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Novartis zahlt vier Millionen Franken an die Opfer von Medikamentenversuchen in Münsterlingen TG. Bei einem Jahresgewinn von 8,6 Milliarden wird dies dem Basler Pharmakonzern nicht wehtun.
Die Psychiatrie Münsterlingen TG testete während mehrerer Jahrzehnte Medikamente an Patientinnen und Patienten. Und dies ohne deren Mitwissen. Federführend bei den Versuchen war Klinikdirektor Roland Kuhn, der die Tests zwischen 1946 und 1980 in Zusammenarbeit mit der damaligen J. R. Geigy AG Basel (später Ciba-Geigy, heute Novartis) durchführte. In dieser Zeit wurden mindestens 67 nicht zugelassene Medikamente an insgesamt etwa 3000 Patientinnen und Patienten getestet. Darunter auch Kinder, Jugendliche sowie Schwerst- und Chronischkranke. Das haben Forschende der Universität Zürich im Auftrag des Kantons Thurgau herausgefunden.
25 000 FRANKEN PRO PERSON
Zehn Jahre nach der Aufdeckung des Skandals hat der Kanton Thurgau jetzt ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer ausgearbeitet. Jedes Opfer der Medikamentenversuche hat Anspruch auf 25 000 Franken Entschädigung. Der Kanton Thurgau hat in Verhandlungen mit Novartis erreicht, dass der Pharmakonzern sich «freiwillig» mit vier Millionen an den Kosten beteiligt. Das Kantonsparlament muss dem Gesetz noch zustimmen. Betroffene könnten dann ihr Gesuch für einen «Solidaritätsbeitrag» zwischen 2025 und 2028 stellen. Der Kanton rechnet damit, dass sich 500 Personen melden werden.
Walter Emmisberger (67) ist eines dieser Opfer. Er war zum Zeitpunkt der Tests 11 Jahre alt. Seine Hartnäckigkeit und seine Nachforschungen haben zusammen mit den Berichten im «Beobachter» mitgeholfen, den politischen Druck zur Entschädigung der Opfer aufzubauen. Emmisberger kam im Jahr 1956 im Gefängnis als Sohn einer administrativ versorgten Mutter zur Welt. Kurz nach der Geburt wurde er seiner Mutter weggenommen, lebte im Kinderheim und bei Pflegeeltern. Der Pfarrer von Münsterlingen brachte ihn zwischen 1967 und 1969 zur ambulanten Behandlung in die psychiatrische Klinik. Dort wurde er als «Schwererziehbarer» behandelt. Die Klinik testete an Emmisberger verschiedenste «Ciba-Mittel», die Novartis heute zum Teil noch als Psychopharmaka und Antidepressiva verkauft.
In seinen Klinikakten fand Emmisberger Sätze wie «Man hat aber doch den Eindruck, dass er einfach noch mehr Medikamente nehmen sollte» oder «Wir haben das letzte Mal versucht, das Ciba-Mittel noch zu steigern, dies war aber nicht möglich, der Knabe beginnt so sehr zu zittern, dass er nicht mehr recht schreiben kann (…)».
RICHTLINIEN NICHT BEACHTET
Emmisbergers Therapie, so schreibt die «Süddeutsche Zeitung», sei ein planloses Herumprobieren gewesen. Dies, obwohl zu dieser Zeit in der Schweiz bereits Richtlinien für Medikamentenversuche an Menschen existierten. Doch Klinikdirektor Kuhn kümmerten diese Vorgaben nicht, er empfand sie vielmehr als hinderlich für seine Experimente und die Forschung. Professor Kuhn starb 2005 und galt als Entdecker des ersten Schweizer Antidepressivums. In einer Stellungnahme gegenüber SRF schreibt Novartis: «Die Zusammenarbeit mit Prof. Kuhn führte zu wichtigen Erkenntnissen (…), die für die zukünftige Behandlung von Patientinnen und Patienten wertvoll waren.»
Novartis Im Profitfieber
Novartis-Chef Vas Narasimhan hat im vergangenen Jahr beinahe doppelt so viel garniert wie im Vorjahr. Insgesamt sackte er 16,2 Millionen Franken ein. 2022 waren es noch 8,5 Millionen Franken. Die gesamte Novartis-Geschäftsleitung erhielt 2023 eine «Gesamtentschädigung» von 63,5 Millionen Franken. Das Rekordergebnis im Jahr 2023 wird von einer Entlassungswelle begleitet. 2022 kündigte Novartis die Streichung von weltweit 8000 Stellen bis 2025 an, 1400 davon in der Schweiz.