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Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 15. April 2005 von Peter Ziegler
Demnächst wird das Haus Seestrasse 114, das 1842 erstellte einstige Saalgebäude des Gasthofs Krone, abgebrochen. Bis 1932 war es − gegen die Seestrasse leicht vorspringend − mit der «Krone», einem der ältesten Wädenswiler Gasthäuser, zusammengebaut. Ein Blick in eine wechselreiche Geschichte. Nebst dem Gesellenhaus bei der Kirche war das Wirtshaus zur Krone, dessen Anfänge vermutlich in die Zeit um 1500 zurückreichen, die einzige Gaststätte im Dorf Wädenswil, die über ein Tavernenrecht verfügte. Gestützt auf dieses obrigkeitliche Recht, das periodisch erneuert wurde, war der «Krone»-Wirt ermächtigt, in seinem Haus auch warme Mahlzeiten aufzutischen und Gäste über Nacht zu beherbergen, während die Pintenwirte lediglich Wein ausschenken durften. Das im Unterdorf gelegene Wirtshaus profitierte sowohl vom regen Schiffverkehr auf dem Zürichsee als auch von den Reisenden, welche die Landstrasse Zürich − Chur benützten.
Anfänge im 16. Jahrhundert
Die «Krone»-Wirte − 1530 war es Jakob Klein, 1555 Felix Hofmann und um 1653 ein Angehöriger der Familie Hauser − durften mit Recht auf ihren Besitz stolz sein. Zur Liegenschaft, welche östlich durch den offen zum See fliessenden Kronenbach begrenzt war und auf den andern drei Seiten «um und um an die Weg und Landstrassen» stiess, gehörte nämlich nicht nur das «Wirtzhus», sondern auch eine Metzg, ein Speicher, ein Pferde- und ein Schweinestall. Das rundum mit einer Mauer abgegrenzte Gasthaus-Heimwesen umfasste sodann einen Kraut- und Baumgarten sowie etwas Hanfland.
Wirte-Dynastie Eschmann
Im Februar 1682 kam die «Krone» in den Besitz des Wädenswiler Landschreibers Hans Jakob Eschmann, der von 1634 bis 1694 lebte. Der aus dem begüterten und angesehenen Rittmeister-Geschlecht stammende Käufer dachte wohl kaum daran, selbst zu wirten. Er hatte nämlich in zwei schon ihm gehörenden Betrieben, in der Giessenmühle und der Säge am Sagenrain, vollauf zu tun und setzte darum seinen Bruder, den Untervogt Christen Eschmann (1636–1685) als «Krone»-Wirt ein. Wenige Jahre vor dessen Ableben, 1682, nahm Heinrich Schwarzenbach den Gasthof in Pacht. 1690 folgte Andreas Hauser und 1693 Hans Jakob Hauser.
Nach häufigem Wirtewechsel traten zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder stabilere Verhältnisse ein. Seit 1706 war Feldschreiber Heinrich Eschmann aus der Giessenmühle Eigentümer des Gasthauses zur Krone. Er hatte es vom Quartiermeister Rudolf Eschmann samt allem Inventar gekauft. Die «Krone» muss für damalige Begriffe sehr hablich eingerichtet gewesen sein. Das Protokoll über die Handänderung nennt nämlich einen stattlichen Hausrat mit vielen Möbeln, mit Wäsche, Geschirr und Küchenzubehör.
Im Jahre 1750, als Lisabeth Eschmann, die Gattin des Säckelmeisters Jakob Müller zu Mülenen/Richterswil, das ererbte Wirtshaus zur Krone an den Krämer Jakob Kuster aus dem Rheintal verkaufen liess, werden erstmals auch einzelne Räume des Hauses − zwar wohl nur die wichtigsten − näher bezeichnet. Das Grundprotokoll nennt die obere und die untere Stube, wo vermutlich gewirtet wurde, ferner das Schreibstübli und eine grosse und eine kleine Küche. Schon 1706 ist übrigens auch von einem «Schärstübli» die Rede.
Karten gespielt und politisiert
Der Rheintaler Krämer war nicht lange Besitzer der «Krone». Noch 1750 verkaufte er sie dem jungen Batzenvogt Jakob Huber (1727–1809) von Wädenswil, der sich ein Jahr zuvor mit Verena Blattmann verheiratet hatte. Drei Jahre nach dem Hinschied seiner Gattin, 1764, schloss Jakob Huber einen zweiten Ehebund mit Verena Eschmann, der Tochter des Wädenswiler «Engel»-Wirts. Diese Frau − Mutter von 13 Kindern − war als Wirtstochter von Jugend auf mit dem Gastgewerbe vertraut. Geschäftstüchtigkeit und kluge Ausnützung der damaligen politischen Verhältnisse ermöglichten es dem Wirte-Ehepaar, die «Krone» zum Zentrum und Sammelpunkt führender Persönlichkeiten und zum Absteigequartier vieler durchreisender Grosser zu machen. Täglich trafen sich in Hubers Gasthaus die Wädenswiler «Fabrikanten» − selbständige Textilunternehmer − zur Abendgesellschaft, wo «gekannegiesssert», Karten gespielt und politisiert wurde.
Kronensaal mit Springbrunnen um 1900, Ansicht von der Engelstrasse her.
Zentrum von «Revoluzzern»
Besonders laut tönte es wohl an den Wirtstischen, seitdem die Mitglieder der 1790 gegründeten, franzosenfreundlich gesinnten Lesegesellschaft in der «Krone» ihre Zusammenkünfte und Sitzungen abhielten. Hier traf sich auch der 1793 von den Brüdern Hauser, Gerber und Lederhändler, ins Leben gerufene «Konventikel-Club», auch «Revolutionsclub» genannt, dem fast alle führenden Unternehmer der Gemeinde angehörten. Hier las man die Abschriften der alten Freiheitsurkunden, französische Flugblätter und Revolutionsliteratur. Hier sang man französische Freiheitslieder, und von hier aus verfolgte man mit wachsamem Interesse das revolutionäre Vorgehen der Stäfner Patrioten in den Jahren 1794/95. «Krone»-Wirt Jakob Huber − selber Mitglied der Lesegesellschaft und überzeugter Anhänger der neuen, freiheitlichen Ideen − hielt in seinem Gasthaus die fortschrittliche «Zürcher Zeitung», die er sich in Zürich zu beschaffen wusste, ausserdem den «Strassburger Kurier» und das angriffige Blatt «Der Nachtbote aus Frankreich».
In einer Versammlung von Anfang Juni 1795 in der «Krone» beschlossen die Mitglieder des Revolutionsclubs, die Stäfner Patrioten in ihrem Kampf gegen die Zürcher Obrigkeit aktiv zu unterstützen und ebenfalls Einsicht in die alten Urkunden zu verlangen. Leidtragender dieses Beschlusses wurde später «Krone»-Wirt Jakob Huber. Man hielt ihm vor, dass in seinem Hause verbotene Zusammenkünfte abgehalten worden seien. Sollte dies wieder vorkommen, so drohte die Regierung, werde man Huber das Wirtepatent entziehen. Als Sofortmassnahme unterstellte man das Gasthaus einer demütigenden Polizeiaufsicht, und zudem hatte Huber dem Wädenswiler Landvogt fortan wöchentlich ein «Verzeichnis aller bei ihm logiert gewesenen Fremden» vorzulegen.
Hotel Krone um 1930.
Neuer Aufschwung
Nachdem die Stäfner Unruhen verebbt waren, bemühte sich Huber, den Ruf seiner Gaststätte wieder zu festigen. Dies scheint ihm gelungen zu sein, und auch sein Nachfolger − Heinrich Höhn aus dem Schwarzenbach/Schönenberg, der die Wirtschaft am 29. April 1813 von den Erben Huber gekauft hatte − konnte sich das Zutrauen weiter Kreise sichern. 1816 stieg in seinem Hause der bayrische Fürst und Feldmarschall Karl Philipp Wrede (1767–1838) ab. 1832 beherbergte die «Krone» polnische Offiziere und einige Male auch Griechen-Flüchtlinge, die grosszügig aufgenommen wurden. Noch 1827 pries Markus Lutz in seinem «Geographisch-statistischen Handlexikon über alle in der gesamten Eidgenossenschaft befindlichen Kantone, Bezirke, Kreise und Ämter» die «Krone» in Wädenswil als wohl den besten Gasthof am Zürichsee.
Hotel Krone um 1930.
Handänderungen und Konkurs
Ende November 1831 verkaufte die Witwe Rosina Höhn die «Krone»-Liegenschaft dem Wädenswiler August Huber. Gewirtet wurde damals offensichtlich nicht mehr, denn bei der Handänderung ist nur von einem Wohnhaus die Rede, ebenso 1841, als Konrad Steffan neuer Besitzer wurde. 1842 ging das Haus Krone an Johann Jakob Brupbacher über. Er nahm den Gastbetrieb wieder auf und erweiterte den Altbau auf der Nordwestseite um ein neues Saalgebäude, das Haus Seestrasse 114, das demnächst abgebrochen wird. Dazu nahm er bei der Sparkasse Wädenswil grössere Kredite auf. Die Rendite fiel aber mager aus. 1855 geriet Brupbacher in Konkurs, und die Liegenschaft fiel in der Folge der «Ersparungs-Cassa-Gesellschaft Wädensweil» zu. Diese schloss den Gasthof und schrieb das Mobiliar am 1. März 1856 im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» zur öffentlichen Versteigerung aus. Auf die Gant kamen u.a. Betten, Bett- und Tischzeug, Spiegel, Kommoden, Kanapees, ein Sekretär, ein Klavier, eine Standuhr, ein sechsplätziger Wagen, drei ein- und zweispännige Chaisen, Renn- und Fuhrschlitten, Weinfässer...
hotel Krone um 1930.
Umnutzung des Gasthofs
Die Gebrüder Rudolf und Samuel Zinggeler machten der Sparkasse bald ein verlockendes Angebot. 1856 kauften sie den Gasthof und nutzten das Saalgebäude für die Seidenzwirnerei. Im früheren Gasthof richtete man Wohnungen ein und im ersten Stock einen Verkaufsladen.
1873 war Samuel Zinggeler-Huber Besitzer der Krone, 1894 Adolf Zinggeler. Dessen Witwe verkaufte die Liegenschaft, umfassend das Wohnhaus, zwei Zinnenanbauten, zwei Schöpfe und einen Pferdestall, 1899 dem Weinhändler Jakob Hauser. Dazu erwarb Hauser auch das einstige Saalgebäude. 1924 veräusserte er die «Krone» an Albert Waldmeier, der zusammen mit Franz Weber auf der Nordwestseite des Saaltraktes eine mechanische Werkstätte mit Garage einrichtete. Der einstige Gasthof auf der Südostseite wurde 1932 von der Bank Wädenswil erworben und abgebrochen für den Bau des modernen Kronen-Blocks − mit neuer Wirtschaft Krone am ehemaligen Standort, eingeweiht 1933.