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1919-2013
Märchenerzählerin
Schauspielerin
Politikerin
Trudi Gerster wurde am 6.9.1919 als Tochter einer Schneiderin und eines Schriftsetzers in St. Gallen geboren. Hier verbrachte sie ihre Kindheit und Schulzeit mit ihren beiden jüngeren Geschwistern. Schon früh lernte sie lesen und den Kindern in ihrem Quartier Geschichten zu erzählen. Als eines der wenigen Mädchen zu dieser Zeit besuchte sie das Gymnasium in St. Gallen und absolvierte die Matura. Dort begegnete sie der deutschen Kinderbuchautorin Lisa Tetzner und realisierte, dass Märchenerzählerin ein Beruf sein kann.
1939 wurde sie in Zürich in der Landesausstellung (Landi 39) mit 20 Jahren als Märchenfee im Kinderparadies engagiert. Mit ihrer aussergewöhnlichen Erzählkunst und Begabung wurde das Kinderparadies zu einer der Hauptattraktionen, so dass sie innert weniger Monate im ganzen Land bekannt wurde. Es war zu der Zeit des zweiten Weltkrieges, wo Trudi Gerster sich dann in jungen Jahren bei hervorragenden Schauspielern, die aus Deutschland in die Schweiz geflüchtet waren, ausbilden lassen konnte. Nach erfolgreichem Abschluss der Schweizerischen Bühnenprüfung wurde sie am Stadttheater St. Gallen engagiert, wo sie viele klassische und auch moderne Rollen an der Seite von bekannten Schauspieler:innen, wie u.a. Heinrich Gretler, spielte. Es folgten Engagements in Luzern, Zürich, Basel, anderen Schweizer Städten wie auch in Deutschland und Österreich. Nebenberuflich blieb sie dem Märchenerzählen treu. Als das Radio bald begann ihre Geschichten zu senden, sassen unzählige Kinder in der Deutschschweiz gebannt vor ihren Radios zuhause um Trudi Gersters Stimme lauschen.
Während ihrer Studienzeit in Zürich lernte Trudi Gerster den Chemiestudenten Walter Jenny aus Glarus kennen. 1948 heirateten die beiden und Trudi Gerster folgte dem späteren Professor nach Basel. 1950 wurde Tochter Esther und 1952 Sohn Andreas geboren. Die Ehe ging 1954 auseinander. Es wurde für die Künstlerin schwierig die Rolle der alleinerziehenden Mutter mit dem Beruf der Schauspielerin in einem Ensemble mit Gastspieltourneen zu vereinbaren. So begann sie, sich zunehmend auf das Märchenerzählen zu konzentrieren. Sie sammelte unzählige Geschichten aus aller Welt und bearbeitete ausgewählte Titel für Radio und die diversen Tonträger des 20. Jahrhunderts. Sie bearbeitete viele Klassiker wie bspw. Bambi, Alice im Wunderland, Märchen von Andersen, Hauff und Grimm. Sie interessierte sich für Volksmärchen aus aller Welt und vertonte Geschichten für verschiedenste Auftraggeber. Mit einer unendlichen Liebe zum Geschichtenerzählen tourte sie unermüdlich mit Programmen für Kinder, aber auch für Erwachsene durch die Schweiz. Trudi Gerster wusste ihre Stimme jedoch nicht «nur» künstlerisch einzusetzen, sondern auch politisch. Sie gab nicht oder zu wenig Gehörten eine Stimme. So kämpfte sie zusammen mit anderen Frauen für das Frauenstimmrecht und 1968 wurde in Basel-Stadt als erster Deutschschweizer Kanton das Frauenstimmrecht eingeführt. Kurz darauf wurde Trudi Gerster als eine der ersten Frauen in ein schweizerisches Parlament gewählt und wirkte während 12 Jahren im Grossen Rat von Basel als Politikerin. Sie setzte sich für Frauenrechte, Umweltschutz, Heimatschutz, gegen Atomkraftwerke und für bessere Bedingungen für Kulturschaffende ein.
Die Kinder von Trudi Gerster verschrieben sich ebenfalls der Kunst: Tochter Esther Jenny wanderte nach Indien aus um die indische theatralische Tanzkunst Bharatanatyam zu studieren und Yogalehrerin zu werden. Mit ihrem Tanzlehrer und späteren Ehemann Vidwan D. Keshava tourte sie mit Tanzproduktionen durch die Schweiz und gründete 1976 die Tanz- und Yogaschule Kalasri in Basel. Trudi Gerster begleitete die Auftritte auf der Bühne oft mit ihrer Stimme, wodurch die Familie die verschiedenen Formen des Geschichtenerzählens verband. Sohn Andreas Jenny, Musiker und bildender Künstler, illustrierte seit Jugendzeit unzählige Covers der Tonträger seiner Mutter und vertonte musikalisch ihre Geschichten. Trudi Gerster kreierte in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Andreas und Schwiegertochter Verena Jenny zahlreiche Märchenbücher. Die Autorin, Erzählerin und Therapeutin steuerte bei den Produktionen ihrer Schwiegermutter auch moderne Märchen bei. Trudi Gerster war wichtig, dass Eltern sich die Zeit nehmen ihren Kindern auch selbst Geschichten zu erzählen. Sie hatte sechs Enkelkinder. Mehrere von ihnen wurden als Kinder in diverse Hörspielproduktionen eingebunden und übernahmen diverse Rollen der Protagonisten.
Zahlreiche Hörspielproduktionen von Trudi Gerster wurden ausgezeichnet. Vielfach erhielten ihre Produktionen das «S’goldig Chrönli», eine Prämierung für künstlerisch und pädagogisch wertvolle Mundart-Produktionen. 1998 wurde sie zur beliebtesten Kulturschaffenden der Schweiz gewählt und 2005 erhielt sie den Ehren Prix Walo für ihr Lebenswerk. 2009 erschien das filmische Porträt «Trudi Gerster – Die Märchenkönigin» und 2010 das Hörbuch «erlebt und erinnert», in dem sie sich mit 91 Jahren nochmals zurückerinnerte und aus ihrem erlebnisreichen Leben erzählte. Nach 70 Jahren auf der Bühne und immer noch voll besetzten Sälen mit mittlerweile vier Generationen im Publikum, die mit ihren Geschichten aufgewachsen waren, zog sich Trudi Gerster in ihre Wohnung in der Basler Altstadt zurück und genoss ihren Lebensabend umsorgt von ihrer Familie. Am 27.4.2013 nahm sie nach einem sehr intensiven Leben Abschied.
2014 widmete das Schweizerische Nationalmuseum der Künstlerin die Ausstellung «Märchen, Magie und Trudi Gerster». 2016 gab der Stämpfli Verlag das biografische Buch «Trudi Gerster – ein facettenreiches Leben» von Franziska Schläpfer heraus. Zum 100jährigen Geburtstag wurde ihr in Basel ein Kulturstadtplan gewidmet, um Trudi Gerster, ihr künstlerisches, aber auch politisches Engagement zu würdigen.