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Als Reise wird gewöhnlich eine Bewegung einer Person oder Personengruppe von einem Ort zum anderen zu Fuss oder mit diversen Transportmitteln auf versch. Verkehrswegen bezeichnet, welche sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. R. erfolgen aus unterschiedlichsten Gründen und sind nicht immer klar von Phänomenen der Migration (Binnenwanderung, Auswanderung, Einwanderung) abzugrenzen.
Während über die Reisetätigkeit von Gruppen oder Individuen im antiken Griechenland (z.B. Besuch der olymp. oder anderer Spiele) und Italien auch schriftl. Quellen (z.B. Pausanias) vorliegen, kann auf Reiseaktivitäten für das Gebiet der Schweiz in vorröm. Zeit - abgesehen von krieger. Expeditionen - nur indirekt geschlossen werden. Archäolog. Funde belegen einen wirtschaftl. Austausch zwischen der kelt. Bevölkerung und der griech. und etrusk. Welt, von einem regelmässigen Importstrom kann allerdings lange nicht die Rede sein. Unklar ist die Organisation dieses Austauschs; vorstellbar sind Fernhändler, ein Kettenhandel mit vielen Zwischenhändlern aber auch Tausch unter Verwandten und Freunden aus nicht nur oder nicht primär wirtschaftl. Motiven. Auch Wanderungsbewegungen von Personen oder Personengruppen zwischen der Schweiz und Ostmitteleuropa (Böhmen, Slowakei, Ungarn) im 4. Jh. v.Chr. sind archäologisch belegt.
In röm. Zeit haben sich die Handelskontakte zwischen der Schweiz und dem Mittelmeerraum intensiviert (Kaufleute). Neben den Händlern frequentierten Beamte, Kuriere, Offiziere und Soldaten des Römischen Heers das gut ausgebaute Strassennetz (Strassen), die z.T. auch die röm. Staatspost, den cursus publicus, nutzen durften, sofern sie das dazu benötigte kaiserl. Diplom besassen. Der cursus publicus beförderte Amtspersonen und Regierungsdepeschen durch militär. Kuriere in Wagen, die wegen der Möglichkeit des Pferdewechsels bei Pferdewechselstationen (mutationes) oder Herbergen (mansiones) - solche wurden auch in der Schweiz identifiziert - Tagesleistungen von bis zu 100 km erreichten (Nachrichten). Dass er auch von Nichtberechtigten in Anspruch genommen wurde, belegen Gegenmassnahmen versch. Kaiser für andere Teile des Röm. Reichs. Ein regelmässiger Postverkehr (Post), aber auch ein Personen- und Güterverkehr sind v.a. auf der Strasse vom Gr. St. Bernhard durch das Mittelland anzunehmen, die Italien mit den Legionslagern längs der Rheingrenze verband - Soldaten und Händler sind durch die auf dem Gr. St. Bernhard gefundenen Votivtafeln gut bezeugt. Neben diesen "Dienstreisen" ist aber auch eine Vielzahl an kleineren R. zu vermuten; so besuchten die Legionäre von Vindonissa (Windisch) wohl regelmässig die Thermen in Aquae Helveticae (Baden) und die Spiele in den Amphitheatern der Koloniestädte zogen ein Publikum aus einem weiten Umkreis an.
Autorin/Autor: Cindy Eggs, Philipp von Cranach
Im FrühMA nahm der Handelsverkehr durch das schweiz. Gebiet vermutlich ab, weil der Orienthandel nun vermehrt über den östl. Mittelmeerraum erfolgte und sich der Schwerpunkt des Handels im Merowingerreich nach Norden verlagerte. Die Route von Italien über den Gr. St. Bernhard und den Col des Jougne zu den Zentren des Frankenreichs behielt aber wahrscheinlich eine gewisse Bedeutung. In der Spätantike und im FrühMA kam mit dem Pilger ein neuer Typus des Reisenden auf (Pilgerwesen). Saint-Maurice wurde zum ersten bedeutenden Wallfahrtsort in der Schweiz. Die Verenawallfahrt nach Zurzach dürfte im 10. Jh. eingesetzt haben.
