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Der amerikanische Präsident Barack Obama hat überraschenderweise den Friedensnobelpreis erhalten. Ist er damit nun mehr wert als vorher? Hätte er diesen Preis nach seiner Präsidentschaft erhalten, wäre dann sein Leben gleich viel wert wie heute? Welchen Wert hat demgegenüber unser Leben und was ist überhaupt lebens-wert?
Die Frage nach dem Wert eines Lebens ist nicht neu, ist auch heute nicht abschliessend beantwortet und wird vermutlich auch nie abschliessend beantwortet werden (können).
Doch bevor wir uns mit dem Heute beschäftigen, werfen wir einen Blick zurück: Die Geschichte lehrt uns, dass es schon immer Menschen gab, deren Leben mehr wert war als das anderer. Es waren vor allem Herrscher, Adelige und Geistliche, deren Leben besonders geschützt wurde, weil es mehr wert war. Dahinter steckte immer auch viel Symbolik, denn sie standen für etwas ein, das nicht mehr galt oder zumindest in Frage gestellt war, wenn es sie nicht mehr gab.
Gesellschaftlicher Wandel führte zum Umdenken
Vor rund 100 Jahren began sich das Blatt aufgrund zahlreicher Veränderungen in der Gesellschaftsordnung langsam zu wenden. Mit der Industrialisierung wurden viele Bauern zu Arbeitern und viele Grundbesitzer wurden zu Fabrikherren.
Dies bedeutete auch eine Abkehr vom Selbstversorgertum. Was der Arbeiter zum Leben brauchte, stellte er nicht mehr selber her, sondern musste er sich erkaufen. Die Menschen wurden so als Arbeitskräfte wie auch als Konsumenten zu einem ökonomischen Wert. Ein Umdenken darüber, welchen Wert ein Mensch und sein Leben hat, musste stattfinden.
Auch die zunehmende Demokratisierung durch den Wegfall von König- und Kaiserreichen führte zu einer Um-wert-ung. Vor der Wahl- oder Abstimmungsurne war der Arbeiter gleich viel wert wie der Fabrikherr. Nur die Frauen waren noch weniger wert.
Das änderte sich 1918 nach dem ersten Weltkrieg in zahlreichen Ländern wie Deutschland, Grossbritannien oder Russland, welche dann das Frauenstimmrecht einführten. Auch das Ende des zweiten Weltkriegs führte nochmals zu einem «Gleichberechtigungsschub», indem den Frauen in weiteren Ländern die gleichen Rechte zukamen und damit deren Existenz als gleich-wert-ig eingestuft wurde. Ihr unerlässliches Engagement während der beiden Kriege dürften wohl auch dazu beigetragen haben.
Der Mensch als ökonomische Grösse
Die heute noch geltenden Menschenrechte, welche darauf abzielen, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und somit jedes Leben ungeachtet von Herkunft und Rasse den gleichen Wert hat, wurden zwar erst vor 60 Jahren unterzeichnet. Doch die Haager Friedensabkommen, ebenfalls ein wichtiger Teil des humanitären Völkerrechts, entstanden ebenfalls vor rund 100 Jahren und enthielten bereits schon Regeln darüber, wie mit Kriegsgefangenen und Zivilisten umzugehen sei. Ihr Leben bekam durch diese Abkommen mehr Wert.
All diese Bemühungen führten schliesslich dazu, dass das Leben der Menschen nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich mehr Wert hatte.
Rudolf Goldscheid, 1908, Programmschrift «Entwicklungswerttheorie, Entwicklungsökonomie, Menschenökonomie»:
«Dieses Buch ist ein Protest gegen die unerhörte Menschenvergeudung, die auch in unseren Tagen betrieben wird. Es ist eine Anklageschrift gegen alle diejenigen, die den Wahnglauben vertreten und verbreiten, dass der Mensch ein im Überfluss vorhandenes Gut ist, mit dem sparsam umzugehen niemand verhalten zu werden braucht.»
