Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/239

Der biologisch moderne Mensch, Homo sapiens, erschien vor gut 195’000 Jahren. Doch die ersten Zivilisationen entstanden erst vor gut 8000 Jahren. Was hat uns so lange aufgehalten?
existiert, waren wir ausschliesslich Jäger und Sammler. Wir bauten keine Städte, betrieben keine sesshafte Landwirtschaft, zogen umher und lebten davon, was das Land hergab. Die Menschheit war zwar eine erfolgreiche Spezies, sie hatte sich eine einmalige ökologische Nische geschaffen, sich über den gesamten Globus verbreitet und alle Konkurrenten (wie Homo erectus und andere frühe Menschenformen) ausgeschaltet – und doch war sie stets weit von der heutigen, planetenumspannenden Hochtechnologiezivilisation entfernt. Doch vor 8000 Jahren tauchten in Mesopotamien, im Industal und in China urplötzlich die ersten Zivilisationen auf – dieses neue sesshafte Lebensmodell des Homo sapiens hat sich seither über die gesamte Welt ausgebreitet und das alte, nomadische fast total verdrängt: Sesshaftigkeit ist zum neuen Standard geworden.
Es fällt relativ leicht, zu erklären, warum das neue Modell so erfolgreich war: Landwirtschaft ermöglichte es, deutlich mehr Menschen pro Flächeneinheit mit Nahrung zu versorgen. So konnten „Spezialisten“ ausgebildet und unterhalten werden, wie Handwerker, Beamte, Wissenschaftler oder Krieger. Die Sesshaftigkeit begründete also auch das Staatswesen, die Schrift und die organisierte Kriegsführung. Dem hatten die Nomaden wenig bis gar nichts entgegenzusetzen, sie wurden von allem fruchtbaren Land vertrieben und fristeten ihr Dasein von nun an in Gegenden, in denen keine Landwirtschaft möglich war. Am besten illustriert wird diese Entwicklung mit der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer. Einer kleinen Gruppe von Kolonisten, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert an der Ostküste des Kontinents landeten, gelang es innerhalb von nicht einmal zwei Jahrhunderten, die gesamte Landmasse zu unterwerfen und zu besiedeln (unterstützt durch einen beständigen Zuzug von weiteren Kolonisten aus Europa und anderen Teilen der Welt, wohlgemerkt). Von den vorwiegend nomadisch lebenden Indianern ist kaum etwas übrig geblieben (dass die sesshaft lebenden mittelamerikanischen Indianer nie ihre nomadisch lebenden nördlichen Nachbarn unterwarfen, wird üblicherweise mit den unterschiedlichen Klimazonen erklärt – die Nutzpflanzen, auf denen die Zivilisationen der Maya, Azteken und Inka aufbauten, wuchsen einfach nicht in der nordamerikanischen Prärie – ganz im Gegensatz zu den europäischen Nutzpflanzen). [i]Nachtrag: Siehe dazu das lesenswerte Buch des amerikanischen Autors Jared Diamond: „Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“.[/i]
Schwieriger wird es jedoch, wenn man versucht zu erklären, warum die Zivilisation ausgerechnet vor 8000 Jahren auftrat – und das weltweit, praktisch gleichzeitig. Warum tauchte die Zivilisation nicht schon viel früher auf? Die Menschen vor, sagen wir, 100’000 Jahren unterscheiden sich genetisch und anatomisch praktisch nicht von einem heute lebenden Menschen. Sie hatten vermutlich eine durchaus vergleichbare Intelligenz, das heisst, könnte man ein Homo sapiens Neugeborenes aus jener Zeit in die Gegenwart holen und von einem heutigen Elternpaar aufziehen lassen, hätte dieses die selbe Chance auf einen Nobelpreis oder eine olympische Goldmedaille wie jeder andere Mensch auch. Welche Ideen und Technologien auch immer nötig sind, um die Sesshaftigkeit zu begründen, sie waren für Homo sapiens von Anfang an prinzipiell „möglich“. Schon vor 100’000 Jahren hätte irgendeiner der paar Millionen Menschen weltweit auf die Idee der Sesshaftigkeit (im weitesten Sinne, zum Beispiel: erste Schritte in der Landwirtschaft) gekommen sein – doch offenbar waren diese frühen Versuche, die es demzufolge gegeben haben muss, nicht von Erfolg gekrönt. Sesshaftigkeit ist aber keine so komplizierte Sache, dass sie Jahrhunderttausende reifen musste, bis sie endlich Früchte trug – sonst wäre sie nicht so plötzlich weltweit aufgetreten. An jedem Ort, an dem Zivilisationen auftauchten, nutzten sie andere Pflanzen und unterschiedliche Technologien – ein Hinweis darauf, dass es sich nicht einfach um einen von einem einzigen Ort „exportierten“ Entwicklungsschritt handelte, sondern um eine jeweils lokale Neuentwicklung.
