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Von meinem 5. (oder 6.?) Samstag der Poesie wird mir vor allem jene letzte Lesung in der Elisabethenanlage in Erinnerung bleiben, als ich mitten im Gedicht von Richard Exner über Auschwitz von einer etwa 50-jährigen, verlebten Frau attackiert wurde. Sie trat sehr nahe an mich heran und begann, heftig auf mich einzureden. Sie habe jetzt endlich genug von Auschwitz und den Juden, das wisse man ja jetzt. Es gebe hunderte andere Vorfälle, die nicht erwähnt würden, man solle mal an die Millionen von Schwarzen in Afrika denken, und die hätten ja nicht einmal Gräber gekriegt!
Ich war zuerst perplex, wehrte mit dem Satz ab, "ich lese Gedichte, keine Politik", aber die Frau redete noch ein Weilchen weiter. Ich verstand und verstand nicht. Ja, um Auschwitz weiss man, und um andere Massentötungen nicht oder weniger; ich bin jedoch sicher, dass man die Frau (und andere weit "normalere" Bürger dieses Landes und Europas) auch mit Gedichten über Katyn oder über Stalins Massendeportationen nicht hätte begeistern oder zufrieden stellen können.
Und hier beginnt die poetologische Überlegung: die Poesie muss auch und vor allem in moderner, nach-Holocaust-Zeit immer wieder mit Schönheit und Wahrheit an diesen Urunglücken des vergangenen Jahrhunderts, ja der Menschheit insgesamt arbeiten und schreiben. Genauso, wie sie auch die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki nicht vergessen lassen darf. Daran, so bin ich überzeugt, misst sich ihre Modernität.
Poesie ist für viele heute zum süssen Gesäusel verkommen; sie soll es für viele auch bleiben. In einem meiner Gedichte vergleiche ich die Poesie mit Kotzen: Regelmässig höre ich dann die Bemerkung, das sei unschön oder das gefalle nicht. Ich antworte, wenn ich gerade bereit zu Ehrlichkeit bin und nicht micht entschuldigen will - weil das ja auch vorkommt, als Dichter will man ja auch gefallen! -, dass der Prozess des Schreibens durchaus mit dem Kotzen zu vergleichen sei. Und das eigentliche Kotzen, über der Kloschüssel vollführt, betrachte ich immer noch als eine grundlegend kathartische Erfahrung des Menschseins...
Ja, Poesie hat schön zu sein. Da bin ich einverstanden. Aber ein Gedicht ist, wie das Exner so unglaublich prägnant und erschreckend auf den Punkt bringt, "wie ein Massengrab", das "Raum und Zeit" spart. Und in dieser lautlichen, klanglichen, vielleicht auch bildlichen Schönheit muss Poesie dennoch die Hässlichkeit und Verwerflichkeit, die Verwerfungen und Biederkeiten, die Untaten und Untoten gegenwärtig halten. Poesie ist eben auch: Memento mori, Mahnmal des Menschen - ganz im Sinne der Fastenzeit: Bedenke, dass du sterblich bist und zu Staub zurückkehren wirst. Und das, ja das gebe ich zu, das schmerzt. Aber ist es nicht ein schöner Schmerz, wenn man sich über die eigene Sterblichkeit für einen kurzen, eleganten Vers schwingen kann?
Das will ich doch meinen.