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Die Güterbahnen in Nordamerika entwickelten sich seit der Liberalisierung 1981 erfreulich, was sich auch in steigenden Börsenkursen und einem hohen Lohnniveau niederschlug. Allerdings sind die Aussichten nicht mehr so rosig – Sorgen bereitet im Besonderen die Situation im Wagenladungsverkehr.
Die renommierte Fachzeitschrift TRAINS widmete der Problematik in ihrer Ausgabe von November 2019 unter dem Titel „Who shot the Boxcar?“ einen längeren Artikel.
Die Situationsanalyse von Bill Stephens erinnert stark an die Lage des Schienengüterverkehrs in der EU und in der Schweiz. Anlass für uns, nach ein paar Fakten zum Schienengüterverkehr in Nordamerika den Inhalt des Artikels in TRAINS in diesem Beitrag zusammenzufassen und ein paar Überlegungen anzufügen.
Schienengüterverkehr in Nordamerika
Der Schienengüterverkehrsmarkt in Nordamerika ist zweigeteilt. Der grösste Teil der Transportleistungen in Tonnenmeilen wird von sieben grossen, als Class I bezeichneten Eisenbahngesellschaften erbracht. Daneben existieren rund 500 kleinere Gesellschaften, welche hauptsächlich Zustelldienste auf den letzten Meilen erbringen. Der überwiegende Teil dieser Unternehmen ist in wenigen grossen Holdingunternehmen zusammengefasst.
Sechs der sieben Class I-Eisenbahnen sind börsenkotiert. Eine davon – die Burlington Northern Santa Fe BNSF – wurde 2010 von Warren Buffet übernommen und in den Berkshire Hathaway-Fond integriert. 2018 hat BNSF USD 5,5 Milliarden an Berkshire Hathaway abgeliefert.
Der wirtschaftliche Erfolg der Eisenbahnunternehmen schlug sich seit der Jahrtausendwende in enormen Kurssteigerungen der Aktien nieder. Dazu eine Grafik mit der Kursentwicklung von Canadian Pacific, CSX Corporation und Union Pacific:
Aber nicht nur Aktionäre haben vom Aufschwung profitiert – das Salärniveau bei den grossen Güterbahnen liegt weit über denjenigen von anderen Industrien, wie dieser Auszug aus einer Publikation des Branchenverbandes AAR zeigt:
Der Marktanteil der nordamerikanischen Güterbahnen am gesamten nordamerikanischen Güterverkehr hat in den letzten sechs Jahren abgenommen, ist aber im Vergleich zu Europa immer noch beneidenswert hoch.
Sorgen bereitet der Rückgang der Kohlentransporte und der als Carload Traffic bezeichnete Wagenladungsverkehr. Zudem bemängeln mehrere Beobachter, dass die Güterbahnen zu hohe Gewinne ausschütten und zu wenig investieren.
Da Ähnlichkeiten mit der Entwicklung im europäischen Schienengüterverkehr bestehen, möchten wir unseren Fokus im Folgenden auf den Wagenladungsverkehr richten.
Wagenladungsverkehr Nordamerika
Seit 2000 verliert der Wagenladungsverkehr in Nordamerika generell an Bedeutung. Der negative Trend hat sich seit 2012 verstärkt. Die Entwicklung bei den einzelnen Eisenbahngesellschaften verläuft jedoch uneinheitlich – infolge der Importe aus Mexiko verzeichnet Kansas City Southern gegen den Trend einen beachtlichen Aufschwung.
TRAINS lokalisiert im eingangs erwähnten Artikel unter anderem folgende Gründe für den Rückgang:
• Qualitätsprobleme in Form von Verspätungen
• Ungenügende oder fehlende Kommunikation bei Problemen
• Verspätete oder unzureichende Zustellung von Leerwagen für den Abtransport
• Güterwagen werden gelegentlich zu spät oder in schlechtem Zustand angeliefert.
• Tariferhöhungen bis knapp unter diejenigen des viel zuverlässigeren Strassentransports
• Schmutziges oder abgenutztes Wagenmaterial
Dabei wird dem Wagenladungsverkehr über mittlere und lange Distanzen ein beträchtliches Potential zugemessen. Schätzungen zufolge werden allein im Osten der USA auf den stark beanspruchten Strassen jährlich über 50 Millionen Lastwagenfrachten über Distanzen von mehr als 500 Meilen oder 800 Kilometern befördert.
TRAINS empfiehlt folgende Massnahmen für die Attraktivitätssteigerung des Wagenladungsverkehrs:
• Abbau der Verspätungen und Einhalten der vereinbarten Zustellfristen
• Ortungssysteme für Kunden, mit denen sie den Verlauf ihrer Lieferung verfolgen können
• Ausbau des Marketings und Wiedergewinnung von abgesprungenen Kunden
• Preisreduktionen unter Inkaufnahme von vorübergehenden Ertragseinbussen
• Verstärkte Automatisierung und Abbau von Leerfahrten durch Rabatte
• Verkürzung der Beförderungsdauer
• Verstärkte Kooperation zwischen den Eisenbahngesellschaften
• Transport von grossen Stückguteinheiten zwischen grossen Zentren
Entwicklung in der EU und der Schweiz
Der Wagenladungsverkehr in Europa nimmt laufend ab oder wurde in einigen Ländern bereits aufgegeben. Dabei kann der Wagenladungsverkehr im grenzüberschreitenden Verkehr sein Potential nur entfalten, wenn alle Eisenbahngesellschaften daran partizipieren.
Gemäss einem Beitrag in der Ausgabe 7/2019 der „Eisenbahn-Revue Internationa“l hat sich die Pünktlichkeit im alpenquerenden Güterverkehr über die letzten Jahre dramatisch verschlechtert. Nachstehend eine dem erwähnten Beitrag entnommene Grafik:
Weiter steht in der Schweiz gemäss der Fachpresse die nächste „erfolgversprechende“ Restrukturierung des Wagenladungsverkehrs an. So sollen von den aktuell noch rund 350 Bedienpunkten nur noch 154 Bedienpunkte (44 %) regelmässig mit einem „zuverlässigen und hoch leistungsfähigem Angebot“ bedient werden, 131 (38 %) werden nicht mehr regelmässig angefahren und 59 (18 %) werden aufgegeben. Damit bleiben 95 Prozent der aktuellen Gütermenge auf der Schiene.
Und der Sachverhalt, dass Coca Cola die in Brüttisellen abgefüllten Getränke mit Lastwagen nach Rümlang transportiert, wo sie für den Weitertransport in die Verteilzentren eines Grossverteilers auf die Bahn verladen werden, hinterlässt mehr Fragen als Antworten. So verfügen weder der in Sichtweite von Brüttisellen gelegene Bahnhof Dietlikon noch Wallisellen über geeignete Geleise für das Verladen.
Kommentar
Trotz den beträchtlichen Investitionen der EU in die Güterverkehrskorridore und die Liberalisierungsmassnahmen nimmt der Anteil des Schienengüterverkehrs am europäischen Güterverkehr seit Jahren ab. Dieser Sachverhalt und die Stagnation des Wagenladungsverkehrs in den USA sind besorgniserregend.
Wir haben vor einiger Zeit Anregungen für die Förderung des europäischen Schienengüterverkehrs formuliert. Das Dokument steht über folgenden Link zur Verfügung: Strategie
Eine fundamentale Verlagerung setzt unseres Erachtens darüber hinaus weiterreichende Eingriffe voraus. Darunter fallen grundlegende Veränderungen der logistischen Prozesse in der Wirtschaft, eine viel engere Kooperation zwischen der Strasse und der Schiene und technologische Anpassungen. Statt Güterwagen zu rangieren sollte die Fracht in hoch automatisierten Umschlagszentren dank geeigneten und genormten Wechselbehältern umgeladen werden. Diese Innovationen – wie immer sie schlussendlich erfolgen – erfordern enorme Investitionen. Im Gegensatz zu Europa verfügen die nordamerikanischen Güterbahnen über einen beträchtlichen finanziellen Spielraum. Möglicherweise müsste das kurzfristige Renditestreben einem längerfristig ausgerichteten Share Holder Value-Ansatz weichen.