Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03474.jsonl.gz/972

«Lunn, willst du etwa die ganze Wetterhornkette überqueren?» Mit Sir Arnold Lunn unterwegs in den östlichen Berner Hochalpen
«Es war eine ideale Skitour, denn sie gab uns eine schöne Fahrt für jeden Meter, den wir gestiegen waren, ausgenommen etwa 250 m auf den letzten Wetterhorngipfeln», bilanzierte Arnold Lunn im Ski, dem Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes, von 1920.
Am 11. Mai 1919 unternahmen Lunn, sein Lieblingsführer Josef Knubel aus St. Niklaus, sein Träger Fritz Amacher, im Hauptberuf Liftboy im Hotel Baer in Grindelwald, und Peter Schlunegger, Concierge des Palace-Hotels in Mürren, in vierzehneinhalb Stunden folgende Gewaltstour: Aufstieg von der Gaulihütte SAC (2204 m) auf die Rosenegg, Abfahrt bis etwa 3300 Meter auf den oberen Grindelwaldfirn, Aufstieg ins Mitteljoch, Abfahrt in den Wellhornsattel und Aufstieg in den Wettersattel, ohne Ski Abstecher aufs Wetterhorn (3690 m), dann mit Ski bis 60 Meter unter das Mittelhorn und zu Fuss auf den Gipfel (3702 m), Abfahrt zum Wellhornsattel und weiter hinab in den Wetterkessel, Aufstieg aufs Ränfenhorn (3255 m) und Rückkehr zur Gaulihütte.
Im ersten Band seines von ihm gegründeten und bis 1971 geführten British Ski Year Book urteilte Lunn: «Some of the best ski-ing I have ever enjoyed.» Und im Ski-Artikel: «Alles in allem waren wir etwa 2400 Meter an einem Tage gestiegen, was eine volle Tagesleistung darstellt und nur im Frühling gewagt werden konnte.» Arnold Lunn, geboren 1880, war ein unermüdlicher Skialpinist, -autor und -funktionär. Beim Bahnhof in Mürren steht ein Denkmal mit folgender Inschrift: «Arnold Lunn setzte hier 1922 den ersten Slalomlauf und organisierte 1931 die erste Weltmeisterschaft für Abfahrt und Slalom.» Dafür entwickelte er moderne Regeln, die später vom Internationalen Skiverband (FIS) übernommen wurden. Das Skifahren hatte der Brite in der Schweiz gelernt. Sein Vater Henry hatte ein Reiseunternehmen gegründet, das häufig Wintersportferien in der Schweiz durchführte und heute Teil des Tui-Reisekonzerns ist.
Kontraste, die den Bergsteiger im Mai belohnen
Nicht zufällig setzte Arnold Lunn die Wetterhörnerskitour als Schluss- und Höhepunkt seines zweiteiligen Artikels Frühlings- und Sommerskifahrten im Ski von 1919 und 1920. Im ersten Teil begründete Lunn, warum der Winter die eigentliche Jahreszeit für Skitouren im Mittelgebirge, der Frühling, ja gar der Frühsommer die beste Zeit für Skitouren in den Hochalpen sei.
Schon vor Lunn hatten Skialpinisten wie der Berner August Mottet bemerkt, dass ab April in vergletscherten Gebieten oft bessere Schneeverhältnisse und dicker zugeschneite Gletscherspalten zu finden waren und die Lawinengefahr weniger lang anhielt. Aber erst Lunn, der 1910 mit The Bernese Oberland, Part I. The Alpine Ski Club Guides den ersten Skitourenführer zu diesem Gebiet verfasste, legte ausführlich dar, warum genau der Frühling dem Winter vorzuziehen sei, mit Hartschnee zum Aufsteigen und Sulzschnee zum Abfahren, mit langen Tagen und dem einzigartigen Gegensatz zwischen den blendend weissen Skihängen und dem Blick in grüne Täler.
«Es sind die Kontraste, die den Bergsteiger im Mai belohnen. Zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang kann er den ganzen Kreis der Jahreszeiten durchleben, kann vom Winter in den Frühling hinüberwandern, kann das Beste, was der Schnee dem Skifahrer gibt, geniessen.» 1921 legte Lunn mit Alpine ski-ing at all heights and seasons noch die passende Lehrschrift nach.
Im zweiten Teil seines Ski-Artikels berichtete Arnold Lunn von Maiskitouren in den östlichen Berner Alpen. Mit drei Landsleuten, den Offizieren E. T. R. Carlyon, R. D. Evans und R. Middleditch – sie gehörten zu den 800 englischen Internierten, die in Mürren skisportliche Aktivitäten pflegten, darunter Vollmondausflüge auf eine Anhöhe, die seither Maulerhubel heisst (wegen des dort oben getrunkenen Mauler-Sektes) –, mit den Bergführern Knubel und Bischoff sowie mit den Gebrüdern Feuz aus Mürren erreichte er am 18. Mai 1918 vom Jungfraujoch über die Grünhornlücke die Finsteraarhornhütte SAC.
Am 19. Mai bestiegen die acht Skibergsteiger das Kleine und das Hintere Fiescherhorn, am 20. Mai wechselten sie via Gemschlücke, Oberaarjoch und Unteraarboden in die Lauteraarhütte SAC. Am 21. Mai schliesslich gelangten sie via Lauteraarsattel und Rosenegg in zehneinhalb Stunden aufs Rosenhorn (3689 m), die Nummer drei der Wetterhörner. Dessen Südostgrat mit den vielen Vorgipfeln brachte einen von Lunns Kameraden fast zur Verzweiflung: «Good God, Lunning, are you going to traverse the entire Wetterhorn chain? How many tops has this cursed spitze?» Was so viel heisst wie: «Grosser Gott, Lunning, willst du etwa die ganze Wetterhornkette überqueren? Wie viele Gipfel hat diese verfluchte Spitze?»
Zum Ritter geschlagen
Nur ein Jahr später war Lunn mit drei Gefährten wieder dort unterwegs und unternahm die erwähnte Wetterhörner-Ränfenhorn-Runde. Drei Tage später ging es von der Gaulihütte weiter über das Hiendertelltijoch zur Lauteraarhütte und am Nachmittag über das Finsteraarjoch in die Strahlegghütte SAC. Anderntags stiegen die Männer nach Grindelwald ab, die schweren Holzski wieder stundenlang tragend.
So verwundert es nicht, dass Sir Arnold Lunn 1919 im Ski forderte: «Der Tag wird, so hoffe ich, bald kommen, wo jede Klubhütte mit Skiern versehen sein wird und der Anblick einer Gesellschaft zu Fuss, die den Monte Rosa besteigt, so altväterisch und unmodern erscheinen wird wie jene alten Stiche, die den Montblanc ersteigende Bergsteiger in Zylinderhüten darstellen.»
Mit 64 Jahren, 1952, wurde Arnold Lunn für seine Verdienste um den britischen Skisport und die anglo-schweizerischen Beziehungen zum Ritter geschlagen.