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[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]
Noë lag wach in ihrem Bett. Sie wollte schon seit einer Weile aufstehen. Aber sie hatte sich bisher nicht dazu durchringen können. Wenn sie aufstand und ins Wohnzimmer gehen würde, dann läge da eine Zeitung auf dem Tisch.
Und wenn sie diese Zeitung sähe, dann würde sie sie auch lesen. Aber sie hatte keine Lust. Darum brauchte sie einen Plan. Einen besseren Plan. Einen anderen Plan. Sie versuchte sich ganz fest zu konzentrieren und sich etwas einfallen zu lassen, aber sie wurde mal wieder von einem Lachen geschüttelt. Als es langsam verebbte, startete sie einen neuen Versuch: Konzentriert ging sie ihre Optionen durch. Sie konnte in die Küche gehen. Aber da gab es nicht viel, was sie tun konnte. Sie konnte auf die Strasse gehen. Aber auch da gab es nicht viel Interessantes. Es gab Hauseingang an Fenster an Hauseingang an Fenster. Sie überlegte. Was hatte sie früher getan. Sie wusste es nicht mehr. Soweit sie sich erinnern konnte, wohnte sie schon immer hier in dieser Wohnung und las Zeitung. Die Zeitung erschien auf magische Art und Weise und einzelne Artikel leuchteten golden auf. Und wenn Noë sie gelesen hatte, verschwand die Zeitung wieder.
Sie stellte sich ihre Wohnung vor. Ihr Wohnzimmer. Der Tisch. Das Sofa. Aha. Da war doch ein Bücherregal. Und in dem Bücherregal standen Bücher. Sie war sich sicher. Sie hatte die Bücher noch nie näher betrachtet. Aber sie wusste, dass sie da waren. Und so beschloss sie, heute in ihren Büchern zu lesen. Entschlossen setzte sie sich auf, wartete einige Lacher ab, die aus ihrem Mund drangen und begab sich dann ins Wohnzimmer.
Die Bücher im Regal waren unterschiedlich gross, unterschiedlich dick und von unterschiedlicher Farbe. Unschlüssig stand Noë davor und konnte sich nicht entscheiden. Aber da merkte sie, wie sie schon langsam den Kopf zu drehen begann um in Richtung Tisch zu blicken, wo ganz bestimmt die Zeitung lag und weil sie wirklich genug von dieser Zeitung hatte, schloss sie die Augen und packte blindlings eines der Bücher vor ihr. Es war ein schmales Buch mit blauem Stoffeinband. Auf der Rückseite stand in goldener Schrift „gedichte und gedanken“.
Sie setzte sich aufs Sofa und schlug das Buch auf. Die Gedichte schienen nur aus einzelnen Worten zu bestehen. Es gab keine Sätze. Es gab keine Reime. Und die Worte waren über die ganzen Seiten verstreut. Aber als sie zu lesen begann, merkte sie, dass sie automatisch in einen Rhythmus verfiel.
tagtraum
ich liege hier
im weichen, kühlen gras
du neben mir
ich sehe dich an
lächle dir zu
du lächelst zu mir zurück
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du ganz nah neben mir
ich strecke meine hand aus
streife deinen arm
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du ganz nah neben mir
ich schliesse die augen
du flüsterst mir ins ohr
was mich zum lächeln bringt
ich liege hier
im weichen kühlen gras
du spielst mit deinen kameraden fussball
16. Juni 1994
Noë war enttäuscht. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte sie sich von dem Gedicht erhofft, dass es einfacher, besser verständlich wäre als die Texte, die sie jeweils in der Zeitung las. Und jetzt standen da lose Worte und beschrieben etwas, das sie wieder nicht verstand.
Wieso musste dieses „ich“ immer wieder wiederholen, dass es im Gras lag? Und wieso lag es im kühlen Gras? Hatte es etwa kalt? Dann könnte es ja einfach aufstehen und gehen? Und dieses „du“, lag es auch da? Oder nicht? Vielleicht lag es erst da, aber dann hatte es wohl kalt bekommen und war aufgestanden. Oder es war dem „du“ langweilig geworden und darum hat es angefangen Fussball zu spielen. Und das „ich“ war liegen geblieben. Ganz lange. Darum vielleicht die Wiederholung. Aber das alles war ja offenbar auch nur ein Traum, ein Traum, wenn man sich tagsüber schlafen legt. Das ganze schien Noë doch recht sinnlos. Was sollte sie damit jetzt machen?
