Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03586.jsonl.gz/980

Titel
Zoologie
(griech., Tierkunde), derjenige Teil der
Naturgeschichte, welcher die wissenschaftliche Kenntnis des
Tierreichs
umfaßt. Die
Zoologie zerfällt je nach den besondern Gegenständen, welche sie behandelt, in folgende
Disziplinen. Die
Morphologie
beschäftigt sich mit der
Lehre
[* 3] von der
Entwickelung, der Gestalt und dem
Bau der
Tiere und ihrer einzelnen Teile ohne Rücksicht
auf die Lebensäußerungen.
Letztere werden von der
Physiologie erforscht und, soweit es angeht, auf allgemeinere
Gesetze zurückgeführt. Die
Morphologie selbst wieder zerfällt in die
Lehre vom fertigen
Organismus, d. h. die
Anatomie, und
in die Betrachtung des werdenden
Körpers, d. h. die
Entwickelungsgeschichte
[* 4] oder
Embryologie. Ein besonderer
Abschnitt der
Anatomie
ist die
Histologie (s. d.), d. h. die
Lehre von den
Geweben, aus denen der Tierkörper zusammengesetzt ist.
Die
Entwickelungsgeschichte behandelt entweder das
Werden
¶
mehr
des Individuums vom Ei
[* 6] aus (sogen. Ontogenie) oder das Werden der Art, Gattung, Familie etc. (sogen. Phylogenie) und bedient sich
hierbei unter anderm auch der Paläontologie, d. h. der Lehre von den ausgestorbenen (versteinerten) Organismen (s. im einzelnen
die Artikel »Entwickelungsgeschichte« und »Paläontologie«). Weil auch der Mensch nach moderner Anschauung unter
den Begriff »Tier« gebracht wird, so hat es die
Zoologie gleichfalls mit ihm zu thun; häufig jedoch sondert man die
Wissenschaft vom Menschen als sogen. Anthropologie von der
Zoologie ab u. scheidet daher die Anatomie in die Anthropotomie (menschliche
Anatomie) und Zootomie (Tieranatomie), läßt auch, wenn man von Biologie, d. h. der Lehre von den Lebenserscheinungen
der Tiere, redet, den Menschen hierbei völlig außer acht.
Auf der andern Seite läßt sich keine scharfe Grenze zwischen Tier und Pflanze, also auch keine zwischen
Zoologie und Botanik ziehen.
Solange die Anatomie sich bloß auf Beschreibung des Baues der einzelnen Tiere beschränkt, ist sie beschreibende
Anatomie, wird jedoch zur vergleichenden, wenn sie die Kenntnis der anatomischen Thatsachen zur Ermittelung allgemeiner Erkenntnisse
verwertet. (Von der Embryologie gilt dasselbe.) Richten sich letztere auf die Verwandtschaft der Tiere unter sich, so geht daraus
die Systematik hervor, d. h. die wissenschaftliche Anordnung der Tierarten in Gattungen, Familien etc., sowie
die Lehre von den Verwandtschaften derselben zu einander. In Beziehung zu andern Zweigen der Naturwissenschaften tritt die
Zoologie in der
Zoophysik und Zoochemie, d. h. der Lehre von den physikalischen Eigenschaften und der chemischen Zusammensetzung der Tiere; die
Zoogeographie untersucht die Verbreitung der Tiere auf der Erdoberfläche (s. Tier, S. 699). Wie
Zoologie die
Lehre von allen Tieren ist, so ist Ornithologie die Lehre von den Vögeln, Ichthyologie diejenige von den Fischen, Entomologie diejenige
von den Insekten,
[* 7] Malako
zoologie die Lehre von den Weichtieren etc.
Alle genannten zoologischen Fächer
[* 8] können zusammen als eigentliche, theoretische oder reine
Zoologie bezeichnet werden. Ihr gegenüber
steht die angewandte
Zoologie, welche die Tiere nur mit Rücksicht auf ihre Nützlichkeit oder Schädlichkeit
für den Menschen betrachtet und daher meist nur gewisse Tiergruppen (z. B. die Haustiere) eingehend behandelt. Als Zweige der
angewandten
Zoologie unterscheidet man: die medizinische oder pharmazeutische Zoologie, welche sich mit den Tieren beschäftigt, die medizinisch
verwandt werden oder als Arzneimittel benutzte Substanzen liefern;
die landwirtschaftliche
Zoologie, welche sowohl
diejenigen Tiere, die für die Zwecke der Landwirtschaft gezüchtet werden, als auch die den landwirtschaftlichen Kulturen und
Haustieren schädlichen Tiere bespricht;
die Forstzoologie, welche von den im Wald lebenden Tieren und namentlich auch von den den Forsten schädlichen Tieren handelt;
die technische
Zoologie, welche die Beschreibung aller derjenigen Tiere
gibt, deren Teile oder Produkte in Gewerben oder Künsten angewendet werden oder Gegenstände des Handels sind.
