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Investigation Award Wie Holcim in Serbien ungestraft die Luft verseucht
Milorad Ivanović, Serbien, 30. Juni 2021
«Wir können hier kaum mehr atmen», klagt Jovan Ignjatović, während er eine zentimeterdicke Staubschicht vom Tisch wischt. «Das hat sich seit gestern angesammelt», sagt er. Sein Haus steht direkt gegenüber der Zementfabrik. Der ganze Ort ist in eine dicke Rauchwolke gehüllt. Die Leute hier sagen, es ist gefährliches Gift. Die Fabrikleitung sagt, es ist harmloser Wasserdampf.
In Beočin leben rund 7000 Menschen. Das Industriestädtchen liegt am Fuss der Fruška-Gora-Berge und anderthalb Autostunden von der Hauptstadt Belgrad entfernt. Die Zementfabrik wurde 2002 vom französischen Lafarge-Konzern gekauft, der 2015 mit Holcim zu LafargeHolcim fusionierte. Wie im Mai bekannt wurde, heisst der weltgrösste Baustoffproduzent künftig nur mehr Holcim Ltd. und verlegt seinen Hauptsitz ins Steuerparadies Zug.
Die Zementfabrik von Beočin war schon vor der Übernahme durch Lafarge eine der grössten Dreckschleudern im 2008 endgültig aufgelösten Ex-Jugoslawien. Doch der kurz nach dem Kauf getroffene Entscheid des Managements, die Öfen statt mit Naturgas mit dem viel billigeren und dreckigeren Petrolkoks zu betreiben, verschlimmerte die Situation nochmals beträchtlich. Petrolkoks ist ein Abfallprodukt aus Ölraffinerien, dessen Verbrennung extrem hohe Temperaturen, aber auch grosse Mengen an Mikropartikeln, Schwefeldioxid und Russ erzeugt.
Ein Blick zurück
1839 nahm die erste Zementfabrik in Beočin den Betrieb auf. Mit Produkten aus diesem Ursprungswerk wurde unter anderem jene berühmte Brücke in Ungarn gebaut, die Buda mit Pest verbindet.
1946 wurde die Anlage verstaatlicht und stetig vergrössert. In Jugoslawien wurden die boomende Zementfabrik und die sie umgebende Stadt schnell zu kommunistischen Erfolgsmodellen.
Nach dem Untergang des Milošević-Regimes 2002 privatisierte die neue demokratische Regierung auch diese Industrie-Ikone und verkaufte sie an den französischen Lafarge-Konzern.
Seit 2018 verbrennt Holcim auch medizinischen Abfall
Die zwei Nachbarländer Slowenien und Kroatien, beides EU-Mitglieder, haben diesen Brennstoff aus Umweltschutzgründen in der Zementproduktion verboten. Holcim hingegen ging noch einen Schritt weiter und entsorgt seit 2011 in den Brennöfen seiner Anlage auch den gesamten Haushaltsmüll der Gemeinde. 2018 erhielt die Fabrik zudem die Erlaubnis zur Verbrennung von medizinischem Abfall, Autoreifen und Plastik.
Am 21. November 2019 stattete das Provinzinspektorat für Umweltschutz der Zementfabrik einen Besuch ab.
Die Prüfung der Luftemissionen ergab für manche gesundheitsschädlichen Substanzen eine massive Überschreitung des gesetzlichen Grenzwerts.
Der uns vorliegende Bericht des Inspektorats ging direkt an die zuständige Staatsanwaltschaft. Anderthalb Jahre danach ist jedoch weiter ungewiss, wann ein Verfahren gegen Holcim eröffnet wird. Und ob überhaupt.
Die Umweltbehörde hat alle für den Zeitraum vom 31. August bis zum 21. November 2019 verfügbaren Daten ausgewertet. Demnach überschritt der 62-mal erfolgte Ausstoss an Wasserstoffchlorid (HCI) im September den zugelassenen Grenzwert um 200%. Im Oktober emittierte die Fabrik neben Wasserstoffchlorid auch 847-mal Schwefeldioxid (SO2), Ammoniak (NH3) und Stickstoffoxid (NOx) in Mengen, welche ebenfalls 200% über der jeweiligen gesetzlichen Schwelle lagen. Im November lagen diese Werte noch etwas höher.
