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Das Alter
Weggeschrumpften Möglichkeiten
Sie liegt am Strand von Anzio, ihr Haut schwarzbraun gegerbt, das Haar
zu stumpfem Gelb gebleicht, über den Augen dunkle UV-Schutzgläser.
Sie ist mager. Abends stellt sie sich wohl vor den Spiegel, bemerkt, wie
die Haut dunkler wird. Sie ist nicht mehr jung. Wenn sie im Wasser steht,
fallen Haut und Fleisch nach unten.
Wozu sonnt sich die Frau am Strand von Anzio? Nimmt sie noch immer an
diesem geheimen Sonnenbräune-Wettbewerb teil, den sie schon vor Wochen
gewonnen haben muss, und der als Sieg nutzlos bleibt, weil sie längst
faltig ist und verschrumpelt?
Es ist August, Ferragosto, und sehr heiss. Der Weg zum Meer ist einer
über brennenden Sand. Ich liege im Schatten. Anti-Aging-Cream steht
auf der Tube, nach der ich immer wieder greife.
Vor mir sitzen junge Frauen auf ihren Liegestühlen. Sie tragen hellblaue
und gelbe Bikinis. Ihre Haut ist braun und sehr glatt. Ihr Haar glänzt.
La bellezza, danke ich und, dass meine Zeit auf jene der sonnenverbrannten
Frau zugeht und auf jene der Matronen, die mit mir im Schatten sitzen,
neben sich Taschen mit Plastikdosen für die Verpflegung der Familie
mit Pasta-Salat, Mortadella, Salami. Ich mag die Matronen. Sie sitzen
am frühen Abend in der Bar an der Via dei Falisci. Sie zeigen sich
ihre Einkäufe. Wenn ein kleines Mädchen mit seiner Mutter ankommt,
rufen sie: brava. Sie trinken ihren Apéro, reden, haben den Mund
rot geschminkt, tragen grosse, golden schimmernde Schmuckstücke.
Ihr Busen ist mächtig.
Auch mit meinem Sonnenschutzfaktor bleibt die andere Frau, die Verbrannte,
die Frau, die ich werden könnte. Am Ende wird meine Haut in Falten
an mir hängen. Alles andere hat das Leben weggeschrumpft.
Alte Lebensentwürfe
Andere Lebensentwürfe sind längst verloren. Einmal wollte ich
eine grossartige Sportlerin werden, einmal wollte ich als ein Mädchen
wie eine Junge Heldentaten vollbringen, einmal wollte ich Physik studieren,
einmal wollte ich eine Clownin sein und einmal auf den Kilimandscharo
steigen. Die Tagträume waren voll von langen Wegen durch den Schnee
und über den Fels, von Zirkusmanegen, von Formeln für das Gestirn
über uns, von Saltis und Überschlägen, von Slalomfahrten,
von Zieleinläufen, von diesem Gefühl, mit einem Mal mühelos
und schneller denn je durch das Wasser zu gleiten.
Die Bilder sind längst lachhaft geworden. Wenn Wettbewerbsunterlagen
für junge Kunst oder Literatur ankommt, sind die an andere weitergegeben.
Die Schaukel, die aufsteigt und längst zurückschwingt
Ich zähle die Jahre ab. Ich lese die Zahlen durchschnittlicher Lebenserwartungen
und rechne meine verbleibenden Jahre aus. Es könnten noch Jahrzehnte
verbleiben. Ich erinnere mich, dass ich nie hatte alt werden wollen. Ich
erinnere mich, dass ich einmal dachte, mit 24 Jahren sei die Welt um mich
herum und in mir eine einzige klare Ordnung. Ich denke daran, wie ich
mit 30 Jahren Ingeborg Bachmanns Dreissigstes Jahr las. Seither suche
ich nach dem einen grauen Haar, seither schwingt das Leben als Schaukel
zurück, während es in mir keinen andern Weg kennt, als den hinauf.
Die schöne Ordnung hat sich noch nicht eingestellt. Dabei bröckle
und brösle ich vor mich hin. Nachts im Bett, sitze ich mit der Lesebrille
über meinen Büchern, verwandle mich langsam in diesen Grossmutter-Wolf
aus dem Rotkäppchen.
Immer wieder lese ich von diesen alten, verstaubten Achtundsechzigern,
und es ist mir widerwärtig zum Vergangenen zu zählen. Dabei
sitzt da längst die Liste derer im Kopf, die die eigene Jugend begleitet
haben: Adorno, Warhol, Beuys, Max Frisch, Niklaus Meienberg
Die
Aufzählung der Toten wird endlos, und zugleich schaue ich hinaus,
in diese Welt. Wie wunderbar glänzt das Meer in der Sonne, liegen
da diese Hügel, winken die Bäume. Fortwährend wollte ich
das sehen, fortwährend festhalten, mich immer und immer wieder erinnern.
War da nicht dieser Duft der Erde im Herbst, die Farbe des Himmels nach
dem ersten Augustregen? Schauen, als ginge es darum, sich die ganze Welt
und jede ihrer Sekunden einzuprägen. Demnächst beginne ich,
alles pedantisch aufzuzählen, jeden Klang, jedes Geräusch, jede
Farbnuance, jeden Windstoss, jede Form und ihren Schatten
Vergänglichkeit und lange Zeit
Ich werde alt. Das Alter sammelt die Reststücke ein. Das Alter hält
alles fest. Es ist der nutzlose Versuch, die Furien des Verschwindens
zu besänftigen.
An der Porta Tiburtina, in Rom, ruft mir der Junge, der mit Autoscheibenputzen
Geld zu verdienen sucht, zu, dass ich ihm doch das Monopattino, dieses
kindertümliche Trottinett, schenken solle, ich sei doch zu gross.
Ich bin nicht zu gross. Ich bin zu alt. Und der Junge bekommt einen Euro
für seine Freundlichkeit. Er lacht, und ich sehe seinen Silberzahn.
Ich lache zurück, rolle weiter über das Pflaster hinweg, in
der Tasche das Notwendigste: Notizbuch, Stift, etwas Geld, eine Badehose,
ein Buch. Es sind die Dinge, mit denen ein junger Mensch auskommt. Es
sind die Dinge einer schwerelosen Nutzlosigkeit. Irgendwann wird daraus
etwas entstehen. Es gibt die lange Zeit, in der eine Geschichte wächst,
ein Bild, ein Gedanke. Es gelingt nicht, sorglos daran zu denken, dass
diese Möglichkeiten demnächst vertan sind. Mein Lachen über
die Anti-Aging-Aufschrift auf meiner Sonnencreme klingt nicht besonders
fröhlich.