Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/2927

Eine Kritik zu János Mosers Text Der Leopardenmeister.
In der vorliegenden Ausgabe hat Moser nicht nur einen literarischen Beitrag eingereicht, sondern auch einen Essay diesem Text hinzugesetzt. In diesem Essay wird klar, gegen welche Art von Literatur Moser schreibt und mit welchen Mitteln er dies zu erreichen versucht: Er nennt dieses Mittel «das Fantastische» und den Gegner «den Realismus». Wo aber sind diese Kategorien in Mosers Text festzustellen.
Das Fantastische im Leopardenmeister lässt sich deutlich erkennen am Ende des Textes. Der Protagonist und Gastgeber erkennt, dass die Person, welche er für den Leopardenmeister gehalten hat, eigentlich der Leopard ist – seltsam, denn eigentlich unterscheiden sich die Physiognomie von Leopard und Mensch. Alle Erklärungen dieser Seltsamkeit, welche darauf aus sind, dass der Protagonist sich täuschen[1] liess oder wohl halluziniert hat oder dergleichen, sind sicherlich schlechte Versuche. Moser weiss um diese Erklärung und gibt dem Leser – wir müssen annehmen absichtlich – keinen Anhaltspunkt sich so aus der Angelegenheit zu retten. Nach einem ähnlichen Muster ist übrigens auch «Der Kannibale» von Moser strukturiert. Während dort von einem Autor ein Kannibale beschrieben wird, der immer wieder an dessen Lesungen auftaucht und man als Leser zunächst versucht ist, die Identifizierung des Zuschauers als Kannibale metaphorisch zu entschärfen, wird am Ende des Textes klar, dass dieser Ausweg nicht gestattet ist. Die Vermutung: «Vielleicht ist Kannibale bloss eine blumige Umschreibung für einen besonders penetranten Fan.» liegt nahe und falsch. Das wird wiederum deutlich am Ende des Textes.
Wie dem auch sei, wir haben das Fantastische identifiziert in Mosers Text, nun gilt es den Realismus genauso auszumachen. Dazu will ich etwas ausholen: Es gibt einen relativ deutlich gemachten Bezug von Moser zu dem Text von Natalie Schättin. Der sexuell frustierte Jogger und Opfer des Leopardenangriffs ist eine Anspielung auf Blisters. Blisters beschreibt eine Protagonistin, die mit verschiedenen Männern joggen geht und dabei nichts unternimmt, um klarzustellen, dass sie kein Interesse hat, mit diesen Männern zu schlafen, obwohl sie darum weiss, dass ihre Joggingpartner ihr an die Wäsche wollen. Die sexuelle Verklemmtheit der Protagonistin ist dabei schnell zu erkennen. Der manipulierenden Art, welche auch bedingt, dass sie die Gedanken ihrer Joggingpartner nachvollzieht, wird im Text viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Man fragt sich zurecht, was dies mit Mosers Leopardenmeister zu tun hat? Der sexuell frustrierte Jogger wirkt willkürlich in den Text gesetzt einfach um des Bezugs willen. Ich glaube, ein genaueres Lesen gibt darüber Auskunft. Es fällt nämlich auf, dass der Protagonist, insbesondere in der Diskoszene ebenfalls sexuell verklemmt, es nicht erträgt, den Leoparden so locker mit Frauen umgehen zu sehen. Es gehört diese Verklemmtheit aber zu einer ganzen Reihe von – wie der Text zeigt – kleinen Sorgen und Nöten, welche den Leoparden nicht betreffen. Die finanziellen Schwierigkeiten des Zoos, die Angst davor, über den Tisch gezogen zu werden, der Versuch dem vermeintlichen Leopardenmeister dahingehend zu manipulieren, ihm den Leoparden für den Zoo zu überlassen etc.[2] Man kann nicht anders, als den Protagonisten und den sexuell frustrierten Jogger mit all ihren kleinen Problemchen in einen Topf zu werfen. Das ist der Realismus.
Die Probleme, welche der Protagonist sich im Leopardenmeister stellt, erscheinen uns im Verlauf des Textes immer unwichtiger. Wieso aber sind sie unwichtig? Es ist nicht der Fall, dass sie unwichtig wären, durch die Schöngeisterei irgendeines Schriftstellerkünstlers, der kein Interesse an solch profanen Dingen hat, die Probleme sind unwichtig, weil ein Leopard in deiner Wohnung lebt, der, während du dich auf einem langen Jogg damit beschäftigst, wie du bloss mehr ficken könntest, dich auffrisst. Dass der Leopard den Jogger auffrisst, stellt eine Kritik der Themen dar, welche in Blisters verhandelt werden und genauso wirkt die Attacke als Kritik für die Probleme des Protagonisten und für die ganzen Schwierigkeiten, welche über mehr als die Hälfte des Textes so etwas wie ein Thema bieten (ein Text über einen finanziell angeschlagenen Zoo oder ein Text über einen Betrug wären beides Optionen für einen realistischen Verlauf).
