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Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt. Kartoniert 2 Bde. ISBN 3-518-58247, 1164 S.
siehe auch meinen und sagen und Eine terminologische Kritik vom Standpunkt der Kybernetik.
Eine für mich relevante Stelle, die Kommunikation herkömmlich begreit:
"Auf Grund dieser in sich asymmetrischen Form der Unterscheidung von medialem Substrat und Form prozessieren Kommunikationssysteme Kommunikationen. Sie lenken damit die Fokussierung von Sinn auf das, was jeweils geschieht und Anschluß sucht. So kommt es zur Emergenz von Gesellschaft, und so reproduziert sich die Gesellschaft im Medium ihrer Kommunikation, Mit diesem komplexer gebauten Begriff ersetzen wir die übliche Vorstellung eines Übertragungsmediums, dessen Funktion darin besteht, zwischen unabhängig lebenden Organismen zu »vermitteln«. Auch der alte Sinn von »communicatio«, der Sinn des Herstellens von »Gemeinsamkeit« des Erlebens, wird damit aufgegeben oder doch auf einen Nebeneffekt reduziert. Das folgt aus der oben dargelegten Auffassung, daß es nicht ausreicht, die Funktion der Kommunikation in der Erweiterung und Entlastung der kognitiven Fähigkeiten von Lebewesen zu sehen. Überhaupt ist ja schwer zu sehen, wie Lebewesen, einschließlich Menschen, in der finsteren Innerlichkeit ihres Bewußtseins (fast ein Hegel-Zitat; Hegel spricht von der »finsteren Innerlichkeit des Gedankens«, in: Vorlesungen über die Ästhetik, Band. I, S. 18 - ohne freilich daraus die Konsequenzen zu ziehen, die uns vorschweben) irgend etwas gemeinsam haben können. Statt dessen soll uns der Begriff der Kommunikationsmedien erklären, daß und wie auf der Grundlage von Kommunikation das Unwahrscheinliche doch möglich ist: die Autopoiesisdes Kommunikationssystems Gesellschaft." Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 201-202
Klappentext (Taschenbuchausgabe)
Die von Luhmann entwickelte Gesellschaftstheorie versteht sich als Versuch einer Kommunikation, welche die Beschreibung ihres Gegenstands und damit den diese Beschreibung thematisierenden Gegenstand verändert. Da die Gesellschaft insgesamt wie auch alle Systeme in der Gesellschaft auf Kommunikation angewiesen sind, aber auch Kommunikation ohne Gesellschaft nicht denkbar ist, besteht ein zirkuläres Bedingungsverhältnis. In diesem Sinn handelt es sich bei der "Gesellschaft der Gesellschaft" um eine selbst reflexive Beschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft.
ERSTER TEILBAND
Vorwort 11
Kapitel I: Gesellschaft als soziales System
I. Die Gesellschaftstheorie der Soziologie 16
II. Methodologische Vorbemerkung 36
IlI. Sinn 44
IV. Die Unterscheidung von System und Umwelt 60
V. Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem 78
VI. Operative Schließung und strukturelle Kopplungen 92
VII. Kognition 120
VIII. Ökologische Probleme 128
IX. Komplexität 14
X. Weltgesellschaft 145
XI. Ansprüche an Rationalität 171
Kapitel 2: Kommunikationsmedien
I. Medium und Form 190
II. Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien 202
III. Sprache 205
IV. Geheimnisse dcr Religion und die Moral 230
V. Schrift 249
VI. Buchdruck 291
VII. Elektronische Medien 302
VIII. Verbreitungsmedien: Zusammenfassung 312
IX. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien I: Funktion 316
X. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien II: Differenzierung 332
XI. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien III: Strukturen 359
XII. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien IV: Selbstvalidierung 393
XIII. Moralische Kommunikation 396
XIV. Auswirkungen auf die Evolution des
Gesellschaftssystems 405
Kapitel 3: Evolution I. 11. 111. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. Schöpfung, Planung, Evolution . Systemtheoretische Grundlagen . . . . . . Neo-darwinistische Theorie der Evolution Variation der Elemente . Selektion durch Medien . Restabilisierung der Systeme . Die Differenzierung von Variation, Selektion und Restabilisierung . Evolutionäre Errungenschaften Technik . Ideenevolutionen . Teilsystemevolutionen .. Evolution und Geschichte Gedächtnis .
