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Vom Wachstum profitieren nur zwei von zehn
Neue Studie: 80 Prozent aller Erwerbstätigen in den USA sahen sich mit einem sinkenden lebenslangen Arbeitseinkommen konfrontiert.
Ein positives Bild der wirtschaftlichen Situation in den USA zeichnete der Jahresbericht der US-Statistikbehörde «United States Census Bureau»: Steigende Haushaltseinkommen, mehr Jobs und eine grössere Zahl von Menschen, die krankenversichert sind.
Die «New York Times» wollte wissen, warum trotzdem ein grosser Teil der Bevölkerung mit der eigenen wirtschaftlichen Situation unzufrieden ist.
Ihr Fazit: Seit einem halben Jahrhundert findet in den USA ein Prozess wachsender Ungleichheit und stagnierender Einkommen im Mittelstand sowie bei den niedrigen Einkommen statt, der die positiven Entwicklungen in den Schatten stellt.
Das inflationsbereinigte mittlere Jahreseinkommen von Vollzeit arbeitenden Männern entwickelte sich wie folgt:
- 1973 durchschnittlich 54'030 Dollar;
- 2016 durchschnittlich 51'640 Dollar.
Das sind real, also kaufkraftbereinigt 2'390 Dollar weniger.
Lebenslange Arbeitseinkommen sinken
Die NYT stützt sich auf eine neue US-Studie, welche die lebenslangen, realen Arbeitseinkommen von mehreren Hundert Millionen Amerikanern im Zeitraum 1957 bis 2013 miteinander verglich. Sie kommt zu folgenden Resultaten:
- Bis in die späten 1960er Jahre stieg bei Männern das lebenslange mittlere Arbeitseinkommen, das sie zwischen ihrem 25. und 55. Altersjahr erzielten, von Jahrgang zu Jahrgang an.
- Ab den späten 1960er Jahren stoppte dieser Wachstumsprozess. Die lebenslangen Arbeitseinkommen begannen von Jahrgang zu Jahrgang zu sinken – ein Prozess, der bis heute anhält.
Für die Studie haben Forscher verschiedener Universitäten und die «Social Security Administration» zusammengearbeitet. Gemäss ihrer Ergebnisse verdiente ein Mann, der im Jahr 1967 im Alter von 25 Jahren sein Erwerbsleben begann, bis zu seinem 55. Altersjahr rund 250'000 US-Dollars mehr als ein Mann, der 1982 im Alter von 25 Jahren ins Erwerbsleben eintrat und dieselbe Karriere durchlief. Immer gemäss Kaufkraft, unter Berücksichtigung der Inflation.
«Bei den mittleren Einkommen erzielt jede neu ins Erwerbsleben eintretende Gruppe ein tieferes lebenslanges Arbeitseinkommen als die Gruppe davor», zitiert die NYT Faith Guvenen, Wirtschaftsprofessor an der Universität Minnesota und Co-Autor der Studie.
Die Statistik des «Census Bureau», wonach die Einkommen der Haushalte in jüngster Zeit gestiegen seien, widerspreche dem Resultat ihrer Studie nicht, erklären die Autoren. Die Haushalteinkommen seien in letzter Zeit nicht wegen höherer Löhne gestiegen, sondern weil viel mehr Erwachsene Vollzeit arbeiten würden. Im Jahr 2016 beispielsweise seien rund 2,2 Millionen Erwachsene mehr als im Jahr zuvor einer Vollzeitstelle nachgegangen.
Ungleichheit nimmt zu
Die positiven wirtschaftlichen Entwicklungen, welche das «Census Bureau», wie eingangs erwähnt, bilanziert, kommen laut Studie nur den US-Bürgern mit den höchsten Einkommen zugute. Für vier von fünf US-Amerikanern gebe es keine reale Zunahme mehr. Die Kluft zwischen Erwerbstätigen mit hohen, mittleren oder tiefen Einkommen hat sich vergrössert:
Jahreszahlen: Eintritt ins Erwerbsleben. Die Prozentzahlen beziehen sich auf die lebenslangen Einkommen der Männer.
