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Unerlag: Nadle- und Löibstrew
[Unterlagen: Nadel- und Laubstreue]
Nadelstreunutzung in den Vispertälern um 1965,
Foto Adrian Imboden aus Hüeterbüeb S. 124
Unerlag: Nadle- und Löibstrew
Nadelstreunutzung in den Vispertälern um 1965,
Foto Adrian Imboden aus Hüeterbüeb S. 124
Nadelstreue
Das vordere Vispertal gehört historisch zur «Inneralpinen Agrarzone», man kombinierte also die intensive Viehwirtschaft mit einem gewissen Getreidebau, der im Berichterstatterzeitraum noch sehr präsent war und erst in den 1960er-Jahren entscheidend zurückging.61 Trotzdem konnte der Bedarf an Einstreue zur Bindung des Dungs im Stall nur zu einem geringen Teil aus dem anfallenden Stroh gedeckt werden. Zum einen weil das Stroh als Einstreumaterial nicht sonderlich beliebt war, es sog einfach zu wenig auf, zum anderen brauchte man den grösseren Teil der zurVerfügung stehenden Menge als Viehfutter und als Bettstroh. Abgesehen vom Buschga, dem sauren und harten Gras der Magerwiesen, das teilweise ebenfalls als Streue verwendet wurde, war man also stark auf die Gewinnung von Einstreue aus dem Wald angewiesen. Für Visperterminen wird der mittlere Bedarf einer Haushaltung mit 10 bis 12 Schlittenladungen im Jahr angegeben. Der Verbrauch war nicht einfach zu senken, denn dort, wo sie zu sehr sparten, war dann das Vee dreckiger oder schmutziger und man musste mehr putzen.
Die schönen Plätze waren immer übemutzt
Am begehrtesten war das Rottannechriss, da es die Feuchtigkeit am besten aufsaugte. Ebenfalls beliebt war das Sammeln unter der Wysstanne, die ziemlich viel Chriss fallen lässt. VVeniger günstig beurteilte man die Nadeln der Lärche: zum einen vergehen sie nur langsam, zum anderen wurde durch das Gras, das zu diesen Beständen gehört, das Zusammenrechen der Nadeln erschvvert.Trotzdem wurden diese an bestimmten Orten intensiv genutzt. Der Wirtschaftsplan über die Waldungen der Burgergemeinde Visperterminen (1928) hält fest: Es gibt Standorte in allerbesten Lage (Gerstemwaldz. B.), wo durch generationenlanges Streuesammeln der Boden verhärtet und ausgemagert wurde. Die Lärche wird dort kaum 20 Meter lang! Gar nicht gesammelt wurden dagegen Föhrennadeln, man erachtete sie als zu harte Unterlage für das Vieh.
Gewonnen wurde die Nadelstreue meist mit einem rund 30 cm breiten (vgl. Chrissu) Eisenrechen, versehen mit 5 cm langen lisu-Zend und einem 1 bis 1,5 m langen Holzstiel. Man zog ihn dem Holzrechen vor, weil er enger und dadurch effizienter war. Einzelne betonen dagegen, sie hätten einen Rechen aus Holz verwenden müssen, weil ihnen gesagt wurde, dass die lisu-Räche dem Wald schaden und sie Angst gehabt hätten, dass der Förster einen bestraft. Tatsächlich wurde der Einsatz von Instrumenten aus Eisen zur Streugewinnung in den Burgerwäldern in Visperterminen (1928) ebenso wie in Zeneggen (1929) untersagt. In den 1940er-Jahren versuchte auch der Kreisförster, gegen den Metallrechen Druck zu machen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Um nicht entdeckt zu werden, versteckte man den lisu-Rächu nach Gebrauch einfach im Korb unter der gesammelten Nadelstreue.
