Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/2094

Die Mediävistik hat sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt dem Thema der Kommunikationsformen zwischen den verschiedenen Kulturen gewidmet. Die Kulturen der einzelnen Völker werden in der neueren Forschung nicht mehr als unabhängige und selbstreferenzielle Eigenheiten verstanden, sondern als trotz ihrer sprachlichen und religiös-konfessionellen Besonderheiten in dynamischen Zusammenhängen operierend.
Traditionell wurden die interkulturellen Beziehungen im Rahmen der Literatur, der Künste, der Philosophie und der religiösen und materiellen Bräuche mit dem Begriff „Influence“ thematisiert, d.h. mit einem aus der Astrologie- und Medizinsprache stammenden Wort, das auf einen passiven, unwillkommenen, sogar negativen Zusammenhang hinweist. Die Forschungen der letzten Jahre haben hingegen gezeigt, dass sich alle mittelalterlichen Gesellschaften notfalls und ungezwungen manche Ausdrucksformen anderer Kulturen angeeignet haben. Studien über die Verbindungs- und Verkehrsräume wie die Alpen oder das Mittelmeer haben neue Perspektiven über die historischen Austauschgelegenheiten und die besonderen Interaktions- und Aneignungs-, ebenso wie Auseinandersetzungs- und Widerstandsdynamiken geöffnet. Die mit anderen Traditionen verbundenen Formen und Modelle werden nicht im gleichen Masse angeeignet, nachgebildet, oder imitiert. Sie werden aufgrund von Faktoren, wie ihrer symbolischen und funktionellen Bedeutungen ausgewählt, den neuen Kontexten angepasst und weiter verarbeitet und verändert.
In diesem Sinn kann man sich die Frage stellen, warum manche Formen und Aspekte ausgewählt und andere hingegen abgelehnt oder nicht beachtet wurden. Dass die religiöse Malerei aus Byzanz in Italien und Deutschland häufig imitiert wurde, erklärt sich aus der Tatsache, dass die östlichen Ikonen und Mosaiken von den Lateinern als Wiederspiegelungen uralter, aus der apostolischen Ära stammender Vorbilder betrachtet wurden. Ein derartiges Interesse erweckte die byzantinische Sakral- und Profanarchitektur überhaupt nicht. Im Gegenteil verbreiteten sich seit dem 12. Jahrhundert die romanischen und gotischen Bauformen, ebenso wie die französische Musik und die Literatur in oïl-Sprache, innerhalb von Westeuropa bis weit nach Osteuropa und in den östlichen Mittelmeerraum. Am Ende des Mittelalters begünstigen das päpstliche Avignon oder die Konzile in Basel und Konstanz die Verbreitung des Humanismus und neuer künstlerischer Ausdrucksformen im gesamtem europäischen Raum. Der Gebrauch von Wappen, der von den Kreuzfahrern in den Nahen Osten gebracht wurde, wurde schnell von den muslimisch-arabischen Herrschern übernommen, da er sich für den Ausdruck der geteilten ritterlichen Ideale als sehr aussagekräftig erwies. Das westliche religiöse Theater und die italienisch-geprägten Darstellungen der Passionsgeschichte wurden im Spätmittelalter auch im Osten übernommen, da sie, der auch bei den Griechen und den östlichen Christen immer mehr verbreiteten, die Menschheit des Gottessohn betonenden Frömmigkeit entgegenkamen.
Der Zweck des Graduiertenkurses besteht darin, die unterschiedlichen interkulturellen Interaktionsformen der mittelalterlichen Gesellschaften aus verschiedenen Gesichtspunkten her zu erforschen. Dazu soll das Thema in 4 Schwerpunkten angegangen werden. Der erste Schwerpunkt wird den Kontakten und den Austauschformen der westlich-mittelalterlichen Kulturen mit der Außenwelt gewidmet sein: betrachtet wird insbesondere das Mittelmeer als Interaktionsraum zwischen Lateinern, Byzantinern, östlichen Christen (Armeniern, Syrern, Kopten, Äthiopiern) und Muslimen im Hinblick auch auf seine Verbindungen mit Zentralasien und dem Fernen Osten, die im 13. und 14. Jahrhundert zur Zeit der pax mongolica enger wurden. In einem zweiten Schwerpunkt sollen die innerhalb von Westeuropa stattfindenden interkulturellen Beziehungen berücksichtigt werden: anhand von bedeutenden Beispielen soll danach gefragt werden, inwiefern die literarischen und philosophischen Tätigkeiten der einzelnen Gebiete miteinander in Verbindung gekommen sind. Ein dritter Schwerpunkt wird dem Thema der Modelle und ihrer Aneignungsformen gewidmet: welche Objekte, Texte und Formen wurden mit als maßgebend wahrgenommenen Traditionen verbunden und aufgrund welcher Motivationen und in welchen spezifischen Kontexten wurden sie imitiert und wiedergegeben? Der vierte Schwerpunkt wird die Frage danach stellen, durch welche Wege sich die beliebtesten und eher gewürdigten Modelle verbreiten konnten? Welche Rolle hat die Zirkulation von Büchern/Handschriften, Kunstobjekten und Künstlern an den internationalen See- und Verkehrswegen in der Entwicklung der verschiedenen europäischen Kulturen gespielt?
Der Graduiertenkurs wird sich als eine außerordentliche Gelegenheit erweisen, über solche Themen nachzudenken. Studenten und Professoren werden nicht nur versuchen, Antworten auf diese Probleme zusammen zu formulieren, sondern auch danach streben, neue Themen aus verschiedenen Bereichen zu bestimmen.