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Von Milfontes setzen wir unsere Fahrt Richtung Norden fort.
Zuerst geht es der Atlantikküste lang bis Sines und dann biegen wir ins Landesinnere nach Nordosten ab.
Wir befinden uns im Alentejo, der Region, welche im Norden durch den Fluss Tejo und im Süden durch die Algarve begrenzt ist. Die meisten Ortsbezeichnungen, die mit der Silbe “Al” beginnen, sind arabischer Herkunft. Die arabischen Mauren lebten nicht nur im südlichen Teil Spaniens, sondern beherrschten auch mehrere Jahrhunderte das südliche Portugal bis nördlich von Lissabon. Zwischen den Jahren 1000 und 1200 wurden die maurischen Siedlungsgebiete von den christlichen Heerscharen von Norden her zurückerobert. Die meisten Spuren der Mauren wurden ziemlich radikal getilgt. Viele Moscheen und Festungsanlagen wurden zu “christlichen” Bauwerken mit dem gleichen Verwendungszweck umgebaut. Erhalten blieben doch interessanterweise die maurischen Ortsbezeichnungen.
In den atlantischen Küstenregionen des Alentejo leben ziemlich viele deutsche und französische “Auswanderer”, auch jüngere Leute, während die Algarve anscheinend eher in englischer Hand ist. Mit dem angenehmen Klima, der schönen Landschaft, den niedrigen Lebenshaltungskosten und den vielen verlassenen Häusern gibt es sicher einige gute Gründe, in dieser Gegend zu leben. Ausser einigen Ferienorten an der Küste, von denen einzelne durch touristische Infrastrukturen verschandelt sind, sieht es im der Alentejo noch recht authentisch aus. Das Landesinnere ist dünn besiedelt und die Dörfer liegen weit verstreut. Dazwischen hat es grosse Flächen mit Korkeichenwäldern oder einzelne Weiden. Die Korkeichen werden bewirtschaftet und die frisch geschälten Stämme in ihrem leuchtenden Rot und die archaisch wirkenden Baumkronen bieten ein eindrückliches Bild. Überall sieht man Störche: in den Baumkronen, auf Leitungsmasten, Türmen und Kaminen. Ich staune, dass die hochaufgeschichteten Nester auf den schmalen Unterlagen genügend verankert sind, um nicht bei jedem Luftstoss oder beim Landen und Starten der Vögel herunterzufallen.
Auf unserem Weg nach Norden machen wir eine erste Etappe in
Grândola. Es ist ein hübsches, unspektakuläres Städtchen, das beim Sturz der Diktatur in Portugal 1974 für kurze Zeit weltberühmt wurde. Das antifaschistische Kampflied “Grândola, Villa morena” wurde als vereinbartes Signal für den Aufstand gegen das Regime, die sogenannte Nelkenrevolution, am Radio ausgestrahlt. Knapp einen Tag nach der Ausstrahlung des Liedes war die seit 1926 herrschende Diktatur gestürzt.
Unser nächster Halt ist Evora. Die Stadt liegt schön auf einem Hügel. Zuoberst steht ein römischer Tempel aus der Gründungszeit der Stadt. Die Mauren und später der Ritterorden sowie die portugiesischen Könige verhalfen der Stadt zu grosser Bedeutung und imposanten Bauwerken. Nach der temporären Besetzung von Evora durch die Spanier und dem nachfolgenden Wegzug der Universität verlor die Stadt ihren einstmaligen Rang und verfiel in eine Art Dornröschenschlaf. Resultat ist eine Stadt, in der man sich im alten Kern um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt fühlt. Vor allem bei Dunkelheit ist es sehr romantisch, im Schummerlicht der alten Laternen durch die engen, mit Kopfstein gepflasterten Gassen zu schlendern. Bei unserer Ankunft ist gerade eine Prozession im Gang. Am Anfang erklingt die Begleitmusik ab Lautsprecher. Beim Umzug übernimmt dann die örtlich Blasmusik die akkustische Unterstreichung. Für unsere militärisch geschulten Ohren tönt die Musik ein wenig schräg und erinnert an alte Fellini-Filme. Für die lokale Bevölkerung tut es der Dramatik des Schauspiels aber offensichtlich keinen Abbruch.
…Prozession in Evora
…Marroniverkäufer
…Aufruf zum Generalstreik
…Bild von besseren Zeiten im Café von Evora
…Hauptplatz von Evora
…Hauptplatz von Evora
…in den Gassen von Evora
…Aquedukt am Stadtrand von Evora
…zwischen Evora und Tomar
…zwischen Evora und Tomar
In zwei weiteren Tagesetappen pedalen wir weiter nordwärts bis nach Tomar. Das westlich liegende Lissabon umfahren wir grossräumig. Nicht etwa, dass uns die Stadt zu wenig sehenswert wäre – eher scheuen wir den Verkehr und das Strassengewirr in der Grossagglomeration von Lissabon. Es ist uns bereits einige Male passiert, dass wichtigere Strassen streckenweise für Fahrräder gesperrt sind ohne dass eine Umfahrung dieser Abschnitte signaliert wäre. Teilweise haben wir das Verbot missachtet, teilweise haben wir mühsam nach Umwegen auf Neben- und Quartierstrassen gesucht. So verzichten wir für dieses Mal auf Lissabon und hoffen auf einen späteren Besuch. Die Altstadt von Tomar ist schon für sich sehenswert, aber die wahrhafte Attraktion dieser Stadt stellt die Burg des Templerordens hoch über der Stadt dar. Die Templer waren eine primär militärische Organisation, deren ursprüngliche Mission der Schutz der christlichen Pilgerwege in Palästina war. Mitglieder konnten nur adlige Ritter werden, die ein Gelübde ablegen mussten, das auch mönchische Regeln enthielt. Die Finanzierung der Aktivitäten des Ordens erfolgte durch eine rege Spendensammlung. Dank der Unterstützung der Kirche gelangten die Templer in kurzer Zeit zu grossem Reichtum. Während Existenz des Ordens im zwölften und dreizehnten Jahrhundert konnten sich die Templer nur in den ersten achtzig Jahre in Palästina halten. Nachher verlegten sie ihr militärisches Tätigkeitsgebiet unter anderem auf die Reconquista, der Wiedereroberung des maurischen Teils der iberischen Halbinsel. Mit den durch den Rückzug aus Palästina frei werdenden Mitteln stiegen sie gross ins lukrative, eigentlich verbotene Darlehensgeschäft ein und konnten so ihren Reichtum zusätzlich mehren, Dies erlaubte ihnen den Bau von grandiosen Anlagen wie derjenigen von Tomar. Dieser riesige Komplex ist eine Mischung aus Festung und Kloster und schliesst auch eine prachtvollen Kirche ein. Auch ohne die Anwesenheit der Ritter taucht man beim Besuch in eine andere Welt ein und fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt.
Fast der einzige Wermutstropfen von Portugal ist seine Küche, mit der wir nicht richtig warm werden. In der Preisklasse, in der wir auswärts essen, scheint das hauptsächliche Qualitätskriterium des Essens die Menge von aufgetischtem Fleisch oder Fisch zu sein. Was uns dafür entschädigt, sind die Pastelarias, wo man sich mit vielen ungesunden Süssigkeiten schadlos halten kann. Vor allem die Pasteles de Nata, kleine, mit rahmiger Vanillecrème gefüllte Blätterteigtörtchen, haben es uns angetan.