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INDUSTRIALISIERUNG

DER SCHWEIZ
|Industrialisierung|
Die Schweiz gehört zu den am frühesten industrialisierten Ländern. Wie in England begann die Industrialisierung bei der Textilherstellung, deren Mechanisierung führte zum Aufbau der Maschinenindustrie und der Chemischen Industrie (Herstellung von Farbstoffen!). Die industrielle Verarbeitung von Lebensmitteln half einerseits bei der Versorgung der nun stark wachsenden Bevölkerung (Haltbarmachen von Lebensmitteln!), andererseits konnten so die Hausfrauen entlastet werden (allerdings nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern damit man sie ebenfalls in den Fabriken als Arbeitskräfte einsetzen konnte). Der Aufbau der Industrie und der Eisenbahnen erforderte grosse Geldmittel, Banken und Versicherungen fanden ein weites Betätigungsfeld. Die Kehrseite der enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen waren im 19. Jahrhundert verbreitete Massenarmut, Kinderarbeit, Hungersnöte, Arbeitskämpfe, Alkoholprobleme, Auswanderung usw.
In der Region St. Gallen wurde der Anbau von Flachs in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ausgedehnt, und verbesserte Webstühle mit Pedalantrieb und Riemen zur Kraftübertragung beschleuigten den Webvorgang erheblich. Die Herstellung von Leinen aus einheimischem Flachs nahm zu und wurde für die Stadt St. Gallen zu einer wichtigen Erwerbsquelle. 1336 wird erstmals Fernhandel mit Leinwand aus St. Gallen erwähnt, 1364 wurde die erste Ordnung für das Leinwandgewerbe erlassen. Der Anbau von Hanf und Flachs und die Herstellung von Leinwand waren im ganzen Bodenseeraum verbreitet, doch die Ware aus St. Gallen galt gegen Ende des 15. Jahrhunderts als die beste.
Der Erfolg der St. Galler Textilien beruhte auf drei Säulen: Arbeitsteilung im Verlagssystem (Anbau, Spinnen, Weben, Färben, Bleichen, Kämmen durch jeweils spezialisierte FachhandwerkerInnen), Zentralisierung der hochwertigen Arbeiten mit staatlicher Qualitätsprüfung und Gütesiegel in der Stadt sowie Fernhandel durch Grosskaufleute. Das Textilgewerbe in anderen Städten arbeitete vornehmlich für den lokalen Markt.
Beim Verlagssystem kaufte der Verleger die Rohstoffe und sorgte für den Verkauf der Endprodukte, die eigentliche Handwerksarbeit (Herstellung) wurde von formal selbstständigen, in Wirklichkeit jedoch vom Verleger abhängigen Arbeitskräften in Heimarbeit geleistet. Das System war eine erste (vorindustrielle) Stufe der Arbeitsteilung, wie sie später in der Industrialisierung als charakteristisch weiterentwickelt wurde. Der Verleger konnte sich so auf seine Spezialität, das Handeln, konzentrieren, die ArbeiterInnen auf dem Lande mussten vom Handel nichts verstehen, bekamen allerdings auch weniger für ihre Produkte als städtische Handwerker, die sich selbst um Rohstoffe und Verkauf kümmerten.
Die Textilherstellung stand Ende des 16. Jahrhunderts unter den Gewerben in der Eidgenossenschaft an erster Stelle. Allein in der Region Zürich waren rund 1000 Spinnerinnen tätig. Bereits im frühen 14. Jahrhundert waren Seidenweber in Zürich tätig, ihre Zahl nahm jedoch laufend ab, nach 1474 wurden sie nicht mehr urkundlich erwähnt. Zu neuer Blüte gelangte die Seidenweberei Ende des 16. Jahrhunderts in Zürich durch evangelische Glaubensflüchtlinge aus dem Tessin und Norditalien, in Basel und Genf durch Hugenotten aus Frankreich.
1751 wurde die Stickerei als neuer Zweig des Textilgewerbes in St. Gallen heimisch
Die einst blühende Schweizer Leinwandherstellung wurde ab 1820 von der industriellen Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle verdrängt. Die Textilkaufleute mussten die Umstellung gegen den Widerstand der Weberzünfte erzwingen. Bereits die Herstellung von Barchent, einem Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle, durch den Tuchhändler Peter Bion 1721 hatte Opposition erweckt. Aber die Produzenten konnten den Erfolg der neuen Produkte ebensowenig verhindern wie 1750 die Einführung von feiner Mousseline.
Frankreich hatte 1803 ein Einfuhrverbot für Baumwollwaren erlassen. Dies beeinträchtigte die Entwicklung der Webereien in der Schweiz, förderte aber gleichzeitig die Gründung von Spinnereien, z.B. Spinnerei Hard bei Wülflingen ZH (1801), Christian Näf in Rapperswil SG (1803), Johann Kaspar Zellweger in Trogen AR (1804).
1801 führte der Waadtländer Marc-Antoine Pellis in der Spinnerei - Aktiengesellschaft St. Gallen die erste Spinnmaschine in der Schweiz ein, eine "mule-jenny" des britischen Erfinders Samuel Crompton. In Grossbritannien stellte dieser Typ von 1779 nach der "spinning-jenny" von James Hargreaves (1764) und der "water-frame" von Richard Arkwright bereits die dritte Generation von Spinnmaschinen dar. Die letzten beiden waren bereits auf Antrieb durch Kraftmaschinen (Wasserräder oder Dampfmaschinen) ausgerichtet, die "mule-jenny" konnte 20 - 30 Fäden gleichzeitig drehen und Garne von unterschiedlicher Qualität herstellen. Um 1825 erfand Johann Conrad Altherr in Teufen AR den Plattstichwebstuhl.
Schokolade wurde in der Schweiz seit 1803 im Tessin und am Genfersee gewerblich hergestellt. 1819 gründete François - Louis Cailler in Corsier bei Vevey VD eine Schokoladenfabrik, 1826 Philippe Suchard (1797 - 1884) eine Genusswarenfabrik in Serrières NE, die Wasserkraft ausnützte. Seine Werbung machte die Schweizer Schokolade bekannt. Daniel Peter aus Vevey VD erfand 1875 die Milchschokolade, und Rodolphe Lindt in Bern 1879 durch Beigabe von Kakaobutter die auf der Zunge schmelzende statt wie bis dahin "sandige" Schokolade.
In Vevey VD erfand Henri Nestlé 1866 eine Babynahrung aus Milch, Zucker und Weizenmehl. Das Produkt wurde schnell ein Erfolg, durch die Fusion mit der Anglo Swiss Condensed Milk Co. in Cham entstand 1905 ein Konzern, der heute weltweit zu den grössten "Multis" zählt.
