Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03556.jsonl.gz/505

|Erfolge zeigen die Notwendigkeit

Aus der Geschichte der «Waldschule Horbach»

Was bedeutet der Name «Horbach»? Das altdeutsche «horo» bezeichnete ein sumpfiges Gelände, ein weiches lehmiges Gelände. Der «Horbach» ist demnach ein Bach, der durch ein solches Land fliesst oder dort seinen Anfang nimmt. Der Weiher, der hier heute anzutreffen ist, scheint dem Recht zu geben. Es ist anzunehmen, dass die Gegend bereits im frühen Mittelalter von alemannischen Siedlern gerodet und als Pflanz- und Weideland genutzt wurde.
Das älteste Gebäude des heutigen Horbachs ist das alte Wohnhaus, ein Bauernhaus, das 1833 mit 2000 Gulden geschätzt war und wohl nicht viel früher in der alten Bautradition des Zimmerhandwerks erstellt worden ist. Aus dieser Zeit stammt ja das schöne Spätbiedermeier-Büffet in der Stube, das Uhrkästchen und verschiedene andere reizvolle Einzelheiten. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass die Grundmauern dieses Holzhauses schon einen oder mehrere Vorgängerbauten getragen haben.
Landgut Horbach
So richtig ins Licht der Geschichte tritt der «Horbach» durch den Kauf dreier Liegenschaften in diesem Gebiet durch den amerikanischen Industriellen und Financier Georg Ham Page, der in Cham 1876 die «Milchsüdi», die Anglo-Swiss Condensed Milk Corporation gründete und die Güter am Horbach 1883 und 1889 von Silvan Uster bzw. den Brüdern Alois und Franz Rust wohl zu dem Zweck erwarb, hier einen milchwirtschaftlichen Musterbetrieb einzurichten. Genaueres darüber ist nicht bekannt. Auf jeden Fall wurde das «Landgut Horbach» schon 1894 alleiniger Besitz seiner Ehefrau Adelheid Page-Schwerzmann (†1925), welche das Gut Ober-Horbach in bäuerliche Pacht gab, den untern, «unsern» Horbach aber zu einem herrschaftlichen Ferienhaus umbaute – der schöne Kachelofen, wohl von Hafner Josef, zeugt noch heute von ihrem Geschmack. Das Anwesen wurde ergänzt durch den Bau eines «Gaumerhauses» (Haus für das Dienstpersonal) – des heutigen Felderhauses – sowie eines «Waldbruderhäuschens» (kleines Gästehaus). Den Sumpf, der dem Bach und Gelände den Namen gegeben hatte, liess sie zu einem kleinen Seelein aufstauen. Eine Strasse samt Tunnel und Seitenmauern führte nun rund um den «Horbach». Auch die Waldhütte «Bellavista» geht auf Adelheid Page zurück, die selbst Architektur studiert hatte und eine begabte Malerin war. In diesen «Horbach» lud Frau Page während des Sommers ganze Scharen von Kindern in eine Art Ferienlager ein, aus ihrem grossen Bekanntenkreis, darunter auch den heutigen Ehrenpräsidenten Dr. Imbach – noch als kleiner Robertli. Sie selbst hatte die Leitung inne, bald als liebevolle Geschichtenerzählerin, bald aber auch als strenge Regentin. Adelheid Page stiftete auch das Sanatorium Adelheid, und sie war das erste weibliche Vorstandsmitglied der GGZ. Sie war eine ganz ausserordentliche, musische, menschenfreundliche Frau. Sie starb 1925, und im «Horbach» wurde es still.
