Es werden keine Kreuzchen auf Städtplänen mehr auf die Existenz des Hotels, auf unsere Existenz hinweisen. Wir waren hier: Wir und der Kellner Tonino, ein Italiener, mit weisser Jacke und schwarzer Fliege. Adel, Magin, Maria, Antino, Aurita, Jesus, Lisardo – Spanier und Portugiesen. Mileva, Bosko, Ruza, Borka – Jugoslawen. Die Sekretärinnen hatten normale deutsche Namen, deswegen vielleicht erinnere ich mich an fast keinen mehr.
Unerwartete Wehmut, Bedrückung, über allem Puderzucker. Auch daran sieht man, dass die Zeit vergeht. Eine Glasur, die sich an die Erinnerung heftet und diese sicherlich übersüss macht. Also ein Streichholz bitte, damit wir schön flambieren können. Damit sie wenigstens leuchten, die Erinnerungen. Damit sie beim Brennen ein intensives, lebhaftes Licht erzeugen, während wir die Augen mit der Hand abschirmen.
Der vorliegende Text ist auf Italienisch erschienen in: Charlotte Schallié (Hrsg.): Globale Heimat.ch. Grenzüberschreitende Begegnungen in der zeitgenössischen Literatur. Zürich: Edition 8, 2012.
Ausgezeichnetes Werk: «Suona, Nora Blume, erschien bei Casagrande in Bellinzona.