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Im Zuge der Ermittlungen um den Lebensmittelskandal, bei dem kürzlich sieben Verdächtige festgenommen wurden, sind neue Details bekannt geworden. Die kriminellen Aktivitäten haben von 2007 bis zur ersten Jahreshälfte 2010 stattgefunden, so AssoBio, die italienische Vereinigung von Verarbeitern und Grosshändlern für Bio-Produkte.
Sunny Land lagerte und vertrieb Gerste, Mais, Weizen, Ackerbohnen, Leinsamen, Hirse, Haferflocken, Alfalfa, Futtererbsen, Raps, Weizen, Hirse, Sojabohnen, Sonnenblumen und Kartoffeln. Anders als teilweise in der Presse berichtet, sind Obst und Gemüse nicht betroffen. Die Firmen, die in den Betrugsfall verwickelt sein sollen, sind nicht in der italienischen Datenbank für Händler von Obst und Gemüse zu finden. Ohne diese Registrierung sei es quasi unmöglich, diese Produkte zu vermarkten, berichtet AssoBio.
Sunny Land gab vor, ein Tracing-System "Bio-Landwirtschaftliches Lebensmittelsystem" etabliert zu haben, das 4'000 Hektar Land in Norditalien, 4'000 ha in Mittelitalien, 16'000 ha in Rumänien und 9'300 ha in Moldawien umfasste, und bewarb dieses angeblich gründlich durchdachte System.
Laut den aktuellen Ermittlungen sei davon auszugehen, dass die Firma und die Mitbeschuldigten konventionelle Ware aus Rumänien kauften und mit gefälschten Zertifikaten der Kontrollstelle QC&I International Rumänien versahen. In Italien wurden diese Zertifikate überprüft und die Bestätigung der ausstellenden Behörde erfragt. Wenn keine Bestätigung erfolgte, wurde kein italienisches Zertifikat ausgestellt, das Produkt wurde als konventionell eingestuft und die zuständigen Behörden wurden informiert.
Gemäss der Anklage wurde das herabgestufte Produkt mit gefälschtem Zertifikat vermutlich dennoch als "bio" verkauft. Die Anklage basiert auf folgenden Annahmen:
- In einigen Fällen erstellte der Direktor einer italienischen Kontrollstelle gefälschte Produktionspläne für einige Höfe und brachte damit Ware in den Bio-Kreislauf, die entweder gar nicht vorhanden oder nur in geringem Masse vorhanden war.
- Sunny Land, die zudem Verträge mit korrekt arbeitenden Bio-Betrieben hatte und mit diesen reguläre Geschäftsbeziehungen pflegte, brachte seit 2007 diese regulären Bio-Produkte mit illegalen Importen zusammen (wie in Punkt 1 erklärt). Die meisten der verkauften Produkte kamen aus – meist ausländischer – konventioneller Landwirtschaft und wurden durch gefälschte Zertifikate in den Bio-Kreislauf gebracht. Die "Bio"-Aktivitäten wurden zwar an die entsprechenden Behörden gemeldet, jedoch zog man sich schnell aus dem Kontrollsystem zurück, um zusätzlichen Kontrollen zu entgehen.
- Ein Kontrolleur der Kontrollstelle (aus Punkt 1) fälschte teilweise seine Berichte, fügte nicht-existente Anbaufläche hinzu, veränderte die Produktionspläne oder teilte den Behörden direkt Änderungen von Produktionsplänen mit. Etliche der Höfe erkannten ihre angeblichen Änderungen der Produktionspläne nicht, die ihnen von der Polizei vorgelegt wurde.
- Um die Nachverfolgung zu verkomplizieren, verkaufte die Firma Ware an angeschlossene Firmen (dies jedoch nur per Rechnung), die ebenfalls häufig die Kontrollstelle wechselten. Ohne, dass sich die Ware tatsächlich bewegte, wurde sie mehrfach verkauft, um Nachverfolgung zu erschweren. Die Zertifizierungsstelle der Händler stellte nach Sichtung der Vorlage des ursprünglichen (gefälschten) und dessen durch italienische Behörden bestätigten Zertifikates ihr eigenes Zertifikat aus.
Aus diesem Grund spricht die Guardia di Finanza von hunderten Tonnen Ware und hunderten von Millionen Euro. Wenn dieselbe Menge innerhalb der Gruppe beispielsweise 15 Mal verkauft wurde, wurden 15 Einheiten gezählt, da 15 Rechnungen vorliegen, obwohl es keinen tatsächlichen Kaufvorgang mit Warentransport gab.
Zwei Schweizer Zwischenhändler sollen ebenfalls in den Fall verwickelt sein. Da die Produkte auch ausserhalb Italiens in Umlauf kamen, hat der Staatsanwalt sich an Eurojust in Den Haag gewandt. Zuvor wurde bereits mit Europol gearbeitet.
Man geht derzeit davon aus, dass 2'500 Tonnen beschlagnahmte Ware nicht in Bio-Qualität sind. Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind nicht zu erwarten. Neben der Beschlagnahmung der Ware wurden auch Computer und Dokumente sichergestellt.
Die Ermittlungen begannen in der Firma von Frau Catherine Galbiero, deren Umsätze innerhalb weniger Jahre von etwa 1,5 Millionen auf knapp 60 Millionen anwuchsen. Derzeit ist noch nicht bekannt, welcher Anteil dieses Umsatzes aus den oben genannten "Verkäufen" stammt.
Die Kontrollstelle suspendierte den Direktor bereits im Juni 2010, da interne Überprüfungen Unregelmässigkeiten feststellten, und entliessen ihn und den Kontrolleur im September 2010. Der Vorgang wurde den Behörden gemeldet. Bereits seit diesem Zeitpunkt wurden die internen Kontrollen der Kontrollstellen verschärft. Sämtliche Kontrollstellen arbeiten mit der Guardia di Finanza zusammen und stellen ihnen alle erforderlichen Daten zur Verfügung. FederBio sowie die in den Fall verwickelten Kontrollstellen gaben bekannt, dass sie als Zivilkläger auftreten werden.
Die Firmen, die nach derzeitigem Stand der Dinge in den Fall verwickelt zu sein scheinen sind Sunny Land Spa, Agribioscaligera, Agridea SA (Svizzera), Agripoint società agricola srl, Agroeuroserv srl (Romania), Bioagri sas, Bioecoitalia srl, Bioecoland, Biopolesine, Centro cereali srl, Eridano Trading srl, La Spiga srl, Life Group Holding sa (Svizzera), My organic srl, Sc Transilvania organic srl (Romania), Società agricola Fattoria della Speranza, Società Agricola Marinucci; Terrasana sas,Terre del sole. Die beiden ehemaligen Kontrolleure sind ebenfalls inhaftiert.
Die italienische Bio-Lebensmittelindustrie besteht aus über 47'000 Landwirten, Verarbeitern und Händlern und aus mehr als 300'000 Mitarbeitern. Die Betrugsversuche wurden und werden durch die Kontrollbehörden und Staatsorgane aufgedeckt und müssen zweifelsohne bestraft werden, da der Betrug nicht nur dem Käufer, sondern der gesamten Branche schadet. Kein Bereich der Lebensmittelbranche unterliegt schärferen Kontrollen als die Bio-Branche, aber auch das beste Kontrollsystem kann nicht zu jedem Zeitpunkt kriminelle Aktivitäten verhindern. Es kann aber dazu beitragen, Betrug schneller und einfacher aufzudecken.
Der italienische Bio-Herstellerverband AssoBio distanziert sich von den oben genannten kriminellen Aktivitäten und bestätigt, dass mit keiner der in den Betrugsfall verwickelten Firmen zusammengearbeitet wurde.