Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03413.jsonl.gz/163

Wir schicken den mehrfachen Weltmeister und Paralympics-Sieger Marcel Hug in einen «rasant-schnellen» Fragemarathon
- 15 Minuten Lesezeit
- 07. Juli 2023
- Anita S.
Marcel Hug wurde 1986 mit Spina bifida geboren. Als 10-Jähriger startete er sein erstes Juniorenrennen, 2010 begann seine Karriere als Profisportler. Heute gilt der gebürtige Thurgauer als erfolgreichster Rollstuhlsportler, u.a. mit sechs Weltrekorden und sämtlichen Streckenrekorden der World Marathon Majors.
2004 wurde er an den Credit Suisse Sport Awards zum «Newcomer des Jahres» gekürt. 2018 folgte die Auszeichnung zum «Welt-Behindertensportler des Jahres» an den Laureus World Sports Awards – einen Ehrentitel, den er 2022 sogar zum zweiten Mal erhielt. Ausserdem wurde Marcel Hug in der Schweiz mehrfach zum «Para-Sportler des Jahres» gekürt; 2011, 2013-2017, 2021 und 2022. Im Jahr 2021 wurde er vom Internationalen Paralympischen Komitee zum «Besten Sportler des Jahres» ausgezeichnet.
Doch was beschäftigt den Kopf unter dem Swiss Silver Bullet? Marcel Hug stellt sich unseren – teilweise schrägen – Fragen.
Über welche Frage würdest du dich freuen?
(Lacht) Über die Frage, wie’s mir geht? Es freut mich immer, wenn sich jemand für sein Gegenüber interessiert.
Also: Wie geht’s dir?
Mir geht’s gut, sogar sehr gut. Auch wenn ich momentan viel um die Ohren habe, aber das ist gut so.
Der Vorname Marcel bedeutet übersetzt «der Kämpfer» und «der dem Kriegsgott Mars Geweihte». Ist dein Name Programm?
Ich glaube, das hat was. Im Sport respektive im Wettkampf ganz sicher! Sobald ich den Silver Bullet anhabe, werde ich zu einer Art Krieger. Aber als Privatmensch bin keine ausgeprägte Kämpfernatur – obwohl ich natürlich für meine Ziele kämpfe.
Was sind deine weiteren sportlichen Ziele?
Natürlich möchte ich weitere Podestplätze gewinnen und vielleicht sogar den einen oder anderen Strecken- oder Weltrekord fahren. Dieses Jahr beispielsweise an der Weltmeisterschaft in Paris und nächstes Jahr bei den Paralympics, ebenfalls in Paris. Und natürlich an den World Marathon Majors.
Und wie sehen deine privaten Ziele aus?
Der grösste Wunsch ist sicher, gesund zu bleiben. Ausserdem möchte ich in nächster Zeit mehr Gewissheit bekommen, wie es bei mir nach dem Profisport beruflich weitergeht. Weitere 10 oder 20 Jahre kann ich das nicht mehr machen, ich bin bereits «im Herbst der Karriere».
Dann herrscht bei dir definitiv «ein goldener Herbst»! Die Liste deiner unglaublichen Erfolge und Auszeichnungen ist lang. Hast du die Medaillen und Ehrungen in deiner Wohnung ausgestellt?
Ja, man könnte inzwischen ein Zimmer damit füllen (lacht). Aber ich habe nur ein paar wenige Medaillen und Awards bei mir zu Hause aufgestellt. Der Rest ist tatsächlich bei meinen Eltern. Die Medaillen sind in drei grossen Vasen gelagert.
Weshalb ist dein Helm silbrig und nicht goldig?
