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Das Ordensleben ist von Anfangan geprägt von einem starken Miteinander von Männern und Frauen bei der Suche nach einem Leben in der Nachfolge Jesu. Diese Gemeinsamkeit war aber nie so selbstverständlich, wenn es z.B. um die Ausbildung von Institutionen ging,in denen die Frau im gleichenMasse wie der Mann ihre Charismen im Raum der Kirche einbringen konnte.
An der Wende zum 13. Jahrhundert wurde das Zugehen auf dieWelt ein wesentliches Element des Ordenslebens. Doch für das weibliche Ordensleben vollzog sich dieÖffnung auf die Welt hin erst im 19. Jahrhundert.
Religiosität und Berufsarbeit
19. Jahrhundert: Kaum war der Höhepunkt der Französischen Revolution überschritten, setzte ein überraschender Aufschwung desOrdenslebens ein. Allein in der Zeit zwischen 1800 und 1899 entstanden 91 Kongregationen päpstlichen Rechts.
Die katholische Geschichtsschreibung thematisiert diese Entwicklung unter dem Schlagwort «Ordensfrühling». Bei genauerem Hinsehen lässt sich feststellen, dass es sich um die Entstehung und rasche Ausbreitung von Frauenklöstern handelte. In den Jahren zwischen 1800 und 1880 sollen 100‘000 junge Frauen in französischen Noviziaten gewesen sein.Die religiöse Lebensform dieser neuen Gemeinschaften kann mit den beiden Ausdrücken «Religiosität und Arbeit» charakterisiert werden.
Es handelt sich erstens um eine religiös motivierte Lebensform. Alle Gemeinschaften entstanden aus dem gleichen Grundimpulsheraus: nämlich der sozialen, moralischen und geistigen Not der damaligen Zeit vom christlichen Glauben her zu wehren. Sie nahmen ihr Vorbild im Heilshandeln Jesu Christi.
Das zweite Kennwort dieser Gemeinschaften heisst Arbeit, Berufstätigkeit. Weibliche Tätigkeitsbereiche gewannen gesellschaftlicheBedeutung. Für die Übernahme dieser Aufgaben fehlten den öffentlichen Organen die Einrichtungen und geschultes Personal. Diese Lücke haben in katholischen Gebieten zu einem beträchtlichen Teil die Frauenkongregationen ausgefüllt. Weil sich ihre Arbeit zwischen Beruf und Barmherzigkeitansiedelte, brachte sie den Gemeinden auch finanzielle Vorteile. Die Kongregationsschwestern waren die ersten Unternehmerinnen. Sie riefen Tausende von karitativen und erzieherischen Unternehmungen ins Leben. Mit der katholischenKirche zusammen wollten die Frauen in den Kongregationen die christliche Weltordnung erhalten.
Das Ordensleben, das im 19. Jahrhundert neu aufbrach, war von einer grossen spirituellen Kraft beseelt. Aber im geistlichen Profil entwickelten die allermeisten Gründungen wenig Neues. Dies barg Konfliktstoff in sich, der im Lauf der Zeit immer häufiger Anlass zu Schwierigkeiten gab und in der Konzils- und Nachkonzilszeit brach der Konflikt aus.
Tiefgreifende Wandlungsprozesse
Bereits seit den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts kündigten sichtiefgreifende Wandlungsprozessean. Als erstes wurde über Nachwuchsmangel geklagt. Dieser führte in den 70er- und 80er-Jahren zu einer Überalterung der Gemeinschaften. Zugleich ging der Nachwuchs rapide zurück und versiegte teilweise. Durch den Mangel an eigenen Kräften wurden bereits ab den 50er-Jahren immer mehr weltliche MitarbeiterInnen nötig, was eine Bereicherung, aber auch eine starke finanzielle Belastung darstellte.
Die Frauenorden führten grosse soziale und pädagogische Werke. Diese mussten vielfach aufgegeben werden. Wo man sich für deren Erhalt entschied, wurden neue Rechts- und Trägerformen gesucht. Diese Prozesse brachten und bringen eine finanzielle Absicherung und sichern den strukturellen Zukunftsbestand.
Sie machen aber auch eine neue Professionalisierung und Managementkompetenz erforderlich. Ordensleute werden zu ManagerInnen. Zugleich kommen heute weltliche Mitarbeiterinnen zunehmend auf die Führungsebene.Was die Umstrukturierungsprozesse betrifft, empfinden jüngereMitglieder die Werke oft als Zeit-und Energiefresser. Sie suchen ehernach neuen Gemeinschaftsmodellen, mitten unter den Menschen.
Im Blick auf die zahlreichen Krisenmomente der Gegenwart muss gefragt werden, ob den traditionellen Frauenkongregationen neues Leben eingeflösst werden kann. Es ist nicht klar, ob sie eine alternde Struktur einer vorkonziliären Kirche sind oder ob sie am prophetischen Zeugnis einer neuen Weltteilnehmen.
