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Basler Universitätsreden 91. Heft
Rektoratsrede gehalten an der Jahresfeier der Universität Basel
Verlag Helbing &Lichtenhahn Basel 1995Hochansehnliche Festversammlung!
"Für die Wissenschaften und schönen Künste haben sie nichts übrig, niemals haben sie den Namen Ciceros oder eines anderen Redners nennen gehört. Die Werke von Poeten verlangen sie nicht; sie geben sich höchstens mit lateinischer Grammatik und Dialektik ab", so schrieb Enea Silvio Piccolomini oder Aeneas Silvius, der spätere Papst Pius II, in einem seiner berühmten Reiseberichte im Jahre 1434, also während des Konzils in Basel und 26 Jahre vor der Gründung der Universität über die Basler.
Ohne Zweifel war das Konzil für die Stadt Basel eine Zeit des geistigen Aufbruchs und der wirtschaftlichen Blüte, dem eine allgemeine Leere und schwere wirtschaftliche Depression folgte. Das Verschwinden dieses spätmittelalterlichen kirchlichen Grossunternehmens aus der Stadt löste eine heftige Standortdebatte aus. Zwei Massnahmen schienen damals geeignet, dem Leben in dieser Stadt neuen Aufschwung zu verleihen: die Gründung einer Universität und die Veranstaltung von überregionalen Messen. Der Weitsichtigkeit und unbeirrbaren Ausdauer der Bürgerschaft eines kleinen städtischen Gemeinwesens ist es zu verdanken, dass die Universität heute auf 535 Jahre ihres Bestehens zurückblicken kann. Der internationalen Messetätigkeit war zunächst wenig Erfolg beschieden. Erst im 20. Jahrhundert ist mit der Schweizer Mustermesse die alte Tradition mit internationaler Ausstrahlung wieder neu und erfolgreich belebt worden.
Mit der Stiftungsurkunde von 1460 ermöglichte Papst Pius II die Gründung der Universität und wünschte der Stadt am Rheinknie, die er als Konzilssekretär kennengelernt hatte, dass sie "(...) zu einer Universitätsstadt vor anderen geeignet, durch die Fülle ihres Lebens, die milde, gesunde Luft, die Lage an den Grenzen verschiedener Nationen, mit den Gaben der Wissenschaft geschmückt werde". In humanistischer Rhetorik gab er ihr zusätzlich folgende Leitsätze mit auf den Weg: "(...) dass sie Männer hervorbringe, ausgezeichnet durch die Reife des Urteils, angetan mit den Zierden aller Tugenden und in den Lehren der verschiedenen Fakultäten erfahren, und damit in Basel ein Quell sprudle, aus dessen Fülle alle nach Wissen Dürstenden schöpfen mögen."
Die Aktualität dieser Sätze muss wohl kaum unterstrichen werden. Eine reichhaltige Kultur und die damit verbundene Lebensqualität, die klimatischen und geographischen Gegebenheiten am Oberrhein, die politische Struktur und die wirtschaftliche Stärke und neuerdings auch der Universitätsvertrag zwischen einem Nichthochschulkanton und einem Hochschulkanton machen die Region Basel in der Tat in besonderem Masse geeignet, eine blühende Universität zu tragen. Um der aktuellen Situation gerecht zu werden, müsste Pius II der Universität Basel heute allerdings wünschen, dass sie nicht nur Männer, sondern auch Frauen hervorbringe, ganz allgemein kritikfähige und tolerante Menschen, die imstande sind, Initiative zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen, so wie es unser Leitbild formuliert. Denn erstes Ziel ist und bleibt für die Universität die Bildung und Ausbildung von Studentinnen und Studenten aufgrund einer Lehre, die sich durch die Forschung ständig aktualisiert.
Diese Universität ist wohlverstanden über ihre ursprüngliche Zielsetzung hinausgewachsen. Über zwei Landesgrenzen hinweg wirkt sie in der Europäischen Konföderation der Oberrheinischen
Universitäten (EUCOR) mit, deren Mitbegründerin sie ist. Mit den heute selbständigen Einrichtungen der Volkshochschule und der Seniorenuniversität engagiert sie sich auch in der Erwachsenenbildung, oder sie entspricht der Forderung nach lebenslangem Lernen durch ihr Weiterbildungsangebot. Mit dem Ausbau des Wissens- und Technologietransfers will sie sich zukünftig vermehrt den Anliegen der Gesellschaft stellen. Auch ihre Nachbarschaft zur Ingenieurschule beider Basel will sie zu einer konstruktiven Partnerschaft entwickeln.
