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«Wir sind doch keine Verbrecher», antwortet der Kellner, als eine Teilnehmerin die Kosten für die Karaffe Leitungswasser übernehmen will im Restaurant des Hotels Astras in Scuol. Die Karaffe kommt hier gratis auf den Tisch.
Die Aussage des Kellners ist keineswegs repräsentativ für die Gaststätten des Kantons, im Gegenteil. Die Hotels, die Restaurants, die Menschen sind unterschiedlich im kontrastreichen Bündnerland.
Unser Kontrastprogramm beginnt an einem Montag, wenn andere Menschen ihre Arbeitswoche beginnen.
Ein wolkenloser Himmel zeigt sich, als der Zug bei Maienfeld den Rhein überquert – wir sind in Graubünden. Etwas später, an der kleinen Bahnstation von Cazis, treffen wir die letzten Mitglieder unserer Reisegruppe. Zu Fuss erreichen wir in wenigen Minuten das Kloster der Dominikanerinnen. Nach dem Bezug der Zimmer treffen wir uns in der romanischen Wendelinkapelle oberhalb des Klosters, stellen die Mitglieder der Gruppe vor und geben einen kurzen Überblick über den grössten Kanton der Schweiz, der seit 1803 zu Helvetien gehört und als einziger Kanton drei Amtssprachen hat. Befinden wir uns im Musterland der kulturellen Diversität?
Für unsere Reise haben wir das Ende der touristischen Sommersaison gewählt. Die Kirche von Zillis, das Segantini-Museum in St. Moritz und das Nietzsche-Haus in Sils Maria werden noch in der gleichen Woche geschlossen. Ein Postauto fährt erst im Juni 2021 wieder über den Flüelapass.
Nach dem Bezug unserer Zimmer im Kloster eine kurze Fahrt nach Thusis, Ausgangspunkt der Alpenstrasse durch die Viamala und über den Splügen nach Chiavenna. Diese war vor dem Bau der Eisenbahnen und Autobahnen eine der kürzesten und wichtigsten Verbindungswege vom Norden nach Süden.
In Thusis verteilen wir uns auf der Suche nach Verpflegung, wagen auch einen Blick in den historischen Dorfkern und finden uns dann im Postauto nach Zillis wieder.
In der Kirche Sankt Martin betrachten wir die fast vollständig erhaltene Bilderdecke aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1114 mit ihren Szenen aus dem Leben Jesu und des Heiligen Martin von Tours.
Diese irdischen Szenen sind umrahmt von phantasievollen Bildern eines Meeres, das von Seepferden, Seehunden, Seelöwen, Seewölfen, Seefüchsen, Seebären, Seekamelen, Seeteufeln, Nixen und vielen anderen fantastischen Wesen bevölkert ist. Nach der Besichtigung wärmt uns die Sonne des Nachmittags auf der Sitzbank neben der Kirche. Keine Selbstverständlichkeit, denn in den Wochen vor unserer Reise war das Wetter ungewöhnlich kühl.
Später geniessen wir ein frühes und einfaches Abendessen im Kloster Cazis. Die Teilnehmerin Madelon Laib hat Backformen geerbt aus der Zeit der Renovation der Zilliser Bilderdecke (1938-40). Ein anishaltiges Gebäck mit dem Abdruck eines schrecklichen Seeungeheuers ist die köstliche Überraschung für uns alle, bevor wir uns schlafen legen.
Der Dienstag beginnt bei weiterhin sonnigem Wetter mit einer Bahnfahrt von Thusis nach St. Moritz. Die rote Bahn auf der schmalspurigen Albulalinie passt in die Landschaft mit ihren tiefen Schluchten, hohen Bergen und gelb leuchtenden Lärchenwäldern. Die Albulabahn gehört zusammen mit der Linie über den Berninapass zu den Bahnen, die von der UNESCO als Weltkulturgut betrachtet werden (die anderen Linien sind die Semmeringbahn in Österreich und die Strecke nach Darjeeling in Indien).
