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Mit der letzten Fahnenabgabe auf dem Zürcher Lindenhof hörte das 143 Jahre alte «See-Bataillion» auf zu existieren.
(Bild: Andreas Hess)
Generationen von Wehrmänner aus dem Zürcher Oberland und den Zürcher Seegemeinden haben im «70gi», dem traditionsreichen See-Bataillon gedient. Bis zum Ende des Kalten Krieges als Füsilierbataillon 70, ab 1.1.1995 als Mechanisiertes Füsilierbataillon 70 und im Rahmen des Reformprojektes Armee XXI als Infanteriebataillon 70. Am 5. Juli hiess es zum letzten Mal «Infanteriebataillon 70, Achtung!»
Die Anfänge des traditionsreichen Infanteriebataillons 70 reichen 143 Jahre zurück. Mit der Revision der Bundesverfassung 1874 wurde eine neue Militärorganisation in Kraft gesetzt. Der Bund hatte nun die alleinige Kompetenz, Gesetze und Verordnungen für die Armee zu erlassen. Damit wurde die erste einheitlich organisierte eidgenössische Armee geschaffen.
Wehrpflicht statt Kontingent
Einzig die Truppengattungen Infanterie und Kavallerie blieben weiterhin kantonal. Bei der Rekrutierung wurde das sogenannte Kontingentsystem durch die allgemeine Wehrpflicht abgelöst.
Die 70 auf der Kappe als stolzes Zeichen eines Bataillons, das anfangs noch mit Repetiergewehren ausgerüstet war. Bild: Andreas Hess.
Das Zürcher Inf Bat 70 wurde 1874 gebildet und der VI. Armeedivision, der nachmaligen Zürcher Felddivision 6 zugewiesen. Erster Kommandant des Inf Bat 70 war der Stadtzürcher Major Johann Brandenberger, welcher das Bataillon von 1875 bis 1883 führte. Das Inf Bat 70 war in vier Kompanien zu 185 Mann und dem Stab gegliedert.
Italienerkrawalle 1896
Im Sommer 1896 wurden die Inf Bat 70 und 71 durch den Zürcher Regierungsrat zum Ordnungsdienst in die Stadt Zürich aufgeboten. In den Stadtzürcher Quartieren 3 und 4 war es zu Unruhen gekommen, die sich gegen italienische Arbeiter, später auch gegen die Staatsmacht richtete. Die Polizei war mit der Bewältigung der Lage überfordert, sie brauchte Unterstützung.
Unter dem Kommando von Major Johannes Bünzli, Bäretswil rückten die beiden Bataillone mit dem Auftrag in die Stadt Zürich ein Ansammlungen und Gewaltakte zu verhindern und in den Unruhequartieren zu patrouillieren. Am 3. August 1896 wurde der einwöchige Einsatz nach Beruhigung der Situation ohne Schussabgabe beendet. Die Presse lobte den besonnenen Einsatz der beiden Zürcher Bataillone.
Kaisermanöver 1912
Das mittlerweile in Füsilierbataillon 70 umbenannte Bataillon nahm im September 1912 an den berühmten Kaisermanövern im Raum Wil – Toggenburg teil. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. besuchte die Schweiz. Er wollte sich ein Bild machen, ob die Schweiz im Rahmen ihrer Neutralitätsverpflichtung militärisch in der Lage wäre, französische Kräfte am Durchmarsch durch die Schweiz zu hindern.
Knapp 24 000 Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der 5. und 6. Division waren am Manöver eingesetzt. 100 000 Schaulustigen beobachteten die Manöver, oder erhofften sich, einen Blick auf den Deutschen Kaiser und seine Gefolgschaft zu erheischen.
Grenzbesetzung 1914-18
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Mobilmachung der Schweizer Armee am 3. August 1914 bedeutete auch für das Füs Bat 70 Einrücken zum Aktivdienst. Das See-Bataillon wurde zunächst in der Stadt Basel mit Grenzschutzaufgaben betraut. Dazu gehörte auch die Bewachung von Bahn- und Befestigungsanlagen. Insgesamt leisteten die Wehrmänner vom See 675 Aktivdiensttage in den Kriegsjahren 1914-1918.
