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BILANZ: Monsieur Pinault, im letzten Jahr erzielte der Luxusgüterbereich von PPR mit 4,9 Milliarden Euro einen hohen Umsatz, obwohl Sie die Sparten Schmuck und Uhren weniger stark weiterentwickelten als Ihre Konkurrenten. Wie erklären Sie sich das?
François-Henri Pinault: Wir gründeten unseren Luxusbereich nach der Übernahme der Gucci-Gruppe in den Jahren 2001 und 2002. Damals war Gucci auf Lederwaren und Konfektionskleidung konzentriert. Die Übernahme von Gucci war eine Ausnahme, denn eigentlich bevorzugen wir die Akquise von kleinen oder mittelgrossen Marken, die in ihrem Bereich eine grosse Kompetenz besitzen. Nach der Übernahme verfolgen wir das Ziel, die jeweilige Marke in ihrem Markt nach vorne zu bringen, ihre Grösse und ihre Rentabilität zu steigern. Tatsächlich entstanden 90 Prozent unseres Wachstums seit 2001 direkt aus unserem Konzern heraus. Wir vollzogen ein Jahrzehnt lang nicht eine einzige Übernahme. Erst 2011 kauften wir das italienische Modehaus Brioni und die Sowind Group, zu der die Uhrenmanufakturen Girard-Perregaux (GP) und JeanRichard gehören.
Wie denken Sie über die Übernahme dieser Uhrenfirmen jetzt, ein Jahr später?
Girard-Perregaux ist ein sehr authentisches Haus der Haute Horlogerie mit einer beeindruckenden Fertigungstiefe bei den Uhrwerkskomponenten. Hergestellt werden ebenso klassische Automatikwerke wie grosse Komplikationen. Das Ziel ist, GP in eine Spitzenposition der Schweizer Haute Horlogerie zu führen.
Wie?
Die Ideen präsentieren wir mit den ersten Modellen 2013. Ausserdem schufen wir neue Strukturen. Wir glauben, dass Effektivität und Produktivität der Manufaktur gesteigert werden können. Die Kollektionen von JeanRichard wurden wieder auf ein erschwinglicheres Preisniveau gebracht, das zwischen 1500 und 2000 Euro liegt. 2012 liegt die Zahl der von der Sowind Group gefertigten Uhren bei 20 000. Wenn alles gut läuft, können 40 000 Uhren pro Jahr hergestellt werden.
Werden Sie Synergien zwischen Sowind und anderen Marken der Gruppe schaffen können, zum Beispiel mit Gucci, Boucheron oder Bottega Veneta?
Solche Synergien gibt es bereits. Girard-Perregaux liefert komplizierte Uhrwerke für einige der Schmuckuhren von Boucheron. Und die erste Uhr von Bottega Veneta ist mit einem GP-Kaliber ausgestattet. Zugleich wird GP vom Vertriebsnetzwerk von Gucci Watches profitieren. Und bei der Baselworld im Frühjahr 2013 werden sich GP und Gucci Watches an einem gemeinsamen Stand präsentieren.
Haben Sie vor, bei PPR eine Abteilung für Schmuckuhren zu schaffen?
Nein, das war nie unser Ziel. Wir schufen einige Verbindungen, wir haben allerdings nicht vor, eine spezialisierte Abteilung in diesem Bereich aufzubauen. Jede Marke soll unabhängig und ihrem Image treu bleiben. Als Yves Saint Laurent vor über zehn Jahren eigene Uhren vorstellte, war das zu früh. Von einer neuen Abteilung zu träumen, wäre für uns ebenfalls zu früh. Ausserdem möchten wir Kannibalismus zwischen den einzelnen Marken verhindern. Als Kreativdirektor Tomas Maier die erste Uhr für Bottega Veneta kreierte, stellte er sicher, dass sie sich in das kreative Universum der Marken einfügt. Es ist ein einzigartiges, exklusives Modell für mehr als 10 000 Euro. Es spiegelt die Exklusivität der Marke, ihrer Lederwaren und ihrer Mode. Das gilt genauso für die Schmucklinie aus Gold mit -Diamanten.
Wie sieht es bei Gucci aus?
Bei Gucci gelten andere Massstäbe, denn die Marke steht für die grösste Uhren-produktion in der Gruppe. Im vergangenen Jahr waren es 60 000 Uhren. Dabei gilt, dass Design und Preis der Modelle zu den anderen Produkten des in Florenz ansässigen Hauses passen müssen. Es handelt sich um hervorragende Uhren – alle hergestellt in der Schweiz und angeboten in einem Preisband zwischen 1000 und 3000 Euro.
Wann wird man uns ein Gucci-Tourbillon oder eine Haute-Joaillerie-Kollektion präsentieren?
Gucci entschied sich, nicht den Weg -anderer Modehäuser zu gehen, die Haute-Horlogerie-Uhren für Zehntausende von Euros anbieten. Wir haben bereits einen Spezialisten für Haute Joaillerie: das Haus Boucheron, das auch echtes Potenzial als Uhrenmarke hat. Es könnte für uns sinnvoll sein, unser Portfolio durch eine Schmuckmarke oder eine Marke zu stärken, die noch stärker in der Uhrmacherei verwurzelt ist. Aber unsere Priorität ist es derzeit, unsere jüngsten Akquisitionen zu entwickeln, und dazu zählt natürlich Sowind.
Welche Zukunft sehen Sie für den Luxusuhrenmarkt?
Uhren sind nicht mehr länger Objekte, die nur über die Zeit informieren. Sie sind Objekte, die bei den Menschen Begehren wecken. Sie können ihren Trägern Selbstvertrauen geben, deren Status bekräftigen und bei ihnen ein gutes Gefühl entstehen lassen. Ich glaube, dass das äussere Erscheinungsbild einer Uhr ebenso schön sein sollte wie die Mechanik, die sie antreibt. Doch gleichzeitig muss eine Uhr funktional, präzise und gut ablesbar sein. Wie die anderen Bereiche unserer Arbeit muss Uhrmacherei aufrichtig sein. Die Menschen müssen in die Kompetenz des Herstellers Vertrauen haben, in die Qualität der verwendeten Materialien, ins Design und in die angebotenen Funktionen. Eine Marke muss aufrichtig sein in ihrem Marketing und in der Preisgestaltung. Aufrichtigkeit ist die eigentliche Stärke eines Luxusprodukts.
Der Markensammler: François-Henri Pinault (50) ist Präsident und VR-Delegierter der Luxusgütergruppe PPR. Dazu gehören die Marken Gucci, Yves Saint Laurent, Bottega Veneta, Alexander McQueen, Stella McCartney, Balenciaga, Boucheron, Girard-Perregaux, JeanRichard, Brioni und Sergio Rossi. Pinault ist mit der Schauspielerin Salma Hayek verheiratet.