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Mit 21 Jahren heiratete Trudi ihren Mann, dannzumal 23 Jahre alt. Es war eine gute Ehe, davon war sie überzeugt. Sie hatten ein Ziel: Überleben und ihren Töchtern ein schönes Zuhause bieten. Dass dies allein nicht reichte, musste Trudi mit den Jahren traurig feststellen.
Viel Arbeit, wenig Pausen
Die Zeiten waren hart, wir mussten nach unserer Heirat beide arbeiten gehen. Er verdiente als Strassenmacher wenig. Ich wechselte nach unserer Heirat in den Reinigungsdienst und war in zwei kleineren Hotels angestellt. Dann wurden uns zwei Töchter geschenkt: Jacqueline und Monique. Weiterhin war ich darauf bedacht, dass ich arbeiten konnte, wenn die Kinder in der Schule waren oder mein Mann daheim. Im Reinigungsdienst war dies möglich. Zehn Jahre später wechselte mein Mann seine Arbeit und wurde Gemeindeangestellter von Lausanne. Er war für den Unterhalt der Strassen eingestellt, die Arbeit war körperlich nicht mehr ganz so schwer. Dannzumal war er erst 31 Jahre alt und physisch bereits sehr erschöpft.
Freundschaft ade
Wie in so vielen anderen Ehen auch begann sich unsere Freundschaft abzunutzen. Wir lebten und arbeiteten mehr neben- als miteinander. Hinterfragt hat man dies nicht, man war froh, dass alles irgendwie funktionierte und die Kinder ein geordnetes Daheim hatten.
Ich war stolz darauf, dass unser bescheidenes Heim sehr sauber und gepflegt wirkte, dass unsere Wohnung trotz des mageren Einkommens nicht ärmlich aussah. Ich wählte mit Bedacht sorgfältig die Stoffe aus und sparte oft lang, bis ich mir einen besonderen Vorhang, ein Tischtuch oder das Tuch für Bettüberwürfe leisten konnte. Genäht habe ich alles selber. Die Mädchen waren stets sehr sauber und schön gekleidet. Stets stand ein gutes Essen auf dem Tisch, wenn er heimkam; einfach, aber mit Fantasie und Liebe gekocht. Ich habe in diesen Jahren sehr wenig geschlafen, manchmal nur vier bis fünf Stunden. Aber das war für mich kein Problem. Es funktionierte.
Alles unter einen Hut
Oft kam ich erst kurz vor Mitternacht nach Hause, dann weichte ich unsere Wäsche ein, putzte die Küche und stand frühmorgens als Erste wieder auf, um das Frühstück zu richten und das Mittagessen für meinen Mann vorzukochen. Einfacher war es und etwas mehr Zeit hatte ich, als mein Mann für wenig Geld ein gebrauchtes Velo kaufen konnte. Nun war ich etwas rascher bei der Arbeit. Auf dem Rückweg aber musste ich das Velo grösstenteils stossen, weil es praktisch nur bergauf ging. Aber ich hatte jeden Tag eine Stunde mehr Zeit für die Familie. Das war viel wert. Wie in so vielen Familien dannzumal war auch bei uns die Frau ständig am Arbeiten, sonntags wie werktags. Jede Minute wurde sinnvoll genutzt, Zeit zum Schwatzen hatte ich nicht. Auch am Sonntag war ich nach der Kirche daheim am Stricken oder Nähen.
Sein Leben, seine Bedürfnisse
Aber ich war guter Dinge und freute mich, dass der Druck zu überleben nicht mehr so gross war wie dannzumal während meiner eigenen Kindheit. Zunehmend verdiente mein Mann mehr, doch nach Hause kam davon immer weniger. Er begann sich immer mehr mit seinen Copains zu treffen, stand an den Wochenenden am Fussballplatz und referierte am Stammtisch. Ich liess ihm die Freiheit. Bis ich über verschiedene Hinweise merkte, dass mein Mann auch Frauen hielt. Nun war mir klar, warum nicht mehr Geld in die Kasse floss und ich weiterhin so sehr auf mein Einkommen angewiesen war.
