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Im August 2018 geben die Pächter vom «Aescher-Wildkirchli» auf: Nachdem das Appenzeller Berggasthaus in Blogs, Listen von «Orten, die man vor dem Tod gesehen haben muss» und auf dem «National Geographic»-Cover aufgetaucht ist, sei die Infrastruktur dem Ansturm nicht mehr gewachsen gewesen.
Im Juli 2018 stürmen Aktivisten in Barcelona einen Touristenbus, zerstechen seine Reifen und sprayen auf die Windschutzscheibe «Der Tourismus tötet die Quartiere». Laut Umfragen sehen die Einheimischen den Tourismus als grösstes Problem ihrer Stadt. Während die Bürgermeisterin mit Gesetzen gegen neue Hotels und Airbnbs kämpft, protestieren Bewohner mit Slogans: «Touristen sind Terroristen» etwa oder «Warum heisst es Touristensaison, wenn wir sie nicht abschiessen dürfen?».
Im Juni 2018 sperren die thailändischen Behörden «The Beach», den Strand, der dank Leonardo DiCaprio berühmt geworden ist. Bis zu 5000 Besucher standen täglich im verdreckten Sand umher und zerstörten beim Schnorcheln die Korallenriffe. Künftig sollen höchstens 2000 Leute pro Tag zugelassen sein.
Früher, sagt Ned Kennaugh und tätschelt das Shire Horse namens Andrew, das vor sein Tram gespannt ist, früher habe er an den Haltestellen nicht angehalten, sondern nur das Tempo gedrosselt. Die Pferdetrams fuhren damals bis um Mitternacht der Meerespromenade von Douglas entlang, von «Derby Castle» über «Palace Hotel» bis zum «Sea Terminal», zehn Stops auf 2,6 Kilometern. Elf Gespanne waren gleichzeitig unterwegs, sie verkehrten im Zweieinhalbminutentakt, und sie waren immer voll. «Die Touristen waren jung», sagt Ned. «Sie sprangen einfach auf oder ab.» Heute hält er für jeden Passagier an und wartet geduldig, bis er die Stufen des Trams bewältigt hat. Die Gäste auf der Isle of Man sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur spärlicher geworden – «sie wurden auch alt und langsam».
Ned ist 78 und eigentlich längst pensioniert. Doch die Freiheit des Rentnerlebens brachte ihn fast ins Grab. Kaum wurde er aus dem Spital entlassen, kehrte er auf den Kutschbock zurück. Ned ist der dienstälteste Pferdetramfahrer der Isle of Man, einer seltsamen Insel in der Irischen See: Sie ist der britischen Krone unterstellt, gehört aber nicht zu Grossbritannien und auch nicht zur Europäischen Union. Die Isle of Man hat eine eigene Regierung, eine eigene Währung und eine eigene Sprache, das Manx-Gälisch; ausserdem wurden hier der Campingplatz erfunden, das gefährlichste Motorradrennen der Welt, das All-inclusive-Resort, das Ganzkörpertraining Pilates und eine Frühform von «Overtourism».
Wenn Ned Kennaugh noch ein paar Jährchen durchhält, wird er ein halbes Jahrhundert lang den Fassaden des Hauptstädtchens Douglas entlanggefahren sein – und damit einem Stück Tourismusgeschichte, die bis ins 18.Jahrhundert zurückreicht. Liesse man seine Karriere parallel zu Richard W.Butlers klassischem Modell vom Lebenszyklus einer Tourismusdestination verlaufen, wäre Ned mit seinem Pferdetram durch die Phasen «Stagnation» und «Verfall» getrabt. Von seinem Kutschbock aus hat er gesehen, wie die Lichter in den viktorianischen Häusern in voller Pracht leuchteten und dann immer mehr Fenster dunkel blieben. Wie die Prominenz im Castle Mona eincheckte und das Luxushotel zu einem Trainingsgelände für Polizeihunde verkam. Wie die Menschen sich vor dem «Summerland» drängten, einem Komplex, in dem sich zehntausend Leute gleichzeitig vergnügen konnten, und wie das Gebäude abbrannte und verfiel.
Der tiefste Punkt war für Ned im Januar 2016 erreicht: Die Bezirksregierung verkündete, sie werde die Tramlinie nach mehr als 140 Jahren einstellen und alle Pferde verkaufen, weil sie nur Verluste einfuhr. Damit wäre die wohl älteste Pferdestrassenbahn der Welt verschwunden – und gleichzeitig eine Sehenswürdigkeit, die zu den «10 Top-Attraktionen» der Insel zählt, wenn man den Ratings von Tripadvisor vertraut. Glücklicherweise fanden sich dann andere Geldgeber, aber: «Was für eine Idee!» sagt Ned und schüttelt den Kopf. So viele Attraktionen gibt es ja nicht mehr; die Isle of Man kämpft heute um jeden Gast.
