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Eine imposantere Aussicht auf Rio als vom Corcovado hat man wohl nur noch vom Zuckerhut aus. Und genau dort wollte ich unbedingt eine Highline spannen, bevor mein Aufenthalt in Rio zu Ende ging. Hugo Langel van Erven, ein Kletterer, Highliner und Basejumper aus der Gegend, den ich 2008 im Yosemite Nationalpark kennen lernte erzählte mir, dass er im selben Jahr die erste Highline am Zuckerhut eingebohrt hatte. Diese sei 34 m lang und seither nie mehr wiederholt worden. Der Zustieg sei anspruchsvoll und der Aufbau aufwändiger als bei den anderen Highliners in Rio, weshalb sich die Motivation der lokalen Highliner an einer Wiederholung in Grenzen hielt.
Es brauchte einiges, bis ich Bruno Migueis und Hugo dazu überreden konnte, die Strapazen auf sich zu nehmen und die Highline mit mir nochmals zu spannen. Wir planten das Projekt kurz vor meinem Rückflug. Das heisst die Planung blieb mir überlassen. Während meiner Zeit in Rio hatte ich immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass Planen und vorausschauendes Denken nicht gerade die Stärke der Cariocas (Bewohner von Rio) ist.
Nur wenige Tage vor der geplanten Highline auf dem Zuckerhut wurde mir mitgeteilt, dass es ein Problem geben würde mit den Bohrhaken der Highline. Es existierten zwar noch 10er Bohrhaken von 2008, diese seien jedoch nicht aus rostfreiem Material und mittlerweile völlig verrostet, so dass man sie erst noch erneuern müsse. Ärgerlicherweise hatte ich meine 12er Bohrhaken aus Inox und meinen starken Bosch-Bohrhammer zu Hause gelassen. Dieser wäre selbst dem harten, gneisartigen Granit locker gewachsen gewesen.
Obwohl ich nichts unversucht liess, war es ein Ding der Unmöglichkeit, innerhalb von zwei Tagen in Rio einen entsprechenden Bohrhammer aufzutreiben. Erschwerend kam hinzu, dass die meisten Geschäfte an den Tagen geschlossen hatten, an denen WM-Spiele stattfanden. Es gelang mir immerhin, ein paar Inox-Bohrhaken und einen alten Handbohrer aufzutreiben. Leider hatte mittlerweile Bruno seine Teilnahme an dem Projekt ohne Begründung wieder abgesagt, was das Aussicht auf ein erfolgreiches Gelingen mit nur einem Handbohrer ausgerüstet nicht gerade besser erscheinen liess.
Am Tag bevor es losgehen sollte kam der nächste Dämpfer. Hugo teilte mir mit, dass wir an zwei Stellen 60 Meter abseilen müssten, um den Highline-Spot zu erreichen. Ich hatte allerdings nur ein Seil dabei, welches bereits als Backup für die Highline eingeplant war. Hugo erzählte mir seelenruhig, dass er seine Seile gerade einem Kollegen ausgeliehen habe. Die Suche ging also von neuem los und es dauerte bis spät am Abend, bis ich endlich zwei Seile gefunden hatte, die ich ausleihen konnte.
Nach einer kurzen Nacht stand ich am nächsten Morgen früh mit einem viel zu schweren Rucksack am vereinbarten Treffpunkt. Von Hugo war weit und breit keine Spur. Später erfuhr ich, dass er am Abend zuvor zu lange gefeiert und danach verschlafen hatte. Nichts aussergewöhnliches hier in Rio.
Weil mir nur noch ein Tag hier in Rio blieb, war es für mich keine Option, das geplante Projekt auf den nächsten Tag oder das nächste Wochenende zu verschieben, wie das in solchen Fällen sonst üblich ist in Rio. Eine verlockende Alternative wäre gewesen, an diesem sonnigen Tag einfach zum nahegelegenen Strand von Botafogo oder Flamengo zu spazieren und dort entspannt ein Buch zu lesen und dazu eine frische Kokosnuss zu schlürfen.
Andererseits konnte ich unmöglich wieder in die Schweiz zurück fliegen, bevor ich nicht einmal auf dem Zuckerhut gewesen war. Da ich also sowieso auf den Zuckerhut wollte und bereits das gesamt Equipment für die Highline auf mir trug, entschloss ich mich, den Highline-Spot auf eigene Faust ausfindig zu machen. Die Chance war zwar klein, dass es mir gelingen würde, innerhalb von nur einem Tag die Highline aufzubauen, aber ein Versuch war es Wert.
