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Zeitenwende in der amerikanischen Botschaft an der Sulgeneckstrasse in Bern: Ed McMullen, der republikanische Wahlkampfstratege, der dem abgewählten Präsidenten Donald Trump nahestand und im Januar abtrat, soll durch Scott Miller ersetzt werden. Dies gab das Weisse Haus am Freitag bekannt, nachdem in den vergangenen Wochen bereits entsprechende Spekulationen in Washington kursiert waren.
Miller ist, zumindest in der Führungsetage der Demokratischen Partei und unter Aktivisten, eine bekannte Figur. Dies hat weniger mit seinem ehemaligen Beruf als UBS-Vermögensverwalter in Denver (Colorado) zu tun. Vielmehr ist Miller seit fast 20 Jahren mit Tim Gill verbunden. Und Gill, mit dem Miller seit 2009 auch amtlich verheiratet ist, gehört in Amerika zu den einflussreichsten Geldgebern für Anliegen der LGBTQ-Gemeinschaft, für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Personen und queere Menschen.
Gill verdiente sein persönliches Vermögen mit der Software-Firma Quark, die er 1981 gründete. Zwischenzeitlich galt das Layout-Programm «QuarkXPress» als das Nonplusultra für Werbeagenturen und Zeitungsredaktionen. Ende der 90er-Jahre verkaufte Gill seinen Firmenanteil und verdiente damit schätzungsweise 500 Millionen Dollar. Der heute 67 Jahre alte Tech-Unternehmer setzte sich aber nicht zur Ruhe, sondern gründete eine Reihe von Spenden-Vehikel für schwule und lesbische Geldgeber.
Das bekannteste dieser Vehikel ist die gemeinnützige Gill Foundation, deren Stiftungsrat Gill und Miller gemeinsam präsidieren. Am schlagkräftigsten erwiesen sich aber Organisationen wie der Gill Action Fund und die Outgiving-Konferenz, über die Gill und verbündete homosexuelle Philanthropen Geld in den amerikanischen Dauer-Wahlkampf investierten.
Zu Beginn der 2000er-Jahre geschah dies anfänglich weitgehend unbemerkt, und Gill wurde vom politischen Gegner nicht Ernst genommen. Nach einer Reihe von Rückschlägen, gerade beim einst brennenden Thema der Ehe für Homosexuelle, fuhren Gill, Miller und ihre Verbündeten aber immer mehr Erfolge ein. Der Höhepunkt: 2015 legalisierte der Supreme Court in Washington die Eheschliessung für Homosexuelle im ganzen Land. «Ohne Tim Gill und die Gill Foundation wären wir nicht, wo wir heute sind», sagte eine siegreiche Anwältin nach dem wegweisenden Urteil des höchsten amerikanischen Gerichts.
Der amerikanische Autor Sasha Issenberg, der kürzlich das lesenswerte Buch «Engagement» über den Kampf schwuler und lesbischer Amerikaner um das Recht auf Eheschliessung veröffentlichte, beschreibt Miller als äusserst scheu und fast schon anti-sozial. «Es ist schwer vorstellbar, dass er jemals Botschafter werden möchte», sagt Issenberg im Gespräch. Scott Miller, sein 25 Jahre jüngerer Gatte, geniesse die öffentliche Aufmerksamkeit weit mehr. Deshalb sei Miller in den vergangenen Jahren immer stärker als Aushängeschild der Gill Foundation aufgetreten und habe die Entscheidungen der Organisation mitgeprägt. Gill und Miller gehörten im Wahlkampf des vergangenen Jahres zu den treusten Unterstützern von Joe Biden. So organisierten im September 2019 eine Spendengala in der Phipps Mansion, ihrem Anwesen in Denver.
Die Personalie muss nun in einem nächsten Schritt noch durch den US-Senat bestätigt werden. Bisher hat die kleine Kammer des nationalen Parlaments noch keinen einzigen durch Präsident Joe Biden nominierten diplomatischen Abgesandten bestätigt. Verwaist sind damit die Botschafter-Posten in den Hauptstädten derart wichtiger Handelspartner Amerikas wie der Europäischen Union, Grossbritannien, Frankreich, China oder Indien. (aargauerzeitung.ch)