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Wer unter Qualität immer schon ein Urteil versteht und davon ausgeht, Qualität sei einfach ein Fremdwort für «gut», sollte im Lexikon nachschlagen. Tatsächlich beinhaltet der Begriff «Qualität» ja in seiner primären Bedeutung zunächst gar keine Bewertung, sondern meint schlicht «Beschaffenheit», die besonderen Eigenschaften eines Gegenstandes.
Qualität als Wertung interessiert mich denn auch nicht, dafür aber umso mehr jene andere, allgemeine Bedeutung von Qualität. Mich interessieren die unterschiedlichen Qualitäten von Filmbildern. Mich interessiert die grobe Körnigkeit des 16mm-Bildes in John Cassavetes’ Faces und die schmerzhafte Überschärfe der HD-Aufnahmen in Michael Manns Public Enemies. Mich interessiert das Schwarz-Weiss von Truffauts Les 400 coups und die Farben von Vincente Minnellis The Band Wagon. Ist das eine besser als das andere? So zu fragen, ist genau so absurd, wie wenn man fragen würde, ob Gedichte besser seien als Romane, Gemälde besser als Fotografien oder eine Klaviersonate besser als ein Streichquartett.
Qualität ist demnach auch kein zu erreichender Standard und keine ideale Norm, wie offenbar all jene denken, die von «Qualitätssicherung» sprechen. Qualität bedeutet vielmehr gerade das Gegenteil von Festlegung und Standardisierung: Sie ist Schauplatz der Differenz. Oder anders gesagt: Qualität gibt es immer nur im Plural.
Unseren Blick auf diese differenten Qualitäten zu richten – das ist es, was ich als Medienwissenschaftler und Filmpublizist versuche, in Texten, Vorträgen oder Videoessays. Seien es die willentlich zugefügten Kratzspuren auf den Filmstreifen von Stan Brakhage oder die zufällig im Laufe der Jahre und Vorführungen entstandenen auf den alten Filmkopien von Hollywoodklassikern, die dazu führen, dass jede einzelne Kopie ein klein wenig anders ist, eine leicht andere Qualität hat. Ob es die laufend sich zersetzenden Videobilder Dara Birnbaums oder Steina Vasulkas sind oder das zerfallende Nitratmaterial in den Filmen von Bill Morrison; der verrutschte Ton bei Jerry Lewis und Hans-Jürgen Syberberg oder die Stille bei Robert Bresson und Jacques Tati: Die Faszination von Film bestand niemals darin, unsere vertraute Wahrnehmung bloss zu konsolidieren, noch darin, Sehgewohnheiten und Industriestandards zu erfüllen, sondern, im Gegenteil, uns durch seine je anderen medialen Beschaffenheiten auf Abwege zu bringen. Nicht das Gleiche, sondern einen Unterschied machen – darum geht es bei den Qualitäten des Films.