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Sie haben durch die Jahrhunderte Maler und Musiker, Bildhauer und Dichter inspiriert: Die Jahreszeiten. Beim Wiederhören dieses bezaubernden Werks ist man einmal mehr erstaunt, dass sein Schöpfer, gezeichnet von Altersbeschwerden und Depression, eine derart jugendfrische Musik schaffen konnte. Die Rede ist von Joseph Haydns (1731–1809) weltlichem Oratorium «Die Jahreszeiten», dargeboten vor kurzem in der Tonhalle Zürich von «Les Arts Florissants» unter ihrem Gründer William Christie.
Schon während der Komposition hatte Haydn wiederholt über Erschöpfung und zunehmende Konzentrationsschwäche geklagt. Zwei Jahre – von 1799 bis 1801 – hatte die mühevolle Arbeit gedauert. «Die Jahreszeiten» sollten sein letztes großes Werk bleiben, nur noch die Schöpfungsmesse (1801), die Harmoniemesse (1802) und einige Bearbeitungen schottischer Lieder entstanden danach. 1803 gab Haydn das Komponieren völlig auf; sechs Jahre später, 1809, starb er im Alter von 77 Jahren.
Neben den körperlichen Gebresten gab – den Quellen zufolge – auch die Zusammenarbeit mit dem Librettisten, dem umtriebigen, gebildeten, aber ziemlich eigensinnigen Diplomaten und Hofbibliothekar Baron Gottfried van Swieten, wiederholt Anlass zu Auseinandersetzungen. Zwar hatte Haydn mit Swieten bereits für die erfolgreiche «Schöpfung» zusammengearbeitet, doch mischte dieser sich nun zunehmend auch in den kompositorischen Prozess ein bis hin zu konkreten Vorschlägen, wie eine bestimmte Textstelle musikalisch umgesetzt werden sollte. Mitunter setzte sich Haydn über solche Vorschläge hinweg, andere akzeptierte er, wenn auch contre cœur, wie wir aus einem Brief an den Leipziger Bearbeiter des Klavierauszugs erfahren: «Diese ganze Stelle als eine Imitation eines Frosches ist nicht aus meiner Feder geflossen; es wurde mir aufgedrungen, diesen französischen Quark niederzuschreiben» – eine Bemerkung, die zeitweilig für Missstimmung wischen Komponist und Librettist sorgte, als dieser davon erfuhr.
Ungeschmälert bleibt jedoch van Swietens Verdienst, Haydn eine Textvorlage geliefert zu haben, die dessen Genie zu überaus reizvollen, aber keineswegs platten Tonmalereien inspirierte: Wir hören die Vögel zwitschern, den Hahn krähen, die erwähnten Frösche quaken. Wir erleben den bleiernen Glast eines Sommertags, das Grollen des nahenden Sturms und das Zucken des Blitzes. Wir folgen den schnürenden Hunden auf Wildes Spur, vernehmen den Hörnerschall, den Büchsenknall und das Halali der erfolgreichen Jäger. Wir amüsieren uns beim Erntedank, wenn Winzer- und Bauersleut’ nach reicher Ernte dem brausenden Most und dem jungen Wein ausgiebig zusprechen, bis sie nur noch torkeln und schreien können. Und schließlich irren wir mit einem entkräfteten Wanderer durch die klirrende Winterlandschaft und sind froh, mit ihm endlich die warme Stube zu erreichen, wo am Rocken Flachs und Geschichten gesponnen werden, bis dann der große Morgen anbricht. Damit ist nicht Weihnachten gemeint – allenfalls in metaphysisch übergeordneter Sicht –, sondern der christliche Heilsgedanke generell, der dem tätigen, sich mühenden Menschen die Himmelspforten zum Ewigen Leben erschließt. Damit nimmt die bis dahin profane Schilderung des Jahreszyklus eine religiöse Wende. Haydn unterstreicht diese transzendentale Dimension mit einer großartigen Fuge für Doppelchor und Solistenterzett. Als liberal denkender Freimaurer hatte er bei aller Frömmigkeit wohl auch gewisse Vorbehalte gegenüber allzu expliziter Überhöhungen, dennoch dürfte er diese Schlussapotheose als persönliches Memento mori empfunden haben. Was nicht ausschließt, dass er sich mit einzelnen Textpassagen schwertat, wie zahlreiche Überlieferungen nahelegen. So soll er, der extrem arbeitsame Komponist und Musiker, sich distanziert zum moralisierenden Text zur «Ode» an den Fleiß (Nr. 23) geäußert haben.
