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Ruhig war es auf der Erde in den ersten Tagen 2011. Unwissend, dass die folgenschweren Ereignisse mit dem Arabischen Frühling und dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima erst in den kommenden Wochen folgen sollten. Auch die Karriere von Fabian Stoller erlebte zu dieser Zeit eine entscheidende Wendung: Erst wenige Tage zuvor hatte er mit Mattia Galli einen neuen Berater verpflichtet, der ihm bei der Suche nach einem neuen Verein behilflich sein sollte. Kurze Zeit später meldete sich Galli mit der Bitte um Zusendung des Reisepasses von Fabian Stoller. Es sollte der Beginn einer aussergewöhnlichen Auslandskarriere werden.
Dabei hatte Stollers Leben im beschaulichen Berner Oberland begonnen. Als Einzelkind war er in Thun aufgewachsen und trat als Fünfjähriger beim Quartierverein Dürrenast erstmals gegen einen Fussball; später wurde er vom FC Thun entdeckt, wo er alle Juniorenstufen von U14 bis U19 durchlief. Im Alter von 15 Jahren durfte er unter Hanspeter Latour bereits mit der 1. Mannschaft trainieren und kam zu Einsätzen in den Nachwuchsauswahlen der Schweiz – gemeinsam mit Ivan Rakitic und Yann Sommer. Aber die Laufbahn des vielgepriesenen Talents sollte anders verlaufen als diejenige seiner bekannten Mitspieler.
Nach der obligatorischen Schule entschloss sich Stoller für eine vierjährige Berufslehre zum Polygraf. «Eine sehr harte Zeit», erinnert er sich, «weil es noch keine speziellen Angebote für Spitzensportler gab.» Stoller erhielt einen Nachwuchsvertrag in Thun und debütierte 2005 bereits als 17-Jähriger in der Super League. Es folgten kurze Gastspiele bei Münsingen, YB (U21) und seinem Stammverein Dürrenast, weil sich die U21-Auswahl des FC Thun erst in der Gründungsphase befand. Anschliessend bewegte sich Stoller im Berner Oberland zwischen höchster Nachwuchsstufe und 1. Mannschaft, ohne sich etablieren zu können.
(Kein) Vertrag bei Wohlen
Deswegen entschied er sich nach Abschluss der Berufslehre für eine neue Herausforderung und wechselte in die Challenge League zum FC Locarno. Dort war er während zwei Jahren Stammspieler – zeitweise unter seinem jetzigen Cheftrainer Livio Bordoli. Dieser war es auch, der den Zentrumsspieler später zum FC Wohlen lotsen wollte. Die Wohnung war bereits bezogen, doch die Vertragsunterzeichnung scheiterte im letzten Moment aufgrund falscher Versprechungen. Es folgten ein weiteres Gastspiel bei der U-21-Auswahl in Thun und alsbald auch Angebote von Schaffhausen und Kriens. Aber Stoller wollte sich sportlich unbedingt weiterentwickeln. Also landete sein Reisepass auf dem Tisch seines Beraters – und Stoller selbst nur drei Tage später am Flughafen Ben Gurion, Tel Aviv, Israel.
«Anfangs habe ich in Israel einige Tränen vergossen.»
Als 22-Jähriger sei es sehr hart gewesen, alleine ins Ausland zu wechseln. «Es wurde mir erst nach der Ankunft bewusst, was ich in der Schweiz zurückgelassen hatte, und ich habe anfangs einige Tränen vergossen», erinnert sich Stoller. Aber es folgte eine sehr schöne Zeit beim Arbeiterclub Hapoel Petah Tikva in der obersten Liga von Israel, der Ligat ha’Al. Zu seinem Debüt kam Stoller ausgerechnet im Cup gegen den Grossclub Maccabi Tel Aviv – und erst noch als Innenverteidiger. Eine Position, die der gelernte Mittelfeldspieler auch schon in einigen Spielen mit der Nachwuchs-Nationalmannschaft bekleidet hatte.
Tierischer Gefährte in Israel
«Ich zeigte eine gute Leistung. Wir gewannen sensationell mit 3:1. Danach wurde ich vergöttert», lacht Stoller. Andere Dinge fielen ihm schwerer: In seiner neuen Heimat sei sogar Einkaufen im Supermarkt aufgrund der anderen Schrift eine Herausforderung gewesen. Er habe sich auf die Bilder verlassen müssen und so einige Überraschungen erlebt. Zu seinem treuen Gefährten wurde Mischlingshund «Lio», den er aus einem SOS-Tierheim in Israel rettete, um ihm ein neues Zuhause zu geben. Noch heute spricht er mit ihm hebräisch.
Das tolle Leben in Israel, gepaart mit sportlichen Erfolgen seines Arbeitsgebers, wurde aber auch durch den Nahostkonflikt beeinträchtigt. Insgesamt viermal musste Stoller aufgrund eines Bombenalarms in den Schutzraum mit metallverstärkten Wänden sowie Spezialtüren, wie er sich in jedem Gebäude der Region finden lässt, flüchten. «Das erste Mal bin ich fast wahnsinnig geworden vor Angst. Diese Ungewissheit war beklemmend», sagt Stoller. Die Einheimischen hätten sich längst an die lärmenden Sirenen gewöhnt. Auch an die Raketen aus Palästina, welche ins Meer gelenkt oder abgeschossen wurden, wie Stoller zweimal selbst miterlebte.
