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Autor: Andreas Hauser, Juli 2018
Hans Streuli gehört zu den zahlreichen Architekten, die von ihrem erlernten Métier zur Berufspolitik gewechselt haben, wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert Friedrich Wüest (1843-1902) in Luzern. Während aber die meisten von ihnen Baudepartemente übernahmen, war Streuli sowohl als Regierungs- wie auch als Bundesrat für die Finanzen zuständig. Seine Doppelbegabung als Organisator und Bausachverständiger konnte er nur in einer Sondermission, als Präsident des Organisationskomitees für die Landesausstellung in Zürich, einbringen. Damit allerdings hat er für die Architektur der Schweiz und auch Europas eine grosse Leistung erbracht. Die Arbeit trug ihm 1940 den Ehrendoktor der Universität Zürich ein.
Im Folgenden interessiert uns nicht der Politiker, sondern der – wenig bekannte – Architekt Hans Streuli. Wir werden darstellen, wie Streuli sich zum Architekten ausgebildet und dann nach einem Praktikum in Wädenswil ein Büro eröffnet hat, mit wem er zusammengearbeitet hat und was die Schwerpunkte im Werk sind, das er während seiner rund sechzehnjährigen Berufstätigkeit geschaffen hat. Dann versuchen wir, dieses Werk stilgeschichtlich einzuordnen, und zum Abschluss werfen wir einen Blick auf Streulis Beschäftigung mit Architektur während und nach seiner Tätigkeit als Berufspolitiker.
Wie bereits erwähnt, hat die Familie Streuli zahlreiche Objekte, Schriftstücke und Fotografien aus dem Nachlass von Hans und Clara Streuli-Pünter aufbewahrt. Im vorliegenden Zusammenhang sind zwei Hefte von besonderer Bedeutung. Das eine, betitelt „Liste aller Bauherren. Archivierung“, enthält eine chronologische Liste aller Bauherren und -herrinnen, mit denen Streuli zu tun hatte, mit Bezeichnung des Auftrags, des Jahres und der Archivnummern von Brief- und Plandokumenten. Das andere, betitelt „Aktenarchiv“, enthält zwei Verzeichnisse: 1) eines aller bearbeiteten Objekte, wobei diese teils als soche aufgeführt sind (z.B. ‚Gerbe‘ Richterswil), teils unter BauherrInnen-Namen oder unter Sammeltiteln wie „Verschiedenes“ subsumiert sind, jeweils mit Jahresangabe, sowie 2) ein Register aller Pläne. Leider fehlen jeweils die genauen Adressen der Objekte. Dennoch: auf der Basis dieser Hefte lässt sich ein Katalog der Werke Streulis erstellen.
Streulis Planarchiv muss weit über tausend Blätter umfasst haben. Offenbar hat er bei der Abgabe des Architekturbüros 1935 den grössten Teil seinem Nachfolger Heinrich Kübler überlassen. Behalten hat er dagegen alles, was für Kübler ohne Nutzen oder für ihn eine persönliche Bedeutung hatte: 1) Blätter aus der Studienzeit, 2) Wettbewerbsprojekte, 3) Transparentpapier-Kopien von einigen Wohnhausprojekten, mit deren Besitzern er wohl persönlich bekannt war sowie 4) Pläne, die seine eigenen Liegenschaften betrafen, die „Treu“ in Wädenswil und die „Gerbe“ in Richterswil.
Die wichtigste Anlaufstelle für zukünftige Forschungen wird das Archiv für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sein: Diesem hat die Familie Streuli die Planmappen anvertraut. Dort befinden sich auch Kopien der erwähnten zwei Archivverzeichnisse.
Die Plandossiers „Treu“/Wädenswil und „Gerbe“/Richterswil befinden sich bei den heutigen Besitzern, bei Andreas Hauser einerseits, der Familie Streuli andererseits. Beim Autor dieser Zeilen, Andreas Hauser, befinden sich auch alte Fotografien von einigen Streuli-Bauten (aus dem Streuli-Nachlass). Voraussichtlich werden sie – soweit sie nicht die Treu betreffen – teils ans gta-Archiv, teils ans Archiv Oberer Zürichsee in Wädenswil gehen.
Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich
Wir wissen nicht, wann und weshalb sich Streuli entschieden hat, Architektur zu studieren. Jedenfalls schrieb er sich 1911 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ein. Sie war 1855 als Eidgenössisches Polytechnikum eröffnet worden; als erster Vorsteher der Bauschule wirkte von 1855 bis 1871 Gottfried Semper (1801-1879). Als Streuli studierte, hatten Alfred Friedrich Bluntschli (1842-1930) und Gustav Gull (1848-1942) die zwei Haupt-Lehrstühle Architektur I und II inne. Der erste wirkte 1881-1914 in dieser Funktion, der zweite 1900-1929. Daneben lehrten unter Anderen noch der betagte Georg Lasius (1835-1928) und Benjamin Recordon (1845-1938), der letztere Baukonstruktion (in dieser Stelle 1890-1916). An die Stelle Bluntschlis trat 1915 Karl Moser (1860-1936), der sich in Karlsruhe einen Namen als freischaffender Architekt gemacht hatte.
Zwei Fotografien aus dem Streuli-Nachlass zeigen Bluntschli respektive Gull mit Studenten. Die Szenerie des Bluntschli-Gruppenbilds ist ein Zeichensaal; im Hintergrund ist ein Riss des Florentiner Doms zu sehen; auf der Rückseite stehen das Datum - Januar 1914 - und die Namen der Fotografierten; Streuli ist nicht darunter. Die zweite Foto ist nicht beschriftet; sie zeigt eine Szene aus einer Exkursion Gulls: ein Student posiert als gotische Nischenskulptur. Auch hier scheint Streuli zu fehlen; möglicherweise handelt es sich um Fotografien, die die Professoren hatten machen lassen, um sie ihren Studenten zu schenkten.
Streuli darf als Gull-Schüler bezeichnet werden, obwohl er - wie wir sehen werden - am Ende des Studiums Zweifel an der Architekturauffassung des Meisters bekam.
Das Abschlussdiplom von Streuli datiert vom 28. Juli 1916. Er hat also verhältnismässig lange studiert. Dies aber keineswegs, weil er gebummelt hätte. 1914 brach der Weltkrieg aus: Er verbrachte viele Monate im Aktivdienst und stieg bis zum Leutnant auf. Später, im Zweiten Weltkrieg, diente er als Oberst der Genietruppen.
Eine Anzahl Studienblätter im Nachlass Streulis werfen ein Licht auf seinen Ausbildungsgang. Die frühesten stammen aus dem Wintersemester 1911-12 und dem Sommersemester 1912: Es sind Übungen im geometrischen Zeichnen und Kopien nach Konstruktions-Lehrblättern, in denen Holzverbindungen, Eisenelemente, gotische Rippen, Backsteinmauern und dergleichen dargestellt sind. Sie sind von Recordon visiert. Sodann gibt es eine Gruppe von sorgfältig ausgeführten, aquarellierten Blättern, von denen einige auf das Sommersemester 1913 respektive auf das Wintersemester 1913/14 datiert sind. Es sind Kopien nach Musterplänen: Die Studierenden sollten in eine künstlerische Darstellungsweise und in die von den Lehrern als richtig erachtete Formensprache eingeübt werden. Themen sind ein Wandbrunnen, ein Gartenpavillon, eine kleine Bauschule, ein Gartensaal, ein Einfamilienhaus, ein Maleratelier in den Bergen.
Vom Sommersemester 1915 sind keine Dokumente vorhanden; vermutlich hat Streuli sein Studium erst im Wintersemester 1915/16 wieder aufgenommen und dann im Sommersemester 1916 mit dem Diplom abgeschlossen. In dieser letzten Phase hatte er selbstständig Projekte nach gegebenen Programmen zu bearbeiten. Ein solches Programm – betitelt „Projekt für eine prot. Kirche“ – ist im Nachlass erhalten. Über erste Entwürfe scheint Streuli nicht hinausgekommen zu sein; auch ein Projekt für eine Kuppelkirche wirkt skizzenhaft. Vollständig ausgeführt hat er dagegen ein Projekt für ein Landhaus.
Auf dieses folgt dann die Diplomarbeit. Unzählige Blätter, teilweise mit kritischen Bemerkungen Gulls, zeugen von einem langen Arbeitsprozess. Zu bearbeiten war ein.
Studienreisen und Nachstudium in München
Zu einer Architektenausbildung gehörte es, nach dem Diplom noch an einer ausländischen Hochschule bei einem bekannten Architekten weiterzulernen und eine „grand tour“ durch verschiedene europäische Länder zu unternehmen. Gestützt auf Informationen von Streulis Tochter Regula schreibt Peter Ziegler, Streuli habe die Zeit nach dem Diplom für eine erweiterte Ausbildung an der Technischen Hochschule München genutzt und dann „ausgedehnte Reisen u.a. durch Holland und England“ gemacht.
