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Die Schweizer Thermalbäder waren zu allen Zeiten ein Zentrum des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens.
Das Land hat viele Thermalquellen, und wie auch im übrigen Europa waren es die Römer, die diese erstmals nutzten.
Es ist schon eine Weile her, seit ein Schweizer Politiker sich entkleidete, um einen Staatsvertrag mit einem anderen Land zu unterzeichnen.
Die Nachricht über ein solches Geschäft in einem Thermalbad würde heute viel zu reden geben. Solches aber war im Mittelalter gang und gäbe, als der Ort Baden mit seinen 19 Thermalquellen ein Zentrum der Schweizer Diplomatie war.
Die Quellen von Baden
Im 14. und 15. Jahrhundert hielten die Führer der jungen Eidgenossenschaft ihre Generalversammlungen gerne in den Bädern der Stadt ab.
"Diese Treffen waren beliebt, weil man hier das Geschäft mit dem Vergnügen verbinden konnte", erzählt Trudi Adank vom Tourismusbüro von Baden, als wir die Ruinen der mittelalterlichen Bäder besuchen.
"Da diskutierten sie über Politik, über ihre Ziele, und sie unterzeichneten Verträge mit den Nachbarstaaten."
Idee aus der Römerzeit
Die Römer bauten in Baden etwa im Jahre 5 ein Thermalbad mit dem passenden Namen "Acqua Helvetica".
Darüber, wie die Römer badeten, während sie für die nächsten 400 Jahre über ihr Gebiet herrschten, ist wenig bekannt, denn aus jener Zeit gibt es nicht viele Überlieferungen.
Die Römer waren es aber, die den Grundstein für eine sprudelnde Bäderindustrie legten. Baden wurde in ganz Europa berühmt als Bäderstadt, und dieser Ruf blieb bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten.
Rund eine Million Liter Wasser sprudeln täglich in den Thermalquellen der Stadt, das Wasser soll zu den mineralreichsten der Schweiz gehören.
Berühmte Wasser
Baden ist stolz auf die Liste berühmter Persönlichkeiten, die in seine Heilwasser eingetaucht sind. Michel de Montaigne, der Denker der französischen Renaissance, besuchte die Bäder der Stadt auf seinen vielen Reisen. Auch der Schweizer Paracelsus frequentierte die Quellen im 16. Jahrhundert.
"Einer der ersten Gäste, die nach Hause schrieben, wie schön es in Baden sei, war Signore Boccio, der (im frühen 15. Jahrhundert) unter zehn verschiedenen Päpsten diente", erzählt Adank.
"Boccio entdeckte Baden auf seinem Weg nach Konstanz im Jahr 1412. Es gefiel ihm so gut, dass er auf der Rückreise gleich ein paar Monate hier blieb. Er fand, Baden habe die hübschesten Mädchen, die er je gesehen habe."
Im 18. und 19. Jahrhundert liess die Anziehungskraft der Bäder etwas nach. 1714 wurde hier dennoch der Dritte Friedensvertrag unterzeichnet, der den Krieg um die spanische Erbfolge beendete.
Danach reisten viele Leute aus ganz Europa und aus den verschiedensten Kreisen nach Baden. Sie brachten ihre Köche, Diener, Gefolgschaften, Familien und Geliebten mit.
Wasser für alle
Auch die Armen kamen. Bilder aus jener Zeit zeigen, dass die Unterschicht ihre eigenen Bäder hatte, und dass sie bei den Lokalbehörden ein Gesuch einreichen konnten, damit diese ihre jährliche Kur bezahlten.
Die Ärmeren bettelten ausserdem die Reichen an, die in ihren eigenen Thermen badeten.
Ernsthaftes Geschäft
Die Leute gingen ins Bad, um von Krankheiten wie Rheumatismus, Arthritis und Gicht geheilt zu werden. Bis acht Stunden sassen sie dafür im Wasser, manchmal gar noch länger.
Dazu assen sie, tranken, machten Geschäfte und schlossen neue Bekanntschaften.
Eine Kur war nämlich auch ein gesellschaftliches Ereignis, da konnten sich die jungen Männer und Frauen treffen, knapp verhüllt von dünnen Badetüchern.
"Vor allem die Männer sahen den jungen Frauen gerne beim Baden zu, denn die Tücher trieben oft an die Wasseroberfläche, und sie hofften, einen Blick auf die intimeren Körperteile zu erhaschen", lacht Adank.
Aberglaube
Die heilenden Wasser der Bäder sollten auch "den Schoss unfruchtbarer Frauen öffnen". Es ging der Mythos, Frauen, die ihre Füsse bei Vollmond in die grösste Quelle Badens tauchten, seien dann bereit für eine Empfängnis.
"Aber die Historiker glauben, dass die Frauen wohl eher von den Wächtern der Bäder schwanger wurden!" meint Adank.
Bescheiden
Baden ist heute bescheiden - eher ein Vorort des schnelllebigen Zürich. Es kann nicht mit Bad Ragaz, Leukerbad oder Vals in den Alpen konkurrieren, die nach den Veränderungen der Schweizer Bäderindustrie nun die Nase vorn haben.
Heute sollen die Bäder weniger Krankheiten heilen als das körperliche und seelische Wohlbefinden fördern. "Wellness" ist eine Boomindustrie. Aber auch diese hängt von den heissen Quellen ab, welche die Römer vor 2000 Jahren entdeckten.
swissinfo, Samantha Tonkin
In Kürze
Als erste entdeckten die Römer vor 2000 Jahren viele der europäischen Thermalquellen, auch jene in der Schweiz.
Sie bauten Thermalbäder, so das "Acqua Helvetica" in Baden im Jahre 5.
Es ist wenig bekannt über die Bäder und wie sie im Mittelalter genutzt wurden. Damals waren sie wichtige Treffpunkte sowohl für Diplomaten wie für die Dorfbewohner.
Reiche und Arme machten jährliche Badekuren gegen ihre Krankheiten. Die blühende Bäderindustrie erlebte im späten 20. Jahrhundert einen Rückgang.