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Mein Aufenthalt in Córdoba hat grossartig angefangen. Um nicht mitten in der Nacht eine Bushaltestelle suchen zu müssen, wählte ich das bequeme Taxi. Ich hatte vorgängig etwas gegoogelt, da man bei Taxifahrten in Südamerika grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Die Taxis am Flughafen seien aber alle sicher (ausser man steigt natürlich zu irgendeinem Fremden in ein unbeschriftetes Auto ein – aber dann ist man auch einfach ein bisschen doof). Also fuhr ich mit Juan zu meinem Hostel. Obwohl ich ihm erklärte, dass ich nicht viel Spanisch spreche, machte er Konversation, zeigte mir spannende Orte, erklärte mir, welches Hotel ich in Salta, wenn ich denn da sei, unbedingt nehmen müsse, drückte mir einen Stadtplan in die Hand und zeigte mir beim Hostel auch noch in welche Richtung die Hauptattraktionen seien. Total aufgestellt von der netten Taxifahrt (und immer noch aufgedreht vom tollen Flug) betrat ich das Hostel und flog dem Rezeptionisten – immer noch breit grinsend – fast in die Arme. Ein «Achtung Stufe»-Schild wäre hier auf jeden Fall (haha) eine gute Investition.
Der Rezeptionist grinste genauso doof wie ich. Anfänglich dachte ich, er macht sich über mich lustig – soll er doch –, dann erklärte er mir, dass dies sein erster Arbeitstag sei. Entsprechend verliefen wir uns auf dem Weg zu meinem Zimmer auch zweimal. Angekommen, stellte sich heraus, dass sie mich spontan (und ohne Aufpreis) in einen 6er- statt 8er-Schlag umgebucht hatten, damit ich mir nicht das Schnarchen von sieben Männern anhören musste. In diesem Zimmer war bisher nur eine Frau untergebracht, die aber keine der drei Nächte in ihrem Bett verbrachte. (Sondern wahrscheinlich irgendwo bei ein paar «Saideiras».) Wir unterhielten uns nicht. Sie seufzte jedesmal so verzweifelt, wenn sie mich sah, dass ich ihr nicht zu nahe treten wollte.
Zwei meiner drei Tage in Córdoba regnete und nieselte es. Ich stürmte von Laden zu Laden, suchte ein interessantes Museum (das, das mich am meisten interessierte, hatte natürlich erst ab Dienstag geöffnet – also keine Geschichte Córdobas für mich), und versuchte die Schönheit der Stadt auch bei Regen zu entdecken, so wie dies in Rosario der Fall war… aber die Funken wollten nicht fliegen.
In einer Regenpause suchte ich den Parque Sarmiento auf, der einen See besass, auf dem man bei gutem Wetter Pedalo fahren kann. Nun gut, ein Seechen, das schon fast voll war mit versunkenen Booten. Drei Jungs versuchten tatsächlich noch ein Pedalo zu manövrieren (das liegt jetzt wahrscheinlich auch auf Grund). Der Park wirkte, als wäre seit Jahren niemand mehr hier gewesen. Ja, diese Endzeitstimmung gefiel mir irgendwie… aber ganz ehrlich: In dieses Wasser möchte ich nicht fallen. Und so hielt ich mich von den Booten fern.
Am Sonntagabend wagte ich mich dann an den Handwerkermarkt, der nur am Samstag und am Sonntag von 16 bis 22 Uhr stattfindet. Ich war gegen 21 Uhr da, nachdem mir die Rezeptionistin versichert hatte, dass es nicht gefährlich sei, ich könne auch mit dem Handy in der Hand rumspazieren, «nothing will happen». Und sie hatte recht. Das einzige, das passierte, war, dass ich das hippe Güemes-Quartier kennenlernte, das mit schönen Bars und modernen Restaurants aufwartete und die Studenten Córdobas versammelte. Hier steckte er also, der Charme von Córdoba.
Am Montag (also heute) schien dann endlich überraschenderweise die Sonne. Da mein Bus nach Mendoza erst um 22 Uhr fahren würde, streunte ich den Tag etwas durch die Stadt. Ich schlenderte den Alvear-Kanal entlang (der wirklich hübsch ist mit den schönen Steinmauern und den vielen krummen Bäumen) und fand auf dem Paseo Sobremonte eine kleine Oase mit schönem Blick auf den Palacio de Justicia.
Und dennoch: Córdoba ist wohl mein Paris Argentiniens. Denn auch in Paris war ich dreimal und – trotz schöner Flecken – hat die Stadt mich nie in ihren Bann gezogen.
Ich bin überwältigt. Permanent. Nach zwei wunderschön ruhigen und entspannenden Tagen am Hostelpool, machte ich mich heute auf, um nach Córdoba zu fliegen. Nur dank Ana hatte ich ja überhaupt in Erwägung gezogen, zu fliegen. Ich hatte mir sogar noch überlegt, ob der Bus nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, weil ich mir die schöne Landschaft anschauen könnte… Doch am Flughafen angekommen, vergass ich diesen Gedanken wieder. Die Sonne reiste bereits langsam dem Horizont entgegen, die Stimmung war einmal mehr unglaublich. Sanft. Friedlich.
Ich hatte für den knapp zweistündigen Flug vorgängig keinen spezifischen Sitzplatz ausgewählt, um Kosten zu sparen, und dachte, wenn es das Leben so gut mit mir meint wie bisher, dann werde ich beim Check-in gratis einen Fensterplatz kriegen. Und siehe da: Fensterplatz, links, hinter dem Flügel. Hätte ich einen Platz auswählen müssen, wäre es ziemlich sicher genau der gewesen. Ich hatte sogar zwei Fenster, nicht nur eins. Wie dekadent!
Noch am Boden hörte ich eine Version von «Remember me» (aus dem Animationsfilm «Coco») und durch die Regentropfen am Fenster sah ich die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwinden. Ich fühlte mich wie in einem kitschig-traurigen Film.
Als wir starteten, erstreckte sich unter mir der Dschungel und sogar den Iguazú-Fluss konnte ich sehen. Doch was mich viel mehr in den Bann zog, waren die Wolkenfelder. Verschiedenste Wolken in unterschiedlichen Sättigungen («50 Shades of Grey» vielleicht) und unterschiedlichen Formen zogen in allen möglichen Geschwindigkeiten an uns vorbei (oder wir an ihnen?). Egal, ob ich in die Ferne oder in die Tiefe schaute, es sah aus wie 2D-Kartonbühnenbilder mit Tiefenwirkung. Wie Fenster in verschiedene Welten… Magisch!
