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Viscosistadt Emmen
Emmenbrücke und der Mündungsbereich der Flüsse liegen für die moderne Welt der Massenmobilität günstiger als die Stadt Luzern. Diesen Umstand machte sich die Industrie neben der Wasserkraft schnell zunutze; um die Emmenbrücke entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene Fabriken. 1850 hatten die Brüder Ludwig und Franz Xaver von Moos nordwestlich der Bahnstation den Grundstein für die Eisenfabrik von Moos gelegt. Östlich davon erstellten französische Investoren 1906 die Anlage der «Viscose Emmenbrücke», einer Kunstseidenfabrik. Diese beiden Grossunternehmen prägen die Entwicklung der Gemeinde Emmen zur wichtigsten Industriegemeinde des Kantons nachhaltig.
Mit diesen Zugpferden entstand ein Industrievorort, der sich vor allem entlang der Hauptverkehrsachsen entwickelte und sich über mehrere politische Gemeinden erstreckte; in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden hier zahlreiche Handwerksbetriebe und Baugeschäfte gegründet. Die Arbeiter und Fachkräfte siedelten sich hauptsächlich beim Brückenkopf des Emmenübergangs auf Littauer Seite sowie in der Region Emmenbaum bei der Bahnstation an. Eine Strassenbahn verband ab den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts diese urbanen Fragmente untereinander und mit der Stadt Luzern. Die Hochkonjunktur führte zu einem Bauboom; ortsansässige Betriebe errichteten Arbeitersiedlungen und Wohnkolonien. Auch aus dem Ausland zogen zahlreiche Arbeitskräfte und Familien zu. Wegen der multikulturellen Bevölkerung und des bisweilen rauen Industrieflairs wird die Gegend gelegentlich – nicht ganz ohne Stolz – «Emmenbronx» genannt.
Neuorientierung
Die Deindustrialisierung ist auch an den Gebieten um die Emmenbrücke nicht spurlos vorübergegangen. Betriebe wurden redimensioniert, Arbeitsplätze gingen verloren, auch wenn Betriebsstandorte weiter bestehen und noch immer industriell aktiv sind. Das hat auch Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung. «Arbeiter und Angestellte, die jahrelang in der Gemeinde lebten, ziehen weg», steht auf der Website der Gemeinde Emmen in der Übersicht zur Ortsgeschichte, «der frei gewordene günstige Wohnraum wird durch Neuzuzüger besetzt, die keine Verbindung zu Emmen haben und oftmals aus dem Ausland stammen.»
Dieser Wandel und das Bedürfnis nach Neuorientierung in der Grossregion Luzern wird von den zuständigen politischen Instanzen unter dem Begriff «Luzernplus» vom gleichnamigen Gemeindeverband angegangen. Er fasst die Entwicklungsgebiete Luzern Nord, Ost und Süd zusammen. Im Zentrum des Gebietes Luzern Nord ist die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss und der Seetalplatz am linken Ufer des Flusses, der durch zwei Strassenbrücken erschlossen ist. Der Gemeindeverband bezeichnet Luzern Nord als «das neue Stadtzentrum am Fluss, wo Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Bildung zusammentreffen», und als «neuen Dreh- und Angelpunkt der Zentralschweiz». Das Entwicklungsgebiet setzt sich zusammen aus dem Quartier Reussbühl auf der Stadtluzerner Seite der Emme, dem gegenüberliegenden Seetalplatzquartier, der nördlich davon liegenden Viscosistadt, dem Reusszopf im unmittelbaren Mündungsbereich als Naherholungsraum und dem Industriegebiet Ibach am rechten Reussufer, das teils zur Stadt Luzern, teils zur Gemeinde Ebikon gehört. Auf einer Gesamtfläche von rund 600 000 Quadratmetern sind 1500 neue Wohnungen für 3300 neue Bewohnerinnen und Bewohner, 4000 zusätzliche Arbeitsplätze und 800 Studienplätze geplant und teilweise bereits erstellt.
