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Wohin der Wind weht
Was wäre nötig, um den Hunger nach Energie mit erneuerbaren Quellen zu stillen? Geht das überhaupt – und mit welchen Technologien? Teil 3 der Serie «Energie der Zukunft».
Von Arian Bastani (Text) und Kwennie Cheng (Illustration), 01.11.2019
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Nachdem der normannische Herzog Wilhelm I. im 11. Jahrhundert England erobert hatte, wollte er sich ein Bild über die Besitzverhältnisse seiner neuen Untertanen machen. Es folgte eine beispiellose Bestandsaufnahme von über 13’000 Siedlungen im legendären «Domesday Book». Vom Landbesitz bis zur Anzahl Wildschweine wurde kein Detail ausgelassen. Unter anderem ermöglichte dies einem Bewohner von Brighton, seine Steuern mit 4000 Heringen zu begleichen.
Was man dem Buch ebenfalls entnehmen kann: Der Süden und der Osten Englands waren gespickt mit Wasserrädern. 5624 Stück – eines auf jeden 350. Bewohner. Die erste weit verbreitete Maschine.
Wind wurde bereits im 10. Jahrhundert als Energiequelle genutzt. Etwa in Persien, um Pumpen zur Bewässerung von Gärten und Getreidemühlen – die teilweise noch heute stehen – anzutreiben. Später tauchten Windräder auch in Europa auf, im Lauf der Zeit wurden sie feste Bestandteile der Landschaft. Allein in der Region um die Nordsee waren um 1900 über 30’000 grössere Windräder zu finden.
Erneuerbare Energie zu nutzen, war lange selbstverständlich. Wollen wir den Klimawandel aufhalten, muss dem wieder grössere Bedeutung zukommen. Die Hoffnung darauf, dass dies gelingt, ruht vor allem auf der Sonnen- und auf der Windenergie. Doch ist es realistisch, dass jene drei Viertel unseres Energiebedarfs, die aktuell von den Fossilen gedeckt werden, dereinst von Erneuerbaren geliefert werden? Und wenn ja: Wie und wann kann dieses Ziel erreicht werden?
Wie schaffen wir es, unseren CO2-Ausstoss in den nächsten drei Jahrzehnten auf null zu senken? Womit ersetzen wir die fossilen Energieträger, die heute drei Viertel unserer Energie liefern? Welche erneuerbaren Energien haben Potenzial? Und welche Rolle spielt die Atomenergie? Diesen Fragen geht die Republik in einer fünfteiligen Serie nach – auf globaler Ebene sowie für die Schweiz.
Um das herauszufinden, betrachten wir zuerst, wie viel erneuerbare Energie auf der Erde theoretisch überhaupt verfügbar ist.
Die Sonne ist ein gigantisches Kraftwerk. In einer Stunde schickt sie mehr Energie zur Erde, als die Zivilisation in einem ganzen Jahr verbraucht.
Doch weder läuft unser Computer, wenn wir ihn in die Sonne stellen, noch fährt unser Auto, wenn der Wind dagegenweht. Wir benötigen etwas, was diese Energien in eine für uns verwendbare Form – wie Strom – umwandelt.
Fotovoltaik zum Beispiel – eine Erfindung, die übrigens ohne einen genialen Schweizer nicht möglich gewesen wäre. Doch auch damit lässt sich nicht die gesamte Sonnenenergie in Strom umwandeln, sondern nur gut ein Fünftel. Zudem kann nicht jeder Quadratmeter mit Solarpanels bebaut werden – im Amazonas lässt dies etwa der Regenwald nicht zu –, und nicht an jedem Ort scheint genug Sonne, damit sich eine Anlage lohnt – etwa in Sibirien.
Das grenzt die Möglichkeiten ein Stück weit ein, lässt aber noch immer viele Optionen offen. Die folgenden Karten illustrieren dies. Sie stammen aus einer Studie von 2015 und zeigen die Flächen, die theoretisch für Solarstrom (gelb), für solarthermische Kraftwerke (orange) sowie für Windkraft an Land (grün) und im küstennahen Meer (blau) genutzt werden könnten.
Zurzeit wird nur ein Bruchteil dieser Flächen ausgeschöpft. In Deutschland waren 2011 etwa 2 Prozent der geeigneten Landfläche mit Windkraftwerken ausgestattet. Doch selbst dieser tiefe Anteil genügt, damit global gesehen einiges an Energie zusammenkommt. Würden 1 bis 3 Prozent der gefärbten Land- und 4 bis 25 Prozent der gefärbten Wasserflächen für die Sonnen- und Windenergie genutzt, könnte der globale Energiebedarf locker gedeckt werden. Mehr als das Doppelte der zukünftigen Nachfrage würde erzeugt.