Goldscheid rechnete zu seiner Zeit schon beinahe ad absurdum vor, welchen Wert das Leben habe, indem er Nutzen und Kosten von Menschen für die Gesellschaft in einen ökonomischen beziehungsweise in einen volkswirtschaftlichen Rahmen setzte. Er ist denn auch der Begründer des Begriffs «Menschenökonomie», welchen Sie allerdings (noch) nicht in einer Wikipedia finden. Seine Definition dazu lautete:
«Menschenökonomie ist das Bestreben, unsere Kultureigenschaften mit einem immer geringeren Verbrauch an Menschenmaterial, mit einer immer geringeren Vergeudung an Menschenleben zu erzielen, ist das Bestreben einer wirtschaftlicheren Ausnützung, einer ökonomischeren Abnützung der menschlichen Arbeitskräfte wie des Menschenlebens überhaupt. (…) Die Menschenökonomie drängt auf Technik des Organischen hin, sie studiert den Aufbau, Umsatz und Zerfall der Arbeitskräfte, lehrt uns sparen mit dem organischen Kapital, bringt uns Wirtschaftlichkeit am wertvollsten Naturschatz bei, über den ein Land verfügt: Wirtschaftlichkeit an der menschlichen Arbeitskraft.»
Auf den ersten Blick erscheint Goldscheid mit der oben stehenden Definition als erzliberaler Mensch. Doch er war genau das Gegenteil, denn ihm ging es darum, dem Leben einfacher Menschen mehr Wert zu verleihen, indem er anfangs des 20. Jahrhunderts der herrschenden Klasse eben diesen Wert vorrechnete. Vergessen wir nicht, dass zur damaligen Zeit die zur Arbeiterklasse zählenden Menschen nichts besassen – ausser sich selbst.
Und die arbeitsunfähigen Menschen?
Der österreichische Sozialphilosoph und Finanzsoziologe sprach aber auch davon, dass sich der Mensch immer weiter entwickeln müsse, sodass er noch mehr ökonomischen Wert erbringen würde. Er orientierte sich somit auch an der Ökonomie als oberste Maxime. In der heutigen Sprache würde man wohl von «Optimierungen» sprechen, um aus den bestehenden Mitteln (dem Mittel «Mensch») noch mehr herauszuholen…
Zur besagten Weiterentwicklung gehörte für Goldscheid auch ein verfeinertes, soziales Mitgefühl. Mit diesem Argument versuchte er auch dem Vorwurf zu begegnen, dass nach strikter Auslegung seiner Menschenökonomie arbeitsunfähige Menschen wie Alte und Kranken getötet werden müssten.
Es ist heute schwer abzuschätzen, wie viel von Goldscheids Theorien vom Wert des Lebens Eingang in unsere heutige Gesellschaftsordnung gefunden haben. Das verfeinerte, soziale Mitgefühl hatte es bereits schon nach dem ersten Weltkrieg schwer, als die Mittel zur Betreuung von Alten, Kranken und Verwundeten knapp waren. Geblieben war hingegen die Gesinnung, dass diese Menschen keinen Wert mehr für die Gesellschaft hätten…
Über fünf Millionen Franken wurden vergangenen Freitag von der Glückskette für die Erdbebenopfer in Asien gesammelt. Irgendwo ist heute somit schon etwas von einem verfeinerten, sozialen Mitgefühl vorhanden, obschon es vielleicht noch ausgeprägter sein könnte. Anfangs des 20. Jahrhunderts bestand wahrscheinlich wenig Verständnis, Geld an unbekannte und wildfremde Menschen zu spenden.
«Humankapital»
Die «Ökonomisierung des Menschen» ist auch ein wichtiger Bestandteil der so genannten Humankapitaltheorie. Manch einen mag es zwar beim Begriff «Humankapital» schütteln und doch folgt man bei genauerem Hinschauen schon längst dieser Theorie.