Der Sonnenuntergang spielte sich zwar auf der anderen Seite des Flugzeugs ab, dafür hatte ich die bunten Wolken … und die Blitze. DIE BLITZE! Nach all der natürlichen Kraft, die wir schon bei den Cataratas erlebt hatten, setzte Mutter Natur hier noch einen drauf und liess mich vom Logenplatz aus erleben, wie sie ihre angestaute Energie freisetzt. So viel Kraft! So viel natürliche Schönheit! Meine Emotionen fuhren Achterbahn.
Unterdessen war meine Playlist bei John Legends «All of me» angekommen. Und irgendwie fand ich im Refrain das perfekte Liebeslied an die Natur wieder…
’Cause all of me loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your all to me
I’ll give my all to you
You’re my end and my beginning
Even when I lose I’m winning
Bin ich Nahe am Wasser gebaut? Nein. Ich bin ein Hausboot.
Wie zuvor in Buenos Aires und in Rosario verlängerte ich meinen Aufenthalt in Puerto Iguazú spontan. Zum Einen finde ich dieses Klima herrlich (wir hatten nicht wirklich viel Sonnenschein, aber es ist wunderbar warm bis heiss und irgendwie einfach gemütlich) und zum Anderen gefällt mir das Hostel (TangoInn Downtown) ausserordentlich gut. Für einmal ziemlich sauber und das 6er-Zimmer ist gross genug, dass man sich nicht auf die Füsse tritt.
Ganz freiwillig war diese Verlängerung allerdings nicht, die Erkältungserscheinungen wurden nämlich einfach von Bauchkrämpfen abgelöst und nach einem zweiten wunderbaren Tag bei den Iguazú-Wasserfällen musste ich einen Ruhetag einlegen. Ursprünglich wollte ich noch die brasilianische Seite besuchen, aber irgendwie fehlte mir die Energie dazu – und die argentinische Seite war bereits so überwältigend, dass ich das zuerst verarbeiten muss. Und: Ich hoffe sehr, dass ich die Cataratas noch ein zweites Mal erleben darf!
Der nächste geplante Abreisemoment war dann der Donnerstag, per Bus 22 Stunden nach Córdoba. Ana bewahrte mich allerdings vor dieser Busfahrt, indem sie mir flybondi.com zeigte. Der Flug (allerdings erst am Freitagabend) kostete mich gut 1000 Pesos weniger – die zusätzliche Nacht bereits einkalkuliert. Trotz CO2-Sünde konnte ich dazu nicht nein sagen. Zwei Stunden im Flugzeug statt 22 im Bus für weniger Geld … die Entscheidung war nicht so schwer. Jetzt sitze ich also hier in der Hostelküche (draussen) und denke darüber nach, was ich in den letzten drei Wochen schon alles so erlebt und gelernt habe. Hier ein kleines Sammelsurium.
Kleine Learnings
- Hosen- und Jackentaschen sind eine gute Sache. Ich hatte es tatsächlich geschafft zwei (meiner Lieblings-)Jäckchen einzupacken, die keine Taschen haben. Dazu hatte ich auch ein paar Leggings (logischerweise ohne Taschen) und ein paar dünne Stretchjeans (nur mit Gesässtaschen) eingepackt. Das ist nix zum Reisen. Trotz Bauchgürteltasche. So viel passt da nicht rein.
- Es ist sinnvoll, die Passkopie und den Pass an unterschiedlichen Orten aufzubewahren. (Stellt euch hier ein Facepalm-Emoji vor.)
- Ordnung halten ist unmöglich. Falls jemand weiss wie: Tipps sind willkommen :o)
Todo estará bien
Bereits vor der Abreise nach Südamerika und auch während meiner ersten Tagen in Buenos Aires war ich besorgt, dass ich drei Monate lang alleine sein werde. Von allen hört man immer, dass sie Freunde gefunden haben und es schwierig ist, alleine zu bleiben auf Reisen. Aber auch wenn ich relativ schnell «auftaue», wenn ich jemanden kennenlerne, habe ich Mühe auf unbekannte Menschen zuzugehen. Meine zweite «Angst» war dann, dass ich – aus Angst alleine zu sein – mich mit Menschen abgebe, die nicht zu mir passen oder die ich anstrengend finde. Und nach den guten Vibes in Buenos Aires war ich schliesslich besorgt, dass der Rest der Reise im Schatten dieser positiven Erfahrung stehen wird. Doch keine dieser Ängste war oder ist berechtigt. Innert dieser drei Wochen, die ich jetzt unterwegs bin, habe ich mühelos tolle Menschen kennengelernt, mit denen der Kontakt natürlich und nicht anstrengend war – und mit denen ich den Kontakt auf jeden Fall weiter halten möchte – und die Zeit in Puerto Iguazú war genauso grossartig, wenn auch total anders, wie die in Buenos Aires. Meiner Weiterreise stehe ich jetzt ganz entspannt gegenüber. Und in diesem Moment geniesse ich die Zeit für mich alleine zu sein, und die Erlebnisse Revue passieren zu lassen.
Von Dorms und Mitmenschen
Man kann sich an alles gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Hostel besser ist, als die, in denen ich bisher war, oder ob ich mich bereits an die Unannehmlichkeiten gewöhnt habe. Es gibt Menschen, denen sind Begriffe wie Sauberkeit und Rücksichtnahme völlig fremd.
In Buenos Aires teilte ich für drei Nächte das Zimmer mit drei Party-Chicas, die um Mitternacht betrunken, nach Rauch stinkend, laut schreiend ins Zimmer kamen, alle Lichter einschalteten und neben meinem Bett Bier schlürften – bevor sie dann wieder gingen und sich das Ganze morgens um vier Uhr wiederholte, als sie die eine Chica zum Schlafen abluden. Der Höhepunkt war allerdings, als morgens um sechs Uhr der Handywecker der Schlafenden losging. Zehn Minuten lang in voller Lautstärke. Die eine Mitbewohnerin und ich schalteten das Licht ein, suchten das Handy. Schüttelten die schnarchende Leiche. NICHTS! Auch das Handy war unauffindbar, sie schien darauf zu schlafen. Erst zehn qualvolle Minuten später schaltete sie den Wecker selber aus. Wir atmeten tief durch und legten uns wieder ins Bett. Fünf Minuten lang. DANN GING DER WECKER WIEDER LOS! Diesmal lag das Handy immerhin so, dass ich das Ding endgültig ausschalten konnte (ohne es aus dem Fenster werfen zu müssen). Welch erholsame Nacht!
