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Wenn ich eine Million Franken auf meinem Bankkonto hätte, dann würde ich aufhören zu arbeiten. Ich würde nur noch das tun, was mir Freude bereitet. Ich würde Menschen in prekären Lebensverhältnissen unterstützen, mit älteren Menschen den Tag bei einem Jass verbringen oder mit anpacken, wo meine Hilfe benötigt würde. Aber wäre all dieses Tun dann keine Arbeit? Was ist Arbeit eigentlich genau?
Die Linie zwischen ehrenamtlichem und freiwilligem Engagement sowie bezahlter Arbeit ist hauchdünn. Ich kann Angehörige freiwillig pflegen oder als Pflegefachperson dafür bezahlt werden. Ich kann als Freiwillige Kinder betreuen oder als privater Kinderbetreuerin dafür Lohn erhalten.
Das Thema „Arbeit“ ist in einer persönlichen Begegnung oft eines der Kernthemen. Lernt man einem Menschen neu kennen, so ist eine der ersten Fragen: “Und was schaffisch du?” Jene Menschen, die gerade keiner Arbeit nachgehen, weil sie beispielsweise keine Arbeit finden oder weil sie arbeitsunfähig sind, werden dann ziemlich schräg angeguckt. Jeder und jede scheint auf die Arbeits-Frage eine Arbeits-Antwort zu erwarten, obwohl wir wissen (sollten), dass die Schweiz nicht allen Menschen einen bezahlten Arbeitsplatz anbieten kann.
Meine Beobachtung ist, dass immer mehr bezahlte Arbeit verschwindet und irgendwann im selben Bereich wieder als unbezahlte Arbeit auftaucht. Das verstehe ich als Anfang einer Negativspirale: Weniger bezahlte Arbeit, mehr Ausgaben bei gewissen Sozialversicherungen und der wirtschaftlichen Sozialhilfe führen zu höheren Steuern und Abgaben bei den Arbeitstätigen und höheren Gesundheitskosten bei jenen, die nicht arbeiten (können). Indem weniger Ausgaben für die Mitarbeitenden anfallen, scheinen Organisationen vordergründig und kurzfristig Gewinne erzielen zu können. Schaut man jedoch genauer hin, so werden die Kosten nur umverteilt, z.B. auf die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe. Durch das Reduzieren von Arbeitsplätzen werden Menschen im System herumgeschoben; wer seine Arbeit nicht mehr ausführen kann, soll sich „umqualifizieren“. Dies kostet jedoch Geld und Zeit. Nicht jeder Mensch kann sich eine neue berufliche Tätigkeit aneignen, geschweige denn eine Umschulung finanzieren. Die Gesellschaft spricht gerne von der Eigenverantwortung, die jeder Mensch zu tragen hat. Aber was ist, wenn einem die geliebte und seit Jahren ausgeführte Arbeit wegen einer Reorganisation weggenommen wird? Ist das dann noch Eigenverantwortung oder die Verantwortung von Wirtschaft und Staat?
Aus meiner Perspektive verträgt sich das System der Arbeit nur bedingt mit den einzelnen Menschen. Das System bestimmt, welche Ressourcen nötig sind, statt sich an den Ressourcen der Menschen zu orientieren. Könnten die Menschen jener Arbeit nachgehen, die sie als Person am besten können, hätten wir ein vielseitiges, kreatives und innovatives Arbeitssystem.
Die Menschen sind der Grundstein für die Wirtschaft, denn ohne Menschen gäbe es die leistungsorientierte Arbeit nicht. Das zeigt doch, dass die Menschen grundsätzlich etwas leisten wollen. Ich denke, es ist nötig, dass die Arbeit mit Blick auf ihr Angebot und ihre Möglichkeiten mit den Ressourcen der einzelnen Menschen reorganisiert wird.
Vielseitige Ressourcen sind auch in der freiwilligen, ehrenamtlichen Arbeit zu finden. Jedoch sind diese Ressourcen oft „unsichtbar“, weil sie als so selbstverständlich erachtet werden und nicht entlöhnt werden. Betrachtet man diesen Arbeitsbereich etwas genauer, so fällt auf, dass es sich um Tätigkeiten handelt, die unser System der Arbeit überhaupt erst möglich machen respektive stabil halten. Was würden all die erfolgreichen Menschen tun, wenn niemand zu Hause für die Familien und den Haushalt sorgt? Was würde es die Gesellschaft kosten, wenn Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht mehr von Angehörigen betreut werden? Was würde es den Staat kosten und welche Ressourcen könnte er gewinnen, wenn jeder Mensch nur noch für sich schauen würde und niemand mehr Freiwilligenarbeit ausführen würde?
Arbeit ist weit komplexer als wir es uns überhaupt vorstellen können. Damit Arbeit im Büro, einer Werkstatt, auf dem Bau, im Dienstleistungsbereich, dem Verkauf etc. verrichtet werden kann, ist ein funktionierendes und ganzheitliches System von Gesellschaft und Wirtschaft nötig. Die Machbarkeit dieses Zusammenspiels fasziniert mich so sehr, dass ich es zu meiner beruflichen Aufgabe gemacht habe.