Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03274.jsonl.gz/71

Vom Menschen verursachter Meeresmüll ist mittlerweile auch in abgelegenen Gebieten allgegenwärtig. Ein großer Teil, weltweit etwa 70 %, besteht aus Plastikmüll. Die gute Haltbarkeit, Korrosionsbeständigkeit und kostengünstige Produktion machten den Kunststoff erfolgreich. Weniger erfolgreich ist das Management seiner Entsorgung oder seines Recyclings.
Plastik wird von vielen Meeresbewohnern konsumiert
Die grosse Ansammlung von Plastikmüll in der Umwelt wird als dringende globale Bedrohung angesehen. Negative Auswirkungen der Plastikverschmutzung auf die Meeresfauna sind umfassend dokumentiert – mindestens 1400 Arten sind direkt davon betroffen.
Viele Studien zur Plastikaufnahme wurden an Seevögeln und Meeresschildkröten durchgeführt.
Es ist bekannt, dass fast alle Meeresschildkrötenarten Plastik aufnehmen. Ausserdem sollen Schätzungen zufolge bis im Jahr 2050 99 Prozent aller Meeresvögel Plastik in ihrem Körper mit sich herumtragen. Das zusätzliche Gewicht von Kunststoffen bei Seevögeln kann sich nachteilig auf ihre Flugfähigkeit und Nahrungssuche auswirken. Die geringere Effizienz kommt einer Energieverschwendung gleich. Darüber hinaus wurden diejenigen Laysanalbatros-Küken, die grosse Plastikmengen gefressen hatten, in ihrer Wachstumsentwicklung stark beeinträchtigt.
Die Belastungen bei den Meeressäugetieren sind zwar weniger weit fortgeschritten, jedoch haben auch hier 66 Prozent der Arten nachweislich schon Plastikmüll aufgenommen.
Die Auswirkungen von gefressenem Plastik
Meeresschildkröten sind langlebig und nutzen über Jahrzehnte hinweg verschiedene, weit verbreitete Lebensräume. Sie sind daher besonders anfällig für anthropogene Belastungen und werden auch als Indikatoren für Meeresverschmutzung angesehen. Grüne Meeresschildkröten stehen auf der roten Liste des IUCN, und obwohl die Dokumentation von Auswirkungen der Plastikaufnahme in vielen Details unklar ist, weiss man, dass beispielsweise verschluckte Kunststoffe zu Schwimm- und Auftriebsproblemen führen können. Dies ist nicht direkt lebensbedrohlich, kann aber letzten Endes zum Tod führen. Eine Blockierung des Magen-Darm-Trakts ruft beim betroffenen Organismus ein falsches Sättigungsgefühl hervor, was Unterernährung und eine Schwächung zur Folge hat. Solche Tiere sind dann anfälliger für eine Parasiteninfektion und zeigen weniger Furcht vor ihren natürlichen Feinden. Bei Schildkröten wurden aufgrund der Plastikaufnahme Perforationen, Geschwüre oder auch Läsionen beobachtet, die Schmerzen, Nekrose oder mechanischen Abrieb verursachen und die Eiablage erschweren können. Schliesslich führt die Einnahme von Plastik auch oft zur Akkumulation toxischer Substanzen im Körper.
All diese genannten Auswirkungen können langfristig dramatische Konsequenzen nach sich ziehen und die Fruchtbarkeits- und Wachstumsrate und damit das Überleben von Populationen gefährden.
Nordzypern als beliebter Brut- und damit Forschungsort
Für die grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) ist Nordzypern ein besonders wichtiger Standort, da dort derzeit ein Drittel aller Brutplätze im Mittelmeerraum liegen. Im Jahresdurchschnitt werden etwa 600 Nester registriert. Im Rahmen dieser Studie war das Ziel, anhand der in Nordzypern gesammelten Daten verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Makroplastik bei Grünen Meeresschildkröten zu untersuchen.
Die Studie wurde im östlichen Mittelmeer in Nordzypern im Auftrag der University of Exeter und der örtlichen Society for the Protection of Turtles (SPOT) durchgeführt.
