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1 Kilo Beeren, Zucker, Rahm … die 68-Jährige zählte im Geiste ihren Einkaufszettel auf. In der letzten Zeit war sie etwas vergesslich geworden und trainierte ihr Gedächtnis mit Aufzählungen, die sie in regelmässigen Abständen wiederholte. Sie schüttelte ihren weiss getupften Regenschirm ab und setzte sich auf die Bank. Sie sah zu der jungen Frau neben sich, aber die guckte gespielt gelangweilt auf den Boden, um die Unbekannte nicht grüssen zu müssen. Sie drückte an ihrem iPad herum, ihr Freund hatte gerade per SMS Schluss gemacht. Eigentlich wollte sie laut losheulen.
«Wann kommen nochmals meine Enkel?», fragte sich die andere und rieb die Stirn. Zum zVieri oder zum zNacht? Von Ferne sah man langsam einen alten Mann daherkommen mit Stöcken, einen schweren Rucksack tragend. Noch 15 Meter, tröstete der sich, dann kann ich mich ausruhen. Der Bus kam erst in 10 Minuten, war auf der Anzeige zu lesen. Die Junge grub ihre Handtasche um, an ihrer Nasenspitze wuchs ein Tropfen. «Kann ich behilflich sein?», fragte die Ältere und hielt ihr ein Paket Taschentücher hin. Die Junge sah auf und eine Träne kullerte, sie nickte und nahm sich eins heraus. Mit einem weiteren Nicken bedankte sie sich. Zum Reden fühlte sie sich nicht imstande.
Seufzend schleppte sich nun der alte Mann um die Ecke und liess sich auf die Bank plumpsen. Die junge Frau konnte gerade noch rechtzeitig etwas zur Seite rutschen. Der Rucksack schlug an die Glaswand, alle zuckten zusammen. «Tschuldigung», sagte er übertrieben laut. Die anderen nickten. «Heute ist es aber schwül», rief er fast und zog umständlich seinen Umhang aus. Schweisstropfen standen auf seiner Stirn und er liess ein Husten hören, das von weit unten rauf kam. Dann stopfte er seine Jacke unter den Deckel des Rucksackes. Die Junge schnäuzte sich ein zweites Mal, die Ältere hielt ihr nochmals die Nastücher wieder hin. «Lass es raus, Süsse, du kannst es anscheinend brauchen.» Die Junge lächelte gequält durch einen Tränenschleier.
Der Bus fuhr heran. Der Mann stand ächzend auf und schnallte mit Schwung sein Gepäck auf den Rücken. Die Frauen staunten über die Kraft, die er noch zu haben schien. Die Ältere hielt ihm derweil fürsorglich die Stöcke. «Vergelts Gott», rief der Mann aus und bewegte sich auf den Rinnstein zu. 1 Kilo Beeren, Zucker, Rahm … dachte die 68-Jährige und stand auf. Entschlossen packte sie den Schirm, liess ihre Tasche aber liegen und stieg in den Bus. Die Junge sah es gerade noch rechtzeitig und lief damit zu der anderen. Die drückte der Fremden dafür einen Kuss auf die Wange. «Ei, ei, ei …», sagte sie und dachte dabei an sich selber. Der Alte stieg ganz vorne ein. «Guten Morgen», sagte der Busfahrer und blieb geduldig stehen, bis alle Passagiere auf ihren Plätzen sassen. Er pfiff dabei fröhlich.
Die Junge hatte sich inzwischen gefangen und drehte eine Locke zwischen den Fingern. Andere Mütter haben bessere Söhne. Die Ältere fand in der Tasche einen Zettel worauf stand, wann der Besuch kommen wollte. Der Alte sah versonnen in den Himmel hinauf. Es wird wieder Regen geben, dachte er, aber erst wenn wir alle zu Hause sind.
Momo Appenzeller,
18.6.2015, 114. Jahrgang, Nr. 169.
19.6.2015, 15:30 Uhr.
Pierre-François Bocion schrieb:
Busshaltestelle: Eine ausgezeichnet formulierte Geschichte über den Zustand unserer Gesellschaft. Ich nehme an, jeder wird hier aufgefordert im Kleinen mehr für den Mitmenschen zu tun. Die alte Frau mit den Tempo Taschentüchern gibt ein Beispiel.
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