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Bei manchen Filmen ist es ratsam, den historisch-politischen Kontext zumindest ansatzweise zu kennen. So auch bei diesem. Azor spielt im Jahr 1980, also zu Zeiten der Militärdiktatur, die zwischen 1976 und 1983 Argentinien beherrschte - unter anderem auch während der Fussball-WM 1978, auf die im Film ebenfalls verwiesen wird. Ein Schreckensregime, bei dem Tausende von politischen Gegnern auf mysteriöse Art und Weise «verschwanden», das heisst eliminiert wurden.
Verschwunden ist auch René Keys, die heimliche Hauptperson des Filmes, die tatsächlich nie auftaucht. Keys spielt sozusagen die Rolle von Colonel Kurtz aus Apocalypse Now, dem Film, von dem sich Azor unzweifelhaft hat inspirieren lassen. Schimmern die Parallelen zum Vorbild am Anfang noch sachte durch, werden sie immer offensichtlicher, als Bankier De Wiel gegen Ende des Filmes auf einem Flussboot durch den Urwald tuckert. Der Film hat aber noch andere stilistische Vorbilder aus einer ähnlichen Zeit. Und zwar erinnert er an italienische oder französische Politthriller aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wie beispielsweise Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, Espion, lève-toi oder Cadaveri eccellenti.
Dies verleiht Andreas Fontanas Film durchaus eine gewisse Grandezza. Allerdings fehlt ihm im Vergleich dazu zweierlei: zum einen ein charismatischer Hauptdarsteller, wie es Lino Ventura oder Gian-Maria Volonté in den besagten Filmen waren - mit diesen beiden Charakterköpfen kann der eher blasse Fabrizio Rongione nicht ganz mithalten; zum anderen aber auch ein einprägsamer Score, wie beispielsweise diejenigen von Ennio Morricone in den beiden erstgenannten Vergleichsfilmen. Zwar erinnert die minimalistische Synthie-Musik von Paul Courlet zuweilen sachte an den vor einem Jahr verstorbenen Grossmeister der Filmmusik, jedoch geht ihr dessen unverkennbare Prägnanz ab, die dem Publikum auch durch eher zähe Filme half.
Und so wird dieses Stück zwischendurch zu einer argen Geduldsprobe. Denn es besteht hauptsächlich daraus, dass Protagonist De Weil mit mächtigen Personen vertrauliche Unterredungen führt. Und diese mächtigen Männer deuten in kryptischen Andeutungen Unheilvolles an. Bei diesem Thriller findet die eigentliche Action ausserhalb der Kamera statt. Man kann nur erahnen, was sich wohl hinter deren Worten verbirgt.
Und trotzdem ist das Ganze nicht ohne Reiz, auch dank der Aussstattung. Das Argentinien aus dem Jahr 1980 gibt der Film durchaus stylisch wieder. In fünf Kapitel aufgeteilt, leuchtet er die Abgründe eines korrumpierten Landes aus. Und das hat durchaus Nachhall. Azor ist nicht einfach zugänglich, doch es lohnt sich, ihn ein zweites Mal zu schauen.