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Es war anfangs Juni 1912, als drei junge Damen aus der Hauptstadt Koramant beschlossen, mit ihrer offenen Vis-à-vis Kutsche eine vergnügliche Reise nach Ondarin zu unternehmen. Die Schwestern Eugenie und Solveig und deren Cousine Luise (auf dem Bild in der Mitte) trafen sich vormittags in guter Laune vor dem Marstall des Herrenhauses der Schwestern, das sich in einem eleganten Aussenquartier von Koramant befand. Ein lauwarmes Lüftchen spielte neckisch mit ihren splendid style Hüten. Eugenie und Luise, beide im Heiratsalter, was ihnen ihre Familie immer öfters in Erinnerung riefen, nahmen auch ihre Parasols mit, denn der Tag versprach ein wunderschöner heisser Sommertag zu werden.
Der treue Kutscher wartete schon geduldig auf dem Kutschbock, und die beiden fuchsbraunen Hackneys scharrten ungeduldig mit ihren Hufen. Eugenie und Luise bestimmten den Weg, und die etwas jüngere Solveig fügte sich, ohne Anstalten zu machen. Zuerst fuhr man durch die mondäne König-Leopold-Allee, vorbei an den Palästen der Alteingesessenen und den prächtigen Villen der Neureichen. Dann öffnete sich plötzlich die Landschaft, die Anwesen blieben allmählich zurück, und die Fahrt ging nun auf der breiten, gut gepflasterten Quiristaner Landstrasse weiter, die gesäumt war von hohen Napoleon-Pappeln.
Links dehnten sich saftige Wiesen aus, und von Zeit zu Zeit sah man einige Mäher, die beim Anblick der Kutsche ihre Arbeit unterbrachen, sich mit der Linken auf ihre Sense stützten, um die drei jungen vorbeifahrenden Damen fröhlich mit ihren Strohüten zu grüssen. Im scharfen Licht der Mittagssonne, lagen rechts die mit Fichten bewachsenen Fliehlandhügel, die zu dieser Sommerzeit kühlenden Schatten versprachen. In der Kutsche herrschte sorglose Heiterkeit, vor allem Eugenie und Luise überboten sich in Schilderungen ihrer kleinen Episoden mit den zahlreichen Verehrern, die sich redlich um die Gunst der Cousinen bemühten.
Solveig beteiligte sich nicht an diesen Gesprächen, was die anderen als Beweis ihrer Unerfahrenheit betrachteten. Dem war aber nicht so. Waren Eugenie und Luise mit ihren 21 Lebensjahren noch Jungfrauen, so war die vier Jahre jüngere Solveig das nicht mehr. Sie wurde nämlich vom Geschäftspartner ihres Vaters, dem Turiner Tuchfabrikanten de Camelo-Pardo mehrmals während eines Familientreffens auf der Insel Madeira entehrt und auch entjungfert.
Da sie ihn deswegen aus begreiflichen Gründen nicht als ihren Verehrer deklarieren konnte, schwieg sie und lauschte lieber dem Geplauder der vermeintlich erfahrenen Cousinen. Die Laune war exzellent, die jungen Damen sangen lustige Lieder, wie Die Löwe tod und Wer klopfet an?, aber nicht mit dem ursprünglichen Adventstext, sondern mit eingebauten, sehr unschicklichen und frivolen Ausdrücken. Und so kam es, dass niemand bemerkte, dass die Kutsche viel zu früh nach links abbog und statt nach Ondarin direkt den Fliehlandhügeln entegenfuhr. Wie das passieren konnte bleibt bis heute ein Rätsel…
Als bis zum Abend die Damen nicht zurückkamen, wurde von den Familien eine intensive Suchaktion gestartet, an der sich neben der lokalen Gendarmerie, den Wildhütern, vielen jüngeren Mitgliedern der betroffenen Familien auch die Domestiken, die Dorfschulkinder und sogar die freiwillige Feuerwehr beteiligten. Vergeblich, niemand wurde gefunden.
Erst am Tag der heiligen Rosa von Lima fand man ein Kutschenrad und einen Damenhut unter einer mächtigen Eiche am Ende eines Pfades, der die Fortsetzung der unbefestigten Strasse war, die von der Quiristaner Landstrasse nach links abbog. Und eine Woche später wurde die halb verweste Leiche des Kutschers Johann entdeckt, der sich tiefer im Wald eindeutig selbst erhängt hatte. In seiner Tasche steckte der kurze, mit schwerer Handschrift geschriebene Abschiedsbrief: "Ich kann es nicht mehr aushalten".
Diese schlichte Zeile gab weitere Rätsel auf: Hatte der Kutscher vielleicht etwas mit dem Verschwinden der jungen Damen zu tun? Und wo waren die beiden Pferde und der Rest der Kutsche geblieben? Und was war mit Eugenie, Luise und Solveig passiert? Lebten sie noch und wenn ja, wo? Da aber nicht mit Sicherheit bestimmt werden konnte, ob der gefundene Hut einem der drei Mädchen gehörte, war auch diese Spur wertlos. Man fand kein Blut, keine Körperteile, man fand gar nichts!
Die betroffenen Familien versprachen eine hohe Belohnung für wichtige Hinweise, aber niemand meldete sich. Und obwohl in dieser Gegend keine nennenswerte Kriminalität herrschte, kursierten unter dem gemeinen Volk viele Gerüchte. So sollte einmal jemand eine junge scheue Frau in zerrissenem Kleid und mit zersaustem Haar barfuss im Wald unter den Fliehlandhügeln gesehen haben. Doch fand die Gendarmerie, die diesem Gerücht nachging, niemanden.
Also blieb dieses Ereignis für immer ein grosses Mysterium, eine missglückte:
"Reise nach Ondarin".