Für diese letzteren Reisen haben wir bislang keine präzisen Hinweise gefunden, wohl aber zum Münchner Aufenthalt: Im Familienarchiv Streuli befindet sich ein Tagebuch mit dem Titel „München. Sommer 1917“. Streuli ging also nicht unmittelbar, sondern erst ein Jahr nach dem Diplom nach München, von Anfang Juni bis Mitte August 1917. Die bayerische Hauptstadt scheint er als Ziel gewählt zu haben, weil dort Theodor Fischer (1862-1938) an der Königlich Technischen Hochschule lehrte.
Streuli bat Fischer, als Übung ein Projekt für einen Kleinstadt-Bahnhof ausarbeiten zu dürfen, was dieser – ein „netter Papa“ – akzeptierte. Die Arbeit wollte nicht so recht vorangehen, aber im Juli war sie doch so weit, dass Fischer sie absegnete.
Daneben arbeitete Streuli auch an einem Projekt für ein Landhaus in Winterthur. Es war für ein bestimmtes Grundstück in Winterthur an der ehemaligen Friedhofstrasse gedacht, nämlich für dasjenige der Familie Ernst. Mit dem Sohn Robert Ernst – der später als Dipl.Ing. Architekt stempelte – war Streuli befreundet; die beiden waren gleichzeitig in München. Auch das Landhausprojekt – wahrscheinlich eine Abwandlung des bereits bei Gull entworfenen - liess Streuli von Fischer gegenzeichnen.
Neben seiner architektonischen Arbeit hörte Streuli kunstgeschichtliche Vorlesungen bei Heinrich Wölfflin und besuchte die wichtigsten Kunstdenkmäler Münchens, mit besonderem Augenmerk auf Theaterbauten, war er doch ein passionierter Theater- und auch Opernbesucher. Den Innenraum des Hoftheaters fand er „gediegen“, den des Residenztheaters – eines Rokokobaus von François Cuvilliers d.Ä. – begeisternd. Auch ins Kino ging er ein paar Male, wobei er Notizen zur Architektur machte. Exkursionen unternahm er unter anderem nach Landshut, Regensburg, Passau und Augsburg; stets lag der Schwerpunkt auf historischer Architektur.
Zeitgenössischer Architektur galt ein Ausflug in den 1911 eröffneten Tierpark Hellabrunn und in die Gartenstadt Harlaching. Gegen Ende seines Aufenthalts studierte er zunehmend Bauten der jüngsten Vergangenheit, teilweise in einer Publikation über „München und seine Bauten“ (1912).
Eine grosse Krise
Als Streuli anfang 1918 aus dem Dienst entlassen wurde, sah er sich – wie viele seiner Berufskollegen – vor einer denkbar schwierigen Situation: Ohne praktische Erfahrungen musste er in einer wirtschaftlichen Notsituation Arbeit finden. Sein Onkel Christian Jakob Schmidt (1862-1937), der beim Zürcher Stadtbaumeister Finsler und bei Architekt Armin Witmer-Karrer vergeblich nach Arbeitsmöglichkeiten sondiert hatte, empfahl ihm mit Brief vom 3. Februar 1918, sich an Karl Moser zu wenden. Streuli entwarf darauf einen Brief, den er wohl nicht abschickte; er ist ein Zeugnis grosser Selbstzweifel. Er habe nie zu den hervorragenden Studenten gehört, und seit dem Diplom habe er mangels Praxis eher noch Rückschritte gemacht. Der Münchner Aufenthalt sei eher ein Ersatz für mangelnde Arbeit gewesen. Er wisse zwar, dass er eigentlich gar kein Schüler Mosers sei, aber bei Gull habe er ja eigentlich auch nur ein Semester studiert.
Wir wissen nicht, ob Streuli den Gang zu Moser gewagt hat; jedenfalls hat er weiter gesucht und musste dabei immer wieder hören, wie gering die Chancen seien, etwas zu finden. Im Frühling erkundigte er sich bei den Verantwortlichen des Bürgerhauswerks, ob er für die Publikation Aufnahmen machen könne (vgl. Antwortbrief von Paul Ulrich von der Bürgerhaus-Kommission des SIA, 3. Mai 1918). Wahrscheinlich ist nichts daraus geworden, denn wenig später bekam Streuli anderswo eine Chance.
Praktikum bei Büeler & Gilg in Amriswil
Im Sommer 1918 fand er nämlich endlich Arbeit, in Amriswil, bei Architekt Gustav Büeler (1877- ca. 1924). Dieser war mit Karl Gilg (1879-1966) assoziiert, der ab 1908 auch als Hauptlehrer am Technikum Winterthur wirkte.
Streuli hat eine kleine Fotografie aufbewahrt, die ihn beim Sortieren von Boden- oder Wandplatten zeigt; daran ist ein Zeitungsausschnitt angeklammert, der aus einer Amriswiler Zeitung von 1955 stammt. Der Text erinnert daran, dass Bundesrat Streuli einst in Amriswil gearbeitet habe. Allerdings nicht, wie der Schreiber behauptet, drei, sondern nur rund ein Jahr (Brief Streuli an Emil Roth vom 1.6.1919).
Büeler habe, heisst es in der Zeitungsnotiz, im Büro Büeler & Gilg „frei und selbstverantwortlich“ arbeiten können. Wahrscheinlich hatte er die Verantwortung für einige innenarchitektonische Arbeiten, von denen er Fotografien aufbewahrt hat. Die meisten betreffen die Häuser der Herren „H. in Amriswil“ und „B. in Romanshorn“.
Weitere Fotos zeigen ein „Fabrikgebäude des Herrn S. in Romanshorn“. Beim Bau handelt es sich um die noch bestehende, unter Schutz stehende ehemalige Wäschefabrik Scherrer an der Bahnhofstrasse 40, die 1919 vollendet war (Illustrirte schweizerische Handwerker-Zeitung, Nr. 40, 1919, S. 382). Streuli dürfte die Bauleitung innegehabt haben („Was macht Eure Fabrik?“, fragt Robert Ernst in einem Brief vom 14.1.1919). Ob er an der Projektierung mitgewirkt hat, wissen wir nicht; sicher hat er das Hauptportal entworfen (Plan 1918 im Plannachlass, Archiv gta ETHZ).
„Eigene Bude“: Bürogründung und -einrichtung
Im Frühling/Frühsommer 1919 liess sich Streuli in Wädenswil nieder und eröffnete „eine eigene Bude“ (Brief vom 1. Juni 1919 an Emil Roth). Da Streuli 1935 vollamtlicher Regierungsrat wurde, hat er rund 16 Jahre als Architekt gewirkt. Wo er in den ersten zwei Jahren sein Büro hatte, wissen wir nicht. 1921 baute er im Haus Zur Treu (Florhofstrasse 2), das er im Vorjahr erworben hatte, ein geräumiges Büro ein.
Leider gibt es keine Fotografien, auf denen man den Architekten in seinem Büro oder auf einer Baustelle sehen könnte. Eine Fotografie zeigt ihn an einem Tisch sitzend, wohl in seiner Wohnung, vor sich ein Papier, auf das er mit einem Bleistift deutet, rechts von ihm ein Mann, der aufs Papier schaut. Gerne nehmen wir an, Streuli sei hier im Begriff, einem Bauherrn ein Projekt zu erläutern.
Mitarbeiter und Mitarbeiterin, Associés
Hatte Streuli anfang 1918 verzweifelt eine Stelle gesucht, so brauchte er nach der Büroeröffnung plötzlich selbst Mitarbeiter. Am 1. Juni 1919 sondierte er diesbezüglich bei seinem ehemaligen Studienkollegen Emil Roth, der inzwischen von einem Lungenleiden genesen war. Was daraus geworden ist, wissen wir nicht. Sicher ist, dass im September 1919 Eduard Walther, Sohn eines Oberentfelder Bürstenfabrikanten, in sein Büro eintrat (Brief von E. Walther vom 6.9.1919). Er muss es aber bald wieder verlassen haben; im April 1920 war Streuli wieder auf der Suche. Ein Studienkollege, L. Oberlé, lehnte eine Einladung zur Mitarbeit zwar ab, wollte aber wissen: „Was hast Du eigentlich für Arbeit und seit wann hältst Du ein solches Heer von Vasallen?“ (Brief vom 14.4.1920). In der Folge waren zuerst ein F. Zimmermann, dann Fritz Bohny (1893-1974) bei Streuli beschäftigt, je nur einige Monate. Möglicherweise hat dann am Ende doch noch Emil Roth (1983-1980) den Weg ins Büro Streuli gefunden (Brief F. Zimmermann vom 4.6.1921). Trifft das zu, hätte ein Architekt in Streulis Wädenswiler Büro gearbeitet, der bald darauf zu den wichtigen Promotoren des Neuen Bauens in der Schweiz gehörte.
