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Titel
Syphilis
(griech.,
Lustseuche, Venerie,
Franzosenkrankheit, lat.
Luës,
Morbus gallicus), die wichtigste der ansteckenden
Geschlechtskrankheiten, da sie nicht allein örtliche, auf die
Stelle der
Ansteckung beschränkte Veränderungen
herbeiführt, sondern sich auf dem Weg der
Lymph- und Blutbahn dem ganzen
Körper mitteilt und so zu einer Konstitutionskrankheit
wird. Der krankmachende
Stoff (virus syphiliticum) ist seinem
Wesen nach noch nicht erforscht; man vermutet, daß es eine Bakterienart
sei, hat auch schon eine
Reihe von
Syphilisbacillen aufgefunden, welche mit mehr oder weniger
Wahrscheinlichkeit
als
Ursache der S. bezeichnet wurden, allein sichere Ergebnisse sind bisher noch nicht gewonnen. Am meisten ist es wohl die
Ähnlichkeit
[* 2] der syphilitischen Gewebsveränderungen mit denen, welche durch die Tuberkelbacillen hervorgebracht werden,
welche den
Gedanken an eine ähnliche bacilläre
Ursache immer wach erhält, und vor allem die
Analogie
mit andern ansteckenden
Krankheiten, bei denen in den letzten
Jahren die Bacillen thatsächlich aufgefunden sind.
Die S. würde alsdann in die Gruppe der Wundinfektionskrankheiten einzureihen sein. Die Übertragung findet nur von Mensch zu Mensch statt, Tiere leiden nicht an S., die Luft überträgt den Ansteckungsstoff nicht. Der Hergang der Ansteckung wird in der Regel der Fälle so vermittelt, daß a) ein mit syphilitischem Geschwür (Schanker) an der Haut [* 3] oder Schleimhaut behaftetes Individuum etwas von dem Wundsekret dieses Geschwürs in eine kleine Schrunde der Haut eines bis dahin nicht syphilitischen Individuums überträgt, worauf sich an dieser Stelle ein primäres Schankergeschwür entwickelt.
Diese Art der Übertragung vollzieht sich gewöhnlich beim Beischlaf an den Genitalien, kann aber auch von syphilitischen Geschwüren der Lippen, der Finger etc. aus erfolgen; b) durch Überimpfung von Blut und Lymphe eines an konstitutioneller S. leidenden Menschen in eine Wunde eines andern; c) durch Übertritt des Gifts vom Blut einer syphilitischen Mutter auf das in ihrem Uterus sich entwickelnde Kind. Die Krankheitserscheinungen sind 1) primäre oder örtliche, an der Stelle der stattgehabten Ansteckung sich entwickelnde Entzündungen und Geschwürsbildung;
2) sekundäre, durch Aufnahme des Gifts in den Körper bedingte Allgemeinerscheinungen. Manche Ärzte unterscheiden auch wohl als 3) tertiäre S. solche Erkrankungen, welche noch jahrelang nach der Ansteckung in verschiedenen innern Organen beobachtet werden; da diese späten Nachschübe meist an Leber, Nieren, Gehirn [* 4] vorkommen, so hat man sie auch als Eingeweide-S. (viscerale S.) bezeichnet. Die primäre S. ist eine entzündliche Zellenwucherung, welche, an der Impfstelle langsam wachsend, einen etwa bohnengroßen Knoten hervorbringt, welcher sich derb anfühlt und als Gummigeschwulst im Sinn Virchows aufzufassen ist.
Die Zellen dieses Knotens zerfallen fettig, die dünne bedeckende Hautschicht wird abgestoßen, nach 4-6 Wochen ist aus ihm ein Geschwür, der harte Schanker, entstanden. Als hartes, induriertes Geschwür wird es bezeichnet im Gegensatz zu einfachen, nicht auf S. beruhenden Hautgeschwüren, welche nicht immer ihrem Namen »weicher Schanker« entsprechen und daher leicht zu Verwechselungen Anlaß geben; die Frage, welche von beiden Geschwürsformen vorliegt, wird oft erst durch die spätern Folgezustände sicher entschieden.
Während bei einfachen Geschwüren der Verlauf meist ein schneller ist, das Geschwür bei guter Reinhaltung rasch heilt, höchstens zur Bildung schmerzhafter Schwellungen der Leistendrüsen führt, so stellt sich beim syphilitischen Geschwür langsame schmerzlose Schwellung der Nachbardrüsen ein, welche den Übertritt des Gifts ins Blut anzeigt und nun die sekundären Erscheinungen einleitet; man nennt diese geschwollenen Lymphdrüsen indolente Bubonen. In ihrem nun folgenden sekundären Stadium, in welchem der Körper mit dem Gift als durchseucht gedacht wird (daher konstitutionelle S.), treten gewöhnlich etwa zwei Monate nach der Ansteckung sehr mannigfache Hautausschläge auf, welche in Form von Flecken, Knötchen, Schuppenwucherung, nässenden Entzündungen auftreten und als Syphiliden zusammengefaßt werden.
