Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/1860

Schnee-Eule
Nyctea scandiaca
© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Grönland, eine im Nordatlantik gelegene autonome Aussenbesitzung Dänemarks, ist mit einer Fläche von fast 2,2 Millionen Quadratkilometern die weitaus grösste Insel der Welt. Aufgrund seiner hochnordischen Lage hat das grosse Eiland ein recht frostiges Klima. Zentralgrönland und der Norden weisen polare Verhältnisse auf mit durchschnittlichen Tagestemperaturen beispielsweise bei Qaanaaq von -20°C im Winter und 0°C im Sommer. Die südlichen Küstenbereiche haben etwas milderes und niederschlagsreicheres Tundrenklima. Doch selbst im «warmen» Südwesten, wo sich die Hauptstadt Nuuk befindet, liegen die durchschnittlichen Temperaturen bei etwa -5°C im Winter und 3°C im Sommer.
Angesichts dieses arktischen Klimas erstaunt es nicht, dass Grönland zu 84 Prozent von einem permanenten Eispanzer bedeckt ist. Stellenweise erreicht er eine Dicke von mehr als 3000 Metern. Eisfrei ist auf Grönland lediglich ein maximal zwanzig Kilometer breiter Streifen entlang der stark durch Fjorde gegliederten Küste. Hier, auf einer Gesamtfläche von etwa 340 000 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 km2
) spielt sich das grönländische Leben ab.
Wie man sich denken kann, ist die Tier- und Pflanzenwelt Grönlands wegen des rauhen Klimas nicht besonders artenreich: Die Vegetation besteht mehrheitlich aus einer polsterartigen Felstundra, welche nur an der Südwestküste etwas üppiger gedeiht. An Landsäugetieren gibt es lediglich acht Arten: Eisbär (Ursus maritimus)
, Eisfuchs (Alopex lagopus)
, Wolf (Canis lupus)
, Hermelin (Mustela ermina)
, Grönländischer Halsbandlemming (Dicrostonyx groenlandicus)
, Moschusochse (Ovibos moschatus)
, Ren (Rangifer tarandus)
und Nordamerika-Schneehase (Lepus arcticus)
. Und auch die Vielfalt grönländischer Brutvögel ist verhältnismässig gering: Nur 52 Arten stehen auf der Liste der Ornithologen, darunter allerdings eine der imposantesten Eulen unseres Planeten: die Schnee-Eule (Nyctea scandiaca)
, von der hier die Rede sein soll.
Weisse Männchen, gesprenkelte Weibchen
Die Schnee-Eule gehört innerhalb der Ordnung der Eulen (Strigiformes), welche weltweit 197 Arten in 25 Gattungen umfasst, zur Familie der Eigentlichen Eulen (Strigidae) und da zur Sippe der Echten Eulen (Buboninae). Zwar wird sie in eine eigene Gattung (Nyctea)
gestellt, doch steht sie den Uhus (Gattung Bubo
) und den Fischeulen (Gattung Ketupa
) recht nah.
Mit einer Länge von 53 bis 66 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 140 bis 165 Zentimetern und einem Gewicht von 1,2 bis 2,4 Kilogramm ist die Schnee-Eule fast so gross wie der Uhu (Bubo bubo)
und gehört somit zu den Riesen der Eulenordnung. Interessanterweise sind die weiblichen Schnee-Eulen deutlich grösser als die Männchen, und im Gegensatz zu den meisten anderen Eulenarten sehen die beiden Geschlechter recht verschieden aus: Während die Schnee-Eulenmännchen ein fast reinweisses Gefieder tragen, ist das der Weibchen dunkel gesprenkelt. Beides hat, wie wir noch sehen werden, mit der Arbeitsaufteilung beim Brutgeschäft zu tun.
Man findet die Schnee-Eule sowohl in Amerika als auch in Europa und Asien. Auf allen drei Kontinenten erweist sie sich als echter «Arktisvogel»: Sie kommt einzig in deren nördlichsten Bereichen vor, wo während der meisten Zeit des Jahres eine dicke Schneeschicht liegt.
