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| Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)

1. Dialog
14.
Einen anderen, nicht minder merkwürdigen Mann sahen wir in einer kleinen Hütte wohnen, die nur für einen Mann Raum bot. Man erzählte von diesem, daß sich bei seinem Mahl eine Wölfin einfinde. Selten bleibe das Tier aus und komme nicht zur gewöhnlichen Essenszeit zu ihm. Es warte so lange vor der Türe, bis er ihm das Brot gegeben habe, das bei seinem kargen Mahl übrig bleibe. Dann belecke das Tier immer seine Hand und gehe hernach fort, nachdem es so gleichsam seine Pflicht erfüllt und sich verabschiedet habe. Einmal geschah es nun, daß jener gottgeweihte Mönch einen Bruder, der ihn besuchte, auf dem Heimwege begleitete; er blieb so länger aus, erst bei Nacht kehrte er heim. Mittlerweile kam das Tier wie gewöhnlich zur Essenszeit. Da es merkte, daß der freundliche Schutzherr nicht da sei, ging das Tier in die leere Zelle, um neugierig auszuforschen, wo der Bewohner sei. Zufällig hing an der Wand ein Körbchen, das aus Palmblättern geflochten war; es war leicht erreichbar und enthielt fünf Brote. Das Tier nahm ein Brot heraus, fraß es und machte sich nach geschehener Tat davon. Nach seiner Rückkehr erblickte der Einsiedler das Körbchen zerrissen ohne die gewöhnliche Zahl Brote. Er erkannte, daß er an seinem Eigentum geschädigt war, und fand neben der Türschwelle Stückchen des verzehrten Brotes. Da war er sich darüber klar, wer der Übeltäter sei. An den folgenden Tagen kam das Tier nicht wie gewöhnlich. Denn im Bewußtsein seiner frechen Tat unterließ es, zu dem zu kommen, dem es ein Unrecht zugefügt hatte. Es schmerzte nun den Einsiedler, daß er ohne den Trost seines Pflegebefohlenen sein müsse. Endlich durch sein Gebet herbeigerufen, kam das Tier sieben Tage später wie früher während seiner Mahlzeit. Allein es wagte nicht, näher zu kommen, offenbar um seine reuevolle Gesinnung zu bekunden. Die Augen in tiefer Beschämung zu Boden gesenkt, bat es, was man klar erkennen konnte, gewissermaßen um Verzeihung. Dem Einsiedler ging diese Reuegesinnung zu Herzen, er hieß das Tier näherkommen und streichelte dem traurigen kosend den Kopf. Dann gab er ihm zwei Brote und erquickte das sündige Tier; so erlangte es Verzeihung. Jetzt verlor sich die Traurigkeit, und das Tier zeigte sich wieder erkenntlich wie vordem.
Auch hierin sollt ihr, ich bitt euch, die Kraft Christi erblicken. Zu seiner Ehre wurde verständig, was vernunftlos war, zu seiner Ehre zahm, was wild war. Eine Wölfin zeigte sich dankbar, einer Wölfin kam das Vergehen eines Diebstahls zum Bewußtsein, eine Wölfin wurde von Reuegefühl durchdrungen; als sie gerufen ward, reichte sie den Kopf hin und hatte das Gefühl, daß ihr verziehen wurde, wie sie vorher Scham empfunden ob des Vergehens. Das ist Deine Wunderkraft, Christus, Christus, Du hast dies Wunder gewirkt. Denn was Deine Diener in Deinem Namen vollbringen, das ist Dein Werk. Bitter empfinden wir, daß Tiere für Deine Majestät Verständnis bekunden, Menschen dagegen ihr die Achtung verwehren.