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die andere Musik
|Liebe Freundinnen & Freunde,||

Zürich, 10. Feb. 2006

in den letzten 10 Tagen hat
mich der Tod von Aneth am meisten beschäftigt, am Freitag am Begräbnis
habe ich relativ spontan auf Mundart von meinen Erinnerungen berichtet.
Ihr Bruder Heiner Spiess bat mich, diese Worte schriftlich festzuhalten.
Am 16. Feb 06 erscheint in der Wochenzeitung WOZ eine gekürzte und
erweiterte Version dieses Nachrufs. Aneth hat Anfang der 80er Jahre die
Aktionshalle gefüllt mit Bands wie Au Pairs, Blurt, V-Effect, Minimal
Compact, Honeymoonkillers, Pigbag ...
Herzliche Grüsse: Veit F.
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Ich habe neun Monate lang zusammen mit Aneth bei der Zürcher New Wave-Band City Vibes gespielt, sie am Bass & ich am Schlagzeug, vom Juli 79 bis März 80. In den letzten Jahren als Aneth aufgeräumt hat, schenkte sie mir ein schönes City Vibes-Tagebuch mit zahlreichen Fotos, Konzertplakaten & Erinnerungen - weil sie wusste, dass dieses Buch bei mir gut aufgehoben ist.
Ich habe Aneth jedoch bereits ein paar Jahre früher kennengelernt, durch meine Schwester Salome & meine Mutter Doris. Es war die Zeit Mitte bis Ende der 70er jahre, als sich zahlreiche Frauen aus der streng dogmatischen linken Politarbeit zurückzogen, um etwas zu entdecken, was ich als "nicht allzu esoterischen Zugang zur weiblichen Spiritualität" bezeichnen würde. Nicht nur wegen der äusserlichen Ähnlichkeit mit dem Lockenkopf: wenn es jemals eine Halb-Schwester oder Wahl-Schwester für mich gab, dann war es Aneth Spiess.
Auf dem Definitiv-Sampler "Zürich 1976-86" (eine Doppel-LP, die es inzwischen auch als 2CD im Handel gibt) waren die City Vibes mit dem Stück "Madagaskar" vertreten und es hiess im Booklet zutreffend: "Mut zum Musikmachen fassten auch Studenten, Träumer und eine Kindergärtnerin. Die City Vibes (1979-80) wurden innert Kürze zur gefragten Party- und Tanzband. Auch optisch ein Ereignis". Aneth ersetzte Rinalda Caduff (heute als Kabarettistin erfolgreich) am Bass, am Tag als unsere einzige 4 Track-Single EP "Helvetia" erschien.
Das Stück wurde im Sounds von Radio DRS heftig gespielt und gepusht. Mitte September 79 wurden wir vom bekannten Radiomann Francois Mürner zum Interview geladen, man traf sich in Aneth's Kindergarten an der Plattenstrasse. Das Interview geriet chaotisch & uneinheitlich, wir redeten alle durcheinander. Diese Anekdote endet damit, dass Aneth uns anschliessend amüsiert eröffnete, ihre Kinder hätten dem Reporter beim Empfang gleich mal zwischen die B eine getreten.
In dieser Zeit habe ich Aneth richtig gut kennengelernt, ca. 15 Konzerte in der ganzen Schweiz haben uns zusammen geschweisst. Mit den Instrumenten und der Musikanlage fuhren wir weite Strecken (Bern, Basel, St.Gallen usw.), zum Teil um 4 Uhr morgens mit 40 km pro Stunde auf der stark verschneiten Autobahn. Sie wohnte damals an der Anwandstrasse im Kreis 4 mit dem Spanier Pablo & der Tschechin Dominica, mit der ich eine Liebesaffäre begann.
In dieser Zeit entstand auch eine aktuellere Form ihres Namens Annette, vermutlich begleitet von einem Grassjoint;-) Beim kochen in ihrer Wohnung blickte ich plötzlich auf das Gewürzgestell, zeigte auf den Dill und rief: "Da steht ja Dein Name, ANETH!" Offenbar hat ihr die französische Übersetzung des Wortes Dill so gut gefallen, dass sie ihren Namen bis zum Schluss konsequent abgeändert hat.
