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Endlich besitzt die Stadt, um alle sehr zahlreichen kleineren wohlthätigen Institutionen zu übergehen, eine Armenanstalt auf dem Plateau des Längenbergs, Kühlewil, welche ca. 200 Pfleglinge beherbergt, die teils in der ausgedehnten Anstaltsökonomie, teils in industrieller Arbeit beschäftigt werden. Die jährliche Aufwendung aus der Gemeindekasse für Kühlewil und die übrige Armenversorgung beträgt rund 100000 Fr. Auch in Bern sucht man der Armut durch Unterstützung der wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsschichten vorzubeugen. Eine städtische Anstalt für Arbeitsnachweis sucht unbeschäftigten Dienstboten, Handwerkern und Fabrikarbeitern Arbeit zu verschaffen. Gegen die Arbeitslosigkeit, der jeden Winter namentlich viele Bau- und Erdarbeiter anheimfallen, schützt die Betroffenen einigermassen eine spezielle Versicherungskasse. Doch studiert man zur Zeit die Frage gründlicherer Abhülfe.
Die in diesem Abschnitt mehrfach hervorgehobene Burgergemeinde ist wohl die reichste der Schweiz. Schon die Kapitalien der burgerlichen Nutzungsgüter, der beiden Waisenhäuser und des Burgerspitals machen allein die Summe von annähernd 23 Mill. Fr. aus. Dazu kommt der grosse burgerliche Besitz in den Sammlungen (Stadtbibliothek, Historisches und Naturhistorisches Museum) und das Vermögen der einzelnen Gesellschaften oder Zünfte. Unter den Nutzungsgütern nehmen die burgerlichen Waldungen die erste Stelle ein. Dieselben umfassen ca. 3000 ha und gehören zu den schönsten Waldungen des Kantons. Der grosse Forst und der Bremgartnerwald sind die namhaftesten derselben. Ein eigenes technisches Personal bewirtschaftet sie. Auch der Burgerspital ist reich mit Domänen und Waldungen ausgestattet, worunter die St. Petersinsel im Bielersee und die Tschingelalpen im Kienthal.
Die jetzigen Zünfte sind in erster Linie eine Organisation für das burgerliche Vormundschafts- und Rentenwesen. Mit den Handwerken und Ständen, aus denen sie hervorgingen, haben sie gar nichts mehr zu thun. Folgendes sind die Namen der 13 Zünfte: Distelzwang (die ehemalige Zunft des Stadtadels), Pfistern, Schmieden, Metzgern, Obergerwern, Mittellöwen (ehemals Nieder-Gerbern), Schuhmachern, Webern, Mohren, Kaufleuten, Zimmerleuten, Affen (ehemals Steinmetzen), Schiffleuten.
Geschichtlicher Rückblick.
Die Stelle der heutigen Stadt Bern und deren nächste Umgebung sind seit vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. Folgendes sind die nach Perioden geordneten wichtigsten Fundstätten: 1. La Tène Periode (jüngere Eisenzeit, helvetische Zeit): Muristalden, Lindenfeld, Schosshalde, Spitalacker, Wiler- und Wankdorffeld, Tiefenau, Wabernstrasse. 2. Römische Periode: Haspelmatte beim Aargauerstalden, Enge. 3. Frühgermanische Zeit: Reihengräber an der Bantigerstrasse, im Altenberg, Wilerfeld und Weissenbühl.
Aber erst spät trat die Gegend von Bern in ihre geschichtliche Bedeutung ein. Urkunden des 12. Jahrhunderts erweisen, dass die Orte Sulgen, Wankdorf, Worblaufen und Wittigkofen schon vor der Gründung der Stadt bestanden. Ebenso überliefern die alten Chronisten übereinstimmend die Existenz einer vorbernischen Burg Nideck, deren Unterbau noch heute in den Stützmauern der Nideckkirche vorhanden sein sollen. Nach Valerius Anshelm hätte sich sogar eine Ortschaft um die Burg gruppiert, und wirklich machen es neuere Untersuchungen höchst wahrscheinlich, dass in der Gasse des Staldens, die noch heute eine altertümliche Bauart zeigt, der Kern zu erkennen ist, an den sich die Stadt Bern anschliessen konnte.
