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6.3 Der Begriff des Experimentes
Nach Karl Jaspers [109] ist "das Wesen der experimentellen Denktechnik im weitesten Sinne Fragestellung an Anschauung und Erfahrung". Zum Verhältnis des Forschers zum befragten Gegenstand hat Immanuel Kant eine wichtige Präzisierung angebracht ([110], Vorwort zur 2. Ausgabe): "Die Vernunft muss mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt."
Dieses klassische Verständnis des Begriffs des naturwissenschaftlichen Experiments vergibt unsymmetrische, markierte Positionen an den Experimentator und die Natur: Der Experimentator fragt, die Natur antwortet. Kant verschärft das Verhältnis zum richterlichen Verhör. Dabei steht nicht zur Diskussion, ob der Stil der Befragung die Antwort beeinflussen könnte; gleichzeitig steht fest, dass die Natur keine Gegenfragen zu stellen hat.
Diese beiden Voraussetzungen -- der Glaube an das "reine" Verhör und die Passivität der Natur im Experiment -- wollen wir nun relativieren und in einen umfassenderen Kontext stellen. Die erste Voraussetzung wurde inzwischen von der Physik für ungültig erklärt. Das reine Verhör gibt es dort ebensowenig wie im menschlichen Leben, die äussere Natur der Physik umfasst den Experimentator. Das physikalische Experiment ist eine gegenseitige Befragung unter den Regeln der Quantenmechanik. 7
Die zweite Voraussetzung geht davon aus, dass die äussere Natur tote, sprachlose Materie ist. Es verbirgt sich dahinter die platonische Abbildtheorie: Die Natur ist das phänomenale Abbild der Ideen, sie ist passiv und kann nicht zurückwirken.
Diese Sachverhalte erscheinen in einem veränderten Licht, wenn man die im Experiment befragte Natur nicht notwendig als die äussere der Naturwissenschaft versteht. In der Tat suggeriert die Paraphrase des naturwissenschaftlichen Experiments als "Frage an die Natur" einen Partner und nicht einen toten Gegenstand; das Kantsche Verhör weist in dieselbe Richtung. Das experimentelle Denken in den Naturwissenschaften ist soweit nicht darauf fixiert, diese eine tote Natur vor sich zu haben, es muss nur die Funktion eines Zeugen, um mit Kant zu sprechen, erfüllt sein. Diese Funktion kann aber auch unsere innere Natur übernehmen. Und sie kann dies umso besser, als das reine Verhör sich als Fiktion erwiesen hat, von der im Umgang mit der inneren Natur ohnehin abgesehen werden muss.
Die zweite Voraussetzung: die Passivität des Befragten scheint auf den ersten Blick nicht ohne weiteres auf die innere Natur übertragbar zu sein. Experimente mit unserem eigenen Geist werden immer Frage und Gegenfrage, eben: Dialog, beinhalten. Es ist allerdings gerade hier zurückzufragen, wie denn die Passivität der äusseren Natur zu verstehen sei. Sie geht davon aus, dass der Forscher ein fixes "Modell" des Universums hat, welches er testet. Dies wird durch die platonische Abbildtheorie nahegelegt, denn die Ideen sind ewig und unveränderlich; es kann keine Rede davon sein, diese gewissermassen je nach Rezeption in der Erfahrungswelt zu verändern. Aber dies ist ein Verständnis, welches den Prozess der naturwissenschaftlichen Forschung nicht erfasst.
Die physikalischen Theorien sind nicht feste, ewige Ideen, sondern Versuche, möglicherweise sokratische "Mondkälber", die sich entwickeln in einem steten Dialog mit der Natur. Die Physiker sind weder Richter noch Schüler im Kantschen Sinne. Solche Herrschaftsverhältnisse erfassen beide nicht den geistigen Prozess experimenteller Wissenschaft, weil es diese feste Ebene der ewigen Theorie-Ideen nicht gibt. Theorie ist selber Baustelle, die Etymologie des Schauens ist aufgehoben, wir bauen Begriffe und Zusammenhänge, reissen sie wieder ab, verändern ihre Bedeutung usf. Die sogenannte Theorie, das Denkmodell, gerät im Licht der Antworten einer im Experiment befragten Natur selber unter Beschuss: Jede Antwort ist eine Infragestellung des Theoriegebäudes, ist Gegenfrage. Dies gilt nicht nur auf einer propädeutischen Ebene, sondern essentiell. Das Experiment als richterlicher Monolog ist eine Fiktion, ein sokratisches "Mondkalb", wenn man will. Aus dieser Perspektive kann ein experimentelles Paradigma aber ohne weiteres auf die innere Natur übertragen werden. Wir fassen dies als Kernthese zusammen:
KERNTHESE 8. Wenn die traditionelle Asymmetrie der gegenseitigen Positionen von Experimentator und Natur aufgehoben ist und aus dem reinen Verhör des Richters (Kant) ein interaktiver Dialog von Partnern entsteht, kann das Experiment an der inneren Natur ohne weiteres als Extension resp. Variante des Experiments an der äusseren Natur gedacht werden.
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