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Mit folgendem Beispiel möchte ich zeigen, wie ich mit Familien, in denen die familiäre Ordnung dysfunktional ist, arbeite.
Berater zum Sohn: "Du hast gesagt, es seien Spannungen in der Familie wegen deinem Zeugnis und wegen deinen Ausgängen."
Sohn: "Aber nicht nur wegen mir, nicht nur wegen mir sind Spannungen da."
Berater zum Sohn: "Meinst du, es sind auch Spannungen zwischen Mutter und Vater?"
Sohn: "Vor allem, die Spannungen zwischen ihnen sind viel grösser:"
Berater zu den Eltern: " Ist die Einschätzung des Sohnes richtig?"
Mutter: "Von mir aus gesehen schon.
Vater: "Ich sehe es auch so."
Berater an das Paar: "Wenn die Spannungen Sie als Ehepartner betreffen, dann gehören sie in die Paarberatung."
Eltern: "Ja, sie betreffen uns als Partner und der Sohn hat daran keine Schuld."
Berater zum Sohn: "Also die Schwierigkeiten deiner Eltern, die sie zusammen haben, werden wir in der Paarberatung bearbeiten, da du nichts damit zu tun hast, du bist allenfalls von der Stimmung, die dann zu Hause herrscht, betroffen."
Sohn: "Ja, und diese ist gegenwärtig sehr aggressiv.
Wenn ich auf zwei Ebenen arbeite, einerseits auf der Ebene Paarbeziehung und andererseits auf der Ebene Familie, ist es von grösster Wichtigkeit, die Ebenen voneinander abzugrenzen. Diese Interventionen sollten auch eine gewisse Modellfunktion aufweisen. Es soll deutlich werden, dass es zwischen Subsystemen Grenzen gibt, die zu beachten sind. Insbesondere weil ich der Überzeugung bin, dass familiäre Störungen meist auch mit dem Nichtbeachten dieser Grenzen zu tun haben. Bei der Familie Y werde ich darauf achten, dass die Koalition zwischen Mutter und Sohn gegen den Vater nicht aufrecht gehalten wird.
Sohn zur Mutter: "Ja gut, ich bringe mal ein Beispiel, wenn es dir zum Beispiel schlecht geht, und das kommt oft vor, dass es dir schlecht geht, meistens ist er weg und du sitzt zu Hause und es geht dir schlecht, trinkst ein Glas Wein und bist wirklich am Boden zerstört, dann komme ich zu dir und frage, was ist. Dann haben wir jeweils auch 2 stündige Gespräche miteinander und ich gehe auf dich ein oder?
Mutter: "Ja, aber dann habe ich dir jeweils einfach mein Herz ausgeschüttet, und da kannst du sehr gut auf mich eingehen."
Berater zum Sohn: "Du gehst dann auf deine Mutter ein, wenn es ihr schlecht geht, wenn sie den "Moralischen" hat, wenn sie das Bedürfnis hat ihr Herz auszuschütten?"
Sohn: "Ja, ......den "Moralischen" hat sie ziemlich oft, das ist nicht so schlimm, aber wenn das passiert, dass sie bei mir das Herz ausschüttet, dann ist etwas passiert."
Berater zum Sohn: "Warum denkst du, geht deine Mutter, wenn sie das Herz ausschütten will, nicht zu deinem Vater?"
Sohn: "Ich sage ihr das manchmal, sie solle zu ihm gehen aber, ich weiss auch nicht, da sagt sie, sie könne das nicht."
Berater zur Familie: "Was ist denn mit dem Vater?"
Vater: "Wenn sie den "Moralischen" hat, ist es wahrscheinlich, wenn ich herum hocke, dann kann sie ja nicht mit mir reden, wenn ich nicht da bin. Dann führen wir meistens 2 Tage später ein Gespräch, oder?"
Mutter: "Nein, wir sprechen nicht miteinander, wir streiten miteinander und dann irgendwann gibt es wieder Frieden und dann sprechen wir nicht mehr darüber, so ist es."
Berater zum Sohn: " Ich denke schon, dass die Partner die Verantwortung übernehmen sollten, wenn sie Schwierigkeiten und Krisen zu bewältigen haben. Sie haben sich ja auch als Partner gewählt."
Sohn: "Ja für mich ist es manchmal schwierig, wenn sie mir Sachen über ihn anvertraut und ich sage ja, ja und höre zu, denke, jetzt darfst du ja nichts sagen, auch wenn ich es anders sehe. Am anderen Morgen fühle ich mich dann sehr unbehaglich, wenn ich ihm begegne, da weiss ich kaum wie ich mich verhalten soll. Wenn sie auch noch anwesend ist, habe ich immer das Gefühl, sie erwarte von mir, ich sollte jetzt etwas Wichtiges sagen."
Berater zum Sohn: "Du kommst in eine schwierige Rolle, die dir eigentlich gar nicht zusteht."
Mutter zum Sohn: "Also ich habe von dir nie erwartet, dass du etwas zu ihm sagst."
Sohn: "Nein, weisst du, wenn du wütend bist über ihn, dann machst du ihn ziemlich schlecht oder, und dann wenn ich ihm begegne, und ich habe dir vielleicht recht gegeben, ihm kann ich dann nicht mehr in die Augen schauen, weil ich dir recht gegeben habe, und dir nicht, weil ich mit ihm trotzdem anständig bin und nicht irgendwie reagiere."
Mutter: "Aha!"
