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Die Oscar®-Animationsfilme 2024 im CheckVon Olivier Samter @oliviersamter · On Februar 23, 2024
So hat sich Disney sein 100-Jahr-Jubiläum wirklich nicht vorgestellt: Das Studio wollte die Oscar-Academy mit zwei kitschigen Filmen, in denen es auf die eigene Geschichte zurückblickt, für sich gewinnen – und ging damit gleich doppelt leer aus. Wer am 10. März im Rennen um den «Besten Animationsfilm» und den «Besten animierten Kurzfilm» stattdessen gute Karten hat, welcher Oscarkandidat für Disney zu queer war, wo die Schweiz mitmischt und wieso ausgerechnet John Lennon und Yoko Ono auf ein Goldmännchen hoffen dürfen, erfahrt ihr in der Analyse der oscarnominierten Filme.
Bester Animationsfilm
- «The Boy and the Heron»
- «Elemental»
- «Nimona»
- «Robot Dreams»
- «Spider-Man: Across the Spider-Verse»
Bei den Langfilmen zeichnet sich ein Duell zwischen Hayao Miyazaki und Spider-Man ab. Das hat einen einfachen Grund: Sowohl bei «The Boy and the Heron», dem mutmasslichen Abschiedsfilm des Anime-Regisseurs hinter «Princess Mononoke» (1997) und «Spirited Away» (2001), als auch beim Superhelden-Blockbuster «Spider-Man: Across the Spider-Verse» handelt es sich um Filme, die auch ausserhalb der Animationsbranche Aufsehen erregten und auf zahlreichen Bestenlisten landeten. Das hilft ihnen, sich schon früh von der Konkurrenz abzuheben.
Für Miyazaki spricht neben seinem Golden–Globe-Gewinn auch das Argument des «Karriere-Oscars», also dass mit einem Goldmännchen mehr sein Gesamtwerk als der Film selber gewürdigt wird. Die Frage ist, ob sich der Anime-Filmemacher auch bei der nicht gerade für ihre Aufgeschlossenheit in Bezug auf ausländische Animation bekannten, mehrheitlich amerikanischen Wähler*innenschaft durchsetzen kann: Das einzige Mal, dass ein nicht-englischsprachiger Animationsfilm ausgezeichnet wurde, war vor 22 Jahren. Der Gewinner damals: Hayao Miyazaki. Sein «Spirited Away» ist auch der bis dato einzige ausgezeichnete 2D-Animationsfilm.
Es würde also nicht überraschen, wenn sich am 10. März stattdessen der andere Favorit, «Spider-Man: Across the Spider-Verse», durchsetzt. 2019 wurde bereits der Vorgänger «Spider-Man: Into the Spider-Verse» (2018) völlig verdient mit dem Goldmännchen ausgezeichnet und läutete damit auch das Ende der Oscar-Dominanz von Disney ein. Der Superheld*innenfilm von 2018 brach auf beeindruckende Weise mit dem angestaubten 3D-Look des US-Animations-Mainstreams und erzählte in bunten Bildern eine wilde Geschichte, die auch Nicht-Marvel-Fans ansprach.
Die Fortsetzung, Teil einer Trilogie, die diesen Sommer mit «Spider-Man: Beyond the Spider-Verse» ihren Abschluss finden soll, erfordert da schon ein bisschen mehr Konzentration – immerhin wirft sie einem zahlreiche verschiedene Inkarnationen von Spider-Man in unterschiedlichen Universen um die Ohren. Trotzdem ist auch «Across the Spider-Verse» ein liebevoller und angenehm extravaganter Animationsfilm, der als Repräsentant für die Form – was er bei einem Oscargewinn gewissermassen wäre – sicher keine schlechte Wahl ist. Vorausgesetzt natürlich, der Film stolpert nicht über seinen Umgang mit seinen Regisseuren bei der Nomination.
Hang on, Joaquim dos Santos, one of the three directors of Across the Spider-Verse ISN'T nominated but three of the Producers ARE?! If this is an Academy rule thing, can't it be changed? If this is a Sony Pictures thing can't they show a little respect to the director?
— Steve Henderson (@mr_s_henderson) January 23, 2024
Die Produzent*innen beschlossen nämlich, die vier möglichen Nominationen für den Film nicht, wie man es erwarten würde, an die drei Regisseure sowie eine Person aus der Produktion zu vergeben, sondern lediglich zwei der drei Regisseure zu nominieren – um dafür im Gegenzug mehr Produzent*innen berücksichtigen zu können. Sollte «Across the Spider-Verse» also ausgezeichnet werden, können sich Kemp Powers und Justin K. Thompson für die Regie sowie Phil Lord, Christopher Miller und Amy Pascal für die Produktion zu Hause einen Oscar aufstellen. (Lord und Miller gelten als etabliertes Duo, weshalb sie gemeinsam nur eine Nomination ausmachen) Nicht aber Joaquim dos Santos, der dritte Regisseur im Bunde. In der Animationsbranche wurde diese Nichtberücksichtigung mit wenig Begeisterung aufgenommen. Es wäre durchaus möglich, dass sich einige Trickfilmschaffende nur schon deshalb für «The Boy and the Heron» entscheiden könnten.