Später wurde Heinrich (Heiri) Kübler zu Streulis engstem Mitarbeiter, an ihn übergab er sein Büro nach dem Wechsel in den Regierungsrat. Das Sekretariat besorgte Küblers Schwester Mina.
Streuli scheint mit anderen Architekten auch lockere Arbeitsbündnisse geschlossen zu haben, in erster Linie und am längsten mit Heinrich Labhart – im Nachlass befinden sich einige Dokumente mit dem Stempel „Heinrich Labhart/Hans Streuli/Architekten“, so eines mit dem Titel „Schlussbilanzen u. Gewinn- und Verlustrechnungen“ von 1925 bis 1933. Des weiteren liegen in einem Briefumschlag, der die gleiche Stempelaufschrift trägt, zwei Fotos von landwirtschaftlichen Holzkonstruktionen.
Heinrich Labhart, Bürger von Steckborn, ist einer der Studenten, die sich auf der oben abgebildeten Fotografie mit dem von Schülern umringten Professor Bluntschli befinden; er war also ein Studienkollege Streulis. Er diplomierte 1914 und arbeitete später im Landwirtschaftlichen Milchbauamt in Brugg und als Architekt in Küsnacht ZH. 1928 erhielt er einen zweiten Preis in einer engeren Konkurrenz für ein Strandbad in Küsnacht; in der Schweizerischen Bauzeitung steht hinter seinem Namen: „in Firma H. Labhart und H. Streuli, Zürich“ (SBZ 91/92 (1928): 256). 1930 bekam Labhart einen dritten Preis in einem Wettbewerb für ein Schulhaus in Küsnacht. Streulis Name wird in der SBZ nicht erwähnt, aber Fotos von Plänen und vom Modell befinden sich in seinem Nachlass. Wir vermuten, dass Labhart und Streuli für Wettbewerbsarbeiten eine Zweckgemeinschaft gebildet hatten.
Auch beim Wettbewerb für das Kinderheim Bühl in Wädenswil bildete Streuli eine solche Gemeinschaft; hier arbeitete er mit einem Friedrich Fisch zusammen. Man erkennt die Namen der beiden auf dem Sockel eines Gipsmodells, von dem sich eine Foto im Nachlass Streuli befindet.
Die Zwischenkriegszeit, in der Streuli als Architekt gewirkt hat, war im Bereich der Architektur ausserordentlich spannend und von heftigen theoretischen Auseinandersetzungen geprägt. Trotz der Nachwehen des Ersten Weltkriegs und trotz einer dichten Folge von Wirtschaftskrisen wurde viel gebaut. Was hat Streuli in den rund sechzehn Jahren seiner Tätigkeit als Architekt gebaut, was hat er sonst noch geleistet?
Diese Frage lässt sich anhand der oben erwähnten Plan- und Aktenverzeichnisse Streulis beantworten. Projekte und Skizzen hat er zu rund 235 Objekten gezeichnet. Er war sich aber nicht zu schade, auch Aufgaben wie Kleinstumbauten, Beratungen, Schätzungen und dergleichen zu übernehmen. Im Folgenden interessieren grössere Vorhaben – gebaute wie auch nicht verwirklichte.
Das gebaute Werk: Gattungsmässige Schwerpunkte, Reichweite
Streulis gebautes Werk umfasst etwa fünf grössere Bauten (ein Kinderheim, eine Fabrik, ein Kino, ein Strandbad und eine Seeufergestaltung), rund fünfundzwanzig mittelgrosse (mehrheitlich Wohnhäuser), etliche kleine (Gartenhäuschen, Bootshäuser), ungefähr ein Dutzend Renovierungen von stattlichen Altbauten, um die zehn grössere Umbauten und Erweiterungen sowie eine Anzahl innenarchitektonische Arbeiten.
Die grösste Werkgruppe bilden Wohnhäuser, mehrheitlich mittelständische oder genossenschaftliche. Gemäss den Verzeichnissen hat Streuli neun Einfamilienhäuser, ein Zweifamilienhaus, zwei Einfamilien-Reihenhäuser sowie einige Mehrfamilienhäuser geschaffen, wovon drei mit Gewerbefunktionen kombiniert waren. Dazu kommen ein Ferienhaus in Graubünden und ein „Sommerhaus“ in Richterswil. Städtische Gross-Miethäuser fehlen ebenso wie herrschaftliche Landhäuser. Eine herrschaftliche Allüre haben dagegen einige der Altbauten, die Streuli renovierte.
Die meisten Aufträge betrafen Wädenswil und Richterswil. Ein weiterer Schwerpunkt lag in Uerikon (Gemeinde Stäfa), wo die Familie von Streulis Frau wohnte. Ganz Weniges hat er in Zürich realisiert, ein Einzelobjekt in St. Gallen.
Wettbewerbe: Viel Engagement, wenig Erfolge
Der Verzicht auf Grossaufgaben wie Kirchen, Schulbauten, Verwaltungsgebäude, Banken und dergleichen – ist bei Streuli keineswegs Absicht. Das zeigt seine intensive Teilhabe an Wettbewerben. Für nicht beamtete Architekten waren diese praktisch der einzige Weg zu Grossaufträgen. Es spricht für Streulis Ehrgeiz, Initiative und Fleiss, dass er sich an gegen dreissig Konkurrenzen beteiligt hat.
Schon 1915 bis 1918 – also vor und kurz nach der Diplomierung und vor der Eröffnung eines Büros – reichte er für vier Wettbewerbe Pläne ein. Es ging durchwegs um Bebauungspläne: Bahnhofquai und Zähringerstrasse Zürich (1915), Gemeinde Grenchen und Seeufer Luzern (1917), Stadt Zürich und Vororte (1918). Auch später nahm Streuli noch acht Male an Bebaungsplan-Ausschreibungen teil. Vielleicht hoffte er, sich mit einem Erfolg den Weg für eine Beamtenstelle zu bahnen.
Noch zahlreicher waren seine Beteiligungen an Hochbau-Wettbewerben. Hier dürfte es ihm um ein Kräftemessen mit anderen Architekten, Bekanntmachung des Namens und um die Akquisition von Aufträgen für öffentliche oder halböffentliche Bauten gegangen sein. In (mindestens) zwei Fällen ging dieses Kalkül auf: bei den Wettbewerben für ein Strandbad (1932) und für ein Kinderheim (ca. 1931/32), beide in Wädenswil. Beim Wettbewerb für eine Sekundarschulhaus-Erweiterung in Stäfa (1927/28) sprach ihm die Jury unter sechs geladenen Büros zwar den ersten Rang zu, empfahl es aber nicht zur Ausführung – weshalb dann ein anderer Architekt den Bau ausführte.
Bei den übrigen Konkurrenzen scheint er keinen Erfolg gehabt zu haben. Bei so grossen und prestigereichen Veranstaltungen wie dem Zürcher Städtebauwettbewerb (1918) oder dem Wettbewerb für eine Landesbibliothek in Bern (1927) mag ihn das nicht geschmerzt haben, wohl aber bei „Heimspielen“ wie den Wettbewerben für eine Badeanstalt, ein Altersheim und ein Spital in Wädenswil (1920, 1927 und 1932). In allen drei Fällen unterlag er dem in Wädenswil wohnhaften Heinrich Bräm (1887-1956), Mitinhaber des Büros Gebrüder Bräm. Nachfolgend jeweils links die Projekte Streulis für die „Badi“ und für das Altersheim Fuhr und rechts die von Bräm ausgeführten Bauten:
Dass Streuli Wettbewerbserfolge und damit Grossaufträge versagt blieben, dürfte seinen Wunsch, in der Politik Karriere zu machen, bestärkt haben.
4.1 Studienzeit: Suche nach einer eigenen Formensprache
Die Situation der Architektur in Streulis Studienzeit
Um das Werk Streulis stilistisch einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Situation der Architektur in der Zeit, als er seine architektonische Formensprache zu finden hatte. Prägend ist das Bedürfnis, sich aus der Tradition des Historismus zu befreien – von seiner angeblichen Verlogenheit, seiner vermeintlichen Stilnachahmerei, seiner Protzerei, Theatralik und Ornamentsucht. Von der Jahrhundertwende an löste eine Reformbewegung die andere ab. Der Jugendstil fiel bald wieder in Ungnade (Streuli spricht in seinem Münchner Tagebuch ebenfalls verächtlich von ihm); das Heil wurde nun in jener regional-provinziellen Architektur gefunden, die sich in der frühen Neuzeit fern von den Höfen entwickelt hatte.
