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Alexander Schulz: Die Jubiläums-Kiïv
Bei der Kiïv, einer speziell gravierten Namensvariante der Kiev, handelt es sich um eine Kamera, die 1958/59 aus Anlass des 40jährigen Jubiläums der Ukrainischen Sozialistischen Volksrepublik in einer, wie es scheint, sehr begrenzten Stückzahl hergestellt wurde. Dabei ist "Kiïv" der Name in ukrainischer Sprache, während "Kiev" der russische Name für die ukrainische Hauptstadt ist.
"Dies ist keine sowjetische Kamera, es ist eine deutsche Kamera, die in der Sowjetunion hergestellt wurde." Mit diesen Worten zitiert Peter Hennig einen schwedischen Händler russischer Kameras nach dem Fall der Sowjetunion (Anm. 1). In der Tat, ist die Kiev kein schnödes Plagiat, sondern eine völlig legale Replik der legendären Contax von Zeiss Ikon, die in der Ukrainischen Sozialistischen Volksrepublik hergestellt wurde, und auf welche dieser Staat besonders stolz war. Dabei war zu Beginn, 1945, der Herstellungsort Kiev, die Hauptstadt der Ukraine, noch gar nicht im Gespräch gewesen.
Von der Wolga an den Dnjepr
Nach der Besetzung Thüringens durch die sowjetischen Truppen am 1. Juli 1945 war zunächst noch geplant, die Contax für den russischen Bedarf bei Carl Zeiss Jena herstellen zu lassen, solange eine Produktion bei Zeiss Ikon im zerstörten Dresden unmöglich sei. In der Folge jedoch änderten die Sowjets ihre Absicht und ließen am 17. Oktober 1945 die Jenaer Geschäftsleitung durch Major Turygin wissen, "dass in Russland selbst die Contax-Fabrikation aufgenommen werden soll." Ferner teilte der Offizier mit, "dass zur Planung und Unterstützung des Fertigungsanlaufes einzelne Spezialisten für eine gewisse Zeit nach Russland entsandt werden müssen. Die Fertigung wird an einem noch festzulegenden Ort zusammengefasst, und zwar wird Optik und mechanische Fertigung in einem Betrieb vereinigt." Als Termin für die Vollendung des gesamten Projekts wurde der 1. März 1946 bestimmt (Anm. 2).
Im Oktober 1945 stand also der Standort der russischen Contax-Produktion noch nicht fest, und auch in der Folgezeit wurde immer nur von der "russischen Contax-Fabrik" gesprochen, ohne dass ein Ort dafür genannt wurde. So heißt es beispielsweise in einer Aktennotiz vom 29. Dezember 1945 über die "Erstellung von 73 Optik-Maschinen für das Contax-Werk in Russland": Es "muss nochmals festgestellt werden, dass der Termin, 1. März 1946, nicht zu halten ist. Bereits am 3. 12. 1945 wurde darauf hingewiesen, dass eine Verzögerung von mindestens 3 Monaten eintritt."
Einen ersten Hinweis für den neuen Produktionsstandort der russischen Contax liefert eine Aktennotiz vom 11. Januar 1946. Darin heißt es zum Schluss lapidar: "Die Bezeichnung 'Contax' ist nicht mehr anzuwenden. Die Kamera trägt nunmehr den Namen 'Wolga'."
Der Name "Wolga" legt die Vermutung nahe, dass mittlerweile eine an diesem Fluss gelegene Stadt als Produktionsstandort für die Kamerafertigung ausersehen worden war. Und welche Stadt wäre dafür eher in Frage gekommen, als Stalingrad selbst? Denn Stalins Politik war es damals gewesen, Städte in der Sowjetunion, die sich im Großen Vaterländischen Krieg besonders verdient gemacht hatten, dadurch auszuzeichnen, dass sie deutsche Industrie-Einrichtungen erhielten (Anm. 3).
