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Erwachsenwerden als Schauermärchen
“Valerie – Eine Woche voller Wunder” von Jaromil Jires
Wer sich auf Weihnachten vor allem wegen der jährlichen Fernsehausstrahlung von “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” freut, der weiss, dass das tschechische Kino der 60er und 70er die schönsten Märchenfilme der Zeit hervorbrachten. Auch “Valerie – Eine Woche voller Wunder” erinnert an die Märchenästhetik jener Zeit. Das schaurig-schöne Märchen über das sexuelle Erwachens einer jungen Frau richtet sich jedoch klar an ein erwachsenes Publikum.
Von Lukas Hunziker.
In den 60er Jahren genossen Filmschaffende in der damals noch kommunistischen Tschechoslowakei relative grosse Freiheiten, und die “Neue Tschechische Welle” brachte eine Reihe beachtlicher Filme und mit Milos Forman und Jaromil Jires zwei bekannte und einflussreiche Regisseure hervor. Letzterer schuf mit “Valerie – Eine Woche voller Wunder” einen der letzten Filme der Bewegung; mit der Aufhebung der Reformen des Prager Frühlings im August 1968 traten deutlich strengere Zensuren in Kraft und die experimentellen Filme der “Welle” machten konventionelleren Projekten, wie eben “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”, platz. “Valerie” schaffte es an der Zensur vorbei in die tschechischen Kinos sowie in einige internationale Wettbewerbe, blieb grundsätzlich jedoch wenig beachtet. Dies änderte sich jedoch mit der stetig wachsenden Fangemeinde, welche das surreale Märchen bald als Kultfilm zu feiern begann.
Die Handlung ist in ihrer Komplexität nur schwer zu beschreiben. Valerie ist ein 13-jähriges Mädchen, welches im Haus ihrer Grossmutter ein behütetes Leben führt. Mit ihrer ersten Menstruation beginnt sich die Welt um sie herum jedoch zu verändern. Nachdem Orlik, ein junger Musikant, ihr in der Nacht ihre Ohrringe stiehlt, sieht sich Valerie der Schattenseite der Erwachsenenwelt schutzlos ausgeliefert. Der Priester erscheint ihr plötzlich als lüsterner Vampir, der ihre Unschuld rauben will und mit dem ihre Grossmutter einen teuflischen Pakt eingeht, um ihre Jugend wiederzugewinnen. Orlik, der die Ohrringe im Auftrag des Vampirpriesters gestohlen hat, entpuppt sich jedoch als der einzige Freund, den Valerie in der veränderten Welt zu haben scheint. Durch ihn erhält sie ihre Ohrringe auch wieder zurück, und entdeckt, dass sie durch diese dem Tod entrinnen kann – und sterben wird Valerie auf ihrer skurrilen Traumodyssee mehr als nur einmal.
Das klingt ziemlich wild, und tatsächlich sucht man in “Valerie” eine lineare Handlung mit logischem Aufbau vergeblich. Der Film ist wohl am besten als ein Labyrinth an lose verbundenen Szenen zu verstehen, welche zusammen die Geschichte von Valeries sexuellem Erwachen zeigen. Die neue Welt, in welche Valerie mit dem Einsetzen der Menstruation eintritt, ist eine Welt voller Gefahren, aber auch einer Welt voller Reize, die das Mädchen mit Neugierde erkundet. Zwischendurch mag sie erschreckt aufschreien ob dem, was sie durch Schlüssellöcher hindurch beobachtet, doch die Woche in der Traumwelt ist ebenso Abenteuer wie Alptraum, und sogar der Vampir erscheint nicht immer als lüsternes Monster, sondern zuweilen auch als schöner, junger Mann.