Tote Schildkröten wurden entlang der nordzypriotischen Küste aufgegriffen oder aber von Fischern abgegeben, wenn sie diese versehentlich als Beifang gefangen hatten. Erlaubte es der Verwesungszustand, wurden die Schildkröten obduziert, der Magen-Darm-Trakt entfernt und in drei Abschnitte unterteilt: Speiseröhre, Magen und Darm. Sofern vorhanden, wurden die einzelnen Makroplastik-Stücke (definiert als mit bloßem Auge sichtbar) gereinigt, getrocknet und in ihrer Länge, Breite und Tiefe vermessen und gewogen.
Farbe und Art des Kunststoffs wurden gemäß standardisiertem Protokoll einer der folgenden Kategorien zugeordnet:
Farbe: transparent, weiß, rosa/lila, rot, orange, gelb, grün, blau, braun, schwarz, grau
Typ: plattenförmig (She), fadenförmig (Thr), geschäumt (Foam), Fragmente (Frag), industriell (Ind) und andere (Poth)
Diese präzise Unterteilung mag auf den ersten Blick irrelevant erscheinen und war auch sehr zeitintensiv. Sie ist allerdings wesentlich, um einen kompletten Datensatz zu erhalten und so das bereits über mehrere Jahre andauernde Projekt wertvoll zu ergänzen. Je kompletter die Daten, desto aussagekräftiger das Gesamtbild.
Grosse Unterschiede in der Farbe und Art des Plastiks
Über alle Jahre hinweg (seit 2012) wurden 6771 Plastikteile mit einer Gesamtmasse von 155.47 g erfasst. Von 56 Schildkröten hatten 2021 77 % der Tiere Plastik eingenommen und im Jahr 2022 hatten gar alle der von Januar - Juni untersuchten Schildkröten Plastik in ihrem Gastrointestinaltrakt.
Die am häufigsten erfasste Farbe war mit 44% transparent, gefolgt von weiss (24%).
schwarz (12%) und grün (5%), wie in der Abbildung a dargestellt. Helle Farben wie rosa/lila, rot und gelb kamen deutlich seltener vor.
Bei den Kunststoffarten waren plattenförmige Stücke am häufigsten, sie machten fast zwei Drittel aller Kunststoffe aus. Fadenförmiger Makroplastik und Fragmente wurden etwas seltener gefunden (mit 18, respektive 15%), während geschäumte Kunststoffe sowie Industriekunststoffe kaum im Magen-Darm-Trakt grüner Schildkröten nachgewiesen wurden (Abbildung b).
Es muss zwar berücksichtigt werden, dass die weltweit am häufigsten vorkommenden Kunststofffarben im Ozean auch diejenigen sind, die am häufigsten von grünen Schildkröten aufgenommen werden. Unter Berücksichtigung der bevorzugten Nahrung der grünen Meeresschildkröten – Seegras – zeigt sich trotzdem auch eine starke Präferenz für Kunststoffe, die dieser Nahrung ähneln. Sowohl die Farbe als auch die Art des Kunststoffs lassen auf eine selektive, keine versehentliche Einnahme schließen.
Die Erhebung in Nordzypern ist die grösste ihrer Art im Mittelmeerraum und umfasst bis zu diesem Zeitpunkt über ein Jahrzehnt an Plastikdaten, was sie für die Wissenschaft unglaublich wertvoll macht. Arbeiten wie jene an Meeresschildkröten ermöglichen ein besseres Verständnis der aktuellen Probleme im Zusammenhang mit der Plastikverschmutzung im Mittelmeerraum und weltweit. Sie können Informationen zu den besten Schutzpraktiken für grüne Meeresschildkröten in der Zukunft liefern.
Quellen und weitere Informationen:
Palmer et al. (2021): Dietary analysis of two sympatric marine turtle species in the eastern Mediterranean
Duncan et al. (2019): Diet-related selectivity of macroplastic ingestion in green turtles