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Format statt Form: Theo van Doesburgs Farbkonzept für eine Reihenhaussiedlung in Drachten
Die Interpretation von Architektur und ihrer Bedeutung durch De Stijl wird durch ein kürzlich sorgfältig rekonstruiertes Farbkonzept um eine Facette reicher und eröffnet Spielraum für Gedanken zur Architekturgestaltung mittels Farbe.
De Stijl hatte den Anspruch universell zu sein, universell im Gegensatz zu individuell. Dies schrieb die Künstlergruppe, zu der auch Theo van Doesburg gehörte, 1918 in ihrem Manifest. Mit universell meinten die Künstler aber auch „offen für alle modernen Menschen“ und insbesondere „neu“ im Sinne von einem gänzlichen Ablegen alter Zöpfe. Eines der Mittel zu diesem Ziel war das Überwinden der Form in der bildenden Kunst.
Theo van Doesburg und einige seiner Mitstreiter in der Künstlergruppe De Stijl waren auch Protagonisten der DADA Bewegung in den Niederlanden. DADA trotzte den Schrecken des Kriegs und den engen Schranken des Bürgertums mit Humor und Nonsens. Dada und De Stijl gehören eng zusammen, auch wenn gemeinhin der Humor bei De Stijl übersehen wird.
Es ist interessant zu erfahren, wie Theo van Doesburg seine künstlerische Haltung und Ideologie in die Farbgestaltung für eine Reihenhaussiedlung übertragen hat: De Stijl in der Architektur – universell, neu und humorvoll – das erscheint auf den ersten Blick nicht evident, auf den zweiten erschliessen sich die Zusammenhänge.
In der Wohnsiedlung in Drachten, Friesland, wird momentan eines der sechzehn Reihenhäuser aufgrund von sorgfältigen Untersuchen restauriert und das Farbkonzept rekonstruiert. Dieses neue Museumshaus bietet Anschauungsunterricht vom Feinsten. Theo van Doesburg dachte tatsächlich in übergeordneten - vielleicht universellen - Kategorien. Er stellte allgemeine Regeln auf, formulierte Gestaltungsgrundsätze und überliess die Ausführung vor Ort dem Architekten Cees Rienks de Boer. Zur Bauzeit (Planungsbeginn 1919, Baubeginn im Februar 1921, Anfrage an Theo van Doesburg im Juli 1921, erste Farbentwürfe August 1921) weilte Theo van Doesburg nämlich in Weimar. Er kommunizierte mit dem ausführenden Architekten, indem er kolorierte Pläne, Briefe und sogenannte Farbharmonien sandte. Diese malte er mit Gouache auf Papier, hatte also keineswegs den Anspruch Farbmuster im Sinne von Materialechtheit zu liefern. Es ging ihm vielmehr um das Prinzip und dieses basierte auf einem ganz eigenen Verständnis von Farbklängen und von Linie und Fläche im Raum.
Abb.1: Idealplan von Theo van Doesburg für das EG und die Gärten von drei Häusern. Zu sehen sind die ursprünglich vorgesehenen farbigen und schwarzen Farbfelder auf den Böden im Korridor, Küche, WC und Stauraum. Die Farben der Wandschränke, Türen und Fenster und die Farbe der geplanten Pflanzfelder. (Farbentwurf Wohnung Oosterstraat und Houtlaan, 1921 aus der Sammlung Museum Drachten)
Jedem Raum wird eine sogenannte Farbharmonie zugeordnet. Diese besteht aus einem von drei Rottönen, einem von drei Blautönen und Gelb - bzw. Zartgrün. Van Doesburg stellte sie aus bemalten Aquarellpapieren zusammen, klebte sie auf ein Grundpapier und verschickte sie per Post. Er beschriftete sie mit Nummern und teilweise auch mit Raumnamen wie „Küche“. Im Erdgeschoss waren die dunkleren Farbharmonien und auch dunklere Tapeten vorgesehen. Van Doesburg wies de Boer an je nach Belichtung eines Raums Farbharmonien und Tapeten zu wählen – Faustregel, je dunkler der Raum desto lichter der Farbklang. Die drei Buntfarben – rot, gelb, blau in den jeweiligen Abstimmungen - sind ausschliesslich in Ölfarbe auf Holzwerk gestrichen. Farbige Flächen werden stets von weissen Linien eingefasst und gerahmt. Buntfarben stossen also nie aneinander. Die weissen Bänder ihrerseits zeichnen die Architektur nach und definieren dadurch den Raum. Sie verleihen dem Farb- und Raumkonzept etwas Zeichnerisches, beinahe Grafisches. Schwarze und Graue Farbfelder sind auf die Riemenböden aufgemalt - auch diese immer weiss gerahmt. An den Wänden sind Tapeten angebracht. Sie sind fein gemustert und ihr Grundton bewegt sich in verschiedenen Grautönen. Van Doesburg hatte sie aus Weimar mitgebracht, wo er einen Posten aufkaufte, noch nicht bestimmt wissend, welche Tapete wo angebracht werden sollte. An den Balkendecken sind jeweils die Balken und Rahmen entlang den Wänden weiss und die Füllungen farbig, dies gilt auch mehrheitlich für Türen. Ganz wenige Türen sind ganz farbig gestrichen.
