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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
72. Gottes Einfachheit und Unveränderlichkeit.
Fern sei es aber, die Neuheiten körperhafter Veränderungen als im Vater und im Sohn vorhanden anzunehmen, so daß zu Zeiten der Vater zum Sohn spreche, zu Zeiten schweige. Wir denken zwar sehr wohl daran, daß uns einige Male eine Stimme vom Himmel gesandt wurde, damit die ausdrückliche Bekundung des väterlichen Wortes das Geheimnis des Sohnes bei uns befestige, wie der Herr sagt: „Nicht meinetwegen kam diese Stimme vom Himmel her, sondern euretwegen.”1 Im übrigen bedarf Gottes Wesen nicht der vielfältigen, notwendigen Voraussetzungen menschlicher Betätigung, des Bewegens der Zunge, des Bemühens des Mundes, des Ansetzens des Atems, des Stoßens der Luft. Gott ist einfach, nach unserem Glauben gilt es ihn zu erkennen, mit Ehrfurcht zu verkünden. Es gilt aber nicht mit dem Sinnen ihn zu erfassen, sondern ihn anzubeten, weil das begrenzte und schwache Wesen mit seiner meinenden Erkenntnis das Geheimnis des unendlichen und mächtigen Wesens nicht erfaßt.
Er ist also nicht nach Teilen zusammengesetzter Göttlichkeit verschieden, so daß es in ihm nach betroffenem [S. 152] Staunen ein Wollen gebe oder nach dem Schweigen ein Sprechen oder nach der Muße ein Tun; oder daß man bei ihm das Wollen von etwas nur dann annehmen dürfe, wenn er dazu veranlaßt wurde; oder er nur dann etwas sprechen könne, wenn nach einem Schweigen Worte vernehmbar würden; oder er nur dann als tätig erkennbar sei, wenn er ein Werk in Angriff nehme. Derjenige unterliegt nicht den Naturgesetzen, von dem her jegliches Wesen sein Gesetz überkommt; er ist auch nicht in irgendeiner Hinsicht durch Schwachheit oder Veränderlichkeit des Wirkens befangen, er, der außerhalb allen Maßes der Macht ist, nach dem Wort des Herrn: „Vater, alles ist dir möglich”,2 so daß also Gott soviel vermag, wie Menschensinn nicht faßt. Aber nicht einmal sich selbst hat er die Kraft der Allmacht vorenthalten, nach seinem Wort: „Alles, was der Vater tut, eben das tut der Sohn in gleicher Weise.”3 Da ist keine Schwierigkeit, wo es keine Schwäche gibt; denn der Schwäche unterliegt nur diejenige Macht, die des Handelns unmächtig ist. Das Wesen der Schwierigkeit beruht nämlich in der Schwäche der Kraft, die aber durch kein Gesetz der Schwachheit gehalten wird, sofern sie4 für die Macht keine Grenze besitzt.
1: Joh. 12, 30.
2: Mark. 14, 36.
3: Joh. 5, 19.
4: die Kraft.