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Föderalismus und souveräne Kantone sind die Basis der Schweiz, von der auch die Schule betroffen ist. Der Drang zur Harmonisierung besteht, aber es gibt immer noch 26 Schulsysteme.Dieser Inhalt wurde am 30. August 2003 - 10:20 publiziert
Die Schule soll einheitlicher werden, gleichwohl aber den Charakter der Kantone respektieren.
Bern, 11. August: Der 9-jährige Nicolas schnallt sich den "Thek" an und geht zur Schule. Im Tessin schlafen seine Altersgenossen zur gleichen Zeit noch. Im italienisch-sprachigen Kanton beginnt das neue Schuljahr nämlich erst am 1. September.
Lara wohnt in Basel. Sie ist 10-jährig und wurde am Ende des letzten Schuljahres von der vierten Klasse der Primarschule in die Sekundarstufe I (dort heisst es Orientierungsschule) promoviert.
Ihre Cousine Sarah, die nur wenige Kilometer entfernt im Kanton Basel-Landschaft wohnt, ist ebenfalls 10-jährig. Auch sie wurde promoviert, doch in ihrem Kanton folgt nach der vierten die fünfte Klasse der Primarschule und nicht die erste Sekundarstufe.
Unterschiedlich, aber nicht zu sehr
Nicolas, Lara, Sarah und die anderen sind alle Töchter und Söhne von Mutter Helvetia. Diese legt in der Verfassung zwar das Recht auf Ausbildung und die obligatorische Schule fest, doch hält sie für jedes Kind ein anderes Schulsystem parat.
"Die Kantone garantieren für alle Jugendlichen eine genügende Grundschulausbildung" – so steht es in Artikel 62 der Bundesverfassung. Deshalb entscheidet jeder Kanton für sich über die Struktur des Schulsystems, die Art der Lehrpläne und der didaktischen Mittel, aber auch über den Beginn des neuen Schuljahres und die Aufteilung der Ferien.
Das heisst nicht, dass jeder Kanton nur für sich schaut. Zur Harmonisierung der unterschiedlichen Schulsysteme haben die Kantone im Jahr 1897 die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) gegründet.
Schulkonkordat
Die EDK hat 1970 das Schulkonkordat geschaffen. Das von allen Kantonen unterzeichnete Konkordat legt die Rahmenbedingungen fest für die Primarschule und für die Sekundarstufe I.
Auf Grund des Konkordates werden die Kinder mit sechs Jahren eingeschult. Doch dies wird nicht überall gleich interpretiert. Im Kanton Graubünden zum Beispiel muss das 6. Altersjahr bis zum 31. Dezember des Vorschuljahres erreicht sein. In Genf dagegen muss man das 6. Altersjahr bis zum 31. Oktober des Schuleintrittsjahres erreicht haben.
Die obligatorische Schulzeit beträgt neun Jahre. Das Schuljahr darf nicht kürzer als 38 Wochen sein und muss zwischen August und September beginnen. Die Schulzeit bis zur Maturität muss mindestens 12 Jahre dauern und darf 13 Jahre nicht überschreiten.
Die öffentliche Schule ist für die neun obligatorischen Schuljahre gratis. Die Kosten, ausgenommen das Schulmaterial, werden von den Gemeinden und Kantonen getragen. Einige Gemeinden übernehmen auch die Kosten für Schulbücher, Hefte und ähnliches. Dabei handelt es sich aber eher um Ausnahmen.
"Zwischen den kantonalen Schulsystemen gibt es Unterschiede", sagt EDK-Sprecherin Gabriela Fuchs gegenüber swissinfo. "Sie sind aber nicht alle relevant. Ob die Schule nun eine Woche früher oder später beginnt, ist meiner Meinung nach kein Problem, nicht einmal für Familien, die den Kanton wechseln. Viel wichtiger sind die Erwartungen im Zusammenhang mit dem Stoff, den die Schülerinnen und Schüler erlernen", so Fuchs.
