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Mogens Rukov : « Limitationen sind Inspirationen »
Auszüge aus dem Online-Gespräch mit Mogens Rukov vom 2. März 2000
Im Rahmen der Website pitchpoint.org (Website in 2002 geschlossen) wurde eine virtuelle Veranstaltungsreihe rund um das Thema Drehbuch aus der Taufe gehoben worden. Mit einer Reihe von 'Chats' sollte allen Interessierten Gelegenheit geboten werden, sich von renommierten Profis aus der Filmbranche Tipps, Tricks und Anregungen für Ausbildung und Praxis zu holen.
Wir veröffentlichen hier einige aus dem Englischen übersetzte Auszüge aus dem Gespräch mit Professor Mogens Rukov, einer der führenden Persönlichkeiten der Dogmenbewegung. Mogens Rukov ist Co-Autor von Thomas Vinterbergs Festen, Consultant bei Lars Von Triers Idioterne und Sören Kragh-Jacobsens Mifitne sidste sang.
Edgar (Bruxelles): DOGME 95 sagt nichts darüber, wie ein Drehbuch zu schreiben wäre. Warum nicht?
Mogens Rukov (Berlin): Die Produktionsregeln beeinflussen stets auch das Schreiben. Jede der "Keuschheitsregeln" war eine Regel, die sich auf die gesamte Vorbereitung der Filme bezog.
Tobias (Germany): Wenn ich mir "Idioterne" und "Festen" anschaue - zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten und völlig unterschiedliche Weltbilder repräsentieren - wie haben Sie es geschafft trotz ihres Beitrages zu den Filmen in ihnen nicht sichtbar zu werden? Oder tauchen Sie irgendwie auf? Unit falls ja, wie kann ich Sie da erkennen in zwei in Perspektive und Qualität dermassen unterschiedlichen Arbeiten?
Mogens Rukov (Berlin): Das ist eine gute Frage. Wenn man schreibt, lässt man sich immer auf die Weltsicht in der Geschichte herab. Man versucht, die Gedanken innerhalb der Geschichte zu entwickeln. Man versucht nicht, irgendwas hinzuzufügen, man versucht, das zu nehmen und herauszuschlürfen, das schon drin ist. Darum haben Sie auch das Gefühl, die beiden Filme kämen aus zwei verschiedenen Welten. Dem ist nicht so. Es handelt sich um unsere eigene erkennbare Welt. In "Festen" ist sie das in einer einzigen Bewegung, einem Familienfest. In "Idioterne" handelt es sich um viele kleinere Bewegungen der gleichen Art. Ins Café gehen, ins Schwimmbad, in eine Fabrik, in ein Restaurant und dann darüber zu reden. Als Erzähler hast du da das Gefühl, von der gleichen Sache zu reden. Von einer Art normalen Realität, von natürlichen Geschichten. Was mich angeht, habe ich voIles Vertrauen in die Regisseure. Die werden meine Weit zeigen.
Wulf (Berlin): Wie lange denken Sie wird DOGMA noch funktionieren?
Mogens Rukov (Berlin): Ich hoffe, dass es jetzt aufhört. Ich hoffe, dass es seine Zeichen hinterlassen hat. Ich rate jedem, der einen Dogma- Film machen möchte, sieben der Regeln zu nehmen und drei neue zu machen.
Olivia (Suisse): Ich habe einen Roman über einen modernen Don Giovanni geschrieben. Der wurde auf Englisch übersetzt und poliert von Kenneth Atchity, einem ehemaligen Fullbright-Professor in Bologna. Der Handlungsort ist Rom und ich suche einen italienischen Produzenten. Das Manus ist ein wenig skandalträchtig, der Held ist ein Regisseur und macht einen Film über das ausschweifende Leben eines Renaissance-Papstes... Können Sie mir Ratschlagegeben?
Mogens Rukov (Berlin): Ja. Teilen Sie das Buch in vierzig Szenen auf und machen Sie jede Szene so attraktiv und einzigartig wie möglich. Sorgen Sie dafür, dass wir misstrauisch bleiben und dass wir diesen Don Giovanni lieben.
