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Am 6. August 1945 um 08:15 wurde die Atombombe über Hiroshima abgeworfen, die Stadt wurde von einer Minute auf die andere vollständig ausgelöscht. Viele Zehntausende starben sofort beim Bombenabwurf, durch die Hitze, das Feuer, die einstürzenden Gebäude und viele Zehntausende in den Stunden danach an den Verbrennungen, in den Tagen und Wochen danach an der Schädigung durch die Strahlung und noch Jahre und Jahrzehnte später an Leukämie und anderen Krebserkrankungen.
Die Ausstellung ist nötig, aber sie ist schwer anzusehen. Viele Schulklassen mussten damals in der Stadt beim Abbrechen von Holzhäusern helfen, da man konventionelle Bombenangriffe befürchtete. Sie alle kamen beim Bomenbenabwurf ums Leben, ebenso wie koreanische und chinesische Zwangsarbeiter mit ihren Familien, japanische Zivilisten, Kinder, Frauen, alte Menschen.
Erschütternd sind die Berichte der überlebenden Kinder, ihre Zeichnungen. „The Children of Hiroshima“ hiessen Buch und Film, in denen ihre Erinnerungen 1951/52 zusammengetragen wurden.
Überall im Park sind aus Papier gefaltete Kraniche aufgehängt. Sie erinnern an Sadako Sasaki, die beim Bombenabwurf zweijährig war und 1955 als Folge der Verstrahlung an Leukämie starb. Sie hatte gehofft, wenn es ihr gelänge, 1000 Kraniche (dem japanischen Symbol für Langlebigkeit) zu falten, würde sie die Krankheit überwinden. Seither wurde der gefaltete Kranich zum Friedenssymbol und Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt falten solche Origami und senden sie nach Hiroshima.
Friedensmuseen, Friedenspark und -denkmäler sind eindringliche Mahnmale gegen Krieg und atomare Bewaffnung. Es wird auch auf die Geschichte, die zum Atombombenabwurf geführt hat, eingegangen. Japan trauert nicht nur um die Toten durch die Atombombe, auf verschiedenen Tafeln ist auch das immense Leid erwähnt, das das Land durch Krieg und Kolonialisierung verursacht hat. Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fehlt aber – sie würde der Würde der Gedenkstätte, der Erinnerung an das durch die Bombe ausgelöste Leid keinen Abbruch tun
Shikoku, eine der vier Hauptinseln Japans, ist vor allem landschaftlich sehr schön mit seinen abgelegenen Hügelketten und der Pazifikküste. Etwas schwierig, weil ich mit der Bahn unterwegs bin. Um einen Eindruck zu bekommen, mache ich die etwa 15 km lange Wanderung zu den ersten fünf Tempeln des Shikoku-Pilgerwegs.
Dieser buddhistische Pilgerweg verläuft durch die ganze Insel und führt an 88 heiligen Orten vorbei. Weiss gekleidete Pilger mit einem Strohhut und einem Pilgerstab sind überall unterwegs. (Diejenigen die ich antreffe allerdings fast alle per Bus). Die weisse Kleidung symbolisiert die Ernsthaftigkeit und Reinheit des Geistes, der Strohhut schützt vor Regen und Sonnenschein und der Pilgerstab ist Verkörperung des Begründers dieses Zweiges des „esoterischen“ Buddhismus Kukai/Kobo Daishi.
Ich komme durch viele nicht wirklich schöne Dörfer, aber auch durch Reisfelder und an Bambuswäldern vorbei zu beeindruckenden Tempelanlangen. Und es tut gut, einen Tag im Freien zu sein, die Vögel, die Sprechgesänge und das Läuten der Glocken zu hören, das Leuchten der Laternen in den Tempeln zu sehen, frische Luft und Räucherstäbe zu riechen.
Am Sonntagmorgen spaziere ich in Okayama durch den grossen Korakuen-Garten, er gilt als einer der drei schönsten Gärten Japans. Im 17. Jahrhundert vom Daimyo (dem lokalen Herrscher) angelegt, ist er seit Ende des 19. Jahrhunderts auch der Öffentlichkeit zugänglich.
Das 1692 erbaute Schloss des Feudalherrschers wurde im 2. Weltkrieg zerstört, danach aber wieder aufgebaut.
Im Park beobachte ich auch eine mit grossem Ernst durchgeführte Teezeremonie. Auch einen Platz zu kaufen getraue ich mich nicht. Ich wäre krass „underdressed“ und würde durch mein Nichteingeführtsein die Zeremonie stören.
Anschliessend fahre ich nach Kurashiki, einer Handelsstadt aus der Edo-Zeit, nur 20 Minuten von Okayama entfernt. Die Stadt kam durch die Textilindustrie (maschinelle Stickerei ab Ende 19. Jahrhundert) zu Reichtum. Viele alte Bauten in der Innenstadt sind gut erhalten, man schlendert durch die Gassen, trifft sich an den Kanälen und besucht das Ohara-Museum. Dieses Museum zeigt eine beeindruckenden Sammlung von europäischer und japanischer Moderne, die von der Besitzerfamilie der Textilfabrik gesammelt wurde. Ich staune, als ich hier eine Version von Hodlers Holzhacker und Segantinis Mittag in den Alpen finde. In der Mitte ein japanischer Künstler: Koido Narashige.
