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Verlag Helbing &Lichtenhahn • Basel 1973
© 1973 by Helbing &Lichtenhahn, Verlag, Basel Druck von Friedrich Reinhardt AG, Basel ISBN 37190 0633 6
I.
In einem vor etwa einem Jahrzehnt in Basel gehaltenen Vortrag sagte KARL JASPERS: «Wir sind heute in dem gewaltigen Betrieb geneigt, Entscheidungen auf den anderen, auf eine Instanz, auf einen Vorgesetzten, auf ein Kollektiv, auf eine Mehrheit abzuwälzen. Man wartet lieber, bis die Situation etwas erzwingt, statt in Voraussicht auf Freiheit zu tun, was den Mut der Verantwortung fordert... Die Inflation ist auch die Folge davon, daß soziale und wirtschaftliche Kämpfe nicht wirklich ausgefochten werden. Man weicht ihnen aus durch Beschreiten der Wege des geringsten Widerstandes. Man macht falsche Kompromisse, die im Augenblick den Beteiligten Vorteile und Ruhe bringen, aber ein Steigen der Inflation zur Folge haben...» 1
Wenn hier von einem Wandel in der Einstellung zum Inflationsphänomen innerhalb der Sozialwissenschaften die Rede ist, wenn Inflation nicht mehr nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie als ein wirtschaftlicher, sondern als gesellschaftspolitischer Prozeß gesehen wird, so kann dieser neue Ansatz nicht besser zum Ausdruck kommen als in diesen Worten.
Die von JASPERS vorausgesehene Beschleunigung der Inflation hat sich inzwischen in beängstigender Weise eingestellt. In dem Jahrfünft Anfang 1954 bis Ende 1958 stieg das allgemeine Preisniveau in der Schweiz jahresdurchschnittlich um 2 v. H., um «nur» 2 v. H., so sagen wir aus heutiger Sicht. In der Periode 1959/63
waren es 3,6 v. H., im folgenden Jahrfünft aber bereits 4,1 v. H. Nicht wesentlich verschieden liegen die Dinge in anderen westlichen Industriestaaten, übrigens auch nicht in den USA, deren defizitärer Staatshaushalt und passive Zahlungsbilanz als einer der Hauptinflationsherde der Welt galten. Bis 1968 liegen die amerikanischen Inflationsraten überwiegend unter den schweizerischen. Die Länder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zeigen, von zeitlichen Verzögerungen abgesehen, ein ähnliches Bild wie die Schweiz, allerdings nur im Durchschnitt. In Einzeljahren lassen sich bereits empfindliche Ausrutscher beobachten, so in Frankreich mit über 11 v. H. im Jahre 1958, und mit Zahlen für Italien, die sich zuweilen der 10 v. H.-Grenze näherten. Aber diese Extremwerte gehen noch unter im mäßigen Durchschnitt, weil die Konjunkturzyklen im EWG-Raum bislang nicht koordiniert waren; inflatorische Lücken in einem Lande verteilten sich jeweils auch auf die Nachbarstaaten. Man spricht von einer «Konjunkturschaukel», und schon taucht die Frage auf, ob die angestrebte Harmonisierung der Konjunkturpolitik wirklich zu einer Stabilitätsgemeinschaft führen werde, wie es der Vertrag von Rom will, und nicht zu einer Inflationsgemeinschaft, ob die Zentralbankpräsidenten den Ton angeben werden, oder aber die Finanzminister.
Eine Wende kommt um das Jahr 1969, nachdem eine Rezession überwunden ist. In den EWG-Staaten steigt die Inflationsrate auf 6 v. H., dann auf über 7 v. H. an. Die Schweiz schnitt 1969 und 1970 mit 2,9 v. H. bzw. 3,6 v. H. noch befriedigend ab, aber um so schlimmer war die erzwungene Anpassung danach: zunächst 8,9 v. H. Preisanstieg 1971, dann 9,6 v. H. im vergangenen Jahr 2.
Sind wir bereits dabei, uns an 10 v. H. Inflation im Jahr zu gewöhnen, so wie sich südamerikanische Länder längst mit noch weit höheren Raten abgefunden haben? Sollen wir statt mit einem festen mit gleitendem Maßstabe rechnen? 10 v. H. jährlicher Preisanstieg: dies bedeutet, daß feste Einkommen und Vermögen ohne Ertrag nach weniger als 7 Jahren auf die Hälfte geschrumpft sind, nach nur 15 Jahren auf ein Fünftel. Es bedeutet, daß die kleinsten Münzeinheiten ebenso schnell obsolet werden, daß der Bürger, wie das Beispiel Italiens zeigt, in Preisdimensionen zu denken gezwungen ist, die er kaum noch zu fassen vermag, wobei der fehlende Maßstab selbst wieder zur Inflationsursache wird. Nur sehr starke Regierungen wie die französische unter de Gaulle haben es vermocht, mit einer Reform das Komma um zwei Stellen zu verschieben.
Obwohl für eine streng wissenschaftliche Betrachtung nicht befriedigend, gebrauchen wir hier den Begriff der Inflation als gleichbedeutend mit einem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Als die Zuwachsraten der Preise noch bei 2 bis 3 v. H. im Jahre lagen, wurden Diskussionen darüber geführt, welcher Preisindex für wirtschaftspolitische Auseinandersetzungen maßgeblich sei: der Index der Lebenshaltungskosten, der Preisindex für das Sozialprodukt oder noch andere, auf spezifische Warenkörbe zugeschnittene Preisindices. Auch tauchte immer wieder die Frage auf, ob wegen der bekannten Indexfehler die von der Statistik ausgewiesenen Zahlen überhaupt signifikant seien. Womöglich waren, so spekulierten Optimisten, die bescheidenen Anstiegsraten der Preisniveaus nur eine statistische Täuschung zufolge der nicht gelungenen Berücksichtigung von Qualitätsänderungen oder wegen der Wahl nicht sachgemäßer Indexformeln. Dies sind nicht die Probleme von heute. Niemand versucht mehr, die Inflation der Gegenwart mit einem Zaubertrick hinwegzufegen noch sie zu bagatellisieren.
Daß es nicht immer glücklich ist, Anstieg des Preisniveaus und Inflation als gleichbedeutende Begriffe zu wählen, wird deutlich,
wenn wir nach dem statistischen Erscheinungsbild zu typisieren versuchen. Unterschieden wurde bislang nach drei Haupttypen: zurückgestaute Inflation, schleichende Inflation und galoppierende Inflation, letztere auch Hyperinflation genannt, wie sie nach Kriegen oder bereits in der vorindustriellen Zeit im Zuge großer Finanzierungsschwindel aufgetaucht ist. «Zurückgestaute Inflation»: dieser Begriff macht das Dilemma deutlich; wir sprechen von Inflation, ohne daß die Preise steigen, wobei aber die Stabilität nicht durch ein Gleichgewicht auf Märkten, sondern durch administrative Kontrollen erzwungen ist. Irgend etwas anderes muß sich also «aufblähen», denn dies bedeutet ja der Terminus Inflation: die Zahlungsmittelmenge, potentielle Nachfrage, Geldvermögen, das nicht echte Ersparnis ist.
Hier steht die schleichende Inflation als das typische Phänomen der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zur Diskussion. Waren einstmals die Preise mit kleinen Verzögerungen dem allgemeinen Konjunkturverlauf gefolgt, also in Boomperioden gestiegen und in Depressionen entsprechend gefallen, so findet sich in der Nachkriegszeit in den Statistiken beinahe aller Länder kaum noch ein einziges Jahr mit einem Preisrückgang. Freilich hat es auch schon im neunzehnten Jahrhundert neben konjunkturellen Bewegungen längere Phasen des Preisanstiegs gegeben, so vor allem in der Epoche des Eisenbahnbaus bis zur Gründerkrise der 70er Jahre und wieder ab Mitte der 90er Jahre. Dazwischen liegt die «Große Depression», in der Preise und Löhne während zwei Jahrzehnten ganz wesentlich fielen. So problematisch die alten Statistiken auch sind: über sehr lange Zeitabschnitte scheint ein eindeutig steigender oder fallender Preistrend nicht nachweisbar zu sein. Dafür spricht bereits die Tatsache, daß es ein eigentliches Inflationsbewußtsein nicht gab; der Begriff «Inflation» existiert bis in den ersten Weltkrieg hinein in unserer Wissenschaft nicht.