In seinem Heimatort Schönenwerd SO gründete Carl Franz Bally 1851 eine Schuhfabrik. Er erprobte den Einsatz von Maschinen bei der Schuhherstellung. 1855 gründete Bally eine Krankenkasse für seine Arbeiter.
Das Uhrmachergewerbe wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts durch Glaubensflüchtlinge aus Frankreich (Hugenotten) nach Genf (Zentrum der Reformation in der Romandie [französischsprachigen Schweiz]) und in den Schweizer Jura gebracht.
Um 1785 waren in Genf rund 20'000 Personen in der Uhrenindustrie beschäftigt, die rund 85'000 Uhren pro Jahr herstellten. Das Gewerbe hatte sich durch Heimarbeit nach Neuenburg (50'000 Uhren pro Jahr) und in den Jura ausgedehnt. Die Uhrmacher stellten auch Musikdosen und hochspezialisierte Spielzeugautomaten her, die von einem Uhrwerk angetrieben wurden. Eine grosse Zahl solcher Geräte kann im Spielautomatenmuseum Seewen (SO) besichtigt werden (Achtung: beschränkte Öffnungszeiten).
Die Textilindustrie gab Anstoss zur Entwicklung weiterer Industriezweige: Schwerindustrie (Eisen- und Stahlproduktion), Maschinenindustrie und Chemische Industrie. Ab 1804 stellte Johann Konrad Fischer in Schaffhausen Gussstahl nach britischem Verfahren her. 1805 begann Hans Caspar Escher in der Aktienspinnerei Neumühle, selbst Spinnmaschinen zu konstruieren, um sich von ausländischen Produkten unabhängig zu machen. Ab 1810 verkaufte er seine Maschinen auch an andere Unternehmen. Aus der Spinnerei entstand die Maschinenfabrik Escher, Wyss & Co. Zürich. Die Kontinentalsperre verhinderte ab 1806 Importe aus Grossbritannien, zudem war es zeitaufwändig und teuer, für die Reparaturen ausländische Mechaniker aufzubieten. Die 1790 gegründete Baumwollspinnerei Johann Jacob Rieter & Co. in Winterthur - Töss begann nach Eschers Beispiel ebenfalls mit dem Bau eigener Maschinen. Die 1810 gegründete Spinnerei Michael Weninger & Co in Sankt Georgen (SG) richtete von Anfang an eine Maschinenwerkstätte ein. Die traditionelle Handspinnerei wurde bis 1814 von der maschinellen Spinnerei völlig verdrängt.
Dampfmaschinen hatten in der Schweiz wegen der reichlich vorhandenen Wasserkraft und dem gleichzeitigen Mangel an Kohlevorkommen nie ein annähernd vergleichbare Bedeutung wie in anderen Industriestaaten (Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien). Einzig bei den Eisenbahnen und Schiffen kam man - bis zur Einführung des elektrischen Betriebes in den frühen 1920er Jahren, bei dem die Schweiz wiederum wegen des Kohlemangels eine Pionierrolle spielte - nicht an ihnen vorbei.
1834 gründete Johann Jakob Sulzer mit seinen beiden Söhnen in Winterthur eine Eisengiesserei, aus der noch im 19. Jahrhundert eine Maschinenfabrik (weltbekannte Schiffsdieselmotoren), eine Lokomotivfabrik (Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik, SLM, vom ehemaligen Sulzer - Mitarbeiter und Erfinder der Ventildampfmaschine Charles Brown 1871 gegründet) und im 20. Jahrhundert eine Medizintechnik - Firma (Sulzer Medica) hervorgingen. 1842 eröffnete Kaspar Honegger von Rüti in Siebnen SZ eine Webmaschinenfabrik, deren Produkte reissenden Absatz fanden.
Die erste chemische Fabrik der Schweiz wurde 1804 von Daniel Frey in Aarau gegründet. Die grosse Zeit der chemischen Industrie - heute einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige - begann erst 50 Jahre später. 1859 wanderten Alexander Clavel, Louis Durand und Etienne Marnas aus Frankreich nach Basel ein. Sie stellten synthetische Anilinfarben her. Seit 1884 ist ihr Betrieb unter dem Namen "Chemische Industrie in Basel (CIBA)" bekannt. Johann Rudolf Geigy - Merian extrahierte 1858 Hilfsstoffe zur Farbenproduktion aus Farbhölzern. Johann Gerber-Keller und Armand Gerber aus Mülhausen (Elsass, F) zogen 1864 nach Basel, um ihren Farbstoff Azalein produzieren zu können, nachdem die Patentanmeldung in Frankreich an der restriktiven [einschränkenden] Gesetzgebung gescheitert war. Damit wurde die Chemische Industrie in Basel zum wichtigsten Industriezweig.
1886 gründeten zwei Mitarbeiter von CIBA, der Chemiker Alfred Kern und der Prokurist Edouard Sandoz, die Firma Kern und Sandoz. Risikofreudige Lieferungen von Farbstoffen nach Asien auf Kredit belebten den Umsatz. CIBA und Geigy fusionierten erst zu CIBA-Geigy und in den 1990'er Jahren mit Sandoz zu Novartis. Seit etwa 1885 kam die Herstellung von synthetischen Medikamenten zur Farbenchemie hinzu. Fritz Hoffmann-La Roche gründete 1896 in Basel sein chemisches Unternehmen und spezialisierte sich von Anfang an auf die Pharmachemie [Heilmittelchemie]. Insgesamt exportierte die Schweizer Chemieindustrie 1896 Erzeugnisse im Wert von knapp 18 Mio. Fr, wovon 78 % auf Farbstoffe entfielen.
Während Jahrtausenden waren die Menschen den Launen und der Gewalt der Natur mehr oder minder schutzlos ausgeliefert. Natürlich hatte es schon früher Kleider, Häuser, Werkzeuge, einfache Maschinen und Waffen gegeben. Die Menschen griffen durch Rodung, Ackerbau, Jagd und Zucht in die natürlichen Kreisläufe z.T. recht massiv ein. So ist z.B. bekannt, dass Italien, Spanien und besonders Griechenland und Palästina vor 3000 Jahren wesentlich stärker bewaldet waren als heute und erst die übermässige Rodung der Wälder durch die Kulturvölker des Altertums (rund 500 v. Chr - 400 n. Chr) zu einer irreversiblen [nicht mehr rückgängig zu machenden] Erosion [Verlust von fruchtbarem Boden durch Regen] geführt hat. Auch vemögen die Pyramiden aus dem Alten Aegypten (ab 2700 v. Chr.) uns heute noch die staunende Frage zu entlocken: "Wie haben die das bloss hingekriegt?"