Herzog Berchthold V., der letzte Zähringer, Rektor von Burgund, gründete die Stadt im Jahre 1191. Wäre auch nicht überliefert, dass der Herzog im gleichen Jahre im Oberlande die burgundischen Unbotmässigen bekämpfte, so würde doch schon die Wahl des Ortes dafür zeugen, dass Bern in dem Plane seines Gründers ein militärischer Stützpunkt sein sollte. Die ganze Gegend an der Sprachgrenze war nun mit festen zähringischen Plätzen versehen.
Die Traditionen, die sich an Berns Namen knüpfen (Bärenjagd, Waldrodung), will man heute nicht mehr anerkennen. Man ist geneigt, in Bern eine Verdeutschung von Verona zu erblicken. Die ältesten urkundlichen Schreibarten des Namens sind Bernum, Berne, seltener Berna.
Gleich anfangs wurde die Halbinselstadt in der Linie des heutigen Kornhaus- und Theaterplatzes abgeschlossen und befestigt. Dort zog sich nach beiden Aarethalhängen je ein natürlicher Graben hinunter, hinter dem man die Umwallung errichtete. Noch erinnern die Lage und der Name des Gerberngrabens und der Grabenpromenade an jene einstigen Verhältnisse. Die Stelle des damaligen Hauptwerkes und Thors nimmt jetzt der Zeitglockenturm ein. So erhielt Bern von Anfang an bedeutende Dimensionen. Ebenso müssen die eigentümliche Gassenanlage und der Stadtbachkanal gleich anfangs entstanden sein. Ein Marktplatz liess sich bei der Schmalheit des Stadtgrundes nicht wohl schaffen. Dafür wurde die breite Hauptgasse Standort des Marktes. In ihrer Mitte, wo jetzt die Kreuzgasse ist, war das Marktkreuz. Daselbst war der Alarm-, Gerichts- und Richtplatz.
Nach dem Aussterben der Zähringer erhielt Bern von Kaiser Friedrich II. wichtige Privilegien, namentlich aber die Handveste, welche der Stadt das Recht der Selbstverwaltung, des eigenen Gerichtes und Marktes verlieh.
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war der Zustrom von Freien und Unfreien in die neue Stadt schon so gross geworden, dass sich vor dem Westthor eine Vorstadt gebildet hatte. Bern, das im harten Kampfe gegen die mächtigen Landgrafen an der Aare, die Kiburger, begriffen war, suchte den Schutz Peters, des Grafen von Savoyen, erweiterte unter dessen Mithülfe um 1250 seine Mauern bis zur Linie des heutigen Bären- und Waisenhausplatzes und erbaute die erste Brücke, unten am Stalden, die Unterthorbrücke. So ward Peter in der That ein zweiter Gründer Berns, und noch lange unterschied man in Bern die alte Zähringerstadt von der Savoyerstadt. Von dieser zweiten Fortifikation ist das alte Glöggnerthor geschwunden und hat dem Käfigturme Platz gemacht. Erhalten ist aber der wenig Schritte nördlicher aus einer interessanten Häusergruppe sich erhebende Holländerthurm, der die Jahreszahlen 1230-1891 zur, Schau trägt.
Fast genau ein Jahrhundert verblieb Bern innerhalb dieser neuen Mauer. Jetzt beginnt die Stadt unter der Leitung landentstammter adeliger Geschlechter, aber auch hervorragender Bürger eine eigene Politik zu betreiben. Zwar wehrt sie sich vergeblich gegen Rudolfs von Habsburg Reichssteuern (Ueberfall in der Schosshalde), doch wirft sie den kiburgisch-österreichisch gesinnten Adel und die Nachbarstadt Freiburg auf dem Dornbühl (1298) entscheidend zurück.
