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Vor zwei Jahren war der Begriff “Peak Oil” (auf deutsch: “Ölfördermaximum”) in aller Munde. Er bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem das globale Ölfördermaximum bzw. die weltweite Förderrate und damit die Verfügbarkeit von Erdöl stetig abnimmt. Wenn man die heutige Berichterstattung in den Medien anschaut, ist die drohende Klimakatastrophe thematisch gut vertreten. Vom “Peak Oil” ist jedoch nicht mehr viel zu hören – der Verkehr rollt wie gewohnt und in Westeuropa muss niemand mit Ölheizung vor einem kalten Winter Angst haben. War also das “Peak Oil”-Szenarium bloss Angstmache?
F. William Engdahl resigniert unter dem Titel “Confessions of an ex Peak Oil Believer” (deutsch/englisch) über dieses Thema und kommt zum Schluss, dass das Panik-Szenario “Peak Oil” falsch sei. Er stützt sich dabei jedoch nicht auf aktuelle wissenschaftliche Recherchen, sondern auf die sowjetische abiogenetische Theorie aus den 50er/60er Jahren. Die abiogenetische These besagt, dass das Erdöl nicht biologischem sondern geologischem Ursprungs sei. Demnach soll das Erdöl ein ursprünglicher Stoff sein, der tief im Erdinneren entstehe und unter hohem Druck mittels “kalter” Eruptionsprozesse in die Erdkruste transportiert werde. Wenn es also gelänge tiefer zu bohren, dann könnte man weitere Erdölfelder anzapfen. Ausserdem würden durch das aufsteigende Erdöl alte Felder “wiederbelebt”.
Sein Artikel ist nicht nur in Bezug auf die abiogenetische Theorie ziemlich “haarstreubend”, sondern auch sicherheitspolitisch in Bezug auf die Beziehungen zwischen den USA und Russland gleichen seine Thesen einer schlechten Verschwörungstheorie und ist nicht wirklich ernst zu nehmen. Sehen wir mal davon ab, dass diese geologische Theorie in der Wissenschaft keine Anerkennung fand, es bedeutende wissenschaftliche Einwände dagegen gibt und die grossen Erdölfelder auf der Erde nicht – wie der Artikel andeutet – anhand dieser Theorie gefunden wurden (vgl. Energy Watch Group. “Crude Oil the Supply Outlook.” EWG-Series, no. 3 (Oktober 2007): 3), so ändert diese Theorie grundsätzlich nichts an der Tatsache, dass die Förderung kostengünstigen Öls irgendwann ein Ende haben wird. Sogar im optimistischsten Fall wären tiefe Bohrungen teuer und alten Feldern müsste man Zeit zur Regeneration geben.
Doch wenden wir uns seriöseren Studien zu, beispielsweise der am 22.10.2007 veröffentlichten Studie der Energie-Watch-Group. Gemäss dieser Studie wurde der Zeitpunkt des “Peak Oil” bereits 2006 überschritten:
For quite some time, a hot debate is going on regarding peak oil. Institutions close to the energy industry, like CERA [(Cambridge Energy Research Associates)], are engaging in a campaign trying to “debunk” the “peak oil theory”. This paper is one of many by authors inside and outside ASPO (the Organisation for the Study of Peak Oil) showing that peak oil is anything but a “theory”, it is real and we are witnessing it already. According to the scenario projections in this study, the peak of world oil production was in 2006.
The timing of the peak in this study is by a few years earlier than seen by other authors (like e.g. Campbell, ASPO, and Skrebowski) [ASPO assume the peak around 2011] who are also well aware of the imminent oil peak. One reason for the difference is a more pessimistic assessment of the potential of future additions to oil production, especially from offshore oil and from deep sea oil due to the observed delays in announced field developments. Another reason are earlier and greater declines projected for key producing regions, especially in the Middle East.
[...] The major result [...] is that world oil production has peaked in 2006. Production will start to decline at a rate of several percent per year. By 2020, and even more by 2030, global oil supply will be dramatically lower. This will create a supply gap which can hardly be closed by growing contributions from other fossil, nuclear or alternative energy sources in this time frame. (Energy Watch Group. “Crude Oil the Supply Outlook.” EWG-Series, no. 3 (Oktober 2007): 12)
Das Diagramm aus der Studie stellt die weltweite Ölproduktion zwischen 1935-2030 dar (2006: 81 Mb/d; 2020: 58 Mb/d; 2030: 39 Mb/d):