Dann gab es da aber auch noch die Argentinierin, die theoretisch nur das Bett über mir belegte, allerdings das ganze Zimmer mit ihren Habseligkeiten füllte und einen Stuhl neben mein Bett stellte (neben die vorhandene Leiter) wodurch ich, um aus dem Bett zukommen, den Stuhl wegstellen musste, und sie umgehend reklamierte, dass der Stuhl zu weit weg stehe vom Bett. Gewisse Leute sind nicht für Dorms gemacht.
Ooooh, oder als ich Duschen wollte (in einer Badewanne mit durchgehendem Duschvorhang) und ich den Badezimmerboden einige Zentimeter unter Wasser stehend vorfand (wie ist das möglich?). Zum Glück nicht verursacht durch die, die morgens um vier Uhr die Haare föhnte. Das hätte tödlich geendet.
Meine (bisherige) Favoritin traf ich allerdings in Puerto Iguazú. Sie hat spontan eine Unterkunft gebucht, kommt mit dem Rezeptionisten ins Zimmer. Es ist nur ein Bett oben frei und Leitern gibt es keine. Das findet sie scheisse. Und es ist so warm, das findet sie auch scheisse. Sie schaut sich das Bad an – das zugegebenermassen aussah, als hätte sich darin jemand trocken geschüttelt (ich wars nicht, imfal) – und findet es scheisse. Sie entscheidet sich trotzdem zu bleiben, nachdem sie einmal über alles gejammert hat. Etwa vier Stunden später (so gegen 11 Uhr abends), ich und zwei andere Mädels waren schon im Bett, weil K.O. vom Tag, kommt besagte junge Dame ins Zimmer, schaltet das Licht ein, kramt in ihren laut raschelnden Plastiksäcken und beginnt neben Anas Bett Kekse zu essen. Ana macht sie darauf aufmerksam, dass es auch ein Nachtlicht gäbe, das nicht das ganze Zimmer fluten würde. Nur zwei Minuten, sagt die andere, und knabbert und raschelt im Partylicht fröhlich weiter.
Es mag vielleicht so klingen, als würde ich mich jetzt auch beschweren, aber ich schreibe das mit einem Grinsen im Gesicht, ich bin dankbar für solche Momente. Denn dann habe ich etwas zu berichten und werde permanent daran erinnert, wie man es nicht machen sollte… Und die Energie, die es brauchen würde, um sich über solche Dinge aufzuregen, brauche ich lieber, um wieder gesund zu werden!
Eigentlich möchte ich hier gar nichts schreiben ausser: Fahrt da hin, schaut es euch auch, seid überwältigt! (Und macht unbedingt eine Speedboatfahrt unter die Wasserfälle, am besten in Badesachen und nicht in Jeans.)
… aber irgendwie gibt es dennoch so viel zu erzählen.
Von Rosario nach Puerto Iguazú fuhr ich mit einem Langstreckenbus der Gesellschaft Crucero del Norte. Weil ich relativ spontan buchte und am Samstag reisen wollte, gab es nur einen Bus, der nur über Semicama-Plätze verfügte (Sitze, die man maximal 160° neigen kann). Ich hatte entsprechend keine Wahl und erst im Bus wurde mir bewusst, dass diese Fahrt sogar länger sein würde als mein Flug nach Buenos Aires und ich irgendwie absolut nicht bereit dafür war. Netterweise hatte ich moralische Unterstützung und chattete die halbe Fahrt lang mit Brasilien. Diese moralische Unterstützung half aber nicht über den Gestank im Bus hinweg, auch nicht über die zig lebendigen und toten Schaben und noch weniger über die richtig eklige Toilette… Ich hatte vorgängig viel über Busfahrten in Südamerika gelesen, grundsätzlich seien die wirklich gut, ich glaube, ich hatte einfach ein unglückliches Händchen. Was allerdings auch bedeutet, dass jede zukünftige Busfahrt nur besser werden kann.
Die letzten fünf Stunden im Bus war das WC unbenutzbar – in Puerto Iguazú angekommen, war ich extrem dankbar, dass ich immerhin die Weisheit besessen hatte, ein Hostel vis-à-vis des Busterminals zu buchen. Ich rannte also mit meinem Gepäck über die Strasse, schmiss es in die Rezeption, fragte nach einem WC (der Check-in war erst ein paar Stunden später) und stand 15 Minuten vor einer verschlossenen WC-Tür. Erst ganz kurz vor der Explosion, öffnete sich die Tür und ein total glücklicher, frisch geduschter Asiate kam heraus. Er war ziemlich erstaunt, als ich ihn leicht rabiat aus dem Weg schaufelte…
Nun gut. Anschliessend sass ich ein paar Stunden im Städtchen rum, bevor ich einen Bus zum Park Güirá Oga nahm, der irgendwie spannend aussah (der Park, nicht der Bus). Zu den Wasserfällen wollte ich erst am Montag fahren, dafür braucht man mindestens einen Tag. Beim Park angekommen, stellte ich allerdings fest, dass sie im Dschungel verständlicherweise kein WiFi hatten für Kreditkartenzahlungen und ich zu wenig Bargeld dabei hatte. (Nach knappen drei Stunden Schlaf im Bus, sei mir verziehen, dass ich daran nicht gedacht hatte.) Ich machte mich also zu Fuss auf den Rückweg zum Hostel (gut 1,5 Stunden), kam an der Casa de las Botellas vorbei (ein Haus komplett aus Plastikflaschen, bei dem der Eintritt aber leider auch zu teuer war für mein Cash-Budget) und schliesslich zum Park La Aripuca, der mit 150 Pesos (knapp CHF 3.50) der günstigste war bisher. Ich sparte dann sogar noch 10 Pesos, weil der Kassierer Mitleid mit mir hatte, als ich mein Bargeld zusammenkratzte. La Aripuca (der Name einer Falle, mit der Tiere gefangen wurden, ohne sie zu verletzen) beinhaltet unter anderem eine solche «Aripuca» in Wohnhausgrösse, gebaut aus unterschiedlichen Bäumen aus dem Regenwald der Region Misiones. Ziemlich beeindruckend! Da können unsere (natürlich trotzdem sehr geliebten) Schweizer Bäumchen einpacken. Hier sah ich zudem eine Yerba-Mate-Pflanze, die Pflanze, aus der der Mate der Argentinier hergestellt wird.
