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Das Archiv deckt die offensichtlichen Lügen des Iran auf, hebt die vielen Mängel des Atomabkommens hervor und zeigt, dass die Kapitulation vor Trump für Teheran unvorstellbar ist.
von Dr. Raphael Ofek
Am 7. Juli 2019 verkündete der Iran, man werde angesichts der mangelnden Unterstützungsbereitschaft der westlichen Länder gegen die neuerlich von den USA verhängten Sanktionen, Uran über dem im Atomabkommen 2015 (JCPOA) vereinbarten Höchstwert von 3,67% anreichern. Nach Auskunft des Beraters von Ajatollah Khamenei, Ali Akbar Velayati, wird der Iran von nun an Uran auf 5% anreichern, was der Konzentration von Kernbrennstoffen im Kernkraftwerk Bushehr entspricht. Offizielle Vertreter des Iran liessen seither verlauten, dass ihr Land die Urananreicherung tatsächlich auf 20 % erhöhen könnte (das im Brennstoff des Teheraner Forschungsreaktors vorhandene Niveau).
Dies wäre die zweite Verletzung des JCPOA durch den Iran. Am ersten Juli überschritt er die vereinbarte Obergrenze von 300 kg UF6 (Uranhexafluorid), das gemäss der Vereinbarung auf 3,67 % angereichert werden darf.
Darüber hinaus wurde am 11. Juli – zehn Monate, nachdem der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu das „geheime Atomwaffenlager“ in Turquzabad in Teheran identifiziert hatte – berichtet, dass die von den IAEA-Inspektoren vor Ort genommenen Bodenproben Spuren radioaktiven Materials enthalten. Dies beweist, dass es sich bei dem Lager tatsächlich um eine nukleare Aufbewahrungsstätte handelte und somit die Unterlassung des Irans, dies der IAEA (Internationale Atomenergie-Organisation) mitzuteilen, eine Verletzung des von ihr mit unterzeichneten NPT (Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag, NVV/Atomwaffensperrvertrag) darstellt.
Mogherini: „Unbedeutende Verstösse“
Ungeachtet dessen verkündete EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini am 15. Juli beim Treffen der EU-Aussenminister in Brüssel, dass die jüngsten Verstösse des Irans gegen den JCPOA unbedeutend seien und rückgängig gemacht werden könnten. In ihrem Ringen, das Atomabkommen zu retten, betonten die EU-Minister, dies sei die einzig verfügbare Option, um das Nuklearprogramm des Iran einzudämmen.
Auch wenn Teheran theoretisch innerhalb von sechs Monaten die Produktion von Nuklearwaffen aufnehmen könnte, neigt es doch eher dazu, sich mit langsamen, gemessenen Schritten aus dem Abkommen zurückzuziehen. Es droht Westeuropa mit seinen Absichten, während es gleichzeitig darauf achtet, die Regeln nicht grundsätzlich zu missachten – in der Hoffnung, dass Europa Trumps Sanktionen umgehen wird. Diese Politik des „Spiels mit dem Feuer“ erinnert an das Verhalten des Iran im Jahr 2003, nachdem sein Nuklearprogramm enthüllt worden war: Das Land kooperierte mit der IAEA hinsichtlich der Kernkraftanlagen, die auch für die zivile Nutzung deklariert werden konnten – wie etwa die Urananreicherungsanlagen und den Schwerwasserreaktor Arak – während gleichzeitig Nuklearaktivitäten militärischer Natur verheimlicht wurden.
Das Anfang 2018 von Israel sichergestellte iranische Nukleararchiv beweist, dass der Iran 2003 über ein sorgfältig geplantes und hoch entwickeltes Programm zur Entwicklung von Nuklearwaffen für ballistische Flugkörper verfügte. Das Problem war seither, ausreichend spaltbares material – hochangereichertes Uran oder Plutonium – für die Produktion von Atomwaffen anzuhäufen.
Das Nukleararchiv enthält eine Fülle neuer Informationen über die beschleunigten Bemühungen des Iran zur Entwicklung von Atomwaffen. Die Untersuchungen dieser Informationen weisen darauf hin, dass die nukleare Kapazität des Iran weit über die bisherigen Einschätzungen der westlichen Geheimdienste und der IAEA hinausgeht. Die Bemühungen des Iran fanden im Rahmen des Projekts 110 des Amad-Programms statt. Das Programm startete 1989 mit dem Ziel, fünf Atombomben mit einer Kapazität von jeweils 10 Kilotonnen zu produzieren, die an ballistischen Flugkörpern montiert werden könnten.
2002 verletzte der Iran in der zweiten Jahreshälfte seine Verpflichtungen als Mitunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags. Aufgedeckt wurde dies durch die Enthüllung der vom Iran errichteten Urananreicherungsanlage in Natanz sowie seines Plans zum Bau eines Schwerwasserreaktors für die Herstellung von Plutonium in der Nähe von Arak – beides hatte der Iran der IAEA verschwiegen.
Getarnte und verdeckte Forschung
Die umfangreiche Dokumentation in dem Archiv zeigt, dass führende iranische Vertreter des Verteidigungsministeriums sowie leitende iranische Nuklearwissenschaftler – ungeachtet der IAEA-Forderung nach vollständiger Offenlegung des Nuklearprogramms des Iran – Mitte des Jahres 2003 darüber diskutierten, wie man mit dem Atomwaffenprogramm fortfahren könnte. Die bekanntesten Wissenschaftler waren Mohsen Fakhrizadeh und Dr. Fereydoon Abbasi, ehemaliger Vorsitzender der Atomenergie-Organisation des Iran. Sie kamen zu dem Schluss, dass man komplett trennen sollte zwischen 1) atomaren Forschungs- und Entwicklungs-Aktivitäten (F&E), die öffentlich als rein zivil deklariert werden könnten; und 2) atomaren F&E-Aktivitäten, die getarnt und verdeckt gehalten werden sollten, wie z. B. Forschungen zur Neutronenphysik. Die als geheim eingestuften Aktivitäten mussten an den Universitäten und technologischen Forschungsinstituten des Iran im Rahmen legitimer Forschungszwecke durchgeführt werden.
Daher entschied die Führung in Teheran 2003, Amad in ein kleineres, eher geheimes Atomwaffenprogramm umzuwandeln. Nachdem man Schritte unternommen hatte, diesen Plan zu verschleiern, verlieh Teheran ihm den wundervoll euphemistischen Namen „Organization for Defensive Innovation and Research“ (persische Abkürzung: SPND).
Die Nukleararchiv-Operation wurde erstmals am 30. April 2018 von Netanyahu öffentlich gemacht. Von Oktober 2018 bis Mai 2019 legten zwei Institute aus Washington – das Institute for Science and International Security (ISIS) und die Foundation for the Defense of Democracies (FDD) – eine Reihe äusserst detaillierter Berichte über die Archivdokumente vor, welche bis dahin noch nicht veröffentlichte Informationen über geheime Anlagen enthielten. (Nach Angaben der Institute, darf ein Teil der Informationen aufgrund der Bestimmungen hinsichtlich der Nichtverbreitung von Kernwaffenmaterial oder Kernwaffen-Techniken (NPT) nicht veröffentlicht werden.)
Bereits 2004 hatte die IAEA vermutet, dass zentrale Elemente des Nuklearprogramms am Militärstandort Parchin, rund 30 Kilometer nördlich von Teheran, durchgeführt wurden. Im Mai 2012 wurden dort auf Satellitenaufnahmen verdächtige Aktivitäten festgestellt: Die Iraner zerstörten einen Teil der zuvor von Inspektoren der IAEA blockierten Strukturen und die umliegenden Bereiche wurden vollkommen verwüstet.
Informationen aus dem Nukleararchiv ermöglichen uns erstmals, die Archivbilder der beiden Hauptgebäude vor Ort – Taleghan-1 und Taleghan-2 – in Beziehung zu Satellitenaufnahmen der Gebäude aus dem Jahr 2004 zu setzen.
Im Gebäude Taleghan-1 wurde eine riesige zylinderförmige Stahlzelle für explosionsgefährliche Detonationsexperimente, die im Februar 2003 starteten, installiert. Das Ziel der Experimente war die Entwicklung eines Neutronen-Auslösers für einen nuklearen Sprengkörper. (Wenn ein atomarer Sprengsatz implodiert, gibt der Auslöser einen Neutronenstrahl ab, um die Kettenreaktion des Uran-Kerns zu verstärken und die Intensität der nuklearen Explosion zu erhöhen.) Das Archiv beweist, dass Taleghan-1 für die Entwicklung von Neutronenauslöser-Experimenten konzipiert wurde, da es Fotos aus dem Inneren des Gebäudes enthält, auf denen zwei Arten von Neutronendetektoren zu erkennen sind.
