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Vom zentralasiatischen Hochgebirge zwischen Vorderindien und Ost-Turkestan. Dritte Karakorum-Expedition Visser
Dritte Karakorum-Expedition Visser 1 ). Von Rudolf Wyss.
Geographisches.
Nahe am Südrand des europäisch-asiatischen Kontinentes erstreckt sich eine ununterbrochene Zone junger Kettengebirge. Sie reicht von der Rhone in Südfrankreich 12,000 km weit nach Ost-Südosten bis an den Brahmaputra im östlichen Vorderindien. Zu ihr gehört, wie Alpen und Kaukasus, das Hochgebirge zwischen Vorderindien und Ost-Turkestan.
Nord- und Südrand der gesamten Zone werden durch je einen mächtigen Gebirgsstamm aufgebaut. Alpen, Kaukasus und Kuenlun sind Glieder des nördlichen, Dinariden, Iraniden und Himalaya Teile des südlichen Stammes. Dazwischen liegt eine wechselvoll gebaute Mittelzone. Bald ist diese auf engsten Raum zusammengeschoben, und die Gebirge sind übereinander getürmt, wie im Gebiet der Alpen, bald streben die Randgebirge in weitem Bogen auseinander und umschliessen breitgedehnte Niederungen, wie die Tiefebene Ungarns, oder emporgepresste Hochländer, wie diejenigen von Kleinasien, Iran und Tibet.
Nirgendwo sind die Gebirge mit grösserer Wucht zusammengerafft und hochgetürmt als zwischen Nordwest-Vorderindien und Ost-Turkestan. Denn während weiter ostwärts Kuenlun und Himalaya um das Hochland von Tibet nordost- und südostwärts mehr als 1200 km auseinanderstreben, scharen sich hier die mächtigsten Gebirgszüge der Welt, Himalaya, Karakorum und Kuenlun, um das höchstgelegene Hochland der Erde, das Karatagh-Hoch-land. So liegen die Karawanenpässe, welche das Gebirge queren, mehr als 4000 und 5000 m hoch. Schier endlos weite Gipfelfluren weiten sich auf 7000 m Höhe, einzelne Gruppen recken sich bis zu 8000 m auf, und der Rivale des Mount Everest, der K 2, erhebt sein eisbehelmtes Haupt mehr denn 8600 m empor.
Die ungeheuer langen Längstalzüge des Indus, des Shyok, des Karakasch und des Jarkand Darya gliedern den ganzen Gebirgskomplex und begrenzen die einzelnen Teile. Der Himalaya füllt den Raum zwischen dem indischen Tafelland und dem an 800 km langen Tal des Indus von dessen Quelle bis zum Knie ostwärts von Gilgit.
Das Karakorumgebirge liegt zwischen Industal und oberem Shyoktal. Es streicht nach Westen gegen den Hindukusch und nach Südosten zum Transhimalaya.
x ) Vgl. Visser, Ph. C: Von unsrer Karakorum-Expedition im Jahre 1929. In « Die Alpen », 1930, S. 201—209.
VII22 Das Karatagh-Hochland, der Name ist nicht offiziell, bricht gegen Süden in jähen Wänden ab zum Shyoktal. Im Norden wird es begrenzt vom obern Karakasch.
Das Kuenlungebirge schliesst an die gleiche Grenze nordwärts an und legt seinen Nordrand auf das Becken von Ost-Turkestan.
Der Himalaya, 1200 km weiter ostwärts herrschend im Mount Everest, im Chandchendzönga und ähnlichen Riesen, sinkt gegen Westen hin allmählich ab und taucht in der Gegend des südwärtsziehenden Indus unter den Karakorum ein. Doch erreichen auch in dieser Gegend einige Himalayagipfel Höhen von ungefähr 7000 m, und der Karawanenweg von Srinagar nach Leh führt über Pässe von nahebei 4000 m.
Drei markante, nebeneinander nach Südost strebende Längsketten bestimmen die Gliederung des westlichen Himalayas: Eine südliche, die Pir Panjal, welche die Hügelzone und das Vorgebirge umfasst, eine mittlere, die Great Himalaya Range, mächtig in die Höhe und Breite entwickelt, und eine nördliche, die Zaskar Range, welche längs des Indus zieht.
Die Hügelzone steigt unvermittelt aus dem Flachland empor und trägt als festgefügtes, geschlossenes Postament die nach Süden drängende Wucht des Gebirges, denn die Hügel bilden hier keine lockere Flur, die sich lose um den Bergfuss breitet, wie das Hügelland der Schweiz. Sie sind im Gegenteil mit dem auf ihnen lastenden Gebirge so fest verschweisst, dass eine eindeutige Trennung kaum möglich ist. Drews scheidet als Geograph ein 30 km breites Hügelgebiet mit Höhen bis zu 2000 m aus. Lyddeker legt als Geologe die Grenze weiter im Norden, so dass nach ihm die ganze Hügelzone an 70 km Breite misst und Gipfel bis zu 3000 m trägt. Buschwerk und Laubholz, in den höheren Lagen prachtvolle Nadelholzwälder, Wiesen, Äckerlein und kleine Siedlungen, welche nicht wenig an solche im Wallis erinnern, da und dort auch komfortable Sommersitze begüterter Flachländer beleben die Landschaft.
Die Pir Panjal lugt weiter über das Hügelgebiet nach Süden, in die indische Ebene hinaus und erweckt mit ihrer gegen 5000 m hohen Zackenreihe den Eindruck des alles beherrschenden Hochgebirges. Weniger eindrucksvoll entsteigt ihr Nordabhang der hochgelegenen, fruchtbaren Mulde von Kashmir. Aus einer weiten, seengeschmückten Aufschüttungsebene trägt hier der reich bewaldete Bergfuss nur massig steil empor, und nahe zur höchsten Gratlinie hinauf bleiben die weichen Formen nicht allzu steilgestellter kristalliner Schieferhänge erhalten. In gewaltigen, tiefeingeschnittenen Quertälern durchbrechen Jhelam-, Chenab- und Raviriver das Vorgebirge und die Hügelzone. Den engen Durchpass des Jhelam benutzt eine 300 km lange Autostrasse zum Aufstieg aus dem Flachland ins Gebirge. Sie steigt von Rawalpindi nach Srinagar, dem Hauptort von Kashmir. Hier fangen die Karawanenwege an, die über Gilgit oder Leh ins Karakorumgebirge und nach Ost-Turkestan hinüberführen.
Die Great Himalaya Range setzt ihren Südfuss in die Mulde von Kashmir. Sie trägt den neuen Namen, auf alten Karten heisst sie Zaskar Range, mit Recht; denn ebenso nach Mächtigkeit wie Höhe ist sie die grosse Himalaya- kette. Etliche Gipfel reichen auf 7000 m empor, viele messen mehr als 6000 m. Bei ungefähr 5000 m mag ihre Firngrenze liegen. Die Gletscher steigen in den weitverzweigten und abgelegenen Talhintergründen bis nahe zu 4000 m herab, erreichen jedoch keinewegs das Riesenmass der Kara-korumgletscher. Die Entwässerung nach Süden erfolgt durch die tiefeingeschnittenen Talnetze des Jhelam-, des Ravi- und des Chenabrivers. Sommerregen und Winterschnee sind sehr ergiebig, das Klima ähnelt dem der Schweizeralpen, die Pflanzenwelt und kleine Siedelungen sind entsprechend ausgebreitet. Nach Norden werden die Wasser in den Indus abgeleitet. Doch ist der Nordabhang an Niederschlägen und an Wasserführung ärmer. Bereits setzt hier trockenes Klima ein. Der Pflanzenwuchs wird spärlicher, Waldungen fehlen, die Weidegebiete sind beschränkt, und Wiesen und Äckerlein verlangen künstliche Bewässerung.
Die Zaskar Range, die Kanri Range der alten Karten, erreicht ihre schönste Ausbildung wohl in der Gegend von Leh. Sie steigt hier machtvoll ruhig aus dem breiten Industal von ungefähr 3300 m bis zu 6000 m empor. Firn und Gletscherbedeckung sind freilich gering. Vegetation und Besiedelung sind spärlich, die Dörflein an die Wasserläufe, vor allem in die Nähe des Indus gebaut. Leh ist weitherum der grösste Ort. Es liegt auf 3400 m über Meer, der richtige Startplatz und Zufluchtsort hoffnungsvoller oder vom Gebirge jämmerlich zerschlagener Handelskarawanen und Forscher. Hier ist Gelegenheit, Getreide einzuhandeln, Karawanentiere zu mieten, aus benachbarten Dörfern — benachbart ist dort auch, wer zwanzig Stunden entfernt in einem gottverlassenen Krachen wohnt — sich Träger anzuwerben. Zudem ist Leh durch Telegraph und gutbediente Post mit der Aussenwelt verbunden. Im Sommer herrscht in seinen Gassen und Bazars lebhafter Handel und Karawanenbetrieb, und die Zahl der europäischen, vor allem europäisch-indischen Besucher nimmt zu. Gewiss werden auch die Karakorumbesteiger dort künftig öfters zu treffen sein. Denn neben Skardu, das 250 km weiter indusabwärts liegt, und neben Gilgit, das weitere 140 km nordwestwärts den Zugang in den westlichen Karakorum ermöglicht, ist Leh der beste Ausgangspunkt nach diesem grossen Gebirge der Zukunft.