Dabei sind es manchmal eher belanglos erscheinende Dinge wie zum Beispiel Ferien. So müssen nach den jüngsten schweizerischen Buchhaltungsvorschriften nicht bezogene Ferien beim Jahresabschluss der Buchhaltung berücksichtigt werden. Das heisst: Ihre freien Tage, also jene Tage, an denen Sie nichts leisten müssen, bekommen dadurch einen Wert, einen ökonomischen Wert. Es ist eine Schuld gegenüber den Arbeitnehmern. Somit hat selbst das Nichtstun hat seinen Wert…
Die Humankapitaltheorie geht denn auch davon aus, dass alles seinen Wert hat, welchen jeder Einzelne nach seiner freien Wahl, namentlich im Bildungsbereich, beeinflussen kann. Jeder müsse darum dafür besorgt sein, seinen Wert aufzubauen, zu erhalten oder gar zu steigern.
Die beiden Humankapitaltheoretiker Theodor W. Schultz und Gary S. Becker, beide hatten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten und gelten als erzliberal, nannten jedoch auch Anwendungsbeispiele, die übers wirtschaftliche Umfeld hinaus gehen. So zum Beispiel die «Investition in die eigene Gesundheit» zur «Werterhaltung» oder das Eingehen einer Ehe, wenn daraus (wirtschaftliche oder gesellschaftliche) Vorteile erwachsen. Heiraten aus Liebe wird damit definitiv zum Märchen…
Dass die Humankapitaltheorie je länger je mehr zur Humankapitalpraxis wird, zeigt sich sehr gut an zwei Beiträgen von Frau Zappadong. Da ist einerseits ein Beitrag zum «Gymizwang der Eltern» (seinen Wert steigern). Und andererseits schreibt Frau Zappadong einen offenen Brief an die (Noch-)Nationalrätin Jasmin Hutter zum Thema «Leistungsprinzip in Schulen» (seinen Wert messen).
Diese beiden Beiträge kratzen jedoch nur an der Oberfläche dessen, was wir heute als lebens-wert einstufen, also auch welchen Wert wir einem Leben zuordnen. Betrachten wir einmal das gesamte Leben eines Menschen, so stellt sich heute die Frage nach dessen Wert laufend, wobei da im Hintergrund immer die «dunklen Wolken» der Ökonomie schweben.
Die Be-wert-ung des Lebens erfolgt immer häufiger
Das beginnt mit der Pränataldiagnostik, also mit der Untersuchung darüber, ob ein noch ungeborenes Kind gesund ist oder nicht. Sie lässt Vermutungen zu, erlaubt jedoch keine 100 Prozent sicheren Aussagen. Trotzdem wird sie immer häufiger durchgeführt.
Was ist nun, wenn die Aussage im Raum steht, dass das noch ungeborene Kind wahrscheinlich behindert sein werde? Ist es dieses wert, geboren zu werden? Es soll Eltern geben, die in so einem Fall abtreiben lassen… Ist das nun ein humanitärer Akt, dieses Ungeborene nicht in eine Welt zu setzen, in welchem es im Sinne der Humankapitaltheorie seinen Wert kaum steigern kann?
Die Pränataldiagnostik führt uns hier zu Fragen, welche makaber klingen, welche sich jedoch aufgrund der Humankapitaltheorie aufdrängen. Ein Recht aufs Geborenwerden gibt es heute ebenso wenig wie ein Recht auf lebenslange Betreuung aufgrund eines Geburtsfehlers oder ein Recht darauf, einen Geburtsfehler überhaupt haben zu dürfen und dies obwohl das betroffene (ungeborene) Leben gar nichts dafür kann.
Ist die Pränataldiagnostik nicht «des Teufels Zeugs», weil wir dadurch den Wert eines Lebens schon festlegen, bevor dieses überhaupt stattfinden konnte? Wenn die Pränataldiagnostik morgen erlauben sollte zu erfahren, ob ein Auge blind sein wird, was dann? Was wäre, wenn daraus ein erfolgreicher Komponist würde? Wo setzen wir also die Bewertungsgrenze?
Wenn wir einen Schritt im (entstehenden) Leben weitergehen, so stossen wir auf die embryonalen Stammzellen und deren Erforschung, welche dazu dienen soll, Krankheiten zu bekämpfen und somit Leben zu verlängern.
Damit sind wir auch nicht weit von der Genforschung und dem Klonen entfernt. Auch diese beiden zielen darauf ab, gegen Krankheiten vorzugehen, um Leben zu verlängern. «Werterhaltung» könnte man das wohl nach der Humankapitaltheorie nennen…
In eine ähnliche Richtung gehen alle anderen lebenserhaltenden und lebensverlängernden Massnahmen im medizinischen Bereich. Hier stellt sich ebenfalls die Frage, ob ein Leben es wert ist, erhalten oder verlängert zu werden und vor allem zu welchem Preis – womit wir mit der Frage nach dem Preis wiederum bei der ökonomischen Komponente angelangt sind.
Und wie lebens-wert ist ein Leben mit vielen Schläuchen und technischem Equipment, um in einer zumeist fremden Umgebung am Leben zu bleiben, ohne jedoch wirklich frei und uneingeschränkt leben zu können?
Wir nähern uns damit dem Thema Sterbehilfe: Ist ein Leben irgendwann nicht mehr lebens-wert, um bewusst beendet zu werden? Wann ist es nicht mehr lebenswert? Wo liegt hier die Grenze?
Was uns erwartet
Es stellen sich somit eine ganze Reihe von Fragen zum Wert des Lebens. Fragen, welche heute kaum diskutiert werden, jedoch zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Denn hinter diesen Fragen steckt das, was der Franzose Michel Foucault «Biopolitik» nannte und ebenfalls die Ökonomie beinhaltet.
Die Überalterung der Gesellschaft ist zusammen mit unserem heutigen Modell der Altervorsorge, wonach die jungen einen Teil des Lebensunterhalts der Alten erbringen, eine reine «biopolitische» Frage. Und je länger die Menschen leben – oder am Leben erhalten werden – desto höher ist logischerweise der Bedarf an finanziellen, durch die Jungen zu erbringende Mittel, Gesundheitskosten miteingeschlossen.
Damit deren Last kleiner ausfällt, liegt es somit im Interesse unseres Systems, mehr Einkommen und mehr einkommensfähige (junge) Menschen in der Gesellschaft zu haben.
Es wäre aber falsch zu glauben, es ginge nur um wirtschaftliche Einkommen. Den Wert des Lebens bestimmen wir beispielsweise auch durch unser Konsumverhalten. Wenn Ihr aktueller Lebensstil zum Beispiel einen Bedarf von 1.5 Planeten voraussetzt, wie dies hier beim WWF plakativ mittels ökologischem Fussabdruck ausgerechnet werden kann, so wird dadurch heute schon der Wert allen zukünftigen Lebens gemindert. Es ist eine Hypothek mit unabsehbaren Folgen.
Dem Staat und dem «Primat der Politik» kommt bei diesen Lebenswert-Fragen eine wichtige Rolle zu. Sie sind es, welche die Rahmenbedingungen setzen und Regulatoren einsetzen. Konkret heisst das dann, dass das Leben von der Geburt bis hin zum Tod reguliert würde. Eine schauerliche Vorstellung, wenn es nicht nur um die Lebensbedingungen geht (Einschränkung des Energieverbrauchs usw.), sondern ums Leben selbst (wann beginnt es und wann endet es)…
Wir werden uns wohl zunehmend mit der Frage auseinandersetzen müssen, welchen Wert das Leben hat, was lebenswert ist und vor allem – ob und wo wir welche Grenzen setzen müssen, können und wollen…