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Kreis-Redaktor
Zufälligerweise erfuhr Rudolf Jung bereits im Januar 1952 von "Renos" Tätigkeit, worauf er sich mit dem KREIS in Verbindung setzte. Bald schon schrieb er englische Texte unter den Namen R. Young und Philip Young oder nur R.Y. und liess seine Beziehungen spielen, so dass auch andere Autoren für den Kreis zu schreiben begannen.
Im Februar 1952, S. 27 gab es einen ersten Beitrag von ihm in deutscher Sprache unter dem Pseudonym Christian Graf: "Die Homosexualität im Spiegel amerikanischer Romane". Im Mai 1953 erschien die Erzählung "No Choice of Road"1 und im April 1954 seine Kurzgeschichte "Die innigste Umarmung". Dieselbe Ausgabe brachte auch die englische Version dieser Geschichte unter "Beauty Unadorned", beides gezeichnet mit R. Young2.
Rudolf war, so nannten ihn die Mitarbeiter in der Redaktionsstube scherzweise, ein Chamäleon. Denn hinter gleich vielen ständig wechselnden Namen, wie er sie als Autor deutscher und englischer Geschichten und Übersetzungen verwendete, verbarg sich kein anderer. Sicher gibt es noch heute Texte von ihm, unerkannt irgendwelchen Autoren zugeschrieben, - und ich höre sein verschmitztes Kichern.
Flucht in die Schweiz
In England galten die selben Gesetze, vor denen er aus Deutschland fliehen musste. Er konnte nie sicher sein. So wartete er bis zum Auslaufen des Vertrages mit der Universität Bristol und suchte derweil nach einem anderen Exil. Da bot sich die Arbeit für den Kreis an und die Bitte von Karl Meier / Rolf, er solle nach Zürich kommen, beflügelte den Entscheid. "Eine Wende wie im Märchen", erzählte er mir (Ernst Ostertag) einmal.
Doch bei ihm war Realität und "tales of a little fairy", wie er es ausdrückte, nie klar unterscheidbar, besonders nicht, wenn es um seine Vergangenheit(en) ging. Mit der Zeit lernte ich im Ausdruck seines Gesichts korrekter zu lesen als nur dem zu folgen, was meine Ohren hörten.
Im Jahresbericht 1955 erwähnte Karl Meier / Rolf, dass seit Jahresmitte der mit Korrespondenz schwer geforderte Kassier Walter Neuburger / Gauthier endlich durch eine neue Kraft entlastet worden sei. Diese Kraft war Rudolf Jung, der sich Rudolf Burkhardt nannte und ab sofort auch mehr und mehr von Karl Meiers Korrespondenz übernahm.
Doch das ging nicht ohne Bedenken vor allem seitens des Redaktors des französischen Teils der Zeitschrift, Eugen Laubacher / Charles Welti. In einem Brief von Karl Meier / Rolf an ihn, datiert vom 29. April 1955, heisst es:
"Zu deiner Sorge, weil du mit Rudolfs Amt 'Apostelgelüste' à la Baudry (André Baudry) befürchtest - hab keine Angst! Rudolf ist die Bescheidenheit selbst und sein Wunsch ist ganz einfach Mitarbeit, vor allem im englischen Teil und für Walter (Neuburger). C'est tout. Es wird bestimmt keine anderen Richtlinien und Führungsgelüste geben, ohne dass wir uns alle, die den Karren schmeissen, darüber einig sind. Da kannst du wirklich beruhigt sein."
André Baudry hatte ein Jahr zuvor in Paris die Zeitschrift Arcadie gegründet und sich als Mitarbeiter des Kreis zurückgezogen, was den Französisch-Redaktor in ziemliche Schwieigkeiten brachte. Daher wohl seine Bedenken.
Ernst Ostertag, Januar 2005
Weiterführende Links intern
Quellenverweise
- 1
Der Kreis, Nr. 5/1953
- 2
Der Kreis, Nr. 4/1954, Seite 14 (Deutsch) und Seite 29 (Englisch)