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Die Schweizer Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren zwar kräftig gewachsen, die Produktivität hat sich jedoch nur in geringem Ausmass erhöht. Da die Produktivitätsentwicklung einer Volkswirtschaft in starkem Masse von der Einbindung in die internationale Arbeitsteilung abhängt, hat eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und der Universität St. Gallen die «Offenheit» der Schweizer Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren gemessen.
Für die Beurteilung der Offenheit steht eine grosse Zahl einschlägig verwendeter Offenheitsmasse zur Verfügung. Diese lassen sich in die beiden Kategorien «rechtlich» und «real» einteilen: Während die erste das Ausmass von Handels- und Kapitalverkehrsbeschränkungen misst, betrachtet die zweite die tatsächlichen Ströme von Gütern und Finanzkapital. Aufgrund der Bedeutung des Dienstleistungssektors in der Schweiz und des relativ hohen Preisniveaus im Vergleich zum Ausland ist die reale Offenheit zur Beurteilung der Schweizer Offenheit besonders interessant.[1] Nach diesem Mass ist die Schweiz offener als viele andere Volkswirtschaften. Dieser Befund hat sich seit 2002 sogar noch verstärkt, da die Offenheit der Schweiz stärker zugenommen hat (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Reale Offenheit ausgewählter Volkswirtschaften (in % des BIP, 1990 bis 2014)
Quelle: IWF; eigene Berechnungen / Die Volkswirtschaft
Dagegen zeigen einige «rechtliche» Indikatoren – wie der Services Trade Restrictiveness Index der OECD, der eine Fülle von Detailinformationen verarbeitet – Potenzial für weitere Liberalisierungen auf. So kommt die OECD in einer Studie aus dem Jahr 2013 zum Ergebnis, dass die Schweiz deutlich offener sein müsste. Diese Untersuchung basiert allerdings auf Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, welche einen Teil des jüngeren Strukturwandels der Schweizer Exportwirtschaft nur unzureichend abbilden.[2] Wiederholt man die Analyse mit aktuellen Daten nach dem neuesten Standard[3], dann ist die Schweizer Volkswirtschaft deutlich offener einzuschätzen.
Der Unterschied in den Ergebnissen ist vor allem auf die veränderte Behandlung des Transit- und des Goldhandels in den beiden Systematiken zurückzuführen. Diese werden nun statt im Dienstleistungshandel (respektive dem Kapitalverkehr) neu dem Warenverkehr zugeschlagen.[4]
Beim Transithandel erwirbt ein Unternehmen im Inland von einem Lieferanten im Ausland Waren und verkauft diese an einen Abnehmer im Ausland weiter, ohne dass dabei die Waren physisch ins Inland ein- und ausgeführt werden. Die Bedeutung dieses Wirtschaftszweigs lässt sich verdeutlichen, indem man die nominale Offenheit einmal mit und einmal ohne den Transithandel (und übrige Wertsachen) berechnet.[5] Während die nominale Offenheit ohne Transithandel rund 60 Prozent beträgt, liegt sie mit Transithandel rund 6 Prozentpunkte höher. Nun kann man durchaus argumentieren, dass die Offenheit durch die Berücksichtigung des Transithandels zu hoch eingeschätzt wird, da diese neuere Form des Handels nicht mit dem klassischen Warenhandel vergleichbar ist. Auch der Einbezug des Goldhandels kann zu einer ähnlichen Einschätzung führen, da der monetäre Wert des gehandelten Goldes ungleich grösser ist als die in diesem Geschäft erzielte Wertschöpfung.
Wettbewerb, Investitionen und Technologie als Produktivitätstreiber
Eine zunehmende und überdurchschnittliche Öffnung der Schweizer Volkswirtschaft wirkt sich theoretisch über drei Wirkungskanäle positiv auf die Produktivitätsentwicklung aus. Dem ersten Kanal nach steigert internationaler Handel die gesamtwirtschaftliche Produktivität nicht zuletzt deshalb, weil den verstärkten Wettbewerb durch Handelsöffnung nur die produktivsten Firmen überleben.[6]
Ein zweiter Kanal setzt bei der Produktivitätssteigerung infolge vermehrter Kapitalakkumulation an, die durch den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten ermöglicht wird. Sinkende Risikoprämien ziehen weitere Kapitalinvestitionen nach sich, was die Arbeitsproduktivität erhöht.[7]
Ein dritter Kanal wirkt über den internationalen Technologietransfer. Der Zugang zu einem grösseren Absatzmarkt in offenen Volkswirtschaften erhöht die Anreize zu mehr Forschung und Entwicklung, da die hieraus hervorgehenden Innovationen höhere Umsätze und Gewinne versprechen.
