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Wohl kaum eine heute noch existierende Automarke kann auf eine fast hundertjährige Geschichte mit einem derart breitem Produktionsspektrum zurückblicken wie Alfa Romeo: vom Perso¬nenwagen in all seinen Varianten über siegreiche Rennautos bis zum Armee-Jeep, von Flugzeug- und Schiffsmotoren bis hin zu leichten Lieferwagen und schweren Camions. Sogar Kochherde und Lamellenstoren wurden unmittelbar nach Kriegsende produziert.
Die Geschichte von Alfa Romeo ist sehr eng mit der Geschichte Italiens verknüpft. Wer die Geschichte der Mailänder Automobilmarke verstehen will, kommt nicht umhin, sich auch mit der Geschichte Italiens zu beschäftigen.
Der italienische Schriftsteller Gabriele D' Annunzio pflegte sich in einem Alfa Romeo fortzubewegen. Berühmt ist das Foto, welches den elitären Dichter zusammen mit dem unvergesslichen Alfa-Piloten Tazio Nuvolari auf dem Trittbrett seiner 6C 1750 Limousine zeigt. Aber auch Mussolini war ein grosser Freund der Mailänder Marke. Zum Schrecken der Werksmechaniker stattete er hin und wieder einen Besuch im Alfa Werk «Portello» ab, um neue Modelle und Rennwagen eigenhändig zu erproben: Dieser Schrecken galt weniger der politischen Couleur des Duce, als seiner bekannten halsbrecherischen Fahrweise. Kurz vor Ankunft des hohen Besuchs aus Rom verschwanden Testfahrer und Chefmechaniker stets spurlos - keiner von ihnen hatte Lust, Mussolini als Beifahrer zu dienen und somit Kopf und Kragen zu riskieren.
Ab dem Jahr 1933 war Alfa Romeo ein Staatsbetrieb.
Ugo Gobbato wurde 1933 von Mussolini als Präsident von Alfa Romeo eingesetzt. Wenige Tage nach der Befreiung Italiens vom Faschismus fuhr Gobbato auf dem Fahrrad (!) zur Arbeit und wurde von Partisanen erschossen. Die Nominierung zum Präsidenten von Alfa Romeo war stets ein politischer Akt. Daher waren nicht immer nur fachliche Kompetenz, sondern auch politische Einstellung und persönliche Beziehungen Gründe für eine solche Ernennung. Trotzdem wurde Alfa Romeo oft von grossen Persönlichkeiten geführt: 1960 übernahm Giuseppe Luraghi die Präsidentschaft. Luraghi war nicht nur einer der kompetentesten Manager seiner Zeit, sondern auch Schriftsteller und Maler. Er führte Alfa Romeo in glückliche und erfolgreiche Jahre, aber auch in ein politisch hochbrisantes und schicksalsschweres Abenteuer: die Gründung des Alfasud Werkes in der Nähe Neapels.
In den 70er Jahren, welche in Italien treffend «anni di piombo» genannt werden, litt Alfa Romeo als Staatsunternehmen mehr als jede andere Automarke an den Folgen der Arbeitsunruhen. Streiks und Klassenkampf führten fast zum Kollaps der noblen Marke und in letzter Konsequenz zur Übernahme durch den Konzern im November 1987.
Mythos und Ausstrahlung der Marke Alfa Romeo sind bis heute ungebrochen. Keine Autofirma kann so viele weltweit verbreitete Markenclubs zählen wie Alfa Romeo. Während bei anderen italienischen Sportwagen oft ein ausgeprägtes Prestige- und Klassendenken vorherrscht, packt die Leidenschaft für die Mailänder Autos alle soziale Schichten: vom jungen Mechaniker, der mit beschränktem Lohn einen Alfa 75 mit eigener Hand wieder aufbaut, bis hin zum Modezaren oder Softwaremagnaten, der sich für zweistellige Millionensummen einen Vorkriegs 8C kauft. Der wahre «Alfista» liebt und respektiert die Marke Alfa Romeo, unabhängig vom Marktwert oder Prestige der einzelnen Modelle.
Stephan Musfeld hat mit seinem Pantheon Basel eine grosse Leistung vollbracht. Dafür gebührt ihm der Dank aller Liebhaber alter Autos. Dass er gerade Alfa Romeo als Eröffnungsthema gewählt hat, freut mich besonders, ist aber nicht verwunderlich, erwecken die Autos aus Mailand stets grösstes Interesse und sind somit Garant für einen regen Publikumsbesuch. Ich möchte Stephan Musfeld an dieser Stelle von Herzen gratulieren und ihm viel Freude an seinem Pantheon wünschen. Erfolg muss ich ihm gar nicht wünschen, der ist bei dieser zündenden Idee und der prächtigen Realisation des Pantheon Basel garantiert.
Axel Marx