Anschliessend kraxelte ich ins Hostel. Da es in den Zimmern keinen WLAN-Empfang gibt, setzte ich mich in die Rezeption, wo ich einen Argentinier aus Rosario kennenlernte, der hier im Urlaub war. Er erzählte mir, dass er eine Spanierin kennengelernt hatte, die am Montag ebenfalls zu den Cataratas, den Wasserfällen, fahren wollte, sie und ich könnten uns ja zusammentun. Ich dachte mir nichts weiter dabei – wir wollen hier ja keine Zwangsfreundschaften erarbeiten.
Beim Frühstück am nächsten Morgen lernte ich die Spanierin dann allerdings kennen. Ana heisst sie. Es war Liebe auf den ersten Blick. Bereits bei den Leuten, die ich in Buenos Aires getroffen hatte, konnte ich den «Vibe» fühlen. Und mit Ana war es genauso. Wir unterhielten uns, als würden wir uns schon ewig kennen und natürlich fuhren wir zusammen zu den Wasserfällen.
Im Park angekommen, entschieden wir uns eine Speedboattour zu machen. Das ist mit 2000 Pesos im Vergleich zwar ziemlich teuer, aber Leute, es ist es Wert!
Zuerst machten wir allerdings einen Trail, weil die Tour erst eine Stunde später losging. Es gibt mehrere Trails, die alle sehr gut befestigt sind und mit denen auch die Flipflop-Träger kein Problem haben. Und während wir uns zu Beginn noch lautstark unterhalten hatten, waren wir plötzlich still und staunten wie kleine Kinder. Es ist wirklich unbeschreiblich schön. UNBESCHREIBLICH! Deshalb müsst ihr dorthin!
Vor lauter Staunen vertrödelten wir dann fast die Bootsfahrt und mussten rennen, um den Truck zu erwischen, der uns zum Anlegeplatz bringen würde. 30 Minuten dauerte die Fahrt durch den Dschungel, wobei uns Pflanzen und Tiere gezeigt wurden, die uns unterwegs begegneten. Für die Bootsfahrt kriegt man eine wasserdichte Tasche für den Rucksack und die Schuhe, weil man wird ja nass. Und dann ging es los. Nicht einfach geradeaus zu den Wasserfällen, sondern kreuz und quer über den Fluss, über Stock und Stein, eher wie eine Achterbahn- als eine Bootsfahrt. Genau nach meinem Geschmack! Und ja, wir wurden ein bisschen nass. Es wurde sogar einige Zeit für Fotostops eingeplant, damit jeder ein Foto von sich vorne auf dem Boot machen konnte. Und dann ging es erst so richtig los. Der Kapitän navigierte mehrere Male unter die Wasserfälle. Und wir wurden nicht nur ein bisschen nass. Sondern so richtig. Bis das Boot mit Wasser vollgelaufen war. Hätten wir doch zu Beginn wenigstens Hosen und T-Shirts ausgezogen… Aber nun gut… Spass gemacht hat es trotzdem. Und wie!
Nachdem wir uns mit den anderen unvorbereiteten Bootsfahrern im Dschungel ausgezogen und die Kleider ausgewrungen hatten, fuhren wir mit dem parkeigenen Zug zum grössten Wasserfall Garganta del Diablo. Die Sonne sank schon langsam und die Atmosphäre war atemberaubend. Wir liefen einige Minuten über die Stege, die über den sehr ruhigen, friedlichen Fluss führten, dessen Fläche sich bis in den Horizont erstreckt, bevor sich das sanfte Wasser rundherum in unzähligen Wasserfällen tosend in den Abgrund stürzt. Es gibt wirklich keine Worte für dieses Spektakel. Wir standen da. Schüttelten die Köpfe über dieses surreale Bild, das sich uns bot, und genossen die Kraft und Energie, die sich um uns herum entluden.
Mit immer noch nassen Kleidern, sprachlos und unendlich glücklich fuhren wir zurück ins Hostel. Was für ein perfekter Tag!
(Bitte entschuldigt mein langes Schweigen – das WiFi wird von Hostel zu Hostel schwächer.)
Eigentlich wollte ich ja am Montag (22. April – lange her) bereits nach Rosario weiterreisen. Ich hatte auch schon ausgecheckt und sass mit meinen Lieblingsbrasilianern in der Lobby, da erfuhr ich, dass sie nach Tigre fahren wollten. Ich hatte schon sehr viel Positives über Tigre gehört und mir war mehrfach nahe gelegt worden, es zu besuchen. Aber alleine hatte ich keine Lust gehabt. Irgendwie fühlte ich mich aber auch noch nicht bereit, schon weiterzuziehen, und innerhalb von fünf Sekunden war der Entschluss gefasst und ich fuhr mit nach Tigre.
Dummerweise war in Tigre am Montag absolut nichts los. NICHTS. Schliesslich wollten auch die Tigre-aner einmal Wochenende haben. Das Einzige, was wir machen konnten, war eine Schifffahrt durch das Delta des Paraná. Eine Stunde lang braunes Wasser, kalte Winde, versunkene Schiffe und einsame Häuser. Die Natur in Tigre ist wunderschön, die Stimmung sehr friedlich. Wer aber etwas viel Energie hat und Action möchte, dem würde ich empfehlen, einen Tag auszusuchen, an dem die Museen und der Funpark geöffnet sind. Hinzu kam, dass gewisse Metro- und Zugstrecken ausgebaut wurden, wodurch wir einen extrem langen Weg hatten. Auf der Hinfahrt tanzten und sangen wir, auf der Rückfahrt war «der Pfuus duss» und wir schnarchten um die Wette. Kein Wunder: Wir hatten alle nicht mehr als drei Stunden geschlafen, weil wir am Abend zuvor wie Teenager mit Bier und Musik vor dem Polizeiposten gechillt hatten.
