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Die Bluttat, die 1998 die Schweizergarde erschüttert hat, soll nochmals untersucht werden. Ein entsprechendes Gesuch wurde beim Papst eingereicht.
Am 4. Mai 1998 erschoss der 23 Jahre alte Walliser Gardist Cédric Tornay den nur Stunden zuvor ernannten Garde-Kommandanten Alois Estermann und dessen Ehefrau Gladys in ihrer Dienstwohnung. Kurz darauf richtete sich Tornay selbst.
Gemäss der offiziellen Version des Vatikans hatte Tornay seinen Vorgesetzten Estermann in Rage erschossen, weil dieser ihm eine Auszeichnung verwehrt habe.
Die Zweifel der Mutter
Der bekannte französische Anwalt Jacques Vergès und sein Landsmann Luc Brossollet haben nun auf Ersuchen der Mutter Tornays am 11. April beim Vatikan ein Gesuch eingereicht, die Bluttat nochmals zu untersuchen. Vergès ist berühmt für die Verteidigung des ehemaligen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie, sowie des Top-Terroristen "Carlos".
Der Antrag der Anwälte ist in vier Teile gegliedert und umfasst Fragen zu den Bereichen: Gerichtsmedizin, Ballistik sowie kritische Fragen zur Persönlichkeit Tornays und zu einem Abschiedsbrief, den dieser hinterlassen haben soll.
Weitere Details wollen die beiden Anwälte am 27. April in Martigny im Kanton Wallis bekannt geben. Tornay war aus Martigny und ist auch dort bestattet.
Seit 1999 ad acta
Der Fall war im Februar 1999 zu den Akten gelegt worden. Die Justiz des Vatikans war zum Schluss gekommen, dass ausser Korporal Cédric Tornay keine andere Person als Mörder in Frage komme.
Dessen Tat sei eine Kurzschlusshandlung gewesen. Seine Hemmschwelle sei aus psychischen und physischen Gründen erheblich herabgesetzt gewesen.
Laut den Ermittlungsbehörden könnte die Ursache von Tornays Verhalten eine taubeneigrosse Geschwulst unter der Gehirnhaut gewesen sein. Auch wurde bei der Obduktion eine Lungenentzündung festgestellt. Der Korporal habe zudem Haschisch geraucht, wenn auch nicht unmittelbar vor der Tat.
Die Mutter Tornays hatte der Version des Vatikans stets widersprochen. Sie hatte auch erklärt, sie habe Beweise, dass ihr Sohn ermordet worden sei.
Wenig Hoffnung auf Wiederaufnahme
Derzeit erscheint es wenig wahrscheinlich, dass das vom Vatikan ad acta gelegte Verfahren nochmals aufgerollt wird. Beim Gericht des Kirchenstaates hiess es am Dienstag, man habe bisher kein Gesuch um Wiederaufnahme erhalten.
Zudem verfügen weder Vergès noch Brossollet über die notwendigen Akkreditierungen, um im Vatikan juristisch aktiv zu werden. Ein erster Antrag auf eine tempöräre Akkreditierung wurde nach Aussagen Brossollets abgelehnt.
Zudem könnte nur der Papst selber im jetzigen Zeitpunkt noch für eine Wiederaufnahme der Untersuchungen sorgen. Und ob sich der Vatikan nochmals mit der Bluttat von 1998 befassen will, ist äusserst fraglich.
Tabu Homosexualität
Nach dem Drama war auch von homosexuellen Beziehungen zwischen Tornay und Estermann die Rede gewesen, doch blieb dies immer Spekulation. Mit dem Thema Homosexualität und Pädophilie jedoch ist der Krichenstaat zur Zeit stark konfrontiert.
Vor allem in die USA häuften sich in den vergangenen Monaten die Klagen über sexuelle Übergriffe von Priestern auf Kinder und Jugendliche. Der Skandal zieht immer weitere Kreise.
In Zusammenhang damit bestellte Papst Johannes Paul II. insgesamt 13 Bischöfe aus den USA nach Rom. Unter den nach Rom Zitierten ist der Kardinal von Boston, Bernhard Law, der als Vertrauter des Papstes gilt.
swissinfo und Agenturen