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Grauwale gehören zu den Tierarten, die praktisch immer «on the road» sind. Die bis zu 15 Meter langen und 40 Tonnen schweren Meeressäuger unternehmen jedes Jahr ausgedehnte Wanderungen von ihren Überwinterungsorten in den temperaten Gewässern im West- und Ostpazifik zu den Fressgebieten im Beringmeer und in die Beringstrasse. Dabei sticht vor allem die Population im Nordostpazifik hervor, die dabei bis zu 22’000 Kilometer jährlich zurücklegen. Doch genau diese Population ist in Gefahr, wie eine Langzeitbeobachtung der National Ocean and Atmosphere Administration NOAA zeigt.
Von rund 27’000 Tieren runter auf gerade noch rund 17’000 Wale innert sechs Jahren ist das Resultat der Untersuchungen der NOAA an der Grauwalpopulation im Nordostpazifik. Das bedeutet einen Rückgang um 38 Prozent und betrifft nicht nur die ausgewachsenen Tiere, sondern auch die Kälber. Bei ihnen wurde mit 217 Geburten in diesem Jahr die niedrigste Zahl seit dem Start der Überwachung 1994 verzeichnet. Die Ergebnisse der Überwachung, die seit fast 40 Jahren von der NOAA durchgeführt wird, wurden in einem Bericht von der Verwaltung veröffentlicht.
Grosse Sorgen bereiten den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der NOAA nicht nur der Rückgang der Grauwalpopulation entlang der nordamerikanischen Küste an sich, sondern auch zwei unerklärliche Massensterben, von denen eines jetzt gerade im Gange ist. Während beim ersten Ereignis 1999/2000 geschätzte 5’000 Tiere starben, sind es beim jetzigen Ereignis, welches 2019 begann bereits mehr als 10’000 Tiere. Und die Gründe dafür sind noch zu wenig bekannt, wie die NOAA festhält. Hinweise liefern tote Wale, die bei Massenstrandungen an den Küsten von Alaskas Aleutenkette entdeckt worden waren. Einige dieser Tiere wiesen Anzeichen von Mangelernährung auf, was die Forschenden auf die sich verändernde Situation im Beringmeer und damit in der Vorratskammer der Grauwale zurückführen. Mehrere ausgedehnte Warmwasserblasen, auch als «The Blob» bekannt, wurden in den letzten Jahren aufgezeichnet. Diese beeinflussen die Nahrungskette und reduzieren die Zahl der Kleinlebewesen wie Krebse und Muscheln.
Wir haben beobachtet, dass sich die Population im Laufe der Zeit verändert, und wir wollen auf dem Laufenden bleiben.Dr. David Weller, NOAA
Andere untersuchte Tiere waren wahrscheinlich durch Schiffskollisionen oder Orca-Angriffe umgekommen. Denn beide Faktoren haben ebenfalls in den letzten Jahren zugenommen. Orcas beispielsweise wandern immer weiter nach Norden auf der Suche nach Nahrung. Doch insgesamt tappt man immer noch im Dunkeln, was die Ursache des Rückganges anbelangt. « Angesichts des anhaltenden Rückgangs der Zahlen seit 2016 müssen wir die Population genau beobachten, um zu verstehen, was der Grund für diesen Trend sein könnte», erklärt Dr. David Weller von der NOAA. «Wir haben beobachtet, dass sich die Population im Laufe der Zeit verändert, und wir wollen auf dem Laufenden bleiben.»
Die Grauwalpopulation entlang der nordamerikanischen Küste ist die grösste der bedrohten Tierart. Im westlichen Teil des Nordpazifiks, entlang der russischen Küste dürfte die Grösse der Population kaum über einige hundert Tiere hinausgehen. Doch genauere Zahlen fehlen aus dieser Region. Was die Forschung aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiss, ist, dass die Gründe für den beobachteten Rückgang auf der östlichen Seite des Nordpazifiks sowohl bei den Erwachsenen wie auch bei den Kälbern dieselben sein dürften. Denn gemäss den Beobachtungszahlen zeigen, dass die niedrigen Geburtenzahlen mit den ungewöhnlichen Massensterben zusammenfallen.
Die weitere Beobachtung wird zeigen, ob und wann sie sich wieder erholen.Dr. Tomo Eguchi, NOAA
Die Wissenschaftler sind vorsichtig, wenn es darum geht, die Alarmglocken zu schlagen. «Die Population hat wahrscheinlich schon immer mit Fluktuation auf Veränderungen in ihrer Umwelt reagiert, ohne dass dies dauerhafte Auswirkungen hatte», meint Dr. Tomo Eguchi, der Hauptautor des neuen Berichts der NOAA. «Wir sind vorsichtig optimistisch, dass dies auch dieses Mal der Fall sein wird. Die weitere Beobachtung wird zeigen, ob und wann sie sich wieder erholen.» Schon im Dezember werden Forschende wieder auf die Waljagd gehen, aber nicht mit Harpunen, sondern mit Ferngläsern, Kameras und anderen Beobachtungsgeräten, um den grauen Riesen zu helfen und Licht ins Dunkel ihrer Schwankungen zu bringen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zum Bericht der NOAA