Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/77

Am NATO-Gipfel wurde auch viel über den Einsatz in Afghanistan diskutiert und man hat sich und der Welt versichert, dass man einen langen Durchhaltewillen zeigen will. Trotzdem berichtete der Spiegel am 03.04.2008 über ein “geheimes” Nato-Communiqué in dem Abzugsszenarien der NATO aus Afghanistan skizziert seien. Eine der Kriterien für einen Abzug sei das Erreichen von 80.000 Mann Bestand in der afghanischen Armee. Ganz so umwerfend geheimnisvoll ist die Story jedoch nicht, denn in einem öffentlichen Bericht der NATO steht folgendes (konkreter wird der Spiegel-Artikel übrigens auch nicht):
In Tokyo, in February 2008, the Joint Coordination and Monitoring Board (JCMB) endorsed a target ceiling for the ANA of 80,000 troops by 2010. Current plans call for 77 battalions organised into 13 light brigades, a mechanised brigade, a commando brigade, a headquarters and support brigade, enabling units and the initial operation of an air corps. Priority therefore remains to develop a credible ANA ground manoeuvre force. Until such time as the ANA becomes capable of conducting operations autonomously, ISAF and coalition forces remain committed to providing air support, medical evacuation and artillery when required.
Derzeit sind bereits rund 50.000 Soldaten der afghanische Armee ausgebildet. Doch bevor die NATO überhaupt an einen Abzug denken kann, muss sie noch einige andere Probleme in den Griff bekommen. Bezüglich Sicherheit sind quantitative Fortschritte noch nicht auszumachen. So wurde im vergangenen Jahr ein Rekord an IEDs registriert. Innerhalb eines Jahres nahmen die Anschläge mit Sprengfallen von 1.931 auf 2.615 Vorfälle zu. Davon detonierten rund die Hälfte, der Rest wurde entdeckt und entschärft. Die Anschläge konzentrieren sich insbesondere im Osten und im Süden des Landes. (Quelle: NATO, “Progress in Afghanistan“, April 2008)
Die geographische Konzentration bedeutet, dass die kanadischen und US-amerikanischen Streitkräfte am stärksten von den gegnerischen Anschlägen und Übergriffen betroffen sind. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass Kanada den Druck auf die europäischen Mitgliedsstaaten erhöhte und ein Ultimatum bis zum Februar 2009 setzte. Sollten bis dahin die kanadischen Einheiten im Süden des Landes nicht mit zusätzlich 1000 Soldaten anderer europäischer Staaten verstärkt werden, würden die kanadischen Truppen komplett aus Afghanistan abgezogen werden. Dank der französischen Zusage ein weiteres Bataillon (700 Mann) im Osten von Afghanistan einzusetzen, so dass die US-Streitkräften aus dem Osten die Kanadier im Süden verstärken können, zog Kanada sein Ultimatum zurück und versicherte bis 2011 in Afghanistan zu bleiben. Polen versprach bereits Ende März sein Kontingent in Afghanistan um 400 Mann aufzustocken und auch Belgien stellte eine Erhöhung seiner Truppenstärke um 140 Soldaten in Aussicht. Georgien versprach, vermutlich auf Hinblick auf eine NATO-Mitgliedschaft, vor dem NATO-Gipfel sein Kontingent von einem Mann (!!) um 500 Mann zu erhöhen. Der georgische Aussenminister verkündete bei dieser Gelegenheit, dass “[egal] was in Bukarest passiert, sie [(die georgischen Soldaten)] werden gehen und kämpfen”. Ob diese Versprechung nach der Absage eines NATO-Beitritts jedoch noch Gültigkeit hat, bleibe dahingestellt.
Es geht jedoch nicht nur um personelle Verstärkung. Weiter forderten die kanadischen Truppen technische Unterstützung: es fehle an Transporthelikopter (CH-47 Chinook) und besseren Drohnen (derzeit sind Drohnen des Typs SAGEM Sperwer im Einsatz).
Man sollte aber nicht nur die Probleme betrachten. Insbesondere im humanitären Bereich konnte die NATO auch Fortschritte verzeichnen:
- Ende 2007 konnten 6.4 Millionen Kinder eine Schule besuchen (inklusive 1.5 Millionen Mädchen).
- 16 Millionen Impfungen gegen Kinderkrankheiten wurden verabreicht, was die Kindersterblichkeit innerhalb fünf Jahren um 26% senkte.
- 2007 waren in Afghanistan 103 Spitäler und 878 medizinische Zentren operationell, was bedeutet, dass rund 80% der Bevölkerung Zugriff auf medizinische Versorgung hatte (unter den Taliban waren es lediglich 8%)
Hauptquellen
- NATO, “Progress in Afghanistan” (April 2008).
- NATO, “ISAF’s Strategic Vision” (03.04.2008).
- Cyrus Hodes, “Identity Crisis”, Janes’s Intelligence Review (April 2008), 8-13.
Bildverzeichnis
Oben links: French Research and Investigation Squad in Afghanistan.
Mitte: Statistik der IEDs in Afghanistan: 2.615 Sprengfallen im Jahre 2007 – davon detonierten rund die Hälfte, der Rest wurde entdeckt und entschärft (zum Vergrössern auf das Bild klicken).
Update vom 15.04.2008
Jedenfalls zieht Georgien seine 180 Soldaten aus dem Kosovo ab – und zwar noch diese Woche. Der stellvertretende Verteidigungsminister, Batu Kutelia, wandte sich gegen Spekulationen, seine Regierung reagiere damit auf die Entscheidung des Bündnisses, Georgien und der Ukraine keine baldige Mitgliedschaft in Aussicht zu stellen. Man wolle mit dem abgezogenen Kontingent die Truppen in Afghanistan verstärken.