Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/2474

Western

Western: Regisseure: Sam Peckinpah (1925 - 1984)
Zwischen den Bildern - Aspekte der Filmmontage
Gewaltige Montage-Monumente: Sam Peckinpah
Seinen legendären Ruf als notorischer Querulant und Anhänger brutaler Gewalt hat Sam Peckinpah nicht unwesentlich dem verschwenderischen und innovativen Gebrauch verschiedenster Montagetechniken zu verdanken.
Näheren Zugang zur Kunst der Montage bekam Peckinpah, der auf einer Ranch in Kalifornien aufwuchs, nach Theaterinszenierungen in seiner Studienzeit sowie anfänglicher Arbeit als Fernsehregisseur und Drehbuchautor (u. a. Gunsmoke, dt. Titel Rauchende Colts). Mitte der fünfziger Jahre als Assistent des Regisseurs Don Siegel, der zu jener Zeit Leiter der Montage-Abteilung bei Warner-Bros. war.
Gewaltdarstellungen spielen in vielen Filmen Peckinpahs eine zentrale Rolle, oft sind sie die Eckpfeiler der Geschichte. Dabei setzt er bewusst augeklügelte Montagetechniken ein, die er in vorher nie dagewesener Weise kombiniert. Zu seinen auffälligsten Stilmerkmalen gehört die Manipulation der Bildgeschwindigkeit, vor allem der virtuose Einsatz der Zeitlupe. Durch die Kontrastwirkung von normalemTempo und Zeitlupe werden Einzelheiten, die sonst im unkontrollierten Bilderrausch einer Actionszene untergehen würden, erst für den Zuschauer wahrnehmbar. Peckinpah erreicht eine Intensivierung der Gewalteindrücke durch Verlangsamung, Reduktion und prismatische Perspektivwechsel.
Die meist obligatorische Eskalation der Gewalt in seinen Filmen und die Inszenierung von Hyper-Gewalt-Orgien, wie sie extrem im berühmt-berüchtigten Schlussmassaker von The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz zum Ausdruck kam (Cutter Robert L. Wolfe dazu: '...wir beschlossen zu versuchen, daraus eine Art Ballett [..] aus fallenden Körpern und abgefeuerten Waffen [...] zu machen.'), brachte Peckinpah vielfach den Vorwuf der Gewaltverherrlichung ein. Der Kritiker Joseph Morgenstern lastet ihm zum Beispiel eine Stilisierung von Gewalttätigkeit durch Zeitlupe an. Leslie Fiedler, ein renommierter amerikanischer Kulturkritiker spricht dagegen neutraler von "Reflexion der Gewalttätigkeit [...] durch die filmischen Techniken der verlangsamten, beschleunigten und festgefrorenen Bilder".
In Wahrheit geht es Peckinpah auch keineswegs um eine Zelebrierung oder Ästhetisierung von Gewalt an und für sich oder um Schockierung oder Ekelerregung beim Zuschauer (wie im Splatter-Genre) , sondern primär einfach um die realistische Darstellung. Hierbei darf man auch den Erzählzusammenhang der betroffenen Filme nicht ausser Acht lassen (hauptsächlich Western, die zu einer Zeit spielen, als die Zeit des goldenen Westens selbst schon lange Legende war). Diese sind überwiegend in Zeiten des Umbruchs angesiedelt, wenn die alte Gesellschaftsform am zerbröckeln ist und eine neue erst in undeutlichen Konturen sichtbar, wenn sich vertraute Werte auflösen, wenn Tradition, Ordnung und Vernunft zusammenbrechen. Ständiger Verlust an Bezugspunkten führt bei Peckinpahs Protagonisten, die sich gewöhnlich auf der Flucht, auf Verfolgungsjagden, Rachefeldzügen oder Strafexpeditionen befinden, zu Perspektivverlust, und Prinzipienlosigkeit, zu Vereinsamung und zu Zerstörungswut aufgrund ungebundener Antriebe. Mit hektischen Schnittfolgen versucht Peckinpah das Chaos einer Welt fühlbar zu machen, welches die Figuren in seinen Filmen aus ihrem inneren Gleichgewicht wirft.
Schnitt war für Peckinpah unverzichtbares Instrument der Gestaltung und Strukturierung eines Films. Nach Abschluss der Dreharbeiten begann für Peckinpah erst der Hauptteil seines kreativen Schaffens. Die Montage-Sessions im Schneideraum nahmen Monate in Anspruch. Das abgefilmte Material wurde zerstückelt, seziert, sortiert und entsprechend der Filmdramaturgie neu angeordnet , wobei die drei- bis vierstündigen Rohfassungen auf kinogerechte Zeitformate von etwa zwei Stunden zusammenschnurrten. Cutter Lou Lombardo, der zwei Filme Peckinpahs schnitt, beschrieb dessen Methode bei der Herstellung kürzerer Fassungen so: 'Er nimmt nur Teile der Sequenzen heraus, so dass ihre Essenz intakt bleibt'.
Neben der für ihn typischen Zeitlupe arbeitete Peckinpah mit Parallelmontage und Gegenschnitt-Folgen (vielfach zur Polarisierung von gegensätzlichen Charakteren), mit Zeitraffer, mit Wiederholungen und mit der Montage von Standfotos. Charakteristisch sind auch Sequenzen, die aus extrem vielen sehr kurzen Einstellungen zusammengesetzt sind. Auf die Spitze getrieben wird dies im Todesballett des Schlussmassakers von The Wild Bunch mit 352 Einstellungen in nur sechs Minuten und sieben Sekunden. Der ganze Film hatte schliesslich die ungewöhnlich hohe Zahl von mehr als 3600 Einstellungen, 'mehr als jeder andere Farbfilm, der je gedreht wurde' (Lombardo).
Kaum jemand kennt jedoch Peckinpahs Filme in ihrer ursprünglich vorgesehenen Fassung. Sie wurden verstümmelt und entstellt, gekürzt und aufgrund halbherziger Verleihstrategien der Öffentlichkeit kaum zugänglich gemacht (meist wohl mehr aus kommerziellen als aus ethisch-moralischen Gründen). So gehört es zur ureigenen Tragik seines Schicksals, dass er, der wie kaum ein anderer die schöpferischen Möglichkeiten von Schnitt nutzte, wie kein anderer unter den restriktiven Folgen von Schnitt zu leiden hatte.
So lag Peckinpah in ständigem Clinch mit Studios und Produzenten, was sich in der turbulenten Entstehungsgeschichte vieler seiner Filme wiederspiegelt. Angefangen beim mehrfachen Umschreiben der Drehbücher über Hangreiflichkeiten am Set und gefeuerte Mitarbeiter zog sich die Kette der Konflikte bis zu den folgenschweren Gefechten im Schneideraum, denen ganze Sequenzen zum Opfer fielen. Die Tatsache, zum Beispiel, dass bei Peckinpahs Pat Garret jagt Billy the Kid sechs(!) Cutter im Titelvorspann genannt werden, sagt da alles.
Peckinpah verlor im Kampf gegen das konformistische, an kurzfristigem Profit orientierte System der Filmproduktion Hollywoods die entscheidenden Schlachten um die Endmontage.
In seiner chaotischen Lebensweise, die durch wenig Schlaf einhergehend mit exzessivem Tabletten-, Alkohol- und Zigarettenkonsum gekennzeichnet war, ähnelte er zuletzt mehr und mehr den Outlaws seiner Filme und hauste die letzten Jahre nur noch in Wohnmobilen. Sam Peckinpah starb am 28. Dezember 1984 in Inglewood, Kalifornien.