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Setzen Sie sich in einen Sessel, legen Sie die CD ein und hören Sie einfach nur zu:
«Ein U/ Ein E/ Ein I/ Ein Enn/ Ein Eff/ Ein Ge/ Ein Zett/ Ein Te/ Ein Err/ Neun Runen nur/ neun nur/ nur neun/ neun Runen feiern eine freie Fuge nun/ Unfug erfriert/ Feuer fing Engen/ Unfug zerfriert/ Enge fing Feuer/ neunzig Zentner runtertreten …»
Neun Buchstaben nur benötigt der 1892 in Berlin geborene Otto Nebel, um im Klang der Worte eine ebenso verblüffende wie irritierende, zuweilen auch abstrus-witzige Sprachwelt zu erschaffen. Zu entdecken ist diese musikalisch-sprachliche Forschungsreise in seinem Zyklus ‹Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt›, aus dem auch die oben zitierten Zeilen stammen. Entstanden ist ‹Unfeig› in den Jahren 1923/24, als, so Otto Nebel, «Ergebnis umfangreicher Sprachforschungen». Der Band umfasst 25 Texte mit unterschiedlichem Umfang, erdichtet allesamt mit dem Material der neun Buchstaben (siehe oben). Teile davon erschienen damals in der Zeitschrift ‹Sturm›.
Nebel, der in Berlin auch als Maler wirkte, musste 1933 in die Schweiz emigrieren, wo er bis zu seinem Tod 1973 in Bern lebte. Daniel Berner und Andreas Mauz haben nun den vollständigen Text nach der Endfassung von 1956 (inklusive einer Lesung des Autors auf CD) neu ediert – eine überaus lohnenswerte (Wieder-)Entdeckung nicht nur für passionierte Lyrik-Lesende. Im aufschlussreichen Nachwort erörtern die Herausgeber Nebels eigenwillige Runen-Fugen-Poetik, die für das dichterische Schaffen des Autors von grosser Bedeutung ist. Nebel selbst schreibt: «Der verbildete Mensch unserer Tage ist worttaub und bildblind. Was er liest, das hört er nicht. Was er schreibt, das sieht er nicht (…). Schon das schöne Wort ‹Buch-Stabe› erlebt er nicht mehr. Sieht die Buche weder, noch den Stab. Hört die Buche nicht mehr rauschen (…)».
Zwischen Text und Ton ereignet sich Welt. Nebels unkonventionelles Schreibverfahren zielt denn auch auf den klanglich-rhythmischen Sprachgebrauch, zwischen Wort und Klang entstehen Sinnebenen – unerwartet und neu. Oder anders: Nebels Texte offenbaren sich in ihrer Musikalität, dort ist das Ereignis, das über den buchstäblichen Wortgehalt hinausweist.
Bei allem Ernst der Sache: Die streng komponierten Fugen sind auch ein Spiel mit Buchstaben und Lauten, welches die Möglichkeiten von ‹neun Runen nur› immer wieder anders feiert und dabei Klang- und Bedeutungsebenen findet – und neu erfindet.
| Corina Lanfranchi
Otto Nebel, ‹Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt›. Hg. Daniel Berner und Andreas Mauz. Compact-Buch mit CD. Mit einem Beitrag von Oskar Pastior, einer Lesung des Autors und vier faksimilierten Runenfahnen. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein, 2006. 96 S., gb., CD (73 Min.), CHF 42, www.engeler.de
(Heft Juli/August 2006)