Im Frankenreich wie in dessen Nachfolgestaaten zog der König mit seinem Hofstaat stets umher, weil v.a. der persönl. Kontakt zu seinen Vasallen deren Kontrolle bzw. den Bestand des Reichs garantierte; in der älteren Forschung wurde deshalb für diese Herrscher auch der Begriff des Reisekönigtums verwendet. Die Amtsgeschäfte führte der König in Pfalzen (z.B. Zürich, Orbe), Bischofsstädten (z.B. Basel, Lausanne und Genf) und seltener in Klöstern. R. von Bischöfen, z.B. zur Einweihung von Kirchen, oder Äbten sind ebenfalls gut bezeugt, so hielt sich Bernhard von Clairvaux mehrmals im Gebiet der Schweiz auf. Ab Ende des 11. Jh. erfasste die Kreuzugsbewegung auch den schweiz. Raum (Kreuzzüge).
Autorin/Autor: Cindy Eggs, Philipp von Cranach
Im Übergang vom Hoch- zum SpätMA verbesserte sich die Reiseinfrastruktur. Ab dem 12. Jh. sind z.B. mehrere Hospize belegt und der Transitverkehr über die Pässe nahm zu. Die Mobilität der Menschen erhöhte sich stark. Der Handel intensivierte sich als Folge der Stadtgründungen und der kommerziellen Revolution in allen Bereichen; so exportierten die Innerschweizer Orte Vieh in die Städte Norditaliens (Viehhandel), die Genfer Messen zogen von der Mitte des 13. bis Mitte des 15. Jh. Kaufleute aus dt. Landen, Frankreich und Italien an und das Einzugsgebiet der Zurzachermesse reichte im 17. Jh. ungefähr von Genf bis Nürnberg. Fremde und Schweizer Kaufleute wie z.B. Andreas Ryff, dessen Reisebüchlein überliefert ist, besuchten aber auch die zahllosen Jahrmärkte (Märkte). Schweiz. Fuhrbetriebe führten ab dem 14. Jh. Ferntransporte bis nach Flandern durch; im 16. Jh. unterhielten grosse Unternehmen wie das der Basler Fam. Iselin eine Ordinarifuhr auf mehreren Linien (Transportgewerbe). Auch die Pilgerfahrten gewannen im SpätMA an Bedeutung. Einsiedeln entwickelte sich nun zum bedeutenden Wallfahrtsort der Schweiz und das Netz der lokalen und regionalen Wallfahrtsziele wurde dichter. Ab dem 14. Jh. lässt sich die Wanderschaft der Gesellen nachweisen, im 16. Jh. wurde sie verlängert und für obligatorisch erklärt. Ab der 2. Hälfte des 14. Jh. begaben sich Reisläufer in Fremde Dienste; im 16. Jh. wuchs die militär. Emigration deutlich an. In das 15. Jh. fiel der Aufschwung einiger Bäderorte (Bäder), und eine ab dem 13. Jh. zunehmende Zahl von Gasthäusern profitierte nicht nur in den Tagsatzungsorten von Gesandten der eidg. Orte und ausländ. Mächte. Schweizer Studenten und Scholaren reisten zu ausländ. Universitäten. Schliesslich bevölkerte eine Reihe von Spezialisten - oft aus dem Baugewerbe - wie Steinmetze, Zimmerleute, Ziegelbrenner, Stuckateure, Hafner, Glocken- und Geschützgiesser die Strassen im SpätMA und in der frühen Neuzeit (Wanderarbeit, Maestranze). Dazu kamen Urfehdeleistende, Geächtete (Landesverweisung), Flüchtlinge, darunter vertriebene Juden, in der frühen Neuzeit ferner Protestantische Glaubensflüchtlinge und Waldenser.
