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Der Beitrag fragt nach dem Umgang mit Zeit, nach der Diskursivität von Zeit in der Geschichtsschreibung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Seit Anbruch des digitalen Zeitalters ist immer wieder von einer radikalen Transformation der Zeitregime die Rede. «Präsentismus», «Beschleunigung» und «Krise der Zukunft» sind einige der Formulierungen zur Beschreibung dieser Veränderungen. Ist die Zeit wirklich aus den Fugen geraten? Die 8. infoclio.ch-Tagung thematisiert Zeitvorstellungen in einer historischen Perspektive und fragt nach den Auswirkungen der digitalen Medien auf die Zeitregime.
Der Beitrag fragt nach dem Umgang mit Zeit, nach der Diskursivität von Zeit in der Geschichtsschreibung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Der Beitrag fragt nach dem Umgang mit Zeit, nach der Diskursivität von Zeit in der Geschichtsschreibung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zeit als Wahrnehmungsmuster beeinflusst Modi und Ausformungen der Konstruktion von Erinnerung – von Geschichtsschreibung wie von anderen Erinnerungsmodi –, während letztere ihrerseits Zeitkonzeptionen und Deutungen von Zeit strukturieren und festschreiben. Es sollen Wege der Tiefenanalyse des Funktionierens von Erinnerungsdiskursen mit speziellem Blick auf die Geschichtsschreibung aufgezeigt werden, wobei ein dreifacher Fokus verfolgt wird: auf diskursive Dimensionen, welche Zeitwahrnehmung und Zeitdeutung zum Ausdruck bringen, auf deren Konstruktionslogiken sowie auf die Narrativität von Zeit, Geschichte und Gedächtnis.
Die europäische Erfindung der Zeit und die Eroberung aussereuropäischer Räume gingen ab dem 18. Jahrhundert Hand in Hand.
Die europäische Erfindung der Zeit und die Eroberung aussereuropäischer Räume gingen ab dem 18. Jahrhundert Hand in Hand. Dies führte zu einer spezifischen Form des kolonialen Denkens, die der deutsch-amerikanische Anthropologe Johannes Fabian vor etlichen Jahren als die „Verweigerung der Gleichzeitigkeit“ beschrieben hat. Während europäische Gesellschaften die Gegenwart, die Kultur, die Moderne und den Fortschritt verkörperten, wurden kolonisierte Gesellschaften als Repräsentantinnen und Repräsentanten einer europäischen „Urvergangenheit“ wahrgenommen. Sie lebten angeblich in einem Zustand Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Rückständigkeit und des Stillstands.
In meinem Vortrag zeige ich anhand der „Entdeckung“ der Pfahlbauer in den 1850er Jahren, wie die „Verweigerung der Gleichzeitigkeit“ die Anfänge der wissenschaftlichen „Urgeschichte“ in der Schweiz formte und ihre Entwicklung bis ins 20. Jahrhundert mitgestaltete.
Wireless telegraphy and synchronisation of time. A transnational perspective
This paper, based on unpublished documents of the International Telecommunication Union’s archive and radio amateurs' magazines, discusses the multiform
This paper, based on unpublished documents of the International Telecommunication Union’s archive and radio amateurs' magazines, discusses the multiform relationships between wireless telegraphy and time at the beginning of the 20th century. Specifically, it aims to analyze how time synchronization and wireless telegraphy depend on and refer to each other, explicitly and implicitly.
First, wireless became an essential infrastructure for time synchronization, when in 1912 the International Time Conference inaugurated the network of signaling stations with the Eiffel tower. Second, radio time signals brought forward the development of wireless and became one of the first widely accepted forms of radio broadcasting. Finally, this relation between time and wireless later evolved in new unforeseen applications that led to the development of other technologies, such as aviation and seismology. In conclusion, wireless generated new ideas, affected different technological fields, and changed the perception of distance and time.
Noch um 1800 existierten in der Schweiz unterschiedliche Zeitstrukturen: Die Zeitangabe bei der Einladung zu einem Treffen in Bern am 14. Oktober um 09.30 Uhr hätte für jemanden aus Lugano, Zürich, Genf oder Basel nicht den gleichen Zeitpunkt bezeichnet.
