Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03506.jsonl.gz/2169

Lotte Ingrisch, Schriftstellerin aus Österreich, wollte in die Schweiz fahren, um hier zu sterben. Just dann wurden die Grenzen geschlossen. Die Behörden erwägen nun, eine Ausnahme zu bewilligen. Eine blinde Seniorin aus Bayern erzählt eine ähnliche Geschichte.
Lotte Ingrisch, Schriftstellerin aus Österreich, spricht mit energischer Stimme ins Telefon, als wolle sie sichergehen, dass keines ihrer Worte auf dem Weg in die Schweiz verloren geht. Sie sagt: «Ich bin jetzt 90 Jahre alt. Ich war mein Leben lang fleissig. Wenn Sie mich googeln, finden Sie eine lange Liste meiner Werke. Jetzt ist mein Leben aber leergebrannt. Ich möchte mich auslöschen, weil ich sinnlos geworden bin.»
Wer Lotte Ingrisch googelt, findet 40 Bücher, 40 Theaterstücke, 12 Hör- und 8 Fernsehspiele, die sie geschrieben hat. Zudem findet man einen Opernskandal, den sie 1980 in Wien mit einem angeblich gotteslästernden Stück über Jesu Hochzeit ausgelöst hat, und ausserdem ein Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, das ihr die österreichische Bundesregierung 2002 verliehen hat.
Ein Thema, das ihre Werkliste prägt, ist der Tod. Ihre Bücher tragen Titel wie «Die schöne Kunst des Sterbens», «Als ich merke, dass ich gestorben bin» oder «Reiseführer ins Jenseits». Schon vor sechs Jahren äusserte sie in der Zeitung «Der Standard» ihren Sterbewunsch: «Wenn in Österreich die Sterbehilfe legal wäre, hätte ich mich schon längst für die Müllabfuhr gemeldet. Ich bin 84 und habe mein Lied gesungen. Ende der Vorstellung.»
Die Vorstellung ging hinter den Kulissen weiter und wurde zur Tragödie. Ingrisch versuchte sich mit Medikamenten und Alkohol umzubringen, wie sie am Telefon erzählt. «Offenbar habe ich die falsche Dosis erwischt.» Die Folgen waren verheerend: «Ich bin im Spital erwacht als Pflegefall.» Seither könne sie sich nicht mehr selber duschen, frisieren, kleiden oder an- und ausziehen.
Wissenschaftliche Bücher könne sie keine mehr lesen. Ihr Gehirn sei am Schrumpfen, meint sei. Für die Zeitungslektüre reiche ihre Denkleistung zwar noch aus. Aber: «Für jemanden, der sich praktisch von der Welt verabschiedet hat, sind die Ereignisse dieser Welt nicht mehr so interessant.»
Könnte sie die Energie, die in ihrer Stimme zu hören ist, nicht dafür nutzen, um neue Interessen, einen neuen Sinn, zu finden? Ingrisch widerspricht ebenso energisch: «Was für einen Sinn soll ich noch finden? Alles, was ich sagen wollte, ist gesagt.» Ihren Kampf habe sie geführt und verloren. Sie engagierte sich für die Einführung eines Sterberechts in Österreich. Erfolglos: Suizidhilfe bleibt in Österreich verboten.
Ingrisch hat deshalb alles in die Wege geleitet, um eine letzte Reise in die Schweiz anzutreten. Es ist das einzige Land weltweit, in dem Suizidhilfe für Ausländer legal ist. In einschlägiger Ratgeberliteratur ist von der «Swiss Option» die Rede.
Ingrisch hat sich bei der Freitodorganisation Eternal Spirit gemeldet, mit deren Hilfe sie sich in Liestal eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital infundieren will. Ihre Familie habe sie informiert. Ihr zehn Jahre jüngerer Bruder habe vollstes Verständnis. Ihr Mann, ein berühmter Komponist, starb schon 1996 mit 78.
