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Das Farbenspiel der Rosskastanien-Blüten (Aesculus hippocastanum) ist im Frühjahr eine besondere Pracht. Hätten Sie geahnt, dass dieser Farbwechsel im recht komplizierten Geschlechtsleben der Rosskastanien ziemlich wichtig ist?
Die Rosskastanienpflanze ist andromonözisch, das heisst, sie hat getrennte männliche und hermaphroditische Blüten. Die männlichen Blüten sind früher geschlechtsreif‚ aber die hermaphroditischen, zweigeschlechtlichen, beginnen ihre Laufbahn als weibliche Blüten. Das ist ein recht seltsames sexuelles Arrangement, aber es funktioniert erstaunlich gut, wenn man die jährlich produzierten Samen bedenkt. Die Funktion der Färbung ist in diesem Fall die, den zu Besuch kommenden Hummeln zu signalisieren, welche Blüten sie aufsuchen können und welche sie besser in Ruhe lassen sollen.
Das spielt sich so ab:
Wenn die Blüte sich öffnet, tragen die weissen Blütenblätter am unteren Ende gelbe Pünktchen, mit denen sie die Bienen dorthin führen, wo der Nektar ist. Sie sollen ihn leicht finden und von dem rötlichen Pollen bepudert werden, während sie sich betrinken. Und danach sollen sie so rasch es eben geht zur nächsten Blüte weiterwandern. Wenn kein Nektar mehr in einer Blüte enthalten ist, werden die gelben Flecken rötlich. Und so wie die Blüten mit den gelben Pünktchen für Bienen attraktiv waren — denn eine ihrer Lieblingsfarben ist gelb —, so verlieren sie nun, rötlich eingefärbt, jeden Sex-Appeal für ihre Bestäuber.
Nicht, dass Bienen etwas gegen Rot hätten, sie können diese Farbe nur leider nicht wahrnehmen. Bienen sind rotblind; also erscheinen ihnen die verwandelten Pünktchen nicht als rot, sondern als schwarz. Beobachtungen haben gezeigt, dass die meisten Bienenarten Blüten meiden, die mit einer ihnen als schwarz erscheinenden Zeichnung versehen sind, sich aber auf die jüngeren stürzen, die (noch) gelbe Markierungen aufweisen. Der Farbwechsel ist eine Art Informationsmechanismus, der den Bienen erklärt, sie sollten ihre Zeit nicht an Blüten verschwenden, die nicht mehr jung sind. Dabei ergibt sich möglicherweise eine Zeitersparnis von höchstens ein, zwei Sekunden pro Blüte; wenn man aber die tausenden von Blüten auf einem ganzen Rosskastanienbaum in die Rechnung einbezieht, wird die Zeitersparnis doch recht eindrücklich. In einem ungünstigen Jahr, wenn die Blütezeit verkürzt ist, ist dies für die Produktion von Früchten resp. Samen entscheidend.
Aus dem Buch: Wie die Pflanzen lieben - Ein Blick in die Seele der Natur
Alec Bristow, ISBN: 978-3-10-561681-9, www.fischerverlage.de