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Zu sagen, „mit 15 Jahren war mein Leben noch einfach und unkompliziert“, wäre vermutlich untertrieben, denn mit 15 traf ich den Spontan-Entscheid, für ein Jahr nach Brasilien auszureisen. Dies tat ich auch. Und obwohl ich eintausend und eine Geschichten zu erzählen habe, die nicht selten darauf hinauslaufen, in welchem Moment mein Leben unter welchen Umständen in Gefahr war, habe ich einen Großteil des Austauschjahres wo verbracht? Im Internet.
Morgens besuchte ich die Schule für vier Stunden und Nachmittags war ich zu Hause. Da ich in allen drei Gastfamilien arbeitende Gast-Eltern und gleichaltrige, ältere oder jüngere Gast-Geschwister hatte, die Nachmittags oder in einer anderen Stadt Unterricht belegten, war ich bis zum Abendessen eigentlich stets mit der Haushälterin alleine. Und diese 3-4 Stunden verbrachte ich am Computer mit Filme gucken und im Internet surfen. 2004 waren meine zwei Hauptanlaufstellen noch das Alan Rickman-Fan Forum und mein deutsches Lieblingsforum über marinehistorische Romane (ein sehr wichtiges und tolles Forum, dem ich trotz Inaktivität über die letzten paar Jahre noch eine Träne nachtrauere). Jeden Tag durchforstete ich Webseiten um Webseiten um etwas Neues über die Tätigkeiten meiner damaligen (und wirklich langjährigen*) Lieblingsschauspieler herauszufinden. Ich mochte Alan Rickman seit vielen Jahren, ich liebte James D’Arcy seit ungefähr einem Jahr, weil er meinen Lieblingscharakter aus meinen Lieblingsbüchern verkörperte in „Master & Commander“** und ich nervte meine Eltern mit Jason Isaacs, weil ich mich in „The Patriot“ Hals über Kopf in ihn verliebt hatte und ab da jeden Film aufnehmen musste, in dem er mitspielte (und z.B. die VHS Kassette von Dragonheart schon so kaputt war, dass ich auch den Film NOCHMAL aufnehmen musste, etc. etc.). Harrison Ford und Val Kilmer (mit denen ich meine Eltern über viele Jahre hinweg zuvor nervte (woran sie definitiv selber Schuld waren, da sie mir im zarten Alter von 6 Jahren „Star Wars“ und „Top Gun“ gezeigt haben)) waren bereits passé, obwohl ich beide immer noch mag.
Harrison Ford hatte ich mit 7 oder 8 Jahren mehrfach angeschrieben und dann später noch mal mit 11 (zu der Zeit schämte ich mich nämlich bereits für die Briefe, die ich ihm die Jahre davor geschickt hatte, und hielt sie für kindisch). Da erhielt ich dann auch ein unterschriebenes Foto zurück, aber alle machten mir das Autogramm madig, weil sie sagten, das wäre gar nicht echt unterschrieben, sondern gedruckt. Irgendwann hörte ich damit auf, es stolz herum zu zeigen. So traurig.***
Apropos traurig: Val Kilmer habe ich etwa 15 waschechte Liebes-Briefe geschrieben und nie eine Antwort erhalten. Richard Dean Anderson hingegen (oder besser seine Agentur) hat mir innerhalb weniger Tage eine Autogrammkarte von Colonel O’Neill zugeschickt.
James D’Arcy hatte ich während meines Brasilien-Aufenthaltes einen Brief geschrieben (laut meinem Tagebuch handschriftlich und richtig aufwändig verziert, mit echtem Gold, warum auch immer) den dieser auch mit einem handschriftlichen Brief beantwortet hat. Das war ein großartiger Moment meiner Jugend.
Jedenfalls verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit mit dem Aufspüren von Filmen meiner Lieblingsschauspieler (imdb.com gab es zum Glück ja schon) und dem darauffolgenden Ausdiskutieren in deutschen Internet-Foren.
Das bedeutete, ich machte mich Nachmittags auf den Weg, spazierte zum nächsten Video und DVD-Verleih, durchforstete diesen händisch nach den Filmen, die ich mir mit Hilfe von imdb vorher notiert hatte, lieh diese Filme für eine kleine Unsumme aus, nahm sie mit nach Hause, guckte sie dann 2-3 Mal, verlängerte sie eventuell um einen Tag (was einen nochmaligen Besuch oder Anruf beim Videoverleih voraussetzte) und brachte sie irgendwann physisch und meistens zu Fuß wieder zurück.
