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Museum Blumenstein
Blumensteinweg 12
CH-4500 Solothurn
Tel. +41 (0)32 626 93 93
<email-pii>
Roland Blaettler 2019
Die ersten Sammlungen der Stadt Solothurn waren archäologischer Art und gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. Zu Beginn der 1760er-Jahre stiess man beim Abbruch der alten Kathedrale St. Urs auf Funde, die man aufzubewahren beschloss und die, wenn man sie nicht an andern Orten deponierte, der Stadtbibliothek übergab. Der 1857 gegründete Historische Verein übernahm dann die städtischen Sammlungen, die vor allem aus Münzen, Medaillen und verschiedenen Kuriositäten bestanden. Der Kunstverein (1850), die naturhistorische Gesellschaft (1825) kümmerten sich ihrerseits um die sie betreffenden Kollektionen. Ein erstes Projekt für einen Museumsbau wurde 1860 in einer Abstimmung abgelehnt. 1890 hatte ein zweites Projekt Erfolg und 1902 konnte das neue Museum der Stadt, das heutige Kunstmuseum, eingeweiht werden.
Die Sammlungen wurden hier unter einem Dach vereint und in drei Abteilungen zur Schau gestellt: der Kunstsammlung, der naturhistorischen und der historisch-antiquarischen Abteilung. Bei dieser Gelegenheit erschien eine Denkschrift zur Eröffnung von Museum und Saalbau der Stadt Solothurn mit einem Führer durch die Ausstellungssäle. Die Räume der historisch-antiquarischen Sammlungen wurden vom für diese verantwortlichen Konservator Eugen Tatarinoff präsentiert. Ein Saal galt der Archäologie, ein zweiter der religiösen Kunst, ein dritter der Kathedrale. In drei weiteren Räumen war die mittelalterliche und neuere Abteilung mit Münzen, Medaillen und Waffen untergebracht. Es folgte der Ambassadorensaal mit Möbeln, Uhren und Glasscheiben, dann das Landeronzimmer mit dem Rebgut der Bürgergemeinde am Neuenburgersee und das Renaissancezimmer mit geschnitzten Boiserien und etwas Zinngeschirr. Keramik wird keine erwähnt; was es gab, scheint nicht nennenswert gewesen zu sein.
1950 kaufte die Stadt den Blumenstein, den ehemaligen Patriziersitz der Familie Greder von Wartenfels. Damit erhielten die historischen Sammlungen ihr eigenes Haus. Die schöne Liegenschaft mit ihrem Garten gehörte damals Fritz Hirt-Baumgartner, dem Konservator der historisch-antiquarischen Abteilung des städtischen Museums. Das Museum Blumenstein wurde im Mai 1952 eingeweiht. In der ersten Etage des Hauses blieb Lucie, der Gattin von Fritz Hirt, das Wohnrecht bis zu ihrem 1977 erfolgten Tod. Danach stand das ganze Haus für die Sammlungen zur Verfügung, und 1980 wurden auch die archäologischen Bestände dahin verlegt (Glutz-Blotzheim 1952 und 1970; Vital 1981).
Die Keramiksammlung im Blumenstein zählt rund 400 Objekte. Davon haben wir etwa 350 in unser Inventar aufgenommen. Ein Drittel dieses Bestandes machen die Fayencen von Matzendorf aus, ein weiteres Drittel die Fayencen von Kilchberg, und der Rest sind Keramiken schweizerischer, französischer und deutscher Herkunft. Das Museum ist die einzige Institution im Solothurnischen mit einem Inventar, das Auskunft gibt zur Geschichte der Sammlung und zur Herkunft der Objekte. Etwa 40 Prozent sind Geschenke und Legate. Die ersten Ankäufe wurden 1903 mit der Erwerbung eines kleinen Ensembles mit einfachem Streublumendekor aus Porzellan von Nyon getätigt (MBS 1903.110a–e).
Die Sammlung Otto Fröhlicher
Das wichtigste Ereignis für die Entwicklung der Keramiksammlung war 1912 die Schenkung der Privatsammlung von Otto Fröhlicher, dem ersten bekannten Sammler von Matzendorfer Fayencen. Otto Fröhlicher (1852–1915) arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung in der Westschweiz und in Belgien dreissig Jahre in der Papierfabrik Ziegler in Grellingen. Er stieg dort im Betrieb bis in die Direktion auf und teilte diese schliesslich mit seinem Schwager. Fröhlicher interessierte sich leidenschaftlich für Kunst, Geschichte und die Naturwissenschaften, Disziplinen, in denen er selbst verschiedene Arbeiten unternahm. Im von seinem Freund Bernhard Wyss verfassten Nachruf wird die Verbundenheit des Verstorbenen mit seiner Vaterstadt, den Bergen des Juras sowie der Geschichte und den Sitten des Landes in Erinnerung gerufen. Er erzählt, mit welcher Hingabe Fröhlicher historische Dokumente und alte Objekte sammelte, um sie vor dem Vergessen zu retten, Schätze, die er der Bibliothek und dem Museum von Solothurn und so der Gemeinschaft schenkte (B. Wyss, «Am Grabe des Herrn Otto Fröhlicher sel. zu Grellingen», Manuskript, Zentralbibliothek Solothurn, S II 222). Alle Erinnerungen an Fröhlicher gedenken seiner Leidenschaft, mit der er die Höhenzüge und das Vorgelände des Juras durchstreifte und den Kontakt mit der ländlichen Bevölkerung suchte, die ihm von ihrem Leben und ihren Gebräuchen erzählte (Solothurner Tagblatt, 140, 19. Juni 1915, S. 4; St. Ursen–Kalender, 64. Jahrgang, 1917, S. 98).