Noch um 1800 existierten in der Schweiz unterschiedliche Zeitstrukturen: Die Zeitangabe bei der Einladung zu einem Treffen in Bern am 14. Oktober um 09.30 Uhr hätte für jemanden aus Lugano, Zürich, Genf oder Basel nicht den gleichen Zeitpunkt bezeichnet. Je nachdem, ob sich jemand nach der italienischen Zeit, der wahren Lokalzeit, der mittleren Lokalzeit, der Berner Zeit oder der mitteleuropäischen Zeit gerichtet hätte, wäre er oder sie zu einem anderen Zeitpunkt zur Veranstaltung in Bern erschienen. Die Zeit war an astronomische Phänomene gekoppelt, die je nach Ort unterschiedlich waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts mussten die unterschiedlichen Tageseinteilungen und Stundenzählungen einem einheitlichen System Platz machen. Verantwortlich dafür waren die zunehmende gesellschaftliche Verdichtung und die internationale Verflechtung. Seit 1894 richtet sich die Schweiz nach der mitteleuropäischen und damit nach der gleichen Zeit. Seither bestimmt nicht mehr ein auf die Schweiz bezogenes astronomisches Phänomen die Zeitordnung in der Schweiz, sondern eine internationale Übereinkunft.
Le processus de synchronisation est généralement attribué à la mise en place de réseaux infrastructurels au cours de la deuxième moitié du XIXe siècle. Télégraphie et chemins de fer mettent en évidence les particularismes du temps local, qui imposent une uniformisation nationale et internationale.
Le processus de synchronisation est généralement attribué à la mise en place de réseaux infrastructurels au cours de la deuxième moitié du XIXe siècle. Télégraphie et chemins de fer mettent en évidence les particularismes du temps local, qui imposent une uniformisation nationale et internationale. En Suisse, la création de l’Observatoire chronométrique de Neuchâtel en 1858, la communication électrique de l’heure et la multiplication des horloges publiques investissent et transforment le territoire. Pourtant, il y a une autre forme technique qu’il faut interroger pour comprendre le processus de synchronisation : la portabilité des garde-temps. Forme individuelle de la consommation du temps, la montre connaît des changements importants au cours de la deuxième moitié du XIXe siècle. La forte augmentation de la production de pièces à bon marché et la délocalisation de la montre de la poche au poignet entraînent une diffusion sociale des nouveaux gestes du contrôle individuel du temps. La montre devient ainsi le relais d’une synchronisation par laquelle l’individu intériorise les contraintes et les représentations liées à une nouvelle économie du temps.
Zeit spielt im Infomanagement vor allem im Konzept des Lebenszyklus von Akten eine entscheidende Rolle. Akten bzw. Unterlagen eignet eine eigene Lebenszeit: eine Akte wird angelegt, laufend bearbeitet, nach Abschluss des
Zeit spielt im Infomanagement vor allem im Konzept des Lebenszyklus von Akten eine entscheidende Rolle. Akten bzw. Unterlagen eignet eine eigene Lebenszeit: eine Akte wird angelegt, laufend bearbeitet, nach Abschluss des Geschäfts noch gelegentlich konsultiert bevor sie dann archiviert oder vernichtet wird. Akten haben mitunter eine Art Nachleben, wenn sie als Archivgut ganz neue Verwendungszwecke jenseits ihres ursprünglichen Verwendungszweckes und Entstehungskontextes erfahren oder diesen in komplett neuem Licht beleuchten. Akten eignet zugleich aber auch eine Vorzeitigkeit, wenn sie in Ordnungssystemen (früher Registraturplänen) nicht nur einen prägenden Informationskontext erhalten, sondern wenn sie darüber hinaus (als nicht oder archivwürdig) bewertet werden, bevor sie überhaupt entstanden sind. Über die Existenz(weise) von Unterlagen entscheiden Informationsmanager, bevor es Unterlagen überhaupt gibt. Informationsmanagement figuriert dann eine komplexe Zeitlichkeit, in der drei Zeitschichten miteinander interagieren: eine Lebenszeit der Akten, die durch ihren Stellenwert in einem Ordnungssystem präfiguriert ist, und ein Nachleben der Akten, dass weniger von der Lebenszeit der Akten, als vielmehr von einer Bewertung bestimmt ist, die der Existenz von Akten vorausgeht. Archivgut verkörpert dann eine veritable Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Dieses komplexe Zeitsystem bewirkt zudem, dass die Aktenproduzierenden sich in ihrer Gegenwart immer auch schon in einer künftigen Vergangenheit sehen und somit potentiell alle Überreste zu Traditionsquellen werden.
Cette communication se veut une réflexion cherchant à comprendre comment les techniques ont modifié le rapport de l’humain à la temporalité, notamment en direction d’un sentiment d’accélération du temps à partir de l’époque contemporaine.
Cette communication se veut une réflexion cherchant à comprendre comment les techniques ont modifié le rapport de l’humain à la temporalité, notamment en direction d’un sentiment d’accélération du temps à partir de l’époque contemporaine. La temporalité est prise ici sous les diverses instances du rapport de l’homme au temps, aussi bien dans sa partie impensée – les pratiques mises en œuvre dans la sphère d’utilisation d’une techné – que dans sa partie symbolique : les conceptions temporelles qui en accompagnent l’utilisation, telles que les idées de progrès ou de perspective, les utopies ou les modèles de la mémoire.
Pour cela, j’analyserai et mettrai en relation entre eux différents schèmes temporels dans lesquels l’emploi d’une techné aboutit à modifier le rapport de ses utilisateurs au temps : le rapport entre le nouveau et l’ancien, créateur d’irréversibilité ; le temps d’établissement d’une technè dans la société, sa durée de vie, etc.
Enfin, je m’interrogerai également sur les modifications des structures cognitives liées à l’utilisation de certaines techné et pour cela j’utiliserai d’autres indicateurs temporels tels que la perception de l’horizon temporel des acteurs durant l’histoire, les postures émotionnelles, de l’euphorie à la révolte face à de nouvelles technès ; ou encore la perception du temps dans l’histoire, de la lenteur à la vitesse.
Die "Schatzfund-Horizonte" in der römischen Schweiz des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurden lange als Zeugen von Alamannen-Einfällen gedeutet. Perioden mit wenigen Münzfunden galten als Belege für deren zerstörerische Überfälle, die ganze Landstriche entvölkert hatten.
Die "Schatzfund-Horizonte" in der römischen Schweiz des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurden lange als Zeugen von Alamannen-Einfällen gedeutet. Perioden mit wenigen Münzfunden galten als Belege für deren zerstörerische Überfälle, die ganze Landstriche entvölkert hatten. Heute zeichnen Archäologen und Numismatiker ein differenzierteres Bild.
Was ist ein Schatzfund, ein Hort? Wie wird er datiert? Warum werden solche angesammelt, dem Boden anvertraut und nie mehr gehoben? Warum liegen gerade aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. so viele Horte vor? Anhand der Methoden der archäologischen Numismatik soll aufgezeigt werden, wie Münzen als archäologische Quelle interpretiert werden und welche Rückschlüsse sie auf die historische und wirtschaftshistorische Entwicklungen des 3. Jahrhunderts erlauben.
Seit Einführung der Kulturtechnik Schrift schreibt sich die symbolische Ordnung von Zeit in Form diskreter Zeichern, doch der narrative Gestus von Historiographie hat diese Konfiguration lange zugunsten von Kontinuitätseffekten verdeckt.
Seit Einführung der Kulturtechnik Schrift schreibt sich die symbolische Ordnung von Zeit in Form diskreter Zeichern, doch der narrative Gestus von Historiographie hat diese Konfiguration lange zugunsten von Kontinuitätseffekten verdeckt.