In der Schweiz war es zunächst vor allem der 1905 gegründete Heimatschutz, der eine solche Rückkehr zu architektonischen Regionalismen propagierte. Einen grossen Einfluss auf die Entwurfspraxis hatte dann das vielbändige Werk „Das Bürgerhaus der Schweiz“, das der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) ab 1910 publizierte. Der erste Band behandelte den Kanton Uri und prioritär dessen Hauptort Altdorf, in dem die meisten Bauten nach einem Brand von 1799 entstanden waren. Auch in den folgenden Bänden wurde provinziellen Bauten des barocken Klassizismus, der napoleonischen Zeit und der Restauration besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Dies entsprach den Strömungen in Deutschland. Mit seinem 1908 publizierten, zweibändigen Tafelwerk „Um 1800. Architektur und Handwerk im letzten Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung“ hatte der Berliner Architekt Paul Mebes (1872-1938) zahlreiche Beispiele für eine handwerklich-schlichte Architektur geliefert, die seiner Ansicht nach noch nicht an zuviel Wissen über die Stilgeschichte krankte.
Von Streulis zwei Lehrern an der ETH interessierte sich Alfred Friedrich Bluntschli (1842-1930) überhaupt nicht für Regionales und Provinzielles; er war völlig in der Neurenaissance-Formenwelt seines verehrten Lehrers Gottfried Semper (1801-1879) befangen. Gustav Gull (1858-1942) dagegen gehörte zu den Ersten, die in ihren Bauten altschweizerisches Formengut verwendeten, so im 1898 eröffneten Schweizerischen Landesmuseum in Zürich. Im frühen 20. Jahrhundert fand er dann in seinem spektakulären, nur teilweise realisierten Projekt für einen Zürcher Stadthauskomplex im Oetenbachareal zu einer Synthese von Spätgotik und Barock.
Während die Politiker diese architektonische Oper bewunderten, empfanden sie jüngere Architekten als unzeitgemäss. Mehr Anklang fanden bei ihnen die Werke von Gulls Generationsgenossen Karl Moser (1860-1936): Mit dem Badischen Bahnhof in Basel (1910-13), dem Universitätsgebäude in Zürich (1911-14) und anderen Bauten lieferte er Muster für eine skulptural-monumentale Gestaltung.
Ab 1915 wirkte Moser als Nachfolger Bluntschlis an der ETH und scharte alle zukunftsorientierten Studenten um sich. Armin Meili (1892-1981), der mit Streuli bei Gull studiert hatte, wurde 1915 bei ihm Assistent, und später arbeitete auch Robert Ernst (1892-1955) bei ihm. Am 14. Januar 1919 schickte er seinem Freund Streuli ein „Bildchen Moser im Schneekampf“, das er anlässlich einer Exkursion nach Einsiedeln im Frühjahr 1918 geschossen hatte. Man erkennt im Hintergrund die bullige Gestalt Mosers.
Studienprojekte und Diplomarbeit
Sehen wir nun, welchen Weg Streuli in diesem Feld einschlägt – zunächst als Student, dann als Praktikant und schliesslich als selbstständiger Architekt.
Das bereits oben vorgestellte Studienprojekt für ein Einfamilienhaus zeigt die vereinfachte Form eines Villentyps, der schon im späten 19. Jahrhundert gebräuchlich war. Einer neueren Auffassung entspricht dagegen eine Studie für ein Künstlerhaus mit Atelier in den Alpen. Es hat die Gestalt eines verkleinerten Engadinerhauses. Im späten 19. Jahrhundert wäre für diese Bauaufgabe zweifellos die Form eines schweizerischen Folklore-Holzhauses mit Laubsägeli-Dekor gewählt worden. Mittlerweile war das Chalet aber zum Inbegriff einer historischer Kostüm-Architektur geworden; stattdessen begeisterten sich die schweizerischen Heimatstil- und Reformarchitekten für das Engadinerhaus mit seinem wuchtig-schlichten Steinmantel.
Vermutlich ist das Projekt für ein Künstleratelier im Bündner Stil bloss eine Kopie. Als eigenständiger Entwerfer ist Streuli dann aber im Studienprojekt für ein „Landhaus“ von 1916 fassbar. Schon der Zeichenstil zeigt, dass der Student hier den Bannkreis des Akademischen verlassen hat. In der Formensprache orientiert er sich nicht an einem Schlösschen, sondern an jenen Patriziersitzen des 18. Jahrhunderts, von denen die „Bürgerhaus“-Reihe zahlreiche Exemplare dokumentierte. Damit liegt Streuli ganz im Zeittrend; Entwürfe von dieser Art waren in der Vorkriegszeit sehr häufig realisiert worden. Ein Wädenswiler Beispiel ist das Simon-Gut (heute Bildungszentrum Vordere Au), erbaut 1914 vom Basler Architekten Emil Faesch.
Im Vergleich zum regionalistischen Landhaus-Projekt wirkt Streulis Diplomarbeit anachronistisch. Es handelt sich um ein Projekt für ein „Gesellschaftshaus“, das als monumentaler seeseitiger Abschluss des heutigen Opernhaus- oder Sechseläuteplatzes gedacht war. In unzähligen Varianten und Detailstudien übt sich hier Streuli in der Neurenaissance-Formensprache Gottfried Sempers (1801-1879), der mit seiner Lehrtätigkeit am Eidgenössischen Polytechnikum die Schweizer Architektur aufs Nachhaltigste geprägt hatte, dann aber von den Reformern des frühen 20. Jahrhunderts für einen architektonischen Irrweg verantwortlich gemacht wurde.
In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass Streulis Lehrer Gull im Begriff war, Sempers Schweizer Hauptwerk, das Polytechnikumsgebäude in Zürich, zu erweitern. 1908 hatte er einen Wettbewerb gewonnen. Statt, wie seine Konkurrenten, die Sempersche Architektursprache zu konterkarrieren, steigerte Gull sie mittels eines Kuppelrotunden-Motivs und mittels Kolossalordnungen ins Barockklassische. Damit wollte er Semper zum Wegbereiter des Neuklassizismus stilisieren, und sich selbst als Vollender dieses Wegs.
Hat Streuli nicht gesehen, dass das ein hoffnungsloses Vorhaben war und dass es besser wäre, sich an Moser zu orientieren, der mit seinem soeben vollendeten Universitätsgebäude neue Perspektiven öffnete? Doch, durchaus. Das zeigt eine Studie für eine Kuppelkirche vom 7. Januar 1916, in der er – Moser folgend – die klassischen Architekturformen gleichsam zu einer Knetmasse verschmilzt.
Streuli scheint mit seinem in Arosa kurenden Ex-Studienkollegen Emil Roth (1893-1980) von der Versuchung gesprochen zu haben, auch bei der Diplomarbeit in diese Richtung zu gehen. „Dass Du an Moser Freude hast“, antwortete dieser am 2. März 2016, „begreife ich sehr gut; es ist nötig neben dem praktischen nüchternen Gull noch hie und da einen Menschen zu hören, der sich begeistern kann und an eine Entwicklung glaubt“. Das Diplom sei es aber nicht wert, einen Prinzipienkampf auszufechten; Streuli solle sich „mit der vorgegebenen Lösung abfinden und keine Extravaganzen suchen“. Die orthodox-semperianische Diplomarbeit zeigt, dass Streuli diesen Rat beherzigt hat.
Roth selber mochte sich darüber nicht recht zu freuen. Angesichts der Aufgabe, die Gull den Diplomanden gestellt hatte - „Strassenüberbrückung, Seepavillons und weiterer Kram – sei er, meinte er, der sein Studium wegen einer Lungenkrankheit hatte abbrechen müssen, er sei zum ersten Mal in Versuchung geraten, „das Schicksal zu preisen“, das ihm diese ebenso grosse wie unsinnige Arbeit ersparte habe (Brief vom 20.9.1916 an Streuli).
Bei Theodor Fischer: „München und seine Bauten“
Am 5. Oktober 1916 wurde Streuli bei Professor Karl Moser vorstellig (Antwort von Moser vom 3.10.1916 auf eine entsprechende Anfrage) – offenbar wollte er bei diesem zulernen. Ob er sich um eine Assistenz bewerben wollte? Wenn ja, wurde nichts daraus. Dafür ging Streuli im Sommer für zweieinhalb Monate nach München, wo sein Winterthurer Freund Robert Ernst (1892-1955) bei Theodor Fischer Architektur studierte. Trotz der hohen Gebühren beschloss Streuli, sich auch an der Technischen Hochschule einzuschreiben (Tagebuch München 1917).
Fischer bewegte sich formal-stilistisch in den gleichen Bahnen wie Streulis Lehrer Gull, war aber vielseitiger und innovativer: In der Aufbruchszeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu den fruchtbarsten und einflussreichsten Architekten des ganzen deutschen Sprachraums. Im Jahr 1917, als Streuli bei ihm weilte, machte er nochmals mit der Forderung auf sich aufmerksam, in der Architektenausbildung dem alten Prinzip der Lehre bei einem Meister mehr Gewicht zu geben, galt dann aber nach dem Krieg als überholt.
Wie erwähnt, bearbeitete Streuli für Fischer ein Studienprojekt für einen „Kleinen Bahnhof“, wobei er als Standort wohl Wädenswil im Sinn hatte. Und mit diesem Projekt erwies Streuli nun eindeutig Moser eine Reverenz: In der Fassade variierte er dessen Badischen Bahnhof in Basel.
Aufschluss über die Artchitekturideale des jungen Streuli geben auch seine Kommentare über zeitgenössische Münchner Bauten. Ausser einigen kleineren Bauten von Fischer – dem Marionettentheater (1900) und der Wohnbebauung Stadtlohnerstrasse im Stadtteil Laim (1909-11) - waren es Grosskomplexe, mit denen er sich befasste. So mit dem 1906-13 von Carl Hocheder gebauten Verkehrsministerium, einem monumentalen Ensemble, das zu den Vorbildern von Gulls Oetenbach-Komplex gehört haben dürfte. Streuli erkennt in der Silhouette ein „ernstes Streben nach ächter künstlerischer Wirkung“, hält allerdings die riesige Kuppel für eine „Blagierblase“ (Angeberei-Blase). Fischers Kleinquartier an der Stadtlohnerstrasse lobt er dagegen als „sehr diskret und feinfühlig“. Auch das 1909-12 von Hugo Kaiser verwirklichte Hauptzollamt sei „ein guter Bau“. Von der grossen Lagerhalle zeichnet er ein Detail und schreibt dazu einen anerkennenden Kommentar. Das grösste Lob spendet er aber dem 1912-13 von Oswald Eduard Bieber und Wilhelm Hollweck erbauten Rückversicherungsgebäude: Es sei „ein modernes Kunstwerk“. Zwar habe auch es Mängel, sei aber „im Grossen und Ganzen wirklich erfrischend“.
Zeigt schon die Tatsache, dass Streuli sich zunächst vor allem mit historischer Architektur beschäftigte (und dabei ein Rokokotheater besonders bewunderte), dass er kein geborener Neuerer war, so auch seine Bewunderung für repräsentative Monumentalbauten. Immerhin erkannte er, dass die Lagerhalle des Hauptzollamtes vergleichsweise avanciert war. Das Rückversicherungsgebäude dürfte er als Zeugen der zunehmend beliebten (barock)klassischer Ordnung und Strenge geschätzt haben.
Praktikum in Amriswil
Im Sommer 1918 gelang es Streuli, bei einem Thurgauer Architekturbüro Arbeit zu finden. Dessen Inhaber – Gustav Büeler (1877- ca. 1924) und Karl Gilg (1879-1966) – gehörten nicht zu den schweizerischen Spitzenarchitekten, hatten aber in der Region eine stattliche Anzahl qualitätvoller Bauten erstellt: das Schulhaus in Wiezikon (Sirnach) (1908), die Villa Rosenhof in Kesswil (1909), die reformierte Kirche Mammern (1910-11) und das Schulhaus Berlingen (1914-15) (Vgl. Erich R. Müller, 100 Jahre SIA Sektion Thurgau, o.O. 2010, S. 6-7).
Von Büeler & Gilg dürfte auch das Haus „Zur Biene“ mit der Konditorei Niederhauser in Amriswil (Bahnhofstrasse 4, heute Rössli-Beck) stammen, von dem Streuli Fotos aufbewahrt hat. Ob er an der Vollendung des Hauses mitgewirkt hat, wissen wir nicht, dagegen dürfte er für einige Intérieurs zuständig gewesen sein, von denen er ebenfalls Fotos behalten hat. Unten links ein Esszimmer im Haus „H. in Amriswil“, unten Mitte und rechts ein Einbauschrank und ein Boudoir, geschaffen für einen unbekannten Auftraggeber.
Während das Konditoreigebäude stilistisch noch der Vorkriegszeit verhaftet ist, sind diese Innenarchitekturen charakteristisch für die Nachkriegszeit. Es wird zwar nach wie vor handwerkliche Qualität vorgeführt, aber die Lust am Verspielten und Lichtvollen ist nach der grossen europäischen Katastrophe vergangen. Die Atmosphäre ist gutbürgerlich-stilvoll, mit viel dunkel gebeizter Eiche und schweren Vorhängen, nur im Schlafbereich dürfen hellere Töne und Weiss auftreten.
1918/19 konnte Streuli ja dann noch mit einem Grossbau in Romanshorn praktische Erfahrungen sammeln, und zwar mit einer Fabrik, also einem Nutzbau. Denkt man das Heimatstil-Dach weg, hat man einen recht schnörkellosen Bau vor sich.
Noch strenger und stilisierter ist aber das Hauptportal, zu dem Streuli die Details gezeichnet hat (Plan 1918 im Plannachlass, Archiv gta ETHZ). Offenbar hat Streuli hier eine aktuelle Strömung aufgenommen, über die einige Worte zu sagen sind: den Neuklassizismus.
Neuklassizismus in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts galt der Klassizismus als Inbegriff einer unkünstlerischen Architektur. Mit dem Buch „Um 1800“, von dem oben schon die Rede war, leitete Paul Mebes 1908 eine Neubewertung ein. Der in Karlsruhe lehrende Friedrich Ostendorf (1871-1915) ging über Mebes hinaus, indem er den wuchtigen Klassizismus von Friedrich Weinbrenner (1766-1826) zum Vorbild erhob. Für die Schweiz war das insofern von Interesse, als Weinbrenner hier im frühen 19. Jahrhundert eine grosse Rolle gespielt hatte. Auch Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), über den der Barock-Entdecker Cornelius Gurlitt gespottet hatte, er habe „einen Lineal verschluckt“, wurde rehabilitiert – davon zeugt Paul Klopfers Buch „Von Palladio bis Schinkel - Eine Charakteristik der Baukunst des Klassizismus“ (Esslingen 1911). In einem Brief vom 14. Februar 1917 empfahl Heinrich Peter (1893-1968) seinem ehemaligen Studienkollegen Streuli die Schrift als Lektüre. Zum Klassizismus äusserte sich am 14. Januar 1919 auch Streulis Freund Robert Ernst (1892-1955). Er hatte eine Stelle in Baden gefunden und berichtete, dass er sich mit einem der zwei Prinzipale – wohl Otto Dorer (1887-1961) - gut verstehe; dieser habe auch in München studiert, „sich aber fest an Ostendorf ranngemacht“, und da er selber „von Moser [zum Klassizismus] bekehrt“ worden sei, seien sie sich „ziemlich einig“.
Tatsächlich war Karl Moser im Begriff, mit der Neuen Kirche Fluntern (erbaut 1918-1920) einen neuklassizistischen Musterbau mit einem ganzen Säulenwald im Innern zu verwirklichen. Mosers Konkurrent Gustav Gull war „not amused“: wie Heinrich Peter am 25. Januar 1918 schrieb, schimpfte er über „die Nüchternheit des Klassizismus“. Und es kam noch schlimmer: 1919 gewann Otto Pfleghard (1869-1958), der 1911 Gulls Oetenbachprojekt heftig kritisiert hatte, mit einem streng neuklassizistischen Projekt einen Ideenwettbewerb für ein Verwaltungs- und Gerichtsgebäude auf dem Obmannamtsareal.
Unterdessen bereitete Gulls Assistent Heinrich Peter eine Publikation über die klassizistischen Bauten in der Schweiz vor. Schon im Frühjahr 1918 war er in Wädenswil gewesen, um das Schloss zu dokumentieren, wobei er sich auch mit Streuli traf (Briefe vom 25. Januar und vom 16. April 1918 an Streuli). Es ging um den Hauptbau der Anlage; dieser war, nachdem ihn Aufständische 1804 niedergebrannt hatten, 1816-1818 vom Weinbrenner-Schüler Hans Conrad Stadler (1788-1846) neu erbaut worden.Man sieht: Streuli war mit der Neuklassizismus-Strömung bestens vertraut, und deshalb wundert es nicht, dass er von ihr beeinflusst wurde.
4.2 Freischaffender Architekt: „Um-1800“-Klassizismen und versachlichter Heimatstil
Betrachten wir jetzt die ersten Arbeiten, die Streuli nach seiner Etablierung als freier Architekt ausführte, zeigt sich, dass er die im Studium begonnene Rezeption der „Bürgerhaus-„ und „um-1800“-Manier zwar fortsetzte, dabei aber das Klassizistische akzentuierte und die teigigen Formen der Reformzeit ins Harte und Kantige wendete. Als Beispiel kann das Türmchen dienen, das er 1920 im Rahmen einer rückwärtigen Erweiterung des alten Postgebäudes in Wädenswil gebaut hat. Das Motiv hat er – Gull folgend – schon in der Diplomarbeit verwendet, aber nun hat er die Formen entschieden geometrisiert.
Im Detail – bei Portal- und Fensterrahmungen - unterzieht er klassizistische Formeln einer Stilisierung, die bis zum Wegfall traditioneller Gliederungen führen kann. Zum Eindruck des Harten trägt das Material bei: Es handelt sich um einen hellgrauen, kalkig wirkenden Kunststein, der im Gegensatz zum traditionellen Sandstein alterslos-technisch wirkt. Manchmal schneidet Streuli Öffnungen auch rahmenlos in die Mauer ein.
Renovierung I: „Bürgerhäuser“ als Büro- und als Wohnsitze
Eigenheime von Architekten sind für diese insofern aufschlussreich, weil sie hier keinen Bauherrenwünschen folgen müssen. Streuli hat gleich zwei Liegenschaften für sich selbst gestaltet. Dabei hat er allerdings nicht neu gebaut, sondern Bestehendes umgeformt.
Wie wir gesehen haben, hat er 1920 das von seinem Vater erstellte Postgebäude verkauft und dafür das Haus Zur Treu erworben, wo er in der Folge ein Architekturbüro einrichtete. Der Liegenschaftswechsel mag praktische Gründe gehabt haben, aber es spielten sicher auch stilistisch-ästhetische Überlegungen eine Rolle: Während der prunkvolle Post-«Palast» überhaupt nicht zu einem Architekten passte, der sich dem Regionalen und Schlicht-Klassischen verschrieben hatte, entsprach das 1769 erbaute «Züriseehaus» den Bürgerhausidealen aufs Beste.
Nach dem Kauf hob Streuli das, was er als Wesen des Altbaus erachtete, durch Umbauten hervor: Er entfernte diverse Zutaten des 19. Jahrhunderts - gequaderte Ecklisenen, eine Fensterbedachung im Mittelrisalit, eine Holzveranda über dem Hauptportal – und setzte anstelle der letzteren einen kleinen Balkon im Stil des späten 18. Jahrhunderts. Das zugrundeliegende Prinzip – Entfernung von prätentiös-verspielten Zutaten, Ergänzung um kraftvolle Architekturmotive - wandte Streuli auch bei anderen Renovierungen an.
Noch war der Treu-Umbau nicht abgeschlossen, als Streuli den Umbau des Hauses Zur Gerbe in Richterswil in Angriff nahm: Er wollte mit seiner zukünftigen Frau ins Erdgeschoss ziehen. Die Gerbe war ein grosser, schmuckloser Walmdachkubus, erbaut am Ende der Restaurationszeit, 1828-29. Um 1905/15 war der bergseitige Verandenvorbau des späten 19. Jahrhunderts abgebrochen und durch einen Treppenhausturm ersetzt worden, wodurch der einstige Gewerbebau den Charakter eines Patriziersitzes erhielt.
Durch wenige Eingriffe gab Streuli dem Heimatstil-Treppenturm einen moderneren, neuklassizistischen Anstrich. Im Übrigen verstärkte er den Patrizierhaus-Charakter, indem er einen neuklassizistischen Garten mit Buchs-Exedren anlegte, den er mit Statuen bestücken wollte (was er teilweise auch machte). Die Wohnung stattete er mit gutbürgerlichen Einbaumöbeln aus, während er im Schlafzimmer und im Bad eine Prise Mondanität beigab.
Renovierung II: Gasthaus mit Rathaus-Allüre
Zum gleichen Bautypus wie die Richterswiler Gerbe gehört das Gasthaus Zur Sonne in Wädenswil, das 1821-22 anstelle eines hölzernen „Gemeindehauses“ erstellt worden war. 1920 bekam Streuli den Auftrag, das Haus umzubauen – es ging vor allem um die Umwandlung des teilweise freistehenden Kellergeschosses zu einem vollwertigen Erdgeschoss. Da einer der neuen Säle als zeitweiliger Versammlungsort des Gemeinderats diente, spielte der Bau die Rolle eines Quasi-Rathauses. Streuli stattete ihn deshalb mit architektonischen Würdemotiven aus: An der Schönenbergstrasse platzierte er anstelle eines schlichten Rundbogenportals eine wuchtige neuklassizistische Rahmung mit Doppelpilastern, auf der talseitigen Flanke einen viersäuligen dorischen Balkon-Portikus. Das ist eine Hommage an den Karlsruher Klassizisten Friedrich Weinbrenner, der seit den 1910er Jahren wieder als Vorbild galt.
Weinbrennerisch war ja auch das Schloss Wädenswil, auf das Streuli kurz zuvor von seinem Studienkollegen Heinrich Peter aufmerksam gemacht worden war. Es wies ein zweisäuliges Vorzeichen auf. Indem Streuli die Sonne mit vier Säulen bestückte, sorgte er dafür, dass sie den Bau übertrumpfte, der an die Herrschaft Stadt-Zürichs übers Land erinnerte.
„Um-1800“-Klassizismen: Badanstaltprojekt, Lichtspieltheater, Mustergut-Stall
Hätte Streuli die „Brettlibadi“ in Wädenswil erbauen können, hätte auch sie weinbrennerisch ausgesehen: er konzipierte den Eingang als inkorporierten viersäuligen Portikus.
Einen Giebelportikus – allerdings nur einen vorgeblendeten – verwendete Streuli 1920/22 selbst für eine noch modernere Baugattung, nämlich für ein Lichtspieltheater, dasjenige der Gebrüder Geiser an der Schlossbergstrasse. Die eindrücklichsten Vertreter dieser Bauaufgabe sind zwar schnittige Art-Déco-Bauten, aber um 1920 verwendete man dafür öfters Säulen oder Pilaster, um das als anrüchig geltende neue Medium zu adeln - man denke an das Kino im Seefeld (heute Restaurant Razzia). Streulis Bau ging in den 1930er Jahren in einer (qualitätvollen) modernistischen Erweiterung auf; wäre er unverändert erhalten, nähme er einen herausragenden Platz in der Frühgeschichte der schweizerischen Kinoarchitektur ein.
Die Kultur „um 1800“, die die Architekten der 1910er und frühen 1920er Jahren mit Bauten wie dem kleinen Kino-Theater in Wädenswil heraufbeschworen, war eine von Eliten, die in politischer Hinsicht patriarchalisch-dirigistisch, in wirtschaftlicher Hinsicht aber rational-modern gesinnt waren. Zu ihren geistigen Nachfahren gehörten Industriebarone wie der Wädenswiler Stärkefabrikant Heinrich Blattmann-Ziegler (1869-1939). 1911 liess er sich von Robert Bischoff (1876-1920) und Hermann Weideli (1877-1964) über der Fabrikanlage eine Grossvilla in reformerischem Heimatstil bauen. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wären solche Landsitze mit einem Mustergut verbunden gewesen. Eben ein solches liess Blattmann sich von Streuli nach dem Ersten Weltkrieg – 1920-21 – bauen, in Form einer ganzen Gruppe von Scheunen und Ställen neben dem alten Bauernhaus „Büelen“. Von diesen Bauten ist nur der stattlichste erhalten. Mit seinem monumentalen Walmdach und dem grossen Korbbogentor spricht er die Idee eines grossbürgerlichen „guten Regiments“ perfekt aus.
Motto „Protestantisch“: Wettbewerbsprojekt für eine Querkirche
So sehr sich Streuli über Blattmanns Aufträge gefreut haben mag – er hätte natürlich gerne einen ranghöheren Bau ausgeführt. Sein Studienkollege Armin Meili hatte 1917 noch während seiner Assistenz bei Karl Moser einen Wettbewerb für eine reformierte Kirche in Solothurn gewonnen und konnte diese 1922 bis 1924 bauen: eine massige Querkirche in neuklassizistisch umgedeuteten Renaissanceformen. 1923 versuchte auch Streuli sein Glück, indem er sich am Wettbewerb für eine reformierte Kirche in Dietikon beteiligte. Gewünscht wurde eine „typische reformierte Predigtkirche“. Streuli konzipierte deshalb den Bau ebenfalls als Querkirche, in Form nicht eines Rechtecks, sondern eines Ovals. Mehr noch als die Horgner Kirche hatte er dabei die Paulskirche in Frankfurt vor Augen, die 1833 nach jahrzehntelanger Bauzeit vollendet worden war und 1848-49 als deutsches Parlament gedient hatte. Wie Moser in der Neuen Kirche Fluntern und Meili in der Solothurner Kirche gestaltete er das Glockengeschoss als neuklassizistischen Tempietto. Meilis vertikalistische Arkaden verpflanzte er ins Innere, als Träger von schmalen Emporen.
