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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Exhibitionismus heisst die Neigung, sich selbst oder die Geschlechtsteile nackt zur Schau zu stellen. Der Begriff bezieht sich auf Menschen und wird als nicht normgerecht oder sogar als Strafbestand angesehen.
Sind Tiere exhibitionistisch? Tiere kennen das Schamgefühl nicht. Ebenso wenig Pflanzen. Exhibitionistische Pflanzen? Natürlich können Menschen alle Phänomene der Welt nur aus ihrer eigenen Sicht heraus beschreiben und beurteilen. So kann man menschliche Verhaltensweisen auf Tiere und Pflanzen übertragen. Bei Tieren, besonders bei solchen, die in der Nähe des Menschen leben, transferieren die Besitzer ihre eigenen Gefühle oft auf die Tiere und schreiben ihnen Gefühle und Gedanken zu. Beobachten Sie einmal, wie „ein Frauchen“ mit dem Hund spricht! „Pfui, das macht man nicht!“ ruft sie ihm zu, wenn der Hund am Geschlecht der Hündin schnüffelt. Und „Frauchen“ schämt sich sogar dafür.
Über Sexuelles nur zu reden war in vergangenen Jahrhunderten nicht „honorable“ und gesellschaftlich inakzeptabel. Und dann kam im 18. Jahrhundert ein junger Mann, Carl von Linné, der sich die Lebensaufgabe gestellt hatte, die Pflanzen- und Tierwelt in ein System zu bringen, und „das Sexualleben der Pflanzen“ zu beschreiben! Blüten seien nichts anderes als zur Schau gestellte Sexualorgane, die die Pflanzen nicht schamhaft verstecken, hatte er herausgefunden.
„Die Pflanzen werden von Liebe erfasst … Männer und Frauen … vollziehen die Ehe … zeigen durch ihre Geschlechtsorgane, wer männlich und wer weiblich ist. Die Blütenblätter dienen als Brautbett, welches der Schöpfer so grossartig angeordnet hat, so üppig geschmückt mit edlen Bettvorhängen, parfümiert mit so süssen Düften, dass der Bräutigam und die Braut hier ihre Hochzeitsnacht mit umso grösserer Erhabenheit feiern können.“ Linné sprach von „Samen und Hoden und Muttermund“, und er schrieb Sätze wie: „Einige Blüten werden von Liebe getrieben, ihre Narbe weit zu öffnen, wie ein wilder Drache, verlangend nach nichts anderem als dem Pollen des Staubblatts.“
Was allen Blütenpflanzen gemeinsam ist, egal ob selbst- oder fremdbestäubt: dass nach der Bestäubung ein Pollenschlauch durch den Griffel bis zum Fruchtknoten wächst. Dieser entlässt Kerne in die weibliche Eizelle. Nach der Verschmelzung entsteht die Zygote, woraus sich nach einiger Zeit der Vorkeim und später eine neue Pflanze entwickelt.
Mit der Intuition des grossen Forschers hatte Linné erkannt, dass in den Fortpflanzungsorganen der Pflanzen der Schlüssel zum Verständnis ihrer Verwandtschaft lag ‒ und die Voraussetzung für eine Systematisierung.
Wenn man bedenkt, welchen Aufwand Tiere machen, und welche „Kreativität“, also Vielfalt, in dem gesamten Vorgang steckt, finde ich die Idee nicht fehlgeleitet.
Damals stiess eine solche Betrachtungsweise natürlich auf Widerstand. Überhaupt, der Ansatz, menschliche Verhaltensweisen auf Pflanzen zu übertragen! Es ist zu bedenken, dass die Erkenntnisse von Charles Darwin noch hundert Jahre auf sich warten liessen!
Die Kritiker seiner Zeit sind vergessen. Linné nicht:
„Obwohl Linné als bahnbrechender Ökologe, Geobotaniker, Dendrochronologe, Evolutionist, botanischer Pornograf und Sexualist und vieles mehr bezeichnet wurde, bestehen seine einflussreichsten und wertvollsten Beiträge zu Biologie unzweifelhaft in der erfolgreichen Einführung der binominalen Nomenklatur für Pflanzen- und Tierarten, auch wenn diese Leistung nur ein zufälliges Nebenprodukt seiner enormen enzyklopädischen Tätigkeit war, um in knapper, präziser und praktischer Form die Mittel für das Erkennen und Erfassen ihrer Gattungen und Arten bereitzustellen“ (William Thomas Stearn in „The Compleat Naturalist: A Life of Linnaeus“ 2004).
