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Titel
Cholĕra
(vom grch.
choléra, Dachrinne, danach
Brechdurchfall, nach andern vom grch. cholé,
Galle, oder auch vom hebr.
Cholē ra,
d. i. böse
Krankheit), überhaupt ein massenhaftes, rasch eintretendes
Erbrechen und Laxieren, ein
Brechdurchfall.
Dieser häufig vorkommende Zustand beruht auf sehr verschiedenen, die
Magen- und
Darmschleimhäute reizenden
oder entzündenden oder die
Nerven
[* 2] dieser Unterleibsorgane sonst erregenden
Ursachen
(Vergiftungen, Genuß unverdaulicher oder
verdorbener
Speisen und Getränke, Verletzung gewisser Nervenpartien u. s. w.).
In den heißen Sommermonaten namentlich kommen
nach Erkältungen und Diätfehlern, insbesondere nach dem Genuß von schlechtem
Bier, unreifem Obst
u. dgl. solche
Zustände alljährlich vor, die man unter
Brechruhr,
Sommer- oder europäischer, auch einheimischer
Cholera (Cholera nostras) begreift
und die nur ausnahmsweise so heftig werden, daß überreiche weiße, reiswasserähnliche Entleerungen nach oben und unten
mit Blauwerden und allgemeiner Kälte der
Haut,
[* 3]
Einfallen des
Gesichts,
Wadenkrämpfen, Unfühlbarwerden des Pulses und
Heiserkeit
der
Stimme sich zeigen. Ähnliche
Symptome stellen sich im
Sommer bei künstlich aufgefütterten
Kindern
nach dem Genuß von zersetzter und verdorbener
Milch ein und sind als
Cholera der
Kinder (
Cholera infantum) sehr gefürchtet (s.
Durchfall). Bei zweckmäßiger Behandlung (Bettruhe, absolutes Fasten, warme
Tücher oder
Umschläge auf den Leib, Eispillen,
Opium, bei Schwächezufällen
Cognac oder Champagner, theelöffelweise genommen) gehen die
Symptome der
ein-
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.] ¶
mehr
heimischen
Cholera meistens rasch vorüber und führen nur sehr selten zum Tode. Die europäische
Cholera tritt immer sporadisch auf und
steckt nicht an.
Die asiatische
Cholera ergreift als verheerende Seuche gleichzeitig oft viele Menschen in einem Orte, von denen in der Regel über
die Hälfte stirbt.
Entstehung und Verbreitungsweise. Die
Cholera ist seit alter Zeit in gewissen Teilen Ostindiens (Niederbengalen,
Malabarküste) heimisch, doch erst seit 1817 zeigt sie eine auffallende Neigung zur Ausbreitung und Wanderung. Nachdem sich
bereits 1816 an den Gangesmündungen zerstreute kleinere
Choleraherde gebildet hatten, dehnte sich die Krankheit im folgenden
Jahre über die ganze Halbinsel aus, hatte am Schluß des J. 1818 bereits ganz Ostindien
[* 5] durchwandert,
richtete dann auf den Inseln des ind.-chines. Archipels große Verheerungen an, verbreitete sich 1820-21 über
ganz China
[* 6] und drang über Persien
[* 7] bis nach Astrachan.
Ausgehend von einer neuen Epidemie, die 1826 in Bengalen ausgebrochen war, erreichte die
Cholera 1829 von neuem
die Ufer der Wolga, trat 1830 in Astrachan und zwei Monate später in Moskau
[* 8] auf und hielt nun ihren ersten großen Seuchenzug
über Europa,
[* 9] indem sie sich über das ganze europ. Rußland ausbreitete, 1831 als verheerende Seuche Deutschland
[* 10] zum erstenmal
überzog und 1832 nach England und Frankreich drang. In demselben Jahre wurde die
Cholera durch Auswandererschiffe
nach Amerika
[* 11] gebracht.
Bis 1838 folgten dann in Europa viele kleinere Epidemien, dann trat eine vollständige Pause bis 1846 ein, in welchem Jahre
wiederum von Indien aus über Persien und Syrien ein neuer Seuchenzug sich bildete, welcher 1848 die deutschen Grenzen
[* 12] erreichte,
sich von hier aus über den größten Teil Europas und Nordamerikas ausdehnte und bis 1859 verschiedene
größere Epidemien auf der ganzen nördl. Hemisphäre der Erde verursachte. Eine vierte
Cholera-Pandemie,
1865-75, unterschied sich von allen frühern durch ihren eigentümlichen Verlauf und die Schnelligkeit, mit der sie von Asien
[* 13] nach Europa gelangte.