Umweltbehörde forderte von Holcim Behebung der illegalen Situation
In diesen knapp drei Monaten wurden laut Inspektorat rund 963 Tonnen Abfall verbrannt, der zwar als gefährlich klassifiziert, aber nicht besonders behandelt wurde. Der Untersuchungsbericht hält fest, dass von Holcim sofortige Massnahmen zur Behebung der illegalen Grenzwertüberschreitungen verlangt werden. Auf der letzten Seite des Berichts steht zudem, dass wegen dieser illegalen Praktiken offiziell Klage beim zuständigen Gericht eingereicht werden soll. Konfrontiert mit den Resultaten dieses Berichts sagt eine Sprecherin von Holcim Serbien, «wir haben den damaligen Entscheidungen und Empfehlungen der Behörden Folge geleistet». Was das genau heisst, wollte sie nicht ausführen. Und: «Von einem juristischen Verfahren wissen wir nichts.»
Für Zlatko Todorčevski, einen Umweltaktivisten aus Beočin, sind der Untersuchungsbericht und die angebliche Klage «ein politisches Ablenkungsmanöver». «Die spielen doch alle nur Theater», meint er. Und erzählt von «sehr plausiblen Gerüchten», dass die Prüfung der Holcim-Fabrik bloss eine Reaktion auf den zunehmenden Druck chinesischer Betreiber anderer Fabriken war, die berüchtigt sind für ihre Umweltverschmutzungen in Serbien und dafür – im Gegensatz zur europäischen Konkurrenz – von den Medien auch regelmässig kritisiert werden. «Die Behörden wollten bloss zeigen, dass sie auch Holcim auf dem Radar haben, an der Situation ändern wollen sie aber nichts.»
In Serbien, wird ein Teil des Abfalls seit Jahren via Zementfabriken entsorgt – offiziell aus rein ökologischen Gründen, doch Umweltverbände bezweifeln das. Ein Vertreter von «Spasimo Beočin» (Retten wir Beočin) sagt, die Luftfilter der Holcim-Öfen seien für Zementstaub gebaut, aber nicht für die Toxine, die bei der Verbrennung gefährlicher Abfälle entstehen. «Die behaupten, durch die hohen Temperaturen würden alle schädlichen Substanzen zerstört, doch das stimmt nicht.» Spasimo Beočin ist eine Vereinigung besorgter Bürger*innen, die seit 2015 aktiv ist. Die Mitglieder der Organisation agieren nicht öffentlich, ihre Namen sind unbekannt. Und sie wollen, dass das so bleibt. «Wir befürchten sonst Repressionen. Viele von uns arbeiten für die Firma, andere haben Verwandte oder Freunde, die dort ihr Geld verdienen», begründet der Holcim-Kritiker seinen Wunsch nach Anonymität.
Umweltgesetze nach dem Gusto ausländischer Konzerne
Seit seinem Einstieg in Serbien geniesst Holcim die volle Unterstützung der lokalen und nationalen Behörden, denen die Interessen ausländischer Grossinvestoren immer schon wichtiger waren als jene der Natur und der Bevölkerung. Das spiegelt sich auch in den Umweltgesetzen, bei deren Ausarbeitung die Anliegen von Unternehmen wie Holcim genau Gehör finden, meint der Vertreter von Spasimo Beočin.
«Dass diese Zementfabrik vermutlich gegen keine staatliche Regulierung verstösst, ist der eigentliche Skandal und unsere grösste Tragödie.»
Goran Vučićević ist ein Umweltaktivist aus dem nahegelegenen Novi Sad und ebenfalls empört über den politischen Freipass für Holcim. Er beobachtet deren Werk in Beočin schon lange und meint, dass dort heute mehr Geld mit Abfallverbrennung als mit Zementproduktion verdient wird. Laut seinen Berechnungen werden jährlich um die 10’000 Tonnen Autoreifen entsorgt – für 3600 serbische Dinar (CHF 34) die Tonne, vom Staat bezahlt. «Holcim erhält also 36 Millionen Dinar an staatlichen Steuergeldern dafür, dass es das Land und jene Leute vergiftet, die diese Steuern bezahlen», sagt Vučićević.
Als die Zementfabrik vor bald 20 Jahren privatisiert wurde, hatte sie noch über 2000 Angestellte, die zumeist auch in Beočin lebten. Heute sind es nur noch ein paar Hundert. «Die Führungskräfte der Firma und wer es sich sonst leisten konnte sind längst weggezogen», sagt der Vertreter von Spasimo Beočin. Nach der kürzlich eingeführten Sondermüllverbrennung sei nun auch der letzte Manager geflohen. So wird der einst blühende Industriestandort immer mehr zur Geisterstadt.
Verfallenes Schloss in zerfallender Stadt
Der Deutsche Eduard «Ede» Spitzer war einer der ersten Mitbesitzer der Zementfabrik von Beočin. In den 1880er-Jahren liess er vom Architekten Imre Steindl, der auch das pompöse ungarische Parlamentsgebäude in Budapest entworfen hat, ein Wohnschloss für sich und seine Familie bauen.
1941 zogen die Spitzers zurück nach Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss ebenso verstaatlicht wie die Zementfabrik und danach als Bibliothek, Sitz von Nichtregierungsorganisationen und Restaurant genutzt.
Filmregisseure wie Brian Hutton oder Emir Kusturica nutzten das pittoreske Anwesen als Drehort. Seit über zehn Jahren verfällt das Spitzer-Schloss und wird so – nach der Boom-Zeit – wieder zum Symbol seiner Stadt.
Von den Dutzenden besonders stark betroffenen Anwohnern übt nur Jovan Ignjatović öffentlich Kritik an den Betreibern der Zementfabrik. Der Grund: «Ich bin schlicht zu alt, um noch Angst zu haben. Unsere Freunde und Verwandte sollen weiter dort arbeiten können, aber sie müssen endlich aufhören, uns zu vergiften», fordert er und füttert seine Hühner, während sich neue Staubwolken aufs Gelände legen. Gemeinsam mit seinen Nachbarn hat er zahllose Beschwerden eingereicht – bei der Fabrik, der Umweltbehörde und der Gemeinde. Holcim zahlte ihnen nach einigem Hin und Her eine inoffizielle Entschädigung von knapp 800 Franken, das war’s. «Was soll ich mit diesem Geld? Früher war mal die Rede von 12’000 Franken für eine Umsiedlung, doch daraus wurde nichts.»
Holcim bestimmt selber Labor und Zeitpunkt des Audits
Wie die meisten Menschen in Beočin will auch Ignjatović nicht, dass ihre Existenzgrundlage das gleiche Schicksal ereilt wie Holcims Zementfabrik in Slowenien, welche 2015 aus Umweltschutzgründen schliessen musste. Im EU-Mitgliedsland musste der Konzern seine Emissionen regelmässig überprüfen und die Resultate veröffentlichen. In Serbien hingegen ist er gesetzlich nur dazu verpflichtet, seine Abluft zwei Mal jährlich auf hochtoxische und krebserregende Substanzen wie Furan und Dioxin zu testen. Zudem kann Holcim nicht nur das Labor, welches die Proben entnimmt und auswertet, selbst bestimmen, sondern auch den Zeitpunkt, wann dies geschieht.
«An den betreffenden Tagen reduzieren sie den Ausstoss an Toxinen und steuern so die Resultate der Messungen», klagt unser Gewährsmann von Spasimo Beočin. Der oben erwähnte Zlatko Todorčevski fordert entsprechend eine unabhängige Aufsicht wie in Slowenien: «Dass sich die serbische Zementindustrie selbst kontrollieren darf, ist absurder als manche Zustände in Afrika und steht in krassem Widerspruch zu allen zivilisierten Standards, sicher auch denen der Schweiz.»
