Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/2591

Aktueller Medienservice
«Laudato si’» – Umweltschutz als soziales christliches und gewerkschaftliches Anliegen
Die aktuellste Enzyklika von Papst Franziskus mit dem Titel «Laudato si’ – über die Sorge für das gemeinsame Haus» beschäftigt sich mit ökologischen Fragen. Im November lud das aktuelle Oberhaupt des Vatikans Gewerkschaften aus der ganzen Welt nach Rom ein, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die Gewerkschaftsbewegung in diesem Rahmen erneuert und gestärkt werden kann. Travail.Suisse wohnte den Debatten bei. Ein Protokoll. mehr
Wer erinnert sich noch an die Enzyklika «Rerum novarum» von Papst Leo XIII.? Ausserhalb der Mauern des Vatikans und der Lehrstühle für Theologie und Geschichte dürfte dieser Text, der die soziale Doktrin der römisch-katholischen Kirche begründete, nicht mehr vielen im Gedächtnis sein. Für Travail.Suisse ist der Ende des 19. Jahrhunderts (1891) veröffentlichte Text insofern von Bedeutung, als er das Fundament der christlichen Gewerkschaftsbewegung in der Schweiz, in Europa und in der Welt legte. Die Schweiz leistete einen wichtigen Beitrag dazu: Inspiriert wurde Leo XIII. von den Arbeiten der «Sozialen Vereinigung für katholische und wirtschaftliche Studien», kurz «Union de Fribourg», einer sehr aktiven Reflexionsgruppe unter der Leitung des Bischofs von Lausanne und Genf. Damals wurden in Deutschland, England und Frankreich die Auswüchse von Kapitalismus und Industrialisierung angeprangert, die eine neue Klasse benachteiligter Menschen – die Arbeiterinnen und Arbeiter – hervorgebracht hatten. Es war die Geburtsstunde der «sozialen Frage». Im Zuge der Aktivitäten der Union de Fribourg entstand auch die Universität Freiburg (1889). Die Enzyklika «Rerum novarum» ermutigte die christliche Gewerkschaftsbewegung.
Die christlich-sozialen Wurzeln von Travail.Suisse
Es ist interessant, sich von Zeit zu Zeit Folgendes ins Bewusstsein zu rufen: Travail.Suisse ist aus der Fusion des Christlichnationalen Gewerkschaftsbunds der Schweiz CNG und der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände VSA entstanden. Dies ermöglichte 2003 die Bildung einer einzigen unabhängigen schweizerischen Dachorganisation, welche die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertritt. Durch die Fusion verschwand der direkte Hinweis auf das christliche Gedankengut im Namen, diese Werte sind jedoch nach wie vor aktuell, und zu Travail.Suisse gehören auch die Tessiner Organizazzione cristiano-sociale ticinese OCST sowie die Interprofessionelle Christliche Gewerkschaft Wallis SCIV.
Im Juni 2015 setzte Papst Franziskus das Werk seiner Vorgänger fort, indem er seine Enzyklika «Laudato si’» (Altitalienisch für «Gelobt seist du») veröffentlichte, deren Titel den Sonnengesang von Franz von Assisi aufnimmt . Enzykliken sind ein seit Ende des 19. Jahrhunderts von der Kirche häufig benutztes Kommunikationsmittel, wobei diejenige von Benedikt XIV. (Ubi primum, 1740) als erste moderne Enzyklika gilt. Konkret handelt es sich um ein feierlich formuliertes Kreisschreiben von universeller Dimension, das der Bischof von Rom an die Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt richtet, aber auch an alle christlichen Gläubigen. In diesem Text legt der Papst seine Position zu einem bestimmten Thema dar: «Laudato si’» spricht von einer ganzheitlichen Ökologie, aber vor allem von der Bewahrung der Schöpfung, nicht mehr und nicht weniger.