ZWEITER TEILBAND
Kapitel 4: Differenzierung I. 11. 111. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. Systemdifferenzierung Formen der Systemdifferenzierung Inklusion und Exklusion . Segmentäre Gesellschaften . Zentrum und Peripherie .. Stratifizierte Gesellschaften Ausdifferenzierung von Funktionssystemen Funktional differenzierte Gesellschaft Autonomie und strukturelle Kopplung Irritationen und Werte . Gesellschaftliche Folgen . XII. XIII. XlV. xv. Globalisierung und Regionalisierung Interaktion und Gesellschaft Organisation und Gesellschaft Protestbewegungen .... 806 81 3 826 847
Kapitel 5: Selbstbeschreibungen I. Die Erreichbarkeit der Gesellschaft 866 11. Weder Subjekt noch Objekt .... 868 11I. Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung 879 IV. Die Semantik Alteuropas I: Ontologie 893 V. Die Semantik Alteuropas 11: Das Ganze und seine Teile . . . . . . . . . . . . . . . 9I 2 VI. Die Semantik Alteuropas 11I: Politik und Ethik 93 I VII. Die Semantik Alteuropas IV: Die Schultradition 950 VIII. Die Semantik Alteuropas V: Von Barbarei zu Selbstkritik , 954 IX. Die Reflexionstheorien der Funktionssysteme 958 X. Gegensätze in der Medien-Semantik 984 XI. Natur und Semantik 989 XII. Temporalisierungen... . . . . 997 XIII. Die Flucht ins Subjekt 1016 XIV. Die Universalisierung der Moral 1°36 Xv. Die Unterscheidung von "Nationen« 1045 XVI. Klassengesellschaft.......... 1°55 XVII. Die Paradoxie der Identität und ihre Entfaltung durch Unterscheidungen 1061 XVIII. Modernisierung 1082 XIX. Information und Risiko als Beschreibungsformeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1088 XX. Die Massenmedien und ihre Selektion von Selbstbeschreibungen . . . . . . . . . . . . 1096 XXI. Invisibilisierungen: Der »unmarked state« des Beobachters und seine Verschiebungen .... 11°9 XXII. Reflektierte Autologie: Die soziologische Beschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft 1128 XXIII. Die sogenannte Postmoderne 1143
Register I I 5
"Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine. Die Schwierigkeiten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, realistisch eingeschätzt worden. Die Literaturlage in der Soziologie bot damals wenig Anhaltspunkte dafür, ein solches Projekt überhaupt für möglich zu halten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Ambition einer Theorie der Gesellschaft durch neomarxistische Vorgaben blockiert war. Der kurz darauf veröffentlichte Band einer Diskussion mit Jürgen Habermas trug den Titel: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung? Die Ironie dieses Titels lag darin, daß keiner der Autoren sich für Sozialtechnologie stark machen wollte, aber Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, wie eine Theorie der Gesellschaft auszusehen habe; und es hat symptomatische Bedeutung, daß der Platz einer Theorie der Gesellschaft in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst nicht durch eine Theorie, sondern durch eine Kontroverse eingenommen wurde. Für die Theorie der Gesellschaft war von Anfang an an eine Publikation gedacht gewesen, die aus drei Teilen bestehen sollte: einem systemtheoretischen Einleitungskapitel, einer Darstellung des Gesellschaftssystems und einem dritten Teil mit einer Darstellung der wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft. Bei diesem Grundkonzept ist es geblieben, aber die Vorstellungen über den Umfang mussten mehrfach korrigiert werden" (S.11).
Georg Simmel angesichts der Schwierigkeiten, die sich aus einer derart globalen Fragestellung ergeben, ,,lieber den Gesellschaftsbegriff als das soziologische Interesse an Individuen`` geopfert habe (Luhmann , 1997: 26). Luhmanns weitreichender Anspruch an seine eigene Theorie, der in der Formulierung mitschwingt, ,,Seit den Klassikern, seit etwa 100 Jahren also, hat die Soziologie in der Gesellschaftstheorie keine nennenswerten Fortschritte gemacht`` (S. 20),
"Simmel opferte lieber den Gesellschaftsbegriff als das soziologische Interesse am Individuum" (S. 26 )
"..., dass man festlegt, was der Begriff Gesellschaft bezeichnen soll. (S. 34)
"Die folgende Untersuchuge wagen diesen Uebergangzu einem radikal antihumanistischen (u.a. gegen Simmel), einem radikal antiregionalistischen (gegen die Vorstellung, die Erdoberfläche bestimme,was Gesellschaft sei) und einem radikal konstruktivistischen Gesellschaftsbegriff". (S. 34f)
"Identitäten "bestehen" nicht, sie haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, so dass man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgegriffen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas, was im Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann." (S. 46f)
"Die jeweils aktuelle Gegenwart ist kurz und so ausgelegt, daß in ihr alles, was überhaupt geschieht, gleichzeitig geschieht. (62?) Sie ist noch nicht eigentlich Zeit. (!) Sie wird aber zur Zeit, wenn sie als Trennung eines »Vorher« und eines »Nachher«, einer Vergangenheit und einer Zukunft aufgefaßt wird. Sinn erscheint daher in der Zeit und kann jederzeit auf zeitliche Unterscheidungen umschalten, das heißt: Zeit benutzen, um Komplexität zu reduzieren, nämlich Vergangenes als nicht mehr aktuell und Künftiges als noch nicht aktuell zu behandeln." (S.52f.)
„Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, dass sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt.“ (S. 65 f)
"Angesichts einer umfangreichen und kritischen Diskussion (er meint wohl nicht unsere aktuelle Liste, aber die ist ja nicht so einmalig in dieser Hinsicht) muss auf den recht geringen Erklärungswert des Begriffes der Autopoiesis hingewiesen werden. Er verlangt nur, dass man bei allen Erklärungen von den spezifischen Operationen auszugehen hat, die ein System - und zwar das erklärte wie das erklärende reproduzieren. Er sagt aber nichts darüber, welche spezifischen Strukturen sich in solchen Systemen aufgrund von strukturellen Kopp(e)lungen zwischen System und Umwelt entwickelt haben (66).
"Autopoiesis ist demnach nicht als Produktion einer bestimmten ”Gestalt” zu begreifen. Entscheidend ist vielmehr die Erzeugung einer Differenz von Umwelt und System. Durch die Abkopplung des Systems von dem, was als Umwelt übrig bleibt, entstehen Freiheitsräume, da die Determination des Systems durch seine Umwelt entfällt. Autopoiesis ist also, recht verstanden, zunächst Erzeugung einer systeminternen Unbestimmtheit, die nur durch systemeigene Strukturbildungen reduziert werden kann."(S. 66, 67)
Wir werden noch sehen, daß diese Analyse uns festlegt auf die Annahme eines einzigen Weltgesellschaftssystems, das gleichsam pulsierend wächst oder schrumpft, je nachdem, was als Kommunikation realisiert wird. Eine Mehrheit von Gesellschaften wäre nur denkbar, wenn es keine kommunikativen Verbindungen zwischen ihnen gäbe. 78).
