Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03262.jsonl.gz/94

Der 26-jährige Singer-Songwriter Lewis Capaldi startete schon mit 20 durch. Sein Hit «Bruises» wurde zum Stream-Erfolg, und mit seinem melancholischen Megahit «Someone You Loved» regte er zu Online-Kommentaren an wie: «Nach diesem Song spüre ich Liebeskummer, obwohl ich gar keinen habe.» Oder: «Ich vermisse nach diesem Lied die Freundin, die ich nie hatte.». Manche loben: «Lewis Capaldi ist nicht der nächste Ed Sheeran, sondern der erste Lewis Capaldi.» Er selbst findet: «Ich bin die schottische Beyoncé.» So melancholisch seine Songs, so witzig die Kommentare, die Lewis zwischen seinen Songs zum Besten gibt. Manche finden sogar, er hätte gut auch Stand-up-Comedian werden können.
Ticketcorner hat Lewis Capaldi zum Interview getroffen.
Lewis, du bist und machst sehr viel auf Social Media. Denkst Du, das ist für einen Künstler heutzutage wichtig?
Nun, vielleicht nicht unbedingt in dem Ausmass, wie ich das mache. Viel Nonsens. Aber ich liebe es, mit Leuten in Kontakt zu treten, die meine Karriere möglich gemacht haben. Leute, die Tickets für mein Konzert gekauft haben und auch mein Album gekauft haben. Die Leute wollen doch wissen, von wem die Musik kommt. So wie man auch wissen will, woher das Fleisch oder das Gemüse herkommt, das man kauft. Vor ein paar Jahren waren «The 1975» auf Social Media auf sehr mysteriöse Weise unterwegs. Dann haben alle versucht, das zu kopieren. So etwas sollte ich nicht. Ich bin auf Social Media einfach ich selbst.
Interview: Christoph Soltmannowski.
Wenn Du schon diesen Vergleich machst mit der Fleischherkunft: Woher kommst du eigentlich? Was hat dich in die Musik gebracht?
Ich kam in die Musik, weil mein älterer Bruder – er ist sechs Jahre älter als ich – in Bands spielte. Ich habe ihn dann ein paarmal begleitet. Schon als ich zwölf war, sind wir in Pubs aufgetreten, auch in grösseren Städten wie Glasgow und Edinburgh.
Und dann bist du plötzlich berühmt geworden?
Nein, das war, als ich etwa 18 oder 19 war, da hat mich mein späterer Manager angerufen. Ich habe einfach Songs gemacht, sie mit meinem Handy aufgenommen und auf Soundcloud gestellt. Er hat mir einfach gesagt, dass er meine Songs und meine Stimme gut findet. Und dann hat er meine Single «Bruises» herausgegeben. Und dann kam eine verrückte Zeit – wir hatten den Song, aber wir mussten auch noch vieles aufbauen.
Da war also dann Druck da?
Das war wohl selbstverursachter Druck. Plötzlich waren da 25’000 Streams. Es war mein erster Song, und das hatten wir niemals erwartet. Da dachten wir «O Gott, was tun wir da?» – alles ging besser und schneller, als ich es erwartet hatte.
Geht dir alles zu schnell?
Es ging definitiv etwas schnell. Ich habe dann gleich schon in diesen grossen Stadien gespielt – da dachte ich, oh, das geht etwas schnell. Aber gleichzeitig liebe ich das auch, natürlich.
Was macht denn einen Song erfolgreich? Du musst das Geheimnis kennen.
Ich habe absolut keine Idee. Ich muss ihn einfach selbst gut finden. Ich habe aber keine Idee, wie man einen Hitsong schreibt.
Aber du hast es geschafft. Schon mehrmals.
Nun, wenn ich das Rezept kennen würde, hätte ich noch mehr geschrieben. Man muss einfach seinem Gefühl trauen.
Ich glaube, das ist dein Erfolgsgeheimnis: Du bleibst bodenständig und der «nette Kerl von nebenan». Hebst nicht ab wie Elton John in seinen jungen Jahren. Oder kann es sein, dass das doch noch passiert?