Die empirische Analyse zeigt allerdings: Die realwirtschaftlichen Offenheitsmasse (wie die nominale Offenheit) weisen – im Unterschied zu vielen anderen Volkswirtschaften – bei einer aggregierten Betrachtung keinen deutlichen Zusammenhang mit der Produktivitätsentwicklung auf. Nur zwischen der realen Offenheit der Schweiz und dem Wachstum des aggregierten BIP ergibt sich ein signifikant positiver Zusammenhang.
Das stärkere Ergebnis bezüglich der realen (versus der nominalen) Offenheit deutet darauf hin, dass es Branchen gibt, in denen die Unternehmen international über eine hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit verfügen und durch die Ausweitung ihrer Exporte zum Wirtschaftswachstum beitragen. Gleichzeitig scheint es aber eine Reihe von Branchen zu geben, deren Unternehmen auf den Exportmärkten weniger aktiv sind, sodass der geringere (internationale) Wettbewerb zu einem relativ hohen Preisniveau führt. In diesem Zusammenhang wird oft der Dienstleistungssektor genannt.
Empirisch zeigen sich tatsächlich deutliche Unterschiede zwischen den Branchen: In wichtigen Branchen wie Pharma, Datenverarbeitung und Uhren sowie Maschinenbau geht eine Ausweitung der Exporte mit einem Produktivitätszuwachs einher. Dagegen ist in den Branchen Druck, Papier, Möbel und Textilien eine Produktivitätsausweitung mit einem Rückgang der Exporte verbunden. Insgesamt deuten die Ergebnisse auch auf Branchenebene darauf hin, dass mit der zunehmenden Öffnung der Schweizer Volkswirtschaft positive Wachstumseffekte einhergehen.
Liberalisierung von Dienstleistungen zahlt sich aus
Ein Bereich des internationalen Handels, wo es noch vergleichsweise viele Beschränkungen gibt, ist der Dienstleistungshandel. Diese Beschränkungen wirken sich auf die Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Unternehmen aus, weil so nur geringe Anreize für Innovationen und die Erschliessung neuer Märkte im In- und im Ausland bestehen. Ausserdem sind Dienstleistungen ein wesentlicher Bestandteil globaler Lieferketten. Sie dienen als Verbindung zwischen einzelnen Gliedern einer Lieferkette und fliessen als Inputfaktoren in den Herstellungsprozess ein. Aus diesem Grund wirken sich Handelsbeschränkungen in Dienstleistungssektoren auch auf den Warenverkehr von Industriegütern aus.
Wir haben uns deshalb gesondert der Frage gewidmet, ob es im Dienstleistungshandel Potenziale für Liberalisierungen gibt, die möglicherweise die Produktivität in diesen Branchen erhöhen. Dazu wurden die Daten des Services Trade Restrictiveness Index (STRI) der OECD ausgewertet, der Handelsbarrieren in einzelnen Dienstleistungssektoren zusammenfasst. Dieser Index berechnet die Offenheit dieser Sektoren für 42 Länder. Demnach weist die Schweiz in Dienstleistungsbereichen wie Rechtsdienstleistungen, Luftverkehr und den Kurierdiensten einen substanziellen Spielraum für Marktöffnungen auf (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Offenheit nach Dienstleistungszweigen (Schweiz, 2015)
Anmerkung: Möglich sind Werte zwischen 0 (vollständig offen) und 1 (vollkommen geschlossen).
Quelle: OECD / Die Volkswirtschaft
Um die Effekte einer Handelsliberalisierung in den Dienstleistungssektoren zu illustrieren, wurden zwei Szenarien konstruiert. Im Szenario 1 wird in allen Branchen der Personenverkehr liberalisiert.
Im noch weiter gehenden Szenario 2 wurden zusätzlich weitere branchenspezifische Liberalisierungen eingeführt. So wurde in den Branchen Rechtsdienstleistungen und Rechnungswesen die Bestimmung aufgehoben, die besagt, dass ausländische Dienstleister den Hochschulabschluss, das Praktikum und das Examen in Rechtswissenschaften vollständig nachholen müssen. In den Bereichen Telekommunikation, Kurierdienste und Geschäftsbankwesen wurde die Kontrolle der Regierung über eines der führenden Unternehmen in der Branche beseitigt. Bei den Computerdienstleistungen und dem Luftverkehr wurden die Begrenzungen der Aufenthaltsdauer für ausländische Anbieter von unabhängigen Dienstleistungen, für ausländische Anbieter von Vertragsdienstleistungen und für konzernintern entsandte Arbeitnehmer von derzeit einem Jahr auf mehr als drei Jahre gesetzt.
In einem ersten Schritt wurde berechnet, wie stark diese Reformen die Handelsrestriktionen in der Schweiz senken würden. In einem zweiten Schritt wurde auf Basis von Elastizitätsschätzungen[8] aufgezeigt, in welchem Ausmass diese Liberalisierungen die Im- und Exporte in den jeweiligen Branchen erhöhen könnten.
Die Ergebnisse sind in der Tabelle dargestellt. Dabei zeigt sich, dass bei den Computerdienstleistungen das Potenzial für eine Liberalisierung besonders gross ist. Durch die Liberalisierung würden die Exporte in dieser Branche im ersten Szenario um 11 Prozent und im zweiten Szenario um über 19 Prozent steigen. Auch beim Rechnungswesen und den Rechtsdienstleistungen wäre die Zunahme gross. Für einige Branchen können keine Effekte auf die Ex- und Importe angegeben werden, da die geschätzten Elastizitäten nicht signifikant sind. Da sich insgesamt deutlichere Effekte auf die Exporte als auf die Importe ergeben, sind positive Effekte auf die Produktivität in diesen Branchen zu erwarten.
Auswirkungen von Handelsliberalisierungen in Dienstleistungsbranchen auf den Schweizer Aussenhandel

Abnahme der Handelsbarrieren (Restriktionsgrad STRI)

Zunahme der Importe in der jeweiligen Branche (in %)a

Zunahme der Exporte in der jeweiligen Branche (in %)a
|Szenario 1||Szenario 2||Szenario 1||Szenario 2||Szenario 1||Szenario 2|
|Computerdienstleistungen||–0,08||–0,14||–||–||11,0||19,3|
|Geschäftsbankwesen||–0,03||–0,04||2,7||3,8||4,5||6,5|
|Kurierdienste||–0,02||–0,03||–||–||–||–|
|Luftverkehr||–0,02||–0,03||0,3||0,6||1,2||2,0|
|Rechnungswesen||0||–0,22||–||–||–||–|
|Rechtsdienstleistungen||–0,08||–0,16||5,8||11,9||4,4||9,0|
|Telekommunikation||–0,02||–0,04||–||–||–||–|
aDer Berechnung sind die von Nordås und Rouzet (2015) berechneten Elastizitäten zugrunde gelegt.
Quelle: Nordås und Rouzet 2015; eigene Berechnungen / Die Volkswirtschaft
Finanzwirtschaftliche Offenheit lohnt sich langfristig
Die Indikatoren der finanzwirtschaftlichen Offenheit weisen im Unterschied zu der relativ schwachen empirischen Evidenz bei den realwirtschaftlichen Offenheitsmassen einen deutlich positiven Zusammenhang mit der Produktivitätsentwicklung in der Schweiz auf. Möglicherweise werden also realwirtschaftliche Zusammenhänge von den Kapitalimporten, wie beispielsweise Direktinvestitionen, überlagert. Dabei ist der gerade seit der Krise merkliche Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen kein gutes Signal für die Produktivitätsentwicklung in der Schweiz.
Für die kurze Frist zeigen unsere Ergebnisse, dass Kapitalex- und -importe stärker im Zusammenhang mit der Wirtschaftsaktivität im Ausland, insbesondere im Euroraum, und den damit verbundenen Risiken stehen. Dies deckt sich mit den Erfahrungen während der Finanz- und der europäischen Staatsschuldenkrise. So repatriierten Schweizer Banken während der Finanz- und Eurokrise Kapital in die Schweiz – was zur starken Frankenaufwertung gegenüber Dollar und Euro, dem sogenannten Safe-Haven-Effekt, beigetragen hat.[9] Wie die neuere Diskussion[10] zeigt, kann die Geldpolitik nur beschränkt solche Kapitalströme beeinflussen: Die kurzfristigen Belastungen der finanziellen Offenheit müssen zu einem gewissen Grad in Kauf genommen werden, um von den mittel- und langfristigen positiven Effekten der finanziellen Offenheit für die Produktivität profitieren zu können.
- Alcala und Ciccone (2004), S. 614.
- Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) 1995.
- ESVG 2010.
- In der alten Systematik wurden die Nettoeinnahmen des Rohstoffhandels (Erlös des Verkaufs minus Aufwendungen für Kauf der Waren) als Export von Dienstleistungen verbucht. Mit der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (ESVG 2010) im Herbst 2014 wurde die Definition des Warenhandels geändert. Neu wird der Eigentümerwechsel als Kriterium aufgeführt und nicht der physische Grenzübertritt wie unter dem alten System (ESVG 1995).
- Der Zähler lautet Güterexporte plus -importe jeweils ohne nicht monetäres Gold (einschl. übrige Wertsachen) bzw. Güterexporte plus -importe jeweils ohne nicht monetäres Gold (einschl. übrige Wertsachen und Transithandel). Der Nenner ist das nominale BIP.
- Melitz (2003).
- Errunza and Losq (1985).
- Nordås und Rouzet (2015).
- Auer und Tille (2015).
- Rey (2015).