Das grösste Potenzial besteht bei der Fotovoltaik – also der Stromproduktion mit Solarzellen. Die dafür brauchbaren Flächen überlappen sich teilweise mit der Solarthermie, also der Wärmegewinnung mittels Sonnenkollektoren.
Windenergie vom Meer wird mehr Potenzial zugerechnet als Windstrom vom Land. Dies, weil angenommen wird, dass auf dem Wasser wesentlich mehr Fläche verfügbar ist – es gibt dort keine Anwohner. Ausserdem versprechen Offshore-Windparks wegen der konstanten Winde eine hohe Auslastung. Grössere Turbinen erlauben ausserdem höhere Effizienz.
Rein mengenmässig liesse sich der globale Energiebedarf also locker durch Wind- und Sonnenkraft decken. Doch wie realistisch sind solche Vergleiche?
Ein Blick auf die aktuellen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zeigt: Sie sind vielleicht gar nicht so unrealistisch. Noch werden erneuerbare Energien bei weitem nicht ausgeschöpft. Zurzeit tragen sie zwar bloss ein Fünftel zum weltweiten Energiemix bei. Wind- und Sonnenenergie sind global im Vergleich zur Holznutzung und zur Wasserkraft noch praktisch vernachlässigbar, wie eine Aufschlüsselung der erneuerbaren Energien zeigt.
Doch Sonne und Wind gehört die Zukunft. Die jährliche Energiemenge, die aus Biomasse produziert wird, geht zurück; jene aus Wasserkraft wächst nur langsam. Demgegenüber wuchs die Windenergieproduktion seit dem Jahr 2000 mit durchschnittlich 23 Prozent pro Jahr, die Sonnenenergie sogar mit über 40 Prozent. Das sind enorme Wachstumsraten: Sie entsprechen einer Verzehnfachung alle sieben Jahre bei der Sonne und alle zwölf Jahre beim Wind.
Selbst wenn das hohe Anfangswachstum nachlässt, ist das nicht schlimm: Um die Energie bereitzustellen, die bis 2040 gemäss der Internationalen Energieagentur (IEA) benötigt wird, könnte die Produktion von Wind- und Solarkraft auch ein Drittel langsamer wachsen. Gemäss dem Weltklimarat reicht es bereits, wenn bis 2050 etwa zwei Drittel der gesamten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Das würde heissen, dass sogar eine weniger als halb so grosse Wachstumsrate bei Wind- und Sonnenkraft genügen würde, damit die globalen Temperaturen nicht um mehr als 1,5 Grad zunehmen.
Sind die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts also ein Indikator für die folgenden zwei, darf man ihnen mit Optimismus entgegenblicken.
Natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass dieses hohe Wachstum anhält. Doch die Wahrscheinlichkeit ist höher, als man gemeinhin glaubt. Das zeigt nur schon die jüngste Entwicklung: Kaum jemand hatte Anfang des Jahrhunderts vorausgesehen, dass der Bau von Solarpanels und Windrädern bald anziehen würde. Auch die IEA nicht: Immer wieder unterschätzte sie das Wachstum und musste ihre Prognosen für die Erneuerbaren nach oben korrigieren.
Ein gewichtiges Argument dafür, dass Wind- und Sonnenenergie zumindest in naher Zukunft weiter wachsen werden, liegt im wirtschaftlichen Kalkül.
Seit den späten 1970er-Jahren sind Sonnenkollektoren über hundertmal günstiger geworden. Über hundertmal! Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden Flugreisen von New York nach London etwa dreimal günstiger. Allein in den letzten zehn Jahren fiel der Solarstrompreis um 90 Prozent.
Mittlerweile kostet Solarstrom in den Vereinigten Staaten im Schnitt weniger als Strom aus Kohle und Erdgas – und zwar unsubventioniert. Dasselbe gilt für Windenergie. Die erneuerbare Stromproduktion unterbietet zunehmend die fossilen Kraftwerke, die ihr Preisniveau ungefähr hielten; und auch den Atomstrom, der in den letzten Jahren markant teurer wurde. Die Zahlen dazu stammen vom Finanzinstitut Lazard und beziehen sich auf industrielle Anlagen – also etwa auf Solarparks, nicht auf Hausdach-Sonnenkollektoren.
Eine ähnliche Preisentwicklung zeigt sich gemäss dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Deutschland und gemäss Bloomberg in Indien. Auch global unterschreiten Erneuerbare mehrheitlich die Stromkosten fossiler Energieträger. Darin sind sich verschiedene Institutionen einig: etwa die Weltbank, Bloomberg und die Internationale Organisation für erneuerbare Energien. In einem neuen Bericht rechnet sie vor, dass sich der Preis von Windstrom bis 2050 nochmals halbieren wird: von 60 auf 20 bis 30 Dollar pro Megawattstunde für Onshore-Anlagen und von 130 auf 30 bis 70 Dollar für Strom aus Offshore-Windparks vor der Küste. Die Leistungskraft der einzelnen Turbinen werde sich derweil verdoppeln bis vervierfachen.
Ob man den Planeten nun retten will oder nicht: Wind- und Sonnenenergie sind die Wahl des Portemonnaies. Und das garantiert, dass die bisherige Entwicklung dieser Technologien nicht plötzlich zum Stillstand kommt.
Über die letzten Jahrzehnte waren viel politischer Wille und technologische Innovation nötig, um Fotovoltaik und Windkraft voranzutreiben – andere Energieträger waren günstiger. Doch allmählich ist ein Punkt erreicht, an dem rein wirtschaftliches Interesse dafür spricht, statt eines neuen Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerks einen Windpark oder eine Solaranlage zu bauen.
Doch so rosig die Zukunft auch scheint – die Sache hat einen Haken: Nachts scheint die Sonne nicht – und von Zeit zu Zeit hört der Wind auf zu blasen.
Gehen in windstillen Nächten also bald die Lichter aus? Braucht es weiterhin konventionellen Strom, um die berüchtigte Dunkelflaute zu überbrücken?
Damit kein Blackout eintritt, muss das Stromnetz stets mit Schwankungen umgehen können. Das ist schon heute so: Verbrauch und Erzeugung müssen ständig im Gleichgewicht sein. Wenn etwa ein Kraftwerk ausfällt, wie es auch bei Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken immer wieder vorkommt, reagiert das Netz darauf – indem es mehr Leistung bei anderen Kraftwerken anfordert.
Dasselbe ist bei Schwankungen möglich, die von Wind und Sonne ausgehen – besonders, da diese nicht augenblicklich auftreten, sondern wetterabhängig und damit über Stunden bis Tage recht gut vorhersagbar sind. Wir wissen, wann die Sonne auf- und untergeht. Wenn also abends weniger Solarstrom erzeugt wird, könnten beispielsweise Gaskraftwerke hochgefahren werden.
Um aber langfristig von fossilen Energien wegzukommen, braucht es andere Lösungen. Im Vordergrund steht die Speicherung von erneuerbarer Energie.
Energiespeicher sollen dabei helfen, die Tages- und Nachtschwankungen auszugleichen. Eine Möglichkeit dafür sind Batterien – von der Sorte, wie sie bereits in Handys oder Laptops und vor allem in Elektroautos vorkommen: Lithium-Ionen-Batterien. Ihre Erfinder erhielten dieses Jahr den Nobelpreis, ironischerweise gelang ein Durchbruch in den Labors der Ölfirma Exxon.
Ähnlich wie Solarpanels sind solche Lithium-Ionen-Batterien zuletzt immer günstiger geworden. Seit 2010 ist ihr Preis um 85 Prozent gefallen: von über 1000 auf zuletzt 173 Dollar pro Kilowattstunde gespeicherten Strom. Hierbei handelt es sich um einen von Bloomberg erhobenen Durchschnitt diverser Systeme und Anbieter, darunter auch jene des E-Auto-Herstellers Tesla. Bis 2030 sollen Batteriekapazitäten noch einmal um zwei Drittel billiger werden.
Rund um den Globus werden Milliarden in Batteriefabriken investiert – nicht zuletzt in China, das Rohstoffen wie Lithium, Nickel und Kobalt, die für elektrische Fahrzeuge benötigt werden, grossen Stellenwert einräumt.
Als Folge der Massenproduktion dürfte sich die weltweite Speicherkapazität für Strom bis 2030 verdreifachen, schätzt die Internationale Organisation für erneuerbare Energien. Neben Lithium-Ionen-Batterien übernehmen dabei Pumpspeicherseen eine wichtige Rolle, sie bilden momentan praktisch die ganze Speicherkapazität. Ausserdem wird intensiv an einer ganzen Reihe alternativer Batterien und an mechanischen Speichermöglichkeiten geforscht.
