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Industrie und Gewerbe
Zürich war schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts der am meisten von der Industrie geprägte Kanton der Schweiz. Begünstigt von der Topographie mit vielen energieliefernden Bächen und Flüssen und vom reichlich zur Verfügung stehenden Kapital begüterter städtischer Familien sowie geprägt von der langen Heimarbeitstradition entstanden schon früh in weiten Teilen des Kantons Fabriken, primär Baumwollspinnereien und später Webereien.
Die Stadt industrialisiert sich
In der Stadt Zürich entstanden die ersten Gewerbebetriebe beim Mühlesteg und an der Walche. Von den Vororten bot Riesbach, im Mündungsgebiet verschiedener Bäche gelegen, zunächst die besten Standortvoraussetzungen für Fabriken. Als das Bahnnetz immer dichter wurde, expandierte die Industrie vom Hauptbahnhof limmatabwärts ins Gebiet der Gemeinde Aussersihl, dem späteren Industriequartier. Einschränkende Gewerbegesetze und Zunftvorrechte verhinderten aber zunächst das Entstehen grosser Betriebe – mit einer Ausnahme.
Escher Wyss, der grösste Betrieb
Vor den Toren der Altstadt bei der Neumühle entstand 1805 mit Escher Wyss die erste Baumwollspinnerei auf Stadtgebiet. Sie sollte sich bald zur Maschinenfabrik und zur grössten Fabrikanlage der Schweiz entwickeln. Schon um 1855 arbeiteten hier über 1100 Arbeiter. 1889 beschloss die Geschäftsleitung, den Standort aufzugeben und limmatabwärts in der Hard eine neue Fabrikanlage zu bauen. Zuvor mussten die Fertigfabrikate an Seilen in die Stampfenbachstrasse hochgezogen und nachts mit Pferdegespannen über Limmatquai und Münsterbrücke zum Bahnhof transportiert werden. In der Hard entstand beim heutigen Escher Wyss-Platz auf 15 000 Quadratmeter ein Musterbetrieb mit Gleisanschluss, der seine Energie aus dem 15 Kilometer entfernten Elektrizitätswerk bei Bremgarten bezog. Dank technologischer Führerschaft behielt die Firma trotz grossen wirtschaftlichen Problemen während der Weltwirtschaftskrise 1931-35 ihre führende Stellung in der Stadt bis in die 1960er Jahre. Auch heute noch wird ein Teil des ehemaligen Escher Wyss-Areals industriell genutzt.
Neue Industrieareale
Um die Zeit der Eingemeindung von 1893 entstanden die grossen Zürcher Industrieareale im Vorgebiet der Stadt, wo ein Gleisanschluss und Arbeiterquartiere in Reichweite waren: In der Hard, der Binz, in Oerlikon und in der Manegg – überall, wo jüngst Industriebrachen in Wohngebiete verwandelt wurden. In den Aussenbezirken der Stadt entstand so eine vielfältige Industrielandschaft mit Schwerpunkten in der Maschinenindustrie (bis hin zu Autofabriken), der Textilveredelung (Färbereien), Papierfabriken und der Nahrungsmittelproduktion.
Die Zahl der Industriebeschäftigten wuchs zwischen 1888 von 20 000 auf 34 000 (1900) und 47 000 im Jahr 1910. Gemäss den Resultaten der ersten gesamtschweizerischen Betriebszählung von 1905 arbeiteten damals in Zürich fast sechzig Prozent aller Arbeitskräfte in einem Industriebetrieb („Veredelung der Natur- und Arbeitserzeugnisse“) - heute sind es noch sieben Prozent.
Branchenverteilung 1905 und 2015
Industrielle Entwicklung im 20. Jahrhundert
Zürich blieb bis in die 1960er Jahre eine Industriestadt. Im Stadtzentrum entstanden zwar immer mehr Arbeitsplätze im Bank- und Versicherungswesen, im Handel und in der Gastronomie, aber auch die Zahl der Fabrikarbeitsplätze stieg bis um 1960 im gleichen Tempo an 1965 wurde mit 125 000 Industriebeschäftigten der Höhepunkt erreicht. Heute arbeiten noch 30 000 Personen im zweiten Sektor, während der dritte Sektor unterdessen schon fast 430 000 Arbeitsplätze umfasst.
Beschäftigung nach Wirtschaftssektor
Beschäftigung nach Geschlecht
Gewerbebetriebe
Der zweite Sektor umfasst nicht nur Grossbetriebe und Fabrikarbeiter, sondern ganz überwiegend Klein- und Mittelbetriebe, sei es in der Parfümerie oder im Fahrradbau, in der Metzgerei oder im Malergeschäft. Auch Frauen fanden in vielen Branchen Beschäftigungsmöglichkeiten.
Bis zum Zweiten Weltkrieg stellten Kleinbetriebe mit bis zu zehn Beschäftigten einen Drittel aller Industriearbeitsplätze. Bis heute ist seither ein gewisser Konzentrationsprozess festzustellen; heute arbeiten noch 18 Prozent in einem Kleinbetrieb. 1905 betrug der Frauenanteil im zweiten Sektor noch 28 Prozent und sank dann kontinuierlich. Seit den 1970er Jahren liegt er etwa bei 20 Prozent.