Grosse Enttäuschung bei Disney
Enttäuscht sein dürfte man auch bei Disney. Das Studio feierte 2023 seinen 100. Geburtstag – und schaut gewaltig in die Röhre. «Wish», das grosse, selbstreferenzielle Geburtstagsgeschenk an sich selbst, wurde gar nicht erst nominiert. Das ist durchaus richtig so: Der Film ist mit seiner Freude an sich selbst, der generischen Story und den vergessenswerten Songs eine einzige Zumutung – überraschend ist seine Auslassung angesichts des grossen Jubiläums dennoch. Eine Nomination von «Wish» hätte zumindest noch ein wenig Spannung in dieses Rennen gebracht, das sich nun zwischen den beiden bereits erwähnten Filmen entscheiden wird.
Die Mickey-Mouse-Ehre rettet wie schon im Vorjahr Pixar mit «Elemental» von Peter Sohn («The Good Dinosaur») – einem Film über eine Welt, in der sich ein Flammenmädchen in einen Wasserjungen verguckt. Pixar ist bereits das siebte Jahr in Folge für den besten Animationsfilm nominiert; das letzte Mal ging man 2017 leer aus, als der Oscar an Disneys tierischen Detektivfilm «Zootopia» (2016) ging. Das passt, denn wie «Elemental» erzählt auch «Zootopia» von einer Fantasiewelt, in der Vorurteile aufeinanderprallen – nur viel, viel besser. Während «Zootopia» als Wendepunkt in der Disney-Ära gilt, ist der ambitionierte «Elemental» ein neuer Tiefpunkt für Pixar. Oder wie Sara Bucher in ihrer Kritik auf Maximum Cinema treffend schreibt: «Vieles ist an diesem Film gut gemeint, aber so augenscheinlich nicht zu Ende gedacht, dass es einen wundern muss.»
Für Disney kommt es noch dicker, denn zu allem Übel geht auch noch ein eigener Film unter «fremder» Flagge ins Rennen. Das aberwitzige Fantasy-Abenteuer «Nimona» von Nick Bruno und Troy Quane begann seine Produktion ursprünglich 2015 bei Blue Sky, dem Studio hinter den «Ice Age»-Filmen. 2019 wurde 20th Century Fox – denen Blue Sky gehörte – von Disney aufgekauft. Disney verschob den Film zuerst mehrmals, bevor sie Blue Sky – und damit auch «Nimona» – den Stecker zogen.
«Für Disney kommt es noch dicker, denn zu allem Übel geht auch noch ein eigener Film unter ‹fremder› Flagge ins Rennen.»
Das dürfte Disney, wenn man Stimmen aus dem Blue-Sky-Umfeld glaubt, ziemlich recht gewesen sein: Dem Studio war die Comicverfilmung über einen Ritter und eine Gestaltenwandlerin mit ihren queeren und trans Themen offenbar schon eine Weile ein Dorn im Auge. Doch weil «Nimona» praktisch vollendet war, als Blue Sky dichtgemacht wurde, hatte der Film bei der Suche nach einem neuen Zuhause gute Karten – und ein solches fand er bei Netflix, wo er im vergangenen Jahr endlich veröffentlicht wurde. Dort wurde der Film sehr positiv aufgenommen und eroberte sich eine grosse Fanbase – insbesondere bei der queeren Community. Im Zuge seiner Oscar-Kampagne hat Netflix den Film vor einigen Tagen zudem auch kostenlos auf Youtube gestellt. Eines steht fest: Der Streaming-Gigant denkt nach seinem Gewinn mit «Guillermo del Toro’s Pinocchio» im letzten Jahr nicht daran, den Titel kampflos abzugeben.
Trotz allem war die Nomination für «Nimona» eine Überraschung. Dasselbe gilt für den Zeichentrickfilm «Robot Dreams» von Pablo Berger, eine liebevolle Geschichte über Freundschaft und Liebe sowie eine hübsche Hommage an das New York der Achtzigerjahre. Chancen sollten sich die beiden Filme keine ausrechnen – dass sie dabei sind, ist aber durchaus ein Erfolg und kann als ein deutliches Statement für frische und neue Ideen verstanden werden. Was «Nimona» und «Robot Dreams» vereint ist, dass bei beiden Filmen Schweizer*innen an Bord waren. Ramón Arango arbeitete als Lead Animator bei «Nimona» und dokumentierte einige seiner Shots – inklusive witziger Referenzaufnahmen – sehr sehenswert auf Instagram. Seine Berufskollegin Sarah Rothenberger hat uns bereits im Interview im Podcast einiges über ihre Arbeit bei «Robot Dreams» erzählt. Die Folge kann man hier nachhören.
