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Ich war 12 Jahre alt, als ich einen Satz von Robert Louis Stevenson las. Er schrieb, dass jeder ernsthafte Schriftsteller seine Jugend lang den Affen machen müsse. Das leuchtete mir ein. Und so kopierte ich mich durch verschiedene Stile der elterlichen Bibliothek: Kishon, Brecht, Thomas Mann, Kafka, Jerry Cotton, Hesse, Joyce und Mickey Spillane.
Mit Schriftsteller wurde es nichts. Ich wurde das Gegenteil: Journalist. Wenn man für Geld schreibt, bleibt wenig halb Verstandenes dort, wo es hingehört – im Vergessen. Stattdessen transportiert man es in die Köpfe der Leser und die Beute auf das Bankkonto. So verhielt es sich auch mit meinen Jahren als Stevensons Affe: 1997 und 1998 schrieb ich für das Folio unter dem Titel «Fundstücke» Literaturparodien klassischer Autoren. Sie erfüllten einen alten Wunsch, mit dem selbst die besten Spiritisten Schwierigkeiten hatten: neue Texte von toten Autoren. Im NZZ Folio vom September 1997 schrieb ich einen Aufsatz von Bertolt Brecht. Brecht beantwortete darin eine Umfrage zum «grössten Kunstereignis 1929» und erklärte das Fussballspiel Schalke – Hannover (6 : 2) zu diesem. Ausserdem ernannte er nach einigen kunsttheoretischen Exkursen den Schalker Mittelstürmer Ernst Kuzorra zum Künstler des Jahres und stellte fest, dass «Fussball als Kunstform den traditionellen Formen Literatur, Theater, Malerei, Musik bei weitem überlegen ist».
Ich hatte nicht mehr weiter über meine Brecht-Fälschung nachgedacht, bis diesen Frühling – neun Jahre nach ihrem Erscheinen – das Telefon klingelte. Ein Brecht-Forscher war am Apparat.
«Dieser Text von Brecht über Fussball im NZZ Folio – den hat er geschrieben, oder?»
«Nein, ich», sagte ich.
Der Brecht-Forscher schnaufte enttäuscht und legte schnell auf.
Was war passiert? Recherchen im Internet ergaben zwei Spuren. Die erste versiegte rasch: Das Deutschlehrer-Fachblatt «Der Deutschunterricht» hatte in seiner Februarausgabe 1998 zum Thema «Fussball, Medien, Kultur» den Brecht-Text in voller Länge nachgedruckt. Die «Basler Zeitung» rühmte in einer Rezension besonders Brechts Theorie von 1929.
Die heissere Spur begann 2002, als das Fanmagazin des Hamburger Quartierclubs FC St. Pauli, «Viertel nach fünf», den NZZ-Folio-Text fand und ebenfalls abdruckte. Worauf das Internetmagazin «Der Kutter» den «ganz wunderbar in unsere Zeit sich fügenden Text» integral ins Netz stellte. Von dort verbreitete sich Brechts Aufsatz in mehreren Fussballforen, nicht zuletzt bei den Fans von Schalke 04. Und dann rollte die Fussballweltmeisterschaft 2006 an – und mit ihr die Intellektuellen.
So veröffentlichte der Suhrkamp-Lyriker Albert Ostermaier ein Zitatgedicht unter dem Titel «abseitsfalle oder: brecht passt zu benn», in dem Brecht- und Benn-Zitate gegeneinandergeschnitten wurden – nur dass statt Brecht fast ausschliesslich das NZZ Folio zitiert wurde. (Etwa: «fussball ist anschauungsuntericht für revolutionäre.») Im Oktober 2005 wurde in Dortmund ein neobarockes Oratorium mit dem Titel «Aus der Tiefe des Raums» aufgeführt. Das dreistündige Werk war laut seinen Autoren Moritz Eggert und Michael Klaus von einem Satz Brechts inspiriert worden. Und zwar jenem, dass «Fussball den traditionellen Kunstformen wie Literatur, Theater und Malerei weit überlegen sei». Der Musikkritiker der «Basler Zeitung» kritisierte das Oratorium – wenn auch ein wenig kryptisch – wiederum mit Berufung auf Brechts NZZ-Folio-Aufsatz: «Brecht zielte auf die Magie der athletischen Realität, nicht auf deren Verwurstung.»
