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Meeresteufel
Mobula mobular
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die meisten von uns betrachten die Fische als eine mehr oder weniger einheitliche tierliche Verwandtschaftsgruppe - genauso wie beispielsweise die Vögel. Das stimmt jedoch nicht. Die Fische bilden verwandtschaftlich gesehen ein ziemliches Sammelsurium und lassen sich am besten wie folgt - gewissermassen als «Ausschlusssippe» - definieren: Zu den Fischen gehören grundsätzlich all jene Wirbeltiere, welche weder Säuger noch Vögel noch Reptilien noch Amphibien sind.
Ein Blick auf die Stammesgeschichte der Wirbeltiere (Vertebrata), welche auch Schädeltiere (Craniata) genannt werden, erklärt das Gesagte: Die Wirbeltiere hatten sich einst als «Urfische» in den Ozeanen herausgebildet, und zwar im Kambrium, vor rund 500 Millionen Jahren. Mit der Zeit entwickelten sie sich zur vorherrschenden Tiersippe in den Meeren und bildeten eine enorme Vielfalt von Formen heraus. Unter diesen befanden sich beispielsweise die Plattenhäuter (Placodermi), mit Knochenplatten bedeckte, teils riesenhafte Fischformen, welche längst ausgestorben sind. Aber auch die Knorpelfische (Chondrichthyes) und die Knochenfische (Osteichthyes), deren Nachfahren noch immer existieren, gehörten schon früh dazu. Aus einer der Knochenfischsippen, nämlich den Fleischflossern (Sarcopterygii), gingen unseres Wissens im Devon, vor 360 bis 400 Millionen Jahren, die ersten landlebenden Wirbeltiere hervor: urtümliche Amphibien. Aus gewissen Amphibien entstanden später die Reptilien, und aus gewissen Reptilien nochmals eine Weile später die Vögel und die Säuger. Aus diesem Grund sind die heutigen Knochenfische - und besonders die letzten überlebenden Fleischflosser: die Quastenflosser und die Lungenfische - mit uns Menschen näher verwandt als mit den Knorpelfischen. Streng genommen bilden die Landwirbeltiere sogar eine Untergruppe der Knochenfische, während die Knorpelfische innerhalb der Wirbeltierverwandtschaft sehr separat dastehen. Diesen «Aussenseitern» wollen wir uns nun zuwenden.
Weltweit existieren nur ungefähr 1100 Knorpelfischarten, während es rund 25 000 Arten von Knochenfischen und 22 000 Arten von Landwirbeltieren oder Vierfüssern (Tetrapoda; d.h. Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere) gibt. Zu den Knorpelfischen gehören allerdings einige der imposantesten aller Wirbeltiere, darunter mit einer Länge von bis zu 14 Metern und einem Gewicht von teils über 35 Tonnen der grösste aller Fische, der Walhai (Rhincodon typus)
.
Die heutigen Knorpelfische werden im Allgemeinen in zehn Ordnungen gegliedert, nämlich sieben Ordnungen von Haien, ferner die Ordnung der Seedrachen oder Chimären (Chimaeriformes), die Ordnung der Sägerochen (Pristiophoriformes) und die Ordnung der Echten Rochen (Rajiformes). Zu den Echten Rochen gehören rund 450 Arten in zwölf Familien.
Die grössten unter den Echten Rochen sind die Mitglieder der Familie der Teufelsrochen (Mobulidae), von denen es nach heutiger Auffassung zwölf Arten gibt: Neun werden als «eigentliche» Teufelsrochen in der Gattung Mobula
zusammengefasst, während die restlichen drei als Mantas in die Gattung Manta
gestellt werden. Das grösste Mitglied der Familie ist unbestritten der Riesenmanta (Manta birostris)
mit einer «Flügelspannweite» von bis zu sieben Metern und einem Gewicht von manchmal fast zwei Tonnen. Aber auch der grösste unter den «eigentlichen» Teufelsrochen, der Meeresteufel (Mobula mobular)
ist ein stattlicher Fisch: Er kann eine Spannweite von mehr als fünf Metern und ein Gewicht von über einer Tonne erreichen. Von ihm soll hier berichtet werden.
