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Kommt zuerst das «Fressen» oder die «Moral»?, fragten wir in Anlehnung an Bertolt Brecht im ersten Teil dieses Blogs. Es wurde festgestellt, dass der Schweizer Bauernverband (SBV) oft moralisch argumentiert, um Stand und allfälligen Ausbau der hochgradig subventionierten und protektionistischen Agrarpolitik zu rechtfertigen. Daneben wird eine zweite Argumentationslinie bemüht, um den Konsumenten und Steuerzahlern mehr abzuverlangen: Wir sollen einheimische Nahrungsmittel kaufen, da die ausländischen unter moralisch verwerflichen Bedingungen produziert würden.
Die Schlagwörter hierzu sind «Tierwohl» und «Ökologie». Deshalb sollten auch die Zölle auf ausländische Agrarprodukte hoch sein, um keine falschen Anreize zu geben. Es steht dabei eine moralisch geprägte Vorstellung des «richtigen» Konsumverhaltens mit paternalistischen Zügen im Vordergrund. Diese Argumentationslinie wird oft bemüht, um eigene finanzielle Interessen zu kaschieren. – Vorgeschobene «Moral», um das eigene «Fressen» zu verteidigen.
Die Grundannahmen dahinter lauten, dass Schweizer Produkte zulasten des einheimischen Bauernstandes durch die neue, ausländische Konkurrenz verdrängt würden und dass ausländische Produktionsstandards schlechter seien als einheimische, wodurch die ökologische Belastung zunehme. Beide Annahmen sind irrig.
Der moralische Konsument
Die erste Annahme fokussiert nur auf den Preisaspekt. Es ist dabei keineswegs immer so, dass ausländische Produkte per se günstiger wären und Schweizer Konsumenten nur das billigere Produkt kaufen würden. Konsumenten übernehmen durchaus «moralische Verantwortung». In keinem anderen Land wird pro Einwohner so viel Geld für Bio- und Fair-Trade-Produkte ausgegeben wie in der Schweiz. Gemäss Angaben von Bio-Suisse entscheiden sich immer mehr Konsumenten für Bio-Erzeugnisse. 2016 lag der Umsatz bei rund 2,5 Mrd. Fr. (ein Plus von 7,8% gegenüber 2015), was einem Anteil am Lebensmittelmarkt von 8,4% entspricht (+0,7 Prozentpunkte gegenüber 2015). Die Hälfte der Schweizer Konsumenten kauft täglich oder mehrmals wöchentlich biologische Produkte ein. Pro Kopf wurden 2015 299 Fr. für Bioprodukte ausgegeben.
Die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für hochwertige Schweizer Produkte ist gross. Eine Studie des Instituts für Marketing der Universität St. Gallen hat gezeigt, dass inländische Konsumenten bereit sind, für bestimmte Regionalprodukte zwischen 20% und 30% höhere Preise zu bezahlen. Dies insbesondere für Käse, gefolgt von Honig, Joghurt, Eiern, Milch und Fleisch. Vor allem «Gefühle der Verbundenheit» führten zu einer höheren Zahlungsbereitschaft. Weitere Gründe sind «Unterstützung der regionalen Wirtschaft», «kurze Transportwege» sowie «ein höherer Genuss beim Verzehr». Schweizer Produkte hätten also durchaus Marktchancen, selbst wenn Agrarfreihandel eingeführt würde.
Unterschätze Anpassungsfähigkeit
Ausserdem wird die Anpassungsfähigkeit der Schweizer Bauern unterschätzt. Würde Agrarfreihandel mit einer gewissen Vorlaufzeit eingeführt, hätten inländische Akteure Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Zwei Grundstrategien stehen dabei im Vordergrund: Preiswettbewerb durch eine verstärkte Effizienz oder die Produktdifferenzierung durch Innovation.
Anpassungen der Betriebsstruktur (z.B. Grösse der Betriebe, Art der bewirtschafteten Flächen) und der politischen Rahmenbedingungen (z.B. Abbau der Vorschriften) eröffnen einzelnen Betrieben selbst unter stärkerem Preisdruck Möglichkeiten. Für viele, gerade kleinere Betriebe dürfte hingegen eine Ausrichtung auf differenzierbare, innovative Produkte besser geeignet sein. Die heute bereits verfolgte Qualitätsstrategie bildet dabei eine wichtige Grundlage zur Bewältigung des Wandels. Agrargütern mit einem Zusatznutzen (Tierwohl, Ökologie) dürften sich dabei vermehrt auch Exportchancen eröffnen. Agrarfreihandel wirkt auf beide Seiten.
