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Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung (18.01.2005)
«Ariane et Barbe-Bleue» von Dukas im Opernhaus Zürich
Das Einfamilienhaus, Baujahr vielleicht 1956, könnte irgendwo in der Umgebung stehen - trotz dem Schnee, der im Vorgarten liegt. Und dass es sechs Fenster aufweist, die eines nach dem anderen erleuchtet werden, erscheint auch nicht als ungewöhnlich. Dann freilich wechselt die Beleuchtung; der Blick fällt durch den Gazevorhang und die Wände des Einfamilienhauses hindurch in ein kahles, durch ein Oberlicht erhelltes Interieur. Sechs Türen reihen sich zu einem Halbrund, in der Mitte eine siebte, durch deren Fenster nur Schemen zu erkennen sind. Hier ereignet sich «Ariane et Barbe-Bleue», diese sonderbare Geschichte von 1907, die in so beklemmender Weise von 2005 sein könnte.
Fünf Frauen sind verschwunden; man weiss auch, auf wen das zurückgeht. Auf Blaubart, Barbe-Bleue eben, der jetzt sein Haus betritt: mit Ariane, seinem sechsten Opfer. An ihr freilich scheitert er, ihr vermag er nicht den Willen zu brechen noch die Identität zu nehmen. Ungehorsam dränge sich auf, wenn einem die Verhältnisse dubios vorkämen, sagt Ariane zu ihrer Amme; deshalb öffnet sie alle Türen, eingeschlossen die verbotene siebte, hinter der kein Schmuck sichtbar wird, sondern das Kellerverlies, in dem ihre fünf Vorgängerinnen schmachten. Auch hier zeigt sie keine Angst, weshalb sich die fünf Frauen an ihr aufrichten. Allein, am Ende misslingt die Befreiung, weil sich die Opfer nicht befreien lassen können. So geht Ariane ihrer Wege.
Opernsinfonie
Ein erstaunliches Stück, schon vom Stoff her. In seinem Libretto bringt Maurice Maeterlinck nicht nur den Ariadne-Mythos und das Märchen von Blaubart zusammen, er verwertet zudem die Erfahrung seines Lebens an der Seite seiner willensstarken Gefährtin, der Sängerin Georgette Leblanc. Viel Handlung gibt es nicht, die Prozesse sind eher innerer Art - aber da setzt die grandiose Musik von Paul Dukas an, von dem heute nur mehr die sinfonische Dichtung «Der Zauberlehrling» bekannt ist. In ihrer kräftig zupackenden Sonorität kommt sie von César Franck her, in ihrer harmonischen Freiheit nimmt sie die Errungenschaften Richard Wagners auf, in ihrer Neigung zu modalen Wendungen und zur Ganztonleiter schliesst sie an Strömungen von Fin de Siècle und Symbolismus an - und bleibt dabei doch ganz und gar eigenständig. Ein Rätsel, warum diese Partitur dermassen verkannt ist.
Vielleicht liegt es daran, dass «Ariane et Barbe- Bleue» - 1907 an der Opéra Comique in Paris uraufgeführt - so wenig mit den Gegebenheiten der Oper rechnet. Im Grunde handelt es sich hier nämlich um eine sinfonische Dichtung mit Gesang, so ausgeprägt steht das Orchester im Vordergrund. Im Opernhaus Zürich, das «Ariane et Barbe-Bleue» jetzt neu in den Spielplan aufgenommen hat, ist es deutlich zu hören, der Dirigent John Eliot Gardiner lässt keinen Zweifel daran. Mit mächtigen Gesten und in grossem Klang lässt er das Orchester der Oper Zürich, das seine anspruchsvollen Aufgaben blendend meistert, zu Beginn aufrauschen; und deutlich weist er darauf hin, wie sehr sich Dukas auch beim frühen Strauss und bei der deutschen Moderne der Jahrhundertwende ausgekannt hat - kein Wunder, haben sich die Vertreter der Zweiten Wiener Schule so begeistert über das Werk geäussert.
Je weiter das Stück vorankommt und je klarer der liebende Grundzug in der Figur der Ariane zum Ausdruck kommt, desto zarter wird nun allerdings die Musik - der Regisseur Claus Guth, der «Ariane et Barbe-Bleue» in der Ausstattung von Christian Schmidt inszeniert hat, hört da genau hin. Zwar lebt auch diese Produktion in hohem Mass von Gedankenarbeit und regt sie dementsprechend zum Denken an; mit aller Sorgfalt legt Guth jedenfalls die psychologischen Verästelungen frei, die das Werk durchziehen und die es für uns heute noch so interessant machen. Zugleich aber, und das ist hier nicht etwa das Einfachere, versteht dieser Regisseur auch zu fühlen: mitzufühlen mit seinen Figuren, wie sie musikalisch gezeichnet werden. So zeigt er drastisch, wie brachial Ariane die verängstigten Frauen im Keller ermutigen muss, zu ihrer Individualität zurückzufinden: die zitternde Mélisande zum Beispiel, der sie mit einem raschen Griff die Perücke vom Kopf reisst, so dass struppiges Kurzhaar zum Vorschein kommt. Der Regisseur kann das so tun, weil er weiss, dass das Orchester an dieser Stelle eine unendlich schöne, zärtliche Flötenmelodie beisteuert, welche die Dinge im rechten Licht erscheinen lässt. Das ist Musik-Theater.
Lichtgestalt
Und liebevoll sind sie alle ausgeformt: Sélysette (Stefania Kaluza), Ygraine (Eva Liebau), Mélisande (Martina Janková), Bellangère (Liuba Chuchrova) und Alladine (Anikó Donáth), die in Blaubarts Keller darben. Bei Maeterlinck sind es Schemen, die Namen von Frauenfiguren aus früheren Texten tragen; auf der Zürcher Opernbühne erhalten sie Profil. Das gilt auch für die Amme von Liliana Nikiteanu und den kurz und nachhaltig eingreifenden Barbe-Bleue von Cheyne Davidson, ganz besonders aber für die durch und durch als Lichtgestalt erscheinende Figur der Ariane. Die Mezzosopranistin Yvonne Naef bewältigt die abendfüllende, alles überstrahlende Partie phänomenal: mit einem in der Tiefe verankerten Timbre, das die Sängerin zu erheblicher Strahlkraft im Lauten und sensibler Geschmeidigkeit im Leisen befähigt. Ohne viel Aufhebens stellt diese Ariane gegenüber Blaubart fest, dass sie nicht die Frau ist, die sich unterwirft. Und mit schlichter Empathie wendet sie sich im Keller den traumatisierten Opfern zu, während oben Blaubart nervös seine Türen kontrolliert. Überlegen, ohne Bitterkeit, schliesslich der Abgang, der alle Fragen offen lässt.
So ist «Ariane et Barbe-Bleue» von Paul Dukas wieder einmal ans Licht gehoben worden, was als Tat schon lobenswert genug ist. Dass das Stück von Paul Dukas aber in einer handwerklich so vorbildlichen, interpretatorisch so vielschichtigen und in ihrer Wirkung so berührenden Produktion gezeigt wird, kann dem Opernhaus Zürich nicht hoch genug angerechnet werden.