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Ende Juli starb die Zürcher Ethnologin Claudia Roth. In den achtziger Jahren lancierte sie als WOZ-Mitarbeiterin das Thema Reproduktions- und Genforschung. Später forschte sie in Burkina Faso.
«Wir sehen den See im gleissenden Licht, umstellt von über tausend rostbraunen und schwarzen Fässern. Wir sehen die Frauen in ihren verblichenen Arbeitskleidern, die zwischen den Fässern und den aus Strohmatten gefertigten Hütten hantieren. Unter der brennenden Sonne scheint keine Farbe bestehen zu können, würde nicht da ein leuchtend blaues Becken und dort ein roter Handschuh aufblitzen.» Mit dieser poetisch-dichten Beschreibung führt Claudia Roth behutsam den prekären Arbeitsplatz der Seifenfrauen von Bobo-Dioulasso vor Augen, die aus Pottasche, Baumwollöl und der Abwasserlauge einer nahe gelegenen Fabrik Seifenkugeln produzieren und so die eigene Existenz sowie jene ihrer erwerbslosen Familienangehörigen sichern.
«Ihre Arbeit ist beschwerlich und ungesund, doch die Frauen erdulden ihr Schicksal nicht, sondern sie gestalten es tatkräftig», so ein wichtiges Fazit von Roths Beobachtung. Die Dokumentation war Teil der Ausstellung «Arbeit im Abfall: die Seifenfrauen in Bobo-Dioulasso», die Roth Ende der neunziger Jahre zusammen mit der Fotografin Susi Lindig realisiert hat und die nicht nur im Musée de l’Homme in Paris, sondern auch in Ouagadougou und in Rapperswil zu sehen war.
Unbeeindruckt von Sensationen
In Zürich schliesst Roth 1982 ihr Ethnologiestudium mit einer Arbeit zu Geschlechterbeziehungen ab: «Die Frau und ihr Verhältnis zu Mann und Kapital», so der Titel. Die Diskussion feministischer und marxistischer Ansätze fällt in die bewegte Zeit der Jugendunruhen. Roth steigt beim Zürcher Radio LoRa ein und engagiert sich im Frauenhaus.
Neben der Friedens- und der Anti-AKW-Bewegung wird in den achtziger Jahren auch die Reproduktions- und die Genforschung politisch aktuell. Die Medien werden mit Berichten über «sensationelle» Erfolge bestückt. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Hintergründe bleiben ausgespart. Das ändert sich, als Claudia Roth – sie ist Mitglied der radikalen Frauengruppe Antigena – das Thema in der WOZ mit einer achtteiligen Serie lanciert: «Vom Retortenkind zum neuen Menschen».
Für die Serie engagiert sie auch die beiden deutschen Forscherinnen Maria Mies und Renate Duelli-Klein, die das Thema in den Sozialwissenschaften lancierten. «Es sind die Frauen, die als Erste hellhörig und aktiv geworden sind», schreibt Roth: «Nächstens werden wohl auch die linken Männer die politische Brisanz des Themas erkennen.» Dafür sorgt sie als Herausgeberin des Sammelbands «Genzeit», der 1987 im Limmat-Verlag erscheint.
Grossfamilie in Bobo-Dioulasso
«Afrika war der Wendepunkt im Leben von Claudia», sagt ein langjähriger Freund zur Wahl ihres Forschungsstandorts Burkina Faso. War sie fasziniert vom antikolonialen Kurs des charismatischen Präsidenten Thomas Sankara? Das mag eine Rolle gespielt haben, aber wichtig waren für sie ebenso die ethno-psychoanalytischen Ansätze von Paul Parin und Fritz Morgenthaler, die bereits in den Fünfzigern bei den Dogon in Westafrika geforscht hatten, aber «auch der Witz, das Lachen, die Unbeschwertheit der Menschen, die Märkte, die Stoffe und die Farben und die Nähe der Wüste».
1988 reist Roth mit einer Freundin drei Monate lang durch Burkina Faso. Sie macht Bekanntschaft mit einem Studenten, der sie auf den städtischen Hof seiner Grossfamilie führt, wo dreissig Erwachsene und ebenso viele Kinder in drei Generationen zusammenleben. Dort wird sie ein Jahr später für ihre vierzehnmonatige Feldforschung ein Zimmer beziehen, und dorthin wird sie in den folgenden zwei Jahrzehnten alljährlich zurückkehren – auch, um die vielfältigen Beziehungen zu pflegen, die sie im Lauf ihrer Aufenthalte knüpfte.
«Und sie sind stolz» heisst der Titel ihrer Dissertation «Zur Ökonomie der Liebe», die 1994 mit schönen Illustrationen von Manu Hophan erscheint. «Die Zara-Frauen sind stolze Frauen. Ihr Stolz hat eine materielle Grundlage: die Geschlechtertrennung westafrikanischer Prägung. Sie führt zu eigenen Lebensbereichen und Gütern und prägt auch im urbanen Kontext, durch den Wandel modifiziert, das Leben der Frauen und Männer.» In den letzten fünfzehn Jahren erforschte Roth in zwei Nationalfonds-Projekten die Beziehungen zwischen den Generationen sowie die prekäre soziale Sicherheit.
«Mit ihrem kritischen Geist hat sie immer wieder am Sinn und Nutzen ihrer Forschung gezweifelt», erzählt ihre Schwester Anna und fährt fort: «Claudia konnte den Dingen auf den Grund gehen mit einer Beharrlichkeit, die nicht jedermanns Sache war.» Roth war eine Schwerarbeiterin und musste sich mit Lehraufträgen und schlecht bezahlten Forschungsprojekten über Wasser halten. Und sie war eine lebensfrohe Geniesserin mit einem grossen Freundeskreis in der Schweiz und in Afrika.