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Die Atomkraftwerke galten in den 50er-Jahren noch als Ideallösung für die Energiefrage. Spätestens seit den Zwischenfällen in Tschernobyl und Fukushima ist ihr Ruf aber zwiespältig. Am 27. November entscheidet die Schweiz über den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie für 2029.
Als 1954 in Russland (damals Sowjetunion) 100 Kilometer südlich von Moskau das erste wirtschaftlich genutzte Atomkraftwerk weltweit in Betrieb genommen wurde, sah die Welt noch ganz anders aus. Chruschtschow übernahm gerade für Stalin, Eisenhower war US-Präsident und Deutschland gewann als Aussenseiter die Fussballweltmeisterschaft in der Schweiz.
Das Atomkraftwerk Obninsk überraschte die Welt. Niemand hätte gedacht, dass die Sowjets die Briten im Wettlauf um die friedliche Nutzung der Atomenergie schlagen könnten. In der «NZZ» vom 1. Juli 1954 wird ein Sprecher der britischen Atomenergiekommission zitiert: «Sollte die Meldung aus Moskau zutreffen, hätte die Sowjetunion das erste Atomkraftwerk der Welt.» Man erklärt, dass der Sowjetunion dieser Coup wohl nur unter «völliger Missachtung der Sicherheit» gelungen sein könne.
Auch die Schweiz interessierte sich sehr für die Nutzung der Kernspaltung zur Energieversorgung. Die «NZZ» schrieb kurz nach der Meldung aus der Sowjetunion sogar, dass angesichts der Auslastung der inländischen Wasserkraftwerke und dem stetig steigenden Energiebedarf Atomkraftwerke «die Lösung» für das Versorgungsproblem seien. Am 17. Juli 1969 wurde schliesslich Beznau als erstes Schweizer Kernkraftwerk in Betrieb genommen. Kurz zuvor ereignete sich eine «Panne» im Versuchsreaktor in Lucens (Waadt).
Die «Panne» liess Europa und die Schweiz aber unbeeindruckt. Für die im Bau befindlichen Kraftwerke Mühleberg und Beznau wurde sehr schnell Entwarnung gegeben: «Aus dem Defekt im Werk in Lucens dürfen keine voreiligen Schlüsse gezogen werden», schrieb die «NZZ» zwei Tage nach dem Zwischenfall. Dass es sich bei der «Panne» in Lucens um eine der gefährlichsten Kernschmelzen weltweit gehandelt hatte, wurde erst später bekannt. Trotzdem wurden in ganz Europa fleissig AKWs gebaut.
Je mehr Kernkraftwerke gebaut wurden und je länger diese schon betrieben wurden, desto mehr dämmerte es den Energieunternehmen: Kernkraftwerke sind bei weitem nicht so profitabel, wie anfänglich angenommen.
Endgültig kippte der Aufwärtstrend nach der Katastrophe in Tschernobyl. Im Unterschied zu Lucens konnte dort das Austreten von radioaktiver Strahlung nicht eingedämmt werden. Im Gegenteil: Die Sowjetunion verschwieg den Unfall vorerst. Entdeckt wurde die erhöhte Strahlung erst zwei Tage später, als im 1200 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Forsmark in Schweden erhöhte Strahlung gemessen wurde.
Als ein Leck in der eigenen Anlage ausgeschlossen werden konnte, fiel der Verdacht auf ein sowjetisches Kraftwerk. Drei Tage nach der Kernschmelze bestätigte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS den Unfall.
Obwohl zuerst noch die Hoffnung bestand, man könne den Unfall auf die technische Rückständigkeit der Sowjetunion zurückführen, nahm die Zahl der betriebenen Kernreaktoren in Europa ab Anfang der Neunziger ab. Bis in die frühen 2000er-Jahre stabilisierte sich die Anzahl weitgehend. Doch das Problem der Wirtschaftlichkeit blieb und die Endlagerung verbrauchter Brennstäbe geriet zusätzlich in den Fokus.
Als das Erdbeben vor Fukushima von 2011 zu einer weiteren Nuklearkatastrophe in einem Kernkraftwerk führte, beschlossen mehrere europäische Länder schrittweise den Ausstieg aus der Atomenergie, allen voran Deutschland. Bis 2016 ist die Zahl der betriebenen Atomkraftwerke in Europa auf das Niveau vor 1980 zurückgefallen. Tendenz: Fallend. Deutschland plant den kompletten Atomausstieg bis 2022. Mit einer Annahme der Ausstiegsinitiative am 27. November würde sich die Schweiz für einen Ausstieg bis 2029 verpflichten.
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