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Streik! Neue Perspektiven auf die Geschichte des schweizerischen Landesstreiks vom November 1918
Samstag, 11. Juni
09:15 bis 10:45 Uhr
Raum 3021
Arbeitskämpfe sind eine der direktesten Formen gewerkschaftlicher Machtausübung und spielten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auch in der Schweiz eine zunehmende Rolle für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und (tarifliche) Aushandlungsprozesse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Obwohl der Landesstreik vom 11.–14. November 1918 schon nach wenigen Tagen unter massivem militärischen Druck von der Streikleitung beendet wurde, gilt er (im dominanten Narrativ) als schwerste soziale und innenpolitische Krise seit der Gründung des Bundesstaates von 1848 und als Höhepunkt sich über Jahrzehnte verschärfender – und am Ende des Ersten Weltkrieges noch einmal deutlich zuspitzender – sozialer Auseinandersetzungen. Die Darstellung des Streiks als tiefes Zerwürfnis zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum hat die Forschung für Jahrzehnte geprägt und ist bis heute dominant geblieben. Prägend wirkte insbesondere die Arbeit von Willi Gautschi von 1968, der nicht zuletzt die seit Kriegsende kursierende These eines von Bolschewisten gesteuerten Revolutionsversuches widerlegte und die in den folgenden Jahren durch verschiedene Regionalstudien vertieft wurde.
Fast 50 Jahre nach der wichtigen Publikation von Gautschi interessiert sich das Panel einerseits für neue Archivbestände in verschiedenen regionalen und nationalen Archiven. Andererseits stehen weniger die Ereignisse vom 11.–14. November 1918 selbst im Zentrum des Interesses, sondern vielmehr die Etablierung und Instrumentalisierung prägender Narrative sowie die geschichtspolitische Nutzung des Landesstreiks in den Nachkriegsjahren. In den Fokus gerät damit auch eine mit Existenzängsten, bürgerlichen Revolutionsängsten und Verschwörungstheorien verbundene Emotionsgeschichte des schweizerischen Landesstreiks – sei dies mit Blick auf den (gescheiterten) Streik selbst oder die Bedeutung von Emotionen für die Durchsetzung unterschiedlicher Deutungen dieses Ereignisses in den Nachkriegsjahren. Schliesslich interessiert sich das Panel auch für bisher vernachlässigte geschlechtergeschichtliche Fragestellungen. Im Gegensatz zu anderen Ländern wurde das Frauenstimmrecht in der Schweiz nach dem Krieg nicht eingeführt, und in der Zwischenkriegszeit wurden die Frauen über den «Doppelverdiener-Diskurs» wieder aus der Arbeitswelt zu verdrängen versucht. Ziel des Panels ist es, neue Quellenbestände, weiterführende Fragestellungen und innovative Forschungsfelder zu eruieren, die neue Studien anregen und zu einem besseren Verständnis der Ereignisse vom November 1918 führen.