Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/2812

BILANZ: Sie haben 1967 bei Rolls-Royce angefangen. Drei Jahre zuvor hatte Rolls den grössten Auftritt: in «Goldfinger».
Tom Purves: Das war eine aufregende Zeit. Der Silver Shadow wurde gerade gelauncht, ein wichtiger technologischer Schritt, weil es der erste Rolls-Royce mit einem Stahl-Monocoque war, wie heute wieder bei unserem Modell Ghost. Damit wurde Rolls-Royce wieder eine coole Marke.
Cool? Wie war die Stimmung damals?
Die Atmosphäre in jenem Jahr kann nicht von den grossen Ereignissen des Jahres getrennt werden. Die Beatles brachten «Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band» heraus, der Vietnamkrieg war in vollem Gange, und Christiaan Barnard führte die erste Herztransplantation durch. Es war eine Zeit grosser Gefühle und gemischter Gedanken.
Und am Automobilmarkt?
Der war kleiner und weniger international. In Grossbritannien wurden 1967 mehrere Hersteller wie Jaguar und Rover zusammengeführt – der Auftakt für eine Phase umfangreicher Subventionen für die Industrie.
Wird es wieder einmal einen Rolls-Royce in einem James-Bond-Film geben – wie in «Goldfinger»?
Insgesamt haben sieben Rolls-Royces in verschiedenen Bond-Filmen mitgewirkt! Das Unternehmen war schon immer gut im intelligenten Marketing – das begann in den zehner Jahren des letzten Jahrhunderts damit, dass wir die Flotte für ein Gipfeltreffen indischer Maharadschas stellten. Damit begann unsere erfolgreiche Zeit in Indien. Seitdem hat sich unser Marketing weiterentwickelt. Heute sprechen wir Kunden sehr individuell an.
Was waren Ihre ersten Eindrücke in der Produktion?
Die ersten sechs Monate habe ich in der internen Ausbildungsstätte verbracht. Der Geruch war stechend, und wir hatten weniger Tageslicht als heute.
Damals produzierte die Firma im legendären Werk Crewe. Drei Tage lang soll jeder Kühlergrill von Hand poliert worden sein.
Crewe war das fünfte Werk in unserer Geschichte, Goodwood ist das sechste. Entscheidend waren immer die Motivation der Mitarbeiter, nach Perfektion zu streben, ihr Stolz und kreativer Wille. Diese Philosophie gab einer unserer Gründer vor, Sir Henry Royce. Sie wurde im ersten Werk in Derby genauso gelebt wie heute in Goodwood.
Gibt es in Goodwood noch viel Handarbeit?
Die Abläufe in der Leder- und Holzwerkstatt sind vergleichbar mit den alten Zeiten in Crewe. Die Lackiererei und die Fertigungslinie sind jedoch völlig anders, topmodern. Wir investieren in Goodwood in jedes Fahrzeug mindestens 360 Stunden.
Es gab viele berühmte Modelle im Lauf der Jahre. Welches ist das wichtigste?
Das entscheidende Modell für Rolls-Royce war bestimmt der Silver Ghost 1907, er hat unseren Ruf für Qualität, technologischen Anspruch und Zuverlässigkeit begründet.
Und Ihr persönlicher Favorit?
Das ist der Phantom II Continental.
Fahren Sie selbst, oder lassen Sie fahren?
Es ist sehr angenehm, auf dem Weg von London an die Südküste in einem Phantom chauffiert zu werden und dabei zu arbeiten. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, in einem Phantom Drop–head Coupé an die Côte d’Azur hinunterzufahren. Es kommt also sehr auf die Stimmung und den Zweck der Reise an.
Wie sieht es bei den Kunden aus?
Im weltweiten Schnitt fahren etwa 80 Prozent der Besitzer den Phantom selbst.
Wer sind Ihre gefährlichsten Konkurrenten:Bentley, Bugatti, Mercedes?
Diese Hersteller bauen auf ihre Weise gute Autos, unsere Wettbewerber sind aber eher ein neuer Hubschrauber, eine neue Yacht, ein neues Privatflugzeug. Unsere Kunden benötigen kein zusätzliches Auto, um von A nach B zu gelangen. Der Kauf eines Rolls-Royce ist emotional, in vielen Fällen ist er die Belohnung für eine erfolgreiche Zeitspanne.
Viele Sportwagenfahrer sprechen von «Liebe» zu ihrem Ferrari oder Porsche. Ein Rolls-Royce ist aber eher etwas zum Bewundern als zum Verlieben – oder?
Nein. Auf jeden Fall kann man sich in ein Automobil verlieben.
Was unterscheidet Ihre Kunden von denen der Konkurrenz?
Unsere Kunden kann man nicht kategorisieren – sie haben nur zwei Dinge gemeinsam: Sie akzeptieren ausschliesslich das Beste, und sie haben die Möglichkeit, das zu bezahlen.
Im Jahr 2000 kam Rolls-Royce zu BMW. Wie ist die
Beziehung zwischen Edelschmiede und Massenhersteller?
Die Aufmerksamkeit im Detail und der technologische Anspruch bleiben das Fundament für einen echten Rolls-Royce. Die BMW Group hat ein tiefes Verständnis für Marken und gibt uns den Freiraum, den wir für den langfristigen Erfolg brauchen.
Und was sagen Ihre Kunden dazu?
Die verstehen, dass wir ohne diese Unterstützung nicht in der Lage wären, das beste Automobil der Welt zu bauen.
