Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03392.jsonl.gz/290

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1977 von Prof. Dr. Albert Hauser
Wie sah der Alltag, der Werktag, wie sah der Sonntag unserer Vorfahren aus? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir davon auszugehen, dass die Gesellschaft des Mittelalters hierarchisch und ständisch gegliedert war. Die einzelnen Stände besassen entweder genaue und strenge Satzungen, oder aber, wie beispielsweise in der Landwirtschaft, durch die Tradition überlieferte Normen und Regeln, an die sich jedermann zu halten hatte. Dazu kamen die zahlreichen Mandate der Obrigkeit und die Rechtssatzungen wie das Herrschaftsrecht. Von zentraler Bedeutung war die Kirche: Sie war sowohl geographisch als auch geistig gesehen mitten im Dorf.
Die Bedeutung der Kirche
Der christliche Glaube erfüllte und sättigte das Leben jedes einzelnen. Sicher waren unsere Vorfahren im Ganzen gesehen nicht braver als wir. Sie waren anders: Immer und immer wieder wechselte die gemütliche Ehrfurchtslosigkeit und Nüchternheit des Alltages mit Erregungen leidenschaftlicher Frömmigkeit. Es bestand ein fortdauernder Kontrast zwischen starker und schwacher religiöser Spannung. Die Herde bestand aus Frommen und aus Weltkindern. Schon im 18. Jahrhundert gab es orthodoxe und pietistische Kreise, die sich vom weltlichen Leben lossagten. Doch auch die «Weltkinder» waren bemüht, Gottes Wort einzuhalten und zu erfüllen.
So finden wir in vielen Haushaltungen Bücher, wie den «Zürcher Catechismus» von 1776 oder den «Catechetischen Hausschatz», gedruckt im Jahre 1752 in Basel, schliesslich «Die geistliche Seelencur» vom Jahre 1771. Am Sonntag war die Kirche immer gut besetzt. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn Pfarrer Johann Heinrich Hofmeister bei der Einweihungspredigt der jetzigen reformierten Kirche 1767 feststellt, dass in der alten Kirche, die immerhin 1100 Personen fasste, fast an jedem Sonntag grosse «Bedrängnis» herrschte. In der neuen Kirche, sagte er, können jetzt 2000 erwachsene Personen «bequem genug sitzen», und man könnte, meinte er gar, «noch 100 Plätze zusätzlich einrichten». Die Einnahme des Abendmahls war für jedermann Herzenssache. Zwischen biblischer und allgemeiner Geschichte gab es keine Abgrenzung; biblische Geschichte war ebenso wichtig wie allgemeine Geschichte.
Der Glaube unserer Vorfahren unterscheidet sich noch in anderer Weise vom heutigen. Unsere Ahnen waren vom alttestamentlichen Geist erfüllt. Das Neue Testament sprach sie weniger an. Sie fanden ihre Vorbilder in den Büchern Israels, den Hirten und Propheten des alten Landes. Es ist kein Zufall, dass die Wandmalereien im Schlafzimmer des Museums «Zur Hohlen Eich» alttestamentliche Szenen darstellen.
Im Gegensatz zu heute war der Kirchgang brauchmässige Pflicht. Es war Ehrensache, zur Kirche zu gehen. Die Beziehungen zu Gott waren brauchmässig geregelt. Man war bereit, die zehn Gebote zu erfüllen, erwartete anderseits von «dem vorwiegend alttestamentlich aufgefassten Gott, dem Schöpfer der Erde, dem Herrn der Ernte, dessen Zorn und Strafe man im Unwetter und in der Missernte erfährt, die angemessenen Gegenleistungen in der Form des Gedeihens und Wohlstandes in Haus und Hof» (Richard Weiss).
Von dieser Geisteshaltung zeugt ein Spruch von 1814 auf einer Mehltruhe: «Herrgott lass wachsen viel Korn und Wein, so werden wir fromm und zufrieden sein». Für den Verkehr mit Gott im Sinne des «Gib, auf dass gegeben werde» zeugt auch die Erzählung von einem Bauern, dem während des Gottesdienstes die Ernte verhagelt wurde, worauf er beim Verlassen der Kirche mit der Faust gegen den Himmel drohend die Worte ausstiess: «Dir gaani mee z Chile.» Für diese enge «Gottbeziehung» sprechen auch die handgeschriebenen Gebet-Zettel.