Es beeindruckt uns noch heute, wie Papst Pius II der ihm wohlbekannten Stadt die Innovationskraft und Dynamik zutraute, eine Universität selbst einzurichten und zu finanzieren. Entsprechend gewährte er der Stadt das für die damalige Zeit erstaunliche Privileg der Satzungsautonomie. Die Basler Obrigkeit gab das Vertrauen weiter und liess ihrer Universität bei der rechtlichen Ausgestaltung ihrer Strukturen grossen Spielraum. Wir sind fast versucht, darin eine Frühform des "New Public Management" zu sehen.
Nur 40 Jahre nach der Universitätsgründung zeigte sich auch schon eine erste positive Auswirkung: Für die Eidgenossenschaft war Basel nicht zuletzt durch seine Universität eine attraktive Wahl. Für Basel öffnete der Bund, der keine Hochschulstände kannte, ein neues Einzugsgebiet neben der Oberrheinregion und machte die Stadt zur Drehscheibe der akademischen Mobilität. Die persönliche Zusammenarbeit zwischen bedeutenden Gelehrten und dem Basler Buchdruckergewerbe hat nicht nur der wissenschaftlichen Tätigkeit zu europäischer Ausstrahlung verholfen, sondern auch wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt im Bereich dieser aufstrebenden Kommunikationstechnologie beigetragen. Buchdruck und Wissenschaft waren untrennbar verbunden. Es ist deshalb schwer zu sagen, ob die Gelehrten die Buchdrucker oder nicht doch die Buchdrucker die Gelehrten angelockt haben. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass nicht nur von der humanistischen Philologie,
sondern auch von der frühen Basler Medizin und Pharmazie grundlegende Impulse ausgingen.
1529 kam der Universitätsbetrieb in den Reformationswirren für drei Jahre zum Erliegen. Mit einem neuen Statut ergriff der Staat Besitz von seiner Universität und nahm ihr manche Privilegien. Die körperschaftliche Selbstverwaltung wurde eingeschränkt, aber das kostbarste Privileg, die Freiheit der Lehre und Forschung, blieb erhalten. So konnte die Universität für lange Zeit trotz weitgehender Verstaatlichung doch eine eigentliche Blütezeit erleben. Für das Wohl der Universität zählt offensichtlich zuerst die Verankerung in der Bevölkerung.
Die rationalistisch-materialistische Atmosphäre der Aufklärungszeit bot der Universität dann allerdings kein günstiges Klima mehr. Einige Beispiele sollen verdeutlichen, wie wenig Ansehen der Hochschule im geistigen Leben der Stadt noch blieb. Die Universitätslehrer hatten zuerst dem Bürgermeister und dem Oberzunftmeister und erst dann dem Rektor ihren Treueeid zu leisten. Bei der 300-Jahrfeier von 1760 blieb der Bürgermeister dem Festzug fern, weil er nicht hinter dem Rektor herschreiten wollte; dies zeigt deutlich, wie viel das Volk von den "lateinischen Kaiben" hielt. Typisch, dass man dazumal mehr auf einen Kleinbasler Schneidermeister als auf den berühmten Physiker Daniel Bernoulli hörte und die Basler Uhren eigensinnig weiterhin jenen im übrigen Europa um eine Stunde vorgehen liess. Dass vorübergehend im 18. Jahrhundert die Lehrstühle unserer Universität sogar durch das Direktorium der helvetischen Republik in Bern besetzt wurden, ist für den heutigen Rektor einer regionalen Universität eine alptraumhafte Vorstellung.
