Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03411.jsonl.gz/2636

Im „Universum" gab es sogar Kopfhörer für schwerhörige Kinobesuche
„Schon von weitem leuchtet eine Weltkugel mit aufblitzenden Sternen und dem Schriftzug „Universum“. Über dem Eingang thront ein großes bleiverglastes Fenster, das die Metropolen der Welt zeigt.“
In der Stadtarchiv-Reihe „Geschichtshäppchen“ schwärmte Steffen Kaul vom Kino „Universum“ in der Mannheimer Straße 181, das Rudolf Kreunen in einer Rekordzeit von nicht einmal 100 Tagen bauen ließ und am 13. November 1953 in einem feierlichen Festakt eröffnete.
Die Kino-Ära Kreunen beginnt einige Jahre früher. Das Gasthaus Germania, das die Großeltern von Rudolf Kreunen in der Planiger Straße führten, wurde Ende des Zweiten Weltkrieges, am 2. Januar 1945, bei einem Bombenangriff zerstört. Die Familie Kreunen baut 1950 dort das Kino Germania mit 320 Sitzplätzen und reihte sich somit in die Familien der Bad Kreuznacher Kinobesitzer ein: Sawatzki betreibt die Kammerspiele, Does die Schauburg, beides in der Kreuzstraße, Does zudem noch die Lichtburg am Holzmarkt.
Das Kino Germania boomt, so dass Rudolf Kreunen sich entscheidet, ein weiteres Kino zu bauen, auf dem Gelände, auf dem der Brauerei Mainzer Aktienbier die Gaststätte „Mainzer Rad“ gehört. Es entsteht eines der modernsten Kinos Deutschlands zu jener Zeit. Steffen Kaul beschreibt es wie folgt: „Im langgezogenen Foyer begeistern nicht nur herrliche Leuchtornamente an der Decke, das große Blumenfenster, der marmorierte Plattenboden oder die Ausstellungsvitrinen, in denen Kreuznacher Geschäfte ihre Produkte zeigen, sondern auch der Verkaufsstand für Süßigkeiten und Getränke. Der Innenraum des Kinosaals ist überwältigend. Auf beiden Längsseiten des Raums sind acht jeweils zwei Meter hohe Wandleuchten aus einer Messing- und Glaskombination angebracht. Die Gesamtbeleuchtung des Saals benötigt 18.000 Watt Strom. Es gibt 735 Sitzplätze, die alle gepolstert und in einem Blauton gehalten sind. Die Sitzreihen haben einen Abstand von einem Meter zueinander, so dass niemand mehr aufstehen muss, wenn ein Nachzügler kommt. Die Leinwand ist 13 Meter lang. Es gibt eine Bühne, die für Varietéveranstaltungen genutzt werden kann. Darunter befinden sich die Umkleidekabinen. Eine Besonderheit ist auch die Raucherloge. Durch eine Kristallscheibe ist sie vom übrigen Zuschauerraum abgetrennt und hat eine eigene Lüftungsanlage. Auch an schwerhörige Menschen ist gedacht worden. Sechs Plätze der letzten Reihe des Ranges haben einen Anschluss für Kopfhörer. Die Hörer werden an der Kasse ausgegeben, jeder Besucher kann sich seine Lautstärke selbst einstellen.“
Am 12. April 1955 überreicht der deutsche Verkaufsleiter von 20th Century Fox, Gotthard Dröschel, dem Kreuznacher Kinobesitzer Rudolf Kreunen und seiner Frau Klara die Pionierplakette aus Bronze. Auf ihr steht: Herrn Rudolf Kreunen – Bad Kreuznach – dem Pionier von Cinemascope in Würdigung seiner erfolgreichen Verdienste bei der Durchführung des neuen Verfahrens für die bessere Filmunterhaltung des Filmpublikums.
Dröschel hob hervor, dass 5.500 Theater im Bundesgebiet mit dem neuen Cinemascope-System ausgerüstet sind. Kreunen habe bereits 1953 im Universum als 27. Stadt, noch vor Hamburg und Hannover, die Erneuerung nach Kreuznach gebracht (es handelt sich um die Breitwandtechnik). Kreunens haben auch ein Herz für Kinder. Regelmäßig dürfen die Kinder des benachbarten Waisenhauses eine Vorstellung besuchen. Anschließend verteilt Klara Kreunen Luftballons. 1961 wird das Waisenhaus geschlossen. Der Kaufmann Wolfgang Scholle erwirbt es, und nach einem Umbau wird hier das Kaufhaus Fundgrube eingerichtet, das es bereits seit Mitte der 1950er Jahre in der Salinenstraße 30 gibt.
Das Kinogeschäft lässt nach. Als Rudolf Kreunen Mitte der 60er Jahre erkrankt, vermietet er seine beiden Kinos an die Familie Cron, die bereits in Bad Münster ein Kino besitzt. Mittlerweile hat fast jede deutsche Familie einen Fernsehapparat im Wohnzimmer stehen, langsam beginnt das Kinosterben in den Städten. Im August 1971 schließt das „Universum“ nach gerade mal 18 Jahren. Rudolf Kreunen stirbt 1972 im Alter von 66 Jahren.
Es folgt die Erweiterung des Kaufhauses Fundgrube, das 1996 schließt, danach nutzen mehrere kleinere Geschäfte die Räume bis heute. Das Gebäude wird nun abgerissen. Auf dem Gelände entsteht ein neues Geschäftshaus. „Das einzige, das heute noch an das Universum erinnert, ist das von Franz Eichenauer geschaffene bleiverglaste Fenster, man kann es heute noch zwischen den Aluminiumlamellen sehen. Wir wollen es retten“, schließt Steffen Kaul seinen Vortrag.
Stadtverwaltung Bad Kreuznach
4. Januar 2016, von Jochen Messer
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.