Während nämlich sonst die Krankheit stets von Indien über Afghanistan,
[* 14] Persien und das asiat. Rußland
nach Europa vordrang und mehr als ein Jahr gebrauchte, ehe sie die europ. Grenzen erreichte,
gelangte sie diesmal in nur wenigen Tagen auf dem Seewege von der Küste Arabiens aus nach Südeuropa und überzog innerhalb
weniger Wochen einen großen Teil Europas. Eine weitere
Cholera-Epidemie brach, durch franz. Schiffe
[* 15] von
Indien eingeschleppt, 1884 in Toulon
[* 16] und Marseille
[* 17] aus, dehnte sich von da nach Italien,
[* 18] besonders Neapel,
[* 19] aus und suchte 1885 Spanien
[* 20] heim. In Spanien trat sie auch 1890 auf. Im Sommer 1892 drang die
Cholera von Persien aus nach Baku und Astrachan,
überzog von hier aus fast ganz Rußland und wurde im Aug. 1892 nach Hamburg
[* 21] (s. d.) verschleppt; gleichzeitig erschien sie
in Frankreich (Paris,
[* 22] Havre,
[* 23] Rouen)
[* 24] und in Belgien
[* 25] (Antwerpen);
[* 26] 1893 traten in Europa nur noch vereinzelte Fälle auf. Diese Epidemie
gab die Veranlassung zur Vereinbarung internationaler Maßregeln gegen die Verbreitung der
Cholera auf dem 1893 in
Dresden
[* 27] abgehaltenen Hygieinekongreß (s. Hygieine) und Ausarbeitung eines deutschen Seuchengesetzes, das im Herbst 1893 an den
Reichstag gelangte.
Der Verlauf der asiatischen, epidemischen oder indischen Cholera ist in der Regel folgender: Meist gehen tagelang Abgeschlagenheit, Verdauungsstörungen, namentlich schmerzlose wässerige Durchfälle (Cholerine) voraus;
oft fehlen aber auch solche Vorboten, sodaß das Übel gleichsam blitzschnell auftritt.
Plötzlich, meist in der Nacht, treten stürmische und zahlreiche Ausleerungen ein, welche nur im Anfange noch aus gefärbtem Darminhalt, bald aber aus einer eigentümlichen reiswasserähnlichen, alkalischen, zahllose Epithelzellen des Dünndarms sowie Fetttröpfchen, Blutkörperchen, [* 28] Tripelphosphatkrystalle und verschiedene Pilzformen enthaltenden Flüssigkeit bestehen. Dazu gesellt sich reichliches Erbrechen, durch welches zuerst Mageninhalt und Galle, später aber gleichfalls eine reiswasserähnliche Flüssigkeit entleert wird.
Bei der sog. trocknen Cholera (Cholera sicca), einer besonders gefährlichen Form, die aber selten auftritt, fehlen die reiswasserähnlichen Ausleerungen gänzlich, weil der zeitig gelähmte Darmkanal die in ihm ausgeschwitzten Stoffe nicht auszutreiben vermag. Mit dem Eintritt der wässerigen Ausleerungen stellt sich ein quälender Durst sowie ein beträchtliches Sinken der Eigenwärme und des Pulses ein, der Herzschlag wird matt, die Glieder, [* 29] Nase [* 30] und Ohren werden blau und leichenkalt, das Gesicht [* 31] ist verfallen, die Augen tiefliegend, die Stimme wird heiser und klanglos, die Harnentleerung hört auf, es stellen sich schmerzhafte Krämpfe in den Waden und Füßen ein u. s. w. Man pflegt dieses Stadium als das Kältestadium (Stadium algidum) zu bezeichnen.
Endlich verschwinden, zuweilen unter Nachlaß der Ausleerungen, der Puls, der Herzstoß, sogar die Herztöne gänzlich und der Tod erfolgt gewöhnlich unter dem Zeichen eines allgemeinen Blutstillstandes und einer Nervenlähmung (Asphyktische Cholera). Im glücklichen Falle aber kommen nach und nach die Körperwärme, der Puls und Herzschlag sowie die Harnentleerungen wieder, Schlaf und Kräfte kehren zurück, die Stuhlgänge werden wieder gallenhaltig und fäkulent u.s.w. Oft aber tritt in diesem Zeitabschnitt (der Reaktionsperiode) eine eigentümliche Fieberkrankheit ein, welche dem Typhus ähnlich verläuft, das sog. Choleratyphoid, das bisweilen wochenlang dauert und die Befallenen oft noch hinwegrafft.
