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«Der Bund», 10. 8. 2012
Sprache ist (nicht) wie Algebra
«Eine Reise ins Herz der Finsternis erster Klasse» versprach dieser Tage der Untertitel einer Kritik des Films «Prometheus». Ganz so viel kann ich in dieser Kolumne nicht bieten, aber ins Herz der sprachlichen Logik soll die Reise führen, und dort herrscht für manche in der Tat Finsternis, vielleicht sogar Finsternis erster Klasse. War in der Filmkritik wirklich von einer solch exquisiten Finsternis die Rede, oder ging es um ein Herz erster Klasse? Oder aber um eine Reise erster Klasse ins Herz der Finsternis? Dann hätte, wer den Titel setzte, es so sagen können (und sollen).
Weil der gesunde Menschenverstand «erste Klasse» eher mit einer Reise als mit einem Herzen oder der Finsternis verbindet, wurde der Satz wohl von den meisten so verstanden, und der Text der Filmkritik bestätigte diese Lesart. Etwas guter Wille darf beim Lesen oder Zuhören vorausgesetzt werden. Sätze, die jeglichem Missverständnis vorbeugen sollen, werden dafür zuweilen sehr umständlich. Die Sprache hat nun einmal nicht die Möglichkeit, wie die Algebra mit Klammern festzulegen, welche Werte gemeinsam einer bestimmten Operation unterzogen werden sollen. Wer Klammern schreibt, umschliesst damit vielmehr etwas, das (ohne Schaden für den Satzbau) auch weggelassen werden könnte.
Eckige Klammern sollen hier verdeutlichen, wie algebraische Sprache aussähe: «[Eine Reise ins Herz der Finsternis] erster Klasse». Damit wäre die Erstklassigkeit der ganzen Reise samt Grob- und Feinziel zugeordnet. Solche Sprache wäre ungeniessbar, aber als Hilfsmittel können diese Klammern auch andere Zweifelsfälle erhellen. So die Frage, ob der folgende Satz eine Würdigung oder eine Verunglimpfung bedeutet: «Einstein war nichts weniger als ein Genie.» Lesen wir «[nichts weniger] als ein Genie», so war er am allerwenigsten ein Genie. Gemeint ist aber wohl «nichts [weniger als ein Genie]», also nichts unterhalb der Stufe Genie.
Manche verlangen im Namen der Logik, das s wegzulassen: «Einstein war nicht weniger als ein Genie» – eine saubere Lösung. Doch der Zweifelsfälle-Duden (Band 9) befindet, dass «nichts weniger als auch im Sinne von ‹nichts Geringeres als› gebraucht werden kann». Er empfiehlt indessen, eine eindeutige Formulierung (wie eben «nichts Geringeres als») zu verwenden, wenn es sonst Missverständnisse geben könnte.
Manchmal braucht es nicht einmal eine andere Formulierung, sondern nur eine andere Reihenfolge, um Klarheit zu schaffen, etwa hier: «Er tauchte nicht eingeladen und maskiert auf.» Das könnte man so verstehen: «nicht [eingeladen und maskiert]». Also läge ein doppelter Verstoss vor, wenn es ein Maskenball nur für Eingeladene war, und man könnte deutlich sagen, der Besucher sei «weder eingeladen noch maskiert» gewesen. War er aber «[nicht eingeladen] und maskiert», dann stellt man besser um: «maskiert und nicht eingeladen».
Ein Leser hat mich kürzlich gefragt, ob man sagen könne: «Nichts gegen Ausländer, ganz im Gegenteil», wenn man Ausländer möge. Das Gegenteil von «nichts gegen Ausländer» sei doch «alles gegen Ausländer». Schon, aber man versteht auf Anhieb, dass nicht das Gegenteil von «nichts gegen» gemeint ist, sondern das Gegenteil von «gegen». Das mit Klammern auszudrücken, ist nicht ganz einfach; wahrscheinlich müsste man Variabeln einführen. Übersetzungscomputer wären wohl dankbar dafür, falls zur Dankbarkeit fähig. Menschlichen Adressaten aber ist besser gedient, wenn man statt logischen Spitzfindigkeiten (mit oder ohne Klammern) eine Ausdrucksweise pflegt, bei der ohne Umschweife klar wird, was gemeint ist.
© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)