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Die lange und wechselhafte Geschichte der Kirche beginnt um das Jahr 1494. Der Antoniterorden baut anstelle der bisherigen kleinen Kapelle eine neue Spitalkirche.
Das Kircheninnere wird 1496–1500 mit spätgotischen Fresken ausgeschmückt, die dem Berner Nelkenmeister zugeschrieben werden.
1518–1520 malt Niklaus Manuel die vier kostbaren Tafeln des Hochaltars.
1528 beendet die Reformation die Arbeit des Ordens radikal, die Kirche wird säkularisiert und dient im Laufe der Jahrhunderte u. a. als Kornhaus, Pferdestall und Feuerwehrmagazin.
Im Jahr 1939, wird die Sanierung der Kirche beschlossen. Fritz Pauli malt die neuen Fresken (beendet 1945), die wie die Kirche selbst unter Denkmalschutz stehen. Seit 1956 ist die Antonierkirche das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bern.
Erfahren Sie mehr über die Antonierkirche:
Die Antonierkirche entsteht
Die Spitalkirche: Krankenpflege im Kirchenschiff
Die Tafelbilder von Niklaus Manuel
Reformation: das Ende des Antoniterordens in Bern
Die Kirche als Kornhaus, Postwagenremise und Feuerwehrmagazin
Die Rettung der Antonierkirche
Die spätgotischen Fresken
Die neuen Fresken
Die Antonitermönche, die sich der Pflege der Kranken und Siechen verschrieben haben, unterhalten in Bern um 1444 zunächst nur eine kleine Kapelle und ein Haus mit einem Ordensbruder an der heutigen Postgasse, damals keine abgelegene, sondern eine belebte und wichtige Gasse.
In den folgenden Jahren können die Antoniter ihre Aktivitäten erhöhen und bald versorgen sechs Ordensbrüder und mehrere Laienpfleger die Kranken im mehrmals erweiterten und umgebauten Haus. Doch die Räume für die Kranken- und Siechenpflege erweisen sich als unzureichend und ein Neubau wird geplant, der durch Stiftungen und Spenden an den angesehenen Orden ermöglicht wird.
Bei Baubeginn um 1494 – zeitgleich mit der Nydeggkirche und 30 Jahre nach Beginn des Münsterbaus – wird sehr gutes Material verwendet. Spätere Geldknappheit bedingt, dass der Kirchenbau im Jahr 1505 weniger prächtig als geplant beendet wird. Sogar fehlerhafte Steine der Münsterbaustelle mussten verwendet werden.
Im Laubengang sieht man heute noch leere Wappen an den Sockeln. Vielleicht waren sie zerstört worden oder vielleicht trugen sie gar nie Gravuren, da die Spenden für Wappen möglicherweise ausgeblieben waren.
Im Flur des heutigen Untergeschosses sind Reste eines Sockels zu sehen, der ein eingemeisseltes Stifterwappen zeigt. Im Laubengang findet sich eine Nische, die wahrscheinlich eine Statue des Heiligen Antonius trug. Dies wäre damit der einzige erhaltene Strassenaltar in Bern aus katholischer Zeit.
Der Neubau der Antonierkirche von 1494 trägt den spätmittelalterlichen Vorstellungen von Krankenpflege Rechnung: hohe Räume, gute Lüftung und ständige Überwachung. Die Pflegebedürftigen werden im südlichen Teil des Kirchenschiffes in hölzernen Alkoven untergebracht. Den Kranken wird ein Blick auf den Hochaltar ermöglicht, um ihre seelischen Kräfte zu stärken – wohl auch in der Hoffnung auf ein Wunder. Über dem Laubengang wird ein schmaler erhöhter Gang zur Beaufsichtigung der Kranken gebaut. Zwei grosse Fenster zur Postgasse hin spenden dem Spitalteil des Kirchenschiffes und dem Gang Licht. Sie sind heute die Freskensaalfenster. Früher waren sie nicht so schlicht, sondern enthielten Masswerk (geometrische Muster aus Steinprofilen). Im nördlichen Teil des Kirchenschiffes finden die Gottesdienste der Antoniter statt, die beiden Kirchenteile sind durch einen Triumphbogen getrennt. Eine Sakristei nahe dem Altarraum zu bauen, ist aus Platzgründen nicht möglich, die Kirche ist eingezwängt zwischen Bürgerhäusern. Der (nicht bekannte) Baumeister verlegt daher die Sakristei ins Untergeschoss, vom Altarraum aus nur durch eine Wendeltreppe zu erreichen. Dass dieser achteckige Raum im Untergeschoss eine Sakristei und nicht eine Krypta war, zeigt die noch vorhandene Sakramentsnische, die im Altarraum fehlt.
1518–1520 malt Niklaus Manuel die vier Tafeln des Hochaltars, sein letztes und reifstes Werk. In den Wirren der Reformation gelangen die Tafeln in Familienbesitz. Sie werden erst nach Jahrhunderten wiederentdeckt. Heute sind sie wertvolle Ausstellungsstücke des Berner Kunstmuseums.
