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Lieber Herr Ramspeck: Ein Gespräch über Beziehungen führen und welche haben zu wollen, motivierte eine Freundin zur Aussage: «Männer Mitte 20 bis Mitte 30 haben Angst, sich zu binden.» Dies betrifft meine Alterskategorie und ich frage mich: Sind beziehungswillige Frauen eine Krankheit, die man meidet? Bedeutet diese Aussage das Ende der Fortpflanzung und unserer Existenz? Ich frage mich, ob es diese Angst zu Ihrer Zeit schon gab und ob meine Freundin die Situation richtig einschätzt.
Liebe Joëlle
Wir waren vierzehn Jünglinge, noch keine 20 Jahre alt, als wir unseren gemeinsamen Schulabschluss feierten. Das war 1955. Zehn Jahre später waren zwölf von uns verheiratet und hatten Kinder. Wir waren die Norm. Die verbriefte Bindung namens Ehe bot die gesellschaftlich anerkannte Gewähr für ein auskömmliches Sexualleben. Wer sich als Ehemann und Vater um eine Stelle bewarb, signalisierte mit seinem Zivilstand Verlässlichkeit und liess hoffen, dass er nicht umgehend unter der weiblichen Kollegenschaft wilderte. Junge Frauen hatten keine begründete Aussicht, dereinst als «alleinerziehende Mütter» ohne Sozialhilfe zu überleben. Sie landeten mit Kind ohne Trauschein in der Kategorie «gefallene Mädchen». Für bindungsscheue Männer war das Angebot für ein ihren Bedürfnissen genügendes Ausleben ihrer Triebe beschränkt; wer sich professioneller Dienstleistungen bediente, wurde verachtet. Und das alles stand unter der unangefochtenen Überzeugung: Die Familie ist die Keimzelle der Demokratie. Und heute? Warum soll ein 25- bis 35-jähriger Mann sich binden, wenn er alles haben kann, ohne gleich eine lebenslange Verpflichtung auf sich zu nehmen? – Nur: Ich beneide ihn nicht.