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Tink.ch: Haifaa Al-Mansour, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über ein Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht, zu schreiben?
Haifaa Al-Mansour: Ziel war es, einen Film über meine Kultur und ihre Traditionen zu drehen. Durch eine simple Idee wollte ich mehr über diese Kultur offenbaren. Ich komme von einem sehr konservativen Ort und es liegt mir am Herzen, mit dieser Welt nicht zu kollidieren. Deshalb schien mir eine sanfte Geschichte am geeignetsten.
Was repräsentiert dabei das Fahrrad?
Ich musste etwas finden, das die Spannung zwischen Moderne und Tradition symbolisiert: Das Fahrrad schien mir dafür passend. Es steht für Beschleunigung und die Person, die es fährt, hält ihr Schicksal in den eigenen Händen. Trotzdem ist dieses Bild nicht einschüchternd – ein Fahrrad ist ein Spielzeug.
Haben Sie Waad Mohammed, das Mädchen, welches Wadjda spielt, bereits vor der zweiten Fassung ihres Skriptes gekannt oder erst in Nachhinein gefunden?
Wir haben das Mädchen erst eine Woche vor den Hauptdreharbeiten gefunden! In Saudi-Arabien sind offene Castings nicht möglich. Daher mussten wir uns an Firmen wenden, die Kinder für Werbung aussuchten. Daneben gestaltete es sich schwierig, eine junge Schauspielerin zu finden, welche diese Lebhaftigkeit, dieses spezielle Temperament in sich trägt. Als Waad Mohammed eine Woche vor den Dreharbeiten zum Vorspiel auftauchte, in Chuck Taylors und mit der Musik von Justin Bieber in den Ohren, war klar, dass wir unsere Wadjda gefunden haben. Zudem hat Waad Mohammed eine wunderschöne Stimme – es passte einfach.
Sind Sie als Frau bei den Dreharbeiten gelegentlich auf Probleme gestossen?
Die Dreharbeiten liefen mit offizieller Genehmigung vom Staat. Probleme ergaben sich erst vor Ort, bei der Begegnung mit der konservativen Bevölkerung. Mir als Frau ist es nicht gestattet nach draussen zu gehen, mich mit Männern in der Strasse aufzuhalten oder einen Film zu drehen. Dies wird von der Gesellschaft als inakzeptabel betrachtet. Ich führte Regie in einem Van per Walkie-Talkie. Man kann sich vorstellen, dass dies die Dreharbeiten zusätzlich erschwerte.
In Saudi-Arabien gibt es bis anhin (noch) keine Kinos. Wie haben ihre Landsleute von “Wadjda” erfahren und wie sind die Reaktionen aus Ihrem Heimatland ausgefallen?
“Wadjda” wurde am Filmfestival in Venedig erstaufgeführt. Die Presse, insbesondere jene aus Saudi-Arabien, berichtete viel darüber. Auf diesem Wege erfuhren meine Landsleute vom Film. Dies führte wiederum dazu, dass viele Saudis die Reise zum “Dubai International Film Festival” auf sich nahmen, um sich das Werk anzusehen. Ich glaube, viele von ihnen waren sehr berührt, da “Wadjda” ein reales Bild der Verhältnisse in ihrem Land zeigt, im Gegensatz zu den Fernsehdramas in Saudi Arabien, in denen vieles überspitzt dargestellt wird. Daher muss es für die Zuschauer aus Saudi-Arabien eine völlig neue Erfahrung gewesen sein, ihre eigene Kultur aus einer anderen Perspektive betrachten zu können.
Natürlich gab es auch kritische Stimmen, vor allem aus dem eher reaktionär eingestellten Teil der Bevölkerung. Manche sehen es nur ungern, dass Frauen Schritte nach vorne wagen, Probleme enthüllen und höhere Berufe, wie jener einer Regisseurin, ergreifen. Ihrer Meinung nach sollten Frauen im Privaten existieren. Mein Ziel war es nicht, anzuklagen und ein Bild zu vermitteln, welches Frauen als die Guten und Männer als die Bösen abstempelt. Beide können sich in unserer konservativen Gesellschaft gefangen fühlen und in missliche Situationen geraten.
Wie hat Ihre Familie auf den Erfolg des Filmes reagiert?
Ich komme aus einer progressiv eingestellten Familie. Meine Eltern unterstützten mich seit jeher bei dieser Arbeit. In der kleinen Stadt, in welcher ich aufgewachsen bin, ist meine Mutter nun eine kleine Königin. Es macht mich stolz, zu wissen, dass ich ihr Freude bereitet habe.
Welche Rolle spielt die Religion, der Islam, in Ihrem Leben?
Der Islam spielt eine grosse Rolle in der Kultur Saudi-Arabiens und da ich die öffentliche Schule besucht habe, war ich ständig damit konfrontiert. Ich glaube, Saudi-Arabien wird immer religiös sein. Meiner Meinung nach ist Religion jedoch das, was man daraus macht. Manche werden militant. Es erscheint mir wichtig, diese Energie in eine andere Richtung zu kanalisieren. Religion soll für Liebe und Vergebung stehen.
