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Tatjana Schönwälder/ Katrin Wille / Thomas Hölscher
Eine Einführung in die "Laws of Form"
Verlag für Sozialwissenschaften 2004
0. Kapitel:
Womit der Anfang gemacht wird Katrin Wille
Dem Haupttext der Laws of Form ist eine Reihe von Schriftzeichen vorangestellt. Den meisten westlichen LeserInnen tritt damit zu Beginn des Textes ein fremdes Schriftbild entgegen, unübersetzt und unkommentiert. Die dieser Sprache unkundigen LeserInnen werden im Dunkeln gelassen Ober Bedeutung, Sinn, genauen Ort.' Es liegen vor allem drei Wege nahe, mit dieser Situation umzugehen:
Ein erster Weg ist, die fremdartige Zeichenreihe ästhetisch als Kalligraphie aufzufassen und nach kurzer Betrachtung in den ,eigentlichen' Text einzutreten. Ein zweiter Weg ist, sich auf der Suche nach Sinn, Art und dem genauen Ort des Textes ein paar Schritte weit in eine fremde Welt zu begeben. Ein dritter Weg ist, sich zu fragen, wieso diese Zeichen unmittelbar vor dem ersten Kapitel stehen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen ihrer Bedeutung, dem Ort, an dem sie stehen und dem Inhalt der Laws of Form?
Wir wollen den ersten Weg wiederum unseren LeserInnen überlassen und die beiden anderen Wege nacheinander einschlagen. Der zweite Weg führt uns in die altchinesische Welt des Daodejing (Tao-Te-King).
Der Satz und sein Kontext im "Daodejing"
Die chinesische Zeichenreihe ist der dritte Vers aus dem ersten Kapitel des Daodejing von Laozi (Lao-tse)2:
Wu ming tian di zhi shi
Nicht Name Himmel Erde von Anfang
Da das Chinesische eine isolierende und keine flektierende Sprache ist, gehört zu dem chinesischen Satz eine Ambiguität, die in den westlichen Sprachen durch die Entscheidung für eine Wortart verloren geht.3 Die Ambiguität hängt an der grammatischen Rolle des ersten Wortes wu: nicht, ohne, Nichts. Möglichst wörtlich übersetzt lauten die beiden Varianten:
(1) Ohne Name ist der Anfang des Himmels und der Erde.
(2) ,Nichts' ist Name des Anfangs von Himmel und Erde.
In der Mehrzahl der englischen und deutschen Ubersetzungen wird die erste Variante gewählt, es findet sich aber auch eine ganze Zahl englischer, deutscher und französischer Übersetzungen, die der zweiten Variante folgen.4
In den beiden zentralen klassischen Kommentaren des philosophischen und
des religiösen Daoismus, dem des Wang Bi und dem des Heshanggong, wird die Ambiguität dieser Stelle deutlich:
Wang Bi: "All being originated from nonbeing. The time before physical forms and names appeared was the beginning of the myriad things."5
Heshanggang: "The nameless designates the Tao. Tao is without form. Therefore it cannot be named."6
Die Ambiguität richtet sich also auf die Art des Anfangs. Ist der Anfang ohne Namen oder ist der Name des Anfangs ,Nichts' oder, wie in manchen Übersetzungen zusammengezogen wird, ist der Anfang Nichts? Oder ist der Anfang eben dieses Vexierbild?
Der Vers gehört zu einer Einheit von vier Versen, mit denen das erste Kapitel beginnt. Die vier Verse lauten in einer möglichen Übersetzung:
1 Der Weg, der wirklich Weg ist, ist ein anderer als der unwandelbare Weg.
2 Die Namen, die wirklich Namen sind, sind andere als unwandelbare Namen.'
3 Namenlos/Nichts ist der Anfang von Himmel und Erde.
4 Der Name ist die Mutter der zehntausend Dinge.