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Wildbienen sind faszinierende Insekten. Ihre Körpergrösse, Färbung und Lebensweise ist äusserst divers. Unsere Nahrungssicherheit steht in direktem Zusammenhang mit ihrer Bestäubungsleistung. Doch in der Schweiz ist die Hälfte der hier vorkommenden Arten gefährdet.
Yves Scherer
Was sind eigentlich Wildbienen? Worin unterscheiden sie sich von den Honigbienen? Wie leben sie? Welche Funktion haben sie im Ökosystem? Sind auch sie vom Insektensterben betroffen? Wie nützlich sind Wildbienenhotels wirklich? All diesen spannenden Fragen wollen wir im Folgenden nachgehen.
Was ist eine Wildbiene?
Alle Bienen ausser der Honigbiene sind Wildbienen. Man nennt sie so, weil sie in der Natur frei leben. Die Honigbiene (Apis mellifera) hingegen wird ihrer wertvollen Produkte wegen als Nutztier gehalten. Obwohl die Honigbiene vom Menschen gehalten wird, ist sie doch kein domestiziertes Wesen. Honigbienen nisten ursprünglich in Baumhöhlen und bilden grosse Staaten mit 40 000 bis 60 000 Geschwistern, die alle von derselben Königin abstammen. Wildbienen hingegen leben solitär als «Einzelgänger » oder in kleinen Sozialverbänden. Sie nisten in Erd- und Lehmhöhlen, Sandhaufen oder in hohlen Pflanzenstängeln. Im Gegensatz zu den Honigbienen bauen sie keine Waben. Obwohl die weiblichen Wildbienen stechen können, ist ihr Stachel in der Regel zu schwach, um menschliche Haut zu durchdringen. Zudem fehlt ihnen das aggressive Verteidigungsverhalten, das wir von den Honigbienen kennen.
Bienen gehören zur Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera) und besitzen vier Flügel. Wie alle Fluginsekten mit Ausnahme der Eintagsfliegen und einiger Libellen-Arten können Wildbienen ihre Flügel auf den Hinterleib umklappen. Durch das Anlegen der Flügel können sie sich besser verstecken und enge Hohlräume besiedeln. Weltweit gibt es schätzungsweise 30 000 verschiedene Wildbienen- Arten. In der Schweiz sind es etwa 600. Da viele sich sehr ähnlich sehen, gelingt die genaue Bestimmung oft nur mithilfe einer Lupe oder eines Mikroskops.
Die am Hinterleib oftmals gestreiften Schwebfliegen können leicht mit Wildbienen verwechselt werden. Schwebfliegen gehören jedoch zur Ordnung der Zweiflügler (Diptera), ebenso die Stubenfliegen, Stechmücken und Bremsen.
Soziale Organisation und Lebensweise
Die meisten Wildbienen-Arten leben solitär. Anders als die hochsozialen Honigbienen gründen sie keinen Staat. Solitär lebende Bienen legen ihre Gelege vorwiegend im Boden in Röhren an. Das Weibchen bettet ihre Eier in hintereinander gereihte Brutkammern auf Kissen aus Blütenpollen. Kommunal lebende Bienen wie beispielsweise die Hummeln bilden kleine Staaten von 200 bis 300 Individuen. Es überwintert ausschliesslich die Jungkönigin. Sie baut sich im Frühling einen neuen Staat auf.
Ein parasitäres Verhalten zeigen die sogenannten Kuckucksbienen. Wie die Kuckucke legen sie ihre Eier in die Nester einer anderen Art. Vier bis zehn Tage nach der Ablage schlüpft aus dem Ei eine madenförmige Larve. Die Larve ernährt sich während zwei bis vier Wochen vom Blütenpollen, bevor sie sich verpuppt. Die reifen Larven einiger Wildbienen-Arten spinnen sich einen schützenden Kokon, in welchem die Metamorphose zur adulten Biene stattfindet.
Wildbienen ernähren sich von Nektar und Pollen. Die Technik des Pollensammelns ist artspezifisch divers: der Blütenstaub wird entweder an den hinteren Beinpaaren oder an einer Bauchbürste transportiert oder temporär verschluckt.
