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cash: Frau Li Mafli, Sie sind in Peking aufgewachsen und leben nun seit über 20 Jahren in der Schweiz. In welchem Land fühlen Sie sich wohler?
Shasha Li Mafli: Die Schweiz ist ganz anders als China. Es gibt hier mehr Raum, mehr Privatsphäre. Auch der Lebensstil ist anders. Jeder verfolgt seine Routine, geht morgens zur Arbeit und kommt am Abend nach Hause zurück. In Asien hingegen kann jeder Tag völlig anders sein. Ich mag beides.
China ist über die Jahrzehnte schnell gewachsen. Nun befürchten viele Investoren eine Wachstumsverlangsamung. Die Prognosen für 2019 liegen noch bei ungefähr 6,5 Prozent Wachstum. Sind Sie besorgt?
China ist über dreissig Jahre extrem schnell gewachsen, jetzt beginnt eine neue Phase. Das Land geht in eine konsum- und servicegetriebene Gesellschaft über. Über die nächsten fünf bis zehn Jahre wird das Wachstum graduell auf 4 bis 5 Prozent runterkommen.
Es gibt Signale, dass der Handelskrieg zwischen den USA und China in den nächsten Wochen gelöst werden könnte. Gäbe das Chinas Wirtschaft einen zusätzlichen Schub?
Der Handelskrieg bringt Unsicherheit und wirkt sich meiner Meinung nach am stärksten auf das Sentiment der chinesischen Konsumenten aus. In diesem Jahr sehen wir bereits eine Verbesserung auf der Konsumentenseite, da sich eine Lösung abzeichnet. Aber auch wenn es einen Deal zwischen China und den USA geben wird, wovon wir ausgehen, wird es in den nächsten zehn Jahren immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern kommen.
Weshalb?
China will globaler Technologieführer werden und die USA als stärkste Wirtschaftsmacht der Welt ablösen. Die heutige Weltmarktführerin USA wird das aber nur sehr ungerne akzeptieren, daher wird es für China kein einfaches Unterfangen werden.
China hat sich das Wachstum über die letzten Jahre auch über Schulden finanziert. Das kann kaum eine gesunde Entwicklung sein?
China hat über die letzten zehn Jahre Schulden akkumuliert, weil man ursprünglich alles auf ein 10 bis 12 prozentiges Wachstum ausgerichtet hatte. Nun gibt es in gewissen Bereichen Überschusskapazitäten. Häufig sind dies staatliche Firmen, die nicht effizient wirtschaften. Sie halten ihre Kapazitäten aufrecht, verschulden sich aber, um dies tun zu können. Viele der Schulden gehören schlussendlich dem Staat. Der private Sektor hingegen ist in einem ziemlich gesunden Zustand.
Was wird gegen die staatlichen Schulden unternommen?
Die chinesische Regierung ist sich des Problems bewusst und behandelt dieses mit hoher Priorität. Man will die Schulden reduzieren. Was auch Sinn macht, denn der Schuldenberg hat in gewissen Bereichen ein Level erreicht, der nicht mehr nachhaltig ist.
China hat jüngst ein Konjunkturprogramm auf die Beine gestellt, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Ist der Effekt bereits spürbar?
Die Regierung ist gezielt das Problem des Finanzierungsdrucks von kleinen und mittelgrossen Firmen angegangen. Die Kreditkonditionen haben sich verbessert, in diesem Gebiet sind also definitiv Verbesserungen erkennbar. Seit April geniessen solche Firmen nun auch zusätzliche Steuererleichterungen. Das wird sich in der zweiten Jahreshälfte positiv bemerkbar machen.
Der chinesische Aktienindex CSI 300 hat im vergangenen Jahr 25 Prozent eingebüsst. Wo lag das Problem?
Die Korrektur war auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: der Handelskrieg, aber auch die Straffung der Geldpolitik in China und in den USA. Investoren sind für China-Aktien entweder zu euphorisch oder zu pessimistisch. Sie finden keine richtige Balance.
2019 geht es nun bereits 35 Prozent aufwärts mit dem chinesischen Aktienmarkt. Woher die plötzliche Wende?
In diesem Jahr hat sich alles umgedreht. Im Handelsstreit gibt es Verbesserungen, die chinesische Geldpolitik ändert ihren Ton, auch die fiskalische Unterstützung hilft. Der Markt antizipiert nun eine bessere wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2019.
In welchen asiatischen Ländern erwarten Sie in den nächsten Jahren das stärkste Wachstum?
Das stärkste Wachstum sehe ich in Vietnam und Indien. Auch Indonesien hat eine gute Demografie und kann ein höheres Wachstumslevel erreichen. Nehmen wir Vietnam: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf beträgt dort nur 2'500 Dollar, in China sind es im Schnitt 9’600 Dollar. Es ist viel einfacher, von einem tiefen Level aus zu wachsen also von einem hohen.
