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Am Mittwoch, 13. Mai 2015, wird um 18.00 Uhr in der Berner Kunsthalle das Buch «Lilly Keller. Künstlerin. – Literarisches Porträt» vorgestellt. Freut mich, Sie dazu einladen zu dürfen.
Im Mai 2011 hatte ich für die WOZ im Kunsthaus Grenchen über Lilly Kellers Ausstellung «entre ciel et terre» zu berichten. Das kurze Gespräch, um das ich die anwesende Künstlerin bei dieser Gelegenheit bat, dauerte dann zwei Stunden. Einige Tage später rief ich Keller an und schlug ihr vor, über sie ein grösseres journalistisches Porträt zu verfassen. Sie war einverstanden. Seither haben wir mehr als drei Dutzend mehrstündige Gespräche geführt, die ich gewöhnlich mit dem Aufnahmegerät aufgezeichnet und vieles davon später transkribiert habe. Zwischen Juli 2013 und Januar 2014 schrieb ich die erste Fassung des Porträts, das nun – zusammen mit 64 ganzseitigen Bildmontagen – in Josef Felix Müllers Vexer Verlag (St. Gallen) als Buch erscheint.
Aber warum schreibt ein Kunstlaie wie ich ein ganzes Buch über eine Künstlerin?
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Das Porträt. – Als ich nach Grenchen fuhr, arbeitete ich an Texten, die dann im August 2012 unter dem Titel «Alles bestens, Herr Grütter. Reportagen von Himmeln und Höllen» (Rotpunktverlag) erschienen. Ich schrieb damals auf die willkürlich festgelegte Länge von ungefähr 100'000 Zeichen vier Beiträge, die zwischen Sozialreportagen und Porträts chanchierten.
Die unjournalistische Länge zwang mich, inhaltlich breiter und formal vielfältiger zu arbeiten, als das beim Vollpinseln von Zeitungsseiten längst zur Routine geworden war. Für die WoZ (seit Herbst 2003 WOZ) hatte ich zuvor dreissig Jahre lang immer wieder Reportagen und Porträts verfasst. Zudem begann ich im Januar 2003, für Work, die Zeitung der Gewerkschaft UNIA, Berufsporträts zu schreiben. Bis Ende 2014, als ich mich wegen anderer Verpflichtungen von diesem Engagement zurückzog, sind es über hundertsechzig Beiträge geworden.
Noch während der Arbeit an den vier «Grütter»-Texten fasste ich die Idee, anschliessend ein Porträt ohne Zeichenbeschränkung zu schreiben. Ich wollte vertieft versuchen, auf der Basis von Gesprächen mit einem einzelnen Menschen eine ganze Welt aus Sprache zu entwerfen. Wenn Heinrich Heines Diktum, wonach «unter jedem Grabstein […] eine Weltgeschichte» liege, richtig ist, muss ja in jedem lebenden Menschen eine Weltgeschichte heranwachsen.
So begann im Juli 2011 die Zusammenarbeit mit Lilly Keller. Unsere Gespräche führten wir in der Küche und dem Atelier ihres Wohnsitzes in Montet (VD) und zweimal über zwei, drei Tage in ihrem Zweitwohnsitz in Thusis (GR). Allmählich kristallisierten sich für mich fünf zentrale thematische Aspekte heraus: 1. Keller als Hausherrin in Montet; 2. Keller als Künstlerin in der Zürcher und der Berner Kunstszene der fünfziger und sechziger Jahre; 3. Kellers «amoralische» Ethik des bedingungslosen Überschreitens aller Grenzen; 4. Kellers Ästhetik einer «grünen» Modernen, deren Kunst darin besteht, Natur als das Gewordene in das Werk als ihr subjektives Gemachtes zu übersetzen; 5. Keller als Hausherrin in Thusis.
Das nun erscheinende Buch umfasst diese fünf Kapitel.
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Die permanente Reformation. – Ich habe mich als Student der Scola Cantorum in Basel zwar einige Jahre mit der Musik bis 1750 und seither als Journalist mit aktueller Kulturpolitik und zeitgenössischer Literatur befasst – mit darstellender Kunst und der Art, wie man über sie spricht, jedoch nie. Trotzdem habe ich – neben biografischen, zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Passagen – im Buch nun auch längere Passagen über Kunst geschrieben, wobei mir sehr geholfen hat, dass Lilly Keller keine Theoretikerin ist, sondern als begnadete Erzählerin bei ihren Herleitungen immer von der Lebenserfahrung und von dem ausgeht, was mit den Augen zu sehen ist, bevor das verbildete Hirn Interpretationen zu liefern beginnt.
Am 15. Februar 2015 hat mir Lilly Keller die Foto eines Plakats gemailt, das sie gemacht und in ihrem Atelier aufgehängt hat. Das Plakat zeigt den Schriftzug: «Kunst anschauen – aber bitte keine Materialbeschreibung!» Ich habe zurückgemailt: «Was mir dazu in den Sinn kommt: Ich beobachte, dass junge Kunstschaffende heute gelernt haben, über die materiale Seite dessen, was sie tun, lang und sehr gelehrt zu reden. Was für mich oft im Gegensatz steht zur Belanglosigkeit dessen, was ich zu sehen kriege. Für mich ist das spannend auch unter dem Aspekt, dass die Sprache die Kunst immer mehr infiltriert: Die besten KünstlerInnen scheinen immer mehr die zu sein, die am besten über das reden können, was sie tun. / Kommt dazu: Die Akademisierung des Kunstdiskurses hat dazu geführt, dass das gelehrte Reden über Kunst zur ökonomischen Basis eines ganzen Wissenschafts- und damit Berufszweiges geworden ist. Und weil (wie die Literatur) auch die Kunst tendenziell immer mehr verschult wird – nur wer die entsprechende Ausbildung absolviert hat, kann ein Künstler / eine Literatin sein (weil er/sie die richtige Sprache zu sprechen gelernt hat) –, wird das technische ‘Reden-über’ noch immer wichtiger. / Mit der Zeit wird das vielleicht dazu führen, dass KünstlerInnen eine besondere Form von LiteratInnen sein werden: jene, die einen visuellen Impuls brauchen, um ihren Sprach-Tsunami loszulassen.»
