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SITUATION #191
Seit den 1980er-Jahren verhandelt die afroamerikanische Künstlerin Carrie Mae Weems die „schwarze Erfahrung“ von Diskriminierung und Unterdrückung in ihren Werken. Unverblümt spricht auch Mirror, Mirror den in gesellschaftlichen Narrativen verankerten Rassismus an, den wir beispielsweise in ‚unschuldigen‘ Märchen unhinterfragt an die nächsten Generationen weitergeben. Gebrüder Grimms Schneewittchen ist der Inbegriff der „white supremacy“ der weissen Überlegenheit: Schneewittchens weisse, kaukasische Hautfarbe bildet die oftmals noch heute vorherrschende Norm (post-)kolonialer Schönheitsideale. Die rassistische und sexistische Mentalität manifestiert sich zugleich im durch den Spiegel symbolisierten „male gaze“, der den weiblichen Körper sexualisiert, darüber hinaus aber auch die von der Schönheitsnorm ‚abweichende‘ dunkle Hautfarbe als das ‚Andere‘ definiert.
Mirror, Mirror ist als vielschichtige und scharfe Kritik an der normativen Wirkung der Fotografie zu begreifen, die Rassismen nicht nur über stereotypische Darstellungen fortschreibt, sondern auch über eine Medientechnik, die im Zuge des Kolonialismus als vermeintlich objektives Verfahren die Unterlegenheit der schwarzen Bevölkerung ‚bezeugen‘ sollte und weiter über viele Jahre technisch nicht in der Lage war, dunklere Hauttöne abzubilden. Der privilegierte weisse Blick, der uns aus dem Spiegel/der Kamera anstarrt, bildet dabei die unhinterfragte Norm; ihn zu dekonstruieren bleibt auch 30 Jahre nach Weems‘ Mirror, Mirror weiterhin ein gesellschaftliches Desiderat.
Mehr von Carrie Mae Weems: carriemaeweems.net