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Etienne Perincioli erinnert sich an Leben und Menschen seines Dorfes im Piemont.
Er verfasste diesen Text in französischer Sprache im Mai 1940.
«An der Schwelle meines sechzigsten Geburtstages – und auf das inständige Bitten meiner Gemahlin hin – will ich versuchen, meine Erinnerungen niederzuschreiben. Besonders diejenigen meiner Kindheit und der Jugendzeit will ich notieren, denn ich denke, dass sich das Leben eines Menschen zum grossen Teil unter dem Einfluss der Rasse, der Lebensbedingungen und dem Milieu entwickelt, aus welchem er geboren wurde.
Aber wie bin ich auf die Idee gekommen, diese Arbeit zu übernehmen? Es scheint eine ausgefallene Idee zu sein. Dies besonders in diesen beängstigenden und unruhigen Tagen, in welchen Millionen von Männern sich die Stirne bieten, und sich in Belgien und im Norden Frankreichs gegenseitig vernichten und wo das Schicksal Europas sich entscheidet und die bewaffnete Schweiz sich entschlossen hat, ihre politische Unabhängigkeit bis zum Äussersten zu verteidigen.
Etienne Perincioli mit Vater und Mutter
Ich sage ganz einfach, dass ich dabei gerne an frühere Zeiten denke, in meinen noch ziemlich frischen Erinnerungen wühle und mich an die bescheidenen und einfachen Menschen erinnere. Menschen die mir lieb waren und welche ohne Zweifel mein Herz und meinen Geist befruchtet haben, denn sie haben zur Entwicklung meiner Person beigetragen.
Ich bin am 3. Oktober 1881 in Doccio im Piemont geboren, einem kleinen Dorf auf der rechten Seite der Sesia. Der Fluss Sesia entspringt oberhalb Alagna, am Fuss des Monte Rosa, gar nicht weit von Saas Fee entfernt. Sie fliesst durch das Tal Valsesia bis in die Ebene bei Romagnano Sesia und von dort weiter zum Po.
Das Dorf Doccio zählte etwa 500 Einwohner und liegt auf einer Höhe von 400 Metern über Meer. Es liegt zwischen den Marktorten Borgosesia im Süden und Varallo im Norden mit der Verwaltung und der Regierung, welche die Messen und die Märkte festlegen und wo sich die Geschäfte und Magazine für die Versorgung der Einwohner des Tales befinden.
Neben der Hochsprache (Italienisch), welche allgemein bekannt ist, spricht man hier einen ziemlich eigenartigen Dialekt, etwas zwischen piemontesisch und lombardisch. Aber im oberen Teil des Tales, in den Dörfern Riva, Rimella und Alagna nahe der Monte Rosa, benutzen sie unter sich einen speziellen deutschen Dialekt, welchen wir im unteren Teil des Tales nicht verstehen können. Diese Walser stammten ursprünglich aus dem Oberwallis.
Walserdorf im Val Sesia Foto: Lorenz Perincioli
Unser Klima ist ziemlich mild, der Winter verhältnismässig kurz und der Sommer ziemlich warm. Reben, Kastanien und Mandeln, sowie alle Früchte und Gemüse gedeihen gut, trotz primitiver Bewirtschaftung.
Von den Ursprüngen meiner Familie habe ich über meinen Grossvater Desiderio hinaus wenig vernommen. Ich glaube, dass die Perincioli’s schon seit langer Zeit im Dorf wohnten. Meine Vorfahren waren ohne Zweifel Handwerker und gingen in die Städte des Piemont und der Lombardei arbeiten, oder blieben als Bauern im Dorf. Oft kamen sie als Fünfzigjährige zurück, um ihren Boden zu bearbeiten oder im Wald tätig zu sein.
