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Die Systemtheorie von N. Luhmann beruht auf 3 Pfeilern: auf der Soziologie von T. Parsons, auf der Autopoiese von H. Maturana und auf dem Formkalkül von G. Spencer-Brown, wobei diese drei Theorien durch einen neuen Kontext so re-spezifiziert werden, dass sie völlig neue Bedeutungen bekommen.
N. Luhmann begreift seine Theorie einerseits als allgemeine Theorie der Soziologie, die die Soziologie als eigenständige Wissenschaft begründen soll. N. Luhmann sagt, dass vor ihm die Soziologie theorielos gewesen sei und mit Versatzstücken gearbeitet habe. Die Soziologie hat deshalb bisher "auch keine auch nur einigermassen zureichende Gesellschaftstheorie vorlegen können" (GdG:17).
Andrerseites begreit N. Luhmann seine Theorie als Systemtheorie, wobei unklar bleibt, ob die Systemtheorie ein Spezialfall der Soziologie, oder die Soziologie ein Spezialfall der Systemtheorie darstellt. N. Luhmann scheint für "selbstverständlich" zu halten, dass man (in der Soziologie) mit der Systemtheorie die Gesellschaft untersucht. Die Gesellschaft ist also gewissermassen Gegenstand seiner Theorie, die Systemtheorie dagegen erscheint gewissermassen als Methode. Die Systemtheorie, die N. Luhmann entwickelt, ist funktional gebunden, er will die Gesellschaft, und nicht irgendwelche Computer- oder Bio-Systeme beschreiben. Viele Ausdrücke haben deshalb einen eigenständigen, auf "Soziales" bezogenen Sinn, der sowohl von der landläufigen wie auch von der kybernetisch-systemtheoretischen Verwendung der Begriffe (etwa von H. Maturana's Teminologie) erheblich abweicht.
N. Luhmann reproduziert eine kybernetische Argumentation von R. Ashby, mit welcher inhaltlich gebundene Aussagen quasi-formalisiert werden sollen. Bei R. Ashby ist von Mechanismen die Rede, bei welchen man aber keinesfalls an Maschinen denken dürfe. Vielmehr sollte man an die Turing-Maschine denken, die auch kein Maschine, sondern Mathematik sei. Mechanismen sind bei R. Ashby ganz formal gemeint, was er anhand eines spukenden Hauses als Beispiel für einen Mechanismus illustriert. Bei N. Luhmann ist in diesem Sinne nicht von "Menschen" die Rede, sondern von "psychischen Systeme" (Bewusstseine), weil sich nur das Bewusstsein irren oder täuschen und Paradoxien wahrnehmen könne, das Leben oder das Gehirn kann das nicht leisten.
Anstelle von Gesellschaft spricht N. Luhmann mit derselben Vorstellung von einem Kommunikationssystem. Gesellschaft würde ganz vieles miteinschliessen, systemtheoretisch seien aber nur die konstituierenden (autopoisierenden) Operationen wesentlich.
Sichtweisen

Es geht nicht darum, dass die (unterschiedlichen) Begriffe für die Umwelt sozialer Systeme
"Kuriositäten" sind, sondern um Folgeprobleme einer Theorieintervention (oder: Theorieerfindung):

