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Babylonier. Assyrer. Chaldäer.
Kulturentwicklung. Wie das Nilland ist das Gebiet der beiden Riesenströme Euphrat und Tigris eine Hauptstätte ältester
Kultur, und zwar jener der semitischen Völkergruppe, welche hier ihr Bestes leistete, oder anders gesagt, ihre höchste
Stufe erreichte. Wahrscheinlich ist das fruchtbare Tiefland zwischen den Strömen auch der Ursitz, von
dem aus Stämme (die Aramäer) nordwärts in das gebirgige Quellengebiet der Flüsse, westwärts nach der Meeresküste und
südwärts nach Arabien vordrangen. Im mittleren Abschnitt des Gebietes - dem Mittelstromlande (Mesopotamien) - kam auch
die Kultur zur frühesten Entwicklung. Die sicheren geschichtlichen Nachrichten und Zeugnisse reichen allerdings nicht so
weit zurück, wie in
Aegypten - nur bis etwa 1500 v. Chr. -
und so muß die Frage offen bleiben, welche Kultur älter sei. Vielleicht kommt man der Wahrheit am nächsten, wenn man eine ziemliche Gleichzeitigkeit annimmt.
Die verschiedenen Herrschaftsgebiete. In der ältesten Zeit bestanden verschiedene Herrschaftsgebiete und demnach auch Kultur-Mittelpunkte, unter denen Bâbîlu, hebräisch Babel, griechisch Babylon genannt, eine besonders hervorragende Bedeutung erlangte, deren Herrscher dann auch Begründer eines großen, die verschiedenen Stamm- und Stadtgebiete zusammenfassenden Reiches wurden. Eine gewisse Selbständigkeit scheint zu allen Zeiten, auch während der größten Machtfülle Babylons, jedoch das nördliche Gebiet Aschshur (Assyrien) behauptet zu haben, dessen Herrscher endlich nach vielen Kämpfen das Uebergewicht über die babylonischen erlangten (seit 800 v. Chr.). Die assyrische Macht wurde wieder gebrochen durch den Stamm der Kaldi (Chaldäer), der von der Küste des persischen Meerbusens aus nordwärts vordrang und das «neubabylonische Reich» begründete (um 625 v. Chr.), dem die Perser (538 v. Chr.) ein Ende machten. Bei der Stammesgleichheit der Babylonier, Assyrer und Chaldäer - ihre Sprachen sind nur verschiedene Mundarten - ist ihre Kultur als eine einheitliche aufzufassen, und wenn man von einer babylonischen und assyrischen spricht, so bezeichnet dies Zeitabschnitte, nicht aber Wesensunterschiede. (Ich werde im folgenden der Kürze des Ausdrucks wegen die Bezeichnung «chaldäisch» für die ganze mittelasiatisch-semitische Kunst verwenden.)
Babylonische Zeit. Der erste Zeitabschnitt ist der babylonische. Die Bibel, wie auch ägyptische Berichte erzählen viel von der Macht und Herrlichkeit Babylons, das um 1400 v. Chr. bereits eine der berühmtesten Städte Asiens war, also auf einer bedeutend hohen Stufe der Kultur stand, welche starken Eindruck machte. Ueber den Entwicklungsgang bis dahin wissen wir natürlich nichts. Die Babylonier treten in die Geschichte ein mit ausgebildeten religiösen Vorstellungen, gesellschaftlichen Einrichtungen und entwickelten Arbeitsfertigkeiten. In letzterer Hinsicht standen sie schon damals den Aegyptern nicht nach, sie leisteten nicht minder Großartiges im Bauen wie in den Gewerben, deren Erzeugnisse weite Verbreitung fanden und den westasiatischen Markt beherrschten.
