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Rotschwanzbussard
Buteo jamaicensis
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
«Westindien», die Inselwelt Mittelamerikas, gliedert sich in drei Gruppen: einerseits die Grossen Antillen und die Kleinen Antillen, welche das Karibische Meer gegen den Atlantischen Ozean abgrenzen, andererseits die Bahamas, welche sich zwischen der nordamerikanischen Halbinsel Florida und der Antilleninsel Hispaniola hinziehen.
Politisch bilden die Bahamas keine Einheit: Der südöstliche Ausläufer des langgezogenen Archipels ist nicht Teil des seit 1973 unabhängigen «Commonwealth of the Bahamas», sondern bildet eine britische Kronkolonie mit dem Namen «Turks- und Caicos-Inseln». Das kleine Territorium besteht aus zwei Inselgruppen mit insgesamt 42 flachen Inseln und Sandbänken («Cays») und hat eine Gesamtfläche von 430 Quadratkilometern.
Die menschliche Bevölkerung der Turks- und Caicos-Inseln umfasst heute rund 33 000 Personen und setzt sich hauptsächlich aus Nachkommen ehemaliger Negersklaven zusammen. Etwa die Hälfte von ihnen lebt auf Grand Turk und Salt Cay, den beiden grösseren Inseln der Turks-Gruppe. Die andere Hälfte verteilt sich auf fünf Inseln der Caicos-Gruppe: South Caicos, Middle Caicos, North Caicos, Providenciales und Pine Cay.
Die Inseln der Turks- wie auch der Caicos-Gruppe bestehen aus porösem Kalk und Kalksandstein, in welchem Niederschlagswasser rasch versickert. Süsswasser ist darum - bei ohnehin geringen jährlichen Niederschlagsmengen - an der Oberfläche rar, und die Pflanzendecke entsprechend schütter. Sie setzt sich im Inneren der Inseln, wo der Kalkstein durch lockeren Korallensand überdeckt ist, hauptsächlich aus trockener, oft dornenreicher Buschvegetation und Kakteen zusammen. Stellenweise hat sich im Inselinnern aber auch überraschend dichter Wald entwickelt.
Grössere Landsäugetiere haben - von den Haus- und Nutztieren des Menschen abgesehen - keine den weiten Weg vom Festland auf die abgeschiedenen Eilande gefunden. Als einzige grössere bodenlebende Wirbeltiere sind ein bis zu 75 Zentimeter langer Leguan und eine etwa meterlange ungiftige Boa auf den Turks- und Caicos-Inseln heimisch. Reichhaltiger ist demgegenüber die Vogelwelt: 52 verschiedene Arten brüten auf den Turks- und Caicos-Inseln. Zu ihnen zählt der Rotschwanzbussard (Buteo jamaicensis), von dem hier berichtet werden soll.
Teils Zug-, teils Standvogel
Der Rotschwanzbussard ist ein Mitglied der Familie der Habichtartigen (Accipitridae), der vielgestaltigsten Verwandtschaftsgruppe innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes). Weltweit zählen rund 240 Arten von Adlern, Bussarden, Habichten, Sperbern, Weihen, Milanen und Geiern zu den Habichtartigen. Von den Geiern abgesehen töten sie alle ihre Beutetiere mit den grossen, dolchartigen Krallen ihrer muskulösen Füsse und unterscheiden sich dadurch deutlich von den Mitgliedern der anderen umfangreichen Greifvogelfamilie, den Falken (Falconidae), welche ihre Beute mit den Füssen lediglich packen und sie dann mit einem kräftigen Schnabelbiss in den Hinterkopf töten.
Der Rotschwanzbussard ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe: Die erwachsenen Individuen weisen gewöhnlich eine Länge von 48 bis 63 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 110 bis 145 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 700 und 1300 Gramm auf. Die Weibchen sind - wie bei vielen Greifvögeln - etwas grösser als die Männchen und im Durchschnitt rund 25 Prozent schwerer.
