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Spannender Artikel über ein Gedanke, welcher wohl oder übel bei jedem von uns etwas mitschwebt.
Der Artikel zu der Fenix Trophy ist angehängt, poste ich aber wohl erst morgen aufgrund etwas langen Texten.
Wie Fans sich vom Profifussball abwenden und alternative Klubs gründen
Der Gigantismus im modernen Fussball hat die Romantik getötet und viele Traditionalisten vergällt. Manche von ihnen wenden sich vom Profi-Geschäft ab und gründen im Amateurbereich eigene Klubs, bei denen es um mehr geht als Siege und Rendite. Das prominenteste Beispiel ist der FC United of Manchester.
Nicola Berger in der NZZ
29.10.2022, 16.15 Uhr
Im Winter 1977, in der Hochphase des Punks, schrieben die Buzzcocks ihren grössten Hit «Ever Fallen in Love (With Someone You Shouldn't've)»; Herzschmerz verpackt in den süssesten Melodien der Musikgeschichte. Er beginnt so:
You spurn my natural emotions
You make me feel like dirt and I’m hurt
(Du verschmähst meine natürlichen Gefühle
Du lässt mich wie Dreck fühlen und ich bin verletzt)
Pete Shelley, das Genie hinter diesem Nummer-1-Hit, ist im Dezember 2019 verstorben. Aber seine Musik und sein Vermächtnis leben weiter. Und wahrscheinlich passen seine Zeilen nirgendwohin besser als in den Broadhurst Park, wo ein Transparent im Wind hängt, auf dem steht: «Ever Fallen In Love With Someone You Shouldn't Have Fallen In Love With.» («Hast du dich schon einmal in jemanden verliebt, in den du dich nicht hättest verlieben sollen.»)
Broadhurst Park liegt im Norden von Manchester, der Weg ist gesäumt von den ortstypischen Backsteinhäusern. Es ist ein kleines Stadion, 4700 Plätze, aber es wird geführt von Menschen mit grossen Ideen. Im Kosmos des internationalen Fussballs ist Broadhurst Park ein kleines Utopia. Es ist die Heimstätte des FC United of Manchester, einem Klub, der von Leuten gegründet wurde, welchen die ersten Liedzeilen aus der grossen Buzzcocks-Hymne tatsächlich widerfahren sind: dass sie sich wegen einer falschen Liebe wie Dreck fühlten und verletzt waren.
Sie waren Fans von Manchester United, sie reisten dem Team quer über die Insel und durch Europa nach, sie waren jung und wild, und United war der erfolgreichste Klub der Welt. Dann krallte sich der amerikanische Geschäftsmann Malcolm Glazer den Klub und überhäufte ihn mit Schulden. Es folgten wütende Fanproteste – und irgendwann: Resignation.
Das Enfant terrible Eric Cantona, eine der wichtigsten Ikonen in der reichen Klubhistorie von Manchester United, hat einmal diesen Satz gesagt: «Du kannst deine Frau austauschen, deine Religion, deine Politik. Aber niemals kannst du deinen Lieblingsverein wechseln.» Und das stimmt. Rund um den Globus verlieben sich Menschen als Heranwachsende in einen Klub, oft lässt sich die Faszination nicht erklären.
Und dann lassen sie sich von diesem ein Leben lang ärgern, würden aber trotzdem nie auf die Idee kommen, diese Beziehung aufzukündigen. Lieber nie Meister werden und im Cup dreimal an Agno und Buochs und Wohlen scheitern, als sich jemals ein PSG-Trikot überzustreifen; das ist grob zusammengefasst das Narrativ auf die Schweiz hinunter gebrochen.
Was kommt eigentlich nach dem Protest?
Adrian Seddon hat es trotzdem getan, er hat mit einer Fussballliebe gebrochen. Seddon, der zuvor an jedem Manchester-Spiel war, hat seither keinen Fuss mehr in den Old Trafford gesetzt. Er sagt: «Ich fand es nicht hart. Ich konnte das mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Als Glazer den Klub gekauft hat, war ich fertig mit United.»
Der Mittvierziger sitzt im Broadhurst Park und erzählt bei ein paar Pints die bewegte Geschichte seines Vereins, bei dem er als Vorstandsmitglied wirkt. Der FCUM wurde 2005 unmittelbar nach der Übernahme der Glazers gegründet. Das Team begann ganz unten und spielt heute in der Northern League Premier, der siebten Division. Sie wurden bald als «Red Rebels» apostrophiert und sorgten im Amateurfussball für Furore. Irgendwann mussten sie sich überlegen: Was kommt eigentlich nach dem Protest? Bei diesem Verein, der basisdemokratisch organisiert und als Non-Profit-Unternehmen aufgestellt ist. Die knapp 5000 Mitglieder haben alle die gleichen Rechte; keiner ist grösser als die Gemeinschaft. Zusammenhalt soll mehr sein als eine Floskel, weshalb es kein Zufall ist, dass der erste Coach mehr als zwölf Jahre im Amt blieb.
Vor einigen Jahren entschied das Kollektiv, dem Nomadentum ein Ende zu setzen und ein eigenes Stadion zu bauen: Broadhurst Park. 6,3 Millionen Pfund kostete das, und seitdem hat ein gewisser Pragmatismus Einzug gehalten, weil es Schulden abzuzahlen gilt. Es gibt Dinge, die sind noch immer tabu, Trikotwerbung etwa. Einnahmen sind willkommen, aber nicht um jeden Preis; als das Programmheft um ein halbes Pfund teurer wurde, sorgte das für einen Sturm der Entrüstung.
Seddon erzählt von einer Einladung an ein Testspiel nach Serbien in diesem Sommer, die er habe ablehnen müssen: «Es wäre für den Verein finanziell attraktiv gewesen. Aber es war zu kurzfristig. Wir haben Fans, die an jedes Spiel kommen. Es wäre nicht fair und zu teuer gewesen, wenn sie sich mit so wenig Vorlaufzeit eine so weite Reise hätten organisieren müssen.» Es wirkt wie eine Anekdote aus einer anderen Epoche; nicht wenige Klubs zeigen demonstratives Desinteresse, wenn es um die Interessen des normalen Zuschauers angeht. Wichtig ist, dass die TV-Partner und Sponsoren zufriedengestellt werden.
Der FCUM aber ist darauf bedacht, dass jeder sich den Matchbesuch leisten kann. Wer nicht volljährig ist, zahlt zwei Pfund. Es ist der Versuch, die Teenager, die sich in erster Linie für die Fifa-Videospiele, Erling Haaland und Kylian Mbappé interessieren, an den analogen Fussball heranzuführen. Der FCUM-Tross sieht auch so einiges von der Welt. Er ist ein beliebter Gast bei Fussballklubs mit einem Flair für das Alternative, er gastierte auch schon in Winterthur.
Und doch: Irgendwie muss Geld beschafft werden, es ist der alte Konflikt zwischen Romantik und Realität. «Wir mussten harte Lektionen lernen», sagt Seddon. Der Klub erlebte erbitterte Grabenkämpfe, es gab Gründungsmitglieder, die sich für immer abwandten, einmal aus persönlichen Animositäten, einmal weil sie fanden, der Klub verrate seine Prinzipien.
Nach 17 Jahren sind die Macher um ein paar Illusionen ärmer – in vielerlei Hinsicht. Cantona sagte einst, er unterstütze die Rebellen und hoffe, dass sie bis in 50 Jahren einen Europacup-Titel gewinnen würden. In Broadhurst Park war er bis heute noch nie. Cantona sei ein schwieriges Thema, sagt Seddon, das projektierte Image sei eine Sache und die Wirklichkeit eine andere.
Hollywoodgrössen in Wrexham
Vielleicht verhält es sich beim FC United of Manchester gleich. Aber bei allen Widrigkeiten ist es bemerkenswert, was der Klub erreicht hat. Die Fans singen noch immer dieses alte Kampflied: «Glazer, wherever you may be, you bought Old Trafford but you can’t buy me». («Glazer, wo immer du auch sein magst, du hast Old Trafford gekauft, aber mich kannst du nicht kaufen.») Und genau darum geht es: dass es ein paar Unbeugsame geschafft haben, eine alternative Fussballrealität aufzubauen, und damit glücklich geworden sind. Weit weg vom Glamour des grossen Fussballs. Aber auch von den Restriktionen, dem Ärger, dem Geld, das so vielen im Geschäft den Verstand geraubt hat.