Da am Abend Karaoke angesagt war (wir versuchten bereits seit Donnerstag eine Bar zu finden, die geöffnet hat – das Osterwochenende ist nicht unbedingt ein gutes Reisedatum), buchte ich zwei zusätzliche Nächte in Buenos Aires und entschied mich, erst am Mittwoch weiterzufahren. Der Karaoke-«Abend» dauerte bis Dienstag um 8 Uhr. Den Dienstag benötigte ich, um mich auszukurieren. Ich verschlief praktisch den ganzen Tag. Erst fürs Abendessen und zur «Saideira», unserem Abschiedsbier in der Lobby, kroch ich aus dem warmen Nest.
Am nächsten Tag ging es für mich dann weiter nach Rosario, einige der Gruppe waren schon weitergezogen, einige blieben. Der Abschied fiel mir wirklich schwer. Die Menschen waren mir ans Herz gewachsen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns wieder sehen werden.
Bevor ich nach Rosario kam, hatte ich natürlich etwas gegoogelt. Online findet man Tips wie «falls du da keine Familie hast oder geschäftlich hinmusst – bleib weg, viel zu gefährlich», aber auch das Gegenteil, dass es eine wunderschöne Stadt sei und so weiter. Da in Rosario die argentinische Flagge zum ersten Mal gehisst wurde und es auch Che Guevaras Geburtsort ist, wollte ich es mir dennoch anschauen. Eine kleine Stadt mit viel historischem Hintergrund kann ich mir doch nicht entgehen lassen.
Fast fünf Stunden dauerte die Busfahrt von Buenos Aires aus. Wobei wir nur schon 20 Minuten brauchten, um einmal um das Busterminal zu fahren – Buenos Aires ist momentan wirklich eine einzige grosse Baustelle.
Da der Bus ziemlich unterkühlt war, erreichte ich Rosario mit Halsschmerzen und Schnupfen. Als ich im Hostel ankam, hatte ich nicht das Gefühl, dass dieses Hostel gross zur Genesung beitragen würde. Es war zwar wirklich süss, sehr heimelig und eher wie Leben in einer Gastfamilie, aber die Zimmer hatten Glastüren, die sich nicht abschliessen liessen und die beiden Badezimmertüren konnte man auch nicht richtig schliessen. Man duschte praktisch in der Rezeption. Nun gut, ich denke, man gewöhnt sich mit jedem Hostelaufenthalt an neue Unannehmlichkeiten.
Ich begann also meinen Besuch in Rosario etwa so wie in Buenos Aires: grantig und genervt und alles andere als mit offenem Herzen. Hinzu kam, dass das Wetter wirklich schlecht war. Es regnete, war kalt und windig. Sehr windig. Nicht gerade das beste Wetter, um eine Stadt zu besichtigen. Und obwohl ich keine Lust hatte, musste ich unbedingt raus und eine Wäscherei finden. Mein gestörter Tagesablauf in Buenos Aires hatte irgendwie dazu geführt, dass ich keine saubere Wäsche mehr hatte. Als ich dann schon mal draussen war und mein Herz trotz des Wetters etwas öffnete, fand ich den Charme von Rosario ziemlich schnell: Die Stadt ist im Gegensatz zu Buenos Aires viel kleiner, die Gebäude nicht so einschüchternd hoch, aber historisch genauso wertvoll, zwischen «neuen» halbzerfallenen Papierhäusern hat es überall Schmuckstücke aus dem 17. Jahrhundert – und zumindest am Tag sehe ich keinen Grund, warum man der Stadt fernbleiben soll. Auch im Hostel wurde mir versichert, dass man im Zentrum am Tag total sicher ist. Und auch im Regen ist die Stadt wunderschön: Das Ufer des Paraná war bis auf die Fischer und mich praktisch verlassen und auch das atemberaubende Monument für die argentinische Flagge hatte ich fast für mich alleine. Ich kann mir nur vorstellen, wie schön Rosario sein muss, wenn die Sonne scheint und man am Ufer spazieren gehen kann, ohne davon gewindet zu werden, oder Kayak fahren oder auf der Flussinsel Reiten gehen…
Am Samstag, 27. April, fuhr (hier stand einmal «fahre») ich weiter zu den Iguazú-Wasserfällen. Ich möchte sowohl die argentinische wie auch die brasilianische Seite sehen. Das Wetter soll allerdings auch da eher regnerisch und gewitterig sein. Aber immerhin warm, bei 26° C.
Da ich in den letzten Tagen von der Schule (immerhin 20 Stunden) und dem Nachtleben von Buenos Aires etwas eingenommen war, finde ich erst jetzt die Zeit, etwas mehr über meine Reiseerfahrungen zu berichten.
Nachdem ich mir die ersten paar Tage in Buenos Aires die Füsse wund gelaufen hatte und bereits etwas den Koller hatte, weil die meisten Chicas in meinem Dorm kein Englisch konnten und ich wirklich zu wenig Spanisch, um mich schlau verständigen zu können (auch wenn ich immer mehr verstehe, sprechen kann ich nicht), fühlte ich mich etwas einsam. Ich merkte auch, dass ich unbedingt einen Gang herunter schalten musste, denn im Gegensatz zu sonstigen Reisen, hatte ich ja jetzt drei Monate lang Zeit, und das würde ich nicht überleben, wenn ich jeden Tag stundenlang von A nach B renne und dabei noch versuche, Freunde zu finden.
Und siehe da. Während ich Buenos Aires am Anfang noch mit einer Schnute als «nah, gefällt mir gar nicht» beschrieb, fing es mir langsam an zu gefallen, als ich mein Herz öffnete und das Unbekannte an mich heran liess (hach wie philosophisch).
