Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/1846

Eugen Gabowitsch(1938 - 2009)
Die Geschichte auf dem Prüfstand
Erschienen in russischer Sprache
Originaltitel: Istorija pod snakom voprossa)
St.-Petersburg, Verlagshaus "Neva", 472S., 2005
ISBN: 5-7654-4398-2
Rezension von Sören Kliem, Dresden
Das Buch beginnt mit einem Vorwort der beiden großen russischen Chronologiekritiker Nossovski und Fomenko. Dieses Vorwort ist aber eine einzige Enttäuschung. In zwei Sätzen schreiben sie, daß sie das Buch gut finden, aber nicht mit allem einverstanden sind. Weiterhin kritisieren sie den teilweise übertrieben lächerlichen Ton des Buches. Da stimme ich mit ihnen voll überein: Auch mir sagt diese teilweise sogar ins Vulgäre abdriftende Beschreibung mancher Aspekte überhaupt nicht zu. Zum Glück ist nicht das ganze Buch so geschrieben. Im Rest des Vorwortes geben die beiden den Lebenslauf von Eugen Gabowitsch wieder. Da steht nichts drin, was der Autor nicht selbst in Kapitel 1 dann auch noch erzählt. Also, von Nossovski und Fomenko hätte ich etwas Besseres erwartet.
Der Einleitung ist noch eine "Minieinleitung" vorangestellt. Hier führt der Autor aus, daß seine Darlegungen in diesem Buch von größerer Tragweite sind als das eine Buch von S. Rushdie, mit dem dieser sich den Zorn gewisser religiöser Führer zugezogen hatte. Gabowitsch will nach eigener Aussage die Weltreligion an sich, nämlich die Geschichte der Menschheit, in Frage stellen.
Das Buch ist natürlich zuerst für den russischen Markt gedacht. Gabowitsch will alle ansprechen, die Fomenko gelesen haben und sich fragen: „Ist Fomenko allein?“. Dabei gibt er einen guten Überblick über den aktuellen Zustand der Geschichtskritik in Westeuropa, speziell im deutschsprachigen Bereich. Der russische Leser ist zu beneiden, kein Buch in deutscher Sprache erfüllt diese Funktion. Gabowitsch will aber auch die professionellen Historiker ansprechen, um sie zum Nachdenken zu bringen.
Das erste Kapitel ist im Prinzip eine kurze Autobiographie. Gabowitsch beschreibt wie er den Weg zur Geschichtskritik fand, aber eigentlich beschreibt er seinen Lebensweg in der Sowjetunion, der ihn, im Nachhinein betrachtet, auf die Geschichtskritik vorbereitet hat. Am Schluß des Kapitels folgt eine Auflistung aller Publikationen von Gabowitsch zur Geschichtskritik.
Das zweite Kapitel enthält mehrere Ausflüge in die Literatur. An Hand zweier englischer, eines russischen und eines italienischen Buches, weist er darauf hin, wie Geschichte manipuliert wird. Die vier Autoren schreiben natürlich Romane und sagen das auch. Aber was wäre, wenn sie letzteres nicht täten. Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel von Umberto Ecos Buch Baudolino.
Mit dem dritten Kapitel beginnt dem Thema der Geschichtskritik. Im Gegensatz zur traditionellen Geschichtsschreibung ist der Autor der Meinung, daß Geschichte erst seit relativ kurzer Zeit existiert. Seine Hypothese der Entstehung der Geschichte basiert auf dem katastrophischen Modell der Vergangenheit.
Weiterhin bezeichnet Gabowitsch sein Modell der Vergangenheit als Hypothese. Er vertritt also keinen Anspruch auf Richtigkeit. Geschichte ist nach ihm das, was wir über die Vergangenheit wissen und nicht die geschichtliche Vergangenheit selbst. Letztere ist der Generator der geschichtlichen Information. Die Geschichte selbst ist die Art der Verarbeitung dieser Information.
Gabowitsch betrachtet in diesem Zusammenhang auch die Historiographie. Geschichtsschreibung ist für ihn im weiteren Sinne alles, was jemals über die Vergangenheit verfaßt wurde, einschließlich historischer Romane, Fälschungen und erfundenen Geschichten.
Bei der Geschichtsschreibung stellt sich die Frage, ob diese aus dem Nichts entstand oder ob unsere Vorfahren einfach aus Spaß begonnen haben, sich für ihre Vergangenheit zu interessieren. Dabei meint Gabowitsch, daß eine gewaltige Erschütterung der Zivilisation den Anstoß gab, Geschichte aufzuzeichnen.
