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Abdallah Chatila wurde 1974 im Libanon geboren. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete seine Familie vor dem Krieg, zog zuerst nach Italien und später nach Frankreich, bevor sie sich 1988 in der Schweiz am Genfersee niederlassen konnte. Als diplomierter Gemmologe trat Chatila 1995 in das Juweliergeschäft seines Vaters ein. 2006, elf Jahre später, begann er mit der Entwicklung von Wohn- und Gewerbe-Immobilien. Heute ist er Präsident und alleiniger Gesellschafter der Gruppe m3, zu der etwa sechzig Unternehmen in unterschiedlichen Branchen gehören. Darüber hinaus gründete der Kunstliebhaber, Mäzen und Philanthrop 2011 die Stiftung Sesam, die pädagogische und soziokulturelle Projekte überwiegend in Genf, aber auch im Libanon unterstützt. Am Firmensitz von m3, im Gebäude des Bahnhofs Cornavin, trafen wir den vielseitigen Unternehmer und Vater von drei Kindern zum Interview.
KOMPLEX: Sie haben Ihr Heimatland als Kind mitten im Bürgerkrieg verlassen. Welche Erinnerungen und Verbindungen zum Libanon sind geblieben?
Abdallah Chatila: Ich hege keine besonders positiven Kindheitserinnerungen. Wir mussten das Land ja während des Krieges verlassen. Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie mich meine Eltern auf den Arm nehmen und in den Keller tragen, wo wir uns während der Bombenangriffe immer verstecken mussten. Daneben gibt es noch einige schöne Urlaubserinnerungen aus der Zeit vor 1981. Danach beschlossen wir, nicht mehr in den Libanon zurückzukehren. Später war ich doch noch ein paar Mal dort, aber nicht regelmässig. Heute habe ich keine wirkliche Beziehung mehr zu meinem Heimatland, auch wenn noch Cousins und andere Familienmitglieder dort leben. Manche von ihnen kenne ich gar nicht.
Warum fiel die Wahl Ihrer Familie auf Genf?
Unsere Beziehungen zur Schweiz bestehen seit den 1950er-Jahren. Aus Furcht vor einem Bürgerkrieg aufgrund der zunehmenden interreligiösen Spannungen riet mein Grossvater meinem Vater und meinem Onkel, hier eine Niederlassung zu eröffnen, um einen Teil der Gewinne aus dem Diamantengeschäft zu investieren. So brachten die beiden Brüder bis in die 1970er-Jahre Geld nach Chiasso. Noch vor Ausbruch des Krieges im Libanon waren sie zu bedeutenden Grosshändlern mit einer Aussenstelle im Genfer Zollfreilager geworden. Als wir unser Heimatland verliessen, zogen wir zunächst nach Mailand, da wir in der Nähe eine Schmuckmanufaktur besassen. Während wir darauf warteten, uns in der Calvin-Stadt niederlassen zu können, verbrachten wir drei schöne Jahre in Cannes. 1981 beschlossen mein Vater und mein Onkel dann, ein Geschäft an der Rue du Rhône in Genf zu eröffnen. Es existiert bis heute. Zu diesem Zeitpunkt war ich 15 Jahre alt. Nach der französischen Matur am Institut Florimont schloss ich ein Studium der Gemmologie in Los Angeles ab. Ich war dafür bestimmt, in der Schmuckbranche zu arbeiten.
Sie starteten Ihre Laufbahn also in der Joaillerie. Erzählen Sie uns von dieser Lebensphase.
In der Tat. Ich habe mit 21 Jahren begonnen, bei meinem Vater im Familienunternehmen zu arbeiten. Es gelang mir, das Geschäft erfolgreich weiterzuentwickeln. Darauf bin ich bis heute sehr stolz. 1989 trennten sich mein Vater und mein Onkel. Danach eröffnete ich zusammen mit meinem Bruder zahlreiche Boutiquen in Frankreich – die wir aber ebenso schnell wieder schlossen. 1998 lancierten wir dann zusammen mit dem Fussballer Ronaldo die Uhr R9. Das Modell machte uns sehr bekannt. Doch trotz dieser interessanten Begegnung waren mein Bruder und ich noch nicht bereit, ein derart ambitioniertes Projekt zu managen. Mit gerade einmal 25 Jahren unterliefen uns eine Menge Fehler. Wir verloren 30 Millionen Franken aus dem Familienvermögen. 2003 mussten wir schliesslich Insolvenz anmelden, später verklagten wir Ronaldo wegen Vertragsbruchs. Um unseren Eltern das verlorene Geld zurückzahlen zu können, begannen wir wieder im Familienunternehmen zu arbeiten. Glücklicherweise erzielten wir dank unserer Kunden aus dem Mittleren Osten grosse Verkaufserfolge im Diamantengeschäft. Wir kamen wieder zu Eigenkapital und konnten weitere Geschäfte wie einen Investmentfonds in Diamanten lancieren.
