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Raw Frand zu Parschat Tezawe 5763 (Beitrag 1)
Jeder Schritt hinterlässt einen Eindruck
Wir entnehmen der dieswöchigen Parscha, dass am Mantelsaum des Hohepriesters Glöcklein befestigt waren. Sobald sich der Hohepriester bewegte, hörte man ihn. Der Pasuk sagt [Schemot 28:35]: "....Der Klang (der Glöcklein) soll gehört werden, wenn er hineingeht in das Heiligtum vor G'tt und wenn er es verlässt, damit er nicht stirbt." Rav Mordecha Gifter bringt dazu zwei interessante Gedanken.
Rav Gifters erste Lehre ist die folgende: Jedesmal wenn der Hohepriester einen Schritt machte, wurde dieser Schritt ihm und allen andern bewusst. Diese Tatsache vermittelt einen tiefgründigen Gedanken: Jeder Schritt, den ich mache, hat eine Wirkung. Er erzeugt ein Geräusch. Das lehrt den Hohepriester, dass jede seiner Handlungen "jeder Schritt, jede Bewegung" eine besondere Bedeutung hat. Dies gilt auch für jeden Führer der jüdischen Gemeinschaft. Dies gilt umso mehr, je grösser er ist. Eigentlich sollten wir alle versuchen, jeder unserer Handlungen die grösstmögliche Bedeutung zu verleihen.
Klopfe an, bevor du eintrittst
Rav Gifters zweite Beobachtung beruht auf einer Gemara im Traktat Pesachim [112a]. Die Gemara sagt an dieser Stelle, dass der Tanna
(Mischnalehrer) Rabbi Jehoschua jedesmal anklopfte, bevor er ein Haus betrat. Der Raschbam zitiert einen Midrasch Rabba, der erklärt, dass der Grund dafür im Vers unserer Parscha zu finden sei. Der Hohepriester wurde (wegen den Glöcklein) fortwährend gehört, wenn er sich ins Allerheiligste hineinbegab. Von dieser Regel für den Hohepriester leitet Rabbi Jehoschua ein Gesetz für Derech Erez (gutes Benehmen) ab. Es ist nicht angebracht, einfach bei jemandem hineinzuschneien. Rabbi Jehoschua betrat das Haus eines Fremden oder sogar das Haus eines Freundes nie ohne vorher anzuklopfen. Nicht einmal sein eigenes Haus betrat er, ohne vorher anzuklopfen. Sogar heute können wir dies bei manchen Personen beobachten. Sie klopfen immer zuerst an, bevor sie eintreten, damit ihre Ankunft nicht völlig unerwartet ist.
Der Talmud Jeruschalmi sagt in Joma, dass der Hohepriester mit dem Tragen der Glöcklein, deren Klingeln seine Ankunft im Tempel ankündigte, für die Sünde des Totschlags sühnte. Rav Gifter erklärt, dass der Grundgedanke, nicht unangekündigt irgendwo einzutreten, ein Ausdruck von Derech Erez ist. Man soll das Gespür und die Feinfühligkeit besitzen, den anderen nicht zu stören oder unangenehm zu überraschen. Ein Mörder ist im Grunde genommen jemand, der nicht fähig ist, zu erkennen, was ein Mensch überhaupt ist. Jemand, der einen Anderen umbringt, kann in ihm nicht den Menschen erkennen, der im "Ebenbild G'ttes" erschaffen worden ist. Der Grundstein für Derech Erez - für das respektvolle Behandeln eines Menschen - ist die Tatsache, dass dieser Andere ein Mensch ist, der im "Ebenbild G'ttes" erschaffen wurde. Jemandem, der soweit kommt, dass er einen anderen Menschen umbringt, fehlt das minimale Verständnis, was ein Menschenwesen bedeutet.
Die klingende "Ankündigung" des Hohepriesters, als er den Tempel betrat, betonte auf feinfühlige Art die Eigenschaft von Derech Erez. Deshalb sühnte dieser Klang für Handlungen, die im leichtsinnigen Umgang mit Derech Erez begangen wurden.
Quellen und Persönlichkeiten:
Rav Mordechai Gifter (1916 - 2001): Rosch Jeschiwa, Telser Jeschiwa, Cleveland, Ohio; USA.
Midrasch: Erklärungen zur Torah, sehr oft mit Gleichnissen.
Raschbam [Rabbi Schmuel ben Me'ir] (ca. 1085 - 1174): Enkel von Raschi. Tosafist (Talmuderklärer) und Erklärer von biblischen Schriften. Lebte in Ramerupt bei Troyes (Frankreich).
Rabbi Jehoschua: Tanna (Mischnalehrer) in der Zeit kurz nach der Zerstörung des zweiten Tempels (ca. 100 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung).
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