Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03480.jsonl.gz/649

„Die Mehrheit der StimmbürgerInnen in der Schweiz will das Vermögen vor dem Zugriff des Staates schützen und hat in den letzten Jahren entsprechende Entscheide an der Urne gefällt. So wurde die Vermögenssteuer reduziert. In vielen Kantonen wurde die Erbschaftssteuer für Ehegatten und Nachfahren in direkter Linie abgeschafft. Nach einer Nationalfondsstudie wird Erben als Privatsache und nicht als unverdientes Vermögen angesehen; 85% der Bevölkerung sehen diesbezüglich kein Gerechtigkeitsproblem. Ausserdem findet nur ein Viertel der Bevölkerung, dass es richtig sei, dass für Erbschaften Steuern zu bezahlen seien – und dies, obwohl ein Drittel der Bevölkerung beim Erben leer ausgeht und die obersten zehn Prozent drei Viertel der Gesamtsumme erhalten.
Die ungleiche Vermögensverteilung in der Schweiz wird bestehen bleiben; sie könnte sich wegen der Verminderung der Erbschaftssteuer noch verstärken. Mit der Bundesverfassung 1848 wurden alle Vorrechte abgeschafft. Ist die Schweiz daran, das „Vorrecht des Adels bei Geburt“ durch das „Vorrecht des Geldes bei Geburt“ zu ersetzen? Ist das ethisch gerechtfertigt? Die StimmbürgerInnen haben diese Frage beantwortet, jedenfalls auf kantonalem Niveau. Allerdings dürften viele dieser kantonalen Vorlagen auch angenommen worden sein, weil die StimmbürgerInnen befürchteten, die vermögenden SteuerzahlerInnen würden in erbschaftssteuerfreie Kantone abwandern.
Eine weitere Frage: Die Schweiz hat bekanntlich eine Bundessteuer mit starker Progression, was leistungshemmend wirkt. Diese Progression könnte erheblich gemildert werden, wenn eine Erbschaftssteuer eingeführt würde, um die Steuerausfälle zu kompensieren. Die Erbschaftssteuer ist unter dem Gesichtspunkt der materiellen Chancengleichheit und der Leistungsgerechtigkeit wohl eine „gerechtere Steuer“. Wieso soll eine Person dank der ihr automatisch zufallenden Vermögenswerte alle finanziellen Sorgen los sein, während die andere Person von einem solchen „Manna“ nicht profitieren kann und auch noch über die hohe Progression ihrer Einkommenssteuer geschröpft wird?“ (Interview mit Jean-Daniel Gerber, alt Seco-Direktor, in „Die Volkswirtschaft 12-2007“, Seite 15).