Die Leichenöffnung der an der Cholera Gestorbenen zeigt zwei Haupterscheinungen: einen heftigen, mit massenhafter Ausschwitzung verbundenen Darmkatarrh und eine beträchtliche Eindickung der gesamten Blutmasse mit ihren beiderseitigen Folgen. Im Darmrohr, zum Teil auch im Magen, [* 32] findet man eine reichliche reiswasserähnliche Flüssigkeit, welche aus massenhaft ausgeschwitztem Blutwasser und zahllosen abgestoßenen Darmepithelien besteht. Die Darmschleimhaut selbst ist entzündet, zum Teil blutig unterlaufen und stellenweise ihrer schützenden Decke [* 33] beraubt; ihre Zotten und Drüschen, oft auch die Gekrösdrüsen, sind angeschwollen und hervorragend.
Das Blut ist dunkelblaurot, mehr oder weniger eingedickt, in den höhern Graden fast teer- oder pechartig zähe. Es zeigt sich im Herzen angehäuft, fehlt hingegen in den Haargefäßen, sodaß das Zellgewebe, die Muskeln [* 34] und andere Teile blutarm, trocken, zähe und unelastisch, die Haut grau und runzelig, die serösen Häute klebrig gefunden werden. Fast konstant sind die Nieren verändert und zeigen bei schweren Fällen die eigentümliche, unter dem Namen Eiweißniere bekannte Entartung, welche sich auch bei Lebzeiten durch Eiweißgehalt des Harns und Zurückhaltung des Harnstoffs im Blute kundgiebt. Nach alledem scheint somit der wesentlichste Teil der Krankheit die übermäßige Aus-
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schwitzung von Wasser aus den Blutgefäßen in die Höhle des Darmkanals zu sein, durch welche das Epithel der Darmschleimhaut ganz ebenso abgehoben und schließlich abgestoßen wird, wie bei einer Verbrennung der äußern Haut die Oberhaut durch die aus dem Blute ausgeschwitzte Flüssigkeit abgelöst und zu einer Blase emporgehoben wird. Durch den raschen und übermäßigen Wasserverlust wird das Blut dickflüssig, bewegt sich langsamer und vermag nicht mehr die feinen Haargefäße zu durchdringen.
Daher stockt der Atmungsprozeß in der Lunge, [* 36] es tritt Atemnot und Beängstigung wie beim Ersticken ein. Das Gehirn [* 37] wird infolge der mangelhaften Blutcirkulation nicht gehörig ernährt, daher die Hirnsymptome. Da das eingedickte Blut an Masse sehr beträchtlich abgenommen hat, so fehlt allen Teilen der Haut ihre sonstige Fülle. Die blaue Farbe des Blutes erklärt sich aus der mangelhaften Atmung, denn nur der beim Atmen aufgenommene Sauerstoff färbt das Blut hellrot.
Gleichwie die gesamte Symptomengruppe der Cholera durch gewisse mineralische und organische Stoffe (z. B. weißen Arsenik und giftige Schwämme) [* 38] hervorgerufen wird, so nahm man schon seit längerer Zeit an, daß auch die asiatische Cholera durch einen specifischen Infektionsstoff (wahrscheinlich einen niedrigen Organismus, Spaltpilz u. dgl.) hervorgerufen würde. Die sichere Entdeckung des gesuchten Choleragiftes gelang aber erst Rob. Koch, dem Führer der 1883 vom Deutschen Reich zur Erforschung der Cholera nach Ägypten [* 39] und Indien gesandten wissenschaftlichen Expedition.
Koch fand in dem Darminhalt der Cholerakranken, in der Darmwand der Choleraleichen, in der Wäsche sowie in dem Boden der durchseuchten Ortschaften ganz regelmäßig massenhafte eigenartige Spaltpilze, welche sich als die eigentlichen Erreger der asiatischen Cholera erwiesen haben. Die Cholerabacillen [* 40] sind kleine gebogene, sehr lebhaft bewegliche Stäbchen von der Form eines Komma (Kommabacillen), die sich gern in Form eines S oder auch längerer, spirillenförmiger Fäden aneinanderlegen, sodaß sie hiernach sogar zu den Spirillen gerechnet werden können; eine sichere Sporenbildung ist noch nicht bekannt. (S. Tafel: Bakterien, [* 35] Fig. 5.) Die eigentümliche Form der Reinkulturen auf Gelatine beweist die Specificität der Kommabacillen gegenüber zahlreichen ähnlichen Formen, die fälschlich für identisch mit ihnen erklärt worden sind (namentlich der von Finkler und Prior gefundene Bacillus bei Sommerdiarrhöe der Kinder). In Gelatinekulturen entsteht bei Zusatz von Mineralsäuren früher als bei andern Mikroorganismenkulturen eine Rotfärbung (sog. Cholerarot) als Reaktion auf das darin gebildete Zersetzungsprodukt Indol.