Vor einem Fehlschluß allerdings kann nicht dringend genug gewarnt werden, ohne daß damit die schleichende Inflation beschönigt sei. Die «guten alten Zeiten» waren nicht deshalb besser und sozial
gerechter, weil dem Anstieg der Preise jeweils ein entsprechender Rückgang folgte. Es ist nicht so, daß sich das eine Übel durch ein anderes heilen läßt: der übermäßige Boom durch eine Depression mit Arbeitslosigkeit und brachliegenden Produktionskapazitäten. HANS ROSENBERG z. B. schreibt: «... tröstlich für den Sozialethiker, liegt doch eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit in dem rhythmischen Auf und Ab der kurzen Wechsellagen und in den langen Schwingungen der Konjunktur. Im Laufe eines normalen menschlichen Lebens kommt sozusagen jeder einmal an die Reihe, im positiven wie im negativen Sinne.» 3 Wir weisen diese Vorstellung ausgleichender Gerechtigkeit entschieden zurück. Die Schäden der Inflation, von denen noch die Rede sein wird, lassen sich nicht damit beheben, daß neue hinzugefügt werden, voran Arbeitslosigkeit mit ihren ökonomischen, sozialen und politischen Konsequenzen. Auch war es nicht selten so, daß am Fallen der Preise die gleichen verdienten, die zuvor schon vom Boom profitierten.
Zwei Tatbestände haben uns bewogen, erneut auf die Diskussion eines Problems einzutreten, bei dem es schwierig erscheint, nach Jahrzehnten intensiver Debatten noch neue Aspekte zu beleuchten. Vorerst und vor allen Dingen ist es die Beschleunigung der Inflation, von der wir ausgingen. Man hat die Frage gestellt, ob zwischen schleichende und galoppierende Inflation ein neuer Typ einzuschieben sei, die «trabende» Inflation. Dies geschah vor Jahren und war bezogen auf lateinamerikanische Raten der Preisentwicklung. Leider müssen wir die gleiche Frage heute bei uns selbst stellen.
Zweitens versuchen nunmehr die europäischen Länder —einzeln oder in Blöcken —sich aus einem Währungssystem zu lösen, das sie
zu einer Inflationsgemeinschaft hat werden lassen. Die Goldwährung mit ihren festen Währungsrelationen innerhalb schmaler Bandbreiten und ihren strengen Spielregeln war eine Gemeinschaft in guten und in schlechten Jahren. In der Zwischenkriegszeit, die die größte aller Wirtschaftskrisen brachte, sind die Staaten bestrebt gewesen, ihre eigene Arbeitslosigkeit durch Währungsabwertungen nach außen abzuschieben. Importierte Arbeitslosigkeit wird zur Hauptangst; erst vereinzelt, dann ganz allgemein, breitet sich die autonome Vollbeschäftigungspolitik aus. Aus importierter Arbeitslosigkeit wird importierte Inflation. Wegen zunehmender Erstarrung der Preise in Abwärtsrichtung setzen sich unter der Herrschaft fester Wechselkurse stets die höheren Inflationsraten durch; kein Land läßt mehr eine Deflation zu, man paßt sich nach oben an neue Gleichgewichte an. Die Wissenschaft zerbricht sich den Kopf an einem Problem, das sich als beinahe unlösbar erwiesen hat, nämlich herauszufinden, in welchem Ausmaß die Inflation importiert und in welchem sie, wie es heißt, «hausgemacht» ist. Oft genug ist Inflationsimport als Argument zur Hand gewesen, wenn es galt, Mißerfolge in der Stabilisierungspolitik nicht einzugestehen oder eigene Sünden in Gestalt zu hoher Ansprüche an das Sozialprodukt zu kaschieren.
Wir ignorieren im folgenden die außenwirtschaftlichen Implikationen und gehen davon aus, ein Land habe sich mit flexiblen Wechselkursen genügend Raum für autonome Stabilisierungspolitik geschaffen und sei nicht mehr gezwungen, sich den hohen Inflationsraten der Umwelt anzupassen 4.
Oder anders ausgedrückt: es gilt nicht mehr die Ausrede der importierten Inflation. Welches sind die internen Ursachen der Inflation, welche Möglichkeiten der Stabilisierungspolitik bieten
sich? Gibt es neue Waffen, nachdem so viele sich als stumpf erwiesen haben?
Wer ist schuld an der Inflation, welches die «richtige» Inflationstheorie? Dies ist eine der häufigsten heute an den Ökonomen gerichteten Fragen. Verwunderlich ist dies insofern, weil es sich meist bald herausstellt, daß der Fragende eine ziemlich präzise Vorstellung davon hat, wer der Sünder ist und welche mehr oder weniger radikalen Maßnahmen ergriffen werden sollten. Man sucht Bestätigung, will zumindest hören, daß die Schuld an anderer Stelle liegt, nicht bei sich selbst, nicht bei der eigenen Gruppe oder dem eigenen Wirtschaftsbereich.
Über verschiedene populäre Erklärungsversuche können wir schnell hinweggehen, weil es sich um nichts anderes als Tautologien oder die Beschreibung von Begleiterscheinungen jeglichen Typs von Inflation handelt, zuweilen auch um sogenannte «Konspirationstheorien», mit denen die Schuld bösen, anonymen Mächten zugeschrieben wird. Es heißt, die Nachfrage steige schneller als das Angebot, der Lohn schneller als die Produktivität, die Geldmenge rascher als das Produktionspotential, oder wir treffen auf die vage Feststellung, die «Wirtschaft sei überfordert». Dies ist richtig wie alle Tautologien, leistet aber nichts für die Erforschung der Ursachen. Etwas näher kommen wir der Realität mit dem heute oft zutreffenden Begriff der «Anspruchsinflation». Er führt uns zur politischen Theorie der Inflation. Die Diagnose «Anspruchsinflation» enthält immerhin, wenn auch sicher unbewußt, das Bekenntnis zur Mitverantwortung, ein gewisses Eingeständnis eigener Schuld. Denn wer stellt keine Ansprüche, als Einzelner, für seine Familie, seine sozio-ökonomische Gruppe, seinen Wirtschaftsbereich, fordert nicht mehr Staatsleistungen, von denen er selbst oder seine Kinder profitieren, schließt sich nicht den Forderungen seiner Gewerkschaft oder seines Wirtschaftsverbandes an?
Lassen wir zunächst in aller Kürze die wichtigsten ökonomischen Erklärungsversuche Revue passieren, wobei wir uns von vornherein
im klaren sein müssen, daß es vergeblich wäre, nach der allein richtigen Theorie zu suchen. Inflation ist ein höchst komplexes Phänomen; sie läßt sich monokausal nicht deuten, ebensowenig wie eine einzige Zauberformel alle Konflikte lösen könnte, die zur Inflation führen. III.
Die Nachkriegszeit beschert uns ein viel rascheres Wirtschaftswachstum als irgend eine Epoche zuvor; mit dem Wachstum kam die schleichende Inflation. Damit war eine «Theorie» schnell zur Hand: die permanente Inflation sei der Preis für das Wachstum, und wenn wir weiterhin kräftiges Wachstum wollen, müßten wir bereit sein, diesen Preis zu zahlen. Die Statistik lehrt uns unzählige Beispiele dafür, daß es gefährlich ist, zwei parallel ablaufende Prozesse kausal in Verbindung zu bringen. Wachstum und Inflation könnten zusammenhängen, aber ebensogut können sie auch jeweils ihre eigenen, spezifischen Ursachen haben, ausgelöst durch die großen Umwälzungen, die Krieg und unmittelbare Nachkriegszeit brachten.
Der empirische Befund bestätigt die Hypothese der Wachstumsinflation nicht. Es ist nicht so, daß die schnell wachsenden Länder besonders viel Inflation gehabt hätten — England ist herausragendes Beispiel für das Gegenteil —, und innerhalb der einzelnen Staaten trifft es auch nicht zu, daß Epochen raschen Wachstums von heftigeren Preisanstiegen begleitet gewesen wären, und vice versa. Entweder läßt sich überhaupt kein systematischer Zusammenhang nachweisen, oder es deuten die Korrelationen sogar das Gegenteil an: je höher die reale Wachstumsrate, desto geringer der Anstieg des Preisniveaus.
Offenbar gibt es so etwas wie eine in bezug auf die Inflation optimale Wachstumsrate des Sozialproduktes, was natürlich nicht besagt, daß es sich dabei um eine über Zeit und Raum Konstante handelt. Bleibt das Wachstum hinter diesem Optimum zurück, so
werden die Ansprüche an das Gesamtprodukt dennoch weiter zunehmen, denn es ist kein Grund zu sehen, weshalb sie dies nicht tun sollten. Die Gewerkschaften müssen Erfolge an der Lohnfront haben, wenn sie überleben wollen. Andere Forderungen stehen in noch viel geringerer Beziehung zur Sozialproduktentwicklung. Gleichbleibende Forderungen bei geringerer Zunahme des Gesamtangebotes: dies bedeutet mehr Inflation, nicht weniger. Soll auf der anderen Seite Wachstum um jeden Preis erzwungen werden, so sind hohe Investitionsraten und hohe Staatsausgaben erforderlich. Auch zu schnelles Wachstum kann somit zur Inflation führen, weil die Ersparnis mit der massiven Investitionstätigkeit nicht Schritt hält und entsprechende Steuererhöhungen nicht durchsetzbar sind. Aus dem Blickwinkel der Stabilisierungspolitik liegt ein solches Wachstum über dem Optimum.
