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Der Mönch, der aus der Werbung kam
«Ein ‘Engel’ in kuriosen Gewändern», so bezeichnete einst der Disentiser Abt Vigeli Monn Bruder Magnus, der als Marcel Bosshard mit 48 Jahren nach einem Leben als Workaholic in das Benediktinerkloster eintrat.
«Ein ‘Engel’ in kuriosen Gewändern», so bezeichnete einst der Disentiser Abt Vigeli Monn Bruder Magnus, der als Marcel Bosshard mit 48 Jahren nach einem Leben als Workaholic in das Benediktinerkloster eintrat.
«Ein ‘Engel’ in kuriosen Gewändern», so bezeichnete einst der Disentiser Abt Vigeli Monn Bruder Magnus, der als Marcel Bosshard mit 48 Jahren nach einem Leben als Workaholic in das Benediktinerkloster eintrat.
Sabrina Bundi
Bündner Tagblatt: Bruder Magnus, Sie können in diesem Jahr 25 Jahre Wiederkehr nach Disentis feiern. Sind Sie mittlerweile ein «Sursilvan» geworden?
Bruder Magnus: Was die Sprache betrifft noch nicht, auch wenn ich vor meinen Schülern oft so tue, als würde ich Romanisch verstehen. Im Dorf bin ich allerdings sehr gut vernetzt und habe viele Freunde. Einer ist beispielsweise Nazi Furger, der Taxiunternehmer. Und weil wir auch noch fast genau gleich aussehen, geh ich manchmal als sein unehelicher Bruder durch. Wir zwei sind das Trio infernale.
Das erste Mal nach Disentis kamen Sie als Schüler des Gymnasiums. Mit 16 verliessen Sie es wieder «zornig», wie Sie in einem Interview verraten. Auf wen waren Sie wütend?
Zornig war ich vor allem auf meine Mutter, weil sie mich nach dem frühen Tod meines Vaters in das Internat «abgeschoben» hat. In der Schule war ich dann auch ein ziemlicher «Saugoof», habe ständig geraucht und bin in der Nacht ins Dorf geschlichen. Ich habe mich immer so verhalten, dass ich knapp nicht herausgeworfen wurde. Ein paar Patres hatten glücklicherweise immer ihre schützende Hand über mich.
Es folgte eine Karriere als Grafiker und Werber sowie als Art Director und Creative Director bei der Werbeagentur Young & Rubicam in Bern, Frankfurt, Wien, Madrid, New York, Los Angeles und London. Kann man so ein bewegtes Leben einfach hinter sich lassen?
Ich schon, denn man kann alles, wenn man es kann. Das Klosterleben ist trotz meiner vielen Erlebnisse und Werbejobs mein grösstes Abenteuer, denn hier trifft man auf den grössten Gegner im Leben eines Menschen: auf sich selber.
Vermissen Sie Ihr altes Leben manchmal?
Nein, nicht wirklich, auch wenn ich ab und zu Heimweh nach New York und Los Angeles hab.
Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll sind Ihnen aus Ihrer Jugend also nicht ganz unbekannt, warum machen Sie Abstinenz, Weihrauch und Psalmen glücklicher?
«Weniger ist mehr.» Hier habe ich gelernt, diesen Satz zu leben und zu lieben. Das Klosterleben kann man eben nur im Kloster erfahren. Und was mich hier glücklich macht, sind paradoxerweise genau die Sachen, die mir in meinem verrückten Leben gefehlt haben: Rituale und Regelmässigkeit. Selbst wenn ich selber mal nicht im Chor stehe und die Psalmen singe, ist es nur schon ergreifend, allen meinen Mitbrüdern zuzuhören. Man wird getragen, die Brüder sind meine Familie.
Wie gebrauchen Sie Ihre zahlreichen Erfahrungen aus Ihrem früheren Leben im Klosteralltag?
Ich mische mich ein bisschen überall ein. Konkret verschönere ich beispielsweise Räume im Kloster, erfinde neue Dinge wie die Disentiser Weihwassersteine oder schlage dem Hausbäcker vor, Spitzbuben als Kloster-Disentis-Logo zu backen.
