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GESCHICHTE Ehemaliges Kloster Rüegsau
Das Kloster Rüegsau war ein Benediktinerinnenkloster. Es stammte aus dem 12. Jh. und stand unter dem Schutz des Abtes von Trub. Gegründet wurde das Kloster Hl. Kreuz durch den Brandisherrn Thüring von Lützelflüh. Im Laufe der Zeit gewann es einen weitverstreuten Gutsbesitz, zu dem ein Weinberg am Bielersee gehörte, und der um 1500 auf rund hundert Bauernhöfe anwuchs.
Das einzige Frauenkloster im Emmental beherbergte ein Dutzend Nonnen, welche nebst der Messe, Rosenkranz- und Chorgebet auch den Arbeiten in Haus, Garten und auf den Feldern nachgingen. Sie führten Buch über Abgaben und Zinsen, die am St.Andreas-Tag im November und St.Johanns-Tag im Juni eingezogen werden mussten.
Obschon das Kloster um 1495 niederbrannte, wurde es dank einer von der Berner Obrigkeit bewilligten Spendeaktion wiederaufgebaut. Damals wurde eine kleine Klosterglocke gestiftet, die heute noch in der Kirche Rüegsau läutet.
Zur Reformationszeit ab 1528 wurden sämtliche bernische Klöster aufgehoben- somit auch in Rüegsau. Die Verwaltung der Güter wurde dem ehem. Kastvogt (Herrschaft Brandis) zugeschlagen, wovon nun die Pfarrerbesoldung und die Armenspende entnommen wurde. Aus einem Teil des Klosters selbst sollte das spätere Pfarrhaus entstehen. Was mit den übrigen Gebäuden geschah, liegt im Dunkeln. 1831 wurden die letzten Mauerreste beseitigt.
Der Forderung von Bern, nur noch eine Kirche zu betreiben, begegnete die Bevölkerung von Rüegsau mit Widerstand. Die Kapellen St. Johannis in Rüegsau und St. Blasius in Rüegsbach hätten im Zug der Reformation beide abgebrochen werden sollen. Da Rüegsau und Rüegsbach damals getrennte ‘Kirchgemeinden’ waren, besass jede Kirche ihr eigenes Kirchengut. Erst 1677 fand eine Zusammenlegung der Güter statt. Aus dem gesamten Gebiet ging später auch die Einwohnergemeinde Rüegsau hervor.
Erhalten geblieben bis heute ist die Kirche Rüegsau, ehemals Klosterkirche von Rüegsau; die nicht weit davon gelegene Kapelle St. Johannis wurde jedoch abgebrochen. Auf ihre Fundamente stiess man später am westlichen Dorfende.
Ebenfalls besteht die ehemals zum Kloster gehörende Kirche in Rüegsbach mit den ältesten Kirchenglocken der Schweiz aus dem 12. und 13. Jahrhundert.
Bei den Ausgrabungen von 1968 kamen in Rüegsau eine Marienplastik und andere kleinere Fundgegenstände zum Vorschein, welche heute im Historischen Museum Bern zu sehen sind.
Vor der Kirche Rüegsau steht ein Situationsplan des ehemaligen Klosters mit dem Kreuzgang.
Text Christine Müllener
Quellen: Würgler H., Heimatkunde von Rüegsau
Archäologie Bern
www. Kloster Rüegsau, deacademic.com
Hintergrund
Kloster im Mittelalter
Im Frühmittelalter wurden viele Klöster gegründet. Zu dieser Zeit oblag dem Kloster – in seinem Einzugsbereich- nicht allein die Pflicht ein geistiger, religiöser Stützpunkt zu sein. Das Kloster war zu einem bedeutenden Anteil Bestandteil der weltlichen Gesellschaft und des Feudalsystems.
Das Kloster betrieb Handwerk, Landwirtschaft und Handel, kümmerte sich um Kranke (Pestilenz etc.), lieh Geld oder Landbesitz aus ähnlich wie heutige Banken, bot Reisenden Unterkunft an und bot Sicherheit für das Alter. Mancherorts gab es Klosterschulen mit Bibliotheken, schriftliche Urkunden und Dokumente wurden überliefert. Wissen- vor allem dasjenige der Heilkunde wurde an die umliegende Bevölkerung weitergegeben.
Ein Kloster war ein bedeutendes Entwicklungszentrum und diente der Urbarmachung. Weitschauende Landesherren gründeten deshalb Klöster und statteten sie mit weitreichenden Ländereien aus.
Im späteren Mittelalter verblassten die weltlichen Funktionen der Klöster. Die städtischen Strukturen traten an deren Stelle, die Rolle als Zentren für Kultur, Technik und Wissen wurde von ihnen übernommen.