Das Karakorumgebirge übertrifft den westlichen Himalaya bei weitem an Formenwucht, an Höhe der Gipfelflur und überragenden Berggestalten. Berge und Täler, Gletscher und Firn, Geröllhänge und Talschotterboden, die Gewalt der Lawinen und der ungebändigten Wildwasser, alles ist ins Riesenhafte gesteigert: So K 2 mit seinem gewaltigen Gipfelharst, der Hunderte und Hunderte stolzer Recken zählt, so der Siachengletscher im Shyok-, der Hispargletscher im Hunzagebiet. Man nehme für diese als Mass den Rhonegletscher bis Sitten, den Aaregletscher bis halbwegs zwischen Thun und Bern verlängert und all ihre Nebengletscher dazu. Und dennoch fügen sich die Karakorum-gletscher im gleichen Verhältnis ins Gebirge ein wie unsere Schweizergletscher in die Alpen. Das gleiche gilt von ihren ungeheuren Schmelzwassermassen, welche den riesigen Winkelzügen der tief- und breitgeschnittenen Täler zum Indus folgen. Masslose absolute Grosse aller Teile und herrlich abgestimmtes Ebenmass des Ganzen bestimmen den Charakter des Karakorumgebirges.
Seine Umgrenzung steht heute noch nicht völlig fest. Nach Osten setzt sich zweifellos der Karakorum in das Hedingebirge fort. Nach Westen streicht er voraussichtlich südwärts am Hindukusch vorbei nach Ost-Afghanistan hinein. Nach dieser Auffassung umschliesst das Karakorumgebirge den mehr als 2000 km langen Höhenzug nordwärts des Himalaya von Lhassa weg bis nahe gegen Kabul. Doch ist es eher angezeigt, hierfür den Namen Transhimalaya anzuwenden und den heutigen Transhimalaya als Hedingebirge weiterzubenennen. Der Name Karakorumgebirge bleibt am besten auf die Hochgebirge im Shyok-Hunza-Gebiet beschränkt. So aufgefasst, ergibt sich eine topographisch gut geschlossene Einheit mit folgender Begrenzung:
Im Süden: Der Indus von etwas östlich Leh bis zu seinem Knie östlich Gilgit ca. 300 km. Der Gilgitriver vom Indus über Gilgit hinaus ca. 120 km.
Im Norden: Das obere Shyoktal, das Shaksgamtal, das Chujerab und das Chapursantal, eine mehr als 500 km lange Folge Südost- und nordwest-gerichteter Täler, welche bald durch Firn und Gletscherjoche, bald durch weite, apere Sättel miteinander verbunden sind.
Im Osten: Das südwärtsgerichtete Durchbruchstal des Shyokrivers und der Chang-La östlich Leh.
Im Westen: Der Ashkuman-Karambar-River.
Die grösste Breite liegt im Westen und misst ungefähr 150 km. Die höchsten Erhebungen stehen nahe an der Nordgrenzenmitte. Sie scharen sich hier um den K 2, welcher mit 8610 m aus einer wuchtigen Phalanx bis über 8000 m hoher Vasallen emporragt. Die Gipfelflur sinkt nach Südosten ins Shyokgebiet, nach Südwest ins Hunzagebiet auf ungefähr 7000 m. Die Entwässerung erfolgt darum weitaus zum grössten Teil in diesen beiden Richtungen und nach Süden zum Indus. Dies geschieht vorwiegend in gewaltigen, meist ebensohligen Längstalzügen, die fast immer nach kurzen Querdurchbrüchen ihre Richtung um nahezu 180° verändern. Soweit meine Beobachtungen im Nubra-Shyok-Gebiet reichen, sind wohl die Hauptlängstäler, Ausnahmen vorbehalten, mehrheitlich an geologisch-tektonische Mulden, ihre Querdurch-brüche an Depressionen der Gebirgslängsachsen gebunden. Mit dieser Durchtalung wird das ganze Gebirge in drei südost-nordwestlaufende Längsketten, die Ladakkette, die Kailaskette und die Muztaghkette, zerlegt.
Die Ladakkette ist die südlichste Kette des Karakorumgebirges. Sie erhebt sich zwischen dem Indus- und unteren Shyoktal und zeigt den Charakter des Karakorumgebirges nur ungenügend. Aus ihren kahlen, wildverwitterten, doch wenig eindrucksvollen Granithängen und aus der eintönig gleichschwebenden Kammlinie heben sich keine markanten Gipfel heraus. Die Durchtalung ist gering, die Pflanzendecke fehlt beinahe ganz. Firnflecke und Gletscherchen sind an Zahl und Ausmass nur spärlich, trotz der grossen Masse Winterschnees, welche bis gegen Mitte Juli die wenigen Passübergänge nach Norden in das Shyoktal sperren. Turistisch ist hier nicht viel zu suchen. Den Geologen fesselt der Kontakt zwischen Industertiär und paläozoischen Graniten am südlichen Bergfuss. Für den Meteorologen ist zweifellos das Studium der Klimaverhältnisse interessant. Zurzeit ist Bischof Peter, der tüchtige Schweizer- missionar in Leh, mit den nötigen Beobachtungen betraut.
Ein vielbegangener Karawanenweg überschreitet die Ladakkette auf dem Chardungpass nach dem Shyoktal und führt in dessen nordwestliches Seitental, das Nubratal. Beide Täler sind bei geringem Wasserstand, das heisst bis Anfang Juli und nach Mitte September, leicht zu begehen und erschliessen den Zugang ins östliche Karakorumgebirge. Das Shyoktal führt auf die Nordseite der Muztaghkette, das Nubratal leitet zwischen Muztagh-und Kailaskette nahezu 150 km weit hinein.
Die Kailaskette steigt aus dem spitzen Shyok-Nubra-Winkel als mächtiger Felssporn auf und wächst nach Nordwesten hin zwischen den beiden Flüssen in jäher Steigerung zu einer wuchtigen, formreichen und schönen Gebirgskette auf. Sie misst bis über Gilgit hinaus mehr als 300 km und erreicht an 50 km Breite. Die Gipfelflur steigt gegen 8000 m hoch, gewaltige Firne und Gletscher sind bis auf 4000 m herunter in die Hochtäler eingebettet, Talgletscher, wie der Siachen, der Baltoro und der Hispar, erreichen bis zu 70 km Länge und reichen bis unter 4000 m herab. Unzählig sind die unbenannten, geschweige denn bestiegenen grossen Gipfel. Legion die kühnsten Granitnadeln, die steil in den tiefblauen Himmel stechen. Um so viel reicher dürften hier die turistischen Siege sein, wenn einmal die Angriffslust auf dieses verhältnismässig leicht zugängliche Kampfziel gerichtet wird.
Die Muztaghkette übertrifft alle andern Ketten an Ausdehnung und Gipfelhöhe. Sie misst vom Shyokknie bis westlich des Hunzarivers 500 km. In jähem Aufschwung pfeilt ihr östlichster Gipfel nahe am Shyok zu 6400 m hinauf, dann steigt der Kamm rasch auf 7000 m, wird östlich des Sasirpasses von einer kleinen Gipfelgruppe auf über 7500 m gehoben und bleibt bis nahe zum K 2 in dieser Höhe. Hier erfolgt die letzte Steigerung über 8000 m. Sie geht im K 2 auf 8610 m und sinkt im Hunzagebiet nur wenig unter 7200 m. Dort scheint auch das Gebirge seine ungebändigte Wucht am meisten zu entfalten, während es im Shyok-Nubra-Gebiet durch beherrschte Grosse und ausgeglichene Schönheit wirkt.