Sie haben zweifellos bemerkt, dass ich einleitend bewusst aus der älteren Geschichte der Universität Basel zitierte, um jene Aspekte hervorzuheben, die uns gegenwärtig wieder beschäftigen. Dass die
immer wieder erwähnten Ereignisse um 1833 hier nicht im Vordergrund stehen müssen, dokumentiert eine für alle erfreuliche Entwicklung. Es ist auch offensichtlich, dass ich den Blick in die Geschichte unserer Universität nicht nur als rhetorische Pflichtübung verstehe, sondern auf Vorgänge und Zusammenhänge hinweisen will, die für die aktuelle Situation in erstaunlicher Weise modellhaft erscheinen. Wie in der Gründungszeit der Universität stehen wir heute an einem Punkt, an dem die erfahrbare Welt neue Dimensionen annimmt. Damals wurden neue Kontinente entdeckt, der wissenschaftliche Fortschritt machte bisher ungeahnte Räume und Strukturen zugänglich, der Buchdruck ermöglichte mit der industriellen Reproduzierbarkeit sowohl die Verbreitung des klassischen Grundlagenwissens als auch die Publikation von Ideen, die langfristig die Wissenschaft erneuern sollten. Das Zusammenwirken innovativer Handwerker mit grosser Tradition und führender europäischer Gelehrter im Umkreis der Universität schuf eine einmalige Konstellation, der die Stadt Basel ihre damalige kulturelle und wirtschaftliche Prosperität verdankte. Die Kombination von Kultur, Universität und wirtschaftlicher Umsetzung stellte damals offensichtlich ein Erfolgsrezept dar, das sowohl der Stadt wie der Universität zu grosser Ausstrahlung verhalf. Es muss zur Gründungszeit der Universität eine Aufbruchsstimmung geherrscht haben, in der sich die Basler ohne Zögern aus der mittelalterlichen Provinzialität zu befreien wussten. Entscheidend war aber dabei, dass Altes und Neues in allen Wissensbereichen nebeneinander bestehen und sich gegenseitig befruchten konnte. Diese Qualität kennzeichnet das akademische Leben in der Universität Basel und ihren Fakultäten durch die folgenden Jahrhunderte bis heute. Dies ist umso bemerkenswerter, als es in einem universitären Fach ganz naturgemäss zu einer Konfrontation von Verharren und Fortschritt kommt. Das liegt schon in den 20 bis 30 Jahren begründet, die zwischen abtretender und kommender Generation von Dozentinnen und Dozenten liegen.
Am 1. Januar 1996 tritt der Universitätsvertrag zwischen den beiden Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft in Kraft. Auch das neue baselstädtische Universitätsgesetz soll auf den gleichen Termin wirksam werden. Das unter intensiver Mitarbeit von Angehörigen der Universität erarbeitete Universitätsstatut wird vom Universitätsrat im Anschluss daran erlassen. Dieses Statut wird neben dem Leitbild, das sich die Universität selbst gegeben hat, zukünftig unser Handeln bestimmen. Unter Stichworten wie "verstärkte Mitträgerschaft des Kantons Basel-Landschaft, "Autonomie", "Selbstverwaltung", "Eigenverantwortung", "Globalbudget"beginnt eine neue Ära für die Universität.
Dieser Umstand rechtfertigt es, dass der amtierende Rektor —hier und heute —das Wort ergreift, um die Bedeutung dieser Situation zu würdigen. Der gleichzeitig historische und aktuelle Rahmen der Jahresfeier scheint in hohem Masse geeignet aufzuzeigen, wie die Universität die in der Reform beabsichtigte Weichenstellung für die Zukunft interpretiert und in der Kontinuität von Forschung, Lehre und Dienstleistung zu verwirklichen denkt. Der Anlass scheint so wichtig, dass wir dieses Jahr von dem im Jahre 1993 gefassten Beschluss abweichen, nach dem zur Entlastung des mit zunehmenden Aufgaben bedachten Rektors eine Fachkollegin oder ein Fachkollege die Rede zum Dies academicus des zweiten Amtsjahres des Rektors halten soll.
Der Neubeginn rechtfertigt auch den Blick zurück zu den Anfängen, in denen begründet liegt, was die alma mater basiliensis im Laufe der Geschichte geworden ist. Bei einer Institution mit weit über 500jähriger Tradition entspricht dies dem Bedürfnis, Gegenwart und Zukunft mit der erfolgreichen Vergangenheit in Einklang zu sehen.
Heute entwickelt sich der Horizont des Erfahrbaren und des Machbaren in einer ähnlich dramatischen Weise wie im 15. Jahrhundert, in dem die Universität ihren Ursprung hat. Dass die Grenzen des Erforschbaren in vielen Bereichen der Naturwissenschaften und der Medizin in immer kürzeren Abständen immer weiter gesteckt werden, stellt uns vor ebenso grosse Herausforderungen wie die zunehmenden Möglichkeiten der weltumspannenden Kommunikation. Universität und Industrie können sich mit ihren anerkannten Forschungsinstituten am Standort Basel dieser Entwicklung nicht entziehen. Dabei steht vielleicht noch mehr auf dem Spiel als vor 535 Jahren: Ein in langer Tradition geschaffenes wissenschaftliches und wirtschaftliches Potential soll bewahrt und — wenn immer möglich —ausgebaut werden. Wieder bietet Basel beste Voraussetzungen, auf einem Gebiet wie etwa der modernen Biologie ein weltweit attraktives Zentrum zu werden. Gerade die Molekularbiologie eröffnet ungeahnte, neue Möglichkeiten. Es spielt dabei keine Rolle, ob international führende Wissenschafterinnen und Wissenschafter als Referentinnen und Referenten oder visiting professors von der Industrie, den ihnen nahestehenden Laboratorien oder der Universität nach Basel eingeladen werden, entscheidend ist, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft am Platz Basel davon profitiert, ganz ähnlich wie ich dies am Beispiel des Buchdrucks ausgeführt habe.
