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Interview
«Wir waren immer im roten Bereich»
Deep-Purple-Legende Roger Glover (74) erklärt, weshalb er ausgerechnet im Aargau wohnt, ob ihm der Ruhm nie zu Kopf gestiegen ist und wie er sich damit abgefunden hat, dass seine Töchter lieber Deutschschweizer Popmusik hören als Hardrock-Sound.
Deep Purple
Legendäre Band
Bassist, Songschreiber und Produzent Roger Glover (74), Sänger Ian Gillan (74) und Schlagzeuger Ian Paice (72) gehören der legendären Besetzung an, die alle berühmten Deep-Purple-Alben sowie die All-Time-Hits «Smoke On The Water» und «Child In Time» kreierten. Der verstorbene Keyboarder Jon Lord (1941–2012) und das ausgestiegene Gitarren-Enfant-terrible Ritchie Blackmore (75) wurden durch Don Airey (72) und Steve Morse (66) ersetzt. Auf dem neuen Album «Whoosh!» (Phonag) bleibt das Quintett dem Hardrock treu.
Roger Glover, weshalb geben Sie uns dieses Interview in Frick im Aargau und nicht in London oder New York?
Ich bin mit meiner Partnerin, die aus dieser Gegend stammt, vor elf Jahren hierhergezogen, als wir unser erstes Kind erwarteten. Nach einer lausigen Scheidung hielt mich in den USA nichts mehr. Aus- serdem hätte Miriam dort keine familiäre Unterstützung gehabt, wenn ich mit Deep Purple unterwegs bin. So habe ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen, ohne je in Frick gewesen zu sein. Und es ist eine der besten Entscheidungen, die ich je gefällt habe!
Wie fühlen Sie sich als Rock-Dinosaurier unter all den Dinosauriern, die im Fricktal ausgegraben werden?
Wie unter Brüdern! (Lacht.) Nein, ich denke, die Bezeichung «Rock-Dinosaurier» kam in den Achtzigerjahren für Musiker aus den Siebzigern auf. Aber mein Gott, wenn ich damals schon ein Dinosaurier war, was bin ich dann jetzt? Ich selbst denke jedoch überhaupt nicht in solchen Kategorien. Wenn die Leute zu mir sagen, ich sei eine Legende, verstehe ich zwar, was sie meinen, aber es berührt mich nicht.
Ist Ihnen der Ruhm auch in jungen Jahren nie zu Kopf gestiegen?
Nein, vielleicht, weil ich auf einer Farm in Wales sehr bodenständig aufgewachsen bin. Ich war es gewohnt, viel zu arbeiten, kaum Geld zu verdienen und mit meiner ersten Band Episode Six keinen Erfolg zu haben. So hob ich auch nicht ab, als ich mit Deep Purple den Durchbruch schaffte und ich mir ein Auto leisten konnte. Wobei: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Woran denken Sie?
Als sich unsere Italien-Tournee vor ein paar Jahren unglücklicherweise mit der Hochzeit meiner ältesten Tochter überschnitt, musste ich nach Konzertschluss sofort in einem gecharterten Privatjet nach England hüpfen, um nach einem langen nächtlichen Taxitransfer noch rechtzeitig bei der Feier anzukommen. Damals habe ich im Flugzeug tatsächlich einmal gedacht: «Ich bin ein Rockstar. Das ist es, was Rockstars machen!»
«Ich bin ein Rockstar. Das ist es, was Rockstars machen!»
Wie viel haben die harten Zeiten dazu beigetragen, dass Deep Purple den Hardrock miterfunden haben?
Jede Erfahrung hilft. Was du nicht lernen kannst, ist Glück zu haben. Und das braucht es immer. Wenn Leute zu mir kommen und wissen wollen, wie ich es gemacht habe, berühmt zu werden, antworte ich: «Das ist die falsche Frage. Wenn es dir nur darum geht, wirst du scheitern, aber daraus wirst du am meisten lernen.»
Welches war Ihre grösste Enttäuschung?
Oh, das ist eine sehr journalistische Frage! Grösste, kleinste, schnellste ... Es gab eine Zeit bei Episode Six, in der wir jeden Song gesungen hätten, um Erfolg zu haben. Aber was wir auch probierten, unsere Sehnsucht nach dieser Nummer eins, die unser Leben verändern würde, blieb ungestillt. Darauf wechselte ich mit Sänger Ian Gillan zu Deep Purple – und es passierte genau das Gegenteil.
Weshalb?
