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«10 vor 10» und «Puls»-Beiträge über Antidepressiva beanstandet
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Mit Ihrem Brief vom 9. September 2019 beanstandeten Sie die Sendungen «10 vor 10» vom 23. August 2019[1] und «Puls» vom 26. August 2019[2] (beide Fernsehen SRF) und dort die Beiträge «Antidepressiva wirken kaum besser als Placebos» und «Antidepressiva ohne Wirkung – welche Alternativen gibt es?». Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten. Da Sie diese Beanstandung noch vor dem Erhalt der beiden Schlussberichte eingereicht haben, in denen ich Sie vor missbräuchlicher Anrufung der Ombudsstelle warnte, und da sie ein völlig anderes Thema betrifft als Ihre vielen bisherigen Beanstandungen, behandle ich sie ganz normal ohne Kostenfolgen für Sie.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Zu einem mir sonst ungewohnten Thema erlaube ich mir, obengenannte Sendungen, welche ich regelmässig mit grossem Interesse schaue, zu beanstanden, da es so nicht zutrifft, dass Antidepressiva generell nicht wirken, sondern einen wichtigen Beitrag zur Behandlung von Depressionen leisten.
1. Sehr viele an einer Depression erkrankten Menschen profitieren von einer Behandlung mit Antidepressiva, von ungenügender Wirksamkeit aller antidepressiv wirkenden Medikamenten kann keine Rede sein. Vor allem folgende Punkte wurden in den Berichten viel zu wenig angesprochen:
- Es ist erwiesen, dass gewisse Kategorien von Antidepressiva bei einigen Menschen zu wenig wirken, bei andern Menschen hingegen sehr gut.
- Fast alle medizinischen Ratgeber weisen darauf hin, dass es kaum vorhersehbar ist, bei welchem Patient welches Antidepressiva nützt und dass oft mehrere Medikamente ausprobiert werden müssen, bis das richtige Medikament gefunden wurde und in richtiger Dosierung Wirkung zeigt.
- Ohne Behandlung mit Antidepressiva wäre die Suizidrate bei Depressiven noch viel höher, als dass sie leider ohnehin schon ist.
- Ebenfalls führt ein Absetzen dieser Medikamente bei Betroffenen oft zu einem schweren Rückfall in die Depression, was in der Wissenschaft unbestritten ist. Eswäre vor allem im Puls Beitrag angebracht gewesen, zu diesem Thema einen Notfallpsychiater zu Wort kommen zu lassen, da diese oft solche Fälle erleben.
- Im Studio bei Puls hätte zwingend ein Psychiater (Arzt) und nicht eine Psychologin zum Thema Antidepressiva befragt werden müssen, da nur Ärzte und nicht Psychologen solche Medikamente einsetzen und besser über deren Nutzen informieren können.
2. Der interviewte, dänische Psychiater und eine Forschungseinrichtung die er leitet haben einen zweifelhaften Ruf, es gab schon mehrfach Gerüchte, dass sie mit Scientology zusammenarbeitet und deren Daten und Forschungsergebnisse nicht über alle Zweifel erhaben sind, dies zu erwähnen, wäre sowohl bei 10vor10 als auch bei Puls angebracht gewesen.
3. Es ist zu befürchten, dass durch die Beiträge in 10vor10 wie auch in Puls Depressive, welche eine ‘noch’ ungenügende Wirkung der bei ihnen eingesetzten Antidepressiva verspüren, dazu verleitet wurden, ihre Medikamente einfach abzusetzen, mit schwerwiegenden Folgen. Ein Hinweis an Patienten, dass so etwas sehr riskant ist, fehlte in beiden Sendungen, was ich sehr tragisch finde.
Ich bitte Sie, vorliegende Beanstandung gutzuheissen, bzw. die von mir beanstandeten Punkte zu rügen. Für Ihre Bemühungen danke ich Ihnen im Voraus.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für «Puls» antworteten Herr Gerald Tippelmann, Redaktionsleiter, und Herr Pascal Biber, Redaktor von «Puls»; für «10 vor 10» äusserten sich Herr Christian Dütschler, Redaktionsleiter, sowie Frau Corinne Stöckli, Fachspezialistin SRF:
«Herr X beanstandet den Sendungsschwerpunkt zu Antidepressiva in der der Sendung 10vor10 vom 23. August 2019 und den Folgebericht in der Sendung Puls vom 26. August 2019.
