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Was hat euch zu diesem Projekt inspiriert?
Migrant*innen und vor allem Geflüchtete gehören zu den besonders verletzlichen und am meisten benachteiligten Menschen in der Schweiz. Dies zeigt sich auch darin, dass bei ihnen die Sozialhilfequote viel höher ist als bei Einheimischen. Im Asylbereich lag sie 2019 bei 86,6%.[1] Über 90 Prozent der Geflüchteten in der Schweiz sind unter 40 Jahre alt.[2] Ein Drittel der Sozialhilfebezüger*innen im Flüchtlings- und Asylbereich ist unter 18, fast die Hälfte zwischen 18 und 35 Jahre alt.[3] Es handelt sich also meist um junge Personen, die gerne einen Beitrag an die Gesellschaft leisten und sich eine vielversprechende Zukunft aufbauen würden.[4]
Jedoch stehen insbesondere Geflüchtete in der Schweiz vor zahlreichen Barrieren, die es ihnen erschweren sich im Alltag zurechtzufinden und den Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Gemäss Bundesamt für Statistik ist es für Asylsuchende äusserst schwierig, eine Arbeit zu finden, die finanzielle Autonomie ermöglicht. Zu den Gründen gehören ein fehlendes soziales Netzwerk, mangelnde Kenntnis der Rechtslage und posttraumatische Belastungsstörungen. Aus den gleichen Gründen ist für Geflüchtete der Zugang zum Wohnungsmarkt schwierig.[5]
Fehlendes soziales Netz
Der fehlende Kontakt zu Einheimischen führt in vielen Fällen dazu, dass die sprachlichen und kulturellen Barrieren nicht überwunden werden können. So entwickeln Geflüchtete und auch Migrant*innen Hemmungen, welche sie daran hindern, sich am sozialen und kulturellen Leben einer Gemeinde aktiv zu beteiligen.
Berührungsängste bestehen aber nicht nur bei Geflüchteten und Migrant*innen, sondern auch bei Einheimischen. Viele Schweizer*innen leben alleine und leiden unter Einsamkeit.
Mancherorts werden Nachbarschaften kaum gepflegt, und die Wohnquartiere sind leblos. Die Abwesenheit zwischenmenschlicher und insbesondere interkultureller Beziehungen führt zu sozialer Entfremdung und „Ghettobildung“. Besonders gravierend wirkt sich dies auf die Kinder von geflüchteten Familien aus. Im Falle von bildungsfernen Eltern sind deren Zukunftschancen noch zusätzlich beeinträchtigt.
Beschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt
In Bezug auf den Zugang von Geflüchteten zum Arbeitsmarkt bestehen trotz einiger punktueller Erleichterungen noch zahlreiche Hürden, und die Arbeitsmarktfähigkeit der Geflüchteten selbst bleibt beschränkt.[1] Obwohl bei zahlreichen Unternehmen der Wille, eine geflüchtete Person anzustellen, grundsätzlich vorhanden ist, schrecken viele vor dem zusätzlichen Betreuungsaufwand zurück.[2] Andere Arbeitgebende sind sich gar nicht bewusst, dass Asylsuchende legal arbeiten dürfen, sobald sie einem Kanton zugeteilt werden.[3]
Umgekehrt haben auch viele Asylsuchende, die noch im Asylverfahren sind, aufgrund fehlender Kenntnisse ihrer Rechte Angst davor, eine Arbeit aufzunehmen, da sie fürchten, dies könne den Ausgang ihres Verfahrens negativ beeinflussen. Fehlende Sprachkenntnisse, schlechte Gesundheit und Traumatisierung sind neben dem Mangel an formaler Bildung erschwerende Faktoren im Erreichen einer Arbeitsmarktfähigkeit.[4] Hinzu kommt für vorläufig Aufgenommene die Schwierigkeit, mit ihrem rechtlichen Status in der Schweiz eine sinnvolle Perspektive zu entwickeln, da sie theoretisch jederzeit damit rechnen müssen, wieder ausgewiesen zu werden.[5] Tatsächlich bleiben mehr als 90 Prozent der vorläufig Aufgenommenen langfristig in der Schweiz, da sich die Situation in ihrem Heimatland häufig während Jahrzehnten nicht verbessert.[6] Darüber sind sich aber oftmals vorläufig Aufgenommene selbst und auch potentielle Arbeitgebende nicht im Klaren. Dies führt dazu, dass Geflüchtete ihr vorhandenes Potenzial nur ungenügend einbringen können. Ausserdem mangelt es an Lehr-, Praktikums- und Arbeitsplätzen und an Personen, die Geflüchtete während einer Lernphase systematisch begleiten und unterstützen können.[7] Die Meldepflicht für vorläufig aufgenommene Ausländer*innen sowie Flüchtlinge und die Bewilligungspflicht für Asylsuchende stellen einen administrativen Aufwand dar, der das Zustandekommen einer Anstellung in vielen Fällen verhindert.[1]
Schwieriger Zugang zum Wohnungsmarkt
Im Bereich des Wohnungsmarktes sind viele Vermietende zurückhaltend in der Bereitschaft, an Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene zu vermieten. Auch hier wirkt sich das fehlende Wissen bezüglich der Bedeutung und gewöhnlichen Dauer einer vorläufigen Aufnahme negativ auf die Inklusion der Betroffenen aus.
