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Ich habe mir bei einem Motorradunfall beide Handgelenke und Arme gebrochen. Ein Autolenker hatte meinen Vortritt missachtet. Der Aufprall war heftig, ich flog meterweit über seinen Wagen hinweg und habe mich beim Sturz reflexartig auf meine Hände aufgestützt. Dabei erlitt ich mehrere Brüche an Händen und Armen, diese wurden bei der OP mit Metallplatten und Schrauben fixiert. Die ersten Tage im Spital waren schwierig: beide Arme im Gips! Wie sollte ich da selbständig essen oder trinken?
Heute beginnt mein Tag um halb fünf. Meine Frau schläft weiter. Morgens trinke ich nur Tee.
Kurz nach fünf fahre ich zur Arbeit. Ich wohne in Birmensdorf und arbeite in Lenzburg, das ist schon eine rechte Strecke, die ich täglich zurücklege. Um diese Zeit ist die Autobahn zum Glück noch ziemlich leer.
Um sechs beginnt meine Schicht bei ABB Semiconductors in Lenzburg. Diese Firma gehört zu den weltweit führenden Unternehmen in der Computer-Chip-Produktion.
Am Anfang eines integrierten Schaltkreises, oder eben Chip, steht der sogenannte Wafer, eine millimeterdünne Scheibe aus Silikon, so rund 8cm im Durchmesser. Der Wafer wird in viele kleine quadratische Teile geschnitten, diese sind gewissermassen das „Herz“ einer elektronischen Komponente. In unserer Abteilung stellen wir Module her, welche später in Lokomotiven eingebaut werden.
Ich bediene bei meiner Arbeit hauptsächlich Roboter, welche diese Vorgänge ausführen, also schneiden des Wafer, waschen, kleben und weitere Prozesse erledigen.
Für diesen Job wurde ich bei ABB Semiconductors angelernt, mein eigentlicher Beruf ist Kellner.
Ich kam vor 25 Jahren aus Kroatien in die Schweiz. Mein Bruder und meine Schwester lebten bereits hier, das machte es für mich einfacher.
Ich sah hier viele Zukunftschancen und wollte alles dran geben, um meinen Platz in der "Schweizer" Gesellschaft zu finden. Dazu gehörte die Sprache lernen. Als ich in den Anfängen ein Wort nicht richtig verstanden habe, schrieb ich es auf und schaute es zu Hause nach oder meine Töchter halfen mir. Heute spreche ich perfekt Schwyzerdütsch, weil ich es wollte. Seit 12 Jahren sind wir Schweizer.
Als Kellner und später als Chef de Service habe ich 19 Jahre auf dem Uetliberg im Restaurant Staffel gearbeitet. Auch meine Frau arbeitete hier im Service. Dann ging der Wirt in Pension und sein Nachfolger kündigte uns Beiden völlig überraschend. Das war eine äusserst schwierige Zeit für mich, so auch der Gang zum Arbeitslosenamt. Zum Glück konnte mich meine Frau immer wieder beruhigen und trösten. Heute weine ich der Kündigung nicht mehr nach, ich bin froh, dass es so gekommen ist.
Kurze Zeit nach der Kündigung erlitt ich meinen Motorradunfall und nur wenige Monate später hatte ich bereits meinen ersten Termin bei Buchmann & Partner AG, wo mich die SUVA hingeschickt hatte.
Ich kann mich gut ans erste Treffen erinnern: Beim ersten Gespräch brachte Ramon Carbonell das Thema Jobsuche sofort auf den Tisch. Ich war pflotschnass vor Aufregung und meinte: „Wie soll das gehen? Ich habe ja beide Arme immer noch im Gips, das wird noch eine Weile dauern!“ Doch Ramon liess nicht locker. Zuerst klärten wir gemeinsam ab, welche Arbeiten ich überhaupt noch verrichten konnte, denn ich durfte nicht mehr als 15kg schwer tragen. Er fragte mich auch nach meinen beruflichen Wünschen und unterbreitete mir Vorschläge. Wir schauten im Internet verschiedene Stelleninserate an, und da ich Zuhause kein Internet hatte, druckte er für mich viele Unterlagen aus. Schliesslich telefonierte er mit dutzenden von Firmen. Auch auf ein späteres Vorstellungsgespräch hat er mich gut vorbereitet und bereits beim zweiten Vorstellungsgespräch klappte es: Nun arbeite ich seit 40 Monaten bei ABB Semiconductors.
