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1904–1956: Ernst Frick – Ein Asconeser Lebenslauf
Ernst Frick kam 1906 erstmals nach Ascona, um sich auf Rat des Zürcher Anarchisten und Arztes Dr. Fritz Brupbacher bei Dr. Raphael Friedeberg gesund pflegen zu lassen. Von Beruf Metallgiesser, trat er früh der Gewerkschaft bei und redigierte 1905 den «Weckruf», die deutsche «Parallelausgabe» des «Risveglio anarchico» oder «Réveil» des Tessiner Anarchisten Luigi Bertoni für das deutschschweizerische Sprachgebiet. Während seines Ascona-Kuraufenthaltes lernte er die Anarchisten und Bohémiens Erich Mühsam und Johannes Nohl kennen und durch diese Otto Gross und seinen Kreis, die Schwestern Else Jaffé, die Gattin des späteren Finanzministers der bayerischen Räteregierung, und Frieda Lawrence, die Gattin des englischen Romanschriftstellers D.H.Lawrence, die Frick 1912 in Ascona besuchten. Von 1911 an lebte Frick mit Otto Gross’ Gattin in Ascona. 1913 verbüsste Frick in Regensdorf eine einjährige Haftstrafe (Versuch der Befreiung eines russischen Staatsangehörigen aus der Kaserne der Kantonspolizei Zürich mittels Sprengstoff am 3./4. Juni 1907 und vorsätzlich herbeigeführte Strassenbahnentgleisung vom 30. Oktober 1908). Nach seiner Rückkehr nach Ascona zog er sich ganz von der anarchistischen Bewegung zurück. Ernst Frick wurde Schüler von Arthur Segal, Maler und Bildhauer, und erforschte seit den dreissiger Jahren die keltische Festung Balla Drum westlich vom Monte Verità. Seit 1920 lebte er mit Margarethe Fellerer, der Porträtistin der Asconeser, zusammen.
1928: Fritz Jordi – Worpswede Süd
1923 kaufte der Berner Buchdrucker und Sozialist Fritz Jordi das von den Einwohnern verlassene Dorf Fontana Martina am Steilhang des Lago Maggiore bei Ronco für 18 000 Franken in der Absicht, dort eine Landkommune aufzubauen. Als Vorbild diente der Barkenhof bei Worpswede, den Heinrich Vogeler, ehemaliger Jugendstil-Künstler und Hätschelkind der deutschen Bourgeoisie, der im Krieg Sozialist wurde, 1919 auf seinem Anwesen begründet hatte. Erst 1928 konnte Jordi unter zeitweiliger Mithilfe Vogelers mit dem Aufbau beginnen. 1930, nachdem Vogeler kurz zuvor noch seine endgültige Niederlassung erwogen hatte, kam er nicht mehr, vermutlich weil er einsah, dass auch Jordis Versuch zum Scheitern verurteilt war. Ein Jahr danach reiste Vogeler in die Sowjetunion, um am Aufbau des Sozialismus mitzuarbeiten. Von 1930 bis 1931 veränderte sich das Leben in Fontana Martina. Aus der landwirtschaftlich orientierten Kommune wurde immer mehr eine Künstlersiedlung. Kunsttöpfer und andere Kunsthandwerker wohnten dort. Es ging ihnen vor allem darum, einen Ort zu haben, wo sie mit einem Dach über dem Kopf arbeiten konnten; an einer Landkommune waren sie wenig interessiert. 1931/32 gab Jordi eine Zeitschrift heraus, die mit Druckgrafiken dort lebender Künstler illustriert war. Mitarbeiter war unter anderen Carl Meffert (Clement Moreau). Dass der Aufbauversuch einer sozialistischen Landkommune scheiterte, hatte seinen Grund in den solchen sozialistischen Versuchen gegenüber feindlichen gesellschaftlichen Bedingungen. 1938 starb Jordi.
Theo Kneubühler
Um 1930: Die Einzelgänger – Schweizer Spätexpressionisten
Der Schweizer Expressionismus gründet im allgemeinen auf der Schwere des Bodens, auf erdhafter Schwermut. Der Künstler fühlt sich eingegraben, er kann nicht fliegen, weil das Gewicht der Erde ihn zurückholt. Von Robert Schürch gibt es eine Photographie, wo er wie ein Äffchen im Gerüst eines Sonnendaches hängt. Er lächelt hämisch, im Sinne etwa: Ich bin euch dennoch entwischt. Höher als das Gerüst ging es nicht, und um dieses zu erreichen, müsste er das Äffchen spielen. Trotzdem wirkt das Bild so, als sei er ganz nahe beim Himmel. Robert Schürch war einer jener Schweizer Expressionisten, die, auf sich selbst zurückgeworfen, einzelgängerisch und isoliert, gefangene Geister und, er vor allem, gefangene Körper waren. Schürchs Schrei war ein bisschen lauter. Deshalb getraute er sich auch, das Äffchen zu spielen. Der Schrei des Äffchens im Metallgerüst eines Sonnendaches irgendwo im Tessin.
Es ist merkwürdig, dass fast alle wichtigen Schweizer Expressionisten ins Tessin zogen: Robert Schürch, Fritz Pauli, Ignaz Epper. Auch die Künstler der Basler Rot/Blau-Gruppe, Albert Müller, Hermann Scherer, Paul Camenisch und Otto Staiger, hielten sich längere Zeit dort auf. Wie Hermann Hesse, Hans Morgenthaler, Fritz Glauser und Louis Moüliet waren sie konservative Einzelgänger, die Abscheu und Schwermut in den Süden trieben, wo sie hofften, fern von den komplizierten Zusammenhängen der Industriewelt auf eine einfache, natürliche Art leben zu können. Sie stellten sich der Wirklichkeit entgegen, da ihnen aus realistischen Erwägungen ein Leben im industrialisierten Nordeuropa unmöglich schien. Sie wollten als Einzelgänger und Künstler einen einsamen Kampf führen und entwarfen in ihren Werken Gegenbilder. Die einzige Bestätigung in ihrem verzweifelten Bemühen fanden sie darin, dass das Erstellen dieser Gegenbilder noch möglich war.
Theo Kneubühler
Um 1930: Apolitische Traumwelt
1930 fand im Teatro San Materno eine Kabarettvorführung statt, in der die Mitglieder der Gesellschaft von Ascona sich selbst – oder durch Schauspieler in der Sommerfrische dargestellt – zur Schau stellten. Unterdessen war in den zwanziger Jahren, die sich immer mehr als Ideen-Adaptierungsjahre denn als schöpferische Zeit wie die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg entpuppten, in Ascona eine grosse Verschiebung eingetreten. Seit 1926 residierte auf dem Monte Verità Baron Eduard von der Heydt und seit 1928 auf den Brissago-Inseln der Warenhauskönig Max Emden. Sprach Friedrich Glauser noch von den Synthetikern auf dem Hügel und den Analytikern im Dorf für das Jahr 1919, so hiess nun die Scheidung: Hie Jet-set, hie die Boheme der zwanziger Jahre, und zu ihnen gesellten sich die schönen Mädchen, die Freundinnen der Künstler, die Tramperinnen, die Nymphen mit ihren Idealmassen zur Bevölkerung der Inseln als lebende Skulpturen. Ascona war nun «in». Die Abfolge Spinner-Künstler-Bankier hatte wieder einmal funktioniert und der Nostalgie waren Tür und Tor geöffnet.