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Zinsfreies Geld – Utopie oder Heilsprogramm? – Zwischen der Utopie, dem Sehnsuchtsentwurf einer besseren Gesellschaft, und dem Machbarkeitsplan einer vollkommenen Menschheit
Zinsfreies Geld – Utopie oder Heilsprogramm?
Zwischen der Utopie, dem Sehnsuchtsentwurf einer besseren Gesellschaft, und dem Machbarkeitsplan einer vollkommenen Menschheit liegt das ganze Gefälle, das eine traumhafte, ortsunbestimmte (“u-topos”) Zukunftsorientierung von gelenkter, machtbestimmter Reglementierung unterscheidet, und das ein – irgendwann mögliches – Erkennen und Handeln im Sinne des Gemeinwohls von einseitig bestimmten, kollektiven Verbesserungsweisungen trennt. Wohin gehört etwa Silvio Gesells Lehre vom zinsfreien Geld und vom gesellschaftlichen Bodeneigentum? Die Frage stellt sich im Zusammenhang mit dem missionarisch-einseitigen Eifer, der in der Diskussion mit Margrit Kennedy plötzlich das Bedürfnis nach Klärung und Unterscheidung weckt.
Das Bedürfnis nach Unterscheidung der Begriffe und nach Klärung der Zusammenhänge zeigt sich wie ein Warnlicht. Zwar kommt es vor, dass aus der Erfahrung unbefriedigender Gegenwart die Ablehnung des Bestehenden zur grossen Ungeduld anwächst. Wenn die subjektive Ungeduld jedoch auf kollektive Forderungen übertragen wird, wenn die eigene Einsicht in einen bestimmten ursächlichen Zusammenhang zur zwingenden Erklärung der gesamten politischen, ökonomischen und ökologischen Weltmisere herangezogen wird und ebenso zur zwingenden Handlungsforderung für alle, besteht die Gefahr ideologisch vereinfachter Rezepte, die schnell zur Heilslehre entarten können. “Die Menschen müssen einsehen”, heisst es dann, “ein jeder, eine jede muss das Leben verändern, muss sich vom Ungesunden abwenden und das Gesunde wählen”. Ob es sich dabei um den Bekehrungsappell einer kürzlich bekehrten Freigeldanhängerin handelt oder um den Propaganda- und Handlungsaufruf einer extremistischen Partei, immer wird das Wählenkönnen und damit das Vertrauen in die eigene Verantwortung der Wählenden durch das So-und-nicht-anders-Wählenmüssen ersetzt. Immer wird der breite Fächer, innerhalb dessen die Freiheit des Erkennens und Handelns den unterschiedlichsten Möglichkeiten Raum gewährt, auf eine schmale Richtschnur – eine Zwangsvorstellung des richtigen Handelns – zusammengeschlagen. Die vielschichtige Realität wird auf zwei Farben und zwei Zustände reduziert, auf Weiss und Schwarz respektive auf “Gesund” und “Krank”. Was nicht der Heilsvorstellung entspricht, wird als “wucherndes Krebsgeschwür” deklariert.
Solange derart einseitige Lehren nicht mit Macht verbunden sind, bleiben sie das missionarische Anliegen einzelner weniger, führen vielleicht zur Bildung sektenmässiger Gruppierungen, bleiben jedoch auf einen begrenzten Wirkungsradius beschränkt. Wo sie sich jedoch mit Macht und zahlenmässig bedeutender Anhängerschaft verbinden, wird die Zweiteilung der Menschheit in “gesund” und “krank”, in “gut” und “schlecht” zur Bedrohung jeder pluralistischen, demokratischen Gesellschaft. Ungeduld wächst in Gewalt aus, Überzeugung in Intoleranz. Wenn “im 20. Jahrhundert die Apokalypse eine alte Geschichte ist”, wie Pier Paolo Pasolini bemerkte, sind zur Hauptsache Heilslehren dafür verantwortlich, die durch grosse Machtabstützung zu Zwangsprogrammen kollektiven Misstrauens und kollektiven Handelns wurden, allem gegenüber, was es als “Krebsgeschwür” zu vernichten galt.
Utopien dagegen sind Vorstellungen einer besseren Gesellschaft, die mehr Hoffnung als Handlungsanweisung enthalten. Auch sie zeigen über eine unbefriedigende, ungerechte Gegenwart hinaus auf eine bessere Zukunft, bleiben jedoch denkerische Entwürfe, dem Traum ähnlicher als dem Programm. Utopien waren zum Beispiel die Gleichberechtigungsentwürfe der Frauen im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – Zielvorstellungen einer Entwicklung, die weit entfernt waren von Machbarkeitsrezepten. Wenn heute deren annähernde Verwirklichung erreicht ist, so ist diese zwangsfrei zustandegekommen und gliedert sich auf höchst unvollkommene Weise in die vielgestaltige Realität ein. Vergleichbar ist der Entwurf einer “natürlichen Wirtschaftsordnung”, wie Silvio Gesell ihn 1916 formulierte. Diejenigen Gemeinschaften, die über kürzere oder längere Frist mittels einer zinsfreien und niederverzinslichen Geldumlauf- und Kreditpraxis die Idee einer gerechteren Wirtschaftsordnung zu verwirklichen suchten und suchen – so zum Beispiel die alternativen Banken oder bankenähnlichen Kreditinstitute überall in der Welt (vgl. “MONETA” Nr.3 vom 30. September 1992), darunter der Kreis der Aktionärinnen und Aktionäre, der Kundinnen und Kunden der ABS -, reihen sich mit ihrem Versuch auf selbstverantwortliche und zwangsfreie Weise in den vielfacettierten Fächer der gesamten Wirtschaft ein. Für sie bleibt die Zielvorstellung einer ethisch verantwortbaren Geldpraxis in Hinblick auf einen grösseren Gemeinnutzen (statt auf Steigerung des Eigennutzens) massgebend für diesen Bereich des Handelns, jedoch nicht als Heilsrezept gegen alle Missstände und Fehlentwicklungen der Menschheit.
Utopien können ihre Funktion als Gegenbilder der Gesellschaft nur dann behalten, wenn sie der Freiheit und der damit verbundenen selbsttätigen Überzeugunskraft der sie tragenden Ideen verpflichtet sind. Wenn sich zudem die Verwirklichung ihrer gesellschaftichen Zielvorstellungen auf die Erkenntnis- und Unterscheidungsfähigkeit einzelner Menschen abstützt, statt auf Machtmechanismen, die schnell in Gewalt – auch in Gesinnungsgewalt – ausarten können. Das gesellschaftliche Veränderungspotential der Utopie liegt allein in der sie beflügelnden moralischen Vernunft.
Artikel publiziert in “Moneta – Die Zeitung für Geld und Geist” am 23. Dezember 1992