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«Die Babyboomer können viel von den Millenials lernen»
Der Soziologe François Höpflinger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Generationenfragen. Er ordnet die Ergebnisse des Generationen-Barometers 2020 ein und spricht über Etiketten, ungleiche Ellen und die Grenzen des Generationenvertrags.
Interview: Detlef Vögeli | Michael Fässler
Der Begriff «OK Boomer» ist in aller Munde, seit sich im Jahr 2019 eine junge neuseeländische Abgeordnete mit diesen Worten gegen einen älteren Kollegen wehrte, der ihr Votum zum Klimaschutz unterbrechen wollte. Seither ist «OK Boomer» ein Kampfbegriff, mit dem sich Millennials über die Privilegien und Einstellungen der Babyboomer-Generation mokieren. Die New York Times prophezeite gar, «OK Boomer» markiere das Ende der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Generationen. Stehen wir am Anfang eines neuen Generationenkonflikts?
François Höpflinger: Dass die Generationensolidarität abgenommen hat, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Auch das Generationen-Barometer 2020 zeigt, dass aktuell kein genereller Generationenkonflikt wahrgenommen wird. Andere gesellschaftliche Gegensätze, etwa zwischen Arm und Reich oder zwischen Stadt und Land, werden offenbar als tiefgreifender wahrgenommen. Es zeigen sich jedoch unterschiedliche Spannungsfelder.
Das Generationen-Barometer zeigt, dass die Babyboomer-Generation, also die heute 65- bis 74-Jährigen, am zufriedensten ist mit dem Leben. Gleichzeitig ist es die letzte Generation, welche die eigene Lebensqualität deutlich höher einschätzt als jene ihrer Eltern.
François Höpflinger: Die Babyboomer in der Schweiz sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren worden: Sie haben zuerst das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg und dann das Aufbrechen der gesellschaftlichen Strukturen durch die 68er-Bewegung erlebt. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der man den Eindruck hatte, es könne nur aufwärts gehen. Am Ende ihrer Karriere profitieren sie nun vom Aufbau des Sozialstaats wie niemand vor oder nach ihnen.
Ihnen gegenüber stehen die Befragten mittleren Alters, die sich in der Rushhour des Lebens befinden und sich stark unter Druck fühlen.
François Höpflinger: Die mittlere Lebensphase ist die intensivste. Es ist die Zeit, in der viele Menschen ihre Karrieren aufbauen und gleichzeitig eine Familie gründen. In der Wissenschaft spricht man vom «Life-Cycle Squeeze»: In einem kurzen Lebensabschnitt muss alles parallel passieren, was zu Überforderung führen kann. Die Gestressten mittleren Alters von heute sind dann diejenigen, die in drei Jahrzehnten pensioniert werden, obwohl sie noch mitten im Leben stehen. Deshalb halte ich die Einführung des Modells einer Lebensarbeitszeit als vielversprechend. Man könnte die Arbeitszeit auf mehr Lebensjahre verteilen und sich in der Mitte des Lebens auch einmal ein Sabbatical oder eine Teilzeitarbeit leisten.
Im Generationen-Barometer ist die Gruppe der 18- bis 34-Jährigen diejenige, die sich am deutlichsten gegen das Modell einer Lebensarbeitszeit ausspricht. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis?
François Höpflinger: Für jüngere Personen, die ihre berufliche Laufbahn erst begonnen haben oder mitten in familial-beruflichen Herausforderungen stehen, ist Lebensarbeitszeit ein eher abstraktes Konzept. Dazu kommt, dass in einer unsicheren Arbeitswelt die längerfristigen Berufsperspektiven unklar sind, was negative Reaktionen gegenüber langfristig angedachten Modellen wie demjenigen der Lebensarbeitszeit auslösen kann.
Bei den 18- bis 24-Jährigen mangelt es laut der Umfrage offenbar an Hoffnung und Zuversicht.
