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Kinosophie: Mit sicherem Wissen zum Sieg
In unserer neuen Serie «Kinosophie» wirft Freelancer Thomas einen philosophischen Blick auf ausgesuchte Kinofilme. Die Premiere macht der Baseball-Film «Moneyball» mit Brad Pitt und Jonah Hill.
Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.
Während Billy Beane (Brad Pitt) als Baseballteammanager Ausschau nach guten Spielern hält, lernt er zufälligerweise Peer Brand (Jonah Hill) kennen. Dieser kann Beane davon überzeugen, das Baseballteam mit Hilfe von Sabermetrics, einem computergestützten Statistikverfahren, zu besetzen. Ein Team rein aufgrund von Erfahrungen und persönlichen Eindrücken aufzustellen, missfällt Brand. Bei ihm zuhause hängt, wie kurz gezeigt wird, ein Platon-Poster. Damit verweist der Film auf seine philosophische Dimension. Moneyball visualisiert nämlich die wichtigsten Theorien rund um die Frage, wie man zu sicherem Wissen gelangen kann.
Im 17. und 18. Jahrhundert vertrat eine Gilde von britischen Philosophen, allen voran John Locke und David Hume, die Meinung, dass der Mensch durch Erfahrung zu Wissen kommt. In Moneyball verkörpern die Scouts von Oakland Athletics diese Denkweise. Sie sind felsenfest von den Spielern überzeugt, die in der Vergangenheit zeigten, was sie alles können. Ausgehend von ihrer Erfahrung als Zuschauer glauben sie also beurteilen zu können, welche die besten Spieler seien. Diese Überlegung mag zwar pragmatisch erscheinen, ihr fehlt jedoch die Gewissheit.
Auf der anderen Seite steht Peer Brand. Mit seinem Statistikprogramm berechnet er das bestmögliche Team, also allein aufgrund von Einsen und Nullen. Damit vertritt Peer Brand den Rationalismus, der vor allem durch René Descartes im 17. Jahrhundert bekannt wurde. Der Rationalismus geht davon aus, dass sicheres Wissen durch den menschlichen Verstand möglich ist.
Descartes verweist dabei vor allem auf die Mathematik und Geometrie. Um zwei plus zwei zusammenzurechnen, braucht der Mensch keine Erfahrungen zu machen, der Verstand kommt auch so auf die richtige Lösung vier. Zudem bleibt dieses Wissen gültig. Zwei plus zwei hat immer und wird immer vier ergeben. Wie sich im Film schnell zeigt, sorgen diese vermeintlich logischen Ergebnisse aber nicht immer für die gewünschte Anzahl Homeruns. Den Zahlen fehlt schlichtweg der Bezug zur erlebbaren Realität. Oder anders gesagt: Nur weil das Team theoretisch gesehen gewinnen soll, bedeutet das in der Praxis nicht notwendigerweise den Sieg.
Zum Glück gibt es noch Billy Beane. Ihm gelingt das, was Immanuel Kant im 18. Jahrhundert geglückt ist. Kant kombiniert die beiden Theorien, den Empirismus und den Rationalismus. Seiner Ansicht nach richten sich Erkenntnisse nicht nach Gegenständen, sondern die Gegenstände, die der Mensch wahrnimmt, richten sich nach der Erkenntnis. Wenn beispielsweise elf in Rot gekleidete Männer einen Ball zwei Mal in ein Tor schiessen, das von elf in Blau gekleideten Männern umgeben wird, ist das reine Sinneswahrnehmung. Erst durch das Urteilen, das heisst durch eine Verstandesleistung, erkennt der Mensch, dass die Schweizer Nati zwei Tore gegen Frankreich geschossen hat.
Erkenntnis hängt somit sowohl von der Sinneswahrnehmung wie auch vom urteilenden Verstand ab. Genau diese Theorie Kants lebt Beane, indem er sich nicht ausschliesslich auf das Statistikprogramm oder seine Erfahrung verlässt, sondern die Spieler auf individuelle Art und Weise zu motivieren versucht. Dadurch ändert sich deren Einstellung bzw. Urteil gegenüber den Spielen. Der anschliessende historische Ligaerfolg, 20 Siege in Folge, gibt Beane recht. Genauso wie Immanuel Kant die Erkenntnistheorie revolutionierte, revolutionierte Beane so den Baseball.