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Seit die Frankfurter Buchmesse Ungarn im Länderschwerpunkt vorstellte, boomen Übersetzungen - neue Bücher von Imre Kertész, Antal Szerb und Dezsö Kosztolanyi beweisen, dass Ungarn alles andere als ein «Randland» war.
«Ich will eine Geschichte erzählen. Eine einfache Geschichte. Sie können sie auch ungeheuerlich nennen. Doch das ändert nichts an ihrer Einfachheit.» Imre Kertész
Imre Kertész, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, gelang es mitten im Kalten Krieg im kommunistischen Ungarn, eine Novelle über eine totalitäre Diktatur nicht nur zu schreiben, sondern auch zu veröffentlichen - mit dem Segen des Regimes, das darin gegeisselt wurde: Der Autor verlegte seine «Detektivgeschichte» ganz einfach in ein nicht genauer umschriebenes südamerikanisches Land. Entstanden ist sie im Jahr 1976 in gerade mal zwei Wochen, weil der Roman «Der Spurensucher», den Kertész bei der zuständigen staatlichen Behörde eingereicht hatte, zu kurz war. Er konnte nur gedruckt werden, wenn der Autor noch eine Zugabe lieferte. So kam die «Detektivgeschichte» zustande, eine unerhört dichte, sehr straffe und zugleich ganz locker erzählte Parabel über Gewaltherrschaft und Folter, der man die Skizzenhaftigkeit noch immer anmerkt.
Antonio R. Martens, ein Folterer des «Corps», der nach dem Systemwechsel nun selber im Kerker sitzt und auf seine Aburteilung wartet, gibt Auskunft. Er schreibt seine Erfahrungen auf. Seine zynische Beichte ist laut Pflichtverteidiger eine von der Wahrheit mitgeschriebene «Schauergeschichte». Das «Corps» ist der Geheimdienst, der das Rückgrat der Gewaltherrschaft bildet und für eine flächendeckende Beschattung, Verfolgung und Beseitigung der verdächtigen Bürger sorgt.
Im Vorwort schildert der nunmehr 75-jährige Nobelpreisträger Kertész, dass er sich mit der Idee zu diesem Text schon herumtrug, als er seinen erschütternden Konzentrationslager- und Überlebensbericht «Roman eines Schicksallosen» schrieb, dessen Filmfassung dieser Tage an den Berliner Filmfestspielen gezeigt wird. Nach der Wende von 1989/90 mochte das Interesse an der «Detektivgeschichte» geschwunden sein, doch im Zeitalter der neuen Kriege sieht es wieder anders aus. Angesichts der Vorgänge im Irak und anderswo hat der Bericht nichts an beklemmender Aktualität eingebüsst, weil er den Mechanismus der totalitären Gewaltherrschaft in meisterhafter Anschaulichkeit darstellt.
«Ich liebe die Noblesse der englischen Landschaft.» Antal Szerb
Der Schriftsteller und Literaturprofessor Antal Szerb (1901-1945) ist Hitlers Vernichtungsmaschinerie nicht entronnen, er wurde kurz vor Kriegsende in einem Internierungslager in Westungarn ermordet. Nach seinem 1937 erschienenen Roman «Reise im Mondlicht», der letztes Jahr erst im deutschen Sprachraum mit Begeisterung aufgenommen worden ist, liegt nun auch die «Pendragon-Legende» vor, die Szerb 1934 veröffentlicht hat. Der stattliche Band weist den Autor als Kenner englischer Kultur- und Adelslabyrinthe aus. Ein junger ungarischer Forscher nimmt uns mit auf eine Reise in die Abgründe eines Schlosses, auf dem ein wunderlicher Earl die seltsamsten Experimente vollzieht.
Unterhaltsam geschrieben, ohne besonderen Tiefgang, dafür mit unheimlich viel Fachwissen befrachtet, vermag die «Pendragon-Legende» freilich weniger zu überzeugen als die zauberhafte «Reise im Mondlicht», der das Italien der 1930er Jahre als Hintergrund für die Irrungen und Wirrungen eines jungen Budapesters und seiner Freunde dient. «Was für ein ereignisreicher Tag! Was war heute nicht alles geschehen: das Grab von Rosenkreuz, die Falltüre, Maloneys Entlarvung und sein Verschwinden, das dem eines brennenden Pingpongballs glich, und schliesslich die Bücher mit ihren Geheimnissen, jedes Ereignis war für sich genommen schon so spannend wie ein unterirdischer Gang. Wer könnte heute schlafen zwischen Mauern, die schwankten, als wären sie Kulissen?» Das ist die Stimmungslage der «Pendragon-Legende», die all jene LeserInnen entzücken wird, die sich Szerb in der Liebe zur Noblesse der englischen Landschaft anschliessen können.
«Wörter wirkten auf Esti magisch.» Dezsö Kosztolanyi
Dezsö Kosztolanyi lebte von 1885 bis 1936. Wie uns Peter Esterházy im Nachwort zu «Ein Held seiner Zeit» mitteilt, war er eine der wichtigsten Gestalten in Ungarns «geistiger Glanzzeit» zu Beginn des 20. Jahrhunderts, «bevor die Welt zusammenkrachte». Die vorliegenden «Bekenntnisse» wurden indessen erst in der Zwischenkriegszeit - zwischen 1925 und 1933 - geschrieben: ein bunter Reigen von Geschichten, in denen Kornél Esti die Hauptrolle spielt, ein fabelhafter Doppelgänger des Autors, der all das tut, was dieser aus Angst um seine Karriere vermeidet.
Ein wunderschöner ungarischer Ton, verspielt und unverwechselbar, der auch in der aparten Übersetzung von Christina Viragh zum Tragen kommt. Abenteuer, die mitunter bieder anmuten, aber handkehrum durch einen unerwarteten Vergleich, ein neues Bild, einen verblüffenden Nebensatz überraschen. Die Form ist nicht wichtiger als die Aussage, aber sie beherrscht den Inhalt. Ungarns «bessere» oder «künstlerische» Gesellschaft des ersten Drittels des Zwanzigsten Jahrhunderts erhält hier ihren Spiegel vorgesetzt - entzückend, listig, geistreich.
Auch dieses Buch ist ein Beweis dafür, dass Ungarn stets durch und durch europäisch war. Zum Beispiel in jener Geschichte, in der Esti sehr elegant einem Türkenmädchen für «die dreihundertdreissig unserer schönsten Wörter» dankt - eine schelmische Anspielung auf die Bewältigung der 150-jährigen Türkenherrschaft in Ungarn. Vordergründig nehmen Estis Abenteuer oft die Form von Märchen an, sie spielen jedoch stets in der Wirklichkeit von Budapest, wobei zur Umgebung auch Bulgarien gehört, die dalmatinische Küste oder Darmstadt. Aber vor allem und immer wieder Budapest als unvergleichlicher Kosmos im Zentrum von Europa. Mit Kosztolanyi auf eine Budapest-Reise mitgenommen zu werden, ist höchstes Vergnügen und virtuose Belehrung der hintersinnig-ulkigen Art.