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Der buschige Schwanz, der schnell rennt
Auch wenn ich von Anfang an wusste, dass Somalikatzen nicht aus Somalien stammen, war mein Wunsch gross, einen somalischen Zwingernamen zu haben und den Baby's somalische Namen zu geben. Im Umkreis von etwa 100 km habe ich daraufhin so ungefähr in allen Buchläden und Bibliotheken nach einem somalischen Wörterbuch gesucht. Ohne Erfolg. Ich wollte Kontakt aufnehmen zu der somalischen Botschaft und musste feststellen, dass es eine solche in der Schweiz gar nicht gibt. Es folgten mehrere Versuche, das IKRK und somalische Botschaften im Ausland telefonisch zu erreichen. Vergeblich.
Endlich, im November 1992, kam ich auf die naheliegendste Lösung meines Problems: das Asylantenheim! Also ging ich hin und fragte an, ob sie nicht zufällig einen somalischen Asylbewerber hätten. Und so habe ich die Bekanntschaft von Abdi gemacht: Ein siebzehnjähriger, sehr charmanter und überaus intelligenter, an den Folgen von Kinderlähmung leicht gehbehinderter junger Mann, der erst vor 3 Monaten sein Land verlassen hatte. Nur ein paar Monate war es her, dass Abdi's Vater -von Kugeln durchbohrt- in seinen Armen gestorben ist, und trotz seiner Behinderung hätte Abdi -17-jährig und der letzte Mann in der Familie- das Gewehr und die Stelle seines Vaters im Bürgerkrieg einnehmen müssen. Sofort wurde die ganze Habe der Familie (die Eltern besassen ein kleines Gemischtwarengeschäft) verkauft, und mit dem Erlös konnten sie Abdi in Sicherheit, in die Schweiz schicken. Abdi"s Mutter und seine beiden Schwestern sind nach Kenia geflüchtet. Er hat nie wieder etwas von ihnen gehört.
Verständigungsprobleme hatten Abdi und ich von Anfang an keine. Denn -so unglaublich es auch klingen mag- Abdi hat in seinem Wahlfach in der Schule französisch gelernt! Warum? Nur einfach so, gab er mir zur Antwort. Zufall. Nie hätte er gedacht, dass er diese Fremdsprache wirklich jemals gebrauchen könne, und nun lebt er in der französischen Schweiz, in einer sehr netten Familie, hat eine Lehre als Drucker begonnen und letzten Herbst seine Zwischenprüfungen mit Erfolg bestanden! Ich habe eine riesige Hochachtung vor diesem jungen Mann.
Also, wie gesagt hatten wir keine Verständigungsprobleme, und Abdi freute sich riesig über mein Interesse an seinem Land. So erzählte er mir zum Beispiel, dass die Menschen in Somalien Katzen gegenüber sehr abergläubisch sind. Auf keinen Fall darf man ihnen etwas Böses zuleide tun. Sollte jemand unglücklicherweise eine Katze töten, etwa mit dem Auto, muss er sieben kleine "Besen" kaufen und sie in sieben verschiedenen Tempeln hinterlegen; so wird ihm verziehen.
Später fragte ich ihn, ob er bereit wäre, mir bei der Namensgebung zu helfen, und Abdi sagte begeistert zu. Er hat mir seitenweise Wörter übersetzt und deren Bedeutung erklärt. Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass es gar nicht so einfach ist, somalisch zu schreiben, denn bis vor Kurzem existierte diese Sprache nur mündlich. Zudem ist somalisch für uns Europäer ein echter Zungenbrecher. Wir haben uns denn darauf geeinigt, dass er übersetzt während ich das Wort so aufschreibe, wie ich es verstehe.
Als es darum ging, einen Zwingernamen zu suchen, fand Abdi, dass meine wildfarbenen Somalis ihn stark an seine einheimischen Eichhörnchen erinnere: Die Farbe, der buschige Schwanz sowie das aussergewöhnliche Kletter- und Springvermögen brachten ihn zu diesem Vergleich. Und so entstand Dab-Galeh, "Eichhörnchen", oder genau übersetzt "der buschige Schwanz, der schnell rennt".
Dank Abdi haben alle meine Kätzchen wunderschöne, klangvolle somalische Namen. Da gibt es Mondsichel, Wunder, von nobler Geburt, kleine Muschel, Prinz, Friede auf Erden, Fata Morgana, Liebe,Federchen, Grossmaul, die Charmante und noch ein paar, für die man ganze Sätze braucht, um sie zu übersetzen.
Ich freue mich schon auf das M-Jahr: Da wird ein kleiner Somalibube den Namen
"Mahadsan Abdi" kriegen.
Danke, Abdi!
(veröffentlicht in der Zeitschrift der IG Aby & Somali, Ausgabe 1-96)