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Besitzer eines ängstlichen Hundes hören ihn oft, den berühmten Satz:
„Wenn Ihr Hund Angst hat müssen Sie ihn ignorieren, sonst bestätigen Sie die Angst!“
oder
„Wenn Ihr Hund sich vor etwas ängstigt, ignorieren Sie ihn und seinen Sie ganz cool, damit er merkt, dass er keine Angst haben muss.“
Was steckt hinter diesem Mythos in der Hundeerziehung? Wie sinnvoll sind diese Ratschläge für den Umgang mit Angst und Unsicherheit eigentlich?
Angst ist eine Emotion, ein unangenehmer Gefühlszustand. Sie ist überlebensnotwendig und gehört damit zur biologischen Grundausstattung unserer Hunde. Ohne die Fähigkeit, bei Gefahr oder Bedrohung Angst zu empfinden und angepasst zu reagieren, würde kein Tier lang überleben.
Im Zweifelsfall gilt deshalb: Lieber einmal zu schnell reagieren auf etwas bedrohliches, als einmal zu wenig.
Die Bewertung, ob etwas gefährlich (Angst auslösend) ist oder nicht, findet in einem Teil des Gehirns statt, der nicht bewusst kontrollierbar ist. Wird dort etwas als "gefährlich" eingestuft, erfolgt darauf eine körperliche Reaktion, bevor der Reiz in den Teil des Gehirns weitergeleitet wird, der bewusst darauf reagiert.
Das heißt: Das Gehirn unseres Hundes entscheidet, welcher Reiz Angst auslösend ist. Noch bevor das, was Angst macht, komplexer verarbeiten kann und eine bewusste Auseinandersetzung damit stattfinden kann.
Sobald ein Hundehalter eine Angstreaktion bei seinem Hund sehen kann, findet die Angst bereits statt.
Angenehme Emotionen können verstärkt werden, wenn noch mehr emotional angenehmes in der Situation stattfindet. Aus Menschensicht erklärt heißt das: Ein Becher heiße Schokolade kann angenehme Emotionen hervorrufen. Wird noch ein Klecks Sahne darauf gegeben, wird die Emotion noch angenehmer. Angenehme Emotionen werden geschwächt, wenn etwas emotional unangenehmes dazu kommt – zum Beispiel, wenn eine Spinne am Becherrand krabbelt.
Das gilt umgekehrt für die unangenehmen Emotionen. Sie werden weniger unangenehm, wird etwas emotional Angenehmes dazu gegeben. Sie werden noch unangenehmer, wird noch etwas Unangenehmes dazu gegeben.
Eine unangenehme Emotion wie Angst wird nicht stärker, wenn in dieser Situation etwas Angenehmes für den Hund passiert. Es ist neurobiologisch nicht möglich, Angst zu verstärken, in dem man dem Hund Gutes tut!
Reagiert die Bezugsperson nicht auf die Angst ihres Hundes, bleibt die Situation im besten Fall unverändert. Sie wird sich aber nicht positiv verändern! Das Ignorieren kann die Angst verschlimmern. Das Gehirn des Hundes hat entschieden, dass Angst empfunden werden muss. Versucht ein Hund in dieser Situation, Kontakt zu seinem Menschen herzustellen und wird ignoriert, macht es die Situation für den Hund sehr wohl noch unangenehmer und verstärkt die Angst.
Wendet sich die Bezugsperson dem Hund in einer Angstsituation auf für den Hund angenehme Weise zu, wird die Angst nicht größer werden. Emotionen verstärken sich nicht, wenn eine gegenläufige Emotion dazu kommt!
Wichtig ist es, dass die Art, wie der Mensch sich dem Hund in dieser Situation zuwendet, vom Hund auch als angenehm bewertet wird. Wird der Mensch hektisch, verändert seine Stimme sehr, beugt sich vielleicht unbeabsichtigt bedrohlich über den Hund und tätschelt ihm vermeintlich auf den Kopf, kann dies vom Hund als unangenehm empfunden werden. Und dies würde seine Angst in dieser Situation verschlimmern.
Das ist ein gar nicht selten auftretender Fehler und daher entstand evtl. die Annahme, Zuwendung verstärke Angst.
Die erste Regel ist: Die Zuwendung muss für den Hund in dieser Situation angenehm sein. Dafür gibt es je nach Vorlieben des einzelnen Tieres viele Möglichkeiten wie beruhigen durch Worte, Streicheln, Massagen oder einfach berühren. Berührungen sollten nicht hektisch und schnell ausgeführt werden. Langsame und lange Berührungen beruhigen, kurze und hektische Berührungen aktivieren eher. Manchem Hund hilft Bewegung, Futter oder eine Veränderung der Umgebung.
Wichtig ist, dass der Hund die vom Menschen als Trost gedachte Zuwendung nicht als bedrohlich, ungewöhnlich oder beängstigend empfindet, sondern als angenehm und beruhigend.
Für das Training am Angstverhalten gibt es viele Möglichkeiten. Der Hund kann in kleinen Schritten an den Angst auslösenden Reiz gewöhnt werden in dem man ihn mit für den Hund positiven Erlebnissen verknüpft. Der Hund kann Strategien lernen, angst besetzte Situationen zu bewältigen. Eine große Hilfe leistet hierbei die Arbeit über positive Markersignale und Entspannungstraining.
Angst beim Hund ist etwas, das beachtet werden muss. Ein ängstlicher Hund braucht Hilfe in Form einer Bezugsperson, die auf seine Angst eingeht und sinnvolles Training, mit welchem er lernen kann, mit seiner Emotion umzugehen. Je länger Angst ohne „Behandlung“ bleibt, desto schlimmer kann sie werden und desto mehr kann sie sich auf weitere Bereiche im Leben ausdehnen. Darüber hinaus kann Angst in Aggression umschlagen!
Text: Mirjam Bäuerlein, Claudia Münning, Martina Schoppe, Regine Hochhäusler