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Das Fotomuseum Winterthur zeigt rund 250 sowjetische Bilder aus den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts: eine Premiere.
Die Ausstellung dokumentiert, wie die Fotografen vom kommunistischen Sowjet-Regime bis zur totalen Kontrolle vereinnahmt wurden.
Einige Namen sind bekannt, zum Beispiel jener von Alexander Rodtschenko, Maler, Bildhauer und Fotograf. Sein "Porträt der Mutter", das Bild einer Frau mit zugekniffenem Auge hinter einer runden Brillenfassung, von 1924, ist in Winterthur an prominenter Stelle zu sehen.
Andere Autoren dagegen sind seit Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Das Fotomuseum Winterthur bringt sie mit seiner Ausstellung "Sowjetische Fotografie der 20er und 30er Jahre" wieder an die Öffentlichkeit. Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Haus der Fotografie.
Die Ausstellung, die rund 250 Vintage-Prints von 14 Fotografen zeigt, fasziniert. Nicht in erster Linie wegen der Fotos an sich, sondern viel mehr wegen der historischen Entwicklung, die sie repräsentieren, abgesehen von einigen Ausnahmen.
"Ab den 30er Jahren gleichen sich dann alle Fotos", sagt Kuratorin Olga Sviblova gegenüber swissinfo. Dabei sei die sowjetische Fotografie um die Jahrhundertwende eine der aufregendsten und innovativsten in Europa gewesen, erklärt sie weiter.
Was war geschehen? Das zeigt die Ausstellung in Winterthur auf. "Sowjetische Fotografie der 20er und 30er Jahre" wird im Sommer auch in Moskau zu sehen sein.
Vor der Revolution
Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Kunst der Fotografie in Russland unglaublich populär. Es entwickeln sich verschiedene Bewegungen: die Neue Fotografie, die Avantgarde, der Piktorialismus oder die "linke" Fotografie.
Der Piktoralist Alexander Grinberg (1885–1979) realisiert Nackt-Fotos und Bewegungs-Studien. Er und andere, wie Juri Jeremin mit seinen romantisierenden Landschafts-Fotos, oder Leonid Schokin, in der Nähe des Fotojournalismus, sind die Stars der 20er Jahre.
Ihre "Rivalen" sind die Anhänger des Konstruktivismus, wie Rodtschenko, El Lissitzky und Boris Ignatowitsch. Sie gründen die Gruppe "LEF". In ihrer gleichnamigen Zeitschrift werden die ersten Fotomontagen von Rodtschenko publiziert.
"Die beiden, Alexander Grinberg und Rodtschenko, wohnten im gleichen Haus und beide waren Günstlinge des Regimes. Und dennoch haben sie nie ein Wort miteinander gesprochen", erzählt Olga Sviblova.
Das Regime versöhnt sie nicht, im Gegenteil. Seit der Revolution 1917 begreifen die Kommunisten, welche Vorteile ihnen die Fotografie als Propaganda-Instrument in einem Land bringen kann, in dem 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind.
Gewehr und Fotoapparat
In einem seiner ersten Dekrete stellt Lenin die Fotografie in den Dienst der Revolution, erinnert Olga Sviblova im Ausstellungs-Katalog. Lenin habe sogar daran gedacht, jeden Soldaten mit einem Fotoapparat auszurüsten.
Gleichwohl mischt sich die Regierung nach den ersten Revolutionsjahren nicht allzu sehr in die Debatten über die Ästhetik der Fotografie ein. Das ändert sich aber in den 20er Jahren mit dem Beginn des neuen Genres, des sozialistischen Realismus.
Das ist der Beginn der Soldaten, Bauern und Arbeiter, die in eine strahlende Zukunft lächeln. "Je mehr die Realität von diesem Ideal entfernt war, desto stärker wurde die Propaganda", erklärt Olga Sviblova.
Eine Frage des Überlebens
In seinen späteren Memoiren schreibt Rodtschenko, wie der Druck der kommunistischen Machthaber ihn dazu gebracht habe, neue, namentlich sportliche Themen zu suchen und zum Beispiel den Bau von Kanälen zu glorifizieren.
"Wenn sie genug zu essen haben wollten, mussten sich alle Fotografen den neuen ästhetischen Kriterien anpassen. Das Regime wollte ein uniformes Bild des sowjetischen Alltags transportieren. Die Themen glichen sich, der Stil auch", sagt die Kuratorin.
Die Fotografen huldigen mit ihren Werken den sportlichen Leistungen, ähnlich wie es bald auch Leni Riefenstahl in Deutschland tat.
Viele Fotografen bezahlen ihre Opposition gegen den Kurs des sozialistischen Realismus mit einem hohen Preis.
Grinberg muss vier Jahre lang in ein Arbeitslager und kann erst nach dem Krieg wieder arbeiten, und auch dann nur anonym. Schokin musste zusehen, wie der grösste Teil seines Archivs (über 5000 Bilder) in Anwesenheit eines Mitglieds des Staatssicherheitsdienstes (NKVD) zerstört wurde.
Juri Jeremin richtete im Badzimmer seiner Wohnung ein verstecktes Atelier ein, damit er neben seinen offiziellen Bildern auch weiterhin Fotos nach seinem Stil und Geschmack entwickeln konnte, allerdings nur im Kleinstformat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte das Sowjetregime nicht mehr länger, die Fotografen propagandistisch zu missbrauchen. "Die Bevölkerung konnte jetzt lesen, und die Machthaber begriffen, dass es leichter war, mit Worten zu manipulieren", sagt die Kuratorin der Winterthurer Ausstellung.
80 Prozent der Archive vernichtet
Das Interesse für die modernen Fotografen aus dem frühen 20. Jahrhundert ist in Russland eine neue Erscheinung. Noch in den 80er Jahren waren Fotografie-Archive vernichtet worden, aus Ignoranz oder Platzmangel.
"Die Amerikaner hatten als erste die Bedeutung dieser Zeitzeugnisse erkannt. Sie kamen in den 80er Jahren nach Russland und kauften sich wertvollste Schätze der Fotografie, oft fast für kein Geld. Aber sie haben dadurch viel Material gerettet", sagt Olga Sviblova. Dennoch seien 80 Prozent der Foto-Archive für immer verloren.
swissinfo, Ariane Gigon Bormann, Winterthur
(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud)
In Kürze
Die Ausstellung dauert bis am 16.05.2004.
Sie leitet vom Piktorialismus und Konstruktivismus zum Sozialistischen Realismus in der Sowjetunion.
Der Konstruktivismus, der die Kunst bei der Gestaltung des proletarischen Alltags einbeziehen wollte, war inhaltlich die radikalste Avantgarde-Bewegung der 20er Jahre.
Plötzlich war es auch an den Künstlern, sich aktiv beim Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft zu engagieren.
In den 30er-Jahren jedoch wurde der grosse schöpferische Reichtum der sowjetischen Avantgarde in eine neue Richtung gelenkt.
Das stalinistische System verband die Ästethik mit Ideologie.