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In dem Moment, in dem die Goldfische im Teich des Parque Tropical-Hotels in Playa del Inglés ihr allmontägliches „Das wird wieder eine Mist-Arbeitswoche geben“-Gejammer anstimmten, legten sich zwei Schatten auf die Wasseroberfläche.
In dem Moment, in dem die Goldfische im Teich des Parque Tropical-Hotels in Playa del Inglés ihr allmontägliches „Das wird wieder eine Mist-Arbeitswoche geben“-Gejammer anstimmten, legten sich zwei Schatten auf die Wasseroberfläche.
Heftige Winde haben schon unzählige Musiker inspiriert:
Davon könnte inzwischen auch ich ein Liedchen singen (lasse es aber lieber bleiben; wer mich schon singen gehört hat, wird wissen, warum) denn seit ein paar Tagen umtost Playa del Inglés ein Sturm, der mit „Hurrikan“ nur unzureichend beschrieben wäre.
Wie ein gigantischer Schraubenzieher dreht er Gran Canaria in immer wieder neue Richtungen, so dass man am Morgen nie weiss, ob die Sonne vor dem Balkon oder vor dem Badezimmerfensterchen auf der anderen Seite des Zimmers aufgehen wird.
Allpott stürzen Palmenblätter in den Poolbereich. Hinter dem Tresen des Openair-Restaurants ist ein junger Mann, der sich den Job des Barkeepers sicher etwas glamouröser vorgestellt hatte, fast ununterbrochen mit dem Zusammenwischen von Scherben beschäftigt. Ständig schepperts und klirrts irgendwo.
Wie von einem Geist gestossen, gleiten auf dem glatten Boden Lounge-Sofas an verdutzten Gästen vorbei. In den Büschen und Baumwipfeln flattern Heftli, Salatblätter und Bikinioberteile, und wer sich schon frühmorgens eine Liege reserviert hat, kann davon ausgehen, dass sein Badetuch den Luftraum über Zentralafrika bis am Mittag durchflogen haben dürfte.
Warm ist es trotzdem, auch nachts. Die Leute lassen deshalb ihre Zimmertüren geöffnet, nur denken nicht alle daran, Flip-Flops oder so als Stopper vor die Schwellen zu stellen. Sobald ein Windstoss durch die Anlage saust, krachen links und rechts Türen zu, und jedesmal, wenns knallt, stelle ich mir vor, wie jemand in diesem Moment senkrecht im Bett steht vor Schreck und sich fragt, ob sein Puls jemals wieder unter 240 sinken werde.
Dieses Hudelwetter hat aber auch seine guten Seiten. Wir unternahmen gestern einen ausgedehnten Spaziergang vom Leuchtturm in Maspalomas zum Ciao-Ciao in Playa del Inglés und liessen uns dabei kostenlos rundumsandstrahlen. Kein Schüeppli verunstaltet nunmehr unsere zarten Häutchen. Ein noch intensiveres Peeling wurde nur jenen Leuten zuteil, welche den Samstag der Freikörperkultur frönend (oder „naked in the eye of the storm“, wie Roger Hodgson sagen würde) verbrachten. Sie wissen nun, was die Werbung meint, wenn sie „porentiefe Reinigung bis in die hintersten Ritzen“ verspricht.
Für heute Sonntag hatten wir eigentlich erwogen, uns in Las Palmas ein Fussballspiel anzusehen. Wir sind aber nicht sicher, ob das Estadio de Gran Canaria immer noch an der Calle Fondos de Segura oder schon in Tunesien steht und verzichten deshalb auf die halbstündige Fahrt.
Stattdessen suchen wir uns lieber ein halbwegs ruhiges Eggeli, in dem wir chly die Welt in Ordnung plaudern und lesen können. Wenn wir etwas essen oder trinken wollen, brauchen wir nicht einmal aufzustehen: Früher oder später fliegt bestimmt etwas Leckeres an uns vorbei.
Mit einem Mietautöli tuckerten wir heute über die…nunja…“Berge“ ganz in den Norden von Gran Canaria. Die rund zweieinhalbstündige Fahrt von Küste zu Küste geriet zu einem Trip durch verschiedene Klimazonen. Erst wars cheibe warm, dann cheibe windig, irgendwann cheibe chalt und plötzlich auch cheibe feucht, aber immer cheibe schön.
