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ursachlichen Zusammenhängen, welche im allgemeinen den Gegenstand der Staatswissenschaften bilden. Diese S. bilden nur eine, allerdings die weitaus wichtigste Art einer größern Gruppe, der sogen. Wissenschaftsromane, d. h. jener, welche ihre Phantasievorstellungen auf Gebiete beziehen, die von der wissenschaftlichen Forschung bebaut werden. Es ist häufig schwierig, die phantastischen Darstellungen nach den einzelnen Wissenschaftsgebieten zu scheiden, da sie sich meist auf mehreren derselben bewegen, wobei sie vornehmlich den Charakter von Staatsromanen tragen.
Deshalb kann eine Einteilung dieser Wissenschaftsromane überhaupt nur die Bedeutung haben, zu konstatieren, welches Wissensgebiet am hervorstechendsten zur phantastischen Bearbeitung gelangt. Die wichtigste Art derselben, die S., zerfallen in die volkswirtschaftlichen und in die politischen, wobei aber auch hier zu bemerken ist, daß diese beiden durchaus nicht scharf voneinander geschieden sind. Innerhalb der S. und der Wissenschaftsromane überhaupt sind die volkswirtschaftlichen Romane die weitaus wichtigsten.
Alle Wissenschafts- und damit auch die Staats- und speziell die Volkswirtschaftsromane entnehmen ihren wissenschaftlichen Gehalt aus den Lehren [* 2] des betreffenden Wissensgebietes, dem sie nahe verwandt sind. Entweder beschränken sie sich dabei auf die Voraussetzung der Erfüllung gewisser Forderungen, indem sie Mißstände als abgestellt, technische Fragen als gelöst etc. betrachten, oder sie fußen auf einzelnen Hypothesen, welche die zeitgenössische Wissenschaft kennt, indem sie dieselben als endgültige Lösungen der Probleme ansehen, oder endlich sie stützen sich auf große, auf Hypothesen aufgebaute Zukunftssysteme, wie z. B. auf den Kommunismus oder Sozialismus.
Dabei ist häufig die intimste Kenntnis der speziellen Wissenschaften in ihren fortgeschrittensten Stadien, aller der akutesten Fragen und neuesten Hypothesen und häufig eine geradezu geniale Veranlagung erforderlich, während anderseits der Schritt zum Läppischen und Kindischen oft nur gering ist und die Litteraturrichtung in vielen Fällen geradezu in Spielereien ausartet. In ihrer äußern Anlage zeigen die meisten dieser Wissenschafts- und speziell die S. eine große Übereinstimmung. Da sie einerseits auf wissenschaftlichem Boden fußen, anderseits aber auf dieser Grundlage Phantasiegebilde enthalten, so sehen sie sich genötigt, den Schauplatz der Begebenheiten so zu wählen, daß er mit der Wirklichkeit nicht in Widerspruch gerät. In frühern Jahrhunderten, als noch weit größere Flächen der bewohnten Welt unerforscht waren, wurde die Handlung zumeist in unbekannte Gegenden, meist Amerikas und Australiens, verlegt und entweder eine Reise des Helden nach jenen Orten angenommen, nach welchen er natürlich nur auf zufälligem Wege (Schiffbruch, Sturmwind etc.) gelangen konnte, oder es wurde ein Ankömmling aus jenen geheimnisvollen Gegenden erzählend eingeführt.
Daneben blieb noch, und dies ist um so mehr der Fall, je mehr die Verhältnisse der bewohnten Welt allerorten aufgeklärt werden, der Ausweg, den Schauplatz in die ferne Zukunft zu verlegen, wobei die Verbindung mit der Gegenwart häufig durch einen tiefen, langen Schlaf hergestellt wird, in welchen der Romanheld verfällt, um unter den völlig geänderten Verhältnissen zu erwachen. Alle diese Romanbehelfe sind durchaus nicht etwas dieser Romangattung Eigentümliches; es ist vielmehr die Benutzung und Verwertung des Abenteuerlichen und Grotesken von jeher beliebt gewesen, sei es als Schilderung, oder als Zerrbild wirklicher Verhältnisse und damit als Satire, oder endlich als einfacher Romanbehelf.
