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Wenn man die dunkle Halle der Kirche San Francesco in Arezzo betritt, vergisst man schnell das helle Licht der Toscana. Die einschiffige Saalkirche wurde auf dem "Sonnenhügel" (so nannten ihn die Aretini des frühen trecento) im Jahre 1377 vollendet: eine schlichte Fassade mit einem Okulus über dem Portal. Schlichte Innenausstattung, ganz nach dem Gusto der frommen, bescheidenen Franziskaner. Ein Aretiner wollte es aber hier etwas bunter, bedeutender haben: Giovanni Bacci, Sohn des wohlhabenden Gewürzhändlers Francesco Bacci, strebte nämlich nach einer bedeutenden Höflings-Karriere: Florenz? Urbino? Mailand? Für einen Sohn der Provinz reichten das Geld und die Empfehlungsbriefe für den Aufstieg nicht. So griff er zur Kirche San Francesco und der Kunst als einem Instrument der Repräsentanz und wählte dazu keinen geringeren als Piero della Francesca. Piero war eben von Rimini zurückgekehrt. Jetzt sollte er für die Familie Bacci den Hauptkapelle der Kirche in Arezzo mit Fresken fürstlich gestalten. So entstand in dieser schlichten Kirche einer der bedeutendsten Freskenzyklen des Quattrocento. Ich gehe hundert Schritte durch den schlichten Kirchensaal und stehe vor der grossartigen Kapelle Bacci und den Fresken von Piero della Francesca.
Die Malereien in der Kapelle Bacci entstanden zwischen 1462-1465. Piero della Francesca bediente sich für den Inhalt der Malereien bei der "Legenda Aurea", der bekanntesten Sammlung an Heiligenlegenden des Dominikaners Jacobus de Voragine aus dem Jahr 1264. Wie in einem grossen Kino fliesst das zentrale Motiv des Fresken-Zyklus von der Stirnwand zur rechten Aussenwand: Der Traum Konstantins und der Moment vor der Schlacht an der Milvinischen Brücke. Siegessicher hält Konstantin das Kreuz mit gestreckten rechten Arm. Ein Kreuz anstatt eines Schwertes!
Die Bilder Piero della Francescas sind mit großer Klarheit aufgebaut, von verhaltener Beweglichkeit – selbst in den Schlachtszenen – und mit ruhigen, einfachen Formen in festen, geschlossenen Umrissen gestaltet. Della Francescas Eigenart ist es, in den Gesichtern seiner Gestalten kaum Gefühlsregungen sichtbar zu machen. Das Mienenspiel bleibt fast immer still und konzentriert. Der Blick trifft nie den Betrachter. Nichts wird ausgesprochen und niemals gestikuliert. Alles wird aber klar. Wie der Sieg Konstantins. Wie siegessicher ist nur sein Gesichtsausdruck? Er schaut nicht zur Brücke, wo die Schlacht bald geschlagen wird. Er fixiert das Kreuz, und sein Blick scheint auf ein inneres, ganz anderes Bild gerichtet. Das kleine Holz scheint in seiner feingeformten Hand fast zu schweben. Hand und Kreuz bilden einen direkten Kontrast zu der gepanzerten Soldatenfaust und dem erhobenen Speer.
Im Jahre 1954 ist der junge tschechische Komponist Bohumil Martinů nach Arezzo gepilgert, um sich die Fresken von Piero della Francesca anzuschauen. In seinen Notizen schrieb er über "eine feierliche Stille [...] und farbige Atmosphäre voller seltsamer, friedlicher und bewegender Poesie", die er vor den Fresken empfand. Tief berührt von diesem Kunstwerk komponierte er ein Jahr später in Nizza ein Orchesterwerk, "Les Fresques de Piero della Francesca”.
Für Sie haben wir den zweiten Satz ausgesucht, in dem der Traum von Konstantin thematisiert wird. Die Musik beginnt mit einer leisen Wiederholung des ersten Satzes in einem verlangsamten Tempo. Der Schlaf Konstantins ist noch ruhig. Dann beginnt er von der bevorstehenden Schlacht zu träumen und die Musik geheimnisvoll zu „wirbeln“. Ein Bratschensolo (1:18) markiert das einzige explizite programmatische Element des Stücks: Laut Martinů soll es eine Trompete darstellen, die den Ruf zum Kampf darstellt. Die Paukenschläge bestätigen den Ruf. Dann wächst der Marsch zu einem Crescendo mit einem Höhepunkt (1:40) mit brillanten Trompeten. Und so marschiert er mit seiner Musik zusammen mit Konstantin durch den Traum weiter; durch eine Reihe kontrastreicher Episoden, bis er mit einer leisen Coda, mit der Harfe und leisem Klopfen auf der Pauke den Marsch Konstantins zur Ruhe bringt.
In der Tradition einer antiken Ekphrasis (eine literarische bzw. rhetorische Form, durch welche ein Gegenstand, Handlungen oder Landschaften sehr anschaulich und bildlich beschrieben und dem Betrachter dadurch imaginierend „vor Augen gestellt“ wird) beschrieb Martinů 1955 die Fresken Piero della Francescas. Im Medium der Musik einen Freskenzyklus zu beschreiben, bedeutet auch, die Grenzen und Stärken des jeweiligen Mediums zu kennen. Wie kann man die Stille, die Pieros Bilder dominiert, mit dem Ton einer Komposition "ins Ohr" übersetzen? Wenn Sie das nächste Mal nach Arezzo reisen, dann sehen Sie und hören Sie die Fresken der "Legende des Wahren Kreuzes".
Ich verlasse die Kirche San Francesco. Draussen, auf den Strassen Arezzos, duftet es wunderbar nach Frühling. Zeit für das Profane: eine einfache Carbonara Aretina.
Bo Kojich
PS: Falls Sie das komplette Orchesterwerk abhören möchten, hierunter finden Sie auch den Satz I (Andante) sowie den Satz III (Poco allegro)