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Myriam Verreault erzählt in ihrem Film «Kuessipan», nach einem Roman von Naomi Fontaine, auf berührende Weise das Leben von zwei jungen Frauen zwischen Tradition und Moderne in einer Innu-Gemeinde in Québec: eine Liebeserklärung an eine fremde Welt.
Zwei indigene Mädchen wachsen in ihrer Innu-Community im Norden Québecs auf. Während Mikuan eine liebevolle Familie um sich hat, ist Shaniss schon früh mit Gewalt, Verlust und Eigenverantwortung konfrontiert. Als Kinder haben sie sich geschworen, dass es immer so bleiben soll. Mit dem Erwachsenwerden bekommt ihre Freundschaft Risse, als Mikuan sich in den weissen Francis verliebt und davon träumt, das Reservat zu verlassen, während Shaniss, die bereits ein Kind hat, streng an ihrer Innu-Tradition festhält. Der Film beginnt nachts am Meer, wo die Mädchen, damals siebenjährig, sich amüsieren und die kleinen Fische einsammeln, die das Meer ans Ufer schwemmt. Bei Tageslicht sind sie dann bereits siebzehn und stürzen sich wild und lustvoll in ihr neues Leben.
Myriam Verreault, die Autorin und Regisseurin, und Naomi Fontaine, die Co-Autorin und Verfasserin des Romans «Kuessipan», der als Vorlage des gleichnamigen Films diente, haben sich in einem langen, interessanten Interview zum Film geäussert. Nachfolgend zwei Ausschnitte und im Anhang der integrale Text.
Mikuan (Sharon Fontaine-Ishpatao), die weg möchte
Aus dem Interview mit Myriam Verreault und Naomi Fontaine
«Kuessipan» bedeutet: «Du bist am Zug, du bist dran». Über seine wortwörtliche Bedeutung hinaus, was sagt das für Sie aus?
Myriam Verreault: Der Titel spiegelt nicht nur die Geschichte, sondern auch den kreativen Prozess wider. Damit der Film entstehen konnte, musste etwas wie eine Fackel übergeben werden. Zunächst hat Naomi sich bereit erklärt, mir ihr Buch zu geben, und hat damit auch einen gewissen Geist und ein gewisses Wissen weitergegeben.
Naomi Fontaine: Das Buch ist keine Geschichte im eigentlichen Sinn. Es ist eine Sammlung von Stimmen. Als ich «Kuessipan» schrieb, hatte ich eine klare Absicht: Gesichter, Orte und Momente meiner Community zu zeigen.
Myriam Verreault: Diese Übertragung fand mit den Darstellenden statt, die praktisch alle aus der Innu-Gemeinschaft stammen. Indem sie Figuren verkörpern, die ihnen nahestanden, bewiesen sie, dass auch sie Teil dieser Welt sind.
Wäre es schwer vorstellbar gewesen, den Film anderswo als in der Region Côte-Nord zu drehen?
Myriam Verreault: Als ich das erste Mal in Uashat war, habe ich mich in die Menschen verliebt und wusste sofort, dass man sie nicht nur zeigen, sondern vor allem auch würdigen muss. Ich war überzeugt, dass sich andere genauso in sie verlieben könnten wie ich. Dafür musste alles an Ort und Stelle vonstattengehen.
Naomi Fontaine: Das ist auch die Bedeutung des Ortes. Dieses riesige Gebiet, das Reservat, ist ein abgeschlossener, begrenzter Ort. Die räumliche Enge schafft Nähe: Solidarität, gegenseitige Hilfe, Verbundenheit.
Myriam Verreault: Das Wort «Reservat» hat einen negativen Beigeschmack. Doch wenn man es genau nimmt: Was ist ein Reservat wirklich? Es sind Menschen.
Naomi Fontaine: Daher die Unterscheidung, die zwischen Reservat und Community gemacht werden muss. Das Reservat ist der Ort, die Community sind die Menschen.
Myriam, was war Ihr Einstieg in das Buch?
Myriam Verreault: Naomis Schreibstil ist sehr anschaulich: beschreibend, ohne schwerfällig zu sein. Ich konnte mir alles bestens vorstellen. Ein Satz hat mich besonders stark berührt: «J’aimerais que vous la connaissiez, la fille au ventre rond. Ich möchte, dass Sie es kennen, das Mädchen mit dem runden Bauch.» Ich kannte es, ich verstand es und spürte die ganze Liebe der Autorin zu ihm. Ich identifizierte mich mit jemandem, der nicht ich war, und konnte mir vorstellen, selbst im Reservat zu leben, daraus auszubrechen oder dort zu bleiben.
Das Buch ist bemerkenswert in seiner Aussagekraft, aber es ist keine Erzählung im üblichen Sinn. Wie haben Sie die Materie in einen Film verwandelt?
Myriam Verreault: Nun, zunächst war da dieser zweimonatige Recherchetrip im Sommer 2012.
Naomi Fontaine: Wir haben eine Sommerreise gemacht. Wir haben viel Zeit mit Menschen verbracht, am Strand, am Lagerfeuer. Wir sind viel rausgegangen.
Myriam Verreault: Es war ein Schock auf gute Art, der mich von diesem Bild befreite, dass die indigenen Menschen bemitleidenswert sind. Jetzt feierte ich mit ihnen. Ich hatte die Ambition, die erste Version zu schreiben, doch ich habe nicht eine einzige Zeile zustande gebracht! Es fühlte sich an, als hätte ich die Schule geschwänzt. Es gab einfach zu viel zu lernen, zu verinnerlichen. Aber letztlich war der Schreibprozess, allein durch die Zeit, die ich mit den Innu verbrachte, bereits in Gang.
Über die Geschichte einer auf die Probe gestellten Freundschaft hinaus erforscht der Film die Bedeutung von Freiheit in verschiedenen Formen: in der Beziehung zum Territorium, zu anderen Menschen und zu Hoffnungen für die Zukunft.
Myriam Verreault: Ich erinnere mich an ein Interview in der Zeit, als ich das Drehbuch schrieb und mich im Reservat aufhielt. Von Montréal aus fragte mich eine Journalistin, was mir bei den Innu am meisten aufgefallen sei. In diesem Moment beobachtete ich ein zehnjähriges Mädchen, das ohne Helm auf einem Quad den Strand entlang fuhr. Ich antwortete: Freiheit. Während meines Aufenthalts spürte ich eine Art von Freiheit, die sich wie ein riesiges «Fuck you» zu Regeln, Gesetzen und Grenzen ausdrückte.
Naomi Fontaine: In der Sprache der Innu gibt es kein Wort für Freiheit. Man muss das Eingeengt-sein kennen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Freiheit bedeutet. Eine Möglichkeit, diese Bedeutung auszudrücken, wäre «das Ende der Einengung». Letztlich das Gegenteil eines Reservats.
Myriam Verreault: Ich habe versucht, Momente wiederzugeben, die über die Enge des Reservats hinausgehen. Die Eröffnungsszene fängt einen solchen ein. Wir sehen Mikuan und Shaniss als Kinder, wie sie nachts am Strand kleine Fische, Lodden, fangen.
Mikuans Streben nach Freiheit ist also nicht die Ablehnung ihrer Gemeinschaft, sondern eher die Ablehnung dieser Enge?
Myriam Verreault: Mikuan ist eine junge Innu-Frau im Jahr 2019, stolz auf ihre Wurzeln, mit Fragen, die über ihre kulturelle Identität hinausgehen. Sie fragt sich, ob sie in ihrem eigenen Leben, aber auch in einem grösseren Rahmen, etwas bewirken kann. Fragen, die überall relevant sind. Shaniss stellt ähnliche Fragen, aber ihre Entscheidungen sind andere. Sie gründet sehr jung eine Familie. Sie liebt den Ort und möchte nicht weggehen. Die Diskussionen der beiden spiegeln ihre jeweiligen Ansichten wider.
Mikuan mit dem weissen Freund Francis (Étienne Galloy)
Fiction und Non-Fiction
Die Sätze «Du bist am Zug, du bist dran» sind der Motor, der zwei Stunden lang den Film in Bewegung hält. Verreault und Fontaine haben, bildlich gesprochen, die jungen Frauen auf ihren Lebensweg geschickt. Dann zeigt der Film, was Roman und Recherche aufgedeckt haben, unterhaltsam und in wunderbaren Szenen aus dem Leben dieser Menschen und lädt uns ein, es mitzuerleben.
Wann haben wir schon ähnliche Einblicke in fremde Lebenswelten erhalten und dabei das Gefühl gehabt, mitten unter ihnen zu sein? Zwei Frauen, mitten unter den Ureinwohnern und den Weissen in Québec: eingebettet in einen Spielfilm und einen Dokumentarfilm. Fiction oder Non-Fiction? «Ein Gipfeltreffen der beiden», meint Walter Ruggle.
Shaniss (Yamie Grégoire), mit dem Büchlein von Mikuan
In Freundschaft mit der Welt
Filme erzählen Geschichte mit Botschaften. Auch «Kuessipan» macht das. Doch damit begnügt sich dieser Film nicht. Er will mehr. Er ist ein grossartiges Kaleidoskop von Farben, Formen, Geräuschen und Klängen und umfasst damit fast alles, was das Leben als Ganzes ausmacht. Alles, was es gibt und geben kann: Freude und Trauer, Lust und Schmerz, Trauen und Misstrauen, Bereuen und Verzeihen, Anfangen und Aufhören, Hoffen und Verzweifeln, Zusammenkommen und Abschiednehmen, Tanzen und Singen, Fragen und Antworten, Lachen und Weinen, Freundschaft und Liebe, Gewalt und Tod, Freiheit, Freude, Lust und Liebe in unzähligen Facetten.
Mit «Kuessipan» durchleben wir Tagesabläufe und Jahreszeiten, das Werden und Vergehen. Und von der Natur verweist er sanft auf die Kunst, mit Worten, die diese Welt zu beschreiben und zu umfassen versuchen. Mikuan lernt in der Schreibwerkstatt «ihre Art, die Dinge zu sehen und zu beschreiben». Das ist anders als das, was Filme meist tun, wenn sie Geschichten mit Botschaften erzählen.
Vielleicht liegt hier ein Grund, warum dieser Film so anders berührt. Myriam Verreault und Naomi Fontaine haben, zusammen mit ihrem Team vor und hinter der Kamera, eine solche, andere Welt geschaffen. «Ich habe das Leben erfunden», meint Mikuan irgendwo und meint wohl das, was Poesie im Kern doch immer macht.
Die Familie von Mikuan verreist
Titelbild: Unzertrennliche Freundinnen