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Das Blümlisalp-Morgenhorn
Von den drei Hauptgipfeln der Blümlisalpgruppe sind bis heute das „ Blümlisalphorn " und die „ Weiße Frau " am meisten und gewöhnlich von Kandersteg aus erstiegen worden, während die östliche der drei Erhebungen, das „ Morgenhorn ", bis jetzt nur zweimal betreten wurde. Wenn ich es deshalb wage, den in unsern Jahrbüchern beschriebenen Exkursionen in dem Gebiete der sagenumwobenen Blümlisalp eine neue hinzuzufügen, so geschieht es, um den genannten noch wenig bekannten Gipfel der Vergessenheit zu entreißen.
Das Morgenhorn ( 3625 m ) wurde zum erstenmal am 14. August 1869 von Herrn Hugo Bädecker mit den Führern Ulrich Lauener und Johann Bischoff erstiegen. Einer dem Itinerarium für die Jahre 1882 und 1883 entnommenen Notiz zufolge scheint Herr Bädecker damals ziemlich ungünstige Schnee- und Eisverhältnisse angetroffen zu haben. Das Urteil im Itinerarium lautet für den Berg nicht gerade günstig. Es heißt: „ Die Steilheit der Wände und die außerordentliche Zerklüftung des Gletschers, gestalten die Besteigung dieses Gipfels zur schwierigsten unter allen Gipfeln der Blümlisalp, sie ist auch nicht gerade lohnend und seither kaum wiederholt worden. " Inwiefern ich mit diesem Urteil übereinstimme, wird nachstehende Beschreibung zeigen.
Im September des Jahres 1891 wurde ich von den Herren Paul und Charles Montandon der Sektion Bern des S.A.C. zu einem Versuche zur Besteigung des seit dem Jahr 1869 nicht mehr betretenen Morgenhorns eingeladen. Unsere Gesellschaft bestund damals aus acht Teilnehmern. Infolge Zeitmangels, ungünstiger Schnee- und Eisverhältnisse und eintretender schlechter Witterung scheiterte jedoch unser Unternehmen. Wir kamen bis cirka 50 m unterhalb des Gipfels, wo wir umkehren mußten.
Im darauffolgenden Jahre sollte mir die Ersteigung dieses Gipfels gelingen. Am 6. August 1892 verreisten die Herren J. Bächler, Pickel, Gaffner und ich mit dem Abendzuge von Bern in der Absicht, den höchsten Gipfel der Blümlisalp, das „ Blümlisalphorn ", in Angriff zu nehmen. Das Wetter, welches den Tag über prächtig gewesen war, schien gegen Abend ändern zu wollen. Als wir abends 7 Uhr in Spiez landeten, begannen schwarze Wolken den Himmel zu überziehen, und als wir den Fußweg nach Äschi hinaufstiegen, fielen bereits Regentropfen. In dem genannten Dorfe überraschte uns ein Regenguß. Das Wetter hatte jedoch in den letzten Tagen oft so rasch gewechselt, daß wir beschlossen, den Weg gleichwohl fortzusetzen, in der Hoffnung auf Besserung.
Wir hatten uns nicht getäuscht; nachdem das Dorf Reichenbach hinter uns lag, begann der Wind umzuspringen, und als wir durch das Kienthal hinauf wanderten, leuchteten wieder die Sterne ermutigend zu uns herab. Nachts 11 Uhr 10 Min. erreichten wir die Gornerenalp und beschlossen, dort in einem Heuschober einige Stunden zu rasten.
Als ich morgens 3 Uhr erwachte, schien das Silberlicht des Mondes durch die Spalten der Hütte. Schnell sprang ich auf und sah mich nach dem Wetter um. Welche Überraschung! Kein Wölklein stund am Himmel, die Sterne schauten bereits erblassend auf das Thal herab und eine frische Gletscherluft stieg von der Gamchilücke herunter. Ich weckte meine Kameraden und wir brachen voll guter Hoffnungen zur Steinbergalp auf.
