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Kapitel 33: Vier Stühle
»Glenna, wie schön, dass du es dir einrichten konntest«, sagte Janet, als sie Glenna am Tag nach der Beerdigung die Tür öffnete.
»Aber natürlich, Liebes. Wie könnte ich denn eine Einladung zum Abendessen ausschlagen?«
Sie drückte Janet eine Schachtel in die Hand, welche diese neugierig öffnete.
»Ah, die Matcha-Kekse. Die hatte ich letztes Mal ja völlig vergessen.«
»Keine Angst, es sind neue. Frisch gebacken.«
Janet führte Glenna in das Wohnzimmer, wo Aidan vor dem Fernseher saß.
»Hallo Aidan«, sagte Glenna mit einem Lächeln, auch wenn sie etwas nervös war.
Sie hatten sich nicht gerade im Guten getrennt und wer wusste schon, wie nachtragend Kinder sein konnten.
Aber er nickte ihr zu und sagte freundlich: »Guten Abend, Frau Alexander.«
»Lass uns doch schon mal ins Esszimmer gehen, Glenna. Möchtest du etwas trinken, Aidan?«, fragte Janet.
»Eine heiße Schokolade mit Sahne«, lautete die prompte Antwort und Janet seufzte.
»Auf keinen Fall so kurz vor dem Abendessen«, flötete Janet.
Sie folgte Janet ins Esszimmer, wo bereits aufgetischt war. Für vier Personen, wie Glenna bemerkte.
»Wen erwartet ihr denn noch?«, fragte sie und setzte sich auf den Stuhl, auf den Janet wies.
»Ja, deswegen«, begann Janet, brach dann aber ab.
Sie biss sich auf die Unterlippe und warf einen nervösen Blick über die Schulter in die Küche.
»Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss.«
Glenna hob die Augenbrauen. »Ja, Liebes?«
Janet setzte sich ihr gegenüber hin und faltete die Hände vor sich. Doch nur eine Sekunde lang, dann faltete sie sie auseinander und begann ihre Knöchel zu reiben.
Glenna verfolgte das nervöse Fingerspiel, um Janet die Zeit zu geben, die sie brauchte.
»Du hast dich so wunderbar um Aidan gekümmert diese Woche, darum dachte ich, es wäre nur fair, es dir zu sagen. Außerdem hast du mir ja diese Nachricht auf die Mailbox gesprochen und ich habe gar nie darauf reagiert.«
Sie brach erneut ab und suchte nach Worten.
Glenna versteifte sich ein wenig. Wenn sie nicht selber gerade gesehen hätte, dass Aidan gesund und munter im Wohnzimmer saß und dass Janets Ex-Mann am Tag zuvor abgereist war, wäre sie vermutlich extremst beunruhigt, aber so wartete sie gespannt.
»Es geht um Sebastian. Meinen Ex-Mann, den du ja auch auf dem Fest gesehen hast.«
Glenna nickte und beschloss, sie nicht zu unterbrechen.
»Ich wusste, dass er da ist. Ich habe nicht auf die Nachricht reagiert, weil ich gehofft hatte, dass ihn niemand erkennt, aber das war ein absolut dummer Gedanke von mir. Eigentlich hätte er gar nicht an das Fest kommen sollen.« Sie seufzte. »Aber ich konnte es ihm nicht ausschlagen.«
Nun runzelte Glenna die Stirn. »Nicht ausschlagen? Was meinst du damit? Was ausschlagen?«
Janet warf wieder einen Blick zur Küchentür und ihre Ohrenspitzen liefen rot an.
»Weißt du, als wir uns getrennt haben, war ich so wütend, dass ich da doch all diese schrecklichen Dinge über ihn gesagt habe.« Sie senkte den Blick und starrte auf ihre Finger. »Davon war nicht alles wahr. Ich schäme mich sehr dafür, dass ich das getan habe.«
»Janet«, sagte Glenna mitfühlsam, auch wenn sie nach wie vor nicht wusste, worauf dies herauslaufen würde.
Janet hob den Blick und lächelte sie nervös an. Dann räusperte sie sich.
»Nun ja, es ist so, dass wir wieder in Kontakt getreten sind. Vor fast einem Jahr.«
Glenna straffte die Schultern und ihr Kiefer verspannte sich.
