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Honoré Daumier: Die Karikatur als gesellschaftspolitisches Instrument und Vehikel für ein geschärftes Geschichtsbewusstsein
Der Aufschwung der Karikatur in der Pariser Presse im 19. Jahrhundert ist den Verlegern der beiden satirischen Zeitschriften La Caricature und Le Charivari (Katzenmusik), sowie Künstlern wie Honoré Daumier zu verdanken. Die Wirren in der französischen Politik nach dem Tod Napoleons I, die Willkür der Regenten, die Blindheit und einseitige Parteinahme der Justiz, die strenge Zensur und der Strafgesetzartikel gegen die Majestätsbeleidigung schufen der Presse viele Angriffsflächen. Die Staatsmacht jedoch strengte unzählige Prozesse an, verhängte Bussen und brachte Verleger, Journalisten und Zeichner ins Gefängnis. Heute, 175 Jahre später, werden wir durch die aktuellen Vorgänge in der Türkei schmerzlich an diese Zeit daran erinnert.
Kurzlebenslauf:
Honoré Daumier kam am 26. Februar 1808 in Marseille als Sohn eines Kunsthandwerkers zur Welt. Honoré Daumier war zugleich Maler, Bildhauer, Grafiker und Karikaturist. Er ist ein wichtiger Vertreter des Realismus im 19. Jahrhundert. Von grösster Bedeutung sind seine politischen und sozialkritischen Karikaturen. Ab dem Jahr 1831 schuf Daumier unzählige Lithografien für die beiden eingangs erwähnten Blätter. Als Vorlagen für seine satirischen Zeichnungen über bekannte Zeitgenossen dienten ihm eine Vielzahl von kleinen Porträtplastiken, die er in Ton modellierte. Für seine treffenden, manchmal bitterbösen Karikaturen des Königs Louis Philippe wurde er im Jahr 1832 sogar zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt. Weniger bekannt wurde Daumiers Malerei. Im Alter erblindete er und starb verarmt in einem kleinen Dorf. 1880 wurde jedoch sein Leichnam auf den berühmten Pariser Friedhof Père Lachaise überführt und feierlich bestattet.
Bedeutung:
Daumiers Schaffen widersprach der damaligen idealistischen Kunstauffassung. Die zeitgemässe Themenwahl, die genaue Beobachtung der Wirklichkeit, Akzentuierung und Abstraktion bildeten den Erfolg der neuen Richtung. Die Verbreitung der Karikatur in den Printmedien wurde durch die Erfindung des Steindrucks (Lithografie) des Münchners Aloys Senefelder am Ende des 18. Jahrhunderts erst möglich. Honoré Daumiers Werk umfasst 4000 Lithografien, über 1000 Holzschnitte und 1100 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen. Der sechsmonatige Gefängnisaufenthalt 1832/33 schärfte seinen Verstand, bestärkte seine Überzeugung, gegen die Verantwortlichen des verhassten Regimes weiterzukämpfen, und machte seinen zeichnerischen Ausdruck noch prägnanter. So entstanden vernichtende Porträts der selbstgerechten Richter, Anwälte und Politiker. Aber auch die komische Seite des gemeinen Spießbürgerlebens und das Lächerliche der individuellen Natur wusste er scharf und kräftig, manchmal sogar brutal darzustellen.
Walter Zwahlen