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von Brian Cardini
Die Fähigkeit, den emotionalen Zustand unserer Mitmenschen korrekt zu deuten, spielt in vielen Alltagssituationen eine entscheidende Rolle. Beispielsweise kann der Ausgang einer Konfliktsituation in Partnerschaften stark davon abhängen, wie gut Personen darin sind, einen vielsagenden Kommentar oder einen mehrdeutigen Gesichtsausdruck ihres Partners richtig zu interpretieren. Der Erfolg einer Verhandlung kann dadurch bestimmt werden, wie gut die einzelnen Verhandlungspartner die Gefühlslage ihres Gegenübers erspüren. Polizisten müssen in der Hitze des Gefechts schnell in der Lage sein, die Absichten hinter den Taten eines Unbekannten akkurat zu erschliessen.
Auch die psychologische Forschung zeigt: Menschen, die die Gefühlslage ihrer Mitmenschen korrekt einschätzen können, lösen öfter Konflikte, sind zufriedener in ihren Beziehungen und mit ihrer Arbeit, leisten mehr bei der Arbeit, und zeigen besseres Verhandlungsgeschick als Menschen, denen das Lesen der Gefühle anderer schwerer fällt. Doch wie unterscheiden sich erfolgreiche von weniger erfolgreichen Gefühlsleser? Dieser Frage gingen Christine Ma-Kellams von der La Verne University und Jennifer Lerner von der Harvard University in vier empirischen Studien nach. Genauer wollten die Forscherinnen herausfinden, wer die Gefühle von wildfremden Personen besser deuten kann: Sind dies eher Menschen, die sich in solchen Situationen auf ihre Intuition verlassen, oder Menschen, die eine systematischere Herangehensweise anstreben?
In ihrer ersten Studie untersuchten Ma-Kellams und Lerner, ob Menschen eine intuitive oder systematische Denkweise für das Lesen der Gefühle anderer bevorzugen. Dazu baten sie 314 Personen, einem fiktiven neuen Mitarbeitenden bei der Erreichung eines bestimmten Ziels zu helfen: Die Empathie-Gruppe musste sich vorstellen, dem Mitarbeitenden dabei zu helfen, besser im Lesen der Gefühle anderer zu werden. Die Kontrollgruppe musste sich vorstellen, wie sie dem Mitarbeitenden allgemein, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, helfen würden. Beide Gruppen konnten dabei zwischen zwei Lösungsvorschlägen auswählen: Sie konnten den Mitarbeitenden entweder den Rat geben, intuitiv und instinktiv zu denken, oder aber ihre Überlegungen auf analytische und systematische Weise anzustellen. Es stellte sich heraus, dass etwa drei Viertel der Personen aus der Empathie-Gruppe eine instinktive Herangehensweise bevorzugen, während in der Kontrollgruppe beide Denkweisen ähnlich oft genannt wurden.
In einer zweiten Studie testeten die Forscherinnen, ob der Zusammenhang zwischen verschiedenen Denkweisen und empathischer Akkuratheit auch in realen Situationen existiert. Dafür wurden 72 Teilnehmer gebeten, an einem dreiminütigen fiktiven Job-Interview teilzunehmen. Die Personen wurden gleichmässig in Interviewer und Interviewte aufgeteilt. Im Anschluss gaben alle Personen einerseits an, wie sie sich selber während des Interviews gefühlt hatten, und wie sie andererseits die Gefühlslage ihres Gegenübers während des Interviews einschätzten. Die Denkweise der Teilnehmer wurde mittels Mathematikaufgaben erhoben, die auf den ersten Blick eine intuitiv reizvolle Lösung zu haben scheinen, die auf den zweiten Blick jedoch falsch ist. Personen, die die intuitive und falsche Lösung nannten, wurden der intuitiven Denkweise zugeordnet, während Personen, die die richtige Lösung nannten, der systematischen Denkweise zugeteilt wurden. Es stellte sich heraus, dass Personen mit einer systematischen Denkweise die Gefühlslage ihres Gegenübers während des Interviews besser deuten konnten als Personen mit einer intuitiven Denkweise. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn für das Intelligenzniveau der Teilnehmer kontrolliert wurde.
Die dritte Studie hatte zum Ziel herauszufinden, ob Menschen mit einer systematischen Denkweise auch in solchen Fällen die besseren Gefühlsleser sind, in denen es um die emotionale Beurteilung von Portraits geht. Vierhundertneunundvierzig Teilnehmer sahen auf einem Computerbildschirm 36 Gesichter und wurden gebeten anzugeben, welche Emotion das Gesicht am ehesten ausdrückt. Die Denkweisen der Teilnehmer wurden wieder anhand von denselben Mathematikaufgaben getestet. Auch hier konnten Personen, die systematischer denken, im Mittel mehr Emotionen in den Gesichtern korrekt erkennen.
In der letzten Studie wollten die Forscherinnen schlussendlich herausfinden, ob eine experimentell herbeigeführte systematische Denkweise ebenfalls zu einer besseren anschliessenden Empathiefähigkeit führt. Hierfür wurden 74 Teilnehmer gebeten, über eine vergangene Situation zu schreiben, in der entweder eine intuitive Vorgehensweise oder aber eine systematische Vorgehensweise zum Erfolg geführt hatte. Anschliessend nahmen die Teilnehmer an demselben fiktiven Job-Interview teil und gaben am Ende wieder an, wie sie sich selber während des Interviews gefühlt hatten, bzw. wie sie die Gefühlslage ihres Gegenübers einschätzten. Die Ergebnisse blieben unverändert: Diejenigen Personen, die eine Situation erinnert hatten, in der sie systematisch vorgegangen waren, gaben während des Interviews komplexere Antworten und schätzten die Gefühlslage ihres Gegenübers präziser ein als diejenigen Personen, die eine Situation mit intuitiver Vorgehensweise erinnert hatten.
Obschon viele Menschen glauben, dass sich uns die Gefühle von Mitmenschen intuitiv erschliessen, zeigt die Forschung von Christina Ma-Kellams und Christine Lerner das Gegenteil auf: Wir können Emotionen in anderen präziser erkennen, wenn wir eine systematische und analytische Denkweise einnehmen. Weshalb aber verlassen sich Menschen in solchen Situationen dennoch oft auf ihre Intuition? Die Autorinnen argumentieren, dass wir in unserem Alltag oft den Gefühlszustand von uns nahestehenden Personen einschätzen, über deren Erlebens- und Verhaltensweisen wir bereits in der Vergangenheit viel gelernt haben. In solchen Fällen können intuitive und auf früherem Wissen basierte Einschätzungen in der Tat wirksam sein. Es sind jedoch weitere Studien nötig, um genau aufzeigen zu können, in welchen Situationen eine intuitive im Gegensatz zu einer systematischen Denkweise zu präziseren Gefühlseinschätzungen führt.
Literaturangaben:
Ma-Kellams, C., & Lerner, J. (2016). Trust your gut or think carefully? Examining whether an intuitive, versus a systematic, mode of thought produces greater empathic accuracy. Journal of Personality and Social Psychology, 111, 674-685.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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