Als nächstes fand sich mein Brecht in einem Grundsatzartikel der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit». Diese kritisierte unter dem Titel «Die Kunst als Coach» Ende 2005 die Schwemme an Fussball-Kunstwerken: «Wer rettet den Fussball vor den Intellektuellen?» fragte sie und zitierte Brecht als den ersten einer ganzen Reihe Fussballintellektueller: «Schon 1929 plädierte Bertolt Brecht dafür, Fussball als die fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen …»
Zum guten Schluss erschien das gesamte Kernstück von Brechts Fussballtheorie auf Seite 41 im offiziellen «Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung Deutschland zur Fifa-WM 2006» (Vorwort: Franz Beckenbauer und der ehemalige Innenminister Otto Schily). Zitiert wurde es unter dem Titel «Theater muss wie Fussball sein» vom Bundesfilmpreisträger Peter Lohmeier, dem es nicht zuletzt meine Brecht-Passage über die besondere kritische Qualität des Fussballpublikums angetan hatte: «So ist auch Kritik Markenzeichen dieses Publikums. Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal aufs Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt ist.»
Wie konnte es eine offensichtliche Parodie so weit bringen? Die deutsche Regierung investierte 30 Millionen Euro in das «anspruchsvollste und kreativste WM-Kulturprogramm aller Zeiten», so Otto Schily. Doch für so viel Kultur gab es kaum Zitate. Die wenigen deutschen Schriftsteller, die – wie Franz Kafka – begeisterte Fussballkenner waren, schrieben fast nichts zum Thema. Die wenigen, die schrieben, verstanden nichts von Fussball: So liess Ödön von Horváth in seinem Fussballmärchen einen Ball bis zur Milchstrasse treten, Peter Handke beschrieb nicht die Nerven des Schützen, sondern die Angst des Torwarts beim Elfmeter, Nobelpreisträger Grass dichtete in seinem Vierzeiler «Nächtliches Stadion» eher Fussballfernes: «Einsam stand der Dichter im Tor, doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.» Und selbst fussballspielende nichtdeutsche Literaten liefern wenig Nützliches. So rühmte sich etwa der auch als Torhüter tätige Vladimir Nabokov: «Ich war weniger Hüter eines Fussballtores als Hüter eines Geheimnisses. Während ich mit verschränkten Armen an den linken Torpfosten lehnte, genoss ich den Luxus, die Augen zu schliessen.»
Kurz: Brechts Fussballaufsatz im NZZ Folio war das, was Klassiker sein sollten: brauchbar. Kultur benötigt zwei Rohstoffe: Geld und Zitate. Für die Fussballkultur 2006 gab es zwar eine Fülle an Euro, aber ein Nichts an Tradition. Die Inspiration eines Oratoriums also, ein Avantgarde-Gedicht, etwas Beihilfe zu einer Kulturkritik in der «Zeit», eine Seite im offiziellen Fifa-Programm plus eine kurzzeitige Irritation eines Brecht-Forschers – das ist kein schlechtes Resultat für eine bescheidene Fälschung.
Constantin Seibt arbeitet als Reporter für den «Tages-Anzeiger» in Zürich.
Im September 1997 fälschte ich fürs Folio einen Text von Bertolt Brecht. In diesem Jahr fand ich ihn im Fifa-Kulturprogramm zur WM wieder.
- Von Constantin Seibt
Ich war 12 Jahre alt, als ich einen Satz von Robert Louis Stevenson las. Er schrieb, dass jeder ernsthafte Schriftsteller seine Jugend lang den Affen machen müsse. Das leuchtete mir ein. Und so kopierte ich mich durch verschiedene Stile der elterlichen Bibliothek: Kishon, Brecht, Thomas Mann, Kafka, Jerry Cotton, Hesse, Joyce und Mickey Spillane.