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Er brachte die NHL-Spieler zurück an die Olympischen Spiele und verzeichnete auch sonst viele Erfolge: In der Schweiz wurde René Fasel aber oft kritisch beobachtet. War er zu gross für das kleine Land? Eine Würdigung des Freiburgers, der letzte Woche nach 27 Jahren als Präsident des Internationalen Eishockeyverbands zurücktrat.
Letzte Woche trat René Fasel als Präsident des Internationalen Eishockeyverbands (IIHF) zurück, zugleich wurde er in die IIHF Hall of Fame, die Eishockey-Ruhmeshalle des Weltverbands, aufgenommen. Auf dem Pressefoto, das auf allen Hockeyportalen zu sehen war, trägt Fasel ein Leibchen der Schweizer Nati mit der Nummer 27. Aha, die Nummer von Slawa Bykow bei der Sbornaja! Doch nein, 27 ist die Anzahl Jahre, in denen Fasel die IIHF präsidiert hat. Bevor er Schiri in der NLA und später Schweizer Verbandspräsident wurde, spielte er bei Gottéron und trug dabei die Nummer 11. Diese Nummer wählte er zu Ehren seines damaligen Lieblingsspielers, Anatoli Firsow, des ersten «Magiers» und dreifachen Olympiasiegers (1964, 1968 und 1972) sowie früheren Goalgetters von Spartak Moskau und vor allem von ZSKA.
Fasel war schon immer ein grosser Fan des sowjetischen Eishockeys, und es wird gemunkelt, dass er nach dem Rücktritt vom IIHF-Präsidentenamt bei den Russen anheuern könnte, in welcher Form und Funktion ist aber ein noch gut gehütetes Geheimnis. Fasel ist der achte Schweizer, dem die Ehre erwiesen wurde, in die IIHF-Ruhmeshalle aufgenommen zu werden. Die bisherigen Schweizer Hall-of-Famer sind Ferdinand und Hans Cattini sowie Richard «Bibi» Torriani (die drei gewannen Bronze an den Olympischen Spielen 1948), Jakob Kölliker, Cesar Lüthi, Matthias Seger und Mark Streit, die beiden Letzteren werden Corona-bedingt erst nächstes Jahr offiziell geehrt.
Das Eishockey wurde sauberer
1994 wurde Fasel an der IIHF-Konferenz in Venedig etwas überraschend zum Präsidenten gewählt. In den Augen vieler Eishockeyfans ist seine grösste Errungenschaft, die NHL an den Verhandlungstisch und schliesslich an die Olympischen Spiele gebracht zu haben. 1998 fanden in Nagano die ersten Olympischen Spiele mit NHL-Spielern statt. Zwar waren Profis allgemein seit 1988 erlaubt, aber die NHL-Nordamerikaner hatten bis dahin nicht teilgenommen. Man spricht im Basketball vom amerikanischen Dream-Team – Fasel schaffte es, sechs Dream-Teams bei Olympia auflaufen zu lassen: Russland, Kanada, Schweden, die Tschechische Republik, Finnland und die USA. Nach einem einmaligen Aussetzen der NHL 2018 werden die nordamerikanischen Profis 2022 wahrscheinlich wieder dabei sein. Unter Fasel wuchs die WM von 12 auf 16 Mannschaften an. Als ehemaliger Schiedsrichter war ihm auch wichtig, das Eishockey sauberer zu machen – weg vom nordamerikanischen «clutch & grab» – weshalb er die Regeln bei Halten, Haken und Stockschlag markant verschärft hat.
