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Alleine fliegen. Wie ein Vogel fliegen. Nur das Knattern des Motors hören. Das Vibrieren des Flugzeugs spüren. Hinaufblicken zu den Gipfeln der Berge. Nicht bestimmt bist du für das stumpfe Leben der Kleingeister da unten. Hoch hinaus! So ungefähr beginnt die Erzählung „Die Scherben des Himmels“, die uns Nicolas Eyer vergangenen Donnerstagabend am Brigerberger Literaturabend vortrug. Er erzählte die Geschichte von Géo Chavez, der vor gut hundert Jahren als Erster eine Alpenüberquerung wagte, mit Start in Ried-Brig und Ziel in Domodossola. Ich habe mich mit dem Autor unterhalten (Bild).
Aus der Perspektive des Flugpioniers Géo Chavez zu erzählen, das erfordert viel Einfühlungsvermögen. Dem Autor Nicolas Eyer kam entgegen, dass er beim Schreiben der Geschichte genau gleich alt war wie Flugpionier Géo Chavez, er, der von Ried-Brig aus aufstieg um den Simplon zu überqueren. Vom Fliegen in den Bergen sprach bisher kaum jemand. Was der Peruaner Geo Chavez mit seinem Blériot XI-Eindecker versuchte, das war vor allem ein Himmelfahrtskommando. Im Februar des Jahres 1910 war er in die Flugschule von Mourmelon-le-Grand eingetreten, und bereits zwei Wochen später bestand er sein französisches Flug-Brevet. Schon beim ersten Rollversuch hob er mit seiner Maschine ab und lernte in Kürze spielend fliegen. War die Ausbildung zu kurz und zu oberflächlich?
Beim ersten Versuch der Simplon-Überquerung stieg Geo Chavez zwar bis auf 2300 Meter über den Simplon auf, dort jedoch geriet seine Maschine in heftige Windböen, die ihn zur Umkehr nach Ried-Brig zwangen. Nach 21 Minuten war er wieder am Startplatz. Fünf Tage später unternahm Chavez den zweiten Versuch, den Simplon zu bezwingen. Was dann passierte, beschreibt Nicolas Eyer in seiner Erzählung in einer sehr bilderreichen und ausdrucksstarken Sprache:
„Jetzt torkelte er in diesem mechanischen Rieseninsekt durch die dünne Alpenluft, um sich herum hoch aufragende Berge, eisgepanzert. (…) Jetzt waren die Felsbastionen und Eisbollwerke nur noch schrecklich. Die Berge wie Schlachtreihen, die Winde wie ein Pfeil- und Kugelhagel, und er selbst das unschuldige Opfer, das zwischen die Fronten geraten war. Unschuldig? Nein. Unfreiwillig vielleicht, das ja, aber ganz sicher nicht unschuldig.“
Die Berge waren in den Anfangsjahren der Fliegerei ein kaum zu überwindendes Hindernis. Auch heute noch stellen die speziellen Bedingungen in den Bergen eine immer neue Herausforderung dar. Wohl auch aus diesem Grund fand der erste Flug weltweit im Jahr 1903 in England statt, in den Sanddünen von Kitty Hawk. Bereits im Dezember 1903 gelangen hier den Brüdern Wright vier Flüge mit Höhengewinn durch Motorenkraft. Der 17. Dezember 1903 ist deshalb als der Tag des ersten motorisierten Fluges der Welt in die Geschichtsbücher eingegangen. Geo Chavez setzte mit seiner Blériot erst sieben Jahre später zur Alpenüberquerung an. Beinahe wäre die Kommandokapsel von Apollo 14 nach dem Ort der ersten Alpenüberquerung getauft worden, also „Simplon“. Schliesslich benannten die Amerikaner ihre Kommandokapsel dann aber doch „Kitty Hawk“, nach den englischen Sanddünen also, auf denen die Gebrüder Wright ihre ersten Hüpfer mit ihrem neu entwickelten Wright Flyer wagten.
Dass der erste Flug von Geo Chavez über die Alpen etwas in Vergessenheit geriet, mag auch damit zusammenhängen, dass Chavez‘ Flugkünste nach der Überquerung des Simplons sich als zu wenig solide erwiesen. Der Autor Nicolas Eyer kann sich schon fast unheimlich gut in die Psyche von Chavez einfühlen. Was mag dem Flugpionier in den letzten Sekunden vor dem Absturz bei der Landung durch den Kopf gegangen sein? Wie wohl mag sich dieses schreckliche Unglück zugetragen haben? Der Autor nimmt die Innensicht seiner Figur ein:
„Zu spät merkte er, dass er die als Landefläche ausgewählte Wiese viel zu steil anflog; Ermattung und augenblickliches Triumphgefühl nach so viel Angst hatten seine eben noch frisch geschärfte Wahrnehmung erneut verschleiert. Da machte er den entscheidenden einzigen Fehler: Er riss die Maschine abrupt hoch. Zu abrupt; der Motor heulte ein letztes Mal auf, die Flügel des mechanischen Insekts brachen mit einem lauten Krachen. Der Horizont kippte ihm weg, die Luft um ihn herum zerbarst. Plötzlich lag der Himmel in Scherben und die Erde in Trümmern. Der Rest war Stille.“ (Die Scherben des Himmels. In: Die Mondbeschwörerin, S.68f.).
Autor Nicolas Eyer ist 1986 geboren. Aufgewachsen ist er in Ried-Brig. Nach der Matura am Kollegium Brig studierte er Philosophie und Geschichte. Er erwarb das Gymnasiallehrerdiplom und unterrichtet zur Zeit an der Orientierungsschule von Zermatt. Das Schreiben ist für ihn ein schöner Ausgleich. Dies wurde auch deutlich anlässlich der literarischen Reise, auf die uns der Autor am vergangenen Donnerstagabend in der Burgerstube von Ried-Brig mitnahm.
Eine romantische Erzählung aus dem japanischen Kamikoche-Bergtal war ein perfekter Ausgleich zur dramatischen Flieger-Geschichte. Dort, im Kamikoche-Bergtal, leben merkwürdige Fabelwesen, sogenannte Kappas. Mit ihnen bekommen es die Schweizer Touristen Fritz Kägi und Reiser zu tun. Und sie sind fasziniert von der mysteriösen Yuki, einer schönen und geheimnisvollen Frau. Ob es sie wirklich gibt? Oder ist sie vielleicht bloss eine Projektion, die der Phantasie des Autors entspringt? Die Geschichte erinnert an die Schauerromantik eines E.T.A. Hoffmann.
Nicolas Eyers spannende Geschichten ziehen uns in ihren Sog, fast so wie Yuki, die Lichtfrau. Das einzig Irdische an ihr schienen die weiten Ärmel ihres Gewandes zu sein, schreibt der Autor. Und wie bei der Figur der Yuki, so fragt sich der Leser ganz allgemein auch bei der Lektüre von Nicolas Eyers Geschichten: Was nur ist Realität, und was ist Fiktion? Wie seine Protagonistin Yuki, so sind auch seine Geschichten nicht von dieser Welt. Lassen auch Sie sich entführen in die Anderswelten dieses Autors.
Text: Kurt Schnidrig. Foto: Vom Autor zur Verfügung gestellt.