Es war noch schwieriger als der Klimawandel oder die Flüchtlingskrise, denn da passierte ja wenigstens etwas. Da veränderte sich etwas. Sie verstand zwar nicht, was sich veränderte beim Klimawandel. Aber die Flüchtlinge, die wanderten in der Welt herum und sahen andere Landschaften und trafen andere Leute. Und dann wurden sie wieder nach Hause gebracht und konnten dort von ihren Erlebnissen erzählen.
Aber wenn jemand nur den ganzen Tag im Gras liegt, da hat er nicht viel zu erzählen. Derjenige, der Fussball spielt vielleicht, der kann immerhin erzählen, ob er gewonnen hat oder verloren. Aber auch das spielte letztlich ja keine Rolle. Es änderte sich nichts. Und dass man irgendwo lag und kalt hatte. Würde man da nicht gescheiter aufstehen und irgendwo anders hingehen, statt ein Gedicht darüber zu schreiben? Da wurde einem ja auch nicht wärmer davon.
Noës Gedanken kreisten um die Temperatur und sie erinnerte sich, dass die Körpertemperatur von Menschen normalerweise bei etwa 36 bis 37 Grad lag. Sie hielt sich ihre Hand an die Stirn und nickte. Ja, so ungefähr musste das bei ihr sein. Sie hielt beide Hände in die Luft vor sich und überlegte, ob es hier kühl oder warm war. Aber es war einfach richtig, so wie immer.
Sie blätterte auf die nächste Seite. Vielleicht war es ja nur dieses eine Gedicht, das so schwierig war. Und ausserdem: Das rhythmische Lesen hatte ihr durchaus Spass gemacht.
gemischte gefühle
gemischte gefühle
soll ich schreien
oder weinen
wütig sein
traurig
deprimiert?
hat das alles einen sinn
hört mich keiner
verstehen nichts
haben nie verstanden
wenn ich schreie fühl’ ich mich frei
wenn ich weine leer
wenn ich lache, lüg’ ich
mit lächeln noch mehr
gemischte gefühle
um mich herum
welt aus glas
mit watte drum rum
bin alleine wie andere auch
sorgen verdrängen
froh sein ist brauch
möchte schreien
weinen
traurig sein
wütig
deprimiert
hört mich keiner
verstehen nichts
verstehe nichts
nicht mehr
23. September 1993
Gefühle, das war sowieso schwierig. Gefühle waren etwas, das war in einem drin. Das Herz schlug schneller oder langsamer. Noë erinnerte sich, dass sie einmal das Gefühl hatte, das Herz zerspringe in ihr. Wenn etwas sie nervös machte, dann schlug das Herz schneller. Aber was machte sie nervös? Was war nervös? Und was war Wut. Wenn etwas passiert, was man nicht will. Sie überlegte: Was passierte in ihrem Leben, das sie nicht wollte? Und was war der Unterschied zwischen Wut und Trauer. Traurig war man, wenn man etwas nicht hatte, was man wollte. Vielleicht war also Trauer das Umgekehrte von Wut?
Fehlte ihr etwas? Hatte sie etwas nicht, was sie wollte? Sie überlegte eine Weile. Sie wünschte sich manchmal jemanden, der mit ihr über die Zeitungsartikel sprach. Und sie hatte bis auf Luis noch niemanden gefunden und Luis konnte ihr auch nicht helfen, die Informationen besser zu verstehen. War sie traurig? Oder wütig? Sie horchte in sich hinein, aber da war nichts. Nur eine Leere. Das war in Ordnung. Es ging ihr gut. Sie legte sich noch einmal die Hand an die Stirn. Ja, es ging ihr gut, sie hatte die richtige Körpertemperatur.
Sie las das Gedicht noch einmal und blieb an zwei Zeilen hängen: „wenn ich lache, lüg’ ich / mit lächeln noch mehr“. War ihr Lachen eine Lüge? Das machte mal etwas mehr Sinn: Oft schon hatte sie sich gefragt, ob ihr Lachen, dass sie manchmal einfach so erfasste, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, dass dieses Lachen unpassend war oder vielleicht eben gar eine Lüge. Sie wollte ja oft gar nicht lachen, sondern es lachte dann einfach aus ihr heraus. Ohne dass sie es aufhalten konnte. Aber was war die Lüge? Log das Lachen sie an? Oder log sie das Lachen an?
