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Künstlerin Florine Leoni interessiert sich für Menschen und Räume. Im Haus für elektronische Künste zeigt sie während der Regionale ihre Arbeit «Your Territory», die Grenzüberschreitungen thematisiert.
Ein dunkler Raum im Untergeschoss des Hauses für elektronische Künste (HeK). Links und rechts an die Wände werden zwei Filme projiziert, davor Sitzquader, am Boden je ein Lautsprecher, aus dem gesprochener Text ertönt.
Eine junge Frau erzählt von ihren Nachbarn, von dem, was sie von ihnen miterlebt. Geräusche, die sie nicht einordnen kann, für die sie aber trotzdem Erklärungen sucht. Dazu sehen wir Aufnahmen aus einem Haus, das bis auf ein paar Hunde keine Bewohner zu haben scheint. Unser Blick wandert mit der Kamera von Raum zu Raum, verbindet das Gesehene mit dem Gesprochenen.
Florine Leoni interessiert sich für Verhaltensformen und biografische Narrative innerhalb unterschiedlichster räumlicher Kontexte. Diese Räume sind nicht nur architektonischer, sondern auch psychologischer und gesellschaftlicher Natur. «Personal Space» nennt dies der Anthropologe Edward T.Hall in seiner Schrift «The Hidden Dimension», und meint damit die Region, welche eine Person umschliesst und von dieser, in psychologischer Hinsicht, als ihre eigene Region angesehen wird. Der «Personal Space» wird in kreisförmige Distanzzonen eingeteilt: von der intimsten, direkt den Körper umgebenden, über eine soziale bis hin zu einer öffentlichen Zone, die am weitesten vom Körper entfernt ist. Bei jedem Menschen sind diese Zonen unterschiedlich breit, je nachdem, wieviel Raum man selber braucht, in den niemand unerlaubt eindringen soll.
Unsicherheit als Thema
«Mich fasziniert die Frage nach solchen Grenzüberschreitungen und ihren Folgen», sagt Leoni. «Wie definieren sich die ‹eigenen Räume›? Wie werden Grenzen gesetzt? Und wie werden diese von den Beteiligten wahrgenommen?» In der Arbeit «Your Territory», die sie anlässlich der Regionale 14 im HeK zeigt, macht die 33-jährige Künstlerin diese Fragen direkt zum Thema.
Filmstill aus «Your Territory».
Zwei Geschichten sind es, die sie darin erzählt: Die bereits erwähnte der jungen Frau, und eine zweite, ebenfalls erzählt von einer Frau, die sich Gedanken über ihren Mitbewohner macht, der keinen an sich heranlassen will. Beide schildern ihre Unsicherheiten im Umgang mit den anderen Menschen, die sich aus dem sozialen Kontext ergeben: Nachbarn oder Mitbewohner sind Menschen, denen man im Alltag begegnet, mit denen man sich auseinandersetzt, auseinandersetzen muss. «Ich frage, wie die Individuen mit solchen Situationen der Verunsicherung umgehen: Geht man in die Offensive und versucht zu kommunizieren? Oder zieht man sich zurück und verheimlicht eine mögliche ‹Wahrheit›?», erläutert Leoni ihr Motiv.
Es sind reale Erzählungen, vorgetragen von den Menschen, die sie erlebt haben. Soviel Authentizität müsse sein, sagt die Künstlerin: «Die Begegnung mit der Realität ist wichtig.»
Auf Tour durchs Haus
Ebenso relevant sind aber auch die architektonischen Räume, die sie damit verbindet: der Ausstellungsraum einerseits, andererseits die gefilmten Häuser. Bei letzteren handelt es sich, obwohl man es glauben könnte, nicht um die tatsächlichen Häuser der Sprecherinnen. Und obwohl die Kamera vermeintlich von Raum zu Raum durch ein Haus wandert, so sind es gar Aufnahmen unterschiedlicher Häuser, die zusammengeschnitten wurden.
«Im Internet finden sich unzählige Videos sogenannter ‹House Tours›, in denen Leute ihre eigenen oder andere Häuser dokumentieren», erzählt Leoni. «In einem Fall habe ich passendes Material zusammengesucht, im anderen habe ich zusätzlich zum ‹Found Footage› einen Bekannten beauftragt, Aufnahmen in einem Wohnhaus zu machen. Dabei war mir wichtig, den subjektiven Charakter in der Bildsprache auszuloten, um so wiederum eine Realitätsnähe zu erreichen.»
Ihr räumliches Interesse geht über den Filminhalt hinaus: Durch minime räumliche Eingriffe werden Bildraum und Realraum miteinander verwoben.
Wenn sie selber filme, sagt sie, achte sie auf jedes Detail, jeder Bildausschnitt müsse sitzen. Das erstaunt nicht, denn die aus einem kleinen Ort zwischen Fribourg und Bern stammende Künstlerin hat während ihrem Master an der Hochschule der Künste in Bern ein Semester lang die Filmklasse des Videokünstlers Douglas Gordon an der Frankfurter Städelschule besucht.
Trotzdem kommt es kaum vor, dass sie dem Betrachter nur einen Film vorsetzt. Denn ihr räumliches Interesse geht über den Filminhalt hinaus: Durch minime räumliche Eingriffe werden Bildraum und Realraum miteinander verwoben. Im HeK ist deshalb jedes Panel an der Wand geplant, der Lautsprecher im richtigen Winkel zur Bank gedreht. Dies erlaubt ihr, für den Betrachter eine intime Situation zu generieren. Das geschieht selbst über den Ton, der einen Klangraum bildet.
Teamarbeiten
Räumliche Installationen hat sie auch schon zusammen mit einem anderen Künstler realisiert: Mit Sylvain Baumann, der wie Leoni die Beziehungen zwischen Mensch und Raum untersucht, allerdings vorwiegend in Skulpturen und Installationen (aktuell gerade im Kunsthaus Baselland). Es ergaben sich mehrere Kooperationen, welche sie unter anderen in der Kunstkredit-Ausstellung 2010 und im Rahmen der Triennale Québécoise 2011 im Musée d’Art Contemporain in Montreal zeigten.
Baumann hatte Leoni im Zuge ihres Aufenthaltes in einem iaab-Atelier in Montreal kennengelernt – einem Auslandaufenthalt von mehreren. Überhaupt ist Leoni viel unterwegs, sie beschränkt sich nicht auf den nationalen geschweige denn regionalen Raum. «Ich habe mich zwar inzwischen in Basel so gut eingelebt, dass ich gerne hierher zurückkomme, es als meine Basis ansehe», erklärt sie. «Aber das internationale Netzwerk, die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexte sind essenziell für meine persönliche sowie künstlerische Entwicklung.»
Doch es sei an der Zeit gewesen, wieder einmal bei der Regionale mitzumachen, sagt sie. Weil es auch wichtig sei, an dem Ort, wo man arbeitet, präsent zu sein und wahrgenommen zu werden. Dass sie ihre Arbeit nun im HeK präsentieren kann, sieht sie als Chance: «Das Team hier ist auf allen Ebenen sehr kompetent und der Raum ist aufgrund seiner räumlichen sowie akustischen Spezifitäten ideal für meine Videoinstallation.» Recht hat sie.
Die TagesWoche porträtiert während der Ausstellungsdauer der Regionale 14 mehrere junge Künstler und Künstlerinnen. Bereits erschienen: Raphael Stucky.