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Was man wissen muss:
- Das Geld für Forschung und Entwicklung stammt zum kleineren Teil von den grossen Pharmakonzernen, jedoch in erster Linie von Risiko-Investoren und Hedge-Funds. Diese finanzieren kleine Start-Up-Unternehmen, die am Entwickeln neuer Medikamente sind. Sobald sich ein Erfolg abzeichnet, wetteifern Pharmakonzerne darum, wer den Aktionären des Start-Up-Unternehmens den höchsten Preis bieten kann. Die Pharmakonzerne profitieren dann von ihrem Know-how für die grosse Produktion, die Verteilung und den weltweiten Verkauf.
- Beim Bieten um den höchsten Kaufpreis müssen die Pharmakonzerne zum Voraus abschätzen, welchen Verkaufspreis sie in den USA und in Europa für das neue Medikament durchsetzen können.
- Die grossen Pharmakonzerne geben für die eigene Forschung und Entwicklung neuer Medikamente oder für den Kauf von entsprechenden Start-Up-Firmen nur halb so viel Geld aus wie für Marketing, Werbung und Lobbying insgesamt. Studien, welche verschiedene Medikamente und Therapien miteinander vergleichen, fehlen meistens. Deshalb können Ärztinnen und Ärzte zuweilen nicht wissen, welche Therapie für ihre Patientinnen und Patienten die zweckmässigste ist. Allzu oft kommt einfach dasjenige Medikament zum Einsatz, für das am erfolgreichsten geworben wird.
Das Beispiel: 8,3 Milliarden Dollar für ein einziges Medikament gingen in die Taschen der Aktionäre der aufgekauften Firma
Im Sommer 2014 kaufte Roche das kleine kalifornische Pharma-Unternehmen Intermune, das einen Umsatz von 130 Millionen Dollar erzielte und rote Zahlen schrieb. Roche zahlte den Intermune-Aktionären 8,3 Milliarden Dollar. Das entsprach dem 64-Fachen des Umsatzes (!) der kleinen Firma. «Das sind schlechte Aussichten für die Prämienzahlenden», schrieb Infosperber am 26. August 2014.
Diese und viele andere Investoren beteiligen sich finanziell an zahlreichen Start-Up-Unternehmen, deren Forschung und Entwicklung vielversprechend sind. Die Wette besteht darin, dass einzelne dieser Start-Ups ein marktfähiges Medikament entwickeln, mit dem sich Milliarden verdienen lassen.
Die Firma Intermune entwickelte als einziges Medikament Esbriet mit dem Wirkstoff Pirfenidon gegen idiopathische Lungenfibrose. Das Medikament kann diese schwere Lungenkrankheit nicht heilen, aber das Leben verlängern. In der EU war Esbriet seit 2011 und in Kanada seit 2012 zugelassen. Als Roche Interesse zeigte, stand es auch in den USA vor der Zulassung. Die bezahlten 8,3 Milliarden Dollar übertrafen die Forschungs- und Entwicklungskosten um mehr als das Zwanzigfache.
Die Rechnung von Roche
Roche musste als Käuferin ausrechnen, welches Angebot sie den Aktionären von Intermune machen konnte. Der Konzern wusste, dass es in den USA und in Europa zusammen rund 200’000 Patientinnen und Patienten gibt, für welche die Behandlung mit Esbriet in Frage kam. Die Roche-Verantwortlichen konnten davon ausgehen, dass sie bei den nationalen Behörden einen Behandlungspreis von über 30’000 Dollar pro Jahr und Patient durchsetzen können. Überschlagsrechnung: 30’000 mal 200’000 Patienten ergibt im besten Fall Jahreseinnahmen von 6 Milliarden Dollar – nämlich falls sich eines Tages sämtliche in Frage kommenden Patienten mit dem patentierten Medikament behandeln lassen. In kurzer Zeit wäre der Kaufpreis abgeschrieben und es würden vielleicht viele Jahre mit Gewinnen in Milliardenhöhe locken.
Warum war Roche so sicher, einen Behandlungspreis von über 30’000 Dollar pro Jahr durchsetzen zu können?
Bei Preisverhandlungen mit den Behörden sitzen die Pharmakonzerne am längeren Hebel. Als Erstes genügt eine Studie, dass ein Medikament wie Esbriet das Leben der schwer kranken Patienten verlängern kann. Der Hersteller spricht von einem medizinischen «Durchbruch», verlangt einen sehr hohen Preis und in der Schweiz zusätzlich einen «Innovationszuschlag».
Doch um darzulegen, dass das neue Medikament bei einem Teil der Patienten das Leben tatsächlich verlängert, muss der Hersteller sein neues Medikament nicht etwa mit der besten bisherigen Behandlung vergleichen. Es genügt eine Studie, welche die Behandlung mit einem Placebo, also mit Patienten ohne Behandlung, vergleicht. Der Hersteller muss nicht einmal zwingend beweisen, dass die Patienten bei zufriedenstellender Lebensqualität länger leben. Manchmal wird die Verlängerung des Lebens mit einer noch schlechteren Lebensqualität erkauft und ein Medikament verlängert lediglich die Leidenszeit.
Falls das Medikament in europäischen Ländern oder in den USA bereits zu einem hohen Preis im Verkauf ist, befinden sich die Behörden bei den Preisverhandlungen in einer besonders schlechten Lage. In der Schweiz kommt ein «Auslandpreisvergleich» zum Zug, welchen das Parlament unter Einfluss der Pharmalobby beschlossen hat.
In Deutschland dagegen befindet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), in dem Ärzte, Spitäler und Kassen vertreten sind, aufgrund einer Zweckmässigkeits-Bewertung ein Jahr nach Markteinführung über den definitiven Preis.
