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Interview mit Michel Bollag im Ite 2015/4
Sehr geehrter Herr Bollag, viele Menschen sprechen heute von Spiritualität. Als Kapuziner kenne ich Unterschiede zwischen franziskanischer und ignatianischer Spiritualität. Hat der Begriff «Spiritualität» im Judentum eine besondere Bedeutung?
Ein jüdischer Denker hat im 20. Jahrhundert gesagt, dass Spiritualität nicht der Weg sei, aber sie kann durchaus ein Ziel sein. Man kann spirituell werden, aber die Spiritualität ist kein Ziel für den Gläubigen. Spiritualität ist nicht die Aufgabe eines jeden Juden, aber etwas für jüdische Menschen, die religiös musikalisch sind.
Was ist denn der Weg für einen Juden, wenn nicht die Spiritualität an sich?
Das Judentum spricht von Gott und damit von Handlungsnormen, die der Mensch Gott gegenüber zu erfüllen hat. Durch das Erfüllen dieser Normen wird die Gottesbeziehung aufgebaut und der Gläubige wird gleichzeitig zu einem guten Menschen.
Bedeutet das, dass Spiritualität und Handlungsnormen unterschieden werden und somit auch unterschiedliche Wirklichkeiten betreffen?
Nein, nicht unbedingt. Im Judentum gab es stets auch fromme Gruppierungen, die sich Chassidim nennen. Chassidim kommt vom Wort «Chesed», also «Liebe». Diese Chassidim versuchten die Gottesmystik besonders intensiv zu leben.
Was bedeutet dies für den Alltag dieser Chassidim?
Die Gebote des Alltages sollen mit einer spirituellen Intensität erfüllt werden. Das verlangt grosse Konzentration und ein ausgeprägtes Bewusstsein von dem, was der einzelne im Alltag tut. Manchmal bedeutet das sogar, dass der spirituelle Mensch mehr tut, als von der Thora verlangt wird.
Worin bestehen diese spirituellen Übungen, die über das hinausgehen, was die Thora vom gläubigen Juden verlangt?
Da gibt es Reinigungsrituale und Fastenrituale, aber auch Meditationen. Solche Handlungsweisen finden sich seit der Spätantike, seit es das rabbinische Judentum gibt.
In den letzten Jahrzehnten beobachtet man bei uns ein Aufblühen von Spiritualität und spirituellem Handeln. Dies teilweise auch ausserhalb der Religionen. Hat diese Entwicklung einen Einfluss auf die jüdische Spiritualität?
Ende der siebziger Jahre, anfangs achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts haben diese Einflüsse auch vor Juden nicht halt gemacht. In den USA hatten solche Entwicklungen in einigen Gemeinden einen Einfluss. In Europa sehe ich dieses Interesse weniger, in Israel eher wieder mehr. Ich würde meinen, dass das Aufblühen der Spiritualität der letzten Jahre im Judentum eher marginal aufgegriffen wurde.
Können und dürfen Juden auch meditieren?
Ja, es gab in der Tradition immer wieder chassidische Rabbiner, die das Meditieren empfohlen haben. Dies aber stets neben dem Pflichtgebet, eben als eine Art Zusatz zum Pflichtprogramm. Aber auch hier würde ich meinen, dass das Meditieren im Mainstream-Judentum relativ wenig bekannt ist.
Was beutet beten im Judentum? Gibt es da unterschiedliche Zugänge? Bei uns Kapuzinern wird beispielsweise vor allem auf das affektive Gebet einen grossen Wert gelegt. Darum steht dann die Stille im Mittelpunkt.
Das Judentum legt grossen Wert sowohl auf die Ratio, wie auch auf die Intuition, was in der jüdischen Mystik, in der Kabbala als Chochma, mit Weisheit bezeichnet wird. So können wir auf zwei Arten beten: einerseits einen Text wirklich zu verstehen versuchen, andererseits einen Zugang übers Herz suchen.
Gibt es zwischen diesen beiden Arten des Betens eine Verbindung oder stehen sie unvermittelt nebeneinander?
Da gibt es eine interessante Regel, die die beiden miteinander verbindet. Juden, die intensiv am Wort gelernt haben, sollen vor dem Beten eine Vorbereitungszeit einbauen, in der die komplexen Gedanken losgelassen werden. Also der Dreischritt lernen – loslassen – beten. Dadurch kommt man dann zu einer ganz anderen Art und Weise Gott zu dienen. Dabei bleiben aber sowohl der intellektuelle Zugang wie auch der Herzenszugang, vielleicht eben der spirituelle Zugang sind zwei notwendige Wege um ganz in die Verbindung zu Gott zu gelangen.
Wenn ich nun an die jüdisch-christliche Begegnung denke, ist dann das Beten, der Ort, wo wir uns interreligiös begegnen könnten?
Ich würde meinen, nein! Das Beten ist nicht der zentrale Ort, wo wir uns treffen sollten. Die Begegnung von Juden und Christen sollte eben gerade auf der Ebene des Lernens stattfinden. Man soll sich kennenlernen und Themen aufarbeiten. Da gibt es noch enorm viel zu tun, damit wir die Schiene der Vergegnung verlassen können. Man kann sich gegenseitig sicher einladen und den anderen als Gast aufnehmen im Gebet. Aber zum gemeinsamen Beten braucht es noch einen äusseren Anlass, der beide betrifft und wenn ein solcher eintritt, bedarf es des vorgängigen Gesprächs über Form und Inhalt.
Michel Bollag studierte Thora in Jerusalem, Pädagogik, Psychologie und Philosophie in Zürich; er ist Fachreferent Judentum und seit 2001 Co-Leiter des Zürcher Lehrhauses in Zürich (www.lehrhaus.ch). ITE hat den 63-jährigen zur Spiritualität im Judentum befragt sowie zur Begegnung zwischen Juden und Christen. Michel Bollag engagiert sich in der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweiz, eines gemeinsamen Gremiums des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes sowie der Schweizerischen Bischofskonferenz.