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Hohe Schule der Ausgrenzung
Ludwig Gärtner
Armut passt nicht ins Bild der wohlhabenden und erfolgreichen Schweiz. Deshalb wird sie verharmlost und die Betroffenen werden ausgegrenzt und entmündigt. Die Sprache der Behörden und der Sozialdienste ist dabei nicht unbedingt sachdienlich, um das Zerrbild der «dummen und faulen Arbeitslosen» zu korrigieren.
SozialarbeiterInnen gebärden sich, als wären sie «ÄrztInnen» und alle ihre «KlientInnen» die «PatientInnen», also krank. Und PolitikerInnen und sogenannte «ExpertInnen» übernehmen die Fachbegriffe aus diesem soziologischen Fachjargon, meist ohne ihre Wirkungsweise zu hinterfragen. Dabei können dann auch grundsätzlich unverdächtige Begriffe Bedeutungswandlungen erfahren, je nachdem, in welchen Kontext man sie stellt.
Seit längerem versucht man, diskriminierende Tendenzen auf sprachlicher Ebene durch andere Bezeichnungen zu brechen, mittels neutraler oder «politisch korrekter» Begriffe. Diese Strategie hat durchaus Erfolge vorzuweisen. Sie kann allerdings auch eine gegenteilige Wirkung erzielen. Darauf weist neben anderen der Philosoph Slavoj Žižek hin. Wenn z.B. bedrohliche Tatsachen durch «neutrale» Begriffe verharmlost werden («Kernkraftwerk» statt «Atomkraftwerk»; «Ereignis» statt «Katastrophe»). Zudem ersetzen die neutralen Begriffe oft einfach die aggressiven Begriffe und werden ihrerseits als Herabsetzungen wahrgenommen.
Ein paar Beispiele aus dem Sozialbereich gefällig?
● «Nischenarbeitsplatz»:
Gemeint ist ein Arbeitsplatz für Menschen, die aus körperlichen und psychischen Gründen nur zu einer verminderten Leistung fähig sind. Spricht man nun im Zusammenhang mit Erwerbslosigkeit und Armut konsequent von Nischenarbeitsplätzen – und diese Sprachregelung ist bei den Sozialdiensten, SozialpolitikerInnen etc. sehr geläufig – unterstellt man den Betroffenen flächendeckend eine verminderte Leistungsfähigkeit. Menschen mit einer Behinderung und Ungelernte (und «Bildungsferne») können aber durchaus zu einer 100-prozentigen Leistung fähig sein. Und dann gibt es ja auch noch gut qualifizierte Erwerbslose und Arme. Diese brauchen ganz einfach eine bezahlte Arbeit.
● «Arbeitsintegration»:
Das könnte heissen, dass Erwerbslosen geholfen wird, wieder eine Stelle zu finden. Aber noch fast häufiger wird der Ausdruck in der Bedeutung verwendet, dass die Betroffenen das Arbeiten quasi mittels Therapie erst wieder lernen müssten. Auch, dass die Arbeit an und für sich das wichtigste sei und das Einkommen vernachlässigbar. Oft wird gar nur von «Integration» gesprochen. Damit sind die Leute schon gar nicht mehr Teil der Gesellschaft. Diesen gesellschaftlichen Ausschluss gibt es teilweise tatsächlich, aber er kann auch zum Vorurteil werden, wenn man nicht differenziert.
● «Eine Tagesstruktur geben»:
Es ist unbestritten, dass der Verlust der Arbeit mit ihren geregelten Abläufen zu Problemen führen kann. Dies betrifft aber auch Menschen, die pensioniert werden. Heute geht aber die Volksmeinung, etwas überspitzt gesagt, davon aus, dass dieser Verlust der «Tagesstruktur» bei allen Leuten im Erwerbsalter zu Konfusion und Absturz führe, dass die AHV-RentnerInnen aber «ihren Lebensabend geniessen» würden.
Ganz allgemein können also auch die «politisch korrekten» Begriffe der Wohlmeinenden, angewandt auf Minderheiten, sehr überheblich und diskriminierend sein. Und die Medien nehmen diese «offizielle» Sprachregelung dankbar auf.
Man mag einwenden, diese Überlegungen seien die Reaktionen überempfindlicher Menschen. Doch genau durch diese sprachlichen Verallgemeinerungen werden den Betroffenen die elementarsten Fähigkeiten, die Mündigkeit und letztlich die Menschenwürde aberkannt.