Deep Purple war eine Band, die sich nicht für den Erfolg interessierte. Sie wollte einfach ihre Art von Musik machen. Und die hatte im Grunde keine Chance, dass sie von der BBC im Radio gespielt würde.
Sie haben immer noch nicht erklärt, wie Deep Purple zu Hardrock-Pionieren wurden.
Nach unserem dritten Album hatte Keyboarder Jon Lord das «Concerto For Group And Orchestra» geschrieben, das Rock und Klassik auf faszinierende Weise verschmolz, aber kein grosser Erfolg wurde. Danach zog Gitarrist Ritchie Blackmore in die Gegenrichtung. Ich erinnere mich, wie wir uns bei «Deep Purple In Rock» fragten, wie wir noch mehr aus unseren Instrumenten herausholen könnten. Wir spielten immer härter und drehten den Lautstärkepegel höher – die Nadel bewegte sich immer im roten Bereich. Wir eiferten dabei nicht einfach Led Zepplin oder Black Sabbath nach, sondern entwickelten als gereifte Musiker unsere eigene Handschrift.
Wie haben Sie Ihre Rolle bei Deep Purple gefunden?
Ich wusste, dass ich im Gegensatz zu den übrigen Bandmitgliedern kein Virtuose bin. Mit Ian Gillan wurde ich jedoch ein gutes Songschreiber-Gespann. Dabei hatte er zuerst abgewunken. «Was willst du? Ist es nicht eher etwas für ‹sissys› (Waschlappen, Weich-eier – Anm. der Red.), Songtexte zu schreiben?» Ich sagte ihm, ich würde nicht mehr mit ihm reden, bis wir zusammen einen Song geschrieben haben. Diese Drohung wirkte.
Was wollen Sie mit «Man Alive», der ersten Single aus dem neuen Album, ausdrücken?
Der Song hat viel mit dem zu tun, was momentan auf der Erde passiert, obwohl er bereits vor einem Jahr entstanden ist. Er handelt davon, wie schnell die Zeit vergeht und wie unwichtig wir für unseren Planeten sind – mal abgesehen von der Tatsache, dass wir ihn ruinieren. Deshalb ist der Slogan «Save The Planet» verkehrt, denn es geht nicht darum, ihn zu retten, sondern uns!
Wie hat sich Ihr Blick darauf verändert, als Sie nochmals Vater wurden?
Von meiner ältesten Tochter, die nun 43 ist, wusste ich ja, dass jeder Mensch, der Kinder hat, die Welt mit anderen Augen anschaut. Du willst sie beschützen und ihnen die Welt erklären. Inzwischen sind die beiden Jüngeren jedoch schon 9 und 11 und verstehen von sich aus viel.
Ihre Töchter wachsen zweisprachig auf. Wann übersetzen sie für ihren Vater?
Vor allem beim Einkaufen, wenn ich mit meinen limitierten Deutschkenntnissen anstehe. Daran haben sie sich jedoch genauso gewöhnt wie an die Tatsache, dass ihr Vater etwas alt ist und von Zeit zu Zeit verschwindet. Langsam finden sie sich sogar damit ab, dass ich momentan nicht verschwinde! (Lacht.)
«Wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen, singen sie Schweizerdeutsche Lieder.».
Hören sie gerne Deep Purple?
Nein, wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen, singen sie Schweizerdeutsche Lieder. Sie haben jedoch auch schon Popmusik zu hören begonnen, meistens mit elektronischen Beats. Ich kenne die Namen nicht.
Luca Hänni?
Who???
Sie sind in Ihrem Leben schon oft geflogen. War es Liebe auf den ersten Blick mit Ihrer Frau Miriam, die als Flight-Attendant arbeitete?
Nicht ganz. Wir kannten uns ungefähr ein Jahr, bevor wir ein Paar wurden. Ich war noch verheiratet, als wir uns zum ersten Mal trafen. Miriam kam dann zu unserem Auftritt am Festival im benachbarten Schupfart und zu anderen Konzerten, wo wir ein paar Worte wechselten. Zuerst, ohne dass ich wirklich wusste, wer sie war. Aber dann hat es «klick» gemacht …
War Miriam schon damals Deep-Purple-Fan?
Nein. Und sie ist es bis heute nicht. Aber das ist auch besser so. Ich schätze es, dass sie an mir als Mensch interessiert ist und nicht an meinem Prestige oder Verdienst als Rockmusiker.
Roger Glover, wir danken Ihnen für dieses Gespräch