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Portugiesisch, Serbokroatisch, Albanisch, Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Tamilisch und Tigrinisch – nicht weniger als acht Sprachen beherrschen die Kulturvermittler, die sich im Januar am Ende einer Orientierungsversammlung in Baar den 300 Eltern von künftigen Kindergartenkindern vorstellten. Und ihre Dienste jenen anboten, die nicht alle Ausführungen in Deutsch verstanden hatten.
Offenbar sorgt diese geballte Hilfsbereitschaft für Einwanderer bei einem Teil des einheimischen Publikums für Unbehagen. Jedenfalls wurde die Einladung eines bevorstehenden Orientierungsanlasses für Erstklässler im März dem Baarer SVP-Kantonsrat Beni Riedi zugespielt. Der postete das Dokument flugs auf Facebook, enervierte sich und setzte zu einer längeren Polemik an, die eine rege Diskussion auslöste.
Misstritt beim Catering
«Schon interessant», wetterte Riedi, «dass so viel Geld für diverse Übersetzer, ‹Kulturvermittler›, Therapeuten vorhanden ist, aber gleichzeitig an anderen Orten um jeden Franken gekämpft werden muss.»
«Die Nachfragenden sollen sich an der Dienstleistung finanziell beteiligen.»
Beni Riedi (SVP), Kantonsrat, Baar
Riedi kann in diesem Zusammenhang auf eine befremdliche Tatsache hinweisen, die für viel Aufsehen gesorgt hat: Dass nämlich der Baarer Gemeinderat während eines halben Jahres das Essen für die 180 Schüler des Mittagstisches von einem Catering-Unternehmen aus Bern-Belp herankarren liess – weil dieses am günstigsten liefern konnte und deshalb eine öffentliche Ausschreibung gewann.
Beni Riedi: «kontraproduktiv»
Dass die Kulturvermittler in Baar an den Orientierungsversammlungen der Baarer Schulen teilnehmen, stösst Riedi aus zwei Gründen auf. Es sei ein Aufgebot auf Vorrat, ohne dass man wisse, ob ihr Angebot auch wahrgenommen wird. Riedi möchte, dass Migranten, welche die Dienstleistung in Anspruch nehmen, sich an der finanziellen Abgeltung beteiligen.
Gleichzeitig stellt sich der SVP-Politiker die Frage, «ob solche ‹Kulturvermittler› nicht sogar kontraproduktiv wirken.» Da «die Gäste», wie Riedi die Einwanderer nennt, «sich nicht bemühen, eine unserer Sprache zu erlernen.» Der Fokus bei der Integration müsse auf dem Erlernen einer Landessprache liegen, und dies sei eine Holschuld der Migranten und nicht eine Bringschuld des Staates.
Zusätzlicher Effort zahlt sich aus
«Die Baarer Schulen geben für die acht Kulturvermittler kein Geld aus», hält Urban Bossard, der Rektor der Baarer Schulen, dagegen. Die Vermittler seien schon länger bei solchen Anlässen im Einsatz und «hoch akzeptiert». Baar sei eine Gemeinde mit einem höheren Anteil an Einwanderern als andere Gemeinden.
«Über 35 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund.»
Urban Bossard, Rektor, Baar
«Deswegen unternehmen wir auch an den Schulen viel in Sachen Information und Integration.» Aufs Resultat ist Bossard sichtlich stolz. «Über 35 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund, aber wir haben keine grösseren Probleme – auch keine Schmierereien oder Sachbeschädigungen.»
Botschafter der Sozialabteilung
Der Rektor hat die Kulturvermittler nicht selber gesucht – sie arbeiten als sogenannte Schlüsselpersonen für die gemeindliche Abteilung Soziales/Familie – und zwar im Rahmen eines vom Bundes unterstützten Integrationprogramms. Abteilungsleiter Clemens Eisenhut erklärt: «Schlüsselpersonen sind Einwanderer, die in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind.» Der Aufwand bei den Infoanlässen der Schule lohne sich längstens, wenn dann die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen besser funktioniere, findet er.
