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Hochbegabung - was ist das eigentlich? Ein Modethema? Nein. Amerikanische Wissenschaftler befassten sich bereits in den zwanziger Jahren mit dem Phänomen. 40 Jahre später interessierten sich auch US-Politiker für das Thema, nachdem ihnen die Russen mit dem Sputnik, dem ersten Weltraumsatelliten, den Rang abgelaufen hatten. «Was die können, können wir schon lange», sagte man im Kongress in Washington und sprach sich in der Folge für Programme zur Hochbegabtenförderung aus.
Bis Hochbegabte hierzulande zum Thema wurden, dauerte es noch ein paar Jahrzehnte. Heute richtet sich das Augenmerk vor allem auf die hochbegabten Kinder, die Lehrerschaft und Eltern das Leben schwermachen. Sie seien unterfordert und würden darum den Schulunterricht stören, liest man etwa. Am Elternabend erzählt man sich, sie könnten zwar schon früh grammatikalisch richtig sprechen, seien sehr musikalisch, würden aber kaum schlafen und in der Schule trotz hoher Intelligenz nur schwache Leistungen zeigen. Dies führe dazu, dass sie sozial isoliert und psychisch instabil seien. Das sind Vorurteile - in den meisten Fällen treffen sie gar nicht oder nur teilweise zu.
Tatsache ist, dass heute viele Kinder bereits im Kindergarten lesen, schreiben und rechnen können. Und wenn sich diese dann später in der Schule langweilen, ist das meist kein Indiz für Hochbegabung, sondern ein Zeichen für schlechten Unterricht. Nichts als dummes Geschwätz ist die Behauptung, dass Hochbegabte durchs Band sozial auffällig und psychisch instabil seien. Unzählige Untersuchungen zeigen, dass das nicht stimmt. Hochbegabte Kinder unterscheiden sich in ihrem Verhalten und in ihrer Persönlichkeit oft nicht stark von ihren normalbegabten Altersgenossen.
Unter Hochbegabung versteht man das Potential für herausragende Leistungen. Meist wird der Begriff mit hoher Intelligenz und einem Intelligenzquotienten (IQ) ab 130 aufwärts gleichgesetzt. Doch der IQ ist nicht das Mass aller Dinge. Hochbegabung kann in mindestens sieben Formen zutage treten: in musikalischen, sprachlichen, logisch-mathematischen, psychomotorischen, sozialen und emotionalen Bereichen oder im räumlichen Denken. Keine dieser Hochbegabungen führt automatisch zu herausragenden Leistungen. Und wenn sie nicht richtig eingeschätzt werden, können sie auch zur Last werden. Sogenannte Underachiever - auf Deutsch Minderleister - fallen statt mit Talent mit störendem Verhalten auf, weil sie ihre Veranlagung nicht ausleben können. Das passiert jedoch nur bei 15 bis 20 Prozent der Hochbegabten. Die Gefahr: Während sich Eltern und Pädagogen auf die Probleme konzentrieren, verkümmert das Potential.
Viele hochbegabte Kinder brauchen aber keine spezielle Förderung. Sie benötigen weder sonderpädagogische Massnahmen, noch müssen sie ständig ins Museum oder an Uni-Veranstaltungen geschickt werden. Was ihnen in erster Linie hilft, ist die Förderung aller Sinne, also eine anregende Umgebung und Spielkameraden. Wenn sich das Kind darüber hinaus in der Familie und in der Schule wohl fühlt, kann sich seine Einzigartigkeit bestens entfalten. Auch hochbegabte Kinder sind nämlich vor allem Kinder - so wie alle anderen auch.
Stärke äussert sich häufig durch Schwäche
Hochbegabte Kinder sind nicht identisch mit Klassenbesten. Weit häufiger fallen sie durch Schulversagen oder Aggressivität auf. Mädchen geben sich angepasst bis unterwürfig, was oft in psychosomatischen Störungen zum Ausdruck kommt.
Während der Intelligenzquotient lange Zeit als Mass aller Dinge galt, bewerten Fachleute heute bei Abklärungen das gesamte Potenzial. Das Modell der drei Ringe des amerikanischen Wissenschaftlers Joseph Renzulli beispielsweise stützt sich ab auf Persönlichkeitsfaktoren wie überdurchschnittliche Fähigkeiten, Kreativität und Motivation. Der amerikanische Psychologieprofessor Howard Gardner unterscheidet gar zwischen neun verschiedenen Intelligenzen wie etwa der sprachlichen, der musikalischen oder der logisch-mathematischen.
Gemäss Statistik sitzen in der Primarschule im Schnitt zwei Prozent hochbegabte Kinder mit einem IQ von 130 und mehr. Jedes vierte weist ein psychologisch auffälliges Verhalten auf. Zudem sind 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen generell zu höheren Leistungen fähig, als der Lehrplan es vorsieht.