Es werden zwei Gruppen unterschieden: polylektische Arten beziehen ihr Futter von verschiedenen Blütenpflanzen, oligolektische Arten haben sich auf bestimmte Pflanzen oder Pflanzenfamilien spezialisiert. Die Glockenblumen- Sägehornbiene (Melitta haemorrhoidalis) beispielsweise sammelt Nektar und Pollen ausschliesslich von Glockenblumen. Die männlichen Bienen schlafen sogar in den Blüten. Ja, auch Bienen brauchen Schlaf!
Ökologischer Nutzen
Als Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen spielen Wildbienen eine wichtige Rolle für die Biodiversität, unsere Nahrungssicherheit und die Stabilität von Ökosystemen. Wildbienen fliegen zu unterschiedlichen Tageszeiten aus zum Futter sammeln, auch bei schlechtem Wetter und niedrigen Temperaturen. Ihre Bestäubungsleistung kommt also einer grossen Vielfalt von Blütenpflanzen zugute. Besonders früh im Jahr macht sich die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) an die Arbeit des Bestäubens. Die schwarz und orange behaarte Biene ähnelt einer Hummel.
Gravierender Artenverlust
Insekten sind die artenreichste Klasse des Tierreichs und bilden die Basis unserer Nahrungskette. Das aktuelle Insektensterben hat dramatische Ausmasse angenommen. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten ist die Insektenpopulation um bis zu 75 Prozent eingebrochen. Und auch die Artenvielfalt geht verloren. Zwei Drittel aller Schmetterlings- und Wasserkäferarten sind in ihrer Existenz bedroht. Bezogen auf die Wildbienen sind etwa die Hälfte der in der Schweiz vorkommenden Arten gefährdet.
Für das Insektensterben sind wir Menschen verantwortlich. Die Pestizide und Herbizide, die in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, töten nicht nur sogenannte Schädlinge, sondern alle Insekten und Bodenlebewesen. Am Verlust artenreicher Kleinstrukturen ist auch die ungebremste Bautätigkeit schuld. Infolge des Siedlungsbaus geht in der Schweiz jede Sekunde ein Quadratmeter Boden verloren (Quelle: Bundesamt für Raumentwicklung).
Schutz und Förderung
Über die Hälfte der Wildbienen-Arten baut ihre Nester im Boden. Sie sind am meisten gefährdet. Zum Nutzen der beliebten Wildbienenhotels schreibt Apisuisse, der Dachverband der Schweizerischen Bienenzüchtervereine: «Wildbienenhotels werden als probates Mittel für die Förderung von Wildbienen betrachtet. Sie sind sicher wertvoll, um auf die pelzigen Nützlinge aufmerksam zu machen. Leider aber verfehlen sie das Ziel, wenn es darum geht, etwas Sinnvolles für den Bienenschutz beitragen zu wollen!» Und wer möchte das nicht – etwas Sinnvolles beitragen? Wir können Lebensräume für Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten schaffen, indem wir unseren Siedlungsraum naturnaher gestalten.
Brachflächen, Trockenmauern, Holz-, Stein- und Sandhaufen sind ideale Nistplätze. Öffentliche Plätze und Parkplätze können mit gestampftem Schotter und halboffenen Verbundsteinen angelegt werden, anstatt mit einer geschlossenen Asphaltdecke. Wenn wir solche einfachen Massnahmen vermehrt umsetzen, profitieren nicht nur Insekten davon, sondern auch Insektenfresser wie Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Reptilien und Säugetiere.
Wildblumenwiesen bieten ein reiches Futterangebot. Diese müssen nicht unbedingt gross sein. Wichtig ist vielmehr ein möglichst dichtes Mosaik an blühenden Flächen. Besonders wertvolle Blütenpflanzen sind Weiden, Kleearten, Esparsetten, Natternkopf, Senf und andere Kreuzblütler, Glockenblumen, Zieste, Disteln und Flockenblumen, Wegwarte, Rainfarn, Doldenblütler, Rosengewächse u. v. m. (Quelle: birdlife.ch).