Eine Region Basel ohne ihre Universität ist heute undenkbar! Es wäre auch undenkbar, dass ein aktueller Reisebericht, vergleichbar dem des Aeneas Silvius von vor 560 Jahren, folgendermassen lauten könnte: "...weder in den Geisteswissenschaften, der Medizin noch in den Naturwissenschaften tun sie sich hervor; in der Molekularbiologie sind sie im Rückstand, die Theorien des Strukturalismus und der Postmoderne haben sie verpasst, von der Quantenmechanik oder anderen Forschungsgebieten haben sie nie gehört. Die Werke von Nobelpreisträgern verlangen sie nicht, die genetischen Grundlagen der Vererbung sind ihnen fremd, die Techniken moderner Informationsübertragung
kennen sie nicht; sie geben sich höchstens mit den Regeln des Rechenschiebers ab." Der Reisende dürfte auch nicht behaupten, er hätte von der Existenz grosser Pharmakonzerne am Ort nichts gehört.
Sie, meine Damen und Herren Politikerinnen und Politiker beider Kantone, die Sie hier unmittelbar vor mir sitzen, geben uns eine Chance, die wir, Universitätsleitung und die hinter uns sitzenden Dozentinnen und Dozenten und wohl auch im übertragenen Sinn hinter uns stehenden, annehmen, nutzen und gestalten wollen. Sie haben in einmaligen und vielbeachteten Beschlüssen die Aufsicht über die Universität an den Universitätsrat delegiert, der sich durch bekannte Persönlichkeiten auszeichnet und nicht von einem Regierungsrat präsidiert wird. Sie haben damit ein Zeichen gesetzt. Nehmen Sie es auch symbolisch, dass die Universitätsleitung nicht mehr sozusagen am Platz des Konzertmeisters sitzt, sondern in der Mitte der Gesamtdozentenschaft bei der Medizinischen Fakultät, die ein fester Bestandteil der Universität Basel ist und bleibt. Sie, meine Damen und Herren, die Sie etwas zurückgezogen vor mir oder in den Seitenschiffen sitzen und die weitere Öffentlichkeit vertreten —sei es, dass Sie sich ex officio für die Universität interessieren oder Freunde der Universität sind —Sie beobachten uns heute am Dies academicus und Sie werden uns und unser Tun weiterhin kritisch und zum Teil mit sympathischer Neugier verfolgen. Mit unserem Wirken möchten wir auf die ganze Bevölkerung ausstrahlen und von ihrem Vertrauen getragen werden.
Die Grundvoraussetzung aller strukturellen Veränderungen muss die Besinnung auf die Kernfragen sein: Was ist die Idee und die Aufgabe —oder wie es im Gesetz heisst, der Zweck —der Universität
heute? Wie lassen sich diese Zielsetzungen gerade in Basel realisieren? Wie können diese durch die Universitätsreform erleichtert und gefördert werden?
Schon im noch gültigen Gesetz von 1937 heisst es: "Zweck der Universität ist die Pflege der Wissenschaft, die Vorbildung für die wissenschaftlichen Berufsarten und die Förderung des geistigen Lebens." Der Entwurf zum neuen Gesetz weitet den Zweckartikel in dem Sinne aus, dass auch der Dienst an Mensch, Gesellschaft und Natur im allgemeinen zu den Aufgaben der Universität gehört. Wie schon im alten so steht auch im neuen Gesetz die Aussage: "Die wissenschaftliche Forschung und Lehre sind frei."
Es bleibt somit auch im neuen Umfeld die alte Grundaufgabe der Universität, der Gesellschaft geistige Impulse zu geben, so wie es schon Karl Jaspers 1960 anlässlich der 500-Jahrfeier der Universität formulierte: "Die Universität soll die Stätte des hellsten Bewusstseins des Zeitalters sein, wo das Äusserste zur Klarheit kommt, sei es, dass wenigstens an einer Stelle völlig bewusst wird, was geschieht, sei es, dass die Klarheit, in die Welt wirkend, hilfreich wird." Jaspers Worte zielen auf die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis in der Freiheit von Forschung und in ihrer Weitergabe in der Lehre.
