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Als ich ihn das erste Mal sah, trug er einen schwarzen Rollkragenpullover. Er zog einen ebenso schwarzen Rollkoffer hinter sich her:
«Der Koffer ist mein ständiger Begleiter - eigentlich mein Zuhause!».
Silvio Denz kam eben aus Singapur. Machte Zwischenhalt in Basel. Und wir trafen uns im Kunsthallengarten.
Er erzählte mir von seiner Jugend in dieser Region. Die Eltern hatten ein Bauernhaus mit viel Land im Fricktal. Seine Mutter wohnt heute noch dort.
Der Senior führte einen kleinen Parfümhandel. Als Denz junior ihn übernahm, beschäftigte man acht Leute. Er machte aus Alrodo die grösste Parfümkette der Schweiz. Es waren nun 800 Angestellte. Und er verkaufte sie dem französischen Marionnaud-Konzern: «Ich war kaum 44. Und hatte plötzlich diese Millionen. Aber ich wollte nicht einfach an einem Strand liegen. Und begann mich für Weinbau zu interessieren...»
Er kaufte das Château Faugères in Saint-Emilion. Der Besitz war 400 Jahre alt - 180 Jahre in derselben Familie.
«Natürlich war ich auf den Wein fokussiert - aber die Umgebung, die Vergangenheit, die man in jeder Ecke des Schlosses einatmete - all dies interessierte mich NOCH mehr...»
Nach vier Jahren wurden die Denz-Weine unter die 100 besten Bordeaux erkürt.
Als die Queen ihr diamantenes Thronjubiläum feierte und Anton Mosimann für das Galadinner bei ihm den Wein bestellte, überschlugen sich die englischen Blätter. Er hatte der Queen die Flaschen geschenkt: «Anton Mosimann machte mich auf das Problem aufmerksam: Der Wein darf nicht teuer sein. Ich nehme die billigsten Flaschen. Die Presse würde sich das Maul aufreissen, wenn die Royals mit Steuergeldern prassen würden. Also gab ich mich kulant... und als das in den Blättern bekannt wurde, hätten wir eine Woche nach dem Abend mit der Queen 100000 Flaschen in die ganze Welt verkaufen können!»
Alles, was Denz in die Hände nahm, wurde zu Gold.
Damals, bei unserem Treffen, hatte er in London alte viktorianische Villen renoviert («es war die richtige Zeit!»). Jedes Haus, das er aufwendig aufpeppte, brachte ihm beim Verkauf eine Million Gewinn. Heute gehört er zu den reichsten Männern der Schweiz - ein Mann mit Träumen. Und Geschichten:
«Ich habe mich immer für die Geschich ten der Projekte interessiert, in die ich investierte. Es ist befriedigender, den Menschen Geschichten zu verkaufen als nur eine Flasche Wein, ein Haus oder ein Parfüm. Die Menschen brauchen gerade in unserer Zeit ihre realen Märchen...»
Damals, im Kunsthallengarten, hatte er dann keine Zeit für einen Kaffee: «Ich bin an Lalique... die wollen tatsächlich diese Fabrik im Elsass schliessen. Aber Lalique ist ein Kulturgut, ein Stück funkelnde Vergangenheit der Glas-Epoche... schon als junger Mann habe ich diese ganz einzigartigen Parfüm-Flacons gesammelt. So etwas kann man nicht einfach zu Bruch gehen lassen...»
ALSO LIESS SILVIO DENZ DEN ESPRESSO STEHEN. UND JAGTE NACH PARIS. HINTER IHM SCHEPPERTE DER ROLLKOFFER...
Einige Jahre später mailte er mir: «Die Geschichte ist beim Happy End angelangt... Lalique ist mein gesponnener Traum aus Glas. Schau ihn dir an!»
Bei Denz muss man spontan sein. Er ist kein Agenda-Mann. Er braucht die Freiheit im Zeitplan. Entsprechend gibt es keine fixen Daten bei ihm, «zumindest nicht über 14 Tage hinaus. Das ist eine Macke von mir. Unabhängigkeit - auch in Zeitdingen - ist mir wichtig. Ohne diese Freiheit gibt es keine Kreativität. Ich könnte im festen Korsett meine Passionen nicht leben...»
Es sind von Basel zweieinhalb Stunden. Der Ort, wo René Lalique die Glashütte Verrerie d’Alsace vor 100 Jahren eröffnet hat, ist düster: viel dunkler Wald (das Holz wurde für die Fabrikation gebraucht), bizarre Hügel. Ein Glasmacher-Dorf eben. Le petit village schmückt sich aber mit einem malerischen Namen: Wingen-sur-Moder.
Das Gebiet hier war im letzten Jahrhundert für seine Glas hütten bekannt - noch heute findet man etwa zwei Stunden weiter die Fabrikation der Baccarat-Gläser - jetzt allerdings in chinesischer Hand.
Wir fahren zum grossen Gebäude - das Ganze: eine modernisierte, historische Manufaktur.
Denz steht schon bereit. Wieder im schwarzen Pullover. Wieder mit dem Rollköfferchen. Wieder mit neuen Geschichten im Gepäck.
«Als ich damals in Paris vorsprach, taten die alle höchst geziert. Die Zentrale war eben hier - alle taten vornehmer als gekrönte Häupter. Wie so oft in Frankreich herrschte auch bei Lalique das zentralistische Denken...»
