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Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte
Luzern, Reusssteg 7, Sonnenberghaus
Das winkelförmige Korporationsgebäude prägt das Stadtbild entlang der Reuss in der Luzerner Kleinstadt. Der Hauptbau, das ehemalige Sonnenberghaus, gehört zu den bedeutendsten Patrizierhäusern Luzerns aus dem 17. Jahrhundert. Im Rahmen der kürzlich durchgeführten Restaurierungsarbeiten haben wir aufschlussreiche Erkenntnisse zur Baugeschichte gewonnen.
Im Rahmen der Instandsetzungsarbeiten am Dach mussten Verkleidungen des Dachwerks entfernt werden. Das fachkundige Auge des Restaurators im Holzbau erkannte schnell, dass die äusserst steile und rauchgeschwärzte Dachkonstruktion älter war als bisher angenommen. Mittels dendrochronologischer Holzaltersbestimmung liess sich für das Holz des Dachwerks des nördlichen Gebäudeteils entlang der Reuss nachweisen, dass es im Winter 1485-86 gefällt wurde. Alle untersuchten Bauhölzer wiesen das gleiche Fälldatum auf und belegten damit die einheitliche Errichtung des Dachwerks. Hinweise auf eine spätere Aufstockung gab es keine. Diese Erkenntnisse sind neu, denn bis vor kurzem wurde angenommen, dass der heutige Hauptbau im Wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert stamme und Heinrich von Sonnenberg 1673-74 auf den Grundmauern mittelalterlicher Vorgängerbauten einen Neubau errichtet habe. Die neuen Ergebnisse der Bauforschung lassen den Schluss zu, dass es sich beim Sonnenberghaus bereits Ende des 15. Jahrhunderts um ein äusserst stattliches Gebäude aus Stein handelte und damit das Gebäude in dieser mächtigen Form sehr viel älter ist als bisher angenommen. In der Zeit um 1490 wurden in dieser Dimension nur besondere Häuser in Stein gebaut. Wie ist der Befund einzuordnen? Die Publikation von Fritz Glauser "Luzern jenseits der Reuss" gibt näheren Aufschluss darüber:
1485/86 wurde das Münzhaus neu ausgebaut und 1488 für 170 Gulden dem reichen Aufsteiger und Kleinrat Hans Schürpf verkauft. Er verleibte es seinem Haus an der Reuss ein, dem späteren Sonnenberghaus und heutigen Korporationsgebäude. Damals befand sich im Erdgeschoss die Münz, die 1549 in das Haus Gesellschaft zum Affenwagen am Platz (heute Bahnhofstrasse, Regierungsgebäude) verlegt wurde.
Eine bei Renovationsarbeiten in den 1950er-Jahren entdeckte Grisaille-Malerei (um 1490 datiert), welche sich an der östlichen Brandmauer im 1. OG unter dem Täfer erhalten hat, zeigt die Allianzwappen Schürpf/Lütishofen. Der von Glauser als reicher Aufsteiger bezeichnete Kleinrat Hans Schürpf war mit Barbara Lütishofen verheiratet, deren Wappen dargestellt sind. Der noch erhaltene Dachstuhl reicht in diese Bauphase von Hans Schürpf zurück. Seine Nachkommen verkauften 1537 das Gebäude an der Reuss an Christoph Sonnenberg (verheiratet mit Cathrine Clauser). Erst Katharina Sonnenberg konnte 1569 ein südlich gelegenes Haus dazu erwerben. In ihrem Besitz wurden die beiden mittelalterlichen Vorgängerbauten zusammengelegt und unter Einbezug der älteren Bausubstanz umgebaut. Von Katharinas Renaissancebau haben sich wenige Reste wie z.B. die einläufige Sandsteintreppe von der Eingangshalle ins erste Obergeschoss erhalten. Schliesslich erfolgte 1670-74 unter Heinrich von Sonnenberg ein tiefgreifender Umbau, der dem Gebäude im Wesentlichen das heutige repräsentative Erscheinungsbild verlieh. Aus dieser Bauphase stammt die Ausgestaltung der herrschaftlichen Eingangshalle im Erdgeschoss gegen die Reuss. Die mittelalterlichen Kellergewölbe wurden mit qualitätsvollem Barock-Stuck versehen. Aufgrund stilistischer Vergleiche identifizierte Adolf Reinle den aus Oberbayern stammenden Wessobrunner Trupp unter der Leitung von Michael Schmutzer als Künstler, denen auch die Stuckierung der Antoniuskapelle in der Franziskanerkirche und der Jesuitensakristei zugeschrieben werden. Hingegen wurden die acht Medaillons erst im 18. Jahrhundert oder sogar noch später hinzugefügt. Die Wappenmalerei stellt mit einer Ausnahme die Frauenseite der Besitzergeschichte dar. Denkbar ist, dass es sich dabei um eine Ergänzung handelt, die erst nach dem Erwerb durch die Korporation zugefügt worden ist. Als neue Besitzer schrieben sie mit ihren Umbauten im 19. und 20. Jahrhundert die umfassende Baugeschichte des Sonnenberghauses weiter. Heute wissen wir, dass diese noch weiter zurückreicht als bisher angenommen.