Das hat zwei Gründe: Erstens habe ich den Silberhelm als Junior von meinem Trainer bekommen. Nicht nur, dass mir der Helm persönlich sehr gefällt; dadurch hat man mich während Wettkampf immer sofort erkannt. So wurde der silberne Helm zu meinem Markenzeichen. An der Weltmeisterschaft 2011 in Neuseeland kam der Name «Swiss Silver Bullet» dazu. Der Veranstalter hat mich in einem Promotionsvideo so betitelt – und der Name blieb. Der zweite Grund ist ganz einfach: Ich habe lieber Silber auf dem Kopf und Gold um den Hals (lacht).
Was bedeutet dir der Sport?
Sport ist meine Passion! Und er gibt mir viel: starke Emotionen, schöne Begegnungen und Erlebnisse, wichtige Erfahrungen fürs Leben, Training im Umgang mit unterschiedlichen Situationen, Ausgeglichenheit und nicht zuletzt Gesundheit. Als Profisportler sind logischerweise auch Erfolg und Anerkennung Ziele. Aber ich versuche, mich nicht nur darauf zu fokussieren.
Erfolg kann also auch «gefährlich» sein?
Durchaus. Wenn ich irgendwann nicht mehr so erfolgreich bin, werde ich derselbe Mensch sein – unabhängig vom Erfolg. Denn Erfolg sehe ich auch kritisch: Das Vergleichen untereinander und der Drang, besser zu sein als andere, birgt die Gefahr, sich vom Erfolg bestimmen zu lassen und sich über ihn zu definieren. Das kann auch egoistisch und überheblich machen. Da ist mir Bescheidenheit wichtiger.
«Niemand bleibt von Niederlagen, Enttäuschungen und Rückschlägen verschont. Sie sind ein wichtiger Bestandteil im Prozess zum Erfolg. Dank ihnen lerne ich, Erfolge einzuordnen und zu schätzen.»
Marcel Hug
Und doch wirst du meistens als Favorit gehandelt. Wie gehst du mit dieser Erwartungshaltung um?
Solange es gut läuft, kann ich gut damit umgehen. Es gibt aber auch Momente, vor allem bei wichtigen Wettkämpfen, da ist ein gewisser Druck da. Um die Balance zwischen Leistung und Gelassenheit zu finden, helfen mir Gespräche mit meinem Trainer oder meinem Umfeld enorm. Ausserdem arbeite ich regelmässig mit einer Sportpsychologin zusammen. Denn gut trainiert und physisch stark sind die meisten Athleten auf diesem Niveau. Deshalb muss auch die mentale Stärke stimmen. Oftmals macht das Mentale das letzte Quäntchen zum Erfolg aus. Grundsätzlich versuche ich, das Positive zu sehen: Es ist ja schön, in der Position des Favoriten zu sein, daran habe ich hart gearbeitet.
Bist du auch privat so ehrgeizig und streng mit dir selbst?
Streng ja, ehrgeizig weniger. Privat bin ich ruhiger und introvertierter, als Sportler muss ich eher aus mir herausgehen und mich behaupten.
Was meinst du mit «streng»?
Ich bin kritisch, hinterfrage viel und bin nicht so schnell zufrieden mit mir. Oft denke ich, das könnte ich besser machen. Deshalb bin ich häufig etwas unzufrieden mit mir. Ganz nach dem Zitat von Sokrates: «Wenn man glaubt, etwas zu sein, hat man aufgehört, etwas zu werden.»
Dein sportliches Motto lautet «jeden Tag besser werden, als ich es gestern war». Kannst du auch mal zufrieden mit dir und deiner Leistung sein?
Ich kann auch zufrieden sein. Es ist gut und wichtig, den Erfolg zu geniessen, einen Moment innezuhalten und zufrieden zurückzuschauen. Aber im Profisport kann Zufriedenheit auch gefährlich sein, zumindest wenn dieser Zustand zu lange andauert. Dann riskiert man, stehen zu bleiben.
Dir ist wichtig, «als Sportler und Mensch respektiert, nicht aber als Behinderter bewundert zu werden». Hast du in der Vergangenheit negative Erfahrungen gemacht?
