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Verbrannte Erde
Athen ist die heisseste Stadt Europas. Was bleibt nach Rekordtemperaturen und den schweren Bränden? Eine offizielle Hitzebeauftragte. Die Vision einer klimaneutralen Stadt. Und eine Bevölkerung, die nicht an den Klimawandel glaubt.
Von Anna Miller (Text) und Socrates Baltagiannis (Bilder), 12.08.2023
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Fragt man Giorgos Barberakis, was er sich gewünscht hätte, als die Flammen von drei Seiten kamen und innert zwei Stunden drei Hektaren Land in eine Skelettlandschaft verwandelten, sagt er: dass sie nicht gekommen wären.
Dass die drei Polizisten nicht gekommen wären und ihn nicht festgehalten und ihm nicht ins Gesicht geschlagen und ihn nicht fortgeschleppt hätten, hinunter ins nächste Dorf. Er hätte das Feuer löschen können, von Hand, zusammen mit seinem Sohn und zehn Männern aus dem Dorf, er hätte es löschen können, davon ist Barberakis überzeugt.
Dass diese Polizisten ihm vielleicht das Leben gerettet haben, bedeutet ihm gerade nicht so viel, weil das hier, dieses Land, diese Bootsmanufaktur, sein Leben war. Jetzt ist davon nichts mehr übrig. Sein Auto ist ein schwarzes Skelett, umgeben von Russ und Asche und Metall, das im Wind knarzt wie ein spröder Baum.
Der kleine Mann mit seinen von der Asche schwarz gefärbten, grossen Händen hört nicht mehr auf zu sprechen, die Worte sprudeln in die heisse Nachmittagsluft von Mandra im Westen Athens. Kein Feuerwehrauto kam, als es brannte, es waren an diesem Tag nicht genug für alle verfügbar. Der Staat wird jetzt vielleicht ein bisschen Geld geben, allerdings erst, nachdem alles wieder aufgebaut ist, im Nachhinein.
Derweil hat der griechische Ministerpräsident, der einen Tesla fährt und in Harvard studiert hat, vor einer Woche im britischen Fernsehen gesagt: 2024 eine Woche Gratisurlaub für alle vom Feuer betroffenen Touristen, als Entschädigung für die verlorene Ferienzeit.
An einer Bushaltestelle im Zentrum Athens stehen die Menschen Anfang August derweil dicht gedrängt entlang des Schattens, den das Häuschen wirft, einige haben Eisblöcke in ihre PET-Flaschen gedrückt, zwei Jungs fahren auf ihrem Moped durch die Strasse, einer hält dabei einen sich drehenden Standventilator an seinen Körper. Vor ein paar Wochen, als das Thermometer weit über 40 Grad zeigte, färbten sich die Blätter braun, als sei schon Herbst. Baumkronen fingen Feuer, Insekten fielen tot von den Bäumen, die Gezeiten blieben aus. Die Luft, die sonst kühlt, war so heiss, als würde man die Backofentür aufmachen bei 200 Grad und das Gesicht zu nah dranhalten.
Athen gilt als der Ort, der im Wettlauf gegen die Zeit für die Strategien gegen die Hitze entscheidend sein könnte. Die Stadt zählt zu den europäischen Metropolen, die sich laut Prognosen auf zunehmende Hitzewellen und Trockenheit einstellen müssen. Bis Ende des Jahrhunderts ist es hier vielleicht sogar um 4 Grad wärmer als jetzt. In 80 Jahren ist Athen also vielleicht: unbewohnbar.
Der aktuelle, rechtskonservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis bemüht sich seit Amtsantritt 2019, zumindest nach aussen hin, eine gute Klimafigur zu machen. Denn Athen gilt seit Jahren als heisseste Hauptstadt Europas, ist viel zu dicht bebaut und hat kaum Grünflächen – ein Kessel mit so viel zugeteerter Fläche, dass die Hitze kaum entweichen kann. Die Temperaturen fallen tagelang nachts nicht unter 30 Grad, kletterten an den heissesten Tagen diesen Sommer auf über 45 Grad. Und es geht hier nicht mehr nur um einzelne Tage, sondern um ganze Wochen.
Die zunehmende Hitze, schreibt die «New York Times», sei das neue Covid für ältere Menschen in Europa. Und Europa schaut nach Griechenland, nicht nur wegen der besonders dramatischen Folgen der Klimaerwärmung, sondern auch, wenn es um Ziele und Ambitionen geht: 2018 beispielsweise sicherte sich Athen ein Darlehen über 55 Millionen Euro für grüne urbane Infrastruktur von der Europäischen Investitionsbank – als erste Stadt überhaupt. Der Anteil Grünflächen soll bis 2030 auf 30 Prozent verdoppelt werden.
