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Aktueller denn je: Louisa May Alcott
Der US-Literaturklassiker «Little Women» mag 150 Jahre alt sein. Nicht nur wegen der grandiosen Verfilmung von Greta Gerwig wirkt er zeitgemäss.
Text: Fabian Rottmeier
Um Louisa May Alcotts erfolgreichstes Buch aus dem Jahr 1868 zu verstehen, hilft ein Blick in ihre Biografie. Die Amerikanerin wuchs in Neuengland in armen Verhältnissen auf – als eine von vier Schwestern, die von ihrem Vater unterrichtet wurden. Dessen Freunde, darunter etwa der berühmte Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, nahmen die Kinder oft auf Ausflüge mit und machten sie mit den Vorgängen in der Natur vertraut. Alcotts Eltern setzten sich entschieden für die Abschaffung der Sklaverei ein. Wie ihre Mutter stand Louisa May Alcott später auch für die Rechte der Frauen ein – und wurde zur Ikone.
Und so ist ihr Roman «Little Women», der viele autobiografische Züge aufweist, heute leider aktueller denn je: Er handelt von Frauen, die ihre Rolle suchen, und dabei auf gesellschaftliche Normen stossen, die von Männern gesetzt wurden. Die 36-jährige Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Greta Gerwig hat dies nicht nur erkannt, sondern kokettiert in ihrer Verfilmung, die nun in den Kinos läuft, auch gekonnt damit.
Die Protagonistin Jo, eine von vier March-Schwestern in «Little Women», will (wie Alcott damals) Schriftstellerin werden, muss sich aber von einem Verleger in New York anhören lassen, dass die weibliche Hauptfigur am Ende der Geschichte zwingend verheiratet sein müsse – oder wenigstens gestorben. Es sind Bemerkungen wie diese, die Jo March noch mehr anstacheln. «Little Women» erzählt von Jos Alltag, ihrem geborgenen Zuhause, von der Abwesenheit ihres Vaters im amerikanischen Bürgerkrieg, aber auch von den Freuden, Streitereien und der Eifersucht unter den vier Schwestern, die zu Frauen heranwachsen.
Das Buch hat Greta Gerwig geprägt
Greta Gerwig hat gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» gesagt, dass «Little Women» sie dazu gebracht habe, zu schreiben. «Als ich es mit 30 Jahren wieder gelesen habe, war ich fast erschrocken darüber, wie wie modern es ist.» Das Buch sei ein Text, der die Gespräche der Frauen von heute bestimmt, obwohl er 150 Jahre alt ist. Weiter erzählt sie, dass sie gedacht habe, sie hätte das falsche Geschlecht, als sie wusste, dass sie schreiben und Kunst machen wolle.
Nun, Greta Gerwig hat es geschafft. Bereits ihr erster Film in der Doppelrolle als Regisseurin und Drehbuchautorin – «Lady Bird» – erhielt fünf Oscar-Nominierungen. Sie war damit erste die fünfte Frau, die für ihre Regiearbeit eine Nominierung erhielt. Viele Kritiker sind empört darüber, dass es für «Little Women» nicht dazu gereicht hat. Der Film ist gleichwohl sechsmal nominiert worden: für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch, die beste Filmmusik, das beste Kostümdesign – und für die schauspielerischen Leistungen von Saoirse Ronan (beste Hauptrolle) und Florence Pugh (beste Nebendarstellerin).
Gerwigs Film leuchtet einsam als weibliches Gegenstück zu den anderen vielfach nominierten Filmen, die von (älteren) Männern gemacht und gespielt wurden: «The Irishman», «Once Upon A Time In … Hollywood» und «1917». Erstaunliche Randnotiz: Auch ihr Lebensgefährte Noah Baumbach ist mit «The Marriage Story» für den besten Film nominiert.
Raffiniert erzählt – mit Zeitebenen
Die neuste Verfilmung von «Little Women» ist auch deshalb so toll geworden, weil sich Greta Gerwig erlaubt hat, die Geschichte der vier March-Schwestern in mehreren Zeitebenen zu erzählen. Die vier unterschiedlichen Charaktere der Schwestern werden dadurch vielschichtiger. In der «Süddeutschen Zeitung» sagt die Filmemacherin dazu: «Man erkundet sich selbst in vielen Phasen, das ist es, was mich interessiert.» Darum habe sie die Zeitebenen so durcheinandergebracht. Ein Kniff, der auch dazu beiträgt, dass der Film sehr ans Herz geht. Sie selbst versteht den Film als «Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und einem Buch». Wie als Hommage an Louisa May Alcott hat also auch Greta Gerwigs Film eine autobiografische Note.
«Little Women», jetzt im Kino, u. a. mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Timothée Chalamet, Laura Dern, Meryl Streep.