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Sturm
William Shakespeare wird vermutlich im April 1563 oder 1564 im englischen Stratford-upon-Avon geboren. Williams Vater, John, ist ein angesehener Landwirt und Händler, der 1565 zum Stadtrat gewählt wird und später die Stellung des Stadtverwalters einnimmt. Mary Arden of Wilmcote, Williams Mutter, entstammt einem alten Adelsgeschlecht. Shakespeare besucht als Knabe die Stratforder Lateinschule, wo er sich mit Ovid, Virgil und Erasmus von Rotterdam beschäftigt. Mit 18 heiratet er die acht Jahre ältere Anne Hathaway, mit der er drei Kinder hat. Die Familie lässt er zurück, als er – vermutlich 1586 – nach London zieht. Er tritt als Schauspieler im Theater des James Burbage auf, ausserdem werden seine ersten Stücke gespielt. Er ist den literarisch Interessierten schon im Jahr 1592 ein Begriff, wie aus einem Pamphlet des Dramatikers Robert Greene hervorgeht. Seine epischen Gedichte sowie seine Lyrik begründen seinen Ruhm. Sein dramatisches Werk entsteht zwischen 1590 und 1610. Shakespeare gilt als gewandter Geschäftsmann, ab 1594 gehört er als Teilhaber den „Lord Chamberlain’s Men“ an, einer führenden Schauspielertruppe, die sich ab 1603 entsprechend einer Erlaubnis James I. „King’s Men“ nennen. Die Karriere als Dramatiker und Schauspieler ermöglicht ihm, 1597 in seiner Heimatstadt ein Herrenhaus zu kaufen; ein Jahr vorher wird das Familienwappen bewilligt, ebenfalls ein Zeichen für den ansteigenden Wohlstand der Familie. 1599 wird das neue Haus der Truppe, das berühmte Globe-Theatre, eröffnet. In den Folgejahren werden alle seine Stücke dort mit viel Pomp aufgeführt. Um 1611 zieht sich Shakespeare zurück und geht nach Stratford, wo er am 23. April 1616 stirbt. 1623 erscheint die erste Gesamtausgabe seiner Dramen, herausgegeben von seinen Bühnenkollegen John Heminge und Harry Condell: 36 Stücke im Folio-Format, angeblich nach den „True Originall Copies“ gedruckt. Doch handelt es sich dabei um Bühnenbearbeitungen der nicht mehr vorhandenen Originale.
Prospero, vor Jahren auf einer Insel gestrandet, inszeniert dort ein Stück der Strafe, Busse und Umkehr, will die Figuren seines Lebens für ihre Verbrechen zur Verantwortung ziehen. Schliesslich droht sein Spiel jedoch in Rache umzukippen.
Prosperos Insel ist ein Nirgendirgendwo, ein Reich der Phantasie: Shakespeares Theater. Prospero, vor Jahren auf einer Insel gestrandet, inszeniert dort ein Stück der Strafe, Busse und Umkehr, will die Figuren seines Lebens für ihre Verbrechen zur Verantwortung ziehen. Doch sie kommen über ihre alten Rollen, die Wiederholung vergangener Verbrechen und Intrigen, nicht hinaus. Schliesslich droht Prosperos Spiel von der Bestrafung in Rache umzukippen. Prospero, der Menschlichkeit sucht, ist in Gefahr, sie selbst zu vergessen und findet ausgerechnet durch einen Luftgeist namens Ariel die Kraft zu Gnade und Vergebung. Diese für ihn übermenschliche Anstrengung verlangt ihm alles ab. Am Schluss zerbricht er, erlöst, erleichtert, aber auch resigniert, seinen Zauberstab, der ihm die Macht gegeben hat, über Zauber und Magie zu herrschen.
In diesem seinem letzten Stück benutzt Shakespeare erstmals keine literarische Vorlage für seinen Text, sondern erfindet sich selbst eine Welt. In und mit Prospero schafft er eine Konstruktion, die es ihm ermöglicht, den Antagonismus von Tragödie und Komödie aufzuheben. Diese Welt ist die Insel, das Theater, ein Blick auf die Welt, nicht aber die Wirklichkeit selbst. So ist das ganze Stück auch eine Idee in Prospero-Shakespeares Kopf, ein Blatt Papier, das im Laufe des Abends, alle Herrschaftsspiele noch einmal durchlaufend, mit der Vision von einem humanen Ausgleich beschrieben wird. Das Glück der Erfüllung beinhaltet den Verzicht auf Rache und die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit.
