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So lakonisch der Titel, so schillernd die Person, die im Mittelpunkt von Miklós Gimes’ Dokumentarfilm steht. Die 81-jährige Lucy, Mutter des Regisseurs, hat ein turbulentes Leben hinter sich. 1956 kam sie mit dem Flüchtlingsstrom aus Ungarn zusammen mit ihrem Sohn in die Schweiz. 1958 erfuhr der achtjährige Junge vom Tod seines Vaters, der denselben Namen trug: Nach zwei Jahren Gefängnis war er hingerichtet worden, zusammen mit - unter anderen - Imre Nagy, dem Anführer des Ungarn-Aufstandes. Dreissig Jahre später, 1989, wurde Gimes in einem feierlichen Staatsbegräbnis rehabilitiert.
Auf dieser Zcitachse rekapituliert Lucy ihr Leben - ihre Kindheit, die ersten Liebschaften, ihre Identität als Jüdin, ihr politisches Engagement. Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete sie ihre grosse Liebe, den aufstrebenden Journalisten Gimes. Beide bekleideten sie wichtige Posten im kommunistischen Nachkriegsregime, beide waren sie überzeugte Anhänger der herrschenden Ideologie. Erst nach Stalins Tod und Aufenthalten im Ausland kamen Zweifel am Regime und am Staatsdogmatismus auf. ln dieser Zeit verliebte Gimes sich in Paris in eine ehemalige Schulkameradin.
Dies ist nicht das erste Mal, wo persönliche und politische Geschichte in Lucys erinnerter Biografie eng verknüpft sind. Wiederholt entpuppen sich Angelpunkte der grossen Historie als Wendepunkte in ihrem persönlichen Leben. Der Film führt denn auch geschickt die beiden Stränge immer wieder zusammen und illustriert das Private mittels Fotografien auf dem Hintergrund der grossen Ereignisse und historischem Filmmaterial. Aussagen von Zeitzeugen aus dem Verwandtschafts- und Freundeskreis des Paars ergänzen Lucys Bericht und werfen mitunter auch ein etwas anderes Licht auf ihre erinnerte Version.
Der Film erlaubt diese Diskrepanzen, lässt damit Strategien der Biografie-Bewältigung aufscheinen. Etwa wenn aus dem Puzzle von Erinnerungen klar wird, dass Gimes - trotz allem nach seinem Paris-Aufenthalt nach Ungarn zurückgekehrt - sich erneut verliebte und insgeheim die Scheidung plante, ohne sich zu den entscheidenden Worten gegenüber Lucy durchringen zu können. Zum Eclat kam es bei der späten Rehabilitierung, als auch die damalige Geliebte - vergeblich - Anspruch auf den Witwenstatus erhob. Tatsächlich war sie in seinen letzten Lebensjahren Gimes’ Vertraute und Lebensgefährtin gewesen, was Lucy nicht wahrhaben will. Man ahnt, dass die Feierlichkeiten für Lucy eine Gelegenheit waren, selbst für einen Teil ihres Lebens «Wiedergutmachung» zu erfahren: dafür, dass ihr der Ehemann «geraubt» wurde und sie nur unter den Zwängen der Politik und zum Schutz ihres Sohnes einen Grossteil ihres Lebens im Exil verbrachte.
Mutter ist das Zweitlingswerk des renommierten Filmkritikers und Journalisten Miklós Gimes (nach der Co-Regie in Elf Freunde, 1998, einem TV-Dokumentarfilm über die letzte jugoslawische Fussballmannschaft). Der Regisseur illustriert aus dem eigenen familiären Kontext heraus ein Stück sorgfältig aufgearbeitete Zeitgeschichte, in deren Zentrum - dem Titel zum Trotz - der Vater als grosser und immer präsenter Abwesender steht.