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Story: @razekiddo (she/her)
Triggerwarnung: Depression, Essstörung, Suizidversuche, Mobbing, Sex
Wenn ich versuche, mich zu erinnern, wann ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl hatte, dass mein Körper nicht in Ordnung sei, dann war das wahrscheinlich schon im Kindergarten der Fall. Als Tochter eines fast 2-Meter-Papas und einer doch eher grossen Mama war ich immer die grösste in meiner Altersgruppe – sogar grösser als alle Jungs. Gerade im Sportunterricht war mein grosser Körper oft hinderlich, ich war nicht so schnell und wendig wie meine kleineren Mitschüler*innen.
Im Sportunterricht wurde ich eigentlich fast immer als letzte in ein Team gewählt. Ich kann mich noch erinnern an das Gefühl, das sich in mir breit machte, wenn Teams gewählt wurden und ich mal wieder als letzte übrigblieb. Natürlich dachte ich, dass ich nicht sportlich genug, nicht gut genug und irgendwann dann auch, dass ich nicht dünn genug bin.
Meine Mama war seit ich mich erinnern kann mehrgewichtig. Die Blicke anderer Menschen, wenn ich mit ihr unterwegs war, entgingen mir selten. Viele abfällige Bemerkungen und mitleidige Blicke liessen mich wissen: Es ist schlimm und eklig, wenn man dick ist. Es ist mir heute sehr unangenehm, dies zu sagen, aber ich schämte mich wegen meiner Mama.
Als ich eingeschult wurde, begann für mich eine sehr schwierige Zeit. Ich war ein sehr intelligentes Kind (es hat sich erst viel später herausgestellt, dass ich hochbegabt bin) und meine Leistungen waren extrem gut. Ich fiel also schon wieder aus dem Rahmen und war anders – nicht nur mit meiner Grösse, jetzt auch noch mit meinen schulischen Leistungen. Die anderen Kinder mobbten mich – sogar solche aus der Oberstufe! Wenn ich heute zurückdenke, wird mir klar, dass meine Depressionen, mit welchen ich teilweise heute noch kämpfe, damals bereits begannen. Schon in der dritten Klasse begannen meine Brüste zu wachsen und meine Pubertät fing an. Mein Becken wurde breiter, meine Kurven rundlicher und weiblicher. Auch damit war ich natürlich die erste in meiner Klasse – ich schämte mich. Ich war überzeugt, dass ich einfach nicht “gut” bin: dass ich zu gross, zu pummelig, zu weiblich, zu weich, zu fett bin. Dass, wenn ich “dünn” wäre, mein Leben gut wäre.
Meinen Körper verabscheute ich, es fühlte sich oft so an, als wäre das gar nicht mein Körper; als wäre “ich” nur mein Kopf und meine Arme – und als hinge der Rest unten dran wie ein mühsamer, schwabbeliger, viel zu dicker Fremdkörper.
Ab der Oberstufe ging ich im Nachbardorf zur Schule und kam in eine neue Klasse. Nur meine beste Freundin aus der Unterstufe war noch mit mir in derselben Klasse. Der Neuanfang war gut für mich und ich konnte mich in die neue Gruppe integrieren. Ich war plötzlich beliebt und wurde auch eingeladen für Parties. Es war die Zeit, in der man den ersten ernsthaften Freund hat. Auf keinen Fall wollte ich da wieder aus dem Rahmen fallen und als einzige keinen haben. Ich hatte Dates, Sex und kürzere Beziehungen mit sehr vielen Männern in dieser Zeit. Sie gaben mir eine Art Bestätigung, dass ich gut und liebenswert bin und dass sie meinen Körper attraktiv finden. Ich selber war immer noch wie abgetrennt von meinem Körper und hasste ihn – umso mehr brauchte ich die Bestätigung, dass andere ihn toll fanden. Es war eine Art Sucht, mir Bestätigung zu holen von Männern, die mich begehrten. Damals dachte ich: Endlich bin ich angekommen, ich gehöre dazu und habe es endlich geschafft. So muss sich wohl Glück anfühlen. In dieser Zeit begann auch meine Binge-Eating-Störung, zeitweise Bulimie; sprich, ich hatte Phasen, in denen ich nur einen Apfel pro Tag ass, an anderen Tagen stopfte ich wahllos alles in mich rein. Irgendwann begann ich, mich nach Fressattacken zu übergeben. Wenn ich psychisch stabil war, hatte ich mein Essverhalten mehr oder weniger im Griff, wenn es mir schlecht ging, wurde es schlimmer.
Erst einige Jahre später realisierte ich, dass ich eigentlich gar nicht heterosexuell bin, sondern mich zu Frauen hingezogen fühle.
Dass das ganze Theater mit Dates und Sex mit Männern vielmehr eine Art war, nicht wieder aus dem Rahmen zu fallen und meinen Körper zu ertragen, indem wenigstens jemand anderes ihn liebte und begehrte – wenn ich ihn nicht mögen konnte. Ich habe in meinem Leben sehr, sehr oft geglaubt, dass alles besser wäre, wenn ich dünner oder leichter wäre: Ich wäre sportlicher, ich wäre glücklicher, ich wäre liebenswerter, ich hätte mehr Kleiderauswahl, ich hätte mehr Erfolg, ich würde mich selber mehr annehmen können, ich hätte keine Depressionen, wenn ich doch nur dünn wäre. Und in all dieser Zeit war ich laut BMI immer normalgewichtig.
Erst als ich mit 23 einen Komplettzusammenbruch hatte und für 7 Monate in der Psychiatrie landete, wurde mir bewusst, dass ich ein grosses Problem mit meinem Körperbild hatte und an einer Essstörung litt. Aus dieser Zeit stammt auch die Narbe auf meinem linken Handgelenk – ich habe mehrmals versucht, mir das Leben zu nehmen.
Nach dieser schwierigen Zeit hat sich vieles in meinem Leben verändert und verbessert. Ich bin heute zufrieden und stabil.
Zu sagen, dass ich mit meinem Körper heute im Reinen bin, wäre gelogen. Vor allem die für mich unproportionale Form von oben schlank und unten kräftig finde ich nach wie vor an einigen Tagen schrecklich! Es gibt aber auch viele Tage, an denen ich meinen Körper schön finde, merke, wie stark er ist und was er täglich leistet. Oder einfach Tage, an denen mein Körper gar keine Rolle spielt – was früher undenkbar gewesen wäre.
Uns selbst so zu lieben, wie wir sind, ist wohl die schwierigste Aufgabe im Leben. Gleichzeitig würde uns wohl nichts anders so glücklich und zufrieden machen können, wie wenn wir uns selbst bedingungslos annehmen könnten, wie wir sind.
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