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Originaltitel: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI.
Ob Tacitus seine Historien wie geplant bis in seine eigene Gegenwart fortgesetzt hat, wissen wir nicht. Überliefert ist jedenfalls nichts. Wir wissen aber, dass der römische Senator nach den Historien ein weiteres Geschichtswerk verfasste (eben das heute als Annalen bekannte), in dem er die römische Geschichte vor den Ereignissen des Vierkaiserjahrs beschrieb, mit dem die Historien mehr oder weniger einsetzen. Vielleicht war ihm seine eigene Gegenwart und die unmittelbar davor liegende Zeit doch ein zu heisses Thema; vielleicht hat es ihn auch nur gelangweilt. (Und vielleicht ging so ein Teil ja wirklich verloren.)
Jedenfalls ging Tacitus in der Geschichte nochmals zurück und erzählte, was sich nach Augustus’ Tod in Rom und im römischen Reich ereignete. Augustus, der erste römische Kaiser, überliess sein Reich seinem Adoptivsohn Tiberius, und mit der Art und Weise, wie dieser Tiberius seine Herrschaft übernahm und ausübte, setzen die Annalen ein. Als ‘Annalen’ wird dieses Geschichtswerk deshalb bezeichnet, weil Tacitus die römische Geschichte tatsächlich Jahr um Jahr beschreibt: Konsulat um Konsulat wird abgehakt, zuerst die innen-, dann die aussenpolitischen Ereignisse erzählt.
Aussenpolitik ist für den römischen Senator Tacitus exklusiv Militärpolitik – die Geschichte der gewaltsamen Ausdehnung des römischen Reichs. Roms Grösse spiegelt sich für ihn in Roms Eroberungen wider. So verwundert es nicht, dass einer der hauptsächlichen Vorwürfe, die Tacitus dem zweiten römischen Kaiser, Tiberius, zu machen weiss, der ist, dass unter seiner Regierung eine weitere Expansion Roms gestoppt wurde. Dies, obwohl Tiberius vor seiner Regierungszeit selber als Feldherr nicht ohne Erfolg an den Grenzen gekämpft hatte. Dagegen lobt Tacitus Tiberius’ Grossneffen Germanicus, der – wie der Name sagt – gegen die Germanen erfolgreich kämpfte. (Eine genaue Lektüre der Annalen zeigt allerdings, dass des Germanicus’ Erfolge relativ klein waren: Weder gelang es ihm, alle von Arminius eroberten römischen Feldzeichen zurück zu erobern, noch konnte er nennenswertes Gebiet dem römischen Reich hinzufügen. Im Gegenteil: Rom zog sich auf sichere Gebiete zurück. Selbst Arminius führte seine Streitigkeiten gegen Rom weiter, nachdem er – aus römischer Sicht – von Germanicus besiegt worden war.) Das Lob trifft Germanicus vielleicht auch umso mehr, als er (angeblich auf Anstiftung Tiberius’ vergiftet) zu früh starb, um die Herrschaft übernehmen zu können. Die ging dann bekanntlich an seinen Sohn Caligula, und wenn wir vom Charakter des Sohns auf den des Vaters schliessen dürfen, so müssen wir Tacitus’ Lob des Germanicus wohl ziemlich relativieren.
Überhaupt ist es in den Annalen wie in den Historien: Tacitus beschreibt die Ereignisse keineswegs als um Neutralität bemühter Beobachter. Er ist Partei (nämlich die des Senats) und kann das auch nicht verstecken. Er kolportiert jedes Gerücht, das ihm zu Ohren kommt, auch wenn er vorsichtshalber notiert, dass es sich um ein solches handelt. Tiberius z.B. kommt bei ihm äusserst schlecht weg; dass sich dieser Kaiser jahrelang ausserhalb der Mauern der Stadt Rom aufhielt und daher auch weitestgehend unter Umgehung des römischen Senats regierte, wird ihm übel genommen – so übel, dass Tacitus diese Absenz einer entstellenden Krankheit zuschreibt, und dem Umstand, dass Tiberius in seiner Residenz nur seinem Vergnügen lebte, homosexuell-päderastischen Orgien nachging. Tacitus sieht offenbar keinen Widerspruch darin, dass spätere Kaiser, denen man Ähnliches nachsagte, eine bedeutend kürzere Regierungszeit aufweisen, als dieser Tiberius, der einer der am längsten regierenden römischen Herrscher war, also die Klaviatur der Macht offenbar ausgezeichnet beherrschte und auch ausdauernd bespielte. So ist die Tatsache, dass Tiberius auf weitere Expansionen des Reichs verzichtete, auch dem Umstand zuzuschreiben, dass er sah, dass dafür eine Konzentration militärischer Mittel (i.e. von Legionen) notwendig war, die sehr wohl auch innenpolitisch gegen ihn selber gewendet werden konnte – die Popularität eines Germanicus hat ihn wohl gerade genug beunruhigt.
Die Bücher der Annalen, die Caligula, das ‘Soldatenstiefelchen’, behandeln, sind verloren. Wir finden uns mit Claudius wieder, der aussenpolitisch wieder die althergebrachte Expansionspolitik in Schwung brachte. Da man Claudius keine homosexuell-päderastischen Gelüste nachsagen konnte, sagte man ihm halt nach, dass er von seinen Frauen regiert worden sei. Ein schönes Beispiel dafür, dass einer, der im Rampenlicht steht, im Grunde genommen tun und lassen kann, was er will – üble Nachrede wird immer einsetzen. Abgelöst wird Tacitus durch Nero. Dessen Regierungszeit behandelt Tacitus wieder sehr ausführlich. Der Brand Roms wird geschildert; doch Tacitus scheint nicht recht zu glauben, dass Nero persönlich der Brandstifter gewesen sei. Senecas Rolle als Ratgeber des Nero wird ebenfalls geschildert; doch Seneca ist keineswegs als positive Lichtgestalt angelegt. Auch er soll Macht und Reichtum geliebt haben. Mag sein, Tacitus ereifert sich auch, weil Seneca nicht von senatorialem Stand war. (Homines novi sind ja oft auf ihren Adel eingebildeter als Alt-Adlige.)
Unter Neros Regierung erscheinen dann auch die im Folgenden die Macht an sich reissenden Heerführer. Es fällt auf, dass Tacitus es nicht für nötig hält, bei der Erwähnung z.B. eines Galba darauf hinzuweisen, dass wir es hier mit dem zukünftigen Princeps zu tun haben. Tacitus spielt die Rolle eines Tatsachen referierenden Berichterstatters, der Jahr um Jahr die Ereignisse aufzeichnet. Aber Galba, Otho, Vitellius, Vespasian – sie alle sind da und spielen eine mehr oder weniger prominente Rolle während Neros Regierungszeit und in den Annalen. Nicht alle spielen eine glänzende Rolle; Tacitus’ Vorlieben für diesen oder jenen, die er in den Historien offen ausspielte, lassen sich nicht ganz verstecken.
Dennoch fällt auf, dass im späteren Werk, den Annalen, Tacitus mehr referiert, weniger wertet. Das macht aber auch, dass man ohne Anmerkungen zu den Personen verloren ist. Doch auch in den Annalen vermisse ich die Bemühungen um Objektivität, die die grossen griechischen Geschichtsschreiber auszeichnete: Herodot, Thukydides, Polybius. Letzten Endes ist Tacitus Partei-Autor – Senator.