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Manche Menschen hält nur die Angst vor Strafe davon ab, Normen zu verletzen. Diese Behauptung haben Hirnforschern nun in klinischen Versuchen belegt.
Mittels Scanning-Technologie lokalisierten sie, welche Hirnregionen auf Strafandrohung reagieren. Die These: Entsprechende Schädigungen lassen schlechtes soziales Betragen eher zu.
Die Studie, die am Mittwoch im Magazin für Hirnforschung Neuron publiziert worden ist, hat das bessere Verständnis der Folgen von drohenden Strafen auf den Entscheidungsprozess zum Ziel.
"Unsere Gesellschaft hat ein klares Verständnis davon, was angemessen ist", sagt einer der Studienautoren, Ernst Fehr. Der Wirtschaftswissenschafter an der Universität Zürich verweist auf Normen wie Fairness, Zusammenarbeit und Ehrlichkeit.
"Die meisten Leute befolgen die Normen auch ohne Strafandrohung", so Fehr gegenüber swissinfo. "Eine statistisch signifikante Minderheit jedoch hält sich nur unter Strafandrohung daran."
Fehr verweist auf das Beispiel, wonach immer die Wahrheit gesagt werden sollte. Das sei eine gesellschaftliche Norm, die die meisten Leute befolgten. Doch halte dies nicht davon ab, in gewissen Situationen dennoch zu lügen.
Verhaltensspiele mit Tomografie untersuchen
Die Forscher konzentrierten sich auf die Frage, inwiefern die Leute bereit sind, Fairness-Normen einzuhalten. Um die Verhaltensweisen aufzuzeigen, benutzten sie ein Spiel um Geld: Eine Person hatte zu entscheiden, wieviel Geld sie mit jemand anderem zu teilen bereit ist.
Einmal wurde gespielt, ohne dass eine unfaire Aufteilung der Geldsumme bestraft worden wäre. Ein anderes Mal wurde bei den Spielregeln die Bestrafung eingebaut.
Bei Strafandrohung konnte eine Aktivierung am Stirnhirnlappen mittels funktionalem magnetischem Resonanz-Imaging (MRI, Kernspinresonanz-Tomografie) nachgewiesen werden. Diese Technologie vermag Hirnaktivitäten über die Blutzirkulation zu messen.
Egoistische Impulse
"Leute, die sich vor allem deshalb nach der Norm verhalten, weil sie die Bestrafung fürchten, müssen wahrscheinlich ihre egoistischen Impulse stärker unterdrücken," sagt Fehr. "Dies hat zur Folge, dass ihr Stirnhirnlappen stärker aktiviert wird."
"Dieses Resultat bestätigt frühere Befunde, die wir gemacht haben," so Fehr. "Demnach sind egoistische Entscheide eher zu erwarten, wenn die Aktivität in dieser Hirnregion reduziert wird."
Für die Forscher führen diese Befunde weiter als zum Schluss, dass manche nur auf Strafandrohung reagieren. Bei vielen jungen Leuten sei diese Hirnregion noch nicht voll entwickelt. Dies könnte auch erklären, weshalb Strafandrohungen Jugendliche weniger abschrecken.
"Unsere Resultate legen den Gerichten nahe, beim Strafmass für Straftaten von Teenagern und Minderjährigen vorsichtiger zu sein."
In den meisten europäischen Ländern inklusive der Schweiz müssen Junge ab 18 oder 20 Jahren die volle Verantwortung für Straftaten übernehmen. In den USA liegt die Altersgrenze noch tiefer.
Psychopathen
Die Autoren empfehlen ihre Studie auch für das Verständnis von psychopathischen Verhalten. Bei Psychopathen ist eine Beeinträchtigung des sozialen Verhaltens-Kreislaufs auszumachen. Diese Beeinträchtigung verunmögliche es ihnen, sich richtig zu verhalten, auch wenn sie die sozialen Normen dahinter bestens kennen.
Doch Fehr warnt auch, dass es nicht genüge, die Leute Hirn-Scannen zu lassen, um zu entscheiden, ob sie eine mögliche Gefahr für die Gesellschaft darstellen.
"Ist sein Hirn dauernd beschädigt, sollte ein Krimineller nicht freigelassen werden," sagt er zu swissinfo. "Doch genügt ein Scanning sicher nicht, um jemanden für den Rest seines Lebens wegzusperren. Ein Scanning kann aber als Element in einer Urteilsfindung dienen."
Es hängt stark von der Gesellschaft ab, wie die Normen befolgt werden. "Unsere Biologie lässt es zu, sich gewissen Normen zu fügen," so Fehr. "Aber diese Normen werden von der Gesellschaft mitbestimmt."
swissinfo, Scott Capper
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)
MRI
Die funktionale Kernspinresonanz-Tomografie (Functional Magnetic Resonance Imaging, FMRI) wird als Methode benutzt, um Hirnfunktionen zu visualisieren.
Gemessen wird die chemische Komposition von Hirnregionen oder Änderungen in den Flüssigkeiten innerhalb eines Zeitraums (Sekunden bis Minuten).
Im Hirn, so vermutet man, lässt sich der Verlauf der Blutflüssigkeit mit der neuralen Aktivität in eine Beziehung setzen. Das FMRI kann somit messen, was das Hirn tut, wenn das Individuum etwas Bestimmtes macht oder bestimmten Stimuli ausgesetzt ist.