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Warum haben die Ökonomen die Krise nicht vorhergesehen?
Warum haben die Ökonomen die Krise nicht vorgesehen? Diese Frage sorgt seit längerer Zeit für grosse Kontroversen. Viele behaupten, dass die Grundannahmen der Ökonomie unrealistisch seien und an einem überholten Menschenbild festhielten. Den Homo oeconomicus, der jederzeit vollständig informiert ist und darauf aufbauend optimale Entscheidungen trifft, gebe es nicht. Kein Wunder, seien die Ökonomen blind für grosse Krisen.
Eine andere Meinung vertritt hingegen Raguram Rajan, Professor an der Chicago School of Business und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). In einem kürzlich erschienenen Artikel schrieb er:
«Ich würde behaupten, dass drei Faktoren unser kollektives Versagen im Wesentlichen erklären: Spezialisierung, die Schwierigkeit, Vorhersagen zu treffen, und die Losgelöstheit eines Grossteils der Ökonomen von der realen Welt.»
Die Erklärung von Rajan ist nicht weniger schmeichelhaft als diejenige der Modell-Kritiker. Aber sie hat ganz andere Implikationen. Wenn man davon ausgeht, dass die ökonomischen Modelle die Wirklichkeit ganz gut abbilden, besteht wenig Druck, die Ausbildung zu überdenken.
Mein Eindruck ist, dass Rajan die Mehrheitsmeinung vertritt und die Ausbildung deshalb unverändert bleiben wird. Die Lehrbücher werden nicht umgeschrieben, sondern allenfalls um ein Kapitel zur jüngsten Wirtschaftskrise angereichert. Olivier Blanchard, amtierender Chefökonom des IWF, hat es in seinem Lehrbuch «Macroeconomics» vorgemacht. In der eben erschienenen fünften Auflage beschäftigt er sich am Schluss auf zwanzig Seiten mit der «Global Crisis». Das Kapitel ist äusserst nützlich, aber beruht ausschliesslich auf bestehenden Modellen. Wer von einer grundlegenden Erneuerung der Ökonomie träumt, wird enttäuscht sein. Aber immerhin: Die Krise hat Eingang in die Lehrbücher gefunden.