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Ich wurde mit einer natürlichen Neigung zur Oberflächlichkeit geboren. Heute arbeite ich als Kommentator und Kolumnist. Ich werde dafür bezahlt, ein narzisstischer Wichtigtuer zu sein, meine Meinungen hinauszuposaunen, so zu tun, als wäre ich fester von diesen überzeugt, als ich es tatsächlich bin, schlauer zu erscheinen, als ich in Wirklichkeit bin, und besser und Respekt einflössender, als ich es bin. (13f) …
Wir leben in einer Gesellschaft, die uns dazu ermuntert, darüber nachzudenken, wie wir eine grossartige Karriere hinbekommen, die viele von uns aber ratlos zurücklässt, wenn es darum geht, das innere Selbst zu entwickeln. (12)
Mit dem offenkundigen Anstieg des Selbstwertgefühls ging eine enorme Zunahme des Wunsches einher, berühmt zu werden. … Als ich mich in der Populärkultur umsah, fand ich überall dieselben Botschaften: Du bist etwas Besonderes. Vertrau auf dich. Sei dir selbst treu. Kinofilme von Pixar und Disney erzählen Kindern in einem fort, wie grossartig sie sind. Die traditionell von Berühmtheiten gehaltenen Reden vor Universitätsabsolventen sind von denselben Klischees durchzogen: Folge deiner Leidenschaft. Finde dich nicht mit Grenzen ab. Geh deinen eigenen Weg. Du hast die Verantwortung, Grosses zu vollbringen, weil du so grossartig bist. Das ist das Evangelium des Selbstvertrauens.
Fernsehmoderatorin Ellen De Generes formulierte es in ihrer Rede vor Universitätsabsolventen im Jahr 2009 folgendermassen: ‘Mein Rat an Sie lautet: Bleiben Sie sich treu, und alles wird gut.’ Der TV-Koch Mario Batali riet Hochschulabsolventen, sie sollten ‘ihrer Wahrheit folgen und diese konsequent in ihrem Leben zum Ausdruck bringen’. Autorin Anna Quindlen riet Absolventen, den Mut zu haben, ‘Ihren Charakter, Ihren Intellekt, Ihre Neigungen und ja, auch Ihre Seele zu ehren, indem Sie ihrer sauberen und klaren inneren Stimme zu lauschen, statt den trüben Botschaften einer verzagten Welt zu folgen’.
In ihrem Bestseller Eat, Pray, Love … schrieb Elizabeth Gilbert, Gott manifestiere sich durch ‘meine eigene Stimme aus (…) meinem tiefsten Innersten (…). Gott wohnt in dir als du selbst, als genau die, die du bist.’ (27f)
David Brooks. Charakter. Die Kunst Haltung zu zeigen. Kösel: München, 2015.