1. Die Trennung psychischer und sozialer System ist auch dem Umstand geschuldet, dass in der Soziologie zuviel "Soziales" auf die Schultern des "Menschen" abgeladen wurde. Dies läßt sich nur ändern, indem die Kompaktbegrifflichkeit Mensch (für Zwecke der Theorie) aufgelöst wird, der Zuschreibe- und Abladeplatz außer Dienst gestellt wird, und durch eine Doppeladresse ersetzt wird. Diese Doppeladresse ist so konstruiert, das es das eine nur gibt, wenn es auch das andere gibt. Psychische und soziale Systeme stehen in einem wechselseitigen System/Umwelt-Verhältnis.
2. Diese Trennung ist aber zum Teil als räumliche Trennung und als Wert-Unterschied aufgefaßt worden, wodurch erst Fehlinterpretationen geschaffen wurden.
3. Dies läßt sich nur ändern, indem zur Theorie sozialer Systeme auch eine Theorie psychischer Systeme geliefert wird. Hier ist aber noch entscheidender Klärungsbedarf - so dass im ungeklärten Bereich gleichsam die alten unklaren "Menschenverhältnisse" zurückkehren. Neben die Gesellschafts- theorie gehört eine Bewußtseinstheorie. Bisher hatt sozusagen die alter Bewußtseinstheorie auch (latent) die Aufgaben der Gesellschafttheorie übernommen.
4. Muss der Sinn der Trennung und die Einheit des Getrennten reflektiert und in die jeweiligen Theorien sauber eingebaut werden: dazu dient das Theoriestichwort: konditionierte Koproduktion.
5. Die Trennung erfolgt über das Stichwort der operationalen Geschlossenheit auf der Grundlage eines je systemspezifischen Operators (Denken bzw. Kommunikation). Dieser Operator muss so gebaut sein, dass er Selbstbezug und Selbstbeobachtung ermöglicht, so dass es zu einem zirkulären Verhältnis von Operation und Beobachtung kommt. (Denken des Denkens, Wahrnehmen des Denkens, Denkens der Wahrnehmung etc) Die Elementarereignisse - die kommen und sofort wieder verschwinden - müssen rekursions- fähig sein. Dies geht, indem die Operationen zugleich beobachtende Operationen im Medium Sinn sind. Sinn-Operationen sind immer aktuale Vollzüge auf dem Hintergrund potentieller Verweisungen auf anderes. Die Formtheorie bringt dies zum Ausdruck, indem sie Zwei-Seiten-Formen benutzt, die nur zusammen fungieren - und zwar so, das die aktuell bezeichnete Seite, auf die Möglichkeiten (des Wechsels und der Auswahl zur/aus) der unbezeichneten Seite verweist.
Diese Sinnformen sind aber auch so gebaut, dass sie in der Kommunikation und im Bewußtsein verwendete werden können. Die (zeitweise) gemeinsame Verwendung nennt sich auch strukturelle Kopplung. Sowohl die Kommuikation als auch das Bewußtsein kann die Unterscheidung Mensch/Gott benutzen, so dass gemeinsame Bezugsgrößen ("Semantik") vorhanden sind, die dann aber in der jeweiligen Kommunikationsgeschichte und der Bewußtseinsgeschichte je eigene Anschlussoperationen finden - die Kommunikation redet über leere Kirchen, das Bewußtsein macht sich Kummer über sein mögliches Ende, das es sich gar nicht richtig vorstellen kann.
Operative Trennung und Geschlossenheit hier - und - strukturelle Kopplung dort sind zwei Seiten einer Medalie. Oder: wo Trennung, da auch Kopplung, wo Kopplung, da auch Trennung. Kooplung und Trennung sind keine "sachlichen Objektmerkmale", sondern "zeitliche Strukturereignisse".
Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht - auch wenn (oder gerade weil ?) die Kommunikation mitteilt: "DU bist Deutschland!!".
6. Dadurch, das die beiden Systemtypen getrennt werden, findet nicht eine Aufwertung des Systems und eine Abwertung der Umwelt statt - etwa nach dem Motto, die Gesellschaft ist wichtiger als der Mensch - sondern, beide Systemtypen steigern ihre wechselseitige Abhängigkeit und Unabhängigkeit zugleich. Und: die jedweiligen System werden in die Lage versetzt, einegen Strukturen zu bilden, mit denen sie selber (in Grenzen) Abhängigkeiten und Unabhängikeiten wählen und kombinieren können. So wie man von Koproduktion redet, könnte man auch von Koabhängigkeit und Koautonomie reden. Das ist aber schwer, weil mit Autonomie immer schon die Operationale Geschlossenheit und informationale Autonomie bezeichnet wird. Abhängig sind die Operationen ja von ihrer eigenen System-Struktur.
7. Alle diese Feinheiten gingen durch die Lappen, würde die Soziologie umstandslos weiter vom Menschen reden - ohne dem Kompaktbegriff aufzudröseln.

Ich probiere Ihre Ausführungen runterzubrechen - nicht um sie zu kritisieren, sondern als Ausdruck
dessen, was ich wie verstehen kann.

