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Titel
Merkantīlsystem
(Handelssystem, auch Colbertismus genannt, weil Colberts Verwaltung auf merkantilistischen Grundlagen ruhte), der zusammenfassende Name für diejenigen volkswirtschaftlichen Anschauungen und Bestrebungen, welche vom 16. bis gegen Ende des 18. Jahrh. in Theorie und Praxis die herrschenden waren. Demselben war auch in seinen gemäßigtern Richtungen eine Überschätzung der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Geldes eigentümlich. Wenn man auch erkannte, daß das Geld Tauschmittel sei und ein isoliertes Land auch ohne Gold [* 2] und Silber reich werden könne, so erfordere doch der heutige Zustand der Welt ein allgemeines Vergütungsmittel, und es könne deshalb ein Land jetzt nicht für reich gehalten werden, das nicht eine genügende Menge von Edelmetall besitze (Justi).
Einen
Beleg hierfür bot den Merkantilisten die
Thatsache, daß seefahrende
Nationen und Handelsstädte zu Macht und Wohlstand
gelangt waren. Frühere Ausfuhrverbote für edle
Metalle, welche mehrere europäische
Länder erlassen hatten, waren freilich
schon lange nicht mehr in
Kraft,
[* 3] als das
Merkantilsystem in
Blüte
[* 4] stand. Statt ihrer wurden, um den
Reichtum eines
Landes
zu erhalten und zu mehren, als die drei vornehmsten
Mittel empfohlen:
1) Ausnutzung der vorhandenen Edelminen, 2) Vermehrung der produzierenden Kräfte, 3) richtige Regelung und Hebung [* 5] des Handels und der heimischen Produktion. Ein Staat, der seinen wahren Vorteil versteht, meinte ein Merkantilist, soll Gold- und Silberbergwerke bauen, auch wenn sie nur eine geringe Ausbeute geben, ja die sogar mit Verlust gebaut werden müssen. Dieser Verlust ist nichts weniger als ein Verlust in Ansehung des gesamten Staats. Die darauf gewendeten Kosten bleiben im Land und ernähren eine Menge Menschen.
Das Land hingegen wird allemal um so viel reicher, als Gold und Silber mit diesem vermeintlichen Verlust aus der Erde gegraben werden. Darum sollen die Unterthanen durch allerlei Freiheiten und Unterstützungen zum Bergbau [* 6] aufgemuntert und angereizt werden; die Regierung soll armen Werken auf alle Art zu Hilfe kommen etc. Fast allen Merkantilisten war eine Überschätzung der Bedeutung der Volkszahl eigen. Ein Land, meinte man, könne »nie zu viel Einwohner« haben. Denn die Bevölkerung [* 7] enthalte »alle Mittel, den gemeinschaftlichen Wohlstand zu fördern«.
Deshalb sollen sich »alle Maßregeln und Anstalten des Regenten darauf zuspitzen, die Volksmenge zu erhalten und zu mehren«. Als solche werden angeführt:
1) Maßregeln zur Förderung des ehelichen Lebens (z. B. Hagestolzensteuer, Belohnung des Kinderreichtums, Unterstützung Neuverheirateter), 2) Sorge für eine gesicherte Existenz (Förderung von Gewerbe und Landeskultur, Anstalten zur Sicherung des Lebens etc.), 3) Beeinflussung von Aus- und Einwanderung, insbesondere Anziehung von reichen Fremden durch Gewährung von Titeln und Würden, Freiheiten u. dgl. Diese Überschätzung war teils eine Folge oberflächlichen Denkens (wies man doch auf große Städte hin, um eine Vergrößerung der Bevölkerung als möglich hinzustellen), teils aber war sie in den damaligen ¶
mehr
politischen und wirtschaftlichen Zuständen begründet. Die Bevölkerung war in mehreren Ländern unter anderm durch lang dauernde Kriege stark zusammengeschrumpft, während das System der stehenden Heere eine Zunahme als sehr wünschenswert erscheinen ließ. Da die europäischen Bergwerke keine hohe Ausbeute an edlem Metall versprachen und letzteres bei ungünstigem Stande des internationalen Handels leicht in das Ausland abfließen konnte, so sollte für eine richtige Regelung der Handelsbilanz (s. d.), d. h. dafür gesorgt werden, daß die Einfuhr an Waren kleiner werde als die Ausfuhr, mithin das Inland einen Überschuß an Geld empfange.
Da aber »von den Kaufleuten die Hilfe vergebens zu erwarten« sei, so werden Zölle als »Zaum« empfohlen, wodurch »eine weise Regierung die Kommerzien nach ihren Absichten und der wahren Wohlfahrt des Landes lenken« könne. Die Einfuhr von fertigen Produkten sollte möglichst beschränkt werden, zumal wenn dieselben im Inland selbst erzeugt werden könnten. Insbesondere bekämpfen viele deutsche Schriftsteller in patriotischem Eifer die Einfuhr von französischen und welschen Waren, von denen wir viele »auf unserm eignen Boden bauen und erziehen könnten, wenngleich etwas mehr Fleiß und Arbeit dazu gehören sollte«.
