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Eingebettet zwischen Venezuela, Brasilien und Suriname, im Nordwesten von Südamerika liegt Guyana. Die ehemalige britische Kolonie wurde 1966 unabhängig und gilt als zweitärmste Nation Lateinamerikas.
Doch 2015 stiess der texanische Ölkonzern Exxon vor der Küste des Landes auf riesige Mengen Erdöl und -gas. Laut Experten handelt es sich dabei um die grössten Vorkommen, die in den letzten Jahrzehnten gefunden wurden. In einer Zeit, in der der Erdöl-Boom längst Geschichte sein sollte, wussten die Beteiligten: Um das grosse Geld zu machen, muss schnell gehandelt werden. Bereits Anfang dieses Jahres verliess deshalb ein erster Tanker mit einer Million Barrel Rohöl an Bord die rund 200 Kilometer vor der Küste liegenden Offshore-Bohrplattformen. Dort wird das flüssige Gold mit einer technologisch hoch komplexen Methode aus 1500 bis 1900 Metern Tiefe gefördert.
Guyana: Kleines Land, ganz plötzlich gross?
Von den 800.000 Einwohnern Guyanas leben ein Drittel unterhalb der Armutsgrenze. Ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem existiert nicht. Die Infrastruktur ist auch darüber hinaus schlecht: Es gibt nur eine einzige ungeteerte internationale Strasse, und selbst in der Hauptstadt Georgetown gehören Stromausfälle zum Alltag. Man schätzt, dass bereits 500.000-700.000 Guyaner das Land, das hauptsächlich vom Export von Gold und Bauxit und von der Landwirtschaft lebt, verlassen haben. Bisher erwirtschaftete das Land 3,6 Milliarden Dollar jährlich. Zum Vergleich: Exxon Mobile erzielt einen Umsatz von 290 Milliarden Dollar, also das Achtzigfache des Wirtschaftsaufkommens Guayanas.
Der Ölfund hat vor allem die internationalen Investoren angelockt, sie wittern das grosse Geschäft. Laut den Erdölunternehmen soll im Jahr 2030 eine Förderung von bis zu 1,2 Millionen Barrel Rohöl pro Tag möglich sein. Entsprechend verhiess die Prognose des Weltwährungsfonds dem Staat Guyana im Jahr 2020 (noch vor der Coronakrise) ein Wirtschaftswachstum von 86%. Durch den Ölboom könnte, diesen Einschätzungen zufolge, das bisherige Pro-Kopf-Einkommen von 5.000 USD auf 20.000 USD steigen. Guyana läge demnach kurz hinter Saudi-Arabien und würde zu den reichsten Ländern der Erde gehören.
Doch ob dieses Geld dann auch die Bevölkerung erreicht, bleibt fraglich. Experten haben daran ihre Zweifel. Bereits bei Aushandlung der Verträge mit Exxon und der guyanischen Regierung bemängeln sie fehlende Transparenz. Die NGO Global Witness spricht von einem aggressiven Verhalten des Ölkonzerns gegenüber den unerfahrenen Offiziellen des Landes. Bei dem für über 40 Jahre beschlossenen Vertrag wird nur die Hälfte des Gewinns an das Land gehen. Das ist weitaus weniger als im internationalen Vergleich. Mexiko beispielsweise behält drei Viertel der Einnahmen. Anlässlich des Vertragsabschlusses wurde der Regierung jedoch eine Prämie von 18 Millionen Dollar ausgezahlt – angeblich zur Deckung der Anwaltskosten für den Grenzstreit mit Venezuela, der entbrannte, nachdem die Entdeckung ans Licht kam. Delikates Detail: In Guyana gibt es kein Gesetz für die Offenlegung der Parteifinanzierungen.
Laut dem Korruptionsindex von Transparency International liegt Guyana auf Platz 85 von 180. Das Justizsystem gilt als problematisch, die Straffreiheit im Zusammenhang mit Korruptionsfällen sei hoch. Bei der Vergabe der Förderlizenzen stiess Exxon mobile denn auch auf keine wirkliche Konkurrenz. Der Löwenanteil der Förderrechte ging an diesen einen Konzern, nur kleinere Anteile an Chevron, Total und Repsol.
Wird es Guyana ebenso wie dem Nachbarstaat Trinidad und Tobago gelingen, mit dem Rohstoff das Leben der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern, oder kommt es wie etwa in Angola und Nigeria zu dem sogenannten Rohstoff-Fluch?
Der Rohstoff-Fluch
Schon 2005 lagen die jährlichen Einnahmen der bedeutendsten 8 Ölländer Afrikas bei 35 Mrd. USD, trotzdem leben noch heute 300 Millionen Afrikaner von weniger als einem Dollar täglich. Überraschenderweise bleiben die Länder mit einem hohen Vorkommen an begehrten Ressourcen oft weiterhin bettelarm. Ökonomen stellten bereits 1995 fest, dass Länder mit Ressourcenreichtum ein langsameres Wirtschaftswachstum erfahren als ressourcenarme Länder. Gemessen an ihrem Ressourcenreichtum sind viele Länder, die von ihren Rohstoffexporten leben, unterentwickelt. Sie zeigen im internationalen Vergleich nicht nur einen geringeren Human Development Index, sondern leiden auch unter einem Anstieg von Korruption und Gewalt und unter politischer Instabilität. Oft findet der Ressourcenabbau auf Kosten der Umwelt und der Zivilbevölkerung statt.
Während autoritäre Regime und korrupte Eliten von dem Geschäft mit den Rohstoffen profitieren, geht die Bevölkerung leer aus. Erwirtschaftete Gelder werden anstatt in soziale Entwicklungen und Infrastrukturen für Waffen ausgegeben und verbleiben bei einigen Wenigen. 1/5 der Staatsausgaben der OPEC-Staaten fliessen ins Militär, die Auslagen für Bildung und Gesundheit sind weitaus geringer.
Ein weiteres Phänomen bei Rohstoffländern ist als die „Holländische Krankheit“ bekannt. Diese tritt auf, wenn die Volkswirtschaft sich nur noch auf den Export bestimmter Ressourcen konzentriert. Die resultierende Überbewertung der Landeswährung schwächt den übrigen, oftmals vernachlässigten Exportsektor, und die Importe steigen stark an. Kommt es dann zu Preisstürzen auf dem Rohstoffmarkt, wird davon die Wirtschaft des Landes stark in Mitleidenschaft gezogen. Beobachtet wurde das Phänomen in den 1960er Jahren, als es in den Niederlanden nach der Entdeckung und Ausbeutung von Erdgasvorkommen zu einem starken Rückgang des industriellen Sektors kam.
Wenn nun das Erdöl schon nicht im Meeresboden bleiben soll – wie es aus globaler Sicht vorzuziehen wäre -, bleibt zumindest zu hoffen, dass die Politiker in Guyana verantwortungsvoll handeln und der unvermutete Ressourcensegen der gesamten Bevölkerung zugutekommt.