Diese Aussage habe ich bereits als Junior gemacht. Denn ich hatte oft das Gefühl, einen «Jöh-Effekt» auszulösen. Im Parasport ist augenfällig, dass wir uns im Spannungsfeld zwischen gefeiertem Helden und bemitleidenswertem Opfer bewegen. Diese Erfahrung mache ich immer wieder, denn leider herrschen noch immer Vorurteile und Stereotypen. Aber die Entwicklung ist sehr positiv: Das Medieninteresse steigt, die Art und Weise der Berichterstattung wird professioneller. Ein erfreuliches Beispiel für gelebte Integration sind auch die World Marathon Majors. Hier werden wir Rollstuhl-Leichtathleten praktisch gleichbehandelt wie die Läuferinnen und Läufer.
Woran denkst du, wenn du mitten in einem Rennen bist?
Das kommt sehr auf den Wettkampf an. Meistens bin komplett fokussiert; was mache ich, was machen die anderen, wie verläuft das Rennen, welche Taktik hilft? Wenn ich den anderen Teilnehmern weit voraus bin, kann es aber vorkommen, dass ich gedanklich abschweife.
Lass uns auch etwas abschweifen … Wie würdest du deinen Charakter beschreiben?
(Überlegt) Ruhig oder sogar introvertiert, zielstrebig, achtsam und besonnen.
Du bist also kein spontaner und entscheidungsfreudiger Mensch?
Nein, nicht wirklich. Ich bin eher jemand, der vorausplant. Und wichtige Entscheidungen fallen mir oftmals schwer. Da brauche in den Rat von meinem Umfeld oder eine Liste mit Pro- und Kontraargumenten, um einen ausgewogenen Herz-Kopf-Bauch-Entscheid zu fällen.
Apropos Bauch: Achtest du auf eine spezielle Ernährung?
Ich versuche, mich einigermassen ausgewogen und gesund zu ernähren. Aber ich folge keiner Diät und zähle keine Kalorien. Zwischendurch esse ich gerne etwas Süsses oder Schnipo. Klar, das Gewicht muss einigermassen stimmen und sowas esse ich nicht unmittelbar vor einem Wettkampf. Vor meinen Rennen ist leichte und kohlenhydratreiche Kost angesagt.
Was ist das letzte, das du selbst gekocht hast?
Ehrlich gesagt koche ich nicht viel. Mein letztes Menu war Ghackets und Hörnli.
Was ist das letzte Bild, das du mit deinem Handy gemacht hast?
Einen Moment, ich muss schnell nachschauen … Eine Veranstaltung vom letzten Freitag, bei der ich einen Bühnenauftritt hatte. Eigentlich wollte ich’s auf Facebook und Instagram posten, hab’s dann aber doch nicht gemacht.
Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?
Für mich ist ganz klar Gesundheit das Wichtigste. Mein zweiter Wunsch ist eine klare, berufliche Vision. (Überlegt) Ein dritter Wunsch fällt mir spontan gar nicht ein.
Das ist doch ein gutes Zeichen! In der Vergangenheit möchtest du nichts ändern?
Nein. Ich blicke immer nach vorne.
Der Blick in die Zukunft ist nicht nur positiv. Beschäftigt dich die Klimaerwärmung?
Ja sehr! Ich muss sagen, dass mich das Thema bedrückt. Auch, weil mir bewusst ist, dass ich mit meinem Lebensstil einen grossen Fussabdruck hinterlasse. Als Spitzensportler muss ich oft an die Wettkampforte fliegen, das löst in mir einen starken Konflikt aus. Privat mache ich deshalb kaum Auslandreisen und kompensiere meinen CO2-Fussabdruck grundsätzlich.
Hast du Zeit, die Wettkampforte anzuschauen?
Das ist unterschiedlich. Bei Marathons haben wir häufig Medienkonferenzen, für die ich ein paar Tage vorher anreisen muss. Dadurch habe ich teilweise Zeit, die Region zu erkunden. Oft reise ich jedoch nur für den Wettkampf an und anschliessend gleich wieder zurück. Auch wenn ich nicht gerne fliege: Nach Japan reise ich besonders gerne. Mir gefällt die spezielle Kultur, da fühle ich mich sehr wohl.
