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Flüchtlingsorganisationen und Politiker fordern die Aufnahme von 100‘000 syrischen Flüchtlingen in der Schweiz. Es ist eine bewusst hoch gehaltene Zahl und soll gemäss Exponenten der Forderung primär die Diskussion um die verstärkte Aufnahme von syrischen Flüchtlingen in Gang bringen.
Dieses Ziel wurde erreicht. Von rechts bis links debattieren Politiker über mögliche Formen der Unterstützung. 100'000 Menschen aus den Flüchtlingslagern rund um das syrische Kriegsgebiet in die Schweiz zu holen, scheint aber unrealistisch: Bei den gegenwärtigen Strukturen von Bund, Kantonen und Gemeinden sei ein solches Unterfangen schlichtweg unmöglich, sagt Marcel Suter, Präsident der Vereinigung der Kantonalen Migrationsbehörden (VKM).
Tatsächlich hat die Schweiz aber schon einmal innert kurzer Zeit Zehntausenden von Kriegsflüchtlingen Schutz geboten. Zwischen 1998 und 1999 fanden 53'000 Flüchtlinge aus dem Kosovo-Krieg hierzulande Zuflucht. Innerhalb von nur 18 Monaten wurden damals mehr Zivilpersonen vorübergehend aufgenommen, als während den sechs Jahren des zweiten Weltkriegs.
Jean-Daniel Gerber war zur Zeit des Kosovo-Kriegs Direktor des Bundesamts für Flüchtlinge, das heutige Bundesamt für Migration. Im Interview erklärt er, wie die Unterbringung von Zehntausenden von Flüchtlingen möglich war.
SRF: Warum flüchteten so viele Menschen aus dem Kosovo in die Schweiz?
Jean-Daniel Gerber: Die Schweiz war auch deshalb ein beliebtes Fluchtziel, weil bereits vor dem Krieg ungefähr 200‘000 Kosovo-Albaner hier lebten. Die Flüchtlinge wurden teilweise bei der Einreise in die Schweiz von Verwandten und Bekannten in Empfang genommen. Geflohen sind sie über den Landweg. Schlepper gab es damals keine – im Gegensatz zur heutigen Situation im Mittelmeerraum.
Welchen Status erhielten die Aufgenommenen?
Der Bundesrat hat eine vorläufige Aufnahme aller Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo beschlossen, weil eine Einzelprüfung aufgrund der hohen Zahl an Menschen nicht möglich war. Nach Ende des Kosovo-Kriegs wurde der Status als vorläufig Aufgenommene wieder aufgehoben. Von 49‘000 wissen wir, dass sie in den Kosovo zurückgekehrt sind. Das wurde damals durch die sogenannte Rückkehrhilfe forciert. Die Verbleibenden durchliefen ein ordentliches Asylverfahren.
Wie wurde die Unterbringung und Betreuung der Kosovo-Flüchtlinge organisiert? Welche Unterkünfte wurden genutzt?
Zuerst versuchte man den Ansturm an Flüchtlingen mit privaten Organisationen und Hilfswerken zu meistern. Als das nicht ausreichte, hat man zusätzlich militärische, zivile und private Unterkünfte genutzt: Zivilschutzanlagen, Schulen und sogar einige Hotels. Die Flüchtlinge wurden nach einem Verteilschlüssel auf die Kantone aufgeteilt. Für die Betreuung wurden WK-Truppen aufgeboten, die mehrere Wochen im Einsatz waren.
Im Gegensatz zur heutigen Forderung, 100‘000 syrische Flüchtlinge in die Schweiz zu holen, standen damals die Menschen vor der Schweizer Grenze.
Wie wurde das in der Bevölkerung aufgenommen?
Man hat gesehen, dass es Kriegsflüchtlinge und keine Wirtschaftsflüchtlinge sind. Darum war die Hilfsbereitschaft hoch. Im Gegensatz zur heutigen Forderung, 100‘000 syrische Flüchtlinge in die Schweiz zu holen, standen damals die Menschen vor der Schweizer Grenze. Die Bevölkerung war daher direkter vom Unglück der Flüchtlinge betroffen.
Hatten Sie selber Kontakt zu den Kosovo-Flüchtlingen?
Ja, ich habe Kontakt zu Flüchtlingen aus dem Kosovo, sowohl zu solchen, die hier integriert sind, wie auch zu solchen, die zurückgegangen sind. Ich habe das Land auch mehrmals besucht. Gerade Ende letztes Jahr hat mich noch eine Person aus dieser Zeit kontaktiert.
Jean-Daniel Gerber
Jean-Daniel Gerber (* 29. August 1946) war von 1997 bis 2004 Direktor des Bundesamts für Flüchtlinge, das heutige Bundesamt für Migration. Danach war Gerber bis 2011 Leiter des Staatssekretariates für Wirtschaft SECO. Gegenwärtig übt der Ökonom verschiedene Mandate in gemeinnützigen Gesellschaften und in Verwaltungsräten aus