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Die Kochsalzjodierung hat die durch Jodmangel bedingten Schäden in vielen Ländern zum Verschwinden gebracht. Damit ist sie eine der erfolgreichsten und gleichzeitig kostengünstigsten präventivmedizinischen Massnahmen, die je getroffen wurden. Sich ändernde Ernährungsgewohnheiten und der weltweite Handel mit Nahrungsmitteln erfordern jedoch eine dauernde Überwachung der Jodzufuhr.
Die Schilddrüse gibt täglich 80 Mikrogramm (Millionstelgramm) des lebenswichtigen Hormons Thyroxin ins Blut ab. Da Thyroxin zu 65 Prozent aus Jod besteht, muss die Drüse täglich 50 Mikrogramm Jod aufnehmen, damit die Hormonsynthese aufrechterhalten werden kann. Da ein Teil des Jods aus der Nahrung mit dem Urin gleich wieder ausgeschieden wird, sollte eine erwachsene Person täglich mindestens 100 Mikrogramm Jod zu sich nehmen. Vor gut 80 Jahren hat man allerdings erkannt, dass dieser Wert in vielen Gegenden der Welt nicht erreicht wird, weil die Böden oft arm an Jod sind. Bei Jodmangel produziert die Schilddrüse jedoch zu wenig Thyroxin, was zwei gravierende Folgen haben kann.
Kretinismus und Kropf
Einerseits kann die Entwicklung des kindlichen Gehirns in der späten Fötalzeit und in den ersten Lebensjahren durch den Mangel an Schilddrüsen- Hormonen beeinträchtigt werden, so dass diese Personen schliesslich im Durchschnitt einen um 10 Punkte tieferen Intelligenzquotienten haben als die Durchschnittsbevölkerung. Jodmangel während der frühkindlichen Hirnentwicklung ist denn auch die häufigste verhütbare Ursache von Minderintelligenz. Dieser intellektuelle Rückstand kann später weder durch Jod noch durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen wettgemacht werden. Bei schwerem Jodmangel kommt es zusätzlich zu Schwerhörigkeit, Gangstörungen und Kleinwuchs, was unter dem Namen Kretinismus bekannt ist. Allein im Kanton Bern waren 1920 800 Kretins in speziellen Heimen untergebracht.
Andererseits kann es zur Bildung eines Kropfes kommen, was zwar besser bekannt, doch viel weniger schwerwiegend als die Störungen der Hirnentwicklung ist. Durch Vergrösserung versucht die Schilddrüse, das spärliche Jod besser zu verwerten. In Gegenden mit schwerem Jodmangel haben bis zu 90 Prozent der Erwachsenen Kröpfe von zuweilen grotesker Grösse.
Als weltweiter Pionier führte 1922 der Kanton Appenzell Ausserrhoden jodiertes Salz ein; 1952 folgten auch die letzten Kantone (Aargau und Baselland) seinem Beispiel. Die Erfolge waren spektakulär: die Kröpfe verschwanden, Kretins wurden keine mehr geboren.
Die Salzjodierung ist in der Schweiz unterdessen durch das Lebensmittelgesetz (Artikel 21), die Lebensmittelverordnung (Artikel 6 und 36) und die Nährwertverordnung (Artikel 10) geregelt.
Die Bevölkerung ist erfreulich gut über das Problem informiert: Obschon alle Verkaufsstellen auch nichtjodiertes Salz anbieten müssen, der Konsum von Kochsalz also freiwillig ist, verwenden in der Schweiz mehr als 90 Prozent der Konsumenten jodiertes Salz.
Durch Reihenuntersuchungen von Schulkindern wird die Jodzufuhr in der Schweiz regelmässig überprüft. Wegen einer 1993 festgestellten Abnahme der Jodaufnahme, wahrscheinlich infolge des eher rückläufigen Salzkonsums sowie des Imports von nichtjodierten Fertignahrungsmitteln, wurde 1998 der Jodgehalt des Salzes angepasst: Er wurde von 15 auf 20 bis 30 Mikrogramm pro Gramm Salz angehoben. Eine 1999 durchgeführte Studie, welche die ganze Schweiz abdeckte, zeigte, dass die ausreichende Jodversorgung auch der beiden empfindlichsten Bevölkerungsgruppen der Kinder und schwangeren Frauen wieder gewährleistet ist.
