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Karneval: ein hundertprozentiges Produkt Brasiliens? Tut mir leid, lieber Leser, aber die Antwort lautet NEIN! Seine Herkunft verliert sich in der Dunkelheit längst vergangener Zeiten, sodass die rund ums Mittelmeer entstandenen historischen Religionen erst einen Platz für dieses Fest in ihrem Kalender schaffen mussten. Das Christentum assoziierte den Karneval mit der “Quaresma” – der Fastenzeit, die der Osterzeit vorausgeht – das Judentum platzierte ihn ins “Purim-Fest” zu Ehren der Königin Esther – und der Islam räumte den Maskeraden ein bewegliches Datum innerhalb der Anfangsphase seines jeweiligen Mondjahres ein. Das Fest ist in allen drei Religionen fest verankert, wird jedoch unterschiedlich bewertet – bei allen dreien jedoch als Fragment oder Überbleibsel aus heidnischer Zeit.
Vorläufer des Karnevals hat es auch im einstigen Babylon gegeben und im antiken Rom – aber im christlichen Kalender befinden sich seine offensichtlichsten Wurzeln. Das Christentum vereinheitlichte die Zeit aller seiner Gläubigen rund um das Drama der Passion, sodass diese an irgendeinem Ort des Imperiums zur gleichen Zeit gefeiert werden konnte. Um das Jahr 1.000 herum legt dann die christliche Weltorganisation eine Unterbrechung in den Essgewohnheiten ihrer Gläubigen fest – einen Übergang von der Periode des Überflusses zu einer Fastenzeit. Um diese Übergangszeit auch im Kalender zu verdeutlichen, bedienten sich die Kleriker der Idee einer carnis privium oder carnis tolendas (Abstinenz des Fleisches).
Karnevalchronologie aus brasilianischer Sicht
1723
Der “Entrudo” wird von portugiesischen Emigranten der Azoren-Inseln nach Brasilien herüber gebracht.
1767
Das erste Theater von Rio de Janeiro wird gebaut, genannt “Casa de Ópera”, in der Rua do Jogo – heute Rua dos Andradas.
1840
Der erste publikumsoffene Karnevalsball findet im HOTEL ITALIA, in Rio de Janeiro, statt.
1848 – 1852
Der Portugiese José Paredes geht auf die Strasse unter Bearbeitung seiner grossen Bauchtrommel und “erfindet” damit die Figur des “José Pereira” – eines Störenfrieds für die einen, eines karnevalistischen Revolutionärs für die andern.
1855
Der “Congresso das Sumidades Carnavalescas” wird gegründet – aus ihm geht der erste Karnevalsverein hervor, die “Zuavos Carnavalescos” – die zukünftigen “Tenentes do Diabo”, in Rio de Janeiro.
1862
Henrique Fleiss druckt in seinem Magazin “Semana Illustrada” eine Zeichnung des Narrenkönigs “Momo” ab.
1878
Die “Sociedade Carnavalesca Boêmia” entsteht, welche zum Carnaval Carioca das Karnevalskostüm “Chicard” eingeführt hat – die Qualität des “Chique”.
1888
Prinzessin ISABEL, begleitet von ihrem Ehemann und den Kindern, propagiert zum Karneval in Petrópolis eine “Batalha de Flores” (Blumenschlacht), indem sie sich öffentlich als Gegnerin der Sklaverei erklärt. Sie lässt sich in der Stadt herumfahren und promoviert eine Spendensammlung zur Befreiung von Sklaven.
1889
Die “Sociedade Carnavalesca Triunfo das Concubinas” entsteht, die erste Riege wird in Rio de Janeiro organisiert.
1892
Der Karneval wird auf Anordnung der Regierung in den Monat Juni verlegt, der als “ein gesünderer Monat”. In diesem Jahr feiert man den Karneval dann zweimal.
1897
Eingeführt werden im brasilianischen Karneval erstmals Luftschlangen und Konfetti aus Europa.
1899
Chiquinha Gonzaga komponiert das Musikstück “Ó-abre-alas”, welches als erster Karnevalsmarsch, und erste Karnevalsmusik überhaupt, in die Geschichte eingeht.
