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Zu Pferdezucht sind diverse Forschungen durchgeführt worden. Lesen Sie hier einige Resultate davon. Der Beitrag erschien auch in der Kavallo-Ausgabe 3/2021.
Neue Methode zur Schätzung von Zuchtwerten
„Schätzung populationsgenetischer Parameter für die Reitpferdezucht unter besonderer Berücksichtigung innovativer Merkmalsdefinitionen für Turniersportleistungen“ – diese Dissertation von Viktoria Welker stiess bereits auf grosse Resonanz bei den Sportpferdezüchtern in Deutschland.
Ziel dieser Arbeit war es, für die Reitpferdezucht alternative Merkmalsdefinitionen für Leistungen in Turniersportprüfungen der Disziplinen Dressur und Springen vergleichend zu untersuchen und dem bisherigen Merkmal transformierter Rang gegenüber zu stellen. Für die Analysen standen insgesamt 16.141.321 Leistungen aus Turniersportprüfungen der Jahre 1995 bis 2016 zur Verfügung. Das höchste erreichte Niveau stellte sich als ein sehr geeignetes Merkmal dar, um die genetische Veranlagung des Pferdes für den Sport zu schätzen. Es spiegelt die höchste Leistung im Turniersport, welche mindestens dreimal erreicht werden musste, wider. Hierfür wurde ein aufsteigendes Punktesystem für die Teilnahme, die Platzierung und den Sieg in den Anforderungsniveaus des deutschen Turniersports erarbeitet. Im Schätzmodell wurden die fixen Effekte Geschlecht, Jahr und maximales Alter im Turniersportdatenmaterial berücksichtigt.
Die Heritablitätsschätzwerte lagen mit h² = 0,22 für Dressur und h² = 0,37 für Springen höher als die des transformierten Ranges (h² = 0,04 für Springen und h² = 0,08 für Dressur). Die Schätzung der Zuchtwerte für das höchste erreichte Niveau ergab in der Dressur eine grössere Spannweite der Zuchtwerte (22,6 – 199,8) als im Springen (17,4 – 169,5). Zwischen den Zuchtwerten der Merkmale transformierter Rang und höchstes erreichtes Niveau wurde sowohl im Springen als auch in der Dressur eine Korrelation von r = 0,89 ermittelt. Die Berechnung der Differenzen aus dem Zuchtwert des transformierten Ranges und des höchsten erreichten Niveaus ergab in der Dressur Abweichungen von bis zu 52 Zuchtwertpunkten und im Springen von bis zu 45 Zuchtwertpunkten.
Das Merkmal „höchstes erreichtes Niveau“ unterstützt im Hinblick auf die komplexe Struktur der Turniersportdaten stabile genetisch-statistische Analysen und liefert gezielte Aussagen zur Leistungsfähigkeit und der genetischen Veranlagung des Pferdes für den Turniersporteinsatz bis zu den schwersten Klassen.
Quelle: Viktoria Welker (Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd e.V. (GWP e.V.). Mehr dazu: www.kavallo.ch/lutb
Kissing spines könnten vererbbar sein
Eine neue Studie am Brazos Valley Equine Hospital in Texas legt nahe, dass das Kissing-Spines-Syndrom vererbbar ist. Dabei zeigte sich, dass ein auf Chromosom 14 befindliches Allel mit einem viereinhalbfach höheren Risiko einer Kissing-Spines-Erkrankung zusammenhängt. “Das ist eine sehr grosse Effektstärke und ein ziemlich überraschender Befund”, wird Dr. Samantha Brooks vom Genetics Institute der Universität von Florida, die bei der Interpretation der Studiendaten behilflich war von der «Pferderevue» zitiert. Ebenfalls auf das Syndrom Einfluss hat das Stockmass der Pferde. Ob jedoch grössere Pferde häufiger daran litten, weil die strukturellen Kräften, die auf die Wirbelsäule wirken, grösser sind oder ob grössere Pferderassen generell dazu neigen, das Allel für Kissing Spines in sich zu tragen, konnte noch nicht geklärt werden. Hingegen gebe es zwei weitere Hinweise darauf, dass die Gene die Häufigkeit und den Schweregrad des Kissing-Spines-Syndrom beeinflussen würden.
Mehr dazu: www.kavallo.ch/ug8x
Die schweizerische Pferdezucht im Spiegel der Zeit
Janine Vollenweider und Hanspeter Meier von der Schweizerischen Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin (SVGVM) haben die Geschichte der Schweizerischen Pferdezucht und deren Zukunftsaussichten untersucht. Ihr Fazit: Nach dem 2. Weltkrieg wandelte sich das Pferd im Zuge der grossflächigen Motorisierung innert kürzester Zeit zum Luxusgut. Seither stehen nicht mehr Faktoren wie die Verwendbarkeit des Pferdes für Armee oder Landwirtschaft im Zentrum. Die Nachfrage nach Tieren für Sport und Freizeit gewährt schon längst wieder genügend Raum sowohl für Kalt- als auch für Warmblutzuchten. Dennoch: wie vor 100 Jahren gilt auch heute, dass ökonomische Belange in der Tierzucht von primärer Bedeutung sind. Entsprechende Studien bei Freibergern und Warmblütern haben gezeigt, dass ihre Zucht trotz überdurchschnittlich hohen Direktzahlungen und der Aufzucht in Frankreich oft ein Verlustgeschäft ist (Gazzarin et al. 2018, Pellet & von Niederhäusern 2018, Zimmermann et al. 2018). Sehr unvorteilhaft ist in unserem Land auch die Besteuerung der Zucht (F. & D. Renggli 2019), ganz im Gegensatz zur Situation in Nachbarländern. In den letzten Jahren sank die Zahl der Geburten in unserem Land stark von 4‘509 im Jahr 2015 auf 3‘462 im Jahr 2019.
Mehr dazu:
- Die schweizerische Pferdezucht im Spiegel der Zeit (1), Neubewertung von Angebot und Nachfrage nach dem 1. Weltkrieg (PDF): kavallo.ch/7t57
- Die Schweizerische Pferdezucht im Spiegel der Zeit (2), Heutige Probleme und Anforderungen (PDF): kavallo.ch/3b8c
Welche sportlichen und gesundheitlichen Anlagen ein Fohlen mitbringt, wird durch die immer besser aufgeschlüsselte Genetik definiert. (© Can Stock Photo / HelleM)
Decktaxen von Reitpferdehengsten in Deutschland
Mit einer für Sportpferdezüchter und Hengsthalter gleichermassen interessanten Frage, nämlich den Einflussfaktoren auf die Höhe der Decktaxen, beschäftigte sich Romina True in ihrer englischsprachigen Arbeit. Der Titel: „What determines breeding fees? An empirical investigation of the German horse breeding market“.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Preisunterschiede abhängig von angebotener Samenart und Disziplin des Hengstes, was dazu führte im weiteren Verlauf der Analyse den Fokus auf den Teilmarkt für Dressurhengste im Frischsamenversand zu legen. In der detaillierten preisbezogenen Analyse wurde untersucht, welche Merkmale eines Hengstes die Höhe der Decktaxe beeinflussen. Starke Bedeutung für die Höhe einer Decktaxe hat die Station auf der der Hengst angeboten wird. Im Bereich der leistungsbezogenen Merkmale haben die Bundeschampionate wie auch die Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde deutlichen Einfluss. Die dortige Platzierung beziehungsweise der Sieg führt zu einer signifikant höheren Decktaxe. Ohne Auswirkung auf die Decktaxe blieben dagegen vererbungsbezogene Merkmale wie die Lebensgewinnsumme der Nachkommen eines Hengstes und die Anzahl von Prämienstuten unter seinen Nachkommen. Das Alter eines Hengstes ist ebenfalls irrelevant für die Decktaxe.
Quelle: Romina True (Masterarbeit, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd e.V. (GWP e.V.). Mehr zur Masterarbeit: www.kavallo.ch/c9oq