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Würdigung der Zeit von 1460-1818
In der Gesamtwürdigung der Leistungen der Medizinischen Fakultät soll Burckhardt selber zu Wort kommen: "Ein Gesamturteil über die Leistungen der Fakultät abzugeben, ist unmöglich; nicht nur besitzen wir keinen absoluten Massstab, sondern es fehlen uns über die Verhältnisse anderer medizinischer Schulen ausführliche historische Darstellungen, die einen Vergleich erlauben würden. Wollte man das Urteil bloss abhängig machen von der Zahl derjenigen Männer, die wirklich bahnbrechende wissenschaftliche Arbeiten geliefert haben, so würden allerdings bei uns (abgesehen von Paracelsus und Vesal) wohl nur Felix Platter, Caspar Bauhin, Daniel Bernoulli und F. Miescher (II) zu nennen sein. Aber auf "Celebritäten" kommt es allein nicht an; entscheidend ist vielmehr, ob die Studien von Lehrern und Schülern mit wissenschaftlichem Ernste und Eifer betrieben worden sind, und ob die theoretische und praktische Ausbildung der jungen Ärzte gerechten Anforderungen entsprochen hat. Von diesem Standpunkt aus dürfte die Zensur nicht schlecht sein. Wenn wir von der vorreformatorischen Zeit absehen, haben es Professoren und Dozenten an ehrlicher Forschung und Pflichterfüllung nicht fehlen lassen; auch die unbedeutenden unter ihnen gaben sich redlich Mühe, mit der Entwicklung der Heilkunde Schritt zu halten; manche besassen ausgesprochenes Lehrtalent. Unfähigkeit und Gewissenlosigkeit waren seltene und kurze Ausnahmen.
So kamen denn auch die Studierenden im Ganzen zu ihrem Rechte. Dass Basel im Beginne des 17. Jahrhunderts den meisten deutschen Fakultäten in Anatomie, Botanik und Klinik voraus war, wurde schon mehrmals hervorgehoben. Später überwucherte allerdings zeitweise die theoretische Ausbildung; von Mitte des 18. Jahrhunderts an liess die praktische Schulung manches zu wünschen übrig. Erst unter Jung wurde dieser Übelstand beseitigt; am längsten ist die Entbindungskunst vernachlässigt worden. Alle anderen Disziplinen, auch die Spezialitäten, wurden rechtzeitig in den Studienplan einbezogen. Basel galt bei den Studenten immer als eine solide, fleissige Fakultät und wollte es auch sein.
Der Wirkungskreis der Fakultät ging über Lehrtätigkeit und Forschung hinaus, er erstreckte sich auf die öffentliche Gesundheitspflege und die gerichtliche Medizin; mögen auch die Ratschläge der Fakultät nicht immer energisch genug gewesen sein, so haben sie doch Manches zur Assanierung von Stadt und Land beigetragen.
Am Schlusse unserer Darstellung wären vielleicht, da die Historie Lehrmeisterin sein soll, die begangenen Fehler und Irrtümer zur rekapitulieren und die Folgerungen für die Zukunft zu ziehen.
Am ehesten dürfte vielleicht hie und da der Vorwurf der Zaghaftigkeit erlaubt sein. Besonders von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts war man zu ängstlich, wenn es sich um dringend notwendige Ameliorationen, wie Erweiterung der Unterrichtsanstalten und Besserstellung der Professoren, handelte. Allein dieser Vorwurf verliert einen Teil seiner Berechtigung im Hinblick darauf, dass es eine kleine Stadt (damals 20-30'000 Einwohner) war, die ohne sonstige Beihilfe für Alles aufkommen musste. "Gehört es nicht zu den herrlichsten und erhabensten Erscheinungen in der deutschen Kulturgeschichte, wenn eine einzige Stadt wie Basel seine uralte Universität dauernd auf einer Höhe hält, dass sie mit ihren Nachbar-Universitäten so erfolgsreich rivalisieren kann!"
In trüben Zeiten empfand man die Lasten schwer, welche der Betrieb einer Hochschule mit sich brachte; es wurden mehrmals Stimmen laut, die Universität möge ganz aufgehoben, oder die medizinische Fakultät auf die propädeutischen Fächer beschränkt werden. Zum Glück gingen Behörden und Bürgerschaft nicht darauf ein; sie wussten den Wert einer Hochschule richtig einzuschätzen; speziell die besitzenden Klassen bezeugten durch grossartige freiwillige Spenden ihre Liebe zur angestammten Bildungsstätte. In den letzten fünfzig Jahren wurden die Universitätsanstalten, zu denen in gewissem Sinne auch die Krankenhäuser gehören, in erfreulicher Weise ausgebaut, jedoch leider meist nur den Bedürfnissen des Augenblicks genügend, ohne Rücksicht auf eine Steigerung der Studentenzahl.
