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© 1993 Markus Kappeler
Kragentaube
Caloenas nicobarica
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Familie der Tauben (Columbidae) ist eine sehr erfolgreiche Vogelsippe: Sie umfasst über 300 verschiedene Arten und kommt praktisch in allen Bereichen der gemässigten und tropischen Regionen unseres Planeten vor. Anhand ihrer etwas gedrungenen Gestalt sind die meisten Tauben selbst für den Laien leicht als Angehörige ihrer Familie zu erkennen - obschon sie hinsichtlich ihrer Körpergrösse sehr variabel sind: Das Spektrum reicht vom zierlichen Diamanttäubchen (Geopelia cuneata), welches eine Länge von 18 Zentimetern und ein Gewicht von 30 Gramm aufweist, bis hin zur stattlichen Fächertaube (Goura victoria), welche 84 Zentimeter misst und 2,3 Kilogramm wiegt.
Innerhalb der Klasse der Vögel gehört die Familie der Tauben zur Ordnung der Taubenvögel (Columbiformes). Dort steht sie heute allein - was nicht immer so war: Bis vor kurzem wurde nämlich die Familie der Flughühner (Pteroclididae) ebenfalls zur Ordnung der Taubenvögel gezählt. Es hat sich aber gezeigt, dass die Flughühner näher mit den Regenpfeifern als mit den Tauben verwandt sind, weshalb man sie jetzt in die Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) stellt. Und vor gar nicht allzu langer Zeit zählte auch noch die Familie der Dronten (Raphidae) zur Ordnung der Taubenvögel. Deren Mitglieder sind aber inzwischen allesamt ausgestorben - oder richtiger: wurden durch den Menschen ausgerottet.
Noch in historischer Zeit umfasste die Familie der Dronten drei Arten grosser, flugunfähiger Vögel, welche auf kleinen Inseln im Indischen Ozean beheimatet waren: den berühmten Dodo (Raphus cucullatus)
von Mauritius sowie die beiden weniger bekannten Solitäre von Reunion (Raphus solitarius)
und von Rodriguez (Pezophaps solitaria)
. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren die Bestände dieser etwas schwerfälligen, stummelflügeligen Vögel durch masslosen Fang und gnadenlose Abschlachtung jedoch vollständig vernichtet - keine zwei Jahrhunderte nach der Entdeckung ihrer Heimatinseln durch die frühen europäischen Seefahrer. Zu Recht gilt der Dodo deshalb heute als unrühmliches Symbol für den Raubbau, den der Mensch auf ungezählten Inseln an der Natur getrieben hat.
Ein mittelgrosses und besonders hübsches Mitglied der Taubenfamilie ist die Kragentaube (Caloenas nicobarica)
aus dem indomalaiischen und westpazifischen Raum. Auch sie brütet vornehmlich auf kleinen Inseln, und auch sie hat unter den Machenschaften des Menschen schwer gelitten. Von ihr soll im folgenden die Rede sein.
Erdtaube mit Rüschenkragen
Die Kragentaube weist eine Länge von 43 bis 45 Zentimetern auf. Ihr Gefieder ist in satten blaugrünen Farbtönen gehalten und schillert oberseits metallisch. Besonders auffällig ist das Schmuckgefieder am Hals, das aus stark verlängerten, lose über die Schultern hängenden Federn besteht und entfernt an einen Rüschenkragen erinnert - daher der Artname.
Männchen und Weibchen der Kragentaube sehen einander sehr ähnlich, doch ist bei den Weibchen der Federkragen im allgemeinen weniger umfangreich. Auch ist die charakteristische Schwellung der Wachshaut an der Schnabelbasis gewöhnlich nicht so ausgeprägt. Und zudem sind die Weibchen etwas kleiner als die Männchen.