Aktivdienst 1939-45
Am 2. September 1939, am Tag nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, rückte das Füs Bat 70 mit einem Bestand von 878 Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten sowie 130 Pferden und einem Motorfahrzeug zu ihrem Korpssammelplatz in Uster ein. Während des Aktivdienstes war das Füs Bat 70 hauptsächlich im Limmattal, Säuliamt und in der Innerschweiz untergebracht.
Nach dem Ende des Kriegs am 8. Mai 1945 wurden bis Dezember 1945 Detachemente des Füs Bat 70 zur Internierten-Bewachung eingesetzt. Über 800 Aktivdiensttage absolvierten die Soldaten in diesen sechs schweren Jahren.
Die Phase des Kalten Krieges war geprägt durch grosse Manöver und Gesamtverteidigungsübungen der Armee. Vielen ehemaligen 70er bleiben die «Dreizack»-Manöver in Erinnerung.
Armee 95: Mechanisierung
1995 wurde das Füsilierbataillon 70 als erstes Zürcher Bataillon mechanisiert. Die Radschützenpanzer Mowag Piranha 8x8 erlaubten der Truppen ein rasches taktisches Vorstossen in den Einsatz- und Kampfraum unter gleichzeitig wesentlich besserem Schutz der Mannschaft.
Die Angehörigen des nun als Mechanisiertes Füsilierbataillons 70 benannten Verbandes wurden auf die heute gültigen Uniform und Ausrüstung umgerüstet. Das Sturmgewehr 57 wurde durch das leichtere und handlichere Sturmgewehr 90 abgelöst.
Reformen über Reformen
Die Armeereform «Armee XXI» hatte auch für das Seebataillon Folgen. Es wurde 2004 in Infanteriebataillon 70 umbenannt und der neu gebildeten Ostschweizer Infanteriebrigade 7 unterstellt. Im März 2004 fand der erste Wiederholungskurs als Inf Bat 70 auf dem Waffenplatz Bure im Kanton Jura statt. Trotz Startschwierigkeiten der AXXI gelang es den Kadern des Inf Bat 70, die Ausbildung sicherzustellen.
Im Rahmen subsidiärer Aufträge der Armee am World Economic Forum WEF in Davos oder an der OSZE-Ministerkonferenz in Basel wurde das Inf Bat 70 mehrfach zu Gunsten ziviler Behörden eingesetzt.
Bereits 2010 folgte die nächste Armee-Reorganisation. Mit dem Entwicklungsschritt 08/11 wurde das Infanteriebataillon 70 der Gebirgsinfanteriebrigade 12 unterstellt.
Letzter WK «Semper paratus»
Vom 19. Juni bis 7. Juli 2017 fand der letzte Wiederholungskurs (WK) des Inf Bat 70 an den Standorten Glaubenberg, Gfellen und Stans unter dem Kommando von Oberstleutnant Michael Schneider (Hinwil) statt. «Semper paratus» - «immer bereit» lautete das Motto der letzten Dienstleistung.
Zur letzten Fahnenabgabe besammelte sich das Inf Bat 70 auf den Lindenhof im Herzen der Stadt Zürich. Zahlreiche Gäste und Ehemalige fanden sich ein, darunter der Zürcher Sicherheitsdirektor Regierungsrat Mario Fehr (SP). Er erwies «seinem» Bataillon die Ehre, Tage zuvor hatte er das 70gi im Felde besucht.
Abschied vor Bevölkerung
«Nun ist es soweit – ein letztes Mal stehen wir vereint als Kameraden und 70er um unserer Fahne ein letztes Mal die Ehre zu erweisen» sagte Bataillonskommandant Oberstleutnant Michael Schneider zu seinen Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren. «Sicherheit gibt es nicht gratis», sagte er. Die Armee brauche funktionierendes Material, gut ausgebildete Kader und die finanziellen Mittel, um den Auftrag erfüllen zu können. «Denn die Verteidigung unserer Werte, unserer Eidgenossenschaft und das Einstehen für Sicherheit und Stabilität ist die ehrenvollste und nobelste Aufgabe, die ein Bürger ausüben kann», verabschiedete Schneider seine Truppe.