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Anne-Claire Küng wanderte bereits im Alter von 18 Jahren aus. Und sie ist es immer noch nicht leid, weit weg von zu Hause zu leben. Die Auslandschweizerin begann ihre Reise 1995 und lebt heute in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington. Zuvor verbrachte sie mehrere Jahre in Warwick und Leeds, sowie in Dublin und Sydney.
Für Anne-Claire Küng ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die verschiedenen Abschnitte ihres bisherigen Lebens zu vergessen. Alles, was sie dafür tun muss, ist, in den Spiegel zu schauen: Ihr Rücken ist mit einem riesigen farbigen Tattoo bedeckt. "Es ist eine Blumenkomposition, ein Strauss aus Blumen, die in den verschiedenen Ländern, in denen ich gelebt habe, typisch sind. Als letzte kam die Zeichnung des Koru hinzu. So heisst der Silberfarn-Wedel in der Sprache der Maori", erklärt sie.
Anne-Claire Küng lebt seit etwas mehr als einem Jahr in Wellington. Wir treffen sie in der Cuba Street, einer Fussgängerzone voller Geschäfte, Bars und Restaurants im Herzen der neuseeländischen Hauptstadt. Die vierzigjährige Weltenbummlerin trägt gelocktes, leicht graues Haar und Brille.
Ein Leben in der Gemeinschaft
Anne-Claire Küng lebt in Wellington in einer Gemeinschaft, wie sie es zuvor in Sydney getan hatte: "Dadurch ist es mir möglich, schnell Freundschaften zu schliessen, eine Art Grossfamilie zu haben und rasch zu lernen, wie ein Land funktioniert", erklärt sie. In der neuseeländischen Hauptstadt schloss sie sich der Stillwaters-Community an, einer christlichen Gemeinschaft, die nur wenige Schritte von der Cuba Street entfernt liegt, im Herzen von Wellington.Infobox Ende
Das Leben einer Studentin
"Ich bin im Pays de Gex in Frankreich aufgewachsen, nur einen Steinwurf von Genf entfernt", sagt sie. Meine Eltern sind aus Appenzell-Ausserrhoden, deshalb habe ich die schweizerische und französische Staatszugehörigkeit." Seit ihrer Kindheit lebt Anne-Claire Küng in einem multikulturellen Umfeld, einem Schmelztiegel, der ihre zukünftigen Entscheidungen beeinflussen sollte.
"Meine Eltern arbeiten in Genf, wie viele andere Pendler in der Grenzregion. Aus diesem Grund sind viele meiner Freunde Kinder von Mitarbeitern internationaler Organisationen oder des CERN. Mit ihnen habe ich gelernt, dass es möglich und fast normal ist, die Welt zu entdecken", erklärt sie.
So entschied sich Anne-Claire Küng nach dem Abitur, in England zu studieren. Das war 1995, und seitdem ist sie nur noch für Urlaub in die Schweiz zurückgekehrt. Inzwischen ist sie seit 24 Jahren auf Reisen.
Sie schrieb sich an der University of Warwick ein, wo sie einen Bachelor- und Master-Abschluss in Französisch machte und dann den Universitäts-Titel "Honours Degree" erhielt. In den Jahren 1999-2000 studierte sie an der University of Leeds, wo sie einen Bachelor- und dann einen Master-Abschluss erwarb. "Da ich einen EU-Pass habe, ist der Unterricht für mich kostenlos", erklärt sie.
Mit ihren Diplomen in der Tasche wäre es an der Zeit gewesen, nach Hause zu gehen. Stattdessen entscheidet sie sich, ihr Studium fortzusetzen. Sie liebt das Studentenleben und will promovieren. Das Thema ihrer Arbeit: die Natur in französischsprachigen Nachrichten in Quebec und der Schweiz. Der einzige Lehrer, der sich auf diesem Gebiet spezialisiert hat, arbeitet in Dublin. Im Jahr 2000 beginnt sie ihre Forschung am Trinity College in der irischen Hauptstadt. "Es war die richtige Wahl. Ich habe mich sofort in die Stadt und ihre Bewohner verliebt", sagt sie.
Von Dublin bis Sydney
Aber Anne-Claire Küng erkennt, dass Unterrichten nichts für sie ist. Deshalb macht sie eine Pause und sucht einen Job ausserhalb der akademischen Welt.
