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Von Michel Schultheiss
Die letzten Monate waren geprägt von grossen Verlusten für die lateinamerikanische Literatur: Mit Carlos Fuentes, Juan Gelman, José Emilio Pacheco und nun Gabriel García Márquez sind vier sehr unterschiedliche, doch allesamt brillante Stimmen verstummt. Allen gemeinsam ist, dass sie sich in Mexiko-Stadt ihre letzten Tage verbrachten. Mit dem letzten der vier, dem am 17. April verstorbenen kolumbianischen Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, ist nun keine leichte Aufgabe für mich, ein paar Worte zu seinem Lebenswerk zu verlieren. Zu hoch scheint die Koryphäe auf dem Sockel zu stehen. Dementsprechend wurde eigentlich in den Feuilletons weltweit schon fast alles über «Gabo» und seinen unverkennbaren Einfluss auf die Weltliteratur gesagt. In persönlichen Statements haben manche Leser beschrieben, wie die Lektüre des Monumentalwerks Hundert Jahre Einsamkeit ihr Leben veränderte; andere nannten das Buch in einem Atemzug wie Don Quijote. Des Weiteren mischten sich unter die liebevollen, leidenschaftlichen oder pathetischen Töne auch ein paar kritische Dissonanzen unter die Nachrufe – etwa dann, wenn es um Gabos Verhältnis zu Machthabern ging. Kürzlich entdeckte ich zudem einen wieder aus der Versenkung geholten älteren Text des Schriftstellers Fernando Vallejo, der es als einer der wenigen wagte, mit seinem charakteristischen bitterbösen Humor an einem Sakrileg zu kratzen und «Hundert Jahre Einsamkeit» mit allerlei sprachlichen Spitzfindigkeiten zu zerpflücken.
Macondo – Klischee oder Kunstgriff?
Nicht zuletzt wird García Márquez (in den Nachrufen wie auch schon vorher immer) mit dem Begriff des magischen Realismus in Verbindung gebracht. So manche Literaturwissenschaftler und lateinamerikanische Intellektuelle sind im höchsten Grade allergisch gegen dieses Wort: Zu oft wurde die Bezeichnung auf alle möglichen Schreiberinnen und Schreiber Lateinamerikas (oder zumindest auf diejenigen des sogenannten Booms) übergestülpt. Dies hatte auch zufolge, dass das fiktive Dorf Macondo stets als Gradmesser herhalten musste und für manche Leute stets die westliche Sehnsucht nach «dem Magischen» zu bedienen hatte. Nicht zufällig ist «McOndo» der Titel einer Anthologie von Alberto Fuguet und Sergio Gómez und der gleichnamigen literarischen Bewegung, die mit dem magischen Realismus brechen wollte. In Anlehnung an die Fastfood-Kette wurde die Vermarktung eines einseitigen Lateinamerika-Bildes kritisiert, von dem sich die nachfolgenden Generationen von Schriftstellern lösen wollten.
Sicher wurde Macondo von manchen zur angeblichen lateinamerikanischen Lebenswelt schlechthin stilisiert und davon ausgehend fabrizierten einige dauerhafte Klischeevorstellungen. Doch unabhängig davon, ob Márquez ungewollt mit Hundert Jahre Einsamkeit bestimmte Stereotypen begünstigte: Der Raffinesse seines Schaffens tut es keinen Abbruch. Auch wenn sich die Gesamtheit seiner Werke nicht auf den Begriff des magischen Realismus reduzieren lässt und dieser nur in einem Teil seiner Romane und Kurzgeschichten zu finden ist, plädiere ich dennoch für eine Ehrenrettung dieser Bezeichnung. Dabei möchte ich nicht auf die unterschiedlichen Definitionen des realismo mágico und seinen Abgrenzungen zu anderen Begriffen wie etwa lo real maravilloso des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentiers eingehen. Viel mehr möchte ich zeigen, wie es mir erging, als ich García Márquez las und was ich mir darunter vorstellte, ohne dabei jetzt den Anspruch zu erheben, dass meine Idee davon nun die «richtige» zu sein hat.
Die Erscheinung des «zerlegten» Engels
Es ist bei Weitem nicht nur Gabos bekanntester Roman Hundert Jahre Einsamkeit, der magisch-realistische Szenarien einwebt. Auch in den einiges weniger bekannten Kurzgeschichten, welche im Sammelband Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter publiziert wurden, sind allerlei skurrile Begebenheiten anzutreffen. Der Ausdruck «magisch» ist vielleicht nicht ausreichend, um diese Phänomene zu beschreiben. So etwa in der Kurzgeschichte Un señor muy viejo con unas alas enormes («Ein sehr alter Herr mit riesengrossen Flügeln»). Diese Erzählung dreht sich um eine Engelsbegegnung der etwas anderen Art: Eines Tages finden Pelayo und seine Frau Elisenda im Hof des Hauses einen Greis in Lumpen. Das Besondere an ihm: Er hat Flügel. Wenn auch diese Schwingen schon ziemlich zerlaust und schmutzig sind, meint eine Nachbarin, es sei der Todesengel. Diese Behauptung kann sich allerdings nicht lange halten: Zu unbeholfen und schwach wirkt der Geflügelte. Er ähnelt einem himmlischen Boten, entzieht sich aber gleichzeitig dem Bild des Engels. Damit betreibt der Erzähler eine Entmystifizierung der Engelsfigur.
