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Nebenschilddrüsen-Überfunktion (Hyperparathyreoidismus)
Immer müde und schlapp | Verkannte Nebenschilddrüse | Beschwerden | Therapie | Beratung
Als Hyperparathyreoidismus wird die Überfunktion einer oder mehrerer Nebenschilddrüsen bezeichnet. Die vier Nebenschilddrüsen sind ca. linsengrosse Drüsen, welche der Schilddrüsenkapsel angelagert sind. Sie sind der Schilddrüse benachbart, haben aber eine komplett andere Funktion. Sie dienen der Regulation des Kalziumhaushalts im Blut. Problematisch wird es, wenn die Nebenschilddrüsen ihre Aufgabe zu gut erfüllen. Die Nebenschilddrüsen können sich dann zu autonom produzierenden Hormonfabriken (Nebenschilddrüsenadenom) entwickeln, welche den Organismus mit Parathormon (PTH) überschwemmen. Wenn PTH von den Drüsen ins Blut abgegeben wird, steigt als Folge die Kalziumkonzentration im Blut. Zu stark erhöhte Werte führen zu einem Symptomkomplex, der häufig mit einer schweren Abgeschlagenheit, Depressionen und Leistungsknick einhergeht. Typisch sind auch Muskelschmerzen, welche sehr einschränkend sind und nicht gut auf Antirheumatika ansprechen.
Nach einer chirurgischen Entfernung der überschiessend produzierenden Nebenschilddrüse (Parathyreoidektomie) gehen die Symptome zurück. Die Patienten fühlen sich häufig viel leistungsfähiger, die Müdigkeit nimmt ab. Oftmals wird es beschrieben als wäre durch die Operation ein schwerer Stein von ihren Schultern genommen worden. Das ist was die Patienten beschreiben. Die chronische Schädigung der Niere, der Gefässe und des Knochen nimmt durch die Normalisierung des Kalziumstoffwechsels ein Ende. Der Eingriff wird regelmässig minimal invasiv, endoskopisch assistiert, durchgeführt. So kann der Schnitt auf maximal 2 cm reduziert werden und ist nach wenigen Monaten kaum sichtbar.
Erfolgreiche Nebenschilddrüsenchirurgie setzt einen hochspezialisierten Operateur voraus. Nach der Resektion eines Nebenschilddrüsenadenoms wird die Normalisierung des PTH/Calcium-Stoffwechsels durch eine intraoperative Blutentnahme kontrolliert und dem Operationsteam im Saal mitgeteilt. Vereinfacht gesagt ist die Operation erfolgreich, wenn nach Resektion der Parathormonwert um mehr als 50 % absinkt.
Die Klinik Pyramide stellt dem Operateur ein weiteres vielversprechendes Instrument zur Erfolgskontrolle in der Nebenschilddrüsenchirurgie zur Verfügung. Durch die intraoperative Beurteilung des fluoreszendierenden Verhaltens mittels Infrarotkamera kann das überschiessend produzierende Nebenschilddrüsengewebe vom normalen Nebenschilddrüsengewebe besser unterschieden werden. Dadurch wird vermieden, dass autonom sezernierendes Nebenschilddrüsengewebe im Köper verbleibt und zu einem Wiederauftreten der Erkrankung führen kann.
Patientin Susanne Schneider lässt sich von Chirurg Georg Wille den kleinen Eingriff an ihrer Nebenschilddrüse erklären. Foto: Samuel Schalch
Fast zehn Jahre litt Susanne Schneider unter unerklärlichen Verstimmungen. Immer war die heute 57-jährige Zürcherin schlapp, müde und reizbar. Das belastete nicht nur sie, sondern auch Familie und Freunde. «Allerdings fühlte ich mich nicht so krank, dass ich mich hätte ins Bett legen müssen. Es war einfach, als ob der Stecker rausgezogen gewesen wäre», erinnert sie sich. Wenn man über 50 sei, werde ja ohnehin alles auf die Menopause abgeschoben, sagt sie. Die Symptome verschlimmerten sich in der Folge jedoch und deuteten auf eine Depression hin.
Als sie dann wegen einer beginnenden Osteoporose in ärztlicher Behandlung war, stellte sich aufgrund einer Blutkontrolle heraus, dass etwas mit den Hormonen nicht stimmte. Rasch fiel der Verdacht auf die Schilddrüse. Doch Fehlanzeige. Ein Spezialist fand schliesslich die wahre Ursache: Übeltäterin war die benachbarte Nebenschilddrüse. Sie besteht aus vier linsengrossen Drüsen, die hinter der Schilddrüse liegen. Die Nebenschilddrüse reguliert das Kalzium im Blut, einen wichtigen Baustoff für die Knochen. Die weitaus grössere Schilddrüse selbst hat ihren Sitz unter dem Kehlkopf. Sie produziert hauptsächlich Hormone für den Energiehaushalt, die auch Aktivierungshormone genannt werden und viele Stoffwechselabläufe im Körper regulieren.
Gegen 90'000 Menschen, also rund ein Prozent der Schweizer Bevölkerung, leiden an einer Störung der Schilddrüse oder Nebenschilddrüse, mehrheitlich Frauen ab 40. Nach Diabetes sind Schilddrüsenstörungen die zweithäufigste Stoffwechselerkrankung. Weil die Symptome wie Müdigkeit und Antriebslosigkeit sehr allgemein sind und nur schleichend auftreten, geht es oft lange bis zur Diagnose.
