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| Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)

II. Buch
2. Die Schuld der Gesamtheit mindert nicht die Schuld des einzelnen
So ist dies alles: Und sagt mir alle, die ihr heiligmäßig seid oder euch für heiligmäßig haltet, sagt mir doch, ob dies allein schon gutgemacht werden kann, auch wenn sonst nichts mehr geschuldet würde? Was auch der Mensch um Gotteswillen trägt, nimmermehr kann das bezahlt werden, was Gott um des Menschen willen gelitten hat; denn selbst, wenn sich das Dulden nicht durch die Art der Leiden unterschiede, so muß doch ein großer Unterschied gemacht werden infolge der Verschiedenheit der Duldenden. Aber vielleicht sagst du, in dem, was wir anführten, liege eine allgemeine Schuld der gesamten Menschheit begründet; und hier sei das ganze Menschengeschlecht ohne jeden Unterschied der Schuld verfallen. Das ist wahr: Aber schuldet denn deshalb einer weniger, weil ein anderer das gleiche schuldet? Oder wenn die Schuldscheine von hundert Menschen auf je hundert Sesterzen lauten, wird deswegen die Last eines einzigen leichter, weil alle die gleiche Summe schuldig sind? „Denn jeder", sagt der Apostel, „hat seine eigene Last zu tragen" 1und jeder muß für sich Rechnung ablegen. Keineswegs also wird die Last des einen durch die Last des andern verringert, noch wird ein Schuldiger frei von Schuld, weil er in [S. 296] zahlreicher Gesellschaft ist. Und der Schrecken der Verdammnis wird nicht kleiner, weil der Verdammte vielleicht viele Genossen hat, die der Strafe mitschuldig sind. Mag so das oben Angeführte auch eine allgemeine Schuld bedeuten, so bedeutet es doch zweifellos auch eine Einzelschuld; mag die Schuld auch allen gemeinsam sein, sie trifft doch jeden einzelnen eigens; so verteilt sie sich auf alle gleichmäßig, während doch für den einzelnen von seiner ganzen Schuld nichts abgezogen wird. Denn Christus hat zwar für alle gelitten, aber auch für jeden einzelnen, hat sich in gleichem Maße für alle hingegeben wie für den einzelnen, hat sich ganz für die Gesamtheit geopfert und ebenso ganz für den einzelnen; alles, was so der Erlöser durch sein Leiden und Sterben erworben hat, das sind ihm in ganzem Umfang alle zusammen, aber auch die einzelnen schuldig; ja fast noch in höherem Maße die einzelnen als alle zusammen, weil der einzelne doch für sich ebensoviel empfängt wie die Gesamtheit. Denn wo ein einziger soviel erhält wie alle zusammen, da ist die Eifersucht größer, selbst wenn das Maß das gleiche ist. So scheint er, mag er auch gleichviel erhalten, doch mehr zu schulden, weil doch ein einziger mehr verpflichtet ist, wenn er mit der Gesamtheit auf gleiche Stufe gestellt scheint. Soviel über diese Frage: Es glauben einige Gottesfürchtige deshalb nicht Schuldner Gottes zu sein, nur weil sie ihre Schuld nicht abzuschätzen vermögen.
1: Gal. 6, 5.