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Wer die beiden Worte «Für Elise» in eine Suchmaschine tippt, erhält mehr als drei Millionen Treffer. Die berühmte Komposition von Ludwig van Beethoven ist das beliebteste klassische Musikstück aller Zeiten. Ob als Klingelton am Natel oder als Warteschleife am Telefon, das auch als «Bagatelle in a-Moll» bekannte Werk hat einen hohen Wiedererkennungseffekt, selbst wenn jemand weder Namen noch Urheber kennt.
Eigentlich sollte das Internationale Beethovenjahr am 17. Dezember 2020 zu Ende gehen. Das war der 250. Tauftag des bekanntesten Komponisten Europas nach Johann Sebastian Bach. Da jedoch viele geplante Konzerte Corona–bedingt ausfallen mussten, hat das Festkomitee «BTHVN2020» beschlossen, das Festjahr bis in den Herbst 2021 fortzusetzen.
Die Verlängerung des Beethovenjahrs ist ein guter Anlass, über das Verhältnis von Musik und Religion in Beethovens Werk nachzudenken. Es ist bekannt, dass Ludwig van Beethoven kein regelmässiger Kirchgänger war, aber durch seine Musik echte und dauerhafte religiöse Gefühle bei seinem Publikum wecken wollte. Am besten wird das vielleicht an der monumentalen «Missa solemnis » D-Dur op. 123 deutlich, die Beethoven zwischen 1819 und 1823 zur Weihe seines Schülers Erzherzog Rudolph von Österreich zum Bischof von Olmütz komponiert hatte.
In seinem empfehlenswerten neuen Buch «Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst» (C.H. Beck Verlag, München 2020) hat der bekannte Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann jetzt herauszuhören versucht, woran Beethoven glaubte: Er deutet Beethovens Spätwerk als Gottesdienst, weil die Kunst darin eine Funktion übernhem, die früher dem religiösen Kult vorbehalten gewesen sei. Beethoven wäre damit der Gründer einer Art Kunstreligion, der die Musik als ‹Gottesdienst im Kopf› verstand, als radikale, aus dem Christentum hervorgegangene Verinnerlichung des Glaubens.
Wenn Assmann schreibt, Beethoven sei gleichzeitig Anhänger Immanuel Kants und der Aufklärungsbewegung der Illuminaten gewesen, muss das aus heutiger Sicht kein zwingender Widerspruch sein. Wie seine Jahrgangsgenossen Hölderlin und Hegel war Beethoven ein Anhänger der Aufklärung, der die Französische Revolution als herrlichen Sonnenaufgang und als Morgenröte der modernen Welt ansah. Dennoch stellte er sich eine Frage, die auch für heutige kritische Zeitgenossen noch aktuell ist, wie nämlich der Gott der Philosophen mit dem Gott der Bibel und dem Gott der Dogmatik versöhnt werden kann.
In seiner letzten Lebenszeit, in die auch die Missa solemnis fällt, näherte sich Beethoven einem Glauben an Gott als Urheber der ganzen Schöpfung. Beethoven war also religiös nicht unmusikalisch. Vielmehr spricht einiges dafür, dass er bis zuletzt ein gläubiger Katholik war. Denn während etwa Franz Schubert in seinen Messen einen wichtigen Teil des Glaubens-bekenntnisses wegliess, nämlich den Satz: «Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche», hatte Beethoven offenbar kein Problem damit, den liturgischen Text der katholischen Messe vollständig und unverkürzt zu vertonen.
So bleibt Beethoven aus theologischer Sicht bis heute ein Vorbild, denn er wusste Vernunft und Glauben miteinander zu verbinden. Vielen Menschen hat er mit seiner Musik ein Stück Himmel in ihr irdisches Leben gezaubert.