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Was braucht es, um einen Roman zu schreiben? Eine gute Idee für die Geschichte und ausreichend Gefühl für Stil und Sprache. Und eine Schreibmaschine wäre nützlich, wobei es auch ohne geht. Hier wird behauptet, Vladimir Nabokov hätte von Hand geschrieben, ebenso Joyce Carol Oates und George R. R. Martin. Und JK Rowling hat zumindest den Entwurf des ersten Harry Potter-Bands ohne Computer und Schreibmaschine verfasst – falls die Informationen in diesem Beitrag stimmen. Bestätigungen habe ich auf die Schnelle dafür nicht gefunden.
Aber das Zitat von Stephen King, der das Buch Duddits (Englisch Dreamcatcher) in Schreibschrift verfasst hat, wird in diesem Plädoyer fürs Handschreiben bestätigt. Es sei für ihn einfacher, sagt King. Und es bringe den Akt des Schreibens zurück auf eine grundlegende Ebene, bei der man tatsächlich einen Gegenstand in die Faust nehmen und Buchstaben auf einem Blatt Papier hinterlassen müsse. Denn:
Es verlangsamt dich. Man denkt über jedes Wort nach, während man es schreibt, und es gibt einem auch mehr Möglichkeiten, so dass man in der Lage ist – die Sätze komponieren sich in deinem Kopf. Es ist wie Musik hören, nur dass es Wörter sind. Aber man sieht mehr voraus, weil man nicht so schnell gehen kann
Das lässt ausser Acht, dass ein armer Mensch die ganze Chose entziffern und abtippen muss – und Dinge abzutippen eine der schlimmsten Strafarbeiten überhaupt ist.
Aber dass ein leeres Blatt Papier keinerlei Benutzerschnittstellen bereithält und damit eine grosse Quelle für Ablenkung ausgeschaltet ist, das ist unbestreitbar. Und ich lasse auch das Argument gelten, dass die händische Niederschrift einer Geschichte den Autor eher daran erinnert, dass er eine Kunst betreibt, als das beim Tippen passiert. Die Tastatur ist als Instrument schliesslich auf den schnellen Input ausgelegt.
Ein Bleistift – oder ein ausgeklügeltes Schreib-Werkzeug?
Doch ob man zur Erfassung des Textes bloss einen Stift oder ein etwas ausgeklügelteres Werkzeug benutzt, ist die eine Frage. Eine andere Frage besteht darin, wie man seine Geschichte organisiert, die Handlungsfäden überblickt, die Details zu den handelnden Figuren, Schauplätzen und dem Ablauf der Ereignisse im Auge behält und überhaupt dafür sorgt, dass der Plot logisch, stringent und ohne Widerspruch ist.
Zu diesem Zweck würde m an in der analogen Welt eine Mindmap oder Karteikärtchen verwenden. Falls man sich den digitalen Hilfsmitteln nicht verschliesst, käme auch eine App wie Story Planner infrage. Die habe ich im Beitrag Mit dieser App ist der Bestseller-Roman ein Klacks ausführlich vorgestellt.
Nun bin ich neulich dem Programm DramaQueen begegnet. Das ist unter dramaqueen.info erhältlich und existiert für Windows und Mac. Es kombiniert Planungswerkzeuge für die Geschichte mit einer auf Autoren zugeschneiderten Textverarbeitung (in diesem Bereich habe ich Papyrus, Hemingway und Reedsy vorgestellt). Dramaqueen sei «die neue Software für Drehbuch- und Prosaautoren», heisst es auf der Website: Sie «ist für den kreativen Schaffensprozess fiktionaler Texte massgeschneidert».
Ein Erfolgsroman als Abfallprodukt dieses Softwaretests?
Ein hehres Versprechen. Aber kann die Software es auch einhalten? Um das endgültig beurteilen zu können, bliebe mir an dieser Stelle eigentlich nur, sie für einen Roman oder ein Drehbuch zu benutzen – und euch beurteilen zu lassen, ob meine Geschichte denn auch etwas taugt.
Und ja, das wäre eine wunderbare Anekdote, die sich an den Presseanlässen für den Film bzw. der Lesereise für den Bestseller hervorragend erzählen liesse: «Ja, mein vielfach ausgezeichnetes und Millionenumsätze generierendes Werk ist eigentlich nur das Nebenprodukt meiner Besprechung dieser Dramaqueen-Software. Die nebenbei bemerkt überhaupt nichts taugt, weil ich stattdessen alles von Hand gekrackelt und Gliederung mit Kreide auf einer Wandtafel gemalt habe.»
Aber so weit wird es leider im Moment nicht kommen, da ich nicht so viel Zeit einen einzelnen Blogpost investieren kann. Ich bleibe euch daher den Tatbeweis schuldig. Ich kann aber vermelden, dass die Software bei mir einen unmittelbaren Erzählimpuls geweckt hat. Und das ist schon mal ein gutes Zeichen.