Wo fühlst du dich am wohlsten? Hast du einen Lieblingsort?
Ich bin sehr gerne bei meinen Eltern auf dem Bauernhof im thurgauischen Pfyn. Mit diesem Ort verbinde viele schöne Kindheitserinnerungen. Generell bin ich gerne in der Natur, in den Bergen und am See.
Dein Wohnort Nottwil befindet sich ja direkt am Sempachersee. Bist du also oft dort anzutreffen?
Sehr oft! Ich bade jeden Sonntag im Sempachersee – das ganze Jahr. Im Winter brauche ich etwas Überwindung, aber ich merke, wie gut mir das für die Regeneration tut. Besonders im kalten Wasser spüre ich die Natur intensiv und bin dann komplett im Moment.
Wann sonst vergisst du die Zeit?
Während dem Sport, wenn ich im Flow bin. Es kann mir aber auch sonst in einem schönen Moment passieren, dass ich alles um mich herum vergesse.
Was ist dir heute Schönes passiert?
Ehrlich gesagt habe ich heute noch nicht so viel gemacht. Vor unserem Interview habe ich zu Hause am Laptop gearbeitet. Aber wenn ich den Zeitraum ausweiten darf: Diese Woche hatte ich viele schöne Begegnungen und gestern haben mir drei fremde Menschen gratuliert.
Du wirst also auf der Strasse erkannt und angesprochen?
Ja, das kommt gelegentlich vor. Vor allem sind das Gratulationen oder Aussagen, dass sie meine Leistung bewundern. Das freut mich immer sehr.
Was war das schönste Kompliment, das dir jemand gemacht hat?
Dass ich sympathisch bin und ein schönes Lachen habe.
Wie gehst du mit Ärger um?
Ich versuche einen Moment durchzuatmen und einen Schritt zurückzugehen. Dann überlege ich mir: Kann ich das beeinflussen? Wenn ja, dann handle ich, sonst akzeptiere ich’s.
Auf welche Leistungen bist du besonders stolz?
Natürlich auf meine Paralympics-Medaillen und auf meine Weltrekorde. Aber grundsätzlich bin ich zufrieden, was ich aus einem Leben bisher gemacht habe.
Hast du ein Vorbild?
Nein, ich habe kein Vorbild, weder im Sport noch privat. Natürlich beobachte ich gerne, wie es andere Sportler machen, aber nie im Sinn eines Idols. Als Kind habe ich mich sicher an meinen drei älteren Brüdern orientiert.
Du konntest während deiner Karriere schon einige Prominente kennenlernen. Welche sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Ja, ich hatte das Glück, bereits viele Promis zu treffen, darunter zahlreiche bekannte Sportler wie beispielsweise Roger Federer. Oder Persönlichkeiten wie Prince Harry, Jamie Foxx, unsere Bundesräte, den Japanischen Kaiser Naruhito (damals noch Kronprinz), Boris Johnson und Richard Branson. Beeindruckt hat mich auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau. Er hat sich unglaublich viel Zeit für jeden der rund 30 Athleten genommen und war nach dem «Foto-Marathon» völlig verschwitzt.
Schwitzen bist du dich gewohnt … Wie schaffst du es, deinen fordernden Lebensstil als Sportler und dein Privatleben unter einen Hut zu kriegen?
