Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03280.jsonl.gz/1483

Vom Bauernhund zum Allrounder
Der Appenzeller Sennenhund hat eine Ringelrute, und es gibt ihn in den zwei Farbschlägen Schwarz und Havannabraun. Damit hebt er sich klar von den anderen Schweizer Sennenhunderassen ab. Im Volksmund wird er auch «Bläss» genannt, wegen der Blesse, die von seinem Oberkopf zur Schnauze verläuft. Im Appenzellerland nennen sie ihn liebevoll «Tryberli» (Treiberli). Als Treibhund, aber auch als Zug-, Hüte- und Wachhund wurde der Appenzeller Sennenhund ursprünglich in den Schweizer Alpen verwendet. Heute ist er ein äusserst vielseitiger Arbeits-, Sport- und Familienhund.
Der Appenzeller Sennenhund wurde von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) am 27.7.1954 endgültig anerkannt. Ursprungsland ist die Schweiz. Die Rasse wird vom Schweizerischen Club für Appenzeller Sennenhunde SCAS betreut.
Appenzeller Sennenhund
FCI-Gruppe
Nr. 2 – Pinscher und Schnauzer – Molosser – Schweizer Sennenhunde
Sektion
Schweizer Sennenhunde
FCI-Standard
Nr. 46
Geschichte und Herkunft
Die Rasse geht auf Bauernhunde zurück, die in den Schweizer Alpen, im Speziellen in den Kantonen Appenzell Inner- und Ausserrhoden sowie im Toggenburg (St. Gallen) als Treib-, Hüte- und Wachhunde eingesetzt wurden. 1853 wird ein Vorfahre des heutigen Appenzeller Sennenhundes im «Tierleben der Alpenwelt» erstmals als ein «hellbellender, kurzhaariger, mittelgrosser, vielfarbiger Sennenhund» beschrieben, der «strichweise in ganz regelmässigem, spitzartigem Schlag, teils zur Hut der Hütte, teils zum Zusammentreiben der Herde, vorzufinden ist».
Anfangs des 20. Jahrhunderts nahmen sich einige Liebhaber:innen der Reinzucht des damals in seinem Erscheinungsbild sehr uneinheitlichen Bauernhundes an. Prof. Dr. Albert Heim, ein grosser Förderer der Schweizerischen Hunderassen, regte 1906 die Gründung des Schweizerischen Clubs für Appenzeller Sennenhunde (SCAS) an. 1914 legte er den ersten Rassestandard fest, der noch heute seine Gültigkeit hat.
Anfänglich stand der Gebrauchswert des Hundes im Vordergrund. Er sollte ein guter Viehtreiber und Hofwächter sein. Aussehen oder Abstammung waren damals zweitrangig. Für die Zucht wurden denn auch vor allem Tiere ausgewählt, die sich als leistungsfähige Arbeitshunde erwiesen hatten.
Was vielleicht weniger bekannt ist: Der Appenzeller Sennenhund kam früher auch als Zughund zum Einsatz. So wurde er u.a. vor den Karren gespannt, um die Milch in die Sammelstelle zu bringen. Die Tradition des «Wägeli»-Ziehens wird heute wieder gepflegt und gerne im Rahmen von folkloristischen Umzügen gezeigt.
Das ursprüngliche Zuchtgebiet war das Appenzellerland. Heute wird die Rasse über die ganze Schweiz verteilt und in vielen weiteren Ländern gezüchtet, sogar in den USA und in Kanada, wo die Rasse erst kürzlich offiziell anerkannt wurde.
Der Appenzeller Sennenhund ist die einzige Schweizer Hunderasse, die von ProSpecieRara als gefährdet eingestuft wird. Zwar ist er nicht vom Aussterben bedroht, aber die Zuchtbasis ist schmal und der reinrassige Appenzeller Sennenhund nicht sehr verbreitet. Die meisten appenzellerähnlichen Hunde, denen man begegnet, sind Mischlinge und werden fälschlicherweise für Appenzeller gehalten. Der Appenzeller Sennenhund ist auch der einzige Hund, der ein eigens für ihn geschaffenes Halsband hat. Die alte Handwerkskunst der Sennensattler wird im Appenzellerland bis heute gepflegt.
