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Die Geschichte des Sportbetrugs zeigt: Beschissen wurde immer schon. So normal wie heute waren Betrug und Korruption jedoch nie. Die Trickserei wird derart üblich, dass nicht einmal die öffentliche Wahrnehmung sich daran stösst.
Ein erster Schwindel in der Sportgeschichte handelt von nackten Frauenbrüsten. Frauen waren bei Olympia in der Antike nicht zugelassen. Kallipateira aber «richtete sich (...) ganz wie ein Sportlehrer her und brachte ihren Sohn zum Mitkämpfen nach Olympia. Als Peisirodos siegte, übersprang Kallipateira die Umfriedung, in der man die Sportlehrer abgetrennt hielt, und entblösste sich. (...) Daraufhin machte man ein Gesetz in Bezug auf die Sportlehrer, dass sie nackt zum Kampf antreten müssen.» Ein derart wirksames Instrument gegen die Trickserei im Sport hat man seither nie mehr geschaffen. Das war 404 vor Christus, die Überlieferung verdanken wir Pausanias.
Auspeitschen hilft nicht
Wer im antiken Olympia einen Fehlstart provozierte, wurde ausgepeitscht. Ein Boxer, der dem Widersacher mit Fingernägeln in den Eingeweiden wühlte, wurde ausgeschlossen. Für den Ring- und Faustkämpfer Stratos sah das Regelwerk nicht mal Sanktionen vor. Er war dafür berüchtigt, seinen Gegnern gleich zu Beginn die Finger zu brechen.
Die fünf überlieferten Bestechungsfälle bei antiken Spielen bedeuteten für die Betroffenen einen gesellschaftlichen und finanziellen Schaden. Sie mussten sechs lebensgrosse Zeusstatuen aus Bronze errichten lassen. Das kostete ein Vermögen. Als Inschrift wurden der Name und eine Massregelung eingraviert. Aufgestellt wurden die Säulen vor dem Durchgang, der ins olympische Stadion führt.
Es half nichts. Philostratos schätzt in einer Abhandlung, dass an olympischen Wettkämpfen Korruption an der Tagesordnung war. Besonders seit sich das Römische Reich ins Geschehen einmischte. Nero trieb den Betrug auf die Spitze. Er liess die Spiele um zwei Jahre auf 67 nach Christus vorverlegen, damit sie in seine Agenda passten. Auf sein Bestreben wurde Singen und Zitherspiel zur olympischen Disziplin erklärt. Er gewann Gold in drei Disziplinen. Im Wagenrennen gewann er, obwohl er aus dem Zehnspänner fiel und das Ziel nie erreichte.
Man könnte glauben, dass solche Schamlosigkeit im modernen Sport nicht zu überbieten ist. Doch Betrug und Korruption gehören zum System. In Deutschland liegt die Dunkelziffer laut Ökonom Wolfgang Maennig bei über 96 Prozent. Das erlaubt der Sportgemeinde nach wie vor, Betrug als Einzelfall abzutun.
Wenn schon die zivilisierten Griechen es nicht schafften – wie sollen im modernen Sport Betrug und Korruption nachhaltig unterbunden werden? Von der Sportjustiz ist wenig zu erwarten. Mit einem Sportrechtler ist ein E-Mail-Interview gescheitert – nach Nachfragen zur Unabhängigkeit der Kontrollinstanzen des Internationalen Olympischen Komitees IOC oder des Internationalen Fussballverbandes Fifa. In beiden Verbänden mit Sitz in der Schweiz wird bei Vergehen intern untersucht und sanktioniert. Rufe nach staatlicher Kontrolle werden erfolgreich abgeblockt. Als oberste Instanz kann ein Privatgericht angerufen werden: das Sportschiedsgericht in Lausanne. Die Öffentlichkeit ist weitgehend ausgeschlossen.
Manchmal löst die Zeit ein Problem. An der Tour de France 1904 überliessen Lucien Pothier und César Garin ihrem Teamkollegen Maurice Garin den Gesamtsieg. Sie wurden dafür bezahlt. Monate später wurden die drei Pedaleure vom französischen Verband disqualifiziert. Henri Cornet wurde zum Sieger am grünen Tisch. Heute ist es im Radsport üblich, dass ein Team taktisch für einen Leader fährt.