Schweigen und nachdenken
Ich war es von meiner Erziehung her nicht gewohnt, dem Mann Vorhaltungen zu machen. Wir hatten auch nicht die Kultur, dass wir alles miteinander bereden konnten. Er war der Chef im Haus und bestimmte. Ich bat ihn, mehr daheim zu sein und die Zeit mit uns zu verbringen. Wenn ich zu viel insistierte, konnte es sein, dass er die Mädchen aus dem Zimmer schickte, dann schwieg ich. Er konnte jeweils sehr temperamentvoll den Stiel des Messers auf die Holztischplatte knallen lassen. Er hat mich nie geschlagen, ich wusste aber, dass ich mir nichts erlauben durfte und wollte nicht provozieren. Dass er sein Geld ins Wirtshaus brachte und mit Frauen ausgab, war für mich eine schwere Bürde. Gar oft habe ich daran gedacht zu gehen. Hatte den Mut dannzumal nicht. Ich wusste es und wusste es doch nicht. Aber ich konnte lesen und die Zeichen deuten. Das fremde, immer wieder wechselnde Parfüm an seinem schönen Anzug war eines davon.
Adieu, ich bin dann mal weg
Meine Stellung hier in Lausanne war speziell. Die Leute waren sehr freundlich, ja liebenswürdig. Aber ich war die «Suisse allemande». Ich war hier daheim und doch die Fremde. Und ich fühlte mich allein. Dies ging mir auf, als die Mädchen grösser wurden und ausflogen. Mir wurde klar: Hier hielt mich nichts mehr. Insbesondere als Monique für viele Jahre nach England zog, wusste ich, dass ich hier vor allem der Kinder wegen geblieben war.
Irgendwann packte ich die Koffer und ging. Dannzumal war ich 45 Jahre alt. Für heutige Begriffe noch jung, ich aber fühlte mich alt und verbraucht. Ich reiste zurück in die deutsche Schweiz und hatte dabei, was mir lieb und teuer war. Das waren keine Möbel und auch keine Wertsachen, sondern lieb gewonnene Gegenstände, die mich durch die Jahre hindurch begleiteten. Mit drei Koffern kam ich bei meiner Schwester in Basel an, ruhig und sicher, dass ich diesen Schritt nicht bereuen würde. Meinem Mann hinterliess ich einen Zettel und sagte Adieu. Alle Versuche, mit ihm im Vorfeld zu reden, hatten nichts genutzt, er war nicht bereit dazu. Was hätte ich da noch sollen? Ihm die nächsten zwanzig Jahre die Socken waschen und das Essen auf den Tisch stellen? Dazu war ich nicht verheiratet.
Von einem Theater zum nächsten
Oh, war dieser Schritt ein Theater innerhalb unserer Familie! Meine Geschwister fanden, dass ich mich nicht scheiden lassen dürfe. Das sei eine Schande für die ganze Familie. Dass mein Mann zunehmend dem Alkohol zugetan war und nur noch zum Essen und Schlafen daheim war, das war für mich kein Leben. Ihre Sprüche aber taten mir ebenso weh. Ich blieb in Basel und zog nicht weiter in die Ostschweiz. Ich fühlte mich in dieser Stadt wohl, bekam eine Stelle an einem Kiosk und begann, mir eine neue Existenz aufzubauen. Der Kontakt zu den Töchtern blieb, sie verstanden mich.
An den Wochenenden arbeitete ich bis zu meiner Pensionierung in einem Theater in Basel an der Kasse. Diese Arbeit machte mir Freude. Ich lernte neue Menschen kennen, genoss die Arbeit und begann zu lesen und Konzerte zu besuchen. Zumeist zusammen mit meiner Schwester, sie führte mich in die Kultur ein.
Witwe mit 69
Mein Mann versank in den darauffolgenden Jahren im Alkohol. Er verlor die Arbeit und später auch unsere Wohnung. Hatte zum Schluss über das Sozialamt ein kleines Zimmer, in dem er lebte. Zweimal tauchte er bei mir in Basel auf. Das erste Mal, um mir Vorhaltungen zu machen. Das zweite Mal, um mir mitzuteilen, dass ich wieder in die Wohnung zurückkommen solle, er würde alles verlieren. Dass ich schuld war an seiner Misere, hörte ich aus jedem Satz heraus. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und war dannzumal, wenige Monate nach meinem Auszug, hin- und hergerissen. Gut, hatte ich meine Schwester und ihre Familie an meiner Seite. Ich habe mich nie scheiden lassen und wurde mit 69 Jahren Witwe. Er war mein einziger Partner. Heute mit 90 Jahren bin ich froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Ich hatte nun gute Jahre, ein angenehmes, schönes Leben. Ich musste keine Angst mehr haben, etwas falsch zu machen. Ich musste nicht mehr warten und hoffen, nicht mehr schweigen und mit meinem Kummer allein fertigwerden.
Nacherzählt von Lotty Wohlwend