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DNS oder DNA?
Die Desoxyribonukleinsäure wurde 1869 in Tübingen entdeckt. Dies scheint vielen Autoren nicht bekannt zu sein, wenn sie in ihren Texten ausschließlich von der englischen DNA schreiben.
Sämtliche Erbinformationen eines Organismus sind in einem riesigen Molekül gespeichert: der Desoxyribonukleinsäure oder kurz DNS. Ein Grundbaustein dieser Säure ist der Zucker Desoxyribose. Ein Phosphorsäure- Rest (Phosphat) dient als Verknüpfung zwischen zwei Zuckern. An den Zuckern hängen außerdem noch vier verschiedene stickstoffhaltige Basen: Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Die Basen werden üblicherweise mit den Buchstaben A, G, C und T abgekürzt und bilden damit das „Alphabet des Lebens“. Es ist erstaunlich, dass lediglich vier Buchstaben ausreichen, um alle genetischen Informationen eines Bakteriums, einer Sonnenblume oder des Menschen festzuhalten.
Noch viel erstaunlicher ist es, dass auf dieses Alphabet anscheinend ausschließlich durch das Englische Bezug genommen wird. Die englische Abkürzung DNA (für deoxyribonucleic acid) hat fast schon Monopolstellung, egal ob in wissenschaftlichen oder allgemeinen Texten. Gleiches gilt für das chemisch verwandte Molekül Ribonukleinsäure (kurz: RNS), das nur noch als RNA (ribonucleic acid) zu existieren scheint.
Dabei wurde die DNS 1869 von dem Schweizer Friedrich Miescher im Tübinger Schlosslabor (oder müsste man hier vom Tübinger castle lab schreiben?) erstmals isoliert. Miescher arbeitete am Anfang mit eitrigen Verbänden aus dem nahen Krankenhaus. Aus diesen reinigte er die Zellen und trennte die Kerne vom Zellplasma ab.
Aus den Zellkernen erhielt er eine Substanz, die er aufgrund des Ursprungs Nuklein nannte. Mehr als zwanzig Jahre später entdeckte Richard Altmann, dass das Nuklein eine saure Substanz ist und nannte sie „Nukleinsäure“. Es dauerte viele Jahre, bis die Bedeutung dieser Substanz bekannt wurde. Aus dem heutigen Leben sind die Nukleinsäuren praktisch nicht mehr wegzudenken.
Englisch ist mittlerweile die internationale Wissenschaftssprache. Daher ist es nachvollziehbar, dass die ursprünglich deutschen Bezeichnungen (Desoxy)Ribonukleinsäure mit dem Kürzel DNA in englischen Texten angepasst wird. Eine englische Abkürzung in einem deutschen Text ist jedoch traurig. Ob hierbei versucht wird, durch DNA Weltoffenheit zu zeigen oder ob es einfach nur schlechter Stil ist – darüber kann sich der Leser selbst Gedanken machen.
Die DNA birgt übrigens nicht nur im Geschriebenen Probleme, sondern auch beim Sprechen. Die Frage ist: Muss es Di Än Äi heißen oder De En Ah? Es zeigt zumindest eine gewisse Geistesgegenwart, wenn die englische Abkürzung korrekt englisch ausgesprochen wird. Im Rahmen eines nicht-englischen Vortrags klingt es trotzdem fehl am Platze.
Obwohl die DNA erst später als die deutsche Abkürzung DNS entstand, wird sie dieser vorgezogen. Wahlweise wird auch ein assay, fingerprint oder sequencing hinten drangehängt. Denn Untersuchung, Fingerabdruck oder Sequenzieren würden ja womöglich einen veralteten Eindruck machen. Dabei ist die DNS ein Paradebeispiel für die Vielfalt des Lebens. Warum sollte dem gegenüber nur die englischsprachige Einfalt stehen?
Quelle: Julian Geiger in Sprachnachrichten 51, Sept. 2011