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In „Ein Blick zurück auf die geistige ‚Welt von gestern'“ resümiert Topitsch die Geschichte – insbesonders – der österreichischen Philosophie – mit all ihren Brüchen inklusive einer permanenten, die letzten 150 Jahre prägenden politischen Einflussnahme. War im 19. Jahrhundert das Bemühen nach anti-kantianischer (und damit auch nicht protestantischer) Philosophie ausschlaggebend (Herbart kam auf diese Weise zu einer sonst nicht wirklich nachvollziehbaren Berühmtheit), so wurden neue Ansätze unter Franz Brentano (einem ehemaligen Kirchenmann, dem aus diesem Grund eine Professur in Wien versagt wurde) noch erfolgreich erstickt. Doch die eigentlich zufällige Saat eines anti-idealistischen Philosophierens ging trotzdem auf und wurde von Ernst Mach und Ludwig Boltzmann begründet. Der daraus entstehende Wiener Kreis fand durch den Austrofaschismus sein Ende, den kümmerlichen Rest erledigten die Nationalsozialisten.
Nach dem Krieg unter dem erzkatholischen und erzkonservativen Wissenschaftsminister Drimmel gab es keine Bereitschaft, an diese große Tradition anzuknüpfen – im Gegenteil: Keiner der Vertriebenen wurde zurückgeholt, der Wiener Kreis entfaltete hauptsächlich im englischsprachigen Ausland seine große Wirkung. Österreich wurde auf philosophischem Gebiet zu einer lächerlichen Enklave des Katholizismus (mit faschistoiden Einsprengseln), von diesem Aderlass und der konservativen Nachkriegspolitik bis in die 70ger hat sich die Philosophie hierzulande nie mehr erholt. Die einzigen wissenschaftlich bemerkenswerten Leistung stammen aus dem Bereich der Naturwissenschaft (angeregt insbesondere durch Konrad Lorenz), die einzig international beachteten originär philosophischen Leistungen erbrachte wohl Topitsch selbst (was er in diesem Aufsatz verschweigt). Und so ist sein Blick zurück für ihn persönlich wehmütig und ein wenig enttäuscht: Die vielgerühmte akademische Freiheit war für Topitsch eine Schimäre, zuerst im konservativ-katholischen Österreich (sein Werk „Vom Ursprung und Ende der Metaphysik“ wurde aufgrund einer Kritik des katholischen Philosophen G. Marcel als gefährlich, weil marxistisch (!) eingestuft), dann im Dunstkreis der Kritischen Theorie als Professor in Heidelberg (so hat sich etwa Adorno geweigert, ein Nachwort Topitschs im Sammelband „Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ zu akzeptieren und drohte mit seinem völligen Rückzug von der Publikation; den Part von Topitsch hat dann Hans Albert übernommen, womit Adorno sicher auch nicht sehr glücklich gewesen sein wird). Dem Ruf nach Graz folgte er, um weiteren Anfeindungen in Deutschland zu entgehen (es war die Zeit, als man auch Hans Albert als vermeintlich rechten Denker eine Professur in Frankfurt schlicht verweigerte), wo er als Emeritus 2003 verstarb.
Sein zweiter Beitrag „Überprüfbarkeit und Beliebigkeit“ ist eine ganz wunderbare Arbeit zu eben genau diesem Thema: Da die Philosophie – im Gegensatz zu den Wissenschaften – ganz offensichtlich seit rund 2000 Jahren kaum Fortschritte gemacht zu haben scheint, stellt sich die Frage nach dem Grund dieses Desasters. Und Topitsch sieht eine Hauptursache darin, dass die Philosophie seit ihrem Entstehen die Welt anhand sozio-, techno- und biomorpher Entwürfe interpretiert. Diese Konzepte, aus dem menschlichen Bereich entnommen, auf die Welt in ihrer Gesamtheit angewandt und normengebend auf den Menschen zurückwirkend, sind zumeist nichts als Leerformeln, die mit einem jeweils beliebigen Inhalt gefüllt werden können (so ist es etwa kein Zufall, dass es Rechts- und Linkshegelianer gibt). Die Hypostasierung von Begriffen, die Zurückweisung jedweder empirischer Prüfverfahren, der Empirie insgesamt (die lange Zeit als des Szientismus verdächtig galt), leistet einem solchen Wortgeklingel Vorschub und ist verantwortlich für den fast immer sinnlosen Streit um Worte, für rabulistische Spitzfindigkeiten, die dann zu Recht als für unser Denken völlig belanglos angesehen werden.
Achams Einführung ist sehr lesbar: Allerdings ist es auch eine „Hommage“ – mit allen Nachteilen einer solchen. Denn bei Topitsch kommt man natürlich um die Diskussion „rechter“ Inhalte (die zu Unrecht in seinen Schriften vermutet werden bzw. wurden) nicht herum. Denn wenn auch (hier geht es vor allem um „Stalins Krieg“) dort nirgendwo von einer rechten Gesinnung gesprochen werden kann, so ist die Dummheit Topitschs, in rechtsextremen Zeitschriften (wie etwa „Die Aula“) zu publizieren, nicht zu entschuldigen. Das macht ein ernstzunehmender Philosoph nicht (bzw. er muss dann zu Recht mit harscher Kritik rechnen) – und alles Gerede Achams von einer „national-freiheitlichen“ Publikation mit langer Tradition kann nicht von der Tatsache ablenken, dass es sich hier um eine rechtsextreme Zeitschrift handelt, die u. a. den dümmsten Handlangern der FPÖ und den Verharmlosern des Nationalsozialismus (z. B. Walter Lüftl oder Gerhoch Reisegger) eine Plattform bot. Anstand – aber auch moralisches Fingerspitzengefühl sollten ein solches Tun verbieten: Selbst wenn es Topitsch schwer gemacht wurde, in anderen Publikationen seine Ansichten darzustellen. Ich habe Topitsch als Mensch nicht gekannt, ich kenne nur seine Schriften: Die – wenn man sie denn politisch einordnen müsste – einen zutiefst liberalen Geist verraten. Weshalb mir auch dieser letzte Teil seines Wirkens unverständlich bleibt.