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Sophie trägt eine Schleife im Haar, karierte Strümpfe, lächelt sanft und trinkt brav Tee mit ihrer Mutter. Später wird sie baden und mit Mummy und Daddy zu Abend essen. Alles wie immer. Aber an diesem Nachmittag klingelt es plötzlich an der Tür und nichts ist wie zuvor.
«The Tiger Who Came to Tea» («Ein Tiger kommt zum Tee») von Judith Kerr, erschienen 1968, erzählt von einer vergangenen Zeit, in der die Mütter mit ihren Kindern zu Hause blieben, kochten und einkauften, während die Väter arbeiteten, eine Zeit, in der es Milchmänner gab und die Londonbusse noch aussahen wie Spielzeuge. Aber der flauschige, schmunzelnde und sehr hungrige Tiger, der vor der Türe steht, stellt alles auf den Kopf. Er isst nicht nur den Kuchen, die Muffins und die Brötchen ratzeputz auf, er macht sich auch hinter den Kühlschrank, die Vorräte und das auf dem Herd köchelnde Abendessen. Weil er danach solchen Durst hat, trinkt er «Daddy’s beer» und die ganze Wasserleitung leer, so dass Sophie nicht einmal mehr ein Bad nehmen kann. Beim Verabschieden bedankt er sich höflich für das feine Essen – und hinterlässt ein ziemliches Chaos. Der Familie bleibt nichts anderes übrig als in ein Restaurant essen zu gehen. Dort darf Sophie Würstchen, Pommes und Glace essen und Daddy kriegt sein Bier.
Dass sie am Ende in die Beiz gehen, findet meine Tochter das Beste an diesem wunderbaren Buch. Essen spielt eine zentrale Rolle in Kinderbüchern, das zeigt sich auch bei Kerr. Ähnlich wie die kleine Raupe Nimmersatt – und wie die meisten Kinder – hat auch der namenlose Tiger immer noch Hunger, sobald er den letzten Bissen hinunter geschluckt hat.
Die in London lebende, heute 93-jährige Kinderbuchautorin hat die Geschichte für ihre kleine Tochter geschrieben. Später wurde die Jüdin, die als Kind mit ihrer Familie aus Deutschland flüchten musste (sie schrieb das Buch «When Hitler Stole Pink Rabbit» über ihr Trauma), gefragt, ob der Tiger die Gestapo oder die SS darstelle, die ihrer Familie alles genommen habe. Sie stritt dies ab. «The Tiger Who Came to Tea» war seit Erscheinen nie vergriffen und ist in England ein Klassiker. Sicher auch, weil die Geschichte so eindeutig aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird. Genau wie die Protagonistin empfinden Kinder den Tiger nicht etwa als Eindringling, sondern bewundern ihn für seinen Mut, sich alles zu nehmen und sich nicht um Regeln zu kümmern (Tee aus dem Krug trinken? Ungefragt den Kühlschrank leer räumen?). Sophies unvoreingenommene Zuneigung steht im Gegensatz zum besorgten Gesicht der Mutter.
Das schönste Bild findet sich fast am Ende des Buches, auf dem Sophie im Nachthemd und rotem Mäntelchen mit ihren Eltern durch die von Strassenlaternen beleuchtete Stadt läuft und lebhaft vom mysteriösen Besuch zu erzählen scheint. Die unerwartete Wendung, die der Tag genommen hat, macht alle drei glücklich. Auf demselben Bild ist auch eine rot-getigerte Katze zu sehen. Ein Hinweis darauf, dass der Tiger nur in Sophies Fantasie existiert?
Wer ein Exemplar von «Ein Tiger kommt zum Tee» gewinnen möchte, schreibt bis 21. Mai 2017 ein E-Mail an <email-pii>. Die Gewinnerin/der Gewinner wird ausgelost, benachrichtigt und muss das Buch persönlich im Chinderbuechlade an der Gerechtigkeitsgasse 26 in Bern abholen.
Sarah Sartorius ist Redaktionsleiterin der Berner Kulturagenda. Sie freut sich, dank ihrer Tochter wieder in die Bücher ihrer Kindheit einzutauchen. Unter dem Titel «Eselsohren» stellt sie Lieblingsbilderbücher vor. Diese Rubrik wird unterstützt vom Chinderbuechlade Bern.