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1 Trotz Museumsgesellschaft nicht immer moralisch vollkommen
Zu ihrem 175. Geburtstag hat die Zürcher Museumsgesellschaft sich und ihren Freunden ein schönes und würdiges Geschenk gemacht. Unter dem Titel «Silentium!» hat der Bibliotheksleiter Thomas Ehrsam ein Buch verfasst, das nicht nur die Geschichte dieser Institution anschaulich und prägnant darstellt, sondern auch über die Benutzer von Lesesaal und Bibliothek Interessantes und Amüsantes zu berichten weiss. Seit zehn Jahren wird das kulturelle Angebot der Museumsgesellschaft ergänzt und erweitert durch die Veranstaltungen des Literaturhauses Zürich; über dessen Geschichte und Bedeutung orientieren die Beiträge von Richard Reich und Beatrice Stoll.
Die Museumsgesellschaft, seit 1868 an zentraler Lage in einem stattlichen Gebäude am Limmatquai, dem Rathaus gegenüber untergebracht, ist die Verwirklichung einer Idee, die auf die Aufklärung zurückgeht. Es war das aufstrebende städtische Bürgertum des 18. Jahrhunderts, das in der durch Lektüre vermittelten Bildung nicht nur eine Möglichkeit zur Mehrung des Wissens, sondern auch zur moralischen Vervollkommnung des Menschengeschlechts erblickte. In diesem Sinne sollte sich, wie Thomas Ehrsam zeigt, die Museumsgesellschaft mit Leihbibliothek und Lesesaal in den Dienst der Öffentlichkeit stellen. Im wissbegierigen 19. Jahrhundert entwickelte sich die Museumsgesellschaft erfreulich, die Mitgliederzahl wuchs, und es konnten immer mehr Bücher angeschafft und Zeitungen aufgelegt werden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekam die Museumsgesellschaft jedoch die Konkurrenz der Zentralbibliothek zu spüren; auch drohte sie, da es an der Bereitschaft zur Modernisierung fehlte, zu einem in der Tat etwas «musealen» Ort zu werden. Ein erneuter Aufschwung setzte mit der Gründung des Literaturhauses vor zehn Jahren ein.
Interessant und unterhaltsam sind Thomas Ehrsams Ausführungen über die Mitglieder und Gäste der Museumsgesellschaft, ihre Altersstruktur, beruflichen Tätigkeiten und ihre Herkunft. Auffallend hoch ist die Zahl der Emigranten, die im Lesesaal eine vorübergehende Heimstätte fanden. Die alphabetische Liste illustrer Namen reicht von Georg Büchner über Lenin und Trotzki zu Stefan Zweig. Und kulturgeschichtlich aufschlussreich ist ein Blick in das «Desiderienbuch», in dem die Mitglieder der Museumsgesellschaft, ehemals wie heute, ihre Anschaffungswünsche notierten und ihre Ansichten über die sittliche oder politische Opportunität einer Anschaffung festhielten.
Hat die Zürcher Museumsgesellschaft ihren Auftrag zur moralischen Vervollkommnung des Menschen erfüllt? Wohl nicht ganz; denn noch immer verschwinden, obwohl im Vorraum des Lesesaals ein moderner Kopierapparat bereitsteht, Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften in den Mappen intellektueller Langfinger. Was anderseits wieder beweist, dass das reichhaltige Angebot der Zürcher Museumsgesellschaft an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften seine Attraktivität nicht eingebüsst hat.
vorgestellt von Urs Bitterli, Gränichen
Thomas Ehrsam: «Silentium! Lesen und literarisches Leben in Zürich». Limmat: Zürich, 2009
2 Briefe zwischen gelehrten Brüdern des 18. Jahrhunderts …
Das «reizlose Zurzach» verliess er schleunigst, und in Germersheim musste er «auf Stroh übernachten», was ihm durchaus nicht behagte – die erste grosse der zahlreichen Reisen des späteren Staatsmannes, Historikers, Publizisten und Kosmopoliten Johannes von Müller (1752–1809) begann 1769 eher unspektakulär und (ebenso zeittypisch wie zeitalterunabhängig) begleitet von väterlichen Mahnungen, unterwegs vorsichtig und sparsam zu sein.
Mit seiner respektgebietenden Edition von weit über sechshundert Briefen aus dem engsten familiären Umfeld Müllers ermöglicht der Herausgeber André Weibel eine Vielzahl derartiger Einblicke in das Werden eines bedeutenden Schweizer Intellektuellen und damit zugleich in dessen Epoche. Die wissenschaftliche Briefausgabe ist dabei zweifellos auch für eher allgemein kulturgeschichtlich interessierte Leser hochattraktiv. Die Fülle der darin enthaltenen lebensweltlichen Details fordert zum lustvollen Schmökern geradezu heraus: was, womit und für wieviel der Göttinger Theologiestudent ass, wird in den Briefen nämlich ebenso erörtert wie die gegen «Zahnwehe» zu ergreifenden Massnahmen oder welche Vorbehalte er gegenüber der Heirat des Bruders Johann Georg (1759–1819) hegt.
Es versteht sich jedoch fast von selbst, dass zumeist Müllers weitgespannte historiographische Studien im Zentrum des Interesses stehen. Demgemäss lesen sich seine Briefe streckenweise wie…