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Die Gleichung des Lebens von Gabriel Palacios
von Gabriel Palacios
14. Januar 2020
Wir alle lernen in der Schule, was eine Gleichung ist. Mit einer Gleichung beschreiben wir die Gleichheit zweier Grössen.
Wir alle lernen in der Schule, was eine Gleichung ist. Mit einer Gleichung beschreiben wir die Gleichheit zweier Grössen. Im Mathematikunterricht war die Berechnung von Gleichungen oft eine eher unangenehme Angelegenheit. Und dennoch erkennen wir, dass wir in unserem täglichen Leben allgegenwärtig umgeben sind von Gleichungen. Denn alles, was wir sehen, fühlen, riechen und gar überhaupt wahrnehmen können, steht in einem Gleichnis. So blüht eine Blume, wenn der Samen unter optimalen Bedingungen von Wärme, Licht, Wasser und nahrhaftem Boden gedeihen darf. Es regnet, weil die Sonne mit ihrer Energie das Wasser auf unserer Erde verdunsten und im Himmel kondensieren lässt. Und der Wind weht, weil es durch die Wärme und Kälte erzeugte Hoch- und Tiefdruckgebiete gibt.
Für das meiste im Leben scheint es eine Gleichung zu geben. Unser Leben scheint beinahe in einer Formel zusammenfassbar zu sein. Und auf beinahe jede Frage gibt es eine Antwort – selbst wenn es die Antwort meiner früheren Lehrer war, dass die Wissenschaft auf meine Frage noch keine Antwort kenne. Doch die Wissenschaft gibt einem zumindest das Gefühl, als wäre sie proaktiv daran, auf all unsere Fragen eine Antwort zu finden.
Dieses Gefühl vermittelten mir meine Lehrer in der Schule. Wie auch ich, so geht jedes Kind zur Schule, um dort zu lernen, was die Welt uns zu sagen hat. Um objektive Antworten auf Fragen zu erhalten. So lernte ich beispielsweise, dass es auf mir gestellte Fragen meist nur eine richtige Antwort gab. Insbesondere in exakten Wissenschaften wie in der Mathematik, aber selbst später in höheren Schulstufen, als weniger exakte Wissenschaften gelehrt wurden.
Wurde mein Wissen getestet, so konnten meine Antworten entweder richtig oder falsch sein. Schon sehr früh wurde mir bewusst, dass ich die grösste berufliche Auswahl, die gesellschaftlich höchste finanzielle Entlohnung und das Ansehen dann haben würde, wenn ich möglichst viele der mir gestellten Fragen richtig beantwortete. Die Richtigkeit meiner Antworten wurde in einer Bewertung zusammengefasst – der Schulnote.
Die Schulnote lehrte mich, worauf es angeblich im Leben ankomme: die richtigen Antworten. Heute ist mir bewusst, dass wir alle Opfer unseres globalen Bewertungssystems wurden. Uns wurde suggeriert, dass es auf beinahe alles im Leben eine richtige Antwort gebe. Man müsse sie nur finden. Die einzige Toleranz gab es dann, wenn eben die Wissenschaft selbst noch keine richtige Antwort kannte.
Spannend finde ich auch, wie viele als richtig behauptete Hypothesen nach einigen Jahren widerlegt werden – und doch wurden in der Zwischenzeit viele Menschen nach den bis dato gelehrten Wahrheiten bewertet und erhielten vielleicht aufgrund einer „falschen“ Antwort, welche einige Jahre später als richtig bewertet worden wäre, eine schlechtere Schulnote, somit einen schlechteren Schulabschluss und hatten so eventuell auch eine geringere Berufsauswahl.
Vor dreitausend Jahren lernte man, die Welt sei eine Scheibe. Wer sich gegen diese «Objektivität » wehrte, musste dies mit dem Leben bezahlen.
Und bis Mitte des 17. Jahrhunderts meinte man noch, Licht wäre unendlich schnell. Heute weiss man, dass Licht nicht nur als Teilchen, sondern auch als elektromagnetische Welle wahrgenommen werden kann und es von Forschern immer auch als das gemessen werden kann, als das sie es sehen möchten. Wollen Forscher Licht als Teilchen sehen, so werden sie es als Teilchen sehen können. Möchten Forscher Licht als Welle wahrnehmen, so werden sie es als Welle wahrnehmen können.
