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Eine wenig bekannte Seite des Antisemitismus
Falscherhund, Temperaturwechsel, Wanzenknicker … Was sich liest wie eine Liste absurder Wörter, sind Familiennamen, die die kaiserlich-königliche österreichisch-ungarische Verwaltung ab 1787 der jüdischen Bevölkerung verpasste. Der neu aufgelegte Text des österreichischen Schriftstellers Karl Emil Franzos (1848–1904) erinnert an ein wenig bekanntes Kapitel der Judendiskriminierung.
Der Text, den Franzos 1888 veröffentlichte, ist meisterhaft: flüssig, präzise und zugänglich. In diesem Geist prägten Autoren wie Karl Kraus, Siegfried Kracauer, Sigmund Freud, Joseph Roth das Feuilleton, ja die geistige Auseinandersetzung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine Welt, die die Naziherrschaft ab 1933 radikal wegfegen sollte.
Franzos schrieb seine «Namensstudien» ein halbes Jahrhundert davor. Aber sein Text kündet von Willkür und Antisemitismus. Die jüdische Bevölkerung kannte zuvor keine Familiennamen, sondern nur einen Vornamen, dem sie den Namen des Vaters hinzufügte, und allenfalls die hebräische Bezeichnung des Lands, aus dem jemand nach Osteuropa eingewandert war: Moses, Sohn des Abraham, aus Deutschland: Mosche Ben Avruhom Aschkenasi.
Der Erlass des Kaisers, den Juden und Jüdinnen Familiennamen aufzuzwingen, bezweckte, sie ins Steuersystem einzugliedern, sie für den Militärdienst zu erfassen und – unausgesprochen – ihnen eine neue, verächtliche Identität überzustülpen. Die Laune der Kommission bestimmte den Namen: Erdenjammer, Kreuzverehrer und Pfefferknödelbestandtheil hiess man, wenn man weder bezahlen konnte noch eine schöne Tochter hatte, die dem Auditor zu Diensten sein konnte. Grün, Rubin oder Blaustein hiess, wer Glück hatte.
So wurden die JüdInnen verhöhnt und ihrer Identität entfremdet. Denn der Name ist für jeden Menschen zentral. Er gehört zur Person wie das Gesicht, das Herz.
Am Schluss seines Texts wünschte sich Franzos, «dass diese Namen allmählich verschwinden mögen», denn «sie bilden ja nur eine Scheidewand mehr zwischen ihren Trägern und den anderen Staatsbürgern!». Die meisten dieser Namen sind seit dem Erscheinen von Franzos‘ «Namensstudien» wirklich verschwunden. Wenn auch auf eine schreckliche Art, die er nicht ahnen konnte.
Namensstudien (1888). Neue Ausgabe mit einer französischen Übersetzung von Ariane Lüthi. Verlag Hohes Ufer. Hannover 2012. 72 Seiten. 7 Franken