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Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten
Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten
"Ich versuche so gut wie möglich das Leben zu führen, an das ich glaube." Circa ein Jahrzehnt bevor sich Hunter S. Thompson alias Gonzo die Flinte in den Mund legte, hatte dies auch schon die Ikone der Grunge-Generation Kurt Cobain getan. Ob letzterer ersteren dazu "inspiriert" hatte, bleibt hier zwar unbeantwortet, aber gemeinsam ist doch beiden der Slogan Neil Youngs "It’s better to burn out, than to fade away." Bei Gonzo liest sich das in der deutschen Übersetzung dann so: "Wer ist am Ende glücklicher: derjenige, der gelebt und den Stürmen des Lebens getrotzt hat - oder derjenige, der nur existiert hat und an Land geblieben ist." Im Pretext der vorliegenden deutschen Ausgabe der Gonzo-Briefe steht aber auch, dass Thompson das im Alter von 17 Jahren geschrieben hatte. Also vielleicht hat doch auch ersterer letzteren inspiriert? Im Vorwort schreibt William J. Kennedy, dass es vor allem Thompsons Lebensstil gewesen sei, der ihn inspiriert habe. "Chaos verbreiten, seine eigenen hochtrabenden Pläne untergraben; Selbstzerstörung kultivieren - als Schlüssel zum Erfolg; Kontakte auf Augenhöhe pflegen - mit der Komik des Verzweifelten; (…)." Thompson war sich seiner Bestimmung sicher, denn sonst wäre er deprimiert gewesen, sei er aber nie: "Es gibt immer die Post des nächsten Tages." Die Hoffnung auf den Briefträger soll schon so manchem anderen vereinsamten alten Mann das Leben gerettet haben.
Kalifornien als Sackgasse des Pioniergeists
Seine Underwood soll er wie einen Steinway-Flügel bearbeitet haben und ganze Passagen aus "The Great Gatsby" abgetippt haben, einfach nur um ein Gefühl für die Sprache und die Literatur zu bekommen. In seinen Briefen wollte er vor allem mit einem klaren Blick auf das Leben schauen. In ihnen stilisierte er sich zu einem Adam im Sinne R.W.B. Lewis: "ein auf sich selbst gestelltes und aus sich selbst heraus agierendes Individuum, bereit, sich mit allem und jedem auseinanderzusetzen kraft der eigenen, ganz speziellen und nur ihm selbst innewohnenden Ressourcen", so Douglas Brinkley, der Herausgeber der amerikanischen Ausgabe in seinem Vorwort. Zeit seines Lebens und literarischen Schaffens habe er nach dem Motto gelebt, dass "die beste Fiktion sehr viel wahrer als jede Art von Journalismus" sei, denn für Thompson war das Aneinanderreihen von Fakten dem Lügen gleichgestellt. Wenn Gonzo in eines seiner Themen eintauchte, dann stets wie ein Fisch im Wasser, um Maos Losung zu paraphrasieren: "Die Zerstörung Kaliforniens ist ein logischer Höhepunkt der Ausbreitung Richtung Wesen", soll er in der Haight Ashbury, dem damaligen Hippie- und Gegenkultur-Hauptquartier, geschrieben haben, "Der Redwood-Nationalpark, die Autobahnen, die Drogengesetzgebung, Rassenunruhen, Wasserverschmutzung, Smog, das Free Speech Movement und Reagan als Gouverneur (…) Kalifornien markiert in jeder Hinsicht das Ende der Idee Lincolns, Amerika sei 'die größte und letzte Hoffnung des Menschen'."
"Strände und vom Mond beschienene Nacktheit"
"Für jeden Moment des Triumphs, für jeden Augenblick von Schönheit müssen eine Menge Seelen zertrampelt werden", zitiert Thompson ein mongolisches Sprichwort in seinem Vorwort zu den Gonzo-Briefen und vielleicht hat er es deswegen bevorzugt, seinem Leben ein verfrühtes Ende zu setzen. Vielleicht wollte er aber auch einfach nicht mehr arbeiten, denn um das Geld zu verdienen, das er brauchte, um seinen Lebensstil zu finanzieren, reichte das Schreiben einfach nicht. "Arbeitslos, hol's der Teufel: Ich finde es großartig", schreibt er an Sally Williams, "Es gefällt mir, den Tag zu verschlafen und nichts zu tun zu haben, außer zu lesen, zu schreiben und ins Bett zu gehen, wann immer mir danach ist. Es gefällt mir, morgens aufzuwachen und mich auf der Stelle wieder hinzulegen, wenn das Wetter mies ist. Kurzum, ich bin in einer Situation, die kaum besser sein könnte: allerdings unter der Voraussetzung, genug Geld für Essen und Miete zu haben." Eigentlich bescheidene Bedürfnisse für einen Schriftsteller der es später im Text auch sehr poetisch formuliert: "Was ich bräuchte, sind Strände und Dunkelheit und vom Mond beschienene Nacktheit". Ja, das wäre wirklich jedem Menschen zu gönnen, nicht nur genialen Schriftstellern, die authentisch lebten und schrieben und in den vorliegenden Briefen auch ebenso authentisch rüberkommen. Danke an den Verlag, der diese persönlichen Einblicke in Hunter S. Thompsons Leben mit dieser Publikation möglich macht. "Doch Glück zu haben ist ein sehr schmaler Grat zwischen Überleben und Absturz - und es gibt nicht viele, die die Balance halten können" - Hunter S. Thompson am 20. August 2000 in Woody Creek, Colorado, fünf Jahre vor seinem Tod.