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Die Hitze ist fast unerträglich; der Geruch, der in der Luft liegt, überwältigend. Um 10 Uhr morgens sind es bereits 35°C, und die Luftfeuchtigkeit steigt hier im grössten Flüchtlingslager der Welt im südöstlichen Bangladesch auf bis zu 90 Prozent an. Zusammen mit anderen Bauarbeiterinnen füllt Hamida Sandsäcke ab. Sie haben grosse bunte Tücher um ihre Köpfe gewickelt, denn es sind Musliminnen. Die fleissigen Frauen helfen mit, eine Bambusbrücke über einen Abwassergraben zu bauen; wichtige Arbeiten in einem Flüchtlingslager, in dem heute fast eine Million Menschen leben.
Gegen die Kultur
In der konservativen muslimischen Kultur der Rohingya-Flüchtlinge ist es ungewöhnlich, dass Frauen ausserhalb des Hauses arbeiten, insbesondere wenn es schwere körperliche Arbeit ist. Aber Hamida und ihre Frauen - alles junge Witwen - sind bereit sich der Tradition zu widersetzen. Denn es geht darum, etwas Geld zu verdienen, um ihre Kinder zu ernähren. Sie gehören zu den 295 Frauen, die am Cash for Work-Programm von World Vision teilnehmen.
«Es ist uns egal, welche Art von Arbeit wir bekommen. Wir füllen Säcke mit Sand und Zement, ebnen Wege und flechten Bambuszäune, während die Männer noch schwerere Arbeit verrichten», sagt Hamida. Ihren Mann hat sie während der Gewalttaten in Myanmar im August 2017 verloren. Plötzlich war Hamida die einzige Ernährerin für ihre beiden Kinder Ayatullah (8) und Rashidullah (11).
«Es ist schwierig für eine Frau, hier im Lager Geld zu verdienen», sagt Hamida. In Myanmar führten sie und ihr Mann eine kleine Farm auf einem Hektar Land. Sie war zuständig für die Gartenarbeit und die Pflege der drei Kühe und fünf Ziegen. Hamida hätte nie erwartet, dass sie im Alter von 40 Jahren Witwe wird und einen Weg finden muss, ihre Kinder alleine zu ernähren.
HAMIDA UND IHRE KOLLEGINNEN BEI DER AUSHEBUNG EINES ABWASSERGRABENS.
Aus eigenere Kraft das Leben verbessern
Monatlich erhalten alle Flüchtlinge vom Welternährungsprogramm (WFP) eine genau bemessene Menge an Reis, Linsen und Pflanzenöl. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung, wie sie vor allem Kinder brauchen, ist oft nicht möglich. Im Lager gibt es laut der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR 32’684 von Frauen geführte Haushalte – also Familien, die ohne Mann oder Vater leben. Vielen Müttern fehlt das Geld und somit die Möglichkeit, das für eine ausgewogene Ernährung benötigte Fleisch, den Fische sowie frisches Obst und Gemüse zu kaufen – Lebensmittel, die auf dem Markt eigentlich leicht erhältlich wären.
Auch daran soll das Cash for Work-Programm etwas ändern. 1000 Rohingya-Flüchtlinge erhalten so eine Kurzzeitarbeit - 30 Prozent davon sind Frauen. Um sicherzustellen, dass möglichst viele Familien von dem Programm profitieren können, wechseln sich die Teams nach jeweils 20 Tagen ab. Die Arbeiter verdienen 350 Taka (umgerechnet 4.50 Franken) pro Tag - ein fairer Lohn, der mit den lokalen Tarifen für Gelegenheitsarbeit vergleichbar ist. Zur Veranschaulichung: Ein Kilogramm Tomaten kostet im Lager umgerechnet einen Franken, ein Huhn bekommt man für ungefähr 1.50 Franken.
EINE WORLD VISION-MITARBEITERIN ZAHLT EINER ARBEITERIN IHREN LOHN AUS.
Nicht ohne Anlaufschwierigkeiten
Obwohl das Programm erfolgreich ist, ging es nicht ohne Anlaufschwierigkeiten. Die Frauen mussten sich einiges anhören: Als die ersten Bauarbeiterinnen zu arbeiten begannen, beklagten sich ihre männlichen Kollegen – manchmal kam es sogar zu verbalen Drohungen.