Im Mittelmeer zu Hause
Wie alle Teufelsrochen besitzt der Meeresteufel einen stark abgeflachten, scheibenförmigen Leib und zu riesigen, dreieckigen «Flügeln» umgewandelte Brustflossen, welche in ihrem vorderen Bereich mit den Kopfseiten verschmolzen sind. Die Rückenflosse hingegen ist klein und befindet sich unmittelbar vor dem Schwanzansatz. Der Schwanz selbst ist peitschenförmig lang und dünn und weist keine endständige Flosse auf. Dafür befindet sich nahe der Schwanzwurzel, dicht hinter der Rückenflosse, ein so genannter «Sägestachel». Es handelt sich um einen verhältnismässig kleinen, spitzen, an beiden Kanten gesägten und mit Widerhaken besetzten Stachel, der eine Giftdrüse enthält und als Abwehrwaffe dient. Dringt er in den Körper eines Gegners ein, so erzeugt er nicht nur eine blutende Fleischwunde, sondern bricht auch ab und bleibt stecken. Beim Menschen ruft dies sehr starke Schmerzen und schwere Vergiftungserscheinungen hervor.
Unterhalb der Schwanzbasis befinden sich zwei Anhängsel. Es sind umgebildete Bauchflossen, welche bei den Männchen deutlich stärker entwickelt sind als bei den Weibchen und als Begattungsorgan dienen. Der Kopf ist breit, weist grosse Augen und einen verhältnismässig kleinen Mund auf der Schnauzenunterseite auf. In der Mundhöhle befinden sich 150 bis 200 dicht beieinander stehende Reihen winziger Zähnchen.
Besonders bemerkenswert - und für die Teufelsrochen kennzeichnend - sind die beiden grossen, beweglichen Hautlappen, welche beidseits der Schnauze nach vorn unten ragen. Sie werden als «Kopfflossen» bezeichnet und kommen bei der Nahrungssuche zum Einsatz. Im Ruhezustand werden sie eng zusammengerollt und sehen dann aus wie Hörner. Es handelt sich um Teile der Brustflossen, die sich während der Embryoentwicklung von den eigentlichen Brustflossen abspalten und nach vorne wandern. Mit den «Begattungsflossen», den «Flügelflossen» und den «Kopfflossen» sind die Teufelsrochen die einzigen Wirbeltiere, welche drei Paar Gliedmassen besitzen. Alle übrigen haben zwei (wobei diese bei manchen Formen, etwa den Schlangen, zurückgebildet sind).
Das Verbreitungsgebiet des Meeresteufels erstreckt sich über die küstenferneren, tiefgründigeren Bereiche des Mittelmeers mit Ausnahme der nördlichen Adria. Ausserhalb des Mittelmeers wird er entlang der afrikanischen Küste von Marokko im Norden bis Senegal im Süden verzeichnet, ferner bei den Kanarischen Inseln, Madeira, den Azoren und Portugal. Da der Meeresteufel dem in den tropischen Zonen des Atlantiks vorkommenden Gewöhnlichen Teufelsrochen (Mobula japanica)
äusserlich sehr ähnlich sieht, könnten jedoch etwelche dieser Sichtungen ausserhalb des Mittelmeers auf Verwechslungen beruhen.
Über die Gesellschaftsform des Meeresteufels ist kaum etwas bekannt. Aufgrund der wenigen Beobachtungen, welche diesbezüglich vorliegen, scheint er in kleinen Gruppen umherzuschwimmen und zumindest gebietsweise jahreszeitliche Wanderungen zu unternehmen. Beispielsweise zeigte sich bei marinbiologischen Studien, welche in den 1970er Jahren in der Strasse von Messina, also zwischen Sizilien und Kalabrien, durchgeführt wurden, dass die Tiere regelmässig im späten Frühling und im Sommer nordwärts wanderten. Sie zogen gewöhnlich in Gruppen von fünf oder sechs Individuen und befanden sich zudem oft in Gesellschaft von Grossen Tümmlern (Tursiops truncatus)
, Blauweissen Delfinen (Stenella coeruleoalba)
, Langschnäuzigen Speerfischen (Tetrapturus belone)
, Lotsenfischen (Naucrates ductor)
und sogar Finnwalen (Balaenoptera physalus)
. Möglicherweise folgten sie alle denselben Beutetieren.
Friedfertiger Filterer
Die hörnerartigen Kopfflossen, der dünne Schwanz, der wie eine Reitpeitsche unter dem dunklen Umhang hervorragt, die flügelartigen Brustflossen, mit denen er geisterhaft durchs Wasser fliegt, und sicher auch die beachtliche Körpergrösse haben die Seefahrer früherer Jahrhunderte dazu veranlasst, allerlei gruselige Geschichten über Mobula mobular
zu erzählen und ihm den Namen «Meeresteufel» zu verpassen. Verbürgte Berichte über «teuflisches» Verhalten liegen allerdings keine vor: Der grosse Rochen ist ein friedfertiges Geschöpf, das keinerlei Gefahr für den Menschen darstellt. Die Harmlosigkeit hat damit zu tun, dass der Meeresteufel, wie alle Mitglieder der Teufelsrochenfamilie, kein aktiver Raubfisch ist, sondern ein Planktonfilterer und dass seine Zähne daher eine untergeordnete Rolle spielen.
