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Als 1985 das Gewerbemuseum Winterthur die erste schweizerische Scherenschnitt- Ausstellung durchführte, hiess es im Vorwort des Katalogs: «Die Scherenschnittkunst hat in den letzten Jahren einen beachtlichen Aufschwung erlebt, was uns bewogen hat, eine Art Bestandesaufnahme zu machen.» über 20 Jahre sind seither vergangen. Wie sieht es heute aus? Die Faszination ist geblieben, die Aktivitäten rund um den Scherenschnitt haben sich vervielfacht: 1986 wurde der Verein Freunde des Scherenschnitts gegründet, private Aussteller, Heimatwerke, Galerien und Geschäfte zeigen Scherenschnitte, diverse Veranstalter führen Scherenschnittkurse durch; Bildbände über Künstlerinnen und Künstler sowie Anleitungsbücher werden publiziert, und der Scherenschnitt hat sich in viele Richtungen weiterentwickelt.
Die bildende Kunst ist immer ein Spiegel ihrer Zeit mit ihren kulturellen, politischen
und sozialen Strömungen, und immer ist sie an die technischen Möglichkeiten
gebunden. Ein Künstler, der heute mit Siebdruck, mit dem Computer
oder Video arbeitet, hätte vor zweihundert Jahren vielleicht den Pinsel in die
Hand genommen, einen Holz- oder Kupferschnitt gefertigt oder zu Schere und
Papier gegriffen.
Nochmals zweihundert Jahre früher wäre ihm kaum in den Sinn gekommen, mit Papier und Schere ein Kunstwerk zu schaffen, denn erst um 1600 kam das Schnittbild nach einer 400 Jahre dauernden Reise von China über Indonesien, Persien und den Balkan in Mitteleuropa an.
In Deutschland ist ein Scherenschnitt von 1612 nachgewiesen. Die Technik
breitete sich in Europa aber nur zögernd aus und entwickelte sich auf unterschiedlichste
Weise. Der Weissschnitt mit weltlichen Themen wurde von Frauen
der gebildeten Schicht betrieben, während ihn Klosterfrauen als Umrahmung
gemalter Heiligenbilder verwendeten.
Im 18. Jahrhundert waren Silhouettenporträts gross in Mode. Kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe hielt Freunde und Bekannte in Silhouetten fest; zudem besass er eine umfangreiche Sammlung solcher Schnitte und bezog sich in Gedichten auf diese inzwischen volkstümlich gewordene Kunst. Schattenrisse wurden auch von Gelehrten für wissenschaftliche Studien der menschlichen Charaktere eingesetzt.
Im 19. Jahrhundert gehörte der Scherenschnitt wie das Klavierspiel und das Malen zur Bildung der «höheren» Töchter. In Bürgerfamilien pflegte man das Papierschneiden als abendlichen gesellschaftlichen Zeitvertreib. Aber auch professionelle Künstler arbeiteten mit Papier und Schere und gaben dem Scherenschnitt wichtige Impulse. In der Epoche des Jugendstils wurde der Scherenschnitt an der Wiener Kunstgewerbeschule zu einem künstlerisch eigenständigen Ausdrucksmittel.
Von der Stadt gelangte der Scherenschnitt allmählich in ländliche Gebiete, von der Oberschicht zur Unterschicht. Lehrer fertigten Erinnerungs- und Widmungsbilder – eine Kombination von Papierschnitt, Kalligrafie und Malerei , die als Geschenk für Taufe und Vermählung oder als Liebesbrief dienten. Als Vater des Schweizer Scherenschnitts gilt Johann Jakob Hauswirth (1809–1871) aus dem Pays d´Enhaut, der als Erster Alpaufzüge schnitt. Mit seinen Scherenschnitten und Collagen schilderte er das alpine Alltagsleben und verwendete dabei gleiche Motive wie volkstümliche Maler, Stickerinnen oder Kerbschneider: Lebensbäume, Herzen, Blumensträusse und geometrischen Ornamente.
Der Begriff Scherenschnitt ist auch heute noch mit Tradition und heiler Welt
belegt und provoziert bei vielen Leuten ein skeptisches oder mitleidiges
Lächeln. Zeigt man ihnen aber Werke von arrivierten Scherenschneidenden,
weichen Klassifizierungen wie hobbymässig, naiv, antiquiert, volks-dümm-lich,
kitschig grossem Erstaunen und hoher Wertschätzung. Erst dann wird anerkannt,
dass sich die Scherenschneider, mindestens die Elite, mit ihrer Umwelt
ebenso auseinandersetzen wie Künstler anderer Kunstrichtungen. Sie arbeiten
mit spielerischer Phantasie und Entdeckungsfreude, mit Formenvielfalt und
Ausdruckskraft, sie feilen an ihrer Technik, probieren Neues und fordern den
Betrachter heraus. Mit ihren Innovationen haben die arrivierten Papierschneider
bewiesen, dass ihre Kunst dem Vergleich mit jeder anderen Kunstrichtung
standhält.
Den Scherenschnitt gibt es nicht. Die Vielfalt reicht vom Alpaufzug bis zum Genrebild, von der Jugendstilanlehnung bis zur Karikatur, von der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung bis zur Abstraktion. Gestalterisch bleibt es nicht beim symmetrischen, Ordnung stiftenden Faltschnitt, der plakativen Silhouette und dem filigranen Ornament. Manche Künstler arbeiten perspektivisch, andere vor allem mit Schwarz-weiss-Effekten und vermögen auch strahlendes Licht in ihre Bilder zu werfen. Wieder andere verwenden ausschliesslich geometrische Formen: Streifen, Dreiecke, Quadrate. Beliebt sind auch Collagen mit farbigem Papier.
Auch das Werkzeug, das der Kunst den Namen gibt, ist nicht einfach eine Schere. So wie der Maler verschiedene Pinsel einsetzt, verwendet der Schneider verschiedene Scheren und Messer, weshalb sich viele auch nicht als Scherenschneider, sondern als Papierschneider bezeichnen und ihre Werke demzufolge als Papierschnitte.
Was den Scherenschnitt von anderen Kunstrichtungen unterscheidet, ist seine
Stellung im Kunstbetrieb beziehungsweise seine Abwesenheit. Die Technik
wird an Kunstschulen nicht gelehrt und die Papierschnitte finden auch keinen
Eingang in die Kunsthäuser. Es sei denn, sie stammen von Henri Matisse.
Auch gesammelt werden Scherenschnitte nicht in Kunsthäusern, sondern in
ethnografisch ausgerichteten Institutionen wie dem Museum der Kulturen in
Basel oder dem Musée gruérien in Bulle. Dass ein Scherenschneider und freischaffender
Künstler das Kunststipendium des Kantons Bern erhalten hat, ist
eine einmalige Ausnahme.