«Es war eine Herausforderung, zunächst weibliche Teilnehmer zu gewinnen», sagt Agatha Sarker, die Projektverantwortliche für das Cash for Work-Programm. «Wir trafen uns mit den Verantwortlichen der Gemeinde, um deren Unterstützung zu erhalten. Alle waren sich einig, dass die Frauen bei dieser Arbeit unterstützt werden sollten.» Die Belästigungen liessen mit der Zeit nach, aber böse Kommentare und Anfeindungen gibt es leider immer noch, sagt Agatha.
Hamida kümmert das nicht. Sie ist stolz auf den Beitrag, den sie für die Gemeinschaft leistet: «Die Menschen sind sehr zufrieden mit unseren Strassenreparaturen. Jetzt können sie leichter durch das Lager laufen.»
Geld für das Nötigste
Hamida kann mit ihrem Lohn das kaufen, was sie für sich und ihre Kinder braucht. «Meine Kinder baten mich immer um besseres Essen, aber ich konnte es mir nicht leisten. Ich bin so glücklich, dass ich jetzt Geld verdienen kann. Das ist eine grosse Hilfe für mich, da mein Mann nicht mehr bei mir ist. Ich kann auf den Markt gehen und Essen für meine Kinder kaufen.» Hamida ist stolz auf ihren Beitrag zum Familieneinkommen: «Ich kaufte eine Henne und etwas Gemüse, sowie einige Äpfel und Trauben». Sie hatte sogar genug Geld für neue Kleider. «Ich habe für meine beiden Jungs neue Hemden und Hosen gekauft, und einen Rock, einen Schal und ein Stück Stoff für mich selbst», sagt Hamida lächelnd. Ohne Einkommen sind die Flüchtlinge auf gebrauchte Kleidung angewiesen, die von grosszügigen Organisationen aus Bangladesch gespendet werden. Die meisten Menschen besitzen nur einen Satz Ersatzkleider. Gekauft wird, was passt. Den Luxus, nach Farbe, Stil und Passform auszuwählen, haben sie nicht.
HAMIDA UND IHRE ZWEI KINDERN IN IHREM ZELT IM FLÜCHTLINGSLAGER. AN DER WAND HÄNGT IHRE ARBEITSWESTE VON WORLD VISION.
Viel erreicht
Bis heute haben die 1000 Flüchtlingsarbeiter 7641 Meter Wege, 1105 Meter Abwassergraben, 17 Bambusbrücken und 29 Sandsacktreppen an steilen Stellen im Lager gebaut und damit insgesamt 83540 Franken verdient. «Wir Witwen haben hier niemanden, der uns beisteht», sagt Hamida. «Diese Gelegenheit zu arbeiten hilft uns wirklich sehr.»
1105 METER ABWASSERGRABEN WURDEN BEREITS AUSGEHOBEN.
Über den Lohn hinaus
Die Arbeit hilft den Flüchtlingen auch, ihr Selbstwertgefühl und ihre Würde zurückzugewinnen. Niemand will auf Hilfe angewiesen sein. Ein Einkommen zu verdienen, gibt Frauen und Männern das Gefühl, ihr Leben wieder selbst zu bestimmen - etwas, das viele auf der hektischen Flucht aus Myanmar verloren haben.
Das Cash for Work-Programm hat Arbeiterinnen wie Hamida mit neuen Fähigkeiten ausgestattet und den Zusammenhalt der Gemeinschaft gestärkt, sagt World Vision-Koordinator Prodip Kumar Suter. «Zuvor waren die Flüchtlinge frustriert, weil sie keine Arbeit und kein Geld hatten», sagt er. «Jetzt wissen sie, wie man plant und zusammenarbeitet. Und sie können dabei helfen, die Lage in den Flüchtlingscamps zu verbessern. Das gibt Selbstbewusstsein.» Prodip will noch mehr Flüchtlinge mit Cash for Work unterstützen: «Wir hoffen, das Programm zu erweitern und zu diversifizieren, damit wir mehr Menschen helfen können.»
Fast eine Million Menschen leben derzeit im grössten Flüchtlingscamp der Welt und brauchen Ihre Hilfe. Dank unserer auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnittenen Programme können wir den Familien Nothilfe leisten, Wasser- und Hygieneeinrichtungen installieren sowie Schutzzonen für Kinder und junge Frauen einrichten.