Jeder Epoche ihr Friedensbegriff
Jede Enzyklika ist auch Spiegelbild ihrer Epoche. Paul VI. teilte den Fortschrittsglauben. In «Populorum progressio» zeigte er sich 1968 überzeugt, dass alle Völker an der Entwicklung teilhaben können. Friede bedeutet hier Entwicklung. Doch dies sollte sich als Irrtum erweisen.
Johannes Paul II. stellt mit Schmerz und Trauer fest, dass die Entwicklung das Problem der Ungleichheit und des Ausschlusses gewisser gesellschaftlicher Gruppen nicht löste. In «Laborem exercens» hielt er 1981 fest, dass die Nutzenverteilung der Indikator für soziale Gerechtigkeit ist. «Durch Arbeit muss sich der Mensch sein tägliches Brot besorgen, und nur so kann er beständig zum Fortschritt von Wissenschaft und Technik (…) beitragen.» Friede bedeutet nun Solidarität.
Nach ihm vertritt Benedikt XVI. in «Caritas in veritate» (2009) die Ansicht, dass die Technologie das soziale Problem lösen werde. Friede bedeutet nun Barmherzigkeit als Gegenstück zu Globalisierung, Finanzkrise und Gesellschaftskrise.
Franziskus sieht unser «gemeinsames Haus» in einem verheerenden Zustand
Papst Franziskus stellt die Verbindung zwischen Ökologie und Armut her, den grössten Problemen der heutigen Zeit. Sein Fazit zum Zustand der Erde ist verheerend: Verschmutzung und Klimawandel, Verknappung des Trinkwassers und Verlust von Biodiversität bewirken unweigerlich eine Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen, vor allem aber eine gesellschaftliche Zerrüttung. Neue Ungleichheiten entstehen und kommen zu den bestehenden hinzu. Der technische Fortschritt im Nuklearbereich sowie in Biotechnologie und Informatik verleihen einer kleinen Elite unangemessen viel Macht. Nichts gewährleistet, dass diese Entwicklungen dem Wohl der Menschheit als Ganzes zugute kommen. Franziskus könnte somit als erster «ökologischer» Papst bezeichnet werden. Wenn man die Augen nicht verschliesst vor dem heutigen Zustand der Welt, gibt es keine Ausflüchte. Wir alle müssen Sorge tragen zum «gemeinsamen Haus». Es geht ums Überleben der menschlichen Art, einer Schöpfung Gottes.
Der Papst plädiert für eine umfassende Ökologie, die alle Gruppen der Bevölkerung und sowohl die menschlichen als auch die gesellschaftlichen Dimensionen einbezieht. Natur und Arbeit sind nicht nur Rohstoffe oder Waren (Commodity). Er spricht von einem neuen ökologischen Paradigma: Die wirtschaftliche Entwicklung schade der Umwelt, und es liege an den öffentlichen Gemeinwesen, zugunsten des gemeinsamen Wohls zu intervenieren. Er ermutigt zum Dialog – zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, zwischen reichen und armen Ländern usw. In diesem Geist lud er auch die nationalen Gewerkschaftsbewegungen der ganzen Welt am 23. und 24. November 2017 zu einem Kolloquium in Rom mit dem Titel «Arbeit und Arbeiterbewegung im Zentrum einer ganzheitlichen, nachhaltigen und solidarischen Entwicklung der Menschheit».
«Der Algorithmus ist der neue Personalchef»
An der Veranstaltung gab es zahlreiche sehr interessante Präsentationen. Zu hören waren unter anderem der Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamts (ILO), Guy Rider, die Wirtschaftswissenschafter Riccardo Petrella von der Katholischen Universität Löwen, Enrico Giovannini von der Universität Roma Tor Vergata oder der Wirtschaftshistoriker Geatano Sabatini von der Universität Roma Tre. Die Vertreterinnen und Vertreter der nationalen Gewerkschaftsbünde brachten ihre Ideen ebenfalls ein, beispielsweise mit Philip Jennings von UNI Global Union oder Luca Visentini vom Europäischen Gewerkschaftsbund EGB. Zahlreiche nationale Verbände wie Brasilien, Belgien, Senegal, Argentinien, USA, Grossbritannien oder Italien beteiligten sich an den Expertengesprächen.
