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Das Konzert «Rencontres» im Museum Kleines Klingental zum hundertsten Geburtstag von Jacques Wildberger mit Werken des 2006 verstorbenen Basler Komponisten und seines Schülers Daniel Weissberg ist eine Wiederholung desselben Programms, das am Sonntag 11. September 2022 im ‹Atelier am Rhein› gespielt wurde.
Jacques Wildberger (1922 – 2006) gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts. Anfangs für seine dodekaphonen Arbeiten in der Schweiz angefeindet, sorgte er später im Ausland als Nachfolger von Arnold Schönberg mit seinen Zwölfton-Kompositionen für Furore. Von 1959 bis 1966 war er Dozent an der Hochschule für Musik Karlsruhe für Komposition, Analyse und Instrumentation. Nach einem Aufenthalt in Berlin im Jahre 1967 war er von 1967 bis 1987 Professor für Tonsatz und Komposition am Konservatorium der Musik-Akademie der Stadt Basel.
Daniel Weissberg (1954) war nach seinem Klavierstudium bei Klaus Linder Kompositionsschüler Jacquesʼ Wildberger am Konservatorium Basel. Anschließend setzte Weissberg sein Studium bei Mauricio Kagel an der Musikhochschule Köln fort und wurde daselbst dessen Assistent. Sein Schaffen umfasst Solo- und Kammermusik sowie Orchesterwerke, Hörspiele, elektronische Musik, Multimediaprojekte und Werke im Bereich des Neuen Musiktheaters. Als Interpret elektroakustischer Musik spielt er vor allem in eigenen Werken und in Improvisationsensembles. Er ist publizistisch tätig und war Co-Leiter des Studiengangs ‹Musik und Medienkunst› an der Hochschule der Künste Bern.
Programm:
Duo für Flöte, Klarinetten und… · Daniel Weissberg
Quartetto für Flöte, Klarinette, Violine und Violoncello · Jacques Wildberger
Musik für Violoncello und Klavier · Jacques Wildberger
Rencontres zwischen Querflöte, Piccolo, Es-B-Klarinetten/Bassethorn · Jacques Wildberger
Préludes pour Violon et Piano · Daniel Weissberg
Franziska Badertscher · Flöte
Etele Dósa · Klarinetten
Jana Ozolina · Violine
Gunta Ãbele · Violoncello
Cornelia Lenzin · Klavier
Begleitartikel zum Konzert:
Befreiende Begegungen von David Wohnlich
Nach der Uraufführung von Daniel Weissbergs «Der Schein» sagte Jacques Wildberger erfreut zu mir: «Ich verstehe es nicht.» Offensichtlich war er zufrieden — mit Daniel, mit sich selbst: Sein Unterricht hatte funktioniert. Daniel Weissberg hatte sich von seinem Lehrer Jacques Wildberger emanzipiert, seinen eigenen musikalischen Kosmos betreten und zu erkunden begonnen.
So funktioniert eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung: Der Lehrer sieht es nicht als seine Aufgabe, sein Bild der Musik auf den Schüler zu werfen, sondern den Schüler bei der Entwicklung dessen eigenen Bildes zu unterstützen.
Das ist gut so. Denn wer nicht zumindest in Ansätzen die Vision eines eigenen musikalischen Kosmos hat, kommt gar nicht auf die Idee, Komposition zu studieren; warum sollte er?
Davon geht ein guter Kompositionslehrer aus. Er spürt Interessen des Schülers auf, schlägt mögliche Richtungen vor, gibt Übungen auf, die dabei helfen, Kategorien zu entwirren, bisher Unbedachtes zu reflektieren, anhand der Musik anderer zu analysieren. Die Begegnung von Lehrer und Schüler emanzipiert im besten Falle den Schüler, es ist eine befreiende Begegnung.
Jacques Wildberger war sehr engagierter, leidenschaftlicher Sozialist. Für sein eigenes Musikschaffen war das von Bedeutung, aber es war nicht das, was er seinen Schülerinnen und Schülern weitergab. Es war seine persönliche Geschichte und Entwicklung, Musik nicht ohne Politik, vielleicht auch Politik nicht ohne die Präzision und Radikalität von Musik denken zu können.
Bei Daniel Weissberg ist das etwas anders. Es ist ihm nicht möglich, Musik ohne deren Gestus und deren vielfältigen medialen Bezüge zu denken. In Weissbergs «Duo?», einem seiner früheren Werke, wird ersteres sichtbar und hörbar. In Jacques Wilderers «Rencontres» wiederum findet man dessen politisches Engagement subtil konzentriert in einer genauen Betrachtung, wie Begegnung zum Atom der sozialistischen Politik wird.
Nicht immer sind solche Bezüge vordergründig. So verweist bereits Wildbergers schelmischer Titel «Musik» auf das, worauf sich der Komponist hier kapriziert hat, ebenso Weissbergs «Préludes», die nichts weiter sind als eben solche – allerdings ist auch hier die geläufige Bezeichnung «Prélude» mehrdeutig. Es waren in der ursprünglichen Form kurze Klavierstücke, entstanden durch eine Aufgabe, die der Komponist sich selber gab: Innerhalb eines begrenzten Zeitraumes jeden Morgen vor dem Frühstück ein kurzes Klavierstück zu schreiben und daran später nichts mehr zu ändern. Es waren also auch «Préludes» im Sinne von Vorspielen des jeweiligen Tages.
Jacques Wildberger und Daniel Weissberg blieben einander bis zu Wildbergers Tod 2006 freundschaftlich verbunden.