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Vor langer, langer Zeit lebte ein Mann in einem Dorf inmitten der grasgrünen Wiesen Irlands. Um ihn heum, wohnten heitere und zufriedene Menschen, denen jeder Tag neue Freuden und Überraschungen brachte. Nur ihm allein schien alles fehlzuschlagen. So nannte man ihn allgemein den Pechvogel, und das behagte ihm nicht. Schliesslich suchte er Rat bei einer weisen Frau. Sie meinte, er solle zum Alten am Ende der Welt wandern, denn er wisse eine Antwort auf jede Frage,
So wanderte er los, einen Tag, eine Woche, ein Jahr, bis er zu einem Wolf kam, der elend aussah. «Wo gehst du hin?», fragte der Wolf.
«Zum Alten am Ende der Welt, er weiss Antwort auf jede Frage.»
«Bitte frage ihn, warum ich ewig hungrig bin», bat ihn der Wolf.
Der Mann versprach es. Er wanderte weiter, einen Tag, eine Woche, ein Jahr. Da kam er zu einem Baum, der halb vertrocknet aussah.
«Wo gehst du hin?», fragte der Baum.
«Zum Alten am Ende der Welt, er weiss Antwort auf jede Frage.»
«Bitte frage ihn, warum ich hier vertrocknen muss, wenn andere Bäume wachsen.»
Der Mann versprach es.
Er wanderte weiter, einen Tag, eine Woche, ein Jahr. Da kam er zu einem schönen Haus, in dem wohnte eine freundliche Frau.
«Wohin gehst du?», fragte die Frau.
«Zum Alten am Ende der Welt, er weiss Antwort auf jede Frage.»
«Oh bitte, frage ihn doch, warum ich so einsam bin.»
Der Mann versprach es. Ehe sie ihn ziehen liess, kochte sie ihm ein leckeres Essen, gab ihm ein warmes, weiches Bett und schickte ihn mit einem guten Frühstück auf den Weg.
Er wanderte weiter, einen Tag, eine Woche, einen Monat. Dann war er beim Alten am Ende der Welt. Nun durfte er alle Fragen stellen und bekam auf jede eine Antwort.
Eifrig machte der Pechvogel sich auf den Heimweg, sein Schritt war beflügelt. Bald erreichte er das hübsche Haus der freundlichen Frau.
«Was hat der Alte gesagt?», fragte sie sofort.
«Oh, er hat gesagt: Wenn ein Mann zu deinem Haus kommt, sollst du ihn heiraten, und du bist nie mehr einsam.»
«Du bist ein Mann, du bist zu meinem Haus gekommen. Willst du mich bitte heiraten?»
«Das kann ich nicht, denn mir hat er gesagt, ich würde mein Glück auf dem Wege finden, ich muss weiter.»
Wieder kochte sie ein gutes Essen, gab ihm ein weiches Bett und liess ihn traurig weiterziehen.
Der Pechvogel sputete sich und erreichte endlich den Baum, der inzwischen alle Blätter verloren hatte und mit Müh, flüsterte: «Was hat der Alte gesagt?»
«Ah, hat er gesagt, unter den Wurzeln des Baumes liegt eine grosse, eiserne Truhe voller goldener Taler, und wenn jemand sie ausgräbt, dann können die Wurzeln wieder trinken, und du wirst frisch und gesund.»
«Hier liegt ein Spaten, bitte grabe die Truhe aus, damit ich wieder trinken kann.»
«Das kann ich nicht, denn mir hat er gesagt, ich würde mein Glück auf dem Wege finden, ich muss weiter.»
Noch hastiger eilte der Pechvogel zurück, und es schien ihm nur eine kurze Weile, bis er den Wolf traf. «Was hat der Alte am Ende der Welt zu dir gesagt?», fragte der Wolf, der inzwischen noch elender aussah.
«Er hat gesagt: Das Essen steht doch vor dir!»
Da frass der Wolf den Pechvogel auf und | leckte sich befriedigt das Maul.
Aus: S. Alexander, Am Torffeuer erzählt, Stuttgart, 1994.
Kein Zaubermärchen, aber dennoch eine Geschichte, die mich zum Nachdenken anregt und deshalb ihren Platz in der Sammlung verdient hat. Wir wissen nicht, was dem Pechvogel schon alles in seinem Leben widerfahren ist. Ob er wirklich Pech hatte, oder das Glück einfach nicht hat sehen können. Aber wir sehen, dass er beharrlich ist, sein Leben verändern will und sich auf einen sehr langen Weg dafür macht. Und endlich hat er die Antworten die er sucht. Doch ist er so verbissen, weil er sein "Glück auf dem Weg findet", dass er es nicht erkennen kann und daran vorbei eilt. Schlussendlich bleibt die Frau, die ihn heiraten wollte allein, der Baum unter dessen Wurzeln er einen Schatz hätte finden können, verdorrt und nur dem Wolf wird geholfen. Ein trauriges Ende. Leider auch in unserem Alltag beobachtbar und gar nicht so weit hergeholt. Ich beobachte immer wieder Menschen, die rennen dem Glück hinterher, glauben es zu finden wenn sie "den neuen Job haben", "umgezogen sind", einen "Partner/Partnerin" gefunden haben usw. Und verpassen leider die Momente des Glücks im Alltag. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Glück nicht ein Zustand, sondern eine Entscheidung, dass der jetzige Moment gut ist, so wie er ist und man zufrieden ist.
Diese Geschichte eignet sich sicher dazu:
- ein Glücksglas zu füllen mit Momenten die einen glücklich gemacht haben
- ein Glücksglas zu füllen mit kleinen Dingen die einen an einem schwierigen Tag aufmuntern (z.B. ein heisses Bad, eine Massage, ...)
- sich einen Moment Zeit zu nehmen, sich irgendwo draussen hinzusetzen, auszuruhen und einfach zu beobachten
- jemandem im eigenen Umfeld (anonym) eine Freude zu bereiten (Blumenstrauss, Kuchen, Komplimente, ...)