Falls die Behörden den Preisforderungen des Herstellers nicht annähernd entgegenkommen, bleibt den Pharmakonzernen die Möglichkeit, mit einer Medienkampagne die Öffentlichkeit gegen die Behörden aufzuwiegeln. Vereinigungen von Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern, die von Pharmafirmen finanziell unterstützt werden, vermitteln «Opfer», über welche grosse Medien einfühlsame Portraits veröffentlichen. Diese Patienten würden von den Behörden sträflich im Stich gelassen, weil diese nicht bereit seien, einen vernünftigen Preis für die Behandlung zu bewilligen.
Über 30’000 Franken und Euro pro Jahr
Im konkreten Fall des Medikaments Esbriet kassiert der Roche-Konzern für die Jahresbehandlung einer Patientin oder eines Patienten noch heute 31’776 Franken, in Deutschland noch etwa zehn Prozent mehr. Diese hohen Preise konnte Roche durchsetzen, obwohl das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG bereits im Jahr 2011 – also vor dem Kauf von Roche – zum Schluss kam, dass Esbriet im Vergleich zur zweckmässigsten Alternativbehandlung «einen geringen Zusatznutzen bei mehr Nebenwirkungen» habe. Dieser Zusatznutzen sei bei der Hälfte der Patienten «nicht quantifizierbar», befand der G-BA noch im Jahr 2020. Im Klartext: Die Hälfte der Behandelten hat keinen Nutzen. Dieser Hälfte bleiben nur allfällige Nebenwirkungen.
Nur eine Milliarde Umsatz pro Jahr
Der «Durchbruch», den Esbriet bei der Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose angeblich bringen sollte, war offensichtlich nicht gross genug, um den hohen Preis zu rechtfertigen. Das zeigt sich auch daran, dass die Ärztinnen und Ärzte in den USA und in Europa höchstens 40’000 der 200’000 möglichen Patienten mit Esbriet behandeln. Anstatt einen jährlichen Umsatz von 6 Milliarden Dollar zu erzielen, muss sich Roche deshalb mit einem selbst deklarierten weltweiten Umsatz von 1,1 Milliarden Franken begnügen (2020). Die jährlichen Herstellungs-, Verkaufs- und Vertriebskosten für Esbriet gibt das Portal «EndpointsNews» mit etwa 100’000 Dollar an. Es würde also ein jährlicher Gewinn von einer Milliarde Franken bleiben.
Roche reagiert auf das Auslaufen von Patenten
Offensichtlich müssen Krankenkassen und Prämienzahlende für Esbriet viel zu viel zahlen, weil Roche für das Start-Up-Unternehmen Intermune einen zu hohen Preis bezahlte. Im laufenden Jahr 2021 sollen einige Patente für Esbriet in einigen Ländern auslaufen, meldet Reuters. In Europa läuft das Patent allerdings bis zum 16.9.2030, wie aus Angaben des Instituts für Geistiges Eigentum zu entnehmen ist.*
Um das Geschäft mit Esbriet in anderen Regionen zu retten, verfolgt Roche eine doppelte Strategie:
- Roche versucht, den Anwendungsbereich von Esbriet auszuweiten. Künftig sollen auch Patienten mit nicht klassifizierbaren «Interstitiellen Lungenkrankheiten» in Frage kommen. Roche unterbreitete der US-Zulassungsbehörde FDA eine Studie, wonach Esbriet – im Vergleich zu Placebo – die Lungenfunktionen dieser Patienten stabilisiert.
- Roche prozessiert bereits gegen Generika-Hersteller wegen Patentverletzungen, weil diese daran sind, ein günstiges Nachahmerpräparat zu Esbriet auf den Markt zu bringen. Unter den Angeklagten befänden sich die Generika-Herstellerinnen Sandoz (Novartis) und Teva, berichtet PMLive.
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Stellungnahme von Roche
Infosperber unterbreitete Roche folgende Fragen:
- War Roche damals wegen Konkurrenz-Angeboten gezwungen, für den erfolgreichen Kauf von Intermune 8,3 Milliarden Dollar auszugeben?
- Hätte Roche Esbriet zum halben Preis anbieten können, falls der Kaufpreis nur 4 Milliarden Dollar betragen hätte?
- Wie sicher konnte Roche vor dem Kauf von Intermune sein, mit Esbriet einen Preis von über 30’000 Dollar pro Patient/Jahr zu erzielen?
- Ist es korrekt, dass ein grosser Teil der bisherigen Verkaufs-Einnahmen von Esbriet dazu verwendet werden musste, um den Kauf von Intermune zu amortisieren?
- Wann läuft das Patent auf Esbriet aus?
- Existiert die Firma Intermune immer noch als Tochterfgesellschaft der Roche? Falls ja, welche Medikamente ausser Esbriet stellt sie heute her?
Die Medienstelle von Roche antwortete auf diese sechs Fragen pauschal wie folgt:
«Der Preis eines Medikamentes reflektiert in erster Linie den Nutzen des Präparates. Dabei handelt es sich meistens um Preise, die, wie beispielsweise in der Schweiz, von den Behörden aufgrund bestimmter Kriterien festgelegt werden (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit bei der Beurteilung durch das BAG in der Schweiz). Die Akquisition von Intermune haben wir damals aufgrund des vielversprechenden klinischen Profils von Esbriet getätigt. Das Unternehmen wurde in die Roche integriert. Zur Patentlaufzeit äussern wir uns grundsätzlich nicht.»
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*Die Präzisierung der Patentdauer in Europa wurde am 28. Mai ergänzt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.