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Das Relief für das Erbbegräbnis der Familie Erhardt im Grossen Friedhof (Lielie kapi) in Riga nimmt im Werk von Fidus eine Sonderstellung in seinem Werk ein. Zum einen, weil es sich um ein bildhauerisches Werk handelt, von denen Fidus nur sehr wenige geschaffen hat. Zum anderen weil es sich um ein für Werk einen religlösen Kontext handelte, Ein Grabmal für einen protestantischen Friedhof, mit dem er sich sonst in seiner Arbeit nicht auseinandersetzte.
Grabrelief von Fidus (Bild: Andris Gobins).
Fidus hatte bis zu diesem Zeitpunkt vor allem durch seine Illustrationen für Zeitschriften und mit seinem Buchschmuck Bekannheit erlangt, aber auch durch seine beiden Mappen Naturkinder und Tempeltänze sowie die grosse Monographie von Wilhelm Spohr, die 1902 erschienen waren. Zudem hatte er Exlibris gestaltet. Erst 1904 hatte er in Zürich seine ersten grösseren Ölbilder gemalt. Auch die Familie Erhardt dürfte durch seinen Buchillustrationen und seine Exlibris auf ihn aufmerksam geworden sein. So erwähnt Maria Erhardt in einem Brief an Fidus, dass sie schon seit langer Zeit die Mappe Naturkinder besitze und auch das Werk von Spohr.
Himmlische Enttäuschung
Grabrelief, aus: Fiduswerk.
Himmlische Enttäuschung.
Das Relief kann denn auch als eine in Stein umgesetzte Zeichnung verstanden werden. Zumal der in Zürich gezeichnete Rahmenschmuck für das Gedicht Himmlische Enttäuschung von Max Kretzer als eine erste formale Annäherung an das Motiv verstanden werden kann.
Doch nicht nur gestalterisch, sondern auch Inhaltlich, sofern die Illustration von Fidus Kretzers Vorlage folgt, unterscheiden sich die beiden Motive aber wesentlich voneinander. So führt in dem Gedicht mit dem ironisch als Widerspruch formulierten Titel der "Engel meiner Kindheit" den Toten oder seine Seele zwar in "seine Himmelsheimat", diese erweist sich aber nicht als Ort des ewigen Friedens, sondern des Grauens.
Himmlische Enttäuschung
Der Engel meiner Kindheit war erschienen
Ein altgelobtes Wort mir einzulösen:
Zu führen mich in seine Himmelsheimat,
Wo sonnig blaut der Dom in blauen Weiten
Und wo Erlösung herrscht von allen Uebeln.
Als wir durchschwebt die ew’ge Todesstille,
Wo Reinheit thront auf weichen Lüftenwogen,
Kam es wie Menschenstimmen angezogen,
Die jäh gebrochen in der Klangesfülle.
Und stärker schwoll es an: Wie Geisterreigen
Hört‘ ich die Stimmen auf und nieder steigen,
Bis in des Tongetaumels hohlem Branden
Sich jeder Menschensprache Laute fanden.
Und auf mein Fragen gab der Engel kund:
"Was Du hier hörst aus unsichtbarem Mund –
Das ist das Echo der Millionen Seufzer,
Die unaufhörlich von der Erde dringen,
Wo Leid und Schmez des Himmels Trost erwarten;
Denn aller Sehnsucht geht zuerst nach oben.
Du hörst der Hoffnung Seufzer leis ertönen,
Hörst die Verweiflungsvollen trübe stöhnen,
Hörst Gram und Hunger schamvoll wiederklingen
Und hörst der Todgeweihten letztes Ringen.
Was dumpf vermurrt wie unterm Grabestuch,
Ist eines Mörders letzter Lebensfluch,
Und was verweht wie sanftes Dämmerhallen,
Ist eines Kindes letztes Sterbelallen.“
Und Grauen packte meine müde Seele,
Erdabwärts ging das Ziel nun meines Wunsches,
Was sonst hier unten wurde still beweint,
Sah ich im Himmelsdom schreckhaft vereint.
Davon abgesehen dürfte der Inhalt des Gedichts kaum den Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Auftrag eines Erbbegräbnis für einen protestantischen Friedhof entsprochen haben.
