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Die Ethik ist eine philosophische Disziplin, die sich mit der Bewertung menschlichen Handelns auseinandersetzt. Im Allgemeinen geht es in der Ethik um die Frage, was man in bestimmten Fällen oder Situationen tun soll oder nicht tun soll. Darf man zum Beispiel seinen Nachbarn anlügen? Ab wann kann man ein Versprechen brechen? Oder darf man einen Menschen umbringen, um fünf weitere zu retten?
Ethikerinnen und Ethiker versuchen Antworten auf diese Fragen zu finden. Eine Frage, die sich bei der Suche nach diesen Antworten stellt, ist, welche Dinge, Phänomene oder Aspekte unserer Welt eine Rolle bei ethischen Überlegungen spielen sollten oder nicht. Um eine gute Physikerin zu werden, muss man nicht viel von Politik oder Wirtschaft verstehen, da die Physik an sich nichts mit Politik oder Wirtschaft zu tun hat. Umgekehrt braucht der Wirtschaftler nicht viel von Physik oder Chemie zu wissen, um ein guter Wirtschaftler zu sein. Aber was muss man wissen, um gute Ethik betreiben zu können? Was gehört alles zur Ethik? Was gehört nicht dazu?
Im Rahmen seines Forschungsprogramms „The Shared World. On the Power and Limits of Empathy“ untersucht Manuel Camassa die Frage, inwiefern Ethik und Empathie miteinander zusammenhängen. Ist Empathie etwas, das an sich etwas mit Ethik zu tun hat? Oder kann man auch gut Ethik betreiben, ohne über Empathie nachdenken zu müssen?
Was ist Empathie?
Mit Empathie ist im Allgemeinen ein Einfühlungsvermögen gemeint. Dank der Empathie können wir uns in ein Gegenüber einfühlen und so die Gefühle, Emotionen oder Befinden dieses Gegenüber am eigenen Körper erfahren. Wenn zum Beispiel ein Freund von uns seinen Lebenspartner verliert, dann können wir mit ihm den Schmerz des Verlustes fühlen, selbst wenn wir seinen Lebenspartner nicht persönlich kannten.
Camassa hat beobachtet, dass die Empathie ein Forschungsgegenstand verschiedener Wissenschaften geworden ist. So beschäftigen sich unter anderem Soziologen, Psychologen, Neurowissenschaftler, Biologen und Anthropologen mit dem Thema der Empathie. Da der Begriff der Empathie nicht in allen Disziplinen gleich verwendet wird, macht Camassa es sich zur Aufgabe, die verschiedenen Begriffe zu untersuchen und versucht so, die Rolle der Empathie in der Ethik zu klären.
Ist mehr Empathie gut für die Gesellschaft?
Da es in der Ethik um die Bewertung von Handlungen geht, stellt sich oft die Frage, wie man Menschen dazu bringen kann, sich moralisch besser zu verhalten. Eine Idee, die von namhaften Persönlichkeiten wie Barack Obama, Papst Franziskus oder Dalai-Lama vertreten wird, ist, dass Menschen mit mehr Empathie eher dazu animiert sind, dass Richtige zu tun, als Menschen mit wenig Empathie. Ist es zum Beispiel nicht ein Mangel an Empathie, der uns die Obdachlosen auf den Strassen ignorieren lässt? Würden wir uns nicht besser zu Hilfsbedürftigen verhalten, wenn wir mehr Empathie mit Ihnen hätten? Man könnte daher argumentieren, dass Empathie eine positive Wirkung auf unsere Gesellschaft hat, weil wir durch mehr Empathie zu besseren Menschen werden.
Mehr noch, man könnte zusätzlich argumentieren, dass Empathie grundlegend für moralisches Verhalten ist. Das bedeutet, dass es nicht nur ein positiver Nebeneffekt von Empathie ist, moralisches Verhalten zu fördern, sondern auch, dass moralisches Verhalten ohne Empathie unvorstellbar wäre. Gäbe es keine Empathie, so das Argument, dann gäbe es auch keine Motivation, sich moralisch zu verhalten. Ein veranschaulichendes Beispiel für dieses Argument ist die Art und Weise, wie Hilfsorganisationen um Spenden werben. Hilfsorganisationen zeigen oft Bilder und Filme von notleidenden Menschen. Diese Bilder und Filme wecken die Empathie in uns und motivieren uns, mehr Geld für diese notleidenden Menschen zu spenden. Würde man aber auch spenden, wenn man statt Bilder oder Filme nur Statistiken oder sachliche Informationen sehen würde? Es scheint, dass Empathie eine Triebfeder für moralisches Verhalten darstellt.
Probleme mit der Empathie
Allerdings gibt es auch Kritik an diesen Argumenten. Camassa selbst bemerkt, dass, wenn man der Empathie eine zu grosse Rolle in der Ethik einräumt, es zu Probleme kommen kann.
Ein Problem besteht darin, dass Empathie beeinflussbar und manipulierbar ist. Mit wem wir empathisieren und mit wem nicht, kann ganz davon abhängen, wie die Medien über ein Ereignis berichten (oder ob sie überhaupt über ein Ereignis berichten). So schreibt Camassa zum Beispiel, dass die empathische Reaktion zu den Terroranschlägen in Paris (2015)1 wesentlich grösser war, als die empathische Reaktion zu den Terroranschlägen in Beirut (2015)2. Wäre es angesichts der Beeinflussbarkeit und Manipulierbarkeit der Empathie vielleicht nicht besser, wenn man das Phänomen der Empathie in der Ethik ausblenden würde?
Ein weiteres Problem besteht darin, dass Empathie parteiisch oder voreingenommen zu sein scheint. Camassa deutet darauf hin, dass es uns wesentlich leichter fällt, mit attraktiven oder uns ähnlichen Personen zu empathisieren, als mit fremden Personen, die unterschiedliche Ansichten teilen oder einen anderen ethnischen, religiösen oder sozialen Hintergrund haben, als wir. Sollten wir aber nicht nur jene gut behandeln, mit denen wir empathisieren, sondern auch jene, die es verdient haben, gut behandelt zu werden? Ist es möglich, dass es Menschen verdient haben, gut behandelt zu werden, auch wenn wir persönlich nicht so einfach mit ihnen empathisieren können?
Noch ein weiteres Problem besteht darin, dass wir gut mit einzelnen oder wenigen Individuen empathisieren können, aber nicht mit vielen Menschen gleichzeitig. Wir können zum Beispiel mit einem Flüchtling empathisieren, der von einem Kriegsgebiet geflohen ist, aber können wir auch mit einer ganzen Ethnie empathisieren, wie zum Beispiel mit der Rohingya, einer Ethnie in Myanmar, die zahlreichen Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt ist?3
Was soll man angesichts dieser Probleme über die Beziehung zwischen Ethik und Empathie sagen? Soll man das Thema der Empathie in der Ethik ignorieren, so wie die Physikerinnen in ihrer Forschung das Thema der Politik ignorieren? Oder lassen sich diese genannten Probleme vielleicht überwinden, so dass es schlau wäre, wenn sich Ethikerinnen und Ethiker mehr mit dem Thema der Empathie befassen würden? Gibt es vielleicht einen Mittelweg, bei dem der Empathie eine gewisse Wichtigkeit in der Ethik zugestanden wird, wobei aber auch Grenzen für die Rolle der Empathie in der Ethik aufgezeigt werden?
Diese Fragen und mehr versucht Manuel Camassa in seinem Forschungsprojekt zu beantworten.
Möchten Sie mehr über dieses Thema und über Manuel Camassas Forschungsprojekt erfahren?
Mehr Informationen über das Forschungsprojekt „The Shared World. On the Power and Limits of Empathy“ finden Sie auf der folgenden Webseite der Universität Luzern: https://www.unilu.ch/fileadmin/universitaet/unileitung/dokumente/dies_academicus/2017/Forschungsprojekt_Manuel_Camassa.pdf
Das akademische Profil von Manuel Camassa finden Sie hier: https://www.unilu.ch/fakultaeten/ksf/institute/philosophisches-seminar/mitarbeitende/manuel-camassa-ma/#c56277