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Von der Prophetin Hulda zur Beschneidung Jesu:
Biblische Szenen am Westportal der Kathedrale von Lausanne
Buch des Monats
Die Kathedrale von Lausanne ist ein wichtiges Beispiel für gotische Kirchenarchitektur in der Schweiz. Sie wurde im 12./13. Jh. etwa zeitgleich mit den Kathedralen von Chartres und Notre-Dame in Paris erbaut. Der Lausanner Bischof Aymon de Montfalcon veranlasste 1515 den Bau eines spätgotischen Westportals mit einem biblischen Skulpturenzyklus, das nach einer Restaurierung und anlässlich des Reformationsjubiläumsjahres derzeit mit einer Publikation und kleinen Ausstellung in der Kathedrale gewürdigt wird.
Die Baugeschichte des Portals ist komplex: Es blieb noch unter Bischof Aymons Nachfolger Sébastien de Montfalcon (1517-1536) unvollendet und wurde bereits im 18. Jh. restauriert. Zwischen 1889 und 1909 wurde das Portal vom Bildhauer Raphaël Lugeon nach dem historischen Vorbild vollständig neu gebaut. Bemerkenswert ist weniger die künstlerische Qualität der Steinplastik als das Bildprogramm, das auf das ursprüngliche theologische Konzept des Aymon de Montfalcon zurückgehen dürfte. Es setzt zahlreiche Szenen aus dem Alten Testament mit dem Neuen Testament in Beziehung.
Typologische Bibelauslegung im Mittelalter…
Solche typologischen Schriftauslegungen waren im Mittelalter der übliche Weg, einen «roten Faden» in der Bibel aufzuzeigen und eine gesamtbiblische Theologie zu erarbeiten. Werke wie die sog. «Armenbibeln» (Biblia Pauperum) und die «Heilsspiegel» (Speculum humanae salvationis) stellten damals eine grosse Auswahl an Szenen aus dem Alten Testament zusammen (»Typus»), die als Hinweis auf neutestamentlich-christologische Szenen (»Antitypus») verstanden wurden.
In der heutigen Theologie ist das Bewusstsein für die Eigenständigkeit der jüdischen Bibel (Erstes/Altes Testament), die sich keinesfalls auf ihre christlich-christologische Relektüre und Neuinterpretation reduzieren lässt, stark gewachsen. Typologische Schriftauslegung führt aus dieser Perspektive zu zahlreichen Irritationen und Engführungen. Nichtsdestotrotz sind solche Bilderzyklen eine reiche Quelle biblischer Spiritualität.
Das Westportal der Lausanner Kathedrale zeigt in je zwei Doppelbögen im Portalgewände zwölf Szenen aus dem AT auf der rechten und zwölf neutestamentliche Szenen auf der linken Portalseite. Hinzu kommen einige kleinere Szenen z.B. aus der Simson-Erzählung sowie grosse Gewändefiguren von Propheten und Evangelisten. Die Buchpublikation enthält Fotografien von Claude Bornand sowie eine theologische Einleitung und kurze Erläuterungen der Lausanner Pfarrerin Jocelyne Muller, die bereits Schriften zu den Tier- und Pflanzendarstellungen der Kathedrale veröffentlicht hat. Die Einzelbeschreibungen eröffnen damit einen Zugang zur typologischen Interpretation biblischer Szenen. Dabei gibt Muller die typologischen Zusammenhänge öfters relativ unkritisch wieder. Manche irritierende Passagen (ist z.B. die «Vertreibung aus dem Garten Eden, die auch als Sündenfall bezeichnet wird», tatsächlich «das zentrale Thema christlicher Theologie»?) sind jedoch auch der gelegentlich unscharfen Übersetzung aus dem Französischen geschuldet.
… und heute?
Da die typologische Schriftauslegung als bibelhermeneutisches und theologisches Gesamtkonzept nicht mehr zu überzeugen vermag, liegen die bibelpastoralen Chancen solcher Zyklen heute anderswo: Typologische Zyklen enthalten eine Vielzahl eher selten dargestellter, heute wenig bekannter Bibelszenen, gerade weil sie nicht wegen ihres «Eigenwerts», sondern nur im Rahmen typologischer Interpretation Bedeutung zugesprochen bekamen. Die Zyklen bieten damit die Gelegenheit zur Wiederentdeckung der Bibel als intertextuell vielfach ineinander verwobene Sammlung zahlreicher Einzelschriften und Erzählungen. Dabei können in der theologischen Interpretation ganz andere Akzente gesetzt werden als es von den Urhebern des typologischen Zyklus vorgesehen war.
Die Prophetin Hulda
Die Beschneidung Jesu
Fazit
Das Lausanner Westportal ist (wie auch die Kathedrale als Ganze und manche andere biblische Darstellungen darin) einen Besuch wert. Die Publikation und die aktuelle Ausstellung in der Kathedrale (noch bis 11. November 2017) erleichtern den Zugang zur fremden Welt typologischer Bibelauslegung. Heute tragfähige Zugänge jenseits der Typologie erschliessen sich am besten mit der Bibel in der Hand vor Ort!
Buch:
Jocelyne Muller, Les Scènes Bibliques du Grand Portail de la Cathédrale de Lausanne/Biblische Darstellungen auf dem grossen Portal der Kathedrale von Lausanne/Biblical Scenes from the Grand Portal of Lausanne Cathedral, Lausanne (Les Editions de la Tour Lanterne) 2017. Erhältlich im Besucherzentrum der Kathedrale, keine ISBN, 146 Seiten, CHF 15.-.
Detlef Hecking, 22.6.2017
Donnerstag, 22. Juni 2017, 14:44