Desiderio, mein Grossvater väterlicherseits, verliess sehr jung Doccio, um als geschickter Tischler in Turin mit seinem älteren Bruder zu arbeiten. Die Beiden gründeten zusammen eine gut gehende Werkstatt für Möbel. Als jedoch Ende des 18. Jahrhunderts die cisalpinische Republik proklamiert wurde, mussten die beiden Brüder wegen der napoleonischen Kriege die Werkzeuge weglegen und Soldat werden. Desiderio musste mit der grossen Armee den unglücklichen Feldzug nach Russland mitmachen, war auch bei der Beresina dabei, schlug sich während 100 Tagen nach Frankreich durch und wurde in Fontainbleau verwundet. Die Details seines militärischen Dienstes konnte ich in seinem Dienstbüchlein verfolgen, welches der Sitte nach immer der jüngste Sohn erhält und das war mein Vater.
Ich habe meine Grosseltern väterlicherseits nicht gekannt, aber viel über sie erfahren. Mein Grossvater war ein strenger, schweigsamer Mann und von grosser Geradheit. Er starb kaum fünfzigjährig. Man sprach von ihm mit Respekt und Bewunderung und das schmeichelte ihm. Seine Gattin hiess Maria, sie hatte die Last der Kinder. Doch sie war bekannt für ihren energischen Willen und ihre grosse Geschicklichkeit. Sie spielte eine grosse Rolle im Dorf und erhielt den schönen Namen Mariabella. Oft hat man Anekdoten über sie erzählt; zum Beispiel ganz zufällige Ereignisse: Als sich der Gemeinderat in einer Sitzung mit dem Blumenschmuck des Dorfes befasste, führte Mariabella die Hausfrauen zum Gemeindehaus zu einer direkten Intervention, sie stieg allein die Treppe hoch, liess sich die Türen öffnen, erklärte dem Gemeinderat die Meinung der Hausfrauen und und zwang ihn, diese anzunehmen!
Doccio 2007 Foto: Lorenz Perincioli
Bei einem Streit mit ihren Nachbarn wegen der Hühner, die ihren Dreck hinterliessen, wo sie nicht sollten, verschwand Mariabella einen Moment, kam mit einem alten Ei, welches offenbar im Stroh vergessen war zurück, um dieses der keifenden Nachbarin mitten ins Gesicht zu schleudern.
Aber ihre Bekanntheit hatte eine solide Basis, denn sie kannte die guten Eigenschaften der medizinischen Heilpflanzen und man befragte sie mit grossem Vertrauen. Sie kannte die traditionelle Bodenbewirtschaftung gründlich, die Behandlung der Fruchtbäume und sie verstand auch die Nutzung des Viehs. Daneben konnte sie auch praktische Ratschläge mit grosser Weisheit erteilen und als Unterhändlerin in ungefreuten Streitereien mit festem Urteil entscheiden.
Sie hat sechs Kindern das Leben geschenkt, vier Knaben und zwei Mädchen. Der Älteste war mein Onkel Carlo, welcher als Tischler sehr geschickt und erfinderisch war. Er war bekannt unter dem Namen „der Prinz“, ich glaube wegen seines Hochmutes und seines feierlichen Ganges. Er war an den Feldzügen von 1848/49 beteiligt gewesen und auch an der Niederlage von Novara im März 1849. Unsere Beziehungen waren locker, obschon er an meiner Konfirmation Pate gewesen war. Mein Vater mochte ihn nicht, ich weiss nicht warum, vielleicht war es der grosse Altersunterschied. Ich aber behalte ihn in bester Erinnerung, denn er schuf extra für mich zwei sehr schöne Säbel in Holz. Einen Degen und ein Schwert, dank welcher ich ohne Hemmungen bei den Knaben des Dorfes den Grad eines Hauptmanns erlangte.
Onkel Carlo hatte vier oder fünf Töchter und einen Knaben. Dieser war später in Turin als Tischler erfolgreich. Der Onkel vertrat fortschrittliche Politik und versuchte vergebens als Deputierter ins Parlament zu gelangen.
