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Ernährungssicherheit
Essen: Es hätte genug für alle
Frau Herrigel, der Krieg in der Ukraine zeigt, wie anfällig die Ernährungsversorgung ist. In Afrika drohen Hungersnöte. Warum ist Afrika so abhängig von Agrarimporten aus der Ukraine, Russland und Kanada?
Dafür gibt es verschiedene Gründe: Über Jahrzehnte folgten die Länder Afrikas der Politik, nur spezielle Produkte wie Kaffee, Tee, Gewürze und Kakao anzubauen und zu exportieren – auch mit Unterstützung und Druck der Industrieländer. Im Gegenzug importierten sie Weizen. Dieser Handel ist auch historisch bedingt: Viele dieser Länder waren europäische Kolonien und wurden damals zum Anbau dieser Produkte gezwungen.
Der Grund liegt also in der Geschichte?
Nicht nur: Noch in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts behauptete man, dass die Produktion von Lebensmitteln für die Bevölkerung wenig zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Staates beitragen könne. Entsprechend investierte man in der Entwicklungszusammenarbeit in den 1980er- und 1990er-Jahren kaum in die Landwirtschaft. Seit Jahrzehnten exportieren daher die afrikanischen Länder Rohmaterialien, auch landwirtschaftliche Rohprodukte, die in den Industrieländern verarbeitet werden, in denen der grösste Teil der Wertschöpfung der Waren stattfindet.
Eigentlich sind die Länder im Süden Agrargesellschaften?
Ja. Es gibt viele Kleinbauernfamilien, die für die lokale Bevölkerung die Lebensmittel produzieren. Über 70 Prozent der weltweit konsumierten Lebensmittel werden von Kleinbauernfamilien produziert, die weniger als zwei Hektaren bewirtschaften. Über die Jahrzehnte haben sich jedoch auch in Afrika die Essgewohnheiten verändert, sodass heute weniger traditionelle Grundnahrungsmittel und mehr mais- und weizenbasierte Lebensmittel den Speiseplan bestimmen. Ein Teil davon wird importiert. Insbesondere seit der Neuausrichtung der Entwicklungspolitik in den 1980er-Jahren vervielfachte sich der Import von Grundnahrungsmitteln.
Zurzeit diskutiert man die Kürzung der Subventionen in der Landwirtschaft. Wie beurteilen Sie dies?
Ich bin gegen den Abbau von Subventionen und Zöllen in der Landwirtschaft. Ich denke jedoch, dass die Subventionen nicht immer dorthin fliessen, wohin sie sollten. Bis jetzt ist in der Schweiz wie in der EU die Höhe der Subventionen an die Grösse der Fläche und des Hofs gekoppelt: Je grösser das bewirtschaftete Land ist, desto grösser sind die Subventionen.
Das scheint doch logisch?
Nein, in den letzten Jahren wurde deutlich, dass dieses Modell eine Landwirtschaft fördert, die kaum zukunftsfähig ist, da sie an Menschen und Natur Raubbau betreibt. Eigentlich könnte Landwirtschaft aber auch dem Boden und Ökosystemen guttun, sie aufbauen. In Deutschland diskutiert man aktuell darüber, ob auf das Ausbringen schädlicher Pestizide eine Abgabe bezahlt werden soll. Das Geld fliesst dann dorthin, wo nachhaltig produziert wird. Ich halte diesen Ansatz für richtig. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels sollten wir eine Landwirtschaft fördern, die nachhaltig ist, dem wärmeren Klima widerstehen kann und zugleich einen positiven Einfluss auf das Klima hat. Landwirtschaft kann nicht nur Teil des Problems des Klimawandels sein, sondern auch ein wichtiger Teil der Lösung.
Stichwort Klimawandel: Wie gefährdet dieser die Landwirtschaft in den Ländern des Südens?
Extreme Wetterereignisse wie Trockenheit, Hitze, Dürre, Stürme, Überschwemmungen und Heuschreckenplage nehmen zu. Und die Jahreszeiten, vor allem die langen und kurzen Regenzeiten, haben sich verschoben. Es ist nicht mehr klar, wann die Regenzeiten einsetzen, es regnet viel später und weniger bis nicht. Oder dann als Starkniederschlag plötzlich zu viel. Dadurch wird vieles, was angebaut wird, zerstört. Die Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage.
Die UNO verfolgt das Ziel der Ernährungssicherheit für alle Menschen. Ist dies realistisch?
Rund 10 Prozent der Weltbevölkerung leiden heute an akutem Hunger. Eigentlich kann sich ein Drittel aller Menschen nicht ausreichend ernähren und ist – im gängigen Sprachgebrauch – unterernährt. Seit 2014 nimmt die Anzahl der chronisch hungernden und unterernährten Menschen zu, dieser Trend wurde drastisch verschärft durch die Covid-Pandemie.
Gibt es zu wenig Nahrung?
Nein. Die Menschen leiden nicht an Hunger, weil wir weltweit gesehen zu wenig Lebensmittel produzieren, sondern da diese nicht gleich verteilt werden und die Bevölkerung in den ärmsten Ländern nicht erreichen. Pandemien wie Covid, aber auch bewaffnete Konflikte und Kriege verschärfen dieses Problem. Der globale Markt für Lebensmittel orientiert sich nicht daran, dass alle satt werden, sondern daran, dass grosse transnationale Agrarunternehmen, die diesen Markt dominieren, möglichst hohe Gewinne erzielen wollen. Zudem endet ein Drittel aller Lebensmittel, die wir produzieren, als Food-Waste, also im Abfall. Und es werden nicht nur Lebensmittel angebaut: Auf vielen Ackerflächen wird Biotreibstoff angebaut.
Diese Flächen fehlen dann für den Anbau von Lebensmitteln?
Ja, hinzu kommt die Tierhaltung, die grosse Ressourcen braucht. Das sind alles Faktoren, die zur Unsicherheit bei der Ernährung beitragen.
Und dann steigen die Preise wegen des Krieges in der Ukraine?
Ja, aber nicht nur. Die Preise für Lebensmittel stiegen während der Weltwirtschaftskrise 2008 und dann in der Lebensmittelpreiskrise 2011 bis 2014 drastisch. Danach sanken sie leicht , jedoch nicht auf das Niveau vor 2007. Wegen der Covid-Pandemie stiegen die Preise wieder stark an und lagen ab Sommer letzten Jahres auf einem Höchststand. Besonders betroffen waren nicht nur Getreide wie Weizen, Reis und Mais, sondern auch Zucker und essbare Öle. Dies hat sich mit dem Krieg in der Ukraine nochmals verschlimmert. Gerade Familien, die über wenig Einkommen verfügen, bekommen dies stark zu spüren.
Gilt dies auch für die Schweiz?
In der Schweiz war diese Entwicklung wegen des starken Frankens und der geringen Inflation weniger gravierend. Doch auch hier hat die Armut zugenommen. Besonders offensichtlich zeigte sich dies während der Covid-Pandemie durch die langen Warteschlangen an karitativen Essensausgabestellen.
Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online