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Am 28. Mai 2014 ist die afroamerikanische Literatin und Bürgerrechtskämpferin Maya Angelou 86-jährig gestorben. Ihr Leben war eine «bittersüsse Reise».
Ein einziges Mal habe ich Maya Angelou persönlich erlebt. Sie war Ehrengast an einer langweiligen Abschlussfeier einer mittelmässigen Universität im verschlafenen und sehr weissen New England. Die schwarze Entertainerin, wie sie sich selbst gern nannte, liess sich von der sommerlichen Trägheit nicht beeindrucken und weckte die ganze Gesellschaft auf mit ihrer vollen Stimme und grossen Präsenz.
In ihrem Auftritt steckte eine Lebenserfahrung und -intensität, die im Laufe der Jahre von der Breite in die Tiefe gewachsen war. Oder wie sie es in der Sprache der Gospels sagte: «Wir kommen aus der Dunkelheit und bewegen uns zum Licht.»
Düster war Angelous Kindheit und Jugend in der Tat. Als kleines Mädchen schon wurde Marguerite Johnson, so ihr bürgerlicher Name, zwischen Kalifornien und dem damaligen Apartheidsüdstaat Arkansas hin und her geschoben. Vergewaltigung durch den Liebhaber der Mutter mit acht Jahren. Daraufhin fünf Jahre lang verstummt. Alleinstehende Mutter mit siebzehn. Darauf erste Heirat und Scheidung. Kurzer Abstecher ins Sexgewerbe und Drogenmilieu.
«Ich steige, steige, steige»
Ihr Weg ins Rampenlicht der Öffentlichkeit war lang und gewunden. Beruflich gab es Stationen wie: erste schwarze Strassenbahnschaffnerin San Franciscos, Hamburgerbraterin, Tänzerin unter anderem im Gershwin-Musical «Porgy and Bess», Nachtclubsängerin, Schauspielerin in Jean Genets Theaterstück «Die Neger» und in der TV-Serie «Roots»; aber auch Journalistin, unter anderem beim «Arab Observer» im Ägypten der frühen sechziger Jahre, Unidozentin in Ghana, wo sie ihre afrikanischen Wurzeln suchte; schliesslich Bürgerrechtskämpferin sowohl im Umfeld von Malcolm X (ermordet 1965) wie von Martin Luther King. Zur Finanzierung seiner Southern Christian Leadership Conference organisierte Maya Angelou die Show «Cabaret for Freedom», die so erfolgreich war, dass ihr der New Yorker Sitz der Bürgerrechtsorganisation anvertraut wurde. Das tödliche Attentat auf Martin Luther King 1968 in Memphis markierte Maya Angelous 40. Geburtstag.
«Der gefangene Vogel singt»
Nachdem sich Angelou von diesem Schock und Verlust erholt hatte, konzentrierte sie sich vermehrt aufs Schreiben. Über dreissig Bücher hat sie geschaffen, darunter viele Gedichtbände und eine siebenteilige Autobiografie, deren erster und berühmtester Teil unter dem Titel «Ich weiss, warum der gefangene Vogel singt» auch auf Deutsch erschien. Daneben sprach Maya Angelou, die nie eine Hochschule abgeschlossen hatte, aber in den letzten Jahren mit Dutzenden von Ehrendoktoraten und anderen Auszeichnungen überhäuft wurde, an unzähligen öffentlichen Anlässen – und das nicht nur an kleinen Colleges in der Provinz: Bei der Amtseinsetzung von Bill Clinton 1993 trug sie ihr Gedicht «Am Puls des Morgens» vor. Ihre beharrliche Botschaft: Wir können Geschichte nicht ungeschehen machen, müssen aber den Mut aufbringen, sie nicht einfach zu wiederholen.
Letztes Jahr noch hat Maya Angelou ihren langjährigen Freund Nelson Mandela mit einem buchlangen Gedicht verabschiedet. Darin heisst es: «Sein Tagwerk ist getan. Wir verkünden es mit Tränen in der Stimme. Doch wir stehen auf und sagen: Danke.»