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Der Mangel an Lehrkräften, die hohe Fluktuation in den Schulhäusern, fach- oder stufenfremdes Unterrichten und Burnouts sind seit einigen Jahren Probleme unserer Schulen. Eine Analyse der Ursachen (1) braucht den Blick auf die Vorgänge im Bildungswesen während mindestens der letzten drei Jahrzehnte. In dieser Zeit ist ein Tornado über die Schulen hinweggefegt. Zuvor war den Schweizer Schulen im internationalen Vergleich stets sehr hohe Qualität attestiert worden. Das änderte sich Mitte der 90er Jahre, als die OECD die Unesco (auf Druck der USA) aus deren Führungsaufgabe drängte. Die Wirtschaftsorganisation arbeitete fortan die Indikatoren aus, mit denen Bildungssysteme international verglichen werden sollten. Dazu konzipierte sie die Pisa-Tests. Sie hatten keinerlei Zusammenhang mit der europäischen Bildungstradition und den nationalen Bildungskonzepten und Lehrplänen, sondern gründeten auf dem anglo-amerikanischen Bildungssystem. Trotz des damit verbundenen Theorie- und Kulturbruchs gegenüber der europäischen Bildungstradition segneten die OECD-Länder das Pisa-Konzept ab. Der Schock über die unerwartet schlechten Resultate des ersten Pisa-Tests wirkte als Katalysator einer Reformkaskade, mit denen unser Volkschulsystem aus seinen demokratischen Strukturen herausgelöst wurde. Es kam zu Volksabstimmungen mit wenig transparenten, gesetzlichen Vorlagen, die ausreichend Spielraum für Verordnungen aufwiesen und mit denen umstrittene Massnahmen eingeführt werden konnten. Beispiele waren die Abstimmungen 2006 über einen Bildungsartikel in der Bundesverfassung und die Errichtung des HarmoS-Konkordats. In einer der wenigen unabhängigen Studien wunderte man sich, wie locker diese grundlegenden Reformen in der Schweiz möglich waren (2).
Das Bildungwesen wurde damit zu einem Objekt neoliberaler Konzepte, welche aktueller Fehlentwicklungen bestimmen.
Einige Zeit zuvor (1995) waren von Welthandelsorganisation WTO globale Freihandelsverträge beschlossen worden. Eines dieser Abkommen war das General Agreement on Trade in Services GATS (=Allgemeines Übereinkommen über den Handel mit Dienstleistungen). Es fordert einen laufenden Prozess der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, auch des Bildungswesens. Die Schweiz unterzeichnete dieses Abkommen 1995 und belegte es mit keiner der möglichen Ausnahmeklauseln. Das Bildungwesen wurde damit zu einem Objekt neoliberaler Konzepte, welche aktueller Fehlentwicklungen bestimmen.
Schulen und Universitäten als kundenorientierte Dienstleistungsunternehmen
NPM, diese drei Buchstaben stehen für New Public Management, zu deutsch Reform der öffentlichen Verwaltung (3). Es ist das Werkzeug neoliberaler Regierungen, mit dem öffentliche Ausgaben reduziert und aus dem Staat ein kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen gemacht werden soll. Mit NPM erfolgte nun die Umgestaltung unseres demokratisch organisierten und kontrollierten Bildungswesen zu einem betriebswirtschaftlichen gemanagten Schulbetrieb. Es ging um Sparprogramme, Effizienz und Effektivität. Im Kanton Zürich ist damit der Name des damaligen Regierungsrats Ernst Buschor verbunden. Der ehemalige Professor für Betriebswirtschaftslehre an der HSG übernahm 1995 die Leitung des Zürcher Erziehungsdepartements unter der Bedingung, es mit diesen Methoden umgestalten zu können. Es folgte ein Reformsturm – immer begründet mit Finanzknappheit, Spardruck und dringend notwendiger Modernisierung. (4)
Entdemokratisierung, Firmenstrukturen und CEOs
NPM gab also den Fahrplan vor, mit dem unsere Schulen zu Dienstleistungsunternehmen mit Globalbudgets und entsprechenden Hierarchieebenen umstrukturiert wurden. Dazu gehörten Firmenstrukturen: An Stelle des bisherigen Kollegialitätsprinzips traten Schulleitungen (=CEOs), die heute von Managern ohne Lehrbefähigung und Unterrichtserfahrung übernommen werden können. Ein sehr wichtiger Reformpunkt war die Abschaffung der subsidiär organisierten Behördenstrukturen durch zentralisierte Verwaltungsbehörden: Schulleitungen statt Schulpflegen, Fachstellen für Schulbeurteilung statt Visitatoren usw. Sie machten eine Top-Down-Strategie zur Durchsetzung der Reformen möglich.
Viele LehrerInnen hatten genug, sie stiegen aus dem Beruf aus, übernahmen nur noch kleine Pensen oder suchten sich pädagogische Nischen.
Die Lehrkräfte wurden neu mit in der Privatwirtschaft üblichen Verträgen eingestellt, lohnwirksamen Mitarbeiterbeurteilungen unterzogen und erhielten einen neuen Berufsauftrag. Die Lehrerausbildung wurde im Kontext der von der OECD und dem Aktionsrahmen Bildung 2030 der Unesco neu konzipiert. An Stelle der Seminarien traten die Pädagogische Hochschulen, an denen heute die Studierenden vorrangig in die methodischen und inhaltlichen Unterrichtsprinzipien (individualisierte Lernprogramme und Classroom-Management) aus dem anglo-amerikanischen Raum eingeführt werden. Das führte zu einem völlig veränderten Berufsbild von LehrerInnen.
Eine ehrlich geführte öffentliche Debatte über diesen Kulturwandel unseres Bildungswesens fand nie statt. Im Gegenteil, die kritischen Einwände und fundierten Analysen wurden nicht nur in den Wind geschlagen und als Verschwörungstheorien abgetan, sondern über Jahre hinweg mit einer für die Schweiz unüblichen, hässlichen Medienkampagne ausgeschaltet. Viele LehrerInnen hatten genug, sie stiegen aus dem Beruf aus, übernahmen nur noch kleine Pensen oder suchten sich pädagogische Nischen.