In Zeiten der Digital Humanities kommt es nicht nur zu einer Algorithmisierung Kleios, resultierend in nonlinearen Zeitsprüngen; induziert durch technologische Speicher- und Kommunikationsmedien zeichnen sich grundsätzliche Alternativen zum (im doppelten Sinne) "historischen" Zeitbewußtsein zugunsten einer Pluralität anderer Figuren dynamischer Prozessualität ab. Neben historiographische Vorstellungen von Zeitordnungen tritt die diagrammatische Konstruktionen alternativer Temporalitäten. Aus aktueller Perspektive sind dies die Figuren der Programmierung: Schleifen, Rekursionen.
Auf der Spur anderer Zeitverhältnisse schreibt sich archäographische Signalzeit und Historiogramme.
Geschichtswissenschaftliche Forschung verliert demgegenüber das diskursive Primat der Definition emphatischer Zeit, bleibt aber im Reigen der techno-kulturellen Chronopoetik ein notwendiges, codekritisches Korrektiv.
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Les interfaces numériques sont chaque jour optimisées pour proposer des navigations sans frictions dans les multiples dimensions du présent.
Les interfaces numériques sont chaque jour optimisées pour proposer des navigations sans frictions dans les multiples dimensions du présent. C’est cette fluidité, caractéristique de ce nouveau rapport à l’enregistrement documentaire, que les Digital Humanities pourraient réussir à reintroduire dans l’exploration du passé. Un simple bouton devrait nous permettre de glisser d’une représentation du présent à la représentation du même référent, il y a 10, 100 ou 1000 ans. Idéalement, les interfaces permettant la navigation dans le temps devraient pouvoir offrir la même agilité d’action que celle nous permettent de zoomer et des zoomer sur des objets aussi larges et denses que le globe terrestre. La recherche textuelle, nouvelle porte d’entrée de la connaissance depuis le le XXIe siècle devrait pouvoir s’étendre avec la même simplicité aux contenus des documents du passé. La recherche visuelle, second grand moment de l’indexation du monde et dont les premiers résultats commencent à s’inviter sur la quotidienneté de nos pratiques numériques, pourrait être la clé de voute de l’accès aux milliards de documents qu’il nous faut maintenant rendre accessible sous format numérique. Pour rendre le passé présent, il faudrait le restructurer selon les logiques des structures de la société numérique. Que deviendrait le temps dans cette transformation ? Une simple nouvelle dimension de l’espace ? La réponse est peut-être plus subtile.
Am 14. Oktober 2016 fand im Progr in Bern die mittlerweile 8. infoclio.ch-Tagung statt. Die hochkarätigen Rednerinnen und Redner referierten vor rund 50 Teilnehmenden zum Thema 'Zeitregime und Geschichtswissenschaften' und zeigten dabei in sehr unterschiedlichen Beiträgen, dass mit der Synchronisation und Koordination verschiedener Zeitsysteme zu einem einheitlichen Zeitregime gleichzeitig auch neue Asynchronitäten und Inkompatibilitäten entstanden.1
Die Tagung wurde von ENRICO NATALE, dem Leiter von infoclio.ch, eröffnet. In der ersten Session 'Aufstieg und Niedergang des modernen Zeitregimes' stellte FRANZISKA METZGER (PH Luzern) die 'Diskurse der Zeit in der Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert' vor. In ihrem medientheoretischen Vortrag zeigte sie die Verschiebung von einer eindimensionalen Entwicklungsvorstellung zum Verständnis einer temporalen Mehrschichtigkeit der Zeit in der Geschichtsschreibung auf. Noch in der Sattelzeit um 1800 sei ein Metadiskurs um die zeitliche Kontinuität von Vergangenheit in der Gegenwart als Vorstellung einer zusammenhängenden und fortschreitenden Entwicklung geführt worden. Gegen Ende des 19. Jh. seien dann die im Rahmen der Nation oder anderen Gemeinschaften geführten sakralisierenden, homogenisierenden und gleichzeitig exkludierenden Masterdiskurse durch Fortschrittskritik und Krisendiskurse aufgebrochen worden. Folglich hätte sich in der Geschichtsschreibung ein Verständnis entwickelt, wonach die von ihr verwendeten narrativen Muster selbst Zeitkonfigurationen hervorbringen würden. Metzger wies auf vier Mechanismen hin, die temporale Diskurse in der Geschichtsschreibung strukturieren und modellieren würden: die Kontinuitätskonstruktion mit kontinuierlichen, zielgerichteten historischen Narrativen; die Synchronisierung von Zeit durch Überblendung von unterschiedlichem Vergangenem und Gegenwärtigem; die Entzeitlichung durch Präsenz von Vergangenem, beispielsweise durch das Verbinden von verstorbenen Personen mit der heutigen Zeit. Aus dieser Verschränkung von Raum und Zeit entstehe schliesslich der Effekt der Mythisierung.
