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Helen Bieri Thomson ist Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin des Château de Prangins.
Im August 1957 veröffentlichte Maurice Jeanneret, der damalige Vizepräsident des Vereins für Geschichte und Archäologie des Kantons Neuenburg, in der Revue der Neuenburger Museen einen Artikel über einen aussergewöhnlichen Wandschmuck – eine Tapete mit Motiven von Ovids Metamorphosen. Ab ungefähr 1795 schmückte sie die Wände eines Salons im ersten Stock eines Bauernhofs im Jura, genauer in La Cibourg, und blieb dort wie durch ein Wunder erhalten. Jeanneret nutzte den Artikel für einen Aufruf: «Nun ist dieses Werk von der Vernichtung bedroht. Das Gebäude ist in andere Hände übergegangen und wie man uns sagt, plant der neue Besitzer Veränderungen, bei denen der bezaubernde Salon der Metamorphosen keinen Platz mehr hat. Kann man ihn vielleicht retten, ihm ein neues Zuhause geben?» Weiter zählte er die Schwierigkeiten des Ausbaus eines solchen Wandschmucks auf und nannte die Institutionen, an die er als neuen Ort für dieses Werk gedacht hatte.In einem Briefwechsel mit Mariette Schaetzel, einer Nachfahrin der Familie Robert, der rund 60 Schreiben umfasst, beschrieb Maurice Jeanneret seine detaillierten Überlegungen zum Erhalt dieser Tapete. Diese Briefe aus dem Staatsarchiv Neuenburg zeigen das grosse Engagement von Maurice Jeanneret für die Rettung dieses aussergewöhnlichen Werks. Zudem erzählen sie die Geschichte der aufregenden Ereignisse rund um den Ausbau der Tapete.
Nach dem Tod seines Vaters erbte Frédéric Robert, Nachfahre von Charles-François Robert, der die Tapete in den 1790er-Jahren hatte anbringen lassen, 1952 den Bauernhof der Familie. Drei Jahre später entschied er sich zum Verkauf, nachdem er festgestellt hatte, dass sich der Unterhalt des Landhauses von seinem Wohnsitz in Genf aus schwierig gestaltete. Mariette Schaetzel, seine Cousine, fühlte sich La Cibourg und insbesondere dem Wandschmuck im Salon sehr verbunden und bat ihn, die Tapete einem Neuenburger Museum zu spenden. Frédéric Robert kam dieser Bitte nach und fügte einen Vorbehalt bezüglich der Wanddekoration in die Verkaufsurkunde ein.Nachdem Mariette Schaetzel die Ikonografie der Tapete sowie die Ahnenfolge ihrer Familie studiert hatte, gab sie ihre Notizen an Maurice Jeanneret weiter. Dieser bereitete nämlich einen Vortrag über den Tapetensalon vor, den er im Februar 1957 hielt und der die Grundlage für den im August des gleichen Jahres publizierten Artikel in der Revue der Neuenburger Museen bildete. Im März 1957 beschloss der Verein für Geschichte und Archäologie – höchstwahrscheinlich infolge dieses Vortrags –, sich um den Erhalt der Tapete zu kümmern, und beauftragte Jeanneret mit der Angelegenheit. Jeanneret machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Institution für die Ausstellung des Werks. Da er nicht wusste, wie gross das Objekt war, machte er sich vor Ort selbst ein Bild. Maurice Jeanneret zog mehrere Optionen in Betracht, darunter die Schlösser Boudry, Môtiers, des Monts in Le Locle und Valangin. Zunächst schien das Château de Monts besonders geeignet, da die Gemeinde von Le Locle gerade dabei war, dort das zukünftige Uhrenmuseum einzurichten. Die Tapete hätte dann den Hauptsalon des Schlosses schmücken können. Sehr zum Bedauern von Maurice Jeanneret und Mariette Schaetzel revidierte der Gemeinderat seine vorläufige Zusage mit der Begründung, dass «der