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Dauernd bedenken, wie alle solche Ereignisse, wie sie jetzt geschehen, auch früher geschahen, und bedenken, dass sie auch ferner geschehen werden. (Mark Aurel (121 - 180), römischer Kaiser und Philosoph)
Etwas mehr als 10 km von meinem Wohnort entfernt, im Kanton Waadt, liegt Avenches, heute ein ziemlich verschlafenes Städtchen mit etwas mehr als 4000 Einwohnern.
Eine Arena, ein Theater, das Osttor und verschiedene Tempelreste zeugen aber von einer grossen Vergangenheit, befand sich doch zur Römer Zeit die Stadt Aventicum an der Stelle des heutigen Avenches. Es war zu seiner Blütezeit im 1. bis 3. Jahrhundert nach Christus die grösste Stadt auf Schweizer Boden und zählte zeitweise mehr als 20'000 Einwohner. Aventicum war der Hauptort der römischen Civitas Helvetiorum und politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum der Helvetier, eines im Schweizer Mittelland und in Südwestdeutschland lebenden keltischen Volkstammes.
Zum ersten Mal war ich als staunender Viertklässler auf einer Schulreise in Avenches, bewunderte mit grossen Augen im Museum die goldene Büste des Kaisers Mark Aurel und im Theater die erstaunliche Akustik. Von da an hat mich der Ort nicht mehr losgelassen.
Als Jugendliche sind wir später alljährlich mit unseren Töfflis nach Avenches gefahren, haben in der Arena wilde Fussballspiele oder eher -schlachten ausgetragen, immer mit einem im Städtchen gestohlenen Ball (!), und haben nachher im Theater im Freien übernachtet.
Gerne erinnere ich mich an eine Projektwoche, die ich als Junglehrer geleitet habe. In selbstgemachten Tuniken, ich selbstverständlich in einer Magistraten-Toga mit Pupursaum, machten wir uns damals eine Woche lang auf die Spuren der römischen Vergangenheit. Unvergessen sind die Discipuli (die Schülerinnen und Schüler), welche im Theater lateinische Verse rezitierten, von denen sie allerdings kein Wort verstanden. Unvergessen auch eine Nachtübung, als germanische Horden versuchten, das Osttor einzunehmen, daran aber mehr oder weniger unrühmlich scheiterten. Spannend auch unsere Kochversuche nach den Rezepten des Apicius. Ein Minutal ex praecoquis (ein Schweineragout mit Aprikosen) auf dem offenen Feuer? Oder spielt mir da meine Phantasie einen Streich? Oder hab ich zu viel Mulsum (römischer Honigwein) getrunken? Laut Plinius antwortete der über hundertjährige Romilius Pollio auf die Frage, wie er sein hohes Alter erreicht habe: «Innen mit Mulsum, außen mit Öl.» Ich schweife ab, pardon. Was wollte ich eigentlich schreiben?
Ach ja: In diesen coronageprägten Zeiten habe ich mich über frühere Pandemien informiert und bin dabei u.a. auf die Antoninische Pest gestossen, eine Pandemie, die in den Jahren von 165 bis 180 nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reichs wütete. Sie ist nach dem römischen Kaiser Mark Aurel († 180) benannt, der eigentlich Marcus Aurelius Antoninus hieß. Und schon sind wir wieder in Avenches.
Dieser Mark Aurel hat mit seinen Meditationes (Selbstbetrachtungen) Weltliteratur geschaffen. In einer Vielzahl persönlicher Beobachtungen schreibt der Kaiser Aphorismen, die sein Weltbild offenbaren: die letzte bedeutende Hinterlassenschaft aus der philosophischen Schule der jüngeren Stoa. Mark Aurel war also nicht nur Kaiser, sondern auch Philosoph. Wenn doch nur unsere heutigen Potentaten …..
Stoiker vertreten die Auffassung, dass wir stets auf alles gefasst sein sollten – auch darauf, dass wir binnen 24 Stunden tot sein könnten. Stoiker unterbrechen immer mal wieder, was sie gerade tun, und treten einen Schritt zurück. Dann stellen sie sich vor, dass sie das zum letzten Mal tun. Das kann helfen, alltägliche Dinge zu würdigen, anstatt sich genervt durch sie hindurchzuarbeiten.
Ist das nicht eine sehr hilfreiche Grundhaltung und Technik, gerade in diesen hektischen Zeiten?
Übrigens lässt die Todeszahl des Mark Aurel vermuten, dass er selbst ein spätes Opfer der Antoninischen Pest geworden ist.
Zurück nach Avenches: Am 18. April 1939 begann eine Arbeiter-Equipe einen der Abwasserkanäle auszuräumen, welche den ehemals von Säulenhallen umschlossenen Hof des Zentral-Tempels gegenüber dem Theater entwässerten. Die Kanäle waren bereits freigelegt – Schon am folgenden Tag fiel den Beschäftigten ein glänzender Gegenstand in der Erde am Boden des Kanals auf. Sorgfältig wurde der Fund geborgen: eine goldene, vollständig intakte Büste eines Mannes. Nach wenigen Tagen kam der Fund ins Schweizerische Landesmuseum nach Zürich, wo die unterdessen schon dem römischen Kaiser Mark Aurel zugeschriebene Büste vermessen, gereinigt und restauriert wurde.
Nach neusten Forschungen ist heute klar, dass dieses angebliche Kaiserbildnis vom Stil als auch vom Material her nicht aus der Epoche stammen kann, welcher es bis anhin zugesprochen wurde.
Die Mark-Aurel-Büste von Avenches ist eindeutig eine Fälschung. Der Porträtkopf repräsentiert nicht antike Goldschmiedekunst, sondern das Kunsthandwerk der 1930er Jahre.
Ich nehme diese neusten Erkenntnisse der Wissenschaft stoisch an, meinen Erinnerungen tun sie keinen Abbruch.
Zum Schluss noch eine Weisheit des Philosophenkaisers, besonders für die Pädagogen unter uns:
Siehst du an jemandem einen Fehler, so verbessere ihn sanft und zeig ihm, worin er irrt. Bleibt dein Bemühen erfolglos, klage dich selbst an, oder, was noch besser ist, klage niemanden an, sondern bleibe weiterhin sanft.
(Mark Aurel (121 - 180), römischer Kaiser und Philosoph)