"Auf der Ebene der eigenen Operationen gibt es keinen Durchgriff in die Umwelt, und ebensowenig können Umweltsysteme an autopoietischen Prozessen eines operativ geschlossenen Systems mitwirken. [...] Auch für beobachtende Systeme gibt es auf der Ebene ihres Operierens keinen Umweltkontakt. Alle Umweltbeobachtung muss im System selbst als interne Aktivität mit Hilfe eigener Unterscheidungen (für die es in der Umwelt keine Entsprechung gibt) durchgeführt werden. [...] Alle Umweltbeobachtung setzt die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz voraus, die nur im System (wo denn sonst?) getroffen werden kann. [...] Allerdings bleibt auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung diese Unterscheidung von Umweltkontakt und nur intern anschlußfähiger Fremdreferenz unberücksichtigt – und zwar in Bewußtseinssystemen ebenso wie in Kommunikationssytemen. Alle Spuren der operativen Schließung werden gelöscht. [...] Die Systeme operieren mithin unter der Illusion eines Umweltkontaktes – jedenfalls solange sie nur beobachten, was sie beobachten, und nicht beobachten, wie sie beobachten." (S. 92, 93)
"Der Begriff der Produktion (oder eben: poiesis) bezeichnet immer nur einen Teil der Ursachen, die ein Beobachter als erforderlich identifizieren könnte; und zwar jenen Teil, der über die interne Vernetzung der Operationen des Systems gewonnen werden kann; jenen Teil, mit dem das System seinen eigenen Zustand determiniert. Und Reproduktion heißt dann im alten Sinne des Begriffs: Produktion aus Produkten, Bestimmung des Zustandes des Systems als Ausgangspunkt für jede weitere Bestimmung des Zustandes des Systems." (96, 97)
"Im OPERATIVEN Vollzug (dadurch DAß sie geschieht) reproduziert die Kommunikation die GESCHLOSSENHEIT des Systems. Durch die Art ihrer BEOBACHTUNGSWEISE (dadurch WIE sie geschieht, nämlich durch die Unterscheidung von Mitteilung und Information) reproduziert sie die DIFFERENZ VON GESCHLOSSENHEIT UND OFFENHEIT. Und so entsteht ein System, das aufgrund seiner Geschlossenheit umweltoffen operiert, weil seine basale Operation auf Beobachtung eingestellt ist." (S. 97, Hervorhebungen im Original kursiv)
"Strukturelle Kopplungen sind Beschränkungen des Bereichs möglicher Strukturen, mit denen ein System seine Autopoiesis spezifizieren kann. Sie setzen voraus, dass jedes autopoietische System als strukturdeterminiertes System operiert, also eigene Operationen nur durch eigene Strukturen determinieren kann. Strukturelle Kopplung [...] bestimmt nicht, was in einem System geschieht, sie muss aber vorausgesetzt werden, weil sonst die Autopoiesis zum Erliegen käme und das System aufhören würde zu existieren. Insofern ist jedes System an seine Umwelt angepasst (oder es existiert nicht), aber innerhalb des damit gegebenen Rahmens hat es alle Möglichkeiten, sich unangepasst zu verhalten [...]"(S. 100f)
"Wir sagen also: ein Beobachten zweiter Ordnung liegt immer dann vor, wenn auf Unterscheidungsgebrauch geachtet wird; oder pointierter: wenn das eigene Unterscheiden und Bezeichnen auf ein weiteres Unterscheiden und Bezeichnen bezogen wird. Beobachten zweiter Ordnung ist ein Unterscheiden von Unterscheidungen - aber nicht so, dass man einfach Unterscheidungen nebeneinanderstellt im Sinne von: es gibt Großes und Kleines, Erfreuliches und Unerfreuliches. [...] Vielmehr muss das unterscheidend beobachtete Unterscheiden in seinem operativen Gebrauch beobachtet werden, das heißt mit den Merkmalen, die wir soeben für den Begriff des Beobachtens festgelegt haben - also: Simultaneität des Unterscheidens und Bezeichnens (im Auge behalten der anderen Seite) [...]" (S. 101f)
"Das Beobachten erster Ordnung ist das Bezeichnen - im unerläßtlichen Unterschied von allem[!], was nicht bezeichnet wird" (S. 102)
"Im Sinne dieses schon recht komplex bestimmten Begriffs ist alle Kommunkation strukturell gekoppelt an Bewußtsein. Ohne Bewußtsein ist Kommunkation unmöglich. Kommunikation ist total (in jeder Operation) auf Bewußtsein angewiesen - allein schon deshalb, weil nur Bewußtsein, nicht aber Kommunikation selbst, sinnlich [!] wahrnehmen kann und weder mündliche noch schriftliche Kommunikation ohne Wahrnehmungsleistungen funktionieren könnte" (S. 103)
"Über strukturelle Kopplungen kann ein System an hochkomplexe Umweltbedingungen angeschlossen werden, ohne deren Komplexität erarbeiten oder rekonstruieren zu müssen. [...] erfassen strukturele Koplungen immer nur einen extrem beschränkten Ausschnitt der Umwelt." (S. 107)
"Im evolutionären Kontext gesehen ist Sprache eine extrem unwahrscheinliche Art von Geräusch, das eben wegen dieser Unwahrscheinlichkeit hohen Aufmerksamkeitswert und hochkomplexe Möglichkeiten der Spezifikation besitzt. ..."(S. 110)
"Es gibt keinen direkten Zugriff physikalischer, chemischer, biologischer Vorgänge auf die Kommunikation - es sei denn im Sinne von Destruktion. Lärm oder Entzug von Luft oder räumliche Distanz können mündliche Kommunikation ausschließen. Bücher können verbrennen oder sogar verbrannt werden. Aber kein Feuer kann ein Buch schreiben, und es kann nicht einmal den Buchschreiber so stark irritieren, daß er, während das Manuskript brennt, es anders schreibt, als er es ohne Feuer tun würde.""(S. 114)
