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Topi-Leierantilope
Damaliscus lunatus jimela
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Wer jemals auf einer Safari in den weiten Savannen Ostafrikas unterwegs war, der sollte sie eigentlich kennen - jene stattliche Antilope mit langem, schmalem Kopf, leierförmigen Hörnern und blauschwarzen Flecken auf den Schenkeln, welche auf einem verwitterten Termitenhügel steht und ruhig die Umgebung überblickt. Ihr Name lautet Leierantilope (Damaliscus lunatus). Sie gehört zu den am weitesten verbreiteten Antilopen Afrikas und trägt in den verschiedenen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets unterschiedliche volkstümliche Namen. In Ostafrika wird sie im Allgemeinen Topi genannt, weiter nördlich nennt man sie meistens Tiang, im westlichen Afrika heisst sie gewöhnlich Korrigum, und im südlichen Afrika wird sie in der Regel als Sassaby oder Tsessebe bezeichnet.
Von den Wissenschaftlern wird die Leierantilope innerhalb ihres weiten Artverbreitungsgebiets in fünf bis sieben separate Unterarten gegliedert, obschon die körperbaulichen Unterschiede zwischen den geografischen Beständen gering sind. Interessanterweise tragen gleich zwei dieser Unterarten im Volksmund den Namen Topi: erstens das «Küstentopi» (Damaliscus lunatus topi)
, welches im nordöstlichen Kenia und im südlichen Somalia vorkommt, und zweitens das «eigentliche» Topi (Damaliscus lunatus jimela)
, welches rund um den Victoriasee vorkommt.
Eine Kuhantilopenform
Innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehört die Leierantilope zur Familie der Hornträger (Bovidae), welche ungefähr 140 Arten von Antilopen, Rindern, Ziegen und Schafen umfasst. Die Hornträgerfamilie ist in Afrika, Nordamerika und Eurasien weit verbreitet, weist aber in Afrika südlich der Sahara ihre grösste Artenvielfalt auf. Mehr als siebzig Arten sind dort heimisch. Diese werden mehreren Unterfamilien zugeordnet, beispielsweise den Duckern (Cephalophinae), den Pferdeböcken (Hippotraginae) und den Gazellenartigen (Antilopinae). Die Leierantilope gehört zu den Kuhantilopenartigen (Alcelaphinae).
Bis heute bestehen unter den Fachleuten grosse Meinungsverschiedenheiten darüber, wie viele Arten von Kuhantilopenartigen es gibt - genauer: was als Art und was als Unterart aufzufassen ist. Einige Autoren beschreiben bis zu 20 Arten, darunter 4 Arten von Leierantilopen. Die Unterschiede zwischen diesen «Arten» liegen jedoch zumeist in verhältnismässig geringfügigen Abweichungen der Körpergrösse und der Fellfärbung sowie der Länge und der Form der Hörner. Wir bevorzugen darum eine gewisse Zusammenfassung der verschiedenen Formen und unterscheiden lediglich 7 Arten: das Weissschwanzgnu (Connochaetes gnou)
, das Streifengnu (Connochaetes taurinus)
, die «eigentliche» Kuhantilope (Alcelaphus buselaphus)
, die Lichtenstein-Kuhantilope (Sigmoceros
oder Alcelaphus lichtensteinii
), den Buntbock (Damaliscus pygargus
oder dorcas
), die «eigentliche» Leierantilope (Damaliscus lunatus)
und die Hunter-Leierantilope (Beatragus
oder Damaliscus hunteri
).
Die Leierantilope weist eine Schulterhöhe von 100 bis 130 Zentimetern und eine Kopfrumpflänge von 150 bis 200 Zentimetern auf. Das Gewicht liegt bei den erwachsenen Individuen gewöhnlich zwischen 110 und 150 Kilogramm. Zwar sind die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser als die Weibchen. Wie bei den anderen Kuhantilopenartigen sind die beiden Geschlechter jedoch gleich gefärbt und sie tragen beide Hörner.
