Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03294.jsonl.gz/2058

Für den tiefen Frauenanteil in technischen Berufen sind paradoxerweise auch Erfolge in der Gleichstellung verantwortlich. Es ändert sich nur langsam etwas.
Staudämme, Brücken, Alpendurchstiche – solche Werke gelten als Zeugnisse der Geschichte der modernen Schweiz. Denkmäler verewigen die «Helden», die diese Bauten planten, und bis heute werden die Ingenieure geradezu als «Idealbürger» gesehen: In ihnen verbinden sich Fleiss, Kühnheit und Unternehmergeist zu einem gleichzeitig bodenständigen und fortschrittsorientierten Ideal.
Frauen kommen unter diesen Idealbürgern allerdings nicht vor. Das Bild des Ingenieurs ist mit Männlichkeitsvorstellungen verknüpft. Während die technischen Fächer an den Universitäten auch den Frauen offenstanden, setzte die Ausbildung an einem Technikum die Lehre in einem technischen Beruf voraus, und die war lange fast ausnahmslos der männlichen Jugend vorbehalten. In vielen Kantonen lehrte die Volksschule zudem noch in den 1970er Jahren nur die Buben Geometrie, die Mädchen dagegen Handarbeit, was sie beim Übertritt in ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium benachteiligte. Kein Wunder, gab es in der Schweiz bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts kaum Ingenieurinnen.
Geht es um grosse Schweizer Ingenieursleistungen, dann verweisen sie meistens auf die ETH. 1855 als bundeseigenes Polytechnikum gegründet, liess die ETH zwar von Beginn weg auch Frauen zum Studium zu. Als erste schrieb sich 1871 Nadežda Nikolaevna Smezkaja aus Moskau im Maschineningenieurwesen ein. Doch es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis hier 1933 die erste Schweizerin ihr Studium als Bauingenieurin abschloss: Hela von Tscharner. Allerdings hatte auch sie Wurzeln ausserhalb der Schweiz. 1908 in Russland geboren, liess sie sich mit ihrer Familie nach der Russischen Revolution in Zürich nieder.
Heute ist Hela von Tscharner, die erste Schweizer Bauingenieurin, weitgehend in Vergessenheit geraten.
1939 machte sich von Tscharner als Bauingenieurin selbständig; heute ist sie weitgehend in Vergessenheit geraten – im Gegensatz zur ersten selbständigen Architektin der Schweiz, der Autodidaktin Lux Guyer. Sie wurde als Verantwortliche für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) 1928 in Bern und mit ihren Wohnhäusern für alleinstehende Frauen wie dem Lettenhof in Zürich bekannt.
Durch triefende Stollen stapfen
Architektur zählt nicht zum Ingenieurwesen im engen Sinn, aber doch zum technischen Bereich. Und weil man den Beruf der Architektin mit dem Künstlerischen und Häuslichen in Verbindung brachte, war er bereits in der Zwischenkriegszeit eher akzeptiert als jener der Ingenieurin. Trotzdem blieb auch die Zahl der Architektinnen lange niedrig. «Bis heute haben bloss zwei oder drei Frauen diesen Beruf gewählt», erklärte Annie Muriset, Beamtin in der Landesbibliothek, im patriotisch gesinnten Buch Leben und Wirken der Frauen in der Schweiz von 1943. «Aber sicherlich vermöchte die Frau dank ihres Sinnes für Innenausstattung und ihrer häuslichen Erfahrungen ihren Kollegen wertvolle Mitarbeit zu leisten.»
Früher als in anderen Bereichen waren Frauen auch in der Chemie tätig: Die Disziplin galt wegen des Umgangs mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern als angemessen für Frauen – sie ähnelte der Arbeit in der Küche
Früher als in anderen Bereichen waren Frauen auch in der Chemie tätig: Die Disziplin galt wegen des Umgangs mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern als angemessen für Frauen – sie ähnelte der Arbeit in der Küche. So lehrte Gertrud Woker ab 1907 als erste Chemieprofessorin im deutschsprachigen Raum an der Universität Bern. Bekannt wurde sie als Pazifistin, die angesichts des Giftgaseinsatzes im Ersten Weltkrieg zur Ächtung von Chemiewaffen aufrief.
Hinter dem Berufsbild «Ingenieur» stand demgegenüber ein klassisches Männlichkeitsideal. Es zeigt sich zum Beispiel im 1891 gegründeten Technikum Burgdorf, mit dem sich die Historikerin Edith Maienfisch beschäftigt hat. Bis 1930 waren elf Frauen in die Institution eingetreten, sechs in Chemie, vier in Architektur, eine einzige im Bauingenieurwesen, was sich fünfzig Jahre lang nicht mehr änderte. Die Ingenieursausbildung war eindeutig auf Männer ausgerichtet. So hielt ein Bericht von 1917 fest, dass sich die angehenden Burgdorfer Ingenieure bei Exkursionen dann so richtig in ihrem Element fühlten, wenn ihnen «der Gang durch wassertriefende Stollen gestattet war». «Nach rechter Tiefbauerart» liessen sie sich weder durch Kälte noch durch Nässe abhalten, «wenn irgendwo etwas Wichtiges los war».
Die Vorstellung, dass sich Dreck nicht für Frauen zieme, hielt womöglich etliche vom Bauingenieurstudium ab. Ein noch höheres Hindernis stellten der Umgangston und die geringe Akzeptanz auf den Baustellen dar. Und das bis in die Gegenwart.
Förderung mit geringem Erfolg
Auch auf den Grossbaustellen des neuesten schweizerischen Jahrhundertprojekts, jenen der Neuen Alpentransversalen (Neat), waren nur sehr wenige Ingenieurinnen tätig. Die Tessinerin Michela Bazzi war eine von ihnen. Sie hatte am Polytechnikum in Mailand studiert und war am Südportal des Gotthard-Basistunnels in Bodio für Umweltfragen zuständig, als begleitende Projektverantwortliche. Es sei am Anfang nicht einfach gewesen, erklärte sie 2003, sich an den Schlamm und an den Umgangston zu gewöhnen. Darum seien Bauingenieurinnen eher im Büro als auf den Baustellen tätig.
Bei den Baustellen im Untergrund kam zum Lärm und zur Hitze die traditionelle Vorstellung, Frauen im Berg brächten Unglück.
Auch Bazzi selber arbeitete nicht im Untergrund bei den Bohrmaschinen. Dort kam zum Lärm und zur Hitze die traditionelle Vorstellung, Frauen im Berg brächten Unglück. Unter den Technikerkollegen sei dieser Glaube zwar kein Thema mehr, berichtete 2016 Sabine von Büren, die ebenfalls am Gotthard tätig war. Aber zu Beginn hätten manche Mineure den Tunnel verlassen, wenn Politikerinnen die Baustelle besuchten. Von Büren hatte sich nach einer Lehre als Zeichnerin zur Ingenieurin ausbilden lassen und ist nach wie vor auf Grossbaustellen tätig.
Nicht zuletzt die feministische Bewegung hat dafür gesorgt, dass in vielen Ländern der geringe Anteil von Frauen in den technischen Berufen zum Thema wurde. Auch in der Schweiz bemüht man sich, den weiblichen Nachwuchs in den Mint-Fächern zu fördern und bei Mädchen das Interesse für Technik zu wecken, etwa mit den «Meitli-Technik-Tagen» in den Firmen oder Mentoring-Programmen. Mit geringem Erfolg, wie die neuesten Zahlen zeigen – obwohl die weibliche Jugend nicht minder mathematisch begabt ist als die männliche.
Auf universitärer Stufe hat sich die Zahl der Eintritte von Frauen in den technischen Wissenschaften 2001 bis 2021 zwar verdoppelt. Unter den 500 Ingenieurinnen und Ingenieuren, die 2020 an der ZHAW School of Engineering (dem ehemaligen Technikum Winterthur) ihr Studium abschlossen, waren die Frauen aber noch immer eine klare Minderheit. Die Informatik wies mit elf Frauen auf 107 Männer den höchsten Anteil auf, es folgte die Maschinentechnik mit sieben Absolventinnen auf 84 Absolventen. Die Quoten gehören europaweit zu den niedrigsten.
Ärmere Länder liegen vorn
Hinter dieser Realität steht ein Paradox. Wie Forscherinnen unter der Leitung der Ökonomin Margit Osterloh gezeigt haben, resultiert der tiefe Frauenanteil in den technischen Berufen auch aus den Fortschritten in der Gleichstellung. Sie haben dafür gesorgt, dass die traditionell «weiblichen» Berufe heute angesehener und besser bezahlt sind. Die Löhne sind zwar noch immer tiefer als in den technischen Berufen. Aber laut Osterloh können es sich die Frauen in reichen Ländern wie Finnland, Norwegen, den Niederlanden oder der Schweiz leisten, der besseren Entlöhnung die höhere Anerkennung vorzuziehen, die sie für weiblich taxierte Arbeit erfahren. Anders in ärmeren Ländern, dort sei der Lohn entscheidend für die Berufswahl. Darum betrage der Frauenanteil in technischen und mathematischen Studiengängen in der Schweiz heute 22 Prozent, in Marokko dagegen 45 Prozent.
Auch von diesen Umständen weiss eine Neat-Ingenieurin zu berichten. Bevor Annette Ruckstuhl-Richter in die Schweiz kam und am Gotthard für den Zugang zum Hauptstollen zuständig wurde, hatte die Deutsche in den achtziger Jahren in Aachen und Turin studiert. An beiden Hochschulen habe es mehr Studentinnen in ihrem Fach gegeben als an der ETH, sagt sie. In ihrer Zürcher Firma sei sie anfangs die einzige Ingenieurin gewesen, ohne Vorbild, ohne Verbündete. Heute gebe es Frauen in allen Schweizer Bau- und Planungsfirmen und sie seien selbstbewusster und besser vernetzt. Aber noch immer hätten die jungen Ingenieurinnen mehrheitlich ausländische Wurzeln, von den Tamilinnen bis zu den Süd- und Osteuropäerinnen.