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Monte Schiara
Monte Schiara 2566 m
DIE VIA FERRATA ZACCHI VON S. WALCHER, WIEN
Mit 2 Bildern ( 70, 71 )
Wir kamen von der Care-alto-Hütte und waren in einem Zug von Pinzolo über Trient, Primo-lano und Feltre nach Belluno gefahren. Das schlechte Wetter hatte uns nach einer Woche Wartezeit aus dem Reiche des Adamello vertrieben. Ich konnte in diesen Tagen wohl wieder das Kriegsgeschehen 1915 nacherleben und jetzt noch die Besatzung des Caré-alto-Abschnittes um ihre sicheren Stellungen beneiden; ich selbst stand im wesentlich ungünstigeren Abschnitt Mandron. Allein den Gipfel des Caré-alto erreichten wir nicht; Nebel und Neuschnee, bis zu ¾ Meter Höhe, vereitelten jeden Versuch. Ein einziger Tag hätte vielleicht einen Erfolg gebracht; den benützten wir jedoch zur Besichtigung der Stellungen.
Eines Tages, nach dem Mittagessen, kam atemlos ein junger deutscher Bergsteiger und berichtete, dass seine beiden Gefährten in eine Spalte des Laresgletschers gefallen seien. Zum Glück waren zwei Hirten in der Hütte, die sich mit dem jungen Deutschen sofort zur Unfallstelle begaben, begleitet von ihren Hunden. Wir folgten den dreien nach und halfen ihnen dann beim Abtransport der Verunglückten. Einer von den beiden Gestürzten war sehr schwach, musste gestützt und später getragen werden. Leider blieb in der Spalte der Hund Birba des jüngeren Hirten, der seinem Herrn, als er sich am Seil in die Spalte hinabliess, nachgesprungen war, zurück, wurde aber am übernächsten Tag von seinem Herrn und einem alten, jedoch überaus beweglichen und lustigen Teilnehmer der Rettungsmannschaft, die inzwischen zur Hütte gekommen war, geholt; der Hund hatte die 48 Stunden in der ca. 15 m tiefen Spalte trotz eines Bruches des linken Hinterbeins gut überstanden.
Nun aber waren wir ja im sonnigen Süden und freuten uns auf die Schiara, auf jenen Berg, von dem kein Geringerer als Merzbacher sagt, dass er die beste Aussicht von allen Bergen in den Alpen bietet. Viel mehr als diese Feststellung Merzbachers im Jahrbuch 1879 des DÖAV dürfte wahrscheinlich bis heute im alpinen Schrifttum über die Schiara nicht zu finden sein. Uns lockte allerdings nicht die Aussicht, wir wollten den Berg an sich kennenlernen, von dem der Band 7 des « Hochtouristen » nur von einem Zugang ( 9 Stunden von Agordo ) zu berichten weiss. Wir hatten inzwischen jedoch erfahren, dass die Italiener am Fusse der Südwand des Berges eine Hütte erbauten, das Rifugio 7° Alpini, und dass durch die 800 m hohe Wand eine versicherte Steiganlage, die Via ferrata Zacchi, führen soll. Als wir aber dann den ausgezeichneten Führer - « Die Berge von Belluno » - von Piero Rossi in einer Buchhandlung in Belluno kauften und durchblätterten, staunten wir über die ausgezeichnete und sicher schon fast vollständige Erschliessung nicht nur der Schiara, sondern aller Berge um Belluno. Die kritischen Blicke des Buchhändlers, als er hörte, dass wir auf die Schiara gehen wollten, und seine Frage, ob wir auch ein Seil hätten, verrieten mir, dass die Via Zacchi kein Spaziergang sein dürfte.