Sein Vorbild ist Uroš Macerl, der gegen ähnliche Umweltvergehen eines Holcim-Werks in seiner slowenischen Heimatstadt Trbovlje gekämpft und gewonnen hat. Dies allerdings zum Preis einer Fabrikschliessung, welche die Aktivist*innen in Beočin unbedingt verhindern wollen. «Ohne die öffentlich zugänglichen Emissionsdaten hätten wir keine Chance gehabt», sagt der Biobauer, dessen Hof ganz in der Nähe der 2015 stillgelegten Zementfabrik steht. Für diesen Erfolg, der freilich zu grossen Arbeitsplatzverlusten führte, wurde er 2017 mit dem renommierten amerikanischen Goldman Environmental Prize ausgezeichnet.
Ein weiteres wichtiges Beweismittel war damals eine Studie des onkologischen Instituts von Ljubljana, die bei Anwohner*innen der Zementfabrik ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko im Vergleich zur slowenischen Durchschnittsbevölkerung dokumentierte. Ähnliche Beobachtungen machte der Kinderarzt Ilija Vukadinović in seiner westserbischen Heimatgemeinde Kosjerić, wo die belgische Titan-Gruppe ein anderes Zementwerk betreibt. Vukadinović stellte als Mitglied der lokalen Eko-Gruppe bereits 2005 fest, dass «die von Titan verursachte Luftverschmutzung verantwortlich für die im nationalen Vergleich deutlich erhöhte Zahl von Lungenkrebs und anderen Atemwegserkrankungen bei Kindern und Erwachsenen ist».
Keine offiziellen Gesundheitsdaten, aber erhöhte Krebssterblichkeit
Für Beočin gibt es keine offiziellen Gesundheitsdaten; angefragte Ärzt*innen wollten keine Einschätzung abgeben. Verfügbar sind nur Angaben vom serbisch-orthodoxen Friedhof des Städtchens. Von den 99 dort zwischen 2017 und 2019 beigesetzten Personen starben 27 (= 27,3%) an Krebs. Im Jahr 2018 waren es sogar 36%. Der serbische Durchschnitt lag im gleichen Zeitraum bei 21%.
Spasimo Beočin hat auf Facebook zwar über 3000 Follower. Zu Strassenaktionen oder anderem öffentlichem Protest ist es in der Kleinstadt wegen der Angst vor Repressionen und einer Fabrikschliessung bislang trotzdem nicht gekommen. Die Holcim-Kritiker*innen stecken also in einem Dilemma. Das stösst bei den (zumeist sehr jungen) Aktivist*innen aus Kosjerić auf Unverständnis. Kein Wunder, schliesslich haben sie die Titan-Gruppe mit genau diesen Mitteln vor 15 Jahren schon zur Verpflichtung gezwungen, keine gefährlichen Abfälle mehr zu verbrennen. «Wir hingegen konnten noch nicht mal 20 Unterschriften für eine Petition zusammenbringen», erzählt der anonyme Sprecher von Spasimo Beočin. «Alle fürchten um ihre Jobs, was ich für begründet halte. Ohne das Holcim-Werk würde unsere Stadt von der Landkarte verschwinden. Statt sich endlich zu wehren, lassen sich die Leute deshalb lieber vergiften.»
Investigation Award
Der Autor dieses Textes, Milorad Ivanović, ist leitender Redaktor im Belgrader Büro des «Balkan Investigative Reporting Network» (BIRN), einem Zusammenschluss von Medienschaffenden und NGOs mit regionaljournalistischem Fokus und Mitgliedern in sechs Ländern. Finanziert wurde das Rechercheprojekt in Beočin durch den Investigation Award von Public Eye, den Milorad Ivanovic bereits im Frühjahr 2020 gewonnen hatte. Dass das Resultat jetzt erst erscheint, ist Verzögerungen geschuldet, die durch Corona bedingt sind. Die dritte Ausschreibung unseres Preises, mit dessen Hilfe fragwürdige Auslandspraktiken von Schweizer Firmen aufgedeckt werden, ist für Ende 2022 geplant.