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Wer schon einmal mit früheren Zeiten zu tun gehabt hat, wird gewiß überrascht sein, in welch weitem Umfang die Chinesen uns Mitteilungen von ihrer Geschichte machten und wieviel davon trotz aller Verluste noch erhalten ist. Wer beispielsweise mit der griechischen und römischen Geschichte befaßt ist, könnte beinahe auf seine sinologischen Kollegen neidisch sein. Das kommt nicht von ungefähr. Eine Geschichte, die sich ihrer Homogenität bewußt ist, kann nicht nur, sondern muß geradezu auf die Quellen ihrer Vergangenheit zurückgreifen. Andererseits ist der chinesische Geist beinahe exemplarisch der innerweltlichen Daseinsgestaltung zugewandt; er folgt darin nicht nur einem Prinzip seiner selbst, sondern deckt damit ein Stilgesetz der ganzen chinesischen Geschichte auf. Die Anlage hierzu bestand wohl von Anfang an. Auf die Höhe des Bewußtseins hat sie Konfuzius gehoben, der deshalb für Jahrtausende zum Lehrer der Chinesen wurde und der diese Wirkung ausübte, weil er eine schon vorhandene Tradition in ihrer ganzen Lebensfähigkeit aufgriff:
»Ich wiederhole, ich schaffe nicht«.
Seine Weisheit galt weniger
dem metaphysischen Sein als dem richtigen Handeln, dies nicht naturrechtlich
revolutionär aufgefaßt, sondern als ethisch gefordertes Sicheinfügen
in die hierarchische Ordnung des Lebens mit all ihren Obedienzien, angefangen
bei dem Respekt des Sohnes gegen den Vater. Es war kein Wunder, daß die
rücksichtslos durchgeführte Reichsorganisation des Gh'in Shi Huang-ti
(221-210 v. Chr.) zu einem schweren Zerwürfnis mit den Intellektuellen
führte, übrigens nicht nur mit den Konfuzianern (Bücherverbrennung).
Die anschließende Han-Zeit machte diesen ekzessiven Schritt aber nicht
nur wieder rückgängig, sondern erbrachte sowohl die Ausweitung des
ethischen Konfuzianismus zu einem universalistischen kosmologischen System als
auch seine Installierung als offizielle Staatsideologie. Die geistige Kultur
Chinas war damit in konsequente Führung genommen, was eine wirksame Garantie
für eine gesicherte Tradition bot. Freilich hing das Gelingen dieser Bestrebung
auch davon ab, wieweit sich die außerkonfuzianische »Wissenschaft«
von den konfuzianischen Grundlagen entfernte. Eine radikale Distanzierung war
hier im ganzen selten.
ist.
Wir vergessen gern die Traditionsmächtigkeit des Ostens und erliegen dadurch leicht der Versuchung, unsere eigenen geschichtlichen Erfahrungen für die allein möglichen zu halten. Selbst unsere universalhistorischen Begriffe verraten etwas von solcher Egozentrik. Demgegenüber könnte man sich wohl, wenigstens als Arbeitshypothese, einmal fragen, wie die Dinge in der umgekehrten Optik aussähen, und versuchen, von der Lebensgesetzlichkeit des Ostens auszugehen. So ganz abwegig wäre das nicht einmal. »Statistisch«, das heißt nach der Zahl der davon erfaßten Menschen, war der Osten die längste Zeit mächtiger als der Westen, und hinsichtlich des »Kulturniveaus« steht für lange Phasen einer dreieinhalbtausend Jahre alten Geschichte seine Überlegenheit ebenfalls außer jedem Zweifel. Aber um eine absolute Wertung geht es hierbei gar nicht. Es sollte nur einmal probiert werden, ob unter Ansetzung des Ostens als »Normalfall« der Westen nicht ein noch spezifischeres Relief erhält, als er dies im Hinblick auf die Geschichte des modernen Europas ohnehin tut, und ob sich nicht schon in den Verhältnissen der vorderorientalischen Hochkulturen eine besondere Lage abzeichnet.
(aus der Propyläen-Geschichte, hgg von Golo Mann)