Die beanstandete 10vor10-Sendung setzte sich aus zwei Teilen zusammen. Zuerst wurde in einem Beitrag eine neue, breit angelegte Meta-Studie vorgestellt, welche festhält, dass Antidepressiva im Schnitt nur wenig mehr wirken als Placebos. Dann kam in einem Studiogespräch d er renommierte Psychiater Erich Seifritz zu Wort, der die Resultate der Studie anerkannte und sie aus seiner Sicht interpretierte. In der beanstandeten Puls-Sendung ging es schliesslich darum, das gesellschaftlich hochrelevante Thema nochmals aufzugreifen (die Debatte also nochmals kurz abzubilden) und zu fragen: Was jetzt? Die Hauptaussage hierbei war, dass Antidepressiva wohl weniger wirken als gemeinhin angenommen, dass es aber – zumindest für leichte und mittelschwere Depressionen – durchaus nichtmedikamentöse Alternativen mit potenziell weniger Nebenwirkungen gibt.
Vorab ist grundsätzlich festzuhalten: SRF ist sich bewusst, dass das Hinterfragen einer breit angewendeten Therapie Verunsicherung auslösen kann. Dennoch erachten wir es als unsere Aufgabe, entsprechende Befunde aufzunehmen, zu prüfen und zu diskutieren. SRF geht dabei nach bestem Wissen und Gewissen evidenz- und nicht eminenzbasiert vor. Wir prüfen also die Studienlage und vertrauen dabei weder ausschliesslich einzelnen Experten noch ‘medizinischen Ratgebern’ noch Anekdoten. Im vorliegenden Fall zeigt eine gross angelegte Meta-Analyse (Übersichtsstudie über so viele Einzelstudien zum Thema wie möglich) einer renommierten Autorenschaft (aus dem Nordic Cochrane Center in Dänemark) in einer peer-reviewten Fachzeitschrift (BMJ Open), dass Antidepressiva im Durchschnitt nicht viel besser (und klinisch nicht unterscheidbar besser) wirken als eine Placebo-Bedingung. Über ein solches Resultat in 10vor10 zu berichten und es dann in Puls weiter zu diskutieren und einzuordnen, erachten wir als gesellschaftspolitisch sehr wichtig, zumal es nicht die erste Meta-Analyse ist, die zu diesem Schluss kommt (z.B. Kirsch et al., 2008 oder Turner et al., 2008).
Der Beanstander kritisiert nun unsere Berichterstattung zur Wirksamkeit von Antidepressiva und deren mögliche gefährliche Folgen. Gerne nehmen wir dazu Stellung. Die Redaktion Puls folgt in ihrer Stellungnahme den einzelnen Kritikpunkten des Beanstanders. Diese Argumente gelten selbstverständlich gleichermassen auch für 10vor10. Im Anschluss ergänzt 10vor10 die detaillierte und ausführliche Stellungnahme von Puls mit spezifischen weiteren Argumenten.
