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Trotz Bekämpfungserfolgen breiten sich die Heuschrecken in Afrika weiter aus. Schwärme könnten bald über den Sahel bis in den Westteil des Kontinents gelangen.
Kenyanische Kinder versuchen einen Schwarm von Wüstenheuschrecken zu verjagen.
Die grösste Heuschreckenplage seit vielen Jahrzehnten hat ihren Höhepunkt noch immer nicht erreicht. Immer mehr und grössere Schwärme der Wüstenheuschrecke werden wohl noch lange ganze Ernten in Teilen Afrikas und Asiens vernichten. Neben Iran, Pakistan und Indien trifft es den Nordosten des afrikanischen Kontinents derzeit besonders hart.
Im vergangenen Herbst waren Schwärme von der Arabischen Halbinsel zum Horn von Afrika geflogen, wo sie sich besonders im kriegsversehrten Somalia ungestört fortpflanzen konnten. Von Dezember bis Februar breiteten sich die Heuschrecken auch im Süden Äthiopiens und in Teilen von Kenya, Uganda und Tansania aus. Das war die erste Welle in Ostafrika. Sie verlief einigermassen glimpflich, denn die Ernten waren grösstenteils bereits eingefahren. Die meisten Schwärme blieben in der Region und legten Eier.
Daraus sind in den letzten Monaten wieder neue Schwärme entstanden. Bei günstigen, wasserreichen Bedingungen gibt es alle drei Monate eine neue Generation – und jede ist bis zu zwanzigmal grösser als die vorangegangene. Ein typischer Schwarm enthält mehrere Milliarden Tiere, die eine Fläche von rund hundert Quadratkilometern einnehmen und so viel Nahrung wie 35 000 Menschen verzehren.
Keine Entwarnung
Immerhin: Mehrere Länder Ostafrikas scheinen die zweite Welle deutlich besser im Griff zu haben als die erste. Dies auch dank der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die die globalen Massnahmen zur Bekämpfung der Heuschrecken und zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit koordiniert. Insbesondere Kenya habe den grossflächigen Befall inzwischen fast vollständig beseitigt, sagt Cyril Ferrand, FAO-Mitarbeiter in Ostafrika: «Das ist ein Erfolg, doch wegen der Gefahr einer möglichen erneuten Verseuchung gegen Ende des Jahres müssen wir die kontinuierliche Überwachung aufrechterhalten.» Ausserdem seien andere Länder der Region weiterhin stark befallen: vor allem Äthiopien, wo sogar noch weitere Schwärme aus Jemen einfallen könnten, aber auch grössere Gebiete in Somalia, Eritrea und dem Sudan.
Ein Kleinflugzeug versprüht in Kenya eine chemische Lösung, um die Heuschrecken zu vertreiben.
Deshalb gibt die FAO für die Region noch längst keine Entwarnung. Im Gegenteil: Ende Juli wies sie zusammen mit weiteren internationalen Organisationen eindringlich auf die Gefahr einer möglichen «grossen Ernährungskrise in Ostafrika» hin. Die Region, in der selbst unter üblichen Umständen ein Fünftel der von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffenen Weltbevölkerung lebt, stehe «einer noch nie da gewesenen dreifachen Bedrohung» gegenüber: der andauernden Covid-19-Pandemie, den schweren Überschwemmungen der vergangenen Monate und der Ausbreitung der Wüstenheuschrecken. Prognosen weisen zudem darauf hin, dass die Trockenzeit ab Oktober noch trockener als üblich ausfallen könnte. All dies kombiniert könnte bis zum Jahresende die Existenzgrundlage von bis zu 50,6 Millionen Menschen bedrohen.
Aus Fehlern gelernt
Hinzu kommt eine neue Sorge: Wenn im Osten die Trockenzeit einsetzt, muss damit gerechnet werden, dass etliche Heuschreckenschwärme westwärts segeln und sich über den gesamten Sahelgürtel verteilen: vom Sudan aus nach Tschad, Niger und Mali bis nach Mauretanien, das ganz im Westen des Kontinents an den Atlantik stösst.
Die Hochrisikoländer in Zentral- und Westafrika nutzen nun die Zeit, um sich mit Unterstützung der FAO auf den möglichen Heuschreckeneinfall vorzubereiten. Sie haben offenbar aus den Erfahrungen und Fehlern der ostafrikanischen Staaten gelernt. Denn diese wurden letztes Jahr ebenfalls vorzeitig von den FAO-Prognostikern gewarnt, reagierten dann aber erst, als die ersten Schwärme auf ihrem Territorium entdeckt wurden. Um schnell agieren zu können, muss aber schon früh ein Überwachungssystem eingerichtet und müssen Ressourcen zur Schädlingskontrolle bereitgestellt werden.
Die drohende Heuschreckenkrise hat im Westen des Kontinents zu einer stärkeren internationalen Solidarität geführt: Algerien und Marokko haben ihren Vorrat von 90 000 Litern an Pestiziden den südlicheren Sahelstaaten zur Verfügung gestellt. Mittlerweile scheint allen klar zu sein: Ohne die Überwachung der Brutstätten und die frühzeitige Bekämpfung der Jungtiere ist der Heuschreckenplage kaum noch beizukommen. Selbst für den besten Fall rechnet die FAO jedenfalls nicht in Monaten, sondern in Jahren.