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Sie rezitierte an der Inauguration von Joe Biden ein Gedicht und stellte alle in den Schatten. Die 22-Jährige ist schon seit ein paar Jahren ein Star.
Als Amanda Gorman ein Teenager war, bewarb sie sich am Broadway um die Rolle der Löwin Nala im Musical «The Lion King». Heute will Amanda Gorman amerikanische Präsidentin werden. 2036 will sie Wahlkampf machen, 2037 ihr Amt antreten.
Für den Moment genügt es ihr, Nummer eins und zwei zu sein. Genauer die Nummer eins und zwei auf amazon.com, und dies nicht mit einem Kochbuch oder einem Bestseller über Vampire oder Zauberer, sondern mit den Gedichtbänden «The Hill We Climb» und «Change Sings». Beide haben das Erscheinungsdatum 21. September 2021, es dürfte nun sehr viel schneller gehen.
«The Hill We Climb» ist das berührende Gedicht, das Amanda Gorman an der Inauguration von Joe Biden vortrug. Abermillionen, vielleicht auch schon eine Milliarde Menschen dürften sie inzwischen rund um den Globus gehört oder gesehen haben.
Als Talisman trug sie während ihrer Perfomance Schmuck, den ihr Oprah Winfrey geschenkt hatte, goldene Ohrringe und einen Ring mit einem Vogel im Käfig, eine Anspielung auf das Gedicht «Caged Bird» der afroamerikanischen Dichterin Maya Angelou. Diese hatte 1993 Bill Clintons Inauguration begleitet – in einem Mantel von Oprah Winfrey.
Amanda Gorman ist sich vielleicht nicht viele Millionen, aber viele Tausend Menschen als Publikum gewohnt. 2017 gewann sie den ersten Titel einer «National Youth Poet Laureate» und war damit Amerikas wichtigste Jungdichterin. Eine, die Kunst mit Vorbildfunktion, Führungspersönlichkeit, Einsatz für soziale Gerechtigkeit und aktiver Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs vereint. So wollen es die Statuten.
Ebenfalls 2017 hielt sie eine Rede gegen den rechtsextremen Aufmarsch in Charlottesville. Im Januar 2018 drehte sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Gabrielle das Video «Rise Up As One», mit dem die Frauen aus Los Angeles für den jährlichen Woman's March mobilisiert wurden. 2019 sprach sie auf dem TV-Sender CBS ein Gedicht zu Ehren des Independence Day.
Heilen, aufrufen, Mut machen, vereinigen, versöhnen, das Wort «harm» (Leid) in «harmony» aufgehen lassen – Poesie und Politik sind für die Amanda Gorman, die in Harvard Soziologie studierte, immer schon identisch, Poesie ist politisch und Politik ist poetisch, ist dazu da, das Beste aus den Menschen und aus der Erde zu holen.
«Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,
entflammt und ohne Angst.
Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.
Denn es gibt immer Licht,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.»
Aus: «The Hill We Climb»
Amanda Gorman kam am 7. März 1998 in Los Angeles zur Welt, ihre Mutter war eine alleinerziehende Lehrerin, die für drei Kinder sorgte, Fernsehen war streng limitiert, die leicht sprechbehinderte Amanda verbrachte ihre Zeit mit Lesen und Schreiben. Ihre Benachteiligung habe ihr bei der Beschäftigung mit Sprache geholfen, sagt sie heute, sie habe sich weit mehr auf den Klang von Worten konzentrieren müssen, beim Schreiben und erst recht beim Reden, es war die härteste und zugleich beste Schule für ihre Karriere als Slam Poetin (über ihre Erfahrung beim Broadwaycasting slammte sie als 19-Jährige, eine todkomische Nummer) und neuerdings als staatstragende Prophetin im Namen der Systemrelevanz.
Etymologisch betrachtet kommt der Festakt der Inauguration vom lateinischen «Augurium», dem Vorzeichen, und die Deutung der Vorzeichen – vor einer Amtseinsetzung zum Beispiel – ist wiederum den Auguren überlassen, den antiken Seherinnen und Sehern. Amanda Gorman ist mit ihrer metaphorischen Betrachtung der Dinge, die da kommen können sollten, eine Seherin.
Joe Biden ist übrigens erst der vierte Präsident, der bei seiner Inauguration Lyrik vortragen lässt, Kennedy, Clinton und Obama waren die andern. Robert Frost konnte sein für Kennedy verfasstes Festgedicht vor dem Kapitol allerdings plötzlich nicht mehr entziffern und griff zu einem patriotischen Vollschwulst, den er gerade noch auswendig konnte. Und wo Ironisches und Utopisches hätte ertönen sollen, war da plötzlich zum Erstaunen der Menschen Chauvinistisches.
Amanda Gorman hingegen hat genau das abgeliefert, was sie wollte. Glasklar, erhaben, kritisch und doch ermutigend. «Amerika ist chaotisch», sagte sie in der «Los Angeles Times», «es ist immer noch in seiner frühen Entwicklung von all dem, was wir werden können. Und das muss ich in dem Gedicht anerkennen. Ich kann das nicht ignorieren oder auslöschen. Und so habe ich ein Inaugurationsgedicht verfasst, das diese Narben und Wunden anerkennt. Hoffentlich wird es uns dazu bewegen, sie zu heilen.»