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Als A. bezeichnet wird der geogr. Raum, der die Tessiner Täler und heutigen Bez. Leventina, Blenio und Riviera sowie die heute zum Bez. Bellinzona gehörenden Gem. Moleno, Preonzo und Gnosca umfasst. Bevor im 15. Jh. der Name Riviera für das Gebiet zwischen Pollegio und Ponte di Cassero (Claro) aufkam, wurde das ganze Tal des Flusses Tessin bis Claro Leventina genannt. Seit dem FrühMA bildete die Region eine kirchl. und polit. Einheit unter der Herrschaft des Erzbistums Mailand. Diese ging auf die Schenkung des Atto zurück, eines langobard. Adligen und Bf. von Vercelli, der um 948 dem Mailänder Domkapitel Güter und Rechte in diesen Tälern schenkte. Spätere Schenkungen und Erwerbungen erweiterten die Herrschaft. Die Rechte über die A. übten das Kapitel der Ordinari (oberer Klerus) und mind. bis 1120 auch das Kapitel der Decumani (niederer Klerus) des Mailänder Doms aus.
Die Verwaltungsstruktur ist vom Ende des 12. Jh. an genauer erkennbar: Die Herrschaft im Namen des Domkapitels oblag anfängl. einem einzelnen Domherrn, dann (sicher ab 1255) vier Domherren, den domini et comites vallium Belegnii et Leventine. In kirchl. Angelegenheiten übten sie ein quasibischöfl. Recht aus: Sie zogen die Pfründeneinkünfte ein und waren für Fälle des Eherechts und der Exkommunikation zuständig. Sie besassen auch die weltl. Gerichtshoheit, ernannten Vögte als ihre Statthalter, Podestas und Rektoren als hohe Gerichts- und Verwaltungsbeamte, die Richter und Notare sowie im kirchl. Bereich die Vikare. Blenio und Leventina bildeten je eine Talschaft mit einem eigenen Landtag und waren in Nachbarschaften gegliedert. Die Organisationsform der Riviera, die sich auf ihre Zentren Biasca und Claro stützte, ist hingegen nicht klar erkennbar. Die beiden Talschaften arbeiteten in polit. und militär. Bereichen zusammen, so z.B. gemäss dem Schwur von Torre von 1182 oder im von Alberto Cerro angeführten Aufstand der Leventina von 1290-91. Im 13. Jh. sind die beiden Pieven Biasca und Olivone sowie einige selbständige Pfarreien bezeugt; später gehörte die gesamte Region zu einem einzigen Kirchenbezirk. Vom 12.-14. Jh. verteidigte das Mailänder Domkapitel seine Herrschaft erfolgreich gegen die Versuche der dt. Kg. und Ks. Konrad III., Friedrich I. Barbarossa und Heinrich VII., die A. und insbes. die Leventina dem Reich einzuverleiben und die Kontrolle beidseits der Alpenpässe zu erlangen. Die Klöster Disentis, S. Pietro in Ciel d'Oro in Pavia (I) und die adligen Fam. da Giornico, da Lodrino und da Torre hingegen verloren ihre Besitzungen teilweise oder ganz.
Trotz der Zugehörigkeit zum selben Herrschaftsbez. entwickelten sich die drei A. unterschiedl. In der Leventina ging die Macht 1344, im Bleniotal 1353 an die Visconti über, die späteren Hzg. von Mailand, welche die weltl. Gerichtsbarkeit durch eigene Beamte ausüben liessen. Zu Beginn des 15. Jh. begann die mailänd. Herrschaft in den A.n. zu zerfallen. Die Leventina, in welcher der Gotthardweg kontrolliert werden konnte, erweckte das Interesse der Eidgenossen, speziell Uris. Von der einheim. Bevölkerung begrüsst, eroberten Uri und Unterwalden 1403 die Leventina und errichteten ein bis 1422 bestehendes Protektorat. Nach der erneuten Eroberung 1439 kam die Leventina bis Pollegio unter Urner Herrschaft und wurde zuerst mittels eigener Vikare, später mittels eigener Landvögte verwaltet. Nach der Schlacht bei Giornico (1478) wurde die Urner Herrschaft 1480 dauerhaft gefestigt. Die eidg. Expansion nach Süden führte weiter zur endgültigen Erwerbung der Herrschaft über das Bleniotal (das 1500 gemeine Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden wurde) und die Riviera (ab 1499 gemeine Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden). In den folgenden Jahrhunderten bestanden die Gemeinsamkeiten der A. im Wesentlichen in der Zugehörigkeit zum gleichen Kirchenbez. der Diözese Mailand, mit Biasca als Zentrum und einem 1622 in Pollegio gegr. Priesterseminar. Die besondere Identität der Region hat sich -- auch nach der Gründung des Kt. Tessin und der Integration der A. in die Diözese Lugano -- bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung erhalten.
Quellen
– MDT
Literatur
– Meyer, Blenio
– HS I/6; II/1, 84-104
– G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
– G. Chiesi, Lodrino, 1991, 17-71
– Dizionario della Chiesa Ambrosiana 6, 1993, 3713-3724
– P. Ostinelli, Il governo delle anime, 1998
Autorin/Autor: Paolo Ostinelli / GG