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…gerne möcht ich sie erwischen. Doch ich merke, doch ich merke,immer kommt mir was dazwischen.“ (Wilhelm Busch)
In dieser fahrigen und überreizten Welt, in der sich täglich aufgeregte und aufgewühlte Dinge zutragen, gibt es zum Glück immer noch einige Oasen zum Philosophieren.
Ich denke hier nicht an die Zunft derer, die sich trifft, um sich z. B. über Agnostizismus und Determinismus Gedanken zu machen, über Utilitarismus oder Solipsismus.
Eher an Leute, die berufs- oder spasseshalber ihre Freude daran haben, möglicherweise auch ihre Befriedigung darin finden, gewohnte Rangordnungen in Frage, – Normen und Tugenden auf den Kopf zu stellen.
Was ist gut? Was ist böse?
Vordergründig geht es in der Regel um die Frage „Was ist gut? Was ist böse?“ Darauf antwortet die Philosophie seit den Tagen der Griechen. Übrigens ohne eine göttliche Offenbarung dazu zu benötigen.
Der Philosoph Platon entwickelte die uns bekannten vier Tugenden: Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit.
Die katholische Kirche übernahm sie, ernannte sie zu „Kardinaltugenden“, fügte jedoch
drei weitere Tugenden hinzu, die sie als die göttlichen bezeichnet: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Auf Dauer aber genügten ihr diese Sieben im Tugendkatalog nicht.
Um aus dem Evangelium eine kirchliche Moral- bzw. Dogmenlehre zu zimmern, wurden weitere Tugenden gefunden und zur verpflichtenden Übernahme verordnet: Treue, Demut, Gehorsam, Geduld, Opferbereitschaft, Hingebung, Mässigung, Fasten, Keuschheit u.a.m.
„Wer weiss was Tugenden sind, – du nicht, ich nicht, niemand“. (Oscar Wilde)
„Die Frau ist von Natur aus mit weniger Tugend und Würde ausgestattet als der Mann. Denn immer ist das ehrenwerter, was handelt, als das, was erleidet, wie Augustinus sagt.“
Der Kirchenvater Thomas von Aquin, geboren 1225, gestorben 1274, heilig gesprochen 1323, zitiert in seinem grossen Werk den anderen Kirchenvater Augustinus (354-430).
Hä?
Was die zwei Kirchenväter sich erdachten, hat seine Folgen bis in unsere Gegenwart.
„Tugend will ermuntert werden, Bosheit kann man schon allein“. (W. Busch)
Aus dem Katechismus der Kath. Kirche „Die vier Kardinaltugenden sind Angelpunkte des sittlichen Lebens; alle anderen sind rund um sie angeordnet.“
Dazu Eugen Drewermann: „Die Tugend ist ihrem Wesen nach Selbstidentität des Menschen, zu der er durch ein angstfreies Leben gelangt … Es gibt Formen der Tugend, die schlimmer sind als Laster, weil sie sich immer schon im Recht glauben.“
Immanuel Kant: „Tugend ist die „moralische Stärke in Befolgung seiner Pflicht, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll.“
Mittlerweile ist auch von individualistischen und sozialen Tugenden die Rede, von der Tugend des Willens, der Vernunft, des Trieblebens, der Gerechtigkeit, des Geistes, des Nutzens, des Geldes, der Bildung usw.
„Die Tugend ginge nicht so weit, wenn ihr nicht die Eitelkeit Gesellschaft leistete“. (La Rochfoucauld)
Auch die so genannten protestantischen Tugenden gibt es. So bezeichnet man einen nicht festgelegten Kanon mit einigen von protestantisch-calvinistischer Moral geprägten Tugenden (Gewissenhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit, Zuverlässigkeit, Pflichterfüllung u.a.m.).
Schliesslich seien hier auch die „Bürgerlichen Tugenden“ genannt, wozu z. B. die Achtung zählt, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Gemeinwohlorientierung.
Und die individuellen Ergänzungsvorschläge aus der Neuzeit: Die Tugend Toleranz (F. König) – Die Tugend Passivität (F. Steffensky) Die Tugend Anständigkeit (M. Platzeck)
„Einige Tugenden werden belohnt, andere verziehen“. (F. G. Klopstock)
Schlussendlich hat im vorigen Jahr der Frankfurter Philosoph Martin Seel ein Buch auf den Markt gebracht mit dem Titel «111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue».
Darin stellt der Autor auf seine Weise die Bedeutung und die Zusammenhänge der Tugenden und Laster dar.
„Den Tugenden benachbart sind die Laster“. (Hieronymus)
Vor geraumer Zeit führte die frei schaffende Journalistin Helga König ein Gespräch mit dem Philosophieprofessor Martin Seel.
Dessen Antwort auf ihre erste Frage lautete:
„Tugenden wie Laster sind charaktergebundene Haltungen der Menschen, die sich in ihrem Handeln manifestieren.
Sie sind aus Erziehung, Erfahrung und Übung gewonnene Vor-Einstellungen, mit denen wir uns in die verschiedenen Situationen unseres Lebens begeben.
Jede Tugend aber grenzt nicht nur an benachbarte Tugenden, sondern ebenso an benachbarte Laster an.
Sobald man es mit einer Tugend über- oder untertreibt, kann sie zu nachteiligen bis schlechten Handlungsweisen führen –, sowohl für uns selbst als auch für die anderen, mit denen wir es zu tun haben…
Der Sinn der Tugenden ist es, die Sorge um sich selbst mit der Rücksicht auf andere zu vereinbaren; der Sinn des Lasters ist es, beides zu vernachlässigen.“
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Seel beantwortet auch die Frage nach seinen Lieblingstugenden, nämlich: Grosszügigkeit, Gerechtigkeit und Humor.
Die schlimmsten Laster sind für den Philosophieprofessor Geiz, Grausamkeit und Gier.