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Frau und Künstlerin im 20. Jahrhundert – eine Herausforderung besonderer Art! Vielseitig, reichhaltig und eindrücklich dokumentiert im Zentrum Paul Klee, Bern: «Lee Krasner. Living Colour»
Lee Krasner ist 1908 geboren, nachdem ihre russisch-jüdischen Eltern nach 1905 in die USA geflüchtet sind. Sie bewirbt sich schon als 14-Jährige in York an einer High School, die Kunstkurse für Mädchen anbietet. Vier Jahre später studiert sie an der Women’s Art School der Cooper Union in Manhattan. Zwanzigjährig teilt sie mit Freunden ein eigenes Atelier, zwei Jahre später begegnet sie im Museum of Modern Art in New York «leibhaftigen Matisses und Picassos», die sie tief beeindrucken. Nach Unterbrüchen aufgrund von Folgen der Weltwirtschaftskrise, und nach ihrer Mitwirkung an einem Förderprogramm für Kunst im öffentlichen Raum, studiert Lee Krasner 1937 an der privaten Hans Hofmann School of Fine Arts in New York. Die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit Hofmanns Theorien der kubistischen Abstraktion kommentiert Hofmann mit den Worten: «Das ist so gut, man würde gar nicht denken, dass es von einer Frau gemalt wurde.»
Abstract No. 2, 1946-1948, Öl auf Leinwand, 52 x 59 cm. IVAM, Institut Valencia d’Art Modern, Generalitat, Spanien Foto: IVAM © The Pollock-Krasner Foundation.
Der Satz ist Programm. Einerseits steht er für die sublime Geringschätzung der Frauen im Kreis der Künstlerszene, in den USA so gut wie anderswo. Kein Wunder, dass Lena, wie sie ursprünglich hiess, über den Umweg ‘Leonore’ schliesslich zu Lee Krasner wurde, mit einem Vornamen, der sich nicht mehr eindeutig weiblich oder männlich zuordnen liess. Eine gewichtige Station auf dem Weg zur Selbstfindung der jungen Frau in ihrem durch Künstler geprägten Umfeld.
Andererseits jedoch charakterisiert dieses Urteil Hofmanns auch das Einmalige im Schaffen Lee Krasners. Die Künstlerin ist nämlich fähig, Anregungen zu assimilieren und sie durch ihren künstlerischen Arbeitsprozess in ein genuin Eigenes umzusetzen. Das lässt sich über das ganze Lebenswerk der eigenwilligen, selbstbewussten, doch für alle Anregungen offenen Künstlerin verfolgen. In dieser Hinsicht ist die Ausstellung im Zentrum Paul Klee eine bewegende, beeindruckende und oft zum Staunen anregende Schau eines Schaffens, das mit der eigenen persönlichen Entwicklung Lee Krasners eng verknüpft einhergeht.
Bird Talk, 1955.
Collage aus Ölfarbe, Papier und Textil auf Baumwollduck 147.3 x 142.2 cm Privatbesitz, New York Foto: Sotheby’s.
© The Pollock-Krasner Foundation.
Früher als manche ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen findet Lee Krasner bereits in den 1940er Jahren den Weg in die abstrakte Malerei und damit in den Abstrakten Expressionismus der 50er bis 60er Jahre. Diese Bewegung suchte nach einer neuen bildnerischen Sprache, welche der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg und dessen mannigfachen Katastrophen mit neuem Ansatz künstlerischen Schaffens gerecht werden wollte. Vor allem die Vereinnahmung der Kunst für die Bildpropaganda totalitärer Regime sollte überwunden werden. Spannend dabei ist, dass die individuellen Stile der diesem künstlerischen Konzept Verpflichteten durchaus persönlich bleiben. So wirken auch Lee Krasners Elemente des Kubismus, ihre Anlehnungen an Aktkompositionen und an moderne Genremalerei durchwegs eigenständig, persönlich. Vor allem die grossflächigen, dicht zu Riesenformaten zusammen gewobenen Farbentupfer und verknüpften Minifigurinen wirken lebendig und grossformatig wie Teppiche und weisen vermutlich gar auf psychedelische Landschaften hin. Auf diese Werke vor allem dürfte wohl der Namen der Ausstellung hinweisen: «Living Colour».
Die Farbe lebt. Auch da, wo die Künstlerin die auf dem Boden verstreuten teils zerrissenen Zeichnungen zu Kollagen verarbeitete. Sie stammen teils von ihr selbst, teils von Jackson Pollock, den sie 1945 geheiratet hatte und der 1956 tödlich verunfallte. Ihrem Reichtum an Fantasie und gestalterischem Können fällt es offensichtlich leicht, Anregungen aufzunehmen, sie mit künstlerischer Intuition und überlegendem Verstand zu bewegen und daraus wieder etwas neues, eine Art Wiedergeburt, zu schaffen.
Wiedergeburt, Palingenesis ist der Name eines Werkes der letzten Zeit, 1971. Lee Krasner stirbt am 19. Juni 1984 in Manhattan.
Palingenesis, 1971 Öl auf Leinwand, 208.3 x 340.4 cm. Pollock-Krasner Foundation, New York. Foto: Kasmin Gallery, New York, © The Pollock-Krasner Foundation.
Lee Krasner, Springs, 1972 Fotograf: lrving Penn. © The lrving Penn Foundation. Auch Beitragsbild.
Dass die einzelnen Abschnitte und Teilaussagen der umfangreichen Schau im Zentrum Paul Klee die Beschauer so unmittelbar und lebendig zu fesseln verstehen, ist das Verdienst der Ausstellungs-Organisatoren und -Kuratoren: neben dem Zentrum Paul Klee das Barbican Centre London in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Guggenheim Museum Bilbao. Lokal verantwortliche Kuratorin in Bern ist Fabienne Eggelhöfer.
Der Saalführer im Taschenformat führt hilfreich durch die Ausstellung. Wesentliche Hintergrundinformation vermittelt auch die Publikation zur Ausstellung (in Deutsch und Englisch verfügbar):
Lee Krasner. Herausgegeben von Eleanor Nairne und Ilka Voermann.
München 2019. 240 Seiten, 250 Abbildungen in Farbe, 22 cm x 28 cm gebunden.
ISBN 978-3-7774-3296-0.
Die Ausstellung dauert bis 10. Mai 2020.