Trotzdem gibt es auch zahlreiche Liegenschaftsbesitzende, die ihr Haus oder ihre Wohnung gerne an geflüchtete Menschen vermieten möchten, dies aber aufgrund mangelnder Kenntnisse der Rechtslage und fehlender Kontakte zu entsprechenden Familien oder Einzelpersonen nicht tun können. Umgekehrt suchen viele Geflüchtete verzweifelt nach einer geeigneten Wohnung, verfügen aber oft nicht über die notwendigen Informationen und Beziehungen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Geflüchtete in der Schweiz oftmals am Rand der Gesellschaft leben. Viele haben keine Zukunftsperspektive, wenig Sprachkenntnisse in einer der Landessprachen und kaum soziale Netzwerke innerhalb der Schweizer Bevölkerung. Zudem verfügen sie über knapp existenzsichernde finanzielle Ressourcen und sind meist von der Sozialhilfe abhängig. All diese Faktoren beeinträchtigen den persönlichen Selbstwert stark. Die Gesellschaft ist segregiert, denn tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Geflüchteten und Einheimischen sind selten. Trotz viel gutem Willen sind Vorurteile weit verbreitet, und mancherorts grassiert gar Rassismus.
Überfordertes Gemeinwesen
Die hohe Abhängigkeit von Sozialämtern führt nicht nur bei den Betroffenen zu frustrierenden Situationen, sondern belastet auch die Behörden.[2] Oft sind Beamte kaum sensibilisiert auf interkulturelle Kommunikation oder nehmen allfällige Konflikte durch die «Kulturbrille» wahr.[3] Verschiedene Kulturen kennen unterschiedliche Formen der Bürokratie, weshalb für viele Migrant*innen und Geflüchtete – neben den sprachlichen Barrieren – noch weitere Schwierigkeiten bei der Kooperation mit den Schweizer Behörden dazukommen.
Was ist die Vision eures Projekts?
Globalziel des Projektes ist die soziale, ökonomische, politische und rechtliche Inklusion von Migrant*innen und geflüchteten Menschen in der Schweiz. Unsere Vision ist eine Schweiz, in der sich alle Einwohner*innen Zuhause fühlen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder sonstigen unveränderbaren Merkmalen.
Was ist eure genaue Projektidee?
Die Entstehung digitaler Begegnungsräume hat dafür gesorgt, dass sich Menschen besser und einfacher vernetzen können. Dennoch gibt es kaum Angebote, die spezifisch Geflüchtete und Migrant*innen einbeziehen. Genau diese Lücke soll mit inkluso.ch gefüllt werden. inkluso möchte die Vorteile der Digitalisierung nutzen und dies auch im Asyl- und Migrationsbereich anwenden.
inkluso.ch ist die erste schweizweite Online-Plattform, welche die Inklusion von Geflüchteten und Migrant*innen durch die Vermittlung sozialer Kontakte fördert. Wir vernetzen Menschen, die Hilfe suchen mit Menschen, die helfen wollen. Dazu ermöglichen wir Begegnungen auf Augenhöhe, fördern starke Gemeinschaften und unterstützen Menschen, ihre Talente zum Wohl Aller zu verwirklichen.
