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Frühjahrsmode
Also, meine Damen und Herren, ich liege so auf dem Sofa und esse einen Apfel und verfolge eine Diskussionsrunde über Martin Heideggers sogenannte Schwarze Hefte auf 3sat und frage mich, was wohl Joan Rivers, die gerade vorher in «Fashion Police» (nein, nicht auf 3sat) erklärte, die Schauspielerin Jennifer Morrison würde in diesem Vintage Chanel Outfit aussehen «like she’s been electrocuted back to life»; ich frage mich also, indem ich diese Heidegger-Runde betrachte: Was würde wohl Joan Rivers zur Frisur von Peter Trawny sagen – «looks like Victoria Principal in 1984»? Dann werfe ich den Apfelgriebsch in eine kleine Kurland-Schale und stelle mir eine andere Frage: Wieso hat eigentlich noch niemand eine Dissertation geschrieben über «Frisuren im bewegten Bild der westlichen Welt der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre», was ich gerne auf diesem Wege anregen möchte. Eine überaus wichtige Quelle wäre hier wohl «Cannonball Run» von 1981, jener Meilenstein der Cineastik, der im deutschen Sprachraum unter dem Titel «Auf dem Highway ist die Hölle los» lief. Ich habe diesen Film neulich wieder mal gesehen, so bis zur Hälfte, dann konnte ich nicht mehr. Ich kann nur sagen: So was wird heutzutage gar nicht mehr hergestellt! Nebst einem faszinierenden Einblick in historische Frisuren und nicht weniger historische kulturelle Stereotypen führt uns dieses Werk zurück in jene unschuldige Epoche, als Alkoholismus noch akzeptierter Bestandteil des Showgeschäfts war.
Dies bringt uns, irgendwie, zurück zu Herrn Heidegger: Es ging, auf 3sat, um das Dunkel des gelebten Augenblicks und so typisches Heideggergeraune. Sowie um den Antisemitismus der Schwarzen Hefte. Es ging darum, dass Herr Heidegger in den Schwarzen Heften die «entwurzelten» und «rechnerisch begabten» Juden quasi als Vorreiter eines globalen Kapitalismus halluzinierte und das fiese alte verlogene Motiv einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung seine hässliche Fratze erhob, jenseits dessen, was die Experten den seinerzeit banalen «Konkurrenz-Antisemitismus des akademischen Milieus» nennen. Und dazu fiel mir ein, dass ich unlängst im «Daily Beast» einen Artikel darüber las, dass offenbar für viele vernagelte Homofeinde das gleiche Motiv eine Rolle spielt: die Weltverschwörung. Dort in Form einer Konspiration des Welthomotums. Die Protokolle der Weisen von Mykonos, sozusagen. Natürlich auf handgeschöpftem Bütten, in Saffianleder gebunden und mit Goldschnitt. Homos sind ja immer so stylish. Das wäre ein weiteres Äquivalent: Konkurrenz-Homophobie. Viele heterosexuelle Menschen können sich Homos einfach nicht fett, dumm und verwahrlost vorstellen. Dabei gibt es total ätzende Homos. Zum Beispiel in der CVP.
Und nun werden Sie sich (und mich) mit Fug und Recht fragen, verehrte Leserschaft: Was hat das alles mit dem Bild oben zu tun? Nun, wir müssen die Frage bloss umformulieren, nämlich zu: Was hätte Martin Heidegger, der zu seiner Zeit den zahlenfixierten Geist der technischen Moderne anprangerte, wohl zum Leitbild der quantitativen Gesellschaft von heute gesagt? Wir wissen es nicht, dürfen aber füglich davon ausgehen, dass der Nazi-Opa aus dem Schwarzwald noch tiefer geflohen wäre in sein eigenes Fenster der Ungleichzeitigkeit. Und ein ebensolches, im sehr wörtlichen Sinne, wenn auch ganz anders als das von Herrn Heidegger, sehen Sie auf obigem Foto, aufgenommen ausgerechnet in Berlin-Neukölln, of all places. Es gibt tatsächlich noch Schaufenster mit Fadendekoration, meine Damen und Herren, selbst an einem so beschleunigten, polyvalenten, in seiner Vielfalt irreduziblen Multiminoritätenhotspot wie Berlin-Neukölln. Das ist irgendwie beruhigend. Bei aller postphilosophischen Überbietung und Dramatisierung des Denkens durch Sprache. Ich schliesse mit einem Zitate von Rüdiger Safranski aus der Heidegger-Runde: «Die produktive Philosophiegeschichte läuft über Missverständnisse. Fichte hat Kant missverstanden; Sartre hat Heidegger missverstanden. Wenn die Leute sich richtig verstehen würden, wäre das ein totes Rennen.» – Nein. Nein, doch nicht. Ich schliesse lieber mit einer weiteren Heidegger-Paraphrase: Der Sinn des Seins ist die Zeit. Die Zeit ist aber nichts Haltbares. Und füge hinzu: Ausser für Joan Rivers. Bye now.