Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/1247

Freies Fahren, wildes Parken: In den 60er-Jahren konnte man sich als junger Wilder noch darüber lustig machen, dass der Staat Ordnung in den Verkehr bringen wollte.
Schaut man auf das Automodell mit der niedrigen Immatrikulations-Nummer, dann merkt man, dass diese sonderbare Szene bereits ein paar Jahre alt sein muss. Das Auto ist ein Fiat Spider, und dieser war 1959 modern. Der Mann, er war damals 23 Jahre jung, ein Freelancer, wie man heute sagen würde, der als freier Schriftsteller Geschichten schrieb und darum wenig später bei der «National-Zeitung» als Mitarbeiter im Feuilleton und im Lokalen tätig war. Das italienische Cabrio mit den weissrandigen Pneus und, was damals noch etwas Besonderes war, einem Autoradio (wie die imposante Antenne signalisiert) hatte der junge Mann damals von seinem Papi geliehen.
Man könnte sich bei dieser Gelegenheit an das erinnern, was man natürlich schon immer wusste, dass die Bezeichnung Cabriolet von Kapriolen stammt, dem Luftsprünge-Machen. Und genau darum geht es bei diesem Bild, obwohl die Luftsprünge hier darin bestehen, dass der eine Jüngling, Bernhard Scherz, am Boden mit Kreide ein Parkfeld um den abgestellten Wagen zeichnet und der andere Jüngling, Kurt Wyss, ihn dabei fotografiert. Über ein halbes Jahrhundert später spricht der inzwischen bald 77-jährige Fotograf, telefonisch zu dieser Szene befragt, von einem «Gag» und einer Artikel-Serie mit dem Namen «Auf Umwegen zum Parkplatz».
Ja, es war die Zeit, da das völlig freie und wilde Fahren, weil mehr und mehr in Schwung gekommen, plötzlich zu einem Ordnungs- und Platzproblem wurde. Unter Umständen musste man schon «Umwege» in Kauf nehmen, bis man einen Parkplatz fand. Als junger Wilder, der gerne «A bout de souffle» beziehungsweise «Ausser Atem» (mit dem jungen Belmondo 1960) durch die Strassen preschte, machte man sich darüber lustig, dass man seinen Wagen nur noch dort abstellten durfte, wo eine Parklinie dies gestattete.
Freies Abstellen war das eine, freies Ausschwärmen das andere: Bernhard erinnert sich mit seinen mittlerweile fast 77 Jahren an die Fahrten in Papis Schönwetterwagen bis ins ferne Jugoslawien, das vor über einem halben Jahrhundert noch halbwegs hinter dem Eisernen Vorhang lag.
Der Scherz, den sich Berni Scherz hier erlaubte, fand am unteren Klosterberg statt. Die Rollläden dürften zum Ganthaus gehören, das abgerissen wurde, damit dort ein Schauspielhaus gebaut werden konnte. Und wenn man genau hinschaut, sieht man die gebietende Parkverbotstafel, die im Gegensatz zum Ganthaus wahrscheinlich noch heute steht.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.01.13