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Pfeifen hängen von der Decke. Wie Tropfsteine baumeln die verzinkten Rohre einer Orgel herab, andere werfen schlanke, spitze Schatten auf die gläsernen Wände. Auch kleinere Pfeifen aus Blei sind im Erdgeschoss des Kunsthaus Bregenz zu sehen. An einer Wand reihen sich hölzerne Blöcke zu einem monumentalen Relief, das an die Arte Povera der 1960er und -70er Jahre erinnert. Alle Pfeifen stammen aus der Wallfahrtsbasilika Sieben Schmerzen Mariae am Pöstlingberg in Linz, dem Geburtsort der Künstlerin. In der Figur der Maria sieht VALIE EXPORT das auf dem vereinfachenden Dualismus von "gut" und "böse" basierende Frauenbild der Religionen verdeutlicht: Die Frau wird entweder als Ideal (Maria Muttergottes) verehrt oder als Sünderin (Maria Magdalena) geächtet. Die Orgel der bekannten Barockkirche wird derzeit durch eine neue ersetzt, VALIE EXPORT übernimmt den alten Bestand. Aus den ausrangierten Pfeifen stellt sie eine "Tonskulptur" zusammen: eine Komposition aus Hör- und Sichtbarem, eigens erdacht für den imposanten Raum des Kunsthaus Bregenz.
Mit der Eingangshalle betreten Besucher*innen ein wuchtiges Klanggebilde. Eine Gruppe von sieben Musikern intoniert einen Song von Charles Mingus. Der afroamerikanische Jazzmusiker hat das Lied 1961 komponiert, am Höhepunkt der Auseinandersetzungen um den Kalten Krieg. Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me ist Gebet und Geheul zugleich. Die Anrufung wird beharrlich wiederholt, ist eine Mischung aus Angst und Klage. Durch die jüngsten Ereignisse in der Ukraine erhält der Song eine schmerzliche Dringlichkeit. Einige der Pfeifen lässt VALIE EXPORT zu einer sogenannten "Stalinorgel" zusammenbauen. Die Skulptur erinnert an die gefürchtete Raketenbatterie aus dem Zweiten Weltkrieg, die Rohre schussbereit nach oben ausgerichtet. Die Pfeifen sind keine sakralen Klangkörper mehr, die Frieden und Heil stiften, sondern furchteinflößende Geschosse, die Zerstörung und Tod bringen.
VALIE EXPORT verwendet den Song von Charles Mingus bereits 1989 zum ersten Mal – in dem Jahr, das allgemein als das Ende des Kalten Krieges gilt. Im Dokumentarfilm Aktionskunst International. Dokumente zum Internationalen Aktionismus fasst sie die Kunstgeschichte der 1960er Jahre zusammen. Mingus' Song liefert die Soundspur für den Situationismus. Die Künstlerin erläutert ihn als eine Kunstform, in der es vor allem um das subjektive Erleben und die Entgrenzung von Kunst und Leben geht. Auch die Orgelpfeifen interpretiert VALIE EXPORT als "Subjekte". Sie finden sich zu einem vielstimmigen Chor zusammen. Zudem sind die Instrumente dem menschlichen Körper nachempfunden. Sie brauchen den Luftstrom wie der Mensch die Atmung. Die Luftschlitze an den Pfeifenkörpern werden im Fachjargon "Lippen" genannt. Schon 1969 beschäftigt sich die feministische Künstlerin theoretisch und künstlerisch mit der menschlichen Stimme. In ihrer Konzeptarbeit Tonfilm stellt sie eine Verbindung zwischen Licht und Ton, zwischen Ausdruck und Angst her. Ein fotoelektrischer Verstärker wird in die Stimmritze eingesetzt. Der Verstärker wird mit einem lichtempfindlichen Sensor verbunden. Strömt Licht, beginnt die Person unwillkürlich zu schreien. Aus dem Subjekt ist eine verzweifelte Maschine geworden. Die Tonskulptur für das Kunsthaus Bregenz nimmt diesen Gedanken wieder auf und aktualisiert ihn mit Blick auf die gegenwärtige politische Agenda, dem dringlichen Wunsch nach Frieden.
Sie hören ein Arrangement von Peter Madsen, der lange Mitglied der Charles Mingus Band war. Eingespielt wurde das Stück von Madsen und sechs weiteren Musikern, darunter der namhafte Vorarlberger Sänger George Nussbaumer. Die Aufnahme fand am 13. Januar 2023 in einem Studio in Hard nahe Bregenz statt. Die Orgelpfeifen wurden von den Musikern wie Flöten gespielt oder wie Percussions getrommelt.