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…aus systemtheoretischer Sicht grenzt sich jedes selbstreproduzierende System, das zwischen Selbst- und Fremdreferenz zu unterscheiden fähig ist, selbst gegen seine Umwelt ab, ohne Zutun eines äußeren Beobachters: die autopoietische, selbstreflexive Aktivität des Systems ist gegenüber dem diese konstruierenden Beobachter primär.
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Satt nun die Betrachtung auf das Beobachterkonstrukt System/Umwelt zu fixieren, verlegt Luhmann die Perspektive seines Beobachtens gleichsam in das System selbst hinein. Der Fokus verschiebt sich auf den Prozess des Beobachtens und vermeidet die prekäre repräsentationalistische Bezugnahme auf „den Beobachter“ auf der einen und „die“ Umwelt auf der anderen Seite der cartesischen Kluft. Die grundlegende Perspektive wird durch die Unterscheidung von Operation und Beobachtung markiert; "der" Beobachter ist ein späteres, darauf aufsetzendes Theoriekonstrukt:
„Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, dass sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verkehrten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen“ (Luhmann Einführung in die Systemtheorie, S.142)
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Der Beobachter sieht sich nie als Beobachter, sondern immer nur als Operation, also als Vollzug der beiden Momente der Beobachtung (Unterscheiden und Bezeichnen). Deswegen muss in jeder Selbstbeobachtung das Beobachten primär sein. Die Konsequenz für die Fremdbeobachtung ist: Will man nicht einfach eine illusionären Konstruktion nachjagen, so muss man nicht „Beobachter beobachten“, sondern „Beobachten beobachten“.
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Da die Frage einer systemunabhängigen Realität innerhalb der Systemtheorie keinen Sinn macht, können Systeme zugleich nur als Beschreibungsweisen, und nicht als ontische Wesenheiten verstanden werden - in dieser Hinsicht scheint es der Systemtheorie zu gelingen das "cartesianische Echo" des radikalen Konstrtuktivismus zu vermeiden.
Boe: vgl. Fuchs Unjekte
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Beobachten beobachten
Das Charakteristische des beobachtungtheoretischen Ansatzes liegt darin,das Begründungsparadoxon der nicht einholbaren ersten Unterscheidung produktiv zu verwenden, indem diese so festgelegt wird, dass die erste Unterscheidung nicht als Wesensunterschied hypostasiert, sondern in eine zeitliche Abfolge aufgelöst wird. Diese Dynamisierung verläuft über die Thematisierung von Beobachtung selbst: Beobachtung wird als Operation beobachtet. Nun kann unterschieden werden, wie diese Operation stattfand. Der Fokus verschiebt sich vom Was des Beobachtens (Alltagserfahrung) zum Wie seines Vollzugs.
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Weiterhin erweist sich das Beobachten erster Ordnung als asymmetrische Operation: es kann immer nur eine Seite der Unterscheidung bezeichnet werden. Nur diese Innenseite der Unterscheidung ist thematisch anschlussfähig, während Luhmann die andere Seite mit Spencer Brown als unmarked state charakterisiert. Denn um zu sehen, was das Andere der bezeichneten Seite eine Unterscheidung ist, muss diese andere Seite erst bezeichnet werden. Bei diesen crossing der Grenze gerät man auf die andere Seite, verliert aber die ursprüngliche aus dem Focus, so dass wiederum ein neuer unmarked state auftritt
Wenn in dieser Weise Beobachten als Operation beobachtet wird, so bedeutet dies zum Einen, dass jede Beobachtung, egal welcher Ordnung, in der Reflexion operativen Charakter erhält. Beobachtungen zweiter und höherer Ordnung nehmen damit keinen erhabenen epistemologischen Standpunkt ein, sondern reihen sich als gleichwertiger Teil in einer Verkettung von Operationen ein.
Der Beobachter zweiter Ordnung weiß es nicht in einem epistemologischen Sinn besser als der Beobachtete, sondern er sieht weniger und anderes – denn er tauscht die vermeintliche ontologische Gewissheit der Beobachtung erster Ordnung ein und gewinnt dadurch erheblich an Komplexität, dass die Unterscheidungen, die auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung lediglich operativ verwendet werden, als Einheiten von Differenzen beobachtet werden: der Beobachter zweiter Ordnung sieht beide Seiten einer Unterscheidung (mit der der Beobachter erster Ordnung operiert) gleichzeitig.
Die vorher als solche unzugänglichen Unterscheidungen werden dadurch anschlussfähig und vor allem disponibel, indem ihre (für den Beobachter zweiter Ordnung) paradoxe Form durch weitere Unterscheidungen aufgelöst werden kann. Wenn dabei nicht das Was, sondern das Wie des Beobachtens beobachtet wird, werden die Erkenntnisse rekursiv auf das Beobachten zweiter Ordnung anwendbar, insofern sie etwas über die Form des Beobachtens aussagen. Das operative Modell von Beobachtung verdeutlicht damit zugleich, dass die verwendeten Unterschiede nicht etwas Überzeitliches sind, sondern dass sie jeweils instantan in der Operation entstehen, mit der Operation verschwinden und von anderen Operationen abgelöst werden.
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Ontologie beobachtet: …Jedoch macht die Beobachtertheorie deutlich, dass die Alltagsbeobachtung als Beobachtung erster Ordnung ihre eigene Ontologie fortlaufend mitproduziert, insofern die handlungspraktische Notwendigkeit besteht die eigenen Beobachtungen zu „externalisieren“, also in einem Außenraum zu verorten.
Luhmann GG894
Es spricht einiges dafür, dass der natürliche Realismus, den wir laufend in unseren Beobachtungen erster Ordnung pflegen, die ontologischen Prämissen immer wieder adäquat erscheinen lässt. Dies liegt weniger am stets prekären Generalbegriff des Seins als vielmehr an dem, was in der Ontologie invisibilisiert und ausgeschlossen wird – der Umstand, dass man „nicht sieht, dass man nicht sieht, was man nicht sieht“ (Luhmann Systemtheorie 159), kann leicht zu der Ansicht führen, dass nicht ist, was nicht Sein ist. Gerade gegen diese Haltung, die in der Moderne allerdings komplexere Formen annimmt, sind zahlreiche Begriffe und Metaphern aufgebracht worden – Freuds Es, Heideggers Sein, das Reale Lacans, die différance Derridas können als Beispiele gelten, die die Anerkennung eines solchen Tertiums einklagen.
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Die Realitätsunterstellungs sozialer und psychischen Systeme wäre mithin nicht ontologisch unter der Voraussetzung, das Realität als „Einheit der Differenz von System und Umwelt je System relativ“ (Luhmann SozSys67) sei, womit der Ontologisierungsvorwurf zurückgewiesen wäre.
Zusammengefasst: die Systemtheorie als Kommunikation kann nicht anders, als eine Ontologisierung ihres Gegenstands vorzunehmen. Sie dekonstruiert jedoch diese sozusagen unvermeidliche performative Ontologisierung im Kontext ihrer Analysen zur Realität und Kommunikation durch die Beobachtung zweiter Ordnung, nach welcher die Realität von Systemen immer relativ auf den äußeren (zum Beispiel systemtheoretischen) Beobachter zu verstehen sei. Die Theorie, so interpretiert Peter Fuchs diesen Sachverhalt, „sagt, dass sie es mit der Realität zu tun hat, aber das heißt nur, dass sie um die Effekte der Beobachtungsebene erster Ordnung nicht herumkommt“ (Fuchs Sinn13)
Boe: Fuchs Der Sinn der Beobachtung
Velbrück Wissenschaft 2004, S.13
0.4. Man könnte einwenden, daß der Letzt- und Leitbegriff der Systemtheorie eigentlich das SYSTEM sei, aber man würde schnell darauf stoßen, daß BEOBACHTUNG und SYSTEM gleichsam ko-extensiv oder zirkulär miteinander verquickt sind. Das System ist ja selbst der Effekt der Unterscheidung eines Beobachters (System/Umwelt), der sich auf Grund dessen, was diese Unterscheidung besagt, für etwas halten muß, das unter diese Unterscheidung fällt.
