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1968 wurde in Südfinnland bei Suontaka Vesitorninmäki ein Grab entdeckt, das die Archäologen auf einen Zeitraum zwischen 1040 und 1174 datierten. Darin fanden sich die Überreste eines Skeletts, das kaum noch erkennbar war, dazu mehrere Grabbeilagen: Broschen und Gewandfibeln, die zur damals üblichen Frauentracht gehörten, daneben ein Schwert an der Hüfte, ein Messer sowie ein weiteres, kostbar gearbeitetes Schwert im Erdreich über dem Grab.
Diese Grabbeilagen erzählten eine widersprüchliche Geschichte: Die Waffen liessen auf einen männlichen Bestatteten schliessen, die Broschen hingegen auf eine weibliche Tote. Sicher war jedoch, dass es sich um eine sozial hoch gestellte, angesehene Person gehandelt haben musste.
Das zweite Schwert mit dem reich verzierten Griff aus Bronze war allerdings erst später in das Grab gelegt worden, wie eine genaue Untersuchung zeigte. Doch bereits das Schwert, das direkt beim Skelett lag, war ein Indiz für eine hervorgehobene Stellung der bestatteten Person. Dafür sprachen auch weitere Grabbeigaben wie wertvolle Pelze und eine Unterlage, die mit Federn gepolstert war.
Zuerst versuchten die Forscherinnen und Forscher, die merkwürdige Kombination der Grabbeilagen dadurch zu erklären, dass ursprünglich zwei Tote in dem Grab lagen, ein Mann und eine Frau. Dafür war aber das Grab zu klein und überdies fanden sich keinerlei Überreste einer zweiten Person.
In der Vergangenheit hatte man allerdings in Skandinavien bereits Gräber gefunden, in denen weibliche Tote mit Schwertern oder Kriegsäxten bestattet worden waren. Darunter befand sich auch ein Grab in Birka im Osten von Schweden, in dem 1878 ein Schwert, ein Speer, eine Kampfaxt, Schilde, Pfeilspitzen und zwei Pferde gefunden wurden. Obwohl die Beckenknochen des Skeletts eher weibliche Formen aufwiesen, interpretierten die Archäologen den Fund als Grab eines Wikingerfürsten. Erst eine DNA-Analyse zeigte 2017 schliesslich, dass es sich bei der bestatteten Person eindeutig um eine Frau handelte.
Gleichwohl fällt das Grab von Suontaka Vesitorninmäki aus dem Rahmen. «Es ist in einem nordischen Kontext sehr ungewöhnlich, ein Schwert in einem Grab zusammen mit mehreren typisch weiblichen Artefakten zu finden», stellt ein Forschungsteam um Ulla Moilanen von der Universität Turku fest. «Die Gräber weiblicher Toter mit Schwertern enthalten nämlich in der Regel keinen Schmuck oder andere feminine Accessoires», schreiben die Archäologen in ihrer Studie, die im «European Journal of Archaeology» erschienen ist.
Das Team nahm Proben von den erhaltenen Oberschenkelknochen und analysierte sie mithilfe des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Zwar war in den Knochenresten zu wenig Genmaterial vorhanden, um das komplette Erbgut zu sequenzieren, wie es in einer Mitteilung der Universität Turku heisst. Dennoch gelang es den Experten, die Geschlechtschromosomen zu bestimmen.
Das überraschende Resultat: Die bestattete Person wies mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,75 Prozent den Karyotyp 47,XXY auf, sie hatte also ein zusätzliches X-Chromosom. Dies bedeutet, dass die Person am sogenannten Klinefelter-Syndrom litt – einer Anomalie, bei der zusätzlich zum üblichen Chromosomensatz des Mannes (46,XY) mindestens ein weiteres X-Chromosom in allen oder einem Teil der Körperzellen vorliegt. Die Person mit der seltsamen Kombination von Grabbeigaben war also ein biologischer Zwitter.
Diese Chromosomenanomalie tritt etwa ein- bis zweimal pro 1000 Geburten auf, wobei die Betroffenen anatomisch männlich sind – die Auswirkungen können in manchen Fällen so wenig ausgeprägt sein, dass bei ihnen das Syndrom gar nicht diagnostiziert wird. Oft entwickeln Betroffene aber ab der Pubertät feminine Merkmale, etwa gerundete Hüften, Ansätze für Brüste oder geringere Muskelmasse. Oft sind Bartwuchs und Körperbehaarung reduziert, die Hoden sind oft anomal klein, der Sexualtrieb verringert. Einige Betroffene können unfruchtbar sein.
Die meisten Menschen mit Klinefelter-Syndrom sähen sich heute als männlich, schreiben die Archäologen. Diese Selbstzuschreibung dürfte aber mit dem heutigen Männer- und Frauenbild zu tun haben – dagegen könnten die Selbst- und Fremdzuschreibungen im damals noch weitgehend vorchristlichen Finnland durchaus anders ausgesehen haben.
Wie sich die Person aus dem Grab von Suontaka Vesitorninmäki selber sah – als Mann, als Frau oder als etwas Drittes –, sei unmöglich festzustellen. Möglicherweise, so argumentieren die Forschenden, war die unklare Rollen-Zugehörigkeit der Person aus dem Grab von Suontaka Vesitorninmäki eine Folge dieser relativ häufigen Anomalie.
Die Rollen-Zugehörigkeit könnte im frühmittelalterlichen Skandinavien womöglich weniger stark ausgeprägt gewesen sein, als bisher angenommen wurde. Zwar vermute man, dass Männer mit weiblichen sozialen Rollen und Männer, die weibliche Kleidung trugen, in diesem «ultra-maskulinen» Umfeld nicht respektiert wurden. Doch es gebe auch Indizien dafür, dass etwa Cross-Dresser eigene soziale Nischen hatten und toleriert wurden.
Die Person aus dem Grab von Suontaka Vesitorninmäki könnte ein Beispiel für ein solches Individuum sein, dessen soziale Identität ausserhalb der traditionellen Geschlechterrollen angesiedelt war. «Sollten sich die Klinefelter-Merkmale auch sichtbar abgezeichnet haben, so könnte diese Person schon im frühen Mittelalter als weder strikt männlich noch weiblich wahrgenommen worden sein», stellen Moilanen und ihr Team fest. Die sorgfältige und aufwändige Bestattung lasse zudem vermuten, dass die Person geschätzt und respektiert wurde.
Diese Wertschätzung könnte allerdings auch andere Gründe haben, räumen die Wissenschaftler ein. So könnte die Person beispielsweise zu einer wohlhabenden und gut vernetzten Familie gehört und deshalb eine gesicherte Stellung in der Gemeinschaft genossen haben. Gleichwohl könne das Grab von Suontaka Vesitorninmäki als Beleg dafür betrachtet werden, dass die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung einer Person schon in der frühmittelalterlichen nordeuropäischen Gesellschaft nicht nur durch Biologie diktiert wurde. (dhr)