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Dies ist der dritte Artikel über Lebensrezepte nach „Lebensrezept 1 (STOA)“ und „Lebensrezept 2 (Buddhismus)“. Es besteht keine Notwendigkeit, die vorherigen Lebensrezepte zu verdauen, um die heutigen Gedanken genießen zu können.
Sowohl der Stoizismus als auch der Buddhismus besitzen als roten Faden den Gedanken des Leidens, dass das Leben schmerzhaft und schwierig ist. Das findet sich auch im Existenzialismus, dem ersten Teil des heutigen Artikels und jedoch weniger im Konstruktivismus, dem zweiten Teil heute.
Wenn denn das Leiden zum Leben gehört, dann habe ich zwar die Wahl, für welche Qual ich mich entscheiden will, könnte jedoch auch entscheiden, dass jedes Leiden zwei Seiten hat, wie in den bisherigen Gedanken in Teil eins und zwei erwähnt.
Ich finde zudem, dass Stoizismus, Buddhismus, Existenzialismus und Konstruktivismus als Hinweise verstanden werden können, wie man sein eigens Glück selbst schmieden kann. Heute meine Gedanken mit der Hoffnung, den einen oder anderen Denkanstoß zu vermitteln.
Existenzialismus
Mit Existenzialismus wird im allgemeinen Sinne die überwiegend französische philosophische Strömung der Existenzphilosophie bezeichnet. Ihre Hauptvertreter sind Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und in einer christlichen Sonderform Gabriel Marcel, dem Peter Wust nahestand.
Eine philosophische Strömung, die der gelebten Existenz den Vorrang einräumt und die es ablehnt, diese Erfahrung auf ein Konzept, eine Definition oder eine Essenz zu reduzieren.
Laut Albert Camus war der glücklichste Mensch ein Herr Namens Sisyphos. Genau! Der Typ, der den ganzen Tag einen Stein den Berg raufrollt, einen Stein, der dann kurz vorm Ziel den ganzen Weg wieder runterkullert. Super, danach wären wir ja alle mehr als glücklich!
Ach, zwei Herzen in meiner Brust. Interessant und für mich widersprüchlich zugleich. Warum muss es für einfache Gefühle immer so komplizierte und zungenbrecherische Wörter geben? „Existenzialismus“ ist so ein Wort, und es beschreibt einen Seelenzustand, mit dem vermutlich jeder in seinem Leben schon einmal Bekanntschaft gemacht hat. Es ist das Gefühl von „kosmischer Verlorenheit“ – die schier unheilbare Empfindung von Einsamkeit und Fremdheit, überhaupt von der Absurdität des Lebens.
Mir persönlich steht Sartre am nächsten:
Sartre sagte nicht, dass nichts etwas bedeutet und alles erlaubt ist. Vielmehr forderte Sartre den Menschen zu einem aktiven Handeln auf: Wir selbst wollen die Bedeutung, den Sinn für unser eigenes Leben schaffen. Existieren heißt, sein eigenes Leben zu schaffen. Und da finde ich folgende Zitate von ihm passend:
„Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen festlegt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht.“
„Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet.“
„Der Mensch ist voll und ganz verantwortlich“ (für sich selbst)
„Der Mensch ist nichts anderes, als was er selbst aus sich macht.“
So paradox es klingt: Letztendlich zeigt der Existenzialismus doch auf, dass wir trotz der Sinnlosigkeit des Lebens an sich, dennoch unserem eigenen Leben einen Sinn geben können.
Konstruktivismus
Konstruktivismus ist eine Position der Erkenntnistheorie, entwickelt hauptsächlich in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Die meisten Varianten des Konstruktivismus gehen davon aus, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird.
Mehr zu den Varianten des Konstruktivismus findest du hier bei Wikipedia.
Radikaler Konstruktivismus
Paul Watzlawick gilt als Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus. Hierbei handelt es sich um eine Lehre, die davon ausgeht, dass jedes Individuum seine eigene Wirklichkeit konstruiert. Diese setzt sich zusammen aus der Summe der Erfahrungen des jeweiligen Individuums. Der radikale Konstruktivismus besagt, dass Wahrnehmung immer subjektiv ist und auf der Konstruktion der eigenen Sinnesreize sowie der eigenen Interpretation derer beruht.
Der Konstruktivismus ist kurz gesagt eine Theorie der Entstehung von Wissen und der Wahrnehmung. Es geht darum, wie Menschen an Wissen gelangen und so auch fähig sind, zu lernen. Zudem ist der Konstruktivismus eine wichtige Grundannahme der Resilienz, denn die Sichtweise hat Auswirkungen auf resiliente Kommunikation und persönliche Weiterentwicklung.
