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Vor allem im Genre der Rollenspiele hat sich etwas getan. Immer mehr Games bieten die Möglichkeit an, den Hauptcharakter queer zu spielen: Die «Fallout»-Reihe gehörte 1998 zu den ersten, später folgten «Mass Effect», «Dragon Age», «Fable» und einige mehr. Das Remake des Klassikers «Baldur's Gate» wurde um eine queere Spielweise ergänzt. Auch in «Saints Row» darf der Spieler die Sexualität seines Charakters selbst wählen. Laut Adrienne Shaw, einer der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet, gelang der Durchbruch 2006 mit der Gründung von queeren Gilden in «World of Warcraft» und der Publikation von «Bully» (Rockstar Games).
Eine ausführliche Liste dazu gibt es übrigens bei Wikipedia.
Doch während es mittlerweile einige Games gibt, welche die Wahl der sexuellen Orientierung dem Spieler überlassen, existieren nur sehr wenige mit einem festgeschriebenen queeren Hauptcharakter.
Das kürzlich erschienene Game «The Last of Us Part II» (TLOU2) ist eine der wenigen Ausnahmen: Heldin Ellie führt eine homosexuelle Beziehung, wobei die Ausrichtung ihrer Sexualität keinen Einfluss auf die Story hat. Sie ist einfach. Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – wird der Vorwurf der Politisierung laut. Hersteller Naughty Dog drücke dem Spieler eine feministische, liberale Agenda auf, so die Kritiker.
Ob dieser Vorwurf angesichts der Seltenheit von queeren Hauptcharakteren berechtigt ist, sei dahingestellt. Dass Naughty Dog damit eine Wirkung erzielt, ist allerdings kaum zu bestreiten. Den Verdacht erhärtet eine im «American Political Science Review»-Magazin publizierte Studie.
Die drei Wissenschaftler Gabor Simonovits (New York University), Gabor Kezdi (University of Michigan) und Peter Kardos (Bloomfeld College) liessen hunderte Probanden ein Videospiel namens «Gypsy Maze» zocken. In diesem schlüpft der Spieler in die Haut eines Roma und erfährt Diskriminierungen und Schwierigkeiten des Roma-Alltags am eigenen Pixelleib.
Die Minderheit der Roma wird in Ungarn immer wieder diskriminiert. Vor allem die rechtsextreme Partei Jobbik hat sich auf sie eingeschossen und sich Antiziganismus auf die Fahne geschrieben. Die Partei hat damit Erfolg. Allerdings weniger bei den Spielern von «Gypsy Maze».
Denn, so die Befunde der Studie, wer in virtueller Form in die Haut eines Angehörigen der Roma-Minderheit schlüpft, baut Empathie auf. Gemessen wurde das unter anderem an den Wahlabsichten für Jobbik. Diese sanken im Vergleich zur Kontrollgruppe um 10%. Grundsätzlich konnte eine Veränderung des Vorurteilskoeffizienten festgestellt werden, die dem Unterschied zwischen rechtsextrem und mitte-rechts entspricht.
Der beobachtete Effekt war auch einen Monat später noch messbar. Er betrug immerhin noch zwei Drittel des Ursprungswertes. Als Nebeneffekt stellten die Wissenschaftler bei den Spielern von «Gypsy Maze» fest, dass auch Vorurteile gegenüber Ausländern abgebaut wurden.
Die Versuchsanlage baut auf der Theorie der «Perspektiven-Übernahme» auf, die besagt, dass mit «In-sich-Hineinversetzen» Empathie generiert werden kann. Games sind aufgrund ihres Interaktionscharakters besonders dafür geeignet. Es ist also stark anzunehmen, dass ähnliche Effekte bei Videospielen auch den Anliegen der LGBT+-Gruppen zugute kommen. Und das wäre nötig.
In Deutschland hat sich die Anzahl Gewaltstraftaten gegenüber Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Personen seit 2013 verdoppelt. In der Schweiz scheiterten bisher alle Versuche, spezielle Werkzeuge zur Erfassung solcher Verbrechen einzuführen. Die LGBT-Helpline zählt aber jede Woche zwei Meldungen.