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Andere Bezeichnungen
- Verrutschte Kniescheibe
- Mediala Patellaluxation
- Laterale Patellaluxation
- Kniescheibenverrenkung
Gängige Abkürzungen
- PL
Klassierung der Krankheit nach ICD-10
Zur Verschlüsselung von Diagnosen wird weltweit die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene ICD, die Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, angewendet. Sie werden vor allem in Überweisungsschreiben zwischen Tierärzten/Tierspital verwendet.
|ICD-10 Code||Krankheit|
|M22.0||Habituelle Luxation der Patella|
|M22.1||Habituelle Subluxation der Patella|
|M22.2||Krankheiten im Patellofemoralbereich|
Was ist die Krankheit
Unter dem Begriff Patella- (Kniescheibe) Luxation (Verrenkung), welche hauptsächlich eher kleinerebetrifft, versteht der Mediziner die Verlagerung der Kniescheibe aus ihrer ursprünglichen Lage. In 70 – 75 % der Fälle ist die Patellaluxation erblich, bzw. genetisch bedingt (polygenetisch, rezessiver Erbgang), allerdings kann sie auch in der Wachstumsphase entstehen, in den seltensten Fällen ist sie auf einen Unfall zurückzuführen.
Die Kniescheibe ist bei den betroffenen Hunden luxierbar, d.h. sie verbleibt nicht an ihrem ursprünglichen Platz, sondern verlagert sich nach leichtem Druck - oder ganz von selbst - nach aussen (lateral) oder innen (medial). Bei kleineren Rassen wird sie meist nach medial (zur Mitte) und bei grösseren nach lateral (zur Seite/nach aussen) luxiert.
Dieser Zustand kann vorübergehend (habituell), oder dauerhaft (stationär) auftreten.
|Vorderansicht der Knie|
Symptome
Besitzer berichten immer wieder, dass ihr Hund während des Laufens einen Hüpfschritt mit einem oder abwechselnd mit beiden Hinterbeinen einlegt. Bei manchen Hunden scheint auch das Treppensteigen oder das Hochspringen auf die Couch Schwierigkeiten zu bereiten. Und in ganz schlimmen Fällen können die Besitzer beobachten, dass ein Bein beim Laufen überhaupt nicht mehr belastet wird und der Hund nur auf drei Beinen läuft.
Alle diese Veränderungen deuten darauf hin, dass der Hund eine Verlagerung der Kniescheibe hat, was als Patellaluxation bezeichnet wird.
Anatomische Ursachen für eine Patellaluxation
- Mangelhafte bis gar nicht ausgebildete Rollfurche / Patella-Gleitlager, bzw. zu wenig hohe Rollkämme. Das heisst, das Gleitlager, in dem die Patella hin- und herbewegt wird, ist nicht tief genug.
- Zu kleine oder zu grosse Kniescheibe, die nicht in die Rollfurche passt.
- Achsenfehlstellung der Hinterbeine (O- und X). Dabei wird die Kniescheibe bei Bewegung schräg zur Rollfurche gezogen, wodurch es auf Dauer zur Überdehnung der Seitenbänder kommt. Bei O-Beinen springt die Patella zur Mitte, bei X-Beinen meistens zur Seite heraus.
- Durch die obigen Fehlstellungen kann es zur falschen Zugrichtung des „Musculus quadriceps femoris“ kommen, was zur Verlagerung der Kniescheibe führt.
- Falscher Muskelansatzpunkt.
- Mangelhafte Muskulatur.
- Schwaches Bindegewebe » Ausleiern der Bänder / Sehnen und Gelenkskapsel » fehlerhafter Halt für die Kniescheibe.
- Starkes Übergewicht begünstigt eine Luxation!
Folgeerscheinungen der Patellaluxation
- Schäden an der Hüfte und/oder der Wirbelsäule treten nicht selten in Kombination mit Patellaluxationen auf. Wobei nicht immer zu klären ist, ob das eine die Folge des anderen ist, oder umgekehrt.
- Generelle Haltungsschäden, die wiederum Arthrose zur Folge haben.
- Muskelatrophien (Verminderung der Muskelmasse) - hauptsächlich der hinteren Muskulatur -, aber auch des langen Rückenstreckers, wiederum bedingt durch die Fehlbelastungen.
- Gelenkentzündungen, Knorpelschäden -> Lahmheiten!
Diagnose
Die Kniegelenke werden manuell im Stehen und Liegen abgetastet. Ebenfalls wird der Hund im Laufen bewertet. Röntgenaufnahmen des Kniegelenks sind zur Diagnose und Gradeinteilung nicht geeignet. Sollte jedoch eine Operation in Erwägung gezogen werden, sind Röntgenaufnahmen unumgänglich, um die richtige Operationsmethode zu wählen bzw. festzulegen.
Gradeinteilung der Patellaluxation
Eine Methode, die Schweregrade der Luxation zu beurteilen, ist die nach Singleton. Sie dient nicht nur der Zuchtselektion, sondern sie wurde primär zur Entscheidungsfindung der jeweiligen Operationsmethode entwickelt:
Habituelle Patellaluxation, Grad 1
Es besteht eine habituelle Luxation. Durch Druck kann die Kniescheibe in Beuge- und Streckbewegung luxiert werden. Sie gleitet bei nachlassendem Druck aber sofort wieder in die Trochlea (Rollkamm) zurück.