Bei seinen Ausflügen sammelte er auch seine Fayencen von Matzendorf. In vielen Fällen verzeichnet das Inventar nicht nur das Datum des Ankaufs, sondern auch die Namen der Verkäufer. Oft erwarb er seine Stücke von einem Nachkommen des ersten Besitzers, manchmal sogar vom noch lebenden ursprünglichen Besitzer selbst. Selten nur nahm er die Hilfe eines Antiquars in Anspruch, eines gewissen Häfeli in Solothurn, der ihm 1911 drei Stücke aus Steingut verkaufte. Die ersten Ankäufe gehen auf die Jahre 1904/1905 zurück, die meisten aber wurden zwischen 1910 und 1912 getätigt. Im Jahr seiner Schenkung kaufte er noch über zwanzig Objekte.
Mit der Sammlung Fröhlicher war das Museum auf ein Mal um 86 Objekte reicher, was noch immer ein Viertel der heutigen keramischen Sammlung ausmacht! Im Bestand Fröhlicher gibt es nur zwei Fayencen aus Kilchberg. Das zeigt einmal mehr, dass die Zuschreibung von Kilchberg-Schoorener Erzeugnissen an Matzendorf unter Liebhabern schon vor Schwabs Publikation verbreitet war. Fröhlicher hatte seine Erwerbungen vor allem auf der Solothurner Landschaft gemacht, und der bescheidene Anteil zürcherischer Ware spricht nur für deren geringe Verbreitung in der Region. Alle andern Objekte sind eindeutig Produkte von Matzendorf, wobei 50 Stücke in die Spätzeit datieren und vor allem zur «Blauen Familie» der Jahre 1850 bis 1880 gehören. Unter dem Rest sind acht Beispiele aus Steingut, darunter die fantastische, neoklassische Vase mit den Satyrmasken, die eventuell für Ludwig von Roll persönlich angefertigt wurde (MBS 1988.104).
Unter den Fayencen findet man das älteste bekannte Stück, den Teller mit dem Datum 1801 (MBS 1912.220). 25 Objekte illustrieren die Produktion zwischen 1825 und 1850 mit so bedeutenden Stücken wie dem Teller für Johann Winistörfer von 1832 (MBS 1912.81), der Bartschale für Urs Jakob Dietschi von 1837 (MBS 1912.230) und jener für Jakob Müller von 1842, die als Vorläufer der «Blauen Familie» gelten kann (MBS 1912.235). Weiter findet man hier die Bartschale für Johann Bieli, auf die sich Felchlin und Vogt mit ihrer Theorie des «Berner Dekors» von Matzendorf stützten (MBS 1912.99). Für die Übergangszeit zur «Blauen Familie» sei endlich die Suppenschüssel der «Schlüssel»-Wirte in Aedermannsdorf erwähnt, welche das einzige mit einem Hauszeichen dekorierte Stück ist (MBS 1912.112).
Kurz, die Schenkung Fröhlicher ist der eigentliche Gründungsakt für die Geschichte der Keramiksammlung des Museums Solothurn. Dieser bedeutende Grundstock ist bis heute um etwa vierzig weitere Fayencen von Matzendorf erweitert worden. Zu den späteren Erwerbungen gehören drei Steingutstücke, darunter die bemerkenswerte Schreibgarnitur für Kaplan Franz Anton Fluri von 1818 (MBS 1912.199), ferner zehn Stücke aus den Jahren 1800 bis 1840 und etwa dreissig Objekte der «Blauen Familie».
Nach 1912 ging es mit der Sammlung nur noch langsam vorwärts. Zwischen 1913 und heute wurde der Bestand um kaum 200 Objekte vermehrt. Ein ungewöhnlicher Zuwachs war im Jahr 1920 zu verzeichnen, mit etwa 50 neuen Stücken, welche vom Antiquar Moser in Derendingen kamen und unter denen auch Fayencen von Matzendorf, vor allem aber von Kilchberg waren, nebst etwas «Bauernkeramik» aus Langnau und aus Heimberg. An Ausländischem gab es einige Fayencen deutscher und ostfranzösischer Herkunft sowie 13 Stücke aus Steinzeug «Westerwälder Art» (MBS 1920.65; MBS 1920.67; MBS 1920.61; MBS 1920.73; MBS 1920.74; MBS 1920.60; MBS 1920.72; MBS 1920.69; MBS 1920.66; MBS 1920.64; MBS 1920.68; MBS 1920.63). Neuerwerbungen brachten ferner die Jahre 1942 bis 1944 mit dem Ankauf von jährlich zwölf Objekten hauptsächlich aus Kilchberger Fayence, Ankäufe, die wohl infolge der ersten massgebenden, die Theorie des «Berner Dekors» energisch vertretenden Publikation von Maria Felchlin, getätigt wurden. Später erhielt das Museum noch die Apotheke des Klosters St. Joseph mit 46 Apothekertöpfen aus Kilchberger Fayence mit Formen, die bis dahin nicht bekannt waren (MBS 1977.370; MBS 1997.381; MBS 1997.387).
