Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03499.jsonl.gz/1717

|Auszüge aus dem Buch

Sant Mat (Weg der Meister)
Nach dem Tod des letzten Gurus der Sikh, Guru Gobind Singh (16661708), wurde die Guru-Tradition nicht mehr weitergeführt (siehe bei Sikhismus). Die Weisheit, welche die Sikhs für die spirituelle Führung in ihrem täglichen Leben bräuchten, könne nun im Guru Granth Sahib, einem heiligem Buch gefunden werden, welches Beiträge von 26 Autoren unterschiedlicher religiöser Traditionen enthält. Seither gibt es keinen (menschlichen) Guru oder lebenden Meister mehr, und der Guru Granth Sahib (granth = heiliges Buch, sahib = respektvolle Anrede) ist der spiritueller Führer der Sikh-Religion. Ihm wird die gleiche Verehrung entgegengebracht wie seinen (menschlichen) Vorgängern.
Rund 150 Jahre später führte Shiv Dayal Singh (18181878) das Konzept eines lebenden Meisters wieder ein, und es entstand der so genannte Pfad der Meister, Sant Mat genannt (wörtlich: Lehre der Heiligen). Shiv Dayal Singh gründete 1861 in Agra, Indien, den Radhasoami Satsang (vom Wort radhasoami gibt es verschiedene Definitionen, eine davon ist «Herr der Seele», satsang = das Zusammenkommen mit Heiligen oder aufrichtigen Gottsuchenden). Daraus entstanden zunächst zwei verschiedene Richtungen, die Agra-Linie und die Beas-Linie. Agra und Beas sind beides Städte, die im Punjab (Nordindien) liegen. Später entstanden zwei weitere Linien. Aus diesen vier Hauptlinien entstanden im Laufe der Jahre und Jahrzehnte weitere Linien, zurzeit sind über 50 verschiedene Richtungen bekannt.
Hauptgrund für die vielen Spaltungen sind weniger theologische Fragen, sondern die Frage nach dem «richtigen» Guru. Nach dem Tod eines Meisters gab es vielmals Nachfolgeprobleme, meistens fühlten sich mehrere der Schüler dazu berufen, als Repräsentant der Sant-Mat-Lehre weiterzuwirken. Alleine im deutschsprachigen Raum sind insgesamt etwa zehn «lebende Meister» (oder Meisterinnen) tätig beziehungsweise durch ihre Anhänger vertreten.
Shiv Dayal Singh stand in der Tradition der «sants», indische Heilige in der Zeit des 13. bis 17. Jahrhunderts wie Kabir oder Guru Nanak, der diejenige Reformbewegung ins Leben rief, aus der später die Sikh-Religion entstand. Im Gegensatz zum orthodoxen Sikhismus, der keinen lebenden Guru (oder Meister) mehr kennt und bei dem das heilige Buch, der Guru Granth Sahib, höchste Autorität besitzt, ist beim Sant Mat ein lebender Guru, der jetzt lebt und so den Schülern weiterhilft, von eminenter Wichtigkeit. Sant Mat bedeutet der Weg zurück zu Gott. Im Sant Mat sind vier Dinge wesentlich:
Nach der Sant-Mat-Lehre hat sich Gott, der unteilbare Eine, aus eigener Kraft in seine Schöpfung projiziert, die Er selbst erschaffen hat und erhält. Um wieder in seine wahre Heimat zurückzukehren, muss der Schüler als ein Teil Gottes, mit Hilfe des Meisters, verschiedene feinstoffliche Welten durchqueren. Diese Sphären oder Welten werden unterteilt in drei grosse Reiche: Pinda, der erste und unterste Grossbereich, umfasst das physische Universum mit all seinen Sonnen, Planeten und Universen. Der zweite Grossbereich ist Brahmand. Dieser Abschnitt wird die mentale Region genannt, da, im Gegensatz zur untersten Region, in diesem Bereich Geist vorherrscht. Dieser Bereich wird in zwei Stufen unterteilt, wobei jede dieser Stufen ein Vielfaches unseres Universums mit seinen vielen Sternensystemen und Galaxien ausmacht. Je weiter man hinaufsteigt, desto mehr nimmt die Geistigkeit dieser Regionen zu. In den beiden unteren Regionen des Brahmand-Bereichs liegen das Paradies und die meisten Himmel der bestehenden Religionen. Bevor der Schüler (das heisst die Seele) die dritte Stufe erreicht, wird er frei von seinem «Ich», der sterblichen Persönlichkeit. Der dritte Grossbereich wird Parbrahm genannt und ist jenseits des Verstands. Hat der Schüler diese Ebene erreicht, ist er frei vom Kreislauf von Geburt und Tod und wieder in seine ursprüngliche Heimat zurückgekehrt. Oberhalb dieser Ebene existieren noch weitere göttliche Ebenen, die jedoch alle Ebenen des reinen Geistes sind. Dort ist auch Sach Khand, das wahre oder ewige Land. Dieses ist vom Zeitenwechsel unberührt, ein Reich des reinen Geistes und frei von jeder Art Materie. Es kennt weder Tod noch Unvollkommenheit, und die Schönheit und Herrlichkeit dieser Ebene ist mit Worten nicht zu beschreiben. Eine solche Seele ist frei und von unbeschreiblicher Freude erfüllt. Die Seele ist wieder eins mit Gott.
Die Funktion des Meisters besteht darin, den Schüler (das heisst die Seele) durch die verschiedenen Sphären hinaufzugeleiten, aus unserem Universum über die Himmel und Paradiese (der herkömmlichen Religionen) hinaus bis in die Sphäre zur höchsten Gottheit, Radha Soami oder Sat Purush genannt. Der lebende Meister hat somit eine gottähnliche Funktion. Im Unterschied zu anderen Gurus tragen die Sant-Mat-Meister meistens Turbane (ein übernommenes Zeichen der sikhistischen Religion).
Ein wahrer Meister ist an verschiedenen Kriterien zu erkennen. Ein Kriterium ist, dass ein wahrer Meister ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der sich wie die anderen Menschen den Naturgesetzen unterordnet. In seiner Kleidung ist er schlicht, aber sorgfältig. Ob unverheiratet oder Familienvater, wenn seine Aufgabe als Meister beginnt, verzichtet er auf Sexualität. Er ist in der Welt, jedoch nicht mehr von der Welt. Er lebt von seinem eigenen Einkommen und lehrt und hilft unentgeltlich. In seiner Strahlengestalt ist er «innen» in seinem Schüler, um ihn auf dem Weg zu begleiten. Durch regelmässige Meditation, das heisst durch das Wiederholen heiliger Namen, welche der Schüler bei der Einweihung in diesen Weg erhält, unterstützt er die Bemühungen des Meisters. Diese Meditationstechnik wird auch Surat-Shabd-Yoga genannt (Yoga des Klangs und Lichts). Dies deshalb, weil der Schüler während seiner Meditation und während seines Weges göttliche Klang- und Lichterlebnisse erfahren kann. Im Unterschied zum herkömmlichen Yoga wird die Meditation in der Regel im Sitzen ausgeübt. Die Reisen der Seele durch die verschiedenen Welten wie auch die Belehrungen erfolgen jedoch meistens nachts, während der Körper schläft, seltener tagsüber während der Meditation. Der Meister ist dabei sehr wichtig. Der Schüler ist angehalten, ein sittliches Leben zu führen mit vegetarischer Ernährung und Verzicht auf Alkohol und Drogen. Der Lebensunterhalt soll ehrlich verdient sein, und man soll bereit sein, regelmässig zu meditieren.
Durch verschiedene Abspaltungen vom Radhasoami Satsang entstanden etliche weitere Organisationen, von denen im Westen vor allem der Radha Soami Satsang Beas sowie die verschiedenen Nachfolgeorganisationen des Ruhani Satsang (Sant Kirpal Singh) aktiv sind. Auch Eckankar und ATOM, welche beide eine verwestlichte Form des Sant Mat darstellen, gehören zur Sant-Mat-Linie. In der Lehre bestehen unter den verschiedenen Gruppen keine grösseren Unterschiede. Die verschiedenen Radha-Soami-Gruppen haben in Indien wie auch im Westen keine Tempel, sondern treffen sich meistens in gemieteten Räumlichkeiten. In Zürich sind insgesamt sechs dieser Gruppierungen vertreten, die sich mehr oder weniger regelmässig treffen. Diese werden nachfolgend (d. h. im Buch) beschrieben.
Literatur: