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Warum gibt's jetzt dafür ein eigenes Format?
Damit sich watson-User wie MartinZH nie wieder ungewollt in Artikeln mit derlei fragwürdigem Inhalt wiederfinden!
Und weil mein Chef es erfunden hat und wir zwei gute Wochen lang herzlich darüber lachen konnten.
Gut, da das nun geklärt ist: Auf in die heutige Geschichte!
«Rien», schrieb der französische Kronzprinz Louis Auguste am 17. Mai 1770 in sein Tagebuch. Es war der Tag nach seiner Hochzeitsnacht mit der habsburgerischen Prinzessin Marie Antoinette. Sie war vierzehn, er fünfzehn Jahre alt.
Noch nie hat ein Nichts so viel bedeutet. So viel verheerenden Doppelsinn offenbart. Der Dauphin hatte an jenem Morgen nichts geschossen, seine Jagd blieb erfolglos.
Die Vermählung ihrer Tochter mit dem französischen Thronerben war die Krönung von Maria Theresias Heiratspolitik gewesen. In jenem Versailler Alkoven verbanden sich nun Frankreich und Österreich, beide der Schlachtfelder müde geworden, auf denen sie sich unzählige Male gegenübergestanden hatten. Endlich erfüllte sich die Redewendung «Felix Austria» auch hier: «Mögen andere Länder Kriege führen, Du, glückliches Österreich, heirate.»
Habsburg legte sich ins Bett der Bourbonen und so wurden zwei historische Dauerrivalen zu Eheleuten, auf dass ihre Häuser ihr Blut nicht länger vergiessen, sondern zu einem verbinden.
Nur geschah dies nicht. Nicht in der Hochzeitsnacht und nicht in den 2000 Nächten danach. Marie Antoinette wurde nicht schwanger. In jenem mit so viel Hoffnung und diplomatischem Geschick gebetteten Schlafgemach wurde kein Thronerbe gezeugt. Die verzweifelten Briefe Maria Theresias an ihre Tochter mehrten sich, sie liess ihren Hofarzt van Swieten kommen, der darob nur die Achseln zuckte. Wenn es einem Mädchen von solchem Liebreiz nicht gelänge, den Dauphin zu erhitzen, bliebe jedes medizinische Hilfsmittel wirkungslos.
Hübsch war Marie Antoinette in der Tat, mit ihrem schmal geschnittenen, noch leicht leer wirkenden Oval, der flachen Stirn und den grossen, wachen Augen. Bald würde sie die Königin von Frankreich sein, ja zur Göttin des Rokoko aufsteigen.
Schlosstürrahmen und Theaterlogen würden aufgewölbt, damit sie und ihre hundert Edeldamen ohne sich zu bücken mit den hochgetürmten Frisuren durch ihre kleine goldene Welt schreiten können. Auf ihren Köpfen würden sich prächtige Fruchtgärten auftun, Zitronen-Alleen würden von dort herunterduften, wenn nicht gerade ein ganzer Ozean ihr Haar durchwellt und die Schiffe darauf zum Schaukeln bringt.
Noch ist dieser jungen Frau alles Spiel, alles Leichtigkeit. Marie Antoinette ist ein graziler, kleiner Wirbelwind, der unaufhaltsam durch die vielen Korridore von Versailles tanzt. Ein Ziel hatte sie dabei nicht vor Augen, sie schien einfach jeder ersten Regung zu folgen, Nachdenken war ihrem Naturell fremd und so schöpfte sie auch niemals aus, was an Talenten in ihr schlummern mochte.
Ungeschicklichkeit und Jugend seien schuld an den erfolglosen Versuchen ihres Gatten, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen, schreibt Marie Antoinette beschwichtigend an ihre Mutter. Doch diese fürchtete allzu sehr um die Zukunft ihrer politisch wertvollen Tochter, die, wenn sie nicht bald einen Thronerben austrug, gefährlich lebte.
Das Kühnste an Louis war seine Nase. Schwungvoll und ohne eine Spur von Furcht sprang sie aus seinem Gesicht. Er war attraktiv, wenn auch auf eine fleischigere Art und Weise, seine Lippen waren vollsaftig und sein Kinn üppig, aber ohne dass dessen scharfe Konturen in einer dafür üblichen Schwammigkeit zu verschwinden drohten. Seine Haltung jedoch war schlecht, nie wirkte er imposant, niemals vermochte er mit seiner Gestalt zu beeindrucken. Er war unbeholfen und seine Kurzsichtigkeit verschlimmerte dies noch. Er würde über das Parkett gehen wie ein Bauer hinter dem Pflug, urteilte ein Zeitgenosse. In vielem war er das ganze Gegenteil seiner Gattin. Langsam, geradezu schwerfällig war sein Denken, aber dumm war er nicht. Man musste ihm nur Zeit lassen, seine Gedanken zu ordnen.
Fast jeden Abend schlurfte er den weiten Weg bis zum Schlafgemach seiner Gattin, vorbei an den Ohren und Augen des geschwätzigen Hofes. Alle wussten Bescheid. Von den Hofdamen über die Kavaliere und Offiziere bis hin zu den Wäscherinnen. Und alle lachten sie hinter dem vor Scham gekrümmten Rücken des Dauphin, der seiner Frau kein Kind, Frankreich keinen Thronerben zu schenken verstand.
Das Lachen verhallte auch nicht, als er mit zwanzig Jahren als Louis XVI. den französischen Thron bestieg. Nun war seine Unfähigkeit eine noch dringlichere politische Angelegenheit geworden. Schliesslich ging es um die Zukunft Frankreichs. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass die Revolution mit einer solchen Wucht über das Land rollen würde, dass sie erst den Kopf des Königs und danach auch jenen der Königin mit sich reissen würde.
