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Man kennt sie eher aus der Gaming-Szene: VR-Brillen mit denen Spielerinnen und Spieler in eine andere Realität abtauchen. Dass VR-Brillen auch bei der Therapie von chronischen Erkrankungen unterstützend wirken könnten, zeigt eine Untersuchung der School of Psychology der Queen’s University in Belfast. Die Forschungsgruppe hat 31 Studien zu immersiver virtueller Realität, die zwischen 1993 und 2023 erschienen sind, ausgewertet.
Spaziergänge und Achtsamkeitsübungen
An den jeweiligen Studien nahmen zwischen 30 und 50 Personen teil. Die Teilnehmenden waren von Krebs, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Multipler Sklerose, Nierenerkrankungen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder von der chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) betroffen.
Der Altersdurchschnitt der Patienten betrug 51 Jahre. Drei Viertel waren Frauen.
Durchschnittlich dauerte eine Sitzung in der virtuellen Realität 20 Minuten. Während in manchen Studien nur eine Sitzung durchgeführt wurde, nahmen die Teilnehmenden anderer Studien an täglichen Programmen teil.
Die Sitzungen waren je nach Studie ebenfalls unterschiedlich konzipiert. Einige Interventionen waren dazu angelegt, um Nutzende vor einer medizinischen Behandlung zu entspannen. In diesen Fällen «spazierten» die Teilnehmenden durch die Natur oder führten Achtsamkeitsübungen aus. Bei anderen Erlebnissen in einer virtuellen Realität wurden die Nutzer mit speziellen Fähigkeiten ausgestattet, die ihnen halfen, mit ihrer Erkrankung besser umzugehen.
VR-Brillen: therapiebegleitend und schmerzlindernd
Die Auswertung der Studienergebnisse zeigte, dass Patienten die VR-Brillen zusätzlich zur Therapie gerne nutzen. Ausserdem stellte die Arbeitsgruppe fest, dass die VR-Programme Patienten mit Krebs, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, MS und Nierenerkrankungen halfen, sowohl mit ihren medizinischen Behandlungen als auch mit ihrer psychischen Belastung besser umzugehen.
Weshalb diese Besserung auftritt, ist nicht eindeutig geklärt. Besonders Krebspatienten leiden häufig an Ängsten, Depressionen und Schmerzen, als direkte Folge der Krankheit, aber auch durch Nebenwirkungen der Behandlung, beispielsweise einer Chemotherapie. Die Autoren rund um William McGhee verweisen darauf, dass das Erleben von Schmerzen neurologisch Prozesse einfordert, an denen verschiedene Regionen des Gehirns betätigt sind. Dieselben Regionen, die bei einem Ausflug in die virtuelle Realität aktiviert werden. VR-Sitzungen verändern möglicherweise diese Aufmerksamkeitsprozesse und mindern das Schmerzerleben.
Zudem gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei der VR-Technologie um eine auf Gefühle fokussierte Strategie handelt. Möglicherweise hilft dies gestressten Patienten, ihre Emotionen besser zu regulieren, besonders wenn in der virtuellen Realität Entspannungsübungen durchgeführt werden.
Neben weiteren Erklärungen spielt wahrscheinlich die Wahrnehmung von Natur eine wichtige Rolle, auch wenn diese nur simuliert ist. Schon länger ist erwiesen, dass der Zugang zur Natur positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Es scheint, als würde dies auch auf konstruierte Natur zutreffen.
Die Studie hatte einige Einschränkungen: Die Teilnehmerzahl war gering und die Autoren wiesen darauf hin, dass 13 der 31 Studien Machbarkeits- oder Pilotstudien gewesen seien. Weitere vier hätten ein hohes Bias-Risiko gehabt, also ein Risiko, dass die Studienergebnisse aufgrund von Fehlern oder Verzerrungen falsch interpretiert wurden.
VR-Brillen-Therapie in der Notaufnahme
In vielen Spitälern der Schweiz gehört das Aufsetzen der VR-Brille schon jetzt zur Therapie. Im Freiburger Spital werden Patienten vor dem Eingriff am Herzen in eine beruhigende, virtuelle Welt versetzt. Bei dem Programm handelt es sich um eine Mischung aus Hypnose und Atemübungen. Diese sorgen dafür, dass sich Patienten entspannen und weniger oder sogar gar keine Beruhigungsmittel benötigen.
Eine Pilotstudie des Universitäten Notfallzentrums des Inselspitals, des Universitätsspitals Bern sowie der Universität Bern hat untersucht, wie virtuelle Realität auf einer Notfallstation genutzt werden kann. Die 52 Teilnehmenden hatten unterschiedliche Beschwerden, litten aber alle an Schmerzen. Sie erhielten eine VR-Brille, mit denen sie in der Notaufnahme einen Ausflug in den Wald oder an den Strand unternehmen konnten.
Die Ergebnisse zeigen, dass VR-Technologie selbst in sehr hektischen Umgebungen wie einer Notfallstation die Schmerzwahrnehmung und Ängste lindern konnte. Dank der virtuellen Spaziergänge verringerte sich das Schmerzempfinden um durchschnittlich 1,5 Punkte und die Angstzustände um 2 Punkte auf einer 10-Punkte-Skala. Über 90 Prozent der Teilnehmenden würden die VR-Brillen-Therapie weiterempfehlen.