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Rüedi Marcel, 1938-1986, Bergsteiger
Marcel Rüedi war in den 1980er Jahren einer der erfolgreichsten und bekanntesten Bergsteiger weltweit. Innerhalb von fünf Jahren bezwang er zehn Achttausender im Himalaja und Karakorum. In der Schweiz wurde er gefeiert wie ein Popstar. Rüedi starb am 25. September 1986 beim Abstieg vom Gipfel des 8463 Meter hohen Makalu.
Zum Bergsport kam Marcel Rüedi erst im Alter von über 30 Jahren, als er – eher zufällig – von einem Kollegen zu einer Bergtour in die Glarneralpen eingeladen wurde. Bislang war der Winterthurer Metzgermeister dem Tauch- und Radsport zugetan, denen er in seiner Freizeit jedoch intensiv frönte. Entsprechend war seine Kondition, die von späteren Kletterpartnern als „phänomenal“ bezeichnet wurde. Einmal entdeckt, liess ihn die Kletterei nicht mehr los.
1975 reiste er zum ersten Mal in den Himalaja, in den Jahren darauf nahm er an zwei Expeditionen in die Anden teil. 1980 wagte er sich an seinen ersten Achttausender, den 8167 Meter hohen Dhalaugiri, dem siebhöchsten Berg der Welt. Fast wäre ihm dieser zum Verhängnis geworden, erkrankte er doch bei einem ersten Versuch an einem Lungenödem, der gefürchteten Höhenkrankheit. Knapp dem Tod entronnen wagte er schon zwei Wochen später einen zweiten, diesmal erfolgreichen Angriff.
Danach gab es kein Halten mehr. 1983 schaffte er drei Achttausender innerhalb von zwei Wochen, im Folgejahr zwei weitere. In der Schweiz begannen sich die Medien für den „kletternden Metzger“ zu interessieren. Interviews, Porträts und Dok-Filme begleiteten seine Erfolge und verhalfen ihm zu einem hohen Bekanntheitsgrad - was wiederum seine Sponsorensuche erleichterte.
Auch in Winterthur wurde er gefeiert und unterstützt. Seine Diavorträge über seine Expeditionen waren regelmässig ausverkauft, und sogar die Fachgeschäfte-Vereinigung „Junge Altstadt“ sammelte in der Marktgasse für „unseren Mann im Himalaja“ (Zeitungsüberschrift). Denn im Gegensatz zu vielen anderen Mitglieder der internationalen Höhenbergsteiger-Elite blieb Rüedi – wenigstens ökonomisch – ein Amateur.
Von der Kletterei konnte er nicht leben, vielmehr betrieb er sie neben seinem Brotberuf, führte er doch an der Wartstrasse ennet dem Hauptbahnhof eine stadtbekannte Metzgerei mit um die zwanzig Angestellten. Dass er sich so oft auf Expedition begeben konnte, verdankte er in erster Linie seiner Frau Gerda, die ihn während seinen wochenlangen Abwesenheiten im Geschäft vertrat.
Am 29. Juni 1985 titelte der Landbote auf der Frontseite: „Ein Winterthurer bestieg den K2“. Ein lapidar formulierter Titel für eine Gewaltleistung, immerhin hatten Rüedi und sein Kletterpartner Herbert Joos als erste Schweizer den unter Alpinisten als schwierigsten geltenden Berg überhaupt bezwungen – und waren mit gefrorenen und gar abgestorbenen Zehen wieder heruntergekommen.
In jenen Jahren wurde, angeheizt durch das internationale Medieninteresse, unter den Elite-Cracks ein regelrechtes Rennen ausgefochten, wer wohl als erster alle vierzehn Achttausender der Erde erklettern konnte. Neben Reinhold Messner galt auch der ebenso ehrgeizige Rüedi als möglicher Anwärter auf den Titel. Es sollte nicht sein.
Beim Abstieg vom Gipfel des 8485 Meter hohen Makalu in Nepal, starb Rüedi am 25. September 1986. Ob an Erschöpfung, ob an einem Lungenödem oder anderen gesundheitlichen Problemen ist nie klar geworden. Gefunden wurde er von seinem „Konkurrenten“ Messner, der zur gleichen Zeit auf dem Weg zum Gipfel war. „Wenn mir etwas zustossen sollte, möchte ich gerne oben bleiben“, hatte Rüedi einmal seiner Frau anvertraut. Seine Expeditionskollegen erfüllten ihm den Wunsch – er wurde mit einem symbolischen Begräbnis in einer Gletscherspalte auf „seinem“ zehnten Achttausender bestattet.
Im Februar 2009 lud die Sektion Winterthur des Schweizer Alpenclubs SAC zu einem Gedenkanlass für ihren wohl berühmtesten Bergkollegen, an dem auch eine von der Journalistin und Buchautorin Charlotte Jacquemart verfasste Biografie des Winterthurer Extremkletterers präsentiert wurde. Dem Abend, an dem namhafte Kletterpartner und -freunde in persönlichen Reminiszenzen Rüedis gedachten, war ein durchschlagender Erfolg beschieden. Über vierhundert Personen drängten sich in den Casino-Festsaal, Dutzende mussten aus Sicherheitsgründen abgewiesen werden. Im November wurde der Vortagsabend mit ähnlichem Erfolg wiederholt.