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T-Shirt Economics
Manch einer mag sich über das «Wie-Du-mir-so-ich-Dir» im vom US-Präsidenten angezettelten Handelskonflikt wundern. Droht wirklich ein Handelskrieg und haben die Börsen ggü. des bisherigen Jahreshochs deswegen 8% nach unten korrigiert?
Der ökonomische Nobelpreisträger Krugman hält in der New York Times (4.4.2018) maliziös fest: „One good answer is, that’s a stupid question”. Man solle bei Diskussionen des Aktienmarktes immer folgende drei Regeln im Auge behalten: 1.) der Aktienmarkt ist nicht die Ökonomie, 2.) der Aktienmarkt ist nicht die Ökonomie und 3.) der Aktienmarkt ist nicht die Ökonomie. Die Bewegungen von Aktienmärkten könnten vielfältigste Begründungen oder gar keine haben.
Eine andere Deutung der Handelskriegsthematik bestünde in der Signalwirkung, dass die neue Führung der USA die Vorteile arbeitsteiliger internationaler Wertschöpfungsketten in Abrede stellt und damit gewissermassen verantwortungslos handle. Selbst wenn die überhitzte Rhetorik weltweit in einen Handelskrieg münden würde, so kämen konventionelle Schätzungen der volkswirtschaftlichen Kosten nicht annähernd auf 10%, ja nicht einmal 6% des BIPs. Negative Effekte zwar ja, aber nichts Weltbewegendes.
Die Kosten von Protektionismus bestehen nicht in den Handels-Tarifen per se. Internationaler Handel setzt auf komparative Vorteile: ein Land soll sich auf das spezialisieren, was es am besten (effizientesten) kann. Protektionismus bedeutet, dass Länder nicht mehr das produzieren, was sie relativ gesehen am besten können, sondern auch das, was sie weniger gut können. Ohne Zweifel können auch entwickelte Länder T-Shirts nähen anstatt sie aus Bangladesch zu importieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden – bedingt durch eine höhere Kapitalgüterdurchdringung der Industrie – sogar mehr T-Shirts pro Personen-Arbeitsstunde produziert werden. Allerdings wäre der Produktivitätsvorteil hoch entwickelter Volkswirtschaften bei anderen Tätigkeiten viel höher, bspw. in der Produktion von hochwertigen Maschinen zur Herstellung von Kleidungsstücken. Die Effizienzgewinne der Handelspartner sind dann am höchsten, wenn beide das produzieren, was sie relativ betrachtet am besten können.
Das Schaubild auf dem T-Shirt zeigt die klassische Darstellung (Quelle: Mankiw, Principles of Economics) der Vorteilhaftigkeit internationalen Handels. Ein Importzoll erhöht den Preis von bspw. importiertem Stahl um den zusätzlichen Betrag des Zolls. Inländische Produzenten – die normalerweise mit ausländischen Anbietern von Importstahl konkurrieren, können ihren Stahl zum Weltmarktpreis plus diesen Zoll verkaufen.Ein Importzoll auf Stahl erhöht den Preis über den Weltmarktpreis hinaus. Die inländischen Produzenten werden angeregt, ihre Stahlproduktion zu erhöhen (von QS1 auf QS2). Gleichzeitig erhöht ein Importzoll den Preis, den inländische Käufer zu bezahlen haben. Als Folge davon werden die Konsumenten den Verbrauch reduzieren (von QC1 auf QC2).
Der volkswirtschaftliche Verlust entspricht den beiden roten Flächen (‚societal loss‘). Die höheren Preise führen zu einer Angebotsausweitung im Inland, bei – den höheren Preisen geschuldet - gleichzeitig reduzierter Nachfrage (wegen den höheren Preisen).
Die folgende Grafik zeigt den Anteil des produzierenden Gewerbes am gesamten Arbeitsmarkt ex Landwirtschaft. Die Reduktion von knapp 40% in der Schlussphase des 2. Weltkrieges auf unter 10% heute sollte zu denken geben.
Das Rad der (Wirtschafts-) Geschichte zurückdrehen ist illusorisch
Hinter der angezettelten Handels-Tarif Diskussion stehen Wahlversprechen des amtierenden Präsidenten. Im Gegensatz zur demokratischen Herausforderin hat er realisiert, dass es in den USA eine grosse Anzahl von (resignierten/frustrierten) Wählern gibt, die im globalen Wettbewerb zu den Verlierern gehören und von der bisherigen Politik weitgehend ignoriert wurden. So haben wir in einem früheren Blog darauf hingewiesen, dass 50% der US-Haushalte während 30 Jahren keine Fortschritte in ihren Reallöhnen gesehen haben (sic!). Dank omnipräsenter Medien weiss diese vergessene Hälfte der Arbeiterschaft nur zu gut, wie gross die Fortschritte der anderen Hälfte in dieser Zeit waren.
Vielleicht könnte es ja sein, dass die Handelstarif-Diskussion im Wesentlichen eine Drohgebärde darstellt, vor allem die Chinesen (mit USD 530 Mrd. Exporte in die USA) dazu zu bringen, ihre Markteintrittshürden (Zölle, Tarife u.v.m.) zu senken, damit die USA (mit USD 190 Mrd. Exporte nach China) höhere Absatzchancen bekommt. Mindestens so könnte man die jüngsten öffentlichen Andeutungen des chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang deuten.
Handelstarife sind nicht geeignet, strukturelle volkswirtschaftliche Veränderungen zurückzudrehen. Sich darüber freuen und profitieren werden Unternehmer in Industrien, die dank den Tarifen und dem damit verbundenen Grenzschutz im Inland mehr produzieren, absetzen und verdienen. Der von der Gesellschaft zurückgelassene Arbeiter aus bspw. dem Rustbelt, der ältesten und grössten Industrieregion im Nordosten der USA, wird davon kaum etwas haben. Insbesondere, wovon leider auszugehen ist, wenn sich an der Einkommens- und Vermögensverteilung der USA nichts ändern wird. Es ist für uns Europäer schwierig nachzuvollziehen, wo die starke Unterstützung für den amtierenden Präsidenten herkommt. Es könnte aber gut sein, dass es der Arbeiterschaft in den USA mit den Tarifen ökonomisch (ein wenig) schlechter gehen wird, aber sie sich dabei besser fühlen, weil ihr Präsident für sie kämpft.
Solange die auf dem T-Shirt sinnbildlich dargestellte gesunde Business-Orientierung der Amerikaner weiterbesteht und noch offensichtlicher wird, dass in Handelskriegen alle verlieren, wird die Suppe der Handelstarife wohl weniger heiss gegessen als gelöffelt.