Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/579

Der Autor und Übersetzer Florian Vetsch feiert in «Tanger Trance» den Mythos der marokkanischen Hafenstadt. Seine literarischen Spots, Momentaufnahmen und Porträts korrespondieren mit eigenwilligen Bildern der Fotografin Amsel.
Keine andere arabische Hafenstadt ist bis heute so legendär geblieben wie Tanger. Sie gilt als exotischer Ort der Sehnsucht und Verführung, ruchlos, rachsüchtig, lebensfroh und ekstatisch zugleich. Ein Stadtmythos, der auf die Zeit der internationalen Zone (1923–1956) zurückgeht, als Tanger und Umgebung von Franzosen, Spaniern, Briten und später Italienern verwaltet wurde und man dort tun und lassen konnte, was man wollte. Es gab Sex und Drogen aller Art, mondäne Partys, und wer im damaligen internationalen Handels- und Finanzzentrum investierte, konnte leicht viel Geld verdienen – ein Ambiente, das nicht nur Hautevolee und Geschäftsleute anzog, sondern auch KünstlerInnen aus der ganzen Welt: William S. Burroughs, Jean Genet, Francis Bacon, Tennessee Williams oder auch Paul und Jane Bowles.
Tangeriner Virus
Tanger wuchs zu einem kleinen kulturellen Zentrum an der Nordspitze des afrikanischen Kontinents, das auch nach dem Ende der internationalen Zone 1956 Musiker, Malerinnen und Autoren anzog. Einen kongenialen Überblick zur «kreativen Potenz Tangers» lieferte der St. Galler Autor und Übersetzer Florian Vetsch mit der Anthologie «Tanger Telegramm», die er mit Boris Kerenski 2004 im Bilgerverlag herausgab.
Nun hat Vetsch, der Tanger-Aficionado, eigene Texte als Hommage an die Weisse Stadt an der Meerenge von Gibraltar veröffentlicht. «Tanger Trance», der Titel des Buches, geht auf die Fotografin Amsel, alias Franziska Selma Muheim, zurück, die 2006 bei ihrem ersten Besuch der Hafenstadt, so Vetsch, «sofort den tangerinen Virus bekam» und von der die Bilder zum Buch stammen. Die Zürcherin verspürte in Tanger eine eigenartige Stimmung, die sie irgendwie «dizzie» gemacht habe. So kam die Trance zu Tanger, was angesichts traditioneller marokkanischer Musik – Jilala oder Gnouwa – bei der TänzerInnen in Ekstase fallen, dann kochend heisses Wasser trinken oder über glühende Kohlen laufen, nicht weit hergeholt ist.
Vetsch hat sechzig kleine Texte beigetragen, «kurze literarische Spots und Shots», wie er sagt, «die Poesie machen, Funken schlagen, ein Kaleidoskop eigener Memoiren». Es sind kurze Notate, Gelegenheits- und Widmungsgedichte an FreundInnen und Bekannte, Haikus, Anekdoten, Erinnerungen, Aphorismen, kleine Porträts von Taxifahrern und anderen Menschen, die ihm in Tanger über den Weg gelaufen sind oder irgendwie eine Beziehung zur Stadt haben. «Momentaufnahmen, die in wenigen Worten viel sagen», wie der tunesische Intellektuelle Abdelwahab Meddeb im Vorwort schreibt.
Dem Fisch sei Dank
Dazu gehören auch Anekdoten von Begegnungen mit dem US-amerikanischen Autor Paul Bowles (1910–1999) oder dem marokkanischen Geschichtenerzähler Mohammed Mrabet (geboren 1936), der seinen Erzählfundus angeblich einem Fisch zu verdanken hat: «Wenn du mich nicht tötest und mich wieder ins Meer hinausschwimmen lässt, erzähle ich dir unerhörte Geschichten.»
Die schwierigere Aufgabe bei diesem Band kommt der Fotografin Amsel zu. Es scheint fast unmöglich, der Hafenstadt, der in Jahrzehnten eine schier unendliche Zahl von Fotoausstellungen gewidmet wurde, neue Bilder abzuringen. Obwohl die Stadtsujets wie Strand, Cafés oder Häuserdächer die gleichen bleiben, schafft sie eine eigene Perspektive. Wie bei Vetsch sind es wieder Momentaufnahmen – von Menschen, Orten, Stimmungen: Fussballspieler am Strand oder Menschen auf der Quaimauer mit Blick übers Meer nach Spanien. Mit vielen Fotos bewegt sich Amsel weg vom konkreten Kontext Tanger, sie extrahieren das Motiv. Geometrisch und farblich perfekt komponiert, könnten die Bilder auch aus Beirut oder Damaskus stammen. Die Kinder auf dem Dach oder das Blut eines geschlachteten Schafs, das in den Gully gekehrt wird, wirken dann wie Einzelgemälde. Am Ende kehrt sie jedoch immer wieder nach Tanger zurück und schafft es, mit scheinbar einfachen Bildern – wie dem Mond über einer Häusersilhouette – die Atmosphäre der Stadt einzufangen.
Ausgangspunkt der Tanger-Reihe im Zürcher Museum Rietberg ist das Buch «Tanger Trance» des Kulturvermittlers, Übersetzers und WOZ-Autors Florian Vetsch. Eine Woche lang werden im Museum musikalische, literarische und fotografische Fäden aus der und in die marokkanische Hafenstadt gespannt. So zeigt Thomas Burkhalter, ein weiterer WOZ-Autor, am Freitag, 26. November, zusammen mit Simon Grab (Musik, Audiomix) und Michael Spahr (Video, Geräusche) eine audiovisuelle Performance, in der Umweltgeräusche, arabischer Rock, alte Schellackaufnahmen, neue Synthesizermusik und andere akustische Gegebenheiten zu einem Klangecho der arabischen Welt komponiert werden.
Die Reihe mündet am Dienstag, 30. November, in eine Lesung mit Carl Weissner, Jürgen Ploog und Ulrike Draesner. Weissner übersetzte über hundert Bücher aus dem US-Amerikanischen ins Deutsche, darunter Werke von Tanger-Exilanten wie William S. Burroughs und Allen Ginsberg. Ploog, «graue Eminenz» des deutsch-literarischen Untergrunds, hat die von Brion Gysin und Burroughs «erfundene» Cut-up-Technik weiterentwickelt. Draesner, diesjährige Gewinnerin des Solothurner Literaturpreises, hat im Rahmen des Austauschprogramms «West-östlicher Diwan» einige Wochen in Marokko verbracht.
«Tanger Trance» überschneidet sich mit der zehnten Ausgabe des vom Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrum Zürich organisierten Internationalen Poesiefestivals al-Mutanabbi. Zu Wort kommen dort unter anderen Suleiman Taufiq, Fawzi Karim, Bassem al-Meraiby, Manfred Chobot und Ilma Rakusa. Am Freitag liest die WOZ-Autorin Johanna Lier.