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Aufgerissene Augen, krause, abstehende lange Haare, ein zerzauster Bart und auf einem Bein tanzend wie ein hyperaktiver Flamingo in edlen Retro-Mittelalter-Klamotten - das war Ian Anderson in den Siebzigern. Inzwischen spielt er immer noch Querflöte und balanciert dabei auf einem Bein, aber nun wirkt er wie ein Musiklehrer im Rentenalter, die Halbglatze unterm Piratenkopftuch versteckt.
Ian Anderson ist Jethro Tull. "Die Musik ist praktisch komplett und die Texte sind zu 100 Prozent von mir geschrieben", sagte er der Musikzeitschrift "Rolling Stone". "In gewisser Weise fühle ich mich als Eigentümer." Für mehr als 30 verschiedene Musiker war Jethro Tull nur eine Durchlaufstation. Anderson blieb als einziger der Band treu.
Der junge Ian wuchs in Edinburgh auf und bewarb sich ganz pragmatisch um eine Ausbildung bei der Polizei. Doch in letzter Minute wurde er abgewiesen. "Als ich ein Teenager war, hörte ich keine laute Rockmusik", verriet er "Rolling Stone". "Ich hörte Jazz und Blues und Folk."
Seine Band war so erfolglos, dass sie sich häufig umbenannte, um mehr Gigs zu bekommen. Schliesslich wurden sie vom legendären Marquee Club in London ein zweites Mal gebucht und der Name "Jethro Tull" blieb kleben. Damit kokettiert Anderson bis heute. "Ich bin schuld am Identitätsdiebstahl und sollte dafür wirklich ins Gefängnis gehen", sagte er dem "Guardian". Jethro Tull war ein britischer Agrar-Pionier im 17. Jahrhundert, der vor allem durch seinen Kampf gegen Unkraut bekannt wurde.
Den Durchbruch schaffte die Band 1969 mit dem Blues-Album "Stand Up" - sie wurde für ihre ungewöhnliche Mischung aus Progressive Rock, Jazz, Blues und Folk bekannt. Im April 1972 vereinigt Jethro Tull alles, was Fans jemals an Prog-Rock liebten oder hassten in einem 44-minütigen Album, das aus einem einzigen Song besteht: "Thick as a Brick". Für viele eine Parodie des Genres, aber ein kommerzieller Erfolg. 2012 wird Anderson mit "Thick as a Brick 2" wieder darauf zurückkommen.
Seit ihrem Auftritt im Marquee Club haben Jethro Tull über 30 Alben herausgebracht und mehr als 60 Millionen Platten verkauft. Ian Anderson produzierte sechs Soloalben. Ende 2016 nahm er "Jethro Tull: The String Quartets" mit dem Carducci Quartett auf, teilweise im Gewölbe der Kathedrale von Worcester. Der Klassiker "Aqualung" wird zur Fuge, "Locomotive Breath" beginnt mit einem Cellosolo nach Bach. "Das hat ziemlich viel Spass gemacht", gestand Anderson in einem Interview.
(SDA)