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Life Doesn’t Start with a Title
Eine Textzeile aus Brian Enos Song A Title, eine Vertonung eines Gedichts von Rick Holland, bildet eine poetische Klammer um eine Gruppe von Skulpturen, Objekte und Collagen der Zürcher Künstlerin Gabi Deutsch (*1973). Im Grand Palais ist eine Serie neuer Arbeiten ausgestellt, die sich gleichermassen mit den Prinzipien von Serialität und Wiederholung sowie mit der Wandelbarkeit von Form befassen. Deutsch bearbeitet unterschiedlichste Materialien, darunter auch gefundene und gebrauchte Gegenstände zur Anfertigung von Collagen, Skulpturen und Rauminstallationen. Im Zentrum ihres Schaffens steht ein auf den ersten Blick unsichtbares Netz an Bezügen, das Gegenstände, Objekte, Bilder oder Installationen zu einem Gesamten fasst. Die fragmentarischen Elemente und unterschiedlichen Blickwinkel suggerieren mögliche Narrationen. Als Grundlage ihres Referenzsystems dienen Verweise auf Kunst- und Designgeschichte, Zitate aus Literatur und Populärkultur. Ebenso werden persönliche Erinnerungsfragmente eingeflochten. Deutsch untersucht in ihrem Schaffen Formen der Abstraktion und Übersetzung, indem sie die Potenziale des Materials, seiner Struktur und seiner Umformungen auslotet und die Prozesshaftigkeit sichtbar werden lässt.
Sol Lewitt’s Wall Drawing 391 dient als Vorlage für die Arbeit Floor Piece Nr. 1 (2013), bemalte Kissen und Sockel aus Fliessspachtel, die in der Mitte des Ausstellungsraums gemäss der Form der Vorlage angeordnet sind. Das konzeptuelle Wandbild von Lewitt, das Anweisungen folgend wiederholt hergestellt werden kann, besteht aus einer Gegenüberstellung von identischen geometrischen Formen in den Primärfarben und Schwarz, sowie in Schwarzweiss. Ein ikonisches Zitat aus der Kunstgeschichte wird durch die Übersetzung von Farbe und Muster in ein neues Material aus seiner starren geometrischen Form enthoben. Durch seine implizite Gebrauchsfunktion auf den Status eines Designobjekt verweisend, das üblicherweise in seriellen Verfahren hergestellt wird, spielt das Werk auf das Prinzip der Serialität an. Die nach strengen Mustern angefertigten Wandbilder werden zu Gebrauchsgegenständen, die sich hier aber wiederum gerade durch einen unikathaften Charakter auszeichnen. Die rigide geometrische Logik wird aufgehoben und in benutzbare, weiche, bewegliche Objekte transformiert. Die viereckigen Sockel entstehen wiederum aus der Überführung von organischen Elementen aus dem häuslichen Bereich in eine starre skulpturale Form. Die Seitenwände und Flächen der Objekte setzen sich aus Abgüssen eines alten hölzernen Parkettboden zusammen. Die harte Oberfläche konserviert eine deutlich sichtbare Patina und Spuren der Abnutzung. Lebendiges, organisches Material, in stetiger Transformation durch seine Benutzung wird zur rigiden skulpturalen Formulierung. Die Skulpturen Emoji (2013) sind eigenartige Fantasieformen, die wie flüchtige Skizzen oder bewusst drapierte Faltenwürfe wirken, die im Moment eingefrorenen wurden. Emoji dient als Produktname für eine beliebte App mit Emoticons, kleine Zeichen und Zeichnungen, welche die Alltagssprache in Smartphones erweitern und ergänzen. Die Bezeichnung stammt aus dem Japanisch und heisst wörtlich Bild und Buchstaben. Auch wenn die von Deutsch gewählten Titel oftmals eine Narration oder spezifische Assoziation andeuten, steht am Anfang nicht ein Begriff, sondern eine Form oder reflexartiger Gedankengang, der jedoch nicht immer das ist, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. So findet sich im Werk Tugend M die geometrische Form wieder, die in den zwei gefundenen identischen Drucken auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper wirkt. Die, kolorierten Bilder zeigen zwei Knaben, die in sich versunken ein antik wirkenden Vase mit einem Muster bemalen. Gleichzeitig verdeutlicht das ambivalente Motiv der alten Drucke die in Deutschs Anordnung immer wieder auftauchende Frage nach dem fragilen Gleichgewicht zwischen Logik und Reflex oder Kopf und Bauch als gegensätzliche emotionale Handlungsmöglichkeiten.
Judith Welter