In der Schweiz gibt es ein grosses Innovationsreservoir, auch in der Landwirtschaft. Der Agrarsektor ist wie der exportorientierte Teil der Schweizer Wirtschaft in der Lage, Antworten auf die anstehenden Herausforderungen zu finden. Der Staat sollte nur so weit unterstützen, dass der Transformationsprozess von einer protektionistischen in eine offene Agrarpolitik gelingt. Selbst das wäre eine gewisse Bevorzugung des Sektors, denn Vorlaufzeit und selektive Hilfe ist mehr, als andere Branchen erhalten. Erinnert sei an die schockartige Aufgabe des Franken-Mindestkurses.
Im Zentrum steht das Ergebnis
Die zweite irrige Grundannahme betrifft die Überlegenheit der Schweizer Produktionsstandards. Zwar mögen viele Richtlinien strenger sein als im Ausland, aber im Ergebnis muss die ausländische Produktion nicht «schlechter» sein als die einheimische. Denn es wird in der Argumentation oft nicht zwischen Standards, deren Einhaltung und dem Ergebnis unterschieden. Die Richtlinien und die Kontrolle der Einhaltung sind nur Instrumente, um das gewünschte Ergebnis herbeizuführen. Das regulatorische Korsett für die Schweizer Agrarwirtschaft umfasst Tausende von Seiten. Je restriktiver und anspruchsvoller die Anforderungen, umso eher besteht die Gefahr, dass Übertretungen geschehen. Werden Standards teilweise nicht eingehalten, oder führen regionale, kumulative Effekte zu einer Überlastung, ist das Schweizer Ergebnis nicht automatisch besser als das der Nachbarländer – trotz oft strengerer Richtlinien.
Ein Grund, weshalb Schweizer Produkte per se nicht immer ökologischer hergestellt werden als Auslandsprodukte, ist die intensivere Produktion. Laut Bundesamt für Landwirtschaft weist die Schweiz mit 1,7 Grossvieheinheiten (GVE) pro Hektare im Vergleich zu ihren Nachbarländern (Deutschland: 1,07; Frankreich: 0,81; Österreich: 0,87 und Italien: 0,77) die mit Abstand höchste Nutztierdichte auf. Ein weiteres Beispiel ist der Stickstoffeintrag pro Hektar (also der sog. N-Input, z.B. Mineraldünger, Hofdünger). Dieser liegt in der Schweiz nach Abzug der gesömmerten Nutztiere mit rund 240kg/ha deutlich über den N-Inputs unserer Nachbarländer (+15% gegenüber Deutschland, +90% gegenüber Österreich). Auch beim Phosphoreinsatz pro Fläche liegt die Schweiz mit rund 27kg/ha auf dem Spitzenplatz.
Transportdistanz in der Ökobilanz
Auch in Bezug auf den Energieeinsatz pro Hektare landwirtschaftlicher Nutzfläche ist die Schweiz kein Vorbild. Zu Buche schlägt hier u.a. der hohe Anteil an Gewächshäusern. Ausserhalb der Saison werden Schweizer Tomaten oft in Gewächshäusern erzeugt, die mit nicht erneuerbaren Energiequellen beheizt werden. Für die Ökobilanz gewisser Lebensmittel entscheidend ist deshalb nicht unbedingt der Transport, sondern der Ressourceneinsatz bei der Produktion. Wer wie die Schweiz stark auf fossile oder stark aufbereitete (z.B. Kraftfutter zur Rindfleischproduktion) Inputstoffe setzt, schneidet oft schlechter ab als ausländische Konkurrenten.
Vertreter der Agrarindustrie sollten im politischen Meinungsbildungsprozess die absolute finanzielle Belastung bestimmter Konsumentengruppen nicht unterschätzen. Es ist nicht Aufgabe der Politik, eine durch Lobbygruppen vorgespurte moralische Sichtweise durchzusetzen. Aus liberaler Perspektive wichtig sind transparente Informationen zu Produktionsbedingungen von Nahrungsmitteln, beispielsweise mittels kritisch überwachter Labels. Agrarfreihandel schafft eine breitere Auswahl von Produkten, stärkt die Konsumentensouveränität, erhöht das verfügbare Einkommen schwacher Schichten und die Exportchancen innovativer Landwirte.