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Soziale Mobilität in der Schweiz im 20. Jahrhundert: zwischen Demokratisierung der Bildung und Fortbestand der Klassenungleichheiten
J. Falcon, Soziale Mobilität in der Schweiz im 20. Jahrhundert: zwischen Demokratisierung der Bildung und Fortbestand der Klassenungleichheiten.Social Change in Switzerland. Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch
© the authors 2016. This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)
Zusammenfassung
Dieser Beitrag untersucht die Entwicklung der sozialen Mobilität in der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Unsere Analysen zeigen, dass die soziale Mobilitätsrate während des untersuchten Zeitraums äußerst stabil geblieben ist. Die soziale Herkunft hat noch immer einen entscheidenden Einfluss auf die erreichte Klassenzugehörigkeit des Einzelnen. Dies lässt sich in erster Linie dadurch erklären, dass der Zugang zu unterschiedlichen Bildungsniveaus weiterhin maßgeblich von der sozialen Herkunft abhängt. Zwar ist ein Universitätsdiplom für den Zugang zur oberen Mittelklasse wichtiger geworden – es sind jedoch hauptsächlich Angehörige dieser oberen Mittelklasse, die eine akademische Ausbildung absolvieren. Zudem ist bei gleichem Bildungsniveau die Chance zu dieser oberen Mittelklasse zu gehören für Personen, die aus dieser oberen Mittelklasse stammen, wesentlich höher. Unsere Beobachtungen lassen darauf schließen, dass die Ungleichheiten zwischen den verschiedenen sozialen Klassen in der Schweiz im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend unverändert geblieben sind.
Copyright
© the authors 2016. This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License (CC BY-NC-ND 3.0)
Einleitung
Im Laufe des 20. Jahrhundert hat sich die schweizerische Gesellschaft insbesondere aufgrund der Demokratisierung des Bildungszugangs, der Tertiarisierung des Arbeitsmarktes und der formalen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erheblich gewandelt. Angesichts dieser Entwicklungen sollte sich der Einfluss geburtsbestimmter Merkmale, wie die soziale Herkunft, das Geschlecht oder die Nationalität auf die erreichte Klassenzugehörigkeit abgeschwächt haben. Vor allem sollten die Chancen der intergenerationalen sozialen Mobilität – also der Chance eines Wechsels der sozialen Klasse im Lebensverlauf – gestiegen sein.
Gemäss der Modernisierungstheorie (Kerr et al. 1960) sind westliche Gesellschaften mit zunehmender Industrialisierung leistungsorientierter geworden und zeichnen sich durch eine höhere soziale Mobilitätsrate aus. Die soziale Position wäre demnach nicht mehr durch geburtsbestimmte Privilegien bedingt, sondern auf erworbene Merkmale wie den Bildungsabschluss zurückzuführen (Becker 1964). Infolgedessen sollten soziale Vorbestimmung und Klassenunterschiede in westlichen Gesellschaften weitgehend verschwunden sein (Beck 1992).
Zahlreichen Studien verdeutlichen jedoch, dass es in den meisten westlichen Gesellschaften seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu keinem nennenswerten Anstieg der gesellschaftlichen Mobilität gekommen ist. Der milieubedingt ungleiche Bildungszugang ist im Allgemeinen das größte Hindernis für das Erreichen der Chancengleichheit für Individuen. Der Bildungsabschluss einer Person hängt noch immer entscheidend vom ursprünglichen sozialen Milieu ab (Breen et al. 2009). Jüngste Forschungsergebnisse bestätigen diese internationalen Tendenzen auch für die Schweiz (Falcon 2012, 2013; Falcon und Joye 2015; Jacot 2013; Jann und Combet 2012; Jann und Seiler 2014; Meyer 2009).
Die vorliegende Studie beschreibt zuerst die Entwicklung der sozialen Mobilität in der Schweiz. Danach untersuchen wir, ob die Bedeutung der sozialen Herkunft im Kindesalter für die gesellschaftliche Stellung im Erwachsenenalter seit Beginn des 20. Jahrhunderts nachgelassen hat. Anschließend wenden wir uns dem Ausbau des Bildungssystems zu und untersuchen, ob die gesamte Bevölkerung von den erweiterten Möglichkeiten profitiert hat. Schliesslich fragen wir, ob der Einfluss der geburtsbestimmten Vorteile zurückgeht und durch leistungsbedingte Merkmale, wie zum Beispiel die Ausbildung, abgelöst wird.
