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Notiz über den rothen Schnee
Von Prof. L. Fischer.
Zu den auffallendsten Erscheinungen im Alpengebirge gehört der „ Rothe Schnee ", dessen bereits im Aufsatze über Alpenflora im vorigen Bande des Jahrbuches Erwähnung geschah. Einige Mittheilungen über die Natur und Geschichte dieses merkwürdigen Gebildes dürften für manche Leser nicht unerwünscht sein und zugleich zu neuen Beobachtungen anregen.
Die ersten zuverlässigen Angaben über den rothen Schnee finden sich bei Saussure, welcher denselben auf dem Brevent, dem grossen St. Bernhard und an einigen anderen Localitäten beobachtete. Die rothe Farbe zeigte sich meist in beschränkter Ausdehnung an etwas vertieften Stellen de » älteren Firnschnees. Saussure erkannte schon damals eine besondere, den Schnee färbende Substanz und sprach die Vermuthung aus, es möchte diese „ terre rouge de la neige u vegetabilischen Ursprungs sein. Zu Anfang dieses Jahrhunderts fanden Thomas und v. Charpentier den rothen Schnee in der Gegend von Auseindaz und auf den Bergen von Bex. Es waren V— 20'lange, 3"—4'breite Streifen oder rundliche Flecken von 5"—3'Durchmesser.
In die Tiefe drang die Färbung meist nur 1"—2 ", nie mehr als 68 ".
Spätere Beobachtungen der Ordensgeistlichen auf dem St. Bernhard gaben über das Auftreten des rothen Schnees weiteren, ausführlichen Aufschluss. Es zeigte sich die Erscheinung stets an denselben Stellen, am Fuss der beschneiten Abhänge, sowohl auf der Nord-, als auf der Südseite; die rothen Flecke waren selten vor Mitte Juni sichtbar und traten dann bei zunehmender Wärme immer deutlicher hervor.
Eine wichtige Bereicherung ergaben ferner die Expeditionen von Ross, Parry u. A. nach den Polargegenden. Die rothe Färbung erstreckte sich hier über weit grössere Strecken als bisher in den Alpen beobachtet war; es sind in dieser Beziehung besonders die „ Crimson Cliffs " an der Nord-Ost-Küste der Baffinsbay berühmt geworden. Die am Ufer hinziehenden Hügel zeigten in einer Länge von ca. 8 Meilen die charakteristische rothe Farbe; dieselbe erstreckte sich bis zu 1—2 " Tiefe; diesem gegenüber erscheint eine andere Angabe von 10—12'Tiefe als zweifelhaft und dürfte wohl auf einem Irrthum beruhen.
In neuerer Zeit sind zahlreiche Beobachtungen sowohl aus den Alpen, als aus anderen Gebirgsgegenden Europa's ( Norwegen, Pyrenäen ) bekannt geworden; wenn indessen Hugi ( Naturhistorische Alpenreisen, 1830 ) sagt: „ Auf allen meinen Gletscherwanderungen wallte ich fast täglich über weite Strecken rosigen Firns hin, " so möchte wohl in diesem Ausspruch einige Uebertreibung liegen, denn alle übrigen Beobachter sprechen von dem rothen Schnee als von einer keineswegs häufigen und nur auf einzelne Stellen beschränkten Erscheinung. Prof. Ehrenberg fand den rothen Schnee am Rhonegletscher, Dr. Shuttleworth auf der Grimsel, Prof. Perty am Steinalpgletscher, Sidelhorn, Fibia, Engstlenalp, Rhonegletscher, namentlich in schneeerfüllten geneigten gegen Nord oder Nord-Ost abfallenden Schluchten oder auf Schneefeldern dieser Lagen, in der Regel an solchen Stellen, wo der Schnee nie ganz wegschmilzt.
Merkwürdig ist die Beobachtung des rothen Schnees am Stockhorn in kaum -5000'Höhe ( Prof. Brunner, Sohn ), wohl das tiefste bis jetzt beobachtete Vorkommen. In den östlichen Schweizer Alpen wurde der rothe Schnee an verschiedenen Orten ( Glärnisch. Kärpfstock, Kalfeuser Stöcke, im Hintergrund des Flöss-thales an der Silvretta und auf der Zaportalp ) von Prof. Heer beobachtet, theils in einzelnen Flecken, theils ganze Schneefelder überziehend.
