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Ambri gewinnt in Biel wie einst Muhammad Ali gegen George Foreman und Biel ist aus dem taktischen Gleichgewicht geraten.
Die Abstiegsrunden-Spreu beginnt sich langsam, aber sicher vom Playoff-Weizen zu trennen. Ambri gewinnt in Biel eines der wichtigsten Spiele der bisherigen Saison 6:3 und bleibt im Rennen um den letzten Playoffplatz. Für Biel beginnt langsam aber sicher die lange Vorbereitung auf die Abstiegsrunde.
In den letzten Jahren hat es immer einen der vermeintlich «Grossen» erwischt. Aber jetzt, bei «Halbzeit», sind alle «Grossen» auf den Playoffplätzen. Vier, fünf weitere Niederlagen von Ambri und Lausanne könnten den «Strichkampf» viel zu früh noch im alten Jahr entscheiden und Kloten, Lugano und Bern frühzeitig in Sicherheit bringen. Deshalb sind die Siege von Lausanne (6:3 gegen Gottéron) und Ambri (6:3 in Biel) so wichtig.
Lausanne hat seine Playofftauglichkeit in den letzten beiden Jahren bewiesen. Der Sieg gegen Gottéron ist keine Überraschung. Aber Ambris «Renaissance» nach der Entlassung von Trainer Serge Pelletier ist die grosse Überraschung der letzten Wochen.
6:3 in Biel – um ein ähnliches Spektakel zu finden, müssen wir das Rad der Zeit weit, weit zurückdrehen. Bis zum 30. Oktober 1974. Und wir gehen nach Afrika. Nach Kinshasa. Kein Hockeyspiel wurde damals ausgetragen. Sondern ein Boxkampf. Muhammad Ali schlug George Foreman. Und er besiegte ihn so wie Ambri den EHC Biel. Dieser Boxkampf ist berühmt geworden, weil Ali von einem übermächtigen, grösseren, kräftigeren Gegner völlig dominiert wurde. Ali liess sich in die Seile drängen, stecke alle Hiebe ein und schickte Foreman mit ein paar «tödlichen» Konterschlägen (sie wurden als Bienenstiche bezeichnet, die den Bären kampfunfähig machten) auf die Bretter.
Genau so war es in Biel. Die leidenschaftlichen, bisweilen wilden Bieler dominierten ihren Gegner mit 46:18 Torschüssen (gemäss offizieller Statistik).
Aber Ambri erwischte die Bieler mit schnellen Gegenstössen, die in der Tat wirkten wie Bienenstiche. Erst zum 1:0 und zum 2:0 (das 3:0 kam im Powerplay) und dann, immer wieder in die gegnerischen Druckperioden hinein, das 4:2, das 5:3 und am Schluss ins leere Tor 6:3. Und als Ambri wirklich in den Seilen hing, die Spieler um Atem rangen, das 3:3 in der Luft lag, da nahm Hans Kossmann in der 35. Minute gerade zum richtigen Zeitpunkt sein Time-Out.
Das Resultat mahnt uns an das Ambri unter Serge Pelletier. Am 20. Oktober hatte Ambri in Bern auch 3:0 geführt – und am Ende 3:6 verloren. Es war der Anfang vom Ende der Amtszeit des Kanadiers. Zwei Spiele später wurde er gefeuert. Dieses 6:3 in Biel ist bereits der 5. Sieg in neun Spielen unter seinem Nachfolger Hans Kossmann. Es ist ein Sieg der Taktik. Der besseren Spielorganisation. Des besseren Torhüters. Der besseren Ausländer. Und des besseren Trainers? Eigentlich müsste Hans Kossmann sagen, seine Mannschaft habe genauso gespielt wie er das angeordnet hatte. Dass sein «Game Plan» den Sieg gebracht habe. So wie das jeweils Guy Boucher beim SCB auf so unnachahmliche Art und Weise tat.
Aber Hans Kossmann will davon nichts wissen. Er ahnt, er weiss, dass es die Hockeygötter herausgefordert hätte, so einen Sieg der eigenen Tüchtigkeit zuzuschreiben. Vielleicht einmal in 30 Spielen gelingt Ambri alles und dem Gegner nichts. Schon im nächsten Spiel in Langnau kann wieder alles anders sein. Und so sagt er: «Meine Spieler hatten sich auch am Sonntag an meine Anweisungen gehalten und wir verloren in Kloten trotzdem 4:7». Er lobt lieber die Leidenschaft seiner Jungs, ihre Energie und ihren Willen.
Vor dem Spiel hatten die Bieler während des Einlaufens beim Mann im Zeitnehmerhäuschen reklamiert: Er möge doch dafür sorgen, dass ein bisschen rockigere Musik über die Soundanlage laufe. Nach Spielbeginn bekommen die Bieler ihren Hardrock. Zwölf Minuten lang einfach strukturiertes, klares und wahres Hockey wie die Musik der Status Quo. Erster Schuss 1:0. Erstes Powerplay für Biel – ein Tor in Unterzahl zum 2:0. Erstes Powerplay für Ambri 3:0 nach 11:42 Minuten.
Hat Hans Kossmann je eine so eiskalte Chancenauswertung gesehen? Er sagt auf diplomatische Art und Weise, welcher Spieler für Biel letztlich die Partie verloren hat. «Simon Rytz hat uns in den beiden letzten Spielen in Ambri beinahe zur Verzweiflung gebracht». Ambri verlor 2:3 n.V und gewann 2:1. «Aber es ist wohl keinem Torhüter möglich, drei solche Partien zu spielen. Simon Rytz ist nun wieder auf der Erde gelandet». Seine Fangquote sagt alles: 70,89 Prozent. Als Regel gilt: Ein Sieg ist nur möglich, wenn der Torhüter mindestens 90 Prozent der Schüsse abwehren kann. Ambris Sandro Zurkirchen stoppte 93,48 Prozent. Simon Rytz auf einmal ein Lotter-Goalie? So einfach ist es nicht. «Battling Simon» ist ein enorm kampfstarker Torhüter. Sein Stil ist kräftezehrend. Er hat weder Postur noch Talent um im Standgas spielen zu können. Ganz offensichtlich braucht er eine Verschnaufpause.
Muhammad Ali hätte auf die gleiche Art und Weise keinen zweiten Kampf gegen George Foreman gewonnen. Und Ambri wird auf diese Art und Weise nicht noch einmal gewinnen. Dieses 6:3 in Biel war, so wie es gelaufen ist, so wie Ambri alles und dem Gegner nichts gelang, so wie Ambri alles richtig und Biel fast alles falsch machte, ein Spiel für die «taktische Ewigkeit». Es sollte noch in hundert Jahren in den Hockeylehrbüchern stehen.
Von der Mittellinie an vorwärts ist Biel trotz der schwächsten ausländischen Stürmer der Liga beinahe ein Playoffteam. Aber von der Mittellinie an rückwärts eine Liga-Qualifikations-Mannschaft: Zu wenig Ordnung, zu viele Fehler. Biel ist aus dem taktischen Gleichgewicht geraten. Nun obliegt es Kevin Schläpfer, so schnell wie möglich das Spiel wieder ins Lot zu bringen. (si/ndö)
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