Dieser Auffassung universitären Wirkens kann entgegengehalten werden, dass sie historisch im 19. Jahrhundert, genauer im Humboldtschen Modell der Bildungsuniversität, verankert und nur noch bedingt zeitgemäss ist. In der Tat orientiert sich der stark von der naturwissenschaftlichen Forschung beeinflusste Wissenschaftsbetrieb heute mehrheitlich an zielgerichteten Fragestellungen, deren Beantwortung einen hohen Spezialisierungsgrad erfordert. Gestützt auf Kants Kritik an den reinen "Berufsfakultäten"Theologie, Jurisprudenz und Medizin hatte Humboldt aber im 19. Jahrhundert die Aufwertung der philosophischen Fakultät gefordert und damit den
Universitäten als vornehmste Aufgabe die Pflege der auf philosophischen Prinzipien beruhenden allgemeinen Bildung ins Pflichtenheft geschrieben. Das Humboldtsche Modell der Universität wurde in seiner reinen Form nie verwirklicht, die Berufsausbildung wissenschaftlicher Fachkräfte stand immer und steht weiter im Vordergrund. Aber es hat den Grundsatz der Freiheit und Einheit von Forschung und Lehre als heute allgemein anerkanntes Prinzip durchzusetzen vermocht. Bemerkenswert ist auch, dass der mit der Humboldtschen Reform verbundene Begriff der "Bildung"als Ideal bis heute wirksam geblieben ist. Gerade dieses Ideal gewinnt vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Fragmentierung der wissenschaftlichen Disziplinen an den Universitäten in abgewandelter Form neue Aktualität.
Die explosionsartige Entwicklung der Naturwissenschaften und der praktischen Medizin hat an den meisten Universitäten eine Aufspaltung der philosophischen Fakultät in einen geistes- und sozialwissenschaftlichen sowie einen naturwissenschaftlichen Zweig notwendig gemacht. In Basel geschah dies mit dem Universitätsgesetz von 1937. An vielen Universitäten hat sich die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg vor allem auch unter dem Einfluss der steigenden Zahl von Studierenden und der immer vielfältigeren Forschung weiter fortgesetzt. Die seit der Industrialisierung zunehmende Bedeutung der Technik hat zudem ein neues Verständnis von Wissenschaft geschaffen, das nicht primär der Wahrheitssuche, sondern der Verbesserung der Lebensbedingungen verpflichtet ist. Die Gründung technischer Hochschulen wie etwa der 1856 gegründeten ETH zeugen vom Gewicht, das den technischen Wissenschaften seit dieser Zeit nicht zuletzt auch aus wirtschaftlichen Überlegungen zugemessen wird.
Diese strukturellen Veränderungen hatten für die einzelnen Fächer zweifellos positive Auswirkungen, brachten sie doch eine hohe
Konzentration des Wissens und eine Verstärkung der wissenschaftlichen Autonomie mit sich. Dem Einzelnen ging dabei aber zunehmend der Überblick zunächst über die eigene Fakultät, später auch über die eigene Disziplin verloren, was in der langfristigen Entwicklung als Schwäche empfunden wurde.
Es ist daher nicht erstaunlich, dass schon seit einiger Zeit der Ruf nach vermehrter Inter-beziehungsweise Transdisziplinarität laut wurde und dass Aussagen wie die vorhin zitierte von Karl Jaspers wieder an Faszination gewinnen. Es ist allerdings zu betonen, dass "Bildung" im modernen Sinne nicht in erster Linie zweckfreies Streben nach Gelehrsamkeit und Erkenntnis meint, sondern auf die Entwicklung von Persönlichkeiten mit der Fähigkeit zu selbständigem Denken, selbständigem Entscheiden und verantwortungsvollem Handeln abzielt. Es sollen kritikfähige und tolerante Menschen herangebildet werden, die vielseitigen und hohen Ansprüchen sowohl in Wissenschaft als auch in Öffentlichkeit, Staat und Wirtschaft genügen. Wenn wir heute —wie kürzlich in einer Reihe von durch uns veranstalteten Hearings —Vertreter der Wirtschaft fragen, welche Qualifikationen sie von Kandidaten für führende Positionen erwarten, dann nennen sie gerade dieses Anforderungsprofil —nicht reines Fakten- und Berufswissen, das ohnehin rasch veraltet sein wird.
Damit lässt sich als neue Aufgabe einer modernen Universität definieren: Sie muss eine Stätte für Forschung und Lehre im Bereich wissenschaftlich fundierter interdisziplinärer Auseinandersetzung mit den komplexen und vielfältigen Problemen der Menschheit aus der Sicht aller in den fünf Fakultäten versammelten Wissenschaften sein. Für die Lösung vieler Fragen unserer Zeit braucht es fähige Forscherinnen und Forscher aus den verschiedensten Fachrichtungen, und keine andere Institution unserer Gesellschaft hat ein derart weitgefächertes Potential an Wissenschafterinnen und Wissenschaftern
wie die Universität. Als Ort des Strebens nach Objektivität, Wahrheit und Vernunft ist sie zudem Teil des Gewissens der Gesellschaft und damit Bildungsstätte weitblickender, verantwortungsbewusster junger Menschen.
Die Erfüllung solch hochgesteckter Ziele hängt wesentlich von den Bedingungen und dem Umfeld einer Universität ab. Das Anwachsen der Zahl der Studierenden und die hohen Kosten von Naturwissenschaften und Medizin sind zwei wesentliche Punkte, die uns nachdenklich stimmen müssen, vor allem auch angesichts der Tatsache, dass der Sparwille der Regierungen in Bund und Kantonen den Universitäten zu schaffen macht. Heute befinden sich Universitäten in einem zunehmend beunruhigenden Gefälle schrumpfender Budgets auf der einen und Forderungen nach besserer Ausbildung und zahlreicher neuer Leistungen auf der anderen Seite. Die Frage, wie es mit den Hochschulen weitergehen soll, ist vor diesem Hintergrund durchaus berechtigt. Lehre und Forschung sind teuer und wir haben Verständnis dafür, dass im Rahmen knapper Mittel die Finanzierung und die Organisation der Universitäten grundsätzlich neu überdacht werden müssen. Die Lösung kann aber nicht darin bestehen, dass den Universitäten einfach weniger Mittel zugeteilt werden. Die unliebsamen Auswirkungen solcher Massnahmen sind bekannt: ungenügende Betreuung der Studierenden, längere Studienzeiten, Verschlechterung der Forschungssituation, Verlust an Wettbewerbsfähigkeit auf allen Gebieten, wo die Universität und ihre Leistungsempfänger in Konkurrenz zu anderen stehen.
Wie lassen sich unter diesen Voraussetzungen Idee und Aufgaben der Universität gerade in der spezifischen Situation der Region Basel realisieren? Die Antwort muss lauten, dass wir uns auf das Eigene und Besondere der Universität Basel konzentrieren müssen. Dazu gehören: Die lange Tradition der Geistes- und Naturwissenschaften, die Begegnungen ermöglicht und es erlaubt, nach Sinn und
nicht bloss nach Machbarkeit zu fragen; die Chance, welche die mittlere Grösse ihr bietet; die Grenzlage, die sie zum natürlichen Brückenkopf zu Europa macht; ihr starkes wirtschaftliches Umfeld, von dem nicht nur verschiedene Fächer in den Naturwissenschaften, in der Medizin aber auch in den Wirtschaftswissenschaften, sondern möglichst alle profitieren sollten.
Im internationalen Vergleich nimmt das Schweizer Hochschulwesen durch seine Leistungen und durch seine Arbeitsbedingungen immer noch eine gute Position ein. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe: Die Schweizer Hochschulen haben immer eine Kraft zur eigenen Erneuerung und Entwicklung in der Ausrichtung auf neue Forschungsgebiete bewiesen. Die eigentliche Massenuniversität ist hier unbekannt, wenn es auch in einigen Studienrichtungen viele Studierende zu betreuen gibt. Gesamtschweizerisch liegt der Anteil eines Jahrgangs, der an die Universitäten strebt, unter 20%und ist damit im europäischen Durchschnitt relativ gering. Dozentinnen und Dozenten finden an den Universitäten im allgemeinen auch gute Möglichkeiten zur Forschung. Zudem hat gerade in Basel die Universitätsverwaltung bescheidene Ausmasse. Wir kennen auch nicht die Auswüchse einer Gremienuniversität, wenn auch deren Gespenst der einen oder dem anderen in der Phase der Reorganisation leibhaftig vorgeschwebt sein mag. Es ist unser erklärtes Ziel, sie zu verhindern.
Die Attraktivität unserer Universität gilt es zu erhalten, und keine Reform darf diese Vorteile aufgeben, sondern sie muss uns im Gegenteil noch weitere verschaffen. Ich nehme es als gutes Zeichen, dass es der Universität Basel noch immer gelingt, freiwerdende Dozentinnen- und Dozentenstellen international zu besetzen. So konnten wir allein dieses Jahr bis zum Ende des Sommersemesters 1995 neue Kolleginnen und Kollegen aus Cambridge in England, Harvard in Cambridge/USA, Chicago, Paris, München, Hamburg,
Bern, Genf und Zürich begrüssen. Da es schwierig ist, die Qualität einer Universität zu messen, ist die Annahme von Rufen noch immer ein gewisses Indiz für die internationale Rangordnung.
Das neue Universitätsgesetz überträgt uns eine grosse Autonomie und Eigenverantwortung, die im Paragraphen eins festgeschrieben sind: "Die Universität Basel ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt mit eigener Rechtspersönlichkeit und mit dem Recht der Selbstverwaltung" Wir, die Universität —und wir zählen den Universitätsrat dazu —, können unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen und verwirklichen, was uns vorschwebt im Hinblick auf eine exzellente Universität. Wir können uns so organisieren und so miteinander umgehen, dass die alten und neuen Aufgaben der Universität unter Berücksichtigung unseres Umfeldes optimal und effizient erfüllt werden. Wir sollten mit Enthusiasmus an die Arbeit gehen und uns nicht von den Schwierigkeiten, denen Universitätsreformen in anderen Ländern begegneten, abhalten lassen, sondern vielmehr daraus lernen. Die grossen und anspruchsvollen Aufgaben können wir nur lösen, wenn wir sie gemeinsam angehen —Dozierende, Assistierende, Studierende sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Administration und der technischen Dienste. Dies setzt Vertrauen zueinander und gegenseitigen Respekt vor der Arbeit des anderen voraus. Nur so kann auch das Bewusstsein für eine gemeinsame Identität —unsere Universität —entstehen, und nur unter diesen Umständen werden wir alle unser Bestes leisten können. Die Autonomie zwingt uns aber auch, genauer zu überlegen, was wir tun und wie wir es tun. Eine bessere interne und eigene Koordination sorgt für die nötige Transparenz und hilft uns, als Einheit trotz aller Vielfalt im Hinblick auf die eidgenössische Hochschulplanung und Schwerpunktbildung aufzutreten. Wir werden alle vermehrt das
konstruktive Gespräch suchen und anders miteinander umgehen müssen. Um unsere Ideale und Visionen zu erreichen, braucht es nicht egoistisches Denken und Beharren auf Besitzstand. Im Hinblick auf das Leistungsprinzip auf allen Stufen muss Leistung honoriert werden können und Flexibilität unser oberstes Gebot sein. Wir müssen vermehrt interdisziplinär zwischen den etablierten Fachrichtungen arbeiten und neue zukunftsgerichtete Fächer frühzeitig erkennen und schaffen.
Die einzelnen Fakultäten müssen mehr Verständnis füreinander haben und Kontakte pflegen, weniger um das Wissen oder die Kenntnisse der anderen zu übernehmen, sondern um ihre Art zu denken, zu arbeiten oder zu urteilen kennenzulernen. Ich kann nur persönlich sagen, dass ich gerade im Rektorat schätze, was mir die anderen Fakultäten durch ihre Mitglieder, mit denen ich zusammenarbeite, geben.
Diese Neuorientierung bedeutet auch die Bereitschaft zur Qualitätssicherung mittels Evaluation unserer Leistungen in Forschung und Lehre. Ebenso dürfen Entscheide in bezug auf Posterioritäten nicht gescheut werden, was aber vielleicht in eigener Verantwortung besser akzeptiert wird, als wenn dies auf staatliche Anordnung hin geschieht. In dieser Beziehung ist vermutlich auch grössere Flexibilität zu erreichen, wenn ein Teil der universitären Forschungsmittel in Zukunft vorrangig an, auf begrenzte Zeit zusammenarbeitende interdisziplinäre Forschungsteams verteilt werden, die aus allen Fachbereichen zusammengesetzt sind. Ich denke dabei an Themen, die von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aller Fakultäten in wechselnden Konstellationen gemeinsam bearbeitet werden können. Natürlich bedeutet das alles eine zusätzliche Anstrengung, die über das normale Pensum hinaus eigentlich gar nicht mehr geleistet werden kann. Aber auch da sollte uns die neue Universität —wir uns selbst — neue Wege öffnen. Ohne Zweifel besteht in vielen Bereichen ein
grosser finanzieller Nachholbedarf, dessen Befriedigung die unabdingbare Voraussetzung zu grösserer Leistungsfähigkeit ist. Es geht aber zunächst darum, von unserer Seite ein Zeichen zu setzen. Damit kann letztlich auch der Beweis angetreten werden, dass die Finanzierung der Universität eine gute und lohnende Investition für die Gesellschaft ist.