In meinem Hotelzimmer stehen zwei Betten. Das links ist ein bisschen weicher als das rechts, dafür ist das rechts etwas härter als das links.
Letzte Nacht lag ich im linken. Auch dieser Tag auf Gran Canaria hatte mich über meine (sehr weit gesteckten) psychischen und physischen Grenzen hinaus ins Land der totalen Erschöpfung geführt, aber sosehr ich es mir auch wünschte: einschlafen konnte ich nicht.
Im Pool-Areal unter meinem Zimmer wurde für die Gäste nämlich, wie jeden Sonntag, die „Noche español“ abgewickelt. Man kann sich das vorstellen wie Schweizer Folkloreabende für Touristen aus Fernost: Hier wie dort gewähren die Veranstalter ihrer Kundschaft mit ans Pingelige grenzender Authentizität umfassende Einblicke in das kulturelle Werden, Wirken und Wesen der Eingeborenen.
Zum Einstieg liess ein DJ die Greatest Hits des sicher nicht ganz zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Rondo Veneziano durch die Anlage dröhnen
dann tanzten ein Mann in Schwarz und eine Frau in Pink einen Flamenco, der beinahe so viel Erotik ausstrahlte wie ein Steinbruch im Regen. Ein bulimisch wirkender Jüngling steppte die eigens dafür aufgebaute Bühne in Grund und Boden, und zuunguter Letzt vertrieb ein agiler Senior mit seinem Kastagnettengeklapper auch noch die schwerhörigsten Vögel aus den Palmenkronen.
Nachdem sich das totaleuphorisierte Publikum um kurz vor der Geisterstunde vom Schauplatz verzogen hatte, nahm ich einen zweiten Schlafanlauf. Minuten später zerriss überlautes Jammern und Kreischen die Stille: Kanarische Katzen scheinen den Frühling nie intensiver zu spüren als Anfang November.
An Schlaf war jetzt definitiv nicht mehr zu denken. Ich braute mir einen Kaffee. Weil ich sowieso nichts Gescheiteres (oder Dümmeres) zu tun hatte, beschloss ich, mein Zimmer einmal a Fong zu inspizieren.
Ganz besonders interessierten mich die Lichtschalter. Mit den Lichtschaltern in Hotels ist es immer so eine Sache: Erst findet man sie nicht, und wenn man sie endlich entdeckt hat, weiss man nicht, welchen man betätigen muss, um eine bestimmte Lampe anzuknipsen.
Wenn man auf den Schalter beim Bad drückt, geht das Licht über dem Bett an. Wenn man den Schalter bei der Eingangstüre aktiviert, wirds auf dem Balkon taghell. Und wenn man endlich kapiert hat, wie das alles miteinander zusammenhängt (oder eben nicht), bleiben einem in der Regel noch 8 Minuten bis zum Auschecken.
Nach den umfangreichen Tests, die ich letzte Nacht durchführte, ist mir – zumindest, was dieses eine Hotelzimmer betrifft – aber einiges klarer. Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass ich den linken Schalter drücken muss, wenn ich Licht auf dem rechten Bett brauche, und den rechten, wenn ich auf dem linken Nest lesen möchte:
Wieso das so ist? Keine Ahnung.
Genauso schleierhaft ist mir, weshalb das Wasser immer mit gefühlten 72 Grad aus dem Duschkopf rauscht, unabhängig davon, in welche Richtung ich den Hebel drehe, und warum Hotelsteckdosen grundsätzlich in genau jenen Ecken angebracht sind, die am weitesten weg vom Schreibtisch liegen.
Natürlich hätte ich zur Klärung dieser Fragen einfach den Mann an der Rezession anrufen können. Aber er, dachte ich, war bestimmt gerade in eine Online-Patience vertieft oder schlief selig, und weder beim einen noch beim anderen mochte ich ihn stören.
So grümschelte ich weiter in meinem Zimmer herum. Ich wunderte mich über dieses (wozu braucht es eigentlich noch Telefonapparate?) und staunte über jenes (im Fernseher sind ausschliesslich deutsche Sender programmiert), und als es zu tagen begann, war ich vom vielen Nachdenken dermassen kaputt, dass ich gar
Juhuu: In 24 Stunden fliegt mein Freund Martin in Playa del Inglés ein🛬🏝.