Luzern Nord sieht sich auf dem Weg zu einem dynamischen Wirtschaftszentrum, einer lebenswerten Wohnstadt und einem gefragten Hochschulstandort. Die Eigenschaften «zentral, nachhaltig und verdichtet» sollen sich durch Qualitäten wie hohe Gebäudeenergieeffizienz, die Verwendung erneuerbarer Energien, einen geringen Bodenverbrauch, eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr und die optimale Erschliessung für den Veloverkehr äussern. Eigentliches Zentrum der Entwicklung ist der Seetalplatz. An seinem nordwestlichen Rand wurde ein neuer Bushof realisiert. Der ausgedehnte Platz, der lange weitgehend von Parkplätzen und grünen «Restflächen» umgeben war, wird sich im Endzustand zum Fluss hin öffnen. Auf der bis jetzt unbebauten Fläche nördlich von ihm entsteht unter dem Namen «4Viertel» eine grosse gemischte Überbauung, die als urbanes Quartier konzipiert ist; auf rund 30 000 Quadratmetern Gesamtnutzfläche sind Läden, Büros, sechs zusätzliche Kinosäle mit einem grosszügigen Kinofoyer und gastronomischem Angebot sowie rund 170 Wohnungen vorgesehen. Die Ausführungsphase hat begonnen und soll circa 2022 abgeschlossen sein. Für das Gebiet Seetalplatz Ost besteht ein Bebauungsplan, hier sind Wohnungen vorgesehen. Unmittelbar nördlich plant der Kanton Luzern eine neue zentrale Verwaltung. Bis die Bagger auffahren, dauert es noch etwas, voraussichtlich bis 2022. So lange vermittelt der Verein Platzhalter auf dieser Freifläche Zwischennutzungen. Auf der Seite Reussbühl entsteht das Projekt Reusszopf. Es umfasst 80 neue Mietwohnungen sowie 1300 Quadratmeter Gewerbeflächen und wird realisiert von der Baugenossenschaft Reussbühl, zwei privaten Grundeigentümern und einer Gesellschaft. Man rechnet mit der Fertigstellung bis 2022.
Am meisten Aufmerksamkeit unter den Entwicklungsgebieten von Luzern Nord hat bisher aber die Viscosistadt geweckt, die nördlich an «4Viertel» anschliesst. Auf dem einst für die Öffentlichkeit geschlossenen Areal der Viscosuisse, hervorgegangen aus der erwähnten Kunstseidenfabrik und heute unter dem Namen Monosuisse Teil des Sefar-Konzerns, entsteht ein gemischtes Quartier, wobei die Dichte des Bestands die Gestalt entscheidend mitbestimmt.
Am reissenden Fluss
Die Viscosistadt erstreckt sich über ein ebenes Gebiet zwischen der Kleinen Emme und der Gerliswilstrasse, einer historischen Landstrasse, die vom Seetalplatz her kommend in Richtung Sempach nach Norden verläuft. Der Fluss lockte die Industrie einst wegen seines Wassers und der Energieressourcen an. Er ist trotz seines harmlos klingenden Namens überaus launisch und mitunter gefährlich. Immer wieder lassen ihn Unwetter abrupt anschwellen. Deshalb wurde sein Lauf schon im 19. Jahrhundert kanalisiert. Trotzdem kam es auch in Emmenbrücke immer wieder zu verheerenden Hochwassersituationen. Das letzte Mal im Sommer 2005, als der Seetalplatz überschwemmt wurde. Den Hochwasserschutz hat man im Planungsgebiet Luzern Nord seither verbessert, die Uferbereiche prägen heute mächtige Mauern.
Monosuisse AG beansprucht auf dem rund 89 000 Quadratmeter grossen Areal nur noch einen Gebäudekomplex für die Produktion von Chemiefasern. Deshalb wurde 2011 vom Unternehmen ein Studienauftrag durchgeführt. Das Projekt des Architekturbüros EM2N aus Zürich ging als Sieger hervor und diente als Grundlage für einen Masterplan. Das transformierte Monosuisse-Areal wird seither als Teil eines neuen Stadtzentrums gelesen, das sich mit seinem durchlässigen Geflecht aus öffentlichen Gassen und Plätzen maximal mit dem umliegenden Siedlungsgebiet vernetzt.
2013 wurde die Viscosistadt AG gegründet. Sie steht unter der operativen Leitung von Alain Homberger, Mitglied des Verwaltungsrats der Sefar Holding AG, und strebt eine zukunftsträchtige Verwandlung des Areals an. Diese soll in behutsamen, sanften Schritten erfolgen. Das Fabrikgelände ist ein wichtiges Element des kollektiven Gedächtnisses von Emmen. Die Verbindung zwischen dem Industrie- und dem Wohngebiet wird als eng empfunden, was auch am nahezu nahtlosen Übergang zwischen ihnen liegen mag. Baulich symbolisiert diese Nähe das geliebte Tramhäuschen an der Gerliswilstrasse, am nördlichen Rand der Viscosistadt, das seit 1961 keine Trams mehr gesehen hat. Der kleine als Transformatorenstation und Wartehalle errichtete Solitärbau aus den 1920er-Jahren wurde im Rahmen der Arealentwicklung in eine Stiftung überführt. Nach einer leichten Standortverschiebung dient er an der Kreuzung mit der Emmenweidstrasse als Gastronomie- und Event-Location.
«Serie von inkrementellen Schritten»
Ausgehend vom Vorhandenen, soll mit der Viscosi-stadt in einer «Serie von inkrementellen Schritten», wie sich die Verfasser des Studienauftrags ausdrückten, ein neues Zentrum geschaffen werden. Das bedeutet, dass sich Volumetrien und Dimensionen von Neubauten dem bestehenden dichten Gebäudebestand anpassen sollen, damit der ursprüngliche Charakter des Areals erkennbar bleibt. Die von den Masterplanverfassern vorgeschlagene Bebauungsstruktur basiert auf dem Gedanken der Nutzungsflexibilität – wobei eine Wohnnutzung explizit mit eingeschlossen wird. Der möglicherweise längere Entwicklungshorizont des Gesamtareals könne durch nutzungsneutral angelegte Gebäudetypen, die sich mit ihrer robusten Grundstruktur an Teilen des Bestands orientierten, optimal aufgefangen werden, schreiben sie.
Wenige Monate nach der Gründung der Viscosistadt AG konnte bekannt gegeben werden, dass die Hochschule Luzern, Design & Kunst, auf das Areal ziehen wird. Deren Räumlichkeiten waren bisher auf verschiedene Standorte verteilt. Der Umzug erfolgte in zwei Phasen. Zuerst konvertierte EM2N, also das Büro, das den Studienauftrag gewonnen hatte, den rund 50 Jahre alten Fabrikbau 745 in Unterrichtsräume, Ateliers und Werkstätten. Im Sommer 2016 bezog die Hochschule die sanft sanierten Räumlichkeiten, denen die industrielle Vergangenheit noch stark anhaftet. Der im Sommer 2019 bezogene, neu errichtete Erweiterungsbau 745, entworfen von Harry Gugger Studio, Basel, ergänzt dieses Angebot und komplettiert den Campus der Hochschule Luzern, Design & Kunst.
Architekt Harry Gugger sieht seinen Neubau in der Viscosistadt explizit als Anbau. Er ersetzt zwei kleinere Nebenbauten und komplettiert die Bauzeile, die sich als Uferfront der Kleinen Emme entlang erstreckt und an ein neues Parkgelände mit dem einstigen Klärbecken grenzt. Das Entwurfsteam, das diesen Auftrag über einen wettbewerblichen Dialog erhielt, musste sich stark am Gegebenen orientierten. Umriss und Höhe waren vorgegeben. Die Geschossniveaus mussten jenen des alten Fabrikbaus 745 entsprechen. Die Erweiterung bekräftigt das existierende Wegsystem auf dem Industrieareal und macht die Uferfront mit dem Parkgelände besser zugängig.
Ateliers und Werkstätten
Die Hochschule betreibt in der Erweiterung zusätzliche Ateliers und Werkstätten. Sie reichen von voll ausgestatteten Holz- und Metallwerkstätten über feinmotorische Druck- und Schmuckwerkstätten bis zu hoch technisierten «Computer Aided Manufacturing»-Anlagen. Öffentlich zugängliche Räume beherbergen die grösste Sammlung an natürlichen und synthetischen Farbpigmenten der Schweiz.
Insgesamt besitzt der als Betonkonstruktion mit einem hohen Vorfertigungsanteil realisierte Anbau eine Industrieästhetik, die sich in der Flexibilität und der Materialisierung äussert. Rohe, naturfarbene Oberflächen dominieren den Gesamteindruck und gewähren den Nutzerinnen und Nutzern eine freie Entfaltung. Da und dort fanden subtile Veredelungsmassnahmen statt.
So wurden in den Treppenhäusern und im Foyer spezielle Leuchten verwendet, die in unmittelbarer Nähe der Viscosistadt hergestellt wurden. Die Fassade erweist der hohen und stringenten gestalterischen Qualität der Bestandesbauten ihre Reverenz; wie bei diesen dienen Lisenen als Gliederungselement. Sie bestehen aus stranggepressten Aluminiumprofilen. Mit jedem Geschoss findet bei diesen Lisenen und den Brüstungen aus eloxiertem Naturaluminium mit zunehmender Höhe ein Versatz nach aussen statt. So wird der optische Effekt der «stürzenden Linien» vermieden.
Die Ansiedlung der Hochschule als «Pionierin des Wandels» nährt die Hoffnung, dass das einst nur der Arbeit dienende, öffentlich nicht zugängliche Gelände ein vollwertiges Quartier von urbaner Dichte wird.
Bautafel
Erweiterungsbau 745 Viscosistadt
Bauherrschaft
Viscosistadt AG
Emmen
Mieterin
Hochschule Luzern Design & Kunst
Emmen
Architektur
Harry Gugger Studio Ltd.
Basel
Projektmanagement
TGS Bauökonomen
Luzern