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Die ganze Schweiz spricht zurzeit davon, dass in den kommenden Jahren eine Winterstromlücke droht. Wie sieht die Situation in diesem Winter aus?
Benoît Revaz: Europaweit betrachtet ist sie angespannt. Das liegt unter anderem daran, dass die Gasspeicher weniger gefüllt sind als normalerweise und vier französische Kernreaktoren vom Netz genommen wurden. Die Situation in der Schweiz kann man zwar nicht losgelöst von der internationalen Lage betrachten. Doch für unser Land sind im Winter insbesondere die Speicherseen sehr wichtig. Und die sind derzeit noch recht gut gefüllt, ihr Niveau entspricht dem langjährigen Durchschnitt. Zudem hat das Übertragungsnetz genügend Kapazitäten. Aus Sicht der Arbeitsgruppe Winter unter der Federführung der ElCom ist also die Versorgungssicherheit in diesem Winter trotz der angespannten Preissituation nicht in Gefahr. Ein Restrisiko besteht aber, wenn es weitere grössere Ausfälle von Kraftwerken geben sollte oder wenn es im März noch zu einer längeren ausgeprägten Kälteperiode kommen würde.
Durch den Abbruch der Verhandlungen für ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU gibt es vorderhand auch kein Stromabkommen. Wie sehr steigt dadurch für die Schweiz das Risiko von Stromversorgungsproblemen?
Es müssten einige schwierige Faktoren zusammentreffen, damit eine kritische Situation entsteht. Die Studie von BFE und ElCom zeigt das anhand eines Stress-Szenarios: Es müssten im Winter gleichzeitig grosse Kraftwerke in der Schweiz und in Europa ausfallen und die dem Stromhandel zur Verfügung gestellten Grenzkapazitäten der Schweiz – und damit die kommerziellen Importe – stark reduziert sein. Unter diesen Umständen könnte es gegen Ende Winter während einiger, nicht aufeinanderfolgenden Stunden zu Versorgungsengpässen kommen. Während dieser Stunden gäbe es also eine Strommangellage, die mit Bewirtschaftungsmassnahmen bewältigt werden müsste.
Welche Pläne hat der Bund, um die hohe Versorgungssicherheit der Schweiz weiterhin zu gewährleisten?
Eine kurzfristige Massnahme, die bereits ab dem Winter 2022/23 greifen soll, ist die Winterreserve in den Speicherseen. Kraftwerkbetreiber werden entschädigt, damit sie für die späten Wintermonate Wasser in den Speicherseen zurückbehalten. Eingesetzt würde diese Reserve aber nur, wenn der Markt nicht in der Lage ist, genügend Strom zu liefern, um die Balance zu sichern. Uns ist jedoch wichtig, nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Energieeffizienz anzusetzen. Da gibt es ebenfalls ein grosses Potenzial, zum Beispiel durch den Ersatz von Elektrospeicherheizungen oder durch sparsamere Elektrogeräte. Das sind Massnahmen, die wir relativ schnell umsetzen können.
Und was ist mittel- bis langfristig vorgesehen?
Die Versorgungssicherheit ist ein Hauptziel im Mantelerlass (Revision Stromversorgungs- und Energiegesetz), der derzeit in den eidgenössischen Räten behandelt wird. Darin ist vorgesehen, die Produktionskapazitäten der erneuerbaren Energie bis 2050 generell stark zu erhöhen. Weiter soll bis 2040 ein Zubau von 2 TWh steuerbarer, erneuerbare Elektrizität erfolgen. Vorab kommen hier Speicherwasserkraftwerke in Frage, aber auch andere erneuerbare Energieträger. Die Winterreserve in den Speicherseen soll weitergeführt werden. Zudem sind andere Reserven möglich. Wir sind da technologieoffen. Als zusätzliche Versicherung sind auch Reserve-Gaskraftwerke ein Thema. Diese könnten in Extremsituationen Strom liefern.
Wer würde über den Einsatz dieser Gaskraftwerke bestimmen?
Die Gaskraftwerke wären eine weitere zusätzliche Reserve, wenn im Winter auf dem Markt zu wenig Strom vorhanden wäre. Im Gesetz respektive in einer Verordnung müssten die Regeln für den Betrieb definiert werden. Abklärungen dazu laufen derzeit.
Angesichts der derzeit instabilen Lage auf dem Gasmarkt in Europa: Besteht die Gefahr, dass es für den Betrieb der Reserve-Gaskraftwerke zu wenig Gas in der Schweiz gibt?
Das ist eine berechtigte Frage – besonders, weil die Schweiz keine eigenen grossen Gasspeicher hat. Aber: Die Schweiz ist international gut vernetzt mit Gasleitungen von Norden, Westen und Süden. Doch wenn die Lage auf dem europäischen Markt kritisch ist, kann das auch Auswirkungen auf die Schweiz haben.
Swisspower schlägt als Lösung die Wärme-Kraft-Kopplung kombiniert mit Power-to-Gas vor. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?
Das ist ein interessanter Ansatz. Allerdings darf man das Energieversorgungssystem nicht nur durch die Brille der Winterversorgung betrachten. Es geht auch um die Effizienz der ganzen Wertschöpfungskette übers ganze Jahr und da wird es rasch komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Im Auftrag der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Postulat 20.3000, UREK-N) sind wir derzeit daran, mögliche Regulierungen für die Wärme-Kraft-Kopplung zu analysieren.
Wie ist der Stand beim geplanten Gasversorgungsgesetz? Und fliessen dort auch klimapolitische Anliegen ein?
Der Bundesrat wird das Gasversorgungsgesetz voraussichtlich gegen Ende 2022 verabschieden. Die Rückmeldungen aus der Vernehmlassung haben gezeigt, dass das Gesetz nicht nur die Gasversorgung regeln, sondern auch Massnahmen zur Dekarbonisierung beinhalten soll.