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Der soziale Status der dualen Berufsbildung
01.04.2016
Die Zahl arbeitsloser Jugendlicher erreichte im Zuge der Finanzkrise 2008 in verschiedenen europäischen Ländern Rekordwerte. Diese Entwicklung hat aufgrund einer niedrigen Jugendarbeitslosigkeit in Österreich, Deutschland und in der Schweiz ein starkes Interesse seitens der Politik an der dualen Berufsbildung, auch Berufslehre genannt, ausgelöst.
Eine Berufslehre verbessert die Eingliederung in den Arbeitsmarkt, indem sie die praktische Ausbildung am Arbeitsplatz mit dem Erwerb berufsbezogener Theorie und einer Allgemeinbildung kombiniert.
Bestimmung des sozialen Status der Berufsbildung
Trotz starken Interesses beklagen viele Politiker und Bildungsreformer den tiefen sozialen Status der Berufsbildung. Sie versuchen deshalb, die gesellschaftliche Wertschätzung der Berufslehre, zu verbessern. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es über den sozialen Status der Berufsbildung allerdings kaum Erkenntnisse. Einer der Hauptgründe ist, dass nur wenige Daten aus Erhebungen mit spezifischen Fragen zum sozialen Status der Berufsbildung zur Verfügung stehen. Um besser verstehen zu können, was den sozialen Status der Berufsbildung bestimmt, entwickelten Ladina Rageth und Thomas Bolli einen neuen Ansatz, um Veränderungen des sozialen Status von Ausbildungen zu messen, der auf objektiven Daten zur Ausbildungswahl basiert.
Der vorgeschlagene Messansatz baut auf einer einfachen Messmethode auf, die den Anteil der Schüler eines Jahrgangs in verschiedenen Ausbildungen miteinander vergleicht. In der Schweiz ist beispielsweise der Anteil der Schüler, die sich für eine Berufslehre entscheiden, in der Westschweiz wesentlich geringer als in der Deutschschweiz. Daraus lässt sich also schliessen, dass der soziale Status der Berufsbildung in der Deutschschweiz höher ist als in der Westschweiz. Bolli und Rageth arbeiten diesen Gedanken aus, indem sie argumentieren, dass ein Anstieg der durchschnittlichen, relativen Fähigkeiten der Schüler, die sich für eine Berufslehre entscheiden, einen höheren sozialen Status der Berufslehre widerspiegelt. Damit betrachten sie die Berufslehre als ein auf nationaler Ebene festgelegtes und reguliertes Ausbildungsprogramm statt als individuelles Programm einer Schule oder spezieller Berufsgruppen. Als Näherungswerte zur Messung der Fähigkeiten von Schülern verwenden sie die PISA-Werte in Lesen und Mathematik.
Die Bedeutung von Informationen für den sozialen Status der Berufsbildung
Mit dem neuen Messansatz untersuchen Bolli und Rageth, ob Informationen zum Bildungssystem den sozialen Status der DBB erhöhen. Zur Beantwortung dieser Frage analysieren sie die Ausbildungswahl von zugewanderten Jugendlichen in der Schweiz am Ende der obligatorischen Schule, d.h. kurz vor ihrem Wechsel in die nachobligatorische Ausbildung, bei der sie sich für die Berufslehre anmelden können. Die Argumentation, dass Zugewanderte eine umso umfassendere Kenntnis des Schweizer Bildungssystems erlangen, je länger sie in der Schweiz leben, ermöglicht eine Annährung dieses Kenntnisgewinns durch die Aufenthaltsdauer der Zugewanderten.
Die Ergebnisse belegen, dass die relativen PISA-Werte der Schüler, die sich für eine Berufslehre entscheiden, im Vergleich zu denjenigen Schülern, die andere nachobligatorische Ausbildungen wählen, immer unter eins liegen. Dies legt nahe, dass Schüler, die eine Berufslehre wählen, im Durchschnitt geringere PISA-Werte haben als andere Schüler. Hinsichtlich der Forschungsfrage zeigen die Resultate, dass die relativen Fähigkeiten von Schülern, die sich für eine Berufslehre entscheiden, mit zunehmender Zeit in der Schweiz ansteigen (siehe G 9).
Relevanz frühzeitiger Informationsvermittlung
Die Ergebnisse legen nahe, dass sich der soziale Status der Berufsbildung mit der Aufenthaltsdauer der Zugewanderten in der Schweiz erhöht, denn je länger sie in der Schweiz leben, desto kognitiv leistungsfähigere Schüler wählen eine Berufslehre. Dies deutet darauf hin, dass sich der Informationsstand mit der Aufenthaltsdauer verbessert und somit der soziale Status der Berufslehre steigt. Diese Hypothese wird dadurch bestätigt, dass diese Tendenz nicht für Schüler gilt, die in Deutschland oder Österreich geboren worden sind, also in Ländern mit ähnlichem Bildungssystem wie die Schweiz, und auch nicht bei Schülern mit mindestens einem in der Schweiz geborenen Elternteil.
Diese Ergebnisse zeigen, dass es wesentlich ist, Zugewanderten frühzeitig Informationen zum Bildungssystem zur Verfügung zu stellen. Zudem erfüllt die Berufslehre in der Schweiz, dank der Besonderheit dieser Ausbildung, die Voraussetzungen einer idealen Fallstudie, da Einwanderer zum Zeitpunkt ihrer Zuwanderung kaum Kenntnis darüber besitzen. Diese geringe Ausgangskenntnis der Zugewanderten ist vergleichbar mit der Einführung neuer Ausbildungsprogramme, weshalb die Ergebnisse von Bolli und Rageth darauf hindeuten, dass derartige Reformen von Anfang an mit Informationsvermittlung einhergehen sollten. Aus diesem Grund liefert diese Studie wichtige Erkenntnisse für alle Entscheidungsträger, die beabsichtigen, neue Ausbildungsprogramme einzuführen.
Das KOF Working Paper No. 403 «Measuring the Social Status of Education Programmes: Applying a New Measurement to Dual Vocational Education and Training in Switzerland» von Thomas Bolli und Ladina Rageth finden Sie auf unserer Webseite.