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Confluence 2, Lyon (F)
Während sich die Innenstadt mit ihrer Schachbrettanordnung und den auf den Westhügel zulaufenden Axialstrassen im 18. und 19. Jahrhundert stark nach Osten ausdehnte, blieb das südliche Gebiet der Halbinsel – Confluence genannt – lange unbewohnt. Bis zur Befestigung der Ufer im 19. Jahrhundert war die Confluence Überschwemmungsgebiet und auch durch den Bau der Eisenbahn vom Grossteil des Stadtkörpers abgeschnitten. Gerade deshalb waren hier bis vor Kurzem trotz der zentralen Lage vorwiegend nur periphere Nutzungen angesiedelt wie ein Grossmarkt, die Gendarmerie, produzierendes Gewerbe, ein Gefängnis, ein Zirkus und Ähnliches mehr.
Seit dem Jahr 2000 ist dieses äusserst attraktive Stadtgebiet einem grossen Transformationsprozess unterworfen, der in zwei Phasen geplant und umgesetzt wird. Damit wird sich die lebendige, dichte Innenstadt – Lyon ist unter anderem berühmt als kulinarische und kulturelle Destination – in Zukunft bis zur Südspitze der Confluence ausdehnen.
Die erste Phase der Transformation von Lyon Confluence in ein städtisches Quartier bezog den westlichen, zur Saône gelegenen Teil mit ein. Confluence 1 konnte unter der Federführung von François Grether, François Leclerq und Michel Desvigne 2018 abgeschlossen werden. In der zweiten Phase steht nun das Gebiet östlich der von Norden nach Süden verlaufenden Hauptachse des Cours Charlemagne im Fokus der Transformation und umfasst in erster Linie das Gelände eines ehemaligen Grossmarkts. Für dieses Terrain wurde ein Wettbewerb für einen Masterplan lanciert, der 2009 von Herzog & de Meuron zusammen mit dem Pariser Landschaftsarchitekten Michel Desvigne gewonnen wurde. Wie in anderen Städten Frankreichs wurde für die Entwicklung von Lyon Confluence 1 und 2 eine städtische Entwicklungsgesellschaft (Société publique locale, SPL) gegründet, die vom Bürgermeister präsidiert wird. Diese hat den Vorteil, dass unter der Leitung kompetenter Persönlichkeiten städtische Projekte effizient geplant und realisiert werden können. Die SPL war somit massgeblich dafür verantwortlich, dass die Entwicklung des Quartiers in vergleichsweise kurzer Zeit erfolgen konnte. So wurde im Jahr 2013 mit der Planung begonnen und das Pilotprojekt «Îlot A3» bereits zwischen 2015 und 2017 realisiert.
Chef d’Îlot
Für dieses Pilotprojekt designierte die SPL Herzog & de Meuron als «Chef d’Îlot» und Michel Desvigne als Landschaftsarchitekten. Auch zur Bestimmung des Entwicklers wurde ein Wettbewerb durchgeführt, in dem sich potenzielle Investoren auf qualitative Faktoren wie eine detaillierte programmatische Mischung, soziale und energetische Nachhaltigkeit, Miet- und Verkaufspreise sowie Kostenvorgaben für die Gebäude verpflichten mussten. Dabei ging es allerdings noch nicht um den Entwurf einzelner Gebäude. In diesem Verfahren setzte sich Icade als Entwickler durch. Gemeinsam mit der SPL wurden danach aus einer grösseren Anzahl Architekten, die Herzog & de Meuron zur Evaluation vorgeschlagen hatten, vier Büros ausgewählt: Tatiana Bilbao aus Mexiko-Stadt, Christian Kerez aus Zürich, Manuel Merz aus Basel sowie AFAA aus Lyon selbst. AFAA nahm – zusätzlich zur Planung und Ausführung von zwei Gebäuden und den Untergeschossen aller Projekte – die Koordination der Baueingabe für das ganze Îlot vor. Auch der Umbau des ehemaligen Blumenmarkts (Halle aux Fleurs) in eine Sporthalle gehörte zum Pilotprojekt. Als Sieger für diesen Umbau ging aus dem Wettbewerb Didier Dalmas hervor.
