Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/536

Den Film Othella Dallas – What is Luck? gibt es, weil der Regisseur / Produzent / Kameramann / Cutter / Tonmeister Andres Brütsch darauf bestand, dass es ihn geben müsse. Entstanden ist er aus der Begegnung des Filmemachers und einer ungewöhnlichen Frau. Es war zu Beginn nicht abzusehen, dass daraus ein 90-minütiger Dokumentarfilm würde, doch das Unternehmen entwickelte eine unabsehbare Eigendynamik. Diese wird im Film hörbar, wenn die Protagonistin sich in einer frühen Szene an ihre Familie erinnert und sagt: «Ich werde dir die Bilder zeigen. Mein Gott, es gibt noch so viel zu tun.» Und sie ist spürbar, weil der Film von Leidenschaft lebt; derjenigen, die Othella Dallas in alles einbringt, was sie anpackt, und auch derjenigen des Filmemachers für seine Dokumentation.
Othella Dallas ist neunzig Jahre alt und blickt auf ein erzählenswertes Leben zwischen den US-Südstaaten und Zürich, New York und Binningen zurück. Sie absolvierte eine Tanzausbildung bei Katherine Dunham, der berühmten Pionierin des Black Dance, und tanzte in deren Truppe. Dies gab sie nach einigen Jahren um der Liebe willen auf: Othella Dallas – damals noch Othella Strozier – hatte sich in einen Schweizer verliebt und zog zu ihm nach Zürich. Ihr ausdrucksvolles Gesicht wird sehr ausdrucksvoll leer, wenn sie nach höflichen Worten ringt, um diese erste Zeit in der Schweiz zu beschreiben – sie langweilte sich als Hausfrau und junge Mutter zu Tode. Zu diesem Zeitpunkt hat man bereits genug von der lebhaften Frau gesehen, um zu wissen, dass dies kein Zustand für sie war. So erteilte sie der damals jungen Generation von Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern Tanzunterricht und trat bald als Sängerin auf. Schliesslich ging sie wieder nach New York, wo sie ihren Künstlernamen «Dallas» verpasst bekam, weil ihr richtiger Name nicht bühnentauglich schien und das Doppel-L sich auf den Plakaten gut machen werde, wenn ihr Name dort erst einmal in grossen Lettern gedruckt würde. Dazu allerdings kam es nicht. Zwar prangte er neben zahlreichen berühmten Namen wie Duke Ellington, Quincy Jones, Nat King Cole oder Sammy Davis jr., aber die ganz grosse eigene Karriere kam nicht zustande. Aber was soll’s, unterkriegen liess sie sich nicht. Heute lebt sie in der Schweiz, singt regelmässig am «Festival da Jazz» in St. Moritz und unterrichtet nach wie vor an ihrer eigenen Tanzschule.
Andres Brütsch gibt Othella Dallas’ musikalischen Auftritten viel Raum und bringt den Film so zum Swingen. Ganz nebenbei erhält man dank sparsam eingesetzten Infotexten und einer klugen Bildauswahl viel Information über die Schweiz und das Amerika der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Im Zentrum jedoch steht mit Othella Dallas eine gute Erzählerin, die ihre Erinnerungen und Anekdoten humorvoll auf den Punkt bringt und ohne Weiteres imstande ist, die siebzig Filmminuten alleine zu tragen.