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Westnetz.ch stellt in einer wöchentlichen Serie die Heinrichstrasse vor. Prägend für das Quartier verbindet die Heinrichstrasse den aufstrebenden und modernen Teil des Industriequartiers bei der Hardbrücke mit der malerischen Fierz-Siedlung beim Limmatplatz.
Grüezi Frau Berri, erzählen Sie mal kurz, wie kam es, dass Sie hier im Restaurant Holzschopf wirten?
Naja, ich bin im Moment eigentlich eine Notlösung (lacht).
Eine Notlösung? Wie meinen Sie das?
Meine Eltern haben das Eckhaus an der Heinrichstrasse vor rund 45 Jahren gekauft und das damalige Restaurant mit dem Namen Quellenburg im EG als erstes umgebaut. Danach folgten die Wohnungen in den oberen Stöcken.
Wie kam es, dass Ihre Eltern das Haus an der Heinrichstrasse kauften? War Ihre Familie hier im Quartier verankert?
Ja, es war so, dass meine Eltern mit uns Kindern hier im Quartier gewohnt haben, vorne an der Gasometerstrasse. Mein Vater war von Haus auf Metzger und Koch. Als Metzger stand er oft in der Kälte, was bei ihm Rheuma auslöste. Darum beschlossen meine Eltern ein Restaurant aufzumachen. Meine Eltern haben dann in einem Restaurant an der Hardstrasse, wo heute das Big Ben Pub steht, gewirtet. Ich war dazumals bereits in der Lehre. Mit dem Geld, das meine Eltern durch das Wirten verdient hatten, konnten sie das Eckhaus an der Heinrichstrasse kaufen.
Wie ging es nach dem Kauf der Liegenschaft weiter?
Ich war damals zwanzig Jahre alt und bin zu dem Zeitpunkt gerade von einem Sprachaufenthalt im Ausland wieder zurückgekehrt. Als meine Eltern einen neuen Wirt für das Restaurant suchten, habe ich mich entschlossen, das Restaurant selber zu übernehmen. So wurde ich damals mit zwanzig Jahren zur jüngsten Wirtin der Stadt Zürich. Das habe ich dann zwei Jahre gemacht, das damals neu renovierte Restaurant Holzschopf bewirtet, gekocht, gemacht und getan.
Wieso nur zwei Jahre lang?
Nach einer gewissen Zeit habe ich dann bemerkt, dass das nicht das war, was ich mein Leben lang machen wollte.
Wie verlief Ihr Leben nach den zwei Jahren als jüngste Wirtin der Stadt Zürich?
Ich ging danach zur Swissair für wieder fast zwei Jahre. Heiratete, bekam zwei Kinder und war später fünfundzwanzig Jahre lang Leiterin der Stadtbibliothek in Schlieren, wo ich übrigens auch wohne.
Wie ging es für das Restaurant Holzschopf weiter, als Sie entschieden, das Restaurant nicht mehr weiter zu bewirten nach zwei Jahren?
Meine Eltern haben das Restaurant dann wieder an einen Wirt vermietet und so ging es die ganzen Jahre weiter. Als meine Eltern starben, erbte ich das Haus hier an der Heinrichstrasse. Kurz darauf starb dann auch noch die Wirtin vom Restaurant Holzschopf. Man hätte das Restaurant schliessen müssen, weil es schwierig ist, so schnell einen geeigneten Wirt zu finden, der das Restaurant im gleichen Sinne weiter betreibt.
Was hat Sie dazu bewegt, das Restaurant jetzt nach all den Jahren wieder selber zu führen?
Es war eine schwierige Entscheidung. Ich war gerade ein Jahr pensioniert, als das alles passiert ist. Schliessen wollte ich das Restaurant nicht an irgendjemanden vermieten. Die Stammgäste hätten sich eventuell nicht mehr „zu Hause“ gefühlt und mit dem Verschwinden des Quartierrestaurants wäre für sie ein Stück Heimat verschwunden. Natürlich war es auch eine soziale Entscheidung, ich wollte die Angestellten im Restaurant nicht auf die Strasse stellen.
In der Gastronomie zu arbeiten, ist ein Knochenjob. Wie empfinden Sie das?
Ich bin nicht jeden Tag im Restaurant, sondern nur zwei, drei Tage. Zusätzlich mache ich die Buchhaltung, Einkauf und Planung. Nur wenn etwas Spezielles , ein grösserer Anlass ist, bin ich immer da.
Wer sorgt denn sonst für den Ablauf im Normalbetrieb?
Wir haben hier zwei 100-Prozent-Stellen. Eine Hilfsköchin und eine Serviertochter. Unsere Küche ist gut bürgerlich. Wir servieren ein Mittagsmenu und à-la-carte-Gerichte mittags und abends. Sonntag und Montag bleibt das Restaurant jeweils geschlossen.
Sie hatten damals mit jungen zwanzig Jahren bestimmt ganz andere Pläne, was hatten Sie vor?
