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Die erste bekannte Kontaktanzeige der Welt wurde am 19. Juli 1695 in England im Landwirtschafts- und Handelsmagazin «Collection for the Improvement of Husbandry and Trade» veröffentlicht und war ausgesprochen unromantisch:
«A Gentleman about 30 Years of Age, that says he has a Very Good Estate, would willingly Match Himself to some Young Gentlewoman, that has a Fortune of £ 3000 or thereabout.» Auf Deutsch: «Ein etwa 30-jähriger Herr, mit ansehnlichem Besitz, würde sich gerne mit einer jungen Dame vermählen, die über ein Vermögen von etwa 3000 Pfund verfügt.»
So war das damals: Wirtschaftliche Interessen, Bildung und Status standen im Vordergrund. «Wünsche nach dem Einkommen des Partners wurden meist exakt angegeben, von Frauen wie von Männern», hält Viola Riemann in ihrem Buch «Kontaktanzeigen im Wandel der Zeit» fest. Eine Verbindung musste «standesgemäss» sein.
Wobei die männlichen Inserenten ihre eigenen äusserlichen Merkmale selten für erwähnenswert hielten, die der gewünschten Partnerin jedoch häufig ganz klar beschrieben. Zum Beispiel in einer Anzeige vom Mai 1750 im «Daily Advertiser»:
«Wanted: Tall and graceful in her Person, more of the fine Woman than the pretty one … good Teeth, soft Lips, sweet Breath, with Eyes not matter what Colour so they are expressive... her bosom full, plump, firm and white …» Also: «Gesucht: Eine hochgewachsene und anmutige Person, eher vornehm als hübsch … gute Zähne, weiche Lippen, süsser Atem, ausdrucksvolle Augen egal welcher Farbe … ein voller, praller Busen, fest und weiss …»
Im deutschsprachigen Raum klang es ähnlich, aber dort wussten auch die Frauen, was sie wollten. Im wahrscheinlich ersten Heiratsinserat überhaupt am 8. Juli 1738 in den «Frankfurter Frag- und Anzeigen-Nachrichten» hiess es:
«Ein honettes Frauenzimmer ledigen Standes, guter Gestalt, sucht … einen guten Doctor oder Advocaten ledigen Standes …, so groß und wohl aussieht.»
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte sich die Kontakt- bzw. Heiratsanzeige richtig durch, es entstanden ganze Zeitungen, etwa der «Allgemeine Heirathstempel» oder das «Beamten-Heiratsblatt», in dem es nur Anzeigen von Beamten gab. Aber auch damals ging es noch immer ums Geld:
«Ich suche einen Schwiegervater, der sich mit mir in Konfektion etabliert; bin 33 Jahre alt, bekannt als Reisender und Konfektionär …»
Letzte Chance für Verzweifelte
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Idee der Liebesheirat auf. Und im 20. Jahrhundert begann sich der Fokus vollends zu verschieben: Im Nachgang der 1960er- und 1970er-Jahre gab es einen eigentlichen Wertewandel: Neue Partnerschaftsmodelle wurden entwickelt, Heiraten war kein Muss mehr, die Zahl der Scheidungen nahm zu, Frauen wurden wirtschaftlich unabhängiger. Charakter und persönliche Interessen standen im Fokus – und bald schon war Vergnügen wichtiger als Verantwortung.
Dennoch galt die Kontaktanzeige noch bis in die 1980er-Jahre als quasi letzter Weg für Verzweifelte, die sonst niemanden finden. So richtig änderte sich das erst mit dem Aufkommen des Internets Mitte der 1990er-Jahre. Doch schon vorher fanden Kontaktanzeigen grosse Beachtung. In Deutschland gab 1993 fast die Hälfte der Bevölkerung an, Kontaktanzeigen zu lesen, wenn auch oft nur «aus Spass».
Mit dem Internet und später den Smartphone-Apps explodierte das Angebot an Anzeigen und Portalen. Immer häufiger steht vor allem für Männer die Suche nach Sex und Spass im Vordergrund. Und es gibt immer mehr spezialisierte Angebote: Kontaktplattformen für Veganer, Bauern, Heavy-Metal-Fans, Hundeliebhaberinnen, Trump-Verehrer oder Christen. Das klingt dann zum Beispiel so:
«Gesucht: Mann mit Potenzial. Wünschst Du Dir eine Frau an der Seite, um gemeinsam Christus nachzufolgen, ihm zu dienen, eine Ehe, die auf biblischen Prinzipien beruht, in der Respekt, sich gegenseitig unterstützen und fördern wichtig sind und in der auch Kind(er) einen Platz haben? … Bin 35-jährig, warmherzig, verständnisvoll, tiefgründig, habe Kinder gern. … Bist Du verantwortungsbewusst, gebildet, ausgeglichen, frei, konfliktfähig, kennst Deine Stärken und Schwächen, hast Tiefgang und Freude daran, im Leben geistlich und beruflich weiterzukommen? Dann würde ich mich über eine E-Mail von Dir sehr freuen.»
Die Partnersuche im Internet ist inzwischen salonfähig geworden, hält Daniel Baltzer fest. Der Geschäftsführer der Plattform Singleboersen-vergleich.ch beobachtet die Schweizer Onlinedating-Szene seit 2005. Laut Baltzer nutzen heute jeden Monat über 800 000 Schweizer Singles Onlineangebote bei der Partnersuche – und stehen auch dazu.
Autor: Ralf Kaminski
Illustrationen: Pia Bublies