Die vier Tafeln sind Vorder- und Rückseite der zwei Türen eines geschnitzten Mittelschreins, der selbst wahrscheinlich in der Reformationszeit verbrannt wurde. Die Tafeln zeigen Szenen aus dem Leben des Heiligen Antonius:
Im geschlossenen Zustand (werktags) zeigt der rechte Türflügel die Versuchung des Antonius durch eine Frau.
Der linke Türflügel stellt die Peinigung des Heiligen durch Dämonen dar.
Geöffnet (sonn- und feiertags) zeigen die Türflächen die wichtigen Aufgaben des Ordens:
Die linke Innenseite stellt den Heilige Antonius dar, der Kranke und Besessene heilt
Die rechte Innenseite zeigt das Brotwunder; Raben bringen zwei Brote zu den Einsiedlern Antonius und Paulus
Dass das Brotwunder so zentral und auffällig dargestellt ist, hat sicher mit den Heilerfolgen zu tun, die die Antoniter durch mutterkornfreies Brot erzielen (im Mittelalter erkrankten viele Menschen durch den Verzehr des toxischen Mutterkornpilzes am sogenannten Antoniusfeuer).
Die Parallelen zum Isenheimer Altar, gemalt von Matthias Grünewald in den Jahren 1512–1515 für eine Ordenskirche der Antoniter, sind unverkennbar. Manuel hat den Isenheimer Altar gekannt. Der Hochaltar der Antonierkirche hatte in geöffnetem Zustand eine Breite von ca.6 m und muss den 8,5 m breiten Altarraum beherrschend ausgefüllt haben.
Im vorderen, dem Gottesdienst vorbehaltenen Teil der Kirche lassen die Antoniter beide Längswände vom Berner Nelkenmeister mit Fresken bemalen, die Szenen aus der Antoniuslegende zeigen.
Die erhaltenen Reste der spätgotischen Fresken à LINK wurden bei der Renovierung 1940 abgelöst und in der 1. Etage des Gebäudes an die Wand gebracht.
Die Antoniter können sich nur weniger als 25 Jahre an ihrer neuen Spitalkirche freuen. Die Reformation in Bern beendet ihre Arbeit radikal. 1528 wird der Konvent der Antoniter von der Berner Regierung aufgehoben. Der letzte Ordensbruder wird des Landes verwiesen. Auch gegen die Antoniterbrüder, wie gegen alle Mönche, hat sich in den Jahren vor der Reformation Hass angesammelt; man schimpft über ihre schamlose Bettelei, über den Zerfall der Sitten, über den wenig vorbildlichen Lebenswandel. Der Hass entlädt sich jetzt. Lynchjustiz an Mönchen ist keine Seltenheit.
1528 wird der Innenschmuck aus der Antonierkirche gerissen und zum Teil verbrannt. Die Kirche bleibt Staatsbesitz und wird fünf Jahre später zum Kornhaus umgebaut.
Beim Umbau der Kirche zum Kornhaus werden Zwischenböden eingezogen, kräftige Balken in den Seitenwänden zerstören dabei Teile der Fresken. Man sieht heute die Lage der Balken in den Fresken im 1. Stock noch sehr gut.
Nach 1770, als Poststelle und Postkutschenhalt wichtiger Mittelpunkt der Gasse werden, dient die Antonierkirche als Postwagenremise und enthält auch die posteigene Sattlerwerkstatt, beides bis 1831. Nach dieser Zeit versucht der Antiquarische Verein, die Kirche unentgeltlich für seine Sammlung zu bekommen. Das gelingt 1837. Der Verein saniert das Gebäude auf eigene Kosten (dabei werden die alten Fresken entdeckt) und eröffnet 1839 die Antiquarische Sammlung. Die Ausstellung findet aber kaum Anklang, und so sieht die Stadt wenig Anlass, die Kirche weiter zu unterhalten.
1843 versteigert die Stadt daher die Antonierkirche, trotz Intervention des Vereins, der bis zu 8000 Franken bieten kann. Doch der Kronenwirt, schräg gegenüber an der Postgasse, bietet 19000 Franken und erhält den Zuschlag. Der Kronenwirt baut einen Pferdestall mit Stalltür zur Postgasse, eine Heubühne und einen Misthaufen, den er zum Ärger der Nachbarn hinter der Kirche anlegt.
Ab 1860 gehört die Antonierkirche wieder der Stadt Bern. Das Erdgeschoss wird als Löschgerätemagazin der Feuerwehr benutzt.
Die Obergeschosse sind vermietet an die Fürsorgedirektion, die dort die «fahrende Habe aufgelöster Familien» unterbringt. Doch es gibt erneut Bestrebungen, die Antonierkirche vor dem Verfall zu retten. Erstmals 1908 wird sie in das «Verzeichnis der geschützten Kunstaltertümer» aufgenommen. Allerdings dauert es noch gut dreissig Jahre, bis 1939 die Sanierung mit staatlichen Mitteln beginnen kann.
Dass die Kirche schliesslich 1939/40 gerettet wird, ist Ergebnis von Zeittendenzen und geschickten Verhandlungen: Man unternimmt insgesamt vermehrt Anstrengungen, die untere Altstadt vor dem Verfall zu bewahren. Die Arbeitslosigkeit in Bern ist sehr hoch, so ist die Kirchensanierung eine willkommene Arbeitsbeschaffungsmassnahme. Die reformierte Landeskirche erklärt sich bereit, das renovierte Gebäude zu übernehmen, Kanton und Stadt stellen Mittel zur Verfügung.
Der Kirchraum wird wieder ein hoher Raum, allerdings ohne den verlorenen Triumphbogen. Der Treppenbereich wird renoviert; in diesem Teil entstehen neue Räume (Freskensaal, Teeküche, Toiletten, Nähstübchen, Abwartswohnung). Auch die Einteilung im Untergeschoss ist neu; erhalten bleibt die Sakristei (heutige Krypta), die einen eigenen Eingang bekommt. Im Altarraum werden die Stallfenster wieder durch Kirchenfenster ersetzt, der Feuerwehrturm wird abgebrochen, das Dach in die ursprüngliche Form gebracht.
Die Fresken an den Längswänden der Kirche treten wieder zutage. Ihre Sanierung in der Kirche erscheint unmöglich. In einem Spezialverfahren werden sie auf die Wände des Saales im 1. Stock übertragen. Für die kahlen Wände der Kirche wird Fritz Pauli (CH) mit neuen Fresken beauftragt. Nach der Renovierung bleibt die Kirche im Besitz der Stadt. Die reformierte Münstergemeinde übernimmt das Gebäude als Gemeindehaus. 1956 braucht die Münstergemeinde das Gemeindehaus nicht mehr. Es wird an die Lutheraner vermietet, die es seitdem als Kirche und Gemeindehaus nutzen. Die Lutheraner ihrerseits stellen die Räumlichkeiten bei Bedarf an Ungarn und Finnen für protestantische Gottesdienste zur Verfügung. Die Krypta ist als Gottesdienstraum seit 1944 an die Russisch-Orthodoxe Gemeinde vermietet.
Mehr als 300 Jahre lang werden die vom Berner Nelkenmeister 1496–1500 gemalten Fresken vergessen und erst 1839 wiederentdeckt. Beim Umbau zum Kornhaus 1533 waren sie, da sie erst in 2,50 m Höhe begannen, in den 1. Oberstock gelangt, der sicher schlecht beleuchtet war. Sie wurden dort nie übertüncht, aber auch nicht gepflegt. Als sie der Antiquarischen Verein entdeckt, ist die ursprüngliche Farbigkeit erstaunlich frisch erhalten: Purpur, Karmin, Ziegelrot, Grün, Schwarz, Braun, Ockergrün und Hellgrau.
Doch die Kunsthistoriker interessieren sich nur kurz für die Wandmalereien. Es vergehen nochmals 100 Jahre, bis 1939/40 die Fresken wieder richtig sichtbar werden, allerdings sind sie in viel schlechterem Zustand als 1839 beschrieben.
Die Längsseiten des Kirchenschiffes tragen je 4 Reihen von je 8 hohen Rechtecken (120 x 112 cm), die Szenen aus Antoniuslegende darstellen und die mit dreizeiligen Unterschriften versehen sind. Man findet von den 64 Feldern 26 völlig beschädigt, 7 mit nur geringen Farbresten Bild einfügen, Freske mit geringen Farbresten, 31 mit erkennbaren Resten. Bild einfügen, Freske mit erkennbaren Resten
Keine der Bildunterschriften ist vollständig erhalten. Die Malerei stimmt jedoch so genau mit Malereien im ehemaligen Dominikanerkloster überein, die die Signatur des Berner Nelkenmeisters tragen, dass man auch diese Fresken den Nelkenmeistern – einer Gruppe anonymer spätgotischer Maler – zuordnet.
1939/40 soll die renovierte Antonierkirche nicht schmucklos bleiben. Fritz Pauli, ein fast als Einsiedler lebender aus Bern stammender Maler, der später auch die Fresken im Berner Rathaus schuf, wird beauftragt, neue Fresken zu malen. Pauli nimmt an der Ostwand die Antoniuslegende auf:
Auf der rechten Seite die Versuchung des Heiligen, in der Mitte Antonius bei Paulus sowie das Brotwunder und auf der linken Seite Antonius, der den toten Paulus zudeckt. Bild einfügen, Freske Ostwand
An der Westwand wird der Mensch zwischen Gut und Böse dargestellt. Von links kommen böse und versuchende Mächte, von rechts gute Geister. In der Mitte sitzt der nachdenkliche Mensch, von einem Engel ermahnt, seinem Glauben treu zu bleiben. Bild einfügen, Freske Westwand
An der südlichen Stirnwand entsteht das grosse Weihnachtsbild (1945 beendet), damals weit über Berns Grenzen hinaus bekannt. Karl Barth schrieb im 3. Band seiner Dogmatik dazu: «... es ist eine wahre Wohltat, die Engel auf dem Weihnachtsbild von Pauli endlich wieder einmal als hohe, dunkle, strenge Gestalten dargestellt zu finden.»
Die Pauli-Fresken stehen heute wie die ganze Antonierkirche unter Denkmalschutz.