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«L’Idée marche!» Aus dieser Parole von Emilie Gourd spricht die Überzeugung, mit der sich die Genferin dem Kampf für Frauenrechte widmet. Mit viel Leidenschaft, journalistischem Talent, reger Reisetätigkeit und als hervorragende Vermittlerin treibt sie die Verbreitung dieser «Idee» voran. Die Frauenrechtlerin engagiert sich in kantonalen, nationalen und internationalen Frauenstimmrechtsvereinen, gründet eine feministische Zeitschrift, fordert bessere Arbeitsbedingungen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
Die Familie Gourd bewegt sich in einem bürgerlichen, protestantischen und intellektuellen Umfeld. Durch ihre Mutter lernt Emilie bürgerliche Frauenvereine kennen, die sich wohltätig engagieren. Beide beteiligen sich an den Aktivitäten des Vereins Goutte de lait, der gemeinsam mit Arbeiterinnen gegen die hohe Kindersterb-lichkeit kämpft. Der Vater ist Pfarrer und Philosophieprofessor an der Universität Genf, Bildung ist ihm auch für seine beiden Töchter wichtig. Mit drei Jahren beherrscht Emilie Gourd das Alphabet, mit fünf kann sie lesen, mit sieben lernt sie Deutsch. Sie besucht die Höhere Töchterschule in Genf, das Diplom berechtigt aber nicht zu einem Universitätsstudium. Deshalb kann Emilie Gourd den Vorlesungen in Philosophie und Geschichte nur als Hörerin folgen. Bloss für kurze Zeit unterrichtet sie als Lehrerin, denn ihre Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben. Sie hat mehrere Zeitschriften abonniert – etwa die feministische Pariser La fronde (Die Schleuder), die ausschliess-lich von Frauen geschrieben geleitet und gedruckt wird – und informiert sich so über die weltweiten Frauenkämpfe.
Diese Zeit markiert den Beginn eines Werdegangs voller Vereinsaktivitäten und unzähliger Konferenzen in der Schweiz und im Ausland. Emilie Gourd macht Bekanntschaft mit Persönlichkeiten der Genfer Frauen(stimmrechts)bewegung, 1904 tritt sie der Union des femmes de Genève bei, 1911 wird sie Präsidentin der Associa-tion genevoise pour le suffrage féminin. Ab 1914 präsidiert sie den Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht und die Nähstube der Union des femmes de Genève, die mittel- und arbeitslosen Frauen ein Einkommen ermöglicht. 1923 wird sie Sekre-tärin der International Alliance of Women. Und als in den 1930er Jahren faschistische Ideen erstarken, ruft sie die Genfer Sektion der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft Frau und Demokratie ins Leben.
1912 gründet Emilie Gourd die Zeitschrift Mouvement féministe, deren Chefredak-teurin sie fortan ist. Die monatliche Zeitschrift vereinigt Information, Bildung und Propaganda für das Frauenstimm- und -wahlrecht. Hierzu berichtet die Journalistin regelmässig über die Frauenbewegungen im Ausland. Die Zeitschrift erscheint – unter wechselnden Namen – bis 2009 in Papierform und ist heute unter dem Titel L’Emilie als Webangebot verfügbar.
Als Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht (SVF) nimmt Emilie Gourd eine wichtige Rolle als Vermittlerin ein. Der Verband – 1909 als Zusammenschluss der lokalen Stimmrechtsvereine entstanden – erfährt in dieser Zeit einen grossen Zuwachs an Mitgliedern. Anders als viele bürgerliche Frauen (z. B. Emma Graf, die 1914 den Slogan «Pflichten erfüllen heisst Rechte begründen» prägte) vertritt sie die Auffassung, dass den Frauen in einer Demokratie die politischen Rechte bedingungslos zustehen und sie sich diese nicht zuerst «verdienen» müssen: «Keine neuen Pflichten ohne Rechte». Mit dieser Haltung kann sie zwischen den bürgerlichen und sozialistischen Flügeln der Frauenbewegung vermitteln. Als die Arbeiterschaft während des Landesstreiks 1918 das Frauenstimm- und -wahlrecht verlangt, fordert sie als Präsidentin des SVF den Bundesrat auf, dieser Streikforderung nachzukom-men. Gleichwohl distanziert sie sich von militanten Aktionen – denn obwohl sich die Genferin an den egalitären Idealen der Französischen Revolution orientiert, will sie im Kampf um gleiche Rechte nur «legale» Mittel anwenden. 1929, ein Jahr nachdem ihre Präsidentschaft des SVF endet, lanciert der Verband eine Petition für das Frauen-stimmrecht mit einer Rekordzahl an Unterschriften und sie engagiert sich im gesamt-schweizerischen Aktionskomitee.
Neben ihrem Engagement für die politischen Rechte der Schweizerinnen setzt sich Emilie Gourd für bessere Arbeitsbedingungen und die Anerkennung der Frauenarbeit ein. Dazu organisiert sie 1925 die erste kantonale Ausstellung über Frauenarbeit in Genf, die zum Vorbild für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 wird. Für die SAFFA koordiniert sie auch den Genfer Beitrag, und es ist vermutlich ihre Idee, die fehlenden «Fortschritte des Frauenstimmrechts» in Form einer überdimensionierten Schnecke darzustellen, die viel Aufsehen erregt.
Bis an ihr Lebensende bleibt Emilie Gourd Chefredakteurin des Mouvement féministe und präsidiert mehrere Vereine. Aufgrund einer Herzerkrankung muss sie ihre Aktivitäten jedoch zunehmend einschränken. 1946 – mit 66 Jahren – stirbt sie. Drei Monate zuvor lehnten die Genfer Männer zum dritten Mal das kantonale Frauenstimm- und -wahlrecht ab (Quelle: EKF).
„Ohne die Emanzipation der Frauen ist der Begriff der Demokratie nur Heuchelei und Lüge.“ Emilie Gourd