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Wir standen frueh auf, um den Zug von Ernakulam nach Kollam zu erwischen. Zuerst assen wir etwas, dann gingen wir zur Faehreanlegestelle, um nach Ernakulam ueberzusetzen, nahmen von der Anlegestelle aus eine Rickshaw zum Bahnhof. Der Zug fuhr unseres Wissens um 10.10. In Wirklichkeit fuhr er um punkt 10 Uhr. Unser desorientierter Lauf auf der Ueberfuehrung, die Anzeigetafel funktionierte nicht, wurde von kurzen Infogespraechen unterbrochen: “Excuse me Sir, do you know from which platform the train to Kollam leaves?” – “Where to?” – “Kollam”. – “?” – “Aehm, Qollaam? No? You don’t know? Kollaem? Ah wait: Gollam… Gollmmm …” — “Ah! Qollmmm! Yes, track four.” – “Thank you very much.” Mit track four war leider nichts, doch wenigstens wussten wir jetzt genau, wie man die Ortschaften auszusprechen hat. Wir verbrachten einige Stunden lesend, essend und beobachtend am Bahnhof. Da wir nicht reserviert hatten, stiegen wir in den Wagen, der fuer alle diejenigen ist, die eben nicht reserviert haben. Das sei gewoehnlicherweise nur ein Wagen in der ganzen Wagonreihe. Natuerlich war der Wagen zum Bersten voll, und zunaechst standen wir im Gang. Da die Tueren stets offen sind, kann man sich da aber gemuetlich hinsetzen, wenn man sich gut festhaelt. Die Zugfahrt dauerte gut drei Stunden. Wir fuhren an Reisfeldern vorbei, Einfamilienhaeuschen in den Palmenwaeldern. Nach drei Stunden waren wir nach dem langen Stehen und vielen Schauen etwas ausgelaugt. In Kollam assen wir am Bahnhof ein Masala Dosa und tranken Tee.
Kollam ist eine kleine Stadt voller Geschaefte. Ich weiss nicht, wie ich Kollam beschreiben koennte: Es wimmelt so sehr von Werbung und Plakaten, blassblauen Shivas und zwinkernden Lakhsmis, dass ich die Stadt, die Haeuser fast nicht sehe. Da sind wuchernde Staende, aus denen Bananen quellen. Dort ein Kardamombuero, dort ein Reisbuero, dort ein Plastikeimergeschaeft. Mit den Bueros meine ich eigentlich einfach Haendler. Das Reizvolle an ihnen finde ich den Touch von Kanzlei oder Kontorei. Ein Mann sitzt hinter einem schweren hoelzernen Pult. Vor ihm eine kleine Kupferwage mit Gewichten. Auf dem Tisch sind Reissorten oder eben verschiedene Mahlgrade Kardamom ausgelegt. Mit meist einer schweren Hornbrille auf der Nase beraet der Haendler fachmaennisch seine Kunden. Dieses Freiluftbuero, wo der Ventilator Kardamom in die Luft wirbelt, besticht mich mit seiner sanfen Buerokratie. Ueberall liegen die schweren braunen Registraturbaende, sei es fuer Reislieferungen, Kaffeetransfer, Touristen. Die indischen Archive muessen riesig und unterirdisch angelegt sein. Kollam: schlafende Rickshawfahrer, ein Liebespaerchen heimlich auf dem Ruecksitz eines weissen Mahindra Ambassador unschuldig am Turteln, alte Maenner mit 60kg Reissaecken auf dem Fahrrad, ueberall Ladenbesitzer, die vor ihrem Laden mit Enkelkind auf dem Arm im weissen Lunghi auf und ab gehen.
In Kollam selbst blieben wir nicht, sondern es verschlug uns auf eine Insel. Eigentlich keine Insel, doch irgendwie schien diese Landzunge aeusserst inselhaft. In einem etwas abgetakelten Ferienressort stiegen wir fuer zwei Naechte ab. Die Farbe blaetterte etwas, und das pastellfarbene Jesusrelief auf dem Bootshaus hatte bestimmt schon leuchtendere Zeiten gesehen. Doch gerade vielleicht deswegen, wegen des abgetakelten Kitsches, wie der riesigen fast nicht zumutbaren nackten Nymphe am “Inselkap”, war das alles reizvoll. Zwei Jungs, kaum aelter als 20, schmissen den Laden ganz selbstverstaendlich. Der Aeltere war stets am Kochen, der Juengere besorgte den Rest. Zwei sehr aufgeweckte Menschen, die es sichtlich genossen in ihrem kleinen Imperium. In diesem Auslauefer der Backwaters sind sehr viele kleine Fischerboote unterwegs. Abends werden Netze ausgeworfen und im Dunkeln dann wieder herausgezogen. An einem Morgen fuhren wir mit einem solchen schmalen Boot, nicht breiter als ein Baum, rueber nach Kollam.
Einen Tag verbrachten wir damit, einfach durch die angrenzenden Ortschaften rund um Kollam zu spazieren und ein bisschen weiteren Alltag einzufangen. Losverkaeufer, Laeden, Mann mit Leiter, Motorraeder, ein roter Sari, ein gelber Sari, ein hupender Bus, tausend hupende Busse. Ein Bus namens Vishnu, ein Bus namens Goods Carrier, ein Bus namens Good Sheperd. Es geht gegen Mittag zu. Es ist feucht – aber schattig wenigstens – unter diesen vielen Palmen. Ein Feld mit ein paar Kuehen und den weissen Fischreihern, von denen man oft einen neben einer Kuh sieht. Es scheint, als ob er die Kuh den ganzen Tag begleite. Tueppig, wir gehen sehr langsam. Irgendwo steigen wir in eine Rickshaw, um fast alles wieder zurueckzufahren ins Zentrum. Kollam. Kein Wind, tueppig und stickig. Im Indian Coffee House wird mir ab den flimmernden Schatten der Ventilatoren an den Waenden ganz schwindlig. Die tuerkis Oelfarbe an den Waenden beisst sich ploetzlich mit den knallroten Plastikstuehlen. Trinken. Raus. Bald ist es bessser. An der Faehranlegestelle stinkt es, wenn keinw Luft geht. Alle Frauen zuecken ihr Taschentuch – und ich auch. So ein Tuch ist ganz praktisch manchmal. So schoen die Backwaters sind, an manchen Orten drueckt ein dumpfes Grauen aus dem trueben Wasser empor.
Am naechsten Tag dafuer, heiter und unbewoelkt, atmet es sich wieder freier. Am Vormittag stiegen wir in die Faehre nach Alappuzha. Beinahe acht Stunden verbrachten wir auf den Backwaters mit zwei kuerzeren Pausen, wo wir sozusagen an einer Schiffsraststaette, einem kleinen Holzhuettchen Rast machten. Dor gab es dann hurry hurry ein Thali auf dem Palmblatt. Gegen Ende streckte sich die Fahrt ein bisschen. Als das gruene Schild Allapuzha 6km verhiess, ahnten wir nicht, dass das 3 vor der 6 weggekratzt war. Eine Stunde lang staunten wir, wie lange 6km auf einer Faehre dauern koennen, bis wir den Verdacht schoepften, dass die Angabe wohl hinfaellig sei. Auf einer unserer Fotos entdeckte ich den Abdruck der 3 und die 36km leuchteten ein.