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Die Taliban werden die Scharia, und damit Gebote und Verbote, definieren. Diese wird über das Leben und die Rechte der Afghanen und vor allem der Afghaninnen entscheiden. Doch was bedeutet Scharia genau? Ein Islamwissenschaftler erklärt.
Reinhard Schulze
Islamwissenschaftler
Reinhard Schulze ist emeritierter Professor für Islamwissenschaft und Direktor des Forum Islam und Naher Osten der Universität Bern.
SRF News: Was versteht man unter dem Begriff «Scharia»?
Reinhard Schulze: Gemeinhin wird unter Scharia das Ergebnis der Rechtsfindung durch muslimische Juristen verstanden. Es ist das von Juristen erschaffene materielle Recht, indem sie bestimmte Methoden anwenden, um zur Beurteilung eines Falles zu gelangen. So entsteht eine Fallsammlung, die sich je nach Jurist, Situation und historischen Umständen unterscheidet.
Unter Scharia wird das Ergebnis der Rechtsfindung durch muslimische Juristen verstanden.
Welche Bereiche umfasst die Scharia?
Die Scharia umfasst, was die Juristen als rechtsrelevant erachten. Das geht vom Vertragsrecht über Eherecht, Personenstandsrecht, Strafrecht bis hin zu Umweltrecht, die alle mit Rechtssetzungen in Bezug zu einer islamischen Tradition entwickelt werden.
Können Sie Beispiele zu radikalen Ansätzen der Taliban bei der Rechtsfindung nennen?
Die Interpretation der Taliban orientiert sich stark an einzelnen Fällen. Sie leiten aus der Prophetentradition Setzungen ab, wie in der Öffentlichkeit keine Musik zu hören. Daraus ergibt sich dann, auch im Auto darf keine Musik gehört werden und dass Tanzen und in radikalen Situationen das Lachen in der Öffentlichkeit verboten seien.
Gelten unter den Taliban unterschiedliche Gesetze an verschiedenen Orten?
Das islamische Recht ist abhängig davon, dass die Gemeinde der Ordnung zustimmt. Sonst sind die Taliban nichts als alte Kriegsherren, die ihre Setzungen durchgesetzt haben. Sie sind auf Zustimmung angewiesen. In einer Stadt wie Kabul, die grosse Teile der Bevölkerung als säkular interpretiert, müssen die Taliban Kompromisse machen und Frauen in öffentlichen Berufen tätig sein lassen. In der Provinz Kandahar, Hochgebiet der Paschtunen, kommt das überhaupt nicht infrage, weil die Gemeinde dort eine andere Rechtsvorstellung hat.
Bei ihrer ersten Pressekonferenz versicherten die Taliban, dass die Rechte der Frauen im Einklang mit der Scharia gewährt werden würden. Was muss man sich darunter vorstellen?
Nur, dass die Rechtssetzungen, was die Frauen anbetrifft, in irgendeiner Form als Scharia entstehen müssen. Vielleicht wird es als schariakonform interpretiert, dass Frauen in freien Berufen unabhängig von Männern tätig sein dürfen. Andererseits könnten die Taliban diese Berufstätigkeit nach islamischer Auffassung verbieten. Die Definition der Rechte bleibt abzuwarten.
Besteht Hoffnung, dass die Frauen die bisher erlangten Rechte behalten können unter den Taliban?
Ich bin halb optimistisch, halb pessimistisch. Heute war ich optimistisch, als ich die Demonstrationen von Frauen in Kabul gesehen habe. Es kann aber sein, dass puritanische orthodoxe Kräfte die Ordnung von 1996 wiederherstellen wollen. Vielleicht versucht man für Kabul und andere grosse Städte lokale Regelungen und Ausnahmeregelungen zu schaffen.
Die Situation in der Stadt ist auch durch die öffentliche Aufmerksamkeit etwas besser.
Dort, wo sie, vor allem auf dem Land, ihre Macht ausüben konnten, haben sie keine andere Verfahrensweise entwickelt. Von daher würde man denken, die Situation auf dem Land wird sich für die Frauen nicht so schnell verbessern. Die Situation in der Stadt ist auch durch die öffentliche Aufmerksamkeit etwas besser. Man kann ein bisschen optimistisch sein, dass die Taliban auch die Interpretationsoffenheit der Scharia nutzen, um ihre soziale und politische Macht vor Ort abzusichern.
Das Gespräch führte Lillybelle Eisele.