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Severin Niggli wurde 2002 zum Mister Teenie gekürt. Er drehte Werbespots und war Model. Bis er merkte, dass Schreinern in Vietnam viel mehr sein Ding ist.
Wer jung ist, reist. Doch kaum jemand bleibt mehr als drei oder vier Monate von zu Hause weg. Severin Niggli (27), Mister Teenie 2002, kehrte seiner Heimat, dem Engadin, aber gleich für mehrere Jahre den Rücken und machte sich mit massgefertigten Möbeln in Vietnam selbstständig. Nicht nur, weil der Reisewunsch immer stärker wurde, sondern auch, um die konsumgeprägte Gesellschaft hinter sich zu lassen.
«Nach meinem Jahr als Mister Teenie hatte ich immer wieder mit dem TV-und Modelbusiness zu tun. Mir schien das Modeln jedoch schlimmer als Prostitution zu sein. Man verkauft seinen Körper an irgendwelche grossen Konzerne, um ihnen die bewusste Manipulation unseres Kaufverhaltens zu ermöglichen.» Diese Welt war für ihn zu sexuell geprägt und oberflächlich. «Ich wollte Süchte, wie überflüssiges Kaufen, Bequemlichkeit oder schnellen Sex, die nur der kurzen Befriedigung dienen, überwinden und ehrlich zu mir selbst sein. Ich habe angefangen, den Wert des Geldes zu überdenken und bin zum Entschluss gekommen, dass Konsum, wie wir ihn kennen, für mich keinen Sinn macht.» Frei von diesen Abhängigkeiten wurde es für ihn einfacher, Ängste zu überwinden und ins Leben zu vertrauen.
2013 reiste der Engadiner mit seiner damaligen Freundin nach Vietnam, nicht um dort zu bleiben, sondern nur, um das Land zu sehen. Doch es kam anders. Das Geld wurde knapp und Severin entschied sich, in einer Strandbar in Hoi An einige Zeit lang die Reisekasse aufzubessern. «Als wir aber ein passendes Haus gefunden haben, erfuhren wir, dass dieses für mindestens ein halbes Jahr zu mieten wäre. Darum haben wir uns entschieden, so lange dort zu bleiben.»
Das einzige, was im Haus fehlte, war ein richtiges Sofa. Dafür befand sich im Hinterhof eine riesige unbenutzte Werkstatt. Hier schreinerte der KV-Absolvent aus Holzbalken sein erstes Möbelstück – damals noch mit Hilfe seines Vermieters. «‹Warum soll ich Dinge kaufen, die ich selber machen könnte›, war mein Gedanke. Ich hatte ausserdem eine genaue Vorstellung, wie die Couch aussehen soll. Obwohl ich nicht das Wissen eines Schreiners habe, klappte die Arbeit mit ein bisschen Kreativität und logischem Denken hervorragend.»
Mit dem Restholz bastelte der damals 24-Jährige eine Lampe und erhielt von allen Seiten positives Feedback. «Da wurde mir klar, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, meine neu entdeckte Leidenschaft zu verwirklichen und mich selbstständig zu machen.»
Dennoch wollte er keine Brücken hinter sich abbrechen und blieb weiterhin in der Schweiz angemeldet. «Ich sehe mich nicht als klassischen Auswanderer. Denn Menschen tun das bewusst, um den Rest ihres Lebens irgendwo zu verbringen. Für mich war mein neues Zuhause aber nie was Endgültiges. Ich wollte mir die Reise-Freiheit nicht nehmen. Darum ist auch die Zeit in Vietnam eine Reise, die letztendlich länger gedauert hat und mir den Aufbau eines eigenen Geschäfts ermöglichte.»
Der Verkauf von massgefertigten Möbeln aus Holz von alten Häusern und Booten lief dank der Mund-zu-Mund-Propaganda zwischen den Expats, die er zu seinen Hauptkunden zählt, sehr gut an. «Mit dem Geld, das ich damit verdient habe, konnte ich mir einen sehr luxuriösen Lebensstil leisten. Mit meiner Freundin waren wir oft auswärts essen, hatten unser Haus mit dem Garten, die Motorräder und konnten im Paradies das Leben geniessen.» Und da waren Schuhe offenbar fehl am Platz. «Ich bin seit meiner ersten OneWay-Reise grundsätzlich barfuss unterwegs, um den Boden zu spüren. So war das auch in Vietnam. Die Menschen nannten mich ‹The Swiss barefoot guy›.»
Trotzdem kam irgendwann die Einsamkeit. Denn die Sprachbarrieren machten es schwer, einen richtigen Anschluss an die Einheimischen zu finden und mit den Menschen frei zu kommunizieren. «Sie sind zwar wahnsinnig freundlich, sehen in dir aber oft nur den weissen Reichen. Das ständige Preisverhandeln auf den Märkten hat mich häufig sehr gestört.»
Dennoch ist ihm klar, dass die westliche Herkunft alleine oft ein Garant dafür ist, einen gutbezahlten Job zu finden. «Wir Westler sind in Vietnam sehr angesehen, denn die Menschen dort streben nach dem, was wir haben. Obwohl Vietnam kommunistisch geprägt ist, ist das Land voll auf den Kapitalismus-Zug aufgesprungen. Und so kommts dann, dass man Arbeit bekommt, ohne wirklich dafür qualifiziert zu sein. Es reicht, dass man weiss ist. Das wissen die Einheimischen und verlangen von den Ausländern deshalb immer höhere Preise auf den Märkten.»
Demnächst plant Severin Niggli wieder für einige Zeit in die Schweiz zu ziehen, um hier ein Geschäft mit massgefertigen Möbeln aufzubauen. «Ich mache mein Glück nicht von einem Ort abhängig und arbeiten kann ich überall. Aber in der Schweiz wird es mehr Disziplin brauchen, meine Philosophie zu leben. Denn hier schwimme ich gegen den Strom. Doch ich denke, ich habe in Vietnam ausreichend gelernt und bin jetzt genug stark, meinen Träumen nachzugehen und mich nicht in den Strom von Abhängigkeiten und Ängsten reissen zu lassen.»