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Vor vielen Jahren, als ich noch sehr jung war, las ich «Till We Have Faces» («Du selbst bist die Antwort»), den Roman von C. S. Lewis über die vier Grundtypen der Liebe, und danach seine Schrift «The Four Loves» («Was man Liebe nennt»), eine philosophische Erkundung dieser Liebesformen. Bei Lewis gibt es Storge, die ein Band der familiären Zuneigung ist, Philia, das Band der Freundschaft, Eros, das erotische Band, und zuletzt Agape, eine bedingungslose, quasi göttliche Liebe. Ich las diese Bücher, weil ich gerade meine C.-S.-Lewis-Phase hatte, und auch, weil ich mich damals, mit neunzehn, gerade in meinen ersten Freund verliebt hatte. Er hiess Peter, und ich liebte ihn sehr.
Ich glaubte Lewis die Typisierung. Es schien plausibel, Liebe in vier verschiedene Formen einzuteilen. Aber dann passierte etwas, was ich nie vergessen habe, und ich begriff etwas über die Liebe, was ich in Lewis’ Werk so nicht fand. Ich erkannte: Liebe ist gleich Liebe.
Um das zu erklären, muss ich weiter ausholen und von meiner Grosstante Dot und meinem Grossonkel Roy erzählen. Sie waren alt genug, um meine Grosseltern zu sein – ich hatte schon mit fünf nur noch eine Grossmutter, und keinen Grossvater mehr gehabt, seit ich zwei war –, und ich wünschte mir glühend, sie wären es wirklich. Sie hatten eigene Enkel, auf die ich schrecklich eifersüchtig war. Diese Enkel kamen einmal jeden Sommer nach Maine zu Besuch, und während dieser Besuche blieb ich weg. Aber kaum waren sie abgereist, stand ich wieder bei Tante Dot und Onkel Roy vor der Tür. Das Ferienhäuschen, in dem sie den Sommer verbrachten, lag an demselben Schotterweg wie unser Haus, und ich besuchte sie an jedem einzelnen Tag meiner Kindheitssommer, bis auf die wenigen Tage, an denen ihre richtigen Enkel da waren.
Eines Tages, ich muss etwa sieben gewesen sein, sagte Onkel Roy, als ich zur Tür hereinkam: «Gerade habe ich mit Lizzie über dich geredet» – Lizzie war sein Spitzname für Tante Dot. «Ich habe zu ihr gesagt, du seist für uns alte Leute wirklich ein Himmelsgeschenk.» Gefühlsüberschwang stand in Maine, besonders dem Maine jener Tage, nicht hoch im Kurs; dies muss die ausdrücklichste Liebesbekundung gewesen sein, die ich als Kind erhalten habe, wenn man von meinem Vater absieht, dem ich mit genügend Penetranz gelegentlich ein «doch, ich hab dich sehr lieb» entlocken konnte.
Einmal wollten meine Eltern mir verbieten, Tante Dot und Onkel Roy so oft zu besuchen; sie hatten wohl Angst, ich könnte den beiden mit meiner ständigen Anwesenheit und meinem Geplapper lästig fallen. Also trottete ich schweren Herzens hinüber und eröffnete ihnen, dass ich nicht mehr zu ihnen kommen dürfe, worauf sie sagten: «Wir klären das mit deinen Eltern.» Am nächsten Tag liessen meine Eltern mich wissen, es sei in Ordnung, ich könne zu Tante Dot und Onkel Roy gehen, so oft ich wolle.
Die Familienüberlieferung besagt, dass Tante Dot – eine von vier Schwestern – bei ihrer Geburt nur drei Pfund wog; man habe sie in den Backofen gesteckt, um sie dort zu wärmen. Sie war – und Fotografien bestätigen das – eine zarte, ausnehmend schöne Frau mit einer empfindlichen, übernervösen Veranlagung, und wegen dieser Veranlagung ging sie, anders als ihre Schwestern, nie zur Schule. Als sie siebzehn war, lieferte mein Onkel Roy, der damals als Paketausträger arbeitete, ein Päckchen in ihrem Elternhaus in Portland, Maine, ab, und als er heimkam – das hat er mir selbst erzählt –, verkündete er seinen Eltern, er habe die Frau kennengelernt, die er heiraten wolle.
Aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit war Tante Dot immer sehr abhängig von ihrem Mann. Onkel Roy war ein ruhiger Mann, ein anständiger Mann, und er sorgte gut für sie. Er brauchte sein Mittagsschläfchen, und während er schlief, spazierten Tante Dot und ich jeweils zum Briefkasten vorn an der Strasse, um nach der Post zu schauen – stets trug sie dabei ihre Schnürstiefelchen mit den kleinen Absätzen. Selbst im hohen Alter war sie noch schön, aber das war ihr, glaube ich, gar nicht bewusst.
Als ich in die sechste Klasse kam, ging meine Familie für die Sommermonate nach Deutschland, wo mein Vater für einen Forschungsaufenthalt an der Universität Bonn weilte, und bei unserer Rückkehr stand auf dem Rasen vor Tante Dots und Onkel Roys Ferienhäuschen ein Schild «Zu verkaufen». Ich war am Boden zerstört. Sie zogen ganzjährig nach Florida.
Ich sah sie trotzdem noch, wir besuchten sie einige Male in Florida, aber mein Leben war nicht mehr dasselbe, nachdem sie Maine verlassen hatten. Und dann, nicht viel später, starb Onkel Roy. Als er krank in der Klinik lag, sorgte er sich, sein Anblick könnte seiner Frau zu stark zusetzen, und er erlaubte ihr nicht, ihn zu besuchen. Er dachte, er würde überleben, aber er überlebte nicht, und ich hörte Verwandte davon sprechen, wie Tante Dot draussen auf dem Korridor auf einem Stuhl gesessen habe, verängstigt und weinend.
Aller Zerbrechlichkeit zum Trotz wurde sie sechsundneunzig Jahre alt.
Mit neunzig holte ihre Schwiegertochter sie zurück nach Maine; ich hatte sie davor jahrelang nicht mehr gesehen. Ich hatte inzwischen Peter kennengelernt und mich in ihn verliebt, und ich ging aufs College.
Aber hier kommt das, was sich mir so tief eingeprägt hat: Die erste Nacht verbrachte sie bei uns, im Schlafzimmer meiner Eltern; sie müssen ins Zimmer meines Bruders umgezogen sein, der in diesem Jahr fort war. Bis heute sehe ich mich daheim im Elternschlafzimmer stehen, und vor mir stand diese winzige – immer noch schöne – alte Frau. Es war spät, nur wir beide waren im Zimmer. Ich weiss noch, dass sie aus dem Mund roch; sie war klapprig und etwas derangiert von der Fahrt. Aber sie war Tante Dot, meine Tante Dot, und mein Herz überströmte vor Liebe.
Und da dachte ich: Genau das empfinde ich für Peter. Bei Peter kam natürlich noch das Eros-Element dazu, aber mein Gefühl reiner Liebe zu dieser Frau entsprach exakt jenem für Peter. Und das habe ich nicht vergessen. Nie. Liebe ist Liebe, das ist es, was ich in dieser Nacht verstanden habe.
Im Halbdunkel des Schlafzimmers sagte sie leise zu mir: «Ich habe etwas für dich. Es sollte eigentlich an meine Enkeltöchter gehen, aber ich möchte, dass du es hast.» Sie kramte in ihrem Handtäschchen und brachte einen winzigen Ring zum Vorschein, der Onkel Roy ihr gegeben hatte, bevor er ihr den richtigen Verlobungsring schenkte.
Ich habe den Ring immer noch. Ich trage ihn jeden Tag.
Elizabeth Strout, 62, ist eine amerikanische Autorin; für ihren Roman «Mit Blick aufs Meer» erhielt sie 2009 den Pulitzerpreis. Im November 2018 erscheint bei Luchterhand «Alles ist möglich».
Übersetzung: Sabine Roth, München.