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San Pedro ist Quartier von Los Angeles, ursprünglich eine kleine Hafenstadt an der Südspitze der Ebene, in der sich Los Angeles befindet. Zwischen San Pedro und Long Beach erstreckt sich Terminal Island, eine künstliche Insel auf der allerlei leichte Industrie sowie ein Gefängnis angesiedelt sind. Auf einer kleinen Halbinsel im äussersten Westen von Terminal Island, gleich neben San Pedro, befindet sich ein unscheinbares, mehrheitlich unbebautes Areal namens Berth 240 (Ankerplatz 240), welches am Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Schiffswerft genutzt wurde. Im März 2018 wurde bekannt, dass die private Raumfahrtfirma Space Exploration Technologies Inc., besser bekannt als SpaceX, dieses Areal für 10 Jahre gemietet hat, mit der Option, die Miete um bis zu 20 Jahre zu verlängern. SpaceX hat eingewilligt, das Areal ökologisch zu sanieren und geniesst dafür steuerliche Vorteile.
In der von der Hafenbehörde erteilten Bewilligung steht aber auch, was SpaceX mit dem Areal vor hat: Es geht um die Konstruktion von „grossen kommerziellen Transportgefährten“, die zu gross sind, als dass sie auf Strassen transportiert werden können, und deshalb verschifft werden müssen (daher die gewünschte Nähe zum Wasser). Bei den genannten Konstruktionstätigkeiten sollen unter anderem Karbonfasern zum Einsatz kommen. Hier geht es ganz klar um SpaceX’s künftiges Raketen- und Raumschiff-System, die Big „Falcon“ Rocket (BFR). Das System besteht aus einer wiederverwendbaren ersten Stufe, dem Big Falcon Booster (BFB; ca. 68 m lang), sowie einer wiederverwendbaren Oberstufe, dem Big Falcon Spaceship (BFS; ca. 50 m lang). Mit 9 m Durchmesser sind beide Raumfahrzeuge zu gross, als dass sie effizient auf Strassen transportiert werden könnten.
Das Areal ist von der Fläche her durchaus mit den bestehenden Raketenfabriken von SpaceX in Hawthorne (einem anderen Quartier von Los Angeles, nördlich von San Pedro) vergleichbar. Gegenwärtig sind bei Berth 240 erste Abbruch- und Sanierungsarbeiten im Gang. SpaceX hat allerdings schon jetzt damit begonnen, Rumpf-Teile für das erste BFS herzustellen. In einem provisorischen Zelt, das auf einem Parkplatz aufgestellt wurde, einige Kilometer von Berth 240 entfernt (siehe Titelbild), wurde eine gewaltige Maschine lokalisiert, mit der zylinderförmige Karbonfaser-Bauteile mit 9 m Durchmesser hergestellt werden können. Bereits in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres (2019) soll ein erster, einfacher Prototyp für das BFS fertig gestellt sein. Dieser Prototyp wird dann auf ein Schiff geladen, durch den Panamakanal nach Boca Chica im äussersten Süden von Texas gebracht und dort getestet. Anfänglichen Hüpfern sollen immer längere Flüge in der Atmosphäre, und schliesslich in die Erdumlaufbahn folgen. Bis dahin sollten die ersten Fabrikgebäude der neuen „Raumschiffwerft“ stehen.
In der Bewilligung der Hafenbehörde steht auch noch, dass auf dem Gelände ein Zentrum für die Entgegennahme und Wiederaufbereitung von Falcon 9 Erststufen und Dragon Raumkapseln gebaut werden soll. Dies sind die Raumfahrzeuge, mit denen SpaceX heute arbeitet. Die Falcon 9 ist das „Arbeitspferd“ von SpaceX, ihre erste Stufe landet nach dem Start jeweils wieder, entweder direkt neben dem Startplatz, oder auf einem Schiff im Meer. Diese Schiffe, die exotische Namen wie „Of Course I Still Love You“ und „Just Read The Instructions“ tragen (beides Anspielungen auf Raumschiffnamen in Iain M. Banks‘ „Player of Games“ aus dem Kultur-Zyklus), sollen künftig bei Berth 240 anlegen, um die Falcon 9 wieder an Land zu bringen und für den nächsten Start vorzubereiten. Die Dragon Raumkapsel wird von SpaceX benutzt, um Fracht – und bald auch Astronauten – zur internationalen Raumstation ISS zu bringen. Sie landet an Fallschirmen im Meer, wird von einem Schiff aus dem Ozean gefischt und soll künftig ebenfalls bei Berth 240 wieder an Land gebracht und für weitere Flüge vorbereitet werden.
Die Vorstellung, dass auf diesem unscheinbaren Areal in den nächsten Jahren eine Raumschiffwerft entsteht, ist faszinierend. Denn SpaceX hat grosse Pläne für das BFR-System: nach ersten Testflügen ins All, und um den Mond herum mit Passagieren, soll es in den 2020er Jahren schliesslich die ersten Menschen zum Mars bringen. Ob das wirklich so schnell real wird, wie Firmenchef Elon Musk sich das vorstellt (er räumt selbst ein, dass der Zeitplan optimistisch ist), werden wir sehen – ich wäre nicht überrascht, wenn der erste Marsflug erst 2030 oder noch später stattfindet. Doch der Grundstein für dieses epochale Ereignis in der Geschichte der Menschheit wird vielleicht in diesen Tagen gelegt. Gut denkbar, dass die „Heart of Gold“, wie Musk das erste Raumschiff nennen will, das Menschen zum Mars bringt, in guter alter Star Trek Manier eine Plakete mit sich führen wird, auf der dann steht: „Heart of Gold. BFS class. Built at the San Pedro shipyards, Los Angeles, Earth“.
[Nachtrag Frühling 2019: Mittlerweile hat SpaceX die Pläne für den Bau der BFR bzw. des „Starships“ völlig umgestellt. Die Raumschiffe sollen nun nicht mehr aus Karbonfaser, sondern aus Stahl gefertigt werden – direkt neben den Startplätzen. Der Pachtvertrag für die Lokalität in San Pedro wurde ebenfalls gekündigt. So schnell kann es gehen…]