Ferienheim Horbach
Anlässlich des hundertsten Todestages von Heinrich Pestalozzi 1927 hielt Dr. med. Fritz Imbach, der damalige Präsident der GGZ und ehemaliger Hausarzt von Frau Page eine Rede, in welcher er als würdige Tat zu diesem Anlasse vorschlug, ein Ferienheim für bedürftige Schulkinder einzurichten. Er folgte damit der Idee des Zürcher Pfarrers Bion, der den unterernährten und krankheitsanfälligen Arbeiterkindern der Stadt die Wohltat einiger Wochen Landluft bei viel Bewegung und guter Kost verschaffen wollte, nicht zuletzt als Beitrag zur Bekämpfung der noch gefährlichen und häufigen Tuberkulose. «Die Gemeinnützige Gesellschaft begrüsst aus pädagogischen, sozialen und gesundheitlichen Gründen die Errichtung einer kantonalen Ferienkolonie», beschloss darauf die Generalversammlung. 1930 hatte die Gesellschaft Fr. 117'000.– für diesen Zweck zusammengebracht, den Grossteil aus einem Legat des Müllereibesitzers Stadlin-Fröhlich, der die Bedingung stellte, die Kolonie müsse auf Stadtboden realisiert werden. Da boten 1931 die Erben von Frau Page der GGZ den Unterhorbach mit 7 Juchart Umgelände und 15 Juchart Wald, dem Haupthaus, einem Gaumerhaus und vier Nebengebäuden zu dem sehr günstigen Preis von Fr. 65'000.– an, verknüpft mit der Bedingung, dass das Landgut für einen gemeinnützigen Zweck Verwendung finde. Die GGZ nahm das Angebot am 27. März 1931 an und liess das Haus für 15'000.—Franken in kurzer Zeit so umbauen, dass am 27. Juli des gleichen Jahres die erste Ferienkolonie mit 25 Mädchen für drei Wochen einziehen konnte, geführt um Gotteslohn «von edelgesinnten Töchtern». Trotzdem kam das Defizit: nur gut die Hälfte der Kosten waren gedeckt.
Was tun? Man überlegte die Einrichtung einer Gartenwirtschaft. Die Lebensmittelkosten von Fr. 1.69 pro Tag und Kind liessen sich nicht heruntersetzen, umso weniger, dass ja gerade die gute Kost ein Hauptanliegen war: Die Kinder nahmen in den drei Koloniewochen durchschnittlich ein Kilo zu! Schon im ersten Jahresbericht heisst es: «Die Lohnkosten machen das Gross der Kosten aus.» Dieser Lohn ging an den Gärtner Felder und seine Ehefrau. Längere Betriebsdauer als nur die paar Sommermonate war erwünscht, nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil die Wirkung der kurzen Lager, obwohl sehr günstig, nicht nur «körperlich, sondern auch für Geist und Gemüt», nicht lange anhalten konnte, und aus ärztlicher Sicht Aufenthalte von mehreren Monaten möglich sein sollten. Dr. Fritz Imbach sah deshalb, beeinflusst von den in Deutschland aufkommenden Wald- und Freiluftschulen, die Erweiterung durch einen Schulbetrieb als Voraussetzung für längere Aufenthalte als unerlässlich. Sein Tod 1932 verhinderte zunächst die Realisierung der Idee. Die GGZ bemühte sich weiter um die Reduktion des Defizites, fand jedoch bei den Gemeinden mit ihren Beitragsgesuchen kein Gehör, sammelte und hielt trotz allem den Betrieb aufrecht. Verhältnis Betriebskosten: Lebenskosten war 63% zu 37%.
Nun wurde die Schulidee wieder aufgenommen, sah man doch die Notwendigkeit der Sache. 27 Stadt- und Landkinder konnte der «Horbach» aufnehmen. Die Landkinder waren 1932 meist ziemlich schwach, hatten starke Zahnschäden und so spärlich Kleider, dass Zuger Damen nähten und strickten, um das Fehlende zu beschaffen. Die Stadtkinder waren allgemein gepflegter, aber nervöser und schwerer im Zügel zu halten. Eine Zentralheizung wäre nötig gewesen usw. 1933 war im warmen Sommer der Teich Hauptattraktion. Man nahm sogar vorschulpflichtige Kinder auf, schickte aber Bettnässer wieder heim. Die meisten Kinder stammten aus Arbeiterfamilien. Es wurde wegen der grossen Nachfrage strenge Auswahl durch die Schulärzte getroffen, und in gewissen Jahren musste mit Besuchsverboten gegen die Gefahr der Übertragung der Kinderlähmung und anderer Infektionskrankheiten vorgegangen werden. Trotzdem: Einmal lag der ganze «Horbach» wegen einer Wurstvergiftung drei Tage im Bett.
