Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/712

Das schon früh einsetzende Interesse an der Herkunft Jesu führte automatisch zur Frage nach seinen Grosseltern. Das apokryphe Protoevangelium des Jakobus erwähnt die Eltern Mariens und benennt sie mit Anna und Joachim. In der Folge wurde die Legende von der Geburt Mariens von der Ostkirche als wahr übernommen. In der Westkirche wurde sie mit einer gewissen Zurückhaltung tradiert. In der Haimo von Halberstadt (†853) zugeschriebenen Kirchengeschichte wird erzählt, dass Anna nach dem Tod Joachims noch zweimal geheiratet habe: zunächst Kleophas, nach dessen Tod Salomas. Aus jeder der drei Ehen hatte sie eine Tochter, die sie alle Maria nannte: Maria, die Mutter Jesu, Maria Kleophas und Maria Salome. Durch die Aufnahme dieser Legende in die «Legenda aurea» des Jacobus de Voragine (1228/29–1298) verbreitete sie sich rasch.
Die «Heilige Sippe»
Das Bürgertum in der Mitte des 15. Jahrhunderts war von der Genealogie fasziniert, und so versuchten die Familien, ihre Abstammung möglichst weit zurück zu belegen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in dieser Zeit eine grosse Annaverehrung begann: Anna als Mittelpunkt der Grossfamilie Jesu. Die Darstellung dieser Grossfamilie wird in der Kunst als die «Heilige Sippe» bezeichnet:
- Generation: Anna mit ihren Ehemännern Joachim, Kleophas und Salomas.
- Generation: Maria und Josef, Maria Kleophas und Alphäus, Maria Salome und Zebedäus.
- Generation: Jesus, Simon der Zelot, Judas Thaddäus, Jakobus der Jüngere, Josef, Jakobus der Ältere, Johannes.
Die Darstellung der «Heiligen Sippe» in der Schedelschen Weltchronik1 aus dem Jahr 1493 umfasst sogar 26 Personen, da hier unter anderem Ysachar und Susanna (Annas Eltern) sowie Esmeria (Annas Schwester) und Ephraim mit ihrer Tochter Elisabeth und deren Mann Zacharias mit ihrem Sohn Johannes dem Täufer dazugezählt werden.
Die Legende des Trinubium (drei Ehen der Anna) war im Zusammenhang mit der Jungfräulichkeit Mariens wichtig. So konnten die in der Bibel erwähnten «Geschwister» Jesu als seine Cousins identifiziert werden. Auch sind gemäss diesem Stammbaum die meisten Apostel mit Jesus verwandt. Das Trinubium war vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit umstritten und wurde im 17. Jahrhundert definitiv ad acta gelegt.
Familienmitglieder in Schwyz zu Besuch
Nicht die ganze «Heilige Sippe», aber einige «Familienmitglieder» sind nun in der Ausstellung «Heilige – Retter in der Not» zu sehen. Eröffnet wird der Reigen der Heiligen mit dem Vorbild jedes Heiligen: Jesus. Kleine Verkündigungsaltäre für den Privatgebrauch wie auch mannshohe Krippenfiguren und kunstvoll gestaltete Krippen sind im Bereich «Weihnachtsfestkreis» zu sehen. «Die Passion Christi» wird durch ausdrucksstarke Figuren dargestellt. Höhepunkt ist sicher der älteste erhaltene Palmesel, datiert um 1050, der im Beinhaus in Steinen SZ gefunden wurde.
Maria, der Mutter Gottes, ist ein Grossteil der Ausstellung gewidmet. Hier trifft man auch auf Maria und ihre beiden Halbschwestern Maria Kleophas und Maria Salome oder auf jene aus- sergewöhnliche Madonna, deren Jesus mit einem Vogel spielt. Damit wird auf die apokryphen Kindheitsevangelien Bezug genommen, die berichten, dass Jesus aus Lehm Vögel formte und sie zum Leben erweckte.
Im zweiten Ausstellungsteil werden die verschiedensten Heiligen vorgestellt. Aus der Fülle der Heiligen wurden jene ausgewählt, über die es Interessantes zu erzählen gibt; die jeweiligen Legenden können via iPad angehört werden. Hier trifft man auch auf weitere «Familienmitglieder» der «Heiligen Sippe» wie z. B. Johannes den Täufer, Jakobus den Älteren oder Johannes den Evangelisten. Die Heiligen, die sich in jeder Eucharistiefeier um uns versammeln, werden in dieser sorgfältig inszenierten Ausstellung sichtbar und greifbar.
Rosmarie Schärer