A) Stellungnahme der Redaktion ‘Puls’
Zu den einzelnen Punkten der Beanstandung:
- <Sehr viele an einer Depression erkrankte Menschen profitieren von einer Behandlung mit Antidepressiva, von ungenügender Wirksamkeit aller antidepressiv wirkenden Medikamenten kann keine Rede sein.>
Antwort: Genau das bestreitet die Metaanalyse von Munkholm et al. (2019). Antidepressiva haben gemäss der neuen Meta-Analyse eine kaum höhere Wirksamkeit als Placebo. Sie unterscheiden sich auf der Hamilton-Skala (Höchstwert 52 Punkte) um weniger als 2 Punkte. Das wird an verschiedenen Stellen im ersten Beitrag klargemacht (<Die Pillen wirken im Schnitt praktisch nicht besser als Placebos, also als Scheinmedikamente.>). Ebenfalls klargemacht wird, dass es sich hierbei um einen Durchschnitt handelt, das heisst, einige dürften mehr, andere weniger davon profitieren. Dass die Praxisrelevanz dieses Resultats unter gewissen Fachleuten durchaus kritisch gesehen wird, markiert das Quote von Erich Seifritz aus dem 10vor10-Studiogespräch: <Damals wie heute kontern Psychiater: In der Praxis seien Antidepressiva durchaus wirksam: ‘Bei schweren und mittelschweren Depressionen sind eigentlich Antidepressiva Pflicht, zusammen mit Psychotherapie.’>
- <Es ist erwiesen, dass gewisse Kategorien von Antidepressiva bei einigen Menschen zu wenig wirken, bei andern Menschen hingegen sehr gut.>
Antwort: Die Quelle des Beanstanders ist uns nicht bekannt. Die von uns gesichtete Literatur (z.B. eben Munkholm et al., 2019, aber auch Kirsch et al., 2008, Turner et al., 2008 und Hengartner & Plöderl, 2018; mit einer wohlwollenderen Interpretation auch Cipriani et al. 2018) zeigt lediglich, dass Antidepressiva im Durchschnitt wenig über den Placeboeffekt hinaus helfen. Ob es sogenannte Super-Responder gibt, denen Antidepressiva sehr viel helfen, während andere gar nicht profitieren, wird in der Literatur kontrovers diskutiert (siehe z.B. jüngst Plöderl & Hengartner, 2019) und ist somit alles andere als erwiesen.[3] Dass einige Menschen aus subjektiver Sicht durchaus froh sind um die Antidepressiva, machte die in der Sendung portraitierte Patientin klar.
- <Fast alle medizinischen Ratgeber weisen darauf hin, dass es kaum vorhersehbar ist, bei welchem Patient welches Antidepressiva nützt und dass oft mehrere Medikamente ausprobiert werden müssen, bis das richtige Medikament gefunden wurde und in richtiger Dosierung Wirkung zeigt.>
Antwort: Die Frage ist, ob das ‘Ausprobieren’ zu einer besseren Wirksamkeit führt. Nur dann hätte diese Information für die Zuschauerinnen und Zuschauer einen Mehrwert generiert. Genau das aber scheint nicht der Fall zu sein (z.B. Bschor et al., 2018; Dold et al.; 2017; Kessler et al., 2018; Rink et al., 2018; Rush et al., 2011).
- <Ohne Behandlung mit Antidepressiva wäre die Suizidrate bei Depressiven noch viel höher, als dass sie leider ohnehin schon ist.>
Antwort: Diese Aussage trifft möglicherweise auf schwer depressive Patienten zu, da diese möglicherweise erst durch ein Antidepressivum einer psychotherapeutischen Behandlung zugänglich werden. Darauf wird in beiden Sendungen hingewiesen. Allerdings ist auch diesbezüglich die Literatur alles andere als eindeutig. Es gibt sogar zahlreiche Hinweise darauf, dass bei Einnahme von Antidepressiva das Suizidrisiko erhöht ist (z.B. Björkenstam et al., 2013; Coupland et al., 2015; Fergusson et al., 2005; Forsman et al., 2018; Kamat et al., 2014; Stone et al., 2009; Valuck et al.; 2015).
- <Ebenfalls führt ein Absetzen dieser Medikamente bei Betroffenen oft zu einem schweren Rückfall in die Depression, was in der Wissenschaft unbestritten ist. Es wäre vor allem im Puls Beitrag angebracht gewesen, zu diesem Thema einen Notfallpsychiater zu Wort kommen zu lassen, da diese oft solche Fälle erleben.>
Antwort: Wir weisen im Gespräch mit der Psychologin klar darauf hin, dass Patientinnen und Patienten ihre Antidepressiva nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt absetzen sollen. Inwiefern hierzu ein Notfallpsychiater mehr hätte sagen können als die Leiterin Psychologisch-psychotherapeutischer Dienst der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik einer grossen Universitätspsychiatrie, ist uns nicht ersichtlich. Dass es sich bei den Symptomen nach Absetzen von Antidepressiva um einen Rückfall in die Depression handelt, ist übrigens entgegen der Behauptung des Beanstanders in der Wissenschaft durchaus umstritten. Zahlreiche Wissenschaftler gehen aufgrund der Studienlage davon aus, dass es sich dabei häufiger um Entzugssymptome handelt als um ein Wiederkehren der Depression (z.B. Récalt & Cohen, 2019)
- <Im Studio bei Puls hätte zwingend ein Psychiater (Arzt) und nicht eine Psychologin zum Thema Antidepressiva befragt werden müssen, da nur Ärzte und nicht Psychologen solche Medikamente einsetzen und besser über deren Nutzen informieren können.>
Antwort: In der Berichterstattung von 10vor10 ging es um die Metastudie und im Studio dann um die Stellungnahme der klinisch tätigen Psychiater (vertreten durch Erich Seifritz). Dieser Bericht wurde in der PULS-Sendung vom darauffolgenden Montag aufgegriffen und um die Fragestellung erweitert, welche Alternativen zum Antidepressivum bestehen, und ob diese Alternativen klinisch besser belegt sind als die Gabe eines Antidepressivums. Für diese Frage ist eine klinisch tätige Psychotherapeutin aus unserer Sicht die richtige Gesprächspartnerin. Birgit Kleim ist nicht nur Psychologin, sondern ordentliche Professorin für experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie sowie im medizinischen Direktorium der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Leiterin Psychologisch-Psychotherapeutische Dienst und insofern bestens für diesbezügliche Fragen qualifiziert.
