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“Das Unbewusste kehrt wieder im Aussen, im Andern, im Beobachteten” Zu Livio Piatti’s “Schtetl Zürich. Von orthoxen jüdischen Nachbarn.” und David Signer, “Fernsteuerung. Kulturrassismus und unbewusste Abhängigkeiten.”
“Das Unbewusste kehrt wieder im Aussen, im Andern, im Beobachteten”
Zu Livio Piatti’s “Schtetl Zürich. Von orthoxen jüdischen Nachbarn.” Offizin Verlag, Zürich 1997
und David Signer, “Fernsteuerung. Kulturrassismus und unbewusste Abhängigkeiten.” Passagen Verlag, Wien 1997
Zwei Bücher, vorgestellt von Maja Wicki
David Signers Buch kreist um das Unbewusste, sprachsicher, präzise und zugleich tänzerisch leicht, spiegelschriftlich und eigenwillig dem vielfach bekannten und repetitven Doktrinären gegnüber, das in der Nachfolge Freuds entstanden ist. Psychoanalyse und Ethnographie bauen sich um das zentrale Phaenomen der Übertragung und Gegenübertragung auf, das als Wirkung des Unbewussten, Unbekannten, Unerwünschten, eigenen Fremden des einen Menschen auf das Unbewusste, Unbekannte und je eigene Fremde eines anderen Menschen erkennbar wird, indem emotionale, bedeutungsbeladene Zuschreibungen erfolgen, die wiederum ein bestimmtes Verhalten oder Handeln auslösen. Das was in den privaten und in den gesellschaftlichen Zusammenhängen geschieht, wirkt immer ausschliesslich über die Bedeutungen, die diesem durch die Akteure, zum Teil von deren Unbewusstem her, mitgegeben werden und die durch die Empfänger/Empfängerinnen, resp. die Opfer erfahren und wiederum durch deren Unbewusstes internalisiert werden. Es geht um die Übernahme von etwas Äusserlichem ins Innere, wa sich wiederum in etwas Äusserlichem zeigt. Das Unbewusste und dessen Wirkungen lässt sich nur aus den Beziehungen heraus verstehen, in denen Menschen seit der frühesten Kindheit und während des ganzen Lebens Bedeutungen erfahren, ob es sich um die Beziehung zwischen Mutter / Vater und Kind handle, um die Beziehung von Einheimischen “Fremden” gegenüber (resp. Einzelnen, selbst Gruppen gegenüber, die zu Fremden, gemacht werden, ein mit der Konstruktion von “Hexen” vergleichbares Phaenomen), um die Beziehungen zwischen Gruppen in einem bestimmten Land (z.B. dem ehemaligen Jugoslawien), um die Beziehung zwischen der Analytikerin und dem Patienten etc. In diesem Beziehungs- und Übertragunsgeschehen spielt die Sprache und die Bedeutung der Wörter wiederum eine entscheidende Rolle.
In vier unterschiedlich langen Abschnitten seines jüngsten Buches befasst sich der Zürcher Ethnopsychoanalytiker mit den wichtigsten Aspekten und Wirkungen des Unbewussten auseinander. In einem ersten Teil setzt er sich dabei mit Freud selber, aber auch mit der neueren Literatur (Devereux, Lacan, Deleuze, Guattari, Foucalt, Lyotard etc.) auseinander, in einer gekonnten und kompetenten Analyse des Anspruchs und der Möglichkeiten von Psychoanalyse. Der zweite Teil ist einer – sehr lesenswerten – psychoanalytischen Aufarbeitung des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien gewidmet und der dritte Teil den vielfältigen Zusammenhängen des Kulturrassismus und der projektiven Identifizierung.Der von Signer als “Anhang” bezeichnete vierte Teil ist eine Art fiktionaler Übersetzung, resp. eine spannende literarische Anwendung der in den drei ersten Teilen entwickelten Hypothesen und Theorien – ein in dieser Mischung überaus gelungenes und ertragreiches Buch, für “Anfängerinnen” im Entziffern des Unbewussten ebenso wie für “Fachleute”, da in diesem Bereich, dem Bereich der geheimnisvollen Übertragungen, niemand je ausgelernt haben kann.
