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Im September 2016, als die amerikanischen Präsidentschaftswahlen in ihre entscheidende Phase kommen, trennen sich Mark und Lisa.
Lisa engagiert sich für Hillary Clinton; Mark trauert Bernie Sanders nach und kann sich nicht für Hillary Clinton erwärmen. Was versteht diese Kandidatin schon von seiner Situation? Gar nichts, vermutet Mark.
Die Abwärtsspirale beginnt
Ohnehin hat er grössere Probleme als diese Präsidentschaftswahl, als Hillary Clinton und Donald Trump: Die Auseinandersetzungen zwischen Lisa und ihm werden bitterer, die Beziehung zu seinen kleinen Kindern wird schwieriger. Er hält sich als Bauarbeiter über Wasser, doch sein Auftraggeber kann oder will ihn nicht bezahlen, und schliesslich erkrankt seine Mutter auch noch an Krebs.
James Sturm zeichnete seine Graphic Novel «Ausnahmezustand» im Herbst und Winter 2016, kurz vor und nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl, die Donald Trump an die Macht brachte. Er veröffentlichte sie zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Online-Zeitschrift «Slate».
In Echtzeit gezeichnet
«Ausnahmezustand» entstand sozusagen live und in Echtzeit vor dem Hintergrund des amerikanischen Politspektakels und griff die Befindlichkeiten und Stimmungsschwankungen dieser Monate auf subtile Weise auf.
Die amerikanische Kritik hat «Ausnahmezustand» gefeiert als eine der bisher klügsten literarischen Auseinandersetzungen mit dem neuen Amerika unter Trump.
«Ausnahmezustand» ist jedoch kein politischer Kommentar zur Wahl Donald Trumps. Das politische Drama bildet die Kulisse, vor der sich Marks persönliche Dramen abspielen.
Buchhinweis
James Sturm: «Ausnahmezustand», Reprodukt Verlag, 2020.
Von Lohnscheck zu Lohnscheck
Und doch: Obschon das politische Geschehen in den Gesprächen nur am Rand gestreift wird, wirkt es unübersehbar und immer deutlicher in Marks Alltag hinein.
Der Riss, der durch die USA geht, findet sein Echo im Riss zwischen Mark und Lisa: Zur politischen Entfremdung gesellen sich die emotionale und soziale Entfremdung.
Wie viele Amerikaner navigiert Mark ohne soziales Netz von Job zu Job, von Lohnscheck zu Lohnscheck, während seine Ex Lisa reiche Eltern hat und es sich deshalb leisten kann, sich, so Mark, «für Hillary, die alte Betrügerin, zu engagieren».
Zertrümmern, was errichtet wurde
Je schwieriger, ja auswegsloser Marks Situation wird, desto mehr Frustrationen und Aggressionen baut er in sich auf: Sein Weltbild wird schwärzer und paranoider – und er wird selbst seinen Kindern und ihren Ansprüchen gegenüber ungeduldig. Auf dem Tiefpunkt angelangt, stürmt er mitten in der Nacht auf die Baustelle und zertrümmert die Wand, die er am Tag zuvor aufgerichtet hat.
James Sturms Verdienst ist es zum einen, die Veränderungen in Mark auf kaum merkliche, aber sehr glaubhafte Weise zu schildern. Zum anderen verknüpft er die politische und die persönliche Ebene auf eine ebenso beiläufige wie kluge und lange nachhallende Weise.
Melancholische Ballade
Sturm schafft dies mit einem Minimum an Mitteln: Der Text ist lakonisch. Lakonisch und schmucklos sind auch die Bilder. Die Figuren – Menschen mit stilisierten Hundeköpfen – stapfen durch realistische Szenerien. Die Bilder sind in kühle Grau- und Blautöne getaucht, die das Gefühl herbstlicher und winterlicher Melancholie vertiefen.
Damit trifft James Sturm den richtigen Ton: «Ausnahmezustand» ist eine leise Ballade von grosser Tiefe, deren Emotionalität wächst und wächst – und lange nachwirkt.