[Geschichte.]
Die Geschichte der
Zoologie weist die allmähliche Entwickelung der wissenschaftlichen Kenntnisse vom Tierreich nach.
Die einzelnen zoologischen Fächer sind keineswegs gleichzeitig begründet worden, auch ist die Erforschung
aller den Menschen betreffenden Verhältnisse ihren eignen Weg gegangen. Die Anfänge der
Zoologie reichen weit in das Altertum,
bis zu Alkmäon von Kroton (um 520 v. Chr.), zurück; indessen ist als eigentlicher Begründer der
Zoologie Aristoteles anzusehen,
der zuerst alle damals bekannten zoologischen Thatsachen sammelte und ordnete.
Die Eroberungen Alexanders d. Gr. führten ihm ein reiches Material zu, und mit dessen Hilfe schuf er eine planmäßige wissenschaftliche Behandlung des Tierreichs. Die wichtigsten seiner zoologischen Schriften handeln von der »Zeugung der Tiere«, von den »Teilen der Tiere« und von der »Geschichte der Tiere«. Er teilte die Tiere in zwei große Gruppen, in Bluttiere und Blutlose, die den heutigen Wirbeltieren und Wirbellosen entsprechen; zu den erstern zählte er die lebendig gebärenden Tiere (Vierfüßer und Wale), [* 9] die Vögel, [* 10] die eierlegenden Vierfüßer und die Fische; [* 11] zu der zweiten Klasse die Weichtiere (Cephalopoden), Weichschaltiere, Kerftiere und Schaltiere (Echinodermen, Schnecken [* 12] und Muscheltiere).
Unter den Römern ragt nur Plinius der ältere hervor, dessen Naturgeschichte (in 37 Büchern) kein selbständiges
Werk von wissenschaftlichem Wert, sondern nur eine aus vorhandenen Quellen zusammengetragene, nicht immer zuverlässige Kompilation
darstellt. Seine Einteilung der Tiere in Land-, Wasser- und Lufttiere blieb indes bis auf Gesner die herrschende. Mit dem Verfall
der Wissenschaften geriet auch die
Zoologie lange Zeit in Vergessenheit. In den Mauern der Klöster fanden die Schriften des Aristoteles
und Plinius ein Asyl, welches die im Altertum begründeten Keime der Wissenschaft vor dem Untergang schützte. Im 13. Jahrh. schrieb
Kaiser Friedrich II. ein an Beobachtungen reiches Werk über die Jagd mit Vögeln, und an seinen Namen knüpft
sich auch die erste Übersetzung der Aristotelischen Schriften, welche nun bald wieder einen mächtigen Einfluß ausüben sollten.
Von großer Bedeutung war Albertus Magnus (im 13. Jahrh.), obwohl auch er sich im wesentlichen an Aristoteles und Plinius hielt. Erst Konrad Gesner (im 16. Jahrh.), dessen Leistungen in jeder Weise grundlegend für die neuere Zoologie genannt werden müssen, schilderte zum erstenmal die bekannten Tierformen von einem wirklich naturhistorischen Standpunkt aus und gab im Vergleich mit frühern Versuchen außerordentlich gute Abbildungen. Neben ihm glänzten Wotton und Aldrovandi, doch ließen es auch diese Forscher noch bei der äußerlichen Kenntnis der Tierformen bewenden.
Zwar wurden um dieselbe Zeit auch Zergliederungen von Tieren vorgenommen und beschrieben, indessen entsprangen diese anatomischen Studien lediglich dem ärztlichen Bedürfnis und blieben in solcher Abhängigkeit von der Medizin noch lange. In eine der fruchtbarsten Perioden trat die Zoologie durch die Erfindung des Mikroskops, welches Malpighi und Leeuwenhoek in die Naturwissenschaft einführten. Hatte Swammerdam mit bewunderungswürdigem Fleiß den Leib der Insekten u. Weichtiere zergliedert und ihre Metamorphosen geschildert, so gaben jene Forscher genaue Untersuchungen der Gewebe [* 13] und der kleinsten Organismen.
