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Zusammenfassung zum Vortrag im Psychologischen Club Zürich, am 8.Oktober 1999
von Hüseyin Peter Cunz, Vorsteher des Mevlevi-Ordens für die Schweiz
Der Ausdruck "Sufismus" für die Mystik des Islams hat sich vorwiegend im Westen eingebürgert. Unter Sufis findet eher der Ausdruck "Tasawuf" Verwendung. Die Behauptung, dass der Sufismus schon vor dem Entstehen des Islam existiert haben soll, ist falsch oder zumindest Verwirrung stiftend. Auch wenn das Wissen der Mystiker schon immer bestanden hat, umschreibt der Ausdruck "Sufismus" eben jene Mystik, die im Islam fundiert ist. Wie es alle Mystiker tun: ein Sufi taucht in die Tiefen seiner Religion, die in seinem Fall der Islam ist. Islam bedeutet Hingabe im Sinne des sich vollständig Hingebens in die Hände Gottes.
Islam versteht sich als Erneuerung des Judentums und Christentums. Der Prophet Mohammed (Friede sei mit ihm) war ein Prophet in der Linie der jüdischen und christlichen Propheten, der die Gebote im Lichte der damaligen Situation neu präzisierte. Er warnte vor der Vielgötterei, stellte sich gegen Übertreibungen wie z.B. der asketischen Lebensweise der Mönche und bekämpfte soziale Missstände z.B. durch die Einführung der Armensteuer und die Verbesserung der sozialen Stellung der Frau. Islam ist somit nicht eine Alternative zum Christentum oder dem Judentum, sondern ein Weiterführen dieser Traditionen. Konsequenterweise wird ein Moslem die jüdischen und christlichen Propheten respektieren.
Der Koran erinnert in unterschiedlichsten emotionalen Bildern und Warnungen immer wieder an den Einen und Einzigen Gott. Die zentrale Botschaft im Koran ist in Sure 112 ausgedrückt:
Sprich: Er ist der Eine Gott (der Einzige)
Der Ewige Gott (jene Instanz, an die sich alles wendet)
Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt (auch keine Vorstellung von Ihm),
Und keiner ist Ihm gleich.
Wir finden darin die Botschaft der Einheit allen Seins als zentrales Element der islamischen Gläubigkeit. Zusätzlich werden im Koran einzelne soziale Belange geregelt, die aber zu mager sind, um einer Gesellschaft als Grundlage zu dienen. Aus diesem Grunde wurde nach dem Tode des Propheten versucht, aus seinen Aussagen (Hadith) und seiner Lebensweise (Sunna) vorbildliche Modelle für gesellschaftliche Regeln zu entwickeln. Dies führte im Verlaufe einiger Jahrhunderte zur islamischen Rechtsprechung (Scharia) und einem festgelegten Kodex der Rechtgläubigkeit und des sozialen Verhaltens. Die ursprünglich notgedrungene Praxis der Interpretation des Korans wurde nach und nach durch Bezugnahme auf frühere Interpretationen ersetzt, und damit nahm auch das Wagnis zur Neuinterpretation ab. Heute entspricht die praktische Ausübung des Islams etwa den Gepflogenheiten des 10./11. Jahrhunderts, was natürlich berechtigte Fragen aufwirft.
Sufis sind jene Menschen im Islam, die unbeirrt von festgelegten Strukturen und Ansprüchen der Gesellschaft in die Tiefen der Seele tauchen. Sufis sind Mystiker, die als Gefäss für den göttlichen Wein die Form des Islams verwenden. Sie tun dies entweder durch das in die Tiefe tauchen im Mantel der Orthodoxie, oder dann sind es Erleuchtete, die von der Schau überwältigt werden. Was ist verbindlich, die Regeln oder das Geschaute? Diese Frage, verknüpft mit der Frage nach der Existenz eines freien Willens, ist die Ursache immerwährender Auseinandersetzungen, denn
Einerseits weiss Gott per Definition alles im voraus: "Gott bestimmt, wen Er irre führt und wen Er recht leitet" (Koran 6:148-149 + 24:21-22). Der "freie Wille" ist nicht wirklich frei, denn wie könnte Gott etwas bestrafen, das Er verursacht hat? Diese Aussage verleitet zum Pantheismus.
Andererseits forderten die Propheten schon immer das Einhalten von Regeln, die an einen freien Willen appellieren. Diese Aussage verleitet zur Regelgläubigkeit.
Wir sind mit einem Paradox konfrontiert, das auf der Verstandesebene nie gelöst werden kann. Doch gerade die Unmöglichkeit, dieses Paradox zu lösen, kann uns behilflich sein zu entdecken, wo der Sinn des Glaubens liegt: In der Religion und Mystik geht es letztlich nicht um den Ausbau von Wissen und schon gar nicht um den Ausbau der Persönlichkeit (dies ist eher eine der primären Aufgaben der Kinder und Jugendlichen), sondern es geht um die Antwort auf unsere inhärente Sehnsucht nach dem Ursprung aller Dinge (Schöpfungsursprung): es geht um die Auflösung in Gott, "wie der Nachtfalter, der in Sehnsucht nach dem Licht um die Kerze tanzt und das ersehnte Licht erst dann erreicht, wenn er sich in die Flamme stürzt". Es geht um einen Prozess des "Entwerdens".
Ob dieses Entwerden nun mit Hilfe orthodoxer Regelgläubigkeit oder aus direkter Schau geschieht, ist letztlich nicht wichtig. Hingegen wird dies nur dann erreicht, wenn dafür Hilfe gewährt wird. Ein Sufi weiss dies und sucht deshalb nach einer geeigneten Form, die ihn unausweichlich nach dem Ziel auszurichten vermag und verhindert, dass er unbemerkt in den Strudel der eigenen Vorstellungen gerät. Er findet dies in der Gemeinschaft von Gläubigen, die gemäss einer bewährten Tradition eine enge Verbindung pflegen. Gottes Hilfe erreicht uns durch Seine Schöpfung, d.h. am ehesten durch die Präsenz anderer Menschen.
Die Freundschaft ist das wertvollste, das ein Mensch besitzen kann, denn in der Freundschaft ist Gott dem Menschen sehr nahe. Die damit untermauerte Aussage der Sufis, dass der Mensch das höchste geschaffene Wesen der Schöpfung ist und damit das Wertvollste ist, zu dem ein Mensch in Beziehung stehen kann, kommt schon in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck, die zum grössten Teil aus dem Judentum und Christentum stammende Bilder verwendet. Zum Zeichen der Grösse des Menschen forderte Gott von den Engeln, dass sie sich vor dem erschaffenen Adam niederwerfen. Einzig der Engel Iblîs verweigerte dies und wurde wegen seiner Arroganz zur Rolle des Satans verdammt. Unter Sufis wird aber auch gesagt, dass Iblîs der getreuste Engel war, da er die Aufforderung als Prüfung verstand, niemandem anderen als Gott zu huldigen. Als standfestester Engel wurde er mit der schwersten Aufgabe betraut: als Gegenspieler von Gott dem Herrn (ar-Rabb) soll er die Schöpfung ermöglichen.
Die Engel sind nur dazu fähig, im Gehorsam Gottes zu handeln und damit das zu verursachen, was wir als gut betrachten. Gleichfalls sind die Teufel nur dazu fähig, im Gehorsam Satans Schlechtes zu verursachen. Einzig der Mensch ist dazu befähigt zu differenzieren und einen eigenen Willen zu entwickeln. Das Gute und Böse bestreiten sich im Gemüte des Menschen, dem einzigen Ort, wo dies möglich ist, bis zum jüngsten Tag.
Der Grund für die Entstehung dieser Welt sowie Gottes Gerechtigkeit (die offensichtlich auf dieser Erde nicht zu entdecken ist) können mit dem menschlichen Vermögen nicht erfasst werden. Der Sufi verweist in dieser Frage auf einen Ausspruch des Propheten, durch den Gott sagt:
Ich war ein verborgener Schatz und sehnte Mich danach, erkannt zu werden, also erschuf Ich die Welt, auf dass Ich erkannt würde.
Was durch die westlichen Wissenschaftler noch zu entdecken ist, sind die philosophischen Erkenntnisse im Islam und speziell der Sufis. Es ist erstaunlich zu sehen, dass Lexiken der Philosophie wohl etwas über die Philosophie aus Indien und China zu schreiben wissen, aber kein Wort zur islamisch geprägten Philosophie erwähnen. Durch grosse Sufis wie 'Abd al-Qâdir al-Jîlânî, Muhyiddin Ibn 'Arabi oder Mevlânâ Jellaleddin Rumi entstanden schon ab dem 11. Jahrhundert erstaunliche stark philosophisch geprägte Werke, die über die inneren Vorgänge des Menschen bis in weite Details zu berichten vermögen. Es sind Werke, die auch der heutigen Psychologie wertvolle Grundlagen liefern könnten. Es sei hier auf die vielfältige und einfach zu findende Literatur verwiesen.
In der islamischen Psychologie geht es vor allem um den Abbau hinderlicher Charakterstrukturen, die dem Erreichen des eigentlichen Ziels, dem "Entwerden", entgegenstehen. Es geht um das Erziehen der Seele mit den verschiedenen Ichs, den sogenannten Nafs. Die Summe der verschiedenen Nafs in uns macht unser Ego oder unsere Person aus. Die Nafs wollen Anerkennung. In dieser Eigenschaft des Verlangens sind sie vom Teufel beeinflusst, "dem Verführer, dem Einflüsterer". Aber ohne Nafs können wir gar nicht existieren, denn die Nafs machen wie gesagt unsere Person aus. Darum geht es nicht um das Abtöten oder Verdrängen der Nafs, sondern vielmehr um deren Erziehung. Nun gibt es primitive Nafs, wie das in uns ständig fordernde Ich (Drang nach Besitz, Gier) oder auch das lamentierende Ich (Ablehnung, Abwehr, Jammern, Selbstmitleid), und es gibt raffinierte Nafs, welche die Fähigkeit des Beobachtens und des Reflektierens ermöglichen, aber auch alles in Frage stellen und zum Vertrauen nicht fähig sind.
