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Weihnachten 1976 mit meinem Grossvater
«Ich bin der Einzige, der hier mein Kind anschreit!», schrie mein Vater seinen Vater an, der zuvor mich angeschrien hatte, was ich gar nicht so schlimm fand, aber meinem Vater ging’s ja ums Prinzip. Deshalb schrie er nicht mich, sondern seinen Vater an. Halleluja, das gehörte bei uns zum fixen Festtagsprogramm.
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit? Also bei uns gab’s an Weihnachten immer die berühmte Erbsensuppe meiner Grossmutter, Fondue chinoise, Filet im Teig und Familienstreit. Mein Vater hat sich immer über seinen Vater aufgeregt. Meine Grossmutter hat sich immer über meinen Vater aufgeregt. Alle, inklusive meiner Tante, haben sich immer über den Mann meiner Tante aufgeregt, und meine Mutter hat immer irgendwann in der Küche geweint, derweil die anderen in der Stube schon wieder am Feiern waren. Und der Hund hat immer irgendwann das komplette Weihnachtsmenü zielsicher über das teuerste Geschenk gekotzt, während alle behaupteten, den Hund garantiert nicht gefüttert zu haben: «Ich war’s nicht! Ehrlich! Keine Ahnung, warum der Hund immer bei mir sitzt!»
O du fröhliches Konfliktpotential
Und wenn dann der letzte Teller endlich abgetrocknet und wieder an seinem Platz im Schrank war, hat meine Mutter immer geseufzt: «Das machen wir aber nächstes Jahr nicht mehr so!» Aber natürlich haben wir’s im nächsten Jahr genauso gemacht: Stille Nacht, heilige Nacht – bis es kracht. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Wir konnten uns schon nicht darauf einigen, welches das «richtige» Datum war: Die Eltern meiner Mutter waren reformiert und feierten am 24. Dezember, die Eltern meines Vaters waren katholisch und feierten am 25. Dezember, und meine Eltern sagten: «Genau wegen diesem Theater bist du nicht getauft! Das entscheidest du dann selber mal.» Richtig: O du fröhliches Konfliktpotential!
Das Problem mit der Intonation
Am 24sten sang mein Vater dann die Weihnachtslieder immer sehr laut und enorm eigen intoniert mit: «Schlaf in himmlischer Ruuuuuh-UHHHH!», was meine Grossmutter, also seine Schwiegermutter, enorm aufregte, was wiederum dazu führte, dass er noch lauter und eigener intonierte: «RUHUHUHUHUHUHUHUUU!!!», was wiederum dazu führte, dass der Hund laut mitjaulte, was alle amüsierte und zum laut Mitjaulen brachte: «Freueueueuuueee dihihiiihiich, oooo Chriiihiiihiiiiiiiisteeeeen-HEIEIEIEIIIT!»
Nur meine Grossmutter freute sich nicht. Weil meine Mutter in einem derart unchristlichen Haushalt lebte und ich in einem derart unchristlichen Haushalt aufwuchs. Mein Grossvater fragte dann, wann sie denn bitte schön zum letzten Mal in der Kirche gewesen sei und steckte dem Hund ein paar Mailänderli zu, meine Mutter zischte: «Jetzt höred uf, s’Muetti macht scho s’Zwänzg-ab-achti-Muul!», und mein Vater sang: «himmlischer RUHUHUUUHUU!!»
Tja, so ging das bei uns zu. Doch noch war nix mit Ruh’, denn am 25sten war die Feier mit der Familie meines Vaters dran, und mein Vater liebte seine Eltern sehr. Nur nicht, wenn sie da waren.
DEINE Mutter!
Unvergessen, wie einst am Weihnachtszmorge meine Grossmutter reinkam, mein Vater blitzschnell eine alte Zeitung aufklappte und dahinter verschwand, obwohl wir zuvor eine heitere Diskussion am Laufen hatten, ob das Butterschaf am Kopf oder am Hintern anzuschneiden sei (am Hintern!). Meine Mutter hörte sich dann geduldig die Geschichten ihrer Schwiegermutter an, aber irgendwann riss auch ihr der Geduldsfaden und sie sagte: «He, es ist im Fall DEINE Mutter!» Und mein Vater retournierte prompt: «Ich weiss, aber sie regt mich schon auf, wenn sie nur zur Tür reinkommt!»
Ja, die Tonalität am Weihnachtsabend ist gut vorstellbar: Die Familie meines Vaters war laut, fadegrad, aber auch sehr herzlich. Da sangen immer alle inbrünstig und ziemlich falsch und hatten einen Heidenspass. «Einen katholischen Heidenspass», wie meine reformierte Grossmutter mit Zwänzg-ab-achti-Muul zischte.
Denn der Höhepunkt war, wenn meine andere Grossmutter ihren selbstgemachten Lebkuchen mit Schlagrahm auftischte, mein Vater schon nach ein paar Sekunden den Kopf meines Cousins in den Schlagrahm drückte, worauf stets eine völlig entfesselte Dessert-Schlacht losbrach, sodass man sich noch am nächsten Tag Lebkuchen aus den Haaren fischte.
Glück ist nicht planbar und man weiss oft erst im Nachhinein, dass man glücklich war. Heute, da fast alle geliebten Menschen in diesen Geschichten nicht mehr sind, bin ich unendlich dankbar für diese wunderschöne Zeit. Auch wenn es nicht durchgehend harmonisch war: «Ich bin der Einzige, der hier mein Kind anschreit!»
In diesem Sinne: Hear the music, see the lights, frohe Weihnachten allerseits!