Die Geschichte als Beschreibung oder Modell der Vergangenheit beginnt nach Gabowitsch mit einer Katastrophe. Deren Erscheinungsformen laufen unter der Bezeichnung „schwarzer Tod“ und werden konventionell in die "Mitte des 14. Jahrhunderts" gesetzt.
Diese letzte Katastrophe sei ein extremer Einschnitt in die Menschheitsentwicklung gewesen, der Startpunkt der heutigen Zivilisation sogar. Gabowitsch weist aber darauf hin, daß in der russischen Geschichtskritik eine Katastrophe bisher überhaupt keine Rolle spielt. - Das kann der Rezensent bestätigen.
Nach Gabowitsch führte die Katastrophe zu einem dramatischen Bevölkerungsschwund, der zur Folge hatte, daß man mit schriftlichen Aufzeichnungen begann: Grundbücher, Geburts-, Heirats- und Sterberegister, und so weiter.
Weiterhin führt Gabowitsch aus, daß das die Entstehung der historischen Erzählungen und Romane auch auf die Situation nach der Katastrophe zurückzuführen ist. Neben den „wahren“ Beschreibungen der durchlebten Katastrophe und dem schönen Leben davor, begann man, Geschichten auszudenken und aufzuschreiben. Nach Gabowitsch entwickelte sich dies zu einem einträglichen Geschäft, mit dem viel Geld zu verdienen zu war.
Auf die Frage, ab wann denn wiedergegebene Geschichte den tatsächlichen Ereignissen entspricht, antwortet Gabowitsch, daß die verschiedenen Geschichtskritiker dazu Zahlen zwischen den Jahren 1000 und 1648 angeben. Für ihn ist 1648 (Westfälischer Friede) der früheste belastbare Zeitpunkt, obwohl in den Jahrhunderten danach fleißig weiter gefälscht wurde.
Kapitel 4 ist bekannten historischen Fälschungen gewidmet. Gabowitsch beginnt mit der rhetorischen Frage, ab welchem Zeitpunkt, man sicher sein kann, daß nicht mehr gefälscht wird. - Doch gefälscht wird auch noch heute.
Wir erfahren hier viel über archäologische Funde in Palästina, über Briefe historischer Persönlichkeiten, die nie existiert haben, über chinesische Handschriften in England und über die Begutachtung historischer Urkunden.
Der Hexenverfolgung widmet Gabowitsch viel Raum und kommt zu dem Schluß, daß diese völlig falsch dargestellt wird. Der Autor möchte das Thema später wieder aufnehmen. Dabei solle auch der Frage nachgegangen werden, warum es in Rußland keinen Hexenwahn gab.
In Kapitel 5 und 6 werden Beispiele von alten und neuen Geschichtsumschreibungen aus dem Geiste des Nationalismus gebracht. Die Geschichtsfälschung wird heute weltweit fortgeführt.
Im 18. Jahrhundert hatte eine Reihe großer Denker eine negative Einstellung zur Geschichte. - Man erinnere sich, daß der Jesuit Jean Hardouin die ganze alte Geschichte und die ganze schriftliche Überlieferung für falsch und erfunden erklärt hat.
Der Prozeß der Christianisierung und der Entstehung der monotheistischen Religionen wird nach Gabowitsch völlig falsch dargestellt. Man merkt, daß er sich sehr an Uwe Topper orientiert, Einzelaspekte aber anders einschätzt und in einen anderen Kontext einordnet. Für ihn hat sich das frühe Christentum im Bereich von Norditalien, Südfrankreich, Nordspanien und Süddeutschland entwickelt. Dies ging einher mit einer Weiterentwicklung der Gesellschaft.
Die ersten Bischöfe waren die frei gewählten Richter. Diese begannen mit dem Bau von Unterschlupf- bzw. Versammlungsräumen. Letztere waren die Urform der heutigen Kirchen und eigentlich Verteidigungsbauten.
Nach Voigt betrachtet auch Gabowitsch die ersten zur selben Zeit entstandenen Kloster als Militäranlagen, die bei der Kolonisierung des Landes zum Schutz der Kolonisten erbaut wurden. Die Parallele zu den Forts in Amerika ergibt sich zwangsläufig. Aber wer sollte in Mitteleuropa geschützt werden, wenn die eigenen Stammesfürsten die Erbauer waren?
Der Prozeß der Zentralisierung der Kirche begann, die Macht der Gemeinden wurde zurückgedrängt.
