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Ein bisschen klang es, als ob jemand verdammt schnell auf Stöckelschuhen rennen würde, wenn Oscar Pistorius über die Tartanbahn hetzte. Der «Blade Runner», wie er auch genannt wurde, ist als beidseitig Amputierter beeindruckende Zeiten gelaufen. Um meine Argumentation zu verdeutlichen, bezeichne ich Pistorius als Cyborg. Aufgrund der technologisch ausgeklügelten Unterschenkelprothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, geht das von mir aus auch in Ordnung (meine Definition von Cyborg findest du weiter unten). Am Beispiel von Pistorius lässt sich nämlich aufzeigen, vor was für gesellschaftlichen Herausforderungen uns die Cyborgisierung stellen kann. Mit Cyborgisierung ist im Folgenden die Entwicklung zu einer Mensch-Maschinen-Gesellschaft gemeint. Der Südafrikaner Pistorius machte in jüngerer Vergangenheit vor allem mit dem Mord an seiner Freundin von sich reden. Dabei geht fast vergessen, dass er an den Olympischen Sommerspielen 2012 als erster beidseitig amputierter Athlet teilnahm. Der Umstand, dass Pistorius als Mensch mit Behinderung an Olympia teilnehmen konnte, spricht dafür, dass die Cyborgisierung Differenzen zwischen Menschen und Cyborgs überbrücken kann. So einfach ist das Ganze aber nicht. Es wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern Pistorius durch die Prothesen gegenüber Menschen ohne Behinderung einen Vorteil hat. Könnten Menschen ohne Behinderung mit entsprechenden Prothesen nicht schneller laufen als er? Wenn ja, wären sie eine Form von Doping und müssten wohl vom Wettkampf ausgeschlossen werden.
Was ist ein Cyborg?
Cyborg ist die Kurzform für «Cybernetic Organism», einem Mischwesen aus Mensch/Maschine. Ein Cyborg zeichnet sich aber nicht nur durch die Vermischung von Mensch und Maschine aus, sondern auch durch die Vermischung von organisch und digital. Deshalb, so habe ich im vorangegangenen Artikel argumentiert, können bereits Smartphones uns zumindest zeitweise zu Cyborgs machen.
Das Beispiel zeigt, dass durch die Cyborgisierung Differenzen zwischen Menschen/Cyborgs verringert werden können. Durch die Optimierung des Körpers hat Pistorius einen Nachteil wettgemacht. Die Optimierung kann aber so weit gehen, dass der Nachteil in einen Vorteil dreht. Das ist der springende Punkt, wenn es um die Ängste in Bezug auf die Cyborgisierung geht: Wer seinen Körper mehr optimiert, hat gegenüber anderen einen Vorteil und das hat gesellschaftlich enorme Konsequenzen.
Das Sportbeispiel lässt sich auf alle Bereiche des sozialen Lebens übertragen. Nehmen wir als Beispiel die Smartphones, die, wie ich im vorherigen Text argumentiert habe, uns zumindest zeitweise zu Cyborgs werden lassen. Diese sind bei Prüfungen verboten, weil uns deren Benützung einen Vorteil gegenüber anderen geben würden. Sie sind Teil unseres sozialen Lebens und, im Gegensatz zu Pistorius’ Prothesen, stehen sie jedem mit dem nötigen Kleingeld zur Verfügung. Wobei wir beim Punkt wären: das liebe Geld. Mit Geld lässt sich bekanntlich nicht alles, aber dennoch verdammt viel kaufen. Wer ein teureres Smartphone hat, kann unter anderem schneller Informationen abrufen, mehr Informationen speichern und auch schönere Bilder schiessen. Mit dem besseren Smartphone haben wir mehr Vorteile als mit einem schlechteren. Die Cyborgisierung trennt uns Menschen folglich nicht nur in solche, die sich einen Vorteil leisten können und solche, die es nicht können. Sie trennt uns auch in solche, die sich bessere oder weniger gute Vorteile leisten können. Künftige Technologien könnten einen noch grösseren Einfluss haben.
Trailer zu «Altered Carbon»
Zur besseren Verdeutlichung bietet sich die Science-Fiction-Serie «Altered Carbon» an. In dieser kann das Bewusstsein von Menschen in sogenannten Stacks digitalisiert und in neue Körper, in der Serie «Sleeves» eingesetzt werden. Reiche Menschen können sich so quasi Unsterblichkeit im eigenen Körper leisten, indem sie ihre eigenen Körper klonen und bei Bedarf ihr Bewusstsein in einen Klon transferieren. Zudem machen sie von ihrem Bewusstsein immer Backups, damit dieses im Notfall auf eine neue Stack transferiert werden kann. Weniger reichen oder armen Menschen steht diese Option nicht offen. Sie werden, wenn sie denn möchten, in andere Körper transferiert. «Altered Carbon» zeichnet ein düsteres Zukunftsbild, in dem die Schere zwischen Reich und Arm extrem gross ist. Durch die Technologie hat sich eine Elite vom Rest abgegrenzt und einen gottgleichen Status erreicht. Das Beispiel zeigt, dass die Cyborgisierung Besitzverhältnisse extremisieren kann. Droht die soziale Ungleichheit durch die Cyborgisierung noch grösser zu werden?
Historisch betrachtet war und ist die soziale Ungleichheit einem ständigen Wandel unterworfen. Heute sind die Besitzverhältnisse im Vergleich zum Mittelalter geradezu ausgewogen. Gemäss einer Studie von 2016 verfügen die oberen zehn Prozent in Europa durchschnittlich über 37 Prozent des nationalen Einkommens (Quelle: RP Online). Im Mittelalter lag der Anteil an Bauern in Europa, der ärmsten damaligen Bevölkerungsschicht, bei etwa 90 Prozent (Quelle: Leben-im-Mittelalter.net). Durch die Entwicklung neuer Technologien hat sich unsere Gesellschaft aber grundlegend verändert. Dank der Industrialisierung haben sich neue Erwerbsmöglichkeiten für weniger bis gar nicht gebildete Menschen entwickelt. Ein Beispiel ist hier die fordistische Fliessbandarbeit. Diese Menschen konnten sich ein, wenn auch nur ein kleines, Stück vom Wohlstand abschneiden. In unserer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft dreht sich das aber wieder. Es wird ein hohes Mass an Fachwissen vorausgesetzt. Durch die neuen Technologien wird immer mehr menschliche Kraft überflüssig. Weniger oder schlecht gebildete Menschen sind die Leidtragenden dieser Entwicklung und ihre Lebensumstände prekarisieren sich. Als Beispiel lässt sich hier auch der klassische Fliessbandarbeiter anbringen, der immer mehr durch Maschinen ersetzt wird. Aber auch Personen, die auf flexible Arbeitsverhältnisse angewiesen sind, können in prekären Umständen leben.
Auslöser von Veränderungen der sozialen Ungleichheit ist in dieser Betrachtungsweise die Entwicklung neuer Technologien. Ängste, wonach die Cyborgisierung soziale Ungleichheit verstärkt, sind historisch gesehen demnach nicht ganz unbegründet. Ich möchte dem aber ein Argument entgegenhalten.
Die Cyborg-Gesellschaft ist eine hoch technologisierte. Das bedingt allem voran grosses Vertrauen des Menschen in die Technologie. Am Beispiel Smartphone mag das etwas lächerlich klingen, nehmen wir aber einen Herzschrittmacher als Beispiel, sieht das schon anders aus. Wenn wir einen Schrittmacher brauchen, müssen wir grosses Vertrauen in dessen Funktionsweise und Tüchtigkeit setzen. Ohne dieses Vertrauen würden sich wohl niemand einen Schrittmacher einsetzen lassen. Auf das Smartphone lässt sich das genauso übertragen, es muss ja nicht gleich um Leben und Tod gehen: Sind wir unterwegs angewiesen auf das Mobiltelefon, müssen wir darauf vertrauen, dass es uns nicht im Stich lässt. Wenn wir beispielsweise auf einen lebensverändernden Anruf warten oder uns irgendwo im nirgendwo verlaufen haben. In diesen Momenten setzen wir enormes Vertrauen in das Wissen, das hinter den Geräten steckt. Die meisten unter uns verstehen die Funktionsweise dieser Technologien nicht oder nicht vollständig. Wir begeben uns in ein Abhängigkeitsverhältnis. Wir sind abhängig von dem Wissen, das in den Technologien steckt. Wenn wir sie verwenden wollen, sind wir sozusagen dazu gezwungen, unser Vertrauen in sie zu stecken. Durch dieses Vertrauen, das wir in das Wissen und damit unsere Mitmenschen stecken, sind wir sehr stark in soziale Prozesse eingebunden.
Das Wissen, das in Cyborg-Technologien steckt, ist Expertenwissen. In den meisten Fällen ist zur Herstellung einer solchen Technologie das Wissen mehrerer Experten notwendig. Das lässt sich am Beispiel des Herzschrittmachers zeigen. Um überhaupt einen Schrittmacher entwickeln zu können, muss das Wissen über das Zusammenspiel von Herzmuskel und Reizleitersystem bestehen. Dann muss der Schrittmacher irgendwie angetrieben werden. Das funktioniert mit einer Lithiumbatterie. Für die Entwicklung dieser ist auch wieder Wissen notwendig. Dann muss auch noch das Gerät an sich entwickelt werden. Da ich kein Spezialist bin, habe ich sicher noch etwas vergessen. Aber das Dargelegte zeigt, dass mehrere Wissenssysteme zusammenkommen, um die Cyborg-Technologie herzustellen. Wir legen unser Vertrauen folglich nicht nur in ein Wissen, sondern in ganze Wissenssysteme und wir vertrauen darauf, dass ihr Zusammenspiel funktioniert. Schliesslich hat nicht jeder Träger eines Herzschrittmachers jederzeit eine Heerschar von Experten um sich, die im Ernstfall sofort reagieren könnten. Wenn wir solche Technologien verwenden, vertrauen wir darauf, dass sie korrekt entwickelt und getestet wurden.
Mit der Verwendung von komplexer Technologie ist folglich auch immer eine gewisse Gefahr verbunden. Der Herzschrittmacher könnte aussetzen. Cyborg-Technologien zu verwenden ist gefährlich, wir müssen uns auf andere verlassen, dass die Technologien auch sicher sind. Diese Abhängigkeit von Wissenssystemen macht Cyborgs zu höchst sozialen Wesen. Sie sind nicht nur auf Expertenwissen angewiesen, sondern auch auf andere Cyborgs. Die Grenze zwischen Individuum und Gesellschaft verschwimmt immer mehr. Cyborgs sind sich ihrer Abhängigkeit von Wissenssystemen und anderen Cyborgs bewusst. Denn: Im Technologischen steckt auch immer etwas Soziales. Als Cyborgs gehen wir Gefahren ein und geben einen Teil unserer Individualität ab.
In dieser Abhängigkeit, beziehungsweise der zunehmenden Bedeutung des Sozialen durch die Cyborgisierung, sehe ich die Chance, dass die Zukunft nicht so düster sein muss wie in «Altered Carbon». Wir werden in der Optimierung unserer Körper gleichzeitig auch verletzlicher. Je optimierter wir sind, desto verletzlicher sind wir. Wir erhalten durch die Optimierung also nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile, indem wir einen Teil unserer Individualität abgeben und uns in ein Abhängigkeitsverhältnis begeben. Aus dieser Abhängigkeit werden wir zu noch sozialeren Wesen. Cyborgs können es sich nicht erlauben, wie die Elite in «Altered Carbon» in Luftschlössern – im sinnbildlichen und wörtlichen Sinn – zu leben. Sie müssen soziale Wesen sein, wenn sie denn überleben wollen. Wie das auch seit Menschengedenken der Fall ist. Ich will damit nicht behaupten, dass wir in einer Cyborggesellschaft keine Differenzen mehr haben werden. Soziale Ungleichheit wird es wohl immer geben. Aber Verhältnisse wie in «Altered Carbon» sehe ich in einer Cyborggesellschaft dennoch nicht.
Was meinst du? Wird die Cyborggesellschaft eine Utopie oder eine Dystopie? Oder siehst du es wie ich und tendierst zu weder noch?
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