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Curriculum 2017 - 2019
Von Aristoteles bis Bernanke: Geschichte des ökonomischen Denkens
Die Wirtschaftsgeschichte wird nicht nur von materiellen Interessen und Kräften getrieben, sondern auch von Ideen und Weltbildern. Der britische Ökonom John Maynard schrieb gar in seinem Hauptwerk: «Die Gedanken der Ökonomen und Staatsphilosophen sind einflussreicher, als gemeinhin angenommen wird, sowohl wenn sie im Recht, als auch wenn sie im Unrecht sind. In Wirklichkeit wird die Welt durch wenig anderes beherrscht als durch sie.» Für ein Verständnis der Gegenwart ist deshalb die Kenntnis der wichtigsten ökonomischen Lehrmeinungen unerlässlich.
Das Modul beginnt mit der Antike, weil bereits damals wesentliche Fragen gestellt wurden. Was macht den Reichtum einer Stadt oder einer Region aus? Darf man einen Zins verlangen? Wie entsteht Inflation? Einige antike Denker gaben auch schon moderne Antworten, vieles blieb aber rein moralischen Gesichtspunkten untergeordnet. Im Hoch- und Spätmittelalter kam es zu einem neuerlichen Schub an ökonomischem Denken. Der Aufstieg der italienischen Finanzplätze und die Intensivierung des Handels veränderten die Einstellung zum Kredit, Zins und Reichtum. Mit dem Beginn der Globalisierung in der Frühen Neuzeit begann schliesslich auch die Geschichte des modernen ökonomischen Denkens, das durch Adam Smith in seinem Hauptwerk The Wealth of Nations (1776) zusammengefasst wurde. Abschliessend thematisiert das Modul auch die Grenzen der ökonomischen Methode und Theorie. Gerade im Anschluss an die jüngste Finanzkrise ist die strenge Mathematisierung wiederholt in Frage gestellt worden. Alternative Sichtweisen wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie werden deshalb ebenfalls zur Sprache kommen wie die Neoklassik und der Neukeynesianismus, welche in den Lehrbücher dominieren.
Schweizer Wirtschaftspolitik: Probleme, Positionen und Perspektiven
Negativzinsen, Skepsis gegenüber der Personenfreizügigkeit, Ablehnung der Unternehmenssteuerreform III: Die schweizerische Wirtschaftspolitik gibt immer wieder zu heftigen Debatten Anlass. Das Modul greift die drängendsten Fragen der Gegenwart auf und behandelt die verschiedenen Positionen aus einer historischen Perspektive.
Im Zentrum steht die Frage, wie in einer direkten Demokratie gute Wirtschaftspolitik konzipiert und implementiert werden kann. Auf den ersten Blick scheinen sich Demokratie und Effizienz auszuschliessen. Denn vieles, was aus streng ökonomischer Sicht wünschenswert wäre, ist politisch nicht realisierbar. Umgekehrt wird vieles aus politischen Gründen realisiert, was ökonomischer Vernunft diametral widerspricht. Gleichwohl gehört die Schweiz zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Der direktdemokratische Entscheidungsprozess scheint ökonomisch doch viel positiver zu sein, als gemeinhin angenommen wird. Das Modul wird den Ursachen dieses Paradoxes nachgehen. Die eingeladenen Spezialistinnen und Spezialisten werden die wesentlichen Fragen, die momentan auf der politischen Agenda stehen, behandeln, u. a. das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU, die Ursachen der Negativzinsen, die Probleme der Bankenregulierung, die Reformen des Steuersystems und des Sozialstaats, die Risiken der Energiewende und die Herausforderungen der Bildungspolitik. Abschliessend äussern sich auch prominente Persönlichkeiten aus der wirtschaftspolitischen Praxis zu den grossen Baustellen der Schweiz.
Dynastien, Heroen und Pechvögel. Erfolg und Misserfolg in der Unternehmensgeschichte
Unternehmen sind wie die Menschen im Kern geschichtliche Wesen. Es gibt gewisse, meist im Anfangsstadium der Entwicklung erworbene Eigenschaften, die eine starke Identität verleihen, zugleich aber den Raum des Möglichen begrenzen. Die Macht der Tradition ist so stark, dass Veränderungen immer mit grossen Risiken verbunden sind. Manchmal gelingt es in der Krise das Steuer herumzureissen und der Organisation einen neuen Schwung zu verschaffen, öfters scheitern Unternehmer und Manager, weil sie kulturelle Fragen vernachlässigen.
So wird auch das historische Verständnis des unternehmerischen Erfolgs dem Gegenstand nur gerecht, wenn neben den Kennzahlen und Marktanalysen auch die Kultur eines Unternehmens und die Gedankenwelt der verantwortlichen Persönlichkeiten berücksichtigt werden. In bestimmten historischen Phasen braucht es Unternehmer und Manager, die mit ruhiger Hand führen und die Tradition pflegen, in anderen Perioden braucht es abenteuerlustige Charaktere, die mit einer disruptiven Agenda den Schutt der Geschichte wegräumen, ohne die Identität des Unternehmens zu zerstören. Daraus ergeben sich viele historische Fragen. Wie erwirbt ein Unternehmen eine bestimmte Kultur? Welche Spielräume eröffnen sich in Krisen? Welche Faktoren entscheiden über Erfolg und Misserfolg der Unternehmensführung? Anhand von Fallbeispielen und Gesprächen mit prominenten Persönlichkeiten versucht das Modul, die Beziehung zwischen Geschichte, Kultur und Erfolg besser zu verstehen.
Die Entstehung des Neuen. Über Paradigmenwechsel und kleinere Innovationen
Für Paradigmenwechsel – erstrangige wissenschaftliche und technologisch Umbrüche und Durchbrüche – bedarf es einzelner «Grosser» wie Galilei oder Einstein ebenso wie bestimmter Umstände. Genies lassen sich nicht beliebig aktiveren, sehr wohl aber Bedingungen schaffen, unter denen und die Kleineren, die ihnen vorarbeiten, denken können.
Wie solche «Möglichkeitsräume» beschaffen sein könnten, darüber kann der historische Vergleich Aufschlüsse vermitteln. Ebendies möchte das Modul leisten: An einigen spektakulären Beispielen (Kopernikanische Wende, Buchdruck, Wissenschaftliche Revolution, Industrialisierung, Entstehung des Internet) wollen wir darüber Aufschluss zu gewinnen versuchen. Blicke auf Bildende Kunst und Musik – hier wird Stilwandel thematisiert werden – sollen «mikroskopische» Einblicke in kreative Prozesse ermöglichen und Vergleiche mit Kreativität in Wissenschaft und Technik ermöglichen. Parallelen zu erfolgreichem Unternehmertum, seine Kunst der «schöpferischen Zerstörung», sind naheliegend und werden ebenfalls unternommen. Zudem werden wir einen Seitenblick auf die «Psychologie des Genies» werfen und fragen, in welcher Weise «Bedingungen» für das, was sie an Neuem erfanden, bedeutsam wurden. Ein einleitendes Referat dient der Klärung zentraler Begriffe und Konzepte. Am Ende könnten Antwort auf eine Frage von unbestreitbarer Relevanz stehen: Wie organisiert man Kreativität?
School London – Von der «Great Depression» zur «Great Recession»
London ist seit dreihundert Jahren ein führendes internationales Finanzzentrum. Wann immer sich eine globale Bankenkrise ereignete, war sie hier unmittelbar spürbar. Es ist deshalb naheliegend, die Geschichte der Finanz- und Wirtschaftskrisen vor Ort an der Themsestadt zu studieren.