Eine Rückennummer mit Folgen
In seiner Zeit in Israel wurde Stoller auch der hebräischen Sprache mächtig und bekam viel von der örtlichen Kultur mit. Der Zusammenhalt sei beeindruckend gewesen. Jeden Freitagabend treffen sich die ganzen Familien zum Shabbat-Essen. Auch eine Anekdote zu seiner favorisierten Rückennummer 88 sei sehr prägend gewesen. Er wählte die Zahl aufgrund seines Jahrgangs – ohne zu wissen, dass diese Symbolik in rechtsextremen Kreisen mit «Heil Hitler» übersetzt wird, nach dem achten Buchstaben im Alphabet. Eines Tages brachte ihn sein Trainer ohne Vorwarnung ins Yad Vashem, das Holocaust-Museum in Jerusalem. «Was ich dort sah, werde ich nie wieder vergessen. Ich habe aus Respekt meine Rückennummer sofort gewechselt», so Stoller. Er blieb Hapoel Petah Tikva auch treu, als der Verein wegen Managementfehlern mit einem Punktabzug von neun Zählern bestraft wurde – trotz verschiedenen Angeboten aus Israel.
«Unser Trainer hatte sehr extreme Ansichten. Er verteufelte auch das Internet.»
Erst nach eineinhalb Jahren wechselte Stoller zum Ligakonkurrenten Hapoel Haifa, wo es ihm jedoch nicht nach Wunsch lief. Nach einem halben Jahr mit wenig Einsatzmöglichkeiten wünschte er eine erneute Veränderung und fand eine neue Herausforderung beim griechischen Erstligisten AO Platanias in der Nähe der Hafenstadt Chania auf Kreta. Erneut erlebte Stoller ein spektakuläres Startelfebüt, als er im Auswärtsspiel gegen Panathinaikos als Rechtsverteidiger zu seinem ersten Einsatz in der griechischen Super League kam. Die Sensation war perfekt, als das Spiel in Athen mit 1:0 gewonnen werden konnte. An der Seitenlinie des Aufsteigers stand Angelos Anastasiadis, ein charismatischer, sehr gläubiger Trainer. «Er sprach vor jedem Training fast eine Stunde über Gott und die Welt und hatte sehr extreme Ansichten. So verteufelte er auch das Internet», berichtet Stoller, «dennoch war er ein toller Trainer mit einem riesigen Fussballwissen.»
Schwierige Zeiten an Ferienorten
Dies liess sich nicht von allen Übungsleitern sagen. Vom neuen Cheftrainer bekam Stoller zu hören, dass er konditionelle Defizite habe, obwohl seine Testergebnisse stets zu den besten gehörten. Zu einer Aussprache kam es nicht, stattdessen musste Stoller alleine trainieren und machte sich auf die Suche nach einem neuen Abenteuer. Zuvor fand er eines Tages, als er auf dem Weg ins Training war, einen schwarzen Welpen am Strassenrand liegen und entschloss sich, auch diesen Hund mit dem Namen «Nino» bei sich aufzunehmen.
Er selbst fand Unterschlupf auf der Mittelmeerinsel Zypern. «Wenn mir vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in Israel, Griechenland und Zypern spielen werde, hätte ich ihn für verrückt erklärt», schmunzelt Stoller. Bei seinem bislang letzten Verein Ethnikos Achnas aus einem kleinen Dorf im Osten des Landes kam Stoller regelmässig zum Einsatz und wusste mit guten Leistungen zu überzeugen, hatte aber mit den fehlenden Strukturen im zypriotischen Fussball zu kämpfen. «Vieles ist nicht mit den professionellen Verhältnissen, wie wir sie aus der Schweiz kennen, zu vergleichen», so Stoller.
Deshalb musste er auch nicht zweimal überlegen, als das Angebot aus Aarau kam. «Hier habe ich alles, was ich vermisst hatte.» Er schätze nun alles viel mehr, denn in Zypern hatte es zeitweise an vielem gefehlt. Kein Arzt, keine Physiotherapeuten, keine Tapes, fehlendes Material und auch sehr unregelmässige Lohnzahlungen. «In der Schweiz muss man lediglich gut trainieren und spielen, für den Rest wird gesorgt», sagt Stoller dankbar.
Auch privat dürfte nun alles etwas einfacher laufen. Mit seiner Verlobten lebt Fabian Stoller in Tafers und ist glücklich darüber, endlich nicht mehr eine Fernbeziehung führen zu müssen. Manchmal könne er kaum fassen, dass er nun hier bleiben dürfe. «Ich bin überglücklich, zurück zu sein. Trotzdem habe ich im Ausland wunderschöne Dinge erlebt und extrem viel gelernt.» Er glaube fest daran, dass alles aus einem bestimmten Grund passiere, auch wenn sich selbiger im ersten Moment noch nicht erkennen lasse.
Matchzeitung Nr. 2 (2015/16) lesen
Dieser Artikel ist am 2. August 2015 in der Ausgabe Nr. 2 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Biel/Bienne erschienen.