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Bitte verbinden! Die Automatisierung der Telefonzentralen
Am 3. Dezember 1959 ersetzten die PTT die letzte handbetriebene Telefonzentrale der Schweiz mit einer vollautomatischen Vermittleranlage. Diese Pionierleistung besiegelte auch das Ende des sogenannten «Fräuleins vom Amt».
Kurz nach der Jahrhundertwende begann in Europa die Automatisierung der Gesprächsvermittlung. Es waren die Kaiserlichen Telegrafenverwaltungen in Deutschland und Österreich, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Zentralen erstmals mit selbsttätigen Wählern auszustatten begannen. Durch die teilweise Automatisierung der Gesprächsvermittlung versuchten sie der rasant wachsenden Anzahl der Telefongespräche in ihren Netzen beizukommen. Wie in den Nachbarländern nahm der Gesprächsverkehr nach der Jahrhundertwende auch in der Schweiz abrupt zu. Die damalige «Eidgenössische Telegraphen- und Telefonverwaltung» sah sich deshalb dazu veranlasst, ihre handbetriebenen Telefonzentralen nach und nach zu erneuern, zu vergrössern und dem neusten Stand der Vermittlungstechnik anzupassen. Die erste halbautomatische Telefonzentrale der Schweiz wurde im Jahr 1917 in Zürich-Hottingen in Betrieb genommen.
Nach den ersten Erfahrungen mit der halbautomatischen Gesprächsvermittlung im Ortsnetz von Zürich und im Angesicht des weiterhin rasch wachsenden Gesprächsverkehrs, beschloss die «Eidgenössische Telegraphen- und Telefonverwaltung» im Jahr 1920 die vollständige Automatisierung der Gesprächsvermittlung in allen grösseren Städten. Namentlich die Telefonzentralen in Zürich, Lausanne, Genf, Bern und Basel sollten möglichst bald in den vollautomatischen Betrieb übergehen. Die erste vollautomatische Telefonzentrale der Schweiz wurde am 29. Juli 1923 in Lausanne eröffnet. Ein Jahr später wurde die Zentrale Genf – Mont Blanc ebenfalls mit einer vollautomatischen Vermittleranlage ausgestattet, St. Gallen – Winkeln folgte 1925 und auch Zürich – Hottingen nahm im Jahr 1926 den vollautomatischen Betrieb auf. Die Personaleinsparungen bei der Gesprächsvermittlung und die unermüdliche Zuverlässigkeit der Wähler führte dazu, dass die handbetriebenen Zentralen im Verlauf der kommenden drei Jahrzehnten auch in allen übrigen Ortsnetzen der Schweiz aufgegeben wurden.
Ende der 1920er-Jahre strebten die neu organisierten Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) mit der sogenannten «Städtewahl» die automatische Gesprächsverbindung nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen den Ortsnetzen an. Während eine Telefonverbindung in ein anderes Ortsnetz bis anhin durch eine Ausgangstelefonistin (im Netz der Anrufenden) und eine Eingangstelefonistin (im Netz der Angerufenen) vermittelt werden musste, konnten die Abonnenten fortan bestimmte netzübergreifenden Verbindungen selbst einwählen. Die erste derart vollautomatisch vermittelte Städtewahlverbindung wurde am 29. März 1930 zwischen den Ortsnetzen Bern und Biel hergestellt. Noch im selben Jahr konnten sich die Abonnenten auch zwischen Basel und Zürich selbst durchwählen. Da der Verbindungsaufbau in der «Städtewahl» auf Anhieb funktionierte, liess sich bereits absehen, dass sich die automatische Gesprächsvermittlung über kurz oder lang auch zwischen ländlichen Ortsnetzen einstellen würde.
Das Absehbare trat bald ein: In den kommenden zwei Jahrzehnten veränderte die zunehmende Automatisierung der Telefonzentralen den Aufbau des schweizerischen Telefonnetzes von Grund auf. Grob vereinfacht gesagt beabsichtigten die PTT möglichst viele Gespräche durch möglichst wenige Telefonleitungen zu führen. Eine rasche Automatisierung der Telefonzentralen erleichterte dies erheblich. Denn während im Handbetrieb jede Telefonzentrale in einem sogenannten «Maschennetz» mit vielen anderen Zentralen direkt verbunden werden musste, konnten automatisch vermittelte Verbindungen an Knotenpunkten zusammengeführt und von da aus weitervermittelt werden. Einmal automatisiert, funktionierte eine derart zentralisierte Gesprächsvermittlung rund um die Uhr und zu einem Bruchteil der bisherigen Betriebskosten. Das Bestreben der PTT bei der Automatisierung ging nach dem Erfolg der ersten «Städtewahl» also dahin, die Anzahl der Leitungen zu verringern, die Vermittlung über grosse Knotenpunkte zu bündeln und in den Zentralen die Personalkosten der Telefonistinnen einzusparen. So entstand ein automatisiertes, sternförmiges Netz, das bis zum Zeitpunkt seiner vollständigen Automatisierung am 3. Dezember 1959 rund eine Million Anschlüsse umfasste.
Im PTT-Archiv in Köniz finden sich Quellen aus den 1930er- und 1940er-Jahren, die zeigen, dass die Telefonnistinnen, kurz bevor sie aufgrund der Automatisierung entlassen oder umplatziert wurden, den Abonnenten den Gebrauch ihrer nunmehr mit Wählscheiben nachgerüsteten Telefonapparaten beizubringen hatten (PDF öffnen). Viele Telefonistinnen mussten von Haus zu Haus, um den Abonnenten die Furcht vor ihren neuen Apparaten zu nehmen. Nach der Automatisierung der örtlichen Telefonzentralen hatten diese nämlich schlicht aufgehört zu telefonieren. Aus Angst sie könnten dabei etwas falsch machen. In anderen Netzen mussten die Telefonistinnen «Öffentliche Belehrungen des Publikums in automatischen Netzen» abhalten, teilweise mit Filmvorführungen. Diese wurden je nach Wetter und dem Fortschritt der Erntearbeiten mal mehr und mal weniger zahlreich besucht. Das Telefonamt Chur begründete das fehlende Interesse der Abonnenten an den hilfreichen Ausführungen gar mit einem «Naturell des Bündners». Nelly Iseli-Dällenbach berichtet im Oral-History-Projekt des PTT-Archivs aus erster Hand von den umständlichen Wegen und von der ungeübten Handhabung des neuen Apparates durch die Abonnenten. Die plötzlichen Entlassungen und Umplatzierungen der Telefonistinnen im Zuge der Automatisierung und die wichtige Vermittlerrolle, die diese zwischen der neuen Technologie und der breiten Bevölkerung eingenommen haben, verdienen Beachtung.