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Es ist schwer sich vorzustellen, dass ein Land mit einer Bevölkerung von fast 1,4 Milliarden Menschen wie Indien vergessen werden könnte, aber wenn es um Größen und Passformen geht, ist genau dies der Fall. Seit Jahrzehnten versuchen internationale Modemarken und Einzelhändler, den indischen Markt zu erschließen; manche mit mehr Erfolg als andere. Ein häufiger Fehler ist, die Kleidung einfach auf den indischen Markt zu bringen, ohne Anpassungen vorzunehmen.
Aber genau hier wird es schwierig, vor allem in Bezug auf Größenangaben, die selbst in Ländern wie den USA, Großbritannien und der EU uneinheitlich sind. Zusätzlich sind sie auch nicht den indischen Körperformen angepasst. So kommt es, dass jemand, der vielleicht oben Größe M und um die Hüften herum Größe XL bräuchte (oder umgekehrt), von nur wenigen westlichen Marken berücksichtigt wird. Bei traditioneller indischer Kleidung gibt es weniger Probleme, da sie anpassungsfähiger ist, zum Beispiel ein Sari, der individuell am Körper der Trägerin drapiert wird, oder ein Salwar Kameez, der aus einer locker sitzenden Kombination aus Tunika und Hose besteht.
Internationale Marken designen an ihrer Kundschaft vorbei
Der Versuch, in westliche Kleidung zu passen, ist daher mit viel Frustration verbunden: „Ich mag die Kleidung, die ich bei westlichen Modemarken in Einkaufszentren und Geschäften sehe, aber sie anzuprobieren ist schwierig. Oft sind sie an manchen Stellen zu eng und an anderen zu weit. Es ist selten, dass ein Kleidungsstück auf Anhieb passt. Wenn es mir sehr gut gefällt, lasse ich es später anpassen, aber oft bin ich frustriert und lasse es einfach liegen“, erzählt die Studentin Shraddha Sharma aus Neu-Delhi. Management Beraterin Jyothi Gopalan aus Mumbai bringt ihre Erfahrung auf den Punkt: „Ich hasse es, meine Brüste Größe DD in einen A/B-Cup stecken zu müssen. Das ist einfach zu eng.“
Es besteht kein Zweifel, dass internationale Marken aufgrund dieser Flüchtigkeit zu kurz kommen. „Wenn ich westliche Kleidung einkaufe, bevorzuge ich indische Marken wie And und Biba, die sich bei den Größenangaben Mühe geben. Ich wünschte, westliche Marken würden sich mit indischen Größen befassen und diesen großen Markt nicht einfach ignorieren“, findet Pratibha Patil, eine homöopathische Ärztin aus Mumbai.
„Eine der größten Herausforderungen für die indische Bekleidungsindustrie besteht darin, dass es keine Maßtabelle für die indische Bevölkerung gibt. Die meisten Industrieländer wie die USA, Großbritannien, die EU, Japan und andere haben ihre eigenen Größentabellen. Dieser Mangel an Standardisierung führt zu schlecht sitzenden Produkten, was die Rückgabe von Produkten erhöht und die Zufriedenheit der Kundschaft verringert“, bestätigt die indische Textilministerin Smriti Zubin Irani.
IndiaSize bemüht sich um fehlende Größenstandards in Indien
Doch all das wird sich jetzt ändern. Unter dem Namen „IndiaSize - National Sizing Survey of India“ führt das Textilministerium der indischen Regierung derzeit eine umfassende anthropometrische Forschungsstudie durch, um eine umfassende Tabelle für verschiedene Körpergrößen für die indische Bevölkerung zu entwickeln. Das National Institute of Fashion Technology (NIFT) des Ministeriums mit Sitz in Neu-Delhi hat bereits mit dem Projekt begonnen, bei dem mithilfe von 3D-Ganzkörperscans anthropometrische Daten von mehr als 25.000 Männern und Frauen zwischen 15 und 65 Jahren in ganz Indien erfasst werden sollen.
„Um dieses Manko zu beheben, hat die indische Regierung das Projekt IndiaSize ins Leben gerufen, ein Projekt, das in der indischen Geschichte einmalig ist. Das Projekt zielt darauf ab, standardisierte Körpermaße für die indische Bevölkerung bereitzustellen, um Unstimmigkeiten bei Bekleidungsgrößen und Passformen zu beseitigen. Dies wird zu einer höheren Zufriedenheit der Kundschaft und besseren Verkaufszahlen führen“, fügt Irani hinzu.
Scanning wird in Chennai, Delhi, Hyderabad, Kalkutta, Mumbai und Shillong stattfinden
In der Planungsphase wurde bereits die Stichprobengröße von 25.000 Teilnehmenden festgelegt, ebenso wie die Standorte in sechs indischen Regionen, nämlich Neu-Delhi im Norden, Mumbai im Westen, Chennai im Süden, Hyderabad in der Landesmitte, Kalkutta im Osten und Shillong im Nordosten. Der nächste Schritt bestand darin, einen globalen Standard und ein Erfassungssystem sowie Datenpunkte zu bestimmen.
„Die IndiaSize-Erhebung wird dazu führen, dass eine Identifikationsnummer für die Größe eines Kunden/einer Kundin durch Kartierung, Kategorisierung und Definition der Körpergröße erstellt wird. Dies wird den Betrieben helfen, Waren zu produzieren, die für die Körpergröße der Endverbrauchenden geeignet sind, und diese die für sie am besten geeigneten Größen identifizieren lassen, was zu einer Übereinstimmung und damit zu besseren Verkäufen führt“, erklärt IAS-Textilminister U. P. Singh auf der speziellen IndiaSize-Seite des NIFT (nift.ac.in/indiasize).
Einem auf der Seite veröffentlichten Zeitplan zufolge sind Scans in Neu-Delhi von Juli bis September 2021 vorgesehen, in Chennai von Oktober bis Dezember 2021, in Mumbai von Januar bis März 2022, in Hyderabad von April bis Mitte Mai 2022, in Kalkutta von Mitte Mai bis Mitte August 2022 und in Shillong von Mitte August bis Mitte Oktober 2022. Interessierte können sich auf der Website anmelden.
Erkenntnisse sollen Marken und anderen Branchen helfen
Sobald alle anthropometrischen und sozioökonomischen Daten gesammelt und analysiert wurden, sollen Größentabellen speziell für die indische Bevölkerung entwickelt werden. Das System wird dann validiert und angepasst und hoffentlich nicht nur von indischen Marken und Einzelhändlern, die westliche Kleidung anbieten, sondern auch von internationalen Marken und Einzelhändlern, die in Indien tätig sind, in die Praxis umgesetzt.
Tatsächlich dürften die Ergebnisse auch für diese in ihren Heimatmärkten interessant sein, denn die Kundschaft ist vielfältig und hat oft mit denselben Größenproblemen zu kämpfen wie indische Konsumenten. Die Kinder von Patil zum Beispiel, die jetzt in Litauen beziehungsweise Deutschland studieren, haben Probleme, europäische Kleidergrößen zu finden, die ihnen gut passen. Gopalan hingegen findet es schwieriger, sich in die derzeitigen südostasiatischen Größen zu zwängen. Ein Grund mehr, endlich die indischen Größen zu standardisieren.
Was den indischen Markt angeht, so werden die Ergebnisse der Erhebung auch in verschiedenen anderen Sektoren wie der Automobilindustrie, der Luft- und Raumfahrt, dem Fitness- und Sportbereich, der Kunst und sogar im Gamingbereich Anwendung finden. Dort sollen die gewonnenen Erkenntnisse zu ergonomisch gestalteten Produkten führen, die auf die indische Bevölkerung zugeschnitten sind.
„Die Vision des Projekts ist es, die indische Bevölkerung mit einer sehr guten Passform einzukleiden und die vorherrschende Praxis der Verwendung von Größentabellen, die größtenteils abgewandelte Versionen von Größentabellen anderer Länder sind, abzuschaffen, was zu Passformen führt, die Anlass zur Sorge geben. Das Projekt sieht auch eine Verringerung des Produktrücklaufs vor, der sich in der Konfektionsindustrie derzeit zwischen 20 und 40 Prozent bewegt“, schließt NIFT-Generaldirektor Shantmanu.