Wir liessen es schon vor einem Jahr auf Teneriffa krachen, dass Gott erbarm (siehe Bild) 💥🚀⚡️🎉☄️, und sind wild entschlossen, auch auf Gran Canaria kein Sandkorn auf dem anderen zu lassen.
Wenn ich diesen Text fertiggetippt und auf „Veröffentlichen“ geklickt habe, rieseln die Buchstaben durch das Kabel meines Laptops in das zweite Untergeschoss des Hotels. Sobald auch die Bilder dort angekommen sind, wird Jim aktiv.
Wobei: Jim heisst eigentlich nicht Jim, sondern Chukwuebuka. Schon bei seiner nicht ganz legalen Einreise ahnte er aber, dass ihm dieser Name bei den mannigfaltigen Bisnesses, die er auf Gran Canaria anreissen wollte, hinderlich sein könnte. Er trennte sich mit derselben Leichtigkeit von ihm, mit der er in Nigeria vier Ehefrauen samt 15 Kindern sitzengelassen hatte.
Als Jim verkaufte er am Strand zunächst original echte Gucci-Sonnenbrillen und Rolex-Uhren. Eines Tages erzählte ihm sein Freund Carl, mit dem er sich in den Favelas von Maspalomas einen abgewrackten Baucontainer teilt, dass das Hotel, in dem ich gerade meine Ferien verbringe, Gratis-WLAN (oder „Free Wifi“, wie der Spanier sagt) eingeführt habe und nun händeringend nach Leuten suche, welche gewährleisten, dass das mit dem Internet auch wirklich klappt. Aus Kostengründen verzichte man auf eine elektronische Lösung und setze, zumindest für eine auf vier Jahre angelegte Testphase, auf Manpower.
Jim, der Ende Monat jeweils astronomische Summen an Unterhaltszahlungen in die Heimat überweisen muss, erkannte sofort, dass dies für ihn die Chance war, schwarz etwas dazuzuverdienen. Er machte früher als gewöhnlich Feierabend und schickte den Hotelverantwortlichen noch am selben Tag ein Bewerbungsschreiben samt leicht frisiertem Lebenslauf, selbstverfassten Referenzen und einer kanaldeckelgrossen Uhr aus Carls Lager. Zwei Tage später hatte er den Job.
Mit einem Besen wischt er in seinem Kabäuschen all die Sätze und Fotos zusammen, die aus den Zimmern und vom Poolbereich her bei ihm landen. Er besprüht die Häufchen mit lauwarmem Wasser und knetet sie zusammen. Im Halbdunkel des fensterlosen Raums macht er sich anschliessend auf die Suche nach passenden Kartons.
Sobald er die Schachteln gefunden hat, legt er die Kugeln süüferli hinein, füllt die leeren Stellen drumherum mit den bräunlich-gelben Filterresten seiner Selbstgedrehten auf, klappt die Deckel zu, verklebt jede Box mit drei Metern Scotchband – und fertig sind die Datenpakete.
Eine Schachtel nach der andern trägt er über die Treppe nach oben, ins Parterre. Beim Hinterausgang steht ein rotes Wägeli. Jim belädt es mit den Schachteln und hängt es an die Kupplung des Velos, das ihm gegen eine Gebühr von 15 Euro pro Tag als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Dann radelt er in die schwüle Nacht hinein los.
Nach gut vier Stunden erreicht er den Hafen von Las Palmas. Ausser Atem und glänzend vor Schweiss übergibt er die Pakete dem Matrosen eines in Panama registrierten Seelenverkäufers. Während der Frachter in Richtung Rotterdam und Basel lostuckert, um irgendwann auch in die Emme abzubiegen, auf der er in Richtung Burgdorf schippert, von wo aus dieser Beitrag möglicherweise noch vor Ende Jahr an die werten Leserinnen und Leser weiterverteilt wird, fräst Jim zurück ins Hotel, wo die Gäste an ihren Handys, Tablets und Macbooks, wie er weiss, immer noch oder schon wieder wie wild am Schreiben und Lesen sind.
Mit dieser Vermutung liegt er nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Surfen wollen zwar alle. Mit dem Zugang ist es für meine Mitbewohnerinnen und -bewohner hingegen chly eine Sache. Die Userkennung lautet „Zimmernummer@HPT“, als Passwort genügt der kleingeschriebene Nachname.
Das ist für manche zuviel des Komplizierten, weshalb sich die Mitarbeitenden an der Rezeption vom frühen Morgen bis am späten Abend mit einem nicht endenwollenden Strom von Menschen konfrontiert sehen, die alle dasselbe murmeln: „Ich hätte da nur eine kurze Frage, und zwar: Wie geht das mit dem Internet?“
„Für euch eigentlich ganz einfach“, seufzt Jim tief unten im Keller. „Aber wenn ihr wüsstet, was…“
Er kommt nicht dazu, den Satz zu beenden. In der Röhre rieselts schon wieder.
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii (wer jetzt tagelang diesen Wurm im Ohr hat, kann sich trösten: Es gäbe Schlimmeres; viel Schlimmeres), und ich war auch noch niemals auf Gran Canaria, jedenfalls nicht im Oktober und November.
Gran Canaria im Oktober und November unterscheidet sich von Gran Canaria im Dezember, Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und so weiter in zweierlei Hinsicht: Es windet stärker als sonst, und jetzt, wenige Wochen vor Weihnachten, ist die Zeit, in der Senioren scharenweise vom Festland auf die Insel strömen, um ein bisschen Sommer in den Winter hinüberzuretten.
In dem Hotel, in dem auch ich die Kältemonate um zwei Wochen abkürze, gehöre ich zu den jüngeren Gästen. Ein Tollhaus für Teenager ist das Parque Tropical in Playa del Inglés ohnehin nicht, wie ich schon bei mehreren Gelegenheiten erfahren durfte (und wie bestimmt auch das spanische Königspaar weiss, das sich in diesem Etablissement dem Vernehmen nach öppedie top anonym von den Strapazen des Regierens erholt). Aber als ich am Mittwoch eincheckte, fragte ich mich trotzdem kurz, ob der Taxifahrer mich wirklich an der richtigen Adresse und nicht vor einer geriatrischen Klinik abgesetzt habe.
Inzwischen habe ich mich an mein Umfeld gewöhnt (und es sich umgekehrt hoffentlich auch an diesen gmögigen Burschen mit der schicken Brille, der immer nur Aqua mineral naturale con gas trinkt). Genauer gesagt: Zu meiner eigenen Überraschung gefällt es mir hier cheibe guet.
Das hat nicht nur mit der Sonne und dem Sand und dem Suppenangebot (auf die Schnelle fiel mir kein anderes Wort ein, das mit S beginnt und die „Sonne“- und „Sand“-Alliteration quasi zu einer Dreifachpirouette veredelt) zu tun, sondern auch mit meinen Mitbewohnerinnen und -bewohnern.
Letzte Nacht fegte ein Sturm dermassen heftig durch die Anlage, dass ich schon um 3 Uhr erwachte, statt bis um 4 ausschlafen zu können. Ich riss das Fenster auf, um zu checken, ob die Evakuierungen schon im Gange seien, und staunte nicht schlecht: Direkt vor meinem Gemach hingen die Palmen sozusagen fast quer in der Luft. In das wütende Tosen des Windes mischte sich das krachende Rauschen der Brandung.
Einen Moment lang dachte ich darüber nach, inwiefern es wohl relevant für das lokale Schiff- und Fischgewerbe sei, wenn die Wellen von so einem Orkan ins Meer hinaus statt landeinwärts getrieben werden, wurde aber aus meinen wirtschaftspolitischen Erwägungen gerissen, bevor ich sie zu Ende denken konnte, denn in einem Zimmer gegenüber ging ein Licht an.
Ich sah einen Menschen durch den Raum tappen. Wenig später kam er zurück. Dort, wo ich das Bett vermutete, hielt er inne. Dann beugte die Figur sich hinunter. Ich dachte, oha, jetzt gehts los, und wünschte den beiden bei allem, was sie vorhaben mochten, viel Kraft, Vergnügen und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Aber dann bemerkte ich, wie die Person sich aufrichtete. Ihre Bewegungen wirkten umständlich. Nach Spass sahs jedenfalls nicht aus, sondern eher nach Chrampf.
Auf einmal standen zwei Menschen am Fenster; ein sehr grosser und ein viel kleinerer. Der grosse führte den kleinen aus dem Zimmer. Das Licht erlosch. Sekunden später schwang die Balkontüre auf. Ins Freie traten Arm in Arm ein sehr, sehr alter Mann und eine ebenso betagte Frau, wie ich im schummrigen Schein der Aussenbeleuchtung erkennen konnte.
Der Mann half der Frau, sich auf einen der Stühle zu setzen. Er tat das mit einer Hingabe und Zärtlichkeit, die mich – ungelogen – rührte. Als er sicher sein konnte, dass sies bequem hat, nahm er neben ihr Platz. Andächtig wie auf einer Kirchenbank beobachteten sie, wie die Natur sich in der Hotelanlage austobte.
Zwei Stunden später strichen die ersten Sonnenstrahlen über die Dächer. Der Sturm hatte sich in ein Lüftchen verwandelt. Die beiden höckelten immer noch da. Sie hatte ihren Kopf an seinen Oberarm gelegt und schlief. Seine Augen waren ebenfalls geschlossen, doch ich wäre jede Wette eingegangen, dass er hellwach war, um seiner Frau sofort helfen zu können, wenn sie etwas benötigt.
So sind sie, meine Oldies: Würdevoll, liebenswert – und immer füreinander da. Sie stellen ans Personal keine unerfüllbaren Ansprüche. Sudokus, Bücher oder Schach genügen den meisten, um sich die freie Zeit zu vertreiben. Manche diskutieren, viele geniessen das Dolce far niente schweigend. Hier tippt ein Ömchen hochkonzentriert auf dem Handy herum, dort blättert ein Silberrücken in einem Prospekt. Ab und zu dringt ein Kichern an meine Ohren, hin und wieder lacht jemand laut auf. Ansonsten ist wenig zu hören: Niemand hüpft grölend ins Becken, niemand brüllt nach der Bedienung, niemand schaut fern, obwohl das Gerät ununterbrochen läuft.
Contenance bewiesen meine Mitbewohnerinnen und -bewohner schon vorher: Ohne zu ellböglen oder dem Vordermann den Rollator in die von Krampfadern überwucherten Kniekehlen zu rammen, standen sie vor dem Restaurant seelenruhig Schlange, bis das Zmorgebuffet eröffnet wurde. Während die U50-Fraktion kurzbehost und in T-Shirts durch den Saal lümmelte, pickten die reiferen Semester den Käse, die Gipfeli, die Schinkenscheiben und alles wie aus dem Truckli gewandet von den Tabletts.
«Wir starten mit der Wassergymnastik!», schepperte es gegen Mittag aus den in den Bäumen versteckten Lautsprechern. Dick und dünn und Deutsch und Dänisch und grau und glatzköpfig versammelten sich nadisna im Pool, um die schlappen Glieder zumindest einmal am Tag chly auf Touren zu bringen.
Vom Beckenrand aus rief ihnen eine Hotelmitarbeiterin in einem hautengen hellblauen Ganzkörperdress zu, sie sollen vorwärts laufen und wieder rückwärts und dann ihre knallbunten Schwimmhilfen rhythmisch über den Köpfen hin- und herbewegen, «und zwar alle, meine Lieben!», und in den Boxen, in denen eben noch Richard Clayderman balladepouradelinte, waren jetzt offenkundig auf Speed gesetzte Südamerikanischer zu Gange, die mit Gitarren, Panflöten und Trommeln ohne Pause darboten, was die Anden an Liedgut hergeben, und nachdem alles vorbei war, stiegen die Seniorinnen und Senioren strahlend aus dem Wasser und verabschieden sich höflich von der Animatrice, die mindestens ihre Grossenkelin sein könnte, und schlurften zurück zu ihren Sudokus und Büchern und hatten für den Rest des Tages genau den Frieden, nach dem unzählige Jüngere in den Ferien oft ewig suchen, ohne ihn je zu finden.
Erst glaubte ich, sie mache einen Witz: Zu meinem Geburtstag lud mich Tina von Siebenthal zu einem meditativen Morgenspaziergang am Ufer der Emme ein.
In meiner Fantasie sah ich mich Bäume umarmen und mit dem Wasser reden, aber weil ich Tina ein bisschen kenne und weiss, dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden steht, sagte ich zu.
Um kurz vor 7 Uhr trafen wir uns bei der alten Wynigenbrücke. Tina erklärte mir, dass es in den nächsten 60 Minuten darum gehe, alltägliche Dinge bewusst zu sehen. Dann bummelten wir schweigend los.