Eine Besonderheit vieler Wildbienen ist ihr kleiner Bewegungsradius von wenigen hundert Metern. Der Nistplatz und das Nahrungsangebot müssen demnach nahe beieinander liegen. Eine weitere zielführende Massnahme ist der Verzicht auf unnötiges Licht im Aussenbereich. Lichtverschmutzung ist ein wesentlicher Grund des Insektensterbens. Künstliche Lichtquellen ziehen nachtaktive Insekten an und halten sie gefangen, bis sie an Erschöpfung sterben oder von Vögeln und Fledermäusen gefressen werden. Die vielleicht nachhaltigste Unterstützung für Wildbienen und die Artenvielfalt kann durch umweltbewusstes Konsumverhalten erreicht werden. Als Konsumenten können wir biologisch produzierte Lebensmittel bevorzugen und so die giftfreie Landwirtschaft fördern. Tatsächlich steht und fällt unser Bekenntnis zum Artenschutz mit der Ausrichtung der Landwirtschaft!
Weiterführende Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten:
Apisuisse
Nationaler Dachverband der Schweizerischen Bienenzüchtervereine. Der Verband setzt sich für die Anliegen aller Bienen ein und bietet Kurse an, wie sie Wildbienen sinnvoll unterstützen können.
Folgende Unterfamilien kommen in der Schweiz vor:
Seidenbienen (Colletidae)
- Stark variable Gruppe, 7–14 mm gross.
- Nisten im Boden und in Steinmauern.
- Die Brut wird in ein seidenartiges Material gebettet.
Sandbienen (Andrenidae)
- Werden oft mit der Honigbiene verwechselt, 5–16 mm gross.
- Vorwiegend kommunale Lebensweise, nisten im Boden.
Furchen- und Schmalbienen (Halictidae)
- Weltweit verbreitete, stark variable Gruppe, 4–15 mm gross.
- Sowohl solitäre als auch kommunale Lebensweise, nisten im Boden und in Holz.
- Weibchen mit Furche auf dem Hinterleib.
Sägehorn- und Hosenbienen (Melittidae)
- Kleine Unterfamilie mit wenigen Arten, 10–14 mm gross.
- Nisten in sandigen Böden.
Mörtel- und Blattschneiderbienen (Megachilidae)
- Mörtelbienen bauen ihre Nester aus Lehm, Sand und Steinchen.
- Blattschneiderbienen nutzen Laubblätter als Baumaterial.
- 9–18 mm gross, nisten u. a. in markhaltigen Stängeln und Totholz.
- Der gesammelte Pollen wird an einer Bauchbürste transportiert.
Pelzbienen (Anthophoridae)
- Pelzig behaart, fälschlicherweise oft mit Hummeln verwechselt.
- Kommunale Lebensweise, 8–18 mm gross, nisten im Boden oder in Mauern.
Echte Bienen (Apidae)
- Zu dieser Gruppe gehören u. a. die Honigbiene und alle Hummel-Arten.
- Zumeist pelzige, bunte Behaarung, kommunale und staatenbildende Lebensweise.
- 8–34 mm gross, nisten ober- und unterirdisch.
Quelle: beeworld.ch
Sägehorn- und Hosenbienen (Melittidae) • Kleine Unterfamilie mit wenigen Arten, 10–14 mm gross. • Nisten in sandigen Böden. Mörtel- und Blattschneiderbienen (Megachilidae) • Mörtelbienen bauen ihre Nester aus Lehm, Sand und Steinchen. • Blattschneiderbienen nutzen Laubblätter als Baumaterial. • 9–18 mm gross, nisten u. a. in markhaltigen Stängeln und Totholz. • Der gesammelte Pollen wird an einer Bauchbürste transportiert. Pelzbienen (Anthophoridae) • Pelzig behaart, fälschlicherweise oft mit Hummeln verwechselt. • Kommunale Lebensweise, 8–18 mm gross, nisten im Boden oder in Mauern. Echte Bienen (Apidae) • Zu dieser Gruppe gehören u. a. die Honigbiene und alle Hummel-Arten. • Zumeist pelzige, bunte Behaarung, kommunale und staatenbildende Lebensweise. • 8–34 mm gross, nisten ober- und unterirdisch. Quelle: beeworld.ch