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Ausstrahlung auf die Schweiz
Der Einfluss der Musikstadt Leipzig brachte im 19. Jahrhundert das hiesige Musikleben erst zum Blühen.
2018 feiert man in Leipzig gleich ein doppeltes Jubiläum: Das Gewandhausorchester, 1743 von 16 jungen, freigeistig denken Kaufleuten gegründet und finanziert, wird 275 Jahre alt und das Konservatorium, 1843 von Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy mitinitiiert, kann 175 Jahre vorweisen. Als eines der ersten seiner Art zog das Leipziger Konservatorium begabte Künstler aus ganz Europa an, vor allem auch aus der Schweiz.
Die hiesige Musikszene, die Mitte des 19. Jahrhunderts erst allmählich erwachte, ist ohne die Musikstadt Leipzig kaum vorstellbar. Prägende Schweizer Musikerpersönlichkeiten wie Friedrich Hegar oder Hans Huber haben dort studiert. Hierzulande gab es weder ein höfisches Musikleben noch allgemein zugängliche Ausbildungsmöglichkeiten für Musiker. Hans Georg Nägeli hatte zwar 1805 mit seinem Singinstitut in Zürich eine erste öffentliche Bildungsstätte für Musikbegabte eingerichtet. Doch wer die Musik zu seinem Beruf machen wollte, ging nach Leipzig.
Winterthur und Zürich
Interessanterweise war der erste Leipziger Musikstudent der aus dem Erzgebirge stammende Theodor Kirchner (1823–1903), der kurze Zeit später auf Empfehlung Mendelssohns nach Winterthur kam, um die Stelle als Organist an der Stadtkirche anzutreten. Kirchner machte die deutschen Romantiker in der Schweiz bekannt. Er gab in Winterthur und Zürich selber Konzerte, wirkte als Musiklehrer und war ab 1862 Dirigent der Abonnementskonzerte der Allgemeinen Musik-Gesellschaft AMG Zürich.
Kirchner freundete sich mit dem jungen Johannes Brahms an, dessen Musik er in der Schweiz engagiert förderte. Zudem pflegte er regen Kontakt mit Friedrich Hegar (1841–1927), der in Basel als Sohn eines deutschen Musiklehrers und Klavierhändlers zum Musiker herangereift war. Auch Hegar studierte Ende der 1850er-Jahre Komposition am Leipziger Konservatorium und kam 1863 auf Veranlassung Kirchners als Kapellmeister des Orchestervereins nach Zürich.
Friedrich Hegar baute das Zürcher Musikleben auf mehreren Ebenen auf: Er leitete nicht nur das Tonhalleorchester, sondern wirkte als Kapellmeister auch am Theater. Er leitete mehrere Chöre, darunter den Gemischten Chor, und engagierte sich in der AMG. Dank Hegar und Kirchner kam Johannes Brahms regelmässig in die Tonhalle. Zudem initiierte Hegar in Zürich 1875 auch die Gründung eines Konservatoriums, das er bis 1914 als Direktor leitete.
Basel, Aarau, Bern
Das bürgerliche Konzertwesen regte sich auch in Basel, wo etwa Clara Schumann regelmässig konzertierte. 1857 kam der aus Thüringen stammende Geiger Louis Abel (1835–1895) als Konzertmeisters und Primgeiger in die Stadt. Zuvor hatte er in Leipzig Violine studiert bei Ferdinand David, dem Konzertmeister des Gewandhausorchesters. Auch Abel wirkte als begnadeter Pädagoge und übernahm von 1860 bis 1866 den Unterricht an der von der Gemeinnützigen Gesellschaft ins Leben gerufenen Violinschule, der Vorgängerin der Musikschule, die in Basel 1867 gegründet wurde.
In Aarau baute der aus St. Gallen stammende Eusebius Kaeslin (1835–1889) ein reges Konzertleben auf. Bevor er 1854 für sein Studium nach Leipzig ging, wurde er vom St. Galler Stiftsorganisten unterrichtet. In Leipzig studierte er bei Ferdinand David Violine, um danach als Konzertmeister des Musikkollegiums Winterthur zu wirken.
1862 wurde Kaeslin Organist an der katholischen Kirche Aarau und unterrichtete Violine und Klavier an der Musikschule, die er 1879 grundlegend reorganisierte. Seine Konzerttätigkeit entfaltete er als langjähriger Dirigent des Aarauer Cäcilienvereins. Dank seiner guten Kontakte zur deutschen Musikszene veranstaltete er ausgezeichnete Konzerte, die weit über die Kantonsgrenze hinaus Beachtung fanden.
Eine regelrechte Schweizer Clique am Konservatorium Leipzig bildeten der aus dem Solothurnischen stammende Karl Munzinger (1842–1911), der Genfer August Werner (1841–1900) und der Berner Gustav Weber (1845–1887). Sie lernten sich in den dortigen gemeinsamen Studienjahren von 1860 bis 1863 kennen und befreundeten sich fürs ganze Leben. Karl Munzinger prägte später das gesamte bernische Musikleben – als Leiter der Liedertafel, ab 1884 als Dirigent der Abonnementskonzerte der Musikgesellschaft und des Cäcilienvereins.
Genf und nochmals Basel
Zu dieser Zeit wirkte am Leipziger Konservatorium der Dirigent und Komponist Carl Reinecke als begehrter Kompositions- und Klavierlehrer. Er war noch von Mendelssohn persönlich gefördert worden. Zu Reineckes grosser Schülerschar zählen berühmte Namen wie Max Bruch, Edvard Grieg, Hugo Riemann, Ethel Smyth und Felix Weingartner, der als berühmter Dirigent und Konservatoriumsdirektor später auch in Basel wirkte.
Reinecke war 1859 zum Gewandhauskapellmeister berufen worden und sorgte als solcher bis 1895 für eine noch stark Mendelssohn und Schumann verpflichtete, eher konservativ-klassizistische Interpretationsweise. Auch als Komponist hat er sich unüberhörbar an Mendelssohn, Schumann und Brahms orientiert.
Der Genfer Pianist August Werner wurde von Reinecke besonders gefördert, er war sogar sein Privatschüler und trat 1863 als Pianist im Gewandhaus auf. Zurückgekehrt in die Schweiz wirkte Werner am Genfer Konservatorium und im Komitee der Abonnementskonzerte mit. Gustav Weber seinerseits machte hauptsächlich in Zürich Karriere als Leiter des Männerchors und des Gemischten Chors und als vielseitig engagierter Grossmünster-Organist.
Für das Aufblühen des Basler Musiklebens Ende des 19. Jahrhunderts war der Komponist, Pianist und Dirigent Hans Huber (1852–1921) von entscheidender Bedeutung. Huber studierte von 1870 bis 74 bei Carl Reinecke in Leipzig und wurde Klavierlehrer an der Allgemeinen Musikschule Basel, die er ab1896 leitete. Als angesehener Komponist mit patriotischer Gesinnung setzte er sich 1900 mit Friedrich Hegar für die Gründung des Schweizerischen Tonkünstlervereins ein.
Auch Huber bemühte sich um die qualitative Verbesserung der musikalischen Berufsbildung und gründete 1905 in Basel das Konservatorium. Sein berühmter Schüler Hermann Suter (1870–1926) studierte ebenfalls beim mittlerweile sehr betagten Carl Reinecke in Leipzig, danach wirkte er als Chorleiter und Dirigent der Sinfoniekonzerte der AMG in Basel. Zudem avancierte er zu einem der führenden Schweizer Komponisten an der Wende zum 20. Jahrhundert.
Sibylle Ehrismann
... ist mitverantwortlich für die artes-projekte, Co-Kuratorin der Gewandhaus-Jubiläumsausstellung 2018 «27,5 Köpfe erzählen die Gewandhausgeschichte».