Der getreue Rechnungsführer Paul Henggeler freute sich zwar über 2057 Verpflegungstage 1933, berechnete aber, dass mindestens 5000 bis 6000 nötig wären, um den Betrieb selbst tragend zu machen. 1934 verbessert ein Arbeitslosenlager in 16-wöchiger Arbeit unter der Führung des Junglehrers Franz Fässler die Zufahrtsstrasse. Die Schulidee wurde weiter verfolgt, die Architekten Stadler & Wilhelm planten sogar einen südseitigen Anbau für einen Mehrzweckraum, der – ein «Chamäleon» – zum Turnen, Essen, Spielen und Schulehalten hätte geeignet sein sollen. Es kam nicht dazu.
1936 musste das Haus renoviert werden. Die Balken auf der Wetterseite waren faul unter dem Schindelschirm. Ein neuer Kochherd mit Wasserschiff frass 50 kg Holz im Tag. Der «Horbach» war 85 Tage im Betrieb unter den ehrenamtlichen langjährigen Leiterinnen Hedy Spillmann und Lula Bose, die von zwei Kinderfräuleins, Köchin und Küchenmädchen unterstützt wurden, während Herr und Frau Felder die Liegenschaft samt dem Garten in Stand hielten, die den Bedarf an Salat und Gemüse weitgehend selbst zu decken hatte, in der Kriegszeit sogar durch vermehrten Kartoffelanbau ganz. Der Kinderlähmungsgefahr entgingen die Horbachkinder glücklicherweise, dem Defizit der «Horbach» leider nicht. Immerhin war Paul Henggeler zuversichtlich: «Die geplante Waldschule wird kein grosses finanzielles Wagnis sein.» (Jahresbericht 1937).
Waldschule Horbach
Endlich, 1938 konnte man die längst gehegte Idee der Freiluft- und Waldschule verwirklichen, vorerst versuchsweise für 6 Monate. Die «Waldschule Horbach» für gesundheitlich gefährdete und schwächliche Kinder wurde am 25. April mit 8 Schülern eröffnet. In Fräulein Käthy Uhr hatte man eine überaus tüchtige Lehrerin gefunden, und als Hausmutter wirkte Fräulein Alma Vögeli. Frau Felder half beim Putzen. Immer noch liefen neben dem Schulbetrieb die Ferienkolonien, wobei dann zusätzliche Hilfen zur Verfügung standen. Die Schuleinrichtung bestand aus einer Wandtafel, während das Schulmaterial vom Kanton zur Verfügung gestellt wurde. Der Gesundheitszustand der aufgenommenen Kinder war so, dass der Arzt häufig im «Horbach» Visite zu machen hatte. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Dieser Zustand dauerte bis 1944.
1939 unterrichtete Fräulein Uhr 18 Kinder von der 1. bis zur 5. Klasse. Daneben versuchte man die Heimkapazität durch Aufnahme von Ferienkindern besser auszunützen. Für den Freiluftunterricht wurden 20 tragbare Schulpulte angeschafft, die aber so umständlich waren, dass man sich stets in Hausnähe installierte. Mit einer Schuldauer von nur 3 Stunden täglich gelang es Fräulein Uhr, den Schülern den Anschluss in ihren früheren Klassen zu gewährleisten. Sie muss ein ganz aussergewöhnliches Talent gewesen sein. Der Sommer, in dem der Krieg ausbrach, war sehr regnerisch, und die Zentralheizung konnte nie abgestellt werden.
1940 waren 20 Schüler im «Horbach», diesmal sogar ein Sekundarschüler und Kinder aus andern Kantonen, sowie ein Auslandschweizer. Neu amtete Fräulein Lina Andermatt als Hausmutter; sie sollte eine ganze Aera der Waldschule prägen (bis 1959). Stolz meldet Fräulein Uhr, dass das kantonale Lehrprogramm eingehalten wurde in ihrer Gesamtschule mit 7 Klassenstufen. Die Kinder halfen beim Tisch decken, brachten das Bett selbst in Ordnung und hatten abwechslungsweise in der Küche zu helfen. «Finanzielles: Dies ist stets der wunde Punkt des Horbach.», meint Paul Henggeler lakonisch (Jahresbericht 1940), der die Schwierigkeiten wachsen sah, und gleich wieder feststellte: «Aber die Schule entspricht einem Bedürfnis, und die GGZ will sich weiter engagieren.» Er appellierte an Spender und Gönner.
