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GG 321
Hippocratis Coi Medicorum omnium longe principis, Opera quae ad nos extant omnia. Per Ianum Cornarium medicum physicum Latina lingua conscripta... Basel: Hieronymus Froben und Nicolaus Episcopius März 1546. Fol.
Auch die nächste lateinische Gesamtausgabe der Schriften des Hippokrates (und der diesem zugeschriebenen Werke) nach der Cratanders von 1526 (GG 316), die erst dritte insgesamt, erscheint, vermehrt, wieder in Basel, diese aber in einer neuen, für diesen Druck entstandenen Übersetzung des Ianus Cornarius, nun seit 1542 Professor der Medizin in Marburg. Mit Privileg gegen Nachdruck auf fünf Jahre - im Reich..., und das zeigt, welchem Bedürfnis sie entsprach: mit Nachdruck noch im selben Jahr in Venedig und Paris! Cornarius hat das Produkt seiner langjährigen Arbeit allerdings nicht der Stadt Marburg, gar nicht ihrer Universität, aber auch nicht seinem Herrn, dem in der Widmung immerhin für seine Grosszügigkeit gerühmten Landgrafen Philipp von Hessen, ihrem Gründer, gewidmet, sondern, auf Empfehlung Claudius Peutingers, aus Marburg am 1. September 1545 dem Rat und Volk der reichsfreien Stadt Augsburg. Er finde es nicht abwegig, beginnt er, in der Vorrede dieser ihnen gewidmeten Ausgabe des grössten Arztes, des Hippokrates, sich über den gegenwärtigen Stand der Medizin und der übrigen Wissenschaften, ihre Fortschritte und die in sie gesetzten Erwartungen zu verbreiten (was er im folgenden am Ablauf seiner Biographie ausführt). Daraus werde die Notwendigkeit der Edition, der Lektüre und der Kenntnis der Bücher des Hippokrates deutlich werden, und das erfreue ihn nach seiner Arbeit. Er hoffe, dass sie sich dadurch, wenn die Studien Unterstützung bräuchten (wie sie sie wahrhaftig von ihrer Reichsstadt wünschten), gern darum bemühten, dass die Wissenschaften als einzige Zierde des Lebens in Deutschland dauerhaft und bei Kräften seien, da bei ihrem Untergang das Leben nicht diesen Namen verdiene, wie für Ärzte nur ein Leib sei, was gesund oder krank genannt werden könne. Dunkler als die Nacht würde das Leben, wenn das Licht dieser Wissenschaften verlösche, die Zierde der literae geschändet würde. Als er seine medizinischen Studien begonnen habe (in Zwickau geboren), habe Mangel an guten Professoren und Büchern geherrscht, so sehr, dass Hippokrates und Galen nicht einmal unter ihren richtigen Namen an den Universitäten (in scholis) bekannt gewesen seien, von den meisten Hippokras und Galien genannt worden seien. Daher sei er, als er als Jüngling von zwanzig Jahren als Schüler des gebildeten und beredten Petrus Mosellanus (denn er habe, nach dem ersten Grammatikunterricht, nie einen privaten Lehrer gehabt) in beiden Sprachen (in literis utriusque linguae) solche Fortschritte gemacht habe, dass er nicht nur in Grammatik unterrichtet, sondern auch die griechischen Dichter und Redner öffentlich gelesen habe, sehr bald vom Plan des Medizinstudiums abgekommen (er hat in Leipzig 1517/18 studiert). Die barbarischen Lehrer hätten ihn abgestossen und die Autoren, die nicht viel besser als ihre Ausleger gewesen und die damals im Medizinunterricht (medicorum scholae) als beste verwendet worden seien: Avicenna, Rasis, Albucasis, Avenzoar, Mesuas und andere, die Arabersippe. Dazu seien die praktischen Autoren aus dem letzten Jahrhundert gekommen, ein unfähiges, schmutziges, unflätiges Latein sprechendes Pack, das seine Lehre so ungeschickt vermittelt habe, dass er gänzlich verzweifelt gewesen sei, aus solchen Büchern je zur Kenntnis der Medizin zu gelangen, von der er aus einigen Büchern des Hippokrates gekostet gehabt habe, aus den Aphorismen, dem Prognostikon und der Schrift von der Diät in akuten Krankheiten (Paris 1512 bzw. 1525 bzw. Ferrara 1509), und die er sich aus einigen lateinisch vorliegenden Büchlein Galens ausgemalt habe: aus der Schrift über die Fieber in der Übersetzung des Leonicenus (Pavia 1519) und der über die betroffenen Stellen in der des Copus (des in Paris tätigen Basler Arztes Wilhelm Kopp: Venedig 1500, Paris 1513 und später). Von ihnen seien auch die Hippokratesübersetzungen gewesen (s. oben). In der Philosophie hätten damals immerhin Plato, Aristoteles, Theophrast, Xenophon und Plutarch auf griechisch vorgelegen, dank Aldus Manutius (1513; 1495-98; in dieser Aristotelesausgabe enthalten; 1525 - doch zuvor schon Florenz 1516; Moralia 1509, Vitae 1519, zuvor Florenz 1517), in der Medizin nichts von Hippokrates und Galen ausser den Aphorismen (heute unbekannt; erste heute bekannte griechische Ausgabe die des Cornarius selber von Hagenau um 1527/30), die ihm Philipp Melanchthon mitgeteilt (Studium in Wittenberg: 1519-1523), und einzig der Methode Galens, wohl in Rom gedruckt, die er bei einem Freund gesehen habe (in Venedig 1500 bei Nikolaus Blastos erschienen). So habe er zu warten beschlossen. Schliesslich habe er die bessern aus den Schlechten ausgewählt - Bertrutius, Gatinaria, Guainerius - und, mit Abstand, mit den obigen Büchern des Hippokrates und Galens verglichen, habe einige Jahre Medizin studiert, bis ihn der grosse Kunstlehrer Bauch dazu gebracht habe, die Kunst auszuüben zu wagen, was er jetzt seit 25 Jahren tue. Seine Gewissenhaftigkeit in der Lehre wie in der Krankenpflege seien bekannt. Schätze habe er nicht gesucht, sogar verschmäht. Ob es ein Gewinn zu nennen sei oder nicht: er habe die ganze neunjährige erste Studienart vergessen müssen, als er nach einer Bereisung eines grossen Teils Europas (Nordeuropa von Russland und Schweden bis Frankreich) zur Sammlung medizinischer Erfahrung nach Basel gekommen sei. Dass es ein Gewinn sei, dass er die ganze barbarische Medizin hinter sich gelassen habe, wüssten die meisten noch nicht, die lieber Eicheln ässen als beste Früchte. Er habe sich Hippokrates, Galen und Paulus zugewandt, die kurz zuvor aus der Offizin des Aldus aus Venedig gebracht worden seien (1526 bzw. 1525 bzw. 1528: Paulus Aegineta). Er habe sich so eifrig mit ihnen beschäftigt, dass er es nicht aufgegeben hätte, den ganzen Hippokrates auf lateinisch zu übersetzen, wenn ihm für diese grosse Arbeit irgendwo eine Belohnung gewinkt hätte, und nicht anders für Galen und Paulus, die auch einigermassen Griechischkundige für leichter hielten. Es gebe zwei Hippokratesübersetzungen von ihm aus diesem Jahr: Vom Klima und Von den Winden, die seine Absicht, die Medizin zu fördern, den studiosi gezeigt hätten (im August 1529 zweisprachig bei Hieronymus Froben und Herwagen erschienen [GG 317]). Und es hätten ihn auch Leute dazu ermuntert, vor allem Erasmus von Rotterdam, von dem auch ein Brief vorhanden sei, in dem er ihn dazu ermuntere (der Brief von Freiburg, 9. August 1529, ist im Opus epistolarum des Erasmus erschienen; Cornarius hat 1528/29 in Basel auch Vorlesungen über griechische Medizin abgehalten). Zum selben Vorhaben hätten ihn Froben und Episcopius, die ihn früher zu einigen Kommentaren veranlasst hätten, fast gezwungen, sie, die es für ihre Verdienste um die Gelehrten verdienten, von allen Ehrenmännern gegen Rivalen geschützt zu werden, die wie faule Drohnen auf ihre mit grossem Aufwand und Fleiss hervorgebrachten Bücher lauerten (wie figura 1546 in Paris und Venedig wieder zeigen wird...). Sie hätten ihn gefragt, warum er die so nützliche Sache so lange aufschiebe. Er habe die Schwierigkeiten angeführt: altertümliche Wörter, oft rätselhafter Stil, dass selbst Galen nicht alles verstanden habe, die unterschiedliche Überlieferung, von früheren Erklärern geändert. Die Übersetzer Platos, des Aristoteles, Theophrasts hätten sich darum auch nicht an Hippokrates gewagt. Dazu komme ein weiteres Hindernis aus den unseligen Zeitumständen: während zwanzig Jahren sei die griechische Medizin wieder aufgelebt: Hippokrates, Galen, Aetius, Paulus, Dioskorides seien zurückgekehrt, griechisch und grossenteils (ausser Hippokrates) auch lateinisch, auch durch ihn, doch niemand setze für diese Kunst, die das Leben, das Kostbarste des Menschen, bewahre, einen Preis aus. Man habe viele sich um die Sprachen bemühen sehen: das habe allmählich nachgelassen. Man habe einen grossen Zulauf zur Theologie gesehen, als in Deutschland der reine Glaube geleuchtet habe: er habe einige Jahre angehalten. Man sei zum Rechtsstudium übergegangen: es hätten noch nie so viele die kaiserlichen Gesetze studiert. Einzig die Medizin werde überall gering geachtet, die Universitäten lägen brach, die Professoren seien erstarrt, die Kunst werde bei wahnsinnigen Weiblein und solchen, die mit ihrem Unwissen pröbelten, gesucht. Nur wenige Ärzte besässen wahre medizinische Kenntnisse, doch nicht für die Öffentlichkeit, sondern als privaten Schatz. Er befürchte, wie für die Theologie und die Jurisprudenz, eine Verdrehung der medizinischen Kunst. Dennoch gebe er es nicht auf, das Beste in Lehre und Publikationen zu leisten, und habe nun den in Teilausgaben versprochenen, weggelegten, wiederhervorgeholten Hippokrates auch in diesen Zeiten der Verrate, der Kriege, der Brandschatzungen nach fünfzehn Jahren unschätzbarer Arbeit und mit nicht geringem Aufwand aus seinem Vermögen vollendet herausbringen wollen. Nicht ununterbrochen habe er daran gearbeitet, aber nie habe er die Arbeit aufgegeben gehabt, nicht ohne eigenen Vorteil, und auch dank der Förderung durch hohe Fürsten, berühmte Städte. Er habe es erreicht durch wiederholte Lektüre des Hippokrates selber, durch Vergleich andernorts zitierter Stellen, nochmalige Lektüre des gesamten Werkes, griechisch und lateinisch, Galens, in der Absicht, dieses einst in eigener und nach dem griechischen Text verbesserten fremden Übersetzungen herauszugeben. Schliesslich habe er, neben andern Gründen, vieles aus der Lektüre der Aldina, noch mehr nach der Frobeniana, die er nach Kollation vieler Handschriften herausgegeben habe (1538 [GG 319]), in seiner Übersetzung geändert. Er habe dafür etwa fünf Jahre vorgesehen gehabt und sich nach dem Ziel Galens gerichtet, jeden Autor aus sich selber heraus zu erklären. Nach diesem Gesetz habe er alle dunklen Stellen, soweit möglich, durch Kollation mit andern erklärt, vieles geändert, verworfen, eingefügt, was sich weder in den Drucken noch in den Handschriften so gefunden habe, er aber wie Fährten einer richtigen Lesart aus ihnen aufgespürt habe. Für alles lege er Rechenschaft ab: die Dauer seiner Studien, die Fortschritte besonders der Medizin, deren bedeutendsten Autor er hier, besser als er griechisch vorliege, endlich für Lateiner herausgebe. Er wolle nicht Dank für sich dafür und könne ihn auch nicht unter seinen Schutz stellen. Ihrem Wohlwollen der Wissenschaft und den Wissenschaftlern gegenüber gebühre dieser Dank für das Werk, das nun nach über zweitausend Jahren endlich lateinisch erscheine. Worauf Cornarius zu einem Lobpreis der Stadt, ihrer patrizischen Familien, ihrer übrigen Bevölkerung und ihrer Kultur ausholt, schliesslich ihrer Bibliothek, in der sie auch zahlreiche Handschriften, viele bis dahin unbekannt, aus sämtlichen Fächern besässen, wie ihm ihr berühmter Arzt Geryon Seiler mitgeteilt habe, der ihm auch ihre Erlaubnis, sie zu benützen, versprochen habe. Dazu sei vor wenigen Jahren die Bekanntschaft mit Claudius Peutinger, dem Sohn Conrad Peutingers, gekommen, der ihn zu dieser Widmung veranlasst habe. Manche dürften einwenden, es sei besser, Hippokrates griechisch zu lesen und die griechische Ausgabe habe genügt. Die hätten die Gelegenheit dazu durch ihn, durch seine Ausgabe in der Officina Frobeniana, die in vielem gegenüber der Venezianer