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Stiere
„Der Stier verkörpert die Seele der Camargue“, hat der Marquis de Baroncelli in einer Ansprache vor jungen ausländischen Wissenschaftlern mit Recht sagen dürfen. Alle Schönheiten dieser einzigartigen Gegend, die Salzsteppen, die Sümpfe und Lagunen würden den fremden Besucher nicht so tief beeindrucken, wenn die Stiere nicht wären. Ohne die Stiere und die mit ihnen zusammenhängenden Volksbräuche wäre die Camargue nicht mehr als ein interessantes botanisch-zoologisches Naturschutzgebiet wie andere auch. Der Einfluss des Stieres auf die Volkssitten ist offensichtlich.
Der Stier ist ein Tier der Rhône, die mit ihrem Delta, einst wie heute, das Gebiet umfasst, das sein Lebensraum ist.
Herkunft
Auch hier gibt es verschiedene Theorien. Sanson meint, das Rind der Camargue sei der letzte reinerhaltene Stamm der aus Asien nach dem Westen vorgedrungenen Rasse. Auch Baroncelli nimmt dies an. Weitere Theorien: Dechambre (leitet das Rind von der durch Th. Thomas im Quartär Nordafrikas entdeckten Rasse ab) Der deutsche Gelehrte Prof. Heck (sieht in ihm den Abkömmling der ausgestorbenen Auerochsen) oder es gibt auch hier erstaunliche Übereinstimmungen mit dem vorgeschichtlichen von Solutré. Ausserdem hat es die Formen der mediterranen Rasse. Aber das Tier auf dem Fries des Parthenon sieht fast völlig aus wie ein heutiges Rind der Camargue. Fazit: die Wahrheit wird wohl sein, dass das camargesische Rind ein Gemisch all dieser Rassen darstellt, von denen allen es mehr oder weniger stark ausgeprägte Eigenschaften aufweist.
Stierkampfspiele
Die Stierkampfspiele der Camargue enden in der Regel nicht mit dem Tod der Tiere. Das Tier wird danach wieder auf seine Weide entlassen. Die Corrida, die auch in dieser Gegend praktiziert wird, stammt aus Spanien und wird mit spanischen Stieren durchgeführt, nicht mit dem Stier der Camargue. Die Stierkampfspiele hier nennen sich: „Course libre“, „Course à la cocarde“, „Course Royale“, „Course Camarguese“ usw.
Charakter
Der Charakter des camargesischen Rindes ist der eines wildlebenden Tieres. Es lässt niemanden in die Nähe und duldet keine Berührung. Selbst ein weniger kämpferischer Stier reagiert heftig, wenn er das Nahen des Menschen spürt. In der Freiheit ergreift er sofort die Flucht, bisweilen greift er an, wenn er verletzt ist oder sich im Gelände, in einem Sumpf eingeengt fühlt, und besonders, wenn er zu Fuss oder zu Pferde verfolgt wird. Er verhält sich also genauso wie ein verwundetes oder gehetztes Wildtier. Befindet sich der Stier in einem Gehege, greift er den Menschen immer an. Die Kühe verhalten sich übrigens nicht anders als die Stiere.
„Das camargesische Rind“, sagt Baroncelli, „ist ein hirschähnliches, zum raschen Laufen gebautes Tier, es ist gerade und eher lang gewachsen. Es hat einen schmalen Kopf mit spitz zulaufendem Maul, die Augen sind schwarz und stehen bis zur Fläche der Stirn vor, die Wamme ist gut entwickelt, den vorderen Teil des Rumpfes deckt langes, gekräuseltes Fell, das viel dichter und glänzender ist als an den anderen Körperstellen. Die Brust ist breit, die Hufe sind klein, die Knie gerade, auseinanderstehend und kräftig. Selbst die kastrierten Tiere verfetten nicht. Der Schwanz endet in einem dichten Büschel von Haaren, die an der Spitze grau sind. Die Farbe des Fells schwankt lediglich zwischen dunkelstem Braunrot und tiefstem Schwarz, gerade das aber ist ein besonderes Merkmal der wildlebenden Rasse. Die Hörner stehen nach oben (bei den Spaniern nach vorne) und erreichen bisweilen ausserordentliche Länge, sie haben die Form der Lyra und gleichen denen des mediterranen Stieres. Bei der Geburt sind sie weiss mit schwarzen Spitzen. Manchmal haben sie eine dunkelgrüne Farbe, besonders bei jungen Bullen. Es gibt Abweichungen von der Lyraform, und zwar findet man den „Halbmond“-Typ und den „Degenspitzen“-Typ.“
Das heutige Rind scheint kleiner zu sein als das mediterrane der urzeitlichen Höhlenbilder. Dieser kleinere Wuchs ist eine Folge der dürftig gewordenen Weideplätze, die zu sehr mit Salz durchtränkt sind. Wenn das camargische Rind ganz frei lebt, nimmt es wieder sein urtümliches Aussehen an.
Jedesmal, wenn ich sie sehe, diese schwarzen Stiere der Camargue, ist mir wohl. Sie wirken lebhaft und munter und sie sind schön.
Quelle: Alle Informationen sind aus dem Buch „Wilde Camargue“ von Henri Aubanel – de Baroncelli