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Porträt
Die Aufklärerin
Kämpferisch Anna Fischer-Dückelmann war Ärztin, doch ihre Ausbildung wurde nicht anerkannt. Sie verfasste medizinische Schriften, die ihre männlichen Kollegen verwarfen. Trotzdem wurde ihr Nachschlagewerk «Die Frau als Hausärztin» zum Millionenseller. Über eine Frau, die sich nicht aufhalten liess.
Unsere Zeit hat die Befreiung von der über Leben und Gesundheit gebietenden Autorität des Arztes der alten Art angebahnt; das Volk hat angefangen, sich selbst helfen zu wollen, und jeder einsichtsvolle Arzt, der für die Interessen der Menschheit wirkt und nicht nur für seine Zunft, wird dieses Bestreben als einen glückbringenden Fortschritt freudig begrüssen und ihm alle seine Kräfte weihen.» Der Millionenseller «Die Frau als Hausärztin» war keine einfache Kost: Gleich drei medizinische Streitlinien kreuzten sich in dem hausärztlichen Sachbuch der kämpferischen Ärztin Anna Fischer-Dückelmann aus dem Jahr 1901. Bereits im Eingangszitat prangert sie das patriarchalische Arztverständnis an und kämpft dafür, dass die Patientenschaft selbst Gesundheitswissen haben und danach handeln solle. Als promovierte Ärztin und Autorin stellte sie sich gegen die alten Geschlechterrollen. Schliesslich war ihr Bekenntnis zur Naturheilkunde ein Affront gegen die aufkommende technisierte Medizin.
Die breite Bevölkerung ansprechen
Dieses Buch wurde in gut einem Jahrzehnt über eine Million Mal verkauft und erhielt mehrere internationale Preise. Es war ein Nachschlagewerk zur Selbsthilfe, sei es durch die Ratschläge zur Verhütung von Krankheiten, sei es durch einfache Anweisungen für die Körper- und Kinderpflege. Anna Fischer-Dückelmann wandte sich nicht an eine Elite, sondern schrieb für die breite Bevölkerung. Erklärende Abbildungen – ab der Jubiläumsausgabe von 1911 auch anatomische Klappmodelle von Frau und Mann [1], Farbtafeln von Heilpflanzen sowie zahlreiche Fotografien – illustrierten die Ausführungen anschaulich und trugen zur Beliebtheit des Werks bei.
Spätes Medizinstudium
Anna Fischer-Dückelmann wurde im Jahr 1856 in Wadowice auf dem Gebiet des heutigen Polen in eine Arztfamilie geboren. Anna verfasste bereits als Teenager für das «Brünner Tageblatt» einen ersten gesundheitsaufklärerischen Artikel über die Schädlichkeit des Korsetts. Nach ihrer Heirat mit dem Journalisten Arnold Fischer und dem Umzug nach Frankfurt schrieb sie regelmässig Beiträge über gesundheitliche Themen, gründete selber ein Wochenblatt und hielt Vorträge über gesunde Ernährung, Kleiderreform und Frauenfragen.
In dieser Zeit reifte in Fischer-Dückelmann, inzwischen Mutter von drei Kindern, der Wunsch, Ärztin zu werden. Im Herbst 1889 reiste sie nach Zürich, im Frühling 1890 folgte ihr die Familie. Nach einer sechsjährigen Studienzeit hielt die mittlerweile Vierzigjährige Staatsexamen und Promotionsurkunde in Händen. Fischer-Dückelmann charakterisiert ihre Studienzeit 1897 rückblickend als «schwere Jahre», in denen sie mit finanziellen, gesundheitlichen und familiären Sorgen belastet gewesen sei [2].
«Heilerin» mit eigener Praxis
Nun war sie Ärztin und Frau Doktor. In Deutschland wurde ihre Ausbildung aufgrund ihres Geschlechts jedoch nicht anerkannt. Sie durfte nur als «Naturärztin» arbeiten, was einer Heilerin und damit nicht einer medizinischen Fachperson entsprach. Dennoch fand sie eine Stelle im naturheilkundlich ausgerichteten Bilz-Sanatorium in Oberlössnitz bei Dresden. Der Gründer Friedrich Eduard Bilz war Autor des Naturheil-Bestsellers «Das neue Heilverfahren» von 1888.
Kurz darauf gründete sie als eine der ersten Ärztinnen Deutschlands im nahen Loschwitz eine eigene Praxis und eine kleine Kuranstalt. Nach verschiedenen Stationen zog es sie wieder in die Schweiz: Anna Fischer-Dückelmann erwarb ein Grundstück auf dem Monte Verità bei Ascona und leitete ab 1913 vorübergehend das Sanatorium der dortigen Lebensreformgemeinschaft. 1917 verstarb sie in Ascona.
