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Ein grosser Teil der im 19. Jahrhundert in den Lesesälen der Museumsgesellschaft aufgelegten Zeitschriften (im Jahr 1900 waren es 660) waren Leihgaben anderer Bibliotheken und wissenschaftlicher Gesellschaften. Eigentum der Museumsgesellschaft waren in der Hauptsache die Zeitschriften der, wie es damals hiess, „Schönwissenschaften“. Ein Teil davon wurde damals archiviert und ein naturgemäss noch kleinerer Teil hat die durch Platzprobleme nötig gewordenen Selektionen überlebt. Gerade von den literarischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts hat sich eine schöne Sammlung erhalten. Eins dieser belletristischen Journale ist der „Telegraph für Deutschland“, der zuerst (1837) unter dem Namen „Frankfurter Telegraph“ und ein paar Monate später als „Beurmann’s Telegraph“ erschienen ist. Redaktor war der Schriftsteller und Journalist Karl Gutzkow, der als Vormärz-Autor und Vertreter des 1835 vom Bundestag verbotenen „Jungen Deutschland“ jahrelang allerdings nicht mit seinem Namen auftreten durfte. Verlegt hat den „Telegraph“ Hoffmann und Campe, der damals zu den wichtigsten literarischen Verlagen gehörte und auch das Werk Heines betreute. Der „Telegraph“ erschien in einer Auflage von wahrscheinlich etwa 500-600 Exemplaren und wurde vor allem an Lesegesellschaften und Kaffeehäuser verkauft – die Zahl der Leser dürfte also erheblich grösser gewesen sein.
Das Journal, permanent bedroht durch ein Verbot in dem als Absatzgebiet unerlässlichen Preussen und belastet von einem Zerwürfnis zwischen Redaktor und Verleger, konnte immerhin bis 1848 erscheinen, wurde allerdings nur bis 1844 von Gutzkow betreut.
Es brachte literarische Beiträge, v.a. Erzählungen, Debatten, höchst unzimperlich ausgetragene Polemiken mit anderen Schriftstellern und Zeitschriften, und eine „Kleine Chronik“ mit faits divers, Meldungen und knappen Stellungsnahmen, z.B. zum Zürcher Straussenhandel: „Der Züricher Aufstand ist Priesterwerk. [...] Nicht mit Gründen mehr, mit Flintenschüssen will man beweisen, dass der alte Wahn den Schutz des Himmels geniesst.“ Die Mitarbeiter waren wie der Redakteur fast alle noch unter dreissig, viele veröffentlichten hier zum ersten Mal.
Es liegt in der Natur einer Zeitschrift, dass das Meiste, was vor so langer Zeit publiziert worden ist, heute nur noch auf das Interesse von Spezialisten hoffen darf. Aber es gibt Ausnahmen. Eine davon findet sich in den Nummern 5-14 des „Telegraph“ vom Januar 1839: „Lenz. Eine Reliquie von Georg Büchner.“ Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Erzählung über den Aufenthalt des vom Wahnsinn bedrohten Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz im Steintal bei Pfarrer Oberlin. Gutzkow hatte dem noch ganz unbekannten Büchner schon bei der Publikation von „Danton’s Tod“ geholfen und, ebenfalls im „Telegraph“, sein Lustspiel „Leonce und Lena“ aus dem Nachlass ediert. Und aus dem Nachlass veröffentlichte er nun auch den „Lenz“ – deshalb der Untertitel „eine Reliquie“ – eine Reliquie ist diese Veröffentlichung aber auch für uns, die wir hier nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht den Erstdruck einer der dichtesten und grossartigsten Erzählungen der deutschen Literatur vor uns haben, deren Handschrift längst verloren ist. Von Empathie ohne Emphase ist man versucht zu reden: knappe, sachliche Nüchternheit prägt die Erzählung und gleichzeitig wird sie weitgehend aus der Perspektive des Protagonisten erzählt. „Da ist“, schreibt Gutzkow, "Alles mitempfunden, aller Seelenschmerz mit durchdrungen; wir müssen erstaunen über eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüthsstörung.“
Gutzkow hatte Büchners Genie erkannt – aber er war, wie viele Spätere auch, noch der Auffassung, es handele sich um ein Fragment. Erst eine spätere Zeit konnte verstehen, dass der Schluss endgültig ist und schlechterdings keine Fortsetzung zulässt: „[...] sein Dasein war ihm eine nothwendige Last. – – So lebte er hin.“ Th. Eh. (Feb. 2008)
Telegraph für Deutschland. Redigiert unter Verantwortung der Verlagshandlung. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1839, Nrn. 5-14. – Signatur: C 506.