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Betreuungsmöglichkeiten für die Alten - und Arbeitsplätze für die Jungen
Bau eines Altersheimes im siebenbürgischen Dorf Farnas
Von Urs Fitze / Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz HEKS
In Rumänien hat sich die Situation der alten Menschen auch zehn Jahre nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur keineswegs verbessert, sondern ist angesichts leerer Staatskassen noch schwieriger geworden. Die Familienbande zerbrechen, und es gibt kaum Altersheime. In Farnas in Siebenbürgen werden mit dem Bau eines Altersheimes gleich zwei Probleme angegangen: die fehlenden Betreuungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. Das Engagement der Bevölkerung ist beeindruckend.
Hühner gackern, eine kleines Kätzchen säugt bei seiner Mutter. Kata Kudor sitzt daneben auf einem Baumstrunk im Hof ihres Häuschens in Farnas. Das Dorf mit seinen 128 Einwohnern liegt 30 Kilometer westlich der siebenbürgischen Stadt Cluj. Die 83jährige stickt an einem Kissenanzug. "Er ist nicht für mich bestimmt, sondern für den Bau unseres Altersheimes. Wann ist es endlich fertig?" fragt sie Pfarrer Janosz Molnar, der zu Besuch weilt. "Ich hoffe, bis Ende 2000," gibt er zur Antwort. "Wir brauchen jede Unterstützung, und es freut mich sehr, dass Sie uns helfen." Der Kissenanzug wird zusammen mit anderen Handarbeiten an einem Basar verkauft. Viel Geld ist so schon zusammengekommen für ein Projekt, das im Dorf die ganze Bevölkerung mobilisiert: Ein Altersheim wird gebaut mit 50 Plätzen, und, was mindestens so wichtig ist, rund 25 Arbeitsplätze sollen geschaffen werden in einer Region, wo die meisten Leute ein Leben als einfache Bauern führen am Rande oder unter dem Existenzminimum.
Auch Kata Kador und ihre 75jährige Schwester Erzsebet: Die Rente der beiden Frauen ist viel zu klein, als dass sie davon leben könnten. Kata hat auf einer Kolchose gearbeitet und erhält heute vom Staat monatlich 350'000 Lei. Das sind 35 Franken. Ihre Schwester war Buchhalterin und erhält etwas mehr: 500'000 Lei. Damit lassen sich nicht einmal die Lebensmittelkosten decken. So sind die beiden darauf angewiesen, ihre Nahrungsbasis mit dem Anbau von Gemüse zu verbessern: Zwiebeln, Karotten, Gewürze, Kohl, Roggen und Mais pflanzen sie an.
"Dann kann die Tochter zurückkehren"
Die drei Hektaren Land, die sie nach der Wende in Rumänien vom Staat erhalten haben, können sie ohne Maschinen nur zu einem kleinen Teil bewirtschaften. Doch was wird sein, wenn die beiden einmal nicht mehr die Kraft haben, für sich selbst zu sorgen? Kata Kudor weiss keine Antwort. Sie hofft deshalb so aufs Altersheim. Weniger, weil sie selbst dort leben möchte, sondern weil sie darauf setzt, dass ihre Tochter mit der Familie zurückkehrt nach Farnas, wenn sie im Altersheim eine Stelle hat. "Dann könnte sie für mich sorgen." Und endlich gäbe es im Dorf eine medizinische Versorgung. Heute ist ein Arztbesuch nur im acht Kilometer entfernten Nachbarort möglich - zu Fuss, denn ein Auto kann sich hier niemand leisten, und eine Busverbindung gibt es nicht.
Arbeit gibt es für die Jungen nur in den Städten. Der Abwanderungsdruck ist unter diesen Umständen enorm. Ein Teufelskreis tut sich auf: Die Jungen wandern ab, die Alten bleiben zurück. In Farnas leben heute gerade noch sechs Familien mit Angehörigen unter 50 Jahren. Viele alte Menschen sind auf sich allein gestellt. Die von Janosz Molnar initiierte Idee, ein Altersheim zu bauen, stiess deshalb auf offene Ohren. Die Eigeninitiative, die die Einwohner von Farnas entwickelt haben, ist bewundernswert. Praktisch ausschliesslich mit der eigenen Hände Arbeit haben sie die völlig verfallene Villa des Freiherrn restauriert, der schon vor Jahrzehnten von den Kommunisten verjagt worden war.
Das Haus samt stattlichem Umschwung ging nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur in die Hände der dörflichen Bauerngenossenschaft über, die rechtlich die Nachfolgeorganisation der ehemaligen Kolchose ist. Nutzen können die Genossenschafter ihr Land nicht. Es fehlt überall an Maschinen, die eigenen Hände und Pferde müssen die fehlenden Traktoren ersetzen. Alleine in Farnas liegen Dutzende Hektaren Land brach. Die Genossenschafter haben das Land deshalb für das Altersheim zur Verfügung gestellt. Die ehemalige Villa soll künftig als Verwaltungsgebäude und Speisesaal dienen.
Auf sich gestellt
Das Heim selbst muss von Grund auf neu gebaut werden. "Alles, was nicht Fachleute tun müssen, machen Freiwillige," erzählt Molnar. Arbeitslose aus Farnas sind dabei, Studenten der theologischen Fakultät in Cluj oder Bauern aus der Umgebung, die einen Tag opfern, um mitzuhelfen. Die Mittel sind extrem knapp. Die Gemeinde hat kein Geld, der Bürgermeister hat sich bislang nicht einmal bemüht, sich nach dem Projekt zu erkundigen. Molnar ist überzeugt, dass die Ignoranz daher rührt, dass das Gemeindeoberhaupt, ein Rumäne, die Ungarn diskriminiert Und in Farnas leben mehrheitlich Ungarn.
Auch vom Staat ist nichts zu erwarten. Rumänien ist in der schwersten Krise seit dem Sturz des kommunistischen Diktators Ceaucescu 1989. Die Wirtschaft schrumpft seit drei Jahren, und noch steht die Entlassung von Hunderttausenden aus unrentablen, den Staatshaushalt extrem belastenden Betrieben an. Der Sozialstaat ist praktisch zusammengebrochen. Die Renten halten mit der hohen Inflation schon lange nicht mehr Schritt. Altersheime gibt es nur in den grösseren Städten, und die Zustände dort spotten jeder Beschreibung. In einem Heim in Cluj erhält die Leitung vom Staat für den Betrieb 11'500 Lei monatlich pro Insasse - etwa einen Franken. Bis zu zwanzig Ältere sind in einem Raum untergebracht. "Hier kannst du nur noch sterben," sagt eine Frau, die in diesem Heim gearbeitet hat. "Auch rüstige Rentner bauen unter diesen Umständen ganz schnell ab."
Zerbrochene Familienbande
Die traditionell engen Familienbande in Rumänien sind oft zerbrochen: Die Kommunisten haben einseitig die Grossindustrie gefördert und die Landwirtschaft kollektiviert. Das hat vor allem traditionell dörfliche Strukturen zerstört, wo die Alten ihren festen Platz hatten im Familienverband. Die Nachfrage nach Altersheimplätzen in Farnas ist denn auch enorm: Ein alter Mann nahm einen Fussmarsch von 12 Kilometern in Kauf, nur um sich anzumelden. Sogar aus dem 200 Kilometer entfernten Szeklerland gingen Anfragen ein. Die Interessenten werden sich gedulden müssen. Noch ist die vollständige Finanzierung des Altersheimes nicht gesichtert. Mit Mitteln des HEKS können Fundament und Grundmauern gebaut werden. Für die Inneneinrichtung sucht Molnar noch Unterstützung im Westen. Auch das Betriebskonzept steht noch nicht. Molnar glaubt, dass die Insassen nur einen Teil ihrer Renten werden beitragen müssen. Dabei soll es eine soziale Abstufung geben.
Für Farnas rechnet Molnar nach der Eröffnung mit ähnlichen Impulsen wie im Nachbarort Zsobok. Dort hat er zusammen mit der ganzen Dorfgemeinschaft und finanzieller Unterstützung aus dem Ausland ein Kinderheim gebaut, in dem heute 46 Halb- und Vollwaisen leben. Über 20 Arbeitsplätze wurden geschaffen - und dazu eine enorme Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft. Inzwischen konnte auch der Abwanderungstrend gekehrt werden: Mehrere junge Familien sind zurückgekehrt. Die Menschen in Zsobok haben alle am Bau und Betrieb des Kinderheimes mitgeholfen - und damit in einem Land, das zunehmend in Agonie verfällt, einen wichtigen Impuls gesetzt.
*Urs Fitze, Pressebüro Seegrund, Kreuzlingen, für HEKS. Rumänien ist ein Schwerpunktland der Osteuropahilfe von HEKS, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz. HEKS, Postfach, 8035 Zürich, Tel. +41 1 361 66 00, Spendenkonto 80-1115-1.