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Trotz mehr als 60 Jahren gemeinsamer Arbeit, u.a. bei der „Compagnie Flamencos en route“, existieren kaum Publikationen oder Studien zu Antonio Robledo und Susana Audeoud. Robledos unbekannte Manuskripte umfassen beinahe alle bekannten Varianten des Tanzes und Gesangs in allen möglichen Besetzungen und Instrumentarien auf dem Gebiete des Flamencos. Biografisch ist er schwierig einzuordnen: 1922 als Armin Janssen in Deutschland geboren, lebte er seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu seinem Tod 2014 als Pianist in der Schweiz, taucht aber dazwischen als Komponist Antonio Robledo im In- und Ausland auf. Die methodische Rekonstruktion seines Lebenslaufes beinhaltet die Provenienz und Datierung der Quellen, Transkriptionen von Bezeugungen, die Aufspürung der Identitätsdichotomie sowie die Einordnung und Klassifizierung seiner bis jetzt fast unbekannten Werke. Das Universum von Robledo lässt sich aber ohne die Schlüsselfigur Susana Audeoud nicht verstehen.
Die Tänzerin und Choreografin Susana Audeoud entpuppt sich als schöpferischer Motor in der gemeinsamen Musik-Theater-Tanzproduktion und bildet ein neues Kapitel der Recherche. Auf der Bühne entfaltet sich pionierartig ab 1948 die choreographische Arbeit von Susana mit José de Udaeta als Tanzpartner und Robledo als Komponisten: Sie konzipieren Thematik und Handlung für die spanisch inspirierten Ballette, entwickeln dramaturgische Übergänge zwischen Tanzszenen, entwerfen eigene Szenarien (Kostüme und Bühnenbild) und schaffen eine stilisierte Tanzsprache mit Elementen des klassischen und des Ausdruckstanzes. Damit etablierten sie in der Schweiz und Europa einen eigenen Hybrid auf der Bühne, der künstlerisch sowie pädagogisch während fünf Dekaden erfolgreich wirkte. Die genaue Analyse dieses bühnentauglichen Produktes wird in der Dissertation untersucht. Ob die schweizerischen Kultureinflüsse Teil dieser Synthese sind, wird vor dem Hintergrund der Ausbildung unserer Hauptfiguren im In- und Ausland diskutiert. Auf der Suche nach möglichem Stilaustausch und Paralellen mit zeitgenösischen Tanzkompagnien werden die internationalen Auftritte und Kontakte chronologisch eingeordnet und verglichen. Auch die Beziehungen mit Künstlern wie Frank und Teresa Martin, Heinz Holliger, Enrique Morente oder Carmen Linares eröffnen neue Perspektiven und bereichern die Resultate.
Auf der Grundlage von gesammelten Materialien kristalisieren sich folgende Fragen heraus:
-Flamenco, als Tanz und Stil, ist nicht als geradlinige und unveränderte Kunst zu betrachten, sondern als Projektion des politischen und kulturellen Kontextes zu verstehen. Diesen Kontext zu analysieren, ist ein wichtiger Teil meiner Forschungsarbeit. Während der Zeitspanne der Tätigkeit beider Künstler (zirka 1940 bis 2000) hat sich der Flamenco verändert. Er oszillierte zwischen Authentizität und Farse sowie zwischen missbrauchtem Symbol der Diktatur (wichtigstes Element der spanischen Aussenpolitik) und der verbotenen Stimme des Volkes. Die Rezeption des Flamencos als Exportprodukt spielte national, aber auch in internationalen Beziehungen eine wichtige Rolle.
-Zu den Verdiensten Antonio Robledos und Susana Audeouds gehören die Einführung und Konsolidierung des Flamencos in der Schweiz. Weniger bekannt ist ihr massgeblicher Beitrag an der Ausbreitung und Globalisierung des Flamencos. Ob sie absichtlich neue Wege auf der Bühne einschlagen wollten oder sich ihre Arbeit erst später als singuläres Erzeugnis erwies, ist eine offene Frage.
-Während der Laufbahn unserer Protagonisten wurden ihre pädagogische Aktivitäten zunehmend wichtig. Die Vermittlungsfunktion beeinflusste den Weg jüngerer Tänzerinnen und Choreografinnen in der Schweiz und trug zur Emanzipierung einer neuen Frauengeneration bei. Wer sind diese Frauen? Existieren Beziehungen zwischen ihrer Kunst und jener von Susana und Antonio?
-In Zusammenhang mit der pädagogischen Tätigkeit ist folgendes anzumerken: im Verlauf des 20. Jahrhunderts vollzieht sich eine Professionalisierung in der tänzerischen Ausbildung. Um 1950 waren nur wenige Flamencotänzer professionell tätig. In der Schweiz profitierten ambitionierte Amateure von Susanas und Antonios Pionierarbeit und entwickelten einen neuen Berufsstand.