Trotzdem habe ich mir als Kunstdiskurs-Laie nun angemasst, über Kunst zu reden und bin der Meinung, dass es wichtig war, es getan zu haben – auch wenn ich sehr wohl weiss, dass Laien wie ich stets dilettieren. Denn: Ist es nicht so, dass die journalistische Rede sowieso auf allen Diskursfeldern, wo sich Fachleute tummeln, dilettiert? Und dass die JournalistInnen – weil sie bei zunehmend miesen Arbeitsbedingungen diese Diskurse nicht einmal mehr ansatzweise denken, also reden können – immer häufiger Fachleute interviewen und zitieren, obschon ja klar ist, dass die neben ihrem Fachwissen immer auch standespolitische Interessen transportieren? Dass es dagegen eigentlich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Journalismus wäre, überall mitzureden, auch wenn das den Fachleuten nicht passt, die als Exegeten ihres Diskurses die Deutungshoheit beanspruchen müssen, weil sie von ihr leben? Dass es eigentlich die Aufgabe des Journalismus wäre, auf allen Diskursfeldern für die permanente Reformation zu sorgen – dafür, dass über die Dinge von öffentlichem Belang in der landläufigen Sprache disputiert und nicht in einer Herrschaftssprache nachgebetet wird?
Darum rede ich als dahergelaufener Journalist in «Lilly Keller. Künstlerin.» auch über Kunst.
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Der NONkONFORM-Nachtrag. – Erst während der Arbeit am Lilly Keller-Projekt ist mir klar geworden, dass ich damit auch einen Nachtrag zu meinem NONkONFORM-Projekt liefere: Noch einmal schreibe ich (insbesondere im zweiten Kapitel) über die kulturpolitischen fünfziger Jahre in der Berner Altstadt. Aber diesmal nicht fokussiert auf die idealistische Jungmännerszene, die sich um Reformpädagogik, Literatur und Politik bemühte, sondern aus Lilly Kellers Frauenperspektive fokussiert auf die Kunstszene, die eigentlich eine Künstlerszene war, deren Exponenten ihre Arbeit als «Frauenkunst» belächelten.
Und noch etwas: Seinerzeit hatte ich die Idee, aus dem NONkONFORM-Material eine Buch-Trilogie zu machen. Der erste Band zur Reformpädagogik («Begerts letzte Lektion») ist gelungen. Danach scheiterte ich beim Trennen des Stoffs für den zweiten Band über Literatur und für den dritten über Politik. Diese beiden Themenfelder waren so stark ineinander verwachsen, dass «Muellers Weg ins Paradies» schliesslich zwar doppelt so umfangreich wie das Begert-Buch, aber eben bloss ein Band wurde. So gesehen macht das Buch über Lilly Keller nun die NONkONFORM-Trilogie doch noch vollständig.
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Der Vorschlag, dem Buch «Lilly Keller. Künstlerin» den Untertitel «Literarisches Porträt» zu geben, hat Josef Felix Müller gemacht. Weil mir dieser Begriff im Gegensatz zur «Literarischen Reportage» wenig geläufig war, zögerte ich einen Moment, war aber danach einverstanden. Immerhin konnte ein Text von 350'000 Zeichen ja schon wegen der Länge tatsächlich nicht als «journalistischer» angesprochen werden.
Am 15. April 2015 teilte mir Müller dann mit, er habe in seinem verlegerischen Übermut das pdf des Keller-Buchumbruchs der Jury des Schweizer Buchpreises eingereicht. Hoppla! Plötzlich winkte dem Buch die Chance, auf die Longlist der richtigen Schweizerliteratur zu kommen und so schliesslich der neunzigst- oder wer weiss gar der neunundachzigst-beste literarische Text des Jahres 2014/15 zu werden!
Bereits am 23. April erhielt Müller von der Administrativsekretärin jener Jury dann allerdings folgende Mailmitteilung: «Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Text nicht ins Rennen aufgenommen werden kann, da es sich um ein Künstlerinnenporträt handelt und nicht einen im eigentlichen Sinne erzählerischen oder essayistischen Text. Ich hoffe, Sie können die Entscheidung der Jury verstehen.»
So ein Glück, dass ich das weiss! Hätte man mich gefragt, wie ich das literarische Porträt über Keller charakterisieren würde, hätte ich vermutlich gesagt, es sei ein aus kurzen Erzählungen geformter reformierter Essay über darstellende Kunst am Beispiel von Lilly Kellers Arbeit. Wie man sich doch beim Schreiben täuschen kann! Zum Glück gibt es fleissig lesende Jurys, die innert acht Tagen sagen können, wie es wirklich ist.