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Wie der Krieg Europa reich gemacht hat
Im Jahr 1300 war das Pro-Kopf-Einkommen in China höher als in Europa. Wie hat es der alte Kontinent geschafft, an der Wirtschaftsmacht China vorbeizuziehen und die Welt während Jahrhunderten zu dominieren?
Am häufigsten sind folgende zwei Erklärungen zu hören: Technologische Innovationen – ab dem 18. Jahrhundert in Form der industriellen Revolution – haben die Produktivität und damit die Einkommen in Europa enorm gesteigert. Und: Institutionen, der Rechtsstaat und der Schutz des privaten Eigentums haben die Entfaltung der Wirtschaft gewährleistet.
Diese Punkte sind sicher wichtig, aber sie können nicht zufriedenstellend erklären, weshalb Europa schon ab dem späten 14. Jahrhundert seinen Siegeszug im Vergleich zu China startete.
Zwei Historiker liefern eine auf den ersten Blick überraschende These: Krieg und Tod haben Europa den Reichtum gebracht.
Nico Voigtländer und Hans-Joachim Voth terminieren in einem Beitrag im aktuellen «Journal of Economic Perspectives» den Startschuss des europäischen Aufschwungs auf das Jahr 1350. Das war das Jahr, in dem die erste Pest-Epidemie zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung Europas auslöschte. In einer Zeit, als das Wachstum der Wirtschaft auf dem Produktionsfaktor Boden beruhte und das erzielte Pro-Kopf-Einkommen eine Funktion aus dem Verhältnis des verfügbaren (Agrar-)Landes und der darauf lebenden Bevölkerung war, bedeutete dies: Die Überlebenden des Schwarzen Todes waren reicher, ihr Pro-Kopf-Einkommen stieg. Die Pest hatte ja «nur» Menschen erwischt, den verfügbaren Kapitalstock aber nicht tangiert.
Normalerweise wäre ein derartiger Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens allerdings nicht von Dauer gewesen, denn sobald sich die Bevölkerungszahl erholt hätte, wären die Einkommen wieder auf ihr ursprüngliches Gleichgewichtsniveau zurückgefallen.
In Europa war das aber nicht der Fall. Die Pro-Kopf-Einkommen stiegen über die folgenden Jahrhunderte immer weiter. Wieso?
Ganz einfach, schreiben Voigtländer und Voth: Nach dem Tod kam der Krieg.
Die gestiegenen Pro-Kopf-Einkommen nach der Pestwelle führten zum Effekt, dass die Einkommen der verbliebenen Bevölkerung markant über dem Subsistenzminimum lagen. Das wiederum erlaubte es den Staaten, deutlich höhere Steuern einzunehmen. 70 bis 80 Prozent der Steuereinnahmen flossen im Europa des 15. Jahrhunderts typischerweise in die Armee – die steigenden Steuereinnahmen ermöglichten den zahlreichen Kleinstaaten auf dem Kontinent daher ein heiteres Wettrüsten.
Was danach folgte, war gemäss Voigtländer und Voth die kriegerischste Zeit der Menschheitsgeschichte: Zwischen 1500 und 1800 zählte Europa 443 Kriege und mindestens 1071 grosse Schlachten. Das entspricht knapp 1,5 Kriegen pro Jahr. Im 16. und 17. Jahrhundert war in 95 Prozent aller Jahre mindestens eine der grossen Mächte in Europa (England, Spanien, Frankreich, Österreich, Russland und das Osmanische Reich) in einen Krieg verwickelt, wie die folgende Tabelle zeigt (Quelle für alle Tabellen und Grafiken: Journal of Economic Perspectives):
Nun stellt sich gewiss die Frage, weshalb diese Häufung von Kriegen zu mehr Wohlstand in Europa geführt haben sollte. Der Grund liegt in der Art der Zerstörung und der Opfer: Die Kriege im 15. bis 17. Jahrhundert wurden auf einem technologisch bescheidenen Niveau geführt; sie löschten Menschenleben aus, aber der Kapitalstock nahm in der Regel kaum Schaden. Zudem starben die meisten Menschen nicht auf dem Schlachtfeld, sondern wurden von Krankheitserregern ausgelöscht, die von den umherziehenden Heeren in ganz Europa verbreitet wurden. So soll ein mit der Pest infiziertes Regiment von weniger als 8000 Mann, das im Jahr 1628 von La Rochelle an der französischen Atlantikküste nach Norditalien zog, auf seinem Marsch mehr als einer Million Menschen den Tod gebracht haben.
Die Serie von Kriegen und Epidemien vom 15. bis zum 18. Jahrhundert hatte daher den gleichen Effekt wie die erste Pestwelle von 1350: Unzählige Menschen starben, der Kapitalstock der Wirtschaft blieb erhalten. Mit dem Resultat, dass die Überlebenden reicher waren – was über einen positiven Rückkoppelungseffekt wieder zu mehr Steuereinnahmen für die Staaten und zu mehr Kriegen führte.
Die folgende Tabelle zeigt die Steuereinnahmen der Staaten (in Tonnen Silber), die deutlich stärker stiegen als das Wirtschafts- oder das Bevölkerungswachstum:
Und dass eine positive Korrelation zwischen der Häufigkeit von Kriegen und dem Pro-Kopf-Einkommen in einzelnen Ländern Europas bestand, zeigt diese Grafik:
Was war zur gleichen Zeit in China los? Nach dem Fall der Yuan-Dynastie im Jahr 1368 herrschten unter der Ming- und der Qing-Dynastie fünf Jahrhunderte lang Frieden und politische Stabilität, schreiben die beiden Autoren. Zwischen 1350 und 1800 zählte China bloss 91 Kriege, weniger als 0,2 pro Jahr, und nur 23 nennenswerte Schlachten. Die meisten «Kriege» waren vergleichsweise unblutige Bauernaufstände. Entsprechend waren die Sterberaten in China deutlich niedriger als in Europa, mit dem Effekt, dass die Bevölkerungszahl in China doppelt so schnell stieg wie in Europa.
Die folgende Tabelle zeigt den Effekt auf die Pro-Kopf-Einkommen:
Während sich die Einkommen in Europa zwischen 1300 und 1820 fast verdoppelten, stagnierten sie in China.
Es waren also Krieg und Tod, die Europa an die Weltspitze katapultierten, nicht die Renaissance und nicht die industrielle Revolution. Food for Thought…
Übrigens warnen Voigtländer und Voth davor, Kriege auch heute noch mit steigenden Einkommen in Verbindung zu bringen. Im Gegensatz zur Zeit vor dem 18. Jahrhundert löschen die heutigen Kriege vergleichsweise wenig Menschenleben aus, zerstören aber die Infrastruktur und den Kapitalstock eines Staates.
Hier noch einige Links in eigener Sache:
- Der MIT-Professor Simon Johnson erklärt in diesem Kommentar, weshalb China mit seiner Grossbanken-Politik die Fehler der USA und Europas wiederholt.
- Falls Sie an der Börse interessiert sind: Mein Kollege Peter Rohner hat sich die wichtigsten Stimmungsindikatoren angeschaut und kommt in diesem Beitrag zum Schluss, dass derzeit zu viel Euphorie an den Märkten herrscht. Die Gefahr einer Kurskorrektur steigt.
- Und mein Kollege Alexander Trentin befasst sich hier mit dem Phänomen Bitcoin.