Es ist merkwürdig, daß dieser einfache Zusammenhang auch vom Fachmann noch immer negiert wird. So schreibt jüngst O. EMMINGER: «Aber auf längere Sicht ist die Geldwertstabilität sogar eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Wachstum. Wir sehen gegenwärtig an Ländern wie Großbritannien und Italien, daß eine ständige schleichende Inflation keineswegs zur Sicherung des Wachstums beiträgt, sondern geradewegs in die wirtschaftliche Stagnation hineinführen kann.» 5 Aber wer verbietet uns, umgekehrt zu argumentieren? Weil in bestimmten Ländern das Wachstum — aus welchen Gründen auch immer —nachgelassen hat, ist es zufolge der dennoch weiterhin steigenden Ansprüche zur Beschleunigung der Inflation gekommen. Kommt dies der Wahrheit nicht näher?
Leugnen wir die streng positive Korrelation von Wachstum und Anstieg des Preisniveaus, so brauchen wir glücklicherweise eine peinliche Frage nicht zu beantworten, nämlich welchen Preis in Gestalt von Inflation wir für rasches Wachstum zu zahlen bereit sind. Das Nullwachstum, das die Mitglieder des Club of Rome
heute fordern, bringt, so meinen wir, keine Wunderwelt der Stabilität. Sie würde vermehrte Spannungen beim Kampf um die Anteile am Sozialprodukt und damit auch mehr Inflation bringen. Ein anderer Konflikt ist damit allerdings nicht beiseite geschoben, nämlich jener zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Er wird uns noch beschäftigen.
Die Erstarrung der Preise nach abwärts kam bereits zur Sprache. Es bietet sich eine sehr einfache Theorie der säkularen Inflation an, wenn wir davon ausgehen, daß alle Anstöße, die die Preise zu erhöhen tendieren, sich sofort durchsetzen, deflatorische Kräfte dies aber nicht vermögen. Das Preissystem wird zur Einbahnstraße. Man bringt die Preispolitik oligopolistischer Großunternehmen und einen hohen Monopolgrad in diesem Zusammenhang ins Gespräch. Mit der bloßen Existenz von Monopolen kann permanente Inflation jedoch nicht erklärt werden, denn dann müßte der Monopolgrad ständig zunehmen und längst astronomische Höhen erreicht haben. Multinationalen Unternehmen die Hauptverantwortung für die schleichende Inflation zuzuschieben, gehört in den Bereich der «Konspirationstheorien». Es werden eben immer wieder zwei Dinge verwechselt: ein an sich höheres Preisniveau —dafür können Monopol und Oligopol die Verantwortung tragen —, und ein kontinuierlicher Anstieg des Preisniveaus. Das erste ist ein Verteilungs-, das zweite unser Inflationsproblem.
Aber die Rigidität der Preise bei oligopolistischer Konkurrenz ist ein berechtigtes Argument. Es sind ja meist die Branchen mit dem schnellen technischen Fortschritt, und dort müßten die Preise an sich sinken, soll das Preisniveau stabil bleiben. Denn auf der anderen Seite finden wir zunehmend jene arbeitsintensiven Bereiche mit geringem Fortschritt der Arbeitsproduktivität, in denen die Preise notwendigerweise steigen, weil die Löhne den produktivitätsstarken Branchen folgen (Schrittmachereffekt). Durch die Preisrigidität fehlt somit die Kompensation für die unausweichlichen Preisanstiege in den Dienstleistungsbereichen, wobei verschärfend hinzutritt, daß sich die Nachfrage immer mehr auf Dienstleistungen
und überhaupt auf Bereiche geringeren Produktivitätsfortschrittes verlagert. C. L. SCHULTZ hat den Begriff der demand shift inflation geprägt 6.
Bei der empirischen Analyse der Quellen eines Nachfrageüberhanges kann angeknüpft werden an die Hauptbestandteile des Sozialproduktes: privater Konsum, Staatsverbrauch, Investition, Exportüberschuß. Es wird festgestellt, welches dieser Aggregate in einem bestimmten Zeitabschnitt anteilsmäßig besonders zugenommen hat. Entsprechend wird dann klassifiziert nach Konsuminflation, Budgetinflation, Investitionsinflation und importierte Inflation. Eine solche Zerlegung in Komponenten ist für stabilisierungspolitische Bemühungen sicher nützlich und unerläßlich, für den Außenstehenden aber auch gefährlich, weil sie zu voreiligen Werturteilen verleitet. Ein statistischer Tatbestand ist keine Analyse der Ursachen. Wie ließe sich die Behauptung rechtfertigen, daß die Zusammensetzung des Sozialproduktes in der Ausgangsperiode gerade «richtig» gewesen sei? Die Anteile sind nicht sakrosankt, Strukturwandel muß möglich sein.
Ganz eindeutig beherrscht waren bis in jüngste Zeit die inflationstheoretischen und -politischen Kontroversen von der Unterscheidung zwischen Kosteninflation und Nachfrageinflation: Kostendruck versus Nachfragesog. Dabei ist zu beobachten, daß neuerdings prominente Anhänger der Sog-These mehr zum Kostendruckargument überwechseln. Auf Seiten des Kostendruckes dominieren die Lohndrucktheorien (wage push), aber es wird auch mit Gewinninflation argumentiert. Es ist nicht verwunderlich, daß diese Klassifizierung so populär geworden ist. Sie knüpft an offenkundige Symptome an und bietet in idealer Weise Gelegenheit, die Schuld auf andere abzuschieben. Der Mißbrauch für demagogische Zwecke ist so einfach.
Nach rund zwei Jahrzehnten der Auseinandersetzungen ist man
zu dem Ergebnis gekommen, daß die Unterscheidung kaum etwas leistet: «... the distinction between cost-push and demand-pull inflation is unworkable, irrelevant or even meaningless», so spricht F. MACHLUP unmißverständlich das Verdikt 7. Die Symptome sind zwar offenkundig, aber es sind bei beiden Typen von Inflation überwiegend die gleichen. In beiden Fällen z. B. steigen die Löhne schneller als die Produktivität. Auch entsteht Inflation nicht allein dadurch, daß höhere Löhne gezahlt, sondern indem sie danach für Konsumgüter ausgegeben werden. Jedem Lohndruck folgt somit der Nachfragesog, und beide gemeinsam tragen erst zur Inflation bei.
Am deutlichsten wird das Dilemma bei der Analyse des Arbeitsmarktes. Die effektiven Löhne liegen heute meist sehr erheblich über den ausgehandelten Tarifen. Die Kostendruckhypothese kann sich offenbar nur auf die Tariflöhne beziehen. Also argumentieren die Nachfragesog-Theoretiker, daß Angebot und Nachfrage auch den Arbeitsmarkt beherrschen und die Tarifverhandlungen quasi nur das nostrifizieren, was der Markt bereits vorweggenommen habe (Konstatierungs- und auch Aufsaugungsthese). Aber dies wäre eine höchst naive Sicht. Niemand kann leugnen, daß vom Ergebnis der Tarifverhandlungen wesentliche Wirkungen auf die Effektivlöhne ausgehen: sie werden vorangeschoben, ob Effektivlohnklauseln erlaubt sind oder nicht (Aufstockungsthese). Also enden wir schließlich in der Kontroverse Aufstockungs- versus Konstatierungsthese, und die Gewerkschaften kommen dabei selbst in ein Dilemma. Sie hören das Kostendruckargument nicht gern, weil es die wesentliche Mitschuld an der Inflation beinhaltet, während umgekehrt die Konstatierungsthese in reiner Form auf ihre Ohnmacht hindeutet: sie würden nur einholen, was der Markt längst vorgegeben hat.
Zu den Kostendruck- und Nachfragesogtheorien ist im letzten Jahrzehnt — ausgehend von einer Gruppe von Ökonomen um MILTON FRIEDMAN in Chicago — die Lehre der Monetaristen konkurrierend hinzugetreten, die an eine der ältesten wirtschaftlichen Theorien überhaupt anknüpft: die Quantitätstheorie des Geldes. Die Neoquantitätstheoretiker argumentieren essentiell empirisch und warten mit sehr sorgfältigen statistischen Studien der älteren und jüngsten monetären Geschichte der Vereinigten Staaten auf; rasch fanden sich Anhänger in anderen Ländern, wo parallele Untersuchungen durchgeführt wurden. Es bildet sich eine Art Glaubensgemeinschaft, die ihre Lehre bewußt als Antithese zur herrschenden, nachfrageorientierten Theorie von J. M. KEYNES aufbaut. Die empirisch-pragmatische Ausrichtung, die Herausforderung an die etablierten Keynesianer, insbesondere aber die einfachen Regeln für stabilisierungspolitisches Handeln, die aus dieser Lehre folgen, erklären den ungeheueren Erfolg und die schnelle Ausbreitung, zugleich aber auch die Skepsis innerhalb der Wissenschaft. Immerhin gilt längere Zeit hindurch als modern, wer sich zum Monetarismus bekennt, als altmodisch, wer noch keynesianisches Gedankengut vertritt. Und dabei wird offensichtlich zweierlei verwechselt, nämlich die Frage, ob die KEYNEssche Theorie schlechterdings falsch ist, wenn es um die Bekämpfung der Inflation geht, oder ob sie zwar richtig, aber politisch schwer durchsetzbar ist, weil Einschränkung der Nachfrage immer Schmälerung der Löhne und der Gewinne bedeutet und damit unpopulär ist.
