Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03299.jsonl.gz/1759

Istvan Eörsi
Aus: Meine Zeit mit Gombrowicz; s.a "Entwürfe" 3/4, 1994
1993
Aus: Istvan Eörsi. Das Opfer/Der Staatsmann und sein Schatten. Zwei Stücke. 1993
Wer prinzipiell die Kunst- oder eine an dere werteschaffende individuelle Erfüllung - dem Patriotismus unterordnet, fasst das menschliche Bewusstsein als Konglomerat voneinander unabhängiger Gebiete auf. "Sowohl die Kunst, als auch das Vaterland bedeuten an sich nicht viel. Sie bedeuten sehr viel, wenn der Mensch sich durch sie mit den wesentlichen, tiefsten Werten des Daseins verbindet.» Gombrowicz' Worte bedürfen wohl kaum einer Erklärung oder Ergänzung. Das «Ungarntumbewusstsein" ist, wie sich die Vergötterung des Künstlertums, für sich allein uninteressant. Einen tieferen Sinn können beide Prinzipien nur gewinnen, wenn wir uns in sie versenken und ihre monolithische Struktur auflösen, wenn wir sie nicht als Eigenwert, sondern als Nährboden auffassen, auf dem die höchsten Werte - zum Beispiel das "Menschheitsbewusstsein" und die eigene Persönlichkeit - am günstigsten hochgezüchtet werden können... Es kam also zu der paradoxen Situation, dass wir gerade als Nation hoffnungslos hinter der Welt zurückbleiben, wenn wir uns nicht vom na- tionalen Begriffskreis entfernen. Denn die nationale Idee besitzt mit Sicherheit am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nur dort Aktualität, wo die Nationen noch nicht ihre Souveränität errungen haben; in den meisten dieser Länder aber - und leider auch anderswo - spitzt sie sich zu einem Massenwahn zu.