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Eine Reservation annullieren? Online Produkte einkaufen, die nicht im eigenen Land hergestellt wurden? Eine neue Reform kritisch hinterfragen? Alles Dinge, die ich bis anhin als «normal» einstufte, ohne mir weitere Gedanken dazu zu machen– bis ein Aufenthalt in Shanghai mir die Augen öffnete.
Bis ich selbst nach China reiste, dachte, oder besser hoffte ich, dass «der Gläserne Bürger» im schlimmsten Fall eine überspitzte Darstellung der Medien ist. So weit so falsch. Bereits nach 200 Metern auf der Autobahn fielen mir digitale Anzeigen auf, die Name und Autonummer von Personen anprangerten, die zu schnell fuhren. «Social Blaming» nenne sich dies, meinte meine Kollegin, die bereits seit mehreren Monaten im Reich der Mitte lebt. Dies sei eine erste sichtbare Auswirkung des Social Credit Systems, welches bis 2020 in ganz China eingeführt werden soll.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir immer eingeredet, dass ein solches System nie Realität wird. Vor einiger Zeit habe ich mir nämlich die Black Mirror Folge «Nosedive» angeschaut und war beängstigt. Irgendwie hat mich der Plot bereits damals ein wenig an das erinnert, was ich zu Sesame Credit in China gelesen hatte. Jedoch waren die Informationen, vor allem in der Schweiz, noch sehr spärlich. Nun also doch, das Szenario aus Black Mirror soll in China Realität werden.
Läufst du über rot, kannst du eventuell deinen Job verlieren
In enger Zusammenarbeit mit der Regierung entwickelt die Ant Financial Services Group, eine Tochtergesellschaft des chinesischen Internetgiganten Alibaba, «Sesame Credit». Ein Social Credit System, welches der Regierung helfen soll, alle Bürger zu bewerten und einzustufen. Im Gegensatz zu anderen Rating- Systemen, wie beispielsweise in den USA, wird hier nicht nur die Kreditwürdigkeit bewertet, sondern das gesamte Verhalten einer Person. Die Basis dafür bietet das Online-Verhalten beziehungsweise alle Daten, die online gesammelt werden können. Es werden unter anderem das online Kaufverhalten sowie (politische) Äusserungen auf Social Media analysiert. Kauft man beispielsweise Kleider, die in Japan hergestellt wurden, wird man schlechter bewertet, als beim Kauf von inländischen Produkten, da man ja damit schliesslich die chinesische Wirtschaft ankurbelt.
Zurzeit wird das System in diversen, eher patriotisch gesinnten Städten, wie beispielsweise Suzhou, getestet. Momentan ist die Teilnahme am Programm noch freiwillig, ab 2020 solle es dann aber für alle Chinesen Pflicht sein. Glaubt man den bisherigen Erkenntnissen, sollen alle Bürger nach Vertrauenswürdigkeit eingestuft werden und jegliches Abweichen von sozialen und moralischen Normen direkt bestraft.
Doch wie soll das funktionieren?
Bei Einführung des Systems, erhält jeder Bürger 100 Punkte, die direkt mit der Identitätskarte oder einem Social Media Profil verbunden sind. Danach gilt es Punkte zu sammeln und möglichst keine zu verlieren.
Bonuspunkte gibt es unter anderem, wenn man den Abfall recycelt, Blut spendet, Freiwilligenarbeit leistet oder sich auf Social Media positiv zur Regierung sowie zum Land äussert. Für diese Bemühungen soll man unter anderem Fitnesscentren umsonst nutzen dürfen, sowie von günstigeren Tarifen im öffentlichen Verkehr und kürzeren Warteschlangen in Spitälern profitieren.
Punkteabzug gibt es hingegen, wenn man bei Rot über die Strasse läuft, eine Reservation storniert, sich negativ übers Land oder die Regierung äussert oder sogar, wenn man mit Personen befreundet ist, die ein schlechtes Ranking haben. Man soll dafür mit Reiseeinschränkungen, langsamerem Internet oder beschränktem Zugang zu Restaurants bestraft werden. Auch könne es sein, dass Personen mit schlechten Ratings die Arbeit gekündigt wird, sie nicht mehr in gewissen Gebieten wohnen dürfen oder ihre Kinder keine Möglichkeit haben, eine angesehene Schule zu besuchen.
Nicht bekannt ist momentan, wo die kritische Grenze liegen wird und ob die angedrohten Sanktionen dann auch wirklich so umgesetzt werden können. Was man aber sehr wohl weiss, ist, dass Bewertungen öffentlich sind. Nach meinem Verständnis also, der Inbegriff eines gläsernen Bürgers. Erinnert mich irgendwie an den Turnunterricht früher, wenn Gruppen gewählt werden durften. Wer wollte da schon die Schwachen zuerst in der Gruppe haben? Analog fragt man sich dann wohl, wer will noch etwas mit schlecht bewerteten Leuten zu tun haben? Werden diese aus der Gesellschaft verstossen? Werden alle Leute sich so anpassen, dass ihre Bewertung immer im positiven bleibt?
Ohne Zweifel, ein solches System ist eine günstige Art Leute zu erziehen. Hohe Gefängniskosten können beispielsweise gemindert und Proteste gegen die Regierung unterdrückt werden – doch ist das wirklich die Zukunft?
Persönlich hoffe ich ja noch immer, dass ich da etwas falsch verstanden habe – was aber wenn nicht? Wie werden sich Schweizer Unternehmen, die in China tätig sind anpassen müssen? Müssen wir persönlich auch Angst haben vor einer solchen Überwachung? Droht uns hier im Westen ein ähnliches System?
Ich würde mich freuen, diese sowie weitere Fragen mit euch am 15. Mai 2018 im Rahmen des Diginiect Events zu diskutieren. Ein gratis Ticket erhältst du hier.
Quellen: