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Kein Zweifel: Michel Hazanavicius kennt und liebt Jean-Luc Godard und sein filmischen Universum.
Wenn er sich für seine eigenwillige Demontage-Hommage allerdings auf die Erinnerungen von Godards zweiter Frau Anne Wiasemsky stützt, ist auch schon klar, dass kein verklärter Blick zu erwarten sein dürfte.
Die Memoiren stehen unter den Titel «Un an après»; die Ehe zwischen Godard und der jungen Frau aus grossbürgerlichem Haus hat nicht lange gehalten.
Sie war siebzehn, als sie Godard kennenlernte, sie hatte bei Robert Bresson 1966 die Marie gespielt in Au hasard Balthazar und schon im Jahr darauf besetzte sie Godard als Véronique in La chinoise.
Als Lebensgefährtin und Muse und Darstellerin löste sie Anna Karina ab und Hazanavicius‘ Schauspielerin Stacy Martin (bekannt geworden mit Lars von Triers Nymphomaniac) gleicht auch eher der Anna Karina als Anne Wiasemsky.
Anne und der Film, das voice over und die Inszenierung, machen schnell klar, dass sich die junge Schauspielerin in den witzigen und schlagfertigen Regie-Star der «nouvelle vague» verliebt hatte, zu einem Zeitpunkt, als der gerade damit begann, sich als Revolutionär neu zu erfinden.
Michel Hazanavicius spielt bis zum Überdruss mit dem Kontrast zwischen dem bürgerlich privilegierten Leben und der revolutionären Attitüde Godards; der Blick des Films ist klar definiert und Godard kommt mit seinen zunehmend verzweifelten Versuchen, sich dem Erfolg und der kulturellen Vereinnahmung zu entziehen nicht gut weg.
Dabei spielt der Regisseur wie schon bei seinem bisher grössen Erfolg The Artist mit dem Erinnerungswert des Kinos. Schon die farbigen Titelschriftzüge tragen Godards Stil, später kommen fast alle Gimmicks dazu, die der Meister seinerzeit eingeführt hat, abrupte Schnitte, Negativbilder, Untertitel, welche nicht sprachlich übersetzen, sondern inhaltlich, oder Doppeldeklamationen in die Kamera.
Mit all diesen Reverenzen signalisiert der Film seine Bewunderung für Godards Kunst, was dann den Kontrast zum kindisch-trotzigen Mann selber um so komischer macht.
Und dann ist da Louis Garrel, sonst oft als arroganter, stiller Brüter besetzt, diesmal aber als eigentliche Karikatur des Vorbilds, bis hin zur beginnenden Glatze und einem penetrant überzeichneten Lispeln. Das hätte leicht ins Bösartige abgleiten können, wären die Sentenzen und Paradoxien, die der Mann von sich gibt, nicht immer wieder so brillant und witzig.
Mitunter machen Garrel und Hazanavicius ihren Godard gar zu einer Art Woody-Allen-Figur, etwa über den Running Gag, dass ihm bei jeder Begegnung mit den Autoritäten, bei jedem Demo-Einsatz und bei jeder Flucht vor der Polizei die Brille zu Boden fällt und unweigerlich zertrampelt wird.
Die grossen Demonstrationen in Paris von 1968 inszeniert Hazanavicius mit Verve, eben so die Vollversammlungen in der Universität, bei denen Godard erschüttert feststellen muss, dass er an der Studentenrevolution nur die Revolution liebt, nicht aber die Studenten. Vor allem darum, weil die jung sind und ihn als alten Maoisten-Furz abtun… was er selber irgendwie nachvollziehen kann.
Den Abbruch des Filmfestivals von Cannes von 1968, den Godard und Truffaut und ein paar andere provoziert hatten, zeigt Hazanavicius ironischerweise nur als eine Art Botenbericht. Anne ist bei den Freunden in einer Villa an der Côte d’Azur, weil Godard sie am Festival nicht dabeihaben wollte. Und nach erfolgter Aktion stösst er dazu und beklagt sich auch gleich, dass es kein Benzin gebe, um sofort nach Paris zurück zu fahren.
Der Titel des Films bezieht sich auf einen Satz aus einer Radioreportage vom 29. März 1967, als der Reporter vom leben im gleichnamigen U-Boot berichtete und schloss: «Ainsi va la vie à bord du Redoutable!». Gemäss Anne Wiasemsky war Godard von dem Satz so fasziniert, dass er ihn zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten und zitierte, als bissigen Kommentar im Sinne von «C’est la vie». Und das wiederum muss Michel Hazanavicius unendlich fasziniert haben, denn der 29. März 1967 war der Tag, an dem er zur Welt gekommen ist.
Le redoutable ist ein unterhaltsamer und zuweilen erhellender Einblick in ein komplexes Leben eines komplexen Mannes. Insbesondere beeindruckt und beelendet die selbstzerstörerische und verbissene Konsequenz, mit der sich Godard in sein revolutionäres Denken und Brüten stürzte. Und gerade weil der Film seine komischen Qualitäten hat und sich und seine Themen nie so ernst nimmt, wie es Godards spätere Filme mit allem zu tun scheinen, bleibt ein überraschend vielschichtiges Bild von dem Mann. Von seiner zweiten Frau erfahren wir dagegen erstaunlich wenig dafür, dass das eigentlich ihre Geschichte sein soll.