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Stefanos Tsitsipas ist erfrischend anders. Optisch mehr Surfer als Tennisprofi verzückt der 21-Jährige das Publikum auf dem Platz mit seiner einhändigen Rückhand und seiner lässigen Art. Mit den wilden langen Haaren und dem nonchalanten Gang zwischen den Ballwechseln wirkt er wie ein unbekümmerter Künstler. Doch dahinter steckt mehr.
«2018 stiess ich in die Top 15 vor und wurde so bei Grand Slams gesetzt. Da habe ich mein Potenzial erkannt», erläutert er in einem Beitrag auf dem lesenswerten Tennisblog «Behind the Raquet». Den grossen Durchbruch auf der Tour schaffte er Anfang 2019 bei den Australian Open, als er unter anderem Roger Federer schlug und bis in den Halbfinal vorstiess.
Vor dem Höhenflug gab es aber auch einige Tiefs: «Es gab eine Zeit, in der es mir nicht gut ging. Ich begann, Future-Turniere (Anm. d. Red: die niedrigste Kategorie im Profi-Tennis) zu spielen und zweifelte an mir selbst. Ich war mir nicht sicher, ob ich gut genug war, um professionelles Tennis zu spielen. Mein Land stand am Rande des Bankrotts. Die gesamte Bevölkerung litt darunter. Die Geschwister meines Vaters waren arbeitslos und konnten ihre Familien nicht ernähren. Die Leute sahen mich an, als wäre ich derjenige, der das Land regiert – sie dachten, ich sei Teil des Problems», schreibt der Grieche. Er hält fest: «Ich fühlte mich isoliert. Ich war nicht zu Hause, um zu sehen, was vor sich ging, weil ich ja ständig unterwegs war.»
Er habe Unterstützung gebraucht, ein Mentaltrainer habe ihm weitergeholfen: «Dann sagte ich zu mir selbst: ‹Du hast dein ganzes Leben dem Tennis gewidmet, du kannst nicht einfach aufgeben. Du musst weitermachen.›»
Starke Social-Media-Präsenz als Ausdruck der Persönlichkeit
Ausserhalb der Courts bestätigt sich der Eindruck eines Freigeists. Mit selbst gedrehten Videos von hoher Qualität dokumentiert der Sohn einer ehemaligen russischen Top-200-Spielerin seine Reisen auf einem Youtube-Kanal. «Ich habe Hobbys, die mein Interesse an verschiedenen Aspekten des Lebens aufrechterhalten. Diese Aktivitäten halten mich kreativ und spiegeln sich in meinem Tennisspiel wider. Manchmal poste ich Dinge in meinen sozialen Medien, die nicht viele Leute verstehen. Diese Beiträge drücken meine innere Kreativität aus. Ich bringe die Wendung im Leben von Stefanos zum Ausdruck», meint die aktuelle Weltnummer 6.
Tsitsipas gesteht: «Tennis ist ein sehr introvertierter Sport, und wir stehen mit allem alleine da. Wir haben ein Team, das uns in die ganze Welt folgt. Aber ich habe unzählige schlaflose Nächte alleine verbracht. Die vielen Reisen und Wettkämpfe verursachen viel Stress, und ich habe mich sehr einsam gefühlt.»
«Sie nehmen die ganze Sache einfach zu ernst»
«Ich war ein introvertiertes Kind und hatte nicht viele Freunde. Als ich anfing, auf Tournee zu spielen, dachte ich, dass ich Freundschaften entwickeln würde, aber es stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall war. Die meisten Spieler bleiben unter sich. Ich habe das Gefühl, dass die Spieler keine Freunde werden wollen, weil sie glauben, dass jemand ein Geheimnis aus ihnen herauslocken wird, um sie zu schlagen. Ich glaube, sie nehmen die ganze Sache einfach zu ernst. Freunde würden das Reisen weniger einsam machen», glaubt Tsitsipas.
Seine Gedanken gehen oft über das Tennis hinaus («Ich bin philosophisch»). Ein Grund dafür ist, dass er als 16-Jähriger nach einem Turnier auf Kreta beinahe im Meer ertrunken ist. Ein älterer Kollege und er unterschätzten die Strömung.
Nun wird der Mann aus Athen ehrfurchtsvoll «Stefanos the Great» genannt. Kein Wunder, schliesslich hat der charismatische Shootingstar mit seinem Triumph bei den letztjährigen ATP Finals bewiesen, dass mit ihm in Zukunft zu rechnen ist.