Wir arbeiten in einer 12 Stunden Schicht, z.B. von sechs Uhr früh bis abends um sechs oder umgekehrt. Wir haben 2 Stunden Pause pro Schicht, welche wir selber einteilen können. Dies mag auf den ersten Blick lang erscheinen, ist es aber nicht, denn die Arbeit ist sehr anspruchsvoll: Wir benötigen diese Pausen dringend, weil wir in einem absolut sauberen Klima arbeiten: Wir tragen nicht nur weisse Schutzanzüge, sondern auch einen Mundschutz, welcher uns in der Atmung schützt, aber auch behindert und eine Schutzbrille. In der Chip-Produktion muss die Luft absolut „clean“ sein, kein Stäubchen in der Luft, deshalb arbeiten wir so quasi in einer „Staubsauger-Atmosphäre“: Oben strömt gereinigte Luft aus der Decke und im Boden wird diese sofort wieder angesaugt und frisch gereinigt. Am Anfang war das schon sehr anstrengend, so zu arbeiten. Heute habe ich mich dran gewöhnt. Nach zwei Frühschichten habe ich 2 Tage frei, dann arbeite ich nachts. Die Schichtarbeit macht mir eigentlich keine Mühe. Auch im Service habe ich ja bis lange in die Nacht hinein gearbeitet. Ich fahre immer noch Motorrad mittlerweile eine 600-er Suzuki. Damals, als ich noch als Kellner arbeitete, war ich entweder bis spät in die Nacht am Arbeiten oder dann zuhause. Ich ging selten aus dem Haus, bis ich mir mein erstes Motorrad kaufte und mit meinem Bruder loszog. Und dann entdeckte ich, wie schön die Schweiz ist: Ein Paradies! Einmal fuhren wir bei 38 Grad über den Klausenpass. Von da oben rief ich dann meine Frau an und fragte sie: „Soll ich Dir Schnee nach Hause mitbringen?“. Sie meinte: „Du spinnst wohl!“ Sie konnte es nicht glauben. Was mich an der Schweiz auch fasziniert ist, dass fast jede Stadt entweder an einem See oder Fluss liegt. Wasser ist in der Schweiz so reichlich vorhanden und das ist ja das Gold der Zukunft.
Was ich hier in der Schweiz zuerst lernen musste, ist „Vitamin B“.
In Kroatien und anderen Ländern des Balkans, welche den Krieg durchgemacht haben, herrscht heute noch grosses Chaos begleitet von einer hohen Korruption. Ohne Schmiergelder geht da oft gar nichts.
Was ist nicht wusste, dass in der Schweiz zwar keine Korruption existiert, aber man manchmal unbedingt Vitamin B benötigt, um etwas zu erreichen. Eine meiner zwei Töchter hat sich für rund achtzig Lehrstellen beworben und nur Absagen kassiert. Bis ich schliesslich von einem älteren Stammgast aufgeklärt wurde, ich solle doch meine Beziehungen ins Spiel bringen, Vitamin B also. Das kam völlig überraschend für mich. Doch, nachdem ich kurze Zeit darauf einem anderen Gast, einem Zahnarzt das Problem mit der Lehrstelle meiner Tochter schilderte, konnte sie sich bei ihm vorstellen und erhielt kurzerhand dann auch die Lehrstelle.
Heute haben beide Töchter die Lehre abgeschlossen und arbeiten als Dentalassistentin und als medizinische Praxisassistentin. Ich bin froh, aber auch stolz darauf, was wir gemeinsam erreicht haben. Und Buchmann & Partner, vor allem Ramon Carbonell, bin ich sehr dankbar, dass er sich damals so stark für mich einsetzte und nicht lange mit der Stellensuche gewartet hat.