Die Bedeutung der Glocken
Das Leben auf dem Lande und im Dorf bewegte sich in genauen und bis ins Detail geregelten Bahnen. Die Werkglocke rief zur Arbeit, die Elfuhr-Glocke zum Mittagessen, die Abendglocke mahnte zum Nachtessen, und die Feuerlöschglocke gebot abends um neun Uhr nicht nur das Löschen des Herdfeuers, sondern die allgemeine Ruhe. Welch grosse Bedeutung die Glocken für unsere Vorfahren besassen, erfahren wir aus der Dorf-Chronik. Als im Jahre 1841 das neu angeschaffte Geläut erklang, war das Volk unzufrieden. Man liess den Glockengiesser Keller von Zürich kommen, und auf die Klagen der Wädenswiler war er bereit, sämtliche 5 Glocken unentgeltlich umzugiessen. Nun wartete man «mit grosser Ungeduld, bis das neue Geläute seine Klänge erklingen lasse. Jedermann wurde mit Freude erfüllt, als die grosse Glocke anschlug, und einstimmig betrachtete man sie als die Krone des Geläuts». Noch immer wusste man damals, welche Bedeutung die einzelne Glocke hatte, und entsprechend waren auch die Inschriften. So heisst es auf der sogenannten Leichenglocke: «Selig sind, die Gottes Wort hören und selig die Toten, die im Herrn sterben.» Die Betglocke hingegen trägt die Inschrift: «Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.» Auf der Vesperglocke stehen folgende Worte: «Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.»
Die Glocken genügten unseren Vorfahren nicht. Deshalb gab es noch im 19. Jahrhundert Stundenrufer, welche des Nachts die Zeit ausriefen. Am Tag ertönten die Stimmen der Ausrufer, welche Waren anboten oder sich für Reparaturen empfahlen.
Betzeitglocke der reformierten Kirche Wädenswil, gegossen 1895 von Rüetschi in Aarau.
Zeiteinteilung, Arbeit und Verdienst
Für den mittelalterlichen Menschen bedeutete der Feierabend mehr als für den modernen Menschen, denn die Arbeitszeit war fast doppelt so lang. Im 16. Jahrhundert hatten die Maurer und Zimmerleute mit einem 14-stündigen, im 18. Jahrhundert mit einem 10-stündigen Arbeitstag zu rechnen. Die Verdienste waren selbst im Handwerk, das einen goldenen Boden gehabt haben soll, schmal. Über die Löhne und Verdienste unterrichten uns die Urkunden aus dem Turmknopf der Kirche Wädenswil. Um ein Pfund Rindfleisch kaufen zu können, arbeitete ein Geselle des Maurer-, Zimmerer- und Dachdeckerhandwerkes im 16. Jahrhundert je nach Wirtschaftslage eine Stunde und 20 Minuten bis zwei Stunden und 30 Minuten. Im 17. Jahrhundert war der Arbeitsaufwand noch grösser, nämlich eine Stunde 30 bis drei Stunden zwei Minuten. Für einen Laib Brot arbeitete der Geselle im 18. Jahrhundert zwei Stunden sieben Minuten bis zwei Stunden 54 Minuten. Noch etwas schlechter sah es in der Hausindustrie im 18. Jahrhundert aus.
Nicht besser ging es den Lehrern, die von ihren Einkünften kaum leben konnten. Verallgemeinert lässt 'sich hierzu sagen, dass 20 Prozent der Bevölkerung über einen bescheidenen Wohlstand verfügten, fünf Prozent waren wohlhabend, und 75 Prozent waren arm.
Erziehung zu einem christlichen Leben. Ausstellung im Ortsmuseum «Zur Hohlen Eich» in Wädenswil.
Im 17. und 18. Jahrhundert war das Verhältnis der unterstützten Familien zu den ökonomisch selbständigen ungefähr eins zu fünf. In den Notjahren 1662, 1692, 1710 und 1770 ernährten sich viele Leute «von unnatürlicher Spis, von Chrüsch und Unkraut». In Wädenswil gab es Witwen, die «nichts als den Himmel zur Decki» hatten. Anlässlich der letzten grossen Hungersnot von 1816/17 assen viele Leute «Pilze, Chrüsch, Graswurzeln und Schnecken, um dem Hungertod zu entgehen».
Stufen des Alters
Wie man etwa über die Stufen des Alters dachte, zeigt eine farbige Lithographie aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Sowohl beim Mann als auch bei der Frau wird der «Gipfelpunkt» beim 50. Geburtstag angegeben. Sowohl Mann als auch Frau tragen mit 60 Jahren greisenhafte Züge. Ein Mann und eine Frau von 60 Jahren galten damals als Greis und Greisin. Die mittlere Lebenserwartung betrug 1750 lediglich 34 Jahre; im Jahre 1860 war sie nicht höher als 43 Jahre.
Kranke Tage
Das tägliche Leben war nicht nur angesichts der Lebensmittelknappheit und der hohen Preise schwierig und hart. Da gab es auch die immer und immer wieder vorkommenden und kaum bekämpfbaren Krankheiten. Wie verhielt man sich in kranken Tagen? In der Regel wurden die Kranken möglichst warm im Bett untergebracht, unter Decken vergraben, mit Pelzmützen und Halstüchern versehen. Zugleich heizte man die Kammer so stark wie möglich und schnitt jede Luftzufuhr ab. Allzu oft wurde indessen gegen die Krankheit selbst nichts unternommen, sah man sie doch im altbiblischen Sinne als direkte Folge der Sünde an: Der Mensch hat gefehlt, jetzt kommt die gerechte Strafe Gottes! Wunderkuren und Hausmittel standen höher im Kurs als die Heilkunde der Chirurgen. Beliebt waren im 18./19. Jahrhundert das Johannisöl, die Kamille und der Senf.
