Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03491.jsonl.gz/864

»Wir müssen unserem Gastland nicht dankbar sein. Wir haben keine Schuld zu begleichen.« Dina Nayeri
Dina Nayeri wurde als Tochter eines Arztehepaars in Isfahan geboren. Sie wuchs in einem wohlhabenden Viertel auf, in einem Haus mit Swimmingpool und Garten, inmitten von Familie und Verwandten. Weil die Mutter zum Christentum konvertierte, mussten sie aus dem Iran fliehen und den geliebten Vater zurücklassen. Nach mehreren Stationen bekamen sie Asyl in den USA, Nayeri studierte an den besten Unis und wurde im Laufe der Jahre zu einer hoch gebildeten, erfolgreichen Vorzeige-Migrantin. Und trotzdem blieb sie vor allem eines: ein Flüchtling.
Dina Nayeri
– Der undankbare Flüchtling
Sachbuch
Original: The Ungrateful Refugee
Aus dem Englischen von
Yamin von Rauch
Hardcover
Format: 14,5 x 21,5 cm , 400 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5822-4
1. September 2020
24,00 EUR
Dina Nayeri
– Der undankbare Flüchtling
Sachbuch
Original: The Ungrateful Refugee
Aus dem Englischen von
Yamin von Rauch
Ebook
400 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9439-0
1. September 2020
18,99 EUR
FLUCHT
(über Gutgläubigkeit, ernst zu nehmende Gefahren und Opportunismus)
Wir wurden zu Geflüchteten. Irgendwie fühlte es sich beständiger an als der Zustand, in dem wir uns in den vergangenen zehn Monaten befunden hatten, als wir uns in den Vereinigten Arabischen Emiraten versteckten. Dort waren wir Illegale: das gleiche verstörende Gefühl von Heimatlosigkeit, Unsicherheit und Mangel, doch in Dubai mussten wir uns selbst einen Unterschlupf suchen. Keine Regierung, die sagte: »Wir übernehmen die Verantwortung für euch«, wir waren auf uns selbst gestellt, und es war schwer, über den nächsten Schritt nachzudenken. Vielleicht lag es daran, dass alles, was wir taten, im letzten Moment stattfand und abhängig von der Freundlichkeit eines Fremden, einem glücklichen Zufall oder einem Wunder war. Und als wir im Winter 1989 in Rom landeten, war ich von überbordender Liebe für Italien und alle Italiener erfüllt; ganz anders als in Dubai oder Schardscha. Der Flughafen war so europäisch, so beschaulich; ich wollte in jeden Laden laufen, an der westlichen Schokolade riechen und die teuren Stoffe befühlen. Doch ein Mann in einem schwarzen Anzug hielt ein Schild mit Mamans Namen hoch, und wir wurden zu einem Wagen geführt.
Meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich drängten uns auf der Rückbank zusammen, wir froren und waren schmutzig nach dem langen Flug. Ich versuchte, wach zu bleiben, während wir durch die italienische Landschaft fuhren. Nach einer Stunde entdeckten wir endlich ein Haus auf einer Anhöhe, das in der Ferne aus der sanften Hügellandschaft hervorragte. Man hatte uns gesagt, dass man uns in eine »gute Flüchtlingsunterkunft« bringen würde, an einen sicheren Ort auf Zeit für Durchreisende, die Asyl außerhalb Italiens suchten. Das Haus hieß Barba und war früher ein Hotel gewesen. Die italienische Regierung hatte das Gebäude gepachtet, um Menschen wie uns dort unterzubringen, die aus politischen und religiösen Gründen Asyl suchten, sowie Durchreisende, die besonders bedürftig waren: Ältere, Familien, Kinder. Es war aufregend, Barba in der Ferne auftauchen zu sehen, selbst wenn wir dort als Geflüchtete leben würden, in fremder Kleidung und Bettwäsche, und uns nicht fortbewegen durften, würde unsere Bleibe immerhin ein hübsches Hotel auf einer Anhöhe sein.
Es war schon später am Abend, als wir eine gewundene Bergstraße hinauffuhren. Unser Zimmer war klein, vielleicht sogar kleiner als das in dem von Kakerlaken bevölkerten Hostel in Schardscha, und es gab weder einen Kühlschrank noch eine Kochplatte. Nur ein Badezimmer und ein Bett. Wir setzten uns aufs Bett und fragten uns, woher wir Geld bekommen und wie wir mit unseren Nachbarn auskommen würden. Ob jemand von ihnen wohl Farsi sprach? Wie lange würden wir hierbleiben? Welches Land würde uns schließlich aufnehmen? Und was würden wir heute Abend essen?
