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Soeben hat der Sinus-Verlag die Novellensammlung: «Die Leute von Seldwyla»
von Gottfried Keller als Buch und Hörbuch herausgegeben. Eine der Novellen hat einen klaren Bezug zu Wädenswil. Das Hotel Seehof, an der heutigen Seestrasse 94, ist nämlich Schauplatz von «Kleider machen Leute».
Text: Ingrid Eva Liedtke
Bilder: zvg
Hinter der Novelle «Kleider machen Leute» steht also eine wahre Geschichte, die vermutlich Gottfried Keller inspiriert hatte. Im Sommer 1844 soll die sogenannte Affäre Stechenheim ihren Lauf genommen haben: Eine Dame aus Köln und ihr Sohn gaben sich als Gräfin und Graf aus und residierten während zweier Monate im Hotel Seehof. Die beiden lebten in Saus und Braus und auf Kredit. Als die Rechnungen schliesslich beglichen werden sollten, war das Betrügerpärchen verschwunden.
Zehn Meister-Novellen zum Hören, gesprochen von 13 renommierten Schauspieler-Persönlichkeiten
«Die Leute von Seldwyla» ist eine Sammlung von zehn Erzählungen, in deren Genuss der einen oder anderen die meisten Schweizerinnen und Schweizer in ihrer Grundausbildung mal gekommen sind. Es seien nur «Romeo und Julia auf dem Dorfe», «Die drei gerechten Kammmacher» oder «Die missbrauchten Liebesbriefe» genannt.
Die Novellen sind in Berlin und Zürich über einen Zeitraum von fast drei Jahrzehnten entstanden. Dies und weiteres Hintergrundwissen kann der geneigte Hörer des Hörbuches aus dem «Nachlese»-Büchlein (mit einem Essay von Thomas Sprecher), das, nebst einer gedruckten Fassung der Novellen, den drei Hör-CDs beigelegt ist, erfahren.
Die Novellen werden von einer erlesenen Schar Sprecherinnen und Sprechern gelesen, erwähnt sei zum Beispiel der kürzlich verstorbene Schauspieler Peter Simonischek, der «Romeo und Julia auf dem Dorfe» liest oder Ulrich Noethen, der «Pankraz, dem Schmoller» seine Stimme leiht. Stefan Kaminski liest die Wädenswiler Geschichte. Die Stimmen dieser herausragenden Vorleserinnen und Vorleser, wie auch die umfangreichen Beibücher, die der Hörbuch-Box beigefügt sind, zeugen von der grossen literarischen Begeisterung und dem künstlerischen Qualitätsbewusstsein des Verlegers Albert Bolliger.
Von der Mehrheit abgehoben und mit Preisen ausgezeichnet
Die Sinus-Hörbücher sollen sich von der Mehrheit abheben, und das tun sie in der Tat. Neben den Beibüchern wurde von Bolliger auch ein Glossar erstellt mit erklärenden Begriffen zum besseren Verständnis für Kellers Novellen im Allgemeinen und für einige originäre Schweizer Formulierungen im Besonderen.
Darin ist beispielsweise als Hintergrundwissen zu «Kleider machen Leute» zu erfahren, dass das Gebäude an der Seestrasse 94, das ehemalige Hotel Seehof, noch immer steht und dass, bevor 1894 in Wädenswil Strassen- und Hausnummern eingeführt wurden, die Häuser Namen hatten.
Der Sinus-Verlag, der die literarischen Hör-Preziosen herausgibt, wurde 1990 von dem international bekannten Schweizer Konzertorganisten Albert Bolliger gegründet, ursprünglich um seine 40, mehrfach mit Preisen ausgezeichneten, CDs mit rund 80 historischen Orgeln aus ganz Westeuropa zu veröffentlichen.
Als «Buch und Hörbuch» bisher erschienen sind das Gesamtwerk von Conrad Ferdinand Meyer, die Sonette von William Shakespeare sowie Texte von Luis Vélez de Guevara, Pedro de Alarcón, Iwan Bunin, Nikolai Leskow, Fjodor Dostojewskij, Friedrich Nietzsche, Eduard Mörike, Marie von Ebner-Eschenbach, Pitaval-Schiller, James Joyce, Carl Einstein, Christian Uetz, Robert Musil und bis auf die letzten zwei Titel das kanonische Werk Gottfried Kellers.
Die Liebe zur Literatur
Die Liebe zu Musik und Literatur wurde Albert Bolliger wohl in die Wiege gelegt. Die Literatur begleitet ihn seit der Schulzeit, sagt er. Es braucht nur ein Stichwort, eine kurze Frage und er beginnt zu erzählen von Literaten und ihren Werken, von den Shakespeare-Sonetten, mit denen alles begann und was darin alles zu finden ist, was dahintersteckt. Man könnte stundenlang fasziniert zuhören und den wendigen Gedankengängen und Zitaten folgen – als wären sie Musik.
Hörbuch
Mit der Musik kam es wohl, dass für Albert Bolliger das Auditive im Vordergrund seht, was sich auch für die literarischen Editionen als Leitfaden abzeichnete. Und so kam der Verleger zum Hörbuch. Aber natürlich sollte auch dieses von besonderer Beschaffenheit sein.
Literatur in besonders edlen Ausgaben
Man kann sich fragen, ob in der heutigen Zeit noch ein Markt besteht für diese anspruchsvolle Literatur. Die Frage nach der Rendite wird abgeschmettert, denn wer Kunst mache – so in etwa der Tenor – frage nicht nach den Finanzen. «Es gibt genügend Liebhaber, die sich für diese Editionen interessieren.» Das will man gerne glauben, die gewonnenen Preise und Auszeichnungen bestätigen es.
Sind alte Meister noch lesbar?
Aber haben die «alten Meister» wirklich noch eine Leserschaft, beziehungswiese eine Hörerschaft verdient? Sind sie noch aktuell? Albert Bolliger ist überzeugt davon: «Alles, was allgemein menschlich ist, ist unverbraucht und immer aktuell. Natürlich braucht es ein gewisses Interesse an anspruchsvoller Literatur. Aber wenn man sich darauf einlässt, kann man auch sehr viel lernen aus der Vergangenheit. Die Themen sind seit der Antike. Man kann dies im Zusammenhang mit der Geschichte sehen, was sehr spannend ist. Gottfried Keller zum Beispiel, ist der wohl bedeutendste Dichter der Schweiz, der auch in Deutschland zu den grossen Klassikern der deutschen Literatur zählt.
Kann das Hören das Verständnis der Texte erleichtern?
«Ja, wenn man einen Text lesen hört von einem Profi, dann ist das nochmals ein ganz anderes Erlebnis. Wir haben die Besten dafür engagiert. Die professionelle Interpretation erleichtert das Verständnis. Die Satzstruktur erschliesst sich leichter. Unsere Hörbücher sind in ihrer Art einzigartig. In Deutschland sind sie auf der Bestenliste. Nicht immer bei den Bestsellern, aber ausgezeichnet für ihre Qualität.» Wenn man die liebevoll gestaltete Box der Edition «Die Leute von Seldwyla» betrachtet, wird es ganz klar: Die Leidenschaft erschafft das Schöne. n
Die Editionen «Buch und Hörbuch» sind erhältlich im Buchhandel oder direkt beim
Sinus-Verlag in Kilchberg, Postfach 52
8802 Kilchberg, Tel. 044 715 53 19
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