Berater zum Sohn: "Es entsteht eine gefühlsmässige Verbindung zwischen dir und deiner Mutter, die sich gegen den Vater richtet, und das bringt dich in eine schwierige Situation. Darum glaube ich, dass du dort am falschen Platz bist."
Sohn: "Schon, aber ich finde es trotzdem wichtig, denn da sind wahnsinnige Spannungen im Haus, die kann ich dann etwas lindern."
Berater zu den Eltern: "Wie ist das für Sie, wenn sie jetzt hören, wie es Ihrem Sohn geht in dieser Angelegenheit?"
Vater: "Das habe ich gar nicht gewusst, dass das in diesem Rahmen stattfindet."
Mutter: "Das habe ich mir gar nicht überlegt, dass er zwischen Stuhl und Bank sitzt, aber jetzt wo er das so sagt, verstehe ich das."
Berater zur Mutter: "Dazu sind sicher Gespräche notwendig, denn viele Dinge werden uns nicht bewusst, wenn wir uns nicht mitteilen."
Berater zum Vater: "Und Sie hörten das zum ersten mal?"
Vater: "Ja, dass das in diesem Ausmass stattfand, das war mir nicht bewusst."
Mutter zum Vater: "Also, dass wir über das sprechen, dass ich ihm viel mein Herz ausschüttete, und er mich viel unterstützte, das solltest du eigentlich wissen, habe ich dir schon oft gesagt aber du hörst mir ja nicht zu.
Vater: "Dass ihr miteinander redet über mich, das habe ich schon gewusst, aber dass er in eine Situation kommt, dass er mir fast nicht mehr in die Augen schauen kann, das habe ich nicht gewusst."
Berater zu den Eltern: "Also es scheint besonders wichtig, dass ihr die Schwierigkeiten in der Paarbeziehung bearbeitet. Sonst wird eben Ihr Sohn in den Paarkonflikt mit hineingezogen und die familiäre Ordnung wird gestört."
Sohn: "Es ist nicht so, dass es für mich so eine riesige Belastung ist, wenn ich meine Mutter tröste, ich mache dies ja von mir aus, gehe auf sie zu und frage, was hast du denn.
Berater: "Das glaube ich dir schon, es ist ja sogar möglich, dass du auch ein wenig stolz bist auf diese Rolle, und trotzdem finde ich, dass dies nicht dein Platz ist."
Sohn: "Ja ich habe auch schon gedacht, jetzt gehe ich nicht, aber dann habe ich oft Angst, dass sie eine Dummheit macht, das hat sie ja auch schon............."
Mutter: "Ja aber das ist schon lange her und das war blöd von mir."
Sohn: "Ja, aber einmal ist schon zu viel."
Berater zum Sohn: "Also du hast Angst um deine Mutter, und deine Mutter hat Angst um dich."
Sohn: "Ja, aber meine Angst ist begründet."
Berater: "Die Mutter sagt auch, ihre Angst sei begründet. Wahrscheinlich sagt ihr beide dasselbe, nämlich: "meine Angst ist begründet, aber deine nicht."
Berater zum Vater: "Ja, Herr Y, eigentlich wären Sie sehr wichtig hier, setzen Sie sich doch etwas näher zu ihrer Frau." (Herr Y. setzt sich neben seine Frau).
Die Familie ist sich einig, dass die 1. Sitzordnung (Sohn neben der Mutter) die dysfunktionalen Struktur der Konfliktsituation darstellt. Im Weiteren konnten wir uns einigen, dass das Ziel der Beratung sei, die Struktur der Familie so zu verändern, dass sie der 2. Sitzordnung, Mutter und Vater nebeneinander), entspricht.
In der Beratung mit Familien geht es oft um Grenzen der Subsysteme. In der Familienberatung ist oft ein Elternteil mit einem Kind verbündet und bildet eine Koalition gegen den anderen Elternteil. Die Einladung der Mutter zur Koalition beinhaltete gleichzeitig auch eine Einladung zur Symbiose. Laut Schilderung der Mutter kam ich zur Annahme, dass sich der Sohn schon als Kind verpflichtet gefühlt hatte, sich der Mutter anzunehmen, wenn es ihr schlecht ginge. Eine Symbiose 2. Ordnung führt meines Erachtens fast zwangsläufig zu Paarkonflikten, da ein funktionales familiäres Gleichgewicht verunmöglicht wird. Symptome wie Gewalt, Sucht, Essstörungen, Depression und Delinquenz können meist mit dysfunktionalen Familienstrukturen in Verbindung gebracht werden. Meine Aufgabe sehe ich darin, Hilfe anzubieten, die eine Neuordnung des familiären Systems ermöglicht, damit die Familie ein neues Gleichgewicht findet.
Ich konnte mit der Familie Y einen Behandlungsvertrag machen mit der Zielsetzung, die familiäre Struktur zu verändern. Die symbiotische Beziehungsstruktur von Mutter und Sohn, die sich gegenseitig immer wieder konkurrieren, soll dadurch aufgelöst werden. Dies sollte zu einer Neuorganisation des familiären Systems führen, was zur Folge hat, dass alle Familienmitglieder neue Problemlösungsstrategien suchen müssen. Es ist eine Einladung für alle, aus der Passivität zu kommen, denn die Passivität dient nur dazu, den Status Quo zu wahren. Ausserdem ist es eine Chance für Korrekturen der Skriptüberzeugungen aller Familienmitglieder, vor allem aber für die des Sohnes, da dieser eine äusserst destruktive Lebensplanung zu verfolgen scheint.