Die Albula- und die Berninalinie der Rhätischen Bahn unterscheiden sich durch ihre maximale Neigung. Auf der Albulalinie, die noch für den Betrieb mit Dampflokomotiven gebaut wurde, beträgt sie 35 Promille, auf der Berninalinie das doppelte, nämlich 70 Promille. Die geringe Steigung der Albulalinie erklärt auch die Verlängerung der Strecke durch allerlei spektakuläre Kunstbauten, besonders oberhalb des Dorfes Bergün, an dem wir leider vorbeirollen wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Obschon wir langsam unterwegs sind, halten wir nicht überall an und sehen auf dieser Reise nur einen kleinen Teil der Sehenswürdigkeiten des vielfältigen Kantons.
In St. Moritz gelangen wir auf der Rolltreppe ins Ortszentrum und beziehen Zimmer im Hotel Hauser. Nach einem Mittagessen stellen wir das Leben des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) vor, der als Kind tagelang in einem Zimmer eingesperrt war, weil niemand Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern, und der als Erwachsener leidenschaftlich gerne in der freien Natur malte. Wir spazieren zum 1908 eröffneten Museum, das dem Werk des Malers gewidmet ist.
Durch das Auftragen von reinen Farben versuchte Segantini, in seinen Bildern die Intensität des Lichts wiederzugeben. Der Stil wird als «Divisionismus» bezeichnet, im monumentalen Triptychon La vita – La natura – La morte (oder «Werden, Sein, Vergehen») ist er gut erkennbar.
Am Abend eine weitere Überraschung: Gaudenz Meili, ein Teilnehmer, war Dokumentarfilmer, bevor er sich in der Toskana dem Anbau von Wein und Oliven widmete. Wir sehen uns im Raum neben der Reception seinen Film über Giovanni Segantini aus dem Jahr 1990 an.
Am Mittwoch fahren wir nach einem guten Frühstück mit dem Bus nach Sils Maria. Der Himmel ist leicht dunstig, aber die Sonne scheint. Wir sprechen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Unser Plan ist, zu spazieren und unterwegs zu halten, dabei über Nietzsche zu sprechen und so die Halbinsel Chasté am Silsersee zu erreichen. Nietzsche selbst dachte und philosophierte ja gerne im Gehen an der frischen Luft – eine gute Gewohnheit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie.
Über der Ebene neben dem See bläst uns aber ein kräftiger, kalter und abweisender Malojawind ins Gesicht, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Die Hälfte der Gruppe gibt auf, kehrt um, lässt sich dafür in Wolldecken eingewickelt von einer Kutsche ins Fextal fahren. Die anderen schaffen es bis zur Spitze der Halbinsel und geniessen den Blick auf den aufgewühlten Silsersee.
Später treffen wir uns wieder in Sils Maria und setzen die Vorstellung des Philosophen fort, der gerne Fragen stellte und darauf verzichtete, ein philosophisches System aufzubauen. Bedauerlicherweise hatte Nietzsche eine Schwester, die seine Schriften nicht nur im Sinne des Nationalsozialismus interpretierte, sondern auch fälschte, und die Adolf Hitler Nietzsches Spazierstock vermachte. Der Spazierstock verschwand, dafür steht im Garten des Nietzsche-Hauses ein überdimensionaler Spazierstock als Kunstwerk. Die Ausstellung im Haus besuchen wir mit Interesse und bemerken auch, dass die seltsame Bettdecke in Nietzsches Studierzimmer ein Kunstwerk des Künstlers Not Vital ist.
Eine Teilnehmerin weiss, wo in St. Moritz man gut isst, und so spazieren wir am Abend ins Restaurant Veltlinerkeller und später gut genährt und gut gelaunt zurück.
Am Donnerstag nehmen wir uns Zeit, verlassen das Hotel Hauser erst nach 10 Uhr, gehen zum Bahnhof, nehmen den Zug nach Zernez und rollen unsere Rollkoffer zum nahen Hotel. Die Zimmer sind auch hier bald bereit, es bleibt Zeit für individuelle Spaziergänge im Dorf und für ein Mittagessen. Am Nachmittag fahren wir dann mit dem Zug nach Scuol – schon unterwegs ist das Schloss Tarasp zu erkennen – und mit dem Postauto nach Tarasp Fontana.
