Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03300.jsonl.gz/1493

IT-Geschichte 21.11.2011, 15:34 Uhr
der erste Schweizer Transistorrechner
Der erste Transistorrechner der Schweiz wurde in den 1960er Jahren fertiggstellt, blieb von der Fachwelt aber jahrzehntelang unbemerkt. Erst jetzt wurde die Maschine wieder entdeckt.
Die im Bereich Fliegerabwehr tätige Zürcher Firma Contraves (die heutige Rheinmetall Air Defence AG) hatte für ihre Anwendungen ursprünglich Analogrechner eingesetzt. Weil diese langsam und ungenau waren, entwickelte das Unternehmen in den 1960er Jahren einen Digitalrechner namens Cora 1 (Contraves-Rechenanlage). Mit diesem Gerät sollte der grundsätzliche Beweis erbracht werden, dass eine Echtzeitsteuerung eines Feuerleitsystems mit Hilfe eines Digitalrechners möglich ist. Die wichtigste kommerzielle Anwendung war der Einsatz als Steuerelement für hochpräzise Zeichentische. Damit konnte auch nachgewiesen werden, dass Kurven höherer Ordnung (Ballistik, Lehre von den Flugbahnen geschossener Körper) in Echtzeit berechnet und dementsprechend gezeichnet werden konnten. Für die Nutzung in Feuerleitsystemen war die Maschine jedoch zu schwer.Der in Herrliberg wohnhafte ungarische Ingenieur Peter Toth hat die Maschine ab 1957 im Auftrag des damaligen technischen Direktors der Contraves, Max Lattmann, entwickelt. Die Transistorschaltungen waren so ausgelegt, dass sie grosse Temperaturschwankungen aushalten konnten. Die Maschine hatte einen Kernspeicher. Für die Ein- und Ausgabe von Daten wurden Lochkarten und Lochbänder verwendet. Von Cora 1 wurden etwa 60 Stück hergestellt.Contraves hatte einen Koordinatographen von dem Berner Unternehmen Haag-Streit übernommen und zum Coragraphen weiter entwickelt. Die in Assembler - einer niedrigen, maschinennahen Programmiersprache - programmierte Anlage wurde beispielsweise im österreichischen Vermessungswesen und im Schiffsbau (Howaldtswerke-Deutsche Werft, Kiel, Steuerung einer Brennschneidemaschine) eingesetzt.Auch die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Lausanne kaufte eine solche Anlage für kartografische Arbeiten. Zu den Hauptarbeitsgebieten von Walter Karl Bachmann (Lehrstuhl für Geodäsie und Fotogrammetrie der ETH Lausanne) gehörte die «Einführung der elektronischen Rechner und automatischen Zeichentische in Katasterwesen, Strassenplanung und Fotogrammetrie». Später geriet die Cora-Maschine jedoch in Vergessenheit. Nächste Seite: Cora 1 in Lausanne ausgestellt Cora 1 in Lausanne ausgestellt Das Bolo-Museum der ETH Lausanne hat bei der Eröffnung seiner neuen Ausstellung «Disparition programmée» am 9. November 2011 den wieder entdeckten Transistorrechner Cora 1 enthüllt. Vermutlich hat kein weiteres Exemplar der Cora 1 überlebt. Eine weitere Cora 1 wurde 1964 an der Schweizerischen Landesausstellung (Expo) in Lausanne vorgestellt. Sie steuerte, hinter einer Mauer versteckt, einen Coragraphen. Ein Meilenstein war die Nutzung des Coragraphen für gedruckte Leiterplatten (Schaltungsplatinen) mit bis zu 16 Schichten. Cora 2 für Skyguard, Seaguard und Fieldguard Der Schweizer Ingenieur Peter Blum aus Oberhasli leitete ab 1966 die Entwicklung der Cora 2. Sie wurde für Skyguard (allwettertaugliches, mobiles Feuerleitsystem für Tiefflieger- und Flugkörperabwehr) gefertigt. Die Maschine war schneller und deutlich kleiner als ihre Vorgängerin. Die Anlage war voll militärtauglich und liess sich auch im Feld nutzen. Sie hatte integrierte DTL-Schaltkreise (Dioden-Transistor-Logik), einen Kernspeicher und einen Lochstreifenleser für die Programmeingabe. Von diesem um 1970 fertig gestellten Militärrechner wurden mehrere Hundert Stück hergestellt und als Teil von Feuerleitsystemen weltweit an die verschiedensten Streitkräfte, so auch an die österreichische und die Schweizer Armee geliefert. Vorgabe war dabei, dass Ersatzteile noch jahrzehntelang verfügbar sein müssen. Der Rechner Cora 2MB wird weltweit noch in sehr vielen Skyguards eingesetzt.Die in der Programmiersprache Ada entwickelte Cora 2 war auch Bestandteil von Seaguard (System für den Schutz von Kriegsschiffen gegen Lenkwaffen). Dazu wurden etwa acht Parallelrechner verwendet. Ein Kunde war beispielsweise die Hamburger Werft Blohm + Voss (heute Thyssen-Krupp Marine Systems). Der frei programmierbare Echtzeitrechner Cora 2 wurde auch für das Artilleriefeuerleitsystem Fieldguard verwendet. Das Gerät wurde später weiter entwickelt. Nächste Seite: Wer war an Cora beteiligt? Verkehrsbetriebe Zürich verwendeten Cora 2 Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) nutzten eine Cora 2 für die Steuerung der Funkverbindungen. Dabei handelte es sich um die UKW-Funkgeräte in den Fahrzeugen, die durch ihre Fahrgestellnummer erkannt wurden. Zuvor hatte Ambros Speiser, einer der Erbauer des Röhrenrechners ERMETH (elektronische Rechenmaschine der ETH Zürich), im Auftrag der VBZ die Firma Contraves besucht, um eine geeignete Lösung zu finden. Die zivile Ausgabe der Cora 2 fand aber zu keinem Zeitpunkt den Weg zu einer zivilen Kundschaft, der Rechner war schlicht und einfach zu teuer. Der Coragraph 2 wurde später an ein im Raum Zürich ansässiges Unternehmen verkauft. Wer war an Cora beteiligt? Peter Toth leitete, wie er in einem Gespräch an der ETH Zürich unlängst berichtete, bei der Contraves, seit 1957 die Abteilung ETC (Entwicklung, Technologie, Computer), die am Schluss 32 Ingenieure beschäftigte. Darunter waren unter anderen Theodor Angehrn (Schaffhausen, Berechnung von Schaltkreisen), Arthur Sturzenegger (†, Entwicklung des Kernspeichers), Hans-Peter Girsberger (Regensdorf, Elektronik für Ein- und Ausgabegeräte), Peter Blum (Oberhasli, Toths Stellvertreter und Nachfolger für die Cora 2), Katharina Tomica (Steinmaur, Programmierung) und Hans Thomale (Hägendorf, Leiter Programmierung). Herbert Bruderer ist Medienbeauftragter des Ausbildungs- und Beratungszentrums (ABZ) der ETH Zürich. Die ungekürzte Version dieses Beitrags erscheint in dem Buch «Konrad Zuse und die Schweiz» von Herbert Bruderer (Oldenbourg-Verlag, München). In dem Werk findet sich viele weitere Beiträge - beispielsweise eine Bibliografie zur weltweiten Informatikgeschichte sowie ein Zeitzeugenbericht zur Z4. Das Buch kommt Anfang 2012 auf den Markt.Harald Schodl