Das schaffe ich mal besser, mal weniger gut. Insbesondere, weil ich auch das Management und die Administration selbst mache. Trotz guter Planung und Zeitinseln ist es manchmal schwierig, die Work-Life-Balance zu halten. In einer normalen Woche trainiere ich während sechs Tagen rund zwei Mal täglich; Rennrollstuhl, Krafttraining und Mentaltraining. Und der Wettkampf-Kalender ist gut gefüllt. Mir ist jedoch bewusst, dass Erholung als Sportler wichtig ist. Mittlerweile habe ich gelernt, Nein zu sagen, Dinge auch mal aufzuschieben oder zu delegieren. Glücklicherweise gibt mir der Sport und mein Training viel an Lebensqualität, Erholung und Energie zurück. In stressigen Zeiten hilft mir die bewusste Atmung oder Meditation. Und ich achte gezielt auf die nötige Entschleunigung, sei es in der Natur, beim Camping oder einfach daheim auf dem Sofa.
Wenn du mal Zeit für einen gemütlichen Sofaabend hast: Schaust du auch mal Filme? Falls ja, welches Genre?
Mein Filmgeschmack ist vielseitig, von Action-Thrillern über romantische Schnulzen bis Komödien. Eigentlich alles ausser Marvel-Heldenmovies und Filme mit übermässig viel Gewalt.
Auch wenn du Helden nicht magst: Welche Superkraft würdest du dir aussuchen?
(Lacht) Heilende Kräfte!
Worüber kannst du sonst lachen?
Oh, das kann vieles sein: Über mich selbst, wenn ich etwas Dummes mache, über einen lustigen Spruch von jemandem oder über Comedy im Fernsehen.
Was war das Verrückteste, das du je gemacht hast?
Ich war mal Fallschirmspringen, das war richtig cool und das würde ich sofort wieder tun. Verrückt war auch mein Tag mit der Kantonspolizei Thurgau. Sie veranstalteten eine Übung zum Thema Personenschutz, ich durfte die prominente Person spielen und mit dem Polizeihelikopter fliegen.
Bringt dich auch ein besonderer Song zum «Fliegen»?
Ja, es gibt ein ganz besonderes Lied für mich, das ich immer vor den Paralympics-Finalen höre. Als ich diese Musik vor vielen Jahren das erste Mal entdeckte, hat es etwas ganz Spezielles in mir ausgelöst; eine Mischung aus Fokus, Spannung, Gelassenheit und Zuversicht. Irgendwie schwer zu erklären, denn es ist kein herkömmlicher «Powersong», sondern ein völlig unbekanntes, instrumentales Stück mit arabischen Einflüssen. Mehr möchte ich aber nicht verraten, es soll ja etwas Spezielles für mich bleiben.
Hast du eine Bucket-List mit Dingen, die du unbedingt noch machen möchtest?
Ich gehöre zu den Menschen, die bewusst leben. Wenn ich etwas machen möchte, dann mache ich es. Vorausgesetzt natürlich, der Wunsch ist realistisch. Ich möchte so leben, dass ich nichts bereue. Denn ich befasse mich mit der Endlichkeit – ohne Angst vor dem Tod zu haben.
Welchen Eindruck von dir möchtest du auf dieser Welt hinterlassen?
Ich hoffe natürlich, einen positiven! Sicher möchte ich als guter Sportler in Erinnerung bleiben. Und wenn ich Menschen inspirieren konnte oder etwas für die Integration und Anerkennung von Parasportlern beitragen konnte, umso besser.
Wer hat dich auf deinem Lebensweg am stärksten beeinflusst?
Das ist ganz klar mein Trainer Paul Odermatt. Wir arbeiten seit fast 27 Jahren zusammen, er kennt mich seit meiner Kindheit. Noch heute unterstützt er mich im Trainings- und Wettkampfalltag enorm.
Jedes Jahr organisierst du gemeinsam mit deinem Trainer das «Swiss Silver Bullet Camp». Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Während einer Woche können 30 internationale Nachwuchsathletinnen und -athleten sowie Newcomer der Rollstuhl-Leichtathletik die optimalen Infrastrukturen der Schweizer Paraplegiker-Gruppe in Nottwil und das Know-how meines Trainers nutzen. Nebst dem gemeinsamen Training kommen auch Freizeit und gemütliches Beisammensein nicht zu kurz.