Die Ernährungsweise der Teufelsrochen steht im Gegensatz zu derjenigen der meisten anderen Knorpelfische, von denen manche zünftige Raubfische und für ihre Angriffslust bekannt sind. Nur drei weitere Knorpelfischarten betätigen sich ebenfalls als Planktonfilterer: der Walhai, der Riesenhai (Cetorhinus maximus)
und der im Tiefwasser lebende Riesenmaulhai (Megachasma pelagios)
.
Alle diese Ernährungsspezialisten schwimmen bei der Nahrungssuche mit offenem Mund in Gewässern umher, welche reich an kleinen, frei schwebenden oder frei schwimmenden Organismen sind und lassen das Wasser in ihren Mundraum hinein strömen. Von dort fliesst das Wasser stetig durch die fünf vergrösserten Kiemenspalten auf der Körperunterseite wieder aus. Zum Festhalten der im Wasser befindlichen Organismen ist der Kiemenkorb als feinmaschiges Sieb ausgebildet. Dort bleiben die Tierchen hängen. Anschliessend werden sie mit Hilfe der Zähnchen zerrieben und hernach verschluckt. Die sehr beweglichen, lappenförmigen Kopfflossen spielen bei der Nahrungssuche eine wichtige Rolle: Sie lenken die grösseren unter den Kleintieren unweigerlich zum Mund und lassen ihnen keine Fluchtmöglichkeit.
Die Untersuchung des Mageninhalts erlegter Individuen deutet darauf hin, dass sich die Nahrung des Meeresteufels hauptsächlich aus verschiedenerlei frei schwimmenden, schwarmbildenden Krebstierchen zusammensetzt, aber auch kleine Schwarmfische wie Sardinen umfasst.
Fliegende Fische
Die meiste Zeit schwimmen die Meeresteufel, wie die Mantas und die anderen Teufelsrochen, gemächlich unter Wasser umher. Sie scheinen förmlich durch das Wasser zu fliegen, indem sie ruhig und elegant mit ihren Brustflossen auf- und niederschlagen. Wie ihre Vettern zeigen sie aber hin und wieder eine eher überraschende Fortbewegungsweise: Unvermittelt schiessen sie hoch aus dem Wasser heraus, fliegen ein Stück weit durch die Luft, klatschen dann mit oftmals weithin hörbarem Knall auf die Wasseroberfläche und tauchen wieder ins Wasser ein. Von alters her wird über den Sinn und Zweck dieses auffälligen Verhaltens spekuliert. Hier ein paar der Mutmassungen: Die Tiere würden auf diese Weise lästige Hautparasiten loszuwerden versuchen. Sie würden Verfolgern über die Wasseroberfläche hinaus ausweichen. Sie würden mit Artgenossen auf Distanz in Kontakt treten. Oder sie würden damit schlicht ihrer Lebensfreude Ausdruck geben. Keine der Erklärungsversuche ist wirklich überzeugend, und so bleiben die Luftsprünge der Meeresteufel wohl weiterhin ein Rätsel.
Alle 3 bis 4 Jahre ein Junges
Auch hinsichtlich des Fortpflanzungsverhaltens des Meeresteufels wissen wir nur wenig. Die natürliche Nachzuchtrate scheint sehr gering zu sein, denn die Weibchen erzeugen offensichtlich jeweils bloss ein einzelnes Junges in Intervallen von drei bis vier Jahren. Wie bei allen Knorpelfischen geben Männchen und Weibchen ihre Eier bzw. Samen nicht einfach ins freie Wasser ab, sondern sie paaren sich. Die Befruchtung des Eis erfolgt also im Mutterleib. Nach der Befruchtung entwickelt sich der Keimling eine Zeitlang im Ei, ohne dass dieses abgelegt wird. Dann schlüpft das Junge innerhalb des Eileiters des Weibchens und entwickelt sich noch eine Weile weiter. Es wird jedoch im Unterschied zu den Jungtieren der Säugetiere oder auch der Hammerhaie (Gattung Sphyrna
) nicht mit Nährstoffen versorgt, sondern es zehrt allein von seinem recht grossen Dottersack auf seiner Bauchseite. Ist der Vorrat aufgezehrt, wird das Junge geboren. Man nennt diese unechte innere Entwicklungsweise «ovovivipar»; sie stellt ein Mittelding zwischen Eier legend (ovipar) und lebendgebärend (vivipar) dar.
