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Johann Gottfried Müthel (1728-1788) |Concerti

Neuerscheinung
Bestell-Nr.
2020

Rezension am 03.01.2013
Bernhard Morbach, kulturradio rbb
Bewertung:
Ich habe die vorliegende CD kurz vor Weihnachten erhalten, und sie war für mich wirklich ein Weihnachtsgeschenk von ganz besonderer Art, denn ich habe mich sogleich daran erinnert, dass ich in den frühen 70er Jahren als ganz junger Student der Musikwissenschaft in Saarbrücken an einer Edition der Clavierkonzerte Müthels mitarbeiten durfte. Herausgeber war mein akademischer Lehrer, Prof. Dr. Werner Braun. Erschienen ist die Edition dann erst 1979 in den Denkmälern norddeutscher Musik. Die beiden Clavierkonzerte der vorliegenden CD wurden auf der Grundlage dieser Ausgabe realisiert. Den Fagottkonzerten liegen Manuskripte zugrunde.
Natürlich habe ich mich damals auch in die Biografie des Komponisten und seinen eigentümlichen Stil vertieft. 1747 ist Müthel (mit noch nicht einmal 20 Jahren) am Schweriner Hof als Kammermusiker, Organist und herzoglicher Musiklehrer nachweisbar. 1750 erhielt er einen Urlaub zur Fortbildung bei Johann Sebastian Bach. Dieser nahm ihn in sein Haus auf und Müthel wurde so der letzte Schüler des Thomaskantors, der ihn noch drei Monate unterrichtete und ihn für seinen hervorragendsten Clavierschüler (natürlich auch im Hinblick auf die Komposition von Tastenmusik) hielt. 1753 wandte sich Müthel schließlich nach Riga. Dort wirkte er zuerst als Cembalist und Leiter der privaten Kapelle eines begüterten Staats- und Geschäftsmanns und schließlich als Musiker an der Petrikirche.
Ich habe damals auch versucht, mir den kompositorischen (Clavier-)Stil Müthels (freilich mit sehr bescheidenen Mitteln) zu vergegenwärtigen, den Christian Daniel Friedrich Schubart 1784 in seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst treffend wie folgt charakterisiert: "Seine Stücke haben ein ganz eigentümliches Gepräge – dunkel, finster, ungewöhnlich moduliert, eigensinnig in den Gängen und unbeugsam gegen den Modegeschmack seiner Zeitgenossen." Alles Kühne und Bizarre des instrumentalen Stils Müthels, den man mit der musikalischen Erscheinungsform des "Sturm und Drang" in Verbindung bringen mag, stützt sich jedoch stets auf das Fundament eines strengen Satzes, wobei sich dieses Heterogene bisweilen im kleingliedrigem Kontrast konkretisiert – ohne dass die einheitlich Gesamtwirkung der Musik zerstört würde.
Die höchsten Ansprüche an die Virtuosität des Interpreten erhellen auch aus dem Notenbild auf dem Cover CD. Dort ist eine Clavierkadenz Müthels wiedergegeben. Aber auch die virtuoseste Figuration Müthels hat nie den Charakter eines bloß "leeren Geklingels". Es war nun für mich geradezu ein kleines Weihnachtswunder, diese exquisite Musik Müthels – aus einer immerhin 40jährigen Distanz – nunmehr in einer exzellenten Interpretation erleben zu dürfen.
Künstlerisch ist dieses Müthel-Projekt übrigens in Basel beheimatet. Initiiert und redaktionell organisiert wurde es von Dr. Peter Reidemeister, dem langjährigen Leiter der Schola Cantorum Basiliensis, dem traditionsreichsten europäischen Lehr- und Forschungsinstitut für Alte Musik. In dem Booklet-Text gelingt ihm dadurch eine vorzügliche Darstellung des eigenwilligen konzertanten Stils Müthels, indem er diesen mit den "normalen" Kriterien eines Solo-Konzerts abgleicht, wie sie Johann Joachim Quantz 1752 in seiner "Flötenschule" darstellt. Das Kesselberg Ensemble – so benannt nach einem Stadtteil Rigas, in dem Müthel lebte – wurde 2004 von lettischen Musikern, die die SCB absolviert haben, gegründet. Ein Schwerpunkt des Repertoire ist die Barockmusik Rigas. Dem Müthel-CD-Projekt ist ein einschlägiges Konzert-Projekt in Basel vorangegangen. Dies ist wohl der zentrale Grund dafür, dass den Musikern – insbesondere den Solisten – nicht nur eine souveräne Bewältigung der hohen spieltechnischen Anforderungen, sondern auch eine überzeugende klangliche Darstellung der eigenwilligen kompositorischen Ausdrucksweise Müthels gelingt, die vom Eindruck einer bloßen manieristischen Effekthascherei völlig befreit erscheint.