Solange es nur um die Erziehung der primitiven Nafs geht, sind wir nicht notwendigerweise auf ein religiöses System angewiesen: Wenn nämlich ein höheres Nafs sich ethischen Werten verschreibt, kann diese Eigenschaft eine erzieherische Aufgabe der niederen Triebe wahrnehmen. Ein Mensch ist durchaus fähig, ohne Bekenntnis zu religiösen Werten ein moralisch vertretbares Leben zu führen. Das Begehren eines religiösen Menschen ist es aber, auch die höheren Nafs zu erziehen. Dafür ist er auf Hilfe von einer höheren Instanz angewiesen, und diese erlangt er nur mittels des Gebets und des Einhaltens religiöser Regeln. Es ist also nicht etwa so, wie es in vielen esoterischen Kreisen behauptet wird, dass derjenige, der weit fortgeschritten ist, auf die religiösen Formen nicht mehr angewiesen sei. Das Umgekehrte ist der Fall.
Worin besteht nun die eigentliche Arbeit der Sufis? Hierzu einige Hinweise:
Als erstes wird der Islam als bewährte Religion angenommen. Dazu gehört die Liebe zum Koran und zum Propheten. Es heisst: "Der Koran eröffnet sich dem, der ihn liebt". Die Botschaft Gottes lässt sich nicht analysieren; das Geheimnis des Glaubens ist dem Verstand entzogen.
Ein Sufi versucht, die Spannung des oben erwähnten Paradoxes auszuhalten. Der Sufi-Weg ist weder allein im Diesseits noch vorwiegend im Jenseits, und er führt auch nicht etwa vom Diesseits ins Jenseits. Der Sufi-Weg ist dazwischen und damit für Esoterik-Konsumenten, die nach schnellem Erleben trachten, nicht gerade attraktiv.
Ein Sufi zeigt sich nicht als solchen, er bleibt weitgehend anonym und übt sich in Bescheidenheit. Auch dies ist für viele Esoterik-Konsumenten nicht attraktiv.
Ein Sufi stellt sich in den Dienst Gottes. Dies ist nicht planbar und nur aus der Notwendigkeit des gegenwärtigen Augenblicks erfassbar.
Ein Sufi liebt die Schöpfung und respektiert jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit. Jeder Mensch hat sein Geheimnis (Sirr) mit Gott, woraus praktische Konsequenzen abgeleitet werden können, dessen nicht alle Moslems einsichtig sind, wie zum Beispiel:
dass es nicht messbar ist, wem Gott wie nahe steht, und dass darüber kein Urteil gefällt werden darf;
dass andere Religionen zu respektieren sind;
dass Gesellschaftsformen anderer Menschen ernst zu nehmen sind.
Alles soll immer in der Einheit des Schöpfers gesehen werden. Mevlânâ sagt:
Im Ursprung waren meine Seele und deine vereint,
Sie waren meine Erscheinung und mein Geheimnis,
und sie waren deine Erscheinung und dein Geheimnis.
Wie unsinnig ist es, von mir und von dir zu sprechen!
Es gibt kein Ich und kein Du zwischen mir und dir.
Der zu erreichende Zustand steht über dem Begriffsvermögen, darum ist der Suchende auf einen Lehrer und eine strukturierte Gemeinschaft angewiesen. Diese wirken für ihn wie ein Spiegel, der ihn auf seinen Zustand aufmerksam macht.
Eine wesentliche Grundlage der Praxis ist das gute Benehmen (Adab). Es geht dabei um den Respekt für den Mitmenschen und die ganze Schöpfung.
Die äusseren Formen der einzelnen Sufi-Orden unterscheiden sich in einer Spanne von liberal bis sehr traditionalistisch. Die fünf Säulen des Islams (fester Glaube, Gebet, Armenspende, Fasten und Pilgerfahrt) sind aber ausnahmslos Bestandteile der einzuhaltenden Rituale. Dazu gesellen sich das Gottesgedenken (Dhikr), das Singen von Lobliedern (Illahis, Sema), das Studium religiöser, philosophischer, psychologischer und wissenschaftlicher Werke, die Ausübung von Kunst und Handwerk und in wenigen Orden auch das Üben mit dem Körper wie das Drehen um die eigene Achse ("Tanzende Derwische").
Früher geschah dies vorwiegend in Klöstern. Heute führt ein Sufi ein normales unauffälliges Leben, wobei die Sufi-Gemeinschaft und die Beziehung zu einem Lehrer gepflegt wird.
Der Wert einer Lehrer-Schüler-Beziehung liegt in der Beziehung selbst und weniger im gespeicherten Wissen des Lehrers. Der Lehrer ist in dieser Beziehung selbst ein Lernender. Die Beziehung zwischen einem demütigen Schüler und einem ambitionslosen Lehrer erzeugt eine gegenwärtige Präsenz, die das Tor zur anderen Welt öffnet.
Die Zitate aus dem Mesnevi sind entnommen aus
Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar.