Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03631.jsonl.gz/431

Gentech-Blockade kostet Menschenleben
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit jedes Jahr bis zu 500'000 Kinder aufgrund von Vitamin-A-Mangel erblinden. Rund die Hälfte von ihnen sterben innerhalb von zwölf Monaten nach der Erblindung. Dieses Elend könnte längst gelindert werden.
Mittwoch, 20. September 2023
Bereits 2014 kam eine Studie im Fachmagazin «Environment and Development Economics» zum Schluss, dass die Verhinderung von Golden Rice bis dahin 1,4 Millionen Lebensjahre gekostet hat. Golden Rice bietet eine billige, alltägliche Nahrungsquelle, die den Vitamin-A-Mangel in armen Ländern beheben könnte. Der Reis wurde mittels Gentechnik so modifiziert, dass er die Synthese von Beta-Carotin, der Vorstufe von Vitamin A, fördert. Seinen Namen erhielt der Reis wegen seiner charakteristischen gelben Farbtönung der Reiskörner. Erschaffen wurde der Golden Rice bereits vor 20 Jahren von Professor Ingo Potrykus, der dannzumal an der ETH Zürich wirkte.
Erbitterte Gegenkampagne
Trotz seiner positiven Eigenschaften in den ärmsten Bevölkerungsschichten, wo vielfach ein bis zwei Schalen Reis pro Tag die einzige Nahrungsquelle darstellen und Fehlernährungen buchstäblich an der Tagesordnung sind, hatte der Golden Rice bis jetzt einen schweren Stand. Letztes Jahr gab es auf den Philippinen Hoffnung, dass dieser Widerstand endlich überwunden ist. Dort durften Landwirte den Goldenen Reis anbauen und eine erste Ernte von knapp 70 Tonnen einfahren. Es war eine Weltpremiere. Nun hat jedoch der Oberste Gerichtshof der Philippinen den Anbau erneut gestoppt. Der Antrag dazu kam von Greenpeace und einem lokalen Verband namens Masipag. Im Frühling 2023 entschied das Gericht, dass der Goldene Reis erst zugelassen werde, wenn geklärt ist, dass er gesundheitlich unbedenklich ist.
Die Wissenschaft steht hinter Gentechnik
Dabei wird diese Reissorte bereits seit Jahren und auf Basis langjähriger Studien als sicher eingestuft. Wie der «Nebelspalter» berichtet riefen bereits 2016 über 100 Nobelpreisträger in einem offenen Brief Greenpeace auf, vom Kampf gegen Gentechnik und insbesondere gegen den Goldenen Reis abzulassen. Die Organisation wurde aufgefordert, «die Erkenntnisse zuverlässiger wissenschaftlicher Einrichtungen» anzuerkennen. Diese hätten «wiederholt und stimmig» aufgezeigt, dass Gentech-Nahrungsmittel mindestens so sicher sind wie diejenigen aus anderen Produktionsabläufen. «Wie viele Menschen müssen sterben, bevor wir von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgehen?», hiess es im Brief. Ob und wann der Goldene Reis nun wachsen kann – ob auf den Philippinen oder anderswo – ist nach dem Gerichtsurteil unklar.