Edgar (Bruxelles): Wegen DOGMA 95: Habt Ihr nachträglich herausgefunden, dass einige der Regeln nicht funktionierten? Was würdet Ihr heute ändern? Währe das überhaupt möglich? Schliesslich ist das Keuschheitsgelübde ja eine Art Bibel ;-)
Mogens Rukov (Berlin): Nein, es ist keine Bibel. Aber es hat den Vorteil aller guten Regelwerke. Es ist negativ. Denkt an die zehn Gebote. So weit ich weiss, verbieten die uns alles, was wir wirklich möchten: Unsere Mutter zu töten, den Nachbarn zu vögeln, ihren Besitz zu stehlen. Es ist genau das gleiche mit dem Keuschheitsgelübde. Es ist Verbietend. Und glaubt mir: Verbote beflügeln die Fantasie. Wenn der einfache Weg versperrt ist, musst du dir etwas einfallen lassen. Das hat geholfen. Aber natürlich würde ich jetzt gerne Änderungen machen, denn jetzt sind die Regeln benutzt worden. Echte Entwicklung bedeutet immer einen Wechsel der Regeln, aber die Regeln müssen auch limitiert bleiben, man muss sie kontrollieren können. Das heisst, sie sind alle mehr oder weniger quantitativ. Keine Qualitätsregeln. Qualität ist ein menschliches Gut und kann nicht reglementiert werden.
Peter (Berlin): Lieber Mogens - warum lehren Sie? Halten Sie das Lehren von Kunst für möglich? Haben Sie je Resultate ihrer Lehrtätigkeit gesehen?
Mogens Rukov (Berlin): Ich liebe das Lehren. Ich liebe es von tiefstem Herzen. Und ja, ich denke, Kunst lässt sich lehren. Ich meine nicht, dass man von den Leuten verlangen kann, dass sie Kunst machen. Aber man kann sie in eine Situation Versetzen, in der sie Kunst schaffen. Ob ich Resultate gesehen habe? Ich bin der Meinung, dass der gegenwärtige Zustand des dänischen Films ein Resultat der Lehrtätigkeit an der National Film School of Denmark sei. Ja, Kunst lässt sich lehren, wenn man sie liebt und wenn man seine Schüler liebt.
Edgar (Bruxelles): Könnten Sie mir zwei Beispiele geben für bestimmte Dogma-Regeln, die Sie beim Schreiben von "Festen" benutzt haben?
Mogens Rukov (Berlin): Ja, da könnte ich Ihnen einige geben. Fine ist die Regel, die es verbietet, fremde Ausstattungsgegenstände in eine Szene einzuführen. Wir konnten dem Vater keine Geburtstagsgeschenke überreichen lassen, sonst hätten wir dagegen verstossen. Aber nein. Das wichtigste ist, dass wir das Gefühl für den Drehort beibehalten haben. Beim Schreiben wussten wir noch nicht, dass wir ein so schönes Treppenhaus haben würden. Als wir es merkten, drehten wir sechs oder sieben Szenen im Treppenhaus.
Edgar (Bruxelles) : Es gibt schon Regeln für das Drehbuchschreiben und ihr habt mit Dogma noch mehr Regeln aufgestellt. Meine Frage: Warum habt ihr euch entschlossen, die Möglichkeiten beim Schreiben einzuschränken? Warum habt ihr eure Vorstellungskraft limitiert? Kommt mir seltsam vor...
Mogens Rukov (Berlin): Ganz einfach: Limitationen sind Inspirationen. In aller Strenge; Ihr Mogens Rukov.
Michael (Suisse): So wie Sie über die inspirierende Funktion aller Verbote sprechen, kommt mit Dogma vor wie ein Ersatz für totalitäre Situationen, wie etwa Spanien unter Franco, das ausgesprochen interessante Filme hervorbrachte, gerade weil es so schwierig war...
Mogens Rukov (Berlin): Da bin ich mit Ihnen völlig einer Meinung. Und das ist das Traurige an der Menschheit. Ich bin sicher, darüber könnten wir noch lange reden. Irgendwie müssen wir einen Weg finden, wie Menscher in einer freien Zivilisation die gleiche Menge Inspiration finden können wir während einer Prohibition. Glauben Sie mir: Ich mag diese Frage sehr und stimme mit Ihnen völlig überein.