Die preussischen, sächsischen und sardischen Gesandten berichteten eifrig von dem Versagen Louis XVI., Graf Aranda von Spanien liess sogar die Laken des königlichen Bettes durch bestochene Diener untersuchen. Ganz Europa spottete über den Mann, der nicht kann.
Der französische Hofarzt kam allerdings zu einer entlastenden Diagnose: Der König von Frankreich leide an einer Phimose, einer Vorhautverengung. Diese bereite ihm, jedes Mal, wenn er seine eheliche Pflicht zu erfüllen versuchte, unbändige Schmerzen.
Es gebe aber die Möglichkeit, jener organischen Fehlbildung beizukommen. Allerdings konnte sich der wenig mutige König nicht recht dazu entschliessen. Marie Antoinette, über den jahrelangen Misserfolg betrübt, beklagte sich bitter über die Ärzte, die ihren Gatten bloss verwirren würden. Der eine meine, die Operation sei nicht von Nöten, der andere behaupte, sie habe ebenso viele Nachteile, wie wenn der König sie unterliesse.
Und so vergingen weitere zwei Jahre, bis Maria Theresia jenem ergebnislosem Reigen nicht mehr länger zuzuschauen vermochte. Sie schickte ihren Sohn und Mitregenten Joseph II. an den Hof von Versailles. Er sollte die nun bereits sieben Jahre schwelenden Intimschwierigkeiten seiner Schwester und deren Gatten endlich lösen.
Seine Beobachtungen hielt er in einem Brief an seinen Bruder Leopold fest:
«Er [Ludwig XVI.] hat ausgezeichnete Erektionen, führt sein Glied ein, verharrt dort regungslos vielleicht zwei Minuten lang, und ohne sich zu ergiessen zieht er sein immer noch aufrecht stehendes Glied zurück und wünscht seiner Frau gute Nacht. Das Ganze ist unbegreiflich, da er manchmal feuchte Träume hat. Er ist völlig zufrieden und gibt offen zu, dass er den Akt nur als Pflichtübung betrachtet und keinerlei Vergnügen daran findet. Ach, wenn ich nur einmal hätte dabei sein können, ich hätte es ihm schon beigebracht! Man sollte ihn auspeitschen wie einen Esel, damit er ejakuliert. Was meine Schwester betrifft, ist sie auch nicht gerade sinnlich veranlagt, und beide zusammen sind ein Paar von ausgemachten Stümpern.»
Joseph an seinen Bruder Leopold, 1777
Auf irgendeine Weise hat Joseph Wunder gewirkt. Ob er nun seinen Schwager zur Operation überredet hat oder den beiden Unerfahrenen ihre erste Aufklärungsstunde angedeihen liess – es hatte jedenfalls gefruchtet. Zwei Monate nach seinem Besuch schrieb Marie Antoinette triumphierend an ihre Mutter, dass nun endlich auch ihr die «grundlegendste Freude» zuteil werde.
Eineinhalb Jahre später wurde die kleine Marie Thérèse Charlotte geboren, 1781 ihr Bruder, der Thronfolger, dann folgten noch einmal zwei Kinder. Und so sehr sich die beiden auch darüber freuten, ihr Ansehen ebenso wie ihre Ehe konnten dadurch nicht mehr gerettet werden. Sieben Jahre lang hatte sich Louis erfolglos an dem schönen, jungen Körper seiner Gattin abgemüht. Ihr Bett war längst verwüstet von diesen unzähligen erniedrigenden Stunden, in denen sie ihre tristen Trockenübungen vollzogen hatten. Hierin würde sich keine Liebe einfinden können. Alles, was Marie Antoinette für ihren Gatten noch zu fühlen imstande war, war Mitleid und offen zur Schau getragene Verachtung. Als Mann hatte er versagt, sie dem Spott des Hofes, ja von ganz Europa ausgesetzt.
Und so hatte sie das Vergnügen und die Bewunderung ihrer Person woanders gesucht. Sie wurde immer wilder, überhitzte förmlich, und was einmal als leichtes, reizendes Spiel begonnen hatte, wurde schwer, wurde zur Vergnügungswut, zum Zwang.
Und so wirbelte sie herum ohne jeglichen Sinn für Verantwortung und vor allem ohne die Schwere der Stunde zu erkennen, während der sparsame König wiederum all dieses kostspielige Wirbeln seiner Gattin ohne Murren finanzierte. Wie ein Erpresster zahlte er seine Schuld ab. Ihr als Mann für so lange Zeit nicht genügt zu haben, hatte ihn ihr hörig gemacht. Scheu drückte er sich zur Seite, um Marie Antoinette nicht im Licht zu stehen. Die Hofgesellschaft mied er – ihre freundlich hochgezogenen Mundwinkel spiegelten ja doch nur sein eigenes Versagen.
Stattdessen ging er auf die Jagd oder zog sich in seine Schmiedewerkstätte zurück, wo er an technischen Armaturen herumhantierte und Uhren baute. Hier konnte er etwas erschaffen, schöpferisch wirken. Hier, fernab aller urteilender Augen, gelang es ihm vielleicht, sich die Männlichkeit wiederzugeben, die er im Schlafgemach verloren.
Louis XVI. war nicht gemacht für die fürchterliche Katastrophe, vor die er nun vom Schicksal gestellt wurde.
«Rien» schrieb der König am 14. Juli 1789 in sein Jagdtagebuch. Es war der Tag, an dem die Bastille gestürmt wurde. Das Ancien Régime hatte ausgedient. Und die Französische Revolution würde ihn und seine Gattin bald für immer von der Bühne des Lebens fegen.