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Dichtung & Barheit: Bulat, plastische Brustwarzen und Xamax im Sturm

Zwei düstere Gestalten, Wirbelsturm Lothar, ein salbungsvoller dicker Argentinier und Alex DeLarge in der Korova Milk Bar. Und ein malträtierter Fussballverein namens Xamax. Aber das nur am Rande.
Von Bojan Peric (Text) und Kushtrim Xhaferi (Illustration).
Velocet
In der «Korova Milk Bar» * gibt es Milch mit Velocet. Ich trank reichlich davon und starrte auf die Kulisse Neuenburgs, insbesondere auf die Maladière. Malade, krank, das war es. So fühlte ich mich nach dem vierten Glas. Und langsam kam es mir tatsächlich realistisch vor, irgendwann den grossen, toten Dürrenmatt vor mir zu sehen, von dem die Legende sagt, er verlasse nach ein paar Gläsern das nach ihm benannte Centre und schreite zu einem in die Bar, um lange und groteske Gespräche zu führen.
Draussen tobte Wirbelsturm Lothar. Ich steckte Geld in den Automaten und liess mein Glas von einer plastischen Brustwarze auffüllen. Das Velocet zischte. Dürrenmatt war noch nicht gekommen und würde es wohl auch nicht mehr tun.
Stattdessen hatten es sich zwei Gestalten an der Bar gemütlich gemacht. Einer korpulent, einer jugendhaft, beide irgendwie eigenartig. Mein Kopf vermischte ihren Anblick mit Velocet-Visionen, und von Zeit zu Zeit nahmen die beiden bizarre Dinosauriergestalt an. Sie begannen zu sprechen, was ich zunächst nicht verstand, doch nach und nach ergaben die Worte Sinn. Vielleicht war es aber auch nur die Ausgeburt meiner gestörten Synapsen. Wissen werde ich es nie.
Schande!
«Es ist eine Schande, Ramsan *», sagte der Korpulente. «Es ist eine Schande.»
«Es ist nicht nur eine Schande für dich, Bulat *», erwiderte der Jugendhafte. «Die Schande ist ganz meinerseits.»
«Schande ist schlimmer als Krankheit, Ramsan», sagte der korpulente Dinosaurier.
«Schande ist schlimmer als der Tod, Bulat», erwiderte der jugendhafte.
Lothar wirbelt
Dies und Ähnliches wiederholten sie gefühlte Stunden lang. Ich trank noch eine Milch, sprach aus mir unbekannten Gründen Unverständliches vor mich hin und setzte mich wieder neben das seltsame Paar, dessen verbales Wettrüsten langsam, aber sicher seiner Klimax entgegenstieg. Plötzlich sprang die Türe auf, Lothar * wirbelte hinein und materialisierte sich. Leider nicht als Dürrenmatt, worüber ich fluchte. Dafür hatte er im Schlepptau einen kleinen dicken Argentinier, der mit seiner Hand alles und jeden berührte. Dabei murmelte er ständig «Die Hand Gottes, die Hand Gottes, die Hand Gottes». Sturm Lothar, auch Loddar genannt, kam in den Raum und auf die beiden Tschetschenen zu, räusperte sich, hob nun beide Hände zum Himmel, um seine winzige Gestalt zu kaschieren und sprach feierlich, wobei seine Stimme wie 80er-Jahre-Musik hallte:
«Was ist das für ein Mann, der seinen Verein nicht umbringt? Schämen soll er sich.» *
Ramsan guckte ihn verwirrt an. «Das ist mein Spruch.»
Die letzte Silbe war kaum verhallt, als er sich wieder in ein unsichtbares Etwas entmaterialisierte, um weiterhin über der Maladière zu wüten.
«Aber recht hat er schon, Bulat», sagte der jugendhafte Staatspräsident zum korpulenten Fussballpräsident, «Eine Schande ist es allemal.»
«Ich werde die Schande reinwaschen, Ramsan», erwiderte der Korpulente, «auf dass sie rot leuchtet. Ich habe auch schon die richtige Person hierfür.»
Hier kommt Alex
«Well, well, well. Es scheint, als hättet ihr ein Problem, Droogs *», ertönte eine Stimme von hinten. «Verzweifelt nicht! Wir werden das wieder richten. Ich brauche nur einen Schluck Messermilch der guten alten Korova, um mich in Stimmung zu bringen für ein kleines Bisschen Ultra Violence.»
Irgendwoher, wohl aus einer hinteren Ecke des Kleinhirns, erklang plötzlich die sagenhafte Neunte von Ludwig Van, ich sah Alex seine Milch kippen und mit drei weiss gekleideten Gestalten aus dem Raum hinaus und in Richtung der Maladière gehen. Lothar verschwand augenblicklich, und die zwei tschetschenischen Dinosaurier zwinkerten sich zu. Der kleine dicke Argentinier salbte weiterhin Krethi und Plethi mit seiner Hand. Aber Dürrenmatt war noch nicht gekommen. Dürrenmatt allein hätte diese maladièrsche Misere verarbeiten können. Ich verkroch mich in eine Ecke und weinte.