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Aktualisiert: 10. Okt 2019
In meiner Kindheit habe ich oft gesehen, wie die Frauen in meiner Familie - und hie und da auch Männer - gestrickt und gestickt haben. Natürlich hat man auch genäht, aber das war etwas anderes. Beim Nähen sass man an der Maschine, die Stoffstücke waren sauber nach dem Schnitt aus einer russischen Burda zugeschnitten und zur weiteren Verarbeitung ausgelegt. Das Nähen hatte etwas Dynamisches; frau/man nähte, damit es bald fertig; der maschinelle Prozess selber wurde nicht unnötig hinausgezögert. Einerseits darf man einen Stoff mit Stecknadeln darin nicht ewig ‘rum stehen lassen, denn das gibt unschöne Löcher, anderseits war die Stromversorgung in der ehem. Tschechoslowakei auch nicht jeden Tag selbstverständlich. Konnte man also nähen, beeilte man sich, bevor es zu spät war. Aber zurück zum Stricken. Zusammen mit Häkeln und Sticken war es eine dieser geräuschlosen Tätigkeiten, die frau immer zur Hand hatte. Es war nicht ungewöhnlich, dass Frauen, während sie auf etwas warteten oder jemandem zuhörten, sich die Zeit mit Stricken verkürzten. Beim Arzt, an den Sitzungen, beim Kinderhüten, im Zug oder gar wenn man zur Besuch war; überall wurde gestrickt. Im Englischen gibt es den Ausdruck ‘double use of time,’ den man manchmal gerne fürs Stricken verwendet. Und in der Tat, es ist, als ob man die Zeit zwei Mal nützt; einmal für das Stricken und einmal für etwas anderes.
Das Stricken war sehr praktisch und darüber hinaus politisch ungefährlich, zumindest weniger als das Lesen eines Buches. Das Lesen konnte schnell als eine intellektuelle und folglich antikommunistische Tätigkeit interpretiert werden. Insbesondere dann, wenn man Bücher unbekannter oder westlicher Autoren in der Hand hatte. Hingegen war die Handarbeit nicht nur gerne gesehen, sondern bot auch Stoff für einen Gespräch; was stricken Sie da, woher haben Sie die Wolle... und schon war man mitten im Gespräch und konnte dabei auch noch stricken. Später, nachdem 1989 die Grenze zum Westen geöffnet wurde, warf man die Stricknadeln in die Ecke und fokussierte sich ganz nach dem westlichen Vorbild auf Shopping.
In der Schweiz sieht man selten in der Öffentlichkeit, dass jemand stricken würde und wenn, dann fast ausnahmslos nur ältere Menschen. Stricken ist - zumindest bisher - total unsexi. Anders als in England oder in den USA, wo Stricken inzwischen zu einer hippen Beschäftigung geworden ist, findet man es in der Schweiz meist in der verstaubten Ecke. Wozu stricken, wenn ich kaufen kann, sag sich so manche_r und hat damit nicht unrecht. Zumindest auf den ersten Blick. Aber warum erliegt man dieser Täuschung? Einerseits hat es niemand mehr nötig, da die gekaufte Ware günstiger, vielfältiger (wirklich?) und ohne Anstrengung erreichbar ist. Anderseits erfordert die Handarbeit gewisse Kunstfertigkeit, die man zuerst erlernen muss. Da diese Kenntnisse nicht mehr in der Familie weitergegeben werden (genauer gesagt sie sind oftmals gar nicht vorhanden), müssen sie von Neuem erlernt werden. Das Wissen ist zum Glück nicht ganz verloren, es ist in Büchern, Blogs oder via YouTube verfügbar, sofern man da vom Wissen in eigentlichem Sinne sprechen kann. Das Erlernen auf diesem Weg ist jedoch mühsam, es erfordert wochenlange Recherche, durchsuchen von Videos, lesen von hunderten von Seiten und natürlich