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Am 26. März 1811 sprang Henry Fuseli, Professor für Malerei und Keeper der Royal Academy in London, von der Tafel auf, an der er mit dem Prince of Wales, dem späteren Georg IV., dinierte, und stürzte wutschnaubend aus dem Saal. Der wahrscheinliche Grund des skandalösen Verhaltens: ein Gast am Tisch hatte sich abschätzig über sein grosses Idol Michelangelo geäussert. Der Eklat war kein Einzelfall. Der Maler war empfindsam, aber auch empfindlich, sobald jemand sein Denken und schöpferisches Tun in Frage stellte. Selbst Freunde sprachen davon, dass sein unkonventionelles Auftreten krankhaft sei. Schnell war das Etikett «the wild Swiss» für den Künstler gefunden, der 1741 als Johann Heinrich Füssli, Sohn einer Zürcher Künstlerfamilie, geboren worden war. Schon Zeitgenossen sahen eine enge Verbindung zwischen dem Menschen Füssli und seiner düsteren und aufgeregten Bilderwelt, die dem Schauerlichen, dem «gothic horror», zugerechnet wurde. Sie glaubten, solch abstruse Figuren könne nur ein exaltierter Geist ersinnen. Dies wiederum entsprach in der damaligen Zeit der Vorstellung eines Originalgenies. Es scheint, dass der Maler eine psychische Veranlagung zur Imagepflege ausnützte; denn er musste sich auf dem Kunstmarkt behaupten – dabei halfen schon damals ein absonderliches Verhalten und überraschende Bild-Erfindungen.
Die wilde Seite des Schaffens dieses vielgesichtigen Künstlers wird in der gegenwärtigen Präsentation im Kunsthaus Zürich – mit über fünfzig Gemälden und vielen Zeichnungen recht umfassend – in den Vordergrund gerückt. Urschlangen, Kobolde und geharnischte Krieger bevölkern die Leinwände. Sie sind vornehmlich den Dichtungen Shakespeares und Miltons entnommen, aber auch Zeitgenossen wie Cowper, Wieland oder De la Motte-Fouqué lieferten literarische Vorlagen zu einzelnen Gemälden und Zeichnungen oder ganzen Werkgruppen. Füssli illustrierte die Literatur nicht einfach, sondern dichtete sie in seinem Medium weiter, komprimierte ihre Essenz in eine einzige Figurendisposition. Die Geisterschar des «Sommernachtstraums» verliert bei diesem Künstler ihre Harmlosigkeit, sie wird unheimlich und phantastisch wie in der Volksüberlieferung. Für eine solche Übersetzertätigkeit war Füssli, in Zürich zum Pfarrer ausgebildet, in besonderem Masse prädestiniert. Er las die jeweilige Dichtung, etwa den geliebten Homer, in der Originalsprache und interpretierte sie eigenständig – nicht die Handlung war für ihn wichtig, sondern weit mehr die tiefere Bedeutung. In manchen Fällen entsprangen die Gestalten auch ganz seiner eigenen Imagination, so im Fall seines grössten und nachhaltigsten Erfolgs von 1782, «Der Nachtmahr». Angespannt und gleichzeitig hingegossen liegt die vom Albtraum oder Lusttraum gequälte Schläferin da, gleich einer aufsteigenden und in sich zusammensinkenden Welle – eine frühe Schwester der Hysterikerinnen. Ihre aufgewühlte Seele hat Phantasiegebilde herbeigelockt, ein geisterhaftes Pferd und einen affenähnlichen Inkubus, der auf der Brust der Frau hockt. Sie sind weniger Traumvision als Symbol für die Gefühle, die, während des Schlafs der Vernunft, aus dem Unbewussten aufsteigen. Letztlich versuchte der Künstler, sich Zeit seines Lebens dem unsichtbaren Reich des Traums und dem Urgrund der Gefühle zu nähern.
Es ist verständlich, dass im letzten Jahrhundert die Surrealisten Füssli – im Verein mit Blake, Goya und anderen Zeitgenossen – für sich wiederentdeckten. In der streng monographischen Ausstellung werden kunsthistorische und kulturelle Bezüge irgendwelcher Art jedoch vermieden. Die Folge ist, dass Füssli als Sonderling wirkt und sich der unvorbereitete Betrachter an die zwielichtige Welt erst gewöhnen muss. Eine geschickte thematische Gruppierung, bei der auch die Motive zeitgenössischer Mode und Erotik nicht zu kurz kommen, erleichtert allerdings die Orientierung. Auch war es sinnvoll, der Ausstellung einen chronologischen Abriss voranzustellen. Füssli probierte in den ersten drei Jahrzehnten seines Schaffens verschiedene Stile und Idiome aus. Besonders die Jahre in Rom von 1770 bis 1778 und der Umgang mit den Originalen der Antike und Michelangelos waren prägend. In den folgenden mehr als vierzig Jahren seines langen und fruchtbaren Künstlerlebens – er starb 1825 – orientierte er seine eigenen Ausdrucksweisen an den Anforderungen des jeweils behandelten Themas. Dabei fand er aber selbst in den Sterbebettszenen nicht zur Gelassenheit des strengen Klassizismus und blieb mit seiner latenten Aufgeregtheit, die sich vor allem in markanten Helldunkelkontrasten ausdrückt, seinen Anfängen im Sturm und Drang und in der Frühromantik treu. Diese Einsicht wird durch die Ausstellung gefördert. Was jedoch manchmal in den Hintergrund gerät, ist die Tatsache, dass Füssli jeder Form des Okkultismus und des Geisterglaubens abhold war. Er fasste seine Geistererscheinungen als Allegorien auf, als Verkörperungen der unsichtbaren Kräfte in der Natur und im Innern des Menschen. Es sind die Dämonen der eigenen Lüste und Ängste. Das Bild «Traum des Schäfers» (1793) zeigt die Überfülle widerstreitender Empfindungen in der Form lasziver, drolliger, aber auch abscheulicher Gestalten. Sie können die Integrität einer Person gefährden, sie in Verzweiflung und Wahnsinn stürzen. Bei schöpferischen Menschen sind die Traumgesichte – nach der Überzeugung des Künstlers – auch Anlass zur Befreiung aus den Kerkern der einengenden Identität oder beschränkten Imagination. Gerade die psychischen Kräfte, die uns über die alltäglichen Lebenszusammenhänge erheben, die Kräfte sind janusköpfig. Sie sind Ursache für den Untergang eines Menschen, zugleich aber auch für seine Erfüllung. Sie zu vermeiden, bedeutet ewiges Siechtum. Füsslis Helden lassen sich auf das Wagnis der Selbstreflexion ein.
Der Künstler Füssli bildet Augenblicke der Erleuchtung oder Heimsuchung ab, in denen Menschen durch plötzliche Einsicht zum Wandel veranlasst werden. Er selbst hofft, trotz seiner pessimistischen Grundhaltung, durch seine Kunst solche Augenblicke zu provozieren. Und wirklich kann der Besuch dieser Ausstellung – so man sie nicht als Geisterbahn versteht – zu einem Gang durch verschattete Gebiete des eigenen Innern werden.
Die Ausstellung «Füssli – The Wild Swiss» ist noch bis 8. Januar 2006 im Kunsthaus Zürich zu sehen. Vom 15. Februar bis 1. Mai 2006 wird die Ausstellung unter dem Titel «Gothic Nightmares: Fuseli, Blake and the Romantic Imagination» in London (Tate Britain) gezeigt.
Matthias Vogel, geboren 1955, arbeitet als Ausstellungskurator, Kunstkritiker und Dozent in Basel und Zürich.