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Der Schauspieler Beat Albrecht stimmte auf Weihnachten ein. Albrecht eröffnete im Briger Kulturlokal „Alter Werkhof“ mit seiner Lesung den 24-teiligen Kulturellen Adventskalender (Bild). Er tat dies mit Texten des Chilenen Pablo Neruda. „Ich bekenne, ich habe gelebt“, so überschrieb dieser seine Memoiren. Pablo Neruda engagierte sich in Chile und in Spanien gegen den Faschismus. In seinen Memoiren kommt er zum Schluss: Mein Teil war zu leiden, zu kämpfen, zu lieben und zu singen.
Beat Albrecht trug die Memoiren des grossen Poeten Neruda mit sich steigerndem Pathos vor. Er legte Emotionen frei, wo der Text dies verlangte. Dann etwa, wenn er mit dem Dichter in Erinnerungen schwelgte: „Alle Empfindungen vom Weinen bis zum Küssen, von der Einsamkeit bis zum Volk durchwehen meine Dichtung, wirken in ihr, denn ich habe für meine Dichtung gelebt, in ihr habe ich meine Kämpfe ausgetragen.“
Was will ein Dichter mehr? fragte uns auch der Schauspieler Albrecht. Ein Dichter verlangt auch nach Anerkennung. Aber was kann das für eine Anerkennung sein, die nur für einen Dichter wie Neruda erreichbar ist? Beat Albrecht trug pointiert und mit abwechslungsreicher Stimmmodulation vor. Und er verstand es, Spannung aufzubauen. Spannung auf die Antwort zur Frage: Was für eine Anerkennung ist nur für einen Dichter erreichbar? „Wenn ich manche Anerkennungen gewonnen habe, die so vergänglich sind wie eines Schmetterlings Blütenstaub, so habe ich eine grosse Anerkennung gewonnen, eine, die viele verachten, weil sie für viele unerreichbar ist. Nach harter Lehre durch die Ästhetik und dem Suchen durch die Labyrinthe des geschriebenen Worts hindurch bin ich der Dichter meines Volkes geworden. Das ist meine Anerkennung, nicht meine übersetzten Bücher und Gedichte.
Wie war Pablo Neruda zum Dichter seines Volkes geworden? 1969 war er von seiner Kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert worden. Er verzichtete jedoch zu Gunsten des Sozialisten und Freundes Salvador Allende. Dieser gewann 1970 die Präsidentschaftswahlen und überredete Neruda, Botschafter in Paris zu werden. Ein Jahr später erhielt Pablo Neruda den Nobelpreis für Literatur „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“.
Die ultimative und unübertreffliche Anerkennung seiner Dichtung war jedoch ein Lob aus dem Mund eines gequälten und malträtierten Arbeiters: „Meine Anerkennung ist jener grosse Augenblick in meinem Leben (…) als unter der prallen Sonne der versengten Salpeterhalde, aus dem lotrechten Stollen wie aus der Hölle ein Mann heraustrat, das Gesicht von der furchtbaren Arbeit entstellt, die Augen rot vom Staub, mir die verhärtete Hand entgegenstreckte, die Hand, die mit ihren Schwielen und Furchen die Landkarte der Pampa war, und mit leuchtenden Augen zu mir sagte: Ich kenne dich seit langem, Bruder.“ Dieses Lob aus dem Mund eines einfachen Arbeiters sei der Lorbeer für seine Dichtung gewesen, schreibt Neruda in seinen Memoiren, und Beat Albrechts bewegte Stimme versetzte das zahlreich erschienene Publikum in eine nachdenkliche, ja geradezu feierliche Stimmung.
Am 23. September 1973 starb Pablo Neruda – angeblich an Krebs – nur zwölf Tage nach dem Putsch in Chile unter Pinochet. Nach seinem Tod sei sein Haus vom Militär geplündert und zerstört worden, las der Schauspieler Beat Albrecht erklärend seinem staunenden Publikum vor. Ein Vorrufer habe laut in die Menge gebrüllt: „Genosse Pablo Neruda!“ Die Menge habe geantwortet mit „Anwesend, jetzt und immer!“
Der Schauspieler Beat Albrecht ging unter dem tosenden Applaus eines begeisterten Publikums von der Bühne. Was sich noch ergänzen liesse, ist dies: Isabel Allende beschreibt in ihrem Roman „Das Geisterhaus“ das Begräbnis des Poeten Pablo Neruda als „symbolisches Begräbnis der Freiheit“.
Text und Foto: Kurt Schnidrig