Wie begann Ihre Karriere im Immobiliensektor?
Eher zufällig. Ich spielte Tennis in Bois- Carré in der Gemeinde Veyrier und verschiedene Umstände führten dazu, dass ich am selben Tag den Eigentümer eines zum Verkauf stehenden Grundstücks gleich neben dem Klub und den Agenten traf, der es verpachtete. Da mich das Projekt sehr interessierte, liess ich nicht locker, bis ich die Parzelle erwerben konnte. So begann mit dem Bau von 52 für den Verkauf bestimmten Apartments meine Karriere als Immobilienentwickler. Diese erste Erfahrung hat mir sehr viel Geld eingebracht. Was mich dazu anspornte, weitere Projekte in Angriff zu nehmen, etwa eine Liegenschaft in La Capite in Vésenaz mit 16 Wohnungen. Auch das lief sehr gut, und so machte ich weiter.
Zurzeit begeistern mich Restaurants.
Sie besitzen heute rund 60 Unternehmen, darunter auch eines in der Cannabisindustrie. Was macht Ihnen am meisten Spass?
Zurzeit begeistern mich Restaurants. Sie stellen den Anfang eines wunderbaren Abenteuers dar. Ich bin jemand, der gerne ausgeht und isst, darum passt das Projekt so gut zu mir. Mit dem Vorhaben kann ich alle meine Unternehmen vernetzen und ihnen gegenseitig Mehrwert verschaffen. Möglich wird das eben durch die Restaurants, in denen wir so viele Genfer wie möglich empfangen wollen.
Nach welchen Kriterien investieren Sie in ein Unternehmen?
Das hängt immer von den Möglichkeiten ab. Ich habe beispielsweise zwei Millionen Franken in eine Firma gesteckt, die Cannabis produziert. Heute ist sie fünfzehn Millionen wert. Ich verbringe meine Zeit damit, Unternehmen zu kaufen und zu verkaufen. Künftig werde ich mich vor allem auf Genf konzentrieren, um diesen Standort weiter zu stärken.
Welche Unternehmung erfordert die meiste Aufmerksamkeit?
Alle unsere Immobiliengesellschaften kosten mich viel Zeit und Energie. Auch die Führung der Mitarbeitenden – 250 innerhalb der Gruppe – ist aufwendig. Ganz abgesehen davon, dass Mitarbeiterführung zu den Dingen gehört, die ich nicht besonders gut beherrsche. Beispielsweise fällt es mir sehr schwer, mich von einem Angestellten zu trennen, auch wenn ich weiss, dass er auf seinem Gebiet nicht gut ist. Ich würde immer versuchen, ihm eine andere Stelle zu geben. Wenn solch ein Mitarbeiter das Unternehmen dann von sich aus verlässt, bin ich erleichtert, weil es mir schwergefallen wäre, ihm zu kündigen. Je älter ich werde, desto mehr möchte ich Aufgaben delegieren, um nur noch an der Spitze der Holding zu stehen, die alles verwaltet. Mir ist bewusst, dass es umso besser läuft, je weniger ich mich einmische.
Welche Zukunftsprojekte haben Sie?
Wir werden in Kürze m3 Leasing lancieren, einen Mietservice für Möbel und IT-Equipment für gewerbliche und private Kunden. Darüber hinaus führen wir eine Zahlkarte für unsere Restaurants ein. Diese Karte wird verschiedene Vorteile bieten, beispielsweise auch an Tankstellen. Ein weiteres Dienstleistungsangebot ist ein Reinigungsservice – m3 Ménage – zu äusserst wettbewerbsfähigen Preisen.
Wie viele Restaurants möchten Sie eröffnen?
In 2020 sollen es sieben sein: zwei Restaurants in Pont Rouge, das Sesflo in Champel, das gerade renoviert wird, ein Restaurant an der Rue du Prince in einem Hotel mit 100 Zimmern, das wir in Kürze eröffnen werden, ein weiteres in Tour Maîtresse, eines im Einkaufszentrum Meyrin und eines im Industriegebiet Stellar 32 in Plan-les-Ouates. Mein Ziel ist es, etwa fünfzig Restaurants in den nächsten drei Jahren zu eröffnen. Dafür soll eine zentrale Grossküche auf einer Fläche
von 1500 Quadratmetern in Plan-les-Ouates eingerichtet werden, die sich um die gesamte Lebensmittelbeschaffung, die Zubereitung und das Abpacken der Speisen kümmert, die anschliessend an die verschiedenen Betriebe geliefert werden. Das System soll automatisiert werden, damit es gewinnbringend arbeitet. Wir werden ausschliesslich saisonale und lokale Produkte verwenden. Zudem wollen wir bevorzugt Arbeitslose und Menschen mit leichten Behinderungen einstellen. Unser Ziel ist es, zusammen mit dem Kanton Genf ein Zentrum für Weiterbildung und soziale Integration zu gründen.
Welche Immobilienprojekte verfolgen Sie aktuell?
Da ist das 400-Millionen-Franken-Projekt Pont Rouge im Acacias-Quartier, das zwei Hochhäuser – eines davon ein Hotel –, Büros, Geschäfte und Parkplätze umfasst. Wir realisieren es zusammen mit Halter. Ferner haben wir zwei Projekte in Etoy (VD), eine Industriehalle mit einer Fläche von 20 000 Quadratmetern und ein Hotel mit 7000 Quadratmetern und 200 Zimmern. Was die Wohnprojekte anbelangt, so konnten wir gerade zwei grosse Parzellen erwerben. Eine in Thônex verfügt über 15 000 Quadratmeter, eine andere in Corsier über 20 000 Quadratmeter. Darüber hinaus haben wir 10 000 Quadratmeter in Cologny und Vandoeuvres sowie zwei neue Projekte in Anières mit 7000 und 12 000 Quadratmetern. Hinzu kommt ein kleineres Vorhaben in Mies (VD) und eines mit 100 000 Quadratmetern in Cherpines in Plan-les-Ouates. Wir studieren jeden Tag neue Projekte oder Verkaufsangebote und suchen nach Grundstücken, die wir aufwerten und anschliessend veräussern können. Um das Risiko zu reduzieren, holen wir bei allen unseren Wohnprojekten private Investoren mit ins Boot.
Ich blicke der Zukunft Genfs sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht voller Zuversicht entgegen.
Manch einer ist der Meinung, dass Genf verkehrstechnisch und baulich an die Grenzen der Kapazität stösst. Wie wird sich die Stadt Ihrer Ansicht nach entwickeln?
Ich blicke der Zukunft Genfs sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht voller Zuversicht entgegen. Zwar stimmt es, dass sich die Dinge hier nur langsam bewegen, doch kann dies sowohl eine Schwäche als auch eine Stärke sein. Der Reichtum der Stadt ist vor allem auf die Diversität ihrer Bewohner und Unternehmen zurückzuführen. Man darf nicht vergessen, dass Genf ein Ort mit internationaler Ausstrahlung ist, über eine verlässliche Rechtsordnung verfügt, eine enorm hohe Lebensqualität und viel Sicherheit bietet. Alles funktioniert reibungslos. Besonders auf Reisen merkt man, was für ein Glück wir haben.
Sie investieren hauptsächlich in Genf. Warum?
Das ist am einfachsten. Ich kenne diesen Kanton sehr gut. Inzwischen bin ich auch ein wenig faul geworden.
Sie sind ein grosser Kunstliebhaber. Woher kommt diese Leidenschaft?