"Die einzige Alternative zur strukturellen Kopplung Bewußtsein/Kommunikation, die sich gegenwärtig bereits andeutet, aber unabschätzbare Folgen haben würde ist der Computer. Bereits heute sind Computer in Gebrauch, deren Operationen weder für Bewußtsein noch für Kommunikationen zugänglich sind, und zwar weder zeitgleich noch rekonstruktiv. Obwohl produzierte und programmierte Maschinen, arbeiten solche Computer in einer Weise, die für Bewusstsein und für Kommunikation intransparent bleibt - und trotzdem über strukturelle Kopplung auf Bewußtsein und Kommunikation einwirkt. Sie sind streng genommen unsichtbare Maschinen." (S.117)
"Die Systeminnenseite der strukturellen Kopplung lässt sich mit dem Begriff der Irritation bezeichnen. [...] Irritationen ergeben sich aus einem internen Vergleich von (zunächst unspezifizierten) Ereignissen mit eigenen Möglichkeiten, vor allem mit etablierten Strukturen, mit Erwartungen. Somit gibt es in der Umwelt des Systems keine Irritation, und es gibt auch keinen Transfer von Irritation aus der Umwelt in das System. Es handelt sich immer um ein systeminternes Konstrukt, immer um Selbstirritation – freilich aus Anlass von Umwelteinwirkungen." (S. 118)
Kap. VII: Kognition, 120-128.
Das allein führt jedoch noch nicht zu einem ausreichenden, den neuen Bedingungen angemessenen Begriff von Kognition. Hierfür gehen wir vom Begriff des Beobachtens aus, begreifen Beobachten als Bezeichnen im Kontext einer Unterscheidung und verlangen zusätzlich Gedächtnis als Fähigkeit, Vergessen und Erinnern zu diskriminieren. Sinnhafte Kognition ist dann nur noch ein Sonderfall, allerdings der Fall, der für die Gesellschaftstheorie allein in Betracht kommt. Kognition ist, anders gesagt, die Fähigkeit, neue Operationen an erinnerte anzuschließen. Sie setzt voraus, daß Kapazitäten des Systems durch Vergessen freigemacht werden; aber zugleich auch, daß neue Situationen zu hochselektiven Rückgriffen auf Kondensate vergangener Operationen führen können." (S. 122)
"Wenn alle Kognition sich auf Operationen stützen muß, die vorweg schon möglich sind, hat das weitreichend erkenntnis- theoretische Folgen. Die Frage Kants nach den Bedingungen der Möglichkeit von Kognition bleibt erhalten. Die Antwort lautet aber jetzt: operative Schließung; und das Forschungsinteresse verlagert sich damit von den Bedingungen der Möglichkeit auf die Möglichkeit von Konditionierungen in immer komplexeren Zusammenhängen. Auch die klassische Vorstellung, Realität erweise sich am Widerstand gegen Erkenntnis oder gegen Willensimpulse, bleibt erhalten. Aber der Widerstand liegt jetzt im System selbst: im Widerstand der Operationen des Systems gegen die Operationen desselben Systems, hier also: von Kommunikationen gegen Kommunikationen." (S. 127)
"Geht man von Kommunikation als der elementaren Operation aus, deren Reproduktion Gesellschaft konstitutiert, dann ist offensichtlich in jeder Kommunikation Weltgesellschaft impliziert ..." ... "Weltgesellschaft ist das Sich-ereignen von Welt in der Kommunikation." (S.150)
I. Medium und Form 190
"Als Einzelereignis kann Kommunikation nicht vorkommen. Jede Kommunikation setzt andere Operationen gleichen Typs voraus, auf die sie reagieren und die sie stimulieren kann. Ohne rekursive Bezugnahmen dieser Art fände sie überhaupt keinen Anlass, sich zu ereignen." (S. 190)
"Die Zirkulation kommt dadurch zustande, daß die Form stärker ist als das mediale Substrat. Sie setzt sich im Bereich der lose gekoppelten Elemente durch - und dies ohne jede Rücksicht auf Selektionskriterien, Rationalitätsgesichtspunkte, normative Direktiven oder andere Wertpräferenzen - vielmehr einfach als strikte Kopplung. Anders als die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas es postuliert, vermeiden wir den Einbau von Rationalitätsprätentionen in den Begriff der Kommunikation und behaupten nur einen Zusammenhang von Durchsetzungsstärke und zeitlicher Flüchtigkeit der Form. Kommunikationsmedien präjudizieren nicht - ebensowenig wie der Begriff des Systems oder der Begriff der Evolution - in Richtung Rationalität. Auf dieser elementaren Ebene gilt nur: es geschieht, was geschieht." (S. 200)
II. Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien 202
III. Sprache 205
“Das grundlegende Kommunikationsmedium, das die reguläre, mit Fortsetzung rechndende Autopoiesis der Gesellschaft garantiert, ist die Sprache. Zwar gibt es durchaus sprachlose Kommunikation - sei es mit Hilfe von Gesten, sei es ablesbar an Dingen, mag dies nun als Kommunikation gemeint gewesen sein oder nicht.. Man kann sich aber schon fragen, ob es solche Kommunikation geben, dass heisst: ob man einen Unterschied von Mitteilung und Information überhaupt beobachten könnte, wenn es keine Sprache, also keine Erfahrung mit Sprache gäbe. (...) Jedenfalls ist die Autopoiesis eines Kommunikationssystems, die ja reguläre Aussicht auf weitere Kommunikation voraussetzt, ohne Sprache unmöglich, obgleich sie, wenn ermöglicht, sprachlose Kommunikation zulässt.” (S. 205f)
"Der Mitteilungsempfänger muss die Mitteilung als Bezeichnung einer Information, also beides zusammen als Zeichen (als Form der Unterscheidung von Bezeichnendem und Bezeichetem) beobachten (obwohl ihm andere, zum Beispiel rein wahrnehmungsmäßige, Möglichkeiten der Beobachtung zur Verfügung stehen). Dies setzt nicht unbedingt Sprache voraus." (S. 210.)
