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Die Steinhauser Firma Crypto AG spielte eine bedeutende Rolle in der Spionage-Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber wirtschaftlich war sie nicht immer erfolgreich, wie eine Recherche beim Handelsregisteramt des Kantons Zug zeigt.
Die Geschichte der Crypto AG ist ein zentraler Bestandteil eines der grössten Spionagefälle der letzten 50 Jahre: Von den amerikanischen und den deutschen Nachrichtendiensten wurde sie dazu benutzt, um andere Staaten mit manipulierten Verschlüsselungsgeräten auszuspionieren.
Der Fall, bekannt geworden durch das Auftauchen eines Geheimdienstdossiers Anfang Jahr, zieht weitere Kreise: Jüngst hat eine der Nachfolgefirmen, die Crypto International, mit der Entlassung von fast allen Mitarbeitenden gedroht und mit einer Schadenersatzklage gegen den Bund, falls das Exportverbot nicht aufgehoben wird.
Angestellte konnten nicht klagen
Bei einem Hightech-Unternehmen, das jahrzehntelang über 200 Personen beschäftigte und in der Welt der Nachrichtendienste offenbar eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat, interessiert, wie viel Geld damit gemacht wurde.
Ehemalige Angestellte sprechen von guten Anstellungsbedingungen mit Firmenfeiern, betriebseigenen Ferienwohnungen im Tessin und einem Segelboot auf dem Zugersee – das übrigens immer noch in Steinhausen bei der früheren Betriebs-Kantine steht.
Zentralplus hat während des Corona-Lockdowns das Handelsregisterdossier der Crypto AG auf Hinweise zu deren wirtschaftlichem Wohlergehen durchforstet und ist auf bescheidene Anfänge gestossen.
Hagelin beginnt mit dem Mindestbetrag
Als Boris Hagelin die Firma in Zug gründete, begann er mit einem kleinen Kapitaleinsatz, obwohl er in den USA zuvor reich geworden war. Dort waren während des Zweiten Weltkriegs einige seiner Verschlüsselungsgeräte gebaut und eingesetzt worden.
Am 15. Mai 1952 startete die Crypto AG, domiziliert an der Fadenstrasse in Zug, mit einem Aktienkapital von 50’000 Franken – eingeteilt in 50 Inhaberaktien. Im selben Jahr wurde das Kapital verdoppelt. Doch in den nächsten Jahren wuchs die Firma, die an der Weinbergstrasse Räumlichkeiten belegte, nur langsam.
Unklare Besitzverhältnisse
Gelegentlich wurde das Kapital erhöht, doch scheint Hagelin im Kalten Krieg wegen seiner Verbindungen in die USA anfänglich Schwierigkeiten gehabt zu haben, Kunden zu gewinnen.
Anhand der Handelsregisterakten bleibt auch unklar, wem damals wie viel an der Firma gehörte. Im Verwaltungsrat sassen neben dem Gründer Hagelin ein Zuger Anwalt und Notar sowie der Entwicklungschef. Jeweils zu Beginn der Sitzung legten sie ihre Aktien vor. Einmal hatte jener die Aktienmehrheit, dann wieder ein anderer.
Während der 1950er-Jahre taucht auch die «Anstalt Europäische Handelsgesellschaft» einmal als Aktionärin im Protokoll auf. Später sollte sie als Tarnfirma der Nachrichtendienste die Crypto AG besitzen. Doch im Folgejahr verschwand sie wieder.
1957: Erste Verlustmeldung
1956 wurde das Aktienkapital auf 500’000 Franken erhöht, 1957 wies die Crypto AG laut Jahresbericht einen Verlust-Saldo von 136’904.18 Franken aus – ein Hinweis darauf, dass die Geschäfte zu Beginn harzig liefen.
Ab 1958 soll Hagelin von der CIA, dem US-amerikanischen Geheimdienst, für seine Zusammenarbeit entschädigt worden sein – laut «Minerva»-Bericht mit einer Einmalzahlung von über 800’000 Dollar und jährlichen Zuwendungen von 70’000 Dollar. Ausserdem gabs Zuschüsse fürs Marketing im Umfang von 10’000 Dollar. Der Dollar hatte damals ein Vielfaches des heutigen Werts.
Aufbau nach 1960
In den Handelsregisterakten findet dies unmittelbar keinen Niederschlag. Einen Wachstumsschub gab es gemäss den Registereinträgen 1960, als eine Firma namens Impuls AG ins Spiel kam, die man über eine Aktienkapitalerhöhung entschädigen musste. 1966 zog die Crypto AG in einen grossen Neubau in Steinhausen. Das Kapital wuchs auf drei Millionen.
