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Bei Diskussionen über den Hochschulzugang wird immer wieder behauptet, dass die Stipendiensysteme der Schweizer Kantone garantieren, dass alle Menschen, die die nötigen Fähigkeiten mitbringen, auch studieren können. Diese Feststellung entbehrt jeglicher Evidenz und muss, besonders auch wenn man die Schweiz mit anderen Ländern vergleicht, stark bezweifelt werden.
Zudem sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass die Interkantonale Stipendienkonferenz (IKSK) in ihrer Ausgangsargumentation zur Ausarbeitung des Stipendienkonkordats festgestellt hat, dass der Anteil der Studierenden, welche unterstützt werden auf 15-20% erhöht werden müsste, um Chancengerechtigkeit sicherzustellen [1]. Es muss betont werden, dass das Stipendienkonkordat in keinem Kanton zu einer solchen Erhöhung geführt hat. In der Realität wurde der Anteil der Studierenden, die Ausbildungsbeiträge erhalten, in vielen Kantonen durch das Konkordat sogar reduziert.
In diesem Text werde ich deshalb versuchen, die Schweizer Ausbildungsbeiträge mit denjenigen anderer europäischer Länder zu vergleichen. Damit will ich aufzeigen, wie gross die Unterschiede wirklich sind.
Schwierigkeiten
Versucht man die Ausbildungsbeiträge verschiedener Länder zu vergleichen, steht man vor verschiedenen Herausforderungen. Einfach die ausbezahlten Beiträge zu vergleichen, bringt nicht viel. Mit dem Betrag, den man in Zürich nur schon für die Miete eines WG-Zimmers ausgibt, kann man in anderen europäischen Stätten bequem leben. Zudem gibt es je nach Land unterschiedliche Vergünstigungen für Studierende (Semestertickets, subventionierte Wohnheime, verbilligte Lebensmittel, etc.). Dies alles macht es sehr aufwändig, festzustellen, wie hoch die jeweiligen Unterstzützungszahlungen im jeweiligen nationalen Kontext wirklich sind. Darum habe ich mich für diesen Artikel entschieden, nicht die absoluten Werte zu betrachten, sondern relative. Die Indikatoren, die wir betrachten werden, sind einerseits der Anteil, welchen die Ausbildungsbeiträge im Durchschnitt am Gesamtbetrag haben, den die Studierenden monatlich zur Verfügung haben (das monatliche Einkommen). Andererseits werden wir auch den Anteil der Studierenden betrachten, welche staatliche Ausbildungsbeiträge bekommen. Für die Statistiken greife ich auf die Datenbank von EUROSTUDENT (europäische Erhebung zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden) zurück. Natürlich hat in der Schweiz jeder Kanton sein eigenes System, wodurch sich grosse Unterschiede zwischen den Kantonen ergeben. Ich werde in diesem Text aber nicht näher auf diese Thematik eingehen. Die Publikation Die Schweiz und ihr(e) Stipendiensystem(e) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften beschäftigt sich eingehend mit dieser Thematik.
Anteil der öffentlichen Beiträge an Studierendenbudgets
In der Abbildung 1 sehen wir, welchen Teil des Monatseinkommen von Studierenden Ausbildungsbei im Durchschnitt ausmachen. Ich beschränken mich dabei auf diejenigen Länder, die Teil des Europäischen Wirtschaftsraums sind (im Datensatz sind allerdings nicht alle Staaten des EWR enthalten). Die EUROSTUDENT-Datensätze sind nach verschiedenen sozialen und studienbezognenen Faktoren aufgeschlüsselt. Der Einfachheit halber beschränken wir uns hier darauf, zwischen Studierenden, die bei ihren Eltern leben und Studierenden, die nicht bei ihren Eltern leben, zu unterscheiden. In beiden Fällen sieht man, dass die Schweiz am unteren Ende der Tabelle zu finden ist. Studierende, die bei ihren Eltern leben, erhalten (unter den betrachteten Ländern) einzig in der Slowakei weniger Unterstzützung als in der Schweiz (für die Tschechische Republik liegen keine Daten vor). Studierende, die nicht bei ihren Eltern leben, erhalten nur in Italien, Malta und der Tschechischen Republik weniger Unterstützung als in der Schweiz.