Ich hatte keine Informationen über den Zustieg und so verbrachte ich die ersten zwei Stunden auf dem Zuckerhut damit, mich durch das Dickicht aus Gestrüpp, Lianen, Bambus und Kakteen zu kämpfen um eine geeignete Abseilstelle zu finden. Als ich endlich mit Bohrer und Hammer ausgerüstet abseilen konnte, wurde das Gelände schnell steiler und ich konnte die Stelle ausmachen, an der ich die alten Bohrhaken vermutet hatte.
Etwa 10 m unter mir konnte ich einen ersten verrosteten Haken erkennen. Ich hing aber schon am Ende meines 60 m langen Kletterseils. Wieder hochzusteigen um ein zweites Seil zu holen hätte zu viel Zeit gekostet. Deshalb knotete ich alle meine Bandschlingen an das Ende des Seils und erreichte so vorsichtig abkletternd die Stelle.
Zu meiner Überraschung steckte hinter den völlig verrosteten Haken ein massiver „P-Bolt“ wie man sie in Rio häufig in den Kletterrouten findet. Zumindest um das Backup der Highline brauchte ich mich also nicht zu sorgen. Ich begann mit dem Schlagen der Bohrlöcher. Eine sehr mühselige und zeitraubende Angelegenheit mit dem Handbohrer.
Endlich war die erste Seite fertig gebohrt und ich kletterte wieder hoch. Nun kam die heikelste Aufgabe beim Aufbau der Highline, nämlich das Schaffen einer Verbindung zwischen den Highline-Verankerungen. Kein einfaches Unterfangen, denn eine Traverse durch die Bäume oben oder die glatte Felswand unten ist praktisch unmöglich. Nicht selten dauert es Stunden, bis man eine Verbindung zwischen zwei Highline-Fixpunkte hergestellt hat. Wenn ich an dem Tag noch fertig werden wollte, durfte ich aber nicht viel Zeit damit verlieren. Mein Plan war, dass ich mich nochmals 15 Meter abseilen würde um eine Wurfschnur über die Kante des Pfeilers zu werfen. Ich befestigte einen kleinen Ast am Ende und durch das leichte Gewicht blieb die Schnur zu meiner grossen Freude auf Anhieb an einem der filigranen Pflänzchen an der Felswand hängen.
Als Nächstes seilte ich mich auf der anderen Seite ab, mit dabei ein 50 m langes Slackline-Band, drei Seile und das Bohrmaterial. Das schwere Equipment machte das Abseilen zur Qual, vor allem weil ich mitten durch einen Busch abseilen musste und ständig an den Ästen hängen blieb.
Nachdem auch dieser Highline-Fixpunkt eingerichtet war, befestigte ich dort das Ende der Slackline mit einem Bandfixierer und das Ende des Backup-Seils. Das andere Ende des Seils und des Bandes knotete ich an das dritte Seil, welches ich wiederum mit dem Ende der Wurfschnur verband.
Nun musste ich auf der anderen Seite sorgfältig die Nylonschnur über eine scharfe Felskante ziehen, wobei die Schnur unter dem Gewicht immer wieder zu reissen drohte. Doch ich konnte das Seilende zu mir hoch ziehen und damit der Kante entlang abseilen. Mehrmals blieb das Seil (oder ich) an einem der zahlreichen Kakteen und Pflanzen hängen, die an der Wand wuchsen. Immer wieder musste ich deswegen hoch und runter klettern, bis ich am Fixpunkt angelangt war und die Verbindung stand.
Noch eine Stunde Zeit blieb mir bis 17 Uhr, wenn der Sonnenuntergang beginnen würde. Ich war also gerade noch im Zeitplan. Mit letzter Kraft aber voller Euphorie spannte ich die Line fertig und tapte sie mit dem Backup-Seil zusammen. Nachdem ich alles fertig aufgebaut und doppelt abgesichert hatte, tauchte der Sonnenuntergang den Fels in rötliches Licht. Die Aussicht auf Rio mit dem Pedra da Gávea und dem beleuchteten Cristo Redentor im Hintergrund war atemberaubend.
Ich setzte mich auf die Line und tauschte den mit Kletterutensilien behängten Klettergurt mit einem Swami (Bauchgurt). Während unten in der Stadt die Fussballfans Krach machten, genoss ich hier oben die Ruhe. Was für ein Privileg, bei Sonnenuntergang über diese wunderbare Highline laufen zu können!
Highline Specs
Ort: Zuckerhut (Pão de Açúcar), Rio de Janeiro
Länge: 20 m – 25 m
Fallhöhe: ca. 170 m
Side exposure: ca. 350 m
Bisherige Begehungen: Hugo Langel van Erven (June 2008, HM), Bernhard Witz (7.7.2014 OSFM Swami)