Die Quantenphysik geht gar von der möglichen Existenz von Paralleluniversen aus – eine Annahme, die bis vor wenigen Jahrzehnten in der Wissenschaft eine kommunikative Unmöglichkeit dargestellt hätte, weil eine solche Hypothese niemand ernst genommen hätte.
Besonders faszinierend finde ich es, wenn selbst in exakten und strengen Wissenschaften wie der Medizin auf einmal als gültig angenommene Hypothesen und Theorien widerlegt werden.
Die Theorien der Hypnose – wie ich sie therapeutisch ausführe – sind dabei seitens der Wissenschaft noch heute zu wenig erforscht.
Man kann sich nicht erklären, weshalb unsere Kognition im Zustand der hypnotischen Trance anders auf Einflüsse reagiert. Und dies, obwohl es die Hypnose bereits seit Tausenden von Jahren gibt.
Egal, ob es die Physik, die Medizin oder Themen wie die Hypnose betrifft – die Menschen suchen Erkenntnisse über die Wahrheit und Richtigkeit.
Dadurch, dass uns gelehrt wird, wir seien von richtigen Antworten umgeben, werden wir bereits in frühen Jahren in unserem Denken, Fühlen und Verhalten konditioniert. Und wir beginnen, uns mit der Zeit ganz von selbst zu bewerten, und wollen eben diese richtigen Antworten finden. Dies beginnt in der Kindheit und setzt sich fort bis hin ins hohe Alter. Wir bewerten, ob wir wirklich den richtigen Job haben, ob es die richtige Entscheidung war, das Haus zu verkaufen oder überhaupt zu heiraten.
Unser eigenes Verhalten wird so von uns selbst bewertet. Dies, was anfangs noch die Erwachsenen für uns getan haben, wird auf einmal von unserem Unterbewusstsein übernommen. Wir sollten eine Leichtigkeit über die uns suggerierte Objektivität erlangen. Die Gewissheit, dass selbst wissenschaftliche Erkenntnisse nur in Abhängigkeit der Zeit bestehen. Die Wissenschaft ist nie endgültig. Es kommen immer wieder neue Theorien, Hypothesen und Erkenntnisse hinzu. Meist die, die man sich zuvor nicht mal vorgestellt hätte, die aber eines Tages plötzlich im Raum stehen.
Vor wenigen Jahren noch konnte man mit blossem Auge wenige Tausende Sterne am Himmel sehen. Heute sind es mithilfe von Instrumenten weit mehr als über 50 Milliarden Galaxien, welche man sehen kann. Und jede Galaxie besteht aus Milliarden von Sternen. Selbst unsere Galaxie weist über 300 Milliarden Sterne und einen Durchmesser von 120’000 Lichtjahren auf. Zahlen und Dimensionen, die wir uns so gar nicht vorstellen können. Und dennoch versuchen wir selbst das, was wir uns nicht vorstellen können, in Gleichungen und Formeln zu setzen.
Zwar funktionieren die uns gelehrten Gleichungen, Formeln und Antworten in gewissen Bereichen des Lebens – jedoch darf es keine Bewertung geben. Keine Handlung in unserem Leben ist richtiger oder weniger richtig. Im Leben gilt diese Bewertung im Allgemeinen nicht mehr. Es ist kein richtigeres Leben, wenn man akademisch den bestmöglichen Abschluss macht, man sich eine Villa am See gönnt und sich mit vierzig Jahren frühpensionieren lassen kann. Der Glaube an das richtige Leben ist eine Utopie, die uns schon sehr früh eingeimpft wurde, und deren Abdruck immer noch irgendwo in unserem Unterbewussten schlummert. Machen wir uns dies jedoch mit jedem Mal etwas mehr bewusst, so ist es möglich, diese Prägung neu zu bewerten. So wird es möglich sein, in jeder Entscheidung, die wir fällen, eine Richtigkeit zu erkennen. Nämlich genau deshalb, weil jede Entscheidung, die wir treffen, für uns zum Zeitpunkt, an dem wir sie treffen, die passendste Entscheidung ist. Selbst wenn wir uns dazu entscheiden, etwas zu tun, was uns eigentlich keine Freude bereitet, aber uns Sicherheit verschafft, so war es zu dem Zeitpunkt, als wir diese Entscheidung getroffen haben, unser höheres Bedürfnis nach Sicherheit als nach Selbstverwirklichung. Oder die erlangte Sicherheit war ein Mittel, um schneller zur Selbstverwirklichung und Freude zu gelangen.
Ebenso wenn wir etwas tun, weil wir dazu gedrängt werden, oder wir etwas nur tun, damit jemand anderem etwas verwehrt wird, so müssen wir uns – auch wenn wir unser Verhalten nachwirkend bereuen – in unserer Menschlichkeit zu akzeptieren versuchen. Wir müssen verstehen, dass wir zu dem Zeitpunkt, als wir die Entscheidung getroffen haben, diesen Weg als den für uns geeignetsten Weg erkannt haben. Wir konnten es nicht besser wissen – selbst, wenn man es uns geraten hätte, so wären wir vielleicht noch nicht so weit gewesen, um den Rat aus der richtigen Perspektive zu betrachten.
Auch die Entscheidung sich noch für nichts Konkretes zu entscheiden, kann eine ebenso wichtige Entscheidung sein. Denn man kann sich nicht nicht entscheiden. Nichts zu tun und abzuwarten – unwichtig ob über Tage, Monate oder Jahre hinweg – ist ebenso eine Entscheidung. Und auch diese kann dann, wenn man sie trifft, von grosser Bedeutung sein.
Wir dürfen vom Gedanken abkommen, dass nur gewisse Entscheidungen in unserem Leben tiefere Konsequenzen haben, oder nicht mehr rückgängig zu machen sind. Dies ist unser Denkfehler, denn keine durchgeführte Entscheidung ist rückgängig zu machen. Das ist die wunderbare Erfahrung unseres Lebens. Auch die, dass jede Entscheidung eine Konsequenz mit sich bringt, die unser Leben beeinflusst. Denn wir wissen, dass selbst kleine Handlungen unser Leben in den darauffolgenden Jahren massgebend verändern können – folglich hat jede Entscheidung lebenslängliche Konsequenzen. Jede. Selbst die Entscheidung, morgens einen Kaffee zu trinken, kann eine ersichtliche, lebenslängliche Konsequenz haben.
Die Chaostheorie besagt, dass ein Schmetterlingsflügelschlag einen Tornado auslösen kann. Wir wissen, dass ein bestimmter Gedanke genauso gut einen Streit wie auch eine Handlung auslösen kann, die einen massgebenden Erfolg mit sich bringt. Weil jede Handlung beim Gedanken beginnt. Ein Gedanke kann dein Leben folglich von Grund auf verändern, wenn du dies zulässt. Auch können wir die Gedanken, die gedacht wurden, und die damit verbundenen Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen. Dies ist aber nicht erst der Fall, wenn wir gehandelt haben, sondern vielmehr bereits wenn die Gedanken über die Sachlage vorhanden sind. Denn sobald der Gedanke über eine mögliche Entscheidung nur präsent ist, so haben wir uns, wenn nicht bewusst, dann unterbewusst, bereits dazu entschieden, diesem Gedanken Raum und Zeit zu geben. Der Gedanke wird Teil unseres Lebens.
Niemand wird uns sagen können, ob wir nun die uns bleibende Zeit mit den richtigen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen verbringen. Aus dem Grunde, weil es hierbei keine allgemein gültige Richtigkeit gibt. Der Gedanke wird Teil unseres Lebens, das in dieser physischen Form räumlich und zeitlich begrenzt ist. Natürlich gibt es eine gewisse Richtigkeit in Grundregeln, die befolgt werden müssen, damit unser Leben auf diesem Planeten überhaupt möglichst frei stattfinden kann – wie beispielsweise der ethische Codex, dass wir niemandem bewusst und böswillig physisch und psychisch schaden. Dadurch ermöglichen wir uns, dass wir uns in unserer Gesellschaft sicher fühlen und uns so auch in unserer Freiheit entfalten können.
Über Gabriel Palacios
Gabriel Palacios, geboren 1989, ist Hypnoseexperte und Autor der Bestseller „Ich sehe dich“ (2012), „Hypnotisiere mich“ (2013) und „Lass dich einfach geschehen“ (2015). Seit seiner Teilnahme bei Uri Gellers TV-Highlight (Pro7, 2009) ist er ein gern gesehener Gast im Fernsehen. Er führt das Hypnosecenter in Bern (CH), ist Präsident des Verbandes Schweizer Hypnosetherapeuten, berät Unternehmen und referiert als Keynote-Speaker für mitunter internationale Grosskonzerne. Sein Radio- Ratgeber „Palacios’ Mentaler Tipp“ läuft wöchentlich in der Morgenshow des Berner Radios „RADIO BERN1“.