François Höpflinger: Bei der jüngeren Generation hat die Unsicherheit zugenommen. Das ist einerseits ein bedauernswerter Fakt, andererseits kann diese Unsicherheit im besten Fall auch produktiv sein. Veränderungen entstehen nie aus Zufriedenheit, das hat man auch bei der 68er-Bewegung gesehen.
Das Generationen-Barometer zeigt auch: Das Wunschalter bei den 50-Jährigen liegt bei 39 Jahren, bei den 79-jährigen bei 56 Jahren. Ist es in unserer Gesellschaft gar nicht mehr erstrebenswert, jung zu sein?
François Höpflinger: Vielleicht könnte man es so formulieren: Man will zwar jugendlich sein, aber nicht jung. Dass sich immer mehr Menschen jung fühlen, ist historisch betrachtet eine neue Entwicklung. Das führt aus meiner Erfahrung mit generationenübergreifenden Projekten manchmal auch zu Konflikten, weil sich niemand der Involvierten als alt bekennen will.
Sie haben sich als Soziologe ein Leben lang mit Generationenforschung beschäftigt. Was ist Ihnen beim Studium des Generationen-Barometers ins Auge gestochen?
François Höpflinger: Die Teilnehmenden beantworteten die Fragen aus unterschiedlichen Lebensphasenperspektiven – und das wird oft unterschätzt. Es geht nicht nur um Jung oder Alt, sondern auch um die Frage, ob man die Kinder und die Karriere noch vor sich oder bereits hinter sich hat. Die Perspektive einer 24-jährigen Frau kann sich schlagartig verändern, wenn sie Mutter wird, obwohl sie noch zur jungen Generation gezählt werden kann.
Wovon sprechen wir eigentlich, wenn wir von Generationen sprechen?
François Höpflinger: In der Wissenschaft unterscheiden wir zwischen familialen und gesellschaftlichen Beziehungen. Bei familialen Generationenbeziehungen ist die Zuordnung klar: Man spricht von Kindern, Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern. Gesellschaftlich und sozialpolitisch ist es ein wenig komplizierter. Hier wird der Generationenbegriff oft etwas willkürlich verwendet. Etiketten wie Babyboomer, Generation X oder Y führen dazu, dass man die Unterschiede zwischen den Generationen überbewertet und jene innerhalb einer Generation unterschätzt. In den letzten 50 Jahren gab es an die 50 unterschiedliche Generationenetiketten: Es war die Rede von der verlorenen Generation, der vaterlosen Generation, der rebellischen Generation oder der pragmatischen Generation. Diese Zuschreibungen sind primär auf ein mediales Interesse zurückzuführen. Sie tragen nicht zur Versachlichung der Debatte bei – sie machen diese aber lebendiger.
Es ist aber nicht abzustreiten, dass die Zeit, in der man aufwächst, für das Leben prägend ist.
François Höpflinger: Das stimmt, ist aber heute wohl weniger stark der Fall als früher, weil wir heute mehr Möglichkeiten haben und uns im Laufe des Lebens «neu erfinden» können – wenn wir nur wollen. Aber es gibt auf jeden Fall einschneidende Generationenerlebnisse. Nehmen wir die Corona-Pandemie als Beispiel: Auch wenn sich die Pensionierten stärker benachteiligt fühlen, wird dadurch vor allem die jüngste Generation nachhaltig geprägt. Die wirtschaftlichen Folgen und die damit verbundenen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt wird sie noch viele Jahre beschäftigen. Gleichzeitig leben wir aber auch zunehmend in einer Gesellschaft der Multigenerativität.
Was meinen Sie damit?
François Höpflinger: Das heisst, dass man sich in verschiedenen Lebensbereichen gleichzeitig unterschiedlichen Generationen zugehörig fühlen kann. Es gibt junge Erwachsene, die eine Familie gründen und tagsüber verantwortungsbewusste Eltern sind, sich aber immer noch wie Jugendliche durchs Nachtleben bewegen. Oder 65-Jährige, die ein Haus geerbt haben und als Hausbesitzer konservative Positionen bezüglich Raumplanung vertreten, aber in sozialpolitischen Fragen eher wie 30-Jährige ticken.
