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Die Entscheidung am Berninapass
Es gibt zwei ausgeschilderte Mountainbike-Routen vom Berninapass hinunter ins Puschlav: den bekannten und viel befahrenen Bernina Express und den etwas weniger bekannten, aber gerade so schönen Poschiavino Trail. Die zwei Routen bieten perfekten Abfahrtsspass – und doch wurden sie nicht speziell für Biker gebaut.
Beide Trails sind historische Säumerwege, die schon seit Generationen genutzt werden. Auch wenn inzwischen der Wegverlauf den Bedürfnissen der neuen Nutzer angepasst wurde: Im Grunde bewegen sich die Biker hier auf den gleichen Pfaden wie jahrhundertelang vor ihnen schon Säumer, Händler, Reisende und Soldaten. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Berninapass eine wichtige Verbindung zwischen der Grossmacht Venedig und Chur sowie dem Norden Europas. Später war er vor allem eine viel benutzte Transportroute für den Wein aus dem Veltlin, der von den Bündner Herren dort im grossen Stil angebaut wurde.
Die beiden Wege verlaufen komplett voneinander getrennt auf den gegenüberliegenden Talseiten. Dazwischen liegen unüberwindbar der 2599 m hohe Piz Campasc sowie die tosenden Gebirgsbäche Poschiavino und Cavagliasch, die sich über Jahrtausende tief in den Felsen eingegraben haben. Spätestens, wenn man als Mountainbiker oben auf dem Pass aus dem Zug steigt und losfährt, muss man sich also für eine der beiden Talseiten und damit einen der beiden Trails entscheiden. Beide Seiten haben ihre Eigenheiten: die eine ist steiler und spektakulärer, die andere sanfter aber abwechslungsreicher.
Ein Lawinenunglück führt zur Routenänderung
Die gleiche Entscheidung, wie heute die Mountainbiker, mussten früher die Säumer treffen. Für sie hiess es, entweder den direkteren und schnelleren aber lawinengefährdeten Weg via Cavaglia zu wählen, oder den längeren aber ungefährlicheren via Sfazù und La Rösa.
Der weniger steile Weg auf der Poschiavino-Seite ist wohl der ältere der beiden. Vom 16. bis Anfang 18. Jahrhundert bevorzugten die Säumer aber den direkteren Weg über Cavaglia, den Vorgänger des heutigen Bernina Express. Das änderte sich 1729: Damals riss eine Lawine im Val Pila, kurz unterhalb der Passhöhe, mehrere Menschen und Tiere in den Tod. In der Folge einigten sich die Gemeinden entlang der Passtrasse, den Transitweg auf die andere Talseite zu verlegen.
Die Bahningenieure entscheiden sich für die Aussicht
Für eine der beiden Talseiten mussten sich später auch die Ingenieure entscheiden, die zuerst die Fahrstrasse und später die Bahnstrecke über den Pass bauten. Beim Strassenbau entschied man sich auf Grund der geringeren Steigung und der kleineren Lawinengefahr für die Poschiavino-Seite. 10 Jahre lang, von 1842 bis 1852, bauten Arbeiter die 4,2 m breite, durchgängig befahrbare Strasse von Poschiavo hinauf auf den Pass.
Rund ein halbes Jahrhundert später entschieden sich die Ingenieure der ursprünglich nur für den Sommerbetrieb vorgesehenen Bahnstrecke für die andere, touristisch interessantere Talseite mit Blick auf den Palü-Gletscher. Die spektakuläre Strecke, heute UNESCO-Welterbe, wurde 1910 in Betrieb genommen. Seit 1973 verkehrt auf dieser Bahnstrecke der Bernina Express, die Verbindung zwischen Tirano und Chur – der Namenspate des Trails, der die Bahnstrecke immer wieder kreuzt.
Und so verlaufen heute die beiden Trails auf historischen Spuren entweder entlang der Bahnstrecke oder der Passstrasse. Für Mountainbiker mit etwas kulturellem Interesse lohnt es sich, trotz Fahrspass hin und wieder einen Stopp einzulegen und die grossartigen Leistungen zu würdigen, die hier Wegbauer und Ingenieure mit unterschiedlichsten Techniken über Jahrhunderte hinweg geleistet haben. Vom Hauen und Einsetzen der Pflastersteine über die unglaublichen Bauwerke der Rhätischen Bahn bis hin zu den mit viel Engagement für Mountainbiker angepassten Wegstrecken aus den letzten Jahren, die sich perfekt in die alten Wegstrukturen einfügen.
Und keine Angst: Eine falsche Entscheidung kann man beim Losfahren oben auf dem Pass nicht treffen. Beide Trails sind absolut lohnenswert.
Mehr über die Geschichte der beiden Wege und dazu, wie die Mountainbiker sie für sich entdeckten, folgt in weiteren Beiträgen.
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