Methoden: Daten und Indikatoren
Um die Entwicklung der sozialen Mobilität in der Schweiz zu erfassen, haben wir 21 repräsentative Umfragen der Schweizer Bevölkerung zwischen 1972 und 2013 untersucht (siehe Tabelle A.1 im Anhang). Jede dieser Umfragen enthält detaillierte Informationen zur sozialen Herkunft, zum Bildungsabschluss und zum Beruf der Befragten zum Zeitpunkt der Umfrage.[1]
Diese Daten wurden zusammengefasst und dann in fünf Kohorten aufgeteilt: 1908-1934; 1935-1944; 1945-1954; 1955-1964; 1965-1978.[2]Diese in der Analyse der sozialen Mobilität gängige Methode erlaubt uns, die sozialen Veränderungen als Ausdruck der Erfahrungen und der Erneuerungen dieser Kohorten zuerfassen. Mit 17‘104 Beobachtungen ermöglichen uns diese Daten eine detaillierte Analyse der Entwicklung der sozialen Mobilität in der Schweiz seit Beginn des 20. Jahrhunderts.
Um die Qualität unserer Analysen zu gewährleisten, haben wir die Daten angepasst und sie möglichst vergleichbar gemacht[3].Die soziale Herkunftsklasse und die erreichte Klassenposition der Befragten wurden gemäß der europäischen sozio-ökonomischen Klassifizierung (Rose und Harrison 2010) konstruiert und in drei Kategorien zusammengefasst: (1) die obere Mittelklasse umfasst Führungskräfte, Unternehmensführer, Ingenieure, Freiberufler, Akademiker und Lehrer ; (2) die untere Mittelklasse umfasst administrative Hilfsberufe, Kleinunternehmer, Handwerker und Bauern; (3) die Arbeiterklasse umfasst geringqualifizierte Angestellte, vorwiegend aus dem Bereich Verkauf und Dienstleistungen, sowie Arbeiter. Außerdem haben wir das Bildungsniveau in vier Kategorien unterteilt (Bergman et al. 2009): (1) Sekundarstufe I[4]; (2) Sekundarstufe II[5]; (3) höhere Berufsbildung und Fachhochschule[6]; (4) Universität.
Hat die soziale Mobilität in der Schweiz zugenommen?
Die Abbildung 1 zeigt die Mobilitätsrate für jede der untersuchten Gruppen und unterscheidet drei mögliche Formen sozialer Mobilität: (1) Mit sozialer Immobilität bezeichnen wir Personen mit dem gleichen sozialen Status wie der Vater; (2) aufsteigende Mobilität umfasst Personen mit einem höheren sozialen Status als jenes des Vaters; (3) absteigende Mobilität begreift diejenigen mit einem tieferen gesellschaftlichen Status als der Vater.
Mit Ausnahme der Kohorte 1908-34, bei der mehr als 50% den gleichen gesellschaftlichen Status wie ihr Vater haben, bleibt die soziale Immobilität mit etwa 40% für alle Gruppen relativ konstant. Auffallend ist auch, dass für den gesamten Untersuchungszeitraum der Anteil der Aufsteiger höher war als jener der Absteiger. Zudem haben die Chancen, sozial aufzusteigen, historisch zugenommen: Bei den Männern der Kohorte 1908-1934 lagen sie bei 32% und bei den Frauen bei 26%; in den nachfolgenden Kohorten haben sie sich bei 40% eingependelt. Zudem kann man feststellen, dass das Risiko des sozialen Abstiegs für Frauen (21%) höher ist als für Männer (16%). Dies lässt sich damit erklären, dass die soziale Mobilität der Frauen als Vergleich zwischen der eigenen Klassenposition und jener des Vaters gemessen wird. In der Tat erleben Frauen häufiger einen gesellschaftlichen Abstieg, da heute noch immer eine geschlechtsspezifische Beschäftigungsstruktur besteht und Frauen nicht die gleichen Berufe ausüben und auch weniger in hierarchisch höhere Positionen aufsteigen als Männer. Ferner bleibt der Anteil der Absteiger in allen Kohorten konstant.