Die Abwesenden
Zum Abschluss lohnt sich auch immer ein Blick auf die Abwesenden bei den Langfilmen. Die «Minions»-Schmiede Illumination wartet noch immer auf den ersten Oscar – und auch dieses Jahr blieb das Studio mit dem unglücklichen Entenabenteuer «Migration» und dem gefeierten «Super Mario Bros. Movie» aussen vor. Letzteren ereilte wohl dasselbe Schicksal wie seinerzeit «The Lego Movie» (2014): Die Academy scheint eine gewisse Abneigung gegen selbstironische und abseitige Produktverfilmungen zu haben – zumindest, wenn sie animiert sind. Einen ähnlichen Ton schlägt auch der gefeierte «Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem» an, der ebenfalls übergangen wurde.
Auch DreamWorks darf in diesem Jahr – nachdem man im Vorjahr mit «Puss in Boots: The Last Wish» (2022) dem Goldmännchen so nah kam wie schon lange nicht mehr – nur zuschauen. Das wilde Coming-of-Age-Abenteuer «Ruby Gillman, Teenage Kraken» liess offenbar nicht nur das Publikum fragend zurück, sondern auch die Academy.
Ebenfalls abwesend ist in diesem Jahr die Stop-Motion-Technik, letztes Jahr noch zweifach vertreten und mit «Guillermo del Toro’s Pinocchio» grosser Gewinner. Auch hier hätte es mit dem Knet-Animations-Sequel «Chicken Run: Dawn of the Nugget» von Aardman und Netflix einen valablen Kandidaten gegeben.
Bester animierter Kurzfilm
- «Letter to a Pig»
- «Ninety-Five Senses»
- «Our Uniform»
- «Pachyderme»
- «War Is Over! Inspired by the Music of John & Yoko»
Auch in dieser Kategorie ist Disney der grosse Verlierer. Wie «Wish» sollte auch der Kurzfilm «Once Upon a Studio» das eigene Œuvre feiern – und galt auch lange als grosser Favorit. Doch die Academy gab stattdessen drei Independent-Animationen von jungen Frauen den Vorzug: Im malerischen «Letter to a Pig» von Tal Kantor trifft eine Schulklasse auf einen Holocaust-Überlebenden; in «Our Uniform» befasst sich Yegane Moghaddam mit Kleidervorschriften und Uniformen und inszeniert das auch gleich auf Textilien; und in «Pachyderme» erzählt Stéphanie Clément in leuchtenden Farben von der Erinnerung einer jungen Frau an den übergriffigen Grossvater. Es sind allesamt eindrückliche Filme, die eine starke Handschrift tragen und sehr bestimmt auf gesellschaftliche Missstände blicken. Die grössten Oscar-Chancen hat dabei wohl «Letter to a Pig», der vor dem gegenwärtigen Hintergrund des Konflikts in Nahost einen besonderen Aktualitätsbezug hat.
Es ist aber gut möglich, dass der Oscar stattdessen an einen der beiden anderen nominierten Filme geht, die mit einem grossen Vorteil in dieser Kategorie – bekannten Namen – ins Rennen gehen. Das Ehepaar Jared und Jerusha Hess, bekannt für «Napoleon Dynamite», erzählt in «Ninety-Five-Senses» von einem Häftling, der über seine fünf Sinne nachdenkt – und die 95 anderen. Der Film, der sich zeitweise anfühlt wie ein mittelmässiger Student*innenfilm, bietet mit Tim Blake Nelson («The Ballad of Buster Scruggs») zudem einen sehr bekannten Sprecher.
Und auf dem Rücken seiner Eltern Yoko Ono und John Lennon erzählt Sean Ono Lennon zusammen mit Pixar-Alumnus Dave Mullins die Geschichte eines Krieges, in dem zwei gegnerische Soldaten mithilfe einer Taube Schach spielen. Mullins war schon für sein Regiedebüt «Lou» in dieser Kategorie nominiert und gilt auch heuer als Favorit – auch wenn der unfassbar kitschig und plump erzählte «War Is Over! Inspired by the Music of John & Yoko» eine Zumutung ist.
Die Academy hat im März die Möglichkeit, einen Kurzfilm auszuzeichnen, der sich mit Hass und seinen Folgen befasst. Ob sie sich dabei für das nachdenkliche, aufwühlende und reflektierte Werk «Letter to a Pig» entscheidet, oder die klischierte und oberflächliche Globibuch-Version «War Is Over!» bevorzugt, wird uns viel über das Interesse der Stimmenden an neuem und spannendem Geschichtenerzählen verraten.
Der Animationsliebhaber, der für Céline Sciamma schwärmt und auch den «Transformers»-Filmen noch etwas abgewinnen kann