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Sie sitzt am linken Ufer des Zürichsees, lässt ihren Blick übers Wasser zur anderen Seeseite schweifen. Dort, in Männedorf, ist sie aufgewachsen. Seit einem guten Jahr ist Tina Masafret, 34, zurück in Zürich. Es dauerte lange, bis sie angekommen ist. Doch heute kann sie durchatmen. Und geniessen. Jeden einzelnen Sonnenstrahl.
Es regnet in Strömen in Los Angeles am 12. März 2020. Es ist Tinas 33. Geburtstag, und sie ist auf dem Weg zum Flughafen. Nach einem Telefonat mit ihrem Vater, Sportrepoter-Legende Martin Masafret, 65, der ihr bestätigt, dass sie keinesfalls überreagiert, ergattert sie einen der letzten Plätze eines Fluges in die Schweiz. Danach werden alle weiteren gestrichen.
Zwei Tage zuvor ist ihr Leben noch völlig normal. Sie hat einen Teilzeitjob als Deutsch Nachhilfelehrerin für die Tochter eines Professoren-Paares. Dazu ein paar Jobs in der Film- und TV-Industrie, etwa hinter den Kulissen der US-Version von «The Voice». Und sie absolviert Castings. Denn nach viel beachteten Rollen in Serien wie «Navy CIS» oder «Counterpart» an der Seite von Oscar-Gewinner J. K. Simmons ist sie durchaus auf dem Radar von renommierten Casting- Agenturen.
Dann kommt der 11. März. Das Mädchen, dem Tina Nachhilfe erteilt, wird wegen Covid-19 ins Homeschooling geschickt, ihre Eltern arbeiten im Homeoffice. Tinas Dienste werden nicht mehr gebraucht. Auch alle anderen Projekte, mit denen sie Geld verdient, werden auf Eis gelegt. Da gibts nur eins: so schnell wie möglich nach Hause.
Gefühl der Unsicherheit
Tina packt einen Koffer. Schreibt den Freunden, die sie am nächsten Tag zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen hat, eine Nachricht: «Sorry, die Party ist verschoben.» Als sie in Zürich ankommt, empfängt sie die Leere. Der leere Flughafen, das leere Leben. «Wenn ich in den letzten fünf Jahren zu Besuch kam, war immer Rambazamba, Wiedersehensfreude. Jetzt war da nur dieses diffuse Gefühl der Unsicherheit.»
Sie kommt bei ihrer Mama, Musikerin Lilly Martin, 57, unter, wartet auf die nächste Gelegenheit, zurück nach L. A. zu fliegen. Nur: Die kommt nicht. «Nach drei, vier Monaten dämmerte es mir, dass meine Heimkehr wohl nicht so temporär ist, wie ich dachte.»
Tinas Welt gerät ins Wanken. Sie merkt, sie will – sie muss! – in der alten Heimat neu anfangen. Aber wie soll man das machen, wenn man da, wo man war, nicht richtig abschliessen konnte? «Ich habe noch all mein Zeugs dort, konnte mich von niemandem verabschieden.» Sie habe schon immer den Hang zu «depressionsähnlichen Zuständen» gehabt, sagt Tina Masafret. Als sie realisiert, dass all ihre Pläne den Bach runtergehen, setzen diese gnadenlos ein. Aber Tina wäre nicht Tina, wenn sie nicht kämpfen würde. Schliesslich hat sie sich fünf Jahre lang in Hollywood durchgeschlagen: «Ich war notorisch pleite, aber ich wusste immer, dass das noch nicht alles war!»
Keine Fernbeziehung mehr
Das Festsitzen in der Schweiz hat auch sein Gutes. Zum Beispiel muss sie keine Fernbeziehung mehr führen. Ihr Freund, Schauspieler Sven Schelker, 31, zog vor einem guten Jahr von Hamburg nach Basel, wo er ein Engagement am Theater hat. «Die Distanz Zürich–Basel ist definitiv besser machbar als Hamburg–Los Angeles», meint Tina, die den Bruno-Manser-Darsteller vor zwei Jahren über ihren gemeinsamen Schauspiel-Coach kennenlernte. «Was mein Gefühlsleben angeht, gehts mir besser denn je.»
Heute hat Tina einen Teilzeitjob bei einem Crypto-Start-up, absolviert sowohl in den USA als auch in Europa Online-Castings. Und geniesst es, zu Hause zu sein. «Hier spüre ich wieder Boden unter den Füssen.» Trotzdem: Wenn möglich, möchte sie noch dieses Jahr zurück nach Los Angeles. Denn wie sagt man so schön? «Daheim ist, wo das Herz ist.» Und das kann auch an zwei Orten sein.