Einheit in der Vielfalt
Planung und Ausführung der neun Häuser im Planungsperimeter «Îlot A3», dem Pilotprojekt der Gesamtanlage, waren für Herzog & de Meuron in jeglicher Hinsicht ein aufwendiger Prozess. Die Mitarbeitenden der verschiedenen Architekturbüros unternahmen unzählige Reisen nach Lyon und manchmal nach Basel, für Koordinations-Workshops, Planungsbesprechungen und Baustellenbesichtigungen. 2015 wurden so auch vor Ort Fassadenmuster aller Gebäude im Massstab 1 : 1 gebaut und begutachtet, um deren Verhältnis zueinander gemeinsam abzustimmen. Heute sind die auf dem Geviert realisierten Bauten stille Zeugen des komplexen Transformationsprozesses: Die Gebäude nehmen aufeinander Bezug, subtile Verwandtschaften sind ebenso vorhanden wie anregende Gegensätze. Sichtbeton in den Fassaden war zwar weder unumstössliche Prämisse noch allgemeine Vorliebe. Die Materialverwandtschaft hat sich allerdings im Laufe der Planung auf natürliche Art und Weise herauskristallisiert und schafft unter den Bauten eine enge Beziehung. In der Gesamtbetrachtung aller Projekte schälte sich hingegen eine Vielfalt im architektonischen Ausdruck der Gebäude heraus, basierend auf Nutzungen, Wohnungstypologien und den Handschriften der Architekten. In die Entscheidung für das einheitliche Material spielte hinein, dass die Baufirma Léon Grosse über eine grosse Erfahrung im Betonbau verfügt. Deren Verantwortliche liessen sich trotz marktüblichen Budgets und knappem Zeitrahmen glücklicherweise auf die Materialforschung ein und wurden dadurch integraler Teil des Entwurfsteams. Das Spektrum der Betonverarbeitung reicht auf «Îlot A3» von feinmassstäblichen Holzbretterschalungen bis zu gewölbten Metallgleitschalungen, von Oberflächenmatrizen bis zu vorgefertigten Fensterlaibungen, von zweischalig gegossenen Betonwänden bis zu vor Ort gestampften Betonstützen (Bürogebäude Christian Kerez). Die Vielfalt des Ensembles entsteht nebst den sehr verschieden interpretierten Fassaden, wo sich kompakte Geschlossenheit und offene Geschossflächen einander gegenüberstehen, auch durch die unterschiedlichen Referenzen, auf welche sich die Gebäude historisch beziehen.
Neun Gebäude von sechs Architekturbüros
Das Haus an der Ecke Rue Smith und Rue Casimir Périer von AFAA (1)wirkt zum Beispiel zur Strasse hin äusserst kompakt. Das Bürogebäude soll somit den Übergang des historischen Stadtviertels Sainte-Blandine zum Îlot markieren. Die Verwendung von Sichtbeton führte dazu, einen Effekt von Antigravitation zu suchen, indem man die mineralisch-schweren Massen oben, Transparenz und Leichtigkeit hingegen im Erdgeschoss ansiedelte. Das Gebäude ruht auf einem hohen Glassockel. In der Vertikalen wechseln sich gläserne und mineralische Gebäudeschichten ab. Ein massives Betonvolumen bildet den Abschluss. Die Terrassen und ein Wintergarten im Süden verformen den Baukörper gegen Süden. Sie öffnen sich zum Innern des Îlots und bieten den Nutzern spezielle Arbeitsräume. Das zweite Gebäude von AFAA (2) orientiert sich nach Westen und profitiert sowohl von einer urbanen als auch einer intimen Atmosphäre. Urban aufgrund seiner Lage am Cours Charlemagne und intim, weil das Gebäude auch dem begrünten Innenhof zugewandt ist. Um diese unterschiedlichen Orientierungen zu verschränken, hat man den Fokus auf funktionale Durchlässigkeit gelegt. Die Eingangshalle und die vertikale Erschliessung öffnen sich zum Innern des Îlots, und die durchgehenden Wohnungen sind mittels Laubengängen auf der Hofseite erschlossen. Eingezogene Loggien zur Cours Charlemagne hin schaffen eine kokonartige Intimität, während auskragende Balkone zum Garten hin den Wohnbereich erweitern. Das Gebäude fügt sich in die bestehende Stadt ein und schreibt ihre Geschichte weiter trotz seiner Realisierung in Sichtbeton. Durch die Doppelgeschosse bezieht sich das Projekt auf die historischen Vorbilder der Halbinsel.
Wer sich ein Bild der in Mexiko-Stadt lebenden Architektin Tatiana Bilbao machen will, hatte bis Ende Februar 2020 die Gelegenheit, ihr Schaffen in einer Einzelausstellung im dänischen Louisiana Museum of Modern Art zu sehen. Experimentelles Denken und nachhaltige Lösungen stehen bei ihr im Vordergrund. Ihre Geometrien sind simpel, in einem analogen Prozess generiert, für deren Präsentation sie sich des Mediums der Collage bedient. Die mexikanische Kultur und Landschaft sind ihre Inspirationsquellen, die Materialität spielt eine wichtige Rolle.
Skulpturale Ausformung
Für die «Îlot A3» hat Tatiana Bilbao drei Häuser realisiert. Im Gebäude 3 werden Sozialwohnungen in Splitlevel-Typologie mit wohnungsinternen Treppen angeboten. Die Eckwohnungen sind um einen inneren Kern angeordnet. Gemeinschaftsräume und Schlafzimmer sind räumlich und akustisch voneinander getrennt. Ein leicht zurückversetzter glatter Betonsockel im Erdgeschoss bildet die Basis für das einfache und radikale Volumen, das durch Einlagen in der Schalung strukturiert ist. Der Baukörper ist durch ein Spiel ineinander verschachtelter Loggien skulptural aufgeladen. Die zwei weiteren Gebäude von Bilbao liegen im Süden des Îlots. Das Gebäude 7 umfasst Sozialwohnungen mit einer starken Verbindung zum Innern. Dadurch bleibt mehr Raum für Wohnzimmer und Terrassen auf der Südseite. Der rationale Raster unterscheidet sich vom skulpturalen Spiel von Haus 8. Dieser Riegel besteht aus Eigentumswohnungen. Abrundungen an der Ecke von Esplanade und Cours Charlemagne mildern die Härte des orthogonalen Baus. Der regelmässige Wechsel von voll und leer wird einzig durch die unterschiedlich grossen Öffnungslaibungen durchbrochen. Die gerundeten Laibungen aus weissem vorfabriziertem Beton ragen leicht über die Fassade hinaus. Sehr feine Metallgeländer und Aluminiumfenster in Champagnerfarbe unterstützen die stille Eleganz des Gebäudes.
