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Migration: „Es ist ein richtiger Krieg in meinem Land“
Paul Ignaz Vogel
Drei Kulturen treffen sich in einer Familie: Jene der Türkei, von Kurdistan und jene der Schweiz. Der Familienvater ist arbeitslos und psychologisch am Boden. Er sitzt zu Hause, bezieht Sozialhilfe. Die Ehefrau putzt und macht Gelegenheitsarbeiten, ermöglicht so Integrations-Zulagen.
Noch vor dreissig Jahren musste in der Osttürkei (Kurdistan) ein Lehrer alle Kinder des Dorfes und der Umgebung in einer Gesamtschule unterrichten. Das waren in der Regel bis zu einhundert Kindern. So entfielen nur wenige Stunden Unterricht für die einzelnen Altersgruppen. Auch Shirin Dengjir (40, Pseudonym) konnte ein wenig zur Schule gehen. Dann nämlich, wenn ihre Eltern für das Schuldgeld und das Schulmaterial aufkommen konnten. Eine obligatorische Gratisschule gab es nicht. Der Vater des Mädchens war einfachster Bauer, pflanzte Tabak an. Shirin besuchte während nur fünf Jahren und in Etappen die Schule. Dann war es aus mit der Grundausbildung. So kann die heute vierzigjährige Frau nur rudimentär lesen und schreiben. Ihre Unterschrift ist sehr schwungvoll, aber ebenso fantasiereich.
Ein Mann holt sie in die Ehe ab
Das Schicksal traf Shirin, als ein aus politischen Gründen in die Schweiz ausgewandeter Türke sie um die Jahrtausendwende in Kurdistan abholte und eine Ehe mit ihr schloss. Er ist um dreizehn Jahre älter als sie. Zurück in der Schweiz gebar Shirin drei Kinder, eine heute vierzehnjährige Tochter, eine dreizehnjährige Tochter und einen neunjährigen Sohn. Die Kinder seien mittelmässig in den Schulleistungen, von gutem Charakter, würden auch nicht anecken und seien allgemein beliebt und akzeptiert. Shirin sagt zum Schulunterricht: „Meine Kinder haben das Glück, hier in der Schweiz zu sein. Ich hatte in meiner Jugend nie das Glück, zu lernen.“
Überlieferung der eigenen Kultur
Die Familie spricht zu Hause türkisch, da der Vater nur wenig das Kurdische beherrscht. Shirin singt gerne. Um einen Ausgleich herzustellen und ihre kurdische Kultur den Kindern beizubringen, bezahlt sie ihnen Kurse im Singen und für das Saz, ein lautenähnliches Zupfinstrument, das in Ostanatolien und in den Ländern um den Kaukasus, im Iran, Armenien, Aserbeidjan und Afghanistan gespielt wird. Jeden Sonntagnachmittag bringt sie die Kinder zum Kurs, der in einem Zentrum für MigrantInnen stattfindet. Das ist dann ihr Ausgleich zum tristen Alltag. Denn Shirin kann nur einfachste Arbeiten im Stundenlohn verrichten, putzen bei Privaten oder Kinder hüten. Ihre Erwerbstätigkeit hat wegen mangelhafter Sprachkenntnissen ihre Grenzen. Shirin kann jedoch wöchentlich drei Stunden in einer Cafeteria eines Kirchgemeindehauses aushelfen – und sucht sonst noch beständig Arbeiten.
Fehlende Zahnspange und Ferienstrafe
Die vierzehnjährige Tochter, schon gross gewachsen, aber noch in Transformation, bräuchte auf Anraten des Zahnarztes dringend eine Zahnspange. Das Ding ist teuer und wird weder von der Krankenkasse noch von der Sozialhilfe bezahlt. Im Sommer 2015 reiste die Familie für vier Wochen in die ehemalige Heimat, um die Mutter des Mannes zu besuchen. Diese ist schwer herzkrank. Die Sozialhilfe bestrafte den arbeitslosen Familienvater für dieses Entfernen von der Arbeitssuche mit einem Abzug von je Fr. 70.- für die kommenden sechs Monate. In der vorformatierten schriftlichen Begründung heisst es: „Sie haben eine angebotene Stelle ohne ersichtliche Gründe abgelehnt.“ Shirin sagt dazu: „Ich hoffe, dass mein Mann eine Stelle findet. Er sitzt zu Hause, während die anderen arbeiten. Das ist nicht gut.“ Illusionslos sieht sie auch das Schicksal ihrer Heimat Kurdistan, nachdem die Friedensgespräche zwischen der Türkei und dem militärischen Widerstand aufs Eis gelegt wurden – angeblich um den IS zu bekämpfen. Es sei wieder richtiger Krieg bei ihr zu Hause im türkischen Kurdistan, meint Shirin traurig.