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Das Wichtigste in Kürze
- Die Corona-Massnahmen schützen auch vor anderen Krankheiten.
- Eine Simulation zeigt, dass das Risiko für Grippe nach der Pandemie jedoch steigen könnte.
Nach einer Simulationsstudie mahnen US-Forscher nun, der verringerte Kontakt zu anderen Krankheitserregern könnte nach Aufhebung der Corona-Massnahmen dazu führen, dass Menschen für solche Infektionen anfälliger würden. Unabhängige Experten betonen aber, die Arbeit enthalte viele Spekulationen und solle nicht falsch interpretiert werden.
Historischer Tiefstand der Grippe-Kranken
Die in vielen Ländern üblichen Corona-Massnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen schützten nachweislich vor Covid-19, schreibt das Team um die Epidemiologin Rachel Baker von der Princeton Universität in den «Proceedings» der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften. Das gelte auch für andere Infektionskrankheiten. «Ein Rückgang der Fallzahlen mehrerer respiratorischer Krankheitserreger wurde in letzter Zeit an vielen Orten weltweit beobachtet.»
Erst Ende Oktober - nach dem Ende des Winters auf der Südhalbkugel - hatten Forscher im Fachblatt «The Lancet» von einem historischen Tiefststand an Grippeerkrankungen in Australien und Neuseeland berichtet. Als Erklärung für das Phänomen verwiesen auch sie auf die Corona-Massnahmen wie etwa Abstandhalten, Mund-Nasen-Schutz und Schulschliessungen.
Mehr Grippe-Kranke dafür im Winter 2021/22?
Das Team um Baker geht davon aus, dass solche Massnahmen und der verminderte Kontakt zu Krankheitserregern die Anfälligkeit der Bevölkerung für verschiedene Infektionen später erhöhen können.
Mit verschiedenen Modellen simulierten die Forscher, wie sich der Wegfall der Corona-Massnahmen auf zwei saisonale Erreger auswirken könnte: Grippeviren vom Typ Influenza-A (IAV) sowie das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), das Atemwegserkrankungen vor allem bei Kleinkindern auslöst. Ihrer Schätzung zufolge sank in den USA die Zahl der RSV-Übertragungen seit Einführung der Corona-Massnahmen um etwa 20 Prozent.
Auf dieser Grundlage berechnen die Autoren, dass auch kurzzeitig geltende Massnahmen zeitlich verzögert zu einem Anstieg der RSV-Infektionen führen könnten. In der Simulation für die USA und Mexiko würden demnach im Winter 2021/22 die meisten RSV-Fälle aufkommen. Hinsichtlich saisonaler Ausbrüche von Influenza A kam das Team zu ähnlichen Ergebnissen. Allerdings räumen die Autoren selbst ein, dass Prognosen zu Grippewellen vor allem aufgrund der Vielfalt dieser Viren und der unterschiedlichen Wirksamkeit vorhandener Impfstoffe problematisch seien.
Experten kritisieren: «Die Aussagen sind spekulativ»
Dies sei tatsächlich ein Schwachpunkt der Studie, sagt auch die Virologin Gülsah Gabriel vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg, die nicht an der Studie beteiligt war. «Influenza-A-Viren sind wandelbar und anpassungsfähig. Diese Virusevolution ist ein dynamischer Prozess, der nicht modelliert werden kann.»
Auch der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg wendet ein, derartige Dynamiken liessen sich in mathematischen Modellen kaum erfassen: «Es könnte zu einer überschiessenden Influenza-Welle kommen, aber auch das Gegenteil eintreten», sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Die Aussagen der Studie seien spekulativ.
Trotzdem gegen Grippe impfen
«Würden wir jetzt über drei Jahre alle Viren von uns fernhalten, dann wäre das sicher problematisch für unser Immunsystem», betont Salzberger. Allerdings würden die meisten Menschen nicht ständig etwa eine Maske tragen, sondern nur für kurze Zeit. Eine jahrelange Abstinenz von Krankheitserregern sei auch deshalb unrealistisch, weil verschiedene Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 schon weit entwickelt seien.
Daher sei es auch in den kommenden Wintern wichtig, ausreichend Influenza-Impfungen parat zu haben.