Anteil der unterstützen Studierenden
In der Abbildung 2 ist auf der vertikalen Achse (y-Achse) der Anteil der Studierenden, die Ausbildungsbeiträge bekommen, dargestellt. Auf der horizontalen Achse (x-Achse) ist dargestellt, welchen Anteil diese Beiträge am Einkommen dieser Studierenden im Durchschnitt haben. Im Gegensatz zu Abbildung 1 werden für die Berechnung des Durchschnitts hier nur diejenigen Studierenden betrachtet, die tatsächlich Beiträge erhalten.
Betrachten wir den Anteil der Studierenden, die unterstützt werden, so wiederhohlt sich die Feststellung, die wir oben schon gemacht haben. In kaum einem europäischen Land bekommen die Studierenden so wenig Unterstützung wie in der Schweiz. Einzig in der Tschechischen Republik werden noch weniger Studierende unterstützt als in der Schweiz.
Betrachtet man den Anteil, welche die Unterstützungsbeiträge am Einkommen der Studierenden haben, so scheint es auf den ersten Blick, als würde die Schweiz in diesem Punkt nicht so schlecht abschneiden. Tatsächlich liegt die Schweiz hier im Mittelfeld. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass nicht alle Studierenden, die in einem Land unterstützt werden, den gleichen Betrag bekommen. Erhalten in einem Land 60% der Studierende Unterstützungsbeiträge und decken diese im Durchschnitt 30% ihres Lebensunterhalts, dann kann man davon ausgehen, dass für die 10% die am meisten öffentliche Unterstützung erhalten einen weit höherer Anteil ihres Lebensunterhalts durch öffentliche Beiträge gedeckt wird. Rechnet man ein, dass in der Schweiz nur 9% der Studierenden, die zuhause leben, bzw. 13% der Studierende die nicht bei ihren Eltern leben, unterstützt werden, so werden die relativ hohen Werte auf der horizontalen Achse relativiert.
Anteil der Ausbildungsbeiträgen an den Ausgaben für die Tertiärbildung
Abbildung 3 bestätigt, was wir oben schon festgestellt haben: In der Schweiz werden Studierende viel weniger unterstützt als an anderen Orten in Europa. In der Tat war in 2011 die Tschechische Republik und Griechenland die einzigen Staaten, die einen noch kleineren Teil seiner Ausgaben im tertiären Bildungsbereich für Ausbildungsbeiträge ausgegeben haben als die Schweiz. Die Grafik muss zwar etwas mit Vorsicht genossen werden: Namentlich erklären sich die sehr hohen Anteile von Zypern sowie von Grossbritannien und Nordirland durch die sehr hohen Studiengebühren. Allerdings haben z.B. Norwegen, Dänemark, Schweden oder Deutschland keine Studiengebühren und geben trotzdem einen relativ grossen Anteil ihrer Bildungsausgaben für Ausbildungsbeiträge aus.[3] Somit kann dies nicht als Erklärungsansatz gebraucht werden.
Im Jahr 2013 wurde gemäss dem Bundesamt für Statistik im Bereich der tertiären Bildung — d.h. in der höheren Berufsbildung und bei den Hochschulen (ohne Forschung) — 7.97 Milliarden Franken ausgegeben.[4] Gleichzeitig wurden im Jahr 2013 im Tertiärbereich 167.67 Millionen Franken in der Form von Stipendien[5] und 13.55 Millionen in der Form von Darlehen[6] vergeben. Total macht dies 181.22 Millionen Franken. Somit ist der Anteil der Ausbildungsbeiträgen im Jahr 2013 bei 2.27% der Ausgaben für die Tertiärbildung. Dieser Wert unterscheidet sich also kaum vom Wert der im Bologna Process Implementation Report für das Jahr 2011 angegeben ist.
