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Jean-Claude Bastos verwaltet den angolanischen Staatsfonds. Das Datenleck zeigt: Die Geschäfte nützen ihm gleich mehrfach.
Wer in einem Strafverfahren einschlägig verurteilt wurde, verwaltet normalerweise nicht Staatsvermögen in Milliardenhöhe. Jean-Claude Bastos ist eine Ausnahme. Am 13. Juli 2011 verurteilte das Zuger Strafgericht den 50-jährigen Schweiz-Angolaner und einen Geschäftspartner wegen mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die beiden hatten von einer Beteiligungsgesellschaft unter ihrer Kontrolle widerrechtlich Gelder ausbezahlt, die teilweise in ihre eigenen Taschen flossen.
Trotz der rechtskräftigen Verurteilung hat Angola die Verwaltung seines 5 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds ebendiesem Jean-Claude Bastos anvertraut respektive dessen Quantum-Global-Gruppe mit Hauptsitz in Zug.
Etwa jeder zweite Einwohner Angolas lebt in Armut, von weniger als zwei Dollar am Tag. Fast jedes dritte Kind ist unterernährt. Gleichzeitig profitiert eine kleine Oberschicht vom enormen Ölreichtum. 2012 gründete Angola den Staatsfonds mit dem erklärten Ziel, einen Teil dieses Reichtums zum Wohl der gesamten Bevölkerung einzusetzen. Das Land in Südwestafrika gilt laut Transparency International als eines der korruptesten weltweit.
Chef des Staatsfonds ist kein unabhängiger Kopf, sondern José Filomeno dos Santos, Sohn des im August abgetretenen Langzeit-Staatspräsidenten José Eduardo dos Santos. Er und der in Freiburg aufgewachsene Bastos sind seit vielen Jahren Freunde und Geschäftspartner.
Der angolanische Staatsfonds lässt sich Bastos’ Dienste sehr viel kosten. Der Deal läuft so: 3 Milliarden Dollar des Staatskapitals liegen in sieben Investment-Fonds, die Quantum Global 2014 und 2015 in der Steueroase Mauritius gegründet hat. Eine mauritische Quantum-Global-Firma verwaltet die Fonds. Dafür erhält diese Firma 2 bis 2,5 Prozent der 3 Milliarden pro Jahr. Das macht ab 2015 ein garantiertes jährliches Einkommen von 60 bis 70 Millionen Dollar.
Trotz der hohen regelmässigen Gebühren kamen 2014 noch weitere Zahlungen hinzu. Laut Geschäftsbericht des Staatsfonds erhielten diverse Bastos-Firmen in diesem Jahr rund 120 Millionen Dollar für Beratungsdienstleitungen.
Ein Privatjet für 30 Millionen
Bastos nahm sowohl schriftlich als auch in einem zweistündigen Gespräch zu Fragen Stellung. Im Gespräch war er sehr engagiert und wirkte überzeugt davon, in Afrika viel Gutes zu bewegen. Er sagte, die Entschädigungen entsprächen «Branchenstandards».
Der kanadische Ökonom und Staatsfonds-Experte Andrew Bauer widerspricht. Er sagt, die Gebühren erschienen «ausserordentlich hoch». Bauer kritisiert die Mandatsvergabe an Bastos. Sie zeuge «von einem erheblichen Mangel an Sorgfalt». Normalerweise führten Staatsfonds zur Auswahl ihrer Manager eine öffentliche Ausschreibung durch, was in diesem Fall nicht geschah. «Bewerber mit einer einschlägigen Vorstrafe kommen in einem solchen Verfahren kaum zum Zug», sagt Bauer. Zudem vertrauten Staatsfonds normalerweise nicht mehr als 10 Prozent des Kapitals demselben Manager an.
Der Staatsfonds schreibt, Quantum Global sei nach einem objektiven Bewertungsprozess und aufgrund von herausragenden Leistungen gewählt worden.
Quantum Global und Bastos arbeiten eng mit der Kanzlei Appleby in Mauritius und auf den Britischen Jungferninseln zusammen. Deshalb finden sich in den Paradise Papers Hunderte Dokumente über die Vorgänge. Appleby führt Bastos wegen seiner Nähe zum angolanischen Machtapparat als Hochrisiko-Kunden.