Habituelle Patellaluxation, Grad 2
Die Patella kann durch den Untersucher oder das Tier selbst bei gestrecktem Knie luxiert werden. Sie gleitet nicht selbständig, sondern durch aktiven Druck, passive Bewegung oder Streckung des Kniegelenks in die Rollfurche zurück.
Stationäre Patellaluxation, Grad 3
Die Kniescheibe ist permanent nach medial/lateral luxiert. Durch Druck kann sie in das Gleitlager zurückverlagert werden. Allerdings reluxiert sie bei nachlassendem Druck wieder in die Ausgangsstellung.
Stationäre Patellaluxation, Grad 4
Die Patella ist permanent (stationär) luxiert. Eine Reposition ist nicht mehr möglich!
Hündinnen haben während der Läufig- und der Trächtigkeiten weichere, elastischere Bänder, was auf die entsprechend veränderte Hormonproduktion des Östrogens zurückzuführen ist. Die Kniegelenke einer Hündin sollten also zweckmässiger Weise nur ausserhalb dieser Zeiten auf eine eventuelle Patellaluxation kontrolliert werden, denn nur dann wird man den Normal-Status feststellen können – ansonsten könnte es zu einer schlechteren Beurteilung führen!
Behandlung Schulmedizin
Man muss berücksichtigen, dass die überwiegende Zahl der PL-Fälle lediglich leichten Grades sind und nur wenige davon überhaupt wirklich ein Krankheitsbild zeigen, das einer Behandlung bzw. einer Operation bedarf.
Bedenken sollte man auch, dass es zum Teil operationswütige Tierärzte gibt, die bereits eine PL 1 völlig unnötiger Weise operieren und damit den Hund dem Risiko aussetzen, nach der OP schlechter zu laufen als vorher, womöglich irreversibel. Eine zweite Meinung eines Spezialisten einzuholen ist in jedem Fall ratsam, auch sollte, wenn operiert werden muss, nur von einem Spezialisten operiert werden.
Durch einen chirurgischen Eingriff können sowohl die Knochenstrukturen verändert, als auch die Bewegung der Kniescheibe begrenzt werden. Die Rille zwischen den Knochenkämmen kann chirurgisch vertieft werden, um so der Kniescheibe besseren Halt zu geben. Die Kniescheibe selbst kann befestigt werden, um ein Herausgleiten zu vermeiden. Die Sehne des Quadrizep-Muskels kann abgetrennt und neu positioniert werden, so dass der Zug dieses Muskels die Kniescheibe nach unten und nicht mehr seitlich beeinflusst.
Der Hund erholt sich von einer solchen Operation recht schnell und ist normalerweise nach 6 Wochen in der Lage, das betroffene Bein ohne Einschränkung zu bewegen.
Seit kurzem kommen auch Implantate zur Anwendung. Sie kommen in eher schwereren Fällen einer Patellaluxation zum Einsatz, wo die heute benutzen Operationstechniken nicht ausreichend sind. Bei solchen Patienten ist der Rollkamm stark verändert. Der veränderte Rollkamm wird entfernt und anschliessend eine Halteplatte mit Schrauben auf dem Oberschenkelknochen fixiert. Der künstliche Rollkamm wird auf die Halteplatte gesteckt und die Kniescheibe wieder in ihre Urspungsposition zurückverlagert. Die Lauffläche der künstlichen Trochlea ist speziell behandelt und beschichtet, um die Reibung der Kniescheibe auf ein Minimum zu reduzieren. Im Gegensatz zur klassischen Operationsmethode dedarf diese Technik keiner Versetzung des Muskelansatzpunktes, da der künstliche Rollkamm entsprechend dem Muskelzu ausgerichtet wrden kann.
|Modell eines Patella-Implantates|
Behandlung Alternativmedizin
Physiotherapie
Hier wird als vorbeugende Massnahme - entgegen einer Operation und unterstützend - gezielt auf die schwachen Bänder/Sehnen und Muskeln hin gearbeitet. Es wird eine Orthese (Bandage) eingesetzt, welche die Patella in ihrer Ursprungslage stabilisiert. Diese Orthese ist leicht vom Besitzer zu wechseln!
|Knieorthese|
Die Behandlung läuft gezielt darauf hinaus, die mediale bzw. die laterale Muskulatur mit einer Elektrotherapie zu stärken (Gegenseite wird gestärkt).
Die Patellasehne wird mit einem Griff aus der humanen Sportmedizin ausgearbeitet. Und zwar oberhalb und unterhalb, um vorhandene Kontraktionen zu lösen bzw. funktionstüchtig zu machen.
Des Weiteren wird ein Programm aus der Ultraschalltherapie eingesetzt, um die Sehnen zu festigen und zu stärken. Auch das passive Durchbewegen und Mobilisieren einzelner Gelenke ist notwendig und nicht ausser Acht zu lassen! Sehr wichtig ist es auch dabei die Hüfte mit einzubeziehen!
Prognose
Was kann der Besitzer tun?
Bei einer leichten Patellaluxation, sprich einer Luxation vom Grad 1, ist es sehr wichtig, dass der Besitzer im freien Gelände Übungen zum Muskelaufbau der hinteren Gliedmassen durchführt. Sprich, der Hund sollte - wenn möglich - viele Steigungen, Hügel etc. laufen, um die Muskulatur zu stärken und zu trainieren.
Dies kann auch nach den Therapiestunden gut durchgeführt werden. Auch Schwimmen eignet sich nach einer gezielten Aufbauarbeit durch eine Physiotherapie.