»Du und dein Ex-Mann?«, fragte sie, nur um sicher zu gehen, dass sie das richtig verstanden hatte.
Janet nickte und Glenna lief es eiskalt über den Rücken.
»Sebastian?«, rief Janet und wandte sich zur Küche.
Als die Tür aufging und ein Mann hindurchtrat, drehte es Glenna den Magen um und sie fühlte sich, als müsse sie sich übergeben.
»Hallo Glenna«, sagte eine sanfte Stimme mit einem deutlich walisischen Akzent.
Glenna blinzelte und sah sich den Mann genauer an. Und sofort tauchten Bilder von vor zehn Jahren vor ihrem inneren Auge auf.
Janets Ex-Mann sah nicht viel älter aus als damals. Er hatte den Bart rasiert und trug die Haare kürzer, aber Glenna zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass es sich tatsächlich um Sebastian handelte.
Und nicht um William Judge.
In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen.
Janet beugte sich über den Tisch und umfasste ihre Hand.
»Ist alles in Ordnung, Glenna?«, fragte sie besorgt. »Deine Hand ist ja ganz kalt.«
Sebastian runzelte ebenfalls Stirn und trat um den Tisch herum, doch sie winkte rasch ab.
»Natürlich. Es tut mir leid, ich weiß nur gerade nicht, wo mir der Kopf steht.« Sie brachte ein halbherziges Lachen zu Stande. »Also … das heißt …« Sie wies von Janet auf Sebastian und zurück.
Die beiden warfen sich einen liebevollen Blick zu und das war Glenna Antwort genug.
»Wir sind wieder zusammen«, bestätigte Janet.
»Seit ein paar Monaten«, sagte Sebastian. »Sie haben mich oft an den Wochenenden besucht, aber nun als Janets großes Fest anstand, fand ich, dass ich herkommen sollte, um sie zu unterstützen.«
Glenna versuchte sich an einem Lachen und es fühlte sich schon natürlicher an.
»Das sind doch wunderbare Nachrichten«, sagte sie, weil sie das Gefühl hatte, dass sie so etwas sagen sollte.
»Ja«, sagte Janet und umfasste Sebastians Hand. »Auch für Aidan ist das wunderbar.«
Glenna nickte und schluckte einmal schwer. Der Schwindel war abgeflaut und so langsam konnte sie wieder richtig denken.
»Warum macht ihr denn ein Geheimnis daraus?«, fragte sie ernsthaft verwirrt.
Janet senkte wieder den Blick.
»Wie gesagt, ich habe damals Dinge über Sebastian gesagt, die nicht ganz wahr waren. Das war schrecklich von mir. Aber wenn die Dinge wahr wären, müsste ich mich dafür schämen, dass ich ihn zurückhaben wollte. Ein kleines Dilemma, wie du siehst.«
Glenna lächelte und dieses Mal meinte sie es ernst. »Aber das ist doch alles so lange her. Falls die Leute sich daran erinnern, dann bestimmt nur am Rande.«
»Nun ja«, meinte Sebastian mit einem nervösen Lachen. »Du hast dich auch daran erinnert. Gut genug, dass du Janet vor mir gewarnt hast.«
Glenna öffnete den Mund, um klar zu stellen, das dies nicht deswegen gewesen war, dann schloss sie ihn wieder. Es gab nichts, was sie erklären konnte.
»Aber auf jeden Fall werden wir nicht länger ein Geheimnis darum machen«, sagte Janet betont locker. »Ich werde dazu stehen, was ich damals falsch gemacht habe und ich hoffe, die Leute können es dann schnell vergessen.«
»Ganz bestimmt«, sagte Glenna, ihre Gedanken drifteten aber bereits wieder ab.
Sebastian war Aidans Vater und hatte nie etwas gegen den Jungen im Schilde geführt. Er war hier gewesen, um seine Partnerin in einer stressigen Zeit zu unterstützen. Das war wohl auch der Grund, warum Glenna so oft auf Aidan hatte aufpassen müssen.
Aber wenn das hier Sebastian war … wer war dann William Judge?
Vorschau auf das Kapitel „Klare Nächte“ von nächster Woche: