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Praktisch jeder Rotary Club in unserem Kulturraum nennt die Freundschaftspflege als eines seiner Hauptziele. Eine Freundin oder ein Freund zu sein bedeutet, nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten zu akzeptieren. «Freundschaft ist nicht nur ein köstliches Geschenk», rät der deutsche Musiker und Ingenieur Ernst Zacharias, «sondern auch eine dauernde Aufgabe.»
«Freundschaft bezeichnet ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet. Eine in einer freundschaftlichen Beziehung stehende Person heisst Freund oder Freundin. Freundschaften haben eine herausragende Bedeutung für Menschen und Gesellschaften.» So definiert Wikipedia den Begriff «Freundschaft». «Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein grösseres Gut als die Freundschaft – keinen grösseren Reichtum, keine grössere Freude», erkannte der griechische Philosoph Epikur von Samos (341 bis 270 v.Chr.). Ralph Waldo Emerson, US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller (1803 bis 1882), war überzeugt: «Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.» «Freundschaft ist nicht nur ein köstliches Geschenk», rät der deutsche Musiker und Ingenieur Ernst Zacharias, «sondern auch eine dauernde Aufgabe.»
WENN MAN FREUNDE BRAUCHT
Den 1939 in Chur geborenen Mathias Zogg kennt man in der Jodler-Szene als einen der erfolgreichsten Texter und Komponisten. Aus seinem vielseitigen Repertoire ist das Lied «Kameraden» jenes Werk, das von Jodelchören am häufigsten gesungen wird. Zogg mahnt darin, sinngemäss übersetzt: «Wenn es dir einstmals nicht mehr gut geht, brauchst du einen Freund, der zu dir steht.» Gottfried Wyss (1921-2019) wirkte in den Jahren 1974 bis 1987 als Regierungsrat des Kantons Solothurn. Im Wahljahr 1985 entzog ihm seine Partei, die SP, das Vertrauen. Dem Unbehagen seiner Genossinnen und Genossen zum Trotz wurde der Nachfolger des im Dezember 1973 in den Bundesrat gewählten Willi Ritschard mit einem herausragenden Resultat in seinem Exekutivamt bestätigt. In der Aphorismen-Sammlung «Gedankensplitter», die er nach seinem Abschied von der politischen Bühne veröffentlicht hatte, erinnerte Wyss an die zermürbenden Diskussionen mit früheren Weggefährten: «Wer einmal im Regen steht, lernt seine Freunde kennen.»
Freundschaft darf niemals nur ein Lippenbekenntnis sein. Freundschaft zählt besonders, wenn jemand in unvorhersehbaren Situationen auf Unterstützung aus seinem Umfeld angewiesen ist. Das sagen uns die Geschichten von Mathias Zogg und Gottfried Wyss. Zu einem freundschaftlichen Miteinander gehört auch, dass man selbst bei heiss umstrittenen Themen eine andere Meinung als die eigene respektiert.
«ENTWICKLUNG VON FREUNDSCHAFTEN ALS EINE GELEGENHEIT FÜR DEN DIENST»
Was versteht Rotary unter Freundschaft? «Das Ziel von Rotary ist die Ermutigung und Förderung des Ideals des Dienstes als Basis jedes wertvollen Tuns, insbesondere durch (…) Entwicklung von Freundschaften/Bekanntschaften als einer Gelegenheit für den Dienst», lautet der Artikel 4, Absatz 1, in der Verfassung von Rotary International (Juli 2019). Im rotarischen Verhaltenskodex wird gefragt: «Wird es Freundschaft und guten Willen fördern?» Ob dieser Ansatz noch zeitgemäss ist, darf man hinterfragen. Rot. Antonio Loprieno (RC Basel) plädiert für eine Weiterentwicklung der bisherigen Formulierung: «Wird es Vertrauen fördern?» Als Antwort auf die Frage, weshalb man jemanden als Freund bezeichne, zitiert der emeritierte Rektor der Universität Basel im Interview in der Oktoberausgabe 2021 dieses Magazins den französischen Philosophen Michel de Montaigne: «Parce que c’était lui, parce que c’était moi». Weil er es war, weil ich es war. Das sei der Vertrauensbeweis. Vertrauen verstehe er als eine Art unbeschriebener Solidarität, die Menschen untereinander verbinde, sagte Loprieno. «Die Begriffe Freundschaft und guter Willen sind mir zu vage, weil sie missinterpretiert werden können, Vertrauen hingegen nicht».
FREUNDSCHAFT ALS BASIS IM ROTARY CLUB
Praktisch jeder Rotary Club in unserem Kulturraum nennt die Freundschaftspflege als eines seiner Hauptziele. Als Wert kann man diese Zielsetzung nicht quantifizieren. Mitrotarierinnen und Mitrotarier regelmässig zu treffen, sich über Gott und die Welt auszutauschen, wichtige und weniger wichtige Dinge beim Namen zu nennen, Sorgen und Freuden untereinander zu teilen, auch gemeinsam mal ein gutes Essen und einen edlen Tropfen zu geniessen, zwischendurch herzhaft zu lachen – all das fördert unsere Lebensqualität.
