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Weiter: Markttag
Das Haus war nicht abgebrannt.
Als Tavoran die Augen öffnete, fiel Tageslicht durch einen Spalt im Vorhang und durchs Fenster drangen die Geräusche von Schritten, Stimmengewirr, Rufe von Marktschreiern und das Geblöke von Ziegen.
Die Gelenke schmerzten nicht mehr ganz so arg wie am Abend zuvor als Tavoran sich aufsetze und ausgiebig streckte. Die Magie war wohl endlich aus seinem Körper verschwunden. Auch die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.
Die Ereignisse des gestrigen Abends kamen ihm seltsam unwirklich vor, fast so, als ihm jemand von den Erlebnissen erzählt und nicht er, sondern ein anderer wäre knapp am Tod vorbei geschlittert. Er ertappte sich beim Gedanken, dass alles nur ein böser Traum gewesen sein könnte, wurde aber eines Besseren belehrt, als er einen Blick auf die mittlerweile blauen Blessuren auf seiner Brust warf.
Tavoran stand auf und ging zum kleinen Tisch hinüber, auf dem noch immer die offene Schatulle stand. Er prüfte noch einmal den Bestand seiner Rauschmittel und kam zum Schluss, dass er von allem Nachschub besorgen musste. Auch das Öl der Lampe war verbraucht und die Flamme hatte den Docht komplett verbrannt. Er setzte die beiden Dinge auf seine imaginäre Liste von Besorgungen, die er heute machen wollte.
Mit einem Seufzer verräumte er die Schnapsflasche im Gestell und griff nach den Beuteln mit Brot und Trockenfleisch. Er hob den Deckel des Wasserkrugs, schöpfte sich mit der Kelle einen großen Schluck Wasser in den Becher und setzte sich an den kleinen Tisch.
Während er abwechselnd Bissen vom Brot nahm und auf dem zähen Fleisch herumkaute, schob er den Vorhang einen Spalt zur Seite und spähte durch das vergitterte Fenster auf die Gasse. Ein Schwall frischer Luft kam ins Zimmer und erst jetzt merkte er, wie stickig und warm es hier drinnen war.
Tavoran beendete sein Frühstück, verräumte seine Habseligkeiten und legte die Schatulle wieder in die Truhe zurück. Er streifte sich ein neues Hemd über und stockte die Münzen in seinem Geldbeutel auf. Dann verschloss er die Truhe sorgfältig, schob sich eine Dattel in den Mund und verließ das Zimmer.
Nach den Erlebnissen in dieser Nacht und in Anbetracht seines Aussehens entschied sich Tavoran, zuerst den Thermen einen Besuch abzustatten, bevor er den Markt aufsuchen wollte. Er fühlte sich schmutzig und hoffte, im lauwarmen, nach Kräuter duftenden Salzwasser das nagende Gefühl von Problemen und Ärger abwaschen zu können. Er entschied sich für Zerdes’ Thermen, die in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes und der Arena lagen. Nicht nur, weil der Weg zum Markt daran vorbeiführte, sondern auch, weil ihm Zerdes jeweils einen Becher Khormag offerierte, ein leicht alkoholisches Getränk aus fermentierter Ziegenmilch.
Zerdes war ein umtriebiger Istrier, der sich mit seiner Therme eine goldene Nase verdient hatte. Und der jedem erzählte, dass seinetwegen aus dem barbarischen Haufen ein gepflegtes Stadtvolk geworden war, denn schließlich sei er der erste gewesen, der die Badekultur von Istrien im Norden über die Meerenge nach Süden gebracht habe. Das stimmte so nicht ganz, denn in Catun hatten Thermen schon seit vielen Jahrzehnten Tradition, aber tatsächlich war er der erste gewesen, der die istrische Badezeremonie in Catun bekannt gemacht hatte.
Tavoran gab jedoch nicht viel auf das ganze Drumherum. Er interessierte sich weder für die Massagen, noch für die Salben oder die unzähligen Duftöle, von denen Zerdes stundenlang erzählen konnte. Tavoran reichte ein Bad im lauwarmen Wasser, wo er sich waschen und für ein paar Augenblicke die Gegenwart vergessen konnte.
Leichtfüßig stieg er die breiten Stufen zum Eingang hinauf, wo einer der ornamentierten großen Türflügel bereits offen stand. Er betrat die Eingangshalle und wollte sich gleich zum Durchgang zum Innenhof aufmachen, als sich ein Mann aus dem Schatten einer der Säulen schälte und auf ihn zukam. Er war in schlichte Gewänder gehüllt und einen sorgsam gestutzten Bart. Seine Schritte hallten auf dem glatten Steinboden.
»Tavoran Maras. Wie schön, dass Ihr uns wieder einmal mit einem Besuch beehrt.«
Tavoran entging der leise Vorwurf nicht, der in der Begrüßung mitschwang. Er war schon eine Weile nicht mehr hier gewesen, und so sah er auch aus. Der Mann, an dessen Namen er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte und von dem er nicht sicher war, ob er ihn überhaupt schon einmal gesehen hatte, musterte ihn mit nichtssagendem Gesichtsausdruck von oben bis unten. Dabei blieb er länger als nötig an der Wunde über Tavorans linkem Auge hängen und hob beim Anblick seines Bartes fast unmerklich eine Braue. Dann räusperte er sich.
»Womit kann unser Haus Euch dienen?«
»Ich brauche nur eine Rasur und ein Bad.«
Der Mann machte einen überraschten Gesichtsausdruck. »Oh, seid Ihr sicher? Ich glaube, dass eine Hei…«
Tavoran setzte zu einer scharfen Entgegnung an, wurde aber von Zerdes unterbrochen, der im Durchgang zum Innenhof aufgetaucht war.
»Na, da haben meine Ohren aber richtig gehört, Tavoran Maras! Was für eine Freude! Ich habe dich schon fast vermisst.« Er breitete seine Arme aus und watschelte schnaufend auf Tavoran zu, seine schwarze, krause Haarpracht wippte bei jedem Schritt. Das Lächeln war ehrlich, offenbarte eine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen und wurde noch ein wenig breiter, als er die Blessur über Tavorans Auge entdeckte. Eine Wolke aus Rosen und Sandelholz erreichte Tavoran.
»Oh, und ich sehe, du warst die letzten Tage wohl schwer beschäftigt.« Zerdes zwinkerte ihm vielsagend zu und schlug ihm mit ausgestreckten Armen ein paar Mal kräftig gegen die Schultern.
»Zerdes. Die Freude ist ganz meinerseits«, grüßte Tavoran und machte einen Schritt zurück. Der Duft war im wahrsten Sinn des Wortes überwältigend.
»Wir haben uns schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, ich hatte schon Angst, dass dir einer …«, er verstummte und machte mit dem Zeigefinger eine waagerechte Bewegung über seine Kehle, »du weißt schon.« Er blickte betroffen drein.
»Ich …«, begann Tavoran, wurde von ihm jedoch sogleich wieder unterbrochen.
»Komm, komm, komm. Du siehst aus, als hättest du einen Khormag nötig.« Zerdes wandte sich an den Mann neben ihm. »Yaron, bitte geh und bereite für Tavoran die Rasur vor.«
Eine Weile später ließ sich Tavoran in das warme, salzige Wasser des Bades gleiten. Überall auf seinem Körper spürte er, wie das Wasser in den kleinen Schürfwunden und Blessuren brannte und seine frisch rasierten Wangen in der warmen feuchten Luft prickelten. Yaron hatte ganze Arbeit geleistet, Tavoran fühlte sich endlich wieder ein wenig mehr wie ein richtiger Mensch. Jetzt nur noch ein paar Augenblicke im Wasser liegen, und dann wäre er bereit für den Tag.
Er lehnte sich mit den Schultern an den Rand des Warmwasserbeckens und beobachtete die drei Händler, die einzigen übrigen Besucher in diesem Teil der Thermen. Einen davon hatte Tavoran schon hie und da auf dem Markt gesehen, die anderen schienen nicht aus Catun zu sein. Der eine erzählte davon, dass vor ein paar Tagen ein Dorf einem Gott zum Opfer gefallen wäre und dass es eine Frechheit sei, wie angesichts dieser Lage das Syndikat und die Herrscher mit Bernsteinhändlern wie ihnen umgingen und ständig die Preise drückten.
