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Die US-amerikanische Autorin Lydia Davis ist am 23. Mai 2013 in London mit dem Man Booker International Prize geehrt worden. Ein Blick in die Welt ihrer «short short stories».
Irgendwie gibt es da eine Verbindung: Die 65-jährige Lydia Davis ist in den USA als preisgekrönte Übersetzerin wortgewaltiger Autoren wie Marcel Proust und Gustave Flaubert bekannt, andererseits verfasst sie Kurzgeschichten, die oft nur wenige Zeilen umfassen. Die Verbindung zwischen diesen verschiedenen Enden der Literatur könnte sein: Sie hat wenig Zeit, weil die französischen Herren so viel schrieben.
Ihrem Roman «Das Ende der Geschichte» von 1995 (deutsch 2009) wehte mässiger Applaus hinterher. Allerdings: Seit sie 1986 einen eher eingeweihten Kreis mit «Break It Down» begeisterte, hören die Lobeshymnen für ihre äusserst knapp gearbeitete Kurzprosa nicht auf. Nun ist Lydia Davis, deren Vater Literaturkritiker und Englischprofessor war und deren Mutter bereits Kurzgeschichten schrieb, für ihre Erzählungen mit dem mit zirka 87 000 Franken dotierten Man Booker International Prize ausgezeichnet worden.
«Verdinglichung aller Beziehungen»
Im lose überblickten Durchschnitt halten sich Lydia Davis’ Prosastücke bei zweieinhalb Druckseiten, der Literaturkritiker James Wood nennt sie «short short stories». So notiert Davis unter der Überschrift «Idee für einen kurzen Dokumentarfilm»: «Vertreter verschiedener Nahrungsmittelfirmen versuchen ihre eigenen Verpackungen zu öffnen.» Und fertig. Scheinbar füllt Davis karge Zeilen mit Gedankensplittern und rasch notierten Eindrücken. Manchmal lassen sie sich deshalb mit den «Sudelbüchern» von Georg Christoph Lichtenberg vergleichen. Nur zeigt Davis diesem seine Grenzen auf, denn genau in der Umkehr von Lichtenbergs Diktum ist es doch eine Kunst, etwas kurz zu sagen, wenn man was zu sagen hat.
Davis vermeidet das lichtenbergsche Pendeln zwischen Humor, Literatur und Philosophie. Bei ihr will nichts ins Sentenzhafte, es gibt keine Moralistik. Im Gegenteil: Die Schwelle zum Grossen und Ganzen bleibt unberührt. Vielmehr blickt sie nach innen und findet dabei vieles von der «Verdinglichung aller Beziehungen zwischen den Individuen», die Theodor W. Adorno dem Roman des 20. Jahrhunderts als politischen Auftrag vorschlug. Nur ist sie nicht beim kapitalismuskritischen Pamphlet angekommen, sondern in einer Form von surrealem Assoziationsraum, der auf die LeserInnen übergreift. Zum Beispiel lässt bereits die Überschrift «Meat, My Husband» aus «Almost no Memory» (1997) einerseits eine Erzählung über die Essgewohnheiten des Gemahls erwarten, andererseits tropft schon die Resignation aus der Überschrift, der lautmalerisch auch «Lernen Sie meinen Ehemann kennen» entspricht.
Diesen lernen wir dann anhand der gesunden, mageren und aufwendigen Küche der Erzählerin kennen, der er mit deftigen Vorlieben begegnet. Eigentlich geht es ums Kochen, dahinter eröffnet sich aber ein ganzes Universum von Missverständnis, Streit und schliesslich Leere. Mit dünnen Worten über Essen sublimiert Davis das ganze Leben in der Beziehung selbst, die Mühen, dem Partner zu gefallen, die Enttäuschung, die sich hintenrum einschleicht, die Rollenverteilung, der Sex – ohne auch nur einen Millimeter aus der Küche herauszutreten: «Ich habe ihn erlebt, wie er über gewisse Speisen ganz aus dem Häuschen geriet – aber fast nie bei dem, was ich ihm vorsetzte.»