BERHARD SCHÄR (ETH Zürich) bettete in seinem Vortrag 'Pfahlbauer auf Sulawesi. Wissenschaft und koloniales Zeitregime in der Schweiz' die Erfindung der Zeit im 19. Jh. in den imperialen Kontext ein und zeigte die enge Verknüpfung der Zeitvorstellungen mit den Naturwissenschaften und der Paläontologie. Mit dem Aufkommen neuer Entwicklungstheorien, etwa Darwins Evolutionstheorie, ging eine Veränderung von einer biblischen zu einer säkularisierten Zeitvorstellung einher, die sich an den Wissenschaften orientiert und in der die Menschheitsgeschichte viel weiter zurückreicht. Ausgehend von zwei Basler Forschungsreisenden, die im späten 19. Jh. ein Dorf in Sulawesi mit einer schweizerischen Pfahlbausiedung verglichen, ging Schär der Frage nach, wie das Wissen über die Pfahlbauer produziert worden ist. Die Objekte aus den Pfahlbauentdeckungen wurden in den 1850er Jahren systematisch mit den Sammlungsobjekten verglichen, die die Forschungsreisenden aus der ganzen Welt in die Schweiz gebracht hatten. Steine, Pflanzen, Tiere und ethnographische Objekte sollten in den Natur- und Völkerkundemuseen jener Zeit die Pluralität der Welt repräsentieren und als Forschungsobjekte dienen. Basierend auf der Annahme, dass alle Gesellschaften dieselbe lineare Entwicklung durchlaufen, sich aber in unterschiedlichen Stadien befinden würden, liessen sich die Pfahlbauforscher bei der Interpretation der Entdeckungen zudem von den Darstellungen der Forschungsreisenden über die aussereuropäischen Gesellschaften inspirieren. Dabei hätten die Forscher aus einer kolonialistischen Sichtweise argumentiert, die den Westen technisch und zivilisatorisch als fortschrittlicher betrachtete. Schär hat in seinem Vortrag gezeigt, dass die schweizerische Pfahlbauforschung des 19. Jh. Teil eines internationalen imperialistischen Wissenschaftsdiskurses war, der seinerseits wieder auf die Positionierung des Westens zurückgewirkt hat. Besser nachvollziehbar wurden Schärs Ausführungen nach dem Beitrag von Gabriele Balbi und Maria Rikitianskaia sowie dem Referat von Jakob Messerli.
Über 'Wireless telegraphy and synchronisation of time. A transnational perspective' sprach MARIA RIKITIANSKAIA (Universität der Italienischen Schweiz). GABRIELE BALBI (ebendort) ergänzte mit einer kurzen Einleitung und einem Schlusswort ihre Ausführungen. Rikitianskaia erläuterte, wie die Vereinheitlichung und Koordination von Zeitsignalen in der Telegraphie der Normierung der Zeit zum Durchbruch verhalfen. Als Mediatoren hätten hauptsächlich die Uhrenmacher fungiert, weil sie die internationalen Zeitsignale in ihr Produkt – die Uhr – implementierten. Familien sassen zusammen, um gemeinsam ihre Uhren nach den per 'Radio' übertragenen Zeitsignalen auszurichten. Aviatik, Meteorologie, Seismologie oder Alarmierungsprozesse waren auf diese einheitlichen Zeitsignale angewiesen und forcierten die Normierung der Zeit.