- Arbeitnehmer mit mittleren und tiefen Einkommen: Die Generation, die 1983 ins Erwerbsleben einstieg, hatte ein 20- bis 30% tieferes lebenslanges Einkommen als die Generation, die 1967 ins Erwerbsleben eingestiegen war.
- Arbeitnehmer mit hohem Einkommen (ab 100'000 Dollar): Die Generation, die 1983 ins Erwerbsleben einstieg, hatte ein um 4% höheres lebenslanges Einkommen als die Generation, die 1967 ins Erwerbsleben eingestiegen war.
Schlechtere Startbedingungen
Die lebenslangen mittleren Einkommen nahmen gemäss Faith Guvenen insbesondere deshalb ab, weil die Löhne zu Beginn des Erwerbslebens niedriger waren. Die tieferen Anfangslöhne können, so Guvenen, im gesamten späteren Erwerbsleben nicht mehr kompensiert werden. Schätzungen zufolge lag das inflationsbereinigte mittlere Jahreseinkommen eines 25-Jährigen 1967 bei rund 33'000 Dollars, 1983 lag es noch bei 29'000 Dollars und 2011 waren es weniger als 25'000 Dollars, etwa gleich viel wie im Jahr 1959.
Ron Haskins, Senior Fellow an der Brookings Institution, einem einflussreichen Think Tank mit Sitz in Washington D.C. ist davon überzeugt, dass junge Arbeitnehmer heute mit immer höheren Anforderungen konfrontiert sind: «Es braucht heute bessere Fähigkeiten und mehr Wissen, um 60'000 bis 80'000 US Dollars im Jahr zu verdienen als früher.»
Faith Guvenen hält es für besonders wichtig, dass die Politik mehr Aufmerksamkeit auf die Startbedingungen richtet, welche den Einstieg ins Erwerbsleben prägen.
«Unsere Resultate deuten darauf hin, dass die steigende Ungleichheit in den lebenslangen Einkommen von Männern und Frauen auf Veränderungen zurückzuführen sind, die den Menschen vor dem 25. Lebensjahr widerfahren», so die Autoren der Studie. Das lege den Schluss nahe, dass die Einkommen noch stärker als bisher angenommen von familiären Hintergründen und von der Bildung abhängen.
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Details vor allem zu Geschlechterunterschieden in der Originalstudie.
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Diesen Beitrag hat Pascal Gut auf Basis eines Berichts in der «New York Times» produziert. Grosse Medien in der Schweiz haben über diese Studie und diese Statistik nicht informiert.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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11 Meinungen
Das ganze ist bedauerlich, aber halt ein w e s e n t l i c h e r Bestandteil des ral existierenden Kapitalismus. Die aufgezwungene Konkurrenz aller gegen alle verlangt nach permanenten Kostensenkungen. Dazu müssen die Löhne tendenziell sinken. Als Kompensation wird dann versucht, die Lebenshaltungskosten der Lohnsklaven zu senken. Das bedeutet weitere Ausbeutung, Ausbeutung sogar ohne Lohn, Schinderei der Bauern und auch unsägliche Tierquälerei, um die Lebensmittelpreise tief halten zu können. Wollt ihr den Kapitalismus? - Ja? - Wollt ihr den totalen Kapitalismus?? - Jaaa? - Dann schweigt! - Wenn nein, dann kämpft dagegen!
Erstens vergleicht die Studie nicht «dieselbe Karriere» verschiedener Kohorten, sondern das totale Lebenseinkommen ohne Berücksichtigung der geleistete Arbeitszeit bzw. der Arbeitspensen. Man sollte sich folglich im Klaren darüber sein, dass die Studie keine Rückschlüsse auf die Entwicklung von Stundenlöhnen oder die finanzielle Entlöhnung «gleicher Arbeit» zulässt. Die Autoren schreiben dazu: «We also cannot distinguish changes in average hours worked from changes in average wages per hour.» Ein Teil der Entwicklung kann also mit einer Reduktion der mittleren Arbeitszeit (zwischen 1967 und 1982 gemäss OECD -7.5%) erklärt werden.
