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Vom Fels zur Seele Didier Berthod auf der Suche nach dem Absoluten
Stark unter Starken: Didier Berthod war einer der besten Risskletterer der Welt. Im Jahr 2006 zog er sich in eine Bruderschaft zurück; seither weiht er sein Leben Gott.
Château Rima, ein paar Klippen von der Verdonschlucht entfernt. Der alte Bau, verloren in einem Weiler des französischen Departements Var, beherbergt eine Religionsgemeinschaft. Didier Berthod hat sie gewählt, um sich vom weltlichen zu entfernen und sein Leben dem Glauben zu widmen. Eine Wahl, die seltsam anmutet, wenn man am Anfang des Jahrhunderts einer der weltbesten Risskletterer war. In den Worten des bald 30-Jährigen aber, der Bruder Didier geworden ist, handelt es sich um ein « Ankommen ».
Vom Kletterer zeugt die « Mammut»-Hose, die er jetzt trägt. Auch die knochigen Hände erinnern an die im Fels verbrachte Zeit. « Mein Leben war Klettern und nichts anderes, so sehr, dass ich ein Sklave wurde. »
Heute klettert Didier nicht mehr. Nur der Walliser Akzent aus Bramois und sein funkelnder Blick sind geblieben: Die wilden Haare von früher sind gewichen, ein Bart und ein strenger Haarschnitt ersetzen sie. Ist das das äussere Zeichen eines feurigen, nun besser gelenkten, gezügelten Charakters?
In der Bibliothek der Bruderschaft öffnet sich Didier Berthod. Er ist bereit, über die radikale Änderung in seinem Leben zu reden. « Was wollen Sie wissen ?» Man würde gerne antworten: « Alles !» Er gibt aber nur, was er geben will, zurückhaltend und gesetzt. Er blickt zurück, erzählt von der Jugend, die er beim Klettern mit seinem jüngeren Bruder Cyrille verbracht hat. « Ich habe mit 13 zu klettern begonnen, zusammen mit ihm, im Klettergarten der Gorges de la Borgne. Sehr schnell wurde es zur Leidenschaft, eine Liebe; es war das Ding, das das Leben spannend machte. Dank dem Training machten wir schnell Fortschritte. » Mit den Jahren kommen immer schwierigere Grade, das Spielgelände wird grösser. « Wir kletterten, was wir konnten. Im Wallis und anderswo; ich suchte die abenteuerliche Kletterei, lange Routen. Mit 18 kam ich in die Nationalmannschaft. Aber ich merkte schnell: Der Wettkampf ist nichts für mich. »
Das Freiheitsbedürfnis des jungen Mannes war gross, und damit einher ging eine gewisse Ablehnung der Gesellschaft. « Für mich stand das Klettern für Nonkonformismus: In unseren Wänden hängend, waren wir mehr wert als die anderen. Unser Leben war intensiver. »
Die Suche nach Intensität führte ihn zu den Rissen. « Ein Riss ist die Verkörperung der ästhetischen Schönheit, der technisch schwierigen und subtilen Kletterei – eine logische Folge, wenn du vom klassischen Klettern allmählich genug hast. In einem Riss kämpfst du gegen das Unbekannte, und oft blutest du am Ende, besonders in den Offwidths(1). Du kletterst und sicherst, bist allein mit dem Fels: Das ist die ursprüngliche Seite des Kletterns. Diese Ethik gefiel mir, und ich glaubte, dass diese Art des Kletterns mir helfen würde, meinen Lebensdurst zu stillen. »
2002 lässt Didier Berthod alles fallen und geht in die Vereinigten Staaten. Er will sich an den Rissen des Yosemite- Nationalparks messen, erklettert mehrere Big Walls frei, reiht am El Capitan Seillängen aneinander und erarbeitet sich seinen Platz in der Welt der Risskletterer. « Ich war gut unter den guten Kletterern, einer, der die viel begangenen Wege verliess. Dieses freie Leben, die Begegnungen in dieser speziellen Welt erfüllten mich. Ich war glücklich und drückte die Lebensfreude aus, nach der viele Menschen streben: Zweifelsohne war das die Seite, die mich anders, anziehend und für die Medien interessant machte. »
Zurück in der Schweiz, begann Didier zusammen mit seinem Bruder mit der Bergführerausbildung. « Ich brauchte einen Beruf, der mich begeisterte und mir Zeit fürs Klettern liess. » Beide schlossen mit dem Bergführerdiplom ab. 2003 dann ein erstes Knacken in der Maschine Berthod: Schmerzen im Knie, die zu einer Bandoperation führten. « Wie wenn es ein Zeichen gewesen wäre – ich hatte eben ein Boulder-Problem mit dem Namen Cadeau d' adieu(2) eröffnet. In diesem Moment ahnte ich, dass ich mit dem Klettern aufhören würde. Erstmals öffneten sich mir keine unendlichen Horizonte mehr: Ich sah, wie ich schlechter wurde, spürte, dass mich das Feuer verliess. Aber mein ganzes Leben drehte sich um den Sport, und so hatte ich nichts anderes, an dem ich mich festhalten konnte. Rückblickend sehe ich, dass ich mich dem Klettern auf fast religiöse Art widmete. »
Didier gab nochmals Gas, trieb die Maschine an, rannte von einem Ende der Welt zum anderen, von einem Riss zum nächsten. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass auch er Risse bekam. « Ich spürte, wie es mir immer weniger wohl war, ohne zu wissen, was zu tun war. Anstatt zu bremsen, wurde ich immer schneller. Ich habe den Motor gepusht, bis er zerbrach. »
2006 ist er kaputt. Und das gleich doppelt – auf der Gefühlsebene und sportlich. An einer persönlichen Prüfung in Australien zerbricht sein Leben. « Eine Frauengeschichte. Ich möchte nicht darüber reden », sagt er lakonisch. Mit gewaltiger Reue versteckt er sich hinter einem abgewandelten Bibelvers: « Wie Moses habe ich getötet. » Ende der Diskussion. Will er Busse tun, als er nach Kanada zurückkehrt und sich nochmals mit dem Cobra Crack (3), einer der härtesten Rissklettereien der Welt, auseinandersetzt? « Ich ging ungern, in extremer Einsamkeit. Dieser Fingerriss jenseits der Vertikale war mein Gral. Es ist unmenschlich, das ganze Gewicht auf einem einzigen Fingerglied lasten zu lassen. » Er scheitert dort, wo andere wohl Erfolg haben werden. Auch sein zweites Knie geht kaputt.
