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Christine Kaufmann, was verstehen Sie unter verantwortungsvoller Unternehmensführung?
Christine Kaufmann: Unternehmen müssen sich klar darüber sein, dass sie einen positiven Beitrag zu einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Entwicklung leisten können. Sie sollen negative Folgen ihrer Geschäfte vermeiden oder zumindest mindern. Schliesslich sollte unternehmerische Verantwortung ein ganz normaler Bestandteil der operationellen Abläufe sein.
Konkret: Wenn die UZH Schokoladen als Geschenke einkauft, sollte sie vorher abklären, wie die Schokolade produziert wird. Sie sollte den Lieferanten zum Beispiel fragen, ob er weiss, woher der Kakao stammt, und was er unternimmt, um sicherzustellen, dass keine Kinder auf den Plantagen arbeiten. Solche Fragen sollten normaler Bestandteil aller Beschaffungsverfahren sein. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Leitsätze formuliert, die aufzeigen, wie diese Sorgfaltsprüfung vorzunehmen ist.
Was hat Sie dazu motiviert, sich für den Vorsitz des OECD-Ausschusses zu bewerben?
Die OECD setzt sich für bessere wirtschaftliche und soziale Lebensbedingungen ein. Dazu gehören auch menschenwürdige Arbeit, Menschenrechte und der Schutz der Umwelt. In der OECD arbeiten die Mitgliedstaaten gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft an der Realisierung dieser Ziele.
Ich habe mich in meinem ganzen Berufsleben mit der Umsetzung von Menschenrechten in unterschiedlichen Kontexten befasst und dabei eines gelernt: Ohne Unternehmen geht es nicht. Meine Motivation, mich für das Amt zu bewerben, war das Mandat der OECD, die Globalisierung so zu gestalten, dass möglichst alle von ihr profitieren. Ich bin überzeugt, mit unserer Forschung am Kompetenzzentrum Menschenrechte der UZH und meiner Erfahrung auf diesem Gebiet, nicht zuletzt in der Arbeit mit verschiedenen Interessengruppen, dazu einen substantiellen Beitrag leisten zu können.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ja durchaus. 2015 reichte eine Gewerkschaft (BWI) beim Schweizer «Nationalen Kontaktpunkt» eine Beschwerde gegen die FIFA ein. Es ging um die Situation der Wanderarbeiter auf den Stadionbaustellen in Katar. Gerügt wurde, dass die FIFA zu wenig gegen unzureichende Arbeitsbedingungen unternehme. Im Rahmen des Verfahrens vor dem Schweizer «Nationalen Kontaktpunkt» trafen sich Vertreter von FIFA und der Gewerkschaft und einigten sich auf eine Reihe konkreter Massnahmen, die dann auch vor Ort umgesetzt wurden. Das heisst nicht, dass jetzt alles perfekt ist, aber es gab konkrete Verbesserungen für die Arbeiter vor Ort.
Was ist ein Kontaktpunkt?
Die sogenannten «Nationalen Kontaktpunkte» sind noch wenig bekannt. Dabei sind sie wichtige Vermittlungs- und Schlichtungsstellen. Die Kontaktpunkte behandeln Beschwerden gegen Unternehmen, denen vorgeworfen wird, sie hätten die Leitsätze der OECD verletzt. In der Schweiz ist der Nationale Kontaktpunkt beim Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft) angesiedelt. Oft sind es Gewerkschaften, die solche Fälle melden, es kann sich aber jedermann, der den Eindruck hat, ein Unternehmen halte sich nicht an die Leitsätze, an einen Kontaktpunkt wenden. So könnten Sie zum Beispiel auf den Schweizerischen Kontaktpunkt zugehen, wenn Sie meinen, dass bei bestimmten Produkten Kinderarbeit im Spiel ist. Der Kontaktpunkt gibt Ihnen und dem betroffenen Unternehmen dann die Möglichkeit, im Rahmen einer Mediation auszuloten, wie die Situation vor Ort verbessert werden kann. Es ist ein sehr schlankes Verfahren, das nicht nach Schuldigen, sondern nach Lösungen sucht.
Für Ihr neues Amt konnten ja bereits Erfahrungen beim Schweizerischen Kontaktpunkt sammeln.
