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Unterdrückung durch Konventionen
Die Schrecken des Waldes
Seit Tagen war Liliana kaum aus ihrem Zimmer gekommen. Seit Johan weg war, hatte sie das Gefühl, ihren einzigen Verbündeten verloren zu haben. Sie machte sich Gedanken, ob sie weglaufen und ihn suchen solle.
Doch nun hatte der König, ihr Vater, der stets auf Reisen war, angekündigt, dass er nach Hause komme.
Das Korsett
Die Königin schickte eine Zofe mit einem Kleid zu Liliana. Das Kleid war lang, grau und hochgeschlossen mit einem kleinen weissen Spitzenkragen um den Hals. Liliana versuchte, so gut sie konnte, es mithilfe der Zofe anzuziehen. Schliesslich ragte der Hals aus dem Spitzenkragen und die Arme steckten in den schmalen Ärmeln des Kleides.
– Das Kleid ist viel zu eng!, rief Liliana: Ich bringe es nicht zu!
Die Zofe zog fest an den Schnürbändern.
– Au! Du tust mir weh!! Ich kann nicht atmen!!!, beschwerte sich Liliana lautstark.
Die Zofe hörte auf und sagte:
– Ich soll ihnen von der Königin ausrichten, dass sie Sie holen wird, wenn es Zeit ist …“
Sie machte schnell einen Knicks und verschwand.
Nach einer Weile trat die Königin selber ein und musterte ihre Tochter. Zufrieden stellte sie fest:
– Ja, das ist gut. Steht dir gut, dieses Taubengrau …
Sie musterte Liliana von allen Seiten und blieb hinter ihr stehen:
– Oh, das müssen wir noch besser machen ..!
Sie packte die Schnüre, die das Korsett zusammenhielten, und zog sie mit aller Kraft zusammen.
– Mutter …!, wimmerte Liliana: Ich bekomme keine Luft mehr!
– Macht nichts!, zischte die Königin, du wirst dich noch daran gewöhnen. Diesmal wird es nicht lange dauern. Komm jetzt!
Sie packte sie an der Hand und führte sie nach unten.
Der abwesende Vater
Liliana war halb schlecht, und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.
Die Königin brachte sie vor den König:
– Deine Tochter!, sagte sie trocken.
Der König musterte sie von oben bis unten und knurrte:
– Sie ist gross geworden! – Aber muss ihr Kleid so grau sein?
– Es ist perfekt für sie!, erwiderte die Königin und ergänzte: Wir arbeiten noch an ihren Umgangsformen. Sie wird heute nicht mit uns essen!
Knapp fügte sie hinzu:
– So können wir sie keinem Bräutigam präsentieren!
Sie reckte sich und sagte laut:
– Es ist Zeit, dass die Tochter unter die Haube kommt.
Der König musterte seine Liliana kurz. Die Königin blickte ihn herausfordernd an und nickte vielsagend. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Gefolge zu.