Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03544.jsonl.gz/2495

5 WEITERE BESTE #SCHREIBEMPFEHLUNGEN FÜR LÄNGERE TEXTE
Meine 5 besten #Schreibempfehlungen für längere Texte zeigen Dir:
• Mit welcher Strategie Du Schreibblockaden begegnest.
• Wie Du einfach den Einstieg in den Schreibprozess findest.
• Und natürlich, wie Du bis zum Ende durchhältst.
A) Meine erste beste #Schreibempfehlung für längere Texte
MACHE EINE GLIEDERUNG
Eine Gliederung sollte die folgenden Fragen beantworten:
– Wie willst Du anfangen?
– Was steht in welcher Reihenfolge im Hauptteil?
– Womit soll Dein Text enden?
Indem Du zu Beginn den Aufbau planst und schriftlich festhältst, kannst Du Dir beim Schreiben und Überarbeiten eine Menge Zeit ersparen. Bei längeren Texten bist Du ohne so einen Bauplan verloren. Wenn Du nämlich einen fertigen Text neu strukturieren musst, weil der rote Faden fehlt, wird’s kompliziert und richtig aufwändig. Ausserdem wäre es doch schade, wenn Du schön strukturierte Passagen streichen müsstest, weil diese bei genauem Hinsehen überflüssig sind. Besonders gut gefällt mir eine Methode der Gliederung, die der Buchlektor David Carr als THE NO-STRESS WAY FOR WRITERS TO OUTLINE bezeichnet. Dieses Vorgehen eignet sich vor allem für längere Sachtexte und funktioniert, vereinfacht gesagt, wie folgt: Nimm ein Notizheft oder Block, jedenfalls Papier, und einen Stift, und setz Dich irgendwo hin, wo Du ungestört bist. Konzentriere Dich auf das Thema und schreibe in Stichworten 10 bis 20 Punkte auf, die Du behandeln willst. Gib anschliessend diese Punkte in ihrer logischen Reihenfolge untereinander in den PC ein. Überlege im nächsten Schritt für jeden dieser Punkte mehrere Dinge, über die Du in dem Zusammenhang schreiben willst. Dann gehe zurück an den Computer und amplifiziere die einzelnen Punkte, bis die ganze Gliederung ausformuliert ist. Für David Carr bietet dieses Vorgehen den Vorteil, dass Du beinahe für jeden Absatz des Textes den ersten Satz formuliert oder angedacht hast.(Wenn Du, wie es in den USA üblich ist, einen Absatz so aufbaust, dass der erste Satz den neuen Gedanken enthält und die weiteren Sätze die Erklärung dazu bilden.) Klar ist das nur eine Möglichkeit, einen Text vorzustrukturieren. Andere arbeiten lieber mit sogenannten «Mind-Maps», wieder andere gehen ganz spontan vor. Wie Du eine Gliederung anfertigst, ist unwichtig. Entscheidend ist nur, dass Du es tust. (Natürlich bevor Du mit dem Schreiben beginnst.) Wenn Du Dir somit vor dem Schreiben Gedanken über Inhalt und Struktur machst und eine Gliederung skizzierst, sparst Du Zeit, erleichterst Du Dir die Arbeit und erzielst ein besseres Ergebnis. Ausserdem hast Du verschiedene Ausgangspunkte, an denen Du mit der Arbeit an Deinem Text beginnen oder fortfahren kannst.
B) Meine zweite beste #Schreibempfehlung für längere Texte
DON’T BREAK THE CHAIN
Die Ermahnung «Don’t break the chain» wird dem amerikanischen Comedian Jerry Seinfeld zugeschrieben. Das Prinzip entspricht in etwa dem, was Thomas Mann in seiner Erzählung «Tod in Venedig» mit «motus animi continuus» umschreibt, worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, das möglichst nicht unterbrochen werden sollte. Entsprechend heisst es im ersten Kapitel: «Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerkes in seinem Innern, jenem ‘motus animi continuus’, worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der Mittagszeit nicht Einhalt zu bieten vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner Kräfte, einmal am Tag so nötig war.» Bei dieser Methode hakst Du auf einem Kalender die Tage ab, an denen Du zum Beispiel an Deiner Masterarbeit geschrieben hast. Im Grunde lässt sich das Prinzip des «Don’t break the chain» auf alle grösseren Projekte anwenden. Ziel und Zweck bestehen darin, eine möglichst lange, ununterbrochene Kette von Tagen zu erzeugen, an denen Du an dem betreffenden Text gearbeitet hast und die auf dem Kalender gut sichtbar durchgekreuzt sind. Dieses Phänomen wird auch als Streak bezeichnet, eine «Schreibsträhne» also, in der Du ähnlich wie bei einer «Glückssträhne» richtig gut vorwärtskommst. Angenommen ein Autor oder eine Autorin schreibt während mehr als fünf Jahren jeden Tag 600 Wörter, auch an Sonn- und Feiertagen und bei Krankheit, dann ist es verständlich, dass er oder sie davor zurückschreckt, die Kette oder Strähne plötzlich abreissen zu lassen. Möglich, dass das Schreiben so sehr zur Routine oder Gewohnheit geworden ist, dass man gar nicht mehr anders kann, als weiterzumachen. Wenn die Kette erst einmal eine gewisse Länge erreicht hat, so die Theorie, haben Schreibängste und –blockaden keine Chance mehr, Dich aus dem Tritt zu bringen. Die Methode, das Schreiben zur Gewohnheit zu machen, kannst Du natürlich auch etwas flexibler gestalten. Nicht von der Hand zu weisen ist freilich die Tatsache, dass Gewohnheiten eine Haltung verstärken, vermutlich weil das Gehirn einen Zustand kennengelernt hat, der ihm angenehm ist und den es immer wieder herstellen möchte. Man spricht diesbezüglich auch von Körperintelligenz.