Sie verursachen höchst selten das Gefühl von Brennen und Jucken und treten in der Kälte deutlicher hervor als in der Wärme. [* 5] Die häufigste Form ist ein rotfleckiger Ausschlag (Roseola syphilitica), welcher in Gestalt von halblinsengroßen, runden, geröteten Flecken auf der Haut des Gesichts, am Rumpf und an den Extremitäten auftritt. Nach längerm Bestehen bekommen die Flecke ein schmutzig braunrotes Ansehen und verschwinden endlich mit schwach kleienförmiger Abschelferung der Oberhaut.
Eine andre Ausschlagsform ist der Lichen syphiliticus, bestehend aus kupferroten, nicht juckenden Knötchen, die vereinzelt oder in Gruppen auftreten und an den verschiedensten Körperstellen vorkommen. Die Psoriasis syphilitica (Schuppenausschlag) besteht in einer reichlichen kleienartigen Abschelferung der Epidermis, [* 6] die auf mehr oder weniger dicht stehenden, geröteten Hautflecken stattfindet. Die Psoriasis syphilitica hat die Eigentümlichkeit, daß sie die Kniee und Ellbogen (wo die nicht syphilitische Psoriasis am häufigsten vorkommt) immer verschont und dagegen sehr gern an den Handtellern und an der Fußsohle sich zeigt, die ihrerseits von nicht syphilitischen Schuppenausschlägen fast ausnahmslos verschont bleiben.
Das pustulöse, aus Eiterbläschen bestehende Syphilid (Ecthyma syphiliticum) befällt namentlich den behaarten Kopf und das Gesicht. [* 7] Aus den beim Kämmen der Haare [* 8] etc. zerkratzten Pusteln entstehen zuweilen tiefe Geschwüre mit gerötetem Hof, [* 9] welche äußerst hartnäckig sind. Seltener als die genannten Hautausschläge kommen die blasen- und bläschenförmigen Syphiliden vor. Die Blasen hinterlassen nach ihrem Zerplatzen oder Eintrocknen einen Schorf, unter welchem sich ein Geschwür entwickelt (Schmutzflechte, Rupia syphilitica). Große Blasen kommen bei neugebornen Kindern als Zeichen angeborner S. häufig, bei Erwachsenen um so seltener vor ¶
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(Pemphigus syphiliticus, s. Tafel »Hautkrankheiten«, [* 11] Fig. 3). Außer diesen Ausschlägen kommen auch in der Haut wirkliche Gummiknoten vor, namentlich im Gesicht und an der Stirn, wo sie als Corona Veneris [* 12] bezeichnet werden. Alle diese syphilitischen oder gummösen Entzündungsknoten, gleichviel ob sie in der Haut als derbe rote Knoten oder in den Schleimhäuten als dicke Wucherungen auftreten, oder ob sie in der Iris, in Leber, Nieren oder Gehirn, Knochenhaut oder Knochenmark mehr als flache Geschwülste oder große Knoten hervorwuchern, sie alle haben eine gleiche Struktur wie der primäre Schankerknoten, sie bestehen aus weichem Bindegewebe und können 1) bei geeigneter Behandlung verfetten und so völlig zurückgebildet werden, oder 2) sie können, wenn sie oberflächlich liegen, geschwürig zerfallen, und 3) sie bilden sich teilweise zurück, teilweise schrumpfen sie und hinterlassen derbe, strahlige, weiße oder gefärbte Narben.
Durch diese große Mannigfaltigkeit in der äußern Erscheinung der S. ist es bedingt, daß nahezu in jedem Organ Erkrankungen vorkommen, welche durch gewisse Eigentümlichkeiten als spezifisch syphilitische erkannt werden. Es gibt an der Regenbogenhaut des Auges eine zu Verwachsungen führende Entzündung (Iritis syphilitica, s. Tafel »Augenkrankheiten«, [* 13] Fig. 5),
es gibt im Kehlkopf [* 14] gummöse Neubildungen, welche große, strahlige Narben hinterlassen (s. Tafel »Halskrankheiten«, [* 15] Fig. 3); an den Knochen [* 16] kommen sowohl knöcherne Auswüchse (Exostosen) als Defektbildungen, eine Art von Knochenfraß (Caries sicca) vor, welche durch bohrende Schmerzen (dolores osteocopi) ausgezeichnet sind. In der Leber bringt die S. Narben hervor, durch welche das Organ in unregelmäßige Lappen eingeteilt wird (hepar lobatum), in der Nase [* 17] führen syphilitische Geschwüre zur Bildung stinkender Borken (Ozaena syphilitica) und Einfallen der Nase;
im Gehirn und Rückenmark können Lähmungen aller Art durch gummöse Knoten entstehen;
an der Haut wuchern warzige Gebilde (Feigwarzen, Kondylome) mit breiter Basis und höckeriger Oberfläche hervor;
in den Lungen kann die S. eine besondere Art der Schwindsucht bedingen, und endlich kommen im Herzen Geschwülste, im Darm [* 18] Geschwüre vor, welche der S. zuzuschreiben sind.
Personen, welche an konstitutioneller S. leiden, erleben oft viele Jahre hindurch immer neue Organerkrankungen, so daß sie schließlich an Erschöpfung, nicht selten unter allgemeiner Amyloidentartung zu Grunde gehen. Die Behandlung richtet sich zunächst auf die Behandlung des primären Geschwürs. Dieses heilt bei gründlicher Reinhaltung, event. unter gleichzeitiger Anwendung von Quecksilber ohne Schwierigkeit. Die konstitutionelle S. wird mit richtiger und frühzeitiger Anwendung von Quecksilber in Form von Einreibung von grauer Quecksilbersalbe oder subkutaner Einspritzung [* 19] von Sublimat (Lewin) oder innerlicher Darreichung von Kalomel (Ricord) oft vollständig geheilt. Bei veralteter S. sind Jodkalium, der Gebrauch von Schwefelbädern, wie Aachen, [* 20] Nenndorf und andern warmen Bädern, von guter Wirkung.
Die S. ist von den Eltern auf die Kinder übertragbar. Frauen, welche zur Zeit der Konzeption bereits an sekundärer S. leiden oder auch erst während der Schwangerschaft syphilitisch werden, bringen fast immer unreife, tote Früchte durch Abortus oder Frühgeburt zur Welt. In andern Fällen wird das Kind zwar ausgetragen, stirbt aber bei oder kurz nach der Geburt ab. Nur selten wird das Kind einer syphilitischen Mutter längere Zeit am Leben erhalten. In diesem Fall sind entweder schon gleich bei der Geburt Symptome der S. an dem Kind vorhanden, oder die S. ist noch latent, und die Symptome derselben treten erst nach Wochen oder Monaten hervor.
Die meisten der Kinder mit angeborner S., welche am Leben bleiben, haben die Krankheit von dem zur Zeit der Zeugung syphilitischen Vater geerbt. Es ist sicher konstatiert, daß die S. vom Vater auf das Kind übergehen kann, ohne daß die Mutter syphilitisch infiziert ist oder von dem kranken Kind, welches sie in ihrem Schoß birgt, infiziert wird. Auch die von einem syphilitischen Vater herstammende vererbte S. verrät sich in manchen Fällen gleich bei der Geburt durch deutliche Zeichen, während in andern erst später charakteristische Störungen auftreten.
Die erstere Gruppe von Fällen bietet für die Behandlung wenig Aussicht, meistens gehen die Kinder, namentlich wenn schwere Knochenleiden oder Pemphigus vorhanden sind, zu Grunde. Dagegen hat die Behandlung der angebornen, aber anfangs latent gebliebenen S. günstige Erfolge aufzuweisen. Gewöhnlich gibt man den Kindern kleine Dosen Kalomel oder läßt Sublimatbäder anwenden. Dabei muß man die Kräfte des Kindes durch Zufuhr einer möglichst zweckmäßigen Nahrung (Muttermilch) aufrecht erhalten. Dem syphilitischen Kind eine Amme zu geben, ist nicht rätlich, weil letztere der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt ist.
Die S. erregte zuerst am Ende des 15. Jahrh. als Franzosenkrankheit (Morbus gallicus) die Aufmerksamkeit der Ärzte und richtete bei den damaligen Sitten und der Unkenntnis über ihre zweckmäßige Behandlung furchtbares Unglück an. Der Name S. ist zuerst von dem Italiener Fracastoro (1521; vgl. dessen »S. oder gallische Krankheit«, deutsch, Leipz. 1880) gebraucht worden.
Vgl. Ricords Vorlesungen über S. (übersetzt von Gerhard, Berl. 1848);
v. Bärensprung, Die hereditäre S. (das. 1864);
Geigel, Geschichte, Pathologie und Therapie der S. (Würzb. 1867);
Lewin, Die Behandlung der S. mit subkutaner Sublimatinjektion (das. 1869);
Zeißl, Pathologie und Therapie der S. (5. Aufl., Stuttg. 1888);
Weil, Über den gegenwärtigen Stand der Lehre [* 21] von der Vererbung der S. (Leipz. 1878);
Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche im Altertum (Halle [* 22] 1888).