Kurz bevor Ingrisch jedoch in die Schweiz reisen wollte, meldete sich ihr Stiefsohn bei ihr. Er ist ehemaliger Innenminister von Österreich und sagte: «Lotte, du hast Pech beim Sterben.» Der Notstand war ausgerufen worden, die Grenzen wurden geschlossen.
«Jetzt liege ich da und warte. Das Warten ist eine Qual», sagt Ingrisch. Sie hofft, dass sie von der Schweiz eine Ausnahmebewilligung erhält. «Ich wäre todglücklich, wenn ich einreisen dürfte», sagt sie.
Gemäss der Covid-19-Verordnung kann in die Schweiz einreisen, wer sich in einer «Situation der äussersten Notwendigkeit» befindet. Dazu zählt eine «notwendige medizinische Behandlung». Die Behörden erwägen derzeit, ob Suizidhilfe dazu zählt. Das Staatssekretariat für Migration hat Ingrischs Antrag nicht abgelehnt, sondern sie gebeten, ein ausführliches Arztzeugnis und eine Bestätigung der Sterbeklinik einzureichen. Einen Virustest brauche sie hingegen nicht, heisst es im Schreiben der Schweizer Behörden.
Die Auswirkungen der Coronakrise sind paradox: Bei vielen Menschen, die leben wollen, wirken sie lebensverkürzend. Bei einigen Menschen aber, die sterben wollen, wirken sie lebensverlängernd.
Die Dimension zeigt ein Blick in die Statistik. Dignitas ist die grösste Freitodorganisation der Schweiz, die Ausländer aufnimmt. Im vergangenen Jahr starben 256 Menschen mit Dignitas, 97 Prozent waren Ausländer. Eternal Spirit führte 83 Freitodbegleitungen im Jahr 2019 durch, 80 Prozent waren Ausländer. Mit dem Lockdown wurde dieser Sterbetourismus unterbrochen.
In Deutschland zum Beispiel wartet Ilse Auerbeck, eine 68-Jährige aus Nordbayern, auf ihre letzte Einreise in die Schweiz. Sie ist seit der Geburt blind, weil sie keine Netzhaut hat. Aber sie habe nie gross mit ihrem Schicksal gehadert, erzählt sie am Telefon. Sie spricht von den glücklichen Zeiten: Wie sie als Studentin nach Kuba und Nicaragua reiste. Oder wie sie später mit ihrem Mann, dem Glücksfall ihres Lebens, wie sie sagt, auf dem Tandem durch Kroatien radelte. Sie habe sich mit ihm so gut verstanden, dass sie ein annähernd normales Leben habe führen können. Die glücklichen Zeiten endeten mit seinem Tod, Leukämie, vor zwei Jahren. Seither sei ihre Lebensqualität nicht mehr dieselbe. Die Ausflüge, die sie so liebte, seien kaum mehr möglich. Bevor sie zum Pflegefall werde, wolle sie deshalb ihr Leben selbstbestimmt beenden.
In Deutschland wäre das eigentlich auch möglich. Das Bundesverfassungsgericht hob im Februar das Verbot von geschäftsmässiger Suizidhilfe auf. Die neuen Abläufe seien aber noch nicht etabliert, meint Auerbeck, und sie habe ihre Abklärungen jetzt in der Schweiz begonnen, also möchte sie diese auch hier beenden.
Die wenigen Freunde, mit denen sie darüber gesprochen habe, könnten ihren Sterbewunsch nicht verstehen. Sie habe ja gar keine tödliche Krankheit und es sei doch noch viel zu früh, würden sie sagen. «Ich sage: Leute, ihr könnt mir diesen Entscheid nicht abnehmen. Ihr könnt meine Situation nicht ändern. Und ihr könnt euch meine Situation nicht vorstellen.»
Lotte Ingrisch formuliert es grundsätzlich: «Das Sterberecht gehört zum persönlichen Grundrecht.» Die Österreicherin und die Deutsche fordern die Schweiz dazu auf, ihre Grenze dafür wieder zu öffnen.