Wenn es sich also nicht um einen „inneren“ Entwicklungsschritt handelte, den die Menschen zu vollziehen hatten, bevor es zur Zivilisation kommen konnte, muss ein „äusserer“ Entwicklungsschritt dazu nötig gewesen sein: irgend etwas in der Umwelt muss sich vor 8000 Jahren entscheidend verändert haben – etwas, was es in den 195’000 Jahren zuvor nie gegeben hatte.Tatsächlich gibt es einen Faktor, der in jeder Hinsicht passt: Die Stabilität des Meeresspiegels. Der Meeresspiegel hängt stark vom globalen Klima ab. Der moderne Mensch entwickelte sich noch vor dem Höhepunkt der vorletzten Eiszeit. Eiszeiten verlaufen in der Regel so, dass sie über fast 100’000 Jahre langsam immer intensiver, immer kälter werden (wobei der Meeresspiegel ständig fällt), bevor sie dann in relativ kurzer Zeit von wenigen Jahrtausenden in einer Zwischeneiszeit (oder „Warmzeit“) enden. Darauf beginnt der Zyklus von neuem. Für nomadische Menschen sind variable Meeresspiegel kein Problem: sie ziehen einfach mit den Tieren und Pflanzen weiter, dahin, wo sie Nahrung finden. Sesshafte Menschen hingegen sind in vielen Fällen auf einen stabilen Meeresspiegel angewiesen. Reiche Fischgründe vor der Küste etwa können sich nur entwickeln, wenn der Meeresspiegel für einige Zeit stabil bleibt. Gleiches gilt für die Bepflanzung von Flussdeltas – diese können sich nur bilden, wenn der Meeresspiegel über einen gewissen Zeitraum stabil bleibt. Städte werden oft am Wasser gebaut: zunächst an Flüssen, doch später dann bilden sich die wirklich grossen Zentren der Zivilisation alle an der Meeresküste. Dies hat damit zu tun, dass das Meer Schiffahrt und damit Handel über grosse Distanzen ermöglicht. Wer das Meer kontrolliert, kontrolliert auch die Küsten darum herum: dies wussten schon die Ägypter, Griechen, Römer, Phönizier und Karthager, genauso wie die Araber und Chinesen.
Weltmächte waren stets auch Seemächte, und Seemächte stützten sich stets auf Küstenstädte. In einer Welt, in der die Meeresspiegel um jeweils einige Meter pro Jahrhundert ansteigen oder fallen, gibt es ganz einfach keine Küstenstädte – es lohnt sich nicht, sie zu bauen, weil sie immer wieder vom Meer zerstört oder von ihm abgeschnitten werden. Vor ziemlich genau 8000 Jahren trat die Erde in einen bemerkenswerten Zustand: den des stabilen Meeresspiegels. Der heutige Meeresspiegel ist in den letzten 8000 Jahren praktisch konstant geblieben – so etwas hat es in der Geschichte der Menschheit bisher nicht gegeben. Das Eem (bzw., in der alpinen Nomenklatur, die Riss-Würm-Zwischeneiszeit), das erste Interglazial, das die Menschheit vor rund 120’000 Jahren erlebte, wies nie eine Phase eines stabilen Meeresspiegels auf: zunächst war es sehr warm (wärmer als heute), danach fielen die Temperaturen – und damit der Meeresspiegel – schnell wieder ab. Nach ein paar Ausschlägen in beide Richtungen tauchten Temperaturen und Meeresspiegel dann wieder zielstrebig in Richtung nächste Eiszeit. Die Chance auf Sesshaftigkeit, auf Zivilisation war damit für die Menschen von damals vertan – für rund 100’000 Jahre. Vor 74’000 Jahren wäre die Menschheit (vermutlich beim Ausbruch des Supervulkans Toba) beinahe ausgestorben. Um ein Haar hätte die Erde niemals eine planetenumspannende Hochtechnologie-Zivilisation hervorgebracht.
In diesem Kontext stellt sich nun die Frage, welche Zukunft die Hochtechnologiezivilisation hat, wenn ihre Basis, die jahrtausendelange Stabilität des Meeresspiegels, nun durch die menschgemachte Klimaerwärmung gefährdet wird?