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Wenn am kommenden Sonntagabend die 93. Verleihung der Oscars über die Bühne geht, dann werden bestimmt auch wieder Verfilmungen von Büchern goldene Oscar-Statuetten einheimsen. In der Schweiz ist der Diogenes Verlag führend im Vermarkten von Filmrechten für seine Bücher. Die Erfolgsgeschichte der Buch-Verfilmungen begann in den 1960er Jahren. Diogenes-Gründer Daniel Keel sass damals in einem Zürcher Kino und sah sich „Strangers on a Train“ an. Der Thriller beeindruckte ihn dermassen, dass er sich die Dienste der zu dieser Zeit noch unbekannten Autorin Patricia Highsmith sicherte. Ihre Bücher erschienen damals noch beim Hamburger Rowohlt-Verlag. Zwischen dem Verlag und Highsmith scheint es Probleme gegeben zu haben, so dass es Daniel Keel fünfzig Jahre später gelang, ihr gesamtes Werk bei Diogenes herauszugeben. Nachdem die Autorin 1995 im Tessin verstorben war, liegen nun die Weltrechte beim Zürcher Diogenes Verlag. Diese Rechte erweisen sich seither als eine wahre Goldgrube.
Verfilmungen sind eine wichtige Einnahmequelle für Verlage wie Diogenes. Gleich mehrere Verfilmungen von Highsmith-Romanen liefen seither in unseren Kinos. Im Film „Carol“ zum Beispiel verkörpern die Hollywood-Stars Cate Blanchett und Rooney Mara die Protagonistinnen. Bereits vor „Carol“ spülte die Hollywood-Produktion „The Talented Mr. Ripley“ mit Matt Damon in der Rolle des skrupellosen Psychopathen viel Geld in die Kassen. Vor ein paar Jahren brachten Hollywood-Produzenten gar eine Ripley-TV-Serie aufs Tapet. Zusammen mit Endemol Shine Studios löste die Produktionsgesellschaft Television 360 eine Option auf die fünf Bücher um Hauptfigur Tom Ripley.
Diogenes-Titel zieren regelmässig die Bestseller-Listen. Highsmith ist nicht die einzige Erfolgs-Garantin im Portfolio der Verlags. Friedrich Dürrenmatt, Bernhard Schlink, Martin Suter, Lukas Hartmann, Donna Leon, Ingrid Noll und Benedict Wells sind weitere Namen, deren Bücher es auch als Verfilmungen auf die Leinwand schafften. Wieviel verdient ein Buchverlag an den Filmrechten? Genaue Zahlen sind von Diogenes nicht zu erfahren. Gemäss dem Branchenmagazin „Der Buchreport“ verbuchte der Zürcher Verlag kurz nach der Jahrtausendwende einen jährlichen Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro. Ab 2015 sind es dann immerhin noch annähernd 30 Millionen Euro im Jahr. Verantwortlich dafür mag sein, dass dem Verlag das grosse Geschäft mit Hollywood nicht mehr so häufig gelingt, wie das bis zur Jahrtausendwende noch der Fall war. 2001 verfilmte Sean Penn die Dürrenmatt-Vorlage „The Pledge“ mit Jack Nicholson als Kommissar. Hollywood-Verfilmungen waren ausserordentliche Glücksfälle für das Zürcher Verlagshaus.
Filmrechte sind ein Segen für Buch und Verlag. Für die Rechte am Weltbestseller „Das Parfum“ von Patrick Süskind soll die Produktionsfirma Constantin Film angeblich 10 Millionen Euro bezahlt haben, ist unter vorgehaltener Hand zu erfahren. So hohe Abgeltungen für Filmrechte scheinen allerdings eine Ausnahme darzustellen. Die Produktionsfirmen zahlen für Filmrechte in der Regel zwischen 100’000 und 500’000 Franken. Der Verlag und der Autor teilen sich dieses Geld. Wie der Verteilschlüssel genau ermittelt wird, muss zwischen den beiden Parteien ausgehandelt werden.
