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Bei einem guten Text, heisst es in journalistischen Seminaren, muss bereits der Einstieg sensationell sein; schön geschrieben, packend, mitfühlend – «reinziehen», wie es im Jargon genannt wird. Bei Tamedia ist das kein Problem: Gelingt es nicht selbst, kann man sich die Genialität immer noch bei der publizistischen Partnerin, der «Süddeutschen Zeitung», entleihen.
Das klingt dann im ersten Satz so: «Die Apokalypse scheint so nah zu sein.»
Geht es besser? Die Welt geht bald unter, und Tamedia ist live dabei. Apocalypse now. Und es geht im ersten Abschnitt gleich weiter mit Sätzen, die einen erschaudernd in den Bann ziehen. «Schon im kommenden Jahrzehnt könnte sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 1,5 Grad Celsius erwärmt haben. Damit kommt ein Bereich näher, in dem erste Elemente im Erdsystem unumkehrbar in einen neuen Zustand kippen könnten.»
Savanne statt Regenwald?
Dann wäre das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes nicht mehr aufzuhalten. Wie beim Westantarktischen Eisschild, «der womöglich bereits seinen Kipppunkt überschritten, und damit einen unumkehrbaren Meeresspiegelanstieg von dreieinhalb Metern über die kommenden Jahrhunderte eingeleitet hat». Zudem könnte sich ein Grossteil des Amazonas-Regenwaldes in eine Savanne verwandeln.
Diese Phänomene, wird gewarnt, könnten sich gegenseitig beeinflussen – was eine noch grössere Destabilisation zur Folge hätte. Das zeigten Simulationen von Klimaforschern.
Manche hielten es gar für möglich, dass solch eine Kettenreaktion eine sich selbst verstärkende Erwärmung auf dem Planeten auslöse. Der Artikel bezieht sich anschliessend auf eine Netflix-Dokumentation, in der Wissenschaftler vor drastischen Szenarien warnen. Kein Wunder, beziehen sich auch die Klima-Radikalinskis von Extinction Rebellion (XR) gerne auf diesen Film. Im Text ist jedoch nur beschönigend von «Klimaaktivisten», ein positiv besetzter Begriff, die Rede.
Schreckung der Bevölkerung?
Immerhin: Wer vor Angst noch nicht erstarrt ist und mutig weiterliest, wird belohnt. Der Autor muss zugeben, dass die Alarmsirenen selbst in ihrer Zunft ziemlich alleine dastehen. Viele Wissenschaftler halten das Eintreten für äusserst unwahrscheinlich. Selbst Thomas Stocker, renommierter Umwelt- und Klimaphysiker an der Universität Bern, glaubt nicht an eine Apokalypse. Und Stocker, das muss man wissen, preist ansonsten die Klimakatastrophe etwa mit derselben Verve an, wie ein Metzger sein Rindsfilet.
Puuh, Glück gehabt, aufatmen. Dennoch treibt einen die Frage um, ob solche Texte einer sinnvollen Debatte über ein hochkomplexes Thema dienlich sind. Oder ketzerisch gesagt: Ist ein solcher Text nicht bereits Schreckung der Bevölkerung?