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Zürich 4 Januar 1870.
Hochgeachteter Herr!
Gestern Abend wollte ich noch die Ehre haben, zum zweiten Male bei Ihnen vorzusprechen, um Ihnen einige Mittheilungen zu machen, von welchen ich annahm, daß sie Interesse für Sie haben dürften. Da ich nicht das Vergnügen hatte, Sie anzutreffen, so gelange ich nun auf schriftlichem Wege an Sie.
Hr. Migy1 hat mir rund & unumwunden versprochen, daß er in der Regierung von Bern mit Entschiedenheit darauf hinwirken werde, daß der Canton nunmehr rückhaltlos & ohne hinsichtlich einer Subventionirung der Entlebucher Bahn2 durch den Canton Luzern eine Bedingung zu stellen | in die Linie der subventionirenden Cantone einrücke.3 Dabei ließ er einige Streiflichter fallen, welche die Begründetheit Ihres Mißtrauens gegen die Aufrichtigkeit der Handlungsweise gewisser Bern'scher Matadoren in der Alpenbahnfrage vollkommen zu bestätigen geeignet waren.
Hr. Melegari4 hat mir erklärt, daß er von dem neuen Ministerium keine veränderte Instruction mit Beziehung auf die Gotthardfrage erhalten habe, was durchaus hätte der Fall sein müssen, wenn dasselbe abweichende Ansichten von denjenigen des abgetretenen Ministeriums hinsichtlich dieser wichtigen Angelegenheit hätte.5 Hr. Melegari ist in Folge dessen in Betreff der Situation in Italien ganz beruhigt. Ich füge bei, daß nach einer Mittheilung6 des Hrn. Correnti7, die ich in Zürich vorfand, das | neue Ministerium den Vertrag zwischen der Schweiz & Italien in Sachen der Gotthardbahn dem Parlamente bei seinem Wiederzusammentritte im künftigen Februare zur Ratification vorzulegen gedenkt.
Aus der mit Hrn. Dubs gepflogenen Unterredung habe ich den Eindruck gewonnen, daß er zu einer energischen Förderung der Gotthardangelegenheit von Bundesraths wegen Hand zu bieten entschlossen ist.
Zu Hause habe ich einen sehr einläßlichen Brief8 v. Sybel's9 betr. die Bildung der Gesellschaft vorgefunden, dessen Inhalt einen durchaus günstigen Eindruck auf mich gemacht hat. Ich werde wohl bald Veranlassung nehmen müssen, über diese Seite der Gotthard frage mündlich oder schriftlich mit Ihnen zu verhandeln.
In Schaffhausen nimmt die Subventionsfra| ge eine schiefe Wendung. Dort wird die Subvention für die Gotthardbahn (von einer Viertelmillion!) an das Zustandekommen der Randenbahn 10 geknüpft.11 Die Furcht vor der Umgehung Schaffhausens durch die Wuttachthalbahn12 ist so groß, daß man die Vortheile darüber ganz vergißt, welche die Schweiz als selbstständiges Productionsland aus der directen Verbindung mit Italien ziehen wird.
Sie haben mir vor einiger Zeit versprochen, bestimmtere Äußerungen Hammer's13 hinsichtlich der Andeutungen zu veranlassen, die er über die Stellung v. Sybel's in Berlin gemacht hat. Darf ich Sie bitten, mir dieselben mittheilen zu wollen, sobald Sie sie erhalten haben werden. Sie sind mir bei der Phase, in welche die Frage der Bildung der Gesellschaft nunmehr getreten ist, doppelt wichtig.
In ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener
Dr A Escher