Zu diesem ambitionierten Ziel passt auch das Leuchtturmprojekt Ellinikon Metropolitan Park, das bis 2030 Europas grössten Küstenpark vorsieht – 75 Prozent der Fläche des Central Park in New York. Der Park, schreibt die Privatfirma, die ihn bauen lässt, sei für die Bevölkerung Athens. Schon Jahre vor der Eröffnung steht gross free entry auf der Website. Auf dem Areal sollen allerdings auch ein Casino, 150 Wohnungen, der höchste Wolkenkratzer Griechenlands, Villen mit Pool und Aussicht auf den Park sowie Büros und Einkaufsmöglichkeiten entstehen. Ein «kleines Dubai» für Gutbetuchte werde das, sagen Skeptikerinnen. Andere sehen in diesen Plänen immerhin mehr Grün, das Leben retten könnte. Statistisch betrachtet ist Athen die europäische Hauptstadt mit den meisten Todesfällen, die durch zu wenig vorhandene Grünflächen bedingt sind.
Die erste staatliche Hitzebeauftragte Europas, Eleni Myrivili, hat ihrerseits grosse Pläne, will Strassen stilllegen und durch grüne Korridore ersetzen, ein aus der Antike stammendes Aquädukt soll zur Wasserzufuhr benutzt werden. Athen sei eine «gute Stadt, um Dinge auszuprobieren und zu schauen, was funktioniert», auch wegen ihrer Lage an der Schnittstelle zwischen Europa und dem Orient, als weder extrem arme noch extrem reiche Metropole, wie sie der «New York Times» sagte.
Ein Gespräch zwischen Myrivili und der Republik war wegen Ferienabwesenheit leider nicht möglich. Auch die Hitzebeauftragte ist aus der Stadt gefahren, wie alle, die können, wenn der August um die Ecke kommt.
Derweil wünschte sich Susann Steimer Stergiou, dass der Staat die Kosten für Elektrizität ein bisschen reduzieren würde, damit man die Klimaanlage durchlaufen lassen könnte. Ohne Kühlung wurde es bei der Schweizerin, die seit 42 Jahren in Athen lebt, in der Wohnung 38 Grad heiss. Das liegt auch daran, dass die Häuser in der Stadt Athen und in Griechenland generell schlecht isoliert sind.
Steimer Stergiou ist eine derjenigen, die es sich nicht leisten können, die Stadt zu verlassen, wenn die grosse Hitze kommt. Sie hat weder Verwandte, die auf dem Land oder auf einer Insel ein Haus besitzen, noch kann sie sich ausgerechnet dann, wenn Hochsaison ist, ein überteuertes Hotelzimmer leisten. Und sowieso: Sie hat Arbeit, weil andere Ferien machen.
Als Tourguide macht sie mehrere Ganztagestouren pro Woche, zwischen 8 und 14 Stunden am Stück, je nachdem, die beliebteste Tour ist die auf die Akropolis. Mittlerweile würden Touristen ohnmächtig, «sie sind sich diese Hitze einfach nicht gewohnt», sagt Steimer Stergiou. 38 Grad, das gehe für sie ja noch knapp, aber bei über 40, und dazu noch hoher Feuchtigkeit, kämpfe auch sie.
Immerhin hat die 62-Jährige einen Garten, kann zu Fuss in den Wald. «Doch ich kann es mir nicht leisten, nicht zu arbeiten.» Ihr Lohn sei nun mal niedrig. Der aktuelle Mindestlohn liegt in Griechenland bei knapp über 600 Euro netto, viele Menschen arbeiten viel, verdienen aber wenig. Der Staat gibt den Beamten in den klimatisierten Büros bei Extremwetter über die Mittagsstunden zwar hitzefrei, doch die Migrantinnen, die Bauarbeiter, die Bootsvermieterinnen, die Männer hinter dem Souvlaki-Grill müssen trotzdem weiterarbeiten, weil: keine andere Wahl. Im Zentrum Athens wohnen sowieso fast nur noch Menschen, die sich nichts anderes leisten können, alle anderen ziehen an den Stadtrand, wo mehr Bäume stehen und die Luft besser ist. Diese Klimabeauftragte? Von der hat Steimer Stergiou noch nie gehört.
