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Zu Alfred Eschers Zeiten begannen in der Schweiz die Infrastrukturnetze das Land zu umspannen: ein feinmaschiges Drainagenetz, das die Schweiz urbar machte, die Nordostbahn, die den Weg für das heutige SBB-Netz ebnete. Ein Jahrhundert später beschliesst der Bundesrat 1960 den Bau des Nationalstrassennetzes, das heute, bis auf einige wenige Kilometer, fertiggestellt ist. Wieder ein halbes Jahrhundert später beschliesst der Bundesrat 2012 die Erstellung der nächsten landesumspannenden Infrastruktur: die Ökologische Infrastruktur. Eine Infrastruktur, die den Erhalt der Biodiversität gewährleisten soll.
Wertvoll für Tier und Mensch
Die Ökologische Infrastruktur ist ein Netzwerk aus grossen Kerngebieten, die den Ansprüchen der darin lebenden Arten entsprechen. Diese Kerngebiete müssen miteinander verbunden sein, damit sie von den jeweiligen Arten erreicht werden können. Es braucht also sowohl grosse zusammenhängende Flächen, als auch dazwischen viele kleine Flächen als Trittsteine sowie extensiv genutzte Korridore, damit die Landschaft passierbar wird. Wo bauliche Hindernisse die Durchlässigkeit verunmöglichen, sind Anlagen nötig, welche die bestehenden Hindernisse zu überwinden helfen (wie Durchlässe, Wildtierbrücken oder Überdachungen). Die Ökologische Infrastruktur besteht aus den unterschiedlichsten Lebensräumen und zieht sich somit auch durch die unterschiedlichsten Bereiche unserer Landschaft: durch die Siedlungen, entlang und in den Gewässern, durch den Wald, durch Äcker, Wiesen und Weiden bis hinauf in den alpinen Raum.
Die Ökologische Infrastruktur dient dem Erhalt der Biodiversität und erbringt zudem konkrete Leistungen für uns Menschen: in den Städten hilft die Biodiversität, die Hitze einzudämmen, bietet Infiltrationsflächen und entlastet somit das Kanalisationssystem bei Starkniederschlägen und gewährt Erholungsraum. Im Wald und auf landwirtschaftlicher Nutzfläche werden die Resilienz der Bodenfruchtbarkeit erhöht, der Bodenwasserhaushalt reguliert, Hochwasserspitzen abgeschwächt, die Wasserfilterfunktion für unser Trinkwasser gestärkt und Nützlinge gefördert.
Es braucht zusätzliche Fläche
Wie es in den 1950er-Jahren bereits vor dem Aufbau der Nationalstrassen und der Sachplanung Verkehr Strassen gab, haben wir auch jetzt schon Bestandteile der ÖI: das sind die gesicherten Biotop-Inventarflächen von nationaler, kantonaler und lokaler Bedeutung, die Waldreservate, der Nationalpark als Kerngebiete sowie noch durchlässige Landschaftsverbindungen und erhaltene oder wiederhergestellte nationale Wildtierkorridore. Zusätzlich gibt es Flächen, die immer noch eine hohe ökologische Qualität aufweisen, aber noch mit keinem Instrument gesichert sind. Diese gilt es, möglichst rasch zu sichern, damit die Qualität erhalten werden kann – optimalerweise mit einem neuen nationalen Inventar. Wissenschaftliche Grundlagen weisen aber einen Flächenbedarf aus, der weit über diesen Flächenanteilen liegen, die heute noch gute Qualität aufweisen: Mindestens 30 Prozent der Schweizer Landesfläche sind nötig, um den langfristigen Erhalt der Biodiversität sicherzustellen (Forum Biodiversität Schweiz 2013). Der Ergänzungsbedarf an zusätzlichen Flächen für die Biodiversität ist also hoch. Da braucht es nicht nur die Weitsicht und Schlagkraft eines Alfred Eschers, sondern vor allem auch die Planung und die Zusammenarbeit, wie es sie damals auch für die Errichtung des Nationalstrassennetzes gebraucht hat. Um diese Koordination zu gewährleisten, schlägt die Fachgruppe Ökologische Infrastruktur ein nationales Konzept nach Art. 13 RPG vor, um den Ergänzungsbedarf an Kerngebieten für jeden Kanton festzusetzen.
Raumplanung ist gefordert
Damit es nicht nur bei der Idee bleibt, sind alle gefordert: Es geht nicht einzig um das Kulturland und die Landwirtschaft. Auch die Förster, die Kiesgrubenbetreiberinnen, die Gewässerfachleute, die Privaten und insbesondere auch die Raumplanung, die Siedlungsentwickler und Landschaftsarchitektinnen spielen eine wichtige Rolle beim Aufbau der Ökologischen Infrastruktur. Insbesondere in Siedlungen sind die Synergien zwischen der Sicherung der Biodiversität und der Klimaanpassung sowie der Steigerung der Wohn- und Lebensqualität der Bevölkerung sehr gross. Es gibt Gemeinden, die bereits an der Ökologischen Infrastruktur arbeiten und Flächen bereitstellen, indem sie Vorgaben in Nutzungsplänen festlegen, Gewässer ausdolen, asphaltierte Flächen entsiegeln, Grünräume naturnah gestalten, Siedlungsränder aufwerten, private Infiltrationsflächen steuerlich entlasten etc. Das Ziel: bei zunehmender Verdichtung des Siedlungsraums genügend Platz für die im Siedlungsraum lebenden Arten bereitstellen und gleichzeitig die zunehmende Hitze reduzieren, Überschwemmungsgefahr minimieren und das Abwassersystem entlasten.
Aktuell führen die Kantone eine fachliche Planung der Ökologischen Infrastruktur durch. Der Bundesrat sieht in der kommenden Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes den Einsatz von Instrumenten nach Raumplanungsgesetz vor, um den Aufbau und Betrieb dieses Generationenwerks zu sichern.
Wenn alle zusammenspannen, wird es gelingen, der Biodiversität genügend Raum zu bieten und gleichzeitig den unseren lebenswerter zu gestalten. Ich bin überzeugt, auch Herr Escher würde mithelfen!
Literaturhinweis
Forum Biodiversität Schweiz, Projektbericht: Flächenbedarf für die Erhaltung der Biodiversität und der Ökosystemleistungen in der Schweiz, Hrsg.: Forum Biodiversität Schweiz, Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT), Bern 2013.
Die Fachgruppe Ökologische Infrastruktur ist ein Fachgremium zur konzeptionellen Unterstützung und Entwicklung der Ökologischen Infrastruktur der Schweiz. Sie wurde 2018 gegründet und ist angegliedert beim Schweizer Komitee der «International Union for Conversation of Nature» (IUCN).