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GESELLSCHAFTSANALYSE:
Phophat für die Algen, Karbon für die Menschen
Betrachtet man das Weltgeschehen im Gesamten, kann festgestellt werden, dass die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung von vier Faktoren geprägt wird: die Einbindung der Länder in den globalen Markt, die Rolle der Finanzmärkte als Einpeitscher der Wirtschaft, der Kampf um die knapper werdenden Ressourcen und die Degradation der Ökosysteme. Um den Werdegang der Menschheit seit Beginn der Industrialisierung vor zweihundert Jahren bildlich darzustellen, empfiehlt sich ein Beispiel aus der Biologie: Das Phänomen der Algenblüten. Eine Algenblüte entsteht in Küstengewässern an der Mündung grosser Flüsse durch plötzliche Zufuhr von Nährstoffen. Es ist insbesondere das Phosphat, das in Düngemittel vorkommt und bei chemischen Prozessen anfällt, welche die plötzliche Vermehrung der Algen auslöst. Betroffen ist vor allem die Klasse der Panzergeisselalgen, auch Dinoflagellaten genannt. Aufgrund der Phosphatzufuhr treten die schwebenden Algen in Konkurrenzkampf um Platz, Licht und Nahrung. Dabei produzieren sie häufig toxische Substanzen, die für Lebewesen im Meer und wie auch für Badende gefährlich sein können. Aus Lichtmangel sterben die tieferschwebenden Algen ab. Die riesige Menge an toter Biomasse sinkt auf den Boden und wird von Bakterien zersetzt, wobei der im Meer gelöste Sauerstoff verbraucht wird. Den meisten Bakterien und Pilzen macht Sauerstoffmangel wenig aus. Sie schalten ihren Stoffwechsel auf Fäulnisprozesse bzw. Gärung um. Dabei entsteht Schwefelwasserstoff, der für viele dort lebenden Organismen wie Muscheln und Krustentiere toxisch ist. Bei Versiegen der Phosphatquelle stirbt die Algenblüte rasch ab.
Angefangen hat alles mit der ersten brauchbaren Dampfmaschine, deren Kolben sich durch den Druck von Wasserdampf unermüdlich auf und ab bewegte. Dieses fauchende Etwas des britischen Ingenieurs James Watt konnte fossile Energie in Bewegungsenergie umwandeln. Seit 1787 arbeiteten die Geräte in den ersten Fabriken, wo sie die automatischen Webstühle antrieben. Die industrielle Revolution nahm ihren Lauf. In der Folge hat die Entdeckung des Erdöls der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung einen enormen Schub verliehen. Ein gigantischer Industriezweig wurde aufgezogen, Reichtümer entstanden, Kriege wurden geführt, all dies im Namen des Öls. Die Abhängigkeit gegenüber diesem Rohstoff ist gewaltig: in Form von Treibstoff setzt er 90% des Verkehrs und Gütertransporte in Bewegung, als Brennstoff sorgt er in der nördlichen Halbkugel für warme Stuben, als Grundstoff nutzt ihn die chemische Industrie für die Herstellung von Kunststoffen. Zusammen mit den anderen cabonhaltigen Energieträgern Erdgas und Kohle deckt das Erdöl 85% des weltweiten Energieverbrauchs. Durch Verbrennung dieser Grundstoffe wird Energie freigesetzt, es wird aber auch das Treibhausgas Kohlendioxyd produziert, welches für die Klimaerwärmung verantwortlich ist. Seit Beginn der Industrialisierung ist der Anteil Kohlendioxyd in der Erdatmospähre von 280 ppm auf 375 ppm um 35% angestiegen. Je mehr die Wirtschaft wächst und je mehr Länder an den Segnungen der Zivilisation teilhaben, desto mehr carbonhaltige Grundstoffe werden verbraucht und desto mehr heizt sich der Globus auf. In diesem Sinne spielt das Erdöl für die Menschen etwa die gleiche Rolle wie das Phosphat für die Algen. Solange die Quelle sprudelt, findet Wachstum statt. Bei Abnahme der Zufuhr kommt das Wachstum ins Stottern und der Kampf um die Ressourcen beginnt.
