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Indonesien ist mit über 17’000 Inseln der grösste Archipelstaat der Erde. Die rund 270 Millionen Einwohner des Landes sind aber gut zur Hälfte auf Jakarta und dem Rest der Insel Java angesiedelt. Einschliesslich der Peripherie leben inzwischen mehr als 30 Millionen Einwohner in der Grossstadt, was Jakarta zu einer der am stärksten überbevölkerten Städte macht. Dies zieht eine Vielzahl an Problemen nach sich: Die Stadt hat gewichtige Infrastrukturprobleme. Unter anderem sind sanitäre Einrichtungen ungenügend ausgebaut und das Wasser grossflächig verschmutzt. Die Stadt hat mit schlechter Luftqualität zu kämpfen, und auch ein funktionierendes Müllabfuhrsystem fehlt. Ebenfalls zu diesen Problemen zählen die verstopften Strassen: Staus kosten die Wirtschaft jährlich schätzungsweise 4.3 Milliarden Euro.
Problematisch ist aber vor allem die Tatsache, dass Jakarta sinkt. Um genügend Wasser für die Bewohner der Hauptstadt aufbringen zu können, wird viel Grundwasser entnommen, sodass sich der Erdboden um rund sechs Zentimeter pro Jahr senkt. Würde nichts unternommen, könnte nach Berechnungen der Nationalen Forschungs- und Innovationsagentur bis 2050 ein Viertel der Hauptstadt unter Wasser stehen. Sowieso wird damit gerechnet, dass die Wasserversorgung den übermässigen Anforderungen einer solchen Metropole und dem daraus resultierenden Druck auf die Ressourcen nicht mehr lange standhalten kann.
Eine schöne neue Welt soll her
Indonesiens Regierung mit dem bald abtretenden Präsident Joko Widodo haben nun ihre Lösung präsentiert: Am 17. August 2024, dem Unabhängigkeitstag Indonesiens, soll Jakarta voraussichtlich als politisches Zentrum ersetzt werden. Nusantara heisst die neu auserkorene Hauptstadt. Sie befindet sich in der Provinz Ost-Kalimantan auf Borneo, der drittgrössten Insel der Welt. Borneo ist zwischen den drei Staaten Brunei, Malaysia und Indonesien aufgeteilt; mit Indonesien als grösstem Teilhaber. Regierungsgebäude und Wohnungen müssen für dieses Grossprojekt von Grund auf neu erbaut werden.
Nusantara wird sich letztlich über eine Fläche von 256'000 Hektaren ausbreiten und damit viermal so viel Platz einnehmen wie die jetzige Hauptstadt Jakarta - doppelt so viel wie New York City. Bis ins Jahr 2045 soll Nusantara fast 2 Millionen Einwohner beherbergen. Die Vision dieser neuen Hauptstadt zeichnet eine futuristisch anmutende Stadt, die die Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Am neuen Standort will man nicht nur das Wirtschaftswachstum ankurbeln, sondern durch die Nutzung von erneuerbaren Energien auch bis 2045 die CO2-Neutralität erreichen. Elektrobusse, riesige Lebensmittelplantagen, Parks und Wälder sowie eine intelligente Abfallbewirtschaftung sind nur einige Bestandteile dieses grossen Vorhabens.
Das alles klingt erst einmal grossartig. Viele zweifeln allerdings an den Versprechungen der indonesischen Regierung und der Durchführbarkeit des Projekts. Das Ganze scheint einigermassen abgehoben von der harschen Wirklichkeit.
Auswirkungen auf Mensch und Umwelt
Von den Indonesiern wird Borneo als „Lunge der Welt“ bezeichnet. Allein in Ost-Kalimantan befinden sich nach Angaben der Regierung über 8 Millionen Hektaren Wald, darunter rund 438‘000 Hektaren, die für den Naturschutz bestimmt sind – noch. Laut Forest Watch Indonesia, einer ansässigen Nichtregierungsorganisation, sollen Genehmigungen für forstwirtschaftliche und mineralgewinnende Aktivitäten relativ freigiebig erteilt werden können. Da hinein spielen Unklarheiten gegenüber dem Schutzstatus der Naturwälder im Gebiet der neuen Hauptstadt.
