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Hungersnöte, welche die Bevölkerung ganzer Landstriche verarmen und verschwinden lassen, sind in Äthiopien so alt wie die Geschichte des Landes. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern haben, zusammen mit anfälligen Nutzungsformen und Naturkatastrophen wie Dürre, extremer Schädlingsbefall oder Tierseuchen, häufig zum Kollaps der Selbstversorgungswirtschaft geführt. Fast jedes Jahr sind lokal begrenzte Hungernöte zu beklagen, zu grösseren Katastrophen kommt es regelmässig fast alle zehn Jahre. Während den letzten Hungerkatastrophen von 1973 und 1984 sind je ungefähr 200’000 Menschen allein im dichtbesiedelten Norden jämmerlich verhungert.
Mit Hunger ist hier nicht einfach Hunger-Haben oder chronische Unterernährung gemeint, sondern ein eigentliches und elendes Verhungern aus völligem Mangel an jeglicher Art von Nahrungsmitteln. Solche Tragödien wiederholen sich immer nach dem gleichen Muster. Bevölkerungsdruck, Übernutzung von Äckern und Weiden und einfachste Landnutzungsformen ohne den Einsatz von Fremdenergie erlauben der in Selbstversorgung lebenden Bevölkerung nur selten, sich während des ganzen Jahres ausreichend zu ernähren. Viele Bauern sind zufrieden, wenn sie Nahrung für acht bis zehn Monate zu produzieren vermögen. Für die restliche Zeit hoffen sie darauf, dass freundliche Nachbarn sie gelegentlich unterstützen, dass sie eine bezahlte Nebenbeschäftigung finden oder genügend Wildfrüchte sammeln. So ernähren sich einige Völker im Norden während zwei bis vier Monaten ausschliesslich von wildwachsenden Kakteenfeigen. Reicht der Tierbestand für Weiterzucht und Pflugarbeit, überbrücken sie die Krise, indem sie notfalls einige Ziegen oder ein Rind verkaufen und dafür Getreide anschaffen.
Der Äthiopische Geograph Mesfin Wolde Mariam hat die Geschichte des Hungers studiert und beschreibt den Bauern als Schiffbrüchigen, der bis zum Kopf im Wasser steht. Sein Überleben bleibt bei ruhigem Wasser gesichert. Jede noch so kleine Welle kann ihn hingegen zum Ertrinken bringen.
Ein solcher Wellenschlag entsteht in Äthiopien sehr leicht. Unregelmässige oder ungenügende Regenfälle führen zu Dürre und Ernteeinbussen, Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall, Hagel und Unwetter schädigen die reifende Frucht, Tierkrankheiten dezimieren den Viehbestand, was sich im Ackerbau als Mangel an Zugkraft bemerkbar macht. Ausbeutung und Kriege vernichten stehendes und lagerndes Getreide oder erschweren regelmässige Feldarbeit und Marktgänge.
Zu einer Hungerkatastrophe kommt es, wenn ein derartiger Wellenschlag mehrere Jahre anhält und ganze Gegenden trifft. Wenn die Menschen in den betroffenen Gebieten alle Vorräte aufgezehrt und die Viehbestände verloren oder verschachert haben, werden sie zum Massenexodus in reichere Gebiete, meiste städtische Ballungszentren gezwungen. Wer den Hungermarsch übersteht, versucht sich mit Betteln durchzuschlagen oder von der staatlichen oder internationalen Nahrungsmittelhilfe zu profitieren. Allein in den Lagern um Makalle, der Hauptstadt von Tigre, scharten sich 1985 80’000 Menschen und hofften auf Hilfe.
Mit den Getreideüberschüssen der westlichen Welt lässt sich eine solche Hilfe relativ leicht organisieren. Bedeutend schwieriger ist es jedoch, Hungerflüchtlingen einen Wiederanfang zu ermöglichen. Ihre verlassenen Bauernhöfe, oft mehrere Tagesmärsche von ihrem gegenwärtigen Standort entfernt, sind vergandet, und ohne Vorräte, Saatgut und Zugtiere lassen sich die Felder nicht bestellen. Meist dauert es mehrere Jahre, bis sich solche Situationen wieder normalisieren.
Die Tragödie des Hungers zeigt sich nicht nur daran, dass Menschen zu Tausenden sterben müssen. Selbst sorgende Mütter verlassen ihre Kinder, weil sie nicht mehr helfen können, alte Leute bleiben in den Geisterdörfern zurück, um den Tod zu erwarten, Familienbande werden zerrissen, Verzweiflungskämpfe ums nackte Überleben finden statt. Das menschliche Leid ist ohne Grenzen.
Die tieferen Ursachen dieser Misere sind vielfältig und miteinander vernetzt. Die wesentlichsten Faktoren sind :
- die primitiven Landnutzungs- und Tierzuchtmethoden, die wenig Rücksicht auf die langfristige Erhaltung einer produktiven Umwelt nehmen und die Bodenerosion, Überweidung und Entwaldung fördern.
- eine Bodennutzung, die trotz der natürlichen Gegebenheiten einseitige Risiken eingeht (z.B. Ackerbau ohne Bewässerung in Gebieten mit unregelmässigen Niederschlägen);
- die Benachteiligung der Produzenten im Handel mit landwirtschaftlichen Produkten (vgl. etwa die gegenläufige Entwicklung der Tier- und Getreidepreise in Krisenjahren, Kap. 6);
- die Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern durch (frühere) Grossgrundbesitzer, Soldaten und Banditen sowie die übersetzte Besteuerung ohne entsprechende Gegenleistung (durch Fürsten, Staat und Kirche);
- der Mangel an Geld und Wissen zur Verbesserung der bäuerlichen Kleinbetriebe (ein Bauer kann sich weder genügend Saatgut noch einfachste Werkzeuge leisten, besitzt keine weiterführende Bildung und erhält keine Beratung);
- die Kriegswirren, die Produktion und Handel regelmässig stören;
- die fehlende Veterinärmedizin und der ungenügende Pflanzenschutz.
Trotz verschiedener Anstrengungen zur Entwicklung der Landwirtschaft (vgl. Kap. 13) darf in Äthiopien mittelfristig kaum mit einer Verbesserung gerechnet werden. Eine neue Hungersnot ist damit jederzeit wieder möglich.
Die Gefahr von Hunger bleibt. Allerdings sind Regierung und internationale Gemeinschaft weit besser vorbereitet. Die massiv verbesserte Transportinfrastruktur ermöglicht zudem Austausch und Notversorgungstransporte. Zur Zeit leidet die Bevölkerung der Städte und die Landarmen des Landes unter den hohen Lebensmittelpreisen. Einige Grossbauern im Süden des Landes sind jedoch dank der Preissteigerung reich und investitionsfähig geworden.