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Die Nord-Ost-Passage
China unterhält wenige strategische Partnerschaften. Eine davon besteht ausgerechnet mit einem der kleinsten und politisch scheinbar unbedeutendsten Länder: Island. Die «Washington Post» sprach kürzlich in einem Artikel von einer schiefen Partnerschaft und spielte damit auf die ungleiche Grösse der beiden Staaten an – 1,4 Milliarden Chinesen versus 330’000 Isländer. Der Zusammenarbeit tut das keinen Abbruch. Gegenwärtig wird eine gemeinsame Forschungsbasis nah am Polarkreis gebaut zur Untersuchung des Nordlichts …
Beide Länder versprechen sich viel von der Partnerschaft. Island gewinnt einen Wirtschaftspartner fernab vom Einflussbereich der USA und Europas, und stärkt so seine Unabhängigkeit. (Vor einigen Jahrzehnten hätte man diesen politischen Kurs als Blockfreiheit bezeichnet.)
Eine Abkürzung durch die Arktis
Und China? Das Riesenreich sichert sich auf diese Weise den Zugang zur Arktis. Klimaforscher sind sich zwar nicht einig darüber, ob der Nordpol bereits vor 2050 im Sommer eisfrei sein wird oder später. Aber dass das Eis schmilzt und sich daraufhin die geopolitischen Machtverhältnisse nach Norden verschieben, ist unumstritten.
Der folgende Chart zeigt die historische Ausbreitung der Eisdecke und die Prognosen für 2030 bis 2100.
Drei Wissenschaftler von der Universität Bern und dem niederländischen Forschungsinstitut CPB haben nun die wirtschaftlichen Auswirkungen des Eisschwunds untersucht, genau genommen die wirtschaftlichen Konsequenzen, wenn sich die Nord-Ost-Passage über das Polarmeer von Europa nach Asien öffnet. Die Studie wurde vom CEPR in London publiziert.
Die Nord-Ost-Passage reduziert die Länge und die Dauer der Frachtroute von Nordwesteuropa nach Ostasien um einen Drittel im Vergleich zur herkömmlichen Südroute über den Suezkanal.
Der Transportkosten sinken auf der neuen Route um 20 bis 30 Prozent, u.a. weil weniger Treibstoff verbraucht wird. Auch die Zeitersparnis zahlt sich aus und eröffnet Chancen für neue Zulieferer, die bisher nicht wettbewerbsfähig waren. Die Studie berechnet diese Ersparnis auf 3 Prozent des Marktwerts der Güter.
5 Prozent des Welthandels verlagert sich
Der Handel zwischen Westeuropa und Fernost wird um 6 Prozent zunehmen. Knapp 5 Prozent des Welthandels verlagert sich nach Norden auf das Polarmeer. China wird daraufhin 13 Prozent seines Handels über die Nordpassage abwickeln.
Hauptverlierer wird der Suezkanal sein. Ihn durchfahren jährlich durchschnittlich 15’000 Frachtschiffe, das sind 8 Prozent des Weltgüterverkehrs. Die Modellanalyse ergibt, dass das Verkehrsvolumen im Suezkanal künftig um zwei Drittel fallen wird, weil die Nordroute genutzt wird. Die finanzielle Einbusse in Ägypten, aber auch im Zielumschlagsplatz Singapur wäre beachtlich.
Rund 10’000 Frachter werden daraufhin jedes Jahr die Arktis durchkreuzen. Geht man davon aus, dass dieser Schiffsverkehr den Bau von Infrastrukturen nach sich zieht, kann man sich ungefähr vorstellen, wie gross die Umweltbelastung für die Region sein wird. Ein weiterer Verlierer – zumindest ökologisch.
Aber zurück zu den ökonomischen Auswirkungen:
Auch Süd- und Südosteuropa dürften unter den neuen Transportwegen leiden. Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und die Niederlande werden weniger von dort importieren, sondern den Absatz und die Zulieferverhältnisse mit Fernost ausbauen. Der Handel mit China, Japan und Südkorea wird kräftig zulegen. Die Modellanalyse kalkuliert beispielsweise Exportsteigerungen von dort nach Deutschland im zweistelligen Prozentbereich.
Der Ministaat und das Riesenreich
Allerdings wird für Italien, Spanien und die anderen ökonomischen Verlierer des neuen Handelswegs kein Einbruch vorausgesagt, sondern nur leichte Verluste im innereuropäischen Handel. Beispielsweise werden die Exporte nach Deutschland je nach Branche um 0,5 bis 2 Prozent zurückgehen.
Die Eisschmelze im Polarmeer wird nicht nur die Seerouten im Welthandel neu definieren. Der Wettstreit um den Zugang zu neuen Energieressourcen und die militärische Präsenz in der neuen Weltregion ist längst eröffnet. China ist als einzige Supermacht kein Anrainer. Nur dank Islands Unterstützung erhielt die Volksrepublik vor drei Jahren den Beobachterstatus im 1996 gegründeten Arktischen Rat (Arctic Council), dem u.a. die USA und Russland angehören. Die strategische Partnerschaft zwischen dem Ministaat und dem Riesenreich zahlt sich also aus.
China wird sie sicherlich weiter ausbauen wollen, auch nachdem das gemeinsame Forschungszentrum nächstes Jahr fertiggestellt sein wird. Und dabei geht es dann nicht mehr um die Aurora borealis.