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von Jürgen Boschart und Isabelle Tentrup
in GEO 11/2003
Hoffnung auf ein besseres Verständnis, was Musik zu leisten vermag und wie sie ihre Wirkung entfaltet, kommt vor allem aus der Hirnforschung. Die von ihr ermittelten harten Fakten zu verstehen, ist mitunter mühsam, aber wesentlich, weil das Hirn der eigentliche Konzertsaal ist, in dem sich Musik ereignet. „Musik entsteht im Grunde erst im Kopf“, sagt der Musikphysiologe und Neurologe Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.
Wenn Musik letztlich nicht von aussen, sondern von innen kommt, ist es naiv zu glauben, sie sei nichts weiter als ein Bündel physikalischer Impulse, die von den Ohren dem Gehirn zugeleitet werden. Vom Hören wird das Hirn allenfalls besonders angeregt – wie Glas, das erst durch einen Schlag zu klingen beginnt.
Bekommt das „Glas“ einen Sprung, verliert es diese Fähigkeit. Manche Menschen sind daher durchaus des Hörens mächtig, leiden aber an pathologischer „Amusie“, einem Unverständnis für Musik, bedingt durch spezifische neurologische Ausfälle. Ein berühmter Fall war Che Guevara: Wurde der Comandante von einer Frau zum Tanz aufgefordert, musste sein Adjutant ihm signalisieren, ob er sich schnell oder langsam im Takt wiegen solle. Andere wiederum vermögen nicht zu hören, aber sehr wohl zu musizieren. Eine der wetbesten Schlagzeugerinnen – die Schottin Evelyn Glennies – ist gehörlos und nimmt die Rhytmen mit ihren nackten Füssen und dem Körper auf. Der in seinen letzten Lebensjahren taube Beethoven biss in eine Holzleiste, die er auf den Resonanzkörper seines Klaviers legte, um seine Musik vernehmen zu können.
Traurige Bekanntheit dafür, wie Musik aus dem Gehirn schwinden kann, erlangte der Fall Maurice Ravel. 1927 entwickelte der 52-jährige französische Komponist Anzeichen fortschreitender Demenz. Zunächst war er noch in der Lage, sich neue Musikstücke auszudenken und vorzustellen. Doch singen oder spielen konnte er lediglich ein paar Takte davon. Noch 1933 versuchte sich der Unglückliche an einer neuen Oper, „Jeanne d’Arc“ – vergeblich. Er habe die Oper im Kopf, klagte der Komponist einem Freund, er höre sie, doch werde er sie niemals schreiben.
Und auch Ravels berühmteste Komposition, der „Boléro“, der etwa fünf Jahre früher, in der Anfangsphase der Krankheit, entstanden ist, soll nach Ansicht von Francois Boller vom Paul-Broca-Forschungszentrum in Paris Ausdruck dieser Leiden sein: „Orchestereffekte ohne Musik“ habe der Komponist einmal selbstironisch über das Stück gesagt. Nur zwei musikalische Themen, minutenlang wiederholt und zusammengebaugt zu einer schier endlosen Schleife. Einzige Variation: die Instrumentierung – mal spielen die Geigen die Melodie, mal ist es das Saxophon, mal die Posaune. Die Klangfarben allerdings sind kunstvoll gemischt.
Für den versierten Umgang mit der Musikfarbe, erklärt Boller, sei die rechte Hirnhälfte zuständig – die bei Ravel offenbar noch funktionierte. Doch das Beispiel Ravel entkräftet nach Boller auch eine Theorie, die vor nicht langer Zeit gängig war unter Hirnforschern: Musikverständnis bedürfe relativ eng umschränkter Bereiche der rechten Hemisphäre. Heute ist klar: Musizieren beansprucht unterschiedlichste Bereiche im gesamten Gehirn. Besondere Sektoren sind indes nötig, um Kompositionen in ihre Einzelteile zu zerlegen – ganz wie Kinder es im Schulunterricht lernen: in Rhythmus und Tempo, in Harmonie und Melodie, in Pausen, Takte, Intervalle. Und auch um diese Teile wieder zu einem grossen Ganzen zusammenzusetzen, bedarf es spezifischer Areale des Hirns.
Diese zu ermitteln, gelingt Forschern wie Eckart Altenmüller heute vor allem mit bildgebenden Verfahren – „Livebildern“ der Gehirnaktivität beim Musizieren. Einige mit solchen und anderen Methoden gewonnenen musikneurologischen Erkenntnisse gelten inzwischen als gesichert. Etwa die Arbeitsteilung zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Hörrinde – Arealen des Grosshirns. Einfache musikalische Strukturen, die Unterscheidung einzelner Tonhöhen und Lautstärken identifiziert der primäre auditive Kortex in den Heschlschen Querwindungen im Schläfenlappen. Er gleicht einer Landkarte für Töne: Je nach Frequenz reizt der ankommende Ton verschiedene Nervenzellen. Über den Hörnerv ist dieses Gebiet direkt mit den Ohren verbunden. Der angrenzende, etwa ein Zentimeter breite Gürtel der sekundären Hörrinde erkennt Melodien, Harmonien und Rhythmus. Die tertiäre Hörrinde – sie reicht vom vorderen Bereich des Schläfenläppens bis zum hinteren auf der Höhe des Wernicke-Sprachzentrums – mixt schliesslich die bis dahin erlangten Erkenntnisse wieder zusammen und vermittelt, unterstützt von Arealen des Stirnlappens, einen ganzheitlichen Eindruck der Musikstruktur.
Kaum bekannt war bis vor kurzem hingegen, wie gross der Graben ist zwischen Menschen, die schon lange Zeit und aktiv mit Musik umgehen und solchen, die das nicht tun. Laut Altenmüllers detaillierten Studien ist „Musik der stärkste Reiz für neuronale Umstrukturierung, den wir kennen.“