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Schmerzen bei Kindern waren lange kein Thema. Bis in die späten 1980er-Jahre wurden Babys ohne Narkose operiert. Vor allem in den USA. Man war überzeugt, dass Neugeborene keine Schmerzen empfinden können. Ihre Nerven seien noch nicht genug ausgereift.
Schreien, Weinen oder Abwehrbewegungen seien bloss Reflexe. Kinder erhielten daher keine Schmerzmittel, sondern Medikamente, die ihre Muskeln lähmten.
Jeffrey Lawsons Tod – ein Wendepunkt in der Geschichte
Im Februar 1985 spürte Jill Lawson plötzlich Wehen. Drei Monate zu früh. Ihr Sohn Jeffrey war knapp 700 Gramm schwer und krank. Zwei Wochen nach der Geburt wurde er in einem Kinderspital in Washington am offenen Herzen operiert. Sein Oberkörper wurde aufgeschnitten, die Rippen gespreizt, Gewebe und Blutgefässe aufgetrennt und danach wieder zusammengenäht.
Jeffrey spürte jeden Schnitt und jeden Stich. Er hatte lediglich eine lähmende Substanz erhalten, keine Anästhesie und keine Schmerzmittel. Fünf Wochen später starb er. Erst kurz vor seinem Tod erfuhr Jill Lawson von der Anästhesiologin, dass sie keine Narkose eingeleitet hatte. Es sei ihr nicht einmal in den Sinn gekommen, Jeffrey zu anästhesieren. Denn es sei noch nie nachgewiesen worden, dass Babys Schmerz empfinden.
Jeffrey war also kein Einzelfall. Jill Lawson ging mit ihrer Geschichte zur New York Times. Jeffreys Tod war ein Wendepunkt in der Geschichte der Medizin. Eine Studie jener Zeit ergab, dass jedes dritte Baby, das ohne Narkose operiert wurde, starb. Der Stress für den ganzen Organismus hat die Entzündungswerte der betroffenen Kinder erhöht und so zum Tod geführt. Während die Sterblichkeit der anästhesierten Kinder bei null lag. Zwei Jahre nach Jeffreys Tod erklärte die Amerikanische Pädiatrische Gesellschaft Operationen an Neugeborenen ohne Narkose für unethisch.
Dann begannen Eltern sich zu wehren – mit Unterstützung von Forscherinnen und Forschern, die den Schmerz der Kleinen nicht länger ignorieren wollten. Seither hat das Wissen um die Schmerzen der Kleinen grosse Sprünge gemacht.
Der steinige Weg von der Forschung in die Praxis
Oft helfen einfache Mittel, um den Schmerz zu lindern. Frühgeborene müssen täglich sehr viele Prozeduren wie Blutentnahmen über sich ergehen lassen. Hautkontakt oder das Nuckeln einer Wasserzuckerlösung können beruhigend wirken. Doch leider werde dieses Wissen nicht immer und nicht in allen Spitälern umgesetzt, sagt Schmerzforscherin Helen Koechlin vom Kinderspital Zürich: «Das häufigste Argument ist, die Massnahmen seien zu aufwendig und dafür fehle die Zeit oder das Personal.»
Helen Koechlin
Psychologin
Helen Koechlin ist spezialisiert auf Gesundheitspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Sie arbeitet als Schmerzforscherin am Kinderspital Zürich, an der Universität Zürich und als Privatdozentin an der Universität Basel. Ihre Forschung wird vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.
Bild: SNF
Frühe Schmerzen prägen das Leben
Schmerzen und die Schmerzlinderung hätten in vielen Köpfen noch keine Priorität, obwohl solche frühen Schmerzerlebnisse ein ganzes Leben prägen können. «Konstante und wiederkehrende Schmerzen machen das Nervensystem reizempfindlicher, die Schmerzschwelle sinkt und das Risiko für spätere chronische Schmerzen wird drastisch erhöht», so Koechlin.