Die meisten Gewährsleute berichten, dass die gesammelte Streue vorerst im Wald zwischengelagert wurde. Man erstellte mächtige, 2.5 bis 4 m hohe Chrisshaufen, Chrisshüffo mit einem Durchmesser bis zu 4 m, die zwecks Witterungsschutz teilweise unter grossen Tannen angelegt oder auch mit grossen Ästen zugedeckt wurden; eine weitere Möglichkeit, das Eindringen von zu viel Feuchtigkeit zu verhindern, war, sie gegen oben spitz zu machen, so dass das Wasser abläuft. Um Besitzstreitigkeiten zu vermeiden, steckte jede Familie ihr Hüüszeichu in die von ihr gesammelten Haufen. Im Winter füllte man dann die Streue in rund zwei auf zwei Meter grosse Füetertiächer, knüpfte alle vier Ecken zusammen und lud zwei bis drei davon auf den Schlitten. Teilweise wurde die gesammelte Streue auch in den grossen Chrisstschiffera ins Dorf getragen. Oft schickte man auch die Kinder in den Wald, um eine Tschiffreta Streue zu holen, die sie dann eine Stunde heimtragen mussten.
Ein Zeitzeuge erzählt von einem Transport aus einem schwer zugänglichen Gebirgswald, der nur mit Steigeisen (Gräppini) zu erreichen war-, von dort spannte sein Vater ein rund 700 m langes Kabel bis ins Dorf, an dem sie die mit Streu gefüllten, 30 bis 35 kg schweren Jutesäcke hinuntergleiten liessen - eine Technik, die auch beim Transport von Wildheu eingesetzt wurde. Die dazu nötigen Hääggä wurden aus dürren Ästen mit einem Durchmesser von 6 bis 7 cm hergestellt, in die man ein 2 cm dickes Loch bohrte, das dann zwecks leichterem Gleiten mit Öl gefüllt wurde.
Mehr so zwischendurch nahm man zwar auch etwas Nadelstreue aus dem eigenen Privatwald, den weitaus grössten Teil holte man aber aus den burgerlichen Wäldern. In den Wirtschaftsplänen dieser Wälder wird beklagt, dass die intensive Streunutzung die Naturverjüngung ebenso wie die Bodenqualität massiv vermindere, was zu vorratsarmen Beständen führe. Zudem erfolgte die Nutzung in räumlicher Konzentration. Viele Wälder kamen für die Streunutzung nicht in Frage, weil sie zu weit entfernt und die Wegverhältnisse zu schlecht waren, umsomehr werden deshalb die nahe gelegenen Wälder herangezogen. Folgerichtig fordert beispielsweise der Wirtschaftsplan von Zeneggen (1902) dringend Massnahmen, um die bis anhin grenzenlose Streunutzung zeit- und ortsweise zu reduzieren. Sowohl in den Wirtschaftsplänen als auch in den Zeitzeugeninterviews finden sich entsprechende Bemühungen um Regulierung.
In Törbel durfte man nur im Herbst während drei, vier aufeinander folgenden Samstagen chrissu gehen, sonst war es strafbar, örtlich hatte es nicht immer am gleichen Ort zu geschehen, so dass das ganze Gebiet ein bisschen darunter leiden musste und nicht nur bestimmte Stellen-, die Gemeinde machte diese Ankündigungen jeweils auf dem Dorfplatz am Sonntag nach der Kirche, Verchintu. Dabei galt es an den entsprechenden Tagen unbedingt rechtzeitig dort zu sein: Den letzten beissen die Hunde. Laut Stebler (1921) war in den Wäldern Törbels zudem das Anlegen von Streuhaufen verboten-, jeder durfte nur soviel Streue sammeln, wie er gerade mitnehmen konnte.
In Zeneggen wurde die Streunutzung in verschiedenen Abteilungen ganz untersagt; in den anderen war sie während je zwei Tagen im Frühling und im Herbst, die von der Gemeindeverwaltung zu bestimmen sind, unter der Aufsicht des Revierförsters gestattet. Ein Zeitzeuge erinnert sich, dass man an diesen Samstagen einfach schauen musste, dass man das Zeug zusammenbringt, es kamen alle, der Vater, die Mutter und die Kinder-, und man musste weite Wege gehen: die schönen Plätze waren immer übernutzt. Auch in Visperterminen verbot man das Holen der Streue in bestimmten Abteilungen ganz, so besonders im Banngebiet; zudem wurden die maximale Menge pro Haushalt und Jahr auf sechs Schlittenladungen ä fünf normale Säcke beschränkt. In St. Niklaus liess der Förster gewisse Parzellen nach dem Chrissen anschliessend für fünf bis zehn Jahre schonen.
In den Zeitzeugeninterviews zeigen sich aber auch gewisse Grenzen solcher Regulierungsbemühungen. Verschiedentlich wird berichtet, dass zusätzliches Chriss heimlich gesammelt und in den Tschiffere unter Moos oder Ästen versteckt in den Stall transportiert wurde. Wer vom Förster ausserhalb der erlaubten Streunutzungszeiten erwischt wurde, musste zwar eine Busse bezahlen, die war aber nicht richtig abschreckend, man stand einfach ein bisschen blöd da.
Laubstreue: Die Matte sauber geputzt
Im vorderen Vispertal standen einige weitere Streuematerialien ergänzend zur Verfügung, wenn auch in weit geringerem Ausmass als die Nadelstreue. Genutzt wurde vor allem das Laub der Eschen, Birken und Espen sowie der Äpfel- und Kirschbäume auf dem Privatland in der Nähe des Dorfs. Man wischte einfach das Falllaub zusammen, band es in einem Tuch zusammen und trug es auf dem Rücken heim. Als willkommener Nebeneffekt waren die Matten saubergeputzt. Ebenfalls als Einstreue erwähnt werden das innWald gewonnene Moos sowie — seit den 1960er-Jahren — Sägemehl, das in den Sägereien anfiel.
Die Bettlaubnutzung wurde hier dagegen nicht ausgeübt. Als traditionelle Bettunterlage diente ein Leinensack (Bisagga), den man mit Roggenstroh füllte; für die Kinderbetten verwendete man Weizenstroh und für das Wickelkind Maisstroh (Mais wurde meistens nur im Talgrund angepflanzt, deshalb war Maistroh selten und fand, je näher man dem Talboden gelegen war, um so weitere Verbreitung; z.B. hatten wir in Ausserberg fast nur Maisblätter als Füllung; Anm. die Redaktion). Im vorderen Vispertal herrschte noch 1922 auch deshalb ein Streuemangel, weil eine beträchtliche Menge Stroh zur Füllung solcher Bettunterlagen verwendet wurde. Dabei ist zu bedenken, dass man das Stroh jährlich auswechselte, teilweise sogar zwei- bis dreimal im Jahr, zum einen als Schutz vor Mäusen und Ungeziefer, zum anderen aus Gründen des Schlafkomforts. Auf der Alp schlief man dagegen nicht auf Stroh, sondern auf einem Läger aus Wildgras (Faxa), da kam dann die Decke drauf. Zum Stopfen der Bettkissen nutzte man die Fruchthaare der Ackerdistel, die auf lichten Waldstellen dichte Bestände bildet.
Seit den 1940er- und 50er-Jahren kamen die Rosshaar-Matratzen auf, mindestens bei denjenigen, die Geld hatten.
Genug Arbeit auch ohne Schtrewwi
Chriss wurde bis in die 1970er-Jahre als Einstreue genutzt, Laub von einem einzelnen Zeitzeugen sogar bis in die 1990er-Jahre. Ein entscheidender Faktor für das Ende dieser Nutzungsform war die Zufuhr von Stroh, die ab den 1950er-Jahren einzusetzen begann; mit der Zeit kaufte man lastwagenweise Strohballen aus dem Waadtland und aus Frankreich. Als zweiter wichtiger Grund für das Ende der Waldstreue werden Veränderungen in der familiären Arbeitsteilung genannt. Die zunehmende Beschäftigung der Männer in der Industrie im Tal hatte für die Frauen eine Doppelbelastung zur Folge, angesichts derer sie sich auf das absolut notwendige zu beschränken hatten: Sie mussten noch die Landwirtschaft besorgen und hatten eben viele Kinder Sie hatten genug Arbeit auch ohne Schtrewwi und Holz zu holen.
Martin Stuber / Matthias Bürgi: Hüeterbueb und Heitistähl. Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz, 1800 bis 2000. Haupt, Herausgeber: Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung, Zürich, www.bristol-stiftung.ch, Bern, 2011, S. 122 - 127