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Ausgestorbene Tiere
Zu oft auf dem Teller gelandet
Einst war die Wandertaube der wohl häufigste Vogel der Erde. Doch dann kam der Mensch mit immer professionelleren Jagdmethoden. Vor 100 Jahren starb das letzte Exemplar.
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Im Osten Nordamerikas konnte man noch am Ende des 19. Jahrhunderts regelmässig ein unvergleichliches Naturschauspiel verfolgen – den Vogelzug der Wandertaube (Ectopistes migratorius). Augenzeugen berichteten von einzelnen Schwärmen auf dem Weg zu ihren Nistplätzen oder auf Futtersuche, die über acht Kilometer lang und eineinhalb Kilometer breit waren. Millionen von Vögeln flogen so dicht an dicht, dass sie den Himmel verdunkelten. Ein Schwarm folgte dem anderen, und der gesamte Vogelzug erstreckte sich so über mehrere Hundert Kilometer.
Niemand vermag zu sagen, wie gross die Population dieser Art zur Blütezeit tatsächlich war, aber Schätzungen belaufen sich auf bis zu neun Milliarden Exemplare. Selbst wenn die tatsächliche Zahl weit unter diesem Wert liegen sollte, war die Wandertaube der häufigste Vogel des Planeten.
Im Vergleich zu anderen Taubenarten war die Wandertaube von eher schlanker Postur. Ihre schmalen, spitz zulaufenden Flügel, die kräftige Brustmuskulatur und die langen Schwanzfedern zeichneten sie als schnelle Fliegerin aus. Die durchschnittliche Fluggeschwindigkeit der Wandertaube wird mit 100 Kilometern pro Stunde beziffert, obwohl Spitzengeschwindigkeiten von 160 Kilometern pro Stunde vermutet werden.
Die Männchen der Wandertaube zeigten ein farbenfrohes Federkleid. Der schiefergraue Kopf ging in einen grauen Rücken mit Oliv-Einschlag über, und das rötlich braune Brustgefieder kontrastierte mit dem weissen Bauch. Das Nackengefieder schillerte in vielen Nuancen von Grün über Bronze zu Purpur. Die Flügeldecken trugen schwarze Flecken. Die Weibchen sahen den Männchen ähnlich, jedoch waren ihre Farben in schlichteren Grau- und Brauntönen gehalten.
Die Tauben klangen wie Frösche
Andere Tauben nisten selten in Gemeinschaft. Und wenn doch, dann in geringer Zahl. Die Brutkolonien der Wandertaube hingegen konnten sich über einige Dutzend Kilometer Waldgebiet erstrecken, wobei die Vögel in einem mehrere Kilometer breiten Streifen dicht gedrängt in jedem Baum ihren Nachwuchs aufzogen. Der Lärm war weithin zu hören. Im Gegensatz zum typischen Gurren anderer Tauben erinnerten die Rufe der Wandertaube an das Quaken von Fröschen.
Durch ihre unermessliche Anzahl wurde die Wandertaube zu einer beliebten Jagdbeute. Liess sich ein Schwarm in einem Waldgebiet zum Nisten nieder, kamen bald die Jäger. Die bevorzugte Methode der Taubenjagd war das Einfangen grosser Gruppen von Vögeln. Dazu wurden sie durch einen einzelnen angebundenen Vogel, der sich vermeintlich bereits am Futter gütlich tat, auf ein kleines Feld gelockt. Liess sich ein Schwarm ahnungsloser Artgenossen ebenfalls zum Mahl nieder, wurde ein zuvor ausgelegtes Netz eingezogen. Auf diese Weise konnten auf einen Schlag Tausende Vögel eingefangen und dann auf den Märkten zum Verzehr verkauft werden.
Lange Zeit glaubte man, die intensive Bejagung könne der Art nichts anhaben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber brach die Population rapide ein. 1896 wurde die Restpopulation auf 250 000 Wandertauben in einem einzigen Schwarm geschätzt. Wenige Jahre später wurden die letzten wild lebenden Tiere geschossen. Das allerletzte Wandertauben-Exemplar war ein in Gefangenschaft lebendes Weibchen, das auf den Namen «Martha» getauft worden war. Es starb vor genau 100 Jahren – am 1. September 1914 um 13 Uhr im Zoo von Cincinnati (USA) im Alter von 29 Jahren.
Abschuss von Wandertauben. Illustration: Frank Wieland