Aber in den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte finden sich auch positive Zeichen, die Hoffnung geben. Die Zukunft des Ordenslebens, noch weniger die Zukunft der eigenen Gemeinschaftkann durch eigene Kraftanstrengung gemacht werden. Der Wegder Erneuerung ist zunächst einspiritueller, kein reformerischer.
Bettlerinnen für eine neue Erfahrung Gottes
Papst Franziskus weist im Schreiben an die Ordensleute vom 21. November 2014 auf die Gründungender Gemeinschaften hin, die alle «aus dem Ruf des Geistes hervorgegangen» sind, um «Christus nachzufolgen, wie es im Evangelium gelehrt wird». Deshalb heisst die erste Frage für Ordenschristen,ob sie sich «vom Evangelium hinterfragen lassen», ob «Jesus wirklich die erste und einzige Liebe ist».Deshalb sollten Ordenschristinnen zuerst Bettlerinnen um eine neue Erfahrung Gottes sein, artikuliert in einer neuen Erfahrung der Welt.
Kollektives Sendungsverständnis
Die Gemeinschaften der Kongregationen waren vor allem Dienstgemeinschaften, d.h. sie wurdengebildet, um eine Aufgabe zu erfüllen. Diese waren von grosser Bedeutung für die persönliche undkollektive Identität. Ihnen fehlte aber meist eine kohärente spirituelle Grundlage. Zwar übernahmen viele Frauengemeinschaften alteOrdensregeln. Doch wurde der lebendige Geist der Vorbilder nicht eingefangen. Die Rückwärtsorientierung zeigte sich auch darin, dass sie die monastische Tradition aufleben liessen. Das führte zu einer Zweiteilung des Lebens zwischenKloster und Tätigkeit.
Von dieser Situation her war in der Nachkonzilszeit eine Vertiefung des Sendungsverständnisses unumgänglich. Viele Gemeinschaften vergewisserten sich ihrer spirituellen Grundlage. Sie haben sich z.B. bemüht, ihre jesuitische, dominikanische oder franziskanische Spiritualität vertieft aufzunehmen. Die Bewegung, die sich heute in Gemeinschaften abzeichnet, kann ausgedrückt werden mit den Worten: Von einer gemeinsamen Sendung zu einer «Sendung in Gemeinschaft» (B. Hallensleben).Was heisst das?
Kollektive Kraft
Heute fällt es den Ordensgemeinschaften meist schwer, ihren Dienst als einen gemeinschaftlichen darzustellen. Denn von 1970 weg haben sich die apostolischen und sozialen Engagements der Schwestern verwandelt. Im Gegensatz zu früher treten Frauen heute meist mit fertigen Ausbildungen und Studien ein, die sie einsetzen wollen. Auch zeigt sich eine starkeTendenz zu pastoralen und theologischen Aufgaben.
Die heutige Krise kann nur dann überwunden werden, wenn die Gemeinschaft einer gemeinsamenSendung nachgeht, die aber kaum mehr in einem fest umrissenen Werk besteht. Es müssen neue Gemeinschaftsmodelle entwickelt werden, in denen heutige Vorstellungen von Gemeinschaftsleben,von Gebet und Dienste realisiert werden können: «Sendung in Gemeinschaft zu erneuern, heisst also auch, die kollektive Kraft, die das Ordensleben besitzt, zu erneuern. Die Orden sind Gemeinschaften, die gemeinsam die eine Sendungin den vielfältigen konkreten Sendungen verfolgen». (Ute Leimgruber)
Apostolischer Charakter
1966 sagte Alois Sustar, der damalige Regens des PriesterseminarsChur, an einem Generalkapitel in Ingenbohl in prophetischer Weise: In Zukunft werden sich die einen weiblichen Kongregationen stärker ins Kloster zurückziehen. Die anderen werden tiefer in die Welt eindringen.
So stellen wir heute fest, dass einzelne Gemeinschaften stärker das klösterlich-monastische beibehalten haben, dabei ihre Klöster als geistliche Orte gestalten. Andere Gruppen brechen auf in eine grössere Nähe zu den Menschen im Alltag: Sie wohnen unter einfachen Bedingungen in sozialen und religiösen Brennpunkten, meist inStädten.
Als wichtigstes Kriterium für dieWahl von Diensten hat sich in der Kirche in der Nachkonzilszeit die «Option für die Armen» herausgestellt. Sie wird sogar als einziger Weg der kollektiven Erneuerungbetrachtet. Die Armut hat seit eh und je viele Gesichter. Heute findet sich häufig geistliche Armut. Und unter den Armen dieser Welt sind Frauen die Ärmsten. Deshalb ist in vielen Gemeinschaften die Solidarität mit den Frauen von grosserBedeutung geworden.
Zoe Maria Isenring
Unsere Autorin
Die Ingenbohler Schwester Zoe Maria Isenring schrieb zum Thema dieses Artikels ihre Doktorarbeit und veröffentlichte sie unter dem Titel: «Die Frau in den apostolischtätigen Ordensgemeinschaften. Eine Lebensform am Ende oder an der Wende». Leider ist das Buch vergriffen.