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Diskretion war seine Leidenschaft. Britisch charmant im Auftreten, betrieb er das Spiel der Identitäten mit souveräner Hartnäckigkeit. Als im Alter von 85 Jahren seine Autobiografie erscheint, ist sie nicht mehr als Lesehilfe zu seinen Büchern.
Keine Geständnisse, keine Enthüllungen, kaum Persönliches. Nur in seinen über 20 Romanen, die fast alle Bestseller wurden, ist David John Moore Cornwell gegenwärtig, der sich als Schriftsteller John le Carré nannte. Jetzt ist le Carré im Alter von 89 Jahren gestorben, wie sein Verlag Penguin Books am Sonntagabend mitteilte.
Schwierige Familienverhältnisse
Betrug ist das Leitmotiv, der Verrat das Grundthema seiner Bücher. Es ist auch das Rollenmodell seines Lebens. Die Mutter verlässt die Familie früh, der Vater kriminell. Ein Betrüger. So kommt der 1931 geborene le Carré Ende der 1940er-Jahre Jahre zum Studium nach Bern.
Er liebt die deutsche Literatur und lässt sich anwerben vom britischen Nachrichtendienst. Spionage, das «magische Spiel», nennt er es später. Und er bleibt dabei, nach der Rückkehr nach England und Stationen in Hamburg und Bonn.
Über 20 Millionen mal wird «Der Spion, der aus der Kälte kam» verkauft. «Die beste Spionagegeschichte, die ich je gelesen habe», urteilt der berühmte Kollege Graham Greene.
Chronist des Kalten Krieges
Richard Burton spielt in der Verfilmung, an der le Carré mitwirkt. Für ihn ist das Buch der Ritterschlag zum Autor, der Roman seines Lebens, das Skript seiner Zeit: Ost und West, der kalte Krieg, der keine Gewinner kennt, nur verdeckte Feldzüge ohne Ertrag. Spione. «Gespenster», sagt le Carré.
Der Schauspieler Alec Guinness wird sein Alter Ego. Er spielt George Smiley, zentrale Figur im britischen Geheimdienst MI6 und in le Carrés grossen Romanen. Es ist ein melancholisch, gebrochener Held, ohne Fixpunkt in einer Epoche des Zweifels.
Agenten waren keine Helden
Nichts ist, was es scheint, alles kann anders sein. Hinter jedem Verdacht versteckt sich ein weiterer, Mutmassungen und «Fake News» halten Carrés Personal in Bewegung. Der Verrat ist Prinzip, Misstrauen Pflicht in der «geheimen Welt».
«Das Unterbewusstsein einer Gesellschaft» sei hier zu erkennen, meinte John le Carré später. Er hat sich daran gehalten, auch wenn die Sujets wechselten. Der moralisch politische Impuls blieb. Er schrieb über Banken und Konzerne, die Waffenlobby und die kriminellen Aktivitäten der Pharmaindustrie.
Der Terror im Nahen Osten ist Schauplatz in seinem Roman «Die Libelle», die russische Mafia Thema in «Verräter wie wir». Immer recherchierte er ausgiebig, bevor die Schreib-Arbeit begann. Als authentisch wurde das oft gelesen, aber am Ende sei alles Erfindung, betonte le Carré gern.
Autoren sind immer auch Spionen
Zu Beginn nur als Genre-Autor wahrgenommen, hatte sich John le Carré schon seit Jahrzehnten als Schriftsteller von internationalem Rang durchgesetzt. Zuletzt mischte er sich auch in öffentliche Debatten ein, zum Brexit etwa oder zur Figur des amerikanischen Präsidenten.
Und Smiley kehrte zurück. In dem Roman «Das Vermächtnis der Spione» erzählt le Carré sein Lebensthema noch einmal. Aber jetzt im Rückblick, aus der Perspektive der Gegenwart. Der kalte Krieg ist lange vorbei, aber alle Gewinne sind zweifelhaft.
Die Spur führt zurück, zurück auch zu den inneren Ambivalenzen des Autors selbst. Le Carré folgt noch einmal David Cornwell, seinen Motiven, seinen Konflikten. Das «Vermächtnis der Spione» wurde sein Vermächtnis. Er blieb, was er war. Ein grosser Erzähler, ein Moralist und Gentleman.