Aussehen und Physiologie
Der Appenzeller Sennenhund ist ein dreifarbiger, mittelgrosser, fast quadratisch gebauter Hund mit gedrungenem, muskulösem Körper und pfiffigem, wachsamen Gesichtsausdruck. Die Grundfarbe seines Stockhaarfelles ist schwarz oder havannabraun mit symmetrischen rostbraunen und weissen Abzeichen. Er ist erheblich kleiner als der Grosse Schweizer oder der Berner Sennenhund, aber etwas grösser als der Entlebucher. Seine charakteristische Ringelrute trägt er seitlich oder in der Mitte über die Kruppe gerollt. Man spricht deshalb auch gerne vom so genannten «Posthörnchen» des Appenzeller Sennenhundes. In Ruhestellung hängen die Ohren flach an den Backen anliegend herunter. Über den Augen hat er den so genannten rostbraunen «Vieräugelfleck».
Vom Oberkopf über den Nasenrücken zieht sich eine gut sichtbare Blesse, welche die Schnauze ganz oder teilweise umfasst und die ihm im Volksmund die Bezeichnung «Bläss» eingebracht hat.
Die Widerristhöhe des Appenzeller Sennenhundes liegt zwischen 50 und 56 cm, das Gewicht zwischen 22 und 28 kg.
Charakter und Temperament
Das Temperament des Appenzeller Sennenhundes wird am besten mit dem Wort quecksilbrig umschrieben. Er ist ein lebhafter, oft ungestümer, aber auch treuer und anhänglicher Hund. Seinen Gefühlen verleiht er oft mit seinem hellen Bellen Ausdruck. Dank seiner ausgeprägten Beobachtungs- und Auffassungsgabe ist er auch sehr anpassungsfähig und lernt schnell.
Er besitzt einen ausgeprägten Meutetrieb und fühlt sich deshalb sehr eng an seinen Menschen, seine Familie sowie an Haus und Hof gebunden. Sein Rudel hält er gerne zusammen und kann deshalb nicht umhin, «abtrünnige» Mitglieder, seien es Menschen, Kühe oder andere Tiere, wieder in die Herde zurückzuholen.
Von seinem Naturell her ist der Appenzeller Sennenhund ein eher zurückhaltender Hund. Fremden gegenüber zeigt er sich reserviert bis misstrauisch. Er ist ein unbestechlicher Wächter und hat einen eher geringen Jagdtrieb.
Seine Veranlagung zum Hüten und Treiben von Vieh macht ihn zu einem typischen Vertreter der Schweizer Sennenhundrassen. Arbeitsfreude, Ausdauer und Beweglichkeit gehören zu seinen Markenzeichen. Er scheint stets freudig darauf zu warten, endlich in Aktion treten zu dürfen.
Sein Beschützerinstinkt und dass er sich als Treibhund gerne von hinten nähert, haben dem Appenzeller Sennenhund vor allem bei Wanderern und Hofbesucherinnen einen schlechten Ruf als giftiger Kläffer und Wadenbeisser eingetragen – dieses Fehlverhalten hat allerdings mit Unterbeschäftigtigung und schlechter Sozialisation zu tun und nichts mit der Rasse. Aggressive Hunde sind übrigens von der Zucht ausgeschlossen. Jeder Appenzeller Sennenhund muss einen Verhaltenstest bestehen, bevor er zur Zucht zugelassen wird.
Pflege und Gesundheit
Durch die harten Bedingungen in den Bergen und die teilweise schonungslose Selektion wurden die Appenzeller Sennenhunde zu sehr robusten, in der Ernährung unkomplizierten und wenig krankheitsanfälligen Hunden. Rassetypische Krankheiten gibt es beim Appenzeller Sennenhund keine.
Die durchschnittliche Lebenserwartung des Appenzellers liegt bei 12 bis 14 Jahren; man hört aber auch häufig von 17- bis 18-jährigen Hunden. Was das Futter betrifft, ist der Appenzeller Sennenhund nicht heikel. Er frisst gern und viel. Deshalb muss darauf geachtet werden, dass er nicht zu sehr an Gewicht zulegt, was vor allem bei kastrierten Tieren eine Gefahr ist.
