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Durchschnittlich mindestens ein Kind in jeder Schweizer Schulklasse ist arm. Das schätzt die Caritas. Eine Zahl, die tendenziell zunimmt, obwohl es dem Bund finanziell gut geht. "Unerträglich", empört sich das Hilfswerk und fordert Massnahmen auf nationaler Ebene.
Hinter dem Bild der reichen und wohlhabenden Schweiz steckt eine viel weniger glitzernde Realität: Von den 1,7 Millionen Kindern im Land sind 103'000 von Armut betroffen. Das sind rund 6%. Die Caritas verurteilt die Haltung der Regierung, die "den Kampf gegen die Armut den Kantonen überlässt und ungleiche Chancen schafft".
Das Hilfswerk erinnert daran, dass die Schweiz 2015 die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung unterzeichnet und sich verpflichtet hat, die Armut um die Hälfte zu reduzieren. Es fordert das neue Parlament auf, zu handeln. Hugo Fasel, Direktor von Caritas Schweiz, betont die Notwendigkeit, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, der von Generation zu Generation weitergegeben werde.
swissinfo.ch: Was bedeutet es in der reichen Schweiz, ein armes Kind zu sein?
Hugo Fasel: Ihr Kind kommt nach Hause und erzählt, dass es zu einer Geburtstagsparty eines Klassenkameraden eingeladen wurde. Sie schauen sich Ihre Finanzen an und stellen fest, dass Sie nicht über das Geld verfügen, um ein Geschenk zu kaufen.
"Armut ist eine Frage der Bildung."
Hugo Fasel
Dann sagen Sie dem Kind, dass es nicht zur Party gehen kann. Das Kind wird isoliert. Die Marginalisierung beginnt. Alle Statistiken zeigen heute, dass ein Kind, das in einer armen Familie aufwächst, auch in Not gerät, wenn es keine staatliche Unterstützung hat.
swissinfo.ch: In den letzten fünf Jahren hat die Armut trotz eines guten Wirtschaftswachstums tendenziell sogar zugenommen. Wie erklären Sie sich das?
H.F.: Das ist ein Ausdruck der schlechten Einkommensverteilung. Auch wenn die wirtschaftliche Situation ausgezeichnet ist, gibt es Menschen, die nicht genug verdienen, um die Existenz einer Familie sicherstellen zu können. Das sind die Working Poor.
Armut ist eine Frage der Bildung. Allerdings hilft bei Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt auch eine solide Ausbildung nicht immer. Zudem ist die Erziehung eines Kindes in der Schweiz teuer, zwischen 7000 und 14'000 Franken pro Jahr.
Scheidungen, von denen hier jedes dritte Paar betroffen ist, sind auch eine Ursache für finanzielle Probleme, zumal es dann oft zu Problemen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und somit zu finanziellen Lücken kommt.
swissinfo.ch: Haben Sie das Gefühl, dass die Regierung die Augen vor dem Problem verschliesst?
H.F.: Ja, wir sind enttäuscht. Bislang hat sich das Departement von Innenminister Alain Berset geweigert, das Thema Armut zu diskutieren. Für die nationale Plattform zur Armutsbekämpfung werden jedes Jahr nur 250'000 Franken bereitgestellt. Das ist nichts. Dieser Betrag ist nicht einmal im Budget der Eidgenossenschaft enthalten.
swissinfo.ch: Was erwarten Sie vom Bund?
H.F.: Wir fordern, dass Bund und Kantone ein Rahmengesetz erlassen, das die Einführung von Zusatzleistungen für Familien definiert. Dieses Instrument existiert bereits in den vier Kantonen Tessin, Waadt, Genf und Solothurn. Damit erzielen sie sehr gute Ergebnisse im Kampf gegen die Armut.
Wir wollen, dass dieses System im ganzen Land eingeführt wird. Der Schweiz geht es finanziell so gut, dass wir es uns nicht leisten können, zu behaupten, dies sei zu teuer. Wenn wir nicht in den Kampf gegen die Kinderarmut investieren, werden wir uns später mit armen Erwachsenen konfrontiert sehen, die uns mehr kosten.
swissinfo.ch: Erwarten Sie von dem neuen, jüngeren und linkeren Parlament mehr Sensibilität in dieser Frage?
H.F.: Ein neues Parlament gibt uns immer die Möglichkeit, jene Themen wieder aufzugreifen, die uns am Herzen liegen. Wir müssen aber daran arbeiten, das Bewusstsein dafür über die Linke hinaus zu schärfen. Im Kanton Waadt beispielsweise wurden die getroffenen Massnahmen mit Unterstützung der Rechten eingeleitet. Wir können also Mehrheiten finden; es ist vor allem eine Frage des Willens.
(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)