Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03608.jsonl.gz/543

Gleich wie zu Beginn die HIV-Pandemie hat uns COVID-19 innerhalb kurzer Zeit tief geprägt, hat Verunsicherungen und Ängste ausgelöst und viele Fragen aufgeworfen: Besteht eine Wechselwirkung zwischen HIV und der Erkrankung an COVID-19? Schützen und wirken HIV-Medikamente gegen COVID-19? Und weshalb konnte innerhalb weniger Monate eine hochwirksame Impfung gegen COVID-19 entwickelt werden, während wir drei Jahrzehnte nach Entdeckung von HIV noch immer auf eine Impfung gegen dieses Virus warten? Der vorliegende Artikel beleuchtet diese Fragen und gibt Antworten darauf.
Dominique Laurent Braun
Dominique Laurent Braun arbeitet als Oberarzt mit erweiterter Verantwortung an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich und ist Privatdozent für Infektiologie an der Universität Zürich. Er behandelt seit Pandemiebeginn Personen mit COVID-19, darunter bis anhin nur wenige mit HIV.
Von Dominique Laurent Braunal | April 2020
Die Wechselwirkung zwischen HIV und COVID-19
Schon früh zu Beginn der COVID-19-Pandemie kam die Frage auf, ob Personen mit HIV ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf mit COVID-19 haben. Blickt man in die Zeiten der Aids-Pandemie zurück, findet sich bei Personen mit HIV für die meisten viralen Atemwegsinfektionen keine erhöhte Sterblichkeit oder Krankheitslast. Diese Beobachtung führte deshalb zur Annahme, dass Personen mit HIV – zumindest diejenigen, die unter einer wirksamen HIV-Therapie stehen und deren Helferzellzahl sich im normalen Bereich befindet – kein erhöhtes Risiko für eine schwere COVID-Infektion aufweisen.
Mittlerweile liegen Daten mehrerer Studien aus Grossbritannien, den USA und Südafrika vor, die Personen mit HIV einschlossen, von denen die meisten unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie standen: In diesen Studien zeigt sich für Personen mit HIV, im Vergleich zu einer HIV-negativen Kontrollgruppe, ein ungefähr doppelt so hohes Risiko, im Spital an COVID-19 zu versterben, allerdings in erster Linie bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren wie Übergewicht oder Diabetes. Zudem zeigt sich dieses erhöhte Risiko vor allem bei Personen mit einer Helferzellzahl unter 200 und in der Altersgruppe unter fünfzig Jahren. Letztere Beobachtung lässt sich mit dem Konzept der früheren biologischen Alterung bei Personen mit HIV erklären.
Über kein Thema wurde in den letzten Wochen mehr geschrieben, in der Politik gestritten und kochten die Emotionen in der Gesellschaft höher als über die COVID-19-Impfstoffe und deren Verfügbarkeit.
Fazit: Basierend auf den neusten Studien besteht bei Personen mit HIV wahrscheinlich ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der COVID-19-Infektion, wobei dies mehrheitlich auf Personen zutrifft, die bereits an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, lange Zeit gegen ihre HIV-Infektion nicht behandelt wurden oder eine tiefe Helferzellzahl aufweisen. Die Schweizerische HIV-Kohortenstudie SHCS (www.shcs.ch) führt derzeit ebenfalls eine Studie zu diesem Thema durch und wird Daten liefern, die das Schweizer Gesundheitssystem besser reflektieren.
Schützen HIV-Medikamente gegen COVID-19?
