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Capoeira ist vor allem eine Lebensphilosophie
Von morgen Freitag bis Sonntag steht Oberwil ganz im Zeichen von Capoeira. Viele haben von diesem «Kampftanz» schon gehört oder gesehen, doch dahinter verbirgt sich noch viel mehr.
Wer Brasilien sagt, denkt wohl spontan an Rio de Janeiro, an die Copacabana und den Karneval. Spricht man über Fussball, ist jeder Fussball-Ästhet für Brasilien. Und die brasilianische Kolonie in der Regio Basiliensis – wer vor zwei Wochen Klosterberg-Fest war, sah, dass «Brasil» überall präsent war. Und kein brasilianisches Fest, an dem nicht CAPOEIRA gezeigt respektive getanzt wird. Was aber ist denn Capoeira?
Wir zitieren: «Capoeira» ist eine brasilianische Kampfkunst respektive ein Kampftanz, dessen Ursprung auf den afrikanischen NíGolo («Zebratanz») zurückgeführt wird. Capoeira wurde während der Kolonialzeit in Brasilien von aus Afrika verschleppten Sklaven praktiziert und weiterentwickelt. Es wird heute zwischen zwei Hauptrichtungen unterschieden: dem «alten» Capoeira Angola und dem «modernen» Capoeira Regional. Die afrikanischen Elemente verschmolzen im Capoeira Regional im Laufe der Jahre zusätzlich mit Einflüssen anderer Kampfkünste wie zum Beispiel Ringen, Jiu-Jitsu und Wushu.
In den 70er-Jahren entwickelten sich auch viele der heute charakteristischen Akrobatiken, wie hohe, gedrehte Sprünge oder Salti. Inhaltlich ist Capoeira von drei Ebenen geprägt: dem Kampf, der Musik und der «Roda» (portugiesisch für «Kreis») als gesellschaftlichem Rahmen, in dem der Kampf stattfindet. Die Kampftechniken selbst zeichnen sich durch extreme Flexibilität aus; es gibt viele Drehtritte, eingesprungene Tritte und Akrobatik. Traditionell wird zu den Kämpfen Musik gespielt, diese folgt einem Endlos-Rhythmus in verschiedenen Variationen; dazu werden passende, häufig noch aus der Zeit der Sklaverei stammende Lieder gesungen.
Die Kämpfe finden immer in einer Roda statt. Diese Roda besteht aus einem Kreis von Capoeiristas und den Musikern. Immer zwei Capoeiristas kämpfen in der Roda, wobei in der Capoeira für einen Kampf der Begriff «Spiel» verwendet wird. Eine Roda ist besonders beeinflusst von der archaischen Wucht, die der Capoeira innewohnt. Drei Tage lang wird Oberwil das Epi-Zentrum des 5. Festival Brasil Capoeira sein. Der wohl renommierteste (Schweizer) Lehrer, auch Mestre genannt, ist André Hefti (siehe Foto). Zum dreitägigen Anlass erklärt er gegenüber BiBo: «Drei Tage lang, von morgen Freitag bis zum Sonntag, findet in Oberwil, genauer in der Wehrlinhalle, das 5. Internationale Capoeira-Treffen der Gruppe ‹Brasil Capoeira Oberwil-Basel› statt. Ich setze seit diesem Jahr die Capoeira-Arbeit neu in Oberwil fort und habe dazu eine eigene Academis, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene diese brasilianische Kunst kennenlernen können», so Hefti.
Der charismatische Leimentaler fährt fort und meint: «Die Krönung ist immer eine jährliche Veranstaltung, bei dem ich Capoeira-Meister aus Brasilien, Portugal, Spanien und anderen Ländern präsentiere. Diese unterrichten, in Workshop-Form, meine Schüler; als Höhepunkt bieten wir eine einzigartige Show, die das Publikum mitreissen wird. Die Krönung ist aber auch die Gurt-Graduierung – es ist sozusagen der Lohn für viele harte Trainingsstunden.»
Dürfen wir noch ein paar nähere Angaben zu seiner Person erfahren? «Sehr gerne», so André Hefti und ergänzt: «Ich bin 48 Jahre alt und Capoeira begleitet mich seit den Anfängen in der Schweiz. Ich lernte mein Handwerk bei meinem Mestre Matias und auch durch viele Reisen in Brasilien und ganz Europa kennen und schätzen. Ich war in jungen Jahren viel in Brasilien, wo ich auch die alten Meister kennenlernen durfte und viel von der Kultur profitierte. Capoeira ist für mich nicht nur Bewegung, sondern es spiegelt mein ganzes Sein – es ist durchaus eine Lebensphilosophie. Nebst meiner zivilen Berufsarbeit gebe ich abends, auch in Oberwil, Unterricht für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Selbst ein schwerer Motorrad-Unfall, der mir nach neun Operationen fast die Amputation des Fusses kostete, konnte mich nicht bremsen. Durch jahrelanges Capoeira-Training lernte ich, mental den Unfall und die Situation zu verarbeiten und wieder ins normale Leben zurückzukehren», so André Hefti.
Kurzum: Capoeira ist impulsiv und zugleich Geschichte, Kultur, Musik und Rhythmus sowie positive Lebensfreude.
Georges Küng
Weitere Informationen
www.capoeirabasel.ch