Transport dieser Tapete im Übrigen eine im Vergleich zum Interesse, das sie für unsere Gemeinde darstellt, eine zu hohe Summe erfordert.»In der Zwischenzeit war Jeannerets Artikel erschienen und weckte anscheinend reges Interesse. Es gab Gerüchte, der neue Besitzer von La Cibourg wolle die Tapete nun doch selber behalten, statt sie an ein Museum zu übergeben. Leicht alarmiert beschloss Maurice Jeanneret, die Dinge zu beschleunigen, und bat Mariette Schaetzel um die Erlaubnis für den Transport der Tapete ins Schloss Valangin. Dazu kam es am 9. Juli 1958, fast ein Jahr, nachdem der Artikel erschienen war. Die Wanddekoration wurde in mehrere Teile zerlegt, ausgebaut und nach Valangin gebracht. Zu den Schwierigkeiten gehörte die Einigung mit dem neuen Besitzer, der verlangte, der Verein solle die Kosten für die Ersetzung der Holztäfelung des Objekts übernehmen. Da die Tapete direkt auf das Holz aufgeklebt worden war, konnte sie unmöglich von ihrem Untergrund gelöst werden. Die Kosten dieser Arbeiten überstiegen die geplante Summe bei weitem und führten zu einem Streit zwischen dem damaligen kantonalen Denkmalpfleger, Paul Grandjean, und dem Besitzer, der schliesslich einen Anwalt einschaltete. Um ein Haar wäre der Fall vor Gericht gelandet, doch letztendlich scheint sich die Kantonsbehörde durchgesetzt zu haben. Als kleine Anekdote am Rande: Der Betrag, den die Denkmalpflege für den Ausbau und die Ersetzung der Holztäfelung bezahlte, machte damals ein Viertel ihres Jahresbudgets aus.Im Schloss Valangin wurden zeitweise zwei oder drei Tafeln ausgestellt, doch der Hauptteil des Wandschmucks wurde mehr als 60 Jahre im Estrich eingelagert. Der Verein für Geschichte und Archäologie wusste, dass diese Lösung nicht optimal war. Er wollte die Tapete der Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig die bestmögliche Konservierung gewährleisten: So stiftete der Verein den gesamten Wandschmuck 2011 dem Schweizerischen Nationalmuseum. Die Ausstellung «Tapeten. Wände sprechen Bände», die ein Jahr zuvor im Château de Prangins zu sehen gewesen war, hatte den Verein davon überzeugt, dass sich das Schweizerische Nationalmuseum am besten für die Übernahme dieses imposanten Interieurs in seine Sammlung und für dessen Erhalt für die Nachwelt eignete.
Ovid im Jura. Die erstaunliche Geschichte einer Tapete
Was hat eine Wanddekoration, die man im Tuilerien-Palast erwarten würde, auf einem Bauernhof im Berner Jura zu suchen? Die Ausstellung im Château de Prangins eröffnet den Blick auf einen luxuriös eingerichteten Salon mit einer Tapete aus der Zeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Dieses Meisterwerk des Schweizerischen Nationalmuseums wird der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht, ergänzt um die spannende Geschichte seines illustren Besitzers. Wein und Tapete, grüne Weiden und Schmuggel – auf den ersten Blick völlig unabhängige Dinge, die beim genaueren Hinsehen erstaunliche Verbindungen an den Tag treten lassen!
Helen Bieri Thomson30.03.2022Eine heute im Museum ausgestellte prachtvolle, 15 Meter lange Tapete stammt ursprünglich aus einem unauffälligen Bauernhaus im heutigen Berner Jura. Leisten konnte sich der Besitzer den exklusiven Wandschmuck wohl dank Schmuggel-Geschäften.
Mylène Ruoss24.08.2020Der deutsche Fürst Leopold III. hatte eine Schwäche für Glasgemälde. Auf einer Einkaufstour in der Schweiz sicherte er sich einige wertvolle Exemplare. Sie sind heute in Wörlitz zu sehen.