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Lehrer und Anreger
Derrik Olsen begann schon relativ früh neben dem Gesang ein zweites und dann ein drittes Standbein aufzustellen. Diese berufliche Diversifikation erwies sich für ihn als grosser Vorteil, da seine eigenen Beine zunehmend unstabil und damit die Bühnenauftritte erschwert und schliesslich verunmöglicht wurden, ganz abgesehen von den Schmerzen, die er mit Medikamenten bekämpfte. Von 1958 bis 1970 war er künstlerischer Leiter des Radio-Orchesters Beromünster, das damals noch in Zürich beheimatet war und 1970 nach Basel dislozieren musste. Dank seinen Beziehungen, die vom Dirigenten Ernest Ansermet zum italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola bis zum österreichischen Tonkünstler Gottfried von Einem (übrigens ebenfalls wie Olsen in Bern geboren) reichten, holte er namhafte Dirigenten und Interpreten nach Zürich, unter ihnen Claudio Abbado, Antal Dorati, Ferenc Fricsay, Michael Gielen, Armin Jordan, Rudolf Kempe und Zubin Mehta. Nach dem Umzug des Orchesters nach Basel wirkte Olsen bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1988 als Musikredaktor bei Radio DRS in Basel, beispielsweise für eine Vorläufersendung der "Diskothek" (Radio SRF 2 Kultur).
Von 1963 bis 1970 reichte er sein Wissen und seine Erfahrungen an junge Gesangstalente am Konservatorium in Genf weiter. Von 1970 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1988 wirkte er als Dozent für Gesang an der Musikakademie in Basel, wo er mehr als hundert Schülerinnen und Schüler in die Kunst des Gesangs einführte. Ausserdem begleitete er in Zürich die Mezzosopranistin Carol Smith (1926 in Oak City, Illinois, USA, geboren, von 1966 bis 1981 am Zürcher Opernhaus engagiert) als Gesangs-, Sprach- und Interpretations-Coach.
Von 1960 bis 1993 sass Derrik Olsen in der Jury des Genfer Musikwettbewerbs, bei dem seine eigene Karriere als Sänger seinerzeit einen kräftigen Schub erhalten hatte, während 15 Jahren als Präsident. Auch die Jury des Pariser Gesangswettbewerbs (ab 1990 in Perpignan) präsidierte er von 1983 bis 1994.
Als Jüngling war der gross gewachsene Olsen zwar durchaus sportlich – er spielte Tennis und fuhr Ski –, wirkte aber eher korpulent, was ihm Hänseleien seiner Kommilitonen eintrug. Doch er zeigte es allen durch sein unglaubliches Talent. Allerdings reicht Talent allein nicht aus. Das wusste er, und deshalb legte er sich ins Zeug, sein Leben lang. Musikalität ist ein Geschenk der Natur, das nur durch Intelligenz, Fleiss und Ausdauer zu voller Entfaltung gebracht werden kann. Diese Erfahrung am eigenen Leib gab er, abgesehen von Gesangstechnik und Werkverständnis, seinen Schülerinnen und Schülern, aber auch an seinen Freundeskreis weiter. Typisch für Homosexuelle? Nein, jedenfalls nicht für Derrik Olsen, aber ein Talent der Natur, mit dem er zu wuchern verstand.
Josef Burri, Juni 2017