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Ein eindrucksvolles Beispiel dazu lieferte eine Mutter, die eines Tages per Anruf erfuhr, dass ihr Sohn im Krieg gefallen war. Vor lauter Kummer verfiel sie in eine tiefe Starre. Tagein, tagaus saß sie nur noch im Schaukelstuhl, ohne je wieder zu sprechen oder auf die Außenwelt zu reagieren. Nach wenigen Monaten kam überraschend der verloren geglaubte Sohn nach Hause. Dem Anruf war offensichtlich eine Verwechslung vorausgegangen, doch dies konnte die Frau nicht dazu bewegen, ihren statischen Zustand zu beenden. Der vermeintliche Tod des Sohnes hatte sich in ihrer Vorstellung derart endgültig verankert, dass eine andere Version für sie völlig ausgeschlossen war. Obwohl die Realität bewies, dass es eine Falschmeldung war, erlebte die Mutter nicht die Wahrheit, sondern nur ihre eigene Reaktion dazu. Erst über die persönliche Verbindung zwischen Mutter und Sohn konnte in der Vorstellung überhaupt eine solche Interaktion entstehen. Hätte sie den Vorfall als Unbeteiligte aus einer Zeitung entnommen, wäre die Nachricht vermutlich untergegangen.
Im Grunde geht es immer um die persönliche Interpretation, mit der man Dingen erst eine Bedeutung verleiht. Ein weiteres Beispiel einer Illusionserfahrung, die sich über eine Information in ihrem Ergebnis ganz anders zeigen kann, ist ein Missverständnis, das auf einem mehrdeutigen Wort basiert. Wenn ich zum Beispiel zu einer Gruppe meiner Freunde sage: „Treffen wir uns an der Bank”, dann würden alle, die sich wirklich kennen, voraussichtlich sofort verstehen, dass ein Bänkchen im Park gemeint ist, an dem sich die Gruppe gerne aufhält. Ein neues Gruppenmitglied versteht das eher nicht und erscheint dann vielleicht einfach vor der gegenüberliegenden Bankfiliale, weil er das Wort anders interpretiert.
Noch ein ernsteres Beispiel: Wenn ich eine schwere Krankheitsdiagnose erhalte und meinen Freunden erzähle, die Überlebenswahrscheinlichkeit liegt bei 50 Prozent, wird ein Teil der Freunde diese Information vielleicht als den sicheren Tod auffassen, während ein anderer Teil denselben Prozentsatz eher als Chance zum Weiterleben interpretiert. Was nun? Es ist wie in der bekannten Glas-Frage: Ist es halb voll oder schon zur Hälfte geleert? Die gewählte Interpretation hat eine Auswirkung auf den Betrachter.
Bei achtsamer Betrachtung erleben wir es genau genommen ständig, dass uns die Wahrnehmung trügt, weil sie aus selbst zusammengesetzten Ausschnitten besteht. Zudem ist bekannt, dass fehlende „Puzzle-Teile” vom Gehirn konstruiert werden. Das kannst Du mit einem Lückentext ganz einfach selbst überprüfen. Oder stell Dir ein Mosaik-Bild vor, bei dem einzelne Bildabschnitte ausgeblendet werden. Dennoch kannst Du das vollständige Bild “sehen”.
Ein oft auftretendes Phänomen, das sich auch immer wieder bei der Aufnahme von Beweismitteln zeigt, sind starke Abweichungen von Zeugenaussagen. Mehrere Zeugen schildern die wahrgenommenen Ereignisse sehr unterschiedlich, da viele Faktoren auf die Beschreibung des Geschehenen Einfluss nehmen. Tatsächlich entstehen die ungleichen Versionen aufgrund der verschiedenen Interpretation der jeweils vorliegenden Informationen.