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Ich lernte Christian Eisenberger kennen, als er vor vielen Jahren in Basel eine Schlafgelegenheit suchte. Er lebte ein paar Tage in meiner Wohnung. Er wollte die ART Basel erkunden, herausfinden, was es mit dem Hype um diese Messe auf sich hat, warum die ganze Kunstwelt verrückt spielt, wenn Galerien und Sammler aus der ganzen Welt jedes Jahr im Juni ein paar Tage in meiner Heimatstadt aufeinander treffen.
Weil zufällig eine Altpapierabfuhr bevorstand, sammelte Christian Eisenberger über Nacht einen Haufen grosser Kartons und produzierte die nächsten zwei Tage eine Serie anonymer Kartonfiguren, die er in der ganzen Stadt aufstellte. Ein Jahr später wiederholte Eisenberger seinen Besuch. Wieder produzierte er Pappfiguren. Diesmal wurden sie in der Zeitung abgebildet, mit der Vermutung, die anonyme Aktion sei ein Kunstwerk. Während man auf der Strasse gratis Eisenberger-Pappkartons abräumen konnte, lieferte jetzt aber ein Angestellter von Eisenbergers damaliger Galerie eine Autoladung solcher Pappkartons an Sammler aus, welche dafür bezahlten.
Die Ko-Existenz von anonymer Kunst auf der Strasse und bezahlter Kunst im Kontext einer Messe faszinierte mich. Wie viele andere auch, wurde ich ein Fan von Eisenbergers Pappfiguren. Auch noch viele Jahre, nachdem Christian mit der Produktion dieser Kartons aufgehört hatte, blieb er für mich der Künstler mit den Pappfiguren. Meine nostalgische Sicht auf eine längst abgehakte Periode trübte lange meinen Blick auf den aktuellen Eisenberger. Im Gegensatz zu seinen frühen Kartons, provozierte mich Eisenbergers aktuelles Werk und machte mich ratlos. Aber die Neugier, etwas verstehen zu wollen, blieb und trieb mich an.
Rückblickend glaube ich zu erkennen, dass wir Menschen uns instinktiv an das halten, was wir benennen und einordnen können – und zwar deshalb, weil wir uns daran gewöhnen konnten. Wir haben die Tendenz, Dinge in Schubladen zu stecken. Die Versuchung für Künstlerinnen und Künstler ist gross, solche Schubladeninhalte herzustellen und Erwartungen zu bedienen. Christian Eisenberger sträubt sich dagegen. Er will immer Neues, Überraschendes kreieren. Und ich frage mich ständig: Was ist das?
Stehe ich am Anfang ratlos vor dem Universum von Menschen wie Christian Eisenberger, so macht es mir mit der Zeit immer mehr Spass, mich darauf einzulassen. Darin sehe ich einen grossen Befriedigung und Sinnstiftung: Dass sich mein Gehirn und mein Herz mit Dingen beschäftigen, die weit ausserhalb liegen und mich wach halten.
Bei Christian Eisenberger kommt noch etwas sehr Entscheidendes dazu. Seine Kunst lebt vor allem im Kontext. Die Pappkartons sind ein exemplarisches Beispiel, wie ein Werk durch den Kontakt mit seinem Umfeld an Bedeutung und Aussagekraft gewinnt: Die einen werfen das Zeug weg, die anderen sammeln es auf der Strasse ein und wieder andere kaufen es auf Auktionen und bei Händlern. Ist das jetzt Kunst oder Müll?
Der Kontext wirkt auch im Auge der Betrachter selbst: Eine Zeichnung oder Karikatur kann einen riesigen Aufstand hervorrufen. Je nachdem, was darauf abgebildet ist, werden die Urheber mit dem Tod bedroht. Gleichzeitig ist Provokation in der Kunst zu einem alten Hut geworden. Nacktheit, Gewalt und Blasphemie sind Teil vom Standardrepertoire.
Woran kann sich ein Künstler überhaupt orientieren? Diese Frage hat sich zum Leitmotiv meines Films entwickelt. Je länger ich Christian Eisenberger zugeschaut habe, umso mehr kristallisierte sich eine Dreieckskonstellation heraus mit den Akteuren: Kunstwerk, Künstler, Publikum.
Müsste ich einen Spielfilm inszenieren, so würde ich für das Setting einen Garten wählen. In diesem Garten malt ein Mensch ein Werk. Rund um ihn herum ist ein Zaun. Von draussen schauen Leute zu. Steckt der Maler den Zaun zu weit weg, so sehen die Leute das Bild nicht mehr, was ihm nicht recht wäre. Steckt er den Zaun zu eng, so hat er keinen Raum, um sich zu konzentrieren und wird von der Menge erdrückt. Während er malt, muss er also ständig darauf achten, wie weit entfernt er, sein Bild und sein Publikum voneinander stehen. Im Zentrum steht zwar das Bild, aber eigentlich drücken alle am Zaun herum.