"Ich fand einen Job im Tourismussektor. Es war eine Arbeit, die mir sehr viel Spass machte und die mich langsam, aber sicher vom Lehrstuhl wegführte. Ich gab meine Forschung und sogar meine Doktorarbeit auf, um mich auf Kommunikationstechnologien, Informationssysteme und Projektmanagement zu spezialisieren", erinnert sie sich.
In der Zwischenzeit hat sie viele Freunde in Irland gefunden. Einige von ihnen sind nach Australien aufgebrochen und im Laufe der Jahre ist deren Einladung, sich ihnen anzuschliessen, unwiderstehlich geworden. Sie verlässt Irland kurz vor ihrem 30. Geburtstag. Danach hätte sie allein mit einem Arbeitsurlaubs-Visum nicht mehr im Land der Kängurus bleiben können. Dieses Visum gab ihr die Möglichkeit, ein Jahr lang zu arbeiten und zu reisen.
"Ich verliess das Land 2008, vor Beginn der schweren Finanzkrise in Irland, die vielen meiner Freunde den Arbeitsplatz gekostet hat", sagt Küng. Als sie nach Sydney fliegt, hat sie zwar ein Visum im Gepäck, aber noch keinen Job in Aussicht. Aber nach nur drei Wochen findet sie eine Stelle in der Privatwirtschaft. Der Rest wird von ihrem Arbeitgeber erledigt, der sich um alle bürokratischen Formalitäten zur Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis kümmert.
Angestellt wird sie nämlich vom New South Wales Department of Education. "Ich war verantwortlich für ein Projekt zur Sicherstellung des reibungslosen Funktionierens der Videokonferenz-Infrastruktur der Schulen in diesem Bundesland. Wegen der grossen Distanzen bleiben viele Schüler zu Hause und kommunizieren mit ihrem Lehrer über dieses Kommunikationsmittel", erklärt sie.
Starke Wurzeln in der Schweiz
Vor einem Jahr hat sie das Bedürfnis nach einem weiteren Tapetenwechsel. Wohin könnte sie ziehen? Nach Neuseeland. Das Land der langen weissen Wolken ist nicht weit weg. Und als australische Staatsangehörige kann sie langwierige und lästige bürokratische Verfahren vermeiden. Sie verlässt Sydney und ihre Freunde, mit denen sie die letzten zehn Jahre verbracht hat, mit etwas Wehmut und geht nach Wellington.
Schweizer in Neuseeland
Ende 2018 lebten 7004 Schweizer in Neuseeland. 1993 waren es erst 4497. In 25 Jahren ist die Zahl der Schweizer damit um 55% gestiegen. Mehr als 5000 sind binational. Die meisten von ihnen sind berufstätig (4400), fast 1200 sind im Ruhestand.Infobox Ende
"Ich hatte noch keinen Job, aber ich war sicher, dass ich sehr schnell einen finden würde", sagt Küng. Tatsächlich befindet sie sich einige Wochen nach dem Umzug wieder hinter einem Schreibtisch. Diesmal im neuseeländischen Bildungsministerium. "Ich bin verantwortlich für ein Projekt, das die Kosten und Auswirkungen der Ausbildung von Maori-Kindern und des Unterrichts der Maori-Sprache berechnen soll. Ihr Vertrag läuft in wenigen Monaten aus, aber sie ist überzeugt, dass sie erneut eingestellt wird oder einen anderen Job findet. Und dann, wie immer im Juli, wird sie für die Ferien in die Schweiz zurückkehren.
"Für mich ist es wichtig, die Verbindung zu meiner Heimat aufrecht zu erhalten. Meine Wurzeln geben mir Stabilität. Deshalb bin ich auch sofort der Wellingtoner Gemeinschaft der Auslandschweizer beigetreten", erinnert sich Anne-Claire, die heute drei Pässe besitzt: einen Schweizer, einen französischen und einen australischen Pass.
"Ich verbringe den Sommer regelmässig in der Schweiz, wo ich meine Eltern und Jugendfreunde treffe und am Paléo Festival in Nyon teilnehme. Und da ich schon in Europa bin, mache ich jeweils einen Abstecher nach Dublin, um die aussergewöhnliche Atmosphäre zu geniessen."
Und wohin führt die nächste Etappe? "Ich habe nicht mehr viel Platz auf dem Rücken, um das Tattoo fortzusetzen", sagt Küng mit einem Lächeln. Kanada wird mein letzter Schritt sein. Aber im Moment möchte ich Neuseeland geniessen, ein Land, in dem es sich gut arbeiten und leben lässt."
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)