Jodmangel ? ein weltweites Problem
Neben den klassischen Gebieten (Alpen, Himalaja, Anden) herrscht auch in grossen Teilen Zentralasiens, Afrikas und Südostasiens Jodmangel. 1990 schätzte man, dass weltweit 1,3 Milliarden Menschen an Jodmangel leiden. In einer enormen Anstrengung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Kinderhilfswerks Unicef, unterstützt durch weitere Organisationen, ist unterdessen der Jodmangel bei rund 800 Millionen Personen mittels Kochsalz-Jodierung behoben worden. Allerdings brachte erst die Erkenntnis, dass unter Jodmangel die durchschnittliche Intelligenz einer Bevölkerung sinkt, die nationalen Regierungen dazu, dem Problem Priorität einzuräumen. Doch dies war nicht die einzige Hürde: In vielen Entwicklungsländern existiert kein grossflächig organisierter Salzhandel. Die zahlreichen kleinen Salzproduzenten mussten deshalb zuerst in der Jodierungstechnik instruiert werden. Zudem fehlten auch die notwendigen technischen Einrichtungen. In einem grosszügigen Projekt ist der Service-Klub Kiwanis International nun daran, bei seinen Mitgliedern insgesamt 75 Millionen Dollar zu sammeln, um Salzjodierungs-Anlagen zu finanzieren. Sodann verflüchtigt sich Jod in feuchtwarmem Klima sehr rasch. Durch Verwendung des stabileren Kaliumjodats (anstelle von Kaliumjodid) liess sich jedoch auch dieses Problem lösen. Schliesslich musste auch die Bevölkerung überzeugt werden, das, in den meisten Ländern teurere, Jodsalz zu verwenden. In Völkern und Schichten mit geringem Bildungsstand konnte dieses Bewusstsein jedoch auch mittels breiter Aufklärungskampagnen nicht erreicht werden, so dass der Verkauf von jodiertem Salz mancherorts gesetzlich vorgeschrieben wurde.
Meersalz enthält kein Jod
Obschon mit jodiertem Kochsalz ein Spurenelement zugeführt wird, das für den Körper ebenso notwendig ist wie Vitamine oder Eisen, weckt diese Massnahme verständlicherweise auch Befürchtungen und Angst vor Nebenwirkungen. Trotz langjährigem Einsatz in Dutzenden von Ländern hat sich bis heute jedoch nur ein einziger unerwünschter Effekt gezeigt: die Jod-induzierte Schilddrüsenüberfunktion. Diese Fehlfunktion bei Erhöhung der Jodzufuhr kommt fast ausschliesslich bei Personen vor, die einen grossen Kropf haben, die also längere Zeit unter schwerem Jodmangel gelitten haben. Das Phänomen ist vorübergehend und verschwindet nach sechs bis acht Jahren wieder.
In der Schweiz wurde die Jod-induzierte Schilddrüsenüberfunktion nicht beobachtet, wahrscheinlich weil der Jodgehalt über Jahrzehnte vorsichtig in kleinen Schritten angehoben wurde. Ostafrikanische Staaten dagegen führten 1990 im Übereifer hoch jodiertes Salz ein (bis 100 Mikrogramm Jod pro Gramm Salz), was bei gewissen Personen zu einer behandlungsbedürftigen Schilddrüsenüberfunktion führte. Ist der Jodmangel einmal behoben und sind die Kröpfe verschwunden, werden auch hohe Jod-Dosen ohne Nebenwirkungen ertragen.
Die von Gegnern der Kochsalzjodierung immer wieder angeführte Jod- Akne der Haut tritt erst bei 100- bis 1000-fach höheren Jodmengen auf. Bezüglich der Kochsalzjodierung bestehen zudem noch weitere Irrtümer. So verzichtet ein Teil der Haushalte auf jodiertes Salz in der Meinung, dass durch moderne Ernährungsgewohnheiten wie regelmässigen Konsum von Meerfisch einem allfälligen Jodmangel vorgebeugt werde. Dem muss man entgegenhalten, dass sogar in meernahen Ländern wie Belgien und Dänemark ein,allerdings leichter, Jodmangel herrscht; beide Länder haben erst kürzlich und mit viel Verspätung begonnen, Jodsalz einzuführen.
Meerfisch enthält zwar Jod, aber nicht in genügender Menge. Hohe (sogar viel zu hohe) Jodmengen finden sich lediglich in Meertang. Irrig ist auch die Meinung, Meersalz enthalte Jod. Es enthält im Gegenteil überhaupt kein Jod mehr (ausser es wird damit künstlich angereichert), denn das Jod verflüchtigt sich bei der Salzgewinnung an der Sonne. Im Übrigen stammen alle Salze aus Meeren, auch das schweizerische. Letzteres wurde vor Jahrmillionen im Jurameer abgelagert und findet sich heute im Untergrund, gut geschützt vor jeder modernen Meerwasserverschmutzung.
Auch wenn der Jodmangel in der Schweiz zurzeit behoben ist, stellen sich für die Zukunft neue Probleme. Durch das in der Bundesverfassung verankerte Salzmonopol wird zurzeit der unkontrollierte Import von grösseren Mengen an nichtjodiertem Salz verhindert. Es ist jedoch denkbar, dass dieses Monopol auf Grund internationaler Handelsvereinbarungen bald fallen wird.