Vom Fels zur Seele, und wo ist Gott in all dem? « Nie sehr weit weg, ich war immer gläubig. Aber ich habe erst spät bemerkt, dass mein ganzes Leben mit Gott verbunden war. Als ich kletterte, grenzte mich mein Glauben von anderen Kletterern ab: Vielleicht, weil es auch im Klettern eine Form von Spiritualität gibt, respektierten sie meinen Glauben, ohne ihn immer zu verstehen. » Bevor er ganz unten war, hatte Didier daran gedacht, in eine Freiburger Religionsschule einzutreten. « Als man mir vom Leben in der Gemeinschaft erzählte, lehnte ich ab: Damals war ich nicht bereit, den Fels und all das, was ich unter meiner Freiheit verstand, zu verlassen. Es waren die harten Schläge, die mich die Veränderung annehmen und Gott in den Mittelpunkt meines Lebens rücken liessen. » An Pfingsten 2006 macht Didier « die Gotteserfahrung ».
« Diese Begegnung war wie ein Erdbeben für mich, das Stärkste in meinen davor in der Nacht verbrachten 24 Jahren. Auf einen Schlag erhielt mein Leben einen Sinn », sagt er, ohne deutlicher zu werden. Entschlossen tritt er in die Bruderschaft « Eucharistein von Epinassey » im Wallis ein. « Dieses Mal war ich bereit, das Leben in der Gemeinschaft und die täglichen fünf Stunden Gebet anzunehmen. » Anderen liess sich diese Wahl kaum erklären: « Für Eltern ist es hart, wenn sich ein Kind der Kirche widmet. Mein Bruder, mit dem ich so viel geklettert bin, hat meinen Willen akzeptiert, ohne zu urteilen, auch wenn sich ihm ein Teil meines Mysteriums nicht erschliesst. Was die Freunde anbelangt, war ich für viele einfach ausgerastet und vermasselte mir ein tolles Leben im Tausch gegen eine veraltete Zukunft. »
Egal, Didier hielt daran fest. « Ich legte die selbe Radikalität in den Glauben wie vorher ins Klettern. Weil ich für ein einziges Absolutes gemacht bin, konnte ich nicht beides zugleich tun. » Das Klettern fehlt ihm drei lange Jahre. « Ich träumte in der Nacht davon. Mein Körper schrie unter dem Mangel und wollte zurück an den Fels. Aber ich wollte nicht mehr, dass er mein Leben bestimmt. Für mich ist es der Geist, der das Boot lenkt, und nicht das Fleisch. » Nach Château Rima kommt Didier Berthod Ende 2007 nach einer Pilgerreise durch China und Tibet auf den Spuren des Walliser Missionars Maurice Tornay. « Dank dieser Erfahrung habe ich die Universalität der katholischen Kirche in der ganzen Welt entdeckt, aber auch die unter Menschen mögliche Solidarität. Diese Solidarität will ich hier, in Europa, leben. »
Mit 20 Männern und Frauen, alle etwa gleichen Alters, lebt Didier ziemlich zurückgezogen in Château Rima, nahe der Verdonschlucht. « Ich sehe meine Familie einmal pro Jahr am Tag der Familie. Die restliche Zeit führe ich das Leben eines Jüngers Jesus Christi in seiner ganzen Radikalität. » Die Gemeinschaft von Didier beruht auf der Nachfolge Jesu, den für die Ernährung notwendigen Aktivitäten. Sie lebt in grösster Einfachheit, dem Gebet, dem Gehorsam und der Keuschheit. « Mein hektisches Leben fehlt mir nicht mehr. Hier ist meine Existenz strukturiert und dient einer unendlichen, inneren, mit Christus geteilten Welt. Mein Lebensdurst wurde durch die Begegnung mit Gott gestillt. » In Orsières, am Fuss des Bergs, der ihm viel gegeben hat, hat Didier am vergangenen 29. Mai sein Gelübde abgelegt. Seine Zukunft geht der junge Priester mit der heiteren Gelassenheit jener an, die wissen, dass sie ihren Weg gefunden haben. « Ich habe den Verdon verlassen, um in unsere Freiburger Gemeinschaft, die Eglise des Cordeliers, zu gehen und an der Uni Theologie zu studieren. Wie beim Klettern werde ich die schönsten Risse suchen. Nur werden es jetzt jene meiner Mitmenschen sein, und ich werde sie angehen, indem ich ihnen helfe. »