Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03450.jsonl.gz/956

Mittelalterliche Wappenscheibe
Im 14. Jahrhundert wurden farbige, bleiverglaste Zierfenster aus Glas populär. Diese «Schweizer Glasscheibe» wird auch «mittelalterliche Wappenscheibe» genannt, weil darin sehr häufig Wappen von Adligen oder auch vermöglichen, bürgerlichen Familien dargestellt werden.
Bis ins Spätmittelalter war Fensterglas äusserst kostspielig. Selbst bei Herrschaftshäusern wie demLandvogthaus waren die Fensteröffnungen klein und wurden anfänglich bloss mit Tierhäuten, Stoff oder Papier ausgeschlagen, oder Blei wurde um winzige, runde Teller, sogen. Butzenscheiben (oder Batzengenannt) gegossen, wodurch kleine Fenster entstanden, die ein wenig mehr Tageslicht in die Räume transportieren liessen.
Mit zunehmendem Wohlstand wurden die Ansprüche an das Wohnen höher.
Es wurden Vertäfelungen aus Arve oder Fichte eingebaut, in den Stuben setzte man Kachelöfen, und die Fenster wurden aus obgenannten Butzen zusammengesetzt. Bald kam das Bedürfnis auf, bildliche Darstellungen von Personen und deren Familienwappenals dekoratives Element einzupflegen.
Den historisch nachweisbar ältesten Bezug zum Herrschaftshaus in Nidfurn findet sich auf einer Wappenscheibe, die Heinrich Laager zeigt und heutzutage auf Schloss Liebfels bei Sigmaringen hängt. Die Laager-Familie stellte Vögte, die vom Kloster Säckingen eingesetzt wurden, welche in Nidfurn in einem Wohnturm residierten, auf dessen Grundmauern später von dem Urzweig der Familie Blumer das heutige Herrenhaus gebaut wurde. Um 1300 galt die Nidfurner Besitzung als besonders einträglich; es wurden hier mehr Abgaben geleistet als in den Orten Glarus oder Netstal. Es ist davon auszugehen, dass im steinernen Bau der Laager ebenfalls die eine oder andere farbige Scheibe in der Wohnstube hing und somit von Wohlstand zeugte.
Die durchsichtigen, runden oder eckigen Teller aus Glaswurden oft auch als wertvolle Geschenke gehandelt. So erhielt der damalige Landvogt im Aargau, Peter Blumer,von der eidgenössischen Tagsatzung in Baden anno 1645 eine besonders schöne Wappenscheibe als Geschenk nach der baulichen Erweiterung seines Hauses in Nidfurn. Leider hat sich dieser Fensterschmuck im Hause nicht mehr erhalten, da die Familie Blumer der 10. Generation das Haus 1920 verkauft und wohl einige der besonders kostbaren Einrichtungsgegenstände mitgenommen hat.
Eine ansehnliche Sammlung an Glaskunst aus dem 16. und 17. Jahrhundert befindet sich im Brunnerhaus in Glarus, darunter auch ein Exemplar, was 1630 dem Landvogt im Gaster, Esajas Blumer gewidmet ist; dieser war der jüngere Bruder von Peter Blumer.Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass beide Brüder eine politisch und wirtschaftlich steile Karriere machten; als Auszeichnung für das höchste Amt in der alten Eidgenossenschaft bekamen beide ein solches Glaskunstwerk als ehrenvolle Anerkennung und grosse Wertschätzung.
Die typische Wappenscheibe ist heute weltweit in vielen Sammlungen von alten Glasmalereien in Museen und Schlössern durch zahlreiche Exponate ausgestellt oder in jene Fenster eingebracht. Diese gibt Zeugnis einer längst vergangenen Epoche, in der Ritterlichkeit, Ehre und Stolz namhafter Familien einen grossen Stellenwert hatten. Nicht zuletzt vermittelt sie einen lebhaften, illustrativen Eindruck mittelalterlicher Wohnkultur der höheren Stände in der Schweiz.
Christian Behring, Miteigentümer
Share: