Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03615.jsonl.gz/2887

GG 344
Cl. Galeni Pergameni Omnia, quae extant, in Latinum sermonem conversa. Quibus post summam antea adhibitam diligentiam, multum nunc quoque splendoris accessit, quod loca quamplurima ex emendatorum exemplarium collatione & illustrata fuerint & castigata. His accedunt nunc primum Con. Gesneri Praefatio & Prolegomena tripartita, De vita Galeni, eiusque libris & interpretibus. Basel: Hieronymus Froben und Nicolaus Episcopius 1561/1562. Fol. 7+3+2 Bände.
Nachdem schon die achtbändige Basler Ausgabe der Galenübersetzung von 1548 Beiträge des berühmten Zürcher Arztes, Bibliographen und Universalgelehrten Conrad Gesner enthalten hatte, der inzwischen Ausgaben in Lyon 1550 und 1554 und Venedig 1550 und 1556 gefolgt waren, erhält die hier vorliegende nächste Ausgabe der Officina Frobeniana neu nicht nur eine Vorrede Gesners, sondern, umfangreicher und bedeutender durch die bezüglichen Kenntnisse ihres Autors, worauf denn auch im Titel hingewiesen wird, eine neue Darstellung des Lebens und der Lehre Galens auf 24 Grossfolioseiten, dann drei "Emblemata" zu den Ausgaben der Werke, einen ersten Catalogus seiner Schriften in der Reihenfolge der Drucke, Montanus folgend, als kommentierte Bibliographie raisonnée, einen zweiten Catalogus, in dem Gesner sämtliche Übersetzer, Herausgeber und Kommentatoren Galens in alphabetischer Reihenfolge behandelt, immer mit genauen Angaben, wann, wo und bei wem ihre Ausgaben, Übersetzungen oder Kommentare erschienen sind. Gesner hat die neue Ausgabe von Zürich aus am 23. Januar 1562 dem Rektor der Basler Universität in diesem Jahr, dem bekannten Basler Rechtsgelehrten und Antiquitäten- und Kunstsammler Basilius Amerbach (1533-1591) und den übrigen Professoren der Universität gewidmet: Für Staat und Handel brauche es gewisse Tugenden, vor allem Gerechtigkeit, spricht er den Juristen Amerbach an, die nicht weniger wichtig sei als die Gesundheit. Zur Gerechtigkeit gehöre die Tapferkeit, die grosszügige Güte (liberalitas), die Dankbarkeit (gratitudo), die Klugheit. Die Selbstbeherrschung (temperantia) sei für den einzelnen Menschen selber, was die Gerechtigkeit gegenüber den Mitmenschen. Nach dem alten Dichter Theognis enthalte die Gerechtigkeit alle Tugenden in sich. Ihre Einhaltung sei unumgänglich, bestehe teils von Natur aus - das sog. Naturrecht - und teils gezwungenermassen. Ihre schönste Zierde aber seien die Grosszügigkeit und die Dankbarkeit gegenüber Mitmenschen. Wofür Gesner Aussagen Hesiods und des Basilius anführt. Ihrer Universität (Academia) gegenüber sei er zu Dank verpflichtet (Gesner, 1516-1565, hatte sich 1537/38 nach Studien in Paris und Bourges 1532-1534 in Basel immatrikuliert und 1538 hier mit der Doktorpromotion in Medizin abgeschlossen). Darum habe er ihnen schon vor Kurzem sein illustriertes Buch (librum Eiconum cum nomenclaturis) über die Flussfische gewidmet, sinnvoll ihrer Stadt am Rhein, dem grössten Strom der Gegend, fast ganz Europas, reich an Fischen. Jetzt widme er ihnen diese Prolegomena - Vorwort - zu Galen und dessen Werk, wie es jetzt erscheine. Er bekenne sich gern nicht nur als ihr Schützling (cliens), sondern als ihr Zögling (alumnus), wie ein Sohn und Schüler immer dankbar, ihrer Universität. An ihr habe er sich seine wissenschaftlichen Grundlagen geholt, dann Medizin studiert unter Albanus Torinus und Sebastian Sinkeler, dann öffentlich abgeschlossen, und der Schule (scholae) und seinen Lehrern (praeceptoribus) verdanke man nicht weniger als dem Vaterland und den Eltern. Dazu kämen als Grund aber auch private Wohltaten und Freundschaften mit Gelehrten ihrer Stadt. In allen drei Sprachen kundige Grammatiker habe sie, die über die alten Historiker, Dichter und übrigen Autoren lateinisch und griechisch öffentlich läsen (ihr Thomas Platter habe ihn einst in der Schule des Myconius in Zürich unterrichtet), andere, die Hebräisch unterrichteten, in Rhetorik und Dialektik, die Mathematik aus den griechischen und lateinischen Autoren selber erklärten, andere, die die Ethik, Ökonomie und Staatslehre direkt aus Aristoteles lehrten. So gelange die Jugend bei ihnen zum Studium der Medizin, der Jurisprudenz oder der Theologie; in jedem dieser Fächer unterrichteten hervorragende Männer, die er hier nicht einzeln nennen könne und wolle, die