Onkel Carlo’s Frau war von riesiger Statur, aber sonst eine ganz unbedeutende Frau. Unter den Augen aller hatte Carlo seit Langem als Freundin die Madeleine, eine Witwe, welche er ganz offen und regelmässig jeden Tag um 1 Uhr Mittages für eine halbe Stunde besuchte. Zu dieser Zeit hatten die Beiden die sechzig Jahre längstens überschritten. Als kleiner Bub, der ich damals war, staunte ich über die Regelmässigkeit dieser offenen und speziellen Freundschaft. Carlo behielt immer eine gewisse militärische Haltung bei, hatte er doch während acht Jahren in der piemontesischen Armee gedient. Er hatte damals bei der Militär-Verlosung den tödlich verängstigten Neffen ersetzt. Ich habe diesen gut gekannt, er war der Schuhmacher des Dorfes, eine kleine traurige Figur, welche man Carlinet nannte.
Mein Onkel Jean hatte bei den Bersaglieri Dienst getan, und war schon bei der Gründung dieses Elitekorps durch General Lamarmor dabei gewesen. Er war sehr stolz auf seinen Grad als Sergeant-Major. Die Bersaglieri mussten gute Schützen sein, geschickt, schlau und gute Läufer, also eine Sturmtruppe. Sie waren mit dem berühmten neuen Karabiner ausgerüstet.
Er nahm an verschieden Gefechten teil, wie zum Beispiel in San Martino – Solferino von 24. Juni 1859. Am Tage des heiligen Johann wurde er beim dritten Sturmangriff auf den berühmten befestigten Hügel durch einen Stahlsplitter am Schenkel schwer verletzt. Er wurde einige Male ausgezeichnet und erhielt für seine Verletzung eine kleine Pension.
Seine Gattin Filomena stammte aus Quarona, dem Nachbardorf auf der anderen Talseite. Sie war Schneiderin und ich sah sie nie ausruhen, nicht einmal sonntags, denn an diesem Tag lieferte sie die gefertigten Kleider. Sie war schmutzig, sparsam, ja geizig und auch sonst von einer verblüffenden Art. Sie liebte mich und benutzte mich für Kommissionen. Das mir versprochene Entgelt waren 3 Rappen für Kaffee und 3 Rappen für Zucker, welches ich aber nie erhielt ausser einem netten Lächeln. Dazu Ratschläge zum Sparen wie etwa: Behalte gut deine Rappen und vergiss nicht, dass ein Rappen mit einem anderen zwei werden. Darauf entgegnete ich naiv: „Wenn ich den zweiten nicht kriege, wird er immer alleine sein!“
Ich bewunderte ihre harte Zähigkeit, mit welcher sie ihre Aufgaben in der genauen Ordnung in der Schneiderei und im Haushalt durchführte. Ich bewunderte sie auch bei der Jagd, denn nie verfehlte sie ihr Ziel. Mein Onkel Jean litt unter dieser harten Frau, aber ertrug sie.
Sie hatten zwei Kinder. Der Bub Crescentino, ein guter Teufel mit einem Klumpfuss. Er hatte eine schöne Tenorstimme, mit welcher er öfter Missbrauch trieb. Er war Schuhmacher und bediente die Fähre, welche den Dienst auf der Sesia zwischen Doccio und Quarona versah und wo die Eisenbahn Novara-Varallo vorbei fuhr. Wie viele Stunden habe ich mit ihm in schönster Freiheit auf der Fähre verbracht! Ich werde noch darauf zurückkommen.
Der Fluss Sesia bei Doccio im Frühjahr 2007 Foto: Lorenz Perincioli
Seine Schwester Antilia war ein schönes Mädchen. Gesund, lebhaft und stolz. Sie war etwa 10 Jahre älter als ich und wir liebten uns sehr. Sie half ihrer Mutter beim Nähen und meinem Onkel in der Landwirtschaft. Sie war mir wichtig in meiner Jugendzeit.
Mein Onkel Joseph und seine ältere Schwester Orselina blieben ledig. Sie lebten zusammen unter einem Dach, aber mit getrennten Haushalten. Martina, eine Schwester der Beiden, verheiratete sich nach Loggiala nahe von Biella, wo sie 20 Jahre blieb. Sie kehrte dann wieder zurück und wohnte bei ihren Geschwistern Joseph und Orselina für einige Jahre.
