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| Tertullian († um 220) - Gegen die Juden (Adversus Iudaeos)

2. Kap. Schon vor Erlaß des Mosaischen Gesetzes gab es ein Gesetz Gottes für die Stammeltern im Paradies. Es umfaßte als einfaches Gebot des Gehorsams in sich alle positiven Gesetze. Schon vor Erlaß des Mosaischen Gesetzes bezeichnet die Hl. Schrift mehrere Personen als gerecht und Gott wohlgefällig, sie wurden es also durch das Naturgesetz.
Wir wollen also Stellung nehmen und den Kern der Frage selbst in festen Umrissen bestimmen. Warum soll man glauben, Gott, der Schöpfer des All, der Lenker der ganzen Welt, der Bildner des Menschen, der Vater aller Völker, habe das Gesetz durch Moses nur für ein Volk gegeben, und nicht vielmehr sagen, er habe es allen Völkern verliehen? Wenn er es nicht für alle gegeben hätte, dann würde er in keiner Weise Proselyten und Heiden den Übertritt dazu gestattet haben. Gott hat, wie es sich für die Güte und Billigkeit des Bildners des Menschengeschlechtes geziemt, für alle Völker dasselbe Gesetz gegeben, wann er wollte, durch wen er wollte und wie er wollte. Denn zu Anbeginn der Welt gab er auch Adam und Eva das Gesetz, daß sie von der Frucht des in die Mitte des Paradieses gepflanzten Baumes nicht essen sollten; wenn sie dagegen handelten, würden sie des Todes sterben. Dieses Gesetz würde für sie genügt haben, wenn es gehalten worden wäre. Denn wir finden, daß in diesem, Adam gegebenen Gesetze alle Vorschriften enthalten sind, die später durch Moses in so großer Fülle gegeben wurden, nämlich: "Du sollst Gott deinen Herrn lieben aus ganzem Herzen und aus deiner ganzen Seele, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis geben, Vater und Mutter ehren und Fremdes nicht begehren". Denn das uranfängliche Gesetz wurde Adam und Eva im Paradiese gegeben gleichsam als die Stammutter aller ferneren Vorschriften Gottes. Hätten Adam und Eva also Gott ihren Herrn geliebt, so würden sie nicht gegen sein Gesetz gehandelt haben. Hätten sie den Nächsten geliebt, d. h. sich selber, so würden sie den Einflüsterungen der Schlange nicht geglaubt und also auch den Mord an sich selber nicht begangen haben, indem sie durch Zuwiderhandeln gegen das Gebot Gottes der Unsterblichkeit verlustig gingen. Sie wären auch vom Diebstahl frei geblieben, wenn sie von [S. 304] der verbotenen Frucht nicht heimlich gekostet hätten. Es würde in ihnen auch nicht der Wunsch entstanden sein, unter dem Baume dem Auge des Herrn zu entgehen, wenn sie nicht Teilhaber an den falschen Versicherungen des Teufels geworden wären, indem sie hofften, wie Gott zu werden. So hätten sie auch Gott nicht beleidigt, der ihr Vater war, weil er sie aus dem Lehm der Erde, der gleichsam den Mutterschoß vertrat, gebildet hatte. Hätten sie Fremdes nicht begehrt, so würden sie von der verbotenen Frucht nicht gegessen haben.
Also in diesem allgemeinen und uranfänglichen Gesetze Gottes, welches nach der Bestimmung Gottes an der Frucht des Baumes den Gegenstand seiner Befolgung haben sollte, waren, wie wir sehen, speziell enthalten alle Vorschriften des späteren Gesetzes, die zu ihrer Zeit veröffentlicht wurden und zum Vorschein kamen. Denn Sache derselben Person, die vorher die Vorschrift erlassen hatte, war es, in der Folgezeit das Gesetz hinzuzufügen, weil eben dieselbe nachher das Amt des Lehrens übernehmen mußte, die ehemals Gerechte zu bilden angefangen hatte. Denn was ist daran Auffallendes, wenn derjenige die Disziplin erweitert, der den Grund dazu gelegt hat, wenn wer angefangen hat, weiter voran schreitet?
