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Coopzeitung: Cecilia Bartoli und Donna Leon, wie kam es zu diesem Gemeinschaftsprojekt der italienischen Operndiva mit der amerikanischen Bestsellerautorin?
Donna Leon: Cecilia erzählte mir von dem selbst unter
Fachleuten kaum bekannten Komponisten Agostino Steffani, dessen Opernarien sie als erste Sängerin für eine Platte aufnahm. Je mehr ich erfuhr, desto mehr begann ich mich für das Leben und Werk dieses Mannes zu interessieren. Als Cecilia mir vorschlug, etwas über ihn zu schreiben, sagte ich zu.
Wie sind Sie auf Agostino Steffani gestossen?
Cecilia Bartoli: Ich wollte einmal kein reines Barock-Album machen, sondern die Musik eines Künstlers wiederbeleben, der an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock aktiv war. Steffani hat in jener Zeit eine Brücke zwischen Monteverdi und Vivaldi geschlagen und ein wunderbares «Stabat Mater» komponiert. Als ich las, dass Händel ihn sehr bewundert hat, intensivierte ich meine Nachforschungen. Da Donna Händel verehrt und ich merkte, dass Steffani eine so geheimnisumwitterte Figur ist, begann ich ihr den Speck unter der Nase durchzuziehen.
Was war für Sie bei der Arbeit an «Himmlische Juwelen» anders als bei einem Brunetti-Fall?
Leon: Obwohl ich von Cecilia grosse Unterstützung erhielt, musste ich diesmal immense Recherchen anstellen, um die historischen Fakten korrekt darstellen zu können. Ich habe wie die Musikwissenschaftlerin, die im Mittelpunkt des Romans steht, 300 Jahre alte Dokumente, Briefe und Papiere aus dem Vatikan studiert und nur an den Stellen meiner Fantasie freien Lauf gelassen, wo gesicherte Informationen fehlten.
Was macht Steffani so spannend?
Leon: Bei ihm ist nichts, wie es scheint – oder nichts scheint, wie es ist. Er war nicht nur ein talentierter Komponist, sondern auch ein hochrangiger Diplomat, der in den noch immer ungelösten Königsmarck-Fall verwickelt war, der 1694 den europäischen Hochadel erschütterte. Graf Königsmarck verschwand spurlos aus dem Schloss des Kurfürsten von Hannover, als durchgesickert war, dass er mit dessen Gattin durchbrennen wollte. Obwohl seine Leiche nie gefunden wurde, ist davon auszugehen, dass er ermordet wurde.
Bartoli: Steffani ist auch eine schillernde Figur, weil er Italiener war, nach Deutschland ging und dort Einflüsse aus diesen zwei Ländern und der französischen Musik verarbeitete. Sein Werk ist enorm vielfältig, aber auch schwer einzuordnen, weshalb es in Vergessenheit geriet. Ich hoffe, dass nach «Mission» – wie seit 1999 nach meiner Vivaldi-Arien-CD – auch Steffanis Opern wiederaufgeführt werden.
Wie sind Sie beide eigentlich Freundinnen geworden?
Leon: Ein Magazin, das wusste, dass ich schon einige Konzerte von Cecilia besucht hatte, bat mich, ein Interview mit ihr zu machen. Ich habe sie hier, wo sie am Opernhaus probte, zum Mittagessen getroffen und wir haben gleich ein paar Stunden geredet. Wie zwei Menschen, welche die gleichen Dinge mögen, und nicht in der üblichen Konstellation Fan und Star. Seither sehen wir uns regelmässig in Venedig oder Zürich. Durch Cecilia bin ich Belcanto-süchtig geworden, aber sagen Sie das nicht weiter, denn ich versuche, das geheim zu halten ...
Stimmt es, dass Sie sich gerne öfter bei Brunetti-Krimis entspannen würden, wenn Sie diese nur auf Italienisch lesen könnten?
Bartoli: Ja, das ist richtig. Ich finde es zwar total verrückt, ja absurd, dass sie nicht zulässt, dass ihre Romane, die in Venedig handeln, übersetzt werden, aber ich verstehe sie natürlich. So kann sie sich in Venedig, wo sie höchstens von Touristen erkannt wird, weiter bewegen, ohne dauernd Autogramme geben oder für Fotos posieren zu müssen. Aber Donna hat mir versprochen, dass es, wenn sie eines Tages nach Patagonien zieht, all ihre Bücher auch auf Italienisch geben wird! (lacht)
Sie leben beide schon lange im Ausland. Wie denken Sie über Ihre Heimat?
Leon: Ich verliess die USA vor 40 Jahren, als sie noch ein viel weltoffeneres Land waren. «Liberal» war damals kein Schimpfwort. Es herrschte nicht diese politische Geistlosigkeit, die ich heute bei vielen Politikern beobachte.
Bartoli: Für mich ist es schwierig, in Italien zu leben, aber es ist für mich unmöglich, ohne Italien zu leben. Vor 25 Jahren sang man als Opernsängerin in Italien nur Verdi und Puccini. Mit meiner Stimme und meinem Repertoire stand ich vor der Wahl, entweder den Beruf oder das Land zu wechseln. Ich reiste zum Vorsingen nach Zürich und merkte, dass mir die Schweiz eine tolle Plattform bot. Deshalb steht «mein Opernhaus» bis heute hier und nicht in Italien.