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Elsy Böni-Häberlin
Chäs
Elsy Böni-Häberlin lebte zusammen mit ihrem Ehemann, Pfarrer Josef Böni, in Trogen. Im Typoskript Liebes altes Trogen beschreibt sie das Dorfleben der Jahre 1935 bis 1960. Ernst Zellweger (1875–1965) war ein Urenkel von Anna Barbara und Landammann Jakob Zellweger-Zuberbühler im Rathaus Trogen.
Eine im Dorfbild nicht zu übersehende Figur war Ernst Zellweger, genannt ‹Chäs›. Aus dem berühmten Geschlecht der Zellweger stammend, war er nicht mehr auf der Sonnenseite geboren worden und die Natur hatte ihn auch nicht besonders begünstigt. Er war klein, etwas verwachsen, sehr schwerhörig, hatte einen schleppenden Gang und eine brummelige Sprache, die man fast nicht verstand, was ihn aber nicht hinderte, sich selbständig durchs Leben zu schlagen. Sein tägliches Brot verdiente er sich mit Hausieren, wobei er stets die neuesten Artikel lancierte, zur Zeit der Verdunkelung Hüllen für Glühlampen, wenn Brennstoffknappheit herrschte kleine Apparate, um Papierbriketts herzustellen, vor Weihnachten Kärtchen, Anhängeschildchen, Engel für Tischdekorationen, farbige Bändeli, Kerzenhalter modernster Fabrikation, Biscuits. Seine grossen Tage waren die Jahrmärkte, wo er immer einen Stand hatte und alles Mögliche und Unmögliche an den Mann, auch an den Pfarrer brachte wie z. B. Enveloppen, deren Grossteil schon zugeklebt war. Mit seinen schlauen Äuglein war er der geborene Geschäftsmann, der mit den Kantonsschülern einen regen Handel trieb und alles ankaufte, was man ihm anbot, wie etwa eine Kastentüre, die so ein Lausbub in seiner Pension ausgehängt hatte und beim ‹Chäs› versilberte, als er in Geldnot war. Ernst belieh auch solch ein Objekt, wohl wissend, dass, wenn nicht der Bursche, so doch sicher die Pensionsmutter das Stück wieder auslösen würde. In seiner Redlichkeit war er überall beliebt und geachtet. Seine Nachbarn nahmen ihm liebevoll viele der kleinen und grossen Sorgen ab, die ihm sein Junggesellenhaushalt und sein Alter in dem prächtigen Appenzellerhaus auf dem Berg bereiteten. Zu seinem 90. Geburtstag erhielt Ernst so viele Geschenke, dass er nur auf dem Wege eines Inserates in der Appenzeller Landeszeitung für alles danken konnte.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 558.
Erstpublikation: Elsy Böni-Häberlin: Liebes altes Trogen. Kleine Geschichten aus der Amtszeit 1935–1960 von Pfarrer Josef Böni. Typoskript. Bern, 1978. S. 23.