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«Künstler sind meist Einzelgänger»
Wie gehen Kunstschaffende mit der Krise um? Der Zeitpunkt will den Puls von Künstlern und Kulturveranstaltern spüren und sie sichtbar machen. Heute stellen wir Christian Ohmann vor. Der Schauspieler lebt seit sechs Jahren in der Schweiz und mochte es schon immer, Bösewichte zu interpretieren. Die Montagsserie.
Dieser Mann, der nicht suspekt aussieht, nein, schick angezogen ist er, charmant, und er wirkt wie ein rechtschaffener Geschäftsmann, nun, dieser Mann ist ein Ganove. «Barone» wird er genannt, weil er aus Italien stammt und sich grossmännisch verhält. Er sitzt in einem Café und um ihn herum stehen Menschen, die ihn ausfragen, ihm auf den Zahn fühlen. Denn eine Untat wurde an diesem Morgen verübt, ein Mord, und Barone gehört zu den Verdächtigen.
Diese Szene spielt sich im öffentlichen Raum in einer Schweizer Stadt ab. Die Menschen, die den Ganoven befragen, sind die Zuschauer, die beim interaktiven Theaterstück auf der Strasse selbst in eine Rolle schlüpfen und für ein paar Stunden als Ermittler unterwegs sind.
Wenn der Mann, der als Barone die Gegend unsicher macht, seine Rolle abstreift, tritt einem der Schauspieler Christian Ohmann entgegen. Und er ist so gar nicht gefährlich, sondern ein sehr freundlicher und zuvorkommender Deutscher, der seit sechs Jahren in der Schweiz, in Brugg an der Aare, lebt. Wo er statt Schandtaten zu begehen, auch als Lebensberater tätig ist – wenn er nicht gerade auf einer Bühne steht. Zurzeit jedoch sieht man ihn auf keiner Bühne, versteht sich. In erster Linie Corona-bedingt. Was Ohmann darüber denkt und wie er mit der Krise umgeht? Seine Antwort ist lakonisch: «Mal mit Geduld, mal ist mir einfach nur zum Kotzen.»
Ohmann kann auf eine lange Karriere zurückblicken. Der 57-Jährige studierte an der Schauspielschule Bochum, wo er bereits während der Ausbildung im Schauspielhaus Bochum auftrat. Danach spielte er an verschiedenen Theater, unter anderem am Stadttheater Krefeld, Stadttheater Wolfsburg oder Landestheater Dinslaken sowie in vielen weiteren kleineren und mittleren Theatern in Deutschland. Bis vor vier Jahren war er zudem Gastschauspieler am Theater Frankfurt. Ernst sagt er: «Schauspieler bin ich geworden, weil ich nichts Anderes konnte.» Das glaubt man ihm kaum. Sein Werdegang zeigt gut, dass er sich vor allem für diesen Beruf entschieden hat, weil es seine Leidenschaft ist.
«Bislang habe ich mich in der Schweiz noch nicht bemüht, an einem Theater zu spielen», sagt Ohmann, der ihn Hamburg geboren ist. «Aber natürlich würde ich das jeder Zeit wieder tun, an einem Theater zu arbeiten, wenn das Angebot reizvoll ist.» Mit den kriminellen Stücken im öffentlichen Raum in verschiedenen Schweizer Städten habe er vor einigen Jahren insbesondere deswegen begonnen, weil sie ihm ermöglicht hätten, so seine neue Heimat und deren Menschen rasch kennenzulernen. Denn: «Die Schweizer sind anders als die Deutschen – das ist ganz klar.»
«Ein Ganove soll nicht als solcher erkennbar sein, das interessiert mich in der Interpretation eines Mafioso.»
Ohmann mag Rollen, die sich in Extremsituationen bewegen. Und er spielt zweifelsohne gerne die Bösen, die Mörder, sagt er und lacht. «Aber ich habe immer versucht, die Bösen eben grad nicht so zu spielen, wie man sie erwartet: dass sie etwa böse aussehen und auch so reden.» Im Gegenteil, als normale, charmante und intelligente Menschen, die wissen, wie man mit Anderen umgeht. «So interessiert es mich, einen Mafioso darzustellen, einer, der ein Geschäftsmann ist, der mit Mitteln arbeitet, die im Business weltweit ja auch üblich sind. Dieses Gut und Böse gibt es ja nicht.» Kurzum: Ein Ganove soll in Ohmanns Interpretationen nicht als solcher erkennbar sein. Er fügt belustigt hinzu: «Sonst wären ja die Kriminellen alle blöd.»
Zu den derzeitigen Corona-Massnahmen des Bundes könnte er sich ausführlich äussern, sagt er, aber das würde den Rahmen sprengen. Deswegen ziehe er es vor, sich kurz zu halten: «Die Massnahmen werden damit begründet, dass man das Gesundheitssystem vor Überlastung schützen muss. Gleichzeitig werden Krankenhäuser geschlossen und Intensivbetten abgebaut. Das finde ich erstaunlich.»
Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen und anderen Kulturschaffenden, die nun grosse finanzielle Probleme haben, ist Ohmann glücklicherweise nicht existenziell bedroht. Aus dem einfachen Grund: «Meine Frau verdient das Geld.» Deswegen beziehe er auch keine Unterstützung. Und gelegentlich, so wie viele andere Künstler zurzeit ebenso, tritt er online auf. Seinen Kollegen rät er zur Solidarität. «Künstler sind meist Einzelgänger», so der stets ruhig sprechende Schauspieler. «Ich rate, dass man sich zusammentut, sich der Gemeinsamkeit in dieser Situation bewusst wird und gemeinsam arbeitet.»
Auf die Zukunft blickt er hinsichtlich seiner Branche nicht zuversichtlich: «Die Etats für Kunst und Kultur werden reduziert – das ist ganz klar.» Aber auch gesellschaftlich erwartet er andere Zeiten: «Es wird generell alles unfreier werden.» Mit diesen Aussichten umzugehen, hilft ihm wohl sein Motto «Liebet eure Feinde» sowie sein Antrieb mit der Kunst, «die Lust zu leben zu erschaffen, und darauf das Leben besser zu verstehen».
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