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Der Flug mit der Nummer 46 auf der Holloman Air Force Base muss irgendwann im Jahr 1954 stattgefunden haben. Ein genaues Datum nennen die bis vor kurzem geheimen Unterlagen nicht. Welche seltsame Fracht der Stratosphärenballon 30000 Meter über New Mexico getragen hat, ist hingegen genau beschrieben: mehrere etwa vier Quadratzentimeter grosse Stücke Menschenhaut.
Die Gewebeteile hatte der Schweizer Mediziner Jakob Eugster gespendet. Er hatte sie sich von einem Oberarzt am Universitätsspital Bern entfernen lassen und dann mit Hilfe der amerikanischen Botschaft in der Schweiz zur Holloman Air Force Base geschickt. Nach dem Ballonflug kamen sie auf demselben Weg zurück in die Schweiz, wo sie sich Eugster wieder annähen liess.
Eugster wurde 1891 als Sohn eines Pfarrers im Appenzellischen geboren. Er studierte Medizin und war zehn Jahre als Hausarzt im bernischen Roggwil tätig. 1932 gab er seine Praxis auf und publizierte als Privatgelehrter auf allen möglichen Gebieten. Besonders intensiv beschäftigte es sich mit der biologischen Wirkung von kosmischer Strahlung.
Kosmische Strahlung besteht vor allem aus kleinen Teilchen wie Protonen, die ihren Ursprung in der Sonne haben. Das Magnetfeld der Erde lenkt den Teilchenschauer ab, so dass er den Boden nicht erreicht. Doch seit man der Strahlung 1912 auf die Spur gekommen war, stellte sich die Frage, welche Wirkung sie auf Pflanzen und Tiere haben würde. Gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Viktor Hess machte sich Eugster daran, es herauszufinden.
Er schickte mit Pferdeblut getränkte Löschblätter für zwei Monate aufs Jungfraujoch, gab Flusskrebseier Düsenflugzeugen mit und einer Schweizer Expedition auf den Mount Everest. Nach der Rückkehr verglich er die Messungen mit Kontrollbeobachtungen im Simplontunnel, abgeschirmt von zwei Kilometern Fels.
Je grösser die Höhe, desto stärker machte sich die Strahlung bemerkbar, deshalb boten Ballone die beste Möglichkeit, ihr nahe zu kommen. Eugster steckte seine biologischen Proben zwischen zwei Fotoplatten, verpackte das Ganze lichtdicht und hängte sie an Wetterballone der aerologischen Station in Payerne. Nach der Landung gaben die Fotoplatten preis, wo ein Teilchen eingeschlagen hatte, und Eugster konnte prüfen, ob sich das dort befindliche Ei jetzt anders verhielt.
In den 1950er Jahren erregten Eugsters Versuche die Aufmerksamkeit amerikanischer Raumfahrtpioniere. Der Wettlauf ins All zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten war in vollem Gang und die Frage, wie der Mensch auf den kosmischen Teilchenregen reagieren würde, von grosser Bedeutung.
Eugster hatte seine Methoden in der Zwischenzeit verfeinert. Er hatte in Serum schwimmende Hunde-, Schweine- und Mäusehaut in die Höhe geschickt, die er mit einer strahlungsempfindlichen Emulsion behandelt hatte. So konnte er die Spur der Teilcheneinschläge direkt in der Haut sehen.
Weil die amerikanischen Ballone deutlich grössere Höhen erreichten als jene der Schweizer, musste Eugster eine Methode entwickeln, die Haut für die Reise in die USA und zurück zu konservieren. Eine Kombination aus Trocknen, Gefrieren und Vakuumieren brachte die Lösung. Auf diese Weise bearbeitete Haut liess sich wiederbeleben und rückimplantieren.
Eugsters Resultate waren nicht eindeutig. Aus den von Teilchen getroffenen Flusskrebseiern schlüpften meistens keine Tiere mehr, und die Hafersamen zeigten Mutationen. Aber von sechs Mäusen entwickelte sich nur bei einer ein kleines Knötchen in der Haut. Bei seiner eigenen Haut beobachtete er nach zwei Jahren eine dunkelbraune Verfärbung, von der er nicht wusste, was es war. Bei einer weiteren Versuchsperson, die sich ebenfalls auf den makabren Versuch einliess, passierte nichts.
Eugster kam zum Schluss, dass Schäden nur sehr selten auftreten würden und der Reise in dreissig Kilometern Höhe oder mehr nichts im Wege stünde. Die bemannte Raumfahrt zeigte, dass er recht hatte. Die lange dauernde Reise zum Mars würde das durch die kosmische Strahlung verursachte Krebsrisiko allerdings erheblich erhöhen.