Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03422.jsonl.gz/424

Der Sonntags-Stammtisch des bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Werner Kilz endet jeweils mit der Frage des Moderators: «Worüber haben Sie sich geärgert und worüber haben Sie sich gefreut?» Es geht in der Runde gemütlich zu und her. Immer steht ein grosses Glas Bier bei den Gesprächspartnern. Damit wird deutlich, dass alle in der Runde auf gleicher Höhe miteinander sprechen. Da gibt es keinen Leithammel, der das Wort ungebührlich an sich reisst. Wenn dies aber gelegentlich doch der Fall ist, ärgere ich mich.
Der Ärger bleibt am bayerischen Stammtisch nicht lange haften, weil der Frage über den erlebten Ärger die Frage nach der Freude der letzten Woche folgt. Die Freude verschluckt den Ärger. Es kommt keine Empörung auf und der Verdruss schwindet. Wenn also die Frau in der Runde sagt, sie habe sich geärgert, dass sie wegen einer Protestaktion verhindert gewesen sei, rechtzeitig zu einem Gespräch zu kommen, löste sich dieser mit dem nächsten Wort wie Zucker im Kaffeeschnaps auf. Sie habe sich gefreut, dass ihre Tochter die zweite gesunde Enkelin geboren habe.
Wir sehen, Ärger ist keine Weltssache. Er ist ein momentanes Gefühl, das situativ bedingt ist. Ich habe mich zum Beispiel geärgert, dass eine Zeitung nach der Abstimmung zur 13. AHV-Rente schrieb, die Armen hätten über die Reichen gesiegt. Gleichzeitig konnte ich lesen, dass 80 Prozent der Rentner der Initiative zugestimmt hätten. Das tönte, als zählten alle Rentner zu den Armen. Aber auch dieser Ärger ist verraucht. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich selber denken und nicht einfach nur Schlagzeilen inhalieren sollte.
Als ich einmal einen Journalisten rügte, der Titel seines Textes entspreche nicht dem Inhalt, sagte er mir kühl, er müsse die Überschrift als Aufreisser formulieren, sonst werde der Artikel nicht gelesen. Das ärgerte mich. Ich fühlte mich leicht gekränkt und ich erwiderte, so ein Titel tangiere die Selbstachtung des Lesers. Worauf er nichts erwiderte.
Ist man Optimist, bleibt die Freude länger haften, ist man Pessimist, ärgert man sich länger. Ich spüre, dass sich mein Optimismus langsam in einen Pessimismus wandelt. Dachte ich früher mit Leibniz, wir lebten in den besten aller möglichen Welten, fällt es mir heute leichter, mit Schopenhauer zu sagen, wir lebten eher in der schlechtesten aller möglichen Welten. Einen Wandel zum Schlechteren kann ich beim Blick in die Welt nicht ausschliessen.
Ein leichter Ärger muss ich noch loswerden. Die Zeitungen fällen oft mit Superlativen «letztgültige» Urteile. Einst hiess es, Federer sei der beste Tennisspieler aller Zeiten. In dieser Formulierung stecken gleich zwei Superlative. Neben dem «besten» gleich noch der Superlativ «aller Zeiten». Inzwischen ist dieser beste Spieler schon durch einen besseren überholt worden und auch dieser nunmehr Beste wird eines Tages nicht mehr als solchen bewundert. Ausdrücke wie Legende oder jemand habe einen historischen Sieg errungen, stören oder ärgern mich. Im Verdacht, der grösste Skifahrer zu werden, steht momentan Marco Odermatt, der im Begriff ist, einige Legenden wie Ingemar Stenmark zu überholen. Ärgere ich mich über den Superlativ, freue ich mich dennoch diebisch, wenn Odermatt siegt.