Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03403.jsonl.gz/1977

Von Fabian Biasio (Realisation und Multimedia)
und Susan Boos (Texte und Recherche)
Im März 2011 schmolzen im japanischen AKW Fukushima Daiichi drei Atomreaktoren durch. Grosse Gebiete wurden verseucht, Tausende von Menschen mussten zwangsevakuiert werden. Der Staat versucht nun, die verstrahlten Areale zu dekontaminieren.
«Shoganai», sagen die JapanerInnen dazu – «das lässt sich nicht ändern», «das muss man erdulden». Sie sagen oft «Shoganai», auch im normalen Leben. Doch seit sich der unsichtbare radioaktive Schleier über das Land gelegt hat, ist hier alles Shoganai. Noch immer fahren jeden Tag sechs- bis siebentausend Arbeiter von Naraha ins AKW Daiichi und versuchen, die Katastrophe in den drei Reaktorruinen einzudämmen. Derweil verwildert das Land, wilde Tiere erobern die leeren Gehöfte und Siedlungen.
Die Texte basierend auf dem Buch «Fukushima lässt grüssen»
von Susan Boos sowie auf Artikeln der Autorin in der WOZ.
Die Fotos und Videointerviews entstanden auf zwei Reisen
in den Jahren 2012 und 2016.
Die Familie Sato musste im Mai 2011 alles zurücklassen. Sie hatten in der Sperrzone ein kleines Unternehmen. Sato und sein Vater verliehen grosse, metallene Gussformen, die man braucht, um an den Ufern aus Beton Wellenbrecher zu giessen.
Der Tsunami hatte alles zerstört. Doch Sato und sein Vater konnten sich mit ihren Gerätschaften nicht am Wiederaufbau beteiligen, weil ja alles kontaminiert war. Jahrlang warteten sie auf finanzielle Entschädigung und konnten deshalb kein neues Geschäft aufbauen. Gerade weil der Tsunami so viel kaputt gemacht hatte, hätten sie mit dem Wiederaufbau doch ordentlich Geld verdienen könnte, sagt er. Es brauchte viele neue Wellenbrecher. Die Satos mussten zuschauen, wie andere gute Geschäfte machten.
Die Gemeinde Iitate liegt in den Bergen. Als am 15. März 2011 die Strahlung am höchsten war, trieb der Wind die radioaktive Wolke über die Hügel Richtung Nordosten, direkt auf Iitate zu. Am 15., 16. und 17. habe es wie verrückt geschneit, sagt Sato, vierzig bis fünzig Zentimeter nasser Schnee sei gefallen.
Mit den Schneeflocken gingen die strahlenden Partikel zu Boden, nur haben die Leute tagelang von nichts gewusst. Wegen der hohen Strahlenbelastung wurde dieses Gebiet nachträglich evakuiert. Nur tagsüber dürfen die Menschen vorübergehend ihre Häuser besuchen – bis heute. Es dunkelt schon, als wir ankommen.
Kenichi Hasegawa hatte einmal über dreissig Milchkühe. Er lebt noch immer in seinem Haus in Iitate-Mura, obwohl das eigentlich verboten wäre. Die Familie ist weg, die Kühe auch, die musste er im Frühjahr 2011 notschlachten oder verkaufen. Die Strahlenbelastung war zu hoch, um weiter Landwirtschaft zu betreiben.
Hasegawa sagt, er habe sich nie um AKW gekümmert, erst mit dem Unfall habe er verstanden, wie unglaublich gefährlich diese Technologie sei. «Und wir sind so leichtsinnig damit umgegangen.»
Fotos, Multimedia, Redaktion: Fabian Biasio
Texte und Recherche: Susan Boos
Übersetzungen: Chihaya Koyama Lüthi,
Masato Yamamoto, Ai Furuya
Musik: Peter Grob (Violine)
Masako Sawai
Kenta Sato
Syunji Miura
Ruiko Muto
Kenichi Hasegawa
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Die Vervielfältigung für den persönlichen, nichtkommerziellen Gebrauch ist erlaubt. Die Reproduktion und/oder Weiterverwendung über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.