Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/147

Die Gebäude waren sternförmig aneinander gebaut und mit grossen Fenstern versehen. Es war überall sehr hell. Im Eingangsbereich war die Zentrale. Hier arbeiteten viele Helfer, sei es im Büro, im Labor, in der Küche oder bei der Pflege. In den Aussengebäuden wohnten die Gäste. Je nach Kategorie befanden sich ihre Zimmer im Trakt A, B, C oder D. Der Trakt E war der Eingangsbereich, durch den die Besucher ins Innere gelangen konnten. Hier gab es nebst der Anmeldung und einem hübschen Wartebereich auch einen kleinen Laden und viel Informationsmaterial. Für Kinder und Tierfreunde gab es im Zentrum einen Spielraum. Dort befand sich auch die farbige "Katzenwand". Dies war eine fantasievoll bemalte Wand, in der man grosse runde Fenster eingebaut hatte, eine Art Gucklöcher. Auf der Wand entdeckte man eine ganze Katzenfamilie, die auf zahlreichen Katzenbäumen und Hängematten herumtobte. Die Wand war von einem tierliebenden Künstler bemalt worden und verblüffte die Besucher immer wieder. Je länger man auf das Gemälde starrte, desto mehr Details erkannte man. Im ersten Moment hatte man den Eindruck, das Bild sei ein Dschungelbild, denn es gab überall Bäume, Pflanzen und Blätter. Wenn man aber genau hinschaute, entdeckte man die einzelnen Tiere. Da lag in einem grossen Korb eine Mutterkatze mit ihren Jungen. Sie war gerade damit beschäftigt, sie zu säugen. Ueber ihnen thronte auf einem Ast ein schwarzer Kater, der die Familie von oben herunter beobachtete. In der hinteren Ecke spielten zwei Jungtiere mit einer kleinen Maus. Von einem anderen Ast hing eine Kette herunter, an deren Ende eine Feder befestigt war. Damit war eine Vierfarbige beschäftigt. Mit ihrer Pfote versuchte sie, die Feder zu fangen. Und dann, unter einem grossen Blatt, das auf den Boden gefallen war, lugten zwei kugelrunde, dunkle Augen hervor. Eine ängstliche Katze hatte sich dort versteckt.
Wenn man dicht an der Wand stand, hörte man feine Geräusche. Durch die grossen, runden Fenster konnte man ins nächste Gebäude schauen. Das Schnurren kam klar aus dem Trakt B. Dort wohnten die Samtpfoten. Jede Katze hatte ihren eigenen Verschlag, in den sie sich zurückziehen konnte. Ihr "Zimmer" war nicht besonders gross, dafür sauber und warm. Es gab ein weiches Bett, eine Essnische und ein Klo. Ihre Unterkunft wurde jeden Tag gereinigt, die Bettwäsche ausgeschüttelt und neu gerichtet. Zwei Mal täglich gab es Futter. Die Pfleger achteten genau darauf, dass jede Katze ihre Ration regelmässig bekam und auch frass. Sie führten Tabellen über die Fressgewohnheiten und den Gesundheitszustand der einzelnen Tiere.
Am Ende des Traktes war der Gemeinschaftsraum. Hier gab es zahlreiche Kletter- und Spielmöglichkeiten. Am Boden standen etliche Betten. Bällchen, Mäuschen und Papierrollen waren im ganzen Raum verstreut. Die Spielsachen wurden regelmässig durch andere ersetzt, damit die Tiere Abwechslung hatten. Der Raum war wie ein Wintergarten, vollkommen verglast. Egal wo man lag, man sah hinaus ins Grüne.
In der Mitte des Raumes stand ein Zimmerbrunnen, in dem es plätscherte. Hier konnten die Tiere frisches Wasser trinken oder mit den Pfoten damit spielen.
Es gab viele Klettermöglichkeiten in diesem Raum. Die verschiedenen Kratzbäume waren mit Brettern und Hängeleitern verbunden. So konnten die Tiere in schwindelnder Höhe von einem zum anderen Baum gelangen. Je weiter oben man sitzen durfte, desto höher war man in der Rangordnung. Der Gemeinschaftsraum wurde nachts geschlossen. Dann mussten die Gäste in ihre Zimmer. Um 22 Uhr war Nachtruhe. Wenn am Morgen aber der Eingang in den Gemeinschaftsraum geöffnet wurde, ging ein grosses Wettrennen los. Meistens war es Chilli, der gewann. Er war ein vierjähriger roter Kater, der schon seit Beginn hier wohnte. Beim Vorbeirennen fauchte er die anderen Kater an, als wolle er sagen "Kommt mir ja nicht zu nahe, das oberste Liegebrett gehört auch heute mir". Mit seinen scharfen Krallen hielt er sich am Stamm des Kratzbaumes fest und kletterte in Windeseile hoch hinauf. Dort legte er sich in die Hängematte und schaute den Katzendamen zu, die langsam aus ihren Zimmern kamen und den Gang entlang in Richtung Gemeinschaftsraum schlenderten. Wahrscheinlich waren sie erst aus den Betten krochen. Einige von ihnen waren schon sehr betagt und nicht mehr erpicht darauf, auf drei Meter Höhe hinaufzuklettern.
