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Wie die (digitale) Maschine uns verschluckt
Es ist die Schlüsselszene in «Modern Times» von Charlie Chaplin: Der Tramp arbeitet in einer Fabrik am Fliessband und wird in die Maschine gezogen. Ich bin dem Bild in Chaplins Villa in Vevey wieder begegnet. Das Bild traf mich, weil es auf die Gegenwart wieder zutrifft. Bloss sind die Maschinen nicht mehr aus Metall, sondern digital. Wieder verschlucken die Maschinen die Menschen. Doch diesmal spucken sie sie nicht mehr aus.
Die Villa heisst «Manoir de Ban», sie liegt wunderschön in Corsier-sur-Vevey zwischen Lausanne und Montreux. Von der Terrasse aus kann der Blick über den Genfersee und die französischen Alpen schweifen. Hier hat Charlie Chaplin von 1953 bis 1977 gelebt. Heute ist die Villa ein Museum über Chaplin. Alles zum Besuch des Museums finde Sie hier. Teil des Museums ist ein Studio, in dem verschiedene Sets aus Chaplin-Filmen aufgebaut sind, darunter auch ein Teil des Sets von Modern Times.
An diesem Film hat Chaplin von 1933 bis 1936 gearbeitet, nachdem er von seiner ersten Weltreise zurückgekehrt war und Amerika verändert vorgefunden hatte. Die Massenarbeitslosigkeit und die Arbeit am Fliessband beschäftigten ihn. Im Film arbeitet der Tramp an einem solchen Fliessband. In jeder Hand hat er einen grossen Schraubenschlüssel. In schnellem Rhythmus muss er damit zwei Schrauben auf Metallstücken anziehen, die auf dem Fliessband vorbeifahren. Der Direktor ist mit dem Arbeitstempo nicht zufrieden und lässt das Fliessband schneller laufen. Charlie kommt nicht mehr nach und gerät in die Maschine hinein. Höhepunkt ist eine Bildsequenz, in der er zwischen den Zahnrädern durchgeschleust wird.
Chaplin hat sich immer wieder intensiv mit Ökonomie beschäftigt und sogar einen Aufsatz über eine Lösung der Wirtschaftsprobleme seiner Zeit geschrieben: An Economic Solution ist leider nicht mehr greifbar. David Robinson beschreibt den Aufsatz in seiner Chaplin-Biografie als kapitalistische Utopie. Der Film Moderne Zeiten ist kein didaktisches Stück über seine Ansichten zur Wirtschaft, sondern, wie Chaplin selbst sagte, eine emotionale Darstellung davon. Chaplin gibt denn auch keine Antwort, keine Lösung vor. Der Tramp sieht die Lösung für sich in einem anarchischen Leben in Liebe.
Die Szene, als der Tramp in die Maschine gezogen wird, formuliert trotzdem die zentrale Kritik an der Wirtschaft und der modernen Zeit: Das Bild sagt, dass die Maschinen nicht mehr für die Menschen da sind, sondern umgekehrt die Menschen für die Maschinen. Und wenn die Menschen nicht genügen (zum Beispiel, weil sie zu langsam sind), werden sie von der Maschine verschluckt.
Natürlich haben wir diese Art von unmenschlichen Fliessbändern und Maschinen längst überwunden. Es wurden Arbeitsgruppen entwickelt, seit Kaizen dürfen auch Montagearbeiter mitdenken und überhaupt müssen Menschen gar nicht mehr so stumpfe Tätigkeiten verrichten, diese Aufgabe haben längst Roboter übernommen. So dachte ich mindestens lange. Bis ich letzte Woche in Manoir de Ban wieder auf die Bilder aus Moderne Zeiten gestossen bin und realisiert habe, dass sie auch unsere Zeit abbilden.
Natürlich sind die Zahnräder nicht mehr aus Metall, sondern aus Programmcodes und eigentlich sind es keine Zahnräder mehr, sondern digitale Funktionselemente. Sie saugen uns aber genauso ein wie damals die Zahnräder Charlie. Als der Tramp im Getriebe der Maschine feststeckt, hält der Vorarbeiter die Maschine an und lässt sie rückwärtslaufen. Charlie wird noch einmal durch das Getriebe gezogen und die Maschine spuckt ihn wieder aus. Das ist vielleicht der Unterschied zu unserer Zeit: Wir werden nicht mehr von Vorarbeitern gerettet, sondern immer tiefer in die digitale Maschine hineingezogen.
Nein, es geht nicht darum, den Computer zu verteufeln. Ich lebe weitgehend digital und könnte meine Arbeit nicht (oder wenigstens nicht so) ausüben, wenn ich nicht über mächtige Werkzeuge im Internet verfügen würde. Ich denke weniger an die Arbeit, als an die Freizeit, die Medien, unser Verquicktsein mit der digitalen Welt. Das ist der zweite Unterschied zu Chaplins Moderne Zeiten: Die Maschinen verschlucken uns heute nicht mehr am Arbeitsort, sondern in der Freizeit.
Auch da: Die sozialen Medien, die Computerspiele, das Surfen im Internet, die Unterhaltung auf dem Handy, das alles ist nicht einfach schlecht. Aber es ist insofern unmenschlich, als es eine Welt ohne Ende ist, in der es sehr schwierig (und manchmal sehr anstrengend) ist, ein Ende und zu sich selbst zu finden.
Chaplin zeichnet eine Orwellsche Vision der Arbeitswelt: Der Direktor kann alle Winkel der Fabrik per Video überwachen und sich einschalten. Als Charlie eine kleine Pause macht (er stempelt dafür sogar ordnungsgemäss aus) und auf der Toilette eine Zigarette raucht, schaltet sich der Big Boss per Big Screen ein, verbietet Charlie das Rauchen und schickt ihn zurück an die Arbeit. Die Maschinenwelt ist also geprägt von Überwachung, Kontrolle und Befehl, die Arbeiter sind der Maschine und dem Boss ausgeliefert.
Unser heutiges Verhältnis zu den digitalen Maschinen ist eher vergleichbar mit der Zukunftsvision, die Aldous Huxley in Schöne neue Welt gezeichnet hat: Wir liefern uns freiwillig den digitalen Maschinen aus und sind dabei noch überzeugt davon, einen guten Schnitt zu machen, zu profitieren – und auf diese Weise glücklich zu werden. Das ist nichts Anderes als die digitale Brave new World.
Deshalb kommt es zu einem weiteren Unterschied zu Chaplin: In der Fabrik bilden die Arbeiter ein Wir, sie treten als Gruppe an. Das negative Bild einer solchen Gruppe zeigt Chaplin zu Beginn des Films: eine Schafherde. Wie diese Herde Schafe trotten die Arbeiter Tag für Tag in die Fabrik und liefern sich den Maschinen aus. Trotzdem bilden sie ein Kollektiv, das später im Film protestiert und sich gegen die Bosse erhebt.
Auch das ist heute anders: In den digitalen Welten gibt es kein Wir mehr (wenigstens keins im Sinn eines Kollektivs), sondern nur noch ein Ich. Es ist das narzisstische Ich des Selfies, das die digitalen Funktionen als Erweiterung seiner Persönlichkeit begreift, das aber ohne Rückhalt in einer Gruppe hilflos versinkt in der schönen, neuen digitalen Welt. Hilflos, aber nichtsahnend, ja mit dümmlichem Grinsen auf dem in Richtung Handykamera gereckten Gesicht.
Chaplins Tramp übrigens wurde tatsächlich von der Maschine verschluckt. Allerdings nicht von der Zahnradmaschine im Film, sondern von der «Tonmaschine»: Moderne Zeiten war der letzte Film, in dem der Tramp auftrat. Der Film ist ein Übergang zwischen Stummfilm und Tonfilm: Es sind Geräusche zu hören, die Stimme des Fabrikdirektors aus dem Lautsprecher, Musik, aber der Tramp spricht nicht. Zu hören ist er nur, als er in einer erfundenen Sprache als Kellner ein Lied singt. Es ist das erste und einzige Mal, dass der Tramp zu hören ist – dann verschluckt ihn die Tonfilmmaschinerie. Der nächste Film von Chaplin war 1940 Der grosse Diktator – sein erster Tonfilm und sein erster Film ohne den Tramp.
Und jetzt? Können wir von Chaplin und aus Moderne Zeiten etwas lernen für unsere Situation in der digitalen Welt? Ich glaube, ja. Es sind drei Dinge, die Chaplin vermittelt. Erstens: Es kommt auf die Menschlichkeit an. Nicht auf die Leistungsfähigkeit, nicht auf den Besitz, nicht auf den Status, sondern auf die Menschlichkeit. Die drückt sich unter anderem im Lächeln aus. Zweitens: Chaplins Rezept gegen die Maschinenwelt ist die anarchische Kraft der Kreativität. Lasst Euch nicht einordnen, nicht einfangen, nicht einbinden. Werdet, was Ihr seid. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, pflegten wir früher zu sagen. Und drittens? Einen Ausweg bietet (vielleicht) die Liebe.
Am Ende des Films, als sie wieder alles verloren haben und flüchten mussten, wandern Chaplin und seine damalige Frau Paulette Goddard in der Rolle der Gamine Arm in Arm von der Kamera weg auf der Landstrasse. We’ll get along – wir schaffen es, heisst es dazu. We’ll get along.
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