Erblicken die Monetaristen die Ursache der schleichenden Inflation in der im Vergleich zum Wachstum des realen Sozialproduktes zu raschen Vermehrung der Geldmenge, so muß das Rezept für erfolgreiche Antiinflationspolitik offensichtlich Kontrolle der Geldmengenexpansion lauten; die Geldmenge darf nicht schneller steigen als das Gesamtangebot an Gütern und Diensten, d. h. um 4 oder 5 v. H. im Jahr; dies ist die Friedman-Regel in ihrer einfachsten Form. Das Zentralbankensystem muß die absolute Kontrolle über die Geldmenge besitzen.
Wir treten hier nicht auf den noch fortdauernden Methodenstreit ein, bei dem es um die Frage geht, ob die Monetaristen überzeugend eine Tautologie (die sog. FISHERsche Austauschgleichung) in eine echte Theorie verwandeln konnten, ob mit der Betonung der Bedeutung der Geldmengenexpansion nicht Begleiterscheinung und Ursache verwechselt werden, und bei dem die Kritiker vor allem bemängeln, daß von einer langen Kausalkette nur die Anfangs- und Endglieder erfaßt werden. Solange man die Zwischenglieder ignoriert, ist es unmöglich zu zeigen, wie die Geldmenge auf das Preisniveau einwirkt, und solange man dies nicht weiß, kennt man auch nicht die möglichen negativen Nebenwirkungen: Arbeitslosigkeit, eventuell nachlassendes Wachstum, Beeinflussung der Struktur 8.
Es bleibt jedoch das Verdienst von FRIEDMAN, die große Bedeutung der zeitlichen Verzögerungen für Erfolge und Mißerfolge der Stabilisierungspolitik herausgestellt zu haben. Des längeren bekannt sind diese Verzögerungen bei der Fiskalpolitik. Sie liegen in der Schwerfälligkeit der Gesetzgebungsmaschinerie, insbesondere aber in der Tatsache begründet, daß Steuern nicht bei der Entstehung der Einkommen, sondern zu einem oft erst sehr viel späteren Zeitpunkt erhoben werden, was für die Schweiz ganz besonders gilt. So kann es, wie für die Vereinigten Staaten mehrfach nachgewiesen wurde, dazu kommen, daß kontraktive Maßnahmen erst dann wirksam werden, wenn die Wirtschaft bereits in die Rezession abgeglitten ist, und umgekehrt Steuersenkungen mitten im Boom. Maßnahmen, die antizyklisch konzipiert sind, wirken somit zyklenverstärkend.
Dies war, wie gesagt, unbestritten für die Fiskalpolitik. Die Geldpolitik hingegen galt als schnellwirkend. Aber FRIEDMAN hat gezeigt, daß auch hier die Bremswege und Beschleunigungsphasen
recht lang sind. Die Periode, welche Analyse, Diagnose, Entscheidungsfindung und Wirksamwerden der getroffenen Maßnahmen umfaßt, kann, so behauptete er, bis gegen 18 Monate dauern. Andere Forscher kamen zwar zu wesentlich kürzeren Zeiträumen, aber immer noch waren sie lang genug, um die bei der Fiskalpolitik aufgezeigte Gefahr des zeitlich falschen Steuerns heraufzubeschwören: auch Geldpolitik kann pro- statt antizyklisch wirken. Wie oft, zieht FRIEDMAN einen radikalen Schluß. Keine Stabilisierungpolitik sei besser als schlechte. Es soll auf gezielte Maßnahmen überhaupt verzichtet werden. Automatismen sollen an die Stelle der Ermessensentscheidungen treten; und dieser Automatismus eben ist die stetige Expansion der Geldmenge parallel zum realen wirtschaftlichen Wachstum. Natürlich spiegelt diese Einstellung auch tiefes Mißtrauen gegenüber den für die Stabilisierungspolitik verantwortlichen Instanzen.
Ganz besonderes Gewicht haben zeitliche Verzögerungen heute bei der Lohnpolitik. Dies folgt aus den Größenordnungen: zwei Drittel bis drei Viertel des Volkseinkommens sind Löhne. Der hier beschriebene Verzögerungsprozeß läßt sich wohl am ausgeprägtesten in der Bundesrepublik beobachten. In einer Phase der Dämpfung, der Rezession, werden Tarifverträge mit mäßigem Lohnzuwachs abgeschlossen. Bei dem dann folgenden Hineinwachsen in die volle Kapazitätsauslastung steigt die Arbeitsproduktivität überdurchschnittlich, mit ihr der Unternehmergewinn. Die Gewerkschaften sind an die Tarifverträge gebunden, realisieren wohl auch die neue Situation nicht so schnell, stellen also zunächst keine Forderungen. Die massiven, durch die «Gewinnexplosion» begründeten Lohnforderungen setzen später gerade dann ein, wenn Vollauslastung erreicht ist und die Zuwachsraten der Produktivität wieder auf Normalwerte absinken. Man will etwas nachholen, was nicht mehr zu holen ist. Gewinne sind nicht Liquidität, sie sind längst gebunden durch neue Investitionen oder Exportüberschüsse der Vergangenheit. Mit der Lohnwelle wird der Keim für den nächsten Zyklus und die nächste Inflationsphase gelegt. Die akzelerierende
Inflation zwingt zu gezielten Dämpfungsmaßnahmen, und damit sind wir wieder in der Ausgangssituation des hier beschriebenen Rhythmus.
Wir werden so mit einer Zyklenfolge konfrontiert, in der nacheinander verschiedenste Inflationstypen auftreten, Gewinninflation, Lohninflation und noch andere, und man braucht nur geschickt die geeigneten Zeitpunkte auszuwählen, um demagogisch argumentieren zu können. Noch ist es nicht gelungen, aus diesem Zyklus freizukommen, der eine der wesentlichen Ursachen der schleichenden Inflation ist. Noch wollen die Menschen nicht einsehen, daß Gewinne, wenn sie einmal realisiert sind, nicht mehr zurückgeholt werden können; sie sind das Spiegelbild vergangener Inflation. Will man sie durch expansive Lohnpolitik aufsaugen, so schafft man Inflation in der Zukunft. Wir werden später den gleichen Tatbestand noch anders interpretieren: als einen untauglichen Versuch, durch Nominallohnpolitik die Einkommensverteilung zu korrigieren, und wir werden Wege andeuten, die eher zum Ziel führen können. Wenn wir skeptisch waren bezüglich der Friedman-Formel für die Geldpolitik: gelänge es, die Lohnpolitik in dieser Weise zu verstetigen, so wäre ohne Zweifel ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierungspolitik geleistet.
Unsere Betrachtungen leiten zu der Frage über, ob Tarifverträge mit langer Laufzeit wirklich jene stabilisierende Wirkung haben, die ihnen ursprünglich zugeschrieben wurde. Gerade jetzt haben die wilden Streiks in der Bundesrepublik die Probleme akzelerierender Inflation unter Beibehaltung überkommener Spielregeln aufgezeigt. Die bei Abschluß der Verträge nicht vorausgesehene Inflation, verbunden mit steigenden Gewinnen, mußte zu Enttäuschungen führen, zu dem Versuch, sich gewaltsam aus unbequemen Fesseln zu lösen und dem Markt zu folgen. Bereits stellt die Wissenschaft die Frage, ob eine Indizierung der Löhne nicht stabilitätsfördernder wäre als die längerfristig feste Bindung. Bisher war man vom Gegenteil überzeugt.
Unter den möglichen Konflikten zwischen verschiedenen wirtschaftspolitischen Zielen wurde bereits die Interdependenz von Wachstum und Preisstabilität angesprochen. Älter und zugleich wieder ganz modern ist der vermutete Konflikt zwischen Vollbeschàftigung und Preisstabilität. Nach Ende des letzten Krieges stehen mit dem Wunsch nach hohem Beschäftigungsgrad, Preisstabilität und der Forderung nach gleichgewichtiger Zahlungsbilanz drei möglicherweise unvereinbare Ziele nebeneinander: es wird der Begriff des Magischen Dreiecks geprägt und schnell populär. Aus dem Dreieck wurden mit aufkommender Wachstumsbegeisterung und dem sich nach vorn drängenden Verteilungsproblem Polygone.
Im Jahre 1958 untersucht der englische Ökonom A. W. PHILLIPS zum ersten Male systematisch den Zusammenhang zwischen Beschäftigungsgrad und Lohnanstieg; seitdem beherrscht die sogenannte Phillips-Kurve die Diskussion 9.
