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Das Bild, das durch die Erkenntnisse von Behörden in aller Welt nach und nach sichbar wird, ist schockierend: Banken haben Referenzwerte manipuliert, die die Preise von allem Möglichen von Hypothekenkrediten bis hin zu Devisen beeinflussen. Und es gibt noch ein weiteres Gebiet, das Aufmerksamkeit verdient: die Gold- und Silbermärkte.
In den vergangenen Wochen haben Bloomberg News und andere über die Bedenken von Marktteilnehmern und Aufsichtsbehörden berichtet, dass der Prozess der Preisbildung für Gold für Insiderhandel und andere Formen unfairer Praktiken anfällig sein könnte. Die vorliegenden Erkenntnisse geben starken Anlass zu der Vermutung, dass es Manipulationen und möglicherweise auch Absprachen gibt.
Fixing erleichtert Manipulationen
Der Preisbildungsmechanismus, Fixing genannt, erleichtert Manipulationen. Zweimal an jedem Handelstag nehmen Vertreter von fünf Banken und einiger ausgewählter Kunden an einer Telefonkonferenz teil, in der Kauf- und Verkaufsangebote für Gold mitgeteilt werden. Durch diese Konferenzen werden die Morgen- und Nachmittagsfixings für Gold festgelegt, die als Bezugswert für weltweite Transaktionen mit einem Volumen von Billionen von Dollar dienen. Die Silberfixings funktionieren ähnlich, wobei in diesem Fall aber nur drei Banken involviert sind.
Eine derartige direkte Kommunikation ist Absprachen bei der Preisfestsetzung zuträglich, vor allem dann, wenn die Gruppe der beteiligten Wettbewerber sehr klein ist. Wir wissen heute, dass durch Absprachen sowohl die Libor- als auch die Euribor- Referenzsätze verzerrt wurden, bei denen viel mehr Parteien beteiligt waren. In diesen Fällen fand die Koordinierung über E- Mails und Chats statt. Bei Gold und Silber erlaubt eine organisierte Telefonkonferenz die Übermittlung der gewünschten Preise, womit zusätzliche Kontakte überflüssig werden.
Keine lange Motivsuche
Nach einem Motiv muss man nicht lange suchen. Alle teilnehmenden Banken können sowohl aus ihrem Wissensvorsprung, den sie beim Fixing-Prozess erhalten, als auch aus der Beeinflussung des Fixings selbst Nutzen ziehen. Abgesehen vom Handel auf den Kassamärkten für Gold und Silber könnten sie auch bedeutende Positionen an Derivaten haben, die an die Referenzpreise gebunden sind. Das System ist nicht darauf ausgelegt, solche Aktivitäten aufzudecken oder gar zu verhindern. Die teilnehmenden Banken selbst verwalten die Referenzpreise für Gold und Silber.
Werden die Preise also manipuliert? Werfen wir einen Blick auf die Beweislage. In seinem Buch “The Gold Cartel” hat der Rohstoffanalyst Dimitri Speck Daten von 1993 bis 2012 zusammengefasst, um zu zeigen, wie sich die Goldpreise an einem durchschnittlichen Tag von Minute zu Minute entwickeln.
Er stellt fest, dass der Kassapreis von Gold dazu neigt, um die Zeit des Londoner Abendfixings herum stark zu fallen. Ein ähnlicher, wenn auch weniger ausgeprägter, Preisrückgang erfolgt um die Zeit des Londoner Morgenfixings. Dieselben täglichen Preisrückgänge kann man bei den Silberpreisen zwischen 1998 und 2012 beobachten.
Aus dem Libor-Fall lernen
Bei beiden Edelmetallen gab es in der Durchschnittbetrachtung keine vergleichbaren Preisveränderungen zu anderen Tageszeiten. Die Muster lassen auf Manipulationen auf den beiden Märkten schließen.
Es ist äußerst befremdlich, dass die Preise von Gold und Silber immer noch auf einem so archaischen und exklusiven System beruhen. Unabhängig davon, ob die Behörden zwingende Beweise für Manipulationen suchen und finden: Sie sollten aus dem Libor-Fall lernen und die Gold- und Silbermärkte so reformieren, dass derartiges Verhalten unterbunden wird.
Bei beiden Edelmetallen handelt es sich um sehr liquide Rohstoffe, sodass die Referenzpreise leicht durch Beoachtung der tatsächlichen Transaktionen festgesetzt werden könnten. Um für Sicherheit zu sorgen sollte der Prozess von einer unabhängigen Institution beaufsichtigt werden, die eine geeignete Steuerungsstruktur und möglichst geringe Interessenskonflikte aufweist.
Die beste Methode zur Wiederherstellung des Vertrauens in Referenzwerte auf den Finanzmärkten besteht darin, Instrumente, Motive und Gelegenheiten für Missbrauch zu beseitigen.
(Dieser Artikel erschien bei der Nachrichtenagentur Bloomberg als Gastartikel. Autorin Rosa M. Abrantes-Metz ist Adjunct Associate Professor an der Stern School of Business der New York University und Direktorin bei der New Yorker Beratungsgesellschaft Global Economics Group.)