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I Die Balkontür steht weit geöffnet, aber die Frau zeigt sich nicht. Auch hat man an diesem Morgen niemanden gesehen, der die Jalousien aufgestossen und in die Haken links und rechts eingehängt hätte. Ab und zu bewegt ein Luftzug die Vorhänge, dann fliegt heller Stoff auf, bläht sich, flattert und sinkt wieder herab. Das Licht ist gleissend, der aufgefächerte Schatten des Oleanderbusches scharf umrissen und schwarz, wie ein Scherenschnitt. Was die fünf langgezogenen Schatten auf die Mauer wirft, was immer Es auch ist, Es ist nicht sichtbar. Zitternd, schwebend hoch oben steht Es im Rücken des Betrachters, vielleicht geflügelt, glänzend auch reflektiert Es die fast senkrecht einfallenden Sonnenstrahlen. Oder ist Es körperlos, eine in die Luft gebrannte Nichtform, die das unter ihr dem Erdreich eingedrückte Ebenbild sichtbar macht? Möglich, dass Es aus der Ferne betrachtet wie Fliegen aussieht. - Das Weiss der Fassade wird von der Linie der Stirnziegel, sie folgt dem Dreieck des Giebels, scharf gegen den Himmel abgegrenzt. Auch die Kronen der Pinien neben dem Haus heben sich dunkel von der flirrenden Helligkeit ab. - Ein Flugzeug zieht einen Strich in das Blau, parallel zur Dachschräge. Der Streifen zerfliesst und wird langsam gegen Osten geschoben. Die moosbewachsenen Gartenmauern allerdings schlucken das Licht vollkommen.
II Die Rollos sind heruntergelassen. Gedämpftes Licht sickert herein und zeichnet ein Streifenmuster auf den Boden. Regen wird gegen die Scheiben gepeitscht, das Wasser sammelt sich glucksend in der Dachrinne. - Auf den verschlungenen Ranken der Tapete liegt matter Glanz. In der Mitte des Raumes stehen um einen niederen Glastisch gruppierte Polstermöbel. Sie sind mit weissen Tüchern zugedeckt, auch über dem Spiegel hängt ein Tuch. Das Tischchen, von einer dünnen Staubschicht bedeckt, ist leer, bei genauem Hinsehen jedoch zeigen sich fingerbreite dunkle Striemen auf dem Glas, Spuren einer momentanen Unsicherheit, als sei eine Hand, Halt suchend, am Tischrand abgerutscht. - An der einen Wand sickert ein fadendünnes Rinnsaal herab, das Wasser sammelt sich auf den von der Nässe dunkel verfärbten Tonfliesen. Schimmel überzieht den Stuck dort, wo die Feuchtigkeit heraustritt. - Der Kamin, von Marmor eingefasst, ist eigenartigerweise sehr rein und licht und ohne jegliche Brandspuren, als habe darin noch nie ein Feuer gebrannt und würde unablässig blaue Tageshelle durch den Schacht fliessen. - Die Frau ist nicht zu sehen, aber jetzt nähern sich Schritte im Treppenhaus, auch sind Stimmen zu hören, undeutlich nur, ein Gemurmel, ein Kichern, man könnte nicht sagen, ob Menschen miteinander flüstern oder ob es die Frau ist, die zu sich selber spricht. - Im Fenster der Balkontür ist ein Stück Himmel ausgeschnitten. Herbstlaub liegt vor der Schwelle. - Vom Garten herauf tönen Kinderstimmen. Etwas wird gegen die Fassade geworfen, ein dumpfer Aufschlag, zwei drei Mal. Helles Lachen stiebt hoch und verhallt gleich wieder, kleine flinke Schritte verlieren sich auf dem Kies.
III Im Winter war der Garten tiefverschneit, was seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen war. Die Konturen der schneebedeckten Oleanderbüsche verschwammen im Weiss. Der Brunnen und ebenso der Teich im hinteren Teil des Gartens waren zugefroren, die dürren Schilfstauden von einem gläsernen Firnis überzogen. - Dort, wo die Kinder den Schneemann hatten bauen wollen, war der Schnee zertreten. Unförmige erdverschmutzte Schneekugeln lagen zerstreut, die Kinder waren mitten im Spiel ihres Vorhabens überdrüssig geworden, als sie den verletzten Sperling fanden. Die Tücher, mit denen sie den Schneemann hatten verkleiden wollen, hatten sie achtlos liegen gelassen. - Der Vogel fiepte nur schwach, als sie ihm die Flügel ausrissen. Die Bluttropfen hinterliessen kaum Spuren, ein paar schwarze in den Schnee hinein gestochene Löcher, mehr nicht. - Nachts leuchtete die Stadt wie unter bengalischem Licht. - Wenn die Frau ins Zimmer trat, es geschah selten, und durch die Jalousie in den Garten hinabschaute, sah sie die Tiere. Sie standen nebeneinander versunken im Schnee, nur die langgezogenen Buckel zeichneten sich in regelmässigen Abständen dunkel ab, fast hätte man meinen können, sie bildeten eine einzige aus fünf Teilen zusammengefügte Form. Die Frau wusste, dass die Tiere warteten, ihre Zeit liess sich nicht bemessen, sie waren schon immer hier gestanden, nur hatte man sie nicht beachtet, aber jetzt, mit dem scharfen Geruch, der von ihnen ausging, selbst bei geschlossenem Fenster nahm man ihn wahr, konnten sie nicht unbemerkt bleiben. - Die Tiere hatten die Köpfe zur Mauer hin gesenkt, standen bewegungslos.
IV Als der Schnee schmolz, fand die Frau den Vogelkadaver, die Flügel fehlten, und ein von der Feuchtigkeit halbvermodertes blaues Tuch. Im nassen Erdreich waren fünf langgezogene Kuhlen erkennbar, der letzte Schnee lag darin als helle Flecken. - Der Geruch der Tiere blieb in der Luft haften, er durchtränkte den Garten und alle Räume des Hauses. Erst mit den Frühlingswinden, die salzige Meeresluft in die Stadt trugen, konnte die Frau wieder frei atmen. Sie versuchte, das Gesehene mit Worten zu beschwören, geflüstert nur, mit Gesten auch, den Kopf in den Nacken geworfen, aber es brachte ihr keine Erleichterung. - Die Kinder suchten den Blick der Frau, drängend, insistierend, doch sie wich ihnen aus, die Hände an die Schläfen gelegt.