Frauen in der Medizin
Die Porträtserie stellt in lockerer Folge historische weibliche Persönlichkeiten aus dem medizinischen Umfeld der Schweiz vor. Jede dieser Frauen beschritt eigenwillig ihren Weg. Und nicht selten weisen ihre Geschichten erstaunliche Bezüge zur Gegenwart auf.
Gegenmodell zur männlichen Medizin
Fast ihr ganzes Leben betrieb Anna Fischer-Dückelmann gesundheitliche Aufklärung, mündlich und schriftlich. Dabei hielt sie mit Kritik nicht zurück, etwa an der fehlenden Hygiene in den Spitälern, den sozialen Missständen, der anhaltenden Unterdrückung von Frauen oder den brutalen Behandlungsmethoden ihrer männlichen Kollegen.
Aufbauend auf ihrer Doktorarbeit verfasste sie 1898 ihr erstes Ratgeberbuch mit dem Titel «Die Geburtshilfe vom physiatrischen Standpunkt». Als «Physiatrie» bezeichnet sie ihre «diätetische Gesundheitslehre», die sie als Gegenmodell zur akademischen, männlich-paternalistischen Medizin entwickelt hatte. Geburt sei ein natürlicher Vorgang, nicht eine Krankheit, betont sie und nennt verschiedene diätetische, manuelle und balneologische Anwendungen.
In ihrem über 800-seitigen Buch «Die Frau als Hausärztin» befürwortet sie Nacktheit und macht sexuelle Befriedigung in der Ehe sowie die Verhütung von Schwangerschaften zum Thema. Allerdings übernimmt sie auch unkritisch manche sexualfeindliche Vorstellung ihrer Zeit, so die Verurteilung von Homosexualität und sexueller Selbstbefriedigung.
Als Frau für Frauen schreiben
Die Kritik aus den Reihen ihrer Kollegen liess nicht lange auf sich warten. Die für die damalige Zeit ausgesprochen freizügigen sexuellen Schilderungen und die Abbildungen nackter Menschen würden die weibliche Schamhaftigkeit verletzen. Aber auch Quacksalberei wurde der Autorin vorgeworfen. Sie treibe die armen Kranken den Kurpfuschern in die Arme, statt sie auf die studierte Ärzteschaft zu verweisen. Schliesslich sei das Buch auch als Ratgeber wertlos, fördere es doch durch die Krankheitsbeschreibungen einzig die Hypochondrie der Leserinnen.
Anna Fischer-Dückelmann richtete ihr Werk in Wort und Bild als Frau an Frauen, sie vertrat darin eine naturheilkundliche Medizin und sie übte als promovierte Ärztin Kritik an der Medizin ihrer männlichen Kollegen. Kämpferisch hatte sie sich nicht, wie andere frühe Ärztinnen, eine Nische gesucht, in der sie geduldet wurde, sondern wandte sich mit einem medizinischen Gegenmodell an die Öffentlichkeit.
Literatur
1 Fischer-Dückelmann A: Die Frau als Hausärztin. Stuttgart. Süddeutsches Verlags-Institut; 1911 (Jubiläumsausgabe).
2 Fischer-Dückelmann A. «Vorkämpferinnen des Frauen-Studiums in Oesterreich-Ungarn.» Jahresbericht des Vereines für Erweiterte Frauenbildung in Wien, 1.10.1896:51–3 (Autobiografische Ausführungen, nach dortigen Angaben allerdings verfasst im Oktober 1897), S. 53.
Weiterführende Literatur
1 Chapuis-Després S. Anna Fischer-Dückelmann. Le pouvoir aux femmes par la médecine naturelle et la Réforme de la vie. Revue d‘Allemagne et des pays de tongue allemande. 2021;53:47–62.
2 Fischer-Dückelmann A. Die vom April 1888 bis Januar 1895 in der Zürcher Frauenklinik beobachteten Fälle von Puerperalfieber. Diss. Med. Zürich; 1896.
3 Meyer P. Physiatrie and German Maternal Feminism: Dr. Anna Fischer-Dückelmann Critiques Academic Medicine. Canadian Bulletin of Medical History. 2006; 23,1:145–82.
4 Oels D. Ein Bestseller der Selbstsorge. Der Ratgeber «Die Frau als Hausärztin». Zeithistorische Forschungen. 2013;10:515–23.
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