Wie viel zusätzliche Kapazität effektiv nötig sein wird, ist noch unklar – es hängt auch davon ab, wie gross der Anteil von Solar- und Windstrom am Energiemix sein wird. Bei einem Anteil von 80 Prozent würde in den USA zum Beispiel eine Speicherkapazität von insgesamt 5,4 Terawattstunden genügen. Das entspricht dem Energiebedarf von etwa 12 Stunden und damit weniger als einem Prozent des jährlichen Verbrauchs im ganzen Land.
Bei einem höheren Anteil von Solar- und Windstrom nimmt die benötigte Speicherkapazität allerdings zu. Wie stark? In den Wissenschaften herrscht diesbezüglich noch Unsicherheit. Verschiedene Studien beziffern die nötige Kapazität bei einer fast vollständigen Versorgung mit Solar- und Windstrom auf unter 1 Prozent beziehungsweise auf 21 Prozent und 35 Prozent, wobei jeweils leicht unterschiedliche Settings analysiert wurden. Maximal müsste Strom für mehrere Monate gespeichert werden.
Wie gross der Speicherbedarf letztlich sein wird, hängt jedoch auch davon ab, wie gut die Regionen miteinander vernetzt sind. Wenn etwa an einem Winternachmittag in Norwegen wenig Wind weht, könnte überschüssiger Solarstrom aus Portugal importiert werden – über Leitungen, die teils existieren, teils aber erst noch gebaut werden müssten. Das Ziel, bis 2020 mindestens 10 Prozent der Produktionskapazität an Nachbarstaaten transportieren zu können, hat eine Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten bereits erfüllt. Bis 2030 sollen es 15 Prozent werden.
Doch die Norweger könnten auch ihren eigenen Solarstrom aus dem Sommer speichern. Batterien wären dafür aber nicht gut geeignet, denn sie verlieren mit der Zeit ihre Ladung. Stattdessen kämen andere Verfahren zum Zug.
Sie sind unter der Bezeichnung Power-to-X bekannt – wobei das X für bestimmte Gase oder Flüssigkeiten steht, zum Beispiel Wasserstoff (H2). Dieser könnte im Sommer etwa mit überschüssigem Solarstrom hergestellt werden. Das wäre vorteilhaft für die Netzstabilität, aber auch fürs Klima.
Mit Wasserstoff kann man einiges machen – Raketen fliegen lassen zum Beispiel oder ganz einfach Autos und Lastwagen antreiben. In der Schweiz läuft dazu bereits ein Pilotprojekt, in Japan gehört die Wasserstoffmobilität sogar zur nationalen Energiestrategie. Firmen wie Toyota wollen die Technologie an den Olympischen Spielen von 2020 in Tokio ins Rampenlicht stellen.
Wasserstoff könnte auch als saisonaler Energiespeicher dienen: Im Winter liesse sich daraus wieder Strom gewinnen. Zwar geht dabei ein grösserer Teil der ursprünglichen elektrischen Energie als Wärme verloren. Doch kann man einen Teil dieser Wärme nutzen, etwa um saisonale Wärmespeicher wie Wasserreservoire zu heizen. Der Strom wäre im Vergleich zu heutigem Winterstrom eher teuer, doch zeichnen sich Effizienzsteigerungen ab.
Bereits heute ist die Power-to-Gas-Technologie in Nischenmärkten wirtschaftlich. In Zukunft könnte sie auch eine Alternative werden, um mit CO2 synthetische Treibstoffe herzustellen – besonders für Bereiche wie die Luftfahrt oder den Schiffsverkehr, in denen die Elektrifizierung schwierig ist.
Klimaneutrale Treibstoffe
Power-to-X in der Übersicht
Wasser
H2O
Elektrolyse
Wasserstoff H2
direkt verwendet
Wasserstoff
H2
Strom
Synthetische Brenn-
und Treibstoffe
Reaktor
Methan
CH4
Methanol
CH4O
CO2
weitere
Quelle: Swisscleantech
Klimaneutrale Treibstoffe
Power-to-X in der Übersicht
Wasser
H2O
Elektrolyse
Strom
Wasserstoff
H2
Wasserstoff H2
direkt verwendet
Reaktor
Synthetische Brenn-
und Treibstoffe
Methan
CH4
Methanol
CH4O
weitere
CO2
Quelle: Swisscleantech
Ausserdem liesse sich Wasserstoff zu Methan, dem Hauptbestandteil von Erdgas, weiterverarbeiten. Dies hätte den Vorteil, dass bestehende Infrastrukturen wie das Gasnetz zur Speicherung genutzt werden könnten.