Dennoch hatten die Menschen des Altertums und des Mittelalters immer noch einen riesigen Respekt vor den Naturgewalten und kamen sich der Natur gegenüber (bei allem Stolz, die "Krone der Schöpfung" zu sein) ziemlich klein und ohnmächtig vor. Erst die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des 16. und 17. Jahrhunderts und ihre Nutzung in Technik und Medizin versetzten die Menschen in die Lage, in einem bisher unbekannten Ausmass in die Natur einzugreifen. Während nun die einen seit dem beginnenden 19. Jahrhundert zukunftsgläubig umsetzten, wovon man während Jahrtausenden höchstens hatte träumen können (Fahrzeuge die sich aus eigener Kraft und mit hoher Geschwindigkeit fortbewegen, Flugapparate, Bezwingung der höchsten Berggipfel, Erzeugung künstlicher Stoffe usw.) und dabei die Grenzen des bisher Erreichbaren innert weniger Jahrzehnte um das 10-fache und mehr hinausschoben, konnten die anderen dem Tempo der Entwicklung nicht folgen und stemmten sich mit allen Mitteln und Bezeichnungen wie "Teufelswerk" gegen alle Neuerungen.
Während Jahrhunderten hatten die grossen Flüsse besonders auf der Grenze zwischen den steilen Alpentälern und dem flachen Mittelland fast jährlich grosse Gebiete überschwemmt und eine dichte Besiedlung sowie eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung verunmöglicht. Zwei grosse Projekte brachten hier Abhilfe:
Die Wasserkraft wird schon seit Jahrtausenden genutzt. Dabei standen lange Zeit mit Wasserrädern betriebene Hammerschmieden und Mühlen im Vordergrund: ein bis zwei Wasserräder trieben je einen Hammer, einen Mahlstein oder eine Bohrmaschine an. Der technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts führte zum Bau von Fabrikhallen, in denen ganze Maschinenparks über ein kompliziertes System von Transmissionsriemen und/oder Zahnrädern von einer zentralen, wesentlich leistungsfähigeren Turbinen angetrieben wurden. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden diese Maschinen und die mechanische Kraftübertragung vielerorts durch Stromgeneratoren und elektrisch betriebene Maschinen abgelöst. Die Anlagen am Luzerner Mühlenplatz veranschaulichen diese Entwicklung.
Am 2. 9. 1806 forderte der Bergsturz von Goldau 457 Tote innert weniger Minuten. Die Katastrophe erregte in ganz Europa Aufsehen. Lang anhaltende Niederschläge, zuletzt ein vierstündiger Platzregen waren vorausgegangen. Mehrere Platten aus Nagelfluh, insgesamt etwa 40 Mio. m³ rutschten auf dem darunterliegenden, völlig durchnässten Mergelboden ab. Der Wiederaufbau dauerte Jahrzehnte. Die Anrissstelle ist auch heute (nach fast 200 Jahren) noch zu sehen (Bild: links oben), der Schuttkegel ist bewaldet (Bild: rechts).
Durch unsachgemässen Schieferabbau in Elm (GL) stürzte 1881 die Nordwand des Tschingelberges ein, 10 Mio. m³ Felsbrocken zerstörten 83 Gebäude und töteten 115 Menschen.
Die erste Schweizer Grossbank wurde vom liberalen Zürcher Nationalrat und "Eisenbahnkönig" Alfred Escher 1856 unter dem Namen "Schweizerische Kreditanstalt" (SKA) (heute: Crédit Suisse, CS) gegründet. Die SKA verstand sich als Bank für Industrie und Handel und spielte bei der Finanzierung der bis zur Verstaatlichung 1902 privat betriebenen Eisenbahnen eine Schlüsselrolle. 1858 gründete Escher auch die "Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt". 1872 schlossen sich Basler Privatbankiers zum "Bankverein" zusammen, der vor wenigen Jahren durch die Fusion mit der "Bankgesellschaft" zur grössten Bank der Schweiz (UBS) wurde.
1850 wurde das Kreditgeschäft aber noch durch die Sparkassen beherrscht: Von 171 Kreditinstituten waren 150 als Sparkassen, fünf als Kantonalbanken, drei als Hypothekarkassen und 13 als Lokalbanken organisiert.
Die Solothurner Kantonalbank - erst 1886 aus dem Zusammenschluss der Hypothekarkasse des Kantons Solothurn und der Solothurnischen Bank entstanden - machte wegen ungeschickter und nachlässiger Geschäftsführung schon 1887 grosse Verluste. Der Skandal führte zu einer neuen Kantonsverfassung und zur Volkswahl der Regierungsräte. Rund 100 Jahre später geriet die Solothurner Kantonalbank erneut in Schwierigkeiten und musste von einer Grossbank übernommen werden.
Die ersten modernen Banknoten wurden 1716 in Paris unter dem System des Merkantilismus herausgegeben. In der Schweiz gab erst 1825 die Deposito - Cassa der Stadt Bern erste Banknoten aus. Der Wert von 500 Fr. - heute noch unpraktisch für den täglichen Gebrauch, damals ein kleines Vermögen - schränkte ihre Verwendung auf den Grosshandel ein. Trotzdem folgten andere Berner und Genfer Banken dem Beispiel. Ein erster Versuch, ein Bundesmonopol und damit schweizweit einheitliche Banknoten einzuführen, scheiterte 1880. Ein Banknotengesetz von 1881 schuf wenigstens einheitliche Notenbilder, die sich nur noch durch Namen und Unterschriften der ausgebenden 61 Banken unterschieden Im zweiten Anlauf wurde der Verfassungsartikel 20 im Jahr 1891 doch noch genehmigt und 1905 war dann endlich auch das zugehörige Gesetz geboren. 1907 nahm die Nationalbank mit Sitz in Bern ihren Betrieb auf.
In Genf wurde 1850 die erste Börse der Schweiz zum Handel mit Wertpapieren [Aktien, Obligationen usw.] eröffnet. Der wachsende Kapitalbedarf der Eisenbahngesellschaften und der Textil- und Maschinenindustrie hatte einen Anstieg der Aktienemissionen bewirkt. Die Zürcher Börse folgte erst 1877.
Die Handels- und Gewerbefreiheit setzte sich ab 1830 nur zögernd durch, so in ZH, SO, BL, SZ, GL und AR. In Basel - Stadt konnten die alteingesessenen Handwerker dagegen ihre Vorrechte 1833 sogar in der Verfassung verankern.
