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Es ist eine glatte, aber keineswegs schlüpfrige Frage, die uns von Herrn Erich N. erreicht. Er könne sich zwar etwas unter dem «horizontalen Gewerbe» vorstellen, «wenn ich auch nicht weiss, ob eine solche Vorstellung nicht schon per se unmoralisch ist», schreibt er. Seine Sorge sei mehr eine dialektische. So schliesst er, wenn es denn ein horizontales, so müsse es auch ein «vertikales Gewerbe» geben. «Nur: Was ist das?»
Zunächst müssen wir festhalten, ohne ins Detail zu gehen, dass der Mensch wohl in den meisten Fällen in horizontaler Lage entsteht, im Laufe des Lebens aber lernt, aufzustehen und sich in vertikale Position zu bringen. Dies tut er auch, um seinen Horizont zu erweitern. Die vertikale Lage wird gemeinhin als positiver eingestuft. Oder kennen Sie jemanden, der Rückgrat hat und dabei rumliegt?
In Verbindung mit dem Begriff «Gewerbe» gerät die horizontale Lage meist in Schieflage. Mit dem horizontalen Gewerbe, wie Herr N. weiss, ist die Prostitution gemeint, die auch als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet wird. Tatsächlich wird auch hier die horizontale Lage der Prostituierten (im Gegensatz zur Vertikalität) mit Schwäche, Machtlosigkeit und Unterdrückung assoziiert. So sprach man im 19. Jahrhundert auch von «gewerbsmässiger Unzucht». Heute gehen manche Regierungen frontal gegen das horizontale Gewerbe vor, indem sie Freier bestrafen.
Wenn davon gesprochen wird, das Gewerbe müsse vermehrt vertikal denken, ist damit jedoch nicht die Prostitution gemeint, sondern der Bau von mehrstöckigen Wohn- oder Bürohäusern, die schlicht lukrativer sind als einstöckige Gewerbebauten.
Und komplett verwirrlich mag erscheinen, dass es auch den vertikalen Strich gibt, dem wiederum nichts Verwerfliches anhaftet. Er wird in der Mathematik und in der Physik verwendet, etwa um bei der Integralrechnung die Differenz zweier Funktionswerte an zwei Stellen anzugeben. Der vertikale Strich bezeichnet in Lexika und Wörterbüchern mögliche Trenn|stel|len eines Wortes, und in Khoisan-Sprachen, die im südlichen Afrika und in Tansania gesprochen werden, zeigt ein ähnlicher Klicklautbuchstabe den dentalen Klick.
Fassen wir also zusammen: Es gibt das horizontale Gewerbe, den vertikalen Strich in der Mathematik, im Duden und in Afrika sowie vertikales Denken bei Stadtbaumeisterinnen und -meistern, – wenn sie denn genug Rückgrat haben.
Askforce Nr. 1077
12. Juni 2023