Zweitens ist die Tatsache interessant, dass die Lebenseinkommen der Frauen im Gegensatz zu denjenigen der Männer in sämtlichen Kohorten und Einkommenskategorien angestiegen sind. Der Titel könnte also auch lauten: «Vom Wachstum profitieren nur zwei von zehn Männern, aber zehn von zehn Frauen.» Denn der Anstieg bei den Lebenseinkommen der Frauen ist natürlich die Kehrseite der Medaille: Im betrachteten Zeitraum hat die (bezahlte) Arbeitsmarktbeteiligung der US-Frauen stark zugenommen, diejeniger der Männer dagegen abgenommen. Selbst bei unveränderten Stundenlöhnen wären also die Lebenseinkommen der Frauen gestiegen und jene der Männer gesunken.
interessante Sichtweise. In den letzten 44 Jahren (Quelle: OECD) hatten wir einen Anstieg der Produktivität je Arbeitsstunde von 74,3%, die Reallöhne der Arbeitnehmer stiegen nur noch um 9,8%. Die Löhne stagnieren praktisch seit vier Jahrzehnten.
Der durchschnittliche Stundenlohn betrug in den USA im Jahr 1971 13 Dollar und 39 Cents und stieg bis 2016 auf auf 112 Dollar und 53 Cents, was einer Zunahme um 738% entspricht. Die kumulierte Inflation gemäss Konsumentenpreisindex betrug im gleichen Zeitraum +493%. Real bzw. kaufkraftbereinigt stieg der durchschnittliche Stundenlohn folglich um knapp 42% an.
Die Arbeitsproduktivität erhöhte sich zwischen 1971 und 2016 real um knapp 104%.
Es stimmt, dass die Reallöhne nicht mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität mithalten konnten. Richtig ist auch, dass die obersten Einkommensquantile sehr hohe Zuwächse erzielten im Vergleich zu den mittleren und unteren Einkommen (und damit die Einkommensungleichheit in den USA zunahm). Wahr ist ferner, dass man in den Einkommensdaten durch die Kombination von Kriterien wie Alter, Region, Geschlecht, Sektor etc. Subgruppen finden kann, deren Reallöhne in einem gewissen Zeitraum stagnierte oder gar sank.
Schade finde ich es trotzdem, wenn im Interesse der «guten Sache» durch Weglassen relevanter Fakten (hier: der Entwicklung der Lebenseinkommen der Frauen sowie der geleisteten Arbeitsstunden) Framing betrieben wird.
Quellen:
Stundenlohn: https://data.oecd.org/lprdty/labour-compensation-per-hour-worked.htm
Inflation: https://data.oecd.org/price/inflation-cpi.htm
Arbeitsproduktivität: https://data.oecd.org/lprdty/labour-productivity-and-utilisation.htm
ja, die Daten sind von der OECD die sie wiederum, vom EPI analysis of data from the BEA and BLS teilweise übernommen hat.
Quelle:
http://www.epi.org/productivity-pay-gap/
Die von Ihnen zitierten Zahlen beziehen nicht auf «die Arbeitnehmer», sondern auf die Subgruppe der Industriearbeiter ohne Führungsfunktion.
Besten Dank für die Richtigstellung. Es ist faszinierend was man mit Statistiken alles anstellen kann. Als Laie sei mir die Frage erlaubt, ob Statistiken überhaupt aussagekräftig sind, um sie gezielt in der politischen Diskussion gezielt einzusetzen? Ich hebe in diesem Zusammenhang die Handhabung der Altersquotienten in der Frage der Demographie (Renten und Versicherungsbeiträge) hervor. Aber das wäre Stoff für einen anderen Beitrag.
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