Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03544.jsonl.gz/814

"And the Winner is..."
"Ehrlich gesagt, ich lese zu wenig Textatelier-Texte und sitze zu viel vor dem Glotzofon. Aber es ist eben soo bequem, soo lehrreich und soo erfreulich informativ ("10 vor 10" bei "SF DRS")! Besonders kann ich mich auch an den vielen Preisverleihungen aus Unterhaltungs- und Filmwelt erfreuen. Man kann ja gar nicht aufzählen, welche Preise da vergeben werden: Goldene Palme, Goldene Rose, Goldener Globe(i), Goldene Bambis, Löwen, Leoparden, Hasen, Bären, Grammys, Gryzzlys und natürlich als Höhepunkt unzählige Oskars und Oskärli, auch für den schnellsten Kulissenschieber. Für die Verleihung werden jeweils rauschende Feste organisiert, für die Übergabe Promis bestellt, und ein ungemein spannendes Ritual wird zelebriert, das im nicht zu übertreffenden Ausruf gipfelt: "...and the winner is...".
Promis, Oldies, Stars, Spatzen und die Speakerin küssen sich und sagen unsäglich schöne Dankesworte ins Mikrofon. Ich bin jeweils gleichermassen überwältigt wie tief beeindruckt, was die Geehrten leisten mussten, damit sie so gelobt, beschenkt, bestaunt, beklatscht und betratscht werden.
Manchmal allerdings frage ich mich und jetzt eben auch das Textatelier: Warum erhalten vorwiegend Leute aus diesen Sparten Ruhm, Preise und Ehrungen? Meiner Ansicht nach erbringen auch normale Leute Leistungen, die einen Preis rechtfertigen würden, wie die allein stehende Mutter, die ihre Kinder durchbringen muss, ein Bergbauer mit einem vierzehnstündigen Arbeitstag, eine Krankenschwester, die sich ein Leben lang um Patienten kümmert, eine Pflegerin, die Behinderten das Leben erleichtert, Kehricht- und Kanalarbeiter, die tagein, tagaus den Abfall unserer Wohlstandsgesellschaft wegräumen.
Warum werden für solche Leute keine Feste organisiert? Warum werden diesen Menschen keine Preise übergeben? Vielleicht liegt das daran, dass die keine eleganten, schwarzen, glimmernden oder durchsichtigen Kleider hätten, dass ihre Hände zu ungepflegt wären, dass sie das Mikrofon falsch hielten und sowieso (auch) nichts zu sagen hätten...
Auch Stars können erstaunlicherweise Kinder kriegen. Jedenfalls melden die Medien solch eine Schwangerschaft und die nachfolgende Geburt mit fetten Zeilen, in den Nachrichten, in der Tagesschau und im Teletext. Die Mutter solcher Kinder ist jeweils leicht festzustellen; beim Vater fällt das manchmal schwerer. Wenn ein gewöhnlicher Berufsmann zum 4. Mal Vater wird, gibt es keine Headlines. Das ist doch merkwürdig und vielleicht auch ungerecht. Anderseits und das erachte ich doch als recht tröstlich sterben viel, viel mehr Promis und Stars als gewöhnliche Sterbliche. So können wir zum Schluss doch beruhigt aufatmen und die berechtigte Frage stellen: "And the winner is...?"
Werner Allemann, CH-7074 Malix GR
Antwort: Lieber Werner, eigentlich sind alle Antworten, die Du angeblich suchst, in Deinen Zeilen bereits enthalten, nach dem Motto: Eine Frage stellen heisst, sie zu beantworten...
Dein origineller Brief strotzt vor Gesellschaftskritik, und Deine Ausführungen sind mir sympathisch. Wenn alle Glotzer und die übrigen Klatschmedien-Konsumenten so kritisch wie Du hinterfragen würden, würden sie sich bald einmal Wesentlicherem zuwenden und das Banalangebot aus der Promibranche konsequent ignorieren. Dann wären durch die Verbreitung von Nonsens keine Quoten mehr zu bolzen.
Die Frage an Dich, ganz im Vertrauen: Warum liest Du nicht mehr gute Texte und lässt den Fernsehkasten ruhen? Warum beschäftigst Du nicht die von Dir erwähnten wirklich ehrenwerten Abfallmänner mit Deinem TV-Gerät? Vielleicht findet eine Demontagewerkstatt noch einige wiederverwertbare Metallteile darin.
Das Lesen ist für mich die höchste, intelligenteste und intellektuell ergiebigste Form des Medienkonsums, falls die Auswahl aus dem angebotenen Lesestoff stimmt. Ich gebe zwar unumwunden zu, dass es immer weniger Texte gibt, deren Lektüre sich lohnt. Zum Schrott aus Druckereien gehört all das Kurzfutter, dem sich immer mehr Zeitungen und zunehmend sogar Zeitschriften zuwenden. Es sind üppig bebilderte Informationshäppchen, die von viel Weissraum umgeben und ohne Nährwert sind, weil sie aus dem Zusammenhang gerissen sind und nichts zur Verbesserung der Erkenntnislage beizutragen haben. Zudem sind es Beweise dafür, dass viele Druckmedien selber nicht mehr ans geschriebene Wort glauben ganz im Gegensatz zum Textatelier, wo noch aus Herzenslust geschrieben werden darf und wird. Wir schätzen zwar eine abgerundete Miniatur aus wenigen Worten, ein anregendes Konzentrat aus wohlgesetzten Wörtern, das zum Weiterdenken anregt und das Fortführen eines Gedankens beim Leser erzwingt. Aber wenn Fragen umfassend behandelt werden sollen, muss das zugehörige Breitenwissen schon mitgeliefert werden. Und das tun wir auch. Wir haben uns, angesichts des Überangebotes von Kurzfutter, für Langfutter entschieden, wo immer dies angezeigt ist. Der Leser mag entscheiden, ob er sich für Holzschnipsel, ein gekonnt verarbeitetes Brett oder gar einen ganzen Baum mit Wurzel, Stamm und belaubten Ästen entscheidet.
Das verkürzte Schreiben führt zu einem verkürzten Denken und erfordert eine verkürzte Thematik. Der Promiklatsch eignet sich wunderbar für das journalistische Tun, das aus einem Häcksler zu kommen scheint. Wer mit wem? Wer mit wem nicht mehr? Wer säuft, und wer ist schwanger? Das kann man locker mit einem 15-Zeiler abtun. Mehr liegt ohnehin nicht drin; ja selbst jene 15 Zeilen sind des Unnützen zu viel.
Klatsch ist nach der "Duden"-Definition[1] ein "übles Gerede über jemanden, der nicht anwesend ist". Und von solchem, vor allem von (Party-)Gewäsch, lebt eine ganze Medienkategorie, die Klatschpresse. Auch Radio und Fernsehen, die zunehmend nach kommerziellen Kriterien funktionieren, schalten sich in diese Sparte ein. Sie lassen sich kaum noch durch einen Bildungsauftrag vom Seichten und Allzuseichten abhalten, abgesehen von "arte". Obschon es nicht genügend Berühmtheiten und skandalträchtige Ereignisse gibt, füllen die Macher ihre Seiten und Sendungen dennoch durch die Tieferlegung der Plattheiten-Schwelle nach bewährtem Muster. Der Chef des wöchentlich erscheinenden Magazins "People", Dick Stolley, schuf die so genannte Stolley-Formel:
"Jung ist besser als alt
Hübsch ist besser als hässlich
Reich ist besser als arm
TV ist besser als Musik
Musik ist besser als Film
Film ist besser als Sport
Und alles ist besser als Politik."
Aber auch Politik und Wirtschaft werden zunehmend ins grosse Medientheater einbezogen; ihre Repräsentanten werden mehr und mehr zu Darstellern auf der boulevardisierten Bühne. Viele Wirtschaftskapitäne sind dank der Medien geradezu zu einem Symbol für ihr Unternehmen geworden, zu einem Aushängeschild, falls sie etwas Bleibe hatten. Kürze und Anschaulichkeit ihrer Äusserungen erleichtern die Zitierfähigkeit in den Medien und gewährleisten einen gewissen Schutz vor Entstellungen im reduktionistischen medialen Produktionsprozess; rhetorische Kaskaden verwirren nur. Die Sterne und Sternchen dürfen nie in Zeitnot und gestresst sein beziehungsweise gestresst wirken, sondern haben zu beweisen, dass sie ihre enorme Arbeit zu delegieren oder rationell zu erledigen vermögen, dass sie die Sache im Griff haben. Im Hintergrund wirken die Unternehmensberater oder die Parteisekretäre. Sie sprechen weniger von "Problemen" als vielmehr von "Herausforderungen" und "Chancen", welche sie stärker betonen als die "Risiken", die, falls sie offenkundig werden, ihrerseits die besten Möglichkeiten zu Höhenflügen und Lernprozessen bieten. Sie vermeiden es strikte, auf wunde Punkte im Unternehmen oder in ihrer Partei zu sprechen zu kommen. Fatal wird es dann nur, wenn sich diese und die "ungelegten Eier" als ertragsmindernde Schwächen entpuppen oder die Wähler vertreiben. Dann werden wieder neue Kommunikationsstrategien fällig...
Die Empfänger der Botschaften tun gut daran, sich über die Tricks solcher Selbstdarstellungskünste eingehend zu informieren, um das Theater richtig interpretieren zu können, gerade auch Aktionäre. Auch Theaterbesucher pflegen sich schliesslich über den Autor, sein Umfeld und seine Geisteshaltung zu informieren, um das Stück vollumfänglich verstehen zu können.
Das gesamte öffentliche (und zunehmend auch private) Leben wird zu einer medialen Marathon-PR-Seifenoper mit manchmal aufgeblasenen, komödiantischen Darstellern, die sich um jeden Preis in Szene setzen wollen und denen es oft mehr um die Show als um die Sache geht. In dieser ununterbrochenen Opera buffa, die sich der Komik wegen eher zum Amüsieren als zum Ärgern eignet, werden live Pseudoschlachten geschlagen und garantiert keine Probleme gelöst.
Auch das politische Geschehen verlagert sich allmählich aus den Parteiversammlungen in die Studios; die Parteienfinanzierungsgelder müssten eigentlich schon heute auf die mediale Scheinwelt umgelagert werden, eventuell fürs Medien-Coaching der Polit- und Businessstars, die sich unter die Identifikationsfiguren der Spassgesellschaft eingereiht haben. Am Schluss können sie dann noch zu Werbezwecken weiterverwendet werden; mit Helden und klangvollen Namen verkauft man gut. Vor allem die Sportartikelbranche würde ohne Verkaufshilfen durch Spitzenstars auf ihren Produkten sitzen bleiben.
Warum richten sich so viele Augenmerke auf die Stars, auf die Prominenz? Das hat zum Teil mit den Gesetzen der Medien zu tun: Dort ist nicht das Gewöhnliche gefragt, sondern das Spezielle, in Bezug auf Menschen bedeutet dies: Nicht den gewöhnlichen Menschen gilt das Interesse, auch wenn sie Überdurchschnittliches leisten, sondern solchen, die sich ins Rampenlicht gestellt haben oder gestellt worden sind. Früher waren dies vor allem die Hollywood-Götter, die mit allen marketingstrategischen Tricks dem Publikum angedreht und angebetet wurden, auf dass dieses in Scharen ins Kino ströme. Der wirkungsvollste Gag sind in diesem Zusammenhang die verkaufsfördernden Oscar-Verleihungen, ein leicht durchschaubarer Werbetrick, auf den die ganze Welt alljährlich wieder hereinfällt. Da feiert sich Hollywood selber und als Alibiübung gelegentlich noch eine auswärtige Person oder einen anderswo entstandenen Film, insofern ausserhalb der USA überhaupt noch ein Filmschaffen möglich ist. Diese penetrante Werbeveranstaltung wird tatsächlich mehrfach kopiert, wie alles, was von drüben kommt. Du, Werner, hast das richtig und glossierend dargestellt.
Neben den Filmgrössen sind in den vergangenen Jahrzehnten die Fernsehstars ins Blickfeld der Medien und der Öffentlichkeit gezerrt worden. Offenbar sättigen ihre ständigen Auftritte am Bildschirm die Schaubedürfnisse des Publikums nicht im Entferntesten, sondern man muss sie auch noch live an verschiedenen Anlässen bis hin zum Unterhaltungsteil nach Generalversammlungen renommierter Unternehmen, die sie sich leisten können, bewundern. Und weil man sie immer und überall sieht, wird bewiesen, dass sie eben Stars sind, richtige Stars. Es interessiert das zum Voyeurismus erzogene Volk dann brennend, wie deren Badezimmer eingerichtet ist und was sie zum Frühstück zu sich nehmen. Und mit wem sie geschlafen haben.
Der ehemalige deutsche Bundespräsident (1984-1994) Richard von Weizsäcker hat im Zusammenhang mit den durch die Telekratie veränderten Werten von einem "unheilvollen Prozess der Umkehrung der Wichtigkeiten" gesprochen. Er hätte auch schlicht und ergreifend von einer Verblödung sprechen können.
Walter Hess
__________
[1] Der Begriff "Definition" ist schwer zu definieren. Er bedeutet etwa die Erklärung eines Begriffsinhaltes, auch eine Abgrenzung (das ist ja die wörtliche Übersetzung). Viele Definitionen sind einfach Erklärungen, anschauliche und begreifbare Umschreibungen und Beschreibungen.
*
* *