Volksheilmittel im 18./19. Jahrhundert. Senfwickel (Ortsmuseum Wädenswil).
Grossen Zulauf hatte der kunsterfahrene Chirurgus Jakob Hofmeister von Männedorf: «Die Krankheit mag einen Namen haben wie sie wolle, so werde ich, jedem aus dem Wasser sagen, wo es fehlt.» Doch auch Ärzte erwiesen sich zum Beispiel angesichts der Ruhr als machtlos. Chirurg Staub berichtete 1782, dass man am linken Seeufer der Ruhr mit lauwarmer Milch und altem, gesalzenem Käse zu Leibe rücke. Wie wohl von berühmten Ärzten empfohlen, sei diese Heilmethode verfehlt.
Oft sind die Grenzen zwischen Medizin, volkstümlicher Medizin, Aberwissen und Magie schwer zu erkennen. Der Leser mag sich selbst darüber ein Urteil bilden:
Mittel gegen den Keuchhusten (Amulett): Man bringt eine Knoblauchzehe in ein kleines Säcklein und hängt es um den Hals.
Mittel gegen Zahnweh oder Zahnen des Kleinkindes: Man näht lebende Kellerasseln in ein Säcklein (ungerade Zahl!) und hängt es dem Kleinkind um den Hals. Das erleichtert das Zahnen. Um das Zahnweh zu vertreiben, trug man eine getrocknete Kreuzspinne mit sich.
Gegen Rheuma gab es ein probates Mittel: Man bringt eine leere Weinflasche in einen Haufen der Waldameise. In die mit Tieren gefüllte Flasche füllt man Branntwein und lässt die Flasche vor Gebrauch einige Wochen stehen. Dann reibt man den Ameisengeist tüchtig ein.
Um sich gegen Feuer und Blitz zu schützen, nagelte man ein Hufeisen an den Türpfosten.
Man glaubte, dass die Allermannsharnischwurzel (Allium victorialis L.), wenn sie auf dem Leib getragen wird, zufolge ihrer innewohnenden natürlichen Kraft jedes drohende Unheil abzuwehren vermöge.
Um auf der Reise das Glück bei sich zu haben, legt man vor Antritt der Reise ein vierblättriges Kleeblatt in die Schuhe. Es schützt nicht nur vor Müdigkeit, sondern bietet auch Gewähr für einen glücklichen Reiseverlauf.
Um schöne Zähne zu bekommen, näht man die Vorderpfote eines Schärs (Maulwurf) in ein «Blüntschili» ein und hängt es dem Kinde um. Diesem Verfahren liegt der Parallelismus zwischen der unterirdischen Wühlarbeit des Maulwurfes und dem Durchbruch des Zahns durch das Zahnfleisch zugrunde.
Um Blut zu stillen, nahm man das Kreuz in Anspruch. Es war ursprünglich ein religiöses Symbol, das an die Gemeinschaft mit Christus und seine Leiden erinnern sollte. Später erhielt es einen schützenden Charakter und galt als dämonvertreibend. Durch dreifaches Schlagen des Kreuzes – dies gilt auch für protestantische Gegenden – meinte man, bestehende «Verzauberungen» oder Verwünschungen als Ursache der meisten Krankheiten aufheben zu können. Bestimmten Sprüchen und Texten wurde eine übernatürliche Kraft beigelegt. Einer der ältesten Segen dieser Art ist der in ursprünglich lateinischer Form erhaltene Jordanssegen, der zur Blutstillung auch in unserer Region gesprochen wurde und lautet: «Blut steh still, wie das Wasser im Jordan still stand.»
Dann gab es Rezepte zur Behandlung von Warzen: Nimm drei Erbsen und bestreiche die Warze damit. Lege die Erbsen in ein Papier, gib einen Rappen dazu und lege das Ganze in einen Kreuzweg. Hier spielt Aberglaube, der dem Übernatürlichen in den meist mitternächtlich aufzusuchenden Kreuzwegen zugrunde liegt, eine grosse Rolle. Der älteste Grund liegt wohl in dem altheidnischen Brauch, die Toten an den Kreuzwegen zu begraben. Da die meisten Krankheiten als durch Dämonen und böse Geister hervorgerufen galten, konnte man sie an diesen Orten auch am leichtesten auf die Urheber wieder zurückübertragen.
Ein anderes Mittel gegen Warzen: In ein seidenes Bändchen macht man so viele Knoten als man Warzen hat. Man steckt es in die Tasche, wenn man es verliert, verschwinden die Warzen alsbald.
Wichtig waren die Mittel gegen die Viehseuche: Man hängt in den Stall den Zweig eines Dornbusches (Dornenkrone!). Die Tiere sind dadurch gegen verschiedene Krankheiten und vor allem auch gegen die Seuche gefeit. Dieser Aberglaube ist bis ins 20. Jahrhundert hinein zu verfolgen.
Gegen das Fieber wurden drei Mandeln, nachdem sie mit einem Kreuz versehen waren, aufgefädelt und um den Hals gehängt.