Sozialvorsteherin und Gemeinderätin Berty Zeiter (ALG) meint: Fremdsprachige Schlüsselpersonen, die an Orientierungsabenden der Schule anwesend sind, könnten jenen Eltern, die selber noch nicht so gut Deutsch könnten, die Angst nehmen, daran teilzunehmen.
«Ich bin überzeugt vom grossen Nutzen der Schlüsselpersonen.»
Berty Zeiter (ALG), Sozialvorsteherin, Baar
Es gehe auch darum, ihnen zu erklären, wie das Schulsystem funktioniere. Damit man möglichst schnell und gut die Kinder von Migranten integrieren könne. «Haben wir das geschafft, haben wir schon viel erreicht.» Integrierte Kinder könnten wiederum auch ihren Eltern helfen.
Berty Zeiter: «Stehe voll dahinter»
Die Schlüsselpersonen würden eigentlich Informationen über öffentliche Dienstleistungen und Zusammenhänge in ihre kulturellen Gemeinschaften hineintragen, erklärt Clemens Eisenhut. Im Mittelpunkt stünden Deutschkurse, die Frühförderung sowie Möglichkeiten zur Bildung oder zur Arbeit. Manchmal sei auch die Unterstützung bei einem Behördengang angezeigt. «Es sind keine eigentlichen Dolmetscher», sagt der Abteilungsleiter, «jedoch arbeiten solche ebenfalls für uns.»
Was Gemeinderätin Zeiter nicht versteht, ist der Vorwurf, dass Baar die Schlüsselpersonen auf Vorrat aufbiete. «Die werden nur aktiv, wenn es einen Grund dafür gibt.» Generell sollten sie weniger gut intregierten Leuten in ihren Gemeinschaften deutlich machen, welchen Nutzen eine Integration in die Schweizer Gesellschaft hat, «die sie ja selber schon erfolgreich durchlaufen haben», sagt Zeiter. «Ich bin überzeugt von ihrem grossen Nutzen und stehe voll hinter diesem Konzept.»
Kanton vermittelt Subventionen
Die Kulturvermittler sind nicht unentgeltlich tätig. Sie erhalten aufgrund einer Vereinbarung mit der Gemeinde eine Stundenentschädigung. Im 2018 waren sie durchschnittlich je dreieinhalb Stunden monatlich im Einsatz, wie Eisenhut darlegt. Überschlagsmässig lässt sich von einer gesamten jährlichen Lohnsumme von 17’000 Franken ausgehen, die in Baar anfällt – der Stundenansatz liegt also bei 50 Franken.
Den Lohn bezahlt zur Hälfte der Bund im Rahmen der spezifischen Integrationsförderung. Andernorts bezahlen auch die Kantone einen Teil der Kosten – in Zug übernimmt der Kanton einzig die Koordination und Vermittlung, damit die Gemeinden an die Bundesgelder gelangen können, die andere Hälfte – 25 Franken – berappt Baar.
Risch hat 14 Kulturvermittler
Neben Baar setzt im Kanton Zug auch Risch auf Kulturvermittler – insgesamt 14 an der Zahl. Vermittelt werden ähnliche Infos, vom Sprachangebot steht in Risch Türkisch, Kurdisch und Serbokroatisch nicht im Angebot, dafür sprechen die Schlüsselpersonen in Rotkreuz noch Englisch, Italienisch und Spanisch.
Kulturvermittler sind auch in grossen Städten wie Zürich unterwegs – aber längst nicht nur. In der Zentralschweiz setzen etwa die Gemeinden Sursee, Küssnacht am Rigi oder Goldau auf solche Schlüsselpersonen. Andere Kommunen finden andere Wege der Vermittlung – die Stadt Zug etwa setzt auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Fachstelle Migration.