Abb. 2: Farbkonzept für die Balkendecken im Obergeschoss. Auf dem Plan sind zwei Wohnungen mit gespiegelten Grundrissen sichtbar. Die buntfarbigen Flächen zeigen Flächen an, die weissen Linien die Balken, schwarz sind Mauern. (Farbentwurf Plafonds Obergeschoss (Farbkomposition III) 1921 aus der Sammlung Museum Drachten)
Der Fünfklang Rot-Blau-Gelb-Grau-Weiss mit schwarzem Akzent ist omnipräsent. Plakativ wirkt er dennoch nicht, denn die subtil nuancierten Grundfarben der verschiedenen Harmonien klingen nach und reiben sich fast unmerklich untereinander. so dass das vordergründige banal scheinende Thema der Primärfarben visuell nachhaltig ist und berührt.
Abb.3: Grundrissplan mit Farbangeben zu den Böden in schwarz, grau und weiss und zu den Wandschränken und Türen in Buntfarben. Die obere Hälfte des Plans zeigt den Garten, dessen Blumenbeete farblich ins Farbkonzept eingepasst sind. (Farbentwurf Erdgeschoss (Farbkomposition II) 1921 aus der Sammlung Museum Drachten)
Der Klang und die Verhältnisse sind jedoch immer anders und die Variationen sind erstaunlich gross. Die verschiedenen Harmonien erzeugen in sinnlicher Weise unterschiedliche Raumstimmungen: Rot Blau Gelb, einmal herb, einmal luftig, frisch oder erdig.
Abb.4: Die rekonstruierte Farbpalette von Theo van Doesburg. (Haus der Farbe - Institut für Gestaltung in Handwerk und Architektur Zürich, 2017 mit Lascaux Studio Farbe)
Das Farbkonzept scheint heute erklärbar und einleuchtend, wir empfinden es sogar als universell, weil es tausendmal kopiert und in zweckentfremdeten Konserven so banal reproduziert wurde, dass wir es satt gesehen und zu kennen glauben. Erst der zweite Blick – und insbesondere der Blick durch die Brille der Zeit um 1920 offenbart uns, wie bahnbrechend, radikal, mutig und witzig die konsequente Antwort des De Stijl-Künstlers auf die Architektur von de Boer war.
Abb.5-8: Die rekonstruierten Räume im Erdgeschoss des Museumhauses. Die weitere Restaurierung erfolgt, sobald die notwendigen Mittel vorhanden sind. (Maurice Hamming, Museum Drachten, 2017)
Van Doesburg bespielt die Wohnhäuser an der Toorenstraat mit einer wuchtigen Farbsymphonie in Rot Gelb und Blau – Weiss und Grau halten die markant flirrenden Farbflächen in der Schwebe. Die Farben lenken die Blicke der Betrachter und überraschen in unterschiedlichen Blickwinkeln mit unerwartet ändernden Atmosphären.
Die gestalterisch prägnante Geste von Theo van Doesburg, wirkt in der kompakten Raumgliederung der Reihenhäuser fast etwas eingeengt und würde sich in grösseren Räumen wohl noch nachhaltiger entfalten. Dennoch sind Absicht und Wirkung eins: Eine flächige Gestaltung, die Räume schafft – ein banaler Farbdreiklang der einen Farbrausch erzeugt – das ist hohe Kunst.
Abb.9: Originaldokument von Theo van Doesburg. Vertikal sind die verschiedenen Tapetenmuster angebracht. Rechst davon ist jeweils vermerkt, welche Farbharmonie zu dieser Tapete kombiniert werden soll. Eine Harmonie ist angefügt. Es handelt sich um die Farbharmonie für die Decke im strassenseitigen Obergeschoss. (Farbharmonie Wandtapete, 1921 aus der Sammlung Museum Drachten)
... und übrigens Theo van Doesburg hätte die Häuser aussen gerne weiss geschlämmt gehabt. Sie wurden aber in sichtbelassenem Backstein ausgeführt. Die Fenster waren schwarz, grau, gelb, rot und hellblau. Das Quartier bekam sofort den Namen PAPAGEIENVIERTEL und behielt ihn bis heute, obwohl die Farben an den Fassaden 1922 bereits überstrichen wurden.
Abb.10: Die Eingangsseite von Toorenstraat 3, Van Doesburg-Rinsemahuis, mit rekonstruierter Farbigkeit. (Maurice Hamming, Museum Drachten, 2017)
Hebelschulhaus, historische Farbpalette als Gestaltungswerkzeug
Farbbefunde in historischen Innenräumen sind in der Regel lückenhaft. Einzelne Farbanstriche oder Oberflächenmaterialien gehen bei Umbauten und Renovationen oft unwiderruflich verloren. Deshalb sind Befunde nicht immer einfach zu interpretieren. Aktuelle Bedürfnisse und Bauauflagen verlangen zudem vielfach nach zeitgenössischen Interventionen. So gilt es meist nicht nur Lücken in der historischen Farbigkeit zu schliessen, sondern auch Farbentscheide für neue Baueingriffe zu fällen.