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Frau Karremann, Sie haben sich auf englische Literatur des 18. Jahrhunderts spezialisiert. Wie kamen Sie zu dieser Leidenschaft?
Aus Neugier. Während meines Studiums gab es kaum Vorlesungen zu dieser Epoche; gleichzeitig beschworen die Literaturgeschichten ihre grosse Bedeutung auch für heutige Entwicklungen. Zum Beispiel die Entstehung einer Öffentlichkeit, einer freien Presse, eines Literaturmarktes mit Urheberrechten; die Entwicklung einer Mittelschicht mit politischem und kulturellem Einfluss; die Anfänge der Konsumgesellschaft, von Globalisierung und Welthandel – alles Themen, die in der Literatur verhandelt werden. Ich habe mich dann während meiner Promotion vertieft mit dieser Zeit beschäftigt und bin sozusagen auf Entdeckungsreise gegangen.
Ein berühmtes Werk jener Zeit ist Daniel Defoes Buch «Robinson Crusoe» (1719). Wieso fasziniert dieses Buch noch heute?
Ich denke, es ist vor allem der Mythos vom Überleben in einer unbekannten Umgebung und vom Aufbau einer Kultur. Crusoe baut sich auf der Insel nicht nur ein neues Leben auf, sondern schafft eine Zivilisation. Das beginnt mit Jagen und Sammeln, er betreibt Ackerbau und Viehzucht, er muss Werkzeuge herstellen. Der Mythos besteht darin, dass er seine Umwelt bezwingt; gleichzeitig macht er Erfahrungen, die ihn zutiefst verunsichern. Eine davon verstehen wir heute nach dem Corona-Lockdown besonders gut, nämlich die Frage des Umgangs mit Einsamkeit und Isolation. Wie kann man unter solchen Umständen sein Leben weiterführen, ohne in Verzweiflung zu verfallen? Der Roman ist eine Art Test für unsere kulturellen und psychologischen Ressourcen.
Schreiben Sie selbst auch Geschichten?
Mir liegt das kritische Beschreiben mehr als das kreative Schreiben. Aber ich verwende Geschichten beim Unterrichten, um Inhalte relevant zu machen und die Studierenden gut zu erreichen.
Sie beschäftigten sich in Ihrer Doktorarbeit an der LMU auch mit der literarischen Darstellung von Männlichkeit im 18. Jahrhundert. Wichtigste Erkenntnis?
Dass auch der Mann ein Geschlecht hat. Männlichkeit ist eine politisch wirksame kulturelle Kategorie, deren Macht allerdings gerade dadurch gestützt wird, dass sie sich als natürlich gegebene, selbstverständliche Norm darstellt. Das weibliche Geschlecht hingegen wird über seine Differenzen zu diesem Standard definiert – als sekundär, und das heisst meist: als defizitär markiert. Im 18. Jahrhundert werden die Weichen für dieses Geschlechterverhältnis gestellt.
Welchen Stellenwert haben Genderstudien in Ihrer aktuellen Forschung?
Ich arbeite an einem Forschungsprojekt zur feministischen Aufklärung in Europa, dabei geht es um die Frage, in welchem Mass die europäische Aufklärung zwischen 1650 und 1800 feministische Ansprüche einforderte. Wie aufgeklärt war die europäische Aufklärung im Hinblick auf die rechtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Postulate der Egalität, wenn dies nicht auch für die Gleichheit der Geschlechter galt?
Sie sind Gastprofessorin an der Jawaharlal-Nehru-Universität in New Delhi. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das war ein glücklicher Zufall. Vor einigen Jahren konnte ich einen indischen Kollegen zu einem Gastaufenthalt einladen, daraus erwuchsen eine enge Freundschaft und ein gemeinsames Lehr- und Forschungsprojekt.
Wie erleben Sie Indien?
Ich war in den letzten Jahren regelmässig in Indien und habe dieses Land vor allem als Herausforderung im besten Sinn erlebt. Zum einen ist Indien ein Land grosser Unterschiede, sozial, politisch, klimatisch. Zum anderen hat sich mein Blick auf Europa verändert und mich Bescheidenheit und Dankbarkeit für die Privilegien, die wir hier geniessen, gelehrt.
Interview: Stefan Stöcklin