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Henry Cocojon (1794–1846), ein abenteuerlustiger Unternehmer aus Meyzieu bei Lyon, gelangte 1805 nach Santa Lemusa. Zunächst betrieb er ein kleines Kontor in Port-Louis. 1813 übernahm er sämtliche Kaffeeplantagen der Familie Boulanger in Valeria und bezog auch deren Villa im Zentrum der Gemeinde. Henry Cocojon baute die Kaffee-Plantage aus und erwarb zusätzliche Landstücke, auf denen er Zimt- und Muskatbäume pflanzen liess. Die Zimtbäume wollten nicht gedeihen, die Muskatbäume aber konnten ab den 1830er Jahren wirtschaftlich genutzt werden. Als Folge zunehmender Konkurrenz auf dem Kaffee-Markt liess Henrys Sohn Julien (1817–1905) einen grossen Teil der Plantagen systematisch durch Muskatbäume ersetzen. Die Muskatnüsse wurden allerdings nicht nur für kulinarische Zwecke verkauft, sondern auch für pharmazeutische Zwecke verwendet (mehr zum Thema Muskatnuss auf Santa Lemusa).
Julien Cocojon, der in Port-Louis und Paris Medizin studiert hatte, fertigte aus den Nüssen als Hauptzutat ein «Elixier de Bon Secours» an, das er ab den 1850er Jahren mit einigem Erfolg nicht nur auf Santa Lemusa, sondern auch in Frankreich verkaufte – als eine Art Wundermittel gegen und für alles, was man sich nur wünschen konnte.
Als sein Sohn Robin (1861–1941) in den 1890er Jahren allmählich die Geschäfte übernahm, war der Handel mit dem Elixier allerdings in eine heftige Krise geraten – und auch der Verkauf der Muskatnüsse selbst lief nur noch schleppend. Auch Robin Cocojon hatte in Port-Louis und Paris Medizin studiert – und war dabei sogar Jean-Martin Charcot begegnet, dem Napoleon der Hysterie. Im Unterschied zu seinem Vater, der nie als Arzt praktiziert hatte, führte Robin Cocojon schon ab 1885 ein kleines Kabinett in der Villa seiner Eltern. Als Reaktion auf die Krise verwandelte er 1993 den grösseren Teil der väterlichen Villa in eine auf Nervenkrankheiten spezialisierte Klinik – vor allem für Klienten aus Port-Louis, die sich in der frischen Luft von Valeria und in den eleganten Räumen der «Villa de Santé et de Convallescence» vom Stress der Stadt erholten.
Robin Cocojon hatte sich während seines Studiums in Frankreich auch für Fotografie begeistert und war sehr an neuen Technologien auf diesem Gebiet interessiert. Bereits 1897 reiste er nach England, wo er bei einem Instrumentenbauer namens Robert Paul zwei Projektoren und unbelichtete Negative erstand. Einen der Projektoren baute er eigenhändig in eine Kamera um und versah sie mit einer Linse, die er zusammen mit einem Brillenmacher aus Port-Louis entwickelt hatte. Mit diesem «Cocojon-Kinétographe» drehte er 1898 seinen ersten Film: «Les aventures de Monsieur Tête de Muscade».
1889 gründete Cocojon sein eigenes Filmstudio mit dem Namen «Cocojon Film», ab 1900 nur noch «Coco Film». In einem umgebauten Stall der Familien-Villa produzierte er während der folgenden gut zwanzig Jahre mehr als fünfzig Filme. 1910 eröffnete er in Port-Louis, Gwosgout und Sasselin kleine Kinos, in denen er auch Filme vorführte, die er aus Europa und später Amerika importierte. Gut möglich, dass er seine eigenen Filme und Werbefilme teilweise als Vorfilme grosser Produktionen aus dem Ausland zeigte.
Während der gleichen Zeit war Cocojon immer auch als Arzt tätig und stand der Muskatnussproduktion des Familienunternehmens vor, das er 1912 in Analogie zu seinem Filmstudio «Muscade Coco» taufte. Auch das Elixier seines Vaters wurde weiterhin produziert. Die Geschäfte gingen gut – und offenbar brachten auch die Filme einiges Geld ein. 1921 beschloss Cocojon den Bau eines grossen Filmstudios neben der Villa seiner Familie. Diese Traumfabrik, 1922 fertiggestellt, passt sich zwar farblich gut an die Villa der Cocojons an, überragt diese aber auch um einige Meter. Cocojon plante einen grossen Weltraumfilm, für den er eine Art Raumfähre mit 24 nach oben gerichteten Propellern konstruieren liess – gewissermassen einen Multi-Helikopter. Dann allerdings fegte eine grosse Inflationswelle über Santa Lemusa hinweg – und das Vermögen der Cocojons war mit einem Mal nichts mehr wert. Ein ähnliches Schicksal traf auch viele von Cocojons Patienten, was die Lage der Familie noch verschärfte und nach wenigen Monaten zur Aufgabe der Klinik führte. Cocojon musste fast all seine Häuser, seine kleinen Kinos und auch sein Filmstudio verkaufen, das in den kommenden Jahren als Lager Verwendung fand. Ausserdem vermietete er einen Teil der Familien-Villa an einen Advokaten.
