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Ab 1361 legte die Finanzverwaltung der Stadt Basel 250 Jahre lang jährlich Abrechnungen vor. Damit war 1611 Schluss. Die Finanzverwaltung geriet in eine 50-jährige Krise und die Transparenz des Basler Finanzhaushalts ging verloren.
Basel verfügt über eine aussergewöhnlich lange Serie von städtischen Haushaltsrechnungen, die während 250 Jahre geführt wurden. Diese sogenannten Jahrrechnungen wurden zunächst in dicke Bücher, ab 1446 dann auch in eigene Hefte eingetragen. 162 solche Hefte sind bis heute im Staatarchiv Basel meist in sehr gutem Zustand erhalten. Sie geben Auskunft über die Einnahmen und Ausgaben der Stadt und die positiven bzw. negativen Jahressaldi des städtischen Haushaltes.
Vorsichtige Finanzpolitik – positive Jahresabschlüsse
Die Basler Finanzverwaltung weist auch im 16. Jahrhundert, für das nun neu eine (digitale) Edition der Jahrrechnungen vorliegt, die typischen Charakteristika der vormodernen obrigkeitlichen Haushaltsführung auf: Einnahmen und Ausgaben waren grossen jährlichen Schwankungen unterworfen. Gleichzeitig bemühte sich die städtische Finanzverwaltung, Rechnungsdefizite möglichst
rasch auszugleichen und mit positiven Rechnungssaldi abzuschliessen. Dies gelang ihr zwischen 1536 und 1611 immerhin in durchschnittlich zwei von drei Jahren. Die im Vergleich mit der Gegenwart bescheidene städtische Haushaltung war im Allgemeinen solide finanziert und wuchs entsprechend über das ganze 16. Jahrhundert gesehen auch nur moderat an. Massive Zuwächse bei den Einnahmen und vor allem Ausgaben traten vor allem auf, als die Stadt 1585 die Herrschaftsrechte über das Baselbiet vom Bischof kaufte. Damals wies die Stadt mehrere Jahre hintereinander Negativsaldi für ihre Jahrrechnungen aus und es kam – wenig überraschend – vor allem auf der Landschaft zu Konflikten wegen der Erhöhung der indirekten Verbrauchssteuern. Aber bereits nach zehn Jahren pendelten sich die Finanzverhältnisse gesamthaft auf einem nur leicht erhöhten Niveau ein.
Konservative Rechnungsführung
Ebenso konservativ wie die Haushaltsführung war auch die Rechnungsführung der Finanzverwaltung. Die Struktur der 1446 eingeführten Jahrrechnungen in Heftform blieb für die nächsten 165 Jahre im Wesentlichen unverändert. Entsprechend wurden inaktive Budgetposten über Jahrzehnte leer weitergeführt und neue Aktivitäten nur zögerlich in die Kontenstruktur integriert. Und erst etwa 1590 stellte die Finanzverwaltung vollständig vom römischen auf das arabische Ziffernsystem um. Ein Schritt, den sie dann allerdings innerhalb kurzer Zeit erfolgreich bewältigte. Während
Struktur und Layout der Rechnungen über lange Zeit fast unverändert fortgeführt wurden, gab es bei der Ausgestaltung der verwendeten Schriften gewisse Anpassungen an den Zeitgeschmack. So wurde vor allem das Design der Titelblätter zusehends ausladender und verschnörkelter. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass auch zu Beginn der Frühen Neuzeit trotz grosser jährlicher Schwankungen bei den Einnahmen und Ausgaben die Basler Haushaltspolitik in ausgesprochen geordneten Bahnen verlief und durch eine übersichtliche Buchführung bei den Jahrrechnungen bestens unterstützt wurde.