Im Motorsport ist die «Stallorder» immer noch verpönt und reglementarisch verboten. Legendär ist der Fall 2002 auf dem Österreichring. Rubens Barrichello liess Kollege Michael Schumacher kurz vorm Ziel passieren. Der Funkbefehl des Ferrari-Rennleiters Jean Todt «Let Michael pass for the championship» wurde live im TV übertragen. Der Motorsportverband FIA präzisierte darauf die Regeln und untersagte ein derartiges Verhalten. Seither wird es weniger durchsichtig praktiziert.
Doping für alle?
Weitgehend undurchsichtig ist der Betrug bei der medizinischen Aufrüstung. Weil staatliche und parastaatliche Institutionen zusammengehen, ist ein wirksamer Sanktionsapparat fast unmöglich. Urinkontrollen, Blutpässe, Anti-Doping-Agenturen und was auch immer im Kampf gegen Doping ins Leben gerufen wird: Die Kontrollierten kontrollieren sich letztlich selbst. Am Beispiel Doping fragt sich aber auch, ob die Diskussion im Zeitalter von «Hirndoping» nicht von Grund auf überdacht werden müsste (vgl. «Doping für AkademikerInnen»).
Ein Ansatz wäre die Legalisierung. Es würde den Hintermännern die Basis für ihre Geschäfte nehmen, Sportler müssten nicht mehr wie Kriminelle durch die Labors schleichen, Dopingleugnerinnen stünden plötzlich ohne Argumente da. Versuche, eine Diskussion in diese Richtung anzuregen, scheitern schon ansatzweise. Bengt Kayser, Professor an der medizinischen Fakultät der Universitätsklinik in Genf, ist vor drei Jahren aus dem Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Sportmedizin ausgeschlossen worden. Er hatte die Idee vertreten, Doping unter ärztlicher Kontrolle freizugeben. Arnd Krüger, Geschäftsführer des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Göttingen, zog vor zwei Jahren kurzfristig einen Vortrag über «Die Idee der Freigabe von Doping» an einem Sportsymposium in Bonn zurück. Der Hintergrund: Doping widerspricht dem fundamentalen Grundwert des Fairplay, und dieser muss unter allen Umständen erhalten bleiben. Denn der Sport dient, wie der Philosoph Peter Sloterdijk ironisch schreibt, «als Transmissionsriemen für die Jugend, die in die Leistungswelt eingeführt werden soll».
Eine Ahnung, welche Praktiken in dieser Welt herrschen werden, haben Vorkommnisse um das Bewerbungskomitee der Olympischen Winterspiele von Salt Lake City 2002 gegeben. Der Vorsitzende Tom Welch und sein Stellvertreter Dave Johnson sollen bei den (erfolgreichen) Bemühungen Mitglieder des IOC mit Reisen, Immobilien, Operationen, Barzahlungen, Aufenthaltsgenehmigungen und Stipendien für Angehörige in Höhe von 1,2 Millionen Dollar beeinflusst haben. Sechs IOC-Mitglieder wurden ausgeschlossen, vier traten zurück.
Eine fast lächerliche Komödie
Wie alltäglich diese Praxis ist, hat der wohl grösste Korruptionsfall der Sportgeschichte aufgezeigt. Im Mai 2001 ging die in Zug gemeldete Sportmarketing-Gruppe ISL/ISMM bankrott. Die Staatsanwaltschaft Zug eröffnete mehrere Ermittlungsverfahren. «Zu den Geschäftsprinzipien gehörte es, mit Bestechung an teilweise milliardenschwere TV- und Marketingverträge mit Sportorganisationen wie dem IOK, der Fifa sowie anderen Verbänden zu gelangen», schrieb Jens Weinreich in der NZZ. Dokumentiert ist die Zahlung von 138 Millionen Franken an hohe Funktionäre, vorab bei der Fifa und dem IOC. Im Oktober 2010 hat die Staatsanwaltschaft Zug veröffentlicht, dass ein Verfahren gegen hohe Fifa-Funktionäre eingestellt worden ist. Angeblich, weil die Schmiergeldempfänger eine Wiedergutmachung geleistet hätten. Alle Beteiligten, einschliesslich der Ermittlungsbehörden, waren daran interessiert, dass keine Namen öffentlich werden.
