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Edward Bulwer Lytton (1803-1873) kennt man heute wohl am besten als Autor von The Last Days of Pompeii, der Letzten Tage von Pompeji. Angeregt durch die anlaufenden Ausgrabungen fabrizierte Bulwer-Lytton einen historischen Roman, der sich so gerade an der Grenze zwischen Trivialliteratur und Besserem bewegt – einen historischen Roman, der nicht immer um historische Korrektheit (nicht einmal nach damaligem Wissenstand) bemüht war.
Dem einen oder andern mag auch sein Spätwerk Vril, the Power of the Coming Race ein Begriff sein. Ein bisschen Dystopie, ein bisschen Science Fiction. Im deutschen Sprachraum berüchtigt geworden, weil die Anthroposophie die geheimnisvolle Kraft „Vril“, die diese unterirdische Menschen(?)-Rasse zur Beherrschung von Natur und andern Rassen verwendet, vom original intendierten Horrorszenario in etwas Anstrebenswertes uminterpretierte. So stammen denn auch die meisten und die verbreitetsten deutschen Übersetzungen aus anthroposophischer Hand. Man darf einem Autor seine Interpreten nicht vorwerfen.
Dann stammt die Vorlage zu Richard Wagners Rienzi vom gleichnamigen Roman Bulwer-Lyttons. Wer weiss das heute schon noch?
Wer im deutschen Sprachraum schliesslich Arno Schmidt kennt, weiss, dass der Deutsche nicht nur ein Radio-Feature zu Bulwer-Lytton verfasst hat, er hat auch seinen grossen Roman What Will He Do With It? ins Deutsche übersetzt, unter dem Titel Was wird er damit machen?. Schmidt war – meiner Meinung nach zu Recht – der Meinung, dass dieser Roman Bulwer-Lyttons Meisterwerk darstelle. Hier zeigt sich Bulwer-Lytton tatsächlich als ein Meister in der Darstellung seiner eigenen Zeit, als ein Meister, der Charles Dickens keineswegs nachstehen muss.
Handkehrum stammt einer der schlimmsten Romananfänge aller Zeiten von Bulwer-Lytton. „It was a dark and stormy night“ – so lässt er 1830 Paul Clifford anheben. Die San Jose State University in Kalifornien hat diesen Anfang zum Anlass eines Literatur-Preisauschreibens genommen, bei dem ein absichtlich so schlecht wie möglich komponierter Anfangssatz preisgekrönt wird. Snoopy, wenn er sich als Autor fühlt, beginnt alle seine Romane mit Bulwer-Lyttons Satz.
Als Romancier kannte ich Bulwer-Lytton bereits – Die letzten Tage von Pompeji, Vril und Was wird er damit machen? habe ich gelesen. Monos and Daimonos aber war meine erste Kurzgeschichte von ihm. Demnach für mich (einmal mehr) die Frage: Bulwer-Lytton ist ein routinierter Romancier, allerdings immer ein bisschen an der Grenze zum Trivialen. Kann er auch ‚kurz‘? Wenn Monos and Daimonos typisch für den ‚kurzen‘ Bulwer-Lytton ist: Ja – allerdings immer ein bisschen an der Grenze zum Trivialen.
Monos and Daimonos verwendet eine Art inverses Doppelgänger-Prinzip. Der Ich-Erzähler ist ein Sonderling: menschenscheu, weil hohe Ansprüche an die menschliche Gesellschaft stellend. Lange Zeit entflieht er dieser menschlichen Gesellschaft, versteckt sich in einer Wüste. Schliesslich kommt er zurück. Auf dem Schiff, auf der Überfahrt ins heimische England, hängt sich ein unangenehmes Individuum klettenartig an ihn. Unsympathisch, schwatzhaft, aufdringlich. Jeder Versuch des Ich-Erzählers, diesen Kerl zu ignorieren, läuft ins Leere – der Fremde lässt sich nicht abschütteln, er begreift weder zarte noch deftige Hinweise darauf, dass er unerwünscht ist. Dann geht das Schiff unter, und der Ich-Erzähler kann sich – als einziger, wie er denkt – auf eine einsame Insel retten. Wer kann sein Entsetzen schildern, als plötzlich ein zweiter Überlebender am Strand auftaucht: jener Unsympath! Selbst als der Ich-Erzähler in seiner Verzweiflung die Insel in zwei Teile teilt, dem Fremden den einen, sich selber den andern zuweist, und dem Fremden strengstens untersagt, dass er seinen Teil verlasse – selbst dann muss er erleben, wie der Fremde, getrieben von der Sehnsucht nach Gesellschaft, nach zwei Tagen wieder in der untersagten Höhle des Ich-Erzählers auftaucht. In seiner Verzweiflung bringt der Ich-Erzähler den Ein- und Aufdringling um.
Später wird er dann von einem andern Schiff von der Insel gerettet. Doch nun erst sein Entsetzen, als auf dem Schiff – der Tote wieder auftaucht! Die Erscheinung bleibt unsichtbar für alle andern, ausser, dass sie offenbar ganz normale Fussstapfen im Sand zu hinterlassen vermag. Der Ich-Erzähler ruft völlig aufgelöst aus: „Werde ich nie mehr allein sein können?“ – und die Erscheinung schreibt mit ihren Füssen in den Sand: „Nie mehr!“ Damit endet die Kurzgeschichte.
Sie ist gut konstruiert, auch wenn sie keine grosse Überraschung bietet. Der Doppelgänger, der im Grunde genommen das negative Spiegelbild des Erzählers ist – die daraus zu ziehenden psychologischen Anwendungen sind klar. Dem Leser werden zum Schluss beide – Erzähler und Doppelgänger – unsympathisch oder zumindest verdächtig sein. Das hebt Bulwer-Lyttons Geschichte übers Triviale hinaus.
Fazit: Bulwer-Lytton bleibt immer für die kleine Überraschung gut. Er liest sich sauber und nett, ist also insofern perfekte Bettlektüre, die den Geist angenehm anregt ohne ihn zur Schlaflosigkeit aufzuregen.