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Frischluft
Die Farbe Böhmisch grüner Erde
von Ruth Erat
Und hier also das Taschentuch?, fragte Paula. Ja, sagte Joseph, das Taschentuch. Und du hast es gesehen, Joseph? Das Kind neben Paula nickte und Paula dachte an seinen Namen: Joseph. Sie wusste: Hier hiess man nicht so. Hier war Jakob ein Jogg, Emil ein Migg, Joseph ein Sepp. Ein Joseph schien anders, vielleicht krank, war allein. Josephs Haut war weissgrau, sein Haar dünn, alles an ihm auf eine blasse Weise arm. Er hatte an diesem Tag gemalt. Ein Bild von der Schulreise. Vor der Reihe der roten Zugwagen ein Taschentuch. Das flog zu einem tintenblauen Himmel empor. Dahinter ein mattes Grün. Ein Grün wie hinter einem Grau. Joseph nickte: Ja. Paula sagte: Das Taschentuch von Theres. Theres hat der Mutter zugewinkt. Ja, sagte Joseph, der Mutter. Einmal hatte Paula Joseph heimbegleitet, gesagt, das Kind sei blau geworden im Gesicht. Die Frau unter der Tür hatte sich abgewandt. Joseph war eilig ins Haus geschlüpft. Jahrzehnte später sah sie das Bild wieder. Ein verhaltenes Grün. Darin ein Farbstift- rot. Hinauffliegend zum Tintenhimmel ein wegfliegendes Weiss. Sie sah Joseph. Sie fuhr mit einer Gruppe aus Prag durch das Hügelland, zeigte dahin und dorthin, sagte: Streusiedlung. Gäbris, Hohe Buche, Sommersberg, Hoher Hirschberg, Kronberg, sagte auch: Zäune und Säntis. Ihre Kollegin aus Prag sagte: So grün! So wunderbar grün! So glänzend. So satt alles. Paula fuhr fort: Hundwiler Höhe. Dann betrachtete sie ihr Papier mit den Stichworten, wiederholte das Wort «grün», sagte: Die heilende Wirkung der grünen Landschaft. Von einem Berliner Arzt entdeckt. Von Graefe habe der Mann geheissen. Dann murmelte sie noch etwas von der Gesundheit, von Molkenkuren und vom Reizklima. Niemand fragte nach dem Reizklima. Paula stopfte den Notizzettel in ihre Jackentasche, sah hinaus, sah Grün. Leuchtendes Grün. Hell, dunkler, glänzend, satt. Sie hörte die Kollegin: Unsere Farben sind bleich. Unser Grün ist ein armes Grün. Paula sagte: Einmal war man auch hier arm. Es ist nicht lange her: Kinder im Webkeller, nur wenige Tiere im kleinen Stall – Sie schloss die Augen und die Farben der Landschaft legten sich übereinander: Fichtenwalddunkel, Wiesengrün, Schilfgrün, Bahnbordblond. Wieder ein Tintenblau und die Mitteilung, Joseph komme nicht. Krank. Später hiess es: Herzkrank. Später kam der Schulratspräsident, sagte: War nichts zu machen. Paula sah Josephs Haut. Blass. Manchmal mit diesem Stich ins Blau. Alles hinter einem Schleier aus Grau. Sie sage: Armut. Sie dachte an sein Bild. Das Grün, das nicht das Grün einer satten Landschaft war. Sie sagte: Einmal unterrichtete ich hier ein Kind. Dem war ein wegfliegendes Taschentuch ein Ereignis. Es malte ein anderes Grün. Das war matt. Es war ein Grün wie Böhmische Erde. Ein Grün der Weite. Die Kollegin sagte: Böhmisch Grüne Erde heisse anderswo Veroneser Erde. Paula sagte: Ich ging. Vielleicht aus Angst vor dem Glanz. Sie sah das blasse Kind. Allein im leuchtenden Grün. Von ihm wegfliegend ein Taschentuch.
Ruth Erat, geboren 1951 in Herisau, lebt heute in Arbon, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Zürich. Sie ist Verfasserin von Prosa, Lyrik und dramatischen Werken. Jüngst veröffentlichte sie «Zug nach Tatti», eine Autofiktion mit Übermalungen, im Caracol Verlag.