Forschende lassen sich nicht entmutigen
Eine ausgewogene Ernährung deckt den menschlichen Bedarf an verschiedenen Mikronährstoffen. Tatsache ist, dass in weiten Teilen der Welt bereits der Zugang zu Grundnahrungsmitteln sehr beschränkt ist. Für sie ist eine ausgewogene Ernährung ein unerreichbarer Luxus. Umso wichtiger, dass Mangelernährung durch fehlende Mikronährstoffe eingedämmt werden kann. Gentechnik bietet hier grosse Chancen. In Westafrika wird ein Teil des Eisen- und Zinkbedarfs durch das Grundnahrungsmittel Maniok gedeckt. Allerdings nur unzureichend. Eine Forschungsgruppe des Donald Danforth Plant Science Center in St. Louis, USA, konnte mittels Gentechnik die enthaltene Eisenkonzentration um das Drei- bis Siebenfache vergrössern. Navreet Bhullar, Dozentin am Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ETH verbessert Nahrungspflanzen hinsichtlich ihres Gehalts an Mikronährstoffen. Bhullars Team hat transgene Reissorten entwickelt, die in ihren Körnern nicht nur Eisen und Zink anreichern, sondern auch Beta-Karotin als Vorstufe von Vitamin A erzeugen. Mit ihrem Multinährstoffreis ist die Forschungsgruppe führend. «Wir haben ihn mit klassischer Gentechnik entwickelt, weil das mit konventioneller Züchtung nicht möglich ist», erklärt die Biotechnologin. Mit Crispr/Cas hat Bhullar bisher noch nicht gearbeitet. Sie sieht jedoch gerade in der Kombination von Merkmalen wie Dürretoleranz, Schädlingsresistenz und Mikronährstoffen grosses Potenzial für eine nachhaltige Landwirtschaft, die auch globale Ernährungsprobleme lösen kann. Genau solche Innovationen können einen wichtigen Teil der weltweiten Mangelernährung in Zukunft beheben. Darum sind diese Forschenden weiterhin überzeugt, dass Gentechnik einen Segen für die Menschheit darstellt.
Ähnliche Artikel
Um die wachsende Weltbevölkerung mit gesunder und nachhaltig produzierter Nahrung versorgen zu können, sind wir auf optimierte Lebensmittel angewiesen. Diese werden von Konsumentinnen und Konsumenten jedoch als «künstlich» – und damit «unnatürlich» – wahrgenommen. Und Natürlichkeit wird bevorzugt. Doch sind vermeintlich «natürliche» Produkte auch gesünder und nachhaltiger? Drei Referate gingen am Swiss-Food Talk der Optimierung von Lebensmitteln auf den Grund.
Kein europäisches Land meldet pro Kopf mehr Patente an als die Schweiz. Patentschutz ist eine zwingende Voraussetzung für Forschung und Entwicklung, ein Fundament der Schweizer Wohlfahrt.
Biotechnologisch gezüchtete Pflanzen werden seit rund 25 Jahren in vielen Teilen der Erde angebaut. Mehrere Publikationen belegen den grossen Nutzen der Biotechnologie in der Landwirtschaft. Der Anbau der Pflanzen wirkt sich positiv auf die Umwelt, das Klima und die Erträge von Bauern aus.
Die EU-Kommission hat entschieden, sich der Beurteilung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit anzuschliessen, die keine kritischen Problembereiche bezüglich der Auswirkungen von Glyphosat auf die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier feststellen konnte. Der wissenschaftsbasierte Entscheid der EU-Kommission für eine Zulassungsverlängerung um weitere 10 Jahre ist auch eine Absage an die Angstkampagnen von Greenpeace und Co.
In der Schweiz breiten sich immer mehr invasive Schädlinge aus. Das jüngste Beispiel ist die Asiatische Hornisse, die eine grosse Gefahr für die einheimische Honigbiene darstellt. Aber auch andere invasive Arten bedrohen Landwirtschaft und Biodiversität. Die Bekämpfungsmassnahmen sind vielfältig. Doch Pestizide (Pflanzenschutzmittel und Biozide) bleiben ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Schädlinge.
Greenpeace kämpft seit Jahrzehnten erbittert gegen die grüne Gentechnik. «SWR Wissen» ging der Frage nach, warum sich die Umweltkampagnenorganisation so ins Thema verbissen und von der wissenschaftlichen Evidenz gelöst hat. Im Fall des «Golden Rice» sind die Folgen besonders krass. Aber auch bei den neuen Züchtungsmethoden droht der Alarmismus wichtige Innovationen zu blockieren.