Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03463.jsonl.gz/949

| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

7. Buch
21. Von den Schändlichkeiten des Liberdienstes.
Bis zu welchen Schändlichkeiten man sich im Kult des Gottes Liber vergaß, den man des flüssigen Samens walten ließ und demnach nicht nur der flüssigen Erzeugnisse, unter denen der Wein gewissermaßen die erste Stelle einnimmt, sondern auch der Samen der Lebewesen, darüber ginge ich wegen der Länge der Ausführungen am liebsten hinweg; aber wegen der hochmütigen Indolenz dieser Leute soll es mir nicht zuviel sein. Unter anderm, was ich bei der großen Fülle des Stoffes übergehen muß, erwähnt Varro, daß an den Straßenkreuzungen Italiens ein Liberfest mit so zügelloser Schändlichkeit begangen wurde, daß zu Ehren des Gottes die männliche Scham verehrt wurde und die Verkommenheit nicht mehr etwa in einigermaßen anständiger Verborgenheit, sondern in voller Öffentlichkeit ihre Triumphe feierte. Denn dieses Schamglied wurde während der Festtage des Liber mit vielem Gepränge auf kleine Wagen gesetzt und dann zuerst auf dem Lande an den Straßenkreuzungen umhergeführt, hernach in die Stadt gefahren. In der Stadt Lavinium war ein ganzer Monat dem Liber gewidmet und alle beflissen sich während dieses Monats der schändlichsten Reden, solange bis jenes Glied über den Marktplatz geführt worden war und seinen Platz wieder einnahm. Dieses unehrbare Glied mußte die ehrbarste Matrone öffentlich bekränzen. Für das Gedeihen der Samen mußte eben der Gott Liber günstig gestimmt, für Abwendung der Verhexung von den Feldern gesorgt werden durch eine Zeremonie, bei der eine Matrone öffentlich etwas zu tun genötigt war, was im Theater nicht einmal einer öffentlichen Dirne hätte gestattet werden dürfen, wenn sich Matronen unter den Zuschauern befanden. Deshalb also erachtete man Saturnus allein nicht für genügend zum Dienste der Samen, damit die unreine Seele Anlaß habe, die Götter zu vermehren und, vom wahren Gott wegen ihrer Unreinheit verlassen und an viele falsche Götter aus Begier nach größerer Unreinheit preisgegeben, solche Gotteslästerungen Gottesdienst nenne und sich dem Schwarm der unflätigen Dämonen zu völliger Schändung und Befleckung hingebe.