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Im Alltag schreiben wir Emotionen oft sehr weitgehenden Einfluss auf unser Denken zu. Vielfach wird angenommen, dass die Auswirkungen auf unsere Kognition negativer Natur sind. Wir sagen beispielsweise, jemand solle die Situation doch bitte weniger emotional betrachten. Oder wir schlagen vor, dass die Person sich erst beruhigen solle, bevor sie eine Entscheidung trifft. Wir nehmen an, dass diese negativen Auswirkungen sich auch bei ganzen Gruppen wiederfinden, zum Beispiel wenn wir nach einer politischen Veranstaltung sagen, die Stimmung sein viel zu emotional für einen echten Dialog gewesen.
In der Philosophie, aber auch in Nachbardisziplinen wie etwa der Psychologie, ist diese negative Auffassung hinsichtlich der Auswirkungen von Emotionen in den letzten zwanzig Jahren auf zunehmende Ablehnung gestoßen. Emotionen, so die Behauptung, sollten nicht als Gegenspieler unserer Rationalität betrachtet werden. Damit stellt sich jedoch die Frage, wie wir das Verhältnis von Emotion und Denken dann genau beschreiben sollen.
Eine in der Philosophie beliebte These lautet, dass Emotionen für unser Denken relevant sind, weil sie uns bestimmte Informationen über die Beschaffenheit der Außenwelt zur Verfügung stellen. Klassischerweise werden in diesen Ansätzen Emotionen als Wahrnehmungen oder zumindest als wahrnehmungsähnliche Zustände angesehen, die sich auf Werteigenschaften richten. Wenn ich mich beispielsweise vor einem Wolf fürchte, dann sehe ich (dieser Konzeption zufolge) den Wolf als gefährlich an. Emotionen wird also in diesem Modell eine Input-Funktion zugesprochen. Sie liefern hier Informationen für andere mentale Prozesse, so eben zum Beispiel die Information, dass eine Gefahr vorliegt bzw. dass der Wolf gefährlich ist.
Diese Betrachtungsweise hat viele Vorzüge. Sie weist aber auch zahlreiche Schwachstellen auf, von denen ich hier nur zwei nennen möchte: Zum einen wird in dieser Theorie nur sehr unzureichend auf die problematischen Aspekte unserer Emotionen eingegangen. Tatsächlich scheint aber die negative Auffassung, die wir im Alltag Emotionen gegenüber vielfach einnehmen, zumindest ein Körnchen Wahrheit zu enthalten. Zweitens (und damit verbunden) werden in diesem Modell einige neuere Ergebnisse aus Psychologie und Neurowissenschaften nicht (oder nur am Rande) berücksichtigt, die für das Verhältnis von Kognition und Emotion äußerst aussagekräftig sind. So wurde in den letzten Jahren in einer Vielzahl von Studien deutlich, dass Emotionen weitreichende Veränderungen anderer kognitiver Prozesse mit sich bringen. So wurde u.a. aufgezeigt, dass emotionale Zustände mit einem positiven Affekt (wie etwa Freude etc.) die kreative Problemlösekompetenz von Probanden verbesserten, zu einer größeren kognitiven Flexibilität führten, mit einem eher auf das „Große Ganze“ gerichteten Verarbeitungsstil einhergingen, die Probanden aber auch leichter ablenkbar machten. Bei Emotionen mit negativem Affekt wie etwa Wut, Trauer und Furcht sind die Studien zwar nicht so zahlreich, aber auch hier gibt es klare Indikationen für weitreichende Auswirkungen auf unser Denken.
Eine häufige Reaktion auf diese Studien besteht darin, die Veränderungen des Denkens als Folge von Emotionen zu verstehen. Der Gedanke ist, dass Emotionen zwar zum Beispiel Veränderungen in der Ablenkbarkeit eines Individuums bewirken, es sich dabei aber lediglich um eine Folgeerscheinung der eigentlichen Emotion handelt. Diese Ansicht wird durch einen Umstand im experimentellen Design vieler dieser Studien gestärkt. So wird vielfach erst eine Emotion induziert und dann untersucht, wie sich diese auf die Veränderung des Denkens auswirkt. Damit wird aber indirekt eine Ursache-Wirkungsbeziehung nahegelegt. Allerdings haben Emily Pronin und Elana Jacobs diese Reihenfolge in jüngeren Studien umgedreht. Sie induzierten zunächst eine Veränderung bestimmter kognitiver Parameter (wie zum Beispiel der Denkgeschwindigkeit) und untersuchten anschließend die Veränderung der emotionalen Verfassung der Probanden. Das legt aber nun nahe, dass Emotionen eben nicht die Ursache der kognitiven Veränderungen sind, sondern vielmehr umgekehrt bestimmte kognitive Veränderungen zu einer bestimmten Emotion führen.
Wir sollten uns also vom „Wahrnehmungsmodell“ von Emotionen verabschieden. Auf der Basis dieser jüngeren Studien ist es viel plausibler zu sagen, dass Emotionen bestimmte Arten und Weisen des Denkens sind (oder diese beinhalten). So kann man beispielsweise sagen, dass Furcht eine Art und Weise des Denkens ist, die sich u.a. durch eine hohe Denkgeschwindigkeit, eine niedrige Variabilität von Denkinhalten und einen engen Aufmerksamkeitsfokus auszeichnet.
Im Rahmen dieser Theorie ergibt sich ein deutlich anderes Bild hinsichtlich des Verhältnisses von Emotion und Denken. Emotionen werden hier nicht als Informationslieferanten anderer Denkprozesse verstanden, sondern vielmehr als etwas, das diese Prozesse völlig durchdringt. Emotion und Denken lassen sich in dieser Konzeption nicht mehr klar voneinander trennen. Die unterschiedlichen Arten und Weisen des Denkens können je nach Situation positive oder negative Auswirkungen haben. So können beispielsweise Emotionen wie Freude oder Begeisterung in Situationen von Nutzen sein, die hohe Kreativität verlangen, während sie in anderen Fällen eher hinderlich sein mögen. Dementsprechend kann dieser Ansatz auch das Negativbild, das im Alltag von Emotionen gezeichnet wird, verständlich machen, und dennoch zugleich positive Aspekte emotionalen Denkens hervorheben.
Ich habe hier nur einen kleinen und gezwungenermaßen oberflächlichen Überblick über die derzeitige Debatte geben können und zudem auf Literaturhinweise verzichtet. Für eine ausführlichere Betrachtung sei verwiesen auf:
Anja Berninger (2016), Thinking Sadly. In Favor of an Adverbial Theory, Philosophical Psychology 29, 6, 799-812.
Anja Berninger, Gedanken und Gefühle. Entwurf einer adverbialen Emotionstheorie, Münster: Mentis 2017.