Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/728

Nicht zum ersten Mal versuchen Biologen, eine Vermutung von Charles Darwin, dem Vater der Evolutionstheorie, mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern:
„Die Laute, welche Vögel hervorbringen, bieten in mehreren Beziehungen die nächste Analogie mit der Sprache dar; […]” Charles Darwin in “The Descent of Man”, 1871
Die menschliche Sprache, so spekulierte schon Darwin, könnte ihren Ursprung im Gesang gehabt haben. Davon gehen mittlerweile auch viele Forscher aus, unter anderem Shigeru Miyagawa, Professor für Linguistik am MIT Departement für Linguistik und Philosophie.
Wörter - und der Raum dazwischen
Laut Miyagawa ist die menschliche Sprache ein Zusammenspiel zweier Systeme, dem lexikalen und dem expressiven. Das lexikale System ist zuständig für das Benennen von Dingen und beinhaltet unseren Wortschatz. Wir teilen es mit unseren nächsten Verwandten, es entspricht beispielsweise einem informativen „Schlange!“-Warnruf eines Affen. Das expressive System hingegen verleiht unserer Sprache eine zusätzliche Ebene an Komplexität. So können beispielsweise in einem Satz die Wörter dieselben bleiben, durch eine minime Änderung in deren Betonung jedoch eine unterschiedliche Bedeutung erhalten. Anders als das lexikale System finden wir das expressive nicht in Primaten – es gleicht vielmehr dem Gesang von Vögeln. Diese besitzen ein Repertoire an verschiedenen Gesangsmustern, jedes mit einer sogenannt „holistischen“ Bedeutung. Das heisst, je nach Situation (Paarungsbereitschaft, Territorialverhalten etc.) wird ein anderes Muster gezwitschert. Vögel sind in der Lage, diese Muster neu zu kombinieren – und ihrer Kommunikation genau damit eine grössere Variabilität und Komplexität zu verleihen.
Die Integrationshypothese besagt, dass sich in der menschlichen Sprache diese beiden bereits existierenden Sprachsysteme vereint haben. Das sei in der Evolution immer wieder zu beobachten, so Berwick, Professor für Computerlinguistik am MIT. Entstehe etwas Neues, dann baue es sich nicht selten aus bereits existierenden Bauteilen zusammen.
MRI eines Finkengehirns
Auch wenn die Integrationshypothese kontrovers ist – lebte der letzte gemeinsame Vorfahre von Vogel und Mensch doch vor stattlichen 20 Millionen Jahren – so hat sie dennoch grosses Potenzial. Weil sich Sprache nicht in Fossilien findet, sind Linguisten nämlich darauf angewiesen, die menschliche Sprache an heute lebenden Kommunikationsformen zu erforschen; und genau dazu würden sich Vögel hervorragend eignen, so die beiden Jungforscherinnen Madza Yasodara Farias Virgens und Jessi Sosnovskaya. Indem sie für den Gesang verantwortliche Gene und die dabei aktiven Hirnareale in Finken identifizieren, wollen sie Rückschlüsse auf die Evolution der menschlichen Sprache ziehen.
Weil es sich in unseren nächsten Verwandten nicht findet, gehen die Forscher davon aus, dass sich das expressive System in der Evolution der Vögel und der Menschen zweimal unabhängig voneinander (konvergent) entwickelt hat.