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«I feel like a Swiss», sagt Daniel Zillig, «I feel a strong connection with Switzerland». Daniel Zillig, der sich als Schweizer fühlt und eine enge Verbindung zur Schweiz empfindet, lebt in Australien. Er ist 29 Jahre alt, verheiratet und führt einen kleinen Geschenkladen, der hauptsächlich Digeridoos anbietet. Sein Vater war vor über dreissig Jahren aus der Schweiz ausgewandert. Da Daniel Zilligs Eltern bei seiner Geburt keinen Schweizer Pass beantragten, ist er australischer Staatsbürger. Jetzt bemüht er sich um den roten Ausweis, weil er sich als Schweizer fühlt. Wenn er seinen Pass erhalten hat, worum ihn mancher Albaner, der schon Jahrzehnte hierzulande lebt, beneiden dürfte, zählt er zu den knapp 600 000 AuslandschweizerInnen.
Ein seltsames Wort; es gibt weder «Auslanddeutsche» noch «Auslandösterreicherinnen». Laut Bundesgesetz sind diejenigen SchweizerInnen AuslandschweizerInnen, die nicht in der Schweiz leben und die bei einer Schweizer Vertretung im Ausland angemeldet sind.
Der Begriff Auslandschweizer versteckt ein nationalistisches Konzept. Noch im 19. Jahrhundert kümmerte sich die republikanische Schweiz, die viele Flüchtlinge aufnahm, kaum um die zahlreichen EmigrantInnen, welche das Land meist aus materieller Not verliessen. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als nationalistische Tendenzen an Einfluss gewannen. Die aufkommenden Begriffe «Überfremdung» und «Auslandschweizer» bildeten nun ein janusköpfiges Paar: Einerseits wurden die ImmigrantInnen zusehends feindlich behandelt, andererseits versuchten politische Eliten, mit dem Konzept der «Vierten Schweiz» (die 1938 mit der Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache zur «Fünften Schweiz» wurde) die befürchtete «Enthelvetisierung» der EmigrantInnen zu verhindern. Diese sollten im Gegenteil ihre ethnische Eigenart bewahren und schweizerisches Nationalbewusstsein auch im Ausland festigen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die verbreitete Sorge um das Wohlergehen der AuslandschweizerInnen in der Bundesverfassung verankert; sie hält fest, dass Institutionen wie die Schweizerschulen, die Beziehungen unter den AuslandschweizerInnen und zu ihrer Heimat fördern, finanziell zu unterstützen seien.
Jassen im Schweizer Club
Eine wichtige Stütze für die Bewahrung schweizerischer Traditionen im Ausland bilden auch die über 750 Schweizer Clubs und Vereine, deren Mitglieder sich zum Jassen, Fondue-Essen, zur 1.-August- und Klaus-Feier und, wie in Holland, zum gemeinsamen Schiessen mit Schweizer Waffen und Munition treffen. Deren Präsidentin, Ruth Eversdijk, die 1974 in die Niederlande ausgewandert ist, erachtet es als eine der wichtigsten Funktionen der Clubs, den AuslandschweizerInnen und ihren Kindern «Schweizerisches» näher zu bringen: «Wir bieten jetzt den Kindern Hochdeutschkurse an, damit sie einander korrekte Briefe schreiben können.»
Selbstredend sind die AuslandschweizerInnen nicht allesamt TrägerInnen einer nationalistischen Ideologie. Wie eine Studie des GfS-Forschungsinstituts gezeigt hat, sind die AuslandschweizerInnen, die ihre politischen Rechte auf eidgenössischer Ebene seit 1992 wahrnehmen dürfen, in ihrem Abstimmungsverhalten «weltoffener» als die hiesige Bevölkerung; anders als diese stimmten sie etwa dem EWR-Beitritt deutlich zu. Und der «Auslandschweizerrat», das als «Parlament der Fünften Schweiz» geltende oberste Organ der 1916 gegründeten «Auslandschweizer-Organisation», befürwortet auch das neue Einbürgerungsrecht mit grosser Mehrheit.
Zudem hat jeder Fall seine eigene Geschichte. Warum jemand in ein bestimmtes Land emigriert, aus welcher Schicht sie stammt und wie sie dort aufgenommen wird, wirkt sich auf die Ausprägung des Heimatgefühls aus. Ein Bauernpaar, das aus materieller Not nach Lateinamerika emigriert und dort sein Leben auf einer einsamen Farm unter prekären Bedingungen fristet, wird einen anderen Patriotismus entwickeln als der wohlhabende Manager, der alle drei Jahre den Kontinent wechselt, oder die mittelständische Familie in Australien, die ihre Freizeit in einem Schweizerklub in Melbourne verbringt und dort schweizerische Traditionen pflegt.
