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Krisen haben oft auch etwas Gutes an sich und können helfen, festgefahrene Denkmuster aufzulösen. Die aktuelle Halbleiterknappheit, wegen der derzeit bei verschiedenen Automobilherstellern die Bänder stillstehen, könnte genau diesen Effekt haben. Anstatt sich beispielsweise ausschliesslich auf einige wenige asiatische Zulieferer zu verlassen, die ihre Chips vor allem an die Elektronikindustrie liefern, könnten die Automobilhersteller wieder vermehrt bei lokalen Zulieferern einkaufen. Das meint zumindest Carlos Cordon, Professor für Strategy and Supply Chain Management am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Seiner Meinung nach hat die Schweiz in dieser Hinsicht gute Karten, weil die Arbeitskräfte hoch qualifiziert seien.
AUTOMOBIL REVUE: Carlos Gordon, wie wird sich die Halbleiterkrise auf europäische und Schweizer Zulieferer auswirken?
Carlos Cordon: Um diese Frage zu beantworten, muss man den Hintergrund verstehen: Der Investitionsaufwand für die Fertigung von Mikroprozessoren ist enorm. Kurioserweise ist der Weltmarktführer in der Herstellung solcher Anlagen ASML, ein niederländisches Unternehmen. Die grössten Kunden von ASML befinden sich jedoch in Asien, wo die Smartphone-Hersteller und die Elektronikindustrie angesiedelt sind. Aber auch die Automobilindustrie ist ein grosser Abnehmer solcher Chips, ohne jedoch das Niveau der Elektronikindustrie zu erreichen. Wir reden hier von Millionen von Autos pro Jahr im Vergleich zu Milliarden von Smartphones.Ich denke, es besteht eine Chance für die europäische Industrie, aber sie zu nutzen, dürfte schwierig sein.
Wieso das?
Die Investitionen sind riesig! Allein der Bau einer neuen Fabrik verursacht Kosten in Milliardenhöhe. Die aktuelle Problematik könnte jedoch zu einer Nearshoring-Strategie beitragen, die darin besteht, bei der Beschaffung auf regionale Lieferanten zurückzugreifen. Wir haben dieses Phänomen bereits im Jahr 2020 gesehen, als wir einen Mangel an medizinischen Geräten, wie zum Beispiel Beatmungsgeräten oder Masken, hatten. Es gibt politischen Druck und Druck seitens der Verbraucher. Es wird uns mit einem Mal bewusst, dass es sehr gefährlich ist, Lieferanten in nur einem Teil der Welt zu haben.
Es ist also kein vorübergehendes Problem?
Die Beschaffungsverantwortlichen in Unternehmen sind üblicherweise darum bemüht, möglichst viele Lieferanten aus verschiedenen Regionen zu haben, um Risiken zu minimieren. Ironischerweise sagen dieselben Einkäufer dann aber auch, dass sie zu klein seien, um sich mehrere Lieferanten leisten zu können, sie müssten sich mit einem einzigen zufriedengeben. Aber sicherlich wäre ein Schweizer oder europäischer Halbleiterlieferant für viele Automarken von Interesse, weil er das Risiko von Engpässen mindern würde.
Wären die Schweiz und Europa in diesem Bereich überhaupt wettbewerbsfähig?
Ja. Solche Fabriken sind natürlich sehr teuer, aber sie sind hoch automatisiert. Die Personalkosten sind also nicht sehr hoch. Hinzu kommt, dass sich die Löhne in China in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt haben. Das grösste Problem ist vielmehr, dass die grössten Halbleiterkunden alle in Asien angesiedelt sind und damit näher liegen. Aber die weltweit führenden Anlagenhersteller sind aus Europa und der Schweiz, und die asiatischen Länder kaufen die Anlagen bei uns. Europa hat eine Menge Know-how zu bieten.
Steht dahinter nicht auch eine geopolitische Herausforderung?
Ja und nein. In den letzten 40 Jahren hat sich die Anzahl der Transistoren pro Mikrochip und die Rechengeschwindigkeit alle 18 Monate verdoppelt. Aber der Grad der Miniaturisierung ist inzwischen so hoch, dass die Leistung der Chips seit 2018 eine Grenze erreicht hat. Damit sind Halbleiter eigentlich kein Hightech-Produkt mehr, sondern ein Grunderzeugnis, dessen Herstellung nichts Besonderes mehr ist. Eine geopolitische Dimension bekommt das Thema jedoch im Rahmen der Entwicklung der künstlichen Intelligenz, weil wir dafür solche Halbleiter brauchen.
Hat die Corona-Krise den Lauf der Globalisierung umgekehrt?
Ich würde sagen, dass dieser Trend schon vorher begonnen hatte, insbesondere unter der Trump-Administration. Corona hat das Umdenken aber sicher beschleunigt, insbesondere im Bereich der Medizinalprodukte. Durch den unschlagbaren Vorteil der Skaleneffekte hatte sich die Herstellung gewisser Produkte auf ein einziges Land und teilweise sogar ein einziges Unternehmen konzentriert! Man hat gesehen, dass die Globalisierung zwar die Kosten durch eine gesteigerte Produktion senkt, aber die Risikofaktoren massiv erhöht. Die Halbleiterkrise ist auch auf die Volatilität des Marktes und der Industrie zurückzuführen, die keine Verträge über grosse Mengen an Halbleitern abschliessen wollte, während die Fabriken stillgelegt wurden. Man hatte sich an einen stabilen Markt gewöhnt, und plötzlich liess die Pandemie die Nachfrage nach Halbleitern für elektronische Geräte explodieren. Alle Unternehmen stellen nun die Globalisierung in Frage, nicht in dem Sinne, dass sie nicht mehr im Ausland einkaufen wollen, sondern in dem Sinne, dass sie zusätzliche lokale Lieferanten haben wollen.
In welchem Umfang wird diese Verlagerung erfolgen?
Ich glaube nicht, dass dies auf Länderebene passieren wird, sondern eher auf der Ebene der Kontinente: So werden sich europäische Kunden vermehrt Lieferanten in der EU suchen. Auf Länderebene würde das keinen Sinn machen. Und da die Unterschiede in den Produktionskosten zwischen den Ländern nicht sehr gross sind, ist die Schweiz gut aufgestellt. In der Schweiz gibt es eine bewährte mikromechanische Industrie und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Und die Schweiz ist ein sehr stabiles Land.
Welche Folgen erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Chinesische Zulieferer werden wahrscheinlich Fabriken in Europa errichten. Und da es sich um einen Sektor handelt, der sich sehr schnell weiterentwickelt, können wir das Auftreten neuer Akteure beobachten, die mit neuen Technologien aufwarten. Wir haben in Europa viel Know-how, um diesen Wandel zu vollziehen und uns als neuen Marktführer zu etablieren.