Um das Nasenbluten zu bekämpfen, nahm man einen Strohhalm, machte ein Kreuz darauf, blutete darauf: das Bluten hatte aufzuhören.
Um Ungeziefer zu vertreiben, versprach man folgendes Prozedere: Es wurde mit einer Haselrute, die am Vinzenzentag (22. Januar) vor Sonnenaufgang mit drei Schnitten in den drei höchsten Namen geschnitten worden war, zu vertreiben gesucht.
Berühmt und geschätzt war die Alraunwurzel (Mandragora L.). Sie stammt aus dem Mittelmeerraum. Für diese Wurzeln wurden früher hohe Summen bezahlt, weil man glaubte, in ihnen eine eigentliche Glückswurzel zu besitzen. Oft wurde sie nachgeahmt und als echt verkauft. Die Ärzte des Altertums kannten ihre einschläfernde Wirkung und verwendeten sie u. a. bei Operationen. Sie ist auch heute noch sehr selten. Das Exemplar im Ortsmuseum Wädenswil stammt aus Griechenland und dürfte eines der ganz wenigen Exemplare in der Schweiz sein.
Ebenso bedeutend war die Jerichorose. Sie wurde während des Jahres sorgfältig aufbewahrt, um sie in den Dienst des Orakels zu stellen. Man brachte die stärkere oder schwächere Entfaltung der in ein Glas Wasser gebrachten Rose in Beziehung zur grösseren oder geringeren Fruchtbarkeit des folgenden Jahres. Die «Rose» wächst in Syrien und Ägypten. Sie hat als Anpassungserscheinung an das trockene Klima die Fähigkeit, die bei Anbruch der Trockenperiode nach ihrer Blütezeit kugelig einwärts gebogenen Zweige und Fruchtklappen bei Feuchtigkeitsaufnahme wieder zu strecken und die Form einer geöffneten Rose anzunehmen.
Die Festfreude und ihr Hintergrund
Man muss das Elend des Alltags sehen und kennen, dieses düstere Bild vor Augen haben, um den Drang zum Heraustreten aus dem Alltag, die Festfreude und die oft kaum zu bändigende Ausgelassenheit, die aus Akten und Berichten dieser Zeit zutage tritt, verstehen zu können. Nur vor diesem beklemmenden und eintönig dunklen Hintergrund versteht man die grosse Freude, die sich des Volkes bemächtigte, wenn es endlich wieder einen gedeckten Tisch vor sich hatte. Frohe Geselligkeit und die seltenen Tafelfreuden liessen wenigstens vorübergehend die Mühsal und Härte des Alltags vergessen. Wenn dabei das Mass überschritten wurde, ist das mehr oder weniger verständlich: Nachdem man während langer Zeit sich mit dem Allernötigsten begnügen musste, wollte man wieder einmal ausgiebig und ohne Ende tafeln und essen, «bis man es mit dem Finger erlängen mag». Bei vielen dieser Festlichkeiten ging es nicht allein um die kreatürliche Befriedigung von Hunger und Durst, um ein sinnliches Wohlbehandeln. Vielmehr als es heute der Fall ist, wohnte den allermeisten Festlichkeiten tieferer Sinn und Bedeutung inne. Nicht nur war der durch Taufe, Hochzeit und Tod gekennzeichnete Ablauf des Lebens ohne ein entsprechendes Fest undenkbar; an diesen Festen kam der bindende und verpflichtende Sinn der Gemeinschaft zum Ausdruck. Gemeinsamem Trunk und Essen wohnte uralter Sinn inne: «Man trinkt aus demselben Glas, man isst vom selben Teller, man nimmt dieselben Speisen zu sich, folglich hat man dasselbe in sich.» Deshalb schenkte in unserer Region ein Bursche seinem angebeteten Mädchen einen Ehelöffel, mit dem man am Tage der Hochzeit gemeinsam ass.
Handbemalter Liebesbrief aus Wädenswil, um 1800, und bemalter Ehelöffel, Hochzeitsgeschenk des Bräutigam an die Braut (Ortsmuseum Wädenswil).
Die Taufe
Zu den wichtigsten brauchmässigen Festen gehörte die Taufe. Seit jeher bot sie Anlass zu grossen Feiern. Die Hauptperson, der Täufling, wurde zu seinem Ehrentage besonders festlich gekleidet. Schon im Mittelalter trug er ein weisses Kleid. Das Weiss wurde als Zeichen der Reinheit gewertet. 1680 und 1776 verbot ein Mandat gestickte Ecken oder Spitzen an den Taufwindeln. Mit diesen Taufwindeln ist wohl das weisse Tuch gemeint, das nach der Taufe um das Kind geschlagen wurde. Im 19. Jahrhundert verwendete man ein Tragkissen, in dessen Umschlag die Kinder eingeknöpft wurden. Dazu trugen die Kinder ein weisses Kleidchen. Um die Geschlechter zu unterscheiden, bekamen die Knaben ein weisses oder ein rotes, die Mädchen ein blaues Käppchen. Recht beliebt waren auch Taufbescheinigungen und Taufzettel, die vom Götti oder der Gotte gestiftet wurden. Sie sind oft wahre Kleinodien der Kalligraphie; oft erscheinen sie schlicht und hausbacken.
Der Götti auf der Landschaf hatte anschliessend an den kirchlichen Taufakt das Kind zu lösen, das von den «Wybern zum Wyn» getragen worden war, das heisst, alle Gemeindegenossen, die ins Wirtshaus eingekehrt waren, frei zu halten. 1537 beschloss die Synode, diesen «Missbrauch» abzustellen.
Andere Feste
Anlass zu Geselligkeit boten auch die Feste des Kirchenjahres: dazu kamen vor allem die bäuerlichen Feste. die Erntefeste, Wümmete, Krähhahnen, die Metzgete, der Flurumgang, der Abschluss von MiIchverträgen. Ausserdem gab es die Kirchweih, die Examen, die Gerichtstage, das Maiengericht und das Herbstgericht. Bekannt war noch im 19. Jahrhundert der Wädenswiler Märt. Er wurde im August, wohl im Zusammenhang mit der Kirchweih, abgehalten. Zu diesen Festtagen kamen die Anlässe der Knabenschaften, die Lichtstubeten der Töchter, die familiären Feste (Hochzeit, Taufe, Hausräuke, Leichenmahl), dann die kalendaren Bräuche, Sylvester und Neujahrsfeier, Fasnacht, Osterfest, Pfingsten, SamichIaus und Weihnachten. So haben wir eine ebenso reichhaltige wie auch wegen ihrer Länge Achtung gebietende Liste vor uns. Ebenso lang präsentiert sich die Liste der behördlichen und kirchlichen Mandate. Manche Feste und Festbräuche wurden eingeschränkt, andere verboten, wobei strenge Strafen derer warteten, die sich erwischen liessen. An Hochzeiten durften nur zwei Gänge aufgetragen werden, und an Sonntagen durfte nicht getanzt werden. Es wurde indes, wie alle Akten zeigen, gleichwohl getanzt. Kegeln und Würfeln vor und nach der Sonntag-Mittagspredigt ist verboten, beschloss zum Beispiel der Stillstand 1711. Jede Arbeit am Sonntag, selbst das Fischen und Schifffahren, ist untersagt, verkündeten die Pfarrer von der Kanzel. Verboten war insbesondere auch die Kleiderhoffart, das heisst das Tragen von Spitzen und weissen Häubchen. Zahlreiche Frauen wurden gebüsst, weil sie dieses Mandat nicht befolgten. Und verboten war es schliesslich, am Sonntag bei sich zu Hause zu tanzen. Vollständig unerträglich erschien der Obrigkeit «das ärgerliche Geläuf nach dem päpstlichen Einsiedeln und der Um- und Abgötterei und dem Bilderkram zuzuschauen». Auch in solchen Fällen waren schwere Bussen in Kauf zu nehmen. Wir lächeln heute über viele dieser Mandate und vergessen gerne, dass es sich dabei um einen grossartigen Versuch handelte, die Gläubigkeit und Sittlichkeit des Volkes zu heben. Dabei war dieses Volk seiner Kirche stärker verpflichtet, als dies heute der Fall ist.
Die Smybolik
Das tägliche Leben stand im Zeichen der Symbole. Es ging darum, gewisse Tatbestände und sittliche wie moralische Grundsätze in Sinnbilder zu fassen. Sinnsprüche und Sinnbilder fanden grossen Absatz. Die Graveure und Kupferstecher Brupbacher haben diesem Bedürfnis entsprochen, indem sie Kupferstiche mit verschiedenen Symbolen herausgaben.
Spiel und Ernst mischten sich immer wieder von neuem. So wird zum Beispiel die Allegorie vom Tod in hübsche Falttexte und Zeichnungen eingebettet. Wiederum waren es die Brupbacher, welche solche Vexierspiele herausbrachten. Andere schufen sich ihre Rätselspiele selber.
Das Gesellenhaus als Zentrum des dörflichen Lebens
Im Zentrum des geselligen Dorflebens stand das Richt- und Gesellenhaus. Es war, wie ein Aquarell aus dem 18. Jahrhundert zeigt, ein stattliches Gebäude. Dieses Haus war Versammlungsort der Jungmannschaft, hier befand sich die Gaststätte der Gemeinde, hier gab es im unteren Stock eine Tanzlaube, wo auch Markt abgehalten wurde, oft auch getauft und (weltlich) getraut wurde. Das Haus wurde leider 1821 abgebrochen. Das gesellige Leben selber blieb − wenigstens im 19. Jahrhundert − intakt.
Das Aquarell eines unbekannten Künstlers des 18. Jahrhunderts zeigt das Wädenswiler Gesellenhaus, das 1821 abgebrochen worden ist (Ortsmuseum Wädenswil).