Malpighis Arbeit über den Seidenschmetterling stellte die erste vollständige Anatomie eines Gliedertiers dar. Leeuwenhoek entdeckte die Infusionstierchen und Blutkörperchen, [* 14] ein unter ihm arbeitender Student, Hamm, [* 15] die Samenfäden, welche damals und noch lange nachher als »Samentierchen« angesehen wurden. Eine Reihe andrer Gelehrter bereicherte die Zootomie mit wichtigen Entdeckungen, und diese rege wissenschaftliche Thätigkeit wurde nun auch wesentlich dadurch gefördert, daß sich bereits einzelne Vereinigungspunkte teils für persönliche Berührung, teils zur Sammlung der litterarischen Arbeiten darboten. 1652 gründete Bausch in Schweinfurt [* 16] mit drei andern ¶
mehr
Ärzten die Academia naturae curiosorum, die zu bedeutendem Ansehen gelangte und sich sogar bis in die Gegenwart zu erhalten gewußt hat. Um dieselbe Zeit wurden auch die Royal Society in London [* 18] und die Académie des sciences in Paris [* 19] gestiftet. Den ersten Schritt zum Neubau der Zoologie als Wissenschaft in der Form, in welcher sie nun bald 200 Jahre bestanden hat, that der Engländer John Ray (1693). Er wurde ein direkter Vorgänger Linnés und trat durch die Aufstellung des naturhistorischen Begriffs der Art, durch die vorwaltende Berücksichtigung der Anatomie der Tiere als Grundlage der Klassifikation und durch die Einführung von schärfern Definitionen bahnbrechend auf.
Die zahlreichen Arbeiten der Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolger Rays gaben der Zoologie ein wissenschaftlich gesichertes Ansehen, doch zeigte sich bei der Fülle des von allen Seiten herbeiströmenden Stoffes sehr bald die Notwendigkeit zu einem vorläufigen Abschluß, der zugleich als neuer Ausgangspunkt dienen konnte. Einen solchen bewirkte der Schwede Karl v. Linné (Linnaeus). Dieser wurde, ohne sich gerade weitgreifender Forschungen und hervorragender Entdeckungen rühmen zu können, durch die scharfe Sichtung des Vorhandenen zum Begründer einer neuen Forschungsrichtung und so gewissermaßen zum Reformator der Wissenschaft.
Indem er für die Gruppen verschiedenen Umfangs in den Begriffen der Art, Gattung, Ordnung, Klasse eine Reihe von Kategorien aufstellte, gewann er die Mittel, um ein System von strenger Gliederung zu schaffen. Anderseits führte er mit dem Prinzip der binären Nomenklatur eine feste und doch einfache Bezeichnung ein und schuf so ein systematisches Fachwerk, [* 20] in welchem sich die spätern Entdeckungen leicht an sicherm Ort eintragen ließen. Seine Klassifikation der Tiere (und auch der Pflanzen) war eine künstliche, weil sie nicht auf der Unterscheidung natürlicher Gruppen beruhte, sondern meist vereinzelte Merkmale des innern und äußern Baues als Charaktere benutzte.
Linné brachte die schon von Ray angedeuteten Verbesserungen des Aristotelischen Systems zur Durchführung und teilte die Tiere nach der Bildung des Herzens, nach der Beschaffenheit des Bluts, nach der Art der Fortpflanzung und Respiration in sechs Klassen, nämlich in die Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer; [* 21] die letzte Klasse enthielt, wie es nicht anders sein konnte, ein buntes Gemisch der verschiedensten Tierformen. Linnés »Systema naturae«, das übrigens in seinen 13 Auflagen wesentliche Veränderungen erlebte, erlangte eine weite Verbreitung und einen so großen Einfluß, daß leider sogar noch heutzutage viele Anhänger desselben die strenge Methode der formellen Systematik für die Zoologie selbst halten und die Bestimmung und Beschreibung der für unveränderlich erklärten Spezies als das einzige Ziel und die eigentliche Aufgabe der Zoologie betrachten.
