Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/2909

Frauen verdienen im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Eine mögliche Erklärung für diese Ungleichheit sind soziale Normen zu den Geschlechterrollen. Diese teilen Frauen wie Männern bestimmte Verhaltensweisen, Eigenschaften und Aufgaben zu. Der Mann geht zur Arbeit, die Frau sorgt für Kinder und Haushalt.
Die klassische Rollenverteilung ist auch in Zeiten der Me-Too-Debatte und von weltweiten Frauenmärschen weit verbreitet. Doch was passiert, wenn Frauen beruflich erfolgreicher sind als ihre Ehemänner? Und wenn sie zur Hauptverdienerin der Familie aufsteigen?
Die Initiative Next Generation
Das Projekt Next Generation informiert über aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und über die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrprogrammen der Universität St. Gallen.
Hier: Roberta Maria Koch über: Marianne Bertrand, Emir Kamenica und Jessica Pan (2015), «Gender Identity and Relative Income Within Households», in: Quarterly Journal of Economics 130(2), 571-614.
Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.
Obwohl Frauen nach wie vor für die gleiche Arbeit oft weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, ist die Lohndifferenz während der letzten Jahrzehnte gesunken. Im selben Zeitfenster nahm jedoch auch die Heiratsquote deutlich ab. Motiviert durch diese Entwicklung gingen Marianne Bertrand, Emir Kamenica und Jessica Pan der Frage nach, welche Auswirkungen es haben kann, wenn die Frau die Hauptverdienerin eines Haushalts ist.
Die Abbildung zeigt die Ausgangslage. Sie reiht die Haushalte auf nach dem Anteil, welchen die Ehefrau zum gesamten Haushaltseinkommen beisteuert (horizontale Achse). Die Punkte zeigen den Anteil von Ehepaaren, welche den jeweiligen Einkommensanteil der Frau aufweisen. Ein Beispiel: Bei knapp 10 Prozent der Haushalte verdient die Frau 40 Prozent des Familieneinkommens.
Die Hälfte – dann der Sprung
Die vertikale Linie zeigt den Anteil der Haushalte, wo beide Partner gleich viel verdienen und somit jeweils die Hälfte zum Haushaltseinkommen beitragen. Deutlich erkennbar ist ein Bruch in der Verteilung, sobald die Frauen die Schwelle von 50 Prozent des Familieneinkommens übertreffen: Der Anteil dieser Haushalte ist plötzlich massiv tiefer.
Dieser Sprung ist in allen untersuchten Jahren sichtbar, doch das Ausmass des Rückgangs hat sich in den letzten Jahrzehnten verringert. So belief sich dieser Sprung in den 80er-Jahren noch auf über ein Viertel. Im Zeitraum von 2008 bis 2011 fiel der Anteil der Haushalte beim Überschreiten dieses Verdienstanteils nur noch um rund 10 Prozent.
Das heisst: Immer in einer steigenden Zahl von Familien ist die Frau die Hauptverdienerin. Der beschriebene Bruch in der Verteilung findet sich auch bei Paaren ohne Kindern. Er ist aber bei Familien mit Kindern stärker ausgeprägt.
Einfluss der Ehe-Dauer
Auch die Dauer der Ehe hat einen Einfluss darauf, um wie viele Prozentpunkte der Anteil der Haushalte abnimmt, in denen die Ehefrau mehr verdient als ihr Mann. Je frischer die Eheschliessung, umso schwächer fällt der Sprung aus.
- Bei Paaren, welche nicht länger als ein Jahr verheiratet sind, beträgt der Rückgang 8,4 Prozent.
- Paare, welche seit 2 bis 5 Jahren verheiratet sind, weisen einen Rückgang von 10,1 Prozent auf.
- Unter allen Paaren, die zwischen 6 und 10 Jahren verheiratet sind, fällt der Anteil der Paare um ganze 12,9 Prozent, sobald die Frau mehr als die Hälfte zum Familieneinkommen beisteuert.