1970 verkaufte Hagelin die Crypto AG laut «Minerva-Bericht» an die CIA und den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), wofür er in drei Tranchen umgerechnet knapp 25 Millionen Franken erhalten haben soll.
Verflechtung mit der Kreditanstalt in Zug
Aus den Handelsregister-Akten wird deutlich, dass die Crypto AG sich nun eng an die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) anlehnte. Verwaltungsratssitzungen wurden in den Räumen der heutigen Credit Suisse an der Zuger Bahnhofstrasse abgehalten – ein SKA-Direktor wirkte auch bei der Crypto AG mit.
Die folgenden Jahre scheinen eine Epoche des wirtschaftlichen Wohlergehens für die Crypto AG dargestellt zu haben. Laut Angaben aus dem CIA-Papier stieg der Umsatz von 15 Millionen Franken 1970 auf 51 Millionen Franken im Jahr 1975.
Ausserdem konnten Reserven von über 50 Millionen Franken angehäiuft werden. Ende der 1980er-Jahre wendete sich das Blatt aber langsam, die Rückstellungen schwanden. Die Firma rutschte in die roten Zahlen.
Dramatischer Einbruch 1993
In einem Verwaltungsratsprotokoll aus dem Jahr 1983 ist die Rede davon, dass die Crypto AG im Vorjahr zwar ihre Ziele nicht erreicht habe, in ihrer Existenz aber nicht gefährdet sei. Damals machte die Crypto AG einen Verlust von 20 Millionen Franken. Ein Jahr darauf wurde dem Verwaltungsrat ein Umsatz von 58,2 Millionen Franken und ein Verlust von 11.4 Millionen Franken zur Kenntnis gebracht.
Als der deutsche Geheimdienst BND und die CIA sich in die Haare gerieten, weil der Crypto-Verkaufsingenieur Hans Bühler im Iran inhaftiert worden war, lautete einer der Vorwürfe der Amerikaner an die Deutschen, dass die Letzteren den kommerziellen Aspekt ihres Engagements immer zu stark gewichtet hätten. Für die CIA stand dagegen die Spionage im Vordergrund.
Laut «Washington Post» erwarb die CIA im September 1993 das Aktienpaket des BND für rund 17 Millionen Dollar, was damals etwas weniger als 25 Millionen Franken waren.
Wer stieg 1995 bei Crypto ein?
Anfangs der 1990er-Jahre, in dieser schwierigen Zeit für die Crypto AG, begannen sich die Firmenverantwortlichen für andere Ertragsquellen zu interessieren. Die Infoguard AG, die Sicherheits- und Verschlüselungslösungen für Private vertreiben sollte, wurde gegründet, dann aber für rund ein Jahrzehnt wieder auf Eis gelegt.
Nach 1995 erhöhte die Crypto AG ihr Kapital schnell von 6 auf 16 Millionen Franken. Der Investigativ-Journalist Res Strehle entwickelt in seinem Ende Monat erscheinenden Buch «Operation Crypto» die These, dass damals neben der CIA-Tarnfirma in Liechtenstein auch ein privater Zuger Akteur Mitbesitzer der Steinhauser Verschlüsselungsfirma geworden ist.
2002 kam der nächste Schritt: Nun waren Crypto-Aktien im Wert von 21 Millionen Franken im Umlauf, das neue Geld kam von der «Anstalt Europäische Handelsgesellschaft» in Vaduz.
Infoguard sollte schwindendes Kerngeschäft ablösen
Die Handelsregister-Akten belegen im neuen Jahrtausend zahlreiche Änderungen im Management. Bekannt ist aus den Nullerjahren, dass die Crypto AG wieder in die roten Zahlen geriet. Für 2002 etwa ist in den Verwaltungsratsprotokollen von einem «negativen Betriebsergebnis» die Rede.
Als Reaktion auf diese schwierige Lage begann man in den Jahren danach, die Infoguard AG aufzubauen. Heute beschäftigt die Baarer Firma fast so viel Personal wie die Crypto AG in ihren besten Jahren. Es wurde auch eine übergeordnete Holdinggesellschaft eingerichtet, unter deren Dach die Infoguard AG als Schwesterfirma der Crypto AG stand.
Ein hübsches Sümmchen zum Abschied
Der Liquidation der Crypto AG voraus ging 2017 der Verkauf des Werkareals, das einen erheblichen Wert darstellte, an eine Entwicklungsgesellschaft. Der Verkauf der Crypto AG in verschiedenen Teilen selbst soll der 2018 CIA laut «Washington Post» 50 bis 70 Millionen Dollar eingebracht haben. Der Dollar notierte Ende diesen Jahres bei 98 Rappen.
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