Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03489.jsonl.gz/1384

56 Weltbild und Glaube
Zunächst fördert die Rekonstruktion des katholischen Weltbildes eine Reihe von Erkenntnissen zutage:
- Das Weltbild entstand und wandelte sich über einen längeren Zeitraum, so dass es sich im Rückblick anders darstellt als in Betrachtung bestimmter Zeitpunkte.
- In Teilen spiegelt es das Wissen der Zeit – Beispiel: Astronomie – welches von wissenschaftlichen Erkenntnissen abgelöst wurde.
Andere Teile offenbaren eine mutwillige Manipulation natürlicher Phänomene, welche von der Wissenschaft zu korrigieren waren. So wird die Passionsblume in der botanischen Fachliteratur heute nicht mehr mit Dornenkrone, Kreuznägeln und Lanzenspitze dargestellt. Die bibelbezogene Namensgebung ist jedoch geblieben und beiweitem kein Einzelfall, was Namen wie Christrose, Mariendistel, Johanniskraut, Herrgottsblut, Osterglocke, Pfingsrose und nahezu hundert weitere Pflanzennamen belegen.
Jean Franeau, Jardin d'hyver ou cabinet des fleurs, Douai 1616.
- Andere manipulierende Eingriffe, wie die musikalischen Intervalle, sind unkorrigiert geblieben: Daher rührt das mathematische Desaster, dass eine Oktav aus 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritten besteht und eine Durchzählung über die "kleine Zwei" (kleine Sekund) und "grosse Drei" (grosse Terz) erfolgt.
- Auch bezüglich des Bibelbezugs sind zwei Varianten unterscheidbar: Die unveränderte Übernahme konkreter Inhalte – z.B. der Schöpfungsgeschichte – und die Änderung biblischer Inhalte in Anpassung an das Weltbild, z.B. die Beschränkung der Zahl der Seligkeiten auf 8, die Erhöhung der Gaben des Hl. Geistes von 6 auf 7, die Festlegung auf 5 Wunden.
- Hinzu treten Dogmen, welche überhaupt keinen Bibelbezug aufweisen, wie z.B. die Trinität.
- Auch die Verbreitung und Verteidigung des Weltbildes nahm in der Geschichte verschiedene Formen an: Kreuzzüge, Inqusition, Index, Ignoranz, Wohltätigkeit, Mission, Lehre.
Das katholische Weltbild heute
Das katholische Weltbild spiegelt sich in zahlreichen Objekten der Kunst, welche als historische Dokumente einer kulturwissenschaftlichen Betrachtung unterzogen werden können.
Gleichwohl befinden sich zahlreiche Kunstwerke in gegenwärtiger Nutzung, denn nach wie vor finden Gottesdienste in Kathedralen statt. Auch im liturgischen Ritus werden zahlreiche Elemente des Weltbildes tradiert und es kommt zu einer Vermischung mit Glaubensinhalten, welche sich als solche der wissenschaftlichen Analyse entziehen und deshalb hier gar nicht zur Diskussion stehen. Dort, wo reine Spiritualität stattfindet, haben Musik- und Kunstwissenschaft ohnehin keinen Ansatzpunkt.
Das Wissen über das Weltbild ist auch in kirchlichen Kreisen lückenhaft – so wurde die Wiederentdeckung der christlichen Symbolik des abendländischen Tonsystems vom Pontificio Consiglio della Cultura noch 2015 als wissenschaftliche Theorie zurückgewiesen, um kurz darauf ein Forschungsergebnis des Verfassers als Glaubenssatz herauszugreifen: "Musica sacra, scala verso Dio" (s.Blog 48 oder 55).
Versuch einer Einschätzung
Unverkennbar ist die zugrunde liegende Absicht, die Existenz eines Schöpfers aller Dinge zumindest plausibel erscheinen zu lassen und die Zahl der gleichnishaften Verbindungselemente zu erhöhen, welche die These stützen.
Beim Vergleich der Jakobsleiter mit der Tonleiter handelt es sich um solch ein Gleichnis, wogegen ein Physiker einzuräumen hätte, dass es gar keine hohen und tiefen Töne gibt, sondern lediglich langsamere und raschere Schwingungen. Man kommt also nirgends hinauf mit den Tönen.
Es liegt in der Natur der Gleichnisse, dass sie kausal- oder beim blossen Wort genommen sinnlos erscheinen, denn es handelt sich um sprachliche Bilder – und auch diese bestehen, was immer sie darstellen, nur aus Farbe und Leinwand. Etwas auf ihnen zu erkennen bedeutet, sich mit einer Verkürzung zufrieden zu geben, mit einer Analogie oder angedeuteten Ähnlichkeit. Im Falle der Religion bringt diese Andeutung das Ziel der Sehnsucht gefühlt näher, denn es verstärkt sie bis hin zur extatischen Verzückung. Auch Symbole erlauben eine Art innere Vorausschau und spuren illusionistisch vor. Das lässt die Rolle der Künste so bedeutend werden.