Ausser der Sammlung an Matzendorfer Fayencen, der nur jene im Historischen Museum Olten vergleichbar ist, besitzt das Museum Blumenstein als bedeutenden keramischen Schatz vier blau bemalte Fayenceplatten aus der Werkstatt des Ofenhafners Urs Johann Wysswald in Solothurn, die 1962 und 2005 erworben werden konnten (MBS 1962.14; MBS 1962.13; MBS 1962.12; MBS 2005.49). Auch wenn diese Platten Erzeugnisse einer Werkstatt sind, die sonst Kachelöfen herstellte, handelt es sich hier doch um erstaunlich hochwertige Erzeugnisse, die in der Geschichte der schweizerischen Fayence aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einzig dastehen.
In der kleinen Gruppe an engobierter, glasierter Irdenware gibt es vier Objekte, die besonders erwähnt zu werden verdienen, zuerst das Tintengeschirr von Jakob Bannier in Oberwil (BL) mit Inschriften (MBS 1933.9), die erlauben, andere Keramiken im Musée d’art et d’histoire in Neuchâtel (MAHN AA 1470) und im Museum Olten genau zu bestimmen (HMO 8227) und weiter drei Platten von Christian Matthys in Heimberg mit den Daten 1865 und 1872, von denen eine vom Töpfer signiert ist (MBS 1920.139; MBS 1920.138; MBS 1920.140). Bis heute war nur ein Stück dieser Werkstatt bekannt, das sich im Museum der Kulturen in Basel befindet (MKB VI-3919).
In Zusammenhang mit den Erwerbungen von 1920 haben wir den Antiquar Moser († 1942) erwähnt, von dem es in einem Bericht vom Konservator in der «Rechnung und Bericht über die Verwaltung der Einwohnergemeinde der Stadt Solothurn» (Zentralbibliothek Solothurn, YR 35) heisst, er habe «seit Jahren Kleinaltertümer im Museum deponiert, die er nun zum Kaufe anbietet», darunter auch Fayencen und Gläser. Ein weiterer Anbieter war Pfarrer Karl Sulzberger aus Trimbach, der 1912 und 1916 dem Museum einige Keramiken verkaufte. Das Inventar spricht ferner von einem Depot Sulzberger. Wie Moser hatte Sulzberger offenbar die Gewohnheit, Objekte im Museum zu deponieren, bevor er sie zum Kauf anbot. Das Inventar nennt hier und da auch zwei in Solothurn ansässige Antiquare mit Namen Vetterli und Knecht. Häufiger aber ist von Angehörigen der Familie Boner in Laupersdorf die Rede, von Th. Boner, der auch als Küfer erwähnt wird zwischen 1914 und 1920, von H. Boner in den Jahren 1916 und 1920 und von J. Boner zwischen 1915 und 1917. Für die Erwerbungen der Jahre 1940 nahm man die Dienste der Auktionshäuser Zbinden-Hess und Stuker in Bern in Anspruch.
Auch wenn kaum von einer gezielten Ankaufspolitik gesprochen werden kann, hat man sich doch bemüht, den von Fröhlicher geschenkten Bestand an Matzendorfer Fayencen Stück für Stück zu ergänzen, so dass die Keramiksammlung des Museums Blumenstein für die Erzeugnisse von Matzendorf von zentraler Bedeutung ist. Sie enthält aber auch schöne Beispiele an zürcherischen Biedermeier-Fayencen und die ausserordentlichen Platten aus der Hafnerwerkstatt Wysswald.
Bibliographie
Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz, 1500-1950), Sulgen 2014, 26–28.
Glutz-Blotzheim 1952
Konrad Glutz-Blotzheim, Das neue historische Museum Schloss Blumenstein. Jurablätter. Monatszeitschrift für Heimat- und Volkskunde, 1952, 153–157.
Glutz-Blotzheim 1970
Konrad Glutz-Blotzheim, Historisches Museum der Stadt Solothurn im Schloss Blumenstein. Jurablätter. Monatszeitschrift für Heimat- und Volkskunde, 1970, 110–113.
Vital 1981
Nicolo Vital, Der Blumenstein, das historische Museum der Stadt Solothurn. Jurablätter. Monatszeitschrift für Heimat- und Volkskunde, 1981, 82–83.