Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/1466

Seit einiger Zeit bin ich vermehrt auf Twitter. Neben allen Nachteilen der Fragmentierung von Gedanken bietet dies die Möglichkeit von kurzen Impulsen.
Zur Zeit lese ich “Der König von Narnia” (dt. Übertragung von Christian Rendel) und trage kurze Zitate ein. Ich lese absichtlich auf deutsch, um mich einzulesen. In einem nächsten Schritt lese ich im Original den Band “The Magician’s Nephew” auf meinem Kindle.
Während dem Mittagessen hatte ich eine interessante Diskussion mit einem Professor aus Asien. Er erzählte von einer Frau, die in ihrem Ort seit Jahren als Besessene bekannt war. Sie hatte sich mehrere Monate in ihrer Küche aufgehalten. Die Mutter bat die Kirche vor Ort um Hilfe. Sie wurde aus der Küche getragen, es wurde für sie gebetet, und sie wurde geheilt. So weit die Fallbeschreibung. In Europa kämen wir mit dem gleichen Vorgehen mit dem Gesetz in Konflikt.
Die Ausführungen des mit der westlichen Welt vertrauten Asiaten waren interessant. Er meinte, dass drei verschiedene Ebenen zu unterscheiden seien:
- Die geistliche Ebene: Diese Ebene wird in Asien stark berücksichtigt, ja sogar oft zu Gunsten der anderen Ebenen überbetont. In unseren Breitengraden wird sie mehr oder weniger ignoriert. Es bleibt bei der Diagnose von psychischen Störungen. Punkt.
- Die physische Ebene: Diese Frau hatte sich während langer Zeit fehl ernährt – mit all den Folgeschäden. Diese Ebene wird in unseren Ländern – Gott sei dank – adressiert. In Asien fällt diese Komponente unter den Tisch. Natürlich ist das auch eine Frage der vorhandenen Ressourcen.
- Die soziale Ebene: Die Frau war über lange Zeit isoliert gewesen. Auch hier zeigen sich Folgeschäden. Das liebevolle Kümmern um die Person bleibt eine herausfordernde Aufgabe für die Kirchgemeinde.
Wenn es um die Begegnung mit den übernatürlichen Mächten der Finsternis geht, besteht eine doppelte Gefahr: Sie entweder zu ignorieren oder ihr viel Beachtung und damit unnötigen Raum zu geben (wie C. S. Lewis sagte). Hierbei helfen uns die rund 50 in den Evangelien festgehaltenen Begebenheiten, in denen Jesus von Dämonen geplagte Menschen heilte. Nicht der Widersacher, sondern die Person stand im Vordergrund. Und es geschah nicht, um eine spektakuläre Geschichte für die Medien zu produzieren, sondern zur Ehre Gottes.
Würde man heute zwanzig brave Männer fragen, welches in ihren Augen die höchste Tugend sei, so würden neunzehn von ihnen antworten: Selbstlosigkeit. Doch hätte man die grossen Christen der Vergangenheit gefragt, so hätten fast alle erwidert: die Liebe. Sehen Sie, was hier geschehen ist? Ein negativer Ausdruck hat einen positiven abgelöst, und das hat mehr als nur philologische Bedeutung. Der negative Begriff der Selbstlosigkeit hat den Unterton, dass nun nicht mehr in erster Linie das Gute für den anderen gesucht wird, sondern dass man selbst auf etwas verzichtet, so als ob unser Verzicht und nicht sein Glück das Wesentliche wäre. …
Wenn heute in den meisten modernen Köpfen der Gedanke herumgeistert, der Wunsch nach unserem eigenen Wohlergehen und die Hoffnung auf seine Erfüllung seien etwas Schlechtes, so halte ich dem entgegen, dass dieser Gedanke sich über Kant und die Stoiker eingeschlichen hat, aber nicht Bestandteil des christlichen Glaubens ist. Ganz im Gegenteil. Wenn wir die geradezu schamlosen Verheissungen auf Belohnung und die phantastischen Belohnungen, die in den Evangelien verheissen werden, betrachten, scheint es, als müssten unsere Wünsche dem Herrn eher zu schwach als zu gross vorkommen.
Wir sind halbherzige Geschöpfe, die sich mit Alkohol, Sex und Karriere zufriedengeben, wo uns unendliche Freude angeboten wird – wie ein unwissendes Kind, das weiter im Elendsviertel seine Schlammkuchen backen will, weil es sich nicht vorstellen kann, was eine Einladung zu Ferien an der See bedeutet. Wir geben uns viel zu schnell zufrieden.
C. S. Lewis, Das Gewicht der Herrlichkeit, Brunnen: Basel 2005. (93-94)
Das gilt auch für das Bibelstudium:
Wenn unsere Religion wirklich objektiv ist, sollten wir uns nie von den Stellen abwenden, die uns verwirren oder abstossen; denn gerade da offenbart sich uns, was wir noch nicht wissen, was wir aber wissen müssen.
C. S. Lewis. Das Gewicht der Herrlichkeit, Brunnen: Basel 2005. (99)
C. S. Lewis über das Lesen alter Bücher - also auch gegen das Lesen seiner eigenen:
There is a strange idea abroad that in every subject the ancient books should be read only by the professionals, and that the amateur should content himself with the modern books. Thus I have found as a tutor in English Literature that if the average student wants to find out something about Platonism, the very last thing he thinks of doing is to take a translation of Plato off the library shelf and read the Symposium. He would rather read some dreary modern book ten times as long, all about “isms” and influences and only once in twelve pages telling him what Plato actually said. The error is rather an amiable one, for it springs from humility. The student is half afraid to meet one of the great philosophers face to face. He feels himself inadequate and thinks he will not understand him. But if he only knew, the great man, just because of his greatness, is much more intelligible than his modern commentator. The simplest student will be able to understand, if not all, yet a very great deal of what Plato said; but hardly anyone can understand some modern books on Platonism. It has always therefore been one of my main endeavours as a teacher to persuade the young that firsthand knowledge is not only more worth acquiring than secondhand knowledge, but is usually much easier and more delightful to acquire.