Ist es Zeit, sich von gesellschaftlichen Generationenzuschreibungen zu lösen, weil sie in unserer individualisierten Welt gar nichts mehr über eine Gruppe von Menschen aussagen können?
François Höpflinger: Wir müssen uns nicht davon lösen, aber wir müssen uns im Klaren sein, wovon wir sprechen, wenn wir von Generationen sprechen. Sprechen wir von familialen Verhältnissen, historischen Prägungen oder unterschiedlichen Lebensperspektiven? Auf den Generationenbegriff verzichten könnte man aus meiner Sicht, wenn wir vom sozialpolitischen Generationenvertrag sprechen.
Weshalb?
François Höpflinger: Weil es kein Generationenvertrag ist, sondern ein finanzielles Umlagerungsverfahren von den Erwerbstätigen zu den Pensionierten: Diejenigen, die heute erwerbstätig sind, zahlen ein für diejenigen, die pensioniert sind. Der Begriff des Generationenvertrags stammt aus dem 18. Jahrhundert, als man innerfamiliär akribisch festgehalten hat, auf welche Güter und Lebensmittel die älteste Generation auf dem Hof am Lebensabend Anrecht hatte. Übertragen auf die Gesellschaft ist dieser Ansatz aber nicht mehr zukunftsfähig, da wir eine negative Generationenbilanz haben: Weil wir immer älter werden, zahlen immer weniger Leute für immer mehr Begünstigte ein. Momentan profitiert die ältere Generation auf Kosten der Jüngeren. Wollen wir dieses System aufrecht erhalten, müssen die Jüngeren mehr einbezahlen, länger arbeiten oder damit rechnen, später eine kleinere Rente zu erhalten. Ähnlich wie beim Klimawandel geht das Defizit der Altersvorsorge zu Lasten der nachkommenden Generationen – inklusive jener Generationen, die noch nicht geboren sind.
Sie sagen, dass die alternde Gesellschaft eine Reform der Altersvorsorge erfordert. Welche anderen Herausforderungen bringt das Zeitalter der Langlebigkeit für das Zusammenleben der Generationen mit sich?
François Höpflinger: Da wir immer länger leben, dies bei immer besserer Gesundheit, werden wir wohl nicht darum herumkommen, neben einer Erhöhung des Rentenalters in lebenslanges Lernen zu investieren. Das bedeutet auch: Ältere Menschen müssen am Puls bleiben und wissen, wie jüngere Menschen arbeiten.
Wie kann dies gelingen?
François Höpflinger: Ein erfolgsversprechender Ansatz heisst «Reverse Mentoring»: Traditionell verstehen wir Mentoring als ein Prozess, in dem ein Mensch mit Erfahrung einen unerfahrenen Menschen begleitet und mit Ratschlägen aus der eigenen Praxis unterstützt. Im «Reverse Mentoring» werden die Spiesse umgedreht. Ich habe ein solches Pilotprojekt begleitet, in dem ältere Führungskräfte ein vierwöchiges Praktikum in einem Start-up absolviert haben. Ältere wurden oft durch Führungsprozesse im Militär sozialisiert, junge Start-ups arbeiten aber völlig anders: Sie denken in flachen Hierarchien und finanzieren diese durch Crowdfunding. Babyboomer haben oft immer noch eine lineare Vorstellung von Karriere, viele von ihnen haben ein Leben lang im gleichen Betrieb gearbeitet. Ihnen gegenüber stehen die Generationen Y und Z, für die es oft klar ist, dass der erste Arbeitgeber nicht der letzte ist – und dass eine hervorragende Ausbildung keine Garantie mehr für eine gute Karriere ist. Interessanterweise stufen sich ältere Arbeitnehmer oft gleich innovativ ein wie jüngere, bestehen dann aber den Praxistest nicht.
Wie kann man die Einstellungen von älteren, eher traditionell denkenden Menschen durchbrechen?
