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10% der staatlichen Entwicklungshilfe soll in Familienplanungs-Programme in der Dritten Welt fliessen. Dies fordern Schweizer Umweltschützer mit einer Volksinitiative, über die Ende November abgestimmt wird. In einer Frage sind sich Befürworter und Gegner einig: Investitionen in die Bildung von Frauen helfen, das Bevölkerungswachstum zu bremsen.
Zweimal im Monat kommen im westafrikanischen Niger kleine Gruppen von Männern im Schatten eines Baumes oder auf einem Dorfplatz zusammen. Sie kommen aber nicht auf einen Schwatz über das Fussballteam Nigers, die Menas, und auch nicht, um einer Runde der "Lutte Traditionelle" zu frönen, dem populären Ringkampf - sie besuchen die "Schule für Ehemänner", einem Projekt des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA).
Ziel dieser improvisierten Schulen ist es, Männer in Niger über Verhütung aufzuklären und sie vom Nutzen zu überzeugen, ihren Frauen Zugang zur reproduktiven Gesundheitsversorgung zu geben.
Niger hat die weltweit höchste Gesamtfruchtbarkeitsrate. Nach einer Erhebung der Regierung Nigers von 2012 lag die Zahl der Kinder pro Familie im Durchschnitt bei 7,6. Mit aktuell mehr als 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern dürfte die Bevölkerung Prognosen zufolge bis 2050 auf 69 Millionen ansteigen, bis 2100 gar auf 203 Millionen.
Niger ist auch ein Schwerpunktland der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Im Index der menschlichen Entwicklung des UNO-Entwicklungsprogramms (UNDP) von 2013 lag Niger auf dem letzten Rang. Dies könnte das Land zu einem der Hauptkandidaten machen für die Umsetzung der 10%-Zweckbindung – dem Anteil der staatlichen Entwicklungshilfegelder, die nach dem Willen der Ecopop-Initiative in Familienplanungs-Projekte fliessen sollen.
Niger als Hauptargument
Die Initiatianten haben bereits Interesse an Niger manifestiert. Niger ist eines der vier Länder mit hohen Geburtenraten, die auf der Website des Vereins Ecopop unter den Argumenten für die Initiative aufgeführt werden, die am 30. November zur Abstimmung kommt.
Ecopop kämpft gegen die Überbevölkerung und begründet dies mit dem Ziel, natürliche Ressourcen für künftige Generationen bewahren zu wollen. Hauptziel der Ecopop-Initiative ist aber ein anderes, nämlich die Begrenzung der jährlichen Einwanderung in die Schweiz auf 0,2% der Wohnbevölkerung.
Kritiker der Initiative argumentieren, die 10%-Zweckbindung würde bedeuten, dass man den Hilfsempfängern Familienplanung aufdrängen würde, ohne jegliche Erwägung der Situationen vor Ort. "Familienplanung kann man den Menschen nicht aufdrängen. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, wie von oben verfügte Familienplanung in Katastrophen mündete", erklärt Jean-Luc Pittet, Generalsekretär von Terre des Hommes Suisse.
Freiwillig
Jeremias Blaser, Chef des Bereichs Entwicklungszusammenarbeit bei Swissaid, teilt diese Skepsis. "Geburtenraten und Geburtenkontrolle sind souveräne Angelegenheiten, und es ist allein Sache der Bevölkerung und Regierung des Landes, ob Niger eine Geburtenrate von 5,3 oder 7,2 hat", sagt Blaser.
Der Verein Ecopop, der die Initiative lancierte, weist Vorwürfe zurück, man dränge mit dem Begehren armen Ländern Familienplanung auf. "Wir werden nur mit Leuten arbeiten, die kleinere Familien wollen. Wer grössere Familien haben will, ist frei, das zu tun", sagt Ecopop-Sekretär Andreas Thommen gegenüber swissinfo.ch.
Die Initiative
Die Ecopop-Initiative, hinter der eine Gruppe von Umweltschützern steht, fordert, dass die Nettozuwanderung – Zahl der Immigranten minus Zahl der Emigranten – im Durchschnitt von drei Jahren nicht um mehr als maximal 0,2% der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz wachsen darf. Zudem sollen mindestens 10% der Entwicklungsgelder des Bundes in Projekte für freiwillige Familienplanung fliessen. Das Schweizer Stimmvolk befindet am 30. November darüber.
Der Verein Ecopop verweist darauf, dass freiwillige Familienplanung 1968 von der UNO zum einem Menschenrecht erklärt worden sei. Ecopop kritisiert, die Entwicklungshilfepolitik der Schweizer Regierung vernachlässige Bemühungen zur Förderung der Geburtenkontrolle in den ärmsten Ländern der Welt und konzentriere sich dort stattdessen auf andere Projekte.
