Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03246.jsonl.gz/1875

Von Voltaire bis Picasso – die Cafés Littéraires
Auf einen Streifzug durch die Pariser «Cafés Littéraires» entführte ein Vortrag von Regine Wernicke im Tertianum Zollikerberg.
Das wohl erste literarische Kaffee in Paris, das «Procope» aus dem 17. Jahrhundert, besteht noch heute und wird immer noch als Kaffeehaus geführt. Der grosse Erfolg des Lokals führte rasch dazu, dass sich die Kaffeehäuser als Pariser Institution durchsetzten. Zu den bekannten Gästen des «Procope» zählten etwa Voltaire oder Jean-Jacques Rousseau. Voltaire hatte sogar seinen Schreibtisch im «Procope». Papier und Tinte wurden jedem Besucher gratis zur Verfügung gestellt. Im 17. und 18. Jahrhundert galten die Cafés in Paris als sozialer und kommerzieller Treffpunkt für alle Einkommensschichten. Ein jeder, der seine Zeche bezahlen konnte, war willkommen. Ein Konzept, das neuartig war, waren doch die bisher bestehenden Salons nur der Oberschicht zugänglich. Anders als in den gehobenen Salons galt in den Kaffeehäusern Redefreiheit und in der Französischen Revolution wurden sie kurzerhand zu politischen Zentralen. So ist es kein Zufall, dass die 1789 deklarierten Menschenrechte in einem Kaffeehaus verlesen wurden. Victor Hugo, der Autor der Dramen «Les Misérables» oder «Der Glöckner von Notre-Dame» verkehrte am liebsten im Café Tortoni.
Gewaltige kreative Energie
Neben Schriftstellern und Dichtern trafen sich auch immer mehr Maler in den Kaffeehäusern. Sie wurden zum Treffpunkt der Impressionisten. Im Café Guerbois an der heutigen Avenue de Clichy, unweit seines Ateliers, traf sich Édouard Manet mit seinen Malerkollegen Claude Monet, Edgar Degas oder Alfred Sisley. Im Mittelpunkt der stets angeregten Diskussionen stand immer die Kunst. Einen grossen Teil der Gesprächszeit nahm die Freiluftmalerei ein, die damals neu entdeckt wurde. An die Treffen im «Guerbois» erinnerte sich der berühmte Maler Claude Monet so: «Nichts war interessanter als diese Wortgefechte. Sie schärften unseren Geist, erfüllten uns mit Begeisterung, die wochenlang anhielt, bis eine Idee endgültige Form gewann. Wir verliessen das Lokal mit gestärktem Willen, klaren Gedanken und gehobener Stimmung.»
Auch wenn heute Wien als Stadt mit der grössten Kaffeehauskultur gilt, war die kreative Energie in den Pariser Cafés bis zum ersten Weltkrieg gewaltig. Von Vincent van Gogh über Pablo Picasso bis hin zu Henri Matisse verkehrten alle in den skandalumwitterten und revolutionären «Cafés Littéraires». Van Gogh war der erste Künstler, der auch einmal eine negative Seite der Kaffees in seinen Gemälden festhielt. Die Einsamkeit jedes Einzelnen, die zum Teil triste Stimmung. Picassos «Blaue Periode» ist ebenfalls den Kaffeehäusern zuzuschreiben: Der Künstler reiste gemeinsam mit einem Freund nach Paris, welcher sich in einem der Kaffeehäuser das Leben nahm. Die «Blaue Periode» startete kurz nach diesem tragischen Ereignis und bildete den Beginn von Picassos ausserordentlichen Künstlerlaufbahn. Gemälde, die heute in renommierten Museen ausgestellt und Millionen wert sind, wurden zu jener Zeit als Zahlungsmittel für den Kaffee verwendet.
Regine Wernicke entführte die Zuhörer mit ihren Erzählungen und Bildern in diese längst vergangene Zeit des künstlerischen Seins. Die Geschichten rund um die literarischen Kaffeehäuser sind fast grenzenlos und unglaublich fesselnd. Neues Gedankengut entwickelte sich in den Kaffeehäusern und noch heute sind sie beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. (fh)