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Eine Hilfreiche Perspektive, um sich dem Thema Behinderung zu nähern ist, diese als Fähigkeits-Erwartungs-Konflikt (vgl. Weisser 2015) zu rahmen. Das heisst, Behinderung tritt überall dort auf, wo ein Individuum mit seinen Fähigkeiten den an sie*ihn gestellten Erwartungen nicht entsprechen kann. Was dabei unter Erwartungen verstanden werden kann, haben Ursula Hellmüller in einem Beitrag kurz skizziert:
Erwartungen sind dabei Bestandteil der Umwelt und können nicht nur von Personen ausgehen, sondern auch von Lernsettings, Lernmaterialien oder Räumlichkeiten […]. So ist z. B. auch ein bedrucktes Blatt Papier voller Erwartungen. Es „erwartet“, dass jemand sieht und lesen kann, was in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund geschrieben steht. Dozierende können die Erwartung haben, dass Studierende sich eigenständig einen Überblick in einem komplexen Textkorpus verschaffen müssen.
Zahnd & Hellmüller, 2020, S. 430
Das Interessante an einem solchen Zugang zu Behinderung ist, dass er sich an die Forderungen der Behindertenbewegung sowie die akademischen Entwicklungen im Kontext der Disability Studies anschliessen lässt, da er Behinderung gerade nicht als Eigenschaft von Personen versteht. Zudem ermöglich er, Behinderung sowohl als soziale Erfahrung, die jeder Mensch machen kann, als auch als sozialer und rechtlicher Status zu beleuchten (vgl. Weisser 2020). Für die Schule ergibt insbesondere der Zugang zur sozialen Erfahrung eine weitere gewinnbringende Perspektive. Das Konzept des Fähigkeits-Erwartungs-Konflikts lässt – jenseits klassischer Vorstellungen von Kindern mit Behinderung und deren Bedürfnissen – im Sinne einer übergeordnete Rahmung über Benachteiligungen und Behinderungen aller Schüler*innen reflektieren. Dazu hier ein weiteres Beispiel:
Zum Beispiel kann ein Konflikt darin bestehen, dass der Schüler Abrehe sich nicht mit seiner Lehrerin Susanne verständigen kann, weil beide eine andere Sprache sprechen. Resultieren aus diesem Konflikt in weiterer Folge zum Beispiel Probleme in der Schule, erfolgt eine Wertung, indem Abrehe’s Fluchthintergrund als Grund für seine Schwierigkeiten benannt wird: Abrehe ist dann schlecht in der Schule, weil er geflüchtet ist – und nicht, weil Lehrerin und Schüler kein gemeinsames und gleichermaßen beherrschtes Sprachsystem bedienen können.
Zahnd & Kremsner 2020, S. 135f.
Das Zitat zeigt bereits auf, dass die entscheidende Frage für das Thema Behinderung ist, welche Lösungen schlussendlich für den Konflikt vorgeschlagen und umgesetzt werden. Wir versuchen dabei sowohl in der Lehre mit den Studierenden als auch in Forschungsprojekten nach Heuristiken und Strategien zu suchen (bzw. diese auch zu vermitteln), die Lösungsmöglichkeiten im Sinne einer inklusiven Schule und Gesellschaft anstreben und damit Barrieren abbauen.