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Einsam posiert der Eisenbahnpionier Alfred Escher auf dem Denkmalsockel vor dem Hauptbahnhof Zürich. Um ihn herum rollt und rattert der Verkehr, doch ach! Niemand nimmt Kenntnis von Väterchen Escher. Wer mit dem Zug in Zürich eintrifft, wird unverzüglich in das Shopville gelenkt, in die Katakombe des Konsums, in eine Zone zwischen Unterwelt und Paradies. Zürich fängt in einem populär-mythischen Zwischenbereich an. Das Shopville zieht eine unsichtbare Grenze. Erst wer sie überschritten hat, wer durch die Hölle der Warenverführung hindurchgegangen ist, wer also die Initiation erhalten hat, wird auf der gegenüberliegenden Strassenseite mit der Rolltreppe in die seligen Gefilde des Luxus der Bahnhofstrasse emporschweben.
Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, als die Reisenden den Bahnhof zu ebener Erde verliessen und ins Freie gelangten (eine Überquerung des Bahnhofplatzes auf Strassenniveau ist heute wiederhergestellt). Zur gleichen Zeit, als der heutige Bahnhof gebaut wurde, in den Jahren 1865 bis 1871, wurde auch die Bahnhofstrasse angelegt.
Weitblick vom Denkmalsockel aus –
Alfred Escher vor dem Hauptbahnhof Zürich.
Foto © Aurel Schmidt
Die Errichtung des Denkmals für Escher, den Schweizer Eisenbahnkönig und zugleich bedeutendsten Wirtschaftsliberalen der Zeit, fällt in das Jahr 1889. Der Zürcher blickt mit dem Rücken zum Bahnhof, als wäre er selbst eben angekommen, durch die Bahnhofstrasse nach Zürich. Hätte er die umgekehrte Blickrichtung eingenommen, hätte er auf den Bahnhof geschaut, der sein Werk war, aber der Stadt den Rücken gekehrt, was er auch nicht wollte, weil er doch mit ihr auf das Engste verbunden war. Eigentlich gibt es für ihn oben auf dem Sockel keine richtige Position.
Alfred Escher (1819-1882) repräsentiert seine Zeit wie kaum ein anderer. Aber sowenig er in der breiten Öffentlichkeit ein Begriff ist, so wenig weiss die Mehrheit des Publikums über die Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert Bescheid. Dabei wäre sie an Escher beispielhaft zu veranschaulichen.
Mann der Tat
Der Zusammenhang Eschers mit dem Hauptbahnhof ist durch die Tatsache gegeben, dass die Schweizerische Nordostbahn aufgrund seiner Initiative entstanden ist. Die Nordostbahn und die Bodenseebahn liefen in Zürich zusammen, davon abgesehen herrschte in der Schweizer Eisenbahnpolitik von damals, bedingt durch den Föderalismus, eher eine heillose Konfusion.
Escher präsidierte die Nordostbahn nicht nur – er beherrschte sie. Man kann sagen: Er war ein Mann der Tat. Nicht nur war er der massgebende Förderer der Gotthardbahn, deren Direktionspräsident er während vieler Jahre war; beteiligt war er auch an der Gründung der Schweizerischen Kreditanstalt als wichtigstem Finanzierungsinstitut des schweizerischen Eisenbahnbaus sowie an der Verwirklichung des Eidgenössischen Polytechnikums; und nicht zuletzt gehörte er, neben den politischen Ämtern, die er bekleidete, zu den Gründern der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt. Das war eine enorme Machtkonzentration in einer einzigen Person.
Bis an sein Lebensende sass Escher auch im Nationalrat, aber politisch exponiert hat er sich nie besonders. Sein Einfluss war gleichwohl – oder gerade deswegen – alles andere als gering. Auf seinem Schloss Belvoir in der Enge in Zürich wurden in engstem privaten Kreis alle Entschlüsse gefasst, gelenkt und in die Wege geleitet.
Wenn sich Escher in der Öffentlichkeit zurückhielt, so waren sein Wirken und sein Einfluss – diskret im Hintergrund – umso grösser, auch ohne Ämter, die er ausübte. Eine grosse Zahl von Menschen, die ihm ergeben waren oder von ihm abhingen, setzten seine Beschlüsse in Politik und Praxis um, so dass formell alles seinen regulären politischen Lauf nahm, was doch in Wirklichkeit in Belvoir längst entschieden war. Man hat das später das "System Escher" genannt.
1982 hatte das Wohnmuseum Zürich eine Ausstellung über Escher eingerichtet. Auf einer der erklärenden Tafeln konnte man lesen: „Diese Scheindemokratie funktionierte rein sachlich sehr gut, aber sie widersprach dem Empfinden vieler Bürger.“ Da sorgte Herr Escher sich noch so sehr um das Wohlergeben der Schweizer Bevölkerung, er modernisierte das Land resolut, mit Tatkraft, so gut er konnte, und trotzdem gab es Menschen, die gegen die gut funktionierende Scheindemokratie etwas einzuwenden hatten und Anstoss nahmen.
