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Zusammenfassung
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung können in folgenden Punkten zusammengefasst werden:
1. Sachkompetenz: In den Versuchsklassen traten trotz Reduktion der Lektionenzahl in Hauptfächern um 20 bis 25% in diesen keine Verluste auf. Die Ausdrucksfähigkeit wurde gegenüber den Kontrollklassen in einzelnen Bereichen verbessert. Es gab gute Entwicklungen im Bereich der Sprache.
2. Sozialbereich: Hier sind die Ergebnisse z.T. recht deutlich ausgefallen. Das Sozialklima verbesserte sich zwar in allen Klassen, die Verbesserung war jedoch in den Versuchsklassen in einigen Bereichen deutlicher als in den Kontrollklassen. Der Gruppenzusammenhalt (Soziogramm) nahm in den Versuchsklassen stärker zu. Demgegenüber kann bezüglich der Kontrollüberzeugung nur in geringem Mass von einem Einfluss des Erweiterten Musikunterrichtes gesprochen werden.
3. Motivation: Hier zeigen sich besonders ausgeprägte Gewinne der Versuchs- gegenüber den Kontrollklassen, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird die Schule positiver gesehen, vor allem bezogen auf den Musikunterricht; zum anderen deutet sich eine positivere Einstellung zur Musik im allgemeinen an, also unabhängig vom Unterricht.
Für alle über den gesamten Zeitraum erfassten Bereiche zeigte es sich, dass der Erweiterte Musikunterricht Zeit braucht, um Wirkung zu entfalten. Nach einem oder anderthalb Jahren waren auch die obgenannten Fortschritte noch kaum feststellbar, in einigen Bereichen ergaben sich sogar Rückschläge. Verluste wurden aber mit der Fortdauer des Schulversuchs aufgehoben und z.T. in Gewinne verwandelt.
Die These vom Bildungswert des Musikunterrichtes konnte bestätigt werden, wenn auch nicht so spektakulär, wie es aufgrund der früheren, meist spekulativen Modelle zu erwarten gewesen wäre.
BILANZ
Schulpolitische Folgen
Es war für die schweizerischen Schulverhältnisse ein grosser Entwurf, einen interkantonalen und die Sprachgrenze überschreitenden Schulversuch durchzuführen. Die Strategie der Initianten hat sich bewährt: Sie haben die Schulhoheit der einzelnen Kantone von Anfang an berücksichtigt und die Verantwortlichen bei der konkreten Gestaltung der Versuchsanlage für ihren Kanton selber machen lassen (z.B. Wahl der Versuchsklassen, Elterninformation, Stundenabbau, etc.). Dies hat sich schon während der Versuchsphase sehr bewährt, indem die Verantwortlichen zu ihren jeweiligen Klassen meistens gut Sorge getragen haben, und es macht sich jetzt für die Zeit nach dem Schulversuch vollends bezahlt: In den einzelnen Kantonen wurden zur Fortsetzung der Idee "bessere Chancen für den Musikunterricht an den Schulen" eigene Modelle entwickelt, bzw. es werden noch solche ausgearbeitet.
Die Idee, den Musikunterricht zu erweitern, hat schon einige Tradition und ist andernorts weit etablierter als hierzulande. Dagegen ist die Reduktion der Hauptfächerstunden zugunsten des Musikunterrichts einzigartig. In bisherigen Versuchen oder regulär eingerichteten Modellen fanden und finden die Musikstunden immer zusätzlich zur normalen Stundentafel statt. Die Initianten des Schulversuchs hatten für dieses aussergewöhnliche Verfahren zweierlei Gründe. Der erste war die Überzeugung, der Musikunterricht bewirke, dass in den stundenreduzierten Fächern keine Leistungseinbussen auftreten. Der zweite war pragmatischer Art: Da keine Zusatzstunden eingeführt werden müssen, ist das Modell kostenneutral und führt auch bei den Schülerinnen und Schülern nicht zu einer zusätzlichen Belastung.
In den Primarklassen, in denen die Lehrpersonen für die meisten Fächer zuständig waren, mussten diese jedoch überdurchschnittliche Leistungen erbringen. Dass sie diesen Aufwand auf sich nahmen, ist bewundernswert. Der Stundenabbau mit dem gleichzeitigen Auftrag, den Lehrplan im wesentlichen trotzdem einzuhalten, hat in hohem Masse die didaktische Kreativität und pädagogische Kompetenz der Lehrpersonen angeregt und auf die Probe gestellt. In den stundenreduzierten Fächern wurde wo immer möglich abgespeckt und bisheriges Vorgehen neu überdacht. Die Uhrpersonen schöpften bei den Neukonzeptionen auf der Sachebene insbesondere die Möglichkeiten der Fächerverbindung aus. Es konnte alles mögliche mit Musik kombiniert und so trotz "fehlender Stunden" thematisiert und geübt werden. In den Sekundarschulen waren solche Lösungen nur beschränkt möglich.
