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«Ja» ist ein mächtiges Wort. Es ist ein Wort, zugleich eine Exklamation, eine Frage, aber auch eine Antwort. Es beendet Diskussionen oder besiegelt Aufgaben. «Ja» ist das kleine Schwarze oder auch der High-Heel der Worte, stets adrett, stets passend, immer gern gesehen. Doch das süsse Wort wirkt auch toxisch.
Eine Erkenntnis, die sich mir nach 23 Jahren des Ja-Sagens auf dem Nachhauseweg von der Uni eröffnete.
Es war Donnerstagabend und ich eilte zielstrebig aus den überfüllten Strassen, hin zur erholsamen Stille meiner Wohnung. Einige Meter vor mir war ein Busfahrer gerade dabei, von der Bushaltestelle loszufahren, als er meine fluchtartigen Schritte als Eile, um noch den Bus zu erreichen, missinterpretierte.
«Ja» – obwohl ich nicht wollte
Oh, die zuckersüsse Empathie der Menschen! «Willst du mitfahren?», rief er mir durch die geöffnete Tür zu. Selbstverständlich wollte ich dies auf keinen Fall, denn ich befand mich ganz in der Nähe meiner Wohnung. Doch die Menschlichkeit und Freundlichkeit des Herrn riefen in mir ein Gefühl von Verpflichtung hervor.
In einem regelrechten Sprint hechtete ich in den Bus, bedankte mich höflichst und setzte mich auf einen freien Platz. Sehnsüchtig schaute ich aus dem Fenster, während ich mich im langsam anfahrenden Bus vom Feierabend zu Hause entfernte.
Eine unangenehme Reise, die ich mit einem einfachen «Nein, danke» hätte verhindern können.
«Ja», der Zeiträuber
Während dieser unnötigen Fahrt ins Ungewisse begann ich mir zu überlegen, wie viel Zeit ich durch unfreiwilliges Ja-Sagen bereits verloren hatte. Da gab es die kleinen «Jas» zum Kaffeetrinken, obwohl ich hätte lernen sollen oder zum Gegenlesen von Seminararbeiten meiner Kommilitonen, obwohl ich mich lieber erholt hätte.
Aber auch die grossen «Jas», die sich in meinem Kalender breitgemacht haben. Mein 20-Prozent-Job, der durch das Annehmen zusätzlicher Schichten plötzlich zum 40-Prozent-Job geworden ist oder mein Aushelfen bei einem Verein, das sich plötzlich in eine Mitgliedschaft verwandelt hat. Entwicklungen, die mich nicht gross störten, deren Ausbleiben jedoch mein Leben um einiges entspannter machen würde.
Das ferngesteuerte Leben
Doch wieso sage ich «Ja», obwohl mir ein «Nein» lieber wäre? Weshalb verwandeln sich Angebote in meinen Ohren zu Befehlen? Warum lasse ich mein Umfeld meine Pläne steuern? Aus Angst vor Konsequenzen!
So sass ich nun in dem Bus, auf welchen ich nicht gewollt hatte, entfernte mich von meiner Destination Zuhause, und das nur aus Unbehagen «Nein» zu sagen.
Dies als strategielose Entscheidungsfindung abzutun, wäre eine heuchlerische Beschönigung. Diese Busfahrt wurde zur Metapher für mein bisheriges Leben. Das kurze Hoch des aktiven Ja-Sagens verweht in die lange Exklamation des inneren Nein-Schreiens.
Der High Heel der Worte
Und noch ehe ich den ersten Schritt aus dem Bus in den Abend tat, erfasste ich das «Ja» als neue Figur: der High Heel der Worte!
Das Ja-Sagen sieht unbestritten gut aus. Egal in welchem Kontext. Es kann imponieren, umgarnen, es zeugt von Effort. Doch wer schon einmal in High Heels unterwegs war, weiss, nach zwei bis drei Schritten beginnen die Schuhe zu drücken.
Genauso verhält es sich beim Ja-Sagen. Im temporären Versuch gut anzukommen, streift man sich die unbequemen Schuhe über und verliert kaum einen Gedanken an die mühsamen Blasen, die Konsequenzen, die es in den darauffolgenden Tagen auszuheilen gilt.
Was ist Klasse und Eleganz wert, wenn sie jeden noch so gemütlichen Abend zur Tortur macht?
Was bringen die betörenden Absätze oder Worte, wenn man deshalb stets denjenigen hinterherhinkt, die bequeme Schuhe gewählt haben, die «Nein» gesagt haben?
Wieso sollte ich «Ja» sagen, während ich neidisch auf die Nein-Sager schiele?
Das «Ja» muss mit Bedacht gesprochen werden. Es braucht eine Umgebung, die das «Ja» schätzt. Vor allem aber muss das «Ja» eine bewusste Entscheidung sein, kein Impuls, kein Dienst, sondern Ausdruck meines eigenen bewusst gewählten Willens.