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Armut, Armenwesen und staatliche Reformpolitik in Schaffhausen (1800–1850)
Die Diskussion über die «Neue Armut» ist auch in der reichen Schweiz aktuell. 1991 lebten etwa 10% der Bevölkerung der Schweiz in Armut: 570'000 Einwohner verfügten über weniger als 13'900 Fr. Jahreseinkommen. Historisch widerlegt ist damit die Auffassung, gemäss der die Armut des frühen 19. Jahrhunderts eine vorübergehende Erscheinung sei, die durch Industrialisierung, technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum aufgehoben wurde.
Ursachen und Erscheinungsformen der vor dem spezifischen Hintergrund einer vorindustriellen Gesellschaft entstandenen Armut lassen sich jedoch nicht einfach auf die Gegenwart übertragen.
Die Frage nach den Lebensverhältnissen der Unterschichten und der Armut in der noch kaum industrialisierten Stadt Schaffhausen von 1800 bis etwa 1850, einer Zeit, die durch tiefgreifende soziale Umbrüche und ökonomische Krisen gekennzeichnet war, schliesst die Situation, Entwicklung und Strukturen der damaligen Schaffhauser Gesellschaft als Ganzes mit ein.
Die vorliegende Arbeit untersucht deshalb erstens die lokal und überregional beeinflusste wirtschaftliche Situation und die soziale Entwicklung in Schaffhausen. Zweitens wird danach gefragt, was konjunkturelle und strukturelle Krisen, soziale, rechtliche und wirtschaftliche Ungleichheit für die Lebensbedingungen der Unterschichten und Armen bedeuteten, auf welche Weise Armut sich äusserte und welche Konsequenzen sich daraus ergaben. Drittens geht es um die Frage, wie die behördliche Armenpolitik in den Lebenszusammenhang Verarmter eingriff, z. B. durch Zwangsarbeitsanstalten, und welche wechselnden Motivationen und Ziele die Armenpolitik verfolgte.
Der Begriff Armut ist weit gefasst und schliesst alle Personen mit ein, die dauernd in dürftigen Umständen knapp über oder unter dem Existenzminimum lebten und deren Selbsterhaltung durch fehlendes Vermögen und ungenügendes oder ausbleibendes Einkommen ständig gefährdet war.