Ich behaupte also, vor dem auf steinernen Tafeln geschriebenen Gesetze Moses' existierte ein anderes, nichtgeschriebenes Gesetz, welches auf dem Wege der Natur erkannt und von den Vätern beobachtet wurde. Denn wie konnte Noe als gerecht erfunden werden1, wenn ihm nicht die Gerechtigkeit des Naturgesetzes vorschwebte? Wie konnte Abraham als Freund Gottes bezeichnet werden2, wenn nicht wegen der naturgesetzlichen Redlichkeit und Gerechtigkeit? Wie konnte Melchisedech ein Priester des höchsten Gottes heißen3 wenn es nicht schon vor dem levitischen Priestertume Leviten gegeben hat, die Gott Opfer darbrachten? Somit [S. 305] ist also das Gesetz nach den Patriarchen dem Moses übergeben worden nach dem Auszuge aus Ägypten, nach Verlauf und Dauer vieler Zeiten. Denn erst 430 Jahre nach Abraham ist das Gesetz gegeben worden. Daraus ersehen wir, daß es auch vor Moses schon ein Gesetz Gottes gab und nicht auf dem Horeb allein, auch nicht erst auf Sina oder in der Wüste, sondern daß es älter ist und zuerst im Paradiese gegeben, dann für die Patriarchen und daher auch für die Juden zu bestimmten Zeiten reformiert wurde. Daher achten wir nicht mehr auf das Gesetz Moses', als auf das ursprüngliche, sondern auf ein nachfolgendes, welches Gott zur bestimmten Zeit auch den Heiden anbot, und da es durch die Propheten verheißen war, verbesserte, wobei er darauf hinwies, daß das Gesetz, wie es zu bestimmter Zeit durch Moses gegeben sei, so auch als ein zeitweilig beobachtetes und gehaltenes werde angesehen werden. Auch möchten wir Gott, der nach der Beschaffenheit der Zeiten die Gesetzesvorchriften zum Heile der Menschen verbessert, die Gewalt dazu nicht absprechen.
Wer behauptet, es müsse auch jetzt noch der Sabbat beobachtet werden als Mittel zum Seelenheil und die Vornahme der Beschneidung am achten Tage wegen der Todesdrohung, der möge uns erst zeigen, daß in der Vorzeit die Gerechten den Sabbat gehalten und sich beschnitten haben und so Freunde Gottes geworden sind. Denn wenn es die Beschneidung ist, die den Menschen rein macht, warum hat Gott den Adam als Unbeschnittenen erschaffen und ihn nicht beschnitten, wenigstens nach seinem Fehltritt, wenn die Beschneidung reinigt? Indem er ihn ins Paradies setzte, hat er dem Paradiese sicher einen Unbeschnittenen zum Bewohner und Vorgesetzten gegeben. Da Gott also den Adam ohne die Beschneidung und die Beobachtung des Sabbats ließ, so war es konsequent, daß er auch dessen Sprößling, den Abel, der ihm Opfer darbrachte, belobte, obwohl derselbe Beschneidung und Sabbate nicht kannte, und daß Gott wohlgefällig aufnahm, was er in der Einfalt seines Herzens darbrachte, dagegen das Opfer seines Buders Kain verwarf, der seine Opfer nicht richtig verteilte. [S. 306] Den Noe, der auch unbeschnitten war und keinen Sabbat hielt, rettete Gott desungeachtet aus der Sündflut, Den Enoch, der auch unbeschnitten war und keinen Sabbat hielt, entrückte Gott als höchst gerechten Mann aus dieser Welt. Er hat den Tod noch nicht gekostet, damit er, bereits im Besitz der Ewigkeit, uns die Lehre gebe, daß auch wir ohne die Lasten des Gesetzes Moses' Gott wohlgefällig sein können. Melchisedech, Priester des höchsten Gottes, wurde als Unbeschnittener und ohne Beobachtung der Sabbate zum Priestertum Gottes auserkoren. Auch Loth, der Bruder Abrahams, beweist es, weil er wegen der Verdienste seiner Gerechtigkeit ohne die Beobachtung des Gesetzes aus dem Brande Sodomas befreit wurde.
1: Nach 1. Mos. 6,8.
2: Jak. 2,23.
3: 1 Mos. 14,18.