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Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Basler Nationalökonomie weiter an Bedeutung. Mit Edgar Salin und Gottfried Bombach hatten zwei führende Fachvertreter die beiden Lehrstühle inne. Auch das Interesse der Studierenden am Fach wuchs. Die Folge war ein stetiger Ausbau des Studienangebots, die Konsolidierung der Fächer im Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum und schließlich 1996 die Gründung einer eigenen Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.
In der frühen Nachkriegszeit, den 1950er und 60er Jahren, stand die Basler Nationalökonomie international in hohem Ansehen. Nicht nur erlebte Salin den Zenit seiner Karriere; auch der zweite nationalökonomische Lehrstuhl wurde 1957 mit Gottfried Bombach (* 1919) prominent besetzt. Salin und Bombach konnten in der Folge auch institutionelle Erfolge verbuchen. Insbesondere gelang es 1959, ein drittes Ordinariat zu schaffen, das zum ersten Mal ganz an die Soziologie ging. Angesichts der rasant steigenden Studierendenzahlen war ein weiterer, markanter Ausbau der Wirtschaftswissenschaften notwendig. Die boomartige Expansion des Bildungssystems in den 1960er und 70er Jahren verlieh den Wirtschaftswissenschaften inhaltlich wie institutionell starken Rückenwind. Bis 1970 kamen zwei weitere nationalökonomische Ordinariate sowie zwei Extraordinariate hinzu.
Bombach wurde 1957 als Nachfolger des zurückgetretenen Valentin Wagner nach Basel berufen. Nach dem Studium und der Promotion (1952) am Kieler Institut für Weltwirtschaft arbeitete Bombach einige Jahre bei der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) in Paris. Er besass profunde ökonometrische Kenntnisse, positionierte sich in der Nähe neoklassischer Ansätze, arbeitete aber auch zu Fragen der keynesianischen Wirtschafts- und Währungspolitik. Vor und während seiner Basler Zeit wirkte er verschiedentlich als Gutachter für die Regierung der Bundesrepublik, etwa für den Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Mit Bombach wurde in Basel zum ersten Mal ein profilierter Fürsprecher einer angelsächsisch und mathematisch orientierten Ökonomie berufen. Angesichts der stiefmütterlichen Behandlung, die die mathematische Statistik und die Betriebswirtschaft in Basel bislang erfuhr, bedeutete seine Berufung eine grundlegende Veränderung im Profil der Basler Wirtschaftswissenschaften.
Zeiten des Umbruchs
Weil die Studierendenzahlen der Wirtschaftswissenschaften in den 1950er Jahren und den 1960er Jahren um ein Vielfaches zunahmen, blieb die Frage nach einem institutionellen Ausbau des Fachs in den nächsten beiden Jahrzehnten praktisch kontinuierlich aktuell. 1959 bewilligten die Behörden einen dritten nationalökonomischen Lehrstuhl. Dieser ging faktisch an die Soziologie, die damit zu einem eigenen Fachstudium aufgewertet wurde. Mit dem Lehrstuhl wurde auch ein Institut für Sozialwissenschaften neu geschaffen. Auf die Stelle wurde 1959 Heinrich Popitz (1925-2002), ein deutscher Soziologe und Jaspers-Schüler, berufen. Popitz arbeitete in den 1950er Jahren zur Technik- und Industriesoziologie. Später verfasste er wichtige theoretische Beiträge zur Macht- und Rollensoziologie sowie zur historischen Anthropologie. Weil auch in der Bundesrepublik die Soziologie in den 1960er Jahren stark ausgebaut wurde, bot sich Popitz bald die Gelegenheit, auf eine andere Stelle zu wechseln. Schon 1963 nutzte er diese Chance und folgte einem Ruf an die Universität Freiburg i.Br., wo er als Gründungsdirektor dem neuen Institut für Soziologie vorstand. Der soziologische Lehrstuhl in Basel war damit nach wenigen Jahren wieder vakant und wurde erst nach längerer Vakanz 1969 mit Paul Trappe (* 1931) wieder neu besetzt.
