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Im April 2020 veröffentlichte der von zwei US-Amerikanern gegründete NewsGuard einen Bericht über digitale «Superspreader», welche Falschaussagen über die Corona-Pandemie verbreiteten. Das Medienbeobachtungsorgan identifizierte auf Twitter und Facebook 85 Desinformations-Konten. Es wies damals die beiden sozialen Netzwerke darauf hin. Doch anderthalb Jahre später war die Hälfte dieser Accounts immer noch aktiv, wie NewsGuard am 30. November meldete. Und dies, obwohl sich die Plattformbetreiber verpflichtet haben, gegen Desinformation vorzugehen.
NewsGuard nennt in seiner Mitteilung folgende Falschaussagen, die auf den markierten Konten immer noch auffindbar seien:
- Covid-19-Sterblichkeit ist «sehr gering, wahrscheinlich sogar nicht existent».
- Bill Gates kündigte an, dass Covid-19-Impfstoffe zu 700.000 Todesfällen führen würden.
- Die 5G-Technologie wird mit der Verbreitung von Covid-19 in Verbindung gebracht.
- Covid-19 wurde in einer Simulation vorhergesagt.
- Vitamin C kann Covid-19 vorbeugen.
- Covid-19 ist eine «biologische Waffe, die in einem amerikanischen Militärlabor entwickelt wurde».
- Gesunde Menschen «erleiden keinen Schaden» durch Covid-19.
- Covid-19-Impfstoffe verfügen über Mikrochip-Tracking-Technologie, die Bill Gates finanziert hat.
Einige der weiterhin aktiven Konten konnten in der Zwischenzeit noch an Reichweite zulegen. Bei den Twitter-Accounts wuchs die Zahl der Follower um durchschnittlich 24 Prozent, diejenige bei Facebook allerdings nur um 3,9 Prozent. In den USA entfernte Twitter mehr als die Hälfte der von NewsGuard angezeigten Konten, während die Plattform in Frankreich bloss ein Konto löschte. Facebook wiederum stoppte in den USA 38 Prozent der fraglichen Accounts, während das Netzwerk in Frankreich nur 17 Prozent entfernte.
In den USA stehen die Netzwerke derzeit unter hohem politischem Druck, was ein Grund sein mag für ihre stärkeren Eingriffe als in anderen Ländern. Derzeit sagt die Whistleblowerin Frances Haugen vor dem Kongress aus. Ihrer Meinung nach geht Facebook zu wenig gründlich gegen Desinformation, Hass und Gewaltaufrufe vor, weil das Netzwerk auch mit solchen Beiträgen Geld verdienen könne.
Computer genügen nicht
Ebenso gut liesse sich argumentieren, dass Facebook derlei Beiträge bisher als Kollateralschäden hingenommen hat, weil deren Bekämpfung teuer ist. Mittlerweile ist es offensichtlich, dass automatische, computerbasierte Massnahmen gegen unerwünschte Botschaften unzureichend sind. Für eine angemessene Einschätzung von heiklen Kommunikationen braucht es zumeist die Kompetenz von Menschen, was jedoch den Betriebsaufwand erhöhen und damit die Rentabilität schmälern würde. Facebook beschäftigt bereits Tausende von Kontrolleuren, wird aber die personellen Kapazitäten weiterhin deutlich ausbauen müssen, wenn das Problem halbwegs entschärft werden soll. Missstände herrschen – wie die derzeitige öffentliche Kritik ansatzweise manifest macht – nicht zuletzt in abgelegeneren Ländern, wo andere Sprachen als jene in den dominierenden westlichen Staaten gesprochen werden. Entsprechend geringer ist die Aufmerksamkeit für die Probleme in peripheren Gebieten.
Wenn die Online-Plattformen Falschinformationen bekämpfen wollen, geraten sie schnell auf Gratwanderungen. Die Identifikation von eindeutig falschen Informationen ist keineswegs trivial. NewsGuard weist denn auch darauf hin, dass die Entfernung entsprechender Beiträge keineswegs ein Allheilmittel sei. Greift ein Betreiber allzu rigide ein, wird der unzufriedene Teil des Publikums auf andere, weniger rigide Plattformen abwandern, was wiederum die Segmentierung der weltanschaulichen Gruppierungen fördern würde. Als Alternative könnten die Netzwerk-Betreiber fragwürdige Beiträge kennzeichnen und zusätzliche Informationen bereitstellen, wie sie dies teilweise bereits tun. Dann hätten die Besucher die Freiheit, eigenständig ihre Urteile zu fällen, was grundsätzlich sicher die bessere Lösung wäre. Willkür und Intransparenz prägen derzeit die Kontrollen der sozialen Netzwerke. Auch in Europa stehen sie nun unter dem Druck der Politik, für mehr Ordnung zu sorgen. Angesichts der riesigen Menge an sozialen Interaktionen, die im Sekundentakt auf den Netzwerken erfolgen, werden die grauen und schwarzen Zonen allerdings kaum restlos zu beseitigen sein. Oder höchstens mit den Mitteln einer stahlharten Diktatur.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.