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Wieviele ECTS brauche ich, um Weisheit zu erlangen? So für den Anfang wären 180 nicht schlecht.
Es ist der Freitag der ersten Semesterwoche. Ich sitze an meinem Laptop und schiebe farbige Felder in einer Excel-Tabelle herum, die mir als Stundenplan dienen soll. In meinem Browser sind zehn Tabs des Vorlesungsverzeichnisses für dieses Herbstsemester offen. Im Philosophiestudium gibt es nur wenige obligatorische Einführungskurse, welche man mehr oder weniger in beliebiger Reihenfolge absolvieren kann, und im Vorlesungsverzeichnis ist für alle etwas dabei. Es gibt Kurse, deren Titel ich nicht verstehe, und Kurse, die klingen, als wären sie auf meine persönlichen Interessen zugeschnitten worden. Endlich habe ich die Auswahl eingeschränkt. Doch dann sehe ich, dass der eine Kurs, von dem ich dachte, dass er durch eine Klausur geprüft wird, eine Hausarbeit verlangt, und ich muss schon vier schreiben. Das eine obligatorische Tutorium überschneidet sich mit dem anderen obligatorischen Tutorium. Ich rechne und realisiere, dass meine ECTS nicht aufgehen. Ich zweifle an meinen Grundschul-Mathematikkenntnissen. Für einen Moment wünsche ich mir die vorgefertigten Stundenpläne der Grundschule zurück, doch dann fällt mir ein, wie cool es ist, dass ich selber bestimmen kann, ob ich montags oder um acht Uhr morgens an die Uni will. Ich rechne nochmal. Es muss noch ein Kurs her. Aber welcher? Ich suche auf der Webseite der Universität den Studienplan, um nachzuschauen, was ich eigentlich so machen muss. Ich bin im fünften Semester - wenn ich jetzt nicht die richtigen Kurse wähle, wird das nichts mit der Regelstudienzeit von sechs Semestern. Mir fehlt ein Kurs, der erst im Frühlingssemester angeboten wird. Ich seufze.
"Die Bologna-Reform ist an allem schuld", meinen einige Professoren. "Man sammelt nur noch ECTS, anstatt sich wahres Wissen anzueignen". Meine Mutter schwärmt von ewigen Studenten und für immer verschobenen Abschlussprüfungen. Wenn ich gerade meinen Stundenplan zusammenstelle, bin ich versucht, mich den Klagen anzuschliessen. Aber in Wahrheit bin ich froh über die angerechneten Leistungen aus dem Auslandssemester und den interdisziplinären Master, den ich machen kann, ohne strikt daran gebunden zu sein, was ich jetzt studiere.
Man mag sich fragen, warum ich den Stundenplan nach der ersten Semesterwoche zusammenstelle und nicht davor. Vor dem ersten Semester dachte ich tatsächlich, ich müsste mit einem Stundenplan auftauchen. Brav las ich Kursbeschreibungen und schaute Distanzen zwischen Unigebäuden auf Google Maps nach. Dann erfuhr ich, dass andere sich in alle möglichen Kurse eintrugen und sich in der ersten Woche in allerlei Vorlesungen setzten. Denn eine Kursbeschreibung wird nie allen Variablen gerecht, die relevant sind. Ist der Dozent oder die Dozentin einverstanden, wenn ich wegen der Überschneidung nicht ins Tutorium komme? Werden pro Woche 10 oder 70 Seiten gelesen? Sind zu viele Leute im Seminar? Wann ist die Deadline für die Hausarbeit? Ist diese Person da, die so gerne Monologe hält und niemanden zu Wort kommen lässt? Treibt mich das Thema bei näherer Betrachtung in eine existentielle Krise?
Mein Stundenplan für dieses Semester ist mittlerweile fertig. Es geht um das Sein und das Ding an sich, die Moral von Affen und die Evolution der Ethik, und darum, ob die Naturwissenschaft die wirkliche Welt beschreibt oder ob ihre Entitäten und Modelle mit der Realität wenig zu tun haben. Meine Kurse entsprechen in etwa dem empfohlenen Pensum von 30 ECTS pro Semester - also 180 für ein ganzes Bachelorstudium (wobei die gleichmässige Verteilung nicht zwingend ist, ich hatte auch schon Semester mit 38 oder 15 ECTS, je nachdem, um welche Kurse es geht und was sonst noch läuft in Sachen Nebenjobs etc. können 30 ECTS viel oder wenig sein). Von diesen 30 ECTS sind nicht alle in meinem Hauptfach Philosophie, etwa ein Drittel gehört zu meinem Nebenfach. Alles in allem werde ich dieses Semester pro Woche 14 Stunden in Vorlesungen, Seminaren und Tutorien verbringen. 14 Anwesenheitsstunden klingen nach wenig, verglichen mit den 30 oder mehr Stunden im Gymnasium oder den zeitaufwändigen Praktika in anderen Fächern. Aber die Arbeit im Philosophiestudium findet grösstenteils ausserhalb des Vorlesungssaals statt. Die Lektüre der Artikel für Seminare oder der Lehrbücher für Einführungsveranstaltungen nimmt viel Zeit in Anspruch. Dazu kommen Recherchen für Essays, die man dann meistens nach dem Semester in der vorlesungsfreien Zeit (auch unter der irreführenden Bezeichnung "Ferien" bekannt) schreibt. Auch Referate und die wenigen Prüfungen in der letzten Semesterwoche wollen vorbereitet sein (wobei die meisten Kurse in der Philosophie eher anhand von Essays benotet werden). Dazu kommt dieses Semester eine mündliche Prüfung, auf die ich mich vorbereiten muss. Das Thema, die Lektüre und sogar den Termin dafür habe ich in Absprache mit dem Dozenten (den ich selbst angefragt und somit "ausgewählt" habe) festgelegt. Hier zeigt sich wieder die berauschende Freiheit des Philosophiestudiums. Wer intrinsisch motiviert ist und sich seine Zeit gerne selbst einteilt, wird diese zu schätzen wissen.