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Einen Weg zu sich selbst finden
Sie war auf dem Weg zur Segensfeier für getrennte oder geschiedene Menschen. Sie blieb kurz vor dem imposanten Turm der Kirche St. Marien in Bern stehen, war unsicher, ob sie wirklich die Feier besuchen sollte.
«Werde ich mich exponieren, etwas preisgeben müssen, das ich für mich behalten möchte? Habe ich eine zu lose Beziehung zu Gott? Entscheidungen fallen mir schwer», sagt Frau A.*, «schon immer. Da begannen die Glocken im Turm zu läuten. Sie riefen. Sie wirkten einladend. » Sie wagte den Schritt, trat in die Kirche ein. Sie hat es nicht bereut.
Seit einigen Jahren bieten die katholische und reformierte Kirche Berns eine Segensfeier für Geschiedene und Getrennte an. In Rom, an der Bischofssynode, wird aktuell darüber diskutiert. In Bern werden Menschen in schwierigen Beziehungssituationen nicht allein gelassen. Die ökumenische Feier will Zeit und Raum anbieten, über die eigenen Erfahrungen nachzudenken, ungezwungen und aufgehoben. Wer will, kann um den Segen Gottes bitten für das Weitergehen.
Ihre Gottesbeziehung sei locker, erzählt Frau A. Ihre Eltern lebten eine Mischehe, der Vater reformiert, die Mutter katholisch. Die Kinder wurden katholisch erzogen. Frau A. empfing in der ersten Klasse die Erste Kommunion und in der vierten Klasse die Firmung. In die Gottesdienste ging die Familie selten. Sie lebten auf dem Land, in einem mehrheitlich reformierten Kanton. Der erste Pfarrer, an den sich Frau A. erinnert, kam in einer dreirädrigen Messerschmitt angebraust, war streng und vermittelte ihr das Gefühl, wer nicht in die Kirche gehe, sei verloren. Das habe sie geprägt. Dieses leise schlechte Gewissen hat sie nie ganz wegbekommen. Ein weiterer Geistlicher erzählte Witze, war deswegen beliebt und veranstaltete Wettbewerbe mit Geschichten, die er vortrug. Frau A. gehörte meist zu den Gewinnern: «Die Aufgabe war nicht schwer. Mein Bruder und ich waren auch zu Hause immer die Folgsamen, Angepassten und wurden dafür gelobt.» Das habe sich dann als schwerer Brocken für ihre Ehe erwiesen.
Sie heiratete einen zehn Jahre älteren Mann. Sie überliess ihm oftmals gerne die Entscheidungen: «Er entschied und ich passte mich an, ob es nun gut für mich war oder nicht. Im Nachhinein, nach Therapien und eigener innerer Auseinandersetzung, merkte ich, dass ich mir abhanden gekommen war, ich war verstummt, auch für mich selber nicht mehr präsent. » Sie und ihr Mann lebten wie ihre Eltern in einer gemischten Ehe. Er reformiert, sie katholisch. Die Kinder erzogen sie reformiert. «Ich hatte vor der Hochzeit ein Gespräch mit unserem zuständigen katholischen Theologen und erwartete ein strenges Gespräch gegen meine Absicht, die Kinder reformiert zu erziehen. Es kam ganz anders. Der Theologe zeigte uneingeschränktes Verständnis damals. Es sei wichtig, dass sie alle in einer Kirche gross würden, Anschluss hätten. Welche sei zweitrangig.» Die Hochzeit gestalteten sie ökumenisch.
«Gott war lange für mich eine Kraft, die ich spürte, die mir Raum schuf für Schritte, wenn ich nicht weiter wusste», erzählt Frau A.: «Mitten in der heftigen Beziehungskrise war aber dieser Gott nicht mehr da, war ganz weg». Sie sagt es mit einemgewissen Erstaunen im Gesicht. «In der Segensfeier im letztes Jahr habe ich deshalb auch gezögert, den Segen zu empfangen», erzählt sie weiter. Sollte sie sich dem grossen Abwesenden aussetzen? «Als Letzte habe ich mich dann dazu durchgerungen.»
Die Gestaltung der Feier habe ihr dabei sehr geholfen. Der grosse abgedunkelte Kirchenraum ermöglichte Privatsphäre, schildert sie. Die verschiedenen Stationen, die man frei besuchen konnte, halfen ihr, ihre Gefühle und Gedanken zu ordnen, da war nichts von Mission oder Vereinnahmung: «Ich erlebte so etwas wie Legitimation, meine innere Haltung, meine Gefühle wurden ernst genommen, durften sein, ich erkannte mich in den angesprochenen Themen wieder. Das tat wirklich gut». Und die Musik, die habe sie als sehr wohltuend empfunden.
Aufmerksam auf das Angebot wurde sie im Internet und durch einen Artikel im «pfarrblatt », den ihr eine Freundin aus dem Blatt herausgerissen hatte. Seit einem Jahr ist sie nun geschieden, die Trennung sechseinhalb Jahre zurück. «Ich habe einen Beruf, fand wieder einen Job», erzählt sie nachdenklich, «das war ja auch ein Teil der schwierigen Auseinandersetzung, schaffe ich es alleine, finde ich Selbstständigkeit, finanziell und persönlich.»
Frau A. wird still, schaut eine Weile in die Leere, aber nicht mit leerem Blick. Sie hat sich selbst auf dem schwierigen Weg entdeckt. «Der Segen in der Feier war ein Puzzle dazu. Ich fühlte mich bestärkt, den jetzt eingeschlagenen Weg zu gehen. Aus eigener Entscheidung.»
Jürg Meienberg
*Name der Redaktion bekannt
«Ich wünsche dir ...!»
Weiter gehen nach Trennung oder Scheidung.
Freitag, 23. Oktober, 19.30£
Marienkirche, Wylerstrasse 26, 3014 Bern (Bus 20 bis Wyleregg).
Eine Segensfeier für Einzelpersonen und Paare. Dauer: rund eine Stunde, anschliessend kräftigender Apéro.
Gestaltung: Karin Gündisch, Judith Pörksen (Theologinnen), David Kuratle, Peter Neuhaus (Paartherapeuten)
Musik: Simon Rentsch, Klavier, und Christof Arpagaus, Gitarre.
Infos: www.kathbern.ch/eheberatung, www.berner-eheberatung.ch