Zusätzlich zum so gewonnenen Gas könnte auch Biogas, wie es schon heute aus Biomasse und Abfällen erzeugt wird, gespeichert werden. Gas aus erneuerbaren Quellen kann also einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. Wie gross er ausfällt, ist von der politischen Förderung einer sinnvollen Mischung von erneuerbaren Energien abhängig.
Anfang 2019 waren auf der Welt 95 Wasserstoffproduktionsanlagen in Betrieb, viele davon in Deutschland. Hinzu kommen 60 Power-to-Gas-Anlagen für Methan. Diverse Länder haben Ausbauziele für die Wasserstoffmobilität formuliert. Studien gehen davon aus, dass sich die Produktionskapazität in den nächsten zehn Jahren vervielfachen wird.
Das Paul-Scherrer-Institut schätzt in einem «Weissbuch», dass ein Drittel des 2050 in der Schweiz produzierten Solar- und Windstroms dereinst für Power-to-X-Anwendungen verwendet werden könnte. Hauptsächlich würde dabei Wasserstoff produziert: teils für die H2-Mobilität, teils für industrielle Anwendungen und teils für die saisonale Speicherung von Elektrizität.
Doch nicht nur Stromproduzenten können zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage beitragen. Auch die Verteiler und Konsumenten können dies tun.
Das Schlüsselwort dafür heisst Smart Grids – schlaue Stromnetze. Diese sollen den Stromverbrauch der Kunden steuern: Haushaltsgeräte wie der Kühlschrank, die Waschmaschine und auch die Heizungswärmepumpe würden durch das Netz angeleitet, genau dann auf Hochtouren zu laufen, wenn auch viel Strom zur Verfügung steht. Die Batterien des Elektroautos würden also am Mittag geladen, wenn die Sonne am stärksten scheint. Am Abend, nach Sonnenuntergang, wäre das Bier kühl und die Wäsche sauber.
Auch in der Industrie könnten energieintensive Prozesse entsprechend geplant werden. Verbraucher und Anbieter von Energie könnten ihre Rollen tauschen: Nicht benötigte Batterieladungen werden zum Beispiel verkauft, wenn abends die Nachfrage hoch ist – vollautomatisch und von künstlicher Intelligenz gesteuert.
Solche Stromnetze wären sogar stabiler, da plötzliche Kraftwerksausfälle keine so grossen Klumpenrisiken mehr bilden würden. Eine Reihe von Pilotversuchen konnte sowohl Einsparungen im Spitzen- und im Gesamtverbrauch als auch Verschiebungen des Bedarfs in Niedrigtarifperioden nachweisen. Die EU treibt das Ausrollen von Smart-Metern voran.
Fotovoltaik, Power-to-X, Smart Grids – die Ideen und Technologien, welche die Energiewende möglich machen, sind in den wichtigsten Zügen also bereits bekannt. Die grosse Frage ist: Wie teuer wird ihre Verwirklichung?
Abgesehen davon, dass diese Frage nicht alles entscheidend sein sollte – die Rettung des Klimas sollte etwas wert sein –, hängt in der Praxis doch einiges davon ab. Je günstiger die Energiewende wird, desto schneller kommt sie.
Bei der Kostenentwicklung spielen zwei Faktoren gegeneinander:
die Produktionskosten der Energie: Sie sinken laufend, je mehr Wind- und Solarstrom im grossen Stil produziert wird.
die Stromstabilisierungs- und Speicherkosten: Sie nehmen mit zunehmendem Anteil von erneuerbaren Energien zu.
Welcher der beiden Faktoren am Ende überwiegt, dürfte von Land zu Land unterschiedlich sein – bestimmt durch die lokale Verfügbarkeit von Wasser (dessen Stromerzeugung mit Speichern relativ gut steuerbar ist), Sonne und Wind (die sich gut ergänzen) und durch die Bauart des Stromnetzes (etwa wie weiträumig es vernetzt ist, um regionale Schwankungen auszugleichen).