Nach der KV-Lehre bin ich für Sprachaufenthalte nach Paris, London und Barcelona. Zwischendrin bin ich zurückgekehrt und habe zu Hause mitgeholfen, um mir die Sprachaufenthalte abzuverdienen. Als ich drei Sprachen relativ gut konnte, wollte ich eigentlich eine Stelle suchen. Dann kam mit zwanzig eben das Restaurant Holzschopf dazwischen. Nach den zwei Jahren als junge Wirtin ging ich dann als Stewardess zur Swissair.
Stewardess – Ein Traumberuf vieler junger Frauen. Haben Sie die ganze Welt bereist?
Nein, ich war nur in Europa. Die Umschulung für Interkontinentalflüge durfte man erst nach etwa zwei Jahren machen. Da ich dann aber schon meinen Mann kennen gelernt und bald darauf geheiratet habe, hörte ich auf zu fliegen. Ich bin zwar nur in Europa geflogen, aber es war so spannend. Damals übernachteten wir viel mehr als heute, z.B. in Helsinki zwei Nächte, in Madrid eine Nacht, in Belgrad usw.
Wie lange haben Sie vor das Restaurant zu führen?
Ich bin momentan zufrieden hier, ich nehme es nicht allzu streng. Aber wenn sich eine gute Lösung aufzeigt, werde ich das Restaurant bestimmt wieder vermieten.
Sie haben das Restaurant mit zwanzig für zwei Jahre bewirtet, haben Sie keine älteren Geschwister, die das Restaurant damals an Ihrer Stelle hätten übernehmen wollen?
Doch, ich habe einen älteren Bruder. Aber ihm sagte das gar nichts, er hatte kein Interesse am Wirten oder am Restaurant. Und ich fand, warum nicht, das ist doch eine witzige Sache . Wirtin oder auch Serviertochter ist ein bisschen ein verkannter Beruf. Ich finde, wenn man will, kann man den Leuten wirklich Freude machen, es ist eine persönliche Begegnung an jedem Tisch, man ist auch ein bisschen ein Seelenklempner, man muss den Leuten zuhören oder sie trösten.
Mit zwanzig ein Restaurant alleine zu bewirten, das war bestimmt eine grosse Herausforderung, gerade auch in der damaligen Zeit?
Ich habe damals ganz viel gelernt. Vor über vierzig Jahren war man mit zwanzig viel naiver und scheuer als die Mädchen heute.
Würden Sie es einem zwanzig jährigen Mädchen von Heute eher zutrauen?
Ja, auf jeden Fall. Die Jungen heute wissen viel eher, was sie wollen. Das habe ich bei meinen eigenen Kindern gesehen.
Was für Gäste haben Sie hier im Restaurant?
Ein grosser Teil sind Stammgäste. Und gerade tagsüber viele Pensionierte und Senioren, am Mittag auch Arbeiter und abends ist es auch wieder durchmischt.
Wohnen Ihre Gäse alle hier im Quartier?
Ja, die meisten schon. Da fällt mir ein, wir haben ja noch etwas, unseren Sparverein!
Was sagen die Gäste, sind sie froh, dass Sie das Restaurant „Holzschopf“ gerettet haben?
Ich habe des öfteren einen Gast, der kommt und sagt „Es isch scho schön, chömer no cho!“. Nebst dem Personal war das ein Hauptgrund für mich, dein sozialer Aspekt.
Sie wohnen in Schlieren. Könnten Sie sich vorstellen wieder hierhin zu ziehen?
Ja, sehr gerne. Ich wollte ja auch gerne wieder hierher ziehen. Aber das Haus hier hat eine runde Wendeltreppe und keinen Lift . Ich bin jetzt 66 und so ist es nicht sehr intelligent, in eine Wohnung ohne Lift zu ziehen. Ich gehe gerne ins Kino, an eine Ausstellung oder an ein Konzert. Aber mit dem ÖV ist man ja schnell in der City.
Und das trotz der Ausgangsmeile und dem ganzen Partyvolk und Lärm?
Das stört mich doch nicht. Ich muss ja nicht, wenn ich nicht will. Ich gehe gerne mal hier flanieren, in den PrimeTower oder esse eine das gefällt mir. Im Unterschied zu anderen, bin ich hier aufgewachsen, ich fühle mich hier auch zu Hause.
Was empfehlen Sie uns auf Ihrer Speisekarte?
Das Cordon Bleu, mir persönlich ist es etwas zu gross. Ich esse am liebsten die Senfplätzli. Wir haben viele urchige Gerichte, Pouletflügeli, Chäsröschti usw.
Vielen Dank liebe Frau Berri für das sehr interessante Gespräch mit Ihnen. Gerne komme ich mal auf ein Cordon Bleu oder ein paar Senfplätzli bei Ihnen vorbei!
In der Serie Heinrichstrasse bereits erschienene Artikel:
Die Heinrichstrasse: LINK
Hotel Senator: LINK
Besuch bei einem Anwohner Markus: LINK