Sie verbrachten den Tag lieber in den Liegekissen auf dem Boden oder auf der Heizung. Das Non-Plus-Ultra war das Freigehege. Dieses stand den Katzen offen, die ein rotes Halsband trugen. Sie durften hinaus in die Sonne und das Näschen in die Luft strecken. Hier liessen sie sich den Wind um die Nase wehen. Am Halsband war ein Miniatursender befestigt, mit dem die Katzentüre ins Freigehege aufging. Nicht alle Tiere waren schon so weit, dass sie nach draussen durften. Manche von ihnen mussten sich nach einer Operation noch erholen oder waren ausbruchgefährdet. Wer hinaus durfte und wer noch drinnen bleiben musste, entschieden die Pfleger. Wer nicht gehorchte oder ständig stritt, bekam Hausarrest. Das rote Halsband wurde durch ein blaues ersetzt und somit blieb der Weg nach draussen versperrt. Manchmal waren sie gnadenlos, doch es war die einzige Möglichkeit, Ruhe ins Geschehen zu bekommen. Sie wussten, dass Stress den Tieren schadete. Sie mussten alles unternehmen, damit die Gäste friedlich zusammenleben konnten. Streit, Hektik und Stress waren Gift. Für geschwächte Tiere könnte das den Tod bedeuten.
Auch in diesem eingezäunten Freibereich gab es Klettermöglichkeiten. Wer Lust hatte, konnte auch frisches Gras fressen, denn das gab es hier in Hülle und Fülle. In der einen Ecke hatte man sogar Katzenminze gepflanzt,
Opium für die Samtpfoten. Das Tierheim war nach neusten Erkenntnissen gebaut worden. Deshalb war das Freigelände auch naturbelassen und grosszügig errichtet worden. Ein hoher, ausbruchsicherer Zaun umgab diesen Bereich. Nach oben war das Gehege hingegen offen. Die Katzen konnten die Vögel sehen, die hoch oben am Himmel ihre Runden zogen. Im Zentrum des Aussengeländes gab es einen kleinen Hügel. Man konnte ihn entweder erklimmen oder sich in eine der kleinen eingebauten Höhlen legen und ein Mittagsschläfchen abhalten.
Vom Freigelände sah man direkt in den Wald. Dieser war nur wenige Meter entfernt. Für die Katzen war das Treiben im Wald wie ein interessanter Film. Manchmal sassen sie stundenlang da und schauten dem Treiben im Wald zu. Von dort kamen wohlbekannte Geräusche, die sie von früher noch kannten. Ab und zu verirrte sich auch mal eine Feldmaus ins Tierheimareal. Dann ging ein Gerangel los. Der beste Jäger konnte sich die Maus schnappen. Die anderen Katzen schauten ihm einfach voller Neid zu.
Für besonders liebe Tiere stand das Freigehege auch in der Nacht offen. Dann sassen die Katzen oft draussen, schauten in den Wald und träumten von vergangenen Zeiten. Wie gerne wären sie wieder frei statt hinter Gittern. Wenn nur endlich ein Mensch kommen und sie zu sich nach Hause mitnehmen würde.
Für einige der Tiere war es einfach. Sie waren jung, besonders schön oder einfach auffallend. Diese verbrachten meist nur wenige Tage oder Wochen im Tierheim. Andere, vorwiegend ältere Katzen, mussten monate- oder jahrelang auf ihre Chance warten. Viele glaubten schon gar nicht mehr daran, ein neues Zuhause zu finden, wo sie geliebt und gestreichelt werden. Einige der älteren Tiere waren hier, weil ihr Mensch ins Altersheim musste oder gestorben war. Sie waren sehr traurig, hatten sie doch viele Jahre mit dem geliebten Menschen verbracht. Nun wussten sie nicht, was mit ihm passiert war.
Im Tierheim "zur Arche Noah" wurden auch Freundschaften geknüpft. Vor allem ältere Tiere, die ihren Menschen verloren hatten, gesellten sich zu den Katzen, die ein ähnliches Schicksal hatten. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Sie legten sich dicht aneinander und fühlten sich so nicht mehr alleine.