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Wir befinden uns an der Weststrasse. Tamilischen Familien begegnet man dieser Tage eher selten. Eine andere Gruppe von Anwohnern ist dagegen oft präsent: Die chassidische Gemeinde: Männer mit Bärten, Frauen in Röcken und Kinder, die sich scheinbar ausschliesslich mit Fahrrad und Kickboard fortbewegen. In Kreis 2 und 3 wohnen ungefähr 5000 Anwohner, die Mitglied in einer der jüdischen Gemeinden Zürichs sind.
Die Weststrasse ist ein Paradebeispiel für Gentrifizierung – das ist kein Geheimnis. Beim Nachdenken über die Folgen der Gentrifizierung drängt sich die Frage auf: Ist die orthodoxe jüdische Gemeinde von der Gentrifizierung des Kreis 3 betroffen?
Die Agudas-Achim-Gemeinde hat ihre Synagoge an der Weststrasse. Die Gemeinde wurde 1912 gegründet, hat seit 1921 Beträume und eine Schule an der Liegenschaft eingerichtet, wo heute die Synagoge steht, welche 1960 eingeweiht wurde.. Überhalb der Synagoge ist eine Talmud-Schule eingerichtet.
Nur zwei der vier Zürcher jüdischen Gemeinden, die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich (IRG) und die Agudas-Achim-Gemeinde leben nach – von aussen betrachtet als überaus streng erscheinenden – traditionellen Regeln, und werden daher gelegentlich auch als ultraorthodox bezeichnet.
Kein Auto oder ÖV am Sabbat
Unsere Vermutung war, dass Wohnen an der Weststrasse den Mitgliedern der Agudas-Achim-Gemeinde in besonderem Masse wichtig ist, vielleicht noch mehr als anderen Anwohnern zuvor, die anfangs wegen den günstigen Wohnungen wegen hier lebten. Zum einen ist hier die Synagoge, das Zentrum der Gemeinde. Am Sabbat ist es nicht erlaubt, Autos oder ÖV zu benutzen. Somit hat die Nähe der Wohnung zur Synagoge schon allein praktische Gründe. Zudem befindet sich an der Weststrasse der nach eigenen Angaben grösste koschere Supermarkt der Schweiz: Koscher City. Auch im nahegelegenen Coop am Manesseplatz gibt es eine kleine koschere Abteilung. Mehrere jüdische Schulen, in denen neben dem Lehrplan des Kantons religiöse und kulturelle Inhalte vermittelt werden, befinden sich in der Gegend. Die Motivation der jüdischen Familien hier zu wohnen, unterscheidet sich also – das unterstellen wir – grundsätzlich von derjenigen der Yuppie-Fraktion.
Mit der Aufwertung durch Verkehrsberuhigung und Renovation, dem Eröffnen neuer (selbstdeklarierter) Szenelokale und der Vervielfachung hipper Kulturangebote geht ein struktureller Wandel einher und die Mieten steigen. Sind jüdisch-orthodoxen Anwohner vor diesem Hintergrund nicht ein wenig sauer auf die neue Schickeria ?
Drastischer formuliert, hat die jüdisch-orthodoxe Gemeinde weder den Lärm, noch die Abgase, noch die ladenlose Öde der alten Weststrasse gemieden, sondern dort eine für das religiöse Leben wichtige Infrastruktur aufgebaut. Kann sie nun in diesem Quartier bleiben, oder müssen Mitglieder von jüdischen Gemeinden in andere Quartiere ausweichen? Was hiesse das für den koscheren Lebensmittelladen, der wahrscheinlich auf seine im Sihlfeld ansässige Kundschaft angewiesen ist?
Mit unserer Recherche versuchten wir, einen Eindruck der aktuellen Situation im Sihlfeld zu gewinnen – was sich aber als schwieriger gestaltete, als wir erwartet hatten.
Schwierige Recherche
Zwei Dokumente der Stadtentwicklung über die Weststrasse erwähnen die Gemeinde als Anwohnergruppe nur am Rande; so wurde zum Beispiel bei einer Anwohnerbefragung von 48 Personen nur ein einziges Mitglied der Gemeinde berücksichtigt (vergleiche «Weststrasse im Wandel», Stadtentwicklung Zürich mit ZHdK und ZHAW, 2008). Nur Aussagen Dritter, zum Beispiel benachbarter Hauseigentümer und –verwalter sowie Quartiersexperten, finden sich in einer Analyse zu Renovationsbedarf und –vorhaben (vergleiche «Analysebericht zum Quartier Sihlfeld und der Weststrasse», Stadtentwicklung Zürich 2005). Dies sei einfach nicht die Stossrichtung der Analyse gewesen, betonte die Autorin auf unsere Nachfrage hin; zwar habe man auch Fragebogen an orthodoxe Hauseigentümer geschickt, über Religionszugehörigkeit wurden aber keine Daten erhoben.
Vom Geschäftsleiter des koscheren Supermarktes wurden wir mit unseren Fragen mehrmals vertröstet. Heute sei zu viel los, wir sollten nächste Woche wieder kommen, morgen, ein anderes Mal. Ein Mitarbeiter der Synagoge willigte zwar ein, telefonisch weiterzuhelfen, begegnete uns aber mit Misstrauen, und beantwortete kaum eine Frage. Im Gegenteil wurde er ob unserer Bemerkung, dass die Gemeinde wohl nicht der günstigen Wohnungen wegen im Kreis 3 lebe, sondern um der Synagoge willen, rundheraus sauer. Vielleicht dachte er, wir unterstellten der Gemeinde, dass sie sowieso reich genug sei, um sich das Quartier zu leisten; dabei hatten wir ja gerade die gegenteilige Frage stellen wollen. Das Thema sei zumindest in der Synagoge nicht diskutiert worden, da man sich vorwiegend zum Gebet dort treffe.
Keine Gespräche mit der Stadt
Klar, als positiv werde die neue Ruhe durch die Verkehrsberuhigung in der Weststrasse bewertet. Ein Dialog über die Quartiersentwicklung mit der Stadt Zürich sei seines Wissens nach nicht geführt worden. Ein Vertreter der Stadtentwicklung Zürich gab an, man habe vor der Verkehrsberuhigung den Kontakt zu Grundeigentümern gesucht und in diesem Zusammenhang auch «kurz Kontakt mit Vertretern der Gemeinde Agudas Achim» gehabt. Ein intensiver Dialog scheint sich daraus nicht ergeben zu haben. Warum das so ist, bleibt offen.
Ob es konkrete Fälle gibt, in denen Familien auf Grund steigender Mieten gezwungen sind, umziehen, liess der Mitarbeiter der Synagoge ebenfalls offen. In einem solchen Fall, so teilte man uns mit, könne die Gemeinde die Familien nicht direkt unterstützen. Die Gemeinde besitze auch keine eigenen Liegenschaften, deren Wohnungen sie bedürftigen Familien anbieten könnte.
Vakuum an Information
Ist Gentrifizierung hier kein Thema? Während der Recherche bemerkten wir, wie schwierig es ist, mit einem solchen Mangel an Informationen umzugehen. Die Zitate in Berichten der Stadtentwicklung klangen bestenfalls nach Klischees und offen von seinen Erfahrungen erzählen, wollte zunächst niemand.
Ein solches Vakuum an Informationen birgt die Gefahr, in Vermutungen und Spekulationen zu verfallen. Diese Einsicht gewannen wir leider ebenfalls in der Nachbarschaft, wo beispielsweise erzählt wurde, die jüdische Gemeinde habe grossen Einfluss auf die Entwicklung des Quartiers. Zum Glück glauben wir nicht an solche Verschwörungstheorien. Wir glauben aber auch nicht, dass Gentrifizierung kein Thema für die jüdische Gemeinde ist.
Unsere Hartnäckigkeit wurde schliesslich belohnt: Eine Mitarbeiterin des orthodoxen Supermarkts gab uns sehr bereitwillig und freundlich Auskunft. Natürlich, betonte sie, handele es sich um subjektive Eindrücke und Erfahrungen, doch half uns der Perspektivwechsel, die Situation besser einschätzen zu können.
Für den Laden habe sich nichts verändert. Die Stammkunden scheinen dem Supermarkt treu zu bleiben und nicht-jüdische Anwohner bevorzugten nach wie vor andere Läden. Jedoch sei sie in Sorge, man könne wegen der Aufwertung bald keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Das wäre für die jüdische Gemeinde einschneidend.
Es geht uns allen gleich
Sie spricht ebenfalls das Gerücht an, die Verkehrsberuhigung sei ein Zugeständnis an die jüdische Gemeinde. Es sei Blödsinn, dass der Einfluss der jüdischen Gemeinde solch ein Projekt stimulieren soll; die Stadt sei noch nie gross auf Anliegen aus der Gemeinde eingegangen. In der Tat scheint der offizielle Dialog stärker mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Gemeinden geführt zu werden. (Auf staatliche Anerkennung haben die beiden streng orthodoxen Gemeinden bislang verzichtet, da diese vorgängig Reformen erfordern würde).
Wir fragen uns, wie die Entstehung solcher Gerüchte vermieden werden kann. Durch grössere Transparenz und Offenheit seitens der ansässigen jüdischen Gemeinde? Durch mehr Dialogbereitschaft der Stadt? Wir haben unsere eigene Wissenslücke entdeckt, welche wir bis zu dieser Recherche wahrscheinlich mit vielen im Quartier teilten. Um sie aber zu schliessen, und die Hintergründe zu verstehen, mussten wir uns bemühen, und die Fortschritte waren klein. Da wäre es natürlich einfacher gewesen, das nächstbeste Gerücht am Treppenabsatz nachzuplappern und Bescheid zu wissen.
Und was ist nun los mit der Gentrifizierung? Vermutlich ergeht es den Mitgliedern der Gemeinde ebenso wie uns allen eben auch. Manche haben genug Glück oder Geld, um zu bleiben; andere werden sukzessive in weiter weg gelegene Quartiere ziehen. Uns scheint, als habe die Gemeinde auch nicht anders oder besser im Interesse ihrer weniger wohlhabenden Mitglieder verhandelt und vorausgeschaut, als die Stadt Zürich selbst.
Die Zeit wird zeigen, wie sich das Sihlfeld in Zukunft entwickeln wird; oder, um es mit dem Schlussatz des letzten, etwas ungehaltenen E-mail des Gemeindevertreters zu sagen:
«Was die Zukunft bringen wird, kann niemand im Voraus wissen. Viel Erfolg in Ihrer Arbeit. Ich bin erst wieder in 10 Tagen im Büro.»
Text: Laura Ermert & Rita Schubert, Ein Gespann aus Umwelt- und Erdwissenschaften, Bayern und Schwaben, kurz und lang.