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Freiheit und Reisen in den Westen: als Musiker war das möglich, selbst wenn man sehr schlecht Gitarre spielte, wie es Gábor Gerhes von sich behauptet. Dem Publikum in Amsterdam, Paris, Berlin oder Zürich war das egal. Denn seine Band spielte «Punk against Socialism». Die Texte handelten von Liebe, Einsamkeit und Eifersucht, für die politische Botschaft reichte die Anwesenheit der jungen Männer aus dem Osten. 1986 wurde eines der Konzerte in dem Zürcher Off-Kultur-Zentrum Rote Fabrik mit einem Plakat angekündigt, auf dem ein roter Stern abgebildet war, dessen Zacken zu bröckeln begannen. Als Gábor Gerhes von seiner Tournee nach Budapest zurückkehrte, war er sich daher sicher, umgehend vor die Geheimpolizei zitiert zu werden. Doch nichts geschah. Im August 1989 öffnete Ungarn die Grenzen zu Österreich, bald darauf fiel die Berliner Mauer, der Kalte Krieg war beendet. Der Musiker tauschte die Gitarre gegen die Kamera und begann zu photographieren. Darauf verstand er sich nun sehr gut, so die Meinungen aus Ost wie West.
«Finding T»: zwei Herren, Typ Privatdetektiv und Versicherungsbeamter im Aussendienst, warten auf ein aus Holz gezimmertes, rund 30 Zentimeter hohes T, das sich aus dem Rasen schiebt, der auf einem Golfplatz nicht gepflegter sein könnte.
«The Recognition and Identification of the Structure of Decay»: ein Mann mittleren Alters, hellbrauner Reisemantel und Altherrenhut, steht vor einer Holzwand aus dem Baumarkt und verweist mit der Geste «hier entlang» über ein weisses, kantiges und flächiges, wohl nichtmaterielles Gebilde hinweg auf den Betrachter selbst.
«Man Longing to be Absorbed in His Own Belief»: ein Herr desselben Alters, bekleidet mit einer schwarzen Badehose, sitzt aufrecht auf einem Stein am Rande eines Waldsees, der Nebel auszuatmen scheint. Er blickt vorbei an einem grossen, weissen Rechteck mit dickem schwarzen Rahmen, das reglos mitten über dem See, mitten im Bild schwebt.
Die Requisiten für die Photographien sind allesamt im Atelier des Künstlers zu finden, eine Adresse in einem Hinterhofgebäude mitten in Budapest. An einer Wand die grosse Leinwand in Himmelblau für den Hintergrund, davor der grüne Kunstrasen. Ein Hirschgeweih, eine Flinte, ein Hut, nur die weissen Elemente sind nirgends zu entdecken. Auch nicht das T. Ein Mann klingelt und möchte sich als Modell empfehlen, doch er kommt zu spät, das Casting für die nächste Photoserie hat schon vergangene Woche stattgefunden.
Die Methode Gábor Gerhes’ ist die Subtraktion. Er reduziert die Elemente seiner Anordnungen auf ein Minimum: «weniger, weniger, weniger – nur das, was unbedingt gebraucht wird». Das, was übrig bleibt, erhält dadurch eine unverrückbare Präsenz. Ob Hirschgeweih, Himmel oder Herr in Anzug – es gibt keine Hierarchie, alles ist gleichgewichtet: die Welt leistet sich eine Pause in einem Moment, in dem sich in ihrer niemals endenden Banalität zwar nicht Überraschendes, aber doch immerhin Erwähnenswertes ereignet hat.
Dass der Besucherin aus dem Westen seine Bilder «ungarisch» erscheinen, verwundert Gábor Gerhes, denn «ungarische Kunst» wolle er nicht machen. Keinesfalls möchte er mit seinen Werken Intimes von sich erzählen, auch wenn er sagt, sie seien für ihn eine «Art Therapie», und auch wenn er sich immer wieder als Statist in seine eigenen Bilder stellt. Er verwendet Utensilien, die jeder kennt, Utensilien, die zu den Orten der Kindheit und des Alltags gehören, traditionsverhaftet und mit der Patina der Provinzialität. Codes, von denen er sagt, dass sie früher im von Improvisation bestimmten Alltag des Sozialismus einmal verständlich gewesen und heutzutage zwar noch vertraut seien, ihre Bedeutung jedoch inzwischen verloren hätten. «Es sieht aus, als hätte es Sinn, aber es hat keinen» – sagt der Künstler. Dabei könnte man sich die Bilder gut im Werbeprospekt eines Handelsvertreters für bisher unbekannte Dinge vorstellen, die dem Käufer die Verrichtungen des täglichen Einerleis erleichtern werden!…