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Typische Verhaltensmuster
1. Systematische Selbstüberschätzung
Die systematische Selbsüberschätzung, auch als overconfidence bias bezeichnet, beschreibt das Phänomen, dass Anleger ihr Anlage-Know-how konsequent zu hoch einschätzen. Zum Beispiel geben rund 85% aller befragten Privatanleger an, sie seien »überdurchschnittliche« Investoren – eine Zahl, die schon allein aus mathematischen Gründen nicht stimmen kann. Eine andere Ausprägung des Overconfidence Bias besteht darin, dass die Bandbreite möglicher künftiger Ereignisse (z.B. die möglichen Kurse einer bestimmten Aktie am Jahresende) systematisch unterschätzt wird. Auch die Profitabilität des eigenen Investmenterfolges in der jüngeren Vergangenheit wurde in einer Untersuchung um mehr als 110% überschätzt, und – wen überrascht es? – der Overconfidence Bias ist bei Männern höher als bei Frauen.
2. Verzerrter Rückblick
Sobald ein Ereignis abgeschlossen ist (z.B. ein bestimmter Kursanstieg eingetreten ist), überschätzen Anleger systematisch das Ausmaß, in dem sie selbst dieses Ereignis hätten vorhersagen können. Auf Befragung deklarieren sie bestimmte Argumente als ihnen »schon vorher bekannt«, die sie objektiv erst nach Eintritt des Ereignisses kennen gelernt haben.
3. Verlustaversion
Anleger bewerten Gewinne und Verluste identischer Größenordnung unterschiedlich, ebenso die Wahrscheinlichkeiten identischer Gewinne und Verluste. Verluste werden gefühlsmäßig als gravierender eingestuft als Gewinne in gleicher Höhe. Folglich lässt sich nachweisen, dass verkaufte Aktien nach dem Verkauf höhere Renditen als die gekauften erzielen – unabhängig davon, ob das Depot von einem Profi oder einem Privatanleger gemanagt wurde. Anleger scheinen einem unterbewussten Zwang zu unterliegen, Verlustrealisierung (das Eingeständnis einer »Niederlage«) zu vermeiden.
4. Neigung zur Übergewichtung der Vergangenheit
Objektiv identische bzw. gleich bedeutsame Ereignisse werden in ihrer Wichtigkeit unterschiedlich gewertet, je nachdem, wie lange sie zurückliegen.
Anders formuliert: Die verhaltenssteuernde Wirkung von Informationen verfällt im Zeitablauf, unabhängig von ihrer tatsächlichen Bedeutung, zugunsten weniger bedeutender, aber jüngerer Ereignisse.
5. Mentale Nichtübereinstimmung
Eine einmal getroffene Einschätzung in Bezug auf den »richtigen« Kurs eines Wertpapiers wird unangemessen gering an neue Informationen angepasst, wenn diese Informationen gegen die Richtigkeit dieser Einschätzung sprechen.
6. Magisches Denken
Anleger rechnen sich die Ursachen eines Anlageerfolges oder -misserfolges persönlich zu, auch wenn andere Umstände ganz oder überwiegend dafür verantwortlich waren. So ist z.B. wissenschaftlich gesichert, dass 80% bis 95% des Anlageergebnisses eines Portfolios auf die in ihm enthaltenen Asset- Klassen zurückgeht und nicht auf die Auswahl einzelner Wertpapiere innerhalb der Asset-Klassen. Dennoch schreiben sich Anleger ihr Anlageergebnis in einer bestimmen Zeitspanne vollständig zu, selbst wenn sich die Asset-Klasse nie geändert hat oder eine andere Person die Asset-Klassen bestimmte.
7. Denken in unangemessen isolierten Zusammenhängen
Das »big picture« (große Bild), das zur Beurteilung von Sachverhalten notwendig wäre, wird selbst, wenn der Anleger es kennt, zugunsten einer isolierten Betrachtung einzelner Daten und Argumente vernachlässigt. Die Vorteile von Indexanlagen sind hierfür ein gutes Beispiel. Obwohl ihre Überlegenheit gegenüber aktiv gemanagten Anlageprodukten zweifelsfrei bewiesen ist, stufen die meisten Anleger die Renditeerfolge einzelner Investoren oder die Aussagen einzelner »Experten« höher ein als die gesammelten Forschungsergebnisse der Finanzwissenschaft über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren.
Neben den hier genannten psychologischen Ungleichgewichten bzw. Irrationalitäten hat die Behavioral Finance noch viele weitere entdeckt. Schon wurden mehrere Investmentfonds aufgelegt, die versuchen, durch Ausnutzung dieser Forschungsergebnisse den Markt zu outperformen (die Ergebnisse waren bislang gemischt, zuverlässige Schlussfolgerungen dürften erst in einigen Jahren möglich sein).
http://www.onpulson.de/lexikon/6425/behavioral-finance/
Verlustaversion
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Warum uns unfreundliche Gesichter mehr auffallen als freundliche
Sonntagszeitung 17.4.2011
Überlegen Sie sich, wie gut Sie sich heute fühlen – auf einer Skala von 1 bis 10. Dazu zwei Fragen: Erstens, was würde Ihre Zufriedenheit auf Stufe 10 erhöhen? Vielleicht die Ferienwohnung an der Côte d’Azur, von der Sie schon lange träumen? Ein Schritt auf der Karriereleiter?
Zweitens, was für ein Ereignis würde Ihre Zufriedenheit im mindestens gleichen Mass vermindern – Querschnittslähmung, Alzheimer, Krebs, Depression, Krieg, Hunger, Folter, finanzieller Ruin, Schädigung Ihres guten Rufes, Verlust Ihres besten Freundes, Entführung Ihrer Kinder, Blindheit, Tod?
Sie stellen fest: Ihnen kommt mehr Schlechtes als Gutes in den Sinn. Das war in unserer evolutionären Vergangenheit noch viel ausgeprägter der Fall. Ein dummer Fehler, und man war tot. Alles Mögliche führte zum schnellen Ausscheiden aus dem Leben – Unachtsamkeit auf der Jagd, eine entzündete Sehne, der Ausschluss aus der Gruppe. Menschen, die unachtsam waren oder grosse Risiken eingingen, starben, bevor sie ihre Gene an die nächste Generation weitergeben konnten. Jene, die übrig blieben, die Vorsichtigen, überlebten.
Wir sind deren Nachkommen. Kein Wunder, ärgern uns Verluste stärker als wir Gewinne schätzen. Wenn Sie 100 Franken verlieren, kostet Sie das ein grösseres Quantum Glückseligkeit als jenes, das Sie gewinnen, wenn ich Ihnen 100 Franken schenke. Empirisch erwiesen: Ein Verlust wiegt emotional etwa doppelt so schwer wie ein Gewinn der gleichen Grösse. Die Folge davon nennt die Wissenschaft Verlustaversion: Wir konzentrieren uns darauf, Verluste zu vermeiden.
Wenn Sie jemanden überzeugen wollen, argumentieren Sie deshalb nicht mit einem möglichen Gewinn, sondern mit dem Vermeiden eines möglichen Verlustes.
Hier das Beispiel einer Kampagne zur Früherkennung von Brustkrebs bei Frauen. Zwei verschiedene Flugblätter wurden verschickt. Flugblatt A argumentierte: «Lassen Sie sich jährlich auf Brustkrebs untersuchen. Damit kann ein möglicher Krebs frühzeitig entdeckt und entfernt werden.» Flugblatt B: «Wenn Sie sich nicht jährlich auf Brustkrebs untersuchen lassen, riskieren Sie, dass ein möglicher Krebs nicht früh genug entdeckt und entfernt werden kann.» Auf jedem Flugblatt stand eine Telefonnummer für zusätzliche Informationen. Die Auswertung zeigte: Leserinnen des Flugblatts B riefen viel öfter an.
Die Angst, etwas zu verlieren, motiviert Menschen stärker als der Gedanke, etwas von gleichem Wert zu gewinnen. Angenommen, Sie stellen Isolationsmaterial für Immobilien her: Die Kunden sind eher bereit, ihr Haus zu isolieren, wenn Sie ihnen sagen, wie viel Geld sie wegen mangelnder Isolation verlieren – als wie viel Geld sie mit guter Isolation sparen könnten. Auch wenn der Betrag natürlich genau derselbe ist.
Dasselbe Spiel an der Börse: Investoren haben die Tendenz, Verluste nicht zu realisieren, sondern lieber zuzuwarten und zu hoffen, dass sich ihre Aktie wieder erholt. Ein nicht realisierter Verlust ist eben noch kein Verlust. Also verkaufen sie nicht, selbst wenn die Aussicht auf eine Erholung klein und die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Kursrückgangs gross ist.
Ich kannte einen Multimillionär, der sich fürchterlich aufregte, nachdem er eine Hunderternote verloren hatte. Welche Verschwendung von Emotionen! Ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass der Wert seines Portfolios in jeder Sekunde um mindestens 100 Franken schwankte.
Mitarbeiter einer Firma (falls sie allein und nicht in Gruppen entscheiden) sind tendenziell risikoscheu. Aus ihrer Warte ergibt das Sinn: Warum etwas wagen, das ihnen bestenfalls einen schönen Bonus beschert, im anderen Fall jedoch die Stelle kostet? In fast allen Firmen und fast allen Fällen übersteigt das Karriererisiko den möglichen Gewinn. Wenn Sie sich als Vorgesetzter also über die mangelnde Risikobereitschaft Ihrer Mitarbeiter beklagen, wissen Sie jetzt, warum.
Wir können es nicht ändern: Das Böse ist stärker als das Gute. Wir reagieren sensibler auf negative Dinge als auf positive. Ein unfreundliches Gesicht fällt uns auf der Strasse schneller auf als ein freundliches. Schlechtes Verhalten bleibt uns länger in Erinnerung als gutes. Mit einer Ausnahme natürlich: wenn es um uns selbst geht.