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Jena und Petrov genossen es, einen Monat lang ungestört in einer Alphütte nahe dem Himmel zu sein und sich gemeinsam im Himmel zu fühlen, denn sie waren frisch verliebt. Bei einem knisternden Feuer erzählte Jena von einem Geisterhaus auf einer Insel, welches sie zu gerne einmal besuchen würde.
Petrov war ein grosser, kräftiger Mann mit kantigem Gesicht und einer gebogenen Nase. Er bezeichnete sich als Tatmenschen. Grübeln war nicht seine Sache. Jena war einen Kopf kleiner, hatte ein braungebranntes Gesicht und trug ihre schwarzen Haare kurz. Als Pilates-Lehrerin war sie durchtrainiert und sie liebte Abenteuer. Weil Gewitter angesagt waren, packten sie bereits am Morgen ihre wenigen Sachen in die Rucksäcke und fuhren per Mountainbike an den See hinunter. Niemand vermietete Boote, bei diesem Hudelwetter. Sie nahmen eines, das nicht gesichert war und ruderten hinaus. Beim schweren, rostigen Eisentor nahm Petrov eine akkubetriebene Trennscheibe aus seinem Rucksack und schliff in kurzer Zeit ein dickes Glied der Kette durch, die beide Torflügel zusammenhielt. Petrov stemmte sich mit der Schulter gegen den einen Torflügel und konnte ihn wenige Zentimeter bewegen. «Hilf mir stossen!», keuchte er, «sonst kommen wir da nie hinein.» Schliesslich schlüpften sie hinein. Am Ufer fuhren Wagen mit Blaulicht, das sich gespenstisch im Wasser spiegelte. «Wahrscheinlich Feuerwehr, nicht Polizei», meinte Petrov. Plötzlich krachte es und ein grosser Ast stürzte wenige Schritte hinter ihnen auf den Weg. «Glück gehabt», murmelte Jena.
Kletterpartie
Bald erreichten sie die alte Villa, die seit dem Tod des Künstlers, der darin gewohnt hatte, leer stand. Eine Tafel warnte, das Betreten des Hauses sei lebensgefährlich. Das machte das Abenteuer nur noch spannender. Die Eingangstüre war mit einer Stahlplatte armiert, die Fenster waren alle verbarrikadiert. Auf dem Kupferdach des dreistöckigen Hauses gab es aber eine Dachluke. Das hatten sie vom Berg hinunter gesehen. Wie kommen wir da hinauf? Jena hatte sofort eine Idee: «Stell dich auf die oberste Stufe der Terrassentreppe. Wenn ich auf deine Schultern steige, erreiche ich vermutlich das gusseiserne Geländer des Balkons und kann mich hochziehen.» «Und dann?» «Hilft mir vielleicht ein Gespenst.» «Da würde ich aber eifersüchtig!» «Küss mich!» Sie küssten sich. Jena stieg hinauf und liess ihr Kletterseil hinunter, das sie am Geländer befestigt hatte. «Okay. Du hast wieder einmal besser geplant als ich, meine Bonnie», rühmte Petrov. «Hat Clyde den Revolver dabei, wenn es gefährlich wird?» «Klar doch, Baby.» Sie fanden die Dachluke und knackten sie.
Höllenspektakel
Petrov leuchtete mit der Taschenlampe in den Raum hinunter. Er sah eine Dachkammer mit viel Gerümpel darin. Als er hinuntersprang, erscholl plötzlich ein lautes, teuflisches Gelächter. Mal kam es mehr von unten, dann aus dem linken Zimmer, dann aus dem rechten, dann knarrte es zusätzlich auf der Holztreppe. Kurz darauf knallten Schüsse, das Gelächter stoppte. Jemand schrie und ein anderer fluchte. Petrov war erstaunt und etwas verwirrt. Er ging zur Dachtür zurück. Jena fragte: «Was ist denn los in diesem Tollhaus?» Petrov: «Ich weiss es noch nicht, aber es verspricht spannend zu werden. Kommst du mit?» Jena zögerte kurz und willigte dann ein: «Wenn sie nur blinde Munition haben, kann uns ja nichts passieren.» Sie stopften sich Stückchen von Papiertaschentüchern in ihre Ohren und stiegen ein.
