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DIE WESTLICHE WISSENSCHAFT HAT UNS GROSSE TECHNISCHE ERRUNGENSCHAFTEN, ABER AUCH VIELE PROBLEME GEBRACHT. STUDIO!SUS TRAF DEN PHYSIKER FRITJOF CAPRA IN BERKELEY UND SPRACH MIT IHM ÜBER ENTSTEHUNG UND GRENZEN UNSERES WELTBILDES.
STUDIO!SUS: Die Zeit nach der Renaissance gilt als die Geburtsstunde der modernen
westlichen Naturwissenschaften. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie,
Leonardo da Vinci sei einer der Pioniere der modernen Forschung. Inwiefern
brach Leonardo mit der wissenschaftlichen Tradition?
→ Leonardo hat — etwa 100 Jahre vor Galileo Galilei! — eine wissenschaftliche Methode entwickelt, welche sich von der Philosophie der Antike und des Mittelalters stark unterschied. Vorher galt ein synthetisches Weltbild, welches einerseits geprägt war von den Theorien der Griechen, zum Beispiel von Aristoteles, und andererseits von den Theorien der Scholastiker der Kirche. Dieses Weltbild wurde als Dogma dargestellt, und es wurde davon abgeraten, wissenschaftliche Experimente zu unternehmen. Leonardo brach mit dieser Tradition, indem er wissenschaftliche Modelle entwickelte und systematisch Versuche durchführte. Dadurch machte er wesentliche Entdeckungen im Gebiet der Anatomie, der Geologie, der Botanik und insbesondere auch der Fluiddynamik. Im Gegensatz zu späteren Forschern wie Galilei oder Newton war Leonardo da Vinci allerdings in erster Linie ein Künstler: Er verfolgte den Ansatz eines Malers, welcher die Formen der Natur genau kennen wollte — nicht nur die Umrisse, sondern auch deren innere Dynamik.
STUDIO!SUS: Welche weiteren Meilensteine waren wichtig auf dem Weg zum
heutigen Weltbild?
→ Ein wichtiges Konzept war die Vereinigung von Beobachtungen mit der Mathematik. Dieser Ansatz wurde zuerst von Galilei praktiziert und später von Newton wesentlich weiterentwickelt. Durch die mathematische Darstellung von Naturphänomenen wurden exakte Analysen möglich, und das mathematische Kalkül erlaubte auch, logische Folgerungen abzuleiten. Weitere Meilensteine der Philosophie im 17. Jahrhundert waren die strikte Trennung von Körper (res extensa) und Geist (res cogitans), und Decartes’ Entdeckung, dass komplexe Systeme oft als Summe ihrer Bestandteile verstanden werden können: Er ging davon aus, dass jedes System aus kleineren Teilen besteht, und dass man das System vollkommen verstehen wird, wenn man es in seine Teile zerlegt und deren Eigenschaften und Interaktionen studiert. Diese Technik ist heute als Reduktionismus und Mechanizismus bekannt. Im 19. Jahrhundert stellte sich dann heraus, dass mit dieser Methode viele Phänomene wie beispielsweise die elektromagnetischen Schwingungen nicht erklärt werden können. Auch Newtons Lehren gerieten in dieser Zeit ins Wanken: Die neuen Erkenntnisse der Evolutionsbiologen standen im Widerspruch zu Newtons Welt, in der alle Abläufe durch (bei Newton: von Gott geschaffenen) Regeln beschrieben werden.
Ein weiterer Nagel im Sarg der Newtonschen Mechanik waren dann natürlich die Relativitätstheorie und die Quantenphysik im 20. Jahrhundert. Es zeigte sich, dass die bisherigen Theorien nur innerhalb bestimmter Grenzen stimmen, aber für sehr kleine (subatomare) Dimensionen oder sehr grosse Geschwindigkeiten ihre Gültigkeit verlieren.
Schliesslich gibt es aber natürlich neben der Physik viele weitere Disziplinen, welche unser westliches Weltbild prägten — beispielsweise die Psychologie (Theorien von Freud) oder die Sozialwissenschaften (Marx oder die Frankfurter Schule). Die Physik war aber die erste präzise Naturwissenschaft, die sich dann viele andere Wissenschaften auch als Modell vornahmen.
STUDIO!SUS: Wie unterscheidet sich diese Entwicklung vom Weg der Wissenschaften
in anderen Kulturkreisen?
→Es gibt grosse Unterschiede. Im klassischen Werk «Science and Civilization in China» von Joseph Needham beispielsweise wird aufgezeigt, dass sich aufgrund der taoistischen und konfuzianischen Philosophie die Naturwissenschaf- ten in China ganz anders entwickelt haben als in Europa. Physik war weniger wichtig, dafür umso mehr nichtlineare Gebiete wie Biologie oder Medizin. Allerdings beeinfl ussten sich die verschiedenen Weltbilder auch stark. Insbesondere ist die westliche Naturwissenschaft mittlerweile akzeptiert und sehr populär. Dies verdankt sie meiner Meinung nach vor allem ihrer Verbindung zur Technologie: Ein Physiker hat eine erheblich grössere Überzeugungskraft, wenn er einer Gruppe von Nepalesen die Fussball-WM auf seinem Handy vorführt, als wenn er ihnen einen Vortrag über das Festkörperphysik-Modell hält…
STUDIO!SUS: Werden wir einmal alle Naturphänomene verstehen und genau
beschreiben können?
→ Nein, eine solche Theorie wird es nicht geben. Während alle klassischen Wissenschaftler wie Galilei oder Newton davon überzeugt waren, nach Wahrheit zu streben und die wirkliche Konstitution der Welt wissenschaftlich erfassen zu können, fand im 20. Jahrhundert eine Abkehr vom Glauben an die so genannte wissenschaftliche oder kartesianische Sicherheit statt. Wann und wie dieser Wechsel vor sich ging, wäre übrigens eine interessante Doktorarbeit. Heute stimmen die meisten Wissenschaftler darin überein, dass Theorien — also beispielsweise auch die Theorie der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit — immer nur Näherungen sind, selbst wenn sie in der Praxis exakte Resultate liefern. Dies ist aber keineswegs negativ, denn es ist etwas sehr Schönes, immer mehr in die Geheimnisse der Natur vorstossen zu können und immer genauere Resultate zu erhalten. Grundsätzlich sehe ich auch keine Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, und es wird sicher immer kleinere oder grössere Fortschritte geben. Es kann sich höchstens die Frage stellen, ob man es sich fi nanziell leisten kann, in einem Gebiet immer weiter zu forschen, oder ob man das Geld stattdessen nicht lieber in andere Forschungsbereiche investieren möchte…
STUDIO!SUS: Die Politik wird also eine grosse Rolle spielen.
→ Ja. Es wird wichtig sein, wer bestimmt, was geforscht wird und wo die Akzente gesetzt werden. Beispiel Biologie: Heute geht viel Geld in die Genetik und in die Biotechnologie. Die Forschung in diesen Gebieten wird auch von grossen Industriekonzernen gesponsert. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob es für die Menschheit nicht besser wäre, mehr in Ökologie und Umwelttechnik zu investieren. Zurzeit liegen die Entscheidungen über öffentliche Geldmittel nicht bei den Bürgern. Persönlich würde ich da eine Demokratisierung begrüssen.
Kurzbiographie:
Fritjof Capra Der renommierte Atomphysiker Capra beschäftigt sich intensiv mit philosophischen und gesellschaftlichen Fragestellungen der modernen Naturwissenschaften. Zu seinen Publikationen gehört auch der Bestseller «Das Tao der Physik».