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Dissertation von Anne Krier
Das Dissertationsprojekt befasst sich mit Texten, denen die Erfahrung von Haft und Verbannung zu Grunde liegt. Beginnend mit dem Urtext der russischen Gefängnis- und Lagerliteratur, der "Vita" des Protopopen Avvakum, fokussiert sich die Analyse im weiteren Verlauf auf folgende Eckpunkte: die memoiristischen Texte der Dekabristen, autobiographische, fiktionale und dokumentaristische Texte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie die Memoiren Aleksandr Gercens, Fëdor Dostoevskijs Mërtvyj Dom und Anton Čechovs Ostrov Sachalin, sowie autobiographische und fiktionale Texte aus dem 20. Jahrhundert wie die Memoiren Vera Figners und Varlam Šalamovs Lagerzyklus Kolymskie rasskazy.
Hierbei steht die Frage im Vordergrund, welche Aspekte der Erfahrung von Haft und Verbannung zu verschiedenen Zeiten hervorgehoben bzw. erzählt werden (können) und mit Hilfe welcher poetischen und rhetorischen Mittel und innerhalb welcher Genres ein Erzählen von Selbst in seiner konfliktuellen Beziehung zur Gesellschaft bzw. von dem Zusammenstoss zwischen dem Ich und der Macht möglich wird. So sind es zu Avvakums Zeit das Genre der Vita bzw. des choždenie, der Pilgerfahrt, sowie die Beichte, die den Rahmen des Erzählens vorgeben. Schreiben die Dekabristen bzw. vor allem Gercen, Figner und zahlreiche Opfer des Stalinismus die inzwischen etablierte autobiographische Tradition weiter, interessiert an Texten wie Mertvyj Dom vor allem das Fingieren der Figurenbiographie auf der Folie eigenen Erlebens und vor dem intertextuellen Hintergrund anderer Haft- und Verbannungserinnerungen.
Die Texte Čechovs ebenso wie jene Maksimovs und Doroševičcs (oder des amerikanischen Journalisten George Kennan) wiederum zeugen von der Vorliebe des späten 19. Jahrhunderts für das Erzeugen von Dokumenten bzw. von journalistischer Augenzeugenschaft – nicht das eigene Erleben des Strafsystems als Häftling und Verbannter steht hier im Vordergrund, sondern die Position des objektiven, unbeteiligten Beobachters.
Dies sind Texte, die sich in einen weiteren Rahmen der Diskussion über Sinn und Unsinn eines auf Deportation und Zwangsarbeit beruhenden Strafsystems einfügen. Die Texte des 20. Jahrhunderts erscheinen somit als in einer gefestigten Tradition verankert, auf deren Topoi und Motive sie zurückgreifen bzw. gegen die sie anschreiben schreiben können: Diese Entwicklung des russischen Haft- und Verbannungstexts versucht das Dissertationsprojekt nachzuzeichnen und dabei die (Selbst)Konzeption der Schreibenden als Zeugen in den Vordergrund zu rücken.