Im Mai 2018 erfüllt die neue Amsterdamer Stadtregierung einige der Versprechen, mit denen sie die Wahlen gewonnen hat: Airbnbs, Segwaytouren, Beerbikes und geführte Touristengruppen werden in manchen Quartieren verboten oder eingeschränkt. Um die Touristen von überfüllten Grachten und den Schlangen vor dem Van-Gogh-Museum wegzulocken und sie besser zu verteilen, benennt man ausserdem abgelegene Sehenswürdigkeiten um: Der Strand der Gemeinde Zandvoort heisst nun «Amsterdam Beach», das «Muiderslot» wird zum «Amsterdam Castle».
Im April 2018 legt die frisch getaufte «Symphony of the Seas» in Palma de Mallorca an. Statt mit Jubel wird das weltweit grösste Kreuzfahrtschiff mit Wut und Protestbannern begrüsst: «Horror of the Seas» steht auf einem.
Im März 2018 widmet sich die ITB, eine der wichtigsten Fachmessen, dem Thema «Overtourism»: Gemeint ist das Unbehagen, das Einheimische – und manche Gäste – befällt, wenn massenhaft Touristen die Infrastruktur überfordern, Wohnungen verteuern, die Umwelt belasten und Sehenswürdigkeiten bedrohen. Der perfekte Slogan zum Schlagwort: «Wish you weren’t here».
Es ist Hochsaison auf der Isle of Man: Ein paar Kinder bauen Sandburgen im Schatten einer Hotelruine. Ein Grüppchen Senioren winkt aus dem Dampfzug, der sie ins nächste Städtchen fährt. Zwei Wanderer übersteigen ein Steinmäuerchen, hinter dem Schafe glotzen. Ein Paar tritt durch das Tor des Castle Rushen. Die Isle of Man, eine Art Britannien en miniature, ist auch im August fast menschenleer. Und doch war diese Insel einst touristisches Hochrisikogebiet, nach den Formeln von McKinsey jedenfalls. Das Beratungsunternehmen hat kürzlich eine Methode entwickelt, mit der sich das Risiko von «Overtourism» berechnen lässt: anhand der jährlichen Zunahme an Gästen etwa (mehr als 7,7 Prozent gilt als sehr hoch) und der Touristendichte pro Einwohner (richtig eng wird es ab 5,3 zu 1). Einbezogen wird die Dauer der Saison, die Zahl der Sehenswürdigkeiten und ihre Bewertung auf Tripadvisor.
Auf der Isle of Man stieg die Besucherzahl in der Blütezeit jährlich um mehr als 25 Prozent; auf einen Einwohner kamen bis zu 12 Touristen, und weil die Sommermonate kurz und die Sehenswürdigkeiten überschaubar waren, herrschte ein gewaltiges Gedränge: Zehntausende von Gästen fielen über die Strände her, quetschten sich in Züge und Trams und drängten sich in die paar Burgen und Klöster. «Sie schlendern über die Insel und ihre lauten, provinziellen Töne sind in ausgelassener Heiterkeit zu hören», fasste ein Besucher den Andrang in Worte. Die unhöflichen Witze, die laute Fröhlichkeit beleidige den Geschmack; es sei eben die hart arbeitende Klasse, die sich auf der Isle of Man ausruht, und die «arbeitet ebenso hart, wenn sie sich vergnügt». So beschreibt ein Londoner Journalist im «Spectator» das Zuviel an Touristen, und zwar schon im Jahr 1880. Beinahe ein halbes Jahrhundert also bevor die Firma McKinsey gegründet und 136 Jahre bevor eine amerikanische Reisemarketingagentur das Wort «Overtourism» erfinden wird. Und 1880 war erst der Anfang. In jenem Jahr besuchten mehr als 100000 Gäste die Insel; 1913 würden es 663000 sein.
