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Inhalt dieses Beitrages
Die Geschichten hinter den verschwundenen Geschichten
von Sigrid Grün
Der Autor und Leiter des italienischen Kulturinstituts in New York, Giorgio van Straten, widmet sich in seinem „Buch der verlorenen Bücher“ acht literarischen Werken, die es zwar mal gab, aber nicht mehr gibt. Es sind unveröffentlichte Bücher bekannter Autoren, die in der prä-digitalen Ära aus verschiedenen Gründen verschwunden sind. Meist durch tragische Umstände, etwa den Brand einer Hütte (Malcolm Lowry), den Verlust eines Gepäckstücks (Ernest Hemingway, Walter Benjamin) oder durch Zensur (Lord Byron).
Umfangreiches Manuskript ins Feuer geworfen
Beispielsweise Nikolai Gogol, der eine Fortsetzung der „Toten Seelen“ verfasst hatte. Er war derart perfektionistisch, dass er – so lautet die Aussage eines Dieners – ein umfangreiches Manuskript, das nicht den eigenen Ansprüchen genügte, zehn Tage vor seinem Tod dem Kaminfeuer überantwortete. Diese „Göttliche Komödie“ der Steppe wird also keiner von uns jemals lesen können.
Sylvia Plaths Werk „Double Exposure“ (‚Doppelbelichtung‘) und Romano Bilenchis „Il viale“ (‚Die Allee‘) wurden vermutlich von den (Ex-)Partnern der Autoren vernichtet.
„Der Messias“ des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz ist einfach verschwunden, und es ranken sich heute noch Mythen um den Verlust dieses Meisterwerks. Angeblich soll das Manuskript einmal aufgetaucht und an einen schwedischen Diplomaten verkauft worden sein, der auf der Rückreise vom Übergabetermin tödlich verunglückte – der Wagen brannte völlig aus und alle Insassen starben. Cynthia Ozick hat dem Verschwinden des Buches sogar einen ganzen Roman gewidmet: „Der Messias von Stockholm“.
Spannend wie Krimi-Stories
Die „Geschichten der verlorenen Bücher“ sind teils spannende Stories, die an Kriminalfälle erinnern und teils Texte, die uns die Tragik mancher Künstler noch einmal drastisch vor Augen führen. Der Sylvia-Plath-Text beginnt beispielsweise mit ihrem Selbstmord.
Van Straten erzählt unterhaltsam und bisweilen wirkt sein Stil auch ein wenig geschwätzig, wobei er selbst betont, dass er Klatsch liebt. Mir persönlich ist es ab und an etwas zu viel Namedropping, bei dem der Autor aufzeigen möchte, mit welchen Größen des Literaturbetriebs er Kontakte pflegte bzw. immer noch pflegt. Aber darüber kann man leicht hinwegsehen. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist eine kurzweilige Lektüre, die den Leser vor allem gut unterhält.
Ich habe schon mehrere Bücher über vergessene Meisterwerke der Weltliteratur gelesen, die mein Interesse an Texten weckten, die zwar von der Bildfläche verschwunden, aber immer noch da sind. „Das Buch der verlorenen Bücher“ macht besonders neugierig, jedoch ohne Aussicht, diese Neugierde jemals zu stillen. Das ist natürlich ein bisschen frustrierend; In der Fantasie mag man sich ausmalen, welche Meisterwerke dem Leser da entgangen sind.
Fundgrube für literarische Entdeckungen
Aber manchmal sind Bücher vielleicht auch einfach nicht veröffentlicht worden, weil sie tatsächlich nicht so großartig waren, wie sie hätten sein sollen. Interessant ist die Sache allemal! Mich hat das Buch auch dazu veranlasst, Autoren zu lesen, die ich bislang noch nicht kannte: Romano Bilenchi und Bruno Schulz. Dankenswerterweise enthält der Anhang eine Bibliografie mit den ins Deutsche übersetzten Werken. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist also auch eine Fundgrube für alle, die an literarischen Entdeckungen interessiert sind. ♦
Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher – Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens, 164 Seiten, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17728-9
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