Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/406

«Den Lebensentwurf selber wählen zu können ist das Ziel und das Fundament im Kampf um Frauenrechte», sagt Corinne Schärer, Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia. Fachpersonen diskutierten an einem von der Unia in Bern organisierten Podium über die offenen Baustellen in der Gleichstellung von Mann und Frau.
In der Schweiz sind 80 Prozent der Frauen erwerbstätig. Das sei im Vergleich zu umliegenden Ländern sehr viel, sagt Anja Peter, Sekretärin für Gleichstellungspolitik bei der Unia. Die Erwerbsquote der Männer liegt bei 90 Prozent. «Aber vom Volumen der bezahlten Arbeit decken Frauen weniger als 40 Prozent ab.»
Frauen würden in Teilzeit arbeiten, weil sie Betreuungspflichten für Angehörige haben, so Anja Peter. Sie leisteten aber zwei Drittel der unbezahlten Arbeit, etwa im Haushalt oder bei der Betreuung ihrer Kinder.
In Wochenstunden gezählt arbeiten Männer und Frauen etwa gleich viel: Für Erwerbs- und unbezahlte Arbeit wenden sie rund fünfzig Stunden pro Woche auf, solange sie kinderlos sind. Um die 70 Stunden pro Person und Woche sind es, sobald das Paar ein Kind hat.
Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit
Während alleinstehende Männer und Frauen ungefähr gleich viel Zeit in Haushalt und Beruf investieren, verändert sich die Verteilung bereits bei kinderlosen Paaren mit gemeinsamem Haushalt. Männer erhöhen ihre Erwerbstätigkeit um eine Stunde und reduzieren ihre Hausarbeit um ebensoviel. Frauen reduzieren die Erwerbstätigkeit um drei Stunden und erhöhen die Hausarbeit.
Ist das erste Kind da, arbeiten Frauen durchschnittlich 55,5 Stunden in Haushalt und Betreuung sowie 12,7 Stunden im Beruf. Männer arbeiten dann 30,5 Stunden in der Familie und 39,5 Stunden im Beruf.
Durch den höheren Anteil an Teilzeiterwerbstätigkeit, die tieferen Löhne in Dienstleistungsberufen, in denen Frauen überproportional tätig seien, und die unerklärbare Lohndiskriminierung entstünde den Schweizer Frauen ein Einkommensrückstand von 100 Milliarden Franken pro Jahr, sagt Anja Peter. «Was hat die Frauenbewegung erreicht?» fragt sie ins Podium.
Vieles ist wie vor fünfzig Jahren
«In der Bildung ist die Frauenbewegung eine Erfolgsgeschichte», sagt die Historikerin Elisabeth Joris. Sie selbst habe seinerzeit noch keine Matura machen dürfen und in den 70er Jahren habe die Hälfte der Frauen keine Ausbildung gehabt. «Andere Dinge, wie etwa die Zuständigkeiten für bezahlte und unbezahlte Arbeit sind noch wie vor fünfzig Jahren.»
Auch die Nationalrätin der Grünen, Aline Trede, staunt, dass ihr parlamentarischer Vorstoss Ende November zur Elternzeit oder die Motion zu Quoten für Teilzeitmänner in der Bundesverwaltung im Oktober heute immer noch provozieren.
Neoliberale Vereinnahmung
«Was die Flexibilisierung betrifft, sind wir gescheitert», meint Christina Werder, Zentralsekretärin für Gleichstellungspolitik des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Die Feministinnen forderten flexible Arbeitszeiten, um die Bedürfnisse der Familie mit denen des Berufs koordinieren zu können. Aber heute sage vor allem die Wirtschaft, was sie brauche. «Die Flexibilität ist einseitig», moniert die Gewerkschafterin.
Gleichzeitig sei die Betreuungsarbeit nicht finanzierbar. Also müsse sie privat geleistet werden, was vor allem Frauen täten und dadurch Einkommen einbüssten. «Wir müssen uns fragen, wie wir die Gesellschaft fair organisieren.» Christina Werder sieht in tieferen Wochenarbeitszeiten einen Lösungsansatz. Und natürlich ist für die Gewerkschafterin klar: «Nun müssen wir die Lohngleichheit durchsetzen.»
Nötige Aufklärung
Der Soziologe Simone Horat von der Universität Neuenburg findet, dass Männer ihre geschlechtertypische Interpretation von Arbeit revidieren müssten. Wenn Männer nämlich Teilzeit arbeiteten, bedeute dies nicht zwingend, dass sie sich entsprechend mehr an der Haus- und Familienarbeit beteiligten, sondern oft, dass sie die gewonnene Zeit für ihre Hobbies nutzten. «Wir müssen auf die Männer zugehen und sie sensibilisieren. Wir müssen das Volk aufklären», sagt der einzige Mann in der Runde.