Die Industrialisierung beschleunigte die Evolution in einem nie dagewesenem Ausmass: neue wissenschaftliche Erkenntnisse führten zu technischen Fortschritten mit beträchtlichen Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Die Effizienzsteigerung der Nahrungsmittelproduktion liess die Anzahl der Menschen auf dem Planeten rapide ansteigen, mit der Folge, dass mehr Boden, mehr Siedlungsräume, mehr Rohstoffe, mehr Energie beansprucht wurden. Nicht nur der Bedarf an Öl nahm stetig zu, auch derjenige an Kohle, Erdgas, Holz, Metallen, chemischen Grundstoffen. Riesiege Waldflächen - insbesondere in den Tropengebieten - wurden abgeholzt und nutzbar gemacht. In Malaysia existiert beispielsweise heute nur noch ein Viertel des ursprünglichen Waldbestandes. Ein Teil der Ressourcen wachsen nach - wie zum Beispiel Holz. Viele Rohstoffe wurden jedoch in Laufe von Jahrmillionen - im Falle von Metallen sogar Jahrmilliarden - in der Erdkruste angereichert, bzw. durch geologische Prozesse hervorgebracht. Einmal ausgebeutet und verbraucht stehen sie der Menschheit nicht mehr zur Verfügung. Im Taumel des Wachstums verlor man das Augenmass und erlag der Illusion, die Ressourcen seien unbegrenzt. Wie bei den Algen fand nicht nur die Ausbeutung der Rohstoffe statt, es wurden gleichzeitig neue, zum Teil giftige Substanzen freigesetzt. Die Übernutzung der Böden macht diese unfruchtbar, die Überfischung der Meere dezimiert die Fischbestände, der zunehmende Wasserverbrauch verursacht Mangel und Dürre, der Ausstoss von Treibhausgasen verändert das Weltklima, die Abholzung der Wälder senkt die Aufnahme von Kohlendioxyd, Niederschläge werden nicht mehr aufgehalten - was zu Erosion und Überschwemmungen führt. Der ganze Prozess ist wie aus den Fugen geraten, beschleunigt sich fortan selbst. Es scheint keine Kraft zu geben, welche diesen aufhalten könnte. Am meisten betroffen sind die Länder des Südens, langsam beginnen aber auch die reichen Länder die Folgen dieses Handelns zu spüren, unter anderem auch die Schweiz.
Was könnte in einer Alge vorgehen, wenn die Phosphatzufuhr zum Erliegen kommt? Um sich ihren Platz an der Sonne zu sichern und das Absinken in dunkle Gefilde zu vermeiden, kann sie ihre Fitness verbessern, indem sie zum Beispiel stärkere und flinkere Geisseln entwickelt. Auch wird sie gegen ihre Mitbewerberinnen sowie gegen die Umwelt noch rücksichtsloser vorgehen. Hier sind wir im Kern der politischen Debatten: Wirtschaftsvertreter fordern eine Entlastung gegenüber sozialer, ethischer und ökologischer Forderungen, während sich linke und grüne Kreise für die Einhaltung diesbezüglicher Standards einsetzen. Standards können aber ohne wirtschaftliche Nachteile nur eingehalten werden, wenn diese weltweit implementiert sind. Jegliches Ausscheren (eines Landes, eines Konzerns) bedeutet automatisch einen Marktvorteil - zumindest kurzfristig. Die ganze politische Diskussion – weltweit – kann in diesem bipolaren Muster eingeordnet werden: CO2-Abgabe ja oder nein, Mindestlohn ja oder nein, Bankgeheimnis ja oder nein… sogar Frühenglisch in der Schule ja oder nein. Die Liste von konkreten Beispielen könnte endlos fortgesetzt werden. Sachzwänge verschärfen sich, Handlungsspielräume schwinden: Alles hat sich dem Diktat des Marktes zu unterwerfen. Es erstaunt deshalb nicht, dass die internationalen Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls oder die Millenniumziele nicht eingehalten, bzw. nicht erreicht werden - das Gegenteil ist der Fall.
Der Druck, sich dem globalen Weltmarkt zu unterwerfen, ist auf einzelne Länder und Bevölkerungsgruppen seit der Globalisierung enorm gestiegen. Die Uniformisierung der Lebensweisen hat ein derartiges Ausmass angenommen, dass man sich heutzutage andere Gesellschaftsentwürfe kaum noch vorstellen kann. Angesichts der Schwierigkeiten, auf die das gegenwärtige Weltwirtschaftsmodell zusteuert, scheint es jedoch zwingend zu sein, sich mit Alternativen zu befassen. Diese gibt es noch vereinzelt, vielleicht nicht mehr für lange Zeit. Nachfolgend sechs Beispiele: