Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/2660

| Prof. Heyler, Ueber Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit. In: Geschichte des Zosimus. Erster Band und zweiter Band. Aus dem Griechischen zum Erstenmale übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Seybold und Heyler. (Sammlung der neuesten Übersetzungen der Griechischen prosaischen Schriftsteller 10), Frankfurt am Main 1802.

Ueber Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit
2.
Den zweiten Grund, das Zeitalter unseres Verfassers dem völligen Untergange des Römischen Reiches weit näher, als das Jahr 431. zu rücken, kann man vielleicht nicht ohne Grund aus der [S. 4] Aehnlichkeit entlehnen, welche zwischen Polybius und seiner Geschichte Statt finden soll. Ersterer findet den Wachsthum Römischer Macht hauptsächlich in einem Zeitraume von drey und funfzig Jahren; und so wie derselbe dessen Ursachen darzulegen bemüht war, so will dieser nach dessen Beispiel die Ursachen vom Verfalle der Römischen Macht in seiner Erzählung darstellen, und diese Ursachen glaubt er in einem gleich großen oder gleich engen Zeitraume zusammengedrängt.1 Sezt man nun den Anfang des Verfalls, wie man gewöhnlich thut, in die Theodosische Theilung des Reichs unter seine beiden Söhne, ins Jahr 395., so dürfte Zosimus etwa in die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts, oder vielleicht am besten, gegen dessen Ende zu setzen seyn.
Die vorzüglichste Einwendung gegen dieses spätere Zeitalter des Geschichtschreibers ist von dem Schlusse seiner Geschichte genommen, als welche, ohne die Regierung des Honorius zu beschließen, mit dem Jahre 410. zu Ende gehet. Doch eine nur geringe Aufmerksamkeit auf die Darstellungsweise des Verfassers und auf das lezte Buch seiner Erzählung selbst, zeigt, daß uns gerade der wichtigste Theil, nämlich derjenige fehlt, wo Zosimus die Ursachen des Verfalls ausführlicher entwickelt, und gewissermaßen als Augenzeuge der Begebenheiten geschrieben haben würde. Das sechste Buch ist von ganz ungleichem [S. 5] Verhältnisse gegen die übrigen, besteht, da die andern nicht weniger, als funfzig bis sechzig Kapitel haben, blos aus dreizehn solcher Abtheilungen, und der erste Blick auf das Ende des lezten Kapitels zeigt, daß der Faden durch irgend ein ungünstiges Schicksal, welches auch das Ende des ersten und den Anfang des zweiten Buchs getroffen, abgerissen wurde. Daß weder Photius im neunten Jahrhunderte, noch Evagrius im sechsten, mehr von Zosimus, als wir, besessen haben, beweißt wohl nicht mehr, als daß dessen Handschriften damals schon verstümmelt gewesen seyn müssen. Möglich bleibt es freilich immer, daß Zosimus durch irgend etwas, selbst an gänzlicher Ausarbeitung seines Werks gehindert wurde; aber höchst unwahrscheinlich, daß mitten im Kapitel, da wo es izt das Ende ist, aufgehört wurde. Daß sein, an mehrern Stellen seines Buchs, deutlich angegebener Vorsatz, seine Arbeit viel weiter geführt haben muß, das leuchtet gewiß jedem Leser ein: Denn seiner Absicht gemäß sollten wir, wie vorhin schon erinnert wurde, die mannichfaltigen Ursachen des Verfalls des Reichs ausführlicher bei ihm erzählt lesen. Izt sind sie nur hier und da gelegentlich eingestreut. Herr Reitemeier hat sie in seiner Untersuchung über den Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit zusammengestellt, daher wir hier unsern Lesern solche mittheilen wollen:
In der Veränderung der freien Staatsverfassung sucht er die erste Ursache des Uebels.2 Indem das [S. 6] ungeheure Reich, welches so viele und so weitläufige Provinzen, Völker und Meere umfaßte, der Willkühr Eines Mannes anvertraut war, konnte derselbige, gesezt er wollte auf die Staatsverwaltung die größte Sorge verwenden, der gehörigen Geschäftsführung unmöglich gewachsen seyn. Denn welche Wachsamkeit und Thätigkeit wurde erfordert, um den von einander so weit entlegenen Provinzen zu rechter Zeit beizuspringen! was für Scharfsinn, um die Staatsbeamten zu erlesen! was für Klugheit, Beurtheilungskraft und Geistesstärke bei den unzähligen Arten von Geschäften! Weil aber die mehrsten Kaiser, statt mit sorgfältiger Verwaltung des Staates sich zu beschäftigen, ihrem Muthwillen und Wollüsten nachhingen, so mußten daraus die den Römischen Staat bekanntlich drückenden Uebel entstehen.
1: S. Zosimus 1. B. K. 1. und K. 57. [Im folgenden: 1, 1. 57 u.ä.].
2: 4, 6. 18; 5, 41.