Sein Stockhaarfell ist pflegeleicht. Es verfilzt nicht, bildet im Winter keine Klumpen, und bei Regen genügt es, den Hund mit einem Tuch kurz trocken zu reiben. Natürlich darf man ihn regelmässig bürsten, aber nötig ist dies nur beim Fellwechsel.
Der Appenzeller Sennenhund ist hart im Nehmen und steckt Schmerzen weitgehend weg. Das hat leider den Nachteil, dass so schwerwiegende Erkrankungen zu spät erkannt werden können.
Training und Erziehung
Der Appenzeller Sennenhund braucht eine konsequente Erziehung und Führung. Gerade bei diesem sehr selbständigen Hund ist das unerlässlich. Er benötigt meist nur kurze Anleitungen und lernt sehr schnell. Da er aber sehr eigenständig ist, hat man es mit keinem unkritischen Auftragsempfänger zu tun. Auf Strafen reagiert er schlecht. Im Extremfall zieht er sich zurück oder wird gar aggressiv.
Weil er Fremden gegenüber von Natur aus eher zurückhaltend ist, muss man mit ihm viel unter Menschen gehen und ihm möglichst viel von der Welt zeigen, denn auch beim Hund gilt: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!»
Da der Appenzeller ein sehr aktiver Hund ist, braucht er eine Aufgabe oder angemessene Beschäftigung. Er muss körperlich, aber vor allem auch geistig ausgelastet werden. Sonst wird er schnell eigenwillig und schwierig und neigt zum Streunen oder Zernagen und Zerkratzen von Gegenständen aller Art. Der Appenzeller Sennenhund braucht deshalb Menschen, die gerne mit ihm unterwegs sind und Zeit für ihn haben, ihm aber auch eine konsequente Haltung und viel Zuwendung entgegenbringen. Da er in seinem ursprünglichen Job als Viehtreiber und Hofwächter nur noch selten eingesetzt werden kann, ist zum Beispiel der Hundesport eine gute Möglichkeit, ihn artgerecht auszulasten.
In seiner Ausbildung muss der Appenzeller Sennenhund seinen Anlagen entsprechend gefördert werden. Gerade weil er eine so rasche Auffassungsgabe hat, wird es ihm schnell langweilig oder er ist unterfordert. Deshalb ist es wichtig, das Training abwechslungsreich zu gestalten.
Ein Appenzeller Sennenhund ist nur bedingt als Anfängerhund geeignet. Seine schnelle Auffassungsgabe, sein Hang zur Selbständigkeit und sein ausgesprochenes Temperament können unerfahrene Hundebesitzer:innen überfordern.
Natürlich ist ein Haus mit Garten ideal für einen Appenzeller, aber es spricht nichts dagegen, ihn in einer Wohnung zu halten. Solange seine Menschen mit ihm viel Zeit draussen verbringen und ihm ausreichend Bewegung in der freien Natur gewähren, kann er sich jeder Wohnsituation anpassen. Er ist aber kein Ketten- oder Zwingerhund. Der Appenzeller muss mit seinen Menschen bzw. seiner Familie zusammen sein und das Leben mit ihnen teilen können, sonst wird er unter Umständen zum hinterhältigen Kläffer.
Hundesport
Seine Anlagen und Fähigkeiten machen den Appenzeller Sennenhund zum perfekten Allrounder, der in allen Hundesportarten zu Hause ist. Ob Agility, Obedience, Begleit-, Schutz- oder Sanitätshund: In all diesen Disziplinen sind Appenzeller Sennenhunde mit Leidenschaft dabei und haben schon sportliche Erfolge gefeiert. Auch neuere Hundesportarten wie Mantrailing, Treibball, HoopAgi, RallyObedience usw. hat der Appenzeller Sennenhund bereits für sich entdeckt. Er hat sich aber auch als Rettungs-, Blindenführ- und Therapiehund bewährt.
Seine Wendigkeit und Ausdauer kommen ihm an der Seite von aktiven Menschen beim Joggen, Velofahren, Wandern oder beim Spiel zugute. Heute ist der Appenzeller ein äusserst vielseitiger Arbeits-, Sport- und Familienhund.