Die Dokumente zeigen, dass Bastos der alleinige Inhaber der mauritischen Quantum-Global-Firma ist, welche die Managementgebühren erhält. Sie offenbaren auch, dass die Gebühren so hoch sind, dass sich Bastos für 2014 Dividenden, also eine Gewinnausschüttung, von 13 Millionen und für 2015 von 28 Millionen Dollar auszahlen konnte.
Die Millionen flossen in vier Tranchen auf ein Konto bei der inzwischen aufgelösten Skandal-Bank BSI in Lugano. Das Konto wurde von einer Briefkastenfirma von Bastos auf den Britischen Jungferninseln gehalten.
«Dass ich gut verdiene, will ich nicht wegdiskutieren», sagt Bastos. Die Dividenden seien aber nicht einfach Gewinn, sondern er brauche sie, um sein Firmennetz mit weltweit rund 600 Mitarbeitern am Laufen zu halten.
Die Dokumente zeigen weiter, dass die mauritische Quantum-Global-Firma zumindest bis Ende 2015 fast ausschliesslich als Durchlaufstelle diente. Sie erhielt die Managementgebühren und leitete 40 Prozent davon an eine Quantum-Global-Firma in der Schweiz weiter, die einen separaten Beratervertrag hatte. Abgesehen von kleinen Ausgaben blieb der ganze Rest auf dem Konto der Mauritius-Firma liegen – und Bastos konnte viel direkt als Dividende abschöpfen. Bastos sagt, heute habe er in Mauritius 35 bis 40 Leute angestellt.
Was macht Bastos mit all dem Geld? Er kaufte zum Beispiel einen Privatjet, eine luxuriöse Dassault Falcon 7x für rund 30 Millionen Dollar. Der Jet gehörte zuvor dem russischen Milliardär Alischer Usmanow. Seit September 2016 ist der Jet in der Schweiz registriert. Öffentliche Daten zeigen seither unter anderem Flüge nach Angola, Namibia, China, in die Schweiz und viele auf die spanische Ferieninsel Ibiza. Auf Mallorca gründete Bastos vor einem Jahr eine Immobilien-Firma.
Investments in eigene Projekte
Die hohen Managementgebühren sind aber erst der Anfang. Mehrere Investments des ihm anvertrauten Staatsfonds nützen Bastos – als privatem Geschäftsmann – gleich selber. Das grösste ist der Bau eines Tiefseehafens in der angolanischen Provinz Cabinda. Dafür sprach der Staatsfonds 180 Millionen Dollar an eine Bastos-Firma. In dieses Projekt war SBB-Präsidentin Monika Ribar involviert.
Ein zweites Projekt ist der Bau des High Tech Tower im Zentrum von Angolas Hauptstadt Luanda, ein modernes Hochhaus, das erst auf dem Papier existiert. Das Land, auf dem gebaut werden soll, ist im Eigentum einer Firma, die Bastos privat gehört. Am 19. Dezember 2014 schloss einer der mauritischen Fonds, in dem das angolanische Staatsgeld liegt, einen Vertrag mit dieser Firma. Darin sicherte der Fonds 157 Millionen Dollar für den Bau des Hochhauses zu. Das Projekt ist ein Joint-Venture. Eine zweite Firma von Bastos hat gemäss Vertrag den Projekt-Lead und will den Büroteil des Hochhauses entwickeln.
Der Vertrag hält fest, dass am Ende 100 der 157 Millionen Dollar des Fonds direkt dieser zweiten Bastos-Firma zukommen sollen, in Form einer Übernahme von Schulden, die beim Bau angefallen sind. Am Schluss soll der Fonds nur den Hotelteil erhalten.
Tom Keatinge leitet das Zentrum für Finanzkriminalität des renommierten britischen Thinktanks Rusi. Er hat Dokumente des 157-Millionen-Deals analysiert: «Offensichtlich lässt Bastos den Fonds in ein Projekt investieren, von dem er persönlich profitiert. Es besteht das Risiko, dass der Fonds zu viel für das Hotel bezahlt und auch den Teil des Gebäudes finanziert, der am Schluss Bastos gehört. Die Übernahme von Schulden ist zwar eine gängige Finanzierungsmethode, aber auch eine bekannte Möglichkeit, jemanden im Versteckten zu begünstigen», sagt Keatinge.
Bastos sagt, die Finanzierungsstruktur für das Projekt habe inzwischen geändert. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, vom Staatsfonds-Geld ungebührlich zu profitieren. «Es besteht und es bestand nie ein Interessenkonflikt», sagt er. «Ich bin ein langfristiger Investor, der alles daran setzt, dass die Projekte erfolgreich realisiert werden. Die anderen Aktionäre und ich haben immer die gleichen Interessen an Wachstum und Erfolg des Projektes.» Zudem schliesse Quantum Global immer alle Vereinbarungen «at arms length» ab, das heisst, zu Marktbedingungen, denen auch unabhängige Partner zustimmen würden.