Was für ein Verhältnis besteht also zwischen Leopard und Gastgeber? Während des Besuchs im Zoo beginnt der Leopard den Gastgeber mit Maestro anzusprechen. Das kann während der ersten Lektüre vielleicht noch als ironischer Kommentar gelesen werden, muss aber nach dem letzten Absatz des Textes, als wortwörtlich gelesen werden. Der Gastgeber ist wirklich der Leopardenmeister. Dass es also ein Verhältnis von Herr und Diener in diesem Text gibt, ist klar. Dass dieses Verhältnis aber nicht ausgefüllt wird mit irgendeiner Hegelschen Dialektik oder mit einem expliziten Machtgefälle, ist das Faszinierendste dieses Textes. Nur selten gibt es Momente, in denen so etwas wie Befehle des Meisters gibt[3], denn dem Gastgeber ist seine Position als Maestro nicht klar. Andererseits könnte es ein Bewusstsein des Leoparden verraten, gegen eine Anweisung verstossen zu haben, wenn er sich mit einem entschuldigenden Maestro aus dem Fenster verabschiedet.[4]
Es werden Befehle also nicht offensichtlich geäussert und scheinen dennoch das Verhältnis der beiden zu prägen. Gilt es als zu spekulativ, wenn ich sage, dass der Gastgeber in einer autoaggressiven Geste den Leoparden auf den sexuell frustrierten Jogger losgelassen hat? Und wenn einer darauf mit ja antwortet, müssen wir dann annehmen, dass dieser gerne von den schwierigen finanziellen Situationen des Zürcher Zoos lesen würde oder von einem Betrug ganz gemäss Thomas Manns Hochstaplers Krull? Ich für meinen Teil kann sagen, ich will das nicht und dass der Realismus sich aus Langeweile und Frustration selbst zerfleischt, liegt in der Logik der Sache.
Es gilt mir dabei die Genugtuung, dass nicht mit einer von einer gewissen sexuellen Frustration zeugenden erotischen Beziehung zum Realismus diese Kritik an ihm ausgeführt wird.[5] Er nährt sich nicht geniesserisch oder neidvoll an diesem masochistischen Herrscher. Ein Vertreter des close readings hat in diesem Heft einmal geschrieben:
«Denn mitnichten ist der dichterischen Sprache eine kritische Lektüre einfach Sarkophag. Zu jedweder Spielform des ‹φαγεῖν› (verschlingen) verhält sie sich vielmehr antithetisch: «Ein Kritiker», heisst es bei Friedrich Schlegel, «ist ein Leser, der wiederkäut».»
Die Genugtuung, dass das Schlingen eines Leoparden so gar nichts mit dem bürgerlich zufriedenen Wiederkäuen zu tun hat, sei hier ausreichend, um nichts weiter zu sagen.
Samuel Prenner
Diese Kritik wurde von Katja Büchi kritisiert: Denk nicht, sondern lies!
[1] Alleine schon die Täuschung ist die falsche Kategorie, um über diesen Text zu schreiben. Moser schreibt in seinem Essay, dass der Traum (oder die Illusion, die Täuschung, die Halluzination etc.) die einfachste Möglichkeit ist, das Fantastische in den Realismus zu bringen. Das Motiv des Traumes ist aber auch die schwächste dieser Möglichkeiten. All diese Kniffe bedingen den Realismus, in den man zurückkehren kann. Das in Mosers Geschichte nicht zu einem Realismus zurückgekehrt wird, sondern eher von ihm weg, macht deutlich, dass solche Kategorien glücklicherweise nicht diskutiert werden müssen.
[2] All diese Sorgen gleichen – ich sage das, um die strukturellen Ähnlichkeiten hervorzuheben – dem Autoren aus «Der Kannibale». Er stört sich beispielsweise daran, dass es Weisswein statt Rotwein zum Apéro an seinen Lesungen gibt.
[3] Das Drängen des Protagonisten, die Diskothek zu verlassen, liesse sich so verstehen.
[4] Oder aber es geht ihm bloss um die konventionell bedingte Entschuldigung für seinen Rülpser.
[5] Diese erotische Beziehung zwischen Kritik und Werk ist es, der ebenfalls nachgetrauert wird, wenn man sich darüber mokiert, dass die Literaturkritik tot ist.