Nun, vor habe ich es nicht. Ich verstehe auch, warum manche Leute sich so verändern. Den Sinn für sich selbst verlieren. Aber frag mich nochmal in sieben Monaten!
Jetzt bist Du sehr schnell in diesem Musikbusiness gelandet, was magst du am meisten daran?
Live zu spielen, das ist das Beste.
Spielst Du dann lieber in einem Pub oder vor 50’000 Leuten?
Das Beste ist, wenn Leute, die du nicht kennst, deine Songs mitsingen. Da spielt es gar keine Rolle, wieviel Leute da im Publikum sind. Zum Beispiel im Fallow Cafe in Manchester, da haben etwa 50 Leute Platz. Da haben zum ersten Mal Leute meinen Song vorgesungen – das wars, als ich gedacht habe, jetzt habe ich es geschafft. Der Unterschied zwischen 50 und 50’000 Leuten ist, dass es da schwieriger wird, ihre Aufmerksamkeit zu behalten. Aber man muss genau dasselbe tun wie bei 50 Leuten.
Dein erstes und bisher einziges Album heisst «Divinely Uninspired to a hellish extent», übersetzt: Göttlich uninspiriert in höllischem Ausmass. Befandest du in diesem Zustand, als du es aufgenommen hast?
Nicht wirklich, aber ich fand es lustig, einem Album einen so negativen Titel zu geben.
Du bringst die Leute gerne zum Lachen.
Ich lache selbst gerne, aber ob dann andere Leute auch lachen oder nicht, kommt nicht so drauf an.
Also vor allem willst du auf der Bühne Spass haben – hast du dir auch «ernste» Ziele gesteckt?
Wenn man ein Ziel hat, das man erreichen will, egal, was das ist – bei der Arbeit, in der Liebe oder so: Da denkt man doch, man versagt dauernd. Aber dann dreht man sich um, schaut zurück und denkt. O Gott, ich habe das alles getan und geschafft!
Du hast es sehr schnell geschafft, ein erfolgreicher Musiker zu sein. Andere brauchen lange dazu oder schaffen es nie. Gibt es für dich noch unerreichte Ziele?
Ich hatte eigentlich nie konkrete Ziele. Vielleicht war mal ein Ziel, ein Album zu machen. Aber ich habe keine eigentlichen Lebensziele. Es war nie mein Ziel, eine Nummer-1-Singe zu haben. Es war nie mein Ziel, um die Welt zu touren. Ich dachte immer, das wäre toll, aber das habe ich nur gedacht. Ich setze mir nie ein Ziel.
Aber jetzt bist du doch sicher von den vielen Möglichkeiten begeistert, die sich dir bieten?
Ja, es begeistert mich, um die Welt zu reisen und vor den Leuten zu spielen.
Du lebst immer noch in deiner Heimatstadt?
Ja, ich lebe immer noch bei meinen Eltern, im Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Wie hat sich das Verhältnis zu deinen Eltern verändert?
Nicht wesentlich. Mein Vater ist ein Fischhändler, und manchmal legt er mir dann Autogrammkarten auf den Küchentisch, die ich für seine Kunden signieren muss.
Wie erlebst du nun diese verschiedenen Orte auf der Welt?
Ich durfte schon am Fuji Rock Festival in Japan spielen, das war unglaublich. Dieser Respekt, den die Japaner haben! Während der Songs war es ganz ruhig und zum Schluss klatschen und jubeln sie wie verrückt. Ich mag auch Kopenhagen, Los Angeles, New York sowie Dublin und überhaupt Irland generell. Da habe ich ganz euphorische Fans.
Hast du Vorbilder?
Ich liebe die Beatles. vor allem Paul Mc Cartney. Das ist einer der Gründe, warum ich singe. Auch Bob Dylan, Fleetwod Mac und Queen.
Der erste Song, den ich vor Publikum gesungen habe, war «We will rock you» – da war ich erst vier.
Schreibst Du auch Songs, wenn du auf Tour bist?
Ich bin nicht sehr gut darin. Ich schreibe kleine Sachen, die ich dann auch aufnehme. Aber am wichtigsten ist dann das Publikum.