1906
Die ersten “Lança-perfumes” tauchen in Brasilien auf – Parfum-Spritzflaschen. Die Karnevalsaufmärsche werden von der Rua do Ouvidor in die neu eröffnete Avenida Central verlegt.
1907
30.000 Personen kommen beim ersten Karneval auf der Avenida Central zusammen, um zu feiern.
1908
Die ersten Kinofilme über den Karneval erscheinen.
1912
Der Karneval wird in den Monat Juni verlegt wegen dem Ableben des Barons von Rio Branco. Wieder zwei Karnevalfeste im gleichen Jahr.
1917
“Pelo Telefone” (Durchs Telefon), von Mauro de Almeida und Donga, wird die erste aufgenommene Samba-Musik.
1925
Der erste Wettbewerb für Sambas und “Marchinhas” (kleine Märsche) findet im Teatro São Pedro, in Rio de Janeiro, statt.
1927
Die Zeitung “Gazeta de Notícias” veranstaltet die letzte Konfetti-Schlacht.
1929
Cartola, Carlos Cachaça und andere Samba-Repräsentanten (genannt “Sambistas”) taufen den Verein “Bloco dos Arengueiros” um in “Estação Primeira de Mangueira”. Ausgetragen wird im Stadtteil Engenho de Dentro, in Rio de Janeiro, der erste informelle Wettbewerb unter den lokalen Samba-Schulen.
1932
Getúlio Vargas erscheint auf dem ersten Karnevalsball des Teatro Municipal in Rio de Janeiro.
1933
Die “Associação dos Ranchos Carnavalescos” wird gegründet.
1935
Der erste offizielle Wettstreit unter den einzelnen Samba-Schulen wird öffentlich ausgetragen.
1937
Von der Regierung werden die “Lança-perfumes” offiziell verboten.
1942
Orson Welles produziert einen Kinofilm über den Carnaval Carioca.
1946
Der Aufmarsch der verschiedenen Samba-Schulen wird von der “União Geral das Escolas de Samba” organisiert, nachdem sich das “Departamento de Turismo” geweigert hat, diese Arbeit zu übernehmen.
1949
Erste Übertragung des Carioca-Karnevals durch den Radiosender “Continental”.
1950
Dodô und Osmar erfinden, in Bahia, das “Duo Elétrico” (elektrische Duo) – und erweitern es beim nächsten Karneval zu einem “Trio elétrico”.
1958
Die Riege der “Impossíveis” (Unmöglichen) vom Verein “Portela”, führt die “Passos marcados” ein – eine Abfolge von repräsentativen Tanzschritten.
1961
Die Samba-Schulen Portela und Mangueira fangen an, Eintrittsgeld vom Publikum zu verlangen, das bei den Trainingsstunden zuschauen möchte.
1962
Der “Nationaltag des Samba” wird offiziell eigeführt.
1970
Die Samba-Schulen unterstehen offiziell der Verpflichtung, den Zensoren der Militärregierung vorab Modelle ihrer Allegorien und Kostüme zur Genehmigung zu überreichen.
1971
Die Auftrittszeiten für den Aufmarsch einer jeden Samba-Schule wird definiert und festgelegt.
1972
Das Gesetz Nummer 2.079 erschafft die RIOTUR, ein touristisches Unternehmen des Staates Guanabara (heute Bundesstaat Rio de Janeiro).
1981
Die RIOTUR führt den Wettbewerb “Zé Pereira” ein, um den Strassenkarneval wieder zu stimmulieren.
1984
Der “Sambódromo” wird eingeweiht – ein gigantisches, stadionartiges Betongebilde vom Stararchitekten Oscar Niemeyer zur alljährlichen Präsentation der besten Samba-Schulen von Rio de Janeiro.
1986
Es werden elektronische Uhren im Sambódromo installiert, zur Kontrolle der einzelnen Aufmärsche.
1994
Der Sambódromo von Rio de Janeiro wird offiziell unter Denkmalschutz gestellt – als “Kulturerbe des Staates”.
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