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Fraktionsanfrage FDP betreffend Gender gerechter Unterricht in der Volksschule: werden Knaben benachteiligt?
Session
: 07.12.2009
In der Bildungsdiskussion der letzten Jahre werden zunehmend Stimmen laut, die auf eine Benachteiligung der Knaben bzw. eine einseitige Förderung der Mädchen in unserem Bildungssystem hinweisen (u.a. Remo Largo, Allan Guggenbühl, Walter Hollenstein u.a.). Gesellschaftliche Entwicklungen wie die bessere Zugänglichkeit von Mittel- und Hochschule für alle haben tatsächlich zu einem erhöhten Anteil der Frauen bei der gymnasialen Matura (Kanton GR 2008: ca. 54%) und bei den Uni-Abschlüssen (CH 2008: ca. 51 % bei Bachelor/Master/Lizenziaten) geführt. Eine grundlegende Schlechterstellung von Knaben müsste jedoch bereits im Primarschulalter festgestellt und auch da angegangen werden können.
Es stellen sich deshalb folgende Fragen: Besteht eine Sprachlastigkeit zuungunsten der naturwissenschaftlichen Fächer? Dominiert ein „weiblicher“, eher auf Rezeption (Wissen annehmen) ausgelegter Unterricht zulasten von „männlichen“, möglicherweise eher auf Exploration (Zusammenhänge erforschen) ausgerichteten Unterrichtsformen? Verstärkt die zunehmende Verschiebung des Geschlechterverhältnisses im Lehrkörper in Richtung Frauen möglicherweise vorhandene Ungleichgewichte?
Neueste gesamtschweizerische Zahlen weisen darauf hin, dass bei Knaben massiv mehr Verhaltensauffälligkeiten auftreten als bei Mädchen. Weiter gibt es Zahlen aus dem Jahr 2005 (Kanton ZH), die aufzeigen, dass auf allen Stufen der Volksschule etwa doppelt so viele Knaben mit sonderpädagogischen Massnahmen belegt werden wie Mädchen. Falls auch im Kanton Graubünden ähnliche Quoten Knaben/Mädchen in Bezug auf schulpsychologische Abklärungen und sonderpädagogische Massnahmen festgestellt werden, weist dies unserer Meinung nach auf ein ungenügendes Eingehen unserer Volksschule (u.a. im Wissenstransfer) auf die spezifischen Bedürfnisse und Voraussetzungen von Knaben und somit auch auf deren Benachteiligung hin. Die Berücksichtigung von Daten zur Geschlechterfrage in Projekte der Schulentwicklung zugunsten eines Unterrichtes, der vermehrt auch die Bedürfnisse der Knaben einbezieht, könnte sich sehr direkt auf eine Reduktion der in den letzten Jahren massiv gestiegenen Kosten für sonderpädagogische Massnahmen auswirken. Dies wäre für den Kanton wie auch für die Gemeinden von grosser volkswirtschaftlicher Bedeutung.
Auf dem Hintergrund der obigen Überlegungen stellen wir der Regierung folgende Fragen:
1. Wie stellt sich die Regierung zur Thematik einer möglichen Benachteiligung der Knaben in unserer Volksschule?
2. Wie sieht im Kanton das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Lehrkräften in der Primarschule aus, wie in der Volksschul-Oberstufe? Wie haben sich diese in den letzten 20 Jahren verändert?
Wie sieht das Verhältnis der Studierenden (W/M) an der PH in Chur aus?
3. Hat sich die Regierung mit der Problematik einer vermuteten „Verweiblichung“ des Lehrkörpers auf der Primarschulstufe vertieft auseinandergesetzt? Sind mögliche Massnahmen (Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufes für Männer) ins Auge gefasst worden? Berücksichtigt die Regierung allenfalls gesamtschweizerische Überlegungen zu dieser Thematik?
4. Wie viele schulpsychologischen Abklärungen werden im Kanton auf der Primarschulstufe bei Knaben, wie viele bei Mädchen vorgenommen, und wie viele Zuweisungen zu sonderpädagogischen Massnahmen (niederschwellig und hochschwellig) finden je pro Geschlecht statt?
5. Falls sich ein deutliches Überwiegen der Abklärungen/Verordnung von sonderpädagogischen Massnahmen für Knaben zeigt: Ist die Regierung bereit, diese Daten in ihre Überlegungen zur Schulentwicklung einzubeziehen, und wenn ja, in welcher Form?