Diese Dynamik gilt es so früh wie möglich zu unterbrechen. Auch, weil der körperliche Schmerz oft mit psychischen Schmerzen wie Angst oder Depression verbunden ist und in der Jugend auch mit einer erhöhten Suizidalität.
Körperlicher und seelischer Schmerz hängen zusammen
Chronische Schmerzen gehen häufig mit Ängsten und Depressionen einher. Der Schmerzkreislauf hängt sehr eng mit den emotionalen Kreisläufen zusammen. Wobei nicht immer klar ist, ob der körperliche dem psychischen Schmerz vorausgeht. Neuere Studien zeigen, dass Angst und Depression oft zuerst entstehen und später die Schmerzen hinzukommen. Es kann aber auch umgekehrt sein, dass zuerst der Schmerz da ist und dann die psychische Symptomatik.
Der blinde Fleck der Kinderärzte
Auch in den ambulanten Kinderpraxen ist das Wissen der kleinen, aber sehr aktiven Forschungsgemeinschaft, noch kaum angekommen. Eine Befragung von Helen Koechlin hat gezeigt, Kinderärztinnen und -ärzte unterschätzen den Anteil ihrer Patientinnen, die Schmerzen haben massiv.
Sie gaben an, dass etwa drei Prozent ihrer kleinen Patienten chronische Schmerzen hätten. Tatsächlich sind es jedoch fast zehnmal mehr. «Das war erschreckend», sagt Schmerzforscherin Helen Koechlin. 80 Prozent der Befragten berichteten, dass sie sich unsicher fühlten im Umgang mit chronischen Schmerzen bei Kindern.
Der lange Weg in die Schmerzsprechstunde
Häufig werden chronische Schmerzen wie der Klassiker Bauchweh, aber auch Kopfschmerzen und die für Jugendliche typischen Knochen- und Muskelschmerzen als rein psychisch abgetan. Daher dauert es im Schnitt zwei Jahre, bis ein Kind mit chronischen Schmerzen in einer spezialisierten Schmerzsprechstunde landet.
Das ist spät. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Schmerz nicht nur im Gehirn eingegraben, sondern auch im Alltag. Das Kind hat Schulstoff verpasst, Freundschaften verloren, Hobbys aufgegeben.
Schmerzsprechstunden für Kinder und Jugendliche
Chronische Schmerzen bei Kindern wachsen sich nicht einfach aus. Sie benötigen eine massgeschneiderte Behandlung. Die Fachpersonen gehen den Schmerz aus biopsychosozialer Perspektive an – also aus verschiedenen Fachrichtungen. Ein Kind mit Rückenschmerzen erhält beispielsweise Physiotherapie und falls nötig und nützlich auch Medikamente. In einer begleitenden Psychotherapie lernt das Kind Strategien, wie es im Alltag am besten mit dem Schmerz umgeht.
Auch Schmerzedukation gehört dazu. Das Kind lernt mehr über seinen eigenen Schmerz und erkennt, dass chronische Schmerzen – anders als akute Schmerzen nach einer Operation oder einem Knochenbruch etwa – nicht unbedingt mit einer Schädigung des Gewebes zu tun haben.
Das Kind darf spielen oder sich bewegen, auch wenn es weh tut. Der Körper nimmt keinen Schaden. In der Deutschschweiz bieten vier Spitäler eine spezielle Sprechstunde für Kinder und Jugendlich an:
Wie aus einem akuten Schmerz ein chronischer Schmerz wird, versteht die Schmerzforschung bisher nicht gut. Wie chronischer Schmerz am besten behandelt wird hingegen schon. Doch Untersuchungen zeigen, dass es im Schnitt siebzehn Jahre dauert, bis Forschungsergebnisse im klinischen Alltag ankommen. «Das ist viel zu lange», sagt Schmerzforscherin Helen Koechlin: «Siebzehn Jahre, das ist so lange wie eine ganze Kindheit.»