Die Mühe war wohl vergeblich. Die BBC hat Ende November eine Liste mit 175 Überweisungen an Personen veröffentlicht, die Schmiergelder in Millionenhöhe erhalten haben. Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, Nicolas Leoz aus Paraguay, Chef der südamerikanischen Fussball-Konföderation, und Issa Hayatou aus Kamerun, Präsident der afrikanischen Konföderation, sind auf der Liste. Hayatou ist auch Mitglied des IOC – wie zwei weitere Schmiergeldempfänger: Fifa-Ehrenpräsident João Havelange (Brasilien) und Lamine Diack (Senegal), Präsident des Leichtathletik-Weltverbands: Prominente, die wohl unangetastet bleiben. Nicht wie jene entbehrlichen Funktionäre, die im November 2010 unter Anteilnahme der Medien aus dem Fifa-Exekutivkomitee ausgeschlossen wurden. In einer fast lächerlichen Komödie hatte die interne Ethikkommission zwei Mitglieder suspendiert, die auf Scheinangebote eingegangen waren und ihre Stimme für die Vergabe der WM 2018 und 2022 verkaufen wollten.
Die Gefahr besteht, dass Sportbetrug derart gewöhnlich wird, dass die öffentliche Wahrnehmung es nicht mehr als Problem erkennt. Kaum eine Sportart, in der nicht Korruption, Wettmanipulationen, Bestechung oder Dopingfälle publik geworden sind. Selbst im Snooker hat John Higgins, die Nummer eins der Welt, im Mai 2010 vor einer versteckten Kamera eingewilligt, für 300 000 Euro eine Partie zu versemmeln. Er sollte so die Wettspielquoten manipulieren. Die Ermittlungen haben ergeben, dass es im Profisnooker nicht unüblich ist, dass selbst die Spieler wetten – auf die eigenen Partien.
Neuro-Enhancement
Doping für AkademikerInnen
2008 gab in einer Befragung der Zeitschrift «Nature» jedeR fünfte akademische LeserIn an, schon Ritalin, Modafinil oder Betablocker zur geistigen Leistungssteigerung konsumiert zu haben. Laut einer Studie aus den USA haben zehn Prozent der Studierenden Amphetamine zu «nicht therapeutischen» Zwecken eingesetzt, sieben Prozent Stimulanzien wie Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin.
Die Tendenz in Europa dürfte ähnlich sein. Unter Neuro-Enhancement wird der Einsatz von Medikamenten verstanden, um den Geist zu optimieren. In einem Memorandum, zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift «Gehirn & Geist» im November 2009, vertreten sieben Experten die Meinung, «dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns und der Psyche gibt». Enhancement könne soziale Unterschiede ausgleichen, sei im medizinischen Kontext längst etabliert, und jeder Mensch habe das Recht, über seinen Körper und seine Psyche zu bestimmen.
Weil das Thema für die Gesamtgesellschaft relevant zu werden scheint, kann das den Sport grundsätzlich infrage stellen: Kann Hirndoping richtig sein, Doping im Leistungssport aber falsch? Am konsequentesten gehen dem die Humboldt-Universität und die Technische Universität Berlin (TU) auf den Grund. «Translating Doping – Doping übersetzen» heisst das Verbundprojekt von Sportwissenschaft und Philosophie. «Wer Enhancement befürwortet, zerstört die Argumente jener, die Doping ächten», sagt Christoph Asmuth vom Institut für Philosophie der TU. Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums Dopingprävention der Uni Heidelberg, fügt hinzu: «Der Sport ist dem Neuro-Enhancement fünfzig bis hundert Jahre voraus.» Alle Entwicklungen, die der Sport mitgemacht habe, bis zu Todesfällen durch Doping, werde es auch im Neuro-Enhancement geben. Die Debatte könne vom Sport vor allem eines lernen: «Dass man Leuten nicht glauben darf, die von leistungssteigernden Mitteln ohne Nebenwirkungen erzählen.»