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PD Dr. med., Venenzentrum Thun, Mitglied FMH
Im kommenden Juni findet der 20. Jahreskongress des European Venous Forum (EVF) statt – erstmals in der Schweiz und in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Phlebologie (SGP). Was ist das EVF? Ein Club von alten Herren («a bunch of old men»), meinte letzthin jemand. Ist das wirklich so?
«Europe is different from the USA», sagt Bo Eklöf bei meinem kurzen Besuch bei ihm zu Hause am Meer in Helsingborg. Der 84-jährige schwedische Gefässchirurg ist ehemaliger Mitarbeiter von Bob Kistner in Hawaii und Präsident des American Venous Forum 2003–2008. «In Europe we have strong national societies with annual meetings, with courses and many other activities.»
Und doch wurde vor 20 Jahren das European Venous Forum (EVF) in Lyon gegründet. Als Vorbild diente das 1988 gegründete American Venous Forum (AVF): «AVF was the stimulus for the creation of EVF», bestätigt Michel Perrin, einer der Gründerväter des EVF: «In Sydney airport lounge, Pr. Andrew Nicolaides who was in transit for going to Japan approached me and said: ‘Michel, do you think it is time to create a European Venous Forum?’ Five or perhaps 10 minutes later, my answer was positive.» Perrin wurde der erste EVF-Kongresspräsident in Lyon im Jahr 2000, und Nicolaides war und ist bis heute der Chairman des EVF. Perrin schmunzelt in seinem Rückblick «Genesis and birth of the European Venous Forum»: «That was a genuine democratic process but does a scientific society need it?» Seine Rolle als erster Kongresspräsident des EVF war in Frankreich nicht unumstritten: «But I did not care about an article published in a French vascular journal some months later, Michel Perrin is a traitor, he organized an English-speaking convention in Lyon, Gaul capital.»
Unterdessen, nein, schon früher hatten sich mehrere nationale Gesellschaften in Europa zu geographisch organisierten Gruppierungen gefunden, Zum Beispiel die Benelux Society vor über 50 Jahren, das Scandinavian Venous Forum 1963 und das Balkan Venous Forum 2009 mit 13 Ländern. Bo Eklöf, der an allen Meetings auf dem Balkan teilgenommen hat, ist immer wieder erstaunt und begeistert: «There is a very nice collaboration despite all political problems and differences.» Die baltischen Staaten haben ein Forum, es gibt die Royal Society of Medicine seit 1983 in Grossbritannien, und zurzeit wird an der Gründung eines Russian Forum gearbeitet. Und dann kam eben das EVF, das wie ein Schirm (umbrella) für all diese Organisationen wirkt. Das EVF gab sich zu Beginn ganz strikte Regeln für seinen Kongress: «EVF provides a platform for discussion of all new advances and aspects of phlebology with emphasis on education and discussion.» Die Kongresssprache ist Englisch, aus all den eingegangenen Abstracts werden die besten dreissig von einem europäischen, wissenschaftlichen Gremium ausgelesen. Zehn Minuten ist die Redezeit, um die Arbeit vorzustellen. Dann wird während der gleichen Zeit das paper diskutiert. Das ist pure stress, denn unter den Zuhörern sitzen all die Koryphäen der phlebologischen Szene: «They are getting grilled.» Aber wie Bo Eklöf sagt: «That’s where the truth comes out!»
Das passt zur Mission, die sich das EVF vor genau 20 Jahren gegeben hat: «Education, scientific knowledge, research and clinical expertise of the highest quality and establish standards in the field of venous disease.» Eine Form davon ist eben der Jahreskongress. Mit der Idee der Education kamen neue Formen dazu. 2010 fand der erste EVF HOW Workshop statt: Nicht mehr als 100 Teilnehmer aus ganz Europa, über 30 Faculty members aus Europa und den USA (das Verhältnis von Teilnehmern zu Faculty members soll 3:1 betragen), 24 Working stations, jede Station betreut von einem Faculty member und einem Vertreter der Industrie. Dazu besteht die Möglichkeit, während eines Jahres alle Aktivitäten auf der interaktiven Website nachzuschauen. Der Kurs ist jedes Jahr ausgebucht!