Innerhalb
der verschiedenen geografischen Bestände sind die Hörner der Männchen jeweils nur geringfügig länger und an der Basis dicker als die der Weibchen. Deutliche Unterschiede hinsichtlich der Hornlänge bestehen jedoch zwischen
den verschiedenen geografischen Beständen. Die längsten Hörner hat mit bis zu 71 Zentimetern das westafrikanische Korrigum, die kürzesten mit gewöhnlich unter 45 Zentimetern das südafrikanische Sassaby. Die Hörner der beiden ostafrikanischen Topis sind mit einer Länge von bis zu 60 Zentimetern «Mittelmass».
Gras, Wasser und Schatten
Die Leierantilope ernährt sich fast ausschliesslich von Gräsern und zeigt eine starke Vorliebe für junge, zarte, leicht verwertbare Blattspreiten von höchstens 60 Zentimetern Höhe. Solche Gräser wachsen besonders üppig im Bereich saisonal überschwemmter Tiefländer, und tatsächlich finden sich dort die kopfstärksten Leierantilopenbestände.
Die meiste Zeit des Jahres genügt der Leierantilope die in ihrer Nahrung enthaltene Feuchtigkeit nicht, um ihren Körper ausreichend mit Wasser zu versorgen. Zum Überleben benötigt sie daher nebst Zugang zu Weideflächen auch Zugang zu einem Gewässer und besucht dieses normalerweise täglich. Sie hat des Weiteren gern Zugang zum Schatten von Bäumen oder grossen Sträuchern, um der mittäglichen Hitze auszuweichen.
Offene Graslandschaften, welche die drei genannten ökologischen Güter enthalten und somit der Leierantilope als Lebensraum behagen, finden sich in Afrika südlich der Sahara weit verbreitet. Es überrascht darum nicht, dass die grosse Antilope von Senegal im Westen bis nach Somalia im Osten und Südafrika im Süden verbreitet ist. Allerdings ist ihr Verbreitungsgebiet im Verlauf der vergangenen zwei Jahrhunderte aufgrund der Machenschaften des Menschen beträchtlich geschrumpft und in viele kleine, voneinander getrennte Bruchstücke zerfallen. Dies gilt auch für das «eigentliche» Topi. Die Unterart kam früher in sechs Ländern vor, nämlich Uganda, Ruanda, Burundi, Kongo-Kinshasa, Kenia und Tansania. In Burundi ist sie heute ausgestorben; in Kongo-Kinshasa ist die gegenwärtige Bestandssituation unklar; in den übrigen Ländern haben die Bestände gegenüber früher mehr oder weniger stark abgenommen.
Rund neunzig Prozent aller «eigentlichen» Topis sind heute in Tansania, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, heimisch. Einst kamen sie in den nordwestlichen und westlichen Teilen des Landes weit verbreitet vor, sind aber inzwischen aus mehr als der Hälfte ihres ursprünglichen Lebensgebiets verschwunden. In grösseren Beständen kommt das «eigentliche» Topi noch in den grossen Schutzgebieten im westlichen Tansania vor, darunter Biharamulo-Burigi, Moyowosi-Kigosi und Katavi-Rukwa. Der bedeutendste Bestand lebt allerdings in der Serengeti-Region im nördlich-zentralen Tansania. Er hängt mit demjenigen in der Masai-Mara-Region im südwestlichen Kenia zusammen und gilt als einer der beiden grössten Leierantilopenbestände überhaupt.
Gesellschaftlich flexibel
Hinsichtlich ihrer Gesellschaftsstruktur erweist sich die Topi-Leierantilope als sehr flexibel. Zwar ist sie generell ein sehr geselliges Tier; einzelgängerische Topis findet man kaum je. Die Grösse und die Ortstreue ihrer Gruppen sind jedoch sehr variabel. Manche Topis leben ganzjährig in kleinen Trupps mit eigenen Territorien, andere bilden grosse Herden und wandern ausserhalb der Fortpflanzungszeit halbnomadisch umher. Diese verschiedenen Vergesellschaftungsformen können geografisch nah beieinander vorkommen: Der Topibestand in der Serengeti beispielsweise besteht aus ein paar kopfstarken, bis über 2000 Individuen umfassenden Herden und einer grösseren Zahl kleiner Trupps.
Bei den kleinen, ortstreuen Trupps handelt es sich um Haremsgruppen, welche aus einem erwachsenen Männchen und im Durchschnitt acht Weibchen mit ihren Jungen bestehen und die ein Stück Savanne als Grundeigentum für sich beanspruchen. Solche Territorien enthalten die drei erwähnten natürlichen Güter, welche für die Topis lebensnotwendig sind, nämlich Weideflächen, Trinkwasser und Schatten spendende Gehölze, in ganzjährig ausreichender Menge. Demzufolge hängt ihre Fläche vom lokalen Angebot dieser drei Güter ab: Wo insbesondere die Weide mager ist, beispielsweise im Kruger-Nationalpark in Südafrika, können die Territorien bis 400 Hektaren gross sein. Gewöhnlich sind sie aber erheblich kleiner.
Das territoriale Männchen verbringt viel Zeit damit, «seine» Weibchen und Jungen vom Abwandern aus dem Territorium abzuhalten. Dies gelingt ihm allerdings nicht immer, weshalb das Streifgebiet der Weibchen grösser sein kann als das Territorium des Männchens. Die Peripherie seines Territoriums versieht das erwachsene Männchen eifrig mit Geruchsmarken in Form von Kot und Harn. Ausserdem reibt es seinen Kopf häufig am Boden und wischt so das Sekret seiner Voraugendrüsen ab. Im Übrigen sucht es tagsüber oft einen Termitenhügel oder einen anderen erhöhten Ort auf und stellt sich dort zur Schau, womit es weithin sichtbar seinen Grundbesitzanspruch kundtut.
In manchen Gegenden verzichten die Topi-Leierantilopen auf Territorien, welche alle ihre Bedürfnisse abdecken. Hier leben sie ausserhalb der Fortpflanzungszeit in grossen, gemischtgeschlechtlichen Herden und ziehen auf der Suche nach frischen Gräsern weit umher. Jeweils während der Paarungszeit unterbrechen die Herden vorübergehend ihre Wanderung an einem günstigen Ort. Dort versammeln sich dann die Männchen in so genannten «Arenen» und kämpfen dicht nebeneinander um den Besitz kleiner Grundstücke, deren Durchmesser oftmals bloss ein paar Dutzend Meter beträgt.
Die paarungswilligen Weibchen begeben sich zu einer der Arenen und suchen sich gezielt ein bestimmtes Männchen als Vater für ihren Nachwuchs aus. Am attraktivsten sind stets die Männchen im zentralen Bereich der Arenen, denn dort sind die Territorien am heftigsten umkämpft, weshalb es nur den stärksten Männchen gelingt, sich gegen die ständigen Übergriffe der Rivalen durchzusetzen. Indem ein Weibchen sich vom Besitzer eines solchen Territoriums begatten lässt, wählt es gewissermassen ein überprüft vorteilhaftes Erbgut für seinen Nachwuchs. Ist die Paarungszeit vorüber, verlassen die Männchen ihre Arenen und schliessen sich wieder einer umherstreifenden Herde an.
Sie nicken beim Rennen
In der Serengeti ist die Paarungszeit der Topi-Leierantilopen kurz. Über neunzig Prozent der Kälber werden während der Grossen Regenzeit gezeugt, welche normalerweise in die Monate März und April fällt. Die Tragzeit dauert rund acht Monate, so dass die allermeisten Kälber ungefähr während der Kleinen Regenzeit zur Welt kommen, welche zwischen Oktober und Dezember eintrifft. Für die Mütter, welche ihre neugeborenen Kälber säugen und darum sehr viel nährstoff- und energiereiche Nahrung benötigen, ist dann reichlich frisches Gras vorhanden.
Die Geburt ist für die Topiweibchen eine sehr riskante Angelegenheit, da sie vorübergehend für Fressfeinde sehr anfällig sind. Um dieses Risiko gering zu halten, suchen sie einerseits einen möglichst sicheren, abgeschiedenen Geburtsplatz auf. Andererseits verfügen sie über die bemerkenswerte Fähigkeit, bei unmittelbarer Feindgefahr die Wehen und damit den Geburtsvorgang eine Weile zu unterbrechen und später wieder aufzunehmen.
