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Pavillons in einer Grünanalage mit Pferderennbahn mitten in Mailand. Hier fand vor genau 100 Jahren Schulunterricht statt, der damals wie heute als vorbildlich bezeichnet werden kann. In Pavillons der öffentlichen Grünanlage «Parco Trotter» wurden im Sinne einer Gesundheitsfürsorge Kinder in einer Freiluftkolonie beschult. 1921 berichtet der Schularzt Alfredo Albertini in dem Buch «La scuola all’aperto e la colonia di cure naturali al Trotter» (Die Freiluftschule und die sanitären Kolonien im Parco Trotter), über diesen Unterricht. Angesichts der anhaltenden COVID19-Pandemie ist es aktueller denn je.
Sonnenbäder, Sport und Frischkost als Teil des Schulalltags
Die Freiluftkolonie «Parco Trotter» war der modernen Pädagogik, der sozialen Integration und der Gesundheitsfürsorge verpflichtet. Kinder des Proletariats im sozialistisch regierten Mailand sollten der frischen Luft und der Sonne ausgesetzt werden, Sport treiben, Frischkost erhalten und Schwimmen lernen – zur Anlage gehörte eines der ersten Mailänder Schwimmbassins. Sie sollten aber auch, wie dies von der zu Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommenen Reformpädagogik gefordert wurde, gemeinsam mit den Lehrpersonen im Freien Pflanzen und Tiere entdecken und bestaunen, anstatt sie nur in Büchern zu studieren. Genauso sollten Kinder schulische Fertigkeiten wie Zeichnen oder Schreiben nicht nur als repetitive Übungen, sondern als «authentische» Tätigkeiten in einem natürlichen Umfeld ausüben dürfen. Dies alles mit dem Ziel, die Kinder in medizinischer und pädagogischer Hinsicht in eine bessere Zukunft zu führen. Ein Auszug aus Alfredo Albertinis Bericht beschreibt die Ankunft der Kinder in der Kolonie:
Die Kinder wurden aus der ganzen Stadt mit Spezial-Trams herangefahren. Am Zielort wurden je nach medizinischer Notwendigkeit die verschiedenen Gruppen gebildet. Nachdem jede Gruppe den ihr zugewiesenen Ort bezogen hatte, bestand die erste Behandlung darin, die Kinder von Schuhen und allen überflüssigen Kleidungsstücken zu befreien, wonach die Betreuerinnen eine akkurate Hygienekontrolle vornahmen und die schmutzigen Kinder zum Waschen schickten. Alle Gruppen legten sich sodann barfuss und im Luftkur-Gewand (d.h. nur mit kurzer Badehose bekleidet) an die Sonne, woran sie sich nach einigen Tagen vollständig gewöhnten. Der ganze Körper kam so in direkten Kontakt mit der Luft, womit auf erzieherischem Weg die von überflüssigen Kleiderschichten fast völlig abgetötete natürliche Funktion der Haut in ihrer komplexen Funktionalität wieder ausgebildet wurde. («La scuola all’aperto e la colonia di cure naturali al Trotter», S. 10; Übersetzung WS).
Schrittweises Ende der Freiluftkolonie aufgrund des italienischen Faschismus
Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung unseres Fundstückes ergriff der Faschismus die Macht in Italien. Zwar wurde die Freiluftkolonie nicht direkt geschlossen, wurde aber 1928 in eine nach dem Prinzen Umbert von Savoien benannte «normale» Primarschule umgewandelt, in der die Freiluftaktivitäten zu einem reinen Mittel der körperlichen Ertüchtigung eines gesunden und robusten «faschistischen Menschen» wurden. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde es in der bis heute bestehenden Primarschule im Parco Trotter wieder möglich, an die ursprünglichen pädagogischen Ziele anzuknüpfen.
Weitere Informationen zu den italienischsprachigen Beständen der Sammlungen Pestalozzianum
Im Rahmen eines durch die Stiftung Pestalozzianum ermöglichten Projekts erforscht ein Team der Pädagogischen Hochschule Tessin die italienischsprachigen Bestände der Sammlungen Pestalozzianum. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.