1. Es gibt Soziologie. Sie befasst sich mit der Gesellschaft - aber eben nicht mit einer Anhäufung von ganzen Menschen (weil das keine gute Soziologie ergeben kann).
2. Die Gesellschaft ist ein System und hat eine Umwelt. Diese Umwelt besteht (aus mir noch nicht sichtbaren Gründen) aus ... nicht aus ganzen Menschen, sondern aus ... etwa, was provisorisch mal als psyschische Systeme bezeichnet wird. Die Theorie zu diesen psychischen Systemen fehlt noch, wir wissen nur, dass dern Umwelt die Gesellschaft ist.
3. Die Gesellschaft beruht auf Kommunikationen, die auch von den psychischen Systemen beutzt werden (oder werden können). Dadurch kann eine strukturelle Koppelung entstehen, in welcher die beiden getrennten Systeme einander gegenseitig "konditionieren".
4. Diese Koppelung geschieht im Medium Sinn.
5. (das passt jetzt zu Ihrem 6.) Die beiden System steigern ihre wechselseitige Abhängigkeit und Unabhängigkeit zugleich. (Etwa der Legitmationsdiskurs zur Demokratie: die Kälber wählen ihre Metzger selber).
Da alles erscheint mir so, also ob das soziale System den wie auch immer abgespeckten, abstrahierten Menschen doch braucht - die Frage ist nur wie (und weshalb). Mir wird an dieser Stelle noch bewusster, dass ich noch nicht verstanden habe, woher die Unterscheidung System/Umwelt ihre Füllung soziales System/psychisches System bekommt.
Sichtweisen

ich wollte sie beiläufig darauf aufmerksam machen, dass "unser" Beobachter aus der
Wissenschaft der Gesellschaft gerade in der Liste - im Thread zu Dirk Baecker Form
und Formen der Kommunikation - erneut einer Beobachtung unterzogen wird.

Dabei spielt die Unterscheidung von Operation und Beobachtung einerseits und Beobachtung erster und zweiter Ordnung andererseits eine Rolle. Oder noch anders formuliert: die Unterscheidung zwischen Unterschieden, die einen Unterschied machen und Unterscheidungen, die sich unterscheiden lassen. Oder: sinnbasierter und operations- basierter Unterscheidung.
Kurz: um die Differenz von Differenztheorie (Baeteson) und Unterscheidungstheorie (Spencer Brown).

Ich glaube, es würde mir sehr helfen, wenn ich diese Differenz besser sehen würde. Könnten
Sie bitte dazu noch einige Worte sagen. Damit ich ncht nur bitte, sage ich vorweg, was ich
schon (oder jetzt noch sehe):

G. Bateson ist ein ganz klassischer Kybernetiker (Macy-Konferenzler). Seine Spruch "Information ist der Unterschied, der einen Unterschied macht" beschreibt ganz einfach das Transistoren-Modell, das der Kybernetik zugrunde liegt (und das von Shannon und von Neumann behandelt wird). Bezeichnen Sie das als Differenztheorie, weil se hier immer um die Differenz von zwei sich folgenden Systemzuständen geht, in welcher der machende Unterschied weitergegen wird? Oder weshalb sonst?
G. Spencer-Brown ist ein verwegener Mathematiker, der die Paradoxiene, die mit der Russelschen Mengenlehre produziert werden können, mit einem Kalkuel bewältigen will, in welchem der Mathematiker (Beobachter) indem Sinne vorkommt, dass er im Falle von drohenden Paradoxien neu eintreten (das System neu definieren) kann. Warum nennen Sie das Unterscheidungstheorie? Bei G. Spencer-Brown wird (wie in jeder Mengenarithmetik) ein Menge "unterschieden". Das Kalkuel ist indem Sinne mathematisch, als es (jenseits des re-entry) ein äquivalent zur gewöhnlichen Schaltalgebra darstellt, also genau zur Beschreibung der Trasistorenwelt von G. Bateson verwendet werden kann.
Wie schauen Sie denn, damit Sie welche Differenz zwischen diesen Ansätzen sehen?
Semantik: Stichweh (Inklusion/Exklusion und die Soziologie des Fremden. In: ders., 2005: Inklusion und Exklusion. Bielefeld: 133): "'Semantiken' sind ... nicht als durch wissenschaftliche Erkenntnisinteressen motiviert zu verstehen. Sie entstehen aus Selbstbeschreibungen, die in Zusammenhaengen sozialer Kommunikation angefertigt werden und denen bestimmte praktische Leistungen im Sozialleben abverlangt werden."