Alleine der Hauptplatz Paris beschäftigte 120 Leute:
«Das war reine Präsentation... die hatten keinen blassen Schimmer, wo und wie das Kristall, das sie da verkauften, überhaupt hergestellt wird. Sie führten ein grosses Leben - und die Arbeiter im Elsass hatten nicht einmal Mindestlöhne. Das Schlimmste: Die Pariser Zentrale schaute auf diese Elsässer Arbeiter herunter... die meisten wussten kaum, wo das Elsass oder gar dieses Wingen-sur-Moder lag.»
Denz hat sich das alles angesehen.
«...dann habe ich eben durchgegriffen. Ich besuchte die Elsässer Glashütte. Und das waren 220 Angestellte. Jedem einzelnen gab ich 10 Minuten Zeit, mit mir zu reden. Er oder sie sollten mir erzählen, wie er oder sie sich die Zukunft von Lalique vorstellten...»
Viele Arbeiter waren schon in der vierten Generation im Betrieb. Denz spürte bald, dass die Menschen hier mit dem Pariser Denken ein Problem hatten.
Erste Amtshandlung: Die Grosskotzigen aus der Seinestadt wurden gefeuert. Zweite Handlung: Er setzte sich mit dem französischen Gewerkschaftsführer zusammen. Und redete Klartext:
«Pascal war ein wunderbarer Mann - ein Arbeiter, mit dem man reden konnte. Ich erklärte ihm, dass ich Leute aus der Fabrik-Aristokratie in Paris entlassen würde - dass aber keiner der Elsässer seine Arbeit verlieren werde. Ich sei immerhin Basler. Und die Sympathie der Basler hätte stets für das Elsass geschlagen...»
Denz grinst nun: «Pascal strahlte plötzlich... und schlug ein. Er war Elsässer. Und er vertraute mir.»
Die ganze Belegschaft zählte nun auf Denz. Für sie war er der «grosse Retter». Als der Vertrag unter Fach war, hissten sie die Schweizer Fahne.
Seit 50 Jahren war in der Glasfabrik nichts erneuert worden. Denz war jetzt in seinem Element - er wollte den Traum von Lalique leben:
«Da sind über 30 Berufsgattungen und 50 Paar Hände involviert, bis ein Glaskunststück fertig exportiert werden kann. Ich wollte unabhängig sein. Auch hier. Also begannen wir unter anderem, die so wichtigen Tonöfen selber zu fabrizieren. Die Leute merkten, ich bringe ihnen wieder eine Zukunft und den Glauben an ihren Beruf zurück. Und sie legten sich vom ersten Moment an ins Zeug...»
Bereits nach drei Jahren schrieb Lalique schwarze Zahlen. Heute wird das berühmte Glas in alle Welt exportiert.
Als Karl Lagerfeld einmal in einem Interview erklärte: «Ich trinke nur Coca-Cola - aber natürlich immer aus Lalique-Gläsern», da explodierte der Run nach diesen Kelchen. Denz lacht. «...wir konnten gar nicht mehr liefern!»
Denz wob geschickt die Kunst ins Lalique-Unternehmen ein: Zaha Hadid hat für ihn eine Vase entworfen. Elton John kreierte einen Engel, der dann an einer Aids-Gala für eine halbe Million versteigert wurde. Botta, der Hausarchitekt von Denz, komponierte eine prachtvolle Vase. Und bald soll auch der Lichtkünstler James Turrell das Kristall funkeln lassen.
«Natürlich ist es schwierig, in dieser etwas einsamen Gegend junge Leute zu bekommen. Aber wir sind auf gutem Weg. Von 50, die wir zu Glasbläsern ausbilden, bleibt die Hälfte hier. Der Ort boomt plötzlich.»
Natürlich nicht zuletzt durch das Restaurant, das Botta mit der alten Villa Lalique verwoben hat: ein traumschönes Gebäude, dessen bodentiefe Fenster die Aussicht auf die Wälder und die vier Jahreszeiten freigeben. Zwei Michelinsterne hat man schon - die beiden Küchenchefs Jean-Georges Klein und Paul Stradner hoffen auf den dritten.
Wieder warten wir in dieser schillernden Gourmetoase inmitten von Bäumen das Dessert nicht ab. Denn Denz muss weiter:
«Ich habe ein neues Projekt. Kennst du Crieff am Loch Turret?»
Kenne ich nicht.
Er grinst: «Solltest du aber. Dort steht die älteste schottische Whisky-Destillerie, die noch in Betrieb ist: Die Umgebung ist faszinierend. Und die Sache geht bis ins 17. Jahrhundert zurück - zum schottischen Volkshelden Robert MacGregor, besser bekannt als Rob Roy, der schottische Robin Hood...»
WIEDER DAS LACHEN: «Es gab dort auf dem Gelände eine Katze, die ist 24 Jahre alt geworden - SIE HAT IN IHREM LEBEN 28899 MÄUSE ERLEGT UND EINEN GUINNESS- REKORD-EINTRAG ERHALTEN!»
Ich bin überzeugt, er trägt bereits die Geschichte samt schottischem Whisky-Schloss dazu im Rollköfferchen.
Er mag: Fitness, Rollkoffer, Abenteuer, Innovation
Er mag nicht: Glamour-Party («dort trifft und traf man mich nie»), Agenden, stures und hierarchisches Denken