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, Einleitung: Vom Glauben und von den Werken. In: Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften / aus dem Lateinischen übers. (Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften Bd. 8; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 49) Kempten; München : J. Kösel : F. Pustet, 1925.
Einleitung: Vom Glauben und von den Werken
Die Abfassungszeit des Traktates „De fide et operibus" läßt sich ziemlich genau nach einer Bemerkung festlegen, die der heilige Augustinus selbst im 14. Kapitel desselben macht; er erwähnt dort beiläufig, daß er kurz vorher sein Buch „De spiritu et litera" geschrieben habe. Diese letztere Abhandlung nun wurde gegen Ende des Jahres 412 abgeschlossen; demnach ist wohl das Jahr 413 als das Abfassungsjahr der vorliegenden Schrift anzusehen.
Was den heiligen Augustinus zu diesem Traktat veranlaßte, darüber gibt er uns selbst im 38. Kapitel des zweiten Buches seiner Retractationes Aufschluß; er schreibt dort: "Inzwischen wurden mir von einigen zwar dem Laienstand ungehörigen, aber trotzdem der religiösen Studien beflissenen Brüdern Briefe übersandt, die den christlichen Glauben so von den Werken trennen wollten, daß sie behaupteten, man könne zwar nicht ohne den Glauben, wohl aber ohne die Werke zum ewigen Leben gelangen. Diesen Brüdern wollte ich antworten und schrieb darum ein Buch mit dem Titel: 'Vom Glauben und von den Werken'. Darin habe ich nicht bloß dargelegt, wie die Christen leben müssen, die durch Gottes Gnade bereits [in der Taufe] wiedergeboren sind, sondern auch, welcher Art Leute zu diesem Bade der Wiedergeburt zugelassen werden dürfen." — Ein doppelter Zweck ist es eigentlich, den der Verfasser mit seiner kleinen, aber wichtigen Schrift verfolgt: fürs erste ein prinzipiell-dogmatischer durch scharfe Formulierung der Lehre vom Verhältnis zwischen dem Glauben und den persönlichen guten Werken des Christen; fürs zweite hatte er auch noch eine mehr praktisch-pastorelle Absicht: die falsche Auffassung vieler, daß der Glaube allein auch ohne persönliche gute Werke zur Erlangung des ewigen Lebens schon hinreichend sei, hatte nämlich auch eine die damalige Katechumenatspraxis schwer schädigende Irrlehre im Gefolge; esgab gar manche, die es für völlig hinreichend hielten, wenn der Katechumene nach einem Unterricht bloß über den christlichen Glauben einfach im vertrauensvollen Besitz dieses Glaubensgutes zur Taufe hinzutrat, ohne daß er auch nur die mindeste Neigung hatte, nun auch sein praktisches religiöses Leben in Einklang mit dieser christlichen Lehre zu bringen.
Seitdem die Reformatoren die vom heiligen Augustinus in der vorliegenden Schrift bekämpfte sogenannte „Solafideslehre" aufs neue wieder als einzig richtige christliche Lehre erklärt haben, ist begreiflicherweise unser Traktat zu gesteigerter Bedeutung gelangt. Eigentümlich ist die protestantische Ansicht, daß Luthers Heilslehre gerade mit der des heiligen Augustinus übereinstimmen soll. Um zu zeigen, wie schroff sich die Lehre des heiligen Kirchenvaters in Wirklichkeit von der des Reformators unterscheidet, stelle ich hier nach dem Vorgang R. Storfs, der unsem Traktat in der 1. Auflage dieser Sammlung übersetzt hat, die Lehre der beiden Männer in knappen Sätzen einander gegenüber:
1. Luther verwirft jede Disposition zur Rechtfertigung außer dem Glauben, Augustinus aber verlangt von den Täuflingen außer dem Glauben auch die Bekehrung von den toten Werken und Abkehr von der sündigen Welt [c. 8].
2. Luthers rechtfertigender Glaube ist das Vertrauen auf Christi Verdienst, der Glaube bei Augustinus ist in erster Linie historisch-dogmatisch und erst in zweiter Linie subjektiv [c. 9. und 10].
3. Für Luther ist die Rechtfertigung nur die Nicht-zurechnung der Sünde um Christi willen, Augustin faßt sie als die völlige Tilgung der Sünde durch die Taufe [c. 11]. 2. Luthers rechtfertigender Glaube ist das Vertrauen auf Christi Verdienst, der Glaube bei Augustinus ist in erster Linie historisch-dogmatisch und erst in zweiter Linie subjektiv [c. 9. und 10].
4. Die Gerechtigkeit ist nach Luther die zugerechnete Gerechtigkeit Christi, die unsere Sünden verdeckt, nach Augustin ist sie die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossene Liebe [c. 14, 23 und 25]. 2. Luthers rechtfertigender Glaube ist das Vertrauen auf Christi Verdienst, der Glaube bei Augustinus ist in erster Linie historisch-dogmatisch und erst in zweiter Linie subjektiv [c. 9. und 10].
5. Nach Luther gehen aus dem Glauben die Werke hervor wie die Frucht aus dem Baume, sie sind aber nicht nach ihrer wirklichen Erscheinung, sondern nach der Gläubigkeit des Einzelnen zu bemessen; nach Augustinus kommen sie aus der eingegossenen Liebe [c. 14, 21 und 23].
6.Nach Luther geht die imputierte Gerechtigkeit nur durch die einzige Hauptsünde, den Unglauben, verloren; nach Augustinus geht die wahre Gerechtigkeit durch alle Sünden verloren, die nach der Schrift vom Reiche Gottes ausschließen [c. 15 und 16].
7. Luther verlangt unbedingte Gewißheit der eigenen Seligkeit selbst beim Bewußtsein der Sünde; Augustinus verwirft diese Sicherheit als höchst gefährlich und ruchlos [c. 14 und 22].
8. Luther erklärt die guten Werke für nutzlos zur Seligkeit; Augustinus erklärt sie für unbedingt notwendig zur Erlangung des Heiles [c. 15, 16 und 21].
9. Luther verwirft die Einteilung der Sünden in schwere und geringe, Augustinus kennt [c. 19 und 20] läßliche und Todsünden und teilt die Sünden [c. 27] in drei Klassen.
10. Luther verachtet den Brief des heiligen Jakobus als Strohepistel; nach Augustinus hätte sich Jakobus nicht wahrer, kürzer und schroffer ausdrücken können als dadurch, daß er den Glauben ohne Werke den Glauben der Teufel nannte [c. 14].
Die erste Sonderausgabe unseres Schriftchens erschien im Druck zu Köln 1473 [vgl. Notitia literaria in S. Augustinum, Migne, S. Patrol. Ser. lat. 47, 42]. Die nachfolgender Sammelausgaben, z. B. die Baseler des D. Erasmus, die Antwerpener der theologi Lovanienses, die der Mauriner und andere, enthalten es gleichfalls; auch in Einzeldrucken erschien der Traktat noch wiederholt [vgl. Not. lit. Spalte 146 f.]. Eine ganz neue Ausgabe besorgte Zycha in dem "Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum" der Wiener Akademie der Wissenschaften. Eine deutsche Übersetzung wurde erstmals von Dr. K. Hedio 1532 in Straßburg gedruckt. — In der ersten Auflage der "Bibliothek der Kirchenväter" gab im 4. Band der Werke des heiligen Augustinus Remigius Storf eine Übersetzung, der ich vieles verdanke.