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Frau Kim, in der deutsch- und englischsprachigen Gegenwartsliteratur – sagen wir: seit etwa 20 Jahren – gibt es erstaunlich viele «Enkelromane», in denen sich Autorinnen und Autoren aufmachen, herauszufinden, ob und was ihre Grosseltern im Zweiten Weltkrieg verbrochen oder erlitten haben. Beobachten Sie in der koreanischen Literatur etwas Ähnliches im Hinblick auf den Koreakrieg?
Schon die Romane der 1950er und ’60er Jahre haben sich sehr stark mit dem Koreakrieg auseinandergesetzt. Aber das war damals zu früh, um ihn so richtig zu verstehen, was übrigens auch die koreanischen Geschichtswerke prägt: der Koreakonflikt wird immer nur aus einer koreanischen Perspektive geschildert und nicht aus einer globalen. Diese starke regionale Bezogenheit ist hinderlich, weil man den Koreakrieg wirklich nicht versteht, wenn man sich nur Nord- und Südkorea ansieht. Die USA und die Sowjetunion haben eine so unglaublich grosse Rolle gespielt, und überhaupt der Kalte Krieg, der Kommunismus, der Antikommunismus. Erst wenn man das alles weiss, begreift man das Ausmass und versteht, warum der Koreakrieg unweigerlich ausbrechen musste.
Sie waren zwei Jahre alt, als Ihre Familie 1979 aus Südkorea ausgewandert ist, erst nach Deutschland, dann nach Österreich. Lesen Sie in Koreanisch?
Ja, aber nicht sehr gut. Ich habe für «Die grosse Heimkehr» einige Übersetzungen gelesen, es gibt allerdings leider nicht so viele ins Deutsche. Und zum Teil sind sie auch nicht so gut – weil sie recht anthropologisch sind.
Was meinen Sie damit?
Übersetzungen, die mit kleinen «ethnologischen» Erklärungen angereichert sind, also warum «die» das jetzt «so» machen. Die englischen Übersetzungen, die auch literarischer sind, finde ich besser. Da habe ich einiges an Standardwerken der modernen koreanischen Literatur gelesen, aber als besonders spannend empfand ich die Geschichtswerke aus der jüngeren Vergangenheit: Sie beziehen die westliche und die östliche Welt mit ein, tun also, was die älteren Texte – egal, ob sie nun literarische oder historische Aufarbeitungen sind – kaum gemacht haben. Es wäre schön, wenn es diese «Enkelromane» mit einer erweiterten Perspektive jetzt vermehrt gäbe, ich zweifle aber, dass sie bald erscheinen werden.
Woran kann das liegen?
Es ist auch heute noch in der koreanischen Gesellschaft sehr schwierig, über die Kolonialzeit, den Koreakrieg und die Zeit der grössten antikommunistischen Verfolgungen offen zu sprechen. Die Traumata sind einfach zu gross und folgenschwer. Das gelingt nur, wenn man wirklich sehr gut miteinander befreundet ist – und auch nur hinter vorgehaltener Hand.
Ich habe das Buch gelesen und sehr viel gelernt, vor allem was die Geschichte Koreas angeht – ich war aber auch sehr froh, dass ich nicht bei null anfangen musste. Das wird nicht allen Lesern so gehen.
Ja, die Konstruktion ist anspruchsvoll, das war mir bewusst. Ich habe aber auch irrsinnig viel wieder gestrichen. Sonst wäre es ein 1000seitiger Roman geworden. Mich hätte das natürlich nicht gestört, aber… (lacht).
Wie haben Sie entschieden, welche Eckdaten Sie mitgeben und welche Sie weglassen?
Ich hatte ursprünglich noch viel mehr im Buch: den Imperialismus in Ostasien, weil der sehr wichtig ist, um die Kolonialpolitik Japans zu verstehen. Auch die Geschichte Chinas und die Rolle Grossbritanniens in China spielen eine wichtige Rolle – davon ist am Ende nur eine Zeile übriggeblieben. Auch der Antikommunismus in den USA und die Diskussionen um den Präsidentschaftswechsel fielen wieder heraus. Mir ist der Platz irgendwann ausgegangen. Also setze ich voraus, dass der Leser weiss, wie Schanghai aufgeteilt wurde, dass es aufgeteilt wurde, und was es mit dem Boxeraufstand auf sich hat. Doch ich wusste, ich muss die japanische Kolonialpolitik irgendwie hineinbringen – in Korea speziell –, damit man versteht: die politischen Strukturen, die damals angelegt wurden, haben die Amerikaner in der Übergangszeit 1945–1948 übernommen. Kurz gesagt: ich habe noch nie so stark aus der Warte des Publikums gedacht.
Erfolgte der Entscheid, die Geschichte der beiden Koreas kurz nach der Trennung an fiktionalen Figuren zu erzählen, auch in Rücksicht auf die Leserschaft?
Die ursprüngliche Frage für mich lautete: Wie schreibe ich über Geschichte? Oder: wie stelle ich historische Ereignisse dar? Ich denke, es gibt, grob gesagt, zwei Methoden: die der reinen Beschreibung, der Deskription, und die der Reflexion. In diesem Fall griff mir die Deskription einfach zu kurz – und kam mir auch sehr platt vor. Meiner Meinung nach reicht es nicht, Ereignisse aneinanderzufügen, wenn man über Geschichte schreibt. Deshalb habe ich die Figur des Yunho auch so angelegt, dass er die ganze Geschichte aus einer grossen zeitlichen Distanz erzählt. Er reflektiert am Ende seines Lebens über das, was er als junger Mann erlebt hat.
