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Silvio Bircher (Bilder: zVg)
Der Aarauer Ex-Politiker Silvio Bircher hinterleuchtet die Aargauer Politik
Die Aargauer Parteien unter der Lupe
Der Aarauer Ex-Regierungsrat und Ex-Nationalrat Silvio Bircher ist ein exzellenter Kenner der Aargauer Politszene. Seit seinem Rücktritt als Politiker analysiert Bircher als Publizist für verschiedene Medien das Politgeschehen, insbesonders jenes im Kanton Aargau. Bereits vor vier Jahren veröffentlichte Bircher ein Werk unter dem Titel «nah am Zeitgeschehen». Nun hinterleuchtet er im Jahrbuch der historischen Gesellschaft Aargau sehr ausführlich und fundiert die Aargauer Politlandschaft.
Nun hat Bircher auf rund 30 Seiten die Geschichte der politischen Parteien im Aargau hinterleuchtet. Dieses Werk ist fester Bestandteil des im November erschienenen Jahrbuches der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, welches im Buchhandel erhältlich und zudem in den Bibliotheken zugänglich ist. Der Autor geht in seiner Arbeit weit zurück, nämlich in die Gründungsjahre. Nach der Gründung des Bundesstaates 1848 existierte vorerst nur die liberal-radikale Grossfamilie (Freisinn). Die eigentlichen Parteigründungen begannen um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert. Nun formierten sich die katholisch-konservativen und die Sozialdemokraten. Später – um 1920 – formierte sich dann auch noch die BGB (heute SVP). Diese Parteien brauchten aber für eine gerechte Vertretung in den Parlamenten das Proporzwahlrecht. Bei der ersten Aargauer Proporz-Grossratswahl anno 1921 verloren die Freisinnigen dann prompt die Mehrheit. Die damalige Sitzverteilung: SP 51, KK 47 BGB 46, FDP 43 Sitze. Weitere fünf kleine Parteien teilten sich 13 Sitze. Somit verloren die Freisinnigen schon damals die Vormachtstellung im Kanton Aargau. Interessant der Vergleich von damals zu heute: Wie 1921 waren genau neun Parteien präsent im Kantonsparlament. Auch auf nationaler Ebene ermöglichte der Proporz ein Vorrücken der BGB und der SP. Die 12 Aargauer Nationalratsmandate anno 1919 setzten sich ziemlich ausgeglichen zusammen: je drei Vertreter entsendeten die FDP, KK, SP und BGB. Im Ständerat vertraten zwei Freisinnige den Aargau. Zum Vergleich die heutige Situation (16 Sitze): SVP 7, FDP 3, SP 2 und CVP, GLP, Grüne und BDP je 1. Der Aargau wird im Ständerat durch eine SP-Vertretung (Bruderer) und einen FDP-Mann (Müller) vertreten.
Ideologische Strömungen prägten die Politlandschaft
Geprägt wurde die Politlandschaft auf nationale wie auf kantonaler Ebene immer wieder durch ideologische Strömungen. Grosse Rollen spielten die Kirche, die Arbeiterschaft und die Bauern.
Interessant aus Sicht der Region: Ein gewisser Arthur Schmid (senior) – Vater des ehemaligen Regierungsrates Arthur Schmid jun. bekleidete einst gleichzeitig vier wichtige Ämter, nämlich amtete er als SP-Parteisekretär, als Chefredaktor der Parteizeitung «Freier Aargauer» sowie gleichzeitig Grossrat und Nationalrat und das bis zu seinem Tod 1959. So etwas wäre heute undenkbar! Schmid prägte in all den Jahren Aufbau und Kurs der Partei und war schärfster Widersacher im Wortstreit mit den Bürgerlichen.
Einer der wichtigsten Kontrahenten war der Chefarzt, spätere Divisionär sowie BGB-Nationalrat Eugen Bircher. Einem Rededuell anno 1930 in der Turnhalle Gränichen folgten damals 2000 Personen. Spannend ist auch das Wirken der drei liberalen Aargauer Gebrüder Keller: Emil wirkte als Regierungs- und Nationalrat, Gottfried als Ständerat und Alfred als hoher Militär. Man sprach damals von der «Unterkellerung» des Freisinns.
Viele kleine Parteien sind verschwunden Interessant sind auch die kurzen, aber teilweise heftigen Episoden der kleinen Parteien. So war einst gar ein gewisser «HD Läppli» alias Alfred Rasser Nationalrat des verschwundenen Landesrings, welcher hauptsächlich durch die Migros finanziert wurde. Erwähnt sei hier auch das Team 67, zu dem auch Silvio Bircher gehörte und damals sogar in den Grossrat gewählt wurde. Bedeutend war die Autopartei, später Freiheitspartei, die es immerhin national auf 8 Nationalratssitze brachte (2 Sitze davon aus dem Aargau). Prominentester Politiker war der heutige SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner, der zwar als «Polteri» galt, aber gerade deswegen enorm beliebt und besonders begehrt ist bei den Medien. Diese Medien wurden und werden heute noch dominiert vom Freisinn. Daran konnte auch die vielfältige Parteilandschaft nichts ändern. Sowohl das Zofinger Tagblatt, das Aargauer und das Badener Tagblatt waren in freisinniger Hand wie heute auch die AZ. Die Parteizeitungen wie etwa Vaterland oder Freier Aargauer und andere vermochten sich nicht in die Neuzeit zu retten.
Fünf Aargauer Bundesräte
Interessant ist auch der Blick Birchers auf die Bundesratsmandate. Der Aargau stellte bis heute fünf Bundesräte, nämlich vier Freisinnige und ein CVP-Vertreterin (Doris Leuthard). Ihr zuvor kamen Friedrich Frey-Herosé (1848 – 1866), Emil Welti (1867 – 1891), Edmund Schulthess (1912 – 1935) und Hans Schaffner (1961 – 1969) alle von der FDP. Schaffner ist übrigens Bürger von Gränichen. Bis heute geblieben ist die feine Bundesrat-Schaffner-Torte.
Zu hoffen bleibt nun, dass der Aargau nicht zu lange auf einen neuen Bundesrat warten muss, denn der Aargau ist mittlerweilen auch national ein sehr starker Kanton.
Ein Bravo gebührt Silvio Bircher, der mit seiner Hinterleuchtung der Aargauer Politik ganze Arbeit geleistet hat.
MS
Frey-Herosé Friedrich, der erste Aargauer Bundesrat