Dabei verwendet die erzählende Stimme nie den Begriff Engel – wir wissen eigentlich bis am Schluss nicht, um welches Wesen es sich gehandelt haben mag und gleichzeitig verstehen wir es doch, da der Alte ein Set an Engelsmerkmalen aufweist, diese aber gleichzeitig dekonstruiert werden: Als Gipfel der «Entweihung» wird das ärmste Wesen sogar noch in einen Hühnerstall gesperrt und mutiert zu einem Jahrmarktspektakel. Wie für einen Engel üblich vollbringt er dort Wunder, wenn nicht die gewünschten: Einem Blinden wachsen neue Zähne, ein Lahmer gewinnt beinahe im Lotto und dem Leprakranken entwachsen Sonnenblumen aus den Wunden. Es schwirrt auch noch ein ein fliegender Mensch beim Jahrmarkt vor, doch keiner beachtet ihn, weil er keine Engels-, sondern Fledermausflügel hat. Stattdessen stiehlt ihm eine Spinnenfrau die Show. Im Allgemeinen scheinen die Leute, welche die literarischen Räume des García Márquez bevölkern, nicht besonders beeindruckt zu sein von abhebenden und schwebenden Menschen. So imponiert etwa eine fliegende Matte, auf welcher sich die Gitanos in Hundert Jahre Einsamkeit fortbewegen, den Protagonisten José Arcadio Buendía nicht im Geringsten.
Der narrative Jahrmarkt
Diese Trivialisierung von Mythischem, wie wir sie in den genannten beiden Texten finden, hat ein Gegenstück. García Márquez lässt auch immer wieder durch seinen Erzählstimme das Alltägliche zu verfremden. So präsentieren etwa in Hundert Jahre Einsamkeit – auch wieder auf einem Jahrmarkt – die Gitanos einen Eiswürfel als Spektakel. Somit wird das Magische und Alltägliche neutralisiert. Wie der Literaturwissenschaftler Michail Bachtin festhielt, vereinigt und vermengt der Karneval das «Geheiligte mit dem Profanen» oder das «Hohe mit dem Winzigen». Nivellierungen dieser Art sind in den Welten des García Márquez zu finden. Es wird nicht die Geschichte hinter den Phänomenen erzählt, sie existieren einfach und bleiben bis ans Ende unerklärlich. Dabei greift er aber nicht in erster Linie auf indianische oder afrokolumbianische Mythen zurück, sondern benutzt oft die Szenerie eines Jahrmarkts, wie man ihn auch in anderen Gegenden, etwa auch früher in Europa, finden konnte.
Oft kommen die Verfremdungen vor dem Hintergrund eines solchen Rummelplatzes zum Zug. Vielleicht liegt auch in der ganzen Diskussionen um den magischen Realismus ein Missverständnis zugrunde: Womöglich ging es Gabo gar nicht darum, seine Heimatstadt Aracataca oder gar Kolumbien und schon gar nicht ganz Lateinamerika als riesiges Kuriositätenkabinett darzustellen. Eventuell spielt er einfach mit dieser Figur, um sowohl inhaltlich als auch sprachlich einen Jahrmarkt zu kreieren. Wie bei einem Volksfest ist das Magische nicht unbedingt Bestandteil der Welt, sondern Resultat einer Täuschung. Durch die eigentümliche Art des Erzählens wird die Welt aber zu etwas Magischem gemacht, was García Márquez meisterhaft handhabt: Durch die Stimme des allwissenden Erzähler, der aber gleichzeitig Taschenspielertricks mit dem Leser betreibt, verschwimmen «echte» Wunder mit den Täuschungen der Jahrmarktsspektakel. Als der Kolumbianer zum ersten Mal Die Verwandlung von Franz Kafka las, hatte er ein Déjà-vu-Erlebnis: Er erkannte darin eine Erzählform, die er von den Geschichten seiner Grossmutter her vertraut war. Mit einer ähnlichen Natürlichkeit erzählt er die wunderbaren Dingen, die in seinen erzählten Welten geschehen – seien es nun geflügelte alte Männer, fliegende Menschen oder einfach nur Jahrmarkt-Tricks.
- Idas Weg – Pawel Pawlikowskis «Ida»
- gesichtet #68: Die versiffte Stadt-Höhle