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Die erhoffte wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr und darüber hinaus hängt auch von Faktoren ab, die derzeit zu wenig Beachtung finden. Dazu gehört die steigende Gefahr eines ungeregelten Ausscheidens Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt zum Jahreswechsel 2020/2021. Dass bis dahin ein umfassendes Freihandelsabkommen verhandelt und beschlossen werden kann, war schon von Anfang an unwahrscheinlich, ist nun aber unter den Bedingungen der Corona-Pandemie wohl endgültig ausgeschlossen. Damit gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder gelten ab dem 1. Januar 2021 im Verhältnis Großbritanniens mit der EU die allgemeinen Regeln der WTO, oder die für Verhandlungen vorgesehene Zeit wird verlängert. Letzteres setzt ein entsprechendes Begehren der britischen Regierung bis zum 30. Juni voraus. Damit ist nicht zu rechnen, da die britische Regierung nach dem Austritt aus der EU eine längere Übergangsperiode kategorisch ausgeschlossen und dies sogar gesetzlich verankert hat.
Faktisch würde ein solches Szenario einen No-Deal-Brexit bedeuten. Für diesen Fall haben zahlreiche Szenarioberechnungen bereits in der Vergangenheit für Großbritannien eine schwere Rezession vorausgesagt, weil etwa die Hälfte des Außenhandels starken Störungen unterworfen wäre und es in größerem Umfang zur Verlagerung von Unternehmensteilen aus Großbritannien in andere Länder käme. Diese bewusst in Kauf genommene Rezession würde ein Land mit einer stark geschwächten Wirtschaft treffen: Das britische BIP dürfte infolge der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung bis zur Jahresmitte 2020 um etwa 16 Prozent einbrechen. Selbst im Falle einer wirtschaftlichen Erholung in der zweiten Jahreshälfte liegt die Wirtschaftsleistung im 4. Quartal 2020 voraussichtlich immer noch um 5 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Von diesem niedrigen Niveau aus ginge es erneut abwärts. Das Ergebnis wäre eine Double-Dip-Rezession, also ein W-förmiger Verlauf der britischen Wirtschaftsentwicklung. Unmittelbare Folge wäre ein drastischer Wertverlust der britischen Währung, der wie schon im Jahr 2017 die Inflation auf mehr als 3 Prozent klettern lassen würde. Selbst am Ende des Jahres 2021 läge die britische Wirtschaftsleistung dann immer noch um mindestens 3 Prozent unter dem Niveau vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie.
Man sollte annehmen, dass eine Regierung angesichts solcher Aussichten alles daransetzt, den NoDeal-Brexit zu vermeiden. Möglich wäre dies auch noch nach dem 30. Juni, weil die EU sich einem Wunsch Großbritanniens nach erneuten Verhandlungen sicher nicht verweigern würde. Es ist eher wahrscheinlich, dass sich die zahlreichen Hardliner in der Regierung durchsetzen, die allein schon aus ideologischen Gründen einen endgültigen EU-Austritt anstreben, auch wenn sie die absehbaren Folgen dazu verdrängen oder leugnen müssten.
Die Wirtschaft der EU würde ihrerseits einen negativen exogenen Schock erleiden. Die bislang prognostizierten Einbußen von 0,2 Prozentpunkten Wirtschaftswachstum dürften angesichts der kritischen wirtschaftlichen Lage in den meisten EU-Ländern zu niedrig angesetzt sein. Allerdings sind der EU zur Abwehr eines No-Deal-Brexits die Hände gebunden, weil das Heft des Handelns derzeit ausschließlich in London liegt. Die EU könnte und sollte ihre Forderung nach Einhaltung von EUStandards im Arbeitsrecht und im Umweltschutz durch Großbritannien nicht übertreiben, weil dies die Position der Hardliner in London stärkt und letztlich auch der eigenen Wettbewerbsfähigkeit schadet.