Das gilt nicht nur für die frühern Jahrhunderte der sogen. Neuzeit, als sich die Entdeckungen vorwiegend zur See häuften, sondern auch bis in unsre Zeit hinein, da mit dem Moment der Reisen und namentlich der Seereisen stets etwas Überraschungsvolles und Abenteuerliches verbunden ist. Die Phantasien dieser Wissenschaftsromane finden ihre Grenze dort, wo sie in das »Märchen« übergehen, d. h. wo der Boden glaublicher Kausalzusammenhänge, der eben in Übereinstimmung mit dem wissenschaftlichen Kerne dieser Romane immer noch gegeben sein muß, verlassen und das Gebiet des Unglaublichen oder Unmöglichen betreten wird. Nur ist da sofort zu bemerken, daß manche der hierher gehörigen S., besonders jene der frühern Zeit, märchenhafte Elemente enthalten, da eine feste Abgrenzung dieses Gebietes eben nicht besteht.
Was das groteske und abenteuerliche Moment in der Litteratur sonst anbelangt, genügt es, auf einzelne hervorstechendere Erscheinungen hinzuweisen. So beschreibt z. B. Rabelais in seinem »Gargantua«, Kap. 52-57 eine phantastische Abtei Thelema und benutzt auch sonst oft das Moment des Grotesken. »Gullivers Reisen« sind weltbekannt geworden, und für Voltaires kleinere satirische Erzählungen ist ein ähnliches Gewand geradezu charakteristisch. Endlich mögen auch die massenhaften für die Jugend und die niedern Volksschichten geschriebenen Erzählungen nicht unerwähnt bleiben, welche von Abenteuern zur See und unter fremden Völkern handeln, die zahlreichen Robinsonaden etc.
Ein Zug liegt zumeist in den S., der sie dem Leser immer wieder beliebt macht, und dem sie den größern Teil des Zaubers und der Anziehungskraft verdanken, die ihnen so häufig innewohnt. Dies ist der Gedanke, daß es einst ein glückliches goldenes Zeitalter gegeben habe, oder heute noch Völker gebe, welche sich in diesem für uns so lange verstrichenen Zustande befinden, und daß der Schauplatz der Handlung gerade in solche Zeiten oder Verhältnisse verlegt wird. Damit ist häufig auch ein mystischer Zug verbunden sowie ein Zurückgehen in sagenhafte Epochen der Entwickelung und in Zeiten einer Naturreligion. All diese Umstände im Vereine bewirken, daß ein anziehend und fesselnd geschriebener, zu gewissen Zeiten tiefen sozialen Verfalles unter die Volksmassen gebrachter Staatsroman nicht nur ungemeine Verbreitung finden, sondern auch als wichtiges Agitationsmittel dienen kann.
Der Wert der Wissenschafts- und damit auch der S. kann in Verschiedenem liegen. Sie können gegeradezu ^[korrekt: geradezu] Wert für den bestimmten Wissenszweig besitzen, wenn sie z. B. konsequente Ausgestaltungen einzelner Hypothesen oder ganzer Wissenssysteme enthalten, wie dies gerade bei den sozialistischen und kommunistischen Phantasmagorien häufig der Fall ist. Jedenfalls aber können sie ungemein viel zur Popularisierung einzelner wissenschaftlicher Lehren und ganzer Wissensgebiete, so z. B. der Nationalökonomie, beitragen, insbesondere dann, wenn die Fabel des Romanes geschickt erfunden und der wissenschaftliche Kern anziehend entwickelt ist.
