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Angenommen, Sie leiden seit mindestens 12 Wochen an Rückenschmerzen. Und dann fragt Ihre Ärztin: «Möchten Sie ein Placebo versuchen? Es enthält keinen Wirkstoff. Lassen Sie uns schauen, was passiert.»
Forscher haben das vor einigen Jahren in einer dreiwöchigen Studie ausprobiert. Die Teilnehmenden führten ihre bisherige Behandlung mit Medikamenten und nicht-medikamentösen Methoden wie Physiotherapie fort. Zusätzlich erhielt die Hälfte der Versuchspersonen Placebo-Kapseln.
Ab dem elften Tag der Placebo-Einnahme ging es den von Rückenschmerzen Geplagten besser als der Vergleichsgruppe, die kein Placebo erhielt. Die Schmerzen liessen nach und die niedergeschlagene Stimmung besserte sich – dank täglich zwei Kapseln, die «nur» Zellulose enthielten.
Gefühl, weniger eingeschränkt zu sein
Objektiv änderte sich an den Rücken nichts. Bei der Untersuchung konnten die Versuchspersonen ihren Rücken jedenfalls nicht besser bewegen als diejenigen in der Vergleichsgruppe. Aber das subjektive Gefühl, durch die Rückenschmerzen eingeschränkt zu sein, nahm mit dem Placebo signifikant ab.
Auch der Schmerzmittelgebrauch sank: Die Hälfte derjenigen, die kein Placebo schluckten, griffen in den drei Wochen mindestens einmal zu einem Schmerzmittel. Von denjenigen, die Placebo schluckten, tat das nur knapp ein Drittel.
Eine Nachbefragung 90 Tage später ergab, dass der schmerzlindernde Effekt des Placebos weiterhin anhielt.
Grössere Schmerzreduktion als mit Schmerzmitteln
Das Experiment, das an der Universitätsklinik im deutschen Essen stattfand, bestätigte die Resultate von portugiesischen Forschern. Sie hatten dasselbe einige Jahre zuvor ausprobiert, ebenfalls mit Erfolg.
Auf einer Skala von Null (= kein Schmerz) bis 10 (= maximaler Schmerz) verbesserten die Placebo-Pillen die Schmerzen dort um durchschnittlich 1,5 Punkte. Das ist nicht enorm, aber es war immerhin 30 Prozent besser als vorher und mehr als das, was gängige Schmerzmittel im Durchschnitt bewirken, schrieben die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Die herkömmliche Vergleichsbehandlung ohne Placebo erzielte nur eine Verbesserung um 0,44 Punkte.
In einem zweiten Experiment erhielt die Gruppe, die anfangs behandelt wurde wie üblich, ebenfalls drei Wochen lang zusätzlich ein Placebo – und der Effekt war bei ihnen sogar noch etwas grösser. Unerwünschte Wirkungen hatte das Placebo fast keine.
Manche konnten nicht glauben, dass sie «nur» Placebo schluckten
Den meisten Versuchsteilnehmerinnen (es waren überwiegend Frauen) war klar, dass sie «nur» Placebo geschluckt hatten. Drei allerdings waren überzeugt, es müsse sich in Wahrheit um ein Schmerzmittel gehandelt haben, weil es so gut gewirkt habe.
Dieses Experiment endete im Dezember 2015. Fast fünf Jahre später kontaktierten die Versuchsleiter die Teilnehmenden erneut. 55 der 83 Personen konnten erreicht werden1. Ihre Schmerzen waren von 4,83 Punkte auf der Skala ganz zu Anfang auf 3,25 am Ende des Versuchs gesunken – und blieben in den Folgejahren etwa auf diesem Niveau. Alles in allem ging es den Befragten bezüglich ihrer Rückenschmerzen 40 Prozent besser.
Mindestens die Hälfte derjenigen, die ganz zu Anfang Schmerzmittel, Antidepressiva oder Beruhigungsmittel genommen hatten, hatten diese zwischenzeitlich abgesetzt. Rund 30 Prozent wendeten nun vermehrt nicht-medikamentöse Methoden an, zum Beispiel Osteopathie oder Akupunktur. Und mehr als die Hälfte berichtete von positiven Veränderungen ihrer Lebensweise. Zum Beispiel trieben sie Sport, ernährten sich gesünder oder hatten abgenommen.
Viele Patienten wären bereit, ein offenes Placebo zu nehmen
Gefragt, ob sie wieder Placebo gegen Schmerzen oder andere Beschwerden nehmen würden, antwortete die Mehrheit «Ja». Der Versuch hatte einigen überdies bewusst gemacht, dass ihre Schmerzen mit der Einstellung zusammen hängen könnten.
Umfragen in den USA und Grossbritannien zufolge wären etwa 60 Prozent der Befragten bereit, ein offenes Placebo zu versuchen. «Offen» bedeutet, dass die Beteiligten wissen, dass sie ein Placebo nehmen.
«Erlernte» Placebo-Wirkung
Ähnliche Experimente mit offenen Placebos wurden auch bei anderen Erkrankungen schon durchgeführt. Eine kleine, aktuelle Studie betrifft Menschen mit Schlafstörungen. Auch dort wurden die 55 Versuchsteilnehmenden per Los in zwei Gruppen eingeteilt.
Eine Gruppe bekam Zolpidem, ein gebräuchliches Schlafmittel. Die andere erhielt immer im Wechsel an einem Tag Zolpidem und am nächsten ein äusserlich nicht unterscheidbares Placebo. Das Ergebnis: Beide Gruppen schliefen subjektiv etwa gleich lang.
Im nächsten Schritt wurde die Gruppe, die täglich Zolpidem zum Schlafen genommen hatte, per Los geteilt: Eine Hälfte dieser Gruppe erhielt weiterhin täglich das Schlafmittel, die andere bekam nun Placebo und Zolpidem im Wechsel. Das Resultat: Beide Gruppen schliefen subjektiv gleich lang. Die Gruppe, die von Anfang an abwechselnd Zolpidem und Placebo erhalten hatte, lag im Vergleich dazu nachts etwas länger wach.
Der grosse Haken an dieser Studie: Etliche Teilnehmer schieden vorzeitig aus, nur 26 machten bis zum Schluss mit. Deshalb lassen sich daraus keine Empfehlungen ableiten. Die Idee hinter dem Experiment ist dennoch interessant: Zuerst soll der Körper «lernen», die Einnahme eines Medikaments mit einer bestimmten Wirkung zu verknüpfen. Im nächsten Schritt wird das Medikament dann teilweise oder ganz durch ein Placebo ersetzt oder ergänzt.
2018 gelang es in einem kleinen Experiment an Menschen nach einer Nierentransplantation auf diese Weise, mit einem Placebo (in diesem Fall grün gefärbter Erdbeermilch) die Wirkung von Medikamenten zu verstärken, die verhindern sollten, dass das transplantierte Organ vom Körper abgestossen wird. Die Placeboforscher hoffen, dass es mit Hilfe von Placebos gelingen könnte, die Medikamentendosis (und damit auch die Rate an unerwünschten Wirkungen) zu reduzieren.
1 Offen bleibt, wie es denjenigen erging, die unauffindbar blieben und darum nicht kontaktiert werden konnten. Und wie allein die übliche Behandlung, ohne Placebo, auf Jahre hinaus geholfen hätte.
Hinweis: Länger dauernde Rückenschmerzen oder solche mit Warnzeichen (zum Beispiel Gewichtsverlust, Fieber, immer schlimmer werdende Schmerzen) sollten ärztlich untersucht werden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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