Allgemeine Reizbarkeit
Unsere Vorfahren waren angriffig und reizbar. Die Gerichtsakten und die Stillstandprotokolle belegen, dass von allen Vergehen in Bezug auf Häufigkeit die Schlägereien oder wüsten «Schlägleten» an erster Stelle stehen. Von diesem Übel wurden alle erfasst, gleichgültig, ob es sich um angesehene und sozial hochstehende Bürger oder um arme Hintersässen handelte. So schlugen sich Leutnant Diezinger und Fähnrich Theiler, zwei bekannte Textilverleger, 1720 die Köpfe blutig, und so schlug Chirurg Hotz, dessen humane und kulturell hochstehende Gesinnung ausser Zweifel steht, einen Patienten, weil er sich zu einem Konkurrenten, zu einem anderen Wundarzt, begeben hatte. Auch im täglichen Leben waren die Waffen schnell zur Hand. Ein unbedachtes Wort, eine absichtlich oder unabsichtlich vollrührte Gebärde genügte, um die Faust zu erheben, das Messer oder den Degen zu zücken. Noch zeugt der Stockdegen von solchen «Gemütsregungen».
Das Theater
Gleichzeitig entstand das Volkstheater. Wiederum verdanken wir die Beschreibung seiner Entstehung dem zürcherischen Landvogt Salomon von Orelli. Er beschreibt sehr schön, wie die «Eleganten» in Wädenswil alle Jahre eine Komödie spielten. Zu Beginn des Jahres 1790 fanden in der «Krone» theatralische Vorstellungen statt. «Die Acteurs waren alle, aussert Herr Billeter von Stäfen, aus hiesigem Dorf.» Im letzten Jahrhundert hat die Monatsgesellschaft die Theatertradition hochgehalten. Am 21. April 1839 führte die Theatergesellschaft ein Schauspiel einer heute unbekannten Autorin (Charlotte Birchpfeiffer) auf. Der Theaterzettel ist erhalten geblieben. Im «Anzeiger vom Zürichsee» wird 1851 bemerkt, dass die Haltung der Spielenden im Ganzen sehr gut gewesen sei. Fremde Schauspielergruppen jedenfalls, so meinten die Wädenswiler, spielen bedeutend schlechter. Der Gemeinderat von Wädenswil verfügte deshalb am 2. April 1851: «Dem Theaterdirektor Schmitz in Glarus wird auf sein Gesuch, nur bis nach Ostern 1851 12 Vorstellungen geben zu dürfen, der Bescheid ertheilt, es sei hier ein Liebhabertheater zu gemeinnützigen Zwecken, das theatralische Vorstellungen gebe. Somit kann dem Gesuch nicht entsprochen werden.» Laut Inseraten im «Anzeiger vom Zürichsee» wurden 1852 aufgeführt: «Der Eigensinn», «Die schöne Müllerin», «Das Sonntags-Räuschchen» und «Die Luftschlösser». Am 2. Januar 1856 gab die Monatsgesellschaft Wädenswil im « Engel» das Theaterstück «Die Lügnerin» zum Besten. Zu diesen Theaterstücken kamen die Fasnachtsspiele. Im Jahre 1842 wurde «Die Schlacht am Stoos» aufgeführt. Um 1843 wurden zwei Szenen aus dem Leben Napoleons inszeniert.
Schlussbild des am 8. März 1908 von der X-Gesellschaft Wädenswil aufgeführten historischen Festspiels «Im Fluge der Zeit».
Die Musik
Ähnlich wie in anderen Seegemeinden gab es schon im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss der Aufklärer einen Singkreis: «Zu Wädenschwil kommen junge Leute beyderley Geschlechts zusammen, um sich im Psalmensingen zu üben.» Es fanden sich bald viele Liebhaber von Wädenswil und Richterswil zu dieser Gesellschaft sie erhielt den bescheidenen Namen «Singschule». Von den Psalmen gingen sie bald auch zu geistlichen Gesängen über. Die Singschulbewegung fand nicht nur wohlwollende Duldung durch der Landvogt, nicht nur Förderung vonseiten der Geistlichen, sie bekam einer Auftrieb auch von anderer Seite: Offiziere, die aus französischen Regimentern zurückkamen, stellten Feldmusikanten an, und Wädenswil, das, wie der Landvogt von Orelli sagte, «zu allem was gut in die Augen fällt und Aufsehen macht, vorzüglich gern die Hand bietet, sparte nichts, um so geschwind als möglich seine Musicanten ins Feld zu stellen». Diese Feldmusikanten sind schliesslich auch der Singschule einverleibt worden: «Nun hatte man Vocal und Instrumentalmusic, die bis weit auf den See hinaus erschallte.» Die Mitglieder gaben sich den vornehmen Titel «Musicgesellschaft», und nun gingen die «Frauenzimmer alle Sonntagabend in das Conzert, wohin sie die landvögtliche Familie oder sonst angesehene Personen aus der Stadt, die zu Besuch da waren, gar höflich einluden». Erster Höhepunkt dieser Konzerte war die Kirchweih von 1767 (Einweihung der neuen Grubenmannkirche). Aus der Musikgesellschaft entstand schliesslich auch die Lesegesellschaft.
