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Hans Eduard Fierz, Professor für organisch technische Chemie, erging es wie den Explosivsubstanzen, die er in seinen Lehrveranstaltungen über Sprengstoffe den künftigen Ingenieuren vorführte. Sein Ärger entlud sich in einer Beschwerde an den Schweizerischen Schulrat, das Leitungsgremium der Eidgenössischen Technischen Hochschule.
Der zornige Kläger: Hans Eduard Fierz, ca. 1933 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_14226-S012-AL)
Die Eingabe kam an der Schulratssitzung vom 30. April 1925 zur Sprache:
„Im Anschluss an die ‚Mitteilungen‘ gibt der Präsident Kenntnis von einem, an den Schulrat gerichteten Schreiben des Herrn Prof. Fierz dat.d. 28. April 1925 (Nr. 491), worin er mitteilt, dass er Herrn Prof. Staudinger vor längerer Zeit einen, zur Sprengstoffuntersuchung dienenden Apparat ausgeliehen und diesen in sehr vernachlässigtem Zustande wieder erhalten habe. Die Schuld schiebt er dem Hauptabwart des analytisch-chemischen Laboratoriums zu.
Der Präsident wird beauftragt, Herrn Prof. Fierz auf sein Schreiben – das seiner Ausdrucksweise verdiente, einfach beiseite gelegt zu werden – zu antworten, dass er sich in der Angelegenheit an seinen Kollegen Prof. Staudinger zu wenden habe, und dass sich der Schulrat damit nicht befassen könne.“ (ETH-Bibliothek, Archive, SR2: Schulratsprotokolle 1925, Sitzung Nr. 4 vom 30.04.1925)
Der unwillige Friedensrichter: Robert Gnehm, 1909 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_01238)
Der kritisierte Wortlaut der Beschwerde kann heute nicht mehr nachgelesen werden. Das Schreiben wurde nicht nur „beiseite gelegt“, sondern beiseite geschafft. Das Aktenstück Nr. 491 aus dem Jahr 1925 fehlt in den historischen Verwaltungsunterlagen. Ob der Präsident persönlich den Papierkorb füllte, oder seine Kanzlei die Protokollnotiz als Wink zur Entsorgung des Briefes auffasste, lässt sich nicht rekonstruieren. Die Kopie der präsidialen Antwort an Fierz vom 1. Mai 1925 enthält nur die Aufforderung zum direkten Kontakt mit Staudinger, sonst nichts.
Der mutmassliche Täter: Hermann Staudinger, 1935 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_14419)
Wie anderswo in den Schulratsprotokollen zu erfahren ist, hatte Präsident Robert Gnehm genug davon, bei immer wieder aufflammenden betrieblichen Querelen in der Abteilung für Chemie eingreifen zu müssen. Wegen solcher Reibereien war schon der Vorgänger des jetzt beschuldigten Hauptabwarts auf eine andere Stelle versetzt worden. Künftig sollten die Chemiker in ihrer Abteilung jedoch gefälligst selber für Ordnung sorgen. Schon wieder eine Versetzung des Hauswarts zur Entschärfung der Situation oder was auch immer wäre daher ohne vorherige abteilungsinterne Abklärung der Umstände nicht in Frage gekommen.
Hans Eduard Fierz (links) und ein vorsichtshalber weit entfernt stehender Laborgehilfe im grossen Hörsaal für anorganische und organische Chemie des ETH Chemiegebäudes, 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_01130)
Fierz mochte über die verweigerte Unterstützung seines ehemaligen Lehrers – Gnehm unterrichtete früher selber als Professor für technische Chemie an der ETH – enttäuscht gewesen sein. Besänftigt war er sicher nicht. Er war seit seinem Amtsantritt 1917 bemüht, die veraltete Einrichtung seines Instituts zu modernisieren. Das kostete ihn Jahre wegen der nur beschränkt zur Verfügung stehenden Beschaffungskredite. Die Entdeckung, dass jemand eine der teuren Neuerwerbungen beschädigt hatte und so sein Aufbauwerk torpedierte, hatte ihn verständlicherweise in Rage gebracht und gleichzeitig seinen Blick für den eigentlich Schuldigen getrübt. Nun, Fierz war – aus seinen unverblümten Korrespondenzen an andere Personen zu schliessen – nicht derjenige, der klein beigab. Er würde den Herrn Kollegen Staudinger auch ohne präsidiale Schützenhilfe zur Rede stellen.
