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Prävention des Typ-2-Diabetes – Taten helfen mehr als Worte
Schon seit geraumer Zeit wissen wir, dass das Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, nicht für alle Menschen gleich ist. Wir kennen einige heute allgemein anerkannte Risikofaktoren, welche die Entwicklung dieser Form der Zuckerkrankheit begünstigen: Übergewicht, fett- und zuckerreiche Ernährung, Bewegungsarmut, Rauchen und natürlich die Vererbung. Dieser lässt sich zwar nicht aus dem Weg gehen, durch eine Veränderung des Lebensstils sollte es – so vermutete man seit langem – jedoch möglich sein, das Risiko für einen Typ-2-Diabetes zu senken und den Ausbruch der Krankheit wenn nicht ganz zu verhindern, so doch hinauszuschieben.
Dieser Frage sind amerikanische Forscher in einer grossen Studie – dem «Diabetes Prevention Program» – genauer nachgegangen. Über 3200 Personen mit einer pathologischen Glukosetoleranz, das heisst einem Blutzucker, der höher ist als normal, aber noch nicht im diabetischen Bereich liegt, wurden in drei Gruppen aufgeteilt und während ca. drei Jahren weiter untersucht. In der Gruppe 1 wurde mit beträchtlichem Aufwand versucht, die diabetesgefährdeten Personen zu einer Änderung des Lebensstils zu bewegen. Ziele waren dabei ein langfristiger Gewichtsverlust von 7% des Ausgangsgewichts sowie eine regelmässige körperliche Betätigung, z.B. Wandern, während mindestens 21/2 Stunden pro Woche. Die initiale Schulung und Instruktion umfasste 16 Lektionen! In der Folge wurden die Probanden weiterhin ca. einmal pro Monat von einer Fachperson weiter betreut. Die Leute, welche der zweiten Gruppe zugeteilt waren, erhielten neben einfachen schriftlichen Verhaltensregeln nur einmal pro Jahr während einer Lektion von 20–30 Minuten Dauer individuelle Hinweise zu Ernährung und Bewegung. Sie nahmen aber während der gesamten Dauer der Studie das Medikament Metformin ein (zweimal eine Tablette pro Tag). Wer der Kontrollgruppe (Gruppe 3) zugeteilt war, erhielt lediglich die erwähnten einfachen Verhaltenshinweise.
In der «Lebensstil-Gruppe» gelang es immerhin 50% aller Leute, 7% des Körpergewichts abzunehmen. 50% führten das Bewegungsprogramm von minimal 21/2 Stunden pro Woche regelmässig durch. Der – auch nach drei bis vier Jahren noch anhaltende – Gewichtsverlust betrug immerhin durchschnittlich 5,6 Kilogramm. In Gruppe 2 (Metformin) lag der Gewichtsverlust bei 2,1 Kilogramm, in der Kontrollgruppe bei 0,1 Kilogramm. Erfreulicherweise gelang es den Teilnehmern in allen Gruppen, die Kalorienzahl pro Tag etwas einzuschränken und den Fettkonsum zu reduzieren, in Gruppe 1 natürlich am deutlichsten.
Das Resultat dieser Studie war eindrücklich: In der Gruppe, welche einen etwas gesünderen Lebensstil einhielt, wurden innerhalb von drei Jahren «nur» 14,4% der Probanden Diabetiker. Wer regelmässig Metformin zu sich nahm, hatte eine Wahrscheinlichkeit von 21,7%, innerhalb dieses Zeitraums Diabetiker zu werden. In der Kontrollgruppe traf es 28,9%. Der Erfolg der Massnahmen war unabhängig vom Alter, vom Geschlecht und vom Ausgangsgewicht. Bei der genaueren Betrachtung der Blutzuckerresultate zeigte sich nicht unerwartet, dass bei den «Lebensstil-Patienten» hauptsächlich der Blutzucker nach dem Essen verbessert werden konnte, bei den «Metformin-Patienten» der Nüchtern-Blutzucker.
Was können wir aus dieser Studie lernen:
- Eine kalorienreduzierte, fettarme Ernährung, eine Gewichtsreduktion und regelmässige körperliche Aktivität sind nicht nur geeignet in der Behandlung des Typ-2-Diabetes, sondern auch zu dessen Vorbeugung. In einem Zeitraum von drei Jahren konnte das Risiko, an Diabetes zu erkranken, immerhin um über 50% reduziert werden.
- Von einer Veränderung des Lebensstils konnten alle gefährdeten Leute profitieren, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Körpergewicht.
- Zum ersten Mal konnte gezeigt werden, dass Metformin, welches seit langem erfolgreich eingesetzt wird in der medikamentösen Therapie des Diabetes mellitus Typ 2, auch präventiv wirksam ist – allerdings in geringerem Ausmass als eine Verhaltensänderung. Erwartungsgemäss war Metformin bei deutlich Übergewichtigen besser wirksam als bei nur leicht Übergewichtigen.
- Die in dieser Studie erreichten Ziele bezüglich Gewichtsreduktion und vermehrte Aktivität sind durchaus realistisch: Es geht hier nicht um eine Gewichts-Normalisierung, sondern um eine eher bescheidene Reduktion von ca. 5–7 Kilogramm. Auch ist nicht die Rede von Sport, sondern von mässiger körperlicher Aktivität wie Wandern oder leichtem Velo fahren.
Wie lange der Ausbruch eines Typ-2-Diabetes verzögert bzw. ob die Krankheit in gewissen Fällen sogar ganz verhindert werden kann, muss weiter untersucht werden. Ein wertvolles Instrument im Kampf gegen den Diabetes haben Gefährdete indes bereits schon heute in der Hand.
Dr. med. K. Scheidegger