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Weit oben im Norden liegt ein Land mit hohen Bergen, tiefen Schluchten und schattigen Tälern. Die Bergspitzen sind jahraus und jahrein mit Schnee und Eis bedeckt, die beim Sonnenaufgang und beim Untergang golden und purpurn glänzen. Vor langer, langer Zeit wohnte dort ein Hirte mit Frau und Kindern in einem einsamen Waldtal. Einmal, an einem schönen Sommertag, war er mit seiner Herde hinausgezogen und hütete sie oben in den Bergen. Tiefe Stille herrschte ringsumher, und wie der Hirte zu den Bergen hochschaute, da wünschte er sich, einmal zu den glänzenden Eisfeldern im ewigen Schnee hinaufzusteigen. Wie im Traum erhob er sich, wanderte immer weiter die Berge hoch, bis er auf einmal vor einer grossen Wand aus Eis stand. Kein Weg führte mehr weiter, und wie er da stand, entdeckte er auf einmal ein Tor, das kunstvoll verziert war. Als er näher trat, öffnete es sich und gab den Weg durch einen dunklen Gang frei. Vorsichtig trat der Hirte ein und ging den dunklen Gang weiter, bis er vor einem prächtigen Saal stand. Die Wände waren aus Kristall und Tausende von Lichtern leuchteten und gaben ihren Widerschein in den wunderbaren Raum. Mitten im Saal aber stand eine erhabene Frauengestalt in einem silberweissen Gewand und mit einer Krone aus Diamanten geschmückt. In der Hand trug sie einen Strauss himmelblauer Blumen. Liebliche Frauen, die mit den gleichen blauen Blumen geschmückt waren, umgaben die helle Frau und der Hirte sank ehrerbietig auf die Knie. Da wandte sich die Frau ihm zu und sprach: «Da du den Weg zu uns gefunden hast, ist es dir erlaubt, von allen Schätzen, die du hier schaust, das Schönste auszuwählen, sei es Gold oder Silber, Edelsteine oder Diamanten.» Der Hirte jedoch konnte seine Augen nicht von den blau leuchtenden Blumen abwenden und er sprach: «Erhabene Göttin, ich wünsche nichts anderes als die Blumen in deiner Hand.» Da zog ein Lächeln über das Gesicht der Göttin und sie sprach: «Du hast dir das Schönste und das Wertvollste erwählt. Nimm dir die Blumen, sie sollen ein Segen für die Menschen sein.» Mit diesen Worten gab sie ihm ein Säckchen, gefüllt mit tausenden kleinen Samen, um sie auf der Erde zu verstreuen. Kaum hielt der Hirte das wunderbare Geschenk in der Hand, als ein gewaltiger Donnerschlag erklang. Die Göttin und ihre Helferinnen, der Saal und alle Pracht waren verschwunden. Der Hirte stand wieder vor der mächtigen Eiswand und rieb sich die Augen, doch das Tor zum Palast der Göttin war verschwunden. Als hätte er geträumt, schaute er nun auf seine Hand. Doch das Geschenk war noch da und im Säckchen glänzten die Samen wie goldene Körnchen. Er stieg die Felsen hinab und als er endlich zur Weide kam, wo er seine Schafe gelassen hatte, fand er kein einziges Tier mehr. Er suchte lange Zeit vergeblich und machte sich schliesslich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, fand er seine Frau in Tränen, denn er war nicht einen Tag, sondern ein ganzes Jahr fort gewesen. Am nächsten Tag aber gingen sie hinter das Haus, um die Erde umzugraben. Gemeinsam streuten sie die Gabe der Göttin über der Erde aus. Und siehe da: Die Monde vergingen und nach und nach streckten sich die kleinen Sämlinge, wurden stark und gross und bald blühten Tausende von blauen Blumen. Der Hirte behütete die Pflanzen sorgsam, und als die Samenknospen reiften, erschien die Göttin in der Hütte des Hirten und lehrte sie den Nutzen des Leins. Sie zeigte ihnen auch das Spinnen und Weben und nicht lange darauf konnten sich der Hirte, seine Frau und die Kinder in wunderbares weisses Linnen kleiden. Die Frau des Hirten gab das Wissen weiter, und so kam der Flachs als eine göttliche Gabe zu den Menschen. Die Göttin Holle aber wacht darüber, dass ihr Geschenk geachtet und geehrt wird. In der Nacht besucht sie die Webstuben, und wo faule Mädchen gesponnen haben, verwirrt sie den Rocken, wo aber fleissig das Rädchen gedreht wurde, da spinnt sie selbst eine Spule voll und der Faden glänzt wie reines Gold.
Fassung: Djamila Jaenike, © Mutabor Verlag, aus: Blumenmärchen aus aller Welt