Die Schneegipfel im Hintergrunde des Thales lagen noch blaß wie der Tod in der Dämmerung da, doch wie ein Ahnen von der Annäherung des belebenden Tagesgestirnes ging es bereits durch die Natur. Da glitt auch schon der erste Sonnenstrahl durch die Luft und küßte die bleiche Stirne des Morgenhorns, weiter hüpfte er zu den benachbarten Gipfeln der „ Weißen Frau " und des „ Gespaltenhorns " und in kurzer Zeit war die ganze erhabene Gebirgswelt von rosigem Lichte übergössen. Der Preis der Schönheit gebührt unbedingt der „ Wilden Frau ". Wie ein gewaltiger Pfeiler des Himmels steigt sie aus den grünen Triften des Thales empor und stolz erhebt sie ihre sonnenumglänzte Krone in den blauen Äther.
Wir erreichten die Steinbergalp, wo wir nach rechts abbogen und den Bundsteg überschritten. Dort beginnt der Aufstieg zum Öschinengrat. Der Weg führt zuerst durch Tannenwald zur untern Bundalp hinan, welche damals verlassen war. Wir steuerten deshalb den obern Hütten zu, wo wir Vater Längacher und seine Familie antrafen und bei denselben frühstückten.
Die Bundalp wird von drei Bächen durchzogen, welche von den Schneefeldern des Öschinengrates gespiesen, tiefe Runsen in den schieferigen Grund gefressen haben. Zwischen diesen Gräben steigen schmale Grasrücken hinan, welche sich weiter oben im Geröll und den Schneefeldern verlieren.
Von den Hütten wandten wir uns nach links und überschritten den Bundbach. Zu dessen Linker stiegen wir einen Grasrücken hinan, der direkt zum Grate hinaufführte; um jedoch nicht zum viertenmal den gleichen Weg zu machen, überschritt ich einen zweiten Bach, welcher über die sogenannten Bundläger hinabfließt, und betrat den äußersten Grat, welcher links in senkrechten Wänden nach der Seite der „ Wilden Frau " und rechts in glatten schiefen Platten ins Bachbett abfällt. Eine Abkürzung des Weges wird dadurch nicht erreicht, und angenehmer ist derselbe auch nicht, da man einige Stellen der Vorsicht halber auf dem Bauch zurücklegen muß. Cirka 300 m unterhalb der Grathöhe stiegen wir durch eine Lücke in die Schlucht, die zwischen den Flühen unseres Grates und der Wilden Frau lag, hinab und betraten ein steiles Schneefeld, welches zum Sattel zwischen „ Wilde Frau " und „ Hohthürligrat " hinansteigt. Dadurch erspart man den Umweg über die Grathöhe. Exakt um 8 Uhr kamen wir auf dem Sattel an.
Hier machten wir eine Stunde Halt und stärkten uns für die bevorstehende Hauptarbeit.
Um 9 Uhr 15 Min. banden wir uns ans Seil und drangen zwischen der „ Wilden Frau " und dem „ Blümlisalpstock " in das wilde Gletschergebiet ein. Der Schnee war vortrefflich und wir marschierten wie auf ebener Landstraße über die hartgefrorene Decke.
Während des Marsches wurde der letztjährige Versuch zur Ersteigung des Morgenhorns besprochen, und die ausgezeichneten Schneeverhältnisse ließen den Gedanken aufkommen, daß es unter Umständen möglich wäre, statt des „ Blümlisalphorns " das „ Morgenhorn " zu ersteigen. Als das letztere vollends hinter der Wilden Frau auftauchte, war die Versuchung, den Plan zu ändern, so groß, daß Rat gehalten wurde. Die Schrunde des Morgenhorns schienen, soweit es sich von unserem Standpunkte aus beurteilen ließ, fest überbrückt und alle Bedingungen äußerst günstig zu sein, wie sie sich vielleicht nicht bald ein zweites Mal darboten. Einstimmig wurde beschlossen, nach dem Morgenhorn aufzubrechen und diesen seit 23 Jahren nicht mehr betretenen Gipfel zu bezwingen.
Durch die Trümmer einer vom Grate zwischen dem Morgenhorn und der Weißen Frau herabgefallenen Eislawine gelangten wir 10 Uhr 40 Min. an den Fuß unseres Horns. Wenn die Festigkeit des Schnees uns bis dahin gute Dienste geleistet hatte, so nötigte sie uns schon bei den untersten Hängen zum Stufenhauen, indem der Firn zu hart war, als daß man sich mit den Schuhen hätte Tritte machen können. Bis zum Schrund mußte alles gehackt werden. Derselbe wurde mit Leichtigkeit überschritten und auf der andern Seite begann die Hackerei aufs neue. Im Wetter, welches bis dahin nichts zu wünschen übrig ließ, schien jetzt eine Änderung eintreten zu wollen. Ein warmer föhniger Wind begann über die Eisfelder hinzustreichen und in den Schluchten des Kandergrundes stiegen Nebel auf, welche sich in den Zacken der Doldenhörner festsetzten. Dies spornte uns zu erneuter eifriger Thätigkeit an und bald winkte uns der Gipfel keine hundert Meter höher entgegen. Über eine sanft ansteigende kleine Gletscherterrasse erreichten wir den letzten und steilsten Hang. Hier wartete unser jedoch noch ein gutes Stück Arbeit. Es war die nämliche Stelle, wo wir letztes Jahr umkehrten, und wie damals, so trat auch jetzt blankes, hartes Eis zu Tage. Abwechselnd schlugen wir Stufen, rückten jedoch nur langsam vorwärts. Nach manchem sauern Schweißtropfen erreichten wir endlich wieder harten Schnee und nach einer letzten Anstrengung stunden wir, nach e^stündiger Arbeit mit dem Pickel, auf dem Gipfel des Morgenhorns ( 3 Uhr 25 Min. ).
Derselbe bildet einen von N. O. nach S. W. langgezogenen Grat, der als höchste Erhebungen zwei kleine Eishöcker aufweist, deren westlichen, um"eihige Meter höhern, wir einer nach dem andern betraten. Der Eisgrat senkt sich gegen S. W. um einige 50 m und steigt dann wieder zum Gipfel der „ Weißen Frau " empor, welche als Nachbarin in ihrer weißen Haube herübergrlißt. Unsere Blicke wandten sich natürlicherweise zuerst gegen Süden. Himmelanstrebend steigt jenseits des weißstrahlenden Petersgrates das „ Bietschhorn " empor, durch seine kühne Gestalt die meiste Bewunderung beanspruchend. An dasselbe reihen sich die übrigen Gipfel der Lötschthalerkette bis zum Aletschhorn an, das imposant neben den Gipfeln des Breit- und Großhorns herüberschaut. Aus schwindliger Tiefe schaut, von den Südwänden der Blümlisalp bereits beschattet, der Kanderfirn herauf, und östlich, durch den tiefen Einschnitt der Gamchilücke von uns getrennt, steigt das zackige Gspaltenhorn empor, auf dessen Firnscheitel wir herabschauen. Den südlichen Horizont begrenzt der majestätische Kranz der Walliseralpen mit seinem zahllosen Heer von Gipfeln vom Monte Rosa bis zum Mont Blanc. Alle die Gipfel zu bestimmen, reichte die Zeit nicht aus. Deutlich erkennbar waren die Monte Rosa- und Mischabelgruppe, die trotzige Gestalt des Mont Cervin, die schöne Pyramide des Weißhorns, Dent Blanche, Grand Combin und Mont Blanc. Davor lagerte sich die ganze Gebirgswelt der südlichen Walliserthäler, ein ungeheures Chaos von Felshörnern, Eis- und Schneekuppen.
Nach Osten hin fallen in wilden Gletscherabsturz en das Mittaghorn und Ebnefluh in den Hintergrund des Lauterbrunnenthaies ab. Die Jungfrau kehrt uns nicht die schönere Seite zu. In Ungeheuern Wänden steigt sie fast senkrecht ans dem Thale auf. Links neben ihr tritt merkwürdig steil und spitz der Eiger wie ein Wachtmeister vor die Reihe hinaus.
