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Das Magazin, 44/2011
Markus Ruf:
Ein Buch fürs Leben.
1999 reiste ich für einige Monate nach Vietnam. Werbekampagnen aushecken, das konnte ich — damals noch freischaffend — auch von Saigon, Hoi An oder Hanoi aus. In Zürich füllte ich einen Koffer mit Kleidern und einen mit Büchern. Besonders freute ich mich auf den «stillen Amerikaner» von Graham Greene, den ich an den Original-Schauplätzen lesen wollte. Der Koffer mit den Kleidern kam pünktlich in Saigon an, derjenige mit den Büchern blieb unauffindbar. Vielleicht haben gewisse Buchtitel den Argwohn der zensurfreudigen vietnamesischen Zollbeamten geweckt. In diesem Fall hätten die strammen Kommunisten die Rechnung ohne das Improvisationstalent ihrer Bevölkerung gemacht. Am zweiten Abend sprach mich in Saigon ein kleines Mädchen an, ob ich westliche Zeitschriften, Bücher, Musik oder Filme kaufen wolle. Ich fragte, ob sie «The Quiet American» von Graham Greene habe. Sie lächelte nur: «Tomorrow I have — you here same time.» Dann tauchte sie im Gewusel unter. Am nächsten Tag überreichte mir das Mädchen sichtlich stolz das Buch. Es war ein Unikat, zusammengeleimt aus Fotokopien — als Vorlage diente die 1995er Ausgabe des Deutschen Taschenbuch- Verlags. Dort, wo die Druckertinte die Buchstaben nicht mehr ganz einschwärzte (es wurde offensichtlich ziemlich viel kopiert in Saigon), hatten flinke Hände sie mit einem Filzstift nachgezeichnet. Der Umschlag bestand aus zwei Kartons, als Cover war eine gelbstichige Farbkopie darauf geklebt. Das Ganze war wie ein Schulbuch in eine transparente Schutzhülle geschlungen. Ich war gerührt, gab ihr einen Betrag, für den ich in der Schweiz wohl eine Ausgabe aus handgeschöpftem Büttenpapier bekommen hätte, und verzog mich in die Lobby des legendären Hotels Continental, in dem ein grosser Teil der Handlung spielt. Hier las ich den Roman, der mitten in den geographischen und politischen Dschungel Indochinas hineinführt. Im Zentrum steht der britische Journalist Thomas Fowler, ein Idealist, der den Kolonialkrieg mit kühler Distanz betrachtet. Er interessiert sich mehr für die asiatische Lebensart als für Politik, und seine vietnamesische Geliebte Phuong ist ihm wichtiger als alles andere. Doch er bekommt es mit einem hartnäckigen Nebenbuhler zu tun, dem jungen Amerikaner Alden Pyle. Die schlauen Damen und Herren von der Literaturkritik haben das Buch so interpretiert: Fowler steht für die alten, kraftlosen europäischen Kolonialmächte, deren Zeit in Asien abgelaufen ist, die dies aber nicht wahrhaben wollen.
Pyle steht für das beginnende Engagement der USA, welche die Situation komplett erkennen und naiv eine fatale Entwicklung in Gang bringen. Die junge Vietnamesin Phuong repräsentiert das vietnamesische Volk, um das die beiden ausländischen Akteure heftig buhlen. Für mich ist das Buch eine berührende Liebesgeschichte, ein packender Krimi und eine visionäre politische Analyse, denn Graham Greene schrieb es bereits 1955. Das Einzige, das meine Lesefreude im Continental etwas trübte, waren die vier Seiten, die beim Kopieren vergessen worden sind. Die gelbstichige Kopie aus Saigon ist natürlich unverkäuflich. Ich kann Ihnen deshalb nur das Original empfehlen: «Der stille Amerikaner» von Graham Greene, als Taschenbuchausgabe des dtv.
Markus Ruf Creative Director und Mitinhaber der Werbeagentur Ruf Lanz in Zürich.
«Bücher fürs Leben», eine Sammlung der besten Empfehlungen aus dem «Magazin». Das Buch kann als E-Book in der App des Echtzeit-Verlags gelesen werden.