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Von Michael Sennhauser | 10. Juni 2014 - 18:05
Mit Séraphine setzte der Französische Filmemacher Martin Provost der nahezu unbekannten naiven Malerin Séraphine de Senlis ein filmisches Denkmal. Jetzt hat Provost eine weitere Künstlerin auf die Leinwand gehoben: Die radikale Schriftstellerin Violette Leduc.
„Hässlichkeit bei einer Frau ist eine Todsünde. Ist sie schön, bewundert man Sie auf der Strasse an für ihre Schönheit. Ist sie hässlich, starrt man Sie an wegen ihrer Hässlichkeit…“ Das sind die bitteren Worte von Violette Leduc, einer der eigenwilligsten Nachkriegsautorinnen Frankreichs. Ihr hat Filmemacher Martin Provost seinen jüngsten Kinofilm gewidmet: Violette.
Violette Leduc, uneheliche Tochter ohne Vater, hat viele kurze, aber kaum glückliche Beziehungen mit Frauen und Männern hinter sich, eine Scheidung, eine Abtreibung und ein entbehrungsreiches Leben in der französischen Provinz, als sie 1945 in Paris ihren Mut zusammen nimmt und der von ihr bewunderten Autorin Simone de Beauvoir ein Roman-Manuskript aufdrängt. Und zu Leducs Überraschung erkennt de Beauvoir das Talent der Frau, an das sie selber nicht so recht glauben mag.
Simone de Beauvoir sorgt dafür, dass Violette Leducs Manuskript unter dem Romantitel „L’asphixie“ in einer von Albert Camus kuratierten Reihe publiziert wird und sie stellt Violette ihren Freunden vor, darunter Jean Cocteau und Jean Genet
Aber trotz der Anerkennung ihrer schreibenden Zeitgenossen findet der Roman kaum Leser, und Violette Leduc versinkt nach kurzer Euphorie über die Aufnahme in die Bohème-Zirkel in Depressionen.
Ich würde besser auf den Strich gehen, klagt sie Simone de Beauvoir, aber mit meinem Gesicht will mich auch da keiner. Ich bin eine alte, gescheiterte Verrückte, ich bin vierzig Jahre alt, habe kein Leben, keine Liebe, kein Einkommen.
Und dann eröffnet ihr Simone de Beauvoir, dass sie ihr ein Verlagseinkommen von Gallimard organisiert habe. Was Violette allerdings nicht weiss: Es ist nicht der Verlag, welcher dieses Geld fliessen lässt, sondern, heimlich, Simone de Beauvoir selber. Und der späte Erfolg von Violette Leducs Autobiographie „La Bâtarde“ in den sechziger Jahren wird ihr dann auch Recht geben.
So, wie Martin Provost schon der nahezu unbekannten naiven Malerin Seraphine de Senlis mit Séraphine 2008 ein Denkmal gesetzt hat, tut er es jetzt mit einer umwerfenden Emmanuelle Devos in der Titelrolle für Violette .
Dabei ist sein Film auch dieses Mal weit mehr als ein illustrierter Biografie-Ausschnitt. „Violette“ bringt einem die Autorin und ihre Texte näher, vor allem aber lässt Provost mit den Nachkriegsjahren eine kulturhistorisch unglaublich intensive und wechselvolle Zeit wieder aufleben, die uns heute ganz neue Fragestellungen abnötigt, ob es um weibliches Selbstverständnis geht, um unsere Sexualität oder die radikale Ablösung vom Denken der Eltern, die uns heute kaum mehr so gelingen will.
Martin Provost ist ein freundlicher Mittfünfziger, Schauspieler, Autor und Regisseur. Mit seiner schwarzen Hornbrille und dem silbergrau durchwobenen Bart erfüllt er auf den ersten Blick jedes Klischee des kultivierten französischen Intellektuellen.
Aber im Gespräch wird schnell deutlich, dass ihn die reinen Ideen zwar durchaus interessieren – aber stets im Zusammenhang mit den Menschen, die sie austragen.
Natürlich sei es die Figur der Simone de Beauvoir, welche bei den meisten von uns das erste Interesse an der weniger bekannten Violette Leduc zu wecken vermöge – bis heute, dessen ist sich Martin Provost sehr bewusst.
Aber es gehe um Violette, der Titel des Films sei ganz klar Violette und nicht Violette und Simone, und ihm sei es darum auch nicht um eine Annäherung an Simone de Beauvoir gegangen.
