Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03626.jsonl.gz/1384

„Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?
—-
… Hans Castorp wusste allen Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder unwahrscheinlich zu sein, dass es vielmehr unter bestimmten Bedingungen jedem von uns jederzeit begegnen kann: Nichts würde uns, solche Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren! Die Erscheinung ist möglich, kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft unserer Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und ohne äusseren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen Errettung die Zeit, die sie im Dunkeln, zwischen Hoffnung und Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn gewesen. Man sollte meinen, dass ihnen in ihrer höchst beklommenen Lage die Zeit hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein Drittel ihres objektiven Unterfangens zusammengeschrumpft. Es scheint demnach, dass unter verwirrenden Bedinungen, die menschliche Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu erleben, als sie zu überschätzen.“
(Zauberberg, Thomas Mann, S.741)
MJs, 2018, Chribli