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Zwischen Gleisfeld und Verkehrsbrücke hängt der Bahnhof Hardbrücke. Mit seinen verschlungenen Treppen hat er einige Wutanfälle inspiriert – aber auch Liebeslieder.
Auf nichts ist die Stadt Zürich so stolz wie auf ihre Unähnlichkeit mit sich selbst. Wenn ZürcherInnen einen Ort loben, sagen sie: Ein Café wie in Paris oder fast so verlottert wie in Berlin! Und ich sage liebevoll über die Hardbrücke: Ich war zwar nie dort, aber hier fühle ich mich wie in New York. Oder wie in London, Hongkong und allen anderen Grossstädten mit spiegelnden Hochhausfassaden und Menschen, die immer gerne woanders wären. Täglich rauschen etwa 40 000 PendlerInnen durch den Bahnhof Hardbrücke, quetschen sich durch Zugtüren, galoppieren die Treppen hoch. Und wieder runter, wenn sie merken, dass sie den falschen Aufstieg erwischt haben und der Bus gerade auf der gegenüberliegenden Strassenseite einfährt.
Unwahrscheinlich simpel erscheint da die Welt von früher: Als man zwischen Hard- und Escher-Wyss-Platz weder hoch noch runter musste, sondern einfach geradeaus spazieren konnte. Geradeaus über die Gleise der Spanisch-Brötli-Bahn, die 1848 als erste Eisenbahnlinie der Schweiz errichtet wurde. Am Anfang fuhren nur vier Züge täglich. Doch im rasanten Siegeszug der Bahn blieb der Gleisübergang immer öfters geschlossen. 1879 wurde darum die Hardbrücke gebaut, 1927 rollte dann die erste städtische Buslinie darüber und brachte die ArbeiterInnen aus den Wohnquartieren in Aussersihl in die Fabriken beim Escher-Wyss-Platz.
Lange Zeit kreuzten sich die Verkehrsachsen, ohne sich zu treffen. Bis 1982 unter der Hardbrücke zwei Perrons und oben auf der Hardbrücke eine neue Bushaltestelle entstanden und so aus einer Überschneidung in der Luft ein neuer Bahnhof wurde. Oder besser gesagt: Eine «nicht besetzte Station», wie Haltestellen im damaligen Fachjargon genannt wurden. Für die Qualifikation zum Bahnhof fehlt wohl bis heute ein «richtiges Bahnhofsgebäude», wie Wikipedia fast schon schnippisch feststellt. Vielleicht lässt sich der bescheidene Ausbau auch damit erklären, dass nicht die SBB, sondern die Stadt Zürich die Station gewünscht und finanziert hat. Die passierende Käferberglinie aus Oerlikon sollte der Quartierbevölkerung um die Hardbrücke zugutekommen und rund 6500 Arbeitsplätze erschliessen. 1990 wurden zwei weitere Perrons gebaut, die S-Bahn nach Altstetten durchgeleitet und die Überbauung errichtet. Mit dem Mix aus Stahl und Glas passte die renovierte Haltestelle perfekt zum Quartier Zürich West, das in den Neunzigerjahren die Industrie abschüttelte und sich im Federkleid der Galerien, Bars und Grossraumbüros neu kleidete. So steigen die Fahrgäste nicht nur um, sondern auch aus und stöckeln in den Klub oder schleifen ihre Kinderschar ins Kino. Wer dafür zu faul ist, kann sich nun auch ins Tram setzen: Seit 2017 fährt das Achter-Tram über die Hardbrücke und verbindet so die Quartiere 4 und 5 miteinander, die einst durch die Gleise getrennt wurden.
Liebe über dem Gleisfeld
Der Musiker und ehemalige Tagesschau-Moderator Heinrich Müller hat sogar ein Lied zum Bahnhof geschrieben und sein Musikvideo hier gedreht. «Do you know a place called Hardbridge?», fragt Müller trommelschlagend, während ein Fernseher im Hintergrund seine Nine-Eleven-Moderation zeigt. Über farblich gedämpfte Aufnahmen des Bahnhofs und Umgebung besingt er die Geschichte einer Liebe: «I met her there on a summer night / We made love ‘till morning light», ein knutschendes Pärchen im menschenleeren Bahnhof wird eingeblendet. Aber wie hätte es anders kommen können, noch vor Morgengrauen läuft die Frau davon: «don’t ask me why» klagt Müller.
Herzschmerz an der Hardbrücke hat auch den Reggae-Sänger Dodo inspiriert. Verlassen steht sein lyrischer Erzähler auf der Brücke und denkt zurück an ein Zuhause zwischen «Gleis und em Parkhuus», das nicht mehr das seine ist. Wenn er singt, «bald schlüssed sich d‘türe für immer», muss man unweigerlich an piepsende S-Bahn-Türen denken und einen Abschied, der genauso schmerzhaft ist wie peinlich.
Keine Schönheit
Denn auch wenn er sich gelegentlich als Muse ziert: Hübsch ist der Bahnhof Hardbrücke nicht. «Wie eine Schraubenzwinge», schrieb der ‹Tagesanzeiger› 1999, hänge der Bahnhof an der Hardbrücke. Vor ein paar Jahren sind auf den Perrons auch noch die Bänkchen verschwunden, um mehr Platz für die wartenden Massen zu schaffen. Kein Ort also, an dem man wie in Müllers Musikvideo eine romantische Nacht verbringen kann. Nichts durchbricht das stählerne Grau, bis vielleicht auf die funktionale Bodenbeleuchtung der Bus- und Tramhaltestellen, die niemand zu verstehen scheint. «Es wäre alles so wunderbar durchdacht, wäre da nicht der Mensch», bringt es Giorgio Scherrer im Mai 2022 für die NZZ auf den Punkt.
Und doch. Seit ich 100 Meter vom Hardplatz wohne und regelmässig die Hardbrücke hinauf zum Bahnhof laufe, glaube ich: Die paar Meter vor der Haltestelle sind der romantischste Ort der Stadt. Nirgendwo sonst führen einen so viel praktische Gründe zu einem solchen Panorama. Man will die nächste Verbindung erwischen und steht plötzlich nicht vor, sondern mittendrin in der Aussicht. Die verschneiten Alpen, die glitzernden Hochhausfassaden, rosarote Wolken. Zürich von seinen zwei schönsten Seiten – gerade, als man auf den Zug rennen und wegfahren wollte.
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