Die im Diagramm rot gestrichelte Kurve stellt die Erdölproduktion gemäss des World Energy Outlook (WEO) der International Energy Agency (IEA) dar. Der optimistische Kurvenverlauf ist erstaunlich. Im Gegensatz zur Energie-Watch-Group geht die IEA davon aus, dass Nordamerika und insbesondere der Nahe Osten mittelfristig ihre Erdölförderung wieder erhöhen könnten und kommt daher zu einer steigenden Kurve. Gemäss dieser Kurve wäre die Erdölnachfrage bis über das Jahr 2030 hinweg gedeckt. Wie die IEA ihre optimistischen Annahmen begründet, ist unklar. Wahrscheinlich stammen die grundlegenden Daten der IEA von den Erdöl-Konzernen. Vielleicht handelt es sich dabei aber auch nur um eine auf ältere bzw. ungenauere Daten basierende Annahme, denn anfangs Juli 2007 überraschte die IEA mit einem mittelfristigen Quartalsausblick den weltweiten Ölmarkt. In diesem Quartalsausblick geht die IEA davon aus, dass der globale Verbrauch bis 2012 um jährlich 2,2 Prozent steigen werde, anstatt wie bisher angenommen 2,0%. 2012 würden dann voraussichtlich weltweit 95,8 Millionen Barrel Öl pro Tag verbraucht werden. Vor diesem Hintergrund, so die IEA, werde die Abhängigkeit vom Öl aus den OPEC-Staaten zunehmen, weil die Förderung ausserhalb der OPEC-Länder sich nicht so robust wie erwartet entwickeln würde. Es dürfe künftig nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die OPEC ihren Kapazitäts-Puffer von 2 Millionen Barrel pro Tag aufrecht erhalten könne. Gemäss IEA bestehe ab 2010 die reelle Gefahr einer Öl-Knappheit. Eine Krise könne zwar möglicherweise noch vermieden werden – die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelinge, sei aber nicht sehr hoch und nehme an jedem Tag ab, an dem keine Gegenmassnahmen ergriffen würden. Die Ölmärkte reagierten auf diesen Ausblick mit einem Preisanstieg auf 76,34 US-$/Barrel (mittlerweile liegt der Preis bereits bei um die 80 US-$/Barrel – zur Erinnerung: vor zwei Jahren haben wir noch spekuliert, ob der Preis wieder unter die 40$-Marke fallen würde )
Wie sieht es nun mit den langfristigen Förderkapazitäten im Nahen Osten aus? Vermutlich am besten über die für die weltweite Erdölversorgung wichtigen saudischen Ölfelder sollte der saudische König Abdullah Bescheid wissen. Seine Aussage kann jedoch kein Grund für eine optimistische Perspektive sein:
“The oil boom is over and will not return. All of us must get used to a different lifestyle.” (Moss, Dana, and Zvika Krieger. “A Tipping Point in Saudi Arabia.” The Christians Science Monitor.)
Keine Angst, es wird zu keinem abrupten Ende der Erdölförderung kommen – dies war nie eine Aussage der “Peak Oil”-Theorie. Die steigende Nachfrage nach dem “schwarzen Gold” wird jedoch zukünftig nicht auf demjenigen Preisniveau gesättigt werden können, auf dem wir uns derzeit befinden – weitere Preissteigerung werden unvermeidlich sein. Auch wenn es dem Einzelnen womöglich schwer fallen wird, effizienter mit Energie umzugehen, liegt der positive Punkt darin, dass die Ressource “Öl” vorallem dort eingesetzt werden wird, wo es am effizientesten im Sinne der Marktwirtschaft sein wird. Was dabei jedoch nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass wir in den “reicheren” Staaten einen höheren Erdölpreis verkraften können, als dies bei den Entwicklungsländern der Fall ist. Demnach müssten Entwicklungsländer zwangsläufig auf andere, günstigere Energieträger ausweichen, was aber langfristig gesehen nicht unbedingt nachteilig ausfallen muss. Hier wird es stark darauf ankommen, ob man die Herausforderung ernst nimmt und beispielsweise in unkonventionelle Energielösungen investieren wird.
Weiterführende Informationen
The Guardian (22.10.2007): Steep decline in oil production brings risk of war and unrest, says new study.
Update vom 01.11.2007
Es war die Crème de la Crème der internationalen Ölindustrie, die sich in dieser Woche in London traf. Minister aus Arabien, Konzernchefs aus Europa und Amerika, Fachleute aus der ganzen Welt: Sie alle kamen zusammen, um über die Zukunft der Ölversorgung zu debattieren. Doch was wie ein normales Jahrstreffen begann, endete mit einer dramatischen Botschaft. Das Horrorszenario der exquisiten Runde: Die weltweiten Ölreserven sind weitaus knapper als gedacht. Schlimmer noch: Der Ölpreis, der seit Tagen auf neue Höhen steigt und steigt, wird bei 100 Dollar nicht halt machen. Die Rekord-Rallye geht den Experten zufolge auch danach weiter. Und es war nicht irgendwer, der diese Schreckensvision für die Weltwirtschaft entwarf. Sadad I. Al Husseini, Energieberater und früher Vorstand bei Aramco, dem staatlichen Ölkonzern Saudi-Arabiens, wagte sich als erster vor und verkündete: Die Ölproduzenten hätten ihre Reserven in der Vergangenheit um 300 Milliarden Barrel aufgebläht. Tatsächlich sei diese Menge jedoch “weder belegt noch förderbar”. [...] Fachleute sehen die Londoner Konferenz skeptisch. “Für mich ist das Panikmache”, sagt Peter Kehrer, Geologe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. “Die Reserven, die bisher [von der Ölindustrie] angegeben wurden, sind glaubwürdig.” Noch weiter geht Manuel Frondel, Energieexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). “Es gibt genug Öl auf der Welt. In letzten 50 Jahren sind die Reserven sogar leicht angestiegen.” Was paradox klingt, lässt sich leicht erklären: Denn der Begriff “Reserve” ist als jene Menge definiert, die sich zum aktuellen Preis mit der aktuellen Technologie wirtschaftlich fördern lässt. Mit anderen Worten: Je höher der Preis, desto mehr Reserven gibt es – schließlich lohnt es sich bei einem hohen Ölpreis, auch solche Felder anzuzapfen, deren Förderung früher zu teuer war. (Quelle: Spiegel)
Wie heisst es? Die Hoffnung stirbt zuletzt!