In den letzten Jahrzehnten stiegen die Löhne der Frauen stetig an, und der Gehaltsunterschied zu den Männern ging zurück. Gleichzeitig nahm die Heiratsquote ab.
Die Studienautoren vermuten nun einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen. Im Beobachtungszeitraum stieg die Wahrscheinlichkeit, dass eine zufällig ausgewählte Frau mehr verdient als ein zufällig ausgewählter Mann, von 17 bis 20 Prozent auf rund ein Drittel im Jahr 2010.
Das heisst: Die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich grösser geworden, dass die Einkommensverteilung innerhalb eines Haushalts dem traditionellen Rollenbild widerspricht.
Frauen-Erwerbsquote stagniert
Wie reagieren Ehefrauen darauf, dass ihr relativer Lohnzuwachs die traditionelle Rollenverteilung in Frage stellt? Die Frauenerwerbsquote in den USA, welche 1970 nur bei 43 Prozent lag, hat deutlich zugenommen – allerdings stagniert sie seit Mitte der 1990er Jahre bei knapp 75 Prozent.
Die Studienautoren argumentieren, dass Geschlechterrollen zumindest teilweise für diese Stagnation verantwortlich sind. Manche Frauen, deren potenzielles Einkommen jenes ihres Mannes übertrifft, entschliessen sich sogar, ihre Erwerbstätigkeit zu verringern oder ganz aufzugeben. Steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau mehr verdient als ihr Ehemann, um zehn Prozentpunkte, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie einer Erwerbstätigkeit nachgeht, um rund 1,4 Prozentpunkte.
Nicht arbeiten, um nicht Hauptverdienerin zu werden
Insgesamt schliessen Bertrand und ihre Koautoren daraus, dass verheiratete Frauen teilweise bewusst nicht arbeiten, um nicht zur Hauptverdienerin des Haushalts aufzusteigen. Dieses Verhalten ist besonders bei Paaren mit niedriger Bildung zu beobachten.
Einkommensverzicht oder gar der Ausstieg der Frau aus dem Arbeitsmarkt sind äusserst kostspielige Verhaltensweisen, um die traditionelle Rollenverteilung zu bewahren.
Dennoch kommt es immer öfter vor, dass Frauen mehr verdienen als ihre Ehemänner. Im Jahr 2010 traf dies auf 27 Prozent der Ehepaare in den USA (18-65 Jahre) zu. In diesem Fall könnten Frauen versucht sein, die «Verletzung» der traditionellen Geschlechterrolle dadurch zu kompensieren, dass sie mehr Hausarbeit leisten als ihre Ehemänner, selbst wenn letztere deutlich weniger verdienen. Die empirischen Ergebnisse zeigen tatsächlich, dass das Geschlechtergefälle bei der Hausarbeit stärker zu Ungunsten der Frauen ausfällt, wenn sie ihre Männer im Verdienst übertreffen.
Dies könnte nach Bertrand, Kamenica und Pan einer der Gründe sein, weshalb Paare mit der Frau als Hauptverdienerin öfter Eheprobleme aufweisen beziehungsweise sich öfter scheiden lassen. Die Schätzungen ergeben jedenfalls: Wenn die Frau vor zwei Jahren mehr verdient hat als der Mann, liegt die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung um rund ein Viertel höher als in den klassischen Fällen mit den Männern als Hauptverdiener.
Insgesamt zeigt die Studie: Die Löhne für Frauen sind in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Geschlechterrollen und Verhaltensweisen passen sich dagegen nur langsam an. Die Starrheit der sozialen Normen ist schwierig zu überwinden und bringt hohe Kosten sowohl für die Eheleute wie auch für die Gesellschaft als Ganzes mit sich.
Die Autorin
Roberta Maria Koch absolviert ein Master-Studium in Economics und Finance an der Universität St. Gallen.
Mit der Initiative «Next Generation» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der HSG ihre Nachwuchstalente, die Öffentlichkeit über Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewählter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.