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Weil die Demokratie die Abwahl der Regierenden in regelmässigen Abständen vorsieht, weil die Demokratie also auch Kritik dulden muss, scheint sie auf den ersten Blick optimale Bedingungen für wirtschaftliche Freiheit und Wachstum, für Wohlstand und Rationalität zu bieten. Ob dem tatsächlich so sei, kann aber bestritten werden. Schon Ende des zweiten Weltkrieges hatte Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek befürchtet, dass sich die westlichen Demokratien auf dem «Weg zur Knechtschaft» befänden – der Staat ziehe immer neue Aufgaben an sich, und in demokratischen Gesellschaften werde einfach zuviel regiert.
Zweifel, ob die Demokratie nur positive Auswirkungen hat, kann man auch aus ökonometrischen Studien ableiten. Wegen des engen Zusammenhangs von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sollte man erwarten, dass Demokratien schnelleres Wirtschaftswachstum erreichen als Autokratien. Aber es gibt einen Wachstumsvorteil weder für Demokratien noch für Autokratien. Für die Demokratie spricht immerhin, dass sie eher gemässigte als radikale Wachstumsraten aufweist, also Katastrophen und Höchstleistungen gleichermassen vermeidet.
Auf die Frage, warum die wirtschaftliche Leistung von Demokratien zuweilen so bescheiden sei, gibt es zwei Antworten. Die alte baut auf Anthony Downs («Ökonomische Demokratietheorie», 1968) und Mancur Olson («Logik des kollektiven Handelns», 1968) auf, die neue auf Bryan Caplan («The Myth of the Rational Voter. Why Democracies Choose Bad Policies», 2007).
Der zentrale Begriff der alten ökonomischen Demokratietheorie ist «rationale Ignoranz». Weil die eigene Stimme in der Massendemokratie fast gar keinen Einfluss auf das Wahlergebnis und die darauffolgende Politik hat, lohnt es sich nicht, Informationskosten zu tragen. Was an Informationen aufgenommen wird, hängt eher vom Unterhaltungswert der Nachricht als von deren Bedeutung ab. Wenn die eigene Stimme in einem Millionenmeer von anderen Stimmen versinkt, dann ist Ignoranz auch vernünftig.
Nur bei Sonderinteressen wird die Ignoranz überwunden. Bauern wissen über Agrarsubventionen, Bergarbeiter über Steinkohlesubventionen, Unternehmer über steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten und Studenten über Studiengebühren viel besser Bescheid als der Rest der Wählerschaft. Wenn nur Partikularinteressenten halbwegs informiert sind, die Masse der nur indirekt, als Steuerzahler oder Konsumenten, betroffenen Bürger aber fast gar nicht, dann lohnt es sich für Berufspolitiker, bei jeder konkreten politischen Massnahme sich den Wünschen der betroffenen und informierten Minderheiten zu unterwerfen, für diese spürbare und möglichst grosse Vorteile durchzusetzen – auch und gerade zu Lasten schlecht oder gar nicht informierter Mehrheiten. Wer nichts weiss, kann auch nicht intelligent wählen.
Die Kosten der Umverteilung können zwar einzeln gering, aber in der Summe doch sehr hoch werden. Es herrscht Ineffizienz, weil die Summe der Verluste für Steuerzahler und Konsumenten den Wert der Vergünstigungen, der Subventionen oder Marktzugangsschranken weit übertrifft. Rationale Ignoranz bei den Wählern erzwingt also eine schlechte Wirtschaftspolitik, weil sie die Politiker zu ausführenden Organen von Partikularinteressen macht.
Diese jedenfalls innerhalb der ökonomischen Theorie der Politik klassische Auffassung stellt Caplan in Frage. Die Wirklichkeit ist schlimmer. Er bestreitet nicht, dass Menschen sich auf dem Markt viel vernünftiger verhalten als in der Politik. Aber die menschliche Unvernunft in der Politik beruht nicht nur auf Informationskosten und unserer Scheu, diese zu tragen, sondern auf der verbreiteten Neigung, gefühlsmässig Meinungen zu wirtschaftspolitischen Sachverhalten zu entwickeln und kritische Auseinandersetzungen mit diesen emotional verankerten Meinungen zu vermeiden. Knappheitspreise oder offene Märkte sind unter ökonomischen Laien nicht gerade beliebt.
Nach Caplan ist Irrationalität der Normalfall und das Auftauchen von Rationalität bei Menschen an spezifische Bedingungen gebunden. Ohne Anreize gibt es keine Rationalität. Wir handeln nur dann rational, wenn unsere Entscheidungen für uns selbst negative Auswirkungen haben und uns zum Aufbau eines realistischen Weltbildes zwingen. Auch wer den marktüblichen Preis als unfair empfindet, wird nicht durch masslose Forderungen auf dem Markt scheitern wollen. In der Wettbewerbswirtschaft ist Anpassungszwang an die Realitäten der Normalfall. Anders in der Politik und vor allem bei Wahlen in der Massendemokratie. Die…