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Analyse des Schlafes zur Untersuchung der Symptome der Parkinson-Erkrankung
Das Team von Salvatore Galati (Neurocentro) untersucht die Gehirnaktivität während des nächtlichen Schlafes, um etwaige Warnzeichen im Vergleich zu den herkömmlichen Methoden schon sehr viel früher zu entdeckenvon Elisa Buson
Sag mir, wie du schläfst, und ich sage dir, ob du Parkinson bekommst. Was heute noch wie eine Technik für angehende Wahrsager scheinen mag, könnte schon bald eine neue Möglichkeit der diagnostischen Früherkennung sein. Manche Schlafstörungen können nämlich das Auftreten der neurodegenerativen Krankheit schon viele Jahre vor den eigentlichen Symptomen enthüllen und somit auch das Fortschreiten im Hinblick auf die Therapien im Auge behalten. Die Entdeckung, welche Warnsignale während des nächtlichen Schlafes genau überprüft werden müssen, ist das Ziel, an dem das Forschungsteam von Salvatore Galati, Neurologe und Experte für Bewegungsstörungen am Neurocentro della Svizzera Italiana, am Regionalkrankenhaus in Lugano, arbeitet.
Gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen, der Psychologin Ninfa Amato und der Doktorandin in Neurowissenschaften Serena Caverzasio, hat Galati die jüngsten wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema ausgewertet: Die in der Zeitschrift Journal of Neuroscience Methods veröffentlichten Ergebnisse lassen alle dieselbe Schlussfolgerung zu. «Der Schlaf – so der Experte – hat mit dem Parkinson Syndrom in zweierlei Hinsicht zu tun: Er kann sich durch die Neurodegeneration verändern und dann wiederum das Fortschreiten der Krankheit konditionieren.» Das geschieht, weil «Schlafen kein einfacher passiver Vorgang ist: Er geht mit Mechanismen einher, die für die Wiederherstellung der normalen Gehirnaktivität von grösster Bedeutung sind.»
Darauf basiert die Idee, die Gehirnaktivität während des nächtlichen Schlafes zu überwachen, um etwaige Warnsignale zu erkennen, die auf die Parkinson-Erkrankung hindeuten. Ein Beispiel? Die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung (Rem sleep Behavior Disorder, RBD), die eintritt, wenn eine Person während der Traumphase nicht, wie sie sollte, ruhig bleibt, sondern die eigenen Träume physisch miterlebt. Dies drückt sich durch eine übermässige motorische Aktivität mit der Bewegung von Armen und Beinen aus. Der Betroffene stösst gegen Gegenstände, fällt aus dem Bett oder schlägt gar den Partner, der neben ihm schläft. «Viele Studien haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, dass die Parkinson-Symptome durch diese Schlafstörung bereits viele Jahre im Voraus „angekündigt“ werden – so Galati weiter. – Falls es uns in diesen Fällen gelänge, die Signale der Gehirnaktivität, die unmissverständlich auf das Auftreten der Krankheit hinweisen, zu identifizieren, könnten wir mit einer einfachen und kostengünstigen Untersuchung wie der Polysomnographie mit EEG eine frühzeitige Parkinson-Diagnose erstellen und sofort auf die besten verfügbaren Therapien zurückgreifen. Heute ist das noch nicht möglich, da Parkinson im Wesentlichen klinisch diagnostiziert wird: Das heisst auf der Basis motorischer Symptome wie Zittern, Versteifung und Verlangsamung der Bewegung, die in einer bereits fortgeschrittenen Phase der Krankheit auftreten, wo die dopaminergen Neuronen (wie wir sie in der Fachsprache nennen) zerstört sind.»
Die Ursachen dieser Neurogeneration sind noch nicht geklärt, auch wenn die wahrscheinlichste These wohl die der Interaktion zwischen einer genetischen Prädisposition und Umweltfaktoren wie der Exposition von Pestiziden, Schwermetallen oder Kohlenwasserstoff-Lösungsmitteln ist. Das derzeit einzig Gewisse ist, dass sich dieser Abbauprozess scheinbar durch nichts stoppen lässt, wenn er erst mal ins Rollen geraten ist. Um vorherzusagen, wie er sich mit der Zeit entwickeln und wie sich das klinische Erscheinungsbild wandeln wird, kann sich abermals die Polysomnographie mit EEG als hilfreich erweisen. «Wir wissen nämlich – so Galati –, dass die Schlafstörungen einige kognitive Aspekte der Parkinson-Patienten beeinträchtigen können: Mit der Zeit verlieren sie ihre Aufmerksamkeitsfähigkeit und vor allem ihre Hemmschwellen, so wie man es bei Gesunden beobachtet, die unter Schlafentzug leiden.
Seit einigen Jahren versuchen wir zu verstehen, wie die Schlafstörungen das Auftreten der ungewollten Bewegungen (der sogenannten „Dyskinesien“), die man häufig bei Personen mit langjähriger Therapie mit dem Arzneimittel Levodopa beobachtet, fördern können. Verschiedene Studien veranlassen zur Annahme, dass das EEG Veränderungen der Frequenzen in der Schlafphase der langsamen Hirnströme, die für die Neubildung der Neuronenverknüpfungen, der sogenannten Synapsen, so wichtig sind, zeigt. «Während wir ruhen, nimmt das Gehirn eine Reinigung vor und löscht die überflüssigen Informationen, die sich in der Wachphase angesammelt haben, indem die nutzlosen Synapsen „gekappt“ werden. – so Galati – Wegen der Schlafstörungen, und wahrscheinlich auch durch die Wirkung des Levodopa, kann dieser Ausdünnmechanismus ins Stocken geraten und hinterlässt im Gehirn Erinnerungsspuren einiger motorischer Befehle, die, wie wir glauben, die ungewollten Bewegungen generieren können.»
Zur Überprüfung dieser Annahme hat Galatis Team bereits eine Studie mit der Unterstützung des Schweizer Parkinson-Verbands gestartet. «Wir haben 2018 mit der Untersuchung von Parkinson-Patienten begonnen, die keine Dyskinesien aufwiesen – erklärt der Neurologe. – Sobald die Coronakrise vollständig überwunden ist, machen wir weiter mit Phase zwei und untersuchen die Patienten, welche diese unfreiwilligen Bewegungen mittlerweile entwickelt haben. Falls sich in der Phase der langsamen Hirnströme Änderungen am EEG ergeben, haben wir einen weiteren Beweis für den Zusammenhang zwischen Schlaf und Dyskinesien.» Eine derartige Entdeckung könnte einen Durchbruch bedeuten, da es bisher noch keine spezifischen Medikamente zur Kontrolle dieser ungewollten, stark einschränkenden Bewegungen gibt. Zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten, so Galati abschliessend, «könnte man bereits existierende Moleküle testen, die eine Steigerung der Schlafphase der langsamen Hirnströme in der Hoffnung auf eine Wiederherstellung einer guten Synapsentrennung ermöglichen.»