- <Der interviewte, dänische Psychiater und eine Forschungseinrichtung die er leitet haben einen zweifelhaften Ruf, es gab schon mehrfach Gerüchte, dass sie mit Scientology zusammen arbeitet und deren Daten und Forschungsergebnisse nicht über alle Zweifel erhaben sind, dies zu erwähnen, wäre sowohl bei 10vor10 als auch bei Puls angebracht gewesen.>
Antwort: Die Studie wurde im British Medical Journal Open peer-reviewed und publiziert, der Forscher ist Mitglied des Nordic Cochrane Centers. Es gibt keinen Anlass, an der Untersuchung zu zweifeln. Das wird auch von keinem der in der Recherche angefragten Psychiatrieexperten gemacht. Auch Erich Seifritz als Verfechter der Antidepressiva sagt bei 10vor10: <Das ist eine sehr gute Studie von einem sehr renommierten Institut>. Auf Gerüchte können wir in PULS nicht eingehen. Falls der Beanstander belastbare Belege für Zweifel an der Redlichkeit des Nordic Cochrane Centers oder von Klaus Munkholm hat, geht die Redaktion solchen Hinweisen selbstverständlich nach.
- <Es ist zu befürchten, dass durch die Beiträge in 10vor10 wie auch in Puls Depressive, welche eine «noch» ungenügende Wirkung der bei ihnen eingesetzten Antidepressiva verspüren, dazu verleitet wurden, ihre Medikamente einfach abzusetzen, mit schwerwiegenden Folgen. Ein Hinweis an Patienten, dass so etwas sehr riskant ist, fehlte in beiden Sendungen, was ich sehr tragisch finde.>
Antwort: Wir weisen im Gespräch mit der Psychologin klar darauf hin, dass Patientinnen und Patienten ihre Antidepressiva nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt absetzen sollen.
B) Stellungnahme der Redaktion ‘10vor10’
10vor10 schliesst sich der detaillierten und auf die einzelnen Vorwürfe des Beanstanders ausgerichtete Stellungnahme von Puls an und macht gerne einzelne Ergänzungen.
- Zum Studiogast
Die 10vor10-Redaktion ist sich bewusst, dass es sich bei Antidepressiva um ein sehr delikates Thema handelt. Entsprechend haben wir bei unserem Sendungsschwerpunkt über die Wirksamkeit von Antidepressiva grossen Wert auf die Einordnung der Studienergebnisse gelegt. Eine wesentliche Rolle bei der Einbettung und Einordnung der neuen Erkenntnisse des ‘Nordic Cochrane Centre’ spielte in unserer Berichterstattung der Studiogast, Prof. Dr. med. Erich Seifritz. Er ist nicht nur Direktor der Klinik für Erwachsenenpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sondern auch Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und ausgewiesener Depressionsspezialist. Erich Seifritz gehört also zu den renommiertesten Psychiatern der Schweiz. Zudem ist er ein Verfechter der Therapie mit Antidepressiva, die in seiner Klink regelmässig angewendet werden. Wir haben also einen hochqualifizierten Experten ausgewählt, der für die Anwendung von Antidepressiva steht.