Das Artverbreitungsgebiet des Rotschwanzbussards ist überaus weit. Es erstreckt sich über die meisten Bereiche Nordamerikas, von Alaska bis Mexiko, und weiter entlang der mittelamerikanischen Landbrücke bis nach Panama. Ferner umfasst es die meisten westindischen Inseln, südostwärts bis Barbados. Ganz im Norden des Verbreitungsgebiets hält sich der Rotschwanzbussard nur im Sommer auf, um dort zur Fortpflanzung zu schreiten. Den unwirtlichen Bedingungen des hochnordischen Winters weicht er aus, indem er südwärts zieht und mehrheitlich im mexikanischen Raum sein Winterquartier bezieht. In den übrigen Bereichen des Verbreitungsgebiets ist er Standvogel, bleibt also das ganze Jahr über seinem Brutgebiet treu.
Innerhalb seines weiten Artverbreitungsgebiets erweist sich der Rotschwanzbussard als ökologisch sehr flexibel, das heisst anpassungsfähig: Er bewohnt ein überaus breites Spektrum von Lebensräumen, und zwar in Höhenlagen von 0 bis ungefähr 2000 Metern ü.M. Sein bevorzugter Lebensraum sind offene bis halboffene Gebiete in der Nachbarschaft von Waldungen, wobei dies Laub-, Nadel- oder Mischwälder sein können. Am häufigsten ist er darum einerseits entlang von Waldsäumen und andererseits in offenen Grasländern mit eingestreuten Baumgruppen und Einzelbäumen anzutreffen. Man kann ihm aber durchaus auch auf Waldlichtungen, in Sumpfländern, auf Bergwiesen und sogar in Halbwüsten begegnen. Einzig das Innere geschlossener Waldgebiete meidet er. Letzteres hat in erster Linie mit seinem Körperbau zu tun: Wie alle der weltweit 26 Arten Echter Bussarde (Gattung Buteo) ist der Rotschwanzbussard ein breitflügeliger, verhältnismässig kurzschwänziger Greifvogel - und damit weit weniger für das schnelle Manövrieren im hindernisreichen Waldland als vielmehr für das Segeln und Gleiten im Offenland gebaut.
Ein geduldiger Ansitzjäger
Der Rotschwanzbussard bejagt fast ausnahmslos kleinere Wirbeltiere, die am Boden leben oder sich zumindest zeitweilig dort aufhalten. Am liebsten hält er von einem Ansitz aus Ausschau nach geeigneten Beutetieren. Geduldig sitzt er - äusserlich ruhig, jedoch mit angespannten Sinnen - beispielsweise auf einem erhöhten Ast und überwacht das Offenland vor sich. Entdeckt er ein mögliches Opfer, so lässt er sich nach vorn fallen, breitet die Flügel aus, gleitet in schnellem Sinkflug darauf zu und überfällt es schliesslich zielsicher mit weit nach vorn gestreckten Fängen. In Offenländern, wo günstige Ansitzmöglichkeiten fehlen, geht der Rotschwanzbussard aber durchaus auch im kreisenden Segelflug auf die Beutesuche.
Kleinere Nagetiere wie Feldmäuse und Streifenhörnchen machen durchschnittlich rund achtzig Prozent seiner Kost aus. Hin und wieder erbeutet er aber auch grössere Tiere bis hin zu Präriehunden, Kaninchen und Eselhasen, welche doppelt so schwer sein können wie er selbst. Bietet sich eine günstige Gelegenheit, so bejagt er ferner Amseln und andere Vögel sowie Echsen und Schlangen. Ja sogar Heuschrecken und weitere grosse Insekten sowie frischtote, beispielsweise im Strassenverkehr verunfallte Tiere verschmäht er nicht. Seine Beute verzehrt er je nach deren Grösse entweder im Ganzen oder aber er zerlegt sie vorgängig mit den messerscharfen Hornschneiden seines Schnabels in essbare Stücke.
Monogam und territorial
Rotschwanzbussarde leben monogam: Sie gehen nach dem Erreichen der Geschlechtsreife mit einem Vertreter des anderen Geschlechts einen Paarbund ein, der gewöhnlich erst mit dem Tod des einen oder anderen Partners endet. Wo die Rotschwanzbussarde sesshaft sind, so auch im Bereich der Westindischen Inseln, bleibt jedes Paar seinem einmal gewählten Territorium ganzjährig und wenn möglich ebenfalls lebenslang treu. Die Grösse des Territoriums bemisst sich gewöhnlich auf ein bis vier Quadratkilometer. Für die Ausdehnung massgebend scheint in erster Linie das örtliche Beutetierangebot zu sein, ferner die Anzahl geeigneter Ansitze und Nistplätze.
