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Bei der Multiplen Sklerose führen akute und chronische Entzündungen zu einem Verlust von sogenannter weisser Substanz des zentralen Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark. Die weisse Substanz entspricht den Myelin-Hüllen, welche die Nervenfasern umgeben und wichtig für die Signal-Übertragung sind. Fehlt das Myelin, liegen beispielsweise sonst verdeckte Kaliumkanäle frei, also Strukturen, durch die elektrisch geladenes Kalium aus der Nervenfaser in die Umgebung gelangen kann. Durch den unkontrollierten Kaliumausstrom kommt es zu einer Störung der elektrischen Ladung der Nervenfasern, und die Signal-Übertragung ist gestört. Je nachdem, welche Stellen des zentralen Nervensystems von solchen Entmarkungen betroffen sind, treten unterschiedliche Symptome auf; zum Beispiel eine Störung der Gehfähigkeit. Eine eingeschränkte Gehfähigkeit wird von vielen Betroffenen als vordringliches Problem empfunden.
Verbesserte Signalübertragung
Ein neuer Ansatz zur Behandlung von MS-bedingten Gehstörungen ist das in Tablettenform verfügbare Medikament Fampridin-Retard. Der hierin enthaltene, schon seit vielen Jahren bekannte Wirkstoff ist 4-Aminopyridin. Dieser verschliesst einige der offenstehenden Kaliumkanäle, wodurch sich die Signalübertragung in demyelinisierten Nervenfasern verbessern kann. In Nordamerika wurden zwei klinische Studien mit Fampridin-Retard durchgeführt, deren Ergebnisse 2009 und 2010 veröffentlicht wurden. MS-Betroffene mit eingeschränkter, aber nicht verlorener Gehfähigkeit haben an der Studie teilgenommen. Bei einem Teil der Untersuchten wurde eine deutliche Zunahme der Gehgeschwindigkeit beobachtet. Die Testgruppe hat das Medikament insgesamt gut vertragen, es kam jedoch teils zu eher leichteren Nebenwirkungen wie Unwohlsein, Schwindel und Kopfschmerzen, aber auch etwas vermehrt zu Harnwegsinfektionen. Soweit wir heute wissen, beeinflusst Fampridin-Retard nicht den Verlauf der Multiplen Sklerose, sondern kann Symptome, insbesondere Störungen des Gehens, für die Dauer der Einnahme lindern. Ob dieser Effekt auch noch nach Jahren anhält, ist nicht ausreichend untersucht.
Detail-Analysen sind in Gang
In Amerika, Australien und der Europäischen Union ist Fampridin-Retard zur Behandlung MS-bedingter Gehstörungen zugelassen, in der Schweiz bisher nicht. Die Swissmedic, die in der Schweiz zuständige Behörde, kritisierte unter anderem das Fehlen von Langzeitdaten und empfahl eine genauere Analyse der Effekte von Fampridin auf die Gehfunktion bei MS. In einer am Universitätsspital Zürich seit März 2012 durchgeführten Phase-IIb- Studie werden solche Detail-Analysen durchgeführt. An der Studie nehmen Patienten mit unterschiedlichen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose (schubförmig, primär progredient, sekundär progredient) und einer eingeschränkten, aber erhaltenen Gehfähigkeit teil. Das Ende der Studie wird für Anfang 2013 erwartet, kurze Zeit später werden erste Ergebnisse vorliegen. Details zu dieser Studie sind im öffentlichen Studienregister zugänglich. Eine weitere Studie ist geplant und wurde bereits von der Swissmedic genehmigt.