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Die zu Frankreich gehörende Pazifikinsel Neukaledonien hat am Wochenende darüber abgestimmt, ob sie von Frankreich unabhängig werden will. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten hat sich dagegen entschieden. Doch das, so SRF-Mitarbeiter Urs Wälterlin, könnte sich ändern.
Urs Wälterlin
SRF-Mitarbeiter in Australien
Der gebürtige Basler Urs Wälterlin, Link öffnet in einem neuen Fenster lebt seit 1992 in der Nähe der australischen Hauptstadt Canberra. Er berichtet von dort für SRF über Australien, Neuseeland und Ozeanien.
SRF News: Warum hat sich eine Mehrheit der Bevölkerung Neukaledoniens gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen?
Urs Wälterlin: Wirtschaftliche Sicherheit ist einer der wichtigsten Gründe. Frankreich pumpt pro Jahr rund 1,5 Milliarden Euro in die neukaledonische Wirtschaft. Nicht zuletzt deshalb hat Neukaledonien ein deutlich höheres Durchschnittseinkommen als die meisten anderen Pazifikstaaten, nämlich etwa 55’000 US-Dollar pro Jahr.
Weil das Resultat so knapp war, ist es sehr wahrscheinlich, dass ein zweites und vielleicht sogar das dritte mögliche Referendum abgehalten werden.
Der grössere Teil der indigenen Bevölkerung Neukaledoniens, der Kanaken, hat laut Abstimmungsanalysen mehrheitlich für die Unabhängigkeit gestimmt. Sind sie nun sehr enttäuscht?
Ihre Enttäuschung ist nicht so gross, wie man es vielleicht erwarten würde. Es sind 56,4 Prozent Nein gegen doch immerhin 43,6 Prozent Ja. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Kanaken sehr viel mehr Leute mobilisieren konnten, als die Gegner der Unabhängigkeit erwartet hatten.
Mit der Abstimmung von gestern ist die Unabhängigkeit Neukaledoniens nicht definitiv vom Tisch. Es sind noch maximal zwei weitere Abstimmungen möglich. Wird Neukaledonien doch noch unabhängig?
Weil das Resultat so knapp war, ist es sehr wahrscheinlich, dass das zweite und vielleicht sogar das dritte Referendum auch noch abgehalten werden. Die Befürworter werden versuchen, ihre Argumente zu festigen, zum Beispiel, dass der Graben zwischen der weissen und der indigenen Bevölkerung gross ist und immer grösser wird und dass Kanaken zu wenig vom Rohstoffreichtum profitieren. In Neukaledonien liegt ein Viertel der weltweiten Nickelvorräte.
Diese Überzeugungsarbeit wird vor allem eine jüngere Generation von Kanaken mobilisieren, die sich bereits von der weissen Gesellschaft ausgegrenzt sehen. Das bedeutet, dass Neukaledonien noch weitere Jahre unter diesem Damoklesschwert stehen wird. Niemand wird sein Geld nach Numea transferieren, wenn er nicht weiss, ob es dieses Land in drei vier Jahren überhaupt noch geben wird.
Das Gespräch führte Hans Ineichen.