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Ist Ihr Chef oder Ihre Chefin überempfindlich? Misstrauisch? Schnell beleidigt? Möglicherweise haben genau diese Eigenschaften ihren Chef/ihre Chefin dabei unterstützt, die aktuelle Führungsposition zu erhalten. Über die überraschenden Vorteile von Paranoia in der Arbeitswelt.
Ich trau dir nicht
Ulrich und Van Quaquebeke (2017) beschreiben Paranoia als langanhaltendes und generalisiertes Misstrauen gegenüber Mitmenschen. Laut den Forschern kann sich eine subklinische Paranoia (sprich mit geringen klinischen diagnostizierten Anzeichen) am Arbeitsplatz wie folgt äussern: Der Chef ist überempfindlich, schnell beleidigt und sucht nach Hinweisen, die seine Ängste und Vorurteile (scheinbar) bestätigen. Klingt erstmal nicht nach Eigenschaften, die für Führungskräfte förderlich sind.
Hoch sozial angepasst oder etwas paranoid
Ulrich und Van Quaquebeke nennen folgende Vorteile, die Menschen mit paranoiden Gedanken haben:
- Sie sind empfindsam gegenüber Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld
- Sie können ihr Verhalten dem Gegenüber geschickt anpassen
Diese Eigenschaften können karriereförderlich sein – und werden interessanterweise auch von Personen gezeigt, die eine hohe soziale Anpassungsfähigkeit aufweisen. Diese zeigen das Verhalten allerdings aus sozialen Gründen, und nicht ausgelöst durch Misstrauen.
Paranoid – und damit erfolgreich?
Van Quaquebeke (2016) untersuchte, ob eine subklinische Paranoia der Karriere schadet oder gar förderlich ist für die Karriereentwicklung. 441 Personen wurden bezüglich verschiedener Persönlichkeitseigenschaften und ihrer Karriere (Fokus: Führungsspanne, sprich Anzahl Mitarbeitende) untersucht. Es zeigte sich, dass sozial hoch angepasste Personen deutliche Karrieresprünge machten innerhalb eines halbes Jahres. Personen, die gering sozial angepasst sind, machten viel weniger Karrieresprünge – ausser sie zeigten ein hohes Mass an paranoiden Gedanken auf. Paranoia kann folglich unter gewissen Umständen tatsächlich zu mehr Führungsverantwortung führen.
Paranoia als Erfolgsrezept?
Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Ulrich und Van Quaquebeke (2017) weisen darauf hin, dass die Ergebnisse keine Aussagen darübermachen, ob paranoide Führungskräfte auch gute Führungskräfte sind. Die Studie zeigt «nur», dass unter bestimmten Bedingungen (soziale gering angepasste Person, die in hohem Masse paranoide Gedanken aufweist) Paranoia durchaus auch karrierefördernd sein kann. Van Quaquebeke rät von praktischen Schlussfolgerungen ab, da die Forschung zu den Auswirkungen von Paranoia noch am Anfang steht.
Im Berufsalltag
Misstrauen per se kann in einem gewissen Masse durchaus sinnvoll sein: Führungskräfte sollten im Zeitalter von Fake News nicht immer alles gleich für bare Münze nehmen oder sich beim hohen Abbruch von Start-Ups gegenüber strahlenden Erfolgsplänen durchaus auch mal skeptisch zeigen. Laut Ulrich und Van Quaquebeke kann Paranoia im Berufsalltag aber oft mühsam sein – der Vorgesetzte traut seinem Team nicht, hinterfragt vieles, teilt Informationen ungenügend, agiert nicht als Teamplayer, braucht Bestätigung, etc. Auch für die paranoide Führungskraft dürfte der Alltag anstrengend sein – jedes Verhalten wird auf potentiellen Verrat geprüft, man ist sich der Loyalität der Mitarbeiter nicht sicher und so weiter. Daher ist es sicherlich noch verfrüht, zu allgemeiner Paranoia aufzurufen.
Weiterführende Informationen und Quellen:
Ulrich, J., & Van Quaquebeke, N. (2017). Paranoide Gedanken: Ein Vorteil für die Karriere. Wirtschaftspsychologie aktuell, 1, 30–34.
Van Quaquebeke, N. (2016). Paranoia as an antecedent and consequence of getting ahead in organizations: Time-lagged effects between paranoid cognitions, self-monitoring, and changes in span of control. Frontiers in Psychology, 7, 1446.
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