JAKOB MESSERLI (Bernisches Historisches Museum) lieferte mit seinen Ausführungen darüber, 'Wie die Schweiz auf die gleiche Uhrzeit kam', quasi die Vorgeschichte zu Rikitianskaias Vortrag – zumindest was die Schweiz anbelangt. Seinen Fokus legte er auf die Zeit, die als astrologisches Phänomen mit gesellschaftlich (unterschiedlich) festgelegter Einteilung aufzufassen ist. Messerli stellte die verschieden und voneinander teils erheblich abweichenden 'Standardzeiten' vor, die im 19. Jh. zur Unterteilung eines Tages verwendet wurden: die italienische Zeit (nur im Tessin), die ‚wahre’ und die mittlere Zeit, die Berner und Pariser Zeit sowie die vielen lokalen Standardzeiten. Unterschiedliche Zeiteinteilungen waren unproblematisch, so lange die Kommunikation langsam war. Die Verbreitung von Telegraphie, Eisenbahn und Taschen- oder Armbanduhren sowie die immer stärkere Einbindung der Schweiz in einen internationalen Wirtschaftsraum erforderte 1884 schliesslich die Standardisierung mit der International Meridian Conference in Washington D.C. In der Schweiz wurde erst 1980, mit der Einführung der Sommerzeit, die geltende Zeit gesetzlich geregelt.
Auch im Vortrag 'L'avènement de la synchronisation entre demande et production du temps' von GIANENRICO BERNASCONI (Universität Neuenburg) war die Synchronisation und Koordination der Zeit das zentrale Thema, das inhaltlich vor allem an die Ausführungen von Rikitianskaia und Balbi anknüpfte. Für Bernasconi war das 19. Jh. deshalb wegweisend, weil die Zeit zu einem tragbaren und verkaufbaren Produkt wurde. Durch die neuen Möglichkeiten der Verwendung der transportablen Uhr und Zeitmessgeräte, etwa der Stempeluhr, sei der Mensch unter die Kontrolle der Zeit geraten, was mannigfaltige gesellschaftliche Auswirkungen mit sich brachte. Beispielsweise mussten Feierabend, Überstunden oder Ferien für Arbeitnehmer neu oder erstmals geregelt werden. Bernasconi wies anhand der vier Beispiele Militär, Eisenbahn, Billiguhr und Armbanduhr darauf hin, wie sich die Synchronisierung der Zeit allmählich durchsetzte und gegen Ende des 19. Jh. in den technisch hochentwickelten Ländern fast abgeschlossen war.
STEFAN NELLENs Referat, von ANDREAS KELLERHALS (beide Bundesarchiv) eingeleitet und abgerundet, galt dem Thema 'Informationmanagement as time production'. Zeitregime in der Verwaltung zeigen sich vor allem durch Aktenführung und Records Management als Instrumente permanenter Aktualisierung – jeder Verwaltungsakt produziert Akten als zentrales Produkt des Verwaltungshandelns. Fristen und Termine sind einzuhalten, was durch eine systematische, priorisierte, spezialisierte und chronologische Arbeitsweise ermöglicht wird. Schriftlichkeit sei dabei zwar ein terminsparendes (die Bearbeitung kann zu einem beliebigen Zeitpunkt erfolgen), aber kein zeitsparendes Hilfsmittel. Sie würde nur einen Zeitpuffer und damit eine Ungleichzeitigkeit schaffen. Weitere Hilfsmittel wie Registraturpläne und Records Management Systeme ermöglichen eine synchrone Verwaltungstätigkeit, in der die Akten und Informationen systematisch abgelegt und wieder gefunden werden können. Dabei fungieren die Hilfsmittel als Zeitmaschinen, die vorausschauend entscheiden, welche Informationen überhaupt und für wie lange archiviert werden.
