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| Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)

Erste Rede
51.
Die Worte aber: "Du hast die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt"1, die im Psalme folgen, zeugen nicht, wie ihr wieder meint2, für eine veränderliche Natur des Wortes, sondern sie weisen vielmehr mit diesem ihrem Inhalt hin auf seine Unveränderlichkeit. [S. 92] Denn die Natur der gewordenen Wesen ist wandelbar. Die einen sündigten, wie gesagt, die andern waren ungehorsam. Ihr Handeln ist nicht beständig, sondern vielfach tritt der Fall ein, daß der zur Stunde noch Rechtschaffene nachher sich ändert und ein anderer wird, so daß der, der eben noch gerecht war, nach kurzer Zeit als ungerecht befunden wird. Deshalb bedurfte es eines Unwandelbaren, damit die Menschen in der unwandelbaren Gerechtigkeit des Wortes ein Idealbild fürs Tugendleben hätten. Dieser Gedanke erscheint den Verständigen auch wohl begründet. Weil nämlich der erste Mensch Adam sich veränderte, und durch die Sünde der Tod in die Welt kam, deshalb war es in der Ordnung, daß der zweite Adam unwandelbar war, damit auch bei einem erneuten Versuch der Schlange ihre Tücke wirkungslos bleibe, und, da der Herr unveränderlich und unwandelbar ist, die Schlange bei ihren Angriffen allen gegenüber ohnmächtig würde. Denn wie vom Sündenfall Adams die Sünde auf alle Menschen überging3, so wird auch infolge der Menschwerdung des Herrn und der Überwindung der Schlange durch ihn eine solche Kraft auf alle Menschen übergehen, so daß jeder von uns sagt: "Denn seine Anschläge sind uns nicht unbekannt"4. Es wird also billigerweise der Herr, der immer und von Natur unwandelbar ist, der die Gerechtigkeit liebt und die Ungerechtigkeit haßt, gesalbt und auch abgesandt, damit er, der derselbe ist und bleibt, das veränderliche Fleisch annehme, die Sünde in ihm richte5 und es freimache und befähige, fortan die Gerechtigkeit des Gesetzes an sich zu erfüllen, so daß man auch sagen kann: "Wir aber sind nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in uns wohnt"6.
1: Ps. 44,8.
2: Aus dem folgenden Kapitel können wir erschließen, wie die Arianer mit dieser Psalmstelle die Veränderlichkeit des Wortes beweisen wollten: In soplipstischer Weise legten sie den Nachdruck auf das Bindewort "und" und folgerten dann: es könnte also an und für sich das Wort, das nach beiden Seiten, zur Liebe wie zum Haß, hinneige, auch nur für das Eine, Liebe oder Haß, sich entscheiden, also das Gegenteil von dem in der Psalmstelle Gesagten tun; folglich sei das Wort laut dieser Stelle veränderlich. Wenn das Wort stets die Liebe zur Gerechtigkeit mit dem Haß gegen das Unrecht verbinde, so sei das freier Willensentschluß bezw. Ausfluß seiner Furcht, bei einseitiger Wahl zu fehlen.
3: Röm. 5,12.
4: 2 Kor. 2,11.
5: Röm. 8,3.
6: Röm. 8,9.