In der Anlage Taleghan-2 wurde ein kleinerer zylindrischer Stahltank installiert, um „kalte Tests“ durchführen, bei denen die Komprimierung nicht spaltbarer Uran-Kerne mit Explosivstoffen zur Darstellung einer Uran-Kern-Kompression in nuklearer Qualität geprüft wird. Ausserdem enthielt Taleghan-2 eine riesige Röntgenblitz-Kamera zur Aufnahme des Vorgangs der implosionsinduzierten Kern-Kompression. Kameras dieser Art fotografieren in einer extrem schnellen und extrem kurzen Taktung von 20 bis 35 Nanosekunden.
Darüber hinaus enthüllten die Archivdokumente eine bis dahin unverdächtige unterirdische Nuklearanlage in Parchin, bekannt als das Shahid Boroujerdi Projekt. Die Anlage wurde benutzt, um die UF6-Verbindung in metallisches Uran umzuwandeln, es dann zu schmelzen, zu giessen und zu hohlen Halbkugeln zu verarbeiten, um die künftige Kernproduktion zu trainieren.
Eine weitere bedeutende Anlage, die bis zur Enthüllung des iranischen Archivs nicht bekannt war, befindet sich in der Ortschaft Sanjarian, in der Nähe Teherans. Erste, noch unbestätigte Informationen über die Anlage wurden 2009 vom Nationalen Widerstandsrat des Iran (NWRI), einer Oppositionsorganisation des Regimes in Teheran mit Sitz in Paris, veröffentlicht. Zweck der Anlage in Sanjarian war die Produktion des explosionsfähigen Systems, das den Uran-Kern einer Atomwaffe umgibt und dessen Funktion es ist, den Kern durch die Explosion zu komprimieren, um ihn in den Zustand der Super-Kritikalität zu versetzen. Diesen Prozess bezeichnet man als Implosion. Das Explosivsystem wird MPI (Multi-Point Initiation System) oder „Shock Wave Generator“ genannt. Der primäre Sprengstoff in der MPI-Hülse ist Octol, eine Mischung aus HMX (Cyclotetramethylentetranitramin/ (High-Molecular-weight rdX) und TNT (Trinitrotoluol). Die Kanäle im Inneren der Hülse enthalten spezielle explodierende Zünder (EBW), die für die simultane Zündung geeignet sind und nur gezündet werden, wenn hohe Spannung angelegt wird.
Eine weitere zentrale Tätigkeit in Sangjarian bestand in der Produktion von PETN (Pentaerythrityltetranitrat), einem risikoreichen und hochwirksamen Sprengstoff, der für die Verwendung innerhalb der MPI-Kanäle entwickelt wird. Um 2002 hatte der Iran rund zwei Drittel der für das MPI-Projekt erforderlichen Aufgaben ausgeführt. Laut der in den Archivdokumenten enthaltenen Einschätzung war das letzte Drittel vermutlich zum Jahresende 2003 fertiggestellt.
Weitere bedeutende Aktivitäten im Rahmen des Nuklearwaffenprogramms waren das Midan-Projekt – das die Lokalisierung und Errichtung eines nuklearen Testfelds, offensichtlich in einer Wüstenregion im Nord-Iran, südöstlich von Semnan, beinhaltete – und Projekt 111, dessen Ziel es war, eine Atombombe als Sprengkopf in die Shahab-3-Mittelstreckenrakete zu integrieren.
Die Enthüllungen des Archivs entlarven die wiederholten Erklärungen Irans, sein Nuklearprogramm diene ausschliesslich friedlichen Zwecken, als eine schamlose Lüge und heben die zahlreichen Schwachpunkte des „Atomdeals“ hervor. Es kann davon ausgegangen werden, dass eine Kapitulation seitens des Iran hinsichtlich Trumps Forderung zur Wiederaufnahme der Atomvereinbarung – die gleichbedeutend mit einem vollkommenen Verzicht auf die Entwicklung von Atomwaffen wäre – für das Regime in Teheran undenkbar ist.
Oberstleutnant (res.) Dr. Raphael Ofek, wissenschaftlicher Mitarbeiter des BESA-Center, ist Experte auf dem Gebiet der Nuklearphysik und -technologie und ehemaliger leitender Analyst bei den israelischen Nachrichtendiensten. Auf Englisch erschienen bei Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Übersetzung Audiatur-Online.