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Der Vatikan hatte Kastration verboten – ebenfalls untersagte er den Frauen, öffentlich liturgische Gesänge anzustimmen. Doch die vielen Chöre der katholischen Kirche verlangten im 18. Jahrhundert nach zahlreichen hohen Stimmen. Nebst hellen Knabenstimmen behalf man sich deshalb mit der Konservierung derselben. Die brutale Tat wurde geduldet und verheimlicht. Kastraten sangen in der Sixtinischen Kapelle, dann in der Oper.
Kastration – eine grausame Praxis
In Italien wurden jährlich Tausende von Knaben rekrutiert; oft für ein Trinkgeld gekauft. Ein Esser weniger am Tisch und die Hoffnung auf ein besseres Leben waren für die mittellosen Eltern Anreiz genug, ihre Sprösslinge den Händlern zu überlassen. Die Buben kamen vor ihrer Pubertät, also vor dem Stimmbruch, unters Messer. Unter primitivsten hygienischen Verhältnissen, ohne Anästhesie, ohne Antibiotikum, wurde ihnen der Hodensack durchtrennt, oder beide Hoden entfernt. Wer die Tortur überlebte, wuchs heran, ohne Testosteron zu produzieren. Kehlkopf und Stimmlippen blieben klein. Die «Engelsstimme» war gerettet.
Doch nur Wenigen gelang die erhoffte Karriere. Diejenigen, die wie Stars gefeiert wurden, konnten dank der Kraft ihres Männerkörpers und des grossen Atemvolumens Unglaubliches vollbringen. Die langen musikalischen Bögen der Arien, die damals für Kastraten geschrieben wurden, sind heute für die meisten Sänger eine grosse Herausforderung.
Farinelli – verehrt und verspottet
Zu den berühmtesten Kastraten des 18. Jahrhunderts zählen Senesino, Carestini, Caffarelli und Farinelli. Letzterer – mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi – soll über dreieinhalb Oktaven gesungen und einen Ton minutenlang gehalten haben. 1994 nahm sich der belgische Regisseur Gérard Corbiau Farinellis Schicksal an und zeichnete das Leben des bejubelten, aber auch belächelten Kastraten im dramatischen Film «Farinelli» nach.
Um die Stimme des Künstlers, der ein Leben lang unter dem Stigma der Verstümmelung litt, möglichst treffend wiederzugeben, wurden die Stimme des US-amerikanischen Countertenors Derek Lee Ragin mit der der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska elektronisch gemischt. Der Film wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet und für den Oscar nominiert.
Kastratenarien wiederbelebt
In den letzten Jahrzehnten nahm das Interesse an der Barockmusik mehr und mehr zu. Das in Vergessenheit geratene Kastratenfach wurde zu neuem Leben erweckt. Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli beispielsweise hat sich Arien von Farinelli angenommen und präsentiert diese auf ihrem Album «Sacrificium». Auch Countertenöre, die in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erleben, lassen das alte Fach wieder aufleben. Mit ihrer Kopfstimme – der Falsett-Technik – schaffen sie es, die Grenze zwischen Frau und Mann aufzuheben.
Philippe Jaroussky, einer der bekanntesten Countertenöre unserer Zeit, sagt über die Faszination der hohen Männerstimmen: «Für mich ist diese Stimmlage einfach eine Gesangstechnik, für viele bleibt sie aber ein Mysterium und für einen Countertenor ist dies Teil des Erfolgs. Die Stimme führt das Publikum zurück in die Vergangenheit mit all den Geschichten über Kastraten. Die Leute begeben sich auf eine Reise ins Imaginäre. Ich glaube, das ist es, warum es so viele Anhänger gibt.»
Der Engel von Rom
«Eviva il coltello!», «Es lebe das Messerchen!», soll das begeisterte Publikum im 18. Jahrhundert gerufen haben. Dieser Satz gehört zum Glück der Vergangenheit an. Kastraten gab es bis ins frühe 20. Jahrhundert. Alessandre Moreschi, genannt «der Engel von Rom», gilt als der letzte seines Fachs. Der päpstliche Sänger starb 1922 und hinterliess die einzigen Tonaufnahmen, die es heute noch von Kastratensängern gibt.