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«Ich bin nur ein Imam, nicht Superman»
Imam
Imame in der Schweiz
Wer ist ein Imam?
Das arabische Wort imam bedeutet Vorbeter oder Anführer. Im Allgemeinen handelt es sich bei Imamen um Männer, d.h. die Leitung der rituellen täglichen Gebete und des Freitagsgebets wird durch einen Mann ausgeführt. In einigen Gruppen wie der Offenen Moschee Schweiz werden Aufgaben wie die Gebetsleitung unter Verweis auf Geschlechtergleichheit und -gerechtigkeit allerdings auch von Frauen übernommen. Imame sind meist nicht nur Vorbeter und Prediger, sondern vielfach auch als Lehrer, Berater oder Seelsorger für die Mitglieder ihrer Gemeinde tätig. Darüber hinaus haben Schulen, Behörden, Medien und Kirchenvertreter oftmals den Wunsch, dass Imame für ihre Fragen zur Verfügung stehen und diese kompetent beantworten können.
Vielfältige Beschäftigungsverhältnisse
Imame in der Schweiz können durch unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse, Tätigkeitsfelder, Bildungswege sowie die Zugehörigkeit zu islamischen Verbänden unterschieden werden. Es gibt Imame, die Vollzeit von einem Verein angestellt sind, und Imame, die Teilzeit tätig sind und hauptberuflich in einer anderen Branche arbeiten. Weiter finden sich Gast-Imame, die nur für kurze Zeit in einer islamischen Gemeinschaft tätig sind, etwa während dem Fastenmonat Ramadan, aber schliesslich auch Imame, die ihre Tätigkeit ehrenamtlich ausüben und keinen weiteren Beschäftigungen nachgehen. Diese unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse haben einerseits mit der finanziellen Situation der jeweiligen islamischen Gemeinschaft zu tun, denn die meisten Imame sind durch lokale Gemeinschaften angestellt.
Andererseits hängen sie auch mit dem Weg des jeweiligen Imams in die Schweiz zusammen. So sind einige Imame als saisonale Gastarbeiter in einer anderen Branche oder als Geflüchtete in die Schweiz gekommen, wie dies beispielsweise bei manchen albanisch-, bosnisch- oder arabischsprachigen Imamen der Fall ist. Es gibt weiter Imame, die vom Herkunftsstaat entsandt werden, was für einen Teil der türkischsprachigen Imame gilt. Das heisst, ein Imam wird vom türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten Diyanet für fünf Jahre einer Gemeinschaft zur Verfügung gestellt, vollamtlich angestellt und bezahlt. Dieses Rotationssystem wird sowohl von Teilen der Musliminnen und Muslimen als auch von Schweizer Behörden kritisiert, weil der Imam einer Gemeinschaft dadurch alle fünf Jahre wechselt und eine Abhängigkeit von einem ausländischen Staat besteht. Bosnischsprachige Imame unterliegen einem ähnlichen System: Sie werden von der höchsten Institution der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, dem Riyaset, autorisiert. Allerdings werden sie nicht entsandt, sondern meist längerfristig durch eine lokale Gemeinschaft in der Schweiz angestellt. Ausserdem gibt es bereits erste Imame, die in der Schweiz aufgewachsen sind und die ihre Bildungswege teils im Ausland und teils in der Schweiz absolviert haben.
Wie viele Imame sind in der Schweiz tätig?
Betrachtet man nur die Imame, die regelmässig und über einen längeren Zeitraum als religiöse Experten in einer sunnitisch-islamischen Gemeinschaft in der Schweiz tätig sind, so beläuft sich die Anzahl auf ungefähr 130 Imame. Daneben existieren rund zehn schiitische Moscheen und ungefähr 20 Gemeinschaften der Ahmadiyya. Die genaue Zahl der Imame, die regelmässig und dauerhaft in diesen Gemeinden arbeiten, ist nicht bekannt. Unterschieden nach sprachlichem Hintergrund sind die vier grössten sunnitisch-islamischen Gemeinschaften in der Schweiz die albanischsprachigen mit etwa 40 Imamen, die türkischsprachigen mit etwa 55 Imamen, die arabischsprachigen mit 15-20 Imamen sowie die bosnischsprachigen islamischen Gemeinschaften mit 13 Imamen. Innerhalb dieser Gruppen existieren jedoch sehr grosse Unterschiede: Einige der türkischsprachigen Gemeinschaften gehören zum Beispiel keiner nationalen oder transnationalen Organisation an, während andere solchen Strukturen angegliedert sind. Sie gehören dann z.B. der Türkisch Islamischen Stiftung Schweiz (TISS) an, die mit dem türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten Diyanet zusammenarbeitet, dem Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ) oder der Schweizerischen Islamischen Glaubensgemeinschaft (SIG) an.
Unterschiedliche Bildungswege
Die in der Schweiz tätigen Imame haben ganz unterschiedliche Bildungswege durchlaufen, die stark mit der persönlichen Biographie verknüpft sind. Das Spektrum der Bildungswege von Imamen kann von der autodidaktischen Aneignung religiösen Wissens bis zum Universitätsstudium reichen. Diese Vielfalt hängt damit zusammen, dass sich im Islam keine feste Institution mit hierarchischen Strukturen herausgebildet hat, die einen bestimmten Bildungsweg vorgibt. Wichtige Bildungsländer sind dabei einerseits Herkunftsländer wie die Türkei, Kosovo, Nordmazedonien oder Bosnien-Herzegowina, andererseits spielen wichtige islamische Institutionen wie die Al-Azhar Universität in Ägypten oder die islamische Universität in Medina, Saudi-Arabien, eine nicht unbedeutende Rolle. Ein Teil der in der Schweiz tätigen Imame haben im Inland weitere Studiengänge in unterschiedlichen Disziplinen oder Weiterbildungen absolviert.
Gesellschaftliche Anforderungen und Perspektiven
In verschiedenen europäischen Ländern werden seit ein bis zwei Jahrzehnten Versuche unternommen, Bildungsangebote für Imame aufzubauen, die den spezifischen Bedürfnissen in Europa entsprechen. Auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaften werden kontroverse Diskussionen über die Anforderungen geführt, die Imame erfüllen müssen. Gerade Frauen sowie junge Musliminnen und Muslime sehen ihre Anliegen und Fragen von den Imamen oft nicht ausreichend berücksichtigt. Viele Imame, die aus dem Ausland kommen, können den Erwartungen der lokalen muslimischen Gemeinschaften und der Gesellschaft aufgrund ihrer begrenzten Kenntnisse der schweizerischen Institutionen und Gesellschaft nur begrenzt Rechnung tragen. Um ihre vielfältigen Aufgaben in den Gemeinschaften und darüber hinaus erfüllen sowie auf die verschiedenen Erwartungen reagieren zu können, sind sie auf Kompetenzen im Bereich islamisch-theologischer Studien, auf solche im Bereich der Religions- und Gemeindepädagogik sowie auf gesellschaftsbezogene Fähigkeiten (Kenntnisse im Bereich Sprache, Institutionen und Traditionen) angewiesen. So besteht die Herausforderung darin, neue Bildungsangebote aufzubauen, die auf den Seiten der verschiedenen Stakeholder Akzeptanz finden. In der Schweiz sind entsprechende Angebote für Imame erst im Aufbau. Aufgrund der kleinen Zahl der in der Schweiz tätigen Imame und der Mehrsprachigkeit ist davon auszugehen, dass Imame noch auf absehbare Zeit einen Teil ihres Bildungswegs im Ausland absolvieren, diesen aber zunehmend durch einen Kompetenzerwerb in dem Land ergänzen werden, in dem sie tätig sind.
Zur Vertiefung
Literatur
Baumann, M., Jürgen E., Silvia M. & Tunger-Zanetti A. (2017). «Hallo, es geht um meine Religion!» Muslimische Jugendliche in der Schweiz auf der Suche nach ihrer Identität. Forschungsbericht. Luzern: Universität Luzern, Zentrum Religionsforschung.
Bundesrat (2021). Bericht in Erfüllung des Postulates 16.3314 («Postulat Ingold»).
Gisel, P., Gonzalez, P., & Ullern, I. (éd.) (2022). Former des acteurs religieux. Labor et Fides.
Hänggli Fricker, R., & Trucco, N. (2022). Bad guy or good guy? The framing of an imam. Studies in Communication Sciences, 1–20.
Müller, D. (2017). «Aber Hocam…» – Imame und die Aushandlung von islamischer Autorität im Alltag von Schweizer Moscheen. Zeitschrift für Ethnologie, 142, 67–92.
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Schmid, H. (2020). «I’m just an Imam, not Superman»: Imams in Switzerland. Between Stakeholder Objects and Self-Interpretation. Journal of Muslims in Europe, 9(1), 64–95.
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Schmid, H. & Trucco, N. (2019). SZIG-Papers 7. Bildungswege von Imamen aus der Schweiz. Freiburg: Universität Freiburg.
Schmid, H., Trucco, N. & Biasca, F. (2022). SZIG-CSIS Studies 7. Swiss Muslim Communities in Transnational and Local Interactions: Public Perceptions, State of Research, Case Studies. Freiburg: Universität Freiburg.
Trucco, N. (2021). Muslimische Deutungsvielfalt in massenmedialen Islam-Diskursen der Deutschschweiz. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 47(2), 283-305.