1804 wurde in Bern die erste kantonale Industrie- und Gewerbeausstellung veranstaltet. 1843 beteiligten sich elf Kantone an einer grossen Industrie- und Gewerbeausstellung in St. Gallen. Auf der Weltausstellung 1873 in Wien erhielt die schweizerische Maschinenindustrie prozentual die meisten Auszeichnungen. Die Schweiz hatte sich als eine der führenden Industrienationen etabliert.
Landesausstellungen fanden 1857 in Bern (1695 Aussteller), 1883 in Zürich (5500 Aussteller) und 1896 in Genf (7686 Aussteller und 6 Mio. Besucher - bei einer Bevölkerung von 3,1 Mio!) statt. Besondere Attraktionen der Genfer Ausstellung waren ein eigenes Ausstellungstram, ein 55 m hoher eiserner Aussichtsturm, ein Fesselballon, der 400 m aufstieg (zum Vergleich: der bis 2004 im Verkehrshaus Luzern benutzte moderne "Hiflyer" brachte es nur auf rund einen Drittel dieser Höhe!) und ein "Negerdorf" mit original afrikanischen Erd- und Strohhütten inklusive 200 Bewohnern aus Senegal. Als absoluter Höhepunkt galt indessen das Schweizerdorf, das mit über hundert Häuserfronten aus den verschiedenen Regionen ein Bild der kulturellen und architektonischen Vielfalt der Schweiz zeigte.
Die exportoriente Maschinenindustrie nutzte die Landesausstellung von 1883 um ihre Fähigkeiten eindrücklich in Szene zu setzen. Daneben gab es ein Kulturprogramm mit Musikgruppen aus dem In- und Ausland. Die Zürcher Schriftsteller Gottfried Keller (1819 - 1890) und Conrad Ferdinand Meyer (1825 - 1898) verfassten Beiträge in der Festzeitung.
Auf der Weltausstellung 1900 in Paris stellte sich die Schweiz mit einem Schweizerdorf als einen für den Fortschritt aufgeschlossenen Industriestaat dar, der gleichzeitig sein kulturelles und landschaftliches Erbe zu bewahren weiss.
Die Kontinentalsperre [Wirtschaftsblockade des europäischen Kontinents gegen Grossbritannien] des französischen Kaisers Napoleon I. beeinträchtigte das Wachstum der schweizerischen Textilindustrie. Die Verschärfung der Kontinentalsperre 1810 (Einfuhrverbot für Baumwolle) brachte vielen Handelsunternehmen in Konkurs, von rund 200'000 arbeitslosen Webern und Stickern wanderten viele aus der Schweiz aus. Eine Lockerung des Einfuhrverbotes kam zu spät.
In der Ostschweiz kam es nach katastrophalen Missernten 1816 / 17 zu Hunger und Elend. Der russische Zar Alexander I. (gehörte zu den Siegern von 1815) stellte 100'000 Rubel zur Verfügung. Auch nach dem Sieg über Napoleon hatte der neue französische König die protektionistische Wirtschaftspolitik [Schutz der eigenen Wirtschaft vor Konkurrenz durch Einfuhrverbote oder hohe Zölle] fortgesetzt. Spanien, die Niederlande und Österreich folgten dem Beispiel Frankreichs. Die landwirtschaftlich geprägten Kantone der Zentralschweiz und Bern unterstützten Zürich nicht beim Versuch, von Frankreich Handelserleichterungen zu erreichen. In St. Gallen wurden 6000 Hungertote gezählt, Appenzell verlor 6 % der Bevölkerung. Der Chronist R. Zollikofer schrieb 1818:
"Die wohlthätigen Sennen hatten bis ungefähr Anfangs März nur sehr wenig Schotten oder Molken; daher man immer mehr zu den elendesten, eckelhaftesten Speisen Zuflucht nehmen musste, und was ehedem Schweinen nicht wäre vorgeworfen worden, das genossen nun diese Tausend Hungrigen noch als köstliche Speise: «Oehmd oder Grummet auf dem Ofen gedörrt» - schreibt mir der Tit. Landammann Bischoffberger, dieser Freund und Vater seines Volkes - «dann zu Mehlstaub zerrieben mit Schotten gekocht, wurden geniessbarer Brey; gedörrte Erdäpfelhülsen mussten mit und ohne Grüsche (Kleie) mit Wasser abgekocht zur Suppe dienen. Schindlinge, zermahlne Knochen, Pferdefleisch, Zumehl, Leim, Blut, Häute von Thieren, hielten die Hungrigen für gute Nahrungsmittel; Hunde und Katzen waren für sie Leckerbissen; und braunes Heu abgesotten, dann den Absud gesalzen, fanden unsere Armen als schmackhafte Suppe. - Aber dieser ihnen schreckliche Zustand bewirkte, dass sie die natürliche Farbe der Gesundheit verloren, blasses, gelbes Aussehen bekamen, angeschwollen wurden, Elephanten ähnliche Füsse erhielten, am ganzen Körper mit Ausschlägen (Hautkrankheiten) und Geschwüren bedeckt waren; dass sie oft vor Entkräftung niederfielen, über Brennen und Zehren des Magens klagten, und nichts schneller und besser diesen oft fürchterlichen Schmerz lindern konnte, als das Abnagen schwammichter Knochentheile und der Genuss der Knorpeln. - Aber jene, die oft mit dieser Beschwerde befallen wurden, unterlagen endlich oft sehr schnellem Tode; - der süsslichte Geruch solcher Kranken war gewöhnliches Vorzeichen ihres Todes.»" (Zollikofer R., Der Osten meines Heimatlandes im Hungerjahre 1817, St. Gallen 1818, Band I; zit. nach Hardegger Joseph et al, Das Werden der modernen Schweiz, Band 1, Basel und Luzern, 11986, S. 49f)
Seit 1812 waren die Winter sehr kalt gewesen, Asche- und Staubwolken von einem Vulkanausbruch in Indonesien 1815 sorgten während 18 Monaten weltweit für kaltes Wetter. Der Winter 1815/16 hatte schon sehr viel Schnee gebracht und noch im April 1816 waren viele Alphütten eingeschneit. Der Sommer blieb kühl und nass ("das Jahr ohne Sommer"). In Bern fiel an 52 Tagen Niederschlag, ab 1000 m mehrfach als Schnee, die Roggenernte konnte erst Mitte August mit einem Monat Verspätung beginnen. Im Juli 1817 erreichte der Bodensee nach einem langen und schneereichen Winter, der Anfang Juni durch eine Wärmeperiode mit rascher Schneeschmelze abgelöst wurde, einen Hochwasserstand von 3 m über dem langjärigen Mittel.