Die frühen 1960er Jahre waren auch für die Nationalökonomie eine Zeit des Umbruchs. Zunächst blieb das Bedürfnis nach einer neuen wirtschaftswissenschaftlichen Stelle akut, zumal die eben geschaffene Professur faktisch ja nicht der Nationalökonomie, sondern der Soziologie zugute kam. 1961 war die Konstellation für einen weiteren Ausbau günstig. Bombach als Dekan und Salin als Rektor konnten sich in ihren Ämtern erfolgreich für ein neues wirtschaftswissenschaftliches Ordinariat stark machen. 1962 wurde schliesslich die Stelle von Popitz, kurz vor dessen Weggang, in ein soziologisches Ordinariat umgewandelt und der Nationalökonomie ein drittes Ordinariat zugestanden. Die Stelle wurde mit Jacques Stohler (1930-1969) besetzt, einem Keynesianer und Spezialisten für die europäische Wirtschaftsintegration und für verkehrswirtschaftliche Fragen. Stohler arbeitete in Basel vor allem zur schweizerischen Wirtschaftskunde und Wirtschaftspolitik; mit diesem Fokus führte er die Traditionen von Julius Landmann und Fritz Mangold vorerst erfolgreich weiter.
Als zweites Umbruchsmoment kam hinzu, dass das Ordinariat von Edgar Salin, der 1962 emeritiert wurde, neu zu besetzen war. In der Tradition Salins wurde der Schwerpunkt einer «Politischen Ökonomie» beibehalten und 1965 mit K. William Kapp (1910-1976) ein Kritiker der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften berufen. Kapp hatte seine Studien noch in Deutschland begonnen, emigrierte aber 1933 zusammen mit seiner Frau, die jüdischer Herkunft war, zunächst nach Genf und anschliessend im Gefolge der «Frankfurter Schule», in deren Umfeld er sich zunehmend positionierte, nach New York. Kapp arbeitete früh zu umwelt- und entwicklungsökonomischen Themen, an denen er die «externen Effekte» der kapitalistischen Marktwirtschaft untersuchte. Nachdem er drei Jahrzehnte in den USA gewirkt hatte, kehrte er für den Basler Lehrstuhl nach Europa zurück, wo er seine entwicklungs- und umweltökonomischen Studien fortführte.
Institutioneller Ausbau
In den 1970er Jahren wurde der Ausbau der Wirtschaftswissenschaften fortgesetzt. Nach dem überraschenden Tod von Jacques Stohler (1969) wurde dessen Ordinariat 1970 mit René L. Frey (* 1939) besetzt. Frey hatte in Basel promoviert und arbeitete in den 1960er Jahren eng mit Stohler zusammen zu Fragen der regionalen Wirtschaftsentwicklung und der öffentlichen Infrastrukturpolitik. Nach seiner Berufung kam ein finanzwissenschaftlicher Schwerpunkt hinzu. Daneben erhielt die Nationalökonomie 1971 einen vierten Lehrstuhl zu Fragen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, Geldtheorie und Geldpolitik. Peter Bernholz (* 1929), der auf den Lehrstuhl berufen wurde, arbeitete vor allem zu makroökonomischen Themen, insbesondere zur Geld- und Währungstheorie. Auch das Ordinariat von Kapp musste nach dessen Emeritierung 1975 neu besetzt werden. Die globalwirtschaftlichen Schwerpunkte der Ära Kapp wurden zwar grundsätzlich beibehalten, aber inhaltlich stärker auf die nationalen Auswirkungen für die Schweiz bezogen. Als Nachfolger von Kapp wurde 1978 Silvio Borner (* 1941) berufen der sich vor allem mit der schweizerischen Wirtschafts- und Sozialpolitik, insbesondere der Sozialstaatsentwicklung, unter den Bedingungen des globalen Strukturwandels beschäftigte. Borner hatte an der Hochschule St. Gallen promoviert und wandte sich im Verlauf seiner Arbeiten im Unterschied zu Kapp zunehmend neoklassischen Ansätzen zu. In den 1980er und 90er Jahren exponierte sich Borner auch als Fürsprecher des New Public Managements. Als weiteren strukturellen Ausbauschritt beschloss die kantonale Regierung 1973 die Errichtung eines Ordinariats für Betriebswirtschaft. Die Berufung erwies sich allerdings als schwierig. Die zuständige Kommission konnte sich nicht auf einen geeigneten Kandidaten einigen und das Verfahren scheiterte. 1977 hob die Regierung ihren Beschluss wieder auf und sprach die eingeplanten Ressourcen einem anderen Trendfach, der Psychologie, zu.
Jenseits dieser Ordinariate richtete die Universität zwei ausserordentliche Professuren im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ein. Ab 1957 lehrte der Kantonsstatistiker Hans Guth als ausserordentlicher Professor für Statistik - die Stelle wurde 1984 unter Guths Nachfolger Peter Kugler in ein Ordinariat für Statistik und angewandte Wirtschaftsforschung umgewandelt. Weiter wurde 1964 ein Extraordinariat für Wirtschaftslehre der Unternehmungen (sprich: die Betriebswirtschaftslehre) geschaffen, das zunächst mit Otto Angehrn (1916-1992) und nach dessen Wechsel an die ETH Zürich 1965 mit Wilhelm Hill (* 1925) besetzt wurde.
