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Die Kunst des Ehebruchs
- Samstag, 26. Januar 2013, 10:37 Uhr
«Madame Bovary» wurde 1857 wegen Unsittlichkeit angeklagt – und als erstes Buch der Weltliteratur bei einem Prozess freigesprochen. Später griff man Flauberts radikalen Stil an. Bis heute muss sich jeder Autor entscheiden: Für oder gegen Flaubert. Wie entscheidet wohl der Literaturclub?
«Madame Bovary», das Buch mit dem berühmtesten Ehebruch der Weltliteratur, wurde gerade zum 28. Mal auf deutsch übersetzt. Rekordverdächtig. Da kann wohl nur die Bibel mithalten. Kein Zufall: Denn die «Bovary» ist die Bibel der Literaten. So wie in Deutschland jeder Autor einmal eine Parodie auf den Stil von Thomas Bernhard schreibt, schreibt jeder Franzose einmal eine Parodie auf Flaubert.
Dabei war man bei der Veröffentlichung des Buches im Jahr 1857 entsetzt: Das ist doch kein Französisch, das klingt eher nach einem normannischen Wikinger, der die französische Sprache verhunzt. Doch bald dämmerte allen: Ab jetzt kann man nicht mehr schreiben wie früher. Flaubert hat die Literatur neu erfunden. Und so leben die Literaten nicht im Jahr 2013 nach Jesus Christus, sondern im Jahr 156 nach Bovary.
Flauberts Kunstgriff
Weshalb eigentlich? Unter den 1658 Einträgen mit Netz-Kommentaren findet sich die Bemerkung eines Lesers, der dem Roman nur ein Sternchen verleiht: «This is a boring story of a woman that can’t enjoy what she has and always want to live in a fantasy.»
Ja, es gibt keine langweiligere Geschichte als die von Emma Bovary, einem Landei, das sich mit ihrem Mann langweilt, kitschige Romane liest und sich von halbseidenen Verführern ums Strumpfband wickeln lässt, bis sie sich umbringen muss, da sie die Schande ihrer Sünden nicht mehr aushält. Gähn!
L'Ennui
Selbst Flaubert schrieb seiner Geliebten: Ich langweile mich mit meiner Landpomeranze zu Tode! Hilfe! Rettet mich aus meiner Langeweile, rettet mich vor meiner Romanfigur. Sie verfolgt mich Tag und Nacht. Hilfe: «Madame Bovary, c’est moi.»
Er fühlte sich so in sie ein, dass er beim Beschreiben ihres Todes wochenlang den Geschmack von Arsen auf der Zunge hatte. Und da plötzlich spürt man den Geschmack dieses Giftes auf der eigenen Zunge und merkt: Madame Bovary bin ja ich!
Dieses Grausen wird man ein Leben lang nicht vergessen. Das ist Flauberts Kunstgriff, mit dem er die Literatur revolutionierte. Aber wie? Nicht durch die Story, sondern durch den Stil. Das konnte man bisher auf deutsch nicht lesen, obwohl das Buch schon 27 Mal übersetzt wurde.
Der berühmteste Ehebruch
Die gute neue Übersetzung
Gustave Flaubert: «Madame Bovary», herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl, Hanser Verlag 2012
27. Mal also ratterte die Kutsche, in der Madame Bovary ihren Mann betrügt, über deutsche Buchseiten. Die Szene war so berühmt, dass man in Hamburg die Kutschen nur noch «Bovarys» nannte. Darin übten die deutschen Damen die Raffinesse französischer Ehebrüche. Doch lesen kann man diese Raffinesse in all ihren Details erst jetzt.
Nachdem viele berühmte Übersetzer, darunter Walter Widmer, der Vater von Urs Widmer, an Flaubert gescheitert sind, lüftet Elisabeth Edl, nicht zuletzt dank Schweizer Unterstützung durch den Zuger Übersetzerpreis, endlich den Schleier, den Madame Bovary über ihr Gesicht zieht, als sie nach stundenlanger Fahrt in der Kutsche aussteigt.
Die Kutschenfahrt
1856 hatte die Pariser Polizei dafür gesorgt, dass die anstössige Fahrt mit der Kutsche im Vorabdruck in einer Zeitschrift gestrichen wurde. Dabei wirkt die Szene eher etwas lächerlich:
Dass die Kutsche auf deutsch auch Fiaker genannt werden kann, ist ein etwas plumper Zufall, um die Zweideutigkeiten der ganzen Szene zu deuten. Sie ruckelt zunächst gemächlich, dann in «gestrecktem Galopp» einem Flusslauf entlang wie eine Laufmasche, gerät hinter «Inseln», die sich im Kopf des Lesers wohl wie Brüste erheben, zu einem Pflanzen-Garten; vor der Kutsche baumeln zwei Pferde, schweissnass, der Kutscher drückt seinen Lederhut zwischen die Beine und endlich rammt die Kutsche gegen enge Hauswände...