Als Vision hiezu können zum Beispiel die conditions of academic excellence dienen, die in der Jubiläumsnummer zum 125. Jahrestag der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature"im Dezember 1994 veröffentlicht worden sind. Sie lauten wie folgt:
1. Exzellenz sollte das wichtigste Kriterium bei Entscheidungen über Berufungen und finanzielle Mittel sein.
2. Exzellenz in der Forschung ist keine Entschuldigung für Mittelmässigkeit in der Lehre.
3. Regelmässige und objektive Bewertung von Forschung und Lehre ist unbedingt notwendig.
4. Flexibilität (von Institutionen und Departementen) ist erforderlich, um auf Veränderungen in den Forschungsgebieten, insbesondere zwischen den verschiedenen Disziplinen, einzugehen.
5. Eine Institution oder ein Departement, das vor allem auf interne Berufungen zurückgreift, hat keine Chance, ein Center of excellence zu werden oder zu bleiben. Soweit wie möglich, sollen internationale und nationale Kader genau zu den gleichen Bedingungen berücksichtigt werden.
6. Internationale Zusammenarbeit ist entscheidend.
7. Die Institutionen müssen frei sein zu entscheiden, wie sie ihre finanziellen Mittel für Forschung und Lehre verwenden. Ein äusserer Einfluss soll nur garantieren, dass öffentliche Gelder korrekt verwendet werden.
Solche Bedingungen werden auch in Basel ausschlaggebend für die Verwirklichung der Autonomie sein; sie stellen gleichzeitig eine
wesentliche Herausforderung für alle Universitätsangehörigen in den nächsten Jahren dar.
Wer wissenschaftlichen Fortschritt will, kann diesen zwar in gewisser Weise planen, aber er kann ihn nicht erzwingen; wer herausragende wissenschaftliche Leistungen erzielen will, muss vor allem die Spielräume für Studierende und Dozierende schaffen, in denen sie zur Entfaltung kommen können. In diesem Sinne gleicht die Wissenschaft der Kunst: Vielfalt und schöpferische Resultate setzen voraus, dass unterschiedliche Persönlichkeiten mit ihren Stärken und Schwerpunkten zur Entfaltung kommen. Es müssen vor allem jene Lehrenden und Lernenden Spielräume erhalten, die sich der Kreativität, der Lust am Neuen, dem Beschreiten neuer Wege und der Berührung des Unbekannten in Vergangenheit und Zukunft verschrieben haben. Schliesslich sind es auch heute noch vor allem Forscherpersönlichkeiten, die den wissenschaftlichen Fortschritt in Gang halten, nicht beliebig austauschbare Kollektive. Allerdings kommt heute in der Wissenschaft individuelle Kreativität bei der Komplexität der Fragestellungen vermehrt in interdisziplinären Forschungsteams zur vollen Wirkung.
Oberste Richtschnur bleibt für uns dabei das Leitbild, das aus einer universitären Initiative parallel zu der von aussen angeregten Reorganisation entstanden ist und am 30. Juni 1993 von der Regenz verabschiedet wurde. Dort heisst es in der letzten der vier einleitenden Zielsetzungen: "Die Universität verwirklicht ihre Ziele in der Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen, gegenüber der sie tragenden Gesellschaft, gegenüber der internationalen akademischen Gemeinschaft, gegenüber der ererbten Kultur."
Meine Damen und Herren, wann sollte der Rektor im Namen aller Universitätsangehörigen diese hohe Zielsetzung öffentlich bekräftigen, wenn nicht an diesem heutigen Tag, vor und mit Ihnen allen,
die Sie hier versammelt sind, in diesem spätmittelalterlichen Raum, der unsere Einbettung in die Tradition versinnbildlicht?
Nun blicken wir in die Zukunft. Ich schliesse diese Rede mit einem Appell an alle, die es angeht, innerhalb und ausserhalb der Universität, durch unsere Taten dem Universitätsvertrag, dem Universitätsgesetz, dem Statut und dem Leitbild Wirkung zu verleihen. Wir, die Universitätsangehörigen, ergreifen die uns gegebene Chance und verpflichten uns, die in uns gesetzten Erwartungen zu erfüllen.