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Vor der Reise
von Doris Wirth
Liebe Mama, würde sie vielleicht schreiben, sie musste einen Brief schreiben, vorher, man wusste ja nie. Liebe Mama, bitte erzähl dem Kind, das ich gehabt hätte, wenn ich zehn Jahre älter geworden wäre, erzähl dem Kind, das bestimmt Locken gehabt hätte, von seiner Mutter, wie sie damals war. Erzähl ihm wollte sie wirklich so ihre Mutter trösten? Lea rieb sich ihre juckende Nase und schrieb den imaginären Brief weiter. Sie wollte hören, dass sie schön war, ausserordentlich witzig und intelligent. Wenigstens vor ihrem Kind, das nicht geboren sein und keine Möglichkeit zur Überprüfung haben würde, wollte sie gelobt werden für ihren erfinderischen Geist und ihr skeptisches Wesen. Eine Legende wollte sie ihm sein und tänzerisch in seinem Kopf herumschweben.
Die Häuser kamen Lea heute farbiger vor als sonst. Sie rügte sich für ihre Selbstsucht und lachte: sie war drauf und dran, sich ein Denkmal zu errichten. Wenigstens zuletzt ein wenig Einfluss haben darauf, was die andern über sie dachten. Lea trat in die Pedalen und fühlte den Fahrtwind auf ihrer Stirn. Bevor Lea ihre eigene Beerdigungsrede entwarf, was sie liebend gern getan hätte, erreichte sie die Haustür einer Freundin, die mit einem brummenden Summton aufsprang.
Sie klickte zweimal auf die Playlist und schrieb seinen Namen in das blaue Feld: Michail. Der Regen fiel in dünnen Fäden vor dem Fenster, ohne dass er die Scheibe berührte. Sie zog Lied um Lied in seinen Ordner. Beinahe wahllos. Alles war so schön, alles wollte sie ihm zeigen, mitbringen, egal, ob er es schon kannte. Das schweizerdeutsche Lied würde sie ihm übersetzen: Du, wod gärn an Himmel ufeleuegsch, du, wod gärn d`Schtärne zelsch, du, wod troimsch vonere andere Wält, vonere Wält, wos naniene git. Stockend sprach Lea den Text auf englisch vor sich hin und lächelte zwischen den einzelnen Zeilen. Ob ihn das Lied überhaupt interessierte? Vielleicht würde er die CD irgendwann einlegen, wenn sie längst wieder weg war. Er würde den Vorhang ziehen oder vielleicht besass er Rolläden, und wenn Jonny Cash die ersten Akkorde auf seiner Gitarre anschlug, würde er, bevor seine Hände sich in dunklen Locken verfangen und weisser Haut entlang streichen würden, einen winzigen Moment lang an sie denken.
Im Zug ruckelte es leicht, Lea nahm den Finger zu Hilfe, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Vor dem Fenster zogen die grünen Wiesen und Felder von Leas Kindheit vorüber, aber Lea las und sah das Meer vor sich und die Insel und den jungen Fischer. Würde der Zug doch ewig weiterfahren, Lea würde sitzen bleiben und vom leichten Rütteln des Zuges übers Wasser getragen werden. Lea sah kurz auf und über dem Buchrand sah sie zwei Knie, die in Jeans steckten. Lea folgte dem Stoff und stiess auf zwei Hände, die ein Buch hielten, Männerhände, wohlgeformt. Über den Händen ein jungenhaftes Gesicht, und der Blick, gar nicht jungenhaft, blieb kurz in Leas Augen hängen. Wenn er ein Fremder wäre, dachte Lea, ein Amerikaner oder so und sie sah schon seine Hände, bei der nächsten Station würden sie wie zufällig beide aussteigen. Lea las weiter und der junge Fischer am Meer hatte das Jungengesicht und dessen Hände, als er die Netze ausbreitete und die Fische sorgfältig verlas. Der Einband von dem Buch, das der Mann gegenüber las, war auch blau, und manchmal streiften sie sich kurz mit den Augen. Auf dem Einband stand “Frisch”, der Mann war also kein Fremder, als er ausstieg, sagte er “einen schönen Abend” und Lea sagte nichts und versuchte auf dem Bahnsteig, auf gleicher Höhe zu bleiben. Sie schaftte es bis zum Ende des Bahnsteigs aber da bog er ab und bewegte sich auf einen Ticketautomat zu, ohne sich noch einmal umzudrehen. Lea holte ihr Rad und ging ziellos zwischen den Reisenden in der Bahnhofshalle umher. Der Fischer war verschwunden.
Vielleicht war ja noch alles möglich, dachte Lea, als sie nach Hause fuhr. Vielleicht würde sie, wenn sie die Reise überlebte, irgendwann einen Mann treffen, der blaue Bücher las oder malte, und zusammen würden sie Stunden damit verbringen, Worte und Sätze zu finden. Vielleicht, dachte Lea, würde ihr, wenn sie die Reise nicht überlebte, erspart bleiben, was kam: ein unbefiedigender Job, eine halbherzige Beziehung, ein Kind ohne Vater oder gar nur ein Hund. Oder noch schlimmer: Regenjacken im Partnerlook, ein Auto, um die Kinder ins Training zu fahren und ein Doppelbett mit Bettwäsche aus dem Sonderangebot.
Der Regen tropfte von den Blättern des Baumes in den Hof. Lea zupfte Pfefferminzblättchen in den Salat und stellte sich Michails Mutter vor. Sie schaute ihr über die Schulter und sagte: this girl knows how to cook. Sie lobte ihre eingeübten Handgriffe, Lea musterte die herumstehenden leeren Verpackungen und räumte sie schnell beiseite. Ob Michails Mutter langes, schwarzes Haar hatte? Ein geblümtes Kleid? Sollte Lea vielleicht das Kochbuch einpacken? Ohne Buch war sie aufgeschmissen. Vielleicht würde die Pfefferminze im Salat ihn später an sie erinnern.
Sie würde irgendwo in der brütenden Hitze liegen und sich, leichte Schweissperlen auf der Haut, zu ihm umdrehen. Oder sie würde am Fenster stehen und auf die sonnenbeschienene Teerstrasse schauen und den Blick ins Weite schweifen lassen. I miss the sound of the rain, würde sie zu ihm sagen.
Sie streckte sich im Bett und musste sofort wieder an ihre Gedanken vor dem Einschlafen denken. Natürlich hatte sie sich ihre Beerdigung schon hundertmal ausgemalt, in ihrer Jugend, auf dem trostlosen Balkon mit den vollen Wäschekörben stehend. Natürlich hatte sie an die Tränen der Leute gedacht, wer würde alles kommen und wie traurig wäre das. Aber heute dachte Lea zum ersten Mal darüber nach, wo das ganze stattfinden und wer die Predigt halten würde. Lea kam zu dem ernüchternden Schluss, dass ihre Eltern sich wohl für die Kirche in dem Dorf entscheiden würden, wo sie aufgewachsen war. Würden ihre Freunde den Weg in das Dorf auf sich nehmen? War das die Strafe für ihren Tod, dass die Freunde den Weg zurückverfolgen mussten bis hin in die miefige Enge einer kleinen Kirche, mit der sie nichts verband? Würden die Frauen vom Basketballverein, die sie Jahre nicht gesehen hatte, ihren Eltern kondolieren und einen Kranz spenden? Lea stellte sich Paul vor, Paul der mehr von ihr wusste als das ganze Dorf zusammen, wie er still in einer Ecke sitzen würde und den Worten des Pfarrers lauschen müsste, der feierlich Leas lebhafte Art und ihr interessiertes Wesen hervorheben würde sowie an ihr Engangement für die Kirche in ihrer Jugend erinnern. Paul, dem Atheisten, würde sich der Magen umdrehen und im Leben nicht würde er ein Sterbenswörtchen über seine Lea verraten, keinen feinen Gedanken würde er der Menge preisgeben, den dicken Verwandten und den flüchtigen Bekannten, die beim Leichenmahl das gute Essen loben würden.
Lea wünschte sich, ihre Freunde, die sich untereinander kaum kannten, würden sich zusammentun und mit einer Flasche Vodka auf dem Wiesenbord am Fluss still ihren Abschied feiern. Vielleicht würden sie lachend einige Anekdoten über Lea austauschen oder traurig auf das Wasser starren. Vielleicht würden sie sich aber auch über ihre Seminararbeiten unterhalten oder über den neusten Film von Lars von Trier.
Lea schluckte. An einer Beerdigung von einer Bekannten hatte der Freund beinahe poetisch über die Aktivitäten der Verstorbenen berichtet: Skifahren im geliebten Ferienhaus, Schwimmen im Atlantik und die Liebe zum Wasser, Sternenaugen unter dem Sternenhimmel beim Segeln. Welche Hobbies würde man von Lea aufzählen können? Oder sollte Paul die jüngsten Titel der Bücher nennen, die sie gelesen hatte, der Seminararbeiten, die sie geschrieben hatte? Lea knabberte auf ihren Lippen herum. Sie würde jedem ein Zettelchen geben, wenn sie könnte. Und jeder durfte eine kleine Erinnerung, einen Eindruck, eine Eigenschaft aufzählen. Daraus würde sich das komplexe, schillernde Lea-Mosaik ergeben.
Leas Augen waren vom Schlaf aufgeschwollen. Morgens sah sie ein klein wenig asiatisch aus, Mongolin vielleicht, Lea liebte ihr Morgengesicht. Würde Michail sie je so verschlafen sehen? Würde sie ihm zublinzeln, warm noch unter der Decke? Lea streckte sich und betrachtete ihre Brüste. Wenn sie sich streckte, hoben sich die Brustwarzen und blickten erwartungsvoll ins Spiegelbild. Vielleicht würde sie in einem Gästebett liegen, unter einem Bild von Miro oder schlimmer noch: einem Katzenkalender.
