Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03247.jsonl.gz/1510

Klassische flexible Interviews
Die Genfer Schule hatte sich zum Ziel gesetzt, beschreiben und erklären zu können, wie sich die Einsicht in immer komplexere Objekte und Sachverhalte entwickelt. Der Intelligenzbegriff der Genfer Schule war von Anfang an ganzheitlich. Aus diesem Grund liess man die Kinder und Jugendlichen mit verschiedensten Gegenständen operieren: Blumensträusse, Tiere, Uhrwerk (siehe Abbildung unten), mit physikalischen und chemischen Sachverhalten, mit Mengen und Fragestellungen der Mathematik, mit der Geometrie sowie mit Regeln des sozialen Lebens u.v.m.
Gesellschaftliche Verhältnisse und Zwänge können das Individuum und die Erforschung des Individuums beeinflussen und entfremden. Zu Beginn der Genfer Entwicklungsforschungen wurde zur Kenntnis genommen, dass die kleinen Kinder in Reformschulen in England und den USA im Handeln und Experimentieren über weit höhere logische Operationen verfügten als ältere kleine Kinder in Paris oder in Genf, welche mit ursprünglichen klinischen Interviews untersucht worden waren (vgl. Piaget, 1967, S. 6-7). Deshalb entschied sich die Genfer Schule für eine erweiterte und kritische Forschungsmethode und für theoretische Ansätze, welche die Suche nach Formen des Gleichgewichts und der Gegenseitigkeit (Reziprozität) in der Autonomie und der Mitverantwortung (siehe Piaget, 1976) unterstützen.
Die kritische Methode der Genfer Schule ist die Grundlage für entwicklungspsychologische Forschungen und für erkenntnistheoretische Erfahrungen. Sie ist auch ein Medium in der Bildung, welche das Denken, das Operieren mit Gegenständen sowie die Kooperation auf einer dialogischen Grundlage entfalten möchte. In beiden Bereichen regt das flexible Interview zum Nachdenken über Forschungs- und Interventionsmethoden an.
Ist die Standardisierung von Tests nicht die bessere Wahl?
Ginsburg (1997, S.10) erläutert acht Thesen, welche die Schwachstellen der Standardisierung behandeln: "In gewisser Weise ist die (standardisierte, Anm. d.d. Übers.) Methode oft ausgesprochen unfair und kann uns nur begrenzte Informationen über das Denken der Kinder liefern. Die Methode der standardisierten Durchführung weist mehrere grundlegende Mängel auf. Sie werden im Folgenden näher beschrieben:
Trotz standardisierter Durchführung interpretieren Probanden Tests eigentümlich. Das sind Weisen, die vom Prüfer nicht beabsichtigt sind.
Es bleibt oft unklar, welche kognitiven Aktivitäten tatsächlich gemessen werden durch standardisierte Tests.
Gewöhnlich basieren standardisierte Leistungstests beruhen auf veralteten Annahmen über die Kognition.
Standardisierte Methoden sind keine geeigneten Instrumente, um komplexes Denken zu untersuchen.
Standardisierte Methoden sind keine geeigneten Instrumente zur Untersuchung dynamischer Veränderung.
Standardisierte Verfahren können nicht alle Kinder effektiv motivieren.
Traditionelle Methoden sind oft nicht geeignet, um die Kompetenz derjenigen zu erschließen, die aufgrund ihrer Kultur, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Gesundheitszustands (z. B. Hörgeschädigte) oder aus anderen Gründen in irgendeiner Weise "anders" sind.
Traditionelle Methoden sind unzureichend für die Art der Exploration, die in Forschung und Praxis oft erforderlich ist" (ebd., S. 10; Übersetzung S. Meyer).
Die acht Thesen bringen das Verhältnis zwischen standardisierten Methoden und qualitativen, flexiblen Methoden auf den Punkt. Ein Blick in die griechische Antike zeigt, dass das Ringen um qualitative, am Verstehen, d.h. an der Dialektik orientierte Methoden eine klassische Problematik behandelt.
Das flexible Interview als Hebammenkunst
Im Menon-Dialog beschrieb Platon in der sogenannten "geometrischen Episode" (Merkelbach, 1988, S.6), wie Sokrates mit einem Sklaven über die Verdoppelung der Quadratfläche sprach, ohne dass er ihn dabei belehrte. Dieser Dialog wurde zum Lehrstück und Übungsstück der sogenannten Hebammenkunst.
Merkelbach (ebd., S. 69) umschrieb das Wort "Philosophie" mit "Sehnsucht nach dem Wissen". Platons Texte waren nach Merkelbach (ebd., S. 6) "Übungsbücher für den Gebrauch im Unterricht". Auch im Höhlengleichnis wird aufgezeigt, dass der Erwerb von Kompetenzen nicht vorrangig ist, sondern dass man lernt, sich zum Menschsein umzuwenden. - Das flexible Interview trägt zu solchen Umwendungen bei, sei es philosophisch-erkenntnistheoretisch, sei es entwicklungspsychologisch oder pädagogisch (vgl. Zazkis & Koichu, 2018).
Ein Beispiel dieser Methode ist der Film "Anouchka et l'inclusion des fleurs" (Klasseninklusion). Das Mädchen soll herausfinden, ob es in einem Blumenstrauss (Rosen und Nelken) mehr Rosen oder mehr Blumen hat. Der Film wird von der Fondation Jean Piaget zur Verfügung gestellt.