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Winterthurer Schachwoche 2004
von IM Martin Neubauer (der Artikel erscheint in leicht abgewandelter Form in der österreichischen Schachzeitschrift "Schach aktiv")
"Dies ist ein Schachturnier in einem Kirchgemeindehaus, bitte nehmen Sie keine Schusswaffen mit." Diese Verlautbarung leitete die Montagsrunde ein, nachdem am Vortag ein Gewehr im Turniersaal herumstand - die Reservisten der Schweizer Armee dürfen sich die Gewehre behalten und müssen einmal jährlich zu Schießübungen, und einer ging allem Anschein nach anschließend schnurstracks zum Schach.
Die Partien der 4. Winterthurer Schachwoche wurden jedoch mit rein schachlichen Mitteln ausgefochten. Die immerhin 100.000 Einwohner zählende Industriestadt steht zwar im Schatten der nahen Metropole Zürich, setzt aber vor allem in Jugendschach wichtige Akzente. Die Winterthurer Nachwuchsspieler Severin Papa (19) und Monika Seps (17) sind im eidgenössischen Olympia-Aufgebot, dahinter reift eine Reihe weiterer Talente heran.
Einige davon bekamen im Jungmeisterturnier die Chance, um eine IM-Norm zu spielen, die bei den teilnehmenden jungen IM's aber hart zu verdienen war. Severin Papa bewies große Kampfkraft und konnte sich die IM-Norm schon frühzeitig sichern, sein Sieg in der Schlussrunde gegen den ungarischen IM Hajnal zählte also schon zum "Kürprogramm" und sicherte ihm eineinhalb Punkte Vorsprung auf Ilmars Starostits, dahinter die weiteren geladenen Gäste aus dem Ausland. Die restlichen Schweizer blieben knapp unter der 50-Prozent-Marke (Schlusstabelle des Jungmeisterturniers).
Vier Großmeister führten die Setzliste im Open
an, alle vier mussten aber schon frühzeitig Federn lassen. Nachdem
Elofavorit Malakhatko bereits in der zweiten Runde ein Remis einstreute,
beklagten die GM's Kveinys (Litauen) und Miezis (Lettland) nach der
dritten Runde einen schwarzen Tag fürs Baltikum: Beide verloren
gegen klare Außenseiter, im Jungmeisterturnier unterlag der Lette
Starostits dem späteren Turniersieger Papa. Souveränes Schach
zeigte vor allem der 15-jährige Maxim Rodshtein aus Israel, der
sich gemeinsam mit dem Rumänen Albert Vajda etwas absetzen konnte.
In der siebenten Runde traten sie gegen die verfolgenden GM's Miezis
und Jenni an: Rodshtein überspielte Miezis nach allen Regeln der
Kunst, Vajda verteidigte sich gegen Jenni so lange, bis dieser den Bogen
überspannte und sich in einem verlorenen Endspiel fand.
Rodshtein, der im Jänner 16 wird, gewann bei diesem Turnier 30 Elopunkte und wird somit die 2400-Grenze überschreiten. Geboren wurde er in St. Petersburg, wo er als U-10-Champion des ehemaligen Leningrad seine ersten großen Erfolge verbuchte. 1998 zog er mit seiner Familie nach Israel, wo er in der Nähe von Tel Aviv lebt. Als bisher größten Erfolg nennt er den zweiten Platz bei der U-14-EM 2002. Dafür, dass sich sein schachliches Ziel, nämlich Großmeister zu werden, erfüllen wird, sorgt das wöchentliche Training mit Lev Psakhis, einst selbst einer der besten Spieler der Welt.
Obwohl Winterthur nicht allzu weit entfernt von
der österreichischen Grenze liegt, blieben die Vorarlberger Spieler
aus. Außer mir nahm noch der Klagenfurter Putz teil, der exakt
der Startrangliste entsprechend auf dem 43. Platz landete.