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Die Kramgasse – seit eh und je Marktplatz und Herz der Stadt
Unsere Gasse, die in früheren Zeiten auch Märit- und Vordere Gasse und unter französischen Einfluss Grand-Rue genannt wurde, war von allem Anfang an als Treffpunkt des alten Berns gedacht. Sie war breit genug gebaut, um Raum für Marktstände und Fuhrwerke anzubieten. Und in der Mitte wurde der Stadtbach von den Handwerkern genutzt, aber ebenso als Waschplatz, Tiertränke und anderes mehr. Man darf sich die Krämer- und spätere Kramgasse in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens tagsüber als lebendiges und buntes Gewusel vorstellen.
Nachts wurde es ruhig. Man zog sich in die Häuser zurück. Denn ohne Licht wagte man sich lieber nicht nach draussen. In den Laubengängen war der Boden uneben, Stürze waren keine Seltenheit. Und hinter den Bogenmauern konnten sich auch Diebe gut verstecken. Wer im 16. Jahrhundert nach neun Uhr ohne Licht in der Gasse angetroffen wurde, verbrachte die Nacht auf der Wache. Erst seit Silvester 1843 beleuchtete dann Gaslicht die Gasse und 50 Jahre später wurden die elektrischen Bogenlampen in Betrieb genommen.
Viele Häuser an der Gasse wurden im Verlauf der Jahrhunderte mehrmals neu gebaut. Ursprünglich handelte es sich um ein- oder zweistöckige Holzhäuser, die mit Stroh und Schindeln bedeckt waren. Nach dem grossen Stadtbrand 1405 wurde vermehrt mit Stein gebaut, die Häuser wurden nach und nach aufgestockt und die Fassaden immer mehr auch geschmückt, sofern dafür Geld vorhanden war. Die Hofseite wurde während Jahrhunderten als Garten und für die Tierhaltung genutzt. Vor rund 300 Jahren begann man, Hinterhäuser in den Hof zu bauen. Im dazwischen liegenden Lichthof entstanden die moderneren und teils herrschaftlichen Treppenhäuser.
Das Zentrum verlagert sich Richtung Bahnhof
Bis und mit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb die Kramgasse das Markt-, Handwerker- und Krämerzentrum der Stadt Bern. Dann wurde rasch alles anders. Nach der Eröffnung der Tiefenaubrücke 1850 und des Bahnhofs 1857 verlagerte sich das Geschäfts- und Verkehrszentrum in die obere Stadt. Weiter abgeschnitten wurde das frühere Zentrum mit dem Bau der Kirchfeldbrücke (1883) und der Kornhausbrücke (1898). Dass den Geschäftsleuten und Bewohnern der Kramgasse diese Entwicklung sehr wohl bewusst war, zeigt nicht zuletzt die Gründung des Kramgassleist, der 1883 als Kramgass-Gesellschaft mit dem Ziel aus der Taufe gehoben wurde, eine attraktive untere Altstadt zu erhalten.
Geholfen hat dabei das Tram, das ab 1890 durch die Kramgasse zum Bärengraben ratterte. Aber bald schon beherrschte ein anderes Problem nicht nur die Kramgasse, sondern die ganze untere Altstadt: Unter dem Druck der Zuwanderung vom Land waren die Häuser hoffnungslos überbelegt und zahlreiche Wohnungen aufgestückelt worden. Während um die Jahrhundertwende in den umliegenden Neubauquartieren Hygiene gross geschrieben und Badezimmer immer mehr Standard wurden, verbargen sich hinter den stattlichen Fassaden der unteren Altstadt Not und Elend.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts normalisierte sich die Situation. Die Agglomeration wurde verkehrstechnisch besser erschlossen, so dass die Wohnbevölkerung im Zentrum abnahm. Die Altstadthäuser konnten nach und nach saniert und an den üblichen Hygienestandard angepasst werden. Das Geschäftsleben unter den Lauben verlagerte sich endgültig ins Hausinnere, und in den Obergeschossen richteten sich zahlreiche Arztpraxen, Anwaltbüros und andere Dienstleister ein. Die Ladenlokale belegten mehrheitlich kleine und mittelgrosse Spezialgeschäfte. Vor rund 50 Jahren begann dann die Entlastung der Altstadtgassen vom Verkehr, was die Attraktivität des Wohnraums wieder vergrösserte. Der Wandel betrifft heute vor allem das Geschäftsleben, denn die Spezialgeschäfte, die mit ihren Schaufenstern während Jahrzehnten viele Besucherinnen und Besucher anlockten, haben gegenwärtig einen schweren Stand.