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Geschichte
Deutsche Geschichte in Fotografien
Der zweite Band dieser visuellen Geschichte - diesmal der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1960 und 1970 - steht unter dem Motto "Eine dynamische Gesellschaft"; und entsprechend bildet nicht die politische Geschichte den Mittelpunkt dieses Bandes, sondern die Gesellschafts- und Kulturgeschichte.
Natürlich ist dieses Jahrzehnt von politischen Ereignissen ersten Ranges geprägt: der Mauerbau in Berlin wird in zahlreichen Abbildungen dokumentiert. Auch hier finden sich wie im ersten Band über die 1950er Jahre seltenere Bilder, so das Foto, auf dem ein kleiner Junge Hilfe suchend die Arme zu einem auf der anderen Seite des Stacheldrahtes stehenden DDR-Grenzsoldaten ausstreckt; das Kind möchte über die Sektoren-Grenze und der sich furchtsam umblickende Soldat hilft ihm tatsächlich dabei. Auch das Ende der Adenauer-Ära und die 68er Bewegung kommen nicht zu kurz.
Im Kapitel "Außenpolitik vor neuen Herausforderungen" werden an weltpolitischen Ereignissen die Kuba-Krise, der Mord an US-Präsident Kennedy, der Prager Frühling und sein blutiges Ende, die bestimmende Phase des Nahost-Konfliktes mit dem Sechstagekrieg sowie die Entkolonialisierung Afrikas und Asiens kurz dokumentiert. Hierzu enthält das Buch ein aus heutiger Sicht unglaubliches Foto: eine von einem britischen Soldaten bewachte Bikini-Schönheit an einem südjemenitischen Strand. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag und das Ausscheiden Frankreichs aus der Nato sowie die daraus resultierenden Spannungen zwischen Frankreich und den USA sind festgehalten. Heinrich Lübke möchte anlässlich der Trauerfeier für Konrad Adenauer am 25. April 1967 zwischen den Kontrahenten Charles de Gaulle und Lyndon B. Johnson vermitteln und sie zum einem Händedruck bewegen. Der "ebenso peinliche wie missglückte Versuch" vor dem Hintergrund von zwischen betreten bis hämisch grinsenden Trauergästen wurde fotografisch festgehalten und ist hier wiedergegeben (S. 61).
Selten in dieser Deutlichkeit betont wird, dass der gesellschaftliche und kulturelle Umbruch der 1960er Jahre in Deutschland auch durch "eine Steigerung der Geburten wie niemals zuvor und niemals mehr danach" mitbedingt wurde. "Innerhalb eines Jahrzehnts, von 1960 bis 1970, stieg die Einwohnerzahl der Bundesrepublik um über 5 Millionen [...] Menschen an. Am Ende der 60er Jahre war bereits ein Drittel der westdeutschen Gesamtbevölkerung nach 1950 sozialisiert worden [...]. Dies war äußerst wichtig, denn damit gewann die Bundesrepublik eine Eigenständigkeit gegenüber dem untergegangenen Deutschen Reich" (S. 97). Die Bundesrepublik selbst nämlich wurde der "soziale und politische Erfahrungsraum", der "Orientierungen und Wertvorstellungen bestimmte". Nun werden auch internationale Einflüsse bestimmender wie Hippiekultur, Rock und Pop. Nicht nur die Jugendbewegungen, auch die Kunst wird in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß provokativ: Joseph Beuys kritisierte mit seinen Aktionen die Oberflächlichkeit der Pop-Art, wandte sich aber auch gegen den "überkommenen exklusiven Kunstbegriff des deutschen Idealismus" (S. 99).
Ein anderes Phänomen erscheint wieder erschreckend aktuell: 1964 konstatiert Georg Picht die "deutsche Bildungskatastrophe". "Im internationalen Vergleich war die Bundesrepublik weit abgeschlagen, ihr drohte, falls nicht schnell gegengesteuert würde, der ökonomische Niedergang." (S. 101) Auf Ralf Dahrendorfs Slogan "Bildung ist Bürgerrecht" sollte man sich heute besinnen, wenn man das Schulversagen vieler Kinder mit Migrations-Hintergrund beklagt. Damals wurden große Reformanstrengungen im Bildungssystem unternommen, die vor allem den Frauen zugute kamen. Ihr Anteil an den Studierenden nahm zwischen 1960 und 1975 von nur 28% auf immerhin 36% zu.
Auch Vergangenheitsbewältigung wurde in den 1960er Jahren endlich betrieben. Drei Bilder dokumentieren den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Daneben findet sich ein ungewöhnliches Bild von Adolf Eichmann im Poncho in seinem argentinischen Exil.