Aber diese Länder hängen auch stark von der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas ab?
Asiatische Länder sind in den letzten zehn Jahren tatsächlich abhängiger von China geworden und haben sich gleichzeitig etwas von den USA gelöst. Aber sie haben auch ihre eigene Dynamik. Für Vietnam ist China zwar ein wichtiger Handelspartner, aber das Land erhält auch Gelder von vielen anderen asiatischen Staaten. Grösste ausländische Investoren in Vietnam sind Südkorea, Japan und Singapur. China folgt erst danach.
Ihr Fonds 'Galileo Vietnam' setzt ganz auf den vietnamesischen Aktienmarkt. Wieso ist dieses Land für Investoren spannend?
Ich habe nach Ländern gesucht, die das enorme Wachstum Chinas kopieren können und bin in Vietnam fündig geworden. Das Land erinnert mich stark an das China vor 20 Jahren. An Vietnams Aktienmarkt sollten längerfristig 10 bis 12 Prozent Rendite pro Jahr drin liegen.
Aber das Anlagerisiko dürfte auch entsprechend hoch sein?
Vietnam ist ähnlich wie der chinesische Festlandmarkt stark von Privatinvestoren getrieben und ausserdem mit einer Gesamtkapitalisierung von 180 Milliarden Dollar noch sehr klein. Dadurch ist die Volatilität hoch. Die Aktienmarkt-Performance kann in einem Jahr 30 bis 40 Prozent betragen, dann aber wieder deutlich tiefer sein. Ausserdem besteht ein politisches Risiko. Vietnam ist ein zentralisiertes, kommunistisches Land, welches langsam die Wirtschaft öffnet. Ein politischer Umschwung könnte zu einem kurzfristigen Schock führen.
In welchen Sektoren Vietnams orten Sie derzeit das grösste Potenzial?
Wir mögen den Immobiliensektor. Mit der Urbanisierung und Industrialisierung wird der Bedarf nach Immobilien weiter zunehmen. Ausserdem ziehen die Menschen zunehmend vom Land in die Stadt und benötigen neue Wohnungen. Unsere grösste Position ist der Industrieparkanbieter Kinh Bac City Development. Thematisch gesehen widmet sich etwa 20 Prozent unseres Portfolios solchen Industrieparkanbietern. Viele Firmen sind günstig an Land gekommen und werden davon über die Zeit profitieren.
Gross ist auch Ihre Position bei der Masan Group, die im Konsumgüterbereich tätig ist. Was spricht für diese Firma?
Jeder vietnamesische Haushalt hat Fischsaucen in der Küche. Ursprünglich wurden diese auf der Strasse gekauft, inzwischen setzt man vermehrt auf Markenprodukte. Davon profitiert Masan Group, die mit einem Marktanteil von über 50 Prozent führend ist bei den Fischsaucen. Die Firma verkauft auch sehr erfolgreich Nudeln, Mineralwasser und andere Konsumgüterprodukte.
Sie managen daneben auch den 'Galileo Asia Fund', mit Schwerpunkt auf chinesische Aktien. Sie setzen hier mehrheitlich auf Industrieaktien. Was macht diesen Sektor spannend?
Unsere Industriefirmen im Portfolio setzen sich aus den drei Teil-Bereichen Tourismus, Infrastruktur und Logistik zusammen. Vor allem bei chinesischen Lieferfirmen aus dem Bereich der Logistik orten wir grosse Opportunitäten. Dieser Sektor weist dank stark ansteigenden Internetverkäufen Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich auf und dürfte sich über die nächsten Jahre stark konsolidieren. In den USA kontrollieren heute zwei grosse Lieferfirmen den Markt, FedEx und UPS. In China gibt es noch etwa deren zehn. Derzeit ist ZTO Express der grösste chinesische Player mit 16 Prozent Marktanteil, dieser soll in den nächsten drei Jahren aber über 20 Prozent ansteigen.
Gibt es auch Sektoren in China, die Sie meiden?
Wir mögen derzeit chinesische Banken, Immobilien und gewisse Bereiche der 'Old Economy' nicht. Wir sehen diese nicht als künftige Wachstumstreiber Chinas und versuchen sie daher möglichst zu umgehen. Wir investieren stattdessen in den Service- und Konsumgüterbereich, der stark anwachsen wird.
Shasha Li Mafli ist Senior Portfolio Mangerin und Asienexpertin beim Schweizer Vermögensverwalter Bellecapital in Zürich. Sie leitet den "Galileo Asia Fund" seit 2007 und den "Galileo Vietnam Fund" seit 2018. Aufgewachsen ist Li Mafli in China, ihr Master in Betriebswirtschaft schloss sie an der Unversität Genf ab. Seit 2004 ist sie in der Schweizer Finanzbranche tätig.