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2010 feiert New Bern im US- Bundesstaat North Carolina das 300-jährige Bestehen. Gegründet wurde die Stadt vom Worber Christoph von Graffenried, Spross einer bis heute bekannten Berner Patrizier-Familie.
Nichts geht den Amerikanern über einen altehrwürdigen Stammbaum: New Bern an North Carolinas Atlantikküste, ein Städtchen mit rund 28'000 Einwohnern, beruft sich auf einen Schweizer Gründer – keinen namenlosen Abenteurer, sondern einen aus einem alten Berner Geschlecht.
Christoph von Graffenried, 1661 bis 1743, versuchte dort, eine Kolonie zu gründen. Doch verlor Christoph in der Neuen Welt sein ganzes in künftiges Farmland investiertes Vermögen – und fast noch seinen Kopf dazu.
Marterpfahl statt Pocahontas
Denn erboste Ureinwohner vom Volk der Irokesen machten ihm einen Strich durch die Rechnung seiner Kolonisationspläne. Um ihr Land gebracht, massakrierten sie Hunderte von protestantischen deutschen Kolonialisten, oft Religionsflüchlinge, darunter 150 Schweizer und Wiedertäufer aus Bern.
Diese "Germans" hatte Graffenried anzusiedeln versucht. Er selber entging dem Marterpfahl nur knapp. 1713 kehrte er traumatisiert nach Worb bei Bern zurück.
Doch sein Sohn Christoph blieb für immer in der Neuen Welt: Er heiratete zwar keine indianische Häuptlingstochter à la Pocahontas mit Grundbesitz, sondern eine Engländerin und begründete den amerikanischen Zweig der Graffenrieds.
Kolonial-Pionier als Einzelfall
Pionier Christoph blieb ein Einzelfall unter den Graffenrieds, die zu Hause in Europa eine glücklichere Hand hatten: Immer den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Zeit folgend, fanden Exponenten der Familie immer wieder lukrative Geschäftsfelder.
Im Mittelalter dienten sie in Bern als Säckelmeister (Finanzminister) oder Direktoren des einträglichen Salzmonopols, in späteren Jahrhunderten in Holland und Frankreich als Söldner.
Als im 19. Jahrhundert die moderne Schweiz die Aristokratie abschaffte, wurden aus ihnen vermehrt Juristen, Bankiers und Kaufleute. Im 20. Jahrhundert verwalteten sie Liegenschaften und Vermögen.
Das Geschäft mit Liegenschaften hat in der Familie Tradition: Als Grundbesitzer waren die Graffenrieds ein Pfeiler des 'alten Staats Bern' gewesen.
Dieser wurde erst 1852 in Kanton, Stadt und Burgergemeinde aufgeteilt. Letztere verfügt noch immer über einen weitläufigen Grundbesitz. Präsident der Burgergemeinde ist seit 2004 ebenfalls einer aus der Familie: Franz von Graffenried.
Charles als wirtschaftlicher Vorzeige-Graffenried
Am Übergang zum 21. Jahrhundert findet man den Familienamen oft im Zusammenhang mit Dienstleistungen für das Vermögen, ob als Privatbank, Liegenschaften, Treuhand oder Recht. Und im Verlagswesen, wo der inzwischen 84-jährige Charles von Graffenried als graue Eminenz gilt.
2003 war er noch Verwaltungsratspräsident der Espace Media Group, die nach der Berner Zeitung auch die Zeitung Der Bund übernahm – nicht zuletzt damit Charles als Bernburger das Berner Traditionsblatt erhalten konnte. Was den ehemaligen Panzeroberst 2007 nicht davon abhielt, seine Espace Media Groupe an die Zürcher Tamedia zu verkaufen.
Begonnen hatte Charles als Fürsprecher und Notar. Das kleine väterliche Büro baute er zur grossen von Graffenried-Gruppe aus. Als Präsident der Von Graffenried Holding AG war Charles auch Privatbanquier sowie Immobilien- und Treuhand-Unternehmer.
Die Graffenried-Gruppe soll gemäss dem Wirtschaftsmagazin Bilanz wahrscheinlich die grösste Immobilien-Besitzerin der Stadt Bern sein. Charles' Privatvermögen ist 2008 auf 300 bis 400 Mio. Franken geschätzt worden.
