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Die erste Lesung des Gottesdienstes vom 29. Oktober hat mich stark geprägt: «Bittet, damit ich in ihm freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.» (Epheser 6,20). In dieser schweren Zeit, in der wir uns gerade befinden, sind die Erwartungen an die Kirche besonders gross: es werden von uns Gründe zur Hoffnung sowie materielle Hilfe erwartet, die mit dieser Hoffnung verbunden ist. Bitten wir den Herrn, uns zu ermutigen und aufzuzeigen, wie wir einander zuhören können.
Die Erfahrung des ersten Lockdown in diesem Frühjahr kann uns dabei helfen, die gleichen Fehler nicht zu wiederholen, zumal derzeit mehr Handlungsspielraum besteht. Als der Genfer Staatsrat vor den Bundesmassnahmen beschloss, die Versammlungen auf 50 Personen zu beschränken, bestand die Option (am 11. März) darin, die Gottesdienste im Kanton Genf aufzuheben. Dafür gab es praktische Gründe, die berücksichtigt werden müssen: wie kann man zum Beispiel die Teilnehmerzahl an den Gottesdiensten in der Basilika Notre-Dame, der portugiesisch- und der englischsprachigen Mission auf 50 Personen beschränken? Es bleibt die Tatsache, dass diese drei Orte pro Sonntag rund 4‘000 Menschen zusammenbringen können; schliesst man also diese Kirchen, bedeutet dies, dass kleinere, offengebliebene Kirchen überfüllt werden, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Dieses Problem gibt es nicht überall und es ist schwierig, eine allgemeine Regelung zu finden. Die anhaltende Schliessung bestimmter Kirchen und das Verbot öffentlicher Gottesdienste haben jedoch grosse Trauer ausgelöst und führten zu vielen Beschwerden, trotz der Aufforderung zur geistigen Kommunion, des Hausgebetes, usw. Aus diesem Grund müssen wir jetzt auch die Unzufriedenheit nutzen, um auf dem Gebiet der Liturgie und der „sozialen“ Hilfe Fortschritte zu erzielen.
In Bezug auf die Liturgien gibt es Möglichleiten, die nach den örtlichen Gegebenheiten geprüft werden müssen. Ich denke da zum Beispiel an zusätzliche Feiern (wenn die Seelsorgeeinheiten über genügend Priester verfügen, unter Berücksichtigung deren Alters), an die gleichzeitige Übertragung in Sälen, wo die Kommunion gespendet wird (könnte auch eine Lösung für Firmungen sein). Man kann auch den Werktagsgottesdienst besuchen: diejenigen dazu aufzufordern, die die Möglichkeit haben, und am Sonntag zu Hause zu beten, um den Platz denjenigen zu überlassen, denen es aufgrund ihrer Arbeitszeiten nicht möglich ist, einen Werktagsgottesdienst zu besuchen. Es ist auch möglich, am Sonntag, ausserhalb der Gottesdienste, Liturgien mit Spendung der Kommunion zu organisieren (mit einem kurzen Wortgottesdienst), aber indem darauf geachtet wird, die Anzahl der Teilnehmer auf 30 Personen zu begrenzen und die Kirche zwischen jeder Feier zu lüften. Nichts davon kann verallgemeinert werden, aber es ist gut, diese Möglichkeiten im Geiste des Dienstes in Betracht zu ziehen.
An einigen Orten hat die Kirche wesentlich zur Verteilung von Nahrungsmitteln beigetragen (ich bitte um Verständnis, wenn ich die Orte, die ich kenne, nicht erwähne, weil dies eine gewisse Bitterkeit an den Orten hervorrufen würde, die nicht erwähnt werden …). Ein grosses Dankeschön dafür. An manchen Stellen herrschte der Eindruck, dass „die Gemeinde viel getan hat und man nichts von der Pfarrei gehört hat“ (Zitat aus zahlreichen Briefen, ähnlich auch in Bezug auf Vergleiche zwischen Lehrern und Katecheten). Es gab auch viele Gläubige, die an Initiativen teilnahmen, die nicht im Rahmen der Kirche stattfanden: Dies ist natürlich hervorragen, manchmal aufgrund lokaler praktischer Möglichkeiten effektiver, und es ist gut, uns nicht auf die eigenen vier Wände zu beschränken. Lernen wir daraus und handeln wir entsprechend.!
Was macht in dieser für die meisten Schweizer ganz neuen Zeit die Einzigartigkeit unseres Glaubens aus? Ich denke da an die Kombination der Pandemie mit anderen Sorgen (Klimaerwärmung usw.). Als erstes beruht unsere Hoffnung auf Gott! Und doch sind auch wir anfällig dafür, krank zu werden und Krankheiten zu übertragen, und wir sind uns dessen bewusst, weil das Christentum kein reiner Spiritualismus ist: Gott schuf die materielle Welt, gab uns einen Körper, der Sohn Gottes ist Fleisch geworden… Der wahre Hunger nach dem Brot des Lebens erlaubt uns trotzdem nicht, die Augen davor zu verschliessen, dass sogenannte «Unfälle» mit Gluten und Alkohol auch nach der Transsubstantiation ihre Wirkung haben, und dass Kirchenchöre besonders „günstige“ Voraussetzungen für Ansteckungen schufen (bis zum Tod …). Ich wurde direkt angeklagt, fehlenden Glauben aufzuweisen, doch ich kann gerne Gewissenserforschung betreiben, aber, wenn wir Entscheidungen treffen müssen, müssen wir auch vermeiden, Menschenleben auf dem Gewissen zu haben.
Ich habe viel weiter ausgeholt als ich vorhatte, und doch habe ich zu wenig gesagt. Wir sehen den allgemeinen Rahmen, und ausserdem werden die häufig gestellten Fragen auf der Website des Bistums mit Hilfe der interkantonalen Covid-Zelle, der ich danke und die auch von all unseren Fragen abhängt, ständig aktualisiert. Letztendlich liegt es an uns zu prüfen, was da möglich ist, wo wir uns befinden, nach einem gesunden Subsidiaritätsprinzip, über das Sie noch Gelegenheit haben werden, mich sprechen zu hören.
+ Charles Morerod