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Er war anders als alle anderen Volvos jener Zeit: der PV36. Und deshalb erhielt er auch einen aussergewöhnlichen Namen: Carioca.
Ein faszinierendes Automobil: der Volvo PV36. Dieses aussergewöhnliche Fahrzeug, besser bekannt unter der Bezeichnung Carioca, war anders als die meisten Modelle der 1930er Jahre und unterschied sich auch vollständig von jedem bis zu diesem Zeitpunkt gebauten Volvo.
Die Aerodynamik hält Einzug
Zu jener Zeit entwickelten einige wenige Ingenieure aerodynamisch geformte Fahrzeuge und legten damit den Grundstein für die künftige Design-Entwicklung im Automobilbau. Ein Verkaufserfolg wurden die frühen Modelle allerdings nicht, denn sie waren ihrer Zeit um 20 Jahre voraus. Und anders als oft behauptet, war der Volvo PV36 keineswegs eine Kopie des Chrysler Airflow. Zwar führte Chrysler sein Modell bereits 1934 ein, doch der Volvo PV36 kam schon ein knappes Jahr später. Damals wie heute ein Zeitraum, in dem es unmöglich ist, ein Fahrzeug zu kopieren.
Zu Beginn der 1930er Jahre verkauften wir jährlich weniger als 1000 Fahrzeuge. Es handelte sich um konventionelle Modelle, die sich recht ähnlich waren. Sie verfügten über Sechszylinder-Motoren, ein robustes Fahrwerk, Stahlstreben auf dem hölzernen Karosserierahmen, Trittbretter, einen separaten Kofferraum, einen aufrechten Kühlergrill und ausladende Kotflügel mit aufgesetzten Scheinwerfern. Sie sahen aus wie die meisten Automobile jener Zeit, beeindruckten jedoch durch ihre gute Formgebung und die hohe Fertigungsqualität.
Der eigenwillige Ingenieur
Die Linienführung des Volvo PV36, der im Frühjahr 1935 eingeführt wurde, stammte jedoch nicht aus der Feder des Malers. Sie war das Werk von Ivan Örnberg, einem ebenso eigenwilligen wie vielseitigen Ingenieur. Er war 1931 vom Detroiter Unternehmen Hupp Motor Car Company – dem Hersteller des Hupmobile – zu uns gekommen. Ohne Einflussnahme unserer engagierten Gründer Assar Gabrielsson und Gustaf Larson, realisierte Örnberg das PV36-Projekt. Im Sommer 1936 verstarb Örnberg überraschend. Woher und wie hatte er seine Inspiration für den PV36 erhalten?
In den 1930er Jahren beschäftigten sich zahlreiche progressive Ingenieure mit dem Thema Aerodynamik und mit stromlinienförmigen Fahrzeugen. Dies war zugleich die Zeit der grossen Luftschiffe. Hinzu kam eine Zahl früher Lokomotiven, Flugzeuge und Automobil-Prototypen.
Der «Venus Bilo»
Wir hatten bereits 1933 ein Stromlinien-Fahrzeug mit der Bezeichnung «Venus Bilo» präsentiert. Doch aus Angst vor der öffentlichen Reaktion wurde ein Privatmann als Verantwortlicher dafür vorgestellt. Es war Gustaf L. M. Ericsson vom gleichnamigen berühmten Telefonunternehmen. Er wurde als Designer und Ideengeber für das Projekt genannt. Der «Venus Bilo» basierte auf dem Chassis des Volvo 655, und die Front ähnelte der des einem Jahr später folgenden Hupmobile «Aerodynamic».
Die Konstruktion des Fahrzeugs sollte insbesondere einen geringeren Kraftstoffverbrauch ermöglichen. Zudem dienten die Stromlinienform und der verkleidete Unterboden dazu, das Aufwirbeln von Strassenstaub zu verhindern. Das interessante und mutige Fahrzeug kam jedoch nie über den Status eines Prototyps hinaus und ging in den 1950er Jahren verloren.
Der lange Weg
Entwicklung, Design und Fertigung eines Automobils erforderten auch in den 1930er Jahren viel Zeit. Von der Idee über Zeichnungen und einem massstabgetreuen Modell bis hin zum Serienmodell mit all den Werkzeugen, Komponenten und Fertigungsanlagen vergingen mehrere Jahre. Ivan Örnberg kehrte 1931 nach Schweden zurück. Zu dieser Zeit hatten weder Hupp Motor Car Company – wo er als Ingenieur arbeitete – noch Chrysler grosse Fortschritte in Sachen Stromlinienform gemacht. Das galt vor allem für Hupmobile, denn hier fiel der Startschuss erst 1932. In diesem Jahr stellte Hupmobile Raymond Loewy ein, den wohl berühmtesten Industrie- und Automobildesigner. Er sollte dafür sorgen, den schleppenden Verkauf zu beschleunigen.
