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Das Freihandelsabkommen mit den Golfstaaten ist am 1. Juli 2015 in Kraft getreten. Es wird den Handel mit einer Region erleichtern, die sehr interessante Absatzmärkte zu bieten hat.
Der Mittlere Osten, der geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten, insbesondere den Schwankungen des Erdölpreises, ausgesetzt ist, verbucht im Gegensatz zu einigen asiatischen Ländern kein lineares zweistelliges Wachstum, obgleich er es 2013 bei 5% halten konnte. Ihre zentrale Lage macht die Region zu einer Drehscheibe zwischen Afrika und Asien. Darüber hinaus sind die vielen Fachkräfte, die dort hinströmen, für ein Unternehmen, das sich dort niederlassen möchte, ein grosser Vorteil.
Wie ist die Situation in Bezug auf das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und den Ländern des Golf-Kooperationsrates (GCC)?
Raymund Furrer: Dieses Abkommen sollte schon am 1. Juli 2014 in Kraft treten, doch bei der Umsetzung gab es technische Probleme. Diese rein administrativen Fragen betrafen weder den Inhalt des Abkommens noch das grundsätzliche Vorhaben. Die Probleme wurden von den beteiligten Parteien überwunden. Letztlich müssen die Staaten des GCC lediglich ein anderes Formular nutzen, um den Ursprung der ab dem 1. Juli 2015 importierten Produkte nachzuweisen.
Was beinhaltet dieser Text und inwiefern wird er den Schweizer Unternehmen dabei helfen, sich den Markt im Mittleren Osten zu erschliessen?
Furrer: Der Text ist ein regionales Abkommen zwischen den Ländern der EFTA (Island, Norwegen, Fürstentum Liechtenstein, Schweiz) und denen des GCC (Saudi-Arabien, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Oman und Katar). Es sieht einige Bestimmungen vor, die den Handel zwischen diesen Ländern erleichtern sollen, unter anderem niedrigere Zölle für eine Reihe von Industrieprodukten. Diese lagen bei 5% und werden auf 0% gesenkt. Für einige Produkte, insbesondere Luxusartikel und Maschinen, ist diese Senkung sofort wirksam, für andere (z. B. bestimmte Nahrungsmittel) erfolgt sie gestaffelt über fünf Jahre. In einem Markt mit intensivem Wettbewerb, auf dem es natürlich zunächst um Qualität, Innovation und Service, aber auch um den Preis geht, ist der Abbau von Zöllen eine wichtige Massnahme. Interessant ist, dass die GCC-Länder bisher mit Ausnahme von Singapur mit keinem anderen Land auf der Welt ein Freihandelsabkommen geschlossen haben. Somit ist dieses Papier für die Schweizer Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil, auch gegenüber den Mitbewerbern in der Europäischen Union.
Welche Wirtschaftszweige weisen eine besonders hohe Dynamik auf?
Furrer: Das Baugewerbe und alle Dienste im Zusammenhang mit intelligentem Städtemanagement sind im Aufwind, weil in diesen Ländern zahlreiche Infrastrukturprojekte umgesetzt werden. Die Unternehmen der EFTA können beispielsweise Geschäftsmöglichkeiten in der Gestaltung von Flughäfen, Eisenbahnlinien, Kraftwerken oder im Bau neuer Wohnviertel finden. Im Jahr 2020, also noch vor der Fussballweltmeisterschaft in Katar im Jahr 2022, wird in Dubai eine Weltausstellung zum Thema Nachhaltigkeit stattfinden. Das ist eine grosse Chance für alle Firmen die Lösungen im Bereich Energieeinsparung, Wassermanagement oder Organisation von Grossereignissen anbieten. Die Branchen Tourismus und Gesundheit sowie der Dienstleistungssektor erleben ebenfalls einen kräftigen Aufschwung.
Welche Unterschiede bestehen zwischen den einzelnen Ländern dieser Region?
Furrer: Saudi-Arabien ist mit seinen 30 Millionen Konsumenten der grösste lokale Markt. Ähnlich wie in den Nachbarländern ist die Bevölkerung sehr bunt durchmischt und vereint Zugewanderte aus der ganzen Welt und aller fachlichen Niveaus, vom britischen CEO bis zum bengalischen Arbeitsmigranten. In den Vereinigten Arabischen Emiraten und besonders in Dubai ist die Konkurrenz sehr hart. Dort sind alle internationalen Marken vertreten. In Kuwait und im Oman ist es ruhiger.
Was würden Sie einem Unternehmen raten, das sich in der Region ansiedeln möchte?
Furrer: Man sollte die zahlreichen Messen und Ausstellungen nutzen, die dort veranstaltet werden. So macht man auf sich aufmerksam und kann die Region besser verstehen. Wenn ein Unternehmen beschlossen hat, den Markt zu erobern, reicht es nicht, von der Schweiz aus zu arbeiten und zwei oder drei Mal im Jahr in die Gegend zu reisen. Es ist wichtig, ständig vor Ort zu sein. Die Konkurrenz ist gross. Die einheimischen Partner erwarten eine permanente Präsenz und unmittelbare Reaktionen. Für die Ansiedlung als solche gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder lässt man sich in einer Sonderwirtschaftszone nieder, wo man zu 100% Eigentümer seines Unternehmens sein kann, oder man wählt eine LLC ("limited liability company" bzw. GmbH), wofür man einen lokalen Partner benötigt, der 51% der Anteile an der Gesellschaft hält. Das wirkt erstmal abschreckend, aber dieses Prinzip funktioniert bei vielen tausend Unternehmen. Einen einheimischen Partner zu haben, ist auch nützlich, um die Kultur zu verstehen, dessen Netzwerke zu nutzen und bürokratische Hürden zu überwinden. Das Entscheidende ist, dass man eine zuverlässige Person finden muss.
Unterscheiden sich die Regeln der Businesswelt dort stark von denen in Europa?
Furrer: Die Besonderheit des Mittleren Ostens besteht darin, dass die persönlichen Beziehungen und das eigene Image sehr gepflegt werden. Darüber hinaus ist die Kultur dort sehr kosmopolitisch ausgerichtet und man muss sich auf ein internationales, in erster Linie englischsprachiges Umfeld einstellen. Dann gibt es noch einige Regeln, die für muslimische Länder typisch sind: Freitags wird nicht gearbeitet, dafür aber sonntags, und man muss die muslimischen Feiertage berücksichtigen. Ausserdem werden zeitliche Absprachen nicht immer eingehalten und es ist wichtig, dass man über Freizeit und Familie spricht, bevor man in die Verhandlungen einsteigt. Diese Verhaltensregeln lernt man mit der Zeit. Sie haben nichts Geheimnisvolles oder Kryptisches an sich und erfordern letztlich nur etwas gesunden Menschenverstand.