Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/1880

| Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

29. Cap. Praxeas will nicht zugeben, dass er den Vater zu dem mache, der gelitten habe, und sucht vergeblich durch verschiedene Redewendungen dieser notwendigen Consequenz seiner Lehre auszuweichen.
Still, Still, mit dieser Lästerung! Es genüge, dass man sagt, Christus, der Sohn Gottes, ist gestorben, und auch das nur, weil es so in der hl. Schrift steht. Denn sogar der Apostel braucht den Ausdruck, Christus sei gestorben, nicht ohne gewichtvollen Zusatz, sondern fügt bei: „nach der Schrift”, um die Härte seines Ausspruchs durch die Autorität der hl. Schrift zu mildern und Ärgernis bei den Hörern zu vermeiden. Wenn auch beide Substanzen in Christo vorhanden sind, die göttliche und die menschliche, und es feststeht, dass die göttliche unsterblich und die menschliche sterblich sei, so leuchtet doch ein, in welchem Sinne von seinem Tode nur die Rede sein kann, nämlich insofern er Fleisch, Mensch und Menschensohn, nicht insofern er Geist, Wort und Gottessohn war. Wenn es also heisst, Christus ist gestorben, so heisst das, der Gesalbte, d. i. was gesalbt wurde, ist gestorben, d. h. der Leib.
Gut also, entgegnest Du mir nun, wir lästern Gott den Herrn ebensowenig wie Ihr, wenn wir ihn in derselben Weise Sohn nennen wie Ihr; wir lassen ihn nämlich auch nicht seiner göttlichen, sondern seiner menschlichen Substanz nach sterben. — Bewahre, Ihr lästert doch, weil Ihr nicht bloss den Ausdruck braucht, der Vater sei gestorben, sondern auch, er sei gekreuzigt worden. Wegen des Fluches nämlich, der dem Gesetze zufolge den Sohn trifft — denn Christus ist für uns zum Fluche geworden,1 nicht der Vater — lästert Ihr gegen den Vater, wenn Ihr Christus in den Vater verwandelt. Wenn wir aber Christum den Gekreuzigten nennen, so referieren wir nur, dass er vom Gesetz verflucht worden sei, und lästern so wenig, wie der Apostel mit diesem Ausdruck eine Lästerung ausgesprochen hat. Wie das, was auf Jemand zutrifft, ohne Lästerung gesagt werden kann, so ist umgekehrt jeder Ausdruck, der nicht zutrifft, eine Lästerung.
[S. 556] Folglich hat der Vater auch nicht mit dem Sohne mitgelitten. In dieser Weise nämlich hoffen unsre Gegner die gegen den Vater gerichtete Blasphemie aus Scheu vor derselben abzuschwächen, gestehen damit aber, wenn der Sohn in dieser Weise leidet, der Vater aber mitleidet, eigentlich bereits zu, dass Vater und Sohn zwei Personen sind. Auch in diesem Punkte sind sie Thoren. Denn was heisst denn mitleiden anders als leiden mit einem andern? Ist nun der Vater unfähig zu leiden, so ist er auch unfähig mitzuleiden und umgekehrt, wenn er fähig ist mitzuleiden, so ist er auch leidensfähig. Auch mit dieser Deiner Art von Scheu bringst Du ihm keinen Nutzen. Du scheust Dich, ihn leidensfähig zu nennen und behauptest doch, er leide mit. Der Vater ist ebensowenig fähig mit zu leiden, als der Sohn in seiner Eigenschaft als Gott fähig zu leiden. Allein, wie kann dann der Sohn gelitten haben, wenn der Vater nicht mitgelitten hat? — Dieser war vom Sohne verschieden, aber nicht von der Gottheit. Wenn ein Fluss trübe gemacht und beschmutzt wird, so geht diese Verunstaltung des Flusses, obwohl er als einheitliche Substanz von der Quelle herkommt und sich nicht von ihr trennen lässt, auf die Quelle nicht über; wenn es auch das Wasser der Quelle ist, welches im Flusse getrübt wird, so leidet doch die Quelle nicht, sondern nur der Fluss, der aus der Quelle stammt, indem das Wasser nicht in der Quelle getrübt wird, sondern im Fluss. Was daher der Geist Gottes im Sohne etwa hätte leiden können, das hätte nicht der Vater gelitten, weil jener es eben nicht im Vater, sondern im Sohne litt. Es genügt jedoch zu sagen, der Geist Gottes als solcher hat für sich nichts gelitten; denn, wenn er etwas litt, so hat er es im Sohne gelitten. Im Sohne war er auch als der Vater zur Zeit, da der Sohn im Fleische litt.2 Dies ist bereits erörtert. Auch wird es niemand leugnen. Denn auch wir sind nicht imstande, für Gott zu leiden, wenn der Geist Gottes nicht in uns ist, der durch uns die Worte spricht, die zum Bekenntnis gehören. Dennoch ist nicht er selbst der Leidende, sondern er gibt nur die Kraft zum Leiden.
1: Gal. 3, 13.
2: Der Text ist an dieser Stelle, wie es scheint, unheilbar verdorben. Ich vermute, dass in filio doppelt zu setzen ist: siquid passus est in filio. In filio quidem erat cum filius (nicht filio) pateretur in carne. Jam et hoc retractatum.