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Präsident Obamas Ankündigung, den Mindestlohn für neu eingestellte Bundesbeamte in Eigenregie zu erhöhen, ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. In den letzten 30 Jahren haben Politik und Wirtschaft die US-Bevölkerung viel stärker in Arm und Reich gespaltet als dies in den meisten europäischen Ländern der Fall ist.
Obdachlosigkeit trotz harter Arbeit
Vis-à-vis eines Luxushotels beim Central Park in New York haust der 57-jährige Randy Hulcy unter einer Plastikplane. «Die Regierung hat den amerikanischen Traum getötet», sagt er zu «10vor10». Sein Leben lang habe er hart gearbeitet als Bauarbeiter und Abwart. Dennoch habe er nie mehr als den Mindestlohn von sieben Dollar verdient.
Schlussendlich habe er sich seine Miete und Steuern nicht mehr leisten können und sei auf der Strasse gelandet. Die einzige staatliche Hilfe, die er bewusst ablehnt, ist die Unterkunft in einem Obdachlosenheim. Die 140 Dollar Essensmarken, die ihm pro Monat zugeteilt werden, würden nirgendwohin reichen. Er lebe vor allem von Spenden von Passanten.
Seit 30 Jahren wächst die Ungleichheit in den USA
Der US-Kongress hat die Lebensmittelmarken für Arme erst letzten Herbst um über zehn Prozent gekürzt und das Repräsentantenhaus hat heute eine weitere Kürzung beschlossen. 47 Millionen Menschen beziehen schon Lebensmittelmarken, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.
Gleichzeitig halten die reichsten Menschen der USA die Hälfte des Einkommens. Während die Löhne für Bank-CEOs explodiert sind, sind die Gewerkschaften in den USA schwächer geworden. Der Mindestlohn verliert darum seit der Finanzkrise vor vier Jahren beständig an Wert.
«In den USA kleben die Armen unten und die Reichen oben»
Wirtschaftsprofessor Miles Corak hat die sogenannte Grosse Gatsby-Kurve erstellt. Die Kurve vergleicht die Lohnscheren und Aufstiegschancen in verschiedenen Ländern. Befund: In Skandinavien sind die Chancen auf eine Tellerwäscherkarriere drei bis vier Mal grösser als in den USA.
«In Norwegen, Finnland und Dänemark sind die Einkommensunterschiede zwischen Armen und Reichen viel kleiner,» sagt Corak. In Skandinavien sei die Gesellschaft mobil und es sei einfacher, die Karriereleiter hochzusteigen.
Die Gesellschaft in den USA sei vergleichsweise träge: «Die Armen bleiben unten kleben, die Reichen oben». Übrigens: Nur in der Schweiz, Chile und Korea gleicht das Steuersystem die Ungleichheit zwischen den Schichten noch weniger aus als in den USA.
US-Steuersystem bevorteilt die Reichsten
Neben der Lohnschere ist die Steuerpolitik der USA verantwortlich dafür, dass der amerikanische Traum zum Mythos geworden ist: In den letzten 50 Jahren sind die Steuern der reichsten Amerikaner um die Hälfte gefallen, während sie für die untere Mittelschicht praktisch gleich geblieben sind.
Milliardär und Unternehmer David Siegel gehört zum reichsten einen Prozent des Landes und findet das nichts als gerecht. «Man sollte uns vielmehr Denkmäler erreichten, weil wir alle Jobs schaffen,» sagte Siegel in «10vor10». Studien zeigen aber, dass die Reichsten nach Steuersenkungen nicht mehr Jobs schaffen, und dass die Mehrzahl der Jobs von KMUs geschaffen wird.
Das ungleiche Schulwesen
Präsident Obama appelliert an den Kongress, Vorschulprogramme für Vierjährige zu schaffen, aber das Schulwesen der USA fördert die Ungleichheit: Die Schulen werden nicht durch allgemeine Steuereinnahmen finanziert, sondern mehrheitlich über Liegenschaftssteuern. In reichen Quartieren sind die Häuser mehr wert, die Grundsteuern höher und die Qualität von Schule und Lehrern besser. Im bankrotten Detroit dagegen erreichen drei von vier Schulen die Lernziele nicht.
Am Fusse des Central Park bei eisigen minus zehn Grad sieht der Obdachlose Randy Hulcy auch unter Präsident Obama keine Zukunft für die Armen. In Amerika sei nichts mehr wie früher. Viele obdachlose Kollegen von ihm seien schon gestorben, «nur wenige sind so robust wie ich».
Heute Abend in «10vor10»
Mehr zum Thema in «10vor10», um 21.50 Uhr auf SRF 1.