Hier geht es zu einer Youtube-Präsentation.
Um nach langen, ermüdenden Arbeitstagen sich nochmals aufzuraffen und einige Zeilen zu lesen, brauche ich einen ausgezeichneten Text. Diese Woche habe ich immer wieder einige Brocken aus dem Vortrag von John Piper über sein Lernen von C. S. Lewis genossen. So die Zusammenfassung über zwei Hauptthemen von Lewis’ Leben:
(W)e have these two great themes in Lewis’s life: 1) the experience of Joy as an inconsolable longing in this world always pointing to the Reality beyond this world and 2) the defense of the objective nature of that Reality, that is, God, with all the ethical and epistemological implications of that defense. We see Lewis defending the objective Reality behind the experience of Joy because without it this experience is utterly trivialized as a mere animal state of the brain. Man as man is abolished. But now we have seen that in fighting for the dignity and majesty and eternity of the experience of Joy, Lewis is in fact fighting for the glory of God. Because, as he says, fully to enjoy God is to glorify God
Dieses Grundanliegen wirkt sich auf alle Lebensbereiche auf, zum Beispiel auf das Empfinden des “Gewöhnlichen” als des Ausserordentlichen:
To wake up in the morning and to be aware of the firmness of the mattress, the warmth of the sun’s rays, the sound of the clock ticking, the coldness of the wooden floor, the wetness of the water in the sink, the sheer being of things (quiddity as he called it). And not just to be aware but to wonder. To be amazed that the water is wet. It did not have to be wet. If there were no such thing as water, and one day some one showed it to you, you would simply be astonished.
Das intensive Wahrnehmen des wirklich Schönen “imprägniert” vor zu starker Gewichtung des Äusserlichen – ein wichtiges Wort für die auf ewige Jugend und äussere Perfektion eingestellte westliche Welt:
Lewis’ unwavering commitment to what is True and Real and Valuable, as opposed to what is trendy or fashionable or current, has been another kind of liberation for me, namely, from “chronological snobbery.” He loved the wisdom of the ages, not the whimsy of the passing present. He called himself a Neanderthaler and a dinosaur. He didn’t read newspapers. He never wore a watch. He never learned to type. He did not own or drive a car. He cared nothing about cutting a good appearance and wore the same old clothes until they were threadbare. He was incredibly free from the addicting powers of the present moment. The effect of this on me has been to make me wary of what he called “chronological snobbery.” That is, he has shown me that “newness” is no virtue, and “oldness” is no fault.
Andy Naselli, D. A. Carsons wissenschaftlicher Assistent, hat hier eine wundervolle Links- und Ressourcen-Sammlung zu C. S. Lewis’ Narnia-Chroniken zusammengestellt.
- Ungekürzte Ausgaben
- Gekürzte und illustrierte Ausgaben
- Hör- und Audiobücher
- TV-Serie
- Kinofilme
- Rezensionen
- Bücher über Narnia, u. a. von Doug Wilson
Hier geht es zu einem Vortrag von John Piper über C. S. Lewis.
Als Alan Jacobs, Professor für Englisch am renommierten Wheaton College, gebeten wurde, in Verbindung mit der Neuverfilmung von “Narnia” eine Biografie zu schreiben, lehnte er zunächst ab. Er tat dies mit dem Hinweis, dass wahrlich schon genügend Menschen über C. S. Lewis geschrieben hätten. Er tat es dennoch, und daraus ist eine überaus lesenswerte Biographie, die sich am Geistesleben des grossen Denkers und Literaten orientiert.
Jacobs war erstaunt, welche Fülle an Material in die Narnia-Chroniken eingeflossen ist:
What gradually dawned on me was that almost everything that he thought was vital for us to know, no matter how scholarly, no matter how intellectual, fount its way somehow in to the Narnia books – to a shocking degree, acutally. You wouldn’t think that he would be able to get all that stuff into a series of what are, after all, relatively brief books for children, and yet he did.
Alan Jacobs. The Narnian. The Life and Imagination of C. S. Lewis. Harper Collins: New York 2006. (349)
C. S. Lewis schrieb 1940 – mitten im Krieg von GB gegen Deutschland – über den Charme, die Sünden der Nation, damals die blamable Aussenpolitik Englands, zu bekennen (und an den eigenen Sünden vorbei zu blicken).
Men fail so often to repent their real sins that the occasional repentance of an imaginary sin might appear almost desirable.
… The first and fatal charm of national repentance is, therefore, the encouragement it gives us to turn from the bitter task of repenting our own sins to the congenial one of bewailing but, first, of denouncing the conduct of others. The first and fatal charm of national repentance is, therefore, the encouragement it gives us to turn from the bitter task of repenting our own sins to the congenial one of bewailing but, first, of denouncing the conduct of others.
Das sind weise Worte. Bevor ich das nächste Mal über die Sünden früherer Generationen, des Arbeitgebers oder der Kirchengemeinde lamentiere – gucke ich lieber auf mich und schweige.
God whispers to us in our pleasures, speaks in our conscience, but shouts in our pain: it is His megaphone to rouse a deaf world.
In: C. S. Lewis. The Problem of Pain. Collin Harper: New York 2001. (91)