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Beispiel für die Marktstabiliserung einer Börse, Funktionieren eines Geldmarktes ohne Zentralbank
In ihrem neuem Buch „Salomon Heine – Bankier, Mäzen und Menschenfreund“ schreibt Sylvia Steckmest über die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Grossen Brand von Hamburg 1842 in dessen Folge schnell Druck auf die Wirtschaft, bzw. Börse entstand.
„Zwei Tage nach dem schrecklichen Ereignis sahen viele die ‘Geier’ über Hamburg kreisen. Einige Bankiers weigerten sich plötzlich, Wechsel einzulösen. Andere verlangten sofort bares Geld von ihren Schuldnern und setzten den Diskontsatz auf zwölf Prozent.
Salomon Heines Haltung war es zu verdanken, dass sich schliesslich alle grossen Geldgeber seiner Vorgabe niedrigerer Zinsbelastung anschlossen. Er übernahm freiwillig die Funktion eines „Lender of the Last Resort“, indem er versprach, die Wechsel anderer Kaufleute unverändert zum alten Diskontsatz zu erwerben, denn eine Zentralbank, die diese Rolle hätte übernehmen können, gab es damals noch nicht.
Der Kaufmann G.R. Enet, der sich unter den Anwesenden bei der Beratung der Kaufleute befand, berichtet:
„Die Zerstörung des Bankgebäudes, die Unmöglichkeit zu dem Börsengebäude zu gelangen, die Befürchtung, dass manche Häuser Verluste erlitten haben könnten, die es ihnen unmöglich machen würden, ihren Verpflichtungen nachzukommen, riefen Bemühungen hervor, die darauf ausgerichtet waren, den Diskont ganz wesentlich in die Höhe zu treiben und den Kurs auf London in demselben Verhältnis zu drücken. Da trat Salomon Heine auf, bestimmte den Diskont auf 4%, eine Höhe, die er schon vorher erreicht hatte, und erklärte denjenigen für einen Schurken, der sich das allgemeine Elend, zum Schaden seiner Mitbürger, zu nutzen suchen würde. Gleichzeitig hielt er den Kurs auf London, indem er selbst für einen bedeutenden Betrag als Käufer auftrat. Durch dieses energische Auftreten hat Herr Heine wesentlich dazu beigetragen, dass die Hamburger Börse der Welt das unerhörte Beispiel geben konnte, dass sie, trotz des furchtbaren Unglücks, auch nicht einen Tag gewankt hat.“ (Enet, 1892, S.388)
Interessant zu Wissen: Salomon Heine gehörte zum grossen Agentennetz über welches die Rothschilds verfügten. Salomon berichtete Rothschild in London ca. zweimal pro Woche über die Börsenkurse.
Interessant aus der Sicht eines Börsenhändlers wäre sicherlich, wie haben sich die Börsenkurse kurz nach dem Brand, also bevor Salomon eingeschritten ist, entwickelt. Wusste man in London bereits davon, bevor Salomon überhaupt reagiert hatte? Wenn man sich die heutigen unvorhergesehenen Ereignisse (Brexit, Trump-Wahl) jeweils anschaut, dann ist normales Verhalten der Marktteilnehmer Risiko sofort einzupreisen, d.h. die Börsenkurse auf Talfahrt zu schicken und erst später Risiko wieder rauszupreisen. Dies passiert heute innert eines sehr kurzen Zeitrahmens, manchmal nur Stunden. Wie war es wohl damals? Wieviel Profit konnte Salomon insbesondere durch den Kauf in der Panikphase in London bspw. generieren?
Beim Lesen habe ich mich an die Szene im Film “Trading Places – die Glücksritter” erinnert, bei dem die Brüder Randolph und Mortimer Duke sehr aktiv im Agrarhandel an der Börse waren. Im Film sieht man schön wie der Markt manchmal funktioniert.
Salomon Heine ist ein reales historisches Beispiel für einen gewichtigen Marktteilnehmer, dessen Ruf und Macht imposant waren.
Wofür Salomon Heine auch ein sehr gutes Beispiel ist: Das er in vielen Situationen als Unternehmer und nicht als Kreditgeber agierte. Unternehmer haben ja als Ziel meist die Weitergabe eines gesunden Unternehmens an ihre Kinder, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Sicherung unternehmerischer Freiräume, die Eroberung von Marktanteilen oder die Entwicklung neuer Produkte. Eine hohe Eigenkapitalrendite zu erzielen ist in der Regel nicht ihr vorrangiges Ziel. Im Falle des Hamburger Brandes hat Salomon Heine eindrücklich bewiesen, das ihm am langfristigen Erfolg, bzw. Stabilität seiner Stadt gelegen war. Er hat auf Zins verzichtet um dieses Ziel zu erreichen. Kapitalrendite ist oft das Erste, auf das ein Unternehmer verzichtet, wenn es seinem Unternehmen einmal schlechtgeht. Der Fremdkapitalgeber – in der Regel Banken – lässt einen Kreditnehmer eher in die Insolvenz gehen, als dass er auf seinen Zins verzichtet.*
Das ein Kreditgeber so wie Salomon Heine agiert, ist ein sehr gutes Beispiel von langfristigem, ethisch wertvollem Denken, welches heute nicht mehr so einfach zu finden ist.
“Salomons finanzieller Einsatz nach dem grossen Brand führte nebenbei zu einem hervorragenden Geschäftsergebnis, das heisst, er hat letztlich Zinsen für seine vielen Kredite bekommen und sie nicht als Verluste abschreiben müssen. Ein Erfolg seiner eigenen Zinspolitik.”**
**S.227 Salomon Heine – Bankier, Mäzen und Menschenfreund
“Nicht nur die Börse, an welcher er durch seine grossartige, bis an sein Lebensende fortgesetzte Geschäftstätigkeit die erste Stelle einnahm, sondern unsere ganze Stadt empfindet diesen Verlust als einen schwer zu ersetzenden, denn im reichlichen Masse verwendete der Verstorbene die ihm zu Gebote stehenden Mittel zum Beistande der Bedrängten, und sowohl durch die Milderung der Noth vieler Einzelnen, als durch die Errichtung und Datierung milder Stiftungen, hat sich seine mildthätige Gesinnung ein bleibendes Denkmal gesetzt.”***
***Hamburger Börsenhallen-Zeitung