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Sonntag, 2. Februar 2014
Was würdest du machen, wenn du wüsstest, dass du nur noch ein paar Monate zu leben hättest?
Hallo Shin-chan
Im letzten Brief hab ich dir von meinem Lieblingsfilm „Rashōmon“ berichtet. Es gibt da noch einen zweiten Lieblingsfilm, den ich dir gerne vorstellen möchte: Er heisst «Daibyōnin» (englischer Titel: The Last Dance) und bedeutet «Ein Schwerkranker». Es geht um ein kulturelles Dilemma.
In Japan ist es nämlich heute noch so, dass wenn z.B. Krebs diagnostiziert wird, nur die engen Verwandten dies erfahren. Sie können dann entscheiden, ob das dem Betroffenen mitgeteilt wird. Nun, die meisten Japaner und Japanerinnen entscheiden dann oft, dass man nichts sagt.
Die ersten fünf Jahre wuchs ich in Tokyo auf. Dort, in unserem Haus, sorgte die Köchin Toshiko hauptsächlich um mich. Sie war für mich wie eine zweite Grossmutter. Vor etwa fünf Jahren starb sie an Schilddrüsenkrebs mit 89 Jahren. Solange ich mich erinnern kann, war sie niemals krank und auch nie in einem Spital. Sie achtete stets auf ihre Gesundheit z.B. durch gesunde Nahrung und frische Kräuter aus unserem Garten. Für sie war das wohl der Horror, als sie eines Tages ins Spital eingeliefert werden musste. Ohne zu wissen, was das Problem war, fragte sie jeden Tag, wann sie endlich wieder nach Hause gehen dürfe. Doch sie wurde später direkt in ein Pflegeheim geschickt, wo sie dann nach einigen Monaten starb. Zuzusehen, dass sie nie mehr nach Hause gehen konnte, war sehr tragisch für mich.
Hingegen kämpfte meine schweizer Bekannte aus dem Raum Zürich fast zehn Jahre lang gegen Krebs. Sie blieb stark, als ihr die Diagnose mitgeteilt wurde. Das erlaubte ihr die Wünsche und Aufgaben zu Ende zu bringen, bevor sie die Welt verliess. Das habe ich sehr bewundert und auch geschätzt.
Ich kann nicht beurteilen, was falsch oder richtig ist. Aber ich kann mitfühlen, dass es schwierig ist, so eine Diagnose mitzuteilen. Es gibt Menschen, die dadurch alle Hoffnungen verlieren, und jene die bis zum bitteren Ende kämpfen, weil sie ihr Leben nicht loslassen wollen. Dann gibt es diejenigen, die sich mit dieser Situation neu arrangieren und das Beste daraus machen.
Ich glaube, in Japan hat es mit den Religionen, Shintoismus und Buddhismus, sowie Naturverbundenheit zu tun. In Japan muss man jederzeit mit Katastrophen wie Erdbeben, Tsunami und Vulkanausbrüchen rechnen. Diesen Naturkatastrophen ausgesetzt, lebten die Menschen dort schon seit Tausenden von Jahren. Somit geniessen die Japaner das Hier und Jetzt und hoffen nicht ausschliesslich auf das Paradies. Wozu sollte man sich die letzten Tage quälen, in dem man nun weiss, wie lange man noch zu leben hat.
Juzo Itami, der japanische Regisseur von dem Film «Daibyounin» schildert ähnliche Erlebnisse, wie ich in der Schweiz und in Japan erlebt habe. Seine Bekannten Filme Tampopo und the funeral (osōshiki) sind genau so beeindruckend, jedoch ist für mich «Daibyonin» der Beste.
Wenn du Zeit und Interesse hast, schau ihn dir bitte an. Es hat immer wieder sehr lustige Szenen, die sehr typisch für Juzo Itami sind.
Ich mache mir hin und wieder Gedanken, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein paar Monate oder Jahre zu leben hätte. Und ist es überhaupt gut, das zu wissen?
Was würdest du machen in dieser Situation machen, Shin-chan? Wenn du mir etwas verrätst, werde ich dir auch etwas erzählen.Nun wünsche ich dir einen schönen Sonntag und bis zum nächsten Mal.