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von Zita Mayer
Haben Jugendliche bestimmte Interessen und Persönlichkeitseigenschaften, weil sie einen bestimmten Ausbildungsweg abschliessen – oder schliessen Jugendliche bestimmte Ausbildungswege ab, weil sie bestimmte Interessen und Persönlichkeitseigenschaften haben? Psychologische Forschung legt nahe, dass beides zutrifft. Jugendliche entscheiden sich aufgrund bestehender Interessen und Persönlichkeitseigenschaften für bestimmte Ausbildungswege (Selektion), die diese Interessen und Persönlichkeitseigenschaften wiederum verstärken (Sozialisation). Um Sozialisationseffekte der Ausbildungswahl zu untersuchen, verglich eine Forschungsgruppe in einer grossangelegten Studie an deutschen Schulen die Interessens- und Persönlichkeitsentwicklung von jugendlichen Realschülern, die sich nach dem Realschulabschluss für den Beginn einer Berufslehre oder den Wechsel an ein Gymnasium entschieden hatten.
In dieser Studie beantworteten 508 16-jährige RealschülerInnen an 46 repräsentativen deutschen Realschulen kurz vor dem Realschulabschluss (am Ende des 10. Schuljahres) einen Fragebogen, in dem sie ihre beruflichen Interessen und Persönlichkeitseigenschaften bewerteten. Sechs Jahre später wurden die Jugendlichen erneut kontaktiert, um denselben Fragebogen ein zweites Mal zu beantworten. Um mögliche Sozialisations- von Selektionseffekten unterscheiden zu können, verglichen die Studienautoren Teilgruppen an Jugendlichen, die sich vor der Ausbildungswahl (d.h. beim ersten Messzeitpunkt) in den untersuchten Persönlichkeitseigenschaften und Interessen ähnelten, sich aber für unterschiedliche Ausbildungswege entschieden hatten.
Die Studienresultate dokumentierten sowohl Selektions- als auch Sozialisationseffekte der Ausbildungswahl. RealschülerInnen, die sich für die Berufslehre entschieden hatten, berichteten am Ende des 10. Schuljahres schlechtere Mathematik- und Deutschnoten, aber höhere technische Fähigkeiten als diejenigen SchülerInnen, die sich für den Wechsel an ein Gymnasium entschieden hatten. Bei den Sozialisationseffekten ergab sich folgendes Bild: Jugendliche, die sich für die Berufslehre entschieden hatten, berichteten nach 6 Jahren einen höheren Zugewinn an Gewissenhaftigkeit als Jugendliche, die sich für den gymnasialen Weg entschieden hatten. In anderen Worten: Erstere gaben an, fleissiger und sorgfältiger zu arbeiten als letztere. In anderen Persönlichkeitseigenschaften (wie z.B. in Verträglichkeit und emotionaler Stabilität) fanden sich keine Sozialisationseffekte. Neben der Gewissenhaftigkeitsentwicklung unterschieden sich die Gruppen auch in ihrer Interessensentwicklung: RealschülerInnen, die sich für die Berufslehre entschieden hatten, berichteten nach 6 Jahren ein geringeres Interesse an forschenden Tätigkeiten (z.B. Probleme analysieren), sozialen Tätigkeiten (z.B. sich um andere Menschen kümmern oder ihnen etwas beibringen) und unternehmerischen Tätigkeiten (z.B. Arbeitsgruppen leiten oder Verhandlungen führen) als RealschülerInnen, die sich für den gymnasialen Weg entschieden hatten.
Warum unterscheidet sich die Interessens- und Gewissenhaftigkeitsentwicklung von Jugendlichen, die sich nach dem Realschulabschluss für den Beginn einer Berufslehre oder den Wechsel an ein Gymnasiums entscheiden? Ein Grund könnte sein, dass die Lehr- und Gymnasialumgebungen diese Eigenschaften in unterschiedlichem Ausmass (a) fordern und (b) fördern. Gewissenhaftigkeit (sich an Regeln zu halten und zuverlässig zu arbeiten) ist zentral für den erfolgreichen Abschluss einer Berufslehre, in der Verhaltensregeln durch Vorgesetzte strenger definiert und sanktioniert werden als im gymnasialen Schulkontext, in welchem Jugendliche vorwiegend mit Gleichaltrigen zusammenarbeiten. Da Lehrlinge von erfahreneren Vorgesetzten lernen und sich diesen unterordnen müssen, fordern und fördern Lehrausbildungen Gewissenhaftigkeit evtl. in einem höheren Ausmass, soziales und unternehmerisches Interesse jedoch in einem geringeren Ausmass als gymnasiale Schulumgebungen, in welchen Jugendliche mit einer Vielzahl an Möglichkeiten für und Erwartungen an das Übernehmen von Führungsaufgaben (z.B. im Klassenverbund) konfrontiert werden.
Allgemeiner ausgedrückt und etwas weiter gefasst: Die Entwicklung von Persönlichkeitseigenschaften und Interessen geschieht zumindest teilweise in, durch, und für die Ausbildungstätigkeit.
Literaturangaben:
Golle, J., Rose, N., Göllner, R., Spengler, M., Stoll, G., Hübner, N., ... Nagengast, B. (2018). School or work? The choice may change your personality. Psychological Science, Advance online publication. doi:0956797618806298.
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