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Angst vor Energiekrise: Der Vergleich mit den 70er-Jahren hinkt
Die Angst vor einer Energiekrise geht um. Der Anstieg des Erdgaspreises in Westeuropa von 600% lässt die Alarmglocken schrillen. Die Schlagzeilen werden dramatischer, die Politiker in der EU hyperaktiver.
Die Finanzanalysten greifen zum Wort Stagflation und lassen das Gespenst der 1970er-Jahre aufleben. Da scheint es angebracht, etwas Ruhe in die Diskussion zu bringen.
Das fängt bei den Energiepreisen an. Explodiert ist einzig der Preis für Erdgas in Westeuropa und in Asien. In den USA ist der Preis für Erdgas „nur“ etwa doppelt so hoch wie vor Ausbruch der Corona-Epidemie und 60% tiefer als 2008. Für ein Fass Erdöl der US-Sorte WTI muss heute 83 US-Dollar bezahlt werden, was 30% mehr ist als Ende 2019. Dass der Ölpreis zwischen 2011 und 2014 vier Jahre lang um die 100 US-Dollar pro Fass pendelte und 2008 gar auf 150 US-Dollar gestiegen ist, scheint vergessen. Der Vergleich mit dem Lockdown-Frühjahr 2020, als das Öl während kurzer Zeit 25 US-Dollar kostete, hinkt sowieso.
Blick in die Vergangenheit
Die 1970er-Jahre werden als eine Horrorperiode mit hohen Inflationsraten und fehlendem Wirtschaftswachstum dargestellt, deren Wiederholung uns in den nächsten Jahren droht. Was korrekt ist, sind die damals sehr hohen Inflationsraten. In der Schweiz lag die jährliche Inflation zu Beginn der 70er während fünf Jahren nie unter 5%. Auf dem Höhepunkt 1973 stiegen die Konsumentenpreise um 12%. In anderen Industrieländern sah es ähnlich oder noch arger aus. Getrieben wurde der Inflationsschub durch das Erdölembargo der Opec-Länder. Im Herbst 1973 stieg der Ölpreis an einem einzigen Tag von 3 US-Dollar auf 5 US-Dollar und dann rasch auf 11 US-Dollar. Während der nächsten Jahre setzte sich der Preisanstieg bis auf 40 US-Dollar fort, bevor er bis 1986 wieder auf 9 US- Dollar sank.
In der Schweiz dämpfte zwar die Aufwertung des Frankens nach dem Ende des Systems mit fixen Wechselkursen den Ölpreisanstieg. Dennoch, aufgrund des jahrelangen starken Preisanstiegs schlugen die Energiepreise auf die Inflationsrate durch. Dass dies wieder geschehen wird, ist unwahrscheinlich. Bei hohen Preisen werden relativ rasch die Förderkapazitäten erhöht, insbesondere beim Erdöl. Wichtiger als die Rohstoffpreise ist die Entwicklung der Löhne. In den 1970er waren die Gewerkschaften sehr stark und konnten grosse Lohnerhöhungen durchdrücken. Zudem waren viele Löhne und Preise an die Inflationsentwicklung gekoppelt. Den automatischen Teuerungsausgleich gibt es heute nur noch vereinzelt.
Gelerntes aus der Vergangenheit
Die Wirtschaftsentwicklung war in den 1970er-Jahren nicht katastrophal. Das Wachstum unterlag aber sehr starken Schwankungen, auch weil die Zentralbanken mit massiven Zinserhöhungen auf die steigende Inflation reagierten und die Konjunktur abwürgten. Hochkonjunktur und Rezession wechselten sich in rascher Folge ab. Eine Wiederholung dieses Szenarios ist unwahrscheinlich. Die Zentralbanken haben gelernt, Konjunkturschwankungen besser zu glätten und flexibler auf die wirtschaftlichen und inflationären Begebenheiten zu reagieren.
Die Inflationsraten werden länger hoch bleiben, als dies vor ein paar Monaten erwartet wurde. Dazu leisten zusammen mit den Problemen bei den Lieferketten und den globalen Transportkapazitäten auch die gestiegenen Energiepreise ihren Beitrag. Die Löhne werden stärker steigen als zuletzt, zumindest in einzelnen Branchen. Die Wirtschaft wird sich und ihre Kapazitäten aber an die veränderte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen anpassen. Dann werden die Faktoren wie die zunehmende Preistransparenz durch den Online-Handel, welche in den letzten Jahren als Begründung für den Tod der Inflation herhalten mussten, ihre Wirkung wieder entfalten.
Titelbild: OlegRi – shutterstock.com