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Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal beim Radio landet. Jetzt spricht Giovanna Anagua Suter alle zwei Wochen in ihrer Sendung «Humanidad Euforia» beim alternativen Radio Lora über Migration, Jugendkultur und Feminismus. Wir haben die Bolivianerin im Studio besucht.
In der Nachbarschaft werden Haare gezöpfelt, Velos repariert und Thai-Currys verkauft: Hier im Kreis 4 in einem Hinterhof versteckt sich das älteste alternative Radio der Schweiz. Aus dem blau und rot angestrichenen Gebäude sendet Radio Lora auf 97,5 Megahertz und in 20 Sprachen in die ganze Welt.
Radio Lora entstand im Zuge der Zürcher Opernhauskrawalle im Jahr 1980. Seit 1982 sendet Lora legal. Heute bieten 300 Sendungsmacher und Sendungsmacherinnen ein buntes Programm. Eine von ihnen ist Giovanna Anagua Suter, eine quirlige «Latina», die seit einem Jahr zwei Mal im Monat ihre eigene Sendung moderiert. Jeweils am Dienstag, dem «Martes Latino», bestreiten Latinas und Latinos das ganze Programm.
Den oberen Stock erreiche ich über eine Feuertreppe. Audiokassetten stapeln sich bis unter die Decke.
Als ich beim Radio eintreffe, läuft gerade «Info Loritas», eine wöchentliche, internationale News-Sendung. Im Parterre empfängt mich ein Hund. Ein kleiner Junge sitzt auf der Treppe und isst Milchreis. Den oberen Stock erreiche ich über eine Feuertreppe. Audiokassetten stapeln sich bis unter die Decke. Auf dem Herd brutzelt es, Essensdüfte und spanische Wortfetzen schweben durch die Luft. Giovanna sitzt am grossen Holztisch und bereitet sich auf die Sendung vor.
Lexys Maria Losada ist an diesem Tag Co-Moderatorin.
Zum Radio zu gehen, das war nie ihr Plan. Giovanna hat schwarze Locken und ist sehr «amiguera», wie sie sich selbst beschreibt, zu übersetzen mit «leicht Freundschaften schliessend». Sie ist 1969 in Bolivien geboren und dort aufgewachsen: «Wir lebten überall in Bolivien.» Mit «wir» meint sie ihren damaligen Mann, einen Schweizer, und ihre vier Kinder. Vor 13 Jahren, als sie gerade im Regenwald wohnten, brach eine Dengue-Epidemie aus. Der jüngste Sohn war damals drei Jahre alt und sie beschlossen, in die Schweiz zu ziehen.
Vor 13 Jahren, als sie gerade im Regenwald wohnten, brach eine Dengue-Epidemie aus.
Der Kontrast könnte nicht grösser gewesen sein: Vom bolivianischen Dschungel nach Full-Reuenthal, einer kleinen Gemeinde im Aargau nahe der deutschen Grenze, mit Sicht auf das AKW Leibstadt. «Der Anfang war sehr schwer für mich», erzählt sie. Sie war die einzige Auswärtige im Dorf, sprach kein Wort Deutsch und war von ihrem Mann abhängig. Zudem musste sie ihren ältesten Sohn, der einen bolivianischen Vater hat, in Bolivien zurücklassen: «Der Plan war, dass er nachkommen würde, sobald ich mich hier eingelebt hatte, aber er erhielt nie ein Visum», sagt sie. Nach der Trennung von ihrem Mann zog sie ins aargauische Brugg, wo sie noch heute mit ihren drei Kindern und ihrem Freund wohnt. Beim Beginn eines neuen Lebens in der Schweiz sei er ihr eine grosse Hilfe gewesen.
Auf einer Party – «typisch», fügt Giovanna an – lernte sie Irene kennen, eine Argentinierin, die seit den Anfangszeiten bei Radio Lora ist und die Sendung «Mujeres» moderiert. Ein Jahr lang half sie bei «Mujeres» mit und moderierte dann ihre eigene Sendung «Humanidad Euforia». Die Themen ihrer Sendungen lassen sich grob mit Migration, Feminismus und Jugend zusammenfassen. Der Titel der Sendung ist benannt nach dem Lied «Humanidad» der chilenischen Rapperin Ana Tijoux. Weil ihr Sohn meinte, eine Sendung über Jugendkultur müsse im Titel auch «Euphorie» beinhalten, heisst die Sendung jetzt «Humanidad Euforia». Überhaupt, die junge Generation gebe ihr viel Hoffnung: «Meine Tochter und meine Söhne achten darauf, was sie essen, tragen der Erde Sorge und interessieren sich für Politik.»
Kurz vor 13 Uhr: Giovanna, Lexys und ich setzen uns ins Studio. «Ich will, dass sich meine Gäste frei fühlen zu sagen, was sie wollen», erklärte sie mir vor der Sendung. Die Stimmung ist entspannt. Eher so, als würde man mit Freundinnen vor einem «Cafecito» sitzen und nicht vor dem Mikrofon. Die Stunde geht schnell vorbei, das Gespräch wird von Jingles und Liedern umrahmt. Sie spielt «música latina» – Mercedes Sosa, Silvio Rodríguez und die Namenspatronin ihrer Sendung, Ana Tijoux. Sie wirkt entspannt und glücklich: «Ich wollte immer etwas Soziales machen.» Bei Radio Lora lerne sie Leute aus der ganzen Welt kennen, aber vor allem sieht sie das Radio als Sprachrohr für alle Migranten. Am Ende der Sendung grüsst sie die Hörer – auch diejenigen im «geliebten Latinoamerica».
Ob sie nie daran gedacht hätte, zurück nach Bolivien zu gehen? «Doch, jedes Jahr», meint sie. Aber ihre Tochter und ihre zwei Söhne hätten sich in der Schweiz eingelebt. Und so ist es immerhin ihre Stimme, welche die Radiowellen nach Kolumbien, Argentinien und in ihr Heimatland Bolivien tragen.