Die Massenarmut (Pauperismus) erreichte zwischen 1840 und 1860 ihren Höhepunkt. Damit verbunden waren eine grosse Anzahl herumziehender Bettler, der rückläufige Geburtenüberschuss und eine zunehmende Auswanderung. Sie betraf städtische und ländliche Gebiete gleichermassen und ging einher mit Mangelernährung (besonders Eiweissmangel), erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten und frühem Tod.
"Entrahmte Milch war der wichtigste Proteinträger der ländlichen Unterschichten. Die Butter musste zu Geld gemacht werden. Eier wurden ebenfalls zum Krämer getragen, wie man etwa bei Jeremias Gotthelf nachlesen kann. Einzig zu Ostern kamen sie auch in den ärmsten Familien auf den Tisch. Fleisch konnte selten, em ehesten bei Volksfesten gegessen werden. Im November wurde etwa ein Schwein gestochen, sofern hohe Getreidepreise nicht zum Verkauf zwangen. Auf latenten Proteinmangel deutet die verbreitete Gepflogenheit hin, Singvögel in Netzen zu fangen und im Frühjahr Jungtiere oder Eier aus den Nestern zu holen.
Die Oberschichten waren besser versorgt: Selbst in schweren Hungerkrisen wendete beispielsweise der Landvogt von Frienisberg grosse Mengen von Konsumgetreide für die Mast von Ochsen, die Aufzucht von Kälbern und die Haltung eines stattlichen Hühnerhofs auf. Mit anderen Worten: Ein mit dem heutigen, zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vergleichbares Ernährungsgefälle bestand noch vor wenigen hundert Jahren in unserem eigenen Land ...
In der alten Schweiz kam der Tod am häufigsten in den Monaten Februar bis April, also in der Zeit des grössten Proteinmangels, und schwoll vom Mai an rasch ab, wenn Milch wiederum reichlich verfügbar war ...
Bevölkerungskrisen [traten] in Form eines Defizits von Taufen und einer Welle von Todesfällen mit bemerkenswerter Regelmässigkeit in jenen Phasen auf, in welchen ein sehr kaltes Frühjahr auf einen sehr nassen Hochsommer folgte ...: wird das Heu wiederholt durch Regenfälle benetzt, so dass sich der Trocknungsvorgang mehr als fünf Tage in die Länge zieht, sackt der Nährstoffgehalt auf weniger als ein Drittel jener Menge ab, die bei optimalen Produktionsbedingungen erzielt werden kann ... Für unsere Vorfahren ging ein nasser Hoch- und Spätsommer stets mit einer Verknappung der Milch im folgenden Winter einher ... Letztmals wird diese für Protein-Mangel-Ernährung typische Konstellation in den Hungerjahren 1816/17 fassbar."
(Pfister Chr., in: Der Bund, 1983 (Ausgabe vom 18.2.), zit. nach Hardegger Joseph et al, Das Werden der modernen Schweiz, Band 1, Basel und Luzern, 11986, S. 54)
Die Frage nach den Ursachen der Armut führte damals wie heute zu den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den 'Linken und Netten' (die nach mehr Gerechtigkeit schreien) und den 'Liberalen' (die mehr Eigenverantwortung der Armen fordern).
Der Wahrheit am nächsten kommt wohl der Ansatz, sich von dem damaligen, von der Physik Newtons und ihrer erfolgreichen Anwendung auf mechanische Maschinen geprägten Weltbild zu lösen, d.h. die fixe Vorstellung aufzugeben, dass ein Problem eine Ursache haben müsse. Vielmehr wirken - wie inzwischen auch die modernere Naturwissenschaft weiss - bei den Vorgängen in der Natur und erst recht unter den Menschen eine meist kaum überschaubare Vielzahl von Kräften und gegenseitigen Beeinflussungen. Dennoch lassen sich einige wesentliche Faktoren erkennen, die interessanterweise sowohl für die Schweiz des 19. Jahrhunderts wie auch für die Entwicklungsländer heute gelten:
1817 wanderten rund 3000 Schweizer nach Nord- und Südamerika, aber auch nach Russland aus. Die Überfahrt nach Amerika mit Segelschiffen dauerte 30 - 60 Tage, Krankheiten wie Skorbut, Typhus, Blattern und Pocken forderten zahlreiche Opfer unter den Auswanderern. 1819 vermittelten die Behörden von Fribourg die Auswanderung von 2500 Menschen. 1845 gründeten 118 Auswanderer aus Glarus in Green County, Wisconsin, USA die Siedlung New Glarus.
Die Auswanderung aus der Schweiz erreichte in den Jahren 1882 / 83 mit rund 13'500 Personen einen Höhepunkt. Ziele waren die USA (83 %), Argentinien (11 %), Kanada (4 %), Brasilien (2 %). Zwischen 1820 und 1860 waren insgesamt bereits rund 37'700 Schweizer ausgewandert, bis 1870 folgten nochmals rund 23'300, und bis 1880 28'300. Meist wohnten die Schweizer in Siedlungen mit Namen wie "New Glarus" zusammen und pflegten in Schweizervereinen ihre Lebensart. Der in den USA gepflegte Dialekt ist nach mehr als 100 Jahren "urchiger" als in der schweizer Heimat. Viele Auswanderer kamen aus strukturschwachen Gebieten (Tessin, Graubünden, Oberwallis, Berner Oberland). Die Überfahrt mit Segelschiffen dauerte 1760 noch 40 - 45 Tage, um 1880 mit Dampfschiffen nur noch 8 Tage.
Eng verbunden mit dem Problem der Armut war auch dasjenige des Alkoholmissbrauchs. 1885 wurde in die Verfassung ein "Alkoholartikel" 31bis (in der total revidierten Bundesverfassung von 1999 Artikel 105) eingefügt, der es dem Bund erlaubt, Vorschriften über die Herstellung und den Verkauf von gebrannten Wassern zu erlassen. Die Kantone wurden verpflichtet, mindestens 10% der Einnahmen aus der Alkoholsteuer und den Einfuhrzöllen auf Alkohol zur Bekämpfung des Alkoholismus zu verwenden. Das Thema ist nach wie vor aktuell: In der Schweiz sind rund 150'000 Personen schwer alkoholsüchtig, gegen 10% der Bevölkerung sind direkt oder als Angehörige mitbetroffen und jährlich sterben über 1000 Personen an alkoholbedingten Kranheiten und Unfällen (mehr als ein Drittel der tödlichen Strassenverkehrsunfälle sind auf Alkohol zurück zu führen). Obwohl diese Zahl bedeutend grösser als die der Heroinopfer (weniger als 100) ist, wird das Problem im öffentlichen Bewusstsein verdrängt - wohl nicht zuletzt deshalb, weil neben 13 % Abstinenten [Personen, die nie Alkohol trinken] rund 37 % mit bloss 6 % der Alkoholmenge und 43 % mit 44 % der Alkoholmenge durchaus mit Alkohol umgehen können. Das hilft aber jenen 7 % nicht, die zusammen 50 % des Alkohols konsumieren! [Zahlen 1981, 15 - 74-jährige, nach Der Brückenbauer, 25.2.1987] Alkohol ist - wie auch neuste Zeitungsartikel belegen - seit Jahren die Jugenddroge Nr. 1 - Tendenz zur Zeit eher steigend!
1815 Zürich: erstes Fabrikgesetz: Verbot der Kinderarbeit unter 10 Jahren in Fabriken oder an Spinnmaschinen. Die Strafe wurde dem Fabrikbesitzer angedroht. Das Alter musste durch ein Zeugnis des zuständigen Pfarramtes nachgewiesen werden, die Arbeitszeit der Kinder wurde auf 12 Stunden begrenzt und durfte im Sommer nicht vor 5 Uhr, im Winter nicht vor 6 Uhr beginnen. Die Kantone Zürich (1815, 1837) und Thurgau (1815) hatten die Kinderarbeit begrenzt. Im Aargau war dagegen 1842 ein Gesetz zur Beschränkung der Arbeitszeit von Kindern unter 13 Jahren auf 14 Stunden vom Grossen Rat abgelehnt worden.
Der Kanton Glarus, von der Industrialisierung stärker geprägt als die meisten anderen Kantone, erliess 1846 das erste Arbeitszeitgesetz, das eine tägliche Höchstarbeitszeit von 15 Stunden für Erwachsene und 14 Stunden für Kinder unter 14 Jahren festlegte. Ein verschärftes Gesetz brachte 1864 in Glarus den 12-Stunden-Tag, ein Verbot der Nachtarbeit von 20 - 5 Uhr und der Kinderarbeit unter 12 Jahren sowie eine 6 - wöchige Erholungszeit für Frauen bei der Geburt eines Kindes.
Das eidgenössische Fabrikgesetz wurde erst 1877 erlassen. Es brachte den 11 - Stunden - Tag, massive Einschränkungen bei der Nacht- und Sonntagsarbeit, Massnahmen zur Vermeidung von Gesundheitsschäden und Unfällen am Arbeitsplatz, sowie das generelle Verbot von Kinderarbeit unter 14 Jahren.
1831 wurde in Uster die Maschinenweberei Corrodi & Pfister eröffnet. Wenige Wochen später wurde die Fabrik von aufgebrachten Heimwebern aus dem Zürcher Oberland, die sich durch die Maschinen in ihrer Existenz bedroht sahen, angezündet. Der Aufstand der Heimweber wurde von Soldaten niedergeschlagen, die Anführer zu 18 - 24 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach der Aufhebung der Kontinentalsperre kam der Vorsprung Grossbritanniens bei der Industrialisierung auf dem Kontinent zum Tragen, der Preis von Baumwollprodukten sank massiv. Die einheimischen Unternehmer hatten zunächst versucht, mit massiven Lohnkürzungen mitzuhalten, und setzten ab Mitte der 1820er Jahre selbst auch mechanische Webstühle ein.
1894 lehnten die Stimmberechtigten mit erdrückender Mehrheit (308 289 Nein : 75 880 Ja = 80 %) eine Volksinitiative für ein "Recht auf ausreichend lohnende Arbeit" ab. Die Initiative hatte eine Arbeitszeitverkürzung, Schutz gegen ungerechtfertigte Entlassungen und eine Arbeitslosenversicherung gefordert. Diese Postulate wurden im wesentlichen im 20. Jahrhundert nach und nach doch noch verwirklicht.
1818 entstand die erste Kranken- Invaliden und Sterbekasse (Versicherung) der Typographen im Kanton Aargau. Das Beispiel wurde 1819 in Zürich, 1824 in Bern, 1832 in St. Gallen aufgenommen.
Mit einem neuen Verfassungsartikel wurde 1890 die Einführung einer Unfall- und Krankenversicherung zur Bundesangelegenheit erklärt. Einzig das Wallis und Appenzell Innerrhoden lehnten die Vorlage ab. Die bestehenden Krankenkassen auf privater Basis wurden nicht in Frage gestellt, gedacht war vielmehr an ein Versicherungsobligatorium mit freier Wahl der Versicherungsgesellschaft. Das dazugehörige konkrete Gesetz wurde im Jahr 1900 abgelehnt, erst ein zweiter Anlauf 1912 brachte ein Versicherungsobligatorium für Arbeiter, Post- und Eisenbahnangestellte und Bundessubventionen für die privatrechtlich organisierten Kassen. Ein allgemeines Obligatorium wurde aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts eingeführt.
Die Schaffung einer allgemeinen, staatlichen Vorsorgeeinrichtung, die Behinderten, Alten, Witwen und Waisen ein minimales Einkommen garantieren sollte, war ein altes Anliegen der gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Bewegung. Nach vielen erfolglosen Anläufen konnte die AHV/IV erst 1948 eingeführt werden.
1858 wurde in Olten der Schweizerische Typographenbund von Meistern und Arbeitern als Berufsverband der Buchdrucker gegründet, doch 1861 wurde daraus durch den Austritt der Meister eine Gewerkschaft.
Das Wachstum der Dienstleistungsbranchen (Banken, Versicherungs - Gesellschaften und Handelsunternehmen) führte 1861 in Zürich zur Gründung des "Schweizerischen Kaufmännischen Vereins (KV)", der sich nicht als Gewerkschaft, sondern als Standesorganisation verstand. Der Verband engagierte sich unter anderem stark in der Berufsbildung, so in der Schweiz "s' KV mache" gleichbedeutend ist mit eine kaufmännische Ausbildung absolvieren.
1869 entstand der Verband von Handel und Industrie, 1879 der Gewerbeverband und 1908 der Zentralverband schweizerischer Arbeitgeberorganisationen.
1897 schlossen sich mehrere landwirtschaftliche Vereine zum Schweizerischen Bauernverband mit Sitz in Brugg AG zusammen.
In Genf wurde 1838 der Grütli - Verein als Bildungsverein für Handwerksgesellen und selbstständige Handwerker gegründet. Er wurde zum ersten überregionalen Bildungsverein der Schweiz und nahm ab 1880 auch Fabrikarbeiter als Mitglieder auf. Der Grütliverein betrachtete sich als Organisation für breite Bevölkerungskreise und distanzierte sich von der Idee des Klassenkampfes zwischen den Besitzenden und den Arbeitern, wie sie Karl Marx und Friedrich Engels formuliert hatten. 1845 wurde in Zürich der "Gegenseitige Hilfs- und Bildungsverein" für Arbeiter gegründet.
Die von Karl Marx 1864 in London begründete Erste Internationale fand in der Schweiz nur geringe Beachtung, bezeichnenderweise unter deutschsprachigen Arbeitern im französischsprachigen Genf.
1870 gründeten Arbeitervereine aus Zürich, Bern, Basel und Winterthur die erste Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP). Ursprünglich bestand die Absicht, Gewerkschaftsgenossenschaften zu bilden, in denen die Arbeiter die Herstellung und den Verkauf ihrer Produkte selbst organisieren würden. Die meisten dieser Genossenschaften hatten aber keinen Erfolg. 1880 kam es zu einer ebenso erfolglosen Neugründung in Zürich.
1873 schlossen sich die Schweizerischen Sektionen der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), der Gewerkschaften, der Arbeiterbildungsvereine und der Grütlivereine zum 'politisch neutralen' Arbeiterbund zusammen. Ihre Zeitung wurde die 1869 von Hermann Greulich (eines im Exil lebenden Deutschen) in Zürich begründete "Tagwacht". Schon 1880 löste sich der Arbeiterbund auf. An seine Stelle traten der Schweizerische Gewerkschaftsbund und eine neue Sozialdemokratische Partei mit der "Arbeiterstimme" als Zeitung.
1888 wurde auf Initiative von Albert Steck (Bern) ein dritter Anlauf zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) unternommen. Ihre Ziele waren nun die Verstaatlichung von Handel, Verkehrswesen, Landwirtschaft und Gewerbe und die 'soziale Demokratie': politische und ökonomische [wirtschaftliche] Volksherrschaft. Das Ziel sollte auf demokratischem Weg über die Gesetzgebung erreicht werden. 1901 wurde in Solothurn ein Zusammenschluss zwischen Grütliverein und SPS vereinbart.
1904 beschloss der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz ein neues, radikaleres Parteiprogramm, das sich an marxistische Begriffe und Gedankengut anlehnte. Insbesondere forderte die SPS die "Beseitigung jeder Klassenherrschaft und jeder Ausbeutung" und die Verstaatlichung der Produktionsmittel, zuerst beim Verkehr, im Handel und in der Industrie.
Die stark ländlich geprägte Kleinindustrie der Schweiz erschwerte im 19. Jahrhundert - anders als etwa in Grossbritannien mit grossen Industriegebieten - die Organisation der Arbeiter. Zudem waren (und sind bis heute) vor allem ausländische Arbeiter unterbezahlt. Wenn sie in den Streik traten, wurden meist viele aus der Schweiz ausgewiesen (so 1901 im Oberwallis, 1912 in Zürich) oder das Militär eingesetzt (1875 beim Bau des Gotthardtunnels, 1907 und 1912 in Zürich und 1918 beim Generalstreik).
Die erste konsumvereinähnliche Gründung der Schweiz war die Aktienbäckerei Schwanden (GL) 1839. Der vom britischen Sozialreformer Robert Owen 1844 angeregte Konsumverein von Rochdale (GB) beeinflusste mit seinen Grundsätzen der offenen Mitgliedschaft, der Rückvergütung im Verhältnis zu den Einkäfen und der genossenschaftlichen Fortbildung) auch die Schweiz. Sie wurden 1864 vom Schwandener Konsumverein übernommen. 1851 gründeten die Sozialisten Johann Jakob Treichler und Karl Bürkli den Zürcher Konsumverein, 1865 entstand der Allgemeine Consumverein Basel. Aus den Konsumvereinen entstand die bis heute formell als Genossenschaft organisierte und mit der Gewerkschaftsbewegung verbundene Coop - Gruppe (hinter der vom Unternehmer Gottlieb Duttweiler 1925 gegründeten, 1941 in eine Genossenschaft umgewandelten Migros die Nummer 2 im Schweizer Detailhandel, noch vor Denner, einer privatwirtschaftlichen Discountkette aus der Zeit der Hochkonjunktur um 1970).
In Paris entstanden schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts Warenhäuser, d.h. Geschäfte mit vergleichsweise grosser Verkaufsfläche und einem sehr breiten Sortiment, das mehrere Sparten abdeckt, z.B. Lebensmittel, Kleider, Schuhe, Lederwaren, Eisenwaren, Bastelbedarf, Elektroartikel, Papeterie usw. In der Schweiz mussten diese Waren bis Anfang der 1890'er Jahre bei verschiedenen spezialisierten Detailhändlern gekauft werden.
Im Bereich Industrie und Dienstleistungen gibt es wenige grosse Firmen in der Schweiz, die nicht im 19. Jahrhundert gegründet wurden. Im Detailhandel blieben die kleingewerblichen Strukturen dagegen - abgesehen von den Konsumgenossenschaften mit damals nicht sehr bedeutendem Marktanteil - wenig angefochten. Umso einschneidender fiel dann die Strukturbereinigung in den 1980-er und 90-er Jahren aus: Während im 2. Sektor [Herstellung von Waren] nach wie vor die KMU [kleinen und mittelgrossen Unternehmen] eine wichtige Rolle spielen, teilen im 3. Sektor [Handel und Dienstleistungen] einige wenige grosse Firmen den Markt weit gehend unter sich auf. Eine Ausnahme bilden lediglich Dienstleistungen mit sehr geringem Rationalisierungspotenzial (z.B. Coiffeure). Das geflügelte Wort "Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte" (M. Gorbatschow) könnte man darauf so anwenden: "Wer die Strukturen zu spät anpasst, den bestraft der Markt". Der 1. Sektor [Land- und Forstwirtschaft, Rohstoffe] hat mit der grossen Strukturbereinigung eben erst begonnen, und es sieht zur Zeit fast danach aus, dass sie noch einschneidender ausfallen wird als im Dienstleistungssektor.
Hatte die Schweiz 1798 noch rund 1,6 Millionen Einwohner gezählt (41 Ew. / km²), so wuchs diese bis zur ersten amtlichen Volkszählung von 1837 auf 2,2 Millionen (53 Ew. / km²) an. Es versteht sich von selbst, dass ein derart massives Bevölkerungswachstum um einen Drittel eine grosse wirtschaftliche Herausforderung darstellte, zumal die Rahmenbedingungen (politische Umwälzugen, europaweiter Krieg von 1798 - 1815 mit Handelshindernissen, extremes Klima 1812 - 1817) alles andere als günstig waren. Der Ausländeranteil betrug 1837 rund 2,5% (heute knapp 20%), umgekehrt waren etwa 35'000 Personen oder 1,5% der einheimischen Bevölkerung ausgewandert.
