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| Athanasius (295-373) - Brief an Epiktet (Epistula ad Epictetum)

9.
Wenn sie so reden, bedenken sie nicht, wie sie sich selbst widersprechen. Denn wenn sie auch sagen, daß der Leib nicht aus Maria stamme, sondern dem Logos wesensgleich sei, so wird sich nichtsdestoweniger zeigen — damit man sie ja nicht für verständig halte—, daß sie mit ihrer Erwiderung zufolge ihrer eigenen Anschauung eine Vierheit behaupten. Denn wie der Sohn nach der Lehre der Väter, obwohl mit dem Vater wesensgleich, doch nicht selbst der Vater ist, sondern Sohn genannt wird, der mit dem Vater gleiche Wesenheit besitzt, so ist der dem Logos wesensgleiche Leib nicht der Logos selbst, sondern etwas anderes als der Logos; ist er aber etwas anderes, so wird zufolge ihrer Anschauung ihre Dreiheit zur Vierheit. Denn die wahre, wirklich vollkommene und unteilbare Trinität duldet keinen Zuwachs, wohl aber die von ihnen ersonnene. Und wie können jene noch Christen sein, die sich einen andern als den wirklichen Gott ersinnen. Überdies kann man ja auch das Unsinnige ihres zweiten Trugschlusses erkennen. Wenn sie deshalb, weil der Leib des Heilands aus Maria und ein menschlicher Leib ist und in den Schriften als solcher bezeichnet wird, glauben, es sei statt von einer Trinität von einer Vierheit die Rede, als ob des Leibes wegen ein Zuwachs entstünde, so irren sie sehr, weil sie das Geschöpf mit dem Schöpfer gleichstellen und meinen, die Gottheit könne einen Zuwachs annehmen. Sie sehen auch nicht ein, daß der Logos nicht um eines Zuwachses zur Gottheit willen Fleisch ward, sondern damit das Fleisch auferstand, noch daß der Logos aus Maria hervorging, nicht um besser zu werden, sondern um das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie können sie also glauben, daß der Leib, der durch den Logos erlöst und lebendig gemacht wurde, der Gottheit des Logos, der ihn lebendig gemacht hat, einen Zuwachs bringe? Einen großen Zuwachs erfuhr vielmehr der menschliche Leib infolge der Verbindung und Vereinigung des Logos mit ihm; denn er ward statt sterblich unsterblich, statt natürlich (ψυχικόν) geistig (πνευματικόν), und aus Erde entstanden ging er durch die himmlischen Tore ein. Die Trinität ist demnach, obwohl der Logos aus Maria einen Leib angenommen hat, dennoch Trinität, ohne einen Zuwachs oder eine Minderung zu erfahren; sie ist vielmehr immer vollkommen; und in der Trinität wird eine Gottheit erkannt und so wird in der Kirche ein Gott verkündet, der Vater des Logos.