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Traditionelle und zeitgenössische Musik in der Geschichte der Basler Gesangvereins
Der Zweck des Basler Gesangvereins wurde in den Statuten von 1847 als ein doppelter definiert: nach innen als «Lehranstalt» für die musikalischen Fähigkeiten und den Geschmack seiner Mitglieder, nach aussen als Förderer des Sinnes «für gediegene Musik» in der Bevölkerung. Was führte man auf? Anfänglich einzelne Lieder oder kürzere Stücke, 1840 anlässlich des Schweizer Musikfests erstmals ein Oratorium, Samson von Händel. Händel und Haydn, aber auch der zeitgenössische Mendelssohn standen hoch im Kurs. In 1860er Jahren kamen die Passionen Bachs dazu, zu deren Wiederentdeckung und Popularisierung der BGV wesentlich beitrug. Immer wieder auch Zeitgenössisches: Brahms und Verdi, gegen Ende des Jahrhunderts dann Dvorak, Bruch und Franck, aber auch ein Oratorium des in Zürich wirkenden Baslers Friedrich Hegar.
Schon damals gab es bei manchen eine Neigung, die ältere Musik der zeitgenössischen vorzuziehen. «Nach all dem Schumann, Brahms, Bizet, Wagner, wie wohl thut einem da der alte Haydn», schrieb ein Kritiker in einem Konzertbericht Ende 19. Jahrhundert. Wenn zu Bachs, Mozarts und Beethovens runden Geburtstagen jeweils Feiern mit Aufführungen veranstaltet wurden, beteiligte sich der BGV. Er hielt aber daran fest, immer wieder auch Neues zu singen, nicht zuletzt Werke von Schweizer Komponisten. Besonders Hermann Suter, der Dirigent der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, legte Wert auf ein breites Programm. Er führte mehrere Werke von Hans Huber auf und schrieb selbst zum 100-Jahr-Jubiläum des BGV das Oratorium «Le Laudi di San Francesco». An eben diesem Jubiläum liess er den Chor auch ein A-capella-Stück von Schönberg singen.
«Unser hochverehrter Dr. Hermann Suter hat uns gelehrt, dass der Gesangverein nicht nur dazu da ist, gute Musik zu machen, sondern namentlich auch das musikalische Leben der Stadt Basel zu stützen und zu fördern», schrieb ein Mitglied in einem Brief an die Kommission 1931, in dem es rügte, dass zu oft dasselbe aufgeführt werde. Auch der Kritiker der Basler Nachrichten monierte, als 1919 erstmals eine Bruckner-Messe aufgeführt wurde, dass fünfzig Jahre seit deren Komposition vergangen seien; das Basler Musikleben habe den Kontakt mit der Produktion verloren. Auf der anderen Seite gab es im Chor Widerstand gegen zeitgenössische Musik. Als der Vorstand 1932 Honegger und Schoeck auf das Programm setzte, erhielt der Dirigent Hans Münch anonyme Briefe, in denen ihm vorgeworfen wurde, «er habe gegen den einhelligen Willen der übrigen Kommission die Aufführung moderner Werke durchgestiert.» Immer wieder, bis in die Gegenwart, wurde auch festgestellt, dass zahlreiche Mitglieder bei modernen Kompositionen nicht mitsingen wollten und einfach eine Chorpause einlegten.
Abgesehen von Vorlieben im Chor war schon im 19. Jahrhundert der Geschmack des Publikums und oft auch der Kritiker nicht auf Seiten der zeitgenössischen Musik. Der Besuch in den Konzerten mit den grossen Klassikern einerseits, mit zeitgenössischer Musik anderseits zeige, «wie schwierig es ist, hierin das Richtige zu treffen», hiess es im Jahresbericht 1889. Auch 80 Jahre später noch klagte der Jahresbericht: «Wenn wir mit diesem Programm nicht aus dem Rahmen unserer konventionellen Darbietungen hinausgetreten sind, so war die ausschliesslich finanziell begründet. Müssten wir in dieser Beziehung keine Rücksicht nehmen, würden wir gerne öfters auch neuere oder sonst weniger zugkräftige Werke aufführen.» Dabei ging es freilich nicht nur um zeitgenössische Musik, sondern um die bis heute vorhandene Anhänglichkeit des Publikums an die immer gleichen «Schlager». So hiess es im Jahresbericht 1981: «Leider bestätigte sich die alte Erfahrung, dass der Konzertbesuch zu wünschen übriglässt, wenn weniger bekannte oder gar unbekannte Werke aufgeführt werden. Dies trifft selbst dann zu, wenn diese von bekannten und beliebten Komponisten geschaffen worden sind.»
1951 wurde im Vorstand dennoch festgehalten, es gehöre zu den «künstlerischen Pflichten des Vereins, nicht zugkräftige (neue) Werke aufzuführen». Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen neben viel Bach und Romantik Werke von Honegger, Hindemith, Kodaly, Britten, Schnittke, Pärt auf das Programm, in den beiden letzten Jahrzehnten unter Adrian Stern auch einmal ein Stück von Webber und eine Uraufführung: die kurze Méditation matinale von Jacqueline Fontyn. Ein einziges Mal, gegen Ende des Weltkriegs 1944, brachte der BGV ein eher heiteres Werk zur Uraufführung: «Ariadne, ein Tongemälde aus den heiteren und sonnigen Gefilden der ewig jungen Götter Griechenlands» des Basler Komponisten Hans Haug, der sonst eher die leichte Muse bediente.
Als der Chor 1939 an die Landesausstellung eingeladen wurde zu einer Aufführung mit Werken von Hans Huber und Walter Geiser, verteidigte die Kommission die Werkwahl gegen Proteste aus dem Verein, dass man auch eine Verpflichtung dem lebenden Künstler gegenüber habe: «Unser Mitbürger Walter Geiser verdient es, im Rahmen derartiger Darbietungen zu Worte zu kommen». Das Konzert fiel dann der Kriegsmobilisierung zum Opfer.
Um die Tradition des Engagements für zeitgenössische Musik zu bekräftigen, hat der BGV für das Programm der Jahre 2022-25, das unser Jubiläum einrahmt, vier Kompositionsaufträge an Basler Komponist:innen für kleinere Stücke vergeben, die einen Bezug zum jeweils aufgeführten umfangreicheren Werk schaffen. Im Konzert vom 20. Nov. 2022 ist das El sur von David Sonton Caflisch.