Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/1592

Lernstörungen bei Kindern im Grundschulalter.
Wenn Kinder in der Schule ihr von Eltern und Lehrpersonen vermutetes Potential nicht ausschöpfen, ist das oft nicht ohne weiteres verständlich. Können sie nicht oder wollen sie nicht? Sie gelten manchmal als dumm oder faul oder aufmüpfig oder eine Kombination aus all dem. Lese- und Schreibstörungen, Langsamkeit, Konzentrationsmangel, extreme Ermüdbarkeit, aber auch Anstrengungskopfschmerzen geben Rätsel auf , wenn man die Funktionsweise des normalen Augenpaares nicht genau kennt und die Kinder etwa bei der dann durchgeführten schulpsychologischen Abklärung in der Intelligenz sogar noch überdurchschnittlich testen.
In der Funktionsweise der Augenmuskeln liegt meines Wissens und meiner Erfahrung nach ein Schlüssel zum Ganzen. Hier kann nur auf das Wichtigste hingewiesen werden:
-
Die erforderliche Genauigkeit der beidäugigen Fixation beim genauen Sehen (Erlernen der Schrift z.B.) ist wesentlich höher als meist angenommen wird (horizontal 0.2 und vertikal 0.1 Winkelgrad).
-
Die natürliche Stereosehschärfe ist wesentlich höher als meist angenommen wird (besser als 30“ ab Fixierpunkt sowohl nach vorne wie auch nach hinten).
-
Die Uralt-Hypothese, dass eine unkorrigierte Weitsichtigkeit (mit daraus folgender mangelhafter Naheinstellung) bei Kindern die Leseprobleme verursache, wird überbewertet.
Fixationsgenauigkeit und Stereosehschärfe werden in der üblichen Untersuchung in der Augenarztpraxis nur unzulänglich geprüft. Der häufig verwendete Lang-Stereotest I prüft die Stereosehschärfe nur bis 550", der "Lang II" immerhin bis 200". Das ist die Stereosehschärfe, bei welcher man mit dem Polatest zu prüfen beginnt! Dafür wird in der Regel durch atropinartige Tropfen die Naheinstellung gelähmt (aber nicht die Ferneinstellung, weil dazu ein Notarzt-Team in Bereitschaft stehen müsste), was zu überhöhten Messungen der Weitsichtigkeit führt. Die Stereosehschärfe braucht man zwar nicht zum Lesen, aber sie ist ein hervorragendes Mass dafür, ob die Präzision der beidäugigen Fixation normal (d.h. hochpräzis!) ist. Denn nur wenn diese normal, d.h. sehr genau ist, ist die Stereosehschärfe maximal hoch. Diese hohe Präzision der Fixation, sollte sie mit freien Augen nicht hoch genug sein, lässt sich durch Prismeneinstellung mit Hilfe der MKH praktisch immer erreichen.
Dies verbessert eine mangelhafte Schriftkompetenz bei normaler Intelligenz praktisch immer, was oft schon innerhalb von Tagen nach Aufsetzen einer korrekt angemessenen Prismenbrille erkennbar wird. Die reine Korrektion der Weitsichtigkeit (sofern die Gläser nicht zu stark nebeln, siehe vorher) nützt etwas, jedoch wenig; in meiner Erfahrung höchstens grob 20% von dem, was eine „voll korrigierende“ Prismenbrille nützt. Da solche nur die Weitsichtigkeit korrigierenden Brillen oft aus methodischen Gründen (siehe oben) leicht überkorrigiert sind, nebeln sie die Ferne etwas und werden deshalb ungern oder gar nicht getragen. Kinder "motzen" oft schon bei einer geringen Nebelung von nur +0.25 Dioptrien! Das umgekehrte kommt aber auch vor: unterkorrigierende Weitsichtigkeitsbrillen ("Plus-Brillen") nach dem "Tröpflitest", weil üblicherweise ein willkürlich festgelegter Betrag vom "Tröpfliwert" für die Gläserverordnung abgezogen wird. Eine Unzulänglichkeit mehr.
Umgekehrt ist es auffallend, dass Kinder mit einer sehr guten Lesefähigkeit nie eine wesentliche Winkelfehlsichtigkeit mit Wahrnehmungsstörungen der Augen haben.
In der unten stehenden Animation können Sie zwei identische und übereinanderliegende Pseudotexte mit gedrückter rechter Maustaste seitlich und vertikal verschieben. Geringe Verschiebungen simulieren die Wahrnehmung winkelfehlsichtiger Kindern, wenn, was immer passiert ( "tanzende Buchstaben"), beim Versuch, genau zu fixieren, die Sehachsen geringfügig in der Richtung der eigenen Wf abweichen. Im Leseabstand 35 cm entspricht einem *versteckten Schielen" von nur anderthalb "Prismendioptrien" (1.5 cm/m) die maximale Verschiebung der Bilder 0.5 cm. Im oben links stehenden Bild ist der Text analog nur um so viel schräg verschoben, wie es bei einer Heterophorie nur je etwa 0.5 cm/m maximal der Fall wäre.
Die Animation ist eine grobes Modell für das, was passieren kann, wenn ein heterophorisches Kind zu lesen versucht. Die Leseleistung wird in kurzer Zeit schlechter und schlechter, weil das Halten der genauen Fixation übermässig stark ermüdet.
Die Tatsache, dass Heterophoriker nur selten bewusst doppelt sehen, ist interessant. Drei Phänomene sind dafür verantwortlich: 1. die Suppression (Auslöschung im Seh-Hirn) des Bildes, das von einem Auge "geliefert" wird. Diese Suppression kann ziemlich rasch ( in weniger als einer Sekunde manchmal und bis zu etwa zwei Sekunden) die Lage, Seite und Stärke ändern. Dies kann von Betroffenen während der Untersuchung am Polatest direkt wahrgenommen werden und erschreckt diese bisweilen! 2. der Ausgleichstonus der Augenmuskeln (dosierte Dauer-Anspannung der Augenmuskeln, die auch wechseln kann, aber viel langsamer als die Suppressionen und manchmal extrem langsam, bis zu Monaten). 3. werden nur minimal verschobene Doppelbilder üblicherweise nicht als solche, nämlich als Doppelbild, sondern eher als Unschärfe wahrgenommen. Dies vor allem auch deshalb, weil die betroffenen Personen gar nichts anderes kennen.
Bewegen Sie den Text durch Klicken auf die Pfeile. Ein Mausklick verschiebt den Text soviel, wie einer WF von etwa 0.3 cm/m (0.3 Prismendioptrien) entsprechen würde oder etwas mehr als 0.1 Winkelgrad). Die maximale Verschiebung in der Animation nach rechts beträgt etwa 4 cm (entsprechend einem Schielwinkel von 12 cm/m), in die anderen Richtungen etwa 3 mm (entsprechend einem Schielwinkel von 1 cm/m) .