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Dabei stehen die Wissenschaftler vor einem grundsätzlichen Problem: Die zusätzliche, durch die Anlagen bedingte Strahlendosis der betroffenen Bevölkerung entspricht zumeist nur einem Bruchteil der natürlichen Dosis, und diese ist schon so gering, dass ihr die Medizin bisher keine krank machende Wirkung nachweisen konnte. Zudem können Ernährungsgewohnheiten, Rauchen, Umweltgifte etc. die gleichen Krankheiten wie ionisierende Strahlung auslösen, und es ist schwierig, bei einer Studie all diese Faktoren zu berücksichtigen und voneinander abzugrenzen. Aus den Ergebnissen lassen sich somit in den seltensten Fällen eindeutige Schlüsse ziehen.
Nicht anders bei einer Arbeit über das Krebsrisiko in der Umgebung spanischer Kernanlagen, die im "Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention" (Vol. 8, 925-934, October 1999) erschienen ist. Die Autoren untersuchten Todesfälle infolge der Krebserkrankungen Leukämie, Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphom sowie multiples Myelom in zufällig ausgewählten Gemeinden im 30-Kilometer-Umkreis der sieben Atomkraftwerke, von vier Uranmühlen und einem Lager für radioaktive Abfälle. Das Todesfallrisiko dieser "exponierten Gruppe" wurde mit demjenigen einer Kontrollgruppe - bezüglich Einwohnerzahl, Lohnniveau, Arbeitslosigkeit etc. ähnliche Gemeinden in 50 bis 100 km Entfernung der Anlagen - und mit demjenigen des spanischen Bevölkerungsdurchschnitts verglichen. Die Statistik basiert auf 610 Sterbefällen infolge Leukämie, 198 infolge Lymphom und 122 infolge Myelom, die im Zeitraum 1975 bis 1993 bei der exponierten Gruppe beobachtet wurden.
Für den ersten Vergleich wurde die statistische Grösse "relatives Risiko" (RR) eingeführt: Sie beschreibt das Risiko der exponierten Gruppe im Verhältnis zu demjenigen der Kontrollgruppe, an den erwähnten Krebserkrankungen zu sterben. Ist RR beispielsweise 1, haben Personen der exponierten Gruppe und der Kontrollgruppe das gleiche Todesfallrisiko; ist RR grösser als 1, haben Personen der exponierten Gruppe ein höheres Todesfallrisiko usw. Für den zweiten Vergleich wurde das prozentuale Verhältnis der in der exponierten Gruppe beobachteten und der aufgrund des spanischen Bevölkerungsdurchschnitts zu erwartenden Sterbefälle errechnet.
Im Mittel aller Kernkraftwerke war das relative Risiko beim Non-Hodgkin-Lymphom 0,835. Bei der Hodgkin-Krankheit betrug RR 1,239, beim multiplen Myelom 1,472 und bei der Leukämie 0,956. Betrachtet man nur die Leukämie-Todesfälle der unter 25-Jährigen, betrug RR 0,703. Mit anderen Worten: Personen, die im 30-Kilometer-Umkreis um die spanischen Kernkraftwerke ansässig waren, und Personen, die in 50 bis 100 Kilometer Entfernung von den KKW lebten, hatten im Schnitt kein signifikant unterschiedliches Todesfallrisiko für diese Krebserkrankungen.
Im Vergleich zum Landesmittel ergibt sich folgendes Bild: Beim Non-Hodgkin-Lymphom betrug die Sterblichkeit der exponierten Gruppe 68,6% derjenigen des spanischen Bevölkerungsdurchschnitts, bei der Hodgkin-Krankheit 86,5%, beim multiplen Myelom 80,1%, bei der Leukämie 83,4% und bei der Leukämie der unter 25-Jährigen 77,6%. Tendenziell wurden bei Personen, die im 30-Kilometer-Umkreis um die Kernkraftwerke ansässig waren, also eher weniger Sterbefälle infolge der erwähnten Krebserkrankungen beobachtet als beim spanischen Bevölkerungsdurchschnitt. Die Autoren der Studie weisen jedoch darauf hin, dass die exponierte Gruppe einen ländlicheren Charakter als der spanische Durchschnitt hat und sich die Kontrollgruppe besser für Vergleichszwecke eignet.
Bei den vier Uranmühlen und dem Abfalllager führte die Untersuchung der Krebs-Todesfälle zu ähnlichen Resultaten: Das relative Risiko betrug beim Non-Hodgkin-Lymphom 1,101, bei der Hodgkin-Krankheit 0,931, beim multiplen Myelom 1,089, bei der Leukämie 1,062 und bei der Leukämie der unter 25-Jährigen 1,015. Im Vergleich zum spanischen Bevölkerungsdurchschnitt betrug die Sterblichkeit der exponierten Gruppe beim Non-Hodgkin-Lymphom 64,3%, bei der Hodgkin-Krankheit 87,3%, beim multiplen Myelom 79,9%, bei der Leukämie 95,7% und bei der Leukämie der unter 25-Jährigen 119,1%.
Anzumerken ist, dass die Werte von Anlage zu Anlage stark schwanken, was angesichts der kleinen Todesfallzahlen, auf denen die statistische Auswertung beruht, wenig überrascht. So wurde bei der exponierten Gruppe, die um das Kernkraftwerk Zorita (Jose-Cabrera-1) ansässig war, ein erhöhtes Todesfallrisiko infolge multiplem Myelom sowie eine statistische Zunahme dieses Risikos mit abnehmender Distanz zum KKW festgestellt. Allerdings ist auch dieser Trend nicht eindeutig, wurde doch das höchste Risiko in rund 13 bis 19 km Entfernung zur Anlage und nicht im engsten Umkreis (0 bis 13 km) beobachtet. Die Autoren mahnen denn auch zur Vorsicht bei Interpretationen ihrer Studie.
Quelle
M.S. nach Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention, Oktober 1999, und Auskunft des Centro Nacional de Epidemiologia, 4. Februar 2000