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Die Züge der Waisen
Das Buch, das auf Deutsch im Goldmann Verlag erschien, zeigt auf, wie von 1854 bis 1929 Waisen- und Findelkinder von armen weissen Einwanderern vor allem aus Irland, Polen und Italien von der Ostküste in den Mittleren Western verschachert wurden. Lange galt das "Orphan Train Movement" in Amerika als ein gelungenes Wohlfahrtsprogramm, ein Symbol der Befreiung aus Not und Elend, des privaten Engagements für die Ärmsten der Gesellschaft. Aber statt auf Liebe und Zuwendung trafen viele Kinder nur auf kühle Berechnung und Eigennutz. Sie wurden als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, misshandelt, vernachlässigt.
Die Geschichte:
Bis zu 250’000 Waisenkinder aus den Slums New Yorks oder Bostons wurden während 75 Jahren so in Pflegefamilien vermittelt. Die Geschichte der "Waisenzüge" beginnt mit Charles Loring Brace (1826–1890). Der Theolog wurde nach seinem Studium Seelsorger in einem Armenviertel von New York. Dort landeten vor allem Einwanderer, die in der amerikanische Gesellschaft nicht integriert waren. Nach der großen Hungersnot in den 1840er Jahren in Irland emigrierten viele Iren in die USA. Die Sterblichkeit unter den Neuankömmlingen war hoch, so verloren viele Kinder einen oder beide Elternteile. Weil die Stadterwaltung dem Elend tatenlos zusah, gründete Brace 1853 die Children's Aid Society. Ihr Ziel war es, jedem Kind die Chance auf eine gesunde und glückliche Zukunft zu geben. Ein Weg dahin sollten die "Orphan Trains" (Waisenzüge) sein. Die Kinder im Alter zwischen vier und 18 Jahren wurden in Gruppen von 30 bis 40 zusammengefasst und unter der Führung von Erwachsenen auf die Reise in die Ungewissheit geschickt. Erst 1993 begann die amerikanische Öffentlichkeit auf die fragwürdige Praxis dieser Fremdplatzierung aufmerksam zu werden. Inzwischen entstanden einige Bücher zum Thema.
Inhalt des Romans:
Hier setzt auch der Roman von Christina Baker Kline an. Die Autorin konnte mit einigen noch lebenden, inzwischen hochbetagten Zeitzeugen sprechen. Klines Anklage einer schwarzen Pädagogik und ihrer theologischen Begründung hat viele Amerikaner berührt, zeigte sie doch die andere, kalte Seite der Orphan Trains. Erzählt wird die Geschichte des irischen Mädchens Niamh, welches ihre Familie bei einem Wohnungsbrand verliert. Mit acht Jahren wird sie 1929 in einen solchen Zug verfrachtet. Auf den jeweiligen Bahnstationen werden die Waisen wie auf dem Sklavenmarkt feilgeboten. Die Kinder mussten sich auf einen Podest stellen. Interessenten konnten Gebiss und Muskeln begutachten. Geschwister wurden auseinandergerissen. Niamh, welche zuerst den Vornamen Dorothy und später Vivian bekam, landet bei einem herzlosen Ehepaar, das sie als kostenlose Arbeitskraft gnadenlos ausnutzte. Nach einem Zerwürfnis schickte man sie in eine neue Familie, wo sie vom Regen in die Traufe kam. Im Roman stellt die Autorin der inzwischen 91-jährigen Vivian, die 17-jährige Molly, ein rebellisches Pflegekind indianischer Abstammung gegenüber, die durch eine selbstgewählte Arbeit in „oral history“ sich von der spannenden Geschichte des ehemaligen Waisenkindes gefangen nehmen lässt und Parallelen zu ihrem Schicksal feststellt. Die Autorin fand bei ihren Recherchen in drei New Yorker Museen und demjenigen, welches sich besonders auf die Thematik der Waisenzüge konzentrierte in Concordia, Kansas wertvolle Fakten für ihrem Roman.
Und die Schweiz?
Professor Pierre Avvanzino erinnert sich, dass vor einigen Jahren einer seiner Studenten eine Arbeit über solche Züge, die zweimal pro Jahr von Neuchâtel nach Le Locle fuhren und die armen Kinder auf ähnliche Weise verschacherten. Im Archiv von SBB Historic gibt es eine Akte aus dem Jahr 1947, wo caritative Organisationen, Freifahrten für solche Transport von Heim- und Versorgungskinder bekamen.
Text: Walter Zwahlen
Christina Baker Kline
Der Zug der Waisen
Goldmann Verlag 2014