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Lernen, aber wie?
Das „echte Lernen" geschieht von innen heraus. Es geschieht aus dem Wunsch oder der Notwendigkeit heraus, etwas zu verstehen oder zu können. Die zweite Art geschieht unter Zwang und ohne Rücksicht auf die Fragen und Interessen der Lernenden. Beim „echten Lernen" sind die Lernendeaktiv; im Falle der Indoktrination sind sie, so die gängige Darstellung, passiv. Paolo Freire spricht davon, dass der Lernende im ersten Fall Subjekt des Lernens und im zweiten Fall Objekt des Lernens ist. Als Subjekt seines Lernens geht er seinen eigenen Fragen nach, befasst sich mit dem, was für ihn wichtig ist. Als „Objekt" des Lernens wird er von Anderen belehrt, wobei diese bestimmen, was für ihn oder sie wichtig und hilfreich ist. Im ersten Fall entwickeln die Lernenden ihr Verständnis der Welt an Hand eigener Erfahrungen und Überlegungen; im zweiten Fall wird ihnen ein bestimmtes Weltverständnis vorgesetzt, welches sie sich anzueignen haben.
Die Unterscheidung hat eine lange Tradition. Michel Montaigne nannte die Scheingebildeten seiner Zeit am Ende des 16. jahrhunderts "mit Büchern bepackte Esel", und Pestalozzi sprach zweihundert Jahre später vom "Lirilariwesen der Schule" und dem dort üblichen "Maulbrauchen". Dagegen stellte er das, was der Psychologe Carl Rogers wiederum beinahe 200 Jahre später "signifikantes lernen" nannte. Pestalozzi beschrieb den Gegensatz 1783 so: "Langsam selber auf eigene Erfahrung kommem ist besser als schnell Wahrheiten, die andere Leute einsehen, durch Auswendiglernen ins Gedächtnis zu bringen, und mit Worten gesättigt den freien, aufmerksamen, forschenden Beobachtungsgeist des eigenen Kopfes verlieren." [1]
In der Regel wird das „echte", von innen her, d.h. „intrinsisch" motivierte Lernen in allen Debatten als das einzig wertvolle betrachtet. Das von aussen aufgezwungene Lernen gilt als wertlos und inhuman. Wir haben deshalb auch Mühe, wenn die Schule als Ort der Indoktrination bezeichnet wird. Wir glauben lieber, dass in der Schule echtes Lernen stattfindet. Dabei ist die Glorifizierung des "intrinsischen" Lernens nicht nur heuchlerisch; sie ist auch unrealistisch, denn jedes scheinbar ganz von innen kommende Lernen enthält immer auch irgendwelche von aussen kommende Anteile und umgekehrt ist auch rein extrinsisches Lernen ohne ein Minimum an innerer Bewegung nicht denkbar.
Wir müssen uns also nicht für diese oder jene Art des Lernens entscheiden, müssen auch nicht für diese oder jene Art des Lernens kämpfen, sondern wir müssen uns mit der Frage der richtigen Balance befassen. Dabei kann diese von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation ändern. Es kann also Zeiten geben, in denen wir viel Raum für „intrinsisches Lernen" brauchen bzw. anderen solchen Raum geben müss(t)en, während es zu anderen Zeiten durchaus angemessen sein kann, Menschen von aussen zu belehren. „Echtes" Lernen findet deshalb dann statt, wenn wir uns je nach Situation und Bedürfnis zwischen diesen beiden Polen bewegen können. Entscheidend ist dabei kein von ExpertInnen entwickelter Plan, sondern das Bedürfnis der Lernenden und ihre Freiheit, dem jeweils stimmenden Weg zu folgen. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass dieses Gleichgewicht durch die in unserer Kultur übliche, langjährigeBeschulung sehr zu Ungusnten des von innen her motivierten Lernens gestört ist, dass wir im Rahmen unserer Schulen viel zu viel vorgefertigtes Wissen aufnehmen und auswendig lernen müssen, und dass der Raum für das eigene Suchen und Fragen viel zu gering ist.
[1] Heinrich Pestalozzi: über Gesetzgebung und Kindermord. 1783