Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/113

Eine Begegnung mit Gilberto Passos Gil Moreira ist immer etwas ganz Besonderes. «I’m common people» sagt der 72-jährige Musiker über sich selber (obwohl das natürlich nicht stimmt: Wenige haben eine vergleichbare Ausstrahlung) und benimmt sich auch so. Stets begegnet er seinem Gegenüber bescheiden, zurückhaltend, höflich. Als wir ihn kurz vor seinem Soloauftritt im Zürcher Volkshaus in seiner zugigen Garderobe treffen, ist er ganz versunken in sein Gitarrenspiel. Auch während dem Gespräch nimmt der Mitinitiant der Tropicália-Bewegung und ehemalige Kulturminister Brasiliens die Finger nie vom Griffbrett seines Instruments.
SI Style: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an das Jahr 1959 denken?
Gilberto Gil: Wie meinen Sie das?
Was assoziieren Sie mit diesem Jahr?
Ich war ein Teenager, lebte mit meinen Eltern in Salvador do Bahia und bin Tag für Tag zur Schule gegangen. Dabei habe ich viele schöne Dinge entdeckt, die das Leben zu bieten hat.
Sie waren damals 17 Jahre alt. Wie nahe war Ihnen die Musik?
Schon sehr nahe! Ich habe Akkordeon gespielt. Das war mein erstes Instrument. Ich habe mich mit ein paar Musikern aus der Nachbarschaft zusammengeschlossen und gespielt, gespielt, gespielt. Wir hörten auch viel Radio. An Wochenenden ging ich aus.
Um Mädchen zu treffen?
Natürlich (schmunzelt)!
Ich frage aber weniger wegen der Mädchen, sondern wegen eines anderen Ereignisses. Wissen Sie wegen welchem?
Ich ahne etwas.
Also: Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie zum ersten Mal João Gilberto hörten?
Ja, das tue ich. Ich sass vor dem Radio und war erschüttert. Diese Musik war anders. Angenehm anders. Aber hauptsächlich einfach anders. Ich entschied sofort: Ich muss mich mit ihr vertraut machen, ich muss alles über sie wissen. Ich rief dann bei der Radiostation an und fragte, wessen Musik ich da gehört hatte. Sie sagten: João Gilberto.
Die Geburtsstunde des Bossa Nova. Wann haben sie ihn kennengelernt?
Oh, das war erst viele, viele Jahre später. Das war in New York, im Jahr 1970. Ich lebte damals im Exil in London und wurde dann nach New York eingeladen, wo er zu der Zeit wohnte.
Haben Sie dann bereits gemeinsam gespielt?
Ja, beim ihm zuhause. Aber nicht in der Öffentlichkeit.
Marc Fischer, ein viel zu früh verstorbener deutscher Autor, hat ein Buch über João Gilberto geschrieben. Es heisst «Hobalala».
Ja, da ist einer seiner Songs. Einer der wenigen Songs, die er selbst geschrieben hat.
Fischer behauptet, dass dieses Lied João Gilbertos Meisterwerk ist. Es sei die Essenz von allem. Was denken Sie darüber?
«Hobalala» ist ein wunderschönes Lied, aber nicht zwangsläufig sein Meisterwerk. Ich bevorzuge «Bim Bom».
In dem Lied singt Gilberto eigentlich immer nur «Hobalala». Worum geht es?
(lacht) Fragen Sie mich das im Ernst? Um alles und nichts! «Hobalala» bedeutet nichts. Es ist nur ein Ausruf. Es bedeutet vielleicht so viel wie «Hallo Leben!».
Das ist ja schon was!
Sag ich ja!
In diesem Buch beschreibt Fischer seine Versuche mit João Gilberto in Kontakt zu treten. Er fliegt nach Rio, verbringt viele Monate dort, lernt etliche Vertraute von ihm kennen, dringt aber nicht bis zu ihm vor. Sein Verlangen wird nicht befriedigt. Ist es vielleicht genau das, worum es beim Bossa Nova geht?
Ich glaube nicht. Bossa Nova behandelt viele verschiedene Dinge. Aber grundsätzlich geht es um ein Brasilien, das sich modernisiert. Um ein Land, eine Generation, die versucht aufzuholen. Um Industrialisierung, um Modernisierung, um das Spiel mit neuer Musik wie Jazz und Pop.
Keine Wehmut, kein unerfülltes Verlangen?
Nein, für mich ist es das Gegenteil. Für mich war Bossa Nova gleichbedeutend mit: Wir können etwas erreichen. Träume und Verlangen können erfüllt werden.
Ist das Kapitel Bossa Nova eigentlich abgeschlossen?
Nein.
Gibt es jemanden, der die Geschichte von Bossa Nova weiterschreibt?
Ich glaube schon. Kulturelle Bewegungen sind nie zeitlich isoliert. Wenn sie eine Auswirkung auf Gesellschaft haben, dann leben sie immer irgendwie weiter.
Und gleichzeitig entwickelt sich daraus Neues.
Ja, nach Bossa Nova ging der Modernisierungsprozess in Brasilien einfach konstant weiter. Mit Rock’n’Roll, mit Reggae, mit der Tropicália-Bewegung, der ich selber angehörte. Aber Bossa Nova ist immer noch am Leben.
Welches war die wichtigste Lektion, die Sie von Ihren Eltern mit auf den Weg bekommen haben?
Das Leben zu lieben und dankbar zu sein. Dankbar zum Beispiel dafür, Dinge mit anderen Menschen teilen zu können.
Sonst noch etwas?
Ja! Die Liebe steht über allem. Sie ist das Wertvollste.
Wann haben Sie Musik zum ersten Mal aktiv wahrgenommen?
Sehr früh! Ich war wohl zwei oder drei Jahre alt. Ich hörte den Bauern zu, die ihre Instrumente mit zum Wochenmarkt in unserem Dorf brachten und spielten und sangen.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe interessiert zugehört und versucht herauszufinden, was sie genau machen. Ich wusste es sofort als Form der Kommunikation einzuordnen. Ich verstand, dass sie versuchten uns etwas zu sagen – auf sehr organische, natürliche Art.
Ihre jüngste Entdeckung im Bereich der Musik?
Alle Entdeckungen die ich gemacht habe, liegen ein paar Jahre zurück. Aber ich bin sehr überrascht darüber, welchen Status, welches Gewicht und welche Qualität die DJ-Kultur erreicht hat.
Die Interviewserie «A Personal Note From ...» ist ein Gemeinschaftswerk von Journalist Adrian Schräder und Fotograf Lukas Mäder. Im 2-Wochen-Rhythmus treffen sie dafür kreative Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Den Abschluss jedes Gespräches bildet die «Personal Note»: Auf einem weissen Papier halten die Interviewten einen Gedanken handschriftlich fest.