Arno Rentsch schreibt denn auch zum Relief "in grauem nordischen Stein" in seiner Fidus-Monographie:
[...] über dem schlafenden Abgeschiedenen erhebt sich die Seele auf einem Kraftwirbel zur Höhe, zurückschauend auf das wie nach vollendeter Arbeit zufrieden ruhende Antlitz des Leibes.
Aus dem Engel mit männlichen Zügen ist eine weibliche Figur geworden, die, folgt man den Ausführungen von Rentsch, als eine Art "Doppelseele" von ihrem männlichen Gegenstück löst.
Geflügelte Gestalten
Auferstehung, 1899/1900.
König Friedwahn, 1905.
Geflügelte Wesen als Helden- oder Erlöserfiguren aus einer anderen Wirklichkeit haben im Werk von Fidus einen festen Platz. Handelt es sich beim Buchumschlag für Leo Tolstois Roman Auferstehung und der Illustration zu Otto Borngräbers König Friedwahn um männliche Wesen. umarmt von einer kniedenen oder auf dem Boden sitzenden weiblichen Gestalt, ebenso wohl beim Engel der Himmlischen Enttäuschung, der allerdings sehr viel androgynere Züge aufweist, hat Fidus beim Grabrelief die Rollenverteilung umgekehrt.
Die Auftraggeber
Die umfangreiche Korrespondenz von Maria Erhardt, deren Wunsch das Relief offenbar war, mit Fidus und Gertrud Prellwitz im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein enthält wenig Informationen in Bezug auf das Erbbegräbnis. Eine Karte von Eduard Kupffer, von dem der architektonische Entwurf der Anlage stammt, weist darauf hin, dass das Relief 1905 in Auftrag gegeben wurde. Es wurde darauf 1906 oder 1907 von Fidus begonnen, aber erst 1908 fertiggestellt. Die Anlage wurde von August Volz beziehungsweise seinem renommierten Unternehmen ausgeführt.
Anzeige des Ateliers A. Volz, 1907.
Bei der Familie Erhardt handelte es sich um eine angesehen Familie in Riga. Die Korrespondenz mit Fidus führte Maria Erhardt, die Gattin von Jacob Erhardt, Kaufmann und Stadtrat von Riga. Auch ihr Sohn Robert Erhardt war Kaufmann und Politiker. Ihr Sohn Gustav wiederum war der Vater des bekannten Kabarettisten Heinz Erhardt, der 1909 in Riga zur Welt kam. Ein Brief im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein belegt, dass auch er Fidus um ein Exlibris bat, und zwar für seine Verlobte. Bereits 1907 schuf Fidus ein Exlibris für die Tochter Magda Kröber in Leipzig.
In der frühesten erhaltenen Korrespondenz im Archiv der Burg Ludwigstein mit Fidus, bittet Maria Erhardt um ein Exlibris für Roderich Baron Engelhardt (1862 bis 1934).
Anleihen bei William Blake
Formal und inhaltlich scheint Fidus eine Bildidee von William Blake aufzunehmen. Dessen Illustration "The Soul hovering over the Body reluctantly parting with Life" war 1808 in der Veröffentlichung The Grave von Robert Blair erschienen.10
Rückseite der Grabanlage (Bild: Andris Gobins).
Denkmal der Gefallenen
Kriegedenkmal Woltersdorf (Bild: Gunnar Finder).
Mit dem Relief für das Denkmal der Gefallenen des Ersten Weltkriegs von Woltersdorf schuf Fidus zwei Jahrzente später nicht nur ein Werk in einem vergleichbaren Kontext, sondern versuchte auch die "philosophische" Bildidee des Erbbegräbnisses der Familie Erhardt zu einem Motiv mit Bezug zur Gegenwart und zur Politik weiterzuentwickeln. Offensichtlich wurde dabei das ursprüngliche Konzept geändert. So zeigt die Karte des Entwurfs ein Relief, dass an das Bild Totenklage erinnert und nur ansatzweise mit dem ausgeführten Relief zu tun hat, dessen Postkarte Fidus pathetisch mit Unsern Helden betitelte.11
Totenklage.
Unsern Helden.
- Vgl. zum Grossen Friedhof etwa den Eintrag Lielie kapi in der lettischen Wikipedia und den Beitrag Großer Friedhof in Riga/Great Cemetery in Riga von Eva Adamek. Zudem haben die Freunde des Grossen Friedhofs in Riga eine Facebook-Gruppe: Lielo kapu draugi.
