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[* 2] (hierzu der Stadtplan), Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks der preuß.
ProvinzHessen-Nassau,
[* 4] bis 1866 Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Nassau, in einer an Naturschönheiten
und historischen Merkwürdigkeiten reichen sowie durch mildes Klima
[* 5] ausgezeichneten Gegend, am Südfuß des Taunus, 4 km vom
Rhein entfernt, Knotenpunkt der LinienWiesbaden-Mosbach und Wiesbaden-Biebrich der Preußischen Staatsbahn und Wiesbaden-Niedernhausen der Hessischen
Ludwigsbahn, 117 m ü. M., ist namentlich in ihren neuern Teilen sehr regelmäßig
gebaut und besitzt eine große Anzahl prächtiger Gebäude, eleganter Landhäuser und großartiger Hotels.
Die hervorragendsten Bauten sind: die neue evangelische Kirche (im romanisch-gotischen Stil, 1853-62 von Boos erbaut), mit drei
mächtigen Schiffen, schönen Altargemälden, trefflicher Orgel und Glockenspiel;
das im florentinischen Stil erbaute Regierungsgebäude;
das Theater
[* 9] (mit Schillerdenkmal auf dem Theaterplatz);
das
neue Schlachthaus;
das Justizgebäude etc. Ferner sind zu nennen: das prächtige, 121 m lange Kurhaus, das an beiden Seiten
mit stattlichen, als Bazare dienenden Säulengängen, einem von sechs ionischen Säulen
[* 10] getragenen Portikus und prachtvollen
Sälen geziert ist;
die neue, an der Hauptquelle, dem Kochbrunnen, errichtete große Trinkhalle, in der
Nähe derselben, auf dem Kranzplatz, eine schöne marmorne Hygieiagruppe von Hoffmann sowie auf dem Luisenplatz das Obeliskendenkmal, 1865 zur
Erinnerung an die nassauischen Gefallenen der Freiheitskriege errichtet.
Die ausgedehnten Parkanlagen am Kurhaus, mit einem
Teich und einer 36 m hohen Fontäne, erstrecken sich bis zur Wasserheilanstalt Dietenmühle und weiter bis
zur Burgruine Sonnenberg. Unmittelbar nördlich der Stadt erhebt sich der an seiner Südseite mit Weinbergen bedeckte, sonst
reichbewaldete Neroberg mit Restaurationsgebäude und Aussichtsturm, nach welchem seit 1888 eine Drahtseilbahn führt. Am
Abhang des Bergs steht die 1855 vollendete russisch-griechische Kapelle, welche HerzogAdolf als Grabmal für
seine 1845 verstorbene Gemahlin Elisabeth erbauen ließ. Die Zahl der Einwohner beläuft sich (1885) mit der Garnison (ein
Infanteriebat. Nr. 80 und eine Abteilung Feldartillerie Nr. 27) auf 55,454 Seelen, darunter 16,483 Katholiken und 1370 Juden.
Die Industrie der Stadt ist nicht hervorragend.
Die Bedeutung von Wiesbaden beruht auf den dortigen Mineralquellen, die jährlich von mehr als 80,000 Kurgästen besucht werden.
Die hier entspringenden Thermalquellen wurden schon von den Römern als Fontes Mattiaci (bei Plinius) oder Aquae Mattiacae (bei
Ammianus Marcellinus) benutzt, doch erwarb sich Wiesbaden als Kurort erst seit dem 16. Jahrh. einen ausgebreiteten
Ruf, der seitdem immer zugenommen hat, besonders auch, nachdem es wegen seines milden Klimas als Winteraufenthalt und behufs
der Abhaltung von Winterkuren so besucht wird, daß die Frequenz der Wintersaison derjenigen der Sommersaison kaum nachsteht.
Sämtliche Quellen geben zusammen 1,4 cbmWasser in der Minute. Der Kochbrunnen allein wirft täglich 45,5 Doppelztr.
Kochsalz aus, von andern Bestandteilen abgesehen, und versorgt 11 Badehäuser und täglich ca. 400 Bäder. Das Wasser der Quellen
ist meist klar, durchsichtig, nur bei einigen etwas ins Gelbliche spielend, entwickelt unaufhörlich
Luftbläschen, besitzt einen faden, laugenhaft ammoniakalischen Geruch, ähnlich dem von gelöschtem Kalk oder gekochten Eiern,
und einen faden, ungesalzener Fleischbrühe
ähnlichen Geschmack.
Das auf der Oberfläche des Wassers sich bildende schillernde Häutchen, die Thermenhaut oder Salzhaut genannt, besteht fast
bloß aus Kalkerde; der in den Kanälen, durch welche das Wasser fließt, sich absetzende rotbraune Sinter
besteht aus Eisenoxyd, kieselsaurer Thonerde, schwefelsaurem Kalk, vorzüglich aber aus kohlensaurer Kalk- und Thonerde. Außer
den Thermalquellen besitzt Wiesbaden im NW. der Stadt auch noch drei ärztlich nicht benutzte Mineralquellen von 9,4-20° C. Die Thermen
von Wiesbaden werden zum Baden
[* 11] (auch in Form von Douchen und Dampfbädern) wie zur Trinkkur benutzt und haben
sich als treffliches Heilmittel bewährt bei Katarrhen des Magens und des Verdauungskanals, ferner bei Rheumatismen, bei Hämorrhoiden
und überhaupt Unterleibsstockungen, bei Gicht (jedoch erst nach dem Verschwinden aller Entzündungssymptome), endlich bei
verschiedenen Hautkrankheiten,
[* 12] alten Geschwüren und Neuralgien. In Wiesbaden befindet sich auch eine gymnastische
Heilanstalt, eine Anstalt zur Heilung von Morphiumsüchtigen, berühmte Augenheilanstalten, 2 Kaltwasserheilanstalten (Nerothal
und Dietenmühle), eine Militärheilanstalt (Wilhelmsheilanstalt) etc. Ebenso wird Wiesbaden behufs
der Trauben- und Milchkur stark besucht.
Sonst ist Wiesbaden Sitz einer königlichen Regierung, eines Konsistoriums, eines königlichen Polizeipräsidiums,
eines Landratsamtes (für den Landkreis Wiesbaden), eines Landgerichts, einer Forstinspektion, eines Bergreviers, eines Steueramtes
etc. In der Umgegend sind zu nennen: die RuineSonnenberg, teilweise restauriert, mit Restauration und hübschen Spaziergängen;
Mauerreste aufgefunden worden. Seine Lage im deutschen Gau Kunigesundra, dem Stammgebiet der Grafen von Nassau, macht es erklärlich,
daß Wiesbaden seit dem 11. Jahrh. diesem Geschlecht gehörte. 1255 fiel es der Walramschen Linie zu, kam 1355 an den alten Idsteiner
und 1605 an den SaarbrückerZweig. Bei dessen Teilung 1659 ward es der LinieNassau-Usingen überwiesen. 1744 wurde
der Sitz der Regierung von Usingen hierher verlegt, und 1815 ward Wiesbaden die Hauptstadt des Herzogtums Nassau; doch residierte der
Herzog nur im Winter in Wiesbaden 1866 ward Wiesbaden preußisch und Hauptstadt eines Regierungsbezirks.
Vgl. Pagenstecher, Wiesbaden in medizinisch-topographischer
Beziehung (Wiesb. 1870);