Die Kriegsjahre waren im Horbach wenig spürbar, sieht man vom Speisezettel ab. Und auch der Notfall, ihn als Evakuationsherberge zu nutzen, trat gottlob nicht ein. 1944 trat Fräulein Uhr als Lehrerin zurück. Ihre Nachfolgerin wurde Fräulein Irma Iten, die 1945 zusammen mit Fräulein Andermatt den Ganzjahresbetrieb aufnahm.
1946, nach Kriegsende, durfte Architekt W.F. Wilhelm die Planung eines Erweiterungsbaus wieder aufnehmen. Und zwei Jahre später, am 8. Mai 1948, konnte der neue Winkelbau mit Schulzimmer, Spielhalle (heute Esssaal) und Liegehalle, Garderobe, Wasch- und Duschraum eingeweiht werden. Nicht zu vergessen, das Planschbecken, lange Zeit das einzige weit und breit.
Es folgte eine ruhige Zeit. Doch gegen Ende der fünfziger Jahre machten sich bisher unbekannte Schwierigkeiten bemerkbar. Es gab zu wenig Lehrer, so dass das Stellenangebot für Lehrkräfte generell so attraktiv war, dass die abgelegene Waldschule, die einen Lehrer ungleich mehr beanspruchte als eine Normalschule in einer Gemeinde, zunehmend Mühe hatte, geeignete Lehrer zu finden. Der häufige Lehrerwechsel war schlecht für die Schüler, zumal sich auch bei diesen ein deutlicher Wechsel bemerkbar machte. Der wachsende Wohlstand und die neu entwickelten medizinischen Möglichkeiten führten allgemein zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes der Kinder. Statt bisher normal begabter, gesundheitlich schwacher Kindern, kamen immer mehr (oft unter dem Vorwand körperlicher Schwäche) schulisch schwache und verhaltensgestörte Kinder in die Waldschule. Das Normalschul-Niveau konnte kaum mehr gehalten werden, und der grosse Anteil an schwachen Schülern drückte auch auf den Lernerfolg der normal Begabten. Das Bedürfnis hatte sich geändert. Nicht mehr die körperliche Gesundheit stand im Vordergrund, sondern es war Not an Plätzen für Kinder, die trotz normaler Intelligenz sich in ihrer Umwelt nicht zurechtfanden, die erzieherische, Schwierigkeiten hatten, Probleme im Lernen und im Verhalten, und deshalb einer besonderen Betreuung bedurften. Dies führte schliesslich zum Entschluss, statt des medizinischen Präventoriums aus der «Waldschule Horbach» eine Sonderschule für Kinder mit Verhaltens- und Leistungsstörungen zu machen (1962).
Dies führte zu einer weitgehenden Anpassung in Bezug auf Einrichtung und Personal. Konstant blieb die seit 1960 als Nachfolgerin von Fräulein Andermatt als Hausmutter waltende Fräulein Berta Küng. Diesen beiden Damen ist es zu danken, dass in der damaligen schwierigen Zeit das Werk überhaupt als Ganzes nicht gefährdet war. Die Umstrukturierung auf jene Spezialität, die der «Horbach» eigentlich heute noch – und klarer denn je – pflegt, erforderte viel Aufwand auf allen Stufen. Wenn man die Geschichte der Entstehung der Sonderschulen für POS-Kinder (damals war der Begriff noch weitgehend unbekannt) verfolgt, so erkennt man, dass hier eine eigentliche Vorreiterdienste geleistet wurde. Dies zeigt schon die im Prinzip noch heute anwendbare Definition der Schule aus jener Zeit:
«Aufnahme in die ‹Waldschule Horbach› finden Kinder, die wegen Verhaltens- und Leistungsstörungen trotz normaler Begabung den Anforderungen des Normalschulbetriebes nicht genügen. Insbesondere Kinder mit leichten cerebralen Schäden, neurotischen Störungen, psychisch bedingten Charakterveränderungen, ebenso Kinder mit einseitiger Begabung, z. B. Schreibe-Lese-Schwäche. Nicht aufgenommen werden schwererziehbare Kinder.»
