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Wie viele Symphonien kennst du? Zwanzig-Dreißig-Vierzig? Von welchen davon könntest du die Anfangsnoten singen – oder zumindest summen? Wer hat sie komponiert? Mozart? Beethoven – die 3., die 5., die 9.? Oder doch lieber Mahler? Es gibt sie nicht – DIE SYMPHONIE. Es gibt viele. Und so ist das auch mit allen anderen Formen in der Musik, egal ob Sonaten, Etüden oder Menuette. Aber es gibt DIE PASSACAGLIA. Sie wurde in c-Moll gesetzt und trägt die BWV-Nummer 582. Bach schrieb sie vermutlich in Weimar, als er noch keine 30 Jahre alt war. Ein Geniestreich par excellence!
Bach, der das ganze musikalische Universum wie kein Zweiter überblickte und im Laufe seines Lebens durchdrungen hat, nahm sich auch hin und wieder alter und fast vergessener Musikformen an, wie z.B. den Motetten oder eben der Passacaglia. Vor ihm hatte schon Pachelbel – er verwandte den Begriff Ciacona – und Buxtehude dieses starre Formprinzip an der Orgel durchdekliniert. Da war eigentlich nichts Neues mehr zu entdecken – zu eng das Korsett aus der stets gleichen Baßfolge.
Doch dann kam Bach – veni, vidi, vici! Aus einem Ladenhüter der Orgelliteratur machte er ein bis heute weit herausragendes Großwerk, das jeder Bachjünger sich mindestens fünfmal von CD und zehnmal live anhören sollte. In der 4-teiligen DDR-DVD-Reihe über Leben und Werk Bachs wird dieses atemberaubende Werk ausführlich vorgestellt. Das zugrunde liegende Baßthema wurde früher als holländisches Seemannslied erkannt. Heute kann man bei Wikipedia lesen:
„Die erste Hälfte des Ostinatothemas (also des wiederholten Baßthemas, auf dem das Werk basiert), das auch als Fugenthema dient, stammt sehr wahrscheinlich von einem kurzen Werk des französischen Komponisten André Raison, Christe: Trio en passacaille aus Messe du deuxieme ton im Premier livre d'orgue[4]. Möglicherweise stammt die zweite Hälfte des Ostinatos ebenfalls von Raison, denn sie ähnelt sehr der Baßlinie von Christe: Trio en chaconne aus Messe du sixieme ton im selben Buch“
Sei es wie es sei – was Bach daraus gemacht hat ist entscheidend. Nachdem Bach das Thema vorgestellt hat, folgen ihm 20 Variationen. Ich will sie hier nicht weiter kommentieren, man kann das wunderbar bei Wikipedia nachlesen:
de.wikipedia.org/wiki/Passacaglia_c-Moll_%28Bach%29
Nur so viel: Nach 168 dicht gedrängten Takten denkt man, nun wäre man am Ziel. Weit gefehlt! Jetzt setzt Bach noch einen drauf. Aus dem Baßthema formt er zusammen mit zwei weiteren Themen eine Fuge, die es in sich hat. Man muß es gehört und erlebt haben. Ich wage zu behaupten: Wer die Passacaglia nicht kennt, weiß nichts Wesentliches über Orgelmusik.
Deine Beurteilung ist fast so grossartig wie die Bachsche Passacaglia selbst. Nein im ernst: ich stimme Dir absolut zu. Sie gehört mit Sicherheit zu den Top 10 der Orgelwerke von JSB. Müsste ich mich jedoch auf den Spitzenplatz festlegen, hätte ich Mühe. Es gibt Tage (oder Interpretationen) die mich veranlassen, die BWV 582 auf Platz 1 zu setzen. Doch dann erinnere ich mich an «Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552». Oder an die dorische «Toccata und Fuge d-Moll BWV 538». Oder ... Oder ... Darüber liesse sich bestimmt endlos diskutieren!
Normalerweise wird die Passacaglia mit sich steigernder Laustärke gespielt. Andererseits hat ein von mir sehr geschätzter Orgellehrer eine ganz andere Auffassung vertreten. Er spielt sie mit gleichbleibender Dynamik. Welche Version bevorzugst Du? Ich neige dazu, meinem Orgellehrer zu widersprechen, ihn aber trotzdem zu schätzen.
03 Okt 2013 10:14 - 03 Okt 2013 10:19#268 von Yo El Mismo
Hallo Christof!
Ich mag die langsame Steigerung von Intensität und Lautstärke, wie man sie zum Beispiel von Karl Richter kennt:
Die Dynamik in Richters Aufnahme gefällt mir ganz besonders. Als gleichlautes Gegenstück kann man sich mal Andrea Marcons Aufnahme (bei Hänssler Classic)anhören:
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Diese Aufnahme entstand in der Klosterkirche Muri, Schweiz. Nacheinander gehört, kann man schnell zu einer Entscheidung kommen, welche Art der Interpretation einem persönlich mehr zusagt; großartige Organisten sind beide.
Ich wollte mit meinem ersten Beitrag keine Rangfolge Bachscher Orgelwerke aufmachen, sondern lediglich die Sonderstellung der Passacaglia beschreiben, eine Stellung, die die diversen Toccaten, Präludien und Fugen nicht haben.
Liebe Grüße
Yo
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Letzte Änderung: 03 Okt 2013 10:19 von Yo El Mismo.
für mich ein klarer Fall von "Richter". Obwohl ich mir fast nicht vorstellen kann, dass es nicht noch Besseres gibt. Ich kritisiere Richter nicht! Zu jener Zeit spielte man einfach "romantisch" und die Spitze-Absatz-Technik beim Pedalspiel war normal. Auch ich habe das in den 70er Jahren so im Orgelunterricht vermittelt bekommen.
Was meinst Du eigentlich zu Markus Kühnis, einem alten Wegbegleiter von mir?
Einverstanden, etwas mehr Dynamik hätte ich mir auch gewünscht. Ich vermute, das liegt an der Orgel. Ich habe ihn dieses Werk nämlich schon in der Stadtkirche Glarus spielen gehört und da war die Dynamik so wie wir sie uns wünschen.