0.4.1. Das ist jedenfalls gemeint, wenn man von einer Minimalontologie der Systemtheorie spricht. Observatum est, ergo: Es gibt Systeme.
<ip-pii>. Allerdings muß darauf geachtet werden, daß es auf das Wort „Geben“ im Sinne von Existieren nicht weiter ankommt. Es verschafft keine zusätzlichen Informationen. Ob etwas ist oder nicht ist, ist nicht entscheidbar. Deshalb wird darüber entschieden - sozusagen fallweise, sozial und psychisch.
<ip-pii>. Es ist freilich für eine Theorie - sozusagen vom Sil her - nicht unwichtig, dass sie über die Existenzbehauptung ein Moment der Relevanz einführt. In gewisser Weise "bindet" sie sich.
<ip-pii>. Sie sagt, daß sie es mit Realität zu tun hat, aber das heißt nur, daß sie um die Effekte der Beobachtungsebene erster Ordnung nicht herumkommt.
0.4.2. Der Begriff „Unbeobachtbares“ ist Moment einer Beobachtung. Es macht keinen Sinn, von beobachtungsfreiem Wissen zu sprechen. Wenn jemand sagt, daß er ein Wissen hat, das nicht auf (zitierfähigen) Unterscheidungen beruht, zitiert er Beobachtungen, die die Einsicht in die Unvollständigkeit jeder Beobachtung wiederholen. Er zitiert ein »Je ne sais quoi!«, ein »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten!« etc.
Dass die Zuschreibung von Realität speziell auch eine unvermeidliche Eigenschaft des Gebrauchs des Mediums Sprache ist, ergänzt diese Argumentation. Luhmann hat diese These erst im Band Gesellschaft der Gesellschaft vorgelegt (LuhmannGG218).
Sprache, so Luhmann, könne nur funktionieren, wenn durchschaut wird und durchschaut wird, dass durchschaut wird, dass die Worte nicht die Gegenstände der Sache sind, sondern sie nur bezeichnen. Dadurch entsteht eine neue, eine emergente Differenz, nämlich die von realer Realität und semiotischer Realität (ebd.:Luhmann merkt dazu an: Statt von semiotische Realität könne man auch von imaginärer, imaginierender, konstruierender usw. Realität sprechen). Auf diese Weise unterscheidet sich die Sprache als semiotischer Bereich selbst, indem in ihr die Differenz „reale vs. semiotische Realität“ getroffen wird.
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...in dieser Fassung des Arguments wird überdies deutlich, dass die konkrete Ausgestaltung dieser formalen Differenz abhängig von der jeweils aktuellen kulturellen Semantik ist:
Realität ist nicht nur Folge einer notwendigen Ontologisierung auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, sondern die Form dieser Ontologisierung (sofern sie an Sinn, also Sprache gebunden ist) ist kulturell veränderlich. Realität in diesem Sinn ist ein kulturabhängiges Beobachtungsschema. (vgl. Schmidt: Geschichten und Diskurse) Dieses Schema kann selbst zum Gegenstand von Reflexion werden – in diesem Sinne wäre Realität das Medium einer spezifischen Art von Kommunikation, die Selbstberortungs- und Selbstverständigungsprozesse ermöglicht.
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Realität wird ausschließlich als Vollzug von Operationen durch Systeme charakterisiert. Luhmanns zentrales Interesse besteht nun darin, die aus der Beobachtung resultierende konstruierte Realität von der prozessualen Realität des Vollzugs von Beobachtungsoperationen zu unterscheiden. Auch wenn die Beobachtungen eines Systems keinen Ausgriff auf eine externe Realität bedeuten (und insofern nicht objektiv sind), so will Luhmann doch die Faktizität der Operation des Beobachtens selbst als real verstanden wissen.
