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Seit seinem Meisterwerk «Mistero Buffo» (1969), einer Sammlung von Monologen, in dem er biblische Episoden beschreibt, die sich auf die Apokryphen Evangelien beziehen, hat der Literaturnobelpreisträger und bekennende Atheist Dario Fo nie sein Interesse am Spirituellen verloren. «Der Tod soll sich ruhig Zeit nehmen, doch fürchten tue ich ihn nicht. Für den menschlichen Verstand ist der Gedanke unerträglich, dass wir für immer verschwinden werden. Wir sind Staub, sagt mir der Verstand. Doch die Fantasie, mein Wahnsinn bescheren mir Visionen einer anderen Dimension. Ich hoffe, überrascht zu werden», scherzte Fo erst kurz vor seinem 90. Geburtstag, den er am 24. März gefeiert hatte. Der Autor starb in der Nacht auf Donnerstag in einem Spital in Mailand.
Der Gedanke, im Jenseits seine vor drei Jahren verstorbene Frau Franca Rame wiederzutreffen, die er 1954 geheiratet hatte, weckte in Fo Enthusiasmus. «Die Aussicht, Franca in einem Garten wiederzufinden, in dem wir beide in Bäume verwandelt sind, sie mit goldenen Blättern in der Farbe ihrer Haare, ist wunderbar. Sollte es im Jenseits wirklich etwas geben, wünsche ich mir, dass es so aussieht», so Fo. Die Erinnerung an seine Frau sei immer wach. «Wenn ich im Alltag nicht so zurechtkomme, formuliere ich instinktiv die Worte: 'Franca, hilf mir!'» Viele Stücke hatte er mit seiner 2013 gestorbenen Frau geschrieben, weshalb Fo stets von «unserem Nobelpreis» sprach.
Linker Theatermacher
Seine Karriere begann der 1926 in Sangiano in der Nähe des Lago Maggiore geborene Possenreisser in den 1950er Jahren. Nach einem abgebrochenen Studium der Kunst und Architektur wandte sich der Sohn eines Eisenbahners und einer Bäuerin seiner Leidenschaft zu – dem Theater.
Mit Werken wie «Die offene Zweierbeziehung», «Mistero Buffo» und «Sex? – Aber mit Vergnügen!» wurde Fo schnell berühmt. Schon Ende der 1960er Jahre war der charmante Polit-Clown weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt.
Auftritt in Gefängnissen
Am liebsten unterwegs, trat Fo auch in Fabriken und Gefängnissen auf. Mit seiner Frau gründete er freie Theatergruppen wie das Kollektiv «La Comune», dessen festes Quartier eine Gemüsehalle in Mailand war. In halb Europa machte er als linker Theatermacher in der Zeit der Studentenrevolten Furore. Über 70 Stücke schrieb er zusammen mit Rame.
Als erster reiner Theaterautor erhielt Fo 1997 den Literaturnobelpreis – eine Überraschung in der Welt der Literatur. Das Nobelpreiskomitee wollte ihn damit vor allem für seine politische und soziale Theaterarbeit würdigen. Er sei ein Schriftsteller, «der in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geisselt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder aufrichtet», hiess es damals aus Stockholm.
Gast bei weltlichen Richtern
Mehr als 40 Mal stand Fo wegen Verhöhnung der Mächtigen vor Gericht, und mehrmals war er direkt von der Bühne abgeführt worden.
Für Fachkritiker in Italien steht vor allem eines fest: Fo schaffte es, die Menschen wieder ins Theater zu locken und gilt als Erneuerer der «Commedia dell'arte». Mehr als 30 Werke Fos wurden ins Deutsche übersetzt, darunter «Mistero Buffo» (1969), «Die offene Zweierbeziehung» (1983), «Sex? – Aber mit Vergnügen!» (1994) und «Der Teufel mit den Titten» (1997).
(sda/ise/hon)