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Ich habe ein Problem. Es beschäftigt mich derzeit stark und ist kaum zu lösen. Das ist grossartig. Denn beim Bouldern geht es in erster Linie darum, möglichst schwierige Routen – Probleme genannt – zu knacken. Der Begriff Bouldern kommt aus dem Englischen und beschreibt das Klettern an einem Felsblock (englisch: boulder) oder an einer Felswand in Absprunghöhe, weshalb die Sicherung durch ein Seil nicht nötig ist. Die Routen sind üblicherweise sehr kurz – dafür aber bezüglich Technik und Kraftaufwand meist umso anspruchsvoller.
Mein Problem heisst «Notausgang» und ist eine Route, die überhängend aus der Kesslerloch-Höhle bei Thayngen SH führt und mit der Bewertung Fb 6a als mittelschwierig gilt. Die Fingerkuppen meiner rechten Hand krallen sich jetzt in eine kleine Felsleiste. Der Kalkstein ist sehr scharf – abrutschen wäre schmerzhaft und sollte deshalb vermieden werden. Die Spitzen meiner Kletterschuhe platziere ich so auf dem Fels, dass ich möglichst viel Gewicht auf die Füsse verteilen kann. Unter mir auf dem Boden liegt das sogenannte Crash-Pad – eine kleine gepolsterte Matte, die einen eventuellen Sturz abdämpfen soll. Und hinter mir steht Johnny, mein heutiger Boulderpartner, der «spottet». Das heisst, er achtet darauf, mich bei einem Sturz in eine möglichst aufrechte Position zu drehen, damit ich mit den Füssen voran lande. Meine linke Hand sucht verzweifelt nach einem akzeptablen nächsten Griff, während ich spüre, wie die Kraft in meinem rechten Unterarm bereits schwindet. Das Problem bleibt im ersten und auch im zweiten Versuch ungelöst.
Mit Zahnbürste den Fels putzen
Nun taucht Johnny seine Hände in den Beutel mit dem Magnesiapulver – denn nur mit absolut trockenen Fingern hat man genug Grip, um an den filigranen Griffen nicht abzurutschen. Aus diesem Grund tritt der 47-Jährige nun auch noch mit Zahnbürste bewaffnet an die Wand und putzt akribisch sämtlichen Dreck aus den Tritten und Griffen. Seine Route hat die hohe Schwierigkeit Fb 7c+. Ganz langsam und geschmeidig, mit anmutigen, millimetergenau ausgeführten Bewegungen klettert er los. Johnny ist ein alter Crack: Schon 1996, als er seine Kletterhalle Aranea+ in Schaffhausen baute, kraxelte er hier mit dem Schweizer Boulderpionier Fred Nicole den Felsen entlang. Damals ging man bouldern, um sich für die langen alpinen Kletterrouten fit zu halten und die Maximalkraft zu trainieren – inzwischen hat sich diese Form des Kletterns zu einer eigenen Disziplin gemausert, die auch in der Halle praktiziert wird.
Verkrampfte Unterarme, klamme Finger
Zwei gepresste Atemzüge, höchste Konzentration, geschärfter Blick: Johnny holt mit seinem Körper Schwung, kurz ist er in der Schwebe, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand treffen genau das kleine Griffloch, er zieht sich hoch, die Route ist geschafft. «Autsch … aaaaah … läck, bin ich ausgepumpt!», sein Kommentar. «Eigentlich bin ich zu alt zum Bouldern, alles schmerzt danach», sagt er lächelnd. Trotzdem kann er dem Sport noch viel abgewinnen, insbesondere auch den Pausen zwischen den Kletterversuchen. Und weil Bouldern so anstrengend ist, gibt es einige davon – Zeit zum Quatschen und Fachsimpeln. Erst letztes Jahr sei der tschechische Ausnahmekletterer Adam Ondra hier im Kesslerloch gewesen, erzählt Johnny, und habe gleich im zweiten Versuch die Route Eau Profonde geschafft: mit der Schwierigkeit Fb 8b+ eine der anspruchsvollsten der Welt.
Ich versuche mich derweil nach wie vor im «Notausgang». Doch es ist vergebens: verkrampfte Unterarme, klamme Finger – ich lasse los. Mein Problem habe ich also nach wie vor. Das ist super. Ich komme wieder.
Fazit
Voraussetzungen
Das Schöne am Klettern und insbesondere am Bouldern ist: Alle können es – egal wie alt, wie fit oder wie mutig.
Kosten
Bouldern ist günstig: Man braucht Kletterschuhe, Magnesiasack, Crash-Pad, eine alte Zahnbürste und ein Picknick.
Masochismus
Eine gewisse masochistische Veranlagung hilft: So können die durch die messerscharfen Griffe verursachten Schmerzen fast schon zum Genuss werden.
Soziales
Wer war letzthin wo klettern? Wer kennt einen neuen Witz? Aufgrund der vielen Verschnaufpausen ermöglicht Bouldern auch den regen Austausch.
Ablenkung
Den Lärm von Zug und Autos nimmt man beim konzentrierten Klettern im Kesslerloch nicht wahr.
Bouldern
Im Kesslerloch kann man das ganze Jahr über bouldern. Die Höhle ist in zehn Minuten Fussmarsch ab Bahnhof Thayngen leicht zu erreichen. Hier gibt es eine Feuerstelle mit Grill, einen Tisch mit Bänken und ein mobiles WC.
Weitere Bouldergebiete findet man über die Website www.bimano.ch; die dazugehörige App liefert auch Infos zu Kletterhallen mit Boulderangebot – etwa zur Kletterhalle Aranea+ in Schaffhausen (www.aranea.ch).