Hermann Staudinger im grossen Hörsaal für anorganische und organische Chemie des ETH Chemiegebäudes, 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13425)
Hermann Staudinger, damals Professor für allgemeine Chemie an der ETH und später Nobelpreisträger, experimentierte anfangs der 1920er Jahre mit Tetrachlorkohlenstoff und Kalium-Natrium. Er hoffte, für die Sprengung mit Dynamit einen besser geeigneten Initialzünder zu finden als das gebräuchliche Knallquecksilber. Eine ganze Anzahl seiner Versuchsergebnisse meldete er zum Patent an. Doch erwies sich sein neues Verfahren in nachfolgenden Mehrfachtests als nicht praxistauglich. Dann setzte Staudinger, wie er in seinen Arbeitserinnerungen beschreibt, den End- und Höhepunkt der Versuchsreihe:
„Schliesslich wurde die Umsetzung von Tetrachlorkohlenstoff und Kalium-Natrium in einer Bombe vorgenommen, da dann in der Schmelze von Kaliumchlorid und Natriumchlorid Kohlenstoff unter hohem Druck zur Ausscheidung kommen sollte; dadurch sind möglicherweise Bedingungen gegeben, dass sich derselbe als Diamant abscheidet. In einem Steinbruch bei Zürich wurde unter entsprechenden Vorsichtsmassnahmen ein Vorversuch in dieser Richtung vorgenommen, bei dem jedoch die Bombe explodierte, so dass ich die Lust zu diesen temperamentvollen Versuchen verlor.“
Füllung einer Granate und Anfang des Kapitels „Die Initialzünder“, aus: Hans Eduard Fierz, Sprengstoffe Sommersemester 1923. Vorlesungsnachschrift von Fritz Schenker (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1178:20)
Kein Wunder war nach derlei Experimenten der Apparat von Fierz übel zugerichtet. Wie das dem Leihgeber beibringen? Zumal die Patentrechte der neuen unpraktischen Initialzündung sich wohl kaum versilbern liessen, ein lukrativer Diamantenhandel sich soeben mit Getöse in Luft aufgelöst hatte und somit vorerst keine Finanzen für ein Ersatzgerät in Aussicht gestellt werden konnten. Das alles kümmerte Staudinger womöglich wenig. Wozu hatte man als Professor seine Mitarbeiter, welche die Experimente nicht nur vorzubereiten, sondern auch hinterher aufzuräumen hatten. Die dienstbaren Geister dürften die lädierte Leihgabe notdürftig geflickt und möglichst unauffällig ins Instrumentendepot zurückgebracht haben. Sollte der Hauptabwart die Stirn gerunzelt haben, wenn er denn überhaupt die nötigen Kenntnisse von chemischen Apparaten besass, hatte man ihn wohl mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht, im Auftrag des Herrn Professor Staudinger persönlich zu handeln.
Apparat zur Gewinnung von Nitroglyzerin, aus: Hans Eduard Fierz, Technologie der Sprengstoffe, Sommersemester 1927. Vorlesungsnachschrift von Ernst Munzinger (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1390:82)
Die später folgende Unterredung zwischen den beiden Sprengstoffchemikern verlief wahrscheinlich geräuschvoll, denn nicht nur Fierz hatte ein kämpferisches Naturell, auch Staudinger galt als streitbar. Schriftliche Zeugnisse zur Aussprache sind nicht vorhanden. Fierz listete zwei Jahre später während seiner Sprengstoffvorlesung des Sommersemesters 1927 allzu gefährliche Varianten von Initialzündern auf, nebenbei auch Vorschläge von Staudinger, lobte hingegen an anderer Stelle kurz, aber immerhin, ein weiteres Verfahren des Kollegen: „Diese Methode war gut, ist aber durch die folgende verdrängt […]“. Allerdings weinte Fierz dem inzwischen an die Universität Freiburg im Breisgau weitergezogenen Staudinger keine Träne nach. In einem Brief vom 7. März 1927 an Leopold Ruzicka, ehemaliger Assistent von Staudinger und damaliger Professor an der Universität Utrecht, schrieb er:
„[…] ich glaube, dass man das Weggehen Staudingers nicht zu sehr zu bedauern hat, obschon er ja als Lehrer wirklich Hervorragendes geleistet hat.“ (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 1190:176)
Hinweise:
Unterlagen von und zu Hans Eduard Fierz sowie Hermann Staudinger, ebenso das historische Schulratsarchiv mit den Sitzungsprotokollen sind zu finden im Hochschularchiv der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek.
Hans Eduard Fierz-David: Autour de mon laboratoire. Conférence faite à l’Ecole supérieure de chimie de Mulhouse le 8 mai 1935. Extrait de l’annuaire des Anciens Elèves E.C.M., année 1935. Darin S. 83 zur Modernisierung der veralteten Einrichtung seines ETH Instituts. Der Auszug ist zu finden im Dossier Fierz, Hans Eduard der Biographica Sammlung des Hochschularchivs ETHZ.
Hermann Staudinger: Arbeitserinnerungen, Heidelberg 1961. Darin S. 50 die Versuche zu den Initialzündern und der synthetischen Herstellung von Diamanten.