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Vor 150 Jahren kam eine Frau zur Welt, die die grössten Künstler der Avantgarde förderte – und zur Pionierin des weiblichen Selbstverständnisses wurde. Zum intensiven Leben der Mäzenin und Diva Gertrude Stein.
Eine Frau mit hochgesteckten Haaren und Cord-Mantel sitzt in einem Sessel und beugt sich: die Hände auf dem Schoss, die Augen verschieden gross, die Nase und Stirn überdimensional, ein maskenhaftes Gesicht, der Blick fordernd. So wurde Gertrude Stein von ihrem guten Freund Pablo Picasso porträtiert.
Die Szene aus Picassos Atelier im Jahr 1906 ist sinnbildlich für den Beginn des Pariser Lebens der wohlhabenden Autorin und Kunstsammlerin Gertrude Stein. Stein, eine amerikanische Jüdin, hatte die USA verlassen, um unter den grössten Künstlern der damaligen Zeit zu leben. Vor 150 Jahren, am 3. Februar 1874, war sie zur Welt gekommen. Später sollte sie die Kunstrezeption der Avantgarde prägen.
Gertrude Steins Zuhause an der 27 Rue de Fleurus in Paris war eine exklusive Adresse für Maler, Autoren, Schriftsteller. Einerseits, weil die Künstler im Dialog mit Stein ihre künstlerischen Eigenarten entdeckten. Andererseits, weil Stein ihnen zahlreiche Gemälde abkaufte und sie so finanziell unterstützte. Stein empfing regelmässig den Maler Henri Matisse, den Surrealisten Salvador Dalí oder den Schriftsteller Ernest Hemingway. Ihr Salon wurde von der «New York Times» als «das erste Museum für moderne Kunst» gefeiert.
Steins Atelier war das Zentrum intellektueller Avantgardisten, die mit Radikalität gegen die Auffassung künstlerischer Normen vorangingen. Die Künstlergarde nannte sich «Indépendants», und Gertrude Stein war die treue Mäzenin.
Die Ausreisserin
Stein wurde als «Mutter der Moderne» verehrt: Von Picasso wurde sie immer wieder aufgefordert, die Kunst zu erklären. «Raconte-moi cela», «Explique-moi cela» – «Erzähl es mir», «Erklär es mir». Auch sie selbst feierte sich als Genie: «Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts. Und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts.»
Gertrude Stein kam 1874 im US-Bundesstaat Pennsylvania zur Welt. Sie war das letzte von sieben Kindern deutsch-jüdischer Eltern. Die Familie machte mit Wollhandel viel Geld, wovon Gertrude Stein ein Leben lang genüsslich profitierte: «Mir gefiel es, und mir gefällt es.»
Am renommierten Radcliffe College in Massachusetts, dem Frauencollege als Pendant zur allmännlichen Harvard-Universität, studierte Stein Philosophie und Psychologie. Unterrichtet wurde sie von William James, dem Begründer der wissenschaftlichen Psychologie in den USA und Bruder des Schriftstellers Henry James. In Baltimore wollte Gertrude Stein ihre Studien fortführen, folgte aber ihrer Intuition: Sie brach nach Europa auf und mietete eine Wohnung in Paris.
«De la part de qui venez-vous?», «Wer hat sie empfohlen?»: Das war die Begrüssungsformel an Steins Eingangstüre. Stein bestand darauf, zu wissen, wie jemand zu ihrer Wallfahrtsstätte der Kunst gelangt war. In ihrem Atelier lebte sie mit ihrer Lebensgefährtin Alice Babette Toklas, einer amerikanischen Jüdin, die 1907 für sie nach Paris ausgewandert war.
Der Wohnbereich war klein, doch das Atelier umso grösser. An den Wänden reihten sich Picassos, Cézannes, Renoirs, Gauguins, Matisses. Bilder, die später Kunstgeschichte schreiben sollten.
Emanzipation tangierte sie nicht
Als Frau, Jüdin und Lesbe wurde Stein von ihren männlichen Zeitgenossen immer akzeptiert: «Sie war eine solche Persönlichkeit, dass ihr niemand widerstehen konnte», sagte Hemingway über sie. Und ihre Lebensgefährtin Toklas sagte, sie sei für all ihre Freunde von unschätzbarem Wert gewesen.
Gertrude Stein war eine Frau mit exzentrischem, autoritärem Charakter und sah sich selbst nie in der Verantwortung, die Emanzipation der Frau voranzutreiben – anders als feministische Zeitgenossinnen wie die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir oder Virginia Woolf. Für Stein war die weibliche Emanzipation eine Selbstverständlichkeit. Sie lebte mit den Privilegien eines Mannes und wurde, ohne es zu forcieren, eine Pionierin des weiblichen Selbstverständnisses.
Gertrude Steins eigenwillige Persönlichkeit spiegelte sich in ihren zahlreichen Schriftstücken. Ihr provokanter, spielerischer Stil erinnerte an Klaviersonaten: Das Motiv ständiger Wiederholungen übertrug sie vom Musikalischen ins Schriftliche. In ihrem Buch «The Making of Americans» von 1925, einem Werk von 900 Seiten, masste sie sich an, eine allgemeine Typologie des amerikanischen Daseins zu formulieren.
«Weshalb lest ihr nicht so, wie ich schreibe?»
«The Making of Americans» verkaufte sich mässig, auch weil Stein grammatikalische Normen lustvoll ignorierte. Zum Bestseller wurde jedoch das Buch «Autobiografie von Alice B. Toklas» von 1933. Gertrude Stein schrieb ihre eigene Biografie, aber aus der Sicht ihrer Lebensgefährtin Toklas. Stein schrieb: «Wenn Sie dies lesen, dann ist sie ich gewesen.»
Trotz der kindlichen und repetitiven Sprache war die «Autobiografie» von solch lebendigem Feingefühl und stoischer Selbstverständlichkeit, dass sie überzeugte. Auf Kritik an ihren Schriften reagierte Stein mit eleganter Chuzpe. Wenn Reporter fragten: «Weshalb schreiben Sie nicht so, wie Sie sprechen?», antwortete Stein: «Weshalb lest ihr nicht so, wie ich schreibe?»
Gertrude Stein, ihre Bildersammlung und Alice B. Toklas überstanden den Zweiten Weltkrieg in Steins Landhaus in Belley in den französischen Alpen. 1946 starb sie mit 72 Jahren an Magenkrebs. Sie war nach Paris zurückgekehrt, ihrer grossen Liebe. «Ich habe mein halbes Leben in Paris verbracht», sagte Stein. «Nicht jene Hälfte, die mich gemacht hat, sondern die Hälfte, in der ich das machte, was ich machte.» Bis heute steht ihr Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris, dort, wo auch Oscar Wilde, Edith Piaf oder Marcel Proust begraben sind.