Die Reflexion auf den Beobachtungsstatus zweiter Ordnung erhält bei Luhmann Priorität. Somit wird festgehalten, dass diese Operationsrealität nur durch eine weitere Beobachtung festgestellt werden kann, die ihn als System in einer Umwelt auffasst. Eher könnte man diesen Standpunkt mit Fuchs wie folgt charakterisieren:
Observatum est, ergo: Es gibt Systeme. (Fuchs Sinn 0.4.1.)
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Was der Beobachter erster Ordnung als real betrachtet, ist das Ergebnis systeminterner Konsistenzprüfungen (und nicht Eigenschaft von Gegenständen). Der Ausdruck Realität bezeichnet die Fähigkeit eines Beobachters erster Ordnung, Umweltstörungen systemintern noch mittels Sinngebung als real behandeln zu können.
Analog wird die Realität der Operationen eines beobachteten Beobachters auf der Seite des Beobachters zweiter Ordnung erst durch entsprechenden Komplexitätsaufbau überhaupt beobachtbar: man muss dem anderen (System oder Beobachter) Sinn geben können.
Realität folgt also in diesem Sinne nicht dem Schema real/nicht real, sondern entspricht einem mehr oder weniger an systeminterner Komplexität. Möglichst viel Welt zulassen, heißt, möglichst viel zu seiner Umwelt machen zu können, bzw. eine möglichst komplexe Umwelt zulassen zu können. Die Skala reicht von der Idiosysnkrasie bis zur Ambiguitätstoleranz.
Dieser graduelle Vorgang allein reicht nicht aus, um einem anderen (System, Beobachter) Sinn zu geben. Hierzu muss man über eine Beobachtungstheorie (welcher Form auch immer) verfügen, in deren Aussagen man selbst auftaucht. Zu unterscheiden ist meines Erachtens daher Zwischenbeobachtung zweiter Ordnung ohne Beobachtungstheorie (gradueller Komplexitätsaufbau) und Beobachtung zweiter Ordnung mit rekursiver Beobachtungstheorie.
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Wie zunächst deutlich herauszustellen ist, ist Beobachtung erster Ordnung, also die natürliche Beobachtungseinstellung, in der man etwas beobachtet, von einer Struktur, die per Definition niemals derealisiert werden kann. Denn Beobachtung erster Ordnung resultiert aus Unterscheidung überhaupt; sie ist die (wie komplex auch immer strukturiert) unhinterfragte Unterscheidung der Welt.
Daraus ist zu schlussfolgern, dass jede Derealisierungsbeobachtung ausnahmslos vom Typ der Beobachtung zweiter Ordnung ist. Sie ist immer Beobachtung von Beobachtungen, und zwar eine solche mit zwei speziellen Eigenschaften: Sie beobachtet erstens, dass die beobachtete Beobachtung die falsche Referenz verwendet (oder sich auf den richtigen Referenzbereich falsch bezieht). Sie beobachtet zweitens nicht zugleich, dass sie selbst eine Beobachtung ist. Sie ist angewandte Beobachtung zweiter Ordnung, jedoch ohne Zugriff auf einer Beobachtertheorie. Sie tritt nicht in ihre eigenen Aussagen ein (ist „nicht reentrant“).
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Ohne Beobachtungstheorie hat der Beobachter zweiter Ordnung keine Möglichkeit zu erkennen, dass seine doppelte Unterscheidung – welchen pragmatischen oder kritischen Wert dieser auch immer haben möge – eben nur seine Unterscheidung ist: er kann die äußere der beiden Unterscheidungen nicht als solche reflektieren, nicht als Einheit einer Differenz beobachten, wenn er nicht über eine Theorie verfügt, die ihn selbst konstitutiv einschliesst, so dass seine Unterscheidung reflexiv ebenfalls als Einheit einer Differenz sichtbar wird.
Der Wiedereintritts des Beobachters in sein eigenes Beobachtungsschema, oder einfacher: die Reflexion über die eigene Beobachtung zweiter Ordnung macht sichtbar, dass sie auch nur eine Beobachtung erster Ordnung war (wenn auch eine komplexere, doch das ändert nichts an ihrem Status).
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