Aus der neuesten Zeit sind mir nur wenige Angaben über neue Standorte zugekommen; sei es, dass die klimatischen Verhältnisse der letzten Jahre der Erscheinung weniger günstig oder die Aufmerksamkeit weniger darauf gerichtet war. Einer unserer eifrigsten Erforscher der Schneeregion, Hr. E. v. Fellenberg, theilt mir hierüber Folgendes mit: „ Ich habe auf meinen zahlreichen Excursionen im Gebiete der Hochalpen nur zweimal den rothen Schnee beobachtet, d.h. nur zweimal war die Erscheinung prägnant genug, um unwillkürlich die Aufmerksamkeit des Vorübergehenden zu fesseln. Zuerst am 6. Aug. 1856 bei der Besteigung des Wildstrubels. Es war auf dem Firnfelde, welches über dem Räzligletscher liegt und in sanfter Neigung gegen den Sattel aufsteigt, von dem gegen Süden der Wildstrubelgletscher abfällt. Der Tag war sehr heiss und schon gegen 10 Uhr Morgens der Firn von der Sonne aufgeweicht. Hier waren nun ungefähr 80 —100Fuss in Form mehrerer grösser, ellyptischer Flecken Schnees zart rosenroth gefärbt. Die Färbung war am Intensivsten an einzelnen nur 1—2QF.
grossen Stellen concentrirt, welche das Aussehen hatten, als wäre da Carmin ausgeschüttet worden. Von diesen Flecken aus wurde die Färbung je weiter weg desto schwächer und ging zuletzt in einen schwach gelblichen Schimmer über. Diese Erscheinung, die meinem Führer Jacob Tritten als etwas nicht Häufiges, doch auch nicht gerade besonders auffiel, hielt ich damals für häufiger, als sie wirklich ist, und schenkte ihr nicht die Beachtung, die sie verdiente. Bis zum vorigen Jahre sah ich den rothen Schnee nicht mehr.
„ Der zweite Fall fand sich bei dem letztjährigen Versuch, die Jungfrau vom Silberhorn aus zu besteigen. Es war in dem ersten Firnthal, welches sich am Fuss der hohen Jungfrauwand zwischen Schneehorn und Silberhorn hinzieht und von dem oberen Firnthälchen hinter dem Silberhorn durch einen Firnbruch getrennt.ist. Dieser Sérac oder Firnbruch besteht aus mehreren hohen Eiswänden und mächtigen Schrunden, die theilweise durch hereingestürzte Eisblöcke ausgefüllt und theilweise eingeschneit waren. An einer dieser senkrechten Firneiswände zeigte sich die rothe Färbung, die sich bandartig durch das grünliche Eis hinzog, in einer Breite von 1 U% —2'und 6'—8'Länge. Oberhalb des Eises war der Schnee auch räthlich gefärbt. "
Im Vorstehenden habe ich die hauptsächlichsten der mir bekannt gewordenen Angaben über das Vorkommen des rothen Schnees zusammengestellt. Fragen wir nun nach der Ursache der Färbung, so beruht die Antwort ausschliesslich auf den Resultaten der mikroskopischen Untersuchung. Es ergab diese zunächst kleine, hochroth gefärbte Kügelchen von V200'"—VW " Durchmesser ( einfache Zellen mit rothem Inhalt ), die in ungeheurer Zahl die Zwischenräume der körnigen Schneemassen erfüllen. Diese Körperchen wurden unter dem Namen Protococcus nivalis Agardh. den einfachsten Algen, somit der niedersten Stufe des Pflanzenreichs zugetheilt.
Man findet in der Literatur die Alge des rothen Schnees auch unter verschiedenen anderen Namen ( Disceraea, Hysginum, Palmella, Sphaerella u.a. ), welche jedoch den ursprünglichen Namen nicht zu verdrängen vermochten.
In ein neues Stadium trat die Geschichte des rothen Schnees durch die Entdeckung beweglicher Körperchen, welche durch ihre Beschaffenheit und die lebhaften Bewegungen auffallend an die niedrigsten Formen des Thier-reiches, die Infusorien, erinnern. Zugleich wurde überhaupt die mikroskopische Untersuchung genauer durchgeführt und es zeigte sich ein früher ungeahnter Reichthum verschiedenartiger Formen, von welchen die beweglichen als Infusorien. ( Astasia nivalis u.a. ) beschrieben wurden.
Inzwischen ergab aber das fortgesetzte Studium der Algen, unterstützt durch die Verbesserungen des Mikro-, skops, wesentlich neue Gesichtspunkte. Schon im J. 1803 hatte der Genfer Vaucher ( Histoire des conferves d' eau douce ) für eine Anzahl Süsswasseralgen die Bildung beweglicher Keimkörperchen beobachtet, konnte aber wegen der Mangelhaftigkeit der damaligen Mikroskope die Sache nicht weiter verfolgen. Erst 1843 erschienen ausführliche Arbeiten von Thuret und Unger über diese merkwürdigen in-fusorienartig beweglichen Pflanzenkeime, welche dann successiv für eine grosse Zahl von Algen nachgewiesen wurden. Aus diesen als Schwärmsporen oder Zoosporen bezeichneten Keimen entwickeln sich nach einer verhältnissmässig kurz dauernden Bewegungszeit neue Algen, so dass über ihre vegetabilische Natur, trotz der auffallenden Beweglichkeit, kein Zweifel walten kann. Auch für einige Abtheilungen der Pilze sind in neuester Zeit Schwärmsporen nachgewiesen worden.
Das Critérium der „ freien Bewegung " ist somit für diese niedersten Gebiete des organischen Lebens nicht ausreichend und kann nur insofern zur Geltung kommen, als wir dieselbe für thierische Organismen als Regel, für vegetabilische dagegen als Ausnahme, als vorübergehende Entwicklungsstufe zu betrachten haben. Beide Reiche treten in ihren einfachsten Formen in nächste Verwandtschaft, so dass oft nur die nähere oder entferntere Analogie mit höheren Stufen über die Stellung dieser elementaren Organismen im Thier- oder Pflanzenreiche entscheiden kann.
Für den rothen Schnee wurde nun der Nachweis geführt, dass die rothen, beweglichen Körperchen von den ruhenden Zellen des Protococcus nivalis nicht specifisch verschieden sind, sondern eine blosse Entwickelungsform darstellen. Einige ächte Infusorien wurden zwar ebenfalls im rothen Schnee gefunden, sind jedoch als zufällige und nicht immer vorhandene Beimischungen zu betrachten.
Räthselhaft bleibt das scheinbar plötzliche Auftreten der rothen Schneealgen an Orten, die so weit von allem vegetabilischen Leben entfernt sind, und es hätte diese Erscheinung früher mit Recht als eine Stütze der sogen. Urzeugung betrachtet werden können. Seitdem aber die genauesten Untersuchungen das übereinstimmende Resultat ergeben, dass auch die niedersten Organismen nur aus Keimen entstehen, welche, meist von ausserordentlicher Kleinheit, durch den atmosphärischen Staub Verbreitung finden, ist jene Annahme einer direkten Entstehung aus fremdartiger Substanz von den meisten Naturforschern aufgegeben. Immerhin bleibt es merkwürdig, dass die Keime des Protococcus nur an einzelnen, meist weit aus einander liegenden Stellen der Schneeregion vorkommen.
Wahrscheinlich sind dieselben ziemlich verbreitet, können aber nur unter ganz bestimmten localen und klimatischen Einflüssen zur Entwickelung gelangen. Leicht zu beobachten ist dagegen die Vermehrungs-weise des Protoeoceus, welche auf einer beständig sich wiederholenden Theilung der Zellen beruht; es wird hierdurch in verhältnissmässig kurzer Zeit eine ungeheure Zahl von Individuen hervorgebracht, welche weite Strecken zu färben vermögen.
Eine weitere Eigenthümlichkeit dieser merkwürdigen Pflanze ist der auffallende Farbenwechsel; es geht nämlich das Roth nicht selten in Grün über und es kommen ausser den grünen und rothen Zellen auch die mannigfaltigsten Uebergangsstufen vor. In der freien Natur erscheint indessen das Roth immer bei weitem überwiegend. Grüner Schnee ist meines Wissens in den Alpen noch nie beobachtet; die einzige Nachricht hierüber bezieht sich auf Spitzbergen, wo Martins eine grosse Strecke Schnees intensiv grün gefärbt fand.