Nervös blätterte sie weiter, durchkämmte den hinteren Teil des Gedichtbandes und stellte erstaunt fest, dass die Seiten dort leer waren. Sie war so verblüfft, dass ihr das Buch aus der Hand und zu Boden fiel. Sie bückte sich, um es wieder aufzuheben. Schon dachte sie, dass es verschwunden wäre, als sie es unter dem Sofa entdeckte und hervorziehen konnte. Aber als sie wieder darin herumzublättern begann, waren alle Seiten voll von Buchstaben und Wörtern.
Sie schlug es willkürlich auf irgendeiner Seite auf und begann weiter zu lesen.
gefühl von regen
sonne weg
dicke wolke
luft noch warm
bleibe liegen
einfach so
warten auf das gefühl von regen
erste tropfen
fallen sacht
schlagen klatschend auf
liege da
denke nichts
ausser gefühl von regen
schwere tropfen
immer mehr
warmes wasser
wasser auf meinem gesicht
spüre nichts
ausser gefühl von regen
regen
wasser
warmer boden
wasser
rinnt mir über die haut
erweckt in mir das gefühl von regen
18. Juni 1994
Erst dachte Noë, dass das wieder das gleiche war wie das „ich“, das im Gras lag und kalt hatte. Ein anderes „ich“, das draussen ist und vom Regen überrascht wurde. Und statt einen Schirm aufzuspannen oder ins nächste Haus zu gehen, schrieb das „ich“ ein Gedicht und wurde darum nass.
Dann bemerkte Noë aber, dass das „ich“ den Regen als Gefühl beschrieb. Sie wurde unsicher: Regnete es überhaupt? Ja, irgendwie schon, denn der Regen wurde ja ganz genau beschrieben. Wie die Tropfen fallen und dass sie erst sacht fallen und dann grösser werden und schwerer. Und dass der Regen warm ist. Und Noë kam der Verdacht, dass das „ich“ möglicherweise den Regen genoss, dass es den Regen als angenehm empfand. Fühlte. Es fühlte den Regen. Als sensorisches Gefühl. Und es fühlte sich wohl im Regen, als emotionales Gefühl. Das war alles kompliziert.
Noë überlegte, ob es einen Unterschied gab zwischen sensorischen und emotionalen Gefühlen. Was fühlte sie denn? Sie horchte in sich hinein, aber sie fühlte nichts. Sie war einfach da. Und sie hatte die richtige Körpertemperatur. Sie überprüfte dies noch einmal, indem sie sich die Hand an die Stirn legte. Ja, sie hatte die richtige Körpertemperatur, also fühlte sie sich gut. Es kam ihr die Erinnerung an eine Geschichte, die sie einmal gelesen hatte: Ein Mann war sich nicht sicher, ob er gerade träumte oder wach war. Und da hat er sich selber in den Arm gekniffen um festzustellen, ob er wirklich wach war. Noë kniff sich in den Arm.
Sie fühlte sich erschöpft und müde. Sie hatte die komplizierten Informationen aus der Zeitung umgehen wollen. Hatte sich den Gedichten gewidmet. Nur um jetzt feststellen zu müssen, dass das überhaupt nicht einfacher war. Und es bangte ihr, was sie sehen würde, wenn sie zum Tisch blickte. Auch noch Zeitungsartikel, das würde sie heute nicht aushalten. Trotzdem hob sie kurz den Kopf, senkte den Blick aber gleich wieder. Sie stutzte. Sie hatte keine Zeitung gesehen. Sie richtete sich vorsichtig auf dem Sofa auf und blickte intensiv zum Tisch hinüber. Aber da lag wirklich keine Zeitung.
Es durchfuhr sie ein heisser Schreck: Was, wenn sie mit der unsinnigen Gedichtaktion die Zeitung für immer verloren hatte? Und wieso hing sie so sehr an dieser Zeitung, die ihr immer mehr Rätsel zumutete, statt ihr Erklärungen anzubieten. Wieso nur hatte sie das getan? Was war da eigentlich in sie gefahren? Sie spürte, wie ihr Herz zu klopfen anfing. Und auf einmal fühlte sie sich müde und erschöpft. Ihr Kopf fiel vorne über, ihre Schultern neigten sich nach vorne und sie konnte gar nicht mehr gut atmen. Und dann musste sie lachen. Lachen, lachen, lachen. Sie ging zu Bett und hoffte ganz fest, dass es am nächsten Tag wieder eine Zeitung geben würde.
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