Der Ansatz, dass jeder Mensch nur seine eigene innere Welt kennt, birgt großes Potenzial für eine (resiliente) Kommunikation mit anderen und mit sich selbst. Ein Beispiel:
Stelle dir vor, dein Gegenüber zeigt auf die Teetasse vor sich und fragt dich, auf welcher Seite der Henkel ist. Für dich ist er wahrheitsgemäß auf der linken Seite (wenn das Gegenüber Rechtshänder ist). Diese Wahrheit gilt nur für dich. Denn für dein Gegenüber ist er rechts. Wer sagt nun die Wahrheit?
Wenn wir unsere eigene Sichtweise deutlich kommunizieren, beispielsweise ganz wörtlich sagen „In meiner Welt …“, dann können wir Konflikte vermeiden. Gleichzeitig würdigen wir die Sicht des anderen, indem wir nur von unserer eigenen Wahrnehmung sprechen. Diese Art des Mittteilens vermindert Stress und stärkt Bindungen in der Kommunikation.
Konstruktivismus als Lebensrezept
Nach Watzlawick ist die Wirklichkeit immer eine Konstruktion und der Grad der Inter-Subjektivierbarkeit ist verschieden. Die Wirklichkeit 1. Ordnung sind faktische Abläufe und objektiv unbezweifelbare Tatsachen, z.B. Bäume und Blumen, die uns vom Sinnesorgan vermittelt werden, wenn wir über ein normal funktionierendes Zentralnervensystem verfügen.
Die Wirklichkeit 2. Ordnung ist das Ergebnis verschiedener Bedeutungszuweisungen. Es ist die Ebene der Wert-, Bedeutungs- und Sinnzuschreibung, d. h. der unterschiedlichen Weltbetrachtungen/Bilder, die nicht objektiv und ein für alle Mal beschreiben und klar definiert sind. Daher gibt es für ihn keine objektive letztgültige, unabänderliche Wahrheit, sondern nur Konstruktionen bzw. Bilder von Wirklichkeiten. Das Glas Wasser als halb voll oder halb leer zu sehen ist für ihn eine Wirklichkeit 2. Ordnung, eine subjektive Wirklichkeit als Folge einer individuellen Bedeutungszuschreibung.
„Sprache schafft Wirklichkeit, Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation; diese Thesen scheinen den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen; es soll gezeigt werden, dass das nicht so ist.“
(In: Watzlawick, „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Piper Verlag)
«Aus meiner Sicht muss man aus einer epistemologischen Perspektive die Vorstellung aufgeben, dass die Wissenschaft der Wahrheitserkenntnis dient; sie hat vielmehr die Aufgabe, Methoden auszuarbeiten, die für einen ganz bestimmten Zweck brauchbar sind und die – womöglich schon nach kurzer Zeit – durch wirkungsvollere ersetzt werden. Mit der Erfassung einer absoluten Wahrheit hat das nichts zu tun. Die heutige Sicht der Dinge kann sich morgen schon als untauglich und nicht mehr nützlich erweisen. Der radikale Konstruktivismus begreift sich selbst als eine Konstruktion und nicht als eine letzte Wahrheit, er ist eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen.»
(Gespräch Bernhard Pörksen mit Paul Watzlawick, in Pörksen, Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus; Carl Auer Verlag)
«Die Wirklichkeit, die wir uns konstruieren, ist aber in vieler Hinsicht auch eine familiäre, gesellschaftliche, ideologische Wirklichkeit. Es ist nicht so, dass jeder für sich eine vollkommen private, individuelle Wirklichkeitskonstruktion hat. Jeder hat die Meinung, dass seine Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit ist. Jeder, der sie anders sieht, ist „ver-rückt“. Aber was für einen Unsinn ist, kann für den anderen auch Sinn sein. Sinn und Unsinn sind nur zwei Aspekte derselben Sache.“
Bild eins: Saxofonist oder Frauengesicht?
Bild zwei: Alte Frau oder junge Schönheit?
Fazit
Wenn wir unsere Welt konstruieren, dann „gibt es“ im Erleben kein Problem an sich. Wird gerade ein „Problem“ erlebt, drückt dies die gerade im Moment gestalteten
Wahrnehmungsprozesse und
Konstruktionen von Realität“
aus, die der
Beobachter tätigt,
der das „Problem“ erlebt.
(bewusst und unbewusst, willkürlich und unwillkürlich)
Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmid, Das Orchester der Sinne nutzen für erfolgreiche Kompetenzentwicklung