Können Sie derzeit Veränderungen in Sachen Frauenrechte in Ihrem Land erkennen?
Es ändert sich Vieles, das ist sicher. Vor zwei Monaten wurden vom König Saudi-Arabiens erstmals 30 Frauen in den Schura-Rat, einem der höchsten politischen Ämter des Landes, berufen. Letztes Jahr sind zwei Frauen dem olympischen Team beigetreten.
Dies ist inspirierend für andere Frauen. Sind die Schritte auch nicht gross, so gehen sie bereits in die richtige Richtung. Die Regierung Saudi-Arabiens versucht Frauenrechte vermehrt zu beachten, nur stellt sich die Gesellschaft teilweise quer. Als kleine Anekdote: Vor einigen Jahren wurde die Identitätskarte für Frauen eingeführt. Da lediglich die obere Bildungsschicht, die Elite, sich um die Beschaffung einer solchen bemühte, zwang man den Rest der Frauen, sich eine Identitätskarte zuzulegen, indem eine Bankkontoeröffnung an den Besitz einer solchen knüpfte. Die Frauen liessen also einen Personalausweis anfertigen, klebten jedoch sobald es ging einen kleinen Sticker – zum Beispiel einen Schmetterling – auf ihre exponierten Gesichter. (lacht)
Also liegt es vor allem an der Gesellschaft, sich zu wandeln?
Ja, in erster Linie. Der Wandel wird Zeit in Anspruch nehmen; vielleicht eine oder zwei Generationen. Die junge Generation ist bereits progressiver eingestellt als ihre Eltern. Viele von ihnen – Frauen wie Männer – erhalten heutzutage hohe Stipendien, um im Ausland studieren zu können. Ich wünschte, das hätte es zu meiner Zeit gegeben! Was für eine Chance! Sowohl Studiengebühren als auch Kost und Logis werden vom Königreich übernommen.
Das Tolle daran ist, dass diese jungen Leute in die Welt hinausziehen, anderes sehen und wenn sie zurückkehren, zum sozialen Wandel beitragen. Saudi-Arabien ist ein reiches Land, es gibt hier viel zu holen. Deshalb kehrt die junge Generation zurück und bringt fortschrittliches Gedankengut mit sich.
Wäre die Geschichte Wadjdas in Wirklichkeit möglich oder handelt es sich eher um eine Wunschvorstellung?
Natürlich wäre das möglich! Das Fahrrad könnte irgendetwas sein. Glaubt eine Person an sich selbst und folgt ihren Träumen, dann ist alles möglich. Selbst an den konservativsten Orten. Entschlossenheit, harte Arbeit und Hartnäckigkeit sind von Nöten, aber das macht sich bezahlt.
In welcher Hinsicht kann Ihr Film zur positiven Veränderung der Stellung von Frauen in Saudi-Arabien beitragen?
Es ist wichtig, den Leuten anhand von Beispielen wie jenem eines kleinen Mädchens, das ihren Traum erfüllt, Mut zu schenken. Viel einfacher wäre es, einen Film über Frauen als Opfer zu drehen und darzustellen, wie hart und traurig ihre Leben sind. Jammern ist leichter. Aber wohin kommen wir damit? Es ist nicht wichtig, sich zu beklagen. Von Bedeutung ist es, zu hoffen, vorwärts zu schauen und einen Konsens zu finden.
Wenn jemand sich meinen Film ansieht und daraufhin seiner Tochter einen Wunsch erfüllt, dann ist dies, meiner Meinung nach, schon viel wert. Grosse Veränderungen, wie Revolutionen, die nicht von Herzen kommen, sind nicht wirklich gross. Wir müssen verstehen, dass wir die Dinge mit kleinen, ehrlich gemeinten Schritten auf persönlichem Niveau verändern können.
Zu guter Letzt: Welche Träume und Hoffnungen hegen Sie für die Zukunft Ihres Herkunftslandes?
(lacht) Oh, ich würde viele Dinge gerne ändern sehen. Mich auf eine Angelegenheit zu beschränken, fällt mir schwer. (überlegt)
Aber ich sähe gerne mehr Freiheit und Wertschätzung gegenüber Kunst. Ach ja, und Kinos. Hoffentlich werden wir bald das Theater in Saudi-Arabien einführen – Kinos wären jedoch auch sehr wünschenswert.
Rubrik “Ausgegraben!”
In der schnelllebigen Medienwelt verschwinden auch journalistische Glanzstücke zu früh aus dem Fokus. Über den Sommer hinweg publiziert Tink.ch in dieser Rubrik wiederentdeckte Artikel, die bereits einmal die Frontseite zierten. Den Anfang macht dieses Interview, das erstmals am 5. April 2013 auf Tink.ch erschienen ist.