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Zwei Faktoren könnten die Weltwirtschaft im restlichen Jahr besonders beeinflussen: einerseits das Ende des Rohstoff-Superzyklus und andererseits der notwendige Schuldenabbau in den Schwellenländern. Diese Faktoren betreffen zwar vor allem Emerging Markets wie China und Brasilien. „Da die Volkswirtschaften der Schwellenländer inzwischen rund 40 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts ausmachen, sind dortige ökonomische Verwerfungen aber auch weltweit zu spüren“, sagt Alan Levenson, US-Chefökonom von T. Rowe Price.
„Nach der globalen Finanzkrise von 2008 haben zunächst die USA und die Eurozone ihre Haushalte in Ordnung gebracht. Nun sehen wir den Schuldenabbau in Schwellenländern, derzeit als dritte Stufe des Reinigungsprozesses.“, erklärt Alan Levenson. Nirgendwo seien die Herausforderungen aber so gross wie in China. Mittelfristig müssten die dortigen Behörden endlich einen Weg finden, die Wirtschaft auf einen stabilen Wachstumspfad zu bringen. „Eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung kann nur dann einsetzen, wenn das Kreditwachstum deutlich verlangsamt wird und weniger stark auf massive Investmentprojekte gesetzt wird, für die sich vor allem die staatlichen Behörden engagieren.“
Marktfreundliche Regierung Temer kündigt tiefgreifende Reformen in Brasilien an
Mit Blick auf Brasilien ist der Experte zuversichtlicher: „Auch wenn der neue Präsident Brasiliens, Michel Temer, nicht vom Volk gewählt wurde, sondern das Amt nur von seiner suspendierten Vorgängerin Dilma Rousseff übernommen hat, scheint er die ökonomischen Baustellen des Landes erkannt zu haben. Er hat ein marktfreundliches Kabinett eingesetzt und längst fällige mikro- und makroökonomische Reformen angekündigt. Zudem scheint der Kongress ihn zu unterstützen.“ Eine Konsolidierung sei dringend nötig, weil Brasilien im zweiten Jahr in Folge eine ernsthafte Rezession durchmache. Laufende Korruptionsermittlungen gegen die staatliche Ölfirma Petrobras machen das Umfeld noch schwieriger. „Trotz der Probleme gehen wir aber davon aus, dass die neue brasilianische Regierung strukturelle Reformen vorantreibt, besonders hinsichtlich des Haushaltsbudgets, um die dringend benötigte steuerliche Konsolidierung anzugehen. Der Haushalt wurde zudem auch durch die Verknüpfung von Pension und Mindestlohn stark belastet. Dies sollte nun geändert werden“, sagt Levenson.
Rezession der Weltwirtschaft ist unwahrscheinlich – Finanzmärkte sind aber störungsanfällig
In den USA wiederum stiege der Inflationsdruck. Zudem läge die derzeitige Arbeitslosenquote um die fünf Prozent, mit fallender Tendenz. „Wir erwarten, dass die amerikanische Notenbank Fed ihren vorsichtigen Kurs weiterhin beibehalten wird und jeden Schritt hin zu einer Normalisierung der Geldpolitik sorgfältig abwägt. Die Fed weiss um die zunehmende Sensibilität der Wirtschaft in den späteren Phasen des Konjunkturzyklus. Die Gewinnmargen der Unternehmen sinken, wenn der Arbeitsmarkt sich der Vollbeschäftigung nähert“, sagt Levenson.
Traditionell wirken sich die Probleme in Schwellenländern stärker auf europäische Volkswirtschaften aus als auf die USA, aber diese Effekte sind zuletzt von positiven innereuropäischen Entwicklungen überlagert worden. Europa hat von geringen Rohstoffpreisen und geldpolitische Anreizen profitiert. Die jüngste Aufwertung des Euro und die Erholung der Ölpreise könnte in der zweiten Jahreshälfte das Wachstum in Europa mildern. Über das gesamte Jahr gesehen sollte das Wachstum aber ungefähr bei 1,5 Prozent liegen, prognostiziert Levenson. „Gerade die peripheren europäischen Staaten haben Fortschritte bei Reformen erzielt und sich von der Euroschuldenkrise erholt. Besonders Griechenland wird einen weiteren Schuldenabbau erleben, und auch Spanien sollte es schaffen, eine Mehrheitsregierung auf die Beine zu stellen – selbst wenn das mühsam wird“.
„Es ist unwahrscheinlich, dass die Weltwirtschaft in den kommenden sechs Monaten in eine Rezession rutschen wird. Aber einige Herausforderungen könnten die Finanzmärkte durchaus in Unruhe versetzen. Zunächst könnten die Wachstumsraten geringer ausfallen. Da die Notenbanken ihre Mittel bereits beinahe ausgeschöpft haben, scheint es schwierig, Mittel gegen eine mögliche weitere Verlangsamung in den etablierten Märkten zu finden“, so Levenson. Daher sei es besonders wichtig, den Effekt der gestiegenen Rohstoffpreise auf das Konsumverhalten in den Industriestaaten im Auge zu behalten. Ein zweiter wichtiger Faktor sei die Anfälligkeit der Kreditmärkte, wenn die Fed aufgrund eines Anstiegs der Inflation die Zinsen schneller erhöhen müsste. „Die Sorgen über das Wachstum und die finanzielle Stabilität in China könnten die Märkte schneller wieder beschäftigen als erwartet. Sofern die Massnahmen der chinesischen Regierung nur zeitlich begrenzt Wirkung zeigen, würde der Fokus in der zweiten Jahreshälfte wieder verstärkt auf China und seine Probleme gerichtet“.