(Bilder PD Wikimedia Commons) In der Mitte ein japanischer Künstler: Koide Narashige
Mehr interessiert mich im Moment aber, was draussen so läuft. Männer und Jungen mit Masken gehen durch die Gassen und stupsen die Leute mit einem Fächer auf den Kopf. Es scheint eine Glückwunschgeste zu sein, man bedankt sich auf alle Fälle dafür. Junge Männer tragen eine riesige Sänfte durch die Gassen und schütteln ihren Kollegen darin tüchtig durch, dazu Trommeln und ein rhythmischer Sprechgesang. Eine junge Frau wird zum Standesamt geführt (so interpretiere ich das wenigstens, ich muss mich noch kundig machen).
Sehr interessant auch eine Kunsthandwerkmarkt, organisiert als Mitmachmarkt. Es werden nicht nur Töpfereien, Textilien, Holz- und Metallwaren, Schmuck verkauft, an jedem Stand zeigen die Kunsthandwerker Interessierten in Workshops auch, wie man die Gegenstände herstellt. Sehr viele lassen sich darauf ein, töpfern, weben, schnitzen. Auch Kinder werden angeleitet, selbst etwas zu gestalten. Sie sitzen mit ihren Müttern und Vätern in den Workshops, niemand rennt oder tobt herum. Eine ruhige, freundliche Stimmung, die Künstlerinnen und Künstler und das mitmachende Publikum konzentrieren sich aufs Anleiten und Gestalten, alle haben Freude, was dabei entsteht.
Unterdessen verbeuge ich mich schon auch automatisch, wenn ich mich bedanke. Die Höflichkeit der Schalterangestelten, der Kondukteure, die sich, wenn sie durch den Zug gehen, am Ende jedes Wagens verbeugen, der Leute im Service und beim Putzen, der Polizistinnen und Polizisten, die mich höflich grüssen, wenn ich am Posten vorbei gehe ist wirklich beeindruckend. Man wird nicht abgeputzt, sondern alle sind bemüht, einem zu helfen, einen zu verstehen. Natürlich ist das zu einem Teil Fassade, man muss sich gegen aussen so zeigen. Aber ich habe den Eindruck, es gehe den Leuten besser dabei – besser, als wenn sie ihrer Stimmung freien Lauf lassen könnten.
Ich fahre mit dem Zug nach Uno, wo die Fähren zu den kleinen Inseln im Inlandmeer (zwischen zwei der Hauptinseln, Honshu und Shikoku) ablegen. Auf verschiedenen Inseln hier hat das Unternehmen Benesse den Aufbau von „Artsites“ unterstützt, Kunstmuseen, Kunst in und mit der Natur, Kunstinstallationen in verschiedenen Häusern in den Dörfern. Interessant, dass Benesse 1955 als Schulbuchunternehmen angefangen hat (vgl. Geschichte)
Unterdessen ist das Unternehmen eine grosse Holding, nach wie vor im Schulmaterialien- und Schulungssektor tätig, aber auch diversifiziert in Richtung „Nursing“ für Kinder und – ein gross werdender Markt – für Seniorinnen und Senioren. U.a. gehört Benesse die Berlitz Gruppe. (Überblick über die Gesellschaften der Holding)
Mit der Fähre fahre ich auf die Hauptinsel Naoshima und von dort mit zwei Bussen zu den Museen. Sie wurden von Tadao Ando (seine Website, SRF) gebaut und sind sehr beeindruckend. „Unity with nature and merging into the landscape“ wie ich später in einer Ausstellung lese, gelingt ihm. Das Chichu Art Museum zeigt karg und gross Seerosen von Monet, eine Lichtinstallation von Turrell und einen sehr sakral wirkenden Raum mit einer Kugel von Walter de Maria. Ohne die Architektur von Ando könnten die Werke ihre Ausstrahlung nicht in dieser Form entfalten.
Bilder CC Flickr: Telstar und tomorrowstarted.com
Ein weiteres, ebenfalls von Ando gebautes Museum ist dem Koreaner Lee Ufan gewidmet.
In beiden Anlagen harmonieren Natur, Architektur und Skulptur. Eine wie mir scheint sehr japanische Form von Ästhetik, ein Spiel von Innen und Aussen, Licht und Schatten, Sichtbarem und Verborgenem, Kraft und Eingrenzung, Tatemae und Honne, Sein und Schein.
Etwas weniger beeindruckt mich das Benesse House, vielleicht liegt das aber auch daran, dass es unterdessen Mittag geworden ist und die vielen Touristen den Blick auf Kunst und Natur etwas verstellen. Das Museum wurde eigentlich als Übernachtungsmuseum konzipiert, es ist bis 21 Uhr geöffnet und es werden viele schöne – und sehr teure – ebenfalls von Ando gebaute Unterkünfte angeboten. Allerdings ist in dieser Hauptreisezeit alles auf Wochen hinaus ausgebucht.
Am Nachmittag dann noch das „Art House Project“, verschiedene Kunstinstallationen in einem Dorf, durch das man schlendert. Die frühere Lebensweise gibt den roten Faden vor, ich treffe z.B. in einem alten Haus auf ein Bad, in dem digitale Zahlen schwimmen. Eine Installation von Turrell „The Dark Side of the Moon“, in der man etwas 10 Minuten braucht, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und man die dunkle Seite auch sehen kann. Oder ein altes rostiges Haus, in der eine Freiheitsstatue untergebracht worden ist.
Nach der Sitzung mit Ikuta treffe ich mich mit Maiko Tateishi, die hier als lecturer und Forscherin arbeitet und daneben ehrenamtlich in einer NPO Kinder und Jugendliche mit Problemen betreut. Ich habe Maiko bei einem früheren Besuch in Nara kennengelernt. Meist sprüht sie nur so vor Energie, heute scheint sie auch etwas müde zu sein von der vielen Arbeit. Die Arbeit, die liegen bleibt, weil sie sich Zeit für mich nimmt, wird sie sicher über das Wochenende erledigen müssen Ich habe bis jetzt niemanden kennen gelernt in Japan, der oder die nicht m.E. ungesund viel arbeitet.
Wir sprechen denn zuerst auch über Probleme von Kindern und Jugendlichen in Japan. Konkret nennt sie Bullying in den Schulen, das ein grosses Problem sei und auch zu Absentismus, oft über sehr lange Zeit führe. In der Lehrpersonenbildung legt sie darum Wert darauf, die Studierenden auf Konflikte unter Kindern vorzubereiten. Japanerinnen und Japaner (und also auch die Lehrpersonen) sind so sozialisiert, dass Konflikte nicht sein dürfen. Lehrerinnen und Lehrer haben also weggeschaut, wenn unter Schülerinnen und Schülern Konflikte, Quälereien usw. aufkamen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Opfer wie Täter werden so allein gelassen, so dass sich das Bullying ständig weiter steigern kann. Dies kann zum vollständigen sozialen Rückzug (Hikkimori) führen, die Kinder und Jugendlichen getrauen sich nicht mehr in die Schule, oft nicht einmal aus ihrem Zimmer.
Es sei keine einfache Arbeit, das Mindset der Lehrpersonen hier zu ändern, damit sie präventiv tätig sein können, meint Maiko.
In Zusammenhang mit dem ökonomischen Knick seit den 90-er Jahren, den Japan noch nicht überwunden hat, sind auch die NEET ein grosses Thema. Jugendliche und jungen Erwachsene, die wenig Selbstwertgefühl haben, gar nicht mehr versuchen, eine Stelle zu finden, sich nur noch in einer virtuellen Welt bewegen. Hier ein paar Links zur Thematik:
- Blog einer australischen Lehrerin in Hokkaido, einer amerikansichen Mutter und ein älterer Beitrag eines amerikanischen Journalisten zur Schulwerweigerung.
- Diss 2008 über den sozialen Rückzug Hikikimori.
- Für Mangafans geschriebener Überblick über die dunkeln Seiten Japans inkl. schul- und arbeitsbedingte psychische Probleme.
Career Education
Das Erziehungsministerium will die Problematik mit „career education“ in den Griff bekommen.
The term „career development“ means the entire „process of achieving one’s own life to live by playing one’s unique role in society.“
Die Ziele wurden national folgendermassen definiert
Quelle MEXT (PDF)
Es wurden zwölf zu erreichende Kompetenzen definiert (z.B. „Verstehen anderer Standpunkte“, „realistische Selbsteinschätzung“, „zusammenarbeiten können“, „Konflikte lösen können“, „höflich sein“) und ein Lehrplan und Unterrichtsmaterialien von der Kindergartenstufe bis zur Sekundarstufe II geschaffen.
Das „Teacher Education Center for the Future Generation“ hat diese 12 Kompetenzen geschickt aufgenommen und bei der Einführung eines Praktikums, bei dem Studierende Lehrpersonen als Assistent/innen unterstützen, erhoben, welche dieser 12 Kompetenzen dank des Praktikums gefördert werden. Es sind lediglich zwei Kompetenzbereiche, in denen die Schülerinnen und Schüler dank dieser Unterstützung signifikante Fortschritte machen (Im Bereich „Verstehen anderer Standpunkte“ und im Bereich „Höflichkeit“). Schlussfolgerung: es braucht weitere Praktika mit anderen Schwerpunkten, um die Schülerinnen und Schüler auch in den anderen Kompetenzbereichen wirksam zu fördern.
Freiwillige in den Schulen
Das oben erwähnte Praktikum ist geschaffen worden, weil die Studierenden sehr wenig berufspraktische Ausbildung haben (obwohl die Uni sehr gute „affiliated schools“ hat, d.h. Schulen auf jeder Stufe, die auch organisatorisch zur Uni gehören). Ausgangspunkt war der Auftrag, Freiwillige (d.h. Rentner, middle-age-Mütter, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen) auszubilden, damit diese als Assistent/innen in den aus finanziellen Gründen sehr grossen Klassen (meist gegen 40 Schülerinnen und Schüler) eingesetzt werden können. Ein solches Ausbildungskonzept mit zwei Stufen („child partner“ und „child supporter“) wurde mit anderen Hochschulen zusammen ausgearbeitet und implementiert.
Beratungszentrum für die Freiwilligen
Man kam nun auf die Idee, auch Studierende als „Freiwillige“ einzusetzen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, etwas mehr Erfahrung in der Schule zu sammeln. Maiko organisiert diese Kurzausbildung auch für die Studierenden und erhebt die Daten, welche Kompetenzen damit gefördert werden.
Kurzausbildungskonzept für die Freiwilligenarbeit in der Schule
Publikationen
Während die Nara University of Education in vielem – durchaus positiv – der früheren seminaristischen Ausbildung gleicht (Klassenbetrieb, Tierhaltung auf dem Gelände, gemeinsame Projekte und Studienschwerpunkte usw.), ist sie in diesem Bereich wirklich universitär. Es ist klar, dass „publish or perish“ gilt, die Hochschule und die Institute haben eigene Journals, die Dozierenden publizieren regelmässig, meist über eng mit ihrer Arbeit zusammenhängende Forschungsresultate. Das Motto könnte in etwa sein: „Without data, you are just another person with an opinion“ (wie Amanda Ripley Schleicher zitiert). The smartest kids in the world, New York: Simon and Schuster 2013, 18). Als ich erzähle, dass ich noch eine Woche an die University of Education in Fukushima fahren werde, zückt Maiko sofort das Journal der dortigen Universität und zeigt, woran sie dort gerade arbeiten.
