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sind uns nur in Marmornachbildungen erhalten. In der Darstellung des männlichen Körpers in jugendlicher Schönheit und Kraft lag seine Stärke, er bildete auch hauptsächlich Gestalten von Siegern in Wettkämpfen, nur wenige Götterbildnisse; daß er aber auch weibliche Figuren meisterhaft zu behandeln verstand, bezeugen seine Hera und die Amazone, mit welcher er nach Anschauung der Zeitgenossen selbst Phidias übertroffen hatte. Diese weiblichen Gestalten waren jedoch in gewisser Hinsicht männlich aufgefaßt; das Kräftige, nicht das Anmutige wird betont.
Im Gegensatze zu Myron stellt Polyklet seine Figuren nicht in lebhafter Bewegung, sondern in ruhiger Haltung oder doch nur mäßig bewegt dar, immer aber auch lebensvoll. Er giebt sozusagen die «Ansätze» zur Bewegung, z. B. zum Schreiten. Dies erleichterte das Erreichen des Ziels, welchem, wie die Peloponnesier überhaupt, so auch Polyklet nachstrebte: die bis ins Einzelne vollendete Darstellung des Körpers. Darin hat er wohl auch das Höchste erreicht und selbst Phidias wie die Späteren konnten nichts besseres bieten.
Kanon Polyklets. Daß man schon im Altertum dieser Ansicht war, erhellt daraus, daß eine Statue Polyklets - vielleicht der
Speerträger (Doryphoros) - der «Kanon» d. h.
Regel, also Musterbild genannt wurde, weil sie den «schönen Mustermenschen»
(idealen Normalmenschen) darstellte, bei dem alle Verhältnisse künstlerisch zusammengestimmt sind. In einer
Schrift hatte Polyklet die Gesetze für diese Verhältnisse der Teile untereinander und zu dem Ganzen dargelegt, und damit
auf die ganze Entwicklung der antiken
Kunst einen bestimmenden Einfluß geübt. Wohl wich man - ja auch er selbst - im einzelnen
von diesem «Kanon» ab, die Hauptsache blieb aber die gewonnene
Erkenntnis, daß der Bau des menschlichen Körpers ein gesetzmäßiger sei, und diese Erkenntnis bewahrte die antike
Kunst
vor dem «Unnatürlichen».
Darin liegt die große Bedeutung Polyklets, daß er klar aussprach und in seinen Werken verdeutlichte: der Menschenkörper ist ein Ganzes, dessen Teile in notwendiger Wechselbeziehung zu einander stehen und in ihrer Wechselwirkung auf einander die Lebenserscheinung bedingen.
Eine Gefahr lag nahe - für den Meister selbst und noch mehr für seine Schüler - nämlich jene, in einseitige Nachahmung
des Musters zu verfallen. Davor blieb die griechische
Kunst glücklicherweise bewahrt, da die Künstler auf Naturbeobachtung
nicht verzichteten, sich zwar von der Gesetzmäßigkeit «im
Ganzen» leiten ließen, aber in den Einzelheiten sich Freiheit gestatteten.
Vollendung der Form. Die Darstellung des rein Körperlichen war somit von Myron und Polyklet zur Vollendung gebracht worden, der Erstere hatte den Weg gewiesen,
^[Abb.: Fig. 108. Wettkämpfer mit dem Schabeisen.
Marmornachbildung. Florenz, Uffizien.] ¶
die natürliche Verschiedenheit der Einzelpersönlichkeiten zu beachten und zu kennzeichnen, der Andere das Allgemeingiltige und Gesetzmäßige aufzufassen. Den Ausdruck des körperlichen Lebens hatte man gefunden, sowohl für starke Bewegung wie für gelassene Ruhe. Es fehlte jetzt nur noch, auch das geistige Leben im Menschen zur Erscheinung zu bringen. Dieses höchste Ziel blieb Phidias vorbehalten.
Phidias. Ausbildung des geistigen Ausdrucks. Seine Vorgänger hatten alle Kraft auf die Ausbildung der Form verwendet und
diese erschien ihnen daher auch als Hauptsache; die volle Beherrschung der Formgebung ist aber auch eine Vorbedingung für
den weiteren Fortschritt der
Kunst zur Durchgeistigung und Beseelung, zur Verdeutlichung des inneren
Wesens.
^[Abb.: Fig. 109. Drei weibliche Gestalten vom Ostgiebel des Parthenon.
London, British Museum. (Nach Photographie von Bruckmann.)]
^[Abb.: Fig. 110. Zwei Metopen vom Parthenon.
a) Siegreicher Kentaur.
b) Siegreicher Grieche.
(London, British Museum.)] ¶