Sie ist nicht die Einzige, die das Gefühl hat, die ganze Umweltgeschichte sei reine PR. Ein bisschen Glanz, für die internationalen Medien, die Leserinnen der «New York Times» und des englischen «Guardian», für Mitsotakis’ Studienfreunde, die westliche Elite, die sich nicht erklären kann, wie die Wiege der Zivilisation es nicht mal schaffen soll, ein einheitliches Recyclingsystem aufzubauen, Jahr 2023.
Viele Athenerinnen denken, die Stadt sei bereits verloren. Die, die können, fahren raus, aufs Land, auf eine Insel, machen lange Sommerferien. Andere wollen nur noch wegziehen. Wohin? Unklar. Aber weg. Oder man setzt sich ins Auto und lässt einfach die Klimaanlage laufen.
In der Woche der grössten Hitzewelle, als Rhodos brannte und die EU Löschflieger schickte, um die Brände einzudämmen, schloss Athen einen seiner grossen Pärke, der Schatten und Kühle spenden konnte – aus Angst, dass auch dieser Feuer fängt.
Derweil reichte der Bürgermeister von Rhodos, das mit 20’000 geretteten Menschen die grösste Evakuierung seiner Geschichte hinlegte, vor ein paar Tagen offiziell Klage gegen unbekannt ein. Wegen vorsätzlicher Brandstiftung. Manche Menschen campieren einfach achtlos. Andere lassen ihren Rasen nicht stutzen und wässern. Viele Häuser, die durch die Flammen gefährdet sind, wurden illegal gebaut, ohne Bewilligung. Manchmal, wenn eine Ackerfläche abgebrannt ist, zieht der Grundeigentümer die Grenze ein bisschen weiter – und vergrössert so seine Fläche.
Wer Land braucht – sei es für Solaranlagen oder Hotelkomplexe –, mag Brachen, weil sich darauf besser und günstiger bauen lässt. Studien zeigen, dass die Mehrheit der Brände von Menschenhand stammt, betrügerische Brandstiftung spielt in fast einem Viertel der Fälle eine Rolle. Manchmal zerstört das Feuer Leben. Und manchmal ermöglicht es mehr Profit.
Deshalb hätten, sagt der Klimaaktivist Vassilis Sfakianopoulos, nicht alle ein Interesse daran, die Brände auch zu löschen – wegen des Profits nicht, aber auch, weil sich viele Griechen denken: Das kostet bloss eine Menge Geld, und wer soll das bezahlen? Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt über 23 Prozent, die letzte Volkszählung 2021 ergab: Minus 3,5 Prozent Einwohnende verglichen mit den Zahlen von vor zehn Jahren.
Die Wirtschaftskrise hat grosse Teile der griechischen Mittelklasse in die Armut abrutschen lassen. Griechenland hat so viele andere Probleme, dass auch im extremen Hitzesommer die Ökologie nicht an oberster Stelle steht. «Die Menschen in diesem Land handeln erst, wenn ihr eigenes Haus in Flammen steht, keine Sekunde früher», sagt Sfakianopoulos. Wir fahren rund 40 Autominuten vom Zentrum Athens auf staubigen Strassen vorbei an Olivenhainen und an einem Hügel, dessen kompletter Waldbestand innerhalb von wenigen Minuten abbrannte.
«2030 soll Athen eine grüne Stadt sein? Das ist komplett utopisch», meint der Klimaaktivist, «das hat politisch keine Priorität.» Natürlich gebe er die Hoffnung nicht auf, mit einem gemeinsamen Effort der Menschen sei vieles möglich. Doch der angedachte grosse Park sei eine blosse Businessidee.
Wir laufen nun rund eine Autostunde vom Zentrum Athens entfernt zwischen schwarzen Baumstämmen auf Aschenboden über die Weite, nirgends mehr Schatten, vorbei an Fuchskopf-Skeletten und verbranntem Müll. Hier hat Sfakianopoulos an drei Julitagen zusammen mit 145 Volontären aus ganz Griechenland 35 Tiere aus den Flammen gerettet, Schildkröten vor allem und Füchse: «Jedes gerettete Tier ist ein Erfolg.» Ihm sei mittlerweile klar geworden, dass man Menschen am besten dazu bewegen kann, sich für die Umwelt einzusetzen, wenn sie dabei etwas für sich selbst gewinnen: «Wenn sie sich zu etwas zugehörig fühlen, als Teil einer grösseren Familie, und glücklich sind, weil sie Lebewesen retten können, dann kommt auch ein Umdenken.»
