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Kurz nach Mitternacht im Zürcher «Mehrspur»-Musikclub. Vor den Stuhlreihen stehen ein Bassist, zwei Gitarristen, der Drummer und ein Lockenkopf mit Saxophon, der auch hin und wieder Keyboard spielt. Sie improvisieren Stings «Roxanne». Ohne Stimme. Lea, die neben mir sitzt, spielt mit ihrem Pferdeschwanz. Hin und wieder schaut sie, ob ihre Gitarre noch in der dunklen Ecke an der Wand lehnt. Dann winkt sie einem jungen Deutschen, der mir eben stolz berichtete, dass er vor drei Jahren einmal gemeinsam mit ihr auf der Bühne stand. Sie trinkt ihr Bier aus, schaut mich plötzlich an und fragt: «Soll ich?!»
Fünf Stunden zuvor: Chris’ Hände zittern, seine Stimme zerkratzt die hohen Töne, und Lea nickt anerkennend. «Also nochmal», sagt sie, im Stehen Klavier spielend – und schlägt vor, mehr Stimmübungen zu machen. Chris, Leas neuer Gesangsschüler, ist älter als sie, produziert «Uaaaa»s und «Brrrrrrt»s, pustet, atmet aus, bis die Lungenflügel nichts mehr hergeben. «Genau! Bis du keine Luft mehr hast!», ruft seine Lehrerin. Heute sieht Lea Lu in ihrem weissen Kostüm, mit ihrem dunklen Haar und ihren knallroten Lippen beinahe aus wie Schneewittchen für Erwachsene. Ein Schneewittchen mit Plattenvertrag, versteht sich: die 26jährige bringt es auf zwei Alben, war 2011 der Lichtblick vieler Werbepausen im Privatfernsehen und wäre mit dem Prädikat «Singer/Songwriter» nur unzureichend beschrieben. Die Zürcherin mit Wurzeln in Polen, Spanien und Frankreich ist die Liedermacherin mit der Gitarre, von der man glaubt, sie müsse stets im Schneidersitz irgendwo auf dem Boden hocken und ausgelassen lachen. Sie lächelt ermutigend, als Chris den höchsten Ton dann doch trifft. Bald darauf gleitet sie, die Augen geschlossen, wieder irgendwo zwischen die Tasten.
Sie liebe die Stimmung hier, sagt sie, als wir kurz darauf in der «Tina»-Bar, einer gut versteckten, ehemaligen Bordellbar im Niederdorf, sitzen. Sie habe mich hierher mitgenommen, weil es die Bar nicht mehr lang gebe. «Sie wird abgerissen», flüstert sie über den Tisch, so als dürfe es die Frau mit den langen bunten Fingernägeln hinter der Theke nicht hören. «Dabei ist es die schönste Bar in Zürich.» Auf die Theke deutend, an der heute nur zwei ältere Herren mit Schnurrbärten vor ihrem Bier sitzen, sagt sie: «Hier ist die Zeit stehengeblieben.» Die beiden Männer prosten ihr grinsend zu – junge Frauen wie sie sind hier wohl eher selten zu Gast. In der rotsamtigen Nische mit Spiegeln, Kronleuchtern und Kerzen wird aus der souveränen Gesangslehrerin eine ehrliche Nostalgikerin. Lea Lu spricht über ihre Lieblinge: Nina Kinert, Erik Satie, Kejnu. Melancholie, wo man hinhört. Piano, Gitarren, etwas Geklimper. Musik für Katzen, die an einem Sommernachmittag allein in der Wohnung geblieben sind. Sie ziehe sich gern zurück, sagt Lea, sei am liebsten dort, wo sonst niemand ist.
Über die zusätzliche Verknüpfung ihrer Sinne, die sie von Kindheit an Farben bei der Erwähnung von Zahlen, Wörtern und Gefühlen sehen lässt, reden wir kaum. Eine Form der Synästhesie, sagt sie, eine Art Sinnverschiebung, auf die auch der Titel ihres aktuellen Albums «Colour» anspielt. Ihre besondere Wahrnehmung sei für sie weder Vor- noch Nachteil – aber jeder Journalist gehe ihr damit auf die Nerven. «Bilder malen, Farben aufsagen und ein bisschen Gitarre spielen – ich bin kein Automat!» Sie zieht skeptisch die rechte Augenbraue hoch, wechselt damit das Thema und sagt, sie wolle später noch während der Jazz-Jamsession auf die Bühne springen und singen. Lampenfieber habe sie mittlerweile keines mehr. Anlässlich eines Gastauftritts bei Anarchotroubadour Jack Stoiker seien letzthin sogar dessen Fans während ihres Intermezzos ganz andächtig geworden, prahlt sie neckisch und konzentriert sich auf das Spiel mit der Serviette ihres Bellinis. In welcher Stimmung sie ihre Texte schreibt, möchte ich wissen. «Situa-tionsabhängig», gibt sie zurück.…