Beim Öffnen der Türe ging das Höllen-Spektakel wieder los. Als Petrov auf die dritte Treppenstufe trat, klappte diese nach unten weg und er fiel hin. Ein Besen zischte über ihre Köpfe hinweg und eine krächzende Stimme lachte. Im ersten Schlafzimmer, das sie betraten, ging eine rote Stroboskoplampe an und jemand stöhnte überlaut. Im Salon brannte ein knisterndes Kaminfeuer und ein düsterer Totentanz erklang.
«Beim Öffnen der Türe ging das Höllen-Spektakel wieder los.»Jürg Krebs
In der Küche rasselten die Pfannen und ein Beil zischte auf einen Kalbskopf nieder, der auf dem Tisch lag. Sofort lautes Geschrei und Gejohle. Die Fensterscheiben klirrten, wie wenn sie bersten würden. Als Petrov einen Lichtschalter aus Porzellan umkippte, spie dieser Funken, Licht gab es aber keines. Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Das war jetzt noch unheimlicher, ja gespenstisch. Da umarmte Jena Petrov und begann zu lachen. Petrov stimmte ein und sie konnten fast nicht mehr aufhören damit. Als sie wieder zu Atem kamen, sagte sie: «Das ist sicher das Werk dieses verschrobenen Künstlers. Ich habe mal eine Ausstellung von ihm besucht. Er hatte viele, grässliche Figuren gestaltet, zum Beispiel schwarze Teufel mit roten Augen die blitzten und aufgeschlitzte Katzen, die zappelten.» Petrov: «Und nun bietet er uns diese Gruselschau. Ich glaube, wir haben unser Liebesnest gefunden. Da stört uns niemand.» «Es ist aber schon noch etwas gewöhnungsbedürftig», sinnierte Jena mit fragendem Blick. Im Kopf eines ausgestopften Stinktieres fanden sie einen Lichtschalter und die Bedienung der Höllenmaschine. Sie genossen die spannende Villa bis um Mitternacht. Dann sagte Jena: «Hier kann ich nicht schlafen; mein Herz rast und ich bekomme fast keine Luft mehr.» «Höchste Zeit, auszuziehen», sagt Petrov. Er liess die Kellertüre offen für den Fall, dass sie noch einmal kommen wollten.
Totalschaden
Als sie hundert Meter gerudert waren, explodiert auf der Insel das Künstlerhaus mit einem unglaublichen Knall und zündet sofort auch die alten Bäume der Insel an. Sie schauten geschockt der Zerstörung ihres eben verlassenen Hauses zu. Als die Feuerwehrsirenen zu heulen begannen, stiegen sie vom Boot auf ihre Velos um und pedalten hastig weg. Nach einigen Kilometern stiegen sie ab, umarmten sich und heulten. «Du hast uns das Leben gerettet, Liebste», flüsterte Petrov. «Gut hast du nicht gezögert, mein Held…» «Wie spürtest du, dass etwas faul ist?» «Ich habe plötzlich gewusst, dass die Anlage sich selbst zerstört, sobald sie zum hundertsten Mal in Betrieb gesetzt wird.» «Und das ist jetzt eingetreten; vermutlich ist ein Tier durch die Kellertüre hineingeschlichen. Du hast ja prophetische Tagträume – genial!» «Nur dann, wenn ich in Lebensgefahr bin.»
Sie waren viel zu aufgewühlt, um schlafen zu
können, besuchten eine Bar, stiessen auf ihr zweites Leben an und nahmen dann
am Morgen den frühesten Zug nach Italien, wo sie die himmlischen Stimmungen
genossen und vorläufig keine Sehnsucht mehr auf Abenteuer verspürten.
Sie redeten aber viel über ihr Leben und fragten sich auch, ob ihr Abenteuerdrang auch ein Symbol für das Handeln der Menschheit sein könnte: Abenteuer und Vergnügen sind der Mehrheit wichtiger als Rücksicht auf die Umwelt.