Der FCUM ist zu einer Art internationalem Botschafter für einen Gegenentwurf zum modernen Fussball geworden. Einer, der vermittelt, dass auch noch andere Dinge zählen ausser Siege, Sponsorendeals und Transferrenditen. In Manchester ist der FCUM ein Auffangbecken für all jene, die diesen Sport zwar noch im Herzen tragen, sich aber von den Auswüchsen abwenden. Von der Kommerzialisierung, die den Fussball bis zur Entstellung verändert hat. Er ist zu einem Spielball der Interessen von Investoren geworden, die in Europa Gefallen an den obskursten Vereinen finden. In Grossbritannien haben ausländische Investoren inzwischen selbst Teams ausserhalb der vier höchsten Profiligen aufgekauft.
Die Hollywoodgrössen Ryan Reynolds und Rob McElhenney in Wrexham zum Beispiel. Dort drehten sie sofort eine Doku-Serie, was zur Netflixisierung des Fussballs passt, wo ständig etwas inszeniert werden muss. Seddon sagt, es gebe immer wieder Auslöser, die dem Klub neue Interessenten zuführen würden. Die gescheiterte europäische Super League war so etwas. Die WM in Katar könnte den gleichen Effekt haben.
Der FCUM war nicht der erste von Fans aufgebaute und geführte Klub. Aber er dürfte der bekannteste sein. Es gibt rund um den Globus ähnliche Projekte mit wechselhaftem Erfolg. Austria Salzburg etwa, das sich ebenfalls 2005 als Protest gegen die Übernahme durch Red Bull formierte, musste zwischendurch Insolvenz anmelden.
Ein anderer ist der HFC Falke in Hamburg. Falke wurde 2014 von enttäuschten Fans des Hamburger SV gegründet, nachdem dort die Ausgliederung der Profifussballabteilung in eine Aktiengesellschaft beschlossen wurde. An einem Samstagnachmittag im August empfängt das Team in der Bezirksliga den SV Uhlenhorst-Adler auf einem Nebenplatz in Altona.
Es gibt keine Fangesänge, die Zuschauerzahl liegt unter 100. Falke hat kein echtes Zuhause, kein Stadion, er ist ein Nomadenklub wie einst der FCUM. Die einzige Entschädigung für die Spieler sind drei Euro pro Training. Philipp Markhardt ist eines der Gründungsmitglieder von Falke und inzwischen Pressesprecher von Altona 93, so etwas wie der charmanteren Version des FC St. Pauli. Er sagt, nachdem die ursprüngliche Euphorie um Falke verflogen war, seien manche zurück zum HSV gegangen.
Das Profigeschäft als Schreckgespenst
In Manchester erzählt auch Seddon von solchen Fällen. Das Phänomen erstaunt nicht, denn was in der fussballerischen Provinz bei allem Charme fehlt, sind die Rivalitäten. Seddon sagt, mit diesem und jenem Klub bestünden Animositäten. Aber es gibt eine Grenze, wie sehr man Morpeth Town und die Stafford Rangers nicht mögen kann. Mit der innigen Feindschaft, die United mit Arsenal, Tottenham oder Liverpool pflegte, lassen sich diese Emotionen nicht vergleichen. Abhilfe in Form von Abwechslung schafft seit letztem Jahr die Fenix Trophy (vgl. Text unten), ein Europacup für von Fans geführten Klubs.
Es ist spät geworden in Manchester, und die Pints sind leer. Seddon sagt, es gebe Leute im Verein, für die ein Aufstieg ein Horrorszenario wäre. Weil sie sich von den Normen auf Profi-Ebene zu sehr eingeengt fühlen.
I can’t see much of a future
Unless we find out what’s to blame, what a shame
And we won’t be together much longer
Unless we realize that we are the same
(Ich sehe keine grosse Zukunft
Wenn wir nicht herausfinden, was falsch läuft, was für eine Schande
Und wir werden nicht viel länger zusammen sein
Wenn wir nicht erkennen, dass wir gleich sind)
Wir werden nicht mehr lange zusammenbleiben, wenn wir nicht realisieren, dass wir gleich sind, singt Pete Shelley. Ist der FCUM im Jahr 2022 einfach ein trivialer Fussballklub mit den gleichen Sorgen, die die anderen Amateurklubs auch haben? Seddon lächelt und sagt: «Ich glaube nicht, dass wir ein normaler Klub sind, nein.» Und dann fügt er an: «Und Sie auch nicht. Sonst würde ich hier mein Bier nicht neben einem Reporter aus der Schweiz trinken.»
Ever fallen in love, in love with someone
You shouldn’t have fallen in love with
Seddon und seine Freunde haben keine Fussballliebe gesucht, eigentlich. Und sie im Broadhurst Park doch gefunden.