Verurteilt wurde dort die unangemessene Macht der transnationalen Unternehmen, die mehr Einfluss haben als Staaten und die Gewerkschaften bekämpfen und zerstören. Weiter wurde bedauert, dass Algorithmen die neuen Personalchefs sind und dass Sklaverei und Menschenhandel einen Aufschwung erleben. Es wurde an die Konzentration des Reichtums in den Händen von einigen wenigen erinnert: Die reichsten acht Personen besitzen heute gleich viel wie 3,6 Milliarden Menschen. Eine Reform der Steuersysteme sei notwendig.
Kardinal Peter Turkson, der die Debatten leitete, rief die Gewerkschaften dazu auf, sich kreativ zu zeigen, um neue Formen der Solidarität zu finden. Er erinnerte auch daran, dass Arbeit in der Antike von Sklaven und Tieren verrichtet wurde, während mit der Entstehung des Christentums die Menschen sich dieser annahmen und Gottes Werk weiterführen konnten. Bei der industriellen Revolution setzte sich die Kirche gegen die Ausbeutung der Menschen durch Maschinen ein. Heute geht es darum, «die Arbeit vor der Technologie zu retten», die den Menschen die Arbeit wegnimmt. Die Arbeit 4.0 ist ein Thema, das auch die Kirche beschäftigt. Denn die Arbeit verleiht dem Menschen Würde. Diese Mission verfolgt auch das von Travail.Suisse gegründete Hilfswerk Brücke – Le Pont, das mit seinen Projekten in Lateinamerika und Afrika den Menschen durch Arbeit ihre Würde zurückgibt .
Die Antwort der Gewerkschaften auf die Enzyklika
Der Beitrag der Gewerkschaften besteht in einem Positionspapier, das die Aussagen der Enzyklika von Papst Franziskus ergänzen und teilweise erweitern will. «Die Gewerkschaften müssen den Arbeitnehmenden als Scheinwerfer zur Wahrnehmung bestehender Rechte dienen und gleichzeitig als Kompass, um neue zu identifizieren». Damit sich dies umsetzen lässt, sind Erziehung und Bildung wichtig, auch in den Rängen der Gewerkschaften, ebenso die Arbeit an einer globalen Gewerkschaftsbewegung. Die Gewerkschaften müssen zusammenarbeiten und voneinander lernen, damit sie eine weltweite Bewegung bilden können. Dialog und soziale Partnerschaft sind fortzusetzen und überall zu fördern – insbesondere jedesmal, wenn jemand versucht, diese zu spalten und einen Keil zwischen Arbeitnehmende und Gewerkschaftsvertretungen zu treiben.
Das Positionspapier der Gewerkschaften schliesst mit folgenden Worten: «Der soziale Gedanke der Kirche (…) will inspirieren, ein Fundament bilden, eine Anleitung zum Handeln sein. (…) Es ist ein Proviant für unterwegs. Es ist weder der Anfang noch der Abschluss einer Erfahrung. Es ist eine Einladung. Ein Aufruf, Bisheriges zu überdenken und Neues zu schaffen.»
Über die Frage des persönlichen Glaubens hinaus werden die Gewerkschaften im Allgemeinen – einschliesslich Travail.Suisse und die Mitgliedsverbände – profitieren, wenn sie die Gedanken von Papst Franziskus in ihre Referenz- und Arbeitsinstrumente einbeziehen.