Mittlerweile hat sich herum gesprochen, dass mit CDs – sogar im Bereich des Klassik-Main-Stream – kaum noch Geld zu verdienen ist. Deshalb ist dieses hoch idealistische Müthel-Projekt umso mehr zu loben. Denn hier begegnen einander eine zu Unrecht vergessene Musik und ein Höchstmaß an musikalischer und editorischer Professionalität.
Kommentare aus der Fachwelt
Dr. Bernhard Drobig (Bonn, Wien)
„Und nicht minder beglückt darf ich danken und gratulieren zu der überraschend virtuosen und zugleich melodisch gefälligen, ja teilweise atemberaubend spannenden Musik aus Müthels überwiegend unveröffentlichten Oeuvre. Bravo, bravissimo, dass es Ihnen gelungen ist, eine so reizvolle Marktlücke zu schliessen!“
Dr. Dagmar Hoffmann-Axthelm (Basel):
„Diese Musik kann die Hörer wirklich nicht kalt lassen - ich habe wieder gestaunt, mich gewundert, bin in ferne Welten entschwebt, dann auch wieder nicht eben sanft auf dem Boden der Tatsachen abgesetzt worden etc. Dieses enorme Stimmungsbarometer geben die Musiker wirklich sehr, sehr schön wieder, und der kenntnisreiche booklet-Text mit der so eindrücklichen Gegenüberstellung von Quantz und Müthel gibt dem Musikerlebnis einen goldenen Rahmen.“
Dr. Carsten Lange (Telemann-Institut Magdeburg)
Eine erstaunliche CD! Erstaunlich, weil sie die Musik eines Komponisten der Bach-Schülergeneration präsentiert, der sich auf der Suche nach Neuem befindet, hörbar auch Brüche und Ausbrüche in Kauf nimmt und tatsächlich Überraschendes schön auskostet und ungeahnte Querwege beschreitet. Lehrer Johann Sebastian Bach schlägt neben Kontrapunktik und Deutlichkeit der Verzierungsnotierung wohl auch mit der Philosophie durch, dass gute Musik überraschen muss. Toll, wie da einer Instrument(e) und neue musikalische Wege erobert! Manch Kurz-Melodie mit "Ohrwurm-Qualität", mitunter die "ganz große Geste" mit viel Bedeutungsschwere, dann wieder Abschnitte des Suchens, auch Eklektizistischen – und insgesamt schöne emotionale, empfindsame Wechsel, wie man sie auch bei Carl Philipp Emanuel Bach so charakteristisch vernimmt. Hörbar, wie hier ein „Virtuose und Phantast“ (Booklet) seine Gedanken in Musik setzt - „bizarr“ im besten Sinne des Wortes.
Und dann sehr einfühlsam musiziert, intelligent den Notentext durchdringend. Die Ensembleleistung ist ebenso beeindruckend wie das Spiel der großartigen Ieva Saliete (Cembalo, Fortepiano) - und dann die Fagottisten! Azzolini – hervorragend! Müthel selbst muss ein sehr guter Cembalist gewesen sein – vernimmt man die anderen Solopartien (insb. die Fagott-Partien!), dürften die anderen Interpreten ihm in nichts nachgestanden haben. Umso mehr ist zu bedauern, dass über die Interpreten nichts zu ermitteln ist…
Der fundierte Booklet-Text fördert in seiner Gegenüberstellung von Empfehlungen aus der Lehrperspektive“ (Quantz) und modernen Ausbrüchen des Jungen (Müthel) ein "entdeckendes Hören".
Prof. Dr. Martin Staehelin (Göttingen)
„Ich wusste zwar von Müthels Eigenwilligkeit und habe mir vor langen Jahren auch einmal die Müthel-Edition im „Erbe deutscher Musik“ angesehen. Aber solche Musik nach 1750 hören – das benötigt mehrfach wiederholtes Hören, denn es passt nicht leicht in unser vorklassisches Konzert-Bild jener Zeit. Ein wenig denkt man dabei gelegentlich an C. Ph. E. Bach, der in seinen späteren Orchestersymphonien ebenfalls barsche Kontraste vorsieht, aber Müthel legt demgegenüber noch zu. Vieles ist sehr gehaltvoll – und dann passiert plötzlich etwas ganz Unerwartetes! Also einstweilen dieses von Müthels Kompositionsstil fasziniertes erstes Echo. Die Müthel-CD ist ein Volltreffer!
P.S.
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