Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03553.jsonl.gz/79

Die Wandlungen des Sexuellen. Zu einer beschreibenden Psychoanalyse der heutigen Sexualität
Informationen
Vortrag von Jean Clam, Paris und Berlin
Wie lassen sich die tiefgreifenden Wandlungen des Sexuellen in der heutigen Gesellschaft und Kultur psychoanalytisch beschreiben? Zwei Wege sind hier beschreitbar:
- man hält sich an der überkommenen Theorie und versucht, in ihrem Rahmen diese Wandlungen zu beschreiben;
- man geht davon aus, dass diese Wandlungen an den Kern der Theorie rühren und tiefgreifende Revisionen einiger ihrer Annahmen benötigen.
So stellt z.B. der allgemein in unseren Gesellschaften zu beobachtende Niedergang der Verdrängung in Bezug auf das Sexuelle eine entscheidende Veränderung des stets vorausgesetzten konflikthaften Verhältnisses zur Sexualität dar. Er widerstreitet einer der Grundannahmen der psychoanalytischen Neurosenlehre und müsste zu einem theoretischen Neuentwurf dieser motivieren.
Wandlungen des Sexuellen, die sein Wesen und Wirken als das treffen, was die Strukturierung der Psyche mit vollzieht denn die Psyche strukturiert sich, indem sie sich sexuiert , müssten seine «Macht» treffen. Diese liegt in der intrinsischen Phantasmatizität des Sexuellen. Erst ein Niedergang des Phantasmatischen am Sexuellen kann Wandlungen des Sexuellen bringen, die seine strukturierende Macht treffen und zu einer Revision der Grundannahmen der psychoanalytischen Theorie nötigen. Im Kern geht es also um die Frage nach der Abbaubarkeit des Phantasmatischen am Sexuellen.
Um diese Fragestellung zu erhellen, greife ich auf drei Begriffe zurück, die ich in neueren Arbeiten entwickelt habe, welche die «Gegenwart des Sexuellen» zu beobachten und in ihrer Andersheit zu begreifen versuchen:
- die Idee einer «déhiscence», die sich aus dem Gegensatz der gleichzeitigen Tendenzen zur Befreiung und Beschützung von Sexualität ergibt;
- die Idee einer «inständigen Sexualität», die eine Figur des Erlebens und Vollzugs von Sexualität darstellt, die in der (männlichen) Homosexualität erfunden und praktiziert wird. - die Idee einer «vie sexuelle» als eines eigenen «sexuellen Lebens», das man für sich hat und das man nach eigenem Wunsch im Lebensablauf konfiguriert.
Jean Clam: Philosoph, Soziologe und Psychoanalytiker
Forscher am Centre National de la Recherche Scientifique, Paris, mit Forschungsprojekten und psychoanalytischer Praxis in Berlin.
Ab Oktober 2012 Forschungsaufenthalt in Beirut mit einem Projekt zu den Wandlungen der Intimität in der periphären Moderne.
www.jean-clam.org