durch ihre eigenen Publikationen ja bekannt seien (Gesner ist u.a. der bedeutendste Bibliograph seiner Zeit), von den ehemaligen immerhin den unvergleichlichen Rechtsgelehrten Bonifacius Amerbach, der lange Jahre bei ihnen unterrichtet habe (1495-14.4.1562: er hat somit diese Vorrede gerade noch zu Gesicht bekommen können), dessen Lobpreis man im dritten Buch der Cosmographie ihres hervorragenden Lehrers des Hebräischen Sebastian Münster nachlesen könne. Man dürfte ihm bei dieser Widmung auch kaum Freigebigkeit mit fremdem Gut vorwerfen: er habe viel für das Verständnis und die Publikation Galens getan, an seinen Werken bei ihnen die Medizin studiert, so dass er es als eine Ehre empfunden habe, auf Wunsch der Drucker diese Ausgabe einzuleiten und sie ihnen widmen zu können, zumal sie schon als dritte (nach 1542 [GG 342] und 1549) in der Officina Frobeniana korrekt und reichhaltig erscheine, in der nur die alten Griechen und Lateiner und die besten zeitgenössischen Autoren herauskämen, zahlreich, grosse Werke mit bestem Text, so dass man keine andere Druckerei in Deutschland, ja in Europa an Ruhm und Würde an ihre Seite stellen könne, in der jetzt dem Ruhm ihrer Eltern - Hieronymus Froben und Nicolaus Episcopius - und ihres Grossvaters die Söhne zu deren Lebzeiten nachfolgten. Hieronymus Froben ist denn auch im März 1563 mit 62 Jahren gestorben, Nicolaus Episcopius dreiundsechzigjährig im März 1564; Nicolaus Episcopius der Jüngere druckte seit 1553 selbständig, zuletzt vor seinem Tod (1565) mit seinem jüngeren Bruder Eusebius zusammen; die Officina Frobeniana hingegen übernahmen die Söhne Hieronymus Frobens Ambrosius und Aurelius (geboren 1537 bzw. 1539), die seit ca. 1560 im Betrieb tätig waren: die auf dem Titelblatt unserer Ausgabe erscheinende neue Druckermarke - wohl hier, zusammen mit der medizinischen Titeleinfassung und den Illustrationen zu den chirurgischen Büchern in der Classis septima entstanden, zum erstenmal verwendet - könnte auch darauf deuten, dass die beiden jungen Froben schon leitend in der Offizin tätig waren.
Der Widmung folgt eine Notiz der Drucker, dass der Index - er ist denn auch überaus reichhaltig und umfangreich - wegen der knappen Zeit und der nahen Messe nicht mehr habe fertiggedruckt werden können und demnächst erscheine. Während die zehn Bände mit den Einführungsbüchern, den sieben Classes, den Büchern ausserhalb der Classes und den unechten Büchern das Erscheinungsjahr 1561 zeigen, ist denn auch, neben dem dünnen Prolegomenaband mit dem Gesamttitelblatt, auch der selbständige Indicesband von 1562 datiert. Er enthält ein Register zu den echten Werken, angefertigt von dem seit 1552/53 in Basel ansässigen protestantischen italienischen Arzt Guilielmo Gratarolo (der hier auch einige Schriften publiziert hat), mit seiner Widmung vom Lukastag (18. Oktober: Patron der Chirurgen) 1562 an den Antistes der Basler Kirche und Professor der Theologie Simon Sulzer, und eines zu den unechten Werken von Ioannes Guicaeus Stratander mit dessen Widmung vom 14. Februar 1562 an seinen Förderer, den Antistes Laurentius a Ravenstein. Ioannes Guizeus Iselstadius ex Aurania (wohl aus Ijsselstein in Holland) hatte sich am 24. Januar 1558 in Basel gratis propter paupertatem immatrikuliert und arbeitete, laut deren Rechnungsbuch, 1559 und 1560 bei Froben und Episcopius als Korrektor.
Die Illustration zu den chirurgischen Schriften und Hippokrateskommentaren Galens wie zu der beigegebenen Schrift des Oribasius über die machinamenta gehen auf Vorlagen zurück, die für Oribasius schon im lateinischen Oktavdruck von dessen Werken bei Michael Isingrin von 1557 leicht kleiner, aber in keineswegs geringerer Qualität nachgebildet worden sind (L e V 31).
Unser Exemplar L f I 7-10, somit in 4 Bänden gebunden, stammt aus Besitz des in Basel 1564/65 immatrikulierten Johann Ludwig Schwegler, der sich hier nach Studien in Freiburg 1562 (als Tannensis clericus eingetragen) als baccalaureus Friburgensis eingetragen hat. Mit gräcolatinisiertem Namen hat er seine Bände, die er am 25. Juli 1567 für 9 1/2 Florine bei Nicolaus Episcopius gekauft hat, als Johannes Ludovicus Aules (Schwegelpfeifer) gezeichnet; binden lassen hat er sie 1568 und auf den Einbänden ausser der Jahreszahl seine deutschen Initialen ILS einprägen lassen (was seine Identifizierung ermöglicht hat).