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Carménère, auch Grande Vidure genannt, stammt ursprünglich aus Frankreich (Bordeaux). Dort wurde die blaue Sorte bis zur Reblauskatastrophe Mitte des 19. Jahrhunderts sehr häufig angebaut. Bis heute ist sie eine der sechs Rebsorten, die für die Kelterung von Bordeaux-Weinen verwendet werden dürfen. (Die anderen Sorten sind Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Malbec und Petit Verdot.)
Nach dem Reblausbefall verschwand die Sorte Carménère im Bordeaux jedoch fast vollständig, weil die französischen Winzer bei der Neuanlage ihrer Weingärten anderen Sorten den Vorzug gaben.
Es war lange Zeit umstritten, ob die Carménèrerebe eher mit Merlot oder mit Cabernet Sauvignon verwandt ist. Mittlerweile ist wissenschaftlich gesichert, dass sie aus einer spontanen Kreuzung der Sorten Gros Cabernet und Cabernet Franc entstanden ist. Das konnten die Forscher Jean-Michel Boursiquot vom Institut Ensam sowie Carol Meredith von der University of California, Davis, im Jahr 2009 mittels DNA-Analysen bestätigen. (Die alte Sorte Gros Cabernet ihrerseits entstand aus einer Kreuzung der Sorten Fer Servadou und Txakoli.)
Ausser im Weinbaugebiet Bodreaux wird die Sorte Carménère vor allem in Chile angebaut. Silvestre Ochagavia führte um 1851 viele klassische französische Rebsorten nach Chile ein – noch bevor der Echte Mehltau und die Reblaus zuschlugen und den Weinbau in Europa flächendeckend lahm legten. Von Bedeutung ist sie auch im Norden Italiens. Kleinere Mengen gibt es in Australien, Neuseeland und in der Schweiz. Siehe auch unter Anbaugebiete.
In der Ampelographie wird der Habitus folgendermassen beschrieben:
Die Triebspitze ist offen. Sie ist mittelstark wollig behaart, von weisser Farbe jedoch mit roséfarbenen Punkten versehen Die grünlichen Jungblätter sind spinnwebig behaart mit leicht bronzefarbenem Anflug (Anthocyanflecken).
Die grossen Blätter sind fünflappig und stark gebuchtet (siehe auch den Artikel Blattform). Die Stielbucht ist lyren-förmig, mehr oder weniger geschlossen. Das Blatt ist gezähnt. Die Zähne sind im Vergleich der Rebsorten mittelgross. Die Blattoberfläche (auch Spreite genannt) ist kaum blasig, und glänzend. Im Herbst verfärbt sich das Laub leicht rötlich
Die meist konus- bis walzenförmige Traube ist klein und lockerbeerig. Die rundlichen Beeren sind mittelgross und von blauschwarzer Farbe.
Der Carménère ist kräftig im Wuchs, liefert aber nur niedrige Erträge. Die Trauben reifen physiologisch ca. 2 Wochen später als die des Gutedels.
Die Carménèrerebe wirft bei feuchtkalter Witterung im Frühjahr einen Teil ihrer Blüten ab. Daher liefern die Carménère-Weinstöcke in schwierigen Jahrgängen sehr geringe Erträge. Ausserdem braucht sie zur Reife etwa drei Wochen länger als beispielsweise Merlot, mit der die Traube häufig verwechselt wird.
Vom Merlot unterscheidet sich die Carménèrerebe durch einen späteren Reifezeitpunkt und ihre rötlich gefärbten Blätter. Ihr Geschmack ist gehaltvoller als der des Merlot. Carménère gilt nach Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc als die dritt-«schwerste» der bekannten und populären französischen Rotweinsorten. Ihr folgen abgestuft die roten Rebsorten Malbec, Syrah, Merlot und Pinot Noir.
Aus der Carménère-Traube wird ein tanninarmer dunkler, süffiger, nach Schokolade-, Tabak- und Lederaromen schmeckender Rotwein mit einem angenehmen Beerenaroma gekeltert.
Der Ausbau von Carménère erfolgt hauptsächlich reinsortig. Durch Lagerung in französischen und auch amerikanischen Eichenholzfässern lassen sich interessante und komplexe Weine erzielen.
