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Viele haben sich in der Präsenz eines jungen Comedyüberfliegers gewähnt, als Pete Davidson das erste Mal bei Comedy Central Roast aufgetreten ist, einer Fernsehserie, die durch das amerikanische Nachtprogramm spukt und bei der die C-Prominenz vor laufender Kamera geröstet, roasted – eigentlich aufs Übelste beschimpft – wird. Davidson streifte wie ein neonglühender Komet durch das brutale Ganze; blutjung, aber schon aussergewöhnlich erschöpft, hatte er damals die allerschlimmsten Sprüche auf den Lippen und etwa behauptet, nun, da er Justin Biebers Dad getroffen habe, nicht mehr bedauern zu müssen, seinen eigenen Vater verloren zu haben.
Bitterböse ist das, aber auch masochistisch, wenn man weiss, dass Davidsons Vater als Feuerwehrmann am 11. September 2001 umkam. Das Thema begleitete den Staten-Island-Jungen auf seinem Weg durch die Comedyserien (etwa im Cast der traditionsreichen Sketchserie Saturday Night Live) oder seinen Stand-up-Specials (kürzlich bei Netflix erschienen).
Jetzt, mit The King of Staten Island, versucht er sich am Spielfilmformat. Dass er das an der Seite von Produzentenkönig Judd Apatow wagt, kann als Geniestreich auf beiden Seiten gesehen werden. Apatow hatte sich schon an der vorangehenden Comedygeneration abgearbeitet, zusammen mit Steve Carell (The 40-Year-Old Virgin), Seth Rogen (Pineapple Express) oder Amy Schumer (Trainwreck) die Finger wund getippt, um die Probleme einer Generation im Komödiantischen festzuschreiben.
The King of Staten Island erscheint als Teil dieser Reihe, denn der Film atmet ganz viel «Zeitgeist», wirkt in Apatows Œuvre zugleich aber auch brandneu. Schliesslich steht Davidson für eine frische Ära in Sachen Comedy. Alles wirkt ungeschliffener, echter. Obwohl Davidson eigentlich als der fiktionale Scott in Erscheinung tritt, ist seine Hauptfigur offensichtlich autobiografisch angelegt; auch sie hat einen Vater, der bei 9/11 umgekommen ist und über den man nun bittere Witze reisst. Schon in den ersten vier Minuten des Films wird klar, dass wir es hier mit der Realität einer desillusionierten, Xanax-abhängigen, anxious «Generation Y» zu tun haben. «There is something wrong with me, like mentally», ist Scotts Erklärung, warum er sich nicht für eine Beziehung verpflichten möchte, obwohl er doch eigentlich verschämt ist, dass er wegen der Antidepressiva keinen Orgasmus haben kann. Das sind Probleme eines Registers, das von den üblich-verdächtigen Vertretern des Genres bisher kaum gezogen wurde.
Scott hat in seinem Leben nur wenig Plan, er träumt von einem eigenen Tattoo-Restaurant – eine Idee, von der er niemanden im Film so recht überzeugen kann. Vielleicht auch, weil er beim Tätowieren komplett talentlos ist. Hier hören übrigens die Parallelen zum echten Davidson auf, der sich als medikamenten-abhängiges, nutzloses Kid gibt, doch kürzlich eine so steile Karriere als Stand-up- und Sketch-Komiker hingelegt hat, dass man ihm in echt den Unambitionierten nicht mehr wirklich zugestehen mag.
Doch zurück zum fiktiven King: Im langweiligsten Borough New Yorks, Staten Island («We are the only place that New Jersey looks down on»), reiht sich zunächst eine kleine Geschichte an die nächste – das Mäandernde erscheint als die perfekte Filmform, um auch das Publikum die Perspektivlosigkeit der Hauptfiguren spüren zu lassen. Dann entwickelt sich eine Liebesgeschichte um die verwitwete Mutter (gespielt von Marisa Tomei), was dann endlich auch den jungen Scott auf den Plan ruft, der ausgerechnet durch das neue Glück seiner Mutter so richtig aus der Bahn geworfen wird.
Bei dem Ganzen bleibt aber der Witz nicht aus, nur ist er subtiler, als man es von einer Apatow-Produktion erwarten könnte. Wie schmächtig Scott im Anzug seines Vaters etwa aussieht, in den ihn seine Mutter zwingt – wie ein verlorenes Kind. Das ist witzig und bitter zugleich, sagt es doch in einem Bild alles über diese Generation, der bei aller Perspektivlosigkeit immer wieder vorgeworfen wird, die Schuhe der Vorgänger_innen nicht füllen zu wollen. Dieses Lebensgefühl, dieser Konflikt wird sich in The King of Staten Island – wie im echten Leben – nicht mehr so richtig auflösen können
Regie: Judd Apatow; Buch: Judd Apatow, Pete Davidson, Dave Sirus; Kamera: Robert Elswit; Schnitt: Jay Cassidy, William Kerr, Brian Scott Olds; Darsteller_in (Rolle): Pete Davidson (Scott Carlin), Marisa Tomei (Margie Carlin), Maude Apatow (Claire Carlin), Bill Burr (Ray Bishop), Steve Buscemi (Papa); Produktion: Judd Apatow, Barry Mendel, Universal Pictures; USA 2020. 136 Min. Streaming CH/D: Sky Store, Apple, Amazon Prime.
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