Aber nun ist es Zeit von meinem Vater Alfons zu berichten, welcher 1836 als jüngster der Knaben zur Welt kam. Martina war das letzte Kind der Mariabella, welches sie noch mit fünfzig Jahren gebar.
Man sagte, dass mein Vater von allen Nachfahren am meisten seinem Vater Desiderio glich, besonders in moralischer Hinsicht. Er war streng und stolz, gut und sehr aufrecht, aber auch empfindsam und manchmal sogar jähzornig, er konnte aber auch zart und leicht gerührt sein. Ich habe ihn sehr bewundert, aber auch sehr gefürchtet, denn sein Wille war unbeugsam und dazu hatte er schwere Hände! Er war von mittlerer Grösse, kraftvoll gestaltet, kahlköpfig mir schwarzem, buschigem Bart. Er war immer nüchtern, nie habe ich ihn betrunken gesehen. Ich kann das Gleiche auch von seinen Brüdern sagen, einzig mein guter Onkel Joseph war anders, er vergass sich manchmal im Weinkeller.
Alfons Perincioli
Mein Vater war Küfer und besass grosses handwerkliches Geschick. Dies nicht nur im Beruf, sondern in anderen Bereichen auch und deren gab es viele. Mit 37 Jahren vermählte er sich mit Vittoria, der Lehrerin des Dorfes. Es war eine gute Ehe, leider unglücklicherweise zerbrochen durch den frühen Tod der Gattin, welche ihm einen vierjährigen Sohn namens Arnaldo zurückliess. Ein Jahr später heiratete er meine Mutter Caterina Giuppone, welche aus Colco stammte, ein Weiler des Dorfes Agnona, etwa 3/4 Wegstunden von Doccio. Sie stammte aus einer grossen und wohlhabenden bäuerlichen Familie. Ihr Vater Stefano war Oberhaupt und Patriarch der Familie. Er übte den Beruf eines Küfers aus, wie auch seine beiden Söhne Serafino und Emiliano. Sie arbeiteten während vielen Jahren in Moretta im Piemont, wo sie ganz gut verdienten.
Meine Mutter hatte eine kränkliche Schwester mit schwachen Beinen. Sie erlernte den Beruf der Schneiderei und starb jung. Ihre Mutter Maria Comola stammte von Isolella, einem Dorf zwischen Doccio und Agnona. Sie war eine gute Seele und von einfacher Natur.
Meine Mutter heiratete mit 34 Jahren und verliess damit ihre 18-köpfige Familie. Sie ging nach Doccio und fand dort ein ganz anderes Milieu vor als gewohnt, als sie dem ganz kleinen Haushalt meines Vaters beitrat. Sie übernahm die Pflege meines kränkelnden fünfjährigen Bruders Arnaldo. Nach einiger Zeit gemeinsamen Haushaltens ging mein Vater wieder zur Arbeit nach Mailand, d.h. ungefähr 100 km von Doccio entfernt. Er kehrte jeweils zwei Mal im Jahr einen Monat zurück, um die schweren Arbeiten auszuführen, die Reben zu pflegen und im Herbst zur Wein-, Nuss- und Kastanienernte.
Diese Lebensart führte er ca. 16 Jahre, bis zu seinem Tode. Das getrennte Leben war für meine Mutter eine grosse Enttäuschung, aber es war auch ein gemeinsam gefasster Entschluss so zu leben, denn ein Versuch in Mailand zu wohnen, missglückte vollständig.
Varallo 2007 Foto: Lorenz Perincioli
Meine Eltern lebten immer in bestem Einvernehmen, ich glaube, sie liebten sich zärtlich. Zwischen den beiden herrschte immer totales Vertrauen. Nie habe ich die kleinste Unzufriedenheit oder einen Schatten in ihrer Beziehung bemerkt. Mein Vater konnte nie längere Zeit zu Hause bleiben, denn sein bescheidener Lohn war für die Führung des Haushaltes notwendig. Bei den mühsamen Arbeiten auf dem Felde verausgabte er sich oft und entnervte sich dabei auf eine Weise, welche die Verdauung nachteilig beeinflusste. Mein Vater litt unter Magenschmerzen ohne zu klagen.
