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Berlin 3. März 1851.
Ich habe es, mein lieber Vetter, nach Empfang Deines Briefes 1 nicht einen Augenblick anstehen lassen, mich nach einem Docenten in dem bezeichneten Sinne umzusehen, bin aber in meinen Erkun digungen auf zufällige Schwierigkeiten gestoßen, die mich auch jetzt noch an Mittheilung eines sichern Resultates hindern. Der Kreis wird verzweifelt enge durch die geringe Besoldung, die Ihr dafür bestimmt. Wäre nicht mit einem muthigen Entschlusse beim Gr. Rathe etwas mehr zu erwirken? Wie die Sache jetzt steht, so sind wir auf den Kreis der Privatdocenten beschränkt, in welchem ich mir freilich ganz füglich einen gewixten jungen Mann denken kann, der die wünschbaren Eigen schaften besäße. Aber ihn zu finden das ist die Noth. Zu allererst möchte ich Dich auf Völderndorff2 in München aufmerksam machen, der eine hübsche kleine Schrift über den Erlaß3 ( pactum 4 u. dgl.) München 1850. 8. geschrieben hat, und persönlich ansprechend sein soll, was ich aber nicht verbürgen kann. Er ist, glaube ich, diesen Augenblick in Italien. Dann Girtanner5 , der über die Bürgschaft schreibt6 , in Jena, über dessen Gewandtheit und Kurzweiligkeit im Vortrag Heffter7 , der ihn gesprochen hat, zweifelhaft ist. Endlich Haase8 in Halle, 1847. promovirt, über manus 9 geschrieben, und jetzt über postliminium 10 , politisch ein Frankfurt-Gothaer11 , was sich, glaube ich, bei Euch in das rechte Maß übersetzen würde. Über letztern würde ich mich anheischig machen genauere Erkundigung mittelst Augenscheins einzuziehen, so wie über Jeden, den Ihr auf's Korn | fassen solltet, wenn er sich in meiner Gegend, d. h. etwa in Halle, Jena, Göttingen, Breslau und der Enden befinden würde.
Noch Eins. Ich sprach neulich mit dem hiesigen extraord. Schmidt12 , Historiker und Verfasser von bedeutenden Schriften, persönlich ziemlich unscheinbar, gewesenes Mitglied der Frankfurter Versammlung , linkes Centrum. Dieser sprach mir von einer historischen Vacanz in Zürich, und hätte Lust sie auzufüllen. Ich glaube, daß er eine gute Acquisition wäre, und versprach ihm Dir davon zu schreiben, da er im Zweifel war, ob er sich in irgend welcher Form melden sollte, und es lieber unterlassen will, bis er eine Veranlassung dazu erhält, wie z. B. durch eine Äußerung von Dir an mich.
Und jetzt wie geht es in Belvoir ? Hoffentlich sind Vater und Mutter fortwährend wohl. Nochmals herzlichen Dank für alles Liebe und Gute. Ich muß wirklich eigens wieder ein Mal kommen, um in Ruhe bei Euch zu sein, denn dieß Mal konnte ich kaum zu mir selbst kommen, da die Geschäfte des Wiedersehens und der Druck meiner Schrift13 einander beständig in die Quere kamen. In diesen Sturm ging mir auch die Freude verloren, Dich vor der Abreise noch ein Mal zu sehen. Von Frau Stocker14 hatten wir neulich einige Nachrichten durch Emma15 . Aber nun höre, und hilf ein Bischen von wegen Nannette 16 . Meine Frau17 hat ihr vor einigen Tagen geschrieben und sie recht ernstlich zu einem baldigen längern Besuch eingeladen, natürlich mit dem Anerbieten, daß wir sie wo sie nur immer wünscht, abholen wollen. Ich glaube, sie käme nicht ungern, aber vielleicht ist ihr der Gedanke neu, und es steigen ihr etwa Scrupel auf, die wohl zu begreifen, aber auch ex rerum veritate 18 leicht zu heben sind. Thue das doch, so gut Du kannst; es wäre für sie gewiß eine ganz wohlthätige Veränderung, Erholung u. dgl. und sie | soll wahrhaftig bei uns gut aufgehoben sein. Wir hätten alle die größte Freude, wenn sie sich entschlösse. Wir haben uns das so ausgedacht, daß auch die Oncles George 19 und Ferdinand20 kein unübersteigliches Hinderniß wären. Wie leicht die Reise ist, weißt Du; laß es Dir nur auch selbst gesagt sein. Von Rüttimann's Engl. Civilproceß21 ist jetzt der 10te Bogen gedruckt; Du bist vielleicht so gut ihm das gelegentlich zu sagen. Es wird ein allerliebstes Buch.
Wir sind alle wohl, meine Frau dankt bestens für die guten Wünsche. Alfred22 und Wilhelm23 streiten sich so eben darum, welches von beiden Grüße Dir zuerst gemeldet werden müsse. Alfred läßt aber auch für anderes schönstens danken, und behauptet sein Pathenrecht gegenüber seinem Bruder, der ein simpler Vetter sei, und läßt gar nicht gelten, daß dieß einjal sei, wie Wilhelm meint.
Jetzt lebe wohl, grüße alle Deinigen und Unsrigen, und schüttle bald ein Mal ein Bischen den Staub von den Füßen
Dein
[Dr?] F. L. Keller.