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St-Maurice – Avenue d’Agaune: archäologische Ausgrabungen
St-Maurice – Avenue d’Agaune: archäologische Ausgrabungen
(IVS).- Die anlässlich der Erneuerung der Avenue d’Agaune in St-Maurice entdeckten archäologischen Baureste werfen ein vollständig neues Licht auf die Grösse des Klostergeländes im Frühmittelalter und auf die Gebäude, die dazu gehörten. Unter dem Vorplatz der heutigen Abtei konnten die Reste einer abgebrochenen Kirche freigelegt werden. Diese war auf der gleichen Achse angeordnet wie die bereits früher ausgegrabene Martoletkirche am Felsfuss und hatte ähnliche Ausmasse. Die neu entdeckte zweite Kirche mit ihren aufwendigen Grabanlagen verändert grundlegend unsere Kenntnis der Abtei zur Zeit ihrer Gründung zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Etwas weiter im Süden wurde zudem ein imposantes Gebäude entdeckt, dessen Ausdehnung noch nicht bekannt ist. Hierzu gehört ein grosser Saal von rund 25 auf 20 m Seitenlänge.
Diese « Aula » war vermutlich der Repräsentationssaal des Abt-Bischofs oder Abt-Königs; zahlreiche Kleriker und Würdenträger konnten sich hier versammeln. Der Boden des Saals war auf einem Hohlraum verlegt (Bodenheizung) und verfügte über ein erhöhtes Podium. Hier dürfte der Gebieter gesessen haben, wenn er die spirituellen, politischen und ökonomischen Probleme der Region regelte. In einer jüngeren Bauphase wurde diese Stelle mit einer Apsis von rund 6 m Weite ausgezeichnet. Man kann sich fragen, ob es sich hierbei um einen liturgischen Raum handelte. Die wiederholten Erneuerungen der Böden und Wände zeugen von einer langen Benutzungszeit der Residenz. Ihre Baureste sind einzigartig.
Die Anordnung der beiden unter der Avenue d’Agaune entdeckten grossen Bauten zeigt deutlich, dass der kirchliche Komplex des ersten Jahrtausends um das Baptisterium herum errichtet wurde. Dieses bildet seit dem 5. Jh. nach Chr. den Mittelpunkt des architektonischen Programms. Die verschiedenen Gebäude waren mit Begräbnis- oder Prozessionsgängen miteinander verbunden. Unter dem Mittelflügel der heutigen Abtei, wo zurzeit der neue Saal für den Kirchenschatz eingerichtet wird, ist einer dieser Begräbnisgänge freigelegt worden, der zur Martyriumskirche führte.
Die jüngsten archäologischen Ausgrabungen haben grundlegend neue Erkenntnisse über den Ursprung dieser christlichen Kultstätte offen gelegt. Wir wissen aber auch, dass die heute bekannten Gebäudereste nur einem kleinen Teil der Anlage entsprechen. So konnten bislang die Wohngebäude noch nicht lokalisiert werden.
Die aussergewöhnliche Ausdehnung und Topographie der Anlage zeugen von der religiösen und politischen Macht der Abtei im frühen Mittelalter. Das archäologische Ensemble von St-Maurice ist in Europa einzigartig. Vergleichbare Reste – z.B. die Doppelkathedrale und die bischöfliche Aula von Poreè (Istrien) oder der Versammlungssaal von Barcelona – sind ausgesprochen selten. Die Aufwertung der archäologischen Stätte im Martolet-Hof und die Ausdehnung der Grabungen auf das Klostergelände auf das umliegende Stadtareal haben sich mehr als gelohnt. Die Investition der letzten Jahre ist dem historischen Reichtum dieses Ortes würdig. Die sichtbaren Baureste zeugen von den Anfängen der Christianisierung unseres Landes und von der spirituellen Ausstrahlung der Abtei seit eineinhalb Jahrtausenden.
A. AntoniniTweet