Ein einziger Karawanenweg übersteigt die östliche Muztaghkette. Er führt von Panamik im Nubratal über den Sasirpass, 5364 m, ins obere Shyoktal. Ein zweiter Weg quert den westlichen Muztagh im tiefen Einschnitt des Hunzatales. Dazwischen spannt sich der unübersteigbare Riesenwall des Eisgebirges. Turistische Querungen sind freilich bereits gelungen, und auf wochenlangen Umgehungsmärschen wurde von Ost und Westen her die Nordfront des Muztagh abgetastet. Diese ist im Bereich des oberen Shyoktales durch tiefe Quertäler prachtvoll gegliedert und zugänglich gemacht. Wie überall in dem von uns besuchten östlichen Karakorum, münden auch hier die Seitentäler fast ebensohlig in das Haupttal ein. Die Wasser und Schuttführung ist zu Zeiten ungeheuerlich; es kann kein Zweifel bestehen, dass Flusserosion und nicht die träge Tätigkeit der Riesengletscher die Talbildung beherrscht. Erstere muss übrigens in geologisch jüngster Zeit durch gewaltige Geröllaufschüttungen mehrmals stark hintangehalten worden sein. Dazwischen traten wieder Perioden reger Neubelebung ein. Ob daraus eine relative Tieferlegung der Erosionsbasis infolge junger Hebung des Gesamt-gebirges kann gefolgert werden, bleibe hier dahingestellt. Ausgeschlossen scheinen Lokalhebungen in engbeschränktem Kreis mit Einwirkung auf einzelne Gipfelhöhen. Diese stehen vielmehr im engsten Zusammenhang mit dem geologischen Axialgefälle, dessen wechselvolles, doch nach bestimmten Gesetzen geregeltes Spiel das ganze Gebirge umfasst.
Muztagh bedeutet Eisgebirge. Herrlich leuchten und funkeln seine strahlenden Firnfelder und Eishänge. Die majestätische Schönheit seiner Gletscher ist unbeschreiblich, ihre Wunder ohne Zahl und die Gipfelpracht und Grosse ohne Vergleich.
Das Karatagh-Hochland. So nenne ich hier das pflanzenleere und wasserarme Gebirgswüstenland zwischen Karakorumgebirge und westlichem Kuenlun. Auf alten Karten heisst es Karakorum-Mountains. Doch wurde dieser Name im Verlauf der Jahre auf das heutige Karakorumgebirge übertragen, und der frühere Inhaber blieb seither ohne offiziellen Namen. Der hier gebrauchte ist auch nur aushilfsweise und bis auf weiteres eingeführt. Er ersetzt die von mir an andern Orten 1 ) verwendete Bezeichnung Aghil-Depsang-Zone und lehnt sich an den Sprachgebrauch der eingeborenen Karawanenleute. Das Hochland trägt auf seiner ganzen Breite, die im Gebiet des Karakorumpasses ungefähr 100 km misst, eine mehr oder weniger dichte Schar dem Faltenjura ähnliche, nordwest-südostverlaufende Höhenzüge. Sie bestehen da und dort aus rötlichem Sandstein und Nagelfluh, weitaus vorwiegend aber aus dunklen Kalken und Schiefern. Darum heissen diese düster-schwarzgrauen Berge bei den Eingebornen Karatagh = schwarzer Berg, und das ganze Gebiet ist ein Hochland schwarzer Berge, ein Karatagh-Hochland. Es bildet die westliche Fortsetzung des Hochlandes von Tibet und streicht nach Westen in die Pamir weiter. In gewaltigen Fluhsätzen und Felsbändern erhebt sich seine südliche Randkette längs des obern Shyok- und des Changchenmotales. Doch führen zwei tiefe, schluchtartige Quertalschnitte vom Nordfuss des Sasirpasses aus dem Shyoktal hinauf in das weite Hochplateau der Depsang Plains am Südfuss des Karakorumpasses. Dieser quert die höchste Kette in einer 5568 m hohen Einsattelung. Doch dürfte die Gipfelflur auf etwas zu 6000 m liegen, und einzelne Erhebungen gehen über 6400 m, die höchsten zwei auf 6500 m hinauf. Nie geht die Höhe unter 5000 m. Die Durchtalung ist gering und fast allein auf die geologischen Mulden beschränkt Einzig der Chipchapriver hat ein grosses Einzugsgebiet aus weitverzweigten, doch nur wenig tiefen Längs- und Quertälern und bildet den längsten Quellfluss des Shyok. Die Hauptentwässerung erfolgt nach Norden durch das ebenfalls weitgebreitete Netz des Karakasch, des Jarkand Darja und ihrer Nebenflüsse. Die Wasserführung ist aber nur im Frühling während der Schneeschmelze beträchtlich und in der übrigen Jahreszeit gering. Doch ist das Karatagh-Hochland kein völliges Trockengebiet. Der Schneefall im Winter und Vorfrühling reicht aus, um auch hier die Karawanenwege bis anfangs Juni zu sperren, und schon im September fallen starke Schneestürme ein. Die Gletscher und kleinen Hochfirne sind weit zahlreicher, als dies die altern Schilderungen erwarten liessen.
Doch wird ihr spärliches Schmelzwasser meist von den ausgedehnten, nur wenig steilen Schutthängen oder in weiten beckenartigen Mulden geschluckt. In zahlreichen, meist abflusslosen Salzseelein tritt es wieder zutage. Zudem ist die Verdunstung sehr gross. So herrscht da oben Trockenheit und Trink-wassermangel trotz zeitweise ergiebigen Niederschlägen und trotz verhältnismässig überraschend grosser Firn- und Gletscherbildung. Bergsteigerisch ist in den Karatagh nicht viel mehr zu holen als im Jura, im Hügel- und Voralpenland, deren morphologisches Ebenbild sie in mancherlei Hinsicht darstellen. Um so zahlreicher und mannigfaltiger sind die Erscheinungen, welche hier die Forscher verschiedener Richtung, Geographen, Geologen, Botaniker, Meteorologen, Physiologen und andere, zu fesseln vermögen. In keine Worte lässt sich der Stimmungsgehalt dieses weit- und menschenfernen Hochlandes fassen, das zwischen den höchsten Gebirgen der Erde liegt.
Über den harmlosen, wenn auch 5400 m hohen Sugetpass queren die Karawanen die nördlichste Kette der Karatagh, die Sugetkette, gen Norden und steigen hinunter ins Karakaschtal nach Suget Karaul. Mit einem Schlag verändert sich dort das Landschaftsbild. Man wähnt sich zurückversetzt ins Nubra- oder Shyoktal. Denn neuerdings entsteigen dem breiten, ebenen Schotterboden des tiefen Tales die Riesenwände und Gipfel eines titanenhaften Granitgebirges.
Das Kuenlungebirge übertrifft Karakorum und Himalaya an Länge und wetteifert mit ihnen an Höhe und Mächtigkeit. Es streicht aus dem fernen Ostchina beinahe 3000 km weit nach Westen bis in die Gegend des Karakasch. Hier beginnt der westliche Kuenlun. Er umfasst in wuchtigem, 600 km langem, nordostwärts offenem Bogen, dem Jarkandbogen, das weite Becken Ost-Turkestans und scheidet es vom Karatagh-Hochland und den Pamir. Doch wird der riesige Gebirgswall vom Jarkand Darya und Karakasch durchbrochen. Dem Jarkand Darya gelingt der Durchbruch nach einem weiten, nordwestwärts führenden Bogen südwestlich von Jarkand. Der Karakasch macht einen scharfen Winkelzug. Sein Oberlauf ist nach Nordwest, der Mittellauf nach Ost-Nordost gerichtet. Der letztere besteht im untern Teil aus einer mehr als hundert km langen, schief zum Gebirge gelegten Schlucht, durch welche der Fluss unweit der Handelsstadt Chotan die Taklamakanwüste erreicht. Die Abhängigkeit der Talrichtungen vom geologischen Bau des Gebirges ist auch bei diesen Tälern zu erkennen. Die Gliederung des westlichen Kuenlun scheint so zu sein: Den Nordwestflügel des Jarkandbogens baut eine grosse Hauptkette auf, die Kaschgarkelle. Sie streicht vom Kizil südwestwärts von Kaschgar über den mehr als 7500 m hohen Gipfelstock der Kungur-Muztagh-Ata-Gruppe südwärts zum Jarkand Darya- Querdurch-bruch. Von hier an zieht sie längs dem Jarkand Darya erst südostwärts, dann ostwärts weiter und bildet das Bogenmittelstück. Beim Karakaschknie fängt der zweigeteilte Südostflügel an. Seine südliche Kette liegt zwischen Karakaschober- und -mittellauf, die nördliche, die Sanjukette, nordwärts davon.
Dem Kaschgargebirge gleichlaufend und westlich vorgelagert erhebt sich ein niedrigerer Höhenzug, das Sarikolgebirge. Ich halte dafür, dass dieses nach Südosten in die Sugetkette, d.h. in den Nordrand des Karatagh-Hoch- landes, doch nicht ins Karakorumgebirge streiche und dass also die Kara-korum-Muztagh-Kette nicht mit dem Sarikolgebirge und noch viel weniger mit der Muztagh Ata des Kaschgargebirges zusammenhänge.
