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Formosa ist eine Insel voller Geschichte, Geschichte voller Dramatik. Gemischt und abwechselnd aus Hass, Liebe, Wut und Hoffnungen. Die Dramatik der Insel ist kein Glueck der Inselbewohner. Sie bedeutet vielmehr die Tatsache, dass Menschen auf dieser Insel Schachfiguren sind, benutzt und willkuerlich entschieden von der Weltmacht und Herrschaften. Einst Holland und Spanien, heute China, Japan und USA.
Wenn die Geschichte des Formosas nicht die Geschichte der kleinen Menschen waere, waere Formosa Oolong nicht weltberuehmt und traditionreich bis heute. Es sind immer kleine Menschen, die im Hintergrund an ihren Platz geblieben sind, blind an ihre Erde geglaubt haben, einen Tee so wie ihr Vorfahren zu produzieren. Diese kleine Menschen bleiben klein, unscheinbar und schwach. Sie kennen nicht die Michelin-Sterne, nicht das Wallstreet und Bollywood. Ab und zu hoeren sie von Chanel und LV.
Meisten von Ihnen hatten die Moeglichkeit nicht, diesen beruehmten Geschmack des Formosa Oolongs zu verkosten. Meisten von Ihnen bezeichnen sich als Ochsen von Formosa. Ein Ochsen arbeitet nur, beschwert sich nie. Die Haut von Ochsen koennte man Schicht fuer Schicht auseinander nehmen, unterschiedlich verwertet werden. Wahrend ein Ochsen lebt, ist er ein Freund der Arbeiter. Wenn er stirbt, ist er Lieferant des menschlichen Begehrens. Das Schicksal eines Ochsen gleicht dem Schicksal des Formosa.
Mein Vater sagt, er ist ein typischer Formosa Ochsen.
Als er 17 wurde, wurde mein Grossvater bankrott. Meine Grossmutter verkaufte Azukibohnen-Suppe auf der Strasse und die Kinder muessen selbst schauen, wenn sie die Schule besuchen wollten. Mein Vater verdiente sein Geld fuer die Schule als Teefabrikarbeiter. Seine Aufgabe war, den Tee hin und her zu tragen. Tee-Dust, was der Tee waehrend des Hin und Her tragen runterfiel, sollte er zusammenkehren. Das war das Material fuer Teebeutel und das, was er Gratis bekam. Der Geschmack des Tee-Dust war der einzige Geschmack und ist der einzige fuer ihn geblieben.
Seine Mutter verkaufte ihren Wintermantel, als mein Vater unbedingt Angelistik studieren wollte. Er arbeitet hart und beschwert sich nie. Er ist der Geizkragen in unserem Clan. Er hat kein besondere Hobby und nur gewohntliche Wuenschen.
„Warum willst Du nicht ein gewoehntliches Leben fuehren und einen Mann haben, der Dich ernaehrt?“
„Warum denn? Eine Frau braucht entweder einen guten Mann oder einen guten Vater. Ich habe schon einen guten Vater!“ Mein Vater wird jedesmal sprachlos, wenn er es von mir hoert.
Er traegt einen falschen Rolex. Denn er glaubt, keiner wuerde daran zweifeln, wenn er sie traegt.
Er kauft nur Hemden unter 20 Euros.
Er bekommt nur Taschengeld von meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Bruder. 1992 vermisst er seine Tochter in Deutschland so sehr, dass er seine Angestellte Ferien im Europa einlud- eine gewoehntliche Konvention der taiwanesischen Unternehmerskultur. Samt meinen Tanten waren alle in Heidelberg, nur mein Vater fehlte. Es wurde ihm zu teuer, wenn er mit C-Class fliegen musste. Y-Class waren ausverkauft und er entschied sich im Buero zu bleiben.
Er trinkt keinen Tee, den ich verkaufe. Er trinkt nur Gratis-Teebeutel von meinem lehrer – auch ein Formosa Ochsen. Er trinkt hoechsens einen einfachen Sijichun. Wie koennte ueberhaupt ein Ochsen wie er einen majetetischen Tee trinken wollen? Er kennt seine Geschichte, sein Schicksal. Er hat die Musse und den geschmack nicht, um einen salonfaehigen wertvollen raren Tee zu trinken. Er ist so klein geblieben wie ein Ochsen.
Als sein Bruder scheiterte, half er ihm, wieder aufzustehen. Als sein anderer Bruder bankrott wurde, gab er ihm ein Auto und raeumte ihm ein Zimmer frei. Ueber zehn Jahren lebten drei Familie bei uns unter dem gleichen Dach. Das teuere Studium meiner Cousines im Ausland wurde von meinem Vater finanziert. Einen Dank erwartet er nicht und bekommt auch nicht. Es ist ihm egal, denn er tut es, weil er es will.
In diesen Tagen erleben wir auf der Insel viele poltischen Erdbeben. Wut, Enttaeuchungen, Sorgen und Trauer schweben in unserem Himmel. Viele Formosa Ochsen in seiner Generation spenden freiwillig Geld fuer die protestierenden Studenten. Mein Vater hatte wieder kein Taschengeld mehr. Er ging zu meinem Bruder und wollte sein Taschengeld fuer Dezember haben. Mein Bruder konnte seinen Vater nicht ablehnen.
Weil meine Mutter und Schwester Buddhas Lehre befolgen, geht mein Vater in die Kirche. Als ich beim ersten Abendgebet am Esstisch mit erlebte, konnte ich mich nicht verkneifen zu lachen. Mein Vater lachte auch, voller Schalk.
„Babaa (Taiwanesisch), was betest Du (Li Bai Shia?)?“
„Ich bete fuer meine Tochter. Sie sollte ein Zuhause haben.“