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Erst heute gilt Adelheid Duvanel (1936-1996) als eine der wichtigsten Schweizer Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Eine Hommage zu ihrem 25. Todestag.
Von Beatrice Eichmann-Leutenegger
Schliesslich wurde die Last zu schwer. Sie packte ihre Medikamente ein und suchte jenen Wald auf, den sie seit der Kindheit liebte. Aber die Nacht war erbarmungslos kalt. Im Schlaf erfror sie.
Die Nachricht vom Tod der Dichterin Adelheid Duvanel am 8. Juli 1996 erschütterte die Leserschaft. Man wusste zwar, dass die Basler Autorin in einer schwierigen Situation lebte. Aber ein solches Ende, nachdem ihr Werk über die Schweizergrenze hinaus Beachtung erlangt hatte?
Besuch in der Psychiatrischen Klinik
Als ich im April 1982 angefragt hatte, ob ich sie im Hinblick auf ein Zeitungsporträt besuchen dürfte, schrieb sie: «Ich bin seit zwei Jahren hier in der Klinik, verliere Ende Mai meine Bürostelle, wurde gestern nach zwanzigjähriger Ehe geschieden, habe eine achtzehnjährige heroinsüchtige Tochter, die seit Ostern vermisst wird…». Beklommen sah ich dem Besuch in der Psychiatrischen Klinik Basel entgegen. Adelheid Duvanel sass ruhig in der Cafeteria, antwortete freundlich-knapp auf meine Fragen, zeigte mir ihr kleines Zimmer, wo sie mit einer jüngeren Patientin wohnte, und begleitete mich danach ein Stück weit. Es fehle ihr an Büchern zeitgenössischer Autoren, erzählte sie, so dass ich ihr ein Buch von Gerhard Meier schickte.
Alles hatte verheissungsvoll, mit einer behüteten Kindheit, begonnen. Adelheid Duvanel wuchs als älteste Tochter des Strafgerichtspräsidenten Georg Feigenwinter und der Elisabeth Lichtenhahn in Pratteln und Liestal auf. Drei Geschwister folgten nach. Früh zog das lebhafte Mädchen, das auf den ersten Fotos munter in die Welt blickt, die anderen Kinder mit Geschichten und Theaterstücken in den Bann. Mit zehn Jahren schrieb es auf 36 Seiten den Kinderroman «Seppli». Aber in der Pubertät öffnete sich ein Riss. Adelheid brach das Gymnasium ab, verstummte und konnte keine Berufsausbildung beenden. Die Gründe lagen im Dunkeln.
Konservatives Elternhaus und schwierige Ehe
Wohl pochte der Vater, katholisch-konservativ geprägt, bei der widerspenstigen Tochter streng auf die Einhaltung der Regeln. Die Mutter, eine Frau von grosser Disziplin, fügte sich den patriarchalischen Vorstellungen und gab eigene Träume auf. Doch die hochsensible Adelheid spürte, ohne verstanden zu werden, was verdrängt oder begraben worden war. «Aus der Kälte des Elternhauses floh ich in die Kälte der Welt…». Die stumme Rebellin suchte ein Refugium, indem sie eine dichterische Welt erschuf, die zwar autobiografische Anklänge aufweist, aber keine blosse Reproduktion, sondern eine fantasiereiche Transformation darstellt.
Gleichzeitig begann sie, die doppelt Begabte, zu malen und setzte bildnerisch ihre Visionen um. 1962 heiratete sie den Maler Joseph E. Duvanel (1941-1986). Aber die Ehe entpuppte sich nicht als Befreiung aus dem Elternhaus, sondern als Kerker in einem Bohème-Haushalt. Sie sollte Gastgeberin sein, aber keinesfalls Malerin, deren Werke das Oeuvre des Gatten in den Schatten zu stellen drohten (er vernichtete hundert Bilder seiner Frau).
Literarisches Ansehen und sozialer Abstieg
Nach einem einjährigen Aufenthalt auf der Insel Formentera kehrte sie 1969 mit ihrer fünfjährigen Tochter ins Elternhaus zurück – gescheitert und gebrochen. In den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens, seit sie dank der Vermittlung von Otto F. Walter beim Luchterhand-Verlag publizierte, stieg ihr literarisches Ansehen, aber gleichzeitig beschleunigte sich der Sturz ins Bodenlose. Unheilvoll verkettet mit dem Geschick ihrer drogenabhängigen Tochter, die 1985 an Aids erkrankte, war sie den Erpressungen der Dealer ausgesetzt. Weder die Sozialhilfe noch die Angebote der Familie konnten ihre Passivität aufbrechen.
Doch den zerstörerischen Umständen trotzte sie beharrlich ihr Werk ab. Man darf sie sich glücklich vorstellen, wenn sie in die Schatzkammern ihrer Kreativität abtauchte. Eine Lust am Karikieren, am Skurrilen lacht aus diesen formbewussten kurzen Prosastücken, in denen Lisa mit der eisernen Gesundheit, die überhäufte Bürokraft, die Blässlinge eines ersten Frühlingstages oder Rosalie mit dem lebenslang ungebrauchten Teeservice auftauchen. Und eine Ironie blitzt auf, die an Kafka erinnert. Präzis entwirft Adelheid Duvanel den Kosmos ihrer kleinen Leute, die nie beachtet worden sind; gleichzeitig springt sie selbstverständlich in die Surrealität hinüber.
Aber da sind auch die Einsamen, die mit ihrem Weinen Gottes Herz brechen. Verstörte, Untüchtige leben ohne Ausweg, ohne Entwicklung vor sich hin. Jemand fragt sich, «ob nicht Worte über der grossen Leere, über dem Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können».
Zum 25. Todestag erscheint im Limmat Verlag, Zürich, das Buch «Fern von hier. Sämtliche Erzählungen», hrsg. von Elsbeth Dangel-Pelloquin und Friederike Kretzen.