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Die Kolonie und das Waisenhaus von Medjez-Amar in Algerien (1855)
So versuchen ab 1851 rund dreissig Walliser Familien, sich im Norden Algeriens anzusiedeln, mit dem Auftrag, das der einheimischen Bevölkerung entrissene Land im Sinn einer Handelspolitik für den Export zu kultivieren.
Vier Jahre nach der Ankunft der ersten Walliser Siedler lädt der Bischof von Algier, Mgr Pavy, den Abt von Saint-Maurice, Mgr Etienne Bagnoud, ein, die Direktion des Waisenhauses von Medjez-Amar zu übernehmen, das sich in seiner Diözese in der Provinz von Constantine befindet. Die Ackerbaukolonie von Medjez-Amar wird 1847 gegründet und umfasst einen Betrieb von 392 Hektaren, der von einem Verkehrsweg durchquert wird, welcher zu dieser Zeit von der Kolonialverwaltung gebaut wird. In dieser Kolonie werden zahlreiche Kinder und Araber zu umfangreichen Rodungsarbeiten gezwungen; die Kinder sind in den meisten Fällen arme Waisen, die aus dem Mutterland ausgeschafft werden, sowie Kinder der ersten Siedler, welche die lokalen Lebensbedingungen und die Malaria nicht überlebt haben. Die Kolonialverwaltung will aus diesem Waisenhaus ursprünglich ein Kollegium machen, um die jungen Männer für den Acker- und Gartenbau auszubilden. Im Jahr 1852 wird die Führung dieser Ackerbaukolonie aufgrund der grossen Betreuungsprobleme dieser Kinder durch die französischen Äbte direkt der Armee anvertraut; als die Mönche der Abtei von Saint-Maurice 1855 die Führung des Waisenhauses von Medjez-Amar übernehmen, ist es also ein französisches Militärlager mit 84 Kindern, die ab dem Alter von 12 Jahren arbeiten müssen.
Durch das Reichsdekret vom 30. Juni 1855 wird der Abtei von Saint-Maurice, über Mgr Bagnoud, die Konzession des Territoriums von Medjez-Ammar für eine Dauer von 20 Jahren übertragen. In den folgenden Wochen und Monaten begeben sich mehrere Mönche der Abtei in dieses Territorium, um die Leitung der Geschäfte zu übernehmen; darunter befinden sich Maurice Revaz, Augustin Bertrand, Claude-Louis Gross und François-Marie Bruchon. Der Generaloberer der Augustiner-Chorherren, Abt Etienne Bagnoud ist gleichzeitig der 55. Bischof von Bethlehem. Dieser kirchliche Titel geht zurück auf die Kreuzzüge. Deshalb betrachtet der Abt bei seiner Ankunft Algerien nicht als fremdes Land, sondern als legitimerweise zurückerobertes Land. Gemäss eigenen Aussagen der Chorherren der Abtei werden die Übernahme dieses Territoriums und die Möglichkeiten der Missionierung, die sich dort anbieten, als «heiliger Imperialismus» betrachtet.
Die Gründung eines Klosters mit Waisenhaus in Medjez-Ammar erfolgt mit der Absicht, daraus ein Tochterhaus der Abtei von Saint-Maurice zu machen. Es besteht sogar ein neues Projekt der Siedlungsauswanderung in der Umgebung, bei dem die Walliser nur vier Jahre nach dem Debakel von 1851 eine Vorreiterrolle spielen sollen. Der Marschall und Kriegsminister von Frankreich, Vaillant, schreibt in einem Brief vom 16. Februar 1855 an den Generalgouverneur von Algerien, dass er einer Ansiedlung von zahlreichen Familien aus den katholischen Kantonen der Schweiz in der Nähe des Waisenhauses von Medjez-Amar zum Zweck des Ackerbaus und zur Förderung der Besiedlung positiv gegenüberstehe. Damit will er ein Gegengewicht zur Besiedlung von Henri Dunant im Rahmen der Société genevoise des colonies suisses de Sétif bilden, die zur selben Zeit stattfindet und von der er befürchtet, dass sie nur protestantische Familien nach Algerien reisen lässt. Zwischen dem Bischof von Algier und dem Abt von Saint-Maurice finden zwar Verhandlungen statt, um dieses Projekt umzusetzen, aber es wird nie verwirklicht. Die Niederlassung der Chorherren von Saint-Maurice ist im Übrigen von kurzer Dauer, denn die Walliser Mönche übernehmen eine schwierige Aufgabe und sie vermögen sich auch physisch nicht an die lokalen Bedingungen anzupassen. So endet die Anwesenheit der Abtei in Medjez-Ammar gegen Ende des Jahrs 1857.
ReferenzenMagali DUBOIS, Des chanoines de Saint-Maurice en Algérie. L’orphelinat de Mdjez-Amar (1854-1857). Lizentiatsarbeit in allgemeiner Geschichte, Universität Genf, Oktober 2003.
François-Marie BUSSARD, « La coopération de l’Abbaye de St-Maurice à l’œuvre missionnaire », in Echos de Saint-Maurice, 34 (1935), S. 25-134.