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Mit Thomas Kuhns „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ wurde von der wissenschaftshistorischen Seite ein gewichtiger Einwand gegen den Kritischen Rationalismus erhoben: Auch wenn die Methodologie in sich stimmig sei, so würde die Geschichte der Wissenschaft beweisen, dass man nie oder fast nie entsprechend einer solchen Methodologie vorgegangen sei. Kuhn postuliert lange Phasen der „Normalwissenschaft“, die eigentlich nur mit „Rätsellösen“ beschäftigt sind, Anomalien einer Theorie beseitigt und möglichst lange am gängigen Paradigma festhält. (Als Paradigma bezeichnet Kuhn die in einer bestimmten Zeit vorherrschende Wissenschaft bzw. Theorie: Allerdings verwendet er den Begriff in unterschiedlichen Zusammenhängen, sodass nicht immer klar ist, was er wirklich meint.) Verschärft wird diese These noch dadurch, dass Kuhn ein Inkommensurabilität der unterschiedlichen Paradigmen behauptet: Die einzelnen Theorien könnten nicht miteinander verglichen werden, da sie von völlig unterschiedlichen Weltbildern ausgingen.
Feyerabend verschärft diesen antirationalistischen Kurs, indem er dem Rationalismus abschwört und eine anarchische Methodologie vorschlägt (allerdings widerspricht er sich sehr häufig und wehrt sich dagegen, beim Wort genommen zu werden, wobei sich hier die Frage stellt, wie denn sonst jemand der schreibenden Zunft „genommen“ werden will: Feyerabend hätte sicher Odo Marquard zugestimmt, der in einer genauen und peniblen Wortwahl etwas Verwerfliches zu sehen behauptete). Entscheidungen für bestimmte Theorien würden nicht aufgrund rationaler Überlegungen getroffen, sondern wären vergleichbar mit politischen, religiösen Entscheidungen: Man überredet den anderen, polemisiert oder übt – wenn möglich – Macht aus, um das Gegenüber zur eigenen Meinung zu bekehren. Damit verbunden ist auch die Ablehnung des Begriffes vom Wissensfortschritt (auch durch die Inkommensurabilitätsthese Kuhns wird das impliziert), da sich keine Kriterien finden, aufgrund derer man die einzelnen Paradigmen beurteilen könnte (Richard Rorty vertritt einen ganz ähnlichen Ansatz). Imre Lakatos versuchte Teile der wissenschaftshistorischen Konzeption zu retten, indem er einen „harten Kern“ in allen Theorien postulierte, der jeder Kritik entzogen würde. „Fortschrittliche“ Forschungsprogramme werden gefördert, andere, die weniger Erfolg versprechen, hingegen mit der Zeit verschwinden. Allerdings kann auch Lakatos mit diesem Ansatz weder die tatsächlichen Änderungen in der Wissenschaft erklären noch vermag er eine Definition dessen zu geben, was nun „fortschrittlich“ an Wissenschaftsprogrammen sei und was nicht. Tatsächlich verschwinden viele Theorie für lange Zeit von der Bildfläche, um dann überraschend wieder aufzutauchen (Aristarchs heliozentrisches Weltbild wäre ein Beispiel dafür).
Von allen drei Kritikern wird außerdem die „Theoriegetränktheit“ der Beobachtung betont: Wir sehen, bemerken Dinge mit einem bestimmten Vorwissen und sind dadurch niemals zu einer „objektiven“ Betrachtung fähig. (Popper hat dies als den „Mythos vom Rahmen“ bezeichnet.) Auch wenn eine solche Theoriegebundenheit der Betrachtung unumgänglich ist, bedeutet sie keineswegs, dass verschiedene Theorie nicht vergleichbar wären, da sich in allen von Kuhn, Feyerabend und Lakatos angeführten historischen Beispielen unabhängige und unproblematische Prüfsätze bilden lassen: Andersson demonstriert dies am Wechsel vom geo- zum heliozentrischen Weltbild, anhand der Gegenüberstellung von Phlogistontheorie und „Sauerstofftheorie“ oder aber am Übergang von Newtonscher zu Einsteinscher Physik. Immer lassen sich Prüfsätze für eine Theorien finden, die von beiden Lagern akzeptiert werden und immer lässt sich dann über den (manchmal modifizierten) modus tollens zwischen den Theorien entscheiden (modus tollens: Wenn a dann b, nun nicht b, daher nicht a (wobei a aus der Theorie, Randbedingungen und Hilfshypothesen gebildet wird: Man hat dadurch keine Gewähr, welche der angeführten Bedingungen falsifiziert sind (ein Problem, auf das Duhem bereits aufmerksam machte), sondern weiß nur, dass eine oder mehrere Bedingungen falsifiziert wurden). Die Beurteilung, welche der Bedingungen unter a problematisch sind, muss dem Forschergeist überlassen werden: In diesem heuristischen Bereich kann es keine Methodologie geben. Tatsächlich aber kann man über Ceteris-paribus-Klauseln eine Art Ausschlussverfahren durchführen und kommt dadurch – möglicherweise – zur Erkenntnis, welche der angenommenen Bedingungen oder Hilfshypothesen problematisch sind. Und man kann auch nicht (wie Lakatos meinte) jede Theorie durch die Wahl geeigneter Hilfshypothesen immunisieren: Denn diese Hilfshypothesen können wieder auf dieselbe Weise eine Prüfung unterzogen werden. Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit einer Prüfung, immunisierende Hilfshypothesen, die keiner solchen Prüfung zugängig sind, bleiben außen vor.
Beeindruckt hat mich an Anderssons Beweisführung vor allem der „logisch-technische“ Teil, der ein wunderbarer Beweis dafür ist, dass derlei nicht hochkompliziert oder abgehoben sein muss. Fast alle seine Formeln sind von Beispielen (nichts wichtiger in solchen Dingen als Beispiele) begleitet; die Auslagerung der Theoreme über Prognosededuktion, bedingte Voraussage und Falsifikation in den Anhang (wobei auch diese rein theoretischen Teile von seltener Klarheit sind, alle Ableitungsschritte werden dargelegt und können leicht nachvollzogen werden) verhindert, dass man sich in diesen theoretischen Ausführungen verliert.
Wenn man die Bücher der genannten Autoren (Kuhn, Feyerabend, Lakatos) liest, so wirken deren Ausführungen anfangs durchaus plausibel, obgleich man spürt, dass da „etwas nicht stimmt“. Denn man weiß intuitiv, dass Theorien vergleichbar sind und es scheint ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein, einen Wissensfortschritt negieren zu wollen. Andersson gelingt es durch eine transparente, logische Beweisführung, den Finger in die Wunde dieser Kritiker zu legen und die Unhaltbarkeit ihrer Positionen sowohl in historischer als auch in logisch-methodologischer Sicht nachzuweisen. Meines Wissens hat keiner der Autoren (Feyerabend und Kuhn, Lakatos verstarb bereits 1974) je eine Erwiderung auf diese Arbeit verfasst, einzig Richard Rorty hat diese in den Relativismus mündende Haltung weiterhin – und nicht wirklich überzeugend vertreten. (Rorty orientiert sich in seiner Kritik am Wahrheitsbegriff, der aber nur dann problematisch ist, wenn er absolut gesetzt wird.) Insofern war dieses Buch eine Art beredtes Schlusswort über die an der Wissenschaftsgeschichte sich orientierende Kritik an den Positionen des Kritischen Rationalismus.