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Dante Alighieris Gastmahl hat mit demjenigen von Platon nichts zu tun. (Platon war im Mittelalter sowieso praktisch unbekannt; was man von ihm kannte, war meist durch Aristoteles vermittelt – den selber man nicht im originalen Griechisch las, sondern in lateinischen Übersetzungen.) Eigentlich hatte ich im Sinn, das ganze Gastmahl, also vier Bücher, in einem einzigen Aperçu zu besprechen. Es wäre aber zu viel Material gewesen; gerade das erste Buch unterscheidet sich fundamental von den andern drei.
Dante gibt sich im Gastmahl als Lehrer und Gastgeber. Er will den Laien, die keine Zeit haben, Vorlesungen an der Universität zu hören, die vielleicht nicht einmal Latein verstehen, gewisse grundlegende philosophische Themen nahe bringen. Dante spielt im Grunde genommen ein gewagtes Spiel. Seitdem er aus Florenz vertrieben ist, führt er de facto das Leben eines fahrenden Minstrel. Mit Texten wie diesem aber erhebt er sich über die Masse der übrigen Minstrel, die ihr Auskommen in einem reinen ‚Delectare‘ suchen, während er, Dante, das Gewicht aufs ‚Prodesse‘ legt. Er spielt sich zum Lehrer auf, obwohl er über keine – akademische – Lehrbefugnis verfügt. Ausserdem spielt er sich zum – wenn auch nur virtuellen – Gastgeber auf; er, der selber nur Gast ist, dem das nötige Einkommen fehlt, um Hof halten zu können. Last but not least lehrt er die Philosophie in Form von Erklärungen eigener Canzone.
Dante handelt nicht ganz ohne antike Vorbilder. Dazu gehören – neben dem omnipräsenten Aristoteles und dessen ebenso omnipräsenten Kommentatoren Albertus Magnus und Thomas von Aquin – vor allem Cicero und Boëthius, auf die Dante sich immer wieder bezieht. Cicero war in seinen Briefen an Freunde einer der grossen Populisatoren der Philosophie, Boëthius in seiner Consolatio Philosophiae. Beide wurden dies, weil sie darauf hinwiesen, welchen (zusätzlichen) Halt auch der Laie in der Philosophie finden konnte. Ziel des Philosophierens von Dante Alighieri ist es im Übrigen, zu beweisen, dass die Dame, die er in seinen Canzone besungen hat, nicht jene längst verstorbene Beatrice aus Fleisch und Blut ist, sondern eben die Dame Philosophie. Zumindest im persönlichen Bereich müssen wir Dante wohl recht geben: Es scheint, als habe die Beschäftigung mit der Philosophie dem ex-Florentiner tatsächlich über Exil und Tod seiner Geliebten hinweg geholfen.
Das Gastmahl ist auf Italienisch geschrieben und entstand noch vor der Beredsamkeit in der Volkssprache. Wir finden also gewisse Themen von dort wieder, in einer früheren und manchmal roheren Form. So ist z.B. die Erklärung, warum er, Dante, auf Italienisch sein Werk erkläre und nicht auf Latein, die, dass das Italienische die Sprache seiner Dichtung ist, weil es seine Muttersprache sei, und dass er deshalb italienische Gedichte auf Italienisch expliziere, weil nur in der Muttersprache das Verständnis für Gedichte in der Muttersprache voll und ganz vorhanden sei. (Der Vergleich stammt nicht von Dante: Wie bei einem Puzzle fügt sich nur die Explikation in Muttersprache an das Gedicht in Muttersprache.)
Das Gastmahl ist auf Italienisch geschrieben und deshalb auch und gerade dem Laien zugänglich. Dante wendet sich sogar explizit an ein Publikum aus Männern und Frauen, was – denkt man heute – für das Mittelalter eigentlich eine Sensation gewesen sein muss. Immerhin hat Augustin den Mann explizit als der Frau überlegen definiert; Thomas von Aquin hat das mit der Lehre von der Erbsünde verknüpft und die Frage, ob die Frau Wissenschaft und Weisheit lehren könne, ebenso explizit verneint. Dass die Frauen als Wissensvermittlerinnen, auch in der Philosophie, dennoch eine grössere Rolle gespielt haben, als man heute traditionellerweise vermutet, liegt daran, dass es neben der scholastisch-lateinischen Tradition des Philosophierens immer auch ein Philosophieren in der Landessprache gab. Dieses Philosophieren nahm seine Anregungen sehr wohl von den gelehrten Diskussionen an den Universitäten, übernahm dessen Methoden und Logik – aber statt der Bibel wurden z.B. Texte der Landessprache interpretiert. Dante ist in diesem Zusammenhang vor allem einer der ersten, der das Philosophieren in Landessprache schriftlich tat.
Dante will Gastgeber sein – zugleich aber versucht er wie Jesus die Händler aus dem Tempel zu vertreiben. Dantes Händler sind die Minstrels, die – um des schnöden Mammons willen – ihre Werke auf Provenzalisch verfassen. Provenzalisch, die Langue d’Oc, war zu Dantes Zeit in Italien die Sprache der Literatur. Wer Gedichte verfassen wollte, tat dies auf Provenzalisch. An den italienischen Höfen war Provenzalisch die erste Fremdsprache. Dante wettert gegen diese Mode auch aus sprachphilosophischen Gründen. Gerade, wenn es um Gefühle gehe, sei doch nur die Sprache ganz adäquat, könne nur die Sprache ganz genügen, die man von Kindesbeinen auf gelernt habe. Einmal mehr kommt einem die Analogie zu einem Puzzle in den Sinn, wo sich nur der muttersprachliche Ausdruck voll und ganz (und sanft!) an die Realität anschmiegen kann – jedes andere Teil nur mit Gewalt.
Im ersten Buch hat Dante den meta-theoretischen Boden gelegt für sein Gastmahl. Er wird im Folgenden pro Buch eines seiner Canzone explizieren. Geplant war eine Explikation von 14 Canzone; ausgeführt hat Dante dann drei.
Dante Alighieri: Das Gastmahl. Erstes Buch. Italienisch – Deutsch. = Philosophische Werke 4/I. Herausgegeben unter der Leitung von Ruedi Imbach. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1996.