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wir eltern: Man hat den Eindruck, dass ADS und ADHS zugenommen haben. Stimmt das und wenn ja, woran liegt es?
Ursula Davatz: In der Deutschschweiz werden ADS und ADHS vermehrt diagnostiziert, nicht aber im Tessin und in der Westschweiz, auch in Italien kaum. ADHS scheint eine Verwandtschaft mit dem südländischen Temperament zu haben. Die modernen Medien und die ständige Verfügbarkeit von Informationen und das enorme Angebot von Unterhaltung haben aber zweifellos einen Einfluss auf die leichte Ablenkbarkeit dieser Kinder und verstärken ihr Aufmerksamkeitsproblem, sodass dies vermehrt in Erscheinung tritt.
Sind ADS und ADHS also vererbt?
Forschungsresultate aus der Genetik zeigen, dass genetische Faktoren verantwortlich sind für diesen Neurotyp. Fast immer haben also auch die Eltern ADS oder ADHS. Man hat insgesamt zwölf oder mehr Genloci identifiziert, die verantwortlich sind für diesen Persönlichkeits- und Verhaltenstyp.
Sind ADS und ADHS eine Krankheit?
Nein, sie sind weder eine Krankheit noch eine Störung, sondern ein Neurotyp, eine Normvariante. Bedingt durch ihre hohe Sensibilität sind diese Kinder aber verletzlicher, in der Jugendzeit oder als Erwachsene eine psychische Folgeerkrankung zu entwickeln, besonders wenn sie wiederholt Ablehnung erfahren durch ihr Anderssein und man sie gewaltsam zu anderen Persönlichkeiten erziehen will, als sie in der Lage zu sein sind.
Wächst sich diese Normvariante nicht aus?
Das dachte man früher, stimmt aber nicht. Wenn es gut geht, lernen die betroffenen Personen, besser damit umzugehen. Wenn nicht, entwickelt sich eine psychiatrische Krankheit. Bei 75 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter diagnostiziert man eine psychische Krankheit, wie Zwangsstörungen, schwere Depressionen, Essstörungen, Psychosen, und andere Persönlichkeitsstörungen wie bipolare Störungen und Schizophrenie. Wenn wir das Umfeld dieser Kinder früh so verändern, dass sie persönlichkeitsgerecht erzogen werden, können sie sich indes zu interessanten Persönlichkeiten entwickeln.
Was meinen Sie mit persönlichkeitsgerecht erziehen?
Es lohnt sich, diese Kinder genauer zu beobachten, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und herauszufinden, aus welchen Gründen sie sich so benehmen und immer wieder gegen die Regeln verstossen. Man kann sie nicht zum Gehorsam zwingen, man kann sie aber sehr wohl zur Kooperation ermutigen, wenn man sie selbstsicher führt. Werden sie jedoch zu eng, zu rigide, zu brachial erzogen, können sie ihre Kreativität nicht umsetzen und werden spätestens in der Pubertät keine Grenzen mehr akzeptieren. Totales Laisser-faire ist ihnen allerdings auch nicht dienlich. Regelmässigkeiten, klare und sinnvolle Strukturen und eine gleichwürdige, respektvolle Begegnung auf Augenhöhe sind hingegen hilfreich und wirksam.
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Wann brauchen AD(H)S-Kinder Ritalin?
Ritalin alleine ist nie die Lösung. Es hilft zwar, dass sich die Kinder besser konzentrieren können, häufig fühlen sie sich dadurch aber auch selbstentfremdet, besonders Kinder mit ADS. Es sollten stets zusätzlich Eltern und Lehrer beraten und darin angeleitet werden, wie sie besser mit dem Kind umgehen können, damit sie erfolgreicher sind in ihren Erziehungsbemühungen.
Was müsste die Volksschule verändern, damit ADHS-Kinder weniger Schwierigkeiten haben?
Die Schule sollte davon Abstand nehmen, alle gleichschalten zu wollen. Die heutzutage vorherrschende Normierungstendenz ist aus meiner Sicht schädlich für diese Kinder. Die Lehrer und Lehrerinnen sollten viel freier werden in der Gestaltung des Unterrichts und sich zum Ziel setzen, aus jedem Kind das Beste zu machen, denn ADS- und ADHS-Kinder verfügen über grosse Potenziale, die zurzeit grösstenteils verkümmern.
An welche Potenziale denken Sie?
Diese Menschen sind ausgesprochen kreativ, mutig und explorativ – ADS nach innen, ADHS nach aussen. Sie sind Quer- und Um-die-Ecke-Denker, nehmen neue Ideen schneller auf und setzen sich oft über fixe bürokratische Normen hinweg. Da sie viel Gedankenarbeit leisten, werden aus ihnen fähige Wissenschaftler, kreative Erfinder und Künstler. Auch im Spitzensport sind überdurchschnittlich häufig Menschen mit ADHS anzutreffen.