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Weit im Norden, hinter erbarmungslosen Barrieren aus Packeis verborgen, liegen Landflächen, die einen in ihren Bann schlagen. Riesige imaginäre Tore, deren Angeln am Horizont befestigt sind, scheinen diese Landflächen zu bewachen. Langsam schwingen die Tore auf, und man betritt eine andere Welt, wo der Mensch inmitten der Ehrfurcht gebietenden gewaltigen Unermesslichkeit einsamer Berge, Fjorde und Gletscher bedeutungslos ist. Louise Arner Boyd war hingerissen, als sie 1924 zum ersten Mal mit einem Schiff nach Spitzbergen fuhr. Ihr wurde wohl klar, dass sie im ewigen Eis die Gegend gefunden hatte, wo sie in Zukunft ihren Traum, Forscherin zu werden, in die Praxis umsetzen konnte. Was sie freilich nicht davon abhielt, auf ihrer zweiten Arktis-Reise mit Freunden ausgiebig auf Eisbärenjagd zu gehen.
Louise Arner Boyd kam 1887 im sonnigen Kalifornien als Kind einer Investorenfamilie zur Welt. In der Schule konzentrierte sie sich auf Fächer wie Botanik, Geologie, Topografie und Fotografie, um sich, wie sie schon damals sagte, auf ihr Leben als Forscherin vorzubereiten. Als Louise 1920 zur Vollwaise wurde und das ganze Vermögen der Familie erbte, reiste sie erst einmal mit Freunden kreuz und quer durch Europa – und 1924 zum ersten Mal in arktische Gewässer. Damals war sie bereits 37 Jahre alt.
Das viele Geld machte sie unabhängig von Sponsoren und durchaus spontan: Als Arner Boyd 1928 gerade zum dritten Mal in die Arktis aufbrechen wollte, vernahm sie die Meldung, dass Roald Amundsen auf einer Suchexpedition nach dem italienischen Polarforscher Umberto Nobile verschollen war. Kurzentschlossen machte sich Arner Boyd auf die Suche nach Amundsen und legte innert dreier Monate 16’100 Kilometer entlang den Küsten von Franz-Joseph-Land zurück. Erfolglos zwar, aber Louise brachte von dieser Reise einen Film und mehr als 20’000 Fotos mit nach Hause: Diese wurden zu den ersten handfesten Unterlagen zur Erstellung von Landkarten dieser Gegend. Auf einer weiteren Reise sammelte sie zwei Monate lang auf Franz-Joseph-Land allerlei Pflanzen für die botanische Abteilung der California Academy of Sciences.
Auch als sie später die Ostküste Grönlands ausgiebig fotografierte, konnten Kartographen daraus ziemlich genaue Landkarten zeichnen. Und das wiederum bestimmte für die Jahre während des Zweiten Weltkriegs das Schicksal von Louise Arner Boyd: Ihr Wissen über die Küsten machte sie für die Militärs zur strategischen Beraterin in Sachen Arktis. Die Deutschen hatten dort einige Wetterstationen errichtet und die Unterlagen von Arner Boyd waren das einzige, womit die Amerikaner sich in dieser Gegend orientieren konnten. Ihr geplantes Buch über die Fjordregionen Ostgrönlands, das eigentlich schon 1935 fertig war, durfte deshalb erst nach dem Krieg erscheinen. Immerhin: Im Auftrag der US-Armee erforschte sie in der Arktis den Einfluss von Magnetströmen auf die Radiokommunikation.
Nach dem Krieg stand der Forscherin nichts mehr im Wege: Sie befasste sich mit der damals neuen Technik der Fotogrammetrie zur Landvermessung, erkundete den Meeresboden mit Echolot und entdeckte und kartografierte damit einen unterseeischen Gebirgszug zwischen der Bäreninsel und der Jan-Mayen-Insel in der Grönlandsee. Das Unterwassergebirge heisst heute Louise A. Boyd Bank. Ganz nebenbei entdeckte sie auch, dass man mit Echolot grössere Fischschwärme ausfindig machen kann: Heute wird diese Technik im kommerziellen Fischfang angewendet.
Die «Ice Woman», wie sie genannt wurde, starb am 14. September 1972 in San Francisco, gesundheitlich angeschlagen und verarmt: Sie hatte ihr ganzes Vermögen für die Forschung ausgegeben. Auf ihren Wunsch hin wurde ihre Asche in der Arktis verstreut. Im Andenken an eine Frau, die sich auch auf den härtesten Expeditionen stets edel und feminin zu kleiden pflegte, ist heute ein Gebiet beim De-Dee-Gletscher in Grönland nach ihr benannt.