Als Randgebirge dacht der Kuenlun von 7000 m über eine breite Vor-gebirgs- und Hügelzone auf 1500 m ab ins Becken von Ost-Turkestan. Dorthin entsendet er durch tiefgeschnittene, reife, im Mündungsgebiet schon überreife Täler die Wasser seiner Gletscher. Doch ist die Wasserführung nicht sehr gross; dem hier trockenen Klima angemessen ist Firn- und Gletscherbildung recht beschränkt. Die Riesengletscher fehlen völlig. Nur in den hochgelegenen Karen und verzweigten Hängetälchen der Kaschgar-Sanju-Kette sind ausgedehnte Firn- und Gletscherbecken anzutreffen. Ihre untere Grenze liegt auf ungefähr 5500 m. Sie trifft zusammen mit den höchsten, furchtbar magern Weideplätzen, die von den findigen Jaks gesucht und gierig abgeweidet werden. Der Pflanzenwuchs ist sehr gering. Darum und auch der langen, schrecklich rauhen Winter wegen sind Dauersiedelungen im Gebirge ausgeschlossen. Doch schlagen die Kirgisen im Sommer selbst auf den entlegensten Rasenflecklein ihre Hirtenlager auf. Mit herzlicher Gastfreundschaft gewähren sie in ihren säubern Jurten den müden Wandersieuten Schutz und Rast. Wohl mögen sie es auch gewesen sein, die vor Jahrhunderten die Wege Schritt um Schritt entdeckten, auf denen jetzt die Karawanenzüge das Hochgebirge zwischen Nordwest-Vorderindien und Ost-Turkestan überschreiten.
Allein mit andern Zeiten kommen andere Menschen. Dem Hirten folgten Handelsmann und Krieger. Bergsteiger und Forscher setzen heute ihre besten Kräfte ein, um hier den Drang nach Sieg und Wahrheit zu befriedigen.
Geologisches.
Das zentralasiatische Hochgebirge zwischen Vorderindien und chinesisch Ost-Turkestan ist ein geologisch junges Kettengebirge mit vorwiegend alten Bauelementen. Wie die Alpen, der Kaukasus und andere Kettengebirge, ist es im Verlaufe des Mesozoikums und des Tertiärs aus einem frühern Weltmeer, der Tethys, emporgestiegen.
Dies geschah, indem der Meerestrog zwischen den ihn nord- und südwärts einschliessenden Kontinenten, Indoafrika und Eurasien, allmählich mehr und mehr eingeengt wurde. Sein sedimentärer Inhalt und, zum Teil, auch der kristalline Untergrund wurden dabei in die Höhe und zum Gebirge gehoben, die Ränder gebirgsauswärts auf die alten Kontinente zurückgelegt. Die Sedimente lieferten das Material zu den heutigen Kalkgebirgen und sedimentären Decken, der kristalline Untergrund bildete das kristalline Grundgebirge aus Graniten, Gneisen und kristallinen Schiefern.
Den Hauptteil des ganzen, von uns begangenen zentralasiatischen Gebirgskomplexes bestreitet das kristalline Grundgebirge. Weniger gross ist der Anteil der sedimentären Ablagerungen.
Das Himalayagebirge besteht im wesentlichen aus den beiden kristallinen Ketten der Pir Panjal und Great Himalaya Range. An sie schliesst die dem Indus folgende, aus Paläozoikum bis Tertiär gebaute Zaskar Range.
VII23 Der Himalayasüdrand, das Hügelgebiet, wird aus einer ungefähr 70 km breiten Zone tertiärer Gesteine, Schiefer, Sandsteine und Konglomerate und nur selten anstehenden mesozoischen und karbonischen Ablagerungen gebildet.
Vereinzelte Reste vom Mesozoikum ( Gesteine der Trias, des Jura, meist Kalksteine und Schiefer und dergleichen ) finden sich östlich und südöstlich von Srinagar. Eine zusammenhängende Decke dieser Bildungen lagert in zirka 40 km Breite und 180 km Länge auf der Zaskarkette. Sie bildet unter anderem die prachtvoll gestuften Kalkwände der imposanten Gipfel südlich Mulbekn, Karbu, Lamayuru. Tertiär aus kohligen und mergeligen Schiefern, Kalken, Sandsteinen und Konglomeraten bildet von Kargil an, südlich Leh vorbei, 200 km weit den Südhang des Industales.
Das Karakorumgebirge in seiner heutigen Umschreibung ist wie folgt gebaut: Die Ladakkette besteht fast ausschliesslich aus Granit. Die Schieferhülle ist bis auf wenige Reste, die auf der Nordseite liegen, abgetragen.
Die Kailaskette wird im wesentlichen aus Granit gebildet, welcher mechanisch mit eingeklemmten Resten der Schieferhülle verschuppt ist.
Die Muztaghkette ist ähnlich wie die Kailaskette gebaut. Doch bilden ihren Nordrand längs des obern Shyoktales paläozoische Sedimente. Solche wurden von Wyss auch auf verschiedenen Gipfeln bei 6000-6300 m mit zahlreichen Petrefakten gefunden. Die Sedimente waren durchwegs mit dem Kristallin in schmalen Zonen verschuppt.
Das Karatagh-Hochland, welches die westliche Verlängerung des Hochlandes von Tibet darstellt, zeigt den Charakter eines ehemals weitgedehnten, heute zwischen Karakorum und Kuenlun eingeengten Meeresbeckens. Gegen Westen, wo diese beiden Gebirge nah aneinandergeschoben sind, erheben sich enggescharte Faltenzüge paläozoischen bis jurassischen Gesteins bis 6500 m empor. Nach Osten verebben diese Falten in gleichem Masse, wie Karakorum und Kuenlun auseinanderstreichen. Einzelne kristalline Anti-klinalkerne sind als schuppenförmige, vielleicht auch abgeschürfte Teile des vorkarbonischen, kristallinen Untergrundes zu betrachten. Junge Ergussgesteine wurden von uns in diesem Gebiete nicht getroffen. Reich war dagegen der Gehalt an Fossilien.
Das nördliche Randgebiet des Karatagh-Hochlandes ( Kawakpass, Sugetpass etc. ) enthält vorwiegend Kristallin und gehört geologisch zum Kuenlun.
Das Kuenlungebirge besteht vom obern Karakaschtal an bis nordwärts des Sanjupasses bei Tom Karaul aus einer Folge mächtiger Granitzonen mit eingeklemmten Streifen von kristallinen Schiefern. Bei Tom Karaul liegt eine eingeklemmte Mulde von Konglomeraten zwischen Granit und Gneis im Süden und kristallinen Schiefern im Norden. Zirka 30 Meilen weiter nordwärts folgt auf die Schieferhülle, stark gefaltet und nordwärts überkippt, der Sedimentmantel des Kuenlun. Dieser Mantel bildet die Vorgebirgs- und Hügelzone und flacht nach Norden ab in das Wüstenbecken von Ost-Turkestan.
Zusammenfassung: Das Querprofil des von uns begangenen zentralasiatischen Hochgebirges zeigt von Nord nach Süd:
A. Himalayagebirge:
1. Als Südrand die nach Süden überkippte und überfaltete Zone des Sub-himalayatertiärs.
2. Das kristalline Grundgebirge der Pir Pandjal und der Great Himalaya Range.
3. Vereinzelte Komplexe von mesozoischen Sedimenten als Bedeckung des kristallinen Grundgebirges östlich Srinagar und eine ausgedehnte mesozoische Zone auf der Zaskar Range.
4. Eine lange, schmale Zone von Tertiär im Industal.
B. Karakorum:
5. Das kristalline Grundgebirge, vorwiegend Granit in der Kailas- und Ladakkette.
6. Granit und Gneis, verschuppt mit Karbon und Mesozoikum, in der Muztaghkette.
C. Karatagh-Hochland:
7. Einem ehemaligen mesozoischen bis tertiärenBecken zwischen Karakorum und Kuenlun, entsprechend mehr oder weniger stark gefaltete paläozoische bis jurassische Sedimente mit eingefalteten kristallinen Antiklinalkernen.
D. Kuenlun:
8. Mächtige, mit kristallinen Schiefern und Konglomeraten verschuppte Granitzonen.
9. Am nördlichen Aussenrand gefaltete und nordwärts überkippte paläozoische Sedimente.
Telefonisches: Im Gebiet südlich des Karatagh-Hochlandes und auch in diesem herrscht allgemein Überkippen und Überfalten nach Süden stark vor. Nordwärts der Karatagh dominiert eine Bewegung nach Norden. Diese Erscheinung entspricht der Vorstellung, dass der gesamte Gebirgskomplex durch Einengen eines Meerestroges und Herauspressen seines Gesteinsinhaltes entstanden sei. Dem Aghil-Depsang-Gebiet kommt dabei die Stellung der zentralen Zone zu. Dazu gehört wohl auch das Karakorumgebirge zum Teil.
