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Gessen zeichnet hier das Porträt eines mathematischen Genies, das aber für diese seine Begabung einen hohen Preis entrichten muss: Denn er scheint weitgehend unfähig zu “normalen” sozialen Kontakten (oder gar Freundschaften: Niemand der zahlreichen, von der Autorin interviewten Personen konnte bzw. wollte von sich behaupten, mit Perelman befreundet gewesen zu sein) und stieß durch seine dogmatische Weltsicht (indem er einige selbstaufgestellte Prinzipien um jeden Preis befolgte) bei seiner Umwelt auf großes Unverständnis. Gessen meint bei Perelman das Asperger-Syndrom feststellen zu können (aber sie weist ausdrücklich darauf hin, dass dies selbstverständlich nur eine Vermutung sei) und ihre Ausführungen scheinen durchaus plausibel. Perelmans Kontakte waren allesamt pragmatischer Natur, er war ein Regelfetischist (wobei die Regel häufig nur um ihrer selbst willen befolgt wurde und nicht wegen ihres Inhaltes) und weitgehend unfähig zur Selbstironie.
Deshalb ist für mich die Bezeichnung Perelmans als hochintelligent einigermaßen fragwürdig (wobei das selbstverständlich von der Definition dieses Begriffes abhängig ist): Denn Intelligenz zeigt sich nicht nur in mathematischen oder logischen Fähigkeiten, sondern auch (und vor allem) darin, sich selbst in Frage stellen zu können und das eigene Tun und Lassen mit einem (nachsichtigen) Lächeln zu betrachten. Und es bedarf auch der Intelligenz, um die Umgebung, die sozialen Interaktionen einschätzen und durchschauen zu können, eine Fähigkeit, die Menschen mit autistischen Zügen völlig abgeht. Gessen, die selbst Mathematikerin ist, bewundert – zu Recht – die mathematische Hochbegabung Perelmans, aber sie scheint einem etwas antiquierten Intelligenzbegriff anzuhängen, der sich ausschließlich aus den erwähnten mathematisch-logischen Fähigkeiten ableitet. Fragwürdig ist in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung Perelmans als einem ungeheuer wahrheitsliebenden und aufrichtigen Menschen: Er hat einzig einer bestimmten Vorstellung dieser Wahrheit und Integrität angehangen (die er mit einem strengen Leistungs-Belohnungssystem in Verbindung brachte: So hat er eine ungerechtfertigte Auszahlung des Petersburger Mathematik-Institutes brüsk zurückgewiesen, weil sie seinen selbstaufgestellten Regeln widersprach; dass aber die grundsätzliche Einbettung in ein Lohnsystem ohnehin niemals den Anspruch auf (absolute) Gerechtigkeit erheben kann, scheint ihm nie in den Sinn gekommen zu sein, weil es mit den eigenen Regeln nicht in Widerspruch gestanden ist), einer Vorstellung, die in ihrer Absolutheit nirgendwo eine Entsprechung in der Realität besitzt oder besitzen kann. Dieser dogmatischen Form der Aufrichtigkeit fehlt zumindest jene Kompenente, die (für mich) unabdingbar mit einem moralisch-ethischen Anspruch verbunden ist: Das Nachgebenkönnen, das “Sich-zurücknehmen” auch dann, wenn man offenkundig im Recht ist. Diese Konzilianz ist es erst, die unsere Welt menschlich und lebenswert macht, Prinzipien mögen eine Richtschnur für das Verhalten sein: Sie um ihrer selbst willen einzuhalten ist ein wunderbarer Weg zur Unmenschlichkeit.
Neben der Geschichte von Perelman erfährt man anhand seines Werdeganges auch sehr viel über die sowjetische Bildungspolitik: Über den allgegenwärtigen Antisemitismus (der selbst solche Ausnahmetalente erfasste, Perelman konnte nur durch Tricks aufgrund seiner offenkundig jüdischen Herkunft an internationalen Wettbewerben teilnehmen, auch seine Aufnahme an der Universität hat er solchen Interventionen (und nicht seinen Leistungen) zu verdanken, wobei er diese Vorgänge entweder nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte), die Benachteiligung von Frauen, den Nepotismus, der die Söhne und Töchter des kommunistischen Kaderpersonals bevorzugte und die Leistung zugunsten der Linientreue vernachlässigte. Das System, das Gleichberechtigung und Internationalismus sich auf die Fahnen geheftet hatte, war nichts weniger als rassistisch und frauenfeindlich. Hier gerät im übrigen auch Gessens Bild von Perelman (in Bezug auf seine Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe) ins Wanken: “Wie kann man in der damaligen Sowjetunion nicht gemerkt haben, dass der Antitsemitismus allgegenwärtig war?” Das kann man genau dann, wenn man berücksichtigt, dass Perelmans Verhalten wenig mit dem, was man allgemein unter Wahrheitsliebe versteht, zu tun hat: Er hat nach bestimmten Regeln gehandelt, die für ihn das Leben in erträglicher Weise strukturierten, er hat diese Begriffe aber nicht aus ethisch-moralischen Gründen hochgehalten, sondern sie waren (für ihn) pragmatischer Natur.
Ein insgesamt leicht lesbares, interessantes Buch, das (glücklicherweise) nicht den Versuch unternimmt, die tatsächliche mathematische Leistung Perelmans ausführlich darzustellen: Die Geometrisierung dreidimensionaler Mannigfaltigkeiten ist nicht wirklich für eine allgemein verständliche Darstellung geeignet. Gessen hat im übrigen nie mit Perelman gesprochen (er hatte sich schon Jahre zuvor geweigert, mit Journalisten zu reden), sondern sich auf Interviews mit all jenen Menschen beschränkt, die mit ihm in seiner Jugend und später als Mathematiker Umgang hatten. Trotzdem entsteht ein plausibles Porträt eines Wunderkindes, das um jeden Preis gefördert wurde (seine Mutter – selbst Mathematikerin – hat diese Entwicklung unterstützt), dessen Werdegang aber auch nachdenklich macht: Wahrscheinlich hätte eine Förderung seiner schwach ausgeprägten sozialen Intelligenz mehr zu seinem Glück und zu seiner Zufriedenheit beigetragen.
Masha Gessen: Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013.