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Der in Tel Aviv lebende Künstler Gal Weinstein (geb. 1970 in Ramat Gan) zählt zu den international bekannten Künstlern seiner Generation. Er kann auf zahlreiche Museumsausstellungen im In- und Ausland verweisen. Einzelpräsentationen wurden u.a. im San Francisco Art Institute (2001), im Tel Aviv Museum (2005), im Huarte Contemporary Art Center in Pamplona (2007) abgehalten. Im Jahre 2002 vertrat Weinstein Israel an der 25. Internationalen Sao Paolo Biennale. In Gruppenausstellungen waren Werke Gal Weinsteins u.a. im Kunstmuseum Bonn (2003), im Kunstmuseum Krefeld (2003), im Israel Museum (2009) oder dieses Jahr an der Venedig Biennale im Palazzo Zenobio zu sehen. Das Kunsthaus Baselland widmet ihm die erste Einzelausstellung in der Schweiz.
Zu den bekanntesten Werken Gal Weinsteins zählt das Projekt Huleh Valley, das im Helena Rubinstein Pavillon for Contemporary Art in Tel Aviv im Jahre 2005 gezeigt wurde. Basierend auf das in israelischen Haushalten weit verbreitete Foto-Buch Death of the Lake (1960) von Peter Merom, entwickelte Gal Weinstein eine grossformatige, den Galerieboden bedeckende Installation und Wandbilder, die das berühmte Sumpf-Stilllegungs- bzw. Landgewinnungsprojekt im Huleh Valley thematisierten. Entsprechend der zionistischen Vision eines eigenen, jüdisch besiedelten Landes gab die Regierung im Jahre 1951 den Auftrag, den rund 15000 Ar grossen See stillzulegen, um daraus Ackerland für künftige Farmer-Generationen zu gewinnen. In den grossformatigen Wandbildern rekonstruierte Weinstein sechs ausgewählte Fotografien Meroms: Weinsteins ‹Zeichen›-Material war dabei Stahlwolle, die wir üblicherweise aus dem Haushalt kennen.
Auch in seinen jüngsten Werken fokussiert Gal Weinstein auf visuelle Ikons, deren bildliche Sprache diverse, kulturell geprägte Assoziationen auslösen. In der Ausstellung im Kunsthaus Baselland präsentiert er seine neueste Werkserie der Fire Tires (2010/2011). Das Motiv von brennenden Autoreifen ist ein universeller Code, welchen wir mit gesellschaftspolitischen Unruhen, Revolution oder auch mit diversen, meist heidnischen Bräuchen, in Verbindung bringen. «Autoreifen sind billiges Brennmaterial», erklärt der Künstler und schildert damit auch gleich, warum dieses Material weltweit zur Anwendung kommt, wenn es darum geht, schlichtweg ein Feuer aus Spass zu machen oder — und so erleben wir es vermehrt — das Feuer als Symbol für (politische und soziale) Umwälzungen angefacht wird. Weinstein wählt das Motiv und setzt es in Skulpturen um, deren Oberfläche eine vom eigentlichen Motiv abweichende Materialität aufweisen. Die Reifen werden aus Wachs gegossen, das Konstruktionsmaterial besteht aus Polystyren-Schaumstoff und die Oberfläche der Rauchwolken wird aus Polsterfüllung, ergänzt von verschiedenfarbigem Graphit-Staub, gebildet. Im Ausstellungsraum verteilt, werden die Skulpturen zu beinahe Pop-Art ähnlichen Ikonen, die aufgrund ihrer schnellen Lesbarkeit eine unmittelbare Beziehung zum Rezipienten einzugehen vermögen. Der direkte Zugang der Werke zum Betrachter erleichtert Diskussionen; die evidente Bildhaftigkeit fungiert wie eine Brücke, die zwischen schwer Auszusprechendem vermittelt.
In der Serie Looking the same (2011) arbeitet der Künstler mit Stahlwolle. Er ‹zeichnet› jeweils sein aktuelles Porträt, das in der Art von Passfotos das Gesicht weder lachend, noch nicht-lachend wiedergibt. Zusätzlich wird die Stahlwolle jedesmal mit einer anderen Flüssigkeit getränkt; von ‹Rescue Remedy›, ‹Bachblütenessenz› über ‹Coke› und ‹Diet Coke› verläuft die experimentelle Bandbreite. Das per se nicht zielgerichtete Experiment überrascht umso mehr mit seinen Ergebnissen. Während die traditionelle ‹Coke› beispielsweise die Stahlwolle in einen schwarzen Farbton transformiert, bewirkt ‹Diet Coke› eine orange Färbung. Als Betrachter sind wir mit einem Foto konfrontiert, dessen schematischen Aussehen ein dokumentarischer Charakter innewohnt. Die unterschiedliche Reaktion auf die jeweiligen Flüssigkeiten bringt das vermeintlich Unumstössliche des visuellen Dokuments ins Wanken. Die Flüssigkeiten attackieren die Oberflächen und bringen das metallische Material dazu, sich zu verändern. Lediglich eines der Porträts, das mit ‹der Zeit› als Manipulationsfaktor dem Rosten ausgesetzt wird, entspricht unserer gewohnten Wahrnehmung. Der Künstler setzt mit der Wahl der Flüssigkeiten auch bewusst auf ‹Materialien›, die mit bestimmten Glaubenssystemen gekoppelt sind. Sollen ‹Rescue Remedy› und ‹Bachblüten› bei bestimmten Verstimmungen und psychischen Belastungssituationen helfen, gaukeln ‹Coke› und ‹Diet Coke› kurzfristige Glücksversprechungen vor, die mit Coolness und Jugendlichkeit einhergehen — im Falle von ‹Diet Coke› noch dazu in kalorienarmer Form.
Auch die Wandarbeit I can't put my finger on (2011) entspricht im weitesten Sinne dem Charakter eines Porträts. Der Fingerabdruck des Künstlers ist ebenso einzigartig wie seine Gesichtszüge. Die Zeichnungen der Finger sind aber nicht nur Ausdruck von Individualität, sondern in ihrer formalen Erscheinung auch Zeichen für eine einheitliche Mass- und Wiedererkennungseinheit.
Mit der Ausstellung Demonstrating presence zeichnet Gal Weinstein einen roten Faden durch sein Werk, das zwar am Alltag orientiert ist, sich aber durch die vom Motiv unabhängige Materialwahl gleichsam in Distanz zum alltäglichen Objekt begibt. Das Aufzeigen von gegenwärtiger Präsenz, wie der Ausstellungstitel übersetzt werden kann, geschieht in erster Linie über die aktiven Materialtransformationen, die für die Wahrnehmung von Ikons und ihren kulturell politischen Konnotationen beansprucht wird.
Text von Sabine Schaschl