Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/300

Wenn ein Fluss plötzlich rückwärts strömt, ist das weder eine optische Täuschung noch ein Zeichen für drohendes Unheil. Das Phänomen kann (fast) natürliche Ursachen haben und sogar hilfreich sein. So im Falle der Zihl, einem Nebenfluss der Aare.
Wenn die Hasen Jäger schiessen und die Flüsse aufwärts fliessen und die Mäuse Katzen fressen, dann erst werd ich dich vergessen!» Wer jemals ein Poesiealbum besessen hat, kennt diesen Spruch bestimmt. Weniger bekannt ist wohl, dass es in der Schweiz tatsächlich einen Fluss gibt, der manchmal rückwärts fliesst. Dabei handelt es sich um die Zihl, genauer den Zihlkanal. Im Laufe der ersten Juragewässerkorrektion von 1878 wurde der Fluss begradigt, vertieft und zu einem breiten, schiffbaren Kanal ausgebaut. Dank diesen heftigen Eingriffen in die Natur konnte der Hochwasserschutz für das Seeland massiv verbessert werden, gleichzeitig verschwanden Malaria und andere Krankheiten aus der Region und machten sie zur Gemüsekammer der Schweiz.
Die Juragewässerkorrektion gehört, ähnlich wie die Linthkorrektion, zu den nationalen Jahrhundertbauwerken. Beide haben das Mittelland in gewaltigem Umfang verändert. Die drei Seen am Rande des Jura waren schon immer durch Flüsse miteinander verbunden. Die Broye fliesst vom Murten- in den Neuenburgersee, und von dort aus mäanderte früher die Zihl nach Osten in den Bielersee, durchquerte diesen und floss dann kurz vor Büren in die Aare. Sowohl die Broye wie die beiden Teilstücke der Zihl wurden bei der ersten Juragewässerkorrektion ausgebaut und vertieft. Bernhard Wehren, Leiter Seeregulierung beim Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern, erklärt das grosse Bauvorhaben folgendermassen: «Man wollte die drei Seen besser miteinander verknüpfen, ihre Pegel auf gleiche Höhe bringen und sie so im Falle von Hochwasser zu einem ganzheitlichen Auffangbecken für die Wassermassen machen.» Denn: Dank ihres Volumens mögen Seen länger und mehr Wasser aufnehmen als Flüsse und bewahren so die umliegenden Landflächen vor Überschwemmungen.
Die Pläne des Bündner Oberingenieurs Richard La Nicca, der die Juragewässerkorrektion leitete, gingen jedoch noch weiter. Der grösste Eingriff war nämlich die Umleitung der Aare, die bis dahin von Bern aus kommend am Bielersee vorbei direkt nach Solothurn floss. Der Fluss brach bei Hochwasser oft ins umliegende Seeland aus und machte es zu einem einzigen Sumpf. Der Flurname «Grosses Moos» für das Gebiet südlich des Bielersees zeugt noch heute davon. La Nicca leitete den Fluss bei Aarberg durch den neu gebauten Hagneck-Kanal in den Bielersee. Und als Ersatz für den alten Ausfluss der Zihl aus dem Bielersee entstand der heutige Nidau-Bühren-Kanal, der die Wassermengen nach dem Abstecher ins «See-Auffangbecken» wieder der Aare zuführte.
Der alte Flusslauf der Aare blieb mit etwas Restwasser bestehen, und 1992 wurde das Auengebiet entlang der «Alten Aare» ins Aueninventar von nationaler Bedeutung aufgenommen. Auch die «Alte Zihl» führt heute noch etwas Wasser und sie zählt ebenfalls zu den Landschaften von nationaler Bedeutung.
In der Regel fliesst das Wasser der drei Jurarandseen von Westen nach Osten, also von Neuenburg Richtung Biel, bevor es sich über Solothurn und Aarau in den Rhein ergiesst. «Bei extremen Hochwassersituationen kann das Wehr bei Port jedoch nicht genug Wasser aus dem Bielersee in die Aare ablassen, da maximal rund 650 Kubikmeter Wasser pro Sekunde das Wehr passieren können», erklärt Wehren. Wenn es aber am Oberlauf der Aare, also im Berner Oberland, sehr stark regnet und via Saane, die rund 12 Kilometer vor dem Hagneckkanal in die Aare strömt, zusätzlich viel Wasser aus den Freiburgeralpen abgeführt wird, dann kann der Wasserzustrom der Aare in den Bielersee im Extremfall bis zu 1500 Kubikmeter betragen.
Da der Bielersee im Vergleich zum Neuenburgersee eher klein ist, steigt sein Pegel relativ rasch an. Wenn nun das Wasser im Osten beim Wehr Port nicht abfliessen kann, sucht es sich seinen Weg in die Gegenrichtung und ergiesst sich durch den Zihlkanal Richtung Neuenburgersee, bis die Pegel der beiden Seen wieder ausgeglichen sind.
Grundsätzlich war die erste Juragewässerkorrektion ein Erfolg, aber schon bald wurden weitere Eingriffe nötig. «Die entwässerten Torfböden sackten in sich zusammen. Deshalb nahm die Überschwemmungsgefahr wieder zu», erklärt Wehren. Teilweise sei auch der Wasserstand der Gewässer bei Trockenheit oder im Winter zu tief gewesen. «Die Ufer rutschten ab und auch die Schifffahrt war oft eingeschränkt.» In der Folge wurden die bestehenden Kanäle nochmals vertieft und verbreitert und das alte Nidauwehr durch das effizientere Wehr Port ersetzt, das den Seepegel bei Niedrigwasser auf einem gewissen Niveau halten konnte und bei Hochwasser über genügend Abflusskapazitäten verfügte. Auch die Emme wurde nun besser in das Flussmanagement integriert.