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Ich bin eigentlich nie neidisch auf andere Menschen, auf Künstlerinnen und Künstler schon gar nicht. Nun aber hat es, dank des Tipps eines Facebook-Followers, eine Person geschafft, mich nachhaltig zu destabilisieren. Jemand, der etwas macht, was man eigentlich schon immer auch wollte, aber es aus Feigheit, Faulheit, Bequemlichkeit, Unfähigkeit und Angepasstheit nie gemacht hat, was denjenigen, der es eben tut, zum Künstler erhebt.
Es handelt sich um eine langhaarige männliche Person mit Bart, die Youtube-Filme anfertigt in einer Behausung, vollgestopft mit Gerümpel, Pfannen, Möbelteilen, Kesseln, Gelten, Geschirr: Der tschechische Noise Artist Petr Válek sitzt in und auf diesem Chaos und Sammelsurium, spielt und traktiert alte Keyboards, verkabelt Effektgeräte und Mikrofon, legt sie in Koffer, wiederum gefüllt mit Dosen, Gabeln, Schüsseln, und schüttelt alles herum; unter Rückkoppelungsgejaule stürzen dabei aufgetürmte Schachteln, Akkordeons, Grillteile, Bohrmaschinen, Trommeln, Plastikblumen halb auf den Künstler herunter, der gleichzeitig Parolen ruft und schimpft. Man sieht sich das an, ist hochgradig aufgewühlt, man lacht, bis einem der Bauch wehtut; ja, es ist nicht mehrheitsfähig, was Válek macht, und eine psychische Grenzerfahrung. Ich schreibe dies, ohne mich über Petr Válek informiert zu haben. Ich weiss nicht, wie weit er in der etablierten Kunst angesehen ist, ich vermute, eher nicht unbedingt. Die grossen Häuser lassen ihn noch nicht auftreten und ausstellen, aber das grosse Haus Youtube ist gefüllt mit Stunden Filmmaterial sehr lustiger, teilweise gewalttätiger, aber auch fast poetischer und minimaler Improvisationen und mechanischer Installationen.
Die Nummer «Improvisation for prepared acoustic guitar and prepared refrigerator» besteht darin, dass Válek auf einem Stuhl sitzt und mit der Gitarre nicht etwa spielt, sondern unkoordiniert mit Gegenständen darauf herumkratzt, die ihm zwischendurch in seiner angespannten Nervosität wieder aus der Hand fallen, dann nimmt er einen Plastikbecher, irgendwann stösst er mit dem Gitarrenkörper an den Kühlschrank daneben und beginnt plötzlich wie eine Furie mit der Gitarre im Kühlschrank herumzustochern und zu rütteln, es fallen wieder Pfannen, Töpfe und Metallschüsseln aus dem Schrank, es scheppert und lärmt überhaupt immer in seinen Filmen, und das macht den Künstler nur noch wilder, und er traktiert den Kühlschrank mit der Gitarre, bis einfach alles, oder ziemlich viel, kaputt ist.
Ein anderer Film heisst «Reparatur des Vogelhauses», und darin bearbeitet Válek ein Holzkistchen mit Werkzeugen in einer unglaublichen Geschwindigkeit und unkoordinierten manischen Art, er sägt und kratzt und schlitzt und schüttelt – und das Vogelhaus wird noch reparaturbedürftiger.
Seine Aktionen führen nicht zu einem Erkenntnisgewinn, die Musikinstrumente erzeugen keine Schönheit; ein arty Approach, der sich in die gentrifizierte Galerie transportieren liesse, ist nicht zu erkennen, der Lärm, den er erzeugt, ist nicht gestaltet, er ist nicht komponiert, er ist ohrenbetäubend. Das Anarchische ist die Essenz, die kindliche Freude am sinnlosen Spektakel. Das Tun Váleks erschafft ein erhebliches Freiheitsgefühl, denn es ist das, was das spielende Kind erlebt, die Unmittelbarkeit der Gegenstände, die wunderbare Abwesenheit irgendeiner Sinnsuche, die Enthemmung. Und als Betrachter erlebt man diese Entfesselung geradezu selbst, man spielt mit.
Ein Youtube-Abend mit dem spinnerten Petr Válek ist so viel erfüllender als das Herunterscrollen von Newsportalen und seine sinnlose Kunst so viel sinnvoller und normaler als das Geschwätz, Gelüge, Quergedenke und Gekeife in der Politik und unserer mit Codes und Symbolen verminten Coronazeit.
Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.