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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Siebtes Buch
19. Die Darlegung der Werke führt zur Geburt, nicht zur Unkenntnis hin. Sie sind Belehrungen unseres Glaubens. Wesen des Wollens.
Der Aufbau der Antwort des Herrn wahrt also den ganzen Aufbau des kirchlichen Glaubens, um das Wesen nicht auseinanderzureißen und die Geburt hervorzuheben. Denn es folgt: „Der Vater liebt nämlich den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut; und noch größere Werke als diese wird er ihm zeigen, daß ihr staunen werdet. Wie nämlich der Vater die Toten zur Auferstehung und zum Leben weckt, so weckt auch der Sohn zum Leben, wen er will.”1 Führt uns der Hinweis auf die Werke zu etwas anderem hin als zu dem Glauben an die Geburt, damit wir an das selbständige Sein des Sohnes glauben, das er aus dem selbständigen Sein des Vaters empfangen hat? Man müßte denn vom eingeborenen Gott glauben, er habe aus Unkenntnis einer aufzeigenden Belehrung (durch den Vater) bedurft; aber die Frechheit einer solchen Meinung ist nicht zulässig. Denn derjenige bedarf nicht der Belehrung, der alles schon weiß, worüber er belehrt werden soll. Denn [S. 354] zuerst sagt er: „Der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut;” er wollte damit zeigen, daß dieses ganze Zeigen des Vaters nur die Lehre unseres Glaubens sei, daß wir nämlich den Vater und den Sohn bekennen sollten. Damit man hier nicht eine Unwissenheit des Sohnes erschließen könnte, dem der Vater alle seine Taten zeige, deswegen fügt er anschließend hinzu: „Und noch größere Taten als diese wird er ihm zeigen, daß ihr staunen werdet. Wie nämlich der Vater die Toten zu Auferstehung und Leben weckt, so weckt auch der Sohn zum Leben, wen er will.”
Daß das zukünftige Werk ihm gezeigt werde, weiß der Sohn sehr wohl, dem dies gezeigt werden muß, damit er nach dem Vorbild des väterlichen Wesens die Toten zum Leben erwecke. Er sagt nämlich, daß der Vater dasjenige dem Sohne zeigen werde, worüber sie erstaunen sollten; und was es sein würde, bezeichnete er bald danach: „Wie nämlich der Vater die Toten zu Auferstehung und Leben weckt, so weckt auch der Sohn zum Leben, wen er will.”2
Die Kraft des einen ist wegen der Einheit des nicht-unterschiedenen Wesens gleich der des anderen. Das Aufzeigen der Werke ist nicht eine Belehrung des Nicht-kennens (seitens des Sohnes), sondern unseres Glaubens; sie hat nicht etwa dem Sohn das Wissen von solchem eingegeben, was er noch nicht wußte, sondern uns das Bekenntnis der Geburt; er bekräftigte es dadurch, daß ihm all sein Können gezeigt sei.
Das himmlische Wort gibt sich auch nicht undurchdacht, damit nicht etwa aus Anlaß eines mehrdeutigen Wortes die Bezeichnung eines verschiedenartigen Wesens sich einschleichen könne. Sagt er doch eher, daß ihm die Werke des Vaters gezeigt worden seien, als daß zu ihrer Ausführung ihm wesensmäßige Kraft zugegeben sei; das Zeigen selbst sollte als zum Wesenskern des Geborenen gehörig gelehrt werden, dem wegen [S. 355] der Liebe des Vaters die Erkenntnis alles dessen miteingeboren war, was er von ihm vollzogen sehen wollte. Damit man aber nicht in ihm wegen des Bekenntnisses des Zeigens an die Verschiedenheit eines nicht-wissenden Wesens glaube, so kennt er ferner selbst sehr wohl schon das, was ihm nach seinem eigenen Bekenntnis noch gezeigt werden soll. Und so sehr wird er nicht auf die Ermächtigung des Beispieles hin handeln, daß er (vielmehr) zum Leben erweckt, wen er will. Wollen ist nämlich die Freiheit des Wesens, die zur Beseligung vollkommener Macht zusammen mit frei-gewollter Entscheidung besteht.
1: Joh. 5, 20 f.
2: Joh. 5, 21.