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Yusuf Yesilöz über eine «ekstatische» Zeitschrift.
Folgende Geschichte trage ich seit längerer Zeit mit mir herum, denn sie war in meinem Gehirn fest verankert. Als ich kürzlich von der jungen Frau träumte, die sie mir anvertraut hatte, entschloss ich mich, sie zu erzählen.
Nennen wir die junge Frau Ayla. Sie war höchst erfreut, als in jenem Sommer in der aargauischen Kleinstadt die Sommerferien begannen. Am letzten Schultag kam ihre Busenfreundin Nadia nicht zur Schule, weil sie schon in Urlaub gefahren war. Ayla hatte nicht nur das Mathebuch der Freundin in ihrem Schulsack, sondern auch die Schminktasche und eine Aufklärungszeitschrift für Mädchen. Ayla rief Nadia aufs Handy an, um zu fragen, wo sie ihre Sachen deponieren solle. Nadia lag schon am Strand und liess Ayla am Telefon das Meeresplätschern hören. Ayla blieb nichts anderes übrig, als auch die Zeitschrift nach Hause mitzunehmen.
Zu Hause angekommen, musste auch Ayla ihren Koffer packen für die jährliche Reise ins anatolische Dorf in der Türkei. Sie warf alle wichtigen Sachen in den Koffer, darunter auch unzählige Geschenke für die vielen Cousinen. Mit Mühe und Not schloss sie ihren übervollen Koffer, während ihr Vater neben ihr stand und das Reglement der Fluggesellschaft so gewissenhaft vorlas, als würde er gerade aus den heiligen Schriften rezitieren: «Jeder Passagier darf nur zwanzig Kilo Reisegepäck mitnehmen!» Er hob Aylas Koffer in die Luft und seufzte: «Tochter, der ist mindestens dreissig Kilo schwer!»
Ayla musste nun ihren Koffer um zehn Kilo erleichtern. Aber wie sollte sie das bewerkstelligen? Sie hatte ja nur Wichtiges eingepackt. Der über den Koffer gebeugte Vater beäugte alles, was im Koffer drin war, mit äusserst kritischer Miene. Plötzlich, «schnell wie ein Adler», wie Ayla sagte, stürzte er sich auf den Koffer, weil er die Zeitschrift erblickte, auf deren Frontseite zwei sich auf die Lippen küssende Teenager, so alt wie Ayla, abgebildet waren. «Was ist denn das? Welche unverschämte Person liest so was?», fragte er laut und vorwurfsvoll, als hätte Ayla Drogen in ihren Koffer gepackt.
Ayla sagte mit zitternder Stimme, dass diese Zeitschrift Nadia gehöre. Der Vater war beruhigt. Es war zum Glück nicht seine gut erzogene Tochter, die ihr Taschengeld «für so etwas Ekstatisches» ausgab. Er holte die Zeitschrift aus dem Koffer, wickelte sie zuerst mit spitzen Fingern in ein Papier ein und steckte sie dann noch in eine Plastiktüte. Und er fuhr zu Nadias Eltern, wo er die gefährliche Zeitschrift in den Briefkasten warf.
Die Ankunft der Familie im anatolischen Heimatdorf war wie immer mit schönen Begegnungen verbunden. Nach der Begrüssungszeremonie, bei der die Tränen des Wiedersehensglücks flossen, wurde Ayla von ihrer Cousine, die ungefähr gleich alt war, in ihr Zimmer eingeladen. Neu war nicht nur, dass in diesem Zimmer eine kleine Bibliothek eingerichtet worden war, auch mehrere Ausgaben der türkischen Ausgabe jener Zeitschrift, die Aylas Vater im aargauischen Städtchen als «ekstatisch» bezeichnet hatte, lagen auf der Kommode.
Diesmal war es Ayla, die aufgebracht war. Sie empfahl ihrer Cousine, die Zeitschriften so schnell wie möglich zu verstecken, bevor ihr Vater diese Gefahr entdeckte. Die Cousine konnte die Angst Aylas nicht verstehen, weil es eben ihr Vater war, der die Zeitschriften in der Kreisstadt kaufte, wenn er jeweils donnerstags auf den Markt ging.
Ayla erinnerte sich später, dass ihr Vater seinen jüngeren Bruder, der im Dorf geblieben war, als einen bezeichnet hatte, der das moderne Leben nicht kannte, weil er nie weit gereist war.
Yusuf Yesilöz, Schriftsteller, lebt in Winterthur, seine jüngsten Bücher erschienen im Limmat-Verlag.