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«Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild»
Heute Abend geht die Premiere des Stücks «Woody Allen – Gott und andere Zufälle» über die Bühne. Der Regisseur Oscar Sales Bingisser schildert die Umstände, wie die Aufführung des Stiftstheaters 2021 trotz Corona zustande kommt.
MAGNUS LEIBUNDGUT
Was erwartet das Publikum heute Abend, um 20 Uhr, im Theatersaal der Stiftsschule Einsiedeln? Eine lustige Komödie des New Yorker Altmeisters Woody Allen aus den 70er-Jahren. Ein sehr schräges Stück: Das Publikum wird viel zu lachen haben. Wie haben Sie die Vorbereitungen auf das Theaterstück in Zeiten von Corona erlebt? Bei den Proben mussten die Schüler Masken tragen und regelmässig auf das Corona-Virus getestet werden. Zum Glück mussten nur vereinzelte Fälle in die Quarantäne. Müssen die Schauspieler auch während der Aufführung Masken tragen?
Nein, das nicht: Schauspielen und gleichzeitig Masken tragen, das funktioniert nicht wirklich. Mit Masken wird die Aussprache schlecht – und der Gesichtsausdruck entfällt.
Worüber streiten sich Autor und Schauspieler zu Beginn des Theaterstücks? Der Schauspieler, ein Praktiker, findet das neue Stück seines Kollegen, dem Autor, zu langweilig. Der Autor, ein Intellektueller, meint hingegen, alles müsse schön der Regel nach gehen und vernünftig sein. Sind Fiktion und Wirklichkeit in unserem Leben ineinander verflochten, so wie das im Stück zum Ausdruck kommt? Wenn sie das wären, würde sich die Realität aufzulösen beginnen. In aller Regel wissen wir Fiktion und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden. Kennen Sie selber Zustände, in denen sich die Realität aufzulösen scheint?
Ich bin eher ein bodenständiger Typ und verliere nicht so schnell den Boden unter den Füssen. Naturgemäss kann sich im Rausch die Realität komplett auflösen. Ich habe eher Angst vor solchen Zuständen. Kann es sein, dass Gott aus einer Maschine stammt, so wie der Göttervater Zeus im Stück einer Maschine entsteigt?
Gott, so wie wir ihn kennen, den haben wir selbst erfunden. In diesem Sinne halte ich es für möglich, dass Gott eine Konstruktion der Menschen ist. Dies in Umkehr eines Bibelspruchs: Und der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild. Welche Rolle spielt die List der Vernunft im Theaterstück? Mit Vernunft ist im Stück der Common Sense gemeint, nicht die Logik – weil das Leben ist ja irrational genug. Um dies zu veranschaulichen: Mit scheinbarer Vernunft hat man Massnahmen beschlossen, um das Coronavirus eindämmen zu können. Ob aber die Massnahmen aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht an sich auch gerechtfertigt sind und in diesem Sinne wirklich vernünftig waren, wird die Zukunft weisen.
Sind die Menschen nichts anderes als ohnmächtige Abziehbilder eines anonymen Ganzen? Man kann den Menschen auf der einen Seite als ein selbstverantwortliches Geschöpf betrachten, das vollkommen ist und alles schaffen kann, was es will. Auf der anderen Seite ist es aber auch ebenso gut möglich, dass wir einem Schicksal ausgeliefert sind, das wir Gott nennen mögen oder Zufall. An was glauben Sie selber?
Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, an einen gerechten Gott glauben zu können: Wie schön das doch wäre, wenn es einen wirklich gerechten Gott gäbe. Erfahren werden wir dies wohl erst nach unserem Tod. Entweder treffen wir dann auf Gott und gute Freunde – oder wir schlafen für immer und ewig. Frei nach Sokrates (lacht).
Foto: Magnus Leibundgut
Oscar Sales Bingisser
Jahrgang: 1958 Wohnort: Einsiedeln Beruf: Schauspieler, Autor, Regisseur, Dozent
Hobbys: Theater spielen, Schreiben, Regie führen