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In der Nacht auf morgen startet die NFL-Saison 2020. Dies, obwohl lange unklar war, ob und wie dies mit den Coronavirus-Schutzmassnahmen vereinbar ist. Geplant ist eine «normale» Saison. Ob dies aufgeht, darf jedoch bezweifelt werden.
American Football ist kommerziell schlicht zu wertvoll, als dass man eine Saison ausfallen lassen könnte. Deshalb scheint die NFL-Saison 2020 trotz aller negativen Vorzeichen zustande zu kommen. Während der Off-Season ist viel passiert. Wir verschaffen dir einen kurzen Überblick über alles, was du zur angehenden Saison wissen musst.
Die NFL tat sich sehr schwer im Umgang mit dem Coronavirus. So schwer gar, dass die Spieler mit aller Vehemenz auf die Barrikaden gingen und mit einem Streik drohten, sollte es der NFL um Commissioner Roger Goodell nicht gelingen, ein verantwortungsvolles Covid-Konzept zu präsentieren. Ein Bubble-Konzept wie in der NBA oder der NHL, bei dem die ganze Liga von der Aussenwelt abgekapselt wird, gibt es jedoch nicht.
Die NFL hat aber eingelenkt und regelmässige Tests aller Funktionäre und Spieler sowie Maskenpflicht auf dem Trainingsgelände und in Stadien angeordnet – mit Ausnahme des Spielfeldes. Wird nun ein Spieler positiv getestet, wird er auf die «COVID-19 List» gesetzt, für mindestens 10 Tage isoliert und folglich für den Spielbetrieb gesperrt. Selbiges gilt für Spieler und Funktionäre, die engen Kontakt zu ihm hatten. Dabei werden die Spieler medizinisch streng überwacht.
Zudem hatten alle Spieler die Möglichkeit, die NFL-Saison 2020 auszusetzen, sollten sie sich dem gesundheitlichen Risiko nicht aussetzen wollen.
Die Spiele finden mehrheitlich ohne Zuschauer, dafür mit eingespieltem Stadionlärm statt. Ausnahmen sind sechs Teams (Browns, Cowboys, Colts, Jaguars, Chiefs und Dolphins), die planen, Zuschauer in reduziertem Mass (zwischen 3,5% und 25% der eigentlichen Zuschauerkapazität) ins Stadion zu lassen.
Die NFL besteht weiterhin aus 32 Teams. Doch nachdem bereits 2016 die Rams von St. Louis nach Los Angeles sowie die Chargers 2017 von San Diego ebenfalls nach Los Angeles übergesiedelt sind, steht auch diese Saison eine sogenannte «Relocation» einer Franchise an. Per diese Saison werden aus den ehemaligen Oakland Raiders die Las Vegas Raiders.
Das Logo und die Vereinsfarben bleiben trotz neuer Heimat bestehen.
In dieser Saison werden zwei neue Stadien als Spielstätten dienen – obwohl beide aufgrund der Pandemie vorerst leer bleiben werden. Zum einen wird endlich das SoFi Stadium in Los Angeles in Betrieb genommen, das Platz für über 70'000 Zuschauer bietet. Die Rams und die Chargers werden sich das Stadion zukünftig als Heimstätte teilen.
Im Nachbarstaat Nevada konnte das 65'000 Zuschauer fassende Allegiant Stadium fristgerecht fertiggestellt werden und dient fortan als Zuhause der Raiders.
Als hätte die NFL uns für das dürftige Sportjahr 2020 entschädigen wollen, war in der Off-Season die Hölle los. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Zeit für eine Rekapitulation des Wahnsinns.
Die Draft Class 2020 bestach vor allem durch ungeheuer viel Talent auf der Widereceiver-Position. So dürften die Receiver Henry Ruggs III (Raiders), Jerry Jeudy (Broncos), Jalen Reagor (Eagles) oder Brandon Aiyuk (49ers) bereits früh in der Saison ihre ersten Ausrufezeichen setzen. Doch auch sonst gibt es einige Talente, die in ihrem ersten Jahr bereits für Furore sorgen könnten.
Modellathlet und Quarterback-Schreck in spe. Wie viel liegt für ihn in seiner Rookie-Saison drin? Experten sind sich einig: sehr viel. Ein defensiver Spektakel-Spieler mit allen Tools.
Erstrunden-Draft-Pick des Super-Bowl-Champs. Hat die Möglichkeit, in der Power-Offense um Pat Mahomes, Travis Kelce und Tyreek Hill zum Difference Maker zu werden.
Der Number-1-Overall-Pick des diesjährigen Drafts landet in einer interessanten Situation. Die O-Line wurde verstärkt, Star-Widereceiver AJ Green soll endlich fit sein und trotzdem erwartet niemand Grosses von den Bengals.
Wunsch-Draft-Pick von Coach Kingsbury. Es wird geplant, den Rookie vielseitig einzusetzen. Sein Skillset erlaubt dies ohne Weiteres. Gut möglich, dass sein Name nach dieser Saison bei Offensive Coordinators für Kopfschmerzen sorgen.
Top-Athletik, Pass-orientierte Offense, Dak Prescott als QB und mit Amari Cooper und Michael Gallup zwei Co-Wide-Receiver, die die Defenses schon genug beschäftigen dürfen. Hier riecht alles nach einem überdurchschnittlich spektakulären Durchbruch.
Die NFL-Saison ist in der Regel unberechenbar. Insbesondere dann, wenn sich die Patriots im Umbruch befinden. Wagen wir mal einen Blick auf die Favoriten. Und die Geheimtipps.
Pat Mahomes hat nach dem Super-Bowl-Triumph gegenüber Reportern gesagt, dass er bis Mitte der letzten Saison nicht wusste, wie man die Defense liest. Wow. Ob nur Marketing-Spruch oder Tatsache, die Chiefs werden auch dieses Jahr der Top-Favorit sein. Die Frage ist, wie lange die Offense um Mahomes und Co. die löchrige Defense rausreissen kann.
Die Defense ist bei den Ravens traditionell nie ein wirkliches Problem. Dazu kommt nun noch Quarterback Lamar Jackson, der eine unglaubliche Saison hinter sich hat. Und Widereciever Hollywood Brown, der in seiner Rookie-Saison bereits am Durchbruch geschnuppert hat. Das Team um Coach John Harbaugh ist den Chiefs zweifelsohne ganz dicht auf den Fersen.
Letztes Jahr hat es knapp nicht gereicht, dieses Jahr soll es nun klappen. Das Team konnte bis auf DeForest Buckner zusammengehalten werden und auch die Rookies scheinen vielversprechend. Das grosse Fragezeichen sind jedoch die vielen Verletzungen auf den Schlüsselpositionen sowie die anfälligen Secondaries in der Defense.
Die robuste Defense konnte mit Jadeveon Clowney nochmals aufgemotzt werden und ist nun auf dem Papier eine einschüchternde Truppe. Runningback Derrick Henry rannte letzte Saison alles darnieder und mit AJ Brown steht ein Star in the making auf der Receiver-Position. Ob Ryan Tannehills pragmatische Spielweise allerdings für den ganz grossen Coup reicht, ist fraglich.
Prescott, Elliott, Cooper, Gallup und Lamb bieten enorm viel offensives Talent. Dazu eine grundsolide Defense. Ob diese doch eher starken Persönlichkeiten nebeneinander existieren und funktionieren können, wird sich zeigen müssen. Die Ausgangslage ist immerhin schon mal formidabel.
Jaja, schon gut, aber hört mir kurz zu. Wir alle kennen Aaron Rodgers, wissen, dass er diese Gabe hat, ein ganzes Team auf seinen Schultern zu tragen. Wissen, dass er mit dem Rücken zur Wand nochmals einen Zacken zulegen kann. Nun haben die Packers einen Quarterback in der ersten Runde gedraftet. Anstatt einen von Rodgers öffentlich geforderten Widereceiver. Ratet mal, wer diese Saison noch einmal alle einteilt. You heard it here first.
Die letzte grosse Frage vor der neuen NFL-Saison ist, ob ein Team – und falls ja: welches – «tankt». Tanking bezeichnet die «Strategie», absichtlich möglichst viele Matches zu verlieren, um in der nächsten Saison als erstes Team draften zu können. Dieses Jahr ist diese Frage besonders pikant, da beim nächstjährigen Draft Quarterback Trevor Lawrence zur Verfügung stehen wird. Lawrence gilt gemeinhin als Ausnahmetalent und macht den Nummer-1-Overall-Pick so umso attraktiver.
Vor allem die Jaguars und das Washington Football Team scheinen (gemessen an ihren Off-Season-Moves) nicht abgeneigt, die Saison als letztes Team abzuschliessen. Auch den Patriots wäre es aufgrund ihrer allgemeinen Kaderbeschaffenheit theoretisch zuzutrauen. Mit Bill Belichick haben sie aber einen zu ehrgeizigen, zu stolzen Coach, als dass dies ein realistisches Szenario wäre.
Das Wichtigste sollten wir nun alle wissen. In der Nacht auf morgen geht es denn auch bereits mit einem Kracher los: Die Chiefs heissen die Texans willkommen.