Dem gegenüber erhielt aber die eingehendere wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes eine bedeutende Kräftigung durch Buffon und namentlich durch Bonnet, indem beide den zoologischen Einzelerfahrungen durch allgemeine Ideen einen geistigen Zusammenhang zu geben versuchten. Zugleich nahm durch die Arbeiten von Reaumur, Rösel v. Rosenhoff, de Geer, Schäffer u. a. die Kenntnis der Lebensgeschichte der Tiere in außerordentlichem Maße zu, und gleichzeitig wurde die vergleichende Anatomie gefördert, welche allerdings unter dem Einfluß v. Hallers, des Schöpfers der Experimentalphysiologie, zunächst in den Dienst der Physiologie trat und in erster Linie die Lebenderscheinungen zu erklären versuchte. In dieser Richtung legte Spallanzani durch seine Arbeiten den thatsächlichen Grund zu einer Theorie der Befruchtung, [* 22] während Kaspar Friedrich Wolff (1759) die Haltlosigkeit der Evolutionstheorie, nach welcher die Entwickelung eine bloße Vergrößerung und Entfaltung des im Ei als vorgebildet anzunehmenden Keims sei, nachwies und so den Grund zur heutigen Entwickelungsgeschichte legte.
Wolffs Arbeiten gerieten aber zunächst in Vergessenheit, Epoche machte hingegen gleich bei seinem Auftreten Georg Friedr. Cuvier, welcher 1812 eine wesentlich veränderte Klassifikation aufstellte, die seit Aristoteles den bedeutendsten Fortschritt der Wissenschaft bezeichnete. Im Gegensatz zu der damals gültigen Ansicht von der Einheit der tierischen Organisation suchte er zu zeigen, daß es im Tierreich vier Hauptzweige gebe, deren Unterabteilungen nur leichte, auf die Entwickelung oder das Hinzutreten einzelner Teile gegründete Modifikationen seien.
Als solche »Baupläne« oder »Typen« erschienen ihm die Wirbeltiere, Weichtiere, Gliedertiere und Strahltiere. Diesen Anschauungen Cuviers standen lange die Lehren [* 23] bedeutender Männer, der Anhänger der sogen. naturphilosophischen Schule, gegenüber, die in Frankreich vorzüglich von Lamarck und E. Geoffroy Saint-Hilaire, in Deutschland [* 24] von Oken und Schelling vertreten wurde. Für sie handelte es sich wesentlich um die Frage nach der Konstanz [* 25] der Art, also um die Untersuchung darüber, ob die einzelnen Arten stets als solche getrennt bestanden haben oder die einen aus den andern hervorgegangen seien. In diesem Streit, an dem auch Goethe aus der Ferne den lebhaftesten Anteil nahm, blieb damals Cuvier mit seiner überwältigenden Detailkenntnis Sieger und sah auch bald seine Ideen durch die entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten von Karl Ernst v. Baer bestätigt.
Dieser brachte die Embryologie zu Ehren und wurde hierin von einer großen Anzahl Forscher um so eifriger unterstützt, je mehr sich die Bedeutung dieses Wissenschaftszweigs für die gesamte Zoologie herausstellte. Auch die vergleichende Anatomie, welche auf Grund der von Schleiden und Schwann aufgestellten Zellenlehre die mikroskopischen Verhältnisse berücksichtigen lernte, erlangte großen Einfluß namentlich auf die Anschauungen über die niedern Tierformen, von denen die meisten bis dahin gar nicht oder nur unvollkommen bekannt gewesen waren.
Hervorragendes leisteten hier Johannes Müller, der in einer bis zum heutigen Tag unerreichten Weise Anatom und Physiolog zugleich war, sowie Rathke, Owen, Milne-Edwards, Huxley, v. Siebold, Steenstrup, Gegenbaur, Häckel, die zum Teil noch leben, sowie viele andre. Die Paläontologie erhielt durch Cuvier, Lamarck, Agassiz, Owen etc., die Zoogeographie durch Agassiz, Schmarda, Sars, Forbes und vor allen durch Wallace gebührende Rangstellung. Während aber diese Arbeiten zum Teil auch auf die Ausbildung des Systems gerichtet waren, strebte die größere Zahl der Forscher nach immer tieferer Einsicht in das Leben und vorzüglich in den Bau der einzelnen Formenkreise. Als solche wurden allmählich statt der vier von Cuvier aufgestellten Typen sieben unterschieden (Wirbel-, Weich-, Glieder-, Strahltiere, Würmer, Zoophyten und Urtiere), ohne daß jedoch die an ihrer Selbständigkeit häufig auftauchenden Zweifel sich Geltung verschaffen konnten. Erst Darwin gelang es, 1859 mit seinem Werk »Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« den schon wankend ¶