Am Donnerstag, dem 28. August, fuhren wir von Belluno ( 389 m ) mit einem Taxi hinauf nach der kleinen Ortschaft Bolzano und auf einem besseren Fahrweg weiter bis zu den Case Bortot, wo die Strasse endet. Als wir unsere Rucksäcke schulterten, war es 8.45 Uhr. Der Weg führt anfangs hoch über dem Ardo auf der westlichen Talseite talein, steigt dann bei der Casera Scala steil an und brachte uns, nachdem er mehrmals die Talseite wechselt, nach ca. 3 ½ Stunden zum eleganten Rifugio 7° Alpini ( 1498 m ), der Schiarahütte, die am Fusse der Südwand des Berges eine wirklich prachtvolle Lage hat.
Ein junger Hüttenwirt empfing uns freundlich und, da wir seine einzigen Gäste waren, stand er uns auch mit all seinen Schätzen jederzeit zur Verfügung. Das Wetter des Tages war einwandfrei, und auch die Vorzeichen für den nächsten Tag waren günstig.
Am Freitag, dem 29. August, verliessen wir um 5.30 Uhr die Hütte und stiegen auf einem begrünten Rücken langsam hinauf zum Fuss der Wand; so nahe sie von der Hütte aus scheint, man braucht doch 30-45 Minuten bis zum sogenannten « Porton », einem grossen, torähnlichen Wandausbruch neben dem zur rechten Hand die Via ferrata beginnt. Ein dünnes Drahtseil leitet über schuttbedeckte Felsen in einer breiten Rinne aufwärts zu einem ca. 50-75 cm breiten überdachten Band, das mit einer kaum quadratmetergrossen Plattform endet, von welcher, völlig ausgesetzt, eine Eisenleiter 4-5 m senkrecht emporleitet; von ihrem Ende spreizt man auf eine zweite Leiter, die dann in eine steile, schwierige Rinne bringt, in der nur ein dünnes Drahtseil Hilfe bietet. In schwieriger und anstrengender Kletterei geht es dann durch Rinnen und auf Bändern aufwärts zu einem etwas weniger geneigten, begrünten Hang, über dem ein gratartiger Wandvorbau erreicht wird. Hier beginnt die sogenannte Diagonale.Vom Wandvorbau querten wir vorerst in eine kleine Schlucht hinein, aus der wir auf festem, steilem und ausgesetztem Fels nach rechts aufwärtsstiegen zu einem völlig ausgesetzten Quergang auf einem etwa 20 cm breiten Band, dessen Unterbrechung auf Eisenstiften überwunden wird; anschliessend bringen dann Eisenleitern und Seile in ununterbrochener Ausgesetztheit hinauf zum Zacchi-Band, das ungefähr 30-50 m nach links in unschwie-rigeres Gelände oberhalb der Gusela-Scharte führt. Das Band selbst ist wieder völlig ausgesetzt und erfordert grösste Vorsicht.
Bis hierher brauchten wir uns um die Wegrichtung nicht zu kümmern; nun aber stimmten die Zeichnungen und Beschreibungen des Rossi-Führers mit der Wirklichkeit nicht mehr ganz überein, zumindest war es uns nicht möglich, sofort die Fortsetzung des Eisenweges zum Gipfel zu finden. Endlich hatte ich sie aber doch entdeckt. Sie beginnt bei einer Mulde, ungefähr 30-50 m vor dem Abstieg zur Guselascharte, und erreicht unter überhängende Felsen nach links hin den Westgrat des Berges, den Berti und Carugati am 30. Juli 1909 als erste im Abstieg begingen. Die Ausgesetztheit ist hier so ziemlich zu Ende, die Kletterei nicht mehr so schwierig, das Gelände aber unübersichtlich, so dass es nicht ganz einfach ist, die Route zu finden, da auch die bis zum Zacchi-Band führenden roten Zeichen aufhören. Eine überhängende Eisenleiter, von deren Ende es sehr schwierig und anstrengend war, in eine enge Rinne hineinzukommen, machte uns noch tüchtig zu schaffen. Oberhalb der Rinne war es dann wieder schwierig, die Fortsetzung des Weges zu finden. Ich stieg links zu einer grösseren Rinne hinab, überschritt sie und erreichte dann auf steilem Schutt rechts aufwärts ein System von Kaminen, in welchen ich wieder Eisenleitern entdeckte; als wir sie hinter uns hatten, betraten wir den Gipfelgrat und wenige Minuten später, um 12.45 Uhr, den Gipfel selbst; die Schiara war erstiegen.