François Höpflinger: Das darf gar nicht das Ziel sein. Viel wichtiger ist es, Generationenunterschiede anzuerkennen, und aus den Differenzen neue Kraft zu schöpfen. Gutes Generationenmanagement in Unternehmungen ist Diversity Management.
Wie schätzen Sie die Tatsache ein, dass es aufgrund der demografischen Entwicklung immer mehr ältere Menschen geben wird, die eine jüngere Minderheit überstimmen können?
François Höpflinger: Es ist ein Fakt, dass die unter 25-Jährigen in der Schweiz politisch stark untervertreten sind. Es kann gefährlich sein, wenn sich die ältere Generation nicht an neue Entwicklungen anpasst und damit Reformen blockiert, von denen primär jüngere Generationen profitieren. Glücklicherweise leben wir aber in einem Land mit einer starken Zivilgesellschaft, sodass man auch unabhängig von der herrschenden Mehrheit viel bewegen kann. Und die älteren Generationen werden auch über ihre Enkelkinder für andere Lebenswelten sensibilisiert. Und dann gibt es auch immer wieder Allianzen zwischen Jung und Alt: Jüngstes Beispiel dafür ist, dass sich die sogenannte Klimajugend gemeinsam mit den KlimaSeniorinnen engagiert.
Die Absenkung des Stimmrechtsalter von 18 auf 16 Jahre wurde 2020 im Nationalrat gutgeheissen, was das Ungleichgewicht etwas aufheben würde. Diese Idee fand im Generationen-Barometer jedoch bei keiner Altersgruppe eine Mehrheit, nicht einmal bei den 18- bis 24-Jährigen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
François Höpflinger: Mich hat dieses Ergebnis im Generationen-Barometer auch erstaunt. Vielleicht haben die 18-Jährigen den Eindruck, dass man selbst mit 16 noch nicht reif genug gewesen wäre. Vielleicht ist es auch Ausdruck davon, dass die Einstellungen bei jungen Generationen traditioneller und pragmatischer geworden sind und die Alten in vielen Bereichen progressiver wurden. Auch daran kann man wieder ablesen, dass es keinen eindeutigen politischen Graben zwischen Jung und Alt, progressiv und konservativ, gibt.
Man hört oft, dass Generationenfragen keine politische Lobby haben in Bundesbern. Weshalb ist das so?
Generationenfragen sind gesellschaftliche Querschnittsthemen. Generationenpolitik ist Finanzpolitik, Sozialpolitik, Klimapolitik und Wohnpolitik. Das führt dazu, dass wir eine Pro Juventute, eine Pro Senectute und eine Pro Familia haben, aber keine Pro Generationen. Es gibt viele interessante Projekte und Initiativen, die sich für Generationenfragen stark machen, aber keine Organisation, die diese Interessen vereint. Ausser das Berner Generationenhaus, natürlich (lacht).
François Höpflinger ist emeritierter Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. Er forschte während Jahrzehnten zu Alters-und Generationenfragen und ist unter anderem Mitglied der Leitungsgruppe des Zentrums für Gerontologie. Er ist Autor zahlreicher Studien und Publikationen zum Thema Alter, wie «Die Babyboomer. Eine Generation revolutioniert das Alter» (2009) oder der «Age Report», dessen vierte Ausgabe 2019 erschien.
Generationen-Barometer 2020
Was bewegt Jung und Alt? Mit dem Generationen-Barometer 2020 hat das Berner Generationenhaus in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut sotomo erstmals eine repräsentative Studie zur Lage der Generationen durchgeführt. Es fühlt den Puls der Schweizer Bevölkerung und will einen gesellschaftlichen Dialog über zukunftsfähige Beziehungen zwischen den Generationen anregen. Für das «Generationen-Barometer 2020» wurden im September 2020 insgesamt 3285 Personen aus der ganzen Schweiz befragt. Die Ergebnisse wurden Anfang November 2020 veröffentlicht.