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Streichquintett «Letzter Gedanke» (Fragment)
Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf das Streichquintett C-Dur «Letzter musikalischer Gedanke» (Fragment).
Letzte, zumal unvollendete Werke tragen stets ein Geheimnis in sich. Wie wäre der Schluss ausgefallen? Was hätte die Musikwelt noch zu erwarten gehabt? Sofort kommt einem Franz Grillparzers Epigramm für Schuberts Grabstein in den Sinn, in dem von «noch viel schöneren Hoffnungen» die Rede ist. Tatsächlich gibt es einige prominente «Fehlstellen» in der Musikgeschichte: Das Ende von Bachs Kunst der Fuge (auch wenn er nicht darüber gestorben ist), Mozarts Requiem, das Finale von Bruckners Neunter oder Mahler Zehnte fast als Ganze. Bei anderen grossen Komponisten hält man hingegen vergebens Ausschau nach derart gewichtigen Worten des Abschieds: Haydn, Mendelssohn, Schumann, Brahms. Und bei Beethoven? Die Skizzen zu einer zehnten Sinfonie datieren aus den Jahren zwischen 1822 und 1825, die letzten Streichquartette wurde alle noch bis August 1826 im Druck veröffentlicht. Schon zuvor hatte Anton Diabelli Beethoven wegen einer Komposition für Streichquintett angefragt – eine kammermusikalische Gattung, bei der mit einer zweiten Viola oder einem zweiten Violoncello ganz andere Klangwirkungen erzielt werden können, eine Gattung aber auch, zu der in der Regel immer nur einzelne Werke vorgelegt wurden (Spohr und Onslow ausgenommen).
Auch Beethoven scheint sich nach seinem frühen Opus 4 (1795/96), dem Quintett op. 29 (1801) und einer Fuge op. 137 (1817) lange geziert zu haben, wieder für diese Besetzung zu schreiben. Am 26. September 1826 allerdings kündigte er Diabelli die Fertigstellung eines Werkes in bereits sechs Wochen an, verlangte dafür ein Honorar von 100 Golddukaten und notierte überdies: «ihre Wünsche werde ich beachten, ohne aber meiner künstlerischen Freiheit Eintracht zu thun.» Mit den sechs Wochen wurde es freilich nichts, überhaupt gelangte das Werk offenbar kaum aus dem Stadium erster Skizzen hinaus. Als im November 1827 der Nachlass versteigert wurde, erwarb Diabelli (wie der Korrespondent der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung zu berichten weiss) durch seinen Compagnon «zu einem verhältnissmässig übertriebenen Preise [auch] Beethoven’s letzte Arbeit, ein im November 1826 angefangenes Quintett, von welchem jedoch leider kaum zwanzig bis dryssig Tacte im Entwurfe zu Papier gebracht sind». Das Manuskript ist heute verschollen, doch veröffentlichte Diabelli 1838 eigene Arrangements für Klavier zu zwei und vier Händen und erneuerte dabei die Worte, es sei «Beethoven’s letzter musikalischer Gedanke». Es handelt sich um ein Andante maestoso in C-Dur von jeweils zu wiederholenden 10+14 Takten, harmonisch nicht überraschend in die Ferne schweifend und naheliegenderweise als langsame Einleitung zum Kopfsatz gedacht. Vermutlich nahm Diabelli das sicherlich als Particell angelegte Notat aber viel zu wörtlich, liegt doch bei Beethoven zwischen der Skizze (oder dem Entwurf) und dem fertigen Werk eine bedeutende Wegstrecke. Man sollte daher beim Hören nicht zu enttäuscht sein …
Wer aber wirklich nach den letzten Noten Beethovens sucht, der möge in einem Brief an Karl Holz vom 3. Dezember 1826 nachschlagen. Dort findet sich eine auch als Kanon lesbare musikalische Sentenz: «Wir irren allesamt, nur jeder anders» (WoO 198).
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