Im Vortrag 'Société, instruments et temporalité' hat MARC RATCLIFF (Universität Genf) aufgezeigt, wie Instrumente und Techniken den Bezug der Menschheit zur Temporalität veränderten. Techniken sind gesellschaftliche und kognitive Konstrukte, deren Verbreitung in der Gesellschaft Zeit braucht. Bevor sich neue Techniken etablieren, muss die Gesellschaft erst ihre Nützlichkeit erkennen. Zudem können Innovationen auch Funktionen übernehmen, die der Erfinder nicht intendiert hatte. In der Weiterentwicklung einer Technologie wird deren Funktion selten fallen gelassen, sondern mit neuen Funktionen ergänzt. Die kurzlebige Technik des Gänsekiels wurde beispielsweise durch den praktischeren Füllfederhalter ersetzt, ohne dass sich dabei die Funktion verändert hat. Die Gründe für die Akzeptanz einer Technik seien häufig schwer nachvollziehbar. Die Nützlichkeit des Mikroskops etwa wurde erst über 200 Jahre nach dessen Erfindung von der Wissenschaft erkannt und diese Technik fortan als Instrument in der breiteren Gesellschaft verwendet. Neue Technologieformen nehmen zwar exponentiell zu, aber die Entwicklung gehe tendenziell von langlebigen zu kurzlebigen Techniken; insbesondere Kommunikationstechnologien weisen sehr kurze Entwicklungsschritte auf. Je höher die Innovationsdichte einer Gesellschaft, desto kürzer seien die Lebenszyklen einer Technik.
Mit dem Vortrag '"Die Alamannen kommen!" – Numismatik des 3. Jahrhunderts n. Chr. und ihre Interpretation' zeigte RAHEL ACKERMANN (Inventar der Fundmünzen Schweiz) auf, warum historisch gewachsene Zeitkonstrukte immer wieder von neuem hinterfragt werden müssen. Noch immer wird an Schulen gelehrt, dass Fundmünzen aus dem 3. Jh. wie der Schatz von Ueken ein Beweis für einen 'Alamannensturm' auf die Schweiz in jener Zeit seien. Ackermann dekonstruierte diese Geschichtserzählung, indem sie die Zirkulationszeit von Münzen und die Gründe zum Vergraben von Horten differenziert in den Blick nahm. Münzen sind aus verschiedenen Gründen vergraben worden, nicht nur während Kriegen, sondern weil es keine Banken gab beispielsweise auch zum Sparen, zur Spekulation oder zum Schutz vor dem Zugriff der Erben. Auch die Geldpolitik des 3. Jh. verleitete manchen, der es sich leisten konnte, Münzen zu vergraben, in der Hoffnung, die Silbermünzen hätten nur vorübergehend an Wert eingebüsst. Horte waren nichts Aussergewöhnliches und sind nicht zwingend auf eine kriegerische Auseinandersetzung zurückzuführen. Wenn Kriege nicht allein durch Schatzfunde belegt werden können, so bleibt auch die Geschichte des Alamannenstrums unhaltbar.
Dass selbst Begriffe wie Zeit oder Gegenwart problematisch sind, legte WOLFGANG ERNST zu Beginn seines Referats '"Algorithmisierte Klio“: Technische Chronopoetik versus klassische Geschichtszeit' dar. Mit dem Schlagwort 'post-contemporary' werde das Konzept der Zeitlichkeit im Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart selbst in Frage gestellt. Auch das Konzept der Zeit als dominanter Organisationform sei aufgrund der massiven Beschleunigung durch das Digitale nicht länger brauchbar – die Technik mache neue Zeitverhältnisse sichtbar. Die Medienarchäologie nimmt diese Zeitkritik auf und schlägt eine Identifizierung der mikrozeitlichen Ereignisse vor, die nur mit Begriffen aus der Elektrotechnik und der Informatik erfasst werden können. Mit einem Bündel von neuen Begriffen aus der Chronopoetik werden neue Zeitkonzepte beschreibbar, die nicht-linear verlaufen und auch Verkapselungen, Sprünge und Verschachtelungen fassbar machen. Für die Geschichtswissenschaft bedeute dies, Alternativen zum historischen Zeitbewusstsein zugunsten anderer Prozessualitäten zu finden. Da das Gehör das sensibelste Informationsorgan des Menschen ist, sei die Sonifizierung von grossem Interesse, denn mit dem Klang als Zeitform könnten die Einzelschwingungen eines Objekts in einen Frequenzbereich überführt (Jean Baptiste Fourier) und algorithmisch verarbeitet werden. Daraus entstehe die Maschinen- oder technische Zeit, die aber durch Zwischenspeicherungen in sich selbst zeitkritisch sei. Die Geschichtswissenschaft hat sich, so das Plädoyer von Wolfgang Ernst, mit den technischen Begriffen auseinanderzusetzen, die für ein neues Begreifen von Zeit hilfreich sind.
