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Wieder zusammengeflickt: Bachs verschollene Markus-Passion
- Donnerstag, 20. März 2014, 11:30 Uhr
Die Johannes-Passion und Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bachs sind bekannt und im Konzertleben bestens etabliert. Von einer dritten, der Markus-Passion, sind nur originale Texthefte erhalten. Trotzdem wird sie aufgeführt. Dank detektivischer Arbeit.
«Oh Haupt voll Blut und Wunden.» Bei vielen Musikhörern verbindet sich mit diesen Worten eine Choralmelodie, die Johann Sebastian Bach in seine Matthäus-Passion eingearbeitet hat. Die Matthäus-Passion und diejenige nach dem Evangelisten Johannes gehören zum Kanon der klassischen Musik. Es sind zwei Gipfelwerke.
Versuch einer Rekonstruktion
In einem Werkverzeichnis des zweitältesten Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel Bach findet sich folgender Eintrag: «Fünf Passionen, worunter eine zweychörige befindlich.» Demnach hätte Johann Sebastian neben den beiden bekannten Passionen noch drei weitere geschrieben. Erhalten sind im Teilautograph und als Reinschriftpartitur aber nur zwei Passionen. Von einer Markus-Passion immerhin gibt es gedruckte Texthefte. Von den weiteren erwähnten Passionen fehlt jedoch jede Spur.
Ein Textheft macht noch kein Musikwerk aus. Wie also kann Bachs Markus-Passion aufgeführt werden? Denn Aufführungen von ihr gibt es, wenn auch selten. Einen ambitionierten Rekonstruktionsversuch hat der Cembalist Alexander Grychtolik gemacht. Seine Basis ist eine 2009 in St. Petersburg gefundene Textfassung der Markus-Passion. Es ist das Textheft für eine spätere Aufführung dieser Passion im Jahr 1744, 13 Jahre nach ihrer ersten Aufführung in Leipzig. Bach, so sagt Grychtolik, habe seine Passion erweitert. Unter anderem um zwei Arien, womit sie im Umfang an die bekanntere Johannes-Passion rückt.
Zur Aufführung
Die Rekonstruktion der Markus-Passion von Alexander Grychtolik wird am 21. und 22. März von der Knabenkantorei Basel aufgeführt.
Übernahmen aus den anderen Passionen
Woher aber stammt die Musik? Bach hat für die Markus-Passion zum Beispiel Choräle aus der so genannten Trauerode «Ach Fürstin, lass noch einen Strahl» und aus anderen früher komponierten Kantaten verwendet. Das hat die Wissenschaft aufgrund von Choralsammlungen und Vergleichen der verwendeten Texte schon länger herausgefunden. Wie Alexander Grychtolik ausführt, verlässt man aber diesen gesicherten Boden bei der Frage nach den Rezitativen und einem Teil der Arien, sowie bei den so genannten Turba-Chöre, also schnellen Chorteilen.
Schon Bachs Sohn hat geflickt
Grychtolik hat für seine Rekonstruktion nach Arien in Bachs Vokal-Werk gesucht, die vom Metrum und von der musikalischen wie auch textlichen Grundaussage in die Markus-Passion passen. Chöre hat er aus den früher entstandenen Passionen nach Matthäus und Johannes genommen. Aber geht das? Ja, solche Übernahmen waren ein geläufiges Verfahren, sagt Grychtolik. Seine Entscheidung, sich für die Markus-Passion bei anderen Passionen Bachs zu bedienen, stützt sich auf die Tatsache, dass auch Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel Choralkompositionen seines Vaters weiterverwertet hat. Ausserdem sei dadurch eine grössere stilistische Geschlossenheit gegeben.
Grychtoliks Arbeit hat zu einer gedruckten Ausgabe der Markus-Passion beim Verlag Peters geführt. Die Aufführungen und CD-Aufnahmen der Knabenkantorei Basel zusammen mit namhaften Solisten und dem Barockorchester Capriccio stellen Grychtoliks Rekonstruktion dieser unbekannten Passion zum ersten Mal im Konzert vor. Möglich, dass sich die Markus-Passion dank der Notenausgabe und über Aufführungen langsam ihren Platz im grossen Chor-Repertoire und Konzertkalender schafft.
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