Linné ordnete anhand der Zahl und Anordnung der Staubgefässe und Fruchtblätter die Samenpflanzen in 24 Klassen. Und er erfand die binäre Nomenklatur, die ebenfalls bis heute Bestand hat. Jede Tier- oder Pflanzenart ist heute durch eine unverwechselbare Kombination aus „Vor- und Nachnamen“, sprich: Gattungs- und Artnamen, gekennzeichnet. Und diese bestimmt etwa, dass die Rotbuche Fagus sylvatica heisst und die Hainbuche Carpinus betulus, die beiden also weniger eng verwandt sind als ihre deutschen Namen glauben lassen. Fast sein ganzes Forscherleben beschäftigte sich Linné mit der Systematik der Pflanzen und Tiere; sein Hauptwerk Systema Naturae wuchs von einer ersten Veröffentlichung mit 15 Seiten im Jahr 1735 auf stolze 1300 Seiten im Jahr 1758.
2009, also 250 Jahre später, erschien im Taschenbuch Verlag ein Bildband, 31 × 24 cm gross, vom Landsmann Linnés, dem Schweden Edvard Koinberg, mit dem Titel „Herbarium Amoris Floral Romance“ mit Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr. Am Anfang weist Koinberg darauf hin. „This book follows the structure of Linnaeus’s floral calendar (Clanedarium Florae), published in 1756.“ Das Buch ist aufgeteilt in 12 Kapitel, beginnend mit dem Dezember, wobei die Monate Mai und August doppelt erwähnt werden. Der April „Budding Month“, mit dem Titel „Germinationis“, wird so beschrieben: „From the return of the White-Wagtail to the coming of the swallow: or from the first flower to the leafing of the first tree, during the whole time of the flowering of the Bulbour Violet“. Unter der Überschrift „The Man who loved Flowers“ beschreibt und würdigt der Krimiautor Henning Mankell das Leben des Wissenschaftlers.
Die Seiten sind schwarz, und die Blüten und Blumen zeigen sich vor diesem Hintergrund, leuchtend, blass, zart, farbig, detailreich, manchmal etwas verschwommen. Manche Blumen bedecken die ganze Seite und erinnern an Geschlechtsteile wie Penis, Hoden oder Vulva: Blumen als sexuelle Wesen. Andere sehen aus, als ob sie aus dem Bild herausragen, in prächtigen Farben. Im Anhang werden alle Blumen, klein abgebildet, von Koinberg beschrieben: „Tulip. Tulipa hybrid: Unlike the sexual organs of animals, those of plants are not guiltily hidden away and generously exhibited. The Tulip presents its stamens of plentiful pollen on the precious multicolored tray of its flower.“ Und zur Pfingstrose: „In Europe, the Peony was, for centuries, grown mostly for its properties as a medicinal plant. While in China it was valued for its beauty, and hundreds of different varieties were cultivated.“ Zur Island Papaver „Papaver undivaule“ schreibt Linné im Systema Naturae: „Sepals are the very bed where stamens and scepter-like pistils come together: The filaments are the spermatic ducts, the style the maternal passage or vagina, the ovule the ovaries, the pericarp the fertile ovary, and the seed is the egg.“
Das Buch von Edvard Koinberg zeigt Fotos in sehenswerter fotografischer Perfektion, gepaart mit einer Liebe zu Pflanzen, welche diese in ihrer Fortpflanzungsbereitschaft zeigt.
Gedanken über die Pflanzenliebe verbreitete auch Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Die Rosen IV“:
Doch haben wir dir vorgeschlagen,
den Blütenkelch bis an den Rand zu füllen.
Begeistert warst du, diesen Kunstgriff
In deinem Überfluss zu wagen.
Fühltest dich reich, um hundertmal
Du selbst zu sein aus einer Blume;
Hingegen wie die Liebende
Hast aber nie an anderes gedacht.
Quellen
Edvard Koinberg: „Herbarium Amoris Floral Romance“, Taschen GmbH, Köln 2009.
Bill Bryson: „Eine kurze Geschichte von fast allem“, Goldmann Verlag, München Oktober 2005.
Hinweis auf einen Textatelier.com Glanzpunkte-Artikel
Hinweis auf Blogs mit Erwähnungen von Carl von Linné
08.06.2010: Erdbeeren gegen Gicht, Entzündung, Verstopfung, Durchfall