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Schliesslich wird sie mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen – nach mehreren Anläufen und zähen Auseinandersetzungen: die Vorlage über das Frauenstimmrecht in der Schweiz 1971. Im Frauenzimmer von Inez wird gejubelt und gefeiert, es fliessen Sekt und Tränen. Inez ist die Protagonistin in einem der acht sorgfältig recherchierten fiktiven Porträts, anhand derer die Historikerin Nadine A. Brügger einen lebendigen Einblick in 170 Jahre Schweizer Frauengeschichte ermöglicht.
Inez lebt selbstbestimmt – sie verkörpert ein neues weibliches Selbstbewusstsein in den sechziger Jahren, das mit einer Veränderung der Wahrnehmung von Frauen und Männern und ihren jeweiligen Rollen einherging. Noch Ende der fünfziger Jahre, als Thea, die Protagonistin einer anderen Geschichte, für eine Reportage in die Schweiz geschickt wird, verwehrten zwei Drittel der Schweizer Stimmbürger den Frauen die politische Mitsprache. Die in Boston lebende Thea findet im «Land der käsemachenden Patriarchen», so ihre eigene Bezeichnung für ihr Herkunftsland, vieles schockierend. Beispielsweise, dass eine Frau nach der Hochzeit ihre Arbeit nur dann weiterführen darf, wenn ihr Ehemann einverstanden ist. Oder dass der Vater als Familienoberhaupt über die Ausbildung der Kinder alleine entscheidet. Erst 1978 wurden mit dem neuen Kindsrecht die Mütter den Vätern gleichgestellt. Die Bevormundung der Frauen im Eherecht dauerte sogar bis 1988.
Wie schwierig es bis heute ist, nach der Geburt eines Kindes nicht in alte Rollenmuster zu fallen, zeigt das Porträt von Amara: ein Chef, der den Vater der gemeinsamen Tochter davon abbringen möchte, daheim zu sein und sein Kind zu «babysitten»; ein Kitaplatz, der sich kaum finanzieren lässt; dazu kommt, dass Amara in ihrem Beruf als Ärztin nicht immer für voll genommen wird. Viel hat sich in der Zeitspanne von 1846 bis 2019 geändert – vieles aber auch nicht. Und so geht Amara am Ende des Buches zu einer der grössten Demonstrationen der Schweizer Geschichte: dem feministischen Streik vom 14. Juni 2019.
Nadine A. Brügger: Helvetias Töchter. Kampf, Streik, Stimmrecht: Acht Frauengeschichten aus der Schweiz von 1846 bis 2019. Arisverlag. Embrach 2021. 368 Seiten. 30 Franken