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Herr Cerny, in der Schweiz erhalten etwa 16 von 100 Männern die Diagnose Prostatakrebs. Etwa fünf von 100 Todesfällen bei Männern sind auf diese Krankheit zurückzuführen. Welche Rolle spielt der PSA-Wert bei der Diagnose?
Der Arzt misst im Rahmen der Früherkennung das «Prostata-spezifische Antigen» kurz PSA. Das ist ein Eiweiss, das nur in der Prostata gebildet wird und dazu da ist, die Samenflüssigkeit zu verdünnen. PSA gelangt in kleinen Mengen auch ins Blut und kann dort nachgewiesen werden. Bei verschiedenen Erkrankungen der Prostata, zum Beispiel bei Entzündungen, einer gutartigen Prostatavergrösserung aber auch bei Prostatakrebs, steigt der PSA-Wert im Blut an. Der PSA-Wert ist somit nicht spezifisch auf Krebs ausgerichtet. Und er zeigt auch nicht an, ob es sich um einen gutartig verlaufenden oder aggressiven Prostatakrebs handelt.
Bei welchem Wert muss Mann sich Sorgen machen?
Ein Wert von unter 2 bis 3 ng/ml gilt als normal. Ist der Wert höher, beginnen die Probleme. Es folgen die digital-rektale Untersuchung der Prostata, Ultraschall oder bildgebende Verfahren.
In welchem Fall ist eine Biopsie notwendig?
Patienten mit einem PSA-Wert zwischen 2 und 10 ng/ml befinden sich in einer diagnostischen Grauzone. Von zehn Männern, die sich wegen eines wiederholten PSA-Werts von höher als 3 ng/ml einer Prostatabiopsie unterziehen, findet man nur bei drei Männern Prostatakrebs. Das bedeutet, dass der PSA-Test zu vielen unnötigen Biopsien führt. Man muss zudem wissen, dass die Biopsien unangenehm sind und zu Infektionen oder Blutungen führen können. In der Regel werden etwa acht bis zwölf Proben aus dem Prostatagewebe entnommen. Unter Umständen – wenn der Tumor sehr klein ist – werden bei dieser Prozedur keine Tumorzellen erwischt. Somit ist eine negative Biopsie nicht zuverlässig beruhigend.
Durch die Biopsien werden aber auch Tumoren entdeckt, die – wären sie unentdeckt geblieben – dem betroffenen Mann nie Beschwerden bereitet hätten. Der Grund: Dieser Krebs verläuft oft sehr langsam, die meisten Diagnosen werden zudem im Rentenalter gestellt. Viele Männer sterben später nicht an, sondern mit einem Prostatakarzinom. Überdiagnosen sollten deshalb unbedingt vermieden werden, denn sie führen nicht nur zu unnötigem Leid bei den betroffenen Männern, sondern belasten auch unser Gesundheitssystem.
Das ETH-Start-up Proteomedix hat einen neuartigen Bluttest entwickelt, der Ärzten und Patienten helfen kann, Überdiagnosen zu vermeiden. Wie funktioniert der Test?
Bei einem erhöhten PSA-Wert steht der Arzt ja vor der Herausforderung zu erkennen, ob der Krebs – bildlich gesprochen – eine harmlose Hauskatze ist oder ein aggressiver Tiger. Bei der Hauskatze kann er zuwarten, der Tiger sollte jedoch sofort ins Visier genommen werden. Der Bluttest der Firma Proteomedix ist unter dem Namen Proclarix neu auf dem Markt. Es handelt sich um einen proteinbasierten Bluttest, der mit derselben Blutprobe durchgeführt werden kann, die auch für den PSA-Test verwendet wird.
Was misst der Test?
Konkret misst der Test wichtige hochsensitive Substanzen im Blut, die auf die Bösartigkeit und Aggressivität eines Tumors hinweisen. Die einzelnen Parameter werden mithilfe eines Computeralgorithmus ausgewertet, wobei auch das Alter des Patienten mit einfliesst. Der Arzt erhält so zusätzlich zum PSA-Wert wertvolle Informationen für die Diagnose, und er kann sie mit einer jährlichen PSA-Messung kombinieren, um das individuelle Risiko beim Patienten einzuschätzen. Nicht zuletzt bekommt der Patient schnell Gewissheit, ob aktuell eine behandlungsbedürftige Krebserkrankung vorliegt oder nicht.
Wird der Test bereits eingesetzt?
Der Test beruht auf mehreren international publizierten wissenschaftlichen klinischen Studien und wird bereits in Praxen in der Schweiz eingesetzt. Kliniken in Hamburg, Frankfurt, Barcelona, St. Gallen, Zürich und Bern sammeln nun weitere Erfahrungen mit dem Proclarix-Test und geben positive Rückmeldungen. Ich denke, dass wir mit Proclarix nun endlich einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben: Viele unnötige und auch risikobehaftete Prostata-Biopsien können vermieden werden. Neue Studienergebnisse zeigen, dass der Proclarix-Test in Kombination mit der multiparametrischen Magnetresonanztomographie (MRT) wichtige zusätzliche Informationen liefert und so die Entscheidung für oder gegen eine Biopsie entscheidend verbessern kann.
Kliniken, die Proclarix bereits einsetzen
- Kontakt: Dr. med. Jörg Häufel, Facharzt für Urologie und Chirurgie
- Tel.: 043 268 2929
- E-Mail: <email-pii>
- Kontakt: PD Dr. med. Daniel Engeler, Stv. Chefarzt Urologie
- Tel.: 071 494 14 19
- E-Mail: <email-pii>
Zur Person: Thomas Cerny
Er war von 1998 bis zur Pensionierung 2017 Chefarzt Onkologie/Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung neuer Medikamente und den gesundheitspolitischen Aspekten der onkologischen Versorgung. Cerny ist Präsident der Krebsforschung Schweiz und Mitgründer von Proteomedix.
Erstellt: 10.01.2022 07:00 Uhr