Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03362.jsonl.gz/2219

Aktualisiert: 5. Juni 2022
Zur Frühgeschichte der Lesegesellschaft Wollishofen (1798-1850)
1798 – das Jahr ist wichtig für die Schweizergeschichte. Im Frühjahr 1798 drangen napoleonische Truppen gegen Bern vor, und besiegen den Vorort der Eidgenossenschaft im Gefecht beim Grauholz. Die fortschrittlichen Parteigänger, vor allem auf dem Land – man nannte sie «Patrioten» –, witterten Morgenluft und befreiten die ehemaligen Untertanen von der städtischen Herrschaft. An vielen Orten der Zürcher Landschaft und anderswo wurden Freiheitsbäume aufgestellt, in Wollishofen gründete man eine Gesellschaft, die später zur Lesegesellschaft wurde und die bis heute weiter besteht. 1798 hiess der Verein aber «bürgerliche Privat Abend Gesellschaft zu Wollishofen»; die Protokolle sind erhalten und werden in der Handschriftenabteilung der Zürcher Zentralbibliothek aufbewahrt.*
Vor 1798 wäre eine Vereinsgründung auf der Zürcher Landschaft unmöglich gewesen, jedenfalls wenn man den Zweck der Gesellschaft genauer ansieht: «Da einige gut gesinnte Bürger der Gemeind Wollishofen, auf Gesinnungen [auf die Idee] gekommen, daß es besonders in den gegenwertigen Zeitumständen wohl gethan seÿn würde, wen[n] eine Gesellschaft von gut denkenden Mit Bürgeren errichtet werden könnte. – Der Zwek dißer Gesellschaft ist! Sich über allerhand vergangene, gegenwertige und zukünftige Sachen oder Angelegenheiten zu berathen und darüber zu disponieren, welches gewiss nicht ohne Nuzen seÿn würde.» So festgehalten zu Beginn des ersten Protokollbuchs der Gesellschaft.
Gesetz der Gesellschaft
Die Sitten waren streng. Das «Gesez» der Gesellschaft hielt nicht nur fest, dass es einen Präsidenten und einen Sekretär geben sollte, sondern stellte auch für die Mitglieder klare Regeln auf. Der Besuch der Sitzungen war obligatorisch, bei Absenzen hatte man eine Busse von 5 Franken zu bezahlen, bei zu spätem Ankommen immerhin noch 2 Franken. Einen eigentlichen Mitgliederbeitrag kannte man nicht, hatte aber zehn Franken Einstands-geld zu bezahlen, und auch bei «besonderen Anlässen», bei Heirat, Taufen, Wahl in eine Ehrenstelle u.a.m. war man eine Spende schuldig. Diese strengen Regeln gaben immer wieder Anlass zu Diskussionen, auch zu Austritten, aber bis über die Jahrhundertmitte hinaus blieben sie im Wesentlichen unverändert.
Die Gesellschaft hatte in den ersten Jahren zwischen zehn und fünfzehn Mitglieder, jedenfalls war man bestrebt, diese Grösse zu halten. Wie genau die Austretenden oder durch Tod verlorenen Mitglieder ersetzt wurden, ist nirgends festgehalten. Teils meldeten sich Interessenten selber beim Präsidenten, teils schlug dieser befreundete Dorfgenossen und -grössen vor, die nach Zustimmung des Vereins für eine Mitgliedschaft angefragt wurden. So heisst es etwa im Protokoll 1813, aufgrund des Vorschlags des Präsidenten habe die Versammlung beschlossen, «Friedensrichter Bosshard auf dem Muggenbühl als Mitgesellschafter zu erbitten». Oder 1814 wurde «Seckelmeister Staub», der aus Thalwil zugezogene Finanzvorstand, befragt, «ob er nicht Lust habe, unser Gesellschaft anzunehmen.» Die Angefragten waren in der Regel geehrt und sagten einer solchen Anfrage zu. Nach anfänglicher Abwehr wurde es bald auch möglich, dass Auswärtige – Kilchberger oder Männer aus der Enge – Mitglied wurden.
Von der Gesellschaft von Freunden zur Lesegesellschaft
Wo sich die Gesellschaft zu ihren Sitzungen traf? In den Protokollen der Frühzeit ist jeweils kein Sitzungsort vermerkt. Ein Eintrag 1812 bringt uns in dieser Frage aber weiter. Es heisst dort: «Nach Caspar Aspers unseres Mitglieds erfolgtem Tod, welcher von allen bedauert wurde, war die Gesellschaft abwechselnd, bald in Nummer 52, Nummer 86, später im Wirtshaus.» Daraus können wir schliessen, dass die Gesellschaft oft bei Caspar Asper – in der Mutschelle – zu Gast war, später dann abwechselnd bei verschiedenen Mitgliedern; die Nummern dienten dazu, die zahlreichen namensgleichen Wollishofer – Asper, Hausheer, Arter, Honegger usw. – zu unterscheiden. Die Nummern waren noch keine Hausnummern im heutigen Sinne, vielmehr dürften sie den Assekuranznummern der Höfe entsprochen haben (1808 beschloss der Zürcher Kantonsrat die Einführung einer obligatorischen Brandversicherung, jedes Haus erhielt eine Nummer, eben eine Assekuranz-Nummer).
Die Gesellschaft war eine Gesellschaft von Freunden. Deshalb nannte sie sich 1826, in einer neuen Ordnung, «freundschaftliche Abendgesellschaft zu Wollishofen». In jener Zeit abonnierte die Gesellschaft mehr und mehr auch Zeitungen und Zeitschriften, und legte sich eine Bibliothek an. An der Sitzung vom 6. Januar 1827 etwa heisst es im Protokoll: «Schritt man zuerst, nach dem man die neuen Züricher Zeitungen, den Schweizer Bothen und die obergerichtlichen Annalen gelesen, zur Wahl eines Presidenten und Sekretärs: Gemeindeammann Wilhelm Hausheer im Lee sowie Wilhelm Hausheer, Med. Dr.» Und kurz darauf erstand man das Buch von Pfarrer Markus Lutz: «Die vollständige Beschreibung des Schweitzerlandes». Ein diesbezüglicher Antrag «wurde angenohmen.» Das war nicht billig: Kostenpunkt: 4 Gulden 30 oder 6 Franken 7 ½ Batzen.
Diese Tendenz zur Bildungsorganisation begann bereits um 1820; in der Rechnung 1822 befanden sich unter den Auslagen folgende Positionen: die Obergerichtlichen Annalen, die Monatschronik, zwei Bücher von Ignaz Troxler (worunter Fürst und Volk), das Zürcher Pfandrecht von Gottfried von Meiss, Heinrich Zschokkes Schweizer Geschichte, die Schweizerischen Jahrbücher sowie Zschokkes «Der aufrichtige Schweizerbothe». Kam ein neuer Antrag für eine Anschaffung, so bildete man eine kleine Kommission, die die Anschaffung des Buches prüfte – und einen Antrag stellte. So kam mit der Zeit eine rechte Bibliothek zusammen. Mit der Zeit wurde die Bibliothek zum wichtigsten Teil des Vereins, ab 1858 nannte man sich deshalb «Lesegesellschaft Wollishofen».
Geselliges Reisen
Zum geselligen Leben gehörten auch gemeinsame Reisen. Das erste Mal – im Jahre 1800 – gings nur gerade zum Ausflugsrestaurant auf dem Höckler. Später begab man sich nach Regensberg, fuhr zur Linth, mindestens zweimal war man auf dem «Rigiberg», einmal reiste man nach Winterthur. 1808 auf der Exkursion zur Linth waren neben elf Mitgliedern auch «vier Jungferen» zugegen, 1814 auf der zweiten Rigireise ebenfalls zwei Frauen: Verena Hausheer sowie die Tochter von Wilhelm Hausheer. Als Mitglieder waren Frauen indessen nicht vorgesehen. 1813 beschloss man, in der Gesellschaft mehr «staatsbürgerlichen Unterricht» zu veranstalten. Insbesondere in Sitzungen mit wenigen Traktanden sollten «Cantonalgesetze verlesen» oder «Schweitzergeschichte» vorgetragen (und diskutiert) werden.
Das wichtigste war aber die Freundschaft und die friedliche Diskussion kontroverser Themen. So notierte der Sekretär Asper 1809 bei der 1. Januarsitzung: Es «wurde discoursife geredet und ein Glas Wein mit Freundschaft getrunken.» Und zum Schluss des Jahres feierte man Silvester miteinander: «Wurde freundschaftlich discursive geredt bis zu Ende des alten und Anfang des neuen Jahres, wo man dann unter Anwünschung Gottes Segens und alles Wohlergehens auf das neue Jahr auseinander nach Hause ging.»
Carl Honegger. Geschichte der Lesegesellschaft Wollishofen. Zürich 1898.
Ich wurde auch schon gefragt, ob die Wollishofer Lesegesellschaft in der Frühzeit, als bürgerliche Abend-Gesellschaft, eine vornehme Gesellschaft, eine Vereinigung der Noblen des Ortes gewesen sei. Um die Frage schlüssig zu beantworten, bräuchte es wohl noch weitere Abklärungen und Untersuchungen. Es ist aber – betrachtet man die Namen und Ämter der Mitglieder – schon auffällig, dass es eher ehrbare Männer des Dorfes waren, die zur Gesellschaft stiessen. Eine klare politische Richtung scheint indessen nicht vorgeherrscht zu haben. Weder waren 1798 nur Patrioten noch 1842 ausschliesslich liberale Mitglieder mit von der Partie. Es scheint allerdings, dass die Wollishofer Mitglieder eher noch Besitzer von bäuerlichen Anwesen waren, ohne damit auszudrücken, dass sie ausschliesslich von der Landwirtschaft gelebt hätten – gerade der Besitzer des «grössten» landwirtschaftlichen Anwesens, Heinrich Honegger (1773-1842), war im Hauptberuf Seidenfabrikant, und politisch Zeit seines Lebens immer wieder engagiert.
Die Abend-Gesellschaft war eine Vereinigung von Männern, die gerne diskutierten und im Bedarfsfalle auch Probleme lösen bzw. anpacken wollten; sie waren sich freundschaftlich zugetan – damit erinnert die Vereinigung an heutige Zünfte oder Clubs. Die Mitglieder waren politisch interessiert, dennoch kann Gesellschaft nicht einfach als Vorform von politischen Parteien angesehen werden.
(Fortsetzung folgt!)
(SB)
* Bürgerliche Abendgesellschaft, Zentralbibliothek Ms Z III 239-61.