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Der VPOD-Generalsekretär Stefan Giger erklärt die Altersvorsorge – Teil 4: Familienfreundliche AHV
1997 trat die 10. AHV-Revision in Kraft. Sie brachte – endlich – die Gleichstellung der Geschlechter in der AHV. Geschiedene Frauen profitierten vom Ehegattensplitting, Geringverdienende vom sogenannten Leuthy-Knick, der die Rentenskala in der Mitte nach oben biegt.
Bis 1996 war die Ehefrau in der AHV ein Anhängsel ihres Ehemannes. Berechnungsgrundlage für die Ehepaar-Rente war der Versicherungsanspruch des Mannes. Vor allem für geschiedene Frauen war das fatal: Nach der Scheidung wurde ihre Rente allein aufgrund ihrer eigenen Beiträge berechnet. Mütter, die jahrelang wegen der Kinderbetreuung nur ein reduziertes oder gar kein Lohneinkommen hatten, erhielten deshalb als geschiedene Rentnerin meist bloss das Minimum.
VPOD und Dreifuss
Die 10. AHV-Revision – ursprünglich angestossen übrigens vom VPOD, der am Kongress 1988 eine Volksinitiative beschloss, und umgesetzt von Bundesrätin Ruth Dreifuss – beseitigte diese Diskriminierung.
Mit folgenden Punkten:
- Individueller Rentenanspruch: Männer und Frauen haben heute je einen individuellen Rentenanspruch.
- Splitting: Während der Ehejahre werden die AHV-Beiträge beider Partner je zur Hälfte den beiden AHV-Konten gutgeschrieben. Wie Ehefrau und Ehemann die Erwerbs- und die Familienarbeit aufteilen, spielt keine Rolle.
- Erziehungsgutschrift: Während der Erziehungsjahre haben viele Familien ein reduziertes Familieneinkommen. Der eine oder der andere Partner oder beide reduzieren ihren Beschäftigungsgrad. Bei der AHV wird diese Einkommensreduktion ausgeglichen. Während der Jahre, wo Erziehungsverantwortung für mindestens 1 Kind unter 16 Jahren besteht, wird das für die AHV massgebende Einkommen um eine Erziehungsgutschrift aufgestockt (nämlich um virtuelle 42 300 Franken pro Jahr). Diese Erziehungsgutschrift wird während der Ehejahre ebenfalls gesplittet.
- «Geknickte» Rentenskala: Vor 1997 stieg die Rente zwischen Minimum und Maximum linear an. Mit der 10. AHV-Revision wurde die Rente im mittleren Bereich der Skala angehoben, die Skala nach oben geknickt. Und zwar bei einem massgebenden Einkommen von 42 300 Franken im Jahr. Von diesem – nach SGB-Sekretär Fritz Leuthy benannten – Leuthy-Knick (Grafik rechts) profitieren die Geringverdienenden. Der Betrag von 42 300 Franken entspricht übrigens der Erziehungsgutschrift – Alleinerziehende ohne Einkommen sind genau an dieser Stelle der Rentenskala zu finden; sobald sie ein Teilzeiteinkommen erzielen, selbst ein geringes, rutschen sie auf der Grafik nach rechts, in Richtung höhere Renten.
Die 10. AHV-Revision war einer der grössten Fortschritte in der Geschichte dieser Sozialversicherung. Zehntausende von geschiedenen oder alleinerziehenden Frauen erhielten oft massive Rentenverbesserungen. Auch unzählige Ehepaare mit bescheidenen Einkommen haben deutlich mehr als vorher. Seit der 10. AHV-Revision bedeutet eine Familienphase in der AHV keinen Verlust der Rentenansprüche mehr.
Zweite Säule versagt
Im Gegensatz zur AHV diskriminiert die zweite Säule die Frauen weiterhin. Wer wegen einer Familienphase die Beschäftigung und damit auch das Einkommen reduziert, spart weniger Alterskapital an. Dieses fehlt später, Folge ist eine tiefere Pensionskassenrente. Wer mit dem Einkommen unter 21 150 Franken pro Jahr sinkt, fällt ganz aus der zweiten Säule heraus – was Teilzeitbeschäftigte trifft. Die zweite Säule ist so konstruiert, dass lediglich Vollzeitbeschäftigte einen vollen Versicherungsschutz ansparen können. Familien mit einem reduzierten Familieneinkommen haben Renteneinbussen zu erwarten. Bei einer Scheidung wird nach heutigem Recht das Pensionskassenguthaben beider Partner für die Ehejahre je hälftig aufgeteilt – scheidende Frauen fahren also nicht schlechter als ihre Männer. Aber bei beiden Partnern sind im Alter tiefere Renten zu erwarten.
Demgegenüber ist die AHV eine familienfreundliche Versicherung. Die AHVplus-Initiative der Gewerkschaften verlangt einen Ausbau der AHV um 10 Prozent. Das ist echte Familienförderung!
Die 10. AHV-Revision hat die Situation der Frauen verbessert: Auch Erziehungsarbeit schlägt sich in der Rente nieder.