Das ganze Jahr 1946 wurde dann die Produktion der "Wolga" vorbereitet. So hat sich aus dieser Zeit eine Detailzeichnung erhalten, welche in kyrillischen Buchstaben den Namen "Wolga" zeigt, der den nunmehr obsoleten Namen "Contax" ersetzen sollte. Auch scheint es bereits Prägewerkzeuge für das Namensschild "Wolga" gegeben zu haben, sonst hätten die Kameraschilder in der Folgezeit nicht wieder geändert werden müssen. Das Gleiche gilt auch für die Werkzeuge zur Prägung des Namens "Wolga" auf den Bereitschaftstaschen.
Inzwischen waren auch 100 Bereitschaftstaschen mit dem neuen Kameranamen bei der Firma Erhardt in Pössneck bestellt worden, die als Vorserie für weitere 10 000 Bereitschaftstaschen gedacht waren, da erklärte am 28. November 1946 der Leiter der russischen Werkskommission bei Zeiss Jena, ein Herr Savanov,
"1.) Die Bezeichnung Contax oder Wolga ist in die Bezeichnung Kiew umzuändern. Entsprechende Entwürfe sind von Herrn Seeberger, Contax-Büro, durchzuführen.
Was für die Kamera selbst vorgesehen war, galt natürlich auch für die bereits genannten Bereitschaftstaschen, heißt es doch in einer Aktennotiz vom 29. November 1946: "Die Bereitschaftstaschen sind für die Contax-Kamera-II herzustellen, und zwar mit dem Prägezeichen Kiew. Das Prägezeichen Contax oder Wolga ist aus den Werkzeugen zu entfernen und durch Kiew zu ersetzen. Sollten bei der Anfertigung des neuen Prägezeichens größere Zeitverlust auftreten, so sind die ersten 100 Behälter ohne Prägezeichen zu liefern."
Über den Namenswechsel, der am 28. November 1946 in Jena mitgeteilt wurde, lässt sich nur spekulieren. Wenn es zutrifft, dass das russische Contax-Werk ursprünglich hätte in Stalingrad eingerichtet werden sollen, dürften technische Schwierigkeiten russischerseits die Ursache für den Ortswechsel nach Kiew gewesen sein. Zwar sollten sämtliche Spezialmaschinen aus Jenaer Beständen zur Verfügung gestellt beziehungsweise von Jena beschafft werden. Was jedoch die Russen zu stellen hatten, war die Infrastruktur mit immerhin insgesamt 11500 qm Raumfläche sowie einer Belegschaft von etwa 1150 Personen, und daran dürfte es in einer derart durch den Krieg verwüsteten und zerstörten Stadt wie Stalingrad gehapert haben. In Kiew jedoch waren mit dem Zavod Arsenal, einem renommierten und erfahrenen Betrieb, die Möglichkeiten gegeben, die Produktion einer solch technisch aufwendigen Kamera wie der Contax aufzuziehen. Dieses Werk hatte während des Krieges erhebliche Schäden erlitten, war aber in den Jahren 1945/46 wieder vollständig aufgebaut worden.
Und noch ein Moment dürfte bei der Entscheidung für Kiev als Herstellungsort ausschlaggebend gewesen sein. Mit der Verlagerung der Contax/Kiev-Produktion wurde die nationale Eigenständigkeit der Ukraine betont, die neben Weißrussland und Russland als dritter Staat innerhalb der Sowjetunion Sitz und Stimme in den Vereinten Nationen besaß (Anm. 4). Und so geschah es, dass Jena im Oktober 1947 als Reparationsleistung drei komplett neue Kameraproduktionslinien in die Sowjetunion lieferte. Es dauerte aber noch bis 1949, bis die offizielle Produktion der Kiev-Kamera in der Ukraine im Zavod Arsenal Kiev anlief. Die Kamera wurde dann bis 1986 hergestellt, als längst bereits die in Stuttgart hergestellte Contax den Weg ins Kamera-Walhall angetreten hatte.
KIEV – KIÏV
Mit der Wahl von Kiev als Produktionsstandort für die Contax-Replik sollte zweifellos der ukrainische Nationalgedanke gefördert werden, und als zehn Jahre später, 1957, die Ukraine, das vierzigjährige Jubiläum ihrer Staatsgründung beging, fand auch dieses Ereignis sinnfälligen Ausdruck in einer Sonderserie der Kiev-Kamera. Dabei handelt es sich um eine Kiev 3a, die statt der auf russisch, in kyrillischen Buchstaben geschriebenen Bezeichnung "Kiev" den Kameranamen in ukrainischer Sprache aufweist, nämlich "Kiïv", während der in lateinischer Schrift wiedergegebene Name unverändert "Kiev" heißt (Anm. 5). Auch die Herkunftsbezeichnung ist nicht konsequent, heißt es doch im Sucherschuh über der Gehäuse-Nr.: Сделано в СССР (Hergestellt in der UdSSR).
Bisher haben sich nur Kiev-Kameras mit Belichtungsmesser mit dieser ukrainischen Beschriftung gefunden, während derartige Kiev 2a-Kameras ohne Belichtungsmesser nicht bekannt geworden sind.
Insgesamt sechs Kiev 3a-Kameras mit der Kiïv Beschriftung sind bisher aufgetaucht, die in den Jahren 1958 und 1959 entstanden sind. Von einer dieser Kameras mit der Gehäuse-Nr. 58 31760 hat sich der Kamerapass mit dem Herstellungsdatum 28. Dezember 1958 erhalten. Die letzte bekannte Kiïv-Kamera trägt die Gehäuse-Nr. 59 0116.
Die sechs Kameras sind:
Darüber hinaus gibt es noch eine Kiev 4 mit dem Kiïv-Schriftzug (Nr. 58 6213, Claudio Asquini).
Aus den Gehäuse-Nummern geht also hervor, dass die Kiïv-Kameras Ende Jahr 1958 beziehungsweise Anfang 1959 entstanden sind. Dass sie dennoch an das Jubiläum der Staatsgründung im Jahre 1957 erinnern sollen, beweist die Kameraschachtel, die in bisher zwei Exemplaren aufgetaucht ist (Anm. 6). Sie trägt in ukrainischer Sprache die Aufschrift: "Ювілейний 40 Років УРСР (Украінская Радианская Созиалистичная Республика) 1957 ФОТОАПАРАТ КИїВ" (Zum Jubiläum 40 Jahre Ukrainische Sozialistische Volksrepublik Fotoapparat KIÏV).
Im Gegensatz zu den üblichen Kiev-Schachteln, in welche die Kameras genau hineinpassen, verlieren sich die Kameras in der Jubiläumsschachtel, sind ihre Maße doch darauf ausgelegt, die Kamera inklusive Bereitschaftstasche aufzunehmen.
Zehn Jahre später, anlässlich der fünfzigjährigen Wiederkehr der Aufnahme der Ukraine in den Verband der Sowjetunion, war der Aufwand viel bescheidener. Hier erinnerte nur eine Plakette an der Bereitschaftstasche mit der Aufschrift in russischer Sprache: "50 Лет Советской Украины" (50 Jahre Sowjetische Ukraine) an das Ereignis. Die Kamera selbst, die sich in der Tasche befindet, ist eine serienmäßige Kiev 4 mit der Gehäuse-Nr 67 21764.
Anmerkungen
1) Peter Hennig, Kiev Rangefinders (www3.telus.net/public/rpnchbck/zconrfKiev.htm)
2) Besprechung vom 17. 10. 1945. Anwesend: Major Turygin, Dr. Schrade, Holbeck. - Die Kenntnis der Aktenkopien aus dem Jenaer Zeiss-Archiv verdanke ich Kurt Jüttner, Offenbach.
3) Jean Loup Princelle The Authentic Guide to Russian and Soviet Cameras, zweite Auflage, Le Reve Edition, Ondreville sur Essonne, 2004, Seite 206.
4) Princelle, a.a.O., Seite 121.
5) Diese Kamera-Version erstmals vorgestellt zu haben, ist das Verdienst von Claudio Asquini in: Russian, Ukrainian and Soviet Cameras (http://www.geocities.com/asquinet/cameras/kievukr.html).
6) Die erste Schachtel ist im Leicashop-Katalog, Wien 1998, vorgestellt worden, die zweite wurde 2004 bei ebay angeboten. Beide Male enthielten die Schachteln keine Kiïv- sondern herkömmliche Kiev 3a-Kameras.
Rechte
Aufsatz in Photographica Cabinett 2005, alle Rechte liegen bei Alexander Schulz, Eppelsheim.
02.06.2008

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