Als Robin Cocojon's jüngster Sohn Jacques (1907-1992) im Jahr 1937 die Führung der Firma «Muscade Coco» von seinem erschöpften Vater übernahm, war das Unternehmen am Boden. Jacques stellte er als erstes die Herstellung des «Elixier de Bon Secours» ein und konzentrierte sich ganz auf die Produktion von Muskatnüssen für den Gewürzhandel sowie von einem Muskatöl für die Parfumindustrie. Zu Beginn mit mässigem Erfolg, weshalb sich Jacques 1944 gezwungen sah, die Firma in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln. Erst in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre begannen die Geschäfte der «Muscade Coco SA» allmählich wieder besser zu laufen. Die 50er Jahre brachten eine völlige Konsolidierung, die Cocojons brachten die Familienvilla wieder ganz in ihren Besitz und sanierten sie.
Jacques Cocojon leitete die Firma bis 1975, dann übernahm seine Tochter Clémence (*1946) die Direktion. 1986 gelang es ihr, die Studios ihres Grossvaters zurückzukaufen und sie baute sie in eine Fabrik für Muskatnuss-Produkte um (Essenzen, Öle, Salben etc.). Während des Umbaus stiess man in einem kleinen Lager auf einige kleinere Filmrequisiten sowie sie auf eine Metallbox mit Filmen, die Clémence 1990 den Archives Nationales übergab. Erst 2012 allerdings machten sich die Achives daran, dieses Material aufzuarbeiten und einzelne Filme mit Hilfe der Fondation Glissant zu restaurieren. Gleichzeitig schrieb die «Muscade Coco SA» zu ihrem hundertjährigen Jubiläum einen Kurzfilmwettbewerb aus – das Thema, natürlich: Muskatnuss.
Eine Erweiterung erfuhr das Angebot der Firma «Muscade Coco SA» im Jahr 1989 durch Manuel Cocojon (*1966), einen Neffen von Clémence, der Physik studiert hatte und ein begeisterter Astronom war. Am Rande einer von Valeria relativ weit entfernten Plantage seiner Familie plante er den Bau einer kleinen Sternwarte. Beim Graben nach Baumaterial am Fusse eine nahen Abhangs brach der Bagger in eine Grotte ein, die sich nach wenigen Metern in zwei enge Kanäle spaltete. Manuel Cocojon erkannte schnell, dass es sich bei diesem Gestein um ein ganz besonderes Material handeln musste – denn kurz zuvor hatte man entdeckt, dass die Caverne rose einst ein Salzbergwerk war. Tatsächlich handelte es sich bei den zwei Kanälen um zwei Salzadern mit ganz unterschiedlicher Verunreinigung. Während das Salz aus der linken Kammer eher rötlich getrübt war, schimmerte das aus der rechten Kammer eher schwarz. Dazu fiel Manuel Cocojon der Titel des Romans «Le Rouge et le Noir» ein, und er nannte die Höhle nach dessen Autor: Grotte Stendhal. Die zwei Salze, die er ab 1990 in kleinem Umfang abbauen und über die Vertriebskanäle der Familien-Firma vermarktete, nannte er entsprechend «Le Rouge Stendhal» und «Le Noir Stendhal» (mehr zu diesen Salzen).
2009 verwandelte Clémence Cocojon einen Teil der Familien-Villa in ein kleines Museum (Musée de la Famille Cocojon), das der Familiengeschichte sowie dem Thema Muskatnuss gewidmet ist: Dokumente, Fotografien, Gemälde und Stiche, Apparaturen, Bücher, Muskatreiben…
Das Museum der Familie Cocojon ist derzeit am Samstag und Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet – oder auf telefonische Voranmeldung: 02 / 26 26 56. Unter derselben Nummer kann man sich auch für eine Besichtigung der Fabrik anmelden.
First Publication: 21-5-2012
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