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Im Alter von 92 Jahren verstarb am 2. September 1997 in Wien Prof. Dr. med. et phil. Viktor E. Frankl, der weltbekannte Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse. Neben der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Individualpsychologie von Alfred Adler wird diese Psychotherapie als die "Dritte Wienerschule" bezeichnet. Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Heilmethoden, die mehr analytisch entlarvend vorgehen und eher auf Symptombekämpfung hinzielen, bemüht sich die Logotherapie um eine dreidimensionale Schau des Menschen, indem sie Körper, Seele und Geist in die therapeutische Arbeit einbezieht. Gleichzeitig ist sie bestrebt, unserem "In-der-Welt-Sein" einen tieferen Sinn zu geben. Dies soll dem Menschen dazu verhelfen, seinem Leben, seinem Lieben und seinem Leiden einen tragfähigen Grund zu geben, um es dadurch erträglich zu machen.
Viktor E. Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren. Bereits während seiner Gymnasialzeit (1915-1923) regten sich seine psychologischen und philosophischen Interessen. Mit 16 Jahren hielt er seinen ersten Vortrag zum Thema "Über den Sinn des Lebens". Schon damals stand er im Briefkontakt mit Sigmund Freud. Seine Maturarbeit widmete er dem Thema "Zur Psychologie des philosophischen Denkens". Nach abgeschlossenem Medizinstudium arbeitete V. Frankl während vier Jahren im psychiatrischen Krankenhaus "Am Steinhof" in Wien. Dort betreute er in dieser Zeit an die 12000 depressive und suizidgefährdete Patientinnen. 1937 eröffnete er eine ärztliche Privatpraxis, die er auf Druck der Gestapo ein Jahr später wieder schliessen musste. Während mehreren Jahren war er leitender Arzt am jüdischen Rothschild-Spital, bis er im September 1942 von den Nationalsozialisten verhaftet und zusammen mit seinen Familienangehörigen in ein Konzentrationslager eingeliefert wurde. Dort verlor er seine erste Frau, seine Eltern und seinen Bruder. Frankl überstand selbst die Hölle von Auschwitz, wo er versuchte, im Verborgenen auf winzigen Zetteln sein bei der Gefangennahme verlorengegangenes Manuskript "Ärztliche Seelsorge" wieder zu Papier zu bringen. Damals wusste er: "Überleben kann nur durch eine Orientierung auf die Zukunft erfolgen, auf einen Sinn, dessen Erfüllung in der Zukunft wartet." Nach der Befreiung bei Kriegsende hat Frankl sich seine leidvollen Erfahrungen und Erlebnisse im Konzentrationslager innerhalb von neun Tagen von der Seele geschrieben und unter dem Titel "Trotzdem ja sagen zum Leben. Ein Psychiater erlebt das Konzentrationslager" in Buchform veröffentlicht.
Wieder in Freiheit entfaltete Viktor Frankl weltweit eine intensive Lehr- und Vortragstätigkeit. 1949 wurde er Privatdozent und 1955 Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien. Ausserdem leitete er während 25 Jahren die Neurologische Abteilung der Wiener Poliklinik. In dieser Zeit unternahm er über 70 Vortragsreisen in 34 Länder auf allen fünf Kontinenten. 208 Hochschulen in aller Welt haben ihn zu Gastvorlesungen eingeladen. Zwölf Ehrendoktorate wurden ihm verliehen. Seine 27 Bücher wurden in 21 Sprachen übersetzt. Viktor Frankl verstand den Menschen als ein Wesen auf der Suche nach dem Sinn. Seiner Meinung nach gehört die Sinnfindung zu den menschlichen Grundbedürfnissen.
