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Was hat Sie dazu bewogen, Heidelberg zu verlassen und in die Schweiz nach Luzern zu kommen?
Da Professor Schmidig, ehemals Rektor der Theologischen Fakultät, ein Freisemester in Heidelberg verbracht und an meinen Vorlesungen und Hegel-Seminaren teilgenommen und mich kennengelernt hatte, suchte man mich auch in Heidelberg auf und befragte mich, ob ich mir eine entsprechende Rolle vorstellen könnte. Ich war damals gerade habilitiert und aufgrund diverser Nominierungen an verschiedenen Universitäten apl. Professorin. 1985 kam es zu einer Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie und Geisteswissenschaften der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an [sic] der Theologischen Fakultät Luzern. Es war eine Berufung, wie sie im Buche stand, ohne weitere Vorstellung, nur aufgrund des Renommees.
Sie waren die erste Frau, die an der Universität Luzern eine Professur inne hatte. Erst seit den 1960er Jahren studieren Frauen überhaupt an der dortigen theologischen Fakultät. Hatten diese Umstände irgend einen Einfluss auf Ihre Arbeit oder Ihre Erfahrungen in Luzern?
Die Schweiz erwies sich aufgrund ihrer langjährigen liberalen Tradition als offen gegenüber Frauen, obgleich es zu jener Zeit noch nicht überall in der Schweiz das Frauenstimmrecht gab, z.B. nicht in Appenzell. Die Offenheit betraf auch mich: eine Frau mit drei Negativa: Ausländerin (Deutsche), Frau, andere Religionszugehörigkeit [nicht-katholisch]. Auch in Deutschland gab es zu jener Zeit noch keine weiblichen Professoren auf philosophischen Lehrstühlen. Die drei Philosophinnen meiner Generation, Frau Prof. Dr. Pieper, Frau Prof. Dr. Schüßler und ich, fanden alle Aufnahme in der Schweiz.
Am 9. Juli 1978, nur ein paar Jahre vor ihrer Ankunft in Luzern, entschied das Stimmvolk des Kantons Luzern, dass sie keine volle Universität haben möchten. Spürten Sie in ihrer Arbeit und dem Aufbauprozess des neu gegründeten philosophischen Seminars Auswirkungen dieses Entscheides?
Seit 1574 bildeten Theologie und Philosophie das Rückgrat der Hochschulausbildung in Luzern, deren Institution die frühere Theologische Fakultät war. Verschiedene Versuche einer Universitätsbildung im 20. Jahrhundert scheiterten, so auch jene durch die negative Abstimmung der Luzerner Stimmbürger 1978, die in die unruhige Zeit sozialpolitischer Auseinandersetzungen zwischen Bürgertum und Sozialismus fiel. Man hielt Studierende für zu modern und aufmüpfig. Eine weitsichtige Regierung und Theologische Fakultät erkannten in den Folgejahren die kulturelle Bedeutung, die eine universitäre Forschung und Lehre für die Modernisierung und Weiterentwicklung der Gesellschaft hat und entschieden sich daher zum Ausbau der Theologischen Fakultät in Richtung Natur- und Geisteswissenschaften. Kanton und Fakultät sandten zwei Emissäre, Prof. Dr. Schmidig und Prof. Dr. Thoma, in die Nachbarländer, um Ausschau nach geeigneten Kandidaten zu halten, die auf eine Universitätsgründung und deren Ausbau hinarbeiten könnten.
Unter ihrer Leitung wurde das neu gegründete philosophische Seminar aufgebaut. Wie verlief dieser Prozess? Spielten dabei Ihre Erfahrungen mit Hochschulsystemen anderer Länder eine signifikante Rolle?
Zunächst habe ich universitäre Gepflogenheiten eingeführt, die heute selbstverständlich sind wie Fakultätsordnung, Drittmittelforschung, die zu jener Zeit unbekannt war, die mir aber von einer Eliteuniversität wie Heidelbergs selbstverständlich war. In grosszügigster und dankbarer Weise hat mich hierbei der Schweizer Nationalfonds, damals noch vertreten durch den Generalsekretär Prof. Dr. Sitter, unterstützt, so dass ich einerseits jährlich internationale Seminare, Kolloquien und Kongresse abhalten konnte, zu denen sowohl Schweizer Kolleginnen und Kollegen wie die meisten bekannten internationalen Philosophen eingeladen wurden mit anschliessenden Publikationen, die dankbarer Weise durch die Dr. Josef Schmid-Stiftung in Luzern unterstützt wurden. Solche internationalen Veranstaltungen waren: 1986 ein internationales Symposion über Einheitskonzepte in der gegenwärtigen und in der idealistischen Philosophie, noch zusammen mit Professor Schmidig, 1991 eine Tagung über Demokratietheorie, ein Dialog zwischen Ost und West, 1994 eine Ringvorlesung über Natur- und Technikbegriffe, 1997 eine Tagung über Rationalitätstypen, 2000 ein internationales Symposion über Kultur versus wissenschaftlich-technologische Welt, 2001 ein internationales Symposion über Kunst und Philosophie, 2003 eine internationale Tagung über «unser Zeitalter, ein postmetaphysisches?», 2004 eine Tagung über Weisheit, Wissen, Information, 2007 eine Tagung über Kollektiv- und Individualbewusstsein usw. Zwar ging es seiner Zeit noch nicht um Großprojekte und Millionenförderung, wohl aber hat mir der Schweizer Nationalfonds über längere Zeiträume Forschungsprojekte ermöglicht, beispielsweise die Herausgabe einer Hegel-Nachschrift, die ein Mitglied einer berühmten Schweizer Familie, Dr. Good, bei seinem Jurastudium in Heidelberg bei Hegel in Philosophie mitgeschrieben hatte. Heute ist dies ein Standardwerk der Hegel-Forschung geworden. Da ich auf Lehrstuhlvertretungen an den anderen Schweizer Universitäten die Nachwuchswissenschaftler kennengelernt hatte, konnte ich mir die entsprechenden Forscher aus Zürich, Fribourg und andernorts holen und über längere Zeiträume im grösseren Stil mit ihnen zusammenarbeiten.
Nationale und internationale Kooperationen spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Welche Schritte unternahmen Sie diesbezüglich im Rahmen Ihrer Tätigkeit an der Universität Luzern?
Mir ging es darum, den Namen Luzern in aller Welt bekanntzumachen, was mir dadurch gelang, dass ich Gastprofessuren und Gastvorträge in aller Welt: USA (Harvard), Südamerika (Argentinien, Brasilien, Peru, Kolumbien), China, Taiwan, Japan, Korea, Polen, Ungarn, Russland, Iran, Norwegen, Griechenland usw. wahrnahm. Mit etlichen Universitäten im In- und Ausland habe ich enge Kontakte gepflegt, so unter anderem zusammen mit Professor Klein von der Universität Wien und Professor Schild aus Deutschland eine internationale Gesellschaft „Systeme der Philosophie“ gegründet und 20 Jahre lang geleitet. Noch heute bin ich im Vorstand und Mitherausgeberin des „internationalen Vereins für komparative Philosophie“ in Wien. Mit der ETH bestanden engere Beziehungen. Mehrfach bin ich im Auftrag der UNESCO in anderen Ländern tätig gewesen, besonders in Griechenland, wo ich 2002 auch die Ehrendoktorwürde der Universität Ioannina erhielt, oder auch an der heute tragischerweise heiss umkämpften Charkow-Universität in Charkiw, Ukraine, und an der Kiewer Universität.
Dies klingt wie eine ungetrübte Erfolgsgeschichte. Ich vermute, es kamen auch Herausforderungen auf Sie zu.
Eine grundsätzliche Schwierigkeit der ersten Jahre in Luzern war die Tatsache, dass Philosophie ebenso wie Theologie keine Sachdisziplin ist wie Jura, Mathematik, Physik, Wirtschaftswissenschaften usw., sondern eine Reflexionsdisziplin, oder, um es in moderner Terminologie auszudrücken, eine Kulturkompetenz, d.h. eine humanistische Haltung und kritische Reflexion auf das, was wir in unserer Kultur, in unseren Wissenschaften, in unserem Alltag tun. Da anfangs Sachgebiete fehlten – im Laufe der Zeit kam der Lehrstuhl für Geschichte, dann die Lehrstühle für Soziologie und die juristische Fakultät hinzu und heute die Wirtschaftswissenschaft –, fehlte anfangs das Umfeld für einen grösseren Einzug von Studierenden. Dieses Manko wurde im Laufe der Zeit, allerdings weitgehend erst gegen Ende meiner Tätigkeit und nach meiner Emeritierung, behoben, so dass heute ein grösserer Zustrom von Studierenden zu verzeichnen ist.
Wie entwickelte sich dies während Ihrer Tätigkeit in Luzern?