Wir überlegten gerade, nach Mentana in einen Laden zu gehen, als jemand an die Tür klopfte. Eine junge Italienerin mit Punkfrisur versuchte uns zu erklären, dass wir den Gong zum Abendessen verpasst hätten. An jenem Abend sah ich die Kantine zum ersten Mal, ein halbrunder verglaster Raum, von dem aus man das gesamte grüne Tal überblicken konnte. Jetzt war sie leer und dunkel, aber am Morgen würde sie sich mit vertriebenen Familien wie uns füllen, Iranern, Afghanen, Russen, Rumänen. Sie würde von vielerlei Sprachen erfüllt sein, und von den unterschiedlichsten Gebeten. Von Kindern, Müttern, Großmüttern. Doch in diesem Moment war es bedrückend still. Wir hockten im Halbdunkel, aßen die übrig gebliebene Pasta aus Schüsseln und dankten Gott, dass man hier mit Mahlzeiten versorgt wurde.
Trotz seiner pompösen Architektur war das Hotel Barba ein Flüchtlingscamp und wir durften uns nicht von dort fortbewegen, weil wir in Italien keinen Aufenthaltstitel hatten. Jeden Tag servierte man uns Suppe, Pasta, Kaffee und Brot zu festgelegten Zeiten, und wir saßen in der winterlichen Kälte und beteten, dass wir im Sommer nicht mehr hier sein würden. Wenn der
Postbote kam, drängelten wir uns vor der Poststelle, um ja nichts zu verpassen. Wir wollten wissen, wer heute einen Brief bekam. Dann verstummte die Menge, während der- oder diejenige ihn mit zitternden Fingern öffnete, einen raschen Blick darauf warf und anschließend entweder leise hinter vorgehaltener Hand weinte, Flüche murmelte oder auf die Knie fiel und laut seinem oder ihrem Gott dankte. Alle warteten voller Spannung auf einen Brief aus Amerika, England, Australien oder Kanada (große, weiträumige anglophone Länder). Ein Brief bedeutete, das Warten war vorbei, und das Leben konnte neu beginnen.
Zur Arbeit oder zur Schule konnten wir nicht gehen, also konnten wir nur träumen und gegen die Einsamkeit ankämpfen – ein unerträglicher Zustand. Wir aßen mit Menschen aus unseren Heimatländern, beteten auf unsere Art, manche vor dem Essen (sitzend, mit geneigtem Kopf) und andere danach (stehend, sich an den Händen haltend). An kalten Tagen schlichen sich die Kinder in einen nahe gelegenen Obstgarten, um unreife Pfirsiche und Pflaumen zu stehlen, weil unsere Zungen nach etwas Saurem verlangten und es nichts anderes gab, um diesen Heißhunger zu stillen. Ich versuchte, einer Gruppe korpulenter russischer Männer etwas Englisch beizubringen, indem ich in meinem pinken Rock auf dem Hof herumlief und wahlweise auf einen Baum, einen Zaun, einen Tschador, eine Babuschka zeigte (die Männer waren so freundlich, sich Notizen zu machen).
Unser Kampf gegen die Langeweile nahm immer merkwürdigere Formen an: Eine afghanische Großmutter sammelte auf einer benachbarten Baustelle Ziegelsteine und trug sie unter ihrem Tschador in ihr Zimmer. Ihre Tochter sagte uns die Zukunft voraus und verwendete dazu die Rückstände des Pulverkaffees in unseren Bechern. Ein junger iranischer Soldat, dessen eine Gesichtshälfte von einer chemischen Verbrennung, die er sich während des Krieges zugezogen hatte, ganz ausgeblichen war, brachte uns bei, wie man Fußball spielt. Trotz seines sonderbar weißen Gesichts fand ich ihn genauso interessant wie die Prinzen in meinen Märchenbüchern. Vielleicht spürte ich, dass er sich zu Maman hingezogen fühlte. War sie nicht ich, nur in einem anderen Körper? Hier war ein Mann, der uns mochte, der mit mir spielte, um mich aufzuheitern, und sich dann unauffällig umschaute, um zu sehen, ob Maman auch zusah.
Wir hatten Baba in Isfahan zurückgelassen. Mit der Zeit begriff ich, dass ich nie wieder mit meinem Vater zusammenleben würde. Ich begriff auch andere Dinge, die sich in meinem Inneren bemerkbar machten. Ich verbrachte viel Zeit mit liebevollen Großmüttern aus den unterschiedlichsten Ländern. Ich begleitete Maman in die Zimmer der russisch-orthodoxen Christen, die uns Tee und Orangen servierten. Ich las englische Bücher, spielte Himmel und Hölle und sehnte mich danach, wieder ein Zuhause zu haben, die Tage des Umherwanderns hinter mir zu lassen und Wurzeln zu schlagen. Ich dachte über die Erwachsenen mit ihren Geheimnissen nach. Ich drängte die Leute, mir ihre Geschichten zu erzählen – und wurde zu der Person, die ich heute bin.
