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Video-Buchtipp
Die sieben Sprachen des Schweigens
Es gibt Bücher, die haben so starke Titel, dass die Titel das ganze Buch überstrahlen – und viele Menschen das Buch nur des Titels wegen kaufen – und vielleicht auch nie mehr kennen als den Titel.
«Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» von Milan Kundera ist so ein Buch. Ein wunderbarer Titel – und auch ein wunderbares Buch. Wenn Sie es nicht kennen: Lesen Sie es.
Oder «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny. Viele Menschen wissen nicht, dass es ein spannender Roman über den englischen Polarforscher John Franklin ist – der Titel sagt schon so viel. Aber auch hier: Die Lektüre lohnt sich.
Auch dieses Buch hat das Potenzial, zu einem Titel-Buch zu werden: «Die sieben Sprachen des Schweigens» heisst es. Geschrieben hat es der deutsche Autor Friedrich Christian Delius.
Er ist 1943 in Rom geboren, in Hessen aufgewachsen und lebt seit 1963 in Berlin.
Der Band enthält drei autobiographische Erzählungen, in denen das Schweigen eine Schlüsselrolle spielt. Ob das Buch hält, was sein Titel verspricht, das sage ich Ihnen in meinem Buchtipp.
«Die sieben Sprachen des Schweigens» ist die mittlere von drei Erzählungen in diesem schmalen Band. Alle drei Erzählungen haben mit dem Verstummenen zu tun. Bei der ersten Erzählung liegt dieses Verstummen in der Vergangenheit.
In «Die Jerusalemer Krawatte» erzählt Friedrich Christian Delius, wie er 1994 eine Einladung nach Jerusalem erhielt, an ein israelisch-deutsches Schriftstellertreffen. Delius wurde gebeten, zwei kürzere Texte einzureichen, die übersetzt und im Programmbuch abgedruckt und bei einer Lesung in Jerusalem vorgestellt werden sollten.
Delius wählt eine kurze Erzählung, die von der biblischen Geschichte rund um Abraham und Isaak handelt: Abraham wird von Gott aufgefordert, seinen Sohn Isaak zu opfern. Abraham gehorcht und nimmt Isaak mit auf den Berg. Erst im letzten Moment verhindert ein Engel, dass Abraham seinen Sohn tötet.
In der Bibel wird diese Geschichte aus der Perspektive von Abraham erzählt, als Lob seines grossen Gehorsams. Delius erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Isaak als Geschichte eines Verrats des Vaters an seinem Sohn. Delius, selbst Sohn eines Pfarrers, hat als Kind geträumt, dass er Isaak sei und dass der Engel zu spät komme, der Vater ihn also töte.
Delius fürchtet, dass es Israel als Anmassung empfunden werde, dass ein Deutscher diesen Text in Jerusalem vorliest, wo sich doch die Geschichte einst abgespielt hatte. Überraschen erhält er grossen Zuspruch, ein gegenseitiges Verstehen: du bist nicht allein, auch wir sind Isaak. Die Geschichte ist eine Befreiung: Delius konnte sein Schweigen über die Angst vor dem Vater brechen.
Als Dank für die Geschichte erhält er eine leuchtend bunte Krawatte, die er sich wie einen Orden umbindet – deshalb heisst die Geschichte «Die Jerusalemer Krawatte».
Die dritte Geschichte ist das Gegenteil: Es ist die Geschichte eines gewaltsamen Verstummens. «Lebensanzeige oder Die Stimmlosigkeit der Stimmbänder» – sie hat mich weniger angesprochen. Nicht dass sie schlecht wäre, alles andere als das. In der Geschichte berichtet Delius, wie er eines Tages mit Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert und auf die Intensivstation verlegt wird. Delius berichtet, wie er intubiert wird und wie er für drei Wochen in einem Koma verschwindet. Und: Nein, es ist nicht Corona. Es ist offenbar ein anderes Virus. Es war mir aber zu nah an den Corona-Berichten, vielleicht ginge es mir deshalb auch zu nahe, weil ich weiss, wie nah wir alle an dieses Erlebnis gekommen sind.
Die mittlere Geschichte hat dem Band den Titel gegeben: In «Die sieben Sprachen des Schweigens» berichtet Delius von einem Spaziergang mit Imre Kertész durch Jena: An einem Treffen von Schriftstellern begegnen sich die beiden im Garten von Schillers Haus und gehen gemeinsam zur nächsten Station des Treffens, dem Rathaus. Die beiden Schriftsteller spazieren gemeinsam durch Jena und sagen – nichts.
Delius erzählt in höchster Wortgewandtheit, wie ihm gegenüber Imre Kertész die Worte fehlen, wie er sich nicht getraut, dem Meister Fragen zu stellen oder ihm etwas zu sagen. Danach, im Hotelbett, liegt er wach und denkt über sein Schweigen nach. Er versucht, sich sein Schweigen zu erklären und kommt auf die sieben Sprachen des Schweigens:
«Schweigen wegen
– Angst (vor Autoritäten, Urteilen)
– Dummheit, Unwissenheit
– Schüchternheit, Respekt
– Verlegenheit, Unentschiedenheit
– Überlegenheit (bess. Wissen, schlauer)
– Faulheit, auch Denkfaulheit
– Macht (strateg. Vorteil, andere irritieren, Mitleid u. Interesse provoz.)
Angstschweigen, Dummheitschweigen, Schüchternheitsschweigen, Unentschiedenheitsschweigen, Besserwisserschweigen, Faulheitsschweigen, Machtschweigen, sieben, zählte ich, das hört sich gut an, sieben Sprachen des Schweigens, des aktiven, dialogischen, souveränen Schweigens, ein gutes Resultat des langen Tages, ich war zufrieden, sieben Stichworte untereinander, um sie irgendwann später einmal genauer zu bedenken und zu begründen, ich klappte das Notizbuch zu und legte mich wieder hin – » (S. 121)
Ähnlich, wie Hofmannsthal im «Brief des Lord Chandos» sich in paradoxer Sprachmächtigkeit über den Verlust der Sprache äussert, denkt Delius also auf paradoxe Weise wortreich über das Schweigen nach.
Mir hat das gut gefallen. Es hat zu einer inneren Resonanz geführt, wie ich das sonst nur von den Tagebüchern von Max Frisch kannte. Das schweigende Schreiben von Delius ermöglicht ein Mitschweigen, das zum Mitdenken wird. Verstärkt wird das noch dadurch, dass alle Abschnitte im Buch nicht mit einem Punkt enden, sondern mit einem Gedankenstrich, als wäre das geschriebene nur ein Anstoss und noch lange nicht alles, ein Anstoss zum Selberdenken. Schön –
Friedrich Christian Delius: Die sieben Sprachen des Schweigens. Rowohlt Berlin, 192 Seiten, 29.90 Franken; ISBN 978-3-7371-0113-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783737101134
Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/
Basel, 26. Oktober 2021, Matthias Zehnder
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