Für ein weiteres Hotelprojekt von Bastos sicherte der Fonds 40 Millionen Dollar zu, ebenfalls mit Vertrag vom 19. Dezember 2014. Die Entscheide dafür traf das Investment-Komitee am Vortag. Neben Bastos, der sich gemäss Sitzungsprotokoll doch wegen eines Interessenkonflikts der Stimme enthielt, nahmen zwei weitere Komiteemitglieder an der Sitzung teil. Das eine Mitglied ist ein italienischer Hoteldesigner. Das andere ein Schweizer Geschäftsmann. Dieser ist auch in einer leitenden Funktion tätig für eine Firma namens Turtle Management in Zürich. Und die spielt in Bastos’ Welt eine zentrale Rolle: Sie ist sein Family Office. Das Büro also, das sich um Bastos’ private Geschäfte kümmert. Dazu gehören auch die Firmen, in die Geld vom Staatsfonds fliesst.
Das heisst übersetzt: Dieselbe Person, die das Privatvermögen von Bastos im Auge hat, entscheidet mit, wohin die angolanischen Staatsmilliarden fliessen. «Die schweren Interessenkonflikte dieser Konstellation sind offensichtlich», sagt Staatsfonds-Experte Bauer.
Plötzliche Wertsteigerung
Jean-Claude Bastos sagt, der Kadermann seines Family Office sei wegen seiner grossen Erfahrung in Afrika qualifiziert, die Investment-Vorschläge zu beraten. Generell betont er, dass er viel für den Staatsfonds erreicht habe. Dessen Nettovermögen sei trotz schwierigem Marktumfeld gestiegen, was die Leistungsfähigkeit von Quantum Global beweise.
Bloss: Die offiziellen Zahlen des Fonds werfen Fragen zu dieser Entwicklung auf. Bis vor kurzem stand der Fonds nämlich mit rund 300 Millionen Dollar im Minus. Dieses Minus wurde im Abschluss 2016 nur deshalb getilgt, weil der Fonds seine Investments neu bewertet hatte – und zwar um 290 Millionen Dollar höher als zuvor.
Der angolanische Wirtschaftsprofessor Carlos Rosado de Carvalho hat die Berichterstattung der Fonds-Revisionsstelle konsultiert. Er kommt zum Schluss: «Das Resultat basiert auf fiktiven Werten und entspricht nicht der Realität.» Zur Veranschaulichung, greift er zu folgender Analogie: «Ich kaufe ein Haus für 100 000 Dollar. Einen Tag später sage ich, das Haus hat nun 200 000 Dollar Wert, und führe es so in meiner Buchhaltung. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich der Wert des Hauses tatsächlich über Nacht verdoppelt hat.» Bastos behauptet, die Investments seien immer noch zu tief bewertet.
Es gibt noch mehr offizielle Zahlen: Demnach hat Quantum Global im ganzen Jahr 2016 neue Investments von gerade mal 26 Millionen Dollar getätigt. Rund 85 Prozent der 3 Milliarden Staatskapital in den mauritischen Fonds liegen nach wie vor ungenutzt auf der Bank. Die hohen Managementgebühren fliessen trotzdem.
Bastos stellt in Aussicht, Quantum Global habe viele weitere Investmentprojekte in der Pipeline, und verspricht, dass die ganzen 3 Milliarden bis spätestens 2019 investiert sein werden.
Die Paradise Papers bringen noch etwas ans Licht: Bastos hat gegenüber der mauritischen Finanzmarktbehörde unvollständige oder gar irreführende Angaben zu seiner Verurteilung von 2011 gemacht. Seinem Antrag zur Gründung der Firmen auf Mauritius legte er ein Schreiben seines Anwalts – und Quantum-Global-Verwaltungsrats – Martin Neese bei. Darin stellte Neese den angeblichen Sachverhalt der Verurteilung dar. Dabei wich er allerdings vom tatsächlichen Inhalt ab. Das zeigt ein Blick in das erstmals zugänglich gemachte Urteil des Strafgerichts Zug.
Anwalt Neese schrieb nämlich, Bastos habe sich nicht selber bereichert. Die Richter hielten im Urteil hingegen explizit fest, Bastos und sein Partner hätten im Zusammenhang mit einer Zahlung von 80 000 Franken «indirekt sich selbst (...) bereichert». Und: Es könne «von einer gewissen Selbstbedienungsmentalität» gesprochen werden.
Zudem liess Neese den für die Strafzumessung entscheidenden Bestandteil des Urteils, eine hohe bedingte Geldstrafe von 350 Tagessätzen oder knapp 160 000 Franken, unerwähnt und schrieb stattdessen, Bastos sei nur eine Busse von 4500 Franken auferlegt worden. Und auf die konkreten Zahlungen, für die Bastos verurteilt worden war, darunter ein Barbezug von 75 000 Euro, ging Neese gar nicht erst ein. Neese wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Bastos’ Auszug aus dem Strafregister ist inzwischen wieder leer, weil die zweijährige Probezeit abgelaufen ist.
In einem Fragebogen der mauritischen Finanzmarktbehörde verneinte Bastos zudem, aktuell persönlich in ein Verfahren verwickelt zu sein. Tatsache ist hingegen, dass in Zug nach wie vor ein Zivilverfahren hängig ist. Die Aktionäre der Gesellschaft, für die Bastos damals verantwortlich war und die in Konkurs ging, wollen so noch Geld zurückholen.
Bastos sagt, er habe der Behörde in Mauritius seine Verurteilung offengelegt und habe die Frage nach dem persönlichen Verfahren nicht auf diesen Fall bezogen. «Ich habe nie falsche Angaben gemacht.»
Bruder des Ministers mischt mit
Weshalb lässt der angolanische Staatsfonds all das zu? Profitieren regierungsnahe Kreise in Angola etwa selber? Beweise dafür finden sich in den Paradise Papers keine. Nur so viel: Eines der Investments des Fonds ist der Bau einer Getränkefabrik in Angola. Gemäss Vertrag vom 6. Oktober 2014 soll eine angolanische Firma 20 Prozent der Aktien der Fabrik erhalten. Ihr Beitrag ist nicht Geld, sondern der Boden, auf dem die Fabrik gebaut wird, sowie umfassende, vom Staat garantierte Steuererleichterungen. Einziger Direktor der Firma ist der Bruder des kürzlich abgetretenen angolanischen Wirtschaftsministers Abrahão Gourgel, der kraft seines Amtes auch in einem Beratungsgremium des Staatsfonds sass. Der Wirtschaftsminister ist ein guter Bekannter von Bastos.
Bastos sagt, die Konstellation sei reiner Zufall. Der Bruder des Ministers sei der Chef der grössten Trinkwasserfirma Angolas. Er sei am Projekt beteiligt, weil er Know-how und das passende Land für die Fabrik einbringen könne.
Das Urteil von Finanzkriminalität-Experte Tom Keatinge zur ganzen Geschichte ist eindeutig: «Wer auch immer die Struktur und Vorgänge vonseiten des angolanischen Staatsfonds bewilligt hat, ist entweder hochgradig inkompetent oder ein Komplize. Eine solche Struktur hat nur ein Ziel: etwas zu verstecken, nämlich die wahren Begünstigten von Transaktionen. Ich befürchte, wir sehen hier, wie das Geld der Bevölkerung Angolas verschwindet. Ein Land, in dem jeder Dollar zählt. Möglicherweise ist das alles sogar legal. Aber das ändert nichts daran, dass es höchst unmoralisch ist.»
Jean-Claude Bastos spricht viel und gerne über seine Projekte und Engagements. Er initiierte etwa eine Stiftung zur Förderung von Innovationen in Afrika und ist im Stiftungsrat von Globethics, einer «Plattform für Austausch und Forschung in den Bereichen der Ethik und Werte». Sein neuster Wurf ist die Umnutzung einer Fabrik in Luanda zu einem Ort für Start-ups.
Letzte Woche publizierte die Handelszeitung ein grosses Portrait über den «Netzwerker für die Sache des Schwarzen Kontinents» und «Charismatiker». Und vor einem Jahr zitierte ein afrikanisches Onlineportal Bastos so: «Es ist meine Passion, den angolanischen Menschen zu helfen, indem ich einerseits eine hohe Rendite auf ihre Investments sichere und sie andererseits bei der Entwicklung von zentralen ökonomischen und sozialen Projekten unterstütze. Der angolanische Staatsfonds ist ein grossartiger Weg, das zu tun.»