Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/2437

Janis geht in die Primarschule und hat eigentlich viel Freude an der Schule. Er liest auch gerne und interessiert sich für die Umwelt. Nur etwas bereitet ihm sehr grosse Sorgen – das Rechnen! Obwohl er sehr viel übt, schafft er es nicht, das kürzlich Gelernte in Prüfungen wiederzugeben und verfällt schliesslich oft in eine tiefe Frustration. Seine Eltern sind bemüht, ihm mit einfachen Rechenaufgaben und Tricks ständig zu fordern und versuchen ihn immer wieder mit kleinen Belohnungen zu motivieren.
Beispielweise hatte er letztens eine 1×1 Matheprüfung. Janis hat sich stundenlang von seiner Mutter abfragen lassen und hat sich so sehr bemüht, da ihm seine Mutter das neue Videospiel bei einer bestandenen Prüfung versprochen hat. Mühselig kämpft er mit seinen Fingern um auf die richtigen Resultate zu kommen, doch antwortet immer mit grosser Unsicherheit und leider oft falsch. Die Prüfung hat, wie befürchtet, wieder nicht geklappt und er fühlt sich schlecht.
Es kommt so weit, dass er mittwochs nun gar nicht mehr in die Schule gehen möchte. Er drückt sich vor Mathe. Die anderen Schulkinder beginnen ihn zu hänseln und so muss er auf harte Weise erfahren, dass wohl etwas mit ihm nicht stimmt. Der Lehrperson ist seine Schwäche in Mathe auch bereits aufgefallen. Sie kümmert sich um ihn, jedoch bringen ihre Ratschläge nur den anderen Kindern etwas, ihm leider nicht. Die einfachen Rechenoperationen verbergen sich Janis einfach irgendwie in einem unerklärbarem Muster. Als die Eltern dann im Elterngespräch von der Lehrperson auf eine mögliche Rechenschwäche von Janis hingewiesen werden, reagieren sie sehr besorgt. Ist mein Kind etwa krank? Mein Kind ist doch nicht dumm? Was kann ich tun, um ihn zu unterstützen? Die Lehrperson verweist ihn an den Schulpsychologen und die Eltern recherchieren im Internet über oft recht widersprüchliche Informationen über Rechenschwäche und Dyskalkulie. Was kann Janis jedoch wirklich helfen?
Nachfolgend erklären wir Ihnen, was eine Rechenschwäche tatsächlich ist und wie Sie Ihrem Kind bei einer Rechenschwäche helfen können.
Was ist eine Rechenschwäche/Dyskalkulie?
Dyskalkulie ist eine Lernschwäche, die das mathematische Denken betrifft, also eine Schwäche mit dem Rechnen. Der Begriff Rechenschwäche und Dyskalkulie bedeuten weitestgehend dasselbe. Manche Studien bevorzugen Dyskalkulie, andere hingegen Rechenschwäche. Aktueller ist jedoch der Begriff Rechenschwäche oder Rechenstörung. Eine Rechenschwäche wird gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgendermassen definiert:
Unter Dyskalkulie bzw. Rechenstörung versteht man die Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar sind. Das Defizit betrifft die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie und Differential- sowie Integralrechnung benötigt werden. Da die Rechenstörung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als schulische Entwicklungsstörung anerkannt ist und im Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 steht, ist die Rechenstörung eine medizinische Diagnose.
Es geht also um die Beherrschung der grundlegenden Rechenfertigkeiten und ganz wichtig, nicht um die Intelligenz per se. Falls Ihr Kind also mit einer Dyskalkulie bzw. Rechenstörung diagnostiziert wird, heisst das nicht, dass das Kind weniger intelligent ist als andere. Oftmals leiden auch hochbegabte Kinder an einer Rechenstörung. Damit jedoch eine Diagnose aufgrund einer Rechenstörung gestellt werden kann, muss es sich um eine beständige Einschränkung handeln, welche oft schon im Kindergarten beobachtbar ist. Wichtig: eine Diagnose kann nicht aufgrund Veränderungen auf ein Schul- und/oder Lehrerwechsel, eine ungenügende Beschulung, eine Sinnesschädigung oder durch eine neurologische Erkrankung zurückgeführt werden. Das heisst, wenn ihr Kind unter dem neuen Lehrer schlechte Matheresultate schreibt, ist das noch kein Grund für eine Rechenstörung. (Manche Lehrpersonen haben vielleicht den Drang, ihre Inkompetenz nur zu gerne auf die Kinder abzuwälzen und schicken sie oft zu schnell zu einem Psychologen).
Symptome einer Rechenschwäche:
Eine Rechenschwäche lässt sich bereits in frühen Jahren erkennen. Auch Kinder in der Vorschulzeit setzen sich bereits mit einfachen mathematischen Operationen in ihrem Alltag auseinander (Max hat 3 Farmerriegel, wenn er mir einen gibt, hat er nur noch zwei. Oder: ich bin 8 Jahre alt und du? 10? Du bist also älter etc.). Kinder mit einer Rechenschwäche zeigen bei solchen Beispielsituationen, dass sie mehr Mühe haben als gleichaltrige. Diese Kinder haben Schwierigkeiten, Zwischenschritte im Gedächtnis abspeichern zu können und auch kaum ein Gespür für die Grössen der Zahlen.
Eine Reihe möglicher Symptome für eine Dyskalkulie finden Sie hier:
- Auffallend grosse Schwierigkeiten beim Rechnen
- Kind hat keine/kaum Vorstellung von Mengen und Grössen
- Benötigt immer die Finger zum Rechnen (ab 3.Klasse)
- Textaufgaben werden nicht verstanden
- Widersprüchliche Ergebnisse werden nicht erkannt (5=7)
- Keine Verbesserung durch ständiges Üben
- Berechnungen benötigen sehr viel Zeit
- Zwischenergebnisse werden nicht gemerkt (9+3=12, 9+4=??)