Im Norden bedeckt eine graue undurchdringliche Dunstmasse die schweizerische Hochebene und raubt uns den Blick auf die schönen Fluren, Städte und Dörfer unseres Vaterlandes. Hinter der Niesenkette steigen nur undeutlich die Formen der Stockhornkette empor. Um so schöner ist der Blick in die viele Tausend Fuß unter uns liegenden Thäler von Kandergrund und Kienthal, deren Häuser winzig klein zu uns emporblicken. Von den ewigen Eis- und Schneefeldern der Blümlisalp schweift das Auge zu den grünen Matten und felsigen Berghäuptern des Frutiglandes und kehrt wieder zurück zu der großartigen Gletscherwelt zu unsern Füßen.
Im Westen umhüllen graue Nebel die Gestalten der Berge, und nur hie und da erblickt man durch einen Riß in den Wolken eine Bergspitze. An einem ganz klaren Tage muß die Aussicht von diesem Gipfel eine wundervolle sein, und ich glaube, daß sie nicht hinter denjenigen von der Weißen Frau und Blümlisalphorn zurücksteht, da die Distanz von einem Gipfel zum andern und die Höhendifferenz nicht so groß sind, daß ein wesentlicher Unterschied sein könnte.
Der warme Wind war unterdessen immer stärker geworden, und wir mußten den Abstieg beginnen, da wir befürchteten, der Schnee könnte zu weich werden. Wir schrieben einige Notizen und unsere Namen auf ein Blatt Papier, steckten es in eine Flasche und vergruben sie. in den westlichen Höcker, dann traten wir den Abstieg an. Der Schnee war in der kurzen Zeit sehr schlecht geworden. Wir versanken bis über die Kniee und es mußte die größte Vorsicht angewendet werden, da beim Sondieren mit den Pickeln wir oft ins Leere stießen und durch die gestochenen Löcher tiefe Schrunde heraufgähnten. Wir sahen, daß wir beim Aufstieg über manchen Schrund ahnungslos dahingeschritten waren, der, wäre er nicht fest zugedeckt gewesen, unsern Sieg bedeutend erschwert hätte. Zerklüftet ist der Berg und steil sind die Wände auch, obschon sie mit Ausnahme der obersten kurzen Partie nirgends die Steilheit des „ Dreiecks an der Weißen Frau " erreichen. Die Besteigung des Morgenhorns kann unter Umständen schwierig werden, wer aber seinen Gipfel erreicht, wird für die Mühe reichlich entschädigt. Gegen die Anschuldigung, es sei nicht lohnend, möchte idi das Morgenhorn in Schutz nehmen.
Wohlbehalten kamen wir auf dem Gletscher an, wo der Schnee wieder besser war. Der Blümlisalpstock warf schon lange Schatten auf den Firn und im Eilmarsch ging es über den Gletscher hinunter. Nach mehr als achtstündiger Wanderung in Eis und Schnee erreichten wir wieder den Öschinengrat ( 5 Uhr 20 Min. ).
Nachdem wir unsere Säcke um den Rest unseres Proviantes leichter gemacht hatten, ging es im Nu über das am Morgen erstiegene steile Firnfeld in rascher Fahrt hinunter, dann über die Bundalp hinab, und um 7 Uhr 45 Min. erreichten wir die Steinbergalp, wo ein letzter Halt gemacht wurde.
Im Tschingel überraschte uns die Dunkelheit. Wir hofften, in Reichenbach Nachtquartier zu finden, doch als wir 10 Uhr 35 Min. dort anlangten, war das Wirtshaus schon geschlossen und wir mußten noch bis Mühlenen marschieren, wo gerade „ Chilbi " war und die ganze Nacht getanzt wurde, was uns jedoch nach den überstandenen Strapazen im Schlafe nicht störte.
Früh um 4 Uhr morgens brachen wir auf und legten den Weg bis Spiez zurück.
Als uns das Dampfboot über den Thunersee trug, rötete sich die Spitze des Morgenhorns und sandte uns einen letzten Gruß zu.
K. Knecht ( Sektion Bern ).
W. Grotti.