Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03603.jsonl.gz/3867

Thun: Lloyd Webbers Katzen tanzen auf der Seebühne
«Cats» gehört zu denjenigen Musicals, die Lloyd Webber nicht für fremde Inszenierungen frei gegeben hat. Es wurde rund um die Welt stets in der Originalversion von Trevor Nunn gezeigt. Vor einem Jahr machte der britische Musical-Komponist eine Ausnahme: Auf der Freilichtbühne Tecklenburg durfte eine Neuinszenierung gezeigt werden, und die Thuner Seespiele erhielten nun ebenfalls das Privileg, eine eigene Fassung zu erarbeiten. Verantwortlich dafür ist die Choreographin Kim Duddy, die schon für die erwähnte deutsche Freilichtproduktion die Choreographie übernahm und nun in Thun die gesamte szenische Verantwortung trägt.
Sie hat sich inspirieren lassen von Hollywoods Endzeit- und Horror-Filmen: Die Ruinen eines ehemaligen Vergnügungsparks mit Geisterbahn, Ketten-Karussell oder Putschautos dienen ihr als Plattform für den Katzen-Mikrokosmos, den T. S. Elliot, der grosse amerikanisch-britische Autor und Nobelpreisträger, erfunden hat. Für seine Patenkinder schrieb er in den 1930er Jahren eine Reihe von Gedichten, in denen er eine farbigen Katzenschar mit menschlichen Eigenschaften, Gefühlen und Leidenschaften ausstaffierte.
1939 wurde die Sammlung «Old Possum’s Book of Practical Cats» mit Zeichnungen von Eliot als Kinderbuch veröffentlicht und avancierte im englischen Sprachraum schnell zum Klassiker. Dieses Buch wählte Andrew Lloyd Webber nach seinem Gross-Erfolg mit «Evita» zum Sujet für sein insgesamt sechstes Musical. Zusammen mit dem Regisseur Trevor Nunn gab er dieser farbigen Katzenversammlung eine vielschichtige Musik und Szenerie. «Cats» feierte 1981 in London Premiere und brach danach hier wie am New Yorker Broadway und schliesslich auch im Rest der Welt alle Rekorde.
Auch in Thun ist das Musical auf Erfolgskurs: 500 Sitzplätze mehr als üblich werden für die 27 Vorstellungen angeboten. Und zu Recht hoft man auf zahlreiche Zuschauer. Die Inszenierung von Kim Duddy hat Tempo, Drive und setzt stark auf akrobatische Einlagen. Zwei Trampolins, eine Rutschbahn, Gleitstangen, fahrbare Podeste, Ringe und Vertikaltuch bieten dieser grossen, überaus ideenreich kostümierten Schar auf vier Pfoten alles an Spielmöglichkeiten, was sich ein Katzenherz nur wünschen mag.
Pausenlos purzeln, springen oder wuseln irgendwo die farbenfrohen Fellknäuel in geschmeidiger Katzenart mit einem kräftigen Schuss Athletik und Erotik über die Bühne oder versammeln sich in virtuosen Massenchoreographien zum «Jellicle Ball» oder zum gemeinsamen Hymnus an den Vollmond, der zwar real bei der Premiere hinter den dichten Thuner Wolken unsichtbar blieb, aber als Kulisse wie das ganze dankbare und gut gelaunte Publikum auch nicht nass wurde.
Das tänzerische Niveau ist durchwegs hoch, musikalisch gibt es bei den wichtigsten Partien noch Luft nach oben. Am überzeugendsten sang bei der Premiere Frank Logemann die Seniorenkatze «Old Deuteronomy», die Männer überzeugten generell mehr als die Frauen (Yngve Gasoy-Romdal als Gus, Chadi Yakoub als Rum Tum Tugger), während sowohl die junge Jemima (Anastaisa Bertinshaw) wie die alternde Diva Grizabella (Kerstin Ibald) mit dem zum Welthit gewordenen «Memory» noch nicht ganz auf freundschaftlichem Fuss standen. Der Dirigent Iwan Wassilevski setzte auf zügige Tempi, viel rhythmische Akzente und auch klangfarblich eher geschärfte Mischungen, die im elektronischen Sound der 70er-Jahre fast schon ein wenig antiquiert wirken, und die manchmal von den Helfern am Mischpult noch ein wenig durcheinander gebracht wurden. Generell erwies sich das grosse Ensemble tänzerisch als sattelfester denn sängerisch, die Nuancen des Timings, die Finessen der Aussprache, die Homogenität in den Ensembles und Chören werden sich aber im Lauf der Vorstellungen bestimmt noch verbessern.
Reinmar Wagner
Thun, Seebeühne. Andrew Lloyd Webber: «Cats». Vorstellungen bis 24. August. www.thunerseespiele.ch
Bild: Foto4you.biz