Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03151.jsonl.gz/2733

«Ich liebe die Schweiz so, wie sie ist; aber weil sie so ist, wie sie ist, und weil ich sie liebe, geht es nicht ohne Kritik, ohne Selbstkritik.» Dieser Satz stammt aus der Festrede, die Max Frisch am 1. August 1957 in einem Schulhof des Zürcher Industriequartiers vor rund 300 Leuten gehalten hat. Er spricht, unter anderem, von der Meinungsfreiheit. Als positives Beispiel führt er an, dass ihm das Vereinskartell «Industriequartier» nicht vorgeschrieben habe, was er unter dem Schweizerkreuz sagen dürfe und was nicht. «Ich weiss, dass ich wegen dem, was ich Ihnen sagte, auf keinen Fall nach Sibirien komme und auch nicht nach Dachau.» Das ist für Frisch im Vergleich zu anderen Ländern immerhin einer der «Unterschiede in der Unfreiheit, die ins Gewicht fallen, die wir, bei aller Kritik an der Schweiz, nicht vergessen dürfen.» Mit diesem Bekenntnis ist der differenzierte Standpunkt angedeutet, den Max Frisch – ausgenommen in ein paar Fussnoten seiner jüngsten Publikation Wilhelm Tell für die Schule – immer angestrebt hat, auch in den schärfsten Polemiken, wenn er mit den Fäusten gegen die Gefängnistür seines Kleinstaates trommelte. Die Kritik an der Schweiz in den Blättern aus dem Brotsack, im Stiller, in den Aufsätzen Überfremdung 1 und Überfremdung 2, wogegen auch immer sie sich richtet, ist in dem Sinne aufbauende Kritik, als Max Frischs Überzeugung durchschimmert, unser Staat sei es wert, dass man gewisse Fragen an ihn richte. Wer glaubt, diese Art von Engagement mit dem Hinweis auf die Eitelkeit abtun zu dürfen, verkennt die Tatsache, dass ein erfolgreicher Schriftsteller seine Eitelkeit in der Königsloge des Kulturpalastes leichter befriedigen könnte als auf dem Holzboden der Kritik, der den Holzboden für die schönen Künste, was die ungehobelten Bretter und die rostigen Nägel betrifft, geradezu als glattes Parkett erscheinen lässt. Max Frisch ist selbstkritisch genug, um sich auch über die Eitelkeit Rechenschaft abzulegen. In der Rede Der Autor und das Theater stellt er die ketzerische Frage, ob das Engagement in die Kunst gekommen sei, weil es dem Schriftsteller um die Welt gehe, oder umgekehrt: «Zwar lieben wir Schriftsteller es zuweilen, vom Schreibtisch aufzuspringen und sozusagen im Stehen ein aktuelles Manifest zu unterzeichnen, unbekümmert um Opportunität und auf diese Unbekümmertheit stolz, sozusagen draufgängerisch, als wöge das persönliche Rühmlein, das da ein jeder unterschriftlich verpfändet, die Mühseligkeit politischer Tätigkeit auf, die wir dann, ein jeder an seine Schreibmaschine zurückgekehrt, andern Zeitgenossen überlassen.» Mir ist kaum aus einer Rede eines Politikers eine solche Bereitschaft bekannt, sich selber, sein eigenes Tun zu durchschauen. Und genau davon hängt letztlich die Glaubwürdigkeit des Engagements ab: vom Ausmass der freiwilligen Selbstkritik. Zu dieser Kontrolle gehört, zum Beispiel, das Wissen darum, dass es sehr leicht ist, in einer Kolumne mit glanzvollen Formulierungen ein Problem auf einen Nenner zu bringen, an dessen Lösung die Bemühungen der Politiker seit Jahren scheitern.
