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Benesh und ihr Ehemann. So wie sie werden über ein Drittel der Mädchen Afghanistans vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet.
Text: World Vision International
«Es gab keine Hochzeitszeremonie oder Party. Ein fremder Mann und eine fremde Frau sagten mir immer wieder, sie seien jetzt meine Eltern. Und dieser Mann dort sei mein Ehemann», erzählt Benesh. Das Mädchen lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem Lager für Binnenvertriebene in der Provinz Badghis in Afghanistan. Der andauernde Krieg mit den Taliban und obendrein noch eine schwere Dürre haben über eine Million Menschen in Flüchtlingslager getrieben, wo sie von Unter- und Mangelernährung, Zwangsheirat und Krankheiten wie COVID-19 bedroht sind.
Heirat als Ausweg aus der Armut
Es war für Benesh nicht leicht, ihr Heimatdorf zu verlassen, wo die vertrockneten Felder der Familie keine Überlebenschance mehr gaben. Ihre Eltern entschieden sich aus der Not, ihre Tochter zu verheiraten. Benesh zog mit ihrem Ehemann und dessen Familie in ein Flüchtlingslager.
Leider ist die Kinderheirat in Afghanistan eine weithin akzeptierte Tradition. Über ein Drittel der Mädchen wird vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, oft als Mittel um Geld zu verdienen. Die Kinderheirat ist der Hauptgrund dafür, dass 2,2 Millionen afghanische Mädchen nicht zur Schule gehen.
Auch die Ausbildung von Benesh ist jetzt vorbei. «Ich sehe oft andere Mädchen in meinem Alter zur Schule gehen. Ich wünschte ich könnte das auch.» Mit 12 Jahren wurde Benesh schwanger und gebar ihren Sohn Besmelah. «Ich sehe andere Mädchen in meinem Alter spielen. Ich spiele mit meinem eigenen Kind», sagt sie.
Schwangerschaft im Flüchtlingslager
Benesh besucht im Lager regelmässig die mobile Gesundheitsklinik von World Vision, in der werdende Mütter wie sie betreut werden. Solche einfachen Kliniken bieten die einzige Gesundheitsversorgung in ihrer Region an. In der Klinik wird sie bei der Geburt betreut und lernt etwas über Ernährung, Empfängnisverhütung und über den Zeitpunkt, bei dem der weibliche Körper bereit ist schwanger zu werden: erst, wenn eine Frau ausgewachsen ist und nicht, wenn sie selbst noch den Körper eines Mädchens hat.
In den mobilen Gesundheitskliniken von World Vision können sich werdende Mütter wie Benesh behandeln lassen. Und werden aufgeklärt.
Glaubensführer gegen Kinderheirat
Im Jahr 2014 gründete World Vision im ganzen Land Bürgergruppen, um sie für die Rechte der Kinder sowie über die Gefahren von Kinderheirat und Kinderschwangerschaft zu sensibilisieren. 4000 Glaubensführer leiten diese Gruppen von Müttern, Töchtern, Vätern, Söhnen und Gemeindeältesten. Es entsteht ein Schneeball-Effekt: Die Gruppenteilnehmer klären ihrerseits Verwandte und Bekannte über die negativen Folgen von Kinderheirat auf.
Benesh hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. «Wenn ich meine Familie heute wiedersehen würde, würde ich ihnen sagen, dass sie mich nicht hätten verheiraten sollen. Mädchen in meinem Alter sollten nicht verheiratet sein». Wenn sie ein Mädchen zur Welt bringt, möchte Benesh, dass ihre Tochter eine Ausbildung erhält und eine Chance auf ein besseres Leben hat. «Ich möchte, dass sie gebildet ist und keine Analphabetin wie ich», sagt Benesh. «Ich würde ihr erlauben, erst erwachsen zu werden und dann selbst zu entscheiden, ob sie heiraten will oder nicht.»