In einem anderen Interview sagten Sie, Ihre Aufgabe im Kloster sei es, den Mitbrüdern Kommunikation beizubringen. Warum ist es wichtig, dass sich Patres damit auskennen?
Kommunikation ist für alle wichtig. Aber hinter den Klostermauern ist sie vor allem deshalb von Bedeutung, damit die Brüder nicht aneinander vorbei schweigen. Es gibt sogar einen Witz dazu: «Wissen sie, warum es in Benediktinerklöstern die breitesten Gänge hat? Damit man ohne zusammenzuprallen aneinander vorbeilaufen kann.» Jedenfalls: Funktionierende Kommunikation ist die Grundlage einer Gemeinschaft. Auch die Mitteilung gegen aussen ist für ein Kloster wesentlich. Im Moment betreue ich einen jungen Mitbruder und versuche ihm beizubringen, was die erste und wichtigste Aufgabe einer Predigt ist. Eigentlich gilt das Gleiche wie in der Werbung: Die Botschaft muss draussen ankommen und zur Verhaltensänderung motivieren.
Sie sind auch als Kritiker des Konsumismus bekannt. Können Sie sich hinter den Klostermauern diesem entziehen?
Nein. Einmal Werber, immer Werber. Ich sitze immer noch manchmal vor dem Fernseher und schaue mir an, wie die heutige Werbung bachab geht. Aber ich warne meine Schüler jedes Jahr davor, zu sehr neuen Trends zu verfallen. Die Kinder sind dann völlig verdutzt, wenn ich ihnen erkläre, dass Löcher in den Jeans nur gerade cool sind, weil es ein Marketingmanager irgendwo in Europa bestimmt, welches Produkt wo verkauft wird.
Sind Sie Ihnen ein gutes Vorbild? Ein Lebemann, der sich fast zugrunde gearbeitet hätte, um dann seine Berufung in der Stille zu finden?
Wenn ich aus meinem Leben erzähle, dann zeige ich den Kindern vor allem eines: Lebt euer Leben komplett. Jeder muss das machen, was er braucht. Mein Weg hat schlussendlich ins Kloster geführt. Ausserdem sage ich immer: Wenn man nicht mindestens eine halbe Stunde pro Tag lacht, ist der Tag verloren.
Sie haben unter anderem die lila Milka-Kuh oder den Meister Proper mitentworfen. Welches Maskottchen würden Sie für das Kloster Disentis erfinden?
Die Frage ist ja, was ist zum Beispiel der Meister Proper? Es ist eine Versinnbildlichung einer Marke. Die «Firma» Kloster Disentis hat das aber nicht nötig. Oder besser gesagt: Sie hat das ja schon in Form von Jesus Christus oder von Sogn Placi und Sogn Sigisbert. Es wäre allerdings blöd, wir würden diese Figuren als Maskottchen bezeichnen. Um auf unser Jubiläum aufmerksam zu machen, gibt es verschiedene Veranstaltungen, bei denen wir auf Medienpräsenz setzen.
Von Ihnen stammt auch die Werbekampagne für das Gymnasium «Der Weg nach oben». Wo ist in der Region zudem Ihre Handschrift zu lesen?
Ich habe in der Region sehr viele unterschiedliche Logos für ganz verschiedene Unternehmen entworfen. Beispielsweise das Logo der Casa da Tgira Sursassiala, die Auto-Aufkleber meines Freundes Furger-Taxi, eine Broschüre für die Zumthor-Kapelle in S. Benedetg aber auch Logos für Hotels oder Sportvereine wie dem Curling Club Surselva oder der Guggenmusik Las Fifferlottas. Ich bin wie ein altgewordenes kleines Kind. Das Schlimmste, was sie mit einem Kind machen können ist, ihm die Legos wegzunehmen. Ich muss einfach arbeiten.
Was wünschen Sie dem Disentiser Orden zum Jubiläum?
Das hört sich jetzt unglaublich profan an, aber ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die nächsten paar Millionen zusammenzukratzen, um unsere schöne Kirche zu renovieren. Das liegt uns sehr am Herzen und jede Spende ist herzlich willkommen. Die IBAN-Nummer von Pro Kloster Disentis lautet <iban-pii>