Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/3927

Die Schweizerische Mathematische Gesellschaft hatte auf Anfang September 1932 nach Zürich geladen zum internationalen Kongress. Was Rang und Namen hatte in der abstrakten Wissenschaft und ausserdem trotz Wirtschaftskrise die nötigen Mittel aufbrachte, reiste an die Limmat.
Internationaler Mathematikerkongress, Zürich 1932. Foto: Johannes Meiner & Sohn, Zürich (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_10680-FL)
Die Anwesenheit am nicht alltäglichen Anlass wollte dokumentiert sein. Daher drängte sich eine Teilmenge der 850 Gäste aus über 40 Ländern in dichten Reihen auf dem Vorplatz des südwestlichen Universitätseingangs zum offiziellen Erinnerungsbild. Das Atelier Johannes Meiner & Sohn, erfahren in der Herstellung figurenreicher Gruppenaufnahmen, war beauftragt, die vielköpfige Schar mit der Kamera zu verewigen. Damit die Abgebildeten später würden nachsehen können, wer vor, hinter und neben ihnen mit dabei gewesen war, verkaufte die findige Firma für Franken 7.50 inklusive Versandkosten die Fotografie mit einem Transparentpapier, das sich auf das Lichtbild legen liess. Der Papierschleier war bedruckt mit 219 Nummern, verteilt über die identifizierten Personen, und der zugehörigen Namensliste.
Internationaler Mathematikerkongress, Zürich 1932 mit darübergelegtem Personenschlüssel auf Transparentpapier (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_10680-C-FL)
Rechts aussen beispielsweise, in der ersten stehenden Reihe hinter den vorne Sitzenden, blüht zwischen mehr oder minder ranken Rechnerinnen und Formelkonstrukteuren eine helle Figur in runder Leibesfülle. Die Nummer 213. Laut Namensliste eine „Miss Simons“. Wie bitte, wer? War sie inkognito erschienen? Lag eine Verwechslung vor? Ein schräger Scherz von der Porträtierten selber? Ein Fauxpas der Fotofirma? Eine Falschinformation durch die Kongressorganisation? Eine Intrige der fotografischen oder mathematischen Konkurrenz? In der Liste ist der richtige Name nicht zu finden. Dennoch: Die stattliche Gestalt ist unverkennbar Emmy Noether.
Emmy Noether, geboren 1882, war das bekannteste Mitglied einer Mathematikerfamilie. Sie lehrte in Göttingen. Hier genoss sie zusammen mit einer Professorengattin das Privileg, als Frau im örtlichen Männerbad schwimmen zu dürfen. Die Universität hingegen, das damalige Weltzentrum der Mathematik, beziehungsweise das zuständige Ministerium, verweigerte ihr wegen des weiblichen Geschlechts 1917 die Habilitation. In der Fakultätssitzung, die den Habilitationsantrag an das Ministerium diskutierte, soll der Satz gefallen sein: „Die Universität ist keine Badeanstalt“. Emmy Noether musste deswegen ihre Vorlesungen unter dem Namen ihres professoralen Vorgesetzten ankündigen. Dank einer Gesetzesänderung nach dem Ersten Weltkrieg wurde ihr 1919 die selbständige universitäre Lehrberechtigung doch noch zugesprochen. Allerdings blieb ihr eine ordentliche akademische Karriere weiter verwehrt. Ab 1922 durfte sie den Titel eines ausserordentlichen Professors tragen, musste jedoch wie bisher als Privatdozentin auf eigene Rechnung unterrichten, erst ab 1923 erhielt sie einen gering bezahlten Lehrauftrag.
„Zur Flächentheorie. Kolleg v. Frl. Noether über abstr. Algebra (Anfang)“. Stenografische Notizen von Paul Bernays (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 973:177)
Die bescheidene offizielle Stellung schadete dem Ansehen Emmy Noethers in der Wissenschaftswelt keineswegs, denn ihre Forschungen trugen grundlegend zur modernen Algebra und zur theoretischen Physik bei. In Göttingen vermochte sie eine eigene Schule von mathematischen Talenten um sich zu versammeln. Aus den Reihen von Kollegen, die sich von ihren Erkenntnissen inspirieren liessen, und ihren ehemaligen Studierenden wirkten auch einige als Professoren an der ETH und der Universität Zürich, wie Hermann Weyl, Paul Bernays, Heinz Hopf und Bartel Leendert van der Waerden.
Brief Emmy Noether an Hermann Weyl, Göttingen 12. März 1927. Sie bittet den damals an der ETH lehrenden Weyl um ein Empfehlungsschreiben für ihre Schüler Pawel Alexandroff und Heinz Hopf, die sich um ein Studienstipendium für die USA bemühen.
Am Internationalen Mathematikerkongress1932 hielt Emmy Noether einen der sogenannten „Grossen Vorträge“ vor Gesamtpublikum. Der Kongress war der zweite in Zürich nach demjenigen von 1897, auf politisch neutralem Boden in der Schweiz. Erstmals hatten auch wieder Forschende aus Deutschland vorbehaltlos teilnehmen können, nachdem in der Folge des Ersten Weltkriegs eine deutsche Beteiligung an internationalen mathematischen Treffen nicht mehr erwünscht gewesen war. Die Entspannung währte nur kurz. 1933 drängten die neuen nationalsozialistischen Machthaber Deutschlands jüdische Staatsangestellte aus ihren Positionen. Emmy Noether emigrierte in die USA. Freunde, die ebenfalls im amerikanischen Exil Zuflucht gefunden hatten, vermittelten ihr eine Gastprofessur am Women’s College Bryn Mawr in Pensylvania. Ab 1934 wirkte Emmy Noether auch am Institute for Advanced Study in Princeton. Am 14. April 1935 starb sie dreiundfünfzigjährig in Bryn Mawr an den Folgen einer Unterleibsoperation.
Hinweise und Literatur:
In verschiedenen Privatbeständen von Mathematikern, die im Hochschularchiv der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek archiviert sind, befinden sich Briefe und andere Dokumente von und über Emmy Noether.
Auguste Dick: Emmy Noether 1882-1935. Elemente der Mathematik – Beiheft Nr. 13. Birkhäuser: Basel, Stuttgart, 1970.
Günther Frei, Urs Stammbach: Die Mathematiker an den Zürcher Hochschulen. Birkhäuser: Basel, Boston, Berlin, 1994. Darin S. 5-8 zum Internationalen Mathematikerkongress 1932.
Johannes und Hans Meiner. Fotografiertes Bürgertum von der Wiege bis zur Bahre, hg. Fritz Franz Vogel. Limmat: Zürich, 2005. Darin S. 10 die Beschreibung des Fotografierens bei Gruppenaufnahmen von ETH und Universitätsprofessoren, in der Familie Meiner als „Chäfersammlig“ [Käfersammlung] bezeichnet.
Wellenmechanik: Emmy Noether zusammen mit anderen Teilnehmenden des Internationalen Mathematiker-Kongresses 1932 bei einer Dampferfahrt auf dem Zürichsee nach Rapperswil. Foto: Jean Zülly, Küsnacht ZH (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 632:2/6)