Auch solle man »eine Zeitlang mit eignem Gut und Manufakturen, so schlecht sie auch anfangs immer sein mögen, vorlieb nehmen«. Sobald nur ein sicherer Gewinn in Aussicht stehe, werde auch die Produktion sich bessern und monopolistische Preise würden durch Maßnahmen der Obrigkeit und Konkurrenz verhütet. Vorzüglich aber wird den entbehrlichen Modewaren der Krieg erklärt, deren Verbrauch ohnedies oft der Gesundheit schädlich sei. Dagegen wird die Einfuhr von Rohstoffen, zumal wenn die daraus hergestellten fertigen Produkte wieder außer Landes gebracht werden, begünstigt.
Lieber aber ist es dem Merkantilisten, wenn auch die Rohstoffe im Inland erzeugt werden, weil letzteres von andern Staaten dann nicht »dependiere«. Während die Ausfuhr von solchen Rohstoffen möglichst beschränkt werden soll, will man die von fertigen Produkten durch mancherlei Mittel befördert wissen, wie durch Gewährung von Privilegien, Steuerfreiheit, Prämien, Ermäßigung der Herstellungskosten (billiges Holz [* 9] aus Staatswäldern, staatliche Festsetzung einer höchsten Grenze für die Preise von Lebensmitteln, für Arbeitslöhne etc.). Ein Hauptaugenmerk wird deshalb denjenigen Industrien zu teil, welche Erzeugnisse für die Ausfuhr liefern, wie denn auch Colbert dieseben ^[richtig: dieselben] vorzüglich gepflegt hat.
Für Hebung der Industrie soll durch Ausbildung tüchtiger Arbeitskräfte sowie auch durch Heranziehung fremder gesorgt werden, denen aber »dann nicht zu verstatten, daß sie nach einer sechs- oder siebenjährigen Frist mit dem erworbenen Geld wieder aus dem Land gehen«. Im Interesse von Industrie und Handel soll eine mitunter sehr ins einzelne gehende und beengende Kontrolle über Manufaktur und Fabrikation ausgeübt werden (Colberts Tarif von 1666). Man empfiehlt ferner Gewährung von Handelserleichterungen, einer prompten, billigen Justiz, Anlegung und Forderung von Messen, Märkten, Verkaufsmagazinen und Verkehrsmitteln, Sicherung von gutem Geld, richtigem Maß und Gewicht u. dgl. Zur Erweiterung des Absatzgebiets für die heimische Produktion und zur Sicherung eines billigen Bezugs unentbehrlicher fremder Waren sollen die Abschließung günstiger Handelsverträge, Gründung von Handelskompanien, Anlegung von Kolonien und Beförderung der nationalen Schiffahrt durch Bevorzugung der Schiffe [* 10] des eignen Landes dienen.
Ein Hauptfehler der Merkantilisten war, daß sie die Gesetze der Verteilung verkannten, indem sie sich meist auf den einseitigen Standpunkt eines einzelnen Industriezweigs stellten, daß sie die Produktionskosten unrichtig berechneten, indem sie die anderweite Verwendbarkeit nutzbarer Kapital- und Arbeitskräfte außer acht ließen und dadurch einen falschen Maßstab [* 11] zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit sich bildeten. Dem Staat wurden viel zu weit gehende Aufgaben zugemutet, da von ihm eine detaillierte Leitung von Produktion und Handel erwartet wurde.
Manche wohlgemeinte Anordnung hat, statt förderlich, auf die Industrie lähmend eingewirkt, wie denn das bekannte Reglement
Colberts von 1666 in vielen Beziehungen allzu beschränkend war. Übrigens hatten auch viele gemäßigte Merkantilisten
es sich zur Aufgabe gemacht, extreme Forderungen zu bekämpfen; sie machten in ihrer Handelsbilanztheorie
mancherlei Zugeständnisse im Interesse von Konsumenten und andern durch merkantilistische Schroffheit bedrohten Zweigen der
Rohstoffgewinnung und der Industrie. Auch wurde der Befürchtung Raum gegeben, es möchten zu weit gehende Privilegien den
Schlendrian begünstigen etc. Das
Merkantilsystem wurde mit Erfolg von den Physiokraten
(Ad. Smith) und der von ihnen angebahnten nationalökonomischen Richtung bekämpft. In der Praxis waren es
vorzüglich die französische Revolution, die Dampfkraft und die Verbesserung der Verkehrsmittel, welchen viele merkantilistische
Einrichtungen und Ideen weichen mußten.