Tavoran verzog das Gesicht zu einem schwachen Grinsen. Er war froh, dass er nicht von den Launen des Syndikats und der Herrscher abhängig war. Vor allem aber war er froh, dass er mit magischem Bernstein nichts zu tun hatte. Er fragte sich, wie Kerys hier wohl ihren Bedarf decken würde. Der Gedanke an sie ließ Unbehagen in ihm aufsteigen. Er konnte nicht sagen warum, aber er hatte eine böse Vorahnung. Seit er gestern Abend von einer Krähe beinahe erdolcht worden war, Kerys ganz per Zufall zur Stelle gewesen war und ihn geheilt hatte, hatte sich ein nagendes Gefühl in ihm eingenistet, das ihn nicht mehr losließ.
Er schnaubte verärgert und riss seinen Blick von den drei Händlern los. Mit einem Seufzer legte er den Kopf an den Rand des Beckens und sah zur Decke. Dort umkreisten sich zwei Schwertfische, das Wappenzeichen von Istrien. Um die Tiere herum hatte sich der Künstler in aufwändigen verschlungenen Mustern verewigt, die dem Betrachter das Gefühl vermitteln sollten, sich unter Wasser zu befinden.
Tavoran schloss die Augen und lauschte den Geräuschen um ihn herum. Er hörte gedämpfte Stimmen aus den Räumen nebenan, huschende Schritte von Bediensteten, das Plätschern von Wasser, einzelne Tropfen irgendwo. Das Plätschern des Wassers verstärkte sich einen Augenblick, als die Händler das Bad verliessen und Tavoran alleine zurückblieb.
Er holte tief Luft und ließ sich unter die Wasseroberfläche gleiten. Für einen Moment genoss er die Stille, die ihn umgab, die Wärme in seinem Gesicht. Sein Herzschlag wurde langsamer und schwerer und er spürte, wie ihm allmählich die Luft ausging. Trotzdem zwang er sich, noch ein paar Schläge unter Wasser zu bleiben.
Dann fühlte er eine Bewegung neben sich. Er öffnete die Augen, aber das Salzwasser brannte und er sah nur verschwommene Konturen, die er als Beine erkannte. Und dann spürte er die beiden Hände, die ihn an den Schultern packten und unter Wasser drückten.
Sein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es Wellen von Panik durch seinen Körper pumpte. Die Lungen brannten und er musste gegen den Drang ankämpfen, einzuatmen. Blind schlug und trat er um sich, in der Hoffnung seinen Angreifer zu treffen, bekam jedoch lediglich ein Bein zu fassen und zerrte daran. Er versuchte, seinen Körper so zu drehen, dass er Boden unter den Füssen erhielt, aber der Griff seines Angreifers war eisern. Die Anstrengung kostete ihn wertvolle Luft und der Drang einzuatmen wurde beinahe übermächtig.
Dann plötzlich verschwanden die Hände.
Tavoran schoss hoch und sog mit einem lauten Keuchen frische Luft in seine Lungen. Er schluckte Wasser und hustete, während er an den Rand des Beckens taumelte und sich schließlich keuchend abstützte. Benommen drehte er sich um.
»Hallo, Tavoran.«
Im hüfttiefen Wasser vor ihm stand Verran Brask mit verschränkten Armen und grinste ihn an. »Schön, dich hier zu treffen.«
»Du!« Wut wallte in Tavoran auf. Verran hatte ihm gerade noch gefehlt. Dass er hier war, war ganz bestimmt kein Zufall, dennoch fragte er sich für einen Moment, ob Verran bereits wusste, was zwischen ihm und Jarvis vorgefallen war. Tavoran machte einen Schritt auf ihn zu.
»Was sollte das? Wolltest du mich ersäufen?«, herrschte er Verran an, und ärgerte sich im selben Augenblick über sich selber. Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen.