Der Initialaufwand
Die App zeigt beim Start diverse Optionen an: Erstens sollte man angeben, was man zu verfassen beabsichtigt, also ein Buch, einen Film oder eine Serie.
Ferner gibt man an, ob man ein Einzelwerk oder eine Reihe plant. Zweitens wird einem vermittelt, dass man zu seinem Werk drei Stufen der Ausprägung hat. Nämlich die Folgenden:
Der Plot
Er ist eine Zusammenfassung und Gliederung der Geschichte, in der die wichtigen Etappen kurz aufgeführt sind.
Das Konzept
Es ist etwas ausführlicher, das ein bisschen etwas über die inneren Zustände der Hauptfiguren verrät.
Die Erzählung
Sie beinhaltet die eigentliche, voll ausgearbeitete Geschichte.
Drittens geht es um die Gliederung des Werks. Die Auswahl allein in diesem Feld hat mich schwer beeindruckt. Es stehen nicht nur naheliegende Dinge zur Verfügung, zu denen ich Akte, Kapitel, Teile und Abschnitte zählen würde, sondern noch viele weitere Gliederungsmethoden: Steps, Stufen, Etappen, Stationen, Stadien, Beats, Blöcke, Ereignisse, Elemente, Pausen und Meilensteine. Das Konzept wiederum teilt man in Szenen, Kapitel, Unterkapitel, Abschnitte, Ereignisse oder Elemente ein.
Dramaqueen lässt sich mit einem Demoprojekt öffnen. Im Fall der Prosa-Geschichte ist das das Märchen Hänsel und Gretel. Man sieht am linken Rand die Übersicht. Sie ergibt sich aus dem Plot bzw. dem Exposé: Es handelt sich um einen groben Abriss der Geschichte, die nach Teilen und Kapiteln gegliedert und farbcodiert ist. Die Farben stehen für die Handlungsstränge. Bei «Hänsel und Gretel» werden vier Teilerzählungen ausgewiesen: Hänsel will zurück nach Hause, Hexe will Hänsel auffressen, Gretel wird erwachsen und Vater lernt, was Glück bedeutet.
Die Übersicht mit dem Gerüst der Geschichte
Diese Übersicht hat der Autor in der Standardansicht immer im Blick, denn das ist das Gerüst der Geschichte. Es lässt sich auch als eine Art Kanban-Board darstellen, wobei jedes Ereignis bzw. Versatzstück eine einzelne Tafel darstellt. Diese Tafeln lassen sich per Maus umsortieren. Ich habe den Eindruck, dass das eine sinnvolle Methode ist, um die Dramaturgie der Geschichte zu optimieren und den Ablauf zu optimieren.
Neben der Übersicht erscheint der Editor, in dem man seinen Text schreibt. Er hat minimale Formatierungsmöglichkeiten (Fett, Kursiv, Unterstrichen und Textfarbe), und man kann Fussnoten und Textnotizen einfügen.
Eine geballte Ladung an Autorenwerkzeugen
Damit sind die Möglichkeiten aber längst nicht erschöpft: Im Gegenteil. Ein wichtiges Instrument von Dramaqueen steckt in der Ansicht Storytelling.
Storytelling-Ansicht
Hier zeigt einem die Software eine Orientierungshilfe für den Einstieg und die Planung. Es wird erklärt, wie man die Geschichte aufbauen und entwickeln könnte, was Guidance, Logline und Prämisse sind, wie man seine Hauptfiguren charakterisiert, welche Rolle (Held, komischer Held, Antiheld, weder noch) man ihm zuweist und wie die Geschichte ins 5-Akt-Schema eingepasst wird.
Dabei vermittelt die Software nebenbei eine dicke Portion Theorie zur Kunst des Geschichtenerzählens. Man kann sich mit dem Aufbau nach Prolog, Etablierung von Gerne und Erzählton, dem Aufbau von Empathie, der Anfangskrise und der Durchbrechung des normalen Lebens, von Hook, Leitmotiv und Schlüsselsatz beschäftigen – und so weiter.
Diese Storyboard-Ansicht hat es in sich. Und sie ist nicht das einzige Instrument, das einem helfen soll, die Regeln des Drehbuch- und Geschichteschreibens nach allen Regeln der Kunst zu befolgen. Es gibt auch noch folgende Werkzeuge:
Die Figuren
Die handelnden Personen werden mit Name erfasst und einer Beschreibung versehen. Im Profil erfasst man für jede Hauptfigur den vollen Namen, Aliasse, Geschlecht, Alter, Aussehen, Beziehungs- und sozaler Status, Hobby, Beruf und Sprechstil. Man beschreibt Stärken, Schwächen, seelische Wunden und Ängste und Selbstbild. Man denkt sich eine Backstory und eine Fallhöhe aus – letztere beschreibt, wie gross die Verunsicherung ist, die durch die Ereignisse der Geschichte auf die Figur einwirkt.
Schauplätze
Es existiert eine Datenbank für die Handlungsorte, die mit einer Beschreibung und einer dramaturgischen Funktion erfasst werden. Ausserdem können auch Orte eine Entwicklung durchmachen und sich in ihrer Bedeutung während der Geschichte verändern. Beispiel Hexenhaus: Das ist am Anfang ein Ort der Verführung, weil es einen unlimitierten Vorrat an Süssigkeiten verspricht. Dann wird es zum Gefängnis und Folterkeller für Hänsel und Gretel.
Storylines
Hier werden die erwähnten Handlungsstränge aufgezeigt und mit einzelnen Etappen, sogenannten Plot-Points aufgezeichnet. Man zeigt für jeden Plot-Point auf, ob er eine negative oder positive Wendung bringt oder die Handlung nicht beeinflusst. Für den Storybogen braucht es demnach ein paar Plot-Points, dann einen Klimax und einen letzten Twist; was sich dann auch als Auf- und Ab charakterisieren lässt – so sieht man sogleich, wann der Held ganz unten ist und sich wieder aufschwingt.
Ausserdem wird beschrieben, welche Figuren an den Storylines beteiligt sind.
Storybögen
Die einzelnen Storylines sind, mit ihren Höhe- und Tiefpunkten, in der Storybögen-Ansicht ersichtlich. Auf der Zeitachse sind die einzelnen Sequenzen, bzw. Teile und Kapitel aufgetragen.
Auf diese Weise lässt sich grafisch erschliessen, wie die Handlungsstränge ineinandergreifen. Ich nehme an, dass man logische Fehler am ehesten hier sehen würde – auch wenn mir nicht klar ist, ob man Bedingungen definieren kann, welches Ereignis ein anderes voraussetzt, was grobe Schnitzer verhindern würde. Und ja, ein bisschen erinnert das an eine Projektmanagementsoftware und den kritischen Pfad.
Anmerkungen
Hier vergibt man zu jedem Kapitel einige Details: Ort, Perspektive, Ereignis, Wetter und Länge. Das hilft einem als Autor, sich die Situation möglichst platisch zu vergegenwärtigen. Und es hilft der Software, die Struktur der Geschichte abzubilden.
Ideen
Das ist ein Bereich für Notizen, die man beschreibt und zu denen man auch Referenzen und Recherchematerial hinzufügen kann.
Genau das richtige – oder ein zu enges Schreibkorsett
Fazit: Das ist ganz schön beeindruckend, was Dramaqueen zu bieten hat. Ob einem die geballte Ladung an Autorenwerkzeugen Mut macht oder einschüchtert, das dürfte eine Frage des Temperaments und des Selbstvertrauens sein.
Vor allem aber ist eintscheidend, wie man gedenkt, seiner Berufung als Autor gerecht zu werden: Will man mit der Systematik eines Drehbuchautors mit Hollywood-Ambitionen an die Sache herangehen? Muss man einen ganzen Writers Room und eine komplexe Serie im Zaum halten? Oder ist man der Meinung, dass man es schafft, seine Geschichte aus dem Bauch heraus zu entwickeln?
Mit anderen Worten: Man muss sich ganz am Anfang überlegen, ob man den theoretisch-strukturierten Ansatz oder den intiutiven bevorzugt. Wenn ersteres der Fall ist, dann ist Dramaqueen ein hervorragendes Werkzeug. Wer sich als Affektschreiber sieht, der macht besser einen grossen Bogen um diese Software herum – denn die Gefahr, dass man sich von den Werkzeugen vereinnahmen lässt, scheint mir gross. In dem Fall ist ein Lektor oder einfach ein literaturbewanderter Freund, der die Manuskripte kritisch gegenliest, das bessere Qualitätssicherungsinstrument.
Die Gefahr der Reissbrett-Geschichten
Ich für mich sehe in der Tat das Risiko, dass ich mich zu sehr an der Theorie orientieren und versuchen könnte, alles richtigzumachen. Das würde unweigerlich zu einem blutleeren, langweiligen Konstrukt führen.
Ich würde daher wahrscheinlich doch eher die eingangs erwähnte App Story Planner für ein grobes Konzept und die grundlegende Handlung verwenden, dann aber relativ frei schreiben. Mein Verdacht ist, dass mir das Korsett von Dramaqueen vielleicht etwas zu eng wäre. Aber wie gesagt: Die Software ist beeindruckend und sie macht Lust, sich an einem Projekt zu versuchen – und wenn es bloss eine Kurzgeschichte ist. Und was sie einem an Grundlagen für die literarische oder filmische Erzählweise vermittelt, ist für sich schon eine spannende Angelegenheit!
Dramaqueen gibt es in einer kostenlosen Version namens Free, die allerdings ein paar Einschränkungen hat. Die Einsteigerversion Plus kostet 99 Euro, die Profi-Variante mit allen dramaturgischen Features 297 Euro. Es gibt jeweils auch ein Mietmodell, bei dem man nach einer gewissen Mietdauer die Vollversion erwirbt.