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Ein schwerer Motorradunfall veränderte das Leben von Flore Espina drastisch. Doch ihre Leidenschaft für den Pferdesport war stärker als ihre körperliche Beeinträchtigung, mit der sie leben lernen musste. Heute vertritt die aktive Sportlerin die Schweizer Farben im Perspektivkader der Disziplin Para Dressage.
Wenn der eindrückliche spanische Hengst Quincel de Valdesol mit Flore Espina auf dem Rücken im Dressurviereck zur Bestform aufläuft, scheint das Paar miteinander zu verschmelzen. Der Schimmel reagiert willig auf die feinen Hilfen seiner Reiterin und ist auch in höchsten Lektionen stets mit ganzem Herzen bei der Sache. So über den Sand zu schweben, ist für die 35-jährige Neuenburgerin keine Selbstverständlichkeit, denn ihr linkes Bein musste nach einem Wundbrand unterhalb des Knies amputiert werden.
Wahlheimat im Pferdeland Spanien
Als Flore Espina im zarten Alter von vier Jahren in den Ferien in Spanien erstmals überhaupt in einem Sattel sass, konnte sie nicht wissen, dass dieses Land und seine Pferde 30 Jahre später ihr Leben bestimmen würden.
Nach dem ersten Reiterlebnis in Spanien liessen sie die Pferde nicht mehr los. Während ihrer Kindheit im Val de Travers verbrachte sie viel Zeit im Sattel, wobei es ihr vor allem das Springreiten angetan hatte. Mit 19 Jahren beschloss Flore Espina, nach Spanien auszuwandern, um Tiermedizin zu studieren. Doch es kam alles anders als geplant: Im August 2006 erlitt sie einen schweren Motorradunfall und zog sich dabei einen offenen Bruch von Schien- und Wadenbein zu. Leider kam es während ihres Spitalaufenthalts zu Komplikationen mit Wundbrand, sodass ihr linkes Bein unterhalb des Knies amputiert werden musste.
Während ihres ersten Monats im Krankenhaus wurde sie 21-mal operiert. Der Wundbrand war weit fortgeschritten, und ihre inneren Organe wurden in Mitleidenschaft gezogen. «Ich verbrachte über einen Monat auf der Intensivstation, aber schliesslich war mein Überlebenswille stärker», erzählt die Kämpferin.
Neues Selbstbewusstsein dank Para Dressage
Nach mehr als 100 Tagen konnte Flore Espina das Spital verlassen und musste sich an ein neues Leben ohne Bein gewöhnen: «Ich war damals 21 Jahre alt, mein Körper war entstellt, und ich musste alles neu lernen: zu gehen, aufzustehen, dem Blick der anderen standzuhalten.»
Im ersten Reha-Jahr konnte sie keine Prothese verwenden, da der Beinstumpf zu stark beschädigt war, und war daher auf den Rollstuhl oder Krücken angewiesen. Die Reha ging nur langsam voran und war auf ältere Menschen ausgerichtet, die mehrheitlich aufgrund von Diabetes amputiert waren. Sie machte kaum Fortschritte und war in ihrer neuen Situation ziemlich frustriert.
Doch dann beschloss die Neuenburgerin zu kämpfen und jeden Tag aufzustehen: «Ich wollte das zweite Leben, das mir geschenkt worden war, nutzen.» Damals lernte sie eine deutsche Dressurreiterin kennen, die ihr anbot, gemeinsam zu versuchen, wieder zu reiten. So fand Flore Espina zurück zu den Pferden. Doch der Anfang war in vielerlei Hinsicht schwierig: «Ich hatte keine Kraft im Körper und war auch geistig geschwächt. Aber nach und nach wurde ich stärker, sowohl körperlich als auch mental.
Zusammenarbeit mit PRE-Gestüt
Als frischgebackene Mutter eines kleinen Buben schloss die zielstrebige junge Frau schliesslich auch ihr Tiermedizinstudium an der Universität Córdoba (ESP) ab und zog mit ihrem Sohn in die Provinz Cádiz.
Zu dieser Zeit nahm sie erstmals an Para-Dressage-Turnieren teil. Dafür stellte ihr ein Gestüt aus der Region einen PRE-Hengst zur Verfügung: Quincel de Valdesol. 2019 wurde Flore Espina in das Schweizer Perspektivkader der Para Dressage aufgenommen und bestritt in Lissabon (POR) ihr erstes internationales Turnier unter Schweizer Flagge.
Seit einigen Wochen steht Flore Espina eine 14-jährige KWPN-Stute zur Verfügung, deren Besitzerin voll und ganz hinter dem Projekt der motivierten Para-Dressage-Athletin steht. Da die ersten Trainings mit ihrem neuen Pferd Báltica de Encinasola sehr erfreulich verlaufen, plant das Paar bereits im Juli einen ersten nationalen Turnierstart.
Die vielseitige Sportlerin, die nebst dem Reiten noch weitere Sportarten wie Klettern, Surfen, Kajak und Radsport betreibt und ausserdem für verschiedene Marken als Model vor der Kamera steht, hadert nicht mit ihrer Vergangenheit, sondern richtet ihren Blick in die Zukunft mit einem klaren Ziel vor Augen: die Olympischen Spiele.
Cornelia Heimgartner
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