Der Leitgedanke der Logotherapie heisst: Der Mensch braucht nicht nur etwas, wovon er lebt, sondern auch etwas, wofür er lebt. "Der Mensch ist nicht da", schreibt Frankl, "um sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln; sondern er ist da, um sich auszuliefern, sich preiszugeben, erkennend und liebend sich hinzugeben." Es geht also nicht bloss darum, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, sondern vielmehr gilt es, Sinn für das eigenen Leben zu entwickeln und seinem Leben einen Sinn zu geben. Das menschliche Leben ist als Gabe und Aufgabe zu verstehen, in dem unverlierbare Werte zu verwirklichen sind. So ist das Leben als wertvoll und lebenswert zu begreifen. Daher bestand Frankls Behandlungsmethode vorwiegend darin, den leidenden Menschen auf den Sinn (logos) seiner Existenz hinzuweisen und ihn aufzufordern, sein Leben und Leiden zu hinterfragen und zu verstehen. Dabei geht es für jeden Einzelnen nicht darum, zu fragen, was bietet mir das Leben, sondern es geht um die Frage: Was kann ich dem Leben bieten? Welche Forderungen stellt das Leben an mich? Welche Antwort habe ich für die Anforderungen des Lebens an mich? Bei dieser Suche nach dem Sinn will Frankl dem Patienten Hilfe und Beistand leisten und zwar nicht bloss aus ärztlicher, sondern ebenso aus ethischer und religiöser Sicht.
Logotherapie ist also sinnorientierte Psychotherapie in einer Welt, wo zahlreiche Menschen an einer Sinnleere und einem Sinnlosigkeitsgefühl, an einem "existentiellen Vakuum", wie Frankl es nennt, leiden. Er geht in seiner Logotherapie vom Gedanken aus, dass die Welt von Sinn erfüllt ist, dass alles Sein einen grossen Sinnzusammenhang aufweist und dass auch das Leben eines jeden Menschen einen Sinn hat, so dass jede Lebenssituation eine Sinnmöglichkeit in sich trägt. So können wir sogar dem unabwendbaren Leiden einen Sinn abringen und dadurch das Leiden zur Leistung und die Trauer zum Triumpf werden lassen. Es ist dies weit mehr als ein blosses "Sichabfinden" mit einer schicksalshaft gegebenen Lebenssituation. Es geht hier vielmehr um jene Haltung, die Frankl die Selbstdistanzierung und die Selbsttranszendenz nennt, also um das Über-sich-Hinauswachsen um höherer, geistiger Werte willen. Frankl spricht in diesem Zusammenhang von der "Trotzmacht des Geistes", die es in der Therapie zu aktivieren gilt. Er ist überzeugt und hat es an sich selber erfahren, dass die äusseren Bedingungen keine absolute Gewalt haben über den menschlichen Geist. Frankl sieht das Menschsein als ein Sein, das über sich selbst hinausreicht und in eine geistige Dimension hineinwachsen soll. Es handelt sich hier um Fähigkeiten und Möglichkeiten, die dem Tier fremd sind, und daher wesenhaft zum Menschen gehören. Hier öffnet sich ihm das Tor zur geistigen Freiheit, die ihm erst den tieferen Sinn seines Daseins und Soseins erschliesst.
Sehr viel Wert legt Frankl auf die positive Einstellung zu einem negativen Sachverhalt. Er ist der Meinung, dass wir nicht nur zum Leben Ja sagen sollen, sondern dass wir auch das Nein, welches das Leben uns manchmal entgegenhält, annehmen müssen mit dem Gedanken: Wer weiss, wozu das gut ist. Die Logotherapie nennt diese andere Sichtweise die Einstellungsmodulation.
Das grossartige Lebenswerk von Viktor Frankl wird über sein nun abgeschlossenes Erdenleben hinaus ein kostbarer Wissensschatz für die Menschheit bleiben. Es wird von seinen Schülern und Nachfolgern in den zahlreichen Instituten und Vereinigungen für Logotherapie in der ganzen Welt weitergetragen zum Wohl der vielen Menschen, die auf der Suche sind nach ihrem Lebenssinn.
Dr. Beat Imhof
Letzte Änderung am 29. Juli 2000