Als Nistplatz bevorzugen die Rotschwanzbussarde kräftige Bäume an Waldsäumen oder im Offenland, von wo aus sie eine gute Rundsicht sowie ungehinderte An- und Abflugschneisen haben. Nicht überall stehen ihnen allerdings solche Bäume zur Verfügung, doch auch in dieser Hinsicht erweisen sich die rotschwänzigen Greifvögel als ökologisch flexibel: In baumlosen Gegenden wählen sie als Nistplatz beispielsweise eine Nische in einer Felswand, einen mehrarmigen Kaktus oder sogar einen Telegrafenmasten.
Vielfach bauen sie ihren Horst von Grund auf selbst. Gern verwenden sie aber auch alte Krähen-, Bussard- oder Grauhörnchennester. Die etablierten Paar benützen zudem möglichst Jahr für Jahr denselben Horst. Dabei geht es nur nebensächlich um das Einsparen von Kräften: Es macht vor allem Sinn, einem Nistplatz treu zu bleiben, wo vorgängig die Nachzucht gelang.
Seinen Horst legt das Rotschwanzbussardpaar normalerweise in einer Höhe von zehn bis zwanzig Metern über dem Boden an. Beide Partner beteiligen sich am Bau. Mit Ästen und Zweigen errichten sie zunächst eine stabile, fest verankerte Plattform, dann kleiden sie deren zentralen Bereich mir Rindenstückchen, Tannenreisig, Gräsern und weiteren weichen Pflanzenstoffen aus. Der Horst weist gewöhnlich einen Durchmesser von 70 bis 100 Zentimetern auf und kann im Lauf der Jahre eine Höhe von über einem Meter erreichen.
In den wärmeren Bereichen des Verbreitungsgebiets, so auch auf den Westindischen Inseln, legt das Weibchen seine Eier im zeitigen Frühjahr, meistens schon im Februar. In Alaska hingegen tut es dies kaum je vor Mitte April, manchmal sogar erst im Mai. Das Gelege besteht aus zwei bis fünf, am häufigsten aber aus drei Eiern, welche auf mattweissem Grund rot- bis dunkelbraun gesprenkelt sind.
Die beiden Partner wechseln einander beim rund 30 Tage dauernden Bebrüten des Geleges regelmässig ab, doch übernimmt das Weibchen stets erheblich längere Schichten als das Männchen. Das Männchen revanchiert sich gewissermassen hierfür, indem es dem Weibchen regelmässig Beutetiere als Zwischenverpflegung ans Nest bringt. Auch nach dem Schlüpfen der Jungen, während der Nestlingszeit, bleibt diese Arbeitsteilung bestehen: Das grössere, kräftigere Weibchen behütet mehrheitlich die Jungen, das kleinere, wendigere Männchen schafft Nahrung für die ganze Familie herbei.
Die Jungen schlüpfen nackt und völlig hilflos aus den Eiern. Anfangs zerlegt das Weibchen die Beutetiere, welche das Männchen anliefert, und hält sie den Jungen in kleinen Stücken vor. Im Alter von etwa vier Wochen vermögen Letztere die Beutetiere dann selbst zu zerkleinern. Im Alter von sechs bis sieben Wochen sind die Jungen flugfähig und verlassen den Horst für erste, kurze Übungs- und Erkundungsflüge. Sie kehren jedoch während der folgenden drei bis vier Wochen stets wieder in die Nähe des Horsts zurück und lassen sich dort durch ihre Eltern mit Nahrung versorgen. Erst im Verlauf der folgenden vier bis fünf Wochen gelingt es ihnen, Beute zu greifen und sich zunehmend eigenständig zu ernähren. Im Alter von etwa fünfzehn Wochen sind sie schliesslich selbstständig und lösen sich dann von ihren Eltern und Geschwistern.
