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Elisabeth Schwind, Südkurier (12.12.2008)
Einem wie Richard Wagner traut man schon zu, seine Opern irgendwie auch ins Leben getragen zu haben. Oder umgekehrt sein Leben in die Opern. Seine Libretti schrieb er sich selbst, aber auch sonst schrieb er gerne. Briefe etwa. Und gelegentlich, auf den Höhenflügen seines Schaffens, scheinen sich Dichtung und Wirklichkeit zu durchdringen. Dann etwa entstanden Zeilen wie diese: „So weihtest Du Dich dem Tode, um mir Leben zu geben; so empfing ich Dein Leben, um mit Dir nun von der Welt zu scheiden, um mit Dir zu leiden, mit Dir zu sterben.“ Tristan an Isolde? Isolde an Tristan? Beides falsch. Es ist Wagner an Mathilde Wesendonck, die Frau seines Zürcher Gönners und Asylgebers Otto Wesendonck. Mit ihr hatte Wagner eine heftige Affäre und als die Geschichte im Sommer 1858 aufflog, musste Wagner Zürich verlassen.
In diesen Jahren komponierte Wagner „Tristan und Isolde“, und die enge Verknüpfung zwischen Oper und realer Liebesgeschichte wählte sich das Team um Regisseur Claus Guth und Ausstatter Christian Schmidt als Ausgangspunkt für die Inszenierung, die jetzt Premiere in Zürich hatte, also sozusagen am Ort des Geschehens. Nicht dass Claus Guth aus Tristan einen Richard und aus Isolde eine Mathilde macht. Doch indem er das Geschehen in ein großbürgerliches Interieur des 19. Jahrhunderts verlegt, rückt er es auch näher an die Biografie Wagners. Und wenn ganz zu Beginn des ersten Aktes bereits König Marke (der laut Libretto eigentlich erst im zweiten Akt auftaucht) am Bett der schlafenden Isolde steht, um Abschied von ihr zu nehmen, dann darf man darin wohl Otto Wesendonck erkennen, wie er zu einer seiner Geschäftsreisen aufbricht.
Schließlich bahnt sich auch die Liebe zwischen Tristan und Isolde vor dem Hintergrund des abwesenden Marke an, der Isolde als Mann gleichwohl schon versprochen ist.
Freilich geht es Claus Guth weniger darum, die Parallelen zwischen der realen und der fiktionalen Liebesgeschichte aufzuzeigen. Sondern vielmehr um die Unlebbarkeit dieser Liebe vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des 19. Jahrhunderts. Und dafür findet er eindrückliche Bilder. Etwa, wenn sich Tristan und Isolde im zweiten Akt auf einem Ball wiederfinden. Heimlich, ganz heimlich nur dürfen Sie sich ihrer Liebe versichern. Ein Versteckspiel mitten in der Zürcher Hautevolee.
In erster Linie ist „Tristan und Isolde“ ein Seelendrama. Und damit eine Herausforderung für jeden Regisseur, da er das Innere nach außen kehren muss. Doch Claus Guth hat gerade dafür ein untrügerisches Gespür, die inneren Vorgänge, die Träume und Fantasien seiner Figuren zu visualisieren. Er bedient sich dafür einer Drehbühne. Und wenn sich dort Türen öffnen, scheinen sie stets in Seelenräume zu führen. Diese sehen aus wie reale Zimmer, sie sind mit Tisch oder Bett bestückt – mit jenen Möbeln also, die zu teilen Tristan und Isolde nicht vergönnt ist – aber sie bergen auch manches Rätsel. Etwa wenn ein Raum in einer spiegelverkehrten Doppelung wieder auftaucht. Oder wenn im 3. Akt die klagende Hirtenweise in Tristan Erinnerungen heraufbeschwört, er Isoldes Zimmer durchstreift und auf ihrem Bett plötzlich ein Toter liegt. Ist es sein Vater, von dem er hier singt? Oder ist es Morold, Isoldes ehemaliger Verlobter, den Tristan einst ermordete? Oder ist es die Vision seines eigenen Todes? Stets aber sind die Bilder aus der Musik und den Szenen selbst abgeleitet. Das macht sie so zwingend.
Und wenn Tristan und Isolde ihre Liebe ins Transzendentale überhöhen, so bannt Claus Guth auch dies ganz sachte im Bild. Der mit Blumen geschmückte Tisch, auf dem sie sich zum Kuss finden, erinnert auch an einen Altar. Und hier findet schließlich auch ihr Tod statt, ihr Opfer für die gemeinsame Liebe.
Isoldes Liebestod gehört auch musikalisch zu den ganz großen Momenten der Zürcher Interpretation unter dem Dirigat von Ingo Metzmacher. Nina Stemme, deren Isolde an Strahlkraft und Farbenreichtum ohnehin die übrigen (keineswegs schlechten!) Sänger an diesem Abend überragte, wuchs in der Schlussszene noch einmal über sich heraus. Ein Wunder an Ausdruckskunst. So schön kann sterben sein! Ian Storey als Tristan wirkte im Vergleich dazu eher eindimensional. Sein Piano litt an Blässe, und im zweiten Akt begann man sich bereits zu sorgen, wie er wohl die langen Szenen des dritten Aktes würde durchstehen können. Die stemmte er dann allerdings mit respektabler Kondition und rundum überzeugend. Beglückend auch Michelle Breedt als Brangäne und Martin Gantner als Kurwenal. Auch Alfred Muff als König Marke fand im Laufe des Abends zu seinem gewohnten Format.
Ingo Metzmacher am Pult des Orchesters der Oper Zürich hätte man mehr Klangzauber zugetraut, als de facto aus dem Graben zu hören war. Obschon sich das Orchester besonders im dritten Akt zu etlichen ekstatischen Höhenflügen aufschwang, trübten doch manche Schärfen insbesondere im Holz immer wieder den Gesamteindruck. Und dass Metzmacher manche Tempi extrem langsam nahm, erhöhte nicht unbedingt die dramatische Spannung. Der Gesamteindruck eines bewegenden Abends bleibt davon freilich unberührt.