In der Academia de Buenos Aires lernte ich in 20 Stunden die wichtigsten Fragen und Antworten auf Spanisch und lernte ein paar coole Menschen kennen. Doch das wahre Leben begann am Gründonnerstag. Abends. In meinem Dorm hatte ich tatsächlich eine Kolumbianerin kennengelernt, die Französisch sprach. Somit hatten wir immerhin eine gemeinsame Sprache und verstanden uns auch auf Anhieb. Sie lud mich zum Mate Club de Conversación ein, den sie mit zwei Kolumbianern, die sie ebenfalls im Hostel kennengelernt hatte, besuchen wollte. Im Mate Club kommen Menschen verschiedener Muttersprachen zusammen, um sich in unterschiedlichen Sprachen zu unterhalten und diese so zu üben. Vier bis fünf Nasen pro Tisch, hübsch gemischt, dass man ja nicht mit Bekannten am selben Tisch sitzt und alle 15 Minuten kommen die Organisatoren vorbei und geben die Sprache vor. In diesem Fall waren dies abwechselnd Englisch und Spanisch. Dazu wird Yerba Mate getrunken, wie in Argentinien üblich. Ich weiss nicht, ob es dies in der Schweiz auch gibt, aber dieses «Sprachcafé» ist ein super Format, um sich im Sprechen zu üben. Gerade für Leute wie mich, die zwar lesen können, aber beim Sprechen über jede Silbe stolpern.
Yerba Mate ist ein Tee, den praktisch alle Argentinier trinken. Sehr häufig sieht man Leute mit einem Becher mit Strohhalm in der Hand und einer Thermoskanne unter dem Arm durch die Strassen flanieren – weil sie einfach nicht ohne ihren geliebten Tee aus dem Haus können. In der Academia hatten wir einen kleinen Workshop darüber, wie denn der Mate genau zubereitet wird. Mate (der Becher) bis zu 3/4 mit Yerba Mate füllen, Becher zuhalten und umdrehen, damit die staubigen Partikel nach oben gelangen (der Yerba Mate sollte danach schräg im Mate stehen), das 80° C heisse Wasser auf der niedrigen Seite einfüllen und den Strohhalm ebenfalls auf der niedrigen Seite schräg bis nach unten in den Yerba Mate hineinstecken. Rocket science. Es gibt dazu sicher ein YouTube-Video, wenn ihr euch jetzt rein gar nichts darunter vorstellen könnt. :o)
Dieses Sprachcafé war der Anfang einer fünftägigen Ausgangsserie, die am Donnerstag noch bis morgens um 3 Uhr ging, und am Dienstag dann erst morgens um 8 Uhr zu Ende war. Während wir am Anfang noch zu viert unterwegs waren (drei Kolumbianer und ich), erweiterte sich unsere Gruppe um einen, zwei, drei Brasilianer, einen Peruaner und einen Chilenen. Wir sangen in der Hostellobby, tanzten Samba auf der Strasse und schafften es am Montagabend sogar in eine Karaoke-Bar, die wir erst wieder verliessen als die ersten Läden öffneten und in Buenos Aires langsam das Geschäftsleben erwachte.
Um mich auch mit den Portugiesen unterhalten zu können, lernte ich die wichtigsten Wörter: mais uma (noch eins – Bier natürlich), saideira (das letzte Getränk, bevor man eine Party verlässt – oder das zweitletzte, drittletzte, …) und zu guter Letzt noch ein paar Wörter, die ich hier nicht nennen möchte.
Während ich am Anfang wirklich damit kämpfte, alleine unterwegs zu sein und mich fragte, ob es eine weise Entscheidung gewesen ist, diese Reise anzutreten, wusste ich nach diesen fünf Tagen bestimmt, dass es keine bessere Entscheidung hätte geben können. Ich war ja die einzige Europäerin in der Gruppe und wir hatten nicht alle eine gemeinsame Sprache. Ein Brasilianer sprach nur Portugiesisch, der Chilene nur (sehr schnelles) Spanisch und die Kolumbianerin eher schlechtes Englisch. Und doch konnten wir uns alle irgendwie unterhalten. Mit Händen, Füssen, Google Translate… Und nach den paar Tagen schien es, als würden wir uns schon ewig kennen. Das ging nicht nur mir so, auch den anderen. Etwas kitschig. Sehr vielleicht. Aber einfach wahr…
Der erste Tag
Mein Hostel liegt im Florida-Quartier, eine Fussgängerzone mit allerlei Läden, Strassenverkäufern und dutzenden «Cambio»-schreienden Geldwechslern. Meine ersten Schritte in dieser ungewohnten Umgebung sind zögerlich, werden immer bestimmter, und führen mich von den Menschenmengen weg in Richtung Naturschutzgebiet und Wasser. Dichtestress – nach vier Jahren im Home-Office muss ich mich wohl zuerst wieder an Menschen gewöhnen.
Wie schon am Flughafen ist das Presslufthammergeräusch auch in der Stadt ein dauernder Begleiter. Statt zielstrebig von A nach B, laufe ich planlose Kreise und Zickzack. Nach ein paar durch Absperrungen verursachten Sackgassen, gelange ich endlich ins Puerto-Madero-Quartier, in dem sich verglaste Hochhäuser aneinanderreihen, was mich sehr an Vancouver erinnert. Der Park Reserva Ecológica Costanera Sur, mein eigentliches Ziel, begrüsst mich dann aber leider mit geschlossenen Toren. Auf dem Schild steht gross: «Öffnungszeiten ab April: Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Es ist April. 15 Uhr. Donnerstag. So viel zu den Schildern. Oh, da hängt ja noch ein handschriftliches, vielleicht steht da etwas dazu. Jup: «April, Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Tja, dann nicht.
Ich schlendere also noch ein bisschen planlos umher, besichtige die Messi-Statue, von der bis auf die Füsse nichts mehr steht, und frage mich, was die perfekte Kleidung für dieses Klima wäre: Durch die vom Atlantik her wehenden Winde, ist es vor allem im Schatten sehr frisch, während es in der prallen Sonne fast unerträglich heiss ist. Hoffentlich gewöhne ich mich daran.
Zu Fuss von Florida nach Palermo
An meinem zweiten Tag mache ich mich auf nach Palermo. Wenn es schon möglich ist, zu Fuss von Florida nach Palermo zu gelangen, will ich das auch tun! Unterwegs stolpere ich über ein paar Tourismusmagnete wie den Cementerio de la Recoleta – in einem dessen riesigen Mausoleen auch Eva Perón (besser bekannt als Evita) begraben liegt –, den EcoParque – früher der Zoo, tatsächlich sehe ich eine Giraffe und ein paar Strausse, der Rest ist abgesperrt, da (Überraschung!) im Umbau – sowie den Park um den Lago de Rosedal. Dieser Park ist wunderschön zurechtgemacht, beherbergt einen Poetenweg mit Büsten berühmter Dichter (auch Shakespeare ist dabei, juhuu), einen Rosenweg sowie eine kleine Theaterbühne im See. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.
