Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/963

Es war nur ein Moment, der in Armando Braswells Leben über den weiteren Verlauf entscheiden sollte. Er war zwölf, seine Mutter war gestorben, sein Vater drogenabhängig. Armando lebte in prekären Verhältnissen bei einer Pflegefamilie in einer kriminellen Ecke von Brooklyn, dem New Yorker Stadtteil auf der anderen Seite des East River.
In seiner Schule gab es zwei neue Fächer im Bereich Kunst. Welche genau das waren, wusste Armando nicht, aber er musste sich für eins entscheiden. Er sah nur die beiden Gruppen, die sich im Schulzimmer bereits gebildet hatten. Auf der einen Seite standen fast nur Mädchen, auf der anderen fast nur Buben. «Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, aber ich wollte zu den Girls», sagt der 33-Jährige mit einem breiten Lachen. Dann erst stellte sich heraus: Er hatte sich fürs Tanzen entschieden.
Tanzen eröffnete dem Afroamerikaner eine neue, unbekannte Welt. «Es bedeutete mir schnell enorm viel: Ich erlebte Emotionen, konnte mich plötzlich ganz anders ausdrücken, Tanzen trieb mich an. Nur dank des Balletts bin ich nicht auf der Strasse gelandet.» Armando ist nicht nur begeistert, er ist auch unglaublich begabt. «Zwölf ist spät, um mit Ballett zu beginnen. Doch ich hatte Glück und traf wunderbare Leute, die mich unterstützten.»
Dank Talent auf die Eliteschulen
Zum Beispiel seine Klassenlehrerin. Als Armando 14 war und kurz davor, die Schule zu beenden, brachte sie ihn zur Aufnahmeprüfung an ein New Yorker Ballettgymnasium. «Sie kam früh am Morgen zu unserem Haus, klingelte mich heraus und fuhr mich dorthin», erinnert er sich. «Sie wusste, dass ich es alleine nie gewagt und meine Familie es verschlafen hätte.»
Es folgte eine Story wie im Film: Armando bestand die Aufnahmeprüfung. Von nun an pendelte er fast täglich von seinem ärmlichen Zuhause in Brooklyn zum Ballettgymnasium im wohlhabenden Manhattan. Geld für Tanzkleidung hatte er keins. Doch die Direktorin der Schule unterstützte den begabten Schüler. Mit ihrer Hilfe konnte er sich bei Capezio, dem bekannten Hersteller für Tanzbedarf, gratis einkleiden.
Als Armando 16 war, schien ein Unglück alles zu ruinieren: Das Haus seiner Familie brannte ab. «Meine Pflegeeltern waren nicht versichert, alles war weg. Wir hatten nichts mehr.» Ein Obdachlosenheim wurde die neue Unterkunft der 12-köpfigen Familie. Ein Tiefpunkt ohne Aussicht auf Besserung. Doch Armando hatte das Tanzen. Es gab seinem Leben Sinn und trieb ihn an. Der Teenager wollte nicht im sozialen Elend versinken und schlug sich alleine durch. Er wohnte bei Freunden, bis er es mit 19 Jahren an die Juilliard School schaffte, eine der renommiertesten Tanzschulen in den USA. «Von da an war alles gut: Ich wohnte auf dem Campus und hatte ein Stipendium.»
Tanzlehrer Armando Braswell an einem «Ballett Dienstag». (© Armando Braswell)
Heute lebt der Amerikaner, der vor Enthusiasmus und Begeisterung nur so sprüht, mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Buben in Basel. Er ist Solotänzer im Tanzensemble des Theaters Basel, hat ein festes Engagement und das beste Leben, das er sich vorstellen kann. «Die Schweiz ist ein Paradies», schwärmen er und seine Frau Lisa (33). Die beiden lernten sich schon als Teenager kennen. Sie sitzen im Café La Manufacture an der Elisabethenstrasse, trinken Pfefferminztee und Cappuccino; das Café ist hip, das Quartier gepflegt, das soziale Elend weit weg. Armandos Dankbarkeit darüber, dass er es aus ärmlichen Verhältnissen ganz nach oben geschafft hat, ist deutlich zu spüren.
Mit sozialem Engagement etwas zurückgeben
«Ich habe immer wieder erlebt, wie mir Menschen geholfen haben. Ohne sie wäre ich nicht hier», sagt der Tänzer. «Davon möchte ich etwas zurückgeben.» Das tut er auch. Sein Projekt heisst «Braswell Arts Center». Ab Mitte August soll dort gesellschaftlich benachteiligten Kindern und Jugendlichen der Zugang zu Tanz, Kunst, Theater und Literatur ermöglicht werden. Nicht nur das: «Ich will jungen, aufstrebenden Künstlern eine Plattform geben und unsere Kurse für das breite Publikum öffnen», sagt Armando. Derzeit werden die Räume an der Basler Austrasse eingerichtet.
Hier unterrichtet Armando Braswell Amateure in Modern Jazz. (© Armando Braswell)
Gute Künstler kennen die Braswells zur Genüge, sie haben ein grosses weltweites Netzwerk. Geldgeber hingegen suchen sie noch. Ein Teil des Geldes kam durch Crowdfunding zusammen. Nun hoffen sie noch auf Stiftungen. Und: «Wir suchen auch Leute, die uns Shirts, Schuhe oder Essen spenden», erklärt Armando und erzählt, dass das Leibchen, das er in der Tanzausbildung trug, oft sein einziges sauberes Kleidungsstück gewesen sei, und der Snack, den es im Unterricht gab, oft seine einzige Mahlzeit.
Armando hat das grosse Talent, Menschen um sich herum zu begeistern und zu inspirieren. Vor drei Jahren trainierte er zum ersten Mal die Nachwuchstänzer des Talentwettbewerbs des Migros-Kulturprozents. Seither tut er dies jedes Jahr. «Ich gebe den jungen Leuten gern etwas weiter», sagt er. Vor zwei Jahren hat Armando in Basel von einem Berufskollegen eine Tanzklasse übernommen, den «Ballett Dienstag». Damals waren das ein paar Frauen mit ganz unterschiedlichem Können, die am Dienstagabend in den Ballettunterricht gingen. Heute unterrichtet Armando Braswell an drei Tagen in drei verschiedenen Studios über hundert Männer, Frauen und Teenager. «Ich habe das gar nicht geplant, es hat einfach Spass gemacht.»
Einen Traum abseits des Tanzens haben Armando Braswell und seine Frau Lisa noch: «Wir wünschen uns, dass unsere Kinder in der Schweiz aufwachsen können.»
Tag der offenen Tür: 15.–18. Juni, Braswell Arts Center, Austrasse 19, Basel; www.braswellartscenter.com
Sommer-Workshop: 26. 6.–2. 7., mit Gratistanzlektionen am 2. 7.;
www.ballettdienstag.com
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: Ismael Lorenzo