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Bern den 1 Nov. 1847. Vormittag 9 Uhr
Lieber Freund!
Deine Extra-Estaffette hat uns diesen Morgen um 5 Uhr so aus dem Schlaf gedonnert, als ob die Freyburger vor Berns Thoren stünden; gleichwohl ist eure Vorsicht u Wachsamkeit lobenswerth. –
Was den Executions-Beschluß betrifft, so war eure Besorgniß überflüssig. Wir werden einen solchen erst fassen, wenn die nothwendigen militärischen Vorbereitungen getroffen u die gehörigen Positionen der Truppen eingenommen sind; es dürfte etwa am Donnerstag geschehen. Insofern also wäre unserm Wunsche entsprochen; gleichwohl muß man die Sache so viel möglich beschleunigen wegen der Jahrszeit, der Finanzen u der Stimmung der Truppen. Es freut uns übrigens, daß man in Zürich einsieht, man könne nicht augenbliklich 50/m Mann schlag- u marschfertig hervorzaubern, wie es viele Eiferer in die Welt hinausschreien. – Das beantwortet die Frage, warum die Tagsatzung nichts mache. Sie läßt jetzt fortwährend machen u wenn das nöthige gemacht ist, so wird sie auch machen. – Sie hat nun also auch die disponibeln Reserven aufgeboten, in der Meynung, daß sie nicht zum eigentlichen Bundesheere eingetheilt wird, sondern eigne kantonale Brigaden bilden u zur Verfügung des Generals oder nächstgelegner Divisionairs bereit sind. – Man wird sie in Zürich nach Maaßgabe der Entfernung des Contingents einberufen; ich denke, es ist gut, hierüber das Gutachten des Hrn Oberst Gmür zu vernehmen. – Wem wollt ihr das Commando übergeben? – Hr. Oberst Orell meint, man habe wohl niemanden, als | Hrn. Muralt, der sich übrigens letzthin gut gehalten habe. Dem Hrn Oberst Gmür kannst du mittheilen, daß in Zürich noch zwey Reserve Batterien unter Hrn Major Wehrli stehen, deren er sich im Nothfall bedienen kann, wie so eben Hr Oberst Orell mir mittheilte. –
Was deine Bemerkungen wegen Bürkli u Kündig betrifft, so fanden wir nebst Hrn Oberst Orell, wir können uns mit dieser Sache nicht befassen. Wenn Hr Gmür hinreichende Gründe zur Versetzung hat, so wende er sich selbst an die competente Stelle oder an seine Gesandtschaft. Du hast keinen Begriff, wie subtil die obern Offiziere sind, wenn die Civilisten ihnen Rathschläge geben wollen. – Solche Übelstände sind nun einmal nicht zu vermeiden, wenn man nicht den halben Stab oder noch mehr entlassen will. Sind die betreffenden keine Ehrenmänner, so können auch bey andern Divisionen schlechte Streiche begehen, ja noch viel eher da, wo ein politisch gleichgesinnter Chef ihnen durch die Finger sehen würde. Hr Gmür soll ihnen gehörig aufpassen u soll ihnen die einschlägigen Artikel des Eidg. Militärstrafgesetzbuches vorlesen. –
Heute wird wohl in der N. Z. Ztg ein ausführlicher Bericht erscheinen über die Conferenzen. Was sagt ihr zu den schönen Propositionen, die Jesuitenfrage in dieser oder jener Form dem Pabst zu überlassen? – Es lief mir siedend heiß über den Rüken, als Näf u Munzinger solle Vorschläge anbrachten. Hätten die Sonderbündler eingeschlagen, so wäre die Sache abgethan gewesen, wenigstens auf dem legalen Wege. –
Am Samstag Abend hatten wir eine lebhafte Sitzung wegen Neuen| burgs Weigerung, die Truppen zu stellen. Die 12 ²/₂ hieben unisono u furchtbar auf den kleinen Calame ein, es geschah hauptsächlich auch zu Handen von Baselstadt. Es verlautet nun diesen Morgen, daß die Herrn allerseits die Truppen stellen wollen; indeß officiell weiß ich noch nichts. –
Unsern herzlichen Gruß an dich und unsre andern Freunde
Dein
F
P. S. H. v. Orelli sagt mir, es befinden sich zwei Batterien Artillerie in Zürich, welche H. Wehrli als Brigadier befehligt & die unmittelbar unter dem Commandanten der Artillerie stehen, über welche aber H. Gmür im Falle der Noth verfügen könne. Dieß als Antwort auf den durch H. Bollier mir mitgetheilten Wunsch des H. Gmür, daß man seiner Division noch eine Batterie zutheile. Übrigens muß auch ich die Ansicht des H. Furrer unterstützen, daß militairische Verfügungen nicht durch die Gesandtschaften angeregt werden können, sondern bei den betreffenden militairischen Chefs zu betreiben sind. Wir verstehen nichts davon & deßhalb nimmt man keine Notiz von unsern Vorstellungen. –
Was die Aufstellung der Reserve betrifft, so wird die Regierung am Besten bei H. Gmür Rath & Direction finden. Munzinger meinte, man könnte das Commando unserer Reserve dem eidsgenössischen Obersten Bundi übergeben. Bundi (ein tüchtiger Haudegen) war zum Commandanten einer Brigade unter Donatz ernannt, wollte aber aus Widerwillen gegen den Divisionair nicht annehmen. Nun höre ich aber so eben, daß er bereits ein anderes Commando erhalten habe, somit in Zürich nicht verwandt werden kann. – Die Reserve tritt natürlich sofort in eidsgenössischen Sold.
Das Gefecht zwischen den Wallisern & Waatländern, welches ich gestern gerüchtweise gemeldet hatte, bestätigt sich nicht. Überhaupt haben wir diesen Morgen keinerlei erhebliche politische Neuigkeiten.
Ganz dein
J. Rüttimann