Diese Resultate deuten auf eine grosse Stabilität der Mobilitätsraten hin: Während des gesamten Untersuchungszeitraumes ist die soziale Mobilität nicht wesentlich gestiegen. Der gesellschaftliche Aufstieg betrifft ungefähr 40% der Bevölkerung, der soziale Abstieg etwa 20% und die soziale Immobilität etwas mehr als 40%. Um diese Tendenzen zu verstehen, muss man sie im Lichte der strukturellen Veränderungen betrachten, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts in der Schweiz stattgefunden haben.
Haben die strukturellen Veränderungen neue Möglichkeiten geschaffen?
Genau wie in anderen europäischen Ländern verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit den 1970er Jahren, von der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion zu den Dienstleistungstätigkeiten (Oesch 2006). Diese Entwicklung, auch Tertiarisierung des Arbeitsmarktes genannt, hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Beschäftigungsstruktur der Schweiz. Die Beschäftigungsmöglichkeiten in der oberen Mittelklasse sind im Laufe der Zeit gestiegen – und damit auch die Chancen, eine höhere Position in der gesellschaftlichen Hierarchie einzunehmen. In der jüngsten Kohorte sind bei den Männern über 50% in der oberen Mittelklasse, während in der ältesten Kohorte nur 27% zu dieser Klasse gehören (siehe Tabelle 1). Die gleiche Tendenz können wir bei den Frauen beobachten: Der Anteil in der oberen Mittelklasse ist von der ältesten zur jüngsten Kohorte von 17% auf 41% gestiegen. Die Tertiarisierung begünstigt also den sozialen Aufstieg, insbesondere bei den vor 1950 Geborenen. Die veränderte Sozialstruktur schuf also neue Möglichkeiten innerhalb der oberen Mittelklasse.
Tatsächlich konnte ein breites Spektrum der Bevölkerung in die obere Mittelklasse gelangen, wobei ein erheblicher Teil dieser Klasse nur über einen Abschluss der Sekundarstufe II verfügt (etwa 35% der Männer und 50% der Frauen). Die obere Mittelklasse ist in der Schweiz also nicht ausschließlich für Hochschulabsolventen reserviert. Dieser Befund bedarf jedoch einer weiteren Differenzierung: Erstens hat über die Kohorten hinweg der Anteil der Absolventen der Sekundarstufe II in der oberen Mittelklasse abgenommen – und der Anteil der Hochschulabgänger hat zugenommen. Aus den Jahrgängen 1965-78 sind nicht mehr als 21% der Männer und 34% der Frauen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II Teil der oberen Mittelklasse. Umgekehrt haben 78% der Männer und 64% der Frauen aus dieser Klasse einen Hochschulabschluss. Zweitens lässt sich der erstaunlich hohe Anteil von Personen mit einem Sekundarabschluss II in der oberen Mittelklasse mit dem schweizerischen Bildungssystem erklären. Dieses zeichnet sich durch die Dominanz der dualen Ausbildung (Berufslehre) und der vergleichsweise geringen Bedeutung universitärer Bildung aus. Der hohe Anteil von Sekundarschulabgängern in der oberen Mittelklasse lässt sich durch eine Nachfrage des Arbeitsmarktes erklären, die die Anzahl der Hochschulabsolventen deutlich übertraf. Dies bringt uns zur Frage der Expansion des Bildungssystems und dessen Demokratisierung.
Ist der Bildungszugang demokratischer geworden?
Wie die meisten westlichen Länder hat die Schweiz ihr Bildungssystem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reformiert, um einem größeren Anteil der Bevölkerung den Zugang zu einem Ausbildungsniveau zu ermöglichen, der früher nur für eine kleine Elite reserviert war (Buchmann et al. 2007). Der Zugang zu tertiären Ausbildungsstufen hat im Laufe der Zeit zugenommen: In der Kohorte 1965-1978 haben 19% der Männer und 14% der Frauen einen Hochschulabschluss; 31% der Männer sowie 21% der Frauen haben eine höhere Berufsbildung. In der Kohorte 1908-1934 lag dieses Verhältnis im Vergleich dazu bei 8% und 3% für ein Universitätsstudium sowie bei 8% und 6% für die höhere Berufsbildung. In der gleichen Zeit ging der Bevölkerungsanteil mit einem Bildungsabschluss der Sekundarstufe I stetig zurück. Was den Sekundarabschluss II anbelangt, so zeigt sich ein Rückgang in der jüngsten Gruppe – er stellt aber noch immer den häufigsten Abschluss der Schweiz dar.