Früher war der 38-Jährige Fotojournalist, 2014 hat er sein Leben dem Klimaaktivismus verschrieben. Seither fährt er fast pausenlos durchs Land und koordiniert im Namen seiner Organisation «Save Your Hood» Rettungsaktionen für die Umwelt und die Tiere. «Nicht für die Menschen», sagt Sfakianopoulos, weil die Erde wichtiger sei als das Individuum, grösser, nachhaltiger. Und weil sich doch schon der Staat um die Menschen kümmere, die Tiere und die Umwelt aber links liegen lasse: «Viele Menschen verstehen nicht, dass die Rettung des Bodens ja auch die Rettung ihres eigenen Lebens ist.» Doch das sei nun mal die Mentalität vieler Griechinnen: Ich zuerst, ich vor allen anderen.
In einem der sieben Cooling Centers der Stadt, die normalerweise Bezirks-Seniorentreffpunkte sind und in der Hitzekrise kurzerhand zu einem Ort der Kühle für alle umfunktioniert wurden, sitzen die Seniorinnen Giorgia, Anna und Eirini an einem langen Tisch mit Plastikfolie über rosa Tischdeckchen mit Spitzenbordüre. Hinten in der Ecke spielen vier Rentner Karten, in einer anderen singen zwei Wellensittiche in einem Käfig, ein Fernseher läuft und zeigt ausgerechnet Bilder aus dem Schnee.
Die Damen lachen ein altes Lachen in den Raum hinein, als die Frage nach Bäumen aufkommt, nach mehr Grün für diese Stadt, nach Klimazielen und Waldbränden und CO2-Neutralität. Sie sagen: «Ach, ich weiss nicht, ich habe keine neuen Bäume gesehen, du etwa?» – «Wir lachen, weil uns nichts anderes übrig bleibt.» – «Es sind andere Leute, die etwas tun müssten. Kriege beenden, beispielsweise.»
Eine von ihnen muss sich umsetzen, weil die Klimaanlage dann doch zu stark in ihren Nacken bläst. Auf dem Tisch liegen Fächer aus Pappe, die Luft zuführen sollen, eine Aufklärungs- und Hilfemassnahme der Behörden, auf Griechisch und Englisch sind Tipps für den Umgang mit der Hitze aufgedruckt. Zum Beispiel: Essen Sie Früchte und Gemüse. Bleiben Sie drinnen, wenn es zu heiss ist. Laden Sie die Extrema-Global-App herunter, die Ihnen sagt, ob Sie gefährdet sind oder nicht und welcher Fussweg durch die Stadt gerade der kühlere ist.
Die Hitze sei manchmal schwer zu ertragen, man tue eben, was man könne, drinnen bleiben, hier im Treff sitzen und sich über die Hitze unterhalten. Was eine gute Idee sei, im Grunde, schon, doch, «man hätte jedoch ein bisschen früher drüber nachdenken können». In Zukunft werde alles bloss schlimmer, sie selbst hätten keine Angst, sie seien ja bald nicht mehr da. Aber für ihre Kinder sei das anders. Für deren Zukunft habe die Stadt keinen Plan.
Für diese Zukunft sieht Costas Synolakis, der als Professor der Naturwissenschaften an der University of Southern California lehrt und als einer der weltweit renommiertesten Experten für Naturkatastrophen gilt, beispielsweise vor: Athener sollten öfter mal das Fahrrad nehmen oder zu Fuss gehen, nicht immer mit dem Auto überall hinfahren. Es liege nicht alles an der Politik, es sei nun mal komplizierter, es gehe vor allem um: Kulturwandel. Das, was fehle, seien nicht in erster Linie Bäume, sondern vor allem: Fragen und Diskussion. Eine ganze Gesellschaft sei es, die nicht viel tue, gegen den Klimawandel, eine Gesellschaft, die nicht diskutiere, keine Debatten führe. Viele Menschen in diesem Land seien Klimawandel-Leugner, die Leute blieben skeptisch, wie dringend das Thema überhaupt sei. Klar würden die Leute bei 40 Grad nicht auf ihren Hausberg wandern gehen. Aber seien wir ehrlich: auch den Rest des Jahres nicht.
Die Klimarealität dieses Jahres stimmt mit Synolakis’ Prognosen überein, bloss dass alles noch schneller eintraf als erwartet. Und nun sagt er: «Ohne Anpassungen wird Athen wohl eine Hitzehölle werden, über Tage und Wochen am Stück, und das wird wahrscheinlich Menschenleben kosten.» Das Problem werde nicht mehr länger darin bestehen, dass ein paar Dutzend Touristen auf der Akropolis umkippen, weil sie keinen Hut mitgenommen haben oder in Flipflops versuchten, die Marmorsteine hochzuklettern.