Himalaya und Kuenlun sind die seitlichen, nach den Kontinental-rändern zurückgefalteten Randgebirge. Als dominierende Bewegungsrichtung ist die Nord-Südrichtung zu erkennen, im Gegensatz zu der Bewegung im Alpengebiet, wo sie von Süd nach Nord erfolgte.
Auf den Karawanen wegen. Srinagar-Leh.
Das zentralasiatische Hochgebirge bildet in seiner gewaltigen Ausdehnung, man erinnere sich, dass es zwischen Rawalpindi in Vorderindien und Sanju in Ost-Turkestan sechshundert Kilometer in die Quere misst, ein schier unüberwindliches Verkehrshindernis. Tatsächlich ist denn auch der Reise-und Warenverkehr, der zwischen Indien und China über den Gebirgsweg geht, verschwindend gering. Was bedeuten doch etliche Dutzend Karawanenzüge, etliche hundert Saumtierlasten, und sollten es deren selbst etliche tausend sein, für gegen dreimal hundert Millionen Leute in Indien und fast fünfmal hundert in China. Freilich, von letzterem nimmt nur sein entlegenes Untertanenland Ost-Turkestan an diesem direkten Warenaustausch teil. Aus alter Tradition und von der unerbittlichen Notwendigkeit gezwungen. Denn schlimmer als die engen Täler, die Wildwasserschluchten und die vereisten Pässe des Kuenlun und des Karakorum war die Jahrhunderte alte Feindschaft der Mongolen, welche dem Turki den ohnedies sehr schlechten Wüstenweg nach Osten sperrte.
Nimmt man jedoch die Schwierigkeiten als Mass, die eine Überschreitung des Gebirges bietet, so staunt man, dass überhaupt jemals irgendwer den Mut aufbrachte, sich diesen Schwierigkeiten auszusetzen. Man bewundert den Weginstinkt, der, mit dem angeborenen Spürsinn des wilden Tieres vergleichbar, durch all das verschlungene Gewirr von Tälern und Bergketten Zugang und Ausweg gefunden. Man empfindet es als unbegreifliche Verkehrs-anhäufung, wenn einem in der unendlichen Bergeinsamkeit mehr als ein Karawanenzüglein des Tages begegnet.
Das gilt besonders für die einsame Wegetappe von Leh hinüber nach Ost-Turkestan. Nicht ganz so verhält es sich mit dem Anmarsch von Srinagar nach Leh. Und auf der allerdings oft halsbrecherisch engkehrigen Strasse von Rawalpindi nach Srinagar herrscht eine wilde Jagd von Lastwagen und Personenautos, in welcher sich die schwerfälligen, sechs- und mehrspännigen Ochsenkarren wie vorweltliche, träge Kriechtiere ausnehmen. So geniesst man das ziemlich beschauliche Zwischenstück von Srinagar nach Leh, zumal in der guten Reisezeit von Ende Mai bis anfangs Oktober, als eine rechte Idylle. Man atmet in Srinagar erleichtert auf, dem Wirbelrad der Technik zu entkommen und gemächlichen Schrittes in die Berge zu ziehen. Man fühlt, vom Karakorum zurückkehrend, in Leh eine Last von Bergen ab dem Herzen genommen, und freut sich, bald wieder vom modernen Wirbel erfasst zu werden. Denn zwischen Srinagar und Leh liegt der Verbindungsweg zweier Welten. Glücklicherweise mehr von ihren angenehmen als von den anderen Einflüssen gezeichnet und eben recht lang, um sich ohne plötzlichen Wechsel von der einen in die andere hineinzufinden.
Oder sollte man dazu nicht Zeit und Gelegenheit zur Genüge bekommen, auf einem 16tägigen Karawanenritt, der 400 km weit, weiter und weiter von den Menschen weg, tiefer und tiefer in das Gebirge hineinführt? Auf einem Weg, der aus dem bunten Treiben einer wenn auch nicht völlig modernen, doch stark modernisierten indischen Residenz-, Handels- und Fremdenstadt in ein weltabgelegenes asiatisches Bergnest leitet?
Wir traten unsere Reise nach Leh in der ersten Maiwoche an. In dieser Zeit untersteht die ganze Route bereits den behördlichen Verordnungen für den Sommer. Das heisst: auf all den 14 Wegstationen, die zwischen Srinagar und Leh in Tagesetappen von 15 bis zu 35 km auseinanderliegen, sollen Saumpferde und Geleitmannschaft zur Verfügung der Reisenden stehen. Denn es ist nicht üblich, vielleicht auch nicht gestattet, die ganze Strecke mit den gleichen Tieren zurückzulegen. Darin liegt eine fürsorgliche Unterstützung der Bergbevölkerung. Um diese daran zu hindern, die Monopolstellung auf Kosten der Reisenden auszunützen, sind die Tarife geregelt. Die Lohnansätze betragen vom 16. April bis 15. November pro Meile — etwa 1600 m —für einen Mann mit Pferd 1 Anna =12 Rappen. Das würde für ein Reitpferd von Meiringen bis zur Grimsel mitsamt dem Trinkgeld die Riesensumme von 2 Fr. 20 Rp. ausmachen. Die Höchstbelastung für ein Pferd ist festgesetzt auf 120 Kilogramm. Dazu beladet sich gewöhnlich auch der Begleitmann mit irgendeiner Kleinigkeit, der Laterne, dem Photoapparat des Sahb, dem Teekrug oder dem Znünikörbli. Die Träger erhalten ein halb Anna für die Meile, 6 Rappen, für die Mühe, 40 Kilogramm zu schleppen, Sturm und Kälte der über 4000 m hohen Gebirgspässe, Hitze und Sandsturm der vielen Schotter-und Sandwüstenstrecken zu ertragen. Im Winter tritt eine kleine Lohn-erhöhung ein. Verpflegung von Mann und Tier gehen zu deren eigenen Lasten. Aber sie wiegt nicht allzu schwer. Die Leute nähren sich tagaus tagein mit etwas Mais- oder Gerstenbrot und trinken schlechten Tee dazu. Die Pferde kriegen am Morgen eine Handvoll Gras oder Heu, und wenn das Futter reichlich ist, 1 Kilogramm Maiskorn oder Gerste. Desgleichen am Abend, oft erst tief in der Nacht. Ist irgendwelche Grasung auf den Lagerplätzen oder in erreichbarer Nähe, so werden die Pferde zur Weide getrieben. Ein oder zwei Mann übernehmen die Hut. Denn die Gefahr ist gross, dass sich die ausgehungerten Tiere in den meist kärglichen und wilden Weidegründen auf der Futtersuche verlaufen.
Nicht immer kommen die Pferde alle zurück, und selten zur bestimmten Stunde. Man gewöhnt sich indessen an die glückliche asiatische Zeitlosigkeit, welche die Reisen nicht nach Minuten und Stunden, sondern nach Wochen und Monaten berechnet. Man schickt sich auch darein, nach langen oder besonders schwierigen Reisetagen das Rasthaus erst mit der Abenddämmerung zu erreichen. Denn auch für Unterkunft ist hier gesorgt. In Bauart und Betrieb nicht unähnlich unsern besten Clubhütten, stehen Bungalows am Ende jeder Tagesstrecke. Dies sind für die Reisenden gebaute und reservierte Unterkünfte. Sie werden durch einen Wärter besorgt und dem Reisenden geöffnet. Vom Hüttenwart bezieht man auch das Brennholz, Eier, Hühner, Milch und Mehl, Früchte und alles übrige, was die kleinen Karawanendörflein gegen Geld und gute Worte abzugeben belieben. Meist findet man in den recht behaglichen Räumen Tische, Sessel, Bettgestelle, Waschbecken, wenn nicht gar einfache Baderäume, Petrollicht, offene Kamine, Fremdenbuch und eine kleine Bibliothek. Die Taxe beträgt pro Mann und Tag 1 Rupie ( 1 Fr. 70 Rp. ). Man spürt in diesen trefflichen Einrichtungen die sorglich ordnende englische Hand und geniesst sie als wohltuenden Gruss der europäischen Kulturgemeinschaft, wenn man seit einem Dutzend Wochen im Gebirge war.