In einem Flüchtlingscamp sind die Geschichten das Wichtigste. Jeder hat eine eigene, denn jeder ist eben erst aus einem Albtraum erwacht. Ohne die Erlaubnis, zu arbeiten oder sich fortzubewegen, hat niemand etwas zu tun und wartet nur darauf, einen neuen Platz in der Welt zugewiesen zu bekommen. Jeder ist ein Fremder, der sich erst vorstellen muss. Und Tee ist billig (in Barba kamen wir alle aus Ländern, in denen man Tee trinkt). Was konnte man also Besseres tun, als eine Teekanne aufzugießen, sich auf ein Kissen an einen niedrigen Tisch zu setzen und zu reden?
Es war nicht nur ein Zeitvertreib. Unsere Geschichten hatten große Kraft. Die Erinnerungen anderer versetzten uns aus dem Exil in lebendige fremde Länder oder zurück nach Hause. Sie erinnerten uns an die lange, unbekannte Straße, die noch vor uns lag. So kurz nach unserer Flucht konnten wir es noch nicht erkennen, aber vor uns lagen noch einige scharfe Kurven. Wir hatten die eine große Geschichte unseres Lebens erschaffen; als Nächstes kam die Wartezeit im Flüchtlingscamp, wenn wir sie erzählen würden. Dann der Kampf um Asyl, wenn wir sie weiter ausschmücken würden. Dann die Anpassung an ein neues Leben, wenn
wir sie zur Unterhaltung der Einheimischen zum Besten geben würden, und schließlich, im Alter, würden wir vielleicht auf diese Geschichte zurückkommen und sie ohne Zorn akzeptieren können: eine Heimkehr.
Zwei Jahrzehnte lang hat unsere Flucht definiert, wer ich war. Sie prägte meine Persönlichkeit und bestimmte jede meiner Entscheidungen. Als ich ins College kam, bestand mein Leben zur einen Hälfte aus der Zeit vor der Flucht und zur anderen daraus, sie erneut zu durchleben, in Kirchen und bei Gemeindeveranstaltungen, in denen meine Mutter sie zu einer Pilgerreise machte, in Collegebewerbungen, wo sie zu einem Bittgesuch wurde, bei Übernachtungspartys, wo sie zur Unterhaltung diente, und in Diskussionen nach öffentlichen Vorführungen von xenophoben Melodramen wie China Cry und Nicht ohne meine Tochter – Filme über christliche Frauen, denen der Tod droht und die nach Amerika fliehen. Unsere Geschichte war auf wundersame Weise mit meiner Identität verwoben. Manchmal fragten die Leute mich: Aber leben dort nicht auch viele Christen? Oder: Konnte deine Mutter nicht einfach behaupten, dass sie Muslima war? Es dauerte lange, bis ich über derartige Fragen hinwegkam. Sie fühlten sich an wie eine schlechte Note, wie eine Kritik an meinem Gesicht und meinem Körper, an meiner Identität. Ich wurde gerettet und deshalb bin ich verzaubert. Ich habe eine Bestimmung. Mit jeder guten Tat gebe ich etwas an das Universum zurück. Wenn ich das nicht mehr hätte, wäre ich gesichtslos, nur ein weiterer Durchschnittsmensch, der sich abmüht – für was? Seelenlose, mittelmäßige Nebensächlichkeiten?
3sat Kulturzeit
»Provoziert und erschüttert.«
Bayern 2 Diwan
»Dieses Buch bietet beides: Raum für individuelle Geschichten von Flucht, Asyl und dem vertrackten Vorgang, den wir Assimilation nennen; und Raum für Allgemeines und Essayistisches.«
Bremen zwei
»Dina Nayeri schreibt sehr ehrlich, sehr direkt und trotzdem einfühlsam.«
DLF Kultur Studio 9
»Dina Nayeris Buch ist schillernd, zerrissen, traurig. Auch weil es zeigt, wie man es zum Los der zahlreichen, zur Hoffnung eigentlich wild entschlossenen Menschen auf der Flucht macht, dass sie warten:(...).«
Arte Twist
»Jeder hat seine eigene Geschichte, einen Grund zu fliehen. Darauf will Dina Nayeri aufmerksam machen.«
ARD titel thesen temperamente
»(Sie) beginnt in Flüchtlingslagern Geschichten zu sammeln, verknüpft diese kunstvoll mit ihrer eigenen, gibt den anderen eine Stimme, die auch wir verstehen. Dina Nayeris Buch öffnet Herz und Hirn dafür, wie wir es immer noch schaffen können.«