Für eine Vielzahl von Ländern und verschiedenste Epochen wurden analoge Untersuchungen durchgeführt. Teilweise glaubt man, systematische Zusammenhänge entdeckt zu haben, in andern Fällen aber zeigt sich keine Korrelation.
Der durchschlagende Erfolg der Phillips-Kurve ist vor allem wohl dadurch zu erklären, daß der mögliche Konflikt zwischen zwei fundamentalen Zielen und damit das Dilemma des Wirtschaftspolitikers in einfachster Weise grafisch veranschaulicht wird: aus dem Diagramm läßt sich ablesen, wieviel jeder Prozentpunkt, der der Inflation abgerungen wird, kostet in Kategorien höherer Arbeitslosenprozente. Die Preisstabilität selbst also erhält einen bestimmten Preis, der für sie zu zahlen ist. Man hat zwischen zwei
Übeln nach einem «Optimum» zu suchen, aber wohlbemerkt immer unter der Annahme, es existiere wirklich eine solche Phillips-Kurve.
Die Quantifizierung der Schäden von Inflation auf der einen und Unterbeschäftigung auf der anderen Seite ist schwierig bis unmöglich, und damit ist es praktisch auch unmöglich, ein solches Optimum, welches die Summe der Übel minimiert, zu bestimmen. Höchstens folgt die Einsicht, daß dieses Optimum nicht unbedingt bei absoluter Preisstabilität liegen muß, denn dies würde bedeuten, daß die Schäden der Inflation außerordentlich hoch bewertet, diejenigen der Arbeitslosigkeit bagatellisiert werden. Unterbeschäftigung läßt sich in Geldeinheiten ausdrücken, wenn man die brachliegenden Produktionsmöglichkeiten bewertet. Dann aber ist noch nicht den sozialen Ungerechtigkeiten und den politischen Spannungen Rechnung getragen, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt.
Die beiden Hauptübel der Inflation werden in der Beeinträchtigung der marktwirtschaftlichen Steuerung und in der arbiträren und damit ungerechten Umverteilung von Einkommen und Vermögen gesehen. Das erste Argument hat wohl wenig Gewicht bei mäßiger Inflationsrate, also beim Typ der schleichenden Inflation der 50er und frühen 60er Jahre, aber es hat Berechtigung heute: für rationale ökonomische Entscheidungen geht mehr und mehr der feste Maßstab verloren, wobei die raschen Änderungen der Inflationsrate mindestens ebenso ärgerlich sind wie ihre Höhe an sich.
Erstaunlich wenig erforscht — weil ungeheuer schwierig — sind die Wirkungen der Inflation auf die Einkommens- und Vermögensverteilung. Man lebt mit einfachen Formeln, wie: «Es gewinnen die Sachwert- und es verlieren die Geldwertbesitzer», «es verlieren die Kleinen, gewinnen die Großen», «es gewinnt der Staat» oder «es verlieren die Rentner und Sparer und gewinnen die Unternehmer» 10. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter, weil die Menschen heute Einkommen aus verschiedenen Quellen beziehen und damit teils von der Inflation profitieren, teils ihr Opfer sind. Man
klagt über den negativen Zins auf Ersparnisse, aber fühlt zugleich, daß das Einkommen aus Erwerbseinkünften viel größeres Gewicht hat als der Ertrag des Sparbüchleins. Ein nachlassendes reales Wachstum des Lohnes wäre viel schwerwiegender als der Gewinn durch einen etwas höheren Realzins 15. Auch das vielzitierte Nachhinken der Löhne hinter den Preisen, das die Lohnempfänger in Nachteil bringt, hat sich empirisch nicht nachweisen lassen. Würde dieser Effekt spielen, so müßten die arbeitsintensiven Unternehmen bei der Inflation besonders gewinnen, die kapitalintensiven verlieren. In der Realität trifft allgemein das Gegenteil zu.
Ob der Staat von der Inflation profitiert, hängt von der Verschuldungsstruktur ab. In den Vereinigten Staaten z. B. sind die öffentlichen Haushalte der große Netto-Schuldner, in anderen Ländern weniger. Vor allem aber spielt innerhalb des öffentlichen Bereichs ein großer Umverteilungsprozeß. Der Druck der Inflation erzwingt Einsparungsmaßnahmen, die sich in den einzelnen Sektoren unterschiedlich leicht durchsetzen lassen. Unsere Universität hat durch die seit Jahren andauernde Plafonierung diesen Umverteilungseffekt besonders zu spüren bekommen. Mit der Formel «der Staat profitiert» wäre das Problem aber ohnehin nicht gelöst, weil die Staatsleistungen wiederum den Bürgern zugute kommen.
Die Inflation zeigt Umverteilungswirkungen, die bislang kaum wahrgenommen wurden, so etwa die Begünstigung der jungen Generation zu Lasten der Älteren 12. Es ist nicht zuletzt die große Ungewißheit der Nettowirkungen der Inflation auf die definitive Verteilung, die dazu führt, daß der wirkliche Abwehrwille weit hinter dem verbalen Bekenntnis zur Stabilität zurückbleibt.
Wenn wir uns jetzt der ökonomisch-politischen Theorie der Inflation zuwenden, gehen wir von der Existenz sog. Kollektivgüter aus. Dies sind unter anderem jene Leistungen des Staates, bei denen es im Prinzip unmöglich ist, den einzelnen Staatsbürger von der Nutzung auszuschließen, solange diese Güter dargeboten werden. Innere und äußere Sicherheit sind Beispiele unter vielen. Der Vorteil, den der einzelne Bürger aus diesen Leistungen zieht, ist also unabhängig von seinem eigenen Beitrag. Die Erfahrung lehrt, daß Menschen eben Menschen bleiben: sie fordern möglichst viel an öffentlichen Gütern in dem Bewußtsein, daß das eigene Portemonnaie davon nur unwesentlich belastet wird.
Ein besonders kostbares Kollektivgut ist die Preisstabilität. Ist sie gegeben, so profitieren alle von ihr, unabhängig davon, ob man selbst einen Beitrag für die Erreichung dieses Ziels geleistet hat oder nicht. Weshalb soll man Opfer bringen, wenn der eigene Beitrag — fast — nichts bedeutet? Oder umgekehrt: jeder, der Forderungen stellt und damit die Preisstabilität gefährdet, rechnet sich aus, daß die eigene Sünde kein meßbares Gewicht hat.
Die ökonomisch-politische Theorie geht also von trivialen Tatbeständen aus, aber oft führt ja der Weg über das Komplizierte zum Einfachen. Aus unseren Betrachtungen folgt bereits, daß stabilisierungspolitische Bemühungen um so schwieriger werden, je kleiner die mit Forderungen auftretenden Einheiten sind, eben weil mit abnehmender Größe auch das Verantwortungsbewußtsein abnimmt. Verantwortungsbewußtsein für Geldwertstabilität finden wir bei den zentralen öffentlichen Haushalten, schon viel weniger bei den Gliedstaaten, herzlich wenig etwa bei den schweizerischen Kantonen, eben wegen ihrer Kleinheit, nahezu Null ist es erfahrungsgemäß bei den Gemeinden, die sich eher pro- statt antizyklisch verhalten. Große Gewerkschaftsverbände erleichtern die Stabilisierungspolitik, die etwa 140 englischen Funktionsgewerkschaften machen sie beinahe unmöglich.
Die ökonomisch-politische Theorie sieht die Inflation als eine spezielle Form des Kampfes um eine Verbesserung der Position in der Einkommenspyramide, geführt von Einzelpersonen, Gruppen, Verbänden, geführt um ein Mehr an privaten Konsumgütern oder um mehr gratis dargebotene öffentliche Leistungen. Es ist ein Kampf, bei dem der Konflikt nicht mehr offen ausgetragen, sondern einem anonymen Mechanismus überlassen wird. «Das Geld ist unter dem Inflationsaspekt jene wunderbare Erfindung des Menschen, die ihm erlaubt, reale Zuteilungs- und Verteilungsentscheidungen scheinbar zu vertagen», so führte H. WÜRGLER in seinem viel beachteten Bonner Vortrag aus 13. Erinnern wir uns auch an die Worte von JASPERS.
Wohl am weitesten und bis zur letzten Konsequenz entwickelt wurde der neue Ansatz zur Deutung des Inflationsphänomens von E. STREISSLER in seinem Basler Vortrag 14. Jeder einzelne glaubt sich im Recht, wenn er seine Verteilungsposition zu verbessern trachtet. Jeder fühlt sich selbst zu tief eingestuft. «Dieser Versuch, Einkommensdifferentiale rascher zu beseitigen, als sie ökonomisch von selbst dahinschmelzen, ist die zentrale, weltweite heutige Inflationsursache, ist der Kernprozeß der Inflation.» So führte STREISSLER aus, und er spricht dabei von «leistungsunabhängigen» Verteilungskämpfen 15.
