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Nein, ich will nicht gerade behaupten, dass die Arbeit in der Backstube von Tres Soles das Leben von Rúben verändert hätte, aber immer, wenn er – mit Unterbrechungen – in der Wohngemeinschaft lebte, hat er in der Backstube gearbeitet. Rúben war ein alter Bekannter aus der Armenküche, in der ich ganz am Anfang als Freiwilliger gearbeitet hatte. In einem früheren Kapitel habe ich bereits über ihn berichtet. Er hatte eine Hasenscharte und Mühe, verständlich zu sprechen. Da alles, was er sagte, wie «juajajo» klang, sich also unsinnig anhörte, wurde er deshalb «Juajajo» genannt. Als kleiner Junge hatte er als Gehilfe in einer Bäckerei gearbeitet und er war es, der bereits 1989, in unserem ersten schwierigen Jahr von Tres Soles, die Einrichtung einer Bäckerei vorschlug. Rúben war sogar einige Monate verantwortlich dafür, bis er mit der Kasse durchbrannte. Von diesem Moment an kam er immer wieder einmal vorbei, manchmal für mehrere Wochen, manchmal für mehrere Monate. Nie schaffte er es jedoch, endgültig zu bleiben, dabei war es für ihn mit seiner Behinderung besonders schwer, sich durchs Leben zu schlagen. Sein Vater arbeitete als Schuhputzer direkt vor dem Präsidentenpalast in La Paz. Es kränkte ihn, dass sein Vater Ministern «und sogar dem Präsidenten der Republik» die Schuhe putzte, sich jedoch nicht um ihn kümmerte. Seine Mutter war irgendwann spurlos verschwunden. Jedes Mal, wenn Rúben zu Tres Soles zurückkam, versuchten wir, ihn in die Schule einzuschreiben, aber es war vergebliche Liebesmühe. «Die Lehrerin hat Angst vor ihm. Es ist besser, wenn er nicht mehr in die Schule kommt», heisst es kurz und bündig in einem Schulbericht. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zu Hause zu unterrichten. «Der ist durch und durch verdorben», meinten die anderen zu mir. «Jag ihn zum Teufel!»
«Ich habe die Hoffnung, dass noch etwas aus ihm wird», erwiderte ich, obwohl auch ich völlig entmutigt war. «Ich möchte, dass aus euch allen etwas wird, und ich möchte nicht, dass jemand später sagt, dass wir an seinem Unglück schuld seien, versteht ihr?»
«Ach, er wird das so oder so sagen, dass wir an seinem Unglück schuld seien …»
«Wieso?»
«Alle tun das. Juajajo sagt jetzt schon, dass du ihn nicht hart genug anpackst und er sich deswegen nicht bessern könne.»
«So ein Unsinn! Er hätte es wohl gern, wenn ich ihn ständig verdreschen würde, oder wie?»
Irgendwie scheint es, dass Jugendliche, gerade in der Pubertät, immer einen Schuldigen für alles und für nichts suchen. In Normalfall sind es die Eltern, die an allem schuld sind, und da wir in Tres Soles der Ersatz für die Eltern sind, trifft es eben uns. Da nützt alles Reden über Dankbarkeit und Wertschätzung nichts. Rúben behauptete einmal sogar, dass wir lieber Feste veranstalteten, anstatt seine Hasenscharte operieren zu lassen. Es stimmt, dass wir manchmal kleine Feiern zu besonderen Anlässen organisieren, wie an Geburtstagen oder um Traditionen wie Karneval oder Allerheiligen zu pflegen, Traditionen, die in Bolivien sehr wichtig sind und über die ich noch zu einem späteren Zeitpunkt berichten werde. Allerdings kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass solche Feiern bescheidene finanzielle Mittel beanspruchen und es uns niemals einfallen würde, dafür eine nötige ärztliche Behandlung zu opfern. Im Fall von Rúben war es jedoch schwierig. Ein Arzt, den wir konsultiert hatten, sagte, dass eine solche Operation nur bei Kleinkindern erfolgreich sei. Ein anderes Problem war auch, dass Rúben ständig ausriss und man mit ihm nicht längerfristig planen konnte. Auch als Rúben schon erwachsen war, kam er uns immer wieder besuchen, nicht mehr, um zu bleiben, sondern um uns anzubetteln. Dafür waren wir stets gut genug. Ausserdem hat er uns häufig übers Ohr gehauen, unter anderem mit gefälschten Medikamentenrezepten.
Rúben hatte jedoch noch eine andere Seite, und die war vielleicht der Hauptgrund, warum wir ihm immer wieder halfen und ihn nicht «zum Teufel jagten». Als er nämlich endlich eine Frau gefunden hatte, wurde sie, nur einen Monat nach der Geburt ihres ersten Kindes, von einem Auto überfahren. Sie ist seither querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt, das Kind, noch ein Baby, musste in ein Kinderheim gegeben werden. Rúben, trotz seiner eigenen Behinderung und all der anderen Probleme, die er hatte, gab sich viel Mühe, das Leben seiner Frau einigermassen erträglich zu gestalten. Er arbeitete jetzt nicht mehr in Bäckereien, sondern als freier Gärtner, da ihm dies eine flexiblere Arbeitszeit ermöglichte. Er schloss sich zusammen mit seiner Frau einer Behindertengruppe an und begann, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die sozialistische Regierung unter Evo Morales hatte schon ganz zu Anfang versprochen, eine Rente für Behinderte einzuführen. Bis dahin hatte es so etwas in Bolivien nicht gegeben, arbeitsunfähige Behinderte waren entweder auf ihre Familien angewiesen oder mussten betteln. Sie mussten jedoch noch Jahre kämpfen, bis sie ihr Ziel erreichten. «Kämpfen» ist übrigens wortwörtlich zu verstehen, denn als sie verzweifelt versuchten, mit dem Präsidenten persönlich zu sprechen, wurden sie von der Polizei gewaltsam mit Knüppeln und Tränengas daran gehindert. Die Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die Behinderten mit Krücken und in Rollstühlen gewaltsam versuchen, die Polizeibarriere zu durchbrechen, gingen um die Welt. Rúben und seine Frau waren dabei und sie waren stolz darauf. Jetzt kam Rúben nicht mehr zu uns, um zu betteln oder um mir vorzuwerfen, dass ich an seinem Unglück schuld sei. Jetzt kam er, um von den Erfolgen und Niederlagen der Behindertengruppe zu erzählen und um über das Schicksal von ehemaligen Bewohnern von Tres Soles zu berichten, denn er kam ziemlich viel im Land herum. Rúben hat auch den ehemaligen Pfarrer der Armenküche besucht, in der ich als Freiwilliger gearbeitet und wo ich Rúben kennengelernt hatte. Der Pfarrer war jetzt weit über 80 und noch immer überzeugt, dass man mich wegen meiner Arbeit eines Tages umbringen würde. Als er erfuhr, dass ich einmal verhaftet worden war, rief er: «Herrgott im Himmel, es musste ja so weit kommen!»
Die gegenwärtigen «Solesianer» mahnt Rúben, dass nur sie allein für ihr zukünftiges Leben verantwortlich seien und sie von niemandem erwarten sollten, dass er die Verantwortung für sie übernähme. Ich war froh, dass ich ihn «nicht zum Teufel gejagt» hatte.
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: <email-pii> erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, Kto.-Nr. 17-16727-4. www.tres-soles.de