Der Volvo PV36 wurde ein Jahr später präsentiert und war unser erstes Fahrzeug mit einer gepressten Stahlblech-Karosserie. Sie ruhte auf einem separaten Rahmen mit starken Querverstrebungen über einem relativ kurzen Radstand. Es wäre interessant zu erfahren, wie der PV36 wohl ausgesehen hätte, wenn Örnberg einen Radstand von 3,10 oder 3,25 Meter gewählt hätte – Masse, die zu jener Zeit Standard bei den übrigen Volvo-Modellen waren.
Mit dem neusten Sechszylinder-Motor ausgerüstet
Der Volvo PV36 war mit dem neuesten Sechszylinder-Motor mit 3,6 Litern Hubraum ausgestattet, der rund 80 PS leistete. Die Scheinwerfer waren in die Kotflügel integriert und der ansprechend gestaltete Kühlergrill stand nicht wie bei anderen Volvo Modellen für sich allein, sondern folgte dem Verlauf der Fahrzeugfront. Die vorderen Kotflügel standen von der übrigen Karosserie ab. Und wären darauf Scheinwerfer platziert gewesen, anstatt sie in die Front einzufügen, hätte wohl kaum jemand die Absicht einer Stromlinienform bemerkt.
Der PV36 kostete bei seiner Einführung 8500 Schwedische Kronen. Damit war der eindeutig zu teuer für die meisten Kunden. Neben dem hohen Preis wurden zudem potenzielle Interessenten, die sich ein solches Automobil leisten konnten, durch das Design verschreckt. Denn sie verlangten, dass ein Volvo auch wie einer aussah. Unsere übrigen Modelle kosteten zu jener Zeit zwischen 5000 und 6000 Kronen. Und für den Preis des PV36 konnte man sich ebenso luxuriöse Fahrzeuge wie den amerikanischen Packard 120 mit acht Zylindern oder einen deutschen Sechszylinder Wanderer W50 leisten, den «Mini-Horch». So wundert es nicht, dass sich der PV36 leider nur schleppend verkaufte. Daher wurde der Preis in den folgenden Jahren deutlich gesenkt.
Aber warum wurde dieses Automobil nach dem Tanz Carioca benannt?
Tatsächlich hiess er ja PV36 und Carioca war nur der Spitzname. Aber das Fahrzeug wurde über all die Jahre immer mit diesem Namen in Verbindung gebracht und ist auch heute noch unter dieser Bezeichnung bekannter als mit dem eigentlichen Typnamen.
Der swingende Carioca-Tanz wurde erstmals 1936 in dem Hollywood-Film «Flying down to Rio» mit Fred Astaire und Ginger Rodgers gezeigt. Es war der erste Film, in dem beide gemeinsam auftraten. Bei diesem leidenschaftlichen Tanz aus Mittelamerika berühren sich beide Tänzer immer wieder mit der Stirn. Carioca ist zugleich auch der offizielle Spitzname der Bewohner von Rio. Da wir den Export nach Brasilien bereits 1933 starteten, kann man vermuten, dass Carioca als Flirt mit dem brasilianischen Markt gedacht war und der Name eher mit den Bewohnern von Rio als mit dem Tanz assoziiert werden sollte. Tatsächlich gelangten auch einige Cariocas auf den brasilianischen Markt.
Mit dem PV36 auf Patrouille
Einer der PV36 wurde von Gustaf Larson gefahren, einem unserer Gründer-Väter. Das Fahrzeug befindet sich noch immer in Privatbesitz und ist im Original-Zustand. Zudem kaufte die schwedische Polizei 18 Fahrzeuge für den Streifendienst. Wie aus den Auslieferungsbüchern hervorgeht, handelte es sich bei den meisten Käufern des PV36 um Kunden, die sich ein solch teures Automobil durchaus leisten konnten. Dazu zählten leitende Angestellte, Industrielle, Geschäftsleute und Ärzte.
Im Herbst 1938 wurde der letzte PV36 Carioca verkauft. Zu dieser Zeit waren die Modelle Volvo PV51 und PV52 bereits seit zwei Jahren auf dem Markt und bildeten die Basis für alle weiteren Volvo Modelle, die bis Ende der 1930er Jahre erschienen.
Weitere Modelle aus unserer bewegten Geschichte gibt es jeweils am «Volvo Classic Söndag» hier auf dem Volvo-Blog.
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