- Brief im Archiv der deutschen Jugendbewegung.
- Das Gedicht von Max Kretzer mit dem Rahmenschmuck von Fidus erschien in der Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 17, 24. April 1904, S. 267. Später erschien es als Separatdruck mit der Katalognummer 253 des Fidus-Verlags. Vgl. auch Erste Gesamtausstellung der Werke von Fidus zu seinem 60. Geburtstage am 8. Gilbhart (X.) 1928, Woltersdorf bei Erkner [1928], S. 35, Nr. 597. Im Laufe deselben Jahres veröffentlichte die Zeitung zudem von Fidus den Rahmenschmuck zum Gedicht Ungenossenes Glück von Jenny Schnabl (Nr. 28, 10. Juli 1904, S. 443), eine Zeichnung zum Gedicht Traum des Südens von Maurice von Stern (Nr. 48, 27. November 1904, S. 779) und die Illustration zum ersten Teil des Vorabdrucks von Kretzers Roman Mann ohne Gewissen (Nr. 50, 11. Dezember 1904, S. 823) sowie eine Vignette für dessen Vorankündigung (Nr. 47, 20. November 1904, S. 763).
- Arno Rentsch, Fiduswerk, Dresden 1925, S. 61-62, Abbildung auf S. 58. Online: Fiduswerk. Der Entwurf zum Grabrelief ist als Lichtdruck (L 83) und als Bromsilber-Postkarte (PB 83) erschienen.
- Der Katalog Erste Gesamtausstellung, 1928, datiert das als Nr. 527 aufgeführte "Grabmal der Familie Erhardt zu Riga, Gesamt-Entwurf" 1906, das als Nr. 528 aufgeführte "Grabrelief dazu, selbst gemeisselt" 1907. Eine Karte des Architekten Eduard Kupffer, datiert mit 19. Oktober 1905, im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein belegt, dass die Anfrage für das Relief aus dem Jahre 1905 stammen dürfte. Eduard Kupffer (Eduarda Kupfera, 1873 bis 1919) war Architekt und Möbelgestalter in Riga. 1906 wurde zu einem der Direktoren des Rigaer Kunstvereins gewählt (vgl. Rigaische Stadtblätter https://www.difmoe.eu/d/uuid/uuid:132b9cb3-db1d-4d3c-8613-54885a91d1aa). Zu seinen Werken gehört die 1907 erbaute Villa von Bulmering in Riga-Kaiserwald (Mežaparks) (Villa fon Bulmerinq bei Wikimapia). Zu seinen Veröffentlichungen gehören: Das Arbeiter-Wohnhaus auf der "Ausstellung für Arbeiter-Wohnungen u. Volksernährung", Riga 1907, zusammengestellt im Auftrage des Ausstellungs-Komité, und "Die Willenkolonie Kaiserwald bei Riga", in: *Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen*, 1908. S. 122-130, Online.
- Zu Volz etwa der Eintrag August Volz in der deutschsprachigen Wikipedia.
- Zu Jacob Erhardt beispielsweise der Eintrag Johann Jakob Erhardt
- Robert Erhardt im Baltischen Biographischen Lexikon digital (BBL digital).
- Ute Wermer und Klaus Witte, Hugo Höppener - Fidus. Exlibris und Illustrationen, Frederikshavn 1995. Nr. 43.
Vgl. dazu das Kapitel "Doppelmenschen" in Fidus-Serie, Zürich 2011, S. 65-70. ↑ Zurück
Vgl dazu den Beitrag Das (eigentlich geplante) Woltersdorfer Denkmal von Gunnar Finder. ↑ Zurück
Gerald Ramm (Hrsg.), Woltersdorf. Ein Ort im "Dritten Reich", Chronik der Jahre im Nationalsozialismus, Woltersdorf 2016.S. 60-61.
Bilder: Anzeige A. Volz aus Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, 1907, S. 17, Online. Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, hrsg. vom Architekten-Verein in Riga, 4. Jahrg., 1910, S. 113 mit zwei Abbildungen. Online: Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen und Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen. Scans der Postkarten Totenklage und Unsern Helden: Gunnar Finder.
Letzte Änderung: 6. März 2020.