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Wer weniger verdient, bekommt im Alter weniger Rente: Eine neue Analyse zeigt, wie gravierend der Unterschied zwischen Mann und Frau ist. Die Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin Nora Meuli hat die Untersuchung mitverfasst. Ein Gespräch über die ungenügende Alterssicherung von Frauen und den Knackpunkt Care-Arbeit.
Nora Meuli
Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin
Nora Meuli ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit (FHNW). Sie forscht unter anderem zur ökonomischen und sozialen Ungleichheit.
Zusammen mit Professor Carlo Knöpfel publizierte sie die Studie «Ungleichheit im Alter. Eine Analyse der finanziellen Spielräume älterer Menschen in der Schweiz».
SRF: Sie sprechen von einem Gender-Pension-Gap. Was heisst das konkret?
Nora Meuli: Das bedeutet, dass Frauen und Männer im Alter noch immer nicht gleich viel Rente aus der Pensionskasse erhalten. Die berufliche Vorsorge reproduziert Ungleichheiten aus dem Erwerbsleben.
Da Frauen nicht gleich viel Erwerbsarbeit leisten wie Männer und auch nicht gleich viel verdienen, erhalten sie eine bedeutend tiefere Rente. Im Schnitt verfügen sie über 67 Prozent weniger Einkommen aus der Pensionskasse als Männer.
Aus Ihrer Analyse geht auch hervor, dass fast die Hälfte der Rentnerinnen in der Schweiz überhaupt kein Einkommen aus der Pensionskasse bezieht. Was sind die Gründe dafür?
Das hängt damit zusammen, dass viele ältere Frauen in ihrem Erwerbsleben nicht genug verdient haben, um in die Pensionskasse einzuzahlen. Ein Teil von ihnen hat sich ausschliesslich der Familienarbeit gewidmet, also der unbezahlten Care-Arbeit.
Andere waren zwar im Teilzeitpensum erwerbstätig, haben vielleicht auch für verschiedene Arbeitgeber gearbeitet. Aber sie haben nicht genug verdient, um sich in der Pensionskasse zu versichern.
Wenn Frauen alleine von der AHV-Rente abhängig sind, dann ist diese in der Regel nicht existenzsichernd.
Alleinstehende ältere Frauen haben oft weniger Pensionskassengelder als verheiratete Frauen. Sie sind deswegen von Altersarmut häufiger betroffen. Wie kommt es zu diesem Unterschied?
Das kommt daher, dass Frauen im Schnitt über kleinere Renten verfügen als Männer. Wenn sie alleine von der AHV-Rente abhängig sind, dann ist diese in der Regel nicht existenzsichernd.
Hinzu kommt, dass man sich keine Ausgaben teilen kann. Wenn man alleine für den ganzen Haushalt aufkommen muss, fallen die Ausgaben auch viel stärker ins Gewicht.
Das Parlament hat letzte Woche beschlossen, dass in Zukunft auch kleine Löhne ab rund 12’000 Franken Jahreseinkommen versichert werden können. Das verbessert die Situation von Teilzeitarbeitenden mit kleinem Einkommen, wie es bei Frauen häufig vorkommt. Wie wichtig ist diese Änderung für die finanzielle Situation der zukünftigen Rentnerinnen?
Dieser Teil der Reform ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ein kleiner Lohn, der jetzt neu versichert wird, wird auch nur in einer sehr kleinen, zusätzlichen Rente resultieren.
Die Care-Arbeit wird schlicht übersehen.
Das löst das Problem der ungleichen Renten von Frauen und Männern nicht mal annäherungsweise. Dazu müsste man auch die unbezahlte Care-Arbeit in der beruflichen Vorsorge versichern.
Bei dieser unbezahlten Arbeit, die oft von Frauen geleistet wird, geht es um Milliardenbeträge. Trotzdem wird sie in diesem Vorsorgemodell der Pensionskasse nicht berücksichtigt. Warum hält sich dieses Modell so hartnäckig, obwohl es schon seit langem kritisiert wird?
Die Care-Arbeit erhält in unserer Gesellschaft noch immer nicht die Anerkennung, die sie verdient hätte. Sie wird schlicht übersehen. Das widerspiegelt sich leider auch in unseren Sozialversicherungen und insbesondere in den Pensionskassen.
Ähnlich wie in der AHV könnte man Erziehungs- und Betreuungsgutschriften auch in der Pensionskasse einführen. Die Frage ist natürlich, wie das finanziert wird. Aber theoretisch, analog zur AHV, wäre es auch in der Pensionskasse möglich, diese Arbeit anzuerkennen.
Das Gespräch führte Sabine Bitter.