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Buchtipp
Wahn und Wunder
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts baute Hans Prinzhorn in Heidelberg eine ganz spezielle Kunstsammlung auf: Sie besteht ausschliesslich aus Werken von Patienten psychiatrischer Heilanstalten. Zunächst war die Sammlung als Forschungsarchiv geplant. Die Bilder sollten bei der Diagnose psychischer Krankheiten helfen. Bald wurde sie aber für Prinzhorn aus künstlerischen Gründen interessant. Die Werke inspirierten andere Künstler: Bekannte Maler, Bildhauer und Schriftsteller wie Paul Klee, Max Ernst, André Breton und Salvador Dalí, sahen in dieser Sammlung einen von bürgerlicher Erziehung unverfälschten, unmittelbaren Ausdruck des menschlichen Innenlebens. Die moderne Kunst provozierte die Nazis von Beginn an. Dieses Buch erzählt davon, wie diese Künstler, die zugleich Patienten waren, mit dem Naziregime in Konfrontation gerieten. Denn die Nationalsozialisten fühlten sich dieser Kunst provoziert. Sie bezeichneten sie als «entartet» und rotteten sie aus. Auch die Künstler, die sie produziert hatten. Das Buch erschliesst die Schicksale der Künstler und macht die Bilder verfügbar.
Im Herbst 1939 begann das Ministerium des Inneren des Dritten Reichs mit der Erfassung aller Patienten mit psychischen Krankheiten im Land. Registriert wurden Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenie, Epilepsie, Altersdemenz, Syphilis, «Schwachsinn», Enzephalitis oder Morbus Huntington. Der grösste Teil der registrierten Menschen wurden eingesammelt und vergast. Die Nazis hatten mit der industriellen Vernichtung der unerwünschten Teile der Bevölkerung ihres eigenen Landes begonnen. Unter den Menschen, die dieser Aktion zum Opfer fielen, befanden sich über zwanzig Künstler, deren Kunstwerke der Psychiater Hans Prinzhorn in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gesammelt hatte. Dieses Buch erzählt davon, wie diese Künstler, die zugleich Patienten waren, mit dem Naziregime in Konfrontation gerieten.
Im Zentrum steht dabei die Kunstsammlung, die Hans Prinzhorn in Heidelberg aufgebaut hat. Sie besteht ausschliesslich aus Werken von Patienten psychiatrischer Heilanstalten. Zunächst war die Sammlung als Forschungsarchiv geplant. Die Bilder sollten bei der Diagnose psychischer Krankheiten helfen. Bald wurde sie aber für Prinzhorn aus künstlerischen Gründen interessant. Die Künstler waren meist von Schizophrenie betroffen, viele verbrachten ihr Leben von aller Welt abgeschnitten in Heilanstalten. Die wenigsten wollten bewusst «Kunst» schaffen. Ihre Zeichnungen, Skulpturen und Texte waren ein Mittel, ihre psychotische Wirklichkeit abzubilden.
Die Sammlung enthält alle möglichen Werke, von Gemälden, Zeichnungen und Collagen bis hin zu Kritzeleien, Gedichten und Musik. Dafür verwendeten die Patienten, was ihnen gerade in die Hände fiel: abgelaufene Pflege- und Speisepläne, Tüten, benutzte Briefumschläge und sogar Toilettenpapier. Plastiken finden sich neben Entwürfen für Erfindungen, Tagebüchern oder Briefen, die niemals abgeschickt wurden. Manche zeichneten pornografische Szenen. Andere stellten mit Nadel und Faden Stoffpüppchen her oder bestickten Wäschestücke mit Worten und Satzfetzen.
Prinzhorn hat diese Kunst aus ihrem Entstehungsort, den psychiatrischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen, herausgeholt und der Aussenwelt zugänglich gemacht. Er präsentierte sie einer neuen Generation von Künstlern, die damit beschäftigt waren, den Wahnsinn zu verarbeiten, den sie im Ersten Weltkrieg erlebt hatten. Bekannte Maler, Bildhauer und Schriftsteller, darunter Paul Klee, Max Ernst, André Breton und Salvador Dalí, sahen in dieser Sammlung einen von bürgerlicher Erziehung und Bildung unverfälschten, unmittelbaren Ausdruck des menschlichen Innenlebens. Das führte dazu, dass für ein paar stürmische Jahre zwischen 1920 und 1930 von Wahnsinnsideen inspirierte Kunst bei der Avantgarde in hohem Ansehen stand. Doch sie blieb stets eine Provokation. Und dann wurde sie von den Nazis attackiert.
Autor Charlie English schreibt: «Die Nationalsozialisten suchten den Leuten den Traum von einer Zukunft zu verkaufen, die auf einer mythischen Vergangenheit beruhte.» Sie schwärmten von einem reinen Volk und einer «Rasse» der «Arier». «Adolf Hitler, der Messias der Bewegung, hatte mit Prinzhorns Künstlern mehr gemein, als er zuzugeben bereit gewesen wäre», schreibt English. Hitler war vermutlich selbst eine hysterische, psychopathische Persönlichkeit. Zudem sah sich Hitler selbst als Künstler. «In der Kunst der Moderne mit ihren Anleihen bei der Psychiatrie, ihren Abstraktionen und ihrer groben emotionalen Expressivität, die sich so sehr von seinen eigenen lauen Aquarellen unterschied, sah er ein Symptom für ‹geisteskranke› Einflüsse, welche die ‹Volksgemeinschaft› der Deutschen verunreinigt hätten.»
Das spannend zu lesende Buch von Charlie English schafft einen neuen Zugang zu den Bilder und ihren Künstlern – und zum Umgang der Nationalsozialisten mit Künstlern und mit psychisch kranken Menschen.
Charlie English: Wahn und Wunder. Hitlers Krieg gegen die Kunst. Aufbau-Verlag, 400 Seiten, 39.50 Franken; ISBN 978-3-351-03935-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783351039356
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