Beschäftigte nach Grössenklasse des Unternehmens
Frauenanteil nach Wirtschaftssektor
Arbeitsverhältnisse
Um 1890 formierten sich die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. Die organisierte Arbeiterschaft scheute die Auseinandersetzung mit den Unternehmen nicht, was sich in wachsenden Mitgliedszahlen und zunehmender Streikbereitschaft äusserte. Einen ersten Höhepunkt erreichten die Arbeitskämpfe ab 1904 mit teilweise heftigen Konfrontationen zwischen Arbeiterbevölkerung und Streikposten einerseits, Streikbrechern und der Polizei andererseits, so im ersten Streik beim Automobilhersteller Arbenz von 1906. Die Streikwelle kulminierte vorerst im Zürcher Generalstreik 1912.
Die Wirren des Weltkriegs mit Teuerungswellen, reduzierter Kaufkraft, rationierten Lebensmitteln und eingeschränkten Arbeitsschutzbestimmungen führten ab 1917 auch in der Schweiz zu einer revolutionären Strömung und einer Eskalation der Arbeitskämpfe bis hin zum Generalstreik von 1918, der vom Militär niedergeschlagen wurde. Die Grabenkämpfe zwischen links und rechts flauten erst mit der beginnenden Hochkonjunktur 1923 ab.
Ab den späteren 1920er Jahren ist rückblickend eine allmähliche Annäherung von Arbeiterschaft und Unternehmern festzustellen, die mit einem Ausbau der Sozialgesetzgebung einherging. Der Börsencrash von 1929 und die nachfolgende Weltwirtschaftskrise war hierzulande besonders heftig und langanhaltend; die Zahl der Stellensuchenden in Zürich erreichte erst 1935 mit über 76 000 ihren Höhepunkt und flachte nur langsam ab. 1936/37 und wieder 1945/46 wurde Zürich erneut von Streikwellen erfasst, die aber den Boden für die Sozialpartnerschaft bereiteten: Zunächst kam das Friedensabkommen von 1937 zwischen Gewerkschaften und Unternehmern zustande, nach dem Krieg wurden in vielen Branchen Gesamtarbeitsverträge abgeschlossen und es entstanden übergreifende Sozialversicherungen, vor allem die AHV im Jahr 1947. So entwickelte sich die Schweiz allmählich zum modernen Sozialstaat.
Stellensuchende Total
Stellensuchende nach Wirtschaftssektor
Die Entwicklung des Anteils Stellensuchender nach Wirtschaftssektor zeigt eindrücklich, wie Zürich um 1960 von der Industrie- zur Dienstleistungsstadt wurde. Mit der Bedeutungszunahme des dritten Sektors wurde der Arbeitsmarkt für Frauen interessanter, was sich im weiblichen Anteil der Stellensuchenden niederschlug, der 1962 über die 50 Prozent-Marke kletterte. Der hohe Anteil zwischen 1968 bis 1973 muss allerdings relativiert werden, denn damals lag die Absolutzahl der Stellensuchenden auf einem Minimum, und die Ölkrise brachte wieder einen Rückgang.
Stellensuchende nach Geschlecht
Von den Bauordnungen zur Zonenplanung
Das kantonale Baugesetz von 1893 verpflichtete die städtischen Gemeinden, Bebauungspläne und Bauordnungen festzulegen, in denen beispielsweise Grenzabstände oder Gebäudehöhen festgelegt waren. In der Stadt nahm ein Baukollegium Stellung zu Bau- und Planungsvorhaben und städtebaulichen Konzepten. Zonenpläne wie derjenige von 1893 legten aber nur fest, wie in einem Gebiet gebaut werden musste, zum Beispiel wie hoch Gebäude sein durften. Nutzungsvorschriften gab es noch keine, grundsätzlich konnte alles überall gebaut werden. Auf einem Stück Land konnte ein Wohnhaus oder auch eine Fabrik erstellt werden. So entstanden in der ganzen Stadt verstreut kleinere und mittlere Betriebe, zum Beispiel auch in Hinterhöfen von Blockrandbebauungen.
Nach der zweiten Eingemeindung von 1934 behielten neben der städtischen Bauordnung von 1931 auch die Bauordnungen der zuvor selbständigen Vorortsgemeinden ihre Gültigkeit, was zu einem regelrechten Durcheinander führte. Besonders dringlich erschien in den 1930er Jahren eine Regelung für die Industrie- und Gewerbenutzungen. So wurde eine erste Bau- und Zonenordnung (BZO) erarbeitet, die 1946 in Kraft trat und erstmals auch die Nutzung bestimmte und Grünzonen festlegte, die nicht überbaut werden durften. Schon 1944 waren in einer vorgezogenen Teilvorlage die zulässigen Industrie- und Gewerbenutzungen festgelegt worden, weil man dies aufgrund der Emissionen als besonders dringlich erachtete. Entsprechend der baulichen Entwicklung erreichte die Industrie- und Gewerbezone in der BZO 1963 ihre grösste Ausdehnung.
Industriequartiere werden umgenutzt
Spätere Bau- und Zonenordnungen zeigen, was mit den früheren Industriearealen passieren sollte. 1992 wurde ein Teil der Industriezonen für Dienstleistungen geöffnet, und 1995 definierte man erste Zentrumszonen zur Regelung der Umnutzung von Industriearealen. Die reine Industriezone schrumpfte weiter, und in den Zentrumszonen entstanden seit den späten 1990er Jahren zunehmend Wohngebiete, so in Zürich-West, Neu-Oerlikon und Leutschenbach, in der Binz und der Manegg. In den meisten dieser grossen ehemaligen Industrieareale erinnern heute nur noch stumme bauliche Zeugen an die einstige Realität lärmiger Industriekomplexe.
Mit welchen Schwerpunkten sich die Stadt in den nächsten Jahrzehnten weiterentwickeln soll, wird im kommunalen Richtplan festgehalten: www.stadt-zuerich.ch/richtplan.