Von dort führt ein steiler Weg zum Schloss, das nur im Rahmen einer offiziellen Führung zu besichtigen ist. Die Sonne scheint an diesem Tag, und es ist fast sommerlich heiss, als wir uns der zweiten Führung des Nachmittags anschliessen. Faszinierend ist nicht nur die dominierende Lage des Schlosses über dem Tal und das Resultat der luxuriösen Umgestaltung (1900-1916) durch den früheren Besitzer Karl August Lingner, sondern auch die Bereicherung des Schlosses und seiner Umgebung durch Kunstwerke des gegenwärtigen Besitzers Not Vital und mit ihm befreundeter Künstler.
Nach der Besichtigung fährt ein Teil der Gruppe mit dem Postauto zurück nach Scuol und findet dort ein Restaurant, die anderen machen den Weg zu Fuss, entdecken im Vorbeigehen staunend den alten Dorfkern von Scuol und kommen rechtszeitig zum Abendessen.
Der Freitag beginnt in Zernez trüb und nass. Wir stehen auf, frühstücken und fahren mit dem Postauto von Susch über den Flüelapass nach Davos. Wir geniessen den Blick auf die auch bei Nässe farbigen Herbstwälder, auf baumlose Hochebenen und auf den nassen Neuschnee, der etwas betrübt auf den Hängen neben der Passhöhe liegt. In Davos fahren wir mit dem Ortsbus zum Hotel Edelweiss.
Wir lassen uns in der Bibliothek des Hotels in die angenehmen Sitze fallen und erinnern an die Pioniere aus der Gründerzeit des Kurtourismus Alexander Spengler (1827-1901) und Willem Jan Holsboer (1934-1898) und an die Spuren, die Davos in der Literatur hinterlassen hat. Wir fassen die ersten Kapitel von Thomas Mann «Zauberberg» zusammen, zeigen das Bild des formschönen Spucknapfs, den die Kranken auf ihren Spaziergängen mit sich führten und «Blauen Heinrich» nannten, lesen auch eine Stelle aus Max Frischs Roman «Stiller», die den Aufenthalt der tuberkulosekranken Julika in Davos schildert. Kurz vor Mittag beziehen wir die Zimmer. Auf dem Balkon stehen Liegestühle mit Wolldecken, die an die Zeit der Liegekuren erinnern.
Zur Mittagszeit fahren wir dann mit der Drahtseilbahn auf die Schatzalp, wo das bekannte Jugendstil-Sanatorium steht. Der Betrieb ist schon geschlossen, Handwerker sind im Gebäude beschäftigt. Die mürrische Dame am Empfang verbietet uns schroff einen Blick ins Innere. Zur Kompensation ein Bild, aufgenommen zu einem früheren Zeitpunkt.
Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe «Die Brücke» kommt 1917 zur Kur nach Davos. Er ist nikotinsüchtig, alkoholsüchtig, morphiumsüchtig, süchtig nach Schlaftabletten (Veronal), möglicherweise hat er auch Syphilis. Weiter leidet er psychisch nach seinen Erfahrungen im Krieg und befürchtet, wieder an die Front geschickt zu werden. Einer der ihn behandelnden Ärzte ist Lucius Spengler (1858-1923), Sohn des Alexander. Für die Geschichte von Davos ebenfalls bedeutend ist Carl Spengler (1860-1937), Chirurg, Bakteriologe, Sportler, Stifter des Spengler Cups.
Kirchner befand sich in Davos also nicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, sondern in einem Tief, von dem er sich wohl nie ganz erholte, denn schliesslich endete sein Leben mit einem Selbstmord.
