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In den letzten zwanzig bis dreissig Jahren war die Globalisierung besonders durch die Einbindung grosser Schwellenländer in die Weltwirtschaft geprägt. Diese führte nicht nur zu einem Aufstieg der Mittelschichten der Schwellenländer, sondern auch zu einer Erosion der westlichen Mittelschichten. Durch die Marktreformen in China und Indien und den Fall des Eisernen Vorhangs wurden ehemals abgeschottete Länder in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren in globale Handelsbeziehungen und Produktionsabläufe integriert. Gemäss Schätzungen des amerikanischen Ökonomen Richard Freeman (2006) verdoppelte sich dadurch fast schlagartig das globale Arbeitskräfteangebot von 1,5 auf 3 Milliarden Personen (siehe Abbildung). Diesen Prozess bezeichnet Freeman als «The Great Doubling».
Die grosse Verdopplung hatte für die ehemals privilegierten Arbeitnehmer der westlichen Industrieländer zwei weitreichende Konsequenzen: Erstens traten sie plötzlich in Konkurrenz zu Arbeitnehmern in Ländern mit deutlich niedrigeren Löhnen. Besonders am Anfang des Prozesses war das Lohngefälle zwischen Industrie- und Schwellenländern enorm, und entsprechend stark waren die Verwerfungen. Zweitens verschob sich das weltweite Kräftegleichgewicht zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zu Ungunsten der Arbeitnehmer: Die Löhne sanken tendenziell, Kapitaleinkünfte hingegen stiegen. Das Resultat beider Effekte waren Lohndruck, Rückgang der Lohnquote und Arbeitslosigkeit in vielen OECD-Ländern.
Der Konkurrenzdruck aus den Niedriglohnländern traf zunächst die Arbeitnehmer in klassischen Industrien, die international handelbare Güter produzieren. Die gleiche Entwicklung erfasste aber schliesslich auch die Dienstleistungsbranche: Technischer Fortschritt und die Aufspaltung von Wertschöpfungsketten (Outsourcing) ermöglichten einen Transfer von Arbeitsplätzen in die Schwellenländer – wie etwa Callcenter nach Osteuropa, administrative Funktionen nach Indien oder IT-Arbeiten auf die Philippinen. Es sind nicht mehr nur die unqualifizierten Fabrikarbeiter, die mit Chinesen und Indern konkurrieren, sondern auch Softwareentwickler, Ingenieure und Buchhalter.
Die grosse Verdopplung war für die Mittelschichten der meisten westlichen Industrieländer mit erheblichen Einschnitten verbunden und ihr Unbehagen aufgrund der Globalisierung ist folglich gross. Die schwierigste Phase der Anpassung dürfte jedoch vorüber sein: Dank massiven Investitionen und hohen Sparquoten in den asiatischen Schwellenländern wurde in den letzten 20 bis 30 Jahren der globale Kapitalstock stark erweitert und ein Grossteil des neu hinzugekommenen Arbeitskräftepools absorbiert. Zudem hat sich das Lohngefälle auf dem globalen Arbeitsmarkt merklich verringert.
Die Schweiz konnte sich den negativen Folgen durch die grosse Verdopplung weitgehend entziehen: Es gab keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit, keine Erosion der Reallöhne, keinen signifikanten Abbau der Sozialleistungen. Als eines der ganz wenigen OECD-Länder wies die Schweiz sogar einen Anstieg der Lohnquote auf. Trotzdem strahlen die mit der Globalisierung verbundenen Sorgen auch auf die einheimische Mittelschicht aus – wohl nicht zuletzt, weil die Wirkung der grossen Verdopplung im Nachbarland Deutschland durch die Wiedervereinigung massiv verstärkt wurde.
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