Heute, beziehungsweise gestern, lag ich mit meinem Handy im Bett und fragte mich, was Jason Isaacs die letzten Jahre eigentlich so getrieben hat, denn am Morgen saß ein Herr in der Bahn, der ihm ziemlich ähnlich sah. In „The Legend of Korra“ hatte ich ihn kurz registriert, aber das war schon etwas länger her und ansonsten hatte ich seine Stimme öfters mal in einem Videospiel vernommen (das ich jeweils vielleicht – mit Betonung auf VIELLEICHT – auch nur gekauft hatte, weil ich wusste, dass er einem Charakter seine Stimme leiht. Vielleicht.****).
Beim Blick auf die imdb-Liste, die sich deutlich verlängert hat, fiel mir auch „The Rain Horse“ auf, ein Kurzfilm. Wenn man den nicht auf Vimeo findet, fress ich einen Besen. Das Bad Horse Video gibt es tatsächlich [ hier anzusehen, aber ich empfehle es nicht ] und kurz vor dem Klimax (in dem Jason Isaacs einen Gaul verprügelt – Spoiler.) gingen draußen die Alarmsirenen los, die mir nicht nur die Armhaare zu Berge stehen ließen, sondern auch dazu führten, dass mir das Handy ins Gesicht fiel (dazu braucht es nicht viel, das passiert oft auch einfach so) und ich deshalb einen blauen Fleck auf dem Nasenrücken habe. Zur Erklärung, was die Alarmsirenen angehen: Stellt euch einfach vor ich wohne in Silent Hill. Oder einem sehr kleinen Dorf mit einer freiwilliger Feuerwehr und Warmabbruch-freudigen Dorfbewohnern.
Als ich das Filmchen zu Ende geguckt hatte und das erst mal twittern wollte, kam ich auf die fantastische Idee, Plume einfach mal auf die Suche nach Jason Isaacs zu schicken und siehe da:
Ich stand vor zwei Optionen. Beschämt auf den Zurück-Button meines Google Nexus 5s tippen und mir eine Erfahrung sparen, die ich im Laufe der letzten Jahre zu Genüge gemacht habe, nämlich dass es ziemlich viel zerstören kann, wenn man seinen (aktuellen und/oder ehemaligen) Idolen auf Twitter oder Facebook folgt und/oder mit denen in Kontakt tritt.
… Oder aber, ich gucke mal, was er so schreibt…
Eineinhalb Stunden später hatte ich alles gelesen und mit Schrecken festgestellt, dass er gleichlange wie ich auf Twitter angemeldet ist! Aber er macht seine Sache ganz vorbildlich und hervorragend, spricht mit seinen Followern und lässt sich auch mal zu persönlichen oder politischen Tweets hinreißen. Vor allem aber – und das weiß vermutlich nicht nur ich, als großer Colonel Tavington Fan (irgendwie immer noch ein bisschen, so etwas hält sich immer hartnäckig) – bedient er seine Follower mit alten Fotos und Geschichten aus seiner Schauspiel-Karriere und -Kollegen. Und das ist einfach mal richtig, richtig cool.
Aber (und jetzt kommt ein aber) wie sehr könnte ich mich jetzt darüber ärgern, dass es 2014 ist und ich 26 Jahre alt bin? Wie gerne hätte ich mit 15 die Möglichkeit gehabt, Kontakt mit meinen Lieblings-Schauspielern, Musikern, Sportlern oder sonstigen Prominenten (jeden Grades) aufzunehmen! Vermutlich hätte ich auch damals Lee Ingleby einen O’Brian Insider geschickt, mit Richard Patrick über Harrison Fords Jugend getwittert oder Phil Buckman den „The Sums“-Gag erklärt. Ich wäre bestimmt auch damals schon Bruce Campbell, Val Kilmer und Nathan Fillion gefolgt und da ich mit 15 noch nicht ganz so zynisch und bitter war wie heute, hätte ich vielleicht DJ Bobo nie beleidigt…
Schlussendlich und kurz vor dem Einschlafen beschloss ich, Jason Isaacs doch einen Tweet zu schicken und als ich heute Morgen die Antwort las, wusste ich genau, dass mich mein 15-Jähriges Ich gerade durch die Dimensionswände hindurch High-Fived.
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* Ich erinnere mich noch, wie ich mich Jahre zuvor darüber gefreut hatte, dass Alan Rickman in der ersten Verfilmung der Harry Potter Romane die Rolle von Severus Snape übernehmen würde, meinem Lieblingscharakter.
** Die Verfilmung des Buches „Manöver um Feuerland“ von Patrick O’Brian und meiner Ansicht nach immer noch einer der besten Filme, die jemals gedreht wurden, der altert nämlich nicht.
*** Wo ist das eigentlich abgeblieben…?
**** So wie zum Beispiel „Castlevania – Lords of Shadow“ (worth it), „El Shaddai” (totally worth it!) oder “Beneath a Steel Sky” (naja)…