Hommage an Tony Garnier
Das Design des Projekts von Architekt Manuel Herz (4) ist eine Hommage an Tony Garniers Halle im Westen Lyons (1914) sowie an das Arbeiterviertel «Quartier des Etats-Unis» (1920–28). Das Gebäude besteht aus einer Kinderkrippe im Erdgeschoss und sechs Sozialwohnungen in den oberen Etagen. Aufgrund der gestuften Pyramidenstruktur besitzt jeder Raum der 4-Zimmer-Wohnungen einen privaten Terrassenzugang. Das Projekt besteht mehrheitlich aus Beton und dunklem Holz, beide Materialien weisen eine gestreifte Oberfläche auf – ein Dialog mit den Linien. Das Gebäude von Christian Kerez (6) hingegen auf der westlichen Seite ist ein Bürogebäude mit hoher Flexibilität. Es zeichnet sich durch ein Raster aus Stützen und Platten aus, die an die programmatische Maison Dom-Ino von Le Corbusier erinnern. Innen und Aussen bilden ein zusammenhängendes Ganzes, während die (gestampften) Betonstützen sich nach oben immer mehr verjüngen und dort in Schleuderbeton realisiert sind. Die schlichte offene Modernität des Gebäudes nimmt Bezug auf das ehemalige Industriegelände an diesem Ort, integriert sich aber zugleich in den Kontext der anderen Gebäude.
Organischer Modernismus
Der erste Turm von Lyon Confluence 2 liegt an der Kreuzung Rue Smith mit der öffentlichen Passage. Das Gebäude 5 ist von der Strasse zurückgesetzt, um einen kleinen Platz vor dem Eingang zu schaffen. In den unteren Etagen befinden sich subventionierte Mietwohnungen, darüber Eigentumswohnungen. Die skulptural auskragenden Loggien in den Gebäudeecken verformen das einfache Volumen. Sie zitieren mit ihren Runderkern nicht nur ein Jugendstilmotiv oder ein Thema der modernen Architektur, sondern sorgen besonders auch für optimale Sonneneinstrahlung und eine weite Aussicht. Zusätzlich gibt es eine gedeckte, rundläufige Aussentreppe von den am geringsten besonnten Wohnungen in den untersten fünf Etagen direkt in den Cour Jardinée, den begrünten Innenhof. Im Sockel sind gemeinschaftliche Nutzungen und Läden angesiedelt. Fassade und Tragwerk wurden vor Ort in Beton gegossen. Ein regelmässiges Fensterraster erinnert an die Schlichtheit der historischen Gebäudefassaden in Lyon. Die abgeschrägten Metallrahmen erhalten ihre Form durch Rollläden, die herausgeklappt im Sommer lüften und zugleich verschatten.
Begrünter Innenhof
Der Innenhof des «Îlot A3» schafft eine grüne Kontinuität im Herzen des Quartier du Marché. Die Stringenz der durchwegs einheitlich gestalteten Freiräume stellt eines der wichtigen identitätsstiftenden Prinzipien des eng gesetzten Bebauungsblocks dar. Die wassergebundene Belagsfläche und die hohe Dichte hochwachsender Bäume sind ganz im Geiste einer Vielzahl öffentlicher Freiräume Lyons. Die bewusst gewählten heimischen Laubbäume filtern das Licht der Sommersonne und garantieren zugleich Sonneneinstrahlung im Winter. Inmitten der dichten Baumasse laden möblierte Lichtungen zum Verweilen ein. Die grosszügige Unterpflanzung am Fusse gewisser Bäume und drei längs der Gebäude verlaufende bepflanzte Versickerungsmulden schaffen introvertierte Zonen. Sie reduzieren Einblick in die Erdgeschosse und schaffen gleichzeitig eine grosszügige Freifläche zur Mitte des Hofes. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Architekten und Michel Desvigne haben dazu geführt, dass auf der Fläche von «Îlot A3» exemplarisch verschiedene Gebäude- und Grundrisstypen auf engstem Raum entstehen konnten. Sie werden wegweisend für die weiteren Bauabschnitte sein. Namen wie Diener & Diener, David Chipperfield und Aires Mateus werden hier in den nächsten fünf Jahren für eine weitere Verdichtung mit 30 Gebäuden oder einem Drittel des gesamten Quartiers Lyon Confluence 2 sorgen.