Dabei bietet inkluso.ch Vermittlungsdienste betreffend den drei Grundbedürfnissen soziale Kontakte, Wohnen und Arbeiten, und das alles an einem Ort. Dank schneller Registrierung können sich so engagierte Einheimische und Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung auf einfache Weise für ein Mit- und Füreinander über kulturelle Grenzen hinweg einsetzen.
Was habt ihr bis jetzt konkret gemacht?
inkluso.ch wurde vom Verein für soziale Inklusion gegründet, welcher im Juni 2018 gemeinsam von Geflüchteten und Schweizer*innen ins Leben gerufen wurde. Der Vorstand zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl Schweizer*innen als auch Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund darin vertreten sind. Dies ist dem Verein sehr wichtig. Auf diese Weise können die verschiedenen Sichtweisen und Meinungen gesammelt, besprochen und authentisch vertreten werden. Alle Vorstandsmitglieder und auch alle anderen beteiligten Personen, die den Verein und auch die Plattform voranbringen, engagieren sich ehrenamtlich.
Wir haben uns zu Beginn dazu Gedanken gemacht, von welchen Aspekten eine erfolgreiche soziale Inklusion abhängig ist. Dabei sind wir auf das Resultat gekommen, dass insbesondere die Grundbedürfnisse soziale Kontakte, Wohnen und Arbeiten von wesentlicher Bedeutung sind. Aus diesem Grund besteht unsere Plattform aus diesen drei Teilbereichen. Ausserdem setzen wir auf unserer Plattform auf niederschwellige, kostenlose Angebote, die sowohl für Menschen mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung als auch für Einheimische leicht zugänglich sind.
Der Kern von inkluso.ch ist die Teil-Plattform Soziale Kontakte. Sie ermöglicht es Einheimischen, aus den registrierten Profilen von Migrant*innen und geflüchteten Menschen eine passende Person in ihrer Umgebung zu finden. Umgekehrt können auch Menschen mit Migrations- und/oder Fluchthintergrund via Plattform Menschen in ihrem Wohnort kontaktieren, die bereit sind, ihnen zu helfen. Die Unterstützung kann allgemeiner Art oder auf bestimmte Belange fokussiert sein.
Die Teil-Plattform Wohnen ermöglicht es Migrant*innen und geflüchteten Menschen, Mietwohnungen und freistehende WG-Zimmer zu finden, deren Vermieter*innen grundsätzlich bereit sind, ihre Immobilien auch an Migrant*innen und geflüchtete Menschen zu vermieten. Einheimische wiederum können über die Plattform eine Wohnung oder ein WG-Zimmer gezielt an geflüchtete Menschen vermieten.
Auf der Teil-Plattform Arbeiten können Arbeitgeber*innen qualifizierte und ungelernte Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund rekrutieren. Sie können Stellenangebote publizieren, die auch beziehungsweise besonders für Migrant*innen und geflüchtete Menschen geeignet sind. Auf Wunsch kümmert sich der Verein um das Auswahl- und Meldeverfahren. Migrant*innen und geflüchtete Menschen wiederum können via Plattform eine zeitlich befristete oder unbefristete Teil- oder Vollzeitanstellung, einen Praktikumsplatz oder eine Lehrstelle finden und somit ihre Chancen im Arbeitsmarkt erweitern.
Sodann haben wir unsere Ressourcen auf die Umsetzung dieser Ideen fokussiert und uns der Erstellung der Plattform gewidmet. Dies erforderte, dass wir den allgemeinen Aufbau und das Layout der Webseite festlegen. Zudem haben wir unser Logo entworfen, das zwei Menschen darstellt, die zusammen das Matterhorn abbilden - ein Wahrzeichen der Schweiz verbunden mit unserer Vision einer inklusiven Gesellschaft. Bevor die Plattform öffentlich wurde, haben wir die Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung verfasst, für die auch juristische Kenntnisse erforderlich waren.
Nachdem die Plattform publik gemacht wurde, war unser nächster Schritt die Suche nach weiteren Freiwilligen. Dadurch haben wir insbesondere Freiwillige für die Führung unserer Social Media Kanäle finden können. Ausserdem konnten wir mit der Unterstützung von Freiwilligen zwei erfolgreiche Fundraising-Events durchführen, nämlich einen Yoga- und einen Dancehall-Anlass. Das Feedback zu beiden Anlässen war sehr positiv und weitere solche Fundraising-Events sind in Planung.
Wir haben auch begonnen, mit Asylzentren Kontakt aufzunehmen, um mögliche Zusammenarbeitsformen zu besprechen. Aktuell sind wir mit der AOZ MNA-Zentrum Lilienberg darüber in Gespräch, wie die dort betreuten unbegleiteten jugendlichen Asylsuchenden von den inkluso-Strukturen bestmöglichst profitieren können.
Von grosser Bedeutung für die konzeptionelle Grundlage und Verbreitung unseres Projekts war das Crowdfunding über die Webseite crowdify. Wir haben hier über Monate hinweg an der Planung gearbeitet und insbesondere viel Zeit und Arbeit in ein Video investiert, in dem unser Projekt vorgestellt wird. Wir konnten auch zahlreiche Freiwillige motivieren, im Video teilzunehmen, um als Einheimische, bzw. als Migrant*innen oder Geflüchtete ihre Ansichten zur Bedeutung des Projekts inkluso zu teilen. Für die Kameraführung konnten wir ebenfalls einen Geflüchteten gewinnen, der heute an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Die Kommunikationsplanung war auch essentiell: von Posts auf Social Media, über Medienmitteilungen bis hin zur Verbreitung im privaten Umfeld. Obschon wir aus finanzieller Hinsicht unser angestrebtes Ziel nicht erreichen konnten, hat uns diese intensive Phase ermöglicht, unser Konzept zu verfeinern und weitere Interessierte an Bord zu holen.
Zuletzt hatten wir die Möglichkeit, unser Projekt am MigrAction-Weekend vorstellen zu dürfen, wodurch wir uns in einem interessierten und spannenden Umfeld weiter vernetzen und austauschen konnten.
Was ist für die Zukunft des Projekts geplant?
Mit dem Aufbau der Plattform haben wir das Grundgerüst gelegt. Nun sollen diese Strukturen auch für das Gemeinwohl genutzt werden. Unser wichtigstes Ziel ist es daher, nun möglichst viele Leute zu erreichen, die Plattform bekannter zu machen und mehr Menschen dafür zu begeistern, sich auf inkluso.ch zu registrieren und die Vernetzungsmöglichkeiten zu nutzen.
Ausserdem möchten wir die Plattform optimieren, beispielsweise indem sie auf Französisch und Italienisch übersetzt wird. Die Benutzer*innenfreundlichkeit soll verbessert und bestehende Funktionen wie der Chat weiterentwickelt werden. Eine neue Rubrik «Marktplatz» steht ebenfalls auf dem Plan, wo Geflüchtete und Einheimische auf unkomplizierte Weise allerlei kostenlose Sachen inserieren können. Ausserdem will inkluso neu ein Kursverzeichnis anbieten, in welchem alle relevanten Kurse aufgelistet sind, von denen Geflüchtete und Migrant*innen profitieren könnten.
Für die Zukunft bezwecken wir, dass durch unser Projekt bestehende kulturelle, sprachliche und mentale Gräben zwischen Geflüchteten und Einheimischen sowie Vorurteile und Berührungsängste abgebaut werden. Jede einzelne Vernetzung, sei es im sozialen Leben, in der Arbeitswelt oder auf dem Wohnungsmarkt, trägt zu diesem Ziel bei.
Was war ein Highlight eures Projekts?
Die Durchführung unserer Crowdfunding-Kampagne stellt für uns einen bedeutenden Schritt dar. Wir haben hierzu unsere Energien zielgerichtet einsetzen, wichtige Strukturen für zukünftige Kampagnen entwickeln, zahlreiche Menschen erreichen und neue Freiwillige dazugewinnen können.
Ein Projekt von
Réka, Vadim, Mara, Sara, Erwin
Weitere Infos
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