Nach Gabowitsch sind die Juden die Masse der den Zentralisierungsbemühungen sich nicht unterordnen wollenden lokalen Bischöfe und Klöster, um die dann in der uns als Reformation bekannten Zeit ein Kampf entbrennt. Mit der Vereinigung verschiedener Bischofssitze und der dabei entstehenden Hierarchie entwickelt sich die Staatskirche, in die sich die meisten Juden ergeben. Die anderen bleiben als Altgläubige bei einer eigenen Religion.
Zur Unterstützung seiner Sicht der Dinge führt Gabowitsch eine Reihe Indizien an. So ist das Christentum im 15. Jahrhundert in Nordeuropa und im nördlichen Teil von Mitteleuropa unbekannt. In Polen wurden noch im 17. Jahrhundert die katholischen Kirchen von Juden geführt, in Nordspanien und Südfrankreich die Kirchen von Juden gebaut. - Und ist nicht der lutherische Antisemitismus auf den verlorenen Kampf um die Juden zurückzuführen?
Weiter betrachtet Gabowitsch eine Reihe nationaler Epen, die angeblich die Vorgeschichte der jeweiligen Völker beschreiben. An mehreren Beispielen erläutert er die aufgedeckten Fälschungen: Die meisten dieser Werke wurden erst im 18. Jahrhundert verfaßt.
Am Schluß bringt Gabowitsch noch einmal eine Liste der erstmaligen Drucke jener Epen - meistens zwischen 1757 und 1872. - Wie Christoph Pfister ist auch er der Meinung, daß das reale Erstellungsdatum eines Werkes nahe beim Erscheinungsdatum der ersten Druckfassung zu suchen ist.
Mit Kapitel 8 beginnt der chronologische Teil des Buches. Viele angestammte Historiker sehen die Rolle der Chronologie eher zweitrangig, für sie ist sie eine Hilfsdisziplin. Nach Gabowitsch gibt es keine Geschichte ohne Chronologie, nur letztere trennt die Beschreibung der Vergangenheit von Märchen über diese. Wie auch zu Beginn des Teils über die Geschichte führt Gabowitsch hier eine Reihe von Begriffsdefinitionen an. Historische Chronologie ist die Kunst des Andockens von Ereignissen an die Zeitachse. Nach Ideler ist eine technische Chronologie das Grundgerüst der historischen, aber bereinigt um die Ausschmückungen, die zur Lesbarkeit eingeführt werden. Dann übertreibt Gabowitsch aber, indem er das Interesse zur Chronologie in der Länge der entsprechenden Einträge darüber in den Enzyklopädien verschiedener Zeitepochen misst.
Eng verbunden mit der Chronologie sind natürlich Kalender und Ären. Deren große Anzahl ist eine Basis für Verwechslungen, wenn man nicht mit angibt, auf welche Ära man sich bezieht. Wie wichtig die Kalender in der Anfangszeit der Chronologie waren, kann man daran ablesen, daß mehr als die Hälfte von Scaligers erstem Buch Kalendern gewidmet war.
Aus der Analyse des Julianischen Kalenders zieht Gabowitsch die Schlußfolgerung, daß dies ein Sonnenkalender war, der sich erst kurz vor der gregorianischen Kalenderreform etablierte. Das gesamte römische Imperium wurde erst danach erdacht.
Der gregorianische Kalender, der eine Korrektur von nur wenigen Tagen beinhaltete, war extrem schwierig einzuführen, letztendlich hat er sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt. Daran wird für Gabowitsch deutlich, daß die Geschichte des Julianischen Kalenders erfunden ist. Für die Einführung des gregorianischen Kalenders hat der Autor eine Hypothese: Die Kalenderreform war notwendig, nachdem sich die Erdbewegung um die Sonne nach dem LGR stabilisiert hatte.
Dann schlägt der Mathematiker Gabowitsch zu: Er bringt Überlegungen zur Anordnung historischer Ereignisse aus unterschiedlichen Quellen. Diese demonstriert er an Hand verschiedener grafischer Beispiele, die aus irgendeinem Grund 20 Seiten vorher angeordnet sind (auch andere Abbildungen tauchen nicht an den Stellen auf, an denen sie im Text besprochen werden).
Gabowitsch zeigt, welche Probleme entstehen, wenn man mehrere relative Chroniken in Einklang zu bringen versucht. Am Beispiel von Spielkarten demonstriert er, was man beim Sortieren alles beachten muß und kommt zum Schluß, daß sich keine widerspruchsfreie Chronologie erstellen läßt.