Lydia Davis’ Sprache ufert nie aus, Details und Metatexte spart sie sich. Vielmehr ist sie genau, indem sie redundant und fahl Szenen der Ehe, der Kindererziehung oder des Alltags herausarbeitet. Sie geizt mit Adjektiven, Beschreibungen sind ihr ein Graus. Die Erzählungen haben nur einen minimalen narrativen Rahmen, oft genug muss diesen einzig die Überschrift leisten, die dann «Mrs. D. und ihre Hausmädchen» heisst. Personen treten nur durch ihre Handlungen auf. Und genau genommen werden diese Handlungen auch nicht erzählt, sondern im Protokollstil präsentiert oder als Innenansicht der Handelnden erlebt: In der Kurzgeschichte um Mrs. D. folgt nach der Kapitelüberschrift «Es folgt ein ungutes Ereignis» einzig: «Endlich bin ich Anna, diesen Griesgram, los.» Denn es geht nicht um Anna: vielmehr um den Kampf von Mrs. D., eine passende Haushälterin zu finden. Und so werden Suche und Kindermädchen zur Projektionsfläche für das Unfertige, das von Mrs. D.s «anderen kreativen Projekten» über den Konnotationsraum der Sprache herüberschwappt. Dabei spielt Davis in vielen Erzählungen mit autobiografischen Anspielungen – und hält sie sich mit einem Lächeln doch weit genug vom Leib.
Vielleicht ist es die Knappheit, das Unmittelbare der Sprache oder der Umstand, dass sie auch mal den Eins-zu-null-Stil des Nachrichtenteils einer Lokalzeitung kopiert: Wer Lydia Davis liest, geht bald mit ihr durch den Alltag. Schlimmer noch, mit Davis geht der Blick auch nach innen, und siehe da: Vielleicht übernehmen wir auch gerne das Würzen in der Küche, finden das Essen der Freundin sonst etwas fad? Lydia Davis’ Sprache legt sich wie ein Kontrastmittel über den Alltag. Sie ist ansteckend.
In «Meat, My Husband» erfasst sie die Rolle der Frau im Licht der männlichen Kommentare, indem sie sich selbst als Köchin porträtiert: «Das ist eines meiner Probleme als Köchin – dass ich mich nicht darum kümmere, jedes Ding so zu tun, wie es getan werden müsste.» Am Ende war der Ehemann ein einziges Mal begeistert, nämlich vom Nachtisch. Allerdings: Er selbst hatte die Dessertbirne in den Kühlschrank gelegt und damit dem Rezept entsprochen: «Und ich lerne allmählich, dass er immer dann, wenn er bei der Zubereitung involviert ist – wenn wir schon dabei sind – geneigter ist, es zu mögen.»
Fleischliche Liebe?
Allerdings ergibt sich aus Davis’ Sprache auch eine grössere Schwierigkeit: Nicht, dass die Übersetzungen von Klaus Hoffer schlecht wären. Sie sind aber auch nicht besonders gut. Im Original sind viele Kleinigkeiten zu entdecken, die bei Hoffer verloren gehen oder überzeichnet werden. Hoffers Sprache ist barocker, sie scheint die ewigen Wiederholungen nicht auszuhalten, mit der sich Mann und Frau streitlos ihre hartnäckige Differenz beweisen. Bei Hoffer wird aus dem «… or anything else for that matter», mit dem Davis im letzten Satz andeutet, dass ihr Ehemann wohl nicht nur mit dem Essen nur dann zufrieden ist, wenn er selbst seine Finger im Spiel hat, ein nachlässiges «oder so». Zwar liegt Hoffer selten richtig falsch, nur fehlt ihm oft das Gespür für die Satzrhythmen oder auch die Geduld für die Kargheit, mit der Davis schon in der Form Mittlerin von Inhalten ist. Manchmal ist guter Rat auch teuer – aus «Meat, My Husband» macht Hoffer «Fleischliche Liebe».
Der Titel zeigt, wie schwer es ist, Davis gerecht zu werden. Während sie viele kulturelle Aspekte konnotiert, müssen diese im Deutschen bezeichnet und oft erklärt werden. Genau der Unterschied zwischen Konnotation und Denomination unterschlägt viele kulturelle Zwischentöne, die Davis verwendet. Ganze Geschichten sind darauf aufgebaut – wie anders denn als Illustration für den seltsamen US-amerikanischen Drang, noch die absurdesten Alltagsdinge irgendwie zu messen und in einen Wettbewerb zu überführen, soll man den «Geschmacks-Contest» verstehen, bei dem das Einrichtungsgeschick von «Ehemann und Ehefrau» von einer Jury bewertet wird? Die Übersetzung bleibt im Ton fad – es fehlt schlicht die tägliche Hysterie des Wettbewerbs, dieser Grundpegel an absurdem Rauschen, in dessen Kontrast die kühle Ironie des «Geschmacks-Contests» hervortritt.
Gerade diese Feinheiten zeichnen Lydia Davis aus, die darüber eine Erzähform kultiviert, die sich scheinbar schnell liest. Dafür aber langsam den Blick auf die Welt verändert.