Martin Provost versucht viel eher, Simone de Beauvoir als Angelpunkt im Leben von Violette Leduc in Erinnerung zu rufen. So habe er auch mit Sandrine Kiberlain gearbeitet, mit der Schauspielerin, welche im Film Simone de Beauvoir verkörpert.
Ein guter Teil der Faszination von Martin Provosts Film besteht in der Begegnung mit bekannten Figuren, sie funktionieren für das Publikum wie Anker in der Geschichte von Violette Leduc. Das habe sich angeboten, sagt Provost, weil Violette Leduc eben tatsächlich alle diese bekannten Figuren getroffen habe.
Jean Cocteau zum Beispiel, oder auch Jean Genet, der gewissermassen ihr literarischer Bruder geworden ist, und dann natürlich der reiche Kunstsammler Jacques Guerain, der im Film von Olivier Gourmet gespielt wird. Ihm verdanken wir unter anderem alle die Erinnerungen an Marcel Proust im Mussée Carnavalet.
Entsprechend hat Provost seinen Film in Kapitel eingeteilt wie einen Roman und jedes Kapitel korrespondiert mit einer dieser Persönlichkeiten. Die Idee sei gewesen, sich so der Komplexität von Violette von allen Seiten anzunähern.
Jede der Figuren in Violettes Leben fungiere wie eine Art Totem, alle führen sie hin zu ihrem Hauptwerk, dem Roman „La Bâtarde“, der definitiven Auslegeordnung ihres Lebens.
Auffällig an Martin Provost Inszenierung des Lebens von Violette Leduc ist seine Insistenz auf ihr Leiden. Hält er Leiden tatsächlich für eine unverzichtbare Bedingung für Kunst? Auf die vorsichtige Frage folgt eine vorsichtige Anwort: Der schöpferische Akt sei jedenfalls etwas Difiziles, meint er.
Mozart habe gelitten beim Schaffen, man pumpe sich und seine Quellen und Energien richtiggehend aus bei beim kreativen Akt. Aber letztlich sei es die Zerbrechlichkeit, welche ihn interessiere, sagt Provost, all diese Existenzen am Rande der Gesellschaft, deren Leiden sei doch offensichtlich.
Das Leiden von Violette Leduc am Leben und an ihrer Kunst vergleicht er mit Geburtswehen: Sie „gebäre“ sozusagen unter Schmerzen ihre Literatur.
Zum schöpferischen Prozess gehöre das alles dazu, meint Provost. Natürlich gebe es immer jene, denen alles etwas leichter falle. Aber das seien nicht unbedingt die besten.
Der Film spielt allerdings mit diesem Gegensatz von Intellekt und Leidenschaft. Violette betont, sie sei keine Intellektuelle, was aber Simone de Beauvoir nicht gelten lässt: Schreiben sei grundsätzlich ein intellektueller Akt.
Aber damit sei er nicht einverstanden, sagt Martin Provost. Violette sei eine Dichterin, es genüge, ihre Texte zu lesen, um die Schönheit ihrer Sprache zu spüren und ihre Intelligenz. Sie schreibe ganz anders als Simone de Beauvoir, deren Texte seien biegsam, fliessend, bei Violette Leduc sei das eher wie bei der Malerin Séraphine, ein Hervorbrechen. Und entsprechend überwältige einen das Schreiben von Violette Leduc ganz unmittelbar, sagt Martin Provost. Darin liege der Unterschied. Violette schaffe mit ihrer ganzen Existenz.
Martin Provost gelingt mit seinem Film über Violette Leduc tatsächlich mehr, als die historische Einordnung einer faszinierenden und einzigartigen Schriftstellerin in einen kulturellen Kontext.
Indem er zeigt, woran Violette in ihrer Zeit zu leiden hatte, was sie mit ihrer Kunst auslöste und erfasste, stellt er zugleich die Frage danach, wie ihre Texte denn heute wirken. Und das funktioniert. Nach dem Kinobesuch stellt sich fast unmittelbar das Bedürfnis ein, eines der Bücher von Violette Leduc zu lesen – am ehesten wohl ihren grossen Triumph „La Bâtarde“ von 1964. Das Buch ist 1978 auch auf Deutsch als „Die Bastardin“ bei Rowohlt erschienen. Und der Film läuft jetzt im Kino.
Im Januar habe ich mich mit Martin Provost in Paris ausführlich über seinen Film unterhalten, die obigen Zitate stammen aus diesem Interview. Das ganze Gespräch zum Nachhören gibt es hier:
Hören:
Saugen: SRF 2 Kultur, Reflexe vom 10. Juni 2014 (Rechtsklick für Download)
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