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Die Sexualität von Jugendlichen und sexuelle Transaktionen, die sie betreffen: Dies ist das Thema einer zweijährigen Studie, deren Ergebnisse gestern anlässlich einer nationalen Tagung in den Räumlichkeiten der Hochschule für Technik und Architektur präsentiert wurden. Unter sexuellen Transaktionen wurde in dieser Forschungsarbeit nicht nur Prostitution im engeren Sinne verstanden, sondern der generelle Austausch von sexuellen Erfahrungen gegen Geld, Güter, Anerkennung oder das Verschaffen von Vorteilen.
Die Studie war in den Jahren 2015 bis 2017 von der Hochschule Freiburg für Soziale Arbeit und der Fachhochschule Westschweiz durchgeführt worden (siehe Kasten). Finanziert wurde sie von der Kinderschutz-Stiftung Oak.
Keine Porno-Tyrannei
Die Resultate der Studie sprechen eine deutliche Sprache: Sie widersprechen klar der These der Banalisierung der Sexualität, einer «Hypersexualisation» oder einer «Tyrannei durch Pornografie» bei jungen Menschen. Nur eine Minderheit der Befragten hat überhaupt angegeben, bereits Erfahrungen mit sexuellen Transaktionen gemacht zu haben. «Wie hoch dieser Anteil prozentual ist, wollen wir nicht kommunizieren, da die Umfrage dafür nicht repräsentativ genug ist», sagte die Professorin der Fachhochschule Annamaria Colombo. Die Vorstellungen, welche die meisten der Befragten von sexuellen Transaktionen haben, sind eher negativ. Für die meisten derjenigen, die bereits solche Erfahrungen gemacht haben, scheinen diese allerdings keine Probleme zu verursachen und können sogar konstruktive Dimensionen enthalten – wenn auch teilweise auf mehrdeutige, paradoxe oder prekäre Art. Gewisse Situationen erwiesen sich jedoch tatsächlich als problematisch und erforderten eine angemessene professionelle Begleitung. Geschlechtsspezifische Normen, die Möglichkeit der sozialen Brandmarkung sowie die Angst, als Hure zu gelten: Dies könnte Jugendliche aber daran hindern, darüber zu sprechen und bei Bedarf Hilfe und Unterstützung zu suchen.
Beherrschende Stereotype
Die von den Teilnehmern der Online-Umfrage erwähnten Erfahrungen zeigen auch, dass sexuelle Transaktionen keine Welt für sich darstellen, sondern sich innerhalb von sozialen Beziehungen und beim Übergang zum Erwachsensein abspielen. Während aber die einen Jugendlichen fähig sind, ihre Wünsche und Grenzen zu formulieren, haben andere den Eindruck, nur sehr wenig oder überhaupt keinen Handlungsspielraum zu haben, um die Bedingungen ihrer sexuellen Erfahrungen zu verhandeln. Denn es haben offenbar nicht alle die gleichen Ressourcen, um ihre Rechte einzufordern. In den Einzelgesprächen mit den Jugendlichen ist deutlich geworden, dass die Erwachsenen in vielen Familien mit ihren Kindern primär über die gesundheitlichen Aspekte der Sexualität wie Verhütung oder Geschlechtskrankheiten sprechen. Dies, um mögliche negative Auswirkungen allzu moralisierender Diskurse zu vermeiden. Eine solche Sichtweise läuft aber laut den Verfassern der Studie Gefahr, die Sexualität auf technische und biologische Aspekte zu reduzieren. Gefühlsmässige und identitätsstiftende Dimensionen, die während der sexuellen Sozialisation besonders wichtig seien, würden dabei oft ausgeblendet.
«Die Resultate der Studie überraschen uns nicht besonders», hielt Annamaria Colombo fest. «Frappant war aber, wie beherrschend geschlechtsspezifische Stereotype für die jungen Menschen immer noch sind.»
Zahlen und Fakten
6500 Antworten ausgewertet
Für die Studie «Sex, Beziehungen … und du?» wurden in den letzten zwei Jahren junge Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren aus der deutschen, französischen und italienischen Schweiz im Rahmen einer Online-Umfrage befragt. Für die Rekrutierung der Teilnehmer wurden Anzeigen geschaltet. Es gingen 6500 valide Antworten ein. Ergänzt wurde diese Befragung durch 37 persönliche Einzelgespräche mit jungen Menschen sowie 34 Gespräche mit Erwachsenen, die mit dieser Altersgruppe professionell zu tun haben. Geleitet wurde die Studie von den Professorinnen Annamaria Colombo und Myrian Carbajal. Unterstützt wurden diese von Marlène Carvalhosa Barbosa, Cédric Jacot und Marc Tadorian als wissenschaftliche Mitarbeitende.