Peter (Berlin): Könnten Sie mir drei Filmemacher und vielleicht drei Filme nennen, die zwischen 1997 und heute entstanden sind und die nächsten zehn Jahre überleben werden?
Mogens Rukov (Berlin): Interessanter Gedanke. Ich denke, in Ihrer Frage schwingt eine gewisse Trauer mit, die ich mit Ihnen teile. Ich wollte, ich könnte mit Sicherheit behaupten, ich hätte solche Filme gesehen. Habe ich aber nicht.
Edgar (Bruxelles): Wie arbeiten Sie wirklich an den Skripts? Wie sehen ihre "final scripts" aus? Sind sie nahe am tatsächlichen Dreh? Wie haben Sie zum Beispiel an "Idioterne" gearbeitet? Wie viele Versionen? Wie lange haben Sie geschrieben?
Mogens Rukov (Berlin): "ldioterne" habe ich nicht geschrieben. Ich habe mit Lars von Trier ein paar Mal geredet, um das Erzählerische zu klären. Das letzte Mal haben wir darüber geredet am Tag bevor er zu schreiben begann. Es gibt nur eine einzige Fassung des Skripts, Lars bat sie in dreieinhalb Tagen geschrieben. Das eigentliche Schreiben sollte möglichst wenig Zeit beanspruchen. Umso mehr Zeit braucht es, bis man weiss, worum es überhaupt gehen soll.
Béatrice (Lyon): Hatten Sie für "Festen" und "Idioterne" einen dokumentarischen Hintergrund?
Mogens Rukov (Berlin): Ja. Das Leben.
Alexis (Berlin): Ich habe gehört, Sie arbeiten an einer romantischen Komödie, die in Berlin spielen soll? Ist das wahr? Ich würde gerne mehr darüber wissen.
Mogens Rukov (Berlin): Es stimmt. Es ist die Geschichte einer russischen Frau, die nach Berlin zu ihrer grossen Liebe kommt und Probleme hat, weil der Mann nicht merkt, dass er sie liebt. Das muss sie in den Griff bekommen. Und als er endlich bereit ist zur Liebe, hat sie gemerkt, dass es sich nicht lohnt. Daran stirbt er und sie hängt einen Abend lang den Erinnerungen nach. Sie macht ein Denkmal für ihn als grossen Sänger. Denkmale sind gut für Männer. Lebende Menschen sind gut für Frauen.
Wulf (Berlin): Denken Sie nicht, dass schreiben beideutet, dass man viele blöde Schritte machen muss? Dass man mehr als einen Entwurf braucht?
Mogens Rukov (Berlin): Sie sollten nicht mehr als drei Entwürfe brauchen und die sollten Sie sehr schnell machen, denn das Tempo des Schreibens überträgt sich auf das Tempo des Films. Ich habe das mit einem sehr guten Freund diskutiert, dem Screenwriter von "Twelve Monkeys" und "Blade Runner" (David Webb Peoples, Anm. d. Red.), und wir sind uns einig: Schreib wenige Fassungen und schreib schnell.
Béatrice (Lyon): Um das Leben so einzufangen, wie ihr das in "Festen" gemacht habt, habt ihr wohl zu Tricks gegriffen. Habt ihr solche aus dem Dokumentarfilmschaffen benutzt oder halten Sie nichts von denen?
Mogens Rukov (Berlin): Oh doch. Aber die Tricks, die wir benutzt haben, sind die des Handwerks. Wir haben gute Szenen gemacht. Fine gute Szene ist eine mit einer DEKLARATION dazu, wovon sie handeln wird, mit einer einfachen KONFRONTATION, einem guten DREHORT (LOCATION) und einem befriedigenden ENDE. Der dokumentarische Look stammt aus der Erinnerung. Welche Erinnerung? Unsere Erinnerung an Feiern.
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Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche, Redaktion und Auswahl: Michael Sennhauser
Vorgeschlagen von FOCAL und die Master School Drehbuch, Pitchpoint.org (Website in 2002 geschlossen) war eine virtuelle Lounge für Drehbuch-Fachleute, die Raum für Begegnungen zwischen Autoren und Produzenten schafft. Pitchpoint.org war ein Forum für Stoffentwicklung- und Vermarktung; ein Treffpunkt für Produzenten auf der Suche nach Partnern.