Die Opposition in der Schweiz gegen die Initiative ist gross: Sie schliesst Regierung und die wichtigsten politischen Parteien, Wirtschaftskreise, Gewerkschaften, Kirchen und die meisten Hilfswerke ein. Der Konsens im Lager der Gegner ist, dass die Initiative zu strikt sei, schädlich für die Schweiz, für ihren wirtschaftlichen Wohlstand und ihre humanitäre Tradition.
Die DEZA sorgt sich, dass ihre Beziehungen mit Empfängerländern aufgrund von Quoten für Familienplanungs-Projekte getrübt werden könnten.
"Es wäre schwierig, Partnerländern gegenüber eine einseitige Entscheidung zu erklären, 10% der Mittel für Familienplanung einzusetzen, es würde gegen frühere Abmachungen und Grundsätze verstossen", kommentiert die DEZA. Was aber, wenn ein Empfängerland bereit und gewillt ist, seine Geburtenrate deutlich zu senken?
"2012 verpflichtete sich die Regierung Nigers dazu, die Verbreitungsrate von Verhütungsmitteln in Niger bis 2015 auf 25% und bis 2020 auf 50% zu erhöhen", erklärt Monique Clesca, die UNFPA-Vertreterin in Niger.
Das ist eine sehr ehrgeizige Verpflichtung, denn aktuell liegt die Verbreitungsrate für moderne Verhütungsmittel nur bei 12%, trotz der freien Abgabe von Verhütungsmitteln seit 2002. Eine Kombination aus dem Wunsch nach grossen Familien, den Frühheiraten von Mädchen und mangelndem Zugang zu Gesundheitszentren bedeutet, dass die Abgabe von Verhütungsmitteln allein die Geburtenrate in Niger wahrscheinlich kaum gross verändert.
"Frauen sagen üblicherweise nicht, sie seien an Familienplanung interessiert, sie sagen, sie seien müde oder brauchten Zeit, sich auszuruhen. Familienplanung wurde in Niger nie als etwas Positives betrachtet", bestätigt Clesca.
Mädchen in die Schulen!
Bildung ist ein anerkannter Faktor, der zur Senkung der Geburtenraten mithilft. Frauen ohne jegliche formelle Ausbildung haben im Schnitt drei Kinder mehr als jene Frauen, die eine Schulausbildung auf Sekundarstufe oder darüber hinaus haben.
Bezeichnenderweise ist dieser Unterschied bei Geburtenraten und der Nutzung von Verhütungsmitteln aufgrund der Bildungskluft viel grösser als etwa aufgrund des Grabens zwischen Stadt und Land oder der Kluft zwischen Reichsten und Ärmsten.
Bedenkt man, dass in Niger zwei Drittel der Frauen in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen Analphabetinnen sind, scheinen bessere Bildungschancen für Frauen und der Einsatz gegen Frühehen recht vielversprechende Mittel zu sein, um die Geburtenraten zu senken.
"Wenn ein Mädchen die Schule besucht, ist weniger wahrscheinlich, dass es jung heiraten und früh Kinder haben wird. In der ganzen Welt hat sich gezeigt, dass eine der besten Familienplanungsmethoden ist, Mädchen in der Schule zu halten", sagt Clesca.
In Niger sind frühe Heiraten verbreitet, und etwa 40% der jungen Frauen in der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren haben bereits Kinder gehabt. Ausbildung für Mädchen und Frauen ist ein Bereich, der für die Entwicklung Nigers wichtig ist, in diesem Punkt sind sich Befürworter und Gegner der 10%-Familienplanungs-Quote einig. "In der ganzen Welt, unabhängig von Land oder Kultur, hat man sehen können, dass Familien umso kleiner sind, je besser der Lebensstandard und der Zugang zur Bildung sind", sagt Terre des Hommes-Sprecher Pittet.
Auch der Schweizer Regierung ist Bildung ein zentrales Anliegen. "Um den Teufelskreis von Armut und hohem Bevölkerungswachstum zu brechen, braucht es Massnahmen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Gleichstellung der Geschlechter", heisst es in der offiziellen Position der DEZA zur Ecopop-Initiative.
Bildung für junge Frauen ist ein Bereich, an den auch die Ecopop-Initianten glauben. "Bildung ist ein wichtiger Aspekt, in dem wir uns einig sind. Wir sind der Ansicht, dass Bildung für junge Frauen besonders wichtig ist, sie muss aber auch Sexualerziehung umfassen", sagt Mit-Initiant Thommen.
Die UNFPA-Vertreterin in Niger, Monique Clesca, hat schon eine Wunschliste für die Schweizer Regierung parat, falls die Ecopop-Initiative angenommen würde.
"Die Schweiz könnte in Niger in die UNFPA-Initiative für heranwachsende Mädchen investieren, ein acht Monate dauerndes Bildungsprogramm, das mit einem Schwerpunkt auf Alphabetisierung, Hygiene und reproduktive Gesundheit gegen Kinderehen und frühe Schwangerschaften kämpft", so Clesca.
Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch, swissinfo.ch