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Persönlich. Joseph Gorgoni führt in der Rolle von Marie-Thérèse Porchet als erster Komiker aus der Westschweiz durch das Programm des Circus Knie.
Coopzeitung: Muss sich ein Komiker aus der Romandie erst als Frau verkleiden, um in der Deutschschweiz Erfolg zu haben?
Joseph Gorgoni: (lacht) Ich glaube nicht, dass das den Erfolg ausmacht. Die Figur muss einfach lustig und überzeugend sein. Marie-Thérèse Porchet existiert bereits seit 17 Jahren. Die ist echt.
Sie sind ein Mann in einer Frauenrolle und ein Westschweizer in der Deutschschweiz. Ein doppeltes Crossover ...
Vor allem bin ich ein Komiker. Marie-Thérèse mag schon lange existieren und es mag mir viel Freude machen, sie zu sein – aber ich bin nicht sie. Ich spiele eine Rolle, vergleichbar vielleicht mit Harry Hasler von Viktor Giacobbo. Ich bin dabei stark verkleidet, so stark, dass ich als Frau auftrete. Marie-Thérèse Porchet bleibt aber eine Rolle von mir.
Wie sind Sie auf die Figur gekommen?
Das war Zufall. Die Figur ist 1993 in «La Revue Genevoise», einer kabarettistischen Revue, geboren worden. Eine von vielen Figuren darin war Marie-Thérèse. Sie hatte nur zwei Minuten, war aber ein grosser Erfolg, deshalb habe ich die Rolle ausgebaut.
Jetzt sind Sie in der Deutschschweiz unterwegs mit Marie-Thérèse – lachen Deutschschweizer anders?
Ich glaube, sie lachen stärker und irgendwie demonstrativer. In Genf sind die Menschen zurückhaltender. In der Romandie generell mokiert man sich stärker über andere als in der Deutschschweiz, man lacht über jemanden. Hier lacht man mehr miteinander.
Was ist ganz generell der grösste Unterschied zwischen Deutsch- und Westschweiz?
Das ist schwierig zu sagen. Ich hatte viele Vorstellungen, bevor ich hierher kam. Jetzt, nach der Arbeit in der Deutschschweiz, muss ich sagen: Im Prinzip ist die Sprache der grösste Unterschied. Die Menschen sind dieselben. Die meisten Deutschschweizer sprechen zudem Französisch, Romands sprechen dagegen kaum Deutsch. Klar: Für uns ist es schwierig. Schon das Hochdeutsch in der Schule ist schwer zu lernen, aber das sprecht ihr ja nicht einmal, sondern Schweizerdeutsch. Und das ist noch viel schwieriger als Deutsch. In der Romandie lernt man lieber Englisch.
Das ist in der Deutschschweiz auch so. Bringt uns das auseinander?
Ich glaube nicht. Hauptsache, man versteht sich. Überhaupt sind die Probleme gar nicht so gross. Ihr Deutschschweizer seid mehr, bei euch ist die Macht in der Schweiz, ihr seid die Chefs, deshalb machen wir uns in der Romandie über euch lustig. Ihr macht euch über uns nicht lustig, weil wir eine Minderheit sind.
Ihr Auftritt im Knie erinnert in manchem an Emil …
Ich möchte mich nicht mit Emil vergleichen, das wäre zu hoch gegriffen. Ich erinnere mich noch gut an die Auftritte von Emil in der Romandie. Schon sein Französisch brachte uns zum Lachen. Das ist halt so: Für uns Westschweizer tönt Schwiizerdüütsch und der Schweizerdeutsche Akzent einfach lustig. Wir müssen sofort lachen, das liegt vielleicht am Ton.
Das heisst, Sie haben es in der Deutschschweiz viel schwerer als Emil in der Romandie.
Vielleicht. Aber eben: Ich bin anders als Emil. Und wir machen uns ja im Knie auch über die Westschweizer lustig.
Sie sind in Ihren Auftritten viel schriller, direkter und vor allem schneller.
Das ist vielleicht die lateinische Art. In Paris muss es viel schneller gehen. Es ist aber auch eine sprachliche Angelegenheit. Auf Deutsch kann man sich nicht unterbrechen, weil das Verb erst am Schluss kommt. Man muss warten, bis das Verb kommt und kann erst dann sprechen. Bei uns kann man sich jederzeit ins Wort fallen. Das macht die Konversation schneller.
Wie war die Arbeit mit Knie?
Knie gibt mir grosse Freiheiten. Im Zirkus gelten zwei Regeln: Keine Politik und nichts unter der Gürtellinie. Davon abgesehen, kann man alles ausprobieren.
Keine Politik, das muss Ihnen schwerfallen. Marie-Thérèse kann sehr politisch sein.
Nun, wir haben ein paar kleine politische Augenzwinkern eingebaut, aber es ist Zirkus, kein politisches Kabarett.
In der Romandie machen Sie sich über «Les Bourbines» lustig. Das sind Schweizer, die auf der falschen Seite des Röstigrabens wohnen. Jetzt arbeiten Sie für einen Bourbine. Ist das nicht Verrat?
Marie-Thérèse verachtet zwar die Bourbines, aber sie hat sich auch in einen verliebt. Ganz so einfach ist es also nicht … Privat habe ich keine Probleme mit der Deutschschweiz. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, Schweizerdeutsch zu lernen und mit der Figur die Leute in der Deutschschweiz zum Lachen zu bringen. Die Deutschschweizer lachen dabei sogar über sich selbst, das ist sehr schön.