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Literarisch gesehen – denn um Erinnerungen aus dem literarischen Leben handelt es sich bei den Goncourt-Tagebüchern ja gemäss deutschem Untertitel – literarisch gesehen also zeichnet sich das Jahr 1891 dadurch aus, dass Edmond de Goncourt die Symbolisten zum ersten Mal als etwas Eigenständiges wahrnimmt. Er sieht in ihnen einerseits eine gegen die ‚Parnassiens‘ gerichtete Bewegegung, andererseits die Konkurrenz und Nachfolge der eigenen Bewegung – und die Vollender von vielem, das er und sein Bruder vor Jahrzehnten in Gang gesetzt hätten. Rimbaud, über dessen Abreise nach Aden und Etablierung als Kaufmann er orientiert ist, zählt er ebenso dazu wie Mallarmé und Verlaine. Vor allem über letzteren allerdings ziehen er und Daudet in sehr unflätiger Weise her – so unflätig, wie im Journal sonst nur noch Baudelaire behandelt wurde. (Der seinerseits im Zusammenhang mit dem literarischen Symbolismus nicht erwähnt wird.) Nicht nur also, dass Goncourt & Co. der lyrischen Avant-Garde nichts abgewinnen können, sie verunglimpfen auch deren Vertreter systematisch und persönlich. Eine doch recht unschöne Seite bei Goncourt, fast so unschön wie sein immer stärker zum Ausdruck kommender Chauvinismus und sein offener Anti-Semitismus.
À propos ‚eigene Bewegung‘ – das Titelbild des 10. Bands zeigt sehr gelungen, wie sich diese in der Gedankenwelt Goncourts dargestellt haben mag: Die Überväter Edmond und Jules, mit den Co-Übervätern Daudet und Zola Arm in Arm (mit Zola war man gerade wieder einigermassen versöhnt, auch wenn man dessen zunehmende Neigung, sich in die Politik zu mischen, verurteilte). Darunter, kleiner, der Nachwuchs – Joris-Karl Huysmans, Léon Hennique, Paul Alexis, Henry Céard, Guy de Maupassant. Eine Familie, die in Anbetracht der Gefährdung durch den Symbolismus zusammen rückte. Eine tatsächlich gefährdete Familie: Huysmans, der nie so richtig dazu gehörte – ausser vielleicht ganz am Anfang; Hennique und Céard, die sich vor allem dadurch auszeichneten, dass sie die Romane ihrer Überväter fürs Theater einrichtetetn und weniger durch eigene Werke; Alexis, der auch so ein flackerndes Lichtlein war; und schliesslich Maupassant, von dem in den 3 Jahren, die dieser Band umfasst, nur noch Nachrichten aus dem Irrenhaus kommen, in das 1891 er infolge seiner Syphilis-Erkrankung eingeliefert werden musste, und in dem er noch bis 1893 vegetieren sollte.
Edmonds eigene Gesundheit war in diesen Jahren auch nicht mehr glänzend: Regelmässig sich wiederholende Leber-Koliken machten ihm zu schaffen.
Last but not least sind auch Edmonds Freundschaften brüchig geworden. Dass er die Beziehung zwischen Mathilde Bonaparte und Popelin wieder herstellte, wird ihm von den beiden herzlich wenig gedankt. Die Prinzessin Mathilde versucht, ihn von ihren Mittwochs-Gesellschaften auszuschliessen. Aber Edmond, der den Verdacht hegt, dass dies auf Betreiben der Geliebten Popelins geschehen sei, quengelt so lange und beschwert sich hinten herum, bis er wieder akzeptiert wird. Freude hat er dort dann doch keine mehr. (Ich vermute ja, dass man versucht hat, ihn fern zu halten, weil man begriffen hat, was Goncourt in seinem Tagebuch wirklich notiert, und vor allem: was er mit seinem Tagebuch im Sinn hat – eine postume Veröffentlichung mit allen, jetzt noch purgierten Details.) Als schliesslich Popelin stirbt, kommt es erneut zum Bruch. Die Prinzessin mutet Goncourt zu, in Zeitungen, mit denen er schon lange auf schlechtem Fuss steht, wohlwollende Nachrufe zu platzieren. Goncourt macht ihr in einem seiner Anfälle schonungsloser Ehrlichkeit klar, dass er keineswegs mit Popelin befreundet gewesen sei, und nur schon deshalb für einen Freundschaftsdienst nicht in Frage komme.
Auch Madame Daudet fürchtet sich mittlerweile vor Edmonds Tagebuch. Wie sie ihn darauf anspricht, wie viel Schlechtes er darin über sie und ihren Mann sagen werde, beruhigt er sie, indem er meint, das wenige Schlechte, das er zu sagen habe, werde im vielen Guten, das ihm seine Liebe zu ihnen abverlange, völlig untergehen. Madame Daudet ist nur halbwegs beruhigt, aber Edmond darf weiterhin Gast des Hauses bleiben. Goncourt hat seine Aussage wohl in völligem Ernst, in ganzer Ehrlichkeit, getroffen; aber ich fürchte, er hat den Eindruck, den das Tagebuch auf den Leser macht, völlig unterschätzt. Edmond mag Daudet wirklich; aber der Südfranzose wird seit ein paar Jahren vorwiegend als unter fürchterlichen Schmerzen leidendes Häufchen Elend dargestellt, der gegen diese Schmerzen Unmengen an Morphium konsumiert. Schmerzen übrigens, die er einem nicht ganz lupenreinen Lebenswandel zu verdanken hat – sind sie doch auch Folgen einer Syphilis-Erkrankung. Nein, Madame Daudets Befürchtungen waren mehr als gerechtfertigt.