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Etwa zwei Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Arabischen Republik, rund 20 Millionen Menschen, sind von der Bilharziose betroffen, einer Infektionskrankheit, bei der der Erreger aus verseuchtem Wasser durch die Haut in den menschlichen Körper dringt und dort Verdauungsorgane, Leber, Herz und Lunge angreift. Die VAR steht damit prozentual an der Spitze der Länder, in der die Krankheit auftritt. Man schätzt, dass ihre Auswirkungen die landwirtschaftliche Produktion um 30% verringern. Anfällig sind vor allem Kinder, da als Folge der ständigen Wiederansteckung mit der Zeit eine teilweise Immunität erreicht wird.
Es ist zu befürchten, dass der Staudamm von Assuan2 der Krankheit neue Gebiete erschliesst. Die Bewässerungsgräben für die 650’000 ha, die aus der Wüste gewonnen werden sollen, bieten ideale Verhältnisse für die Zwischenträger des Erregers, bestimmte Schneckenarten. Im untern Niltal dagegen wird sich der Wegfall der jährlichen Überschwemmungs- und Trockenperiode auswirken. Die Dürre hatte jeweils eine Dezimierung der Parasiten und Schnecken zur Folge und erlaubte wegen der verhältnismässig geringen Infektionsgefahr eine intensive ärztliche Kampagne. Die Vereinigte Arabische Republik schenkt deshalb heute dem Kampf gegen die Bilharziose ganz besondere Aufmerksamkeit. Mit der Bundesrepublik Westdeutschland wurde kürzlich ein Vertrag abgeschlossen, in dessen Anwendung die Bundesrepublik seit Herbst 1968 in der etwa eine Million Einwohner zählenden Oase Fayoum einen Grossversuch mit dem Bayer-Produkt Baylucid durchführt, das die Parasiten-Zwischenträger vernichtet. Dieser Versuch könnte durch eine gleichzeitige gezielte ärztliche Behandlung wirksam ergänzt werden. Vom CIBA-Produkt Ambilhar versprechen sich die Gesundheitsbehörden der VAR in dieser Beziehung besondere Erfolge. Das Gesundheitsministerium ist deshalb mit der Bitte an unsere Botschaft in Kairo herangetreten3, auch die Schweiz möchte sich an dieser Aktion in der Oase Fayoum beteiligen und für die Behandlung von 100’000 Kindern im Alter von 5–15 Jahren 525 kg Ambilhar zur Verfügung stellen.
Das Eidgenössische Gesundheitsamt4 und die Weltgesundheitsorganisation5 haben gegen die Durchführung eines solchen Versuchs nichts einzuwenden, sind aber der Meinung, dass sie rasch erfolgen sollte, um einen erfolgreichen Anschluss an den laufenden deutschen Versuch zu gewährleisten. Wie unsere Botschaft und die Vertreter der schweizerischen chemischen Industrie in Kairo sind sie der Ansicht, die Gesundheitsorganisation der VAR biete die nötigen Garantien für eine erfolgreiche Verwirklichung des Projekts6. Eine diskrete Überwachung durch unsere Vertreter ist möglich.
Die Handelsabteilung unterstützt den Vorschlag, weil sie sich positive Auswirkungen auf die Stellung unserer chemischen Industrie in der VAR verspricht7. Zudem bestimmt das Gesundheitsministerium als höchste Instanz die Einfuhrpolitik auf dem Gebiet der Pharmazeutika.
Soweit bekannt, war die private schweizerische humanitäre Hilfe für den Nahen Osten in der letzten Zeit fast ausschliesslich nach Israel gerichtet. Ein gewisser Ausgleich durch einen schweizerischen Beitrag an die Bilharziose-Bekämpfung in der VAR lässt sich aus dieser Sicht rechtfertigen, besonders auch, da diese Hilfe rein humanitärer Natur ist und völlig ausserhalb des politischen Spannungsfeldes liegt. Mit der Handelsabteilung sind auch wir der Meinung, dass sich der so geschaffene «good will» auf unsere Beziehungen zur VAR nur positiv auswirken kann.
Die CIBA schliesslich ist an dem Projekt ausserordentlich interessiert und würde die erforderliche Menge «Ambilhar» zu einem Spezialpreis von Fr. 195’300.– CIF Kairo liefern.
Wir beabsichtigen, dem Gesuch der Gesundheitsbehörden der Vereinigten Arabischen Republik Folge zu geben und die CIBA zu beauftragen, 525 kg Ambilhar gemäss Spezifikationen des Gesundheitsministeriums in Kairo zur Verfügung zu stellen. Der Betrag von Fr. 195’300.– wird dem Kredit von 43 Millionen zur Weiterführung der internationalen Hilfswerke 1967/69 (Bundesbeschluss vom 30. November 19668) belastet.
Wir bitten Sie, uns mitzuteilen, ob Sie mit diesem Beitrag an die Bilharziose-Bekämpfung in der Vereinigten Arabischen Republik einverstanden sind.
- 1
- Schreiben (Kopie): E2003A#1984/84#831* (o.222).↩
- 2
- Zur Frage der Beteiligung der Schweiz an UNESCO-Hilfsaktionen zur Rettung von Kulturdenkmälern, die vom Assuan-Staudamm bedroht wurden, vgl. das Schreiben von S. Masnata an J. Burckhardt vom 13. September 1961, dodis.ch/30450; das BR-Prot. Nr. 457 vom 28. Februar 1964, dodis.ch/31751; das Schreiben von A. Parodi an P. Micheli vom 26. Juli 1969, dodis.ch/32077 und das Schreiben von J. Ruedi an A. Parodi vom 9. Dezember 1968, dodis.ch/31777.↩
- 3
- Die Anfrage des ägyptischen Gesundheitsministeriums erfolgte via das ägyptische Aussenministerium. Vgl. das Schreiben des ägyptischen Aussenministeriums an die schweizerische Botschaft in Kairo vom 11. Februar 1969, E2200.39#1995/155#322* (772.0).↩
- 4
- Vgl. dazu das Schreiben von J.-P. Perret an E. Thalmann vom 20. März 1969, Doss. wie in Anm. 1.↩
- 6
- Vgl. dazu das Schreiben der Ciba an die Sektion Internationale Hilfswerke des Politischen Departements vom 28. Februar 1968; das Schreiben von A. Parodi an E. Thalmann vom 20. Januar 1969 sowie das Schreiben von A. Parodi an E. Thalmann vom 6. März 1969, Doss. wie Anm. 1.↩
- 7
- Vgl. dazu das Schreiben von H. Bühler an E. Thalmann vom 11. März 1969, E2003A#1984/84#831* (o.222).↩
- 8
- Vgl. BBl 1966, II, S. 991–992.↩