Chur, 7. Dezember 2009
Meyer-Grass (Klosters Dorf)
, Krättli-Lori, Bezzola (Samedan), Barandun, Bezzola (Zernez), Casparis-Nigg, Caviezel (Pitasch), Claus, Clavadetscher, Donatsch, Hartmann (Chur), Hartmann (Champfèr), Jenny, Kunz, Marti, Nick, Peer, Perl, Pfäffli, Ragettli, Rizzi, Thomann, Toschini, Valär, Vetsch (Pragg-Jenaz), Wettstein, Cattaneo, Engler, Furrer-Cabalzar, Gassmann, Gunzinger, Largiadèr, Schädler, Stoffel (Davos)
Antwort der Regierung
Sowohl in der Schweiz als auch im benachbarten Ausland stehen die unterschiedlichen schulischen Leistungen von Knaben und Mädchen wieder vermehrt im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Im Unterschied zu früher fallen solche Leistungsvergleiche seit einigen Jahren häufig zu Ungunsten der Knaben aus. Im Bestreben, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu erklären bzw. zu beheben, konzentriert sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit vor allem auf das Bildungssystem. Klärungs- und Lösungsansätze finden ihren Niederschlag in zahlreichen wissenschaftlichen Debatten, Gutachten und Berichten.
Das Bundesjugendkuratorium (BJK), ein von der deutschen Bundesregierung eingesetztes Sachverständigengremium, hat im Jahr 2009 verschiedene zur aktuellen Gender-Diskussion vorliegende Arbeiten analysiert und in einer Gesamtschau gewürdigt. In seiner Stellungnahme „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs“ beschreibt das BJK die Vielschichtigkeit der Thematik und hält zusammenfassend u.a. fest: „Die Forderung nach mehr Förderung von Jungen gegenüber Mädchen (…) blendet aus, dass geschlechtsbezogene Benachteiligungen sich bereichsspezifisch und nicht pauschal auswirken und ungünstige Leistungsbilanzen beispielsweise in der Schule von Effekten der Milieuzugehörigkeit und der Migrationsgeschichte, aber auch von geschlechtsbezogenen Berufsentscheidungen, geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung im Erwachsenenleben und Problemen der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit überlagert sind. Eine Förderung von Jungen und Mädchen zur Verbesserung ihrer Lebens- und Berufschancen muss sich deshalb in erster Linie an einer Subjektperspektive, also der Frage: Was braucht welches Mädchen/Was braucht welcher Junge? orientieren – nicht an Zuschreibungen zur Gruppe ‚der Jungen‘ oder ‚der Mädchen‘“.
Die Schlussfolgerungen des BJK decken sich mit den bisherigen und zukünftigen Bemühungen der Bündner Volksschule. Das zuständige Departement verfolgt die Gender-Thematik im nationalen und internationalen Umfeld. Im konkreten Schulalltag hingegen konzentriert sich das Bestreben darauf, jedes einzelne Mädchen und jeden einzelnen Knaben in seiner konkreten Situation optimal zu fördern. Diese Bemühungen kommen u.a. in den vom Kanton angebotenen schulinternen Weiterbildungen zum Ausdruck und sind auch in den Antworten auf die konkreten Fragen sichtbar.
1. Die Regierung ist bestrebt, allen Kindern der Bündner Volksschule, unabhängig von ihrem Geschlecht, eine optimale Förderung zukommen zu lassen.
2. Im laufenden Schuljahr unterrichten in den Primarschulen 845 Frauen und 329 Männer. Auf der Volksschul-Oberstufe sind 253 Lehrerinnen und 357 Lehrer tätig. Angaben betreffend Veränderung in den vergangenen 20 Jahren existieren in der kantonalen Statistik nicht. Mit Sicherheit ist aber der Frauenanteil auf der Primarschulstufe stark gestiegen. An der Pädagogischen Hochschule Graubünden beträgt der Frauenanteil der zukünftigen Primarlehrpersonen zurzeit 87 Prozent.
3. Die Regierung verfolgt – im Austausch mit anderen Kantonen – alle Bereiche des Lehrpersonenmarktes (u.a. auch Genderfragen) mit grossem Interesse. Sie sieht aber keine Möglichkeit, den Männeranteil im Primarschulbereich mit Einzelmassnahmen zu erhöhen.
4. Im Jahr 2008 wurden insgesamt 739 (37,5%) Mädchen (M) und 1232 (62,5%) Knaben (K) schulpsychologisch abgeklärt. Für die Zuweisungen zu sonderpädagogischen Massnahmen ergibt sich folgendes Bild (Stichtag: 15.11.2009): Logopädie 34% M. / 66% K.; Psychomotorik-Therapie 29,4% M. / 70,6% K.; Legasthenie-Therapie 29,6% M. / 70,4% K.; Dyskalkulie-Therapie 75,3% M. / 24,7% K.; Audiopädagogik 50% M. / 50% K.; Begleitung bei Sehschädigung 36,8% M. / 63,2% K.; Heilpädagogische Früherziehung 32,2% M. / 67,8% K.; Verstärkte Massnahmen 33,6% M. / 66,4% K.
5. Das zentrale Anliegen der Regierung besteht darin, auch in Zukunft jedem Kind, ob Knabe oder Mädchen, jeweils diejenige sonderpädagogische Massnahme zukommen zu lassen, die es in seiner konkreten Situation braucht.
11. März 2010
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