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Er gilt als Englands grösster zeitgenössischer Regisseur – und ist doch vielen unbekannt. Im Gespräch erzählt Terence Davies, warum er während elf Jahren keinen Spielfilm gemacht hat und was er vom aktuellen britischen Kino hält.
WOZ: Terence Davies, Ihr neuer Film «The Deep Blue Sea» spielt in den frühen fünfziger Jahren – wie die meisten Ihrer Filme. Woher kommt Ihre Obsession für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg?
Terence Davies: Da war ich zwischen sieben und elf Jahre alt, und es war die glücklichste Zeit meines Lebens: Als ich sieben war, starb mein Vater – eine unglaubliche Befreiung, denn als gewalttätiger Alkoholiker hatte er jahrelang die ganze Familie terrorisiert. Ich ging damals in die Primarschule, hatte wunderbare Lehrerinnen, zu Hause war meine Mutter, die ich über alles liebte – es war das Paradies. Dieses Paradies endete abrupt, als ich elf Jahre alt war und in die Knabensekundarschule kam. Warum also soll ich nicht immer wieder Filme machen über das Paradies? Es ist ein fernes Glühen für mich, das immer noch da ist. So einfach ist das.
«The Deep Blue Sea» zeigt aber kein Idyll, sondern eine knallharte Klassengesellschaft, verbunden mit einer äusserst rigiden Sexualmoral …
Ja, das stimmt. Aber jene Zeit war auch eine des Aufbruchs: Die Menschen in Grossbritannien waren froh, den Krieg überlebt zu haben. Das Land war zwar kaputt und bankrott, trotzdem war man überzeugt, dass es nur besser werden konnte. Die Menschen blickten optimistisch in die Zukunft. Dabei darf man nicht vergessen, dass Grossbritannien von 1945 bis 1951 unter Premierminister Clement Attlee die sozial radikalste Regierung hatte, die es je in unserem Land gab. Es gab damals Hoffnung auf eine dauerhafte Aufweichung dieser Klassenschranken – auch davon handelt «The Deep Blue Sea».
Das britische Kino feiert aktuell vor allem mit thematisch rückwärtsgewandten, formal ultrakonventionellen «Königsdramen» Welterfolge, zum Beispiel mit «The King’s Speech» oder «The Iron Lady». Was halten Sie davon?
Dazu möchte ich mich am liebsten gar nicht äussern. Nur so viel: Die Verantwortlichen vom British Film Institute möchten ihre Filme auf dem US-Markt so gut wie möglich verkaufen. Sie würden gerne mit Filmen an die erfolgreiche Zeit der englischen Literatur mit Jane Austen oder Charlotte Brontë zu Beginn des 19. Jahrhunderts anknüpfen – wissen aber genau, dass es solche Persönlichkeiten momentan nicht gibt. So setzen sie auf diese von Ihnen erwähnten Stoffe. Und wenn man als Filmemacher da nicht mitmacht, hat man es extrem schwer. Es herrscht ein unglaublicher Druck, Mainstream zu produzieren. Und wenn man sich dem konsequent verweigert, heisst es, man sei elitär.
Zwei Ihrer früheren Filme liefen in Cannes im Wettbewerb, ein dritter, «Distant Voices, Still Lives», gewann in Locarno den Goldenen Leoparden, dennoch sind Sie heute wenig bekannt – was aber auch kein Wunder ist: Sie konnten seit elf Jahren keinen neuen Spielfilm mehr realisieren. Warum?
Das hat mit dem soeben Erwähnten zu tun: Filme, wie ich sie mache, finden keine Finanzierung. Grossbritannien ist heute ein sehr konservatives Land, es ist dabei, zu implodieren. Wir sind zu einem Drittweltland geworden, und darüber hinaus sind wir Europas unzivilisiertestes Land. Das schmerzt, denn in früheren Jahrhunderten gehörte Grossbritannien in Sachen Theater und Literatur zu den führenden Ländern.
«The Deep Blue Sea» beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück des britischen Autors Terence Rattigan aus dem Jahr 1952. An der Pressekonferenz nach der Premiere des Films wurden Sie nach den Unterschieden zwischen einer Theater- und einer Filminszenierung gefragt – und Sie sprachen von den Möglichkeiten der Stille, die man im Film hat …
Die Stille ist in einem Film so mächtig wie die Musik, vor allem in Momenten, da die Figuren versuchen, schmerzhafte Dinge auszusprechen. Oder aber, wenn sie diese schmerzhaften Dinge eben nicht aussprechen, dabei aber genau wissen, dass dieser Schmerz unter der Oberfläche vorhanden ist. Dafür mit der Kamera die Räume zu schaffen, das sehe ich als eine der grössten Herausforderungen beim Filmemachen. Glücklicherweise hatte ich mit Florian Hoffmeister einen Kameramann, der einen unglaublichen Instinkt für derartige Szenen hat, Hoffmeister ist ein Genie auf diesem Gebiet. Und trotzdem ist er wenig bekannt.
Mit Tom Hiddleston und Rachel Weisz als Protagonistenpaar sind zwei Stars im Film präsent. Beide arbeiteten hier erstmals mit Ihnen. Vor allem von Rachel Weisz kann man sagen: Als junge Richtersgattin Hester Collier hat sie die wohl stärkste Rolle ihrer langen Filmografie. Wie kamen Sie auf Weisz?
Ich sah zur Zeit, als ich die Drehbuchadaptation fertig geschrieben und mit den Castingvorbereitungen begonnen hatte, zufällig im Fernsehen das Liebesdrama «Swept from the Sea», das auf einer Kurzgeschichte von Joseph Conrad beruht. Dabei fielen mir sofort die Augen der Hauptdarstellerin auf, ich war völlig hingerissen. Am Ende las ich die Credits, sah den Namen Rachel Weisz und rief sofort meinen Manager an: Kennst du Rachel Weisz? Er antwortete mir: Du bist offenbar der einzige Mensch, der Weisz nicht kennt. Natürlich war mir das etwas peinlich. Ich liess ihr dann aber dennoch das Drehbuch von «The Deep Blue Sea» schicken, und als sie mich kurze Zeit darauf anrief, sagt ich ihr sofort: Sie müssen zusagen, denn ich weiss nicht, mit wem ich sonst den Film machen kann. Doch das war gar nicht nötig gewesen, sie hatte sich bereits entschlossen, mitzumachen.
«The Deep Blue Sea». UK / USA 2011. Ab 12. April 2012 in Deutschschweizer Kinos.
Vorpremiere am Mi, 21. März 2012, 20.30 Uhr in Zürich Kino Arthouse Alba in Anwesenheit des Regisseurs.
Das Filmpodium Zürich und das Kinok St. Gallen zeigen im März und April 2012 eine Retrospektive mit den Filmen von Terence Davies.
Davies ist am Do, 22. März 2012, um 18.15 Uhr im Filmpodium Zürich für ein Gespräch anwesend und führt in seinen Dokumentarfilm «Of Time and the City» (2008) ein.