Wir hatten eben erst Europa und die Hotelbetten Srinagars verlassen und zogen unsere Eigenheime, die Zelte, vor. Gewiss mit Recht. Denn zu den schönsten Reiseerinnerungen gehören jene an die wundervollen Biwaklager. Erst unter den mächtigen Kronen uralter Nussbäume im Sindtal, zwischen den schwarzschattigen Riesentannen von Baltal, in dem lauschigen Aprikosen-. baumhain bei Kargil, am Fuss des steilen Klosterfelsens bei Mulbekn, um nur einige der 14 zu nennen. Und endlich unser unvergleichliches Zeltdörflein im frühlingsgrünen Residenzgarten in Leh! Freilich, oben im windigen Schnee- und Dreckloch von Matayan war 's kalt und düster. Und da und dort stolperte mehr als einmal ein unachtsamer Nachtwandler über Zeltpflöcke und Schnüre, oder der Sturmwind sprang die leichte Behausung übermütig von allen Seiten an.
Wie wir auf die für uns bestimmten Bungalows, verzichteten die Kulis und Gora Walas ( Pferdeführer ) auf die für sie bereitstehende Häuslichkeit, die Serais, in welchen alle Eingeborenen, getrennt von Europäern, Zuflucht finden. Sie schlüpften lieber in die Steinhütten ihrer Bekannten und Gevatter, wenn wir in einem Dörflein nächtigten. Oder sie sassen ums hochauflodernde Lagerfeuer, solange das Brennholz reichte, sangen ihre monotonen, aber eigentümlich ansprechenden Lieder, erzählten Sagen und Säumergeschichten, tanzten wohl auch ihre einfachen Tänze zum kunstlosen Pfeifenspiel eines Weggenossen. Nicht zu lange, denn da wartete die Wasserpfeife auf ihre Runde. Da wartete auch der wohlverdiente Schlaf unter dem freien, weiten Sternenhimmel. Denn die Tagesarbeit war auf den schlechten Frühlings-wegen meist lang und hart. Gewiss am härtesten, als wir den tief vom Winterschnee und den Lawinen zugedeckten, mehr als 3000 m hohen Soji-La überschritten. Da freilich galt die Sommertaxe nicht. Jedweder Mann bekam an jenem mühevollen, doch über Erwarten glücklich bestandenen Tag einen bedeutenden Mehrlohn ausbezahlt.
An andern Orten war der Weg von frischen Bergstürzen verschüttet, von Schmelzwasserbächen zerstört und für beladene Tiere nicht mehr zu begehen. Da mussten die Lasten von der Begleitmannschaft getragen, die Pferde an den bösen Stellen vorübergeführt werden, bald an Abgründen hin, bald an schäumenden Wildwasserstrudeln entlang.
0 ja, der Karawanenweg von Srinagar nach Leh bot reichlich Gelegenheit, sich in die neue, rauhe und doch so unendlich schöne asiatische Gebirgswelt einzugewöhnen.
Leh-Jarkand.
Mitte Mai 1929 erreichten wir Leh. Seit Srinagar waren drei indische Diener und ein kashmirischer Koch mit uns.
Jetzt kamen dazu drei Dutzend ladakische Kulis. Sie sollten die Reise bis in den Herbst als ständige Träger mitmachen und uns Proviant und Bagage in die entlegenen Camps und Hochlager bringen. Natürlich genügten diese Leute allein für den Haupttransport nicht. Denn zu den rund einhundertachtzig Lasten kam nun in Leh der ganze Lebensmittelvorrat für die Kulis und eine letzte Ergänzung an Ausrüstung und Proviant für uns. So häuften sich schliesslich 445 Lasten von ungefähr 35 Kilo zu einem förmlichen Kisten-, Sack- und Bündelberg. Scheinbar viel zu viel und doch gerade eben recht, um bei sorgfältiger Einteilung auszureichen. Denn wir gedachten, Ende Oktober in Jarkand das Winterquartier zu beziehen, um erst im nächsten Sommer zurückzukehren, und unterdessen waren wir zumeist auf unsere Vorräte angewiesen.
Der kürzeste Karawanenweg von Leh nach Jarkand ist freilich nicht so lang. Er misst nur ungefähr 500 km gerade Linie und braucht genau 31 Reisetage, freiwillige und durch die Not gebotene Rasten nicht gerechnet.
Vier Haupt- und Ruhepunkte: Panamik, Sasir Brangsa, Suget Karaul und Sanju teilen die ganze, lange und wechselvolle Strecke in fünf markante Etappen.
Uns galt als erstes Ziel das Dörflein Panamik im Nubratal. Der Weg dorthin führt über den 5350 m hohen Chardung-La ins Shyoktal, quert dessen gewaltige Gletscherwasser und zieht dem Nubrafluss entgegen zwei Tagemärsche weit ins Nubratal hinein.
Der Chardung-La ist nicht der höchste und sicher der harmloseste unter den fünf über 5000 m hohen Pässen, die zwischen Leh und Sanju in Ost-Turkestan die Ladak Range, die Muztagh Range, das Karatagh-Hochland und den Kuenlun überschreiten. Aber er ist, wie auch die andern, nur von Mitte Juni bis gegen Anfang November offen, die übrige Zeit dagegen durch tiefen Schnee gesperrt und von Lawinen bedroht.
Auch jetzt hing der Winterschnee bis nahe auf 4000 m herab. Die ladakischen Berater schüttelten abwehrend ihre bärtigen Häupter, und Herr Bischof Peter, der schweizerische Herrnhuter-Missionar in Leh, unser wohlerfahrener Vertrauensmann, fand es verfrüht, den Übergang vor Mitte Juni zu versuchen. Bis dahin mochte freilich der Schnee genügend weggeschmolzen sein. Aber bereits hatte der Indus mehrere Brücken weggerissen, und die schweren Wildwasserfluten des Shyok und Nubra mussten in Bälde schlimmer zu queren sein als jeder noch so tief verschneite Hochgebirgspass.
Wir mussten hinüber. Glücklicherweise ergab eine auf den Pass vorgetriebene Erkundungsfahrt, dass dieser zwar noch mehr als mannstief im Schnee begraben liege, aber während der Nacht und am frühen Morgen von beladenen Leuten, doch unmöglich von Lasttieren, Pferden und Jaks, könne begangen werden.
Gegen genügend Lohn und Backschisch konnten indessen zu unsern ständigen Leuten weitere neunzig Träger gewonnen werden, und so lagen am vierten Juni etwas über 200 Lasten änet dem Berg. Doch bei weitem nicht in Panamik, sondern in dem weltverlorenen, kleinen Nest Chardung, das weder Kulis noch Pferde hatte und kaum ein halbes Dutzend furchtbar schlecht gewinterte Jaks auftreiben konnte.
Aber es gelang, den allerdings etwas lahmen Dorfältesten und durch ihn Boten in Gang zu bringen, welche hinabstiegen ins Shyok- und Nubratal und von dort die nötige Mannschaft, Pferde, Esel und Jaks herauf-brachten. Denn auch in diesen Tälern finden sich auf den riesigen Wildbach-schuttfächern, wo die oft katastrophalen Überschwemmungen der Hochwasser nicht hinaufreichen, vereinzelte kleine Siedelungen. Ihre Bewohner pflanzen auf gar winzigen Äckerlein etwas Getreide und pflücken die kleinen, aber honigsüssen Früchte der gutgedeihenden Aprikosenbäume.
Sie halten Ziegen, Schafe und Zwergkühlein, die kaum viel grösser werden als bei uns ein Kalb. Mit Eselchen, Jaks und leichten, aber äusserst zähen und gewandten Pferden leisten sie den vorüberziehenden Karawanen Aushilfs-dienste. Das Aufgebot dazu wird den entlegenen Dörfern durch Stafettenläufer und Meldetrommeln übermittelt und verbreitet sich auf diese Weise erstaunlich schnell und zuverlässig. Der kleine Säumererwerb wird natürlich gerne genommen; er reicht gerade hin, zum kärglichen Ertrag des eigenen Bodens etwas Tee, Reis, Salz, Gewürz und Tabak zu kaufen und einige Kleinigkeiten an primitivem Hausrat einzuhandeln.
Doch kommen diese Talleute nur wenig über das Lokalgebiet hinaus. Denn selbständige Karawanen sind hier nur selten begehrt. Die gehen von den Karawansereien in Leh, Jarkand und Chotan aus und ziehen ohne Wechsel von Mann und Pferd durch das ganze Gebirge. Nur wir waren vorläufig auf die Nubra-Shyok-Leute angewiesen. Fürs erste brachten sie uns mitsamt dem umfangreichen Gepäck nach Panamik. Unvergesslich bleibt mir der holprige Ritt durch das Chardungtal, aus dessen drohend enger Schlucht wir in der Morgenfrühe plötzlich auf den wohl an die drei Viertelstunden breiten und unabsehbar langen Schotterboden des Shyoktales traten. Seit Tagen waren wir auf die erste Begegnung mit dem berüchtigten Shyokriver gespannt gewesen, der immer wieder, aber in unberechenbarer Laune, Tod und Verderben über die Bevölkerung seines Tales wirft. Denn hinter mächtigem Gletscherwall staut sich seine junge, unermessliche Kraft, bis eines schönen Tages die lang verhaltene Wucht nicht mehr zu bändigen ist und der entfesselte Strom brüllend wie ein ungeheuerliches Tier zu Tale stürzt.
