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Abgesehen vom etwas verwirrenden Titel (ist ein «virtuelles Bordell» ein Bordell, in welchem nur virtueller Sex stattfindet?) ist die Grundaussage durchaus interessant: Facebook werde immer häufiger genutzt, um Sexpartnerinnen und -partner zu finden. Der erste Absatz des Artikels macht eine etwas gewagte Aussage:
83 Prozent der US-Prostituierten haben laut einer neuen Studie ein Facebook-Profil. Jeden vierten Freier lernen sie darüber kennen. Ihr Vorteil: Für Kundenpflege und Preisverhandlungen eigne sich Facebook hervorragend, so Soziologe Sudhir Venkatesh.
Es gibt also eine Studie, welche zeigt, dass 83% der US-Prostitutierten ein Facebook-Profil haben und 25% der Prostituierten ihre Kunden über Facebook kennenlernen. Hier ist Skepsis angebracht: Wie genau soll es möglich sein, solche Aussagen über Prostitutierte in den USA zu machen, einem Staat, in welchem Prositution weitgehend illegal ist? Da hilft nur der Blick in besagte Studie.
Eine kurze Online-Recherche ergibt, dass die Studie, auf welche sich der 20minuten-Artikel bezieht, ein Artikel im US-Magazin «WIRED» ist:
Dieser Artikel qualifiziert, würde ich meinen, durchaus als wissenschaftliche Studie; wissenschaftliche Erkenntnis ist auch dann von Interesse, wenn sie nicht schwarz-weiss und in der Schriftart «Times New Roman» präsentiert wird.
Schon der Titel des WIRED-Artikels macht klar, dass der 20minuten-Artikel die Ergebnisse falsch widergibt: «How Tech Tools Transformed New York's Sex Trade».
Der Autor, der Soziologe Sudhir Venkatesh, hat also explizit Prostitution in der Stadt New York untersucht - mit keinem Wort behauptet der WIRED-Artikel, die Ergebnisse seien in irgendeiner Weise repräsentativ für die ganzen USA.
Bei fehlerhafter Berichterstattung in Detailfragen könnte es sich um einfache Flüchtigkeitsfehler o.ä. seitens der 20minuten-Redaktion handeln. Wenn einer der zentralen Aspekte einer Untersuchung, in diesem Fall die Frage nach den Untersuchungseinheiten und der Grundgesamtheit, falsch widergegeben wird, ist das Problem substantiell.
Wie sieht es mit der Behauptung des 20minuten-Artikels aus, auf Facebook gebe es Sex-Gruppen für Zürich und Bern? Da ist durchaus etwas dran:
Ob es sich bei dieser Seite um einen Scherz handelt, ist unklar. Womöglich soll das Bild des WC-Deckels signalisieren, dass diese Facebook-Gruppe für Menschen mit eher spezifischen sexuellen Präferenzen gedacht ist. Warum auf dem Blatt im Bild «heisser Sex» im Akkusativ steht, ist ebenfalls unklar.
Für Zürich sind, wie im 20minuten-Artikel behauptet, auch Facebook-Gruppen vorhanden, z.B.:
Wiederum sind einige Dinge, abgesehen von den Grammatik-Fehlern, nicht sofort verständlich. Warum der Titel der Seite mit «?!» endet, ist nicht erklärt; womöglich ist das tiefgründig-poetischer Ausdruck von Leidenschaft o.ä.. Ebenfalls verwirrend sind die Angaben unter «Location»: «Zürich, Switzerland» leuchtet ein, aber «überall :D» widerspricht an und für sich dem Sinn der Gruppe. Möglicherweise würde eine Kontaktaufnahme mit «x_der_checker_x» zur Klärung dieser Fragen beitragen; davon sehe ich für den Moment allerdings ab.
Was zu den schweizer Facebook-Verhältnissen im 20minuten-Artikel aber nicht ohne Weiteres stimmt, ist folgende Passage:
Auch in England oder Deutschland ist das Geschäft mit Facebook im Kommen. Und die Schweiz holt auf: Von Studentin Sonja über Domina Sabrina bis zu Mika, die sich auf lasziven Fotos räkelt, suchen Schweizerinnen via Facebook Sex.
Sinn für Humor hat die Autorin oder Autor des 20mintuen-Artikels zwar («im Kommen»), aber keinen Sinn für Sinn: In England und Deutschland sei das Geschäft mit Facebook im Kommen - sagt wer genau? Die Schweiz hole auf - sagt wer genau? Wie genau ist die Schweiz am aufholen?
Der Artikel nennt lediglich zwei Facebook-Gruppen für Sex in der Schweiz - eine seriöse Grundlage für einen Artikel, welcher schweizweite Entwicklungen behauptet?
Der Artikel nennt lediglich zwei Facebook-Gruppen für Sex in der Schweiz - eine seriöse Grundlage für einen Artikel, welcher schweizweite Entwicklungen behauptet?