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Albert Oehlen
Untitled, 2017
«Heute figurativ zu malen in der Absicht, etwas darzustellen, ist schwachsinnig. Und Abstraktion als Stil genauso».1 Der Maler Albert Oehlen gehört mit Martin Kippenberger, Sigmar Polke und vor ihnen Francis Picabia zu jenen sogenannten postmodernen Malerinnen und Malern, die dem Glaubenskrieg zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit eine Absage erteilt haben. Der Kalte Krieg war zwar noch nicht vorbei, als sich Oehlen für diese Haltung entschieden hatte, aber als Maler ging es ihm um ganz anderes als die Rehabilitation einer etablierten und in Krise geratenen Kunstdisziplin. Um 1970, im Alter von fünfzehn Jahren, begegnete Oehlen Jürg Immendorf und entschied sich für eine Kunstlaufbahn. Immendorfs politische Radikalisierung empfand er jedoch zunehmend als befremdlich, und so wechselte er an Sigmar Polkes Klasse an der Kunstakademie in Düsseldorf, ein Befreiungsschlag.
Der Ankauf dieses grossformatigen Gemäldes passt in die Sammlungsausrichtung der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, die von Sigmar Polke «Levitation» im Entstehungsjahr des Werkes aus Bice Curigers am Kunsthaus kuratierten Retrospektive «Werke und Tage» angekauft hat (Inv. Nr. 2005/0019). Die Erwähnung Polkes ist in unserem Zusammenhang auch darum aufschlussreich, weil Oehlen, der sich sonst jeglicher Kategorisierung entzieht, diesen sowie Mike Kelley als wichtiges Vorbild erwähnt. 1987, mit 21, zog es Oehlen mit Martin Kippenberger nach Sevilla, wo die beiden sich dem künstlerischen Experimentieren hingaben, bevor sie sich schliesslich für die Malerei entschieden. Diese Malerei als «postmodern», also eklektisch im Sinne von stilpluralistisch zu beschreiben, ist dabei zu kurz gegriffen, zumal Oehlen selbst das «Bad Painting» ins Spiel bringt, ein von Marcia Tucker 1978 durchaus positiv geprägter Begriff.2 Ihre Vertreter gehen dabei noch einen Schritt weiter als die Ablehnung der Abstrakt-Figurativ-Dichotomie, sondern konfrontieren Kunsthistoriker, Kritiker und Publikum mit der Grundsatzfrage, was guter Geschmack sein soll, wem die Deutungshoheit obliege und ob diese in einer pluralistisch globalisierten Welt überhaupt noch gerechtfertigt sei. Bereits Andy Warhol sah das voraus, in dem er 1963 fragte: «Wie kann man einfach sagen, dass ein Stil besser ist als ein anderer? Man sollte in der Lage sein, nächste Woche Abstrakter Expressionist oder Pop-Künstler oder Realist zu sein, ohne das Gefühl zu haben, etwas aufzugeben.» 3 Am ehesten lässt sich Oehlens Ansatz durch seine andere grosse Leidenschaft erklären, und zwar mit der Musik: Punk, Sampling, Lärm, Intensität und Underground. Er gehört einer Generation von Kulturschaffenden an, die sich kategorisch allem, was von den Eltern – also der Kriegsgeneration kam, widersetzte; RAF und Anti-Thatcherismus lagen in der Luft. Die einen wurden Maoisten, Oehlen entschied sich glücklicherweise für einen anderen Weg und gründete 1985 mit Werner Büttner den Meter-Verlag, wo über die «(Un-)Möglichkeit politischer Kunst, der Angst, Unfreiheit, Verlogenheit und prätentiösen Moral-Effekthascherei in der Kunst» reflektiert wurde.4 In einem hoch spannenden und aufschlussreichen Podcast-Gespräch mit Spoken Word- und Counterculture-Ikone Lydia Lunch erfährt man schliesslich auch, wie wichtig Musik und besonders die improvisierte für Oehlen ist, denn auf die Frage, ob er beim Malen solche höre, antwortet er «immer». Warum er grossformatig male, verrät er uns zudem, sei nicht einem professoralen oder markttechnischen Ratschlag zu verdanken, sondern einer Zufallsbegegnung in einer Eisdiele, die alles andere als karrieretechnisch geplant war.5 Oehlen folgte diesem unbedarften «Tipp» und seiner Intuition. Davon sollten auch wir mehr zulassen beim Versinken in Betrachtung Albert Oehlens Gemälde, vor allem jedoch: dabei der Musik in uns lauschen.
1Albert Oehlen im Gespräch mit Cathérine Hug, «Picabia nach Picabia», in: Francis Picabia: Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich / The Museum of Modern Art, New York, Ostfildern 2016, S. 306.
2Siehe dazu auch Eva Badura-Triska (Hrsg.), Bad Painting – Good Art, Ausst.-Kat. Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Köln 2008.
3Zit. nach: Arthur C. Danto, «Mit dem Pluralismus leben lernen», in: Ders., Kunst nach dem Ende der Kunst, München 1996, S. 261.
4Albert Oehlen im Gespräch mit Wilfried Dickhoff und Martin Prinzhorn, Wiederabdruck in: Cathrin Pichler (Hrsg.), Crossing: Kunst zum Hören und Sehen, Ausst.-Kat. Kunsthalle Wien, Ostfildern 1998, S. 202.
5The Lydian Spin, Podcast with Lydia Lunch & Tim Dahl, Episode 49: https://lydianspin. libsyn.com/episode-49-albert-oehlen, ausgestrahlt am 18.6.2020, abgerufen am 12.2.2022.