Wissenschaftliche Untersuchungen lassen zurzeit noch keinen eindeutigen Schluss zu. Manche Studien rechnen mit einer Abnahme der Kosten, andere mit einer geringfügigen Zunahme – je nachdem, wie stark fossile Energien und CO2-Emissionen besteuert werden. In Europa wäre ein System aus vollständig erneuerbarer Energie gemäss einer Untersuchung maximal 15 Prozent teurer als ein von fossilen Brenn- und Treibstoffen dominiertes System.
Allerdings werden die externen Kosten fossiler Energien – Unfallschäden, Luftverschmutzung, der Beitrag zum Klimawandel – in vielen Studien noch nicht miteinberechnet. Diese Kosten trägt bisher die Allgemeinheit.
Seit 2004 wurden in 180 Studien Systeme erneuerbarer Energie untersucht. Das Fazit daraus ist eindeutig: Eine Stromversorgung ausschliesslich durch erneuerbare Energien ist technisch machbar. Die Verknüpfung von Strom-, Wärme- und Treibstoffspeichern über die verschiedenen Sektoren hinweg – Haushalte, Industrie, Verkehr – optimiert die Einbindung von Erneuerbaren ins Energiesystem als Ganzes. Das verdeutlichen Studien, die in jüngster Vergangenheit vermehrt auch Sektoren jenseits von Strom betrachten.
Eine davon stammt von der Energy Watch Group, einem Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern, und bildet den Energiemix im Jahr 2050 bei vollständig erneuerbarer Versorgung ab. Sie zeigt ein Bild wie Tag und Nacht: Wo aktuell fossile Energieträger dominieren, steht Mitte des Jahrhunderts vor allem eine Quelle: die Sonne. Sie könnte gemäss den Berechnungen dereinst über zwei Drittel der nötigen Energie bereitstellen.
Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, die Entwicklung zu modellieren. Zum Beispiel könnte Windenergie bei breiterer Akzeptanz auch ein Drittel des Bedarfs liefern. Wichtig ist aber die Grundbotschaft: 100 Prozent erneuerbar ist technisch möglich, wenn der Wille für den Umbau des Systems da ist. Und es muss auch nicht zwingend mehr kosten – sondern kann sogar günstiger sein, wie etwa die Energy Watch Group in ihrer Studie schätzt.
Dass erneuerbare Energiesysteme nicht nur Zukunftsmusik sind, zeigt sich auch anhand von konkreten Beispielen. Portugal deckte etwa im März letzten Jahres den Strombedarf des Monats komplett durch erneuerbare Quellen wie Wasser und Wind.
Auch in Deutschland wurde im laufenden Jahr fast die Hälfte des Stroms erneuerbar produziert – mehr als aus jeder anderen Quelle. Letztes Jahr reichte dort der erneuerbare Strom der ersten sechs Monate, um sämtliche Haushalte das ganze Jahr zu versorgen (allerdings produziert Deutschland nach wie vor auch viel Kohlestrom, was die Klimabilanz belastet). In Dänemark kamen schon 2015 zwei Drittel des Stroms aus Erneuerbaren.
Insgesamt stemmen Solar- und Windstrom in einigen europäischen Ländern bereits ein Viertel der Produktion. Zusammen mit der Wasserkraft beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Elektrizitätsversorgung auch in grossen Ländern wie Brasilien oder Kanada bereits zwei Drittel und mehr.
In zahlreichen ländlichen Regionen Afrikas sind Fotovoltaik-Anlagen heute sogar die einzige Option für eine einigermassen verlässliche Versorgung mit Strom. Nicht zuletzt, weil an vielen Orten kein Netz existiert, das Haushalte zu einem Kraftwerk verbinden würde. Allein in Bangladesh haben auf diese Weise über 20 Millionen Menschen zuverlässigen Zugang zu Elektrizität.
Übrigens: Auch auf der Raumstation ISS wird mit Solarpanels Strom erzeugt.
Es gibt also gute Gründe, um der Energiewende zuversichtlich entgegenzublicken – egal, ob man mit CO2-armen Technologien den Klimawandel aufhalten will oder ob man sie schlicht als gutes Geschäftsmodell betrachtet.
Das Energiesystem ist von langfristigen Investitionen geprägt: Staudämme, Windturbinen und Solarparks werden auf Jahrzehnte hinaus angelegt – darum werden unsere jetzigen Entscheidungen noch lange nachwirken.
Es liegt an uns zu bestimmen, was im «Domesday Book 2050» stehen wird.