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In der Fernseh-Dokumentation «Pure Love – The Voice of Ella Fitzgerald» sagt die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington sinngemäss: «An der Berklee School of Music, wo ich unterrichte, gibt es etwa 500 Vokalisten. Mich wundert, weshalb niemand den Versuch unternimmt, Scat-Vocals auf dem Niveau von Ella zu singen. Wahrscheinlich, weil es so schwierig ist!»
Weil es so schwierig ist. Das ist vielleicht noch vorsichtig ausgedrückt. Auch gute 20 Jahre nach ihrem Tod ist weit und breit niemand, der auch nur annähernd so virtuos mit der Stimme improvisiert, wie das Ella Fitzgerald konnte.
Das kleine Einmaleins
Um sich klar zu machen, auf welchem Level Ella Fitzgerald agierte, ist es vielleicht gut, sich die möglichen Qualitäten einer Sängerin zu vergegenwärtigen.
Erstens: Sie muss singen können. Das heisst, sie sollte die Töne treffen. Mit dem Atem umgehen können. Sie muss über unterschiedliche Farben verfügen. Ein Lied so gestalten können, dass man gerne zuhört. Das ist das kleine Einmaleins.
Zum grossen Einmaleins gehört, in jedem Moment erkennbar zu sein. Eine eigene Identität zu entwickeln. Die Kontrolle über die Stimme und Vibrato zu haben. Über ein sicheres Timing zu verfügen. Vielleicht sogar improvisieren zu können.
Solisten, zieht euch warm an
Von Ella Fitzgerald sagte man, dass die Musiker ihre Instrumente nach ihr hätten stimmen können. Sie konnte alles singen – vom einfachen Popsong bis zur vertrackten Bläserlinie.
Nie kam sie an ihre Grenzen, immer entspannt machte sie jeden Song zu ihrem eigenen, und selbst hochkarätige Solisten mussten sich warm anziehen, wenn sie sich auf ein improvisatorisches Duell mit ihr einliessen. Ella konnte jeden an die Wand singen, wenn sie wollte.
Musikerin unter Musikern
Mag sein, dass uns Billie Holiday mehr berührt. Keine war emotionaler als Lady Day. Und Sarah Vaughan beherrscht ihr Organ vielleicht noch sicherer, konnte virtuos mit Intonation und Vibrato spielen. Aber in der Summe all dessen, was die Qualitäten einer Sängerin ausmachen, ist keine kompletter als Ella Fitzgerald.
Und nicht zuletzt: Ella Fitzgerald entwickelte sich ein Leben lang weiter. Vom Gesangswettbewerb, den sie mit 17 gewann, über Sessions mit Bebop-König Dizzy Gillespie, bei denen sie mühelos mithielt, ihren «Songbook»-Alben der 1950er-Jahre bei denen sie Standards in Songgestaltung setzte, bis zu ihren späten Duetten mit dem Gitarristen Joe Pass.
Ella bestand immer darauf, Musikerin unter Musikern zu sein. Es lohnt sich, sich Ella Fitzgeralds Kunst wieder einmal vorzunehmen, für Sängerinnen und Sänger. Und für uns Zuhörende sowieso.