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Als die SGG gegründet wurde, war die alte Eidgenossenschaft ein Vasallenstaat Frankreichs. Fünf Jahre später entstand der Staatenbund. Dass die von Liberalen geprägte SGG anno 1859 das Rütli kaufte und der Eidgenossenschaft schenkte, stand im Kontext des konfessionellen Bürgerkriegs, der kurz zuvor den gesellschaftlichen Zusammenhalt des jungen Bundesstaats erschütterte. Die SGG stärkte im 19. und 20. Jahrhundert den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie sich dafür die obligatorische und unentgeltliche Bildung für alle Kinder der Schweiz einsetzte. Und als die Armut in der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die ältere Generation traf, setzte sich die SGG für die Gründung der Pro Senectute und die Schaffung der AHV ein. Gleich zu Beginn des 21. Jahrhunderts bemühte sich die SGG für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie das Komitee für eine nationale Solidaritätsstiftung koordinierte. Die Mehrheit des Schweizer Stimmvolks hat im Herbst 2002 jedoch gegen diese visionäre Idee gestimmt. Gleichzeitig baute die SGG die Förderung der Freiwilligenarbeit auf, um den solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft zusätzlich zu stärken.
In den strategischen Überlegungen für die Jahre 2020-2030 prüft die SGG die Frage, wie sie sich noch wirksamer und gezielter für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren kann. In den Jahren 2019 und 2020 werden in zehn Workshops mit Fachleuten die künftigen Herausforderungen der heterogenen Schweizer Gesellschaft diskutiert. Welche Kräfte und Mächte vereinen die Gesellschaft und welche trennen und polarisieren sie? Die bereits geführten Fachgespräche ergab eine Fülle von Erkenntnissen und ebenso viele offene Fragen. Ein paar Stichworte mögen an dieser Stelle genügen:
- Der gesellschaftliche Zusammenhalt steht vor allem dann auf der politischen Tagesordnung, wenn es um Frühfranzösisch an den Schulen östlich der Sarine geht.
- Es gibt in der Schweiz keine Mehrheitsgesellschaft, sondern viele Minderheiten, die wenig voneinander wissen. Eine Schweizer Leitkultur, die von einer kulturell homogenen Gesellschaft träumt, wird dennoch von bestimmten Kreisen propagiert.
- Es braucht einen neuen Generationen-Solidaritätsvertrag: gegen die Prekarisierung der Jugend, für eine zukunftsfähige Entwicklung von AHV und Pensionskasse, für Elternzeiten und für Caring Communities.
- Digitalisierung soll Ungleichheiten zwischen Generationen und Bildungsschichten nicht zusätzlich erhöhen.
- Warum soll man heute, wo sich Menschen entweder global vernetzen oder in den lokalen und privaten Bereich zurückziehen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerechnet auf der nationalen Ebene wünschen und fördern – und dies in einem Land, das von keiner gemeinsamen Sprache, Geschichte, Kultur und Religion zusammengehalten wird?
- Es sind die Werte der Bundesverfassung, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Gleichzeitig werden Grundwerte wie die Demokratie und die Solidarität kritisch hinterfragt.
- Bürger*innen fühlen sich vermehrt als Kunden des Staates statt als Teil von Staat und Gesellschaft.
- Kriterien für das Bürgerrecht sind fragwürdig, Hinführungen zu demokratischem Engagement fehlen.
- Das Politisieren in den heutigen Strukturen ist für junge Menschen unattraktiv.
Die nächsten Fachgespräche im Jahr 2020 behandeln zentrale Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Verteilungsgerechtigkeit, Gendergerechtigkeit, Sprachenvielfalt sowie Stadt-Land-Gefälle. Neben inhaltlichen Erkenntnissen und Fragen haben die Fachgespräche schon jetzt etwas klar erkennen lassen: In der Schweiz fehlen halb-öffentliche, geschützte Räume, Labors oder Biotope, in denen man offen über gesellschaftliche Herausforderungen nachdenken, austauschen sowie Lösungen erarbeiten und ausprobieren kann. Diese Räume müssen einerseits weiter sein als Bubbles von Gleichgesinnten, anderseits können sie nicht so exponiert sein wie die TV-Arena, Internet-Foren oder Landesgemeinden. Darum kann es durchaus sein, dass die SGG, die bei staatlichen Behörden, zivilgesellschaftlichen Organisationen und wirtschaftlichen Verbänden und Unternehmen Vertrauen geniesst, künftig den gesellschaftlichen Zusammenhalt speziell dadurch wirksam und gezielt fördert, indem sie landesweit Räume schafft, wo die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure ungeschützt über politische und gesellschaftliche, soziale und kulturelle Herausforderungen austauschen und gemeinsam konstruktive Lösungen erarbeiten und ausprobieren können.