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Als Gipfelpunkt zürcherischer Illustrationskunst hat Paul Leemann-Van Elck, Verfasser einer Studie über die Zürcher Buchillustration, einen Totentanz bezeichnet, der über die Bibliothek des Komponisten Xaver Schnyder von Wartensees in die Museumsgesellschaft gekommen ist. Erschienen ist er 1650 in Zürich, gezeichnet und gestochen haben ihn die Zürcher Künstler Rudolf Meyer (1605-1638) und sein Bruder Conrad (1618-1689), der die Arbeit nach dem frühen Tod des ersten vollendet hat. Nach dem Vorbild Hans Holbeins des Jüngeren zeigen die sechzig Stiche nicht einen grossen Reigen, in dem der Tod mit Vertretern aller Stände tanzt, sondern einzelne Bilder, die zeigen, wie der Tod die Menschen ungeachtet ihres Standes und Alters mitten aus dem Leben holt. In Versen Johann Georg Müllers, Pfarrer in Thalwil, wird das dargestellte Geschehen kommentiert.
Bei unserem Exemplar handelt es sich um die dritte, 1759, also mehr als ein Jahrhundert nach der ersten erschienen Ausgabe, die aber immer noch von den Originalplatten gedruckt wurde. Die ersten beiden Auflagen müssen sehr klein gewesen sein, denn die Druckqualität dieser dritten ist immer noch sehr gut und zeigt kaum Abnützungsspuren der Platten. Die alten Verse Müllers sind hier durch neue eines Anonymus ersetzt, die im Untertitel „moralische“ genannt werden – in der Tat: hier wird das Memento Mori der Radierungen viel stärker als in den Originalversen, die im Anhang abgedruckt sind, zur Anprangerung und Bekämpfung der Laster eingesetzt. Zudem nutzt der protestantische Autor weidlich die Gelegenheit, mit der katholischen Kirche und ihren Vertretern abzurechnen. Er scheut nicht einmal davor zurück, den Mönch im Angesichts des Todes zur Einsicht zu bringen:
Doch jetzt, da mich der Tode verwundt,
Bekennet mein Gewissen rund:
„Der Mönchen- und der Nonnen-Stand
„Ist eine Pestilenz im Land!
Was thun wir, dass wir Ruhm erwerben,
Als Nichts-thun, Böses-thun, und Sterben?
Aber natürlich stehen auch in diesem Totentanz die Bilder im Zentrum, die durchaus für sich sprechen. Die Vertreter der verschiedenen Stände und Typen werden in präziser Zeichnung und ausgewogener Verteilung von Hell und Dunkel in ihrem charakteristischen Umfeld gezeigt, in das der Tod in situationsgerechter Gestalt tritt. Auf dem abgebildeten Blatt „Die Liebenden“ greift er zu derselben Waffe wie Cupido (links oben): zu Pfeil und Bogen. Der gebrochene Pfeil Cupidos zeigt, wer den entscheidenden Schuss tun wird. Th. Eh. (Jan. 2009)
Die menschliche Sterblichkeit unter dem Titel Todten-Tanz, in LXI. Original-Kupfern, von Rudolf und Conrad Meyern, berühmten Kunstmahlern in Zürich, abermal herausgegeben; nebst neuen, dazu dienenden, moralischen Versen und Ueberschriften. Hamburg und Leipzig 1759. – Signatur: S 326