Mit den Aegyptern hatten die asiatischen Semiten außer der Begabung für Arbeitsfertigkeiten noch einige andere Züge gemein, den Nützlichkeitssinn, die Pflege der ¶
Wissenschaften, die Neigung für das Große und Prunkhafte. Ueberlegen zeigen sie sich an Einbildungskraft und an regsamer Beweglichkeit; sie halten nicht gar so zähe an dem Ueberlieferten fest und gelangen daher rascher zu Fortschritten, auch schließen sie sich nicht gegenüber fremden Einflüssen ab. Das hatte seine Vorteile, aber auch die Folge, daß die semitische Kultur sich nicht so lange in ihrer Eigenart erhielt, wie die ägyptische, sondern von dem indogermanischen Geiste - zuerst durch die Perser - völlig umgestaltet und endlich ganz in den Hintergrund gedrängt wurde. Dies gilt am meisten von der Kunst.
Dichtkunst. Die Dichtkunst wurde weitaus mehr gepflegt, als in
Aegypten, wenigstens sind uns viel zahlreichere
Schöpfungen erhalten geblieben. Der Sinn für Dichtungen gehört übrigens zu der Eigenart der Semiten. Religiöse Lieder
und erzählende Dichtungen sind die Hauptarten, Liebeslieder sind selten. Die Tonkunst wird wohl auch entsprechende Pflege
gefunden haben.
Baukunst. Auf dem Gebiete der bildenden Künste bethätigte sich die Begabung selbstverständlich zunächst in den Bauwerken. Während die Aegypter durch wuchtige Massen zu wirken suchten, erzielten die Chaldäer Eindruck durch räumliche Ausdehnung, Weitläufigkeit bei großer Einfachheit der Anlage. Von den ältesten Werken, welche in den Berichten und Sagen bewundernd genannt werden, ist allerdings nichts auf uns gekommen. Es waren dies ungeheure Turmbauten; die Bezeichnung Stufen-Pyramiden erscheint mir weniger zutreffend, weil sie im Hinblick auf die ägyptischen Pyramiden irrige Vorstellungen erwecken könnte.
Jene bestanden aus einer Reihe (7-8) von viereckigen Geschossen, deren Umfang nach oben zu immer sich verjüngte, so daß um jedes ein mehr oder minder breiter Absatz herumlief. Die Verbindung zwischen diesen Absätzen wurde entweder durch schiefe Ebenen (Rampen) oder durch Treppen hergestellt. Auf der obersten Plattform befand sich das Heiligtum, Altar und Standbild der Gottheit. Diesen Tempelbauten ähnlich wurden auch die Königspaläste angelegt. Sie standen gleichfalls auf abgestuften Unterbauten von ansehnlicher Höhe und zeichneten sich durch eine ungemeine Weitläufigkeit aus.
Die Ausgrabungen zu Khorsabad haben ein bezeichnendes Beispiel dieser Art Paläste zutage gefördert, welches die Grundzüge der üblichen Anlage erkennen läßt. Eine Doppelfreitreppe führt an der Vorderseite, eine schiefe Ebene (Rampe für Wagen und Reiter) an der Längsseite zu der Höhe des Unterbaues empor; hier wie dort gelangt man durch mächtige, mit Riesenstierbildern geschmückte Thorbauten in große Höfe. Der Haupthof ist jener an der Freitreppe; rechts und links sind teils Wohnräume für Weiber und Hofgesinde, teils Wirtschaftsräume, Ställe und Vorratskammern, welche weitere kleinere Höfe einschließen.
Der eigentliche Königspalast erhebt sich dem Thorbau gegenüber und hat einen zweiten Haupteingang auch von dem anderen großen Hofe her, in den man über die Rampe gelangt. Der Hauptpalast besteht aus einer Anzahl von Prunkgemächern und langen Wandelgängen - solche umschließen auch an den anderen Seiten den Hof -, zwischen denen kleinere Höfe sich befinden. Alle diese Räume hingen zusammen. Außerdem befanden sich auf dem Unterbau noch eine Stufen-Pyramide
^[Abb.: Fig. 38. Kopf aus Tello.
Wahrscheinlich zu einem der Fig. 39 ähnlichen Standbilde gehörig. Paris, Louvre.]
^[Abb.: Fig. 39. Steinbild des Königs Gudea.
Etwa 3000 v. Chr. (Nach de Satzec und Heuzey.) Gefunden in Tello. Der König sitzt auf einem Sessel; auf seinem Schoße der Plan einer Festung. Paris. Louvre.] ¶