Inflation ist der Ausdruck sozialer Spannung, die, weil Inflation selbst wiederum zu Spannungen führt, sich selbst erhält (S. 42), und am weitesten geht STREISSLER, wenn er sagt: «Eine längerfristig zunehmende Inflation ist häufig bloß ein Symptom eines stillen Bürgerkrieges.» 16
Dieser Kampf wird, wie bemerkt, auf verschiedensten Ebenen und um private Konsumgüter ebenso geführt wie um öffentliche Güter. Auch die Forderung nach immer mehr gratis dargebotenen öffentlichen Leistungen, von Armen ebenso erhoben wie von den Reichen, ist nichts anderes als das Streben nach einer Verbesserung der Verteilungsposition. Über zunehmende Verschuldung versuchen wir, Gegenwartslasten auf die Zukunft zu verschieben, obgleich wir wissen, daß realiter jede Generation ihre Lasten selbst zu tragen hat. Ebensowenig läßt sich ein Konsumverzicht in der Vergangenheit, der nicht zu produktiven Investitionen führte, durch vermehrten Konsum in der Gegenwart kompensieren, d. h. Versäumtes später nachholen; dies ist die Erfahrung, die England nach dem Kriege machen mußte, als man sich im Besitze riesiger Mengen von Staatsschuldverschreibungen viel reicher fühlte, als man es in Wirklichkeit war, und als Folge davon über seine Verhältnisse lebte. «Ungeduld heißt, alles und alles gleichzeitig wollen. Wir wollen zufriedene Bauern und niedrige Getreidepreise, höhere Staatsausgaben und Steuersenkung, ... und wir wollen das alles nicht hintereinander, nach und nach, sondern womöglich alles gleichzeitig und eigentlich noch lieber gestern als heute; ein Ausdruck dieser unserer Ungeduld ist die schleichende Inflation.» So umschrieb G. SCHMÖLDERS das Phänomen der Anspruchsinflation 17.
Aber weshalb hört, so muß man fragen, diese Jagd nach dem Unmöglichen nicht auf, nachdem jeder einsehen mußte, daß das Ziel so nicht zu erreichen ist? Drei einfache Antworten darauf: Erstens bringt jede nominelle Einkommenserhöhung zumindest einen temporären Vorteil. Es dauert einige Zeit, bis die Preise nachziehen, andere Gruppen in ihren Forderungen folgen. Zweitens besteht nach so langer Zeit ständiger Inflation ein fundamentales Mißtrauen. Niemand traut dem anderen, daß auch er seinen Forderungen Einhalt gebieten werde. Gewerkschaften mißtrauen den
Unternehmern, Unternehmer den Gewerkschaften, Gewerkschaften mißtrauen sich wechselseitig ebenso wie Unternehmen und Wirtschaftsverbände, die Privaten den Öffentlichen Haushalten. Das feste Bewußtsein, daß die anderen auch weiterhin fordern werden, zwingt zum Mithalten, will man nicht allein die Zeche bezahlen. Maßhalteappelle haben sich als völlig wirkungslos erwiesen. Drittens hat das Abwälzen auf den anonymen Inflationsprozeß den Vorzug, daß man eigene Niederlagen, seine Schwäche im realen Verteilungskampf, nicht eingestehen muß. Mit dem Durchsetzen der Forderung hat man seinen «Sieg» errungen. Wenn die Inflation ihn nachher zunichte macht, so war es eben «Schicksal», Schuld anderer. Auch müssen schwache Regierungen nicht eingestehen, daß es Schwindel war, große soziale Leistungen und Steuerbefreiung für die Masseneinkommen gleichzeitig zu versprechen.
Nachdem das marktwirtschaftliche System weder an schärfer werdenden Wirtschaftskrisen zugrunde gegangen ist noch das Wachstumswettrennen mit sozialistischen Ländern verloren hat, ist die sich beschleunigende Inflation heute eine ganz konkrete Bedrohung, und dies haben jene Kräfte erfaßt, die unsere Gesellschaftsordnung zerstören wollen. Ihre Waffen sind die Forderung nach immer mehr Staatsleistungen unter gleichzeitiger Verweigerung der Besteuerung der Masseneinkommen, und auf der anderen Seite radikale Lohnpolitik. Man muß das Geldwesen verwüsten, um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, dies hatte bereits LENIN gesagt. Und auf einer Tagung im letzten Jahre formulierte der französische Gewerkschafter ANDRÉ Gorz: «Die Lohnpolitik ist das wichtigste Mittel der Arbeiterbewegung, um den Kapitalismus in eine Krise zu treiben. Die klassische Wirkung der tarifpolitischen Erfolge der Arbeiterbewegung muß es sein, Preiserhöhungen auszulösen und die inflationistische Krise zu beschleunigen.»
Wenn wir nunmehr auf Grund unserer Überlegungen die verschiedenen Ansatzpunkte erfolgreicher Stabilisierungspolitik Revue passieren lassen, so sollen Geld- und Fiskalpolitik als klassische Instrumente mit nur wenigen Bemerkungen zur Sprache kommen. Dies geschieht nicht deshalb, weil wir diese Instrumente als überholt und unwirksam betrachteten, sondern weil nach so langer Zeit intensiver Debatten alles Wesentliche gesagt ist. Gehen wir einfach davon aus, daß Geld- und Fiskalpolitik notwendige, für sich allein aber keine hinlänglichen Instrumente der Stabilisierungspolitik sind.
1. Mit dem Scheitern klassischer stabilisierungspolitischer Instrumente läßt sich ein erneuter Rückgriff auf direkte, administrative Eingriffe in den Prozeß der Preis- und Lohnbildung beobachten, euphemistisch oft als Einkommenspolitik umschrieben, obgleich es mit einer gezielten Politik gerechter Einkommensverteilung meist kaum etwas zu tun hat. Man kuriert an den Symptomen, was immer ein Zeichen der Hilflosigkeit ist. Zieht man Bilanz über die in verschiedenen Ländern gemachten Erfahrungen, so überwiegen die negativen Posten in der Gegenwart ebenso eindeutig, wie sie dies auch früher getan haben.
Die Kontrolle einzelner Preise ist ziemlich wirkungslos, weil erstens der Marktmechanismus partiell außer Kraft gesetzt und das Angebot auf den betreffenden Märkten damit eingeschränkt wird, und weil zweitens der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus so nicht aufgehalten werden kann; die an einer Stelle durch niedrige Preise eingesparten Einkommen werden auf anderen Märkten ausgegeben, womit die Preise dort um so stärker steigen. Höchstens kann eine Zeitlang Index-Manipulation durch Kontrolle jener Preise betrieben werden, die bei der Ermittlung des Preisindex für die Lebenshaltung größeres Gewicht haben oder die psychologisch wichtige Preise sind (Brotpreis). «Soziale Preise» haben sich auf längere Sicht oft als höchst unsozial erwiesen, eben weil das Angebot eingeschränkt, die Qualität verschlechtert wurde, und weil die
kurzfristig nicht korrigierbare Verknappung später nur um so stärkere Preissteigerungen erzwungen hat. Herausragendes Beispiel ist hierfür der Wohnungsmarkt.
Eine vollständige Kontrolle würde eine umfangreiche Bürokratie voraussetzen, die ihrer Kosten wegen selbst wieder zur Inflation beiträgt. Der marktwirtschaftliche Steuerungsmechanismus wird mehr und mehr außer Kraft gesetzt, es entwickeln sich Disproportionalitäten, wobei Schwarze Märkte oft noch das einzige Korrektiv sind. Immer und ziemlich unabhängig vom Typ des Wirtschaftssystems haben Preise, die weit unter ihren Gleichgewichtswerten liegen, zur Qualitätsverschlechterung geführt. Nicht zuletzt sind die blockierten Preise in sozialistischen Ländern schuld daran, daß industrielle Fertigprodukte nicht den Qualitätsstandard des Weltmarktes erreichen, somit nicht exportfähig sind, und als Folge davon der Exportanteil der Rohstoffe weit höher ist, als es dem Entwicklungsstand der Länder an sich entspricht.
Die vielleicht größte Gefahr der zurückgestauten Inflation, denn diese beschreiben wir hier, wird merkwürdigerweise eher wenig herausgestrichen. Kontrollierte Preise machen es Regierungen möglich, Staatsausgaben defizitär zu finanzieren, ohne daß sie dafür mit einer nach außen sichtbar werdenden Inflation bestraft werden. Beinahe lautlos vollzieht sich eine gewaltige reale Umverteilung vom privaten zum öffentlichen Bereich, wie dies insbesondere ab Mitte der 30er Jahre mit der Aufrüstung in Deutschland geschah.
Für Lohnkontrollen gilt ähnliches, ohne daß wir hier auf Einzelheiten eingehen wollen. Administrativ niedrig gehaltene Löhne beeinträchtigen die Qualität der geleisteten Arbeit und lösen über sinkende Produktivität inflationäre Tendenzen aus. Oder es eilen die Effektivlöhne einfach den staatlich fixierten Tarifen davon, wie dies selbst unter rigorosen Kontrollen starker Regierungen oft nicht verhindert werden konnte.
Man mag an dieser Stelle die Frage aufwerfen, wie es sozialistischen Ländern gelingt, die Inflation zu bekämpfen. Zunächst einmal publiziert man keinen Preisindex. Hätte man ihn, so würde
man einen leichten, ständigen Preisanstieg auch dort feststellen. Ungarn z. B. rechnet heute mit 2-3 v. H. im Jahr. Zum zweiten existiert eine strenge Kontrolle aller Löhne, die über lange Zeitabschnitte einfach konstant gehalten werden, mit allen Nachteilen und Ungerechtigkeiten, die bereits angedeutet wurden. Drittens benutzt man —neben an sich hohen direkten und indirekten Steuern — bestimmte, in Staatsbetrieben hergestellte Güter, die besonders begehrt werden und die es erlauben, beinahe alle überschüssige Kaufkraft abzuschöpfen. Dies ist heute in erster Linie das Automobil. Man setzt einen extrem hohen Kaufpreis, läßt die Kaufsumme Jahre im voraus bezahlen, und man fordert überdies exorbitante Preise für den Kraftstoff.
2. Begnügen wir uns mit vier Bemerkungen zur Fiskalpolitik. Aus früheren Überlegungen folgt, daß eine Politik des Gegensteuerns schwierig bis unmöglich ist, wenn die Termine der Einkommensentstehung und des Zahlens der Steuern so weit auseinanderklaffen, wie dies in der Schweiz der Fall ist. Stabilisierungsbemühungen können dann den Zyklus sogar verschärfen, weil die Maßnahmen wegen der Verzögerungen zum falschen Zeitpunkt wirksam werden. Das Verfahren des Quellenabzugs, das überdies administrative Vereinfachungen ermöglicht, würde eine ungleich bessere Ausgangslage für die Stabilisierungspolitik mit fiskalen Instrumenten schaffen. Aber der Weg bis dahin ist wohl noch weit.
Zum zweiten hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß gezielte Eingriffe an die Stelle globaler fiskaler Maßnahmen treten sollten. Diagnose der Ausgangslage und politischer Entscheidungsprozeß müssen bestimmen, an welcher Stelle die Nachfrage einzuschränken ist: beim privaten Konsum, den Investitionen verschiedenen Typs (industrielle Anlagen, Bau), den Exporten oder den Staatsausgaben selbst. Entsprechend sind die Maßnahmen zu dosieren. Ansonsten würden andere, fundamentale wirtschafts- und gesellschaftspolitische Ziele der Stabilisierungspolitik geopfert.
Drittens kann der zentrale Staatshaushalt, bei uns der Bundeshaushalt, die Last der Stabilisierungspolitik allein niemals tragen.
Dies folgt aus den Größenordnungen und gilt für die Schweiz ganz besonders. Das Verantwortungsbewußtsein für die Geldwertstabilität nimmt, und hier setzten unsere Überlegungen zur politischen Theorie der Inflation ein, ab mit abnehmendem Volumen der Einnahmen und Ausgaben. Es müssen also Vorkehrungen getroffen werden, damit zentrale und lokale Haushalte synchron agieren, nicht gegeneinander.
Zum vierten ist Preisstabilität solange ein utopisches Ziel, wie Regierungen ihre Staatsbürger nicht davon zu überzeugen vermögen, daß große soziale Errungenschaften nicht von einigen wenigen bezahlt werden können, nicht von den Reichen allein, auch nicht aus den Gewinnen der Kapitalgesellschaften, die ohnehin zum großen Teil wieder den Investitionen zufließen. Die Einkommenspyramide verjüngt sich oberhalb des Durchschnittseinkommens rasch zu einer hauchdünnen Spitze. Ob dies populär ist oder nicht: will man ausreichende Altersversorgung, Ausbau des Gesundheitswesens, kostenlose Schulbildung, Studium für möglichst viele und auch bessere Umwelt, so muß man in der Einkommenspyramide ziemlich weit nach unten greifen, soll nicht die ganze Last auf indirekte Steuern abgewälzt werden, die die Armen stärker treffen als die Reichen. Verschließt man sich diesem Tatbestand, so muß die Zeche mit der Inflation bezahlt werden, die auch wiederum die Ärmeren trifft.
3. Die Auseinandersetzung mit M. FRIEDMANS Gedanken hatte uns bereits zur Geldpolitik geführt. Die strikte Anwendung der Friedman-Regel ist keine Alternative. Die perfekte Kontrolle der Geldmengenexpansion wäre in einem Lande wie der Schweiz ungleich schwieriger als in den Vereinigten Staaten. Selbst wenn sie gelänge, zweifeln wir an dem erhofften Erfolg. Insbesondere aber haben wir Sorge vor den unbekannten Nebenwirkungen.
Wir greifen ein, und nur ein, zentrales geldpolitisches Problem der Gegenwart heraus. Angesichts der sich beschleunigenden Inflation stehen die Länder vor der Frage, ob sie, um die Investitionstätigkeit in den Griff zu bekommen, das Zinsniveau entsprechend
erhöhen, also «marktkonform» handeln, oder ob sie von direkten Kreditkontrollen Gebrauch machen sollen, etwa in Gestalt der Begrenzung der Zuwachsraten, wie gegenwärtig in der Schweiz. Im Augenblick handeln die Länder unterschiedlich und verschärfen damit außenwirtschaftliche Ungleichgewichte.
Gewichtige Argumente sprechen heute gegen eine Überstrapazierung «marktkonformer» Lösungen. Man müßte bei den augenblicklichen Inflationsraten das Zinsniveau sehr stark erhöhen, bevor die Investitionsnachfrage fühlbar eingeschränkt würde, wohl über die 10 v. H.-Grenze hinaus. Beginnt aber der Zins erst einmal zu greifen, so trifft er die einzelnen Bereiche sehr unterschiedlich, am empfindlichsten den Wohnungsbau, den Mittelstand, die Landwirtschaft. Die Selektion ist willkürlich und unsozial. Steigende Mietzinse und Agrarpreise würden die antiinflatorische Politik darüber hinaus erschweren.
Zum zweiten schafft ein einmal etabliertes, hohes Zinsniveau eine Art Interessengemeinschaft für die Fortführung der Inflation. Hat die Wirtschaft sich längerfristig zu hohem Zinsfuß verschuldet, so würde ein schnelles Absinken der Inflations- und damit zugleich der nominellen Ertragsraten zu Verlusten und Zusammenbrüchen führen.
Ein interessanter Nebenaspekt der Hochzinspolitik ist im Augenblick das Dilemma in der Bundesrepublik bei dem Bemühen, mit sozialistischen Ländern langfristige Kreditgeschäfte abzuschließen. Verständlicherweise wollen jene Länder nicht Zinssätze bezahlen, die überwiegend die Inflationsraten des kreditgebenden Landes spiegeln und nicht reale Ertragsraten.
4. Von J. R. HICKS stammt die Bemerkung, nach dem Abgehen vom Goldstandard sei unsere Währung ein wage standard geworden. Der Lohnpolitik kommt im Rahmen der Stabilisierungspolitik eine Schlüsselstellung zu. Dies ist selbstverständlich und folgt bereits aus den Dimensionen. Empfehlungen, Wunderformeln und Programme knüpfen deshalb beim Lohnbildungsprozeß an: Lohnüberwachung, Lohnleitlinien, Produktivitätslohn, Einkommenspolitik,
institutionalisiertes Gespräch der Partner auf dem Arbeitsmarkt wie etwa die «Konzertierte Aktion» in der Bundesrepublik.
Greifen wir die Idee des Produktivitätslohnes heraus, die lange Zeit als Zauberformel galt und die immer wieder auftaucht. Sie ist anschauliches Beispiel für den Versuch, Konflikte mit Formeln und dem Computer lösen zu wollen. Ausgangspunkt ist eine tautologische Gleichung: solange der Reallohn ebenso schnell zunimmt wie die Arbeitsproduktivität, bleibt die Einkommensverteilung, durch die Lohnquote zum Ausdruck gebracht, konstant. Mit Tautologien aber lassen sich Konflikte nicht lösen. Anpassung des Reallohnes an die Arbeitsproduktivität bedeutet, daß der Nominallohn mit der Produktivität und den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt halten muß. Führt man diese doppelte Anpassung durch, so kann die Lohnquote bei jeder beliebigen Inflationsrate konstant gehalten werden, wie es in der Vergangenheit im wesentlichen geschehen ist. Das Stabilitätsziel wurde dem Ziel gerechter Verteilung vollkommen untergeordnet. Würde umgekehrt der Lohn nur an den Produktivitätsfortschritt und nicht an die steigenden Preise angehängt, so würde das Stabilitätsziel dominieren; die Lohnempfänger würden die inflatorische Lücke schließen, indem sie sinkende Lohnquoten akzeptieren. Die Formel löst nicht die Konflikte, sondern verschiebt sie nur auf eine andere Ebene.