Schulssfolgerung
Sofern man nicht davon ausgeht, dass die Schweizer Gesellschaft komplett anders strukturiert ist als in anderen West- und Nordeuropäischen Staaten, lassen die oben dargestellten Statistiken keinen anderen Schluss zu, als dass die Schweizer Kantone und der Bund viel zu wenig in Ausbildungsbeiträge für Studierende investieren. Dies ist vor allem (auch) deshalb bedenklich, da in den meisten europäischen Staaten ein breiter Konsens über die Wichtigkeit dieser Beiträge herrscht und diese in der Tendenz sogar ausgebaut werden. So wurde zum Beispiel in Deutschland die Höhe der Ausbildungsbeiträge gerade um 7% erhöht. Gleichzeitig wurde zudem der Bezüger_innenkreis ausgedehnt.[7] Angesichts dieser Tatsachen lässt sich die Behauptung, dass die Stipendiensysteme der Schweizer Kantone die Chancengerechtigkeit garantieren, nur schwer aufrecht erhalten.
Es muss festgestellt werden, dass die Stipendieninitiative des Verbands der Schweizer Studierendenschaften eigentlich ein sehr moderater Vorschlag war, welcher es der Schweiz erlaubt hätte ihre Ausbildungsbeiträge auf ein Niveau zu bringen, wie es für einen der reichsten Staaten der Welt angemessen wäre und wie es andere europäische Industriestaaten schon seit langem haben. Dass es den bürgerlichen Parteien gelungen ist, diese Vorlage als radikal oder gar als „Grundeinkommen für Studierende“ zu brandmarken, wirft kein besonders gutes Licht auf die Schweizer Politlandschaft.
Auch wenn die Stipendieninitiative vor dem Volk keine Mehrheit gefunden hat, so ist ihr Anliegen nach wie vor aktuell. Wollen wir in der Schweiz ein Bildungssystem, in dem alle Menschen die gleichen Chancen haben, eine Ausbildung zu machen, so müssen die Ausbildungsbeiträge massiv erhöht werden. Aber auch Politiker_innen, die sich nicht besonders um die Chancengerechtigkeit kümmern, sollte klar sein, dass die moderne Wirtschaft auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen ist. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, wieso sich in der Schweiz kein breiter Konsens über die Wichtigkeit von angemessenen Ausbildungsbeiträgen einstellen kann.
[1] http://www.netzwerk-future.ch/data/Tages%20Anzeiger_2010_04_27_Stipendien.pdf
[2] Europäische Kommission/EACEA/Eurydice. The European Higher Education Area in 2015: Bologna Process Implementation Report. Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2015, S. 136
[3] Europäische Kommission/EACEA/Eurydice. The European Higher Education Area in 2015: Bologna Process Implementation Report. Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2015, S. 135
[4] http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/17/blank/01.Document.21671.xls
[5] http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/02/data/blank/05.Document.171725.xls
[6] http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/02/data/blank/05.Document.171735.xls
[7] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014/07/2014-07-21-bafoeg-reform.html
Weitre Informationen:
- Europäische Kommission/EACEA/Eurydice. The European Higher Education Area in 2015: Bologna Process Implementation Report. Luxembourg: Publications Office of the European Union, 2015
- Elena Obreschkow. Die Schweiz und ihr(e) Stipendiensystem(e). Hrsg. vom Verband der Schweizer Studierendenschaften. Bern: a Propos Verlag, 2013
- Valentina De Luigi, Laurence Boegli. La dimension sociale dans les hautes écoles: La Suisse en comparaison européenne . Neuchâtel: Office fédéral de la statistique (OFS), 2008
- Olaf Arbogast, Katrin Mühlemann, Nicole Schöbi, Pierre Zangger. Kantonale Stipendien und Darlehen 2014. Neuchâtel: Office fédéral de la statistique (OFS), 2015