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Eine Strasse im Nirgendwo
Aktualisiert: 15. Okt 2019
Plötzlich riechen wir Dieselabgase. Wir halten inne. Die Augen suchen den Horizont ab und entdecken in der Ferne eine Staubwolke. Am unteren Ende der Staubwolke schlägt ein gelber Bagger mit den scharfen Zähnen seiner Schaufel eine staubige Schneise in die unberührte Landschaft. Staub wirbelt auf, als stiebe eine 200-köpfige Yak-Herde in hohem Tempo über das unwegsame Gelände. Irgendjemand baut eine Strasse mitten im Nirgendwo.
Seit drei Tagen sind wir zu Fuss unterwegs. Von Zivilisation keine Spur. Hier gibt es nur Trampel- und Säumerpfade. Die nächste Siedlung befindet sich mittlerweile rund 70 Kilometer Tal auswärts und schon diese ist nur über eine sehr holprige 200km lange Piste zu erreichen, welche immer wieder durch Steinschlag, Erdrutsche, Murgänge oder Lawinen unterbrochen ist. Kaum eine Gegend ist so isoliert von der Aussenwelt wie der Wakhan Korridor im Nordosten Afghanistans. Und dann plötzlich diese Baustelle. Wir haben davon gehört, dass es dieses Projekt geben soll, aber als wir es mit eigenen Augen sehen, staunen wir dann doch.
Eine kleine Recherche zeigt, dass es hier bald einen Highway durch den Wakhan Korridor geben soll. Doch es gibt keine Informationen über einen Beschluss der Länder China, Pakistan, Afghanistan und Tadjikistan, diesen Highway auch zu bauen. Am aufschlussreichsten ist ein Artikel des Fair Observers vom November 2017. Die Strasse soll angeblich dereinst den Karakorum Highway von China durch Pakistan mit Zentralasien verbinden. Die Menschen des Wakhan Korridors würden dadurch einen Entwicklungsschub erfahren. Zugang zu Bildung und medizinischer Grundversorgung wären plötzlich vorhanden. Bessere wirtschaftliche Perspektiven böten sich an. Die lokale Bevölkerung könnte ihre Produkte (in erster Linie Landwirtschaft) besser vermarkten bzw. auch anderen verkaufen.
Es könnte aber auch zu einer Art Entwicklungsschock kommen. Der Wakhan Korridor mit dem Upper Wakhan Valley und dem Little Pamir weiter Tal aufwärts waren nun über Jahrhunderte extrem isoliert. Offen bleibt, was das für Flora und Fauna im abgeschiedenen Hochtal zwischen Sarhad-e Broghil auf 3400 und dem Wakhjir Pass auf 4927 müM bedeutet, wo bislang noch keine Strasse hindurch führt. Auf unserer Wanderung sind wir an hunderten Murmeltieren und anderen Nagern, die in Erdhöhlen hausen begegnet. Die Natur gehört dort den Marco Polo Schafen, den lokalen Steinböcken, den Braunbären und möglicherweise auch Schneeleoparden. Der Winter ist lang, der Sommer kurz. Das Leben ist karg und hart. Und es wird wohl eine grosse Herausforderung, hier eine Strasse zu bauen, die den Naturgefahren zu trotzen vermag.
Nach wie vor ist es für uns schleierhaft, wie die grossen Geräte in die Gegend gekommen sind (Zwei imposante Schaufelbagger und ein grosser Strassenhobel). Als Transportmittel haben wir nur Yaks, Pferde und Esel gesehen.
Als wir die lokale Bevölkerung auf die Strasse ansprechen und einen Zusammenhang mit China suggerieren, schütteln alle vehement den Kopf. „Afghanistan Project“, wird uns beschieden. Wer dafür aufkommt, ist damit aber nicht beantwortet und lässt sich in einer kurzen Recherche auch nicht restlos klären. Klar ist, dass China die grössten strategischen Interessen hat, und dass die anderen Länder durch die bessere Anbindung an China profitieren. Allerdings sind einige Grenzen in dieser Gegend nach wie vor umstritten (e.g. Kashmir) und könnten die Fertigstellung der Strasse verzögern.
Möglicherweise erhält der Wakhan Korridor mit der Strasse einen Teil seiner einstigen Bedeutung zurück. Historisch gesehen war er Teil der Seidenstrasse und damit eine wichtige Handelsroute. Der Einfluss der Wakhi in der Region war gross. Auch Marco Polo soll damals offenbar durch den Wakhan Korridor gezogen sein. Doch im Rahmen des „Great Game“ zwischen dem britischen Empire und Russland im 19. Jahrhundert wurde dieser Landstrich politisch wie geografisch isoliert. Ein Volk, die Wakhi, wurde marginalisiert und auf 4 Staaten aufgeteilt (China, Afghanistan, Pakistan, Tajikistan), Familien lebten plötzlich diesseits und jenseits der Grenzen. Mit dem neuen Highway – so er denn fertiggestellt wird - dürften die Wakhi wieder etwas näher zusammenrücken.
Ein bedrohtes Naturparadies? Es wäre anmassend, wenn wir den Menschen hier vorschreiben würden, dass sie keine solche Strasse bauen dürfen. Aus unserer europäischen und westlichen Perspektive tendieren wir dazu, dies zu tun. Denn bei uns ist alles bereits verbaut und unberührte Natur kaum mehr vorhanden. Doch ihnen diese Entwicklungsmöglichkeiten zu verwehren, wäre anmassend. Das müssen sie selber abwägen und entscheiden. Wir können höchstens beraten und versuchen die allfälligen negativen Auswirkungen zu vermindern. Als Wanderer durch den Wakhan Korridor bleibt uns aber mit Blick auf die Bilder und die Erlebnisse im einmaligen Hochtal nur der Dank auszusprechen, dass wir den Little Pamir noch ohne Big Highway erleben durften.