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Karikatur: Clemens Ottawa
Der Anstieg des Meeresspiegels und die Sturmfluten drohten zum «Verlust von Millionen von Menschenleben, Häusern und Lebensgrundlagen im Pazifik und weltweit» zu führen. So warnte Henry Puna, Generalsekretär des Forums der Pazifikinseln, vor einem Monat. Auch Kausea Natano, Ministerpräsident des Pazifik-Staates Tuvalu, der vor allem aus Atollen besteht, erkennt im Klimawandel eine riesige Bedrohung. «Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Anstieg des Meeresspiegels den Kern unserer Existenz, unserer Staaten, unserer Souveränität, unserer Menschen und unserer Identität bedroht», mahnte er.
Wegen der Erderwärmung schmilzt immer mehr Eis, und wegen des steigenden Meeresspiegels gehen zahlreiche tiefliegende Inseln bald unter – so lautet schon lange die weitverbreitete Logik zu den angeblich bedrohten Südseeinseln und Küstenregionen. Support für ihre Warnungen bekommt die Politik von vielen Klimaforschern, namentlich von denen des Weltklimarats (IPCC). So kam der IPCC vor zwei Jahren in einem Bericht zur Eisschmelze und den Ozeanen zum Schluss, dass wegen des steigenden Meeresspiegels mit Hunderten Millionen Flüchtlingen zu rechnen sei.
Kabinettssitzung unter Wasser
Besonders schrill machten in der Vergangenheit Politiker des Inselstaates Malediven im Indischen Ozean auf die angebliche Untergangsgefahr aufmerksam. «Vor euch steht ein Vertreter eines bedrohten Volkes», warnte Maumoon Abdul Gayoom, damaliger Präsident der Malediven, schon 1992 beim Erdgipfel in Rio. «Vielleicht verschwindet mein Land im nächsten Jahrhundert von der Erdoberfläche.» Gayooms Nachfolger Mohammed Nasheed hielt 2009 eine Kabinettssitzung unter Wasser ab, um auf die Überflutungsgefahr aufmerksam zu machen: Alle Minister fanden sich mit Tauchanzügen sieben Meter unter dem Meeresspiegel ein.
Unterwassersitzung der Regierung von Malediven 2009.
Gar nicht ins Bild der angeblichen Bedrohung für die Südseeinseln passt aber eine Studie, die dieses Jahr im Fachmagazin «Anthropocene» erschienen ist. Andrew Holdaway und Murray Ford von der Auckland University, Neuseeland, und Susan Owen von der Simon Fraser University, Kanada, haben aufgrund von Satellitenaufnahmen Flächenveränderungen von 221 Atollen im Indischen und Pazifischen Ozean untersucht. Die Forscher haben errechnet, dass die totale Fläche dieser Inseln zwischen den Jahren 2000 und 2017 von 1008 auf 1069 Quadratkilometer gewachsen ist. Das entspricht einer Zunahme von beachtlichen sechs Prozent (siehe hier).
Malediven über 10 Prozent gewachsen
Die Detailauswertung ergab, dass 153 Atolle gewachsen und nur 68 geschrumpft sind. Besondere Pointe: Mit einem Plus von 37,5 Quadratkilometer trugen die Malediven einen besonders grossen Anteil zum beobachteten Inselwachstum bei. Die Fläche der Malediven ist damit in den 17 Jahren um mehr als 10 Prozent grösser geworden. Als Grund für den Landgewinn der 153 Inseln sehen die Studienautoren in erster Linie Aufschüttungen durch den Menschen.
Die Studie von Holdaway und Kollegen ist bei weitem nicht die erste, die ein flottes Wachstum der Südsee-Atolle belegt. Schon 2010 gelangten Paul Kench von der Auckland University und Arthur Webb von der Geowissenschaftskommission der Fidschi-Inseln zum Schluss, dass von 27 untersuchten Atoll-Inseln nur vier geschrumpft sind, während die anderen flächenmässig zugelegt oder stabil geblieben sind. Die Autoren hatten Flug- und Satellitenbilder ausgewertet, die bis zu 60 Jahre alt waren. Sie bezeichneten das Korallenwachstum als wichtigste Ursache der Landzunahme (siehe hier). Atolle sind in der Regel Korallenriffe, bestehen also aus den Überresten abgestorbener Korallen.
Keine Insel über 10 Hektaren ist geschrumpft
Zu einem ähnlichen Resultat bezüglich Inselwachstum kam vor drei Jahren die französische Wissenschaftlerin Virginie Duvat. Ihre Analyse ergab, dass 89 Prozent von insgesamt 709 beurteilten Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean seit den 1980er-Jahren stabil geblieben oder an Fläche zugelegt haben. Dabei ist keine Insel, die mehr als 10 Hektaren umfasst, geschrumpft (siehe hier).
Zwei weitere Auswertungen nahmen dieses Jahr Meghna Sengupta, Murray Ford (beide Auckland University) und Paul Kench (inzwischen Simon Fraser University) vor. Die erste Auswertung zeigte bei 104 Korallenriffs der pazifischen Inselgruppe Mikronesien eine durchschnittliche Flächenzunahme um 3 Prozent, die zweite eine solche um 2,5 Prozent bei 71 Atollen und Riffen der Gilbertinseln im Pazifik. Herangezogen wurden dabei historische Flugaufnahmen aus den 1940er- bis 1970er-Jahren (siehe hier und hier).
«Das war schon immer so»
Die Studie bestätigen Aussagen des dissidenten schwedischen Ozeanographen Nils-Axel Mörner, der letztes Jahr verstorben ist. Er stellte sich den Aussagen des Weltklimarats entgegen und verneinte eine Untergangsgefahr für die Südseeinseln. «Sicher trägt das Meer da und dort die Küsten ab, aber anderswo wachsen Inseln auch», sagte er 2018 in einem Interview mit der «Basler Zeitung». «Das war schon immer so.» (siehe hier)
Der verstorbene Ozeanograph Nils-Axel Mörner
Noel Brown hingegen, ehemaliger Nordamerika-Direktor des Umweltprogramms der Uno (Unep), warnte schon 1989, ganze Nationen könnten wegen des steigenden Meeresspiegels versinken – wenn die Erderwärmung nicht spätestens bis ins Jahr 2000 gestoppt werde. Allerdings ist auch 21 Jahre nach Verstreichen dieser Deadline noch kein Inselstaat im Meer verschwunden – ganz im Gegenteil.