Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/3029

Text und Bilder: Monika Wüest
Eine der erlebnisreichsten Mountainbike-Touren im Puschlav ist die Route von Poschiavo über San Romerio und hinunter nach Tirano. Die heute entspannt zu geniessenden Trails waren einst die meistfrequentierten Schmugglerpfade zwischen der Schweiz und Italien.
Die Tour von Poschiavo nach Tirano begeistert mit einem hohen Trailanteil, grossartigen Aussichten und zwei ganz speziellen Highlights: der Mittagsstopp bei der Alpe San Romerio mit der spektakulär über dem Lago di Poschiavo thronenden kleinen Kirche und die Abfahrt ab der Grenze über Schmugglerpfade und durch Rebberge bis hinunter ins italienische Veltlin.
Jahrhundertelang gehörte das Veltlin zu Graubünden und seinem Wirtschaftsraum - bis Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts das bisherige Herrschaftsgefüge in Europa auf den Kopf stellte. Da sich die Bündner Herren weigerten, die Veltliner als gleichberechtigte Partner anzuerkennen, schlug Napoleon das Tal zwischen Bormio und dem Gardasee 1797 der neuen Cisalpinischen Republik zu, aus der bald die Italienische Republik entstehen sollte.
Plötzlich gab es zwischen dem Puschlav und dem Veltlin also eine Grenze – und damit auch Schmuggel. Rund 150 Jahre lang war der «Contrabbando» für die Bevölkerung auf beiden Seiten ein willkommener Nebenerwerb. Ab den 1950er- bis in die 1970er-Jahren wurde er plötzlich zum lukrativen Haupterwerb – und das kleine, ruhige Puschlaver Dorf Viano zum wichtigsten Umschlagplatz für Schmugglerware in der Schweiz.
Der Grund für den Schmuggel-Boom in diesen Jahren waren die hohen Zölle, die der italienische Staat bei der Einfuhr erhob. Von Viano aus wurde im grossen Stil vor allem Kaffee geschmuggelt. Kaffee war in Italien dreimal so teuer wie in der Schweiz. Bis zu 7 Franken pro Kilogramm Kaffee entging dem italienischen Staat, wenn er unverzollt über die Grenze kam.
Der Schmuggel wurde zum grossen Geschäft im unteren Puschlav. Mehrmals pro Woche kamen Güterzüge aus Basel mit tonnenweise grünen Kaffeebohnen in Brusio an. Dort wurde der Kaffee geröstet, gemahlen, verpackt und über eine enge, kurvenreiche Strasse hinauf nach Viano gefahren, wo er sackweise an die Schmuggler übergeben wurde. 30 Kaffeeröstereien gab es in den 60er- und 70er-Jahren zuunterst im Puschlav. Über Brusio hing stets ein blau-grauer Dunst, auf den Fensterscheiben lagerte sich braunes Pulver ab – und überall roch es nach geröstetem Kaffee.
Die Contrabbandieri stammten vor allem aus dem Veltlin. Sie kamen jeden Tag ab 5 Uhr über die Grenze und wurden dann mit kleinen Bussen zu den Ausgangsorten für ihre Schmuggeltouren gefahren. 500 bis 600 Schmugglerinnen und Schmuggler waren jeden Tag unterwegs. Sie trugen die Säcke, sogenannte «Bricolle», zu Fuss über die Grenze, 500 bis 1000 Säcke waren es jeden Tag. Von den unterschiedlichsten Orten her machten sie sich beladen auf den Weg durch die dichten Wälder und steilen Hänge. Kinder mit 10-Kilo-Säcken, Frauen mit 25-Kilo-Säcken und Männer mit bis zu 50 Kilogramm schweren Säcken. Für den Fussmarsch von zwei Stunden erhielten die Schmuggler bis zu 70, 80 Franken – dreimal mehr, als ein Arbeiter damals pro Tag verdiente.
Auch die Schweiz profitierte vom Schmuggel. Der Kaffee wurde in Basel legal eingeführt und die Händler zahlten dort die Mehrwertsteuer. Millionen von Franken kamen so in die Staatskasse und flossen nicht zuletzt in die AHV. Die Schmuggler deklarierten den Kaffee bei der Zollstelle in Viano ganz offiziell und konnten diesen dann legal ausführen. Dass diese Ware darauf unverzollt und illegal nach Italien eingeführt wurde, interessierte die Schweizer Behörden nicht - auch wenn man das nicht nur vor Ort, sondern auch in Bern wusste. In den 60er- und 70er-Jahren verliessen so jedes Jahr 5000 Tonnen Kaffee die Schweiz. 1971 waren es gar 8917 Tonnen. Zu den besten Zeiten waren es im Durchschnitt 24 Tonnen pro Tag.
Anders sah es auf der italienischen Seite aus. Es war Aufgabe der italienischen Grenzwächter, der «Finanzieri», den Schmuggel zu unterbinden. Sie erwischten zwar immer mal wieder einen der Contrabbandieri – gegen diese grosse Zahl hatten sie allerdings keine Chance. Doch das Katz- und Mausspiel mit den Finanzieri konnte durchaus gefährlich sein. Diese schossen hin und wieder auf die Schmuggler. In der Regel zielten sie dabei zwar auf die Beine – doch es kam vor, dass eine Kugel tödlich war. Auch sonst war die Arbeit der Schmuggler hart und gefährlich, vor allem im Winter. Die Gefahr, mit ihren schweren Lasten bei Schnee und Eis auszurutschen und abzustürzen oder unter eine Lawine zu kommen, war stets präsent.
Den Schmugglern sei Dank gibt es noch heute unzählige Wege durch den steilen Berghang zwischen Viano und den Veltliner Dörfern Baruffini und Roncaiola, wo die Contrabbandieri einst nach getaner Arbeit ihre Ware abluden. Diese ehemaligen Schmugglerwege sind wie gemacht für Mountainbikerinnen und Mountainbiker: Da sie mit schweren Lasten begangen werden mussten, sind sie zumeist nicht allzu steil angelegt und ohne grössere technische Schwierigkeiten.
Zu Beginn ist die Tour einfach zu finden. Ab Poschiavo bis San Romerio folgt man der Schweiz-Mobil-Route 433, "Poschiavo - San Romerio". Dieser Abschnitt beinhaltet zwei mittellange Aufstiege von rund 500 bis 600 Höhenmetern, unterbrochen von einem unschwierigen, aber spassigen Trailabschnitt. Ab dem höchsten Punkt der Tour, Scupletoir auf rund 1900 m ü. M., erreicht man San Romerio in einem ständigen auf und ab auf einem Trail, der technisch einfach zu fahren ist, den Puls vor der Mittagspause aber noch einmal richtig hochjagt. Kurz vor der Alpe San Romerio erblickt man die kleine Kirche mit ihrer spektakulären Lage.
Ab San Romerio könnte man nun der Schweiz-Mobil-Route 32, der Trans-Altarezia Bike bis nach Tirano folgen. Das sollte man aber nur tun, wenn man nur noch auf ganz einfachen Wegen und Asphalt unterwegs sein will. Wer etwas mehr Abenteuerlust hat und auf wirklichen Schmugglerwegen unterwegs sein will, folgt einer Route, die so nirgends offiziell beschrieben ist.
Als erste Abweichung nach San Romerio lohnt es sich, kurz dem Wanderweg anstatt der Bikeroute zu folgen, bis dieser wieder auf die Strasse kommt. Hier fährt man einige Meter bergwärts und ist zurück auf der Schweiz-Mobil-Route. Dieser folgt man nun auf Asphalt nach Viano und von dort noch einmal etwas bergwärts bis zum Schweizer Zoll, der nicht mehr in Betrieb ist.
Wer den Asphalt bis hierher vermeiden will, kann kurz nach San Romerio auch Wanderwegen folgen, die nach einem längeren auf und ab gleich oberhalb der Dogana wieder in die Schweiz-Mobil-Route einmünden. Dieser folgen wir nun noch einmal kurz, bis wir zur Grenze kommen. Hier verlassen wir nun die Schweiz-Mobil-Route und folgen einem Weg, der zuerst kurz noch einmal etwas bergauf führt. Bei der nächsten Weggabelung bleiben wir auf dem unteren Weg, bis wir Punkt 1261 auf der Schweizer Karte erreichen. Hier fahren wir nun zuerst auf einem flüssigen und danach etwas kniffligen, engen Trail hinter bis zum Punkt 970. Weiter gehts in Richtung des alten Schmugglerdorfs Roncaiola, wir nehmen beim nächsten Abzweiger den unteren Weg.
Ab Roncaiola folgen wir der Wanderroute Via Valtellina durch die Rebberge hinunter nach Tirano. Von hier geht es gemütlich mit der Rhätischen Bahn wieder hinauf ins Puschlav. Die Tour ist übrigens auch problemlos mit dem E-Bike machbar.
Distanz: 31 Kilometer Höhenmeter: 1500 bergauf, 2100 bergab Einkehren: Alpe San Romerio E-Bike-tauglich: Ja