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Die kreative Klasse
Die Kreative Klasse gilt dank ihrem innovativen Arbeiten als Wachstumsmotor der gesamten Wirtschaft. Doch lässt sich ihr Beitrag in konkreten Zahlen messen?
An Klischees über kreativ arbeitende Menschen mangelt es nicht: Mit Hornbrille auf der Nase und Freitag-Tasche über der Schulter schwingen sie sich um zehn Uhr morgens aufs Fixie und fahren von ihrer Stadtwohnung ins Atelier, unterwegs halten sie beim Bioladen und holen sich einen Soja Latte. Doch Kreative bringen mehr als steigende Umsätze für Velohändler und Reformhäuser. Gemäss dem US-Forscher Richard Florida ist das innovative Arbeiten der «Kreativen Klasse» – den Begriff hat er selber geprägt – ein entscheidender Treiber für wirtschaftliches Wachstum. Florida unterschied in seinem 2002 erschienen Buch «The Rise of the Creative Class» zwei Teilklassen: Den «kreativen Kern», der Neues erschafft in Form von Produkten, Ideen und Prozessen, und das «kreative Fachpersonal», das selber zwar nichts Neues erschafft, aber auch ihre Arbeit erfordert eigenständiges Denken und kreative Problemlösungen.
Das Aufkommen des kreativen Arbeitens erklärt Florida mit Veränderungen des wirtschaftlichen Umfeldes im frühen 20. Jahrhundert. Als die Arbeitsprozesse im Zuge des Fordismus in immer kleinere Schritte aufgeteilt wurden, erledigten die Arbeiter ihre Aufgabe, die oft aus ein paar wenigen, identischen Handgriffen bestand, ohne nachzudenken. Doch nach jahrelangem Einsatz an der Front besassen sie häufig mehr Wissen über die Maschinen und Abläufe als ihre Vorgesetzten – nur fragte sie niemand danach. Erst als der Konkurrenzdruck immer stärker wurde und den schnellen Produktzyklen mit starren Hierarchien kaum noch beizukommen war, begannen die Unternehmen vermehrt, sich dieses Potenzials zu bedienen.
Gemäss Florida verrichteten in den USA um die vorletzte Jahrhundertwende etwa zehn Prozent der Angestellten eine kreative Tätigkeit, hundert Jahre später waren es 30 Prozent. Doch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, denn die Kreative Klasse hat ein Definitionsproblem: Eine strikte Unterteilung in kreative und nicht-kreative Berufe ist, gerade wenn man sich die Entstehungsgeschichte des kreativen Arbeitens in Erinnerung ruft, ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn jedoch die wirtschaftliche Bedeutung der Branche in Zahlen erfasst werden soll, ist dies eine zwingende Voraussetzung.
Klare Definition nötig
Es gibt mehrere Ansätze, anhand derer die Kultur- und Kreativbranche definiert werden kann: vom kulturkritischen Ansatz über das Modell der konzentrischen Kreise bis hin zum WIPO-Modell, das sich praktisch ausschliesslich mit Fragen des Copyrights befasst. Gemeinsam ist den Ansätzen, dass sie für eine wirtschaftliche Betrachtung nicht taugen. Anders der Ansatz, den die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zusammen mit der Stadt Zürich erarbeitet hat. Als «Creative Industries» definieren sie «Kultur- und Kreativunternehmen, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und medialen Verbreitung von kulturellen und kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen». Konkret sind es 13 Teilmärkte, die dazu gezählt werden (siehe Kasten rechts).
Im Jahr 2008, neuere Zahlen gibt es nicht, waren in diesen Bereichen schweizweit rund 40 000 Betriebe mit 200 000 Angestellten tätig. Die Bruttowertschöpfung betrug über 20 Milliarden Franken – 4,2 Prozent des gesamten Bruttoinlandproduktes –, wobei sich das Wachstum seit 2005 ähnlich verhielt wie das der Gesamtwirtschaft. Eine grössere Dynamik entwickelte die Kreativindustrie in der Stadt Zürich, wo die Zahl der Beschäftigten in derselben Zeitspanne um 13 Prozent wuchs, in der Gesamtwirtschaft dagegen nur um 9 Prozent. Die Bruttowertschöpfung betrug 3,2 Milliarden Franken, immerhin 7,7 Prozent des Zürcher Bruttosozialproduktes.
Die Stadt Zürich weiss um dieses Potenzial und versucht, es weiter zu fördern. «Als Teil der wissensbasierten Ökonomie, deren Stellenwert stetig zunimmt, entpuppt sie sich immer mehr als wichtiger Innovationstreiber», schreibt Stadtpräsidentin Corine Mauch im Vorwort des «Dritten Kreativwirtschaftsbericht Zürich». «Kultur- und Kreativstadt Zürich» war sogar der Legislaturschwerpunkt der 2014 endenden Amtsperiode. Viel davon gemerkt hat man als Aussenstehender jedoch nicht. Zwar wurde mit «Creative Zurich» ein offener Zusammenschluss der Kreativbranche unterstützt, doch das mediale Echo hielt sich in Grenzen. Und sowieso: Mit der bewussten Förderung der Kreativbranche ist es so eine Sache, wie das Beispiel «Initiative Kreativwirtschaft Basel» (IKB) zeigt.
Die Grenzen verwischen sich
Das Standortförderungsprogramm wurde vom Kanton Basel-Stadt im Oktober 2011 lanciert und Ende 2013 wie geplant beendet. Gefördert werden sollten drei Teilbereiche der Kreativwirtschaft, die in einer vorgängigen Studie als besonders schlagkräftig eruiert wurden: Design, Architektur und bildende Kunst. Das Programm habe die Ziele mehrheitlich erreicht, schreibt das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit. Trotzdem wurde der Pilotbetrieb nicht verlängert und die Förderung der Kreativbranche wieder in die normale Standortförderung eingebettet. Die konkreten Erfolge der IKB sind somit unklar, was auch damit zusammenhängt, dass es keine neuen Zahlen gibt, die eine quantitative Einordnung erlauben würden.
Vielleicht ist es gar nicht so schlimm respektive der Sache sogar dienlich, dass sich die Kreativwirtschaft nicht so richtig in Zahlen fassen lassen will. Weil sich zum einen die Grenzen zwischen kreativem und nicht-kreativem Arbeiten weiter verwischen werden. Vor allem aber sollte kreatives Arbeiten losgelöst von statistischen und finanziellen Korsetten geschehen. Auch wenn von den Projekten nicht immer ein unmittelbarer wirtschaftlicher Erfolg ausgeht, ist es doch der kreative Branchenkomplex, der Gesellschaft und Wirtschaft mit Innovationen versorgt. Das iPhone beispielsweise hätte wohl nicht eingeschlagen wie eine Bombe, wenn nicht ein Industriedesigner mit Fixie und Soja Latte ein bisschen kreativ gewesen wäre.