Ich bin kein Sammler, aber ich liebe alles, was mit Kunst zu tun hat. Durch den An- und Verkauf von Kunstgegenständen und Gemälden hatte ich die Möglichkeit, leidenschaftliche Sammler und Händler kennenzulernen. Es ist ein bisschen so, als wenn sich Weinliebhaber um einen guten Tropfen versammeln, um die Freuden des Bacchus zu teilen. Übrigens werden wir m3 Vins lancieren, eine Art «Regus des Weines». Wir bieten damit die Möglichkeit, Flächen zu mieten, um Flaschen in einer Freizone zu lagern, sich Flaschen liefern zu lassen oder Zugang zu Räumlichkeiten zu erhalten, in denen Abendessen mit eben diesen Weinen organisiert werden können.
Darüber hinaus sind Sie ein grosser Philanthrop, insbesondere mit Ihrer Stiftung Sesam. Welche Projekte liegen Ihnen am Herzen?
Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Das bedeutet, dass ich anderen gerne bei den grundlegenden Dingen des Lebens helfe – Nahrung, Kleidung oder Bildung. Auch wenn ich über meine Stiftung jedes Jahr eine Million Franken spende, ist es manchmal doch sehr frustrierend. Es gibt derart viele Projekte, die Unterstützung brauchen. Dies war auch ein Grund dafür, Partnerschaften mit zahlreichen anderen Genfer Stiftungen ins Leben zu rufen. Nur so können wir Projekte langfristig vorantreiben. Durch unsere Restaurants werden wir überdies mit der Lebensmittelbörse Partage, die 54 Vereine und Sozialdienste im Kanton Genf beliefert, zusammenarbeiten. Wir wollen nicht verwendete Lebensmittel – keine Reste – zur Verfügung stellen. Zudem finanzieren wir seit einigen Jahren mehrere Aufnahmezentren für Migranten sowie punktuelle Projekte wie den Skatepark von Plainpalais.
Sie gelten in der Genfer Immobilienszene mitunter als wenig nahbar. Wie erklären Sie sich das?
Meine Mutter sagte immer, ich hätte eine Elefantenhaut und sei durch nichts zu erschüttern. Das kann man als Vorteil oder als Nachteil auslegen. Ich hingegen glaube in aller Bescheidenheit, dass jene, die mich wirklich kennen, mich auch schätzen. Ich teile gerne und sehe mich als einen von Grund auf guten und ehrlichen Menschen.
Ich versuche, denen zu helfen, die meine Hilfe benötigen.
Ihnen wird auch nachgesagt, Sie seien ein treuer Freund.
Vor allem bin ich sehr grosszügig. Das hilft ungemein. Ich nehme mir Zeit, die Menschen zu treffen, die mich sehen wollen. Und ich versuche, denen zu helfen, die meine Hilfe benötigen.
Erzählen Sie uns eine Anekdote über sich selbst.
Ich war trotz meiner 1,69 Meter Körpergrösse Kapitän meiner Volleyballmannschaft (lacht). Spass beiseite. Doch wo wir schon beim Sport sind: Wir werden bald m3 Fitness mit 1000 Quadratmeter Fläche eröffnen. Hier kostet die Mitgliedschaft für alle, die sportlich aktiv sein wollen, nur einen Franken am Tag. Fitnesstrainer, Yogalehrer oder Kampfsportler können Räume mieten, um ihre Kurse abzuhalten. Dank diesem Geschäftsmodell müssen wir niemanden fest anstellen.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die unternehmerisch tätig sein wollen?
Um Unternehmer zu sein, braucht es eine Idee, die sich von anderen unterscheidet. Wenn man nicht wirklich davon überzeugt ist, dass man etwas bewirken kann, sollte man erst gar nicht anfangen. Zudem muss ein junger Mensch, bevor er beginnt, so viel Erfahrung wie möglich sammeln. Nur so kann er erkennen, wenn etwas in einem Unternehmen nicht stimmt – und nach den richtigen Lösungen suchen.
Worauf sind Sie heute am meisten stolz?
Auf ein gelungenes Familienleben. Es ist eine wahre Freude, meine Kinder aufwachsen zu sehen. Im Hinblick auf meine Karriere bin ich froh, dass mir ein erfolgreicher Neuanfang gelungen ist. Ich habe an mich geglaubt und konnte nach der Niederlage aufstehen wie Phönix aus der Asche. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass man keine Angst vor dem Scheitern haben sollte – es kann das Sprungbrett zum Erfolg sein.