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Faktoren für Covid-19-Mortalität – beeinflussbar?
Fünf Autoren aus Kanada, USA und Griechenland haben eine sehr sorgfältige und wichtige Analyse der Effizienz von Massnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung von Covid-19 verfasst (Chaudhry et al, eClinicalMed, The Lancet). Die Autoren verwendeten für diesen internationalen Vergleich im Internet publizierte länderspezifische Daten von den 50 Ländern mit den höchsten Covid-19-Fallzahlen.
Sie berücksichtigten für die Untersuchung nicht nur Daten aus den Covid-19-Statistiken, sondern verarbeiteten auch Informationen zur Gesundheitsversorgung (z.B. Pflegekräfte oder Intensivbetten pro Einwohner) und zum Gesundheitszustand (z.B. Übergewicht) der Bevölkerung der untersuchten Länder. Es wurden aber auch demographische Daten (inkl. Bevölkerungsdichte, Alter) und ökonomische Faktoren (Einkommen, Verteilung des Einkommens in der Bevölkerung), ja sogar der Grad von Korruption im jeweiligen Land miteinbezogen.
Analyse der Fallzahlen
Zunächst haben die Autoren Faktoren untersucht, welche mit der Anzahl von diagnostizierten Covid-19 Fällen assoziiert waren. Einige dieser Assoziationen waren kaum überraschend:
- Anzahl der durchgeführten Covid-19-Tests
- Früherer Zeitpunkt eines vollständigen Lockdowns
- Früherer Zeitpunkt der Grenzschliessung
- Höheres Alter der Bevölkerung
- Höherer Anteil an Menschen mit Übergewicht
Im Einzelnen zeigte sich das folgende Bild: Wenig überraschend ist die Tatsache, dass häufigeres Testen zu einer erhöhten Fallzahl führt. Ebenso weisen die Autoren nach, dass ein frühes und entschlossenes Eingreifen mit Lockdown-Massnahmen die Entwicklung der Fallzahlen günstig beeinflussen kann. Die Autoren zeigen zudem, dass damit die Überlastung der Spitäler verhindert werden konnte. Medizinisch sehr einleuchtend ist auch die von den Autoren festgestellte Erhöhung der Fallzahlen bei höherem Altersdurchschnitt der Bevölkerung oder bei erhöhter Rate von Übergewicht, auch wenn diese Risikoerhöhung relativ bescheiden war (6% für Adipositas).
Mortalität in der Bevölkerung
Von höchstem Interesse ist die Frage, welche Faktoren mit der Mortalität zusammenhängen. Es handelt sich vor allem um Faktoren, die nicht so einfach zu beeinflussen sind. Dennoch zeigt die Analyse der Mortalität in den 50 Ländern einige interessante Zusammenhänge: Insgesamt sind in den 50 Ländern von Januar bis Mai 33 Personen pro Million Einwohner gestorben. Die Mortalität steigt natürlich mit höherem Alter (Abb.). Dadurch hängt die Mortalität in einem Land auch wesentlich von der Altersstruktur der Bevölkerung ab (Abb.).
Interessant wird aber die Analyse der Faktoren, welche mit der dem Auftreten von Covid-19-Todesfällen verbunden sind: Hier werden die erwähnten Faktoren (Lockdown, Testaktivität, Grenzschliessungen) plötzlich nicht mehr signifikant. Vielmehr wird nun das Übergewicht sehr relevant (+12%). Die Verteilung des Einkommens in einer Bevölkerung wird zum deutlichen Co-Faktor: Je ungleichmässiger das Einkommen in einer Bevölkerung verteilt ist, desto höher steigt die Mortalität (s. Tabelle. Länder mit ausgeglichenem Einkommen haben einen höheren „dispersion faktor“ und somit eine tiefere Mortalität). Auch die Anzahl der Pflegefachpersonen pro Einwohner als Mass für die medizinische Versorgung hat einen deutlich positiven Effekt. Die Anzahl der Intensivbetten pro Einwohner war in dieser Analyse nicht mehr signifikant assoziiert mit der Mortalität. Diese Anzahl hängt jedoch mit der Anzahl der Pflegefachpersonen zusammen, so dass von diesen voneinander abhängigen Variablen eine wegfällt.
Fehlende Zusammenhänge
Interessant sind diejenigen Faktoren, von denen wir vielleicht denken, dass sie die Mortalität negativ beeinflussen dürften, wofür uns aber die sorgfältig durchgeführte Analyse keine Anhaltspunkte liefert: So beobachteten die Autoren bei folgenden Faktoren, welche sich noch günstig auf die Fallzahl ausgewirkt hatten, KEINEN Einfluss auf die Mortalität:
- Zeitpunkt und Art des Lockdowns,
- Grenzschliessung und
- Anzahl durchgeführter Tests.
Auffallend und von den Autoren sorgfältig diskutiert ist die Beobachtung, dass die Sterblichkeit bei Rauchern tiefer war. Der Effekt ist allerdings schwach und könnte von einer „Verjüngung“ der Bevölkerungen mit mehr Rauchern herrühren.
Kommentar:
Die Arbeit zeigt, dass die Mortalität in den 50 am meisten betroffenen Ländern bis am 1. Mai 2020 bei 33 Todesfällen pro Million Einwohnern lag. Die Massnahmen, welche primär eingeführt wurden, um die Überlastung von Spitälern zu verhindern („flatten the curve“: Lockdown, Grenzschliessungen, Intensivierung der Testaktivität) haben dieses Ziel vermutlich wirksam erreicht. Nun scheint es aber, dass diese Massnahmen kaum einen Einfluss auf die Sterberate in der entsprechenden Bevölkerung haben. Viel entscheidender ist, wie das Land für einen solchen Fall medizinisch gerüstet ist (Anzahl der Intensivbetten pro Einwohner, Anzahl der Pflegefachpersonen pro Einwohner) und wie hoch die Prävalenz des Problems der Adipositas in der Bevölkerung ist.
Herzlichen Dank dem Co-Autor Dr. iur. Kaspar Gerber für die Initiative und Mitarbeit an dieser Literaturreview.
Foto von Vanderelbe.de