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Belém – Höhepunkte der Manuelinik in Lissabon
Der Stadtteil Belém in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon besitzt einige der eindrucksvollsten Bauten der Manuelinik. So wird ein spezieller Baustil bezeichnet, der in Portugals Glanzzeit der grossen Entdeckungen entstanden ist. In Belém bleibt diese Epoche lebendig.
Bis 1885 war Belém eine selbstständige Gemeinde im Vorfeld der portugiesischen Hauptstadt. Im Zuge des steten Wachstums Lissabons wurde der Ort schliesslich eingemeindet. Heute gehört ein Besuch in dem Stadtteil quasi zum Pflichtprogramm bei einem Lissabon-Aufenthalt. Die hier befindlichen Sehenswürdigkeiten haben den Rang von Nationaldenkmälern.
Der Torre de Belém
Belém liegt genau an der Stelle, an der der Fluss Tejo, der Lissabons Lage so sehr prägt, sich von seiner weiten, fast lagunenartigen Ausbreitung wieder verengt, um nach wenigen Kilometern endgültig in den Atlantik zu münden – ein strategisch günstiger Platz, seit jeher hervorragend geeignet, um die Ein- und Ausfahrt von Schiffen in den Lissaboner Hafen zu überwachen. Dieser Lage verdankt ein Baudenkmal des Stadtteils, der Torre de Belém, seine Existenz. Er gilt als ein Wahrzeichen der portugiesischen Hauptstadt und ist ein beliebtes Postkartenmotiv.
Der fast ein wenig an eine Burg oder Festung erinnernde Turm wurde im 16. Jahrhundert unter König Manuel I. errichtet. Sein primärer Zweck war es, als Leuchtturm für die Schifffahrt zu dienen. Darüber hinaus hatte er eine militärische Funktion. Früher gab es auf der gegenüberliegenden Seite des Tejo noch einen weiteren Turm, der beim grossen Erdbeben im Jahr 1755 zerstört wurde. Von beiden Türmen aus konnte man hervorragend feindliche Schiffe ins Kreuzfeuer nehmen. Der Torre de Belém diente in diesem Sinne auch der militärischen Sicherung der Hauptstadt.
Im Zeitalter Manuels des Glücklichen
Die Errichtung des Turms fiel in die Zeit, als Portugals Stellung als Seefahrer- und Entdeckernation ihren Höhepunkt erreichte. Bereits im 15. Jahrhundert waren etliche Expeditionen unter dem legendären Heinrich dem Seefahrer von dem Land im Südwesten Europas gestartet, um die Umrisse Afrikas zu erkunden. Um die Wende zum 16. Jahrhundert kam es zu einem neuen Entdeckungsboom. Vasco da Gama erschloss den Seeweg nach Indien. Zahlreiche Stützpunkte und Kolonien entstanden an Afrikas und Asiens Küsten. Dadurch gewann das Land die Kontrolle über den einträglichen Gewürzhandel. Ungeahnte Reichtümer flossen in der Folge nach Portugal, das damals zu den wohlhabendsten Staaten der Erde gehörte. Es war das Goldene Zeitalter des Königreichs. „Dom Manuel O Afortunada“ – Manuel der Glückliche – wurde der Herrscher dieser Zeit genannt.
Der Torre de Belém ist ein vergleichsweise bescheidenes bauliches Zeugnis dieser Ära. Es stellt vor allem einen Funktionsbau dar, erkenntlich an den massiven Mauern und den gedrungenen Kasematten. Dennoch hat man auch hier nicht auf Dekor verzichtet. Erker, Balkone und Zinnen verleihen dem wuchtigen Bau eine gewisse feine Leichtigkeit. Ein schönes Beispiel der Manuelinik ist die Statue der „Unserer Lieben Frau der sicheren Heimkehr“, die als Schutzsymbol die Seefahrer grüsst.
Die Manuelinik – maritimes Dekor
Als manuelinischer Stil wird eine spezielle Spielart der Spätgotik bezeichnet, die nur in Portugal zu finden ist und genau in die Zeit von Manuel I. fällt. Es ist eine reiche, üppig dekorierte Architektur, in der der neu gewonnene Reichtum des Landes prächtig zum Ausdruck kommt. Ihr besonderes Kennzeichen ist die Verwendung maritimer Ornamente, insbesondere Schiffstauwerk, bei der bildhauerischen Gestaltung. Sie zeichnet sich durch ihren filigranen und manchmal fast verspielten Charakter aus. Häufig wurden auch Pflanzen und andere typische Motive aus den entdeckten Fernen verarbeitet. Insofern ist die Manuelinik so etwas wie der steingewordene Ausdruck von Portugals Traum einer globalen Seeherrschaft.
Dass in Belém noch so viel von diesem Baustil erhalten ist, muss als Glücksfall bezeichnet werden. Denn die meisten manuelinischen Bauten Lissabons wurden bei dem grossen Erdbeben 1755 für immer zerstört. Und ausserhalb der Hauptstadt gibt es nicht mehr allzu viele Beispiele dieser einzigartigen Bauweise. Die geologischen Verhältnisse des Ortes liessen die Bauten in Belém die grosse Katastrophe besser überstehen als in der nahen Kapitale.
Im Kloster der Heiligen Maria von Betlehem
Zeigt sich der Torre de Belém noch vergleichsweise zurückhaltend in seinem Dekor, konnte sich die Manuelinik beim Hieronymus-Kloster voll zur Geltung bringen. Das Kloster der „Heiligen Jungfrau Maria von Betlehem“ – so der offizielle Name – ist der vollkommenste Bau dieses Stils und gleichzeitig ein portugiesisches Nationalsymbol. In der Klosterkirche befinden sich die Gräber zahlreicher portugiesischer Könige, Königinnen und Prinzen. Das von Manuel I. ist auch darunter. Daneben wurden hier weitere berühmte Portugiesen wie der Entdecker Vasco da Gama oder die Nationaldichter Fernando Pessoa und Luís de Camões beigesetzt. Die Jungfrau von Betlehem wirkte namensgebend für den ganzen Ort – denn Belém ist nichts anderes als die portugiesische Bezeichnung für Betlehem. Die Benennung als Hieronymus-Kloster ist darauf zurückzuführen, dass hier früher der Orden der Hieronymiten wirkte.
Die Klosterkirche ist ein Meisterwerk der gotischen Baukunst. Der Innenraum kommt ohne Seitenschiffe aus. Das Netzgewölbe wird nur von sechs schmalen und reich verzierten Stützpfeilern getragen. Es scheint dadurch geradezu über dem Raum zu schweben. Obwohl die Ausmasse des Kirchenschiffs durchaus beträchtlich sind, wirkt es durch die leichte Bauweise weder gedrungen noch wuchtig.
Üppiges Dekor zeigt vor allem das Südportal, das dem Besucher, der vom angrenzenden Park des Praça do Imperio kommt, sofort auffällt. Etwas schlichter präsentiert sich das – eigentlich wichtigere – Westportal, durch das man die Kirche betritt. Es wird u. a. von Statuen Manuels I. und seiner Frau Maria von Aragon geschmückt.
Ein herausragendes Beispiel der Manuelinik ist auch der Kreuzgang des Klosters. Er wurde als zweistöckiger Gang errichtet und bildet ein Quadrat um einen Innenhof mit einem schlichten Ziergarten. Seine Fenster und Wände sind überreich geschmückt. Es lohnt sich, die zahllosen Details genauer in Augenschein zu nehmen. Hier hat die ornamentale Kunst der Manuelinik ihren Höhepunkt erreicht. Vom Kreuzgang gelangt man in das Refektorium und den Kapitelsaal, ebenfalls Räume im manuelinischen Stil. Im Refektorium kann man an den Wänden schöne Azulejos, die für Portugal so typischen Schmuckkacheln, bewundern.
Eine kurze Zeit des Glücks
Mit dem Palácio Nacional de Belém hat der Lissaboner Stadtteil noch ein weiteres Bauwerk zu bieten, dessen Ursprünge in die Zeit Manuels I. zurückreichen. Der König liess sich hier eine kleine Residenz errichten, die allerdings im 17. Jahrhundert grundlegend umgestaltet wurde. Der Palast präsentiert sich dem Betrachter daher mit seinem zarten Rosa im Stil des Barock und nicht der Manuelinik. Der Palácio Nacional dient heute dem portugiesischen Staatspräsidenten als Amtssitz.
Dass Glück vergänglich ist, gilt auch für das manuelinische Zeitalter. Mit dem Tod des Königs endete die goldene Ära schon nach kurzer Zeit. Allzusehr hatte sich das Land auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Die grossen Reichtümer waren in Prunkbauten und Luxus geflossen, für die Zukunft war wenig getan worden. Daher begann nach Manuel I. eine lange Zeit des Abstiegs. Nur die Bauten in Belém künden noch von der glücklichen Periode.
Oberstes Bild: © Turm von Belém – Samuel Borges Photography – shutterstock.com