"Sprechen ist ein auf Kommunikation spezialisiertes, für diese Funktion ausdifferenziertes und dadurch für die Wahrnehmung sehr auffälliges verhalten. (...) Dem, was akustisch oder optisch wahrgenommen und so unterschieden werden kann, wird eine zweite Selektionsleistung aufgepfropft." (S. 211)
"Um selber eine spracheigene Differenz von Medium und Form einrichten zu können, muß das mediale Substrat der Sprache, die Differenz von Laut und Sinn, unterspezifiziert sein. Ohne Unterspezifikation wäre nichts mehr zu sagen, weil alles immer schon gesagt ist. Dies Problem wird durch die Differenzierung von Worten und Sätzen gelöst. Auch Worte sind zwar Lautkonstruktionen mit Sinn; aber sie legen noch nicht fest, zu welchen Sätzen sie kombiniert werden. Erst über diese Differenz vermittelt die Sprache der Kommunikation die Fähigkeit zu vorübergehender Anpassung an vorübergehende Lagen; und dann auch die Fähigkeit zu vorübergehenden Sinnkonstruktionen, die man später bestätigen oder widerrufen kann. Und erst so kann man damit rechnen, daß Kommunikation an Kommunikation anschließen kann und immer etwas zu sagen bleibt." (S. 213/214).
"Sprachliche Kommunikation ist also zunächst: Prozessieren von Sinn im Medium der Lautlichkeit. Von Medium ist hier nicht deshalb die Rede, weil Laute Formen im Wahrnehmungsmedium des Bewußtseins sind, sondern deshalb, weil sie zu wiederholt verwendbaren Wörtern kondensiert sind und als solche dann lose gekoppelt zur Verfügung stehen. Das wiederum setzt Grammatik und vielleicht die Chomskyschen Tiefenstrukturen voraus, die sicherstellen, daß genügend Spielraum für die Bildung von Sätzen besteht und es gleichwohl nicht beliebig zugehen kann, sondern genügend Redundanzen für Rekursionen, für rasches Verstehen und vor allem rasches Sprachlernen vorhanden sind." (S. 214)
"Erst diese Ausdifferenzierung einer Eigenzeit sprachlicher Kommunikation führt zu einer Errungenschaft, die man für den wichtigsten evolutionären Zugewinn sprachlicher Kommunikation halten muß. Mit Hilfe von Sprache kann etwas gesagt werden, was noch nie gesagt worden ist. 'Elvira ist ein Engel'. Anders als bei Gesten und anders als bei einfachem Verhalten oder beim Gebrauch von Dingen versteht man den Satz, auch wenn ihn noch nie gehört hat. Genau genommen kommt es nicht einmal darauf an, ob der Satz ein weltgeschichtliches Original und noch nie gesagt worden ist. Entscheidend ist, daß es nicht nötig ist, sich an Sinn und Kontext früheren Gebrauchs zu erinnern. Die Sprache erleichtert, anders gesagt, das Vergessen. Sie entlastet das soziale Gedächtnis und dient insofern dem ständigen Freimachen von Kapazität für neue Kommunikationen." (S.215/216)
"Ein soziales Gedächtnis muß sich außerhalb von (was nicht heißt: unabhängig von) psychischen Gedächtnisleistungen bilden. Es besteht denn auch allein in der Verzögerung von Wiederverwendungen der Worte und des mit ihrer Hilfe gebildeten Aussagesinns. Psychische Systeme werden gleichsam nur als Zwischenspeicher benutzt. Entscheidend für das soziale Gedächtnis ist das Abrufen von Gedächtnisleistungen in späteren sozialen Situationen, wobei das psychische Substrat über längere Zeiträume hinweg durchaus wechseln kann.“ (S.217)
"Mit Hilfe dessen, was schon Form ist, nämlich mit Hilfe der Wörter, kann ein neues mediales Substrat gebildet werden - eine sehr große, nur lose gekoppelte Menge solcher Wörter, die dann ihrerseits zu strikt gekoppelten Formen, nämlich Sätzen, verknüpft werden, wobei in der jeweiligen Kopplung das mediale Substrat nicht verbraucht, sondern durch Gebrauch jeweils erneuert wird." (219 f.)
