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An den Schweizer Wirtschaftsfakultäten lernt man viel über Mathematik - aber nichts über Wirtschaft. Erinnerungen eines ehemaligen Studenten.
Da war er also, der Beweis. Der Dozent unterstrich das «g*>g» auf dem Projektor doppelt mit roter Farbe - das System der Pensionskasse führe somit eindeutig zu einem grösseren Wirtschaftswachstum als jenes der AHV, verkündete er.
Wir StudentInnen hatten die letzten zwei Stunden damit verbracht, komplizierte mathematische Formeln auszurechnen - je eine für das jeweilige Vorsorgesystem. Den mathematischen Schritten hatte ich mit einiger Mühe folgen können, doch eines wollte mir nicht in den Kopf: Welches wirtschaftliche Argument steckte hinter diesem angeblichen Beweis? Der Dozent konnte mir auch nicht helfen - das «g*» sei doch Beweis genug. Es klingelte - alle eilten aus dem Saal.
Es war Herbst 2003, ich studierte bereits seit drei Jahren Wirtschaft an der Universität Bern. Und wenn ich bis dahin etwas gelernt hatte, dann war es, zu rechnen: Arbeitsmarktmodelle, Gütermarktmodelle, Geldmarktmodelle, Kapitalmarktmodelle, Freihandelsmodelle, Konjunkturmodelle und viele mehr. Tagelang sass ich in einer dunklen Ecke einer Bibliothek, um über Seiten hinweg komplizierte Formeln zu rechnen. Die Resultate wurden in den Vorlesungen korrigiert - und kurz interpretiert: Mindestlöhne führen zu mehr Arbeitslosigkeit, hohe Steuern bremsen das wirtschaftliche Wachstum - und so weiter und so fort.
Wo bleibt der Wettbewerb?
Diskutiert wurde in den Vorlesungen so gut wie nie. Wie hätte man die ökonomischen Behauptungen diskutieren sollen, wenn kaum jemand im Saal begriffen hatte, welche konkreten ökonomischen Argumente hinter den seitenlangen Modellen steckten? Was wollte man dem Dozenten schon entgegenhalten, wenn sich am Ende herausstellte, dass «g*» grösser war als «g»?
Doch es gab noch einen weiteren Grund: Auf jede ökonomisch relevante Frage wurde stets nur eine einzige theoretische Antwort serviert. Die Grundlagen der Wirtschaftslehre, wie sie in Bern, aber auch in der übrigen Schweiz und in den meisten Teilen dieser Welt gelehrt werden, bestehen aus einem beinahe einheitlichen Korpus von Modellen. Während sich SoziologiestudentInnen in ihren Einführungsvorlesungen von Emile Durkheim bis Jürgen Habermas durch widersprüchliche Theorien kämpfen, um sich dann ihren eigenen Blick auf die Welt zurechtzuzimmern, rechnen sich die VolkswirtInnen durch die beiden Lehrbücher «Mikroökonomie» und «Makroökonomie» - widersprüchliche Argumente gibt es darin so gut wie keine.
Und so wurde mir mit jedem Semester eines immer klarer: Auch wenn die ÖkonomInnen nicht müde werden, die Effizienz des Wettbewerbs zu preisen - bei sich selbst wollen sie den Wettbewerb nicht.
Doch Moment. Hatten es die ÖkonomInnen vielleicht geschafft, unumstössliche Naturgesetze ausfindig zu machen? So wie beispielsweise die PhysikerInnen? Nein. Selbst im grundlegenden Einmaleins der Wirtschaft findet sich kaum eine Behauptung, für die es keine empirische Untersuchung gibt, die ihr widerspricht.
Entsprechend wären alternative Erklärungen durchaus vorhanden: Angefangen mit der keynesianischen und marxistischen Schule über zahlreiche Weiterentwicklungen der dominierenden Neoklassik bis hin zu Beiträgen aus der Psychologie, Soziologie und der Politikwissenschaft.
Doch solchen Ideen begegnen die StudentInnen bestenfalls im letzten Semester. Die 500 Seiten «Mikroökonomie» sind reine Mainstream-Theorie - empirische Belege sucht man darin vergeblich. Und zitiert ein Dozent empirische Studien, dann nur solche, die sein Kartenhaus nicht zum Einsturz bringen.
«Er hat den falschen Glauben»
Doch warum schauen die ÖkonomInnen so bereitwillig über die enormen Widersprüche zwischen ihrer Theorie und der Wirklichkeit hinweg? Ganz einfach: Kaum eine andere Zunft hat sich dermassen grosse ideologische Scheuklappen zugelegt - was nicht ins Weltbild passt, wird ausgeblendet. «He has the wrong beliefs!», er hat den falschen Glauben, pflegte einer meiner Dozenten zu entgegnen, wenn er auf einen abtrünnigen Ökonomen angesprochen wurde. Diskussion beendet.
Die Überzeugungen der alten angelsächsischen Moralphilosophen prägen die Wirtschaftslehre bis heute - und hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt. Jedes Mal, wenn die Schattenseiten der ökonomischen Freiheit an den Tag treten, werden die alten Schunken von Adam Smith oder John Stuart Mill aus dem Bücherregal gezogen und als ideologische Keule geschwungen: Die ökonomische Freiheit dürfe nicht angetastet werden, koste es, was es wolle - auch eine weltweite Finanzkrise.
Das ideologisch gefärbte Denksystem ist mittlerweile zu einem dermassen undurchsichtigen Labyrinth angewachsen, dass fast niemand mehr wagt, es infrage zu stellen. Und wer es dennoch tut, hat von Ökonomie nichts begriffen. Wann immer einer meiner DozentInnen sich wieder einmal über einen «Nichtökonomen» lustig machte, der eine andere Position vertrat, dann hatte mitzulachen, wer nicht zu jenen gehören wollte, die keine Ahnung von Wirtschaft haben. Also lachten alle.
So kompliziert ist es nicht!
Die Bilanz der Wirtschaftslehre - in der Schweiz und anderswo - ist ernüchternd: Die StudentInnen lernen nicht selbst zu denken - und am Schluss ihres Studiums «denken» sie alle gleich. Nicht zuletzt wegen dieser Verkümmerung der Wirtschaftslehre war es möglich, dass in den vergangenen Jahren eine riesige Horde von BörsianerInnen auf eine Katastrophe zurannte, ohne dass rote Ampeln zu leuchten begannen.
Es braucht an den Schweizer Wirtschaftsfakultäten nun vor allem eines: mehr Gedankenwettbewerb. Will die Wirtschaftswissenschaft fortschreiten, muss sie sich endlich der Kritik stellen. Und wenn an den mathematischen Modellen festgehalten wird, dann sollten die StudentInnen die dahintersteckenden Argumente zu verstehen lernen. So kompliziert ist das nicht: So fördern Pensionskassen angeblich deshalb das Wachstum (g*), weil sie Geld sparen, um es zu investieren, statt es - wie die AHV - den RentnerInnen zu geben. Spart ein Bauer und investiert er das Geld in einen grossen Traktor, wird er damit einmal mehr Kartoffeln ernten können als mit seiner alten Schaufel. So einfach ist das. Wer die Kartoffeln kaufen wird, wenn alle nur noch sparen, und ob die Kartoffeln ihn denn glücklich machen - darüber schweigt die Formel.