Wenn die Chancen ein Hochschulstudium zu absolvieren im Laufe der Zeit gestiegen sind, dann kann man sich fragen, ob die gesamte Bevölkerung von diesen neuen Möglichkeiten profitiert hat oder nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Zugangschancen für jede Bildungsstufe in Abhängigkeit der sozialen Herkunftsklasse untersucht (Tabelle 2). Das soziale Milieu hat einen erheblichen Einfluss auf den Bildungszugang: Kinder aus der oberen Mittelklasse haben eine weit höhere Chance an einer Universität zu studieren, Jugendliche aus der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse sind in der Sekundarstufe II überrepräsentiert. Im Übrigen erklärt sich die Zunahme an Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung in erster Linie durch das Wachstum innerhalb der oberen Mittelklasse: In der Kohorte 1965-78 haben 39% der Männer und 29% der Frauen der oberen Mittelklasse einen Universitätsabschluss, verglichen mit 14% und 11% aus der unteren Mittelklasse sowie 9% und 5% aus der Arbeiterklasse. Im Vergleich dazu sind die Unterschiede der sozialen Klassen bei einer höheren Berufsbildung (Tertiär B) deutlich weniger stark ausgeprägt; die gesellschaftliche Vielfalt ist in diesem Bereich wesentlich höher.
Alles in allem bleibt die Demokratisierung des schweizerischen Bildungssystems unvollendet. Auch wenn heute mehr Jugendliche studieren, so haben davon in erster Linie die gesellschaftlich höherhergestellten Schichten profitiert. Weil die Erlangung eines Universitätsabschlusses wichtiger für die Erlangung einer höheren gesellschaftlichen Position geworden ist und es Mitglieder der oberen Mittelklasse sind, die in größerer Zahl ein Hochschulstudium absolvieren, hat die soziale Herkunft weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die Klassenzugehörigkeit. Es ist folglich fraglich, ob die gesellschaftliche Position ausschließlich von der schulischen Leistung abhängt – oder nicht vorgelagert vom sozialen Milieu mitbestimmt wird.
Bietet ein gleicher Bildungsabschluss gleiche Chancen für den sozialen Aufstieg?
In einem “idealen” leistungs- und verdienstbasierten System haben alle Individuen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die gleichen sozialen Chancen. So sollten zum Beispiel die Chancen, eine Führungsposition einzunehmen, für den Sohn eines leitenden Angestellten und den Sohn eines Arbeiters identisch sein. Wenn eine Meritokratie durch ein Bildungswesen garantiert wird, dass die Individuen nach ihren Verdiensten und Talenten auswählt, dann sollten die Chancen eine höhere soziale Position zu erreichen identisch sein zwischen Absolventen mit gleichem Bildungsabschluss – unabhängig ihrer sozialen Herkunft.
In Abbildung 2 haben wir für die Kohorte 1955-1978 den Anteil der Individuen aus der oberen Mittelklasse entsprechend ihres Bildungsstandes und ihrer sozialen Herkunft aufgezeigt. Auch wenn der Abschluss die eingenommene Stellung in der Gesellschaft erheblich bestimmt, kann man erkennen, dass bei gleichem Bildungsniveau die soziale Herkunft weiterhin Einfluss auf den gesellschaftlichen Erfolg hat. Während weniger als 10% der Personen mit Wurzeln in der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse mit einem Abschluss der Sekundarstufe I in die obere Mittelklasse aufsteigen, so beträgt dieser Anteil mehr als 15% für Sprösslinge der oberen Mittelklasse. 78% der Männer mit einer höheren Berufsausbildung und mit Herkunft aus der oberen Mittelklasse treten in die obere Mittelklasse ein – nur 65% der Männer aus anderen sozialen Milieus. Die gleichen Tendenzen lassen sich auch für Frauen beobachten, wobei die Unterschiede etwas geringer sind. Der Einfluss des sozialen Herkunftsmilieus auf den gesellschaftlichen Erfolg ist bei den Universitätsabsolventen etwas schwächer ausgeprägt: Mit einem Universitätsabschluss haben Personen mit Wurzeln in der unteren Mittelklasse ähnliche Chancen in die obere Mittelklasse zu gelangen wie diejenigen mit Wurzeln in der oberen Mittelklasse. Gleichwohl haben die wenigen Arbeiterkinder, die ein Hochschulstudium absolvieren, im Durchschnitt um fünf Prozentpunkte geringere Erfolgsaussichten, in die obere Mittelklasse aufzusteigen.
