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(Rev.Dr.Jérôme Ducor ist Geistlicher am shin-buddhistischen Tempel Shingyo-ji in Genf / Genève)
- In der allerersten Predigt, mit der Buddha seine fünfundvierzigjährige Lehrtätigkeit begann, erklärte er: ,,Geburt ist Leiden. Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden. Tod ist Leiden." Diese Darlegung über das universale Leiden stellt die erste der vier edlen Wahrheiten dar, die das Fundament des Buddhismus bilden. Und diese höchste Erklärung findet ihr klassisches Beispiel in der durch den HIV-Virus ausgelösten AIDS Pandemie, die wir jetzt erleben.
AIDS stellt einige Charakteristika auf, eine Heilung für diese Krankheit ist weit entfernt und die Prognose lautet
Tod auf kürzere oder längere Sicht. So gesehen verlängert die Entdeckung neuer Therapien, obwohl willkommen, den Zustand dieses Problems und das nur innerhalb der engen Begrenzungen auf die wohlhabenden Nationen. Zusätzlich kann die Krankheit nur durch Kontakt mit organischen Flüssigkeiten übertragen werden die bereits durch das Virus infiziert sind. Jedoch, wie alle anderen Phänomene des Lebens, entwickelt sie sich innerhalb dieses Komplexes von natürlichen Ursachen und Wirkungen. die als ,,Karma". wörtlich übersetzt ,,Handlungen" bekannt sind. In diesem Zusammenhang kann AIDS nicht, oder nicht mehr als Krankheit wie jede andere Krankheit, als eine Form von Strafe oder Züchtigung durch eine außenstehende Macht angesehen werden.
- Die Ätiologie unterscheidet zwei Kategorien von Patienten unter den AIDS Opfern. Die erste schließt jene ein, die sich infizierten, indem sie sich durch eigenes riskantes Benehmen in ihren sexuellen Beziehungen oder durch subkutane Nadeln der Infektion aussetzten.
Die zweite Kategorie umfaßt jene passiven Opfer, die sich durch Bluttransfusionen oder durch Übertragungen durch die Plazenta oder während des Geburtsaktes angesteckt haben.
Die Unterscheidung spielt aber keine Rolle in der Beurteilung dieser Krankheit, da der Buddhist kein Urteil über die Entstehung dieser Arten von Krankheiten abgeben wird, eine Haltung wie sie z.B. kürzlich auf einem Treffen des Dalai-Lama mit einer Homosexuellengemeinde in SanFrancisco 1997 demonstriert wurde.
Was die buddhistische Ethik tun kann, ist in jedem Menschen den eigenen Sinn für Verantwortung wachzurufen, sei es in seinem Privatleben oder in seiner beruflichen Tätigkeit gleicherweise, sie ermutigt alle humanen, realistischen Projekte zu entwickeln und zu unterstützen, die zugunsten einer Prävention der epidemischen Ausbreitung des Virus sind, z.B. den allgemeinen Zugang zu Kondomen, Einwegspritzen und Selbstschutz als auch eine Verbesserung der Kontrolle von Produkten, die auf der Basis des menschlichen Blutes hergestellt werden.
- AIDS hat eine Dimension erreicht, die sie in vieler Weise als ,,Krankheit der Krankheiten" erscheinen läßt. Mehr als jede andere Pathologie ist sie eine Synthese aller existierenden Charakteristika von Krankheit.
Aus all diesen Gründen präsentiert sie aus buddhistischer Sicht nicht mehr als einen Grundfaktor des Leidens im Dasein.
Die AIDS-Tragödie läuft einfach auf die Tragödie selbst hinaus, selbst wenn sie in einer besonders akuten Weise Ausdruck findet. Die Katastrophe der letzten Jahrzehnte stellt daher aus buddhistischer Perspektive ein Signal der Reflektion auf die Vergänglichkeit und Leidhaftigkeit dar, die allen lebenden Wesen als universale Bedingungen innewohnen.
Wenn man das voraussetzt, ist der Buddhismus ein praktischer, spiritueller Weg, der sich mit dem Schicksal der menschlichen Wesen beschäftigt. Mehr als in der Pathologie sind es die Menschen, jene die das Virus in sich tragen und jene, die Kranke sind, auf die der Buddhist seine ganze Aufmerksamkeit richten wird. Er wird sie alle mit dem selben Geist von Liebe und Mitleid betrachten, vor allem aber vom Standpunkt des Bodhisattva-ldeals.
Buddha selbst mit seiner Gemeinde kümmerte sich um die Kranken, um ihnen spirituelle Hilfe zu bringen. Es machte es auch zur Pflicht, sowohl den weltlichen wie der ordinierten Mitglieder seiner Gemeinde jenen zu helfen, die krank sind oder sterben. Das Ziel dieser Besuche ist es, dem Patienten in denselben Geisteszustand zu versetzen, der es ihm erlaubt, Krankheit, Tod und die nächste Existenz mit Gelassenheit zu betrachten. Da unsere gegenwärtige Situation die Folge früheren Karmas ist, so hängt unsere Zukunft ebenfalls von dem Karma ab, das wir gegenwärtig aufbauen. Darin liegt die große Hoffnung, dass der Buddhismus das gerade Gegenteil von Fatalismus ist. In dieser Hinsicht wird Buddha nicht einfach mit einem Arzt verglichen, obwohl er durch seine Lehren als ein Doktor des universellen Leidens betrachtet wird.
- Patienten, die bereits praktizierende Buddhisten sind, werden ermutigt ihr Vertrauen zu entwickeln, besonders zu den Drei Juwelen, das sind Buddha, seine Lehre und seine Gemeinde. Sie werden auch dazu geführt, in aller Klarheit zu realisieren, daß was immer auch die Krankheit ist, die Bedingung in der wahren Natur des Daseins vererbt ist. Schließlich werden sie ermutigt, ihren Geist vom Anhaften an diese Welt abzuwenden und sich direkt besseren Vorstellungen vom Dasein und auch der Befreiung vorn Kreislauf von Geburt und Tod zuzuwenden.
Jene, die nicht dem Buddhismus folgen, können nichtsdestoweniger wahren Trost in ihm finden, während sie noch ihre ursprünglichen Überzeugungen achten. Die Lehren Buddhas über existentielles Leiden und die Möglichkeit der Befreiung davon haben einen universellen Zugang und können von allen gewürdigt werden, während es freigestellt wird, den Weg Buddhas zu folgen oder nicht. Einige buddhistische Techniken, wie Achtung auf dem Atem, können sich als nützlich für die Patienten erweisen, ob sie nun in religiösem Zusammenhang ausgeführt werden oder nicht. Man sollte sich aber stets bewußt sein, daß diese Techniken nur unter der Anleitung einer erfahrenen Person durchgeführt werden sollen.
In Fortführung einer langen Tradition von Hospitalsarbeit, hat sich der zeitgenössische Buddhismus dieser Herausforderung die AIDS aufwirft, gestellt. Verschiedene Projekte, die darauf gerichtet sind Patienten zu unterstützen und die Folgen der HIV-Infektion im Auge zu behalten, wurden sowohl in asiatischen Nationen, dem Geburtsplatz des Buddhismus, wie im Westen, der sich erst kürzlich dieser Religion geöffnet hat, begonnen. In der letzteren Region haben die USA und andere angelsächsische Länder eine Pionierrolle gespielt.
- Der klarbewusste, buddhistische Beobachter ist sich nichtsdestoweniger bewußt, daß das weltweite AIDS-Problem eine Lösung in einem angemessenen Ausmaß benötigt. Unabhängig von seinem religiösen Aspekt trägt der Buddhismus ein Ideal von Toleranz, Humanismus und Realismus in sich, das individuelle, nationale und
übernationale Aktionen überall in der Welt inspirieren kann. Buddhismus ist sich auch der dramatischen Auswirkungen des Nord-Südgefälles, das es in der AIDS-Behandlung gibt, sehr bewußt. Aufgrund der verfügbaren Daten, kam es 1997 zu 16.000 neuen Aids-Infektionen pro Tag kommen, von denen 90% auf die Entwicklungsländer entfallen. Buddhismus stimmt daher mit der GUIDELINE ON HIV/AIDS and HUMAN RIGHTS überein, die von den 2. Internationalen Beratungen über HIV/AIDS und Menschenrechte (Genf, 1996) angenommen wurde. Er stimmt auch den Prinzipien der "Universalen Deklaration der Menschenrechte" zu, wie sie im Art.25, Paragraph 1 formuliert sind:
,,Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard für die Gesundheit und das Wohlergehen für sich und seine Familie,
einschließlich medizinischer Versorgung und notwendiger sozialer Dienste, und das Recht auf Sicherheit im Falle von Krankheit."
Vor fünfundzwanzig Jahrhunderten betonte die Lehre Buddhas den starken Zusammenhang zwischen sozialen und ökonomischen Bedingungen und der Lebensqualität. Ebenso klagte sie Armut als eine der Ursachen von Unmoral und Kriminalität an, und verurteilte den Waffenhandel., selbst wenn er legal ist, während sie auf eine ausbalancierte Verbesserung der ökonomischen Bedingungen hinwies.
Obwohl der Buddhismus, wie Sie sehen, auf die Befreiung des Daseins und seiner Leiden gerichtet ist, sieht er den Problem der Humanität mit warmem Mitgefühl fest ins Auge. Es ist seine Überzeugung und seine Hoffnung, dass buddhistische Werte in den kommenden Jahren in bedeutender Weise und wirkungsvoll zu den Annäherung des Menschen an das Problem AIDS beitragen werden.