Über die Dauer der Tragzeit ist nichts bekannt, und auch wann die Geschlechtsreife bei den jungen Meeresteufeln eintritt, wissen wir nicht. Es ist aber anzunehmen, dass die Jugendentwicklung wie bei den besser bekannten Mantas mehrere Jahre in Anspruch nimmt.
Seine geringe Fortpflanzungsrate und seine zweifellos stattliche Grösse beim Erreichen der Geschlechtsreife erweisen sich für den Meeresteufel in der heutigen, vom Menschen dominierten Welt als sehr verhängnisvoll. Zwar wird die Art nirgendwo gezielt bejagt. Viele Individuen finden jedoch in Treib- und anderen Netzen, mit denen im Mittelmeer intensiv Fischfang betrieben wird, den Tod. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die meisten von ihnen sterben, bevor sie die Möglichkeit hatten, sich fortzupflanzen. Die wenigen jedoch, die bis zum fortpflanzungsfähigen Alter überleben, erzeugen viel zu wenig Nachkommen, um die durch den Menschen verursachten hohen Bestandsausfälle wettzumachen.
Es erstaunt deshalb nicht, dass Sichtungen von Meeresteufeln immer seltener werden. Obschon keine verlässlichen Bestandsschätzungen vorliegen, besteht kein Zweifel darüber, dass die Gesamtpopulation bereits sehr klein ist und zudem schnell weiter schwindet. Gezielte Schutzanstrengungen zugunsten der Art sind leider nicht denkbar. Der Bestandsrückgang liesse sich einzig dadurch aufhalten, dass die verschiedenen Mittelmeer-Anrainerstatten endlich ihre Fischfangaktivitäten koordinieren und auf ein nachhaltiges Mass herabsetzen würden. Leider gibt es keine Hinweise darauf, dass solche Vereinbarungen in naher Zukunft zustande kommen könnten. Entsprechend düster sehen die Prognosen für die Zukunft des Meeresteufels aus.
Legenden
Der Meeresteufel (Mobula mobular)
ist ein Mitglied der Familie der Teufelsrochen (Mobulidae), zu welcher auch der bekannte Riesenmanta (Manta birostris)
gehört. Gross gewachsene Individuen können eine Spannweite von mehr als fünf Metern und ein Gewicht von über einer Tonne erreichen. Auf der Schnauze heften sich häufig Schiffshalter (Remora spp.)
fest und lassen sich mittragen.
Wegen seiner hörnerartigen Kopfflossen und seinem dunklen «Umhang», mit dem er geisterhaft durch das Wasser fliegt, sowie wegen seiner eindrucksvollen Grösse hat der Meeresteufel früher zu allerlei gruseligen Geschichten Anlass gegeben. Verbürgte Berichte über «teuflisches» Verhalten liegen jedoch keine vor, denn der grosse Rochen ist ein friedfertiges Geschöpf, das gemächlich Plankton filternd durch das Meer zieht und keinerlei Gefahr für den Menschen darstellt.
Das Verbreitungsgebiet des Meeresteufels erstreckt sich über die küstenfernen, tiefgründigen Bereiche des Mittelmeers mit Ausnahme der nördlichen Adria. Ferner kommt er entlang der afrikanischen Atlantikküste von Marokko bis Senegal sowie bei den Kanaren, den Azoren, Madeira und Portugal vor.
Über die Vergesellschaftung und die Streifzüge des Meeresteufels ist kaum etwas bekannt. Wir wissen bloss, dass er gewöhnlich in kleinen Trupps umherschwimmt und dass er zumindest gebietsweise jahreszeitliche Wanderungen unternimmt, wobei letztere mit den Bewegungen seiner Beutetiere zu tun haben könnten.
Gewöhnlich schwimmt der Meeresteufel gemächlich durch das Wasser, indem er ruhig und elegant mit seinen grossen Brustflossen auf- und niederschlägt. Mitunter schiesst er jedoch hoch aus dem Wasser heraus, fliegt ein Stück weit durch die Luft, fällt dann klatschend auf die Wasseroberfläche zurück und taucht wieder ins Wasser ein. Welchen Sinn dieses auffällige Verhalten hat, wissen wir nicht.
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