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Ash: Die Helden der 90er-Jahre
Die Band um Sänger Tim Wheeler ist schon lange im Geschäft. Ash haben in den 90er-Jahren vor allem in England die grössten Bühnen bespielt und waren 1997 gar Headliner des legendären Glastonbury-Festivals, auch wenn damals ein Zufall dafür sorgte. Sie sollten als Headliner der kleineren Other Stage auftreten, weil jedoch der vorgesehene Act aufgrund des regnerischen Wetters nicht rechtzeitig auf dem Gelände sein konnte, wurden sie kurzerhand der jüngste Headliner der Hauptbühne, der Pyramid Stage. Der Durchbruch gelang den Nordiren mit ihrem zweiten Album 1977, welches ein Jahr zuvor erschien. Der Albumtitel bezieht sich nicht nur auf das Geburtsjahr von Tim Wheeler und Bassist Mark Hamilton, sondern auch auf die Faszination der Band für Star Wars. Der erste Teil der Saga kam ebenfalls in diesem Jahr ins Kino. In den 90ern hatte die Formation die Stimmung der Teenager mit Songs wie Girl From Mars, Oh Yeah oder Angel Interceptor perfekt eingefangen. Auch nach dem Millennium brachten Ash in regelmässigen Abständen Alben auf den Markt, bis zur Erscheinung von Twilight of the Innocents im Jahr 2007 waren es seit 1977 vier weitere.
Ash sind zwar nicht mehr Headliner des Glastonbury Festivals, aber ihr Herz schlägt noch genauso stark für die Musik, wie damals.
Eine Band im Wandel der Zeit
Ash hat den Wandel in der Musikindustrie in seinen vielen Facetten miterlebt. Die Albumverkäufe brachen immer weiter ein, der illegale Download von Musik wurde zum Problem. Ash spürte die Entwicklungen, bereits bevor es mit dem Streaming richtig losging. Nur kurz nach Veröffentlichung von Twilight of the Innocents äusserte die Band ihre Zweifel am Konzept Album als solches und entschied sich, fortan stattdessen jeden Monat eine Single zu veröffentlichen. Am Ende des Projekts namens A-Z Series wurden alle Songs in zwei Compilation-Alben zusammengefasst. An ihre Ankündigung, keine herkömmlichen Alben mehr machen zu wollen, haben sich die Musiker jedoch nicht gehalten. Mit Kablamoo! (2015) und Islands (2018) haben sie seither zwei weitere Langspieler nachgelegt. Die jüngste Veröffentlichung ist ein Rückblick auf die bisherige Bandgeschichte. Teenage Wildlife: 25 Years of Ash ist eine beeindruckende Sammlung sämtlicher Ash-Klassiker sowie einem neuen Track namens Darkest Hour Of The Night. Etwas mehr als zwei Wochen nach dem Release waren Ash gestern mit ihrer Retrospektive im Mascotte in Zürich zu Gast.
Die Bühne als Sportstudio. Bassist Mark Hamilton liebt es sein Instrument im Ausfallschritt zu spielen.
Ash ist die Grösse der Bühne egal
Tim Wheeler und seine Jungs könnten etwas verbitterte Mittvierziger sein, die von ihren glorreichen Tagen erzählen. Sie sind länger im Geschäft, als so mancher Act, der aktuell ganz oben auf den Festivalplakaten steht. Sie haben in den 90ern diesen Erfolg ebenso erlebt, wie sie das schwindende Interesse am Indie-Rock mitbekommen haben. Doch statt Bitterkeit sieht man bei den Musikern immer noch ein Funkeln in den Augen, wenn sie die Bühne betreten. Hier geht es vielmehr um das Ausleben einer Leidenschaft, als darum, wie erfolgreich man ist. Ash ist die Grösse der Bühne ganz offensichtlich nicht wichtig. Ihre Songs scheinen sie zudem jung zu halten. Einzig der graue Bart von Schlagzeuger Rick McMurray lässt auf ein Alter jenseits der 40 schliessen, Tim Wheeler und Mark Hamilton sehen jedoch noch immer so jungenhaft aus, wie in den Anfängen. Den Einstieg ins Set liefert A Life Less Ordinary, Titeltrack des gleichnamigen Films mit Cameron Diaz und Ewan McGregor aus dem Jahr 1997.
Seit mehr als 25 Jahren sind sie zu zusammen auf der Bühne: Tim Wheeler, Rick McMurray und Mark Hamilton
Eine Energie, die nicht nachlässt
Dass Ash immer noch mit derselben Energie Songs schreiben wie früher, zeigt sich allein daran, dass neuere Tracks wie Buzzkill wunderbar in alte Nummern wie Angel Interceptor übergehen, ohne abzufallen. Bei den Auftritten in den letzten Jahren, waren die A-Z Series praktisch nicht vertreten. Am heutigen Abend findet mit Arcadia immerhin das musikalische Glanzstück aus der Singles-Ära von Ash seinen Platz im Set. Die Sammlung, welche in den Jahren 2009/2010 entstand, enthält einige Perlen, welche wieder einmal eine Live-Rückkehr verdient hätten. Doch bei einer derartigen Fülle an Kompositionen, ist es nicht leicht, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Stattdessen gibt es dafür Klassiker wie Shining Light, Goldfinger, Wildsurf oder Oh Yeah in Folge. Darkest Hour Of The Night, das jüngste musikalische Kind von Ash darf trotz Best-of-Set nicht fehlen. In seiner Tonalität erinnert es ziemlich stark an das sehr zu empfehlende Lost Domain, das Soloalbum von Tim Wheeler. Dieses hatte er 2014 geschrieben, nachdem sein Vater nach seiner Alzheimer-Erkrankung verstorben war. Es zeigt die nachdenkliche und sensible Seite des sonst scheinbar immer fröhlichen Wheeler.
Nicht nur Ash feiern im Mascotte Geburtstag, sondern auch ihr Tontechniker.
Das Kung-Fu-Sample löst einen Zeitsprung aus
Fehler machen einen Auftritt oft noch charmanter – so ist es auch bei Ash. Walking Barefoot handelt von der Freiheit, einen Sommer lang barfuss am Strand zu laufen, ohne sich Gedanken zu irgendwelchen Problemen zu machen. Wenn das Ende dieser Zeit naht, fragt man sich, warum man nicht einfach alles hinter sich lassen und immer so weiterleben kann. Bevor der Song beginnt, trifft McMurray an seinem Schlagzeug einen falschen Knopf und startet ein Sample, welches eigentlich als Intro von Kung Fu fungieren. Tim Wheeler lacht herzhaft und meint, da habe er wohl eine kleine Zeitmaschine aktiviert und kurzerhand einen Song übersprungen.
Yeah we've been walking barefoot
All summer
It'll be sad my friend
To see it come to an end
Why can't we just quit
Lord Hagos‘ Birthday, yay!
Auf der Setlist findet sich nebst dem Datum und Spielort ein interner Hinweis, der lautet: Lord Hagos’s birthday, yay! Damit meint die Band ihren Sound-Techniker, welcher seinen Geburtstag feiert. Extra zu diesem Anlass gibt es für ihn einen kleinen Geburtstagskuchen mit Kerzen. Geliefert wird er von Mark Hamilton direkt an Lord Hagos Arbeitsplatz am Mischpult. Seine Rückkehr zögert der Bassist etwas hinaus, um sich im Mascotte Bass spielend hinzulegen und eine kleine Yogastunde abzuhalten. Er bittet die Zuschauer, die Augen geschlossen zu halten und versucht in dieser Zeit heimlich wieder auf die Bühne zu kommen, ohne das es jemand merkt. Natürlich scheitert der Versuch kläglich.
Meditation mittem im Konzert. Mark Hamilton entspannt inmitten des Zürcher Publikums.
Ash und ihre Verbindung zum Weltall
Nachdem es mit Cocoon und Orpheus richtig wild zur Sache geht (hier kann man froh sein, wenn man Ohrstöpsel dabei hat), gibt es gleich zwei thematische Ausflüge ins Weltall. Zunächst benennt Jack bei der allerersten Ash-Single Jack Names The Planets die Planeten, bevor Tim Wheeler von seinem Girl From Mars singt. Endlich stimmt der Aufdruck auf Hamiltons T-Shirt mit der Musik auf der Bühne überein. Nun ist die Zeit für eine erste Verabschiedung gekommen. Aber natürlich lassen sich die Nordiren nicht lange bitten und kehren nach dem Applaus des Publikums noch einmal auf die Bühne zurück. Die Zugaben werden mit der Tour-Premiere des Songs Annabel eröffnet. Danach führt die Reise mit Uncle Pat noch einmal ganz zu den Anfängen und dem Debütalbum Trailer (1994) zurück. Standesgemäss abgebrannt wird die Hütte aber mit Burn Baby Burn. Der Song klingt auch 2020 noch immer wie der Schluss-Track eines High-School-Films aus den frühen 00er-Jahren. Mit dieser leicht nostalgischen Stimmung verabschieden sich Ash von ihren Fans im Zürcher Mascotte.
Tim Wheeler gibt an seiner Flying-V-Gibson alles.
Fazit
Ash strotzen auch nach 25 Jahren noch immer vor Spielfreude. Sie schaffen es, die Zuhörer mit ihren alten Songs noch einmal in die 90er-Jahre zu versetzen, oder dabei angestaubt zu klingen. Bei der Band um Tim Wheeler ist immer alles möglich. Es ist zwar eher unwahrscheinlich, dass sie noch einmal so sehr aufsteigen, um ein zweites Mal Headliner am Glastonbury zu werden, aber in den drei Musikern steckt noch jede Menge Kreativität. Das zeigen Projekte wie die A-Z Series, das Solo-Album von Tim Wheeler oder auch der epische Titel-Track zu Twilight of the Innocents. Es kann also sein, dass der beste Song von Ash noch gar nicht geschrieben wurde.