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Rachel Kolly, Violinistin mit Greyerzer Wurzeln, legt eine neue CD vor. Sie überzeugt mit einer leichtfüssigen, aber tiefsinnigen Interpretation der Solopartiten von Johann Sebastian Bach.
«Ein Musiker, der nicht gelitten hat, sollte sich nicht Bachs Musik zuwenden». Dieses Zitat des Cellisten Jamie Walton findet sich im Booklet zur neuen CD der Violinistin Rachel Kolly. Das Zitat passt zur Entstehung der Einspielung. Kolly hat eine schwierige Lebensphase hinter sich. Ein langwieriger Sorgerechtsstreit setzte ihr und ihrer Tochter zu. «Ab 2017 zog ich mich aus der Öffentlichkeit zurück, um ganz für meine Tochter da zu sein», erzählt Rachel Kolly. In dieser schwierigen Zeit spielte sie fast täglich die Solopartiten von Johann Sebastian Bach. «Das gab mir Halt.» An eine CD dachte sie dabei erst später. «Irgendwann hatte ich mich so in die Partiten vertieft, dass es schade gewesen wäre, sie nicht aufzunehmen.»
Komplexe Barocktänze
Johann Sebastian Bach war Kapellmeister in Köthen, als er 1720 seine «Sei solo a Violino solo» ins Reine schrieb. Die Sammlung besteht aus je drei Sonaten und Partiten, die abwechselnd angeordnet sind. Die komplexen Solowerke bieten viel Raum für Spekulationen. So vermuten einige Experten, Bach habe die monumentale Chaconne aus der d-Moll-Partita als Trauermusik für seine erste Frau geschrieben. Maria Barbara starb 1720 überraschend, während Bach sich auf einer Reise befand.
Auch über mögliche Zahlensymbolik wird gerne gerätselt. Historisch stehen die Mutmassungen auf unsicherem Fundament. So entstand die Chaconne möglicherweise einige Jahre vorher. Musikalisch passt die Partita in d-Moll aber durchaus zum Thema Tod. «Sie ist ziemlich düster und vibriert vor Spannung und Trauer», sagt Rachel Kolly. Die erste Partita in h-Moll sei da nüchterner und intellektueller, während die E-Dur-Partita fröhlich und ausgelassen klinge.
Ein eigener Zugang
Die meisten Violinisten nehmen Bachs komplette Sammlung auf und folgen dabei der vorgegebenen Struktur. Rachel Kolly beschränkt sich auf die drei Partiten, obwohl sie auch die Sonaten regelmässig spielt. «Ich versuche, mit einem eigenen Zugang Einspielungen zu realisieren, die es so auf dem Markt noch nicht gibt», so Kolly. «Indem ich die drei Partiten nebeneinanderstelle, entstehen zwischen ihnen andere Beziehungen, als wenn sie durch Sonaten unterbrochen werden.»
Helle Interpretation
Ähnlich wie Suiten verbinden Partiten mehrere Barocktänze. «Ihr Ursprung als Tanzmusik war für mich das zentrale Element bei der Interpretation der Partiten», sagt Rachel Kolly. Das hört man der CD deutlich an. Selbst die spannungsgeladene d-Moll-Partita wirkt bemerkenswert leichtfüssig. Gerade mit ihrer schlichten Interpretation legt Kolly die Schichten dieser komplexen Musik offen.
Kollys helle Bachpartiten stehen im Kontrast zu anderen Einspielungen, etwa von Gideon Kremer oder Christian Tetzlaff. «Ich spiele sicher weniger schwermütig als Kremer oder Tetzlaff», räumt Rachel Kolly ein. Mit einem modernen Bogen bestehe stets die Gefahr, dass die Partiten allzu romantisch klingen würden. Sie selber spielt die Partiten mit einem modernen Bogen auf einer Stradivari-Violine aus dem Jahr 1732. Sie sagt:
Da meine Violine mehrfach modernisiert wurde, ist sie keine eigentliche Barockvioline mehr.
Mit der richtigen Technik komme man dem Klang der Barockmusik aber auch mit einem modernen Instrument nahe. Kolly sucht mit ihrer Musik einen Mittelweg zwischen der historisch informierten Aufführungspraxis und moderneren Interpretationen.
Ungewisse Perspektiven
Wie vielen Künstlern stellt die Corona-Pandemie auch Rachel Kolly vor Schwierigkeiten. «Zu Beginn des Lockdown war es toll, mehr Zeit für Projekte zu haben.» Spiele man aber allzu lange keine Konzerte mehr, gehe die Spannung verloren. «Es ist schwierig zu üben, wenn man nicht weiss, worauf hin man üben soll.» Ihr weiterer Konzertkalender ist für lange Zeit ungewiss. «Bereits wurden einige meiner Konzerte im Jahr 2022 abgesagt.» Dies, weil manche Organisatoren erst verpasste Konzerte vom letzten Jahr nachholen wollen. Voraussichtlich im Herbst wird Kolly in Freiburg spielen.
Auch Ideen für eine nächste CD hat sie: «Ich würde gerne das Violinkonzert von Johannes Brahms einspielen, das mich schon lange begleitet.» Irgendwann werde sie wohl auch Bachs Solosonaten auf CD aufnehmen, meint Kolly und lacht: «Mit diesen Sonaten warte ich jetzt aber noch einige Jahre.»
Zur Person
Violinistin mit Greyerzer Wurzeln
Rachel Kolly wuchs in Lausanne auf, hat aber Freiburger Wurzeln: Ihre Eltern stammen aus dem Greyerzbezirk, wo ein Teil ihrer Verwandtschaft heute noch lebt. Rachel Kolly begann im Alter von fünf Jahren, Violine zu spielen. Mit zwölf Jahren debütierte sie als Solistin. Als 15-Jährige erhielt sie am Konservatorium von Lausanne das Lehrdiplom für Violine. Das Solistendiplom folgte nach einem Studium bei Igor Ozim in Bern. Kolly arbeitete mit zahlreichen Orchestern zusammen, darunter dem BBC Philharmonic Orchestra, dem NHK-Orchester von Tokio oder dem Orchestra della Svizzera Italiana. Abgesehen von ihrer neusten Aufnahme zeigt ihre Diskografie einen Schwerpunkt auf der Musik des 19. sowie des 20. Jahrhunderts. So nahm Kolly unter anderem Werke von Eugène Ysaÿe, Leonard Bernstein und Richard Strauss auf CD auf. Ihre CD «French Impressions» gewann 2011 den International Classical Music Award. 2017 erhielt Rachel Kolly den Musikpreis des Kantons Waadt. Die 40-jährige Musikerin lebt mit ihrer Tochter im Baselbiet. sos