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Robert Paul Wolff: In Defense of Anarchism Irrweg „philosophischer Anarchismus“
Sachliteratur
In einer Diskussion darüber, was Studierende lesen sollten, um sich in der politischen Theorie ein Verständnis von neueren Ansätzen im anarchistischen Denken zu machen, schlug jemand den Text In Defense of Anarchism von Robert Paul Wolff vor.
Ich hatte zwar bereits von diesem Text gehört, konnte dem sogenannten philosophischen Anarchismus bislang nichts abgewinnen. Leider bestätigte sich diese Vorannahme bei meiner Lektüre. Als Beitrag zum Anstoss einer Debatte mag der In Defense of Anarchism lohnenswert und interessant gewesen sein. Für anarchistische Anliegen im Sinne von emanzipatorischen Kämpfen aus sozialen Bewegungen heraus bringt der Text recht wenig.
Möglicherweise scheitere ich jedoch auch bereits an der individualanarchistischen Grundannahme vermeintlich „autonomer“ Individuen, die Wolff aus Immanuel Kants Subjektverständnis herleitet. Diese Autonomie der Einzelnen stehe in einem grundlegenden Konflikt zur Autorität, welcher nicht durch repräsentative Demokratie aufgelöst werden könne. Zur Vermittlung schlägt der Autor direktdemokratische wöchentliche Abstimmungen mittels elektronischen Wahlmaschinen vor, welche zu Hause bedient werden könnten, wobei jeden Abend zur Hauptsendezeit die zu entscheidenden Themen in einer Sendung sachlich und in mit ihren unterschiedlichen Positionen dargestellt werden sollen.
Wolffs Vorschlag ist für seine Zeit vermutlich durchaus interessant und anregend gewesen. Letztendlich verbleibt er damit jedoch im republikanischen Denken, welches nach den richtigen Instrumenten fragt, um einen Gemeinwillen herauszubilden, während bspw. Klassen- und Eigentumsverhältnisse gar nicht thematisiert werden.
Meines Erachtens nach ist das Grundproblem schon im Autonomieverständnis Wolffs selbst angelegt, da es sich um einen bürgerlichen Subjektbegriff handelt. Dieser wird tendenziell eurozentrisch, weiss und männlich gedacht wird, beruht also schon immer auf Ausschlüssen. Sicherlich wollen seine Vertreter*innen den Bürger*innschaftsstatus auf alle Personen, die in einem Land leben ausweiten. Dass es dafür einer dezentralen Selbstorganisation der Kommunen bedürfte, um direkte Beziehungen herzustellen, erwähnt der Autor aber nicht. Autonomie ist zweifellos ein Schlüsselbegriff im anarchistischen Denken.
Es spricht allerdings viel dafür, sie vor allem als Organisationsprinzip für verstehen, eben weil sie damit auch die individuelle Selbstbestimmung beinhaltet und auf das theoretische Konzept der Selbstorganisation verweist.
Studierenden und Interessierten an philosophischem Denken kann der Text vermutlich eine Argumentationshilfe sein, z.B. um die häufig leichtfertig angenommene Legitimität des Staates in Frage zu stellen. Mit der Realität von sozialen Gruppen, die um eine Veränderung ihrer gesellschaftlichen Position und eine Transformation der Gesellschaftsform insgesamt kämpfen hat diese allerdings wenig zu tun.
Vor allem ist nicht anzunehmen, dass es sich dabei um den anarchistischen Text aus den 70er Jahren schlechthin handeln würde. Dass er ein mehrfach wieder auferlegter Bestseller war, spricht nicht für seinen Gehalt, sondern für das allgemein kaum ausgeprägte Wissen über den Anarchismus.
Robert Paul Wolff: In Defense of Anarchism. University of California Press 1998. 120 Seiten. ca. SFr. 10.00. ISBN: 978-0520215733.