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Viele unserer Generation, die vor 50 Jahren aufgewachsen sind, schwärmten für Filme wie «Tarzan» und «Winnetou». Wenn ich heute diese Streifen im Fernsehen nochmals sehe, gerate ich in die Gefahr, gegen Übelkeit zu kämpfen – und nach dem Abstellknopf zu greifen. Denn, da ist kaum etwas echt.
Die Eingeborenen Afrikas werden durch geschwärzte Weisse dargestellt. Die «Rothäute» Amerikas sind eben- falls angemalte Bleichgesichter, die in – zugegeben wunderschönen – Landschaften des ehemaligen Jugoslawien agieren.
1988: afrikanischer Film
Zugegeben, in den damals noch zum grössten Teil kolonialisierten Ländern gab es kaum eine einheimische Filmproduktion. Doch als diese schon längst blühte, wurde sie im «Westen» kaum wahrgenommen. Erst 1988 kam der erste schwarzafrikanische Film in die Schweizer Kinos!
Ein typisches Beispiel für die Chancenlosigkeit des südlichen Filmschaffens: Noch 1989 verliessen in Cannes die meisten Filmkritiker den Saal,als das koreanische Meisterwerk
«Warum Bodhi Dharma in den Orient aufbrach».
Der Schweizer Bruno Jaeggi liess sich vom Desinteresse seiner Kollegen nicht anstecken. Er nahm den Film als einer der ersten in den Verleih von trigon-film auf, deren Hauptverantwortlicher er nach der Gründung der Stiftung im Jahre 1988 war. Er täuschte sich nicht: «Bodhi Dharma» lockte über 100 000 Menschen in die Kinos – für hiesige Verhältnisse ein Traumergebnis.
Chinese kennt Rodersdorf
Bruno Jaeggi (ich erinnere mich an ihn als einen lieben, bescheidenen Journalistenkollegen) steckte seine ganz Liebe und Energie in die Förderung des südlichen Filmschaffens. Er arbeitete nicht von einer Metropole aus. Der erste trigon-Geschäftssitz war seine Wohnung in Rodersdorf, am Rande der Schweiz, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Elsass.
Walter Ruggle, Jaeggis Nachfolger, erinnert sich: «Wenn ich irgendwo auf der Welt jemanden im Filmbereich treffen konnte und wenn ich von trigon-film zu sprechen begann, dann sagte der Chinese, der Kubaner oder Senegalese: «Ah, trigonfilm, Rodersdorf.»
Dritte Welt?
Weiter Walter Ruggle in einem Rückblick auf die Anfänge von trigon-film: «Damals musste man die Idee noch unter dem Label ‹Dritte-Welt-Film› verkaufen. Heute ist allgemein klarer, dass es in den Kulturen eigentlich keine Hierarchie gibt und wenn, dann oft genug eher eine umgekehrte als jene der Kolonialherren.» Dazu kommt, dass mit dem Zusammenbruch des Ostblocks die «Zweite Welt» als Begriff verschwunden ist.
Als ich bei meiner Dokumentationsanfrage an die trigon-Geschäftsstelle unbedachterweise dennoch die «Dritte Welt» erwähne, werde ich von der Medienbeauftragten Brigitte Siegrist freundlich auf den Fehler aufmerksam gemacht:
«Erlauben Sie mir die kleine Anmerkung, dass wir uns vom Begriff Dritt-Welt-Kino längst verabschiedet haben. Wir gehen – wie Sie – davon aus, dass wir auf einer Welt leben. Unser Anliegen ist es, qualitativ herausragende Filme aus jenem Teil der Welt sichtbar zu machen, der das Ganze aus einem etwas anderen Blickwinkel als unserem westlich geprägten betrachtet – mit andern Geschichten, Bildern und Erzählformen – und genau darum eine unendliche Bereicherung und eine Vervollständigung für alle darstellt.»
Vier Stunden Criquet
Leider habe ich nur verhältnismässig wenige der etwa 300 in den Schweizer Kinos gezeigten trigon-Filme gesehen. Doch jeder war für mich ein besonderes Erlebnis. Dazu gehörte ein so verrücktes Werk wie «Lagaan» im indischen Bollywood-Stil. Es brauchte einige Überzeugungskraft von Freunden, bis ich das vierstündige Werk über ein mir so fremdes Thema wie Criquet ansah. Ich habe es keineswegs bereut.
An der Spitze
Wie wir Schweizer und Schweizerinnen im «Fairen Handel» weltweit Spitzenpositionen einnehmen, bewegen wir uns auch im Bereichder Kinofilme aus dem Süden europaweit ganz vorne. Wer sich speziell dafür interessiert, trifft im Kinoprogramm jedes grösseren Ortes – und manchmal auch an kleinen Orten – auf Filme, die von trigon verliehen werden.
Und wer http://www.trigonfilm.org anklickt, staunt über die jeweils lange Liste kommender Premieren. Im Übrigen gibt es noch die Möglichkeit, viele der Werke, die man im Kino verpasst hat, auf DVD zu erwerben.
Walter Ludin
300 Filme
WLu. Seit 1988 brachte trigon-film rund 300 Werke aus dem Süden und dem Osten in die Kinos. Mehr als 150 davon wurden inzwischen auch als DVD herausgebracht.
Für 80 Franken wird man Mitglied der trigon-Trägerschaft. Dazu heisst es auf einem Flyer: «Die Mitglieder tragen mit ihrem Beitrag zur kulturellen Vielfalt bei und machen es möglich, dass wir andere Bilder, andere Geschichten, andere Sprachen, andere Kulturen und andere Perspektiven bei uns wahrnehmen.»
Wenn Belmondo Koreanisch spricht
WLu. Ausser Indien könnte wohl kein südliches Land seine Kinos und TV-Programme ausschliesslich durch eigene Produktionen füllen. Ausserdem sind Filme aus den USA (Hollywood) und Europa bei den Massen äusserst beliebt. So kommt es, dass manals Gast auf andern Kontinenten vor dem Fernseher öfters auf Bekanntes trifft.
Ich erinnere mich, dass ich in Kinshasa, der Hauptstadt des damaligen Zaire, beim Zappen auf den Krimi «Der Alte» stiess. Der Kommissar war durch eine recht unsympathisch knarrende Stimme auf Französisch synchronisiert.
Der Höhepunkt: In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul traf ich zufällig im Fernsehen auf den französischen Film «Le Magnifique», den ich kurz zuvor im Kino gesehen hatte. Der Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo sprach Koreanisch. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so viele Tränen gelacht.