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Es steht 1:1, als in der 80. Minute Theo Hernandez einen wunderbaren Aussenrist-Pass auf Kylian Mbappé spielt. Das Gefühl vor dem TV: Könnte Abseits sein. Noch während des Gedankens vernascht Mbappé den Goalie Unai Simon mit einem Übersteiger und schiebt zum 2:1 ein.
Wütende Proteste der spanischen Spieler, die in diesem Moment vermutlich nicht daran denken, dass ohnehin jedes Tor automatisch vom Videoschiedsrichter (VAR) auf seine Gültigkeit überprüft wird. Bald darauf kommt eine Zeitlupe, bald zeigt ein Standbild: Ja, Mbappé stand im Moment der Ballabgabe im Offside. Das 2:1 wird also nicht zählen.
Doch dann die grosse Überraschung: Schiedsrichter Anthony Taylor bekommt ins Ohr gefunkt, dass alles regulär ist. Der Treffer gilt, Frankreich führt und wird eine Viertelstunde später das Spiel und damit die Nations League 2021 gewinnen.
Des Rätsels Lösung, weshalb der Treffer regulär ist, findet sich bei genauem Hinsehen und beim Blick ins Regelwerk. Der spanische Verteidiger Eric Garcia hatte noch versucht, den Pass auf Mbappé zu unterbinden. Er grätschte in den Ball, berührte ihn, konnte ihn aber nicht aufhalten.
Durch diese Berührung wurde die Abseitsposition des französischen Stürmers aufgehoben. Der Grund: Garcias Bemühen fällt unter das Stichwort «Deliberate Play».
Der Spanier hat den Ball nicht unabsichtlich abgelenkt. Er hat eine bewusste Aktion durchgeführt, indem er versuchte, ihn zu stoppen. Garcia handelte aktiv, also mit Absicht. Und gemäss den Regularien steht Mbappé dann nicht im Offside, wenn Garcia der letzte Spieler war, der den Ball berührte.
Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn Garcia gar nichts macht und den Ball zu Mbappé durchlässt, zählt das Tor nicht. Dann gibt es an der Abseitsposition von Mbappé nichts zu rütteln. Aber natürlich kann Garcia dieses Risiko nicht eingehen, weil er nicht sehen kann, ob Mbappé in seinem Rücken offside steht oder nicht. Bleibt Garcia einfach stehen und der Franzose ist nicht offside, wird er zum grossen Depp.
Wer zu spielen versucht, kann verlieren. Wer nichts macht, kann dafür belohnt werden. Das kann es doch nicht sein!
Dass nun ein Tor in einem derart vielbeachteten Spiel auf diese Weise fiel, kann für den Fussball ein Segen sein. Denn der Druck, diese Regel zu ändern, steigt damit. So ein Tor sollte einfach nicht zählen.
Wenn die ganze Welt sieht, dass Mbappé im Moment der Ballabgabe offside steht, müsste das geahndet werden. Denn man kann unmöglich von einer neuen Spielsituation sprechen, die durch Garcias Grätsche entsteht. Es ist ein und derselbe Angriff, Hernandez spielt den Ball zu Mbappé. Das ist der Angriff. Ob da noch ein Gegenspieler minimal den Fuss hinhält, dürfte keine Rolle spielen.
Fussball ist grundsätzlich ein simples Spiel. Das Ziel sollte es sein, dass Entscheide einfach von allen verstanden werden können.
Das Siegtor von Kylian Mbappé im Final der Nations League kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Regel gibt es seit einigen Jahren, bestimmt haben sich die Regelmacher vom IFAB bei der Einführung kluge Gedanken darüber gemacht. Aber sie sollten nochmals über die Bücher und die Abseitsregel nach Mbappés Treffer weiter optimieren.
Denn so ein Tor können Funktionäre und Schiedsrichter zwar durch das Regelwerk legitimieren. Aber wohl ums Herz ist es vermutlich selbst ihnen nicht, dass sie so einen Treffer anerkennen müssen.
Und am Ende fahren die Götter wie Sterbliche. Am vergangenen Wochenende reichte es Valentino Rossi gerade noch zum 13. Platz. Viel besser wird es am Sonntag im 432. und letzten Rennen nicht mehr. Er hat den Zeitpunkt für seinen Rücktritt verpasst. Oder doch nicht? Nein, er hat den Zeitpunkt nicht verpasst. Weil er längst in den Sporthimmel der Legenden aufgestiegen und über diesen Zeitpunkt erhaben ist. Mit dem Privileg, so lange zu fahren, wie er mag. Darin ähnelt er Roger Federer.