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Cadillacs, Biker, Geisterstädte – und die grenzenlose Freiheit: Die knapp 4000 Kilometer lange Route 66 durchquert acht US-Bundesstaaten und drei Zeitzonen. Sie ist wohl unbestritten die bekannteste Strasse der Welt! Im Jahre 1914 machte in den USA ein Motorradfahrer namens Erwin G. Baker Schlagzeilen. Er durchquerte das Land von Küste zu Küste in elf Tagen und berichtete danach über «Wege wie frisch gepflügte Äcker». Denn zu dieser Zeit endeten noch fast alle Strassen im Nichts. Doch die Zeiten änderten sich – zwischen 1920 und 1929 stieg die Anzahl der Fahrzeuge in den USA von zehn auf 23 Millionen. Der Ausbau des Strassennetzes war unumgänglich – und der Ruf wurde laut nach einer durchgehenden Strassenverbindung an die Westküste, die noch immer durch die Gebirgskette der Rocky Mountains und durch Wüsten vom Rest des Landes weitgehend getrennt war.
Vom Flickwerk zum Kultstatus
Noch während der Bauarbeiten begannen die ersten Service-Stationen am Strassenrand der Strasse ein Gesicht zu geben. Überall entstanden kleine Restaurants, Tankstellen und Motels, die sich gegenseitig an Originalität zu übertreffen versuchten und für viele bis heute den Charme der Route 66 ausmachen. Die 1926 eingeweihte Route 66 war nicht etwa ein kompletter Highway, sondern ein Flickwerk aus Strassen, Wegen, Pisten und Pfaden. An manchen Stellen mussten die Reisenden Gatter öffnen und schliessen, da die «66» zum Teil über Privatgrund führte. Erst mit der Zeit wurde aus diesem Sammelsurium eine richtige Allwetter-Durchgangsstrasse und die erste Ost-West-Verbindung der USA.
Doch in den 30er Jahren war die Zukunftshoffnung, die viele Städte und ihre Bewohner mit der neuen Strasse verbanden, zunächst getrübt. Eine grosse Dürre- und Sturmkatastrophe kam über das Land und trieb die Menschen im Mittleren Westen Richtung Kalifornien. Denn hier lockten nicht nur die boomende Filmindustrie Hollywoods und die Arbeit in den neu erschlossenen Ölfeldern, sondern auch die fruchtbaren Täler der kalifornischen Wein- und Obstbaugebiete.
Die Beerdigung eines Symbols
Das Verkehrsaufkommen Richtung Kalifornien nahm immer mehr zu, und die schmalen Highways, zu denen auch die Route 66 gehört, konnten den Verkehr kaum noch bewältigen. Präsident Dwight D. Eisenhower, der während des Zweiten Weltkriegs das Autobahnsystem in Deutschland kennen gelernt hatte, war nur einer der Befürworter eines neuen Typs von Strassen in den USA: den mehrspurigen Interstate-Autobahnen. Sie sind schneller, sicherer und – da sie von langer Hand geplant sind – umgehen die Dörfer und Städte der Umgebung. Entlang der Route 66 wurden Autobahnen gebaut, und mit dem Verschwinden der Strasse starben auch Motels, Restaurants, Tankstellen und Geschäfte den wirtschaftlichen Tod. Denn von nun an brauste der Verkehr einfach an ihnen vorbei.
1977 wurde in Chicago das letzte der vertrauten Route-66-Schilder entfernt. In westlicher Richtung endete das Leben der Durchgangsstrasse im Jahr 1985. Die Route 66 wurde endgültig von der Liste der Highways gestrichen. Kaum waren jedoch die ersten Schilder weggeräumt, entstand ein Kult um die Strasse der Sehnsucht und Freiheit. Im Zuge des Kultfilms «Easy Rider» mit Dennis Hopper und Peter Fonda gewann die Route 66 ab 1969 an nostalgischem Charme und bildet somit bis heute den Inbegriff der US-amerikanischen Schicksals- und Sehnsuchtsstrasse. «Easy Rider» handelt von zwei übrig gebliebenen amerikanischen Cowboys. Auf Harley-Davidson-Chopper reiten Peter Fonda und Dennis Hopper von Mexiko über L.A. nach New Orleans. Auf der Strasse suchen die Hauptdarsteller die Flucht vor den Konventionen eines konservativen Amerika. Der Film beschwört den uramerikanischen Pioniergeist, Freiheitsdrang und die Abenteuerlust und lässt diese einst zentralen Werte fortleben. Zudem begründete er das Genre des Roadmovies und befreite eine ganze Generation von falschen Konventionen. Noch heute steht daher die Route 66 für mehr als nur für eine Episode der amerikanischen Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte. Die Route 66 wurde zum Inbegriff der Freiheit.
Von Chicago nach L.A.
Um die Route 66 richtig zu erleben und diesen Geist zu spüren, gibt es keine bessere Möglichkeit, als die gesamte Strecke abzufahren. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Route 66 von einer einfachen Strasse, die Chicago mit Los Angeles verband, zu einer eigenständigen Institution: Der Weg war das Ziel. Wer die Route 66 zurücklegt, sollte sich etwas mehr Zeit nehmen und hinter die so unterschiedlichen Kulissen dieser einzigartigen Strasse schauen. Die Lebensader hat mehr zu bieten als zerklüfteten Asphalt, verwahrloste Tankstellen und Motels, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Nachdem die Route 66 ihrem Untergang durch die parallel gebauten Interstate-Autobahnen entgegensteuerte und spätestens in den 80ern drohte, in den ewigen Jagdgründen zu verschwinden, so fährt die Historic Route 66 seit ein paar Jahren wieder langsam bergauf. Sie ist zwar nicht der längste, nicht der schönste und auch nicht der älteste Highway in Amerika. Aber ihre Geschichte ist getränkt von unzähligen persönlichen Schicksalen und Tragödien, beschrieben in vielen Romanen, Liedern und Filmen.
Seit einigen Jahrzehnten ist die Route 66 offiziell von der Landkarte verschwunden. Das allerdings hindert zahlreiche Fans nicht daran, jedes Jahr auf der legendären Strasse durch das Herz Amerikas zu fahren. Vor einigen Jahren hatte die Route 66 von Ende April bis Mitte Oktober Konjunktur. Die Strasse brummte nur so vor Motorrädern, Fahrrädern, Läufern und Mietwagen. Mittlerweile sind Route-66-Touristen das ganze Jahr über anzutreffen. Menschen aus allen Ländern dieser Welt machen sich auf, den Mythos auf Teilen oder der ganzen knapp 4000 Kilometer langen Strecke zu erkunden, zu er-fahren. In den 90er Jahren entstanden in zahlreichen Städten und Gemeinden Heimatvereine, welche die Erinnerung an «ihre» Strasse hochhalten wollen; Fanclubs wurden gegründet, Museen eingerichtet, und auch die ersten Strassenkarten kamen auf den Markt, damit sich Reisende auf die Spur der alten «Route» begeben können. Neu gegründete und wiederbelebte Etablissements machen ihr Geschäft mit den «66-Touristen» und lassen den alten Geist aufleben. Dabei geht es nicht um die Handvoll geschlossener Tankstellen, die zu touristischen Zwecken als Fotospots auf Vordermann gebracht worden sind. Über und über mit Route-66-Devotionalien überdeckt, sind sie ein zweifelhaftes Zeugnis einer bewegten Zeit, in der Amerika mit V8-Power aus Pontiacs, Chevrolets, Cadillacs und Fords einer neuen Zukunft entgegenbrabbelte.
Shortcut
Phantom Dog auf der Route 66
Es ist eine von Geistern heimgesuchte Strasse, fast alle Trucker kennen die Geschichte. Es gibt hier einen Phantom Dog, einen grossen schwarzen Hund, der in der Nacht, zwischen elf und zwölf, direkt auf die Autos zu rennt, bis die Fahrer die Kontrolle verlieren. Zweihundert oder dreihundert dieser Unfälle hat es gegeben. Die Opfer sprechen nur von einem grossen Hund und davon, dass sie ausweichen wollten. Der Hund hinterliess niemals eine Spur.