An das rauhe Klima in ihrer frostigen Heimat ist die Schnee-Eule hervorragend angepasst: Ihr weisses bzw. schwarz-weisses Gefieder wirkt in Schnee und Fels als regelrechter Tarnanzug. Sie wird darin nicht nur von ihren Feinden übersehen, sondern kann auch unbemerkt ihren Beutetieren auflauern. Zudem ist das Gefieder das längste und dichteste aller Eulen. In dieser warmen «Verpackung» vermag sie auch der bittersten Kälte zu trotzen - umso mehr, als ihr Hakenschnabel noch zusätzlich von einem «Schnurrbart» aus Federborsten eingehüllt ist und ihre Füsse bis zu den Zehenspitzen in wärmenden «Federsocken» stecken. Im übrigen hat die Schnee-Eule als einzige Eulenart die Fähigkeit, Körperfett zu speichern. Bis zu 800 Gramm Speck lagert sie im Laufe des Sommers ein. Darunter leidet zwar ihre Beweglichkeit ein bisschen. Dafür kann sie aber mit diesem Vorrat mühelos die harte Winterzeit überstehen, wenn dichter Nebel und Schneestürme den Beutefang oftmals unmöglich machen.
Die Lebensraumansprüche der Schnee-Eule sind ziemlich klar festgelegt: Sowohl im Sommer als auch im Winter bewohnt sie offene Landschaften, welche ziemlich eben oder höchstens sanft gewellt sind. Wälder meidet sie ebenso wie Berge. Während der Brutsaison bewohnt sie stets arktische Tundren jenseits der Baumgrenze, von Meereshöhe bis hinauf in Lagen von 1500 Metern ü.M. Im Winterhalbjahr, wenn sie infolge allzu unwirtlicher Bedingungen vielerorts dazu gezwungen ist, ein Stück weit nach Süden auszuweichen, kann man ihr aber auch in Wiesländern und Feldern sowie Sumpfgebieten und Seeuferzonen begegnen.
Lemminge als Hauptspeise
Wie alle Eulenvögel ist die Schnee-Eule ein zünftiger Jäger. Sie ist imstande, fast jedes Tier in ihrer arktischen Heimat zu überwältigen: Nicht weniger als fünfzig verschiedene Säugetierarten (von der Spitzmaus bis zum Eisfuchs) und neunzig verschiedene Vogelarten (vom Sperling bis zur Graugans) stehen auf ihrer Beutetierliste. Davon darf man sich allerdings nicht täuschen lassen: Im allgemeinen bestehen nämlich über drei Viertel der Schnee-Eulennahrung aus Lemmingen, das sind recht häufige Wühlmäuse des hohen Nordens.
Tatsächlich ist das Leben der Schnee-Eule sehr eng mit demjenigen dieser Kleinsäuger verbunden. So brüten zum Beispiel keine Schnee-Eulen auf Spitzbergen, wo keine Lemminge vorkommen, obwohl der grossen Eule das Klima dort sicherlich zusagen würde. Und wenn es gebietsweise zu einem Massensterben der Lemminge kommt (was ganz natürlich ist und alle ungefähr vier Jahre einmal vorkommt), so müssen viele Schnee-Eulen aus ihrer Heimat auswandern, um dem Hungertod zu entgehen. Besonders die weniger jagderfahrenen Jungeulen flüchten sich dann in den Süden und gelangen dabei manchmal in Europa bis nach Österreich, in Asien bis nach Indien und in Amerika bis nach Texas.
Ihre Beutetiere macht die Schnee-Eule hauptsächlich mit ihren hervorragenden Augen aus. Im allgemeinen überwacht sie ihre Umgebung von einem Erdhügel, einem Felsblock oder einer anderen erhobenen Stelle im Gelände aus, von wo sie «Rundumsicht» hat. Dort sitzt sie praktisch regungslos und starrt eine Weile in einer bestimmten Richtung. Dann dreht sie ihren auf einer äusserst beweglichen Halswirbelsäule sitzenden Kopf um ein paar Grad in eine andere Richtung und starrt wiederum eine Weile in dieser Richtung, danach kommt der nächste Sektor dran. Bis 270 Grad kann sie ihren Kopf in eine Richtung schwenken. Ruhig dasitzend kann sie also ihren Kopf so weit nach links herumdrehen, bis sie über ihre rechte Schulter schaut...
Entdeckt sie bei dieser «Feldüberwachung» ein Beutetier in der näheren oder weiteren Umgebung, so hebt sie sofort ab und fliegt lautlos und knapp über dem Boden darauf zu. Am Ziel angelangt, stösst sie gewöhnlich ohne zu zögern auf ihr Opfer hinunter, packt es fest und unnachgiebig mit ihren krallenbewehrten Greiffüssen und versetzt ihm mit ihrem scharfkantigen Hakenschnabel einen schnellen, tödlichen Biss in Nacken oder Hinterkopf.
Nicht immer jagt die Schnee-Eule allerdings von einem Ansitz aus: Manchmal führt sie auch Suchflüge durch, um Beutetiere aufzustöbern. Und nicht immer schlägt sie ihre Beute am Boden: Mitunter packt sie auch Vögel im Flug oder auf dem Wasser.
Die Eulenkinder schlüpfen gestaffelt
Ausserhalb der Brutzeit führen die Schnee-Eulen ein einzelgängerisches Leben. Irgendwann im Frühjahr findet dann die Paarbildung statt, wobei nicht klar ist, ob in aufeinanderfolgenden Jahren jeweils dieselben Partner zusammenfinden. Die Eulenpaare besetzen daraufhin Territorien, aus denen sie sämtliche Artgenossen unnachgiebig vertreiben. Die Grösse dieser Eigenbezirke spiegelt die lokale Lemminghäufigkeit wider und schwankt im allgemeinen zwischen einem und zehn Quadratkilometern. Zu welchem Zeitpunkt die Paare mit dem Brutgeschäft beginnen, hängt von den örtlichen klimatischen Bedingungen ab, doch fällt er meistenorts in den Monat Mai, wenn im hohen Norden der Schnee zügig hinwegschmilzt.
Das Nest wird vom Schnee-Eulenweibchen allein angelegt. Es besteht aus einer mit den Füssen freigescharrten Mulde am Boden und befindet sich in der Regel an einer erhöhten Stelle im Territorium, etwa auf einem kleinen Erdhügel oder einem überwachsenen Felsen.
Wie viele andere Eulenarten betreibt das Schnee-Eulenpaar «Familienplanung». Zum einen richtet es die Grösse des Geleges nach dem «Lemmingangebot»: In guten Mäusejahren legt das Eulenweibchen bis zu elf Eier, in schlechten Jahren hingegen nur drei oder vier. Zum anderen legt das Weibchen seine Eier nicht auf einmal, sondern in Abständen von ungefähr 48 Stunden. Gleich nach der Ablage des ersten Eis beginnt es aber zu brüten. Das hat zur Folge, dass die Jungen ebenfalls in Abständen von ungefähr zwei Tagen zur Welt kommen. Das Junge aus dem ersten Ei kann darum mehr als zwei Wochen älter sein als sein jüngstes Geschwister. Gibt es reichlich Futter, so hat dieser Alterunterschied zwischen den Geschwistern keine Bedeutung; es überlebt die ganze Jungenschar. Ist aber die Nahrung knapp, so kommen die jüngeren Tiere im Gerangel um das Futter stets zu kurz und verhungern letztlich. Das mag grausam erscheinen. Für die Schnee-Eulen ist es aber durchaus sinnvoll: Zwei oder drei kräftige Jungvögel haben in schlechten Zeiten nämlich die weitaus besseren Überlebenschancen als sechs oder sieben Kümmerlinge.
30 bis 33 Tage dauert es, bis das erste Junge aus seinem Ei schlüpft. Während dieser ganzen Zeit bebrütet allein das Weibchen das Gelege, während das Männchen die Nahrungsbeschaffung übernimmt und sein Weibchen regelmässig mit Futter versorgt. Diese «Arbeitsteilung» beim Brutgeschäft lässt die Unterschiede in der Grösse und Gefiederfärbung von Männchen und Weibchen verstehen: Während das grössere, wehrhaftere Weibchen einen ausgezeichneten Tarnanzug trägt, wenn es an einer schneefreien, verhältnismässig warmen Stelle auf dem Nest sitzt, kann das leichtere, «schnittiger» gebaute Männchen mit seinem reinweissen Gefieder ungesehen auch auf Schneefeldern Beute erjagen.
Die Jungvögel tragen nach dem Schlüpfen ein kurzes, weisses Dunenkleid, später wächst ihnen ein längeres graues. Sie werden allein vom Weibchen gehudert und mit vom Männchen herbeigetragenem Futter versorgt. Im Alter von sechs bis sieben Wochen haben sie schliesslich ihr Jugendgefieder ausgebildet und sind von da an flugfähig. Es dauert aber mindestens weitere drei bis vier Wochen, bis sie sich ausreichend mit selbstgefangener Beute zu ernähren vermögen und nicht mehr auf die Unterstützung der Eltern angewiesen sind.
Die jungen Schnee-Eulen haben während ihrer Wachstumsphase einen enormen Appetit. Man hat ausgerechnet, dass jedes Junge vom Schlüpfen bis zur Unabhängigkeit rund 140 ausgewachsene Lemminge verspeist, wenn es ausschliesslich mit solchen gefüttert wird. Eine Schnee-Eulenfamilie mit zwei Erwachsenen und sieben Jungen kann also während des Frühsommers durchaus tausend Lemminge verzehren, selbst wenn zwischendurch noch andere Beute geschlagen wird.
Diese grobe Rechnung zeigt klar, weshalb es den beiden Altvögeln höchstens in «fetten» Jahren gelingt, eine grössere Anzahl Junge aufzuziehen. Im langjährigen Durchschnitt schaffen es jedoch nur zwei oder drei Eulenjunge je Paar bis zur Selbständigkeit. Und auch dann ist ihr Überleben noch keineswegs gewährleistet. Ein beträchtlicher Anteil von ihnen kommt im ersten Winter um, teils weil es ihnen an Jagderfahrung fehlt, teils weil es ihnen im Herbst nicht mehr gelang, genügend Körperfett anzulagern.
Klimawandel gefährdet arktische Lebensräume
Es existieren zwar keinerlei Erhebungen über den Gesamtbestand der Schnee-Eulen in Nordamerika und Eurasien, doch sind sich die Fachleute einig, dass die Art derzeit nicht ernstlich von der Ausrottung bedroht ist. Die Annahme, die Schnee-Eulen seien in ihrer hochnordischen Heimat ausserhalb der Reichweite menschgemachter Schadeinflüsse, ist allerdings nicht richtig. In vielen arktischen Regionen werden mit grossem technischem Aufwand Erdöl, Kohle und andere Bodenschätze gefördert, was gebietsweise grosse Beeinträchtigungen der Natur mit sich bringt. Und diese Nutzung der Arktis dürfte zukünftig noch erheblich ausgedehnt werden.
In ein paar Bereichen ihres Verbreitungsgebiets wird die Schnee-Eule auch für den Verzehr bejagt. Dies gilt allerdings nicht für Grönland, wo die Art unter vollständigem Jagdschutz steht. Ein beträchtlicher Teil der grönländischen Schnee-Eulenpopulation lebt im übrigen - zusätzlich geschützt - innerhalb des grössten Nationalparks der Welt, der sich über eine Fläche von 972 000 Quadratkilometern im nordöstlichen Bereich der Insel erstreckt.
Solcher Schutz könnte allerdings von beschränktem Wert sein angesichts der vielleicht schlimmsten und unberechenbarsten Langzeitgefahr der Neuzeit: der Erwärmung der Erde, verursacht durch den Anstieg des «Treibhausgases» Kohlendioxid (CO2
) in der Atmosphäre. Zwar werden das Ausmass und die Geschwindigkeit dieser Erwärmung wie auch die Rolle, welche der Mensch dabei spielt, in den Fachkreisen kontrovers behandelt. Niemand zweifelt aber daran, dass ein globaler Anstieg der mittleren Jahrestemperaturen für die hochnordischen Lebensräume besonders gravierende Umwälzungen bringen würde. Findet eine solche also tatsächlich und in nennenswertem Ausmass statt - und darauf deutet leider manches hin -, so sieht die Zukunft der Schnee-Eule wie auch all der anderen Geschöpfe der Arktis gar nicht rosig aus.
ZurHauptseite