Streulis Entwurf wurde nicht berücksichtigt; an erster Stelle rangierten ex-aequo der in Stuttgart ausgebildete Emil Schäfer (1878-1958) und Gustav Witzig. Der erste führte die Kirche 1922-24 aus (Vgl. Peter Müdespacher, in: Neujahrsblatt von Dietikon 1975, 15-62, insbesondere 21-31).
Wohnbauten I: Private Wohnhäuser
Wie oben gesagt besteht die Hauptgruppe in Streulis Werk aus Wohnbauten. Werfen wir zuerst einen Blick auf ein Richterswiler Haus, das viele Leute kennen, beherbergt es doch eine bekannte Bäckerei-Konditorei namens Baggenstoss. Streuli erbaute es 1926/27 für einen Bäcker Killias, als Gewerbe- und Wohnbau. Die untenstehende Abbildung zeigt ein Vorprojekt. Wir haben ein typisches Heimatstil-Ensemble vor uns: Einen Hauptbau mit steilem, geknicktem Walmdach und einem Erkertürmchen über dem Eckeingang, rechts, zurückgestaffelt und so einen Hof aussparend, zwei Nebengebäude, eine eingeschossige Remise und eine hölzerne Remise mit malerischem Mansardsatteldach.
Schon während seines Praktikums in Amriswil hatte ja Streuli an einem Konditoreigebäude – dem Haus „Zur Biene“ (heute Rösslibeck) mitgearbeitet. Auch dieses wies einen Erker auf, aber er war gerundet – was mittlerweile als zu malerisch empfunden wurde.
Was die Bäckerei Killias betrifft, so ersetzte Streuli das Walm- durch ein traufständiges Satteldach. Möglicherweise tat er dies auf Wunsch des Auftraggebers; mittelständische Bauherrschaften hatten eine Vorliebe für das regionaltypische Satteldach. Drei Einfamilienhäuser, die Streuli schon vor dem Haus Killias erstellt hatte, hatte er bereits mit Satteldächern versehen: das Wohnhaus des Sekundarschullehrers Emil Rellstab (1924/26), ein Billig-Holzhaus in Richterswil (1925) und das Haus Hosner in Wädenswil (1926).
Bei allen sind die Giebel ausgesprochen steil. Ein Aufriss des Hauses Hosner von 1926 kann das belegen. Stellt man daneben ein Projekt von 1934 – das für ein Haus A. Wegmann in Wädenswil - stellt man fest, dass das Bauvolumen kompakter und das Dach flacher und knicklos geworden ist. Diese Vereinfachung ist zeittypisch.
Blicken wir von diesem Spätwerk nochmals zurück auf ein Haus, das Streuli acht Jahre zuvor - 1916 – am Seeufer von Uerikon für den Kunstmaler August Aeppli (1894-1954) als Wohn- und Atelierhaus gebaut hat. Bei diesem Haus war in zweifacher Hinsicht etwas Apartes gefragt: weil es sich einerseits um ein Künstlerhaus. andererseits um ein naturnahes „Seegüetli“ handelte. Man erkennt, dass das Dach hier bereits so straff ist wie beim Haus Wegmann, Anders als bei diesem ist die eine Krempe des Dachhutes aber weit herabgezogen, und die Kubatur ist viel komplexer. Das Haus ist gleichsam eine versachlichte Formulierung des Reformstil-Hauses, das Robert Rittmeyer 1908-09 in Winterthur für sich selber baute. Wobei das Haus Aeppli – wie die Bäckerei Killias – mit einem Holzbau verknüpft ist, in diesem Fall einem Bootshaus. Und wie beim Richterswiler Bau hinterfängt ein Flügeltrakt (hier mit Atelier) eine geschützte Fläche (hier mit Rasen- und Sitzplatz).
Das einseitig abgeschleppte Dach des Hauses Aeppli benutzte Streuli auch für ein Holzhaus, das er 1928 für seine Schwiegermutter als Ferienhaus im Prättigau baute. Der Flügeltrakt, der hier einen Terrassenplatz hinterfängt, ist mit einem Pultdach gedeckt. Mit diesen Dachformen und den bandartigen Fenstern gehört das Haus zur selben „Holzmoderne“ wie die Berghäuser des Glarners Hans Leuzinger (1887-1971).
Wohnhäuser II: Genossenschaftshäuser
Streuli hat nie ein villenartiges Landhaus gebaut, und kaum städtische Miethäuser, dafür eine ganze Anzahl Wohnhäuser für knapp bemittelte Familien in dörflicher Umgebung. Das hängt damit zusammen, dass der soziale Wohnungsbau in der Zwischenkriegszeit eine vordringliche Aufgabe war, aber den zukünftigen Magistraten dürfte das Thema nicht bloss wegen des Broterwerbs interessiert haben.
Kaum hatte er sein Büro eröffnet, beteiligte sich Streuli an einem Wettbewerb für drei Arbeiterhaus-Kolonien der Seidenweberei (??) Gessner in Wädenswil. Er sah langgestreckte Enfamilienhaus-Zeilen mit heimeligen Walmdächern vor, die im Habitus eng mit dem Blattmannschen Stallgebäude im Büelen verwandt waren. Von dieser Art waren dann auch die zwei realisierten Zeilen, aber ziemlich sicher war nicht Streuli für sie verantwortlich.
Im Vergleich zu den projektierten Gessnerhäusern wirken die zwei Mehrfamilienhäuser, die Streuli 1924 für die Baugenossenschaft Büelen baute, modern: Es sind straffe Walmdachkuben. Der formale Reduktionismus dürfte aber damit zusammenhängen, dass es sich um unternehmerische Subventionsbauten handelte, bei denen minimale Baukosten gefragt waren.
In der Folge konnte Streuli für eine „echte“ Genossenschaft – die 1924 gegründete Mietergenossenschaft Wädenswil – eine ganze Anzahl Wohnhäuser erstellen, alle in der gleichen Gegend, zuerst zwei hintereinandergestaffelte Dreier-Einfamilienhaus-Zeilen, dann Mehrfamilienhäuser.
Die ersten gehören mit ihren steilen Satteldächern noch zum Heimatstil, die letzten sind mit ihren vergleichsweise flachen, wenig auskragenden und knicklosen Satteldächern typisch für die 1930er Jahre. Den Schwer- und Mittelpunkt der Büelen-Überbauung bildete ein grosser Eckbau, der nebst Läden auch das Büro der Genossenschaft enthielt: Bei ihm hatte sich Streuli formal an der Wäschereifabrik in Romanshorn orientiert, an deren Bau er während seines Praktikums beteiligt gewesen war.
Wie mehrere Pläne im Nachlass zeigen, bemühte sich Streuli 1929/30 intensiv, die Genossenschaftsbauten im Büelen, für welche die Stadt Land abtrat, in ein siedlungsplanerisches Gesamtkonzept einzubinden. Dies zeigt, wie sehr er an städtebaulichen Fragen interessiert war. Bei den grossen Bebauungsplan-Wettbewerben, an denen er teilnahm, mag er erfolglos geblieben sein, aber im Kleinen dürfte er Etliches bewirkt haben, und sei es im Sinn eines Anregens.
Kinderheim: Sachlicher Heimatstil
In den Jahren 1933-34, also kurz vor der Übergabe seines Büros an Heinrich Kübler, verwirklichte Streuli zusammen mit Architekt Friedrich Fisch den grössten Bau seines Werks: das Kinderheim Bühl in Wädenswil.
Mit der Aufgabe eines Heims – in diesem Fall eines Altersasyls in der Fuhr – hatte er sich schon 1926/27 im Rahmen eines beschränkten Wettbewerbs befasst. Er hatte einen T-First-Komplex mit einem grossgiebligen Satteldachtrakt als Hauptelement vorgesehen. Den Sieg trug aber Heinrich Bräm mit einem Konzept davon, bei dem zwei langgestreckte Walmdachflügel einen Gartenhof einfassten. Dieses Grundschema übernahmen nun Streuli und Fisch auch für das Kinderheim. Auch in der Formsprache – einem versachlichten Heimatstil – folgten sie dem älteren Bau. Wirken die Walmdächer und die Risalite heimatlich, so weisen der halbrunde Saaltrakt, der vom seeseitigen Flügel aus in den Hof auskragt, die senkrechten Fensterbahnen der Treppenhäuser, die gleichförmige Reihung von Fenstern und der Verzicht auf Klappläden auf die Moderne.