Bekleidung und Mode
Im 19. Jahrhundert kam es zu einer Änderung in der Lebensweise: Während die Bauern und Handwerker in Tracht und Kleidung am Altüberlieferten festhielten, kleideten sich viele Fabrikantenfrauen den Sittenmandaten zum Trotz wie Städterinnen. Die Fabrikanten selber setzten sich wie die Zürcher Handelsherren, wenn sie ausgingen, runde Hüte auf, und begannen lange, englische Pfeifen zu rauchen und Meerrohrstöcke zu schwingen. Schon um 1770 war der sogenannte Springstock italienischer Provenienz aufgekommen; da er aber einen Degen enthielt, der auf Druck herausschnellte, war damals der Landvogt eingeschritten und hatte die vorhandenen Exemplare konfisziert. Die Leute, welche die fremdartigen Stöcke oder Hüte brauchten, erreichten die gewollte Wirkung, die Ehrerbietung ihrer Gemeindegenossen, nicht, vielmehr sahen sie sich dem allgemeinen Spott der Dorfbevölkerung ausgesetzt; man sagte ihnen «Stäckliherren», «Langpfeifler» oder «Rundhütler». Auch im 19. Jahrhundert gab es zwischen der Bekleidung der bäuerlichen und nichtbäuerlichen Schicht grosse Unterschiede. Sie sind heute verschwunden.
Spiel und Sport
Das Spiel war hoch im Kurs, ja, die Chronisten des 18. und 19. Jahrhunderts sprechen wiederholt von Spielleidenschaft und Spielwut. Da gab es die vielen Kartenspiele; die Nachfrage nach Kartenspielen war so gross, dass sich im 19. Jahrhundert in Wädenswil eine Kartenfabrik etablierte. Sie gab schöne Spiele heraus, geriet aber trotzdem schon nach wenigen Jahren (1840) in den Konkurs. Es scheint, dass besonders die aus fremden Diensten zurückgekehrten ehemaligen Kriegsknechte dieser Sucht verfallen waren. So konnte zum Beispiel Johann Rusterholz, genannt «Französli», das «Spielen, Saufen und Schwören» trotz wiederholten Bussen und Zuspruch des Stillstandes nicht lassen. Das Tabakschnupfen wurde mit Leidenschaft betrieben. Und mit Schnaps wurde auch hier nicht gegeizt. Obgleich für Spielen, Würfeln und Kegeln am Tage des Herrn neben schweren Bussen die Trülle, ja der Gefängnisturm in Aussicht stand, gelang es nie, das sonntägliche Kegeln und Kartenspielen zu unterdrücken.
Jasskarten des Wädenswiler Fabrikanten J. Hauser an der Türgass, um 1840 (Ortsmuseum Wädenswil).
Zum Spiel gehörte der Sport. Da wäre vor allem an die bäuerlichen Leibesübungen zu denken. Mit ihnen setzte sich schon Zwingli auseinander: Man sollte das Ringen «mässiger besuchen, denn es gar dick (oft) ein ernst wird». Ein Ratsmandat von 1627 erlaubt zwar das «Plattenschiessen, Kegeln, Ballenschlagen und Steinstossen, doch sollen die Zuschauer keine Wetten abschliessen». Im 18./19. Jahrhundert erfreut sich das Schwingen auf der Zürcher Landschaft grosser Beliebtheit. Es dringt aber kaum über die bäuerlichen Kreise in andere Schichten ein.
Spott und Ernst, Spiel und Tod lagen nahe beieinander. Ein Gebiet gibt es, auf dem uns diese Mischung besonders schauerlich anmutet: die düstere Sphäre des Teufels- und Hexenglaubens. Auch in Wädenswil hatte es «Hexen». Eine solche, die Elli Mechler, wurde 1501, weil sie mit dem Teufel ein Gelage gehabt haben soll, gefoltert. Sie gab alles zu. Eine andere, die Ittlin aus dem Gwad genannt, gestand, Vieh verderbt zu haben. Sie wurde im Jahre 1515 verbrannt.
Wandlungen des Festes im Industriezeitalter
Das technisch-industrielle Zeitalter hat nicht nur die äusseren Erscheinungen, sondern auch die innere Einstellung von Grund auf geändert. Den mächtigsten und heftigsten Schlag gegen die alte traditionsgebundene Welt gab allerdings nicht die Industrie und nicht die Technik, sondern die politische Revolution, als sie die Stände, die hauptsächlichsten Träger des Brauchtums, zerschlug. Allerdings hatte hierzu die Aufklärung des 18. Jahrhunderts einige Vorarbeiten geleistet. Die neue Gesinnung, die sich seit dem 19. Jahrhundert durchsetzte, lässt sich anhand zahIreicher Erscheinungen feststellen: des Bürgers Arbeitskleid wird wichtiger als die Sonntagstracht, Feste und Bräuche verlieren ihren bisher mehr oder weniger deutlich spielhaften Charakter. Als auffallendstes Symptom kann, wies J. Huizinga einmal sagte, die Preisgabe der Phantasie der männlichen Kleidung angesehen werden.
