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5.2 Potenzierung der Navigationsinstrumente
Obwohl "navigare" von "navis" und "agere" stammt, worin also ein Schiff in Bewegung versetzt wird, versteht man unter Navigation heute meist passives Steuern von einem Gefährt, das schon durch einen Motor bewegt wird. Navigation im EncycloSpace muss aber die ursprünglich Aktivität wieder einbringen, denn der EncycloSpace wurde als interaktiv bedienter Wissens-Corpus bestimmt, der nicht durch geheimnisvolle Kräfte, sondern durch unser urspüngliches agere am Gegenstand sich konstituiert, verändert und entwickelt. Deshalb wird hier dem Begriff der Navigation sein etymologisch verschüttetes Bedeutungspotential zurückgegeben: Es wird unterschieden zwischen rezeptiver und produktiver Navigation. Unter rezeptiver Navigation verstehen wir gesteuerte Fortbewegung im Inneren des Wissensraums, ohne denselben zu verändern. Produktive Navigation verändert im Gegensatz zur rezeptiven Variante den Wissensraum.
Produktive Navigation kann durch schlichtes Fragen nach Sachverhalten geschehen, die zwar noch nicht dokumentiert sind, wo aber die Leistung des EncycloSpace eine Antwort erbringen kann. Nach gestellter Frage wird das Repertoire des Wissensraumes um die Antwort gewachsen sein. Eine solche dynamische Produktivität in der Navigation ermöglicht eine stetige Veränderung (in den meisten Fällen die Vergrösserung) des EncycloSpace.
So kann zum Beispiel das Arbeiten am "HyperText" der US-amerikanischen Geschichte ( 4.7) als aktives Navigieren interpretiert werden. Der "HyperText" ist in seiner elektronischen Form ein Hypermedia-Dokument, das an vielen Stellen aktiv verändert werden kann: durch Einfügen von fehlenden Textstücken, durch Verbessern der Bilder, durch Anbringen von neuen Verweisen, durch Umstellen von Sequenzen, etc. Der Unterschied zu einem traditionellen Papierdokument ist, dass der "HyperText" sich diesen Interventionen ohne weiteres anpasst: Die Veränderung des Layouts, die Permutation der Quellverweise, die Neunumerierung der Kapitel, all das bleibt sensibel und wird seine Bedeutung evaluieren bei einem Eingriff vonseiten der Arbeitsgruppe des "HyperText"-Projekts.
Wir wollen dies am Beispiel erläutern, denn diese scheinbar harmlosen Aktivposten in elektronischen Hyperdokumenten sind sehr wichtig für das Verständnis der interaktiven Natur des EncycloSpace. Wenn wir etwa die Numerierung eines Kapitels betrachten, so ist dies an sich keine feste Zahl. Kapitel 7 ist nicht an und für sich an die Zahl "7" gebunden, sondern stellt lediglich das Kapitel dar, das nach Kapitel 6 kommt. Fügt man in ein aktives Hyperdokument vor Kapitel 7 noch ein Kapitel ein, dann wird Kapitel 7 zu Kapitel 8, und Kapitel 8 zu Kapitel 9, etc. Diese Evaluation der Bedeutung von Dokument-Merkmalen ist es, welche den Unterschied zu einem papierenen "Datenfriedhof"5 ausmacht.
Das Wissen wird also jederzeit und verzugslos weiter verarbeitet. Ganz im Sinn von Luhmann ( 2.2.1) wird es dabei immer wieder neu vollzogen. Und zwar in alle Verzweigungen hinein, die es als aktives Gebilde ausmachen. Im obigen Beispiel muss das Hyperdokument als Wissensstruktur beispielsweise seine Kapitelnummern immer wieder neu vollziehen, falls Verändernungen es erfordern. Im Sinne eines "data mining" ("Datenschürfen", s.a. Anhang 9.3) wird mithin der Wissensraum zum permanenten Werkplatz und Steinbruch und verliert so auch die statische Rolle eines Kosmos-Abbildes, wie es die mittelalterliche Metapher des speculum naturae vermittelt.
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