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Unsere Arterien altern genauso wie wir selbst. Es gibt zwei Faktoren: der erste ist die Zusammensetzung der Gefäßwand, der zweite die Zeit. Es gibt jedoch Möglichkeiten, kardiovaskulären Risiken vorzubeugen. Sie lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Primär- und Sekundärprävention. Die Primärprävention besteht darin, die Belastung der Gefäßwände zu verringern. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, eine gesunde Ernährung, der Aufenthalt in einer rauchfreien Zone und vieles mehr. Die Sekundärprävention besteht darin, einen Rückfall der Arterienerkrankung zu vermeiden. Wenn wir ein Gefäßproblem haben, sind unsere Reservekapazitäten erschöpft. Das bedeutet, dass wir auch nach einem Eingriff, mit dem eine arterielle Läsion behandelt wurde, eine Nachsorge in Anspruch nehmen sollten.
Möchten Sie mehr erfahren? Lesen Sie weiter im Artikel von Dr. Remi Chamberod.
Das Leben vor und nach der Krankheit… Unser Altern ist das Produkt von Zeit und Stress, denen unser Organismus ausgeliefert ist. Unsere Widerstandsfähigkeit gegen das Altern ist eng mit dem Begriff Reservekapazität verbunden. Das ist die verbleibende Kapazität, die unser Organismus zur Verfügung hat, um symptomfrei zu funktionieren. Wenn diese Reserve erschöpft ist, kann der noch funktionierende Teil des Organs seine Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen; das ist der Moment, in dem Symptome erscheinen.
Nehmen wir z.B. die Arteriopathie der unteren Gliedmassen: die zunehmende Überlastung der Gefässwände durch atheromatöse Veränderungen führt zu aufeinanderfolgenden Entwicklungsphasen. Dieser Belag unserer Arterien besteht aus zahlreichen Substanzen. Ein Teil dieser Substanzen geht auf Gefässentzündungen zurück, aber es sind hauptsächlich Kalzium- und Cholesterinkristalle. Nach und nach verringert sich unsere arterielle Reserve, wenn die Krankheit voranschreitet.
WIE KOMMT ES ZUR ALTERUNG UNSERER ARTERIEN?
● Der erste Faktor ist die Zusammensetzung der Gefässwand. Sie besteht aus Proteinen besserer oder minderer Qualität. Die Qualität dieser Proteine, die verschiedene Beläge der arteriellen Gefässwände stellen (Kollagen, Elastin, Fibronektin), hängt von unserem Genmaterial ab. Vererbung spielt also bei der Entwicklung der Krankheit eine grosse Rolle.
● Der zweite Faktor ist die Zeit, die uns alle betrifft. Jedoch hat Zeit den Koeffizient Stress, denn in jedem Moment ist jede einzelne unserer Funktionen einer anderen Belastung ausgesetzt. Der Druck in den Arterien erhöht die Belastung der Elastizität und die Reibung des Blutes an den Gefässwänden. Die Korrosion des Blutes ist umso höher, als es reich an hochreaktiven Molekülen ist, wie Zucker (bei Diabetes), Alkohol, in geringerem Masse Fette, aber auch an giftigen Molekülen, die bei bestimmten Stoffwechselvorgängen entstehen (freie Radikale, Glykierungsprodukte) oder Resultat des Inhalierens von Verbrennungsprodukten wie Tabak oder Luftverschmutzung sind.
WIE WIRKEN DIESE STOFFE?
Diese verschiedenen Faktoren erzeugt eine chronische Entzündung der Gefässwände, was den Alterungsprozess beschleunigt: die Zeit wird so vervielfacht. Die Entzündung fördert das Eindringen von Cholesterin und Kalzium in die Gefässwand. In dieser Situation, je mehr Transportproteine für Cholesterin im Blut gesättigt sind (LDLCholesterin), desto mehr Cholesterin wird vom Transportprotein freigesetzt, um sich an der Wand der entzündeten Arterie festzusetzen. Ab einer bestimmten Konzentration, bilden Cholesterin und Kalzium Kristalle und daraus Atheromplättchen. In diesem Stadium ist es noch ein kosmetisches Problem, weil das Blut das Hindernis umfliessen kann. Unsere Reserve ist kaum angegriffen und wir befinden uns in der Phase der Primärprävention (beschwerdefrei). Messungen der biologischen Werte und der Dicke der Gefässwand klären Stresslevel und Entzündungen ab, die beeinträchtigend wirken.
Das Atheromplättchen wächst mit der Zeit x Stress, nimmt den verfügbaren Platz in der Arterie für den Blutkreislauf weg, und nagt an unserer «Funktionsreserve». Wenn ein Wert überschritten wird (in den meisten Arterien 70% Reduzierung des Durchflusses), reicht der restliche arterielle Durchmesser nicht mehr aus, um die Durchblutung der Beinmuskeln in allen Situation sicher zu stellen. Bei Anstrengung, wenn die Muskeln mehr Energie (Sauerstoff, Zucker und Fette) zum Funktionieren brauchen, verursacht eine unzureichende Energieversorgung die Unfähigkeit des Muskels weiterzumachen: ein Krampf entsteht. Die Symptome sind schmerzhaft und man befindet sich in der Sekundärprävention, deren Objektiv es ist, den Fortschritt der Krankheit zu bremsen oder nach einer Behandlung einen Rückfall zu vermeiden.
Bei Anstrengung, wenn die Muskeln mehr Energie zum Funktionieren brauchen, verursacht eine unzureichende Energieversorgung die Unfähigkeit des Muskels weiterzumachen: ein Krampf entsteht.
WELCHE OPTIONEN BIETET DIE PRIMÄRPRÄVENTION?
In der Primärprävention, bei beschwerdefreien Versuchspersonen, liegt die Priorität auf der Reduzierung von Stress, der auf die Gefässwände der Arterien einwirkt:
● Regelmässige Bewegung baut überflüssige Energie ab (weniger Übergewicht, weniger
● Diabetes, weniger Cholesterin und Triglyzeride) und bringt den Blutdruck ins Gleichgewicht.
● Reine Luft ohne Zigaretten, Auspuffgase und Industrieabgase atmen, um die Giftigkeit dieser Schadstoffe für unsere Gefässwände zu beschränken.
Sich selbst eine gesunde Ernährungsweise ans Herz legen, vielseitig und ausgeglichen, von der Kreta-Diät inspiriert (Rohkost, Trockenfrüchte, Fisch, weniger Fleisch und Milchprodukte, (ein) wenig Wein), das trägt zu einem Gleichgewicht zwischen Energiezufuhr und –verbrennung bei, und damit zu einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen magerer und fetter Körpermasse und dem (richtigen) Gewicht. Diese Art Diät deckt unsere Ernährungsbedürfnisse in ihrer Vielfalt ab, ohne Giftstoffe, die den Alterungsprozess beschleunigen, unsere Funktionsreserven verringern oder unser «Gesundheitskapitel» in Gefahr bringen.
WELCHE MEDIKAMENTÖSE BEHANDLUNG BIETET SICH IN DER PRIMÄRPRÄVENTION AN?
● In den letzten Jahrzehnten heftig umstritten, sind die Medikamente für als nicht krank eingestufte Personen, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Industrie. Sie sind aber auch eine Antwort auf unseren Anspruch, unsere Gesundheit zu erhalten und Primärprävention zu betreiben: Wer möchte schon warten, bis er krank wird, wenn er die Frist bis zum Eintreten einer Krankheit aufschieben kann?
● Medikamente stellen keinesfalls eine gesunde Lebensweise in Frage, können sie aber ergänzen. Medikamente behandeln Risikofaktoren: weder Bluthochdruck, noch Cholesterin oder in geringerem Masse, Diabetes, sind Krankheiten an sich. Patienten sterben nur sehr selten direkt an diesen Leiden, indirekt sind daraus resultierende Komplikationen aber die häufigsten Todesursachen in der Welt. Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass Korrigieren dieser Risikofaktoren unser Gesundheitskapital schützt und unsere Arterienreserve bewahrt. Komplikationen wie Schlaganfälle und besonders Herzinfarkte werden so aufgeschoben.
● Der schützende Effekt der Medikamente (blutdrucksenkende Mittel aller Kategorien, Statine gegen Cholesterin, Diabetes-Mittel, oder Plättchenaggregationshemmer) kann bei einem symptomfreien Individuum nicht vorausgesagt werden. Man kann es nur schätzen, in dem man alle Informationen über den Patienten sorgfältig zusammenträgt: die mit dem höchsten Risiko haben den meisten Nutzen von umfassenden Therapeutika. Vorsorgeuntersuchungen der Primärprävention sind der Angelpunkt des medizinischen Projekts «Anti-Ageing».