Trotz der selbstkritischen Zurückhaltung, um die Max Frisch sich im Fall Schweiz bemüht, hört man immer wieder die Aufforderung, hinter der sich ein Pauschalurteil übelster Sorte verbirgt: Er kann ja gehen, wenn es ihm hier nicht passt! Wohin? Natürlich in den Ostblock. Max Frisch ist, zum Glück für die Schweiz, gegangen und ist, zum Glück für die Schweiz, stets zurückgekehrt. Er bereiste Nachkriegsdeutschland, Polen, Amerika, Russland, um nur ein paar Länder zu nennen. Ich betrachte es als Glücksfall für ein Land, einen Schriftsteller zu haben, der sich ein Urteil über andere politische Systeme und Lebensgewohnheiten an Ort und Stelle zu bilden versucht, statt sie aus der Tagespresse zu übernehmen. Was wir Jüngeren von Max Frisch lernen sollten, ist diese Weltoffenheit, die einem gestattet, die Schweiz von aussen zu betrachten, damit der Sinn dafür geschärft wird, dass unsere Demokratie eine mögliche und nicht die alleinseligmachende Staatsform darstellt. Selbst wenn man zur Überzeugung kommt, die Demokratie, wie sie bei uns versucht wird, funktioniere im grossen und ganzen recht gut, ist es besser, die Überzeugung zu erwerben, indem man sie, im Vergleich, einmal aufs Spiel setzt, als sie von den Vätern zu erben. Max Frisch reist nicht nach Russland, um sich bestätigen zu lassen, was er schon weiss: dass sich der sozialistische Kapitalismus vom westlichen kaum unterscheidet. In seinen Aufzeichnungen, die in der Fortsetzung des Tagebuches erscheinen werden, steht die Bemerkung: «Da sie alles, was erfreulich ist, sofort auf ihr System (das russische) beziehen, verfällt man schweigend auf den Gegenfehler, dass man auch alles, was übel ist, sofort auf das System bezieht.» Er verzichtet auf den Vergleich des sozialkapitalistischen Russland mit dem Westen, der so viel und so wenig hergibt wie der Vergleich der Lebensbedingungen auf einem anderen Planeten mit denen auf der Erde. Ihn interessieren die Fortschritte und Rückschritte gegenüber dem zaristischen Russland; das heisst: er denkt in der «Sprache» dieses Landes. Dieses Denken hat wenig zu tun mit dem, was man unter dem Klischee «links» versteht. Es setzt eine geistige Flexibilität voraus, die nur von Vorteil sein kann für die Artikulierung der Probleme des eigenen Landes, sofern man nicht auf den Gegenfehler verfällt, dass man auch alles, was übel ist, sofort auf das System bezieht. Frisch weiss, dass er als russischer Staatsangehöriger nicht sagen dürfte, was er hier sagen darf, und eben deshalb verteidigt er diese Freiheit nicht als Ideal, das man von Zeit zu Zeit mit dem Staublumpen abwischt, sondern er schätzt sie hoch genug ein, um immer wieder von ihr Gebrauch zu machen, bis zur Grenze der radikalen Verkürzung, die – nimmt man die gegenwartsbezogenen Fussnoten im Wilhelm Tell für die Schule ernst – allerdings manchen verärgert, der an diesem Autor zu schätzen weiss, dass die sorgfältige Analyse meistens vor der Pointe kommt.
Max Frisch galt, wenn ich richtig sehe, nie – auch als er noch nicht über die Grenzen hinaus bekannt war – in dem Sinne als «Schweizer Autor», wie man heute von Schweizer Autoren spricht. Er ist gewissermassen immer ein nobler Ausländer geblieben, mit Wohnsitz in der Schweiz. Ein junger Autor von heute steht in einer ganz anderen Relation zum geistigen und politischen Raum Schweiz als ein junger Schriftsteller der Generation Max Frischs. Die Versuchung, sich in einen idyllischen Winkel zu verkriechen und gleichsam aus dem Schneckenhaus den Schneckenstaat zu kritisieren, ist gross. Der Drang, die Nestwärme preiszugeben und über die Grenzen hinaus zu erfahren, was andere von unserem Land denken, bevor man die persönliche Meinung fixiert, scheint mir lange nicht mehr so stark zu sein wie unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, und das ist verständlich. Wir Jüngeren können nichts dafür, dass wir die «Aktivzeit» nicht erlebt haben. Doch würde es vielleicht nichts schaden, ein bisschen mehr zu reisen, und zwar nicht nur ohne Vorurteil gegenüber den Ausländern, sondern auch ohne Vorurteil über die Schweiz, das man von Ausländern bestätigt zu hören hofft. Es gibt noch Leute auf der Welt, sogar Intellektuelle, welche die Schweiz nicht als faschistisch bezeichnen. Wir Autoren müssen aufpassen, dass es uns heute am Südfuss des Jura nicht verdammt wohl wird in der Rolle der professionellen Opposition. Die Weltoffenheit im Denken von Max Frisch ist eine Qualität, die wir, in seiner spezifischen Form, nicht nachahmen, aber doch zum Vorbild nehmen können. Sie führt zum Unbehagen im Kleinstaat, gewiss; doch verhindert sie vielleicht am ehesten das Behagen im Kleinstaat des Unbehagens, wie ihn Peter Bichsel zurechtzimmert.