«Die Isle of Man war das Benidorm des 19.Jahrhunderts», sagt Yvonne Cresswell. Sie ist Kuratorin für Sozialgeschichte am Manx Museum in Douglas, das bei Tripadvisor auf Platz 6 der Attraktionen steht. Es ist ein regnerischer Tag und das Museum mit etwa 50 Besuchern erschreckend belebt; viele, sagt Yvonne, seien aber Einheimische. In der Tourismusabteilung erinnern ein ausrangierter Tramwagen und ein Stapel alter Koffer an vergangene Tourismuszeiten, und an den Wänden hängen Fotos von überfüllten Stränden, überfüllten Docks, überfüllten Tanzhallen; ausserdem sind Postkarten mit schlüpfrigen Sprüchen ausgestellt und historische Plakate, die «Happy holidays» auf der «Pleasure Island» versprechen.
Die Geschichte der Isle of Man als touristische Destination ist so typisch, dass sie für wissenschaftliche Fallstudien ausgewählt worden ist: zum Lebenszyklusmodell von Destinationen etwa, das der britische Geograph Richard W.Butler 1980 entwickelt hat. In der Erkundungsphase, in der erst sogenannt primäre Attraktionen wie Landschaft und Kultur zu sehen sind, kommen die Pioniertouristen. Ende des 18.Jahrhunderts waren das auf der Isle of Man junge englische Adlige, denen die Französische Revolution die klassische Grand Tour durch Europa vermasselt hatte – die Angst vor Krieg und Terror beeinflusste schon damals die Wahl des Reiseziels. Die Isle of Man war friedlich, aber doch exotischer als das englische Festland, die Reise über die oft stürmische Irische See ein dreitägiges Abenteuer. Als 1822 die erste direkte Dampfschifflinie von Liverpool nach Douglas den Betrieb aufnahm, folgten den Jungspunden ältere und weibliche Adlige und Leute aus dem Bürgertum.
Ab den 1870ern waren die drei wichtigsten Treiber des Tourismus auf der Isle of Man die gleichen, die man auch heute als Schuldige des «Overtourism» ausmacht: eine wachsende Schicht, die mehr Geld und Zeit zur Verfügung hat und deshalb überhaupt reisen kann; Transportmöglichkeiten, die billiger werden; und neue Übernachtungsformen, die traditionelle Hotels und Pensionen im Preis unterbieten.
In den Fabriken etabliert sich das Prinzip der Betriebsferien: Hunderttausende Industriearbeiter haben erstmals im Sommer eine oder zwei Wochen am Stück frei. Zuvor waren «holidays» genau das gewesen: «holy days», einzelne kirchliche Feiertage. «Die Betriebsferien verändern alles», sagt Yvonne Cresswell. «Und weil gleichzeitig die Löhne steigen, kann ein Teil der Arbeiter es sich leisten, in diesen Wochen wegzufahren.» Vor allem, weil das Reisen billiger wird, auch die Anreise auf die Isle of Man.
In den 1880er Jahren konkurrieren sich bereits drei Dampfschifflinien auf den Strecken nach Douglas. Die Fahrpreise sinken, jeden Sommer strömen mehr «Cotton Ballers», wie die Einheimischen die Textilarbeiter spöttisch nennen, auf die Insel. Es herrscht eine Goldgräberstimmung, die die «Entwicklungsphase» jeder Destination prägt. Hotels werden eröffnet, Schienen für die Dampfzüge und Trams verlegt. Man baut Piers ins Meer hinaus und sichert die Badestrände mit Wellenbrechern. «Sekundäre Attraktionen» entstehen, eigens für die Touristen erstellt: Theater, Tanzsäle, eine Camera obscura auf dem Hügel über Douglas, Schwimmbäder, Vergnügungsparks, Cricket- und Tennisplätze. Die Unterhaltungsmöglichkeiten sind so zahlreich, dass der Baedeker-Autor 1890 klagt, die Insel sei ein einziger Spielplatz für die Feriengäste geworden, die Menge an Tanzcafés und dergleichen an jedem sehenswerten Ort schmälere den Genuss der Landschaft. Doch das bremst den Ausbau nicht. Investoren und Hoteliers erfinden nun Events, um die Saison zu verlängern: Die Tourist Trophy etwa, ein Motorradrennen, das seit 1907 im Mai oder Juni stattfindet und das noch immer der meistbesuchte Anlass ist. Der Sechzig-Kilometer-Rundkurs gilt als das gefährlichste Rennen der Welt; bis heute sind 258 Fahrer umgekommen.
Ein grosser Teil der Bevölkerung lebt Anfang des 20.Jahrhunderts vom Tourismus, gleichzeitig leidet sie auch unter ihm. Nicht nur, weil die Massen im Sommer die Strassen verstopfen und die Preise hochtreiben. «Man befürchtete den Zerfall der Sitten», sagt Yvonne Cresswell. Die Tourismusbehörde wirbt mit der Schönheit der Manxer Mädchen. Die Postkarten preisen neben der Landschaft noch andere Vergnügen: «You can do a lot of things you can’t do at home sweet home», verspricht ein beliebter Spruch. «Und dann kommen noch die Cunninghams und begründen den Campingplatz.»
