Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/2241

Der Begriff Münchhausen-Phänomen bezeichnet die Gesamtheit von Erscheinungen, welche mit dem Namen Münchhausen in Verbindung gebracht werden. Bei der Verwendung des Begriffs schwingt ein gewisses Staunen über den Umfang, den Charakter und eine gewisse Unerklärbarkeit dieser Erscheinungen mit. Das Wort Münchhausen kann fast alles mit den Polaritäten wahr und nicht wahr affizieren. Das Münchhausen-Phänomen kann sich an sinnlich Wahrnehmbarem oder an mentalen Vorgängen entzünden.
Ein anders Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen grösseren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte.
(Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausens. Zweite vermehrte Ausgabe, London [Göttingen] 1788, S. 51f.)↑
«Münchhausen»
Seit dem Mittelalter gab es Hunderte von Menschen, die den Namen Münchhausen in dieser oder in einer anderen der ca. 80 überlieferten Schreibweisen trugen. Der international bedeutendste Münchhausen in der Entstehungszeit der beliebten Geschichten war nicht der sogenannte Lügenbaron, sondern Gerlach Adolf von Münchhausen (1688 – 1770), der hannoverische Staatsminister und Gründer der Universität Göttingen.
Bei Marburg gibt es eine Gemeinde Münchhausen und im Weserbergland steht das Schlosshotel Münchhausen.
Der bekannteste Münchhausen lebt seit über 250 Jahren in Erzählungen, auf Illustrationen und in den Köpfen vieler Menschen fort. Sein Namengeber war Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen.
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen
Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720 – 1797) lebte als Gutsherr in Bodenwerder an der Weser bei Hameln. In jungen Jahren war er Page auf Schloss Bevern, später ging er nach Russland und avancierte dort zum Rittmeister. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er bekannt als begnadeter Erzähler. Er war aber weder Dichter noch Schriftsteller. Er war es nicht, der 1785/86 erstmals den Münchhausen in London in englischer Sprache herausgab – ganz im Gegenteil: als er davon erfuhr, ärgerte es ihn sehr, dass in seinem Namen ein solcher Unfug veröffentlicht wurde. Es ist zu unterscheiden einerseits zwischen dem Rittmeister auf Bodenwerder, der am 11. Mai 1720 geboren ist und andererseits der im Dezember 1785 erfundenen gleichnamigen, bis heute nicht tot zu kriegenden literarischen Figur Baron Münchhausen.
Die literarische Figur Baron Münchhausen
Baron Münchhausen ist die literarische oder bildliche Figur, welche der individuellen oder kollektiven Imagination entstammt. Im Laufe der Jahrhunderte sind zahllose literarische Barone bzw. Lügenbarone von Schriftstellern geschaffen, von Illustratoren gezeichnet und von Erzählern geschildert worden. In Frankreich heisst er neben Münchhausen Munikhouson oder Monsieur Crac bzw. Crack bzw. Krak bzw. Krack. In Südamerika ist Münchhausen der Baron Manx, in Spanien Baron Castaña. Und im Tschechischen erlebt Münchhausen seine Abenteuer unter dem Namen Baron Prášil.
Münchhausen ist der Name vieler literarischer Figuren mit unterschiedlichen Charakteren: Der französische Baron Crac ist ein anderer als der englische Munihouson. Münchhausen beruht auf kulturellem Bodensatz und bildet neuen. Baron Münchhausen taucht auf in illustrierten und nicht illustrierten Büchern, in Heftchen für die Jugend, im bibliophilen Prachtband und im pornografischen Roman. Es gibt Baron Münchhausens Abenteuer als Einzelausgabe und im Sammelband, als Fortsetzungsgeschichte in Zeitschriften, mit Erklärung im Schulbuch. Münchhausen lebt in Bilderrätseln, Bilderbüchern, auf Bilderbögen, Briefmarken und Postkarten. Es agiert in Comics, Filmen und Dia-Serien, in Hörspielen und Opern, auf Langspielplatten, CDs und Musikkassetten, Compact-Disc und DVD. Er kommt vor in Quartettspielen, auf Filmplakaten und Ausschneidebogen. Er ist Sujet auf Ex-Libris, Lesezeichen, Bierdeckeln, Streichholzbriefchen, Zigarrenbauchbinden. Er nimmt Form als Zinnfigur, Schlüsselanhänger und Porzellan- und Eisenskulptur.
Der Begriff «Münchhausen»
Münchhausen ist nicht nur Name, historische Persönlichkeit und literarische Figur, er ist auch Bestandteil von Begriffen in der Medizin und Philosophie.
Das Münchhausen-Syndrom bezeichnet eine psychische Krankheit, in der Krankheiten vorgetäuscht werden; der Bezug auf Münchhausen orientiert sich einseitig an der Bedeutung einer vorgespiegelten Wirklichkeit. Beim Münchhausen-Stellvertretersyndrom (Münchhausen by proxy) wird die Krankheit auf jemanden anderen projiziert, insbesondere von Müttern/Eltern auf ihre Kinder.Das Münchhausen-Trilemma ist eine Prämisse in der Erkenntnistheorie, geprägt vom Philosophen Hans Albert (*1921), wonach jeder Versuch einer Letztbegründung in eine dreifache Sackgasse führen muss. Die Bezeichnung orientiert sich ironisch an der von Gottfried August Bürger dem originalen Münchhausen-Text beigefügten Episode, wonach sich Münchhausen samt Pferd am eigenen Zopf aus einem Sumpf zieht.