Auch der Sport verlässt die Spielsphäre, ja das Spiel selber, man denke etwa an einen Schachwettbewerb, wird ernst. An die Stelle unbeschwerten, fröhlichen Singens treten Gesangswettbewerbe, die etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Belgien und Deutschland auch in unsere Region kamen. Fest und Sonntag wurden organisiert und zum Teil auch kommerzialisiert. In den Volksfesten wurde den im 19. Jahrhundert die Pflanzstätten der politischen und kirchlichen Verjüngung gesehen. Die historischen Schauspiele beginnen sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen, und man begann neue Bräuche, beispielsweise den Muttertag, um ihnen die Weihe und Existenzberechtigung zu geben, als alt zu deklarieren. Im Bannkreis der gesellschaftlichen und technischen Welt, des alles beherrschenden Apparates, wächst die Sehnsucht nach der von der Technik unberührten Natur, die Sehnsucht nach dem von der Gesellschaft unverschandelten, urtümlichen Brauch. Je rationaler die Welt eingerichtet ist, desto mächtiger werden die irrationalen Kräfte. Dies ist auch mit ein Grund, weshalb das Volk, ohne sich dessen immer bewusst zu sein, heute auch «angewandte Volkskunde» treibt. Es lädt sich damit den Unmut vieler Zorniger auf.
Fischer, Wanderer, Bauern auf dem Feld. Vergrösserte Ausschnitte aus Wädenswiler Stichen zwischen 1750 und 1810.
So sprach Max Frisch im Zusammenhang mit Tradition von «Imitation und Mumifikation». Ist das nicht falsch gesehen? Wollen wir uns nicht vielmehr darüber freuen, dass historisches Bewusstsein gewachsen ist, selbst dann, wenn dabei gewisse Entgleisungen und Übertreibungen in Kauf genommen werden müssen? Tradition ist dann falsch verstanden, wenn sie kritiklos übernommen wird oder wenn man glaubt, alte Bräuche seien zeitlos, unwandelbar.
Lassen wir am Schluss einen Mann sprechen, dessen Gesinnung und Grösse über jeden Zweifel erhaben sind. Gottfried Keller hat einmal gesagt: «Was vor zweihundert Jahren volkstümlich und echt war, ist es nicht mehr. Das Volk streift zeitweise alte, geborstene Rinden von sich ab, und man wird vergebens diese Bruchstücke trocknen, zu Pulver zerstossen und sie wieder unter die Nahrung mischen wollen; sie werden entweder sogleich ausgespien, oder die gute Natur hilft sich durch Geschwüre und Ausschläge.» Angesichts dieser Feststellung sollte man vielleicht so fragen: Was ist angesichts der Auflösung der alten Bräuche und Bindungen zu tun? Wie weit können und müssen überlieferte Ordnungen wieder in den Bindungsprozess eingebaut werden? Kann etwas geschehen, oder könnte mehr geschehen, um zu erreichen, dass trotz einem Riesenangebot an Zerstreuung, trotz einer Inflation an Massenfesten, auch das Gemüt und die Seele wieder auf ihre Rechnung kommen? Unsere Vorfahren waren zwar gierig nach den Schätzen dieser Welt, aber sie hatten einen fast frommen Sinn dafür, dass wir alle auf Schichten aufruhen, die überzeitlich und dem Gefälle der rationalen und zu begreifenden Welt entzogen sind. Sie hatten zumindest eine Ahnung von der Wahrheit des Matthäuswortes: Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele.
Prof. Dr. Albert Hauser
Literatur
Fretz, D.: Die Entstehung der Lesegesellschaft Wädenswil. XI. Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Wädenswil. Wädenswil 1940.
Hauser, A.: Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Bauerndorfes zur Industriegemeinde. Neuere Wirtschaftsgeschichte der zürcherischen Gemeinde Wädenswil. Wädenswil 1956.
Hauser, A.: Vom Essen und Trinken im alten Zürich. Zürich 1961.
Huizinga, J.: Herbst des Mittelalters. Stuttgart 1938.
Huizinga, J.: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Hamburg 1956.
Kägi, J. H.: Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Wädenswil. Wädenswil 1867.
Keller, A.: Geschichte der Herrschaft Wädenswil. Neujahrsblätter 1930–1933.
Reinle, A., Stüssi, S., Hauser, A., Ziegler, P.: Die Kirche von Wädenswil. Jubiläumsschrift zur 200-Jahr-Feier 1967. Wädenswil 1966.
Senn, M.: Die Wickiana. Johann Jakob Wicks Nachrichtensammlung aus dem 16. Jahrhundert. Küsnacht/Zürich 1975.
Strehler, H.: Kulturgeschichtliche Bilder aus der Zürcher Landschaft im 17. und 18. Jahrhundert. Zürcher Diss. 1934.
Ziegler, P.: Wädenswil – Vergangenheit und Gegenwart in Bildern. Wädenswil 1962.
Ziegler, P.: Wädenswil – Von den Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, 1. Band. Wädenswil 1970.
Ziegler, P.: Wädenswil – Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2. Band. WädenswiI 1971.
Verschiedene Autoren: Katalog und Rezeptbüchlein zur Ausstellung «Chruut, Pilz und Beeri – Heilpflanzen und Sammelnahrung unserer Vorfahren». Museum «Zur Hohlen Eich» 1975/76.