Ihr Ziel ist von jetzt an: den Adel des Umkreises in ihr Burgrecht zu zwingen und ihr Territorium zu erweitern (vergl. Kanton Bern pag. 204). Erfolgreiche Kämpfe dieser Art im Oberland hatten zu einem freundnachbarlichen Verhältnis mit den 3 Waldstätten geführt, und als im Laupenkrieg 1339 die grösste bisherige Gefahr an sie herantrat, genoss die Stadt den Zuzug der Urkantone, um ihre glänzende Freiheitsschlacht zu gewinnen. Noch heute feiern die Studenten alljährlich die Laupenschlacht und bekränzen das schöne Standbild Rudolfs von Erlach vor dem Münster. 1353 schloss Bern den ewigen ¶
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Bund mit den 3 Waldstätten; so schloss sich der Kreis der acht alten Orte der Eidgenossenschaft. Es verfolgte aber noch lange eine durchaus selbständige Politik.
Kurz zuvor, um 1345, ward die Stadt ein drittes mal erweitert. Schon lange bestand im Westen vor dem Thore das Kloster und die Kirche des Ordens zum heiligen Geist. Bis dorthin hatte sich eine zweite Vorstadt gebildet, welche jetzt mit einer dritten Befestigung abgeschlossen wurde. Man erkennt, wie sehr die Natur des Ortes durch die Schmalheit des Halses der Halbinsel eine derartige rasche Wiederholung des Befestigungswerkes begünstigte. Diesmal freilich galt es eine nicht bloss längere, sondern auch stärkere Stadtmauer zu errichten. Es war eine doppelte Mauer; von der innern ward die äussere um ein beträchtliches überragt; zwischen beiden lief ein schmaler Raum, der Zwinger, und unter der äusseren zog sich ein tiefer Graben dahin.
Aus dem beigegebenen Plane ist die Lage dieser dritten Befestigung zu ersehen, die von da an bis tief ins 19. Jahrhundert bestehen blieb und diejenigen Teile der heutigen Stadt in sich schloss, die noch immer «Stadt» schlechthin genannt werden. Innerhalb dieser Mauer wurde Bern gross, dieselben Mauern sahen auch seinen Fall. Berns Grösse war die Frucht des seltenen militärischen Bürgersinns, der vom alten Adel auf die ehrsamen Handwerker übergegangen war, in welchem alle eins wurden. Sein Niedergang und tragischer Fall aber kam aus der Enge des Horizontes einer Bürgerschaft, die vom Ruhme der Altvordern zehrte und die über der ängstlichen Sucht des Regierens und Wohllebens den Zusammenhang mit den Landschaften verlor, die sich im Laufe der Zeiten vor der mächtigen Stadt hatten beugen müssen.
Mächtig stieg Berns Ansehen im Gugler- oder Oesterreicherkrieg (1375-88). Erst überfielen die nun schon kriegsgewohnten Bürger die fremden Kriegsleute zur Nachtzeit im Kloster Fraubrunnen, dann bezwangen sie in regelrechter Belagerung die Stadt Büren und die Wasserburg Nidau. Das Land war von seinen Peinigern befreit: es gab ein «Bernbiet», das des Schutzes nicht mehr entbehrte. Jetzt entschied sich auch das Geschick der Kiburger. Sie verloren erst Burgdorf und Thun, bald darauf die Landgrafschaft beiderseits der Aare an Bern.
1414 empfieng Bern den König Sigismund auf seiner Heimreise aus Italien mit hohen Ehren. Schon im nächsten Jahr macht es sich des Königs Gunst zu nutze und erobert den grössten Teil des Aargau, das Besitztum des auf dem Konstanzer Reichstag geächteten Herzogs Friedrich von Oesterreich. Weniger glücklich führt es dagegen den Krieg gegen Oberwallis, erreicht aber auch hier schliesslich seinen Zweck, die Wiedereinsetzung des mit ihm verburgrechteten Herrn von Raron. Im alten Zürichkrieg steht es zwar auf der Seite der Eidgenossen von Ital Redings Richtung, trägt aber das meiste bei zur endgültigen Aussöhnung der Gegensätze (1450).
So hat es nun einen guten Rückhalt im Augenblicke der schlimmsten Gefahr und grössten Kraftprobe, die von Westen herannaht, beim Ausbruch des Burgunderkriegs. Wie damals seine Führer und Krieger den Krieg rücksichtslos ins Feindesland trugen, bei Héricourt, Orbe, Grandson und Blamont die ersten wuchtigen Schläge austeilten, bei Grandson, wie bei Murten die Belagerungen ertrugen, in beiden Schlachten (1476) den ersten Angriff auf sich nahmen und endlich, nach Nancy, auf dem Tage von Freiburg einzig unter den Ständen eine kraftvolle Annexionspolitik vertraten, ist für alle Zeiten Berns grösster historischer Ruhmestitel.
Im Schwabenkrieg hatten die Berner besonders an den Schlachten von Bruderholz und Dornach (1499) hervorragenden Anteil. Das Blut seiner Jungmannschaft floss mit auf den Schlachtfeldern der Lombardei. Der grosse Kriegstaumel begann seine schlimmen Früchte zu zeitigen.
In der Stadt selbst war inzwischen eine grosse Krisis glücklich überwunden worden: der Twingherrenstreit, den Thüring Fricker meisterlich beschrieben hat. Die Junker durften ihre Junkertracht behalten, aber ihre Herrschaften unterstanden von nun an gänzlich der Militär- und Gerichtsgewalt des Staates (1471).
Die Kraft und Grösse der damaligen Zeit hinterliess nur wenige Bauwerke, die bis auf unsere Tage gekommen sind: das Rathaus, das unmittelbar nach dem grossen Brande von 1405 erbaut wurde und das Münster. 1421 begann der Bau desselben, aber noch 100 Jahre später, nach vielen Wechselfällen, dauerte die Arbeit an. 1517 leitete Niklaus Manuel Deutsch den Ausbau des schönen Chorgewölbes. 1530 blieb der Thurm bei 54 m Höhe unvollendet und kam so auf unsere Tage. Das Münster erhob sich auf dem Platze der alten Leutkirche und hiess nach dem Schutzheiligen der Stadt St. Vinzentenmünster. St. Vinzenz und Bern! lautete ein alter bernischer Schlachtruf.
In demselben 15. Jahrhundert bauten sich die Zünfte, deren es seit dem 13. Jahrhundert immer mehr gab, die aber nie grosse politische Macht erlangen konnten, schöne Häuser und versahen ihre Truhen mit herrlichem Silbergeschirr, das heute noch zum grossen Teil unversehrt erhalten ist.
Die Reformation fand 1528 raschen Eingang. Berchtold Haller und Niklaus Manuel waren ihre Bahnbrecher. Die Aufgeklärten mochten sich des traurigen Jetzerhandels (1507) erinnern, in welchem der trübe Wahn des Mittelalters den Geistlichen, Laien und Richtern einer ganzen Stadt die Köpfe verwirrt hatte. Die Säkularisation der geistlichen Stifte brachte grosse Gebietserweiterungen und Bereicherungen. Nur das Stift der Deutschritter zu Köniz behielt seine besondere Verwaltung bis ins 18. Jahrhundert.
Die wichtigeren, damals säkularisierten Klöster der Stadt selbst sind die folgenden: 1. Das Dominikaner- oder Predigerkloster. Die Gebäude dienten seither allen möglichen Zwecken. Die Kirche ist die jetzige französische Kirche. Im Refektorium, wo einst König Sigismund beherbergt wurde, entdeckte man erst kürzlich interessante Wandgemälde. Jetzt ist es abgebrochen, die besterhaltenen Gemäldeteile sind ins historische Museum verbracht. Der Totentanz des Niklaus Manuel dagegen, der einst die Mauer des Klosterkirchhofs zierte, ist spurlos verschollen. 2. Das Franziskanerkloster, die jetzige Universität und Hochschulbibliothek. 3. Das Kloster und Spital zum heiligen Geist. 4. Das Inselkloster (s. oben pag. 227). 5. Die Antonierkapelle mit Spital für Wöchnerinnen, die mit der Krankheit Mutterkorn behaftet waren. Die Kapelle, ein Bau von 1494, besteht noch, und dient zur Zeit als Löschgerätschaftenmagazin. ¶