Zu den Gruppen der Fahrenden, die durch das Land schweiften, zählten Korbflechter, Bürstenbinder, Scherenschleifer, Geschirr- und Kesselflicker sowie Vertreter von anderen Berufen mit niedrigem sozialem Ansehen, aber auch Spielleute, Bettler (Bettelwesen), Zigeuner, Prostituierte (Prostitution), welche die Messe-, Jahrmarkts-, Tagsatzungs- und Konzilorte besuchten, Räuber und Heimatlose. In der frühen Neuzeit kamen noch Hausierer oder jüd. Viehhändler dazu. R. war für viele Angehörige der untersten Schichten und der gesellschaftl. Randgruppen die einzige mögl. Lebensform.
Im 17. und 18. Jh. gehörte eine lang dauernde Reise, die sog. Grand Tour oder Kavalierstour, durch Mitteleuropa nach Italien für die Söhne des europ. Adels zur Ausbildung. Sie diente der Vertiefung der fremden Sprache, dem Kennenlernen von andersartigen Sitten und Baudenkmälern und dem Knüpfen von Kontakten. War die Schweiz im 17. Jh. noch Durchreiseland, so wurde sie im 18. Jh. vermehrt zum Ziel solcher R., die auch Personen aus dem gehobenen Bürgertum absolvierten (Schweizerreisen). Dies ging mit der Entdeckung der Alpen durch Schriftsteller, bildende Künstler und Naturforscher einher.
In der frühen Neuzeit zogen die ersten Schweizer Missionare in die Fremde. Etwa 45 Jesuiten wirkten in versch. Missionsländern, u.a. Indien, während Kapuziner im 18. Jh. in Russland tätig waren (Missionen).
Autorin/Autor: Cindy Eggs, Philipp von Cranach
Das Aufkommen der Eisenbahnen und der Dampfschiffe (Schifffahrt) im 19. und der Automobile und der Flugzeuge (Luftfahrt) im 20. Jh. sowie der ständige Ausbau der entsprechenden Infrastruktur beschleunigten und verbilligten das R. Um die Mitte der 1880er Jahre ersetzten Hotels teilweise Gasthöfe, Herbergen und Hospize (Gastgewerbe). Sie entstanden in grösseren Städten und alpinen Zentren und wurden bis in die Zwischenkriegszeit hinein v.a. von Gästen aus den gehobenen Gesellschaftsschichten besucht. Insbesondere die engl. Touristen trugen viel zur Entwicklung des Alpinismus und des Tourismus in der Schweiz bei.
Die Erhöhung des Realeinkommens und die breite Durchsetzung des Ferienanspruchs der Arbeitnehmer (Ferien) in der Zwischen- und v.a. in der Nachkriegszeit ermöglichten den modernen Massentourismus. In den 1960er Jahren reiste man im Sommer ans Meer und im Winter in die Berge; ab ca. den 1980er Jahren gewannen wegen den immer billigeren Flugtarifen versch. Arten der Fernreise in andere Kontinente an Gewicht. Zur allgemein erhöhten Mobilität trug aber auch die internat. Arbeitsmigration und die zunehmende Verflechtung der Volkswirtschaften in einem weltumspannenden Markt für Waren, Kapital und Dienstleistungen bei (Globalisierung).
Dem Unternehmen Kuoni, das 1906 ins Leben gerufen worden war, folgten weitere Reisebüros. 1928 wurde der Schweizer Reisebüro-Verband gegründet, der 2010 knapp 900 Reiseveranstalter und ca. 120 Betriebe aus vor- und nachgelagerten Bereichen (z.B. Fluglinien, Autovermieter) vertrat. 2011 unternahm die Schweizer Bevölkerung insgesamt 16,3 Mio. R. mit Übernachtungen, davon 5,8 Mio. in der Schweiz und 10,5 Mio. im Ausland (v.a. in Italien mit 12%, Deutschland mit 11% und Frankreich mit 10%). Für 71% dieser R. waren Ferien und Erholung die Hauptmotive. Die Zahl der Tagesreisen betrug 63,8 Mio., ohne solche regelmässiger oder wiederholter Art mitzuzählen.
Autorin/Autor: Cindy Eggs, Philipp von Cranach
Autorin/Autor: Cindy Eggs, Philipp von Cranach