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Joachim B. Schmidt erfindet in seinem Roman «Tell» die Schweizer Nationalsage nicht neu. Er interpretiert sie jedoch so, dass ich grossen Spass daran habe. Der überlieferte Original-Stoff ist eben wirklich gut. Er weist Spannungselemente auf, aus denen nun der Autor einen rasanten Kriminalroman baut.
Jeder kennt die Tell-Geschichte. Und wer sie noch nicht kennen sollte, der kann sich glücklich schätzen. Jegliches Vorwissen verstellt bei der Lektüre von Joachim B. Schmidts «Tell» nur den Blick. Ich musste erst meine Skepsis gegenüber diesem Nationalhelden niederkämpfen. Mit Hellebarde, Schwert und Lanze. Mit Erfolg! Meine Vorstellung von Tell, Gessler & Co. ist eine andere geworden. Sie hat sich reformiert.
PS. Die älteste Überlieferung der Tell-Geschichte findet sich im Weissen Buch von Sarnen, welches um 1470 entstanden ist. Auf diese Version stützte sich auch Friedrich Schiller als er das Drama Wilhelm Tell geschrieben hat.
PSS. Es gibt keine historisch gesicherten Quellen, die Tells Existenz beweisen. Tell ist eine Sagengestalt, die als Freiheitskämpfer im 13. und 14. Jahrhundert gelebt haben soll.
Daumen rauf
- Spielerisch. Joachim B. Schmidt modernisiert die Tellgeschichte. Er schildert sie so wie sie in Wirklichkeit hätte stattfinden können. Vergnüglich sind jene Text-Stellen, in denen der Autor Beschönigungen entlarvt, die den Tell-Mythos erst entstehen liessen. Oder jene, die den Mythos gezielt demontieren, in dem der Autor Einzelheiten hinzudichtet oder der Geschichte eine andere Wendung gibt.
- Historisch. Joachim B. Schmidt trägt den politischen und sozialen Begebenheiten der Innerschweiz im 13. Jahrhundert Rechnung. Ich erhalte ein glaubwürdiges Bild, wie es sich unter der habsburgischen Besatzungsmacht leben liess.
- Differenziert. Joachim B. Schmidt zeichnet seine Figuren als Menschen, nicht als Helden. Ihre Motivation und ihr Handeln sind von individuellen und situationsbezogenen Einflüssen geprägt. Tell ist ein hitzköpfiger, grobschlächtiger Bergbauer, der an einem Trauma leidet. Und der zierlich-elitäre Landvogt Gessler macht Fehler, weil er seinem Vollstrecker Harras zu grosse Entscheidungskompetenz überlässt. Harras ist ein brutaler, treuloser Sadist. Sein böses Tun wiegelt die gebeutelten Innerschweizer gegen die Habsburger auf.
- Sensationell. Der Showdown ist wie aus einem Tarantino-Film. Ein Blutspritzer ohne Ende. Und diese Kostprobe ist nur der Anfang: «Die Schneeflocken, ich sehe sie alle, jede einzelne, ich könnte sie zählen, wenn ich wollte. Der Bolzen kommt direkt auf mich zu, spaltet die Flocke, die in seiner Flugbahn liegen. Doch ich weiche aus, drehe mich geschwind ab – und mache es doch nicht schnell genug.»
Daumen runter
- Kurzatmig. Joachim B. Schmidt entwickelt seine Tell-Geschichte in schnellen Sequenzen, die aus 20 verschiedenen Perspektiven geschrieben sind. Das erzeugt Tempo, geht aber auf Kosten von Tiefgang.
- Plakativ. Joachim B. Schmidt stellt die Figur des Tells betont auffällig dar. Als Grobian, Sturkopf, Muttersöhnchen und Missbrauchsopfer. Allzu offensichtlich will er damit den Nationalheld demontieren.
- Verklärend. Joachim B. Schmidts Tell kämpft für seine Überzeugungen, für Freiheit und Gerechtigkeit. Damit beeindruckt er Gessler: «Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen und verteidigen sich in der Not eben selbst. Sie alle sind Tell.» Mit dieser Kernaussage schreibt Joachim B. Schmidt den nationalen Mythos fort.
- Last but not least. Vergleiche ich Joachim B. Schmidts «Tell» mit Max Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» dann fehlt mir bei Schmidt das Revolutionäre.
Der Autor
Joachim B. Schmidt, geboren 1981, stammt aus Graubünden und lebt seit über zehn Jahren mit seiner Familie in Reykjavik. Er ist Autor mehrere Romane und diverser Kurzgeschichten. Für seinen Kriminalroman «Kalmann» hat er den CRIME COLOGNE AWARD 2021 erhalten.
Das Buch: Joachim B. Schmidt: «Tell» (Diogenes, 2022)