Ja, das stimmt. Im Jahr 2013 übernahm ich die Ko-Präsidentschaft in der Eidgenössischen Kommission zur Beratung des Nationalen Kontaktpunktes für die OECD-Leitsätze.
Welche Aufgaben werden Sie im neuen Amt zuerst anpacken?
Es geht in erster Linie darum, die jetzigen Leitsätze zur verantwortungsvollen Unternehmensführung weltweit umzusetzen. Für die Mitgliedstaaten ist es wichtig, die bestehenden Instrumente mit konkreten Inhalten zu füllen, um Unternehmen bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung für ihre Wertschöpfungsketten zu unterstützen. An diesen Inhalten arbeiten wir, zum Beispiel mit branchenspezifischen praxistauglichen Leitfäden.
In welchen Branchen ist die Situation besonders prekär?
Es ist schwierig das pauschal zu beantworten, oft kommt es auf den Einzelfall an. Es gibt Branchen, in denen die Produktion per se gefährlich ist. Mineralien, Diamanten oder Gold werden oft in Krisengebieten mit schwachen rechtsstaatlichen Institutionen abgebaut, die keinen Arbeitsschutz kennen.
In anderen Branchen sind die Lieferketten sehr komplex, so dass es schwierig ist, überhaupt festzustellen, wer alles an der Produktion beteiligt ist. Häufig sind Personen im sogenannten informellen Sektor darunter, wie Familienangehörige und Kinder ohne Arbeitsvertrag oder Arbeitsschutz. Es sind allerdings viele Anstrengungen zur Verbesserung der Lage unternommen worden. Im besonders betroffenen Textilsektor wurde der dringend notwendige Bewusstseinswandel durch den Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesh beschleunigt.
Wie ist es um die verantwortungsvolle Unternehmensführung global gesehen bestellt?
In den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert. Unternehmen handeln bekanntlich sehr risikobewusst. Früher standen dabei Risiken für das Unternehmen und dessen Eigentümer wie Aktionäre oder Investoren im Vordergrund. Diese Aspekte sind heute immer noch wichtig, aber neu fliessen auch Risiken für Menschen und Umwelt in die Beurteilung mit ein. In der Umsetzung gibt es aber noch grosse Unterschiede, nicht nur geografisch, sondern auch je nach Branche.
Sie sind die erste Schweizerin, die den OECD-Ausschuss für verantwortungsvolle Unternehmensführung leitet. Haben Sie als Schweizerin eine spezielle Optik?
Die Schweiz engagiert sich als Mitglied aktiv an den Arbeiten des Ausschusses und hat meine Bewerbung tatkräftig unterstützt. In meiner neuen Funktion werde ich aber nicht die Schweiz vertreten, sondern mein Amt unabhängig wahrnehmen und bei Geschäften, die die Schweiz betreffen, in den Ausstand treten.
Die OECD-Leitsätze: Empfehlungen von 48 Staaten an die Unternehmen
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeitet darauf hin, dass hinsichtlich der verantwortungsvollen Unternehmensführung weltweit für alle die gleichen Spielregeln gelten. Dazu hat sie Leitsätze entwickelt.
Diese OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen sind Empfehlungen der 36 OECD-Mitgliedsstaaten sowie 13 weiterer Staaten (Ägypten, Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Jordanien, Kasachstan, Kolumbien, Marokko, Peru, Rumänien, Tunesien und Ukraine). Sie enthalten die Grundsätze verantwortungsvoller Unternehmensführung (Responsible Business Conduct).
Die OECD-Leitsätze sind in thematische Kapitel unterteilt: Diese betreffen die Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit, Menschenrechte, Arbeitsrechte, Umweltstandards, Korruptionsbekämpfung, Konsumentenschutz, Forschung, Wettbewerbspolitik und Steuern. Die Leitsätze sind Empfehlungen der Regierungen für Unternehmen. Sie enthalten ein Beschwerdeverfahren, für das die sogenannten Nationale Kontaktpunkte zuständig sind, die auch Fälle beurteilen können, die sich ausserhalb der 48 Teilnehmerstaaten zutragen.
Eine Zusammenfassung ist abrufbar unter Seco.admin.ch.
SRF Tagesgespräch
Prof. Christine Kaufmann hat am 17. Oktober im Schweizer Radio, SRF Tagesgespräch ein Interview zum Thema OECD und verantwortungsvolles unternehmerisches Verhalten gegeben.
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