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Es gibt sie in braun und weiss und dunkelbraun, mit Nuss, mit Keks, mit Crisp: Schokolade. Doch der Rohstoff für das, was in Europa Millionen Kindern schmeckt, wird in Westafrika auch von Millionen Kindern produziert – allen voran in der Elfenbeinküste und Ghana. 74 Prozent der Jahresmenge an Kakaobohnen importiert beispielsweise die Bundesrepublik aus diesen beiden Ländern.
Doch dieser Missstand sollte der Vergangenheit angehören: 2010 vereinbarten die Regierungen der beiden Länder und die Schokoladenindustrie, die Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form bis 2020 um 70 Prozent zu reduzieren. (Am Ende dieses Artikels finden Sie Hinweise, was Sie als Verbraucher gegen Kinderarbeit tun können.)
Doch eine Studie der Tulane University belegt: Die Zahl der arbeitenden Kinder ist nicht gesunken, sondern sogar gestiegen. Für ihre repräsentative Untersuchung haben die Forscher 2267 Haushalte in Ghana und der Elfenbeinküste befragt, finanziert vom US-Arbeitsministerium.
Das Ergebnis: Im Zeitraum 2013/14 arbeiteten in beiden Ländern rund 2,26 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren in der Kakaoproduktion. Das sind 443'000 mehr als noch 2008/09. Zum Vergleich: In den Kakaoanbaugebieten in Ghana und der Elfenbeinküste leben insgesamt etwa sechs Millionen Kinder in der untersuchten Altersklasse.
Nahezu alle dieser Kinder – rund 90 Prozent –- verrichteten gefährliche Arbeiten. Sie ernteten zum Beispiel mit einer Machete Kakaoschoten, schleppten Säcke mit Kakaobohnen oder Wasser für die Behandlung mit Insektiziden. Dabei hat sich das Ausmass der Kinderarbeit in den beiden Ländern gegenläufig entwickelt.
Während die Zahl der arbeitenden Kinder in Ghana leicht gesunken ist, hat die Elfenbeinküste einen Anstieg um 59 Prozent zu verzeichnen. Die Menge des produzierten Kakaos ist hingegen sowohl in Ghana als auch der Elfenbeinküste im gleichen Maß gestiegen, nämlich um rund 40 Prozent.
Eine mögliche Erklärung für den grossen Unterschied zwischen den beiden Nachbarländern könnte die politische Situation sein: Während Ghana in den vergangenen Jahren als verhältnismäßig stabile Demokratie galt, war in der konfliktreichen Elfenbeinküste im Jahr 2011 ein Bürgerkrieg ausgebrochen
Die Initiative Make Chocolate Fair sieht die Konzerne in der Pflicht. «Die Schokoladenindustrie verspricht seit 15 Jahren, die Kinderarbeit zu eliminieren», sagt Projektkoordinatorin Evelyn Bahn. Tatsächlich hatte sich die Schokoladenindustrie 2001 verpflichtet, gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit vorzugehen.
2010 wurde das Abkommen konkretisiert und die Reduktion um 70 Prozent vereinbart. Formal haben die Verpflichtungen zwar immer die amerikanischen Verbände unterzeichnet, die europäischen Hersteller bekennen sich jedoch zu nahezu identischen Zielen. Die Schokoladenhersteller haben sich seit 2001 an zahlreichen Projekten beteiligt, sie haben Namen wie «CocoaAction» oder «Forum Nachhaltiger Kakao». Strittig war bislang, ob die Anstrengungen ausreichen. Die neuen Zahlen zeigen nun: Sie tun es nicht.
«Die bisherigen Massnahmen waren nur ein Tropfen auf den heissen Stein», beklagt «Make Chocolate Fair»-Koordinatorin Bahn. Dabei gäbe es aus ihrer Sicht eine so einfache Lösung: höhere Preise für Kakao. Der Grund für die Kinderarbeit sei vor allem die Armut der Bauern, die sich keine erwachsenen Arbeiter leisten können. Laut der International Cocoa Organisation hat sich der Weltmarktpreis für Kakao seit Ende der Siebzigerjahre bis 2005 inflationsbereinigt mehr als halbiert.
Seitdem ist es zumindest etwas besser geworden: Die Bohnen wurden in den vergangenen Jahren tendenziell wieder teurer. Dennoch: Die bisherigen Massnahmen das Problem der Kinderarbeit nicht lösen konnten. «Im Verhältnis zur Grösse der Herausforderung war die Geschwindigkeit und der Umfang nicht ausreichend», sagte Nick Weatherill von der International Cocoa Initative.
Was bedeutet die Arbeit auf der Plantage konkret für die betroffenen Kinder?
Die Studie zeigt auch: nicht zwangsläufig weniger Bildung. So ist der Anteil der arbeitenden Kinder, die zur Schule gehen, in beiden Ländern gestiegen – von rund 59 auf 71 Prozent in der Elfenbeinküste und von 91 auf 96 Prozent in Ghana. Diese Werte unterscheiden sich kaum von den Durchschnittswerten für alle Kinder in Kakao-Anbaugebieten – also inklusive jener, die nicht auf den Plantagen arbeiten.
Nur ein kleiner Anteil der Kinder wird durch den Kakaoanbau vom Schulbesuch abgehalten, legen die Zahlen nahe. Die Kinder werden auch keineswegs für alle Arbeiten auf den Plantagen eingesetzt. Vielmehr helfen sie bei Tätigkeiten, die viele Arbeitskräfte erfordern, wie die Vorbereitung des Bodens, die Ernte und die Weiterverarbeitung:
Nur vergleichsweise wenige Kinder helfen beim Einpflanzen der Setzlinge oder bringen Dünger aus. Allerdings gefährden viele Arbeiten die Gesundheit der Kinder. Beispiele für Gefahren sind etwa die bei der Ernte eingesetzten Macheten und die schweren Säcke mit Kakaoschoten. So berichtete in beiden Ländern rund ein Drittel der Kinder von Wunden und Schnitten als Folge ihrer Arbeit, etwa 18 Prozent hatten Insektenstiche, knapp zehn Prozent klagten über Muskelschmerzen.
Dazu kommt, dass der Kakaoanbau offenbar grössere Auswirkungen auf die Gesundheit hatte als Arbeiten anderswo in der Landwirtschaft. Im Vergleich konnten die Kinder im Kakaoanbau häufiger auf Grund ihrer Verletzung nicht mehr weiterarbeiten. In der Elfenbeinküste war das bei jedem zehnten Kind der Fall, in Ghana bei acht Prozent der Kinder. Ob die negative Entwicklung bei der Kinderarbeit in Westafrika anhält, wird sich in fünf Jahren zeigen. Dann steht die nächste Untersuchung der Tulane University an.
Zusammengefasst: In Ghana und der Elfenbeinküste haben 2013/14 insgesamt rund 443'000 mehr Kinder im Kakaoanbau gearbeitet als fünf Jahre zuvor – und das, obwohl sich Schokoladenindustrie und Regierungen verpflichtet haben, Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form massiv einzudämmen. Dennoch verrichten neun von zehn Kindern auf den Plantagen gefährliche Arbeit. Aktivisten sehen die Industrie in der Pflicht: Würde sie höhere Kakaopreise bezahlen, müssten Bauern nicht Kinder als Arbeitskräfte einsetzen. Doch auch Handel und Verbraucher können etwas gegen Kinderarbeit tun.
Was Verbraucher tun können: