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Kantonsrat Gottfried Günthart fand 1955 klare Worte für die unhaltbaren Zustände am kantonalen Tierspital. Das Tierspital ging aus der 1820 gegründeten und anfänglich privaten Zürcher Tierarzneischule hervor und ist seit 1901 mit der Veterinärmedizinischen Fakultät verbunden. Schon seit den 1930er Jahren war von einem Neubau die Rede. Günthart sah die wissenschaftliche Anerkennung der Fakultät ernsthaft gefährdet, wenn die baulichen Verhältnisse nicht umgehend verbessert würden. Seit 1833 befand sich die Tierarzneischule und später das Tierspital und die Fakultät nämlich auf dem ehemaligen Scharfrichter- und Wasenamt Selnau, mitten in der Stadt Zürich. Als die Raumnot und die baulichen sowie hygienischen Mängel in den 1950er Jahren akut wurden, gab es jährlich mehr als 2000 stationäre und rund 22’000 ambulante Behandlungen von Tieren. Gleichzeitig war die Veterinärmedizinische Fakultät für die Ausbildung von Tierärztinnen und Tierärzten zuständig und widmete sich in der Forschung unter anderem der Bekämpfung von Tierseuchen.
Aufgrund des Notstands nahmen zeitgleich die Pläne für einen Neubau auf der grünen Wiese langsam Form an, direkt neben dem landwirtschaftlichen Guts- und Lehrbetrieb Strickhof, auf dem heute die Universität Irchel steht. In der Volksabstimmung vom 15. März 1959 wurde mit 65 Prozent Ja-Stimmen der Neubau der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität und des kantonalen Tierspitals bewilligt. Dafür wurde ein Kredit von fast 18 Millionen Franken aufgenommen. Die Befürworter argumentierten vor allem mit der Bekämpfung von Tierseuchen und Tierkrankheiten.
Der Architekt Werner Stücheli (1916–1983) hatte für den Neubau ein Projekt ausgearbeitet, das die höchstmögliche Konzentration vorsah. Auf diese Weise wurde ein in sich geschlossener, architektonisch schöner sowie betrieblich zweckmässiger Gebäudekomplex geschaffen. Die schwierige Aufgabe, sieben Institute mit ganz verschiedenen Bedürfnissen und Anforderungen zusammen mit drei Kliniken unter ein Dach zu bringen, hat Stücheli durch eine ringförmige Anordnung aller funktionell miteinander verbundenen Bauten um einen zentralen Innenhof gelöst. Davon abgetrennt ist nur das bakteriologische Institut und seine Versuchstierstallung. Die neuen Gebäude waren grosszügig und beherbergten neben diversen Instituten, Sammlungen, Hörsälen, Laboratorien, Büros und einer Mensa auch Operationsräume für Grosstiere, Stallungen, Ausläufe, eine Longier- und Trabbahn sowie eine Hufschmiede.
Im Sommer 1963 konnte der Neubau dann bezogen werden. Dies hatte zur Folge, dass sämtliche Tiere, die noch stationär in Behandlung waren, umziehen mussten. Die «Gebrüder Kuoni AG» wurde mit dem tierischen Transport beauftragt. Mitarbeitende des Tierspitals begleiteten und betreuten die Tiere auf der Fahrt. Güntharts Forderung konnte gerade rechtzeitig erfüllt werden. Die Zahl der Studierenden stieg auch in der Veterinärmedizin in den 1960er Jahren stark an. Es wurden seitdem immer mehr Tiere behandelt.
Die Nachnutzung des alten Tierspital-Areals wurde schon in den 1950er Jahren im Regierungsrat verhandelt: Die Universität interessierte sich für das Areal als Erweiterungsmöglichkeit des Botanischen Gartens, aber auch die Stadt Zürich bekundete ihr Interesse. Nach dem Umzug der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität und des kantonalen Tierspitals auf das Strickhofareal wurden die Gebäude auf dem alten Areal an der Selnaustrasse zur Wiederverwendung frei. Die Universität wollte die Gebäude für ihre Zwecke verwenden, da sie unter grossem Raummangel litt und die Hörsäle die Studierenden zeitweise nicht mehr zu fassen vermochten. Die Universität schlug daher vor, die Sammlung für Völkerkunde, das Zoologische Museum und das Radiologische Institut in die Gebäude an der Selnaustrasse zu verlegen.
Zeitgleich suchte auch das Kriegskommissariat Ersatzliegenschaften, da die aktuellen Liegenschaften wegen Kündigung oder Abbruch der Gebäude geräumt werden mussten. Weil Waffen und anderes Material in provisorischen Baracken nur ungenügend gegen Einbruch und Feuer geschützt wären, empfahl die Militärdirektion die vorübergehende Unterbringung des Kriegskommissariates in den Gebäuden an der Selnaustrasse. Letztendlich beschloss der Regierungsrat das Areal des alten Tierspitals der Militärdirektion zur Weiterverwendung zuzuteilen, um bis zur Fertigstellung des in Aussicht stehenden Neubaus ein Provisorium für das Kriegskommissariat mit Werkstätten, Lager und Büros einzurichten. Danach sollte das Areal an der Selnaustrasse wiederum der Universität zur Verfügung stehen. Die Begründung war folgende: Obwohl die Raumnot der Universität gross sei, könne der Lehrbetrieb bis auf Weiteres aufrechterhalten werden und Pläne zur Beschaffung von zusätzlichem Raum seien bereits vorhanden. Für die Militärdirektion hingegen sei das alte Tierspitalareal unter den gegebenen Umständen die einzige Möglichkeit, den Betrieb der Aufgaben des Kriegskommissariats zeitnah provisorisch einzurichten. Dazu gehörten die Lagerung und Instandstellung von Waffen, Bekleidung und anderem Material sowie deren Ausgabe an die Wehrmänner, die im Interesse der Landesverteidigung zwingend garantiert werden müsse.
1987 wurden die alten Gebäude an der Selnaustrasse 30 endgültig abgerissen und Platz für den Bau der neuen Börse geschaffen.
(StAZH) MM 24.68 KRP 1955/008/0094 Kantonsratsprotokoll vom 26.9.1955, Motion Gottfried Günthart - Buchs, vom 12. September 1955, über den Bau eines neuen Tierspitals (Traktandum 7).
(StAZH) MM 3.101 RRB 1960/0353 Regierungsratsbeschluss vom 21.1.1960, Neubau Tierspital.
(StAZH) MM 3.106 RRB 1962/3397 Regierungsratsbeschluss vom 06.9.1962, Areal altes Tierspital (Weiterverwendung).
Ritter, Adrian: Bello zieht um (Rückspiegel). In: UZHmagazin Nr. 4/2018.
Pospischil, Andreas: Können tote Tiere reden? Geschichte der Veterinärpathologie und ihre Entwicklung in Zürich 1820–2013. Zürich 2018.
Seiferle, E.: «Der Neubau der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich», Schweizer Archiv für Tierheilkunde SAT, Band 105 (1963). https://dx.doi.org/10.5169/seals-592144 [Stand 23.05.2022].