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Das vorliegende Forschungsprojekt gründet auf einem bemerkenswerten Paradox: Während auf der einen Seite die Stadt als Objekt von Diskussionen und Untersuchungen allgegenwärtig ist – spätestens seit bekannt wurde, dass 2007 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebte und diese Zahl 2050 voraussichtlich auf 75 Prozent steigen wird (Burdett 2007) – und zum Lackmuspapier für Fragen der Nachhaltigkeit und neuer Gesellschaftsformen geworden ist, besteht auf der anderen Seite eine Disziplin Städtebau, die sich mit dem Phänomen Stadt und ihrer Transformation auseinandersetzt, im eigentlichen Sinne nicht. Dies, weil sich der Städtebau erst durch die Überlagerung verschiedener anderer Disziplinen – Soziologie, Geographie, Ökonomie, Architektur usw. – definiert und damit eine wahrhaft „interdisziplinäre Disziplin“ ausmacht. „Städtebau“ besteht in Abhängigkeit von diesen anderen Disziplinen und verändert sich ihrem jeweiligen Einfluss entsprechend permanent. Anekdotisch lässt sich dies am Fehlen einer eigenständigen Ausbildungsinstitution für Städtebau belegen: In Frankreich, um nur ein Beispiel zu nennen, wird Städtebau an Architekturschulen oder Universitäten (Geographie- und Soziologiefakultät) gelehrt.
Während diese „poröse“ Natur der Disziplin Städtebau – die natürlich bis zu einem gewissen Grad Parallelen zu anderen Disziplinen mit ähnlichen Problemen, wie zum Beispiel der Medizin, aufweist – bereits angesprochen wurde (bspw. Calabi 2008), ist sie als solche noch nie untersucht worden. Das ist das ambitionierte Ziel dieser Arbeit: eine Reflexion über die Natur der Disziplin Städtebau in ihrer wechselnden Abhängigkeit von anderen Disziplinen, was hier als Städtebautheorie bezeichnet wird. Diese Theorie soll ein Modell davon liefern, wie sich die Disziplin Städtebau über den Einfluss anderer Disziplinen definiert; und wie sich dieser Einfluss und damit entsprechend auch die Disziplin Städtebau über die Zeit verändert. Damit soll auch auf eine dem Städtebau inhärente Problematik Bezug genommen werden, die ebenfalls auf diese ambivalente Natur der Disziplin zurückzuführen ist: die strikte Trennung zwischen Theorie und Praxis.
Dabei stellt sich zunächst die Frage, was das Eigene des Städtebaus ausmacht, wenn es denn ein Eigenes gibt. Und inwiefern sich dieses Eigene im Laufe der Zeit aufgrund der Verschiebungen der Disziplinen, die darauf Einfluss nehmen – neue kommen hinzu, das Kräfteverhältnis innerhalb der Disziplinen verschiebt sich usw. –, verändert. Es handelt sich damit keineswegs um eine axiomatische-, sondern um eine beschreibende Theorie. Die Fragestellung und das methodische Vorgehen lehnen sich an die historische Epistemologie an. Der Kern der Arbeit untersucht zwei zeitlich begrenzte Abschnitte aus der Geschichte der Disziplin als Case studies: die Geburt der Disziplin um 1900 und den durch die Ablehnung der Moderne bedingten Paradigmenwechsel um 1960/70. Dabei wird der jeweilige Einfluss der beteiligten Disziplinen auf „Institutionen“ des Städtebaus – Schulen, Berufsverbände, Wettbewerbe, Ausstellungen und Zeitschriften – verglichen und anhand von drei Themen untersucht. Diese drei Themen sind: 1.) Theorien und Konzepte, 2.) Methoden und Instrumente, 3.) Personen. Der erste Abschnitt, die Zeit um 1900, fokussiert auf die Entwicklungen in Deutschland, Frankreich und England, der zweite, die Jahre um 1960/70, auf Italien und Frankreich. Der theoretische Ansatz der Forschungsarbeit beruht auf dem Vergleich der einzelnen Themen über die beiden Zeitabschnitte, womit Aussagen über die Entwicklungen und Gesetzlichkeiten der Disziplin getroffen werden können. Sie dienen fernerhin als Grundlage für ein besseres Verständnis zeitgenössischer Entwicklungen.