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«Man muss die Männer sehr lieben» erzählt die Liebesgeschichte der französischen Schauspielerin Solange. An einer Party in Hollywood verliebt sie sich in den kanadisch-afrikanischen Schauspieler und Regisseur Kouhouesso Nwokam. Er lässt sich auf eine Beziehung ein. Doch seine wahre Leidenschaft gilt einem Projekt: Er will Joseph Conrads «Herz der Finsternis» verfilmen. Wie kaum ein anderes Werk hat der Roman aus dem Jahr 1899 das Bild des europäischen Kolonialherrn von Afrika geprägt. Dieses Bild stellt Kouhouesso – er ist im englischsprachigen Teil von Kamerun geboren – mit seinem Film in Frage.
Eigentümliche Distanz
Die Geschichte einer gescheiterten Liebe zwischen einer Europäerin und einem Afrikaner ist auf den ersten Blick konventionell. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich der Roman von Marie Darrieussecq als schillerndes Vexierbild. Er ist so erzählt, dass der Leser auf kritischer Distanz bleibt.
Obwohl das Geschehen aus der Perspektive von Solange dargestellt ist und man so ständig Einblick in ihre Gedankenwelt erhält, identifiziert man sich nicht mit ihr. «Man muss die Männer sehr lieben» ist keine Ich-Erzählung, sondern es wird durchwegs über die Erzählerin gesprochen: «Sie wollte so gern seine Lippen küssen», heisst es da. Oder: «Sie scheute sich, ihn anzurufen.»
Klischee und Kritik
Aus dieser Distanz heraus ist der Leser gezwungen, die Haltung von Solange und ihre Sicht auf Kouhouesso kritisch zu betrachten. In ihren verliebt-verblendeten Augen erscheint er als der schöne Mann schlechthin: gross, dunkelhäutig, mit duftenden Rastalocken, als «Prinz im langen Umhang». Solange reiht Klischee an Klischee. Er spricht ein reizvolles «Camfranglais», ist sexuell überaus aktiv und unpünktlich.
Dieser Kouhouesso kommt daher, als hätte man ihn in einer Mottenkiste des 19. Jahrhunderts gefunden. Solange beschreibt ihn so, als betrachtete sie ihn durch die Brille eines Kolonialherrn. Immerhin reflektiert sie ihre eigenen Vorurteile, wenn sie etwa überlegt: «Schwarze neigen doch zur Unpünktlichkeit.» Um sich sofort zu fragen, ob dieser Gedanke nicht rassistisch sei. Das ist die Sichtweise vieler Europäer auf Afrika. Solange gibt zu, dass sie mit den Vordenkern der Entkolonialisierung, die ihr Kouhouesso zu lesen gibt, nicht vertraut ist.
Das Vexierbild
Bei Joseph Conrad reist ein weisser Mann nach Afrika ins Herz der Finsternis – bei Marie Darrieussecq tritt eine Frau diese Reise an. Zu schillern beginnt «Man muss die Männer sehr lieben», wenn man den Roman auf «Herz der Finsternis» bezieht. Durch die Parallelen und Überblendungen erweist sich die Literaturwissenschaftlerin Marie Darrieussecq als versierte Autorin, die ihr Wissen in Literatur umzusetzen weiss.
Beide Bücher lassen sich psychologisch als Reise zu sich selbst lesen. Joseph Conrads pessimistisches Fazit ist, dass der weisse Kolonialherr im Umgang mit dem fremden Afrikaner nur zur Gewalt fähig ist. Ähnlich kritisch fällt das Verdikt von Marie Darrieussecq aus: Auch die weisse Europäerin zu Beginn des 21. Jahrhunderts erliegt ihrer eigenen Perspektive, ihren eigenen Fehlinterpretationen des Fremden.
Und so ist weder die individuelle Beziehung der Französin zum Kameruner möglich noch die Europas zu Afrika. Wenn Kouhouesso, nachdem er Solange verlassen hat, an sie schreibt: «Schlag ein neues Kapitel auf», dann gilt dieser Ratschlag nicht nur der weissen Frau. Sondern vor allem der weissen, westlichen Welt.
Über die Autorin
Marie Darrieussecq studierte Literaturwissenschaft in Paris. Bereits nach ihrem ersten Buch «Schweinerei» (1997) war sie ein Star. «Man muss die Männer sehr lieben» ist der neuste Roman der Französin, der die Presse den netten Übernamen «charmantes kleines Monster» verpasst hat. Sie lebt als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris.
Buchhinweis:
Marie Darrieussecq: «Man muss die Männer sehr lieben». Hanser Verlag, 2015