Doch das bleibe die Krux seiner Arbeit: Niemand könne präzise voraussagen, wie es ausgehen werde, feste Prognosen seien wie in einer Kristallkugel zu lesen. Aber er sei froh, dass der Ministerpräsident die Initiative ergreife, das bringe wenigstens Bewegung in die Sache.
Das Thema Umwelt war bei den letzten Wahlen allerdings in keiner Partei ein offizielles Wahlkampfthema. Griechenland hat keine grüne Partei im Parlament, Klimaschutz sei «quasi inexistent», sagt Synolakis. Die Politik nehme nun mal auf die Agenda, was die Bürgerinnen für dringlich hielten. Er könne bloss immer wiederholen: reduce, reuse, recycle, sagt der 67-Jährige, der auch als Vorsitzender des nationalen Wissenschaftskomitees zum Klimawandel waltet. Ob ihn das nicht frustriere? Dass am Ende nichts bleibt als so ein banaler Slogan? Nein, sagt Synolakis, es gehe doch darum, die Leute zu erreichen.
Vielleicht ist er deshalb weltweit in so gut wie allen Fernsehformaten zu sehen, die es gibt, und hat auch abends um 20 Uhr noch Zeit für ein Interview in der Akademie der Wissenschaften, altehrwürdig hoch gebaut, mit wunderschönen Marmorsäulen und eleganter Treppe. Es ist aber auch abends noch stickig schwül, weil man hier, wegen der historischen Bausubstanz, keine Klimaanlage installieren kann.
Wird die Politik auf ihn hören? «Sie haben sehr auf uns gehört, als wir die Klimaziele formuliert haben. Die Ziele festgelegt. Die Klimaziele Griechenlands: Ausstieg aus der Kohlekraft bis 2028, klimaneutral bis 2050. Und nun, da die Wälder brennen, hört die ganze Welt zu – jedenfalls für kurze Zeit.»
Und danach? Man müsse halt schauen, ob man auch gehört werde, wenn es um konkrete Massnahmen gehe. «Kennen Sie Kassandra aus der Mythologie?», fragt Synolakis. «Sie hat alles vorausgesagt. Alle gewarnt. Sie hat sie auch vor dem Trojanischen Pferd gewarnt.» Doch mit Mitsotakis habe man immerhin einen Ministerpräsidenten, der umwelttechnisch fortschrittlich sein wolle.
Die Tochter des Schiffbauers Giorgos Barberakis, Maria, Doktortitel in Biologie, sitzt auf einem Plastikstuhl auf dem ehemaligen Fabrikgelände zwischen Autowracks und Bootsskeletten und schaut müde zu ihrem Vater rüber, als er sagt, er werde alles wieder so aufbauen wie es war, wie schon einmal, vor ein paar Jahrzehnten: «Ich werde es wieder alleine machen, wie damals schon, und es wird wieder genau so aussehen wie davor.» Dann steigen ihr die Tränen in die Augen, und als ich sie frage, warum sie weine, sagt sie: Ich weine um sein Leben. Um die Natur. Ich weine darum, dass er die Zeit nicht mehr haben wird. Ich weine um alles, was jetzt anders ist.
Seit drei Wochen schläft ihr 76-jähriger Vater inmitten der zerstörten Fabrik auf einem kleinen Bett, unter dem Kopfkissen ein Stück verbranntes Holz. Er beschützt das Land vor Dieben, was auch immer hier noch zu holen sein soll. Er fertigte über Jahrzehnte die Boote für die Fischer, die Boote, mit denen die grossen Kreuzfahrtschiffe ihre Touristen an Land bringen, Hunderte, seit 28 Jahren, jeden Tag. Als Maria noch klein war, und sie das Land neu gekauft hatten und die Fabrik noch gar nicht stand, feierten sie hier Ostern, weil sie dann unter den Bäumen sitzen konnten, es hier kühl war und schön und friedlich. «Wir sind alle nicht vorbereitet. Das Problem ist zu gross. Ich glaube, hier wird bald Wüste sein, und wir alle wissen nicht, was tun.» Wäre der Staat organisiert, hätte es dieses Feuer nicht gegeben, glaubt sie.
Und was würdest du dir wünschen, frage ich sie.
Dass die Zeit einfach stehen geblieben wäre, an diesem 18. Juli, sagt sie.
Wir nicken beide still. Weil wir wissen, dass das nicht geht.