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Soziale Arbeit als Disziplin: Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit
Soziale Arbeit ist Arbeit am Sozialen[1], das viele Facetten hat und von einer Reihe von Wissenschaften untersucht wird. So wird es aufgefasst • als konkrete affektive oder kognitive Beziehung zwischen Individividuen oder zwischen solchen und sozialen Gebilden, • als eigenständige konkrete oder ideelle Entitäten wie soziale Gebilde oder Deutungsmuster und Texte oder • als entdinglichte Prozesse wie 'Diskurse', 'Kommunikation' oder soziale Konstruktionen, oder aber als etwas Mentales (subjektive Wissensordnungen, Konstruktionen) oder moralische Orientierung analysieren oder aber als eine Kombination davon.
Traditionellerweise gehören zu den das Soziale erforschenden Wissenschaften Disziplinen wie die Psychologie und namentlich Sozialwissenschaften wie die Soziologie, die Sozialpsychologie oder die Ethnologie und heute immer mehr auch die Evolutionsbiologie, die Primatologie, die affektiven, kognitiven und sozialen Neurowissenschaften, die evolutionäre und vergleichende Psychologie, die Entwicklungspsychologie, die experimentellen Wirtschaftswissenschaften, die evolutionären Anthropologie u.a.m.
Mindestens viererlei folgt aus dieser Übersicht:
- Das Soziale erscheint von einer Komplexität, die bei weitem alles übersteigt, was ihm im öffentlichen Bereich unserer Gegenwartsgesellschaften an Komplexität zugesprochen wird - man denke an die die öffentliche Kultur weitgehende dominierende Verständnis des Sozialen als einem Markt, in dem individviduelle und korporative Akteure ihren subjektiven Nutzen maxmimieren und dies auf der Basis präexistenter und fixer Präferenzen und im Zweifelsfall auf Kosten Dritter tun und in dem Akteure konzeptualisiert werden als mentale (entkörperlichte, geistige) Entscheidungsmaschinen.
- 'Das Soziale' wird gegenwärtig durch eine Reihe junger oder sehr junger Disziplinen untersucht, die sich methodologisch nicht als Geisteswissenschaften verstehen, sondern den "Naturwissenschaften" zuzurechnen sind - ein Umstand, der unterstreicht, wie obsolet das gegenwärtige Selbstverständnis jener Sozialwissenschaften ist, die sich als geisteswissenschaftlich "fundiert" verstehen. ->
- Wenn SA professionell sein soll, hat sie sich auf ein disziplinäres Wissen zu stützen, das eine Integration oder Synthese der hier genannten Disziplinen des Sozialen im Hinblick auf die Beantwortung der Fragen ist, die sich der Sozialen Arbeit als auf soziale Probleme bezoegene Praxis stellen.
- Die Gegenstandsbestimmung der Disziplin, die bis heute in immer neuen Anläufen in Form vortheoretischer Erörterungen in Termini des gehobenen Alltagsdenkens erörtert wird und deren Ressourcen bindet, kann im Rahmen einer solchen vortheoretischen Orientierung so wenig bestimmt werden, wie dies im Falle der Genetik oder der Elementarteilchenphysik möglich ist. Zwar ist der gesellschaftliche Druck auf eine vorwissenschaftliche Begrifflichkeit und Terminologie sehr hoch, ihm muss, falls sich die Disziplin über Plattitüren oder den Import funktionslosen Pseudo-Bezgswissens hinaus entwickeln soll, Stand gehalten werden.
- Die Entwicklung eines solchen Wissens, dessen Kernaufgabe die systemtatische theoretische Integration oder Synthese von einschlägigem verstreutem Wissen ist, kann keine überwiegende oder gar exklusive Angelegenheit von Lehrkörpern von Fachhochschulen sein und die Ausbildung professioneller Sozialtätiger keine Angelegenheit von Bachelorausbildungen.
Sozialarbeitswissenschaft (oder Wissenschaft Soziale Arbeit) ist eine im deutschsprachigen Raum seit gut einem Jahrzehnt an den meisten Fakultäten etablierte Disziplin, die sich mit dem gesamten Spektrum an Fragestellungen der Sozialen Arbeit als Disziplin, Ausbildung, Profession und Praxis befasst [2].
Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit wurde 2001 durch die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz als Fachwissenschaft anerkannt, während Soziale Arbeit in anderen europäischen (z.B. Schweden) und außereuropäischen Ländern (z. B. USA, Canada) schon seit Jahrzehnten an Universitäten gelehrt wird und über zahlreiche Lehrstühle und Forschungsvorhaben verfügt. Der Anerkennung als eigenständige Disziplin vorausgegangen ist eine zwei Jahrzehnte dauernde und mitunter hart geführte Debatte mit mehren Hundert Beiträgen in Zeitschriften, Sammelbändern und Monografien. ->Lit. Dabei ist Sozialarbeitswissenschaft, wie etwa die Soziologie, eine 'multiparadigmatische' Disziplin und existiert entsprechend in mehr als einer disziplinären Selbstbeschreibung (Ansätze, Paradigmen), deren eine das auf dieser Seite dargestellte Systemtheoretische Paradigma der Sozialen Arbeit als handlungswissenschaftlliche Disziplin, Ausbildung, Profession und Praxis ist. Mit der Ausnahme des SPSA und - mit gewissen Einschränkungen - der Theorie der Lebensführung P Sommerfeld (2012) sind alle Paradigmen der Sozialarbeitswissenschaft am anthropozentrisch-geisteswissenschaftlichen Weltbild orientiert (vgl. die Pkte 1 und 2). D.h. sie ignorieren, wie überwiegend auch die heutigen Sozialwissenschaften, über die Hälfte der mit dem Sozialen beschäftigten Disziplinen.
Sozialarbeitswissenschaft kann unter einer Reihe von Gesichtspunkten beschrieben werden, deren wichtigste in den nachfolgenden Abschnitten (Untermenüs) kurz umrissen werden sollen, nämlich
(1) unter dem Gesichtspunkt ihres Status als Handlungswissenschaft [→];
(2) der Art der praktischen Probleme, die sie bearbeitet [→];
(3) anhand der Art der Bearbeitung der Probleme [→];
(4) in Bezug auf ihre Bezugswissenschaften [→];
(5) im Hinblick auf ihre paradigmatische Fragmentierung [→];
(6) im Hinblick auf den Grad ihrer Integration und Konsolidierung [→];
(7) im Hinblick auf die fachlichen und praktischen Probleme der Disziplin [→].
[1] Scheu, B. and O. Autrata (2011). Theorie Sozialer Arbeit. Gestaltung des Sozialen als Grundlage. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.
[2] http://www.webnetwork-nordwest.de/dokumente/kerncurriculum.pdf
W.O. / 4. Februar 2012; 10. Januar 2012