Die Kälber kommen stets einzeln zur Welt und wiegen bei der Geburt ungefähr elf Kilogramm, sind also verhältnismässig gross und auch weit entwickelt. Sie können alsbald auf ihren Beinen stehen, bleiben aber während ihrer ersten Lebenstage häufig ruhig und gut versteckt in hohem Gras oder unter Büschen liegen und werden dort von ihrer Mutter zum Säugen besucht.
Im Alter von ungefähr vier Monaten werden die Topikälber entwöhnt. Zu diesem Zeitpunkt spriessen bereits ihre Hörner, und ihr Fell ist im Begriff, die Färbung der Erwachsenen anzunehmen. Die jungen Weibchen bleiben nach der Geschlechtsreife in der Regel in ihrer Gruppe. Sie pflanzen sich im Alter von anderthalb bis zwei Jahren erstmals selbst fort. Die jungen Männchen verlassen hingegen ihre Geburtsgruppe im Alter von ungefähr einem Jahr und bilden mit ihren Altersgenossen kleine Junggesellengruppen. Erst im Alter von drei bis vier Jahren beginnen sie, am Fortpflanzungsgeschehen teilzunehmen.
In Menschenobhut sind einzelne Topi-Leierantilopen über 20 Jahre alt geworden. In der freien Wildbahn wird das Höchstalter auf 15 oder 16 Jahre geschätzt. In diesem Alter ist ihr Gebiss dermassen stark abgenutzt und lückenhaft, dass sie sich nicht mehr ausreichend ernähren können und darum durch Fressfeinde, an Krankheiten oder schlicht an Unterernährung sterben.
In Acht nehmen müssen sich die Topi-Leierantilopen vor zahlreichen Fressfeinden, darunter Löwen (Panthera leo)
, Leoparden (Panthera pardus)
, Geparde (Acinonyx jubatus)
, Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta)
, Afrikanische Wildhunde (Lycaon pictus)
und Nilkrokodile (Crocodylus niloticus)
. Obschon sie sich notfalls mit ihren Stirnwaffen wirksam zu verteidigen wissen, besteht ihre Hauptstrategie zur Vermeidung von Feinden in der Flucht. Sie gehören zu den schnellsten aller Antilopen und können Geschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern je Stunde erreichen. Beim Rennen machen sie charakteristische, heftig nickende Kopfbewegungen, weshalb sie in der offenen Savanne selbst aus grösserer Entfernung gut zu identifizieren sind.
In der Serengeti sicher
Insgesamt ist die Leierantilope noch immer eine recht zahlreiche Savannenbewohnerin. Allerdings sind ihre Bestände heute weit weniger umfangreich, als sie einst waren. Der Schwund ist einerseits auf die Bejagung, andererseits auf den Nahrungswettstreit mit Nutztieren zurückzuführen. Hausrinder machen sich heute in riesiger Zahl in vielen Bereichen des Artverbreitungsgebiets breit. Das westafrikanische Korrigum wird darum heute von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «Verletzlich» eingestuft, das Tiang als «Nahezu gefährdet», das Sassaby und die beiden Topis als «Schutzbedürftig».
Die beiden grössten verbleibenden Leierantilopen-Populationen finden sich im südlichen Sudan (Unterart tiang
), wo in den 1980er-Jahren mehr als eine halbe Million Individuen lebten (neuere Informationen fehlen leider aufgrund der örtlichen Bürgerkriegswirren) und in der Serengeti-Region (Unterart jimela
). Bei Erhebungen mittels Kleinflugzeugen, die in den Jahren 1989 bis 1991 durchgeführt wurden, konnten hier nahezu 100 000 Individuen gezählt werden. Zumindest im gut geschützten Serengeti-Nationalpark, welcher mit einer Fläche von fast 15 000 Quadratkilometern zu den grössten Nationalparks der Welt gehört, sind die Überlebenschancen der Leierantilope weiterhin intakt.
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