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»Kauf dir doch eine Polaroid«, riet mir mein älterer und erfolgreicher Kollege Claus Knézy vor über 30 Jahren in der Malatesta Bar. Viel später einmal, im Hauptbahnhof, sagte er, er hoffe, dass ich ihn danach trotzdem noch grüsse: »Muss es denn immer Schabkarton sein, Hannes?«
Ich antwortete, mehr gekränkt als das mit der Pola (was ja immerhin auch bedeute, dass ich nicht zeichnen könne), hätte mich damals seine Bemerkung, ich hätte einen unbeteiligten Strich. Und, ja, es müsse Schabkarton sein, denn dieser hätte mich mit seiner sperrigen Unverwechselbarkeit von Hamburg bis Sizilien gebracht und womöglich noch nach Kuala Lumpur...
Viel später dann einmal bei einer Begegnung im Grafikbedarfsgeschäft Racher, sagte er beim Herausgehen, er hätte mich stets nur kritisiert, er wolle nun auch mal sagen, wie schön meine Bücher seien, und dass mir keiner nachfolge. Ich sei allein auf weiter Flur...
Das Urteil eines Kollegen und Vorbildes, das man akzeptierte. Es konnte adeln oder verletzen. Aber Claus nahm einen ernst. Er sähe in mir auch immer den Konkurrenten, sagte er mir einmal in meinen Anfängen, als ich ihn als arrivierten Profi um einen Rat fragte.
Einer, der kiloweise Zitronen isst wie Äpfel, mitsamt der Schale, das ist doch ein komischer Vogel. Claus kam 1956 als Flüchtling aus Ungarn in unsere Familie. Ich besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und Claus war künstlerisch begabt, also steckte man ihn in meine Klasse, obwohl er etwas älter war als ich. Ich glaube, er war nicht begeistert. In Ungarn wäre er eben in einer Kunstakademie, sagte er. Ich erinnere mich, dass er malte, als seien seine Sujets Kirchenfenster – mit Neocolor, leuchtenden Farben, und dann kratzte er mit einem Messer darüber, sodass ein zusätzlicher Effekt entstand, eine Kombination aus Gemälde und Zeichnung. Mehr abstrakt als figürlich, leuchtend – eben wie Kirchenfenster. Ich fühlte mich daneben wie der brave Schüler eines bürgerlichen Zeichenlehrers.
Zuhause führte er sich sehr eigenwillig auf. Die Hemden waren ihm zu lang. Er zerriss sie auf Hüfthöhe. Das Geschluder um die Genitalien konnte er nicht ertragen. Wir waren entsetzt über seine rüde Ausdrucksweise. An den Tischgesprächen beteiligte er sich kaum. Zu bürgerlich, dachte ich. Ich versuchte Kontakt zu ihm herzustellen, indem ich ihn mitnahm auf abenteuerliche Exkursionen im Küsnachter Tobel. Nicht dem Wanderweg entlang, im Bachbett, mit Sprüngen über Steine, durch Gestrüpp und kleine Schluchten. Das Forellenfangen mit blosser Hand machte ihm am meisten Spass, ansonsten war er nicht sonderlich beeindruckt. Er stand eben schräg in unserer in seinen Augen wohl biederen Familie. Abends ging er oft in die Stadt und kam meistens erst spät nachts nach Hause.
In der Schule mied er die Übungen, entzog sich den Klassendiskussionen, machte eigene Experimente und entwickelte einen eigenen Stil. Und weil seine Sachen eigenwillig, unkonventionell und kreativ waren, liessen die Lehrer ihn machen. Bald sah man ihn seltener in der Schule, nach Hause kam er tagelang nicht. Hie und da sah ich ihn mit der Mitschülerin Marianne – das Paar verhielt sich, als ob es bereits verheiratet wäre. Er wäre eben reifer als wir, hörte man sagen. Was wir als überheblich empfanden – er war doch bloss ein Jahr älter als wir. Aber er war immer einen Schritt voraus, unerreichbar.
