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«Flüchtlinge leisteten schwere körperliche Arbeit»
Barbara Häne über ein Fotoalbum aus der Schweizer Kriegszeit
Das Jüdische Museum bewahrt ein Fotoalbum aus der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs (JMS 930). Forscherin und Historikerin mit Schwerpunkt schweizerisch-jüdische Flüchtlingshilfe, Barbara Häne, erschloss das Album im Rahmen des Digitalisierungsprojekts 2022. Naomi Lubrich fragte sie, was sie im Album entdeckt hat.
Naomi Lubrich: Liebe Barbara, was ist das für ein Fotoalbum, das Du erforscht hast?
Barbara Häne: Das Album gehörte Leo Sternbach, der im November 1938 von Wien nach Diepoldsau (St.Gallen) geflohen war und in verschiedenen Arbeitslagern interniert wurde. Die Fotos zeigen den Alltag der Flüchtlinge im Lagersystem der Schweiz, im Strassenbau und bei der Arbeit in der Küche, aber auch in ihrer Freizeit, etwa beim Fussballspiel. Dieses Fotoalbum ist ein eindrückliches Zeugnis der Lebenswirklichkeit jüdischer Flüchtlinge.
NL: Du sprichst von Flüchtlingen, nicht von Emigranten. Was ist der Unterschied?
BH: Bis in die 1940er Jahre sprach man von jüdischen Flüchtlingen als «Emigranten». Der Begriff suggerierte, dass es sich nicht um politisch Verfolgte, sondern um unerwünschte Ausländer handelte: «Emigranten» erhielten in der Schweiz nur eine kurzzeitige Aufenthaltsbewilligung, und zwar unter der Voraussetzung, dass sie möglichst bald ins Ausland weiterreisen. Der Aufenthalt war an harte Bedingungen geknüpft. Sie mussten eine Kaution bezahlen oder eine andere Garantie hinterlegen. Und sie mussten beweisen, dass sie konkrete Pläne hatten, in ein Drittland weiterzureisen. Mit der Bezeichnung «Emigrant» brachte man diese nur vorübergehende Aufnahme zum Ausdruck. Die Realität jedoch war, dass die Flüchtlinge aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung überstürzt und ohne konkrete Pläne geflohen waren. Ich bevorzuge daher den Begriff «Flüchtling».
NL: Leo Sternbach wurde in verschiedenen Arbeitslagern in der Schweiz interniert. Warum?
BH: Flüchtlinge erhielten in der Schweiz in der Regel keine Arbeitsbewilligung, sie konnten also keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Stattdessen wurden sie in Lagern interniert, um sie kostengünstig zu versorgen und um staatliche Infrastruktur zu bauen, wie etwa Strassen. Die Schweiz war auf billige und kräftige Arbeiter angewiesen, da die eigenen jungen Männer Wehrdienst leisteten. Es war die Zeit der Generalmobilmachung. Die Arbeiten, die Flüchtlinge verrichten mussten, waren körperlich hart und die Unterkünfte äusserst bescheiden, wie man auf den Fotos sieht, egal ob im Lager in Diepoldsau, St.Gallen, Bad Schauenburg, Baselland oder im Arbeitslager Zweidlen-Weiach bei Zürich, wo Leo Sternbach jeweils stationiert war. Er hatte übrigens Glück: Er wurde der Küchenmannschaft zugeteilt, wo die Arbeit weniger anstrengend war. Flüchtlinge erhielten zwar eine Vergütung, aber eine ausserordentlich geringfügige. Der grösste Teil durfte nicht frei verwendet werden, sondern wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, das nur für die spätere Emigration eingesetzt werden sollte.
NL: Weiss man etwas über Leo Sternbachs Leben nach den Arbeitslagern?
BH: Im Fotoalbum sieht man Leo Sternbach auch nach dem Krieg. Er blieb mit seinen Schicksalsgenossen aus den Arbeitslagern in Kontakt. Sie wurden Freunde. Die Fotos zeugen aber davon, dass viele jüdische Flüchtlinge nach dem Krieg nicht in der Schweiz bleiben konnten, sondern in ein Drittland auswandern mussten. Was überraschen mag: Viele Fotos aus den Arbeitslagern sind fröhlich und zeigen neben schwerer Arbeit auch unbeschwerte Momente, etwa beim Besuch eines Schwimmbads. Besonders interessant finde ich auch die Aufnahmen, die davon zeugen, dass jüdische Feiertage im Arbeitslager gefeiert wurden, zum Beispiel Rosch ha-Schana im Flüchtlingslager Diepoldsau oder Sukkot und Chanukka im Arbeitslager Bad Schauenburg.
NL: Liebe Barbara, vielen Dank für Aufarbeitung dieses Kapitels der Schweizer Geschichte.
verfasst am 22.06.2023