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Der Jurassier Fernand Gigon gehört zu den wichtigsten investigativen Journalisten der Schweiz, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. Es gibt nur wenige, die so global tätig waren wie er und deren Werk einen derart weitreichenden Einfluss hatte. Seine ausserordentliche Begabung als Autor verfeinerte er mit den Jahren durch Erfahrung und Ausdauer. Er versuchte sich mit allen Genres: als Dichter, Romancier, Essayist, Dramaturg, Drehbuchautor, Librettist und sogar als Liedermacher.
Bereits in jungen Jahren folgte er seiner journalistischen Berufung und widmete sich ihr über ein halbes Jahrhundert mit grosser Leidenschaft. Da er die Kniffe seines Metiers bestens kannte, sich für alles interessierte und offen für Neues war, gelang es ihm sehr schnell, sich von der traditionellen schriftlichen Berichterstattung, die er perfekt beherrschte, auf alle modernen Kommunikationsmittel umzustellen.
Bild und Ton hielten in den Zwischenkriegsjahren Einzug und setzten sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Gigon arbeitete nicht nur als Korrespondent, Redakteur und Fotograf, sondern auch als Radioreporter und Filmemacher, bevor er Anfang der 1950er-Jahre als freier Journalist und Berichterstatter die Welt bereiste, um Ereignisse aus nächster Nähe zu beobachten. Von unterwegs lieferte der Globetrotter unzählige Zeitzeugnisse, die um die ganze Welt gingen. Eindrucksvoll fasste er sie in rund 20 Büchern zusammen, von denen es einige dank Übersetzungen zu weltweiter Bekanntheit brachten.
Nach der Schulzeit in Fontenais (JU), seinem Geburtsort, und Pruntrut (JU), wo er aufwuchs und den Schulabschluss erwarb, bildete sich der junge Mann in Basel autodidaktisch weiter und liess sich 1928 im internationalen Zentrum und damaligen Sitz des Völkerbunds Genf nieder. Die Stadt am Lac Léman wurde zu seiner Heimat. Aus eigener Kraft gelang es ihm dort, sich als professioneller Journalist zu behaupten.
Er schrieb für zahlreiche Zeitungen und Presseorgane in der Westschweiz und in Paris, wohin es ihn 1938 zog. Der Kriegseintritt Frankreichs zwang ihn zur Rückkehr nach Genf. Seine dortige Arbeit als Filmemacher war eine bittere Erfahrung und bedeutete seinen finanziellen Ruin. Nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa kehrte er nach Paris zurück, dieses Mal als Reporter für ein grosses Abendblatt.
An Weihnachten 1950 übertrug Gigon seiner Frau Monique Constantin (1926–2013) die Leitung seiner Produktionsfirma und wurde freier Journalist. In Europa war er lange Zeit der einzige französischsprachige «fliegende Reporter» und berichtete für 28 Zeitungen rund um den Globus. Seine Recherchen führten ihn des Öfteren nach Fernost. Von dort stammen unzählige Fotos und Presseartikel sowie drei Bücher, die er zwischen 1953 und 1958 veröffentlichte.
In Afrika (1954) durchquerte er die Sahara auf der Tanezrouftpiste und stattete Doktor Albert Schweitzer einen Besuch ab. Wieder im Nahen Osten (1955) erhielt er als erster westlicher Beobachter von Mao ein Visum für China, wo er 1956 eine lange Rundreise unternahm. Von dieser Reise erzählen die zwei Bände Chine en casquette (China unter der Schirmmütze, 1956) und Chine, cette éternité (China, diese Ewigkeit, 1957) sowie eine Fülle von Fotografien, von denen viele heute als ethnografische Dokumente geschätzt werden – ganz zu schweigen von ihrem ästhetischen Wert.
Im Jahr 1957 führte Gigon eine umfangreiche Studie über die Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Japan durch. Seine Berichte erschienen in 27 Zeitungen auf der ganzen Welt und sein im darauffolgenden Jahr publiziertes Buch Ich habe Hiroshima gesehen wird in sieben Sprachen übersetzt. 1959 reiste er nach Russland, 1960 in die Vereinigten Staaten. Bewaffnet mit Schreibzeug, Mikrofon und Kamera besuchte er erneut den Fernen Osten, dann Polynesien und Australien. In der Filmreihe Le Temps des Seigneurs (Zeit der Herrscher) beschrieb er die letzten Machthaber unseres Planeten.
Aus einem weiteren Besuch in China im Jahr 1961 gingen das Buch La Chine devant l’échec (China vor dem Aus, 1962) und drei Fernsehsendungen mit dem Titel White Paper on Red China (Weisspapier über Rotchina) hervor. Durch die von NBC im Februar 1962 ausgestrahlten Reportagen gewann Gigon ein amerikanisches Publikum. Von da an galt er als einer der kenntnisreichsten Beobachter des Wandels, den dieser Teil Asiens in den 1960ern und 1970ern vollzog. Er verfasste unzählige Analysen dazu.
Das von Fernand Gigon hinterlassene intellektuelle Erbe ist beeindruckend. Während eines halben Jahrhunderts beruflicher Tätigkeit veröffentlichte er 24 Bücher sowie Tausende von Artikeln und Reportagen in der Presse. Er arbeitete für mindestens 200 Zeitschriften, Magazine und Zeitungen auf drei Kontinenten. Hinzu kommen mehrere hundert Stunden Reportagen und Interviews. Die Aufzeichnungen befinden sich zum Teil in den Archiven von Rundfunk- und Fernsehanstalten. Ein Dutzend Filme von Gigon werden im Schweizer Filmarchiv aufbewahrt. Seine Ikonografie mit rund 20'000 Fotos und Dias führt die Fotostiftung Schweiz in Winterthur.
Die Jurassische Kantonsbibliothek in Pruntrut besitzt, dank einer Schenkung von Monique Gigon aus dem Jahr 1998, ein literarisches Archiv des Journalisten. Diese Dokumente informieren aus erster Hand über die Geschichte des Journalismus, denn die 50 Jahre, in denen Fernand Gigon aktiv war, decken sich exakt mit einer Zeit grosser Veränderungen in diesem Beruf, als die schriftliche Berichterstattung in den Massenmedien zunehmend durch Ton und Bild abgelöst wurde. Da Fernand Gigon sowohl traditionelle als auch moderne Techniken beherrschte, trug er gern zum Übergang von der Papiergeneration zur elektronischen Generation bei.