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| Tertullian († um 220) - Gegen die Valentinianer. (Adversus Valentinianos)

14. Cap. Beschreibung des Zustandes der Enthymesis oder, wie sie nun heisst, der Achamoth.
Also die Enthymesis oder, wie sie von jetzt an mit einem unübersetzbaren Namen sich schreibt, die Achamoth, die mit dem Elend ihrer speziellen Passio, da das Licht nur dem Pleroma eigentümlich, in lichtlose Räume und in den bekannten leeren Raum des Epikur1 hinausgestossen wird, ist nun auch in Hinsicht ihres Wohnortes sehr erbärmlich daran. Auch steht fest, dass sie keine bestimmte Gestalt und kein Gesicht hat; denn sie ist ja eine mangelhafte und verfehlte Geburt. Da es mit ihr nun so schlecht steht, so neigt sich Christus aus den obern Räumen zu ihr herab, begleitet vom Horos, der damit beginnt, dass er ihr aus den eigenen Kräften eine Form gibt, aber nur von seiner Substanz, nicht auch von seinem Wissen. Gleichwohl gelangt sie zu einem kleinen Besitztum: Es wird in ihr erneuert der Geruch der Unsterblichkeit, in dessen Besitz sie vom Verlangen nach Zuständen, die besser sind als ihre Unglückslage, mächtig ergriffen werden soll. Nachdem der Christus dieses Werk der Barmherzigkeit in Gesellschaft des hl. Geistes verrichtet hat, kehrt er ins Pleroma zurück. Es ist so Gebrauch, dass man als Folge von Vergünstigungen auch neue Titel erhält. Enthymesis hiess sie infolge ihres Thuns; wodurch sie Achamoth wird, das ist eigentlich noch fraglich; Sophia ist sie als Ausfluss aus dem Vater; den Namen heiliger Geist empfängt sie durch Christus, den Engel, von welchem sie sich alsbald verlassen gefühlt hatte.2 Sie bekam also eine Sehnsucht nach dem Christus und machte sich nun selber auf, sein Licht zu suchen. Aber da sie ihn noch gar nicht kannte — er hatte nämlich ungesehen sein Werk [S. 115] an ihr vollbracht, — wie sollte sie nun selbst sein ihr unbekanntes Licht suchen können? Doch sie probierte es und hätte es vielleicht erwischt, wenn nicht eben der Horos, der ihrer Mutter so zur glücklichen Stunde erschienen war, jetzt wieder der Tochter, ganz zur unrechten Zeit, entgegengetreten wäre und sie sogar mit: „Jao!“ angeschrieen hätte. Das muss etwa so viel bedeuten wie: „Macht Platz, Leute!“ oder: „Die Losung des Kaisers!“3 Von da an findet sich das Jao in ihren Schriften. So am weitern Vordringen gehindert und nicht imstande, über das Kreuz, d. i. den Horos, hinwegzukommen, weil sie auf den Laureolus4 des Catull nicht eingeübt war, ganz ihrer Passion überlassen, ganz verlassen, wird sie von der vielfältigen Leidenschaft ganz eingenommen5 und überwältigt, und begann von allen Arten derselben heimgesucht zu werden, von Trauer, weil sie ihr begonnenes Unternehmen nicht beendigen konnte, von Furcht, nicht bloss des Lichtes, sondern auch noch des Lebens beraubt zu werden, von Niedergeschlagenheit und dann von Unwissenheit. Es war bei ihr nicht so wie bei ihrer Mutter; denn diese war ein Äon. Sie hingegen war im Verhältnis zu ihrer Beschaffenheit schlimmer daran, und es erhob sich auch noch eine andere Strömung, nämlich die der Hinneigung zum Christus, von welchem sie belebt und für diese Hinneigung gestimmt worden war.
1: Von ihm κένωμα [kenōma] genannt.
2: Öhler setzt abweichend von andern Herausgebern nach angelo einen Punkt, offenbar ganz gegen den Sinn, gegen den Parallelismus der Satzbildung und gegen den Text der Parallelstelle bei Irenaeus I. c. 4. §. 1. τοῦ περὶ τὸν Χριστὸν πνέυματος [tou peri ton Xriston pneumatos]. Vor desiderium aber ist ein ad ausgefallen.
3: Das eine riefen die Lastträger, um die Leute aufmerksam zu machen, Porro Quirites, das andere Fidem Caesaris wahrscheinlich die Wachposten, wenn Jemand ein dem Kaiser reserviertes Gebiet betreten wollte.
4: Titel einer Posse des Catullus. Suet. Calig. 57. Juven. VIII, 187.
5: Die Handschriften bieten an dieser Stelle in trichea, was dem συμπεπλέχθαι [sympeplechthai] des Irenaeus entsprechend nichts anderes sein kann als intricata. Öhlers Emendation in trica ist ganz unglücklich.