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(aus meiner Stichwort-Sammlung zur genaueren Untersuchung und Recherche freigegeben)
- Gegenentwurf zur Baumtheorie
-> Baum funktioniert hierarchisch (einseitige Abhängigkeit, einseitiger Auf-bau von nicht sichtbaren Wurzeln, Stamm, Ästen, Zweigen, Blättern) und denkt zentriert (westliches Denkmodell ?)
-> Rhizom ist ein flaches Wurzelgeflecht unter oder über der Erde, besteht aus vielen Knotenpunkten und ihren Verbindungen, kein Zentrum ersichtlich, alles ist von allem gleich stark abhängig
Literatur z.B.: Deleuze, Gilles und Guattari, Félix: Rhizom, Merve Verlag Berlin, orig. 1976
Eigentlich kommt dieser Begriff aus der Botanik und bezeichnet eine reich verzweigte, unterirdische Struktur spezieller Pflanzen, die sich aus Wurzeln und Sproß zusammensetzt. Deleuze und Guattari haben den Begriff wohl deshalb aufgegriffen, da sie vernetzte Strukturen beschreiben wollen.
Ein Rhizom läßt sich laut Deleuze und Guattari durch 6 Merkmale bestimmen:
1. Prinzip der Konnexion:
Jeder Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Elemente, die dabei miteinander verknüpft sind, können z.B. “politische, ökonomische und biologische Kettenglieder” sein, “semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen”
2. Prinzip der Heterogenität:
Die Elemente des Rhizoms können nach den verschiedensten Codierungsarten miteinander verknüpft sein. Das Rhizom ist nicht hierarchisch und zentral organisiert wie eine Baumstruktur, sondern hat eine antihierarchische und dezentrale Form.
3. Prinzip der Vielheit:
Wesentlich im Rhizom sind nicht die Punkte, sondern die Linien, die sie verbinden. “Vielheiten werden durch das Außen definiert: durch die abstrakte Linie, die Flucht- oder Deterritorialisierungslinie, auf der sie sich verändern, indem sie sich mit anderen verbinden. Der Konsistenzplan (Raster) ist das Außen aller Vielheiten”[i] [i] . Fluchtlinien sind also ein wesentliches Moment eines Rhizoms. Sie sind jene Teile des Rhizoms, die die segmentären Linien aufbrechen wollen. Nichtsdestotrotz besteht die Gefahr, daß die alten oder neue Segmentaritäten festgeschrieben werden.
4. Prinzip des asignifikanten Bruchs:
Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder entlang anderer Linien weiter.
5. + 6. Prinzip der Kartographie und Prinzip der Dekalkomonie (=Verfahren, Abziehbilder herzustellen):
Ein Rhizom ist eine Karte und keine Kopie. Eine Kopie ist wie ein Baum hierarchisch aufgebaut, eine Strukturform setzt sich immer weiter fort (z.B. wenn jedes Element genau zwei Nachfolger hat), sie wird quasi kopiert. Eine Karte hingegen hat keinen hierarchischen Aufbau, sie hat im Gegensatz zur Kopie viele Eingänge, eine Kopie läuft immer “auf das Gleiche” hinaus. Das Rhizom negiert also quasi die Reduktion auf einfache Teile. Es kann versucht werden, Kopien einer Karte herzustellen. Diese sind jedoch keine genauen Reproduktionen, sondern Verfälschungen. In einer Karte verläuft der Informationsfluß antihierarchisch.
Quelle: https://homepage.univie.ac.at/Karl.Anton.Froeschl/ts_zgwi_material/muehlbergerco/Rhizom.htm
Die botanische Metapher trägt noch mehr: Das Rhizom verläuft unterirdisch in alle Richtungen, kann aber an jedem beliebigen Knotenpunkt in den oberirdischen (sichtbaren/bewussten/sprachlichen/Institutionsförmigen/architektonischen, …, …?) Bereich spriessen. Das ergibt ein Gebilde, die nicht nur die strukturelle Hierarchie zwischen den einzelnen Knoten auflöst, sondern sich auch jeder Einteilung in Kopie und Original widersetzt.
Vielleicht ist dieser Widerstand auch ein interessanter Ausgangspunkt für transdisziplinäre Strategien? Eine Referenz dafür könnte Byung-Chul Han’s Verständnis von Shanzhai (in: Shanzhai 山寨 – Dekonstruktion auf Chinesisch. Merve, Berlin 2011, ISBN 9789896419394.) sein.
EDIT: Das wird jetzt alles ganz kompliziert mit den Kopien und dem Rhizom. War glaub kein guter Ausgangspunkt. Siehe Kommentar.