Einen ganz abweichenden Grund hatte dagegen eine Färbung des Schnees, welche im Februar 1850 am Gotthard und den angrenzenden Gebirgen beobachtet wurde. Nach einem starken Schneefall während der Nacht zeigte die Schneedecke eine auffallende, braunröthiiche Farbe, die sich bis auf die höchsten Gipfel erstreckte. Die färbende Substanz zeigte vorherrschend mineralische Bestandtheile, ausserdem aber auch organische Körperchen, Blüthenstaub u. s. w. Nach der Ansicht des Hrn. Prof. Heer stand diese Erscheinung im Zusammenhang mit einem Ausbruche des Vesuv, der kurz zuvor stattgefunden hatte, und es wäre die braunröthliche Substanz als eine Wolke vulkanischer Asche von Südwinden nach den Alpen getragen worden. Prof. Notiz über den rothen Schnee.4Î9
Ehrenberg dagegen nahm einen entfernteren Ursprung jener staubartigen Masse ( Passatstaub ) als wahrscheinlich an.
Der beschriebenen Alge nahe verwandt ist Protococcus ( Chlamydococcus ) pluvialis, welche ebenfalls in einer ruhenden und beweglichen Form, in rother und grüner Farbe vor- kommt. Sie findet sich namentlich auf Felsen und Steinen, in kleinen, mit Regenwasser erfüllten Vertiefungen, nicht selten das Ansehen einer Blutlache darbietend. Rothe Ueber- züge an feuchten Mauern, besonders auf Sandstein, die bei nasser Witterung auffallender hervortreten, sind durch eine andere einzellige Alge ( Palmella cruenta ) veranlasst. Wesentlich verschieden ist dagegen die rothe Alge, welche den bekannten, auf Granit in unsern Alpen stellenweise häufig vorkommenden „ Veilelienstein " erzeugt. Zarte, vielfach verästelte, gegliederte Faden mit rothem Inhalt bilden hier den dicht anliegenden, fein sammtartig anzufühlenden Ueberzug. Getrocknet aufbewahrt verschwindet das intensive Roth nach und nach und lässt eine grünliche Farbe zurück; der eigenthümliche, veilclienartige Geruch tritt dagegen beim Befeuch-ten noch jahrelang deutlich hervor. In nächster Verwandtschaft mit dieser Alge steht der in der Ebene an feuchten Felsen, hölzernen Wasserleitungen häufig vorkommende orangerothe Chroolepus aureus, welcher beim Trocknen sich ebenfalls grünlich verfärbt, aber geruchlos ist.
Vegetabilischen Ursprunges sind auch die rothen Flecken, die nicht selten auf verdorbenen Nahrungsmitteln, besonders Brod, gekochten Mehlspeisen, Milch u. s. w. auftreten. Verschiedene rothe Schimmelpilze sind häufig die Ursache dieser Färbung. Noch auffallender, aber seltener vorkommend sind die von aus einzelligen Algen ( Palmella prodigiosa ) veranlassten blutrothen Flecken auf den genannten Substanzen. Wohl die meisten Fälle der sogen. „ Blutwunder ",
die im Mittelalter so grosses Aufsehen erregten, mögen hierdurch ihre Erklärung finden.
Auch andere Färbungen, braune Ueberzüge auf Steinen in stehenden und fliessenden Gewässern ( Diatomeen ), filz-artige braune oder schwarze Ueberzüge an feuchten Felswänden ( Scytonema u.a. ), die so sehr häufige grüne Farbe am Grunde alter Baumstämme, auf feuchten Hölzern und Steinen ( Protococcus viridis ) u. s. w. sind durch mikroskopische Organismen veranlasst; einen sicheren Aufschluss über die Natur derselben giebt aber in allen Fällen nur das Mikroskop, dessen allgemeine Anwendung und Verbreitung eine so wichtige Bereicherung unserer Erkenntniss der organischen Welt zur Folge hatte und auch noch ferner verspricht.