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Seit heute hat das Vereinigte Königreich ein neues höchstes Gebäude: Der mit vollem Namen The London Bridge Shard – oder kurz The Shard – in der britischen Hauptstadt hat mit einer Höhe von 310 Metern die Spitze erklommen. Und nicht nur auf der Insel befindet sich der Wolkenkratzer auf der Spitzenposition – auch europaweit. Die bisherige Dominanz Moskaus ist damit beendet, doch The Shard wird seinen Titel spätestens 2016 verlieren.
Pyramidenförmige Attraktion der Skyline
Der Wolkenkratzer entsteht nach Plänen des italienischen Stararchitekten Renzo Piano im Stadtteil Southwark am Südufer der Themse. Sein Name – zu deutsch Glasscherbe – ist von der pyramidenförmige Silhouette abgeleitet. Am 4. April bekam der 450 Millionen Pfund teure Bau seine Spitze aufgesetzt, was ihn eine Höhe von 310 Metern erreichen lässt. Damit löst er den im Londoner Businessquartier Canary Wharf/Isle of Dogs gelegene One Canada Square als höchstes Gebäude Grossbritanniens ab. Auch europaweit liegt er an der Spitze, weil die für 2012 anberaumte Eröffnung des 332 Meter hohen Moscow City Towers in Moskau aus finanziellen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Spätestens 2016 muss er seinen Spitzenplatz abgegeben, denn die 320 Meter hohen Hermitage Plaza-Zwillingstürme im Büroviertel La Défense in der Agglomeration Paris sollen in jenem Jahr seiner Bestimmung übergeben werden und gleichzeitig The Shard den Rang ablaufen.
Ingesamt 72 Stockwerke des Londoner Wolkenkratzer werden genutzt, vorwiegend von einem Hotel, Luxuswohnungen und des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers, der bisher im Charing Cross-Bahnhof untergebracht ist. Nicht weniger als 44 Fahrstühle sollen Touristen, Wohnungsbesitzer und Pendler von der Erde und dem angegliederten Bahnhof London Bridge an ihr Ziel bringen. Die in 232 Meter Höhe gelegene 72. Etage wird als Aussichtsplattform genutzt. Die restlichen 23 Stockwerke, allesamt Teil der heute mit dem grössten Kran Grossbritanniens aufgetragenen, 500 Tonnen schweren Stahlspitze, sind ausschliesslich technischen Einrichtungen vorbehalten. Spätestens zum 60-jährigen Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. im Juni und den Olympischen Spielen im Sommer soll der Bau vollendet sein.
Umstrittene Entstehungsgeschichte
Pläne für einen Wolkenkratzer beim London Bridge-Bahnhof in Southwark existierten schon lange. Anfänglich liebäugelten die Investoren Anfangs der 1990er Jahre mit einem zylinderförmigen Gebäude, das eine Höhe von 400 Metern erreichen wollte. Weder Anwohner noch Stadt waren von den Entwürfen begeistert. So wurde das Projekt an Renzo Piano weitergeleitet, welcher die Höhe auf 310 Meter reduzierte – Piano an sich hält nicht viel von Hochhäusern – und dem Bau eine pyramidenförmige Form gab. Anfänglich gab es auch hier Kritik, dass The Shard der Londoner Innenstadt-Skyline rund um die St. Pauls Cathedral schaden würde. Die Mehrheit sieht in ihm aber ein neues Wahrzeichen. Zusammen mit dem 30 St Mary Axe-Turm in der City muss sich die Londoner Innenstadt die Konkurrenz aus Canary Wharf zumindest in architektonischer Hinsicht nicht mehr fürchten, zumal mit dem 288 Meter hohen The Pinnacle ein weiterer Wolkenkratzer in der City beim Lloyds Building mit innovativem Design geplant ist – seinem Namen getreu wird das früher Bishopsgate Tower genannte Hochhaus seine oberen Geschosse wie eine Nadel in Londons Himmel stecken.
Auch aus ingenieurtechnischer Hinsicht ist The Shard bemerkenswert – nach den Terroranschlägen vom 11. September liess der Investor Irvine Sellar die Pläne überarbeiten, so dass keine Flugzeuge das Gebäude zum Einsturz bringen können. Für den Bau – der zu seinen Anfängen mal den eher biederen Namen The London Bridge Tower trug – mussten in der Gegend des Bahnhofs London Bridge etliche Gebäude weichen, unter anderem die von PricewaterhouseCoopers genutzen Southwark Tower. The Shard ist Teil des Sanierungsprogramms The London Bridge Quarter der gesamten Gegend, so wird auch der Bahnhof von 2013 bis 2018 auf Vordermann gebracht.
London gibt Gas
London befindet sich nach Jahren der Stagnation wieder auf Vormarsch. Heute hat architektonische Extravaganz die oberste Priorität. Egal ob gurken- beziehungsweise penisförmig wie 30 St Mary Axe, pyramidenförmig wie The Shard oder in eine Spitze zulaufend wie The Pinnacle, ausserordentliche Architektur bestimmt das Geschehen. Zeitzeugen vergangener 0815-Architektur wie der CentrePoint an der Ecke Oxford Street/Tottenham Court Road, der 42 Tower in der City oder der in gewissem Masse leider auch langweilige One Canada Square erscheinen im Vergleich zu den neusten Entwürfen relativ unscheinbar. Die neuen Gebäude mögen tollen Entwürfen zu Grunde liegen, jedoch haben die Architekten sicherlich auch den Zorn der Bauingenieure auf sich gezogen, mir wird ein Rätsel, wie die zerbrechlich wirkenden, wie aufgerolltes Bonbonpapier anzuschauenden Wände von The Pinnacle ohne Gefahren gebaut werden können. Der Gipfel abstrakter Architektur wird der auf dem Olympia-Gelände in Stratford gelegene ArcelorMittal Orbit sein, dessen Stahlstränge immens ineinander verschnörkelt sind.
2019 wird zudem die Vervollständigung des Neubaus des Terminal 2 am Flughafen London-Heathrow erwartet. Das neue Dock wird danach von StarAlliance-Gesellschaften wie Lufthansa, Austrian Airlines oder der Swiss als Heathrow-Ankunfts- und Abflugsort dienen.
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