Die Kragentaube hat ein recht weites Verbreitungsgebiet: Sie kommt von den Andamanen und den Nikobaren im nordöstlichen Indischen Ozean quer durch den Indomalaiischen Archipel ostwärts bis zu den Philippinen, Neuguinea und den Salomonen vor. Eine isolierte Population bewohnt ferner die rund 800 Kilometer östlich der Philippinen gelegene Insel Palau. Im gesamten Verbreitungsgebiet brütet die Kragentaube ausschliesslich auf kleinen, bewaldeten Inseln. Grössere Inseln und das Festland besucht sie höchstens für die Nahrungssuche.
Grundsätzlich ist die Kragentaube eine Erdtaubenart: Sie hält sich vorzugsweise im tropischen Regenwald auf und sucht dort den Boden nach Nahrung ab. Ihre grossen braunen Augen scheinen eine Anpassung an das Leben im Dämmerlicht des Regenwald-Erdgeschosses zu sein, und dasselbe gilt für ihr dunkelblau-grün «metallisiertes» Gefieder: Es sorgt dafür, dass sich die Gestalt der Kragentaube im bodennahen, vor Feuchtigkeit oft glänzenden Blattwerk optisch «auflöst». So ist die Kragentaube für etwaige Fressfeinde nur schwer auszumachen, umsomehr als sie sich bei der Nahrungssuche ausgesprochen geräuscharm verhält.
Die Nahrung der Kragentaube besteht vornehmlich aus Früchten und Sämereien, welche aus dem Kronenbereich der Regenwaldbäume zu Boden gefallen sind. Hin und wieder nimmt sie aber wohl wie die meisten Erdtauben auch Insekten und andere kleine wirbellose Tiere zu sich, denen sie bei der Nahrungssuche begegnet.
Obschon die Kragentaube die meiste Zeit des Tages auf dem Waldboden verbringt, ist sie ein schneller und kräftiger Flieger. Bewegt sie sich in ihrem Wohngebiet umher, so fliegt sie stets unterhalb der Baumwipfel und ist nie über dem Wald zu sehen. Des öfteren setzt sie aber - auf der Suche nach Nahrung - von ihrer Brutinsel zu anderen Inseln oder zum Festland über und fliegt dabei mitunter beträchtliche Strecken über das offene Meer. In einigen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets haben diese Flüge die Form regelmässig wiederkehrender, jahreszeitlich bedingter Wanderungen. Anderenorts scheinen sie in zeitlich eher zufälliger Weise stattzufinden.
Nestlinge erhalten Kropfmilch
Die Kragentaube ist ein geselliger Vogel, der gern im Schwarm umherzieht und gewöhnlich auch kolonieweise brütet. Auf jedem Baum einer Brutkolonie können sich jeweils mehrere Nester befinden. Diese sind typische Taubennester, das heisst verhältnismässig lose, wenig kunstvolle Plattformen aus trockenen Zweigen, und befinden sich im allgemeinen nur drei bis zehn Meter über dem Boden. Beim Nestbau sitzt das Weibchen jeweils am Nistplatz und verbaut die Niststoffe unter sich und um sich herum, welche das Männchen in kleineren Ausflügen sammelt und herbeiträgt. Auch in die nachfolgende Bebrütung des Geleges und die Aufzucht des Nachwuchses teilen sich die beiden Altvögel partnerschaftlich.
