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Die sog. Umweltkrise hat also ihren Ursprung im gesellschaftlichen Tun. Es ist somit folgerichtig, zu fordern, daß eine Allgemeine Humanökologie ihren Ausgangspunkt in den Humanwissenschaften (Sozial- und Geisteswissenschaften) habe. Mit andern Worten, die Brücke, die es zwischen den Human- und Naturwissenschaften zu schlagen gilt, wird sinnvollerweise vom Ufer der ersteren aus vorgetrieben. Dies ist natürlich mit Schwierigkeiten verbunden, als ja die Wissenschaft insgesamt ein sehr pluralistisches Unternehmen ist und, schlimmer noch, speziell die Humanwissenschaften unter einer extremen Segmentierung und einer gewissen Unordnung leiden. Ob die relevanten wissenschaftlichen Disziplinen je in der Lage sein werden, gemeinsam zu einer überdachenden Theorie zu gelangen, darf deshalb bezweifelt werden.2
Anthony Giddens und Jonathan Turner beschreiben die Situation so: The “lack of consensus ... may be endemic to the nature of social science. At the very least, whether there can be a unified framework of social theory or even agreement over its basic preoccupations is itself a contested issue” (1990: 1). Für Clifford Geertz dagegen ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern sicher, daß eine übergreifende Theorie nicht möglich ist: “... though those with what they take to be one big idea are still among us, calls for «a general theory» of just about anything social sound increasingly hollow, and claims to have one megalomanic” (1983: 4)
Figur 1 zeigt einige der Disziplinen, die für den humanökologischen Kontext von Person, Gesellschaft und (biophysischer) Umwelt von Bedeutung sind, in einer einem traditionellen Verständnis entsprechenden Positionierung, nämlich in einer der Ecken des Dreiecks. So gesehen wird es dann klar, daß für jegliche Art von transdisziplinärer Anstrengung nicht die Ecken, sondern die Seiten des Dreiecks von Belang sind.
Ungeachtet der Schwierigkeiten hat es wiederholte Versuche gegeben, das Problem der interdisziplinären Integration mit dem großen Wurf einer allgemeinen Theorie zu lösen. Das am besten bekannte Beispiel dürfte Edward O. Wilsons “Soziobiologie” (Wilson 1977) sein. Wie der Name andeutet, handelt es sich hier um ein Projekt, welches allgemein soziales Verhalten auf biologischer, d.h. genetischer Grundlage erklären und in diese Erklärung auch viele Aspekte menschlichen Tuns einschließen möchte.3
In Wilsons eigenen Worten: “Sociobiology is defined as the systematic study of the biological basis of all social behavior ... the discipline is also concerned with the social behavior of early man and the adaptive features of organization in the more primitive contemporary human societies. Sociology sensu stricto, the study of human societies at all levels of complexity, still stands apart from sociobiology because of its largely structuralist and nongenetic approach. ... It may not be too much to say that sociology and the other social sciences, as well as the humanities, are the last branches of biology waiting to be included in the Modern Synthesis [the neo-Darwinist evolutionary theory]” (1977: 4).
Damit tritt aber die reduktionistische Natur dieses Unternehmens deutlich hervor: Disziplinär gesprochen erhebt es - sicher nicht ausschließlich, aber der Tendenz nach - den Anspruch, Soziologie auf Psychologie und Psychologie auf Biologie reduzieren zu können.4
Geertz redet hinsichtlich der Soziobiologie von “that curious combination of common sense and common nonsense” (1983: 21), während Ashley Montagu denkt: “this ... is to turn things topsy-turvy” (1980: 5).
Für Wilson ist es also der Glaube an die Möglichkeit einer umfassenden synthetischen Theorie, die ihn veranlaßt, die Biologie als Ausgangspunkt zu nehmen. Daneben gibt es aber auch Wissenschaftler, die den unübersichtlichen Zustand der Humanwissenschaften als Grund dafür angeben, daß sie humanökologische Probleme von einer biologischen Perspektive aus angehen möchten. Z.B. meint Frank B. Golley, eine solche Perspektive sei ganzheitlich, während Humanökologie aus Sicht der Humanwissenschaften ein Thema ohne eine klare Heimat sei, weil die “anthropozentrischen Disziplinen” sich in ein “komplexes Mosaik” aufsplitterten (1991: 52-53). Meinerseits bin ich der Meinung, daß eine Allgemeine Humanökologie sich nicht vor Schwierigkeiten drücken darf, und ich sehe sogar einen Vorteil in der genannten “heimatlosen Situation”: Durch nicht allzu viele Leitplanken eingeengt, können wir uns die Freiheit herausnehmen, eine Art von innovativem “konstruktivem Eklektizismus” zu pflegen.5
Wenn wir von jemandem sagen, er arbeite eklektizistisch, ist dies üblicherweise mit einem negativen Unterton verbunden. Ich fühle mich hier aber in guter Gesellschaft, denn auch z.B. Giddens, dessen Strukturationstheorie wir weiter unten als wichtigen Baustein einer Allgemeinen Humanökologie werden kennen lernen, sagt: “Bei der Formulierung meiner Darstellung der Theorie der Strukturierung habe ich nicht gezögert, mich auf Gedankenfiguren aus sehr unterschiedlichen Quellen zu beziehen. Einige mögen dies für einen nicht akzeptabeln Eklektizismus halten, doch ich selbst habe die Stärke dieses Einwandes nie sehen können. Sicher bietet die Arbeit in festgefügten Denktraditionen gewisse Annehmlichkeiten ... Allerdings kann die Annehmlichkeit etablierter Ansichten leicht zum Deckmantel intellektueller Trägheit werden” (1988: 35).
So schließe ich mich der Auffassung von Ashley Montagu an, der sagt: “Contrary to Wilson, I would place all the sciences relating to humans within an anthropological framework ... and make sociobiology an intrinsic part of that framework” (1980: 5-6).
Wenn wir nicht hoffen können, mittels theoretischer Vereinheitlichungen in großem Stil zu interdisziplinären Verknüpfungen zu kommen, dann müssen wir zu heuristischen Verfahren Zuflucht nehmen. Ein relativ einfacher, in der Vergangenheit schon mehrfach erprobter Ansatz besteht darin, daß ein konkretes Problem als Brennpunkt der Integration dient: Die dafür relevanten Disziplinen orientieren sich für die Dauer eines gemeinsamen Projektes an mit dem fraglichen Problem verknüpften Fragestellungen. Eine der Disziplinen spielt eine führende Rolle, indem sie die Aufgabe der Koordination übernimmt. Ein ziemlich erfolgreiches Beispiel für ein derart angelegtes Forschungsprojekt ist das schweizerische MAB-Programm (1979-85).6
MAB = “Man and Biosphere”, ein Forschungsprogramm, das 1971 von der UNESCO angeregt und danach in einer Reihe von Ländern realisiert wurde.
In diesem Falle übernahm die Geographie die Rolle der führenden Disziplin. Es dürfte allerdings klar sein, daß ein derartiger problem-orientierter Ansatz nur temporär funktioniert, nämlich so lange wie eben das Projekt dauert; das Problem der Zersplitterung der Wissenschaften ist damit nicht grundsätzlich gelöst. Auch hängt der Grad des Erfolges sehr stark von der Motivation der koordinierenden Personen ab, denn eine solche Motivation ist eine Voraussetzung für die Überwindung der Sprachbarrieren zwischen den teilnehmenden Disziplinen. Es ist deshalb typisch, daß im Falle des schweizerischen MAB-Projektes eine schlußendliche Integration nur über die Person des Koordinators, Paul Messerli, zustande kam, indem dieser eine Synthese der ganzen Arbeit in Buchform präsentierte (Messerli 1989). Dabei ist nicht nur ein emotionales Engagement wichtig, sondern auch ein Interesse an der Erweiterung des persönlichen Wissens in breiter und generalistischer Manier. Mit Stephen Boyden können wir die Fähigkeit, beide Aspekte zu kombinieren, “integrative scholarship” nennen (1993: 44).7
In Boydens Worten: “For ... a [transdisciplinary] program to be successful it is essential that there be, at the centre of the program and on a full-time basis, a core of individuals whose main interest and enthusiasm is integrative scholarship. There is a great deal more to integrative, holistic, transdisciplinary studies than merely bringing together a number of experts from different academic disciplines to sit around a table and discuss a human situation, only to have them return to their areas of specialism after their meeting. Someone has to remain at the table, to consider in-depth and systematically the relationships between the different aspects of the overall situation on which the experts have pronounced” (1993: 44).
Obschon es also sehr unwahrscheinlich ist, daß wir im innerwissenschaftlichen Bereich die “große Theorie” der Humanökologie je finden werden, ist es doch sinnvoll, ein bescheideneres Ziel zu verfolgen, nämlich nach existierenden disziplinären Theorien Ausschau zu halten, die einen partiell integrativen Charakter haben. Daß eine Theorie einen solchen Charakter hat, kann zweierlei bedeuten: Entweder weist die fragliche Theorie selbst schon etablierte interdisziplinäre Verbindungen auf oder aber sie eignet sich zur Herstellung einer solchen Verbindung. Es ist ermutigend zu sehen, das einige der in Figur 1 gezeigten Disziplinen sich in der Tat in den letzten Jahrzehnten aus ihrer traditionellen Eckposition heraus in das Gebiet benachbarter Disziplinen vorgewagt haben. Zum Beispiel hat die Geographie seit etwa den 60er Jahren mit der Entwicklung einer Wahrnehmungs- und einer Sozialgeographie ihr Interessensgebiet in Richtung von Psychologie und Soziologie ausgedehnt oder verlagert.8
Darauf konnte Gerhard Hard schon 1973 in seiner damaligen wissenschaftstheoretischen Betrachtung geographischer Forschungsansätze Bezug nehmen, insbesondere auf p. 170-177 und 190-195 (Sozialgeographie) und auf p. 200-212 (Umweltwahrnehmung).
Umgekehrt haben die zwei letztgenannten Disziplinen ein Interesse an räumlichen Aspekten und Umweltfragen und auch gegenseitig an sich selbst entwickelt. Mit solchen Konvergenzen entstehen allmählich teilweise integrierte Forschungsfelder.
Gemäß der evolutionären Perspektive, die wir in Abschnitt 4 noch separat besprechen werden, besteht der integrative Charakter einer Theorie gerade nicht darin, daß sie - wie die Soziobiologie dies versucht - eine “höhere” auf das Niveau einer “tieferen” Disziplin reduziert, sondern darin, daß sie sich am Prinzip von zirkulär wirkenden Kausalitäten, die Phänomen auf verschiedenen Ebenen miteinander verbinden, orientiert. Halten wir nach derartigen Theorien Ausschau, werden wir auch tatsächlich fündig. Die Theorie der Strukturation der Gesellschaft von Anthony Giddens ist wahrscheinlich das prominenteste Beispiel (Giddens 1988).9
Für eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Giddens’schen Theorie siehe Dagmar Reichert 1993. Weitere Beispiele von Theorien dieser Art sind: a) Die Theo¬rie des Perzeption-Aktion-Zyklus als einem grundlegenden Bestandteil einer ökologischen Psychologie, die sich in Weiterführung der Arbeiten von James Gibson mit der zirkulären Verbindung zwischen Tieren bzw. Menschen und der biophysischen Umwelt auf einem Niveau des praktischen Bewußtseins (vgl. mit Ab¬schnitt 5) beschäftigt (vgl. Claudia Carello 1993); b) die Heuristik des “konkreten Geistes” von Alfred Lang, die mit der Wechselwirkung von Menschen und der kulturell geprägten Umwelt, in der sie leben, zu tun hat, wobei diese Umwelt als eine Art von “externem Gedächtnis” betrachtet wird (vgl. Lang 1993).
Dabei sind die beiden Ebenen, die zirkulär miteinander verbunden sind, die der handelnden Personen und die der gesellschaftlichen Strukturen als einer Menge von Regeln.10
Dazu Giddens: “Wir wollen ... Regeln des gesellschaftlichen Lebens als Techniken oder verallgemeinerbare Verfahren betrachten, die in der Ausführung/Reproduktion sozialer Praktiken angewendet werden” (1988: 73) und: “... die Strukturmomente sozialer Systeme ... ermöglichen die «Einbindung» von Raum und Zeit in soziale Systeme und sind dafür verantwortlich, dass soziale Praktiken über unterschiedliche Spannen von Raum und Zeit hinweg als identische reproduziert werden, also systemische Formen erhalten” (1988: 68-69).