Die Frequenz einer Universität lässt sich allerdings nicht voraussagen, weil sie von sehr verschiedenen Umständen abhängt: die Landeszugehörigkeit macht weniger aus als früher; wichtig ist immer noch die Lage , insofern als da, wo mehrere Hochschulen auf einem kleinen Bezirk zusammengedrängt sind, selten eine sehr grosse Studentenzahl erreicht wird; von Motion gestellten Anforderungen; auch die Annehmlichkeiten des Aufenthaltes (Studentenleben, künstlerische Darbietungen, Gelegenheit zu Sport) kommen in Betracht. Aber entscheidend bei der Wahl einer Universität ist für die Studierenden, besonders für die Mediziner, die innere Ausstattung ihrer Fakultät.
Die gute Qualität der Lehrerschaft ist die erste Hauptbedingung des Gedeihens einer Hochschule. Angemessene Besoldung als selbstverständlich vorausgesetzt hängt hier Alles von der Neubesetzung vakanter Lehrstühle ab; da diese Ämter lebenslängliche sind, handelt es sich um das Schicksal eines Faches auf viele Jahre hinaus. Bei einer Ernennung sollen der wissenschaftliche Sinn, die Lehrbegabung und der Charakter den Ausschlag geben, bei den praktischen Fächern dürfen Erfahrung und Geschicklichkeit nicht fehlen. Hervorragende, bewährte Kräfte müssen mit aussergewöhlichen Mitteln festgehalten werden, eine Massregel, die zum Schaden der Fakultät öfters unterlassen wurde; andererseits ist durch liberale Ruhegehälter ein rechtzeitiger Rücktritt vom Amte zu begünstigen. Ähnlich bei den nichtgesetzlichen Professoren und bei anderen Lehraufträgen. Dozentenhonorare sollen begabten jungen Leuten die akademische Laufbahn erleichtern; dagegen darf Mittelmässigkeit nicht in wichtige Stellen hineinaltern können.
Die zweite Hauptbedingung des Gedeihens ist die Ausstattung der Unterrichtsanstalten. Auf Einrichtung der Institute und Kliniken ist die grösste Sorgfalt zu verwenden, besonders darf die Anatomie nie vernachlässigt werden; denn wo das Material zu anatomischen Übungen fehlt, bleiben die Studenten nicht lange. - Mit der Zeit wird eine Erweiterung der medizinischen Fakultät auf die Gebiete der Pharmazie und der Zahnheilkunde, vielleicht sogar der Tierheilkunde in Erwägung zu ziehen sein.
Der für alle diese Dinge erforderliche Kostenaufwand ist nicht unerschwinglich, wenn gründliche Überlegung und genaue, aber wohlwollende Aufsicht jede Verschwendung unmöglich machen.
Grundlage der Wohlfahrt der Hochschule ist der Geist, der in der Bevölkerung und in den Behörden herrscht. Die Erinnerung an die Opferfreudigkeit und Standhaftigkeit jener Generationen, welche die Universität gegründet und jeweilen nach Kräften reorganisiert haben, ist geeignet, gleiche Entschlossenheit und Hingabe hervorzubringen. Und das Beispiel von Pflichttreue und Selbstlosigkeit so vieler ausgezeichneter Männer vermag wohl auch heute und künftighin Lehrende und Lernende anzuspornen, sich treu zu bemühen, dass die medizinische Fakultät in wissenschaftlicher Forschung und praktischer Tätigkeit Tüchtiges leiste, zur Nutz und Ehre der Stadt Basel und ihrer Universität".
Die Historie soll uns "Lehrmeister" sein, wie es bei Burckhardt heisst. Aus heutiger Sicht haben sich Probleme und Vorzüge der Universität und der Medizinischen Fakultät Basel nicht allzu sehr verändert. Es ist nur zu hoffen, dass die gleiche "Opferfreudigkeit und Standhaftigkeit" auch die heutige und zukünftige Generation auszeichnet.
Zusammenfassung mit zum Teil wörtlichen Zitaten (ohne Hervorhebung) (MJM) nach:
E. Bonjour
Die Universität Basel
2. Auflage, Verlag Helbing & Lichtenhahn Basel, 1971.
A. Burckhardt
Geschichte der Medizinischen Fakultät zu Basel 1460-1900
Verlag Friedrich Reinhardt, Universitätsdruckerei 1917
(Das Buch ist in der Universitätsbibliothek ausleihbar und im Dekanat der Medizinischen Fakultät einzusehen)
Albert Mudry
Berühmte Schweizer Ärzte
Schweiz Med Forum 2014
Gerhard Wolf-Heidegger: Die Medizinische Fakultät Basel 1460-1959, in: Ciba Symposium 6 (6), 1959, 243-261.
Professoren der Universität Basel aus fünf Jahrhunderten. Bildnisse und Würdigungen, hrsg. von Andreas Stähelin, Basel 1960.
Lehre und Forschung an der Universität Basel, dargestellt von Dozenten der Universität Basel, Basel 1960.
Webseite Universitätsgeschichte Basel 1460–2010, https://unigeschichte.unibas.ch/
(20.11.2015).