David Signer. Fernsteuerung. Kulturrassismus und unbewusste Abhängigkeiten. Passagen Verlag, Wien 1997. (Im gleichen Verlag von David Signer: Konstruktionen des Unbewussten. Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht). 301 Seiten, Fr. 68.-
Die “Fremden” in der eigenen Stadt
Mitten in einer durch Arbeitsstress, Verkehrshektik und wechselnde modische Trends gekennzeichenten säkularen Welt, wie Zürich sie darstellt, leben Menschen, die sich der mit der Moderne angebotenen und zugleich auferlegten Ununterscheidbarkeit entziehen, Kinder Frauen und Männer, welche die seit Jahrhunderten überlieferten religiösen und lebenspraktischen Gebote und Bräuche weiterhin pflegen. Dadurch werden sie, deren Vorfahren in der Mehrzahl zwischen 1885 und 1905, dann zwischen 1905 und 1918 aus Osteuropa vor den dort wütenden Pogromen und Diskriminierungen geflohen und hier eingewandert sind, als Juden erkennbar. Von den rund 25’000 in der ganzen Schweiz lebenden Jüdinnen und Juden haben höchstens circa 1500 ihre orthodoxes Erscheinungsbild gewahrt, eine Art feierlicher Unzeitgemässheit, mit der auch das – nicht in Erscheinung tretende – gesetzestreue Leben symbolisiert wird. In Zürich findet sich eine besonders kohärente und aktive grosse Gemeinde von “Frommen”, vor allem in den Stadtkreisen Wiedikon und Enge, in gut erreichbarer Nähe zu Synagogen resp. Bethäusern, Schulen, koscheren Bäckkereien und anderen Geschäften. Ob die Bezeichnung “Schtetl” dafür zutrifft, möchte ich bezweifeln, höchstens als – vielleicht liebevolle – Metapher. Was die Enge und Armut der russischen, polnischen, rumänischen und weiteren osteuropäischen “Schtetls” an Leiden und an unausweichlicher, zum Teil auch tröstlicher Zusammengehörigkeit bedeutete, wissen wir nur noch aus der Literatur; von den Lebensbedingungen im heutigen Zürich sind sie jedoch weit entfernt.
Dem Fotografen Livio Piatti ist es gelungen, ohne Voyeurismus die “Fremden” in seiner Nachbarschaft in einer sorgfältigen Dokumentation ihrer Normalität – Familienleben, Feste im Jahresrhythmus, Beten, Lehren und Lernen, Geburt, Kindheit und Schule, Erwachsenwerden und Hochzeit, Geschäfte, Freundschaft, Zusammenleben zwischen den Generationen – im Bild und in Gesprächen vorzustellen, in der Absicht zu verstehen zu versuchen und auf diese Weise auch verständlich zu machen, dass eben das “Fremde” nur im auge des nicht verstehenden Betrachters liegt. Die dem Bildband eingefügten Texte von – der Reihe nach – Ralph Weingarten, Felix Rom, Michel Bollag, Berthold Rothschild, Elisabeth Weingarten-Guggenheim, Raphael Pifko und Moshe Michael Glass, sind eigenständige Essays über historische und politisch-rechtliche Aspekte der jüdischen Diaspora in der Schweiz, über das Leben im Glauben, über die verbindende Menschlichkeit in den Paria-Völkern, über die Rolle und das Bild der Frau im Judentum, über die Bedeutung des Lernen, über die Verbindung von Religion, Kultur- und Geschäftsleben – kluge und wissensreiche Ergänzungen zu den Bildaussagen, verfasst von jüdischen Wissenschaftern/Wissenschafterinnen aus verschiedenen Bereichen, von “Eingeweihten” für nicht-jüdische (und jüdische) Wissenshungrige.
Livio Piatti. Schtetl Zürich. Von orthoxen jüdischen Nachbarn. Offizin Verlag, Zürich 1997. 175 Seiten, Fr. 78.-