1840 trug der Export 16% zum Sozialprodukt von 1,3 Mia. Fr. bei, das war pro Kopf mehr als in Grossbritannien. Mit 73% aller Exporte dominiert die Textilindustrie, wobei mengenmässig die Baumwollwaren, wertmässig dagegen die Seidenwaren ins Gewicht fallen.
Ein Bundesgesetz von 1860 bildet die Grundlage für die seither alle 10 Jahre durchgeführten Volkszählungen. Die Schweiz zählte nun 2,51 Mio. Einwohner. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 0,76 Mio. im Jahr 1800 auf 1,08 Mio. im Jahr 1850 und 1,55 Mio. im Jahr 1900. Der Anteil der Land- und Forstwirtschaft sank in diesem Zeitraum von 66% (1800) auf 57% (1850) bzw. 31% (1900), während der Anteil des zweiten Sektors (Heimarbeit, Handwerk, Gewerbe, Fabriken) von 26% (1800) auf 33% (1850) bzw. 69% (1900) und derjenige des Dienstleistungssektors von 8% (1850) auf 10% (1850) stieg . Noch 1900 war die Heimindustrie mit 45% aller Beschäftigten beinahe doppelt so gewichtig wie die Fabrikarbeit mit 24%.
Die Bevölkerung wuchs zwischen 1870 und 1914 von 2,65 auf 3,9 Mio. Personen (1900: 3,3 Mio., 1910: 3,75 Mio.), ab 1890 wurde die Schweiz vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland. 1850 betrug der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung lediglich 3,0%, 1900 schon 11,6%, 1910 bereits knapp 15%, war allerdings sehr ungleich verteilt (1900: Genf 39,7%, Basel-Stadt 38,1%, Zürich dagegen "bloss" 16,2%; 1910 lebten 52% der Ausländer in den Städten und stellten dort 28% der Bevölkerung). Umgekehrt wohnten 1900 in Appenzell Innerrhoden noch 86% der Bevölkerung an ihrem Bürgerort, in Obwalden, Uri, Nidwalden und Glarus immerhin noch mehr als 60%, während dieser Anteil im Landesdurchschnitt von 64% (1850) auf 38,5% (1900) gesunken war. In den Städten lebten 1910 bereits knapp 26% der Bevölkerung, davon ein Drittel allein in den Grossstädten Zürich (190'733), Basel und Bern. Herkunft der Ausländer 1910:
|Deutschland||219'000||40 %||Österreich-Ungarn||39'000||7 %|
|Italien||202'900||37 %||Übriges Europa||22'300||4 %|
|Frankreich||63'700||11 %||Übrige Welt||4'600||1 %|
Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hielt die Textilindustrie noch 45% des Gesamtexportes vor der Maschinenindustrie und der Nahrungsmittelindustrie (je 15%), der Uhrenindustrie (13%) und der Chemie (5%). Trotz der grossen Exporte blieb die Handelsbilanz [Unterschied zwischen Ausfuhren und Einfuhren] chronisch defizitär. Grund dafür sind die hohe Bevölkerungsdichte (die Schweiz kann nicht genügend Nahrungsmittel produzieren) und der Mangel an Rohstoffen. Die Zahlungsbilanz [Unterschied zwischen Geldzufluss und Geldabfluss] wurde und wird unter diesen Umständen durch den Tourismus und vor allem durch die Finanzdienstleistungen "gerettet". 1860 waren 61% der Erwerbstätigen Lohnempfänger, 1910 bereits 73% (davon 46% in der Industrie und nur noch 4% in der Heimindustrie). 20% der Industriearbeiter sind in der Metall- und Maschinenindustrie beschäftigt.
Eine Fabrikzählung ergab für die Jahre 1888 und 1895 folgende Entwicklung:
|1882||1888||1895||Wachstum 1888-95|
|Anzahl Betriebe||3'776||4'994||24 %|
|Gesamtbevölkerung||3,11 Mio.|
|Fabrikarbeiter||160'531||200'199||20%|
|- in % der Bevölkerung||4,8 %||5,5 %||6,4 %|
|- Seidenindustrie||28'000|
|- Maschinenindustrie||25'000|
|- Motorenleistung||43'771 kW||60'015 kW||106'886 kW||43 %|
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Schweiz sowohl politisch wie auch wirtschaftlich in einem noch nie dagewesenen Tempo, das viele Zeitgenossen - und nicht zuletzt auch die vorhandenen politischen Strukturen - recht eigentlich überforderte. In dieser Zeit wurde die moderne Schweiz geschaffen - und ihre Institutionen wurden in 100 Jahren so grundlegend umgestaltet, dass sie kaum wieder zu erkennen waren.
Die Liste der Firmengründungen von 1800 - 1900 liest sich wie das "Who is who" der Firmen, die in der Schweizer Wirtschaft heute Rang und Namen haben, auch die Schweizer Wirtschaft veränderte sich im 19. Jahrhundert radikal und nachhaltig.
Verglichen damit nehmen sich die Veränderungen des 20. Jahrhunderts nicht derart einmalig und "umwerfend" aus, wie dies manchmal dargestellt wird, selbst wenn die Wachstumszahlen da und dort noch einmal einen neuen Rekord aufweisen. Dies mag für unsere Nachbarn wohl etwas übertrieben tönen - denn in ihren Ländern vollzogen sich die entscheidenden Schritte von der feudalen zur demokratischen Gesellschaftsordnung erst im 20. Jahrhundert, und sie waren in einem weit stärkeren Masse als die Schweiz vom Ersten und Zweiten Weltkrieg betroffen. Entscheidend für diese Einschätzung ist nicht so sehr das Tempo der Veränderungen, als vielmehr die Tatsache, dass wir heutigen Menschen mit einer dynamischen Welt gross geworden sind, in der Veränderungen nicht den Abschied von einer gottgewollten, gewissermassen "ewig gültigen" Weltordnung bedeuten, sondern selbst als positiver Wert wahrgenommen werden - bei allen, im Einzelfall manchmal wohl begründeten Zweifeln daran, ob diese oder jene Entwicklung wirklich Fort- oder nicht vielmehr Rückschritt bedeute.
|Kulturkampf, Direkte Demokratie||Verkehrsmittel|

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