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November-Geschichte
Rebekka
„Mehr, schneller, gib mehr, noch mehr, was ist auch los heute, mehr, mehr…“ Sie berührte den Beckenrand und hörte die Worte wie Peitschenhiebe: „Das war gar nichts. Was ist denn los, du hast doch deine Tage nicht. So geht es nicht“.
Dabei hatte Rebekka alles gegeben, aber alles war wie immer nichts. Sie startete zur nächsten Länge und hörte nicht nur das Rauschen des Wassers, der Abläufe, die sie zu verschlucken drohten, nein, sie hörte seine Worte wie Schläge, John kreischte, sein Ton, seine Stimme, seine Verachtung. Das war es. Die Verachtung.
Sie kam am Beckenrand wie eine Gerölllawine über sie und zerbröckelte, auch sie selbst zerfiel, ihr Selbstbewusstsein, ihre Grösse, ihre Geschmeidigkeit, ihre Lust auf Training, auf Erfolg. Es kam ihr vor, als ob sie, in kleine Atome zerfalle, weg, fort, abgebaut. Dabei hatte John den Auftrag, den teuer bezahlten, sie aufzubauen, vorzubereiten für die Meisterschaft, vielleicht gar für das Olympiadeteam. Schon häufig waren die nationalen Fachleute gekommen und hatten immer wieder beobachtet, gelobt, sie befragt und jetzt hatte sie den Brief bekommen: nächsten Monat soll sie ins nationale Trainingslager eintreten. Danach würde offiziell entschieden, ob sie dabei sein wird in der fernen Stadt und in welchen Disziplinen sie starten könnte. Sie hatte es John noch nicht gesagt, wollte es heute nach dem Training tun. Jetzt aber verkrampfte sich ihr Herz mehr als ihre Beinmuskeln und ihre Lippen wurden geschlossen. Sie öffneten sich nur um die Luft zu holen, die ihre Lunge verbrannte und mehr wollte sie heute nicht öffnen, nein.
John stand am oberen Beckenrand, die Stoppuhr in der Hand und schüttelte den Kopf. „Du bist zu langsam, du bist ohne Energie, du bist zu plump, so kommst du nie irgendwohin. Es ist zum Verzweifeln“. Rebekka stieg aus dem Becken und meinte lakonisch: „ich mache Schluss für heute“ und ging mit dem grossen Tuch um die Schulter zur Garderobe. John rannte ihr nach: „He, das geht gar nicht, wann Schluss ist, sage ich und heute ist noch gar nicht Schluss und nichts, jetzt wird trainiert und zwar zackig und mit Schwung…“ Rebekka zögerte keinen Moment, ging einfach weiter. John packte sie am Arm und schüttelte sie und schrie irgendetwas. „Das geht nicht, das kannst du nicht machen, komm sofort ins Becken zurück, wir müssen noch die Langstrecke absolvieren!“ Rebekka blieb stehen, packte seine Hand und schüttelte sie weg: „Ich mache Schluss für heute, mich anfassen und schütteln, das geht gar nicht mehr, verstanden!“ John blieb stehen wie von kalten Wasser überrascht. Rebekka ging in die Garderobe, duschte, zog sich an und ging nach Hause. Sie schlief sofort ein und kein Handyklingeln, keine SMS und nichts holten sie für Stunden in die Wirklichkeit zurück. Sie war bei sich, in ihrer Welt.
Rebekka erwachte und hatte einen Bärenhunger und wusste sogleich noch deutlich, was geschehen war. Sie hatte sich emanzipiert, so sagt man dem wohl und musste lächeln, „sieh mal an, die kleine Rebekka ist erwachsen geworden und geht dahin, wo sie hingehen will!“ Sie lässt John stehen und wer weiss, was oder wen noch. Sie fühlt sich gut. Sie holt die Gemüsesuppe aus dem Tiefkühler, in Portionen wie immer, taut sie auf, schneidet Brot und ein ordentliches Stück Käse und setzt sich mit der obligaten Wasserflasche ans Fenster. Wie gut es ihr jetzt gerade geht, wie leicht und hell sich das Leben anfühlt. Ohne Panik, ohne schlechtes Gewissen, ohne den Kopf einzuziehen und ohne Stimmen zu hören, die schreien und dabei sie, Rebekka, meinen. Es war einfach still und gut und sie hört sich, seit langem wieder einmal sich selbst.
Und dabei hörte sie jene Stimme, die sie seit Jahren immer begleitet hatte und die in den letzten drei Jahren, seit sie ein offizielles Kader Training aufgenommen hat, verstummt ist. Jetzt kam sie daher wie eine alte Freundin, setzte sich quasi Rebekka gegenüber und meinte: „du schaffst es, wenn du auf dich hörst und wenn du die Kraft bei dir behältst und nicht in der Abwehr gegen John oder wen auch immer blockierst“. Rebekka musste lächeln, wie weise sie mit sich sprach und wie klug.
Sie holte den Brief hervor, setzte sich an den Computer und schrieb, dass sie am 14. des kommenden Monats im Trainingslager eintreten werde und alles gebe, damit eine Kandidatur für die Olympiade drin liege. Sie sei motiviert und freue sich auf kompetente Trainer und auf ihre Kolleginnen. Sie setzte John ins cc, schickte das Mail ab und legte die CD auf, die ihr immer das Gefühl gab, so lebendig zu sein wie ein Fisch im Wasser. Ja, warum eigentlich nicht.
Wieder klingelte das Handy. Sie wusste, John würde toben, sie, Rebekka, sagte nichts von der Einladung und beantwortete die Einladung selbstherrlich – ha, selbstherrlich, ein wunderbares Wort für eine gerade sich emanzipierende Frau.
Das Trainingslager war so ganz anders als alles bisher erlebte Arbeiten. Die Trainerinnen und Trainer waren respektvoll. Sie wussten, sie hatten die besten vor sich und die Stunden waren sinnvoll aufgebaut, mit Ruhezeiten, mit Krafttraining in der Wärme, mit Filmen, in denen sie Fehler und erfolgreiche Gesten anschauen und diskutieren konnten. Sie wurden nach ihren Erfahrungen gefragt und was ihnen wie geholfen hat. Dass Rebekka auf eine solche Lektion einfach in Tränen ausgebrochen ist, hat man zur Kenntnis genommen und sie in Ruhe gelassen. Erst am andern Tag kam die Psychologin zu ihr und fragte, ob sie reden wolle. Rebekka wollte und schüttete den ganzen Ballast von sich, die Abwertung, das Kleinmachen, die Verletzungen und Beschämungen. Die erfahrene Fachfrau hörte zu und erklärte Rebekka: das sei eine Methode, die kein normaler Mensch mehr anwende: Leistung nur durch Druck und Häme zu produzieren, werde im internationalen Umfeld geächtet. Sie riet ihr dringend, sich von John zu trennen. Noch bevor Rebekka die Zusage fürs Olympiakader definitiv bekommen hatte, schrieb sie für John die Kündigung und bat einen Trainer aus dem nationalen Lager, sie bis zur Olympiade zu begleiten. Das war sowieso vorgesehen, dass die selektionierten Sportlerinnen gut und konstruktiv unterstützt werden sollen bis zum Tag X..
Zum Tag X im Spätsommer.