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Christa Miranda: Zoë Lehmann Imfeld, darf man annehmen, dass Sie als Kind Gruselgeschichten verschlungen haben?
Zoë Lehmann Imfeld: Meine Schwester und ich haben unter der Decke mit der Taschenlampe gelesen, z.B. «The Turn of the Screw» von Henry James. Eine tolle Geschichte! Eine Frau wird von Gespenstern heimgesucht. Ist sie psychotisch oder sind die Gespenster real?
Das war für meine Schwester und mich besonders gruselig, und nach der Lektüre liessen wir das Licht brennen. M.R. James, ein englischer Autor von Gespenstergeschichten, bezeichnete es als Erfolg, wenn seine Leser nach der Lektüre nicht mehr im Dunkeln Schlafen mochten.
Wie kamen Sie auf die Idee, Schauerliteratur mit religiösem Fokus zu lesen?
«Frankenstein» von Mary Shelley und die anderen klassischen «Gothic Novels» vom Anfang des 19. Jahrhunderts haben klare religiöse Motive. Der Wissenschaftler Frankenstein spielt selber Gott, er ergreift die Macht über Leben und Tod.
Mich interessieren die späteren Horrorgeschichten vom Ende des 19. Jahrhunderts, oft kurze Gespenstergeschichten, die auf den ersten Blick nichts mit Religion zu tun haben. Neben Henry James und M.R. James schrieben auch viele Grossen der englischen Literatur solche Geistergeschichten: Charles Dickens oder Oscar Wilde.
Was haben Sie durch Ihre Lesart herausgefunden?
Meist handeln die Geschichten von selbstsicheren Figuren, die wissen, wie die Welt funktioniert. Dann bricht ein unverständliches, feindseliges Phänomen in ihr Leben ein, das allem widerspricht, was sie kennen. Irgendwann merken sie, dass dieses fremde, dämonische Etwas in ihnen selber steckt. In der Konfrontation damit gelangen die Protagonisten – und mit ihnen wir Leser – zu einem anderen Verhältnis zu sich selber und zur Welt.
Was ist – neben dem Gruseleffekt – die Absicht hinter diesen Geschichten?
Sie spielen die Vorstellung durch, dass wir Menschen schlechte und gute Seiten haben, die miteinander in Konflikt stehen. Einige mit klarer moralischer Absicht, wie Charles Dickens‘ berühmte Erzählung «A Christmas Carol»: Darin wird ein Mann von Geistern besucht und lernt dadurch, «besser» zu leben. Andere stellen zwar moralische Fragen, geben aber keine wirklichen Antworten.
In fast allen dieser Geschichten steht unter dem Strich fest: Das Böse gehört zum Guten, gehört zu uns Menschen. Das passt zur Religion der viktorianischen Zeit, der Church of England und der «Low Church»: Man wollte sich von der katholischen Tradition abgrenzen.
In der Schauerliteratur spielt auch die Angst vor der Apokalypse eine Rolle: Ist die Menschheit zu weit gegangen? Ist das jetzt schon die Endzeit?
Ist in diesem Sinn die Johannes-Apokalypse auch eine Art «Gothic Tale»?
Was in den Geschichten, die ich untersucht habe, geschieht, könnte man tatsächlich mit der biblischen Apokalypse in Verbindung bringen. Denn die Charaktere durchleben eine Reise. Das entspricht der Idee der Apokalyptik: das Ziel ist nicht der Weltuntergang, sondern die Läuterung danach. Es sind Heldenreisen, in denen die schlimmste Wendung eintreten muss, um auf die andere Seite, auf die Seite des Guten zu gelangen.
Als nächstes nehmen Sie sich die Science-Fiction-Literatur vor. Warum, denken Sie, sind Horror und Science Fiction in der Literatur so erfolgreich?
Wir glauben, wir wissen alles über diese Welt. Wir kontrollieren die Natur und unser Leben, aber irgendetwas fehlt. Es gibt Bereiche, die sich dieser Kontrolle entziehen. Die Fantasie-Literatur, ob Horrorgeschichten oder Science Fiction, spielt mit der Angst davor und kleidet sie in Geschichten, die uns einladen, dieses Gefühl zu erkunden. Die Horrorliteratur, aber auch Märchen und Science Fiction, sprechen über die menschliche Angst und gehen über die Grenzen unseres Alltags hinweg, um zu schauen, was auf der anderen Seite ist.
Diese Geschichten bieten also Gegenwelten an?
Nein, da sehe ich keine Konkurrenz. Gute Science-Fiction-Literatur arbeitet sehr ernsthaft mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie fragt, was diese Erkenntnisse für uns Menschen bedeuten. Der Wissenschaft sind Grenzen gesetzt, aber die Literatur darf sich vorstellen, weiter zu gehen, die Grenzen der Wirklichkeit zu durchbrechen.
Literatur bietet hier einen Raum, wo sich die exakten Wissenschaften mit der Theologie treffen könnten. In diesem Raum geht es nicht um das, was ist, sondern, was sein könnte. Die Literatur – so hoffe ich – kann diese beiden weit entfernten Wissenschaften miteinander ins Gespräch bringen.
Zoë Lehmann Imfeld
Die 36-jährige Literaturwissenschaftlerin hat im Juni den Marie-Heim-Vögtlin-Preis des Schweizerischen Nationalfonds erhalten. Sie arbeitet interdisziplinär zwischen Literatur, Theologie und Philosophie, derzeit als Postdoktorandin an der Universität Bern.
Buchhinweis
Zoë Lehmann Imfeld: The Victorian Ghost Story and Theology – From Le Fanu to James, Palgrave Macmillan, August 2016