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Von der Schönheit des Schrecklichen
John Burnside: “Glister”
Die zeitgenössische schottische Literatur entwirft mit Vorliebe düstere, melancholische, ja oft morbide Geschichten. Niemand erzählt diese jedoch mit soviel dunkler Poesie wie der Romanautor und Dichter John Burnside. Nach “Die Spur des Teufels” ist “Glister” Burnsides zweiter Roman, der in deutscher Sprache erscheint. Selten kleidet sich so Schreckliches in so schöne Worte.
Von Lukas Hunziker.
In Innertown, dem ärmeren Kern eines kleinen Städtchen auf eine Landzunge, abgeschnitten und vergessen vom Rest der Welt, sind in sieben Jahren fünf Jungen über Nacht spurlos verschwunden. Die einfachste Erklärung erscheint vielen Einwohnern auch die wahrscheinlichste: die fünf haben sich klammheimlich davon gemacht, um anderswo ein besseres Leben zu suchen. Ganz unverständlich wäre dies nicht, denn Innertown hat seine besten Tage gesehen. Einst war der ganze Ort reich, da eine grosse Chemiefabrik an der Küste allen Arbeit bot. Heute jedoch ist die Fabrik eine Ruine, um welche sich unheimliche Geschichten ranken, und die Einwohner leiden unter zahlreichen, mysteriösen Krankheiten, ausgelöst durch die Verschmutzung des Bodens, des Wassers, der Luft.
Lebende Tote mit Geheimnissen
Einer jedoch weiss, dass die fünf Jungen nicht abgehauen sind. Polizist Morrison, angestellt vom reichstem Geschäftsmann Outertowns, des noblen Vororts, hat noch in der Nacht, als der erste Junge verschwand, dessen Leiche entdeckt, an einem Baum hängend, bizarr geschmückt wie das Opfer eines religiösen oder mystischen Rituals. Doch die Anweisung an Morrision lautete, den Fund zu vertuschen, um der Stadt nicht noch ein weiteres Kapitel in seiner düsteren Geschichte zu bescheren. Morrison gehorchte, und starb innerlich an diesem Tag. Den anderen Einwohnern des Städtchens gleich irrt er als lebender Toter durch die Jahre, und versucht sein Verbrechen zu sühnen, indem er den verschwundenen Jungen tief im vergifteten Wald, wo er damals die Leiche fand, einen kleinen Garten anlegt.
Bücher, Sex, Gewalttrieb
Während die Generation, welche die Blütezeit der Chemiefabrik noch erlebt hatte, in Lethargie und Verzweiflung versinkt, sucht die Jugend Innertowns nach einem Sinn in ihrem tristen Leben. Leonard, dessen Mutter die Familie verlassen hat und dessen Vater dem Tod entgegen sieht, flieht sich in die grossen Klassiker der Literaturgeschichte, liest Proust, Dickens, Conrad und was immer die kleine Bibliothek zu bieten hat. Dann jedoch entdeckt er die Frauen, genauer gesagt die nymphomanische Elspeth, die ihm mit unverbindlichem und ziemlich gefühllosem Sex eine weitere Art der Flucht zeigt. Leonard jedoch will bald mehr als gute Blowjobs und regelmässige Stellungskriege, und so sagt er zu, als eine Clique Jungen seines Alters ihn einladen, sie auf der Jagd zu begleiten. Der Jagd nach Ratten, nach sagenhaften Mutationen, welche sich in den verseuchten Ruinen der Fabrik über die Jahre entwickelt haben, und schliesslich nach einem Menschen.
Schaurigschöne lyrische Prosa
“Glister” ist einer jener Romane, die sich in kein Schema fügen wollen, eine Mischung aus Mystery Novel, Thriller und düsterer Zukunftsvision, bei der man oft nicht weiss, ob man sich in einem Traum oder in der Wirklichkeit befindet. Innertown ist ebenso real wie allegorisch, die Umgebung ebenso das wahrheitsgetreue Bild eines ökologischen Katastrophengebiets wie ein Abbild inneren Zerfalls. Der grösste Widerspruch des Romans ist jedoch seine tiefdüstere Geschichte und die immer wieder wunderschöne Sprache, in welcher diese erzählt wird. John Burnside ist nicht zu Unrecht einer der grossen schottischen Dichter der Gegenwart, und macht in “Glister” von seinem lyrischen Talent immer wieder Gebrauch. Die Aufgabe, diese Sprache in der deutschen Übersetzung aufleben zu lassen, hat Bernhard Robben bemerkenswert gut gemeistert. Die deutsche Ausgabe von “Glister” ist ein Lesegenuss, und es ist zu hoffen, dass sie viele Leserinnen und Leser findet. Sie hätte es verdient.
Knaus
272 Seiten, ca. CHF 31.90