Das komplette Kapitel 9 befaßt sich Gabowitsch mit einem der ersten Bücher über Geschichte und Chronologie, der Chronik von Hartmann Schedel. Das Buch ist ein unschätzbarer Fundus für die Geschichtsforschung, da es eindeutig vor Scaliger verfaßt worden ist. Gabowitsch analysiert die verschiedenen im Buch dargestellten Ären. Von besonderem Wert sind dabei die vielen Abbildungen. So ist Jerusalem mit typischen russischen Kirchen dargestellt, das mittelalterlich aussehende Rom enthält keinerlei christliche Zeichen, in verschiedenen Städten (z.B. Bern, Mailand) tragen die Kirchen keine Kreuze, sondern Halbmonde, Regensburg ist mit seiner berühmten Donaubrücke, aber ohne Kreuze dargestellt, in Nürnberg (der Heimatstadt des Herausgebers) gibt es nur wenige.
Gabowitsch folgert aus der Analyse des Textes, daß eine Chronik in der Epoche, in der dieses Werk entstanden ist, eine andere Bedeutung hatte. Nach heutigen Maßstäben wäre es eine Enzyklopädie. Sie nimmt keinen Bezug zu realen Ereignissen, betrachtet aber schon einen vorwärtsgerichteten Zeitstrahl.
Entwicklung und Bedeutung der Städte haben einen herausgehobenen Platz in Schedels Chronik. Es erfolgt keine Unterscheidung zwischen Legenden und Mythen sowie realen Ereignissen. Alles ist vermengt. Die dargestellte weit entwickelten (Kriegs-) Technik und Architektur sowie die Qualität der Weltchronik von Schedel würde eher zu einem Erscheinungsdatum im 17. Jahrhundert passen.
Divinator ist ein aus der Mode gekommenes Wort, das ich auch nicht kannte und nur in einem französischen Wörterbuch fand. Gabowitsch charakterisiert mit diesem Wort Scaliger und widmet ihm das gesamte Kapitel 10.
Josef Justus Scaliger (angebliche Lebensdaten 1540 – 1609) hat die heute noch geläufige Chronologie der Weltgeschichte im Wesentlichen durch die Kraft der Eingebung (Gabowitsch!) erschaffen. Scaliger schrieb "1583" , angeblich als Antwort auf die Kalenderreform von "1582", das Werk: „Korrektur der Chronologie“ (De emendatione temporum).
Aus verschiedenen Quellen des 19. und 20. Jahrhunderts erzählt Gabowitsch die Lebensgeschichte des im Alter von 22 Jahren zur evangelischen Kirche übergetretenen Divinators. Obwohl das lateinisch geschriebene Buch heute noch die Grundlage der Weltchronologie bildet, wurde es nie in eine moderne Sprache übersetzt. Scaliger ist auch bei professionellen Historikern weitgehend unbekannt. - Fomenko ist es zu verdanken, dass der Chronologe heute wieder bei den Geschichtskritikern bekannt ist.
Scaliger schrieb eine Chronologie der Weltgeschichte, in der er an vielen Stellen seine eigene Unkenntnis durch divinatorische Tricks überdeckte. In der einzigen russischen Quelle, die Gabowitsch bekannt ist, werden eben diese divinatorischen Fähigkeiten gelobt.
Heutige Maßstäbe sind auf die Denk- und Arbeitsweise des Philologen Scaliger nicht anwendbar. In kaum vorstellbarer Weise hat Scaliger fehlende Angaben hinzugedichtet und ausgeschmückt. Viele Sachen hat er aus dem Nichts erschaffen, auch unter Mithilfe getreuer Freunde wie zum Beispiel Isaak Casaubon (Casaubonus), der für ihn alte Chronologien in der Pariser Bibliothek „gefunden“ hat. Gabowitsch weist darauf hin, daß man Scaliger genau überprüfen könnte. - Aber leider macht das keiner!
Weggefährte bei der Erstellung der Weltchronologie war ein gewisser Petavius, der die Chronologie von Scaliger weiterentwickelt und verbessert hat. Er machte sie auch für die katholischen Länder annehmbar. Aber es gibt noch einen dritten: Calvisius, der (auch in der geschichtskritischen Szene) fast vergessen ist. Übrigens möchte Gabowitsch Historiker, die alle drei kennen, am liebsten als seltene Exemplare auf dem Jahrmarkt ausstellen (Das war es jetzt aber zum Thema Polemik).
Der Komponist Calvisius ("1556-1615") war angeblich Kantor in Leipzig (somit ein Vorgänger von J. S. Bach) und gab "1605" das Buch Opus chronologicum heraus. Damit macht er Scaliger auf sich aufmerksam, der dann an der deutlich erweiterten zweiten Auflage mitwirkte.
Die in dem Buch von Calvisius aufgelisteten Tabellen sind denen, die heute durch die traditionelle historische Schule verwendet werden, sehr ähnlich. Scaliger und Calvisius arbeiteten im Tandem, sie ergänzten sich. Eigentlich machten sie nichts anderes, als die vorher zusammengetragene Informationen mit allen darin vorhandenen Fehlern in ein System zu gießen.
Der Grundfehler von Scaliger wie von Calvisius ist, daß sie versuchten, alle aufgezeichneten Ereignisse auf eine absolute Zeitachse zu bringen. Daß dies nur teilweise möglich ist, hat Gabowitsch ja schon in Kapitel 8 gezeigt.
Das Erscheinungsdatum der Bücher wird von Gabowitsch (mit Hinweis auf Pfister) in Frage gestellt. Sie können kaum vor 1630 (nach Pfisters neuen Erkenntnissen sogar erst etwa 1740/50) erschienen sein.
Eigentlich ist das Kapitel Calvisius gewidmet, aber Gabowitsch beschäftigt sich plötzlich ausführlich mit der Kritik an Scaliger. Dafür wird nirgends erklärt, warum sich der Komponist Calvisius überhaupt mit Chronologie beschäftigt hat.
Der dritte Stern im chronologischen Dreigestirn ist der heute wenig bekannte französische Jesuit und Herausgeber griechischer Autoren Dionysius Petavius (Denis Pétau. Nachdem er angeblich 1616 ein Buch über die Patriarchen von Konstantinopel verfaßt hat bekam er Kontakt zum Vatikan und den Auftrag, sich mit frühen christlichen Autoren zu befassen.
Passend hat Gabowitsch hier ein paar Hintergrundinformationen über die Praktiken der Jesuiten eingeflochten. Zur Durchsetzung ihrer Ziele war es erlaubt, Mittel wie Lüge, Betrug und Meineid einzusetzen. Der seit "1618" als Professor am Jesuitenkolleg in Paris arbeitende Petavius begann seine chronologische Karriere mit massiven Angriffen auf Scaliger und dessen Ablehnung der gregorianischen Kalenderreform. Später nahm er an dessen Tabellen Korrekturen vor und machte sie dadurch annehmbar für seine katholischen Zeitgenossen.
Die Datierungen ab Christi Geburt sind ebenfalls Petavius zu verdanken. - Aber wissen die konventionellen heutigen Historiker nichts.
Petavius gab als erster ein Geschichtslehrbuch für Studenten heraus. Er stellte auch als erster eine Chronologie aller römischen Herrscher bis zum Heiligen römischen Reich deutscher Nation auf.
Gabowitsch weist im Weiteren darauf hin, daß fast alle chronologischen Tabellen von Petavius ohne Diskussion oder Begründung publiziert wurden.
Wie verschiedene geschichtskritische Autoren (im Westen nur Pfister, in Rußland mehrere) herausgearbeitet haben, wurden in den erstellten chronologischen Tabellen numerologische Prinzipien und Zahlensymmetrien eingesetzt, um die fehlenden Zeitangaben zu erhalten. Alle drei Chronologen (Scaliger, Calvisius, Petavius) waren im Prinzip nur Sammler und Systematisierer von vorhandenem Material, das sie kritiklos übernommen haben. Sie führten eine Kanonisierung der Chronologie durch. Der Einfluß dieser Divinatoren ist überdeutlich.
Der größte Fehler der offiziellen Geschichtswissenschaft besteht nach Gabowitsch in der falschen Chronologie (und selbstredend auch in den erfundenen Inhalten), auf die man sich immer noch kritiklos verläßt.
Eines der Hauptziele des Buchs war es, genau dieses darzustellen. Aus meiner Sicht ist das vollauf gelungen.
Am Schluß folgt ein Ausblick auf zwei weitere von Gabowitsch geplante Bücher. Eines soll der Kritik der asiatischen Geschichte gewidmet sein, mit der sich der Autor intensiv auseinandergesetzt hat. Aber zuerst soll eine Fortsetzung des vorliegenden Buches folgen, in der sich der Autor eingehend mit der Katastrophentheorie beschäftigen will.
Fazit: Gabowitschs Buch ist sehr lesenswert, glänzt durch die Fülle an Informationen und ist als Einführung in die Geschichtskritik unbedingt zu empfehlen.
Leider können die meisten, die diese Rezension lesen, von dieser Empfehlung aus sprachlichen Gründen keinen Gebrauch machen.
August 2006