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Ist das Arbeitsproduktivitätswachstum der Schweizer Dienstleistungs-unternehmen wirklich so schwach?
04.03.2016
Gemäss offiziellen Statistiken ist die Arbeitsproduktivität in der Schweiz in den meisten wissensintensiven, marktorientierten Dienstleistungsbranchen über längere Zeit deutlich gesunken. Eine neue Studie zeigt, dass die Schwierigkeiten, die Entwicklung der Dienstleistungspreise zu messen, zu einer Unterschätzung des Produktivitätswachstums in diesen Branchen führen. Auch das reale BIP-Wachstum in der Schweiz dürfte deshalb unterzeichnet werden.
Die Arbeitsproduktivität hat sich gemäss Schweizer Produktivitätsstatistik in den wissensintensiven, marktorientierten Branchen des Dienstleistungssektors, den sogenannten KIBS-Branchen1, zwischen 1997 und 2012 kontinuierlich verringert. So sank die ausgewiesene Arbeitsproduktivität in den Branchen der IT-Dienstleistungen, in der Forschung und Entwicklung (F&E) und im Immobilienwesen in diesem Zeitraum substanziell, zwischen 30% und 40% (siehe G 6). Diese Zahlen überraschen, weil das Ausbildungsniveau und die Löhne der Arbeitskräfte in den KIBS-Branchen stärker gestiegen sind als in den übrigen Branchen und weil sich die Innovationstätigkeit und Exportentwicklung in den Branchen kaum verschlechtert haben. Wie ist die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in den KIBS-Branchen zu erklären? Eine Studie, welche die KOF in Zusammenarbeit mit der B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung AG zuhanden des SECO erstellt hat, fokussiert auf die Frage, ob und inwieweit Messprobleme bei der Erklärung eine Rolle spielen.
Die Messung der Arbeitsproduktivität und die Rolle der Preise
Die Arbeitsproduktivität in einer Branche wird gemessen, indem die Veränderung der realen Bruttowertschöpfung (BWS) ins Verhältnis zur Veränderung der vollzeitäquivalenten Beschäftigung gesetzt wird. Potenzielle Messprobleme ergeben sich vor allem im Zähler: Die reale BWS – die Wertschöpfung zu Preisen des Vorjahres – erhält man durch die Deflationierung der nominalen Grössen mit einem geeigneten Preisindex. Im Idealfall wird ein Produzentenpreisindex (PPI) verwendet, der nur reine Preisbewegungen, nicht aber Qualitätsveränderungen erfasst. Bei Dienstleistungen ist die Erfassung der reinen Preisentwicklung über die Zeit naturgemäss schwieriger als bei Gütern: Dienstleistungen sind zum Teil schwer erfassbar (z. B. Forschung), sie sind oft kundenspezifisch und damit zeitlich nicht vergleichbar (z. B. Unternehmensberatung) und Qualitätsmerkmale sind teils nicht beobachtbar (z. B. die Fachkompetenz der Arbeitskräfte).
Deflationierung mit Lohnindizes: Worin liegt das Problem?
In der Schweiz stehen für viele Dienstleistungsbranchen (noch) keine PPI oder andere Preisindizes zur Verfügung – mitunter deshalb, weil Firmen zusätzliche Preisbefragungen erspart bleiben sollen. Aus diesem Grund wird für zahlreiche KIBS-Branchen der Schweizerische Lohnindex (SLI) als Deflator verwendet: Insgesamt werden 36% der BWS (12 der 20 KIBS-Branchen) mit der Lohnentwicklung deflationiert. Aber die Verwendung von Lohndeflatoren führt in der Regel zu einer Unterzeichnung der Arbeitsproduktivität, weil Lohnwachstum eben gerade auch dann entsteht, wenn Arbeitskräfte produktiver werden. So kann sich zum Beispiel durch den Einsatz neuer Software die benötigte Arbeitszeit für die Erbringung einer Dienstleistung verkürzen. In einem wettbewerbsorientierten Markt steigen daraufhin die Löhne der Arbeitskräfte, gerade weil sie pro Arbeitsstunde mehr Wertschöpfung generieren. Durch die Anwendung von Lohndeflatoren werden Produktivitätssteigerungen also teilweise ungewollt «wegdeflationiert».
Wie gross ist der Messfehler?
Es stellt sich natürlich die Frage, wie stark die Daten zur Arbeitsproduktivität der KIBS-Branchen tatsächlich von Messproblemen beeinflusst werden. Eine einfache Simulationsrechnung soll dies aufzeigen: Für Branchen, in denen Lohndeflatoren verwendet werden, wird die Arbeitsproduktivität mit alternativen Deflatoren neu berechnet und im Anschluss mit der Arbeitsproduktivität basierend auf den Lohndeflatoren verglichen. Zwei Alternativen stehen im Vordergrund:
- Qualifikationsbereinigter Lohnindex (QBLI): Mit Hilfe der Lohnstrukturerhebung (LSE) wird mit einem ökonometrischen Verfahren für jede Branche ein Lohnindex berechnet, der das durchschnittliche Lohnwachstum bei konstanter Qualifikationsstruktur der Beschäftigten beschreibt.
- Ausländische Preisindizes: Unter der Annahme, dass sich Dienstleistungspreise im Ausland gleich entwickeln wie in der Schweiz, verwenden die Autoren PPI-basierte Deflatoren aus Frankreich, Deutschland und Grossbritannien zur Preisbereinigung der Schweizer Dienstleistungen.
Es zeigt sich: Wird der QBLI zur Deflationierung für den Zeitraum 1997–2012 verwendet, ergeben sich nur geringfügig höhere Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität in den einzelnen Branchen. Wenn die branchenspezifische Preisentwicklung inflationsbereinigt hingegen jener im Ausland entsprochen hätte, dann würden die Produktivitätsstatistiken markant anders ausschauen. Bei den IT-Dienstleistungen steigt die jährliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität beispielsweise von –0.7% auf 2.9%, wenn der PPI aus Deutschland angewendet wird.
Wohl unterschätztes BIP-Wachstum
Insgesamt deuten die Resultate darauf hin, dass die in der Schweiz angewandten Lohndeflatoren die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in gewissen Branchen deutlich unterzeichnen. Was aber bedeuten die Ergebnisse für die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsstatistik? Obwohl die betrachteten Branchen nur einen relativ kleinen Anteil der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung (rund 10%) ausmachen, legen die durchgeführten Schätzungen nahe, dass die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität und das reale BIP-Wachstum der Schweiz je nach Szenario um ca. 0.1–0.2 Prozentpunkte pro Jahr unterschätzt werden. Auch eine sogenannte Corrado-Slifman-Korrektur deutet darauf hin, dass das BIP-Wachstum aufgrund der limitierten Preisbereinigung im KIBS-Bereich unterzeichnet wird. Eine solche Korrektur errechnet das BIP-Wachstum unter der einfachen Annahme neu, dass ein langfristig negatives Produktivitätswachstum in einer marktorientierten Branche Ausdruck eines Messproblems ist. Korrigiert wird dies, indem das Produktivitätswachstum in den betroffenen Branchen auf null gesetzt wird. Bei Anwendung dieser Korrektur auf die KIBS-Branchen nehmen das Wachstum des BIP und der Arbeitsproduktivität der Schweiz ebenfalls um 0.2 Prozentpunkte zu.
[1] KIBS steht für knowledge-intensive business services und bezieht sich auf die NOGA-Abteilungen 58 bis 82.
Die Studie von Boris Kaiser und Michael Siegenthaler «Productivity Growth in the Swiss Service Sector – An Analysis of the Knowledge-Intensive Business Service Industries» erfolgte im Rahmen der Strukturberichterstattung zum Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft, im Auftrag des SECO. Sie finden die Studie hier.