In welchen Bereichen hilft Ihnen BMW?
Die BMW Group unterstützt uns vielfältig, sie agiert etwa als unsere Bank, wenn wir investieren. Es ist natürlich einfacher, mit einer Bank zu sprechen, die viel vom Autogeschäft versteht. Wir haben Zugriff auf das Wissen, das bei BMW aufgebaut wurde, etwa auf neue Techniken im Bereich der Efficient Dynamics.
Ein Rolls-Royce mit einem BMW-Motor unter der Haube – kein Stilbruch?
Die Motoren für den Phantom und den Ghost wurden ausschliesslich für Rolls-Royce entwickelt. Sie nutzen aber wichtige Technologien der BMW Group, die uns dabei helfen, in unserem Segment das Fahrzeug mit dem geringsten Verbrauch anzubieten.
Die Clubs sind Bestandteil des Markenkults. Liefern sie auch Anstösse für neue Entwicklungen?
Hunt House in England, die Mutter der Clubs, hat ein einmaliges Archiv, aus dem unsere Designer und Ingenieure unter anderem ihre Inspiration schöpfen.
Wie schlägt sich Rolls-Royce in der Wirtschaftskrise, die den Automobilmarkt voll erfasst hat?
Bis Ende 2008 blieben wir einigermassen verschont von den Auswirkungen der Finanzkrise, seitdem spüren wir in einigen Regionen ein Nachlassen der Nachfrage, 2009 verkauften wir weltweit 1000 Fahrzeuge, 17 Prozent weniger als im Rekordjahr 2008. Allerdings war die Entwicklung weltweit unterschiedlich.
Wie sah sie in der Schweiz aus?
In der Schweiz – das gilt übrigens für ganz Europa – konnten wir gleich viele Automobile verkaufen wie 2008. Das ist mit Blick auf die Stimmung in der Industrie ein bemerkenswertes Resultat.
Mit dem Ghost bringen Sie ein neues Auto mitten in einer Wirtschaftskrise, also eigentlich zum falschen Zeitpunkt.
Im Prinzip ist es grossartig, gerade in dieser Situation ein neues Fahrzeug vorzustellen, denn das bedeutet mehr Aufmerksamkeit. Wir haben die ersten 150 Ghosts noch vor Weihnachten an die Kunden übergeben und damit unser Versprechen gehalten, das Fahrzeug vor dem Wechsel des Jahrzehnts zu lancieren.
Wie viele Autos planen Sie pro Jahr zu verkaufen?
Auf der Basis der Erfahrungen von 2009 ist es schwierig, Vorhersagen für 2010 zu machen. Aber wir erwarten eine deutliche Steigerung. In normalen Zeiten würden wir von einer Verdoppelung unserer Verkäufe im Vergleich zu 2008 ausgehen.
Der Ghost wird 398 000 Franken kosten, ist also teuer. Andererseits ist er viel günstiger als der Phantom, der über 650 000 Franken kostet. Wen sehen Sie als typischen Ghost-Kunden?
Den typischen Rolls-Royce-Kunden gibt es nicht – das sind die individuellsten Persönlichkeiten, die ich je getroffen habe. Laut unseren Gesprächen bevorzugen Ghost-Kunden einen eher informellen Rolls-Royce im Vergleich zum Phantom-Kunden. Es ist mehr eine Frage der persönlichen Präferenzen als des Geldes.
Wenn Geldfragen kein Thema sind – woher sollen dann die zusätzlichen Kunden kommen?
Das neue Modell hat bislang zu 80 Prozent Kunden angesprochen, die noch keinen Rolls-Royce hatten. Viele werden den Ghost täglich nutzen, sie haben zurzeit vielleicht auch eine S-Klasse oder einen BMW 7er, den sie möglicherweise behalten.
Bevorzugen die Königshäuser der Welt immer noch Rolls?
Unsere Kunden sind in ihrem jeweiligen Betätigungsfeld führend, einige gehören auch zu Herrscherhäusern. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir über individuelle Kunden nicht sprechen dürfen. Das ist die generelle Politik unseres Hauses.
Und Schauspieler? Firmenchefs?
Da könnte ich Ihnen dieselbe Antwort geben …
Wie sieht die Zukunft aus? Wird es einen Rolls-Royce geben, in dem ein Hybrid oder gar ein Elektroantrieb schnurrt?
Heute können wir nicht über konkrete Pläne sprechen. Wenn es um alternative Antriebe geht, dann ist ein Hybrid eine mögliche Lösung unter anderen. Das sollte nicht überraschen, Rolls-Royce hatte immer einen hohen Anspruch und wird zusätzlich von Entwicklungen der BMW Group profitieren.
Sie gehen Ende März in den Ruhestand. Nehmen Sie einen Rolls aus dem Fuhrpark mit?
Zu Hause wartet ein BMW 6er Cabriolet auf meine Frau und mich. Aber ich bleibe dem Unternehmen natürlich verbunden und hoffe, das eine oder andere Mal auch eine Fahrt mit einem Rolls-Royce geniessen zu dürfen.
Nach einem Studium in Edinburgh tritt Tom Purves 1967 als Ingenieur bei Rolls-Royce an und besetzt in der Folge diverse Managementpositionen. 1985 wechselt er zu BMW und wird später Länderchef von BMW in Grossbritannien. Von 1999 bis Mitte 2008 führt er BMW USA, dann avanciert er zum CEO von Rolls-Royce, die mittlerweile BMW gehört. Der 61-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Hobbys sind Golf und Motorradfahren.