Konsequenter als die Fifa
Ich habe René Fasel in «Les Puckalistes» mal gefragt, ob er denn nach seiner Karriere beim Weltverband das Präsidentenamt bei Gottéron übernehmen möchte. Er musste laut lachen und erklärte, niemand sei Prophet im eigenen Land. Das kann man natürlich so sagen, ich möchte dem aber widersprechen: Ein Prophet muss Anhänger haben. René Fasel wäre in Freiburg höchst willkommen und würde von vielen gar heiss ersehnt. Und es würde auch gut zu Gottérons Zurück-nach-Hause-Strategie passen, die Freiburger heimzuholen (Beispiel Bertschy). Aber jeder ist seines Glückes Schmied, und wie Fasel selber sagt: Es stecken noch einige Ideen in ihm. Mal schauen also, wo sein Weg in Zukunft hinführt. Kein Prophet also. Es ist wahr, dass er es im eigenen Land mitunter schwer hatte. In einem Interview erwähnte er mal, wie er schon als Freiburger Schiedsrichter in der Berner Allmend immer sehr exponiert war. Das änderte sich auch nicht, als er Sportfunktionär war. In der hiesigen Presse wurde seine Arbeit oft kritischer angeschaut als seine grossen Erfolge gelobt. Die Lukaschenko-Affäre wird wohl vielen in Erinnerung bleiben – eigentlich schade. Denn unter dem Strich war Fasel der einzige Sportfunktionär, der einem Land auch mal was weggenommen hat.
Die Fifa geht trotz vielem Geschrei dennoch 2022 nach Katar, dem IOC sind Menschenrechte und Uiguren irgendwie halt trotzdem egal, nach Peking 2022 werden wohl ungeachtet grosser Boykottdrohungen alle gehen. Fasel hingegen entzog den Weissrussen, Entschuldigung, den Belarussen die Mit-Organisation der Hockey-WM 2021. Er selber spricht gerne über das vereinte Team Nord-/Südkorea bei Olympia 2018 als seinen grössten Erfolg. Irgendwie verständlich, denn als Sportler hat er es geschafft, politische Feinde (kurz) zu vereinen, was kein Land und keine Organisationen der Welt geschafft hatte. Aber auch da konzentrierte man sich in der Presse auf seine Aussage, die Schweizerinnen hätten bei ihrem 8:0 weniger ausgelassen jubeln sollen. In der Schweiz hat man das nicht verstanden und wieder einen Shitstorm gestartet. In Deutschland wäre so etwas nicht passiert. Als Deutschland im Fussball die WM-Gastgeber im Halbfinal mit 7:1 abfertigte, wusste man sich zu benehmen: Man gewinnt mit Herz, aber auch mit Stil. Nie wäre es Klose, Müller oder Lahm in den Sinn gekommen, diesen grandiosen Sieg vor aller Welt ausgelassen und vor allem respektlos zu feiern, im Wissen, wie viele Menschen in Tränen waren. Fasel ist vielleicht zu «big» für die Schweiz, zu weltmännisch, nebst Sportler auch Diplomat und Politiker.
«A juschà Fryburger»
Von Freiburg aus eroberte der passionierte Tomatenzüchter die Eishockeywelt und brachte die Sportart nach vorne, das Eishockeyturnier ist nebst der Ski-Abfahrt das Highlight der Winterspiele geworden. Und unter Fasel wurde auch das Fraueneishockey olympisch. Nicht alle seine Ideen stiessen auf Akzeptanz – so wurde der Victoria Cup nach zweimaliger Ausrichtung leider nicht mehr ausgespielt, und auch die Idee Fasels, die Spielfelder in Europa analog zu jenen in Nordamerika zu verkleinern, stiess auf keine Begeisterungswelle. Er brachte aber die Eishockeywelt zusammen, die Skandinavier mit den West- und Osteuropäern, auf der Weltbühne die Nordamerikaner und die Europäer. Er erwähnte mal, dass ihm dies sicherlich auch gelungen sei, weil er als «juschà Fryburger» die Gabe erhielt, zwischen zwei Kulturen und Sprachen zu leben und zu vermitteln, und als gelernter Zahnarzt war es ihm immer wichtig, den Leuten zuzuhören.
So wie jedes Land stolz darauf ist, den Papst zu stellen, bedeutete es für uns Freiburger viel, dass der Weltchef des Eishockeys aus unseren Gefilden stammte. Ein grosser Sportler, ein grosser Freiburger verlässt die Weltbühne. Bon voyage, Monsieur Fasel, wir sind gespannt auf das, was als Nächstes kommt.