Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/2299

Indizien zur sprachlichen Kompetenz
Was zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort an Wissen vorhanden ist, beantwortet die Frage nach dem tatsächlich vorhandenen Wissen nicht. Musiklehre wird erstens nicht in einem einmaligen Akt verabreicht und zweitens nicht in einem einmaligen Akt hergestellt. Es fragt sich daher, wie solche Akte in Lebensformen eingebettet sind.
Michael Walter hat darauf hingewiesen, dass mittelalterliche Kompositionen oft Kinderstimmen benötigen. Kinderstimmen verändern sich nach Eintritt des Stimmbruchs; Stimmbruch entsteht durch das Ausfällen des Hormons Testosteron, das auch im Mittelalter mit dem Wachstumsspurt aufkommt (gegenüber heute mit einer Verspätung von etwa 2 Jahren, also etwa mit 12-13 Jahren – Lit: Haas [1998:214 u. Anm. 14]).
Das bedeutet, dass man eine Art musikalische Früherziehung in Rechnung stellen muss, was heisst, eine Musiklehre im Rahmen des Elementarunterrichts zu (unter-)suchen. Entsprechende Forschung ist aufgrund der Quellenlage sehr schwierig; nur wenige Gelehrte, darunter vor allem Astrik L. Gabriel, haben sich intensiv mit den handschriftlichen Befunden beschäftigt.
Systematisch geht es um folgende Problemstellung. Die Quellenmaterialien zur Artistenfakultät der Universität Paris sind sehr reichhaltig. Doch ist es unmöglich, dass junge Artisten ohne Vorkenntnisse einem solchen Unterricht folgen können. Ebenso ist es unmöglich, dass elementare Grammatiken (wie etwa das Doctrinale des Alexander de Villa-Dei) für den rudimentären Lateinunterricht – man lernt bekanntlich Lesen und Schreiben indem man Lateinisch lernt – genutzt wurden. Es fragt sich daher, wie solche schulischen Anfänge ausgesehen haben (Berichterstattung: Haas [1982:368-371]).
Insgesamt habe ich in dieser (recht fatalen) Quellensituation versucht, Texte daraufhin zu untersuchen, ob sich Formulierungen einem pädagogischen Impetus verdanken. Daraus entstanden bestimmte Lesarten etwa der Enchiriadis-Texte (Haas [2005: Kapitel "Kinderstunde"]) oder der Musica mensurabilis von Johannes de Garlandia (Haas [1984]).