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1000 bewegte Jahre
Gletschergeschichte und Klima der letzten 1000 Jahre
von Hanspeter Holzhauser (2022)
Die steigenden Temperaturen setzten dem „ewigen“ Eis der Alpen drastisch zu. Seit Messbeginn im Jahre 1864 wurde es in der Schweiz um 2,1 °C wärmer und die Gletscher schmolzen weit zurück, auch im Raum Zermatt. So büsste der Gornergletscher seit seinem letzten Hochstand um 1860 rund 2,5 km an Länge ein, der Zmutt- und Findelengletscher sind um 3,4 bzw. 2,5 km kürzer geworden. Mit diesem „Jahrhundertschwund“ der Gletscher hat sich auch die Landschaft sichtbar verändert. Wo früher Eis das Gelände bedeckte, entstanden öde Fels- und Schuttwüsten, welche die Vegetation allmählich wieder in Besitz nimmt. In tieferen Lagen haben sich Bäume wie Lärchen und Arven wieder flächendeckend angesiedelt.
Die Klimageschichte zeigt uns, dass es in den letzten tausend Jahren auch schon warme Zeitabschnitte gab. Während der mittelalterlichen Warmperiode zwischen 900 und 1300, mit einem Wärmegipfel zwischen 900 und 1050, traten mittlere Sommertemperaturen auf, die mit denen des 20. Jahrhunderts durchaus vergleichbar sind.
Damals lag das Zungenende des Gornergletschers weit zurück, ähnlich weit wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im Gletschervorfeld wuchsen Lärchen und Arven, die bis zu 490 Jahre alt wurden. Der Überlieferung nach sollen in jener Zeit die Säumer, die über den St. Theodulpass ins Valtournenche gelangten, in der Talsohle des Riffelhorns öfters ihre Lasttiere verloren haben, so dicht wuchs das Gestrüpp an der Stelle des heutigen Gornergletschers.
Während der mittelalterlichen Warmperiode gab es aber auch kühlere Abschnitte, nämlich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Vor allem die 1120er und 1140erJahre waren von einer Abfolge kalter Winter und kühler Sommer geprägt. Die Jahre 1143, 1144 und 1151 sind vergleichbar mit dem Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“. Die Alpengletscher stiessen vor, so auch der Gornergletscher. Dieser erreichte um 1186 eine Ausdehnung wie um 1949. Gestoppt wurde sein Vorrücken durch die vorangegangenen warmen Sommer zwischen 1175 und 1186.
Das erste Drittel des 13. Jahrhunderts war eher kühl. In den folgenden Jahrzehnten überwogen heisse Sommer und warme Frühjahre, begleitet von milden Wintern, insbesondere zwischen 1259 und 1282. Die Gletscher schmolzen während dieser Zeit jedoch nicht allzu weit zurück und stiessen gegen Ende des 13. Jahrhunderts gar vor. Das Zungenende des Gornergletschers war um 1300 etwas weiter vorgeschoben als um 1186.
Ein drastischer Umschwung erfolgte zu Beginn des 14. Jahrhunderts mit dem Übergang von der mittelalterlichen Warmperiode zur Kleinen Eiszeit, die von ca. 1300 bis um 1860 dauerte. Die Kleine Eiszeit begann mit kalten Abschnitten vor 1340 und nach 1377, die das Gletscherwachstum begünstigten. Vermutlich gingen in höheren Lagen während einzelner Winter gewaltige Schneemassen nieder.
Zwischen 1314 und 1330 waren die Frühjahre generell frostig und die Sommer zwischen 1314 und 1322 überwiegend kühl. Der Gornergletscher stiess damals vor und nahm von 1324 bis 1327 Ausmasse an wie dies seit rund 580 Jahren nicht mehr der Fall war.
Das Anwachsen des Gletschers wurde von den warmen Sommern zwischen 1324 und 1340 etwas gebremst, und entsprechend langsam verlief sein weiteres Vorrücken in den darauffolgenden Jahren bis 1341.
Die Kälteeinbrüche in den 1340er Jahren, gepaart mit grösseren Schneemengen in den höheren Regionen zwischen den 1340er und 1360er Jahren wirkten sich günstig auf die Massenbilanz der Gletscher aus und lieferten die Bedingungen für das schnelle Vorrücken der Alpengletscher. Die klimatischen Verhältnisse der Jahre zwischen 1342 und 1347 waren durch sehr hohe Niederschlagsmengen in den Sommern 1342 und 1343 charakterisiert, die von einer einzigartigen Serie von drei nasskalten Sommern von 1346 bis 1348 gefolgt wurden. Der Sommer 1347 war vermutlich kälter als derjenige von 1816 („Jahr ohne Sommer“). Der Gornergletscher stiess bis in die Schweigmatten vor und erreichte um 1385 seine maximale Ausdehnung des 14. Jahrhunderts. Der nach 1370 einsetzende Erwärmungstrend und die heissen Frühjahre und Sommer zwischen 1383 und 1384 verlangsamten und stoppten schliesslich das Vorrücken der Eismassen.