Auch auf der sozialen Ebene hat der Erweiterte Musikunterricht die Lehrpersonen dazu angeregt, neue Wege zu gehen. Wie bereits angedeutet, fand der Schulversuch auch in zwei französischsprachigen Kantonen statt. Dort erfolgte die wissenschaftliche Begleitung völlig unabhängig von der hier berichteten Untersuchung und bildet eine willkommene Ergänzung dazu. Soweit Vergleichbares gemessen wurde, widersprechen sich die Ergebnisse dies- und jenseits der Sprachgrenze nicht, auch wenn z.T. ganz andere Messmethoden verwendet wurden. Die allgemeine Bilanz ist positiv, sowohl aus der Sicht der Lehrpersonen als auch der Schülerinnen und Schüler und der Eltern.
Blick über die Landesgrenze
In Österreich wurden bereits im Schuljahr 1976/77 Musikklassen an Hauptschulen institutionalisiert und in das Regelschulwesen aufgenommen. An diesen Schulen wurde die Musik zum Kernfach. Die durchwegs positiven Rückmeldungen der Eltern führten zur schnellen Verbreitung dieses Schultyps: Im Schuljahr 1990/91 gab es in Österreich bereits 71 Musikhauptschulen mit gesamthaft ungefähr 500 Klassen. Die Stundentafel verlangt durchschnittlich 6 Wochenstunden Musik, eine bis zwei davon als Instrumentalunterricht. Die wöchentliche Gesamtstundenzahl für die Schülerinnen und Schüler ist um drei höher als an gewöhnlichen Hauptschulen. Im übrigen sind die österreichischen Hauptschulen stark leistungsorientiert: In den Hauptfächern wird in drei Leistungsstufen unterrichtet,
Der Vergleich mit der Schweiz ist interessant: Hier wurde der erste Schulversuch (1972/73 in Muri) bereits ein Jahr früher durchgeführt. Aber zwanzig Jahre später sind wir noch lange nicht so weit wie Österreich bereits 1976. Dabei ist das schweizerische Modell kostenneutral, während in Österreich wesentlich mehr Lehrerstunden anfallen.
Auch in Deutschland, namentlich in Bayem, gibt es eine Reihe von Schulen mit Schwerpunkt Musik. Leider fehlen auch dort wie in Österreich wissenschaftliche Auswertungen. Ein neuer Schulversuch unter der Leitung der Umversitat Paderbom ist im Jahre 1992 in Berlin angelaufen.
Konsequenzen
Der Umstand, dass trotz Reduktion von Lektionen in den Hauptfächern in diesen nicht weniger, in einigen Fällen sogar mehr geleistet wurde, ist ein schönes Ergebnis. Diese Tatsache erhält jedoch eine besondere Bedeutung dadurch, dass die Kinder der Musikklassen nun gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen über eine deutlich höhere Kompetenz im Singen, Musizieren und Tanzen, im Hören, Notieren und Beurteilen von Musik verfügen und dass sie Instrumente, Formen, Stile und wesentliche Teile der Musikgeschichte kennen. Durch das Überwachen von verschiedenen gleichzeitigen Abläufen schon beim Singen von Kanons oder beim Musizieren und Tanzen haben sie gelernt, in Strukturen zu denken. Sie haben ein neues Symbolsystem, dasjenige der Musik, in seinen Grundzügen erlernt. Ihre Stimme ist durch das Singen geschult worden: sie haben gelernt, sich vernehmen zu lassen. Ausserdem haben sie beim gemeinsamen Musizieren gelernt, zusammenzuarbeiten und aufeinander zu hören; ihre Toleranz und ihr Verständnis für die Mitmenschen, d.h. ihre soziale Kompetenz wurde erhöht. Alle diese Kenntnisse und Fähigkeiten haben diese Kinder zusätzlich erworben. In den allgemeinen Schulfächern haben sie aber gleich viel gelernt wie ihre Kolleginnen und Kollegen in den Normalklassen.
Für das Bildungswesen auf der Volksschulstufe sind diese Erkenntnisse von grundlegender Bedeutung: Der Erwerb musikalischer Kompetenzen ohne Beeinträchtigung der für das spätere Leben vordergründig wichtigen Schulfächer kann ein wichtiger Beitrag zur sinnvollen Freizeitgestaltung der Jugendlichen und späteren Erwachsenen sein. Der Gewinn im Bereich der sozialen Kompetenzen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zu denken ist dabei an die Fähigkeit zum Teamwork, die heute im Beruf überall verlangt wird, an Toleranz und Kooperation. Deshalb haben alle Schülerinnen und Schüler der Volksschule ein Anrecht auf einen guten Musikunterricht, der nicht nur eine fakultative Zugabe. sondern genau so wichtig ist wie Muttersprache, Mathematik und Turnen.
In einigen Kantonen ist Singen/Musik in der Volksschule in der Stundentafel nicht oder nicht mehr auf allen Stufen mit zwei Lektionen pro Woche vertreten. Vielerorts war der Widerstand gegen diesen Abbau nur gering, weil es diesem Fach immer wieder Schwierigkeiten gibt und weil zuwenig qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Diese pragmatischen Gründe verhinderten eine grundsätzliche Diskussion. Der Abbau ist aber keine Lösung der erwähnten Probleme; er macht diese im Gegenteil noch schlimmer: Zunächst bedeutet er eine Abwertung des Faches in den Augen der Schüler, der Lehrer und der Öffentlichkeit. Zweitens sind in nur einer Lektion pro Woche keine befriedigenden Resultate zu erzielen. Und drittens mehren sich aus genau diesen Gründen die disziplinarischen Schwierigkeiten, und die Lehrkräfte sind noch weniger bereit, sich ihnen auszusetzen.
Wenn dieser Teufelskreis durchbrochen werden soll, ist eine energische Aufwertung unverzichtbar, und zwar auf drei Ebenen: Erstens muss das Fach Singen/Musik besser anerkannt werden; es sind ihm auf allen Stufen mindestens zwei wöchentliche Lektionen zuzugestehen. Zweitens muss die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte entscheidend verbessert werden. Drittens sollten in die Lehrerbildungsanstalten für die Volksschule nur Kandidatinnen und Kandidaten aufgenommen werden, die sich im Singen und Instrumentalspiel ausweisen können. Besonders dort, wo die Lehrerbildung erst im Erwachsenenalter beginnt, ist es sonst nicht mehr möglich, während der Ausbildung eine für die anspruchsvolle künftige Aufgabe genügende musikalische Kompetenz zu erarbeiten.
Eine echte und nachhaltige Integration der Musik in das Bildungswesen ist für dieses in hohem Masse wünschbar. Dies erfordert allerdings eine erhebliche Anstrengung. Es stellt sich die Frage, ob nicht - analog zu 'Jugend + Sport' - eine Institution 'Jugend + Musik' zu schaffen wäre, welche gemeinsames Singen, Musizieren und Tanzen der Jugendlichen zu fördern hätte, als Beitrag zur mentalen Gesundheit, als Beitrag auch zum Dialog über die Sprachgrenzen. Eine Schule, in der jeden Tag gesungen und musiziert wird, eine Schule, die Musik macht, dieses Anliegen stand am Anfang des umfangreichen Schulversuchs mit Erweitertem Musikunterricht, in dessen Verlauf die Schülerinnen und Schüler mehr Musikstunden, aber weniger Unterricht in Hauptfächern erhielten. Auf Grund der vielfältigen Erfahrungen mit diesen Klassen können wir heute feststellen: Musik macht Schule, oder zumindest kann sie Schule gestalten, verändern, humaner machen. Es entstand ein besseres soziales Klima, und die Schülerinnen und Schüler dieser Klassen gingen lieber zur Schule. Trotz einer geringeren Lektionenzahl in den Hauptfächern gingen die schulischen Leistungen nicht zurück.
Auch in einer anderen Hinsicht machte Musik in diesem Projekt Schule: Sie erhielt im Leben der Schulerinnen und Schüler eine neue Bedeutung. Musik ist für sie nicht mehr nur Konsumgut; sie sind ihr auf den Leib gerückt und haben eine Ahnung, wie sie gemacht wird. Sie kennen Elemente und Symbole, können damit umgehen und sie verwenden, um selber Musik zu machen. Die Musik hat in ihrem Leben einen festen Platz erhalten, der durch nichts anderes zu ersetzen wäre. Es ist nun zu hoffen, dass Musik in einer dritten Hinsicht Schule machen wird. Trotz ihrer heute fast alles überschwemmenden Verbreitung und ihrer grossen Bedeutung für viele Menschen fristet die Musik im Bildungswesen das Dasein eines Mauerblümchens. Nun hat sich gezeigt, dass einer Schule ohne Musik etwas Entscheidendes fehlen würde. Wir wünschen uns, dass Musik in der Schule in Zukunft an Bedeutung gewinnt, dass ihre Möglichkeiten in der schulischen Bildung und der Entwicklung der Persönlichkeit erkannt und anerkannt werden, dass Musik Schule ganz macht. Diese Schrift soll dazu beitragen.