Damit er seine Argumente im Studiogespräch bestmöglich darstellen kann, habe wir den Beitrag mit Professor Seifritz vorgängig angeschaut. Er hatte keinerlei Vorbehalte, dass der Beitrag unzutreffende Angaben enthält oder zu wenig differenziert wäre. Seifritz hatte so die Möglichkeit, sich in Kenntnis aller Fakten intensiv auf seinen Auftritt im Studio vorzubereiten. Dem Studiogespräch selbst haben wir in unserer Berichterstattung sehr viel Platz eingeräumt: Es dauerte rund fünf Minuten, was für ein Studiogespräch vergleichsweise lange ist. Dabei hatte Seifritz die Gelegenheit, ausführlich und kritisch auf die neusten Erkenntnisse der im Bericht thematisierten Meta-Studie einzugehen. Als Verfechter der Therapie mit Antidepressiva hat er im Studiogespräch die Studie aus seiner Perspektive eingeordnet und entsprechende Schlüsse daraus gezogen.
Wir haben also einen hochqualifizierten, kritischen Studiogast ausgewählt, der sich in Kenntnis aller Fakten auf das Gespräch vorbereiten konnte. Im ausführlichen Studiogespräch hat er dem Bericht seine Sichtweise als Verfechter von Antidepressiva entgegengesetzt, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden konnte.
- Zur Studie
Die Integrität der Forscher und in der Folge die Objektivität der Studie in Frage zu stellen, scheint uns nicht angebracht. Sowohl der Wissenschaftler Klaus Munkholm als auch das ‘Nordic Cochrane Centre’ sind beide sehr renommiert. Dies bestätigen in unserer Berichterstattung sowohl Prof. Seifritz als auch die Helsana-Ärztin Eva Blozik. Wörtlich sagten diese im Beitrag resp. Studiogespräch:
Eva Blozik, Ärztin und Leiterin Gesundheitsforschung Helsana:
<Die Resultat einer so renommierten Institution wie der Cochrane Collaboration sollten wir sehr ernst nehmen. (...)>
Erich Seifritz, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich:
<Zuerst möchte ich sagen: Das ist eine sehr gute Studie von einem sehr renommierten Institut. (...)>
Es gibt also keinen Grund, die Studie und den Autoren grundsätzlich anzuzweifeln. Noch weniger gibt es einen Grund, ‘die Gerüchte’, auf die der Beanstander verweist, in unserer Sendung zu erwähnen. Gerne verweisen wir an dieser Stelle auf den Hinweis von Puls oben: <Falls der Beanstander belastbare Belege für Zweifel an der Redlichkeit des Nordic Cochrane Centers oder von Klaus Munkholm hat, geht die Redaktion solchen Hinweisen selbstverständlich nach>.
- Zur Wirksamkeit von Antidepressiva
Hauptsächlich beanstandet Herr X, dass <es so nicht zutrifft, dass Antidepressiva generell nicht wirken, sondern einen wichtigen Beitrag zur Behandlung von Depression leisten.>Er meint, <von einer ungenügenden Wirksamkeit aller antidepressiv wirkenden Medikamenten kann keine Rede sein> und befürchtet, dass Depressive durch unsere Berichterstattung <dazu verleitet wurden, ihre Medikamente einfach abzusetzen, mit schwerwiegenden Folgen.> Das sehen wir anders.
Wichtig ist, dass wir im Beitrag genau festgehalten haben, wie weit Antidepressiva gemäss der vorgestellten Studie tatsächlich wirken. Wörtlich hiess es im Beitrag:
<Die Wirksamkeit von Antidepressiva wird auf der sogenannten ‘Hamilton-Skala’ gemessen. Auf dieser Skala wird die Schwere einer Depression mit einem Wert zwischen 0 und 52 bestimmt. Wenn Antidepressiva die Depression zum Beispiel um 11.97 Punkte auf der Hamilton-Skala senken, so bewirkt ein Placebo – ein Scheinmedikament ohne Wirkstoffe – eine Senkung der Depression um 10 Punkte. Das bedeutet: Antidepressiva wirken im Durchschnitt gerade mal ein bisschen besser als Scheinmedikamente: Im Schnitt sinken die depressiven Symptome um 1.97 Punkte tiefer.>
Wir nannten also den konkreten Unterschied in der Wirkung zwischen Placebo und Antidepressiva. Während im Beitrag der Forscher Klaus Munkholm den Unterschied als klein bezeichnete (<Der Unterschied ist tatsächlich minimal.>), betonte Seifritz im Studiogespräch die Tatsache, dass die Studie festgestellt hat, <dass die Wirkung von Antidepressiva in dieser ganzen Studiensituation doch nachweislich besser ist als das, was wir bei Placebo sehen. Sehr wenig, aber es ist da.> Das gleiche Resultat wurde also in unserer Berichterstattung von zwei unterschiedlichen Experten aus ihrer jeweiligen Perspektive interpretiert und eingeordnet.
In unserer Berichterstattung wurde zudem klar gesagt, dass es sich bei der genannten Zahl um einen Durchschnittswert handelt. ‘Im Durchschnitt’ bedeutet naturgemäss, dass die Medikation bei einigen sehr gut wirken kann und bei anderen gar nicht, was Seifritz im Studiogespräch auch verdeutlichte (siehe unten). Den genannte Durchschnittswert hat das ‘Nordic Cochrane Centre’ basierend auf 522 Studien und zusätzlichen 19 Studienprotokollen, welche es von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA erhalten hat, berechnet.
Dass aus einem solchen durchschnittlichen Wert keine Aussage für eine Einzelperson gemacht werden kann, wird ebenfalls deutlich aus unserem Beitrag. So zitierten wir das Schweizerische Heilmittel-Institut Swissmedic mit folgender Aussage:
<Es ist nicht möglich, anhand dieser Publikation den Behandlungseffekt auf individueller Patientenebene zu beurteilen.>
Diese Aussage bekräftigte auch Prof. Seifritz im Studiogespräch. Wörtlich sagte er:
<Es gibt Patienten, bei denen man den Eindruck hat, dass sie sehr gut auf Medikamente ansprechen und es gibt Patienten, die nicht so gut darauf ansprechen. Der kleine Unterschied, der in dieser Studie rausgekommen ist, ist natürlich letztlich ein ganz grober Mittelwert über alle Patienten, die untersucht wurden. Alle wurden in einen Topf gelegt und statistisch verglichen in solche, die angesprochen haben und solche, die nicht angesprochen haben.>
Das heisst, Prof. Seifritz hielt klar fest, dass es auch Patienten gibt, die offenbar sehr gut auf Medikamente ansprechen. Auch im Einspieler während des Studiogesprächs haben wir eine Patientin gezeigt, die von einer positiven Wirkung ihres Antidepressivas ausgeht. Wörtlich sagte sie:
<Ich habe mich überreden lassen, bin im Nachhinein aber froh, dass ich es gemacht habe. Ich habe das Gefühl, dass es mir geholfen hat. Ein Antidepressivum heilt nicht vor Depression oder was auch immer. Das ist ganz klar, das muss man selber machen. Aber es hat mir wieder die innere Ruhe gegeben, darüber nachzudenken, was mich geplagt hat.>
Erich Seifritz unterstrich nach diesem Einspieler:
<Diese ehemalige Patientin hat etwas ganz Wichtiges gesagt. Diese Medikamente hätten ihr – aus ihrer subjektiven Wahrnehmung – die Basis gelegt, damit sie die Problemlösung in Angriff nehmen kann. Das heisst, diese Medikamente haben in ihrem Fall – positiv sozusagen – die Grundlage gelegt, damit sie überhaupt auf eine Psychotherapie anspricht. Und das ist etwas, was wir häufig sehen.>
Zudem hielt er im Studiogespräch grundsätzlich fest:
<Es gibt relativ gute klinische Erkenntnisse, dass man weiss, bei schweren und mittelschweren Depressionen sind eigentlich Antidepressiva Pflicht, zusammen mit Psychotherapie. Bei den leichteren Fällen muss man sehr im Einzelfallen überlegen, ob es nötig ist.>
All die obigen Aussagen machen unserem Publikum klar, dass die Studienergebnisse keine Aussage über die Wirkung von Antidepressiva bei Einzelpersonen machen – und so keinesfalls ein Grund sind, Antidepressiva eigenmächtig abzusetzen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir sachlich und präzise über die neuen Erkenntnisse der Cochrane-Studie berichtet haben. Im Studiogespräch hat ein Experte und Verfechter von Antidepressiva die Studie kritisch eingeordnet, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden konnte. Wir haben in keiner Weise festgestellt, dass <Antidepressiva generell nicht wirken>, sondern haben verschiedene Sichtweisen auf die Erkenntnisse der Studie aufgezeigt. Der Vorwurf, der Beitrag würde dazu verleiten, dass Patienten eigenmächtig Medikamente absetzten, ist schlicht falsch. Es war dem Publikum klar, dass aus den Studien-Ergebnissen keine Schlüsse für einen Einzelfall gezogen werden können . Unterstrichen wurde das durch die Tatsache, dass eine betroffene Patientin erzählt, wie ihr die Medikamente geholfen hätten. Diesen konkreten Fall hat der Psychiater Erich Seifritz im Studiogespräch zusätzlich positiv gewertet.
