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(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1997 – Seite 1)
EDITORIAL
Ob sich die Wiedereingliederung Hongkongs in die Volksrepublik China so problemlos abwickeln wird, wie es Optimisten erwarten und Pessimisten hoffen, bleibt eine offene Frage. Die Begegnung von China und Europa hat als friedliche Handelsbeziehung zwischen sehr verschiedenen Partnern begonnen. Auf den Spuren von Marco Polo sind aber die Europäer später nicht nur als Kaufleute und Missionare und als friedliche Kolonisten in Erscheinung getreten, sondern auch als arrogante Imperialisten. Der «Zusammenprall der Zivilisationen» ist weder ein neues Traktandum der Weltgeschichte noch eine bedauerliche Ausnahme, und allzu häufig hat die Begegnung mit Unterwerfung, Entmachtung und Ausrottung geendet. Es gibt aber unter der Rubrik «Rückzug aus kolonialen Imperien» in diesem Jahrhundert nicht nur «Unfälle und Verbrechen» zu vermelden, sondern auch einige historische Verhaltensweisen, die durchaus konstruktive Ansätze enthalten: der «geordnete Rückzug» Grossbritanniens aus dem indischen Subkontinent, die Entkolonisierung Südafrikas und die Überwindung der Apartheid sowie die Liquidation des Sowjetimperiums in der Folge seines unaufhaltsamen polit-ökonomischen Zusammenbruchs. Sind solche relativ unblutigen Machtverschiebungen Belege für die These, dass es doch auch in der Machtpolitik so etwas wie einen zivilisatorischen Fortschritt von der Gewalt zur einvernehmlichen Konfliktlösung gibt? Hoffnung auf eine friedlichere, rationalere Weltordnung? Beobachtungen scheinen es zu bestätigen. Die Begründungen dürften allerdings weniger in einem Fortschritt bei der «Erziehung des Menschengeschlechts» liegen als in der Tatsache, dass im Atomzeitalter das ökonomische Kalkül von Regierungen auf die Dauer die machtpolitischen Überlegungen und Ambitionen überlagert und dass sich – für einmal — eine marxistische These bewahrheitet – jene These, die auch den Untergang des Sowjetimperiums erklärt: Das ökonomische Sein bestimmt das machtpolitische Bewusstsein. Ob sich die Chinesen als neue Machthaber in Hongkong diesbezüglich an den Europäer Karl Marx erinnern werden? Imperien lassen sich aus ökonomischen Gründen nicht halten, weil Ausbeutung und Zwangsherrschaft auf die Dauer weniger rentieren als freie Kooperation. Grossbritannien hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg gewiesen. An die Stelle von politischen Imperien und Machtblöcken soll ein weltweit offener Commonwealth treten.
ROBERT NEF