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Dr. Anne Verhamme lehrt als Assistenzprofessorin für Astronomie an der Universität Genf und erforscht, wie Galaxien Energie in das Universum abgeben. Die 42-jährige Französin ist gleichzeitig Mutter von drei Teenagern und lebt in Annecy. Das klingt wie der Beweis, dass wissenschaftliche Karriere und Familie heute vereinbar sind. Bis es soweit war, hatte Anne Verhamme allerdings einige Hürden zu nehmen.
Ich erreiche Anne Verhamme per Videokonferenz zu Hause in Annecy südlich von Genf, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt. Ihr Arbeitsweg ins Astronomie-Departement der Uni Genf beim Observatorium Sauverny, wo sie als Assistenzprofessorin für Astronomie arbeitet, beträgt 50 km. Dass sie für ihren Beruf über die Grenze hinweg pendeln muss, stört Anne Verhamme nicht. Im Gegenteil: Sie ist froh, dass ihre Arbeit relativ nah an ihrem Wohnort liegt. Diese Nähe war ihr immer wichtig, und sie war bestimmend für ihre akademische Laufbahn. Denn diese Nähe war die Voraussetzung, um ihre Karriere als Wissenschaftlerin mit einer Familie in Einklang zu bringen.
Zwischen Wissenschaft und Familie
Anne Verhamme war 27 Jahre alt, als sie im Dezember 2006 ihre erste Tochter, Marie, zur Welt brachte. Sie hatte 2003 ihren Master an der Universität Grenoble abgeschlossen und befand sich jetzt mitten in der Vorbereitung ihrer Doktorarbeit. Sie schloss diese im Juni 2008 ab, einen Monat vor der Geburt ihrer zweiten Tochter, Charlotte. Im Januar 2009 ging sie – ausgestattet mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds für Nachwuchsforschende – für ein Jahr an die Universität Oxford. Kurz nach der Rückkehr – Januar 2010 – brachte sie ihr drittes Kind – Jules – auf die Welt. Während ihrer dritten Schwangerschaft lebten ihr Mann und die zwei ersten Kinder in Annecy. Man kann sich leicht ausmalen, wie Anne Verhamme in dieser Zeit zwischen Wissenschaft und Familie hin-und hergerissen sein musste.
Eine andere Wissenschaftlerin hätte sich in dieser Situation vielleicht ganz für ihre Familie, ihre drei kleinen Kinder entschieden. Anne Verhamme aber, Tochter eines Arztes und einer Biologielehrerin, wollte ihre wissenschaftlichen Karriere nicht preisgeben – und nutzte dafür die Fördermittel, die für exzellente Nachwuchsforschende, aber auch speziell für Frauen zur Verfügung standen. Nach einer achtmonatigen Babypause (ohne bezahlten Mutterschaftsurlaub, weil das SNF-Stipendium keinen Anspruch begründet hatte) begann sie im September 2010 ihre zweite Postdoc-Stelle, diesmal am ‚Centre de Recherche Astrophysique de Lyon‘ an der Universität Lyon, ausgestattet mit einem zweijährigen EU-Stipendium (Marie-Curie-Fellowship des Europäischen Forschungsrats). Wieder musste sie zwischen Job und Zuhause pendeln, denn ihre Familie lebte weiterhin im 150 km entfernten Annecy.
Hilfe durch frauenspezifische Förderinstrumente
Im Jahr 2012 lief die Position in Lyon aus, und die Astrophysikerin brauchte eine neue Stelle. „Bei der Suche hatte ich die grosse Einschränkung, dass ich familiär bedingt nicht umziehen wollte. Akademische Karrieren ergeben sich fast von alleine, wenn du bereit bist, irgendwohin ins Ausland zu gehen. Aber mein Mann arbeitete in Annecy, meine Kinder gingen hier zur Schule, wir hatten ein Haus. Ich konnte nicht einfach an die Universität Tokyo oder wohin auch immer wechseln. Also stand ich vor der Herausforderung, Geld für mich zu finden, das es mir ermöglicht hat, in der Umgebung von Annecy zu forschen.“ So kam Anne Verhamme an die Universität Genf. Zuerst für zwei Jahre dank einer ‚Bourse d‘excellence de l‘Université de Genève‘, anschliessend für zwei weitere Jahre als ‚Maria-Heim-Vögtlin-Fellow‘, damals ein Förderinstrument des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). „Beide Stipendien sind Frauen vorbehalten, also positive Diskriminierung“, räumt Anne Verhamme offen ein, „aber ohne diese Unterstützung wäre meine akademische Karriere schlicht nicht möglich gewesen.“
In Jahr 2018 – nach einer Brückenfinanzierung durch den SNF – konnte sich Anne Verhamme endlich als Forscherin mit einer eigenen Forschergruppe etablieren: Sie erhielt vom SNF eine auf vier Jahre angelegte Assistenzprofessur zugesprochen, die sie heute noch innehat. Zusätzlich bewarb sie sich – was ihre wissenschaftliche Exzellenz unterstreicht – erfolgreich auf einen der begehrten ‚Starting Grants‘ des Europäischen Forschungsrats.
Die Erwärmung des Universums
Der Durchhaltewillen machte sich bezahlt. Im September 2019 erhielt Anne Verhamme den mit 25'000 Fr. dotierten Marie-Heim-Vögtlin-Preis des Schweizerischen Nationalfonds. Die Auszeichnung bezieht sich auf das Arbeitsgebiet, das sie seit ihrer Doktorarbeit bei Prof. Daniel Schaerer bearbeitet hat: die Lyman-alpha-Strahlung, die von Wasserstoffatomen unter bestimmten Umständen abgegeben wird und die im Ultraviolett-Bereich der elektromagnetischen Wellen liegt. Anne Verhamme hatte eine interessante Hypothese aufgestellt, die unterdessen durch Daten des Weltraumteleskops Hubble bestätigt wurden: dass nämlich eine erst 2007* entdeckte Art von sehr kompakten, grün leuchtenden Galaxien (sogenannte Grüne-Erbsen-Galaxien) dank der Lyman-alpha-Strahlung viele ionisierende Photonen abgeben. Diese Erkenntnis ist deswegen spektakulär, weil die Grüne-Erbsen-Galaxien eine grosse Ähnlichkeit zu den Galaxien in der Urzeit des Universums aufweisen. Es liegt somit der Verdacht nahe, dass auch die urzeitlichen Galaxien viele ionisierende Photonen abgaben – und damit eine Milliarde Jahre nach dem Urknall den Anstoss gaben zur Erwärmung des Universums, einer Entwicklung, die die Astronomie bisher nicht erklären kann.
Wenn Anne Verhamme über ihre astronomischen Theorien und Erkenntnisse spricht, findet sie eine Sprache, die auch Personen verstehen, die nicht in der Wissenschaft tätig sind. Ihre Sprache ist anschaulich und lebendig, sie unterstreicht das Gesagte mit Gesten und macht so vergessen, dass hinter all dem Gesagten sehr viel komplizierte Physik und Mathematik steckt, ebenfalls viel moderne Observations- und Simulationstechnologie, ohne die astronomische Spitzenforschung heute nicht möglich ist.
Warten auf das Hubble-Nachfolgeteleskop
Anne Verhamme ist jetzt 42 Jahre alt. Sie hat noch keine dauerhafte Stelle wie viele andere in ihrem Alter, aber sie hat eine achtköpfige Forschergruppe, mit der sie ihre eigenen wissenschaftlichen Fragestellungen bearbeiten kann. Die nächste Herausforderung zeichnet sich schon ab: Im Spätherbst 2021, so ist es geplant, werden die US-amerikanische, die kanadische und die europäische Weltraumagentur das James-Webb-Weltraumteleskop ins All schiessen, den Nachfolger von Hubble. Ein wichtiger wissenschaftlicher Treiber dieser Mission ist das Studium der urzeitlichen Galaxien. Für Anne Verhamme ein aufregender Moment: „Wir werden mit diesem Teleskop weit in die Geschichte des Universums zurückblicken können. Wir werden in der Lage sein, die urzeitlichen Galaxien zu sehen und damit hoffentlich das Rätsel lösen, ob sie tatsächlich jene ionisierende Strahlung abgegeben haben, die damals zur Erwärmung des Universums führte.“
* die Publikation erfolgte im Jahr 2009, siehe: https://arxiv.org/pdf/0907.4155.pdf
Autor: Benedikt Vogel
Porträt #7 von Wissenschaftlerinnen im MAP-Bereich (2021)