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Von Calais ist es nur ein kurzer Sprung hinüber zur englischen Küste. Das machte die nordfranzösische Stadt zu einem beliebten Fährhafen für Bahnreisen von Paris nach London. Seit 1994 müssen Reisende allerdings an der Kanalküste nicht mehr von der Schiene aufs Schiff umsteigen, sondern können mit der Bahn durch einen Tunnel unter dem Meer nach England rasen.
Da wir es nicht eilig hatten, entschieden wir uns aber für die Überfahrt mit der Fähre und legten zuvor einen Zwischenhalt in Calais ein. Das Aprilwetter meinte es zunächst nicht gut und empfing uns mit Regen. Später konnten wir uns auch ohne Regenschirm bewegen. An der Küste ändert sich das Wetter manchmal rasch.
Sechs vornehme Bürger
Erste Station unseres kleinen Rundgangs war das Rathaus mit seinem Glockenturm, dem Beffroi. Erbaut im Stil der flämischen Renaissance, lässt das Gebäude an vergangene Zeiten denken; es stammt allerdings aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Davor steht das von Auguste Rodin geschaffene und 1895 dem Publikum übergebene «Monument aux Bourgeois de Calais».
Das Denkmal bezieht sich auf eine Begebenheit aus der Stadtgeschichte, die früher als herausragendes Beispiel für Opferbereitschaft und Bürgersinn gepriesen wurde. Elf Monate lang hatte Calais der Belagerung durch Eduard III., König von England und Wales, und seit 1340 auch König von Frankreich, standgehalten. Doch im August 1347 waren die Belagerten am Ende ihrer Kräfte.
Um die Plünderung und Zerstörung der Stadt zu verhindern, boten sich sechs vornehme Bürger dem König als Geiseln an. Dieser liess sie barfuss, nur mit einem Hemd bekleidet und mit einem Strick um den Hals in sein Heerlager kommen. Der Tod wäre ihnen gewiss gewesen, hätte nicht die gutherzige Königin Philippa ihren Gemahl milde gestimmt.
Rodins Bronzeplastik, von der mehrere Abgüsse existieren – einer steht bekanntlich im Hof des Basler Kunstmuseums – ist auch ein Saal im Musée des Beaux-Artsan der Rue Richelieu gewidmet.
Gerne hätten wir uns auch das vielversprechende Museum Cité de la dentelle et de la mode angesehen. Doch diesen Besuch mussten wir auf ein anderes Mal verschieben. Denn leider ist dieses Museum, anders als in Frankreich üblich, jeweils am Dienstag geschlossen.
Erratischer Turm aus dem Mittelalter
So nutzten wir die verbliebene Zeit, uns einen Überblick über das gastronomische Angebot zu verschaffen und einen Blick auf zwei sehr spezielle Bauwerke zu werfen. Das eine ist die Kirche Notre-Dame, die mit ihrem Zisternen-Anbau mehr einer Festung als einem Gotteshaus gleicht, das andere ist die Tour de Guet, ein 39 Meter hoher Turm, der im 13. Jahrhundert als Teil einer – in der Zwischenzeit abgetragenen – Festung gebaut wurde und jetzt wie bestellt und nicht abgeholt auf der Place d’Armes steht.
Rund um diesen Platz gibt es mehrere Restaurants. Wir entschieden uns für ein Lokal mit dem klangvollen Namen «Au Coq d’Or» und vorzüglicher Küche.
Als wir am nächsten Morgen zur Anlegestelle der Fähre fuhren, regnete es erneut. Beim Einchecken wurden unsere Pässe genau geprüft. Hohe Gitterzäune hindern Unbefugte daran, das Hafengelände zu betreten. Ohne die richtigen Papiere soll von hier niemand nach Grossbritannien kommen.
Übernachtung: Mit der preiswerten Unterkunft im Hôtel Victoria an der Rue de Madrid 10 waren wir sehr zufrieden.
Überfahrt: Die P & O Ferries verkehren mehrmals am Tag zwischen Calais und Dover.