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Interview «Mittelbayerische
Zeitung»
1) Pago Libre kommt mit einer nagelneuen CD im Koffer nach Regensburg. Was gibt es zu hören?
In den elf Jahren des Bestehens wurde die Entwicklung dieses Quartetts ja höchst unregelmässig dokumentiert: gleich zu Beginn gab es die CD “Extempora“ (Splash Records 314-2, 1990), noch mit dem amerikanischen Geiger Steve Goodman und dem schwedischen Trompeter Lars Lindvall, dann gab es während der Zeit der Umbesetzungen eine lange Sendepause, und erst 1996 kam dann die zweite CD “pago libre" (Bellaphon LR 45105) raus, in der noch heute gültigen Besetzung.
1999 erschien dann das Album, das uns wirklich weltweit bekannt machte: “Wake Up Call”, ein Live-Mitschnitt vom Lentini-Festival in Sizilien 1997 (Leo Records 272). Seit längerer Zeit trugen wir uns mit den Geh-danken herum, ein Album zu machen, dass (nach einer Idee von Tscho Theissing) den Arbeitstitel “Breakfast” tragen sollte: Musik, die man sich ungeniert auch zum Frühstück anhören könnte. Wir nahmen diesen Plan als grosse Herausforderung wahr, einmal ein durchaus “bekömmliches”, vielleicht sogar kulinarisches Repertoire einzustudieren, so alle experimentellen, dezidiert dissonanten Aspekte in den Dienst e i n e r Sache gestellt würde, nämlich “schöne Musik” zu machen.
Die Rolle der Avantgarde, die sonst bei Pago Libre aus allen Ecken und Enden hervorblinzelt, wurde sozusagen mal auf die zweite Reihe verwiesen. Die Soundtracks sind ja auch so immernoch abenteuerlich genug... In den fünfzehn Stücken kann man auch das Debüt des russischen Alphornisten (sic!) Arkady Shilkloper erleben, der dieses alpine Symbolinstrument wirklich bläst wie kein anderer auf dieser Welt. Weitere Premieren sind die Vokalkünste unseres Geigers (in “Kissing Joy”) und das Quartett als a capella-Chor (in “Dance of Kara Ben Nemsi”)
2) Pago Libre ist ein international besetztes Quartett gleichberechtigter Musiker und existiert seit nunmehr 11 Jahren. Was macht die Kontinuität aus?
Einerseits war das Konzept eines kammermusikalischen Jazzquartetts mit drei Saiteninstrumenten (das Klavier dazugerechnet) und einem Blechblasinstrument von Anfang an durch Daniele Patumi und mich.klar vorgespurt. Erst kürzlich haben wir uns wieder mal die erste CD "Extempora” angehört, und es ist schon ganz erstaunlich, wieviele Elemente sozusagen im “Larvenstadium” da schon vorhanden sind, allerdings noch ganz am Anfang der Metamorphose... inzwischen sind ein paar schöne Schmetterlinge ausgeschlüpft und aufgeflogen, und “cinémagique” zeigt ja schon mit dem farbenfrohen Cover, wie bunt und schillernd diese Welt musikalisch sein kann.
Die Kontinuität ist also in Wahrheit eine ständige Weiterentwicklung, oder anders gesagt: nur wer sich verändert, bleibt sich treu. Sogar in den hartgesottenen Naturwissenschaften hat sich ja seit Einstein und Heisenberg die Erkenntnis durchgesetzt, dass das einzige Beständige der dauernde Wandel ist, dass letzten Endes jede Konstante eine Variable ist. Natürlich ist ein (europäisch geprägtes) Konzept eines Quartetts gleichberechtigter Musiker ungleich viel schwieriger zu realisieren und über Wasser zu halten als das (amerikanisch dominierte) Leader-System; aber es ist künstlerisch auch viel ergiebiger, weniger anfällig auf Klischees und billige Konfektionsware.
Und wenn ein Stück schon den harten Test aller Bandmitglieder durchlaufen hat, dann ist auch die Chance viel grösser, dass es beim Publikum Anklang findet, es hat sozusagen schon eine "Pagolibrisierung” erfahren. Dadurch hat es auch schon den mittlerweile fast auf Anhieb erkennbaren Sound angenommen, der dieses Quartett von anderen unterscheidet. Am Schluss zählt aber, glaube ich, nur eines: dass die Summe mehr bildet als die einzelnen Teile.
3) Erstmals sind auf einem Pago Libre-Album ein romantischer und ein impressionistischer Komponist (Brahms/Satie) zu hören. Ist das Ausdruck für eine Neuorientierung?
Auch dies ist eher ein Ausdruck der kontinuierlichen Weiterentwicklung
als eine Neuorientierung. Bei den allerersten Proben haben wir auch Stücke
von Steve Reich, John Cage, Carla Bley, John Surman und Charlie Haden
gespielt. Es hat sich dann später gezeigt, dass wir mit den Kompositionen
der Bandmitglieder über mehr als genug Material vorfanden, um die
vorgezeichnete Entwicklung fruchtbar werden zu lassen. Zudem ist mein
Geschichtsbild nicht ein statisch-lineares, wo die Wirkung zwangsläufig
auf die Ursache folgt, sondern eher ein zyklisch-spiralförmiges:
(fast) alles ist schon mal dagewesen, es gibt wenig wirklich Neues unter
der Sonne, ohne Vergangenheit hat die Zukunft keine Gegenwart, und deshalb
macht es Sinn, immer wieder auch "Altes" auszugraben. Gerade
Erik Satie hat in seiner “musique d'ameublement” soviel von
der minimal music vorweg genommen, dass man den Pfeil der Geschichte
durchaus in eine andere Richtung schiessen kann (und soll).
4) Die Band ist nur selten live zu hören. Ist es schwierig Auftritte zu bekommen?
Unser Hauptproblem ist es nicht, dass wir zuwenig Angebote hätten, sondern dass wir nur zwei- bis dreimal pro Jahr zusammenkommen können. Logistisch und organisatorisch ist Pago Libre wahrscheinlich ein absoluter Alptraum: der Geiger lebt in Wien, der Hornist in Moskau, der Kontrabassist in Peking, der Pianist am Vierwaldstättersee... bis also nur schon die Band zueinander gefunden hat, ist das finanziell ein grosser Hosenlupf.
Gerade das Konzert in Regensburg bildet da ein typisches Beispiel: die Gagen, die ein Jazzclub wie Regensburg gerade noch bezahlen kann, deckt gerade mal die Reisekosten. Der Hauptgrund, weshalb Pago Libre nur zwei oder dreimal pro Jahr überhaupt konzertiert, ist also vor allem in der Geographie zu suchen. Natürlich gäbe es auch über die ökonomische Situation des Künsterlebens allgemein viel zu sagen, aber ich habe mir vor Jahren das Jammern abgewöhnt und setze mich lieber hinters Klavier, um ein neues Stück auszuprobieren. Nur soviel: wirtschaftlich geht die Rechnung nie auf, und da wir keine staatliche Unterstützung geniessen, sind wir auf uns selbst angewiesen. Im Klartext: wir bezahlen, dass wir frei spielen dürfen. (auch das kann man in den Namen "pago libre” hineinlesen, wenn man will), oder anders gesagt: wir leisten uns das Vergnügen, frei zu sein.
5) Pago Libre gefällt sich in einer ungewöhnlichen, schlagzeuglosen Besetzung, die von Kritikern oft irgendwo zwischen neuer Kammermusik und Jazz verordnet wird. Ist die uneindeutige Position ein Problem / ein Manko für die Band? Welches? Wie wirkt es sich aus?
Die Schlagzeuglosigkeit (was für ein Wort!) ist ganz sicher kein Problem, sondern eher ein Markenzeichen. Ein französischer Kritiker bemerkte kürzlich, Pago Libre habe nicht etwa keinen, sondern gleich vier Schlagzeuger... damit meinte er, dass bei uns eben jeder der vier Instrumentalisten jederzeit AUCH die perkussive Rolle einnimmt, also die Verantwortung für die Time, die Phrasierung, das Timing, den Drive, Puls übernimmt und weitergibt, den Rhythmus weitertreibt... dies führt zu einer ganz anderen Arbeitsweise, als wenn man einen "Mr Timekeeper” hinter dem Drum Set hinter sich weiss. Die Kompositionen sind in der Anlage oft schon so kammermusikalisch ausgefeilt und rhythmisch so prägnant konzipiert, dass wirklich niemand ein Schlagzeug vermissen kann.
6) Mit wem tanzt Kara Ben Nemsi? Und was macht er am Little Big Horn?
Kara Ben Nemsi ist ja sowas wie Karl Mays Alter Ego in der Wüste - viele Leser wissen wahrscheinlich kaum, dass May sein Leben lang nie an den Orten war, die er in seinen Romanen so akkurat beschreibt... also, Kara Ben Nemsi tanzt selbstverständlich mit seinem islamischen Freund Hadji Halef Omar Ben Hadji Abul Abbas Ibn Dawuhd al Gossarah. Dass Arkadys Alphorn gleichzeitig klein und gross ist, und war er damit alles besuchen geht, muss man schon selber entdecken...
7) Wie viele bpm hat Arkadys Folk Song?
Das lässt sich ganz einfach durch Mälzels gutes altes Metronom feststellen... wenn ich richtig gezählt habe, sind es 154 Viertel pro Minute (beats per minute bpm), d.h. 616 Sechszehntel auf dem Flügelhorn und der Violine, und weil das Stück 3 Minuten und 54 Sekunden dauert, ergibt sich so ein Total von knapp 2400 Noten... wenn sich eine solche Quantifizierung nicht schon längst ad absurdum geführt hat. Statt Rechenexempel wünsche ich mir doch lieber einen gut gefülltes Saal, voll mit erwartungsvollen, offenen Ohren.

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