1. Die volkswirtschaftlichen Romane.
Die volkswirtschaftlichen Romane treten, wenn wir von Platons beiden hierher gehörigen Schriften: »Die Gesetze« und »Der Staat«, absehen, in die Litteratur mit Beginn des 16. Jahrh. ein und erhalten sich in derselben bis in unsre Zeit, in welcher sie wieder ¶
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besonders beliebt sind. Sie knüpfen an die Beobachtung der herrschenden volkswirtschaftlichen Verhältnisse und an die mit denselben verbundenen hervorstechendsten Mißstände an und suchen Bilder von volkswirtschaftlichen Ordnungen zu entwerfen, in welchen diese Schattenseiten ganz fehlen oder doch soviel wie möglich zurückgedrängt sind. Es ist begreiflich, daß gerade zu jenen Zeiten, wo die Übelstände in der Volkswirtschaft jeweils einen Höhepunkt erreichen, das Streben nach Beseitigung derselben auch auf die Verfassung solcher phantastischer Darstellungen in erhöhtem Maße einwirkt. Da ferner innerhalb der nationalökonomischen Lehre [* 4] der Sozialismus und Kommunismus einerseits vielfach phantastische Darstellungen von Wirtschaftsordnungen vermittelt, anderseits den Zweck hat, die Mißstände des herrschenden Wirtschaftssystems durch eine radikale Umgestaltung der volkswirtschaftlichen Güterversorgung vollkommen zu beheben und an deren Stelle ein glückliches Zeitalter herbeizuführen, ist es begreiflich, daß die S. volkswirtschaftlichen Charakters sich zumeist auf das engste an die Lehren der Sozialisten und Kommunisten anschließen, indem sie ihnen ihren wissenschaftlichen Gehalt vollinhaltlich
entnehmen.
Daß die volkswirtschaftlichen S. gerade mit dem 16. Jahrh. beginnen, liegt tief im Zeitgeist begründet. Mit dieser Zeit brach nach langem Stillstand eine völlig neue Epoche geistigen Lebens wieder an, der Humanismus brachte überall seine Früchte hervor, und allmählich wurde ein Gebiet um das andre der Wissenschaft, und zwar zunächst der Staatswissenschaft, gewonnen. Daneben bestand aber um die Wende der Neuzeit eine tiefe soziale Gärung, welche in weitverbreiteten und heftigen kommunistischen Manifestationen zum Ausbruch kam.
Wenn diese auch bald unterdrückt waren, so blieb doch die Überzeugung von der Ungerechtigkeit der ungleichen Güterverteilung unter den Menschen tief eingewurzelt bestehen, und die Anschauung kehrt stets von neuem wieder, daß dieselbe eine Folge der Institution des Privateigentums sei. Damit ergeben sich die zahlreichen Verbrechen und das Elend unter der großen Masse bei Übermut und Herrschsucht der Reichen. In diesen Anschauungskreis wurde dann durch die Litteratur der Aufklärungszeit im 18. Jahrh. ein neuer Gärungsstoff, durch den Gedanken von der allgemeinen Gleichheit der Menschen von Natur aus, hineingetragen.
Gerade diese ursprüngliche Gleichheit werde eben durch die Institution des Privateigentums vernichtet, und es müsse deshalb dieses letztere abgeschafft werden. Es steht damit im Zusammenhange, daß wir in einer großen Anzahl der S. diesem Zurückgehen auf den Naturzustand oder wenigstens weit zurückliegende Entwickelungsstadien der Menschheit begegnen. Wenn wir dann endlich in unsrer Zeit die S. wieder in größerer Zahl erstehen sehen, so hängt dies eben mit dem neuesten gewaltigen sozialen Umschwünge zusammen, der den Staatssozialismus der Gegenwart geschaffen hat.
Die volkswirtschaftlichen S. lassen sich in drei Gruppen einteilen, je nachdem sie auf der herrschenden nationalökonomischen Lehre oder auf der des Sozialismus oder des Kommunismus fußen. Die älteste, weitaus zahlreichste, der Phantasie den größten Spielraum bietende Gruppe ist jene der
1) kommunistischen S. volkswirtschaftlichen Inhalts. Diese stellen Völker dar, welche wie eine einzige große Familie wirtschaften, in der alle Güter allen gemeinschaftlich gehören; das gilt nicht nur von den Produktionsmitteln, sondern auch von dem Genußvermögen. Die Arbeiten werden nach einem einheitlichen, von der Obrigkeit festgesetzten Plan von den Bewohnern ausgeführt, die Erzeugnisse in den gemeinschaftlichen Magazinen niedergelegt und an die Bewohner verteilt.