Rennfahrer, grüne Politiker und Fotografen
"Aber es gibt bei uns nicht nur Advokaten, Fürsprecher und Verwaltungsräte", sagt Christine von Graffenried gegenüber swissinfo.ch. Sie präsidiert den Verein '300 Jahre New Bern'. "Gerade bei der jüngeren Generation haben sich vermehrt freie und kreative Berufe durchgesetzt."
Besonders in der Romandie bekannt sei der 2007 verstorbene Autorennfahrer Emmanuel de Graffenried, "Toulo" genannt. Er fuhr auf Maserati und gewann fünf Grand Prix – 1949 auch jenen von Bremgarten-Bern.
Als Fotograf hat sich Michael, Sohn von Charles, einen Namen gemacht. Auch mit Reportagen aus New Bern.
Auf den grünen Zweig gekommen ist Alec. Als Fürsprecher und Geschäftsleitungsmitglied bei der Baufirma Losinger bleibt er zwar in der Familientradition. Seit 2007 ist er aber auch Nationalrat der Grünen Freien Liste.
Mehr Kreative und mehr Frauen
"Wir haben sogar einen Coiffeur", sagt Christine von Graffenried und erzählt vom ehemaligen Metallbau- und Bühnenschlosser David, der in der Fotografie, beim Film und im Theater tätig war. "Jetzt besitzt er einen Damen- und Herrensalon im Neufeld Bern."
Ganz im künstlerischen Management zu Hause ist Andreas: Als Ingenieur für Theater- und Veranstaltungstechnik arbeitete er in Berlin als stellvertretender Technischer Direktor an der Deutschen Oper – und jetzt in Paris.
Ebenfalls in dieser Branche arbeitet Ariane – als Schauspielerin. Im Medien- und Kommunikationsbereich schliesslich sind Catherine und Valérie zu finden. Henriette schliesslich führt eine Apotheke in Bern.
Auch Christine von Graffenried selbst zählt zu den aktiven Frauen der Familie. Jetzt engagiert als Präsidentin des Vereins '300 Jahre New Bern'. Viele Jahre war sie in leitenden Stellungen in einer Genfer Chemiefirma tätig.
Alexander Künzle, swissinfo.ch
Von Graffenried
Erwähnt wird die Familie erstmals 1272, also noch vor der Gründung der Eidgenossenschaft.
Niclaus (1468 – 1554) von Graffenried gilt als Gründervater. Er war Mönch, als seine beiden Brüder bei Grandson in der Schlacht gegen Karl den Kühnen fielen.
Darauf erhielt er eine Absolution, um zu heiraten und sein Geschlecht nicht aussterben zu lassen.
Der ältere Graffenried-Zweig mit Johann Rudolf (1505 – 1557) starb 1909 aus.
Der jüngere Zweig mit Peter (1507 – 1562) teilte sich später in die Worb-, die Münchwyler- und die Burgistein-Linie auf.
Aus der Worb-Linie entstammte Christoph von Graffenried(1661 – 1743), der Amerika-Pionier und Gründer von New Bern.
Sein Sohn gründete mit Barbara Tempest die Landgrave-Linie.
Deren einziger Sohn, Tscharner von Graffenried, heiratete vier Mal und hinterliess in Amerika eine zahlreiche Nachkommenschaft.
Schwarze und weisse von Graffenrieds
North Carolina liegt im Süden der USA und war während dem Sezessionskrieg 1861-65 Teil der südstaatlichen Konföderierten.
Kriegsgrund war unter anderem die von der Union geforderte, aber im Süden abgelehnte Abschaffung der Sklaverei.
Es war damals üblich, dass schwarze Bedienstete die Namen ihrer Gutsherren annahmen. Deshalb heissen heute auch viele Schwarze de Graffenried.
Während unter den weissen Nachkommen die beiden Schreibweisen "De Graffenried" und "De Graffenreid" vorherrschen, kennen die Schwarzen zahlreiche zusätzliche Schreibwesen:
Zum Beispiel "Degraffenreid", "Degrafferre", "De Graffride", "De Graftenreid", etc.
1989 fanden sich die schwarzen Graffenrieds zu ihrer ersten Familien-Zusammenkunft ("Graffenried Gathering") zusammen. Dabei wurden rund 80 Personen gezählt.
Christine von Graffenried schätzt die gesamten Anzahl Nachfahren in den USA auf rund 10'000 Personen, davon tragen noch rund Tausend den Namen.