verbessert sei. Auch er sei immer für die Lektüre in der Originalsprache gewesen; doch was täten die, die Griechisch nicht verstünden? Wann werde die Zeit kommen, da alle Mediziner Hippokrates griechisch zu lesen und zu verstehen vermöchten? Und ohne ihn könne die Medizin nicht bestehen. Galen und alle andern Ärzte vor und nach ihm hätten ihre Lehre nach der Methode des Hippokrates ausgerichtet. Gewiss habe es bisher kein Jahrhundert gegeben, in dem in fast ganz Europa die Kenntnis beider Sprachen so in Blüte gestanden sei. Doch warum hindere das, dass man Hippokrates auch lateinisch lesen könne? Zumal auch der griechische anhand seiner Übersetzung verständlicher werde, der lateinische einen Kommentar des griechischen ersetzen könne? Es schienen ihm, wie schon gesagt, alle Künste und Fächer auf dem Höhepunkt und über einem Abgrund zu stehen; er hoffe, dass sie nicht stürzten und manche sogar durch ihre Schüler Fortschritte machten. Er habe, nach langer Abwesenheit von den Universitäten (a scholis) (seit seinen Studien in Wittenberg und einigen Vorlesungen in Basel) und dem Lehramt zu seinen Forschungen und seiner ärztlichen Praxis, die letzten drei Jahre an der Universität (Academia) Marburg Medizin gelehrt, keineswegs vor einem taubstummen Auditorium. Doch weit unter seiner Erwartung und mit geringerem Erfolg als die Grosszügigkeit Landgraf Philipps gegenüber ihm und den studoisi zu verlangen scheine. Die Gründe seien klar: die meisten scheuten die grosse Mühe der Studien, suchten in ihnen Vergnügen und Unerhaltung. Wenn man das Angenehme gelernt habe, habe man genug. Andere studierten das, was am schnellsten und mit geringstem Aufwand abgeschlossen sei. Die Medizin aber verlange eine geeignete Natur, Unterricht von klein auf, Kenntnis der Sprachen, der Literatur, der Philosophie, der Mathematik, der gesamten Natur; darüber hinaus viel Fleiss und Gewissenhaftigkeit, einen geeigneten Platz und viel Zeit. Schliesslich weist Cornarius noch darauf hin, dass er in seiner Übersetzung nicht versucht habe, ciceronianisch zu schreiben; nicht dass er diese neue Sekte, die in allem Cicero nachzuahmen trachte und für alle Fächer Ciceros Stil verlange, gänzlich ablehne; doch erstens gefalle es ihm nicht; dann sehe er darin eine lange und unnütze Arbeit, die an unpassendem Ort keinen Erfolg bringe; schliesslich eine Unterdrückung, die keine Freiheit der Sprache und der Gedanken bestehen lasse. Wann hörten die Menschen auf, Affen zu sein? Medizinisches hätte auch Cicero nicht ciceronianisch ausdrücken können. Hippokrates liebe es, auch in den andern Sprachen in seinem Stil gelesen zu werden. Zuletzt führt Cornarius noch die Schriften auf, die hier vervollständigt oder überhaupt zum erstenmal erschienen, über die griechische Ausgabe hinaus.
1554 haben Froben und Episcopius diese Übersetzung des Cornarius nochmals gedruckt, nun in zwei handlicheren und vor allem kostengünstigeren Oktavbändchen. Cornarius hat dazu, wie wir seiner Widmung von Zwickau, 13. August 1553, an Rat und Volk seiner Vaterstadt entnehmen können, seine Übersetzung nochmals mit seinen Notizen aus den drei griechischen Handschriften, die er für die Übersetung von 1456 verwendet habe, verglichen und Verbesserungen angebracht (L e IV 15/16).
Das Basler Exemplar L e I 7 aus älterem Besitz der Bibliothek hat am 1. April 1664 der Siebenbürger Sachse Joannes Tröster aus Sibiu, studiosus der Theologie und der Philosophia medica, in Nürnberg erworben; zuvor aber hatte es, wie sein Eintrag im vorderen Deckel zeigt, unter dem leicht abgewandelten Homerzitat, dass ein Arzt viele andere aufwiege, und einem Zitat des Jesus Siracides, dass man die Ärzte ehren müsse, da Gott sie geschaffen habe, Philipp Melanchthon seinem Strassburger Freund und Arzt Johann Berchthold Heipel beschenkt (zahlreiche Einträge von der Hand Trösters).