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Die COVID-19 Pandemie, Solidarität und der öffentliche Diskurs
Die COVID-19-Pandemie stellt Politikerinnen und Politiker, Gesundheitspersonal und die Gesellschaft vor grosse Herausforderungen. Folgen für die öffentliche Gesundheit, die Wirtschaft und die persönliche Freiheit müssen ständig gegeneinander abgewogen werden. Dieses Projekt untersucht die Rolle öffentlicher Debatten für Motivation und Verhalten der Bürgerinnen und Bürger während der COVID-19-Pandemie in der deutschsprachigen Schweiz und vergleicht sie mit Deutschland und Österreich.
Die Studie analysiert dieses Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Einerseits wird der Inhalt und die Entwicklung der öffentlichen Debatte über Eindämmungsmaßnahmen während der COVID-19-Pandemie mittels einer Analyse der politischen und massenmedialen Debatten untersucht. Andererseits sollen in einer qualitativen Interviewstudie die Erzählungen der Bürger darüber analysiert werden, wie sie diese öffentlichen Debatten und deren Auswirkungen auf ihre Motivationen und Verhaltensweisen wahrgenommen haben.
Studienergebnisse
Eigenverantwortung versus soziale Isolation: Wer trägt Maske ohne Pflicht?
Geschrieben von Bettina Zimmermann, überarbeitet von Franziska Schönweitz
Im Zuge der COVID-19-Pandemie hat die Schweiz erst im Laufe des Oktobers 2020 eine breite, flächendeckende Maskenpflicht eingeführt. Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern war diese Maskenpflicht erst spät und angesichts stark steigender Fallzahlen verfügt worden. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel dieser Studie, die dem Tragen von Gesichtsmasken zugrundeliegenden Werte und Einstellungen von Einzelpersonen zu eruieren. Im April und Oktober 2020 wurden hierzu Interviews mit 31 (April) und 25 (Oktober) DeutschschweizerInnen durchgeführt. Diese haben wir mit qualitativen Forschungsmethoden analysiert. Die Interviews wurden im Rahmen der Forschungsgemeinschaft "Solidarität in Zeiten einer Pandemie" (SolPan) erhoben.
Aus den Äusserungen der Teilnehmenden konnten wir fünf Themen identifizieren. Das erste Thema, Vertrauen und Regierungspolitik, verdeutlicht einen Vertrauensverlust vieler Teilnehmenden in die Regierung in Bezug auf Masken. Angeführte Gründe waren inkonsistente Äusserungen seitens der Behörden über die Nützlichkeit von Masken zu Beginn der Pandemie unter anderem in Zusammenhang mit dem vorhandenen Angebotsdefizit, aber auch kantonal unterschiedliche Regularien in der Maskenpflicht bis in den Herbst 2020 hinein. Einige Teilnehmer waren nachhaltig unsicher, ob und inwieweit das Tragen von Masken nützlich sei.
Demgegenüber sprachen viele Teilnehmenden über die wahrgenommenen Vorteile des Maske Tragens. Sie sahen es als eine moralische Pflicht sich und andere auch ohne behördliche Verordnung durch das Tragen einer Maske zu schützen. Manche fühlten sich auch sicherer, wenn sie eine Maske trugen. Andere sahen darin eine Chance, sich freier bewegen und zum Beispiel ins Theater gehen zu können. Einige Teilnehmende beschrieben die Masken auch als sichtbares Zeichen, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei.
Auch wahrgenommene Risiken des Maske Tragens waren ein Thema. Einige waren besorgt, dass Masken «normal» werden würden «wie in Asien». Diese Vorstellung war «furchtbar» für mehrere Teilnehmende. Auch den Verlust von Gesichtsmimik und die unsachgemässe Anwendung von Masken wurden als Nachteile genannt.
Einige Teilnehmende erzählten von sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen mit Bezug auf Masken. Im April 2020 machten sich einige Teilnehmende über Mitmenschen lustig oder reagierten befremdet, wenn sie diese zum Beispiel im Wald oder im Auto mit Maske sahen. Das Fehlen einer generellen Maskenpflicht führte für viele Teilnehmenden dazu, dass sie sich unwohl fühlten, wenn sie freiwillig eine Maske trugen und damit zu einer Minderheit gehörten. Man würde als krank und ansteckend betrachtet, wenn man eine Maske trüge ohne dass es Pflicht sei. Andererseits hielten es viele Teilnehmenden für asozial, wenn sie Leute beobachteten die sich nicht an geltende Maskenpflichtregelungen hielten, besonders im Herbst 2020.
Das Fehlen einer generellen, landesweiten Maskenpflicht bedeutete, dass die Entscheidung, wann die Maske getragen wird und wann nicht individuell eingeschätzt wurde. Manche Teilnehmenden hielten sich strikt an die Regularien und zogen nur eine Maske an, wenn sie mussten. Andere berichteten von «Instinkten» und «Momententscheidungen» eine Maske zu tragen, etwa in Menschenansammlungen. In Anbetracht steigender Fallzahlen im Oktober 2020 erwähnten viele, dass sie nun wohl wieder öfter eine Maske tragen würden als vorher. Die Vorteile von Masken wurden in diesem Kontext höher bewertet als die Risiken und viele Teilnehmende waren entsprechend trotz früherer Vorbehalte bereit, in diesem Zusammenhang eine generelle Maskenpflicht zu akzeptieren.
Das Fehlen einer generellen Maskenpflicht unterstreicht zwar die individuelle Autonomie der Menschen, die Eigenverantwortung kann jedoch unterdrückt werden, etwa wenn man sich ausgeschlossen fühlt, da nur eine Minderheit in bestimmten Kontexten eine Maske trägt. Eine Maskenpflicht unterstützt damit diejenigen, die sich mit einer ständigen Einschätzung der Menschenansammlung überfordert fühlen. Sie unterstützt auch Menschen, die sich ansonsten sozial isoliert fühlen würden, sollte die Mehrheit keine Maske tragen. Dennoch war das Bedürfnis nach Autonomie und Eigenverantwortung unter den Deutschschweizer Teilnehmenden hoch, sodass eine Maskenpflicht nur als vorübergehend akzeptabel angesehen wurde. Entsprechend wurde aus der Analyse geschlossen, dass es wichtig ist, immer wieder neue Kosten-Nutzen-Abwägungen durchzuführen und generelle Maskenpflichten besonders in der westlichen Kultur dann einzuführen, wenn es die aktuelle pandemische Lage verlangt.
Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Studie: Zimmermann, B.M., Eichinger, J., Schönweitz, F., Buyx, A. Face mask uptake in the absence of mandates during the COVID-19 pandemic: a qualitative interview study with Swiss residents. BMC Public Health 21, 2171 (2021). https://doi.org/10.1186/s12889-021-12215-4