In Barbara Freys Wiener „Sturm“- Inszenierung gibt es nur drei Schauspieler. Drei zentrale Gestalten — Prospero, Ariel und Caliban — leben in Shakespeares Labor der Phantasie. Sie erfinden und durchleben Machtkämpfe, die bereits auf Becketts „Herr-Knecht“- Konstellationen verweisen. Und sie sehnen sich wie das Erdtier Caliban nach Verwandlung: um einer Liebe willen, die denk- und lebbar würde, wäre es ihm nur möglich, Prosperos schöne Tochter Miranda zu werden …
„Barbara Freys „Sturm“ ist eine Versuchsanordnung, Skizze, Spiel und Erzählung in einem. Zusammen mit dem Dramaturgen Joachim Lux hat sie eine 80-minütige Fassung des Stücks erstellt, rund um drei Schauspieler: neben Oest sind das noch Joachim Meyerhoff und Maria Happel. Der eine gibt den wendigen und windigen Geist Ariel, einen Kreide fressenden, aber berechnenden Lulatsch, die andere den plumpen Caliban, ein verschlagenes Mondkalb. Daneben schlüpfen sie aber auch in die Rollen des Kellners Stefano, des Prinzen Ferdinand und der Prinzessin Miranda. Letztere sind Prinz und Prinzessin, wie sie im Märchenbuche stehen: mit Krönchen und schmachtendem Blick.
Wie das Meyerhoff und Happel machen, das hat viel Witz und zeugt von grosser Spiellust dieser tollen Schauspieler. Es zeigt aber auch, dass es sich hier um willentlich papierene Charakter handelt. Prospero ist jener, der sie erschaffen hat. Er ist das alleinige Zentrum dieser Inszenierung, ist Übervater und Weltenstörer in einem.“ Tages-Anzeiger
„Der Regisseurin ist ein aussergewöhnlicher Abend gelungen. Er spielt vor der Zeit der grossen Interpretationen, konkurriert mit nichts und könnte heissen: „Herr Shakespeare schreibt sein letztes Stück und geht.“ Barbara Frey hat sich auf die Suche nach Shakespeare begeben, während man andere Regisseure nur auf der Flucht vor ihm sieht.“ Süddeutsche Zeitung
„„Sturm“ ist das Buch der Verwandlungen. Und die Schauspieler machen den Wandel mit. Der grossartige Johann Adam Oest: Er ist nicht nur der zauberisch begabte Prospero, er kann auch den Narren – und in ihm ist auch etwas von König Lear, der an sein Ende kommt. Dann der grossartige Joachim Meyerhoff: Er macht als Ariel die Luftnummer und ist auch ein petit Prinz mit Krönchen – er könnte aber auch der Puck aus dem „Sommernachtstraum“ sein. Nicht zuletzt: Die grossartige Maria Happel. Sie spielt den bösen Mann und die gute Frau zugleich: als Monster Caliban, das die Sprache des Menschen gelernt hat, und damit auch das Fluchen. Als Miranda aber, Prosperos Tochter, spricht aus ihr die ganze Liebe (zum Prinzen plus Menschheit).“ Der Landbote
„Es ist eine der zwingendsten Arbeiten von Barbara Frey und ihre bisher schönste Auseinandersetzung mit Shakespeare.
Sie entsteht ganz aus der Probensituation am Tisch heraus, der Probe im Theater, Probe aufs Leben. Shakespeares Stück nimmt – mit einem Minimum an Schauspielern – in der Phantasie Gestalt an: von Shakespeare, von Prospero, den Darstellern, uns selber, den Zuschauern.“ NZZ
„Brausende Applause ruft dieses Gastspiel des Burgtheaters Wien hervor, wann immer es in Zürich zu sehen ist. Und das aus gutem Grund: Shakespeares „Sturm“ ist eine wundersame Ode an die Fantasie und das Leben. Barbara Frey interpretiert den Stoff berührend und witzig zugleich, ihre Figurenzeichnung umgeht Klischees, das Bühnenbild hat’s in sich. Und die Schauspieler! Die sind bucklig und anschmiegsam, donnernd und verzweifelt, smart und naiv, verliebt und verschroben und bekommen allesamt elf von zehn Punkten. Wer noch nicht war: Hingehn!“ Züritipp
Gastspiel des Burgtheaters Wien