“Valerie” ist jedoch nicht nur psychologisch interessant, sondern auch eine optische Augenweide. Der Wechsel zwischen Traum und Alptraum ist durch durchdachte und oft symbolische Bildkompositionen wiedergegeben und die starken Farbkontraste geben jeder Einstellung einen neuen Reiz. Auch die Filmmusik macht “Valerie” zu einem sinnlichen Erlebnis; der Soundtrack mit den Stücken des damals berühmten tschechischen Komponisten Lubos Fiser ist Teil des umfangreichen Bonusmaterials der DVD. Dass der Film nur in tschechischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln erhältlich ist, soll daher niemanden vom Kauf der DVD abhalten; “Valerie” ist optisch und akustisch mindestens genauso interessant wie seine Handlung.
Was “Valerie” stellenweise zum Erlebnis der leicht unangenehmen Art machen kann, ist die Tatsache, dass das 13-jährige Mädchen, welches auch von einer Schauspielerin dieses Alters gespielt wird, mehr Erotik versprüht als so manche volljährige Frau in pseudoerotischen Hollywoodstreifen. Immer wieder gewährt der Film Blicke auf Valeries nackten Körper, und dies in so schön gefilmten Bildern, dass es dem Zuschauer fast unmöglich ist, diesen Mädchenkörper nicht anziehend zu finden. Natürlich rechtfertigt die Handlung diese voyeuristische Darstellung – schliesslich geht es genau darum, dass ein Mädchen zu erkennen beginnt, welche Gefühle ihr neuer Körper in Männern auslöst. Gerade der männliche Zuschauer muss allerdings erst verdauen, dass der Film ihn auch zu einem jener Männer macht, die beim Anblick Valeries vergessen, dass diese eben noch ein Kind war.
Ein wirkliches Hindernis, sich von Valerie und ihrer Welt betören zu lassen, stellt die gewagte Erotik aber nicht dar, denn auch wenn zahlreiche amerikanische Mütterorganisationen und konservative Kritiker wohl anderer Meinung wären, so ist Valerie von Kinderpornographie weit, weit, weit entfernt. Man darf nicht vergessen: auch Rotkäppchen hat starke sexuelle Untertöne und kann als Allegorie für das mit der ersten Menstruation einsetzende Frau-werden gelesen werden.
Ausstattung der DVD
Wie schon erwähnt ist die Soundtrack-CD in der DVD inbegriffen. Doch damit nicht genug, auf der DVD ist eine 25minütige englische Dokumentation über den Film enthalten, welche sowohl die Romanvorlage von Vitezslav Nezval als auch Jires Film diskutiert und die Darsteller und Crewmitglieder vorstellt. Eine zweite Dokumentation, “Valerieholics”, lässt eingefleischte Valeriefans zu Wort kommen und von ihrer Faszination mit dem Film erzählen. Darunter ist auch ein Mitglieder der Band ESPERS, welcher die Idee hatte, einen alternativen Soundtrack zu “Valerie” entwerfen. Daraus entstand das Valerie Project, deren alternativer Score als zusätzliche Audispur auf der DVD enthalten ist. Eine weitere musikalische Auseinandersetzung mit “Valerie” der Band Broadcast ist als Musikvideo ebenfalls auf der DVD enthalten. Als letztes und nicht minder beachtenswertes Special gibt es ein 64seitiges Booklet zur DVD mit zahlreichen informativen Texten und Essays zum Film.
Zu verdanken haben wir wunderbar gestaltete und reich mit Bonusmaterial bestückte DVD übrigens dem Label “Bildstörung”, deren kleines aber feines Programm mit “Valerie” um einen weiteren beachtenswerten Titel bereichert wurde.
Seit dem 13. August 2010 im Handel.
Originaltitel: Valerie a týden divu (Tschechoslowakei 1970)
Regie: Jaromil Jires
Darsteller: Jaroslawa Schallerova, Helena Anyzova, Petr Kopriva
Genre: Surreales Märchen
Dauer: 73 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprache: Tschechisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono
Bonusmaterial: Separate Soundtrack-CD, Dokumentation “Waking Valerie”, Dokumentation “Valerieholics”, zusätzliche Audiospur mit der Filmmusik von The Valerie Project, Audiokommentar von Peter Hames & Daniel Bird, Musikclip zum Track “Valerie” von Broadcast, 64seitiges Booklet
Vertrieb: Praesens Film
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