Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03568.jsonl.gz/1

Warum schmeckte Napoleons Soldaten der Bordeaux in Lübeck besser als zu Hause? Und warum wurde dieser Wein überhaupt in grossen Mengen in Deutschland gereift? Und was hat das alles mit Thomas Mann zu tun?
Als die Napoleonische Armee 1806 Lübeck besetzt, entdecken die durstigen Soldaten in den Weinkellern Bordeauxweine in rauen Mengen. Erstaunt stellen sie fest, dass diese besser schmeckten als der Bordeaux zu Hause.
Die Soldaten waren auf den Lübecker Rotspon gestossen. Um Fisch zu konservieren, brauchten die norddeutschen Hansestädte viel Salz, das sie unter anderem von der französischen Atlantikküste importierten. Zur besseren Auslastung der Schiffe wurden diese zusätzlich mit Rotweinfässern aus der Gegend um Bordeaux beladen. Die Winzer daselbst waren damals noch nicht so wohlhabend, sie lagerten ihren Wein in Fässern minderer Qualität. Die betuchten Händler aus den Hansestädten zogen es vor, den Wein vor dem Transport in ihre eigenen, qualitativ besseren Eichenfässer umzufüllen. So wurde der Wein in die Hansestädte transportiert und dort bis zur Trinkreife gelagert. Ende des 15. Jahrhunderts importierte allein Lübeck 1.5 Millionen Liter Wein pro Jahr, die in mehr als 200 Weinkellern gelagert wurden.
Über die Gründe für die bessere Qualität wird noch heute spekuliert: waren es schlicht und einfach die besseren Fässer? Lag es an der stetigen Bewegung derselben bei der Überfahrt? Oder am norddeutschen Seeklima? Sicher ist: Lübecker Rotspon gibt es noch heute zu kaufen, die Fässer gelangen jedoch auf dem Landweg nach Deutschland.
Der Wein hat gar Eingang in die Literatur gefunden: in Thomas Manns «Buddenbrooks» wird Rotspon zum Essen kredenzt, und während die Männer sich über Geschäfte unterhalten, gibt Madame Kröger Kochtipps zum Besten, «indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen… ‘Wenn sie in ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit etwas Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer … Aber nicht waschen, Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen...’.» Ob Madame dazu den Lübecker Rotspon verwendete, ist nicht überliefert.