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Wir haben bei unserem Besuch aus der Luft Strassensperren gesehen. Spüren Sie bei JRD Nord, dass sich die Situation in Nordkosovo wieder zuspitzt, und wenn ja wie?
Die gesehenen Strassensperren sind die Überbleibsel von den über 40 Strassensperren, die im Sommer 2011 von den Serben im Norden von Kosovo errichtet wurden und im Nachgang teilweise mit Gewalt von der KFOR geräumt werden mussten, um die Bewegungsfreiheit, einer der Aufträge der KFOR, wiederherzustellen. Seither hat sich die Lage stark beruhigt. Die übrig gebliebenen Hindernisse, wovon nur dasjenige auf der Hauptbrücke in Mitrovica nicht befahrbar ist, sind eher symbolisch. Sie sollen zeigen, dass die Serben in Nordkosovo sich nicht als Teil des unabhängigen Kosovo, sondern als Teil Serbiens sehen. Die Lage hat sich deshalb in den letzten Monaten eher beruhigt, insbesondere auch, da Pristina und Belgrad durch das Abkommen vom 19. April 2013 klar zum Ausdruck gebracht haben, dass sie an einer politischen Lösung zur Normalisierung der Lage zwischen Kosovo und Serbien interessiert sind und Nordkosovo in die Strukturen des Kosovo integrieren wollen. Dieses Abkommen ist noch sehr jung, und die Details sind noch nicht geregelt. Auch hat die Information der Serben in Nordkosovo erst begonnen. Ich würde deshalb nicht sagen, dass sich die Lage in Nordkosovo zugespitzt hat, sondern dass die Serben in Nordkosovo verunsichert sind über das, was auf sie zukommt. Zudem haben sie Angst, dass sie ihre serbischen Wurzeln und die finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung Serbiens verlieren, was zu noch höherer Arbeitslosigkeit und einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen führen würde. Was wir im Moment deshalb sehen, ist ein Gemisch von Unsicherheit, Existenzangst und der Angst vor Verlust der Identität.
Erschweren die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kosovo-Serben Ihre Arbeit?
Die Serben von Nordkosovo wollen nicht unabhängig sein, sondern ein Teil Serbiens (bleiben). Sie anerkennen die Unabhängigkeit von Kosovo nicht, da diese nach ihrem Verständnis gegen die Resolution 1244 des Uno-Sicherheitsrats verstösst und auch von der Uno nicht anerkannt wurde, dafür aber von über 90 Staaten, so z.B. auch den USA, Deutschland oder der Schweiz. Ihrer Auffassung nach sind sie deshalb nach wie vor ein Teil Serbiens. Diese zwei Auffassungen stehen sich gegenüber und treffen in Mitrovica, der grössten Stadt im Einsatzraum des JRD-N, aufeinander. Dies erschwert die Arbeit meiner Teams nicht, sondern die Auswirkungen des Aufeinandertreffens dieser zwei Welten ist gerade der Schwerpunkt der Arbeit meiner Teams.
Sind Ihre Männer jetzt grösseren Gefahren ausgesetzt als bisher?
Die KFOR ist im ganzen Kosovo sehr gut akzeptiert und geniesst einen hohen Stellenwert. Bei den Kosovo-Albanern als Befreier, bei den Kosovo-Serben als unabhängige Kraft, die für ein sicheres Umfeld sorgt. Meine Verbindungs- und Beobachtungsteams haben zudem eine sehr hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung. Die Gefahr wurde deshalb meines Erachtens in den letzten Monaten nicht grösser.
Was können Sie und Ihre Männer tun, um die Situation zu entschärfen?
Ein Grossteil der Unsicherheit basiert auf mangelnder Information. Durch unseren Kontakt mit den Leuten, aber auch mit verschiedenen Behörden können wir informieren, Gerüchten entgegenwirken und somit auch zum Abbau dieser Unsicherheit beitragen.
Wie viele Menschen leben in der Region, die vom JRD Nord betreut wird?
Das JRD-N umfasst den nördlichen Kosovo und hat eine Ausdehnung von 70 auf 45 km. In diesem Gebiet leben etwa 320’000 Einwohner, davon sind etwa 60’000 Kosovo-Serben, die mehrheitlich in den Gemeinden Mitrovica Nord, Zubin Potok, Leposavic und Zvecan wohnhaft sind.