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Jugend - Liebe
... Maskierung und Karriere
Eugen Laubacher wurde 97. Ein langes, vielschichtiges, erfülltes Leben, das 1902 in einem Mehrfamilienhaus des damaligen Zürcher Aussenquartiers Wipkingen in kleinbürgerlichen Verhältnissen begann. Sie waren zwei Brüder, er der um zwei Jahre jüngere. Zu den beiden Männern, Vater und Bruder, hatte er Distanz, zeitlebens. Zur Mutter entwickelte sich eine Hassliebe, gegenseitig und lebenslänglich. Der Vater starb relativ früh.
In einer Mail vom 2. Mai 2014 schrieb eine Nichte an mich (Ernst Ostertag) über ihren Grossonkel Eugen:
"Wir standen - die beiden Töchter seines Bruders und ihre Kinder - mit Grossonkel Eugen, den wir immer 'Onkel Eugens' nannten, in Kontakt und er mit uns, wenn auch unregelmässig. Wir waren sowohl Gäste [in seinem Haus] an der Vogelsangstrasse wie auch in seinem Büro. Wir wussten alle von seiner Homosexualität, jedoch nichts von seinem Doppelleben, respektive von Charles Welti und seiner Arbeit als Redaktor. Mit Stolz und Begeisterung habe ich Ihre Ausführungen [in der Website schwulengeschichte.ch] gelesen. [...]"
Eugen war ein brillanter Kopf. Nach der Volksschule startete er seine Karriere durch die Hierarchie der Bankbranche - zunächst 1918 bei der Filiale Unterstrass der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen CS, dann von 1921 bis 1925 an deren Hauptsitz. 1926 bis 1928 arbeitete er in Paris bei der Barclays Bank. Da wurde Französisch zur zweiten Sprache, aber auch Italienisch, Spanisch und Englisch konnte er geläufig.
Im August 1928, zurück in der Schweiz, begann er seine Karriere bei Dr. Walter Boveri von Brown Boveri & Cie. (BBC, heute ABB). Dies als Sekretär für Buchhaltung und Korrespondenz, wobei die neuen Elektrizitäts-Gesellschaften in Südamerika sein Hauptressort bildeten.
Während der Lehr- und Studienjahre war er - ausser zu Hause - überall geschätzt als witziger Unterhalter, der Parodien und Schnitzellieder erfand und sofort sang und die Begleitung auf jedem verfügbaren Instrument gleich mitlieferte. Diese Beliebtheit war ihm ein Schild gegen Annäherungen. Er spielte, und er spielte ausgiebig. Er allein wusste von seinem Geheimnis - und in keiner anderen Person sollte je der Dunst einer Ahnung aufkeimen. Das hätte seine beruflichen Ziele sofort zerstört. Und die grosse Laufbahn brauchte er, um seiner Familie zu entkommen, zum Erreichen der eigenen, absoluten Unabhängigkeit.
Die Spinnbrüder
Zugleich verliebte er sich in seinen Cousin Robi Spinner. Eine erste Liebe und ein erstes Erfahren von Gefühlen, die stärker als Intellekt und Wille waren - zumindest zeitweise. Hoch über der Südseite des Walensees bewirtschafteten Verwandte als Bergbauern eine Alp. Dort oben in den Heuhütten, aber auch etwas weiter unten im heimeligen Holzhaus verbrachten die Jünglinge Ferien- und Festtage, selten allein, meist als Bande mit anderen zusammen, auch Brüdern von Robi.
Sie nannten sich "Die Spinnbrüder", ein typischer Vorschlag von Eugen, offen auf der Hand liegend, aber zugleich versteckt sarkastische Anspielung auf sein besonderes Verhältnis zu Robi. Denn nie kam es zu mehr als flüchtigen Berührungen, selbst wenn sie nebeneinander im Heu oder im selben Bett schliefen. Robi war nicht "so".
Für Eugen war diese Liebe und das Zusammensein Himmel und Abgrund zugleich. Und über die Wochen und Monate bis zum nächsten Ausflug in die Berge nichts als Geheimnis und Sehnsucht. Zu Robi, dem späteren Familienvater, behielt er als einzigem Verwandten lebenslang ein herzlich freundschaftliches Verhältnis. Auch ihn überlebte er. Wie alle anderen.
Als Dandy in Paris
Eugen - Eugène - in Paris: Das war die glückliche Zeit. In der Weltstadt konnte er unerkannt verborgene Seiten ausleben und Neues erproben. Fotos zeigen ihn als Dandy. Und in den Boites und anderen Lokalen knüpften sich Beziehungen, die wie Feuerwerk und Rausch waren. Ein Erfülltsein, das über viele Jahrzehnte bewahrte Erinnerung blieb. Das schwingt in den Briefwechseln nach, die er mit vielen seiner Bekannten und Freunde führte, welche alle Textlieferanten für den Kreis waren.
Als Laubacher mit Diplom und Abschluss zurückkehrte, bahnte sich jene Karriere an, die ihn schliesslich zum Direktor der Schweizerisch-Amerikanischen sowie der Südamerikanischen Elektrizitäts-Gesellschaft und später Mitglied diverser Verwaltungsräte machte. Geschäftsreisen führten ihn durch europäische Zentren und nach Übersee, so etwa vom 14. Januar bis 27. März 1956 nach Nord- und Südamerika. Er hatte seine eigene Wohnung und bald einmal das eigene vierstöckige Haus an der Vogelsangstrasse in Zürich Oberstrass.
Ernst Ostertag, Januar 2005 und Mai 2014