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Johann Jacob Scolar wird 1645 in Altdorf (Uri) als Sohn des Adlerwirtes Antonio Scolar und der Anna Barbara Arnold von Spirigen geboren. Sein Vater ist aus Fiesso in der oberen Leventina gebürtig und in Altdorf eingebürgert.[1] Seine Mutter stammt aus einer der führenden Urner Familien. Sie ist mütterlicherseits mit dem vormaligen Adlerwirt Matthias Tschudi oder Giudici verwandt,[2] von dem das wichtige Gasthaus am Gotthardweg gekauft wird. Hier wächst Johann Jacob auf.
Wie sein acht Jahre älterer Bruder Johann Walter studiert er Theologie. Sein jüngerer Bruder Johann Jakob Anton (1647–1705) tritt ins Kloster Einsiedeln ein und ist dort Propst in Bellinzona und Statthalter in Sonnenberg. Johann Jacob wird 1668 als Kaplan der Kapelle beim oberen Hl. Kreuz und St. Karl erwähnt. 1670 geht er als Pfarrer nach Aadorf in der eidgenössischen Landvogtei Thurgau. Hier stellen die Fünf Orte[3] im Turnus von vier Jahren den Priester. Er teilt das Gotteshaus mit einem evangelischen Prädikanten.[4] Scolar verlässt die Stelle nach eineinhalb Jahren. 1672 ist er Kaplan der Loretokapelle auf dem Stalden und wird 1683 Pfarrer in Bürglen. Er hat sich in der Zwischenzeit, auch auf Reisen in Italien, intensiv mit der Baukunst beschäftigt, denn schon 1681 plant er für Bürglen die neue Pfarrkirche, die er 1682–1684 als bauleitender «Bauherr»[5] auch gleich ausführt. Sein wichtigstes Bauwerk wird das Benediktinerinnenkloster Seedorf, das er ebenfalls 1681 gemeinschaftlich mit dem Einsiedler Visitator Pater Christopherus von Schönau plant. 1682–1686 baut er, wieder als bauleitender «Bauherr», nach diesen Plänen den Ost- und Nordflügel.
Für seinen jüngsten Bruder Johann Franz Scolar (1652–1711), der Landvogt im Bleniotal und Söldnerhauptmann[6] ist, plant und baut Johann Jacob 1684–1685 das Patrizierhaus im Eselmätteli an der Herrengasse in Altdorf. Die Enkelin Maria Anna Lusser wird 1687 für die reduzierte Einkaufssumme von 600 Gulden ins Kloster Seedorf aufgenommen, als Dank für die unentgeltlichen Leistungen des Onkels als «Bauherr» und Planer des Klosterneubaus. Das Geld wird sofort für den Neubau verwendet.
1693 wird Johann Jacob Scolar zum Sextar des Priesterkapitels Vierwaldstätte ernannt. Er nutzt die neuen Beziehungen und vermittelt für die Klosterkirche Seedorf, die wegen Geldmangels noch nicht begonnen ist, den Hauptspender.[7] Er selbst stiftet den Hochaltar. Die Kirche ist nach seinen Plänen und unter seiner Leitung 1699 fertiggestellt, die Einweihung erfolgt im Oktober 1700. Wie so oft bei geistlichen Liebhaberarchitekten dieser Zeit wird er von den Kunsthistorikern lange Zeit als Planer negiert.[8] Sie schreiben vor allem die Planung der Kirche dem Einsiedler Baumeister Br. Caspar Moosbrugger zu. Dieser dürfte die Pläne gekannt haben, vielleicht auch mit Scolar besprochen haben, ein erster Besuch Moosbruggers in Seedorf wird aber erst 1699 erwähnt. Später kann Moosbrugger den Westflügel des Klosters ausführen, hält sich aber strikt an die Vorgaben Scolars.
Noch vor dem Beginn des Kirchenbaus in Seedorf baut Scolar 1693 auf dem Friedhof in Bürglen zwei oktogonale Zentralbauten mit geschweiften Hauben und 1694–1695 das Haus Schmiedgasse 18 in Altdorf für Carl Anton Lusser-Püntener. Im Gegensatz zum Haus im Eselmätteli ist dieses Patrizierhaus heute nicht mehr erhalten. Eine weitere grosse Pfarrkirche erstellt er 1697–1699 im nidwaldischen Dallenwil.
Am 16. Dezember 1707 stirbt Johann Jacob Scolar 62-jährig in Bürglen.