Publizieren ist wichtig
Freitagabend, ich muss mich von den Leuten hier und von Nara verabschieden. Die Assistentin von Ikuta schenkt mir noch einen Fächer und ein Pack Bonbons für die Reise und lässt mich sichtlich ungern ziehen. Ich fahre auch nicht gerne weg, hier in Nara haben sie eine ähnliche Wellenlänge, ähnliche Vorstellungen davon, was gute Lehrpersonenbildung ist. Dazu gehören auch – und das habe ich hier die ganze Woche immer wieder gespürt – Herz und Humor.
Praktisch alle Studierenden kommen mit dem Velo von den Dorms zu den Lehrveranstaltungen
Gemeinsamkeiten – Unterschiede
Die Woche hier an der Nara University of Education geht dem Ende entgegen. Ikuta Shuji kommt für ein Abschlussbriefing vorbei.
Ein grosser Unterschied zwischen unseren beiden Institutionen ist, dass in Nara die Zahl der Aufgenommenen der Zahl der verfügbaren Studienplätze entspricht. Dies macht die Planung um vieles einfacher.
Obwohl in Japan in der Primarschule das Klassenlehrerprinzip vorherrscht (Ausnahmen Musik, Künste, Hauswirtschaft), wählen die Studierenden ein Hauptfach, für das sie einen Grossteil ihrer Studienzeit benötigen. Drei Nebenfächer kommen hinzu. Für die Sekundarstufen I und II studiert man lediglich ein Fach.
Quelle: Nara University of Education (PDF)
Es gelingt der Uni recht gut, Ihre Abgängerinnen und Abgänger in der Schule zu platzieren, allerdings sind unter „Teacher“ subsummiert auch viele temporäre und v.a. viele Teilzeitstellen. Wer keine Stelle in einer Volksschule findet, weicht häufig in den florierenden Juku-, d.h. Nachhilfebereich aus.
Quelle: Nara University of Education (PDF)
Auch die Masterstudiengänge sind eine Möglichkeit, sich nicht sofort um eine Stelle kümmern zu müssen. Die Graduate School ist allerdings eher ein Sorgenkind für Ikuta. Neben den Masterstudiengängen wurden für die amtierende Lehrerschaft eigens „Professional Degree“-Studiengänge eingeführt, die teilzeitlich und berufsbegleitend besucht werden können. Diese Möglichkeit wird aber den Lehrpersonen von der Präfektur nur sehr zögerlich gewährt (gerade drei Studierende sind amtierende Lehrpersonen). Ikuta muss nach dem Debriefing an eine weitere Sitzung mit der Präfektur zu diesem Thema eilen.
Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen
Neueren Datums ist auch die Zusammenarbeit mit anderen Lehrer/innenbildungshochschulen. An den mittlerweile über 50 Online-Angeboten beteiligen sich sehr viele Hochschulen. Im Angebot hat es nicht nur e-Learning-Einheiten, sondern auch klassische Seminare und Vorlesungen, die von einer Hochschule angeboten und live an die anderen Hochschulen übertragen werden. Ein Vorlesungsraum wurde in Nara eigens mit der entsprechenden Technik ausgerüstet, so dass auch Fragen direkt Fragen gestellt werden können und man einander sieht.
Die Zusammenarbeit funktioniert aber auch im Forschungsbereich. Mit Kyoto und Osaka gemeinsam wurde ein „Teacher Education Center for the Future Generation“ gegründet.
Die Arbeitsteilung unter den Unis wurde so festgelegt, dass man sich in Nara schwergewichtig mit undergraduate studies, in Osaka mit graduate studies (Master und PhD) und in Kyoto mit Weiterbildung beschäftigt.
Die Science-Dozierenden haben beschlossen, Ziegen zu halten. Diese werden sowohl von Studierenden wie von Primarschülerinnen und -schüler gehätschelt. Neckischerweise haben sie sie nach Primarlehrerpersonen getauft. So kann man problemlos sagen, Okubo sei heute wieder bockig…
Wir verabschieden uns nach dieser interessanten Diskussion. Ich hoffe, Ikuta wieder zu sehen, sei es in Nara, Hongkong oder Zürich. Wir sind aber beide nicht sicher, wann es das nächste Mal sein wird, seine Funktion erlaubt ihm kaum mehr, ins Ausland zu reisen und auch ich werde wohl in nächster Zeit nicht gerade wieder nach Nara reisen kommen. Schade.
Schülerinnen auf dem Heimweg von der „affiliated school“ auf dem Campus
Ergebnis der Schule: Unkreative Auswendiglernende oder kooperative Leistungsorientierte?
„Japanese education appears to be both first-class and uncreative. (…) At one end of the debate some observers point out, that Japanese education is geared producing students, who are good answering multiple-choice questions but who lack creativity and originality of thinking. (…)
At the other end, ethnographic researchers tend to point out its high standards, egalitarianism and meritocratic orientation (…) Some take a positive view of what they regard as the harmonious, group-cohesive and collectivist emphasis.“ meint Sugimoto in seiner Introduction to Japanese Society (2011, 151).
In Schulen gesehen habe ich eher das zweite, positive. Allerdings sind die Kooperationsschulen der Nara University of Education ja sicher gute Beispiele von Schulen. In Gesprächen ausserhalb der Uni bin ich auch viel mit der unkreativen, disziplinierenden und drillorientierten Seite der Schule konfrontiert worden.
Lehrpersonen als ausführende Beamte?