Specifische Choleragifte sind aus den Kulturen noch nicht gewonnen worden, wenn auch einzelne Forscher gewisse Toxalbumine und Toxoglobuline aus den Cholerakulturen dargestellt und als das specifische Gift bezeichnet haben. Bei geeigneter Temperatur (17-40°, auf Kartoffeln nur über 24° C.) wachsen die Kommabacillen auf allen denkbaren Nährböden (Reiswasser, Sagowasser, feuchter Wäsche, feuchter Erde), wenn dieselben feucht, nicht sauer und dem Zutritt von Sauerstoff günstig sind.
Eintrocknung, Erhitzung u. a. tötet die Bacillen sehr rasch; ebenso verschwinden sie bald in Wasser, in welchem die gewöhnlichen Wasserbakterien vegetieren. Säuren (Carbol-, Salzsäure) sind höchst verderblich für die Bacillen, worauf die Widerstandsfähigkeit von Menschen mit normal salzsaurem Magensaft gegen die Cholerainfektion beruht. Im alkalischen Darminhalt der Cholerakranken (den «Reiswasserstühlen») finden sich die Kommabacillen in ungeheurer Menge.
Die Erzeugung eines der Cholera gleichenden Krankheitsbildes bei Tieren durch die Bacillen gelingt bei gesunden Tieren bei einfacher Verfütterung nicht; werden die Bacillen direkt in den Darm, [* 41] oder durch den Magen nach vorheriger Alkalisierung desselben eingebracht, so entsteht zwar eine etwas choleraähnliche Darmentzündung, doch kann das gleiche Krankheitsbild bei diesem Verfahren auch durch andere Bakterien erzielt werden. Das negative Impfergebnis stimmt mit der Erfahrung überein, daß die Cholera eine eben nur bei Menschen vorkommende Krankheit ist. Eine Infektion durch Cholerareinkulturen an einem damit arbeitenden Arzt ist einmal in unzweifelhafter Weise bekannt geworden.
Sichere Schutzimpfungsmethoden (durch künstliche Abschwächung der Virulenz der Bacillen) sind bisher nicht bekannt; die von Ferran versuchten sind wirkungslos. Neuerdings gelang es zwar Brieger, Kitasato und Klemperer, Tiere teils durch abgeschwächte Cholerakulturen, teils durch Blutserum von Cholerakranken immun gegen eine Choleravergiftung zu machen; jedoch fehlt es noch an Erfahrunq, inwieweit diese Versuche an Tieren sich auf den Menschen mit Erfolg übertragen lassen.
Der Cholerabacillus ist ursprünglich ein Produkt des Bodens und des Klimas von Indien; aber obschon vom Boden Indiens stammend, ist er doch auch in andere Länder und Weltteile durch den menschlichen Verkehr verbreitbar (verschleppbar), wo er sich so lange erhalten und vermehren kann, als er gewisse örtliche Bedingungen vorfindet, deren er auch in seiner ursprünglichen Heimat bedarf. Die Eigenschaft der Cholera, in ihrer Verbreitung zugleich vom Verkehr und von örtlichen Ursachen (vom Boden und Drainageverhältnissen) abhängig zu sein, hat lange zu keinen richtigen Anschauungen über die Verbreitungsart derselben gelangen lassen.
Anfangs faßte man die doppelte Abhängigkeit vom Verkehr und von der Örtlichkeit den herrschenden Schulansichten entsprechend als etwas Gegensätzliches auf und dachte, daß die Cholera entweder vom Menschen, namentlich von Cholerakranken verbreitet werde, und dann sei sie eine ansteckende, kontagiöse Krankheit, oder daß sie vom Boden stamme, und dann sei sie eine miasmatische Krankheit. Erst die Untersuchungen Pettenkofers haben 1854 darauf hingewiesen, daß beides notwendig zusammengehören könnte und sich nicht zu widersprechen brauchte. Auf diesem Grundgedanken, Cholerakeim und Choleralokalität beide zusammen als wesentlich zu betrachten und gesondert zu behandeln, ist die neuere Lehre [* 42] von der Verbreitungsart der Cholera entstanden.
Selbst in Indien sind es nur wenige Bezirke, wo die Cholera ständig, endemisch vorkommt, und auch dort giebt es Zeiten, wo sie schlummert. Außerhalb der endemischen Bezirke scheint der Keim nach einiger Zeit, in 1-2 Jahren, immer wieder abzusterben, und die epidemische Cholera bedarf zu ihrem Wiedererscheinen neuer Einschleppung. Daß das wenigstens in Europa der Fall ist, spricht sich jedesmal sehr deutlich im Fortschreiten der Epidemien von Osten nach Westen oder von Meeresküsten ins Innere aus. Ein schlagender Beweis für das Absterben des Keims nach einer abgelaufenen Epidemie und für die Notwendigkeit einer neuen Einschleppung ist das zeit-
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