Trotz Beschwichtigungen der indonesischen Regierung befürchten Umweltschützer nun, dass die seit Jahren fortschreitende Entwaldung durch den Bau der neuen Stadt beschleunigt wird. Borneo beheimatet eine ausserordentliche Vielfalt an Tieren, die auf unversehrte und zusammenhängende Habitate im Regenwald angewiesen sind. Orang-Utans müssen in Borneo bereits jetzt aufwendig geschützt werden. Aber auch Sonnenbären, Nebelparder, Flughunde, die kleinsten Nashörner der Welt oder die vom Aussterben bedrohten Nasenaffen bewohnen die tropische Insel. Bereits jetzt ist klar, dass die Pläne der Regierung die Lebensräume der Tiere kaum oder gar nicht berücksichtigen. Für eine zukünftige Millionenstadt wie Nusantara muss natürlich auch die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden. Vor allem im Hinblick auf die Logistik der Industriestandorte und Verteilung der Ressourcen soll die Hauptstadt vom Rest der Insel gut erreichbar sein. Dies wird unweigerlich zu einer verstärkten Fragmentierung führen. Ferner werden wichtige Korridore durch Bebauungen durchschnitten, sodass die Tiere kaum mehr Möglichkeiten finden werden, vom einen ins nächste Habitat zu wechseln. Dies bedroht ihr Überleben zusätzlich.
Eine neue Stadt – zum Wohle aller Indonesier?
Während manche Mitglieder der indigenen Völkergruppe den wirtschaftlichen Fortschritt begrüssen, sind viele Gemeinschaften im indonesischen Teil Borneos skeptisch. Schon während der letzten paar Jahrzehnte wurde immer wieder Wald den kommerziellen Aktivitäten (wie Palmölplantagen und Kohleminen) geopfert und so die Lebensgrundlage für die indigene Bevölkerung eingeschränkt. Mit der neuen Hauptstadt werden sich wohl auch diese Machenschaften verstärken. Familien, die das Land ihrer Vorfahren schon seit Generationen bewohnen und selbstversorgend bewirtschaften, könnten mit einer geringen Entschädigung von der Regierung vertrieben werden. Rechtlich ist dies ziemlich problemlos durchzusetzen, da indigene Völker nur selten im Besitz von Dokumenten zum Eigentumsnachweis ihres Landes sind. Geschätzte 20'000 indigene Menschen sollen für das Projekt Nusantara im Namen der nationalen Entwicklung umgesiedelt werden. Obwohl von Regierungsseite beteuert wird, dass die örtliche Bevölkerung miteinbezogen werden soll, wird weitläufig kritisiert, dass kaum Kommunikation stattfindet, sondern Entscheide jeweils ausschliesslich im Sinne des Staates gefällt werden. Auf der einen Seite werden Schulungsprogramme und Workshops veranstaltet, die die indigene Bevölkerung digitale Fähigkeiten und moderne landwirtschaftliche Techniken lehren. Auf der anderen Seite werden die Gräber ihrer Vorfahren verlegt.
Die Problematik dieses überaus ehrgeizigen Projektes liegt darin, dass zum Erreichen des Ziels alle Mittel recht zu sein scheinen. Sicherlich stellt die fehlende Zeit eine Herausforderung dar, denn die Regierung bangt um die Zukunft Indonesiens. Auch dass Umwelt- und Klimaschutz in die Pläne überhaupt Einzug hielten, ist klar zu begrüssen. Betrüblich ist dann im Gegenzug, dass bereits im ersten Schritt die indigene Bevölkerung und einzigartige Natur ausgeklammert und nicht etwa als kulturelle und biologische Bereicherung des Staates angesehen werden. Viele Experten bezeichnen das Projekt Nusantara deshalb bereits jetzt als eine ökologische und soziale Katastrophe, die nur darauf wartet, einzutreten.
Quellen und weitere Informationen:
Al Jazeera: Indigenous fear Indonesia new capital plan
Euro News: Indonesia unveils construction site of new capital city
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