Im „Global Teacher Status Index“ der Varkey Gems Foundation (PDF), den mir ein koreanischer Kollege gemailt hat, wurde eine Stichprobe aus der Bevölkerung verschiedener Länder u.a. auch gefragt, welcher Beruf mit dem Lehrberuf am vergleichbarsten sei: Sozialarbeiter, Bibliothekar, Arzt, Krankenschwester, Lokaler Beamter. Während in der Schweiz und verschiedenen anderen Ländern der Lehrberuf am häufigsten in die Nähe der Sozialarbeit gesehen wurde, wurde er ausschliesslich in Japan in die Nähe von lokalen Beamten und ausschliesslich in China in die Nähe von Ärzten gesehen. Das zeigt sicher auch, dass bei der starken zentralen Steuerung Lehrpersonen in Japan häufig einfach als Ausführende angesehen werden. (PDF)
Gesellschaftliche Segmente und ihre Vorstellungen von Schule
Sugimoto (152) unterteilt vier „competing educational orientations“. Ich lehne mich im Folgenden an ihn an. (Kursiv sind Erfolge des jeweiligen Segmentes aufgezeigt):
A: Marktorientierung, Neoliberalismus
Die Schulen sollen sich stärker am Markt orientieren und z.B. auch Elitebildung ermöglichen. Gefordert sind einerseits eine starke Leistungsorientierung, andererseits auch mehr Schülerzentriertheit, Problemlösungsorientiertheit, Kreativität, Individualität. Nur so kann man im globalen Wettbewerb, in der Wissensgesellschaft bestehen.
Das interdisziplinäre Fach „Integrierte Studien“ wurde auch auf Betreiben dieses Segments geschaffen. Schulleitende werden neu auch aus der Privatwirtschaft, nicht mehr zwingend aus dem Lehrberuf angestellt. Innerhalb von gewissen Grenzen wurde in den Städten das Wohnsitzprinzip für die Einteilung in die Schulen aufgehoben, Eltern haben z.T. auch bei den öffentlichen Schulen eine Wahl. Englisch beginnt häufig schon in den Primarschulen.
B: Geregelter Pluralismus
Eine gewisse Liberalisierung, die den Schulen mehr Freiheiten gibt, soll ermöglicht werden – bei gleichbleibend starker staatlicher Steuerung. Stärkere Betonung einer „ganzheitlichen Erziehung“, die auch soziale Erziehung und kritisches Denken mit einschliesst anstatt Überbetonung des mechanischen Auswendiglernens und sehr hohe zeitliche Belastung der Schülerinnen und Schüler
Ab 2002 erfolgte eine Senkung der Anzahl Lektionen um bis zu 30% und eine Verringerung der Hausaufgaben. Man wollte ein Schule mit weniger Druck und mehr Entwicklungsmöglichkeiten ausserhalb der Schule ermöglichen und führte deshalb auch die Fünftagewoche ein.
Leistungen sollten nicht mehr nur nach der Sozialnorm beurteilt werden, sondern anhand der Lernziele und der Lernfortschritte der Kinder und Jugendlichen.
Schulen konnten jetzt in gewissen Gebieten selbst Schwerpunkte setzen (Englisch u.a.). NPO konnten Privatschulen mit eigenen Schwerpunkten eröffnen.
C: Demokratische, egalitäre Ausrichtung, Ablehnung der Regierungspolitik
Hier sind meist auch die Lehrergewerkschaften positioniert. Gleichheit der Schulen ist eine Voraussetzung für Chancengerechtigkeit. Die Fixiertheit auf Prüfungen (Aufnahmeprüfungen usw.) soll überwunden werden, weil dadurch die Chancen sehr ungleich verteilt werden (Wer sich die Unterstützung der „Nachhilfeindustrie“ kaufen kann, hat bessere Chancen bei den Aufnahmeprüfungen).
Kreativität, Individualität, Problemlösefähigkeiten sollen für alle gefördert werden.
Man ist gegen teure Privatschulen, mit deren Hilfe man sich – bei entsprechenden finanziellen Mitteln – den Eintritt in eine gute Universität sichern kann.
Auch diese Fraktion kann teilweise Erfolge verbuchen, z.B. in dem Universitäten bei der Aufnahme nicht nur auf Prüfungsresultate und den zentralen Test (PDF) achten, sondern auch weitere Kriterien anwenden. Auch curricular und methodisch hat die Lehrerschaft immer wieder Erfolge und kann Neues einführen (Transferorientierung, Projekte u.a.)
D: Bewahrender Konservatismus
Die staatlich gesteuerte, gleiche Schulung für alle soll bewahrt werden, damit Staat und Gesellschaft möglichst homogen bleiben. Gleichheit wird durch das (nicht durch neoliberale und pluralistische Tendenzen gestörte) meritokratische System, durch Verpflichtung, Respekt, Arbeitsdisziplin ermöglicht. Dieses System hat – bevor es verwässert wurde – Japan etwa zwischen 1960 und 1980 grossen wirtschaftlichem Erfolg gebracht.
Die zu grossen Freiheiten, die Schülerinnen und Schüler heute haben, sind mit ein Grund, warum die Schulleistungen zurückgehen und Japan weniger Erfolg hat als früher.
Es braucht wieder mehr Kontrolle, Disziplin und Heimatliebe.
Erreicht werden konnte z.B., dass in den Schulen der Fahnenaufzug und bei festlichen Anlässen das Absingen der Nationalhymne wieder eingeführt wurde. Diese Fraktion hatte auch Erfolge bei der Zulassung von Geschichtslehrmitteln, in denen Japans Rolle im zweiten Weltkrieg krass beschönigt wird.
