Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03325.jsonl.gz/1809

Was einen guten Schüler ausmacht
S. H. Dalai Lama
Wir veröffentlichen im Folgenden eine Passage aus den Unterweisungen, die der Dalai Lama im Herbst 1998 in Schneverdingen im Rahmen der Veranstaltung "Buddhas Weg zum Glück" des Tibetischen Zentrums erteilt hat.
Nicht nur der Lehrer, sondern auch der Schüler muss bestimmte Qualitäten aufweisen, damit die Unterweisungen fruchtbar werden. Der indische Meister Aryadeva nennt in seinen "400 Versen" drei wesentliche Eigenschaften: Der Schüler soll unvoreingenommen, intelligent und strebsam sein. Wäre der Schüler voreingenommen in Bezug auf die Erklärungen, die er hört, würde das dazu führen, dass er Vorzüge als Fehler und Fehler als Vorzüge ansieht. Er würde seine eigenen Fehler durch das Haften an das Eigene als Vorzüge sehen und die Vorzüge des anderen als fehlerhaft betrachten. So ist es nicht möglich, mit dem Geist eine Erkenntnis zu erlangen und die echten Dharma-Inhalte wirklich als unverfälscht und wahr zu erkennen.
Mit der Eigenschaft der Intelligenz ist gemeint, dass der Schüler das Gehörte untersuchen soll. Er soll nicht bloß hören und alles akzeptieren, sondern sich selbst fragen, was die Erklärungen jeweils zum Ausdruck bringen und ob sie richtig oder falsch sind. Hätte der Schüler diese Fähigkeit der Überprüfung nicht, könnte er nicht bemerken, wann der Lehrer etwas falsch erklärt, weil dieser es vielleicht im Moment nicht anders weiß. Es ist auch möglich, dass der Lehrer aufgrund einer bestimmten Notwendigkeit etwas in anderen Zusammenhängen sagt, als es letztlich gemeint ist. Ein Schüler ohne die Eigenschaft der Intelligenz wüsste dann nicht, was wörtlich zu nehmen ist und was in einem anderen Sinne als dem Wörtlichen zu interpretieren ist. Dazu bedarf es der eigenen Untersuchung und Intelligenz.
Die dritte Eigenschaft sagt etwas darüber aus, dass selbst ein gutes Verständnis nicht zu Ergebnissen führt, wenn der Schüler sich nicht bemüht und nicht genügend Interesse hat, den Dharma in die Praxis umzusetzen.
Zu der zweiten Eigenschaft der Intelligenz ist noch zu sagen, dass auch der Buddha selbst häufig Aussagen gemacht hat, die in gewisser Weise fehlerhaft wären, wenn man sie so wörtlich nehmen würde, wie sie ausgesprochen wurden. Der Buddha hat jedoch aufgrund der jeweiligen Umstände und Fähigkeiten der Schüler auch Aussagen gemacht, die letztlich in einem anderen Sinne als dem Wörtlichen zu verstehen sind. Ein Schüler mit der notwendigen Intelligenz kann diese Aussagen untersuchen, um herauszufinden, was eigentlich gemeint ist und ob man sie etwas anders als wörtlich verstehen muss. Aus diesem Grund hat der Buddha gesagt, dass ebenso, wie jemand Gold erst durch Reiben, Schneiden und Brennen untersucht, bevor er es verarbeitet, auch die Weisen, Mönche und Nonnen seine Lehren erst nach einer gründlichen Untersuchung annehmen sollten und nicht aus Respekt dem Buddha gegenüber. In diesem Zusammenhang wird auch von den Vier Stützen gesprochen.
Dort heißt es:
Stütze dich nicht auf die Person; stütze dich auf die Lehre.
Was die Lehre angeht, stütze dich nicht auf die Worte; stütze dich auf die Bedeutung.
Was die Bedeutung angeht, stütze dich nicht auf die zu interpretierende Bedeutung; stütze dich auf die endgültige Bedeutung.
Was die endgültige Bedeutung betrifft, stütze dich nicht auf das gewöhnliche Bewusstsein; stütze dich auf die Ursprüngliche Weisheit.
Die Schüler sollten sich nicht auf die Person stützen, sondern auf das, was sie lehrt, und dabei nicht nur dem oberflächlichen Inhalt, sondern dem letztlich Gemeinten folgen. Sie sollen sich nicht hauptsächlich nur auf ein begriffliches Verständnis stützen, sondern auf eine tiefere Weisheit, eine unmittelbare Sicht des Dharma. Deshalb ist es so wichtig, dass der Schüler seine Intelligenz anwendet und das, was der Lehrer sagt, durchdenkt und analysiert. Bei der Untersuchung, ob eine Aussage wörtlich zu verstehen oder ob in einem anderen Sinne zu interpretieren ist, denke ich, dass es zwei Ebenen gibt. Zuerst kann man schauen, ob eine bestimmte Lehraussage Widersprüche aufweist. Der indische Logiker Dharmakirti sagt dazu: "Wenn die Aussage eines Lehrers in sich widersprüchlich ist, kann man ihn nicht als verlässlichen Lehrer annehmen." Auf der ersten Ebene sollte man untersuchen, ob Aussagen und Erklärungen, die gegeben werden, den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, den Naturgesetzen oder allgemeiner Beurteilung widersprechen. Sind sie widersprüchlich, sollte man sie nicht ohne Weiteres akzeptieren. Auf einer anderen Ebene können die Erklärungen aber so tiefgründig sein, dass wir nicht direkt untersuchen können, ob sie widersprüchlich sind oder nicht. Was ist in einem solchen Fall zu tun? Wir sollten dann prüfen, ob die Erklärungen den allgemeinen buddhistischen Grundsätzen entsprechen oder nicht. Der tibetische Meister Dsche Tsongkapa sagt: "Wenn man von einem Lehrer bestimmte Erklärungen oder Anweisungen bekommt und sieht, dass diese nicht den Aussagen der Schriften der großen indischen Meister wie Nagarjuna und Asanga entsprechen, sollte man lieber auf die Anweisungen dieses Lehrers verzichten als die Bedeutung der großen Schriften aufzugeben." Echte, unverfälschte Anweisungen von einem Lehrer helfen dazu, die Essenz der großen indischen Schriften klarer zu verstehen und sie leichter und besser praktizieren zu können. Wenn Anweisungen eines Lehrers alles noch schwerer machen oder im Widerspruch zu den großen Schriften stehen, sollte man sie lieber beiseite lassen. Deshalb ist es für die Schüler wichtig, ihre Intelligenz zu nutzen und zu untersuchen, ob bestimmte Aussagen wörtlich zu verstehen sind oder nicht.