IV. Geheimnisse dcr Religion und die Moral 230
V. Schrift 249
"Schrift ist natürlich nicht als Kommunikationsmittel entstanden, denn das hätte ja Leser vorausgesetzt. Wie so oft springt auch hier eine vorläufige Funktion ein und trägt die Innovation, bis sie so weit entwickelt ist, daß sie ihre endgültige Funktion übernehmen kann."(S. 260)
"Deshalb löst die Evolution von Schrift allmählich die Evolution von Beobachtungsweisen höherer Ordnung aus; und speziell das Beobachten anderer Beobachter [...]. [...] Im Langzeiteffekt entstehen so aufgrund von Schrift Systeme, die ihre eigene Autopoiesis ganz auf die Beobachtung zweiter Ordnung umstellen: die Funktionssysteme der modernen Gesellschaft."(S. 279)
VI. Buchdruck 291
VII. Elektronische Medien 302
“Wir wollen auch offen lassen, ob Arbeit oder Spiel mit Computern als Kommunikation begriffen werden kann; ob zum Beispiel das Merkmal der doppelten Kontingenz auf beiden Seiten gegeben ist. Damit bleibt auch offen, ob man den Begriff der Kommunikation ändern müsste, und wie, wollte man diesen Fall einbeziehen” (S. 304).
"Die Autorität der Quelle mit all den erforderlichen sozialstrukturellen Absicherungen (Schicht, Reputation) wird entbehrlich, ja durch Technik annuliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus den Verdacht zu nähren (...), (der) zur Annahme bzw. Ablehnung der Kommunikation führen (kann)" (S. 309)
“Denn wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine überflüssige und verdächtige Verdopplung ist oder die Negation einer ohnehin inkommunikablen Negation.” – Zur Nicht-Kommunizierbarkeit von Aufrichtigkeit, (S.311)
VIII. Verbreitungsmedien: Zusammenfassung 312
"Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien dienen nicht [...] primär der Absicherung von Erwartungen gegen Enttäuschungen. Sie sind eigenständige Medien mit einem direkten Bezug zur Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. Sie setzen jedoch die Ja/Nein-Codierung der Sprache voraus und übernehmen die Funktion, die Annahme einer Kommunikation erwartbar zu machen in Fällen, in denen Ablehnung wahrscheinlich ist. Sie entstehen erst, wenn es Schrift gibt und die Ablehnung von kommunizierten Sinnzumutungen damit nochmals wahrscheinlicher wird. Sie reagieren auf das Problem, daß mehr Information normalerweise weniger Akzeptanz bedeutet." (S. 316)
"Symbolisch generalisierte Medien transformieren auf wunderbare Weise Nein-Wahrscheinlichkeiten in Ja-Wahrscheinlichkeiten – zum Beispiel: indem sie es ermöglichen, für Güter oder Dienstleistungen, die man erhalten möchte, Bezahlung anzubieten. Sie sind symbolisch insofern, als sie Kommunikation benutzen, um das an sich unwahrscheinliche Passen herzustellen. Sie sind zugleich aber diabolisch insofern, als sie, indem sie das erreichen, neue Differenzen erzeugen. Ein spezifisches Kommunikationsproblem wird durch ein Neuarrangieren von Einheit und Differenz gelöst: Wer zahlen kann, bekommt, was er begehrt; wer nicht zahlen kann, bekommt es nicht." (S. 320)
"Werte sind nichts anderes als eine hochmobile Gesichtspunktmenge. Sie gleichen nicht, wie einst die Ideen, den Fixsternen, sondern eher Ballons, deren Hüllen man aufbewahrt, um sie bei Gelegenheit aufzublasen, besonders bei Festlichkeiten." (S. 342)
"So kann schon ein frecher Blick als Beginn physischer Gewalt gelten oder ein Tag ohne Bier und Tabak als Notstand. Viel hängt von geschulter Empfindlichkeit ab." (S. 381)
Kondensierung soll dabei heißen, dass der jeweils benutzte Sinn durch Wiederbenutzung in verschiedenen Situationen einerseits derselbe bleibt (denn sonst läge keine Wiederbenutzung vor), sich aber andererseits konfirmiert und dabei mit Bedeutungen anreichert, die nicht mehr auf eine Formel gebracht werden können. Das legt die Vermutung nahe, dass der Verweisungsüberschuss von Sinn selbst ein Resultat der Kondensierung und Konfirmierung von Sinn ist und dass Kommunikation diejenige Operation ist, die sich damit ihr eigenes Medium schafft." (Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft.( 409)
"Wie immer benötigt eine Unterscheidung, die dem Beobachten dient, einen blinden Fleck. Er findet sich dort, wo die Grenze gezogen werden muss, die die beiden Seiten der Unterscheidung trennt. Der Trennstrich muss als unbeobachtbar gezogen werden, weil der Beobachter an die eine oder die andere Seite der Unterscheidung anschließen muss." (S. 426 )
"Strukturen [...] existieren nicht abstrakt, nicht unabhängig von der Zeit. Sie werden im Vollzug des Fortgangs von Operation zu Operation verwendet oder nicht verwendet. Sie kondensieren und konfirmieren durch Wiederholung in verschiedenen Situationen einen Sinnreichtum, der sich exakter Definition entzieht; oder sie werden vergessen." (S. 430f)
Durch (Ja/Nein-) Codierung wird die Kommunikation selbstreflexiv und kann in dieser Form dann auch umweltbezogene Negation traktieren, indem man darüber diskutiert, ob eine diesbezügliche Behauptungen zutrifft oder nicht (S. 460).