Vielversprechend hörten sich die Resultate einer spanischen Beobachtungsstudie an, die rückblickend bei Personen, die als Bestandteil ihrer HIV-Therapie mit dem Medikament Tenofovir Disoproxil Fumarat (TDF) behandelt wurden, einen schützenden Effekt vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 nahelegten. Die Autoren führten diesen Effekt auf das im Reagenzglas beobachtete Phänomen zurück, dass TDF ein Eiweiss, das für die Vermehrung von Sars-CoV-2 wichtig ist, zu blockieren vermag. Dieser schützende Effekt von TDF zeigte sich allerdings in den meisten darauffolgenden und methodologisch besser durchgeführten Studien nicht mehr, unter anderem auch nicht in einer Analyse der SHCS. Die naheliegende Erklärung für den protektiven TDF-Effekt in der spanischen Studie ist wahrscheinlich die folgende: In der Studie erhielten vorwiegend Personen TDF im Rahmen ihrer antiretroviralen Therapie, die keine Nierenprobleme hatten, somit gesünder waren als die Kontrollgruppe und damit auch ein geringeres Risiko für einen schweren Verlauf aufwiesen.
Das flüssige Gold: Die mRNA-Impstoffe gegen COVID-19
Über kein Thema wurde in den letzten Wochen mehr geschrieben, in der Politik gestritten und kochten die Emotionen in der Gesellschaft höher als über die COVID-19-Impfstoffe und deren Verfügbarkeit. Insbesondere die sogenannten mRNA-Impfstoffe überzeugen durch ihre sehr hohe Wirksamkeit, ihr günstiges Nebenwirkungsprofil und – für die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems entscheidend – die Verhinderung schwerer COVID-19-Verläufe. Bis jetzt gibt es keine publizierten Daten zur Wirksamkeit dieser Impfung bei Personen, die mit HIV leben. Bei Personen unter wirksamer HIV-Therapie und mit normaler Helferzellzahl dürfte die Wirksamkeit im Vergleich zu einer altersnormierten Kontrollgruppe allerdings kaum abweichen. Andererseits ist davon auszugehen, dass eine tiefe Helferzellzahl zu einer verminderten Impfantwort führt und der Schutz für die Betroffenen geringer ist. Vorerst hat man sich entschieden, Personen mit HIV und tiefer Helferzellzahl prioritär zu impfen. Die übrigen Personen mit HIV müssen bis zur breiten Verfügbarkeit der Impfstoffe noch auf die Impfung warten, sofern sie aufgrund des Alters oder von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren nicht zu den besonders gefährdeten Personen gemäss Bundesamt für Gesundheit gehören. In der SHCS ist vor Kurzem eine Studie angelaufen, die den Impfschutz bei Personen mit HIV untersucht.
Mittlerweile liegen Daten mehrerer Studien aus Grossbritannien, den USA und Südafrika vor, die Personen mit HIV einschlossen, von denen die meisten unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie standen: In diesen Studien zeigt sich für Personen mit HIV, im Vergleich zu einer HIV-negativen Kontrollgruppe, ein ungefähr doppelt so hohes Risiko, im Spital an COVID-19 zu versterben, allerdings in erster Linie bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren wie Übergewicht oder Diabetes.
Die Impfung gegen HIV
Manch eine oder einer wird sich fragen, weshalb es möglich war, innerhalb weniger Monate eine hochwirksame Impfung gegen COVID-19 herzustellen, während nach Jahrzehnten noch immer keine Impfung gegen HIV auf dem Markt ist. Die Antwort darauf lautet: Im Gegensatz zu Sars-CoV-2 mutiert HIV nach Etablierung der Infektion sehr rasch weiter und bildet Millionen sogenannter Varianten. Eine Impfung müsste somit Antikörper hervorrufen können, die gegen all diese Virusvarianten wirksam, das heisst breit neutralisierend ist – was bisher nicht gelungen ist. Ein weiterer Grund ist, dass die Impf-Antikörper nicht an HIV andocken und das Virus ausser Gefecht setzen können, da HIV diese Andockorte vor den Antikörpern versteckt und diese zudem ständig mutieren. Zuletzt gibt es auch ein moralisches Dilemma: Für Wirksamkeitsstudien von Impfstoffen müssen sich Menschen mit dem Virus infizieren. Aber wer will schon, dass sich irgendjemand mit HIV infiziert, um den Impferfolg nachweisen zu können? So ist es auch dreissig Jahre nach der Entdeckung von HIV mehr als ungewiss, ob eine Impfung gegen dieses Virus überhaupt jemals zustande kommen wird.