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Eine Staubwolke und ein Bagger. In Vado Ligure, einem Industriestädtchen westlich von Genua, wird Erde ins Meer gekippt und gebaut. Es entsteht ein neuer Hafen. Bis in zwei Jahren sollen hier Container-Schiffe anlegen.
Carlo Merli wird diesen Hafen leiten: «Der Gotthard-Basistunnel schafft eine leistungsfähige Verbindung nach Mitteleuropa. Für uns ist das von grösster Bedeutung». Merli hofft, dass Schiffe aus Asien, die Europa durch den Suezkanal und das Mittelmeer erreichen, künftig hier anlegen werden (siehe Karte unten). Heute fahren die meisten an Italien vorbei, umrunden Spanien und Frankreich, um erst Tage später einen Nordseehafen anzulaufen.
Alpen und der Apennin als Hindernisse
Grund für den Umweg: zwischen den Häfen um Genua und Mitteleuropa liegen zwei Hindernisse: Die Alpen und der Apennin. Die Alpen sind im Basistunnel nun leicht zu überwinden, nicht aber der Apennin. Dort wird zwar an einem neuen Durchstich gebohrt, aber das dauert bis mindestens bis 2021. «Solange können wir nicht warten», sagt Merli. «Darum versuchen wir es mit der bestehenden, allerdings veralteten Infrastruktur».
Der künftige Hafen verfügt bereits über ein Anschlussgleis. Auf dem sollen Container direkt auf die Schiene kommen. Weil die Steigung der alten Apenninstrecke beträchtlich ist, muss man sich aber auf leichte, kurze und somit teure Güterzüge beschränken. Drüben in der Po-Ebene werden die zu langen Zügen zusammengesetzt und Richtung Norden geschickt. Merli hofft so den grossen Nordseehäfen Konkurrenz zu machen.
Ökologischer Unsinn
Es ist ein Paradox: Ein grosser Teil der Waren, die für Norditalien bestimmt sind, werden nicht über die nahen Häfen Genuas sondern über die weit entfernten Nordsee-Häfen angeliefert, ein ökologischer Unsinn. Schuld daran ist nicht nur der Apennin, auch der langsame italienische Zoll und die häufigen Streiks sprechen gegen die Häfen Genuas.
Doch nun öffne der Gotthard neue Möglichkeiten, sagt Giuseppe Danesi, er leitet den Hafen in Genua-Voltri, den grössten der Region: «Dieser Tunnel ist ein fundamentales Werk für ganz Europa. Er öffnet die Tür zwischen Nord und Süd. Wir sind gerüstet. Eben haben wir vier neue Hafenkräne installiert».
Schlechte Bahnverbindungen
Während also die Häfen bestens vorbereitet seien, hapere es bei der italienischen Bahn. «Das ist gravierend, denn so könnte der Gotthardbasistunnel für uns sogar kontraproduktiv sein.» Konkret: die deutlich längere Verbindung von Rotterdam oder Antwerpen nach Italien könnte durch den neuen Gotthardtunnel noch billiger, schneller, attraktiver werden. Das Nachsehen hätten die zwar viel nähergelegenen, aber wegen dem Hindernis am Apennin schwer erreichbaren Häfen Italiens.
Die schlechte italienische Bahninfrastruktur erschwert in Genua den umweltfreundlichen Verlad vom Schiff direkt auf die Schiene. Nur 18 bis 20 Prozent der hier verladenen Güter kommen oder gehen mit der Bahn. Und das dürfte noch lange so bleiben.
Einschätzung von SRF-Korrespondent Franco Battel
|Ein ökologischer Unsinn|
Wer jemals mit der Freccia Rossa, dem italienischen Hochgeschwindigkeitszug, unterwegs war, staunt. In nur 2 Stunden 50 Minuten braust man von Mailand nach Rom. Das sind im Schnitt fast 200 Kilometer pro Stunde. Das Problem ist: Neben der Freccia Rossa hat die italienische Bahn wenig zu bieten. Nebenlinien, der Süden oder der Güterverkehr wurden oft sträflich vernachlässigt. Mit dem Gotthard-Basistunnel könnten die Häfen in und um Genua Waren bis in die Schweiz und nach Süddeutschland zu liefern. Auf der Bahn, umweltfreundlich, schnell und günstig. Denn Genua ist der nächstgelegene Meereshafen der Schweiz. Doch es fehlt der Anschlusstunnel durch den Apennin und auch auf anderen Zubringern sind die Tunnel zu eng, Züge mit grossen Containern kommen nicht durch. Das hemmt das Wachstum der italienischen Häfen, dringend nötige Arbeitsplätze werden anderswo geschaffen, zum Beispiel an der Nordsee. Dort warten die Häfen in Rotterdam oder Antwerpen nur darauf, zusätzliche Waren quer über den Kontinent, den Gotthard und bis nach Norditalien zu transportieren. Ein ökologischer Unsinn.
Tunnelgeschichten
Es ist eine eigene Welt untertags. «DOK» zeigt Menschen im Berg: Tunnelbauer, Ingenieure und Schatzsucher – Gesichter des Gotthards.