Die letzte curriculare Reform nahm vieles, das ab 2002 eingeführt worden war, wieder zurück und stärkte damit dieses gesellschaftliche Segment. Das Erziehungsministerium geht in seiner Zusammenfassung der neusten Reformen explizit darauf ein, dass einige frühere Projekte gescheitert sind (MEXT, PDF)
Mein Kollege muss das Nachtessen absagen, er wurde mit so vielen dringlichen Geschäften eingedeckt, dass ihm nichts anderes übrig bleibt als bis in alle Nacht zu arbeiten… Die Arbeitslast, die sehr viele – von Schülerinnen und Schülern bis zu Angestellten auf jeder Hierarchieebene – auf sich nehmen müssen, ist sehr gross. Entsprechend müde sehen die Leute im öffentlichen Verkehr und in den Bibliotheken der Unis aus.
Jä nu, ich habe etwas ein schlechtes Gewissen, dass ich einen solchen Urlaub machen kann, während in Japan der soziale Druck so stark ist, dass kaum jemand mehr als eine Woche Ferien am Stück bezieht. Das National Museum, in dem ich noch nie war, besuche ich dann aber trotzdem über Mittag. Es zeigt eine Ausstellung über buddhistische Ikonen während der Kamakura-Zeit. Leider darf man nicht fotografieren, aber es ist umwerfend, wie den Künstlern des 13. Jahrhunderts Charakterisierungen von z.B. Zen-Meistern gelungen sind. Und es ist sehr interessant, zu sehen, welche Veränderungen der Buddhismus bei seinem Weg von Indien über China nach Japan erfuhr.
Bild (c) Nara University of Education
Ich bin langsam sehr müde. Mehr als 10 Wochen neue Eindrücke und Informationen aufnehmen, mich ständig auf immer andere Situationen und Personen einstellen, mit Ungewissheiten umgehen, staunen, warten, Pläne ändern, mich durchsetzen. Gelassen und für Unerwartetes offen bleiben. So bereichernd es ist, es ist auch zehrend. Ich freue mich darauf, in fünf Wochen wieder zu Hause zu sein.
Aber vorerst befasse ich mich ausführlicher mit der nicht ganz einfach zu durchschauenden japanischen Lehrpersonenbildung. Interessant ist, dass ich nicht einfach jemanden fragen kann – Studierende wie Dozierende beginnen häufig zu rätseln, wenn ich sie nach dem japanischen System – das ja an sich zentral gesteuert ist – frage. Es scheint hier auch sehr viele lokale Spezifitäten und häufige Änderungen zu
Aus Murata/ Yamaguchi 233 ff. und Gesprächen entnehme ich:
- Es gibt einen oder mehrere Lehrer/innenbildungsstudiengänge an jeder nationalen Universität
- Lehrpersonenbildung ist an Colleges (d.h. zweijährigen Hochschulen, häufig ohne Forschung) und Universitäten möglich und natürlich an den häufig aus Zusammenschlüssen von früheren Colleges hervorgegangenen Universities of Education. Das Curriculum für die Lehrpersonenbildung muss zwingend vom Erziehungsministerium genehmigt werden.
- Unter der DP, die 2009 – 2012 an der Macht war sollte das Lehrer/innenbildungssystem auf 6 Jahre umgestellt werden, nach dem Bachelorabschluss nach vier Jahren sollten also noch zweijährige „graduate schools“ für angehende Lehrpersonen eingeführt werden. Dies ist heute teilweise umgesetzt. Die Nara University of Education verfügt über eine solche Graduate School, die man mit einem Master abschliesst. Als Majors werden School Education und Subject Education angeboten. Ein Masterabschluss ist aber für die meisten Lehrberufe nicht zwingend. Je nachdem, ob man einen Bachelor- oder Masterabschluss hat, bekommt man einfach ein anderes Diplom mit anderen Verdienstmöglichkeiten.
Quelle: Consortium for Policy Research in Education (PDF)
- Nach der Diplomierung folgt eine zweijährige berufsbegleitende Phase
- Primarschule: Ausbildung zur Klassenlehrperson, die alle Fächer erteilt (Ausnahmen gibt es: Musik, Kunst, Hauswirtschaft für die Fachlehrer/innenausbildungen angeboten werden). Eine Ausbildung zur Klassenlehrperson heisst nicht, dass alle Fächer gleich gewichtet werden. In der Regel bildet man sich in etwa drei Fächern eingehend aus.
- Ab Sekundarstufe I erfolgt die Ausbildung zur Fachlehrperson, die lediglich ein Fach unterrichtet
- Wie schon erwähnt führen die Städte oder Präfekturen einen harten Selektionsprozess durch, mit Persönlichkeitstests, Assessments, Individual- und Gruppeninterviews, Probelektionen usw.
- Die Uni bietet ein Supportsystem an, um die Studierenden auf die Selektion vorzubereiten, ebenso die Stadt Nara (für diejenigen, die in der Stadt unterrichten wollen, ist es praktisch unumgänglich, an Samstagen diese Support-Kurse auch zu besuchen, sonst haben sie kaum Chancen, eine Stelle zu bekommen)
- Der Selektionsprozess erklärt sich mit der ständigen Abnahme der Schülerinnen- und Schülerzahlen
Quelle: MEXT
- Wer eine Anstellung bekommt, absolviert zuerst eine einjährige Probezeit.
- Die Berufseinführungsphase dauert 2 Jahre und ist intensiv: 10 Stunden pro Woche werden für schulinterne Weiterbildung eingeplant, d.h. Beratung durch Schulleitende und erfahrene Lehrpersonen. 25 Tage für externe Weiterbildung, die häufig durch private Anbieter durchgeführt wird.
