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Die Schrift ist eine alte Technologie. Aber als sie neu war, erhob sich ein Lamento über den Niedergang der Kultur infolge der «Technisierung des Wortes». Platon liess bekanntlich keinen guten Faden am geschriebenen Wort. Der Wahrheit kämen wir nur via Dialog näher. Es könne doch nicht sein, dass etwas, das im Geist ist, ausserhalb des Geistes existiere.
Der «Schein der Weisheit»
Heute veräussern wir vieles aus unserem Geist in die Maschine. Was würde Platon über die neue Technologie der Textgeneratoren sagen? An einer Stelle im Dialog «Phaidros» gibt der platonische Sokrates Auskunft (274b-e): «Den Schülern verleiht man nur den Schein der Weisheit, nicht die Wahrheit selbst. Sie bekommen (…) vieles zu hören ohne eigentliche Belehrung und meinen nun, vielwissend geworden zu sein, während sie doch meist unwissend sind und zudem schwierig zu behandeln, weil sie sich für weise halten, statt weise zu sein.»
Wie gesagt, die Kritik richtet sich gegen die Schrift. Aber sie bleibt substanziell die gleiche, wenn wir Schrift und Chatbot vertauschen. Es geht mit anderen Worten nicht um die Technik, sondern um das Verhältnis von Technik und Mensch. Technik ist, um hier eine Formel zu gebrauchen, die Delegierung menschlicher Vermögen an Geräte. Wenn man das menschliche Vermögen des Erinnerns an das «Gerät» Schrift delegiert, so Platon, dann verkümmert dieses Vermögen und führt zum Verfall der mündlichen Kultur, letztlich des Denkens. Der platonische Sokrates suchte den Dialog, die höchste Ausdrucksform menschlicher Argumentation.
ChatGPT «kennt» seinen Platon
Nun droht der Schrift Unbill vonseiten «schreibender» KI-Systeme wie des Textgenerators ChatGPT. «Verleiht» auch er nur den «Schein der Weisheit»?
«Möglicherweise sähe Platon in ChatGPT einen weiteren Verfall wahren Wissens und Verstehens.»
Ich fragte ihn: «Was würde Platon zu ChatGPT sagen?». Hier eine seiner «Antworten» (sie variieren, als Output eines sich ständig neu justierenden Algorithmus, immer geringfügig): «Möglicherweise sähe Platon in ChatGPT einen weiteren Verfall wahren Wissens und Verstehens. Er könnte argumentieren, dass die persönliche Präsenz im menschlichen Dialog notwendig sei für das richtige Verständnis von Ideen.»
Das hört sich recht wohlüberlegt und stichhaltig an. Aber wahrscheinlich würde Platon hier einwenden: Siehst du, genau das meine ich mit «Schein der Weisheit». Der ChatGPT überlegt nicht, du bekommst von ihm vieles zu hören ohne eigentliche Belehrung, und meinst nun, vielwissend geworden zu sein.
Und schon stecken wir in einer Debatte, deren Horizont noch kaum abzumessen ist. Platon spricht ja vom Schüler. Die Schrift, so kann man aus der Stelle im «Phaidros» herauslesen, «verdirbt» ihn, sie schwächt sein Gedächtnis: «Im Vertrauen auf die Schrift suchen (die Schüler) sich durch fremde Zeichen ausserhalb, und nicht durch eigene Kraft in ihrem Innern zu erinnern.» Im Vertrauen auf den Chatbot suchen Schüler heute fremde Schreibhilfe ausserhalb, und nicht durch eigenes Schreibvermögen.
Kompetenz und Performanz
Was aber heisst «eigentliche Belehrung» im Zeitalter des Textgenerators? Die Frage rührt an einen Unterschied, den man aus der Linguistik kennt: zwischen Können (Kompetenz) und seiner aktuellen Ausführung (Performanz). Ich kann zum Beispiel einige Sätze Italienisch sprechen. Diese Performanz ist natürlich kein Ausweis für meine Italienisch-Kompetenz. Eher lässt sich sagen: I’m faking it, not making it.
Droht nicht genau das auch jenen, die den Textgenerator verwenden? Seine Performanz ist bereits eindrücklich. Aber was für eine Kompetenz demonstriert er eigentlich? Schreibt ChatGPT wirklich? Liegt sein Können nicht schlicht darin, aus einer Bitfolge mittels eines Transformer-Algorithmus eine neue Bitfolge zu generieren? Na und? Nenne man die Zeichenmanipulation nun «Schreiben» oder auch nicht. Wenn sich der Text aus der Maschine oft nicht mehr vom menschlichen Text unterscheiden lässt, kann man auf den Unterschied zwischen «schreiben» und schreiben verzichten.