Hin und wieder werden Stimmen laut, die Clubagenda enthalte zu viele (oder zu wenige) sogenannte Freundschafts-Lunches. Zu diesem Thema gibt es keine verbindliche Regelung. Eines jedoch steht fest: Auch die Pflege von Freundschaften ist Programm.
Wer in einem Rotary Club als Mitglied aufgenommen wird, akzeptiert nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Leute, welche nie oder nur selten an einem rotarischen Meeting zu sehen sind, verschwinden aus dem Gedächtnis. Die persönliche Anwesenheit im Freundeskreis ist auch Ausdruck einer Wertehaltung. Ein Ärgernis für Führungskräfte ist die teils vorherrschende Disziplinlosigkeit, wenn es darum geht, sich für Clubanlässe und auch für Hands-on-Einsätze an- oder abzumelden. Dabei ginge es doch so einfach, via Polaris ein Feedback zu geben: Zwei, drei Klicks, schon wissen unsere Präsidentin, unser Programmchef, unsere Projekt-Verantwortlichen und auch unsere Sekretäre, woran sie sind, auf wen sie zählen dürfen und auf wen nicht. Eigentlich wäre Verlässlichkeit auch eine (rotarische) Tugend.
«TOLL, EIN ANDERER MACHTS!»
Und dann existiert selbst in Rotary Clubs noch jene Spezies, welche das Wort «Team» etwas eigensinnig interpretiert: «Toll, ein anderer machts!» Manchenorts kämpft man mit zunehmenden Problemen, wenn es darum geht, Chargen neu zu besetzen, Helfer für einzelne Anlässe zu rekrutieren. Das schmerzt und demotiviert jene Rotarierinnen und Rotarier, welche mit gutem Beispiel vorangehen. Wer «A» sagt, sagt auch «B». Auch solches müsste selbstverständlich sein: Wer mit dem Beitritt in den Club Privilegien erhält, muss gleichermassen gewillt sein, Aufgaben zu übernehmen. Eine Formel, die ebenfalls dem Kapitel «Freundschaft» zuzuordnen ist.
In ihren vielen Gesprächen habe sie unter anderem festgestellt, dass bei vielen Clubs die Präsenzen (noch?) etwas tiefer seien als vor Corona, berichtet DG Ursula Schopfer in der Rückblende zu ihrem Governorjahr 2021/22. «Eine Gruppe von Rotariern hat sich wohl ans nicht so aktive Rotarier-Leben gewöhnt», kommentiert sie. Ihre Einschätzung ist nicht aus der Luft gegriffen. Leider.
«KLÜNGELEIEN» – ODER LEGITIME GESCHÄFTSBEZIEHUNGEN?
In seinem Buch «Elisabeth Kopp. Zwei Leben – ein Schicksal. Aufstieg und Fall der ersten Bundesrätin der Schweiz», erschienen 2014 im Stämpfli Verlag, Bern, schreibt René Lüchinger: «Es existiert kein Wirtschaftsfilz bei Elisabeth Kopp, und wo keiner ist, gibt es aus diesen Kreisen auch kein Auffangnetz nach dem Fall.» Das gleiche gelte für ihren Ehemann Hans W. Kopp. «Dieser bespielt zwar zahlreiche Bühnen als Anwalt, Medienrechtler oder Multiverwaltungsrat, doch zum Wirtschaftsetablishment, das bei Rotariern oder bei Zünftern klüngelt, gehört auch er nicht dazu», ergänzt der ehemalige Chefredaktor des Nachrichtenmagazins «Facts» und der «Bilanz».
Ein typischer Fall von Neid, Unkenntnis. Oder ein klassisches Vorurteil. In meiner seinerzeitigen Funktion als Präsident des Governorrats Schweiz-Liechtenstein hielt ich es für angebracht, den Autor von Kopps Biografie brieflich zu einem Dialog über Rotary einzuladen. Lüchinger ist mir bis heute eine Antwort schuldig geblieben.
Handelt es sich wirklich um «Klüngeleien», wenn man mit einer Mitrotarierin oder einem Mitrotarier in eine geschäftliche Beziehung eintritt? Nein. In keiner der vielen Verlautbarungen von Rotary International habe ich einen Hinweis gefunden, man dürfe das nicht tun. Von einer «Pfründen-Wirtschaft» zu reden, wenn Rotary-Mitglieder unter sich Aufträge abwickeln, ist unsachlich. Ein rotarischer Freund handelt auch als Geschäftspartner transparent, fair, zuvorkommend und zuverlässig. Dumping ist ein Tabu. Jede tadellose Leistung verdient einen angemessenen Preis. Wer sein Gegenüber über den Tisch ziehen will, wird diesem anlässlich kommender Begegnungen kaum mehr in die Augen sehen können.
Für den Fall, dass trotz aller guten Vorsätze mal etwas schiefgehen sollte, berufen wir uns auf eine Erkenntnis des im letzten Jahr verstorbenen, weltweit bekannten Theologieprofessors Hans Küng, Gründungsmitglied des RC Tübingen und Ehrenmitglied des RC Sursee. Küng erklärte an der Distriktkonferenz von Urs Düggelin, Governor 2010/11 des Distrikts 1980: «Rotarier sind auch nur Menschen. Übrigens, Frauen auch.»
PDG Paul Meier