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Bier ist eines der ältesten alkoholischen Getränke und reicht weit in die Menschheitsgeschichte zurück. Vermutlich entdeckten unsere Vorfahren im Gebiet des heutigen Syriens vor rund 12‘000 Jahren, dass Getreidebrei zu gären beginnt, wenn man ihn einige Tage stehen lässt.
Etwa 9‘000 v. Chr. begannen die Menschen Gerste und Weizen zu kultivieren. Vermutlich wurde dabei auch das Mälzen von Getreide entdeckt, da davon auszugehen ist, dass urzeitliche Getreidelager selten vollkommen wasserdicht und trocken waren.
Die ältesten Überreste von Bier lassen sich auf die Zeitspanne von ca. 3‘500 bis 2‘900 v. Chr. zurückdatieren. In Mesopotamien zeugen Schriftstücke von gegen 20 geläufigen Biersorten im 3. Jahrtausend vor Christus. Aus der gleichen Periode stammen Abbildungen und Wandmalereien von Bier trinkenden Sumerern.
Bier war lange Zeit nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern auch ein Zahlungsmittel für Beamte, Offiziere und Soldaten. Die am Bau der grossen Pyramiden beteiligten Arbeiter erhielten Bier und Brot als Nahrungs- und Zahlungsmittel. Durch den Gärprozess war Bier deutlich länger haltbar als Wasser, da Krankheitserreger wegen des Alkohols ausser Gefecht gesetzt wurden.
Auch in Europa ist Bier seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. bekannt – darauf weisen Grabfunde im westlichen Dänemark hin. Bier war im Gegensatz zum Met vergleichsweise billig, da dem Getränk keinerlei Honig zugegeben wurde. Honig war damals das einzig bekannte Süssungsmittel und entsprechend aufwändig und teuer in der Beschaffung.
Im Mittelalter war Bier das mit Abstand wichtigste Getränk für das gemeine Fussvolk. Die verwendeten Rohstoffe waren billig und in ganz Europa verbreitet. Hinzu kommen die gute Haltbarkeit und die im Gegensatz zu Wasser geringe Anzahl von Keimen und Krankheitserregern im Bier. Verschiedene Quellen berichten von einer Tagesration Bier pro erwachsenem Mann zwischen fünf und sieben Litern.
Hopfen wurde zwar bereits seit dem 8. Jahrhundert kultiviert, spielte in der Bierproduktion aber noch keine grosse Rolle. Die Biere der damaligen Zeit wurden mit Kräutern oder Gewürzen vermischt, trüb, süsslich und hatten eine geringe Haltbarkeit. Hopfen als Würzmittel setzte sich erst im 16. Jahrhundert durch – hier hat das bayrische Reinheitsgebot einen wesentlichen Beitrag geleistet.
Anfangs des Mittelalters wurde Bier vornehmlich in Klöstern gebraut, was durchaus auch auf den höheren Bildungsstandard in den Klöstern und bessere sanitäre Einrichtungen zurückzuführen sein dürfte. Davon zeugen heute noch zahlreiche Klosterbrauereien, deren Geschichte sich teilweise bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. So sind z.B. Leffe und Grimbergen auf belgische Abteien zurückzuführen, welche bereits seit dem Mittelalter Bier brauen.
Durch den hohen Bierkonsum im Mittelalter wurde das Getränk für den städtischen und staatlichen Fiskus interessant. Ab dem Spätmittelalter wurde die Produktion von Bier vielerorts mit Abgaben belegt. Im Gegenzug wurde das Braurecht an harte Kriterien und Privilegien gebunden. So sicherte sich der Staat eine grosse Einnahmequelle und sorgte gleichzeitig für eine Art Kartell. Dem Konsumenten sollte es möglichst schwer gemacht werden, fremdes Bier zu konsumieren, welches keiner Steuer unterlag.
Seit 1516 besteht die neue bayrische Landesordnung, in welcher auch die Inhaltsstoffe für Bier geregelt werden. Die Textpassage ist unter dem Namen „bayrisches Reinheitsgebot“ bekannt und besagt, dass ein Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut sein darf. Später wurden noch Koriander, Lorbeer, Salz, Wacholder und Kümmel als Zusatzstoffe zugelassen. Am Grundrezept der meisten Biere hat sich somit seit 500 Jahren nichts verändert.
Der Geograf Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes veröffentlichte 1744 quasi das erste Bierlexikon. In seinem Werk waren 35 deutsche Biersorten detailliert beschrieben. Dies zeigt, dass bereits vor mehr als 250 Jahren eine grosse Biervielfalt herrschte und unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt wurden.\r\n\r\n
Im Zuge der Industriealisierung wurde auch das Bierbrauen rationalisiert. Durch Dampfmaschinen und die Eisenbahn wurde einerseits die Herstellung, andererseits aber auch der Transport des Bieres massiv vereinfacht. So setzte beispielsweise die Brauerei Feldschlösschen von Anfang an auf den Transport via Schiene und konnte ihr Bier schnell in der ganzen Schweiz anbieten.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren obergärige Biere vorherrschend. Dies ist vor allem auf die technischen Gegebenheiten zurückzuführen: untergärige Hefe benötig deutlich tiefere Temperaturen für die Fermentation. Erst als Carl von Linde 1871 die erste Kältemaschine baute konnten untergärige Biere wie das Lagerbier ganzjährig gebraut werden und setzten sich schliesslich durch. Bereits seit 1841 ist die Pilsner Brauart bekannt, bei welcher eine sehr langsame, schonende Gärung und Lagerung im Mittelpunkt steht.
Um die Soldaten in den englischen Kolonien bei Laune zu halten wurde eigens das India Pale Ale erfunden. Durch den höheren Alkoholgehalt und die Beigabe grösserer Mengen an Hopfen war dieses Ale besonders lange haltbar und überstand den Seeweg nach Indien unbeschadet. Ursprünglich sollte das IPA vor Ort mit Wasser verdünnt werden. Die Soldaten verzichteten aber darauf, da das Wasser oftmals mit Krankheitserregern verseucht war. Der Bierstil hat sich erhalten und erlebt zurzeit in der Craft-Bier Bewegung ein grosses Revival.
Das 20. Jahrhundert wurde vor allem durch die industrielle Bierproduktion geprägt. Neue Maschinen und Brauprozesse ermöglichten es, grosse Mengen an qualitativ hochwertigem Bier herzustellen und die Qualitätsschwankungen zu beseitigen. Durch die Mechanisierung von Abfüllung und Logistik konnten immer grössere Gebiete mit frischem Bier versorgt werden – die Biervielfalt blieb dabei vielerorts etwas auf der Strecke.
Durch die amerikanische Prohibition zwischen 1919 und 1933 wurde der Biermarkt enorm verändert. Gab es vor der Prohibition in Amerika hunderte von Brauereien, so sank diese Zahl bis 1933 auf einige dutzend ab. Nur die grösseren, einflussreichen Brauereien überlebten und versuchten nach 1933 ihren Einfluss zu vergrössern. Es kam zu einer ersten Konsolidierungswelle, welche dazu führte, dass der amerikanische Biermarkt grösstenteils von charakterlosen, leichten Lagerbieren beherrscht war.
1935 trat das schweizerische Bierkartell in Kraft, welches den Brauereien ihre Stammgebiete zuteilte und exakt vorschrieb, welche Biere aus welchen Zutaten hergestellt werden durften. Mit hohen Importzöllen für ausländische Produkte wurde die Konkurrenz ausgeschaltet. Bis 1991 verkam das schweizerische Lagerbier dadurch zu einem austauschbaren Massengut – ohne wirkliche Konkurrenz wurde der Wettbewerb ausgeschaltet. Keine Brauerei war gezwungen, neue Produkte zu entwickeln oder anderweitig innovativ tätig zu sein.
Obwohl das Bierkartell eine marktbeherrschende Stellung einnahm, wurden politische und juristische Vorstösse dagegen abgewehrt. Der Discounter Denner legte sich bereits in den 1960er Jahren mit dem Bierkartell an, da er den vorgeschriebenen Mindestverkaufspreis nicht akzeptierte. Den Trend zu Mikrobrauereien löste in der Schweiz die Brauerei Fischerstube in Basel aus. Nachdem das Bierkartell dem Wirt vorschreiben wollte, welches Bier er auszuschenken habe, begann er kurzerhand selbst Bier zu produzieren.
In den letzten Jahren kam es auf dem Biermarkt zu vielen grossen Übernahmen und Fusionen. In der Schweiz werden rund 60% des Biervolumens durch Brauereien produziert, die zu internationalen Konzernen wie Carlsberg oder Heineken gehören. Weltweit wird nach der Fusion von ABInbev und SABMiller jedes dritte Bier aus diesem neuen Konzern stammen. Dennoch sind auf dem Weltmarkt tausende unterschiedliche Marken präsent welche für eine grosse Vielfalt an unterschiedlichen Bieren sorgen.
Seit den 1980er Jahren ist eine Bewegung hin zu lokalen Mikrobrauereien zu erkennen. Die Anzahl der Brauereien in der Schweiz stieg von rund 30 Brauereien 1991 auf die stattliche Zahl von knapp 500 Brauereien per Ende 2014. „Bier von hier“ liegt im Trend. Regionalität, Nachhaltigkeit und die Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal sind die Treiber für diese Entwicklung.
Craft-Bier zu definieren ist keine leichte Sache. Unter „Craft“ versteht man Biere, die sich abseits vom Mainstream bewegen und meist aus Kleinstbrauereien stammen. Craft-Bier weist eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Bierstile auf – man setzt auf aussergewöhnliche Braustile, hochwertige Zutaten und einen modernen Marketingauftritt. Am einfachsten lässt sich Craft-Bier als „you know it, when you see it“ beschreiben.
Den Blick in die Zukunft zu wagen ist selten einfach. Auf dem Weltmarkt dürften sich jene Marken durchsetzen, die sich mit einem guten Produkt und einer konsequenten Vermarktung ihrer Stärken von der Konkurrenz abheben. In der Schweiz dürfte es zu einer Sättigung kommen denn entgegen der Anzahl Brauereien, steigt der pro rata Konsum nicht an. Auch bei den Mikrobrauereien werden sich schlussendlich jene Betriebe durchsetzen, welche ein gutes Produkt konsequent vermarkten.