Anhang Grösse
Die Rolle der Gesamtarbeitsverträge bei der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen
Am 21. Dezember 2017 findet unter der Leitung von Bundesrat (Bundespräsident) Alain Berset die dritte Konferenz zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen statt. An der Konferenz nimmt auch Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, teil. Travail.Suisse stellt dabei eine Studie zum Thema „Über Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt fördern“ vor. Diese weist sowohl auf aktuell gültige Regelungen in Gesamtarbeitsverträgen wie auch auf Lücken im Integrationsprozess von Menschen mit Behinderungen hin. Zudem werden in der Studie Ideen vorgestellt, wie ein GAV unterstützend wirken kann, um die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen zu verbessern. mehr
Die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt ist zu einer wichtigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Frage geworden. Welche Rolle spielen dabei die Gesamtarbeitsverträge GAV? Können sie einen Beitrag dazu leisten? Oder sind sie im Gegenteil ein Hindernis für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen?
Aktuelle Regelungen in Gesamtarbeitsverträgen
Im Rahmen des Projektes „Über Gesamtarbeitsverträge die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt fördern“ wurde nachgefragt, was in GAV bereits an Regelungen in Bezug auf die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen vorhanden ist. Gemäss verschiedenen Gesprächen mit Fachleuten und der bisherigen Analysen lassen sich die Regelungen auf vier Themenfelder begrenzen: Primär finden sich in verschiedenen GAV unterschiedlichste Regelungen zur Entlohnung bei eingeschränkter Produktivität. Dann lassen sich auch Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatzerhalt von erkrankten oder verunfallten Mitarbeitenden finden. Vereinzelt thematisieren die GAV auch die Diskriminierungsfrage und die „Neu-Integration“ von Menschen mit Behinderungen in eine Branche oder einen Betrieb. Insgesamt fristet aber das Thema in den GAV ein Schattendasein.
Lücken bei der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen
Auf die Frage, welche Lücken bei der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen bestehen, die ein GAV allenfalls schliessen kann, haben Fachleute auf folgendes hingewiesen: Handlungsbedarf besteht vor allem im Bereich des Coaching und der Weiterbildung, der Sensibilisierung der Belegschaft, der Regelungen bezüglich Krankentaggeldversicherung und der Löhne in Sozialfirmen. Zudem haben die Interviews und Gespräche deutlich gemacht, dass die Ausgangssituationen der Menschen mit Behinderungen für die Integration in den Arbeitsmarkt sehr unterschiedlich sind, und zwar nicht nur aufgrund der Art der Behinderung (körperlich, geistig, psychisch, mehrfachbehindert), sondern auch aufgrund der Lebenssituationen (in Rente, aus Rente, nach Ausbildung, in Anstellung, etc) sowie der vorhandenen Qualifikationen und Kompetenzen. Eine GAV-Politik muss sich bewusst sein, für welche Gruppe oder welche Gruppen sie ihre Regelungen trifft.
Vorschläge an die Sozialpartner
Eine besondere Stärke des GAV ist es, dass er branchenspezifische Regelungen treffen kann, welche die Situation einer Branche oder eines Unternehmens besser aufnehmen können als gesetzliche Vorgaben, die für alle Branchen und Unternehmen gelten. Das gilt natürlich auch im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen. GAV-Branchen, welche ihren Beitrag leisten wollen zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen, können auf ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten zurückgreifen. Allerdings wird gegenwärtig noch wenig von diesem Potenzial Gebrauch gemacht. Die von Travail.Suisse verfasste Studie enthält Vorschläge an die Sozialpartner zu Themen, welche sich für Regelungen im Hinblick auf eine Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen in einem GAV besonders eignen. Wichtig ist, dass ein GAV nicht selber zum Hindernis für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen wird, sondern im Gegenteil mit seinen Regelungen die Arbeitsmarktintegration fördert. Dazu ist es hilfreich, die Lohnfrage bei eingeschränkter Produktivität (besser) zu regeln und Strukturen in der Branche aufzubauen, welche Betriebe als auch die Menschen mit Behinderungen bei der Integration unterstützen. Da die Handlungsmöglichkeiten dabei vielfältig sind, sind Prioritäten zu setzen, sei es im Bereich der Informationen, der Sensibilisierung, der Beratung oder des Coachings, der Weiterbildung oder der Digitalisierung, welche neuen Chancen für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen enthält. Schliesslich ist auch die Frage nach Finanzierbarkeit der geplanten Massnahmen zu stellen und dafür Lösungen zu finden.