- Die Weiterbildung wird in vier Typen unterschieden
- individuelle Weiterbildung, Weiterbildung in der Schule (z.B. Peer-Coaching, Unterrichtsbesuche bei erfahrenen Lehrpersonen), Weiterbildung durch verschiedene Anbieter (z.B. Angebote durch Forschungsinstitutionen, Umweltorganisationen usw.)
- Weiterbildung durch die Anstellungsbehörde (spezielle Weiterbildungen für Lehrpersonen mit 5, 10 und 20 Jahren Erfahrungen, wobei diejenige nach 10 Jahren gesetzlich vorgeschrieben ist Weiterbildungen, die mit einem Funktionswechsel (z.B. zum „leading support teacher“, „vice principal“, „principal“ usw. verbunden sind
- Weiterbildung durch die Universität (zielt v.a. auf einen höheren akademischen Grad oder ein weiteres Diplom)
- Weiterbildung durch die Universität, um alle 10 Jahre das Diplom zu erneuern (ein „Verfalldatum“ der Diplome wurde 2007 eingeführt).
Bild (c) Nara University of Education
Das tägliche Leben an der Universität hier in Nara wird auch mit einem Blog und einer Facebookseite dargestellt
Blog (durch Google recht und schlecht übersetzt)
Facebook
Am Nachmittag fahre ich mit einer deutschen Austauschstudentin und einer japanischen Studentin, die ein Gastsemester in Heidelberg plant an die Uni Osaka zum Deutschen Seminar, so der Dokumentarfilmer Einblick in seine Arbeit gibt. Die Uni verfügt über drei grosse Campi und viele „Schools“. Hier ist deutlich alles zwei, drei Schuhnummern grösser als an einer University of Education wie in Nara. Der Relationen sind ähnlich wie z.B. zwischen der Uni Zürich und der PH Zürich.
Ausschliesslich mit Bildung möchte ich mich aber heute doch nicht befassen. Nach interessanten Gesprächen mit einer Professorin und einer Gaststudentin aus Heidelberg gehe ich zu Fuss zurück zum Gasthaus, am Kasuga-Schrein mit seinen Laternen und dem Todaji-Tempel vorbei. Würdige, ruhige Harmonie.
Dann nehme ich noch den Zug ins etwa 40 Minuten entfernte Osaka. Riesige Shopping-Arkaden, grelles Nachtleben.
Zentrale Steuerung, Schulbücher
Das Bildungssystem Japans ist – mit allen Vor- und Nachteilen – sehr zentral gesteuert vom Erziehungsministerium, das die Politik der jeweiligen Regierung, meist also der LDP umsetzt. Lehrpläne und Stundentafeln werden für ganz Japan erlassen. Auch die Lehrer/innenbildung ist über die Lizenzierung zentral gesteuert, wenn auch die einzelnen Universitäten einige Freiräume haben. Mit dem Fach bzw. dem Zeitraum für „integrierte Studien“ haben die Schulen Möglichkeiten bekommen, wenigstens während drei Lektionen pro Woche eigene Schwerpunkte zu setzen.
Besonders kontrovers diskutiert wird die zentrale Steuerung bei den Schulbüchern. Schulbücher müssen ein kompliziertes Verfahren durchlaufen, bevor sie zugelassen werden. Die Zulassung kann mit Auflagen zur Überarbeitung verknüpft werden. Anfangs des 21. Jahrhundert und wieder seit 2012 sind Geschichtsbücher ein grosses Thema. Japan wird vorgeworfen, Schulbücher zuzulassen, die die Aggressoren-Rolle Japans im zweiten Weltkrieg massiv herunterspielen.
Die Northeast Asian History Foundation in Korea zeigt das Problem auf, ebenso ein 2001 an der Stanford-University verfasstes Paper. Über die aktuellen Entwicklungen unter der Regierung Abe hat die taz letzthin berichtet.
Nach der High School: Prüfungshölle und Hochschule oder Übertritt ins Arbeitssystem
Das Erziehungsministerium gibt einen Überblick über das Hochschulsystem in Japan (PDF).
Über die „Prüfungshölle“, durch die japanische Schülerinnen und Schüler gehen, liest man auch in europäischen Zeitungen immer wieder. Yoshio Sugimoto (An Introduction to Japanese Society, Cambridge: Cambridge University Press, 2011; 3. Aufl.) relativiert, nur ca. 50% eines Jahrgangs wechselten nach der Mittelschule an eine Universität: „One should bear in mind that about one half of Japan’s youth do not advance to four year universities and most make no preparation for university entrance examination, the well publicized „examination hell“ belongs to less than half of Japanese youth“ (128f.) Na ja, immer noch sehr viel.
Die Mittelschülerinnen und -schüler versuchen, an eine Universität, die in den Rankings möglichst hoch angesiedelt ist, aufgenommen zu werden – unabhängig davon, ob sie dort mit ihren Fähigkeiten und Interessen gut aufgehoben sind. Sie werden auch von ihren Eltern entsprechend angetrieben, da allgemein die Meinung vorherrscht, mit dem Besuch einer möglichst angesehenen Universität sei auch die Karriere gesichert, d.h. eine Stelle in einer grossen Unternehmung oder in der öffentlichen Verwaltung so gut wie sicher. (130f.)
Von den 50% eines Jahrganges, die – manchmal nach ein, zwei Jahren, in denen sie sich erneut auf eine Aufnahmeprüfung, bei der sie gescheitert sind vorbereiten – studieren, gelingt nur etwa 20% die Aufnahme an eine nationale oder regionale Universität. 80% besuchen eine private Universität, was für die Eltern mit z.T. sehr hohen Kosten verbunden ist. (Die jährlichen Kosten für ein Hochschulstudium belaufen sich etwa auf die Hälfte eines jährlichen Durchschnittseinkommens) (131, Sugimoto bezieht sich auf Zahlen des Erziehungsministeriums). Entsprechend wurden in letzter Zeit Anstrengungen unternommen, das – früher weitgehend inexistente – Stipendiensystem etwas auszubauen.
Wer nicht an die Hochschule wechselt, nimmt entweder eine kürzere Berufsausbildung in Angriff oder eine feste Stelle an. Diejenigen, denen das nicht gelingt, schlagen sich oft mit Teilzeitjobs oder temporären Beschäftigungen durch und hoffen auf eine spätere fixe Anstellung oder sie fallen durch die Maschen und werden zu NEET (Not in Education, Employment oder Training). Von ihnen ist in Japan momentan viel die Rede, vgl. WoZ. Interessant, dass der Übergang ins Beschäftigungssystem meist nicht durch Bewerbungen bei einem Arbeitgeber geschieht, sondern dass die Firmen mit den „placement counselors“ der Schulen Kontakt aufnehmen und ihnen die Bewerbungsunterlagen zukommen lassen. Die Beratungslehrperson setzt dann alles daran, die Schülerinnen und Schüler so zu platzieren, dass die Firmen zufrieden sind und die Bewerbungsunterlagen auch in Zukunft ihrer Schule (und nicht einer anderen) zukommen lassen. Entsprechend wichtig ist es also, die richtige High School zu besuchen und dort einen guten Eindruck zu hinterlassen, damit man auch einer guten Firma empfohlen wird (vgl. eine ältere Darstellung hier)
Die Zahl der jungen Erwachsenen, die direkt nach der High School ins Erwerbsleben übertreten, ist in den letzten Jahrzehnten allerdings massiv gesunken. Rund 44% der High School-Abgängerinnen und -Abgänger treten nicht an eine Universität oder ein 2-jähriges Junior College über, aber nur rund 16% nehmen direkt eine Arbeit auf.
Quelle: MEXT
Studierende stehen in der Mensa an, um nach dem Essen ihr Geschirr abzuspülen: auch eine Form von „Citizenship Education“.
Schattensystem (Nachhilfe)
Das alles führt zu einem eigentlichen Schatten-Bildungssystem: zwei Drittel der männlichen Studierenden besuchen nach Sugimoto Juku schools, d.h. Nachhilfeschulen, Coaching usw. in irgendeiner Form, um bei Prüfungen bestmöglich abzuschneiden. Zusammen mit dem Besuch der extracurricularen Aktivitäten ihrer Schulen (häufig wird die Teilnahme erwartet) führt dies zu einer drastischen Einschränkung der Freizeit.
Ranking
High Schools werden nach einem System, das „Hensachi“ genannt wird bewertet. Hensachi stellt die Aufnahmequote an Hochschulen dar. Schulen in der Mitte der Normalverteilung, haben ein Hensachi Rating von 50, solche mit einer Standardabweichung über dem Mittelwert eine von 60, mit einer Standardabweichung unter dem Mittelwert eine von 40. (Vgl. zur Methode und allgemein)
Bezüge zur Schweiz
Man lernt ja auch die Vorzüge des eigenen Bildungssystems wieder kennen, wenn man sich mit anderen befasst. Ein sehr grosser Asset des schweizerischen Systems ist sicher seine Durchlässigkeit. In Japan besteht nach einem Misserfolg in einer Aufnahmeprüfung die einzige Chance, doch noch einen erhofften Beruf aufnehmen bzw. in eine erhoffte möglichst gute Hochschule aufgenommen zu werden in einem Wartejahr mit erneuter Prüfungsvorbereitung. „Herrenlose Samurai“ nennt man die Schulabgängerinnen und -abgänger, die sich erneut auf die Prüfung vorbereiten. In der Schweiz gibt es immer wieder Möglichkeiten, Ausbildungen und Abschlüsse nachzuholen, neue Weichenstellungen vorzunehmen.
Auch die Berufsbildung, wie wir sie in der Schweiz kennen, wäre hier für viele sinnvoller als eine allgemeinbildende High School oder eine private Universität, für die es schwierig ist, die nötige Motivation aufzubringen.
Schliesslich ist das System der öffentlichen und bezahlbaren Hochschulbildung einem System mit privaten, teuren und zu einem rechten Teil wohl qualitativ nicht allzu hochstehenden „Universitäten“ vorzuziehen.
Es gibt hier in Japan auch ganze Schulholdings, gute private Hochschulen haben eigene High Schools als „Zubringer“, um so die Qualität ihrer Erstsemestrigen sicherzustellen. Solche Entwicklungen habe ich auch schon in anderen Ländern gesehen; wenn man die Rhetorik der ETH verfolgt, scheint sie manchmal auch solche Gedankenspiele zu machen.
Das japanische Bildungssystem sollte nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend „meritokratisch“ neu aufgebaut werden. Weil es aber sehr vom Bildungsstand der Eltern und – wohl stärker als in der Schweiz – von den Finanzen der Eltern abhängt, welchen Bildungsabschluss Jugendliche und junge Erwachsene erreichen, sprechen manche von einer „Parentokratie“ (Sugimoto 2011, 152). Dass der Bildungsabschluss der Eltern der zuverlässigste Prädiktor für den Bildungserfolg der Kinder ist, gilt auch in der Schweiz, die Gefahr, dass auch der finanzielle Hintergrund ein noch wesentlicherer Prädiktor wird, besteht durchaus.
Dorm for International Students