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La guerre des langues est déclarée» titelte das einzige Westschweizer Nachrichtenmagazin Anfang Monat zur Schweizer Sprachensituation – die gleichen Worte, die der «Courrier International» vor zwei Jahren über einen Artikel zur Lage in der Ukraine schrieb. Auch wenn vieles an Titel und Artikel in Fortführung einer mediumtypischen Tradition etwas gar alarmistisch zugespitzt daherkommt, so ist ein aktuelles Unbehagen in der Romandie nicht zu übersehen.
Zurzeit ereignen sich zwar weniger grosse Paukenschläge wie vor allem zu Zeiten des Zürcher Erziehungsdirektors Ernst Buschor, der – vor allem aufgrund einer deklarierten Wirtschafts- und Bürgernähe – 1998 Englisch zur ersten Fremdsprache beförderte und Französisch in den zweiten Rang relegierte. Dass dieser und die analogen Entscheide in weiteren Deutschschweizer Kantonen darüber hinaus im langen Nachhall etwa der EWR-Abstimmung oder des weitgehenden Rückzugs der Swissair aus Genf getroffen wurde, trug zur nachhaltigen Sensibilisierung für das Verhältnis der Sprachgruppen in der Romandie bei.
Vielmehr sind es heute langfristige Entwicklungen und die Häufung von kleineren Kränkungen in der Deutschschweiz, welche Redaktionen in der Romandie als Kriegserklärung wahrnehmen und/oder darstellen. Da sind etwa die Forderungen nach Abschaffung der zweiten Fremdsprache (vorerst) auf Primarstufe oder dem ausschliesslichen Gebrauch des Schweizerdeutschen im Kindergarten oder auch der Entscheid von Nidau, das im Rahmen von Sparmassnahmen die Kosten für den Transport seiner frankofonen Schüler in die weiter entfernten Bieler Schulen nicht übernehmen will.
All dies und weitere Ereignisse auf kantonaler und kommunaler Ebene können in dieser Optik als logische Fortsetzung der in Zürich eingeleiteten Bevorzugung des Englischen und dem nach Kräften nachgeholfenen Bedeutungsverlusts des Französischen gedeutet werden. Mit Ausnahmen steht zwar keine explizit frankophobe Motivation hinter der Entwicklung. Die zusammengewürfelte Argumentation aus vermeintlich zwingenden Erfordernissen der Wirtschaft beziehungsweise der globalisierten Welt von heute, identitärer Selbstbehauptung, pädagogischen Versatzstücken und individuellen Traumatisierungen aus der Schulzeit deutet aber auf eine zumindest ausbaufähige Wahrnehmung von Westschweizer Befindlichkeiten hin. Sprachpolitik und der Umgang mit den anderen Landessprachen sind letztlich auch Ausdruck von Machtausübung und Erleben von Ohnmacht. Erfahrungsgemäss sind diejenigen mit weniger Macht ausgestatteten Gruppen gegenüber Entscheiden, die ihre Sprache mitbetreffen, sensibler als diejenigen, die unter Versicherung freundeidgenössischer Verbundenheit die unausweichliche Notwendigkeit und der Alternativlosigkeit ihrer Entscheide hervorheben.
Das alles wischt natürlich nicht weg, dass Englisch heute weitgehend unverzichtbar geworden ist und die Kantone östlich der Reuss zu einem Fremdsprachenunterricht ausschliesslich in Englisch tendieren. Umso wichtiger erscheinen in diesem Kontext Initiativen wie diejenige des hiesigen Barden Gustav, der in musikalische Form verpackte Französischlektionen für deutschsprachige Schulen unter anderen im Kanton Bern anbietet.
Boris Boller ist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert zurzeit praktisch täglich die Sprachgrenze, um zur Arbeit zu fahren. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.
«Sprachpolitik ist letztlich auch Ausdruck von Machtausübung.»