Verran hob abwehrend die Hände. »Ach komm. Das war doch nur Spaß. Ich könnte doch niemals meinen ehemals besten Mann in lauwarmem Salzwasser ertränken.«
Tavoran ballte seine Hände zu Fäusten. Am liebsten würde er Verran sein dummes Grinsen aus dem Gesicht schlagen, Syndikat und Krähen hin oder her. Aber legte er Hand an Verran, würde er die Thermen wohl nicht unbehelligt verlassen können, denn wo Verran war, waren auch seine Krähen nicht weit. Zwar könnte er es mit ein paar von ihnen aufnehmen, aber Zerdes würde ihn wohl nie wieder in seine Thermen lassen und das Syndikat und die Wachen würden die ganze Stadt auf der Suche nach ihm auf den Kopf stellen. Wahrscheinlich schlich sogar Jarvis irgendwo in den Thermen herum und wartete nur auf eine neue Gelegenheit, ihm den Garaus zu machen. Verstohlen sah er sich um.
»Ich habe gehört, dass du dich gestern in Rothans Taverne … amüsiert hast«, stellte Verran in beinahe beiläufigem Ton fest.
»So, hast du?«, fragte Tavoran und musterte Verran mit zusammengekniffenen Augen. »Dann hast du wahrscheinlich auch gehört, dass Jarvis sich ebenso amüsiert hat.«
Verran lachte auf. »Oh ja, er hat von deiner Freundin nur so geschwärmt.« Er machte ein konzentriertes Gesicht und tippte mit dem Zeigefinger ans Kinn. »Wie hieß sie nochmals, die Kleine aus Khaleh … Kerys?« Er küsste seine Fingerspitzen. »Sie muss ein Traum gewesen sein. Ganz ihrem Namen entsprechend. Sie ist ja auch wirklich eine Schönheit. Kennt ihr euch schon lange?«
»Verarsch mich nicht. Du weißt genau, wovon ich spreche«, zischte Tavoran und machte noch einen Schritt auf Verran zu. Es behagte ihm ganz und gar nicht, dass Verran so von Kerys sprach. »Weißt du auch, was Jarvis in Rothans Taverne getrieben hat?«
»Jarvis Frauengeschichten gehen mich nichts an«, entgegnete Verran. Sein Grinsen trieb Tavoran beinahe in den Wahnsinn.
»Die vielleicht nicht, aber dass er gegen die Regeln des Syndikats verstößt, hat dich zu interessieren.«
Das Grinsen aus Verrans Gesicht verschwand und sein Blick wurde kalt. »Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein, Tavoran. Du bist keiner mehr von uns, das hast du mir vor ein paar Monaten unmissverständlich klar gemacht.« Seine Stimme war leise, aber schneidend. Tavoran entging der drohende Unterton darin nicht.
Bevor er etwas entgegnen konnte, schnitt Verran ihm das Wort ab. »Strapazier meine Geduld nicht. Wärst du nicht du, hätte ich dich schon lange den Krähen zum Fraß vorgeworfen.«
Tavoran wusste, worauf er ansprach, und schwieg. Aussteiger des Syndikats stellten eine Gefahr dar und normalerweise ließ Verran dafür sorgen, dass sie keine mehr waren. Sie beide hatte eine tiefe Freundschaft verbunden, und Verran als Anführer und Tavoran als seine rechte Hand hatten das Syndikat zu grossem Erfolg gebracht.
»Vielleicht lasse ich dich deswegen in Ruhe, weil ich hoffe, dass du eines Tages zurückkommst«, fügte Verran in leicht versöhnlicherem Tonfall an.
Die Aussage überraschte Tavoran. Mit so einem Geständnis hatte er nicht gerechnet. Aber das ging nicht, Lyndia würde ihm das nie verzeihen. Er würde sich das nie verzeihen.
»Du weißt, dass ich das nicht kann«, antwortete Tavoran.
»Dann halt dich gefälligst aus unseren Angelegenheiten raus.« Verrans Stimme klang schneidend und kalt. »Nicht, dass deinetwegen irgend jemandem noch etwas passiert.«
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