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1985
Safer Sex
Ein neues Flugblatt
Hier und in den nächsten Unterkapiteln geht es sowohl um Bestrebungen zum Aufbau einer wirksamen Aids-Hilfe, als auch um interne Gegensätze und Auseinandersetzungen. Denn einerseits war die Bedrohung allgegenwärtig: Habe auch ich das Virus? Wann treten erste Zeichen auf? Was soll ich dann tun? Welche Reaktionen wird es geben? Wie und wo werde ich sterben? Jeder trug diese Fragen mit sich herum. Wenige sprachen darüber.
Andererseits stellte sich die Frage: Führt Aids zu neuer Ausgrenzung? Wo bleibt unser Kampf um Schwulenbefreiung und gesellschaftliche Öffnung? Was ist wichtiger, Aids-Hilfe oder Emanzipation? Wo soll ich persönlich mich einbringen? Will ich überhaupt - kann ich das leisten?
In seinem Bericht vom Oktober 1988, "Homosexuelle und Aids - Der Versuch einer Bewältigung" schrieb Roger Staub auch über ein neues Flugblatt:1
"Unterdessen wächst in der Aids-Gruppe der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) die Einsicht, dass für die Aufklärung von Schwulen, vor allem in der Subkultur, ein neues, schöner aufgemachtes und klareres Flugblatt notwendig ist. Bei der Suche nach ausländischem Material stösst die Gruppe auf ein Flugblatt aus San Francisco, 'Can we Talk', das die Gefährlichkeit einzelner Sexualpraktiken darstellt und zeigt, wie man sich schützen kann.
In diesem Blatt, herausgegeben von den 'Bay Area Physicians for Human Rights', einer Vereinigung schwuler Ärzte in San Francisco und Umgebung, wird der Begriff 'Safe Sex' geprägt. Safe Sex bedeutet Sex und Sexualpraktiken, die kein Ansteckungsrisiko beinhalten. Die Gruppe beschliesst recht bald, den Begriff abzuwandeln in 'Safer Sex', was 'sicherer als ungeschützter Sex' meint, und diesen Begriff fortan zu propagieren. [...]
An der Sitzung vom 18. März 1985 stellt man den Entwurf den HACH-Delegierten (Dachverband der Homosexuellen Arbeitsgruppen Schweiz) vor und ruft die Gruppen auf, mitzumachen und die Flugblätter in ihren Städten zu verteilen. Man beschliesst die Produktion von 20'000 Exemplaren und beantragt Vorfinanzierung durch die HAZ. Dr. Lüthy (Universitätsspital Zürich) erhält den Entwurf zur fachlichen Beurteilung. In einem Gespräch schliesst Lüthy eine finanzielle Unterstützung des Projekts durch das BAG (Bundesamt für Gesundheit) nicht aus. Er verspricht, sich dafür einzusetzen."
Im Anderschume HACH-Info berichtete Roger Staub im Namen der Aids-Gruppe der HAZ ausführlich über die Lage, "Es bleiben nur vorbeugende Massnahmen":2
"Mitte April 1985 fand in Atlanta USA ein Aids-Kongress statt. Von dort hat Dr. R. Lüthy neue Erkenntnisse mitgebracht, die belegen, dass das, was er im Vortrag vom 13. Dezember 1984 in Zürich gesagt hat, leider richtig ist. In den USA ist die Krankheit Aids zu einem spürbaren Problem geworden. [...] Aids ist in den schwulen Metropolen der USA zur häufigsten Todesursache unter Homosexuellen aufgestiegen. Auch in der Schweiz werden die Zahlen beunruhigend. [...]
Leider ist immer noch kein Medikament und kein Impfstoff in Sichtweite. Das bedeutet, dass wir nur vorbeugende Massnahmen ergreifen können. Diese möglichen Massnahmen haben wir schon im 'Sex und Aids'-Flugblatt dargestellt, das dem letzten Anderschume beilag. [...]
Aus der Erkenntnis heraus, dass der beste Schutz gegen Aids [...] richtiges Wissen ist, haben wir beschlossen, eine neue Broschüre zu produzieren [...]. So entstand 'MACHsch au mit? - Aktion sicherer Sex' mit Hinweisen und Ratschlägen [...].
Dass sich das Problem Aids nicht nur auf Ratschläge und Hinweise [...] beschränkt, ist uns völlig klar. Aids hat auch eine breite politische und soziale Dimension. Uns erscheint aber die Prävention [...] als das Dringendste. [...]
GEMEINSAM können wir das Problem lösen. Wir müssen aber all unsere Kraft und die Kreativität von vielen einsetzen können und dürfen nicht Energie in Kämpfen um die 'Wahre Linie' verschwenden.
Denn die Gruppen, die heute froh sind, dass Aids die Schwulen trifft (sie haben's ja verdient, Strafe Gottes, Rassenhygieniker…) werden, sobald deutlicher wird, dass Aids keine Schwulensache ist, sondern jedermann/frau treffen kann, lautstark einen Schuldigen suchen. Und dieser Sündenbock werden wir sein. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns dann vereint und stark wehren können, damit Meldepflicht, Zwangstest, Schwulenhatz und KZ nie Wirklichkeit werden."
Ernst Ostertag, Januar 2008
Quellenverweise
- 1
Roger Staub, Situationsbericht Homosexuelle und Aids - Der Versuch einer Bewältigung, Oktober 1988, Seite 24
- 2
Anderschume HACH-Info, Nr. 2/1985, Seite 12