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Benedikt Meyers Zeitreise
Europa war in Bewegung und dieser Prozess war so übersichtlich wie ein Felssturz. Während sich die Römer mehr und mehr zurückzogen, drängten Stämme aus Norden und Osten in Richtung Südwesten. Wie verworren diese Völkerwanderung im Detail sein konnte, illustrieren die Burgunden. Sie lebten ursprünglich im heutigen Ostdeutschland und Westpolen. Dann zogen sie nach Südwesten und bauten sich bei Worms ein eigenes Reich auf. Mal kooperierten sie mit Rom, mal schmiedeten sie Intrigen, um ihr Territorium zu erweitern. Schliesslich wurde das Reich der Burgunden von einer römisch-hunnischen Allianz vernichtet. Ein Niedergang, der später im Nibelungenlied besungen wurde. Aber was geschah mit den überlebenden Burgunden?
Die Römer verfrachteten sie ins Gebiet der heutigen Schweiz, namentlich an den Genfersee. Sie selbst hatten sich aus der Gegend gerade zurückgezogen, nun sollten die Burgunden hier ein eigenes Reich erhalten und den Römern als Puffer gegen die von Nordosten vordringenden Alemannen dienen. Die Burgunden dehnten ihre Herrschaft auch nach Südostfrankreich aus und genaugenommen bestand ihr Reich bald aus zwei Reichen: König Gundobald herrschte in Lyon, sein Bruder Godigisel in Genf. Zwischen den Brüdern kam es jedoch bald zum Konflikt, ein kriegerischer Machtkampf, bei dem der Bischofssitz Genf mitsamt Kathedrale in Schutt und Asche gelegt wurde. Godigisel kam ums Leben und Gundobald liess seinen Sohn Sigismund zum neuen Mitherrscher ausrufen.
Sigismund errichtete seinen Herrschaftssitz in Carouge und war bei der lokalen Bevölkerung bald ziemlich beliebt. Das lag zum einen daran, dass er Genf und die dortige Kathedrale wieder aufbaute, und zum andern an der Religion. Die Burgunden waren nämlich Arianer (eine christliche Sekte, die sich 325 beim Konzil von Nicäa abgespaltet hatte). Sigismund beharrte nicht länger auf dem religiösen Sonderweg, sondern pflegte dasselbe Christentum, wie die Lokalbevölkerung. Und er wurde noch beliebter, als er in St. Maurice ein Kloster gründete.
Nicht sehr christlich war hingegen Sigismunds nächster Akt. Nach dem Tod seines Vaters verlegte er seinen Sitz nach Lyon und wurde zum alleinigen Herrscher der Burgunden. 522 liess er seinen Sohn ermorden, nachdem ihm seine zweite Frau von dessen vermeintlichen Umsturzplänen berichtet hatte. Das wiederum fasste der mutterseitige Grossvater des Ermordeten – Gotenkönig Theoderich – als Kriegserklärung auf. Er kündigte das Bündnis mit den Burgunden, verbündete sich stattdessen mit dem Frankenkönig Chlodomer und zog gegen Sigismund ins Feld. Sigismund floh, versteckte sich im Kloster in St. Maurice, wurde verraten und schliesslich von Chlodomer in einem Brunnen ertränkt. Die übrigen Burgunder wurden ins Frankenreich assimiliert und verschwanden. Ihre bleibendsten Spuren hinterliessen sie auf den Landkarten der Geografen und, noch wichtiger, auf den Weinkarten der Restaurants.
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