Einen rigorosen Einschnitt im Universitätsbetrieb brachte das Bolognamodell, das nicht nur auf Natur-, Technik- und Ingenieurswissenschaften besonderen Wert legte, sondern auch meinte, die geisteswissenschaftlichen Fächer entrümpeln zu müssen, mit dem Effekt, dass heute eine Generation von Wissenschaftlern herangezüchtet wird, die nur noch auf schnellen Erfolg und Verwertung gedrillt ist, kein substantielles, fundiertes, sondern nur noch ein entwurzeltes Wissen hat, jenes flüchtige aus dem Internet und von Datenbanken abrufbare schnell vergehende Wissen der touchscreen generation, was aber entschieden zu wenig ist, um als Kulturmensch bestehen zu können, der weiß, woher er kommt, wohin er geht und was er ist. Auch wenn die Entwicklung in Richtung auf einen Maschinen-Menschen tendiert, der in Verbindung mit Computer, Datenbanken und eingepflanzten Chips lebt, die mehr und mehr das selbständige Denken abnehmen und es an Algorithmen verweisen, kann keine Kultur umhin kommen, diese Prozesse kritisch reflexiv und d.h. philosophisch zu begleiten. Ich halte daher eine Abkehr von dem Bolognamodell und eine Rückkehr zur Philosophie, jetzt unter dem Namen Kulturkompetenz, für dringend erforderlich.
Wie zeigen sich diese Entwicklungen auf der administrativen Ebene?
Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem früheren und heutigen Universitätsbetrieb besteht darin, dass heute jede freie Minute durch Gremienarbeit absorbiert wird, während früher Zeit für Forschung und Recherchen blieb, so dass Standardwerke für die Wissenschaft entstehen konnten. Ich nenne meine Werke Das Verständnis der Natur (Bd. 1 Geschichte des wissenschaftlichen Denkens, Bd. 2 Geschichte des ganzheitlichen Denkens), Vernunft und das Andere der Vernunft, Gerechtigkeit, Zeit, Kulturüberschreitende Philosophie, Interkulturalität usw., die heute Standardwerke der Forschung und internationalen Diskussion sind.
Wie würden Sie in diesem Kontext, auch bezogen auf Ihre eigene Forschungs- und Lehrtätigkeit, die Situation der Frauen an der Universität beurteilen?
Oberstes Gebot meiner Forschung und Lehre war stets die Einhaltung internationaler wissenschaftlicher Qualitätskriterien, wobei möglicherweise die gender studies-Förderung etwas zu kurz gekommen ist. Korrigierend griff hier die von der Fakultät veranlasste feminine Ergänzung Rektor/Rektorin, Dekan/Dekanin usw. ein, die zwar zu einer nicht mehr lesbaren Amtssprache führte, aber radikal das Bewusstsein zugunsten der Anerkennung von Frauen veränderte. In der Studentenschaft und im Mittelbau halte ich das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Studierenden für ausgeglichen, wobei der weibliche Anteil überwiegt, ebenso hat der Anteil der Besetzung der höheren Stellen beachtliche Fortschritte gemacht, zumindest im universitären Bereich, nicht vielleicht in den börsencodierten Chefetagen der Wirtschaft. Noch manche Karriere hochintelligenter Frauen habe ich allerdings an dem veralteten Kameradschaftsdenken des Milizwesens scheitern gesehen.
Welche Publikationsmöglichkeiten für Philosophie akademisch und nicht akademisch gab und gibt es in der Schweiz, die für Sie eine Rolle gespielt haben oder immer noch spielen?
Um sich international einen Namen zu machen, ist man auf internationale Verlage, nicht auf regionale und auch nicht auf nationale angewiesen, ebenso auf internationale Zeitschriften. Die Verlage der Schweiz haben sich als Kunstverlage profiliert und sind extrem teuer, für Philosophie sind sie weniger geeignet und zu teuer, auch wenn es immer mehr Stiftungen gibt, die Dissertationen und Habilitationen oder sonstige Werke unterstützen.
Wie gestaltete sich ihre weitere Lehrtätigkeit nach dem sie Luzern verliessen?
Bei meiner Emeritierung hätte der Dekan gern eine Weiterbeschäftigung über das 65. Lebensjahr hinaus gesehen, wie dieses auch im umliegenden Ausland möglich ist, da man als Geisteswissenschaftler mit 65 auf dem Höhepunkt seiner geistigen Fähigkeiten, seiner Weitsicht und Einsicht steht. Die finanzielle Situation war geregelt, doch scheiterte alles an der kantonalen Altersguillotine, zumal sich der Regierungsrat mit einer entsprechenden Entscheidung überfordert sah.
Ich habe daraufhin teilweise bis zur Corona-Krise an der Universität Wien, am Humboldt-Studien-Zentrum Ulm und an der berühmten Ludwig-Maximilians-Universität München weitergelehrt.
Wie würden Sie grob die Veränderungen in der jüngeren schweizerischen Philosophie beurteilen?
Was die Entwicklung der Philosophie in der Schweiz nach 1945 betrifft, so ist m.E. die Schweiz ein zu kleines Land, um eigenständige Philosophie hervorzubringen. Vielmehr hat sie in drei Phasen sich der internationalen Philosophie angeschlossen: erstens traditionell dem Idealismus, der von Deutschland ausging und Rückwirkungen auf die Lehrstühle in Zürich, Basel und anderwärts hatte, zweitens der von Frankreich ausgehenden Postmoderne oder Differenzphilosophie der sogenannten 68er Generation und drittens der von Amerika ausgehenden analytischen Philosophie, die m.E. keine Philosophie, sondern eine Methodologie und inzwischen auch überholt ist. Diese drei Richtungen wurden von den Schweizer Universitäten je nach ihrer Lokalisation aufgenommen und individuell ausgebaut und vertreten.
Internationales Renommee hat von den philosophischen Betätigungen in der Schweiz allein die Nietzsche-Forschung in Sils Maria gewonnen.
Was für einen Einfluss hatte Ihre Tätigkeit in Luzern auf Ihre eigene Forschung?
Bedenkt man die Schweizer Mentalität, so ist sie trotz ihrer Internationalität eher praktisch-pragmatisch, ökonomisch ausgerichtet, nicht spekulativ. Den größten Erfolg hatten m.E. ein nicht primär universitäres Projekt, wohl aber eines, das unter der Ägide der Universität stand, nämlich die Kurse Philosophie und Management. Nicht nur waren sie zu seiner Zeit eine Modeerscheinung, so dass jeder größere Betrieb, jede größere Firma ihre Topmanager in diese Seminare sandte wegen des holistisch-ganzheitlichen, weitsichtigen Denkens und der Überwindung zu enger einseitiger Ausrichtung, des sogenannten Schubladendenkens. Diese Seminare entsprachen dem Wesen der Philosophie, ausgehend vom praktischen, alltäglichen Berufsleben und mit einer gewissen kritischen Einstellung die Dinge zu hinterfragen und durch Kenntnisnahme anderer Standpunkte und Offenheit Toleranz zu üben. Diese zeit- und kulturkritische Reflexion habe ich nach meiner Emeritierung in meinen Büchern fortgesetzt: Wahrheit und Lüge, Macht und Gewalt, Demokratie in der Krise?, Die Selbstsuspendierung des Individualismus, Das Projekt interkultureller Philosophie aus interkultureller Sicht usw.
Wie würden Sie sich aus heutiger Perspektive die Zukunft der Philosophie in der Schweiz vorstellen?
Für die Zukunft und Weiterentwicklung der Philosophie in der Schweiz halte ich eine Mentalitätsänderung gegenüber der Philosophie für dringend erforderlich. Seit der Einführung des Bologna-Modells, das, wie bereits erwähnt, auf ein Schnellstudium, auf schnellen Berufseinstieg und schnellen Profit aus ist, sowie mit der Abschaffung des humanistischen Studiums und der allseitigen, ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung sind auch die philosophisch- historischen Fächer „entrümpelt“ worden und haben zum Niedergang der humanistischen Bildung geführt. Unterstützt wurde die Tendenz noch durch die Rechtschreibreform, nach der man schreibt, wie man spricht, was angesichts der Ähnlichkeit der Schreibweise verschiedener Begriffe zu fatalen Fehlerquellen sowohl bei der Ausstellung von Rezepten wie bei Aufträgen führen kann. Der Mensch ist ein historisches Wesen, das wissen sollte, woher er kommt, wohin er geht, was er ist. Weiß er das angesichts der Dürftigkeit und Schnelle reduzierter philosophisch-historischer und theologischer Studiengänge nicht mehr, verkümmert er zu einem anonymen Mitläufer im gesellschaftlichen Mainstream, statt zu einem selbständig denkenden Wesen zu werden. Wie will sich eine reine touchscreen-Gesellschaft ohne philosophische Reflexion behaupten, wenn man im Schnellstudium der Philosophie mit Abschluss Bachelor gerade ein paar Vokabeln und philosophische Ausdrücke lernt?
Das Interview führte Simon Kräuchi
(Die Antwort auf die letzte Frage wurde basierend auf einem Nachtrag von Frau Gloy am 04.07.2022 um den Teil ab "Seit der Einführung .." ergänzt).