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Niklaus Emanuel Tscharner (1727-1794) war Mitglied einer alteingesessenen Patrizierfamilie von Bern und zeichnete sich aus als Ökonom und Magistrat. Er wurde 1764 in den Grossen Rat gewählt und begann damit seine Ämterlaufbahn im Dienst der Stadt und Republik Bern. Das Los bestimmte ihn 1767 zum Obervogt nach Schenkenberg im damaligen Berner Aargau und die sechs Jahre in diesem Amt gehörten wohl zu den fruchtbarsten Phasen seines Lebens.
Der Berner Staatsarchivar Karl Wälchli beschreibt Tscharner wie folgt 1):„Tscharner war vierzigjährig, als er seinen Auftritt im Schloss Wildenstein hielt. Er hatte sich in der Ökonomischen Gesellschaft von Bern einen Namen gemacht, galt als ein besonderer Kenner in Fragen der Waldwirtschaft und als Vorkämpfer für die Steigerung des Ertrags von Landwirtschaftsbetrieben durch rationelle Bewirtschaftungs-methoden.“
Sofort nach der Amtsübernahme machte er sich daran, sein Amt - wie wir heute sagen würden - einer demographisch-ökonomischen Analyse zu unterziehen. Frucht dieser Analyse ist die «Physisch-ökonomische Beschreibung des Amtes Schenkenberg», eine über 100 Seiten und sechs Tabellen umfassende Abhandlung, die 1771 in den Schriften der Ökonomischen Gesellschaft von Bern veröffentlicht wurde.
Tscharners Einfluss auf die Landwirtschaft
In diesem Bericht wird die Bevölkerung von Tscharner als „stark, gesund, ungeschickt, der arbeit gewohnt, dem landbau ergeben“ beschrieben, der Geist entsprechend „roh, eingeschränkt, einfältig“ und das Herz „aufrichtig, gelassen, gleichgültig“. Die Armut mache den Charakter noch leichtsinniger und das wiederum sei „das stärkste Hindernis zur Äufnung seiner Kenntniss, zur Verbesserung seiner Umstände“. Das Hauptproblem war also die Armut und ihre Ursachen.
Im Anhang des Berichtes von Tscharner wird für jedes der 9 Kirchspiele im Amt Schenkenberg die Anzahl Feuerstellen bzw. Haushalte aufgeführt, die Anzahl Männer, Frauen, Kinder, deren Alter und Zivilstand und ob es sich um Waisen, Arme, „Elende von mittleren Jahren“ oder Alte handelt. Weitere Tabellen enthalten Angaben zu den Handwerksleuten, des Viehbestandes und Gütern wie Häuser, Wiesen, Äcker und Reben.
Dazu meint Staatsarchivar Karl Wälchli: „Gestützt auf diese Analyse versuchte der neue Obervogt die materiellen Grundlagen der Bevölkerung, die vor allem im Reb- und Ackerbau tätig war zu verbessern. Nach Auffassung der Agrarreformer bildete der Gemeinbesitz an Allmenden und der «gemeine Weidgang» das Haupthindernis für eine bessere Nutzung der landwirtschaftlichen Bodenfläche. Nach rund dreijähriger Arbeit hatte Tscharner in allen Gemeinden die Zustimmung für eine neue Ordnung erwirkt.“
Tscharners Datenquellen
Wie aber kam Tscharner zu den detaillierten Informationen über die Bevölkerung? Mindestens ein Teil dieser Daten wurde vom Dorfpfarrer erhoben, ein Beispiel dafür ist das „Haus Besuchungs Rodel“ der Kilchhöri Elfigen, für die drei Dörfer Bözen, Effingen und Elfingen. Dieses Rodel befindet sich im Pfarrachiv Bözen.
Wie der folgende Auszug zeigt, handelt es sich dabei um eine Momentaufnahme aller Bewohner der drei Gemeinden zu dieser Zeit mit umfangreichen Zusatzinformationen, wie Geburtsdatum, Aufenthaltsort der Personen (z.B. in fremden Kriegsdiensten) und Familienübernamen, die zum Teil heute noch in Gebrauch sind. Aufgeführt sind 116 Häuser, 187 Haushaltungen und 967 Einwohner.
Für den Familienforscher ist dies eine äusserst wertvolle zusätzliche Quelle zur Validierung und Ergänzung von Daten in den Kirchenbüchern. Nebst den Familien die vor 1800 in den drei Gemeinden eingebürgert waren (siehe Famliennamenbuch der Schweiz), sind folgende Familiennamen verschwunden: Keller, Nägeli, Ott, Riniker, Schmid, Spengler, Spillmann, Vogt, Wägli.
Die Erhebung von Pfarrer Johann Stäbli von 1767-1769 wurde transkribiert und ist auf Anfrage als PDF Datei erhältlich vom Author.
Die Residenz des Obervogtes
Schloss Wildenstein in Veltheim, ehemaliger Wohnsitz der Obervögte von Schenkenberg ist heute in Privatbesitz und wurde kürzlich renoviert.
Quellen:
1): Der bernische Landvogt im Aargau, am Beispiel von Obervogt Niklaus Emanuel Tscharner von Schenkenberg, 1919, Karl. F. Wälchli (1991)