«Heute habe ich wieder viel mehr Energie als vor der Behandlung.» Susanne Schneider
«Unterschätzt wird vor allem die Häufigkeit einer Nebenschilddrüsenerkrankung bei Frauen nach der Menopause», sagt Jan Krützfeldt, Hormonspezialist am Universitätsspital Zürich. Ursache ist eine gutartige Geschwulst auf der Nebenschilddrüse, die das Hormon produziert, das den Kalziumgehalt im Blut ansteigen lässt. Da das Kalzium hierfür aus den Knochen abgezogen wird, droht bei Nebenschilddrüsenerkrankungen eine Osteoporose. Ein dauernd zu hoher Kalziumgehalt im Blut schädigt wiederum Blutgefässe und Organe wie die Nieren. Hinzu kommen allgemeine Beschwerden wie Verstimmungen und Verdauungsstörungen.
«Das Lokalisieren der Geschwulst ist wegen ihrer Kleinheit von knapp einem Zentimeter schwierig», sagt Georg Wille, Spezialist für Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenchirurgie in der Klinik Pyramide am See in Zürich. Er war es auch, der Susanne Schneider schliesslich operierte. In milden Fällen von Nebenschilddrüsenerkrankungen reicht zwar eine medikamentöse Therapie. Meist ist jedoch – wie eben bei Susanne Schneider – die operative Entfernung der Geschwulst der einzige Weg dazu, die Ursache des Leidens nachhaltig zu beseitigen. Laut Chirurg Wille handelt sich dabei aber um einen kleinen, risikoarmen Eingriff: Nötig sei ein Schnitt von lediglich zwei Zentimetern, der nach wenigen Monaten nicht mehr sichtbar sei. In den meisten Fällen normalisiert sich danach der Kalziumspiegel im Blut rasch, und die Symptome klingen ab. Die Kosten für den Eingriff übernehmen die Krankenkassen.
Susanne Schneider unterzog sich vor einem halben Jahr dieser Operation. Heute ist sie zufrieden. «Es wurde zwar nicht schlagartig besser, sondern erst allmählich. Jetzt habe ich aber wieder viel mehr Energie», sagt die berufstätige Mutter zweier Kinder.
Ähnliche Beschwerden wie die Nebenschilddrüsen kann auch die eigentliche Schilddrüse verursachen. Betroffen sind auch hier mehrheitlich Frauen. Eine Störung der Schilddrüse spürt man daran, wenn der Energiehaushalt aus dem Gleichgewicht gerät: Zu viele Aktivierungshormone bei einer Überfunktion führen zu einer Überreizung des Energiehaushaltes. Man schwitzt, ist nervös, isst mehr, nimmt aber trotzdem ab und hat häufig Durchfall.
Bei der selteneren Schilddrüsenunterfunktion tritt das Gegenteil ein: «Wie bei einem Winterschlaf von Tieren sinkt die Leistungskurve, der Energiebedarf der Zellen nimmt ab, man friert und ist müde», erklärt Hormonspezialist Krützfeldt.
Schilddrüsenstörungen und Probleme der Nebenschilddrüse entwickeln sich meist langsam über Monate oder Jahre, und der Körper gewöhnt sich daran. «Die Symptome sind deshalb nur schwer zu finden», sagt Krützfeldt. Hingegen würden heute verlässliche Laboruntersuchungen einen Verdacht sicher ausräumen – oder aber bestätigen. Eine Unsicherheit oder gar Verwechslung von Diagnosen sei jedenfalls nicht zu befürchten.
Die Ursachen solcher Störungen lassen sich bis heute nicht genau bestimmen. «Die Schilddrüse steht allerdings unter genauer Beobachtung des Immunsystems, wahrscheinlich mehr als andere Organe», gibt der Hormonexperte zu bedenken. Diese Kontrolle könne schnell einmal überschiessen und dann die Schilddrüse entweder hemmen oder stimulieren. Eine Zunahme der Erkrankungen beobachtet Jan Krützfeldt nicht, aber er stellt fest: «Verbesserte und häufiger durchgeführte Laboruntersuchungen führen zu mehr Diagnosen.»
Eine Schilddrüsenerkrankung sollte so früh wie möglich behandelt werden, damit bleibende Schäden verhindert werden. Für die Schilddrüsenunterfunktion steht ein Hormonersatz zur Verfügung. Diese Therapie hat keine Nebenwirkungen, sofern sie in der richtigen Dosierung durchgeführt wird.
Schwieriger zu behandeln ist die Überfunktion: Wenn eine Entzündung als Ursache vorliegt, versucht man, diese zu hemmen. Man wendet ein Medikament an, das die Hormonproduktion drosselt und gleichzeitig das Immunsystem beruhigt, bis es meist zu einer Abheilung der Entzündung kommt.
Sorgt ein Schilddrüsenknoten, ein sogenannter Kropf, für eine Überproduktion, kann auch diese medikamentös kontrolliert werden. Eine dauerhafte Therapie erfordert aber, dass der «Kropf» entweder operativ entfernt oder mit einer Radiojodtherapie ausgeschaltet wird.
Forschungsbedarf besteht vor allem bei der Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion. In Zukunft wird vielleicht die Verödung des Schilddrüsenknotens mittels Ultraschall oder Hitze eine bedeutendere Rolle spielen. Noch fehlen allerdings Studien über den längerfristigen Nutzen dieser Methoden.
Unsere Ärzte weisen langjährige Erfahrung und hohe Kompetenz in der Schilddrüsenchirurgie (endokrine Chirurgie) auf.