Basierend auf diesem Kurs werden seit 2015 zusätzlich sogenannte EVF HOW Plus Courses angeboten. Darin wird das Gelernte in ganz kleinen, persönlichen Workshops vertieft: Klappenrekonstruktion im tiefen Venensystem in Modena, Venenstenting in London und Modena, Duplexscanning in Malmö, Ulcusbehandlung in Wien, Lymphödem in Pommelsbrunn und 2018 – erstmals in der Schweiz – der Kurs für Sklerotherapie und Phlebektomie am Venenzentrum in Thun. Mit Genugtuung darf hier festgestellt werden, dass die in den letzten Jahren (leider) sonst eher zurückhaltende Industrie sehr interessiert ist: «They are knocking on the door to get in», sagt Bo Eklöf, denn die Formel scheint zu stimmen. «The faculty member should be science-oriented and neutral, the industry knows the facts and the technique. There is no ethical problem», sagt er. Und was halt ganz wichtig ist: «The very open atmosphere, where nobody is afraid of asking silly questions (that do not exist anyway).» Es gibt heutzutage ja viele Workshops und Hands-on-Kurse. Was diese EVF-Kurse aber von den vielen andern unterscheidet: «They are unique, because they are very well structured», sagt Eklöf, der zusammen mit Peter Neglen diese Kurse 2010 initiiert hat. Und bevor sie durchgeführt werden dürfen, werden sie von einem europäischen Gremium des EVF geprüft und erst dann zur Durchführung «zugelassen», ganz im Sinne der highest quality.
All diese Themen sind ja nicht neu: 1968 schon wurde die erste Venenklappenrekonstruktion von Bob Kistner in Hawaii vorgenommen. Eklöf sagt dazu: «He showed, that you could do it without killing the patient and that changed the world.» Die Technik der Manschette an der zu grossen Einmündung der Vena saphena magna in die Vena femoralis (häufigster Grund für Krampfadern) wurde von Vedensky aus Russland als Spiral cuff lange vor der Cuff-Methode aus Australien angewendet. Wieso diese Technik(en) nicht früher den Eingang nach Europa gefunden hat (haben), ist ein linguistisches Problem. Diese Arbeiten wurden in der russischen Sprache publiziert und dementsprechend sehr lange im Westen nicht wahrgenommen. «Once they openend up, many things became known in the West», sagt Eklöf. Eine Nebenbemerkung dazu: Die russische Delegation an den Jahreskongressen des EVF ist unterdessen sehr gross, und ihre Beiträge sind von hoher Qualität.
Das sind die praktischen Aspekte des EVF. Aber da ist noch etwas: «Establish standards in the field of venous disease.» EVF hat seit 2009 mehrere internationale Guidelines entwickelt. Über die Terminologie der chronisch venösen Insuffizienz (zusammen mit dem AVF und dem American College of Phlebology), über die Prävention und die Behandlung der Thromboembolie (zusammen mit der Union Internationale de Phlébologie, UIP), über das Management der chronisch venösen Insuffizienz (zusammen mit der UIP und UIA) und andere mehr. Mit Befriedigung konstatiert Eklöf: «They are world-covering and internationally approved.»
Es wird in den kommenden Jahren zu Veränderungen im EVF kommen. Die Gründergeneration wird abtreten. Eine neue Generation ist bereit, diese Aufgaben zu übernehmen. Es geht ja um nichts weniger als um ein strukturiertes europäisches Curriculum für Phlebologie, so wie es zurzeit vom European Venous Forum gelebt wird: «The goal are the patients and to educate the physician for the sake of them», sagt Bo Eklöf zum Abschied vom kleinen Fischerdorf grad neben Helsingborg.
EVF-Jahreskongress in Zürich
Der 20. Jahreskongress des European Venous Forum findet vom 27. bis 29. Juni 2019 an der Universität Zürich mit einer grossen internationalen Faculty statt. Phlebologen, Angiologen, Chirurgen, Dermatologen und interventionelle Radiologen aus ganz Europa, aus Amerika und auch Japan treffen sich zum jährlichen State-of-the-art-Meeting. Nach den letzten Kongressen in Paris, London, Porto und Athen nun also Zürich. Es soll ein würdiger, runder Geburtstag werden: Happy birthday, EVF!
Weitere Informationen unter www.europeanvenousforum.org
EVF – «A bunch of old men»? Nein, «The Wild Bunch» (Film von Sam Peckinpah 1969)!
Adresse de correspondance
PD Dr. med. Dominik Heim
heim.dominik[at]bluewin.ch
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