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Kopie der Zeitung "Unser Blatt" Nr. 4 vom Januar 1927. (gotisch)
Etwas von der Mennonitengemeinde in Ak-Metschetj, Chiva.
In den Jahren 1880 – 1881, als die Auszugsbewegung einen Teil der russischen Mennonitenschaft ergriff und eine größere Anzahl Familien aus der Molotschna und vom Trakt sich auf den Weg machten, um im fernen Osten, in Mittelasien, einen Zufluchtsort zu suchen, trennten sich mehrere Familien unter der Leitung des bekannten Claas Epp von dem größeren Teil der Reisegefährten und siedelten nach vielem Hin und Her 1884 in der Nähe der Stadt Chiva (Chanat Chiva) an. Ihre Verbindung mit den übrigen Glaubensgenossen mennonitischen Bekenntnisses war nur sehr lose, bis sie in den Jahren der Revolution ganz erlosch. Im Sommer 1925 sammelte ich während meines Aufenthaltes in Turkestan einige spärliche Nachrichten über die Chivinischen Mennoniten. Brieflich wandte ich mich an etliche Brüder daselbst mit der Bitte, etwas über ihr Ergehen im letzten Jahrzehnt zu berichten. Im Herbste des Jahres 1926 erhielt ich einen umständlichen Brief von Br. Gerh. Löpp,
Ad.
Ak – Metschetj, Chiva. Seine Mitteilungen vom 11. August 1926 liegen dem Nachstehenden zu Grunde.
Die Mennoniten in Chiva zerfallen in zwei Richtungen, die äußerlich nicht zu unterscheiden sind, obzwar das Schisma (Spaltung, Trennung – E.K.) so tief geht, daß die keine gemeinschaftlichen Versammlungen und Gottesdienste haben. Nur vei Beerdigungen und Hochzeiten kommen sie zusammen, weil sie verwandschaftlich gemischt sind, doch werden dabei „sehr, sehr selten, fast nie die inneren Herzensangelegenheiten berührt.“ Ein Uneingeweihter würde den großen Riß nicht bemerken, denn nach außen hin halten sie zusammen. Sie haben auch eine gemeinsame Schule. Der größere Teil zählt 72 Gemeindeglieder und 2 Außenstehende, der kleinere 26 Getaufte; dazu kommen noch auf beiden Seiten die Kinder. Was ist aber die Ursache der Trennung? Sie ist eng mit der Person des am Epiphaniasfeste 1913 verstorbenen Claas Epp verbunden. Als er sich immer mehr verstieg und schließlich dahin kam, sich als zweiten Sohn Gottes auszugeben, wandten sich die meisten Familien von ihm ab, und er mit den Übrigen traten aus der Gemeinde aus und bauten ein eigenes Versammlungshaus. Diese Wenigen blieben ihm treu und glauben auch heute noch an sein Kommen vor dem des Herrn Jesu und erwarten davon Großes. Zu Fernstehenden wird aber nicht davon gesprochen, weil dieselben oft nur ein geringschätziges Lächeln dafür haben und damit verletzenund nicht verbinden oder heilen. Mit ihrem Christenleben nehmen sie es ernst. Hier auf Erden sind sie nur Gäste, erwerben deshalb auch kein Besitztum, pachten ihren Landteil nur und nehmen ihn nicht, wie die anderen Bürger.
In den ersten Jahren der Ansiedlung waren es ungefähr 150 Seelen Mennoniten, die dort wohnten. Die Sterblichkeit der Kinder war so groß, daß trotz vieler Geburten die Schule geschlossen werden mußte, weil keine schulpflichtigen Kinder da waren. Später wurde sie mit 8 Kindern eröffnet. Aufs nächste war die Zahl der Schulkinder 30; gegenwärtig sind es 17; die Gesamtzahl der Mennoniten mit Kindern ungefähr 160. Der Gesundheitszustand ist jetzt gut.
Anfänglich waren die meisten Ansiedler wohl Handwerker, nämlich Holzarbeiter, wobei es manche Arbeit für den Chan zu tun gab. Der Tagelohn war nicht hoch; 30 – 50 Kop.; Schwarzarbeiter bekamen noch weniger. Wirkliche Meister in Holzarbeit waren nur sehr wenige, doch fanden sie sich verhältnißmäßig leicht zurecht und „arbeiteten sich in daß Handwerk hinein.“ Damit stieg auch der Absatz ihrer Produktion, und im Jahre 1903 war der Tagelohn von 30 – 50 Kop. auf 2 Rbl. gestiegen. Mehr oder weniger alle hatten ihr gutes Auskommen bis zum Kriege.
In den Jahren 1919 – 1921 ging es sehr knapp zu, doch hat niemand dürfen hungrig zu Bett gehen. Die Bessergestellten halten den Armeren. Die Wehen des Krieges machten sich hier noch in einer anderen Art bemerkbar: das Handwerk lag vollständig darnieder, weil keine Bestellungen mehr kamen und auch kein Material zu bekommen war. Ein neuer Erwerbszweig mußte gesucht werden. Man fand ihn in der Landwirtschaft.
In den erstenn Jahren der Ansiedlung konnte von Landwirtschaft keine Rede sein, weil kein Zugvieh auch kein Gerätschaft da war. Einzelne fingen aber bald damit an, so daß er jetzt nicht allzu schwer ward, zur Bearbeitung des Landes überzugehen. Die landwirtschaftlichen Geräte – Egge, Pflug und Schleife – sind sehr primitiver Art. Man meint, mit einem ählichen Pfluge (Filzstiefel genannt) wird der Erzvater Isaak sein Land bearbeitet haben. Nebenbei wird auch Gemüsebau vornehmlich Kartoffeln, getrieben. Zu diesem wirft die Milchwirtschaft auch noch etwas ab, so daß die knappen Jahre mehr in Vergessenheit geraten. Mancher greift auch schon wieder zum Handwerk, treibt dabei aber doch noch Landwirtschaft.
Abgeschlossen von aller Welt, war den Chovinischen Mennoniten ihr Winkel in gewissem Sinne wirklich zum Bergungsorte geworden: sie waren frei von jeder Dienstpflicht. Doch im Jahre 1925 mußten sich alle Männer von 1885 – 1905 in der Stadt Chiva registrieren lassen. Auf Grund der bestehenden Gesetzesparagraphen wurden sie vom Gericht für dienstfrei erklärt, doch mit dem Einwand, in äußerster Not doch mobilisiert zu werden.
Es ist ein kleines Zweiglein unserer Mennonitenfamilie, das dort weltfern in Ak-Metschetj lebt, und doch unserer ganzen Beachtung wert. Wir wollen uns nicht auf den hohen Richtstuhl setzen und Urteile fällen; das kommt Gott zu; unsere Brüder kränkt das nur. In einer Ansiedlung soll der Ausspruch getan worden sein, die Chivinischen Mennoniten seien eine Art „moralischen Heiden“, was die Ernsten dort tief geschmertzt hat. Sein Brief schließt Br. Löpp mit folgenden Worten: „Ich für meinen Teil muß demütig sagen:
Wenn Gott nicht gnädig wär, wo blieb ich dann?
Doch weil er gnädig ist, geht`s himmelan.“