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Adrian Wolfgang Martin
Salina
Sie ist ihm zur zweiten oder ersten Heimat geworden: 1962 hat sich Adrian Wolfgang Martin als freier Schriftsteller und Maler auf der Insel Salina, einer der äolischen Inseln vor Sizilien, niedergelassen. Der Inselalltag inspirierte ihn zu mehreren literarischen Werken, unter anderem zum Roman Salina.
Am Feierabend und an Festtagen sassen die Bauern und Fischer auf den Bänken und tauschten die letzten Neuigkeiten vom Dorf und vom Meer aus. Die Jungen standen in angemessener Entfernung, ehrfürchtig und mit offenen Mäulern. Sie passten auf, dass ihnen ja keine Einzelheit von den Abenteuern und Heldentaten entging. Wehmütig erzählten die greisen Seebären auch von Zeiten, in denen allein Santa Marina vierzig Segelschiffe betrieben hatte, um Wein, Öl und andere Erzeugnisse der Landwirtschaft nach Palermo, Neapel und im ganzen Mittelmeer zu verfrachten.
Vor dem Eingang des Platzes, der sich gegen den Strand hin öffnete, stand ein grosser Olivenbaum. Er musste mindestens so alt sein wie das Kirchlein der Dorfpatronin, vielleicht sogar noch älter. Seit Menschengedenken war sein Öl für das heilige Chrisma und für die silbernen Ampeln der Altäre verwendet worden. Und was übrig blieb, verteilte der Pfarrer an die Armen.
Vier unbehauene Basaltblöcke sollten den Baum gegen das Meer schützen. Sie verhinderten jedoch nicht, dass die auslaufenden Wogen bei hohem Seegang den Stamm erreichten. War der Sturm besonders heftig, riss das Wasser Erde mit sich und hinterliess tiefe Höhlungen und Furchen unter den entblössten Wurzeln. Doch der Baum schien gegen jeden Angriff und gegen das tödliche Salz gefeit zu sein. Seine grauen Wurzelarme waren selber versteinerte Wellen, die weit ausgriffen und sich im Boden festklammerten. Die alten Bauern hielten den Baum für unsterblich. Die Fischer vertrauten ihm mehr als jedem Eisenpfahl oder Felsen. Fürchteten sie, der Sturm würde ihre Barken vom Ufer reissen und zerschmettern, banden sie die Taue um den sicheren Olivenstamm und gingen ruhig schlafen. Der Baum war Inbegriff von Geborgenheit und Rettung.
In Santa Marina war auch Brauch, dass der Friedensrichter nie anderswo seine Audienzen erteilte als auf dem runden Platz vor der Kirche. Er stand an den Stamm des Olivenbaums gelehnt, überdacht vom zinnfarbenen Baldachin der ausladenden Äste. Geduldig hörte er Kläger, Beklagte und Zeugen an. Dann schlug er mit dem Knauf seines Handstocks an die steinharte Olivenrinde, bis die streitenden Parteien schwiegen. Sein Urteil war unbestechlich und unverrückbar, wie der Baum. Und der sinnbildliche Zusammenhang zwischen lebendem Wahrzeichen und Sitte und Recht war für jedermann klar und verpflichtend.
Fand nicht gerade eine Gerichtssitzung statt, bemächtigten sich die Knaben aus dem Dorf des Ölbaums. Sie nisteten sich im Geäst ein, und jeder versuchte, den höchsten Platz zu erobern. Wer den Gipfel behauptete, war Anführer der Bande. Alle fügten sich seinem Befehl, wenn es auf gemeinsame Abenteuer ging.
Die Gepflogenheiten der Alten und Jungen machten es aus, dass der Olivenbaum im Herzen des dörflichen Lebens wuchs und gedieh.
Manch einer, der nach Amerika oder Australien auswandern wollte, schlich in der Nacht vor seiner Abreise zu dem zerklüfteten Stamm, presste seine Stirn daran und weinte seinen Schmerz aus. Die meisten hinterliessen auf einem Ast die Anfangsbuchstaben ihres Namens. Und Nini Virgona, der Gitarrenspieler und Sänger, der seinen Freunden das versprochene Hohelied auf Salina schuldig geblieben war, schrieb noch am Tag, bevor er in Messina das Emigrantenschiff bestieg, ein Lied, das den geliebten Baum verherrlichte.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 100–101.
Erstpublikation: Adrian Wolfgang Martin: Salina. Frauenfeld: Huber, 1977. S. 8–9.