Die Bürger der Provinzstadt fragen sich, was sich in der Kutsche wohl abspielt, die so wild durch die Gassen jagt. Das enthüllt erst Seiten weiter eine Stelle, die noch nie korrekt übersetzt wurde und wo Madame Bovary auf die Polster der Sitzbank «kniet» und man «mit jeder Wegbiegung» tiefer hinter den Schleier ihrer Schönheit sehen kann.
Raffinierte Langeweile
Diese Stelle hat damals das Gericht beschäftigt, als man in einem spektakulären Prozess das Buch verbieten wollte. Doch Flauberts Stil war so raffiniert, dass man ihm keine unzüchtigen Absichten unterstellen konnte. Freispruch.
Viel länger dauerte der literarische Prozess. Es gibt erbitterte Gegner wie Tom Wolfe, die Flauberts Kunstgefasel nicht aushalten, andere wie Richard Yates erhoben ihn zu ihrem Gott. Doch die Radikalität seines Stils ist fast nicht zu übersetzen. Weshalb?
Flaubert zwingt die Grammatik zu Verrenkungen, damit der Witz eines Abschnittes oder eines ganzen Kapitels im letzten Wort explodiert. Bis jetzt wurde diese genau kalkulierte Wortstellung auf deutsch noch nie eingehalten. Dabei klingt ein Kapitel mit dem Wort «Bücher» aus, da Emma all ihre Liebessehnen nur aus Büchern kannte und der Kitsch-Traum von romantischen Rittern ihr Leben zerstören wird.
Oder nehmen wir die erste Begegnung von Charles Bovary und Emma: «Was suchen sie?», fragt sie ihn. «La cravache», meint er. Die Reitpeitsche. Im französischen Wort versteckt sich die Kuh («la vache»).
Charles sucht die Peitsche und streckt sich über die gebückte Frau vor, als würde ein Stier die Kuh begatten, da holt sie, mit rotem Kopf, das Gesuchte hervor, reicht es über die Schulter. Es ist, und dieses Wort muss unbedingt wie bei Edl am Ende des Abschnitts stehen: Ein Ochsenziemer.
Kein rechter Stier
Der arme Charles Bovary beherbergt nämlich in seinem Namen das lateinische Wort «bos», den «Stier». Doch er wird nicht halten, was sein Name verspricht, sondern was Flaubert mit dem einen Wort andeutet: Charles ist kein echter Mann, er ist ein kastrierter Stier, ein Ochse. Leider ahnte das Emma nicht, als sie ihm seinen schlaff herabhängenden Ochsenziemer reichte. Ein Lebensschicksal als literarischer Hochcomic.
Das ist kein Romanistengefummel: US-Autor Richard Ford nannte in «Kanada» seinen Helden, der mit verrottendem Rindfleisch, «beef» handelte, Bev. Als wäre Ford «Flauberts Papagei». So heisst übrigens eine Hommage von Julian Barnes. Man sieht: Bis heute muss sich jeder Autor für oder gegen Flaubert entscheiden, für oder gegen Balzac.
Balzac oder Flaubert?
Balzac hatte mit seiner «Comédie humaine» die ganze Welt dargestellt. Balzac zeigt, so heisst es, die Realität. Flaubert aber erschafft eine Kunstwelt. Am liebsten hätte er einen Roman über «Nichts» geschrieben, der nur vom Stil zusammengehalten würde. Poesie pur – als Prosa.
Balzacs Stil hingegen ist direkt und anschaulich. Er beherrscht bis heute die Unterhaltungsliteratur: Augen blitzen böse, geizige Leute kneifen die Lippen schmal zusammen, man gähnt gelangweilt. Der Autor kommentiert das Innere seiner Figuren direkt und zeigt es mit plumpen Adjektiven. Nach Flaubert aber gibt es keine Augen mehr, die listig blitzen, der Autor muss die List anders zeigen, durch die Handlung. Flaubert beschreibt das Leben seiner Heldin so lange und langweilig, bis der Leser selbst sich danach sehnt, dass sie ausbricht und ihren Mann betrügt.
Tom Wolfe hasst diese Art von Kunstliteratur.
Und Tom Wolfe
Sein neuer Roman «Back to blood», den der Literaturclub in der gleichen Sendung bespricht, beginnt im Restaurant «Balzac» in Miami. Kein Zufall. Tom Wolfe will wie Balzac die Realität direkt zeigen und erforschte sie als Journalist auf der Strasse – oder an der «ART Basel Miami», prall mit Sex und Klatsch. Und voll von «glühenden Augen» und «sexy Hüften». So prallen im Literaturclub die zwei Giganten gegeneinander: Balzac und Flaubert. Wer wird das Duell für sich entscheiden?
Sendung zu diesem Artikel
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29.01.2013 22:20
29.01.2013 22:20
Stefan Zweifel, Elke Heidenreich, Hildegard E. Keller und Rüdiger Safranski diskutieren im Januar über Tom Wolfe: Back to Blood, Gustave Flaubert: Madame Bovary, Gisela Stelly: Goldmacher, Robert Seethaler: Der Trafikant.