Ein Porträt ist in der Sakristei der Pfarrkirche von Bürglen erhalten. Es zeigt den Pfarrherrn schreibend, in der linken Hand die Baupläne des Klosters Seedorf und der Pfarrkirchen von Bürglen und Dallenwil haltend. Die Inschrift bezeichnet ihn als Architekten der Kirche. Über der Inschrift das Wappen der Scolar von Altdorf, das auch als Fresco in der Kirche von Lottigna im Bleniotal über dem Schlussstein des Bogens der Marienkapelle zu finden ist.
Pius Bieri 2010
Benutzte Literatur:
Horat, Heinz: Scolar, Johann Jakob, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Bern 2010.
Gasser, Helmi: Die Kunstdenkmäler des Kantons Uri, Band II, Die Seegemeinden (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 78 der Gesamtreihe), Basel 1986.
Anmerkungen:
[2] Er stammt aus Giornico in der Leventina und verdeutscht den Namen. Führende Geschlechter der Leventina, die bis ins 16. Jahrhundert noch nicht als Untertanengebiet der Urner behandelt wird, bürgern sich in Altdorf ein und stellen wie die Familie Scolar oder die ebenfalls aus Prato stammende Familie a Pro auch das gewichtige Amt des Landammanns.
[3] Die katholischen Orte der Innerschweiz (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug).
[4] Sein reformierter Amtsbruder, der Prädikant Johann Jakob Träyer, der 1665–1682 in Aadorf wirkt, beklagt sich über den intoleranten Vorgänger Scolars, den Urner Dr. theol. Kaspar Romanus Bessler, weil Evangelische aufgrund dessen Versprechungen zu den Katholiken überlaufen. Mit Pfarrer Scolar scheint er sich zu vertragen, verlässt dann aber Aadorf auch, nachdem sein eigener Sohn zu den Katholiken übertritt.
[5] «Bauherr» bedeutet hier nicht nur Geldmittelbeschaffung und Auftragsvergabe, sondern auch die Baudurchführung in der Funktion eines Bauleiters. Er wird in diesem Zusammenhang auch als Baudirektor bezeichnet.
[6] Im März 1688 führt Johann Franz Scolar als Hauptmann im Regiment des Urner Obersten Sebastian Peregrin Schmid eine selbst geworbene Söldnertruppe im Dienste Venedigs in den «Heiligen Krieg gegen die Türken». Dieser sogenannte Moreazug, den der Stand Luzern als «Zug in den sicheren Untergang» bezeichnet, endet wirklich im Desaster. Die Belagerung von Negroponte (heute Chalkis auf der Insel Euböa) muss schon Ende Oktober 1688 wegen der Dezimierung des venezianischen Heeres durch Kämpfe und Seuchen abgebrochen werden. Von den 2500 Schweizer Söldnern leben 1690 noch 200. Die wenigen Überlebenden kommen 1691 zurück. Die Jugend von Altdorf ist mit diesem Feldzug praktisch ausgelöscht. Dieses triste Kapitel der Schweizer Geschichte wird in den offiziellen Geschichtswerken ausgeblendet und deshalb hier erwähnt.
[7] Kaplan Johann Kaspar Barmettler (1636–1703) aus Beckenried spendet insgesamt 30 000 Gulden.
[8] Ein ähnliches Schicksal trifft den Planer der baugleichen Anlage von Holzen (1696–1710), Pater Christoph Vogt OSB.
|Johann Jacob Scolar (1645–1707)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|1645||Altdorf||Uri CH|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Eidgenössischer Stand Uri||Konstanz|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|16. Dezember 1707||Bürglen||Uri CH|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Eidgenössischer Stand Uri||Konstanz|
|Kurzbiografie|
|Der Pfarrer und Liebhaberarchitekt Johann Jakob Scolar ist familiär mit den führenden Geschlechtern des Standes Uri verbunden. Länder südlich der Alpen gehören zu Uri, der Barock dringt so schnell nach Norden vor. Scolar hält sich zudem 1675–1677 in Italien auf. Zwischen 1682 und 1699 plant und leitet er, nun Pfarrherr von Bürgeln, Profan- und Sakralbauwerke in Uri und Obwalden. Teilweise beteiligt er sich auch an deren Finanzierung. Sein wichtigstes Werk ist die Klosteranlage von Seedorf. Ihr Grundriss mit vorgestellter Kirche ist 1628 in den Traktaten von Furttenbach zu finden, die Kirche selbst ist eine frühe Kombination eines Zentralchores mit Tambourkuppel nach italienischer Art und einer Wandpfeiler-Emporenkirche.|