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Fahren ohne Bremsbelege!
Angesagt waren noch zwei Nächte in einem Camp in einem Seitental des Orkhon-Tals, wo es heisse Quellen gibt und man baden kann; einer Nacht in Kharkhorin, der ehemaligen Hauptstadt der Mongolei; auf der Hinfahrt mit einer Wanderung zum Tempel Tuwkhun; in Kharkhorin dem Besuch der Klosteranlage Erdene Zuu und schliesslich der Fahrt zum Naturpark Khustain Nuruu, wo wir noch zweimal in einem Ger Camp von Explore Mongolia übernachten sollten. Grob gerechnet, hatten wir bis in die Hauptstadt Ulaanbatar noch rund 600 Kilometer vor uns.
Bis an die eine Nacht und den halben Tag im Naturpark Khustain Nuruu haben wir für die letzten fünf Tage unserer Rundreise wettermässig viel Glück. Der «Goldene Herbst» liegt über der Mongolei. Die Tage präsentieren sich herrlich warm und nahezu wolkenlos, während die Nächte kühl bis frostig sind. Ideales Wetter zum Wandern und um die Seele baumeln zu lassen. Mit Ausnahme der Talsenken, wo sich kleinere und grössere Bergbäche ihren Weg weiter talauswärts bahnen, sind die Berghänge und Zedernwälder im Orkhon-Tal äusserst trocken. Jetzt haben die einheimischen Sammler Hochsaison. So, wie wir im Sommer und Herbst Pilze von den Bergen und aus den Wäldern tragen, sammeln die Mongolen Anfang September Zedernzapfen, bzw. deren Kerne.
Ganze Gruppen schwärmen aus um die begehrten Kerne gleich sackweise zu sammeln. Um die noch geschlossenen und hoch in den Zedern hängenden Zapfen ernten zu können, schlagen die Mongolen mit einem schweren Stück Holz gegeben den Stamm. Die auf den Boden fallenden Zapfen werden gesammelt; in grosse Säcke gepackt; aus den Wäldern getragen und mit Geländewagen und Kleinlastern abtransportiert. Um an den schmackhaften, nach etwas Harz und Tannenzapfen riechenden Teil der kleinen, inneren Kerne zu gelangen, knackt man die härtere Schale mit den Zähnen auf. Was übrig bleibt, lässt sich kaum noch kauen. So klein ist der Kern im Kern. Trotzdem, Zedernkerne sind in der Mongolei äusserst beliebt. Ein Grossteil der in der Mongolei geernteten Zedernkerne ist jedoch nicht für den einheimischen, sondern den chinesischen Markt bestimmt. Die Chinesen sollen Zedernkerne gegen Alzheimer und Demenz verwenden, erklärt uns Battuul. Ob vorbeugend oder heilend, wissen wir leider nicht. Sind wir doch bisher keinem von Zedernkernen geheilten Demenzkranken begegnet, der uns diese Frage hätte beantworten können.
Für ein erfüllteres und längeres Leben ist den Chinesen aber nichts zu teuer. Nashorn für die Potenz und Zedernkerne gegen die Demenz. Wie viele Chinesen Potenzprobleme haben – keine Ahnung. Doch laut chinesischem Fernsehen sollen in China etwa 60 Millionen Menschen leben, welche an einer Form der Demenz leiden.
Diese fünf Tage wären ja eigentlich schön und entspannend gewesen, hätten wir uns nicht zusehends mit Autogeschichten herumschlagen müssen. Seit der Geierschlucht stimmt irgend etwas mit dem Getriebe oder der Elektronik nicht mehr. Das Auto lässt sich zwar starten, doch der Automat will einfach keinen Gang einlegen. Dieses Problem haben wir seit der Gobi täglich mindestens ein- bis zweimal. Zum Glück nur für ein paar Minuten. Ärgerlich ist es aber trotzdem. Wissen wir doch nicht, was mit dem Auto wirklich los ist!
Mehr zu schaffen, machen uns die in einem äusserst desolaten Zustand befindenden Bremsen. Ebenfalls seit der Gobi hören wir vorne rechts ein Kratzgeräusch, welches zusehnds lauter wird. Garagen und Mechaniker, wie man sie bei uns kennt, gibt es in der Mongolei höchstens in Ulanbaatar. Nur zwischen uns und Ulanbaatar liegen momentan noch hunderte von Kilometern Staub-, Wellblech- und «Alpstrassen». In einem Dorf im Orkhon-Tal bespricht Otog diese Geräusche das erste Mal mit einem «Fachmann». Ein Blick unters Auto – das wars! Wir fahren Otog-like weiter. Bei den heissen Quellen bespricht Otog die Sache dann erneut. Diesmal mit dem Sohn des Campbesitzers. Dieser behauptet ein Mechaniker und Fachmann für Toyota Landcruiser zu sein. Der junge Mann kommt zum Schluss, das Problem habe etwas mit zu wenig Bremsflüssigkeit zu tun. Alles gefehlt! Am Tag, als wir die heissen Quellen verlassen, sucht Otog im nächsten Dorf eine Werkstatt auf. Jetzt wird erstmals das vordere rechte Rad entfernt. Zum Vorschein kommen zwei dünne Metallplättchen. Auf diesen Metallplättchen müssten eigentlich Bremsbelege ihre Arbeit verrichteten. Davon ist aber längst nichts mehr zu sehen. Mit den Ersatzbremsbelegen, welche Otog in einem Laden im Dorf kaufen konnte, kommen wir jedoch auch nicht mehr weiter. Die Metallplättchen haben die Bremsscheiben bereits so sehr ramponiert, dass auch diese ausgewechselt werden muss. Doch neue Bremsscheiben sind für hiesige Verhältnisse nicht nur teuer, sondern lassen sich weder in diesem Dorf, noch in der näheren Umgebung irgendwo auftreiben. Weil die neuen Bremsbelege die defekte Bremsscheibe nur noch zusätzlich beschädigen würde, hängt die Werkstatt die rechte vordere Bremse kurzerhand ab und befestigt das Rad wieder. Mit einer vorderen und zwei hinteren Bremsen fahren wir weitere 170 Kilometer. Ohne Gegensteuer zu geben, bricht der Toyota nun bei jedem Bremsmanöver links aus. In welchem Zustand mögen wohl die anderen Bremsen sein? Wir ahnen nichts Gutes. Schliesslich schaffen wir es bis nach Kharkhorin, ehemaligen Hauptstadt der Mongolei. Im Gegensatz zu den meisten Dörfern verfügt Kharkhorin über ein paar geteerte Strassen und für mongolische Provinzstädte auch über eine gewisse Grösse. Otog und Battuul wollen hier die defekte Bremsscheibe wechseln lassen. Doch wie uns Battuul erklärt, sei das Ersatzteil erst in Ulanbaatar erhältlich. Was soviel heisst, Wir müssen, bzw. unser Auto muss noch bis Ulanbaatar durchhalten.
In Kharkhorin stellt man in einer Garage fest, dass auch die Bremsbelege hinten links komplett im Eimer sind. Mit dem Paar Ersatzbremsen, welche für vorne rechts bestimmt waren, werden deshalb nun diejenigen hinten links repariert. Wie die Sache jedoch vorne links und hinten rechts aussieht, das wissen nur die Götter. Unser Gefühl wird zusehends schlechter. Während Battuul und Otog uns in der Klosteranlage von Erdene Zuu absetzen, verbringen sie eineinhalb Stunden in einer Garage. Dann begleitet uns Battuul kurz durch die Klosteranlage, setzt uns beim naturhistorischen Museuum von Karkhorin ab und kommt uns fast zwei Stunden nach der vereinbarten Zeit dort wieder abholen. Diesmal haben die Beiden noch grössere Sorgen. Otog und Battuul wurden von der Polizei aufgehalten, welche das Auto beschlagnahmen wollte. Dies nicht etwa, weil die Karre nicht mehr fahrtüchtig ist, sondern weil sie in Kharkhorin auf einer ihrer letzten Touren einen Auffahrunfall und angeblich Fahrerflucht begangen hatten. Der Geschädigte habe sie, bzw. ihr Auto in Kharkhorin wiedererkannt und Anzeige erstattet. So die Version von Battuul. Battuul bekräftigt jedoch, damals die Sache mit dem Geschädigten geregelt zu haben. Vis à vis des Polizeipostens der Stadt essen Marion und ich zu mittag, während Otog und Battuul wieder im Polizeigebäude verschwinden, wo sie mit dem Geschädigten und der Polizei verhandeln. Schliesslich können wir mit unserem Auto nur weiterfahren, nachdem Battuul und Otog eine Schuldanerkennung unterschrieben haben, für den Schaden des Anderen aufzukommen. Battuul und Otog hatten die Absicht, das auf Kredit gekaufte Auto am Ende dieser Saison wieder möglichst gut zu verkaufen und anschliessend mit einem Touristenvisum in Japan oder Südkorea einer Arbeit nachzugehen. Schwarzarbeit, wie uns Battuul sagt. Doch jetzt dürfte diese letzte eine Tour mit uns für das Paar zu einer ziemlich teuren Angelegenheit werden.
Wir schaffen es gerade noch bis in den Naturpark Khustain Nuruu. Wegen der vielen Zwischenstopps, Pannen, Reparaturen und der unplanmässigen, dreistündigen Polizeigeschichte kommen wir mit unserem Programm immer mehr ins Hintertreffen. Jetzt versagen auch die Bremsen vorne links. War ja irgendwie auch zu erwarten! Statt im Laufe des Nachmittags, erreichen wir unser Ger Camp Khustain Nuruu erst bei stockdunkler Nacht.
Dieses Auto ist ein Risiko! Wir sind fest entschlossen, unsere Reise mit diesem äusserst schlecht gewarteten Fahrzeug nicht mehr fortzusetzen.