Heimat ohne Erfahrung
Doch wer seine Heimat verlässt oder dessen Eltern eingewandert sind, gerät in eine besondere Lage: Er lebt zwischen mindestens zwei Kulturen, was unweigerlich die Frage nach der nationalen Identität, nach den kulturellen Wurzeln und der Heimatverbundenheit aufwirft – und zu irritierenden, irrational scheinenden Antworten führen kann. Daniel Zillig, der die Schweiz kaum kennt, sagt, er liebe schweizerische Werte wie Pünktlichkeit, die Schweizer Kultur, die Schweizer Geschichte, vor allem aber das Schweizer Gemeinschaftsgefühl. In Australien gebe es das nicht. Er wolle in die Schweiz «zurückkehren»; mit dem Land, in dem er seit seiner Geburt lebt, scheint er sich nicht wirklich auseinander zu setzen.
Auch Kinder können ihre Umgebung ablehnen. Die elfjährige Saskia Flückiger, die mit ihrer Familie seit ihrer Geburt im Ausland und seit zweieinhalb Jahren in Buenos Aires lebt, wo der Vater als Manager in einer internationalen Firma arbeitet, liebt Argentinien nicht und fühlt sich als Schweizerin, sagt sie. An der Schweiz liebt sie «die Schokolade und den Schnee». Ihrem Bruder, dem dreizehnjährige Samuel, der ebenfalls höchstens einmal pro Jahr hier weilt, missfällt an der Schweiz, «dass es etwas viele Ausländer hat». Er sei Schweizer «wegen der Eltern und wegen des Schweizerblutes». Auch der fünfundzwanzigjährige Hermann Gnägi, dessen Eltern nach Panama auswanderten, definiert sich als Schweizer, obschon er das Land nur vom Studium her kennt: «Meine Erziehung war schweizerisch, ich spüre, wie die Schweiz in meinem Blut ist.»
Stolz auf Schweizer Demokratie
Viele AuslandschweizerInnen haben zu ihrem Herkunftsland trotz Heimweh eine kritische Distanz gewonnen, die sich oft mit einem eigenartigen Patriotismus paart. Die Aussage, man sei seit dem Wegzug «lockerer» geworden, ist geradezu ein Topos, auf den auch der achtundsechzigjährige Kaspar Kindlimann zurückgreift. Er hat in der Schweiz die Mittelschulen besucht, ansonsten aber immer in Italien gelebt – und definiert sich als Schweizer. Prägend seien die Ferien gewesen, die er im Engadin bei seinem Götti verbracht habe. «Meine Wurzeln sind hier, hier habe ich laufen und das Bergsteigen gelernt». Besonders stolz ist er auf die Schweizer Demokratie: «Ich bin kein Freund von Blocher, aber das Volk hat ihn in den Bundesrat gewählt, und das akzeptiert man hier.» Auch der 1935 geborene Peter Meury, der «nicht nach Australien auswanderte, sondern dorthin ging, um zu arbeiten», hat ein kritisches Bild von der Schweiz gewonnen. Es stört ihn, dass hier eine negative Stimmung herrscht. An der letzten 1.-August-Feier auf dem Berner Bundesplatz fühlte er sich nicht wohl: «Die heutigen Schweizer sind keine richtigen Schweizer mehr.»
Der Mensch braucht Heimat. Sie gibt ihm ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit und einen Orientierungssinn, ohne den das Leben kaum zu meistern ist. «Die Heimat», schrieb Jean Améry, «ist das Kindheits- und Jugendland.» Die Erinnerungen an den Schulweg, an Spiele in der Abenddämmerung oder den Duft der Lieblingsspeise begleiten einen Menschen ein Leben lang. Wer als AuslandschweizerIn in der Fremde lebt, neigt dazu, die Heimat zu verklären und – auch ungewollt – auf die nationalistischen Deutungsmuster zurückzugreifen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den politischen und kulturellen Schweizer Eliten formuliert wurden. Befremdend wird Heimatliebe dann, wenn sie auf ein unbekanntes Vaterland fixiert ist oder das Bild einer Nation, die sich verändert hat, konserviert und mythisch überhöht.