Anders waren die Übel, welche meine Mutter plagten. Ausser einer schlimmen Krankheit, welche sie während des Jahresaufenthaltes in Mailand durchstehen musste, waren ihre Krankheiten nie ernster Natur. Dies hinderte sie aber nicht, immer zu klagen. Darunter hatte ich mein ganzes Leben lang zu leiden. Nach ihrem 60. Geburtstag wurde dies noch schlimmer und auch jetzt, kurz vor ihrem 95. Geburtstag hat sich daran nichts geändert.
Es war also am 3. Oktober 1881 gegen Mittag, als ich das Licht der Welt erblickte. Mein Vater war an diesem Tag zum Jahrmarkt von S. Orichel nach Varallo gegangen, um ein Schwein zu kaufen. Als er nachmittags zurückkehrte, fand er meine arme Grossmutter mütterlicherseits auf der Türschwelle sitzend, in einem schrecklichen Zustand vor, dass in ihm die schlimmsten Befürchtungen aufkamen. Meine Grossmutter wegstossend, eilte er zu meiner Mutter, welche gerade von einer mühsamen aber normalen Niederkunft befreit war. Am Tage danach wurde ich auf den Namen meines Grossvaters Stefano Desiderio Alfonso katholisch getauft. Pate war mein Onkel Carlo und als Patin amtete Tante Orselina.
Doccio 1914. Caterina Perincioli, Mutter von Etienne mit Enkel Marcel in der Hutte
Man erzählte mir immer von der Enttäuschung meiner Mutter, weil ich ihre Brust nicht annehmen wollte. Alle Versuche schlugen fehl, so dass man mich deswegen einer Nährmutter in einem Dorf der näheren Umgebung überlassen musste. Man hatte damals nicht den Sinn, die Säuglinge ein wenig ruhen zu lassen, wie wir es mit unseren Kindern getan haben. Nach drei Wochen kam meine Mutter in Begleitung meines Onkels mich besuchen. Mein Onkel wollte mir bei dieser Gelegenheit einige Tropfen Wein zu trinken geben mit der Behauptung, dies sei die richtige Taufe. Man führte mich zurück nach Hause. Der kurze Aufenthalt bei der armen Nährmutter hatte mich bewogen, die mütterliche Brust nun mit Begeisterung anzunehmen, welche sie mir dann bis zu meinem 25. Monat gab. Meine Mutter erzählte mir gerne von meiner ‚Leckerhaftigkeit’. Wenn sie von der Feldarbeit zurückkehrte, lief ich ihr fröhlich entgegen und rief: „Ciao mama, für mich die Brust!“
Während der Feldarbeit der Eltern musste ich oft unter der Obhut meines sieben Jahre älteren Bruders leiden. Man legte mich in einen Korb unter einem Fruchtbaum und es dauerte manchmal sehr lange, bis wir wieder heimkehrten. Mein Halbbruder Arnaldo war oft traurig, denn weder körperlich noch geistig weckte er Sympathien – höchstens Mitleid. Meine ersten Erinnerungen zeigen mir seine Indifferenz und seine Unterwürfigkeit und damit seine schmerzliche Zukunft. Meine Mutter liebte ihn nicht, aber ich glaube nicht, dass es fahrlässig war oder dass er gar misshandelt wurde.
Arnaldo selbst bezeugte später, am Ende seines Lebens, grosse Dankbarkeit für die rührende Pflege, mit welcher meine Mutter ihn bis zu seinem Tod umsorgte. Der Tod erreichte ihn in seinem 30. Lebensjahr. Mein Vater hatte für ihn keine Herzlichkeit. Ich glaube, der schwache Charakter und die Unterwürfigkeit des Sohnes verbitterten meinen Vater. Sie erinnerten ihn an die Fehler seiner ersten Frau Vittoria.
