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Noch bis Ende Jahr ist im Waadtländer Kantonsarchiv in Lausanne eine Sonderausstellung über die Luftbildfotografie des Kantons Waadt von 1930 bis 1960 zu sehen. Die historisch wertvollen Aufnahmen zeigen die Entwicklung der Agglomerationen ebenso wie die Fortschritte der fotografischen Aufnahmetechnik.
Im letzten Jahr hat das Waadtländer Kantonsarchiv einen Teil des Bilderarchivs der Stiftung «Photo Aéroport Lausanne» erworben. Dieses umfasst rund 3’000 Luftaufnahmen, die im Kanton Waadt aufgenommen wurden und neben Dorf- und Städteansichten aus der Luft auch Aufnahmen von Villen vermögender Bürger und renommierte Fabrikanlagen zeigen. Die meisten davon stammen aus der Zeitepoche des Fortschritts nach den Kriegsjahren.
Montreux 1949, Ansicht von der Seeseite (Archives cantonales vaudoises, PP 961/490, © Photo Aéroport Lausanne)
Heute, nach sechs Jahrzehnten, erfreuen die Bilder Generationen von Betrachtern, welche die enormen Veränderungen der Landschaft und der Architekturen miterlebt hatten, die Historiker, die nach noch vorhandenen Gebäuden und Denkmälern suchen oder die Geografen, die sich in erster Linie für die Veränderungen der Topografie interessieren.
Die Ausstellung zeigt rund 30 nach Regionen gruppierte historische Aufnahmen, sowie eine Bildertafel zum Thema der industriellen Entwicklung und eine Vitrine, welche die Geschichte des Flugplatzes Lausanne-Blécherette dokumentiert. Letztlich zeigt ein Diaporama bisher unveröffentlichter Aufnahmen die Entwicklung der Autobahnen A1 und A9.
Pioniere der Luftbildfotografie: Alphonse Kammacher (links) und sein Flugbeobachter mit den Navigationskarten und der Kamera in der Hand. Das Bild ist um 1930 entstanden, als Kammacher Leiter des Flugplatzes Lausanne-Blécherette wurde. (Quelle: Sammlung Ph. Cornaz, Le Mont-sur-Lausanne)
Alphonse Kammacher, Pilot und Fotograf
Die Geschichte der Firma «Photo Aéroport Lausanne» ist eng mit dem Piloten Alphonse Kammacher (1900 – 1983) verbunden, der von 1930 bis 1960 mehrere Tausend Luftaufnahmen, grösstenteils in der Welschschweiz realisiert hatte. Als Leiter des Flughafens hatte er jederzeit die Möglichkeit, eine Maschine der Stadt Lausanne zu benutzen, um von den besten Licht- und Sichtverhältnissen beim Fotografieren zu profitieren. So gelangen ihm viele hervorragende Luftbilder, welche die Entwicklung der Region von Lausanne und der weiteren Umgebung dokumentieren. Um 1949 erfährt die Ausbeute der Luftaufnahmen einen deutlichen Zuwachs, als Kammachers Sohn Gilbert (1932 – 1990) sein Flugbrevet absolviert und seinen Vater bei seiner Tätigkeit unterstützt.
Alphonse Kammacher hat seine Aufnahmen grösstenteils mit einer Kamera realisiert, die in den 1920er Jahren von der Schweizer Armee erfolgreich eingesetzt worden war. Es handelte sich um eine Nedinsco [1921 als Tochterfirma von Carl Zeiss in Holland gegründet, Anm. d. Red.] Luftbildkamera 13 x 18 cm mit einem Objektiv mit Lichtstärke 1:2,5 und einer Brennweite von 250 Millimeter. Allerdings hatte das Fotografieren mit dieser Kamera auch erhebliche Nachteile: Sie musste mit beiden Händen bedient werden, und es gab keine Möglichkeit, die Kamera am Flugzeug zu befestigen.
Zweitens war die Kamera auf die Benutzung von Glasplatten ausgelegt, die in schweren Einzelkassetten transportiert und nach jeder Aufnahme ausgewechselt werden mussten. Auch war das Material sehr teuer, was für Alphonse Kammacher möglicherweise ein Handicap war und der Grund, weshalb das Fotografieren für den vollamtlichen Flugplatzleiter zeitlebens eine Nebenbeschäftigung darstellte.
Die Stiftung Photo Aéroport Lausanne in den Waadtländer Kantonsarchiven
Der Bestand der Luftaufnahmen von Alphonse Kammacher waren jahrzehntelang in den Räumlichkeiten des Flugplatzes Lausanne-Blécherette gelagert, bis sie zu Beginn der 1990er Jahre einem Umbau weichen mussten und in verschiedene Archive aufgeteilt wurden: Die Bilder der Region Freiburg gingen an die Freiburger Kantons- und Universitätsbibliothek, die Bilder aus dem Chablais und dem Wallis wurden der Médiathek des Wallis in Martigny zugesprochen, und die Bilder der Region Lausanne gingen an das Historische Museum Lausanne. Weitere Bilder, insbesondere der Regionen Genfs und Neuenburgs, sind möglicherweise in private Sammlungen gelangt oder schlummern in Firmenarchiven.
Nicht unterschätzt werden darf der Aufwand der Archivierung von Fotografien generell und von Luftaufnahmen im Besonderen. Zunächst geht es darum, diese präzise zu inventarisieren und dabei das Motiv treffend zu beschreiben, den Ort des Bildes festzulegen und dieses so exakt wie möglich zu datieren. Da in den meisten Fällen verlässliche Angaben der Fotografen fehlen, ist diese Arbeit mit einem grossen Rechercheaufwand verbunden, der personalintensiv ist und eine entsprechende Infrastruktur bedingt. Hinzu kommt die klimatisch optimale Lagerung des Bildmaterials, damit die einmaligen Negative und kostbaren Papierabzüge nicht von zu hoher Luftfeuchtigkeit oder Temperatur in Mitleidenschaft gezogen werden. Um die Originale möglichst unangetastet zu lassen und die Bilder trotzdem einem grösseren Publikum zugänglich zu lassen, schliess sich als letzte und wichtigste Etappe die Digitalisierung des Bildmaterials mit Hilfe eines Scanner oder einer Fachkamera an, sowie die damit verbundene Verwaltung der Bilddaten und die jeweilige Mutation auf die neuesten Speichermedien.
Die Ausstellung «Vaud vu du ciel» zeigt in einer kleinen Auswahl aus dem Schaffen von Alphonse Kammacher, wie sich die Architektur und die Landschaft der Agglomeration um Lausanne seit 1930 verändert hat. Der Ausstellung kommt damit ein hoher dokumentarischer Stellenwert zu, sie belegt aber auch die vorbildlichen fliegerischen und fotografischen Fähigkeiten eines Mannes, der nicht Vergessenheit geraten darf: Alphonse Kammacher.

Vaud vu du ciel, 1930-1960
Konzept und Realisation: Eloi Contesse
Invetarisierung PP 961 Photo Aéroport Lausanne: Dimitri Marincek
Digitalisierung, Verwaltung des Bildvestandes: Olivier Rubin
Beratung und Leihgaben: Philippe Cornaz, Carole Laubscher und Jean-Marc Falciola
Die Ausstellung «Vaud vu du ciel, 1930-1960» ist noch bis 31. Dezember 2013 in der Eingangshalle des Kantonsarchiv Waadt, rue de la Mouline 32, in Chavannes (Renens). Die Öffnungszeiten sind an Arbeitstagen 9 bis 17 Uhr, ausgenommen Mittwoch 14 bis 19 Uhr.
Weitere Informationen finden Sie hier.