Cabernella, Bouton Blanc, Grande Vidure, Grand Carmenet, Carbouet, Cabernet Carménère, Karmene
Chile
Carménère wird seit 1850 in Chile angebaut. In dem Andenstaat spielt die Empfindlichkeit der Rebe gegen die kühle europäische Witterung keine Rolle. Das Thermometer kann in Chile trotz warmer Tage in Sommernächten mitunter unter die 10 °C-Marke fallen. Da Carménère- und Merlotweinstöcke sich äusserlich stark ähneln, wurden aus Frankreich importierte Reben in Chile meist in «Mischbeständen» gepflanzt. Weil die Rebsorte in Frankreich durch die Reblausplage nahezu vollständig verschwand, geriet der Name Carménère Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit. Man hielt die chilenischen Reben fortan wegen ihrer Ähnlichkeit für eine Variante des Merlot. Niemand konnte jedoch den deutlichen Geschmacksunterschied zwischen Merlotweinen aus Chile und denen anderer Länder erklären.
Diesen Irrtum konnte der französische Ampelograph (Rebenkundler) Jean-Michel Boursiquot 1994 durch DNA-Analyse endgültig beseitigen. Den ersten reinen Carménèrewein produzierte das chilenische Weingut «Carmen» erst im Jahre 1996.
Die chilenischen Winzer erkannten die Chance, eine Rebsorte praktisch exklusiv anbieten zu können und vergrösserten die Anbaufläche der Carménère. Im unteren Preissegment finden sich viele Mischweine, in der die Carménèrerebe gemeinsam mit Merlot, Cabernet Sauvignon oder Cabernet Franc abgestimmt wird. Allein die chilenische Grosskellerei Concha y Toro besitzt mittlerweile einen Carménère-Bestand von über 100 Hektar. Die reinsortig ausgebauten Weine reifen dabei drei bis vier Jahre in Barriques aus französischer und amerikanischer Eiche.
Da Chile aufgrund seiner geographischen Bedingungen von der Reblausplage verschont blieb, wandelte sich das Weinland zum Exporteur der alten Bordeaux-Rebsorte Carménère. Sie werden heute von vielen weinproduzierenden Ländern, einschliesslich Frankreich, reimportiert. Mit Carménère sind heute mehr als 7.180 ha Rebfläche in Chile bestockt, vorwiegend in den Subregionen Rapel und Maule im Valle Central.
Italien
Eine ähnliche Situation ergab sich in Italien 1990, als das Weingut Ca’ del Bosco aus einer französischen Rebschule Cabernet Franc Stöcke bezog. Als die Kellermeister die ersten Weine dieser Stöcke ausbauten, ergaben sich in Bezug auf alte Anpflanzungen Unterschiede in Geschmack und Farbe. Eine erste Untersuchung im Weinberg zeigte, dass die neuen Stöcke früher reiften, als normalerweise üblich. Da sich auch andere italienische Winzer betroffen fühlten, wurden die betroffenen Pflanzen analysiert und als Carménère identifiziert. Die bisher bekannten Anpflanzungen liegen allesamt im Norden Italiens. Erst vor kurzem wurde die Rebsorte in die italienische Sortenliste aufgenommen. Lange Zeit wurde aber von keiner italienischen Provinz ein Zulassungsverfahren eingeleitet, die den Carménère als Qualitätsrebsorte anerkennen und dem Wein (sortenrein oder im Verschnitt) einen Status als IGT, DOC oder DOCG einbringen würde. Es war somit grossen und bekannten Gütern vorbehalten, den Carménère als Tafelwein anzubauen und dennoch zu guten Preisen zu vermarkten. Das Weingut Ca’ del Bosco produziert beispielsweise den Wein Carmenero.
Seit dem Jahrgang 2009 verfügt die Region Venetien mit dem Vini del Piave Carménère über die erste Herkunftsbezeichnung mit dem Status einer DOC, die dem Carmenére gewidmet ist. Das Weingut Vigna Dogarina in Campodipietra gilt als einer der guten Erzeuger für diese Rebsorte.
Australien
Der in Australien bekannte Weinbauexperte Richard Smart importiert Ende der 1990er Jahre drei Carménère-Setzlinge aus Chile. Die vorgeschriebene Quarantänezeit von zwei Jahren überlebte jedoch nur ein Setzling. Durch eine Meristemvermehrung konnten in der australischen Rebschule Narromine genug Setzlinge erzeugt werden um erste Versuchsanpflanzungen durchzuführen. Das Weingut Amietta im Moorabool Valley bei Geelong im Bundesstaat Victoria pflanzte als erstes Weingut Australiens den Carménère und setzt den erzeugten Wein im Verschnitt Angels' Share ein.