Meine ersten starken Erinnerungen galten der Schule, dem Ort und seiner Anordnung und was darin passierte. Es war in meinem dritten Lebensjahr, als mich Arnaldo mitnahm und ich Dank der Liebenswürdigkeit der Lehrerin für ein paar Stunden dem Unterricht folgen durfte. Die Ordnung und Disziplin, welche hier herrschten, beeindruckten mich sehr, die wunderlichen Dinge, welche man hier machte, die Laute und die Formen der Buchstaben auf dem schwarzen Brett. Dies alles verzauberte mich. Hin und wieder durfte ich daran teilzunehmen. Ich erinnere mich genau an diesen hellen Raum, ganz oben am äussersten Ende des Hauses. Die Schulbänke waren ziemlich hoch und unpraktisch, so dass die Schüler darin fast stehen mussten.
Alles war anders geworden, als ich später in einem anderen Raum im gleichen Haus zur Schule ging. Ich erinnere mich noch sehr gut an den breiten Eingang des Schulhauses und an die gegenüberliegende Tür, hinter welcher eine sehr alte und arme Frau allein wohnte. Wegen ihrer Hässlichkeit war sie der Schrecken der Schüler. Sie hatte die Aufgabe, das Schulhaus in Ordnung zu halten, eine Aufgabe, welche sie ganz knapp und grosszügig erfüllte. Bei ihr konnte ich mich vor Feinden retten oder wenn ich ein Bedürfnis erledigen musste. Diese sehr arme und miserable Kreatur, welche in dem dunklen Raum leben musste, gab mir öfters einen Zucker. Als sie endlich, nach einigen Jahren starb, wollte ich sie noch sehen. Dies war meine erste Begegnung mit dem Tod. Aus diesem unbeweglichen und steifen Körper mit dem entstellten Gesicht löste sich eine Art starke Friedlichkeit. Es war wie etwas Überirdisches, welches auf mich tiefen Eindruck machte.
Mein junger Bruder Alfonso, genannt Alfonsino, kam zur Welt, als ich vierjährig war und ich erinnere mich seiner erstaunlich frühreifen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, welche die Aufmerksamkeit der Eltern und Nachbarn auf sich zogen. Er war ausserordentlich lebhaft und unternehmungslustig und gab sich mit tausend unvorgesehenen und erfinderischen Sachen ab, was seine Überwachung sehr erschwerte. Eine Aufgabe zu welcher ich manchmal genötigt wurde. Später gingen wir oft zusammen um Handreichungen in der Nachbarschaft auszuführen. Manchmal war es Alfonsino, welcher die gestellte Aufgabe besser löste.
Oberlauf der Sesia Foto: Lorenz Perincioli
Wir gingen öfters zur Mühle, denn die Müllerin liebte uns. Das sich mit Wasserkraft drehende, grosse Rad, welches die Mühlsteine in Bewegung setzte; die flinke junge Frau, immer vom Mehl ganz weiss, welche sich mit Leichtigkeit bewegte, dies alles beschäftigte unser nie erlahmendes Interesse. Dann war da noch eine Waage, mit welcher sie uns auf Wunsch wog. Eines Tages nun, als wir allein in der Mühle waren, konnte ich es nicht lassen, der Versuchung zu widerstehen ein Gewicht zu berühren und auch zu heben, welches an einer Schnur befestigt war. Sofort gab es einen grossen Lärm, welcher sich in den verschiedenen Verzahnungen der Mühlsteine äusserte. Die Müllerin kam herbeigestürzt, um Unregelmässigkeiten beim Malen und dem Vermischen der Körner mit dem Mehl festzustellen. Wir verschwanden so schnell als möglich und unsere Besuche in der Mühle erfuhren einen längeren Unterbruch.
