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Wie von der Lesegruppe der Digitalen Allmend bereits berichtet, befasst sich das erste Kapitel des Übersichtsbandes von Dieter Mersch (1) mit dem Medienbegriff. Im zweiten nun verfolgt der Autor – und wir mit ihm – frühe Medientheorien, resp. Theorien, die er als solche zu betrachten vorschlägt, da sie Phänomene behandelten, die denen ähnelten, welche heute unter einem Medienbegriff gefasst werden.
Was die frühesten medientheoretischen Reflexionen zunächst provoziert habe, ist gemäss Mersch das «Rätsel der Schrift»: Annahme war, dass die Schrift den Menschen irgendwie übersteigt und daher das Werk eines höheren Instanz sein müsse. Kenntnis oder Unkenntnis der Schrift sei zudem immer auch mit sozialen und kulturellen Absetzungsbewegungen verbunden gewesen.
Ausführlich referiert Mersch in der Folge dann Platon, der die Schrift zur Darstellung philosophischer Gedanken für ungeeignet hält, da deren Medium vielmehr das Gespräch sei, wo Rede auf Gegenrede trifft und dadurch Argumente erst schärfe. Die teilweise durchaus widersprüchlichen Äusserungen Platons zur Schrift liest Mersch nicht als eine Kritik an der Schrift generell, sondern als eine Kritik an einem Schriftgebrauch der sich verselbständigt. Wenn wir seine Überlegungen auf die aktuellen Techniken des Internets zu übertragen versuchen, ist neben der Betonung der Chance der interaktiven Lebendigkeit auch der Hinweis bemerkenswert, den Mersch im Bezug auf die Schrift formuliert, dass es nämlich keine Technik gebe, die nicht zugleich aufzeichne und dokumentiere, wie sie im selben Mass als Dokument oder Archiv die Erinnerung transformiere.
Unter dem Titel «Metaphorisierungen des Medialen im 18. und 19. Jahrhundert» behandelt Mersch in der Folge Lessing, Herder und Hegel: So bei G. E. Lessing die Erörterung des Verhältnisses von Poesie gegenüber der bildenden Kunst anhand der Betrachtung über die spätantike Figurengruppe «Laokoon», bei J. G. Herder die Fokussierung auf die Sprache und ihre Bestimmung als Medium jeder Erkenntnis, also die intime Abhängigkeit des Denkens vom Medium der Sprache und bei G. W. F. Hegel die strenge Hierarchie zwischen Kunst, Religion und Philosophie. Dabei steht die Kunst durch ihr Angewiesensein auf Materialität in Hegels Taxonometrie auf der untersten Stufe, während Vernunft und Geist zuoberst rangieren.
Warum wir gerade diese Klassiker der Geistesgeschichte als Eckpunkte der Mediengeschichtsschreibung entdecken sollten, nur weil sie über Sprache und Erkenntnis reflektieren, leuchtet nicht in jedem Fall gleichermassen ein. Und was dagegen fast völlig fehlt, ist die Beschäftigung mit dem Sehen – Mersch zufolge hätte sie als Vorläufer von Medientheorien keine grosse Rolle gespielt. Dabei hat die Auseinandersetzung mit der Frage, was überhaupt ein Medium sei, durchaus auch anhand des Sehens Niederschläge gefunden: so etwa die Auseinandersetzung mit Spiegelung in der Sage des von seinem eigenen Bild gefesselten Narziss, Fragen der Repräsentation, Illusion und Imagination in der Malerei, wiedergegeben etwa in der Anekdote des Maler-Wettstreites zwischen Parrhasios und Zeuxis oder im negativen Sinn auch im Bilderverbot des Alten Testamentes.
Der längere Abschnitt zu F. Nietzsche ist dagegen vielfältig und anregend zu lesen: Nicht nur verbindet Mersch hier den von Nietzsche formulierten Gegensatz der Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen mit medialen Überlegungen, sondern bezieht auch die sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts rasant entwickelnde Technik (etwa die Illusionstechnik Fotografie) mit ein und zeigt ein reiches Bezugsfeld geistesgeschichtlicher Entwicklungslinien auf (zu Derrida, den Zeichentheoretikern, Cassirer und anderen), die zunächst mehrheitlich vom Medium der Sprache ausgehend, nach und nach Elemente entwickeln zur allmählichen Herausbildung von allgemeineren Medientheorien.
1) Dieter Mersch. Medientheorien zur Einführung. Junius. Hamburg 2006.