üben, üben, üben... Aller Anfang ist schwierig, man flucht und leidet, aber der Ehrgeiz hat da einen schon lange gepackt und man kann nicht mehr zurück. Spätestens in dem Moment, als man die erste Wolle kauft, realisiert man, dass man bei fertigen Strickwaren (die man bisher so schön fand) mächtig über den Tisch gezogen wurde, und zwar auch bei den teueren Stücken. Die Wolle nämlich, die man zum Stricken kaufen kann, ist um einiges schöner und qualitativ hochwertiger. Es gibt unzählige Mischungen, Qualitäten und Herkünfte (Alpaca, Kamel, Kaschmir, Yak, Seide, Papier und natürlich Merino), ganz zu schweigen von den Farben. Hinzu kommt noch, dass die Herstellung oft von Kleinproduzenten in Ein-Person-Betrieben erfolgt. Diese Menschen, die in aufwändiger Handarbeit die Schafe oder Alpacas scheren, die Fasern reinigen, spinnen und färben verdienen unsere Beachtung und Unterstützung. Es ist, glaube ich, eine gute Sache die Arbeit dieser Menschen, die lokal und oftmals nach sehr hohen ökologischen Standards wunderschöne Garne herstellen, zu unterstützen und zu fördern. Einerseits wird das vorhandene Wissen erhalten und im Idealfall weitergegeben, anderseits bietet die Handarbeit einem den Raum, sich mit Farben, Formen und Materialien auseinanderzusetzen, die Finger endlich für etwas anderes als das Tippen oder Scrollen auf dem Bildschirm zu benutzen.
Und last but not least; am Schluss hat man ein Produkt in der Hand, etwas, das man selber hergestellt hat. Diese Feststellung mag banal klingen, doch sie ist es keineswegs. Noch vor 150 Jahren hatten die Menschen volle Hände zu tun, um Stoffe zu weben und Pullis für den Winter zu stricken, da war an Spass und Musse beim Stricken nicht zu denken; die Produkte, die man hergestellt hat, waren oft für den Verkauf bestimmt. Heute, wenn wir Kleider, Schuhe, Decken u.a. in Hülle und Fülle haben, bietet uns die Handarbeit die Freiheit, kreativ zu sein. Ein Pulli kann Form und Farbe haben, wie ich es mag, ich kann monatelang daran arbeiten oder ihn am Schluss wieder öffnen und etwas anderes stricken. Ohne Zeit- und Geldnot und mit sehr hochwertigen Materialien können wir Techniken erforschen und beliebige Prozesse ausprobieren. Indem wir diese Chance nutzen, lernen wir nicht nur etwas über uns selber, sondern sehen auch, wie aufwändig die Herstellung von Kleidern eigentlich ist. Gleichzeitig können wir so dem Trend des passiven Einkaufens entgegenwirken, indem wir aus verschiedensten Rohrstoffen neue Produkte nach eigener Vorstellung kreieren.
In diesem Blog möchte ich einerseits das Stricken, Nähen, Sticken oder Weben als Tätigkeiten, die den Menschen auszeichnen, näher beleuchten und die verschiedenen Techniken vorstellen. Anderseits werde ich spannende Bücher, Videos und Links zu Herstellern empfehlen oder erläutern. Auch Beispiele aus der Kunst, Literatur, Ethnologie oder Philosophie können als Anregungen dienen und zum Weiterlesen und -denken inspirieren. Auf diesem Weg hoffe ich einen kleinen (philosophischen?) Beitrag für den Alltag vieler Männer und Frauen zu leisten, sie zur Handarbeit ermuntern und ihre Kreativität und Fantasie anzuregen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich hie und da eine kleine gemeinsame Sitzung organisiere, um den Austausch bei einer Tasse Tee oder einem Glas Bier zu fördern. Ich freue mich auf Kommentare oder Empfehlungen von den Lesern.