Ich erinnere mich, wie mein Bruder mit Vorliebe ein sensationelles rotes Beret trug. Es gelang ihm durch seine Liebenswürdigkeit sich für seine begangenen Dummheiten zu entschuldigen, auch wenn diese kühn oder gar widerwärtig waren. Eines Tages beispielsweise riss er einer gefundenen Amsel die Federn am Kopf aus, um daraus eine Eule zu machen, wie er erklärte. Einmal hatte Alfonsino eine Zündholzschachtel erwischt. Er stellte sich mitten auf der Strasse auf. Als ein kleines Mädchen an ihm vorbei gehen wollte, zündete er ein Streichholz an und versuchte es dem Mädchen in den Mund zu stossen.
Gerne drang er in die Hühnerhöfe ein, in unseren oder denjenigen der Nachbarn, um sich an den frisch gelegten Eiern gut zu tun. Als ihn eines Tages unsere Cousine bei dieser Beschäftigung bemerkte und seine kleinen Füsse durch eine Öffnung erblickte, warnte sie ihn. Da nahm er eine Schüssel mit Wasser und drohte ihr, sie solle sich nicht in seine Geschäfte einmischen.
Zwischen seinem dritten und vierten Lebensjahr, begleitet mich mein Bruder Alfonsino in die Schule. Er folgte zum grossen Erstaunen mit Interesse und Leichtigkeit dem Unterricht. Mein ältere Bruder und ich selber verstecken unsere Tinte und Federn ausserhalb seiner Reichweite. Es gelang aber dem kleinen Knirps mit zwei Fünfern im Dorfladen beides zu kaufen, mit welchen er Übungen der besonderen Art durchführte.
Oft hatte ich beim Auswendiglernen grosse Schwierigkeiten und es kam vor, dass ich beim Schulexamen vor den Eltern und Autoritäten plötzlich nicht mehr weiter wusste. Dann erklang jeweils aus dem Hintergrund die klare Stimme von Alfonsino, welcher die fehlenden Strophen aufsagte. Alfonsino starb innerhalb weniger Tage kurz nach seinem 4. Geburtstag an einem Kopffieber. Mein Vater kam sofort von Mailand und brachte frische Pfirsiche für den Patienten. Meine Eltern, welche Alfonso sehr bewunderten, waren bestürzt über seinen plötzlichen Tod. Man sagte des Öfteren, dass er zum Leben zu intelligent gewesen sei. Dies sagten sie manchmal auch über mich.
Am Tage der Beerdigung führte mein Vater die Mutter weit weg übers Feld hinter einen Hügel, damit sie nicht den traurigen Ton der Glocken hören müsse. Am Abend dieses schmerzlichen Tages sagte mir die Grossmutter mütterlicherseits, ohne Zweifel um mich zu trösten: „Mein armer Stefano, deine Hosen sind länger geworden.“ Dies sollte bedeuten, dass ich reicher geworden sei. Dieses Detail wurde mir in diesem Wortlaut von meiner Mutter wiederholt, welche vor ein paar Wochen ihren 95. Geburtstag feiern konnte.
Kunstgewerbeschule in Varallo, Etienne oben (x) besuchte sie 1895-1898
Von meiner Schulzeit habe ich recht gute Erinnerungen. Sie dauerte übrigens von November bis Mai. In der schönen Jahreszeit, im Sommer und Herbst erfreuten wir uns reichlich der vollen Freiheit. Natürlich mussten wir den Eltern bei den Feldarbeiten und beim Vieh helfen oder dieses auf die höher gelegenen Bergwiesen führen. Aber an diesen langen Tagen fanden wir immer genug Möglichkeiten unsere Freiheit zu geniessen. Oh glückliche Zeit des Vagabundierens, Streiche Spielens, des Fischens und verbotenerweise auch des Jagens. Was war das für eine herrliche, fruchtbare und fröhliche Zeit und was lernten wir nicht alles dabei – grossartig!
Ich glaube wirklich, dass auf dem Land aufgewachsene Kinder eine glücklichere und sicher auch gesündere Jugend verbringen als Stadtkinder.»