Hinzu treten vielfältige Komplikationen. Im allgemeinen sind produktivitätsstarke Branchen die Schrittmacher der Lohnpolitik. Andere Bereiche folgen, um ihren angestammten Platz in der Einkommenshierarchie zu behaupten, darunter auch alle Bereiche, in denen die Arbeitsproduktivität nur wenig zunimmt, so der gesamte tertiäre Sektor. Als Folge davon steigt im Durchschnitt das Lohnniveau eben schneller als die Produktivität 19.
5. Wir zeigten, daß eine Hauptursache der Inflation in dem Versuch besteht, die Verteilung des Einkommens mit untauglichen Mitteln zu korrigieren, nämlich durch reine Nominallohnpolitik. Der Kampf wird mit ungeeigneten Waffen und am falschen Orte ausgefochten. Er führt zu der unglücklichen Sequenz von «Lohninflationen» und «Gewinninflationen», aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Aus der Beobachtung, daß durch nominelle Lohnforderungen die Einkommensverteilung letztlich nicht korrigierbar ist und durch sie nur Inflationsprozesse ausgelöst werden, ist immer wieder ein radikaler Fehlschluß gezogen worden, der für viele Mißerfolge, große Enttäuschungen und damit für Verschärfung der Auseinandersetzungen verantwortlich ist, die Empfehlung nämlich, die Gewerkschaften sollten auf die Forderung nach Lohnerhöhung besser verzichten. Genau dies können sie aber nicht: wo sie es getan haben, mußten sie die Zeche bezahlen 20.
Würde unter heutigen Konstellationen ein Partner im Kampf um die Aufteilung des Kuchens erklärtermaßen die passive Stellung beziehen, so hätten andere Bereiche ein entsprechend leichtes Spiel. Der Anteil öffentlicher Haushalte könnte zunehmen, es könnte anhaltend hohe Exportüberschüsse geben, und es brauchte nicht durch unpopuläre Maßnahmen die Investitionstätigkeit gebremst zu werden. Export- und Investitionsquoten wären hoch, die Lohnquote entsprechend niedrig, falls die Gewerkschaften es sind, die sich mit der passiven Rolle zufriedengeben. All dies ist bereits geschehen.
Deshalb bleibt nur die Alternative: Fortführen der bisherigen Politik wechselseitiger Drohung oder das Festlegen auf gänzlich neue Spielregeln; Spielregeln, bei denen jeder die volle Gewißheit besitzt, daß alle sie einhalten. Wechselseitige Drohung: dies bedeutet, daß Nominallohnforderungen, die die Inflation zu beschleunigen tendieren, geld- und fiskalpolitische Instanzen zum Handeln zwingen, was sie sonst —weil unpopulär —nicht täten. Die Restriktionsmaßnahmen wiederum weisen die Lohnpolitik in Grenzen, sollen die Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Neue Spielregeln: dies bedeutet, daß die Partner auf dem Arbeitsmarkt über mehr sprechen als nur den Lohn und die Randbedingungen des Arbeitsverhältnisses, und über mehr als nur betriebliche Mitbestimmungsprobleme. Sie müssen sich einigen über die großen Konzeptionen der Wirtschaftspolitik, über die Strategie und nicht nur die Taktik. Es muß zu einem Konkordat kommen über die Aufteilung der Sozialpolitik auf die großen Aggregate: Staatsanteil, Investitionsvolumen, Exportüberschuß. Die Konzertierte Aktion in der Bundesrepublik war ein nicht gelungener Versuch, aber es besteht kein Grund, danach bereits zu resignieren.
6. Löhne wirken nicht dadurch inflationär, daß sie ausbezahlt, sondern indem sie ausgegeben werden, d. h. dem Konsum zufließen. Gelänge es, die Ersparnisbildung aus Löhnen zu erhöhen, so wäre ein neuer, großer Freiraum für die Lohnpolitik gewonnen, ohne daß die Preisstabilität gefährdet würde. Die Gewerkschaften erhielten ein neues, höchst wirksames Aktionsparameter im Kampf um die Einkommensverteilung. Mit dem erfolgreicheren Kampf gegen die Inflation wäre aber zugleich auch ein wesentlicher Beitrag zur Vermögenspolitik geleistet. Ohne Umverteilung bestehender Vermögen könnte bereits innerhalb einer Generation eine wesentlich gleichmäßigere Vermögensverteilung erreicht werden.
Zahlreiche Pläne sind zur Förderung der Vermögensbildung aus Lohneinkommen (insbesondere die Investivlohnpläne in der Bundesrepublik) entwickelt worden, leider mit sehr geringem Erfolg in der Realisierung. In der Schweiz diskutiert man den Gedanken des
Sparlohnes. Von bloßer fiskaler Förderung des Sparens durch Steuerbegünstigung darf man nicht viel erwarten. Die Erfahrung zeigt, daß sie lediglich zu einer Verlagerung in den Sparformen führt, kaum zur Erhöhung der Nettoersparnis. Man muß sich etwas wirklich Neues einfallen lassen, ein Programm, an dem sich alle Lohnempfänger, und darüber hinaus möglichst noch weitere Gruppen wie etwa die freien Berufe, beteiligen.
Ganz unglücklich läuft die Entwicklung heute in der Bundesrepublik, nachdem in günstigeren Zeiten große Chancen ausgelassen wurden. Entweder wird private Vermögensbildung aus ideologischen Gründen als «spätbürgerliche Romantik» überhaupt abgelehnt, oder man will — und damit verfällt man in den alten Fehler — entstandene Gewinne nachträglich abschöpfen und neu verteilen. Dies aber eben geht, wie wir gezeigt haben, nicht. Sinnvolle Vermögenspolitik muß bedeuten, daß exzessive Gewinne gar nicht erst entstehen.
Wir gingen von der Frage nach neuen Waffen der Stabilisierungspolitik aus. Unser Resümee ist nicht sehr verheissend, und zu großem Optimismus besteht nach so langer Zeit der Mißerfolge wenig Anlaß.
Das Lösen aus dem System fester Wechselkurse bringt größere Freiheit für die interne Politik stabilen Geldes, wenn auch keine unbegrenzte, wie manche glauben. Damit wirkt das Bekenntnis zum Postulat der Geldwertstabilität nunmehr ehrlicher. Man hat zulange — trotz aller Warnungen von seiten der Wissenschaft —mit der Fiktion gelebt, auch im bisherigen Währungssystem sei eine Politik stabiler Preise möglich. Zu oft sind die Menschen enttäuscht, sind ihnen uneinlösbare Versprechungen gemacht worden. Nur mit einer Politik unbedingter Ehrlichkeit ist es möglich, die Inflationserwartungen zu brechen, und ehrlich ist es, wenn man nicht schon für die nahe Zukunft eine Nullinflation verspricht. Zu lange
hat man mit dem Postulat des absolut stabilen Preisniveaus gelebt. Jetzt endlich werden allerwärts die Politiker mit ihren Versprechungen vorsichtiger.
Menschen haben bestimmte Verhaltensweisen, einzeln und in Gruppen, und diese ändern sich nur langsam, abgesehen von Phasen revolutionärer Begeisterung, die schnell abklingen. Wir dürfen deshalb in der Stabilisierungspolitik Wunder durch plötzliche Neubesinnung nicht erwarten. Die Wirtschaftspolitik muß vom Realtyp des Menschen ausgehen, nicht von einem Idealtyp. Man muß Menschen nehmen, wie sie sind, und man muß Verständnis haben, wenn sie nach einer langen Epoche uneingelöster Versprechen mißtrauisch geworden sind. Niemand möchte die Last der Stabilisierungspolitik allein auf seine Schultern nehmen, mit seinen Forderungen zurückstecken, solange er allen Anlaß hat zu fürchten, daß andere dann nur um so mehr fordern werden. Dies gilt übrigens auch für den Sparlohn, eine der großen Hoffnungen künftiger Stabilisierungs-, Vermögens- und damit zugleich Gesellschaftspolitik. Weder Einzelpersonen noch Gruppen werden bereit sein, durch Konsumverzicht für Preisstabilität zu sorgen, wenn jene den Nutzen aus ihr ziehen, die unbesorgt in den Tag hineinleben.
Aber optimistisch bleibt festzustellen, daß Menschen immer zu Opfern bereit sind, wenn sie ihren Sinn einsehen und wenn sie die sichere Überzeugung haben, daß alle das Opfer bringen. Der Kampf gegen die Inflation kann nur gewonnen werden, wenn ein neues Gefühl kollektiver Verantwortlichkeit sich durchsetzt.
Der englische Nationalökonom J. E. MEADE, einer unserer Basler Ehrendoktoren, schrieb im Jahre 1948, daß wir unsere Schulaufgabe über die Deflation in den 30er Jahren gelöst, aber leider die Lektion über die Inflation nicht bewältigt hätten. Er konnte damals noch nicht ahnen, welch langer Lernprozesse es dazu bedurfte.