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Freiheit für Canvey Island!
Canvey Island hat, wie Katalonien, genug von der ewigen «Bevormundung» durch andere. Es will seine Zukunft selbst bestimmen, «auch wenn das bedeutet, dass wir unserer eigenen Wege gehen». Gäbe es auf der Insel Canvey ein Referendum, würden nicht 90, «sondern gleich 100 Prozent der Leute» für den Abgang stimmen, versichert Dave Blackwell, Gemeinderat aus Canvey und CIIP-Chef. Die CIIP, im Jahr 2004 aus der Taufe gehoben, ist die Canvey Island Independence Party, die örtliche Unabhängigkeitspartei.
Nun ist es ja so, dass schon einige britische Inseln in den letzten Jahren die Unabhängigkeit ausgerufen haben. Zum Beispiel Forewick Holm, droben im Norden Schottlands, das sich Forvik nennt, seit es Stuart «Captain Calamity» Hill, ein schrulliger Patron, «in die Freiheit geführt» hat. Oder Dry Island, an der schottischen Nordwestküste, das nun Islonia heisst und über das ein selbstgekrönter Fischer – König Ian I. – herrscht.
Leider hat die Welt keinem dieser abtrünnigen Territorien bisher Anerkennung zollen wollen. Ein Forvik-Pass hilft an keinem Grenzübergang. Auch die Währung Islonias, die Krabbe, hat sich international nicht durchgesetzt. Das hat die Leute von Canvey Island aber keineswegs in ihrem Freiheitsdrang beirren können. Ihre schöne Schaf- und Muschel-Fahne soll, wenn es nach Dave Blackwell geht, bald schon «stolz» über den Fluten der Themse wehen.
Der Aufstand gegen das Festland
In der Themsemündung nämlich, eine halbe Stunde östlich von London, ist die CIIP zu Hause. Hier wird jetzt der Aufstand gegen «das Festland» geplant. Dabei ist Canvey Island ja, bei Lichte besehen, gar keine richtige Insel, sondern eher ein auf Schlamm und Schlick gründendes, weitläufiges Ufer-Gelände. Ihren Insel-Status beziehen diese 18 Quadratkilometer Land schlicht daraus, auf allen Seiten von Flüssen und Flüsschen umgeben und nur über zwei Brücken erreichbar zu sein.
Schon die alten Römer liessen sich, auf ihrem Weg nach Londinium, gern dort nieder. Lange Zeit rein landwirtschaftlich genutzt, kam Canvey in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Kurort in Mode. Es war ein beliebtes Erholungsplätzchen «fernab der Stadt». Jedenfalls bis 1953, als in der Nordsee-Flutkatastrophe jenes Jahres 59 Menschen auf Canvey ertranken und 13’000 evakuiert werden mussten. Dieser Albtraum geht Canvey bis heute nach.
Später wurden dann Befestigungsanlagen gegen Überschwemmungen gebaut, und heute leben fast 40’000 Menschen im Gebiet von Canvey Island. So viele jedenfalls, finden die Bürger von Canvey, dass sie selbst sollten entscheiden dürfen über das, was in ihrer Gemeinde geschieht.
Unglücklicherweise wurde Canvey Island aber Anfang der Siebzigerjahre verwaltungstechnisch mit ein paar angrenzenden Gemeinden verkuppelt. Und im Gesamt-Kommunalrat haben die Räte aus Canvey nach eigenem Urteil wenig Gewicht. Immer würden sie überstimmt, klagen sie. Immer werde ihnen etwas aufgezwungen. Seis ein neuer Plan für eine stinkende Raffinerie. Seis der jetzt befürchtete Abriss eines Gemeindezentrums, das ihnen am Herzen liegt.
«Echte Unabhängigkeit, wie in Katalonien»
Kein Wunder, dass von den elf Kommunalräten, die aus Canvey kommen, neun der CIIP, der Unabhängigkeits-Partei, angehören. Den Canvanesen steht das Ganze «bis obenhin». Bisher, erklärt Dave Blackwell, wäre man ja mit etwas mehr Autonomie ganz zufrieden gewesen: «Aber jetzt ist es Zeit für einen Schritt zu echter Unabhängigkeit, wie in Katalonien.»
Nach Catalonia nun also Canvey Island. Schon stellt sich die Frage, ob London, wenn es hart auf hart kommt, den Rebellen ein Referendum zugestehen wird. Königin Elizabeth II. hat sich bisher aus dem Streit vorsichtig heraus gehalten. Dabei haben die Bewohner von Canvey Island gar kein Problem mit der Krone. «Das Aschenputtel an der Themse», als das sie sich sehen, will nur keins mehr sein.