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Wie gefährlich es wirklich? Und vor allem: Welche Folgen hat es für die Gesellschaft? Ein Gespräch mit dem Epidemiologen Christian Althaus über das Coronavirus und Epidemien der Zukunft.
Christian Althaus
Der Forscher ist am Institut für soziale und präventive Medizin (ISPM) der Universität Bern tätig. Er leitet dort die Forschungsgruppe zur Immuno-Epidemiologie.
SRF: Was macht das Coronavirus gefährlicher als die normale saisonale Grippe?
Christian Althaus: Die normale saisonale Grippe ist auch nicht ungefährlich, etwa zehn Prozent der Bevölkerung infizieren sich jedes Jahr. In der Schweiz sind das etwa 800'000 Leute, wovon vielleicht eine von 1000 Personen stirbt.
Das Coronavirus hat mittlerweile das Potenzial für eine globale Pandemie. Es könnte sich also ein bedeutender Anteil der Weltbevölkerung infizieren. Im Moment muss man davon ausgehen, dass die Sterblichkeit pro infizierte Person etwas höher ist als bei einer saisonalen Influenza.
Wenn die Sterblichkeit bei etwa einem Prozent aller infizierter Personen liegen würde, könnte das zu etwa acht Millionen Todesfällen weltweit führen.
Das Coronavirus ist relativ ansteckend – vergleichbar mit einer saisonalen Influenza, aber auch mit SARS.
Acht Millionen, das klingt nach enorm viel.
Bei einer saisonalen Influenza geht man davon aus, dass daran jedes Jahr etwa eine halbe Million Menschen stirbt. Bei der Gefährlichkeit, mit der man beim Coronavirus rechnen muss, kann es sein, dass der Faktor um zehn höher ist.
Kann das Corona-Virus zu einer Pandemie werden?
Das Potenzial einer Pandemie besteht. Es könnte zu einer weltweiten Ausbreitung kommen. Das Coronavirus ist relativ ansteckend – vergleichbar mit einer saisonalen Influenza, aber auch mit SARS.
SARS hat sehr viele sogenannte «Super-Spreading-Events» verursacht: Nur wenige Leute übertragen es, stecken dann aber sehr viele Menschen an.
Beim Coronavirus könnte es sein, dass es sich sehr regelmässig ausbreitet, es aber weniger «Super-Spreading-Events» gibt. Ähnlich wie bei der Influenza. Dann ist das Risiko für eine Pandemie sehr gross.
Was hat man gelernt aus der Geschichte der Virenbekämpfung?
Man hat einiges gelernt, gerade von der SARS-Epidemie 2003, aber auch von der pandemischen Influenza im Jahr 2009. SARS hatte eine relativ hohe Sterblichkeit zur Folge, man konnte das Virus aber eindämmen. Somit war eine globale Epidemie weniger wahrscheinlich.
Bei der pandemischen Influenza 2009 war es umgekehrt. Das war ein typischer Influenzavirus, der sich sehr gut ausbreitete. Ein sehr grosser Prozentteil der Bevölkerung hat sich damit infiziert, die Sterblichkeit war jedoch tief und der Verlauf wahrscheinlich fast milder als bei einer normalen saisonalen Influenza.
Die derzeitige Coronavirus-Epidemie in China zeigt, dass diese Gefahr neuer Viren immer noch besteht. Das rüttelt eine Gesellschaft auf.
Mit dem neuen Coronavirus könnte man sich irgendwo dazwischen bewegen, sodass die Sterblichkeit pro infizierte Person höher ist als bei einer saisonalen Grippe. Sicher nicht so hoch, wie man das bei SARS kannte, aber eben das Risiko einer weltweiten Ausbreitung besteht.
Nebst den Todesfällen: Wie treffen solche Epidemien unsere Gesellschaft?
Man muss sich bewusst sein, dass sich die Menschheit immer wieder mit Pandemien und Epidemien auseinandersetzen musste – im Mittelalter oder noch früher. Die derzeitige Coronavirus-Epidemie in China zeigt, dass diese Gefahr neuer Viren immer noch besteht. Das rüttelt eine Gesellschaft auf.
Wir wissen, dass das Risiko, dass solche neuen Epidemien und Pandemien auftreten, sich in Zukunft wahrscheinlich erhöht.
Man sieht das am Verhalten einer Gesellschaft. Man macht sich Gedanken über Mobilität, über Märkte. Man sieht aber auch, dass es zu Ausgrenzungen von Bevölkerungsgruppen kommen kann und es Abschottungstendenzen gibt.
Werden solche Ausbrüche in Zukunft häufiger vorkommen?
Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele Ausbrüche von neu auftretenden Infektionskrankheiten gesehen – SARS und MERS, Ebola, Zika etc. Wir wissen, dass das Risiko, dass solche neuen Epidemien und Pandemien auftreten, sich in Zukunft wahrscheinlich erhöht.
Gründe dafür sind die grössere Mobilität und der Transport zwischen Ländern. Aber auch, dass der Mensch immer stärker vordringt in Gebiete, wo er bisher noch nicht war – und wo auch das Risiko, dass ein neuer Virus sich vom Tier zum Menschen überträgt, erhöht ist. Man hat dies bei Ebola in Westafrika gesehen: Das Vordringen in die Urwälder kann das Risiko einer Übertragung begünstigen.
Ein weiterer Faktor ist der Umgang des Menschen mit dem Fleischkonsum und mit der Tierhaltung. Man muss sich Gedanken machen, wie man das Risiko einer Übertragung vom Tier zum Menschen verhindern oder zumindest tief halten kann.
Das Gespräch führte Peter Höllrigl.
Sendung: SRF 1, Einstein, 13.02.2020, 22:25 Uhr