Nach etwas Erholung und insgesamt gut vier Stunden Fussmarsch, erreiche ich den Parque Norte beziehungsweise die dazugehörige Promenade, von der aus ich die Flussmündung des Rio de la Plata begutachten kann. Zuerst habe ich den Fluss gar nicht erkannt, mein verwöhntes Auge hat blaues Wasser erwartet, aber der Rio de la Plata trägt so viel Schlamm mit sich, dass das Wasser effektiv braun ist. Die Anzahl Fischer (unendlich viele) lässt darauf schliessen, dass es immerhin nur Schlamm ist und nichts Schädliches.
Ziemlich kaputt, verschwitzt und hungrig betrete ich ein Restaurant. Der Kellner und ich erschrecken wohl gleichermassen. Es erstaunt mich sehr, dass hier, an diesem «abgelegenen» Ort, nur Menschen in Businessklamotten sitzen und auch die Kellner mit weissem Hemd und Sakko zurechtgemacht sind. Und der Kellner (und die Gäste), finden es wohl nicht prickelnd, wenn sich ein Tourist im Tanktop und Sportschuhen in diese gediegene Atmosphäre verläuft… Nichtsdestotrotz werde ich ganz freundlich bedient und geniesse meine Cerveza in dem hübschen Patio. (Trotz gediegener Atmosphäre, ist es zum Glück durchaus bezahlbar.)
Hin und zurück
Nun bin ich vier Stunden da hinausgewatschelt, nun muss ich auch wieder zurück. Damit sich der Ausflug so richtig lohnt, wähle ich einen Weg dem Fluss entlang. Gemäss maps.me wäre der auch etwas kürzer. Durch die erschwerenden Umstände (Baustellen…) muss ich allerdings einmal mehr in den Zickzack-Marsch verfallen, was dazu führt, dass ich erst beim Eindunkeln wieder in Florida bin. Und hier finde ich den Spirit, den ich bisher etwas vermisst habe. Die Fussgängerzonen sind hübsch beleuchtet, Menschen schlendern durch die Strassen (und rennen nicht) und irgendwie ist es fast schon friedlich. Hier gefällt es mir, hier bleibe ich ein bisschen.
Highlight:
Trotz meines auffälligen Touristenlooks und dem mich als Hostelgast markierenden Papierarmbändchen werde ich zweimal auf Spanisch nach dem Weg gefragt. Einmal kann ich sogar helfen. Mit Händen. Ohne Füsse.
«Warum ausgerechnet Südamerika?», wurde ich die letzten paar Monate öfters gefragt. Einfach ein Bauchgefühl… Ich bin erst seit ein paar Stunden in Buenos Aires und frage mich bereits, ob ich besser aufhören sollte, auf mein Bauchgefühl zu hören. Dass ich nicht aktiv Spanisch spreche, ist mir ja bewusst. Dass ich aber SO SEHR kein Spanisch kann, hat mich doch überrascht. In Spanien selbst schlägt man sich meist relativ gut mit Italienisch oder Englisch durch. Ich dachte auch, dass ich ziemlich viel verstehe, zumindest beim Lesen trifft dies ja auch zu. Aber bei den Menschen in Buenos Aires sind die Englisch-Kenntnisse so bescheiden wie meine Spanisch-Kenntnisse und die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig. Da müssen halt Hände und Füsse herhalten. Zumindest die Hände. Und das Lächeln. Ich bin froh startet mein Spanisch-Crash-Kurs am Montag. Nur vier Tage überstehen.
Doch der Reihe nach.
T minus zwei, eins, null
Die letzten zwei Tage vor Abfahrt war ich nervöser als mir lieb war. Obwohl ich ja unbedingt zu diesem Abenteuer aufbrechen wollte, begann mein Unterbewusstsein Fragen zu stellen. Es scheint ein grosser Fan von Plänen zu sein und konnte gar nicht damit umgehen, dass ich keine machen wollte. Eigentlich wollte ich keine Pläne machen, um möglichst stressfrei reisen zu können. Also, um nicht von einem zum nächsten Flug rennen zu müssen, aber irgendwie bescherte mir dieses «stressfrei» Stress.
Natürlich stresste es mich auch, dass ich den Flug ohne Aufgabegepäck gebucht hatte und ich dies online nicht ändern konnte. Nachdem ich endlich alles gepackt hatte und über den Stress hinweggekommen war, dass ich vielleicht etwas vergessen hatte einzupacken (obwohl Buenos Aires ja bei weitem nicht das Ende der Welt ist), erklärte mir die Check-in-Dame, dass das Gepäck sehr wohl mit gebucht sei.
So viel Stress für nichts.
Über den Wolken
Weder der Flug von Zürich nach Barcelona noch der von Barcelona nach Buenos Aires waren voll ausgelastet – so konnte ich meine bescheidenen 1,60 m auf zwei Sitzen verteilen und habe es sogar geschafft, eine ganze Menge Stuss zusammenzuträumen (Notiz an mich selbst: weniger «Chilling Adventures of Sabrina» und «Jane The Virgin» schauen – die Mischung ist zu bizarr).
Da ich mich hier auf einem super billigen Flug befand, waren Essen und Trinken nicht inbegriffen. Die Flugbegleiter machten uns aber darauf aufmerksam, dass wir jederzeit etwas vom Menü bestellen konnten. Als ich am Morgen also DRINGEND Kaffee bauchte, drückte ich den Flugbegleiterrufknopf (das habe ich übrigens noch nie gemacht – ich hielt die Spannung kaum aus). Das Lämpchen leuchtete also. Und leuchtete. Und mindestens drei Flugbegleitpersonen huschten an mir vorbei. Und dann leuchtete das Lämpchen nicht mehr. Und meine Spannung sank zusammen mit dem Koffeinspiegel… Und ich wurde handgreiflich. Nicht wirklich natürlich. Aber ich musste eine Stewardess im Gang abpassen, damit mein Seelenfrieden mit Kaffee wiederhergestellt werden konnte.