Der Schüler: ein Hybrid aus Mensch und Maschine
Eine solche These zielt direkt auf das Kerngeschäft unserer Kultur, die Bildung. «Kompetenz» ist der Lieblingsbegriff der Bildungstechnokratie. Schüler sollen Kompetenzen lernen. Nun begleiten sie zunehmend Artefakte, die selber lernen; vielleicht sogar gelehriger sind als Menschen. Sie «emanzipieren» sich vom Hilfsmittel zum künstlichen Schüler. Das heisst, Grundeinheit des Unterrichtens ist heute Schüler-plus-Chatbot – ein Hybrid aus Mensch und Maschine. Man prüft nicht den Schüler, sondern dieses Hybrid. Prüfungs-, Matura-, Seminar-, Masterarbeiten – von wem stammt der geschriebene Text? Wem bescheinigen wir Schreibkompetenz, dem Schüler oder dem ChatGPT? Einen Aufsatz schreiben? Einen Roman zusammenfassen? Einen Text auf logische Stringenz überprüfen? «There’s an app for that» …
Der Horizont einer postliterarischen Welt öffnet sich. In ihm verlieren die altehrwürdigen Kulturkompetenzen Schreiben und Lesen allmählich an Bedeutung, weil man sie dank ChatGPT so gut performen kann. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario zeichnet sich damit ab: Der Schüler rüstet sich mit immer raffinierterer Schreib-Software aus, der Lehrer mit entsprechend ausgeklügelter Entlarvungs-Software. Eine digitale Katz-und-Maus-Schleife, in dem nicht unbedingt der Lehrer obenaus schwingen wird.
Zurück zur Mündlichkeit?
Das klingt reichlich überdramatisert. Natürlich kann man immer noch zwischen guten und schlechten Arbeiten, zwischen Kompetenz und Performanz unterscheiden. Aber der Chatbot als patentes Tool für den «Text auf Knopfdruck» zwingt zum Verlagern der Kriterien. Zum Beispiel – und hier meldet sich überraschend Platon zurück – vom Medium Schrift zum Medium Rede.
Wie prüft man den Schüler angemessen, wenn sich Schreiben automatisieren lässt? Warum nicht weniger schriftlich und mehr mündlich? Der Schüler eignet sich individuell seine Kompetenzen an, mit welcher KI-Technologie auch immer. Aber was er abliefert, ist nichts Endgültiges, sondern Ausgangsmaterial, anhand dessen er nun seine Kompetenzen «coram publico» vorzuführen hat, im Diskurs, buchstäblich: im hin und her gehenden Gespräch mit dem Lehrer und den anderen Schülern. «Ein Rückgriff auf konventionelle Arbeits- und Prüfungsformen scheint derzeit die einzige Möglichkeit zu sein», schreibt der Deutschlehrer Andreas Pfister kürzlich: «Dazu gehören die 45-Minuten-Prüfung, der 90-Minuten-Aufsatz, die Mündlichprüfung. Denn wer möchte Schülerarbeiten mit dem grundsätzlichen Misstrauen begegnen, es habe ein Co-Autor mitgeschrieben?» [1]
Was wollen wir Menschen eigentlich können?
Die Ironie springt ins Auge: Die menschliche Kultur entwickelt sich von der Oralität über die Literalität zur Digitalität – und wieder zurück zur Oralität. Das ist kein Rückschritt, sondern Dialektik der Technik. Wir haben im Zuge des Fortschritts so viel Können an die Maschinen delegiert, dass sich jetzt die Frage stellt: Was wollen wir Menschen denn eigentlich noch können?
Das heisst, wir sollten unsere Aufmerksamkeit vom Schreibautomaten lösen und auf den schreibenden Menschen richten. Wir treten ein in eine neue Runde der Selbstbegegnung. Was lernen wir mit dem Schreiben? Nur Texte generieren? Nicht etwa auch den Blick für all die Nuancen in der Welt schärfen? Kohärent argumentieren? Schreiben als Handwerk der Selbsterkenntnis? Solche Fragen bringen einen zentralen Begriff Platons ins Spiel: Wiedererinnerung. Der Mensch «erinnert» sich gerade dank der Maschine wieder seiner Vermögen. Er lernt sein Können neu kennen, lernt das, was ihm bisher selbstverständlich war, neu verstehen – ja, womöglich entdeckt er es erst. Schule lehrt den Schüler unterscheiden, was er selber können und was er an die Maschine delegieren will. Das ist die Aufgabe des heutigen Unterrichts. Sie hinkt bereits der Technologie hinterher.
Arbeit am Wort ist Arbeit am Geist, sagt man. Sokrates gibt durchaus zu, dass Schrift gewordene Rede nützlich sein kann. Aber er spricht von einer anderen Rede, «die, mit einem Wissen verbunden, in der Seele des Lernenden geschrieben wird». Man kann das Bildung nennen.
[1] https://www.nzz.ch/meinung/chatgpt-wird-das-bildungswesen-auf-eine-harte-probe-stellen-ld.1721909