Das Modul bietet einen kurzweilige Mischung von Besuchen von historischen Stätten wie der Bank of England und der alten City, Referaten von Wirtschaftshistorikern und Gesprächen mit Exponenten des Finanzplatzes London. Bewusst wird eine langfristige Sicht der Dinge angestrebt – vom South Sea Bubble im frühen 18. Jahrhundert über die Lateinamerika-Krise in den 1820er Jahren bis zur «Great Depression» der 1930er Jahre und der «Great Recession» der jüngsten Zeit. Ein wichtiges Thema werden auch die politischen Konsequenzen von Finanzkrisen sein. Der Brexit mag viele Gründe haben, aber die Tatsache, dass die Abstimmung nur wenige Jahre nach der Finanzkrise von 2008/09 stattfand, darf nicht unterschätzt werden. Bereits im Anschluss an die grosse Gründerkrise von 1873 oder an die Grosse Depression kam es zu grossen politischen Verwerfungen. Protektionistische Massnahmen, der Aufstieg von radikalen Bewegungen und die Rückbesinnung auf das Nationale sind typische Symptome der Nachkrisenzeit. Grossen Raum wird auch die Beschäftigung mit der Geld- und Währungspolitik einnehmen. Seit 2009 sind die nominalen Zinsen auf einem rekordtiefen Niveau, und es sieht nicht danach aus, als ob bald eine Normalisierung eintreten würde. Was bedeutet dies für die Schuldner und die Gläubiger? Werden die Sparer noch lange geduldig bleiben? Oder kommt auch von dieser Seite bald grosser politischer Druck?
Szenarien für das 21. Jahrhundert: Europa, China, USA
Von allen bedeutsamen historischen Makro-Veränderungen unserer Epoche ist sicher der Wiederaufstieg Asiens der bedeutendste, und damit der (relative) Abstieg des Westens. Wie wird das 21. Jahrhundert insgesamt aussehen? Werden wir die Herausbildung eines neuen Hegemonialsystems erleben, wie das britische im 18. und 19. Jahrhundert und das US-amerikanische nach 1945, oder wird über längere Zeit multipolare Instabilität vorherrschen? Werden sich die Prozesse regionaler Integration weltweit intensivieren oder werden supranationale Institutionengebilde wie die EU oder ASEAN zerfallen? Wird nach dem Ende der amerikanischen Ambitionen die Volksrepublik China eine Führungsrolle im Aufbau asiatisch-pazifischer Institutionen einnehmen? Wird der intervenierende und identitätsstiftende Nationalstaat unter den Bedingungen fortgeschrittener Globalisierung eine Renaissance erleben?
Alle im 20. Jahrhundert oder davor gegründeten Institutionen werden sich neuen Herausforderungen stellen müssen. Wie wird die Digitalisierung die Wirtschaft und unsere Lebensweise verändern – und die Kriegsführung? Werden wir die damit verbundenen neuen Manipulationsmöglichkeiten in den Griff kriegen und demokratische Prozesse neu definieren? In vielen Bereichen werden wir die maximale Ausbeutbarkeit des Planeten Erde erreichen, was Verteilungskonflikte um nicht ersetzbare Rohstoffe, Wasser und Landwirtschaftsflächen, um mengenmässig nicht steigerbare Lebensmittel allgemein zuspitzen wird. Wie werden die erwartbaren grossen Effizienzrevolutionen aussehen? Werden wir gemeinsam die ökologische Transformation meistern, oder werden Teile der Welt im Chaos und steigenden Wasser versinken? Werden wir die Erdgebundenheit unserer Gattung überwinden mit der Besiedlung anderer Planeten beginnen? Das Modul untersucht diese grundlegenden Herausforderungen und diskutiert mögliche Szenarien.
School Lissabon – Der Aufstieg Europas, die industrielle Revolution und die «grosse Divergenz»
Bis 1800 war der Lebensstandard überall auf der Welt etwa ähnlich. Die meisten Menschen mussten froh sein, wenn sie sich knapp über dem Existenzminimum halten konnten. Dann aber kam es in England und wenig später in Westeuropa und Nordamerika mit der Industrialisierung zu einer wirtschaftlichen Revolution, welche den Lebensstandard enorm anheben sollte.
Es begann die Zeit der Grossen Divergenz zwischen den westlichen Industriestaaten und aller anderen Weltregionen. Wie lässt sich erklären, dass dieser grosse wirtschaftliche Transformation in Teilen Europas und nicht in anderen derzeitig hochentwickelten Zivilisationen wie China oder Indien stattfand? Wie kann man die Sonderposition Japans erklären das als einziges grosses Land ausserhalb des Westens schon früh anfing nachzuholen? Was sind die Gründe das Lateinamerika und Afrika so lange so arm geblieben sind? Das Modul behandelt die Gründe für die grosse globale Ungleichheit der letzten 200 Jahre und tut das mit einem systematisch komparativen Ansatz in dem eine Fülle von Faktoren einbezogen wird. Die DozentInnen haben alle wichtige Beiträge an der Debatte über die Grosse Divergenz geliefert und sind Experten im Bereich der Geschichte von einen bestimmten Grossraum. Als Ort haben wir Portugal gewählt, weil die alte Seefahrernation am Anfang einer Sonderentwicklung Europas stand, die bereits im späten Mittelalter eingesetzt hatte.