Diese führen auch im allgemeinen einen gemeinsamen Haushalt, was bei mehreren Romanen konsequent bis zur Aufhebung der Ehe und Gemeinsamkeit des Geschlechtslebens sowie zur Erziehung der Nachkommen durch die Obrigkeit durchgeführt wird. Ehe auf die einzelnen S. seit Beginn des 16. Jahrh. eingegangen wird, sei erwähnt, daß sich ein kommunistischer Exkurs in Platons »Staat« findet, in dem die Klasse der Krieger oder »Wächter« in dieser Wirtschaftsform, und zwar auf Kosten der übrigen Klassen, lebt. Sie wohnt in gemeinschaftlichen Wohnungen und wird auf öffentliche Kosten verpflegt. Der Stand setzt sich aus den tüchtigsten Männern und Weibern zusammen, welche ein nach Art der »Zuchtwahl« von der Obrigkeit geregeltes Geschlechtsleben zur Erzielung der besten Nachkommenschaft führen.
Wenn diese Skizze Platons auch der Form nach für die spätern S. wichtig geworden ist, so muß jedoch vor einer Überschätzung ihres Inhalts sowie ihres materiellen Einflusses auf die spätere Litteratur gewarnt werden. Diese beginnt mit der berühmten »Utopia« von Thomas Morus, welche unter dem Titel: »De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia« zuerst 1516 in Löwen [* 5] in lateinischer Sprache [* 6] erschien und seither in fast alle Kultursprachen übersetzt sowie unzähligemal aufgelegt wurde.
Die erste Übersetzung war eine deutsche, und zwar von Bebel zur Zeit der Bauernkriege (1528); die jüngste, aber leider nicht gute, ist in der Reclamschen Universalbibliothek enthalten. More, der Staatskanzler Heinrichs VIII. von England, war ein ebenso theoretisch wie praktisch tüchtiger Volkswirt und ein eminent geschulter ideenreicher Philosoph und Humanist, der von wärmstem Mitgefühl für die Armen und Unterdrückten erfüllt war. In den zeitgenössischen Verhältnissen des Landbaues sah er noch zahlreiche Spuren des Agrarkommunismus, während er anderseits die gewaltigen Wirkungen der Industrie und des Latifundienwesens mit ihrer Massenverarmung voraussah.
Dazu kam der gewaltige Einfluß der kommunistischen Strömungen der Zeit, insbesondere in Deutschland. [* 7] So lagen die wesentlichsten Bedingungen zur Abfassung der Utopia in More selbst und in den Zeitverhältnissen, wobei er aus Platon wohl nur die äußerliche Anregung zur Form erhielt. Utopia, Nirgendheim, diese Insel in der Nähe Südamerikas, welche er zum Schauplatz seiner Ausführungen macht, stellt ihm England dar und die Hauptstadt desselben London. [* 8] Der Verfasser legt dieselben der Romanperson Hythlodäus, einem vielgereisten portugiesischen Seefahrer, als Erzähler in den Mund.
Die Insel Utopia besitzt 45 gleich weit voneinander entfernte Städte und dann Meierhöfe (nicht Dörfer) auf dem Lande. Jeder dieser letztern ist von einer Familie (je 20 Männern und Frauen und 2 Sklaven) unter der Führung eines Vaters und einer Mutter bewohnt, und je 30 derselben unterstehen einem Direktor. Alljährlich wechselt die Hälfte der Landarbeiter mit den Städtern, um nicht mit Arbeiten überlastet zu werden. Die Städte sind sich alle gleich, ebenso wie die Wohnhäuser, [* 9] die durch das Los verteilt und alle 10 Jahre gewechselt werden. Alle Utopier lernen zuerst den Landbau und außerdem ein Gewerbe, in der Regel das des Vaters, und alle arbeiten. ¶