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Erkenntnisse aus der Schweizer GV-Saison 2022: Mehr Frauen im VR, höhere Management-Vergütungen, unklare ESG-Vergütungkriterien und mehr Druck auf die VRs
Wahlen von Verwaltungsräten (VR) machten erneut die Mehrheit (67%) der Traktanden mit dem höchsten Anteil Gegenstimmen der Schweizer Generalversammlungs (GV)- Saison 2022 aus. Der Fokus lag vor allem auf der individuellen Rolle von VRs, etwa als VR- oder Ausschussvorsitzende. Vorsitzende von Nominierungsausschüssen von Unternehmen mit einem Frauenanteil unter 30% im VR erhielten mehr als doppelt so viele Dagegen-Stimmen. Dies betraf 5 SMI- (2021: 11) und 51 (2021: 64) Nicht-SMI-Unternehmen mit weniger als 30% Frauen im VR. Die durchschnittliche VR-Vertretung von Frauen erreichte insgesamt 28,5% (34,4 % bei SMI-Unternehmen, die damit erstmals die 30 %-Hürde überschritten, und 27,0 % bei Nicht-SMI-Unternehmen).
Die Vergütungen der CEOs stiegen in den SPI100-Unternehmen im Durchschnitt um 27,3%, zurückzuführen auf höhere Bonuszahlungen, während das Einkommensverhältnis zwischen dem CEO und dem durchschnittlichen Mitarbeiter («Pay Ratio») von 24,4x auf 29,9x anstieg. Der Anteil SPI100-Unternehmen mit ESG-Kriterien in der Managementvergütung stieg von 24% in 2021 auf aktuell 47%, wobei diese Kriterien in fast 60% der Fälle unerklärt bleiben.
Weltweit haben die Investoren und die Stimmrechtsberater bei der Bewertung von Nachhaltigkeitsberichten oder -strategien mehr als doppelt so viele Dagegen-Stimmen/Empfehlungen abgegeben wie in den Vorjahren. Die Ergebnisse vergangener GVs sind daher möglicherweise ein schlechter Indikator für kommende Abstimmungen zum Nachhaltigkeitsbericht in der Schweiz.
Nicht-SMI-Unternehmen berichten zu ESG zunehmend nach dem GRI- (62%, gegenüber 52% im Vorjahr) und CDP-Standard (30%, gegenüber 14%). TCFD wurde nur bei den SMI-Unternehmen (85%, gegenüber 65% im Vorjahr) vermehrt eingeführt. Derzeit läuft noch die Vernehmlassung zur Verordnung des Bundesrates, TCFD als Standard für die Klimaberichterstattung zwingend einzuführen. Bei Nicht-SMI Unternehmen findet der TCFD-Standard offenbar aber nur wenig Rückhalt.
Die Analyse deckt die Ergebnisse der GVs der 100 grössten börsenkotierten Schweizer Unternehmen (SPI100) ab, die zwischen dem 1. Juli 2021 und dem 14. Juni 2022 stattfanden.
Barbara Heller ist Managing Partner bei SWIPRA Services, Mitglied des Verwaltungsrats und des Strategieausschusses der Graubündner Kantonalbank GKB (SIX:GRKP), Mitglied des Verwaltungsrats und Mitglied des Prüfungsausschusses der Andermatt Swiss Alps AG, Mitglied des Anlageausschusses der Transparenta Anlagestiftung, Vizepräsidentin des Swiss CFO Forum und Vorsitzende der Jury des Swiss CFO Award. Zuvor war Frau Heller Mitglied der Verwaltungsräte der Orascom Development Holding Ltd (SIX:ODHN) und der Bank Cler AG.
Christoph Wenk Bernasconi ist Partner bei SWIPRA Services. Er ist Gründungsmitglied der SWIPRA und verantwortlich für den wissenschaftlichen Ansatz von Projekten und Analysen. Er ist Mitautor der SWIPRA Considerations for Corporate Governance und des SFI Whitepapers zu Corporate Governance. Darüber hinaus ist er Senior Researcher und Lecturer am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich und Mitglied im ICGN Natural Capital Committee.