Die kulturelle Dimension der Wirtschaft
Wirtschaftliches Handeln wird von jeher durch kulturelle Zusammenhänge mitbestimmt. Religiöse Einstellungen, über lange Zeit entstandene historische Traditionen und Mentalitäten haben Einfluss darauf, wie sich Akteure auf dem ökonomischen Feld verhalten.
Schon der deutsche Soziologe Max Weber hat – in einer vieldiskutierten These – versucht, Zusammenhänge zwischen protestantischer Ethik und kapitalistischem Geist nachzuweisen. Auch wurde diskutiert, ob oder inwieweit konfuzianische Prägungen oder die kommunistische Vergangenheit ihre Spuren im Denken und Handeln der Chinesinnen und Chinesen von heute hinterlassen haben. Warum gibt es Gesellschaften, die als «korrupt», andere, die als wohlgeordnet gelten? Welche längerfristigen Voraussetzungen haben wirtschaftlicher Erfolg, technischer Fortschritt – oder eben das Gegenteil, Niedergang und Stagnation? Der «weiche» Faktor «Geschichte» mag schwer messbar sein. Dass er von Bedeutung für die Entwicklung moderner Gesellschaften ist, scheint unzweifelhaft. Auch, dass es unmöglich ist, die zähe Macht der Tradition, über lange Zeit eingeübter Denkmuster Verhaltensweisen zu ändern. Umso wichtiger ist es, sich mit ihnen zu befassen und den Versuch zu unternehmen, sich ihres Stellenwerts unter den Ursachen für ökonomisches Wohl oder Wehe zu versichern. Das Modul untersucht die «kulturelle Dimension der Wirtschaft» am Beispiel verschiedener wichtiger Beispielfälle nach und versucht, über Vergleiche zu allgemeineren Schlussfolgerungen durchzudringen.
Einführungstag: Das Handwerk der Geschichtswissenschaft
Recherche, Verarbeitung und Vermittlung von Informationen bilden den Kern und das eigentliche Handwerk geschichtswissenschaftlichen Arbeitens. Diese Grundkompetenzen stehen im Zentrum des Einführungstages. Ausgehend von theoretischen Grundlagen und dem Vorwissen der Teilnehmenden, werden anhand ausgesuchter Beispiele und in praktischer Anwendung die verschiedenen Bereiche beleuchtet und vertieft.
Als Einstieg geht es zuerst um Standards von Wissenschaftlichkeit und des wissenschaftlichen Schreibens sowie um die Praxis der Literatur- und Quellenrecherche: Was heisst Wissenschaftlichkeit in den Geisteswissenschaften? Welche formalen, sprachlichen und inhaltlichen Bedingungen müssen dabei erfüllt sein? Wie schreibt man einen wissenschaftlichen Essay? Wie werden Zitate und Fussnoten verwendet? Wie findet, bewertet und verarbeitet man die teilweise kaum überblickbare Masse an Literatur und Informationsmitteln? Im zweiten Teil des Einführungstages steht der Rohstoff der Geschichtswissenschaft – die Quellen – im Mittelpunkt. Dabei soll das Lesen, Verstehen und Auswerten von wirtschaftsgeschichtlichen Quellen im Sinne der Quellenkritik vermittelt und geübt werden: Was ist der Unterschied zwischen Quellen und Literatur? Welche Formen von Quellen können herangezogen werden? Was heisst Quellenkritik und welche Rolle spielt diese in den Geisteswissenschaften? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen und Grundkompetenzen legt eine optimale Basis für den weiteren Verlauf des Lehrgangs. Der Einführungstag wird begleitet mit einem Reader, der wichtige Grundlagenpapiere und vertiefende Aufsätze zu den Bereichen enthält.