- Kind hat Angst vor Mathe
Wichtig:
Falls Ihr Kind solche Symptome aufweist, heisst das noch lange nicht, dass es effektiv eine Rechenschwäche hat. Es ist aber empfohlen, bei solchen Symptome das Kind weiterhin zu beobachten und allenfalls weitere Massnahmen zu ergreifen.
Kein falsches Schamgefühl bei Dyskalkulie!
Grundsätzlich ist es besser, wenn eine Rechenschwäche früh erkannt werden kann. Im deutschsprachigen Raum sind rund 5% von Dyskalkulie betroffen. Es ist also nichts, worüber man sich schämen muss und sollte (gilt übrigens auch für Erwachsene). Sogar der berühmte Erfinder Thomas Edison oder der Gründervater Benjamin Franklin soll unter den Symptomen einer Dyskalkulie gelitten habe – aber auch Edison konnte lange von dem Einzelunterricht seiner Mutter profitieren. 😉
Dyskalkulie ist gut behandelbar
Die Rechenschwäche kann grundsätzlich gut behandelt werden. Oftmals schlagen sich Kinder mit einer Rechenschwäche in ihrer späteren Laufbahn gut mit Mathe durch – insofern diese richtig behandelt wurde. Mathegenies werden sie wohl kaum, aber darum geht es auch nicht. Wichtig für Betroffene ist es, dass sie den Lebensalltag gut meistern können. Bei den richtigen Massnahmen wird dies in der Regel auch klappen.
Wie kann ich mein Kind unterstützen?
Viele Lehrpersonen und Eltern versprechen sich durch ausgiebiges Üben der Unterlagen Erfolge und enden dann oft in Hilflosigkeit, weil das Kind das Geübte nicht abrufen kann. Auch gibt es den Ansatz, dass Rechenwege 1:1 auswendig gelernt und wiedergeben werden. Diese mühsamen Ansätze bringen jedoch leider nur kurzfristig etwas und spätestens bei den darauffolgenden Jahren können die Lücken dann nur noch sehr schwer geschlossen werden. Zudem wird das Kind dadurch immer unmotivierter, sich mit der Mathematik zu beschäftigen. Aber was kann man tun, wenn das Kind rechenschwach ist?
Das Wichtigste, das es für Eltern zu beachten gilt, ist Verständnis für das Kind zu haben und das zu bewahren. Das Kind wird durch die Schule und das soziale Umfeld starken psychischen Belastungen ausgesetzt. Diese psychologischen Folgen können viel gravierender sein, als die Dyskalkulie selbst. Ziel sollte es für die Eltern sein, dass das Kind wieder Freude an der Schule erhält. Das Kind muss nicht in jedem Fach mit den Gleichaltrigen gemessen werden. Wir sind alle einzigartig – manche sind halt in gewissen Dingen einfach besser als andere. Auch können keine Erwartungen an das Kind gestellt werden, dass sich die Situation von heute auf morgen bessert. Im Umgang mit der Rechenschwäche ist Geduld und Zeit eine wertvolle Gabe der Eltern. Ebenfalls sollte bei Verdacht auf eine mögliche Dyskalkulie professionelle Hilfe konsultierten. Lehrpersonen sind dort sicherlich die ersten Ansprechpersonen. Diese kennen das Kind aus schulischer Hinsicht in der Regel sehr gut und können gut abschätzen, wie sich das Kind im Verhältnis zu den anderen Schulkindern schlägt. Jedoch können Lehrpersonen selbst noch keine Diagnose stellen. Falls Sie aber den Verdacht mit der Lehrperson teilen, können Sie zusammen mit der Lehrperson geeignete Dienstleistungen für Ihr Kind finden. Herkömmlicher Nachhilfeunterricht kann bei einer tatsächlichen Dyskalkulie Diagnose leider nicht weiterhelfen, da es spezifische Tests benötigt, um herausfinden, wo das Kind steht und was es genau lernen muss um sein mathematisches Verständnis weiter auszubilden.
Jedoch kann nicht nur eine Therapie dazu beitragen, dass sich das Kind wieder vermehrt mit Zahlen und Mathe auseinandersetzt. Auch Brett- und Kartenspiele können gemäss verschiedener Studien das mathematische Verständnis fördern. Geben Sie zudem dem Kind genug Pausen um sich auszuruhen. Selbst einfachste mathematische Überlegungen können Ihrem Kind viel abverlangen. Seien Sie also auch auf kleinste Erfolge stolz! Das Kind muss nicht immer das gesamte Matheblatt korrekt lösen, damit es als gut gewertet werden kann. Wie Sie aber mit Ihrem Kind gezielt lernen können, kann ihnen nur die professionelle Hilfe erklären. Jedes Kind ist anders, hat andere Methoden, lernt anders, hat andere Stärken und Schwächen. Nur mit gezielter und professioneller Hilfe können die besten Resultate erreicht werden. Nehmen Sie diese Hilfe in Anspruch, ganz nach dem Zitat von Maksim Gorki:
Eigentlich sollte man einen Menschen gar nicht bemitleiden, besser ist, man hilft ihm.
Schlussendlich ist es wichtig, dass man die Dyskalkulie ernst, aber zugleich gelassen nimmt. In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Ihnen weiterhelfen konnte bezüglich dem Umgang mit Dyskalkulie.
Quellen: