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Drei Jahre nach ihrer Trennung waren die Beatles populärer denn je. 1973 wuchs eine neue Jugendgeneration heran, die ihre Musik neu entdeckte. Zudem waren alle vier Bandmitglieder als Solomusiker erfolgreich. 1966 hatten sich die Fab Four von den Konzertbühnen zurückgezogen. Ausser der «Wings Over Europe»-Tour von Paul McCartney im Sommer 1972 – mit je einem Konzert in Zürich und Montreux – blieben die Beatles weiterhin den Bühnen fern.
Ausserdem waren die Beatles trotz ihren legendären Alben Ende der Sechziger-Jahre eine Single-Band. Ihre grössten Hits wie «She Loves You», «All You Need Is Love» oder «Hey Jude» waren damals auf keinem Album erhältlich. Die Produktion von Singles wurde jedoch im Gegensatz zu den Alben nach ihrem Verschwinden aus den Charts eingestellt. Das Bedürfnis nach einer Zusammenstellstung mit den grössten Hits der Beatles war gross. Und da keine in Aussicht war, hatten sich Musikpiraten der Sache angenommen und waren 1972 ziemlich erfolgreich damit gewesen.
wie Phoenix aus der juristischen Asche
1972 veröffentlichte das in Asbury Park in New Jersey (Heimatort von Bruce Springsteen) beheimatete Label Audiotape Inc. das Doppelalbum «Alpha Omega». Das Album umfasste sechzig Songs der Beatles, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob es sich um Originalaufnahmen, Coverversionen oder gar wie mit «Maybe I'm Amazed», «Imagine» oder «Bangladesh» um Soloaufnahmen handelte. «Alpha Omega» war deswegen so erfolgreich, weil es mit Radio- und TV-Spots beworben worden war.
Das breite Publikum konnte nicht wissen, dass es sich um eine illegale Platte handelte. In den USA haben Tonaufnahmen ursprünglich nicht einem Bundesgesetz unterstanden, sondern waren föderal, durch verschiedene gliedstaatliche Einzelgesetze geschützt. Per 15. Februar 1972 trat das Sound Recording Amendement in Kraft und versuchte halbherzig, die Musikpiraterie zu unterbinden. Anstatt sämtliche Bootlegs zu verbieten, unterstanden Aufnahmen, die bereits veröffentlicht waren, weiterhin den regionalen Gesetzen. In New Jersey war dieses ziemlich lasch. So konnten Raubpressungen wie «Alpha Omega» weiterhin legal über den Versandhandel bezogen werden.
Inserat für «Alpha Omega» von 1972. – Foto: Screenshot von aboutthebeatles.com
1972 waren die Bealtes noch in juristischen Verfahren untereinander verstrickt, um ihre geschäftliche Partnerschaft aufzulösen. Dennoch stimmten sie mit Vorbehalten einer Veröffentlichung zu. «Ich wollte verhindern, dass lausige Versionen veröffentlicht würden. Ich wollte die Musik so veröffentlicht haben, wie sie ist. Darum bat ich Capitol/EMI oder EMI/Capitol, wen auch immer, sie sollen George Martin damit beauftragen, denn er weiss, was er damit machen muss», erzählte John Lennon 1980 in einem seiner letzten Interviews Andy Peebles. «Ich wollte keinen komischen Typ, der die Songs kopiert und dann veröffentlicht. Die bisherigen Wiederveröffentlichungen waren allesamt ziemlich lausig.» Damit hat John Lennon eine Tatsache ausgesprochen, die damals sowohl für die legalen wie illegalen Kompilationen gegolten hat. In beiden Fällen wurden Tonbandkopien von einer Schallplatte gemacht und wieder neu auf Vinyl gepresst. Bei jedem Kopiervorgang hat die Qualität der Aufnahmen gelitten.
Am 16. Februar 1973 verklagte Allen B. Klein, der seit 1969 auch ohne McCartneys Einverständnis als Beatles-Manager gegolten hatte, im Namen von George Harrison, Capitol und Apple Records neben Audiotape Inc. auch die Medienunternehmen wie ABC, die Werbung für «Alpha Omega» publiziert hatten, auf 15 Millionen Dollar Schadenersatz. Die Medienhäuser wurden von der Klage ausgenommen, nachdem sie sich aussergerichtlich verpflichtet hatten, keine Werbung mehr für «Alpha Omega» zu publizieren. In der Klageschrift heisst es, dass die Beatles seit September 1969 (als Klein ihre Geschäfte übernommen hatte) 19 Millionen Dollar verdient hätten. Wie die Gerichte entschieden haben, kann heute nicht mehr eruiert werden, da die Dokumente zum Verfahren nicht mehr vorhanden sind. Mit dem Verfahren gegen Audiotapes Inc. jedoch haben sich die Beatles als Gruppe, wie Phoenix aus der juristischen Asche ihrer einzelnen in juristischen Streitereien untereinander, erhoben. Denn Capitol Records schlug 1973 auf der Marketingebene zurück und warb mit dem Slogan «die einzige von den Beatles authorisierte Zusammenstellung».
eine retrospektive Auswahl
Die Songauswahl für die beiden Alben «1962–1966» und «1967–1970» traf Allen Klein. Die Beatles zollen ihm seit 2010 auf Ihrer Webseite Tribut und anerkennen, dass er einen guten Job gemacht hat. George Martin wurde beauftragt, für die bestmögliche Tonqualität zu sorgen. «Als ich den Remix überprüfte nachdem er (George Martin) ihn fertig gestellt hatte, war er so gut wie er nur sein konnte mit den Mono-Aufnahmen, die wir damals gemacht haben» so John Lennon weiter. In den 1960er-Jahren hatte sich Stereo als Standard durchgesetzt. So wählte George Martin von den ursprünglich in Mono veröffentlichten Singles «Love Me Do», «Please Please Me», «From Me To You» und «She Loves You» eine Fake-Stereo Abmischung, Bei der Erstveröffentlichung von «1962–1966» auf CD 1993 wurde dann auf die orignalen Mono-Abmischungen zurückgegriffen, die für die Remasters von 2009 bzw. 2010 digital remastered worden sind.
Don McCullins Foto aus der Serie «A Mad Day Out» von 1968 wurde auch für die Innenhülle von «1962–1966» verwendet. Oben in der Anwendung als Schallplatte, unten als CD in der Wiederveröffentlichung von 2010.
Insgesamt 8 der 26 verwendeten Songs waren bis zur Veröffentlichung der inoffziell «The Red Album» genannten Kompilation nur als Single erhältlich. Da bis 1965 die Beatles ihre besten Songs auf Single veröffentlichten und das Albumformat für die übrigen Aufnahmen verwendet hatten, entspricht das Rote Album weitgehend einer Best-Of Kompilation mit «She Loves You», «I Want To Hold Your Hand», «I Feel Fine» oder «We Can Work It Out». Mit «A Hard Day's Night» und «Help!» sowie weiteren Songs von den Soundtrackalben wie «Can't Buy Me Love» oder «Ticket To Ride» wurden auch die Filme berücksichtigt. Allen Klein wählte auch beliebte Albumtracks wie «All My Loving» und «You've Got To Hide Your Love Away» aus. Nicht fehlen dürfen mit «Yesterday» und «Eleanor Rigby» zwei der erratischen Blöcke McCartneys im Bealteskatalog.
Für das Coverfoto wurde eine Aufnahme von Angus McBean verwendet, die er 1963 für das erste Album «Please Please Me» gemacht hatte. Es zeigt die Beatles im Treppenhaus von EMI Records in London. Auf der Rückseite wurde ein weiteres Foto McBean verwendet, der 1969 den Auftrag hatte, für das damals geplante «Get Back»-Album das Cover von «Please Please Me» nachzustellen. Das Innencover wurde am 28. Juli 1968 von Don McCullin geschossen. Tom Wilkes gestaltete die Plattenhülle. Auf den Plattenhüllen waren Fotos und die Songtexte abgedruckt.
Zwischen dem Originalalbum von 1973 und der Erstveröffentlichung auf CD 1993 gibt es minime Veränderungen. So wurden damals neben den Monoversionen auch in den USA die englischen Abmischungen von «I Feel Fine» und «Help!» genommen. Von zweiterem war in den USA die Filmversion auf dem Soundtrack veröffentlicht worden. Nach der Veröffentlichung 1973 war das Rote Album auf Vinyl und später auch als Musikassette erhältlich. Hier wurden die beiden Albumseiten aber separat verkauft (entspricht CD 1 und 2). 1993 erschien es erstmals auf CD. Obwohl es mit 63 Minuten auf einer einzigen CD Platz gehabt hätte, behielt EMI das Doppelalbumformat bei, damit es weiterhin jenem von «1967–1970» entspricht
Rezeption und Statistik
Das Rote Album, das parallel mit dem Blauen veröffentlicht wurde, platzierte sich in den Charts in der Regel hinter dem Blauen. Dies sowohl 1973 als auch bei den Wiederveröffentlichungen 1993 bzw. 2010.
Chartpositionen 1973:
In England und den USA kam das Album auf Rang 3. Die Chartspitze eroberte es in Österreich, Frankreich, Japan und Spanien. Zweite Plätze gab es in Holland und der BRD. In Kanada klassierte sich «1962–1966» auf dem 4. Rang, in Italien auf dem 21. und in Australien auf dem 18 In der Schweiz konnte sich das Album noch nicht platzieren.
Chartpositionen 1993
In England klassierte sich «1962–1966» auf dem vierten Rang, in den USA auf Rang 2. In Japan und Österreich erreichte das Album je Rang 3. Weitere 4. Plätze gabe es in der Schweiz und Holland. Weitere Topten Platzierungen vermeldeten Neu Seeland (5), Japan (5), Norwegen (7) und Australien (9). In Norwegen war «1962–1966» damit einen Rang vor seinem Schwesteralbum «1967–1970».
Chartpositionen 2010
In den USA platzierte sich das remasterte Rlaue Album auf dem 23. Platz des Billboard Digital Album. In Japan auf Rang 4, in England auf Rang 6. EineTop 30 Rangierungen vermeldetn Schweden (22). In der Schweiz platzierte es sich auf Platz 57.
Paul McCartney, Ringo Starr, George Harrison und John Lennon 1966 bei Promotionsfotos für «Paperback Writer» und «Rain».

Tracklist:
MC / CD 1
Love Me Do
Please Please Me
From Me To You
She Loves You
I Want To Hold Your Hand
All My Loving
Can't Buy Me Love
A Hard Day's Night
And I Love Her
Eight Days A Week
I Feel Fine
Ticket To Ride
Yesterday
MC / CD 2
Help!
You've Got To Hide Your Love Away
We Can Work It Out
Day Tripper
Drive My Car
Norwegian Wood (This Bird Has Flown)
Nowhere Man
Michelle
In My Life
Girl
Paperback Writer
Eleanor Rigby
Yellow Submarine
Die Rückseite der Schallplatte mit dem Foto von «1967–1970».
Remaster 2010:
Promotion 1993:
Promo-Poster für Plattenläden zur Erstveröffentlichung auf CD. Die beiden Coverfotos wurden für das grosse Foto vereint.