Fehlende Planungsgrundlagen und erschwerte Kontrolle
Umso mehr überrascht ein genauerer Blick in die Quellen: Die Jahrrechnung, die für die geordnete Finanzpolitik der Stadt angeblich so wichtig war, lag in keinem einzigen Fall bereits zu Beginn des neuen Haushaltsjahres vor. Nur drei Mal in 64 Jahren konnte sie zumindest am Ende des Folgejahres vom Rat abgehört und genehmigt werden. Durchschnittlich aber benötigten die zuständigen Dreierherren mehr als vier Jahre für die Erstellung der jährlichen Gesamtübersicht. Die Finanzpolitik musste in der täglichen Praxis offensichtlich ohne die entsprechenden Informationen auskommen. Die Jahrrechnung diente also wohl nicht der besseren Planung, sondern lediglich der nachträglichen Kontrolle der für die Finanzverwaltung verantwortlichen mächtigen
Dreierherren. Mehrmals unternahm der Kleine Rat Anläufe, um die Situation zu verbessern und den Rechnungsabschluss zu beschleunigen. Ab 1610 diskutierte er intensiv über eine Reorganisation der Finanzverwaltung und führte 1616 schliesslich als neues Oberaufsichtsorgan die sogenannte Haushaltskammer ein. Sie sollte die bessere Kontrolle der allmächtigen Dreierherren gewährleisten. Anders als beabsichtigt führte die Reform aber nicht zu neuer Transparenz.
Niedergang der Verwaltungsschriftlichkeit
Im Gegenteil: Faktisch war 1611 das Ende der Jahrrechnungen gekommen. In den folgenden fünfzig Jahren wurden keine Jahrrechnungen mehr erstellt und so diese 160-jährige ununterbrochene Serie abrupt beendet. Und auch sonst kam es zu einer bemerkenswerten Verschlechterung der Aktenführung im Finanzsektor. Wir wissen nicht, ob die damalige Obrigkeit über andere Mittel verfügte, um sich einen Überblick über die Finanzlage der Stadt zu verschaffen. Gebraucht hätte sie ihn in jedem Fall in den folgenden schwierigen Jahren während der Kipper- und Wipperzeit im
Dreissigjährigen Krieg und in der massiven Finanzkrise der Nachkriegsjahre, die nicht zuletzt auch zum blutig niedergeschlagenen Aufstand der Baselbieter Bauern während des schweizerischen Bauernkrieg von 1653 führte.
Intransparenz und Machtkonzentration
Aufgrund der mangelhaften Buchführung ist es heute jedenfalls nicht mehr möglich, ein auch nur einigermassen vollständiges Bild der städtischen Haushaltsführung jener Jahre zu rekonstruieren. Es scheint, als habe sich die mit zunehmend absolutistischen Tendenzen regierende Obrigkeit auch nachträglich nicht in die Karten schauen lassen wollen. Erst 1666, wenige Tage vor dem Tod von Bürgermeister Wettstein, unternahm der Kleine Rat einen neuen, diesmal erfolgreichen Anlauf, die Rechnungslegung zu reformieren und die Jahrrechnungen wieder einzuführen. Wettstein war seit 1634 Dreierherr gewesen und hatte dieses Amt anders als von der Ordnung vorgesehen auch als Oberstzunftmeister und Bürgermeister beibehalten. Der neue Versuch des Kleinen
Rates zielte offensichtlich darauf, eine solche Machtkonzentration, wie sie Wettstein, aber auch Vertreter des Familienregiment der Burckhardt im 17. Jahrhundert aufbauen konnten, künftig zu verhindern. Exemplarisch wird hier einmal mehr sichtbar, wie wichtig eine geordnete Finanzverwaltung und eine transparente Rechnungsführung als Voraussetzung für eine funktionierende Kontrolle städtischer Finanzpolitik sind.
Dieser Beitrag stammt von Susanna Burghartz, Leiterin des Projekts Jahrrechnungen der Stadt Basel 1535 bis 1610 – digital. Für die Online-Edition der Basler Jahrrechnungen digitalisierte das Staatsarchiv die Jahrrechnungen.