C) Fazit
SRF hat seine Recherche-Aufgabe sehr ernst genommen und die Tatsachen sachgerecht dargestellt. Wir haben bewusst darauf geachtet, verschieden Sichtweisen und Aspekte des Themas darzustellen. Wir sind der Meinung, dass wir dieses gesellschaftlich bedeutende Thema inhaltlich minutiös umgesetzt und unserem Publikum neue Erkenntnisse verschafft haben. Die Zuschauer und Zuschauerinnen waren dabei jederzeit in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Wir bitten Sie deshalb, die Beanstandung nicht zu unterstützen.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendungen. Die beiden Redaktionen sind ausführlich auf Ihre Kritikpunkte eingegangen. Dabei haben Sie sicher auch bemerkt, dass Journalistinnen und Journalisten keine Scharlatane sind, sondern sich kundig machen und dabei auch breit die wissenschaftliche Literatur heranziehen. Es ist die Wissenschaft, die uns gesicherte Erkenntnisse liefert. Gleichzeitig muss man wissenschaftliche Befunde nicht sklavisch umsetzen. Da sich die Bevölkerung in der Regel von der Vernunft leiten lässt, wird kaum jemand Antidepressiva absetzen oder zum vorneherein auf sie verzichten, ohne den Arzt zu konsultieren. Umdenken müssen indessen die Ärzte: Wenn die Sendungen im Sinne der seismografischen Funktion der Medien etwas bewirken, dann, dass die Ärzte Antidepressiva noch differenzierter einsetzen als bisher. Nachdem ich mir die beiden Sendungen genau angeschaut habe, komme ich zum Schluss, dass alle kritischen Punkte angesprochen wurden und dass dank der Zeugnisse von Patientinnen und dank der Aussagen von Psychiatern, Psychologen und Forschern alle relevanten Argumente vorgebracht wurden, so dass sich das Publikum frei eine eigene Meinung bilden konnte. Die Beiträge schienen mir sachgerecht, so dass ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen kann.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
[3] Zur Literatur vgl. Anhang
Anhang: Literatur
Björkenstam, C., Möller, J., Ringbäck, G., Salmi, P., Hallqvist, J., & Ljung, R. (2013). An association between initiation of selective serotonin reuptake inhibitors and suicide - a nationwide register-based case-crossover study. PloS one, 8(9), e73973. doi:10.1371/journal.pone.0073973
Cipriani, A., Furukawa, T. A., Salanti, G., Chaimani, A., Atkinson, L. Z., Ogawa, Y., ... Geddes, J. R. (2018). Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. Lancet (London, England), 391(10128), 1357–1366. doi:10.1016/S0140-6736(17)32802-7
Coupland, C., Hill, T., Morriss, R., Arthur, A., Moore, M., & Hippisley-Cox, J. (2015). Antidepressant use and risk of suicide and attempted suicide or self harm in people aged 20 to 64: cohort study using a primary care database. BMJ (Clinical research ed.), 350, h517. doi:10.1136/bmj.h517
Dold, M., Bartova, L., Rupprecht, R., & Kasper, S.: Dose Escalation of Antidepressants in Unipolar Depression: A Meta-Analysis of Double-Blind, Randomized Controlled Trials. Psychother Psychosom 2017;86:283-291. doi: 10.1159/000477770
Fergusson, D., Doucette, S., Glass, K. C., Shapiro, S., Healy, D., Hebert, P., & Hutton, B. (2005). Association between suicide attempts and selective serotonin reuptake inhibitors: systematic review of randomised controlled trials. BMJ (Clinical research ed.), 330(7488), 396. doi:10.1136/bmj.330.7488.396
Forsman, J., Masterman, T., Ahlner, J. et al. (2019). European Journal of Clininical Pharmacology, 75(393). doi.org/10.1007/s00228-018-2586-2