Viele Menschen haben zur Ausmalung des Weltbildes beigetragen, sei es, dass sie Altäre schufen, Resonanzbodenrosetten entwarfen, welche mit der Geometrie einer 3 in 1 auf die Trinität anspielen oder dass sie der Passionsblume ihren Namen gaben, weil sie Assoziationen an die Leidenswerkzeuge hervorrief. Es versteht sich, dass die Frühchristen hiervon noch keine Kenntnis haben konnten, da die Pflanze erst mit der Entdeckung der Neuen Welt nach Europa gelangte. Einen eigenen Beitrag leistete der Mathematiker und Kaplan John Wallis (*1616-†1703) mit der Einführung der liegenden Acht als Zeichen der Unendlichkeit.
Verallgemeinernd kann man feststellen, dass der Mensch über einen vorausahnenden Wahrnehmungsmechanismus verfügt, der in der Evolution einen wichtigen Beitrag zum Überleben leistete, denn frühzeitig zu flüchten war allemal sinnvoller, als erst nach Kausalitäten zu fragen. Als gute und böse Omen wurden die Erfahrungen tradiert, sprachlich ausgemalt und wie magische Ursache- und Wirkungsbeziehungen miteinander verknüpft. In der Regel sind sie jedoch nicht kausal miteinander verbunden, obschon auch schwarze Katzen Unfälle verursachen können.
Symbole und Zeichen können Trigger sowohl für Angst als auch für Wohlbefinden sein, doch Erinnerungen können sie nur dort wachrufen, wo ihre Bedeutung zuvor erlernt-, wenn nicht gar eingetrichtert wurde - meist schon in früher Kindheit. Die regelmässige Wiederholung von Kulthandlungen ist daher ein charakteristisches Element der Religionen. Ein Fremder steht dem ahnungslos gegenüber, interpretiert seinerseits womöglich in diametral entgegengesetzter Richtung und hält sonntägliches Glockenläuten für ein Warnsignal.
Wie auch immer die zur Identität gewordene psychische Verklammerung als solche beschaffen ist – sie wird neben der Vernunft zum Entscheidungsträger, wenn es darum geht, einen Sachverhalt - hier: die Existenz Gottes - als Wahrheit einzustufen. Daher enthält das Weltbild zahlreiche Zeugnisse schlichter Frömmigkeit. Für gläubige Menschen repräsentiert es einen Ort des Wohlbefindens, der als solcher keines Beweises bedarf.
Dem gegenüber steht eine Einstellung, die sich an der Art der Durchsetzung des Weltbildes ablesen lässt und oftmals in diametralem Widerspruch zur Lehrmeinung steht – sei es zum 5. Gebot: Du sollst nicht töten! oder zu den Gaben des Hl. Geistes: Feindesliebe und Weisheit. Hier wird das Weltbild als Machtinstrument missbraucht und zur Selektion nach Gehorsam und Ungehorsam herangezogen.
Obschon derart einfach in seiner Konstruktion ist die Haltbarkeit des Weltbildes verblüffend. Es entwickelt eine regenerative Kraft in jeder neuen Generation, denn es trifft auf verwandte psychische Beschaffenheiten. Das ermöglicht es überhaupt, uns im Rahmen der Forschung in einen früheren Wahrnehmungsmodus hineinzufühlen - und daraus folgt, dass auch die Aufklärung nicht als abgeschlossen gelten kann, sondern ebenfalls mit jeder Generation ein Update benötigt. Speziell in Demokratien ist wesentlich, dass die Meinungsbildung unbeeinflusst vonstatten geht und nach Offenlegung aller Zusammenhänge erfolgt. Dazu gehört stets, tendenziöse Darlegungen aufzudecken und zu hinterfragen, wer auf welche Weise profitiert.
Das menschliche Drama zeigt sich in sämtlichen Epochen im Aufeinandertreffen von Weltbildern und Machtansprüchen und kulminiert im Potential der Selbstausrottung.
Die Harmonielehre im ethischen Sinne ist demgegenüber kein frommer Wunsch. Nicht wenige Menschen vermögen es, sie unabhängig vom Bildungsgrad zu praktizieren und interkulturelle Brücken zu bauen. Derartige Veranlagungen halten auf Kurs, was ohne sie längst aus dem Ruder gelaufen wäre. Sie verfolgen individuelle Ziele und haben einen eigenen Erfolgsbegriff gänzlich unabhängig vom Mainstream. In ihren Augen ist Wettrüsten reine Ressourcenverschwendung. Weise Menschen findet man in allen Kulturen.
Während strategisches Denken und Handeln nur lokale und zeitlich begrenzte Vorteile sichern, führen synergetisches Denken und Handeln zu nachhaltigen- und auch gegenüber der Natur ausgewogenen Resultaten. Rücksichtnahme ist dem weisen Menschen kein Fremdwort und er hört auch auf die Stimme eines schwachen Gegenübers.
© Aurelius Belz 2021