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Lukas Bärfuss ist der diesjährige Preisträger des Georg-Büchner-Preises und damit erst der vierte Schweizer Schriftsteller, der die Auszeichnung erhalten hat.
Vor Bärfuss wurden Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und zuletzt Adolf Muschg geehrt. Auf die Frage, was der Preis für ihn heisst, zeigte sich Lukas Bärfuss gerührt.
Lukas Bärfuss
Nach der Matur absolvierte Lukas Bärfuss eine Ausbildung zum Buchhändler. Seit 1997 lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller in Zürich. 1998 begründete er die freie Theatergruppe 400asa mit. Für sein Stück «Der Bus» wurde er 2005 vom «Theater heute» zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt.
2008 erschien sein erster Roman «Hundert Tage». Für sein literarisches Schaffen und im Besonderen für seine Theaterstücke erhielt er 2013 den Berliner Literaturpreis. 2019 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen.
SRF: Was bedeutet die Verleihung des Büchner-Preises für Sie?
Was das genau bedeutet, weiss ich noch nicht. Ich stehe immer noch unter Schock, muss ich sagen. Ich bin sehr bewegt.
Sie sind erst der vierte Schweizer nach Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Adolf Muschg, der den Büchner-Preis erhält. Alle eminent politische Autoren. Ist das eine Tradition, die Sie fortsetzen wollen in Ihren Romanen, Dramen, Essays und Reden?
Ich glaube, das hat mit Georg Büchner zu tun. Es ist entscheidend, dass wir heute wieder daran denken, dass dieser unglaubliche Dichter ein Revolutionär war. Ein politischer Flüchtling, der vor den Verhältnissen in Hessen, vor der Unterdrückung und der Ungerechtigkeit geflohen ist, zuerst nach Strassburg und dann in die Schweiz.
Wenn man mich mit diesem Anspruch, den man an Georg Büchner stellt, in Verbindung bringt, bin ich sehr glücklich.
Die Schweiz, das liberale Zürich, hat ihm Asyl gewährt. Gerade in seinem Werk sieht man, dass diese Vorstellung der Trennung zwischen dem Politischen und dem Privaten nicht tauglich ist und dass gerade in der Literatur da keine Trennlinie sein kann. Wenn man mich mit diesem Anspruch, den man an Georg Büchner stellt, in Verbindung bringt, bin ich sehr glücklich.
Ist Ihnen diese Verbindung zwischen Politischem und Literarischem wichtig?
Natürlich müssen wir die Dinge, die wir zu sagen haben, mit der grössten Poesie und Schönheit und Präzision sagen. Ganz einerlei, ob wir das in einem Gedicht machen oder in einem Roman, in einem Pamphlet oder in einer Polemik. Die Forderungen nach Genauigkeit, nach Leidenschaft und nach Schönheit gilt nicht für eine Form. Die Forderung ist allgemeingültig.
Der Büchner-Preis bestätigt den hohen Rang, den Sie in Deutschland geniessen. In der Schweiz haben Sie unter anderem durch den viel beachteten Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» von 2015 eine Kontroverse ausgelöst und sind seither ein umstrittener Autor. Fühlen Sie sich in Deutschland besser verstanden als in der Schweiz?
Nein, das glaube ich nicht. Das liegt auch in der Natur der Sache. Ein Autor, der sich so kritisch wie ich zu seiner Heimat äussert, wird in der eigenen Heimat natürlich auch kontrovers diskutiert.
Ich habe ein Recht und eine Pflicht, mich zu den Verhältnissen in diesem Land zu äussern.
Ich habe da überhaupt keinen Groll. Ich habe ja nie gewählt, ein Schweizer zu sein. Aber ich bin sehr froh darüber. Mir wurde bei meiner Geburt die nationale Identität verpasst, und ich habe ein Recht und eine Pflicht, mich zu den Verhältnissen in diesem Land zu äussern.
Die Jury des Preises würdigt Sie auch als Könner der Sprache. Sie sei karg, klar, trennscharf. Sie verbinde «psychologische Sensibilität mit dem Willen zur Wahrhaftigkeit». Kann man nach so viel Lob als Schriftsteller überhaupt noch schreiben und besser werden?
Da sehe ich kein Problem, muss ich sagen. Ich habe so ein grosses Über-Ich, wie Freud das nennt. Dieses Über-Ich ist sehr streng mit mir. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich vor Ehrfurcht vor mir selbst erstarre. Ich bin sehr verwurzelt in meiner Familie – auch mit meinen Kindern.
Da merke ich schnell, dass ich nur ein Mensch bin und dass alle Ehrungen nur Ehrungen bleiben. Ich merke dann, dass man im Alltag und im Leben zu bestehen hat, um die nächsten Aufgaben in Angriff zu nehmen.
Das Gespräch führte Julian Schütt.