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Persönlich. Hanspeter Müller-Drossaart spielt auf der Thuner Seebühne den Coiffeurmeister Dällebach Kari, der vor rund 100 Jahren in Bern lebte und zum Stadtoriginal wurde.
Coopzeitung: Sie haben kürzlich gesagt, Dällebach Kari sei für Sie ähnlich wie eine Kluft für einen Strahler. Welche Schätze haben Sie bis jetzt ausgegraben?
Hanspeter Müller-Drossaart: Einen Schatz, den ich gefunden habe, ist das Gefühl einer grossen Verwandt-schaft. Als Schauspieler bin ich ständig zwischen tragischen und komischen Situationen hin und her gerissen. Ich denke, Dällebach Kari ging es ähnlich. In uns drin ist eine Art Motor, wir müssen immer in Bewegung bleiben und kämpfen so gegen die Vergänglichkeit an. Irgendwie sind wir Gejagte.
Tragik und Komik lagen im Leben von Karl Dällenbach eng zusammen. Er wurde wegen seiner Hasenscharte ausgelacht, seine grosse Liebe Annemarie war für ihn unerreichbar, er war alkoholkrank und nahm sich das Leben. Bekannt ist er aber vor allem für die witzigen Anekdoten.
Anekdoten habe ich viele gefunden. Manche hat er wohl selber erzählt, andere wurden ihm angedichtet im Sinne von: «Was hätte jetzt wohl der Dällebach Kari gesagt?»
Fällt Ihnen grad eine Anekdote ein?
Ja. Der Dällebach Kari sitzt auf einer Brücke. In der einen Hand hält er eine Rute, an die er einen Wecker gebunden hat, in der anderen Hand einen Knüppel. Ein Spaziergänger fragt ihn, was er denn da mache. Dällebach Kari antwortet: «Fischen.» Wie denn das gehe? «Für einen Stutz sage ich es dir.» Nachdem Dällebach Kari einen Einfränkler bekommen hat, erklärt er: «Wenn die Fische aus dem Wasser springen, um die Zeit abzulesen, haue ich sie tot.» Ob er denn Erfolg habe mit dieser Methode. «Ja», meint Dällebach Kari, «du bist jetzt der Vierte, den ich erwische». Wirklich tragisch an Dällebach Karis Leben finde ich, dass er kaum etwas zurückbekommen hat, für all das, was er seinen Mitmenschen gegeben hat. Vielleicht ist dieses Musical eine Möglichkeit, dies nachzuholen.
Sie stellen Dällebach Kari beim Musical auf der Thuner Seebühne dar. Wenn ich Sie richtig verstehe, möchten Sie damit etwas bewirken.
Ja. Ich möchte zeigen, welche Spannbreite es im menschlichen Leben gibt zwischen Chancen und gefährdet sein. Irgendwie steckt in uns allen ein Stück Dällebach Kari. Und mit Musik lässt sich ausdrücken, wofür uns die Worte fehlen.
Ist es für Sie eine neue Erfahrung, in einem Musical mitzuwirken?
Nein, ich spielte bereits in «The Black Raider» den William. Tom Waits verrockte Adaption vom «Freischütz» war natürlich vom Musikalischen her etwas anderes als das hier, aber ich bin flexibel und denke, dass ich einen ganz ordentlichen Bariton habe. Während der Schauspielausbildung habe ich mir sogar überlegt, ans Opernstudio Zürich zu wechseln. Aber der kreative Freiraum der Schauspielerei hat mich mehr gereizt. So bin ich nun ein «immer mal wieder singender» Schauspieler.
«Dällebach Kari» wird in Mundart gesprochen und gesungen. Wie ich höre, haben Sie kein Problem damit, obwohl Sie kein Berner sind.
Ich bin mit verschiedenen Dialekten aufgewachsen und spiele gerne damit. Als Schauspieler liebe ich es, jemand anderes zu werden. Wenn ich in Dällebach Karis Haut schlüpfe, rede ich fast automatisch seine Mischung aus städtischem und Emmentaler Berndeutsch. Ich werde hier hervorragend mundartlich gecoacht. Berndeutsch eignet sich übrigens wie kaum ein anderer Dialekt dazu, Gefühle auszudrücken und ist sehr musikalisch. Kein Wunder, singen viele Mundart-Rocker Berndeutsch.
Welche Figur mögen Sie lieber: Mario Corti, den Sie im Film «Grounding» dargestellt haben, oder jetzt Dällebach Kari?
Das kann ich so nicht beant-worten. Ich bin froh um alle Figuren, die ich beleben darf. Als Schauspieler habe ich eine grosse Treue zu der Figur, die ich darstelle. Unterschiedlich ist sicher die Arbeitsweise beim Film und auf der Bühne. Beim Theater und auch beim Musical ist jeder Moment einmalig. Was nützt es dem Zuschauer, wenn ich am Vorabend gut gespielt habe und jetzt nicht? Ich muss immer, wirklich immer wieder von Neuem versuchen, das Beste zu geben. Beim Film wird einfach die beste Szene verwendet. Dafür ist das Ganze zerstückelt in einzelne kurze Sequenzen. Und dann, vor der Kamera, muss man wahrhaftig die Person sein. Dieses Rein- und Rausspringen ist sehr anspruchsvoll. Beim Film habe ich auch fürs Theater etwas gelernt: Wenn ein Moment mal nicht so gut ist, dann peile ich sofort den nächsten an, um es besser zu machen.
Beim Freiluft-Musical sind Sie zudem sehr abhängig vom Wetter.
Ja, dem Wetter sind wir gnadenlos ausgeliefert! Das ist einerseits furchtbar, andererseits ist es auch sehr prickelnd. Können Sie eigentlich Haare schneiden wie der Coiffeur Dällebach Kari? Nein, natürlich nicht. Ich gehe in Zürich immer zum gleichen Coiffeur. Das ist ja beim Coiffeur ähnlich wie beim Hausarzt: Man braucht ein Vertrauensverhältnis. Mein Coiffeur ist ausserdem ein grossartiger Jodler und singt mir manchmal etwas vor.