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Tagesschau von Sonntag 11.05.2014
Claude Cueni über seinen neuen Roman SCRIPT AVENUE, 640 Seiten, erschien am 7. Mai im Wörterseh Verlag.
Vor rund zwanzig Jahren begann ich mit dem Schreiben des Romans SCRIPT AVENUE. Meine mittlerweile verstorbene Frau las die ersten 50 Seiten und war entsetzt. „Sowas kannst du unmöglich publizieren“, sagte sie, „du bringst die gesamte Verwandtschaft gegen dich auf und stirbst den medialen Tod.“ Da mir die Familie wichtiger war als das Buch sperrte ich die Script Avenue in den Schrank.
Aber die Script Avenue lebte weiter. Sie ist die phantastische Parallelwelt die ich mir in den 60er Jahren als kleiner Junge erschaffen habe, um einem skurillen Umfeld von Fremdenlegionären, Pädophilen und religiösen Fanatikern zu entfliehen. Die Script Avenue wurde im Laufe meines Leben immer dominanter und ist es bis heute geblieben. Es ist die Welt von realen und fiktiven Figuren. Sie sind gnadenlos ehrlich, respektieren weder Tabus noch Political Correctness und kümmern sich einen Deut um ihre eigene Reputation. Es gibt viel Komik, Ironie und schrägen Humor in der Script Avenue, aber auch viel Desaster: You enter the world of pain.
Alle meine Romane und Drehbücher sind Geschichten aus der Script Avenue, die mich auch Jahre später noch im Alltag und in meinen Träumen beschäftigen. Die Südamerikaner nennen dieses Genre den „magischen Realismus“, eine sehr realistische Erzählung mit fliessenden Übergängen in den Surrealismus. Für mich war es einfach eine „zweite Realität“, die mein ganzes Leben bestimmt hat.
Nach dem Tod meiner ersten Frau erkrankte ich an Leukämie und verbrachte sechs Monate in einem Isolationszimmer einer hämatologischen Abteilung. Ich wurde vollgepumpt mit Chemoinfusionen, während ich wie ein alter Turnschuh auf meinem Krankenbett lag und Tag und Nacht die Juxebox Hits der 60er Jahre bis in die Gegenwart rauf und runterhörte. Songs öffnen das Tor zur Erinnerung: Songs, Werbespots, politische Schlagzeilen, Filme, Trends und Irrtümer, ich begann mich zu erinnern und in Gedanken die Script Avenue weiterzuschreiben.
Die schwere Leukämiebehandlung löste Hirnblutungen aus, ich fiel ins Koma, die angestaute Flüssigkeit drückte auf das Gehirn, es begann zu schwellen, man bohrte mir den Kopf auf, um das Blut abzusaugen und als ich wieder aus dem Koma aufwachte, erhielt ich die niederschmetternde Nachricht, dass die Leukämie auch nach sechs Monaten Martyrium nicht besiegt war. Mein Sohn fragte mich: „Was möchtest du in den restlichen Monaten noch tun?“
Reisen war nicht mehr möglich, also reiste ich in die Script Avenue und beschloss diesen Roman fertig zu schreiben. Mittlerweile war es ein anderer Roman geworden, denn ich war nicht mehr der Mann, der ich einst gewesen bin. Ich dachte, solange ich schreibe, werde ich nicht sterben.
Meine Verlegerin fragte mich später, ob die Script Avenue eine Autobiographie sei. Ich habe mich dagegen gewehrt, denn Autobiographien sind meistens das letzte Buch. Anschliessend sterben die Autorinnen und Autoren. Wir haben uns auf „autobiographischen Roman“ geeinigt. Ob mich das am Leben erhalten wird? In der Script Avenue wäre das möglich. Irgendwie hat doch jeder Mensch seine eigene Script Avenue.
Gesammelte Kritiken, Interviews und Artikel zu Claude Cueni.
Sie können Claude Cueni auch über seine Autorenseite auf Facebook kontaktieren.
Hier eine Playlist mit 96 Songs (Videos) aus dem Buch.