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Brauerei Steinhof: Aufstieg und Niedergang eines Grossbetriebes
Im April 1870 teilte das Handelshaus «Joh. Jac. Schnell» in Burgdorf mit, dass der Teilhaber Franz Schnell-Drees (1839–1888) finanzielle Mittel aus dem väterlichen Geschäft abziehen wolle, um im Steinhof eine Dampfbrauerei zu erstellen. Franz Schnell stammte aus einer vermöglichen Familie; sein Vater Franz Jakob Schnell-Rothpletz (1789–1860) konnte für damalige Burgdorfer Verhältnisse als Grossgrundbesitzer gelten, gehörten ihm doch neben Gebäuden in der Oberstadt und dem Frommgut grosse Domänen an der äusseren Bernstrasse, so das Grimm- bzw. Hofgut, das Gebiet Steinhof und das Meiemoosgut, samt dem später ausgeschiedenen Lerchebode.
1858 legte Vater Franz Schnell mit Testament 1⁄3 seines Vermögens unter Vormundschaft, das heisst Sohn Franz sollte nicht frei darüber verfügen können, auch nicht nach der Volljährigkeit. Franz jun. führte zusammen mit seiner Gattin, der 1841 geborenen Charlotte Drees aus Bentheim bei Hannover, einen herrschaftlichen Haushalt in der 1867 umgebauten Villa im Hofgut. Zu diesem Anwesen mit englischem Park gehörten zum Beispiel Stallungen für Major Schnells grossen Pferdebestand und eine private Reitbahn. Als freigebiger Mäzen förderte Schnell auch verschiedene Künstler. Für die 1871 eröffnete Brauerei Steinhof erstellte Architekt Alfred Schaffner einen mächtigen Doppelturmbau, der kurz darauf bereits einseitig erweitert werden musste. Dahinter erhob sich eine Satteldachhalle über riesigen gewölbten Kelleranlagen. Der mit den neusten technischen Errungenschaften ausgerüstete Grossbetrieb war von Anfang an auf Export ausgerichtet.
Im Jahrbuch des Schweizer Handels-Couriers von 1886/87 enthält ein Artikel über die schweizerische Brauindustrie folgende Beschreibung: «Die Brauerei Steinhof ist Eigenthum des Hrn. Franz Schnell, Gutsbesitzer in Burgdorf, und wurde von ihm im Jahre 1870 gegründet, 1871 vollendet und in Betrieb gesetzt. Der damaligen Geschmacksrichtung Rechnung tragend, wurde das Hauptaugenmerk auf die Fabrikation des beliebten, an der Pariser Weltausstellung 1867 mit grösster Auszeichnung bedachten, lichten Wiener-Biers gerichtet, womit auch die Brauerei Steinhof ihren guten Ruf begründete.
Das anfangs auf zirka 10,000 Hektoliter im Maximum bestimmte Etablissement erfuhr nach wenigen Jahren eine bedeutende Vergrösserung und kann dadurch seine Leistungsfähigkeit gegenwärtig bis auf 40,000 Hektoliter und darüber erhöhen
Die Brauerei besitzt 2 Dampfmaschinen aus der Fabrik der Herren Gebrüder Sulzer in Winterthur, von zusammen 50 Pferdekräften, ein geräumiges Sudhaus mit doppeltem Sudwerk, 4 Kühlschiffe und eine eigene Mälzerei, welche 7 mit Solenhofer Platten belegte Tennen aufweist, nebst besteingerichteter Malzdarre mit mechanischen Selbstwendern.
Die 4 grossen Gährkeller enthalten 105 Gährkufen von 40 Hektoliter Gehalt. Acht Lagerkeller von je 8 m Höhe, 10 m Breite und 30 m Länge nebst nöthigen Vorkellern sind von entsprechend grossen, zur Kühlung bestimmten Eisreservoirs flankirt und haben Raum für etwa 600 Lagerfässer von einem Gesammtinhalt von 18,000 Hektoliter Bier. Die Anzahl der zum Transport bestimmten Fässer beträgt zirka 14,000.
Der Absatz des beliebten und sich eines vortheilhaften Rufes erfreuenden ‚Steinhofbieres’ erstreckt sich nach allen Gegenden der Schweiz, sowie theilweise nach Frankreich und Italien. Die Brauerei hat an verschiedenen Plätzen der Schweiz und des Auslandes eigene Depots mit den erforderlichen Kellerräumlichkeiten, Pferden und Rollmaterial.