Es gelang, ein gut qualifiziertes Arbeitsteam zu bilden, und man rüstete den «Horbach» mit neuem Schul- und Wohnmobiliar aus. Das Felderhäuschen, welches von dem gleichnamigen Gärtner seinen Namen behalten hat, wurde renoviert. Ein Schulbus und ein Mehrzweckfahrzeug für Landwirtschaft und Schneeräumung wurden nötig. Trotz bestem Willen war die Zeit nach der Umstellung mit mancherlei Mühen, Ungemach und auch Enttäuschungen belastet.
Das Jahr 1966 gestattet einen Einblick in die damalige Situation. Damals war der Präsident der GGZ, der ehemalige Horbach-Ferienbub und nunmehrige Arzt Dr. Robert Imbach, gleichzeitig Präsident der Horbach-Kommission, und zwar mit Hingabe. Der langjährige Sekretär der GGZ, Paul Henggeler führte die Finanzen seit 1931 und hielt dem Horbach «die Treue, indem er dauernd versucht, das Gleichgewicht zwischen dem von der Schule Gewünschten und dem finanziell Tragbaren aufrecht zu erhalten» (Mani Planzer). Für die 16 Kinder waren 6 Personen voll angestellt. Leiter (Oswald Hürlimann-Würsch) und Hausmutter standen dem Unternehmen gemeinsam vor. Von den Kindern – der Horbach war eine reine «Bubenschule geworden – waren 10 Legastheniker, davon zwei mit schwerer Rechenschwäche. Ein grosser Teil der Schüler litt unter Konzentrationsstörungen. Man bekommt den Eindruck, dass man all den neuen Phänomenen damals recht hilflos gegenüberstand. Es war schon eine Grossleistung, sie als solche zu erkennen und nicht einfach als Dummheit oder Frechheit abzutun. 1966 entstand das Lehrerhaus nach Plänen von Architekt Rainer Peikert.
1970 wurde die alte Liegehalle zur Wohnung der Hausmutter ausgebaut und zusätzlich in zwei Zimmer unterteilt.
1971 tönt es recht zuversichtlich: Der «neue» Horbach ist immer voll besetzt und entspricht einem wirklichen Bedürfnis. Es herrscht Platznot, und eine Arbeitsgruppe mit Beratung des Kinderpsychiaters, PD Dr. Alfons Weber, befasst sich mit Vorarbeiten und Abklärungen. Die Waldschule Horbach ist eine von der IV anerkannte und namhaft unterstützte Sonderschule geworden. Auch 1972 wird die Personalnot, verbunden mit enormer täglicher Arbeitsbelastung als Hauptproblem der Waldschule bezeichnet, die immer mehr zur Therapiestation für verhaltensgestörte Kinder wird.
Das 1972 von der GGZ abgesegnete Sanierungs- und Ausbauprojekt kommt 1973 und 1974 zur Ausführung. Es gibt dem «Horbach» sein heutiges Aussehen. Zwischen Altbau und Nordbau entsteht ein neues, feuersicheres Treppenhaus mit Büro, Lingerie und Sanitäranlagen, das bisherige Spielzimmer wird zum Ess-Saal mit neuer anschliessender Küche samt Office und Vorratsräumen. Das Jahr 1974 sieht dann das Schulhaus emporwachsen. Die Pläne stammen vom Architekturbüro Bossard, Suter und Urfer. Schliesslich wird auch die Zufahrtsstrasse ausgebaut. Kosten des Ganzen: 2,5 Mio. Franken, wobei der Kostenvoranschlag um Fr. 50'000.–unterschritten wurde. Die Stadt Zug zahlte einen Baubeitrag von Fr. 100'000.–. Begleitet wurde das ganze Vorhaben von dem seit 1972 als Heimleiter wirkenden Mani Planzer, der es verstand, sein Team nicht als Chef, sondern als Verantwortlicher mit Verantwortlichen zu führen. 14 Buben im Alter von 9–15 Jahren bevölkern die neu ausgebaute Internatsschule, deren Schulhaus am 8. Juni 1975 eingeweiht werden kann. Die Waldschule Horbach schliesst «eine klaffende Lücke im Erziehungssystem des Kantons» (Jahresbericht der GGZ 1973).
1974 betreuen 9 Personen mit einigen nebenamtlichen Fachlehrern die 17 Kinder. 1975 sind es 20 Kinder. Die ärztliche Betreuung liegt bei PD Dr. Alfons Weber.
Für 1975 ist ein Ereignis hervorheben: die Einweihung des Schulhauses. Aus der Vorstellung der «Waldschule Horbach», wie sie Mani Planzer im Sommer 1975 dabei gab, sind viele Züge und Ansichten erkennbar, die noch heute diese Sonderschule charakterisieren. Es scheint, dass neben der Fachkenntnis stets die Personen und ihr Engagement die entscheidenden Faktoren sind. Der «Horbach» ist darauf wohl in besonderem Masse angewiesen.
Das Jahr 1976 scheint in der Deutschschweiz so etwas wie das Offenbarungsjahr für das Phänomen des Psycho-Organischen Syndroms (POS) gewesen zu sein. In Zürich wurde eine grosse Tagung organisiert vom dort schon bestehenden ELPOS-Verein, an der hochkarätige Referenten, u.a. auch der dem Team nahestehende Dr. Josef Duss-von Werdt, die Problematik von allen Seiten beleuchteten. Namen wie Prof. Herzka, Frau Dr. Angst, Susanne Naville stehen auf dem Programm. Im Horbach selbst gab es, vielleicht unter dem Eindruck dieser Tagung, einen Weiterbildungstag mit Herrn A. Walzer aus Sursee, nach welchem ein Mitglied des Teams einen «Schluss für den erzieherischen Alltag» zog:
– Kein Wettbewerbsdenken
– Belohnungssystem erwünscht
– richtige Autorität: konsequent sein; Normen, die dem Kind dienen,
– immer und überall, in allen Situationen durchhalten.
– das Kind braucht konsequentes Handeln, weil ihm die Selbststeuerung
– nicht gelingt. Sonst findet es seine Mitte nicht und «überbordet».
In jenem Jahr 1976 kauften übrigens die Horbach-Buben den Hund Hektor und eine Eishockey-Ausrüstung, zu der ihnen dann die Goali-Monturen geschenkt wurden. Im folgenden Jahr teilten sie ihren Erlös aus dem traditionellen Zweigverkauf im Advent mit einer damals noch nicht unterstützten therapeutischen Familie in Vorderthal.
Erst 1978 eröffnete die Stadt Zug eine sog. Kleinklassenschule mit regionalem Charakter, die auf POS-Kinder abgestimmt ist. In Thalwil war schon zwei Jahre früher eine «Gruppenschule» mit Kleinklassen von 4 bis maximal 6 Schülern auf privater Basis gegründet worden. Der Horbach ist also ein eigentlicher Vorreiter gewesen.
1982 stiegen die Mehrausgaben auf 364'186.—Franken an. Die GGZ setzte Experten ein, die umfassende Abklärungen «angefangen von der Bedürfnisfrage bis hin zur Finanzierung» vorzunehmen hatten, um eine eine tragfähige Lösung für den Horbach zu finden.
1983 lud Dr. iur. Stephan Ulrich [im Vorstand der GGZ 1975–1990] zusammen mit dem Präsidenten der GGZ zu einer Orientierung in den «Horbach» ein. Dr. Ulrich schenkte sechs Jahre lang – in einer schwierigen aber auch spannenden Zeiten – seine Aufmerksamkeit der Waldsschule Horbach.
Auch heute [1989] besteht keim Zweifel, dass der «Horbach» eine Notwendigkeit ist, wenn man die erfreulichen Erfolge an den Schülern sieht.
Josef Grünenfelder, Dr. phil. (redigierter Text vom 12. Dezember 1989)
Auf den Beginn des Schuljahres 2009/10 wurde die Institution umbenannt und heisst jetzt: «Internat/Tagesschule Horbach». Zudem wurde sie erweitert um eine Sekundarstufe 1, welche sich in einem Gebäudetrakt des ehemaligen Kantonsspitals an der Artherstrasse befindet, unmittelbar bei der Bushaltestelle «Mänibach» (Bus Nr. 3, Zug–Oberwil).

|Website der Internat/Tagesschule Horbach|
|Home|