Erstmals in den Alpen konnte dieser gewaltige Vorstoss im 14. Jahrhundert mit Hilfe dendrochronologisch absolut datierter Lärchen und Arven, die der Gornergletscher im Laufe der Zeit freigab, äusserst genau rekonstruiert werden.
Der einschneidende Übergang von der mittelalterlichen Warmperiode zur Kleinen Eiszeit mit anschliessendem Gletscherhochstand schlug sich wahrscheinlich auch im Erzählgut nieder, nämlich in den weit verbreiteten Blüemlisalpsagen. Diese erzählen von einst fruchtbaren Alpweiden, die durch das Anwachsen der Gletscher zerstört wurden. Nach dem Hochstand im 14. Jahrhundert schmolzen die Gletscher wieder etwas zurück, blieben aber immer noch recht ausgedehnt. Die erste Hälfte des darauffolgenden 15. Jahrhunderts war durch kalte Winter, frostige Frühjahre und durch milde Sommertemperaturen gekennzeichnet. Die Jahreszeiten zwischen 1450 und 1470 waren tendenziell kalt.
Das 16. Jahrhundert bescherte zwischen 1520 und 1560 ausser im Winter warme Temperaturen, vergleichbar mit dem Mittelwert zwischen 1961 und 1990. Eine Trendwende zeichnete sich erst gegen 1570 ab mit kühlen Temperaturen und hohen Niederschlägen im Sommer. Die meisten Jahre zwischen 1568 und 1579 dürfen als gletschergünstig bezeichnet werden: gewaltige Schneemengen in den Wintern, Kälterückfälle im Frühjahr sowie kühle und nasse Sommer. Die Gletscher setzten erneut zu einem langandauernden Vorstoss an, der durch die sehr nassen und kühlen Sommer zwischen 1584–1589, 1593–1594 und 1597–1598 begleitet und begünstigt wurde. Um 1600 erreichten kleinere Gletscher erneut einen Hochstand. Zwischen 1601 und 1670 lagen die Temperaturen ein halbes Grad Celsius unter dem Durchschnitt von 1961 bis 1990. Nach kurzen Rückschmelzphasen bewirkten eisige Sommer in den Jahren 1618, 1621 und 1628 weitere kräftige Vorstösse. Einige Gletscher stiessen in besiedeltes Gebiet vor und schreckten die Talbewohner auf. Um den vorwärts drängenden Eismassen Einhalt zu gebieten, wurden gletscherbannende Prozessionen durchgeführt, so in Chamonix 1644, am Fieschergletscher 1652 und am Grossen Aletschgletscher 1653. Der Gornergletscher stiess damals ebenfalls kräftig vor und erreichte um 1667 erneut einen Hochstand.
Das 18. Jahrhundert bescherte kühle Winter und Herbste, mässig kalte Frühjahre und relativ warme Sommer. Kleinere Gletscher reagierten auf die mehrheitlich gletschergünstigen Verhältnisse zwischen 1755 und 1769 mit einem Vorstoss in den 1770er Jahren.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwogen kalte Jahreszeiten, und insbesondere die tiefen Temperaturen im Sommerhalbjahr beeinflussten die Entwicklung der Alpengletscher.
Auf die kühlen Sommer von 1812 bis zum Jahr 1816 („Jahr ohne Sommer“), folgte eine erste Vorstossphase. Die Gletscherzungen waren damals bereits relativ weit vorgeschoben, weshalb kleinere Gletscher bereits um 1820 einen Hochstand erreichten. Nach einer kurzen Rückschmelzphase stiessen die Alpengletscher erneut vor, begünstigt durch kalte Herbste, frostige Frühlinge und eisige Sommer zwischen 1847 bis 1851 sowie schneereiche Jahre zwischen 1851 und 1853. Zwischen 1856 und 1860 erreichten nicht nur die kleineren, sondern auch die grösseren Gletscher ihren letzten Hochstand, und damit endete die Kleine Eiszeit. Die anschliessend wärmeren Sommer zwischen 1857 und 1877 leiteten die heute noch anhaltende Rückschmelzphase der Alpengletscher ein.