Das Wetter war auch heute prachtvoll; wolkenlos war der Himmel, und nur zu heiss brannte die Sonne. Wir standen und schauten und freuten uns an all der Bergherrlichkeit um uns. Obwohl unsere Rucksäcke unten bei der überhängenden Leiter lagen und mit ihnen alles Trink- und Essbare, blieben wir doch fast eine Stunde auf dem lichtumflossenen Gipfel und rasteten. Wenn ich auch kein Aussichtsenthusiast bin, so muss ich doch sagen, dass ich selten so ein prächtiges alpines Panorama sah wie von der Schiara; drei Namen möchte ich nur nennen: Agner, Civetta und Monte Pelmo; was dazwischen liegt, sind die Edelsteine des Kranzes, aus dem diese drei Kristalle zum Himmel ragen. In einer Stunde, von 13.30-14.30 Uhr, stiegen wir dann hinab zum Zacchi-Band.
In einer wunderbaren, kühlen Biwakhöhle etwas oberhalb seines Endes holten wir dann die Ess-und vor allem Trinkrast nach, die wegen Mangels an Flüssigkeit leider nur wenig erfrischte. Nach einer Stunde Aufenthalt, um 15 Uhr, begannen wir mit dem Abstieg, der uns nicht weniger anstrengte als der Aufstieg, aber noch weit mehr Vorsicht erforderte. Als wir auf dem überdachten Band nach den beiden Leitern nach links zur Ausstiegsrampe querten, bemerkten wir, ehe wir die Rampe erreichten, zur Linken einen mächtigen, domartigen Riesenspalt, den wir im Eifer des Aufstieges nicht gesehen hatten. « Vielleicht gibt es hier Wasser », meinte Giovanna. Ich schüttelte nur verneinend den Kopf und wollte weitergehen. Sie aber querte in den schattendunklen Dom hinein, und siehe! Im feinen Sand des ebenen Grundes dieser Gotteskirche lag eine blanke Fels-schüssel, angefüllt mit dem köstlichsten Wasser.
Als wir vom Ausstieg, den wir um 18.15 Uhr erreichten, auf dem begrünten Rücken langsam zur Hütte hinabschritten, stellten wir bezüglich der Schwierigkeiten der Via Zacchi Vergleiche mit der Via ferrata Tissi der Civetta an und kamen zur Ansicht, dass der Eisenweg durch die Südwand der Schiara nicht nur länger und wesentlich anstrengender, sondern vor allem auch wesentlich mehr ausgesetzt ist.
Bei der Hütte begrüsste uns nur das kleine Hüttenkätzchen; der Wirt war in das Tal abgestiegen, um für das kommende Wochenende Verpflegung zu holen. Er hatte uns schon morgens vor unserem Weggehen gefragt, ob wir ohne ihn auskämen, und hat Küche und Keller für uns offengelassen. Hunger hatten wir keinen, aber Durst, und dafür gab es nach dem heiligen Wunderwasser im Schiara-Dom viele Flaschen mit einem nicht weniger heiligen roten Gotteswein.
Am nächsten Tag eilten wir fröhlich hinab zu den Case Bortot. Unterwegs trafen wir den aufsteigenden Hüttenwirt mit einem wohl 30-40 kg schweren Rucksack. « Waren Sie oben? », war seine erste Frage. Als wir bejahten, schüttelte er den Kopf und blickte hinauf zum Berg. In Bortot gab es noch eine kurze aber fröhliche Rast « bei einer Wirtin wundermild », dann eilten wir weiter nach Bolzano und fuhren mit dem Bus hinaus nach dem schönen Belluno; die Fahrt zur Schiara war zu Ende.