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Gesundheit
Der Entscheid für Sterbehilfe ist kein leichter
Wer manchmal fürchtet, am sogenannten Qualitätsjournalismus irre zu werden, weil dieser ja selten mehr ist als "the elite sending memos to each other", wie das ein scharfsinniger Engländer einmal genannt hat, der sollte sich diese ganz wunderbare Reportage von Wolfgang Prosinger vornehmen - es ist dies ein rundum gelungenes Werk, dem man viele Leser wünscht. Und warum? Weil da einer ganz unpathetisch beschreibt (und das ist eine Kunst), was der Untertitel dieses dünnen Bändchens verspricht: wie nämlich ein Mann seinen Tod plant.
Schaut einer so genau hin und hört so aufmerksam zu wie dies der 1948 geborene, für die Seite Drei des Tagesspiegels in Berlin tätige Prosinger tut, hat er die allerbesten Voraussetzungen, eine überzeugende Reportage zu schreiben. Wenn er sich dann noch zurückzunehmen versteht und sein Schreiben ganz in den Dienst seines Themas stellt, kann dabei herauskommen, was im Falle dieses Textes auch wirklich herausgekommen ist: eine eindrückliche literarische Reportage.
Der Protagonist, Ulrich Tanner, leidet unter vielen Krankeiten, darunter Parkinson. Mit Medikamenten werden die Schmerzen unterdrückt. Tanner weiss, dass ihn ein qualvoller Tod erwartet. Doch einen solchen Tod will er nicht. Er entscheidet sich, in die Schweiz zu gehen und dort Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Ulrich Tanner ist 51 Jahre alt, als er sich das Leben nimmt. Soweit die Rahmenhandlung.
Neben der einfühlsam erzählten Geschichte Tanners, lernt man auch viel über das Sterben in diesem Buch. Etwa dass jedes Jahr mehr als hundert Menschen in Deutschland Ulrich Tanners Entschluss fassen. Oder dass das natürliche Sterben heutzutage höchstens ein Drittel aller Todesfälle ausmacht, der Tod also ein planbares Ereignis geworden ist. Oder dass 70,7 Prozent aller Menschen, die bei "Dignitas" das "grüne Licht" erhalten haben, sich nie wieder bei "Dignitas" melden.
Hier eine Kostprobe von Prosingers Prosa: "Tanner ist an diesem Tag lange auf dem grauen Sofa liegen geblieben, nachdem er die Antwort von "Dignitas" gelesen hat, nachdem ihn die Panik ergriffen hatte und schliesslich dieses veblüffende Gefühl der Erlösung über ihn gekommen war. Er ist lange dagelegen, ganz ruhig, er wollte dieses Gefühl auskosten, dieses ganz und gar unbekannte Gefühl, er wollte sich Zeit dafür nehmen. Denn es schien ihm ein kostbares Gefühl. Aber er nahm sich die Zeit auch, weil er in sich hineinhorchen wollte, um zu verstehen, was da in ihm war. Es schien ihm eine Neuigkeit. Er horchte gründlich in sich hinein, ausdauernd, aufmerksam, wie es eben die Tanner-Art war. Und er begriff, dass er keine Angst hatte."
"Tanner geht" ist notwendige Aufklärung. Dass sie sprachlich so unprätentiös daherkommt, macht sie umso eindringlicher.