Zur Fortpflanzung schreiten die jungen Rotschwanzbussarde erstmals im Alter von knapp drei Jahren. Ihre Lebenserwartung in der freien Wildbahn dürfte normalerweise um zehn Jahre betragen. Der Altersrekord in der freien Wildbahn liegt bei 21, in Menschenobhut bei 29 Jahren.
Weites Areal, stabile Bestände
Der Rotschwanzbussard wird von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Dies ist darauf zurückzuführen, dass seine Gesamtpopulation innerhalb des rund 15 Millionen Quadratkilometer grossen Verbreitungsgebiets auf mehrere 100 000 Individuen geschätzt wird und dass seine Bestände als stabil gelten. Erhebungen zur Bestandsgrösse oder -entwicklung liegen allerdings keine vor.
Mancherorts werden einzelne junge Rotschwanzbussarde für die Haltung in Falknereien gefangen. Überall in ihrem Verbreitungsgebiet werden sodann einzelne Rotschwanzbussarde durch schiesswütige Personen getötet, andere durch den Strassenverkehr. Wahrscheinlich fallen auch einzelne unerfahrene Jungvögel sowie Nestlinge und Gelege Fressfeinden, Nestplünderern oder Nistplatzkonkurrenten zum Opfer. Zu nennen sind beispielsweise Kojote (Canis latrans), Rotluchs (Lynx rufus), Steinadler (Aquila chrysaetos) und Virginia-Uhu (Bubo virginianus). Diese Sterblichkeit dürfte jedoch keinen wirklichen Einfluss auf die Bestände haben, da solche Ausfälle via die natürliche Nachzucht wettgemacht werden können. Für die Turks- und Caicos-Inseln gilt dies ohnehin, da dort erstens keine der vier genannten Tierarten vorkommt und zweitens die Inselregierung Weitsicht bewiesen hat: Bereits 1992 hat sie 33 Naturschutzgebiete ausgewiesen, welche seither der heimischen Flora und Fauna - und damit auch dem Rotschwanzbussard - das Leben erleichtern.
Legenden
Der Rotschwanzbussard (Buteo jamaicensis) ist ein mittelgrosses Mitglied der rund 240 Arten umfassenden Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Die erwachsenen Individuen weisen gewöhnlich eine Länge von 48 bis 63 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 110 bis 145 Zentimetern und ein Gewicht von 700 bis 1300 Gramm auf, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas grösser und schwerer sind als die Männchen. Erwachsene Individuen (links) haben eine braune Iris, jugendliche (unten) eine gelbe.
Der Rotschwanzbussard hält sich vorzugsweise in offenen bis halboffenen Graslandschaften auf, denn wie alle der weltweit 26 Arten Echter Bussarde (Gattung Buteo) ist er ein breitflügliger, relativ kurzschwänziger Greifvogel - und damit weniger für das schnelle Manövrieren im hindernisreichen Wald als vielmehr für das ruhige Segeln und Gleiten im Offenland gebaut. Im Jugendkleid (kleines Bild oben) ist der Schwanz noch nicht rot gefärbt.
Der Rotschwanzbussard späht am liebsten von einem erhöht liegenden Ansitz aus nach Beutetieren (links). Hat er ein mögliches Opfer entdeckt, gleitet er in schnellem Sinkflug darauf zu (rechts) und packt es schliesslich zielsicher mit seinen kräftigen Fängen. Zur Hauptsache erbeutet er Mäuse, Hörnchen und andere kleinere Nagetiere. Er überfällt aber auch Hasentiere, Vögel, Echsen und Schlangen, ja verschmäht bei sich bietender Gelegenheit selbst grosse Insekten und frischtote Tiere nicht.
Beim Brutgeschäft der Rotschwanzbussarde herrscht Arbeitsteilung: Das grössere, kräftigere Weibchen behütet gewöhnlich die Nestlinge und füttert sie, während das kleinere, wendigere Männchen Nahrung für die ganze Familie beschafft.
Die Rotschwanzbussarde leben monogam und territorial. Ihre Reviere weisen gewöhnlich eine Fläche von ein bis vier Quadratkilometern auf. Um ihren Besitzanspruch kundzutun, lassen sie häufig im kreisenden Segelflug, oft aber auch von exponierten Warten aus ihren rauen, in der Tonhöhe abfallenden «Kiiieer»-Ruf vernehmen.
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