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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1997 – Seite 1)
EDITORIAL
Können Märkte willentlich und durch Akte des Gesetzgebers geschaffen werden, oder sind sie ein Phänomen, das sich spontan einstellt, wenn nur die Zwangsmassnahmen wegfallen und die Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, oder genügt gar ein passives «Laissez faire, laissez passer» für eine Art Urzeugung? Ludwig Erhard, den man als Vater der Währungsreform und des Wirtschaftswunders bezeichnet und dessen Geburtstag sich 1997 zum hundertsten Mal jährt, war dezidiert der Auffassung, die Marktwirtschaft sei in der Bundesrepublik – getragen von seiner Überzeugung und vorangetrieben durch seine Initiative — «durch einige wenige Gesetze und durch kompromisslose Geschlossenheit» eingeführt worden. Die Währungsreform wurde allerdings gegen den Willen der deutschen Experten nach dem Entwurf des amerikanischen Leutnants Edward Tenenbaum durchgezogen, des «überragenden Kopfs, der die amerikanischen Währungspläne zielstrebig und erfolgreich gegen deutsche und alliierte Widerstände durchsetzte» (Wolfgang Benz, 1988) und der einmal mehr den Beweis liefert, dass die Geschichte nicht immer ihre wirklichen Gestalter und Akteure memoriert. Erhard kann daher höchstens den Ruhm als Zieh- oder Adoptivvater beanspruchen. Seine Verdienste um eine Gesellschaftsordnung, welche Wohlstand für alle durch Wettbewerb für alle hervorbringt, sind aber dennoch gross und unanfechtbar. Die Bezeichnung «Wirtschaftswunder» hat Ludwig Erhard konsequent abgelehnt, denn was sich in der Bundesrepublik nach dem Krieg vollzogen hat, war für ihn «alles andere als ein Wunder, es war die ehrliche Anstrengung eines ganzen Volkes». Aus zeitlicher Distanz kann man heute feststellen, dass sich die Machbarkeit von Märkten — wie jede Machbarkeit sozialer Prozesse — in engsten Schranken hält und dass vieles, was man als «Wille, etwas Neues zu schaffen» mythologisiert, letztlich nur darin besteht, möglichst viele dirigistische Vorschriften möglichst schnell zu beseitigen. Erhard selber charakterisierte den Vorgang wie folgt: «Was wir in dieser Situation tun mussten, war, die Fesseln zu lösen.» Der Rest ist Ereignis. Market happens.
ROBERT NEF