„Höre, was es zu hören gibt.
Rieche, was es zu riechen gibt.
Öffne die Augen, und sehe, was es zu sehen gibt.“
Diese Worte drehten in Endlosschleife in meinem Hinterkopf, während wir nebeneinander hergingen. Den Weg kenne ich längst auswendig: Er ist die Standartroute für meine Spaziergänge mit Tess.
Doch schon nach wenigen Metern spürte ich, dass heute etwas anders war. Die Steinchen unter meinen Füssen waren dieselben wie immer, das Schloss auf der rechten Seite hatte sich kein bisschen verändert, der Wald links sah tupfgenau gleich aus wie der Wald, an dem ich sonst vorbeigehe, und doch wirkte alles ein wenig….wie soll ich sagen?…anders. Klarer, irgendwie, oder deutlicher. Un-selbstverständlicher. Und auf jeden Fall: schöner.
Über der Burg stand, wie am dunklen Himmel festgenagelt, der Mond. Ich wusste: In diesem Moment könnte ich das schönste Schlossbild schiessen, das ich je geschossen habe. Trotzdem dachte ich keine Sekunde daran, das iPhone aus der Hosentasche zu ziehen. Ich wollte diesen Anblick einfach so geniessen und in meinem Kopf abspeichern und ihn nicht mit anderen Leuten teilen. Dieses Bild auf Facebook zu stellen, wäre mir wie ein Frevel erschienen.
Leise zwitscherten Vögel, kaum hörbar rauschten Blätter, sanft gurgelte das Wasser. Der süssliche Duft modernder Blätter umstrich meine Nase. Manchmal hörte ich Tinas und meine Schritte auf dem toten Laub, und manchmal wars um uns herum fast still.
Zwischen den Bäumen und über der Schützenmatte hingen hauchdünne Nebelschleier. Auch sie liess ich unfotografiert.
Irgendwann mischte sich Autolärm in das Zwitschern und Rauschen und Gurgeln. Er wurde immer lauter. Langsam kehrten wir zurück in eine Zivilisation, die wir mit nur wenigen Schritten für ein wunderschönes Weilchen hinter uns gelassen hatten.
Die nächsten Morgenspaziergänge finden am 30. Oktober, am 13. und 27. November sowie am 11. Dezember statt. Anmeldungen nimmt Tina von Siebenthal an den Vortagen bis 12 Uhr unter +41 79 461 52 25 entgegen. Kosten: Fr. 25.–.
Regen nieselte auf den schwarzen Asphalt. Kein Mensch war zu dieser Stunde unterwegs. Um mich herum war es mucksmäuschenstill. In den wenigen Häusern an der Strasse brannte kein Licht. Ich genoss diese eigentümliche Stimmung vor unserem Hotel in Speicher AR. Dann zerrissen Scheinwerferstrahlen sekundenlang das gespenstisch-schöne Dunkel. Ein Auto fuhr vorbei. Dann wars wieder ruhig. Ich fand es fast schade, dass bald der Tag anbrechen würde.
Gibt es sie doch? Sind sie das? Kommen sie nun, um uns zu holen?
Als wir von unserer Wanderung vom Niederhorn nach Beatenberg hinunter beinahe am Ziel angelangt waren, schwebten über den Bergen gegenüber auf einmal Gebilde, die an Ufos erinnerten. Sie bewegten sich kaum. So, dachte ich, dürfte das aussehen, wenn sich Ausserirdische tatsächlich einmal dazu entschliessen sollten, unserem Planeten einen Besuch abzustatten.
Nach unserer Rückkehr stellte ich beim Durchstöbern der Facebook-Seiten einiger Freundinnen und Freunde fest, dass ich an diesem Sonntag nicht der einzige gewesen war, der sich von diesen Formationen bezaubern liess:
Den Begriff „Lenticulariswolken“ las ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal. Ich beschloss, mich noch ein bisschen kundiger zu machen, und lernte: Solche Wolken kommen meist bei Föhn vor, wenn die Luft über den Bergen angehoben wird. Sie sind auch bei starkem Wind „ortsfest“, das heisst: Die Luft treibt die Wolken nicht weiter, sondern strömt durch sie hindurch.
Für die segelfliegenden Leserinnen und Leser dürften diese Erkenntnisse nicht neu sein: Sie nutzen diese Wolken, um an Höhe zu gewinnen.