Ein Autor oder eine Autorin tritt das Recht, das Manuskript für einen Film freizugeben, oftmals bereits mit dem Buchvertrag an den Verlag ab. Faire Verlage – wie beispielsweise Diogenes – beziehen sowohl die Autorenschaft als auch die Filmproduzenten in die Verhandlungen mit ein. In Ausnahmefällen können Buchautor*innen mit der Vermarktung der Filmrechte auch ins Lager der Grossverdiener wechseln. Wird eine Roman-Verfilmung zum Welterfolg, spült ein Film wie beispielsweise Suzanne Collins‘ Romantrilogie „Hunger Games“ weltweit 500 Millionen Dollar in die Kassen – und das bereits in den ersten zwei Wochen nach dem Filmstart.
Eine Renaissance für Buch-Klassiker. Hat sich ein Buch über Jahre gut verkauft, kann dessen Verfilmung den Bestseller nochmals an die Spitze der Bücher-Hitparaden befördern. Oftmals verpasst der Verlag dem erfolgreichen Buch zum Kinostart hin ein neues Cover. Seit Jahren bereits war Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ aus dem Jahr 1995 ein Renner in den Buchhandlungen und hatte sich gar als Schullektüre etabliert. Als mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Erscheinen dann endlich der Filmstart erfolgte, landete „Der Vorleser“ erneut auf den Bestsellerlisten. Nicht immer allerdings ist die Verfilmung auch hilfreich für den literarischen Stoff. Gleich mehrere von Martin Suters Büchern verzeichnen eine schlechtere Filmkritik, währenddem die Buchvorlage hochgelobt wird. Dies gilt insbesondere für seinen vielleicht besten Roman „Die dunkle Seite des Mondes“.
Enttäuschung und Ernüchterung erleben Leser*innen nicht selten beim Betrachten einer Literaturverfilmung. Warum? Literaturverfilmungen wie z.B. „Die Päpstin“ oder „Harry Potter“ locken Menschen in die Kinos, weil ihnen die Buchvorlage gefallen hat. Nicht selten kommt dann – in ihren Augen – die filmische Umsetzung nicht an das Buch heran. Beim Lesen hat man sich eigene Bilder im Kopf kreiert. Die eigene Phantasie hat beim Lesen Personen und Schauplätze entstehen lassen, die man nun mit dem Film vergleicht. Buch und Film sind jedoch grundverschiedene Medien. Bei der Adaptation eines Buches hatte der Filmregisseur mit mannigfachen Problemen zu kämpfen, die den Bücherleser*innen beim Kinobesuch verborgen bleiben. Häufig muss die Regie eine Buchvorlage arg zusammenkürzen, damit der Film nicht länger als zwei Stunden dauert. Nicht immer passen zudem die Handlungsorte und die Schauspieler*innen zu den optischen Vorstellungen, welche uns der Roman vermittelt.
Wie weit darf sich ein Regisseur von der Romanvorlage entfernen? Am Beispiel der Verfilmung des Romans „Der Vorleser“ wird deutlich, wie sich Regisseur Stephen Daldry buchstäblich schwer getan hat. Entscheidende Textstellen musste er weglassen, weil sie ganz einfach nicht bildlich umzusetzen waren. Insbesondere hat sich Daldry mit dem Zeitenwechsel abgemüht. Der Roman greift auf Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs zurück, spielt jedoch in der Gegenwart. Als Leser des Romans bin ich mein eigener Regisseur und kann zurückblättern, wenn ich glaube, irgendetwas verpasst zu haben. Andererseits ist eine Verfilmung auch ein eigenes Kunstwerk. Nicht selten gestaltet der Regisseur aus dem Romanstoff eine „eigene“ Version des Erzählten. Dabei setzt er auf ausdrucksstarke Bilder und auf handlungsintensive Szenen.
Text und Bild: Kurt Schnidrig