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«La recluta Senzapace» hiess der Roman, der vier Tage vor der Mobilmachung 1939 in Lugano erschien und den die Büchergilde Gutenberg unter dem Titel «Rekrut Senzapace» schon bald als «Schweizer Soldatenbuch» vermarktete. Genau besehen sang jedoch die Geschichte vom Tessiner Rekruten Adolfo Senzapace, der seiner Korpulenz wegen in der Kaserne von Bellinzona als schweizerischer Schwejk zum Gespött der Kameraden wird, mit seiner Tollpatschigkeit aber letztlich die Machtlosigkeit der Offiziere blosslegt, keineswegs das Lob des vaterländischen Soldatentums. Weit eher entlarvte sie die chau vinistischen Allüren der meist deutschschweizerischen Offiziere in den Tessiner Kasernen und stellte letztlich den Militarismus als etwas Fragwürdiges an den Pranger. Aberwitzigkomisch reagierte der gleiche Verfasser dann auch, als die Armee ihn für die Soldatenweihnacht 1940 und 1943 ganz offiziell um geeignete Texte bat und diese jeweils unbesehen an 5000 Soldaten italienischer Muttersprache verteilte. «Il sesso forte» von 1940 zeichnet das «starke Geschlecht» nicht als martialisch militärische Heroen, sondern als heitere Hausmänner! Und in der Erzählung «Capitan» von 1943 entpuppt sich der Hauptmann des Titels als ganz gewöhnlicher Gockel, der im Hühnerhof die Hennen herumkommandiert! Aufträge wie diese bekam der Verfasser nicht zuletzt deshalb, weil er als Italienisch Korrespondent im Stab des Schweizer Armeekommandos in Langnau im Emmental Dienst tat. Orlando Spreng hiess er, und der Berner Familienname mit italienischem Vornamen verriet eine Herkunft, die zugleich ein lebenslanges Dilemma war. Am 30. Oktober 1908 im italienischen Sesto Cremonese geboren, war er der Sohn einer italienischen Bauerntochter und eines Berner Käsermeisters, der den Emmentaler in die Po Ebene hatte verpflanzen wollen, bis er und seine Familie 1914 als «Tedesci» zum Teufel gejagt wurden. Italienischer Muttersprache, aber weder Tessiner noch Deutschschweizer, wurde Orlando Spreng nach dem Schulbesuch in Mendrisio Postbeamter in der Berner Filiale Korn hausplatz. Im Militärdienst aber, auf der Schreibmaschine von General Guisans italienischer Stabsstelle, schrieb er 1940/41 jenen Roman, mit dem er, wären die Zeiten anders gewesen, in die grosse italienische Literatur hätte Einzug nehmen sollen: «Il reduce» / «Der Heimgekehrte», einen Bauern Liebes- und Antikriegsroman, den er in seiner italienischen Kinderheimat, der Po Ebene, ansiedelte und in dem er am Beispiel eines Heimkehrers von Mussolinis Abessinienkrieg zeigte, was für Ver störungen der Krieg in den Menschen zurücklässt. Lustig war das jedenfalls nicht, bloss aktuell, und als das Buch 1941 auf Italienisch und 1943 auf Deutsch erschien, enttäuschte es all jene, die wiederum lustige Senzapace Geschichten erwartet hatten. Orlando Spreng starb am 27. Januar 1950 in Lugano 41jährig an einer heimtückischen Erbkrankheit, der kurz darauf auch sein Bruder und sein Sohn zum Opfer fielen. In der von schreibenden Professoren dominierten Tessiner Literaturszene aber war es undenkbar, dass «Il lago» («Der See»), sein 1952 posthum erschienener dritter Roman, den schon zu Lebzeiten vergessenen «Volksschriftsteller» nochmals hätte ins Gespräch bringen können. Dies, obwohl die Geschichte der deutschen und Deutschschweizer Kolonisierung eines Tessiner Fischerdorfs kulturpolitischen Sprengstoff wie kein anderes Buch jener Jahre enthielt.