Mit City Vibes hatten wir enormen Erfolg, wir spielten oft mit dem sympathischen Transvestiten Raphael Marx zusammen oder begleiteten den Autor Martin Frank bei den Lesungen zu seinem Buch "ter fögi ische souhung". Aneth hat eine lange Freundschaft mit Raphael Marx verbunden, der später nach Barcelona auswanderte, eine Stadt, die für Aneth ebenfalls zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt wurde. Die starke soziale Ader von Aneth zeigte sich auch darin, dass sie die Sterbebegleitung für Raphael übernahm, als er an Aids erkrankte und im November 1992 im Zürcher Lighthouse verstarb.
Danach als Mitarbeiterin der Roten Fabrik ab 1980 hat sie eine enorm wichtige Rolle gespielt. Mit einer unglaublichen Besonnenheit hat sie viele kritische Situationen gemeistert. Als z.B. immer wieder dieselben Punks auf dem Areal randalierten, hat sie diese Leute kurzerhand eingebunden und am ersten Ton Modern-Festival im Januar 1982 einen Abend zur Verfügung gestellt, der später auf Schallplatte bei Soilant erschien und als "von uns für uns" in die Geschichte einging. In witziger Erinnerung ist mir auch folgende Anekdote: als im September 81 die Frauenband Carambolage (Umfeld Ton Steine Scherben) in der Roten Fabrik auftrat und offenbar die zuständigen Leute keine Übernachtungsmöglichkeit organisiert hatten, rief mir Aneth leicht entnervt in meine damalige Wohngemeinschaft (Seestr. 324) in Wollishofen an. Aneth war total erleichtert, als ich unsere Wohnung ohne Zögern für die Band zur Verfügung stellte. Wenig später hat Aneth dann eine zeitlang die Zürcher Band Blue China gemanagt.
Mitte und Ende der 80er hatten wir nicht mehr denselben intensiven Kontakt. In ihrem Freundeskreis bildeten sich zunehmend Paare und es kamen Kinder zur Welt. Als sich abzeichnete, dass Aneth selber keine Kinder bekommen wollte, hat mich ihre konsequente Rolle als Gotte (Patin) von Steffi sehr beeindruckt, dem Kind von Punky & Chrigi. Sie hatte ein weit verzweigtes soziales Netzt aufgebaut, welches sich auch während ihrer eigenen Krankheit bewährte. Als ich 2003 die CD "Freiwild" von unserem alten Bekannten Paul Weixler produzierte, hat sich Aneth überdurchschnittlich daran beteiligt und eingemischt. Im Gegenzug hat sich Paul dafür bedankt, indem er Aneth im Rollstuhl bis zum Schluss auf abenteuerlichste Spaziergänge im Gebiet des Pflegeheims Riesbachs ausführte.
Aneth hatte auch eine spöttische
& sarkastische Seite, die sich mit zunehmender Krankheit
1978-79 spielte Aneth beim Frauenerv, einer fünfköpfigen Frauenband aus Zürich. Am 10. März 1979 gab es ein Doppelkonzert mit der britischen Feminist Improvising Group im Spirgarten-Saal von Altstetten. Marianne Berna beschrieb den Abend später in Nr. 6 des Fanzines "Wah Wah", welches Aneth mitbegründet hatte:
"Annette hat in den paar Monaten, seit sie Bass spielt, das Kunststück fertiggebracht, den Eindruck zu erwecken, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ihre Basslinien klingen schon ganz professionell und sehr eigen - gar nicht nach Schema X. Sie ist eigentlich reif für hie und da eine Solo-Einlage - na, Annette? (...) Nachdem der Frauenerv ihr Repertoire mehr oder weniger durchgespielt hatte, ergriff plötzlich Maggie Nicols ein Mikrophon und fing an, mit Gabi zusammen zu improvisieren. Lindsay Cooper, ebenfalls Mitglied der FIG, kam mit ihrem Tenorsax, eine weitere, mir unbekannte Dame sang ebenfalls und bald war der schönste Jam im Gange. Es war einfach eine Freude, wie die Frauen da ins Mikrophon jubelten, bliesen, schrumpten und wie das zusammenspielte! Herzerwärmend, wie Frauen jetzt mehr und mehr ihre Hemmungen abwerfen und sich äussern - in Klängen, in Worten, in Bildern, auf alle ihnen zusagenden Arten. Was dabei herauskommt, ist auf subtile Weise anders..."
Veit F.Stauffer, 10. Februar 2006
P.S. Die "unbekannte Dame"
war übrigens die heute weltbekannte Regiesseurin