Buenos Aires
Dank Kaffee schaffte ich es schliesslich auch geduldig durch die Immigration und den Zoll. Danach stellte ich allerdings fest, dass sich der Flughafen sehr stark im Umbau befindet und somit die Schilder momentan eher irreführend als hilfreich sind. Der Pfeil zum ATM zeigte in eine ganz andere Richtung. Dasselbe galt für Busse und Busschilder. Nach ein bisschen umherirren, gönnte mir ein Taxi. Ich musste allerdings 30 Minuten warten und wollte mir in der Zwischenzeit einen Snack im Fastfood-Restaurant (das mit dem goldenen Möwenlogo) gönnen. Ich stellte mich an einen Selbstbedienungsautomaten, wählte die gesunde Kost, führte die Kreditkarte ein… ein RIESIGES Tastaturfeld erschien auf dem Bildschirm: Die letzten vier Ziffern der Kartennummer eingeben. (So weit reicht mein Spanisch noch.) Mache ich. Hoffentlich schaut niemand zu. Aber immerhin sind sie so schlau und wollen nicht den PIN. Ich bestätige. PLOPP: Bitte PIN eingeben. Mit diesen gut 10 cm grossen Zahlen. Um mein Sicherheitsprotokoll nicht schon in der ersten Stunde in Südamerika völlig ausser Acht zu lassen, breche ich die Aktion ab und wage mich zu den bedienten Kassen vor. Hier kann ich mich in Geduld üben, es ist eher Slow-Food. Das macht auch die Bedienung deutlich. «Inhala, exhala.» Ich habe ja keine Eile. Irgendein Taxi wird mich später schon mitnehmen. Und schliesslich hatte ich auch mein muntermachendes Süssgetränk gekriegt, ohne dass der halbe Flughafen meinen Kreditkarten-PIN kennt. Ein erster Erfolg!
Highlights:
- Die Netflix-fähige Wi-Fi-Verbindung im Flughafen Barcelona
- Die vier Demonstrationen, an denen die Taxifahrt zum Hostel vorbeiführte (O-Ton Taxifahrer zu den Demos: «gegen Uber», «gegen die Regierung», «andere Unzufriedene»)
Ich bin die Königin der Pokastri…Prokastri… ihr wisst schon… Die Vorfreude ist gross, die Träume noch grösser, die Zeit (wird immer) knapp(er), der Umsetzungswille hält sich in Grenzen.
Seit vier Monaten weiss ich nun schon, dass meine Tage ab Ende März 2019 nicht mehr mit bezahlter Arbeit ausgelastet sein werden, und ich im April mit dem Rucksack die Welt – oder zumindest Südamerika – bereisen möchte… Und dennoch hatte ich bis Ende März praktisch nichts geplant. Nun gut, ich hatte mich impfen lassen gegen alle möglichen Krankheiten – was etwas kompliziert war, da ich ja noch nicht wusste, wohin ich genau gehen werde –, ebenso hatte ich bereits einen Flug nach Buenos Aires, ein Hostelbett für zehn Tage und einen Sprachkurs für sage und schreibe fünf Vormittage gebucht. Auch wenn spontanes Reisen durchaus mein Plan ist, wäre es doch gut, mich noch etwas schlau zu machen über die Länder, die ich unter die Lupe nehmen möchte: Topografie, Wetter, die Möglichkeiten von A nach B zu gelangen oder auch herrschende Gefahren, die ich als behütet aufgewachsene Schweizerin meist zu verdrängen weiss.
Bereits im Februar hatte ich den «Atlas Obscura», ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders, zur Hand genommen und mir ein paar spannende Orte notiert. In einem meiner zehn Notizbücher. So wusste ich immerhin schon, dass es Argentinien, Chile und Peru sein werden, die ich besuchen möchte. Aktuell suche ich jedoch wieder nach dem richtigen Notizbuch und den Seiten, die meine damaligen Gedanken sammeln.
Als ich am 29. März den ersten Tag meiner neu gewonnenen Freiheit genoss, wollte ich mich direkt in die Vorbereitungen stürzen. Schliesslich besass ich weder einen guten Reiserucksack, noch die richtigen Schuhe. Eigentlich nichts, das wirklich für längere Reisen gedacht ist. Ich hatte nicht einmal gegoogelt, was denn eine gute Ausrüstung sein könnte. Gegen Mittag rief mich meine beste Freundin an, um sich zu erkunden, was ich so treibe. Geputzt hatte ich. Den Müll weggebracht. Meinen Bürotisch aufgeräumt. «Versuchst du, dich vor der Planung zu drücken?», fragte sie mich knallhart. «Nein, natürlich nicht. Das sind alles Dinge, die auch gemacht werden müssen», war meine aufrichtig gemeinte Antwort, die keine Minute später mit «Argh, du hast recht. Ja. Südamerika ist zu gross. Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll», ergänzt wurde.
T minus zwölf. Und ich hatte immer noch nichts gemacht. Zudem musste ich mich ja auch darum kümmern, dass ich bald nicht mehr versichert war und arbeitslos und und und. Aber ich hatte ja noch zwölf Tage. Das reicht schon. Wer wird denn da schon nervös werden? Naja… mein Freund. Mein Freund wurde nervös. Zum Einen möchte er mich natürlich nicht gehen lassen (er hat auch schon nachgefragt, ob ich mit einem gebrochenen Bein denn zuhause bleiben würde), zum Anderen hätte er schon lange einen 20-seitigen Reiseplan geschrieben und seit zwei Monaten die Koffer gepackt. Auch das mit Versicherungen usw. hätte er schon lange geregelt und könnte so die letzten paar Tage einfach auf dem Sofa verbringen und warten bis die Reise losgeht. Was ich bei der Arbeit konnte, kann ich im Privatleben aber irgendwie nicht. Ich schreibe brav Listen, die immer länger werden und erledige die Sachen der Liste dann um fünf vor zwölf. Oder um zwei vor.
Es ist jetzt Dienstag. Ich habe einen 60-Liter-Reiserucksack gekauft, ein RFID-Portemonnaie gegen böses Kopieren meiner Kreditkarten und einen sexy Bauchgürtel (in Seide, der aussieht wie eine überdimensionierte Schlafmaske) in dem ich meinen Pass unter dem T-Shirt verstecken kann. Ich fühle mich paranoid. Und pleite. Ich bin froh, habe ich den Flug schon gebucht, sonst müsste ich wohl doch zuhause bleiben.
T minus acht.