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Wird die Bank of England auf den Zug der lockeren Geldpolitik aufspringen?
Gegründet im Jahr 1694 als Privatbank der Regierung, wurde der Bank of England 1998 von der Regierung Unabhängigkeit bei der Festlegung der Geldpolitik gewährt. Jetzt, da Grossbritannien mit der vielleicht grössten politischen Unsicherheit seit Langem konfrontiert wird, lohnt es sich für M&G UK, die Frage zu stellen, inwieweit diese Unabhängigkeit bestehen bleiben wird.
23.09.2019, 05:00 Uhr
Redaktion: lek
Wir haben bereits gesehen, welche Auswirkungen populistische Regierungschefs auf die angeblich unabhängigen Zentralbanken haben können. Der offensichtliche Fall sind die USA, aber es gibt auch andere Beispiele für Zentralbanken, die unter politischem Druck stehen, die Geldpolitik locker zu halten - von der Entlassung des damaligen Notenbankgouverneurs durch den türkischen Präsidenten Erdogan bis hin zur Reaktion der Europäischen Zentralbank auf das anhaltend niedrige Wachstum in Europa. Selbst wenn Trump die Fed nicht direkt kontrolliert, kontrolliert er durchaus den Markt, was wiederum die Zentralbank unter Druck gesetzt hat und zu Zinssenkungen der Fed trotz expandierender Wirtschaft führte.
"Mit immer mehr monetären Bonbons, die aus dem Süssigkeitenglas gewählt werden können - welcher Politiker könnte der Versuchung widerstehen, den Schrank zu plündern und seiner Wirtschaft ein Zuckerhoch aus Zinssenkungen, quantitativen Lockerungsmassnahmen und Krediten zuzuführen?" Diese Frage stellt sich Ben Lord, Fund Manager M&G UK Inflation Linked Corporate Bond Fund.
Der Druck auf die Fed wird wahrscheinlich nur noch zunehmen, wenn sich die Wahlen im Jahr 2020 nähern, ist Lord überzeugt: Wenn Präsident Trump in der Lage ist, weitere Kürzungen vorzunehmen und die Märkte mit einem Handelsabkommen und Versprechungen von Steuersenkungen gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen in die Höhe zu treiben, könnten man allmählich zustimmen, dass er - in seinen Worten - "ein sehr stabiles Genie" ist.
"No-Deal"-Brexit würde Zinsen unter Druck setzen
Lord erklärt weiter, dass Grossbritannien vorerst der globalen Disinflation entkommen zu sein scheint, die in Japan begann und nun in Europa zu beobachten ist. Das passt zur Linie der Bank of England (BoE), da sie plant, unabhängig vom Ergebnis des Brexits die Zinsen zu erhöhen. Mark Carney hat sogar die Anleger gewarnt, dass sie unterschätzen, wie stark die Zinsen steigen könnten. Die Strategie, den Markt mit einer schärferen Tonlage auf Zinserhöhungen vorzubereiten, hat gemäss Lord für Jerome Powell offensichtlich nicht funktioniert.
Wenn Grossbritannien die Europäische Union am 31. Oktober ohne Abkommen verlässt, wird das britische Wachstum vermutlich darunter leiden - und wenn das Ziel der BoE Finanzstabilität ist, wäre es schwierig, eine Beibehaltung der Zinsen oder gar eine Erhöhung zu rechtfertigen. Bisher basieren die Prognosen der BoE auf der Annahme eines geordneten Brexits, sie haben sich aber angesichts der ständig steigenden Wahrscheinlichkeit eines harten Ausstiegs offiziell noch nicht geändert, sagt der Spezialist.
Manche Anleger argumentieren, dass ein niedrigeres Pfund Sterling (was im Falle eines "No-Deal"-Brexits unvermeidlich wäre und wahrscheinlich auch, wenn die BoE eine quantitative Lockerung durchführt) zu einer beträchtlichen importierten Inflation aufgrund einer erhöhten Exportnachfrage führen würde. Dies würde eine aggressive geldpolitische Reaktion rechtfertigen. Hier kann jedoch eine direkte Parallele zu dem gezogen werden, was in diesem Jahr in den USA passiert ist.
Die Daten in den USA (starke Löhne, niedrige Arbeitslosigkeit, ein solider Verbraucher) mögen einen anhaltenden Zinserhöhungszyklus durchaus rechtfertigen. Aber würde angesichts eines nervösen Marktes, der durch das Versprechen einer geldpolitischen Lockerung besänftigt wurde, eine Zinserhöhung wirklich zur wirtschaftlichen Stabilität beitragen? Die Fed stellte sich offensichtlich diese Frage und war anderer Meinung. Im Gegensatz zu den USA werden Zinssenkungen vom britischen Markt bisher nicht eingepreist: Derzeit liegt die implizite Wahrscheinlichkeit, dass sich auf der nächsten MPC-Sitzung keine Änderung ergibt, bei nahezu 100%, während in den USA die implizite Wahrscheinlichkeit einer weiteren Senkung während der FOMC-Sitzung im September ebenfalls nahezu 100% beträgt. Im Falle eines "No-Deal"-Brexits in einem Monat können die Markterwartungen künftig jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.
Weitere Unwägbarkeiten
"Es gibt noch weitere Unwägbarkeiten, die sich nach dem Brexit auftun werden. Viele erwarten nun, dass kurz nach dem 31. Oktober eine Parlamentswahl stattfinden wird. Würde eine von Corbyn angeführte Regierung eine ähnliche Verstaatlichung von öffentlichen Institutionen wie der Infrastruktur verfolgen? Dies würde zweifellos die öffentlichen Ausgaben erhöhen, was zu erheblichen Anleiheemissionen und einem Abwärtsdruck auf die Kurse von britischen Staatsanleihen durch ein erhöhtes Angebot führen würde", meint Lord. Und da höhere Zinssätze die Zinsen von Vermögenseigentümern und Kreditgebern gegenüber den Kreditnehmern begünstigen, ist es wahrscheinlich, dass eine solche Regierung versuchen würde, die Kreditkosten in irgendeiner Weise zu senken.
Und welchen Zinssatz sollte man sich überhaupt als „neutral" vorstellen? Das Inflationsziel von 2%, das die BoE verfolgt, wurde in der Vergangenheit geändert, erklärt der Fondsmanager. In der Zeit nach dem Brexit mit potenziell gedämpften Wachstumsaussichten kann es sein, dass diese ohnehin schon recht willkürliche Zahl unter Druck steht. Angesichts der niedrigen Inflation und des niedrigen Wachstums auf der ganzen Welt würde Lord argumentieren, dass sich die Fiskalpolitik mit dem Wachstum und die Geldpolitik mit der Inflation befassen sollte.
Vorerst geht die Bank of England mit ihrer straffen Politik weiterhin ihren eigenen Weg. Aber da die Uhr bis zum 31. Oktober tickt und ein harter Brexit immer wahrscheinlicher wird, kann es für den neuen BoE-Gouverneur schwierig sein, nicht auf den Zug der lockeren Geldpolitik aufzuspringen, so die Schlussfolgerung von Ben Lord.
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