C) Meine dritte beste #Schreibempfehlung für längere Texte
MIKROSCHRITTE
«I love writing. I hate starting to write.» Dean Wesley Smith. So wie Smith geht es vermutlich vielen anderen ebenfalls. Er empfiehlt, täglich zu schreiben und öffentlich (in einem Blog zum Beispiel) Rechenschaft über die produzierten Wörter abzulegen. Ich persönlich glaube, dass ausserdem die Macht der Gewohnheit auf seiner Seite steht. Wenn etwas nämlich zur Gewohnheit wird, etwa das tägliche Schreiben, müssen wir uns nicht jedes Mal aufs Neue entscheiden, ob wir es tun wollen oder nicht. Es geschieht automatisch. Was kannst Du tun, bis so eine Gewohnheit sich ausbildet? In der konkreten Situation, wenn Du weisst, Du musst oder willst eigentlich schreiben, Deine inneren Widerstände jedoch zu gross sind, was machst Du dann? Statt zu prokrastinieren, nimmst Du Dir etwas vor, das alles andere als einschüchternd wirkt. Die Gliederung Deiner Hausarbeit und vorläufige Überschriften einzugeben oder eine halbe Stunde an Deinem Text zu schreiben. Die Erfahrung zeigt, dass man meistens weitermacht, wenn der erste Widerstand überwunden ist. Und sollte dies doch einmal nicht der Fall sein, hast Du zumindest etwas geschafft, was mehr ist als gar nichts. Doch Du kannst es Dir noch leichter machen! Mit einer Methode, die «Mikroschritte« genannt wird. Der Autor Richard Ridley zum Beispiel nimmt sich vor, ein Wort pro Tag zu schreiben. Natürlich lässt er es nicht damit bewenden. «My goal while writing a book is to write one word a day. Not only have I never come short of my goal, I have far exceeded that one-word-a-day benchmark every single time, occasionally by as much as 6,000 times», schreibt er. Jedes Mal hat er also sein Soll übererfüllt, und zwar erheblich. Das erstaunt wohl niemanden. Die Anfangshürde war so lächerlich niedrig, dass sie selbst auf extrem ängstliche Menschen nicht bedrohlich wirken konnte. Falls Du jedoch jemand bist, den selbst ein Ziel von einem Wort pro Tag einschüchtert, dann nimm Dir doch vor, nur die Datei zu öffnen oder Dich ein Mal mehr im Bett zu drehen. Diesen Tipp habe ich im Blog von Franz Grieser entdeckt, der ihn bei Mark Forster gefunden hat. Weniger Einstiegsschwelle geht nicht! Alle Mini- und Mikroschritte bewirken dasselbe: Sie nehmen unserem Schreiben das Bedeutsame, wir haben nicht mehr das Gefühl, dass ein Fehler, den wir in diesem alles entscheidenden Kapitel machen könnten, über unsere gesamte Zukunft als Autoren bestimmt. Was kann schon passieren? Wir öffnen doch nur die Datei, wir schreiben doch nur ein Wort, wir wollen doch nur spielen.
D) Meine vierte beste #Schreibempfehlung für längere Texte
TRENNE DIE DREI SCHREIBPHASEN
Nicht jeder Schreibtipp passt in jeder Lebens- und Schreibsituation. Manche Tricks nutzen sich auch ab. Daher kann es nicht schaden, zuweilen etwas Neues auszuprobieren. Nicht auszuschliessen, dass neue oder andere Methoden Dir helfen, schneller in die Gänge zu kommen, um längere Texte in kürzerer Zeit zu produzieren. Es gibt auch unterschiedliche Gründe für Schreibhemmungen, die entsprechend jeweils andere Massnahmen erfordern. Der wichtigste Grund ist wohl die Furcht, dass das, was man schreibt, einfach peinlich schlecht ist, und damit verbunden die Angst vor der harschen Kritik der Mitmenschen. Oder die Panik, die einen angesichts eines einschüchternd umfangreichen Projekts befällt. Wie soll man es je schaffen, eine Masterarbeit oder Dissertation von mehr als 200 Seiten zu verfassen? Wo und wie anfangen? Genug der Vorrede. Fangen wir an. Wer einen Text von mehr als 200 Seiten auszuformulieren hat, für den sind kleine Schritte oder Sprintphasen nicht genug. Dem reicht es auch nicht, das Schreiben zur Gewohnheit zu machen, das Setting zu ändern oder die Produktionsphase von der Korrekturphase zu trennen. Zwei erfahrenere Dozenten halfen mir vor Jahren auf die Sprünge, um bei längeren Texten zügiger voranzukommen. Sie gingen davon aus, dass es weder Sinn noch Zweck habe, sich zu zwingen, irgendetwas zu schreiben, solange man nicht weiss, an welcher Stelle im Text welcher Schwerpunkt oder Hauptakzent abgehandelt wird. Kein Wunder, dass viele bei ihren Projekten nicht recht vorwärtskommen, wenn sie noch gar nicht wissen, welche Hauptthese in der Mitte der Abhandlung exemplifiziert werden soll. Im Grunde versuchen Sie, den zweiten Schritt (das Schreiben der ersten Fassung) vor dem ersten (dem Planen) zu erledigen, weil sie bislang nur darauf achteten, die Produktionsphase von der Überarbeitungsphase zu trennen. Hier darum die drei Schritte, die man trennen sollte, um bei grösseren Projekten nicht Schiffbruch zu erleiden: Zuerst gilt es, Ideen und Material zu sammeln und zu ordnen. Als Ergebnis generiert man so eine Gliederung oder ein Outline. Zweitens schreibt man dann Schritt für Schritt den Text entlang dieses Gerüsts, ohne zu früheren Passagen zurückzukehren. Fällt Dir etwas ein, das Du weiter vorn ändern oder berücksichtigen willst, so machst Du Dir eine entsprechende Notiz für die nächste, die dritte Phase. Als Ergebnis hast Du eine erste Fassung. In einem dritten Schritt kannst Du dann den Text in seiner ersten Fassung überarbeiten, das heisst, zum Beispiel die Lücken zu füllen, die Logik, wo sie fehlt, herzustellen, und die Sprache zu glätten sowie Tippfehler zu beseitigen. Das Ergebnis dieser dritten Phase ist zum Schluss der fertige Text.
Postskriptum:
Manchmal kann es freilich hilfreich sein, Schreibgesetze zu brechen, denn nicht jede Methode greift in jeder Lebens- und Schreibsituation gleichermassen gut. Bei grösseren Schreibprojekten, an denen Du länger nicht gearbeitet hast, kann es hilfreich sein, nochmals Anlauf zu nehmen, indem Du den bereits vorhandenen Anfang Deines Textes nochmals liest und korrigierst. Durch das Lesen des schon Geschriebenen versetzt Du Dich erneut in den Zusammenhang Deines Textes. So hat zum Beispiel E. Hemingway beim Schreiben seines Romans «TO HAVE AND HAVE NOT» vor dem Weiterscheiben immer nochmals das bereits Geschrieben durchgelesen, um möglichst getreu in seiner Diktion fortfahren zu können. Auch wenn das bei einem Schreibprojekt von 400 Textseiten so nicht möglich ist, gehe ich davon aus, dass Du intelligent genug bist, sein Vorgehen für Dein Projekt fruchtbar umzusetzen.
E) Meine fünfte beste #Schreibempfehlung für längere Texte
ÜBERARBEITUNG
Überarbeite, was Du bereits geschrieben hast. Wie bitte? Wurde nicht empfohlen, die beiden Schreibphasen zu trennen und die erste Fassung zu beenden, bevor man sich ans Redigieren macht? Wurde an anderer Stelle nicht dasselbe für die drei Schreibphasen gefordert? Stimmt. Genau richtig! Allerdings habe ich auch festgestellt: «Nicht jedes Mittel passt in jeder Lebens- und Schreibsituation.» Manchmal kann es hilfreich sein, sozusagen neu Anlauf zu nehmen, indem man den bereits vorhandenen Anfang eines Textes liest und korrigiert. Das gilt speziell für grössere Projekte (wie eine Masterarbeit), an der Du einige Zeit nicht gearbeitet hast. Durch das Lesen des schon Geschriebenen versetzt Du Dich wieder in den Kontext Deines Themas. Natürlich würde in einer idealen Welt niemand je die Kette unterbrechen, aber in der Realität werden wir manchmal krank, müssen unsere Brötchen mit anderen, zeitraubenden und anstrengenden Tätigkeiten verdienen oder sind faul und lustlos und verlieren so den berühmten roten Faden. Wenn Du also ein angefangenes Manuskript in einer realen oder virtuellen Schublade liegen hast, kann diese Methode Dir vielleicht helfen, es zu vollenden.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich