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Die nächsten Tage verbrachte Lena mit Muskelkater und Arbeit. Sie verbrachte einige Zeit am Schreibtisch des Typografen und lernte verschiedene Layoutmöglichkeiten kennen. Ihr schwante langsam, wie viel mehr hinter ihrem Traumjob Journalistin steckte. Wenn sie eine Geschichte plante, musste sie auch an die Bilder denken, mit der sie den Inhalt unterstreichen wollte und an die mögliche Aufmachung im Heft. Eine ungefähre Zeichnung für den Typografen war zwar nett, aber nicht wirklich professionell. Am Freitag recherchierte sie gerade die Möglichkeiten für den Helikopter-Rundflug, da wurde der Bildschirm himmelblau. «Mist», wollte sie gerade fluchen also eine Rose erschien und eine Einladung auftauchte. «Wir sehen uns um sieben in der Nähe vom Bahnhof Killwangen, in der Pizzeria «Testarossa». Die Internetseite mit den Helikopterflügen erschien wieder, die Einladung war verschwunden. Lena brauchte einen Moment, um zurückzufinden. Wie kam Oliver auf das Restaurant in ihrer Wohnungsumgebung als Treffpunkt? Wollte sie tatsächlich hingehen? Aber wenn sie ihn sitzen liess, wäre das unter Umständen fatal für die Arbeit? Also Abendessen. Lena blickte auf die Uhr, der Zug fuhr kurz vor sechs. Sie sah an sich herunter – Zeit sich zu Hause umzuziehen, blieb ihr nicht wirklich. Sie entschied sich, bis vier die Recherche zum Helikopter abzuschliessen und auf dem Weg zum Bahnhof noch in dem einen oder anderen Kleidergeschäft Halt zu machen.
Lena stand in der Umkleidekabine und stellte fast mit Verwunderung fest: Sie gefiel sich. Sie trug eine knallrote Jeans, ein schwarzes, ausgeschnittenes Oberteil mit einem Muster aus roten Pailletten und Ankle-Boots. Was Oliver wohl dazu sagen wird? Sie erschrak. Sie ging mit dem Techniker aus dem Büro essen und das erste, was sie sich überlegte war: Wie gefalle ich ihm? «Du siehst super aus. Und ob Oliver das auch findet, spielt keine Rolle», sprach sie sich selbst Mut zu. Lena rief nach der Verkäuferin. «Ich möchte die Sachen gleich anbehalten, wären sie so nett, die Etiketten in der Garderobe zu entfernen?». Die Dame nickte und verschwand wieder. Lena bezahlte, packte ihre Bürokleider in die erhaltene Tasche und machte sich auf Richtung Bahnhof. Doch die Auslage de Schmuckladens in der Unterführung bremste sie noch einmal. Da leuchteten ihr zwei kleine rote Strassblumen entgegen. Sie sah auf die Uhr. Dafür war noch Zeit. Keine zwei Minuten später trug sie die Ohrringe und spürte langsam Herzklopfen.
Auf dem Weg vom Bahnhof zur Pizzeria wurde der Puls stetig schneller. Sie sah ihn auf dem Parkplatz stehen und staunte. Der Mann mit der Bärengestalt trug zu den Jeans ein weisses Hemd und einen schwarzen Lederblazer – er sah gut aus. Oliver lächelte Lena entgegen. Er bot ihr seinen Arm als sie neben ihm angekommen war. «Wollen wir? Ich habe Hunger.» So betraten sie das «Testarossa». Die Speisekarte vor sich, schweifte Lenas Blick immer wieder ab. Wenn er ihre Neugier spürte, liess er sich nichts anmerken. «Haben sie sich schon entschieden?» Unbemerkt war der Kellner an den Tisch getreten. Oliver nickte: «Ja eine Diavola mit viel Knoblauch.» Lena nickte unwillkürlich. Oliver sah sie an. «Zweimal?» Sie wurde verlegen. «Zweimal. Und für mich einen grossen Ice-Tea.» «Für mich auch.» Lena war zu verwundert um anders zu reagieren. «Haben sie keine Angst mit einer Frau am Tisch zu sitzen, die eine Knoblauchfahne hat?» wollte sie wissen. «Nein nicht im Geringsten. Wenn sie doch Knoblauch mag.» «Warum Ice-Tea?» «Ich trinke nur wenig Alkohol. Vor allem nicht dann, wenn ich den Kopf bei der Sache haben sollte.» Er packte zwei Blätter Papier aus, voll mit Notizen. «Ist das etwa mein Artikel?» «Ja, ich habe doch versprochen, dass sie eine Rückmeldung von mir bekommen.» Lena lachte schallend. «Sie meinen das tatsächlich ernst. Das ist einfach wundervoll. Aber können wir das auf nach der Pizza und vor den Tiramisu verschieben? Ich habe Hunger. Und dann werde ich grantig, das könnte einer konstruktiven Zusammenarbeit im Wege stehen.» Oliver lächelte. «Ja das können wir verschieben.»
Als der Kellner die Pizzateller abgeräumt hatte, strich Oliver diskret über seine Notizblätter. Lena lachte: «Ja versprochen, erzähl mir, was du von meiner Geschichte hältst.» «Also der Text gefällt mir gut. Er ist sehr lebendig, es ist wie ein eigener Trip durch die Küche. Was ich komisch finde sind immer diese Mann-Frau Fragen.» «Mann-Frau Fragen?» «Ja. Wer kocht besser ein Mann oder eine Frau? Ich meine was heisst das überhaupt besser? Wer beurteilt das?» «Ich verstehe was du meinst. Aber in diesem Zusammenhang ist es keine feministische Frage. Carlos ist einfach in einem Alter, wo man seine eigenen Grenzen definiert - auch gegenüber dem anderen Geschlecht. Ich finde die Frage hat eher etwas Analytisches.» Oliver schwieg einen Moment und gab dann, immer noch nicht wirklich zufrieden zu: «Ja so kann man das sehen. Aber die Antwort von dem Koch fand ich auch doof.» Lena musste wieder lachen. «Glaub mir, das ist mir schon öfter passiert, dass mir die Antwort auf meine Fragen für einen Artikel nicht gefallen haben. Aber ich bin der Beobachter von Aussen. Ich bestimme den Inhalt eigentlich nur durch die Themenwahl und die Herangehensweise.» Oliver sah sie ernst an: «Das ist aber ein hoher Anspruch ans eigene Schreiben.» «Ich habe nicht vor Mittelmass zu sein.» Einen Moment schwiegen beide. Der Kellner unterbrach die Ruhe: «Wünschen sie noch ein Dessert?» «Tiramisu», kam es wie aus der Pistole geschossen. Oliver und Lena sahen sich an, diesmal lachten sie gemeinsam.