FRÉDÉRIC KAPLAN (Universität Lausanne) referierte über 'La modélisation du temps dans les Digital Humanities'. Die Modellierung und Virtualisierung der Welt ist als Algorithmisierung zu verstehen. Die Zeit habe darin jedoch ihren Platz noch nicht gefunden, was sich an der zunehmenden Inkompatibilität zwischen Darstellung von Gegenwart und Vergangenheit zeige. Beispielsweise suggeriert ein Bild von Google Maps den Ist-Zustand eines Gebäudes, obwohl dieses sich seit der Aufnahme verändert hat. Zum Entstehungsmoment sind aber keine Informationen vorhanden. Um die Vergangenheit zurückzugewinnen seien nicht nur archivierte Dokumente zu interpretieren, sondern Dokumente zu digitalisieren und gleichzeitig zu simulieren, um Lücken zu füllen. Im zweiten Teil stellte Kaplan den aktuellen Stand des Projektes 'Venice Time Machine' vor. Er zeigte, wie mit Netzwerk- und Textanalysen aus dem grossen Bestand an überlieferten und digitalisierten Dokumenten in venezianischen Archiven ein Quartier mit seinen Gebäuden, Personen, seinem Wirtschaftsbetrieben und anderen Institutionen virtualisiert und teilweise simuliert werden kann. Hier zeigt sich konkret, wie Informationen auf der Zeitachse und im Raum synchronisiert werden und welchen Nutzen sie für die Forschung und auch für Ausbildungsinstitute haben können.
Mit dem letzten Vortrag wurde die Tagung geschlossen. Leider wurden die sehr unterschiedlichen Beiträge nicht wie in vorangehenden Tagungen in einer Diskussionsrunde oder einem Podiumsgespräch zusammengeführt. Damit hätte der eine oder andere Zusammenhang zwischen den Referaten oder die thematischen Schwerpunkte hervorgehoben werden können – sodass die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, ob die Zeit wirklich aus den Fugen geraten sei, etwas leichter fallen würde.
Session 1: Aufstieg und Niedergang des mordernen Zeitregimes
Franziska Metzger, PH Luzern – Diskurse der Zeit in der Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert
Bernhard Schär, ETH Zürich – Pfahlbauer auf Sulawesi. Wissenschaft und koloniales Zeitregime in der Schweiz
Session 2: Das Zeitalter der Synchronisation
Gabriele Balbi et Maria Rikitianskaia, Università della Svizzera italiana – Wireless telegraphy and synchronisation of time. A transnational perspective
Jakob Messerli, Bernisches Historisches Museum – Wie die Schweiz auf die gleiche Uhrzeit kam
Gianenrico Bernasconi, Université de Neuchâtel - L’avènement de la synchronisation entre demande et production du temps (1850-1910)
Session 3: Informationsmanagement als Zeitproduktionsmaschine?
Andreas Kellerhals, Schweizerisches Bundesarchiv – Informationmanagement as time production
Marc Ratcliff, Université de Genève – Société, instruments et temporalité
Rahel Ackermann, Inventar der Fundmünzen der Schweiz – «Die Alamannen kommen!» - Numismatik des 3. Jahrhunderts n. Chr. und ihre Interpretation
Session 4: Temporalitäten der digitalen Medien
Wolfgang Ernst, Humboldt Universität, Berlin– «Klio digital»: Technische Chronopoetik versus klassische Geschichtszeit
Frédéric Kaplan, EPF Lausanne – La modélisation du temps dans les Digital Humanities