Mit Hanna, einer koreanischstämmigen Deutschen, kommt aber eine zusätzliche Ebene hinein: Yunho erzählt, Hanna hört zu. Gehört das auch zur Methode?
Ich fand es sehr interessant, zwei Menschen, zwei Fremde, einander auf diese Weise begegnen zu lassen, wobei ich ganz klar definiere, wer zuhört und wer spricht. Meine Mutter hat mir oft die Geschichte ihrer Familie erzählt mit dem Hintergedanken, dass ich auf diese Weise auch etwas über mich erfahre. Ich finde das extrem spannend und habe deshalb die Beziehung von zwei Aussenseitern der Gesellschaft dargestellt: Hanna, die glaubt, keine Heimat zu haben, aber eigentlich eine hat, und Yunho, der offiziell eine Heimat hat, aber von den Menschen dort ausgestossen, ja sogar eine Zeit lang von ihnen verfolgt wurde. Deswegen erklärt Yunho auch so viel, nicht nur der Zuhörerin, von der er annimmt, dass sie nichts weiss, sondern auch sich selbst, der eigentlich auch nicht alles weiss, nicht alles versteht.
Ist die Geschichte Ihrer Mutter ebenfalls mit in den Roman eingegangen?
Zum Teil, ja, aber auch mein Onkel, der noch immer in Südkorea lebt, hat mir viel aus der Zeit erzählt. Er ist ungefähr so alt wie Yunho. Es ist sehr viel Erzähltes und sehr viel Persönliches an Familiengeschichte eingeflossen.
Konkreter?
Die Familie meiner Mutter war sehr vermögend, deswegen auch Ziel der Kommunisten, der Volksarmee. Die Passage, in der auf allen Möbeln die Zettel mit «enteignet» aufgeklebt sind, hat mir meine Mutter erzählt. Oder dass die gesamte Bibliothek meines Grossvaters zerstört wurde. Das kommt in Geschichtsbüchern nicht vor, sehr wohl aber die Information, dass die Volksarmee eigentlich auch eine politische Aufgabe hatte, nämlich das Volk ideologisch auszubilden. Und diese zwei Fakten ergänzen einander: dass sie das alte Wissen zerstörten, um ein neues aufzubauen. Es ist interessant, beide Gesichtspunkte zu haben – die informelle und die formelle Geschichte.
Es gibt die Stelle, an der Yunho etwas entschuldigend meint: «Sie müssen verstehen, ich bin mit der Illusion aufgewachsen, es gebe [die Wahrheit] und es gebe bloss eine.» Gilt diese Verabschiedung der Wahrheiten spezifisch für Geschichtsschreibung?
Ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine vollständige Geschichtsschreibung überhaupt geben kann. Ich habe auch ein Buch über die Folgen des Jugoslawienkriegs geschrieben, und da wurde erst diesen Sommer das Urteil vom Schiedsgericht verkündet, dass ein Teil der Küste, den Kroatien bisher besetzt hatte, an Slowenien gehen soll – was wiederum alte Konflikte hervorzurufen droht. Geschichte verändert sich ständig. Das müsste man berücksichtigen, wenn man Geschichtsschreibung betreibt: anzuerkennen, dass man in einer Zeit – in der Gegenwart – gefangen ist und viele Dinge auch einfach nicht oder noch nicht weiss, weil sie noch in den Archiven verschlossen sind. Das Problem stellte sich übrigens auch bei diesem Buch: die russischen Archive sind verschlossen, ebenso die südkoreanischen, japanischen und amerikanischen. Wenn man sie alle öffnet, wer weiss, was dann ans Licht kommt! Man müsste wohl sämtliche Bücher neu schreiben.
Das beträfe dann aber auch Ihr eigenes Buch.
Ja, natürlich!
Was also leisten Archive? Worin besteht ihre Auszeichnung vor anderen Quellen?
Hm! Das ist eine gute Frage. Einerseits übernehmen sie das Bewahren von Wissen für die zukünftigen Generationen. Andererseits sind sie auch Dokumentationsstätten. Sie dokumentieren rechtliche Prozesse und archivieren politische Dokumente. Sie sind nicht zuletzt gefährlich: wenn man sie öffnet, präsentiert sich womöglich eine Wahrheit, die man zu verschleiern versuchte. Mich haben Archive schon immer interessiert – weil sie gebraucht werden, aber auch gefürchtet sind.
Zurück zu Ihrem Roman «Die grosse Heimkehr». Wir haben vorhin gesagt, man müsse Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven beschreiben – Sie tun dies durch die drei Freunde Eve, Johnny und Yunho, die sich um 1960 in Seoul aufhalten. Eve ist das «amerikanische Klischee einer Koreanerin», die sich nur am Westen orientiert und ihren Liebhaber Johnny tauft. Dieser wiederum ist der Kindheitsfreund von Yunho. Und Yunho ist durch seinen grossen Bruder für die Interessen der kommunistischen Seite offen. Sie schildern diese Zeit sehr detailreich und es scheint: die Aufteilung in das «gute» Südkorea und das «schreckliche» Regime im Norden war nicht immer so eindeutig?
Ich ärgere mich oft, dass in der Nordkorea-Berichterstattung bei uns im Westen die Geschichte immer so verkürzt dargestellt wird. Es stimmt: das nordkoreanische Regime ist ein furchtbares Regime, und es wird auch immer klarer, wie furchtbar es ist. Aber ich finde auch, man sollte wissen, wie es dazu kam. Und es war wirklich so, dass nicht immer klar war, welche Seite eigentlich die «gute» ist. In den 1950er und ’60er Jahren sah es eher so aus, als wäre die kommunistische Seite die bessere, da Nordkorea damals das bessere Image hatte. Im «Spiegel» zum Beispiel…