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Auf einem Entwurf des Panoramas von Thun von 1808 hat Marquard Wocher das Freienhof-Gebäude ohne das markante Uhrtürmchen skizziert. Die endgültige Malerei von 1814 jedoch zeigt den auffallenden Dachaufsatz hingegen in voller Pracht. Sie zeigt ebenfalls Einwohner und Besucher Thuns auf den Gassen und hinter den Fenstern. Auf einem Fenstersims an der Oberen Hauptgasse erkenne ich nicht nur einen Pfeife rauchenden Mann, sondern zudem die Pfote eines Hundes und eine Zeitung: den «Schweizerboten», sagen wir vom 19. April 1808. Ich vermute, auf der dritten Seite stehe folgende (frei erfundene) Notiz zur Thuner Stadtentwicklung:
«Pagorett» statt Uhrtürmchen auf dem Freienhof geplant
Hartnäckigen Gerüchten zur Folge ist die älteste Gaststätte von Thun, der Freienhof bei der Schiffländte am Sinneplatz, einer ausländischen Gesellschaft unbekannter
Kulturbonzen verkauft worden. Es soll sich um eine Gruppe von Milliardären mit buddhistischem und islamischem Hintergrund handeln, die vorhat, den traditionsreichen, christlich geprägten Gastbetrieb im Herzen der Stadt aufzuheben, das Gebäude durch eine sanfte Renovation vollständig zu sanieren und teils in einen buddhistischen Tempel, teils eine Moschee zu verwandeln. Das schmucke Uhrtürmchen, das demnächst auf dem Dach erbaut werden soll, würde in diesem Zusammenhang durch ein «Pagorett», die Verbindung einer Pagode mit einem Minarett, ersetzt. Weder die Besitzerfamilie des Freienhof noch die Anwälte der vermögenden Käufer sind zur Zeit erreichbar. Der Statthalter hüllt sich in Schweigen. Der Volkszorn wächst.
Zwischen Freienhof und Aare auf dem Mist Köbu Kummer, der Pferdeknecht schmunzelt und sticht die Gabel beherzt in den Mist. Er träumt sich in eine glanzvolle Zukunft mit arabischen Vollbluthengsten statt mit Haflinger und Freiberger Kutscherpferden im Stall. Er, Köbu Kummer, würde dank seiner Kontakte in der Stadt und im Oberland bald Stallmeister mit verdoppeltem Gehalt sein. Keine Mistgabel würde er mehr persönlich in der Hand nehmen. Einen Turban würde er zwar nie tragen, aber Rosa, seine Frau, könnte jeden Tag die bessere Tracht anziehen wie Nachbars Käthi. Und wenn der Sultan ausser Landes wäre, und das wäre regelmässig der Fall, würde er, Köbu, in dessen Auftrag die Hengste bewegen, ausreiten auf die Allmend, dem Glütschbach entlang vielleicht oder einfach ins Westamt, zum Amsoldingersee und dann zum Satteltrunk im Landgasthof Weyersbühl. Und dem verstockten Fritzli, seinem missratenen Sohn, würde er endlich Beine machen. Gestern muss sogar etwas in der Schule oder auf der Gasse passiert sein. Aber ihm sagt niemand ein Wort, obwohl er den Verband an Fritzlis Knie und die roten Augen seiner Frau Rosa schon bemerkt hat. Seit Wochen ist sie wie verändert. Und Fritzli ebenso. Das wird sich bald ändern. Die werden schon sehen.
An der Aare in der Nähe des Kornhauses Rosa Kummer kniet auf dem morschen Steg am fliessenden Wasser, schwenkt mit rissigen Händen ein Leintuch im kalten Nass und schweigt mit rotem Kopf. Käthi und Anna, links und rechts neben ihr, versuchen seit einer halben Stunde, sie zum Reden zu bringen. Köbu, ihr verstockter Mann, der besser fluchen kann als reden, ist doch einer der Freienhofknechte, und der wird schon etwas über die Chinesen oder Araber oder Inder oder Perser oder Japaner wissen, welche den Freienhof zu einem Sünden-Tempel machen wollen. Im Dachstock soll sogar ein Harem eingerichtet werden. Rosa stöhnt. Köbu ist letzte Woche so still, bald hässig, bald wieder umgänglich gewesen wie kaum je zuvor. Manchmal stinkt er nach Bäziwasser. Manchmal stürmt er von Vollblutarabern. Das kennt man. Er meint wohl das Vollblutparadies im Dachstock, den künftigen Sündenpfuhl unter dem Pagorett. Und wie es mit Fritzli weitergehen soll, weiss Rosa auch nicht. Der Schulmeister hat ihr ausrichten lassen, ihr Einziger schwänze fast jeden Tag die Schule. Und gestern ist er mit blutendem Knie nach Hause gekommen. Hannes habe ihn mit zwei Kollegen verprügelt, hat er schliesslich gestottert. Ausgerechnet Hannes, der Sohn des Pfarrers. Sie hat schnell einen Verband gemacht, bevor der Vater dahinter gekommen und wie üblich über das fromme Pack auf dem Schlossberg getobt hat.
Frühstück im 2. Stock beim Rathausplatz Cécile Nydegger, die Schwester von Pfarrer Affolter, starrt auf die umgestossene Wegglibüchse und hört die Stimme ihres Sohnes Max schon seit einer Weile nicht mehr. Sie beachtet auch nicht die verträumten Blicke ihrer Stieftochter Lisette. «Du sollst keine anderen Götter neben mir haben», hat Bruder Beat zu ihr gesagt, als sie eifrig aus Voltaires Schrift «Traité sur la tolérance», über Glaubens- und Gewissensfreiheit, zitiert und die Ideen darin bewundert hat. «Und demnächst schwärmst Du noch von dem geplanten Teufels-Pagorett auf dem Freienhof und legst den Koran statt der Bibel unters Kopfkissen. Schäme Dich!» – «Wisch Du besser vor Deiner eigenen Tür, Beat, auch wenn sie auf halbem Weg zum Schlossberg liegt», hat sie entgegnet, «Dein Hannes lümmelt jeden Tag auf dem Rathausplatz herum, weicht keiner Prügelei aus, wirft Steine in den Stadtbrunnen und erschreckt mit anderen Grobianen und faulen Kerlen die Märitfrauen.»
Dieses Projekt ist Teil von Generationen im Museum (GiM). Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Generationen in Museen der Deutschschweiz sollen damit gefördert werden. Im Thun-Panorama entsteht ein Café drunter & drüber: Personen verschiedener Generationen sind eingeladen, miteinander Geschichten zu (er)finden, welche im 200-jährigen Rundbild von Thun spielen. Das Café will die Zusammenarbeit von Interessierten fördern, die sich mit Menschen, die 15 Jahre jünger (drunter) oder älter (drüber) kreativ auseinandersetzen wollen. Für das Café drunter & drüber ist das Kunstmuseum Thun verantwortlich. «und» das Generationentandem begleitet das Projekt neben Radio 60 Plus als Partner.