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Breit und prall schiebt sich der Erdball ins Sichtfeld. Aber etwas ist anders. Das Bild ist grobkörniger als die üblichen Weltraumaufnahmen unseres eleganten blauen Planeten. Die Erdoberfläche erscheint pudrig und durchscheinend. Das ungewohnte Bild der Erde ist Teil einer fotografischen Serie der Schweizer Künstlerin Daniela Keiser. Aktuell zu sehen in den Grafikräumen der ETH Zürich.
Die Künstlerin greift eine Technik aus der Frühphase der Fotografie auf, die Cyanotypie. Sie taucht Landschaften, Besiedlungsstrukturen, Aufnahmen aus dem Agrarbereich wie auch NASA-Weltraumbilder in das für diese Technik typische blau-grüne Farbspektrum. Es sieht fast so aus, als sei die Welt und seien die Dinge in ein Aquarium getaucht worden.
Bei der Aufnahme des Erdballs aus dem All fallen glitzernde Lichtstreifen auf. Was wirkt, wie eine grosse Festbeleuchtung, sind die elektrischen Lichter der ökonomisch hochaktiven Zonen der Erde, der Megapolis.
Interessanterweise erstrecken sich die Agglomerationen in der Form von Gurken oder Bananen über hunderte Kilometer hinweg. Niemand hat sie bewusst geplant. Sie haben sich entlang von Handelsrouten von selbst herausgebildet.
Die Blaue Banane
Eines dieser gekrümmten Agglomerationsbänder erstreckt sich vom Großraum London über den Ballungsraum Brüssel, das Rhein-Ruhrgebiet und die östliche Schweiz bis zum norditalienischen Dreieck Turin-Mailand-Genua. 1989 entwickelte eine Gruppe um den französischen Geografen Roger Brunet dafür den geo-ökonomischen Ausdruck «Blaue Banane».
Hyperdynamische Wirtschaft, hohe Bevölkerungsdichte (rund 40 Prozent der EU-Bürger leben oder arbeiten innerhalb der Agglomeration) und enge Verkehrsverflechtung sind kennzeichnend. Unternehmen betrachten Niederlassungen in der Agglomeration als Standortvorteile. Die Bankenhochburg Zürich liegt genauso wie die City of London oder Frankfurt innerhalb der «Blauen Banane».
Die Kehrseite: Die glitzernden Zonen sind für einen Gutteil der Probleme auf der Erde verantwortlich: Klimakatastrophe, Atommüllproduktion, Artenausrottung. Die Ballungsräume produzieren urbanes Prekariat und Slums. Und sie erzeugen als «Aktivräume» riesige «Passivräume» ausserhalb der dynamischen Zonen.
Im Bedeutungsabseits
Mich lässt der phänomenologische und raumbezogene Ansatz des Osteuropahistorikers Karl Schlögel («Die Wiederkehr des Raums») nicht los, seit ich vor einigen Jahren auf ihn aufmerksam wurde. Schlögel erforscht sich verschärfende Asymmetrien der Wahrnehmung und Entwicklung.
Schon ein- oder zweihundert Kilometer abseits der Dynamikgebiete herrscht heute oft eine so tiefe Provinz, wie es sie in der Vergangenheit wohl nie gegeben hat.
Wie gigantische Staubsauger ziehen Ballungsstreifen Energie und Bedeutsamkeit an sich. Man braucht nur in Regionen Ostdeutschlands fahren, in die französische oder spanische Provinz, oder nach Polen und weiter hinein in den Osten, um zu begreifen, was im Windschatten zu sein bedeutet.
Osteuropa lag für die meisten von uns sogar so weit abseits, dass uns gar nicht eingefallen wäre, überhaupt hinzuschauen. Erst, seit es dort brennt, fällt uns auf, dass es dort auch noch etwas gibt.
Peripherie und Zentrum, Ferne und Nachbarschaft sind im zurückliegenden Jahrhundert vollkommen neu definiert worden. Peripherien sind zunehmend peripherer geworden. Grossstadtmenschen möchten in der «Provinz» nicht einmal auf einem Plakat vorkommen. Randzonen wurden abgehängt. Die Menschen dort wählen immer häufiger radikal-rechte Parteien.
Randzonen sind von Vorteilen abgeschnitten, ohne von Schattenseiten verschont zu bleiben, etwa Folgen der globalen Klimaerwärmung.
Dreifache Verantwortung
Durch ihren hochtourigen Lebensstil erzeugen die Züricher zirka dreimal so viel klimaschädliche CO2-Emissionen wie Durschnittserdenbürger. Als Teil einer hyperaktiven Agglomeration hat Zürich, positiv formuliert, die Chance, dreimal mehr für die Welt und die Klimagerechtigkeit zu tun als andere.
Gemäss des Pariser Abkommens muss die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden, um die schlimmsten Folgen abzuwenden. Laut dem jüngsten, erst wenige Tage alten UN-Bericht, rechnen Klimaforscher:innen inzwischen mit einer zeitweisen Überschreitung von 1,5 Grad Erderwärmung bereits bis 2026! Laut eines Klimaberichts der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) lag die Wahrscheinlichkeit für eine solche Entwicklung 2015 noch nahe null.
Mit den aktuellen Klima- und Energiezielen in der Gemeindeordnung kann Zürich das Pariser Abkommen nicht einhalten. Eine schnelle und deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen wäre notwendig. Deshalb der Plan, die Stadt Zürich bis 2040 klimaneutral zu machen.
Earth Overshoot Day
Zwei Tage vor dem Abstimmungstermin am Sonntag, also gestern, hat die Schweiz den Earth Overshoot Day überschritten. In viereinhalb Monaten wurden also in der Schweiz die Ressourcen aufgebraucht, die die Natur im Verlauf eines Jahres zur Verfügung stellen kann.
Die Earth-Overshoot-Tage schieben sich immer mehr an den Jahresanfang. In Katar wurde der Tag 2022 bereits am 10. Februar erreicht, in Luxemburg vier Tage später.
Die Zürcher Künstlerin Daniela Keiser zeigt die Erde als fragiles Weltraumobjekt. Sie knüpft in ihrer Ausstellung «Blue Links. Cyanotypes» ausdrücklich an die geo-ökonomische Theorie der «Blauen Banane» an. Sie hat in Ballungsräumen fotografiert wie auch in Peripherien, von deren vergleichsweise bescheidenen Lebensstil die urbanen Zonen heutzutage lernen können. Das Blau ihrer Bilder spiegelt den Himmel, den Ozean, das Weltall und vielleicht auch eine nachhaltige «blaue» Ökonomie.
Das Dossier «Climate Chance» des RefLab versammelt zahlreiche Beiträge aus dem Themenfeld Umwelt und Klimakrise.
Neu gestartet hat das Reflab die Klimakolumne «Planet A» der reformierten Pfarrerin Anna Näf, die sich bei Christian Climate Action engagiert, der christlichen Klimabewegung.
Einen Überblick über Umweltaktivitäten der Reformierten Landeskirche gibt es hier. Unter anderem sind hier Good-Practice-Beispiele für nachhaltiges Umwelthandeln zusammengefasst. Ein anderes Thema sind Massnahmen zur Einführung eines Umweltmanagementsystems («Grüner Güggel»).
Nachtrag vom 15.05.: Der Klimaschutzartikel auf Kantonsebene wurde klar angenommen. Die Stadt Zürich sagt Ja zu «Netto null 2040».
Abbildung: Daniela Keiser, 4. Cyanocosmos, All c, 2019 © Daniela Keiser.