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Ursula Priess' Berzona
«Ein paar Jahre später, auf einer Fahrt von Berzona die kurvenreiche Straße durchs Onsernone-Tal hinab nach Locarno, erwähnte Max ihn noch einmal, als wir über Varianten von selbstgewähltem Tod sprachen. Eine ziemlich sichere Möglichkeit wäre, in einer der Kurven, damals noch ohne Leitplanken, nur mit einzelnen Granitblöcken markiert, das Steuer nicht zu drehen, die Kurve also nicht zu nehmen, sondern über die Felswand hinab sich dem freien Fall zu überlassen. Dieser Versuchung widerstehen zu können, sagte Max, schulde er Lew und all den vielen, die er nicht kenne, die in den Arbeitslagern waren oder noch immer sind. Ihnen gegenüber fühle er sich verpflichtet, es nicht zu tun, sich nicht aus einer momentanen persönlichen Bedrängnis heraus aufzugeben, seit der von Lew wisse, dass von dem, was er, Max, geschrieben habe, dort in den Lagern weitergereicht werde, oft sogar in handschriftlichen Kopien, als etwas, woraus die Menschen dort Mut schöpften, um durchzuhalten. Daß er, ein Privilegierter, der zensurlos, einzig seinem eigenen Gewissen verpflichtet, denken und schreiben könne, sich leichtfertig vernichte, wäre vor ihnen nicht vertretbar.»
Ursula Priess (geb. 1943 in Zürich) ist die Tochter von Max Frisch. Die Szene ist nur eine von vielen in ihrem Erinnerungsbuch «Sturz durch alle Spiegel», in denen intime Einblicke in die Vater-Tochter-Beziehung geboten werden. Natürlich interessiert das Buch wegen neuer Details aus Frischs Leben, natürlich wird die schonungslose Schilderung des Sterbeprozesses mit einem gewissen voyeuristischen Schaudern gelesen. Aber das Buch ist viel mehr als eine Abrechnung mit einem, wie es scheint, unachtsamen, manchmal kalten Vater, der das Heranwachsen seiner ältesten Tocher kaum registrierte und auch an ihrem späteren Werdegang nur punktuell Anteil genommen hat. Das Buch ist mehr, weil es eine Situation schildert (immer und immer wieder), die es weit über die Rekonstruktion tatsächlicher familiärer Verstrickungen hinaushebt: Es geht um das beidseitige Unvermögen zweier Menschen, die sich ebenbürtig wären, die sich so viel zu sagen hätten, aber es zeitlebens nicht schaffen, sich zu verständigen.
Eingebettet, ja gerahmt sind die Erinnerungsfragmente – auch jenes an die Fahrt im Onsernonetal von Berzona aus – in eine Begegnung in Venedig. Die Ich-Erzäherin verabredet sich mit einem Mann, mit dem sie den ganzen Sommer über telefoniert hat. Kein Wunder liegen die Verheissungen einer Affäre, vielleicht sogar einer dauerhaften Liebe in der Luft der Lagunenstadt, doch dann kommt es zum Bruch: Und wieder ist es der lange Schatten des schon verstorbenen Vaters, der seinen Einfluss geltend macht. Das im Zitat erwähnte Onsernone-Tal und Berzona kommen in dieser «Bestandesaufnahme» (so der Untertitel) mehrfach vor, bekanntlich hat Max Frisch dort in Berzona, im «Literatendorf» in unmittelbarer Nachbarschaft von Alfred Andersch und Golo Mann, phasenweise gelebt und geschrieben.
Ursula Priess lebt seit vielen Jahrzehnten in Deutschland, zuerst in Schleswig-Holstein, jetzt in Berlin. Zuletzt ist von ihr der Erzählband «Mitte der Welt» erschienen, in dem sie von Istanbul – einer weiteren biografischen Station – berichtet. (BP)
Das Valle Onsernone ist eines der eindrucksvollsten und geheimnisvollsten Täler im Tessin. Charakteristisch sind seine dichten Wälder, die Schluchten und Wildwasser. Eine atemberaubende Postautofahrt führt bis zuhinterst in das entlegene Tal. Das Onsernonetal wurde für Schriftsteller zu einem Inspirationsort, Max Frisch, Alfred Andersch, Golo Mann und Aline Valangin haben hier gelebt. Wer eine literarische Wanderung unternehmen möchte, kann dies mit Max Frischs Roman «Der Mensch erscheint im Holozän» im Rucksack tun. Die Strecke, die die Romanfigur Herr Geiser zurücklegt, von Loco hinauf zum Passo della Garina ist leicht und wunderbar zu gehen, erst durch Kastanienwälder, dann über Maiensäss-Wiesen hinauf zur Passhöhe, wo man sich in die Lektüre vertiefen kann. (BP)