Wie er sich dann beruflich ausbildete, weiss ich nicht genau. Wenn ich ihn später auf der Strasse oder in der Züribar antraf, gab er sich bedeckt. Und als ich nach meinen Lehr- und Wanderjahren im Ausland zurück nach Zürich kam, war er bereits Art Director bei Globus und prägte den unvergleichlichen, ästhetisch brillanten Werbestil des Warenhauses Globus. Sein Ausdrucksmittel war nicht wie üblich die Fotografie, es war die Illustration. Sein Stil war unverkennbar Knézy.
Der CEO einer grossen Zürcher Werbeagentur erzählte mir folgende Geschichte: Er brauchte für einen Auftrag, welcher versehentlich liegengeblieben war, dringend eine relativ komplexe Illustration. Es war schon Abend, als er bei Claus eintraf, ihm das Problem erklärte und ihn händeringend bat, die Zeichnung bis am kommenden Morgen fertigzustellen. Als er, der CEO, am Morgen erwachte, wurde ihm mit Schrecken klar, dass er Claus bezüglich der Illustration einen kompletten Mumpitz erzählt hatte. Und jetzt hatte der arme Kerl seinetwegen eine Nachtschicht einlegen müssen! Er rief Claus sofort an und entschuldigte sich wortreich. Claus antwortete mit schlaftrunkener Stimme, er könne sich beruhigen – ihm sei sogleich klar gewesen, dass dieser Auftrag ein Unfug war – er habe daher gar nichts gemacht und gut durchgeschlafen.
Wir sassen schon ziemlich angetrunken in der »Bodega«. Claus erzählte von seiner Kindheit und Jugend in Ungarn, von den Schrecken des Krieges und vom Hunger – sie hätten oft tagelang nichts zu essen gehabt, und auf diesen Mangel führe sein Orthopäde auch seine heutigen furchtbaren Gelenkschmerzen zurück. Und dann sagte er Folgendes: Eigentlich entstamme er einer adeligen Familie – wäre Ungarn nicht kommunistisch, könnte er sich Graf von Knézy nennen. Da Claus alles andere als ein Angeber war, dürfte die Geschichte wohl stimmen. Seine diskrete Eleganz, sein Grossmut, sein manchmal exzentrisches Wesen – dies alles hatte seinen Ursprung also im uralten ungarischen Landadel. Anderntags rief er mich an und sagte: Das erzählst du niemanden! Wehe, du erzählst das jemandem!
Claus hatte am Vortag eine dringliche Illustration fertig gemacht. Als ich nach Hause kam, läutete das Telefon. Der Kunde, komplett entsetzt. Was Claus denn nur eingefallen sei, sämtliche Gesichter in einem hellgrünen Ton zu zeichnen. Wenn dies moderne Kunst sein solle, so könne er gern drauf verzichten! Der Grund: Claus war der Kasten mit den Farbtuben zu Boden gefallen. Da ich grad nicht zu Hause war und sie ihm nicht einsortieren konnte, griff er zu der Farbe, von der er – als Farbenblinder – annahm, es sei ein zartes Beige. Dem war leider nicht so. (Unnötig zu sagen, dass dafür der Papagei, der sich auf der gleichen Illustration befand, keineswegs grün ausgefallen war, was aber merkwürdigerweise den Kunden weit weniger störte.)
Claus erzählte häufig von seiner Flucht aus Budapest. Auf meine Frage hin, weshalb er denn eigentlich in der Schweiz gelandet sei, lautete seine kurze Antwort: »Weil die Schlange vor dem Schweizer Schalter bei weitem die kürzeste war!« Eigentlich wäre er nämlich gerne in die USA oder allenfalls nach Frankreich ausgewandert, aber eben... Und wenn Claus etwas hasste, dann war es dies, anzustehen, zu warten.