Welche GAV enthalten Lösungen für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen?
Parallel zur Studie hat Travail.Suisse begonnen, eine Liste mit den GAV mit Lösungen für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen aufzubauen. Diese findet sich unter http://www.travailsuisse.ch/themen/arbeit/gav_und_mmb. Die Liste beansprucht (noch) keine Vollständigkeit. Wir sind bestrebt, die Liste zu ergänzen, wenn wir bei unseren Analysen und Gesprächen auf weitere GAV mit Regelungen bezüglich Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen stossen.
Das Projekt wird unterstützt durch das Eidgenössische Büros für Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen EBGB und das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
Anhang Grösse
Ergebnisse der Lohnrunde 2018: Arbeitnehmer profitieren zu wenig vom Aufschwung
Die Schweizer Wirtschaft profitiert von der Erholung im Euroraum und dem sich abschwächenden Schweizer Franken. Sie steht am Anfang eines Aufschwungs: Für nächstes Jahr wird ein BIP-Wachstum von bis zu 2.4 Prozent prognostiziert. Im Kontrast dazu steht der diesjährige Lohnherbst. Neben einigen Nullrunden werden sich die Löhne für die Arbeitnehmenden in der Schweiz lediglich um zwischen 0.5 und 1 Prozent erhöhen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, beurteilt die Lohnrunde 2018 als ungenügend. Positiv im Vergleich zu den letzten Jahren ist die zunehmende Gewährung von generellen Lohnmassnahmen. mehr
Der Dachverband Travail.Suisse und die ihm angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union haben im August 2017 die Lohnrunde 2018 eingeläutet. Unter der sich bereits abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung wurden Lohnerhöhungen in der Grössenordnung von rund 1.5 Prozent gefordert. Dank der wirtschaftlichen Stabilisierung im europäischen Umfeld und der spürbare Abschwächung des Schweizer Frankens hat sich die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz im zweiten Halbjahr 2017 laufend verbessert. Auch die Aussichten sind positiv. So wurde der Einkaufsmanagerindex der Credit Suisse für November unter dem Titel „Schweizer Industrie boomt wieder“1 veröffentlicht. Der PMI befindet sich bei 65.1 Punkten, was dem höchsten Wert seit über sieben Jahren entspricht. Das bedeutet: Die Auftragsbücher sind prall gefüllt und die Produktion brummt. Dass sich die Schweizer Wirtschaft in einem breit abgestützten Aufschwung befindet zeigen auch die BIP-Prognosen für das kommende Jahr. Sowohl SECO, KOF wie auch BAK Basel rechnen für nächstes Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 2.4 Prozent. Von der positiven Wirtschaftsentwicklung und den blendenden Aussichten konnten die Arbeitnehmenden bisher zu wenig profitieren – das zeigt ein Blick auf die Ergebnisse der Lohnverhandlungen in diesem Herbst.
