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Ferdy Kübler hat es nicht einfach in seiner Jugend. Am 24. Juli 1919 kommt der Bub in Marthalen ZH zur Welt. Die Eltern sind arm. Schuhe trägt er nur im Winter. Das Bett teilt er mit einem seiner drei Brüder. Einmal in der Woche habe es einen Cervelat gegeben. «Der Vater hat ihn gegessen. Wir Kinder stritten uns um die Haut.» Der Vater habe ihn oft geschlagen, «aus unerklärlichen Gründen».
Mit 15 Jahren «chrampft» Ferdy als Knecht, spart jeden Franken und bastelt sich sein erstes Rennvelo. Doch eines Morgens findet er seinen Renner kaputt im Schopf. Ferdy flieht von zu Hause. 1937 bis 1939 arbeitet er als Ausläufer für ein Uhrengeschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse. «Für zwanzig Franken in der Woche, ohne Logis.»
Er trainiert wie verrückt. Hat den Übernamen Trainings-Weltmeister. Dreimal pro Woche fährt Ferdy 270 Kilometer. Von Zürich nach Reichenburg SZ, wo ihn der Bäcker Kistler mit Guetsli verpflegt. Das ist sein Proviant. Dann fährt er jeweils über den Klausen nach Schwyz und über den Sattel und Albis zurück nach Hause.
Ferdy Kübler wird 1940 Berufsrennfahrer. So hat er im Aktivdienst mehr Urlaub. Der Verband nimmt die Weisung von General Guisan ernst, wonach das Leben in der Schweiz trotz Krieg weiterzugehen habe. 1942 gewinnt Ferdy als 23-Jähriger seine erste von drei Landesrundfahrten. Geschichte schreibt er mit einem bisher einmaligen Solo-Ritt.
Es ist der 18. August 1947. Wenige Kilometer nach dem Start in Bellinzona zieht der Adliswiler die Pedalriemen an. Mehr als 200 Kilometer stürmt er allein über den Gotthard und die Furka bis nach Sitten. Gino Bartali und Fausto Coppi, die berühmtesten Rennfahrer jener Tage, organisieren die Jagd. Aber der Ausreisser gewinnt solo mit dreieinhalb Minuten Vorsprung auf das Feld. Die Franzosen taufen Kübler später «le fou pédalant».
1950 gewinnt er als erster Schweizer Radprofi die Tour de France. Er fährt die 4774 km mit einem Schnitt von 32,785 km/h. Er sitzt 145:36 Stunden im Sattel. Es ist die fürchterliche Hitze, die Ferdy an diese Tour erinnert. «Viel trinken war zu unseren Zeiten verpönt, Teigwaren waren gar verboten.» Für seinen Sieg bekommt er 5000 Franken.
Nach der Tour de France fährt er die Kriterien. Während dreier Monate Ende Saison jeden Tag Revanche-Bahnrennen, sogenannte Nocturne Critériums. Das Geld verdient er auf der Bahn, den Ruhm auf der Strasse. So kassiert Ferdy Kübler 1952 in Antwerpen für das Sechstagerennen als amtierender Strassenweltmeister gar 20'000 Franken netto. Zum Vergleich: Ein Lehrer hatte damals einen Monatslohn von 400 bis 600 Franken.
1952 wird er Tour-Zweiter. Drei Jahre später fährt er die letzte Tour de France. Am gefürchteten Mont Ventoux schreit ihm der Franzose Raphaël Géminiani zu. «Achtung, Ferdy. Der Ventoux ist kein Pass wie ein anderer.» Ferdy nicht verlegen, gibt zurück. «Und Ferdy ist kein Rennfahrer wie die anderen.»
Er lanciert den letzten Angriff seiner grossartigen Karriere – und büsst bitter. Er gerät an den Rand der Erschöpfung. Küblers grossartige Karriere geht dem Ende zu. Zwei Jahre später steigt er nach 17 Profi-Jahren und 700'000 Kilometern vom Velo. Das ist die Distanz von der Erde zum Mond und zurück.Publiziert am 01.01.2017 | Aktualisiert am 05.01.2017