Du wirst oft interviewt, bist Redner und hältst Vorträge. Wie ist das für dich?
Ehrlich gesagt bin ich immer sehr nervös und muss mich überwinden, sei es vor der Kamera oder auf der Bühne. Ich bin sogar nervöser als vor einem Wettkampf! Bei Referaten ist es etwas einfacher, da ich genau weiss, was ich erzähle. Aber ich bewege mich gerne aus meiner Komfortzone raus. Und die schönen Begegnungen und Reaktionen helfen. Aber auch da kommt immer wieder meine Selbstkritik zum Vorschein: Das hätte ich besser oder anders machen können.
Über welche Themen sprichst du auf der Bühne?
In meinen Referaten geht’s um alles, was mit Sport zu tun hat, auch um Themen wie Motivation, Ziele, Eigenverantwortung, mentale Aspekte oder der Umgang mit Sieg und Niederlage. Auch wenn ich kurz erkläre, weshalb ich im Rollstuhl bin, lehne ich Auftritte ab, bei denen es hauptsächlich um «Behinderung» oder «Schicksal» geht. Mit einer Ausnahme: Auftritte für Kinder in Schulklassen.
Was würdest du deinem «jüngeren Ich» raten?
Zu versuchen, das Leben noch etwas mutiger und offener anzugehen und weniger verschlossen zu sein.
Wofür bist du dankbar?
Dass ich bis jetzt ein gutes und zufriedenes Leben führen konnte. Und dafür, dass ich im Sport all meine Ziele erreichen konnte.
Gibt es einen Tag, den du noch einmal erleben möchtest?
Wenn ich könnte, dann den Tag im Jahr 2021, an dem ich meine ersten Paralympics-Goldmedaillen* in Tokio gewann. Das Gefühl war unbeschreiblich: eine Mischung aus Erleichterung – denn ich wollte das unbedingt! – und grosser Freude, Zufriedenheit, Stolz und auch Ungläubigkeit. In diesem Moment konnte ich noch nicht einordnen, was diese Medaillen für mich bedeuten.
* Gold 800 m, Gold 1500 m (mit neuem Weltrekord: 1:17:47), Gold 5000 m und Gold Marathon
Wofür würdest du dir gerne mehr Zeit nehmen?
Grundsätzlich für Freunde und Familie, gemeinsam etwas Feines essen, Gesellschaftsspiele machen und gute Gespräche führen. Ausserdem würde ich gerne mehr Campieren und in der Natur sein. Seit meiner Jugend möchte ich E-Gitarre spielen, bisher sind meine drei Anläufe aber gescheitert. So bleibt das auf meiner To-do-Liste.
E-Gitarre? Da müssen wir nach deinem Musikstil fragen …
Ich höre alles, von Klassisch bis Death Metal. Was ich weniger mag, sind Schlager und Reggae.
Lass uns mit kurzen Fragen in den Endspurt starten: Meer oder Berge?
Die Schweizer Berge natürlich.
Sommer oder Winter?
Sommer: Ich mag es lieber warm.
Geld sparen oder direkt ausgeben?
Ich bin ein Sparfuchs. Aber für ein Essen, einen Ausflug oder natürlich für Sport gebe ich gerne Geld aus.
Morgen- oder Nachtmensch?
Ich bin eher ein Nachtmensch. Abends arbeite ich gerne und gehe relativ spät ins Bett. Auch an den Wettkämpfen erbringe ich abends eine bessere Leistung – aber den Rennstart kann ich (leider) nicht beeinflussen.
Ist das Glas halb leer oder halb voll?
Mein Glas ist immer halb voll. Ich war schon immer ein positiver Mensch.
Herzlichen Dank Marcel für deine Zeit und für deine Offenheit! Wir wünschen dir weiterhin gute Gesundheit, viel Erfolg und einen klaren Kopf (mit und ohne Swiss Silver Bullet).
Welche Frage würdest du Marcel Hug gerne stellen?