Den Verkehr grösserer Sendung vermitteln 7 der Brauerei gehörige Biertransport-Waggons. Seit ohngefähr einem Jahre ist in allen Räumen der Brauerei die elektrische Beleuchtung eingeführt.
Die Brauerei beschäftigt ausser dem Administrationspersonal 1 Braumeister, 1 Obermälzer, 1 Kellermeister, 25 Brauburschen und Mälzer, 5 Küfer, 1 Mechaniker, 1 Wagner und Schreiner, 3 Heizer, 4
Fuhrleute, 6 Taglöhner.»
Im Burgerarchiv haben sich die Personallisten der Brauerei Steinhof und der Nachfolgefirmen erhalten. Daraus geht hervor, dass die beschäftigten Brauer und Mälzer bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausschliesslich aus Süddeutschland (Baden, Württemberg und Bayern) stammten.
Neben dem Wiener Bier waren für die hiesigen Betriebe vor allem das Münchner Bier und die bayerische Bierkultur Vorbild. Geschäftsführender Direktor im Steinhof war während rund 20 Jahren Gustav Strelin-Largin (1832–1908) aus Unterhallau. Strelin, der sich in Burgdorfer Behörden und Vereinen engagierte, sorgte auch dafür, dass der Betrieb technisch auf der Höhe der Zeit blieb. Nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Burgdorf–Langnau 1881 erhielt die Brauerei für ihre Spezialwaggons zum Biertransport auf der Schiene einen direkten Geleiseanschluss.
1886 gehörte die Brauerei zu den ersten Telephon-Abonnenten, und noch vor Errichtung eines öffentlichen Netzes verfügte sie über elektrischen Strom.
Interessant ist der Hinweis, dass Bier in Flaschen – im Gegensatz zum Wein – stehend aufzubewahren sei, mindestens bevor der um 1890 patentierte FlaschenBügelverschluss gebräuchlich wurde
Der Betrieb lief zwar gut, die Investitionskosten waren aber gewaltig und führten zu beträchtlichen Darlehenszinsen. 1876 wurde der Wert des Brauereietablissements auf 1,1 Millionen Franken geschätzt, das Schnellsche Gesamtvermögen in Liegenschaften auf 2,5 Mio., dem jedoch allein bei der Eidgenössischen Bank Schulden von 2 Mio. gegenüberstanden.
Franz Schnell musste wegen Überschuldung, die auch durch Bürgschaftsverpflichtungen entstanden war, unter finanzielle Vormundschaft gestellt werden. Verschiedene Vormünder versuchten nun, die Familie Schnell von ihrem aufwändigen Lebensstil abzubringen. Verwalter Strelin trachtete, durch Liegenschaftsverkäufe die finanzielle Lage zu verbessern, doch 1888 musste nach dem unerwarteten Tod von Franz Schnell der Konkurs über seinen Nachlass verhängt werden.
1891 wurde die alte Firma gelöscht, Strelin entlassen und vorwiegend von den Gläubigern die «Actienbrauerei Steinhof Burgdorf» begründet, die trotz einer bereits 1892 erfolgten Kapitalaufstockung nur einmal eine Dividende ausrichten konnte. 1895 folgte eine Nachlassstundung, und 1896 beschlossen die Aktionäre die Auflösung der Gesellschaft.
Nach einigen Fehlversuchen gelang es im April 1898 endlich, die Brauerei zu veräussern. Fritz Faesch, früher Besitzer des Basler Löwenbräu, übernahm den Betrieb sofort und taufte ihn auf «Löwenbräu Burgdorf-Steinhof» um.
Der neue Besitzer, der seine Erwerbung auch mit Hilfe von deutschem Kapital finanziert hatte, verstarb bereits 1899. Die Bierproduktion lief weiter und schliesslich wurde 1903 die Aktiengesellschaft «Löwenbräu Burgdorf A.-G.» ins Leben gerufen, die aber kaum erfolgreicher war als die Vorgängerinstitutionen. Als Geschäftsführer der Brauerei wirkten Arthur Müller und – als letzter – Fritz Marti-Howald, denn bald nach dem 1. Weltkrieg musste die Löwenbräu Burgdorf AG 1921 aufgeben.
Die Brauerei wurde liquidiert, die Kundschaft sowie einiges Personal an «Feldschlösschen» abgetreten, zum Einsatz in dessen Bierdepot in der Burgdorfer Lorraine. Damit endet das letzte Kapitel
der alten Burgdorfer Biergeschichte.