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Die Keuschheit des Pellikan
Einführung: Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Entstehungsdatum: nach dem 5. April 1556 (Todestag des Pellikan).
Ausgabe: Historica Johannis Fabritii Montani oratio, qua et vita reverendi in Christo Patris Conradi Pellicani, et brevis temporis illius res continentur [1556], Marburg, Kezelius, 1608, fol. [C4]ro-vo; J. J. Ulrich (Hg.), Miscellanea Tigurina, Bd. III.3, Zurich, 1724, 426-427.
Schon kurz nach dem Tod des Konrad Pellikan am 5. April 1556 verfasste Johannes Fabricius Montanus ihm zu Ehren eine Trauerrede, in der er, wie schon ihr Titel verrät, dessen Biographie Revue passieren lässt. Dieser Text lag lange Zeit nur als Manuskript vor, bis er 1608 schliesslich in Marburg gedruckt wurde, als auch sein Verfasser schon einige Zeit tot war. Diese Ausgabe wird von einem Brief des Raphaël Egli an Leonard, einen Enkel des Konrad Pellikan, eröffnet. Der Herausgeber erklärt unter anderem, dass sein Vater, Tobias Egli, ein Schüler und später ein Kollege des Montanus gewesen sei. In demselben Werk veröffentlicht Egli eine Trauerode auf eine andere grosse Persönlichkeit der Kirche von Zürich, Johann Wilhelm Stucki, der soeben verstorben war. Egli sah in der Veröffentlichung dieser beiden Werke eine Gelegenheit, den exemplarischen Charakter der Leben der beiden Männer hervorzuheben.
Ferner ist der Trauerrede in der Marburger Ausgabe noch ein Brief vom 1. Januar 1563 vorangestellt, in dem Montanus sich an Konrad Pellikan Junior gewendet hatte (auch er war ein Enkel des ersten Konrad und daher ein Bruder Leonards): Man erfährt hier, dass die Rede des Montanus über Pellikan zusammen mit der des Josias Simler anlässlich des Todes des Peter Martyr Vermigli (12. November 1562) hätte veröffentlicht werden sollen; doch aus uns unbekannter Ursache wurde nur der Text Simlers 1563 veröffentlicht. Montanus erklärte in seinem Brief, dass eine gemeinsame Publikation, die Vermigli und Pellikan miteinander verbinden würde, es möglich machen würde, «das sittliche Verhalten und den Unterricht, schliesslich auch das Leben und das Sterben dieser beiden Männer zu feiern, die Frömmigkeit und Gelehrsamkeit im höchsten Rang der Kirche von Zürich miteinander verbunden hatte». So kommen die beiden Widmungsbriefe, mögen sie auch durch ein halbes Jahrhundert voneinander getrennt sein, darin überein, dass es wichtig sei, der Leserschaft das Leben dieser grossen Männer vor Augen zu führen und dabei ein moralisches Ziel zu verfolgen.
In der Ausgabe von 1608 umfasst die Rede des Montanus 24 Seiten. Nach einführenden Bemerkungen über die Zweckmässigkeit des Lobes für grosse Männer gibt Montanus den Gegenstand seiner Rede bekannt: «Ich spreche über Konrad Pellikan, unseren gemeinsamen Vater und Lehrer […].» Als er damit beginnt, das Leben Pellikans nachzuerzählen, versäumt Montanus es nicht, ihre gemeinsame elsässische Herkunft zu erwähnen. Sein Bericht ist chronologisch aufgebaut, auch wenn die Ereignisse selten präzise datiert werden (wenn sie nicht insofern datiert werden, als das Lebensalter Pellikans angegeben wird). Das Porträt ist voll des Lobes auf Pellikans Wesensart und sein Verhalten; am häufigsten werden seine Frömmigkeit und seine Gelehrsamkeit hervorgehoben. Der Text, der mit persönlichen Erinnerungen des Montanus angereichert ist, ist daher mehr eine Trauereloge als eine Biographie. Die christliche Ausrichtung dieses Schreibprojekts steht ausser Zweifel, während antike heidnische Autoren fast gar nicht erwähnt werden. Konfessionelle Polemik findet sich dagegen in einigen Passagen.
Die Grobstruktur der Rede:
- Reflexion über die Gattung der Rede; Gründe, die es rechtfertigen, über Pellikan zu schreiben
- Die engen Beziehungen zwischen Montanus und Pellikan; die Quellen für Pellikans Biographie
- Pellikans Studien
- Sein Ordenseintritt und sein späterer Übergang zur Reformation
- Seine Ehe, seine Ämter und seine gelehrten Arbeiten
- Seine Reisen und Begegnungen
- Die Tugenden des Pellikan und sein Tod
Der hier von uns ausgewählte Auszug beschäftigt sich mit einer der zahlreichen christlichen Tugenden, die Montanus Pellikan zuschreibt: der Keuschheit. Montanus will demonstrieren, dass sein Held sich den Protestanten nicht angeschlossen harte, um fleischliche Lüste befriedigen zu können. Deshalb unterstreicht er den Kontrast zwischen Pellikans Verhalten und dem, was (seiner Ansicht nach) in Pellikans Zeit üblich war. Der Autor kämpft hier gegen die fleischlichen Laster an, die man den Mönchen zuschrieb und gegen die die Protestanten gewohnheitsmässig Klage erhoben. Der zweite Teil dieser Passage beschäftigt sich mit der Ehe Pellikans mit Anna, einer geborenen Fries; die Ehe wird hier als ein ehrbares Instrument zur Familiengründung und zur Sicherung eines ruhigen und sorgenlosen Alters betrachtet.
Es wäre interessant zu wissen, ob die damals Autobiographie Pellikans (das erst im 19. Jahrhundert im Druck erschienene Chronikon) Montanus als Quelle für seine oratio gedient hat. Die feststellbaren Übereinstimmungen zwischen der hier ausgewählten Passage und den inhaltlich korrespondierenden Abschnitten der Autobiographie erlauben keine abschliessende Entscheidung; um einen genaueren Eindruck zu gewinnen, müsste man die beiden Texte in ihrer Gesamtheit miteinander vergleichen, was den Rahmen unserer Untersuchung sprengen würde. Man weiss jedenfalls, dass Montanus nach dem Tode seiner Gattin und seiner Tochter einige Zeit bei Pellikan gelebt hat (1548) und dass er deshalb Zugang zum Manuskript des Chronikon gehabt haben könnte; ausserdem war er ein Freund von Konrads Sohn Samuel Pellikan.
Was die in unserem Auszug berichtete Episode angeht, so besteht der Unterschied zum Chronikon des Pellikan darin, dass Montanus dem Leben Pellikans einen exemplarischen Charakter zuschreibt. In seiner Autobiographie hält sich Pellikan nicht lange bei den Gründen auf, die ihn dazu brachten, den Posten eines Schwestern-Visitators anzunehmen, während Montanus gerade auf diesem Punkt insistiert, um Pellikans tugendhaften Charakter vorzuführen.
Bibliographie
Amherdt, D., Johannes Fabricius Montanus, Poèmes latins. Introduction, édition et commentaire, Basel, Schwabe Verlag, 2018.
Riggenbach, B. (Hg.), Das Chronikon des Konrad Pellikan, Basel, Bahnmaier’s Verlag, 1877.