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Frage: Jean-Pierre Roth, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, hat vor Übertreibungen an der Börse gewarnt. Was raten Sie mir? Soll ich alle meine Aktienfonds jetzt verkaufen? O. S., via E-Mail
Jean-Pierre Roth hat ein berühmtes Vorbild: Alan Greenspan. Im Dezember 1996 hatte der einflussreiche Chef der amerikanischen Notenbank die Anleger vor dem «unvernünftigen Überschwang» gewarnt. Auf Englisch: «Irrational Exuberance». Der Ausdruck wurde zum geflügelten Wort. Die Warnung vermochte jedoch den Optimismus der Anleger nicht zu erschüttern. Die Aktienkurse stiegen und stiegen und Alan Greenspan wurde belächelt, weil er angeblich nur in Obligationen investiert gehabt haben soll und daher die Börsenparty nur von aussen beobachtete. So zumindest munkelten die (Börsen)-Partygänger.
Gut vier Jahre später passierte, was Greenspan vorausgesagt hatte: Die Börsenblase verlor nach und nach Luft. Die Aktienkurse sanken unter das Niveau vom Dezember 1996, als Alan Greenspan den berühmten Ausdruck der «Irrational Exuberance» in den Mund nahm.
Wenn nun Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth den Mahnfinger hebt, macht er genau das Gleiche wie dazumal Alan Greenspan. Auch «Cash» titelt: «Erste Warnsignale leuchten auf». Ein solches Warnsignal ist die Tatsache, dass immer mehr Privatanleger auf den Börsenzug springen. Wenn selbst Leute Aktien kaufen, die sonst mit der Börse nichts am Hut haben, sind das erste Zeichen einer Euphorie. Euphorie blendet. Man spricht dann von einer «Putzfrauen-Hausse».
Womöglich werden auch diesmal die Aktienkurse noch einige Jahre nach oben klettern, ehe der nächste Absturz erfolgt. Denn die Zinsen sind tief und die Aussichten der Unternehmensgewinne weiterhin positiv. Aber auch im Jahr 2000 hiess es, die Zinsen seien tief und die Unternehmensgewinne positiv.
Nein, ich würde deshalb nicht alle Aktien verkaufen. Ja, ich würde den Aktienanteil herunterfahren. Warten Sie auf den nächsten Crash. Kaufen Sie, wenn die Kurse fallen, nicht wenn sie steigen. Und merken Sie sich: Die Börsen haben die schlechte Gewohnheit, dass sie die Kurskorrekturen nicht ankündigen.
Erschienen im BLICK am 27. Januar 2007