Joseph Cunningham und seine Frau eröffnen 1894 ein Gelände mit fix installierten Zelten, in denen 600 junge Männer für wenig Geld übernachten können. Zehn Jahre später dehnt sich das Cunningham’s Camp über eine Fläche von drei Fussballfeldern; in jedem der 1500 fixen Zelte gibt es acht Schlafplätze. 12000 Männer verbringen ihre Ferien gleichzeitig auf dem Gelände, zu dem auch ein Speisesaal für 3500 Hungrige gehört. Und alles ist inklusive: vier Mahlzeiten täglich, Schwimmlektionen, Ausflüge, Kino vor der vorgeschriebenen Schlafenszeit.
Das Camp ruiniere mit den tiefen Preisen das Geschäft, klagen die Hotelbesitzer; das Camp ruiniere die Moral der Insel, klagen die Einheimischen, obwohl Alkohol und Frauenbesuch dort streng verboten waren. Das schmälert seine Beliebtheit nicht. Nicht zuletzt dank den Holiday Camps steigt die Zahl der Gäste auf der Isle of Man bis ins Jahr 1913 auf 663000 an.
Dann beginnt der Erste Weltkrieg. Das Camp wird konfisziert und wie viele touristische Bauten als Internierungslager für Gefangene gebraucht. Einer davon, ein junger Deutscher namens Joseph Pilates, entwickelt während seiner vier Jahre im Lager ein Ganzkörpertraining, das später die Welt erobern wird: Pilates.
Fürs Jahr 2018 veröffentlicht das Reisemagazin «Fodor’s» statt einer «Go»- eine «No»-Liste. Vor sich selbst verschonen solle man unter anderem die Galapagosinseln, den Mount Everest und die Chinesische Mauer.
Im November 2017 beschliesst Italien, die grössten Kreuzfahrtschiffe aus den Gewässern vor dem Markusplatz und dem Giudecca-Kanal zu verbannen und zum Festland umzuleiten; 99 Prozent der Venezianer hatten sich dafür ausgesprochen. Bis dahin wird es allerdings noch Jahre dauern, und Kreuzfahrttouristen sind nur eines von vielen Problemen in der zu Tode geliebten Stadt.
Im August 2017 kündigen die Bürgermeister von Dubrovnik und Santorini an, die Zahl der Kreuzfahrtgäste zu beschränken. Höchstens 8000 statt bis zu 18000 täglich sollen es auf der griechischen Insel sein; in Dubrovnik gar nur 4000. Seit die kroatische Stadt ein Kreuzfahrten-Pflichtstop geworden ist – und als Drehort von «Game of Thrones» berühmt –, befinden sich die Einheimischen im Belagerungszustand. Sie beobachten per Livestream die Gassen und lauschen Radiowarnungen, wann sie ihre Häuser nicht verlassen sollten.
Joan Conway steht regelmässig vor dem Sea Terminal in Douglas. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem «Helper» steht, und ruft den Kreuzfahrttouristen ihr fröhliches «Welcome Cruisers» zu, «willkommen auf der Isle of Man». Joan gehört zu einer Gruppe von vierzig Einheimischen, die dafür sorgen, dass Cruiser sich wohl fühlen in den paar Stunden, die sie auf der Insel sind. Anfang Jahr bekommt Joan vom Tourismusamt eine Liste mit Schiffen zugeschickt, die für den Hafen angemeldet sind, dann kreuzt sie an, an welchen Daten sie arbeiten möchte. Die Schichten dauert von 8 bis 12 oder von 12 bis 16 Uhr, «wobei der Morgen viel hektischer ist», sagt Joan. Dann kommen oft mehrere Hundert Leute an und fragen, was sie hier tun könnten. Joan empfiehlt eine Reise auf der Infrastruktur der Vergangenheit, die viktorianischen Verkehrsmittel begeistern fast jeden Besucher: das Pferdetram an der Promenade, der Dampfzug nach Port Erin und das elektrische Tram hinauf auf den Snaefell, von wo aus man sechs Königreiche sehen könne: England, Irland, Schottland, Wales, die Isle of Man – und den Himmel.