Bemerkenswert ist, dass, nicht zuletzt dank dieser Qualität, das Engagement Frischs in seinen Stücken und Romanen nie literarisch wirkt. Seine Kritik an der Schweiz im Stiller beispielsweise hat nie den peinlichen Nachgeschmack der Besserwisserei, weil es innerhalb des Romans möglich ist, auch die Kritik an der Kritik einzubauen. So etwa im sechsten Heft von Stillers Aufzeichnungen, wo der Besuch von Sibylle, der Gattin des Staatsanwaltes, geschildert wird. Stiller sagt: «Warten wir ab… bis Deutschland, unser tüchtiger Nachbar wieder das grosse Geschäft ist! Und wenn die es nochmals mit Faschismus versuchen, an der Schweiz wird’s nicht fehlen, sie wird sekundieren. Glaub mir! Es ist ja klar; ein Land, das aufrüstet, ist anfänglich für seine Nachbarn immer ein herrliches Geschäft. (…) Bis der freundliche Nachbar unseren Käse nicht mehr frisst oder unsere Uhren nicht braucht, weil die Zeit fortan nach seinen Uhren geht, dann das grosse Geschrei, o ja, das Ende der Freiheit, das Ende des Geschäftes, dann plötzlich sind wir wieder der ewige Hort der Humanität, wie immer, die Inhaber des Friedens, die Priester des Rechts – zum Kotzen …»
Diesem Ausbruch Stillers geht der Satz voraus: «‹Es ist komisch›, fand Sibylle, ‹wie böse du jedesmal wirst, wenn du von der Schweiz redest!›» Dieser Dämpfer bringt die Polemik in ein Gleichgewicht, das sie nicht entschärft, sondern glaubwürdiger macht. Der Leser mag dagegen einwenden: Das sagt ja nur die Romanfigur Stiller, stünde es in einer Tageszeitung, müsste man es überprüfen. Ich würde sagen, stünde es in einer Tageszeitung, hätte Frisch kaum vorausgeschickt: Es ist komisch, wie böse ich jedesmal werde, wenn ich von der Schweiz rede. Mit dem Satz Sibylles gewinnt er eine Dimension, welche den Vorwurf des Literarischen mehr als wettmacht. «Wer eine Überzeugung hat», heisst es im Tagebuch, «wird mit allem fertig. Überzeugungen sind der beste Schutz vor dem Lebendig-Wahren.» Die Bemerkung der Frau rückt Stillers Überzeugung in die Nähe des Lebendig-Wahren; und ich möchte fast glauben, dass das politische Engagement dort, wo es in die Literatur einfliesst, die grössere Chance hat, wahrgenommen zu werden als in Kolumnen. Natürlich muss man sich im klaren sein, wie und auf wen man wirken will. Es wäre ja lächerlich, eine Einladung der kantonalen Fremdenpolizeichefs, seine Ansichten über Gastarbeiterprobleme darzulegen, mit dem Hinweis abzulehnen, die Polizeichefs möchten sich gedulden, bis der nächste Roman erschienen sei.
Erstabdruck: «Schweizer Monatshefte», Jahrgang 51, 1971/72,
S. 746–762. Im zweiten Teil des Essays befasst sich Hermann Burger mit dem Schweizbild Peter Bichsels.