Während bei den Tauben der gemässigten Regionen das Gelege gewöhnlich aus zwei Eiern besteht, umfasst dasjenige der Tauben in den Tropen meistens nur ein Ei. Dies trifft auch für die Kragentaube zu. Die «Sparsamkeit» hinsichtlich der Gelegegrösse dürfte mit den Schwierigkeiten bezüglich der Futterbeschaffung zusammenhängen, denen die tropischen Taubenarten im Gegensatz zu ihren Verwandten in den gemässigten Zonen bei der Jungenaufzucht begegnen. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, betrachten wir doch die Tropen gewöhnlich als besonders produktive Erdregionen mit üppiger Vegetation und reichem Nahrungsangebot. Generell gesehen ist das auch richtig. Hinsichtlich des Nahrungsangebots für Tauben muss man aber berücksichtigen, dass in den Tropenwäldern nicht alle Bäume gleichzeitig Früchte tragen, sondern dass jeder Baum für sich in bestimmten, zumeist artspezifischen Zeitabständen blüht und fruchtet. Auf einer bestimmten Fläche tragen deshalb stets nur einige wenige Bäume Früchte - und um diese herrscht dann zwischen den verschiedenen fruchtessenden Tieren des Regenwalds ein erheblicher Wettstreit. Es dürfte deshalb für das Kragentaubenpaar recht problematisch oder gar unmöglich sein, genügend Nahrung für sich selbst und mehr als einen hungrigen Jungvogel aufzutreiben. Tauben, die in gemässigten Regionen mit ausgeprägten Jahreszeiten leben, haben es da leichter: Sie brüten jeweils im Frühling, lassen ihre Brutsaison also mit einer Zeit allgemeinen Nahrungsüberflusses zusammenfallen - und können dann mühelos zwei Junge gleichzeitig aufziehen.
Einige Fachleute bevorzugen eine andere Erklärung für das Eineigelege der tropenlebenden Taubenarten. Sie besagt, dass es sich hierbei um eine Anpassung an die oft heftigen Tropengewitter mit starken Böen und ergiebigen Platzregen handelt. Mehr als ein Junges gegen die aufbrausenden Sturmwinde und die niedergehenden Wassermassen wirksam zu schützen, sei für die Taubeneltern überaus schwierig. Eineigelege seien somit am wirtschaftlichsten und hätten sich darum im Laufe der Stammesgeschichte der Vögel herausgebildet.
Wie dem auch sei: Das Kragentaubenjunge wird jedenfalls wie alle Taubenkinder von seinen Eltern anfangs mit sogenannter «Kropfmilch» gefüttert. Es handelt sich dabei um ein milchartiges Sekret, welches sowohl bei den Taubenmännchen als auch bei den Weibchen von der Schleimhaut des Kropfes gebildet wird - und zwar unter der Wirkung desselben Hormons («Prolaktin»), welches auch bei den Säugetierweibchen die Milchbildung beeinflusst. Die Kropfmilch der Tauben ist denn auch in ihrer chemischen Zusammensetzung der Säugetiermilch sehr ähnlich.
Dem hohen Nährstoff- und Energiegehalt dieser Nahrung zum Trotz braucht das Kragentaubenjunge rund drei Monate, bis es flügge ist und unter der Führung seiner Eltern das Nest verlassen kann - dies im Gegensatz zu den meisten in gemässigten Regionen aufwachsenden Taubenjungen, welche oft schon im Alter von etwa drei Wochen ausfliegen. Das langsame Wachstum der Kragentaubennestlinge dürfte ebenfalls durch das spärliche Nahrungsangebot im Lebensraum der Art bedingt sein - spricht also für die oben erwähnte «Theorie 1» und eher gegen «Theorie 2».
«Follow me»
Das Jugendgefieder der Kragentaube sieht dem Kleid der Erwachsenen sehr ähnlich, doch fehlen ihm einerseits die verlängerten Schmuckfedern am Hals und andererseits sind die Schwanzfedern nicht weiss, sondern dunkelgrün. Der Unterschied in bezug auf die Schwanzfärbung ist in der Vogelwelt recht ungewöhnlich, stellt aber eine höchst sinnvolle Einrichtung dar: Der Schwanz der Kragentaube ist ziemlich kurz und im allgemeinen nicht sichtbar, wenn sich der Vogel auf dem Waldboden dem Nahrungserwerb widmet oder ruht. Fliegt jedoch ein erwachsenes Individuum bei der Nahrungssuche plötzlich auf, etwa weil es einen Feind wahrgenommen hat, so «blitzt» sein Schwanz hell auf. Dies ist im Dämmerlicht des Waldes weit herum sichtbar, so dass die übrigen Schwarmmitglieder sofort gewarnt sind und sich ebenfalls in Sicherheit bringen können. Und fliegt ein erwachsenes Individuum zielstrebig über das offene Meer zu einer entfernten Insel, weil es weiss, dass dort reiche Futterquellen zu finden sind, so dient sein weisser Schwanz ebenfalls als «Blickfang» und «Richtungsweiser» für nachfolgende Tiere. Für die geselligen Kragentauben hat der auffällig gefärbte Schwanz also die Funktion eines «Follow me»-Signals.
Es wäre allerdings wenig zweckmässig, wenn auch unerfahrene Jungvögel dieses Signal aussenden könnten. Zum einen würde es einen unnötigen Energieverschleiss bedeuten, weil Jungvögel, die auch wegen unbedeutender Störungen erschrecken, ihre Artgenossen oft vergebens auffliegen liessen. Zum anderen könnte es für einen Kragentaubenschwarm gefährlich sein, wenn Jungvögel, welche die geografische Lage der Inseln im Wohngebiet noch nicht genau kennen, die Führungsrolle bei weiten Flügen übernehmen könnten. Um dies zu vermeiden, fehlt den jungen Kragentauben der weisse «Signalschwanz».
Kokospalmhaine und Jagdgewehre
Über die Bestandssituation der Kragentaube sind keine Einzelheiten bekannt, denn viele der von ihr bewohnten Inseln sind nur schwer zugänglich und werden deshalb kaum je von Ornithologen besucht. Auch macht es die mehr oder weniger nomadische Lebensweise der Vögel praktisch unmöglich, systematische Abklärungen vorzunehmen. In «Grzimeks Tierleben» von 1969 heisst es zu dieser Frage lediglich: «Wahrscheinlich sind die Kragentauben verhältnismässig häufig. Da sie aber entweder die kleinen Küsteninseln oder dann den tiefen Wald bewohnen, sieht man sie - abgesehen von ihren Flügen über das Wasser - nicht regelmässig.»
Sicher wissen wir heute einzig, dass die Art in weiten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets keineswegs mehr häufig ist, sondern im Laufe unseres Jahrhunderts vielerorts stark zurückgedrängt wurde. Durch die Rodung der Tropenwälder zwecks Anlegung von Kokospalmplantagen und anderen Pflanzungen wurde die hübsche Taube auf breiter Front ihrer Brutplätze und Nahrungsgründe beraubt. Und durch die Bejagung seitens des Menschen wurden ihre Bestände vielerorts enorm ausgedünnt. Denn leider ist die verhältnismässig grosse Taube ein leichtes Ziel für Jäger und Wilderer - und ergibt zudem eine reichliche Mahlzeit.
Auch auf den Salomonen, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wird die Kragentaube seit längerem weit mehr bejagt, als zu vertreten ist. Ihr Schutz ist jedoch schwer durchzusetzen, denn auf dem westpazifischen Archipel, der eine Landfläche von ungefähr 29 000 Quadratkilometern aufweist, beträgt die Wachstumsrate der menschlichen Bevölkerung über 3,5 Prozent, gehört also weltweit zu den höchsten. Und im gleichen Tempo wie die Bevölkerung nimmt selbstverständlich der Erschliessungs- bzw. Jagddruck auf die verbleibenden Naturlandschaften und Wildtiere des Archipels zu. Für den Fortbestand der Kragentaube - und auch für denjenigen vieler anderer auf den Salomonen heimischer Tier- und Pflanzenarten - bedeutet dies eine ernste Gefahr, umsomehr als die Regierung des Inselstaats bedauerlicherweise noch immer keine Naturschutzgebiete ausgewiesen hat. Der WWF und andere international tätige Umweltschutzorganisationen setzen sich deshalb mehr denn je dafür ein, dass die einzigartige Flora und ebenso einmalige Fauna der Salomonen endlich den ihr gebührenden Schutz erhalten.
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