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Diese Bereiche wurden allerdings schon häufig (wenn auch nicht in dieser Ausführlichkeit) dargestellt, hingegen wurde der sich ab 1928 bildende mathematisch-philosophische Kreis um Karl Menger, die Treffen von Gomperz und Popper und die verschiedenen öffentlichen Popularisierungsversuche (z. B. über den Verein Ernst Mach) bzw. über Volkshochschulen sehr viel seltener dargestellt. Außerdem widmet sich Stadler auch dem prekären Verhältnis Wittgensteins zu den Mitgliedern des Wiener Kreises und auch dem später legendenhaft dargestellten Verhältnis von Karl Popper zu vielen Vertretern des logischen Empirismus. Ausführliche Quellen (etwa ein erstmals publiziertes Interview mit Karl Popper), Mitschriften der Diskussionen aus dem Wiener Kreis unter Moritz Schlick bzw. die sehr viel ausführlicheren Aufzeichnungen aus dem Mengerkreis oder auch die psychologischen Gutachten bzw. Gerichtsprotokolle zur Ermordung von Moritz Schlick veranschaulichen eindrucksvoll nicht nur das Denken, sondern auch die sozialen und politischen Verwicklungen dieser Wissenschaftsgemeinschaft.
Ein besonders trauriges, wenn hier auch nur gestreiftes Kapitel, betrifft das Verhalten des offiziellen Österreich zu den zahllosen aus politischen bzw. rassischen Gründen Vertriebenen des Wiener Kreises. Wobei hier deutlich gemacht werden muss, dass der entscheidende Aderlass nicht erst nach Hitlers Einverleibung der „Ostmark“ erfolgte, sondern bereits zuvor unter dem katholisch-austrofaschistischen Regime. Da sich Österreich bis in die später 80er Jahre stets als das erste „Opfer“ Hitlers stilisierte und jegliche Verantwortung für die Gräuel des Regimes zurückwies (obschon überproportional viele Österreicher in führender Postition im Nationalsozialismus tätig waren), gab es auch keine Entnazifizierung (wie etwa in Deutschland), sodass es auch in philosophisch-akademischer Hinsicht zu einer ungustiösen Fortsetzung einer katholisch-metaphysisch-autoritären Philosophie kam, wobei man sich nicht die Mühe machte, die unter dem faschistischen Regime Tätigen auszuwechseln.
Das Ergebnis war und ist (denn die österreichische Philosophie hat sich bis heute nicht von diesem Exodus erholt) das Absinken in eine weitgehende Bedeutungslosigkeit. Neben moralisch-ethischen Gesichtspunkten (der österreichische Staat hat keinen einzigen der vertriebenen Philosophen wie Feigl, Popper, Gödel, Carnap, Frank, Waismann, R. v. Mises und unzählige andere je zur Rückkehr aufgefordert, er hat im Gegenteil sogar die Versuche Karl Mengers, nach Wien zu kommen, torpediert, einzig Viktor Kraft erhielt nach langen Querelen eine Professur für zwei Jahre) wurde damit die Bedeutungslosigkeit der österreichischen philosophischen Fakultäten zementiert, einzig Ernst Topitsch erlangte mit seinen Arbeiten über Metaphysikkritik auch internationale Anerkennung, Wolfgang Stegmüller musst hingegen nach München gehen, um ein phil. Ordinariat zu erhalten. Wenn man die obige (unvollständige!) Liste prominenter Denker liest, kann man ermessen, welcher Schaden aus dümmlichen, politischen Vorurteilen (die Universitätsagenden wurde in den Nachkriegsjahren von ausschließlich konservativ-katholischen Ministern geführt) der Universitätslandschaft in Österreich erwachsen ist. Hinzuzählen wären noch die während oder kurz nach dem Kriege Verstorbenen (Zilsel, Neurath, Wittgenstein) oder Psychologen wie Karl Bühler, die Soziologengruppe um Lazersfeld, Jahoda und Zeisel (mit ihrer weltberühmten, wegweisenden Studie der „Arbeitslosen von Marienthal), sodass man zum Schluss kommen muss, dass staatliche Ignoranz und Dummheit für die fast gänzliche Vernichtung österreichischen Geisteslebens verantwortlich zeichnet. Und man hat bis heute nicht viel gelernt: Immer noch werden wissenschaftliche Positionen nach politischen oder konfessionellen Gesichtspunkten vergeben (wobei ich die rezenten Besetzungskritieren nicht mehr kenne: Ich habe aber nichts von Verbesserungen vernommen).
Stadlers Buch (bzw. sein Bemühen um eine Rehabilitation der philosophischen Positionen des Wiener Kreises, die abseits von Letztbegründungsversuchen immer noch große Relevanz besitzen) verdient größtes Lob. Die Aufarbeitung und Darstellung der Quellen ist hervorragend, zeugt von äußerster Sorgfalt und Genauigkeit und stellt einen wichtigen Meilenstein einer philosophiegeschichtlichen Darstellung dieser Epoche dar. Wobei es allerdings unzählige Bereiche gibt, die noch der Behandlung harren: Etwa die volksbildnerische Tätigkeit (besonders im Zusammenhang mit Neuraths Versuchen einer „Wiener Methode der Bildstatistik“, die – signifikanterweise – vor allem in England erforscht wird) oder auch die für jene Zeit ganz außergewöhnlich bedeutsame Rolle weiblicher Philosophen und Wissenschaftler: Olga Hahn-Neurath, Olga Taussky-Todd, Marie Reidmeister, Hilda Geiringer-Mises, Maria Jahoda u. a. – Leider wurde das Buch von Suhrkamp-Verlag nicht wieder aufgelegt und ist – wenn überhaupt – nur zu einem horrenden Preis zu bekommen.