Wer ins Kloster eintrat- dieser Lebensweg wurde im Mittelalter oft von der Familie vorbestimmt- brachte den geforderten Wertanteil aus dem Familienbesitz oder eine Opfergabe mit.
Dasselbe galt auch für eintretende Frauen, weshalb Nonnen meistens aus adeligen Familien stammten.
Aus dem Leben der Klosterfrauen Hl. Kreuz in Rüegsau
In ‚Heimatkunde von Rüegsau‘ wird über die Herkunft der Kloster-frauen berichtet, dass diese, jedenfalls die Äbtissinnen, auch adelige waren. Drei Jahre vor der Reformation verheiratete sich eine der Klosterfrauen mir Thüring von Wintersei. Beim Verlassen des Ordens erhielt diese wie die fünf letzten Nonnen von Rüegsau eine Pflichtentschädigung -allerdings erst mit Nachdruck von Bern.
Das Benediktinerinnenkloster in Rüegsau galt als eher kleine Klosteranlage, die bis zu 12 Nonnen beherbergen konnte. Vermutlich setzte der Gründer des Klosters auf den Benediktiner-Orden, da dieser bekannt war für handwerklich geschickte Mönche und Nonnen. Religiöse Riten wie Andacht, Messe, Jahreszeitfeiern gehörten zur geregelten gemeinschaftlich geführten Lebensform. In Rüegsau war die Selbstheiligung* eine der Hauptaufgaben der Nonnen. Zudem wurden von diesen Frauen Messgewänder und Altardecken am Stickrahmen verziert.
Das Kloster in Rüegsau bestand nebst der Klosterkirche und dem Klostergebäude auch aus der Leut-Kapelle St.Johanni und der Kapelle St.Blasius in Rüegsbach. Dazu gehörte ein Landstück von 25 Jucharten, was heute 9 Hektaren entspricht, welches die Frauen selber bearbeiteten. Dazu gehörten im Weiteren die beiden ‚Meierhöfe‘ in der Nähe des Klosters mit den umliegenden Weiden Kühberg und Mannenberg. Diese und andere Höfe wurden von den ‚Gotteshausleuten‘, vorwiegend Bauern, bewirtschaftet. Aus dem St.Johannis- und Gempenwald bei Rügsau sowie dem Schweikwald bei Affoltern (Klosterwälder) konnte Holz bezogen werden -natürlich für das Kloster selber- aber auch für die Meierhöfe, die Mühle, die Bläue und die Bäckerei. Von den eigenen Rebbergen am Bielersee lagerte ein guter Tropfen Wein in den Fässern. Aus dem Urbar von 1495 geht hervor, dass der über die Jahrhunderte gewachsene Güterbesitz der rund hundert Höfe mehrheitlich im Grundrecht des Klosters lag. Die Bauern gaben halbjährlich Pachtzinse in Form von Geld, Getreide, Hühnern, Eiern oder Arbeitskräften ab. Kam jemand diesen Forderungen nicht nach, standen den Klosterfrauen bei Rechtsverletzungen der Kastvogt (Herren von Brandis) zur Seite.
Interessanterweise traten die Freiherren von Brandis aber die Grundgerichtsbarkeit ihrer Herrschaft zu einem grossen Teil dem Kloster ab. Bei Streitigkeiten wurden die Bauern im heutigen Bezirk Kalkofen-Rachisberg-Junkholz-Schmidigen-Eichenberg-Brandishub nach dem Hofrecht des Klosters zurechtgewiesen oder gebüsst.
Im Mittelalter gab es verschiedenartigste Gerichte. Das Hofgericht für Zinsversäumnis und Rechtshändel, das Wochengericht, das Landgericht und schliesslich das Hochgericht, wo der Scharfrichter der Freiherren von Brandis bei der ‚Wolfstiegen‘ im äussersten Zipfel des Herrschaftsgebietes in zivil- und strafrechtlichen Dingen über Leben und Tod waltete.
In einer Urkunde von 1421 steht, dass sich beim Kloster Rüegsau auch eine Freistatt oder ein ‚Freihof‘ befand. Dieser lag rund um das Kloster und bot beispielsweise dem ein Asylrecht, der ‚mit Leib und Gut her flüchtet, für 6 Wochen und 3 Tage Freiheit‘. Es bestehen überlieferte Bestimmungen, wie man sich gegenüber den Leuten auf dem Freihof verhielt. Neben dem Kloster besassen auch Kirchen und Kapellen ihre Freistätten, denn es entsprach der landläufigen Ansicht, dass Gott geweihte Stätten nicht durch Gewalttaten entheiligt werden sollten.
*gemeinschaftlich geführte Lebensform in Begegnung mit Gott
Text: Christine Müllener
Quellen: Würgler H., Heimatkunde von Rüegsau /Beer A., Das ehemalige Benediktinerkloster Trub und sein Erbe