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Wer emigriert schon gerne? Deswegen ist die Beziehung von Emigranten zum Land ihres Exils meistens ambivalent.
Ohnehin tut es niemand freiwillig. Drastische Beispiele haben untern anderem die beiden Häupter der «Kritischen Theorie», Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, geliefert. Noch während sie mit dem emigrierten «Institut für Sozialforschung» in den Vereinigten Staaten generöse Aufnahme finden, notieren sie ihre «Minima Moralia», die nur wenig Gutes an ihrem Exilland finden. Es gibt eine Exilanten-Tradition der Undankbarkeit.
Auch die Schweiz als Exilland ist davon betroffen. Da mag es dem verwundeten patriotischen Gemüt etwas Linderung verschaffen, wenn es in zwei gerade erschienenen Publikationen just von Autoren aus dem Umkreis der exilkritischen Theorie auf eine Tradition der Dankbarkeit stösst: in Martin Dehlis Biographie Alexander Mitscherlichs, des Neubegründers der Nachkriegspsychoanalyse in Deutschland, und in der grossen Bildmonographie Ernst Blochs.
Mitscherlichs Erfahrung war die eines zeitlich begrenzten, eher zufälligen Exils. Im März 1937 befand er sich gerade in Zürich, als in seiner Wohnung in Freiburg im Breisgau, seinem Studienort, die Gestapo erschien, um Mitscherlich als Mitglied des Kreises um die Zeitschrift «Widerstand» und ihren Spiritus rector, den Nationalrevolutionär Ernst Niekisch, zu verhaften. Mitscherlich entging vorerst der Verhaftung. Er schrieb sich an der Zürcher Universität ein, nahm für eine Psychoanalyse Kontakt zu dem angesehenen Zürcher Daseinsanalytiker Gustav Bally auf, der 1934 in der «Neuen Zürcher Zeitung» die «Deutschstämmige Psychotherapie» C.G. Jungs scharf attackiert hatte, und fand Eingang in Zürcher Gesellschaftskreise um Emil Oprecht, den Verleger des Europa-Verlags, und den Neurologen Erich Katzenstein-Sutro. Im Rückblick sprach Mitscherlich von seinem «sanften» Zürcher Emigrantenschicksal. Die Dankbarkeitsadresse in seiner Autobiographie «Ein Leben für die Psychoanalyse» lautete: «Die Atmosphäre war dort viel friedlicher und freier als in Deutschland. Man hatte Luft zum Atmen.» Ja, man war durchaus «fröhlich» – bis Mitscherlich im Dezember 1937 den Fehler machte, heim ins Reich zu wollen. Nun wurde er tatsächlich von der Gestapo verhaftet.
Eine – später freilich zerbrochene – Tradition der Dankbarkeit auch bei Ernst Bloch, für den die Schweiz zwei Jahre lang keineswegs der U-topos, sondern der Topos des Prinzips Hoffnung wurde. Im Frühjahr 1917 emigrierte der Weltkriegsgegner Bloch zusammen mit seiner ersten Frau Else von Stritzky wie viele andere deutsche Kriegsgegner in die Schweiz. Offizieller Anlass der Ausreise war die Studie «Über einige politische Programme und Utopien in der Schweiz». Die Domizile wechselten: das Tessin, Bern, Thun, Interlaken. Die Gümlinger Villa des zum Pazifisten mutierten vormaligen Direktors der Essener Krupp-Werke Johann Wilhelm Muehlon wurde zum Treffpunkt der deutschen Emigranten. In Interlaken kam Bloch durch seinen Freund Wiedemann, den Architekten und Bürgermeister von Interlaken, an einen Stammtisch von «Entente-Freunden». Bloch schrieb engagierte Artikel für die im April 1917 gegründete, erstaunlicherweise auflagenstarke «Freie Zeitung», ein den Ideen der französischen Revolution verpflichtetes «unabhängiges Organ für demokratische Politik». Die deutschen Kriegsgegner wurden von der deutschen Botschaft in Bern überwacht. Das Dossier «Revolutionäre Propaganda der Entente in Deutschland, Schweiz…» vermerkte: «Die feindliche Propaganda aus der Schweiz hat in der letzten Zeit einen ausserordentlich grossen Umfang angenommen.» Trotzdem konnte die «Freie Zeitung» weiter erscheinen und Bloch in ihr publizieren. Mehr als 100 seiner Artikel künden davon. In einem 1967 aufgezeichneten Gespräch mit Michael Landmann äusserte Bloch seine Dankbarkeit: «…nun das Erstaunliche, was meine Freunde in Bern nicht für möglich hielten, die die Schweizer als pharisäische und geldgierige Provinzler betrachteten: diese Stammtischrunde hat mich am Leben erhalten. … Sie liessen uns umsonst wohnen, lieferten die Wäsche und luden uns immer ein. Das war die alte Schweiz, die noch geblieben ist, mit Respekt zu nennen.»
Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte Bloch freilich auch schon die Exil-Erfahrung einer jüngeren Schweiz gemacht. Im März 1933, nach dem Reichstagsbrand, war er mit seiner zweiten Frau Karola ein zweites Mal in die Schweiz geflohen. Man lebte zunächst in Küsnacht, dann in Zürich. Doch nun war die regelmässige Erneuerung der Toleranzbewilligung durch die eidgenössische Fremdenpolizei das Damoklesschwert, das über den Immigranten hing. Die Blochs – Karola war KPD-Mitglied – wurden überwacht, verhaftet und schliesslich im September 1934 ausgewiesen. In einem unveröffentlichten Gespräch mit Alfred A. Häsler von der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft hat Bloch die nun «Enttäuschte Liebe zur Schweiz» bilanziert. Da sprach er von jenem eigentümlichen Land, «in dem … die politisch-moralischen Ideen aussahen wie Börsenpapiere, die je nach der Kriegslage schwanken. Und so war die Stimmung, man wollte es mit den Nazis auch nicht verderben, man konnte schliesslich nicht wissen, wer siegte.» Wohin hätte man auch als Schweizer emigrieren sollen…
besprochen von Ludger Lütkehaus, Freiburg
Martin Dehli: «Leben als Konflikt. Zur Biographie Alexander Mitscherlichs». Göttingen: Wallstein, 2007.
«Bloch. Eine Bildmonographie», hrsg. vom Ernst-Bloch-Zentrum,
bearbeitet von Karl-Heinz Weigand. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2007.