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Beginn der neuen Zeit Gottes
Über drei Jahrhunderte kam das Christentum ohne Weihnachten aus. Erst seit 354 ist es als kirchliches Fest in Rom nachweisbar. Von dort breitete es sich aus: Spätestens 380 wurde in Konstantinopel, 386 in Antiochien Weihnachten gefeiert. Dass der Sonnenkult des römischen Kaisers zur Wintersonnenwende den Hintergrund bildete, vor dem sich das Christusfest abhob, gilt als wahrscheinlich. Aber die inneren Gründe der christlichen Weihnacht liegen nicht im «sol invictus», in jenem unbesiegbaren Sonnengott, der Leben und Sterben des Kosmos unermüdlich vor sich hertreibt, so wie ein überspannter Weltherrscher die Völker schröpft.
Den inneren Grund des Christusfestes umreissen im vierten Jahrhundert die altkirchlichen Bekenntnisse von Nizäa-Konstantinopel und Chalcedon. Jesus Christus ist «wahrer Gott und wahrer Mensch», «aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater». Die Kirche hatte diese Worte dem vielstimmigen frühchristlichen Christuszeugnis abgelauscht. Man las damals nicht «die Bibel». Man hatte Evangelien und Briefe, aus denen im Gottesdienst vorgelesen und Christus bezeugt wurde. Anzahl und Auswahl dieser Schriften variierten, bis es im vierten Jahrhundert nötig erschien, sich auf eine verbindliche Liste festzulegen. Da wurden mit der verdichteten Formulierung des Christusglaubens auch die Grenzen des Kanons geschlossen. Und ungefähr in derselben Zeit begann die Kirche, die Geburt Jesu zu feiern.
Im Hintergrund der Bekenntnisse stehen Texte, die Christinnen und Christen seit der Mitte des ersten Jahrhunderts immer wieder gehört hatten, lange bevor ihre Ururenkel Weihnachten feierten. Texte wie Joh 1,14: «Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.» Oder wie Galater 4,4: «Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.» Aber auch Jesaja 9: «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht.» Dass Jesus Christus in einzigartiger Weise mit Gott verbunden ist, ja in ihm verankert, ja, mehr noch, ihm gleich ist, dies in Worten und Bildern auszudrücken, war das Anliegen der frühen Kirche. Sie stritt, sie stammelte und suchte nach Worten und Konsens. Das Ergebnis: «aus dem Vater geboren vor aller Zeit . . . gezeugt, nicht geschaffen».
Heute sind die altkirchlichen Bekenntnisse philanthropischen Appellen gewichen, die wir jedes Jahr wiederholen. Auch Sie warten vielleicht schon mit Ungeduld darauf, dass die Autorin dieses Artikels Weihnachten auf die Aktualitäten des Jahres 2016 bezieht: Auf die ungeheuren ethischen Herausforderungen, vor denen wir weltweit stehen. Auf die harten Realitäten von Flucht und Migration. Auf die Verunsicherung durch den Fundamentalismus inmitten eines Islam, den wir doch eigentlich respektieren möchten. Auf die Nationalismen, die in weiten Teilen der westlichen Welt an vertrauten Prinzipien der Menschlichkeit rütteln. Was hilft uns da die weihnachtliche Christologie?
In all seinen Narrativen – auch in den Erzählungen seiner Geburt – erschüttert Jesus Christus die Statik der Menschheitsgeschichte. Von seiner inneren, theologischen Botschaft her stabilisiert Weihnachten nicht jene, die in der Weltherrschaft antreten. Weihnachten sammelt die, denen Gottes Lichtglanz im Paradox seiner Abwesenheit aufgeht. Und das ist nicht Mythos, Märchen, Fiktion. Gott verbindet sich mit dem Geschöpf des sechsten Tages, mit seinem problematischsten Geschöpf, das mit dem Beginn seiner Geschichte den Untergang der Welt in sich trägt. Indem Gott Mensch wird, zeichnet er nicht des Menschen humanitas aus, sondern er rettet ihn schlicht. Weihnachten heisst auch: Alles, was jetzt kommt, steht unter dem Zeichen der neuen Zeit Gottes. «Welt ging verloren. Christ ist geboren.»
Caroline Schröder Field, Pfarrerin am Basler Münster. 2014 wurde sie mit dem Schweizer Predigtpreis ausgezeichnet.
Leseempfehlung: Gerhard Sauter, Schrittfolgen der Hoffnung, Theologie des Kirchenjahres
24.11.2016