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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2010 von Peter Ziegler
EINE ZEICHNUNG FÜHRT AUF DIE SPUR
Anfang Februar 2010 erhielt ich aus Ermatingen eine Anfrage von Dr. Gérard Seiterle, Museumsdirektor im Ruhestand. Er erkundigte sich nach einer Kassandra-Statue, die vielleicht auf der Halbinsel Au aufgestellt sei. Er übermittelte mir die nebenstehende Zeichnung der gesuchten Figur, abgedruckt in der «Illustrierten Zeitung Leipzig» vom 21. September 1878. Mir war diese Figur, allerdings nicht als Kassandra, bekannt. Sie steht am Waldweg, der dem rechten Ufer des Ausees entlang führt, nahe der kleinen eisernen Brücke. Es folgten spannende gegenseitige Recherchen.
GESCHENK VON HEINRICH MOSER
Der Uhrenfabrikant Heinrich Moser (1805–1874) in Schaffhausen verheiratete sich 1871 in zweiter Ehe mit der 23-jährigen Fanny v. Sulzer-Warth. Er wurde Vater der Töchter Fanny (1872–1953) und Mentona (1874–1971). Während eines Kuraufenthaltes in Bad Kreuznach im Jahre 1873 erwarb Heinrich Moser die Kassandra-Statue vom dortigen Bildhauer Carl Ludwig Cauer. Er sah sie vor für das Gelände in Neuhausen, auf dem er seiner neuen Gattin eine Villa mit Sicht auf den Rheinfall bauen wollte. Von diesem Bauprojekt realisierte er jedoch nur ein Nebenhaus.
Kassandra. Zeichnung in der «Illustrierten Zeitung Leipzig» vom 21. September 1878.
Die Skulptur wurde aber tatsächlich auf dem Gelände platziert. Sie gab sogar einem Hotel den Namen, das man 1898 an diesem Ort eröffnete. Es hiess später «Union» und wurde vor Jahren abgebrochen.
NEUER STANDORT HALBINSEL AU
Nach dem Tod ihres Mannes im Oktober 1874 wohnte die Witwe in Karlsruhe und zeitweise auf dem Schloss Wart ihrer Eltern im zürcherischen Neftenbach. 1885 verkaufte Fanny Moser ihre Liegenschaft in Neuhausen und erwarb Ende 1887 die Villa Werdmüller auf der Hinteren Au. Hier lebte sie bis 1917. Dann veräusserte sie das Gut an Hans von Schulthess-Bodmer.
Die Vermutung von Dr. Gérard Seiterle, die Kassandra-Statue könnte auf der Halbinsel Au stehen, erwies sich als zutreffend. Fanny Moser liess das Geschenk ihres inzwischen verstorbenen Gatten von Neuhausen nach dem neuen Wohnsitz auf der Halbinsel Au transportieren und im Park nahe der Villa aufstellen. Und hier steht sie noch immer, allerdings ist der weisse Carrara-Marmor von den Spuren der Witterung geprägt.
DER BILDHAUER
Aus der Bildlegende in der «Illustrierten Zeitung Leipzig» von 1878 war der Name des Bildhauers bekannt: Carl Ludwig Crauer. Und tatsächlich findet sich am Sockel der Kassanda-Figur auf der Halbinsel Au die Inschrift «C. Cauer Creuznach 1873».
Damit ist der Bildhauer identifiziert. Es handelt sich um den Angehörigen einer bekannten deutschen Bildhauer-Dynastie, welche im 19. und 20. Jahrhundert während vier Generationen in Bad Kreuznach tätig war.
Carl Ludwig Cauer wurde am 14. Februar 1828 in Bonn geboren, als Sohn des Bildhauers Emil Cauer (1800–1867), des Stammvaters der weitverzweigten Bildhauerfamilie, der seit 1832 in Bad Kreuznach ein eigenes Ateliers betrieb. Carl Cauer, so nannte er sich meist, studierte in Berlin und 1850 in Rom. 1851 und 1854 hielt er sich in London auf, wo er sich mit den Partenon-Skulpturen auseinandersetzte. Begeistert von der Antike, schuf er nach diesen Vorbildern später eigene Werke, so «Theseus» (1852), einen verwundeten «Achill» (1854) oder einen den Göttern dankenden «Olympischen Sieger» in Bronze (1856). Als bedeutendste Arbeit gilt «Hektors Abschied von Andromache», eine 1883 für den Schlosspark Moers im Westen des Ruhrgebiets geschaffene Figurengruppe aus weissem Carrara-Marmor.
Carl Crauer modellierte auch Porträtbüsten, zum Beispiel des Fürsten Metternich, von König Friedrich Wilhelm IV. (1853) sowie des Kaisers Franz Josef von Österreich (1857). Von Cauer erwarb Heinrich Moser nicht nur die Kassandra, sondern auch eine Bismark-Statue. Ob sie noch vorhanden ist und wo sie sich jetzt befindet, ist nicht bekannt. Auf der Halbinsel Au jedenfalls steht sie nicht. Zum Umfeld der Kassandra-Statue zählen weitere Werke von Carl Cauer, so «Psyche», «Merkur» (1875), «Trauernde Muse» (1879) und «Brunhilde» (1877).
1859 verheiratete sich Carl Cauer mit Augusta Magdalene Andres. Vier Söhne aus dieser Ehe betätigten sich ebenfalls als Bildhauer: Robert der Jüngere (1863–1947), Hugo (1864–1918), Ludwig (1866–1947) und Emil der Jüngere (1867–1946). Hans Cauer, der jüngste Sohn, wurde Maler.
Längere Zeit lebte Carl Cauer in Rom, daneben besass er in Bad Kreuznach ein gemeinsames Atelier mit seinem jüngeren Bruder Robert (1831–1893). 1881 liess sich Cauer dauernd in Bad Kreuznach nieder. Hier starb er am 17. April 1885.
Die von Schaffhausen auf die Halbinsel Au versetzte Kassandra-Figur.
KASSANDRA
Weshalb Heinrich Moser seiner Frau Fanny ausgerechnet eine Kassandra-Statue geschenkt hat, ist nicht bekannt und bleibt das Geheimnis dieses Ehepaars. Doch, wer war Kassandra? Gemäss der griechischen Mythologie war sie die Tochter des trojanischen Königs Priamos. Laut Homer soll sie so bezaubernd gewesen sein wie Aphrodite. Der Gott Apollon verliebte sich in die Schöne und verlieh ihr die Gabe der Vorhersehung. Doch Kassandra verschmähte den Liebhaber. Dies erzürnte den olympischen Gott derart, dass er sie mit einem Fluch strafte: Niemand sollte ihren Prophezeiungen glauben. Vergeblich warnte Kassandra daher die Trojaner vor dem Trojanischen Pferd, der Hinterlist der Griechen, so dass Troja unterging.
Die Inschrift auf dem Sockel der Statue weist auf den Bildhauer hin.
Seither gilt Kassandra als tragische Figur, die das Unheil voraussah, aber in ihrer Umgebung kein Gehör fand. Und noch die gleiche Bedeutung hat heute der «Kassandrarufۚ»: die zutreffende, aber vergebliche Warnung vor einer drohenden Gefahr.