Vielleicht würde es ohnehin ganz fürchterlich werden. Michail sich als endlos quasselnd entpuppen und sie täglich durch irgendwelche langweiligen Museen schleifen. Oder den Mund kaum aufkriegen und immer nett nicken, wenn sie was vorschlug. Vielleicht musste sie alle seine Freunde kennenlernen, die strahlend und mit festem Händedruck “Nice to meet you” sagen würden und “How is Switzerland?”, um dann sofort wieder ins Hebräische zu welchseln. Freunde mit viel Haargel und Goldkettchen und Freundinnen mit tiefsitzenden Jeans und langem, dunklen Haar. Und er, eines dieser Mädchen im Arm, Ella würde sie heissen oder Adah, würde sie am Bahnhof abholen, Adah, this is Lea, the crazy swiss girl I told you about.
Vielleicht sollte sie doch besser ihr Zimmer aufräumen. Lea starrte auf den Wäschesack und auf die farbigen Klamotten, die auf dem Laminat zu spriessen schienen. Ihr Vater würde sich vielleicht kurz ärgern, sie hatten doch den Kindern beigebracht, die Zimmer ordentlich zu hinterlassen vor längerer Abwesenheit. Die Mutter würde sich unter leichtem Stöhnen bücken und der Bauch würde ihr leicht über die Hose quillen, wenn sie den Sack mit der schmutzigen Wäsche aufhob. Ohne zu wissen, wozu, würde sie die Ikeatasche mit den heimatlos gewordenen Kleidern in den Kofferraum des Toyotas werfen und ihn im alten Haus das Treppenhaus hinhunter tragen. Die Treppe würde leicht knarren unter dem Gewicht ihres Körpers. In der Waschküche, wo es immer leicht modrig roch und wo sich Lea als Kind zwischen den Laken versteckt hatte, würde die Mutter Stück für Stück in die Maschine werfen, nach Farben getrennt. Beim Aufhängen würde sie den roten Pullover oder das gepunktete T-Shirt mit ausgestreckten Armen vor sich hin halten und an den Körper denken müssen, der dem nassen Stoff keine Form mehr geben konnte. An das Stück Haut, das nicht mehr ungewollt unter dem Stoff hervorrutschte. An das Gesicht, das nicht mehr mit der roten Farbe um die Wette leuchtete. Und bevor die Tränen aus ihr rausbrechen und sie zu jeder weiteren Bewegung unfähig machen würden, würde die Mutter den Pulli auswringen und schütteln, schütteln mit einer solchen Kraft, als ob sie nie mehr damit aufhören wollen würde.
Das Wasser war warm auf ihrer Haut. Lea sah das Meer vor sich und hielt ihren Nacken unter die Brause. Das Wasser breitete sich vom Nacken aus langsam über den Rücken aus und Lea erinnerte sich, dass er haselnussbraune Augen hatte. How can you tell, würde sie sagen, du kennst mich ja kaum. How can you tell, sagte Lea laut in den Dampf des Badezimmers hinein und lächelte den haselnussbraunen Augen zu.
Im Koffer lag Max Frisch, Max Fresh würde er auf englisch heissen, “I`m not Stiller”. Sie wusste nicht, ob er es schon kannte, aber Frisch durfte kaum zu der Pflichtlektüre in Israel gehören. Sie zog den Koffer über den glatten Asphalt, der Griff vibirerte leicht in ihrer Hand. Der Regen hatte aufgehört, sie fühlte einen lauen Sommerwind auf ihren Armen. Die Verkäuferin im Buchladen hatte ihr zugeblinzelt. Vielleicht hatte sie sie für lesbisch gehalten. Lea zog den Koffer über die Strasse und summte vor sich hin. They all think I`m lesbian because of my short hair, würde sie sagen. Let me try, würde er sagen und Lea schloss die Augen, mitten auf der Strasse.
Die Leitungsmasten bildeten einen Wald, ein Gewirr vor dem roten Abendhimmel am Ende der Abfahrtshalle. Lea verstaute ihren Koffer unter dem Sitz und sah, wie eine winkende alte Frau auf dem Bahnsteig kleiner und kleiner wurde. Nach dem Tunnel fuhren sie an der steilen Wiese vorbei, wo die grossen Steine zu Wörtern angeordnet waren. “Auf Wiedersehen”, würde Lea schreiben, wenn sie nochmal aussteigen könnte. “Auf Wiedersehen” in lebensgrossen Buchstaben. Und sich mit staubigen Händen, die noch Abdrücke und Schwielen von den schweren Steinen tragen würden, wieder in den fahrenden Zug setzen.
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