"Man kann sagen, die moderne Gesellschaft beginne im 15. Jahrhundert mit dem Übergang von den spätmittelalterlichen durchorganisierten Großwerkstätten der Manuskriptproduktion zu der Anfertigung von Texten mit Hilfe der Druckpresse. Oder man kann sagen, die moderne Gesellschaft beginne im 18. Jahrhundert mit der Beobachtung des Zusammenbruchs der Stratifikation und der Neuformierung operativ geschlossener Funktionssysteme. Der Sachverhalt gibt keine eindeutigeren Zäsuren her. Wenn man wissen will, wie die moderne Gesellschaft sich selbst historisch abgrenzt, muss man sie deshalb von einer Ebene zweiter Ordnung aus beobachten. Man muss beschreiben, wie sie sich selbst beschreibt." (S. 516)
“Die Forschungen über ‘künstliche Intelligenz’ befassen sich mit der Manipulation von ‘Symbolen’, nicht mit der Formierung von Sinn”. (S. 522)
"Die Technik ermöglicht und erzwingt Entscheidungen, die über eine ungewisse Zukunft disponieren, und es ist nicht zu erwarten, dass man
dafür Solidaritaet oder auch nur gemeinsame Wertorientierungen gewinnen könnte.
Im evolutionstheoretischen Kontext entspricht diesem Technikverständnis ein Verzicht auf adaptionistische Konzepte. Technik ermöglicht keine immer bessere Anpassung der Gesellschaft an die Umwelt, wie sie ist." (S. 535).
die Reduktion der Freiheitsgrade von Teilsystemen, die diese den Außengrenzen des Gesellschaftsssystems und der damit abgegrenzten internen Umwelt dieses Systems verdanken" (S. 603)
Von Differenzierungsformen ist die Rede, "wenn es darum geht, wie in einem Gesamtsystem das Verhältnis der Teilsysteme zueinander geordnet ist" (S. 609)
„Die Bedeutung von Differenzierungsformen für die Evolution von Gesellschaft geht auf zwei miteinander zusammenhängende Bedingungen zurück. Die erste besagt, daß es innerhalb vorherrschender Differenzierungsformen begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten gibt. So können in segmentären Gesellschaften größere, wiederum segmentäre Einheiten gebildet werden, etwa Stämme oberhalb von Haushalten und Familien; oder in stratifikatorisch differenzierten Gesellschaften innerhalb der Grunddifferenz von Adel und gemeinem Volk weitere Ranghierarchien. Solche Wachstumsmöglichkeiten finden jedoch, fast ist man versucht zu sagen: organische Schranken. Weitere Evolution ist dann unmöglich, oder sie erfordert den Übergang zu einer anderen Differenzierungsformen ... Ein Familienhaushalt kann innerhalb segmentärer Ordnungen besondere Prominenz, auch erbliche Prominenz gewinnen (etwa als Priesterfamilie oder als Häuptlingsfamilie), kann aber nicht durch Adel ersetzt werden, weil dies Übergang von Exogamie zu Endogamie, also ganz andere Größenordnungen erfordern würde. [...] Evolution erfordert an solchen Bruchstellen eine Art latente Vorbereitung und eine Entstehung neuer Ordnungen innerhalb der alten, bis sie ausgereift genug sind, um als dominierende Gesellschaftsformation sichtbar zu werden und der alten Ordnung die Überzeugungsgrundlage zu entziehen.“(S. 611 f.)
„Vor allem die technologisch anspruchsvolle Produktion erfordert immer größere Kapitalanteile … Diese Geldmengen können nicht allein durch Reinvestition aufgebracht werden. Der Anteil an Krediten nimmt zu und damit die Abhängigkeit von den Fluktuationen auf den internationalen Finanzmärkten. Ein neuer weltgesellschaftlicher Zentralismus also, der sich jedoch nicht über Direktiven, sondern über Fluktuationen und folglich in der Form dissipativer Strukturen bemerkbar macht.“ (729).
“Aber die Autopoiesis hängt nicht, das wäre fatal, von der Lernfähigkeit des Systems ab. Zugleich zeigt diese Überlegung auch (und das wird schon für Organismen gelten), dass die Steigerung der Irritabilität mit der Steigerung der Lernfähigkeit, also mit der Fähigkeit zusammenhängt, eine Ausgangsirritation im System zu vermehren im Abgleichen mit vorhandenen Strukturen solange weiter Irritationen zu erzeugen, bis die Irritation durch angepasste Strukturen konsumiert ist.” (S. 790)
„ Einen besseren Ausgangspunkt bietet die Beobachtung, dass globale und regionale Optima deutlich divergieren. Dies dürfte dadurch bedingt sein, dass die Weltgesellschaft sich selbst nicht über Ziele oder Normen oder Direktiven steuert, deren regionale Beachtung dann geprüft und eventuell korrigiert werden kann, sondern daß die Zentren der Weltgesellschaft (vor allem natürlich die internationalen Finanzmärkte) Fluktuationen erzeugen, die dann regional zu dissipativen Strukturen und zu Notwendigkeiten der Selbstorganisation führen.“ (S. 808)
„Im eher typischen Fall wird jedoch die autopoietische Autonomie der Funktionssysteme blockiert oder auf Teilbereiche ihrer operativen Möglichkeiten eingeschränkt.“ ... „Es wäre jedenfalls ganz unrealistisch den Primat funktionaler Differenzierung als eine durch das Prinzip gesicherte Selbstrealisation zu begreifen.“ (S. 811)x
"Unbestreitbar bilden sich jedoch, wenn nicht die meisten, so doch die wichtigsten und größten Organisationen innerhalb der Funktionssysteme und übernehmen damit deren Funktionsprimat." Weiter unten: "Sie übernehmen den Funktionsprimat [...]. Sie übernehmen den jeweiligen Code des Funktionssystems. Nur unter diesen beiden Bedingungen können sie ihre eigenen Operationen dam betreffenden Funktionssystem zuordnen und zum Beispiel als Gerichte, als Banken, als Schulen erkennbar sein." (S.840ff) [A.L.: Müsste man diese "Unbestreitbarkeit" also relativieren ?]