4.3 Modernismen als Gattungsstile
Situation der Architektur um 1930
In Streulis Nachlass befinden sich einige Fotografien von Bauten der Zeit um 1930. Da ist einmal ein Bild von einem Modell des Völkerbundpalastes in Genf, gebaut 1929-38: ein wuchtiges, streng symmetrisches, schlossartiges Gebilde. Eine Postkarte zeigt den von Hubert Ritter 1929-30 in Leipzig gebauten „Rundling“, eine kreisförmige Idealstadt, geformt aus riesigen, gekrümmten Sozialwohnungs-Riegeln. Links unten noch ein deutsches Gebäude: einer der grossen „Höfe“, die Jacobus Goettel 1928-31 für die Siedlungsgesellschaft „Märkische Scholle“ (ab 1931 „Stadt und Land“) baute; sie galten als Muster für sozialen Wohnungsbau im Stil des Neuen Bauens. Unten rechts dann eine Fotografie der Wohnsiedlung Eglisee, die 1930 anlässlich der WOBA (Wohnbausiedlung Basel) gebaut wurde. Das Neue Bauen präsentiert sich hier in jener radikalen Form, wie sie das Bauhaus und Le Corbusier propagierten.
An der kleinen Sammlung wird deutlich, wie weit die Vorstellungen von richtiger Architektur um 1930 auseinandergingen – auf der einen Seite ein pompöser Neuklassizismus, der bald von totalitären Régimes vereinnahmt werden sollte, auf der Anderen eine radikale Abkehr von Traditionen. Sie wurde etwa von der 1914 bis 1928 erscheinenden Zeitschrift ABC propagiert. Zu den Redaktoren gehörte jener Emil Roth (1893-1980), der kurze Zeit bei Streuli tätig gewesen war; er war auch an der avantgardistischen Wohnsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen (1928-1932) beteiligt. Viele Bildungsbürger befürchteten angesichts solcher Werke den „Untergang des Abendlandes“, aber selbst bürgerlich gesinnte Architekten sahen ein, dass man den dramatischen sozialpolitischen Zuständen mit neo-akademischem Pomp oder Reform- und Heimatträumereien nicht mehr gerecht werden konnte. Architekten wie Hermann Herter (1877-1945) – von 1919 bis 1942 Stadtbaumeister von Zürich - entwickelten deshalb einen moderat-sachlichen Modernismus, in dem selbst Neuklassizismen weiterleben konnten.
Öffentliche Grossbauten: Monumentale Sachlichkeit
Angesichts des Bühl-Gebäudes in Wädenswil könnte man meinen, Streuli habe kein Interesse an solchen Versuchen gehabt. Ein Blick auf einige seiner Wettbewerbsprojekte zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Beginnen wir mit einem Projekt, das er 1925/26 für einen Wettbewerb „für die Ausgestaltung der Seeufer“ Zürichs und seiner Vororte fertigte. Es ging hauptsächlich um die Schaffung eines zusammenhängenden Grüngürtels, aber auch um die Bebauungsstruktur, wobei insbesondere der Bürkliplatz – das Gelenk zwischen See- und Flussraum - interessierte. Streuli schlug für diese städtebauliche Schlüsselstelle eine streng kubische, asymmetrisch gestaffelte Baugruppe mit einem Hochhaus als Hauptelement vor.
Auf der Höhe der Zeit ist Streuli auch mit dem Wettbewerbsprojekt für eine Überbauung des Stampfenbachareals in Zürich (Wettbewerb 1926-27): er sieht einen Turm als Brückenkopf vor. Auch die Gebrüder Pfister schlugen einen Turm vor, aber hangwärts zurückgesetzt: dieses Konzept konnten sie 1933-35 ausführen.
Zur gleichen Zeit – genauer: 1934-35 - erbauten die Gebrüder Bräm in Wädenswil mit dem Spitalgebäude an der Schlossbergstrasse (heute zu Wohnungen umgenutzt) den imposantesten Vertreter des Neuen Bauens im Zürichseedorf. Zuvor war unter sieben Architekten ein Wettbewerb veranstaltet worden, an dem auch Streuli teilgenommen und nach Heinrich Bräm und Johannes Meier und vor Albert Kölla den dritten Rang errungen hatte. Die Formensprache des Projekts ist ebenso modern wie die des Siegerprojekts, selbst die charakteristische Halbrund-Veranda an der Stirn ist vorhanden.
Moderne für Produktion und Erholung: Fabrik und Strandbad
Eben um diese Zeit konnte nun Streuli den Beweis antreten, dass er im neuen Idiom nicht nur zu zeichnen, sondern auch zu bauen verstand. Als die Hochbau- und Eisenbetonfirma Locher in den Jahren 1931-32 die niedergebrannte Teigwaren- und Paniermehlfabrik Rebsamen neu erbaute, lieferte Streuli die architektonischen Pläne. Die Fabrik ist mittlerweile durch eine Wohnüberbauung ersetzt worden. Eine alte Foto zeigt ein funktionalistisches, aus klaren Kuben und einem Warenliftturm gefügtes Ensemble, dessen helle Modernität mit der Backstein- und Holz-Romantik der Fabrikantenvilla einerseits, eines Bootshauses andererseits kontrastiert.
In den frühen 1930er Jahren hatte Streuli auch diverse Pläne für die Grossschlachterei Gattiker in Bäch (Gemeinde Freienbach) gezeichnet; wie die Bauten ausgesehen haben, wissen wir nicht.
Obwohl formal moderner, ist die Teigwarenfabrik nicht nach, sondern vor dem Kinderheim Bühl entstanden. Offenbar berücksichtigte Streuli bei der Formenwahl Auftraggeber-Erwartungen und Baugattungs-Konventionen. Besser als für ein Heim, in dem behinderte und zurückgebliebene Kinder betreut wurden, schien im das rationalistische Neue Bauen für Fabriken und Spitäler geeignet.
Und für Strandbäder! Als er 1933 aufgrund eines Wettbewerbserfolgs ein Strandbad in der Rietliau in Wädenswil baute, gab er der übers Wasser auskragenden Restaurant-Terrasse eine bugförmige Gestalt und überdeckte sie mit einem Beton-Pilzdach. Dieses Schiffmotiv war der radikalen Architektur-Avantgarde besonders lieb. Streulis Associé Heinrich Labhart hatte es 1928 schon für ein Wettbewerbsprojekt für das Strandbad Küsnacht verwendet, und in etwas anderer Form verwirklichten es die Brüder Bräm am Spital Wädenswil. Streuli kam ihnen aber mit dem kleinen, eleganten Strandbad-Pavillon zuvor.
Eines der zahlreichen Bilddokumente der Landesausstellung 1939 in Zürich zeigt den im Eröffnungs-Umzug dahinschreitenden Bundespräsident Philipp Etter, flankiert von zwei Schlüsselfiguren der Veranstaltung: dem Ausstellungsdirektor Armin Meili links und dem Präsidenten des Organisationskomitees Hans Streuli rechts. Als hoher Magistrat ist nun Streuli auf gleicher Ebene wie sein ehemaliger Studienkollege, der ihn zuvor mit einer glänzenden architektonischen Karriere in den Schatten gestellt hatte.
1931-33 hatte Meili mit dem Kunst- und Kongresshaus Luzern einen Programmbau für eine bürgerliche Moderne geschaffen, in einem abstrahierten Neuklassizismus, wie er auch in Italien und Frankreich gepflegt wurde. Auch der Chefarchitekt der Landi, Hans Hofmann (1897-1957), versuchte, Repräsentation und Ornament mit der Moderne zu versöhnen und war deshalb gegenüber der radikalen Architektur-Avantgarde distanziert. Um den Modernisten – insbesondere der Gemeinschaft Haefeli-Moser-Steiger – den Wind aus den Segeln zu nehmen, zog er als Adjunkten einen Architekten bei, der zwar die modernistische Formensprache beherrschte, aber als “undogmatischer Funktionalist” galt, schon allein wegen seiner Vorliebe für Holz: Hans Fischli (1909-1989) (Karl Jost: Hans Fischli, Zürich 1992, 43). Dieses Team brachte eine Ausstellung zuwege, die formal gar nicht so weit von der Pariser Weltausstellung von 1937 entfernt war, aber, martialische neuklassizistische Rhetorik konsequent verniedlichend, die Option einer beschwingten und volkstümlichen Moderne entwarf, in der Technik und Demokratie ebenso harmonierten wie Maschinen- und Agrarwelt.
Interessanterweise gaben die Modernisten Haefeli-Moser-Steiger mit dem 1937-39 erbauten Kongresshaus dieser helvetisch-antitotalitären, auf die konsumfreudigen Fifties vorausweisenden Moderne zusätzliche Konturen, indem sie die Bauhaus- und CIAM-Moderne mit preziösem Art-Déco-Design verknüpften.
Obwohl von ernster Natur, scheint Streuli diese heitere Moderne geschätzt zu haben – jedenfalls begeisterte er sich später für die brasilianische Moderne, die der Chefideologe des Congrès Internationale d’Architecture Moderne, Sigfried Giedion, für ihre Verspieltheit ebenso rügte wie seinerzeit das Kongresshaus. In den 1950er Jahren reise Streuli mit seiner Frau eigens nach Brasilia und brachte von der Planstadt unzählige Fotografien mit nachhause.
Andreas Hauser