Ungenügende Resultate der Lohnrunde – wieder gerechtere Verteilung
Für einen Grossteil der Arbeitnehmenden werden die Löhne 2018 zwischen 0.5 und 1 Prozent steigen. Dieses Ergebnis ist insbesondere mit Blick auf die Teuerungsentwicklung ungenügend. Nach einer längeren Periode mit praktisch Nullteuerung, hat die Inflation im Jahresverlauf 2017 angezogen und wird für das gesamte Jahr bei etwa 0.5 Prozent zu liegen kommen. Ebenfalls stark gestiegen sind die Krankenkassenprämien. Gemäss Bundesamt für Statistik2 sind damit die verfügbaren Einkommen 2017 um 0.3 Prozent geschrumpft. Die meisten Arbeitnehmenden werden somit trotz Lohnerhöhungen real nicht mehr Geld in ihrem Budget zur Verfügung haben. Besonders unbefriedigend ist die Situation in der Baubranche. Hier wurde erneut eine Nullrunde verhängt; obwohl die Branche sehr gute Jahre hinter sich hat und bereits die letzten Jahre von einer Lohnstagnation gekennzeichnet waren. Auch die gescheiterten Lohnverhandlungen in der Gastronomie sind besorgniserregend und werden nicht zu einer Verbesserung des Images der Branche beitragen. So zeigt das «"Barometer Gute Arbeit":CHOOSE_INTERNAL_LINK» von Travail.Suisse deutlich, dass gerade im Gastgewerbe die Unzufriedenheit mit der Einkommenssituation am ausgeprägtesten ist – rund 54 Prozent der Arbeitnehmenden halten ihr Einkommen für nicht angemessen.3 Etwas positiver fällt das Urteil mit Blick auf die Verteilung aus. Zwar dominieren nach wie vor individuelle Lohnmassnahmen. Das hat zur Folge, dass längst nicht alle am positiven Geschäftsgang partizipieren können und Lohnerhöhungen wenig transparent und bis zu einem gewissen Grad auch willkürlich gewährt werden. Insbesondere in einzelnen Branchen wie dem Detailhandel oder dem öffentlichen Verkehr finden sich fast ausschliesslich individuelle Lohnmassnahmen. Gleichzeitig hat aber der Anteil an generell ausgerichteten Lohnerhöhungen im Vergleich zu den letzten Jahren wieder zugenommen. Das beharrliche Pochen auf generelle Lohnerhöhungen durch die Gewerkschaften scheint zumindest im Gewerbe und der Industrie zunehmend von Erfolg gekrönt zu sein. Mit einem Anziehen der Inflation über das nächste Jahr hinaus werden flächendeckende generelle Lohnerhöhungen zum Erhalt der Kaufkraft der Arbeitnehmenden wieder an Bedeutung gewinnen müssen.
Zuwenig Bewegung bei Mindestlöhnen, Frauenlöhnen und dem Vaterschaftsurlaub
Aufgrund der bescheidenen Lohnerhöhungen hätte die Möglichkeit bestanden im Bereich der Mindest- und Frauenlöhne oder den Regelungen zum Vaterschaftsurlaub ein Zeichen zu setzen; leider wurden diese Möglichkeiten durch die Arbeitgeber verpasst. In den meisten Branchen konnten keine Erhöhung der Mindestlöhne erzielt werden. Dass dies möglich wäre zeigen die Beispiele Bäcker-, Konditoren- und Konfiseurgewerbe sowie die Reinigungsbranche, die ihre Mindestlöhne erhöhen oder Fenaco und Auto Uri AG, welche die tiefen Einkommen überproportional an den Lohnerhöhungen partizipieren lassen. Mit Bezug auf die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern waren die Arbeitgeber auch dieses Jahr nicht bereit, einen besonderen Effort bei der Erhöhung der Frauenlöhne zu leisten. Travail.Suisse unterstreicht, dass die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern auf freiwilligem Weg nicht erreicht werden kann und unterstützt deshalb eine politische Lösungsfindung. Es ist höchste Zeit, dass sich das Parlament endlich mit der Botschaft der Revision des Gleichstellungsgesetzes befasst und die Unternehmen zumindest zu einer Kontrolle der Lohngleichheit aufgefordert werden. Es ist aber absehbar, dass griffige Massnahmen im Bereich der Kontrollen und Sanktionen ergänzt werden müssen, um das Ziel der Lohngleichheit wirklich zu erreichen. Auch bei der Thematik Vaterschaftsurlaub konnten kaum Fortschritte erzielt werden. Mit Ausnahme der Auto Uri AG (neu 4 Wochen) und im Orgelbau (neu 5 Tage) konnten keine Verbesserungen erzielt werden. Es verbleiben zuviele Arbeitnehmenden beim gesetzlichen Minimum von einem Tag Vaterschaftsurlaub – das ist gleich viel wie für einen Wohnungswechsel. Die von Travail.Suisse und weiteren Organisationen lancierte Initiative (www.vaterschaftsurlaub.ch) bleibt somit der realistischste Weg zu einem vernünftigen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen für alle Arbeitnehmenden.
1 https://www.procure.ch/magazin/artikel/1/pmi-november-schweizer-industrie-boomt-wieder/
2 Vgl. Krankenversicherungsprämienindex 2017 ; Bundesamt für Statistik
3 vgl. http://www.travailsuisse.ch/themen/arbeit/barometer_gute_arbeit
Anhang Grösse
Camilas Leidenschaft
Wie Brücke · Le pont, das Hilfswerk von Travail.Suisse, mit einem innovativen Projekt in Brasilien Kommunikationstalente fördert. Und was das mit nachhaltiger Entwicklung und sozialem Wandel zu tun hat. mehr
Die Sonne brennt zur Mittagszeit unbarmherzig auf Oeiras nieder. Die Temperatur von 41 Grad Celsius macht jegliche Arbeit zur Tortur. Als ob die Menschen in dieser Kleinstadt im Nordosten Brasiliens nicht schon genug Mühsal hätten, ihren Alltag zu bewältigen: Die tiefe wirtschaftliche und soziale Krise, in der sich Brasilien derzeit befindet, hat auch in dieser ländlichen Gegend ihre Spuren hinterlassen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem unter Jugendlichen. Sie verführt manche zu Kleinkriminalität und Drogensucht. Da es hier kaum Bildungsangebote gibt, verlassen viele junge Menschen das Halbtrockengebiet und wandern in die grossen Städte ab.
Der Raum, in dem Camila Marques arbeitet ist klimatisiert – und die Wände sind schalldicht ausgekleidet. Camila ist Moderatorin bei einem kleinen Radiosender. Die 23-Jährige träumt seit ihrer Kindheit davon, Journalistin zu werden. Vor zwei Jahren ist sie ihrem Traum einen Schritt näher gekommen: Dank dem Projekt Comradio von Brücke · Le pont – dem Hilfswerk von Travail.Suisse – konnte sie eine Ausbildung in Kommunikation abschliessen. Diese hat ihr eine neue Welt eröffnet: „Dieser Kurs war ein Geschenk. Er weckte die grosse Leidenschaft für Kommunikation in mir“, ist sich Camila heute sicher.
Zehn Familien kontrollieren die Medien
Eine Leidenschaft wie diese ist in einem Land wie Brasilien meist den reichen Städtern vorbehalten, denn die Ausbildung ist teuer. Zudem kontrollieren rund zehn einflussreiche Unternehmerfamilien die wichtigsten Medien im Land. Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2017 von „Reporter ohne Grenzen“ liegt Brasilien abgeschlagen auf dem 103. Platz – eigentlich also keine rosigen Voraussetzungen für die Karriere einer kritisch denkenden angehenden Journalistin.
Doch Camila weiss, was sie will. Innert kurzer Zeit lernte sie das Handwerk für Video- und Radioreportagen und fand so zu ihrer heutigen Stelle als Moderatorin beim Lokalradiosender Rádio Cristo Rey FM. Von der Arbeit ist sie begeistert: „Ich komme jeden Morgen glücklich zur Arbeit, weil ich das tue, was ich liebe. Ein Tag, an dem ich Sendungen moderieren und Reportagen machen kann, ist für mich ein erfüllter Tag.“ Beim Lokalradio kann sie nun wichtige Erfahrungen für ihre weitere Karriere sammeln.
Wenn man die zierliche junge Frau bei ihrer Arbeit beobachtet, sieht man sofort: Camila ist in ihrem Element. Flink sucht sie auf dem Computer das nächste Musikstück aus und moderiert nebenbei selbstsicher eine neue Sendung an. Das war nicht immer so. Sie sagt: „Am Anfang hatte ich grosse Angst davor, live zu sprechen.“
Für diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch Jessé Barbosa verantwortlich. Der Co-Direktor des Instituto Comradio do Brasil, der Partnerorganisation von Brücke · Le pont, hat Camila in ihrem Kurs eng begleitet. Camila respektiert ihren ehemaligen Mentor zutiefst. Nicht zuletzt hat sie auch dessen Credo übernommen, dass Kommunikation immer auch eine soziale und entwicklungspolitische Komponente haben soll.
Wasser und ein Radiosender
Darauf angesprochen, erinnert sich Barbosa an seinen eigenen journalistischen Schlüsselmoment: „Bei einer Recherche stiess ich auf einen staatlichen Fragebogen. Zahlreichen Gemeinden wurde die Frage gestellt, welche die dringendsten Bedürfnisse der Dorfbewohner wären. Der dringendste Wunsch einer armen ländlichen Gemeinde war – neben dem Zugang zu sauberem Wasser – das Gründen eines eigenen Radiosenders. Dies beeindruckte mich so sehr, dass ich dort hinfuhr und einen Dokumentarfilm über die Gemeinde und ihre Idee drehte. Und tatsächlich: heute betreibt das Dorf, trotz den begrenzten Ressourcen, eine eigene Radiostation.“ Dieses Erlebnis bestätigte Barbosa in seiner Annahme, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach Kommunikation haben – gerade auch jene, deren Stimme meist ungehört bleibt.
Etwa die Stimme der arbeitslosen Jugend in Oeiras. Auf sie will sich Camila in ihrem weiteren journalistischen und sozialen Engagement konzentrieren. Sie will ihr Wissen teilen und anderen Jugendlichen helfen. Als Erstes hat sie zusammen mit anderen Kursteilnehmenden die Facebook-Fanpage @SaberSerAmigo („Wissen, wie man ein Freund ist“) gegründet. Die Seite thematisiert die Wichtigkeit von Freundschaften bei der Prävention von Drogensucht und Drogenhandel der Jugendlichen in Oeiras. Ein Thema, das im Kontext der Krise immer mehr an Aktualität gewinnt. Camila und ihre Freunde tun dies nicht auf belehrende Weise oder mit abschreckenden Beispielen, sondern sprechen vielmehr die Sprache der Jugendlichen selbst, wenn sie Texte, „Memes“ oder Videointerviews publizieren.
Das Facebook-Projekt wurde bereits zum Selbstläufer, freut sich Camila: „Wir helfen anderen und diese helfen wiederum anderen.“ So wird die Idee des Projekts Comradio von Brücke · Le pont weitergetragen. Die Idee, nicht nur individuelle Karrieren, sondern die Situation von benachteiligten Jugendlichen in einer ganzen Region zu fördern. Und die Idee, allen Menschen eine Stimme zu geben.
Brücke · Le pont verhilft 360 Jugendlichen aus armen Verhältnissen zu einer Ausbildung in Kommunikation (Radio, Fernsehen, Werbung). Unterstützen Sie unsere wichtige Arbeit mit einer Spende: Spenden-PK 90-13318-2
Herzlichen Dank! Weitere Informationen unter www.bruecke-lepont.ch.
Anhang Grösse
Sessionsvorschau Wintersession 2017
In der Wintersession werden im Parlament einige Vorlagen beraten, die für die Arbeitnehmenden in der Schweiz von zentraler Bedeutung sind. Gerne präsentieren wir Ihnen die Haltung von Travail.Suisse zu ausgewählten Geschäften.
Als unabhängiger Dachverband der Arbeitnehmenden setzt sich Travail.Suisse in der Politik und als nationaler Sozialpartner für Arbeit mit Zukunft ein. Mehr zu unserem Kongresspapier „Arbeit mit Zukunft“ erfahren Sie unter www.travailsuisse.ch.
Wir wünschen Ihnen eine gute Session und stehen für Fragen jederzeit gerne zur Verfügung (Geschäftsstelle: 031 370 21 11 oder per Mail).
Anhang Grösse