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«Wir leben in verschiedenen Welten»
Ilja Völlmy Kudriavtsevs Geburtsstadt ist St. Petersburg. Hier wuchs er auf, just in der Zeit, als in der Stadt ein Politiker an die Macht kam, der sein Leben massiv prägen und seine Familie entzweien sollte: Wladimir Putin.
Doch der Reihe nach: Mit sieben Jahren setzte sich Völlmy zum ersten Mal ans Klavier. Doch sein Herz schlug für die Orgel. Da der orthodoxen Kirche die Orgelmusik fremd ist, übte der 16-Jährige auf der Orgel der finnisch-lutherischen Kirche. Die Lutheraner habe er als freundlich und offen erlebt, erzählt Völlmy, ganz anders als die alten Frauen in den düsteren orthodoxen Kirchen, die den Jungen zurechtwiesen. Völlmy liess sich bei den Lutheranern konfirmieren und wurde Organist ihrer Kirche. «Als Lutheraner war ich im orthodoxen Russland ein Fremder», sagt er heute.
Von 2001 bis 2006 studierte er am Petersburger Konservatorium. Für das Nachdiplomstudium an der Royal Academy of Music zog er nach London.
Noch in Russland verliebte er sich in seine zukünftige Frau, eine Schweizer Cellistin, die perfekt Russisch sprach – «so gut, ich hätte nie gedacht, dass sie eine Schweizerin ist», sagt er. Kurz darauf heirateten die beiden, das Paar zog in die Schweiz. 2009 übernahm Ilja Völlmy die Organistenstelle in Liestal. Seit 14 Jahren ist Ilja Völlmy Hauptorganist an der Stadtkirche Liestal. Er fühle sich im Baselbiet zu Hause und «im Reformierten ganz wohl», wie er mit osteuropäischem Akzent hinzufügt.
Schwierige Beziehung zu den Eltern
Seine Herkunftsfamilie lebt nach wie vor in Russland. Seit Putins Überfall auf die Ukraine ist das Verhältnis zu ihnen schwierig. «Die Eltern halten mich für einen Nazi», sagt er, «ich sie für Faschisten.» Wenn sie über WhatsApp kommunizieren, endet das Gespräch nach dem fünften Satz in einem heftigen Streit.
Denn Ilja Völlmy unterstützt den Kampf der Ukrainer und die Flüchtlinge. Er sammelt Geld, spielt bei Benefizkonzerten und besucht ukrainische Suppentage. Mit den Spenden finanziert er Medikamente in der Ukraine. In Russland gelte er inzwischen als Landesverräter, sagt er, in seine alte Heimat könne er nicht mehr zurück, sonst würde er verhaftet. «Meine Eltern und ich leben in verschiedenen Realitäten», meint er. Sie seien nicht nur Opfer der russischen Propaganda, sondern für sie sei Putin ein Garant, dass sie ihre Wohnung halten könnten und ihre Rente sicher sei.
Der Krieg in der Ukraine hat ihm die Augen auch für andere Konflikte geöffnet, etwa in Armenien, Afghanistan oder dem Jemen. Er findet, dass es den Schweizern und Schweizerinnen gut gehe. Gerade wenn man so privilegiert sei, müsse man andere unterstützen. Ilja Völlmy: «Es gibt Momente, da muss man sich einmischen. Da reicht es nicht mehr, wenn man auf Facebook eine ukrainische Flagge postet.» Eigentlich ist der Organist zuversichtlich: «Kein Krieg dauert ewig, kein Präsident lebt ewig. Doch bis die Wunden dieses Krieges verheilt sind, dauert es noch viele Generationen.»
6. Liestaler Orgelnacht
2. Juni, 18.30 bis 23 Uhr, acht Kurzkonzerte, «stimmungsvoll», www.liestaler-orgelmusik.ch