Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/1862

SNF-Forschungsprojekt: Historische Poetologie des deutschsprachigen Liebeslieds zwischen 1570 und 1630
Im Kontext eines breiteren italienisch-deutschen Kulturtransfers setzte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an Fürstenhöfen und in städtischen Musikzirkeln des deutschen Sprachraums die Rezeption italienischer Villanellen, Kanzonetten und Madrigale ein. Die italienischen Liedtexte machten Semantiken der Liebe und kunstsprachliche Formulierungspraktiken verfügbar, die sich markant von den bestehenden Traditionen deutschsprachiger Liebeslieder unterschieden. Die reiche Liedüberlieferung, die aus der Zeit zwischen Jacob Regnart und Johann Hermann Schein (1570er – 1620er Jahre) erhalten ist, dokumentiert indes weniger einen Bruch mit diesen Traditionen, sondern eher eine Integration der neuen Modelle, die einen erheblichen Gewinn an textpoetischen Gestaltungsoptionen erbrachte.
Die inhalts- und ausdrucksseitigen Aspekte der in den Liebeslied-Texten von Regnart bis Schein praktizierten Poetik sollen im Rahmen des Projekts mit dem Ziel untersucht werden, ein Beschreibungsmodell für die historischen Poetologie der deutschsprachigen Liebeslieder in der Epoche des des sogenannten ‚italianisierten Lieds’ zu entwickeln.
Die Integration neuer – unter anderem petrarkistischer und bukolischer – Liebessemantiken in die bestehende Tradition macht einen kulturell hochgradig verfestigten Liebesbegriff erkennbar, der einer Pluralisierung des in Liebensliedern kommunizierten Wissens über Liebe entgegenstand. Die fortbestehende Anonymität der Liedtext-Verfasser verhinderte dabei eine kompetitive Differenzierung im Sinn humanistischer Nachahmungs- und Überbietungs-Poetik, ermöglichte jedoch die stetig angereicherte Vielfalt eines integrativen Kernkonzepts und einer gegenüber dem früheren 16. Jahrhundert ambitionierteren Kunstsprachlichkeit, die die poetischen Ansprüche an der Liedtext deutlich steigerte. Die textpoetischen Prozesse sollen zum einen durch eine Korpusanalyse erhellt werden, die Distribution und Entwicklung der neuen inhaltsseitigen Topiken und ausdrucksseitigen Formen im erhaltenen Überlieferungsbestand identifiziert, zum anderen durch exemplarische Analysen besonders wirkungsmächtiger und erkenntnisträchtiger Liedœuvres.
Das Projekt soll eine sowohl in der Älteren als auch in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft weitgehend in Vergessenheit geratene, indes hochproduktive und vielfältige Epoche des deutschsprachigen Liebeslieds ins Blickfeld rücken. Zugleich soll dies die nötigen Voraussetzungen für eine Literatur- und Musikwissenschaft verbindende interdisziplinäre Erforschung der liedgeschichtlichen Epoche bereitstellen, die gegenwärtig wegen des defizitären literaturwissenschaftlichen Forschungsstands schwer möglich ist.
Das Projekt wurde im August 2015 abgeschlossen, die Drucklegung der Monographie ist in Vorbereitung.
Projektmitarbeiter: Dr. des. Björn-Michael Harms