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Der Apologet der Anekdoten
«Eden Roc», ein eleganter Roman von Matthias Ackeret
Von Michael Bahnerth
Ich bin kein Literaturkritiker. Wie die meisten, die selber hin und wieder nicht nur ein paar Hundert Wörter für Zeitungen und Magazine verfassen, sondern versuchen, das grosse Kino zu schreiben, und das grosse Kino ist der Roman. Ein grosser Roman ist nicht immer grosse Literatur. Manchmal ist er einfach nur eine Geschichte mit der Eleganz eines Luxushotels, dem Rauschen des Mittelmeeres und ein paar Neurosen seiner Hauptdarsteller. Der Autor, Journalist, Geschichtenerzähler und Mikrofonhalter bei Blocher TV, Matthias Ackeret, hat solch einen Roman geschrieben, «Eden Roc». Es ist sein dritter. Er hat noch anderes geschrieben, etwa ein Buch voller Postkarten, die er auf einer Weltreise an sein grosses Idol Martin Walser geschickt hat.
Ich habe «Eden Roc» in einem Zug gelesen, schwer war das nicht. Das Buch hat 158 Seiten und Sätze, die ebenso flink sind wie der Service im Hotel Eden Roc an guten Tagen. Das «Eden Roc» ist das Hotel, das auf einem Hügel bei Antibes all jene Geschichten erzählt, die von Luxus, Protzerei, Hochstapelei und ein paar glücklichen und unglücklichen Sehnsüchten erzählt.
In einem Zimmer dort sitzt Marcel du Chèvre, Gesellschaftsjournalist, ein «Genie der kurzen Strecken». Natürlich fühlt er sich zu Höherem berufen. Von einem ebenfalls geltungssüchtigen Zürcher Verleger hat er einen Vorschuss auf sein noch nicht mal angedachtes Buch «Das Napoleon-Prinzip – eine Anleitung zum absoluten Erfolg» erhalten. Bald merkt er, dass das Napoleon-Prinzip wohl nichts ist für ihn, weil er der grosse Marcel du Chèvre ist und im Grunde mindestens eine Reinkarnation Hemingways. Das Du-Chèvre-Prinzip könnte er schreiben, nur hätte er darauf nie einen grossen Vorschuss erhalten.
Er liegt also da am Pool des «Eden Roc», er versteckt sich, jeder Atemzug ein grosser Selbstzweifel mehr, er wird ein wenig paranoid, weil er sich nicht sicher ist, ob der Verleger ihn nicht per Interpol sucht, und pro Idee, die er nicht hat, trinkt er zwei Glas Wein, und um 15 Uhr ist er bereits besoffen. Das hat auch den Vorteil, dass er dann schlafen gehen kann, die Ungerechtigkeit der Welt ihm gegenüber vergessen und die Telefonate seines Verlegers gar nicht mehr hört.
Ganz grosse Fontänen
Was Ackeret, ich kenne ihn ein wenig, fast täglich in Zürich passiert, dass er eine schöne Frau so aus der Kategorie ehemalige Miss Rimini trifft, widerfährt nun auch du Chèvre, und natürlich ist die Schöne geheimnisvoll und absolut in der Lage, ihn zu retten, weil die Jagd nach ihr ihn vergessen lässt, dass er in seinem Kosmos der Gejagte ist. Sich zu verlieben, ist eine Kleinigkeit im Vergleich dazu, einen Ratgeber-Bestseller zu schreiben.
Die Schönheit heisst Brett, wie Lady Brett Ashley in Hemingways «Fiesta», und sie hat ein Manuskript dabei, «Montauk zwei», und war der Roman bisher so sanft gekräuselt wie die Wasseroberfläche des Pools des «Eden Roc» morgens um sieben, wird er nun, als ob Matthias Ackeret in Arschbomben-Manier ins Wasser gesprungen wäre, um möglichst ganz grosse Fontänen zu produzieren. Und der Leser schwimmt in diesen Gewässern, in denen ihm jetzt die Geschichte wie in strudelnden Wellen entgegenschlägt. Da ist plötzlich Lynn, die Frisch in Montauk in kleinere Wallungen versetzte oder ihn zumindest schneller an der Pfeife ziehen liess. Da ist, auch plötzlich, ein Nachkomme Hemingways, der der Vater von Brett ist. Es ist ein wilder Plot, den Walser auch gelesen hat und mit den Worten bestückt: «Ich habe nicht aufhören können. Wie diese Fäden zu einem zusammenlaufen, das kannst nur du.»
Matthias Ackeret: «Eden Roc». Offizin Verlag, Zürich, 2017. 170 Seiten, ca. 24 Franken.