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Diese beiden Gedichte sind im Abstand von genau hundert Jahren entstanden. Als ich das Sonett ‹Saatkörner› schrieb, kannte ich ‹Meine Seele hat es eilig› von Mario de Andrade nicht.
Mario de Andrade (1893-1945)
Meine Seele hat es eilig
(Prosa-Übersetzung aus dem Portugiesischen)
Ich habe meine Jahre gezählt
und festgestellt,
dass ich weniger Zeit habe, zu leben,
als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie jenes Kind,
das eine Schachtel Bonbons bekommen hat:
Die ersten isst es mit Vergnügen,
aber als es merkt,
dass nur noch wenige übrig sind,
beginnt es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen,
bei denen die Statuten, Regeln,
Verfahren und internen Vorschriften
besprochen werden,
im Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr,
absurde Menschen zu ertragen,
die ungeachtet ihres Alters
nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr,
mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein,
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer mehr
und kein Opportunisten.
Mich stören die Neider,
die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen,
um sich ihrer Positionen,
Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz,
um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche,
denn meine Seele ist in Eile —
ohne viele Süßigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben,
die menschlich sind, mit Menschen,
die über ihre Fehler lachen können,
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden,
die sich nicht voreilig berufen fühlen
und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen,
die die menschliche Würde verteidigen
und die nur an der Seite der Wahrheit,
der Rechtschaffenheit gehen möchten.
Es ist das, was dem Leben Wert verleiht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben,
die es verstehen,
die Herzen anderer zu berühren, Menschen,
die durch die harten Schläge des Lebens
lernten, durch sanfte Berührungen
der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig,
ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben,
die nur die Reife geben kann.
Ich versuche,
keine der Süßigkeiten,
die mir noch bleiben,
zu verschwenden.
Ich bin mir sicher,
dass sie köstlicher sein werden
als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es,
das Ende zufrieden zu erreichen,
in Frieden mit mir,
meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben
und das zweite beginnt,
wenn wir erkennen,
dass wir nur eines haben.
Alberigo Albano Tuccillo
Saatkörner
Der Sand der Uhren rieselt, Korn um Korn,
von dem, was kommen wird, zu dem, was war,
in stetem Fluss und niemals umkehrbar.
Und niemals heißt’s: «Beginnen wir von vorn!»
Wer Fehler macht, kann freilich sie bereuen
und macht im Glücksfall manches wieder gut.
Doch schwört er auch, dass er’s nie wieder tut,
es wird sich weiter Sand auf Sandkorn streuen!
Die Reue füllt die Stunde nicht der Tat,
doch neue Zeit — die auch vergeht im Flug,
denn was zerrann, wird nimmerdar mehr streben.
Entschwundne Stunden sind halt unsre Saat:
Kein weitrer folgt dem letzten Atemzug.
Ist man’s gewahr, beginnt ein zweites Leben!