Ein Diplom allein garantiert noch nicht den gesellschaftlichen Erfolg. Bei gleichem Bildungsniveau hat die soziale Herkunft weiterhin einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Erreichen einer besseren sozialen Stellung. Unsere Daten erlauben uns jedoch nicht, diese Ungleichheiten zu erklären: Sie könnten das Resultat unterschiedlicher Bildungsstrategien sein oder ungleicher wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Ressourcen.
Schlussfolgerung: Alles neu, alles gleich?
Trotz der zahlreichen strukturellen Veränderungen, welche die Schweiz seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts umgepflügt haben, sind die gesellschaftlichen Hierarchien kaum schwächer geworden. Auch wenn die Tertiarisierung des Arbeitsmarktes einem wichtigen Teil der Bevölkerung den Zugang zur oberen Mittelklasse ebnete, zeigen unsere Analysen, dass das soziale Herkunftsmilieu die erreichte Klassenzugehörigkeit des Individuums weiterhin massgeblich beeinflusst. Die soziale Mobilitätsrate ist im untersuchten Zeitraum relativ konstant geblieben. Diese Resultate lassen sich vor allem vor dem Hintergrund erklären, dass der strukturelle Wandel die gesellschaftlichen Hierarchien nicht verschoben hat. Der Einfluss der sozialen Herkunft zeigt sich indirekt über die Rolle der Bildung, im Prozess der generationsübergreifenden Weitergabe von Vorteilen: Ein Hochschulabschluss ist immer wichtiger geworden ist, um in die obere Mittelklasse aufgenommen zu werden – und diese Abschlüsse sind in der oberen Mittelklasse am stärksten verbreitet. Zudem bleibt die soziale Herkunft bei gleichem Bildungsabschuss von großer Bedeutung für den gesellschaftlichen Erfolg. Auf gleichem Bildungsniveau haben Personen mit Herkunft aus der oberen Mittelklasse eine wesentlich größere Chance in die obere Mittelklasse zu gelangen als Angehörigen anderer sozialer Klassen.
Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts hat die soziale Mobilität zwischen den Klassen in der Schweizer Gesellschaft nicht wesentlich zugenommen. Die Schranken der sozialen Mobilität im Land sind weiterhin hoch und die erreichte Klassenzugehörigkeit bleibt stark abhängig von der sozialen Herkunft.
[1]Aus theoretischen und praktischen Überlegungen lassen wir die Situation der Mutter unberücksichtigt. Die Mütter der untersuchten Jahrgangsgruppen sind in der Regel nur schwach im Arbeitsmarkt integriert. Zudem enthalten die verwendeten Umfragen nicht alle Indikatoren bezüglich des Berufs- oder des Bildungsstandes der Mutter des Befragten.
[2] Unsere Analysen beschränken sich auf Personen, die zum Zeitpunkt der jeweiligen Umfrage zwischen 35 und 64 Jahre alt waren. Dabei berücksichtigen wir nur die zum Zeitpunkt der Umfrage erwerbstätigen Frauen. Da eine feinere Aufteilung uns keine zufriedenstellende Stichprobengröße ermöglicht, haben wir aus diesen Gründen die älteste Kohorte (1908-1934) in ein größeres Spektrum von Geburtenjahrgängen zusammengefasst.
[3]Für Details hinsichtlich des Vorgehens und etwaiger Verzerrungen im Zusammenhang mit diesem Ansatz, siehe Kapitel 4 in Falcon 2013.
[4]Diese Kategorie bezieht sich auf die Schulpflichtzeit.
[5] Diese Kategorie umfasst allgemeine und berufsbildende Schultypen der weiterführenden Bildung. Die berufsbildenden Schulzweige, sprich die Berufslehren, repräsentieren mehr als dreiviertel der Fälle in dieser Kategorie.
[6]Diese Kategorie beinhaltet eine höhere Berufsausbildung mit Meisterzertifikat oder eidgenössischem Fachausweis, technische Hochschulen, Techniker- und Berufsfachschulen sowie pädagogische Hochschulen und Fachhochschulen.
Anhang
Bibliographie
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