● Die Polemik um die medikamentöse Versorgung einer ganzen Bevölkerung, in Hinsicht auf eine Primärprävention, ist verständlich, aber betont auch die Notwendigkeit, medizinische Eingriffe besser in einer Bevölkerung abzustimmen, die sich wohl fühlt und eigentlich nur dem Zahn der Zeit standhalten will.
● Zwei andere Parameter müssen beachtet werden: Verträglichkeit und Sicherheit. Das Medikament sollte in Hinsicht auf sein Objektiv verhältnismässige Nebeneffekte haben. Es ist nicht zu vertreten, dass ein gesunder Mensch unter Nebenwirkungen leidet, für eine minime oder unsichere Verbesserung seines Lebens in den nächsten 30 Jahren. Auf der anderen Seite, wenn man mit 45 eine Behandlung beginnt, müssen die Langzeiteffekte bekannt sein.
WAS SIND DIE OPTIONEN DER SEKUNDÄRPRÄVENTION?
In der Sekundärprävention ist es absolut notwendig, einen Rückfall der Arterienkrankheit zu vermeiden: unter einer vaskulären Komplikation gelitten zu haben, bedeutet, dass unsere Reservekapazität erschöpft ist, ein folgenschwerer Verlust des Sicherheitsfaktors.
- Die Nachbetreuung muss sorgfältig und nachhaltig erfolgen, selbst nach einem Eingriff, der eine Arterienläsion behandelt hat. Der Eingriff «repariert» oft nur die am Schlimmsten befallene Stelle unserer Arterien. Eine symptomatische Läsion in den Koronararterien (die Herzarterien), der Kopf- und Halsschlagader (die Arterien des Gehirns) oder den Beinarterien, macht es notwendig, die anderen Arteriensektoren zu untersuchen, in denen die Bedingungen für die Entwicklung eines Atheroms dieselben sind (Tabak, Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Diabetes, Erbanlagen, Bewegungsmangel…).
- Im Idealfall soll die Prävention den Alterungsprozess der Arterien bremsen. Natürlich können wir die Zeit nicht aufhalten, aber eine optimale Behandlung der kardiovaskulären Risikofaktoren ist ausschlaggebend: wie bei der Primärprävention, ist eine ausgewogene Ernährung, Bewegung und das Vermeiden von schädlichen Genussmitteln (hauptsächlich Tabak oder Alkohol) eindringlich zu raten.
- Was Medikamentgebrauch anbelangt, wird bei der Sekundärprävention weniger gezögert: der Cholesterinspiegel muss so niedrig wie möglich, der Bluthochdruck strikt normalisiert und die Diabetes ausgeglichen sein, um das Fortschreiten der unbehandelten Läsionen hoffentlich zu stoppen. Es ist undenkbar, alle arteriellen Läsionen mit Stents zu behandeln, das Risiko ist zu hoch, dass es bei dem Einsetzen zu Komplikationen kommt und dass sich die Arterie verschliesst, wenn die medikamentöse Behandlung nicht optimal ist.
Wenn man von klein auf eine gesunde Lebensweise einhält, wird das Gesundheitskapital optimal betreut, und die Reservekapazitäten erhalten. Mit der Verlängerung der Lebenserwartung ist es unabdingbar, unsere Funktionen aufrecht zu erhalten, und eine gute Lebensqualität mit besserer Autonomie zu sichern. Vorsorgeuntersuchungen machen es nun möglich, unser Gesundheitskapital und unsere Reservekapazitäten relativ präzise einzuschätzen: so können die besten Strategien zur Betreuung und zur Risikoverringerung entworfen werden. Jederzeit wird die Vergangenheit analysiert, die aktuelle Situation untersucht, um für die Zukunft zu rüsten. Selbst mit einer üppigen medizinischen Geschichte und angeschlagenen Reserven, kann ein Eingriff mit präventivem Ziel in der Zukunft einen grossen Unterschied machen.
Wenn man von klein auf eine gesunde Lebensweise einhält, wird das Gesundheitskapital optimal betreut, und die Reservekapazitäten erhalten.