Derzeit ist es nicht unbedingt so, dass ein Schüler aus dem Kanton Graubünden Ende der 2. Klasse das gleiche Wissen wie ein Schüler derselben Klasse im Kanton Bern hat. Auch wenn das nur teilweise von den didaktischen Mitteln abhängt – die gleichen Ziele können auf verschiedene Weise erreicht werden – bedeutet ein Umzug in einen anderen Kanton immer ein zusätzliches Problem.
Harmonisierung und Respektierung der Besonderheiten
Um die Mobilität der Schüler möglichst wenig einzuschränken, hat die EDK das Projekt "Harmonisierung der obligatorischen Schule" lanciert. Es soll bis 2006 dauern.
Es gehe dabei weniger um eine Harmonisierung der Strukturen oder der Lehrpläne, sagt Gabriela Fuchs. "Das Ziel ist vielmehr, klar festzulegen, was ein Jugendlicher nach dem zweiten, dem sechsten und dem neunten Schuljahr wissen sollte. Insbesondere in den Sprachfächern, der Mathematik und den Naturwissenschaften."
Das Projekt sieht ferner ein Bewertungs-Prozedere zum nationalen Vergleich des erlernten Wissens vor. Die Kantone können aber selbst entscheiden, wie sie das Wissen vermitteln.
Eine Schweiz mit einem einheitlichen didaktischen Programm scheint aber noch weit weg zu sein. "Vergessen wir nicht, dass wir in einem mehrsprachigen und multikulturellen Land leben", betont Gabriela Fuchs.
Doch zumindest in den Sprachregionen scheint die Harmonisierung des Schulsystems auf gutem Wege zu sein. Die französisch-sprachigen Kantone haben mit PECARO ein Rahmenprogramm realisiert, das in der ganzen Region als Referenz gilt.
Das entspricht offenbar dem Willen der welschen Bevölkerungsmehrheit. 67,5% haben sich jüngst in einer Umfrage des Westschweizer Radio RSR für eine grössere Harmonisierung der Lehrpläne in den frankophonen Kantonen ausgesprochen.
Dabei wird die Besonderheit jedes einzelnen Kantons nicht vergessen. "Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft und vielleicht jener Raum, in dem die spezifische Kultur einer Region am deutlichsten ausgedrückt wird", erklärte Isabelle Chassot, Erziehungsdirektorin des Kantons Freiburg, im Radio der Romandie.
"Die Schule in Genf wird nie total gleich sein wie die Schule in Freiburg. Und vielleicht ist es gut, dass es sichtbare Unterschiede gibt."
swissinfo, Doris Lucini
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)
Fakten
Einschulung: mit 6 Jahren
Obligatorische Schuljahre: 9
Schuljahrbeginn: zwischen August und September
Minimallänge des Schuljahres: 38 Wochen
Schulzeit bis zur Matura: 12 – 13 Jahre
Kosten für die öffentliche Schule: 9,75 Mrd. Fr. pro Jahr (Bund: 0,2%, Kantone: 38,8%, Gemeinden: 61,1%)
In Kürze
Das Schweizer Schulsystem:
Kindergarten: 1 oder maximal 2 Jahre, nur in seltenen Fällen obligatorisch.
Primarschule: In 20 Kantonen dauert sie 6 Jahre, in den anderen 5 oder 4 Jahre. In der ersten Klasse gibt es 21 Lektionen in der Woche, in der 5. und 6. Klasse bis zu 32. Die Leistungen werden erfasst mit Noten, Bewertungs-Gesprächen oder Lern-Berichten.
Sekundarstufe I: Sie führt ans Ende der obligatorischen Schulpflicht (9 Jahre). Aufteilung in 2 oder 3 verschiedene Stufen je nach Niveau der Schülerinnen und Schüler. Der Übertritt von der Primarschule in die Sekundarstufe I erfolgt nach Empfehlung der Lehrkräfte. Lektionen pro Woche: zwischen 27 und 37 (Durchschnitt: 34).
Sekundarstufe II: Dazu gehören die Berufsschulen sowie die Maturitätsschulen, Lehrerseminare und Diplommittelschulen.
Tertiärstufe: Universitäten, Pädagogische Hochschulen, Fachhochschulen und höhere Fach- und Technikerschulen.
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