"Das wird deutlich, wenn man Protestbewegungen als autopoietische Systeme eigener Art versteht und den Protest als ihr katalysierendes Element. Der ein Thema herausgreifende Protest ist ihre Erfindung, ihre Konstruktion. ... Gegen Komplexität kann man nicht protestieren. Um protestieren zu können, muß man deshalb die Verhältnisse plattschlagen. Dazu dienen die Schemata und vor allem die Skripts, die sich in der öffentlichen Meinung mit Hilfe der Massenmedien durchsetzen lassen. ... Der Protest inszeniert "Pseudo-Ereignisse", das heißt: Ereignisse, die von vornherein für Berichterstattung produziert sind und gar nicht stattfinden würden, wenn es die Massenmedien nicht gäbe. ... Schon in der Planung ihrer eigenen Aktivitäten stellen die Bewegungen sich auf die Berichtsbereitschaft der Massenmedien und auf Televisibilität ein. ... Widerstand gegen etwas - das ist ihre Art, Realität zu konstruieren. ... Nichts spricht dafür, daß die Protestbewegungen die Umwelt, seien es die Individuen, seien es die ökologischen Bedingungen besser kennen oder richtiger beurteilen als andere Systeme der Gesellschaft." (S. 847-865)
...auch hier gibt es statt dessen imaginäre Konstruktionen der Einheit des Systems, die es ermöglichen, in der Gesellschaft zwar nicht mit der Gesellschaft, aber über die Gesellschaft zu kommunizieren. Wir werden solche Konstruktionen ,Selbstbeschreibungen` des Gesellschaftssystems nennen (866f.).
Individuum: ,,Ein Subjekt kann weder in der Welt vorkommen, denn das würde heißen, daß die Welt sich selbst reflektiert...`` (Luhmann , 1997: 871), ,,noch könnte es ein Individuum sein, das sich von anderen Individuen unterscheidet`` (Luhmann , 1997: 871). Daraus soll wiederum folgen: ,,Es kann daher auch nicht an Kommunikation teilnehmen`` (Luhmann , 1997: 871f.). Und: ,,Erst recht kann kein Subjekt, wenn es ein Individuum sein soll, ,dasselbe denken` wie ein anderes...`` (Luhmann , 1997: 872). Der Grund hierfür: ,,Denn Individuum kann es nur sein auf Grund einer operativen Schließung und Selbstreproduktion seines eigenen Erlebens`` (S. 872).
,,Ausschlaggebend ist statt dessen, daß Kommunikation fortgesetzt wird - wie immer das dazu notwendige Bewußtsein zum Mitmachen bewogen wird. Nie läßt sich in der Kommunikation feststellen, ob Bewußtseinssysteme ,authentisch` dabei sind, oder nur das zum Fortgang Notwendige beitragen (S. 874).
"Unsere Analysen legen die Annahme nahe, daß die moderne Gesellschaft mit dieser Technik des Beobachtens des Nichtbeobachtenkönnens das Paradox des Beobachters als eingeschlossenen ausgeschlossenen Dritten nachvollzieht. Das zwingt dann aber das Beobachten des Beobachtens zum autologischen Schluß auf sich selbst und zum Paradox als Abschlußgedanken: Der Beobachter ist das Unbeobachtbare." (1081)
Die Darstellungen der vorangegangenen Abschnitte haben die Selbstbeschreibungen der Gesellschaft als historische Semantik behandelt und sie bis an die Gegenwart herangeführt. Aber natürlich waren diese Semantiken nicht für sich selbst ,Semantiken` gewesen, sondern man2 hatte geglaubt, das beschreiben zu können, was der Fall ist oder doch sein sollte. Die von Zeit zu Zeit aufkommende Einsicht, daß es sich um Beschreibungen handele, die unangemessen geworden waren (...) führte nur zu einer Verschiebung des blinden Flecks, in dem der Beobachter sich selbst verborgen hält (1110).
Die klassische Rhetorik, so Luhmann, verfolgte mit Paradoxierungstechniken das Ziel, "Probleme anders und im Hinblick auf neuartige Lösungen zu formulieren" (1133). Hier zieht Luhmann Parallelen zu seinem eigenen Verständnis von Soziologie. Soziologie geht "es um Generierung von Theorien [...], die eine Distanz zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags in Kauf nehmen, ja bewusst erzeugen, um ein abstrakter gesichertes Konsistenzniveau zu erreichen" (1133). Paradoxien müsse aber nicht – wie in der klassischen Rhetorik – erst erzeugt werden, denn sie sind immer schon vorhanden: "Denn alles Beobachten (Erkennen und Handeln) ist paradox fundiert, da es auf Unterscheidungen angewiesen ist, die es operativ einsetzen, aber nicht als Einheit reflektieren kann" (1134).