James Thomson (1700–1748) – Gottfried van Swieten (1733–1803)
Van Swieten stützte sich bei seiner Dichtung, wie schon bei der «Schöpfung», auf eine englische Textvorlage: Damals auf das Epos «Paradise lost» von John Milton, jetzt auf «The Seasons» des schottischen Dichters James Thomson, der übrigens auch Textautor der inoffiziellen Hymne Englands, «Rule, Britannia», war. Aus dem mehrere tausend Verse umfassenden Poem, stückweise zwischen 1726 und 1730 publiziert, hatte van Swieten einzelne ergiebige Passagen ausgewählt, die den Menschen und sein Verhältnis zur ihn umgebenden Natur- und Kulturlandschaft bildhaft schildern, wobei auch rousseausches Gedankengut und pietistische Vorstellungen zu Fleiß und Moral einflossen, sodass sich ländliche Genreszenen und tiefsinnige Reflexionen dramaturgisch geschickt zu einem Ganzen verbinden. Dazu fügte van Swieten drei Personen ein, eher Betrachtende und nur selten Handelnde, wie beispielsweise, wenn Sopran und Tenor im Duett als bukolisches Liebespaar auftreten. Der Pächter Simon (B), seine Tochter Hanne (S) und der junge Bauer Lukas (T) sind Gestalten, wie sie einer Rokoko-Pastorale entsprungen sein könnten. Die drei fungieren gewissermaßen als Bindeglieder zwischen Zuhörer und Werk, indem sie das Geschehen erzählend und kommentierend begleiten und uns Zuhörer immer wieder auf besondere Ereignisse und Naturphänomene hinweisen: «Seht...!» –«Hört...!» – «Erkennt...!»
Nicolas Poussin (1544–1665): «Les Saisons», an Bibelstellen orientierte ikonografische Darstellung der Jahreszeiten
Natürlich muten einzelne Formulierungen und Sentenzen etwas betulich oder gar pathetisch an, doch Haydns überaus originelle, immer wieder mit überraschenden Effekten und vielerorts aufblitzendem Witz ausgestattete Musiksprache entkräftet derartige Beckmessereien quasi con brio e spirito! Dazu setzt er auch ein außerordentlich reichbesetztes Orchester ein, das neben den Streichern, doppeltes Holz mit Piccolo und Kontrafagott, Hörner, Trompeten, drei Posaunen, Pauken und für bestimmte Effekte auch Tamburin und Triangel sowie Cembalo für die Rezitative vorsieht. Hier gespielt von Béatrice Martin, die den Rezitativen beredte Intensität verleiht.
Nach einzelnen Aufführungen im privaten Kreis fand die öffentliche Uraufführung im Mai 1801 mit großem Erfolg in der Wiener Hofburg statt. Warum allerdings die «Jahreszeiten» immer etwas im Schatten der «Schöpfung» stehen, bleibt eines der unergründlichen Rätsel der Rezeptionsgeschichte.
Titelvignetten zu James Thomsons Poem «The Seasons» (1730),
Radierungen von Nicolas Henri Tardieu nach Zeichnungen von William Kent:
Regenbogen, Sommerbad, Jagd und Ernte, Wintersturm, dazu die Sternzeichen des Zodiacs.
«Les Arts Florissants» mit ihrem historisch informierten Apparat aus exzellenten Streichern und hervorragenden Bläsern sowie der angegliederte agile 24-köpfige Chor belehren jedenfalls eines Besseren. William Christie schlägt grundsätzlich flüssige Tempi an, lässt aber der Musik immer genügend Raum zum Atmen. Detailverliebt und pointiert, wahrt er doch den grossen Bogen und bringt Haydns Klanguniversum zum Blühen und Leuchten, scheut sich aber auch nicht, den Klang aufzurauen, die Konturen plastisch und geschärft hervortreten zu lassen wie etwa in der gravitätischen Einleitung, mit der der Frühling, noch ganz im Banne des erstarrten Winters, ganz ungewohnt düster beginnt. Hinreißend «chaotisch» gelingt im «Herbst» der Winzerchor von nahezu breughelschem Kolorit mit Gestampfe und schnarrender Dudelsackquint, sodass man sich wundert, woher der für seine notorische Abstinenz bekannte Komponist seine Inspiration bezog: «Mein Kopf war so voll von dem tollen Zeug: es lebe der Wein, es lebe das Fass!, dass ich alles darunter und darüber gehen ließ. Ich nenne daher die Schlussfuge des ‹Herbstes› die besoffene Fuge.» Entsprechend lassen Chor und Orchester der «Blühenden Künste» die Zügel schießen: Dionysische Sinnesfreude pur! Und jederzeit hochpräzis!
So anrührend und ätherisch der Bittgesang um günstige Witterung im Frühjahr für die Feldfrucht erklingt, so bodenständig und ungeschlacht kostet der Chor die schnurrenden obstinaten Rhythmen des winterlichen Spinnerlieds aus, um sodann Hannchens folgende Moritat mit hämischem Witz zu sekundieren. Hier zeigt sich Ana Maria Labins lichter, auch in der Höhe angenehm gerundeter Sopran von seiner komischen Seite, indem die Sängerin einen aufgesetzt burschikosen, fast plärrenden Ton anschlägt, der hervorragend zum Küchenliedcharakter der Geschichte um den düpierten Edelmann passt, der das tugendhafte Mädchen, das er leicht zu verführen glaubte, unversehens auf seinem eignen Pferd davon galoppieren sieht: «Ha, ha, das war recht fein!»
Ana Maria Labin – Moritz Kallenberg – Sreten Manojlović
Den Part des Bauern Lukas singt Moritz Kallenberg mit schlankem, beweglichem Tenor. Köstlich, wie er sich als junger Verliebter ironisch prahlerisch in Szene setzt, wenn er sich der Liebe seiner Hanne versichert. Doch in seiner Erzählung vom im unendlichen Weiß Verirrten gewinnt sein lyrisches Timbre eine dramatische Färbung, die dessen existentielle Not beklemmend nachempfinden lässt. Umso befreiender dann der erlösende Jubel mit blitzsauberen Koloraturen, als dieser das tröstende Licht entdeckt, das ihm den Weg in die warme Stube weist. Der serbische Bass Sreten Manojlović verleiht dem Pächter Simon differenziertes Profil – vom naiv flötenden Ackermann, der sich augenzwinkernd an die Sinfonie mit dem Paukenschlag (Nr. 94) erinnert, über die überaus bildhafte Schilderung des Jagdhundes, dessen ungestümen Jagdtrieb wir geradezu atemlos miterleben, bis hin zur nachdenklichen Arie, die den Jahreslauf mit dem menschlichen Leben vergleicht.
«Die Jahreszeiten haben mir den Rest gegeben. Ich hätte sie nicht komponieren sollen», hat Haydn notiert. Das jedoch wäre ein immenser Verlust! Wir haben es soeben erlebt: Ein Konzert, ein Werk, ein Musizieren, das für zwei gute Stunden in eine heilere Welt als die unsere entrückt (die, wir sind uns bewusst, auch nicht nur heil war!). Dennoch treten wir beglückt und erfüllt in die kalte Gegenwart hinaus..
31.03.3023