Kooperationen außerhalb der Universität – Die Prognos AG
Ausgebaut wurden nicht nur die akademischen, sondern auch die ausserakademischen Tätigkeiten der Basler Wirtschaftswissenschaften. Bis zum Zweiten Weltkrieg verliefen die meisten der Kontakte zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft über die universitätsnahe Friedrich List-Gesellschaft. Ende der 1950er Jahre gründeten Kreise innerhalb der List-Gesellschaft für die Aufträge zur Politik- und Wirtschaftsberatung eine eigenständige Firma; die akademischen Politik- und Wirtschaftskontakte wurden gleichsam kommerzialisiert. Die «Prognos AG», die 1959 als Aktiengesellschaft gegründet wurde, war personell nicht nur mit der List-Gesellschaft, sondern auch mit den ökonomischen Professuren an der Universität Basel eng verknüpft. Zu den Hauptaktionären gehörten unter anderem Edgar Salin, der zu den Initianten des Unternehmens zählte, und Hans Guth, ausserordentlicher Professor für Statistik. Den wissenschaftlichen Beirat präsidierte Gottfried Bombach, neben Salin die zweite prägende Gründungsfigur. Salin amtete gar als Delegierter des Verwaltungsrates in der Geschäftsführung der Prognos AG. Für Salin und Bombach bot die Firma auch die Möglichkeit, ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs ein attraktives Betätigungsfeld jenseits einer akademischen Karriere anbieten zu können. Bis in die 1970er Jahre war die Geschäftsführung der Prognos AG weitgehend in den Händen von Salin- und Bombach-Schülern. Das Unternehmen startete 1959 mit acht Angestellten, sechs davon mit wissenschaftlichen Aufgaben. Die folgenden Jahre waren geschäftlich höchst erfolgreich; entsprechend rasch expandierte die Prognos AG. 1965 zählte die Firma bereits 26 Mitarbeiter, 1972 bereits über 100 Angestellte.
Das Unternehmen war spezialisiert auf empirische Studien, die sich methodisch auf mathematisierende Ansätze der ökonometrischen Wirtschaftsforschung stützten. Viele Aufträge fielen in den Bereich der Konjunktur- und Wachstumgsprognosen, der Verkehrs-, der Forschungs- und der Bildungsplanung oder der Verwaltung der sozialen Sicherungssysteme. In einer Zeit, in der öffentliche und private Einrichtungen für ihre Aktivitäten zunehmend einer Planungsrationalität folgten, verkaufte die Prognos AG erfolgreich den dafür notwendigen wissenschaftlichen Sachverstand. In den ersten Geschäftsjahren stammte ein Grossteil der Kundschaft wie etwa die Sandoz oder die Migros aus der Schweiz. Auch die Eidgenössische Bundesverwaltung, etwa das Amt für Verkehr, liess sich in den 1960er Jahren von Prognos beraten. Doch schon von Beginn weg richtete sich das Unternehmen auch auf den deutschen Markt aus und suchte zudem den Kontakt zu den Gremien der Europäischen Gemeinschaft. Mit Erfolg: In den 1960er Jahren gehörten deutsche Grossunternehmen wie die AEG und VW zu den Auftraggebern. Auch in der Politikberatung fasste die Prognos AG erfolgreich Fuss und arbeitete etwa für den Deutschen Städtetag oder für das Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft. Der Durchbruch gelang 1965, als Prognos den ersten sogenannten «Deutschlandreport» veröffentlichte. Das Unternehmen hatte in Eigenregie, ohne konkreten Auftrag, eine integrierte Zukunftsanalyse der deutschen Gesellschaft erstellt und bot sie unter dem Titel «Die Bundesrepublik Deutschland 1980» für einen hohen Preis interessierten Käufern, vor allem privaten und öffentlichen Einrichtungen, an. In regelmässigen Abständen erneuerte Prognos die Vorhersagen und legte eine neue Auflage des Deutschlandreports auf. Das Produkt war ein grosser Erfolg und trug der Firma ein grosses und positives Medienecho ein. Prognos etablierte sich auf diese Weise als eine der besten deutschsprachigen Adressen für die quantifizierende Zukunftsforschung.