Mit andern Worten: Die Theorie sieht eine Person als Individuum, das innerhalb von gegebenen gesellschaftlichen Strukturen handelt und diese dabei reproduziert oder allenfalls auch transformiert. Dabei haben diese Strukturen einerseits einen ermöglichenden, andererseits einen einschränkenden Aspekt, d.h. die momentan gültigen Regeln bewirken, daß einerseits sinnvolle Interaktionen überhaupt erst möglich werden und andererseits aber auch diese Interaktionen nicht eine beliebige Form annehmen können. Giddens bezieht sich auf diese Situation mit seinem “Theorem der Dualität der Struktur”: “Konstitution von Handelnden und Strukturen betrifft nicht zwei unabhängig voneinander gegebene Mengen von Phänomenen -- einen Dualismus -, sondern beide Momente stellen eine Dualität dar. Gemäß dem Begriff der Dualität von Struktur sind die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken, die sie rekursiv organisieren” (Gidens 1988: 77). Rekursivität bedeutet, daß Interaktionen zwischen Individuen, da sie ja geregelten Mustern folgen, immer wieder sinnvoll aneinander anschließen können.
Mit Bezug auf die involvierten Disziplinen könnten wir auch sagen, die Theorie von Giddens stelle - bis zu einem gewissen Grade wenigstens - eine Verbindung zwischen Psychologie und Soziologie her. Es ist eine Theorie, die “relational” oder “transaktional” genannt und als repräsentativ für das Denken in einem neuen Weltbild gesehen werden kann. Tatsächlich ist z.B. in der angelsächsischen Psychologie davon die Rede, daß ein Wandel zu einem “transaktionalen Weltbild” stattfinde, das die folgende Charakteristik aufweise: “... the transactional worldview does not deal with the relationship between elements, in the sense that one independent element may cause changes in, affect, or influence another element. Instead, a transactional approach assumes that the aspects of a system, that is, person and context, coexist and jointly define one another and contribute to the meaning and nature of a holistic event” (Irwin Altman und Barbara Rogoff 1987: 24). (Vgl. hierzu auch Peter Weichhart 1993). Für die Praxis stellt sich damit natürlich die Frage, wo man beginnen soll. Es kann akzeptabel sein, das von Figur 1 dargestellte humanökologische Problem auf die Ecke der Person zu projizieren, so lange jedenfalls eine solche Projektion nicht in einem reduktionistischen Sinne gemeint ist, sondern lediglich die Funktion eines methodologischen (nicht ontologischen!) Individualismus übernimmt.11
Hinsichtlich der Bedeutung des Begriffs des “methodologischen Individualismus" scheint eine gewisse Konfusion zu existieren. Ich halte mich hier an eine auf I.C. Jarvie bezugnehmende Interpretation von Benno Werlen, bei der ein ontologischer und ein methodologischer Individualismus voneinander unterschieden werden. Nach der Position des ontologischen Individualismus ist eine “vollständige Erklärung von sozialen Aspekten ... erst dann zu leisten, wenn sie auf physiologische oder/und psychologische Aspekte (Eigenschaften des Individuums) Bezug nimmt” (1995, 43). Die Position des methodologischen Individualismus dagegen postuliert, ohne die Wirklichkeit einer gesellschaftlichen Ebene zu leugnen, dass Gesellschaften aus Individuen, ihren Handlungen und Beziehungen bestehen und dass nur Individuen Ziele und Interessen haben. Seine “Besonderheit ... ist ... darin zu sehen, dass er sich aus methodologischen Gründen auf die Handlungen einzelner bezieht” (1995: 43).
Natürlich stimmt es, daß es letztlich immer Personen sind, die anders denken und handeln und damit Strukturen auch verändern können; von selbst verändern sich diese nicht. Es fragt sich aber andererseits, welche Art von Bewußtseinszustand eine Voraussetzung dafür ist, daß Menschen Strukturen willentlich ändern wollen und ob die gegenwärtig wirksamen Strukturen einem alternativen Denken förderlich sind oder nicht.12
Erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit daran, dass wir mit unserem Handeln die Strukturen auch unwillentlich ständig, wenn auch normalerweise nicht abrupt, ändern. Die Sprache und ihre Regeln sind hier ein einleuchtendes Beispiel: Dadurch, dass wir die Sprache in nicht konstant reflektierter, routinisierter Weise verwenden, reproduzieren wir zwar ihre momentan gültigen Regeln, tragen aber durch Abweichungen unter Umständen auch zur Veränderung dieser Regeln bei (vgl. hierzu Rudi Keller 1994). Im Kontext der ökologischen Problematik geht es uns aber zunächst einmal um die Frage, wie Strukturen bewußt geändert werden können. Auf die Frage des Bewußtseinszustandes von Individuen treten wir in Abschnitt 5 ein.
Es wird also nicht verneint, daß ein Teil eines individuellen Selbst ein Produkt von gesellschaftlichen Vorgängen auf der einen und von Beziehungen zur biophysischen Umwelt auf der andern Seite ist. Es gibt somit eine "doppelte Dualität", eine auf der gesellschaftlichen und eine auf der Umwelt-Seite.13
In metaphorischer Weise könnten wir, wie dies Dagmar Reichert in einem persönlichen Gespräch getan hat, davon reden, dass jede Person in ihrem Innern ein individuelles "kleines humanökologisches Dreieck" mit sich trägt. Die Existenz einer ökologischen Krise könnte dann, teilweise wenigstens, mit einem Mangel an Integration bei einer Mehrzahl der Mitglieder unserer Gesellschaft in Verbindung gebracht werden.
Aber ein personales Selbst bleibt, wie Peter Weichhart betont, der Brenn- oder Drehpunkt, auf dem diese Dualität ruht (1993: 89).
Kehren wir noch einmal zu der grundlegenden Frage zurück, die uns in diesem Abschnitt beschäftigt hat: Wenn wir der Diagnose zuneigen, die vorherrschende Fragmentierung, der sowohl individuelles Leben wie auch die Gesellschaft insgesamt unterworfen ist, sei an der Wurzel unserer Umweltprobleme, und wenn wir eine Lösung des Problems in einem entgegenwirkenden Integrationsprozeß sehen, wie weit werden wir fähig sein, einen solchen Prozeß wirklich in der Form einer wissenschaftlichen Theorie zu beschreiben? Die Antwort muß vermutlich lauten: Wir werden damit nicht sehr weit kommen. Der Grund liegt darin, daß die Wissenschaft uns großenteils mit nur einer Art des Wissens versorgt, mit Fachwissen nämlich, das, wie eben der Name sagt, in voneinander getrennten Fächern abgelegt wird. Die Begrenzung der Wissenschaft wird in drastischer Weise offensichtlich, wenn wir z.B. das Wesen von Menschen in integrativer Weise wissenschaftlich zu erfassen versuchen. Wir werden dabei ziemlich rasch realisieren, daß wir unweigerlich in Fragen einer philosophischen oder gar religiösen Natur verstrickt werden. Typischerweise existiert denn auch keine wissenschaftliche Anthropologie umfassender Art; dagegen gibt es eine philosophische Anthropologie, die diesen Charakter hat.14
In den Worten von Carl Friedrich von Weizsäcker: “Ein herrschendes Paradigma einer umfassenden wissenschaftlichen Anthropologie hat es bisher nicht gegeben. Es hat zersplitterte Einzelwissenschaften mit anthropologischen Fragestellungen gegeben. Fragen wir überhaupt nach einer umfassenden Anthropologie, so philosophieren wir bereits” (1977: 17).
Wenn aber die Wissenschaft vom Menschen allein schon nicht ganzheitlicher Art sein kann, muß dies wohl umso mehr noch für eine Wissenschaft von Mensch und (außermenschlicher) Natur gelten. “Es ist offensichtlich, daß es Wissenschaften, die ein so umfassendes Wissen ... produzieren, gar nicht geben kann ...” (Hard 1994: 162).15
In einer zugehörigen Fußnote sagt Hard weiter: “Nur ... alle Wissenschaften zusammen könnten so funktionieren - wenn dieser Wissenszusammenhang herstellbar wäre, das wäre jedenfalls kein wissenschaftliches Wissen, sondern etwas «ganz anderes»” (1994: 162).