Jetzt floss er ruhig seine breite Bahn. Die Pferdeführer, ein erfahrener Shyokmann voran, leiteten die schwerbeladenen, doch wassertüchtigen Rösslein geschickt und zuversichtlich in die Furt. Ohne Missgeschick entstiegen sie dem wohl 300 m breiten Gletscherwasser. Wir selber hatten hier die erste grosse und eindrucksvolle Flussdurchquerung zu bestehen. Dann stunden wir wieder auf festem Grund und zogen voll guter Hoffnung und ohne jede Fährnis drei Tagesritte über den ebenen, wenn oft auch holprigen Grund des Shyok- und des Nubratales weiter. In all den kleinen und nicht zu vielen Dörflein, die da und dort am Wege lagen, wurden wir freundlich empfangen, von Kindern und Frauen mit Rosensträusschen beschenkt und wohl auch neugierigen Auges gemustert.
Sechs Wochen später, am 23. Juli, verliessen wir endgültig das wunderschöne Basislager von Panamik, um über den Sasirpass ins obere Shyoktal abzusteigen. Zwei harte Tagemärsche führen durch ein enges Hochland an den Fuss des Passes. Der oberste Biwakplatz, ein kleines Flecklein Rasen, bereits über Mont Blanc-Höhe, liegt hier inmitten trostloser Wüstenei. Bergriesen, kahle, nackte Felsenungetüme erheben sich grimmig über zerschrundeten Gletschern und zyklopenhaften Moränenwällen.
Eng zusammengedrängt suchen die müden Pferde Wärme und Schutz aneinander. Wortkarg nisten sich die Eingeborenen, Kulis und Pferdeführer unter etlichen, mächtigen Granitblöcken ein. In den Zelten der Sahbs wird es vorzeitig still.
Im Morgengrauen beginnt der Aufbruch, denn oben auf dem 5364 m hohen Pass dehnt sich ein weiterer Firn. Herrliches Gelände, wenn der Schnee so hart gefroren ist, dass er die schwerbeladenen Tiere trägt, ein endloser Leidensweg, wenn Mann und Ross bei jedem Schritt einsinken. Ein fürchterliches Grab, wenn Sturm und Kälte über die ermattete Karawane fallen.
Wir hatten zur Entlastung der Pferde genügend Jaks mit und kamen bei gutem Schnee und herrlichem Wetter mühelos über den Pass. Doch legten die unzähligen Skelette und die von Geiern halb zerfressenen Pferdekadaver grausiges Zeugnis ab für die rohe Brutalität dieses mit Recht gefürchteten Überganges.
Im späten Nachmittag schlugen wir jenseits des Passes etwas abseits des üblichen Rastplatzes auf einer hohen Schotterterrasse unser Lager auf. Gern überliessen wir einer turkestanischen Handelskarawane den Vorrang auf dem mit Knochen übersäten und stinkenden Biwakgelände.
Nach 14 arbeits- und genussreichen Tagen im Gletschergebiet des obern Shyok gingen wir die dritte Wegetappe an. Sie führt aus dem Shyoktal über die schier unendliche Hochlandswüste der Karatagh ins Karakaschtal hinüber und zu der chinesischen Grenzstation von Suget Karaul.
In diesem Wegstück liegt der Karakorumpass, erheben sich aus einem ungeheuren, weiten Hochplateau von ungefähr 5000 m mittlerer Höhe die langen Faltenzüge eines juraähnlichen Gebirges bis zu 6500 m empor.
Sie bieten in der guten Reisezeit nicht übermässige Schwierigkeiten, sofern man Futter hat für Mensch und Tier und Feuerung und Wasser findet. Und doch ist gerade hier der Weg mit Knochen förmlich vorgezeichnet. Denn häufig überrascht der allzu frühe Wintersturm verspätete Karawanen auf den trostlos leeren, pflanzenlosen Schutt- und Schotterflächen und greift mit kalter Hand so Mensch wie Tier ans Leben.
Wie mag den sturmgequälten Leuten das ferne Suget Karaul als paradiesischer Zufluchtsort erscheinen I Endlich, endlich wieder ein ummauerter Hof, ein schützendes Dach. Endlich wieder Menschen, dienstbereite Menschen! Wärmendes Feuer und Tee! Und für die Pferde Weideplätze!
Freilich ist Suget Karaul nur eine einfache chinesische Grenzstation, im Sommer mit etwas zu hundert Soldaten belegt, die wacker Taktschritt schmeissen und ihre Preussengewehre von 1870 schultern. Wohl auch für kleine Vergehen die erbarmungslose Peitsche spüren. Und doch ist Suget Karaul ein heissersehnter Ruhepunkt in langer, mühevoller Reise.
Wir genossen die Ruhe, zwar ohne Absicht und Wunsch, zwei volle Wochen lang. Dann ging es weiter, jetzt ohne die Kulis, hin und her durch die glücklicherweise recht harmlosen Fluten des Karakasch, zwei Tagemärsche diesem Fluss entlang, an Kirgisenzelten und -hütten vorüber. Hierauf in scharfem Anstieg nochmals hoch hinauf ins Gebirge, zum schon verschneiten Sanjupass. Wieder mussten Jaks unter die Lasten stehen. Mit erstaunlicher Gewandtheit kletterten sie über steile und vereiste Felsen in die 5300 m hohe Lücke hinauf. Glücklich kamen auch die Pferde hinüber. Wir selber ebenso, doch nicht ohne mit stiller Wehmut in das wundervolle Gebirgsland zurückzublicken, das uns seit 140 Tagen tagtäglich neue Wunder offenbart hatte und jetzt nach zwei, drei Schritten, wer weiss, für immer hinter einem Zackengrate verschwand. Und doch waren wir froh, endlich auch diesen Pass hinter uns zu haben, mit jedem Marsch mehr und mehr dem Gebirge zu entrinnen und dafür dem unbekannten, aber verheissungsvollen und gesegneten Oasenland Ost-Turkestan näher zu kommen.
Noch lag freilich ein langer Abstieg durch ein schier endlos, zuweilen fast ungeheuerlich wildes und enges Bergtal vor uns. Aber was hatten jetzt vier Tagesritte und ein enges Bergtal zu bedeuten! Bald nahm uns die unendlich weite Ebene auf.
Lange bevor wir Sanju erreichten, ward uns die herzlichste Gastfreundschaft zuteil. Sie dauerte nicht weniger an, nachdem wir diesen freundlichen Flecken, den ersten grössern Ort seit Leh, verlassen hatten und durch das weite Wüsten- und Oasengelände in fröhlichen, zuweilen wohl recht übermütigen Ritten Jarkand und dem Winterquartier entgegenstrebten.
Im Shyoktal.
Gewiss, unser langer Winteraufenthalt in der einhunderttausendköpfigen Karawanenstadt Jarkand — wir wohnten glücklicherweise ausserhalb ihrer Mauern — entbehrte nicht der interessanten und wohl auch ergötzlichen Episoden. An den stillen Tagen sorgten dafür die chinesischen Händler und phantastisch aufgetakelten Gaukler, die eifernden mohammedanischen Strassenprediger und ihre in scheuer Ehrfurcht lauschenden Gläubigen. Die komisch selbstbewusste Soldateska mit dem geschulterten Preussengewehr von 1870 und die mit hölzernen Breitschwertern bewaffnete Polizei brachte zudem durch ihre Patrouillengänge wenn auch nicht Licht, so doch etwelche Erheiterung in das Dämmerdunkel des Bazars. Und endlich trottelten zu Fuss und hoppelten auf kleinen, aber unglaublich zähen Eselchen und behenden Pferdchen unzählige Bauersleute, mit oder ohne zwingende Gründe, zweimal wöchentlich stadtwärts. Sie füllten die engen Gassen und Winkel Jarkands mit nicht sehr schönen, aber interessanten Gesichtern, beschaulichen Grüpplein und buntem, ruhig dahindrängendem Menschenstrom. Der bot all die unterhaltsamen Züge einer ungewollten, aber reichen Völkersitten- und Trachtenschau.
Und doch bleiben in meiner Erinnerung viel eindrucksvoller jene Tage, Wochen und Monde, die uns abseits des Menschenstroms und weit seitab der Karawanenwege in die entlegenen Gletschertäler und auf weltverlorne Gipfel führten. So etwa jener 29. Juli des Sommers 1929. Wir waren zwei Tage zuvor über den Sasirpass ins Shyoktal gekommen und hatten in einem seiner südlichen Seitentäler bei ungefähr 4400 m Höhe auf einer riesigen Flussterrasse die Zelte aufgeschlagen. Unmittelbar vor unserer friedlichen Siedelung stürmten weissaufschäumende Gletscherwasserfluten durch eine tief im Schotter und Kalkfels ausgehöhlte Schlucht.
Die weissen Fluten wurden überlärmt und aufgenommen von einem schweren Gletscherstrom, der seine schwarzen, rollenden Massen dicht zu unserer Linken dem Shyok entgegenwälzte. « Schwarze » und « Weisse Lütschine », aber in riesigem Ausmass, wie es dem Karakorumgebirge entspricht. Wir hatten die Absicht, der « Schwarzen Lütschine » entgegenzu-ziehen, um die unbekannten Gebirge und Gletscher im Talhintergrund zu untersuchen und topographisch aufzunehmen.
Offiziell war für den kommenden Tag, eben jenen 29. Juli, allgemeine Ruhe angesagt. Doch hiess es zugleich mit vollem Recht, unsere Zeit sei knapp. Darum schien ein rascher und möglichst weitreichender Überblick über die Gegend von Nutzen. Zudem erregte ein jenseits der « Schwarzen Lütschine », aber vermutlich nicht zu weit entfernt stehender Gipfel meinen turistischen Tatendrang. So wählte ich Cyrin und Brunschu, zwei nette, zuverlässige Kulis, als Begleiter, und brach um 5 Uhr morgens mit leichtem Gepäck bei starkem Nebel und Regen auf. Gleich neben dem warmen Bett mussten wir ins eiskalte Wasser der « Weissen Lütschine ». Sie zu queren hatte am Vorabend unmöglich geschienen. Jetzt reichte das Wasser kaum bis zum Knie, denn auf den Höhen fiel Schnee. Eine Stunde talein stiegen wir ins tiefe Bett der « Schwarzen Lütschine » ab und suchten eine gute Furt. Wir fanden sie in einer flachen Weitung, wo sich der Fluss in sechs Arme zerteilte, von denen jeder die Stärke eines wilden Alpenwassers besass.
Wir trösteten uns mit etwas Sophisterei, am Abend möchte es besser sein, und gingen getrost bergan. Erst auf einem hohen, steilen Schutt- und Geröllhang, dann über plattigen, schlechten Fels hinauf in ein hochgelegenes Gletscherbecken. Endlich, zum grossen Verdruss meiner Begleiter und zum noch grösseren Schaden ihrer schlechten Schuhe, auf einen jähen Firn. Dieser erweckte bald auch meinen eigenen Verdruss, denn statt mit leichten Schritten zum nahen Sattel anzusteigen, war jetzt zwischen 5400 und 5900 Meter der miserabelste Schneestampf zu tun.
Dazu wurde der Hang steiler und steiler, der Schnee schlechter und schlechter, an allzu steilen Stellen lawinengefährlich. Doch kamen wir vorwärts, und Eile tat nicht Not. Denn noch hingen Wolken um den Gipfel, und ab und zu fielen beissende Hagelschauer. Um 12½ Uhr standen wir im Sattel. Zusehends hellte es auf, und eine Aussicht öffnete sich, die an das Allergrösste und Erhabenste des Gebirges grenzt. Ringsum in unübersehbar weiter Ferne tiefe Gletschertäler, dazwischen gewaltige Gebirgszüge und Gipfel, zu denen wir von unsern 5900 m den Blick hoch nach oben heben mussten. Herrscher über alles, faszinierend in blendendem Firneglanz und kolossaler Wucht und Grosse, beinahe 8000 m hoch, grad gegenüber die « Jungfrau », halbrechts nebenan, nicht weniger gross und schön, der « Mönch ». Es war mir so, als stünde ich in unsern heimischen Bergen, als wären meine Kulis zwei alte Kameraden, die Welt trotz aller Weite winzig klein, die räumliche Trennung ohne Belang.
Ein netter Felsgrat führte zum nächsten Gipfel. Der war 6200 m hoch und etwas gegen das Tal geschoben. So bot er einen fast ins letzte Winkelchen gehenden Blick auf unser Untersuchungsgebiet. Hurtig begann ich dieses topographisch zu skizzieren. Das Wetter hellte unterdessen fein und feiner auf. Doch sah es weder Cyrin, der neben mir schlief, noch ich selber recht, denn meine Arbeit nahm mich völlig gefangen. Um 16 Uhr tat ich den letzten Strich, und eine Viertelstunde später eilten wir hurtig zum Sattel zurück. Da schlief auch Brunschu unter seinem Schaffellmantel.
Gerne erliess ich den beiden etwas müden Leuten die Pflicht, mit mir noch schnell den zweiten Gipfel über leichten Schutt und Schnee zu erstürmen. Um 17 Uhr war ich oben. Mitten in einer Gebirgs- und Abendwolkenstimmung, wie ich sie noch nie und nirgends erlebt.
Um 18 Uhr war ich im Sattel zurück. Schnell ans Seil und schnell den Firn und Gletscher hinunter. Aber es war ein beschwerliches Gehen mit den tief einsinkenden, oft fast verzweifelt stöhnenden Seilgefährten. Behutsam über die plattigen Felsen, dann in weiten, hastigen Sprüngen auf den steilen Schutthalden in kaum zwanzig Minuten 1000 Meter tiefer.
Wir rannten so, um noch vor Nacht das Wasser zu queren.
Am Flussrand gingen wir wieder am Seil. Das Wasser war gewachsen. Schwer und schwarz wälzte es dahin.
Kleine Inselchen, die uns am Morgen als Ruhepunkte und Haltestellen gedient, waren verschwunden, drohend dröhnte das Rollen der Blöcke. « Pani charab! » Wasser schlecht! « Jawohl, sehr schlecht, aber wir müssen durch! Hailoh! Cyrin! » Und Cyrin ging in die brandenden Wogen, stemmte und kämpfte sich durch. Der zweite Flussarm war weniger bedrohlich. Und wiederum ging Cyrin voran in den dritten Arm, wo jetzt das Wasser an und über die Blöcke raste. Drei, vier Schritt, dann musste der Brave umkehren. Was blieb zu tun übrig, als selber hineinzusteigen? Aber auch ich kam nicht weiter, als bis zur Erkenntnis: « Bod charab! » Sehr schlecht! An anderer Stelle war guter Grund, die Tiefe nicht zu gross. Nur bis über die Knie. Jetzt nahe zur Hüfte, und jetzt, schon in der Hälfte, weicht der sandige Boden unter den Füssen, kaum kann ich, ohne zu stürzen, umkehren. Nochmals geschlagen! Aber jetzt! Ingrimmig und von der Nacht bedroht flussaufwärts. Über den dritten und vierten Arm, zurück und wieder hinüber an den fünften Arm. Stracks hinein und durch. « Hailoh, Cyrin! Brunschu! Gewonnen! » Und Brunschu folgt, jetzt als Mittelmann am Seil an bester Stelle. Dann Cyrin, der Brave, der selber hungert und dem Sahb Tschuppatti ( Brot ) anbietet. Der heute mit auf dem Gipfel war und jetzt den Rucksack mit allen meinen Feldzeichnungen Photos und Apparaten trägt. Cyrin, der macht es schon! Aber da zaudert er, tastet — fällt — und verschwindet, der brave Cyrin, in der dreckschwarzen, reissenden « Schwarzen Lütschine ». « Häb, Brunschu, häb! » Mit zwei Sprüngen stehe ich neben dem Angerufenen, reisse das schlenkernde Seil an mich und reisse mit Brunschu zusammen den verschwundenen Mann ans Ufer. Gottlob nur pitsch patsch nass, etwas stumm und verdutzt ist er, aber mit ganzen Gliedern.
Noch blieb der letzte Flussarm zu queren. Dann war das schwarze Wasser erledigt. In diesem Augenblick traf eine vier Mann starke Hilfskolonne ein. Im Sturmschritt wurde der Weg zum weissen Wasser beim Lager zurückgelegt.
Im raschen Anlauf querte ich auch dieses letzte Hindernis, bevor eine helfende Hand mit dem Petrollicht zur Stelle war, rannte hierauf in etlichen Sätzen zum Lager, meldete kurz Ablauf und Erfolg unserer Tur und liess mir hierauf ein tüchtiges Nachtessen und eine Sonntagszigarre schmecken. Am besten aber mundete die unmittelbare Erinnerung an unsere Besteigung, welche durch den dramatischen Schlussakt an Erinnerungswert nur gewann.