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Am frühesten nachweislich von den Römern intensiv genutzt war der Lukmanierpass (Italienisch: Passo del Lucomagno, Rätoromanisch: Pass dil Lucmagno) bis weit ins späte Mittelalter hinein die wichtigste Nord-Süd-Verbindung über die Alpen, bevor der Splügen- und der Gotthardpass ihn später in dieser Funktion ablösten. Heute verbindet er die beiden Kantone Graubünden und Tessin, auf der südlichen Seite im Tessin ist es die Ortschaft Blenio (manche nennen auch Biasca), auf der Bündner Seite Disentis mit dem wunderschönen um 700 nach Christus gegründeten Benediktinerkloster, die Ausgangs- und Endpunkt dieses Passes bilden, der eine Höhe von 1914 Metern erreicht und eine Länge von 61 Kilometern und eine maximale Steigung von 10 Prozent aufweist. Mit diesem Pass überschreitet man aber nicht nur eine kantonale Grenze, er überwindet auch die Sprachgrenze von Deutsch und Rätoromanisch auf der Bündner Seite zu Italienisch auf der Tessiner Seite, wundern Sie sich also nicht, wenn Wegweiser und Strassenschilder sich diesem Umstand entsprechend anpassen. Mit dem Bau des Gotthard-Strassentunnels verlor der Lukmanier endgültig seine Bedeutung und erst in den wenigen vergangenen Jahren aufgebaut ist es vor allem einer regionalen Interessengemeinschaft zu verdanken, dass dieser Pass nach vielen Jahren mangelhafter Pflege nunmehr wieder an Bedeutung und Beliebtheit gewinnt – und auch im Winter nach Möglichkeit befahrbar gehalten wird (ein sehr teurer „Spass“, derzeit belaufen sich die jährlichen Kosten für den Unterhalt jener Passstrasse auf bis zu 750.000 Franken). In dem Gebiet um den Pass herum verlaufen die Ströme des „deutschesten“ aller Flüsse, dem Rhein, welcher im Gebiet um den Oberalppass entspringt. Ich werde nie verstehen, warum ausgerechnet der Rhein dieses doch etwas fragwürdige Prädikat trägt, obwohl er in der Schweiz entspringt. Meiner Meinung nach ist die Donau, die ihre Quelle im deutschen Donaueschingen hat, eigentlich der „deutsche“ Fluss schlechthin, aber ja, über solche Ansichten sollen sich andere mal schön den Kopf zerbrechen.
Ganz ehrlich: Sonderlich schön finde ich den Lukmanier nicht, streckenweise sogar „fad“, wie man das vor allem in Österreich so schön tituliert. Aus rein landschaftlicher Sicht bieten sich nur wenige wirklich spektakuläre Ansichten, auch der Stausee der heiligen Maria (Lai da Sontga Maria) nahe bei der Passhöhe ist nicht sonderlich schön, da habe ich an anderen Orten weitaus überwältigendere Ansichten geniessen dürfen. Es lohnt sich aber, am Rande der kleinen Ortschaften entlang des Passes einen Halt zu machen und sich umzuschauen, wie auch in Bezug auf Lebensweise, Religion und Baustil der Pass zwei sehr verschiedene Welten miteinander verbindet. Erscheinen beispielsweise die Kirchtürme auf der Bündnerischen Seite eher massiv, gedrückt und wehrhaft, so recken sich die auf der Tessiner Seite elegant in die Höhe – obwohl beide aus dem gleichen Stein erbaut wurden. Insgesamt wirken die Ortschaften in den eher dunkel anmutenden Tälern auf der Tessiner Seite leichter, heller, meinetwegen auch italienischer. Zuweilen grübele ich immer noch, wie wohl dieser oder jener Ortsname auf der Bündnerischen Seite entstanden ist und was er bedeuten könnte, da hat man es als zumindest etwas sprachinteressierter Mensch auf der Tessiner Seite deutlich einfacher. Aber ich finde Rätoromanisch unglaublich interessant und spannend – auch wenn ich nicht ein einziges Wort selber sprechen oder schreiben kann!
In Bezug auf die Anforderungen an das eigene fahrerische Können möchte ich den Lukmanier in die Kategorie „sehr einfach“ einordnen. Es gibt kaum anspruchsvolle Haarnadelkurven, Steigungen und Gefälle sind sehr moderat, alles in allem ist dieser Pass auf den Punkt reduziert gut für Fahranfänger geeignet – aber nicht unbedingt für Geniesser, die von allem etwas haben wollen. Man kann den Lukmanier weitestgehend recht zügig befahren, nur selten muss man energisch durch die Gänge schalten. Allerdings weist zumindest die Bündner Seite eine Tücke auf, die hier gesondert hingewiesen sein soll. Von Disentis bis hinauf zum Stausee wirken die Täler aufgrund der geographischen Ausrichtung wie ein Windkanal, durch den vor allem im Herbst und Frühjahr recht starke Winde gedrückt werden und die wiederum heftig an der Maschine reissen können. Verläuft die Passstrasse sehr nahe an einem Bergrücken, so kommen noch jede Menge unvorhersehbare Scherwinde von den Seiten dazu. Haben Sie das einfach im Hinterkopf! Generell sollten Sie sich vorab über Wetter- und Verkehrslage informieren, bevor Sie Pässe in dieser Region ab Andermatt oder Disentis befahren. Sachdienliche Informationen erhalten Sie beim sehr gut informierten und aktualisierten „Pässeportal“ für ganz Europa. Je nachdem, wie Sie Ihren Rückweg antreten möchten, kann es sicherlich nicht schaden, sich vor allem über die Verkehrslage vor dem Gotthard-Strassentunnel zu informieren und gegebenenfalls mehr Fahrtzeit für Ausweichsrouten einzuplanen. Dort bei herrlichstem Wetter auf der Autobahn herum zu stehen, während die „lieben Kollegen“ die alte oder neue Passstrasse über den Gotthard entlang brettern, ist definitiv kein schöner Anblick…Pässe