Joan ist 62 Jahre alt, sie wurde Mitte der 1950er in die Phase der Konsolidierung hineingeboren, als die Isle of Man noch voller Touristen war. Doch schon damals waren viele der Hotels veraltet und viele der Vergnügungen nostalgischer Art. Joans Eltern, die Ende der 1960er in Douglas eine Pension übernahmen, hatten Glück: Sie waren Gastgeber im letzten Jahrzehnt, in dem der Tourismus noch blühte. Danach setzte der Verfall ein: Spanien lockte mit garantiertem Sonnenschein, Flüge in den Süden kosteten immer weniger; und kein junger Mensch wollte seinen Freunden eine Postkarte von der Isle of Man schicken. Das war traurig und schmerzhaft, aber auch nicht so schlimm. Denn auf der Insel lebte man inzwischen nicht mehr davon, ein Ferienparadies zu sein. Man war längst ein Steuerparadies.
Joan Conways schönste Reise war eine Kreuzfahrt: von Venedig über Dubrovnik nach Griechenland. Sie liebt den Dienst, bei dem man an Bord der Schiffe geht und als «Helper» hinter der Réception steht; es ist der beliebteste Dienst von allen. Lohn bekommt die pensionierte Stadtangestellte nicht. «Wir erhalten ein Lunchpaket – und einmal im Jahr gibt es ein Mittagessen mit den Damen vom Tourismusamt.» Tourismus ist Joans Hobby, das Willkommenheissen eine Freizeitbeschäftigung. Keine zeitraubende allerdings. Bis Ende 2018 werden 28 Kreuzfahrtschiffe vor Douglas geankert haben, 2019 sollen es 37 sein – das ergibt für sie etwa vier Einsätze im Jahr. In Zukunft könnten es mehr werden. Die Regierung hat beschlossen, in einen Tiefseehafen zu investieren, damit auch die grossen Kreuzfahrtschiffe in Zukunft in Douglas anlegen können.
Bis dahin hilft Joan als Freiwillige bei der «Tourist Trophy» mit, in den einzigen beiden Wochen, in denen die Insel komplett von Motorradfans ausgebucht ist. Die Regierung fordert die Hausbesitzer sogar auf, ihre Wohnung für diese Zeit an Touristen zu vermieten – im Gegenzug müssen sie die Einnahmen daraus nicht versteuern. Allerdings ist das tödliche Rennen bei den Einheimischen umstritten, wegen der negativen Schlagzeilen und auch wegen der Umwelt, «behaupten sie jedenfalls», sagt Joan. Sie hegt einen anderen Verdacht: «Es liegt an den gesperrten Strassen. Die Leute, die das Rennen bekämpfen, sind bloss zu faul, einen Umweg zu fahren.»
Im Juli 2017 warnt die Polizei der schottischen Isle of Skye, Touristen, die keine Hotelbuchung hätten, sollten auf keinen Fall anreisen, die Insel sei komplett voll.
Ab Juni 2017 müssen Besucher von Machu Picchu in Peru Tickets lösen, die für den Morgen oder für den Nachmittag gültig sind. Wer den magischen Ort länger auf sich wirken lassen will, löst zwei Tickets.
Der Verfall ist nur eines von zwei Szenarien in der letzten Phase einer Destination. Es könnte auch Erneuerung einsetzen. Seit einigen Jahren arbeitet das Tourismusamt der Isle of Man daran, eine solche einzuleiten. Man versucht, was Tourismusämter halt so versuchen: erfolgreiche Veranstaltungen zu vervielfachen (ein Rennen mit Elektromotorrädern); neue Events zu erfinden (ein «Food&Drink»-Festival, ein «Beer&Cider»-Festival, ein Film- und ein Literaturfestival). Die Besucherzahlen steigen auch, wenn eine Destination auf einer Liste der Unesco steht, und die Isle of Man hat das bereits geschafft. Trotz dem Motorradrennen ist die Insel seit 2016 ein Unesco-Biosphärenreservat. Ausserdem gibt es Pläne, das viktorianische Transportsystem als Weltkulturerbe anzumelden. Eigentlich hätte aber etwas anderes die Aufnahme in die Liste bedrohter Weltkulturgüter verdient: Einheimische wie der Tramfahrer Ned, die Kuratorin Yvonne und die Begrüsserin Joan, die sich ehrlich über Touristen freuen.
Ein paar Journalisten, Blogger und Instagramer berichteten übrigens kürzlich über die vergessene Ferieninsel inmitten der Irischen See. Ein nostalgisches Paradies sei die Isle of Man, schrieb einer, schwer unterschätzt und definitiv ein Ort, den man vor dem Tod gesehen haben müsse.
Barbara Klingbacher ist NZZ-Folio-Redaktorin.