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#2 «Über Neugier und Strukturen» lautet der zweite von drei Texten, die Philipp Zimmers pädagogisches Denken und Handeln in den letzten Jahren umschreiben. #3 «Über Scheitern und Skills» ergänzt die ersten beiden Beiträge und wird in einem weiteren Blogbeitrag behandelt.
Als ich ein Kind war, lief im frühen Abendprogramm regelmässig eine Fernsehsendung namens «Curiosity Show», moderiert von Deane Hutton und Rob Morrison. Zwei synchronübersetzte Australier zeigten kindgerecht, geduldig und in pädagogisch wertvoller MacGyver-Manier, wie man aus einer Hand voll Utensilien, die man als Kind in der Küche oder im Keller seiner Grossmutter finden konnte, U-Boote, Helikopter, Rennautos oder ähnliches bauen konnte, das tatsächlich seinen Dienst tat. Dabei erklärten sie die Wirkung naturwissenschaftlicher Phänomene so, dass es meine kindliche Neugierde weckte, ich unzählige Fragen hätte stellen wollen und ich nicht mehr aufhören wollte zu tüfteln.
Für meine Mutter war es anschliessend immer ein kompliziertes Unterfangen, mich mit dem U-Boot aus Strohhalmen, Luftballons, Einmachgummis und einer Plastikflasche aus der Badewanne zu holen und ins Bett zu bringen. Oftmals stand ich danach heimlich nochmal auf und gestaltete meine Ideen weiter. Kindliche Erfahrungen mit Risktaking und Rulebraking, mit Passion, Leidenschaft, Neugier und Resilienz.
Heute, knapp 30 Jahre später, kommen mir die besten Ideen immer noch, wenn sich der Tag dem Ende neigt. Ich sitze vor der leeren, weissen Stundenplanvorlage für das anstehende Schuljahr. Miss Sophie aus «Dinner for one» schiesst mir durch den Kopf: «The same procedure as every year». Der Cursor blinkt verdächtig zwischen den Spalten und Zeilen des Excelblatts, die sich im 90°-Winkel aneinanderreihen. Die Zeiten im 45-Minutentakt sind noch aus den letzten Schuljahren in der Vorlage geblieben. Die Entscheidung, in welchem Rhythmus die Schülerinnen und Schüler im nächsten Schuljahr lernen werden, sind somit auch für das nächste Jahr gegeben.
In ein paar Stunden werde ich jede Zelle eingefärbt, ein Fach, einen Raum und eine Person zugeteilt haben. Dabei werde ich wie immer möglichst alle Bedürfnisse vonseiten der Stundentafel, der kantonalen Richtlinien und der unterrichtenden Lehrpersonen möglichst berücksichtigt haben. Der Rahmen ist gegeben, der Inhalt gefüllt, der Rhythmus diktiert. Aber irgendwas grummelt in meinem Magen, irgendwas stimmt nicht. Deane und Rob würden sich wahrscheinlich die Haare raufen, wenn sie wüssten, dass ich die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen auf ein digitales Schubladenregal verteile.
Unsere Struktur gibt straff getaktet vor, in welchem Alter welches Kind, welche Lektion, zu welcher Zeit, an welchem Ort, mit welcher Lehrperson, mit welcher Klasse verbringt. Sie diktiert, wann Kinder kreativ sind, wann sie zuhören, zu welcher Zeit der Unterricht ist, welches Lehrmittel sie verwenden müssen und verfolgt klare Ziele, meist die gleichen für alle, die im Raum sitzen. All diese Rahmen und Raster dienen einem System, das es nicht mehr gibt, sie fordern Gleichheit in einer Gesellschaft, die längst völlig individualisiert ist. Schuljahr für Schuljahr akzeptieren wir dieses Diktat, auch wenn wir alle wissen, wie sinnlos, subjektiv und oberflächlich es ist. Und dennoch traue ich mich nicht, mich des eigenen Verstandes zu bedienen und mich darüber hinwegzusetzen.
Neugierde, Leidenschaft und das persönliche Talent müssten in den Lern- und Entwicklungsprozessen von Kindern und Jugendlichen jedoch erheblich mehr Raum und Zeit einnehmen, damit diese Prozesse selbstbestimmt, erfolgreich und nachhaltig sein können. Doch meist sind überfüllte Stundenpläne, Einweg-Beurteilungssysteme, Fächerkanon, Lerninhalte und -ziele, Schulräume, Menschen, Zeiten und Rhythmen für Kinder und Jugendliche gegeben.
Das System wirkt dann starr konstruiert, da nahezu alles, was von Lernenden entdeckt werden kann, bereits geformt und von aussen gegeben ist, wenn sie den Schritt in dieses System machen. Tempo, Inhalt, Ort, Zeitpunkt und Ziel sind aus Sicht des natürlichen Lernens nicht mehr individuell strukturiert- und konstruierbar, sondern bereits von aussen diktiert. Das soll nicht heissen, dass Lernende keine Spuren, Orientierungen, Leitplanken und Rahmen benötigen. Aber es ist Zeit, diese zu personalisieren.
Im dritten Artikel geht es um explodierende Raketen und um das Scheitern als unverzichtbare Phase für die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen. Hier geht es direkt zum Blogbeitrag #3 «Über Scheitern und Skills – Warum Raketen explodieren (müssen)».
Video Curiosity Show (Vorsicht Suchtgefahr!):
Philipp Zimmer, Schulleiter Volksschulgemeinde Wigoltingen
Hier geht es zum ersten Beitrag «Über Leidenschaft und Lehrpläne».
Bild: Televisionau