Ein Besuch des Kirchner-Museums lohnt sich. Es sind nicht viele Gemälde ausgestellt, weil das Augenmerk der Ausstellung, die wir sehen, auf den Skizzenbüchern liegt und auf dem Bemühen Kirchners, Bewegung zeichnerisch zu erfassen. Allerdings, wie freiwillig lebte Kirchner in Davos, wie sehr fühlte er sich gezwungen, anfangs wegen seinem Gesundheitszustand, später wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die seine Werke als «entartete Kunst» ablehnten? Wie schwermütig sind die Malereien aus Davos verglichen mit den Bildern der Badenden an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn? Oder ist dies mein Gefühl, weil es in Davos regnet?
Davos verabschiedet sich von uns am Samstag so regnerisch, wie es uns am Freitag empfangen hat, aber die Fahrt nach Filisur und weiter über Tiefencastel und Thusis nach Chur ist trotzdem nochmals ein ästhetischer Genuss. Wir fahren gleich zur Haltestelle Chur Altstadt weiter, gehen ein paar Schritte und lassen unser Gepäck im Hotel zur Rebleuten, also im Zunfthaus einer der fünf Zünfte, die früher die Stadt regierten. Nach kurzer Zeit zeigt sich die Sonne, und wir unterbrechen unseren Stadtrundgang im Café des Kunsthauses nur, um draussen an der frischen und doch angenehmen Luft eine empfehlenswerte Kürbissuppe zu löffeln oder Salate zu verzehren.
Wir sehen während unserem Rundgang den Arcas-Platz, das Obertor, das Fontana-Denkmal, das den heroischen Bündner Krieger im Kampf gegen die Habsburger zeigt, und das alte Gebäu, das an der Stelle steht, wo die Gaststätte «zum staubigen Hüetli» stand, in dem der wohl bekannteste Bündner Held, Jürg Jenatsch, während der Fasnacht 1639 von maskierten Tätern ermordet wurde. Weiter sehen wir den Postplatz, den Platz vor dem Regierungsgebäude mit dem Vazeroldenkmal, das städtische Rathaus, die Reichsgasse, die Martinskirche mit den Glasfenstern von Augusto Giacometti, das Bärenloch, den bischöflichen Hof und die Kathedrale.
Kunstmuseum und Kathedrale sind zwei Höhepunkte unserer Reise. Für den Besuch des Bündner Kunstmuseums Chur räumen wir der Gruppe genügend Zeit ein.
Ganz unbeschwert war unsere Reise nicht angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen. Als Reiseleiter befürchteten wir Krankheitsfälle in der Gruppe, Absagen, die Schliessung von Sehenswürdigkeiten oder Hotels und behördliche Massnahmen, die uns hätten zwingen können, die Reise abzubrechen. An dem Tag, als wir in Chur das Kunsthaus besuchten, mussten die Museen in Bern geschlossen bleiben. Am Tag nach unserer Abreise von Chur verschüttete ausserdem ein Felssturz die Bahnlinie zwischen Tiefencastel und Thusis. Auch in der wohlgeordneten Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass wir unsere Reise wie geplant durchführen konnten.
Bevor wir diesen Bericht beenden, müssen wir die Bündner Kochkultur erwähnen. Den Abend vor unserer Abreise verbrachten wir in der Veltliner Weinstube im Hotel Stern bei einem ausgezeichneten Essen mit ausgezeichnetem Wein. Pizzoccheri, Capuns und Maluns sind für uns keine Fremdwörter mehr.
Ohne Einschränkung empfehlen können wir die Hotels Hauser in St. Moritz und Edelweiss in Davos sowie die Restaurants Veltlinerkeller in St. Moritz, Astras in Scuol sowie die Veltliner Weinstube in Chur. Sehr freundlich war auch der Empfang im Kloster Cazis – eine Empfehlung an zukünftige Gäste: die eigene Seife mitbringen.
Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück ein kurzer Spaziergang in der Altstadt bei sonnigem Wetter, dann die Rückreise mit einem Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit und mit einer sehr angenehmen Erinnerung an die sechs sympathischen und aufgeschlossenen Menschen, die uns auf dieser Reise begleitet haben.