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Nero Wolfe erblickte 1934 das Licht der literarischen Welt (in Fer-de-Lance); der letzte Roman mit ihm als Hauptperson erschien 1975 (A Family Affair). In diesen 40 Jahren ihrer Existenz alterten Wolfe und seine Mitarbeiter kein bisschen. Er wird als ein leicht exzentrischer Mensch dargestellt: Der etwa 50-jährige Mann mit einem BMI, der nicht ganz den Vorstellungen heutiger Ärzte entsprechen würde, bringt praktisch sein ganze Leben innnerhalb der Mauern seines Hauses zu (eines sog. „Brownstone“ in New York – das, wenn wir Archie Goodwins Schilderungen wörtlich nehmen wollen, in den meisten Geschichten mitten im Hudson River steht). Ein Haus, das er nur im Notfall verlässt. Wolfes Hobby ist die Zucht von Orchideen auf dem Dach seines Hauses. Die einzelnen Stockwerke wechselt er per Lift. An Schreib- und Esstisch gibt es speziell für sein Körpergewicht ausgelegte Stühle. Ausser ihm wohnen nur noch Fritz (Kammerdiener, Butler, Mädchen für alles und vor allen Dingen ein weit über die Mauern des Wolf’schen Hauses renommierter Koch) und Archie Goodwin (Leibwächter, Chauffeur, Laufbursche, aber auch selbständiger Ermittler) im Haus. Wolfe löst seine Fälle vom Schreibtisch aus. Archie Goodwin ist der Ich-Erzähler der Nero-Wolfe-Stories, ein junger, unauffälliger Mann, etwa um die 30, dessen hervorragendstes Merkmal, neben einem gewissen Erfolg bei Frauen, die Tatsache ist, dass er am liebsten Milch trinkt. Er profitiert nicht ungern vom exquisiten kulinarischen Geschmack seines Arbeitgebers, ohne deswegen Ansprüche auf eigene Kenntnisse auf dem Gebiet der höheren Kochkunst zu haben.
Daneben ist Goodwin ein angenehmer Erzähler. Er erzählt ohne grosse Kinkerlitzchen. Eine leicht zynische Haltung gegenüber allem und jedem lässt ihn zwar abgebrüht wirken; weil er den Zynismus unter Humor verbirgt, bleibt er dem Leser aber sympathisch. Und da er der einzige ist, mit dem Wolfe seine Fälle (bis zu einem gewissen Grad) diskutiert, erfährt auch der Leser (fast immer) das Neueste. Für einen Adlatus des grossen Detektivs ist Archie Goodwin zudem selbständiger als z.B. ein Watson gegenüber Sherlock Holmes.
Es klingelte an der Tür erschien 1965 und war einer der grössten Erfolge in der sowieso erfolgreichen Serie. Rex Stout gilt als der Erfinder des politischen Kriminalromans; und dieser Roman war einer seiner politischsten. Der Plot ist simpel: Eines Tages meldet sich eine reiche Witwe bei Nero Wolfe, die 10’000 Exemplare eines Enthüllungsbuchs über die Praktiken des FBI (Das unbekannte FBI) an Freunde und Bekannte geschickt hat – mit dem Nebeneffekt, dass sie und ihre Familie nun vom FBI beschattet werden. Wolfe soll das abstellen. Hier zeigt sich Stouts persönliche Überzeugung, er, der zeitlebens für die Wahrung individueller Freiheitsrechte eintrat und für ein starkes Urheberrecht zugunsten der Autoren. Es klingelte an der Tür ist nicht der einzige Roman Stouts, der politische Themen behandelt, inner- und ausserhalb seiner Kriminalromane finden sich etliche. Das Buch Das unbekannte FBI ist übrigens wirklich in den USA erschienen (wie alle Bücher, die Wolfe im Laufe der Jahre liest), und Stout wollte mit seinem Roman die Aufmerksamkeit darauf lenken. Er war genauso wie der Autor des Buchs der Meinung, dass sich das FBI wie eine Art Staat im Staate benehme; für FBI-Agenten schienen die Gesetze keine Bedeutung oder Wirksamkeit zu haben.
Er tat das vor allem so, dass er das FBI als ein zwar hochspezialisierte Agentur wirken lässt, aber die einzelnen Mitarbeiter in einem mehr oder minder komischen Licht da stehen lässt. (Selten sahen in der Kriminalliteratur FBI-Agenten lächerlicher aus, als die zwei, die Wolfe bei einem Einbruch in seinem Haus in flagranti ertappt.)
Das Thema „Schnüffelstaat“ ist noch heute hochaktuell; und so ist es kein Wunder, dass gerade dieser Roman in einer Neuübersetzung von Conny Lösch (eine Neuübersetzung, die zum ersten Mal den vollständigen Text auf Deutsch liefern soll) und mit einem Nachwort von Jürgen Kaube heuer bei Klett-Cotta in einer Leinenausgabe erschienen ist. Unterhaltung mit Tiefgang.