Wachsender Widerstand gegen das "System Escher"
Kein Wunder wuchs der Widerstand gegen das "System". Die Schweiz war damals eine repräsentative Demokratie. Dagegen gab es keinen Widerstand – oder lange keinen. Das "System Escher" funktionierte ja weiterhin unangefochten, also ausgezeichnet. Mitte der Sechzigerjahre des 19. Jahrhundert jedoch machten sich erste Anzeichen bemerkbar, dass die Dynamik des "Systems" nachzulassen. Seinen Einfluss bei der Gotthardbahn – seinem Lebenswerk – musste Escher aufgeben. Die Gotthardstrecke hat er selbst nie befahren, so wie Moses – auch wenn dieser Vergleich das landesübliche Mass an Ironie übersteigen sollte – nie das Gelobte Land betreten hat.
Zahlreiche Widersprüche vereinigen sich in der Person Eschers. Der Eisenbahnpionier hatte seine Laufbahn als Liberaler begonnen, genauer gesagt als Radikaler, denn der Liberalismus war in der spätrestaurativen Phase vor dem Umschwung 1848 eine revolutionäre, auf Veränderung drängende Politik der aufstrebenden Bourgeoisie. 1848 war die Schweiz unter dem Freisinn das einzige Land in Europa mit einer erfolgreichen bürgerlichen Revolution. Mit der Gründung des Bundesstaates waren die wichtigsten Ziele erreicht, und die Bourgeoisie, zufrieden mit den Errungenschaften, wurde von ihrem Elan verlassen. Mit dem Versagen und Niedergang des "Systems Escher" ging der politische Aufschwung der Winterthurer Demokraten einher, die sich um die Zeitung "Der Landbote" versammelten und versuchten, ein politisches Gegengewicht zum Zürcher Freisinn zu setzen. Eine ihrer wichtigsten Forderung war die Einführung der direkten Demokratie. So entstand die Eidgenossenschaft von 1874 (Revision der Bundesverfassung von 1848).
Eschers Saat geht auf
Paradox der Geschichte: Ungeachtet alles dessen ging die Saat Eschers zuletzt doch noch auf und nahmen die ökonomischen Prioritäten als entscheidendes Potenzial und als Antriebsmotor der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung eine zentrale Position im öffentlichen Leben ein. Industrielle und Wirtschaftsführer weiteten ihren Einfluss aus und stellten im Eisenbahnjargon die Weichen; heute ist es eher der Finanzmarkt, der die Richtung vorgibt, assistiert von der Politik, zum Beispiel durch den Erlass möglichst wenig einschränkender Rahmenbedingungen. Sozialpolitische Fragen rangierten viel weiter unten auf der Agenda.
Was diesen historischen Wandel betrifft, steht die Gestalt Eschers wie eine Gebrauchsanweisung für das bis heute waltende Imperium Schweiz, in dem die anstehenden Entscheidungen längst systemkonform gefällt und als Sachzwänge definiert sind, wenn endlich das Parlament dazu kommt, die Geschäfte – wie die Beratungen im Bundesparlament gern genannt werden – zu behandeln. Das war damals so und ist heute nicht anders. Im Vernehmungsverfahren werden die Unternehmungen vorsortiert und wird die Politik so, zusätzlich zum weitherum herrschenden Konsensdenken, zum Scheinparlamentarismus reduziert. Sofern das Volk – der Souverän – nicht zuletzt einschreitet und das Referendum ergreift – mit stets unsicherem Ausgang.
Die Schweiz ist, wie sie ist, und nimmt von Escher und seiner Bedeutung kaum gross Kenntnis. Vielleicht mit Absicht. Und Escher steht da, auf seinem Denkmalsockel auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof in Zürich, vom Verkehr umbraust, wie auf einer einsamen Insel isoliert, während das Volk einen Bogen um ihn herum schlägt: unterirdisch. Es unterläuft ihn gewissermassen. Viele Methoden und Möglichkeiten stehen dafür zur Verfügung, zum Beispiel der Waren- und Markenfetischismus, um von der Geschichte abzulenken. Manchmal könnte man meinen, die Schweizer und Schweizerinnen lebten ohne Geschichte beziehungsweise in einer weich wattierten Gegenwart. Die Konsumeuphorie von früh und spät à la Shopville genügt ihnen. Weiter geht ihr Faible nicht.
Auch wenn Escher sich draussen im Freien, bei Wind und Wetter, in die erhabene Pose des Denkmalinhabers in die Höhe erhebt, verharrt er, bildlich gesprochen, doch in der Versenkung.