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Soziodemografie
Originalversion in französischer Sprache
Die Soziodemografie setzt sich zum Ziel, die sozialen Ursachen und Folgen demografischer Phänomene (Geburten, Sterbefälle, Migration) zu erklären, wobei sie sich auf gesellschaftstheoretische Ansätze stützt und vorwiegend quantitative (zumeist amtliche Daten und Erhebungsdaten), in geringerem Mass auch qualitative Daten verwendet. Die Soziodemografie unterscheidet sich dabei von der formellen Demografie, die sich vor allem auf die zahlenmässige Stärke der Bevölkerung und ihre Zusammensetzung nach Alter, Geschlecht und geografischer Verteilung als Folge der demografischen Phänomene konzentriert, aber deutlich weniger die Einbindung der Bevölkerung in ihr jeweiliges sozioökonomisches und kulturelles Umfeld berücksichtigt. Die soziodemografische Forschung legt den Schwerpunkt mehr auf die Individuen, ihren Lebensverlauf und ihre Handlungsfähigkeit (Agency) in Bezug auf den institutionellen und normativen Rahmen, in dem sie leben, um ihre Fertilitäts-, Gesundheits- oder Mobilitätsmuster zu erklären.
Losgelöst von der im einzelnen Fall betrachteten Gesellschaft unterscheidet sich die Soziodemografie von andern sozialwissenschaftlichen Disziplinen dadurch, dass zwei ihrer wichtigsten Objekte, die Geburten und die Sterbefälle, im Schnittbereich zwischen biologischen Vorgängen – Geburt, Fortpflanzung, Altern, Sterben – und soziokulturellen Prozessen liegen, welche das Zusammenleben, die wechselseitigen Verpflichtungen zwischen Individuen, ihre Sexualität, die Reproduktion usw. regeln. Im Bereich der Geburtenraten identifizierten Kingsley Davis und Judith Blake in ihrem 1956 in der Zeitschrift Economic Development and Cultural Change veröffentlichten Artikel Social Structure and Fertility eine Reihe von «vermittelnden» bzw. intervenierenden Variablen, die über sozioökonomische und kulturelle Faktoren die Fruchtbarkeitsperioden und die Anzahl der Kinder beeinflussen können. Ihrer Ansicht nach lassen sich diese vermittelnden Variablen in drei Gruppen zusammenfassen: sie können zum einen die Sexualität (z. B. das Alter, in dem die sexuelle Aktivität einsetzt, oder die Bedingungen, die Sexualität oder sexuelle Enthaltsamkeit regeln), zum anderen die eigentliche Empfängnis (Verhütung), und schliesslich auch Schwangerschaft und Geburt (fetale Mortalität, Abtreibung) beeinflussen. Einige dieser vermittelnden Variablen können auch als Anfangs- oder Zielgrösse für Anreizmassnahmen zur Senkung beziehungsweise Erhöhung der Geburtenrate dienen. In einem ähnlichen Rahmen werden vermittelnde Variablen ausserdem bei der Analyse der Sterblichkeit, insbesondere der Säuglingssterblichkeit, verwendet.
Zwischen etwa 1850 und 1950 vollzog sich in den meisten westlichen Ländern ein markanter demografischer Wandel von hoher Sterblichkeit und hohen Geburtenraten hin zu niedriger Sterblichkeit und niedrigen Geburtenraten. Dieser Wandel bedeutet, dass ein neues demografisches System entsteht, in dem die Häufigkeiten von Geburten und Sterbefällen in einem Jahr geringer sind, als dies im vorangegangenen System der Fall war. Auslöser waren die sozioökonomischen Veränderungen im Zusammenhang mit der Industrialisierung, der Säkularisierung der Gesellschaft sowie in Folge von gesundheits- und hygienepolitischen Massnahmen, die in jener Zeit ergriffen wurden. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat dieser demografische Wandel alle Regionen der Welt erfasst, was einerseits auf eine mehr oder minder wirksame Gesundheitspolitik und andererseits auf eine malthusianische Politik der Eindämmung des Bevölkerungswachstums durch die Beeinflussung der Fertilität zurückzuführen ist.
Der demografische Wandel spiegelt sich auf individueller Ebene im Lebensverlauf wider, der sich aufgrund der steigenden Lebenserwartung verändert, und auf kollektiver Ebene in einem steigenden Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung. Neben der Bevölkerungsalterung wirkt sich der demografische Wandel auch auf die Familienstrukturen aus. Die steigende Lebenserwartung hat zur Folge, dass mehr Generationen gemeinsam in einer Familie leben (drei, vier oder sogar fünf Generationen), während durch den Rückgang der Geburtenrate Menschen weniger Geschwister als in der Vergangenheit haben.
Die soziodemografische Forschung geht davon aus, dass gegenwärtig ein zweiter demografischer Wandel im Gang ist, der in den 1960er und 1970er Jahren in den westlichen Ländern eingesetzt hat, wobei der vorübergehende Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg eine Übergangsperiode zwischen dem ersten und dem zweiten demografischen Wandel darstellt. Der heutige Wandel ist geprägt durch Veränderungen im familiären Bereich (Zunahme von Scheidungen, vermehrte nicht-eheliche Lebensgemeinschaften, aussereheliche Geburten usw.) und geht mit zunehmend individualistischen Normen einher. Ausserdem ist die gegenwärtige Periode durch die Zunahme, Feminisierung und Diversifizierung der internationalen Migrationsströme gekennzeichnet. Die Migration ist dabei sowohl auf wirtschaftliche Ursachen als auch auf die Verschärfung interner und internationaler Konflikte zurückzuführen. In den letzten Jahren waren auch die ersten Klimaflüchtlinge zu verzeichnen, ein Phänomen, das im 21. Jh. im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung und der Tatsache, dass weltweit zwei von fünf Menschen weniger als 100 Kilometer vom Meer entfernt leben, zunehmen dürfte.
Auch in der Schweiz sind Sterblichkeit, Fertilität und Migration unterschiedlichen Veränderungen unterworfen. Die demografische Entwicklung der Schweiz ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Sterbe- und die Geburtenrate seit Mitte der 1970er Jahre auf einem niedrigen Niveau angeglichen haben. Da die Lebenserwartung jedes Jahr um zwei bis drei Monate steigt und die Fruchtbarkeit unter dem Reproduktionsniveau liegt, altert die Schweizer Bevölkerung, was dadurch noch verstärkt wird, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Babyboomer-Generation jetzt ins Alter kommt. Die Bevölkerungsalterung gilt allgemein als Bedrohungsszenario für die Finanzierung der Altersvorsorge, insbesondere der AHV, wird aber in naher Zukunft noch weitere politische Fragen aufwerfen wie etwa nach einer notwendigen Neuaufstellung des Gesundheitswesens einschliesslich der Rolle der Gerontologie, der Raumplanung und der Entwicklung von Wohnformen für ältere und sehr alte Menschen sowie nach der Zukunft der intergenerationellen Solidarität. Für sinkende Geburtenraten zeigten die Schweizer Behörden in der Vergangenheit meist nur geringes Interesse, da Massnahmen, die es den Frauen ermöglichen sollten, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, beispielsweise durch einen Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, ohne Berücksichtigung der Geburtenentwicklung geplant wurden. Die Veränderungen des Lebensverlaufs im Zusammenhang mit der steigenden Lebenserwartung sowie der Zunahme von Trennungen und Scheidungen werfen seit zwei bis drei Jahrzehnten neue sozialpolitische Fragen auf, etwa hinsichtlich des höheren Armutsrisikos alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder.
Da sich die Geburten- und die Sterberate praktisch ausgleichen, wird das Bevölkerungswachstum in der Schweiz im Wesentlichen von den Schwankungen bei der Migration bestimmt, die einerseits von Wirtschaftskrisen und andererseits von der seit Mitte der 1960er Jahre zwischen Abschliessung und Öffnung hin- und herwechselnden Zuwanderungspolitik abhängt. Die Einwanderung birgt seit dem Ende des 19. Jh. ein ständiges Konfliktpotenzial, wobei die staatliche Politik zwischen einem malthusianischen Reflex zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums und einer Politik des Laissez-faire changiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Migration zunächst als übergrosser Turnover mit eher kurzfristigen Aufenthalten von mehrheitlich männlichen Arbeitskräften aufgefasst. Dieses Konzept wurde jedoch ab Mitte der 1970er Jahre durch ein neues Verständnis von Migration abgelöst, nach dem ein erheblicher Teil der Migrantinnen und Migranten sich in ihrem Gastland niederlässt, heiratet – möglicherweise eine Schweizerin oder einen Schweizer – und eine Familie gründet. Im Zuge dieses Wahrnehmungswandels traten in der politischen Debatte vermehrt Bedenken hinsichtlich der Integration der Zugewanderten und ihrer Kinder auf.
LiteraturhinweiseBundesamt für Statistik (Hrsg.) (zweijährliche Publikation seit 2017). Demos Newsletter. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.
Mahnig, H. (Hrsg.) (2005). Histoire de la politique de migration, d’asile et d’intégration en Suisse depuis 1948. Zurich: Seismo.
Weeks, J.R. (2014). Population: an introduction to concept and issues (12th ed.). Boston: Cengage Learning.