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Antarktika liegt weit abseits von sämtlicher Zivilisation dank dem Südlichen Ozean und der antarktischen Konvergenzlinie, eine Art biologische Barriere. Die meisten antarktischen Tierarten bleiben auf der südlichen Seite der Grenze, da nördlich davon die Bedingungen wie Nahrung und Temperatur weniger optimal sind. Doch hin und wieder verirren sich einzelne Individuen in nördliche Regionen, was für Aufmerksamkeit in den Medien sorgt… und leider auch für falsche Vorstellungen, wie am Beispiel eines kleinen Adéliepinguins in Neuseeland.
Vergangene Woche wurde ein kleiner Adéliepinguin zum medialen Hit, nachdem die neuseeländische Zeitung Stuff über dessen unverhoffte Ankunft in Neuseeland gemeldet hatte. Denn Adéliepinguine sind nur in Antarktika und auf dessen naheliegenden Inseln heimisch und Meldungen von verirrten Vögeln ausserhalb dieser Region sind enorm selten. Die nächstgelegene grössere Kolonie von Adélies liegt am über 3’000 Kilometer entfernten Kap Adare am Eingang zur Rossmeerregion. Der Vogel wurde von einem örtlichen Schutzverein eingefangen und untersucht. Abgesehen von Dehydrierung und Hunger war das Tier in gutem Zustand. Da es keine andere Option gab, wurde der Adéliepinguin, der von den Einheimischen «Pingu» genannt wurde, darauf wieder ins offene Meer entlassen.
Experten in Neuseeland waren sehr überrascht über den Besucher. Neuseeland verzeichnete bisher erst zwei weitere Adélies an seinen Küsten. Davon war einer bereits tot, als man ihr entdeckt hatte. Adélies überqueren kaum die antarktische Konvergenzlinie, die eine Art Grenze bildet. Hier treffen die kalten Wassermassen aus der Antarktis auf die wärmeren Gewässer des Nordens und sinken unter diese ab, da das antarktische Wasser etwas schwerer ist. Dadurch werden die darunterliegenden Wassermassen verdrängt und von ganz unten an die Oberfläche gebracht. Damit auch viele Nährstoffe, die zu viel Plankton und Krill führen, der Nahrungsbasis von Adéliepinguinen und vielen anderen Antarktisbewohner. Doch Krill ist nicht überall verfügbar und Adélies müssen weite Strecken schwimmen, wenn sie nach der Brutzeit im Herbst ihre Reserven wieder auffrischen wollen. Darum ist die Leistung des kleinen Besuchers auch nicht die geschwommene Strecke an sich, sondern die Tatsache, dass er über die Konvergenzlinie hinausgeschwommen war und es bis nach Neuseeland geschafft hatte… ohne Eisschollen zum Ausruhen und mit kaum Nahrung und Wasser (Adélies decken ihren Wasserbedarf über Schnee und Nahrung).
Der Fund gab Anlass für einen kurzen, aber heftigen medialen Hype auf zahlreichen Newsportalen. Die Geschichte als solches ist zwar bemerkenswert, jedoch nicht ein Anzeichen für den Klimawandel in den Brutgebieten, wie es ein Schweizer Medienportal dargestellt hatte, oder eine Flucht vor schlechten Bedingungen in der Antarktis. Adéliepinguine und auch andere antarktische Tierarten verbringen ihre Winterzeit (Mai/Juni – Oktober) nahe der Packeiskante, die relativ rasch nach Norden wandert und so die Fläche von Antarktika bis im September rund verdoppelt. Wenn danach das Packeis sich wieder rasch zurückzieht, kann es dazu führen, dass einzelne Tiere sich «verschwimmen» und auf der Suche nach Nahrung weiter Norden ziehen. Ein Blick auf die Karte zeigte in diesem Jahr in der Antarktis eine überdurchschnittliche Ausbreitung des Packeises bis Anfang September, gefolgt von einem raschen Rückzug. Auch Professor Philip Seddon von der Universität Otago in Neuseeland ist nicht der Meinung, dass ein Pinguin einen Klimawandel macht. «Ich glaube, dass wenn wir vermehrte Ankünfte von Adélies sehen werden, müssten wir darüber nachdenken, dass sich etwas in den Ozeanen verändert hat, dass wir verstehen müssen.»
Die Zahl von Adéliepinguinen steht zurzeit gemäss Roter Liste der IUCN bei rund 10 Millionen Erwachsenen, Tendenz steigend. Das bedeutet aber nicht, dass die Tiere ein sorgenfreies Leben in Antarktika führen. Einige der Kolonien haben gemäss Experten lokal Rückgänge verzeichnet, die wahrscheinlich mit der Nahrungsverfügbarkeit zu tun hat. Doch wurden an anderen Stellen neue, grosse Kolonien entdeckt. Adélies brauchen vor allem Krill, fressen aber auch andere Krebstiere. Und Krill ist vor allem an der sich erwärmenden Westküste der antarktischen Halbinsel zurückgegangen. Ausserdem sind Krillfischerei und Verschmutzung weitere Bedrohungen, die langsam zunehmen. Tatsächlich sind unsere Kenntnisse über die Zahl der Adéliepinguine und auch andere Pinguinarten noch mit Lücken behaftet. Projekte wie Penguin Watch von der Universität Oxford, die Zählungen, die von Forschern vor Ort vorgenommen werden oder die Auswertung von hochaufgelösten Satellitenaufnahmen helfen jedoch dabei, unser Wissen über «Pingu» und seine Gefährten laufend zu verbessern… und damit auch über den Zustand seines Lebensraumes, der zwar sensitiv, aber auch hochkomplex auf die gegenwärtigen Veränderungen reagiert.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal