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Der Amerikaner ist dumm, der Franzose arrogant, der Rumäne kriminell. Das zeigt Patrick Rohrs holländische Feldforschung. Und die Schweizer? Wie Lukas Reimann?
Kennen Sie Lukas Reimann? Nicht? Nun gut, ich gebe Ihnen gerne ein paar Anhaltspunkte, damit Sie sich ein Bild von ihm machen können. Lukas Reimann ist Jus-Student, SVP-Nationalrat im Kanton St. Gallen und Neffe des Aargauer SVP-Ständerats Maximilian Reimann. Er ist weiter Vorstandsmitglied der «Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz», der Auns, und massgeblich verantwortlich für das Referendum gegen die Weiterführung des freien Personenverkehrs und die Erweiterung desselben auf die Länder Rumänien und Bulgarien, über das wir im Februar abgestimmt haben.
Können Sie sich jetzt ein Bild von Lukas Reimann machen?
Ich lernte Reimann an einer Diskussion im Vorfeld der Abstimmung zum freien Personenverkehr kennen. Wir diskutierten die Frage, worum es bei dieser Abstimmung eigentlich geht. Ich behauptete: um Ängste, die auf Vorurteilen gründeten. Reimann sagte, es gehe nur «um Fakten und Realitäten». Es sei leider nun einmal so: Wenn man die Erfahrungen anderer europäischer Länder anschaue, seien «die Rumänen» massgeblich an Einbrüchen und Vergewaltigungen in diesen Ländern beteiligt. So etwas dürfe man hier in der Schweiz nicht zulassen, wenn man es schon verhindern könne, dann müsse man es verhindern. Nicht zuletzt deshalb müsse man gegen die Erweiterung des freien Personenverkehrs auf Rumänien sein.
So weit, so logisch. Ich fragte Lukas Reimann noch, ob er denn schon einmal in Rumänien gewesen sein. Nein, sagte er, er halte sich an das, was er lese und höre, das genüge, damit er sich ein Bild machen könne. Schliesslich seien das Fakten und Realitäten.
Der Zufall will es, dass ich ein paar Tage vor dieser Diskussion bei Freunden in Holland zu Gast war. Wir diskutierten über dies und das und – aus gegebenem Anlass, Barack Obama war gerade Präsident geworden – über «die Amerikaner». Die Amerikaner seien schreckliche Menschen, dumm, sagte eine Bekannte, die auch am Tisch sass, eine Obama-Wahl reiche noch lange nicht, um ihr Bild von den Amerikanern zu verändern.
Das könne man so also nicht sagen, sagte ein Mann, der der Frau gegenüber sass, er kenne auch gute Amerikaner, intelligente – und schon entbrannte eine heftige Diskussion über «die Amerikaner» und ihr Wesen.
Plötzlich ergriff Ian, ein Psychologe, der bisher geschwiegen hatte, das Wort und sagte: «Wir reden jetzt hier über die Amerikaner, als seien sie das schlimmste Volk. Mal ganz ehrlich, gibt es irgendein Volk auf dieser Welt, von dem man das nicht behaupten könnte?»
«Von den Franzosen!» rief jemand. «Die Franzosen?», schallte es zurück. «Ausgerechnet! Das sind die arrogantesten Menschen auf der ganzen Welt.» «Die Italiener!» versuchte es jemand anders. «Vergiss es! Spaghetti, Pizza, toll – aber alles Maﬁosi.» – «Die Isländer!» – «Die Isländer?» – «Die schotten sich auf ihrer Insel ab und lassen es sich gut gehen mit ihrem Geld. Gut, dass das System jetzt endlich zusammengebrochen ist.»
Und so ging das weiter und weiter. Thailand? Zu königstreu und militaristisch. Deutschland? Aber bitte! Nicht einmal das Königreich Bhutan kam ungeschoren davon.
Ich erzählte diese Geschichte Lukas Reimann. Er lachte. Wie so oft an diesem Abend. Überhaupt ist Lukas Reimann ein sehr sympathischer, offener junger Mensch, mit dem man gut über Gott und die Welt plaudern kann. Was irgendwie so gar nicht ins Bild passen will.
carte blanche | Patrick Rohr
Patrick Rohr, 1968, war von 1992 bis 2007 Redaktor und Moderator für verschiedene Sendungen des Schweizer Fernsehens (unter anderem «Arena» und «Quer»). Seither leitet er eine eigene Firma für Kommunikationsberatung in Zürich. Sein kürzlich im Beobachter-Buchverlag erschienener Rhetorikratgeber «Reden wie ein Proﬁ» ist bereits in der zweiten Auﬂage erhältlich.
www.patrickrohr.ch
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