Hengartner, M. P., & Plöderl, M. (2018). Statistically Significant Antidepressant-Placebo Differences on Subjective Symptom-Rating Scales Do Not Prove That the Drugs Work: Effect Size and Method Bias
Matter !. Frontiers in psychiatry, 9, 517. doi:10.3389/fpsyt.2018.00517
Kessler, D. S., MacNeill, S. J., Tallon, D., Lewis, G., Peters, T. J., Hollingworth, W., ... Wiles, N. J. (2018). Mirtazapine added to SSRIs or SNRIs for treatment resistant depression in primary care: phase III randomised placebo controlled trial (MIR). BMJ (Clinical research ed.), 363, k4218. doi:10.1136/bmj.k4218
Kamat, M., Edgar, L., Niblock, P., Mcdowell, C., & Kelly, C. (2013). Association between Antidepressant Prescribing and Suicide Rates in OECD Countries: An Ecological Study. Pharmacopsychiatry, 47(01), 18–21. doi: 10.1055/s-0033-1357183
Kirsch, I., Deacon, B. J., Huedo-Medina, T. B., Scoboria, A., Moore, T. J., & Johnson, B. T. (2008). Initial severity and antidepressant benefits: a meta-analysis of data submitted to the Food and Drug Administration. PLoS medicine, 5(2), e45. doi:10.1371/journal.pmed.0050045
Munkholm, K., Paludan-Müller, A. S., & Boesen, K. (2019). Considering the methodological limitations in the evidence base of antidepressants for depression: a reanalysis of a network meta-analysis. BMJ open, 9(6), e024886. doi:10.1136/bmjopen-2018-024886
Plöderl, M., & Hengartner, M. P. (2019, September 4). Can we expect that some patients respond better to antidepressants? A secondary variance-ratio meta-analysis. Retrieved from osf.io/98kex
Récalt, A. M., & Cohen, D. (2019). Withdrawal Confounding in Randomized Controlled Trials of Antipsychotic, Antidepressant, and Stimulant Drugs, 2000–2017. Psychotherapy and Psychosomatics, 88(2), 105–113. doi: 10.1159/000496734
Rink, L., Braun, C., Bschor, T., Henssler, J., Franklin, J., & Baethge, C. (2018). Dose Increase Versus Unchanged Continuation of Antidepressants After Initial Antidepressant Treatment Failure in Patients With Major Depressive Disorder. The Journal of Clinical Psychiatry, 79(3). doi: 10.4088/jcp.17r11693
Rush, A. J., Trivedi, M. H., Stewart, J. W., Nierenberg, A. A., Fava, M., Kurian, B. T., ... Wisniewski, S. R. (2011). Combining Medications to Enhance Depression Outcomes (CO-MED): Acute and Long-Term Outcomes of a Single-Blind Randomized Study. American Journal of Psychiatry, 168(7), 689–701. doi: 10.1176/appi.ajp.2011.10111645
Stone, M., Laughren, T., Jones, M. L., Levenson, M., Holland, P. C., Hughes, A., ... Rochester, G. (2009). Risk of suicidality in clinical trials of antidepressants in adults: analysis of proprietary data submitted to US Food and Drug Administration. BMJ (Clinical research ed.), 339, b2880. doi:10.1136/bmj.b2880
Turner, E. H., Matthews, A. M., Linardatos, E., Tell, R. A., & Rosenthal, R. (2008). Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. The New England Journal of Medicine, 358(3), 252-260. doi.org/10.1056/NEJMsa065779
Valuck, R., Libby, A., Anderson, H., Allen, R., Strombom, I., Marangell, L., & Perahia, D. (2016). Comparison of antidepressant classes and the risk and time course of suicide attempts in adults: Propensity matched, retrospective cohort study. British Journal of Psychiatry, 208 (3), 271-279. doi:10.1192/bjp.bp.114.150839
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